Titan von Jean Paul Dritter Band. Berlin, 1802. In der Buchhandlung des Commerzien-Raths Matzdorff. Inhalt des dritten Bandes. Funfzehnte Jobelperiode . 67 – 72 . Zykel. Der Mann und das Weib. Seite 1 Sechszehnte Jobelperiode . 73 – 76. Zykel. Die Leiden einer Tochter. — 83 Siebzehnte Jobelperiode. 77 – 78. Zykel. Fürstliche Vermählungs-Terrizion — Li¬ lars Illuminazion. Seite 150 Achtzehnte Jobelperiode. 79 – 81. Zykel. Gaspards Brief — die Blumenbühler Kir¬ che — die Sonnen- und Seelenfin¬ sterniß. — 184 Neunzehnte Jobelperiode. 82 – 85. Zykel. Schoppe's Trostamt — Arkadien — Bou¬ verots Portraitmahlerei. — 216 Zwanzigste Jobelperiode. 86 – 89. Zykel. Gaspards Brief — Trennungen. — 250 Ein und zwanzigste Jobelperiode. 90 – 92. Zykel. Die Leseprobe der Liebe — Froulay's Furcht vor Glück — der betrogne Be¬ trüger — Ehre der Sternwarte Seite 300 Zwei und zwanzigste Jobelperiode. 93 – 94. Zykel. Schoppe's Herz — gefährliche Geister- Bekanntschaften — 337 Drei und zwanzigste Jobelperiode. 95 – 96. Zykel. Liane. — 365 Vier und zwanzigste Jobelperiode. 97 – 98. Zykel Das Fieber — die Kur. — 393 Fünf und zwanzigste Jobelperiode. 99 – 100. Zykel. Der Traum — die Reise. Seite 416. Funf¬ Funfzehnte Jobelperiode . Der Mann und das Weib. 67. Zykel . V or der Bühne hab' ich die frohe Erfahrung gemacht, daß ich an den Schmerzen, die darauf sofort nach dem Aufzuge des Vorhanges er¬ schienen, nur geringen Antheil, hingegen an Freuden, die sogleich hinter der Musik auftra¬ ten mit ihrer eignen, den größten nahm; der Mensch will mehr, daß die Klage, als daß die Entzückung sich motivire und entschuldige. Ohne Bedenken fang' ich daher einen dritten Band mit Seeligkeiten an, die ohnehin das vorhergehende Paar überflüssig vorbereitete. Titan III . A Jetzt in dieser Minute muß unter allen Adamsenkeln, welche ein freudiges Gesicht zum Himmel aufhoben und ihm einen noch schönern darauf nachspiegelten, irgend einer gewesen seyn, der den größten hatte, ein Allerseeligster. — Ach freilich muß auch unter allen tragenden Wesen auf dieser Kugel, die unser kurzer Lauf zur Ebene macht, eines das unglücklichste ge¬ wesen seyn und möge der Arme schon im Schlafe liegen unter, nicht auf seinem steinigen Wege. — Ob ichs gleich wünschte, daß Albano nicht jener Allerglücklichste gewesen wäre — damit es noch einen höheren Himmel über sei¬ nem gäbe — so ist doch wahrscheinlich, daß er am Morgen nach der heiligsten Nacht, im jetzigen Traume vom reichsten Traume, tief in den dreifachen Blüthen, der Jugend, der Natur und der Zukunft stehend, den weitesten Himmel in sich trug, den die enge Menschenbrust um¬ spannen kann. Er sah aus seinem Donnerhäuschen, die¬ sem kleinen Tempel, an dessen Wänden noch der Schimmer der Göttinn stand, die ihm darin sichtbar geworden, auf die neugestalteten Berge und Gärten Lilars hinaus und es war ihm als säh' er hinein in seine weiß und roth blühende, mit Berg- und Fruchtgipfeln aufgeschmückte Zukunft, ein volles Paradies in die nackte Erde gebauet. Er sah sich in seiner Zukunft nach Freuden-Räubern um, die seinen Triumphwa¬ gen anfallen könnten; — er fand sie Alle sichtbar zu schwach gegen seine Arme und Waf¬ fen. Er stellte Lianens Eltern und seinen eignen Vater und das bisherige in der Luft arbei¬ tende Geister-Heer mitten auf seinen Weg zur Geliebten hin; — in seinen Muskeln glüh¬ te überflüssige Kraft, sich leicht zu ihr durchzu¬ schlagen und sie in sein Leben mitzunehmen durch Arbeit und Gewalt. „Ja, (sagt' er,) ich bin ganz glücklich und brauche nichts mehr, kein Schicksal, nur mein und ihr Herz!“ Al¬ bano, möge dein böser Genius diesen gefähr¬ lichen Gedanken nicht gehöret haben, damit er ihn nicht zur Nemesis trage! O in diesem wild¬ verwachsenen Leben ist kein Schritt, sogar in den blühenden Lustgängen, ganz sicher, und mitten in der Fülle dieses Kunstgartens erwar¬ tet dich ein fremder finsterer Giftbaum und A 2 hauchet kalte Gifte in das Leben! — Daher war es sonst besser, da die Menschen noch de¬ müthig waren und zu Gott beteten in der gros¬ sen Entzückung; denn neben dem Unendlichen senkt sich das feurige Auge und weinet, aber nur aus Dankbarkeit. Kein kleinliches Kalendermaas werde an die schöne Ewigkeit gelegt, die er nun lebte, da er die Geliebte jeden Abend, jeden Morgen in ihrem Dörfchen sah. Als Abendstern gieng sie vor seinen Träumen, als Morgenstern vor seinem Tage her. Den Zwischenraum füllten beide mit Briefen aus, die sie einander selber brachten. Wenn sie Abends schieden, nicht weit vom Wiedersehen, und dann in Norden unten am Himmel schon die Rosenknospen-Zweige hinliefen, die unter dem Menschenschlafe schnell nach Osten hinwuchsen, um mit tausend aufge¬ blühten Rosen vom Himmel herabzuhängen, eh' die Sonne wieder kam und die Liebe — und wenn sein Freund Karl Nachts bei ihm blieb und er nach einer Stunde fragte, woher das Licht komme, ob vom Morgen oder vom Mond — und wenn er aufbrach, da noch Mond und Morgen in den thauenden Lust¬ wäldern zusammenschienen, und wenn ihm der Weg, vor einigen Stunden zurückgelegt, ganz neu vorkam und die Abwesenheit zu lange, (weil Amors Pfeil halb ein Sekundenzeiger ist der den Monatstag, und halb ein Monatszei¬ ger der die Sekunde weiset, und weil in der Nähe der Geliebten die kleinste Abwesenheit länger dauert als in ihrer Ferne die große) — und wenn er sie wieder fand: so war die Erde ein Sonnenkörper, aus welchem Strahlen fuh¬ ren, sein Herz stand in lauter Licht und wie ein Mensch, der an einem Frühlingsmorgen von dem Frühlingsmorgen träumt, ihn noch heller um sich findet, wenn er erwacht, so schlug er nach dem seeligen Jugendtraum von der Geliebten die Augen auf vor ihr und verlangte den schönsten Traum nicht mehr. Zuweilen sahen sie sich, wenn der lange Sommertag zu lang wurde, auf entfernten Bergen, wo sie der Abrede gemäß der Ernte zusahen; zuweilen kam Rabette allein nach Lilar zum Bruder, damit er einiges von Lia¬ nen hörte. Wenn Liane ein Buch gelesen: laß ers nach; oft laß ers zuerst und sie zuletzt. Was die schönsten, unschuldigsten Seelen einan¬ der Göttliches zeigen können, wenn sie sich auf¬ thun, ein heiliges Herz, das noch heiliger, ein glühendes, das noch glühender macht: das zeigten sie sich. Albano wurde gegen alle Wesen mild, und der Glanz einer höhern Schönheit und Jugend füllte sein Angesicht. Die schönen Gebiete der Natur oder seiner Kindheit wurden durch die Liebe geschmückt, nicht diese durch jene; er war von dem blassen, leisen Mondwagen der Hofnung auf den rau¬ schenden, glänzenden Sonnenwagen der lebendi¬ gen Entzückung gestiegen. Sogar auf den Ruder¬ schiffen hölzerner Wissenschaften schlugen jetzt, wie von Bacchus Wunderhand belebt, Maste und Taue zu Weinstöcken und Trauben aus. — Gieng er ins Froulaysche Haus: so kam er, weil er voll Toleranz hineingieng, ohne Kosten derselben daraus zurück; der Minister, der, mit einem Flore von heitern, blühenden Ideen auf dem Gesichte, von Haarhaar zurückgekehrt, gab ihm reizende Aussichten auf den Jubel mit, womit Stadt und Land das nahe Vermäh¬ lungsfest des Fürsten und den Gewinn der schönsten Braut begehen werde. Und hatt' er nicht zu Allem noch seinen Freund dazu? Nenn man so nahe vor der Flamme der Freude steht, so flieht man zwar Menschen — weil sie leicht zwischen uns und die schöne Wärme treten —, aber man sucht sie auch; ein herzlicher Freund ist unser Wunsch und Glück, welcher den frohen Traum, worin wir schlafen und sprechen, leise weiter leitet, ohne ihn fortzujagen. Karl spielte sanft in des Freundes Traum; er hätt' es aber auch schon aus inniger Liebe gegen die Schwester gethan. In der That mit so viel Jugend — Som¬ merwetter — Unschuld — Freiheit — schöner Gegend — und hoher Liebe und Freundschaft lässet sich wohl schon unten auf der Erde et¬ was dem Ähnliches zusammensetzen, was man oben im Himmel einen Himmel nennt; und eine Himmelskarte, ein Elysiums-Atlas, den man davon mappirte, würde wol nicht anders aussehen als so: vorne ein langes Hirtenland mit zerstreueten Lustschlössern und Sommer¬ häusern, — ein Philanthropistenwäldchen in der Mitte — die Thaborsberge oben mit Sennen — lange Kampanerthäler — darauf der weite Archipelagus mit Peters-Inseln Inseln — drüben die Ufer eines neuen festen Hirtenlandes ganz be¬ deckt mit Daphnischen Hainen und Alcinous- Gärten — dahinter wieder das weit hinein¬ laufende Arkadien u. s. w. Alles was nun Albano von Philosophie und Stoizismus in sich hatte — denn er hielt das, was ihm der Arm aus den Wolken gab, für Ausbeute des eignen — wandte er an, um durch sie seiner Entzückung das Maaß, das sie geben, zu nehmen. Mäßigen, sagt' er, sey nur für Patienten und Zwerge; und alle jene be¬ kümmerten, gleichschwebenden Temperaturisten und Taktmesser hätten, es sey in der Ausbil¬ dung einer Freude oder eines Talents, mehr sich als der Welt genützt, hingegen ihre Anti¬ poden mehr der Welt als sich Jede parziale Ausbildung wirkt freilich für das Ganze gut, aber nur darum, weil dessen ent¬ gegengesetzte parziale sie in einer höheren Glei¬ chung und Summe aufhebt, so daß aus allen . Er brachte sich sehr gute Grundsätze vor das Auge; der Mensch, sagt' er, ist frei und ohne Gränze nicht in dem, was er machen oder ge¬ niessen, sondern in dem, was er entbehren will; alles kann er, wenn er will , entbehren wol¬ len . Ueberhaupt, fuhr er fort, hat man bloß die Wahl, entweder immer oder nie zu fürch¬ einzelnen Menschen nur die Glieder eines einzi¬ gen Riesen werden, wie der Schwedenborgische ist. Aber insofern in dem einen Individuum ein Mangel entsteht, der einem entgegengesetzten in dem andern abhilft — so daß der Weg der Menschheit gleich sehr plagt und stößet durch Vertiefung und durch Erhöhung — so sieht man, daß jede einseitige Fülle nur Kur der Zeit ist, nicht Gesundheit derselben; und daß das höhere Gesetz zwar langsamere individuelle aber har¬ monische Ausbildung bleibt; zwar kleinere aber allseitige und dadurch in der spätern Zeit sogar schnellere. Wir vergessen immer, daß — wie in der Mechanik sich Kraft und Zeit gegenseitig ergänzen — die Ewigkeit die unendliche Kraft sey. ten; denn dein Lebenszelt steht auf einer gela¬ denen Mine und rings umher halten die Stun¬ den ofne Geschosse auf dich. — Nur das tau¬ sendste Nach dem Ingenieur Borreux trifft wörtlich nur der 1000te Schuß des kleinen Gewehrs. — So ists überall; fürchte den Tod, so stehen fallende Blumentöpfe der Fenster, Blitze aus blauem Himmel, loßgehende Windbüchsenschüsse, Herzpo¬ lypen, wüthige Hunde, Räuber, jede Fingerwunde, aqua toffana , Schwamm-Leckerei ꝛc. kurz die ganze Natur — diese immer fortgehende zerquet¬ schende Kochenillen-Mühle — steht mit unzähli¬ gen geöfneten Parzenscheeren rings um dich, und Du hast keinen Trost als daß — demungeach¬ tet die Leute achtzig Jahre alt werden. — Fürchte die Verarmung: so fassen dich Feuers-, trift; und in jedem Fall fall' ich doch lieber stehend als feig gebückt. Allein — be¬ schloß er, um sogar sich darüber zu entschuldi¬ gen — ist denn die Standhaftigkeit zu nichts Besserm gemacht als zu einer Wundärztin und Magd, und nicht vielmehr zu unserer Muse und Göttin? denn sie ist ja nicht ein Gut, weil sie ein verlornes entbehren hilft, sondern sie ist selber eines, und ein größeres als das ersetzte; auch der Seeligste muß sie erwerben, sogar ohne Gelegenheit und Gabe von aussen; ja es ist desto besser, wenn sie früher besessen wird als angewandt. Zum Theil waren diese Täuschungen oder Rechtfertigungen Noth- und Schutzwehr gegen den tragischen Roquairol, der jede Freude und auch die seines Freundes mit düstern Kon¬ Wasser-, Theurungs- und Kriegsnöthen, eine Diebs-Bendée, Revolutionen, mit gierigen Kral¬ len und Fängen ein, und doch, Du Reicher, wird der Arme — unter denselben Stoßvögeln hin¬ kriechend — am Ende so reich wie Du. Geh al¬ so kühn durch die schlummernde Löwenheerde rechts und links liegender Gefahren zum Brun¬ nen hindurch, nur wecke sie nicht muthwillig auf. — Freilich zieht Einzelne ein Höllengott hinab, die nichts fürchteten; aber auch Einzelne ein oberer Gott hinauf, die nichts erwarteten; und Furcht und Hofnung gehen hier unter in einer gemeinschaftlichen Nacht. trasten heben wollte; zum Theil muß auf jene ein edler Mann, der bisher sich in den Schmerz warf, ohne dessen Tiefe zu messen und der im¬ mer seine Kraft, durch das Leben zu schwim¬ men, fühlen wollte, nothwendig gerathen, wenn er innen wird, daß sich der Schwerpunkt seiner Seeligkeit und seiner Hölle verrückt, und aus seinem Ich in ein fremdes begeben habe. „O wenn sie stürbe?“ fragt' er sich. Er hatt' es nicht gewohnt, vor irgend einem Tode so zu erschrecken wie vor diesem. Daher faßte er die¬ se Disteln der Phantasie recht scharf in die Hand, um sie zu zerdrücken. Am Ende, da die reine Landluft der Liebe und der Schäfertanz in diesem Arkadien immer mehr Rosen auf Lianens Wangen brachten, so hörten seine Di¬ steln zu wachsen auf. Allen übrigen Ottern des Lebens — sobald sie nur keinen Durchgang durch Lianens Herz sich machen konnten — war er unzugänglich. Um jeden Preis, — und sollte er Alles verlas¬ sen, entbehren, erzürnen, unternehmen — wollt' er Lianen erkaufen. Die Schreckgespenster, die ihm aus zwei Häusern, Froulays und Gaspards, drohend entgegen liefen, ließ er heran und lö¬ sete sie auf: steht der Feind einmal da, dacht' er, so bin ich seiner auch. Oft stand er im Tartarus und fand in die¬ sem Stillleben des Todes von erhobner Arbeit Seelenstille. Die Gegenwart nimmt schneller unsern Wiederschein als wir ihren an; auch hier gewann er sanfte, weite, das Leben lich¬ tende Hoffnungen und süße Thränen, die ihm über Lianens Sterbe-Glauben entflossen, nicht weil er die Wahrscheinlichkeit, sondern weil er die Unwahrscheinlichkeit desselben sich dachte, die durch Liebe und Freude und Genesung täg¬ lich größer wurde. Nur Ein Unglück gab's für ihn, woran jede Waffe zersprang, dessen Möglichkeit er aber für einen sündigen Gedanken hielt, daß näm¬ lich er und Liane durch Schuld, Zeit oder Men¬ schen aufhören könnten, einander zu lieben; hier, auf zwei Herzen vertrauend, trotzt' er kühn der Zukunft: — O, wer sagte nicht, wenn er im Vertrauen auf eine warme Ewigkeit seine Ent¬ zückung ausdrückte: die Parze kann unser Leben zerschneiden, aber sie komme und öfne die Scheere gegen das Band unserer Liebe? den Tag darauf stand die Parze vor ihm und drückte die Scheere zu. 68. Zykel. Einst kam Roquairol ganz spät, um Albano mitzunehmen zur „Abendstern-Partie“ auf der Sennenhütte, die jener mit Rabetten verab¬ redet hatte. Der Hauptmann führte um die warmen Quellen seiner Liebe und Freude gern die Brunnenfassung ganz auserlesener Tage und Umstände; konnt' ers machen, so erklärte er z. B. seine Liebe etwan an einem Geburts¬ tage — unter einer totalen Sonnenfinsterniß — an einem Schalttag — in einem blühenden Treibhaus im Winter — hinter dem Stuhl¬ schlitten auf dem Eise — oder in einem Gebein¬ haus; eben so zerfiel er mit andern gern an bedeutenden Orten und Tagen, in dem Kirch¬ stuhle — in Frühlings- oder Wintersanfang — in der Kulisse des Liebhabertheaters — auf ei¬ ner Brandstätte — unweit des Tartarus oder im Flötenthal. Albano aber war zu jung — wie andere zu alt — um seine frischen Gefühle erst mit künstlichen Stunden und Stellen zu würzen; er machte lieber durch jene diese schöner. Mit ungestümer Freude flog Albano auf den ungehoften Weg der Freude. Der gestrige Abend war so reich gewesen — die vier Para¬ diesesflüsse waren in Einer Katarakte vom Himmel in sein Herz gestürzt — am heutigen wollt' er in die stäubenden Wirbel desselben springen. — Schon der Abendhimmel war so schön und rein und der Hesperus gieng mit wachsendem Glanz seine helldämmernde Bahn hinab. Rabette wartete unten am Berge der Sen¬ nenhütte (des Schießhäuschens), um ihn unbe¬ merkt an die unvorbereitete Freundinn zu füh¬ ren, die im Fenster, mit dem glänzenden Auge am Hesperus sinnend lag und an die vollen glühenden Herbstblumen dachte, welche nun in ihrem Leben so spät und so nahe neben der längsten Nacht aufgiengen. Sie war heute über Manches trübe. Sie hatte überhaupt bis¬ her ihre Liebe mehr zu verdienen und zu recht¬ fertigen als zu geniessen und zu vergrößern, und mehr mit ihr das fremde Herz als das eigne zu beglücken gesucht. Wie sehnte sie sich unbeschreiblich nach Thaten für Ihn — nur Opfer waren ihr Thaten — und beneidete or¬ dentlich ihre Freundin, die für Karl jedesmal doch ein — Getränk zu bereiten hatte! Da sie nichts weiter wußte, so drückte sie ihren Dienst¬ eifer durch größere töchterliche Liebe und An¬ näherung gegen Albanos Eltern und Schwester aus; und lernte sogar ein wenig kochen, wel¬ ches ihr andere Ministers-Töchter, die nichts machen als Sallat und Thee, mit Nachsicht und mit dem Gedanken verzeihen müssen, daß sie in Lianens Falle auch nichts Anders machen würden, sondern eher ein Gericht mehr. Ja, sie hielt Rabette für tugendhafter, weil diese mehr in die Breite und Länge thätiger seyn konnte; Rabette hielt wieder Lianen für besser, weil sie lieber betete; den ähnlichen Irrthum verdoppelten sie über die Brüder, Rabetten kam Karl sanfter vor und Lianen Albano, beiden nach Schlüssen aus ihren gegenseitigen Berichten. So So lang' ein Weib liebt, liebt es in Einem¬ fort — ein Mann hat dazwischen zu thun —; Liane verwandelte Alles in sein Bild und sei¬ nen Rahmen; dieser Berg, dieses Stübchen, diese für ihn einmal gefährliche Vogelstange, wurden die Pastelstifte zu seinem festen Bilde. Sie kam immer darauf zurück, daß er etwas Besseres verdiene als sie; denn die Liebe ist De¬ muth; der Trauring prangt mit keinem Juwel. Es rührte sie, daß ihn ihr früher Tod betrübe. Da sah sie noch das von Blattern erblindete Mädchen, das er einmal unwissend sich ans Herz gedrückt Titan I . B. S. 143. ; und sie fand sich mit dem Witze der Trauer auch darin der Blinden ähn¬ lich, nicht bloß in der gleichen obwohl kür¬ zern Nacht, die einmal der Schmerz über ihre Augen geworfen. So sanft wie ihr Ebenbild, der Hesperus, sich in den Abendhorizont des Lebens eintau¬ chend, fand sie ihr Geliebter. Sie konnte nie sogleich aus ihrem Herzen heraus in die über¬ Titan III . B raschende Gegenwart; ihre Wendungen waren immer wie der Sonnenblume ihre nur langsam und jede Empfindung lebte lange in ihrer treuen Brust. Selten findet überhaupt der Liebende den Empfang der Liebenden dem letz¬ ten Bilde ähnlich, das ihm der Abschied mitge¬ geben; eine weibliche Seele soll — das begehrt der Mann — völlig mit den Flügeln, Stür¬ men, Himmeln der letzten Minute wieder in die nächste brausen. Aber von jeher empfieng Liane ihren Freund scheu und sanft, und an¬ ders als sie geschieden war; und zuweilen kam dem Feuergeiste dieses zarte Warten, dieses langsame Heben des Augenlieds fast wie ein Umkehren in die alte Kälte vor. Heute ergriff es den wärmern Grafen stärker als sonst. Wie ein Paar fremde Kinder die mit¬ einander bekannt werden sollen und sich anlächeln und anrühren, standen beide freundlich und ver¬ legen nebeneinander. Sie erzählte, daß sie von seiner Schwester sich sein Kindeswagstück auf diesem Berge erzählen lassen. Eine Geliebte kennt keine schönere, reichhaltigere Geschichte als die ihres Freundes. „O da schon, (sagt' er „bewegt,) blickt' ich nach Deinen Bergen! Dein „Name ist wie eine goldne Inschrift an meine „ganze Jugend geschrieben. Ach Liane, hast „Du mich wol geliebt wie ich Dich, als Du „mich noch nicht gesehen?“ — „Gewiß nicht, Albano, (antwortete sie,) viel „später!“ Sie meinte aber ihre Blindheit, und sagte, er sey ihr in dieser Augendämmerung an jenem Abend, wo er bei ihrem Vater aß, wie ein alter nordischer Königssohn, etwan wie Olo Am Hofe des Königs Olaus bot sich der Kö¬ nigsjüngling Olo, als Landmann gekleidet, der Tochter zum Schutze gegen Räuber an. Da¬ mals galt Feuer der Augen und Adel der Ge¬ stalt als Beweis einer hohen Abkunft; so er¬ kannte z. B. die Suanhita den König Regner in der Hirtentracht an der Schönheit seines Au¬ ges und Gesichts. Die Königstochter blickte prü¬ fend in Olo's Flammenauge, und kam der Ohnmacht nahe; sie versuchte den zweiten Blick und war ohne Besinnung, und bei dem dritten in Ohnmacht. Der göttliche Jüngling schlug da¬ vorgekommen, und sie habe ihn wie ihren B 2 Vater und Bruder ehrend gefürchtet. Ihre hohe Achtung für die Männer waren die wenigsten kaum zu errathen werth, geschweige zu veran¬ lassen. „Und als Du sehen konntest?“ sagte Alba¬ no. „Das sagt' ich eben“ versetzte sie naiv. „Aber „da Du meinen Bruder so liebtest (fuhr sie fort) „und so gut warst gegen Deine Schwester: so „wurd' ich freilich ganz beherzt, und bin und blei¬ „be nun Deine zweite Schwester — Du hast ohne¬ „hin eine verloren — Albano, glaube mir, ich „weiß es, ich bin gewiß zu wenig, zumal für „Dich, — aber ich habe Einen Trost.“ — Verwirrt von dieser Mischung von Heilig¬ keit und Kälte konnte er sie nur heftig küssen, und mußte, ohne sie zu widerlegen, sogleich fragen: welchen Trost? — „Daß du einmal „ganz glücklich wirst“ sagte sie leise. „Lia¬ „ne, deutlicher!“ sagt' er. Denn er verstand her das Augenlied nieder, enthüllte aber die Stirn und sein goldnes Haar und seinen Stand. S. der Deutsche und sein Vaterland von Ro¬ senthal und Karg I . S. 166, 167. — nicht, daß sie ihren Tod und Linda's Verkün¬ digung durch Geister meinte. „Ich meine, nach „Einem Jahre (versetzte sie) nach den Prophe¬ „zeihungen.“ Er sah sie stumm, wild, rathend und bänglich an Sie fiel ihm weinend ans Herz und lösete plötzlich das Gedränge innerer Seufzer: „bin ich denn dann nicht, (sagte sie heftig,) gestorben und seh' aus der Seellgkeit zu, daß Du belohnet wirst für Deine Liebe ge¬ gen Liane? Und das gewiß recht sehr!“ — Weine, zürne, leide, frohlocke und bewundere immerhin, heftiger Jüngling! Aber Du fassest diese demüthige Seele doch nicht! — Hei¬ lige Demuth? einzige Tugend, die nicht vom Menschen sondern von Gott geschaffen wird! Du bist höher als Alles, was Du verbirgst oder nicht kennst! Du himmlischer Lichtstrahl, wie das irrdische Licht Denn was man Licht nennt, ist nur stärkeres Weiß. Niemand sieht Nachts den Lichtstrom, der vor der Erde vorbei von der Sonne auf den Vollmond hinaufstürzt. zeigst du alle fremde Far¬ ben und schwebst unsichtbar ohne eine im Him¬ mel! Niemand entheilige Deine Unwissenheit durch eine Belehrung! Sind Deine kleinen weis¬ sen Blüthen gefallen: so kommen sie nicht wie¬ der, und um Deine Früchte deckt dann nur die Bescheidenheit ihr Laub. Schmerzhaft zertheilte sich in Albano das Herz in Widersprüche, gleichsam in seines und in Lianens Herz Sie war Nichts als die lau¬ tere Liebe und Demuth, und ihr Talentenglanz war nur ein fremder Besatz, wie Götterbilder von weissem Marmor den bunten nur als Zier¬ rath haben; man konnte nichts thun als sie anbeten, sogar auf ihren Irrwegen. Auf der andern Seite hatte sie neben weichen, bewegli¬ chen Gefühlen so feste Meinungen und Irr¬ thümer, seine Bescheidenheit bekriegte so vergeb¬ lich ihre Demuth, und sein Ansehn ihren Gei¬ sterwahn. Das feindseelige Gefolge, das dieser nachschleppte, sah er so deutlich über alle Freu¬ den ihres Lebens herziehen. Sein ihm ewig nachstellender Argwohn, daß sie ihn liebe, bloß weil sie nichts hasse, und daß sie immer eine Schwester statt einer Liebhaberinn sey, drang wie¬ der gewaffnet auf ihn ein. So stritt hier Alles gegeneinander, Wunsch, Pflicht, Glück und Ort. Beide waren sich neu und unbe¬ kannt aus Liebe; aber Liane errieth so we¬ nig als er. O wie zwei Menschen, ähn¬ liche Wesen, einander fremd und ungleich wer¬ den, bloß weil eine Gottheit zwischen beiden schwebt und beide anglänzt! Etwas blieb in ihm unharmonisch und unauf¬ gelöset; er fühlt' es so sehr, da die Sommer¬ nacht für höhere Entzückungen schimmerte als er hatte — da der tief im Aether zitternde Abendstern der Sonne durch die Wolkenrosen nachdrang, worunter sie begraben war — da die Aehrenfluren dufteten und nicht rauschten, und die zugeschlossenen Auen grünten und nicht glühten — und da die Welt und jede Nachti¬ gal schlief, und da das Leben unten ein stiller Klostergarten war, und nur oben die Sternbilder als silberne Aetherharfen vor Frühlingswinden ferner Erden zu zittern und zu tönen schienen. Er muste Liane morgen wiedersehen, um sein Herz auszustimmen. Rabette kam unendlich er¬ heitert mit ihrem Freunde vom Berge herauf, beide schienen von Scherzen und Lachen fast ermattet; denn Roquairol trieb Alles, sogar den Scherz, bis zur Pein hinauf. Er hatte den Abendstern, auf den er heute eingeladen, in ein Treib- und Stammhaus lustiger Einfälle und Anspielungen umgebauet. Anfangs wollt' er nicht schon morgen mitkommen; aber endlich sagt' ers zu, da Rabette versicherte, „sie errathe „den feinen Herrn recht gut, aber er solle doch „sie nur sorgen lassen.“ Als die Morgenröthe aufgieng, kam Albano mit ihm wieder, aber die Gartenthüre am „Herrschaftsgarten“ war schon offen und Liane schon in der Laube. Ein Akten-Heft, (so schien es,) lag auf ihrem Schooß und ihre gefalteten Hände daneben, sie blickte mehr sinnend gerade¬ hin als betend empor: doch empfing sie ihren Albano so mild- und fremdlächelnd, wie ein Mensch einen ins Gebet hereintretenden Gast grüßend anlächelt und dann weiter betet. Der Graf hatte sich bisher immer auf eine Zurückgezogenheit des Empfangs rüsten müssen. Ein Mißverstand, der schnell wieder kommt, wirkt, so oft er auch gehoben sey, immer wieder so irrend und neu, wie zum erstenmale. Er fühlte recht stark, daß ihn etwas Festeres als die erste jungfräuliche Blödigkeit, womit ein Mädchen für die blendende Sonne der Liebe immer ausser der Morgenröthe noch eine Däm¬ merung und für diese wieder eine erfinden will, im feurigen Verschmelzen ihrer Seelen störe. Er fragte, was sie lese; sie stockte bedenkend; ein schnell heranfliegender Gedanke schien ihr Herz zu öffnen; sie gab ihm das Buch und sag¬ te, es sey ein französisches Manuskript, nämlich geschriebene Gebete — von ihrer Mutter vor meh¬ reren Jahren aufgesetzt — welche sie mehr rührten als eigne Gedanken; aber noch immer blickte durch das zartgewebte Gesicht ein Klosterge¬ danke, der ihr Herz zu verlassen suchte. — Was konnte Albano dieser Herzens-Psalmistin vorwerfen, wer kann einer Sängerinn Antwort geben? — Eine Betende steht wie eine Un¬ glückliche auf einer hohen, heiligen Stätte, die unsere Arme nicht erreichen. — — Aber wie schlecht müssen die meisten Gebete seyn, — da sie — obwohl früher als Reize bezaubernd gleich dem Rosenkranz, der aus wohlriechenden Hölzern gemacht wird — später, im Alter nur als Flecken und der Reliquie oder dem Todten¬ kopf ähnlich wirken, womit eben der Rosen¬ kranz aufhört! — Ohne auf seine Frage zu warten, sagte sie ihm auf einmal, was sie unter ihrem Gebete gestöret habe; nämlich die Stelle in diesem: o mon dieu, fais que je sois toujours vraie et sincére etc. da sie doch ihrer lieben Mutter bisher ihre Liebe verschwiegen habe. Sie setzte dazu, sie komme nun bald und dann werde ihr das verschlossene Herz aufgethan. „Nein, (sagt' er fast zornig). Du darfst nicht. Dein Geheimniß ist auch meines.“ — Männer verhärtet oft das in der Prosa, was sie in der Poesie erweicht, z. B. weibliche Frömmigkeit und Offenherzig¬ keit. Nun haßte Niemand mehr als er das Ein¬ greifen der elterlichen Schreib- und Zeige- und Ohrfinger in ein Paar verknüpfte Hände; nicht daß er etwan vom Minister Kriege oder Ne¬ benwerber befürchtete — er setzte eher offne Arme und Freudenfeste voraus — sondern weil seinem befreieten und befreienden, großmüthi¬ gen Geiste Nichts peinlicher widerstand als die widrige Erwägung, was nun auf dem Altar der Liebe an das heilige Opferfeuer die Eltern für schmutzigen Torf zur Feuerung nachlegen, oder für Töpfe zum Kochen ansetzen könnten — wie leicht dann sogar poetische Eltern sich oft mit den Kindern verwandeln in prosaische oder juristische, der Vater sich ins Regierungs-, die Mutter ins Kammerkollegium — wie wenig¬ stens dann die Hofluft leibeigen mache, so wie nur der poetische Himmels-Aether frei — und welche Perturbazionen seinem Hesperus von dem anziehenden Weltkörper, vom alten Mi¬ nister bevorständen, der bei der Liebe Nichts unnützer fand als die Liebe und dem die hei¬ ligsten Empfindungen für Standesehen so brauchbar schienen, wie für Predigtämter das Hebräische, nämlich mehr im Examen als im Dienste. — So schlimm dacht' er von seinem Schwiegervater, denn er kannte das Schlim¬ mere nicht. Aber die gute Tochter dachte von ihrer Mutter viel höher als ein Fremder, und ihr Herz widerstrebte schmerzlich dem Schweigen. Sie berief sich auf ihren hereintretenden Bru¬ der. Aber dieser war ganz Albano's Mei¬ nung: die Weiber (setzte er, nicht in der besten Laune, hinzu) mögen lieber von als in der Liebe sprechen, die Männer umgekehrt. — „Nein, (sagte Liane entschieden,) wenn mich meine Mutter fragt, so kann ich nicht unwahr seyn.“ — „Gott! (rief Albano erschrocken aus,) wer könnte auch das wünschen?“ Denn auch ihm war freie Wahrheit der offne Helm des Seelenadels, nur sagte er sie bloß aus Selbst¬ achtung und Liane sie aus Menschenliebe. Rabette kam mit dem Thee-Zeug und einer Flasche, worin für den Hauptmann Thee- Mark und Elementarfeuer oder Nerven-Aether war, Arrac. Er ging ungern am Morgen zu Leuten, bei denen er ihn erst am Abend trin¬ ken konnte; Rabette hatte gestern diese Unart gemeint und heute befriedigt. — „Wie kann das freie Ich, (sagte der gesunde Albano oft zu ihm,) sich zum Knechte der Sinnen und Ein¬ geweide machen? Sind wir ohnehin nicht eng¬ gebunden genug durch die Körper-Bande und Du willst noch Ketten durch die Ketten zie¬ hen?“ — Roquairol hatte darauf immer die¬ selbe Antwort: „Umgekehrt! Durch Körper be¬ „freie ich mich eben von Körpern, z. B. durch „Wein von Blut. Sobald Du aus der Leib¬ „eigenschaft der leiblichen Sinne nie heraus¬ „kannst und all Dein Bewußtseyn und Dein Den¬ „ken nur durch körperliche Dienstbarkeit, die „auf dem Grundstück der Erde haftet, bei ih¬ „rem Adel bleiben: so seh' ich nicht ab, warum „Du nicht diese Rebellen und Despoten recht zu „Deinen Dienern brauchst? — Warum soll ich „den Körper nur schlimm auf mich wirken las¬ „sen und nicht eben sowohl vortheilhaft?„ — Albano blieb dabei, das stille Licht der Ge¬ sundheit sey würdiger als die Mohnöl-Flamme eines Opiums-Sklaven; und die körperliche Kriegsgefangenschaft, die unser Geist mit der ganzen menschlichen Mannschaft leide, sey eh¬ renvoller als der persönlich-krummschliessende Arrest. Indeß heute konnte nicht einmal das spiri¬ tuöse geschwefelte Theewasser eine gewisse Un¬ behaglichkelt aus Roquairol verwaschen, den das Nachtwachen bleicher, wie den Grafen feu¬ riger gefärbt hatte. Es wollt' ihm nicht recht gefallen, daß der Herrschaftsgarten ganz in den Rahmen eines mannshohen Bretterver¬ schlags eingezogen war, der weniger wie eine Billardsbande den Augapfel nicht hinaus, als wie eine Marktschreierbude nichts hereinlassen sollte und der freilich keine andere Aussicht ge¬ währte als die eigne Ansicht; eben so wenig erhielt der Lustgarten dadurch seinen Beifall, daß die Rasenbänke in der Laube, wo sie saßen, noch nicht gemäht waren — daß auf allen Beeten nur Einfassungsgewächse des Kochflei¬ sches wehten — daß noch nichts Reifes da hieng als ein Paar Maulwürfe in ihren Hängsterbe¬ betten — daß an einer Kugelbahn, worauf man in ein klingelndes Mittelloch kegelt, die schräge Retour-Rinne die Kugeln leichter wie¬ der einwandern ließ als sie über das Ackerland der Bahn (wenn man sie nicht warf) wegzu¬ bringen waren und daß nirgends Orangerie zu sehen war, ausgenommen einmal, da zum Glücke die Gartenthüre offen stand, als eben auf einem Schiebekarren ein blühender Oran¬ geriekasten nach Lilar vorüberfuhr. Der Hauptmann brauchte diese Züge bloß satirisch vorzutragen, und damit die äusserlich lachende Rabette innerlich zu verwunden — weil Keine den Tadel ihrer körperlichen Absenker verträgt, es seyen nun Kinder, Kleider, Kuchen oder Möbeln Dieses wärmere, zartere, furchtsamere, immer gelobte, mehr in fremder als eigner Meinung lebende Geschlecht sticht ein Tadel giftig, der uns nur blutig reisset, wie verletzende Thiere in warmen Ländern und Monaten vergiften, und in kalten nur verwunden. Daher bedenke der Mädchenschulmeister, daß eine Dosis, welche Satire auf den Knaben ist — der ohne¬ hin der Meinung widerstehen soll — Pas¬ quil wird wenn sie seine Schwester einbekommt. —: so konnten sich seine Berg¬ höhen allmählig wieder entwölken, und Rabette konnte noch ungemeiner fröhlich seyn. Albano war in dieser Tags-, gleichsam Kindheits-Frühe und in diesem Paradiesgärt¬ lein seiner Kinderjahre heimlich-froh — denn in der ersten Liebe kommt, wie in Shakespeare's Stücken, nichts auf die bretterne Bühne ihres Spieles an; — aber der heutige Nachwinter der gestrigen Erkältung wollte doch nicht schmelzen. Die Morgenbläue wurde mit im¬ mer hellern Gold-Flocken gefüllt — er machte, da der Garten wie kleine Städte nur zwei Thore hatte, das obere und untere, wie eine Aurora dieses der Morgensonne auf — der Glanz quoll über das dampfende Grün her¬ ein — die unten ziehende Rosana faßte Blitze, auf und warf sie herüber — Albano schied endlich voll Liebe und Seeligleit. Aber die Liebe war größer als die See¬ ligkeit. 69. Zykel . Fliegender Frühling! (ich meine die Liebe, so wie man den Nachsommer einen fliegenden Sommer nennt) Du eilest selber über uns pfeil¬ schnell dahin, warum eilen Autoren wieder über dich? — Du gleichst der deutschen Blü¬ thenzeit — die nie einen Blüthenmond lang ist —; wir lesen den ganzen Winter in Alma¬ nachen und Gleichnissen viel von ihrer Herr¬ lich¬ lichkeit und schmachten; endlich hängt sie dick an den schwarzen Ästen sechs Tage lang und noch dazu unter kalten Maigüssen, reissenden Wonnemonds-Stürmen und unter dem Stumm¬ sitzen aller halb - erfrornen Nachtigallen — und dann, wenn man endlich in den Garten hinauskommt, ist schon der Fußsteig blüthenweiß und der Baum höchstens voll Grün; dann ists vorbei, bis wir wieder im Winter den Anfang eines Mährchens herzerhoben hören: „Es war „eben in der schönen Blüthezeit.“ — Eben so seh' ich wenig Autoren am langen romanti¬ schen Sessions- und Schreibetisch rechts und links für das Lesepult arbeiten, welche nach der langen Vorrede zur Liebe nicht diese, sobald sie wie ein Krieg erkläret ist, sofort schlössen; — und wirklich giebts zur Liebe mehr Stu¬ fen als in ihr; alles Werden , z.B. der Früh¬ ling, die Jugend, der Morgen, das Lernen geht vielfärbiger und geräumiger auseinander als das feste Seyn ; aber ist dieses nicht wie¬ der ein Werden; nur ein höheres und jenes ein Seyn, nur ein schnelleres? — Albano wollte die fliegende, göttliche Zeit, Titan III . C wo das Herz unser Gott ist, schöner lenken, sie sollte mehr empor als hinweg fliegen. Er zürnte den andern Tag mit niemand als mit sich. Er riß sich durch solche kleine und doch eng-umschnürende Schmerzen durch, durch einen Zustand wie bei einem Erdbeben, wo ein unsichtbarer Dunst den verstrickten, schweren Fuß hält; ich will mich lieber auf Bergen beregnen lassen, sagt' er, als in Thä¬ lern. Menschen von Phantasie söhnen sich leichter mit der ab- als anwesenden Geliebten aus. Nach einigen Tagen gieng er wieder nach Blumenbühl, kurz vor Sonnenuntergang. Ein brennendes Roth schnitt durch die Laubnacht. Sein finsterer Holzweg wurd' ihm von den darein hüpfenden Flammen zu einem verzau¬ berten gemacht. Er setzte seine beleuchtete Ge¬ genwart tief in eine künftige, schattige Vergan¬ genheit hinein. O, nach Jahren, dacht' er, wenn Du wiederkommst, wenn Alles vergangen ist und verändert — die Bäume gewachsen — die Menschen entwichen — und nur die Berge und der Bach geblieben — da wirst Du Dich see¬ lig preisen, daß Du einmal in diesen Gängen so oft zum schönsten Herzen reisen durftest und daß auf beiden Seiten die klingende und glän¬ zende Natur mit Deiner freudigen Seele mit¬ gieng, wie dem Kinde der Mond durch alle Gassen nachzulaufen scheint. — Eine unge¬ wöhnliche Entzückung warf durch sein ganzes Wesen den langen, breiten Sonnenstreif, die fernsten Blumen seiner Phantasie thaten sich auf, alle Töne giengen durch einen hellern Aether und näher heran. Auch die Blumen ausser ihm dufteten stärker und der Glocken¬ schlag tönte näher; und beides sagt Ungewit¬ ter an. So innigfroh erschien er — und zwar ohne Roquairol, der überhaupt immer seltner kam — vor der Geliebten oben in seinem Kind¬ heitsmuseum, ihrem Gastzimmer, das jetzt der gewöhnliche Spielplatz seiner Besuche war. In einem weissen Kleide mit schwarzem Be¬ satz, wie in schöner Halbtrauer, saß sie am Zei¬ chentisch mit schärfern Augen in ein Bild ver¬ tieft. Sie flog ihm ans Herz, aber um ihn bald wieder vor die Gestalt zu führen, an wel¬ C 2 cher ihres wie in Mutterarmen hieng. Sie erzählte, heute sey mit der Prinzessin ihre Mut¬ ter dagewesen und diese habe so viele Freude über ihre genesende Farbe gehabt, so unend¬ liche Güte gegen die glückliche Tochter. „Sie „mußte sich, (fuhr sie fort,) von mir ein wenig „zeichnen lassen, damit ich sie nur länger an¬ „sehen und etwas von ihr dabehalten konnte. „Jetzt zeichn' ich das Gesicht weiter aus, es ist „aber gar zu schlecht gerathen.“ Sie konnte ihre Phantasie weder vom Bilde, noch weniger vom Urbilde loßwickeln. Freilich kann auf ei¬ nem töchterlichen Herzen — oder gar in ihm — kein schöneres Medaillon hängen als das müt¬ terliche; aber Albano glaubte doch heute, das Gehenke nehme eine zu breite Stelle ein. Sie sprach bloß von ihrer Mutter: „Ich sündi¬ „ge gewiß (sagte sie) — sie fragte mich so freund¬ „lich, ob Du oft kämst, aber ich sagte nur ja „und weiter nichts. O, guter Albano, wie gern „hätt' ich ihr die ganze Seele offen hinge¬ „geben!“ Er antwortete, die Mutter schiene nicht so offen zu seyn, sie wüßte vielleicht schon Alles durch den Lektor und den reinen Trank der Liebe würden nun lauter fremde Körper trü¬ ben. Gegen Augusti erklärt' er sich sehr stark, aber Liane beschützte ihn eben so stark. Durch beides gewann der Falschmünzer der Wahrheit, nehmlich der Argwohn — der, daß sie ihn wol liebe wie sie Alles liebe, da sie an alles Gute gleichsam lebendig anwachse — unter Albano's Empfindungen, die noch dazu heute so warm und froh gewesen waren, immer mehr Präg¬ stempel und Umlauf. Sie ahnete Nichts, sondern sie kam wieder auf ihr Schweigen: „Warum thut mirs aber „weh, (sagte sie,) wenn es recht ist? — Meine „Karoline, Geliebter, erscheint mir auch nicht „mehr und das ist wahrhaftig nicht gut.“ — Dieses Geisterwesen zog immer für ihn so schwül und grau herauf, wie eben draussen das Gewit¬ tergewölke. Seine alte Erbitterung gegen die eig¬ nen Neckereien durch Luftaffen, die er nicht packen konnte, gieng in eine gegen Lianens optischen Selbstbetrug über. Jener von Karolinen ge¬ schenkte Schleier, womit sie sich anfangs so erhaben eingekleidet für das Kloster der Gruft, dieser Reiseflor für die zweite Welt, war die¬ sem Herkules längst ein brennendes, mit Nes¬ sus Giftblute getränktes, Gewand geworden, daher sie ihn nicht mehr vor ihm tragen dür¬ fen. Der Schluß, daß der Wahn des Todes die Wahrheit desselben säe, und daß in der herübergerückten tiefen Wolke ein Zufall den schlagenden Funken des Todes leicht locke, fiel wie eine Trauer in seine Liebesfeste ein. So sind alle fremde Meerwunder der Phantasie (wie dieser Sterbens-Wahn) nur in der Phan¬ tasie (im Roman), aber nicht im Leben er¬ wünscht, ausser einmal auf phantastischen Hö¬ hen; aber dann müssen solche Schwanzsterne sich wie andere bald wieder aus unserem Him¬ mel zurückziehen. Er sprach jetzt sehr ernst — von selbstmörderi¬ schen Phantasieen — von Lebenspflichten — von eigensinniger Verblendung gegen die schönsten Zeichen ihrer Genesung, zu denen er das Ver¬ schwinden der optischen Karoline so gut rech¬ nete wie das Blühen ihrer Farbe. — Sie hör¬ te ihn geduldig an; aber durch die Prinzessin, die ihrer Liebe ungeachtet ihm selten erfreuliche Spuren nachgelassen, hatte heute ihre Phanta¬ sie einen ganz andern Weg genommen, weit vor ihrem Ich und ihrem Grabe vorbei. Sie stand bloß vor Linda's Bild, von der ihr Ju¬ lienne diesen Nachmittag schärfere Umrisse als sonst Mädchen von Mädchen geben — „es ist ein sehr gutes Mädchen“ sagt jedes von je¬ dem — anvertrauet hatte; Linda's männlicher Muth, ihre warme Anhänglichkeit an Gaspard bei ihrer Verachtung des Männerhaufens, ihre Unveränderlichkeit, ihr kühnes Fortschreiten in männlichem Wissen, ihre herrlichen, oft harten, mehr körnigen als blumigen Briefe, und am meisten ihr vielleicht nahes Hieherkommen, nah¬ men ihr zartes Herz gewaltig ein. „Mein Albano muß sie haben“ dachte immer dieses uneigen¬ nützige Gemüth und merkte, wenn die Prinzes¬ sin die Absicht demüthigender Vergleichungen gehabt, sie nicht, sondern erfüllte sie. Dabei fand die Gute so viel höhere Schickung, — daß z. B. ihr Bruder nun nicht mehr der Neben¬ buhler ihres Geliebten und seines Freundes seyn — daß sie selber ihren kräftigen Albano vormalen könne der stolzen Romeiro, und daß ja, trotz alles Widerstandes, doch alle Geister- Weissagungen einander eingreifend faßten und hielten. — — Das Alles sagte sie nun, weil sie nur ihre Schmerzen, nicht ihre Hoffnungen verbarg, dem Grafen gar ins Gesicht. Welchen knirschenden Biß in sein weichstes Leben that jetzt ein böser Genius! — Diese glühende, ungetheilte, nicht theilende Liebe hatt' er, nicht sie, — glaubt' er. Er war recht nahe daran, sein wie von einem Gewitterschlag auf einmal in die Höhe brennendes Wesen auch so zu zeigen; nur die schuldlose, weisse Stirn mit frohen Rosen in den kleinen Locken, der kindlich¬ helle Aufblick des reinen, blauen Augenpaars und das weiche Angesicht, das schon bei einem musikalischen Fortissimo und bei jeder Heftig¬ keit im fremden Bewegen oder Lachen kränklich durch das klopfende Herz erröthet, und sein verschämter Haß der Leichtigkeit, mit der ein Mann seine Allmacht und sein Geschlecht zum Erschrecken des zarteren mißbrauchen kann, hiel¬ ten ihn wie Schutzgeister ein und er sagte bloß in jenem edeln Zorne, der wie eine Rührung klang: o Liane, Du bist heute hart! „Und ich bin ja so weich!“ sagte die Un¬ schuldige. Beide waren bisher am Fenster vor dem aus Lilar herschwellenden finstern Gewit¬ ter gestanden. Sie kehrte sich schnell um — denn sie konnte seit ihrer Erblindung, wo eine dunkle Wolke gegen sie zu fliegen geschienen, keine mehr lange ansehen — und Albano's ho¬ he Gestalt, mit dem ganzen glühendlebendigen Gesicht und mit den Seelen-Augen stand vom Abendlicht erhellet vor ihr. Sie legte mit der spielenden Hand, die er frei ließ, sein dunkles Haar aus der trotzigen Stirn sanfter an die Seiten, strich die gedrängte Augenbrah¬ me glatter und sagte, als sein Blick wie eine Sonne stach, und sein Mund sich ernst schloß: „o freudig, freudig soll künftig einmal dies schöne Angesicht lächeln!“ Er lächelte, aber schmerzlich. „Und dann will ich noch seeliger seyn als heute!“ sagte sie, und erschrak, denn ein Blitz fuhr über sein ernstes Gesicht wie über ein zackiges Gebürge und zeigte es wie das des Kriegsgottes von Kriegsflammen erleuchtet. Er schied schnell; ließ sich nicht halten; sprach von Wetterkühlen, gieng ins Wetter hinaus und ließ Lianen in der Freude zurück, daß sie doch heute recht aus bloßer reiner Liebe gesprochen habe. Aus dem letzten Hause des Dorfs sprang ihm Rabette entgegen; über sein Gesicht fielen die Wetterbäche der verhaltnen Thränen herab; „was fehlt Dir, was weinst Du?“ rief sie. „Du träumest“ rief er, und eilte vor allen Dingen ins Ungewitter hinaus, das sich plötzlich wie ein Mantelfisch erstickend über den ganzen Himmel hergeworfen hatte. Er suchte sich unter dem regnenden Blitzen zuerst die besten Beweise zusammen, daß Liane heilige Reize, göttlichen Sinn, alle Tugenden habe, be¬ sonders allgemeine Menschenliebe, Mutterliebe, Bruderliebe, Freundesliebe — nur aber nicht die glühende Einzigen-Liebe, wenigstens nicht gegen ihn. Sie wird nur — er schliesset immer fort — von der Gegenwart so gänzlich gefasset und gefüllt, von meiner so gut als von der eines Armbruchs des kleinen Pollux, welche ihr Him¬ mel und Erde verdeckt. — Darum wird ihr der Untergang des Lebens so leicht, wie der ei¬ nes Sternchens und alle Scheidungen dabei. — Darum stand ich so lange mit einer leidenden Brust voll Liebe neben ihr und sie sah nicht in meine, weil sie keine in der ihrigen fand. — Und so ists so bitter, wenn der Mensch, unter den gemeinen Herzen der Erde verarmend, durch das edelste doch nichts wird als zum letz¬ tenmahl unglücklich. Der Regen zischte durch die Blätter, das Feuer schlug durch den Wald, und der wilde Jäger des Sturms trieb seine unsinnige Jagd. Das erfreuete ihn als eine kühlende Hand, woran ein Freund ihn führte. Da er nicht durch die Höhle sondern aussen am Bergrücken zu seinem hohen Donnerhäuschen hinaufstieg: so sah er eine dicke, graue Regennacht das grü¬ ne Lilar belasten und aus dem gebognen Tar¬ tarus ruhte unter dem Blitz der erleuchtete Sturm. Er fuhr zusammen bei dem Eintritt in sein Häuschen vor einem Schrei, den seine Aeolsharfe unter den Griffen des Windes that; denn sie hatte einst, von der Abendsonne be¬ glänzt, seine junge Liebe ätherisch wie Sterne eingekleidet und war ihr mit allen Tönen nach¬ gefolgt, da sie hinausgieng über das leidende Leben. 70. Zykel. Am Morgen darauf waren beide Gewitter aufgelöset in ein stilles Gewölke. — Und aus den größeren Schmerzen wurden nur Irrthümer. Wir Schwache! wenn das Schicksal uns bei unserer Scheinhinrichtung mit der Ruthe be¬ rührt, nicht mit dem Schwerte: so sinken wir ohnmächtig vom Stuhle und fühlen das Ster¬ ben noch weit ins Leben hinein! — Alle Fie¬ ber, so auch die geistigen, kühlt der neue, fri¬ sche Morgen, so wie sie alle der bange Abend glühend schürt. Welcher von uns wickelte sich nicht an Abenden — dieser eigentlichen Geister¬ stunde der Plage-, Haus- und Poltergeister — in den Faden, den er selber spann, den er aber für fremdes Fanggewebe hielt, immer enger durch Entfliehen und Wenden ein, bis er am Morgen seinen Schliesser vor sich sah, nämlich sich? — Albano sah auf dem ganzen gestrigen Kriegsschauplatz nichts mehr stehen als eine blasse, gute Gestalt in Halbtrauer, welche nach ihm mit unschuldigen Mädchenaugen umher¬ blickte, und wornach er doch ewig hinüber sah, wenn sie auch mehr eine Braut Gottes als die eines Menschen blieb. Er fühlte jetzt frei¬ lich mehr, wie hoch seine Foderungen an wirk¬ liche Freunde stiegen, als sonst, wo er die höch¬ sten an geträumte Wesen, die er immer gerade in die jedesmalige Form seines Herzens goß, nach Gefallen steigern konnte; und wie in ihm ein niemand schonender Geist regiere, der jedem fremden die Flügel nach seinen eignen ausdeh¬ nen wolle, weil er keine Eigenheit dulde außer der kopirten. — Er hatte bisher von allen seinen Geliebten zu wenig Widerstand erfahren wie Liane zu viel; beides schadet dem Menschen. Der gei¬ stige wie der physische wird ohne Widerstand der äussern Luft von der innern aufgeblasen und zersprengt, und ohne Widerstand der in¬ nern von der äussern zusammengequetscht; nur das Gleichgewicht zwischen innerer Wehr und äusserem Druck hält einen schönen Spielraum für das Leben und sein Bilden frei. — Män¬ ner dulden ohnehin — da nur die besten an den besten Männern feste, starke Überzeugung achten — diese an Weibern schwer und wollen Letztere nicht bloß zu ihrem Wiederschein, son¬ dern auch zu ihrem Nachhall haben. Sie wol¬ len, mein' ich, nicht bloß die Mine, auch das Wort bejahend. Albano bestrafte sich mit einigen Tagen frei¬ williger Entfernung, bis die unreinen Wolken aus ihm weggezogen wären, die den Sonnen¬ zeiger seines Innern verschattet hatten. Bin ich ganz heiter und gut, sagt' er, so geh' ich wieder zu ihr und irre nie mehr. Er irret jetzt; ist ein fremder, unheimlicher Halbton ein¬ mal zwischen alle Harmonieen zweier Wesen wie¬ derkehrend durchgedrungen, so schwillt er im¬ mer feindlicher an und übertäubt den Grund¬ ton und endigt Alles. Der Scheideton war hier die Stärke der männlichen Tonart ne¬ ben der Stärke der weiblichen. Aber die höchste Liebe verwundet sich am leichtesten am kleinsten Unterschied. O, dann, hilft es wenig, wenn der Mensch zu sich sagt: ich will mich ändern. Nur im schönsten, unverletzten En¬ thusiasmus setzt er sich es vor; aber eben im verletzten, wo er kaum des Vorsatzes fähig wäre, soll er sich zur Erfüllung desselben heben und kann es schwer. Der Graf gierig am Morgen wie gewöhn¬ lich in seine Hörsäle und Sprachzimmer der Stadt. In den erstern war es ihm schwer, nach den Sternen der Wissenschaften seine Instru¬ mente und Augen festzurichten und zu visiren, da er auf einem solchen Meere voll Bewegung gieng. In den letztern fand er den Lektor käl¬ ter als sonst, den Bibliothekar wärmer, die Hauswirthsleute aufgeblasener. Er gieng zu Roquairol, den er heute noch inniger liebte und behandelte, um gleichsam der beleidigten Schwester genugzuthun. Karl sagte sogleich mit seinem tragischen schnellen Aufreissen des Vorhangs der Zukunft: „es sey Alles ent¬ „deckt — — höchst wahrscheinlich!“ So oft Lie¬ bende sehen, daß die seefahrende Welt ihre Ka¬ lypso's Insel — die doch frei auf der offnen See daliegt — endlich in die Augen bekommt und die Seegel darauf richtet: so verwundern sie sich zum Verwundern. Hat denn irgend ein Paradies so weite und niedrige Staketen — so daß jeder Vorbeigehende hineinsehen kann — als ihres? — Schon längst hatten, erzählt' er, die Dok¬ tors Kinder immer etwas bei der Baumeiste¬ rinn in Lilar zu holen, Blumen, Arzneigläser u. s. w.; gewiß als Seh- und Hörröhre Au¬ gusti's — dieser sey wieder der Operngucker sei¬ ner Mutter — kurz sein Vater sey wenigstens bei der Griechin gestern gewesen, hab' aber zum Glück nur ein leeres Paquet Nämlich immer waren Briefe von Lianen an Albano dareingeschlagen. Man sehe hier wieder an zwei Exempeln, wie an der Liebes- Harmonika ein Bruder als Tastatur für die Schwester vorstehen müsse, die zu den Glocken will. Es sollte daher immer ein Paar Paare geben, kreuzweise verschwistert und liebend. von Ra¬ bette an ihn (Karln) gefunden, das er nach den Freiheiten der ministerialischen Kirche auf- und zugemacht. „Warum zum Glück (sagte „Albano)? Ich werde meine Liebe vor der Welt „rechtfertigen und ehren.“ — „Ich bezog es „auf „auf mich, (versetzt' er,) denn nie war mein Va¬ „ter freundlicher gegen mich als seitdem er „meine letzten Briefe erbrochen. Er ist diesen „Nachmittag in Blumenbühl, und wol mehr „meinet- als der Schwester wegen.“ Albano fürchtete nicht, daß die Stadt Mi¬ nengänge unter sein Kindheitsland hintreiben könne, um etwa durch Eine Flamme die glück¬ seelige Insel zu zersprengen — durft' er nicht seinem Werth und Muth und Lianens ihrem trauen? — aber es schmerzte ihn jetzt, daß er so unnütz der kindlichen Liane die Freude und das Verdienst einer kindlichen Offenherzigkeit genommen. Wie sehnt' er sich nun nach dem abbüßenden und belohnenden Augenblick des ersten Wiedersehns, nach dem nächsten Mor¬ gen! Er blieb bei seinem Freund wie bei einem Troste, und gieng erst zurück, als die Abend¬ röthe in den Regenwolken umherfloß. — Als er kam, fand er von Lianen schon einen Brief von heute: O, guter Albano! warum kamst Du nicht? Titan III . D Wie viel hatt' ich Dir zu sagen! Wie hab' ich Freitags deinetwegen gezittert, als die wüthen¬ de Wolke Dich mit ihrem Donner verfolgte! Du hast mich zu sehr vom Schmerz entwöhnt, so fremd und schwer wird er mir nun. Ich war den ganzen Abend untröstlich, endlich fiel mir Nachts noch dazu ein, daß Du wie von Ahnungen beklommen gewesen und daß es gern ins Donnerhäuschen schlage. Warum bist Du doch da? Ich stürzte heraus, und kniete neben meinem Bette und flehte Gott an, obgleich das Wetter längst verzogen war, daß er Dich möge erhalten haben. Lächle über mein spätes Gebet; aber ich sagte zu ihm, Du wußtest es ja, Allgütiger, daß ich beten würde. Ich wurde auch getröstet, da ich die Sterne ansah, und der gebrochene Strahl der Wonne zitterte in mir Aber am Morgen machte mich Rabette wieder traurig. Sie hat Dich auf dem We¬ ge weinen sehen. Tausendmal hab' ich unter¬ sucht, ob ich daran Schuld habe. Sollt' es daher kommen — denn sie sagts — daß ich Dich mit meinen Sterbegedanken zu sehr be¬ trübe? Nie mehr sollst Du sie hören, auch der Schleier ist eingeschlossen; aber ich berechnete Dich nach meinem Bruder, dem, wie er selber sagt, das Todes-Dunkel eine Abenddämmerung ist, wo ihm die Gestalten lieblicher werden. — Wahrlich, ich bin ganz seelig — denn Du so¬ gar bist es, und hast doch so wenig an mir, nur eine kleine Blume für Dein Herz, aber ich habe Dich. Lasse mir mein Grab, wie von einem Berg kommt bessere fruchtbare Erde da¬ von in mein Thal. O wie liebt man, Albano, wenn Alles neben uns bricht und fällt und ver¬ raucht und wenn doch der Bund und Glanz der Liebe unzerrissen und fest auf dem weg¬ fliessenden Leben steht, wie ich oft bei Wasser¬ fällen mit Rührung auf den zerspringenden, reissenden Fluthen einen Regenbogen unver¬ rückt und unverändert schweben sah! — O, ich wollte, die Nachtigallen sängen noch, jetzt könnt' ich mit ihnen singen; Deine Aeolsharfe, meine Harmonika wünscht' ich in meiner Hand. Mein Vater war bei uns und heiterer und freund¬ licher gegen Alle als je. Sieh! sogar er ist gut. Meine Eltern schicken gewiß kein Gewit¬ D 2 ter in unser Rosenfest. Ich that ihm daher leicht den Gefallen — vergieb es —, ihm zu versprechen, daß ich keine fremde Besuche in ei¬ nem fremden Hause — weil es unschicklich sey, sagt' er — annehmen würde. Ich muß auf einige Tage nach Hause wegen der fürstlichen Ver¬ mählung; aber ich sehe Dich bald. O vergieb! Wenn mein Vater sanft spricht, so kann meine Seele unmöglich nein sagen. — Lebe wohl, mein Herrlicher! L. N. S. Bald fliegt wieder ein Blättchen auf Deinen Berg. Sey nur in ewiger Freude! O Gott! warum bin ich nicht mächtiger? Welche Menschen solltest Du dann an Dei¬ nem Herzen haben! — Du Lieber! Wie beschämt' ihn diese vollblühende Liebe, die es gar nie recht weiß, wenn sie verkannt wird und die keine andere Schuld voraussetzt als eigne! — Wie that ihm die gebotene Entfernung jetzt nach der freiwilligen weh! — Er konnte sie nun lieben als einen wehrenden Engel vor dem Paradiese, wie viel mehr als einen gebenden in ihm! — Aber schwer ists ei¬ nem Manne, fühlte der Jüngling, im weibli¬ chen Herzen, zumal in diesem, Absicht von In¬ stinkt, Ideen von Gefühlen, rein zu sondern, und an diesem dunkeln, vollen Himmel alle Sterne zu zählen und zu reihen. — Jede Härte, jede unscheinbare Knospe gieng zuletzt als Blume auf; und ihr Werth breitete sich wie der Frühling stückweise aus; indeß ge¬ wöhnlich von andern Mädchen ein Reisender, der sie besucht, sogleich beim ersten Abschiede abends eine kleine vollständige Blumenlese al¬ ler ihrer Reize und Künste fortnimmt, wie ein Brocken-Passagier im Wirthshause einen nied¬ lichen Straus überkommt, aus den Moosarten gebunden, welche der Berg trägt. Er glaubte, sie sey nun bei den Eltern, und folgte nicht als zerrender Knabe, sondern als einstimmiger Mann dem Riesen des Schick¬ sals nach. Im Garten herrschte Regenwetter, die Aussaat jedes starken Gewitters, das immer wie ein Krieg den Kriegsschauplatz verdirbt. Das verheissene Blättchen erschien: „Sey „nur froh. Wir sehen uns sehr, sehr bald, und „dann recht seelig. Vergieb mir! — ach, ich „sehne mich am meisten.“ — L. Jetzt empfand ers, welche Tage es waren, die sonst — d. h. bloß vor einigen Tagen — vor ihm wie göttliche Erscheinungen vorüber¬ gezogen waren und die nun wieder heraufstei¬ gen sollten in Osten als wiederkehrende Ster¬ ne! — Warum schneidet sich erst das verlorne Gut wie ein scharfer Demant so tief ins Herz ? Warum müssen wir erst etwas beweinet haben, eh' wir es heiß bis zum Schmerze lieben? — Albano warf Vergangenheit und Zukunft von sich weg, um nur ganz rein in der Gegen¬ wart zu wohnen, die ihm von Lianen ver¬ sprochen worden. 71. Zykel. Am Sonntags-Morgen, als der ganze blaue Himmel offen stand und die Erde fest¬ lich geschmückt mit Perlen und Zweigen, klopfte an Albano's Thüre ein leiser Finger, der einer weiblichen Hand gehören mußte. Liane trat so früh schon herein; Rabette und Karl riefen draus¬ sen einen lauten Gruß. An seiner jauchzenden Brust lag das schöne, vom Gehen blühende Mäd¬ chen mit seeligen, hellen Augen, eine frisch-bethau¬ ete Rosenknospe. Es war sein schönster Morgen, er fühlte rein, daß Liane liebe. Als die Aeols¬ harfe einklang sah sie hin, erinnerte sich errö¬ thend an den schönsten Bundes-Abend und hörte still zu, und trocknete das Auge, da sie es wieder auf Albano wandte. — Aber er konnte in diesen Tempel der Freude nicht ein¬ treten, ohne sich gereinigt und geheiligt zu ha¬ ben durch Offenheit über seine neulichen Irr¬ thümer. Welcher süße Wettstreit um Bekennen und Vergeben, da Liane liebend erschrak und bekannte, daß sie ihn neulich nicht errathen — daß nur sie die Schuldige sey und daß sie jetzt schon besser sprechen wolle. Sie konnte sich über die verdeckten Schmerzen, die sie ihrem Freund gemacht, gar nicht zufrieden geben. Wie Mahagoni-Geräthe in keiner Temperatur bricht, und keine Flecken annimmt und kein Poliren bedarf: so ist dieses Herz, fühlte Al¬ bano; der sich nun schwur, überall, auch wo er sie nicht errathe, zu sich zu sagen: sie hat Recht. Sie lösete ihm das Räthsel ihrer heutigen Erscheinung mit jenen freundlichen Minen, wel¬ che ein guter Mensch verdoppelt, wenn er et¬ was zu versüßen hat; „sie gehe nämlich heu¬ „te nach Pestiz zurück — aber spät, erst Abends, „erst um die Theezeit komme der Wagen und „ihnen bleibe ein ganzer Tag; und sie hoffe „nicht, daß ihr Vater diesen Umweg über Li¬ „lar für einen Bruch ihres Versprechens neh¬ „men werde.“ Ein liebendes Mädchen wird un¬ bewußt kühner. — Darauf suchte sie ihn über die friedlichen Absichten ihres Vaters recht ruhig zu machen, und stellte ihm seine Strenge, womit er sich und andere der Konvenienz un¬ terwarf, als die Ursache seiner Verbote, so wie ihrer Zurückberufung zum Vermählungsfeste vor. Albano, so nahe am letzten Schwure, hielt ihn und sagte: sie hat Recht. Der Hauptmann trat mit der rothwangi¬ gen Rabette herein, in deren Augen die Freude blitzte. Das kleine Zimmer machte durch Enge und Verwirrung die Lust nicht kleiner. Karl, sonst so sehr dem Vesuve ähnlich, der in den ersten Morgenstunden noch beschneiet ist, stand schon mit einem warmen Gipfel da; er setzte sich ans Instrument und donnerte mit einem aufgeschlagnen Prestissimo von Haydn — die¬ sem rechten Stundenrufer jauchzender Stun¬ den — in die laute Gegenwart, und spielte zur Verwunderung der Weiber das Schwerste so leicht vom Blatte, daß er mehr hinein- als herausspielte und Vieles (z. B. den Baß) im¬ mer selber setzte, indeß Albano mit fast komi¬ scher Treue in der Musik eben so sehr die Wahrheit wieder gab als in jeder Geschichte, die immer in Karls Munde wieder eine erlebte. Der Morgen legte allen Seelen die Flügel an, die der Mittag den Menschen immer bin¬ det — daher die Aurora mit geflügelten Ros¬ sen fährt und der Tagsgott mit flügellosen. — „Aber wie sind nun unsere sieben Freudensta¬ „zionen zu machen — (fragte Karl) denn der „Tag liegt wie ein Gartensaal mit lauter Lust¬ „gängen nach allen Seiten vor uns offen“ — „Karl, ist es denn nicht einerlei wo ein Mensch liebt?“ sagte Albano. — Seeliger, dessen Herz nichts braucht als noch eines, aber keinen Park dazu, keine opera seria , keinen Mozart, keinen Raphael, keine Mondsfinsterniß, nicht einmal einen Mondschein und keinen vorgelese¬ nen oder nachgespielten Roman! „Zuerst muß ich meine Chariton sehen“ — sagte Liane. — „Die kann uns ja, (nahm ihr „Bruder sogleich auf,) unser Essen in den gothi¬ „schen Tempel nachtragen.“ — Er wollte an diesem holden Tage im 12ten Jahrhundert es¬ sen, und bei einem bänglichen, bunten Schei¬ benlicht und auf eckigem, schwerem, dickem Ge¬ räth und gleichsam dunkel unter der Erde der oben grünenden Gegenwart mit blühenden Ge¬ sichtern sitzen; denn so überlud er die vollsten Genüsse noch mit äussern Kontrasten, und ge¬ noß jede frohe Gegenwart am meisten in der na¬ hen Beleuchtung und Abspieglung der geschliff¬ nen Sichel, die sie abmähte „Ein solcher Karakter, (schreibt Hafenreffer da¬ „bei,) wäre für Romanen-Kotzebue's erwünscht, „weil diese, da er seiner Natur nach immer den . „Gott bewahre „und behüte, Freund!“ sagte Rabette. Auch Al¬ bano fand die freundliche Griechin, ihre la¬ chenden Kinder und die nahen Rosenfelder bes¬ ser dazu; und siegte mit Lianen. Vor dem be¬ laubten Häuschen liefen ihnen die Kinder entge¬ gen, Helene mit dem Schürzchen voll aufgelesener Orangenblüthen, weil ihr das Brechen verbo¬ ten war, und Pollux im letzten, leichten Ver¬ bande des gebrochnen Arms, dessen Hand jetzt mit der Rechten am hohlen Zusammenfalten und Platzen der Rosenblätter hatte arbeiten müssen. Beide berichteten ein: „die Mutter „sey noch nicht fertig und habe sie zuerst ange¬ „zogen.“ — Aber schon nett und einfach wie zum Priesterin-Tanze um den Altar froher „Werth der Situazion durch den zufälligen „Ort derselben schaffen und heben will, unter „dem Deckmantel seiner Persönlichkeit ganz der „ihrigen fröhnen und die Schwäche des Dich¬ „ters in die Schwäche des Helden verkleiden „könnten.“ Mich dünkt, dieses ist, so viel ein Biograph von Romantikern urtheilen kann, sehr treffend. Götter sprang Chariton ihrer Liane entgegen und passete die schnell angelegten Kleider nur noch durch ein leichtes Rücken und Zucken gar an. „Das ist, (sagte Roquairol, nachdem er von Rabetten das nickende Ja sehr leicht dazu erhalten, weil sie seine französische Bitte um dasselbe nicht verstanden,) meine Gemahlin seit Gestern —“ und er genoß ohne Umstände das Du-Recht, das sie seit dem freundlichen Zu¬ spruche des Ministers mit jungfräulichen Ah¬ nungen lieber annahm. Da Liane freundlich vier Gäste des Mit¬ tags bei Chariton anmeldete: so standen in den schwarzen Augen der Griechin Freuden¬ blitze und das kleine Gesicht mit italiänischen, großen Augenbraunenbogen wurde ein fest¬ stehendes Lächeln, das nicht Küchenverlegenheit sondern nur zungenlose Freudigkeit war, welche ihren weissen Zahnhalbzirkel noch weiter glän¬ zen ließ, da Karl vollends sagte: „Du kannst „ihr ja helfen, Frau!“ „Das versteht sich!“ sagte Rabette ganz entzückt, weil ihr Herz weiter keine andere Lippen hatte als ihre beiden Hände, für welche es so viel war als wenn sie von der geliebten gedrückt würden, wenn sie für sie harte Arbeit angreifen durften. Ver¬ wünschte sie nicht so oft ihre unberedte, stockende Kehle, wenn Roquairol vor ihr seine feurigen Ströme brausen ließ? — Jetzt, da er wieder die Nähe mit künstlichen, schattirenden Schei¬ dungen ausgeschmückt hatte, drang er freilich darauf, daß Chariton die expedirende Sekre¬ tarin bliebe und Rabette nur unterzeichnete. Auch Liane wollte aus gleicher Weiblichkeit et¬ was für ihren Liebling schaffen; aber da sie als ein Mädchen von Stande nichts kochen konnte, sondern nur etwas backen, so wurd' ihr — aber ungern von ihrem Freunde, der die süße Gestalt nirgendswo gern sah als, wie an¬ dere Schmetterlinge, nur unter Blumen bei ihm — zugestanden, ganz spät und zehn Mi¬ nutenlang mit den Augen und in seltenen Fäl¬ len mit den drei Schreibfingern an den Schnee¬ bällen mitzuarbeiten, welche das Dessert be¬ schliessen sollten. Einen breitern Baldachin, oder einen schö¬ ner geschnitzten Zepter und Apfel hatte noch keine Küchen-Ballkönigin oder gar schönere dames d'atour , als Chariton; und Geschirr und Feuer wurden ganz dadurch verdunkelt. Nun giengen die glücklichen Paare — und die Kinder mit — hinaus in den freudigen Tag, in den jugendlichen Garten, um wie Wandelsterne mit ihren Monden einander bald nahe, bald ferne, bald im Gegenschein, bald in der Zusammenkunft zu stehen auf der himmli¬ schen Kreisbahn um dieselbe Sonne. „Wir wollen auf gerathewohl (sagte Karl im Hafen,) ausschiffen und zusehen ob wir uns nicht tref¬ fen.“ — Albano gieng mit Lianen den Kin¬ dern nach, die schon an den kleinen Häusern durch die Rosengänge hüpften, auf die Brücke über den singenden Wald. Wem das Herz so ruhig-seelig schlägt, der sucht in der unsicht¬ baren Kirche keine sichtbare — der ganze Tempel der Natur ist der Tempel der Liebe und überall stehen Altäre und Kanzeln. Auf dem glatt-niedergehenden Lebensstrome steht der Mensch ohne Ruder seelig in seinem Kahn und regiert ihn nicht. Dann lenkten die Kinder, eingedenk der mütterlichen Auswanderungsverbote, auf der Brückenhöhe rechts hinüber zu den westlichen Triumphbogen, und Helene lief bloß als zie¬ hende Führerin des Rekonvalescenten mit seiner Hand recht unerwartet wild voraus. Albano folgte den kleinen Lootsmännchen und Leit¬ hündchen so gern. Himmel! wenn sie sich so auf der herrlichen Höhe umsahen und in den reich ausgebreiteten Tag, und in ihre Augen darauf: wie wölbten sich die Bogen der Le¬ bensbrücke so frei und weit, und die Schiffe flogen mit aufgeblasenen Segeln und stolzen Masten hindurch! — Rosenbäume kletterten an den Triumphbogen herauf, die Kinder lang¬ ten hinaus, knickten Rosen von ihrem Gipfel; und trabten, den fremden Gehorsam verarbei¬ tend und erprobend, über vier Thore hinweg, um von dem fünften in den glatten, blanken See darunter zu schauen und in den „Zauber¬ wald“ hinabzusteigen, wo die Kunst wie die Kinder spielte. Aus dem Eingange des Waldes traten Karl und Rabette heraus, um zu Chariton über die Bogen zurückzugehen, jener zum Fla¬ schenkeller — er hatte etwas Leeres daraus in der Hand — diese ein wenig in die Küche. Er gieng seelig wie auf Flügeln und sagte: das Leben fährt heute auf dem Wagengestirn im Blauen dahin. Er kehrte aber um, um vor ihnen die Plejaden aufgehen zu lassen, nämlich den sogenannten „verkehrten Regen“, der bloß fünf Minutenlang und eigentlich nur bei Illuminazion steigt. Er führte Alle in den Wunderwald durch ein im Mittagsschlummer liegendes Licht, das unter freien Bäumen glüh¬ te, deren weit-auseinanderstehende Stämme sich nur die langen Zweige boten. Auf dem Brennpunkt der malerischen Bahnen ließ er sie das Spiel des Regens erwarten. Die Kinder sprangen mit ihren Hofnungen nach und setz¬ ten sich, vom Muthe der Erwachsenen gedeckt, mit diesen auf bezeichnete Götter- oder Kinder¬ sitze, zwischen zwei kleinen, runden Seen. Während Karl schnell im Zickzack, der hy¬ draulischen und mechanischen Maschinerie we¬ gen, hin- und herlief — ohngefähr nach den Punkten des Irrgartens in Versailles —: so konnten sie den überall aufgehenden Zauber¬ wald durchfliegen — ein allmächtiger Arm der aussen aussen vorbeigehenden Rosana griff unter die Blumen herein, und trug eine schwere, reiche Welt — bald war das Wasser ein fester Spie¬ gel, bald eine gewundne, wellenschlagende Ader, bald eine Quelle, bald ein Blitz hinter Blu¬ men, oder ein schwarzes Auge hinter Blätter- Schleiern — schmale Ufer, kurze Beete, Kin¬ dergärten, runde Inseln, kleine Hügel und Landzünglein wohnten dazwischen, sie hielten ihre bunten, blühenden Kinder auf dem Arm und Schooß, und die blauen Augen der Ver¬ gißmeinnicht und die vollen Tulpenwangen und die blaßwangigen Lilien spielten wie Geschwister, von Fremden geschieden, beisammen, aber Rosen liefen durch Alle. Jetzt hörten die Menschen murmeln und rauschen, die Seen neben ihnen walleten; an einem abgerindeten, auf eine Insel eingepfählten Maienbaum fiengen oben die gelben Tannennadeln zu tropfen an — von den Hängebirken auf der Landzunge glitt ein innerer Regen nieder — aus den beiden Seen neben ihnen flogen Wasserstrahlen wie fliegende Fische gen Himmel — Jetzt quoll es überall, und Reihen von Quellen, diesen Wasser-Kin¬ Titan III . E dern, spielten mit den Blumenkindern — Wie Vögel flatterten Strahlen mit breiten Flügeln aus den Lorbeerhecken und fielen in die Ro¬ sengruppen nieder — an einem Hügel voll Ei¬ chen kroch eine Wasserschlange hinauf — krie¬ gend schossen aus allen Ufer-Mündungen bela¬ gernde Bogen an die Gipfel — Plötzlich fanden sich die überlisteten Zuschauer mit Regenbogen überwölbt, denn die Seen warfen ihre Wasser hoch über sie hinüber, daß durch das Tropfen¬ gegitter die wankende Sonne brannte wie durch eine zersplitterte Juwelenwelt. — Die Kinder schrieen erschrocken. — Die aufgejagten Vögel kreuzten durch den Regen — Nachtschmetter¬ linge wurden niedergeworfen — die Turteltau¬ ben schüttelten sich an die Erde gedrückt in den Güssen — Die Ufer und die Beete hielten ihre blühenden Kleinen dem Himmel unter. — — Nach fünf Minuten war Alles vorbei und nur in allen Blumen und Augen zitterte der nasse Glanz und auf den Wellen die Sterne fort. Die Kinder liefen dem Wunderthäter Karl nach. „Vorbei draußen, (sagte Albano,) aber „nicht in uns. Ich bin heute recht still-froh, „denn Du liebst mich und auch die ganze „Welt ist freundlich. — Bist Du auch glücklich, „Liane?“ — Sie antwortete: „noch froher und ich müßte vor Freude weinen, wenn ich es sagte.“ — Aber sie weinte schon. „Sieh! die Tropfen!“ sagte sie naiv, als er sie anblickte, und nahm seine vom Regenbogen angesprützte sanft von seinen Wangen weg. Sein Mund be¬ rührte ihr heiliges, zärtliches Auge, aber das an¬ dere stand offen und ihr Herz und ihre Liebe blickten ihn daraus an, und nie schwebte ihre heilige Seele ihm näher. Nach wenigen Minuten war auch dieser nach dem Himmel gekehrte Regen vorüber. Sie giengen mitten über den freien Garten den Morgen-Parthien und Thoren zu. Wie lagen in der offnen Welt die Küsten der Za¬ kunft so hell vor ihnen mit dickem, hohem Grün, und Nachtigallen flogen um die Ufer! — Die Entzückung macht das männliche Herz weib¬ licher; die Stimme seiner vollen Brust redete nur leise zu Lianen, auf deren seitwärts und gen Himmel geneigten Angesicht ein stilles, frommes Danken lag, sein feuriger Blick regte E 2 sich nur langsam und ruhte an der schönen Welt, und er gieng ohne hastiges Überschrei¬ ten um die kleinste Landspitze. Die junge Nach¬ tigal wetzte den abgefütterten Schnabel am Zweige und schüttelte sich lustig, die alte sang ein kurzes Wiegenlied und hüpfte mit Tönen nach neuer Kost — Und überall flogen und schrieen die Kinder des Frühlings und ihre Eltern durcheinander — Kleine, weisse Pfauen liefen ungeputzt wie kleine Kinder im Grase — Seelig floß der Schwan zwischen seinen Wel¬ len mit dem weissen Bogen über den unterge¬ tauchten Augen, und seelig schwebte die glän¬ zende Tonmücke wie ein fester Stern unverrückt in den Lüften über einer fernen, blumigen Glocke. — Die Schmetterlinge, fliegende Blumen, und die Blumen, angekettete Schmetterlinge, suchten und überdeckten einander und legten ihre bun¬ ten Flügel an Flügel — Und die Bienen tausch¬ ten Blumen nur gegen Blüthen, und die Rose, die keine Dornen für sie hat, nur gegen die Linde. „Liane, (sagte Alban,) wie lieb' ich „heute durch Dich die ganze Welt, ich möchte „den Blumen einen Kuß geben und in die vol¬ „len Bäume mich drücken; ich könnte nicht dem „langen Käfer da unten in den Weg treten.“ „Sollte man, (versetzte sie,) je anders fühlen? „Wie kann ein Mensch, dacht' ich oft, der eine „Mutter hat und ihre Liebe kennt, das Herz „einer Thiermutter so kränken und zerreissen? „Aber wir vergeben den Thieren, sagt Spener, „auch nicht einmal ihre Tugenden.“ — „Laß „uns zu ihm“ sagt' er. Sie kamen ausserhalb der Morgenthore an dem Bergweg hinter dem Flötenthal oben an dem mittagshellen Häuschen des alten Spe¬ ners an; aber da sie ihn laut lesen und beten hörten, giengen sie lieber in großer Ferne vor¬ über, um seinen heiligen Himmel nicht ein¬ mal ihren Schatten zu werfen. Sie schaueten ins schöne, stille Flötenthal und wollten eben hinein; endlich sprach es zu ihnen mit Einer Flöte hinauf. Ihre Freunde schienen drunten zu seyn. Die Flöte klagte lange einsam und verlassen fort, keine Schwe¬ stern und keine Fontainen rauschten darein. Endlich keuchte neben der Flöte eine scheue, zit¬ ternde Singstimme angestrengt daher. Es war hinter den langen Gesträuchen Rabette. Sie rührte beide in die tiefste Seele, weil die Arme mit dem Arbeiten ihrer unbehülflichen Stimme dem Geliebten das demüthige Opfer des Ge¬ horsams brachte. „O, mein Albano, (sagte Lia¬ ne sich entzückt an ihn schlingend,) welche Süs¬ sigkeit, daß mein Bruder glücklich ist und See¬ lenfrieden hat und durch Deine Schwester!“ — „Er verdient meinen, (sagt' er bewegt,) aber wir wollen sie beide nicht stören, sondern den alten Weg zurückgehen.“ Denn Rabettens Töne wurden oft zerschnitten, aber es war ungewiß, ob von Furcht — oder von Küssen — oder von Rührung. Als sie wieder durchs Morgenthor herein¬ traten: kam die Sängerin und Karl ihnen aus der grünenden Pforte entgegen, beide verweint. Karl, gewaltsam über lebendige Beete tretend und mit irrenden Augen, griff nach beider Hand mit seinen und sagte: „das ist doch ein¬ mal ein Tag auf der Regenwelt, der nicht wie eine Nacht aussieht — Bruder, aber wenn man so innig seelig ist und Sphären vernimmt, so sind's solche Töne, wie man einmal zum Zeichen hörte, daß vom Markus Antonius sein Schutzgott Herkules weiche.“ — So werden die Freuden, wie andere Edelsteine, mechanische Gifte, welche bloß in der Ferne glänzen, aber berührt und verschlungen uns zerschneiden. Aber Albano versetzte lächelnd: „Da Du Dich jetzt fürchtest, Lieber, so hast Du nichts zu fürch¬ ten; denn Du bist nicht rein glücklich. Ich aber fürchte leider nichts.“ — „Bravo! (sagte Karl) Nun geht in Eure Küche, Mädchen!“ Er gieng in den sogenannten „Tempel des Traums“, drang aber bald in die verbotene Küche nach. Albano besuchte Lianens Frühlingsstübchen, Hier mahlt' er sich jenen Glanz-Sonntag zu¬ rück, wo ihn Liane durch Lilar geführet und er ließ die Vergangenheit in die Gegenwart mildernd schimmern; aber diese überstrahlte sie. Draussen im Garten standen und glänzten, so schien es ihm, die reinen Säulen seines Him¬ mels, die Träger seines Tempels, die Bäume; und Alles was er hier neben sich sah, gehörte wieder zu seinem Glück, Lianens Bücher und Bilder und Blumen und jede kleine Zeichnung von ihrer zarten Hand. Endlich trat die Heilige der Rotunda sel¬ ber — jungfräulich erröthend über diese Nähe und über sein Erröthen — herein, um ihn ins kühle Eßzimmer hinabzuholen. Es war klein und dämmernd, aber das Herz bedarf zu seinem Himmel nicht viel Platz und nicht viel Sterne daran, wenn nur der der Liebe aufgegangen. Zu den Tischreden — wodurch erst ein Essen ein menschliches wird — und zu den Scher¬ zen — den feinsten Zwischengerichten, dem Streuzucker des Gesprächs — lieferten die Kin¬ der das Ihrige, zumal da sie, unfähig, vom verbotnen Du zum Sie zu steigen, immer Du - Sie zugleich gebrauchten. Die hochrothe Cha¬ riton machte Auszüge aus Dians Briefen und aus ihrer Lebensgeschichte und aus den Wund¬ zetteln von Pollux Armbruch; sie suchte die Schneeballen zu schätzen, hörte schalkhaft-gläu¬ big auf den Hauptmann hin, der das scherz¬ hafte Ehe-Du gegen Rabette zu fünf Akten verspann und lächelte gern da, wo es verlangt wurde. Am meisten lief die Spielwelle aller Seelen, Karl, fröhlich um; dieser Jupiter, den immer die Finsternisse so vieler Trabanten um¬ flogen, konnte einen großen, heitern Glanz zei¬ gen, wenn er und man wollte. So oft Albano wie vorhin nicht in sein Trauerspiel gieng, zog er den Vorhang eines Lustspiels auf. Der gu¬ ten Rabette war sein Anreden so viel wie sein Anschauen, obwohl sie nur das Letztere erwie¬ derte, um weder ins Du noch Sie zu fallen. Albano, mit Ohren und Augen an Eine Seele geknüpft, konnte mit den Lippen nicht viel mehr hervorbringen als ein seeliges Lächeln; einen Hymnus hätte er leichter gemacht als ein Bonmot, ein Tischgebet leichter als eine Tischrede. Denn seine Liane war heute zu liebreich! So vergnügt und ermunternd schauete das süße Mädchen umher, mit so herzlichem Spiel die gesprächige, neckende Wirthin machend, daß ein Mann, der es sah und an ihren festen, Sterbeglauben dachte, von diesem Tanz um das Grab mit Blumen auf dem Haupt, nur desto inniger gerühret wurde, wenn er auch merkte — oder vielmehr eben darum —, daß sie hier mit dem Scherze selber Scherz treibe, bloß um — nach ihrer neuen moralischen Trauerordnung — ihrem Geliebten jede Schei¬ de-Stunde zu versüßen, sowohl die nächste als die letzte. Aber das war schwer zu merken, weil in weiblichen Seelen jedes Scheinen leicht Wahrheit wird, nicht nur das trübe, auch das frohe. Wie wurde ihr Freund und jeder gute Mensch so froh, weil die Heilige sich selber see¬ lig sprach! Und dann wurde wieder sie es mehr. So schlägt wie zwischen zwei Spiegeln, der Glanz der Wonne zwischen theilnehmenden Herzen in wachsender Vervielfältigung hin und her und wird unabsehlig. 72. Zykel. Die Stunde der Abfahrt rollte auf schnel¬ lern Rädern heran, mehrere Sternbilder der Freude giengen unter als heraufkamen. So grünen die blühenden Weingärten des Lebens immer an einem bergigen Hinauf und Hinab, nie in einer ruhigen Ebene. Die zwei Lieben¬ den brauchten jetzt Stille, keine Gänge. Sie machten den nächsten, den ins Donnerhäus¬ chen. Sie traten in die wehende Vesper-Erde wie in ein neues Land; mitten im Tage wird der Mensch aus Einem Traum nach dem an¬ dern wach und hat immer vergessen und sieht immer verneuet. In Albano stand der goldne Seitenglanz der Freude noch unter der weg¬ rückenden Sonne; er sagte ihr froh, wie oft er sie besuchen würde bei ihren Eltern und wie er diese gewiß befreundet zu finden hofte. Liane mahlte alle seine Hofnungen noch als Tochter und Liebende mit ihren aus. Aber jetzt ließ sie ihr vorhin leichtes Herz, das auf den Blu¬ men des Scherzes sich wiegte, auf dem festern Ernst ausruhen. Wenn im Menschen Friede und Fülle ist, so will er nichts mehr geniessen als sich, jede Bewegung, sogar die körperliche, verschüttet den vollen Nektarkelch. — Sie eilten aus dem lauten, regen Garten ins stille, dunkle Donner¬ häuschen. Aber da sie, wie geschieden von der Welt, die um die Fenster hellglänzend und sich entfernend hinauslag, in der kleinen Dämme¬ rung einsam nebeneinander standen und sich ansahen — und da Albano's Seele war wie ein sonnentrunkenes Gebirge am Abend, licht, warm, fest und schön, und Lianens Seele wie die aufdringende Quelle am Gebirge, die hell¬ rein und kühl und verborgen dahin rinnt, und nur vom Abendstrahl berührt rosenroth glüht — und da diese einzigen Seelen gerade sich fanden in der weiten uneinigen Erde: so durch¬ schauerte sie eine gewaltsame Freude wie ein Gebet, und sie stürzten sich ans Herz und glüh¬ ten weinend und schaueten sich groß an in der Umarmung; — und an der Aeolsharfe thaten sich schnell die Flügelthüren eines begeisterten Konzertsaales auf, und herausschlagende Har¬ monieen wehten vorbei und schnell giengen die Pforten wieder zu. Sie setzten sich ans luftige Morgenfenster, vor welchem die Blumenbühler Berge und Li¬ lars Hügel und Pfade im Sonnenglanze la¬ gen. Um sie war der Abendschatten und Alles still und die Aetherharfe athmete leise. Sie sa¬ hen sich nur an und freueten sich ins Innerste hinein, daß sie einander liebten und bewahr¬ ten. Wie entronnen blickten sie, von dieser Burg beschirmt, hinab in die rauschende, beweg¬ liche Welt; unten blies der Wind die Mohn¬ und Tulpen-Lohe breiter und in die schwere, gelbe Ernte — Die Silperpappeln, ewigen Mai-Schnee tragend, flatterten mit aufge¬ wühltem Glanz — ein Taubenflug rauschte ein¬ tauchend ins Blau hinein — und drüben stan¬ den unter fliegenden Wolken die runden Tem¬ pel Gottes, die Berge, nebeneinander in Rei¬ hen und trugen bald Nächte bald Tage — und der fromme Vater stand allein auf seiner Höhe, und reichte seinem Rehe weiche Äste. „So bleiben wir!“ sagte Albano und drück¬ te ihre liebe Hand mit seinen beiden an sein Herz, „Hier und dort! (sagte sie) — Albano, „wie oft hab' ich gewünscht, Du wärest zu¬ „gleich meine Freundin, damit ich mit Dir von „Dir reden könnte. Wer weiß es auf der Er¬ „de, wie ich Dich achte als ich allein?“ — „Hier und dort? — Liane, ich bin glücklicher „als Du, denn ich allein glaube an unser lan¬ „ ges Leben hier“ sagte er auf einmal ver¬ ändert. Welche Ursache es nun sey — entweder die, daß der Mensch gar nicht gewohnt ist, in einer von aller Zukunft und Vergangenheit abgelöseten reinen Gegenwart glücklich zu seyn, weil sein innerer Himmel wie der physische im¬ mer gerade und nahe über ihm finster-blau aus¬ sieht, und erst um den fernen Horizont herum glänzend — oder daß es ein so zartes über¬ irrdisches Glück giebt, was wie der Mondschein von jeder Wolke zu dunkel wird, indeß rohes wie das Tageslicht die breiteste verträgt — oder daß Albano zu sehr den Männern glich, die immer in der Freude ihre Kräfte so stark fühlen, daß sie lieber den Göttertisch umstoßen als ein Gericht und Himmelsbrod weniger darauf sehen wollen, lieber ganz unglücklich seyn als nicht ganz glücklich; — genug er konnte und wollte der Furcht und dem Verhül¬ len Nichts mehr schuldig seyn. Daher als Liane ihn statt zu beantworten nur umarmte und schwieg, weil sie den ganzen Tag ihrem Versprechen treu bleiben wollte, die Festtapeten schöner Tage mit keinem Trauer¬ tuche auszuschlagen : so sagte er, wie von einem fremden Geiste fortgestoßen, geradezu: „Du be¬ „antwortest Nichts? — Nur Freuden, nicht Lei¬ „den, soll ich theilen? — Du hast Deinen „Schleier nicht? — Mich willst Du schonen „wie einen Schwachen? Und Dich allein drückt „Dein Todes-Glaube fort? — Liane, ich will „auch Schmerzen haben und alle Deine, sag' „Alles!“ — „Wahrlich, nur mein Versprechen wollt' „ich halten, (sagte sie,) und mehr nicht. Aber „was soll ich denn zu Dir sagen, Lieber?“ — „Du stirbst also gewiß nach einem Jahre, „glaubst Du, Abergläubige? — Himmlische!“ sagte er. „Wofern es Gottes Wille so ist, gewiß! „(sagte sie) O mein guter Albano, was kann „ich denn für meinen Glauben, der Dich auch „so schmerzt?“ Und hier konnte sie ihre Thrä¬ nen nicht mehr hindern und alle Kruzifixe der Erinnerung regten sich in der schönen Seele le¬ bendig und bluteten heftig. „Gottes Wille? (fragt' er) — Eben so gut „könnt' er jetzt einen Winter wie einen Eis¬ „berg in diesen frohen Sommer stürzen — — „Gott?“ wiederholt' er, sah auf, kniete hin und betete: o, Du allliebender Gott. . . „Und Du stirbst mir nicht!“ kehrt' er sich wie zornig gegen sie, zum Weiterbeten unfähig vor dem Geschrei seines Herzens, und mit beiden Händen hastig über sein nasses Gesicht wegstreifend — Nun betete er sanfter-zitternd fort: „Nein, Du Allliebender! Tödte nicht dieses „schöne, junge Leben! Lass' uns beisammen, „lang' und fromm!“ Sie kniete unwillkürlich neben ihn — heute matter von Freuden und unbekannten in¬ nern Siegen, sogar vom langen Gehen — desto heftiger angefallen von einer rührenden Wirk¬ lichkeit, da sie von rührenden Phantasien ver¬ wöhnt und erweicht war — und unsäglich lei¬ dend bei Albano's Schmerz — sie konnte nicht reden — wie unter einer schnell aufgeworfnen Last bückte sich ihr Haupt und Hals — und so blickte sie wie vom ganzen Leben schwer um¬ wölkt auf den Boden hin — der umfangende Todesfluß rauschte mit Einem Arm um sie — da sah sie, ohne aufzublicken, irgendwo ihre Karoline im Brautkleide und mit dem weissen, gold-punktirten Schleier ziehen, der sich lang über das Leben wegschleppte, und sie sah es deut¬ deutlich, wie die Gestalt, da Albano um ihr Leben bat, langsam hin und her schüttelte. „Hör' auf zu beten! (rief sie trostlos) Du „harte Erscheinung, erhöre aber mich und ma¬ „che nur Ihn glücklich!“ betete sie, aber sie sah Nichts mehr; und sie verbarg das von Quaalen durchzogne Gesicht mit unaussprechli¬ cher Liebe an seiner Brust. Hier rief ihr Bruder herauf, der Wagen sey da. Sie warf ein schnelles, dünnes Ja hinab. „Trennen wir uns?“ fragte Albano; der Feuerregen der Entzückung war nur als ein finsterer Asthenregen in seine offne Seele zurückgefallen — und darum fuhr er ohne alle Schranken seines Schmerzes fort: „so haben wir uns zum letztenmal gesehen?“ und unter dem geschlossenen Augenliede weinte sein gutes Auge. „Nein, bei dem Allgütigen nein!“ sagte sie und stand auf, um zu gehen. „Bleibe!“ sagt' er und sie blieb und umarmte ihn wieder. „Aber begleite mich nicht!“ bat sie. „Nicht!“ sagt' er und hielt die Wegziehende lang' an den Fingerspitzen; es schmerzte ihn so sehr, da Titan III . F er die auf diese stille Gestalt getriebnen Leiden ansah, daß diese weissen Schwingen der Un¬ schuld sich an seinen Klippen und Berghörnern voll Blut geschlagen. Er zog sie wieder an sich; eh' er sie und sein Heil entließ. Er sah ihr nach, wie sie langsam an dem sonnigen Berg, unter den Zweigen sich trocknend, hinun¬ terschlich und gesenkt lauter heitere, blühende Wege des Vormittags gieng. Er schauete aber nicht nach, da ihr Wagen über den fröhlichen Wald wegrollte; er stand am Morgenfenster und sah seine Kindheits-Berge zittern, weil er seine Augen zu trocknen vergaß. Sechszehnte Jobelperiode. Die Leiden einer Tochter. 73. Zykel. W olken wie die letzten bestanden für Albano weniger aus niederfallenden Tropfen als aus niedersinkendem Staub. Sein Leben war noch ein Treibhaus und stand daher nach der Son¬ nenseite. Jeder Tag brachte eine neue Schutz¬ schrift für die ferne schöne Seele, bis sie am Ende gar keine mehr brauchte. Aber jedem Tage gab er auch einen Ablaßbrief ihres Schweigens mit; später wurden Anstandsbriefe (Morato¬ rien) daraus; endlich als sie immer gar Nichts von sich hören und lesen ließ: so fieng er an, in den obigen Schutzschriften wieder nachzuse¬ hen und Manches darin auszustreichen. F 2 Eben so wenig fand er für sich oder für ein Blatt eine Treppe zu ihr. Sogar der Hauptmann war seit einigen Tagen nach Haarhaar verreiset. Mit müden Hän¬ den hielt er den schweren, ausgetrunknen Freudenbecher, der leer am schwersten wiegt. — Die wilden Hypothesen, welche der Mensch in einem solchen Falle durch sich traben lässet — wie in diesem, z. B. die von Lianens Krank¬ heit, Erkältung, Gefängniß, Abreise — sind in ihrem Wechsel und Werthe mit Nichts zu ver¬ gleichen als mit der eben so großen Wildheit und Zahl der Plane, die er anwirbt und ab¬ dankt, z. B. den der Entführung, des Hasses, der Duelle, der Verzweiflung. Die harte, feststehende Zeit hatte keinen Zeiger auf ihrem Zifferblatte. Er stand seinem Schicksal so nahe wie der Mensch seinen Träu¬ men; ohne daß er beider Gestalt erkennen oder vorbereiten kann. Er gieng oft in die Stadt, deren sämmtliche Gassen durchritten, durch¬ laufen und durchfahren wurden, weil man die Balken zum herrlichsten Throngerüste zusam¬ mentragen und nageln wollte, auf welchen sich die fürstliche Braut bei ihrem Eintrittskompli¬ mente im Lande, am weitesten umsehen konnte; aber er hörte nichts darin von der seinigen, als daß sie öfters mit dem Minister die Bilder¬ gallerie besuche. Dadurch schienen zwei ängstlichen Hypothe¬ sen, die ihrer Krankheit und ihres Hauskriegs, die Stacheln auszufallen. Das Beste, obwohl Schwerste war, geradezu den Minister wie den Vesuv zu besuchen, um da die schönste Aussicht zu haben. Er besuchte den Vesuvius. In der That war dieser Vulkan nie stiller und grüner; er fragte nach Allem und ließ sich über Vieles heraus, was das Vermählungsfest un¬ mittelbar angieng; auch sucht' er seine Hoff¬ nungen und Wünsche nicht zu verbergen, daß der Graf die bewundernswürdige Braut be¬ willkommen helfen werde. Am Ende mußte dieser auch die seinigen über die Weiber zu eröffnen wagen. Der Mi¬ nister versetzte ungemein heiter, daß beide das „brave Fräulein von Wehrfritz“ eben nach Blumenbühl zurückbrächten; und ließ sich so¬ fort aufs Lob dieser „unverdorbnen Natur“ ein. Albano gieng bald, aber viel froher. Auf seinem Wege brannten doch einige Gassen¬ laternen. Aber am Morgen gerieth er in ein Win¬ kelgäßchen, wo keine einzige war; nämlich Ra¬ bette, das Rennthierchen, kam nach Lilar ge¬ laufen, wie gestern nach Pestiz — denn was ist für ein Landfräulein ein Meilenlauf anders als eine gerade Allemande? — und schüttete und schüttelte vor ihm ihr Herz bis auf die Herzohren aus, woraus nichts herausfiel als frohe Bilder, einige Himmel, ein vollständiger Hochzeittag, ein Paar Schwiegereltern und eine Hauptmännin. „Die Ministers waren gegen „mich so höflich gewesen, aber — nachher noch „mehr gegen meine Eltern die Mutter — und „sie haben den Hauptmann so sehr genannt „und gelobt — kurz, sie wissen freilich Alles, „mein herrlicher, herzlieber Bruder!“ sagte sie, — aber von Lianen wußte sie dem herrlichen Bruder Nichts zu bringen, außer ihren Ge¬ sundheitspaß; ihr freudiges Auge hatte sich nach gar keiner dunkeln Gegend gewandt. „Wir waren keine Minute allein, das machts,“ setzte sie dazu und kam wieder auf ihren Haupt¬ mann, den der Minister als Marschkommissarius der einrückenden Fürstin auf die Haarhaarer Straße versendet habe, doch verwies sie ihn auf die Illuminazions-Nacht in Lilar, wo sie und Liane und beiderseitige Eltern dabei zu seyn ausgemacht hätten. Du gutes Geschöpf! wer gönnt Dir nicht den blitzenden Ring der Freu¬ de, den Du an Deiner braun und hart gesot¬ tenen Hand ansiehst, und wer wünschet nicht gern, daß seine Steine nie ausfallen? — Bald darauf flog dem Verlassenen der Bruder der vergangnen Feste an das Herz, Karl. Er wiederholte beinahe Rabettens Aus¬ sagen, obwohl nicht ihre Entzückung; er sagte — aber ohne sonderliche Rührung —, daß der Vater wirklich ihm den Bruderkuß mit einer Kußhand durch mehrere Zimmer zuwerfe, ihn ganz besonders aus- und anzeichne und zu Ge¬ schäften freundlich verbrauche — und das Al¬ les bloß, seitdem er hinter die Liebe gegen Ra¬ bette und das stille Zunicken der Eltern ge¬ kommen sey; denn vom Herzen zwar sey bei dem Vater die Rede nicht, aber doch von Ra¬ bettens Weiberlehn, zumal da man ihm bei der romantischen Wechselreiterei seines Herzens nicht trauen könne, ob er nicht sonst einmal die Ärmste bringe. Mit einer seufzenden Brust, die gern mehr einer erwartenden mitgebracht hätte, erzählte Karl bloß, daß er Lianen gesund und still, aber keine Minute allein gefunden. Die Zusam¬ menhaltung der fremden Dürftigkeit mit dem eignen offnen, reichen Glück war — so glaubte Albano — die schöne, zarte Ursache, warum Karl mit so flüchtiger, kühler Freude über die elterliche Einsegnung seines Seelenbundes weg¬ lief. O, wie liebt' er ihn jetzt! Könnt' er ihn je mehr lieben, so thät' ers, wenn Liane gar seinem Glück verlohren wäre, bloß um sich und ihm zu zeigen, daß die heilige Freundschaft kein drittes Herz begehre, um ein zweites zu lieben. Dieses Gewölke des Schweigens legte sich nun wochenlang und immer finstrer um seine schönsten Höhen fest, und der Schuldlose gieng un¬ ter dem Dunkel im Kreise von Widersprüchen um¬ her. Wie mußte dieser Jüngling sich abarbei¬ ten, wenn er bald dachte, daß die Eltern wol gar eine Verwandtschaft mit ihm ausschlagen, da er doch mehr ihre vergessen als vergelten zu müssen glaubte und daß sie zwei Herzen der politischen Herzlosigkeit opfern könnten — oder wenn er auf die fromme Liane den Verdacht des Weichens vor elterlichen Angriffen fallen ließ, der noch aus der Vergangenheit Zufuhr durch die Vermuthung erhielt, daß sie ihn wol mehr poetisch und fromm und mehr mit Flügeln um¬ halset als mit Armen und daß sie überhaupt an so lange Ergebungen gewöhnt, Opfer und Neigungen kaum absondern und jene für diese halten könne — oder wenn er bald und am öftersten alle diese Waffenspitzen gegen seine eigne Brust kehrte und sich fragte, warum er in der Freundschaft ein so festes Vertrauen habe und in der Liebe ein so wankendes: Dann führte ihn dieser Vorwurf zu einem zweiten über jeden vorigen, den er der guten Seele gemacht, bloß um sie nach der Proselytenmacherei und Reformirsucht, welche die Männer mehr an ihren Weibern als Freunden üben, für seine eigne Gußform einzuschmelzen. Letzteres konnt' er rügen; wie Holberg Dessen moralische Abhandlungen II . 96. bemerkt, daß die Männer Landgüter nicht so gut erhalten als die Weiber, weil jene mehr als diese sie refor¬ miren wollen: aus demselben Grunde verder¬ ben die Liebhaber auch die Weiber mehr als diese jene. Um nur aus dem langsamen Gerichtshof der Zukunft schneller sein Bluturtheil zu holen oder ein schöneres Blatt, gieng er wieder ins ministerielle Haus. Er wurde vom Minister wieder lächelnd und von der Mutter ernst em¬ pfangen und — auf seine Frage — war Liane nicht wohl auf. — Er legte dem alten, sich jetzt wärmer andrängenden, Schoppe, der seit eini¬ ger Zeit neben dem Skalpel des Doktors, wei¬ ter kein Herz studirte als was auszuspritzen und zu präpariren war, eine kurze Frage über des Doktors Besuche beim Minister vor; wie erstaunt' er, da er vernahm, daß Niemand wei¬ ter aus dem Hause welche in jenem mache, da Liane ganz blühend in alle Zirkel fahre, als bloß der Lektor häufigere! Er begriff wohl, daß nur die Medusen¬ köpfe der Eltern das weichste Herz gegen ihn versteinern könnten; aber eben das fand er nicht recht, er foderte keck, daß er von ihr mehr als die Eltern geliebt werde; „nicht aus Egoismus, (sagt' er zu sich,) nicht meinet- son¬ dern ihrentwegen“. Der Liebende will eine große, unbeschreibliche Liebe — von der er sich immer nur als den zufälligen und unwerthen Gegen¬ stand glaubt —, bloß um selber die höchste zu geben. Sogar der schweigende Lektor, der sonst alle neu aufgehende Lichter hinter Licht- und Ofenschir¬ me stellte, theilte ungebeten dem Grafen die Neu¬ igkeit zu, Liane werde bei der kommenden Für¬ stin — etwas, Gesellschaftsdame. Sein alter eifersüchtiger Argwohn über Augusti's Wünsche oder Verhältnisse erlaubte ihm keine Antwort darauf. Jetzt ermannte sich sein Geist und er schrieb geradezu an die Seele, die ihm gehörte; und schickte dem Bruder das Blatt zur Übergabe. — Dieser kam den Tag darauf; schien ihm aber noch keine Antwort zu haben, weil er sie sonst mit dem ersten Gruß gegeben hätte. Karl führte ihn an den Haarhaarer Hof, wo er neulich gewe¬ sen, — sagte, jeder Nerve da hätte Steifstie¬ feln an und jedes Herz einen Reifrock — kam, weiter preisend auf die jüngste, aber angefein¬ detste Prinzessin, Id o ine — erklärte, sie besitze nach allen Vorzügen, z. B. der Heiligkeit, der Güte, des entschiednen Karakters, der sich sogar auf dem Throne sein eignes Loos und Leben aussucht, ferner der Liebenswürdigkeit, da so¬ gar die Niemand liebende Fürstin-Braut an ihrem Herzen hänge, noch den Vorzug der täu¬ schenden Ähnlichkeit mit Lianen. „Hat diese nun mein Blatt?“ fragte Alba¬ no. Karl händigt' es ihm wieder ein: „Bei „Gott! (sagt' er feurig und doch doppelsinnig) „ich konnt' es ihr jetzt nicht beibringen — Aber „Bruder, kannst Du nur eine Minute lang „glauben, sie bleibe nicht ewig die Deinigste?“ — „Ich glaube gar Nichts. (sagte Albano belei¬ „digt und zerriß sein Blatt in Blättchen von „der Größe der Buchstaben darauf.) „Wollen „nur wir, (fuhr er mit gerührter Stimme fort) „— bleiben wie wir sind, fest wie Eisen und „biegsam wie Eisen aus Gluth.“ Der gerührte Freund suchte folgenden Trost hervor: „Er¬ „warte doch nur den Illuminazions-Abend Bei der fürstlichen Vermählung. „— da spricht sie mit Dir — sie muß durch¬ „aus erscheinen und Du sollst Dich wundern, „in welcher Rolle und für wen.“ Er nickte stumm; er setzte sich ihre Rolle leicht aus ihrer Ähnlichkeit mit Idoine und aus ihrem angeb¬ lichen Hofamte zusammen; aber was half es seinem Glück? Mit der Umkehr seines Blättchens, das er wider seinen Ehrgeiz abgeschickt, kam dieser verstärkt zurück. Nun war auf Albano's blu¬ tende Lippe ein heißes Siegel gedrückt; er hat¬ te nun Nichts für und vor sich als die Zeit, die jetzt sein Gift wurde, und erst später, wie er hofte, seine Arzenei. Über sein aufgerufe¬ nes Ehrgefühl wurde überhaupt Nichts Herr; er konnte hinaufsehen zu einer Richtstätte, auf der Blut aufsprang, aber er konnte nicht an einen Pranger schauen, wo unter gift-schwerer, tödtender Pein eigner und fremder Verachtung ein niederblickendes, verworrenes Gesicht auf die sündige Brust hieng. Karl näherte sich zuweilen mit einigen Lich¬ tern dem langen, nächtlichen Räthsel; aber Al¬ bano, so sehr er sie wünschte, machte ihn irre durch Entgegentreten und suchte ihn nicht ein¬ mal auszuhören, geschweige auszufragen. So lag er auf harten, jugendlichen, stachlichten Ro¬ sen — knospen, die eine einzige Stunde zu weichen Rosen aufschließen kann. Siege geben Siege — — wie Niederlagen Niederlagen; er fand jetzt gegen die Empfindungen, die ihn belagerten, wenn nicht einen Entsatz, doch eine auf die Ewigkeit verproviantirte Bergfestung in einer — Sternwarte. Mit ganzer, festzusammenge¬ faßter Seele warf er sich auf die theoretische Sternkunde, um nicht den Tag, und auf die thätige, um nicht die Nacht zu sehen. Die Sternwarte stand zwar auf einem Zwischen¬ berge zwischen der Stadt und Blumenbühl und deckte beide auf; aber er schickte seine Augen nur auf Sternbilder, nicht auf jene rosen¬ rothen Stellen der Erde aus, wo sie jetzt aus den kalten Blumenkelchen nur Wasser statt Honig hätten saugen können. So gieng er unter den Fest-Zurüstungen in Lilar dem lang¬ samen Abend, wo ihn die Gegenwart der schönsten Seele entweder segnen oder zerstören sollte, bewahrt entgegen, vergeblich von Zeit zu Zeit zum fernen Telegraphen seines Schicksals aufblickend, der sich immer bewegte, ungewiß ob friedlich oder kriegerisch. 74. Zykel. Die Siegel von den inrotulirten Akten der bisherigen Geschichte zur Einsicht abzuneh¬ men — oder die blinden Fenster derselben ab- und die wahren aufreissen — oder so viele be¬ deckte Wege und Wagen aufdecken — oder endlich die ganze Sache — — das sind lauter Metaphern — und die unähnlichsten dazu —, welche zu Nichts dienen können als die lang' erwartete Auflösung, welche sie beschreiben wol¬ len, nur noch länger und verdrüßlicher aufzu¬ halten; vielmehr glaub' ich wird besser der ganze Kriegs- und Friedensetat im ministeriellen Pallaste sogleich frei entblößet wie folgt: Herr von Froulay war, wie schon gedacht, mit einem belle-vue im Gesicht und mit einem mon-plaisir im Herzen (falls diese Wendungen nicht mehr gesucht als ausgesucht scheinen) von Haarhaar nach Hause gekommen. Er sagte seiner Frau offen, was ihn bisher so lange aufgehalten und bezaubert — die künftige Für¬ stin, die für ihn mehr als gewöhnliche Neigung gefasset habe. Er warf ein volles, prahlendes Licht auf ihren bereicherten Verstand — weiter lobt' er an Frauen Nichts Bei den Egyptern waren die Zauberer nur Ge¬ lehrte; bei ihm die Gelehrten Zauberinnen. —, so wie einen schwachen Streifschatten auf der Seinigen ihren; und schätzte sich glücklich mit der Eroberung einer Person, deren feine, fortgesetzte Koketterie (sagt' er,) er seines Orts als Muster empfehlen könne, und deren Neigung er, das verhehl' er gar nicht, auf halbem Weg' erwidere, aber aber nur auf halbem, da der Herzog von Lauzün Memoires secrets sur les règnes de Louis XIV . etc . par Duclos . T . I . so wahr behaupte: um die Liebe von Prinzessinnen zu behalten, so halte man sie nur recht hart und kurz. Im alten Manne schiesset sonach wie wir sehen ganz spät — nicht un¬ gleich den frischen Zähnen —, die oft Greise erst als Neunziger trieben — ein Liebhaber- Herz unter dem Stern an; allein es ist mehr zu wünschen als zu hoffen, er werde dabei son¬ derlich den Lächerlichen spielen. Denn da er die ganze Woche das Steuerruder des Staats entweder auf der Ruderbank, um es zu bewe¬ gen, oder auf der Schnitzbank hält, um es für den Fürsten fein und leicht zuzuschnitzen: so ist er Sonnabends so müde, daß ihn kein Virgil und kein Gewitter bereden könnte, — und hätt' er nicht mehr Schritte dahin als Virgils Hexameter Füße oder Moses Gebote — eine Dido aus dem Sturm in die nächste Höhle zu begleiten. Er thuts nicht. Eben so frei wie Titan III . G von sinnlicher Liebe bleibt er von sentimentali¬ scher und weinerlicher, zumal da er besorgt, daß diese ihn am Ende in jene verflechte, weil sie wie ein Mollton eine ganz andere Tonleiter hat rückwärts als hinaufwärtssteigend. Das Ironische und Stachliche am Mann machte ihm wie andern Weltleuten jede Vermählung — auch die der Seelen — am Ende so sauer als den Igeln die Stacheln die ihrige. Er hebt also in Zukunft für die Fürstin nur eine kalte, politische, kokette, höfliche Liebe auf, wie sie wol selber hat und wie er braucht, um weniger sie als von ihr zu erobern, und zuerst den ganzen Fürsten. Ich verspreche mir Welt- Leser, die hoffentlich keine Beleidigung für die¬ sen in Froulays Neigung für jene finden; denn sobald nur einmal der Hofprediger die kopu¬ lirende Hand auf die Fürstin gelegt, so hat dieser Haushofmeister gleichsam den Schnitt Bekanntlich wird ein Schnitt in einen ganzge¬ bliebnen Vogel ꝛc. zum Zeichen gemacht, daß er auf der fürstlichen Tafel gewesen, damit er nicht wieder aufgesetzt werde, sondern sonst genossen. in die Pfauhenne gethan, und sie kann dann unangerührt abgehoben und an andern Orten verspeiset werden. Ich habe im zweiten Bande schon die Be¬ sorgniß der Ministerin mitgetheilt, daß der Minister, wenn er (in diesem) wiederkäme und Liane nicht zu Hause fände, keifen würde; aber wider Erwarten genehmigte er; ihr Ge¬ brauch des Dorfluft-Bads schlug recht in seine Absicht ein, sie ins Dampfbad der Hofluft zu treiben. Er sagte der Mutter, es sey ihm nicht mißfällig, daß sie sich jetzt gar ausheile, da die neue Fürstin sie zu ihrer Gesellschaftsdame er¬ lesen werde auf sein Wort. Er konnte nicht drei Minuten einen Zepter oder ein Zepterlein neben sich liegen sehen, ohne dessen Polarität für sich zu probiren, und damit etwas entwe¬ der zu ziehen oder zu stoßen. Wie der be¬ rühmte Gottesgelehrte Spener — ein Vorfahr des unsrigen — so schön täglich zu Gott drei¬ mal für seine Freunde bat: so findet man mit ähnlicher Freude, daß der Hofmann bei seinem Gotte, dem Fürsten, täglich ein wenig für seine Freunde bittet und etwas haben will. G 2 Die Ministerin, gegen seine wechselnden Plane nie im Entwerfen sondern erst im Aus¬ führen kriegend, vertrug sich mit seinem neue¬ sten leicht, weil er wenigstens mit dem alten der Bouverotischen Verlobung eher in keiner helfenden Gemeinschaft zu stehen schien. — Eines Abends landete leider der fatale, ängstliche Lektor — der das kleinste Visiten¬ blatt an eine Fuldaische Geschichtskarte an¬ klebte — vor ihr mit seinem Postschiff an, und stieg mit den Staats- und Reichsanzeigen von ihren beiden Kindern unter beiden Armen — unter jedem hatt' er eines — ans Land; und doch warum fahr' ich über den Mann her? Konnte ein Doppelroman, zumal im Freien gespielt, verborgner bleiben als sonst ein ein¬ facher? — Ihr Erstaunen kann nur mit dem größe¬ ren ihres Gemahls verglichen werden, der zu¬ fällig im dritten Zimmer sein blechernes Ohr — von Schropp aus Magdeburg —, um auf die Bedienten zu horchen, eingeschraubt hatte, und der jetzt Manches vernahm. Doch hatte das Doppel-Ohr von Augusti's leisen Hoflippen nur einzelne, lange, eigne Namen, wie Roquai¬ rol und Zesara mit den weiten Maschen seines Nachtgarns aufgefischt. Kaum war der leise Lek¬ tor hinaus, so trat er mit dem Ohr in der Hand froh ins Zimmer herein und foderte ihr einen Bericht von den Berichten ab. Er hielt es un¬ ter seiner Würde, je seinen Argwohn — der sich auch in der freundlichsten und frohesten Laune seine Argus-Ohren und Augen nicht zu¬ machen ließ — oder sein Horchen nur mit einer Sylbe oder Schamröthe zu verkleistern oder zu decken; die schönen Lilien der ungefärbtesten Unverschämtheit waren ihm nicht aufgemalt, sondern eingebrannt. Die Ministerin ergriff sogleich die weibliche Parthei, die Wahrheit zu sagen — zur Hälfte; nämlich die angenehme von Roquairols gut aufgenommenen Annähe¬ rungen zum Wehrfritzischen Hause, dessen Land¬ gut und Landschaftsdirektorat recht anpassend dem Schwiegervater angegossen waren. Indeß hatte dieser in der Gattin Antlitz den Trauer¬ rand um dieses frohe Notifikazionsschreiben viel zu klar und breit gesehen, um nicht nach dem vortönenden Wort Zesara, das sein zart¬ höriger Blech-Sucher auch mit aufgefasset, obwohl vergeblich zu erkundigen; denn die Mutter hatte ihre fromme Tochter zu lieb, um ihr diesen Wolf in ihr Eden nachzuhetzen; sie hoffte sie daraus auf eine sanftere Art durch Gottesstimme und Engel zu bringen; und um¬ gieng seine Frage. Aber der Wolf rannte nun auf seiner Fähr¬ te weiter; er bekam Darmgicht — so wurde dem Doktor Sphex gesagt — foderte von diesem schnelle Hülfe und auch einige Nachrich¬ ten von feinem Miethsmann, dem Grafen. Herr und Madam Sphex waren ohnedies dem aufgeblasenen Jüngling so gram — durch ihre ausgeschickten vier Kinder, als enfans per¬ dus in jedem Sinn als vier Gehörknochen je¬ der Stadt-Sage war viel von Blumenbühl und Lilar auf Avisjachten heimzubringen. — — Kurz die Gehörknochen griffen in fremde so gut ein, daß Froulay in einigen Tagen im Stande war, mit seiner Lilienstirn bei der Griechin nach einem Briefe an seinen Sohn zu fragen, den er mitnehmen wolle. Er fand einen, den er recht freudig er¬ brach, ohne doch etwas von Albano's oder Lia¬ nens Hand darin zu finden, ausgenommen ei¬ nige dumme Anspielungen Rabettens auf jenes Paar, welche für den Minister so viel waren, als hätt' er mit seinen scharfen Mauthners Suchnadeln in Lianens Herz gebohrt und darin auf das konterbande getroffen. Ohne langes, knechtisches Kopiren des vorigen Siegels, setzte er das zweite auf den Brief und gieng erleuch¬ tet davon. Wir können ihm alle nachfolgen, wenn wir uns nur wenige Minuten zu seiner Recht¬ fertigung aufgehalten haben bei meinem Schutz- und Stichblatt für das zweite Briefsiegel in Staatssachen. Ob dem alten Froulay das Examinatorium fremder Briefe als Minister oder als Vater zustehe — wiewohl dieser jenen, der Landes¬ vater jeden andern Vater und seinen eignen dazu voraussetzt — das will ich nicht entscheiden, ausser durch die eben hergesetzte Parenthese. Der Staat, der die Postpferde vor die Briefe spannt, hat, scheint es, das Recht, diesen nicht sowohl blinden als blind machenden Passagie¬ ren genauer unter das geschlossene Siegel-Vi¬ sier zu sehen, um zu wissen, ob er nicht seinen Feinden Pferde vorlege. Der Staat, ein immer ziehender Lichtmagnet, will ja nur Licht in der Sache, und besonders Licht über alles Licht überhaupt; er verlangt nur die Wahrheit ganz nackt, ohne Couvert; Alles was durch seine Thore reitet und fährt, soll nur, sey es auch in ein Couvert gekleidet, den rothen Mund auf machen und sagen, was für Name und für Geschäfte. — Da der gemeine Soldat seine Briefe vor¬ her seinem Offizier vorweisen muß — der Bastillen-Garnisonist seine dem Gouverneur — der Mönch seine dem Prior — der amerika¬ nische Kolonist seine dem Holländer S. Klockenbrings gesammelte Aufsätze. (damit er sie verbrenne, wenn sie über ihn klagen) —: so kann wol kein Staatsmann, er mag nun den Staat für eine Kaserne — oder für eine Engelsburg — oder für ein monasterium du¬ plex — oder für eine europäische Besitzung in Europa ansehen, ihm das Recht abspre¬ chen, sich alle Briefe so offen zu erhalten wie Fracht-, Adels-, Kauf- und Apostelbriefe es sind. Der einzige Fehler ist bloß, daß er die Briefe nicht eher vorbekommt als zugepicht und zugesperrt; das ist unmoralisch genug; denn es nöthigt die Regierung, auf- und zuzuma¬ chen, — den Brief aus der Scheide zu ziehen und in sie zu stecken, wie der Koch mühsam die Schnecke aus ihrer Schaale drehet und dann, sobald sie vom Feuer weg ist, in diese wieder zurückgeschoben aufsetzt. Letzteres ist der Punkt und Hauptwind, der uns weiter zu führen hat. Denn so allge¬ mein es auch anerkannt, so wie Observanz sey, daß die Regierung aus demselben Grunde, wor¬ aus sie den letzten Willen öffnet, auch jeden vor¬ vorletzten, und endlich den ersten müsse früher entsiegeln können als der Erbe desselben — und daß ein Fürst noch viel leichter Diener-Briefe in dieselbe Entzifferungskanzlei (und in ihr Vorzimmer, die Entsieglungskammer) müsse ziehen können, worin Fürsten- und Legaten- Briefe aufgehen vor der Springwurzel —: so ist doch das Korkziehen der Briefe — das Kop¬ pelsiegel — das Vikariatsiegel — das mühsame Nachmachen des L . S . oder Loco Sigilli etwas sehr Verdrüßliches und beinahe Abscheuliches; aus dem Unrecht muß daher ein Recht ge¬ macht werden durch gesetzliche Wiederholung. Etwas davon würde, hoff' ich, seyn, wenn befohlen würde, die Briefe nur auf Stempel¬ papier zu schreiben; ein dazu eingesetztes Schau- und Stempelämtchen läse dann vorher Alles durch. Oder man könnte die Pitschafte, als Münz¬ stempel für Privatmünzen, nicht mehr zulassen. Es schlüge sich dann eine Siegel-Kammer mit großen Rechten ins Mittel und verpetschirte, wie jetzt den Nachlaß der Verstorbnen, als¬ dann der Lebendigen ihren. Oder — was vielleicht vorzuziehen — eine Brief-Zensur müßte anfangen. Ungedruckte Zeitungen, nouvelles à la main nämlich Briefe können, weil sie noch größere Geheimnisse aus¬ tragen, nie eine größere Zensurfreiheit fodern als gedruckte Zeitungen geniessen; besonders da jeder Brief jetzt so leicht ein umherrennen¬ der Zirkelbrief wird. Ein Katalog verbotener Briefe ( index ex purgandarum ) wäre dann für den Korrespondenten immer ein Wort. Oder man vereide die Postmeister, daß sie treue Referendarien alles dessen werden, was sie Wichtiges oder Bedenkliches in den Briefen angetroffen, die sie vor deren Abgang auf die geistige Briefwage gelegt und mit der Hoff¬ nung wieder zugemacht, sie nach dem Leibnizi¬ schen Prinzip des nichtzuunterscheidenden Sie¬ gels weiter zu schicken. Findet der Staat alle diese Wege, Briefe zu lesen und zu schliessen, neu und hart: so mag er auf seinem fortfahren, sie aufzumachen. Lachend flog Froulay zur Frau und be¬ theuerte, ihre Falschheit gegen ihn sey ihm gar nichts Neues — ihren gegenwärtigen Plan, bloß um dem H. v. Bouverot und ihm entge¬ gen zu arbeiten, versteh' er ganz wohl — da¬ her habe Rabette herein, die Tochter hinaus gemußt — inzwischen woll' er der Heuchlerin und Betschwester und wer es sey, zeigen, daß sie nicht bloß eine Mutter habe, sondern auch einen Vater. — „Sie muß sogleich herein; je la ferai damer Damer oder zur Dame machen mußte der Kö¬ nig vorher ein unverheirathetes Mädchen vom Stande, eh' es nach Versailles an den Hof ge¬ hen durfte. , mais sans Vous et sans Mr . le Comte “, beschloß er mit Anspielung auf die Hofdamenstelle. Aber die Ministerin fieng — gemäß ihrer harten Verachtung gegen seine Projekte und Kräfte — mit jener Kälte, die jeden Warmen mehr erbittert hätte als diesen Kalten, an, ihm zu sagen, daß sie Lianens und des Grafen Liebe noch mehr mißbilligen und bekriegen müsse als er —daß sie bloß im zu weit getriebenen und sonst nie widerlegten Vertrauen auf Lianens offne Seele lieber ihr als sich geglaubt und sie bei so manchen Zeichen der Neigung Albano's, nach Blumenbühl gelassen — Laß sie aber ihm ihr Wort hier gebe, mit gleichem Feuer gegen den Grafen zu wirken wie gegen den deutschen Herrn, und daß sie, so wie sie Lianen kenne, des schönsten leichten Erfolges fast versichert sey. Allerdings war ihm das unerwartet und — unglaublich, zumal nach dem vorigen Verschwei¬ gen; nur die feinste Männerseele sondert in der weiblichen die zusammenlaufenden Gränzen der Selbsttäuschung und der willkürlichen Täu¬ schung ab, der Schwäche und des Trugs, des Zufalls und des Entschlusses; die Ministerin ohnehin gehörte unter die Weiber, die man erst lieben muß um sie zu kennen, was sich sonst umkehret. Er akzeptirte auf der Einen Seite gern das Bekenntniß der Beistimmung und Mitwirkung — bloß um es künftig als Waffe gegen sie zu wenden —; konnt' aber auf der andern ihr nicht verbergen, daß sie also wieder (so sprach er stets) nach eignem Geständniß über ihre Kinder aus Mangel an Argwohn fehlgesehen habe. Er behielt die Ge¬ wohnheit bei, auf eine offenherzige Seele, die ihm ihre Lücken zeigte, durch diese Lücken, als hab' er sie selber gebrochen, gewaffnet einzu¬ dringen. Das Beichtkind, das vor ihm um Vergebung knieete, drückt' er tiefer nieder, und zog statt des Löseschlüssels den Hammer des Gesetzes hervor. Ich bin hier den Spaniern, die mich einst aus schlechten Übersetzungen kennen lernen, und der österreichischen goldnen Vlies-Ritterschaft, die vielleicht das Original im Nachdruck lieset, es schuldig, die Ursachen anzugeben, warum nicht das Froulaysche Haus Freudenfeste — statt Hoftrauer — ansagen ließ bei dieser An¬ näherung ihres Ordenssohnes, eines spanischen Großen, der oft einen deutschen Fürstenzepter als Elle an sich legt. — Denn jeder Spanier muß sich bisher darüber gewundert haben. Ich antworte jeder Nazion. Die Frou¬ lays hatten gegen die Verbindung erstlich Nichts als die — Gewißheit der Trennung; da aus demselben Grunde, den mir die Vliesritter und Spanier entgegengesetzt, der alte Gaspard de Cesara auf keine Weise eine Brücke zwischen seinem Gotthard und der Jungfrau kann schla¬ gen lassen. Zweitens konnte eben darum der Minister dieser romantischen Liebe eine viel äl¬ tere, weisere, die er für den deutschen Herrn und dessen Gelder und Liaisons trug, entgegen¬ stellen, so wie des Vliesritters alten Groll. Drittens hatte die Ministerin ausser denselben Gründen — und ausser einigen für den Lektor vielleicht — noch einen ganz entscheidenden, und der war: sie konnte den Grafen nicht aus¬ stehen: nicht bloß allein darum, weil sie eine harte Ähnlichkeit zwischen ihm und ihrem Sohne und sogar Gemahle ausfand im Stolze, im Aufbrausen, in genialischer Wildheit gegen ar¬ me Eheweiber, im Mangel an religiöser De¬ muth und Gläubigkeit, sondern sie konnte ihn vorzüglich deshalb nicht gut ausstehen, weil sie ihn nicht — leiden konnte. Wie das System der Prädestinazion einige Menschen zur Hölle ver¬ urtheilt, sie mögen nachher den Himmel verdie¬ nen oder nicht: so nimmt eine Frau den Haß, zu welchem sie jemand einmal verdammte, nicht wieder zurück, es mögen Land und Stadt, Gott, die Jahre und der Person Tugenden da¬ gegen sagen was sie wollen. Im Friedensschlusse des gewöhnlichen Zim¬ merkriegs wurden zwischen den Eheleuten die¬ se geheimen Artikel ausgemacht: der Graf muß des Vaters und des Direktors wegen mit höflichster Achtung behandelt und bei Seite geschoben werden — und Liane sanft und lang¬ sam von Wehrfritzens Hause abgelöset — die ganze Scheidung des Verlöbnisses muß ohne elterliche Einmischung bloß durch die absprin¬ gende Tochter selber zu geschehen scheinen — und Alles ein Geheimniß bleiben. Froulay hoffte, vor Lianens früherem Verlobten, dem teut¬ schen Herrn, den ganzen Zwischenakt geheim zu halten, da er zumal jetzt im August mehr an den Spieltischen der Bäder als zu Hause war. So blieb es; und in dieses kalte, schauer¬ liche Geklüft zog die freundliche Liane hinein, als sie an jenem lebenswarmen Sonntag das seelige, offne Lilar verließ. Geläutert und ge¬ heiligt von der Freude — denn jeder Himmel wurde ihr ein reinigendes Fegefeuer — kam sie edel an die Mutterbrust, ohne den fremden Ernst des Empfangs zu merken vor eignem. Ihr leichtes Geständniß der Gartengesellschaft öffnete die harte Szene — fast in der Kulisse. Denn die Mutter, die anders anfangen woll¬ te, mußte sogleich auf den Donnerwagen stei¬ gen, um gegen das unbegreifliche Vergessen der weiblichen Schicklichkeit zu blitzen und zu donnern; und doch hielt sie die Donnerpferde mitten im Laufe inne, um Lianen sogleich, da der Mi¬ Minister jede Minute kommen konnte, das Verschweigen der heutigen Gartengesellschaft aufzulegen. Nun warf sie den tiefsten Schlag¬ schatten auf ihre bisherige stumme Falschheit gegen eine Mutter; denn sie verlegte die Säe- und Blüthezeit dieser Liebe eigenmächtig schon in die Tage vor der Reise aufs Land. Wie erschrak die warme Seele über die Möglichkeit einer solchen Lieblosigkeit! Sie führte so weit sie nur konnte die Mutter den reinen, lichten Perlenbach ihrer Geschichte und Liebe hinauf und sagte Alles, was wir wissen, aber ohne sehr zu befriedigen, weil sie gerade die Haupt¬ sache ausließ; denn aus Schonung gegen die Mutter mußte sie die erscheinende Karoline, die anfangs die Bilderstürmerin ihrer Liebe und dann die begeisternde Muse und Braut¬ führerin derselben gewesen, mit dem Todten¬ schein der Zukunft in der Erzählung unsichtbar bleiben lassen. — Sie hielt mit inbrünstigem Druck die müt¬ terliche Hand unter immer frohern Versicherun¬ gen, wie sie ihr hab' immer Alles sagen wollen; sie dachte hoffend, sie brauche Nichts zu retten Titan III . H als ihr offnes Herz. O, Du hast mehr zu retten, Dein warmes, Dein ganzes und leben¬ diges! — Die Mutter tadelte nun ihr aus al¬ ter Gewohnheit halb glaubend, nichts weiter als die ganze Sache, ihre Unschicklichkeit, Un¬ möglichkeit, Tollheit. „O, gute Mutter, (sagte Liane bloß immer sanft unter dem harten Ab¬ malen des künftigen Albano,) o, so ist er nicht, gewiß nicht!“ — Eben so sanft sah sie über das mit schwarzen Strichen vorgezeichnete Nein Don Gaspards weg, weil für ihren Glauben die Erde nur ein im Aether hängender, blühender Grabeshügel war: „ach, (sagte sie, ihre Erden- Eile meinend,) unsere Liebe ist so wichtig nicht.“ Die Mutter nahm dieses Wort und den gan¬ zen sanften Widerstand für Vorspiele des leichten Siegs. Jetzt gieng Albano's Schwiegervater her¬ ein, mit einer Heerpaucke, Sturmglocke, Feuer¬ trommel und Klapperschlange im Gürtel, um sich damit vernehmlich zu machen. Zuerst fragt' er — er hatte vergeblich gehorcht — ganz er¬ boßet die Ministerin, wohin sie sein Ohr ver¬ steckt habe — (es war das blecherne Koppelohr, worin sich, wie in einem venezianischen Löwen¬ kopfe alle Geheimnisse und Anklagen der gan¬ zen Dienerschaft und Familie sammleten) — jetzt brauch' ers ein wenig, zumal seit den neue¬ sten „Avanturen der frommen Tochter da!“ — Die Siamer Ärzte fangen die Heilung eines Patienten damit an, daß sie ihn mit Füßen treten, welches sie Erweichen nennen. Auf ähn¬ liche Art erweichte Froulay gern zur moralischen Vor-Kur; und begann daher sich mit den ge¬ dachten Sprachmaschinen im Gürtel, deutlich zu erklären über umschlagende Kinder — über deren Ränke und Schliche — und über Lieb¬ schaften hinter Väterrücken — (so daß kein Vater einen Band Liebesgedichte vorn mit der Prosa-Vorrede begleiten kann) — versah vie¬ les mit den stärksten politischen Gründen, die sich alle auf ihn selber und seinen Nutzen be¬ zogen — und schloß mit einigem Verfluchen. Liane hörte ihn ruhig und an solche, wie am Gleicher täglich wiederkehrende Gewitter¬ güsse schon gewohnt, ohne andere Bewegung an, außer daß sie oft das niederschlagende Auge zu, ihm bedauernd aufhob aus zärtlichem Mit¬ H 2 leiden mit dem väterlichen Mißvergnügen. In der Stille wurd' er am lautesten: „Sie sorgen „dafür, Madam, (sagt' er,) daß sie morgen „Vormittags dem Grafen was sie von ihm „hat sammt dem Abschied schickt, und ihm ihr „neues Amt als eine leichte Entschuldigung „notifizirt — Du wirst Hofdame bei der re¬ „gierenden Fürstin — ob Du gleich es nicht „werth warest, daß ich für Dich arbeitete.“ — „Das ist hart“ rief Liane mit zerbrechen¬ dem Herzen an ihre Mutter fallend. Er glaub¬ te, sie meine die Trennung von Albano, nicht die von der Mutter; und fragte zornig: war¬ um? — „Vater, ich will so gern (sagte sie und wandte nur ihr Angesicht aus der Umar¬ mung) bei meiner Mutter sterben!“ Er lachte, aber die Ministerin machte selber den Flammen, die er noch wollte herausschlagen lassen, die Höllenpforte zu, und versicherte ihn, es sey genug, Liane werde gewiß ihren Eltern gehorchen, und sie selber wolle dafür Bürge seyn. Der Gesetzprediger stieg seine Kanzel¬ treppe mit einem vernehmlichen Stoßgebet um eine bessere Bürgschaft und unter dem Zurück¬ rufen herab, sein Ohr müsse morgen her, und soll' ers in allen Schränken selber suchen. Die Mutter schwieg nun und ließ die Tochter sanft an ihrem Halse weinen; beiden war nach dieser Seelen-Dürre der Trank der Liebe Erfrischung und Arzenei. Sie liessen ein¬ ander ausgeheitert aus den Armen los, aber beide mit ganz irrenden Hoffnungen. 75. Zykel. Ein harter, schwarzer Morgen! — Nur der athmosphärische draussen war dunkelblau, nichts war stürmisch und laut als etwan die Bienenflüge im Lindendickigt, der Himmelsäther schien über die steinernen Gassen hoch wegzu¬ flattern, um im hellen, offnen Lilar sich tief in alle Gipfel und Spitzen einzusenken und blau wie Pfauengefieder aus den Zweigen zu schillern. Liane fand auf ihrem Schreibtisch ein Bil¬ let in Großquart gebrochen, worin der wie ein Herz ewig arbeitende Minister schon am frü¬ hen Morgen eh' er für die einzelnen Regie¬ rungs- und Kammerräthe die zur Fruchtbarkeit nöthigen Strichgewitter aus den Akten aufge¬ zogen, auf die schauernde Tochter mit einem kalten Morgenwolkenbruche niederzugehen such¬ te. Im gedachten Dekretalbriefchen setzt' ers auf anderthalb Bogen mehr auseinander, was er gestern gemeint — Scheidung auf der Stel¬ le — und bog sechs Scheidungsgründe an, — erstlich sein verstimmtes Verhältniß mit dem Vliesritter — zweitens ihre und des Grafen Jugend — drittens die nahe Hofdamenstelle — viertens sey sie seine Tochter und dieses das erste Opfer, auf welches ihr Vater für alle seine bisherigen Anspruch mache — fünftens sehe sie an seinem nachsichtigen Ja zur Liebe ihres Bruders, dessen anscheinende Besserung er ihr zum Vorbilde vorhalte, daß er nur für das Glück seiner Kinder lebe und sorge — sechstens send' er sie in die Festung * * * zu seinem Bruder, dem Kommendanten, falls sie wider¬ spenstig sey, um sie zu entfernen, zu bestrafen und zu rechte zu bringen, und weder Weinen noch Fußfallen, noch Mutter noch Hölle sollen ihn beugen; und er schenk' ihr drei Tage Zeit zur Vernunft. — Sie gab stumm mit nassen Augen ihrer bisherigen Trösterin das schwere Blatt. Aber aus dieser wurde eine Richterin: „was willst Du thun?“ (sagte die Ministerin) — „Ich will leiden, (sagte Liane,) damit Er nicht leide; wie könnt' ich so sehr gegen Ihn sündigen?“ — Die Mutter nahm entweder im wirklichen alten Wahne ihrer leichten Bekehrung, oder aus Ver¬ stellung jenen Er für den Vater und fragte: „mich nennst Du nicht?“ Liane erröthete über die Vertauschung und sagte: „ach, ich Arme, ich will ja nicht glücklich seyn, nur treu.“ — Wie hatte sie nicht in dieser Nacht zwischen bangen Kriegen aller ihrer innern Engel betend gelebt und geweint! Eine so schuldlose, von der heiligen Freundin im Himmel eingesegnete Lie¬ be — eine vom frühen Tode so sehr abgekürz¬ te Treue — ein so fester, mit hohem, fruchttra¬ gendem Gipfel gen Himmel wachsender Jüng¬ ling, den nicht einmal Geisterstimmen aus sei¬ ner treuen Kindheitsliebe gegen sie Unbedeu¬ tende schrecken oder locken konnten — der ewi¬ ge Unwille und Gram, den er über die erste, größte Lüge gegen sein Herz empfinden würde — ihre kurze Durchgangsgerechtigkeit durchs Leben und die nahe Wegscheide, an der sie nicht Steine, sondern Blumen auf die andern Pilger zurückwerfen wollte — alle diese Ge¬ stalten nahmen sie an der Einen Hand um sie von der Mutter wegzuziehen, die ihr mit den Worten nachrief: sieh wie Du undankbar von mir gehst und ich habe so lange für Dich er¬ tragen und gethan. Da zog Liane wieder aus dem warm-dunkeln Rosenthal der Liebe in die trockne, platte Erdfläche eines Lebens zurück, worin sich Nichts hebt als ihr letzter Hügel. O, wie blickte sie bittend zu den Sternen auf, ob sie sich nicht als Augen ihrer Karoline reg¬ ten und ihr es sagten, wie sie sich opfern soll¬ te, ob für den Geliebten oder für die Eltern; allein, die Sterne standen freundlich, kalt und still am festen Himmel. Aber als die Morgensonne wieder ihr Herz anstrahlte, schlug es hoffend und von neuem gestärkt vom Entschluß, für Albano heu¬ te recht viele Leiden zu erdulden, ach, ja erst die ersten; konnte Karoline, dachte sie, eine Liebe bejahen, der ich untreu seyn müßte? — Kaum war sie mit dem Morgengruß von den Lippen der Mutter weg, so suchte diese, aber ernster als gestern, die Wurzeln dieses festen Herzens aus seinem fremden Boden zu rücken durch den längern Gebrauch der gestri¬ gen Blumenheber. Sie wurde in der verglei¬ chenden Anatomie zwischen Albano und Ro¬ quairol von der gleichen Stimme an bis zur ähnlichen Taille immer schneidender, bis Liane mit dem Mädchenwitz auf einmal fragte: „aber warum darf denn mein Bruder Rabet¬ „ten lieben?“ — „ quelle comparaison ! (sagte die „Mutter) Bist Du nichts Bessers als Sie?“ — „Sie thut eigentlich viel mehr als ich“ sagte sie ganz aufrichtig. — „Strittest Du nie mit dem wilden Zesara?“ fragte die Mutter. — „Nie, ausser wenn ich Unrecht hatte,“ sagte sie un¬ schuldig. Erschrocken nahm die Mutter immer heller wahr, daß sie tiefere und stärkere Wurzeln als leichte Blumen schlagen auszuziehen habe; sie sammlete alle ihre mütterlichen Anziehungskräfte und Hebemaschinen auf Einen Punkt zum Sturze der stillen, grünen Myrthe; sie entdeckte ihr des Ministers schwarzen Verlobungsplan mit dem deutschen Herrn, ihre bisherigen verschwiege¬ nen Kriege und Seufzer darüber, ihren bisher zu¬ rückdrängenden Widerstand und die neueste väter¬ liche Kriegslist, sie zur Festungsgefangnen bei sei¬ nem Bruder zu machen und dadurch wahrschein¬ lich den H. von Bouverot zum Festungsbelage¬ rer. — — Für einige Leser und Relikten aus dem schwerfälligen, goldnen Zeitalter der Moral wird hier die Anmerkung gesetzt und gedruckt: daß eine besondere kalte, nichts schonende, oft grausame und empörende Offenherzigkeit über die nächsten Verwandten und über die zartesten Verhältnisse in den höhern Ständen so sehr zu Hause ist, daß auch die schönern Seelen — worunter doch diese Mutter gehört — es gar nicht anders wissen und machen. „O, Du beste Mutter!“ rief Liane erschüt¬ tert, aber nicht vom Gedanken an die Klapper und den Schlangenathem Bouverots oder an dessen Mordsprung nach ihrem Herzen — sie dachte so kaltblütig an sein Verloben wie je¬ der Unschuldige an sein Sterben auf einem Blutgerüste — sondern vom Gedanken an das lange Überbauen der mütterlichen Thränen, der mütterlichen Liebesquellen, welche bisher nährend tief unter ihren Blumen geflossen wa¬ ren; sie warf sich dankend zwischen diese hel¬ fenden Arme. Sie schlossen sich nicht um sie, weil die Ministerin durch keine Woge und Brandung schneller Aufwallungen weich und locker auszuspühlen war. In diese Umfassung griff oder trat der Mini¬ ster ein. „So!“ (sagt' er schnell.) „Mein Ohr, Madam, (fuhr er fort,) findet sich unter den Domestiken durchaus nicht wieder vor; das hab' ich Ihnen zu sagen.“ Denn er hatte sich heu¬ te auf einen Gesetz-Sinai gestellt und der an dessen Fuß versammelten Dienerschaft in die Ohren gedonnert um seines zu erfragen, „weil ich glauben muß, (hatt' er ihr gesagt,) daß ihr mirs aus sehr guten Gründen gestoh¬ len habt.“ Dann war er als Hagelschauer wie ein Küchendampf bei windigem Wetter, durch die einzelnen Dienerzimmer und Winkel nach dem Ohr gezogen. — „Und Du?“ sagt' er halb-freundlich zu Liane. Sie küßte seine Faust, die er, wie der Pabst den Fuß, allezeit als den Lehn- und Lippenträger, Agenten und de latere Nunzius des Mundes den Küssen schickte. „Sie bleibt ungehorsam“ sagte die strenge Frau. „So gleicht sie Ihnen ein wenig“ sagt' er, weil der Mißtrauische die Umarmung für eine Verschwörung gegen ihn und seinen Bou¬ verot ansah. Nun barst sein Eis-Hekla und flammte und floß — bald auf Tochter bald auf Frau — erstere sey gar erbärmlich, sagt' er, und nur der Hauptmann etwas werth, den er glücklicher Weise allein gebildet — errath' Alles, hör' Alles, wenn man auch sein Ohr¬ blech verborgen — es werde demnach, wie er sehe (er zeigte auf seinen entsiegelten Morgen¬ psalm) zwischen beiden Kollegien kommunizirt — aber Gott soll' ihn strafen, wenn er nicht — „Töchterchen, antwort' doch endlich!“ bat er. „Mein Vater — (sagte Liane, seit der Bou¬ verotischen Verbrüderung und der Mißhand¬ lung der Mutter ihr Herz mehr fühlend, das aber nur verachten und nie hassen konnte —) meine Mutter hat mir heute und gestern Alles gesagt; aber ich habe doch Pflichten gegen den Grafen!“ Eine kühnere Lebhaftigkeit als die Eltern sonst an ihr vermisset und gefunden hatten, strahlte unter dem aufgehobenen Auge. „Ach, ich will ihm ja nur so lange treu verblei¬ ben als ich lebe“ sagte sie. „ C'est bien peu ,“ versetzte der Minister, über die Keckheit erstau¬ nend. Liane hörte jetzt erst ihr entflognes Wort nach; da ergriff sie, um die Vergangenheit und ihre Mutter zu rechtfertigen, den schönen und lächerlichen Entschluß, den alten Herrn zu rüh¬ ren und zu bekehren durch ihre Geister- oder Traumseherei. Sie bat ihn um eine einsame Unterredung und nachher — als sie schwer ver¬ gönnet war — darin um sein heiliges Ver¬ sprechen, gegen die Mutter zu schweigen, weil sie fürchtete, dieser Liebenden, die dem Ausschla¬ gen nahe rasselnden Uhrräder ihrer Sterbe¬ glocke zu zeigen. Der alte Herr konnte nur mit einer komischen Mine — wobei er aussah wie einer, der in grimmiger Kälte lachen will — hinlängliches Worthalten geloben, weil nie, so viel er sich entsinnen konnte, das Wort von ihm, sondern bloß oft er vom Wort gehalten wurde. In solchen Menschen sind Wort und That dem theatralischen Donner und Blitze ähnlich, welche beide, sonst im Himmel gleich¬ zeitig verbunden, auf der Bühne aus getrenn¬ ten Ecken und durch verschiedne Arbeiter her¬ vorbrechen. Aber Liane ruhte nicht eher als bis er ein wortfestes, offnes Gesicht — ein ge¬ maltes Fenster — aufgetragen. Darauf fieng sie nach einem Faustkuß ihre Geistergeschichte an. Mit fortgesetztem Ernst, fest zusammenge¬ haltenen Muskeln hörte er dem Unerhörten zu; dann nahm er sie, ohne ein Wort zu sagen, an der Hand, und führte sie vor die Mutter zurück, der er sie mit einem langen Lob- und Dankpsalm auf ihre glückliche Töchterschule überreichte; — „seine Knabenschule mit Karl sey ihm wenigstens nicht in diesem Grade ge¬ glückt“ setzt' er hinzu. Zum Beweise theilt' er ihr offenherzig — und alle Schmerzen Lianens kaltblütig verarbeitend, wie der Faßbinder Zy¬ pressenzweige zu Tonnenreifen — das Wenige mit, was er zu verschweigen verheissen, weil er immer entweder sich wegwarf, oder den an¬ dern, meistens beide. Liane saß hochroth, hei߬ werdend, mit gesenkten Augen da, und bat Gott um Erhaltung ihrer Kindesliebe gegen den Vater. Kein theilnehmendes Auge werde ferner mit dem Eröffnen einer neuen Zeit gequält, wo das Eis seiner Ironie brach und ein wü¬ thender Strom wurde, in welchen noch dazu mütterliche Thränen des Zornes flossen über ein theueres Wesen und dessen verderbliches, fieber¬ haftes Hineinträumen in den letzten Schlaf. — Das Ziel und die Gefahr kopulirte fast die Ehe¬ leute zum zweitenmal; wenn es glatteiset, gehen die Menschen sehr Arm in Arm. „Du hast Nichts nach Lilar geschickt?“ — fragte der Vater. „Ohne Ihre Erlaubniß, würd' ichs gewiß nicht thun“ sagte sie, meinte aber ihre Briefe, nicht Albano's seine. — Er benutzte den Mißverstand und sagte: „Du hast sie ja aber“ — „Ich will Alles gern thun und lassen; (sagte sie,) aber nur wenn der Graf einwilligt, damit ich ihm nicht unredlich erscheine; er hat mein heiliges Wort auf meine Treue. „An diese milde Festigkeit, an diesen mit weichen Blumen überzognen Pe¬ tri Fels, stieß sich der Vater am härtesten. Dazu war der Übertritt eines stolzen Liebha¬ bers von eignen Wünschen zu den feindlichen, gesetzt man hätte Lianen die Frage an den Grafen erlaubt, so unmöglich auf der Einen Seite, und das Gesuch um diese Veränderlich¬ keit, es mochte bewilligt oder abgeschlagen wer¬ den, überhaupt so heruntersetzend auf der an¬ dern, daß die betroffne Ministerin stolz auf¬ stand, wieder fragte: „ist das Dein letztes Wort an uns, Liane?“ — und als Liane weinend ant¬ wortete: „ich kann nicht anders, Gott sey mir gnädig!„ sich zornig wegwandte an den Mini¬ ster und sagte: „thun Sie nun was Sie für convénable halten, ich bin unschuldig.“ — „Nicht so ganz ma chere , aber gut! (sagt' er.) „Du bleibst von Morgen an in Deinem Zim¬ mer bis Du Dich korrigirst und unsers An¬ blicks würdiger bist“ kündigte er hinausgehend Lianen mit zwei auf sie geworfenen Augen- Salven an; worin meines Ermessens weit mehr Reverberirfeuer — Plagegeister — ätzende, fressende Medicamente — Gehirn- und Her¬ zensbohrer versprochen wurden als sonst ein Mensch Mensch gebend halten oder empfangend tra¬ gen kann. Armes Mädchen! Dein letzter August ist sehr hart und kein Erntemonatstag! — Du siehst in die Zeit hinaus, wo Dein kleiner Sarg steht, an welchem ein grausamer Engel die schönen, um ihn herumlaufenden, noch frischen Blumenstücke der Liebe wegwischt, damit er ganz weiß, so rosenweiß wie Deine Seele oder Deine letzte Gestalt herübergetragen werde' — Dieses Vertreiben von der Mutter in die Einöde ihres Klosterzimmers war ihr eben so fürchterlich, nur nicht fürchterlicher als das Zürnen derselben, das sie heute erst zum drit¬ tenmal erlebte obwohl nicht verdiente. Es war ihr als wenn nun nach der warmen Son¬ ne, auch noch gar das helle Abendroth unter den Horizont gesunken wäre und es wurde dunkel und kalt in der Welt. Sie blieb diesen ganzen, noch eingeräumten Tag bei der Mut¬ ter; gab aber nur Antworten, blickte freundlich an, that Alles gern und behend und hatte — da sie jeden zusamenrinnenden Thautropfen schnell mit dem Zwergfinger aus den Augen¬ Titan III . I winkeln schlug als sey es Staub, weil sie dach¬ te, Nachts kann ich weinen genug — sehr trockne Augen; und das Alles, um der belaste¬ ten Mutter nicht zu neuer Last zu seyn. Aber diese, wie Mütter so leicht, verwechselte die scheue liebende Stille mit dem Anbruche der Verstockung; und als Liane in unschuldiger Ab¬ sicht des Trostes sich Karolinens Bild aus Lilar wollte bringen lassen, galt auch diese Unschuld für Verhärtung und wurde mit einer elterli¬ chen gestraft und erwiedert; nämlich mit der Erlaubniß, zu schicken. Nur foderte die Mi¬ nisterin die französischen Gebete von ihr zurück, als sey sie nicht werth, diese ihrem jetzigen Herzen unterzulegen. Nie ist der Mensch klei¬ ner als wenn er strafen und plagen will, ohne zu wissen wie . Da jeder der regiert, er sitze auf einem Lehr- oder Fürstenstuhl, oder wie Eltern auf beiden, dem Fußbewohner desselben den vori¬ gen Gehorsam, sobald er ihn einmal aus¬ setzt, nicht als Milderung seiner Schuld an¬ schreibt, sondern als Vergrößerung: so that es die Ministerin anch gegen ihr von jeher so folgsames Kind. Sie haßte ihre reine Liebe, die wie Aether, ohne Asche, Rauch und Kohle brannte, um desto mehr, und hielt sie für Scha¬ denfeuer, oder Feuerschaden, besonders da ihre eigne bisher als fast nie mehr ein vornehmes Kaminstück gewesen. Liane stieg zuletzt, zu schwer zusammen¬ gepresset, da jenseits der Wandtapete der heitere Tag, der schönste Himmel blühte, aufs welsche Dach hinauf. Sie sah, wie die Menschen vergnügt von kleinen Lustörtern, weil die Erde ein großer war, zurück fuhren und ritten; auf Lilars Stauden-Pfad wandel¬ ten die Spaziergänger seelig-langsam heim — auf den Gassen wurde laut an den Fest-Ge¬ rüsten und Himmelswagen für die Fürstenbraut gezimmert und die fertigen Räder wurden prüfend gerollt — und überall hörte man die Übungen der jungen Musik, die erwachsen vor sie treten sollte. Aber als Liane auf sich blickte und hier ihr Leben allein im dunkeln Gewande stehen sah — drüben das leere Haus des Ge¬ liebten — hier das ihrige, das auch leer für sie geworden — diese Stelle, die noch an eine J 2 schönere, seltnere Abblüthe als des cereus ser¬ pens erinnerte — und o! diese kalte Einsamkeit, da ihr Herz heute zum erstenmale ohne ein Herz lebte; denn ihr Bruder, der Chorist ihres kurzen Freudengesanges war verschickt und Ju¬ lienne seit einiger Zeit ihr unbegreiflich unsicht¬ bar — nein, sie konnte die schöne Sonne, die so hell und weiß mit ihrem hohen Abendsterne sich tiefer wiegte, nicht niedergehen sehen — oder das frohe Abendchor des langen Tages anhö¬ ren, sondern verließ die glänzende Höhe. O, die fremde Freude stirbt im unbewohnten dun¬ keln Busen, wo sie keine Schwester antrifft und wird zum Gespenst darin! So deutet das schö¬ ne Grün, diese Frühlingsfarbe, so bald es eine Wolke mahlt, nichts an als lange Nässe. Da sie bald in die Freistatt des Tags, das Schlafzimmer trat, wetterleuchtete draussen der Himmel; o, warum jetzt, hartes Geschick? — Aber hier, vor dem Stillleben der Nacht, wenn das Leben von ihrem Flor bezogen leiser tönt, — hier dürfen alle ihre Thränen fließen, die ein schwerer Tag gekeltert hat. — Auf dem Kopfkissen, als trüg' es den längsten Schlaf, ruhet dieses verblutete Haupt sanfter als an der Brust, die ihm seine Thränen zankend nach¬ zählt; und es weinet sanft nicht über , nur um Geliebte. Wie gewöhnlich wollte sie ihre mütterli¬ chen Gebete aufschlagen; als sie erschrocken dar¬ an dachte, daß man sie ihr genommen. Da bückte sie heißweinend auf zu Gott und berei¬ tete allein aus dem zerbrochnen Herzen ihm ein Gebet und nur Engel haben die Worte und die Thränen gezählt. 76. Zykel. Der Vater hatte die Zimmer-Gefangen¬ schaft zum strafenden Merkmal ihres Neins gemacht. Mit hohen Schmerzen sprach sie die¬ ses stumme Nein, indem sie freiwillig im Zim¬ mer blieb und dem Morgenkuß der Mutter entsagte. Sie hatte in der Nacht oft das todte Bild ihrer rathgebenden Karoline flammend angeblickt aber kein Urbild, kein Fieberbild war ihr erschienen: kann ich länger zweifeln, schloß sie daraus, daß die göttliche Erscheinung, die das Ja zu meiner Liebe gesprochen, etwas Höheres als mein Geschöpf gewesen, da ich sie sonst ihrem Bilde gegenüber müßte wieder bil¬ den können? Sie hatte Albano's blühende Briefe in ih¬ rem Pulte und schloß es auf, um hinüberzu¬ sehen aus ihrer Insel in das entrückte Mor¬ genland der wärmern Zeit; aber sie schloß es wieder zu; sie schämte sich heimlich froh zu seyn, da ihre Mutter traurig war, die in die trüben Tage nicht einmal wie sie aus schönen kam. Froulay ließ sie nicht lange allein, sondern bald rufen; aber nicht um sie zu verhören oder loszusprechen, sondern um sie — wozu freilich eine ungeschminkte Stirne und Backe gehörten, de¬ ren Fibern-Garn so schwer wie seine mit dem türkischen Roth der Scham zu färben waren — zu seiner Malersprachmeisterin zu voziren und sie in die fürstliche Gallerie mitzunehmen, um von ihr die Erklärung dieser Titelkupfer (für ihn) in diesem Privat-Stummeninstitut so gut nachzulernen, daß er im Stande wäre — so bald die Fürstin sie besieht — etwas Bessers als einen Stummen bei den Schönheiten der Bilder und der bilderdienerischen Regentin vorzustellen. Liane mußte ihm jedes gemalte Glied mit dem dazu gehörigen Lobe oder Ta¬ del in sein ernstes Gehirn nachprägen, sammt dem Namen des Meisters. Wie erfreuet und vollständig gab sie diese Kallypädie ihrem brummenden Maler-Kornuten, der nicht eine einzige dankbare Mine als Schulgeld entrich¬ tete! — Mittags erst fand die Tochter die ersehnte Mutter unter den Speisebedienten sehr ernst und traurig, sie wagte ihr nicht den Mund, nur die Hand zu küssen, und schlug das liebeströmende Auge nur scheu und wenig zu ihr auf. Das Diner schien ein Leichenessen. Nur der alte Herr, der auf einem Schlachtfeld seine Hochzeitmenuet getanzt und seinen Ge¬ burtstag gefeiert hätte, war wohlgemuth und bei Appetit und voll Salz. War Hauskampf, so speist' er gewöhnlich en famille und holte sich unter beissenden Tischreden, wie gemeine Leute im Winter und in der Theuerung, schär¬ fere Eßlust. Zanken stärkt und befeuert schon an sich, wie Physiker sich bloß dadurch elektri¬ siren können, daß sie etwas peitschen. Beseke fand es. S. über das Elementarfeuer, von ihm 1786. Lächerlich und doch schmerzlich war es, daß die arme Liane, die den ganzen Tag einen Kerker hüten sollte, gerade heute immer daraus gerufen wurde; dasmal wieder in den Wagen, der das traurige Herz und das lächelnde Ge¬ sicht vor lauter hellen Pallästen absetzen sollte. Sie mußte mit den Eltern zur Prinzessin ge¬ hen und so glücklich aussehen wie die waren, die sie auf dem trüben Wege zu beneiden fan¬ den. So blutet das Herz, das nicht weit vom Thron geboren worden, immer nur hinter dem Vorhang und lacht bloß, wenn er auf¬ geht; so wie eben diese Vornehmen sonst nur in Geheim hingerichtet wurden. Der über seine Vermählung lächerlich-laute Fürst — der von den Spieltischen oder Kaperbrettern zurückge¬ kehrte Bouverot, den jetzt Liane seit den neue¬ sten Nachrichten nur schaudernd litt — und die Prinzessin selber, die ihre bisherige Entfernung von ihr mit den zerstreuenden Zurüstungen zum Feste entschuldigte, und die ganz fremd auf ein¬ mal über Liebe und Männer spottete — alle diese Menschen und Zufälle konnten nur einer Liane, die so wenig errieth, so viel litt und so gern ertrug, nicht die unerträglichsten scheinen. Ach, was war unerträglich als die eiserne Unveränderlichkeit dieser Verhältnisse, die Fe¬ stigkeit eines solchen ewigen Bergschnees? Nicht die Größe, sondern die Unbestimmtheit des Schmerzes, nicht der Minotaurus des Laby¬ rinths, der Kellerfrost, die Eckfelsen und Gru¬ ben desselben ziehen uns darin die Brust zu¬ sammen, sondern die lange Nacht und Win¬ dung seines Ausgangs. Sogar unter den Körper-Krankheiten kommen uns daher unge¬ wohnte neue, deren letzter Augenblick über un¬ sere Weissagung hinausliegt, drohender und schwerer vor als wiederkehrende, die als nach¬ barliche Gränzfeinde uns immer anfallen und in der Rüstung finden. So stand die stumme Liane im Gewölk, als die frohlockende Rabette mit der Brust voll alter Freuden und neuer Hoffnung ins Haus lief, diese Schwester des heiligen, weggerissenen Menschen, die Bundsgenossin so glänzender Tage. Sie wurde ehrend aufgenommen und immer von einer Ehrenwache, der Ministerin, begleitet, weil sie ja eine Gesandtin des Gra¬ fen eben so gut seyn konnte als eine Wahlher¬ rin ihres Sohnes. Die Listige suchte einige ein¬ same Augenblicke mit Lianen durch das kühne Betteln um deren Begleitung nach Blumen¬ bühl zu erhaschen; die Begleitung wurde auch zugestanden und sogar der Mutter ihre dazu¬ gethan. Liane fuhr den Weg nach Blumen¬ bühl, über den noch blühenden Gottesacker ein¬ gesenkter Tage. Welcher Thränenstrom arbei¬ tete in ihrer Brust herauf, da sie von der noch glücklichen Rabette schied! — Diese hatte unschuldiger Weise dem Hause einen der größten Zankäpfel für das Abend¬ essen dagelassen, den je der Minister für die Fruchtschaale mit seinem Apfelpflücker sich ge¬ holet hatte; daher soupirt' er wieder en fa¬ mille . Rabetten war nämlich ein dummes Wort über das sonntägige Beisammenseyn in Lilar entfahren; „davon, (sagte Froulay ganz freundlich) hast Du uns ja kein Wort merken lassen, Tochter.“ — „Der Mutter sogleich!“ (ver¬ setzte sie zu schnell), „Ich nähme auch gern Antheil „an Deinen Lustbarkeiten“ (sagt' er, Grimm versparend). Ganz aufgeräumt setzte sich die¬ ser Flößknecht so vieler Thränen und abgehaue¬ ner Blüthenzweige, die er darauf hinabschwim¬ men ließ, an die Abendtafel. Nach seinem Verstärkungsohr fragt' er zuerst Bediente und Familie. Darauf gieng er ins Französische über — wiewohl die Tellerwechsler eine grobe Übersetzung davon für sich, eine versio inter linearis auf seinem Gesichte fanden —, um zu berichten, der vornehme Graf sey dagewesen, und habe nach Mutter und Tochter gefragt. „Mit Recht verlangt' er Euch beide (fuhr der moralische Glacier fort, der gern das warme Essen kühlte) Ihr verschweigt immer, wie ich heute wieder hörte, gemeinschaftlich gegen mich; aber warum soll ich Euch denn noch trauen?“ Er haßte jede Lüge von Herzen, die er nicht sagte; so hielt er sich ernstlich für moralisch, uneigennützig und sanft bloß darum, weil er auf das Alles bei dem Andern unerbitt¬ lich drang. Mit den reichlichen Brennnesseln der Persiflage — auch botanische kommen in kal¬ tem und steinigem Boden am besten fort — überdeckte er alle seine auf- und zugehenden Hum¬ merscheeren, wie wir Bachkrebse in Nesseln fassen, und nahm zuerst sein weiches Kind zwischen die Scheeren. Das sanfte, ergebene Lächeln desselben nahm er für Verachtung und Bosheit — — Wie kommt diese Sanfte erklärlicher Weise zu seinem Vaternamen, wenn man nicht die alte Hypothese annimmt, daß Kinder ge¬ wohnlich dem am ähnlichsten werden, wornach sich die schwangere Mutter vergeblich sehnte, welches hier ein sanfter Gatte war? — Dann griff er, aber heftiger die Mutter an, um bei seinem Mißtrauen sie mit der Tochter zu ent¬ zweien, ja um vielleicht diese durch die mütter¬ lichen Leiden zu kindlichen Opfern und Ent¬ schlüssen zu peinigen. Ganz frei erklärt' er sich — denn der Egoist trifft die meisten Ego¬ isten an, wie die Liebe und Liane nur Liebe und keine Selbstliebe — gegen den Egoismus um und neben sich und verbarg es nicht, wie sehr er Beide immer Egoistinnen (wie die al¬ ten Heiden die Christen Atheisten) innerlich schelte. Die Ministerin, gewohnt mit dem Minister in keiner Ehe weniger zu leben als in der der Seelen — wie Voltaire die Freundschaft defi¬ nirt — sagte blos zu Lianen: Für wen leid' ich so? — Ach ich weiß es, antwortete Sie de¬ müthig. Und so entließ er Beide voll tiefster Leiden und dachte nachher an seine Geschäfte. Dieser allseitige Jammer wurde durch et¬ was größer, was ihn hätte kleiner machen sol¬ len. Der Minister ärgerte sich, daß er täglich den Geschmack der Weiber mitten im Zorne zu Rathe ziehen mußte über sein — Äußeres. Er wollte am Vermählungsfeste — seiner Ge¬ liebten wegen — ein wahrer Paradiesvogel, ein Paradeur, eine Venus à belles Vesses seyn. Von jeher macht' er gern die Doppelrolle des Staats- und Hofmanns und wollte, um Stolz und Eitelkeit zusammen zu kaufen zu einem Diogenes-Aristipp verwachsen. — Aber etwas davon war nicht Eitelkeit, sondern der männliche Plagegeist der Ordnungs- und Rechtshaberei wollte nicht aus ihm fahren. Er war im Stan¬ de, die Kleidergeißel, womit der Bediente we¬ nige Stäubchen im Staatsrocke sitzen lassen, gegen die Livree selber in Schwung zu setzen; noch gefährlicher wars — weil er zwischen zwei Spiegeln saß, dem Friseur und dem großen Spiegel im Ofenschirm —, auf seine eigne Wolle den Staub recht aufzutragen; und am schwersten wurd' er vom Putze seiner Kinder be¬ friedigt. — Liane als Zeichnerin mußte ihm nun jetzt die rechte Farbe eines neuen Überbalgs vorschlagen — Sachets oder Riechsäcke ließ er füllen und mit diesen die Schubsäcke — und ei¬ nen Moschuspflanzen-Topf in sein Fenster stel¬ len, nicht weil er die Blätter zum Riechen (das erwartete er von seinen Fingern) sondern weil er sie zum Einölen für diese durch Reiben brau¬ chen wollte — Patentpomade für Fäuste und englisches gepreßtes Zier-Papier auch für diese (wenn sie eine Billetdour-Feder ansetzen woll¬ ten) und andere Nippes erregten weniger Auf¬ merksamkeit als der Schnupftabak, den er sich anschaffte, aber nicht für die Nase, sondern für die Lippen, um solche roth zu reiben. — In der That, vor mancher lustigen Haut hätt' er sich ganz lächerlich gemacht, wenn sie in Geheim ihn aus seinem Souvenir die Haarzange und mit dieser aus seinen Augenbraunen da, wo der Sattel des Lebens wie auf einem Pferde das Haar weiß gedrückt hatte, letzteres hätte auszie¬ hen sehen; und nur der Minister selber konnte ernsthaft dabei aussehen, wenn er vor dem Spiegel die feinern Weisen zu lächeln durchlä¬ chelte — die beste hielt er fest — oder wenn er die leichtern Würfe anprobirte, womit man sich aufs Kanapee bringt — wie oft mußt' er sich werfen! — und wenn er überhaupt an sich arbeitete. Zum Glück für die Mutter kam der gute Lektor; aus der Hand dieses alten Freundes hatte sie so oft wenn nicht eine Himmelsleiter, doch eine Grubenleiter, um darauf aus dem Ab¬ grund zu steigen, genommen; hoffend brachte sie jetzt alle ihre Noth vor ihn. Er versprach einige Hülfe unter der Bedingung, mit Lianen allein auf ihrem Zimmer zu sprechen. Er gieng zu ihr und erklärte zart seine Wissenschaft und ihre Lage. Wie erröthete das kindliche Mädchen über die scharfen Tagsstrahlen, welche die duftende Nachtviole ihrer Liebe trafen! Aber ihr Kind¬ heitsfreund sprach sanft an dieses geschlagne Herz — und von seiner gleichen Liebe gegen sie und ihren Freund — von dem Temperamen¬ te des Vaters — und von der Nothwendigkeit bedachtsamer Maaßregeln — und sagte, die beste sey es, wenn sie ihm heilig gelobe, dem elterlichen Wunsche, den Grafen strenge zu mei¬ den, nur so lange nachzugeben bis er von des¬ sen Vater, den er als Begleiter des Sohnes längst über das neue Verhältniß benachrichti¬ gen und fragen müssen, das Ja oder Nein da¬ zu erhalten; sey es ein Nein, — was er aber nicht verbürge — so müsse Albano das Räthsel lö¬ sen; sey es ein Ja, so steh' er selber für das zweite ihrer Eltern; zugleich müss' er aber auf ihr fe¬ stestes Schweigen gegen diese über sein Anfra¬ gen, wodurch sie sich vielleicht kompromittirt finden könnten, Anspruch machen. Damit wur¬ zelte er nur noch tiefer in ihr Vertrauen ein. Sie fragte zitternd wie lange die Antwort verziehe. „Sechs, acht, eilf Tage nach der Ver¬ mählung mählung höchstens!“ sagt' er rechnend. — Ja, guter Augusti!— „Ach, wir leiden ja Alle“ sag¬ te sie und setzte vertraulich und aus weinender Brust hinzu: „es geht Ihm aber wohl?“ — „Er ist fleißig“ versetzt' er. So brachte er sie, mit zwei Geheimnissen beladen und für jetzt eine Interims-Absonde¬ rung bejahend, zur Mutter zurück; aber die¬ se zahlte nur dem Lektor den Lohn eines freundlichen Blickes aus. Er verlangte indeß — nach seiner Karthäuser-Manier — keinen andern als das gütigste Schweigen gegen den Minister über seine Einmischung, da dieser sein Verdienst dabei etwan für größer halten könnte als es wäre. Dem Minister wurde die achttägige Besse¬ rung und Enthaltung angesagt. Er glaubte — sich Mißtrauen in die Frau vorbehaltend — doch weiter in Feindes Land einzudringen mit seinen Waffen; auch ließ er sich die neue Frist und Lianens Entkerkerung mit darum gefallen, um seine Tochter bei dem Vermählungsfest blü¬ hend und gesund als eine glänzende Pfauhenne an seine Geliebte und vor sich herzutreiben. Titan III . K Roquairol kam jetzt von dieser zurück; und strahlte ein Paar Wolken im Hause mit schö¬ nem, hellem Morgenrothe voll. Er überbrachte dem Vater Nachrichten und Grüße von der Für¬ stin. Lianen brachte er das Echo jener geliebten Stimme mit, die einmal zu ihrem Himmel ge¬ sagt hatte: er werde!; ach die letzte Melodie un¬ ter den Mißtönen der uneinigen Zeit. Er er¬ rieth leicht — denn er erfuhr Wenig von der ihn vernachlässigenden Mutter und Nichts von der Tochter — wie Alles stehe. Als er vollends Al¬ bano's Blatt an diese ihr am dämmernden Abend in den Arbeitsbeutel schieben wollte und sie mit einem Ach der Liebe sagte: „nein, es ist wider mein Wort — aber künftig etwann, Karl!“ —: so sah er „mit brausendem Ingrimm seine Schwe¬ ster im offnen Charons Kahn zum Tartarus al¬ ler Leiden schiffen“ wie er sagte. An den Freund dacht' er weniger als an die Schwester. Der freundliche, schmeichelnde Minister — er schenkte zum Beweis dem Hauptmann einen Sattel von Werth — belichtete ihm den Besuch Rabettens und gab Winke über Verlobung und derglei¬ chen; Karl sagte keck: er schiebe all sein Glück hinaus, so lange seine liebe Schwester keines vor¬ aussehe. Um den alten Herrn wieder mehr für Li¬ anen einzunehmen, führt' er ihn für das Vermäh¬ lungsfest auf eine romantische Invenzion, die Froulay nicht ahnete, als er schon ganz dicht an ihr stand: nämlich Idoine, (die Schwester der Braut,) war Lianen auffallend ähnlich. Die Für¬ stin liebte sie unaussprechlich, sahe sie aber nur selten, weil sie ihres starken, einmal zu einer Thron-Ehe nein sagenden Karakters wegen auf einem von ihr selber gebaueten und regierten Dorfe wohnte, höflich vom Hofe verbannt. Er legte nun dem Vater die poetische Frage vor, ob Liane nicht in der Illuminazionsnacht einige Mi¬ nuten lang im Traum-Tempel, der ganz zu diesem schönen Truge passe, die Fürstin mit dem Wiederschein ihrer geliebten Schwester erfreuen könne. Entweder machte den Minister die Liebe ge¬ gen die Fürstin kühner, oder der Wunsch trunk¬ ner, Liane als Hofdame glänzend einzuführen: genug er fand in der Idee Verstand. Wenn Etwas für den Separatfrieden, den er mit dem Sohne gemacht, den Taback in die Friedens¬ K 2 pfeife hergab: so war es dieses Rollenblatt. Er eilte sogleich zum Fürsten und zur Prinzessin mit der Bitte um seine Erlaubniß und um ih¬ re Theilnahme; — darauf, als er beides hatte, zu seinem Orest Bouverot und sagte „ il m'est ve¬ nu une idée trés singulière qui peut-être l'est trop; cependant le prince l'a approuvée etc .“ — und endlich zu Lianen, um doch auch diese nicht zu vergessen. Der Hauptmann hatte schon früher sie zu bereden gesucht. Die Mutter war gegen diese Nachspielerei aus Selbstbewußtseyn und Liane aus Demuth; eine solche Repräsentazion kam dieser eine zu große Anmaßung vor. Aber zu¬ letzt gab sie nach, bloß weil die schwesterliche Liebe der Fürstin ihr so groß und unerreichbar geschie¬ nen, gleich als pflegte sie nicht eine ähnliche in ihrem Herzen; so fand sie immer nur das Spie¬ gelbild, nie sich schön, wie der Astronom densel¬ ben Abend, mit seinem rothen Glanze und Nacht¬ schatten zauberischer und erhabener findet, wenn er ihn im Monde antrifft, als wenn er auf der Erde mitten darin steht. Vielleicht lag noch ei¬ ne ganz dunkle Süßigkeit, nämlich eine schwie¬ gertöchterliche, in Lianens Liebe für die Fürsten- Braut; weil diese einmal des Ritter Gaspards seine hatte werden sollen. Die Weiber achten Verwandtschaft mehr als wir, daher auch ihr Ahnenstolz immer einige Ahnen älter wird als unserer. So bereitete sie denn das gepreßte Herz zu den leichten Spielen des glänzenden Festes vor, das die künftigen Zykel gleichsam am Neujahrs¬ fest einer neuen Jobelperiode geben. Siebzehnte Jobelperiode . Fürstliche Vermählungs-Terrizion — Lilars Illu¬ minazion. 77. Zykel . W elche allgemeine Landfreude konnte jetzt von Einem Gränzwappen zum andern acht Tage lang jauchzen! Denn so lange war die Land¬ trauer suspendirt — die Glocken läuteten zu etwas Besserem als zum Grabe es war wie¬ der Musik erlaubt allen Spieluhren und Spiel¬ leuten — alle Theater wären geöffnet worden, wäre eines da gewesen, oder der Hof verschlos¬ sen der beständig spielte — und man konnte höhern Orts acht Tage ohne schwarzen Rand gehen und dekretiren — — Nachher nach dem erfrischenden Zwischenakt, wo man das Or¬ chester, Punsch und Kuchen genoß, sollte wieder aufgeräumter ans Weinen und Trauerspielen gegangen werden. Der Fürst ritt am Morgen der langweili¬ gen Einholungs-Wagenfahrt über die Gränze voraus mit Bouverot und Albano; alle drei als die einzigen im Lande unabhängigen, bei dem Feste nicht interessirten Leute. Der arme Luigi! Ich hab' es schon im ersten Band des Titans sehr deutlich gesagt, daß der fürstliche Bräutigam, der heute die Decke beschlägt, bloß ein Landes -Vater seyn kann, keiner für das Haus; unter seinem Fürsten-Himmel ist wie auf der ersten Schachfelder-Gasse Alles zu ma¬ chen und zu regeneriren, Offiziere, selber die Schachköniginn, aber der Schach nicht. Es wä¬ re zu wünschen — da der Umstand das Fest ins Lächerliche schattirt —, der Bräutigam könnte manchen ihn auslachenden alten Fami¬ lien — die es so oft selber im heraldischen und medizinischen Sinne zugleich sind — zur Be¬ schämung nur einige Dutzend von den Prinzen um den Traualtar gestellet zeigen, die er in Kalabrien, Wallis, Asturien, in der Dauphiné — ganz Europa war ihm eine — sitzen lassen, kurz in so vielen aktiven Erbländern, d. h. in den Erbinnen, nicht Erbschaften fremder Prin¬ zen; — könnt' er das, so würd' er vergnügter in die heutigen Glückwünsche drein schauen, weil schon einige Dutzende Erfüllungen dar¬ neben ständen und zuhorchten. Aber wie das Bette des Marquis von Exeter in London, das 3000 Pfund kostet, die Marquisin in einen Thron verwandeln kann: so muß das die Für¬ stin auch thun, ohne es wie diese rückwärts ver¬ wandeln zu können. Ich will ihn daher auf dem heutigen Tanz¬ platz der Freude gar nicht als Bräutigam son¬ dern immer — so wie man Krone sagt ohne ge¬ kröntes Haupt— bloß als Bräutigamsrock auf¬ stellen und vorführen, um ihn nicht lächerlich zu machen. — Albano ritt mit einer Brust voll Zorn, Verachtung und Bedauern neben diesem Opferthiere der schwarzen Staatskunst her und begriff bloß nicht, wie Luigi nicht den deutschen Herrn, diese gemiethete Art und diesen Wurzel¬ heber seines Stammbäumleins, mit Einem Fer¬ senstoße weit von sich wegschlage. Guter Jüng¬ ling! ein Fürst macht sich leichter von Men¬ schen loß, die er liebt, als von solchen, die er recht lange hasset, denn seine Furcht ist stärker als seine Liebe. — Der großherzige, nie eng- immer weitbrü¬ stige Jüngling fand heute in seiner feierlichen, schmerzlichen Stimmung alles Tragische, Edle und Unedle größer als es war. Er zeigte zwar nur ein feuriges Auge und heiteres Angesicht, weil er zu jung und schamhaft war, persönli¬ chen Schmerz prunkend auszulegen; aber un¬ ter dem Auge, das sich nach der hohen Wetter¬ scheide richtete, an der heute sein dunkles Gewöl¬ ke auseinandergehen oder zu ihm herunterkom¬ men sollte, brannte der Tropfe. Der heutige Abend, in den er so oft hineingesehen als in ei¬ ne Hölle, und eben so oft als in einen Him¬ mel, stand jetzt als ein verworrenes Mittelding von beiden so nahe, und doch hart an ihm! — Ein Gewimmel verwandter Gefühle begleitete ihn zu der (nach seiner Meinung unglücklichen) Braut seines — Vaters und dieses Fürsten. Eine Viertels-Meile jenseits Hohenflies fuhr schon ihr — Gibbon voraus, bekannt bei allen Naturforschern — nicht bei den Politikern — durch die langen Arme, welche bekanntlich dieser Molucken-Besitzer und Affe trägt. Wo ist mein Gibbon, fragte die Fürstin gewöhnlich, (gesetzt, daß sie auch den englischen Namensvet¬ ter, den Geschichtsschreiber mit langen Nägeln und kurzen Sätzen gegen die Christen, in der Hand hatte,) denn sie verlangte ihren Lang¬ arm. Endlich kam sie, daher gesprengt — im Fe¬ derbusch — im Reitrock — auf dem schönsten Engländer — eine große majestätische Gestalt, die unbekümmert um ihr, obwohl mit Verwand¬ ten befrachtetes Cour-Gefolge lieber der blau¬ en Morgensonne hinter einem aufsteigenden Pferd- und Schwanenhals hatte entgegen schau¬ en wollen. Sie gab dem Bräutigamsrock an¬ ständig Gruß und Kuß, aber weder gerührt, noch verstellt, noch verlegen, sondern recht frei und frank und froh, zu weit über die Lächerlich¬ keit ihres genealogischen Mißverhältnisses er¬ haben, ja sogar über jedes nothdürftige oder gebotene. In ihrem sonst schön gebauten—mehr als schön gezeichneten — Gesichte war bloß ihre Nase es nicht, sondern eckig geschnitten und der regierenden Wochentäglichkeit mehr Knochen als Knorpel entgegensetzend. Bei den Weibern be¬ deuten ausgezeichnete, regellose Nasen, z. B. mit tiefem Wurzel-Einschnitt, oder mit konka¬ ven oder konvexen Biegungen, oder mit Facet¬ ten am Knopfe u. s. w. weit mehr für das Ta¬ lent als bei den Männern; und — wenige ausgenommen, die ich selber gesehen — mußte immer die Schönheit Etwas dem Genie aufop¬ fern, obwohl nicht so viel als nachher das frem¬ de ihrer, wie wir Männer sämmtlich wol lei¬ der gethan. Der Graf wurd' ihr vom Fürsten vorge¬ stellt; aber sie hatt' ihn — ob sie gleich von ihm gehöret und seinen Vater so lange gesehen hatte — nicht gekannt, sondern eher dem Bräu¬ tigamsrock ähnlich gefunden. Dem Rocke konnte — oder sollte — diese blühende Ähnlichkeit nicht anders als schmeicheln. Die Ähnlichkeit erklärt den schönen Antheil ganz, den sie jetzt an Beiden nehmen mußte, weil zu einer Ähn¬ lichkeit immer ein Paar Menschen gehören. Sie sprach mit dem Sohne ohne alle Ver¬ legenheit über den, von ihr und ihrem Hofe mit einem (Blumen-) Korbe beschenkten Vließ- Ritter und rühmte dessen Kenntnisse der Kunst. „Die Kunst (sagte sie) macht am Ende alle „Länder gleich und angenehm. Sobald sie nur „da ist, denkt man an weiter Nichts. In Dres¬ „den in der innern Gallerie glaubt' ich recht ei¬ gentlich, ich wäre im fröhlichen Italien. Ja, „wenn man dahin käme, würde man sogar Ita¬ „lien vergessen über Alles was man da hat.“ Albano antwortete: „ich weiß, ich werde mich „auch einmal im Most der Kunst berauschen „und durch sie glühen, aber für jetzt ist sie bloß „ein schöner, blühender Weinberg für mich, des¬ „sen Kräfte ich gewiß voraus weiß, ohne sie „noch zu fühlen.“ — Die Fürstin gewann so sehr seine Achtung, daß er ihr, als der Fürst ei¬ nige Schritte ferner am Fenster die heranschwel¬ lende Fluth des Pestizer Gefolges besah, die Frage that, wie ihrem Kunstsinn bei den deut¬ schen Zeremonien ihres Standes zu Muthe wer¬ de: „sagen Sie mir, (sagte sie leicht,) welcher „Stand unter uns nicht eben so viele hat, und „wo nicht überall Priester und Advokaten mit¬ „spielen? — Sehen Sie einmal die Hochzeiten „der Reichsstädter an. Die Deutschen sind hier „nicht besser und schlimmer als jede Nazion, alte „und neue, wilde und polirte. Denken Sie „an Ludwig XIV . Der Mensch ist einmal so; „aber ich acht' ihn freilich nicht darum.“ Der Fürst erinnerte nun an die Stunde des Einzugs; und die Fürstin rief zu ihrem An¬ zuge für den Einzug mehr Putzjungfern und Putzkästchen zusammen als Albano nach ihren Worten oder wir nach ihren Nasenknorpeln — die geistige Flügelknochen schienen — hätten er¬ warten sollen. Ihre eiligen Leute folgten ihr mit mehr Furchtsamkeit als Verehrung des Stan¬ des oder Werthes; und einige, die zuweilen aus dem Putzzimmer vorbeiliefen, hatten niederge¬ schlagene Gesichter. Endlich erschien sie wieder, aber viel schö¬ ner. Es muß doch dem männlichsten Weib mehr reizende Weiblichkeit als wir denken, zugehö¬ ren, da dieses durch den weiblichen Putz gewin¬ net, wodurch der weiblichste Mann nur verlöh¬ re. „Der Stand (sagte sie zu Albano, eine „große Offenherzigkeit in Meinungen zeigend, „die leicht mit einer eben so großen Verschwie¬ „genheit in Empfindungen besteht) drückt „und beschränkt eine große Seele oft weniger „als das Geschlecht.“ — Daß sie sich eine gros¬ se Seele nannte, mußte den Grafen frappiren, weil er jetzt das erste Beispiel — ein anderer Mann kennt unzählige Beispiele — vor sich sah, daß ausgezeichnete Weiber sich geradezu und weit mehr selber loben als ausgezeichnete Männer. Man brach auf; an einer Gränz-Brücke, zugleich wie der Buchdrucker-Hyphen das Tren¬ nungs- und Verbindungszeichen beider Fürsten¬ thümer, hielt schon das halbe Hohenflies zu Wagen und Pferd, weil es nicht weiter heran¬ konnte, bevor eine umgelehnte Kröpel-Fuhre mit Dorf-Komödianten wieder aufs vierte Rad ge¬ hoben war und der mythologische Hausrath, den sie in Händen hatten, aufgepackt. Als aber die Fürstin mit Gewalt auf die Brü¬ cke fuhr, verkehrten sich plötzlich die Passagiere und Auflader in Musen, Musengötter, Liebes¬ götter und einen hübschen Hymen und setzten, im theatralischen Ornat und Apparat, die um¬ rungene Braut unter poetisches Wasser, den Krieg der andern Götter gegen den Jungfern¬ räuber Hymen vortragend. Der Musensohn, der die Sache versifizirt hatte, agirte selber mit als Musenvater. Ich darf sagen, daß diese eigne Erfindung des Ministers recht gut auf¬ genommen wurde sowohl von Haarhaar als Hohenflies. Froulay trat geschmückt und gepudert, als streckte er sich auf dem Paradebette zwischen Trauergueridons aus, vor sie als Sprecher des Lan¬ des hin, das seinen frohen Theil an ihrer Ver¬ mählung mit dem Bräutigamsrocke zu bezeugen wünschte. Die Fürstin kürzte und schnitt alles Festlügen mit einer feinen Damens-Scheere ab. Froulay hatt' unter andern Wagen auch ei¬ nen mit mehrern überall her verschriebnen Trom¬ petern und Paukern mitgebracht, auf welchem scherzeshalber Schoppe mit stand, der darum nicht oft aus großen Aufzügen der Menschen wegblieb, wie er sagte, weil die Menschen nie lächerlicher aussähen als wenn sie etwas in Massa und Menge thäten. Um Salz in die Feier zu bringen, stellt' er auf seinem Wagen die Hypothese auf, das Alles thue man bloß, um die Braut aus der besten Meinung wieder da¬ hin zu treiben wo sie hergekommen, theils um ihr die Vexir- und Bühnen-Ehe zu ersparen, theils um dem Lande den neuen Hofstaat. Ihr Ohr soll nur — nahm er an, als die auf die umstehenden Hügel aufgefahrnen Kanonen sich mit seinem trompetenden Donnerwagen verei¬ nigten und 3 Postmeister mit funfzehn Postil¬ lionen dazu und darein stießen, welche nicht umsonst mit ihren besten Hörnern und Lungen¬ flügeln aufgesessen waren — ihr Ohr soll sehr gehänselt und sie daran durch einen solchen Willkomm etwan zurückgezogen werden, daher man sogar leere Slaatswagen mitschickt zum Rasseln, so wie im Anspachischen der Landmann die Hirsche bloß durch fürchterliches Schreien, ohne Gewehr und Hund, von seiner Saat ver¬ trieb. Fürchterlich schreiet dieses wahre Geschrei der Menschheit im 4. Theil von Heß's Durchflügen S. 156 nach; jetzt hat es eine wohlthätigere Regierung durch die Wildsteuer gestillt. Wie Schiffe in Nebeln durch Later¬ nen nen und Trommeln, so wollen Staaten sich durch Erleuchtung und Schießen auseinander¬ halten. Sie fährt doch wie ich sehe weiter — sagt er unterwegs, wo er zuweilen selber den Dop¬ pellauter der Pauke in die Hände nahm mit Nutzen — und wir müssen Alle sonach nach; aber vielleicht ist das Ohr schon todt und ihr ist nur noch am Auge beizukommen. Sehr er¬ freueten ihn in dieser Hoffnung die scheckigen Uniformen sämmtlicher Beamten und die Feder¬ lappen der Hoflivreen, — jetzt kommt noch, weis¬ sagt' er freudig, gar der goldflitterne Ehrenbo¬ gen mit Vasen und Pfeiffern, durch den sie ge¬ rade durch muß und scheucht man denn nicht Spatzen mit Goldblechen und Selzerkrügen aus Kirschenbäumen? — O (dacht er, als sie durch war), wenn je¬ ner gothische Wütherich sich durch den entge¬ genkommenden Bittzug des Pabstes von dem plündernden Einmarsch ins heilige Rom rück¬ wärts lenken lassen: so schlägts gewiß durch, daß ihr in der Vorstadt die Waisenkinder mit ihrem Waisenvater bittend entgegentreten — Titan III . L dann die Schulmeister mit ihren Pagerien — dann die Gymnasium und Universität — was doch nur erst Gefechte mit Vorposten sind denn das Thor ist mit Infanterie besetzt, der ganze Markt mit der wehrhaften Bürgerschaft — die Hauptkirche wird von der Geistlichkeit, das Rathaus vom Magistrat bewacht — alle bereit, wenn sie nicht umkehrt, ihr in gewisser Entfernung als Schaarwachen und Observa¬ zionschöre nachzuziehen — und halten sich nicht am Schloßthore 7 Brautpaare als 7 Bitten und Bußpsalme auf und tragen ihr auf einem Lasterstein von Atlas ein fatales Pereat-Kar¬ men, Für ihn wars innerster Genuß, ein solches Hoch¬ zeitgedicht ganz mit den Reimen, Flügen und Ausrufungs- und Anrufungszeichen des ersten besten Neujahrsreimers der Welt zu schenken; und das Bewußtseyn seiner reinen obwohl sati¬ rischen Absicht beruhigte ihn ganz über jeden Tadel einzelner schwülstiger oder zu sklavischer Wendungen. von mir selber verfasset, ein Dekret vom 19. Juny entgegen, des Effekts ganz ungewiß? — Recht! sagt' er, als der ganze Zug zu ei¬ ner leichtern Übersicht für die in den Schlo߬ fenstern liegende Herrschaft zum zweitenmale den Schloßhof durchreisete — die verdoppelte Do¬ sis soll durchgreifen. Schoppens Hoffnungen nahmen am wenigsten ab, als gar oben — weil Galla war — man sich lange verborgen und verschwiegen hielt und endlich der Fürst als Sieger, aber müde von Hofkavaliers her¬ abgebracht wurde in die Kapelle, um öffentlich für den Zurückzug der feindlichen Macht zu danken; ja als bald darauf auch die Braut nachdrang, aber von Kammerherren an den Ar¬ men zurückgehalten, sogar an der Schleppe von ihren Hofdamen zurückgezogen: so konnte der Bibliothekar leicht ohne Sorgen bleiben. Albano's bewegte, wallende Seele spielte die verworrene Hof-Welt noch wilder und un¬ förmlicher zurück als sie war. Er hörte es, wie die fürstlichen Vettern, sogar der künftige Thron- und Stuhlfolger, dem Vetter Luigi Glück zur Gesundheit, Vermählung und nächsten Zukunft wünschten, ob sie gleich durch ihren Freund Bouverot — ein lebendiges Sukzessionspulver L 2 — ihm von diesen drei Dingen hatten so viel nehmen lassen, daß sie ihm eben ihre kaltblüti¬ ge Verwandtin als die Kronwache ihrer nahen Thronfolge zugeben konnten. Er hörte dieselben Hochzeitgesänge von allen Hof-Pestizern, die wie ein Muskel, ein besonderes Bestreben äu¬ ßerten, sich kurz zu machen. Er sah, wie der Fürst — obwohl mit dem Gefühle, bald in sei¬ ner Fett- oder Wassersucht zu ersaufen — alle Lügen leicht und kalt und schadenfroh dahin¬ nahm — — O, müssen nicht die Fürsten, dacht' er, selber lügen, weil sie ewig belogen, selber schmeicheln lernen, weil sie immer geschmeichelt werden? — Er selber konnte sichs nicht abge¬ winnen, nur den kleinsten Scherf eines lügen¬ den Glückwunsches in den allgemeinen Lügen- Fiskus zu werfen. Die Fürstin warf dem Grafen — so oft es gieng und fast öfter — zwei Blicke oder Wor¬ te zu; denn dieser Blühende erinnerte unter den Thron-Küstenbewohnern, von denen man leich¬ ter ein Echo als eine Antwort hört, allein an seinen kräftigen Vater. Der Hauptmann brach¬ te einige mal — weil er gleich allen Schwär¬ mern wie die Schaben und Grillen die Wärme liebte und das Licht floh und weil ihn alle Menschen von bloßem Verstande drückten — den Tadel zu Albano, daß die Fürstin ihm mit ihrem kalten witzigen Verstande mißfalle; aber der Graf konnte — aus Achtung für die väter¬ liche Geliebte und aus Haß gegen ihre Opfer¬ priester und Schächter — ein Wesen nur bedau¬ ern, das vielleicht jetzt hassen muß, weil seine größte Liebe untergieng. Wie viele edle Wei¬ ber, die es sonst für höher hielten, zu bewun¬ dern als bewundert zu werden, wurden kräf¬ tig, kenntnißreich beinahe groß, aber unglücklich und kokett und kalt, weil sie nur ein Paar Ar¬ me fanden, aber kein Herz dazu, und weil ihre heiße hingegebne Seele kein Ebenbild antraf, womit eine Frau gerade ein unähnliches meint, nämlich ein höheres Bild! Der Baum mit den erfrornen Blüthen steht dann im Herbste hoch, breit, grün und frisch und dunkel vom Laube da, aber mit leeren Zweigen ohne Früchte. Endlich kam man aus den schwülen Spei¬ sesälen in den frischen Lilars-Abend ins Freie und zur Freiheit. Halb zürnend, halb liebes¬ trunken gieng Albano einer verhangnen Stun¬ de entgegen, in welcher so manches Räthsel und sein theuerstes sich lösen sollte. Was sieht der Mensch vor sich, wenn er endlich mit dem Fa¬ den in der Hand aus der Irrhöhle heraustritt? Nichts als die offnen Eingänge in andere La¬ byrinthe und bloß die Wahl darunter ist sein Wunsch. 78. Zykel. Am schönsten Abende, als der Himmel bis auf den Boden aller Sterne durchsichtig war, ließ der Fürst die müde Versammlung, nach Lilar fahren, um besser mit seinen beiden Unsichtbar¬ keiten, mit der Illuminazion und mit Lianens Rolle, zu trügen. Wie schlug dem redlichen Alba¬ no das weiche Herz banger und sanfter, als er unter dem Herabrollen von der Waldbrücke ins wartende Volksgetümmel sich dachte: Sie ist auch diesen Weg in das Lilar gegangen, das ihr sonst so lieb gewesen. Sein ganzes Ideen¬ reich wurde ein Abendregen vor der Sonne, dessen Eine Hälfte vor der Sonne glänzend zit¬ tert und dessen andere grau verschwindet. Ach, vor Lianen hatt' es ohne Sonnenschein gereg¬ net, als sie heute verborgen bloß in den Tem¬ pel des Traums herüberfuhr, um nur ein geliebtes Wesen zu spielen, aber keines zu seyn. Noch brannte keine Lampe. Albano blickte in jede grüne Vertiefung nach seinem Engel des Lichts. Sogar der Fürst selber, der die plötzliche Peterskuppel-Entzündung noch mit seinen Winken zurückhielt, sah dem a Höfen so seltenen Vergnügen entgegen, zweifach zu überraschen. Die Fürstin hatte dem Minister die Verlegenheit der Lüge oder Antwort er¬ spart, denn sie hatte gar nicht nach der künfti¬ gen Hofdame Liane gefragt, gleich dieser gan¬ zen starken Weiberklasse gegen ihr Geschlecht gleichgültig, aber desto fester an einer Auser¬ wählten hangend. Albano erblickte im treiben¬ den, verdunkelten Getümmel seine Pflegeeltern und Rabette, aber in diesem Taumel des Bo¬ dens und der Seele konnt' er wie andere seine Augen nur auf den selber verhangnen Vorhang richten, hinter dem er mehr als alle Andere zu finden und zu verlieren hatte. Doch in Ju¬ gendjahren hängt kein schwarzer, nur ein bun¬ ter herab und an allen ihren Schmerzen sind noch Hoffnungen! Das Volk wartete auf den Glanz und auf die Musik. Der Fürst führte endlich seine Braut dem Tempel des Traumes entgegen; Karl, heute blind gegen, nicht für seine Rabet¬ te, nahm den brennenden Grafen mit. Am äus¬ sern Tempel ließ sich Nichts errathen, was sei¬ nem magischen Namen entsprach; bloß die Fen¬ ster giengen vom Dache dieses Pavillons bis auf den Boden nieder und waren statt von Rahmen und Fenstersteinen, in Zweige und Blätter gefasset. Aber als die Fürstin durch eine Glas-Thüre eingetreten war, schien ihr der Pavillon verschwunden; man stand, schien es, auf einem einsamen von einigen Baumstäm¬ men bewachten freien Platz, welchen alle Per¬ spektiven des Gartens durchkreuzten. Wunder¬ bar wie von spielenden Träumen, waren Li¬ lars Gegenden untereinandergeworfen und die entgegengesetzten zusammengerückt — neben dem Berg mit dem Donnerhäuschen stand der mit dem Altare und hart neben dem Zauberwald bäumte sich der hohe, schwarze Tartarus auf — Ferne und Nähe verschlangen sich ineinander — ein frischer Regenbogen von Gartenfarben und ein entfärbter Nebenregenbogen liefen ne¬ beneinander fort, wie im Erwachen der Schat¬ ten des Traumbilds noch sichtbar vor der bli¬ tzenden Gegenwart entläuft. Indeß die Für¬ stin noch in das träumerische Blendwerk ver¬ sank: Zwischen zwei Fenstern stand immer ein Pfei¬ lerspiegel und mengte seine zurückgespiegelte fer¬ ne Perspektive unter die der Fenster. Jedem Spiegel stand nur Ein Fenster gegenüber; den Zwischenraum zwischen beiden verbarg und er¬ füllte Laubwerk. so trat wie aus der Luft Liane durch eine gläserne Seiten-Thüre in Idoinens Lieb¬ lingsanzug, im weissen Kleide mit Silberblumen und in ungeschmücktem Haar mit einem Schlei¬ er, der nur angesteckt an der linken Seite lang niederfloß, wankend hervor und lispelte, als die Fürstin getäuscht Idoine ! ausrief, zitternd und kaum hörbar:„ je ne suis qu'un songe .“ — Ich bin nur ein Traum. Sie sollte mehr sagen und eine Blume rei¬ chen; aber als die bewegte Fürstin fortrief: soeur cherie ! und sie heftig in die Arme schloß so vergaß sie Alles und weinte nur ihr Herz an einem andern Herzen aus, weil ihr das fremde, vergebliche Schmachten nach einer Schwe¬ ster so rührend war. — Albano stand nahe an der erhebenden Szene; der Verband von allen Wunden wurd' ihm abgerissen und ihr Blut floß warm aus allen nieder. O, nie war sie oder irgend eine Gestalt so ätherisch-schön, so himmlisch blühend und so demüthig gewesen! — Als sie die Augen aus der Umarmung auf¬ hob, fielen sie auf Albano's bleiches Gesicht. Es war bleich nicht vor Krankheit sondern vor Bewegung, Sie fuhr zuckend zurück, umarmte die Fürsten wieder; der bleiche Mensch hatte ihr bewegtes Herz in Eine Thräne nach der andern zerrissen; aber beide grüßten sich nicht — und so fieng ihr Abend an. Während der Täuschung und Umarmung waren auf einen Wink des Fürsten alle Zweige und Thore des Gartens in einen glänzenden Brand gesteckt— alle Wasserwerke des Zauber¬ waldes flatterten mit goldnen Flügeln aufge¬ schreckt hoch empor — im umgekehrten Regen spielte eine weisse, grüne, goldne und finstere Welt und die Wasser und die Flammenstrahlen flogen wie Silber- und Goldfasanen muthwil¬ lig gegeneinander an. — Und der Glanz des brennenden Edens umfieng den Tempel des Traums und der Wiederschein legte sich in sein inneres grünes Laubwerk vergoldend. Liane trat an der Hand der ehrenden Für¬ stin mit niedergeschlagnen, verschämten Augen in die helle, rege Sonnenstadt heraus, ins Ge¬ tümmel der Musik und der frohen Zuschauer. Auf Albano schoß die stürmische Gegenwart wie ein Strom; die entgegengesetzten verworrenen Rollen vor entgegengesetzten Menschen — der Freudenglanz des Abends — und die nächtli¬ che Verwirrung in seiner Brust machten seinen festen Gang durch diesen Abend schwer. Die Fürstin zog ihn bald in ihren Wirbeln weiter; Lianen ließ sie nicht von sich. Der Minister färbte und steifte mit alten Galante¬ rien den erotischen Sklaven auf; aber jedem schien er, da die Fürstin den Kredit nach dem Tode des Fürsten bestimmt, nur die Sitte der Minister nachzumachen, deren Geist gern vom Vater und Dauphin — filioque — zugleich ausgeht, um sich nicht zwischen sondern auf zwei Fürsten-Stühle zu setzen. Sie schien in¬ deß seit seiner Maschinerie mit Lianen, ihn stol¬ zer aufzunehmen. Hinlänglich beglückte ihn das Glück der Tochter wie seinen Schwieger¬ sohn Bouverot die Nähe derselben genug und das Schelmen-Paar lag tief und ganz in Blu¬ men weidend. Albano errieth weiter Nichts als daß sogar ein kalter Drache, ein Seelen-Uran¬ gutang die Reize dieses Engels dunkel spüre. Die Ministerin und der Lektor theilten sich leicht wechselnd in die Bewachung Lianens vor jedem Worte — Albano's. Die Fürstin ließ sich durch die funkelnden Lustgänge, durch den in nassen Blitzen stehenden Zauberwald und zu¬ letzt an das Donnerhäuschen führen, um den brennenden Garten aus allen Punkten in ihr mahlerisches Auge zu nehmen; Liane und Al¬ bano begleiteten sie durch alle Gänge ihres welken, kahlen Arkadiens und hielten ihre zer¬ trümmerten Herzen stumm und fest zusammen. Sie gab, treu ihrem Wort gegen die Eltern, ihm keinen wärmern Blick und Anklang wie jedem, aber auch keinen kältern; denn ihre Seele wollte ja nicht quälen, sondern nur lei¬ den und gehorchen. Er machte — glaubt' er — alle Blicke und Laute sanft; auch rächte sich der edle Mensch durch keinen Schein der Kälte oder gar einer untreuen Befreundung mit der fürstlichen Kron- und Herzenswerberin. Die Fürstin fieng an, ihm unverständlich zu werden. Man kam vom Romantischen auf Roman, dann auf die Frage, warum er die Ehe nicht mahle; „weil er, (versetzte sie,) ohne den „Amor nicht seyn kann.“ — „Und die Ehe?“ — fragte unhöflich Albano. — „Nicht ohne einen „Freund; (sagte sie,) aber Amor ist ein Gott, „ nec deus intersit nisi dignus vindice nodus „ inciderit Es braucht eben keinen Gott, wenn nicht ein Knoten da liegt, der nicht anders zu lösen ist. — —“ setzte sie dazu, weil sie La¬ tein der Dichter wegen gelernt hatte. Bouverot sagte den Vers gar aus, um den Sinn doppelsinnig zu machen: „— nec quarta loqui persona laboret Und ein Vierter (wenn nämlich die Eheleute und der Freund da sind) braucht nicht mit in die Sache zu reden. “ Niemand verstand das Letztere als der Lek¬ tor und die Fürstin. „Warum sind an jenem Hause, (fragte sie,) „keine Lampen, wer wohnt da?“ Sie meinte Speners Haus. Liane beantwortete nur das Letztere und schloß das warme Bild mit den Worten: „er lebt für die Unsterblichkeit.“ „Was schreibt er?“ fragte die mißverstehende Fürstin; und Liane mußte eine christliche Erklärung ge¬ ben, worüber die Ungläubige lächelte. Es er¬ hob sich sogar für und gegen den ewigen Schlaf ein Streit, der nicht viel weniger Zeit wegnahm als sie brauchten, um das Donnerhäuschen zu umkreisen. Die Fürstin fieng an: „wir würden gegen unsern täglichen Schlaf eben so viel, wenn er nicht da wäre, einzuwenden wissen wie gegen den ewigen.“ — „Noch mehr aber gegen das Erwachen daraus,“ griff Albano ein und kürzte die Religionsunruhen ab. Die Fürstin kam auf den ihr durch die lan¬ ge Trauer über ihren verstorbnen Schwieger¬ vater auffallenden Spener wieder nachfragend zurück; und Liane, des mütterliche Beifalls gewiß, ergoß sich in einen Strom der Rede und Rührung — ihren Augen war einer verboten —, der ein erhabenes Bild ihres Lehrers vor¬ übertrug. Wie erschütterte die Erhabenheit die¬ ser so weichen, zarten Seele ihren Freund! So richten sich im blassen, kleinen Mond und Abend¬ sterne höhere Gebürge als auf der größern Er¬ de auf! — „Sie war auch einmal für dich be¬ geistert, aber nun nicht mehr“ sagte Albano zu sich, und blieb hinter Allen zurück, weil seine Seele schon längst voll Schmerzen war und weil ihm jetzt die Fürstin zu mißfallen anfieng. Er stellte sich allein und sah dem rauschen¬ den, leuchtenden Waffentanze der Freude zu. Die Kinder liefen beglänzt durch den Lärm und im hellgrünen Laub. Die Töne schwebten zu Ei¬ nem Kranze ineinandergeschlungen, hoch in ihrem Äther über den lauten Menschen fest und sangen ihnen ihre Himmelslieder herab. Nur in mir, sagt' er sich, wälzen die Töne und die Lichter den Schmerz hin und her, in niemand weiter, in Ihr gar nicht; sie hat für Alle das alte erfreuende Liebesherz mitgebracht, für mich nicht; sie hat bisher nicht gelitten, sie blüht ge¬ nesen. Er bedachte aber nicht, daß ja auch sei¬ ne Kämpfe keinen Tropfen Wasser in das dunk¬ le Roth seiner Jugend gegossen; in Lianen konn¬ ten Wunden aus solchen Kämpfen nur wie jene der geritzten Aphrodite die weißen Rosen zu rothen färben. Aber er nahm sich vor, ein Mann zu blei¬ ben vor so vielen Augen und die Entscheidung und Lianens Einsamkeit abzuwarten. Er wech¬ selte daher mit seinen Pflege-Verwandten aus Blumenbühl mehrere verständige Worte; — er sagte zu Rabetten: „nicht wahr, es gefällt Dir; —“ er schreckte ohne Willen den um einige neue Gesichter aus Haarhaar schwebenden Hauptmann mit der nichtsmeinenden Frage auf: „warum lässest Du meine Schwester so allein?“ — Aber so oft er hinüber sah zu Lianen, die heute in ihrem langen Schleier als die einzige ohne schwere dicke Galla-Hülfe gleichsam als eine junge, athmende, weiche Gestalt unter stei¬ nernen nernen angestrichnen Statuen gieng, so ver¬ schämt-beschämend, wie eine Zitternadel glän¬ zend und bebend, so oft wälzten sich Flammen- Klumpen in ihm los. Die Leidenschaft wirft uns, wie die Epilepsie oft ihre Elenden, gerade an gefährliche Stellen des Lebens, an Ufer und Klüfte hin. Er lehnte den Kopf an einen Baum ein wenig gebückt; da kam Karl aus seinen Freuden-Walzern daher und fragte ihn erschrocken, was ihn so erzürne; denn das Nie¬ derbücken hatte auf sein straffes, markiges Ge¬ sicht düstere, wilde Schatten geworfen; „nichts“ sagt' er und das Gesicht leuchtete mild, da ers emporhob. Jetzt kam auch die unbedachtsame Rabette, und wollte ihn in die Freude ziehen und sagte: „Dir fehlt was!“ — „Du,“ versetzt' er und sah sie sehr zornig an. „Geh in den finstern Eichenhain an Gas¬ pards Felsen! (rief sein Herz,) Dein Vater beugte sich nie; sey sein Sohn!“ Er schritt durch die Glanz-Welt darauf hin; aber als er in¬ nen in der Finsterniß mit dem Kopfe am Fel¬ sen lehnte und die Töne neckend hereinspielten und er sich dachte, wie er eine so edle Seele Titan III . M geliebet hätte, o wie sehr; so war es als sag' etwas in ihm, „jetzt hast Du Deinen ersten Schmerz auf der Welt!“ Wie bei dem Erdbeben Thüren springen und Glocken schlagen: so riß bei dem Gedanken: er¬ ster Schmerz, seine Seele auseinander und har¬ te Thränen schlugen nieder. Aber er wunderte sich, daß er sich weinen hörte und trocknete erzürnt das Gesicht am kalten Moose ab. Schwächer, nicht härter trat er in das zau¬ berische mit glimmenden Edelsteinen beworfene Land heraus und unter die trunkener entgegen¬ hüpfenden Töne, die die Seele wegreißen und aufheben und auf Höhen stellen wollten, damit sie in weite Frühlinge des Lebens hinunter¬ schauete! Hier auf diesem sonst seeligen Boden sah er die zerrissene, zertretene Perlenschnur sei¬ ner künftigen Tage liegen. „O, wie wir an die¬ sem Abende hätten seelig seyn können“ dacht' er und sah ins helle Laubhüttenfest, in das ver¬ goldete aber lebendige Laubwerk — in den grü¬ nen umherirrenden Widerschein, vom Nacht¬ winde gewiegt — und in das Lauffeuer bren¬ nender Gebüsche in den fließenden Wassern — auf den bogigen Triumphthoren standen Lichter wie herabgezogne Himmelswagen — und hin¬ ter ihm die schwarze Klostermauer des Tarta¬ rus, der erhaben in seinen Gipfeln nur einzelne Lichtchen zeigte — und drüben die stillen, schla¬ fenden Berge in der Nacht und hier das laute Leben der Menschen, mit den Nachtschmetter¬ lingen um die Lampen spielend! — So erschaft sich in uns das Feuer selber den Sturmwind, der es noch höher jagt. Ne¬ ben ihm liefen die Töne und sagten ihm jeden Gedanken, den er tödten wollte. Wie der Mensch sich selber sieht, so hört er sich selber oft vor dem Tone. Jetzt gieng Liane in einiger Ferne von der Menge mit Augusti. „Ich will mit ihr re¬ den, so ists aus.“ sagt' er zu sich. Als er ne¬ ben ihr kämpfend und ringend gieng: merkt' er wohl, daß sie wieder unter fremde Zuhörer zurückwollte. „Liane, was hab' ich Dir denn gethan?“ sagte er mit dem Seelentone eines zärtlichen Herzens, bitter des Lektors Gegen¬ wart und Kräfte verachtend. „Verlangen Sie M 2 nur heute keine Antwort, lieber Graf“ sagte sie zurückkehrend und nahm eilig Augusti's Arm; aber er merkte nicht, daß sie es that, um nicht zu sinken. Hier warf er auf diesen einen Flam¬ menblick, hoffend, beleidigt und dann gerächt zu werden — verließ sie hastig und stumm — den süßesten Liebes-Wein hatte ein heisser Strahl zu Essig geschärft — und er verlief sich ohn' es zu wissen, in den Traum-Tempel. Er gieng darin auf und ab, murmelte je ne suis qu'un songe ; wurde aber bald vom Hasse der mitlaufenden Spiegel-Ichs hinaus¬ getrieben in den Tartarus, und von dem nach¬ fliegenden ewigen Frühling der Töne, der ihm jetzt neben dem umhergeackerten Blumenbeete des Lebens so unerträglich war. Im Tartarus fand er alle Anstalten des Schreckens sehr kleinlich und lächerlich. Da ka¬ men ihm unweit des Katakombenganges Ro¬ quairol und Rabette entgegen. Roquairols flammendes Gesicht erlosch und Rabetten ihres kehrte sich rückwärts, da Albano heftig gegen sie hinschritt und durch die Erinnerung gleichzei¬ tiger Himmel mehr erbittert und durch das An¬ wehen in seine glühenden Ruinen aufflammend, den Hauptmann anpackte: „Bist Du ein Freund? — Bist Du kein Teufel? — — Du hast mich auf diesen Abend verwiesen; nie, nie red' ein Wort mehr von ihm!“ — Beide zitterten be¬ stürzt und entfärbt; Albano schrieb das Er¬ bleichen und Abwenden, ohne weiter nachzuden¬ ken, ihrem Antheile an seiner Marter zu. Wel¬ che verwirrende, feindseelige Nacht! Er schweifte immer weiter, ihn peinigte das nachleckende Freudenfeuer der Töne un¬ säglich — lügende entgegenflatternde Tropikvögel der schönern wärmern Zone waren sie ihm — „Ich will ja bloß in mein Bette, sobald es nur still wird drinnen!“ — Er war eine halbe Mei¬ le weit, als das Lilarsche Tönen ihm noch im¬ mer nachzog; er drückte grimmig die Ohren zu, aber Lilar spielte darin noch fort — da merkte er, daß er nur sich höre. Aber immer war ihm als müßte sich das lustige Geklingle wie im Don Juan , auflösen in das Zetergetöne vor Geistern. Fürchterlich spitz lief ihm die Allee der künf¬ tigen Tage zu, da er nun aus ihnen den Mond seines Himmels der schon über sein kindisches Herz und über die Blumenbühler Pfade ge¬ leuchtet, herausriß. Der blühende, hüpfende Genius seiner Vergangenheit schlich ungesehen, den Freudenkranz bloß in der Hand, hinter ihm weg, indeß er mit dem vor ihm gehenden schwarzen Engel der Zukunft kämpfte, der ihm nachschleppte durch brausende Waldungen — durch schläfrige Dörfer — durch nasse, trie¬ fende Thäler. — Endlich sah Albano gen Him¬ mel unter die ewigen, unzähligen Sterne, zu dem hängenden Blüthen-Garten Gottes: „ich schäme mich vor Euch nicht, sagt' er, weil ich auf dieser Kugel weine und gepresset bin vor Eurer Unermeßlichkeit — droben steht Ihr alle weit auseinander — und auf allen großen Welten hat jeder arme Geist doch nur eine kleine Stel¬ le unter seinen Füßen, wo er glücklich oder elend wird. — Ist nur diese Nacht vorbei und ich ins Bette: morgen bin ich gewiß ein Mann und fest!“ Plötzlich hört' er mehrmals einen fast er¬ bitterten Klage-Schrei. Endlich erblickt' er ne¬ ben einem Flusse ausgestreckte weiße Ärmel oder Arme; er gieng an die weibliche Gestalt: „ich bin leider Gottes blind, sagte sie; ich war auch mit bei der Illuminazion und bin irre gelau¬ fen — ich kenne sonst Weg und Steg, drüben liegt unser Dorf, ich höre den Hirtenhund — aber ich kann den Steg übers Wasser nicht finden.“ Es war die erwachsene Blinde von der Sennenhütte. „Gehts noch lustig da zu?“ fragt' er unter dem Führen. „Alles aus“ sag¬ te sie. Am Rosana-Stege ließ sie sich aus Ei¬ telkeit nicht weiter zurechtweisen. Er kehrte durch die schönen schon vom Mor¬ gen thauenden Gebüsche auf eine Höhe vor Lilar — Alles war still drunten — wenige zerstreuete Lampen flackerten im Flötenthal, und noch am Tartarus das Paar wie Todes-Tygeraugen — er gieng in das leere Land hinunter über das stumme, platte Grab hinweg — seinen finstern, sinkend-steigenden Höhlengang hinauf — und in sein Bette hinein. „Morgen!“ sagt' er kräf¬ tig und meinte seine Standhaftigkeit. — Achtzehnte Jobelperiode. Gaspards Brief — die Blumenbühler Kirche — die Sonnen- und Seelenfinsterniß. 79. Zykel. W enn in der vorigen Nacht ein feindseeliger fremder Geist die Menschen hinter Augenbin¬ den hart widereinander und auseinander jag¬ te: so wird er am Morgen darauf, wenn er auf einer kalten Wolke sein Schlachtfeld mit funkelnden Augen überblickte, fast gelächelt ha¬ ben über alle die Freuden und Ernten, die rings um ihn darniederliegen. In Blumenbühl drückt Rabette in einsa¬ men Ecken gewaltsam ihre Hände mit zittern¬ den Armen ineinander und haucht die Kalk¬ wand an, um die Thränen-Röthe wegzuwa¬ schen. — Aus Lilar kommt düster Albano, blickt die Erde, statt der Menschen an und auf der Sternwarte begierig den Himmel und sucht kei¬ nen Freund — Roquairol treibt Pferde und Reiter zusammen und macht sich ausser Lands einen lustigen, trunknen Abend — Augusti schüt¬ telt den Kopf über Briefe aus Spanien und sinnt verdrüßlich aber tief nach — Liane lehnt in einem Schlafsessel, zerknickt mit dem gegen die Schulter fallenden Angesicht, worauf Nichts mehr blüht als die Unschuld — der Vater schreitet rothbraun auf und ab, sie antwortet nur schwach, indem sie die gefalteten Hände von Zeit zu Zeit ein Wenig hebt — — Vor dem Nachtgeist auf der Wolke geht die Men¬ schen-Zeit schnell, als ein dahinfliegendes Flü¬ gel-Paar ohne Schnabel und Schweif; der Geist hat die ferne Woche neben sich, wo Al¬ bano Nachts auf der Sternwarte sieht, daß in der Blumenbühler Kirche ein Altarlicht brennt, daß Liane darin mit aufgehobnen Händen knieet und daß ein alter Mann die seinigen auf ihre heitere, glänzende Stirn auflegt, die sich mit thränenlosen Augen gen Himmel richtet. Der Geist sieht tiefer in die Monate hin¬ ab, vor Lust kreiset er sich um sich und grinzet über alle umliegenden Wohn- und Lustörter der Menschen; oft lacht er um alle seine offnen Höllenzähne herum, nur zuweilen knirscht er sie bedeckt unter dem Lippenfleisch. . . Seht weg — denn auch das sieht und will es — und tretet herab von dem winterlichen Gespenst unter die warmen Menschen und auf die feste Wirklichkeit, wo die fliegende Zeit wie die fliegende Erde auf ruhenden Wurzeln zu liegen und wo nur die Ewigkeit wie die Son¬ ne zu kommen scheint. Albano's Wunde, die seinen ganzen innern Menschen durchschnitt, könnt ihr am besten am Verbande messen, den er um sie zu bringen suchte. Aus dem Troste und Selbst-Truge wird unser Schmerz errathen. Am Morgen ließ er die Schmerzen durcheinanderreden und lag still vor ihrem Leichengeschrei als die Leiche; dann stand er auf und sagte so zu sich:“ nur eines von beiden ist möglich, entweder sie ist mir noch getreu und nur die Eltern zwingen sie jetzt — dann muß man diese wieder bezwingen und da ist gar Nichts zu jammern — oder sie ist mir, aus irgend einer Schwäche etwan gegen die wüthigen und geliebten Eltern nicht mehr treu, oder aus Kälte gegen mich, oder aus Religio¬ sität, Irrthum und so weiter: dann seh' ich (fuhr er fort und suchte die beiden Füße tiefer und fe¬ ster in den Boden einzutreten, ohne doch einen Widerhalt zu haben) weiter Nichts zu thun als Nichts, nicht ein plärrender Säugling, ein äch¬ zender Siechling, sondern ein eiserner Mann zu seyn — nicht blutig zu weinen über ein vergang¬ nes Herz, über die tiefe Todesasche auf allen Feldern und Pflanzungen meiner Jugend und über meinen ungeheuern — Schmerz.“ So be¬ thört' er sich und hielt das Bedürfniß des Tro¬ stes für die Gegenwart desselben. Jeden Abend besuchte er die Sternwarte außer der Stadt auf der Blumenbühler Höhe. Er fand den alten, einsamen, magern, ewig rechnenden weib- und kinderlosen Sternwärtel immer freundlich und unbefangen wie ein Kind, nichts fragend nach Kriegszeitungen, Mode¬ journalen und Poesieen; und nirgends für sein Vergnügen Geld ausgebend ausser auf der Post an Bode und Zach. Aber funkelnd blickte das alte Auge unter den sparsamen Augenbraunen in den Himmel und poetisch erhob sich ihm Herz und Zunge, wenn er von der höchsten irr¬ dischen Stelle, dem lichten Himmel über der schwarzen, tiefen Erde, sprach — von dem un¬ übersehlichen Welt-Meer ohne Ufer, worein der Geist, der vergeblich überfliegen will, ermüdet sinke und dessen Ebbe und Fluth nur der Un¬ endliche sehe unten an seinem Throne — und von der Hoffnung auf den Sternenhimmel nach dem Tode, den dann keine Erdscheibe wie jetzt durchschneide sondern der sich um sich selber oh¬ ne Anfang und Ende wölbe. Wenn Sokrates den stolzen Alzibiades durch die Erdkarte verkleinerte: so muß, wenn die Himmelskarte diese selber vernichtet, unser Stolz und Schmerz auf ihr noch mehr erröthen. Al¬ bano schämte sich, an sich zu denken, wenn er aufsah in die ungeheuere aufsteigende Nacht über ihm, worin Tage und Morgenröthen ste¬ hen und ziehen. — Er erhob sich und seinen Lehrer, wenn er davon sprach, wie jetzt droben in der Unermeßlichkeit Frühlinge und Paradie¬ se junger Welten und donnernde Sonnen und zusammenbrennende Erden durcheinanderflie¬ gen und wir stehen hier unten als Taube un¬ ter dem erhabnen Orkan und der brausende Gewitterguß zeigt sich uns in dieser Ferne nur als ein stiller, stehender weißer Regenbogen auf der Nacht. — So oft Albano's großes Auge vom Him¬ mel kam, fand es die Erde heller und leichter. Endlich aber kam die Nacht, die der feindseelige Geist schon so lange erlebt . Es war schon sehr spät und der Himmel ganz heiter, die Ne¬ belflecken drangen sich als höhere Martkflecken näher heran, der Himmel schien mehr weiß als blau, Albano dachte an die verborgne Gelieb¬ te, die neben ihm den Himmel und ihn noch mehr heiligen würde durch ihr Herz voll unauf¬ hörlicher Gebete: als er plötzlich durch das nie¬ dersinkende Sternrohr in der Blumenbühler Kirche Licht erblickte — die Fürstengruft offen — Lianen am Altare knieend mit aufgehobnen Händen — und einen alten Mann neben ihr, sie gleichsam einsegnend — — Fürchterlich stan¬ den die Kerzenflammen und Lianens Gesicht und Arme nach der Tiefe umgestürzt, weil das Sternrohr Alles umgekehrt erscheinen ließ. Albano bat schaudernd den Astronomen, dahin zu schauen. Auch dieser sah die Erschei¬ nungen, ihm aber namenlose. „Es sind wohl Leute in der Kirche“ sagt' er gleichgültig. Aber Albano stürzte hinab — kaum konnt' ihm der verwunderte Astronom die Einladung auf die morgendliche totale Sonnenfinsterniß nachrufen — und rannte auf Blumenbühl zu. Wie sich sein Herz unter dem Rennen und am meisten in Vertiefungen, worin er die erleuchtete Kir¬ che verlohr, abarbeitete, das bleibt verhüllt, weil es sich ihm selber verhüllte unter seinem Sturm. Endlich sah er die weiße Kirche vor sich, aber die Kirchenfenster waren ohne alles Licht. Er klopfte hart an die eiserne Kirch-Thüre und rief: „aufgemacht!“ er hörte nur den Nachhall in der leeren Kirche und nichts weiter. So gieng er mit der stürmenden Vergan¬ genheit in seiner Brust durch die schlafende Nacht zurück — die Erde war ihm eine Gei¬ sterinsel, die Geisterinseln waren ihm Erden — sein Wesen, seine Stadt Gottes brannte ab, fühlt' er. Sie lag am Morgen noch in völliger Gluth, als der Lektor zu ihm kam und ihm die unbe¬ greifliche Bitte von Lianen brachte, daß sie ihn gegen die Mittagszeit allein in Lilar zu spre¬ chen wünsche. Er wurde diesesmal nicht gegen den verdächtigen Boten erzürnt und sagte voll Verwunderung „Ja.“ Mit welchen kühnen, aben¬ theuerlichen Formen steigt unser Lebens-Ge¬ wölke den Himmel hinan, eh' es verschwindet! — 80. Zykel. Lasset uns zu Lianen gehen, wo die Räth¬ sel wohnen! — Am Morgen nach der erleuch¬ teten Nacht fühlte sie erst die grausame An¬ spannung nach, womit sie ihren Eltern das Versprechen des Schweigens gehalten; mit auf¬ gelöseten Kräften sank sie darnieder, aber auch mit feuriger erneueter Treue. „Womit (sagte „sie sich immerfort,) hatt' es denn dieser edle „Mensch verdient, daß ich ihm seinen ganzen „Abend voll Schmerzen machte? — Wie oft „sah er mich bittend und richtend an! — O, „hätt' ich Dein schönes Haupt halten dürfen da „Du es schwer an die rauhe Fichten-Rinde „lehntest!“ — Was sie in der schweren Mit¬ ternacht am wehmüthigsten gemacht, war sein stummes Verschwinden gewesen; wie oft hatte sie nach seinem aussen mit Lampen erleuchte¬ ten Donnerhäuschen hinaufgesehen, wo innen nur Finsterniß am Fenster lag! Jetzt fühlte sie wie nah' er ihrer Seele wohne; und sie weinte den ganzen Morgen über die Nacht und der Strahl der Liebe stach sie immer heißer, so wie Brennspiegel die Sonne stärker vor uns legen wenn sie gerade nach Regen niederblickt. Die Mutter wurd' ihr heute für das opfernde worthaltende Gestern durch zurückkommende, ver¬ trauende Liebe dankbar; — obwohl der Vater mit Nichts; da man bei ihm so wenig wie bei den ältern Lutheranern durch gute Werke seelig wurde, sondern nur durch den Mangel derselben ver¬ dammt — aber eben jetzt, wo die Eltern aus der Nacht die neuesten Hoffnungen der Entsa¬ gung geschöpfet hatten, konnte die Tochter kei¬ ner einzigen schmeicheln. Wie Wie oft dachte sie an Gaspards Brief! — Ist er ein abgedrückter Pfeil, der mit der Wun¬ de an der Gift-Spitze, auf dem langsamen Weg von Spanien nach Deutschland ist, oder das freundliche Licht eines nie gesehenen Fixsternes, das erst auf der weiten Bahn zu uns herunter¬ geht? — Augusti hatte aber den Brief schon vor der Illuminazionsnacht erhalten, allein nur Ursa¬ chen gefunden, ihn nicht zu übergeben. Hier ist er: „Ich muß Ihre Ängstlichkeit sehr schätzen, „ohne sie anzunehmen. Albano's Liebe für das „F. v. Fr., an dem ich schon sonst so zu sagen „eine gewisse Virtuosität in der Tugend recht „gern bemerkte, stellet uns und ihn gegen den „Einfluß der Geister-Maschinerie und gegen „anderweitige Verbindungen sicher, die für sei¬ „ne Studien und sein warmes Blut wohl be¬ „denklicher wären. Nur muß man dergleichen „Jugend-Spiele ihrem eignen Gange überlas¬ „sen. Hält er an ihr zu fest: so mag er zuse¬ „hen wie sich die Sache entwickelt. Warum „sollen wir ihm diese Freude noch verkürzen, da Titan III . N „Sie mir ohnehin leider die Kränklichkeit des „schönen Wesens klagen? Im Spätherbste seh' „ich ihn. Seine kräftige, brave Natur wird „wohl zu entrathen wissen. Versichern Sie das „Froulaysche Haus meiner besten Gesinnun¬ „gen.“ G. d. C. Der Lektor hätte gern dieses Papier in die Papiermühle geworfen, da so wenig daran „ostensible“ war. Zwar Gaspards mörderisch geschliffne Ironie über Lianens Kränklichkeit blieb, wenn er ihr das Schreiben zeigte, für die¬ se arglose Friedensfürstin in der Scheide; — auch der Nordwind des Egoismus, der das Blatt durchstach, wurde von der Liebenden, da er doch für Albano's frohe Lebensfahrt ein gün¬ stiger Seitenwind war, nicht gefühlt oder ge¬ achtet; — aber eben darum; denn sie konnte Gaspards verdecktes Nein für ein Ja ansehen und sich gerade in das Seil tödtlich verwirren, woran der Freund sie aus ihrem steilen Abgrund ziehen wollen. Indeß der Brief mußte übergeben werden — aber er thats mit langen, scheuen Weigerun¬ gen, die ihr gleichsam den Schleier von dem bedeckten Nein wegziehen sollten. Sie las ihn furchtsam, lächelte weinend bei der mörderi¬ schen Ironie und sagte sanft: ja wohl! — Der Lektor hatte schon eine halbe Hoffnung im Au¬ ge. — „Wenn der Ritter (sagte sie,) so denkt, „darf ichs denn weniger? Nein, guter Albano, „nun bleib' ich Dir treu! Mein Leben ist so „kurz, darum sey es ihm so lange erfreulich und „gewidmet als ich vermag.“ Sie dankte dem Lektor so warm und froh für den Pfeil aus Spanien, daß dieser unfä¬ hig war, hart genug zu seyn, um dessen schwarz vergiftetes Ende in das schöne Herz zu stoßen. Sie bat ihn, zu seiner Schonung nicht bei ihrer festen Erklärung gegen ihren Vater zu seyn, lieber höchstens zu ihrer und der mütterlichen die ihrige gegen die Mutter zu übernehmen. Er willigte blos in — beides, statt in eines. Die sanfte Gestalt trat ruhig vor ihren Va¬ ter hin und brachte, vor keinem Blitz und Don¬ ner zusammenfahrend, ihre Erklärung zu Ende, daß sie ihre gemißbilligte Liebe hart bereue, daß sie alle Strafen tragen, und Alles opfern, Alles hier und bei der Fürstin thun und lassen wolle N 2 wie „ cher père “ fodern würde, daß sie aber länger nicht den schuldlosen Grafen v. Zesara beleidigen dürfe durch den Schein des pflicht¬ widrigsten Abfalls. Auf diese Anrede konnte der Minister — der sich durch das bisherige folgsame Enthalten sehr von labenden Erwartun¬ gen hatte heben lassen — unten auf dem Boden ausgestreckt, von seinem tarpejischen Felsen da¬ hin geworfen, keinen weitern Laut von sich geben als diesen: „ Imbécille ! Du heirathest den H. v. Bou¬ verot — er malt Dich morgen —Du sitzest ihm.“ Er zog sie mit harter Hand und drei entsetz¬ lich langen Schritten zur Ministerin: „sie bleibt „(sagt' er,) in ihrem Zimmer bewacht, niemand „darf zu ihr ausser mein Schwiegersohn, — er will die Imbecille mahlen en miniature .“ — „Geh, Imbécille !“ sagte er ausser sich. Ihr gänz¬ licher Mangel an weiblicher Verschlagenheit hatte wirklich für den Staatsmann eine Decke über ihr tiefes, scharfes Auge gezogen; ein ge¬ rader Mensch und Verstand gleicht einer gera¬ den Allee, die nur halb so groß erscheint als eine auf krummen Wegen laufende. Der Lektor, der nie für einen besondern Liebhaber ehelicher Lusttreffen wollte angesehen seyn, hatte sich schon fortgemacht. Der dreissig¬ jährige Krieg der Gatten — nur wenige Jahre fehlten daran — gewann Leben und Zufuhr. Der alte Ehemann verbreitete über sein Gesicht jenes zuckende Lächeln, das bei einigen Men¬ schen der Zuckung des Korkholzes ähnlicht, wel¬ che das Anbeissen des Fisches ansagt. Er frag¬ te, ob er nun wohl Unrecht gehabt, weder der Tochter noch der Mutter — die er beide eines partheigängerischen Einverständnisses gegen ihn beschuldigte — zu trauen; und versicherte nun, nach solchen Proben wären ihm weder strenge¬ re Maaßregeln zu verargen noch ein gerades Losgehen auf sein Ziel und mit dem Sitzen, um das ihn der deutsche Herr schon zweimal gebeten, höb' er an. Die Ministerin schwieg zu Lianens Strafe über ein so übergroßes Ge¬ schenk an Bouverot wie ein Miniaturbild ist. Die zarte Tochter, gedrängt und zerquetscht zwischen steinernen, zuschreitenden Statuen, stell¬ le der Mutter vor, sie sey unmöglich im Stan¬ de, ein so langes männliches Anblicken auszu¬ halten, und am wenigsten von H. v. Bouve¬ rot, dessen Blicke oft wie Stiche in ihre Seele führen. Hierauf antwortete und retorquirte in der Mutter-Namen der Vater dadurch, daß er einen Sessel an den Sekretair hinzog und auf der Stelle den deutschen Herrn auf Mor¬ gen einlud zum Malen. Dann wurde Liane mit einem Worte fortgeschickt, das sogar aus dieser weichen Blume den Blitz eines kurzen Hasses zog. Das Reichsfriedensprotokol lag jetzt vor beiden Gatten aufgeschlagen; und es fehlte blos an jemand, der diktirte, als die Mini¬ sterin aufstand und sagte: „Sie sollen mich mehr achten lernen.“ Sie ließ anspannen und fuhr zum Hof¬ prediger Spener. Sie kannte Lianens Achtung für ihn und seine Allmacht über ihr frommes Gemüth. Sogar ihr selber imponirt' er noch. Aus jener frühern theologischen Zeit, wo noch der lutherische Beichtvater näher an dem ka¬ tholischen regierte, hatt' er durch die Kraft und Großmuth seines Karakters einen Hirtenstab, der vom Bischofsstabe sich blos im bessern Hol¬ ze unterschied, herübergebracht. Sie mußt' ihm Lianens Verhältnisse zweimal erzählen; der feu¬ rige, erzürnte Greis konnte eine Liebe gar nicht fassen und glauben, die sich sogar vor seinen alten Augen sollte fortgesponnen haben ohne sein Wissen. „Ihro Excellenz (antwortete er end¬ „lich,) haben freilich gefehlet, daß Sie mir diese „importante Begebenheit erst heute mittheilen. „Wie leicht würd' ich Alles durch Gotteshülfe „zu einem gesegneten Ausgang geleitet haben! „Es ist aber Nichts verlohren. Senden Ihro „Excellenz das Fräulein noch diese Nacht zu „mir, aber allein, ohne Sie; das muß gesche¬ „hen; dann steh' ich für das Übrige!“ Einwendungen und Bedenklichkeiten wür¬ den blos den Ehrgeiz und Zorn des Greises — welche Beide unter dem Eis seiner Haare fort arbeiteten — entzündet haben; sie sagte ihm al¬ so vertrauend Alles zu mit jenem Gehorsam, den sie auch auf Lianen vererbet hatte. Recht hoffend nahm Liane den Befehl der Nachtreise zum guten, frommen Vater auf. Sie fuhr bloß mit ihrem ergebenen Mädchen ab. Mit tiefbewegter Seele erschien sie vor ihrem Beichtvater. Sie eröfnete sich ihm wie einem Gott; er entschied eben so. Welch ein Anblick für ein anderes, weniger stolzes Auge als das Spenersche wäre diese demüthige, aber gefaßte Heilige gewesen, deren Herz immer wie der Son¬ nenstrahl, am schönsten in der Zerspaltung er¬ schien! — Aber hier geht die Geschichte in Schleiern! Der Greis befahl ihrem Mädchen zurückzublei¬ ben und nahm sie allein in das stumme Blu¬ menbühl hinüber. Er schloß ihr die Kirche auf, zündete noch eine Kerze auf dem Altare an, damit das wüste Dunkel ihrem scheuen Auge nichts vorspiele, und vollendete, was die Eltern nicht konnten. Wie er es erzwang, daß sie auf ewig ih¬ rem Albano entsagte, wird von der großen Sphinx des Eides, den sie ihm schwur, bewacht und bedeckt. — Nur der ferne Mensch, der die schöne Seele verlohr, hatte auf der Stern¬ warte von den Sennen auf die hellen Kirchen¬ fenster geblickt, und hinter ihnen zerrüttende Erscheinungen gefunden, ohne zu wissen daß sie wahr wären und sein Leben entschieden. Sie gieng kalt über die Auen und Berge der alten Tage die geleuchtet hatten wieder in die Wohnung des Greises zurück, der sie mit größerer Ehrerbietung entließ als er sie aufge¬ nommen. Auf dem Nachtweg war sie stumm und in sich gesenkt gegen ihr Mädchen. Die Eltern erwarteten sie noch, die Mutter blickte bang' in die Nacht und in die Zukunft. End¬ lich rollte der lebendige Wagen in den Hof. Groß und mächtig wie eine unschuldig Hinge¬ richtete wieder vor dem Zergliederer auflebt und, ihn für den höhern Richter achtend, entfesselt und freudig spricht, so trat sie vor die Eltern; wie der kalte Marmor einer Göttergestalt, stand sie bleich, thränenlos, kalt und ruhig da. Sie wußte und wollt' es nicht, aber sie gieng hoch über das Leben, sogar über die kindliche Liebe — sie konnte die Mutter nicht so inbrünstig küssen wie sonst — sie stellte sich unerschrocken vor den polternden Vater und sagte dann oh¬ ne Thräne, ohne Bewegung, ohne Röthe und mit sanfter Stimme: „Ich habe heute vor Gott „meiner Liebe entsagt. Der fromme Vater hat „mich überzeugt.“ — „Und hatte der Mann bessere Gründe dazu in petto als ich?“ sagte Froulay. — „Ja, (sagte sie,) aber ich habe im „Tempel geschworen zu schweigen, bis Alles die „Zeit entdeckt. — Nun bitt' ich Sie nur bei dem „Allgerechten, mir es zu erlauben, daß ich Ihm „seine Briefe persönlich wiedergebe und ihm es „sage, daß ich aufhöre die Seinige zu seyn, aber „nicht aus Wankelmuth, sondern aus Pflicht; „— das bitt' ich, liebe Eltern. — Dann wallte „Gott weiter und ich werde Ihnen in Nichts „mehr ungehorsam seyn.“ Der elende Vater durch diesen Sieg auf¬ geblähter, wollte ihr noch die letzte Bitte des sterbenden Herzens sauer machen und ließ so¬ gar Argwohn über die Absicht der Zusammen¬ kunft blicken; aber die Mutter, in ihrer schö¬ nen Seele von der schönsten ergriffen, trat eif¬ rig und verachtend dazwischen und bejahte es eigenmächtig. Auch schien Liane das Vater- Nein wenig zu bemerken. Als er fort war, riß die Mutter die stille Gestalt seelig-weinend an sich; aber Liane weinte doch nicht so leicht an ihr, wie sonst, aus Liebe, es sey, daß ihr Herz zu erhaben stand oder daß es eben so langsam in die alte Lage wiederkam, als es aus ihr wich. „Habe Dank, Tochter, (sagte die Mutter,) ich werde Dir nun das Leben froher machen.“ — „Es war froh genug. Ich sollte sterben; dar¬ „um mußt' ich lieben“ sagte sie. — So gieng sie lächelnd in die Arme des Schlafes mit hart¬ klopfendem Herzen. Aber im Traume kam es ihr vor, sie sinke ohnmächtig dahin, verliere die Mutter und ringe sich aus dem fliegenden To¬ de bange wieder auf und weine dann froh, daß sie wieder lebe. Darüber erwachte sie, und die frohen durch den Traum sanft abgelöseten Tropfen flossen aus den offnen Augen fort und erweichten wie Thauwind das starre Leben. — Ihr großen oder seeligen Geister über uns! Wenn der Mensch hier unter den armen Wol¬ ken des Lebens sein Glück wegwirft, weil er es kleiner achtet als sein Herz: dann ist er so see¬ lig und so groß wie Ihr. Und wir sind Alle einer heiligern Erde werth, weil uns der An¬ blick des Opfers erhebt, und nicht niederdrückt und weil wir glühende Thränen vergießen, nicht aus Mitleiden, sondern aus der innersten, heiligsten Liebe und Freude. — 81. Zykel. Warm und glänzend trat die Sonne, die heute wie die Unglückliche verfinstert werden sollte, ihren Morgen an. Liane erwachte zum Begräbniß-Tage ihrer Liebe nicht mit der ge¬ strigen Stärke, sondern weich und matt aber heiterer durch die Aussicht in die Wiederkehr der friedlichen Zeit. Die Mutter, obwohl sel¬ ber kränklich, drückte sie schon frühe an ihr Herz, um den Puls des theuersten zu prüfen. — Lia¬ ne blickt' ihr liebreich und sehnsüchtig recht lange mit nassem Auge ins nasse und schwieg: „Was willst Du?“ — fragte die Mutter. — „Mut¬ ter, liebe mich jetzt mehr, da ich allein bin;“ sag¬ te sie. Dann band sie vor der Mutter alle Briefe Albano's zusammen, ohne sie zu lesen, den ausgenommen, worin er ihren Bruder um seine Liebe bittet. Sie scherzte gegen die Mut¬ ter, wie das Schicksal es mit uns wie arme Eltern mit ihren Kindern machte, die ihnen an¬ fangs helle, bunte Gewänder angäben, weil die¬ se leichter in dunkle umzufärben wären. Die Mutter suchte allmählig ihre Geister¬ phantasien, gleichsam das Todes-Moos, das an ihrem jungen, grünen Leben sauge, von ihr abzunehmen: „Du siehst, (sagte sie,) wie Dein En¬ „gel irren kann, da er Deine Liebe billigte, die „Du nun mißbilligst.“ Aber sie hatte eine Ant¬ wort: „nein, der fromme Vater sagte, sie sey recht gewesen bis da er mir das Geheimniß sagte und die Bibel sage, man müsse Alles ver¬ lassen der Liebe wegen.“ — So steigt denn die¬ ses arme Geschöpf, wie man vom Paradiesvo¬ gel sagt, so lange im Himmel gerade empor, bis es todt herunterfällt. Sie zeigte der Mutter fast eine fieberhafte Heiterkeit, einen Sonnenschein am letzten Tage des Jahres. Sie sagte, wie es sie erquicke, daß sie nun mit ihrer lieben Mutter von ihren vo¬ rigen schönen Tagen frei reden dürfe — sie mal¬ te ihr Albano's glühendes, großes Herz und wie er die Opfer verdiene, und die „Perlen¬ stunden“ die sie zusammengelebt. „Im Grunde „ist (sagte sie heiter aber so daß dem Zuhörer , Thränen ankamen,) ja nichts davon vorbei, „Erinnerungen dauern länger als Gegenwart, „wie ich Blüthen viele Jahre konserviret habe, „aber keine Früchte.“ Ja, es giebt zarte weib¬ liche Seelen, die sich nur in den Blüthen des Weingartens der Freude berauschen, wie ande¬ re erst in den Beeren des Weinbergs. Des Lek¬ tors Billet kam an mit der Nachricht, daß Al¬ bano sie in Lilar erwarte. Jetzt da die Stunde der Zusammenkunft so dicht anrückte, wurd' ihr immer banger; „wenn „ich ihn nur überreden kann, (sagte sie,) daß ich „als ein rechtschaffenes Mädchen gehandelt ha¬ „be.“ Ehe sie ihr Morgenzimmer gegen den Trauerwagen vertauschte, legte sie darin Alles zum Zeichnen zurecht, wenn sie wiederkäme; sie habe, sagte sie, einen sehr bösen Traum gehabt, aber sie hoffe, er treffe nicht ein. Sie stieg mit ihrem Arbeitskörbchen worin die Briefe lagen, am Arme, in den Wagen, den man aufmachen mußte, weil seine schwüle Luft sie drückte. Aber die Schwüle athmete ihr Geist, und alles Schöne, was ihr begegnete, würd' ihr heute zur betäubenden Giftblume. Sie fa߬ te und drückte furchtsam immer die Hand der Mutter, weil sie jeder Schrei, jede schnell vor¬ überlaufende Gestalt, wie ein Sturmvogel rau¬ schend überflatterte; ein Ausrufer schnitt mit seinem rohen Ton in ihre Nerven; sie bebten nur erst sanfter wieder, da ein Geistlicher und sein Diener mit dem Krankenkelch für den Abendtrank der müden Menschen vorübergien¬ gen. O, der schöne Weg wurd' ihr lang! Sie mußte das zerfallende Herz, das recht fest und bestimmt mit dem Geliebten reden sollte, so lan¬ ge mit ermattenden Kräften zusammenhalten. Der Himmel war blau und doch merkten beide es nicht, daß es ohne Wolken anfange dunkel zu werden, da der Mond schon mit sei¬ ner Nacht an der Sonne stand. Als sie über die Waldbrücke in das lebendige Lilar fuhren, wo an allen Zweigen die alten Brautkleider einer geschmückten Vergangenheit hiengen: sag¬ te Liane mit Heftigkeit zur Mutter: „Um Got¬ „tes Willen nicht ins alte Todten-Schloß!“ Wo der Fürst gestorben und sie erblindet war. „Wohin denn aber? Er ist dahin bestellt.“ sagte die Mutter. — „Überall hin — in den Traum¬ tempel — Er sieht uns schon, dort geht er auf den Thoren,“ sagte sie. „Gott, der Allmächtige sey mit Dir, und sprich nicht lange“ sagte die weinende Mutter, als sie von ihr in den Tem¬ pel gieng, in dessen Spiegeln sie der Trennung der unschuldigen Menschen zuschauen konnte. Albano kam langsam oben in den Gängen daher, er hatte sein Auge von Thränen rein gemacht und sein Herz von Stürmen. O, wie hatt' er bisher wie ein lang umhergetriebner Seefahrer in seine dunklen Wolken hineingese¬ hen um zwischen ihren Nebelspitzen die Berg¬ spitze eines festen grünen Landes auszufinden! — daß er heute so viel, nämlich Alles verlieren sollte, so weit waren seine traurigsten Schlüsse nicht gegangen; ja er bewahrte so viel Ruhe, daß er oben den kleinen nachtanzenden Pollux nicht bedrohend sondern beschenkend zurück¬ schaffte. Endlich stand er mit zuckenden Lippen vor der geliebten schönen Gestalt, die kindlich, bleich, zitternd und das Arbeitskörbchen bewachend ihn ein wenig anblickte und dann mit ihren nie¬ derfallenden Augen kämpfte. Da schmolz sein Herz; die Fluth der alten Liebe rauschte hoch in sein Leben zurück. „Liane, (sagt' er im sanfte¬ sten Ton und seine Augen tropften,) bist Du noch meine meine Liane? Ich bin noch wie sonst; und Du hast Dich auch nicht verändert?“ — Aber sie konnte nicht Nein sagen. In die Pulsader ih¬ res Lebens wurde geschnitten und Thränen sprangen auf statt Blut. Seine gute Gestalt, seine bekannte Bruder-Stimme standen wie¬ der so nahe an ihr und seine Hand hielt ihre wieder und doch war Alles vorbei, ein heis¬ ser Sonnenblick streifte über ihr voriges, blu¬ miges Gartenleben und zeigt' es wehmüthig erleuchtet, aber es lag fern von ihr. „Laß „uns (fuhr er fort,) jetzt stark seyn in diesem son¬ „derbaren Wiedersehen — sage mir recht kurz „Alles, warum Du bisher so schwiegest und so „thatest — ich habe Nichts zu sagen — dann „sey Alles vergessen.“ — Er hatte unbewußt ih¬ re Hand erhoben, aber die Hand drückte sich nieder und zitterte dabei. „Zitterst Du oder ich?“ — sagt' er. „Ich, Albano, (sagte sie,) „aber nicht aus Schuld; ich bin treu, o Gott, „ich bin treu bis in den Tod.“ — Er sah sie irrend an: „ Ihnen , Ihnen bin ichs, aber „Alles ist vorbei“ rief sie verwirrt und verwir¬ rend. „Nein — (setzte sie gebietend dazu, als er Titan III . O zufällig mit ihr aus der Perspektive des Traum- Tempels gehen wollte —) „nein, meine Mutter „will uns sehen, dort aus dem Traumtempel.“ Er wurde roth über die mütterliche Wache, sein Auge blitzte in ihres wider das „Ihnen“ und die heissen Blicke wollten aus ihrem be¬ wegten Gesicht das aufhaltende Räthsel ziehen. Die Noth gebot Kraft; sie fieng an. „Hier — (stammelte sie und konnte zitternd das Körbchen kaum aufbringen —) Ihre Briefe an mich!“ Er nahm sie sanft. „Ich hab' Ih¬ „nen entsagt, (fuhr sie fort,) meine Eltern sind „nicht Schuld wenn sie gleich unsere Liebe nicht „wollten — ein Geheimniß betrift bloß Sie „und ihr Glück — das hat mich bezwungen, „daß ich von Ihnen schied und von jeder Freu¬ de.“ — — „Ihre Briefe wollen Sie auch“ — — sagt' er. „Meine Eltern — —“ sagte sie. „Das Geheimniß über mich“ — — sagt' er. — „Ein Schwur bindet mich“ — sagte sie. — „Heute Nachts in der Kirche zu Blumenbühl vor dem Priester“ — fragt' er. Sie deckte ih¬ re Hand auf die Augen und nickte langsam. „O Gott!“ (rief er laut weinend.) — „Das „ists mit dem Leben und der Freude und aller „Treue? — so? — Wie habt ihr gelogen (er „sah seine Briefe an) von ewiger Treue und „Liebe. — Wen habt ihr denn gemeint, ihr „höllischen Lügner?“ Er warf sie weg. Liane wollte sie aufheben, er trat stark darauf und sah die Erschrockene bitter an; — nun gerieth er in Sturm und goß wie ein Schöpfrad unter dem Giessen schöpfend seine brausende, leidende Brust aus und hörte grausam gar nicht auf mit den Gemälden seiner Liebe, ihrer Schwäche, ihrer Kälte, seines Schmerzes, ihrer vorigen Eide und ihres jetzigen meineidigen über sein geheimni߬ volles Glück, das er ja nicht wolle. Ihr Schwei¬ gen trieb ihn wilder um. Ihre schnelles hefti¬ ges Athmen hört' er nicht. „Quäle Dich nicht. Es ist nun Alles un¬ möglich“ antwortete sie bittend. „O, (sagt' er „zornig,) die Änderung will ich nicht wieder än¬ „dern; denn der Lektor und der Pfaffe würden „wieder das ändern!“ Er gerieth nun in die männliche Verstockung und Herzens-Starrsucht; O 2 der Strom der Liebe hieng als ein gefrorner zackiger Wasserfall über den Felsen. „Ich dachte nicht, daß Du so hart wärest“ sagte sie und lächelte fremd. „Noch härter bin ich, (sagt' er) — ich rede wie Du handelst.“ — „Hör' auf, hör' auf, Albano — es wird mir „so finster — o, zu meiner Mutter will ich gleich“ rief sie plötzlich; die zwei alten, schwarzen Spin¬ nen, vom Schicksal herabgelassen, standen wie¬ der über ihren schönen Augen und überzogen sie, ämsig-spinnend, immer dichter; und über die goldnen Streifen des Lebens wuchs schon grauer Schimmel her. „Es ist die Sonnenfinsterniß“ sagt' er, das Erblinden der matt glänzenden Sichel des Son¬ nenviertels zuschreibend. Er sah oben im blau¬ en Himmel den Mond-Klumpen wie einen Lei¬ chenstein in die reine Sonne geworfen — nicht einmal recht schattige, sondern entnervte Schat¬ ten lebten im ungewissen grauen, Lichte — die Vögel flatterten scheu umher— kalte Schauder spielten wie Geister der Mittagsstunde im klei¬ nen, matten Scheine, der weder Sonnen- noch Mondlicht war. Dunkel, dunkel lag dem Jüng¬ ling das Leben vor, im langen schwarzmar¬ mornen Säulengang der Jahre schritten die Schmerzen als Pantherthiere heran und wurden hell gefleckt unter den weglaufenden Sonnenbli¬ cken der Vergangenheit. „Das passet ja recht für heute, (fuhr er „fort,) eine solche schnelle Nacht ohne Abendrö¬ „the — Lilar muß heute zugedeckt werden — „blick hinauf zum Mond, wie er sich schwarz „über die Sonne gewälzt hat, sonst war er auch „unser Freund — O, mach' es noch finsterer, „ganz Nacht!“ — „Albano schone, ich bin unschuldig und ich „bin blind — wo ist der Tempel und die Mut¬ „ter?“ rief sie jammernd; die Spinnen hatten die nassen Augen voll Thränen zugewebt. „Bei dem Teufel; es ist die Sonnenfinster¬ niß“ sagt' er, und schauete in das blind herum¬ irrende bange Gesicht und errieth Alles; aber er konnte nicht weinen, er konnte nicht trösten. Der schwarze Tyger des grausamsten Schmer¬ zes hieng an seine Brust geklammert und er trug ihn fort. „Nein, nein, (sagte Liane,) ich bin blind und bin auch unschuldig.“ Der frohe, beschenkte Pollux hatte einen bet¬ telnden Stummen nachgeführt, der mit der läu¬ tenden Stummenglocke folgte: „der stumme Mann kann nur nichts sagen“ sagte Pollux. — Liane rief: „Mutter, Mutter! Mein Traum kommt, das Todtenglöcklein läutet.“ Die Ministerin stürzte heraus. „Ihre Toch¬ „ter, (sagte Albano,) ist wieder blind, und Gott „strafe den Vater und die Mutter und wer „daran Schuld ist, am Elend.“ — „Was giebt es?“ rief der schnell heraustretende Spener, der vor¬ hin das Zusammenwandeln gesehen und zur Mutter gekommen war. „Eine Unglückliche, „Euer Werk auch!“ versetzte Albano. „Lebe wohl, unglückliche Liane!“ sagt' er und wollte scheiden; stand aber und nachdem er das gefolterte schöne Gesicht, das mit den blin¬ den Augen weinte, starr angeblickt, rief er: „Entsetzlich!“ und gieng. Lange lag er oben im Donnerhäuschen auf den Armen mit den Augen und als er sich endlich spät, ohne zu wissen wo er sey, wie aus einem Traume aufrichtete: sah er die ganze Landschaft von einem heitern Tage beleuchtet, die Sonne glänzte unverhüllt und warm im reinen Blau und der verschlossene Wagen mit der Blinden rollte schnell über die Brücke des Waldes. Da sank Albano wieder auf die Ar¬ me darnieder. Neunzehnte Jobelperiode. Schoppe's Trostamt — Arkadien — Bouverots Por¬ traitmahlerei. 82. Zykel. D a Albano nun ohne Liebe und Hoffnung lebte — da er den Angelstern seines Lebens als eine Sternschnuppe in seine todtenstille Wüste hatte fal¬ len sehen — da jede seiner Handlungen jetzt einen Skorpionenstachel ausstreckte und jede Erinne¬ rung, und er Lianens Briefe zurücksandte, Li¬ lar verließ, das Haus des Doktors, den Lektor, Lianens Verwandte und den frommen Vater — da er sein allmählig bleich werdendes Gesicht nur auf Bücher und nach Sternen richtete: so mußten Menschen, die keinen höhern Schmerz kennen als den eigennützigen, glauben, seine Brust werde von Nichts gedrückt als vom Schut¬ te der zertrümmerten Luftschlösser seiner Hoff nung und Jugendliebe. Aber er war edler un¬ glücklich und trostlos, er wars, weil er zum er¬ stenmal einen Menschen und den besten elend gemacht — seine Geliebte blind; — in diese Vertiefung seines Herzens flossen alle benach¬ barten Quellen des Leidens zusammen. Die kleinsten bunten Scherben seines Glückstopfes wurden gleichsam von neuem zerschlagen, wenn er von Tag zu Tag vernahm, daß die Arme, obwohl täglich auf das Wasserhäuschen vor die heilenden Fontainen gestellt, doch immer ohne Lichtschein zurückgebracht werde und daß sie jetzt auf dieser Raub-Erde nichts weiter fürch¬ te und bejammere, als daß der Tod vielleicht die Augen schließe, ehe sie noch einmal die Mut¬ ter angesehen. O die Wunde des Gewissens wird keine Narbe und die Zeit kühlt sie nicht mit ihrem Flügel, sondern hält sie bloß offen mit ihrer Sense. Albano rief sich Lianens bitteres Fle¬ hen um Schonung zurück und da tröstete es ihn nicht, daß er unter jener Sonnenfinsterniß nicht thre Augen aufopfern wollen, sondern nur ihr Herz. Im Brenn und Vergrößerungsspiegel des Erfolges zeigt uns das Schicksal das leich¬ te, spielende Gewürme unseres Innern als er¬ wachsene und bewaffnete Erynnen und Schlan¬ gen. Wie viele Sünden gehen wie nächtliche Räuber ungesehen und mit sanften Minen durch uns, weil sie, wie ihre Schwestern in Träumen, sich nicht aus dem Kreise der Brust verlaufen und nichts Fremdes anzufallen und zu würgen bekommen. — Die schöne Seele entdeckt leicht im Zufall eine Schuld; nur jene harten Him¬ mels- und Erd-Stürmer, vor deren Siegeswa¬ gen vorher eine Wagenburg voll Wunden und Leichen auffährt, nämlich die Väter des Krie¬ ges — welches in der ganzen Geschichte öfter die Minister waren als die Fürsten — nur die¬ se können ruhig alle Vulkane der Erde anzün¬ den und alle ihre Lavaströme kommen lassen, blos um — Aussichten zu haben. Sie düngen elysische Felder zum Schlachtfeld, um darin ei¬ nen Rosenstock für eine Geliebte röther zu ziehen. Das Erste was Albano that, als er in des Doktors Hause ankam, war daß er darauszog in die ferne Thalstadt hinab, um weder den verdächtigen Lektor zu sehen, noch weniger den boshaften Doktor Spher über das Rezidiv der Blindheit täglich zu hören. Nur der treue Schoppe zog mit, zumal da er durch ein zweck¬ mäßiges Betragen sich unter der Sphexischen Familie selber hatte eine Opposizionsparthei zu bilden gewußt, die ihn nicht mehr im Hause litt. Die bibliothekarische Wärme hatte mit des Lektors Kälte sehr gegen den Grafen zugenom¬ men — und aus gleichen Gründen; das kecke Ausziehen nach Lilar und die leidenschaftliche Wildheit hatten ihn näher an Albano's Seite geschlossen: „ich dachte anfangs, (sagte Schop¬ „pe,) der junge Mann lasse sich zu Nichts an als „zu einem ältlichen, als ich ihn so in die Schu¬ „le schreiten sah. Ich hielt oft den Mann im „Mond, wo es bekanntlich aus Mangel an „Durst und Dunstkreis nichts einzuschenken giebt, „für einen größern Trinker als ihn. Aber end¬ „lich greift er aus. Ein Jüngling muß nicht „wie der alte Spener, Alles in der Vogelper¬ „spektive, von oben herab darstellen. Er muß „anfangs wie Inzipienten in Schreib- und Mah¬ „lerstuben alle Züge ein wenig zu groß ma¬ „chen, weil sich die kleinen geben. Es giebt „Donnerpferde, aber keine Donneresel und Don¬ „nerschafe, wie doch die Hofmeister und Lektores „gern hätten und gern vor sich hertrieben, die „wie die Billard-Marqueurs kein offnes Feuer „in der Pfeife leiden sondern nur eines unter „dem Deckel.“ — Jetzt lebte Albano einsam unter den Bü¬ chern. Der Bruder Lianens kam selten und eiskalt zu ihm; und schwieg über die Leidende, ob er gleich immer um diese blieb. Da er sel¬ ber das erste Gewebe zu dieser Blindheit ein¬ mal gesponnen: so mußt' er, zumal bei seiner ungeschminkten Feuerliebe für seine Schwester, den ordentlich hassen, der es wieder über sie hereingezogen — glaubte Albano und ertrug es gern zur Strafe. Desto öfter ließ sich der Hauptmann zum deutschen Herrn hinziehen, bei dem er jetzt wider Erwarten gewann. Es ist die Frage — nämlich keine —, ob nicht seine Fähigkeit und Neigung, sich mit den unähn¬ lichsten Menschen zu verflechten, bloße Kälte gegen alle Herzen ist, die er Alle nur bereiset, weil er keines bewohnt. Auch Rabette schrieb dem Grafen mehrere Klage-Zettel über den weichenden Hauptmann; in einem sagt sie sogar: „könnt' ich Dich nur se¬ „hen, um einmal jemand zu haben, der mich „weinen ließe, denn das Lachen kenn' ich schon „seit geraumer Zeit nicht mehr.“ Der gute Albano zeichnete auch dieses Entweichen in sein Sündenregister ein, gleichsam als Enkel seiner Teufelskinder. Die Fürstin vermocht' ihn zuweilen aus der Einsamkeit zu locken, wenn sie ihre leise Lockpfeife an die schönen Lippen legte. Sie schien des Vaters wegen, wahren Antheil am trüben Sohn zu nehmen, der zwar keine Schmer¬ zen, aber auch keine Freuden zeigte. Auch das Mann-Weib, das mehr gehelmte als gehaubte, rückt gern unter das kranke Haupt das Ruhekissen und unter das ohnmächtige als Lehne den Arm; und tröstet gern und zart, oft zärter als das zu weibliche. Fast täglich besuchte sie ihre künf¬ tige Hofdame und Gesichts-Schwester bei dem Minister und konnte daher dem Geliebten Alles sagen. Indem sie that als wisse sie nichts von Albano's Verhältnissen zur Blinden — schon das Verstellen verräth zarte Schonung gegen zwei Menschen auf einmal, sagte Albano —: so konnte sie ihm frei alle Krankenzettel der schö¬ nen Dulderin geben, so wie die Gutachten über sie überhaupt. Nach der Sitte der Kraftwei¬ ber ließ sie ihr alle lobende Gerechtigkeit ohne weibisch-kleinlichen Abzug angedeihen; und wünschte Nichts so sehr als ihre Herstellung und künftige Gegenwart. „Ich bin fähig für ein ungemeines Weib „Alles zu thun, so wie Alles gegen ein gemei¬ „nes“ sagte sie und fragte ihn, ob ihm schon sein Vater über ihren Plan mit Lianen ge¬ schrieben. Er verneint' es; und bat sie darum; aber sie verwieß ihn auf den väterlichen Brief, der bald kommen müsse. Sie tadelte blos Li¬ anens Neigung, immer Fantaisie-Blumen in ihr Leben zu sticken und nannte Sie eine reine Barokperle. Aber aus allen diesen Unterhaltungen kehr¬ te Albano nur betäubter zu Schoppe zurück; er hörte nur Wort-Trost, und das Todes-Ur¬ theil, daß die geduldige Seele, der er die Schö¬ pfung gestohlen, noch immer eingemauert sey in die tiefste Höhle des Lebens, neben welcher blos die tiefere des Grabes hell und offen liegt. Je¬ des sanfte, lindernde, ihm von den Wissenschaf¬ ten oder Menschen geschenkte warme Lüftchen gieng über jene kalte Höhle und wurde für ihn ein scharfer Nord. O, hätt' er sie aus seinen sinkenden Armen entlassen müssen unter schöne Tage, in ein langes, ewiges Paradies und sie hätte ihn trunken vergessen: das hätt' er auch vergessen können; aber daß er sie hingestoßen in ein kaltes Schattenreich und daß sie sich sei¬ ner erinnern muß aus Schmerz — — nur das mußt' er sich immer erinnern. Schoppe wußte gegen alle diese Noth kein „Pflaster als (nach seinem schönen Wortspiel) „das Steinpflaster,“ nämlich eine Flugreise. Wenigstens, schloß er, hören ausser Lands die Fragen über das Befinden und die giftigen Sor¬ gen über das Antworten auf; und bei der Re¬ tour finde man viel Schmerz erspart oder gar allen gehoben. Albano gehorchte seinem letzten Freund; und sie reiseten ins Fürstenthum Haarhaar ab. 83. Zykel. Wer denkt, daß Schoppe unterwegs für Albano ein fliegendes Feldlazareth des Trostes — ein antispasmoticum — eine Struvische Noth- und Hülfstafel — eine gepülverte Fuchslunge gegen die Hektik des Herzens u. s. w. gewesen und daß er auf jedem Meilenstein eine Trost¬ predigt gehalten, wer das denkt, den lacht er aus. „Was thut es denn, (sagt' er,) wenn das „Unglück den jungen Menschen derb durchknä¬ „tet? — Das nächstemal er den Schmerz, „der ihn jetzt in der Gewalt hat, in der seini¬ „gen haben. Wer nichts getragen, lernt nichts „ertragen.“ Was das Weinen anlangt, so war er als ein Stoiker, wohl am wenigsten davon ein Feind; Epiktet, Antonin, Kato und mehr solche weniger aus Eis als Eisen gebildete Män¬ ner, sagt' er so oft, hätten sehr gern dem Leibe dergleichen letzte Öhlungen des Schmerzes ein¬ geräumt, falls nur der Geist darhinter sich tro¬ cken cken erhalten hätte. Es ist ächte Trostlosigkeit, sagt' er, Trost zu wünschen und anzunehmen; warum will man denn nicht einmal den Schmerz rein durchdauern ohne alle Arzenei? Allein seine Ansicht und sein Leben wurde ohne sein Zielen, über den Grafen mächtig, den alles Große nur vergrößerte wie es Andere verkleinert. Schoppe saß als ein Kato auf Ruinen, aber freilich auf den größten; wenn der Weise die Barometerröhre am Äquator seyn muß, in der selber der Tornado wenig verschiebt, so war er dergleichen. Zufällig riß er in einem Wirthshause dem Grafen durch den hamburgi¬ schen unpartheiischen Korrespondenten, den er da vorfand, die verklebten Flügel auf. Schop¬ pe las zwei weite Schlachten daraus vor, wor¬ in wie durch einen Erdfall Länder statt der Häuser versanken und deren Wunden und Thrä¬ nen nur der böse Genius der Erde konnte wis¬ sen wollen; darauf verlas er — nach den Tod¬ tenmärschen ganzer Generazionen und nach den aufgerissenen Kratern der Menschheit — mit fortgesetztem Ernste die Intelligenz-Anzeigen, wo einer allein auf ein unbekanntes Gräblein Titan III . P steigt und der Welt, die ihm sonst kondoliert, ansagt und betheuert: „Fürchterlich war der „Schlag, der unser Kind von 5 Wochen“ — oder: „Im bittersten Schmerz, den je“ oder: „bestürzt über den Verlust unsers ein und acht¬ „zigjährigen Vaters ꝛc.“ Schoppe sagte, das sprech' er für recht, denn jede Noth, selber die allgemeine, hause doch nur in Einer Brust; und läg' er selber auf einem rothen Schlachtfelde voll gefällter Garben, so würd' er sich darunter aufsetzen, falls er könnte, und an die Umliegenden eine kurze Trauerrede über seine Schußwunde halten; so habe Galvani bemerkt, daß ein Frosch, der in elektrischen Verbindungen stehe, so oft zucke, als der Donner über der Erde nachrolle. Bei diesem Satze blieb er auch im Freien. Er führt' es tadelnd an, daß Matthison es als eine reisebeschreibende Notiz annotire, wie man im jetzigen Avenches in der Schweiz an den Stellen der von den Römern zermalmten helveti¬ schen Hauptstadt Aventicum in den dünnern Strei¬ fen des Grases den Abriß der Straßen und Mauern finden könne; indeß ja offenbar die¬ selben stereographischen Projekzionen der Ver¬ gangenheit überall lägen auf jeder Wiese — jeder Berg sey das Ufer einer verschwemmten Vor¬ zeit — jede Stelle hienieden sey ja 6000 Jahre alt und Reliquie — Alles sey Gottesacker und Ruine auf der Erde — besonders die Erde sel¬ ber; „Himmel, (fuhr er fort,) was ist überhaupt „nicht schon vergangen, Völker — Fixsterne — „weibliche Tugend — die besten Paradiese — „viele Gerechtsame — alle Rezensionen — die „Ewigkeit a parte ante — und jetzt eben mei¬ „ne schwache Beschreibung davon?“ — „Wenn „nun das Leben ein solches Nichtigkeits-Spiel „ist, so muß man lieber der Kartenmahler „als der Kartenkönig seyn wollen.“ Ein kräftiger, stolzer Mensch — wie Alba¬ no — wird dann schwerlich mitten unter drei¬ ßigjährigen Kriegen — jüngsten Tagen — wan¬ dernden Völkern — verstäubenden Sonnen sein Kleid ausziehen und sich oder dem Univer¬ sum die zerrissene Ader vorzeigen, die auf sei¬ ner Brust ausblutet. So stand es, als beide Abends eine halb¬ offne Waldhöhe erstiegen, von der sie ein wun¬ P 2 derbares Glorien-Land unter sich sahen, so freundlich und ausländisch als sey es übrig ge¬ blieben aus einer Zeit, da noch dir ganze Erde warm war und ein immer grünes Morgenland — es schien, so weit sie vor den Bäumen und vor der Abendsonne sehen konnten, ein aus der zusammentretenden Berg Ecke unabsehlich nach Westen auseinanderlaufendes Thal zu seyn — eine vor der Sonne mit den breiten Flü¬ geln umschlagende buntgemahlte Windmühle ver¬ wirrte das Auge, das das Gedränge von Abend- Lichtern, Gärten, Schaafen und Kindern son¬ dern wollte — an beiden Abhängen hüteten weißgekleidete Kinder mit lang nachflatternden grünen Hutbändern — eine gesteckte Schweize¬ rei gieng im Wiesengrün am dunkeln Bach — auf einem hochgewölbten Heuwagen fuhr eine wie zum Hochzeitmahle gekleidete Bäuerin und nebenher giengen Landleute im Sonntagsputz — die Sonne trat hinter eine Säulen-Reihe von runden Laubeichen, diesen deutschen Frei¬ heits-Bäumen und Tempel-Pfeilern — und sie schwebten verklärt und vergrößert hoch im gold¬ nen Blaue aufgezogen. — Jetzt sahen die betroff¬ nen Wanderer das nahe beschattete holländische Dorf unten, — wie aus zierlichen, bemahlten Gar¬ tenhäusern zusammengerückt, mit einem Linden- Zirkel in der Mitte und einem jungen, blühenden Jäger nicht weit davon, oder eine Amazone, die mit der einen Hand ihren Hut voll Zweige abnahm und mit der andern den Balken-Arm mit dem Eimer über den Born hoch aufsteigen ließ. „Mein Freund, (fragte Schoppe einen ih¬ nen mit Bothenblech und Ranzen nachkommen¬ den Amtsbothen,) wie nennt Er das Dorf?“ — „Arkadien,“ versetzt' er. — „Aber ohne alles dich¬ „terische Weißglühen und Kulminiren gespro¬ „chen, mein poetischer Freund, wie schreibt sich „eigentlich die Ortschaft unten?“ fragte Schop¬ pe wieder. Verdrüßlich antwortete der Amts¬ bothe: „Arkadien, sag' ich, wenn Ers nicht be¬ halten kann — es ist ein altes Kammergut, „unsere Prinzessin Idone (Idoine) hält sich da „auf Jahr aus Jahr ein für beständig — und „macht da Alles nach eignem Plaisir, was will „man mehr?“ — — „Ist er in Arkadien?“ — „Nein, in Saubügel“ antwortete der Bothe sehr laut, schon fünf Schritte weiter vorn, zurück. Der Bibliothekar, der seinen Freund bei der Bothenrede in großer Bewegung sah, that ihm freudig die Frage, ob sie ein besseres Nacht¬ quartier hätten treffen können als dieses, aus¬ genommen dieses selber im Maimond. Aber wie erstaunt' er vor Albano's Zurücksturz in die Vorhölle, die das Gewissen und seine Liebe anzündeten! Idoinens täuschende Ähnlichkeit mit Lianen war plötzlich vor ihn gezogen: „Weißt „Du, (sagt' er in der Erschütterung durch den „Abendzauber heftiger fortbebend) worin Ido¬ „ine Ihr unähnlich ist?“ — Sie kann sehen, setzt' er selber dazu, denn sie hat mich noch nicht gesehen. O vergieb, vergieb, fester Mann, ich bin wahrlich nicht immer so — Sie stirbt jetzt oder irgend ein Unglück zieht ihr nahe; wie ein Dampf vor der Feuersbrunst steigts düster und in langen Wolken in meiner Seele auf — „ich muß durchaus zurück.“ „Glauben Sie mir, (sagte Schoppe,) ich werde „Ihnen einmal Alles sagen, was ich jetzt denke — „gegenwärtig aber will ich Sie schonen.“ Auch das verfieng Nichts, er kehrte um; aber am gan¬ zen andern Reisetag blieb sein Leidenskelch, den Schoppe so glänzend gescheuert hatte, naß und schwarz angelaufen. Sie konnten erst Abends ankommen, da ein Zauberrauch von Zwielicht, Mondlicht, Dampf, Dunst und Wolkenroth die Stadt fremder machte. Albano's Adlerauge theilte den Rauch entzwei und er — entlief. Die blinde Liane allein sah er auf dem hohen welschen Dache gegen die Statuen laufen oder zum Abgrund hin. Wild ohn' einen Laut rannt' er durch die tiefern Gassen — verlohr den ver¬ baueten Pallast und lief grimmiger — er glaub¬ te, er finde sie auf dem Steinpflaster zertrüm¬ mert — er sieht die weissen Statuen wieder, sie hält eine umschlungen, und der alte Gärtner des cereus serpens steht mit dem Hute auf dem Kopfe vor ihr. — Als er endlich ganz unten am Pallaste ankam, stand oben ein fremdes Mädchen bei ihr, und unten sahen zusammen¬ gelaufne Weiber hinauf, einander fragend: Gott, was giebt es denn. — Liane blickte (wie es schien) an den Himmel, worin nur einige Sterne brannten, und dann lange in den Mond, und darauf herunter auf die Menschen; aber sogleich trat sie von den Statuen zurück. Der Gärtner kam aus dem Hofe und sagte vorüber¬ gehend seiner fragenden Frau: Sie sieht. — „O, guter Mann, (sagte Albano,) was sagt Er?“ — „Gehen Sie nur hinauf!“ versetzt' er und schritt ämsig weiter. Jetzt kam Bouverot zu Fuße — Albano trat ihm mit einem kurzen Verbeugen und Gruße in den Weg — Bouverot sah ihn ein Wenig an: „ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen“ sagt' er wild und eilte davon. 84. Zykel. Schauet nun die blinde Liane näher an! Von dem Tage an, wo sie zerstöret heim¬ geführet wurde von der Mutter, fieng sich un¬ ter ihrer Sonnenfinsterniß mit Verweilen ein kühleres, ruhendes Leben für sie an. Die Erde hatte sich verändert, ihre Pflichten gegen diese schienen ihr abgethan — der Silberblick der Ju¬ gend wie ein Menschenblick nun erblindet, ihre kurzen Freuden, diese kleinen Maienblümchen, schon unter dem Morgenstern abgepflückt — ihr erster Geliebter leider wie die Mutter es weissagte, nicht so fromm und zart als sie ge¬ dacht, sondern sehr männlich, rauh und wild wie ihr Vater — die Zeit und Zukunft ver¬ tilgt, und die künftigen Tage daraus für sie nur eine blind gemahlte Jubelpforte, die Men¬ schenhände nicht öffnen, und durch welche sie nicht mehr dringen kann, ausser mit der ent¬ bundnen Seele, wenn diese den trägen Schlepp- Mantel des Körpers auf die Erde zurückge¬ worfen. Ihr Herz klammerte sich jetzt — wie Al¬ bano dem männlichen — noch mehr dem weib¬ lichen an, das zarter und ohne die Fiber der Leidenschaften schlug; so wie die Kompasnadel sich als eine gewundne Lilie zeigt, so die Tu¬ gend sich ihr als weibliche Schönheit. Ihre Mutter wich nicht von ihrem Blin¬ den-Stuhl, sie las ihr vor, sogar die franzö¬ sischen Gebete und hielt sie tröstend aufrecht; und sie wurde leicht getröstet, denn sie sah nicht das bekümmerte Gesicht der Mutter und hörte nur die ruhige Stimme. Julienne warf seit dem Begräbniß der ersten Liebe eine alle Kruste ab und ein frisches Feuer für die Freundin gieng aus dem Herzen auf: „ich habe nicht redlich an Dir ge¬ handelt“ sagte sie einmal; da erklärten sie sich verborgen einander und dann reiheten sich ihre Seelen wie Blumen-Blätter zu Einem süßen Kelche zusammen. Die Fürstinn sprach ernst über Wissenschaften und gewann sogar die Mutter, der sie in männlicher Gesellschaft weniger ge¬ fallen. Abends vor dem Einschlafen flog noch wie aus dem Freudenhimmel Karoline in ihr Schattenreich herab; und wuchs täglich an Glanz und Farbe, sprach aber nicht mehr; und Liane entschlummerte sanft, indem sie einander anblickten. Zuweilen fuhr der Schmerz an sie herüber, daß sie vielleicht ihre theuern Gestalten, zumal ihre Mutter nie mehr sehe; dann war ihr als sey sie selber unsichtbar und wandle schon allein im dunkeln, tiefen Gange zur zweiten Welt und hö¬ re die Freundinnen an der Pforte weit hinter sich ihr nachrufen — Da liebte sie zärtlich wie aus dem Tode herüber und freuete sich auf das große Wiedersehen. Spener besuchte seine Schü¬ lerin täglich; seine männliche Stimme voll Stär¬ kung und Trost war in ihrem Dunkel die Abend¬ gebetglocke, die den Wanderer aus der düstern Waldung wieder zu froheren Lichtern führt. So wurde ihr heiliges Herz noch heiliger em¬ porgezogen und die dunkeln Passionsblumen der Schmerzen schlossen sich in der lauen Au¬ gen-Nacht schlafend zu. Wie anders sind die Leiden des Sünders als die des Frommen! Je¬ ne sind eine Mondsfinsterniß, durch welche die schwarze Nacht noch wilder und schwärzer wird; diese sind eine Sonnenfinsterniß, die den heis¬ sen Tag abkühlt und romantisch beschattet und worin die Nachtigallen zu schlagen anfangen. Auf diesem Wege bewahrte Liane mitten unter fremden Seufzern um sie und im Gewit¬ ter um sie her, eine ruhige, genesende Brust; so zieht oft das zarte, weiße Gewölke anfangs zer¬ rissen und gejagt, aber zuletzt geründet und langsam durch den Himmel, wenn unten der Sturm noch über die Erde schweift und Alles be¬ wegt und zerreisset. Aber, gute Liane, alle 32 Winde, sie mögen schöne Tage zu oder wegwe¬ hen, halten länger an, als die Windstille der Ruhe! 85. Zykel . Der Minister hatte, als sie aus Lilar mit getödteten Augen heimgekommen, in sein rechtes eine Hölle, ins linke ein Fegefeuer gelegt; — denn so sehr belogen hatt' ihn noch kein Geschick; nämlich so sehr gebracht um alle seine Projekte und Prospekte, um das Hofdamenamt der Toch¬ ter, diesen Vorsteckring am Finger der Fürstin, und endlich um jeden Fang seines doppelt ge¬ webten Gespinnstes. Unsäglich wehrte sich der Mann vor dem Löffel, worin ihm das Schicksal das Pulver vorhielt, auf welches er die verschluckten De¬ mante seiner Plane sollte fahren lassen; er hielt die stärksten Sermone — so hieß er, wie Ho¬ raz, seine Satyren — gegen „seine Weiber“; er war ein Kriegsgott, ein Höllengott, ein Thier, ein Unthier, ein Satan, Alles — er war im Stande, jetzt Alles zu unternehmen — aber was halfs? — Viel, als gerade der deutsche Herr ihn in dieser moralischen Stimmung betraf. Solcher trug kein Bedenken, das väterliche Versprechen der Tochter für die Miniatur-Mahlerei wieder aufzufrischen und in Anspruch zu nehmen; er war übrigens allwissend und schien unwissend. Für die Sitz-Szene hatt' Blinden er eig¬ ne romantische Verwicklungen nach den Noti¬ zen zugeschnitten, die er aus dem Hauptmann gelockt. Seine Kunst-Liebe gegen Lianens Ge¬ stalt hatte bisher wenig gelitten, und sein lang¬ sames An- und Umschleichen war seiner Vipern- Kälte und seiner weltmännischen Kraft gemäß. Der alte Vater — der im Leben wie in einem Reichsanzeiger immer einen Compagnon mit 60, 80 Tausend Thaler zu seiner Handlung suchte — bezeugte sich nichts Weniger als abgeneigt. Die¬ se zwei Falken auf Einer Stange, von Einem Falkenmeister, dem Teufel abgerichtet, verstan¬ den und vertrugen sich gut. Der deutsche Herr gab zu erkennen, ihr Miniaturbild sey bei ihrer frappanten Ähnlichkeit mit Idoine, die wie sie niemals sitzen wollen, zu manchem Scherze bei der Fürstin behülflich, aber noch mehr seiner „Flamme“ für Liane unentbehrlich, und jetzt in ihrer Blindheit könne man sie ja zeichnen ohne ihr Wissen — und er werde unter das Bild schreiben la belle aveugle oder so etwas. Der alte Minister goutirte wie gesagt den Gedan¬ ken ganz. Wie die welschen Sängerinnen eine sogenannte Mutter statt eines Passes auf ih¬ ren Reisen führen, so hielt er sich für einen sol¬ chen sogenannten Vater; er dachte: mit dem Mädchen wirds ohnehin wenig mehr, es liegt als todtes Kapital da und verzinset sich schlecht; ich kann den angeöhrten Pathenpfennig, den der deutsche Herr bei seinem Gevatterstand mir als dem Vater anbietet wie dem Kinde den Namen, in die Tasche stecken. Das Schelmen-Duplikat wurde in seinem Schusse und Flusse bloß durch einen Floßrechen aufgehalten, der ihnen den Raub aus den Hechtzähnen zu ziehen drohte; eine alte, keifen¬ de, aber seelentreue Kammerjungfer aus Nürn¬ berg war der Rechen; diese wäre nicht von Lia¬ nen und nicht zum Schweigen zu bringen ge¬ wesen. Bouverot freilich, ein Robespierre und Würgengel seiner Dienerschaft, hätte an Frou¬ lay's Stelle die Nürnbergerin ein Paar Tage vorher von einem Diener mit einigen kompli¬ zirten Frakturen versehen und dann auf die Gasse werfen lassen; aber der Minister — sein Herz war weich — konnte das nicht; Alles, was ihm möglich war, das war: er berief sie auf sein Zimmer — hielt ihr es vor, daß sie ihm sein Ohr aus Magdeburg gestohlen — blieb mit dem anwesenden Gehör taub gegen jede Einwendung, aber nicht gegen jede Unhöf¬ lichkeit — und fand sich endlich gar ge¬ nöthigt, die diebische Grobianin Knall und Fall aus dem Dienst zu jagen. Bei jeder Nachfolge¬ rinn hatte als einer neuen, Geld Gewicht, wußt' er. Er wollte darauf die Fürstin um eine Ein¬ ladung für sich und die Ministerin zu Thée und Souper bitten — den Miniaturmaler bestellen — das neue Kammermädchen belehren — und Alles recht anlegen. Zwei Tyger höhlten, nach der Legende, dem Apostel Paulus das Grab; so scharret hier unser paar an einem für eine Heilige, um so mehr, da ich sonst nicht absehe, wozu — wenn nichts gemacht werden soll als ein Bild — so viele Umstände. Aber den Vater könnt' ich fast ent¬ schuldigen; erstlich sagte er ausdrücklich zum deutschen Herrn, die Zofe könne seiner Meinung nach im Zimmer oder im anstoßenden passen, falls etwan die Pazientin Etwas haben wolle — zweitens hatte der sonst weiche Mann von sei¬ nem ministerialischen Verkehr mit der Justiz einen gewissen Kies angesetzt, eine gewisse Grau¬ samkeit angenommen, welche der hinter der Binde und als Areopag ohne den Anblick der Schmerzen urthelnden Themis um so natürli¬ cher ist, da schon Diderot Dessen Lettres sur les Aveugles . behauptet, daß Blinde grausamer wären — und drittens war wohl niemand mehr bereit, sein Kind, das er wie sonst angeblich Juden und Hexen Chri¬ stenkinder, kreuzigte um wie jene mit dem Blu¬ te Etwas zu thun, tiefer zu betrauern, falls es stürbe, als er, da ohnehin die Eltern und über¬ haupt die Menschen zwar leicht das Unglück derer, die ihnen nahe liegen, aber schwer de¬ ren Verlust verschmerzen, so wie wir bei dem noch näher liegenden Haar nicht das Brennen und Schneiden, aber schmerzlich das Ausreissen desselben verspüren — und viertens hatte Frou¬ lay immer das Unglück, daß Gedanken, die in seinem Kopfe eine leidliche, unschuldige Farbe hatten, gleich dem Hornsilber oder der guten Dinte auf der Stelle schwarz wurden, wenn sie ans Licht traten. Sonst Sonst — und von diesen Milderungen ab¬ gesehen — steckt wohl Manches in seiner Hand¬ lung, was ich nicht vertheidige. Der Abend erschien. Die Ministerin gieng am ehelichen Arme an den Hof. — Die neue Kammerjungfer hatte als Brautführerin Bou¬ verots schon vor drei Tagen die nöthigsten An¬ stalten gemacht, oder Spitzbübereien — sie hat¬ te ihm Lianens Briefe an Albano sehr leicht, da die Mutter aus Gewohnheit ein gegenwär¬ tiges Auge für ein sehendes hielt, vorleihen und er sich daraus die historischen Züge oder Farben- Tusche abholen können, womit er sich bei einer Erkennung auf dem Theater vor der Blinden den Anstrich ihres Helden, nämlich Albano's, geben konnte — mit Roquairol hatt' er oft ge¬ nug gespielt, um dessen Stimme, mithin Alba¬ no's seine in der Gewalt zu haben. Mich dünkt, seine Rüsttage vor dem Fest¬ abend waren zweckmäßig hingebracht. Er konnte, da kleine Residenzen früher Thée trinken, schon so früh erscheinen als ein Mini¬ aturmaler im September durchaus muß. Als Titan III . O. er die stille Gestalt im Sorgestuhl erblickte, mit den entfärbten Blumenkelchen der Wangen, aber fester gewurzelt in jedem Entschluß, eine kälter gebietende Heilige: so stieg in ihm die aus ihren Briefen zugleich gesogne Erbitterung und Entzündung miteinander höher — nur in sol¬ chen Brusthöhlen, zugleich mit Metall- und mit Darmsaiten, mit Härte und Wollust, bespannt, ist ein solcher Bund von Lust und Galle denk¬ lich. Bouverots ganze Vergangenheit und Le¬ bens Geschichtbücher müßten — wie die von Herodot den 9 Musen — so den 3 Parzen, je¬ der eines, zugeeignet werden. Er schlich ins Fenster, setzte sich und sein Farben-Kästchen hin hastig fieng zu punk¬ tiren an. Unterdessen ließ sich Liane von ih¬ rem sehr gebildeten, belesenen Kammermädchen aus dem zweiten Bande der oeuvres spirituel¬ les von Fenelon vorlesen. Zefisio'n rührte der Erzbischof gar nicht — was er etwa von rei¬ ner Liebe ( sur le pur amour de Dieu ) ver¬ nahm, setzt' er zu unreiner durch Anwendungen um und ließ sich teuflisch entzünden durch das Göttliche — was übrigens rührend war in Lianens Bezug, ließ er an seinen Ort gestellt, da er jetzt zu mahlen hatte. Häßlich leckten sei¬ ne vielfarbigen Panther-Augen gleich rothen, schar¬ fen Tyger-Zungen über das süße, weiche Antlitz! — „Liebe Justa, hör' auf, das Lesen wird Dir sau¬ „er, Du athmest so kurz!“ sagte sie endlich, weil sie den Portraitmahler athmen hörte. Es war für ihn kein Opfer, sondern ein Vor-Genuß, ein süßer Imbis, den Kuß dieser zarten, kleinen Hand und Lippe und die ganze Schaustellung seines brennenden Herzens hinauszusetzen bis er ihren Abriß mit den Gift-Tinten auf das weisse Elfenbein durch die schnelle Dupfma¬ schine seiner Hand abpunktiret sah. Endlich hatt' er sie Bunt auf Weiß. „Gut, „liebe Justa, (sagte sie,) die Gebetglocke läutet, „Du kannst Nichts mehr sehen. — Führe mich „lieber zum Instrument.“ — nehmlich zur Har¬ monika. Sie thats. Bouverot gab Justen einen Scheide-Wink — sie thats wieder. Der gelbe Gartenkanker lief nun auf die zarte, weisse Blu¬ me zu. — Der Kanker hörte ihren Abend¬ Q 2 Choral nicht ohne Vergnügen und das betende Aufschlagen ihrer zerstörten Augen schien ihm eine recht mahlerische Idee, die der true Pain¬ ter Die helle Kammer. dem Elfenbein-Stück einzuverleiben be¬ schloß, wenns gehen würde. „Schöne Göttin!“ rief er plötzlich mit Al¬ bano's gestohlner Stimme unter jene heiligen Töne, die einmal Albano in einer frohern Stun¬ de, aber edler unterbrochen hatte. Sie horchte erschrocken auf, aber ungläubig an ihr Ohr in dieser Nacht. Das Staunen mißfiel dem Pro¬ spektmahler — denn ihr Gesicht war sein Pro¬ spekt— ganz und gar nicht; „erinnere Dich an diese Harmonika im Donnerhäuschen.“ Er ver¬ wechselte es mit dem Wasserhäuschen. — „Sie hier, Graf? — Justa! wo bist Du?“ rief sie ängstlich. — „Justa, kommen Sie her!“ rief er dazu nach. Das Mädchen folgte seiner Stim¬ me und seinem — Auge. „Gnädiges Fräulein?“ fragte sie. Aber jetzt hatte Liane nicht den Muth, sie um die Pforte und das Einlaßbillet des Grafen zu fragen. Mit dem Liebhaber fran¬ zösisch zu sprechen, gieng nicht, da es die Jung¬ fer verstand; daher verbot man auch in Wien in den Revoluzionsjahren einsichtig diese Spra¬ che, weil sie so zuverlässig eine gewisse Gleich¬ heit — die Freiheit folgt — zwischen dem Adel und der Dienerschaft pestartig ausbreitet. Boshaft und freudig erinnerte Bouverot, dem sie jetzt über den Grafen ein brauchbares Mißtrauen zu verrathen schien, das seiner Ka¬ raktermaske einen freiern Spielraum anwies, die Sinnende an ihre Befehle für Justa; sie mußte sie nun Licht holen lassen. „Infidele, (fieng er darauf an,) ich habe alle Hindernisse überwunden, um mich Ihnen zu Füßen zu werfen und Ihre Vergebung zu er¬ flehen. Je m'en flatte à tort peut-être , mais je l'ose (fuhr er fort heftiger durch sie ge¬ macht) — O Cruelle! de grace, pourquoi ces régards, ces mouvements? — Je suits ton Al¬ ban et il t'aime encor — Pense à Blumen¬ bühl, ce séjour charmant — Ingrate, j'esperois de te trouver un peu plus réconnaissante . — Sonviens-toi de ce que tu m'a promis (sagt' er, um sie auszufragen) quand tu me pressas contre ton sein divin . . . .“ Eine reine Seele spiegelt, ohne sich zu be¬ flecken, die unreine ab und fühlt unwissend die quälende Nähe, so wie Tauben, sagt man, sich in reinem Gewässer baden, um darin die Bil¬ der der schwebenden Raubvögel zu sehen. Der kurze Athem, der wankende Sprachton, jedes Wort und ein unerklärliches Etwas trieben das schreckliche Gespenst nahe vor ihre Seele, den Argwohn, es sey Albano nicht. Sie fuhr auf: „wer sind Sie? Gott, Sie sind der Graf nicht. Justa, Justa!“ — — wär' es sonst, (ver¬ setzt' er kalt,) der sich meinen Nahmen geben dürfte?“ Oh ‚ je voudrais que je ne le fusse pas . Vous m'avés écrit , que l'esperance est la l'une de la vie — Ah , ma Iune s'est couchée ; Hier faßte er die Hand dieser verfinsterten, mit einem Drachen kämpfenden Sonne. — Da entdeckten ihr seine weggenagten Fingernägel und die dürren Finger und ein vorbeistreifen¬ des Berühren seines Ordenskreuzes den wahren Nahmen. Sie riß sich schreiend loß und lief weg, ohne zu sehen wohin, und gerieth wieder an seine Hand. Er riß ihre heftig an die magern heißen Lefzen hinauf: „ja ich bin es, (sagt' er,) und liebe Sie mehr als Ihr Graf mit seiner étourderie .“ „Sie sind schlecht und gottlos gegen ein blin¬ des Mädchen — was wollen Sie? — Justa! hilft mir denn niemand? — Ach, du guter Gott, gieb mir meine Augen! (rief sie fliehend unwis¬ send wohin und eingeholt.) Bouverot! Du bö¬ ser Geist!“ rief sie abwehrend an Orten, wo er nicht war. Er, wie das Schießpulver, küh¬ lend auf der Zunge und sengend und zerschmet¬ ternd, wenn ihn die Gier zündete, stellte sich in einiger Schlag-Weite von ihr, warf ein Mah¬ ler-Auge auf das reizende Wallen und Beu¬ gen ihres aufgestürmten Blumenflors und sag¬ te ruhig mit jener Milde, die der ätzenden und fressenden Milch der Schwämme ähnlich ist:“ nur ruhig, Schönste! Ich bin es noch; und was hälf' Ihnen Alles, Kind?“ — Taumelnd vom Schlangenhauch der Angst fieng die irre Natur zu singen an, aber lauter Anfänge. „Freude, schöner Götterfunken.“ — „Ich bin ein deutsches Mädchen“ — sie lief herum und sang wieder: „Kennst du das Land.“ — „Du böser Geist!“ — Jetzt bäumte sich die damit geschmeichelte Riesenschlange auf ihren kalten Ringen mit zü¬ ckender Zunge in die Höhe, um hinzuschiessen und zu umflechten: „ mon coeur (sagte die Schlan¬ ge, die immer in der Leidenschaft französisch sprach,) vole sur cette bouche qui enchante tous les sens .“ — „Mutter! (rief sie) — Karoline! — O Gott, lasse mich sehen, O Gott meine Au¬ gen.“ — Da gab der Allliebende sie ihr wie¬ der; die Quaal der Natur, die lauten Anstal¬ ten des Begräbnisses öffneten der Scheinleiche wieder das Auge. Wie behend entflog sie aus der Marter¬ kammer! Das getäuschte Raubthier rechnete auf Blindheit und Verirrung fort. Aber da Bouverot sah, daß sie leicht die Treppe zum welschen Dache hinaufstürze: so schickte er bloß das herbeilaufende Mädchen ihr nach, damit sie keinen Schaden nehme; und hielt jetzt wie¬ der die bisherige Blindheit für Verstellung. Er selber holte aus dem Zimmer den Miniatur- Riß ab und schleppte sich wie ein hungriges, verwundetes Ungeheuer verdrüßlich und lang¬ sam aus dem Hause hinaus. Zwanzigste Jobelperiode. Gaspards Brief — Trennungen. 86. Zykel . „ S ie sieht wieder“ rief Karl im Freudenrau¬ sche am Morgen darauf dem Grafen zu, ohne sich um alle kalte Verhältnisse der letzten Zeit zu bekümmern; und war ganz der Alte. Seine Feindschaft war hinfälliger als seine Liebe, denn jene wohnte bei ihm auf dem Eise, das bald zerfloß, diese auf dem Flüssigen, worauf er im¬ mer schiffte. Erröthend fragte Albano, wer der Augenarzt gewesen. „Gutgemeinter Schreck „(sagt' er) —; der deutsche Herr that als wollt' „er sie mahlen, als meine Eltern auf Verabre¬ „dung nicht da waren — oder mahlt’ er sie „wirklich — ich weiß jetzt Alles nur verwirrt — „auf einmal hörte sie eine fremde Mannsstim¬ „me und Schreck und Furcht wirkten natürlich „wie elektrische Schläge.“ Obgleich der Haupt¬ mann alle Stimmen nur verworren unten auf dem Meersboden in sein fluthendes Meer hin¬ unterhörte: so hatt' er doch diesmal richtig ge¬ hört; denn Liane hatte von ihrer Mutter das Zuhüllen der Martergeschichte errungen, um ih¬ rem Bruder den Anlaß zu entziehen, ihr seine Liebe durch einen Zweikampf mit ihrem Wider¬ sacher zu beweisen. Albano behielt viele Fragen über die dunk¬ le Geschichte in seiner Brust; und brach das Ge¬ spräch durch seine Reisebeschreibung ab. Nach einigen Tagen hört' er, daß Liane mit ihrer Mutter die Stadt verlasse und ein über Blumenbühl liegendes Bergschloß einer alten einsamen Edelwittwe beziehe. Auf dem reinen Lande sollte wieder Licht in ihr Leben einfallen und die mütterliche Hand sollte dessen nachdunkelnde Farben neu übermahlen. Der Minister, der wie sonst alte Menschen und alte Haare schwer zu kräuseln und zu formen war, wurde in der letztern tiefen Fallgrube des Schick¬ sals ganz muthlos angetroffen, so daß er Lia¬ nen, die auch darin gefangen war, nicht auf¬ fraß, sondern sie ziehen ließ. Die ganze Ge¬ schichte wurde vor dem Publikum wie die Mau¬ er eines Parks sehr verdeckt und umblümt. Nur der Lektor wußte sie ganz, aber er konnte schwelgen. Er foderte im Nahmen der Mutter vom deutschen Herrn das Miniaturbild zurück; dieser gab an dessen Statt kalte, leere Lügen; doch konnte Augusti, von Mutter und Tochter gebeten, sich beherrschen und die Ausfoderung, womit er für alles Rache nehmen wollte, ihnen opfern. Unsern Freund traf jetzt, seitdem sein Ge¬ wissen über den Zufall des Erfolgs besänftigt war, der Schmerz über seine leere Gegenwart neu und unvermischt; die theuerste Seele gieng ihn nichts mehr an; seine Stunden wurden nicht mehr harmonisch vom Glockenspiel der Dichtkunst und Liebe ausgeschlagen sondern einförmig von der Thurmuhr der Alltäglichkeit. Daher flüchtete er sich zu Männern und zur Freundschaft, gleichsam unter die neben dem Schutthaufen des Brandes noch grünenden Bäu¬ me; Weiber floh er, weil sie ihn wie fremde Kinder eine Mutter, die ihres verlohren, zu schmerzlich erinnerten. Wie heiter geht dage¬ gen ein Simultanliebhaber, der nur Allerseelen- und Allerheiligenfeste feiert, ordentlich neuge¬ bohren umher, wenn er sich endlich aus einem fassenden Herzen glücklich ausgehenkt und er nun alle weibliche Gestalten wieder mit der An¬ sicht eingelößter Güter überzählen kann! Schon das Gefühl dieser Freiheit kann ihn ermuntern, sich öfter, um es wieder zu schmecken, einem weiblichen Herzen als Gefangnen zu überliefern. Albano verlief sich an Roquairols und Schoppens Händen in wilde Männerfeste — die das Sphären-Echo der Freude auf der Heerpauke vortragen wollen —; es waren nach den Rosenfesten nur die Dornenfeste. So giebt es ein Verzweifeln, das sich mit Schwelgen hilft; wie z. B. in der Pest zu Athen — oder in der Erwartung des jüngsten Tages — oder in der Erwartung des Robespierrischen Schlacht- Messers. Der Hauptmann gieng tiefer in sei¬ ne alte Verworrenheit und Wildniß zurück und zog so weit er konnte, den unschuldigen Jüng¬ ling in seine Volksfeste mit sogenannten Mu¬ sensöhnen, in seine immerwährende Weinlese und auf seine Freuden-Werbplätze nach, gleich¬ sam als hab' er seinetwegen nöthig, den Freund ein Wenig zu sich herabzubringen. Albano bildete sich ein, mit diesen Dythi¬ ramben sey seine weinende Seele ganz einge¬ sungen und er wiegte sie nur noch ein wenig fort. Indeß wurden, wiewohl ers nicht einge¬ stehen wollte, seine jungen Rosenwangen so bleich wie eine Stirn und das Gesicht fiel wie eine Taste unter der zersprungnen Saite ein. Es war rührend und hart zugleich, wenn er lachend unter seinen Freunden und deren Freun¬ den saß mit einem entfärbten Gesicht — mit höhern, schärfern Knochen der Augen und der Nase — mit einem wildern Auge, das aus ei¬ ner dunklern Knochentiefe loderte. Vor Musik, zumal Roquairols seiner, worin das leiden¬ schaftliche Wogen und Werfen unsers Schiffs mit dem tonkünstlerischen abgenützten Wechsel des Dämpfers und Donners zu lebendig arbei¬ tete, entfloh sein Ohr und Herz wie vor einer aufreibenden Sirene. Der abgebrochne Lan¬ zensplitter der Wunde zog in seinem ganzen Wesen nagend herum. O, wie in den Kinder¬ jahren, wenn ihm die Rosen-Wolke am Him¬ mel gerade auf dem Berge aufzuliegen und so leicht zu ergreifen schien, das herrliche Gewölk weit in den Himmel zurückfuhr, sobald er den Berg erstiegen hatte: so stand jetzt die Aurora des Lebens und Geistes, die er nahe fassen wol¬ len, so hoch und ferne droben über seiner Hand im Blau. Mühsam erreicht der Mensch die Alpe der idealischen Liebe, noch mühsamer und gefährlicher ist — wie von andern Alpen — das Herabsteigen von ihr. Eines Tages kam Chariton in die Stadt, bloß um ihm endlich einen Brief ihres Man¬ nes — denn Dian machte wie alle Künstler leichter und lieber ein Kunstwerk als einen Brief — zu überbringen, worin er sich freuete, daß er Albano so bald sehen würde. „Er kommt also wieder?“ fragte der Graf. Sie rief betrübt aus: „Bei Leibe! — Ja das! — Nach seinem vori¬ gen Schreiben bleibt er noch sein Jahr.“ — „So versteh' ich ihn nicht,“ sagte Albano. Er wurde an demselben Abend auf herku¬ lanische Bilderbücher — die mit Charitons Brief Eine Post genommen hatten — von der Fürstin eingeladen. Sie trat ihm mit jener er¬ heiterten Liebesmine entgegen, welche man vor einem aufspannt, der vor uns sogleich wie wir hoffen, seinen gränzenlosen Dank aus dem Her¬ zen ziehen wird. Aber er hatte Nichts daraus zu ziehen. Sie fragte endlich betroffen, ob er heute keine Briefe aus Spanien erhalten. Sie vergaß, daß die Post gegen kein Haus höflich und eilig ist als gegen das Fürstenhaus. Da aber sein Brief schon gewiß in seinem Zimmer lag: so erlaubte sie sich, die Rolle der Zeit zu nehmen, welche Alles an den Tag bringt und sagte, was im Briefe stehe, „daß sie nehmlich im „Herbste eine kleine Kunstreise nach Rom un¬ „ternehme, auf der sie sein Vater begleiten wer¬ „de und Er diesen, wenn Er wolle; das sey das „ganze Geheimniß.“ — Es war das halbe; denn sie setzte bald darauf hinzu, daß sie der besten Zeichnerin in der Stadt am liebsten die Freude dieser Reise zuwende, sobald diese nur genese — Lianen. Wie Wie plötzlich das ganze Herz freudig er¬ leuchtet wird, nach einem langen finstern Re¬ gentage endlich Abends die Sonne sich unter dem schweren Wasser ein goldnes, offnes Abend¬ thor wölbt, darin rein-glänzend wie in einer Rosenlaube vor der wiederscheinenden Erde steht, ihr einen schönern Tag ansagt und dann mit warmen Blicken verschwindet aus der offnen Rosenlaube: so war es unserem Albano. Der schöne Tag war noch nicht da, aber der schöne Abend. Er ließ die herkulanischen Bilder unter ihrem Schutt und eilte so schnell als es die Dankbarkeit vergönnte, zum Blatte des Vaters zurück, der so selten eines gab. Es war dieses da: „Liebster Albano! Meine Geschäfte und meine Gesundheit sind endlich in solcher Ord¬ nung, daß ich meinen Plan bequem ausführen kann, den ich mit der Fürstin vorhabe, eine kleine Kunstreise nach Rom noch im Herbste zu machen, zu der ich Dich einlade und im Oktober selber abhole. Die übrige Reisegesellschaft wird Dir nicht mißfallen, da sie aus lauter tüchtigen Kunstkennern besteht, H. v. Bouverot , H. Kunst¬ Titan III . R rath Fraischdörfer, H. Bibliothekar Schoppe (wenn er will). Leider muß H. v. Augusti als Lektor zurückbleiben. Dein Lehrer in Rom (Dian) erwartet Dich mit vieler Sehnsucht. Man hat mir geschrieben, daß Du die neue Hofdame der guten Fürstin, Fräul. v. Fr ., deren ich mich als einer sehr braven Zeichnerin entsinne, be¬ sonders begünstigest. Es wird Dich daher in¬ teressiren, daß die Fürstin sie auch mitnimmt, zumal da ihr wie ich höre, eine Gesundheitsrei¬ se so nöthig ist wie mir. — Im Frühling, der ohnehin nicht die schönste Jahreszeit in Italien ist, kehrest Du wieder zu Deinen Studien nach Deutschland zurück. — Noch Etwas im Ver¬ trauen, mein Bester! Man hat meiner Mündel, der Gräfin von Romeiro, deine Geister-Visio¬ nen aus Pestiz unverhohlen mitgetheilt. Da sie nun den Herbst und den Winter während mei¬ ner Abwesenheit bei ihrer Freundin, der Prin¬ zessin Julienne zubringt und noch dazu eher ankommt als ich: so lasse Dich es nicht frappi¬ ren, daß sie Deiner Bekanntschaft ausweicht, weil sich ihr weiblicher und ihr persönlicher Stolz durch den gauklerischen Gebrauch ihres Namens gekränkt und gerade zur Widerlegung der Gaukler recht aufgefodert findet. In der That konnte man — wenn die Spielerei an¬ ders einen ernsthaftern Zweck hat — wohl kein schlechteres Mittel dazu erwählen. — Du wirst thun, was die Ehre gebietet und ob sie gleich meine Mündel ist, sie nicht zudringlich aufsu¬ chen. Alles bleibt unter uns. Adio! G . v . C .“ Diese Aussichten — die erhebende, neben dem Vater so lange zu seyn — die heilende, aus dieser tiefen Asche herauszuwaten in ein freieres, leichteres Land — die schmeichelnde, daß das kranke, geplagte Herz im Bergschlosse viel¬ leicht in Zitronen- und Lorbeerwäldern Freude und Genesung wieder finde, auch wohl wieder gebe — diese Aussichten waren, was die Freu¬ den der Menschen sind, sehr schöne Spazier¬ gänge im Hofe des Gefängnisses. Auf diesem frohen Spaziergange störte ihn bald das Bild der kommenden Linda — aber nicht seinet- sondern seiner armen Schwester und seines Freundes wegen. Wie feindseelig muß R 2 dieses fremde Irrlicht, dacht' er, in den nächt¬ lichen Kampf aller gegen einander rennenden Verhältnisse hüpfen! Roquairol schien ohnehin die zu heftig liebende Rabette mit ihren einsa¬ men Wünschen allein zu lassen; sie schickte wö¬ chentlich ihre durch einen Einschluß an Albano — sonst wars umgekehrt — briefliche Seufzer und Thränen, die er alle kalt einsteckte, ohne von ihnen oder der Verlassenen zu sprechen. Albano — im Stillen Lianen und Rabetten abwägend — beklagte selber das ungleiche Loos seines übereilten Freundes, über dessen Son¬ nenpferde nur eine Amazone und Titanide, aber nicht ein gutes Landmädchen den Zügel wer¬ fen konnte und dessen Psyches- und Donnerwa¬ gen ihm zu gut schien zu einem bloßen eheli¬ chen Post- oder Kinderwagen. Erwürgend wird sich Alles durcheinanderschlingen, dacht' er, wenn er am Traualtar mit Rabetten kniend zufällig aufsieht und unter den Zuschauerinnen die un¬ vergeßliche hohe Braut seiner ganzen Jugend findet und laut das entsagende Ja ausstam¬ meln muß! Er war daher zweifelhaft, ob er ihm den Inhalt des Briefs entdecken dürfe, aber doch nicht lange; „soll ich dem Freund (sagt' er,) ver¬ „hehlen und vorgaukeln? Darf ich ihn als „schwach voraussetzen und die Beschleunigung „der Verhältnisse scheuen, die doch mit Ihr „kommen?“ — Sobald Karl zu ihm kam, sagt' er ihm zu¬ erst die Abreise und sogar die Bitte um dessen Mitreise; bewegt von der ersten Trennung sei¬ nes Jugendfreundes. Der Hauptmann — des¬ sen Herz immer den Sangboden der Phantasie zum Anklang brauchte — war auf der Stelle nicht vermögend, beträchtliche Empfindungen über den Abschied zu haben und zu mahlen. Da gab ihm Albano — über die Lippe konnt' ers nicht bringen — den ganzen Brief. Unter dem Lesen wurde Roquairols gan¬ zes Gesicht häßlich, sogar in des Freundes Au¬ ge. — Er schleuderte dann ein so flammendes Zornauge gegen Albano, daß dieser es erwi¬ derte unwillkührlich und unwissend. „O, wahrlich, ich versteh' Alles (sagte Karl). So mußt' es sich lösen. Warte nur bis Morgen!“ Alle Mus¬ keln an ihm waren rege, alle Züge irre, Alles bewegt, so wie im heftigen Gewitter kleine Wölkchen umeinander wirbeln. Albano wollte ihn fragen und halten. „Morgen, morgen!“ rief er und stürmte davon. 87. Zykel. Am Morgen erhielt Albano einen sonder¬ baren Brief von Roquairol, zu dessen Ver¬ ständniß einige Nachrichten von seinem Ver¬ hältniß mit Rabetten vorausstehen müssen. Nichts ist schwerer, wenn man seinen Freund recht liebt, als dessen Schwester kaum anzuse¬ hen. Nichts ist leichter — nur das Umgekehr¬ te ausgenommen — als nach der Entzauberung durch Stadtherzen die Bezauberung durch Land¬ herzen. Nichts ist einem Simultanliebhaber, der Alle liebt, natürlicher als die Liebe gegen Eine darunter. Es braucht nicht erwiesen zu werden, daß der Hauptmann in allen drei Fäl¬ len auf einmal gewesen, da er zum erstenmale zu Rabetten sagte, sie habe sein sogenanntes Herz. Sie hätte freilich die Hamädryade in einem solchen Giftbaum, durch dessen Saft so viele Amors Pfeile vergiftet wurden, nicht so nahe anbeten sollen; aber sie und ihre meisten Schwestern werden von den männlichen Vor¬ zügen gegen den männlichen Mißbrauch davon verblendet. Anfangs gieng Manches gut; die reine Un¬ schuld seiner Schwester und seines Freundes warf ein fremdes Zauberlicht auf den widerna¬ türlichen Bund. Das Vorzüglichste war, daß er als Konzertmeister seiner Liebe wenig mehr von Rabetten bedurfte als die — Ohren; Lieben war bei ihm Sprechen und Handlungen sah er bloß für die Zeichnung unserer Seele, Worte aber für die Farben an. Es giebt eine doppel¬ te Liebe, die der Empfindung, und die des Ge¬ genstandes. — Jene ist mehr die männliche, sie will den Genuß ihres eignen Daseyns, der fremde Gegenstand ist ihr nur der mikroskopi¬ sche Objekt- oder Subjekt-Träger, worauf sie ihr Ich vergrößert erblickt; sie kann daher leicht die Gegenstände wechseln lassen, wenn nur die Flamme, in die sie als Brennstoff geworfen werden, hoch fortlodert; und durch Thaten, die immer lang, langweilig und be¬ schwerlich sind, genießet sie sich weniger als durch Worte, die sie zugleich mahlen und meh¬ ren. Hingegen die Liebe des Gegenstandes ge¬ nießet und begehret Nichts als das Glück des¬ selben, (so ist meistens die weibliche und elter¬ liche,) und nur Handlungen und Opfer thun ihr Genüge und wohl; sie liebt, um zu beglü¬ cken, wenn jene nur beglückt, um zu lieben. Roquairol hatte sich längst der Liebe der Empfindung gewidmet. Daher mußt' er so viel Worte machen. Überhaupt wurde sein Herz erst durch den Transport über die Zunge und Lippe recht feurig und trinkbar; am Rhein¬ fall wär' er nicht von der besten nämlich ge¬ rührtesten Laune gewesen, bloß weil er zum Lo¬ be desselben — da der Fluß Alles überdonnert — Nichts hätte vorbringen können, vor erha¬ benem Lärm. Sein Roman mit Rabetten nach der Lie¬ bes-Erklärung war in verschiedene Kapitel ab¬ getheilt. Das erste Kapitel bei ihr versüßte er sich dadurch, daß sie ihm neu war und zuhörte und bewundernd gehorchte. Er schilderte ihr darin große Stücke von der schönen Natur ab, misch¬ te einige nähere Rührungen dazu und küßte sie darauf; so daß sie seine Lippen wirklich in zwei Gestalten genoß, in der redenden und in der handelnden; von ihr wollt' er wie gesagt nur ein Paar offne Ohren. In diesem Kapitel nahm er noch einige Möglichkeit ihrer — Hei¬ rath an; die Männer vermengen so leicht den Reiz einer neuen Liebe mit dem Werth und der Dauer derselben. Er machte sich an sein zweites Kapitel und schwamm darin seelig in den Thränen, aus de¬ nen er es zu schreiben suchte. In der That ge¬ währte ihm diese Augenlust mehr wahre Freu¬ de als fast die besten Kapitel. Wenn er so ne¬ ben ihr saß und trank — denn wie ein todtes Fürsten-Herz begrub er gern sein lebendes in Kelche — und nun anfieng zu mahlen sein Leben, besonders seinen Tod, und seine Leiden und Irrthümer vorher und seinen Selbst- und Kna¬ benmord auf der Redoute und seine weggesto¬ ßene Liebe für Linda: wer war da mehr zu Thränen bewegt als er selber? — Niemand als Rabette, deren Augen — durch ihren Va¬ ter und Bruder so wenig mit Männerthränen bekannt geworden als mit Elephanten-, Hirsch- und Krokodilsthränen — desto reicher in seine Trauer und Liebe, aber nicht so süß als bitter überströmten. Das goß wieder neues Oel in seine Flamme und Lampe, bis er am Ende wie jener Schüler des Hexenmeisters von Göthe die Besen, welche Wasser zutrugen, nicht mehr re¬ gieren konnte. Poetische Naturen haben eine mitleidige; gleich der Justiz besolden sie neben der Folterbank einen Wundarzt, der die ge¬ brochnen Glieder sogleich wieder ordnet, ja so¬ gar vorher die Stellen der Quetschungen re¬ gulirt. Der Mann sollte nie seinetwegen, ausge¬ nommen vor Entzückung, weinen. Aber Dich¬ ter und alle Leute von vieler Phantasie sind Zauberer, welche — gerade als Widerspiele der verbrannten Zauberinnen — leichter wei¬ nen, obwohl mehr vor Bildern als vor dem rohen, wunden Unglück selber, um die armen Zauberinnen auf die schlimmste Wasserprobe zu setzen. Trauet nicht! Auf dem Machinel¬ len-Giftbaum werden die Regentropfen giftig, die von seinen Blättern rollen. Indeß muß es nie verschwiegen werden, daß der Hauptmann in diesem zweiten Kapitel seinen Entschluß bestärkte, die gute und so wei¬ che Rabette wirklich zu — ehelichen; „du weißt, (sagt' er zu sich,) was im Ganzen an den Wei¬ bern ist, ein Paar Mängel auf oder ab thun wenig; deine männliche Narrheit, sie wie die Zins- und Deputatthiere ohne Fehl zu fodern, ist doch wohl vorüber, Freund.“ — Jetzt setzt' er sich hin, um zu seinem drit¬ ten Kapitel einzutunken worin er spaßte. Sei¬ ne Lippen-Allmacht über das zuhorchende Herz erquickt' ihn dermaßen, daß er häufige Versu¬ che machte, ob sie sich nicht halb todt lachen könnte. Weiber nehmen in der Liebe aus Schwä¬ che und Feuer das Lachkraut am leichtesten; sie halten den komischen Heldendichter noch mehr für ihren Helden, — und beweisen damit die Unschuld ihres Auslachens. Aber Roquairol liebte die Lachende weniger. In seinem vierten Kapitel — oder Sek¬ tor, oder Hundsposttag, oder Zettelkasten, oder wie ich sonst (lächerlich genug) statt der Zykel abtheile — in seiner vierten Jobelperiode sag' ich, hielt' es, so zu sagen, härter mit ihm. Ra¬ bette würd' es endlich gewohnt und satt, daß er immer abstieg und den zwischen den Rädern hängenden Theertopf der Thränendrüse auf¬ machte, um den Trauerwagen zu theeren. Tie¬ fes Rühren und Bewegen wurd' ihm täglich sauerer gemacht und vergället, er mußte immer längere und grellere Trauerspiele geben. Da fieng er an zu merken, daß die Zunge des Landmädchens nicht eben die größte Landschafts¬ mahlerin, Seelenmahlerin und Silhouettrice sey und daß sie zu ihm wenig mehr zu sagen wis¬ se als: Du mein Herz! Er machte deshalb im vierten Kapitel seltnere Besuche; das half wie¬ der viel, aber kurz. Glücklicher Weise gehörte die halbe Meile von Pestiz nach Blumenbühl zu Rabettens Schönheitslinien und Strahlen in der Stadt, in Einer Straße oder gar unter Einem Dache wär' er zu kalt geblieben vor Nähe. Die natürlichste Folge aus einem solchen Kapitel ist das fünfte, oder das Wechselkapitel, das einige Flammen noch durch den immer schnellern Wechsel von Vorwürfen und Ver¬ söhnungen aufbläset, so daß beide sich wie elek¬ trische Körper kleine, wechselnd anziehen und abstoßen. Zuweilen trank er Nichts und fuhr sie bloß an, zuweilen nahm er sein Glas und sagte zu ihr: Ich bin der Teufel, Du der En¬ gel. Den größten Stoß gab seiner Liebe sein Vater durch den Beifall, den er ihr wider Ver¬ hoffen schenkte. Dem Hauptmann war gänz¬ lich so als begeh' er die Silberhochzeit, wenn er einmal die goldne feiere. Im Dienste der Liebesgöttin wird man leichter kahl als grau; er war schon gegen die Silberbraut moralisch- kahl. Zum Glücke trieb er kurz vor dem Flam¬ mensonntag in Lilar Wo Albano zum letztenmale seelig mit Lia¬ nen war. alle Vernachlässigungen und Sünden so weit, daß er am Sonntag im Stande war, sie zu verfluchen; nur nach Zür¬ nen und Sündigen konnt' er leichter lieben und beten, wie der kriechende Springkäfer sich nur aufschnellt, auf den Rücken gekehrt. Es ist wohl wenigen Lesern aus jenem Sonntag entfallen, wenigstens entgangen — daß Roquairol Mor¬ gens mit Rabetten im Flötenthale gesessen — daß Rabette da beklommen und einsam ge¬ sungen — und daß er aufgelöset seinem von der Liebe verherrlichten Freunde aufgestoßen. Die Thal-Sache ist natürlich: nach so langem Kühl- (nicht Kalt-) Sinn — an diesem luftigen, freien Otaheiti-Tage — bei so Vielem was er in den Händen hatte (eine fremde — und eine Flasche.) — neben ihrem Herzen so warm und doch so ruhig wie die Sonne dro¬ ben — neben der einsamen Waisen-Flöte, die er rufen ließ — und bei seinem herzlichsten Wunsche, von einem solchen Tage und Himmel etwas zu profitiren — — da sah er sich or¬ dentlich genöthigt, wahre Rührung vorzuholen, über seine Vergangenheit sich auszulassen (er glich den alten Sprachen, die nach Herder vie¬ le Präterita und kein Präsens haben) — ja über seinen Tod (auch ein Bruchstück der Ver¬ gangenheit) — und dann wie auf einem Him¬ melswege weiter zu gehen. Freilich gieng er nicht weit; er ließ wieder sein H. Januars Blut flüssig werden, nämlich seine Augen, und also vorher sein eignes und foderte dann der ent¬ zückten, im schönsten Himmel umhergeschleuder¬ ten Seele nichts Geringeres ab als — da sie vor dem zugeworfnen Schnupftuch verstummte wie der Kanarienvogel unter dem übergeworf¬ nen — ein schwaches Singen. Rabette konnte nicht singen, sie sagte es, sie weigerte sich, sie sang endlich; aber sie dachte unter dem leeren Singen an Nichts weiter als an ihn und sein wildes, nasses Gesicht. Das schlimmste Kapitel unter allen, die er in seinen Roman brachte, ist wohl das sechste, das er in der Illuminazionsnacht in Lilar nie¬ derschrieb. Anfangs hatt' er die stumme, glanz¬ lose Zuschauerin einsam stehen lassen, indem er hinter dem Venuswagen voll fremder Göttinnen nachlief und aufsprang. Allmählig kroch Eine Freude nach der andern herzu und gab ihm den Tarantelbiß, dem ein krankes Toben folgte. Da Mäßigkeit eine wahre stärkende Arzenei des Lebens ist: so nahm er zu dieser kräftigen Arzenei, um sie nicht in immer stärkern Dosen brauchen zu müssen, ungemein selten die Zu¬ flucht und gewöhnte sich durchaus nicht an sie. Endlich erschienen an ihm wie am sinesischen Porzellan Die Sineser konnten sonst auf Porzellan Fische und andere Gestalten mahlen, die nur sichtbar wurden, wenn man das Gefäß anfüllte. Lett¬ res édifiantes etc. XII. recueil . die Gestalten durch Füllen; er trat mitleidend und liebend zu Rabetten und glaub¬ te mit ihr, gegen sie weich oder gut zu seyn, da ers bloß gegen Alle war. Er wollte sie aus dem feindlichen Augen- Heer entführen, um bei ihr den Kuß zu suchen, dem das Verbot und die Entbehrung wieder den Honig gab; aber sie weigerte sich, weil da, wo das Ange aufhört, der Verdacht anfängt, als er zum Unglück die Blinde aus Blumen¬ bühl ansichtig wurde und zur scheinbaren Wa¬ che Rabettens rufen konnte, um diese aus der Versuchung unter Menschen in die Versuchung in der Wüste zu führen. Sie ungestüm-lie¬ bend an sich drückend wie nie — daß die ar¬ me, diesen Abend so verlassene Seele über die Wie¬ Wiederkehr aller ihrer Freuden weinte — und zu ihr redend wie ein Engel, der wie keiner handelt, gelangt' er mit ihr im stillen Tartarus, wo alles blind und stumm war, unwillkührlich an. Rabette hatte die Blinde nicht entlassen; aber als sie in den Katakombengang eingien¬ gen der nur zwei Personen fasset, wenn nicht die dritte im Wasser schleichen will, wurde die augenlose Magd an die Pforte gestellt, um so¬ mehr da er sich nicht gern von einer überflüs¬ sigen Zuhörerin wollte hemmen lassen. Und was war denn mitten im Guckkasten des Gra¬ bes auch zu scheuen? Drinnen sprach er über die überall ausge¬ streckten Zeigefinger des Todes „und daß sie hinwiesen, das Leben, so dumm es auch sey, nicht noch dümmer zu machen, sondern lustig.“ Er setzte sich mit ihr liebkosend — wie der Würg¬ engel unsichtbar neben dem blühenden Kinde sitzt, das im alten Gemäuer spielt und dem er den schwarzen Skorpion in die zarten Händ¬ chen drückt —; es war die Stelle, wo er mit Albano, gegenüber dem Gerippe mit der Äols¬ harfe, in der ersten Bundesnacht gesessen, als Titan III . S ihm der Freund die Entsagung Linda's beschwor. Seine Zunge strömte wie sein Auge — Er war weich wie nach dem Volksglauben Leichen weich sind, denen Traurende nachsterben — Er warf Feuer-Kränze in Rabettens Herz, aber sie hat¬ te nicht wie er Wortströme zum Löschen — sie konnte nur seufzen, nur umarmen; und die Männer versündigen sich am leichtesten aus Langerweile an guten, aber langweiligen Her¬ zen — Schneller sprangen Lachen und Weinen, Tod und Scherz, Liebe und Frechheit ineinan¬ der über; das moralische Gift macht die Zun¬ ge so leicht als physisches sie schwer — Die Arme! die jungfräuliche Seele ist eine reife Rose, aus der, sobald Ein Blatt gezogen ist, leicht alle gepaarte nachfallen; seine wilden Küs¬ se brachen die ersten Blätter aus — Dann san¬ ken andere — Umsonst wehet der gute Genius fromme Töne aus der Harfe des Todes und rauschet zürnend im Orkus-Flusse der Kata¬ kombe herauf— Umsonst!— Der schwärzeste En¬ gel, der gern foltert, aber lieber Unschuldige als Schuldige, hat schon vom Himmel den Stern der Liebe gerissen um ihn als Mordbrand in die Höhle zu tragen. Der Wehrlosen enges, armes Lebens-Gärtchen, worin nur wenig wächst, steht auf dem langen Minengang, der unter Roquai¬ rols ausgedehnten Lustlagern wegläuft; und der schwärzeste Engel hat die Minen-Lunte schon angesteckt — Feurig frisset der gierige Punkt sich weiter. Noch steht ihr Gärtchen voll Sonnenschein und seine Blumen wiegen sich — der Funke nagt ein wenig am schwarzen Pul¬ ver, plötzlich reisset er einen ungeheuern Flam¬ men-Rachen auf — Und das grüne Gärtchen taumelt, zersprengt, zerstäubt, in schwarzen Schollen aus der Luft herab an ganz fernen Stellen — Und das Leben der Armen ist Dampf und Gruft. — — Aber Roquairols ausgebreiteten, weiten und zusammengewurzelten Lust-Parks widerstanden dem Erdstoße viel kräftiger. — Beide traten dann betrübt — denn dem Hauptmann war eine kleine Laube aufgeschleudert — aus dem Minirgange heraus, trafen aber die Blinde nicht mehr an, die suchend sich verlaufen hatte, sondern stießen nur dem umherirrenden Alba¬ no auf, der sehr trauerte und tobte, ob er S 2 gleich diesen Abend Nichts verlohren hatte als — Freuden. Lasset uns die Betrogne und ihre Mit- Millionen mit einigen Worten vor einen mil¬ den Richter führen! — Nicht Das allein wird dieser Richter wiegen, daß sie, vom Blüthenstau¬ be eines rauchenden Freuden-Frühlings betäubt, stumm-erstickt mit dem jungfräulichen Schleier, erlegen dem Sturm der Phantasie — da Wei¬ ber um so leichter vor der fremden und poeti¬ schen fallen, je seltner ihre eigne weht und ih¬ nen das Feststehen angewöhnt — den Lohn ei¬ nes ganzen jungfräulichen Lebens sterben ließ: sondern Das mildert am stärksten das Urtheil, daß sie Liebe im Herzen trug. Warum erkennt es denn das Männer-Geschlecht nicht, daß die Liebende in der Stunde der Liebe ja Nichts wei¬ ter thun will als Alles für den Geliebten, daß die Frau für die Liebe alle Kräfte, gegen sie so kleine hat und daß sie mit derselben Seele und in derselben Minute eben so leicht ihr Le¬ ben hingäbe als ihre Tugend? — Und daß nur der fodernde und nehmende Theil schlecht sey, besonnen und selbstsüchtig? Das letzte oder siebente Kapitel seines Räu¬ berromans ist sehr kurz und widersprechend. Den dritten Tag besucht' er sie in ihrem Gar¬ ten, war zärtlich, vernünftig, nüchtern, zu¬ rückhaltend als wär' er ein Ehemann. Da er sie voll Kummer fand, den sie doch nur halb aussprach: so kam er aus Angst für ihre Ge¬ sundheit mehrmals wieder; und als diese nicht im Geringsten gelitten, blieb er — weg. Ge¬ gen Albano war er während besagter Angst demüthig; und nach derselben wie sonst, aber nicht lange. Denn als seine Schwester, die er vielleicht unter allen Menschen am reinsten liebte, durch Albano's Wildheit erblindete: warf er, eben wegen der Ähnlichkeit der Schuld, auf diesen ei¬ nen wahren Haß und etwas Ähnliches auf alle des¬ sen Verwandte. Rabette bekam jetzt Nichts wei¬ ter von ihm als — Briefe und Entschuldigun¬ gen, kurze Gemählde seiner wilden Natur, die freien Spiel-Raum haben müsse und die einer fremden angeheftet, diese bloß eben so sehr mit der Kette zerschlagen und drücken müsse als sich selber. Alle Einwürfe Rabettens wußt' er so gut zu heben, da sie nur in Worten, und nicht in Minen und Thränen bestanden, daß er am Ende selber einsah, er habe Recht; und der von diesem stürzenden, glatten Maienbaum erschlagnen Maiblume blieb fast Nichts übrig als das rechte letzte Wort, nämlich die stumme Lippe, die es dem Mörder nicht erst meldet, daß er das Herz getroffen und zerstöret habe. 88. Zykel. Hier ist Roquairols Brief an Albano: „Einmal muß es geschehen, wir müssen uns se¬ hen wie wir sind und dann hassen, wenn es seyn muß. Ich mache Deine Schwester unglücklich, Du meine und mich dazu; das hebt sich auf ge¬ genseitig. Du verzerrest Dich aus meinem En¬ gel immer heftiger zu meinem Würgengel. Wür¬ ge mich denn, aber ich packe Dich auch. Jetzt sieh mich an, ich ziehe meine Maske ab, ich habe konvulsivische Bewegungen auf dem Gesicht, wie Leute, die genossenen Gift über¬ standen! Ich habe mich in Gift betrunken, ich habe die Giftkugel, die Erdkugel verschluckt. Frei heraus! Ich jauchze nicht mehr, ich glau¬ be Nichts mehr, ich jammere nicht einmal recht tapfer. Ausgehöhlt, verkohlt vom phantasti¬ schen Feuer ist mein Baum. Wenn so zuwei¬ len die Eingeweidewürmer des Ichs, Erbo¬ ßung, Entzückung, Liebe und dergleichen wie¬ der herum kriechen und nagen, und einer den andern frisset: so seh' ich vom Ich her¬ unter ihnen zu; wie Polypen zerschneide und verkehr' ich sie, stecke sie ineinander. Dann seh' ich wieder dem Zusehen zu und da das ins Unendliche geht, was hat man denn von Al¬ lem? Wenn Andere einen Glaubens-Idealis¬ mus haben, so hab' ich einen Herzens-Idealis¬ mus, und jeder, der alle Empfindungen oft auf dem Theater, dem Papier und dem Erdboden durchgemacht, ist so. Wozu dients? — Wenn du jetzt stürbest, sag' ich mir oft, so wäre ja Alles, da alle Radien des Lebens in den kleinen Punkt eines Augenblicks zusammenlaufen, weg¬ gewischt, unsichtbar; mir ist dann, als wär' ich Nichts gewesen. Oft seh' ich die Berge und Flüsse und den Boden um mich an und mir ist, als könnten sie jeden Augenblick auseinander flattern und verrauchen und ich mit. Das künftige Leben, da das anwesende kaum eines ist, und Alles, was daran hängt, gehört unter die Entzückungen, denen man zusieht; zumal unter einer, in der Liebe. Da Du so leicht jede Verschiedenheit von Dir für Entkräftung hältst: so sag' ich Dir gerade heraus: steige nur weiter, knäte Dich nur mehr durch, hebe nur den Kopf aus den heißen Wo¬ gen der Gefühle höher, dann wirst Du Dich nicht mehr in sie zerlaufen, sondern sie allein verwal¬ ten lassen. Es giebt einen kalten, kecken Geist im Menschen, den Nichts etwas angeht, nicht einmal die Tugend; denn er wählt sie erst und er ist ihr Schöpfer, nicht ihr Geschöpf. Ich erlebte einmal auf dem Meer einen Sturm, wo das ganze Wasser sich wüthend und zackig und schäumend aufriß und durcheinanderwarf, in¬ deß oben die stille Sonne zusah ; — so wer¬ de! Das Herz ist der Sturm, der Himmel das Ich. Glaubst Du, daß die Romanen- und Tra¬ gödienschreiber, nämlich die Genies darunter, die Alles, Gottheit und Menschheit, tausendmal durch- und nachgeäfft haben, anders sind als ich? Was sie — und die Weltleute noch reel erhält, ist der Hunger nach Geld und nach Lob; dieser fressende Magensaft ist der thieri¬ sche Leim, der hüpfende Punkt in der weichen Fluß-Welt und Fließ-Welt. — Die Affen sind Genies unter dem Vieh; und die Genies sind — nicht bloß vor höhern Wesen, wie Pope von Newton sagt — sondern auch hier unten Affen, im ästhetischen Nachmachen, in der Herzlosig¬ keit, Boßheit, Schadenfreude, Wollust und — Lustigkeit. Letztere und Vorletztere beding' ich mir aus. Gegen die Longueurs im Lebens-Buche, das kein Mensch versteht, giebts Nichts als einige lustige Stellen, an die ich nicht mehr denke, so¬ bald ich sie gelesen. Um nur wegzukommen über das höckerige, kalte Leben, will ich doch mir lieber Rosenkelche als Dornenreiser unter¬ streuen. Die Freude ist schon Etwas werth, weil sie Etwas verdrängt, eh' man sich mit schwerem Haupte niederlegt ins Nichts. So bin ich; so war ich; da sah ich Dich und wollte Dein Du werden — aber es geht nicht, denn ich kann nicht zurück, aber Du vor¬ wärts, Du wirst mein Ich einmal — und da wollt' ich Deine Schwester lieben! Sie ver¬ zeihe es mir! Hier trinke reinen Wein! Ich weiß am besten, wie weit es mit den Weibern geht — wie ihre Liebe beglückt und beraubt — wie jede Liebe sich gleich anderem Feuer an viel besserem Holze entzündet als ernährt — und wie überall der Teufel Alles holt, was er bringt. — — O, warum kann denn keine Frau nur so¬ weit und nicht weiter lieben als man haben will? Gar keine? — Meinetwegen; überall wol¬ len schlaffe Prediger uns von jeder vergängli¬ chen Lust abhalten durch die nachfahrende Un¬ lust. Ist denn die Unlust nicht auch vergäng¬ lich? — Rabette meint' es gut mit mir, aus demselben Grunde des Wunsches, warum ichs mit ihr und mir so meinte. Aber, weiß es denn Jemand, welche Fegfeuer-Stunden man mit einem fremden Herzen durchwatet, das voll ist, ohne zu füllen und dessen Liebe man am Ende hasset— vor welchem, aber nicht mit welchem man weint und nie über Gleiches und dem man sich jede Rührung zu enthüllen scheuet, aus Furcht, sie in Nahrung der Liebe verwandelt zu sehen — aus dessen Zorn man den größern Zorn und aus dessen Liebe man den kleinern saugt? — Und nun vollends auf immer in die¬ se Peinlichkeit die heitern Verhältnisse einge¬ schraubt, die uns sonst über die peinlichen em¬ porhalten sollen — auf immer das lang ge¬ wünschte Götter-Glück des Lebens in einen platten Schein und Kupferstich verkehrt, — das Herz in eine Brust und Larve — das Mark des Daseyns in spitze Knochen — Und doch bei al¬ len Vorwürfen der Kälte nur ans Schweigen gekettet, unschuldig und stumm auf die Folter gebunden — und Das eben ohne Ende! — Nein, lieber den Wahnsinn her, den man aus dem Tempel der Liebe sowohl wie der Eu¬ meniden holt! Lieber recht unglücklich-entbrannt, ohne Hoffnung, ohne Laut, bis zur Bleichheit und Wuth als so geliebt-nicht liebend! — Wer einmal in dieser Hölle brannte, Albano, der — fährt immerfort in sie; das ist das neue Un¬ glück. Verschmerz' ich nicht das Leben und den Tod und die Wunden und Stacheln vorher und bin gewiß nicht schwach? — Doch bin ich nicht im Stande, einer empfindsamen Rede — oder Klavierphantasie — oder Vorlesung oder Vor¬ singung Einhalt zu thun, und wenn mir der Schmerz in Person eine von allen Göttern unter¬ schriebne Drohung vorhielte, daß eine Zuhörerin, die ich nicht leiden kann, sogleich darauf meine Liebhaberinn würde und daraus meine Ge¬ liebte und Hölle. Die Griechen gaben dem Amor und dem Tode dieselbe Gestalt, Schönheit und Fackel; für mich ists eine Mordfackel, aber ich liebe den Tod und darum den Amor. Längst war mir mein Leben eine tragische Muse; gern geb' ich dem Dolche einer Muse die Brust; eine Wunde ist fast ein halbes Herz. — Höre weiter! Rabette hat eine schöne Na¬ tur und folgt ihr, aber meine ist für sie eine Wolke mit leerer, vergänglicher Bildung und Gestalt; sie versteht mich nicht. Könnte sie es, so vergebe sie mir am ersten. O, ich habe sie wohl mißhandelt, als wäre ich ein Schicksal und sie ich. Zürne, aber höre. In der Illumina¬ zionsnacht führte ihre Sehnsucht und meine Leerheit im Feuerregen der Freude uns wärmer aneinander — unter den glattgepanzerten und mattgeschliffnen Hofgesichtern blühte ihr aufrich¬ tiges so schön und so lebendig, wie ein frisches Kind auf der Bühne und am Hofe — Wir ge¬ riethen in den Tartarus — Wir saßen an der Stelle, wo Du mir Deinen Verzicht auf Linda geschworen — In meinen Sinnen glühte der Wein, in ihren das Herz — O, warum hat sie, wenn man spricht und strömt, keine andere Worte als Küsse und macht einen sinnlich aus Langweile — und zwingt zum Sprechen ihrer Sprache? — Meine wahnsinnige Kühnheit, die mir die Phantasie und der Rausch einhauchen und die ich kommen sehe und doch erwarte, er¬ griff mich und trieb mich wie einen Nachtwand¬ ler. — Aber immer ist Etwas in mir hellblicken¬ des, das selber das Zuggarn des Wahnsinns strickt, über mich wirft und mich verhüllt darin führt. — So sieh mich in jener Nacht mit dem brennenden Netz um das Haupt, der Todten¬ bach murmelt zu mir, das Skelet greift durch die Harfe — Aber umschlungen, vergittert, ver¬ dunkelt, geblendet vom Feuer-Geflechte der Lust acht' ich weder Vernichtung noch Himmel noch Dich und jenen Abend, sondern ich schlinge Al¬ les durcheinander und ins Geflechte — Und so sank die Unschuld Deiner Schwester ins Grab und ich stand aufrecht auf dem Königssarg und gieng mit hinunter. Ich verlohr Nichts — in mir ist keine Un¬ schuld — ich gewann Nichts — ich hasse die Sinnenlust; — der schwarze Schatte, den ei¬ nige Reue nennen, fuhr breit hinter den weg¬ gelaufenen bunten Luftbildern der Zauberlater¬ ne nach; aber ist das Schwarze weniger op¬ tisch als das Bunte? Verdamme Deine arme Schwester nicht; sie ist jetzt unglücklicher als ich, denn sie war glück¬ licher; aber ihre Seele ist unschuldig geblieben. Bewahrt lag ihre Unschuld in ihrem Herzen wie ein Kern in der steinigen Pfirsichschaale; der Kern selber zersprengte in der nährenden, warmen Erde seinen Panzer und drängte sich grünend ans Licht. Ich besuchte sie nachher. Alle ihre Seelen¬ schmerzen giengen in mich über; zu allen Tha¬ ten und Opfern für sie fühlt' ich mich leicht; aber zu keinen Empfindungen. Macht was Ihr wollt, Du und mein Vater, ich werde mich in diesem dummen Stoppel-Leben, wo man in der Freiheit so wenig erntet, nicht vollends in das enge dreißigjährige Gehege der Ehe ban¬ nen. Bei Gott! für den erbärmlichen erpreßten Sinnen-Rausch hab' ich schon bisher und un¬ ter ihm mehr ausgestanden als er werth ist. Nicht Das, was ich gestern bei Dir gelesen, giebt mir diesen Entschluß — das frage Rabet¬ ten über ihn — und meine Freimüthigkeit ge¬ gen Dich ist ein willkührliches Opfer, da die My¬ sterie unter zweien hätte ohne mich eine bleiben können: sondern ich will nicht von Dir verkannt seyn, gerade von Dir, der Du, bei so wenigen Reflexen deines Innern, so leicht nachtheilig vergleichst und nicht merkst, daß Du meine Schwester in Lilar gerade so, nur mit geisti¬ gern Armen, opfertest und ihre Augen und Freuden in den Orkus warfst. Ich tadle Dich nicht; das Schicksal macht den Mann zum Un¬ ter-Schicksal des Weibes. Die Leidenschaften sind poetische Freiheiten, die sich die moralische nimmt. Du hieltest mich doch nicht für zu gut, ich bin Alles, wofür du mich nahmest, nur aber noch mehr dazu ; und das Mehr-Dazu fehlt Dir noch selber. O, wie fliegt mein Leben schneller, seit ich weiß, daß Sie Linda. kommt! Das Schicksal, das so oft Gewicht und Räder spielt und den Per¬ pendikel des Lebens mit eigner Hand auswirft, hebt den meinigen aus und alle Räder rollen der seeligen Stunde unbändig entgegen. Sie ist meine erste, meine reinste Liebe; vor ihr riß ich alle meine blühenden Jahre aus und warf sie ihr hin auf ihren Weg als Blumen; für Sie opfer' ich, wag' ich, thu' ich Alles, wenn Sie kommt. O, wer in der leeren Schaum- und Gaukel-Liebe Nichts fürchtet, was sollte der in der rechten, lebendigen Sonnen-Liebe scheuen oder weigern? — Du Engel, du Würg¬ engel, Du flogst herein in mein kahles, ebenes Le¬ ben. Du fliehst und erscheinst, bald hier, bald da, auf allen meinen Steigen und Auen, o verweile nur so lange bis ich vor Deinen Füßen mir mein Grab aufgewühlet habe, während Du zu mir heruntersahest! — Albano, ich schaue die Zukunft und greif' ihr ihr vor; ich sehe recht deutlich das lange über den ganzen Strom gespannte Netz, das Dich fassen, schnüren und würgen soll; Dein Vater und noch Andere ziehen darin Euch beide ein¬ ander zu, Gott weiß warum. — Darum, kommt Sie jetzt und dein Reisen ist nur Schein. — Meine arme Schwester ist bald besiegt, näm¬ lich ermordet; besonders da man dazu bei ih¬ rem Geisterglauben keine andere Stimme braucht als jene körperlose, die über dem alten Für¬ stenherzen dem Deinigen die Gränze anwies! Welche Lichter in der Zukunft, die zwischen finstern Verhältnissen und Gebüschen, in Mord- Winkeln brennen! — Wie es sey, ich trete in die Höhlen hinein; ich danke Gott, daß das ohnmächtige, kalt-schwitzende Leben wieder einen Herzschlag, eine Leidenschaft gewinnt; und dann oder jetzt thue gegen mich, der ich sicher und versteckt und unredlich handeln konnte, was Du magst. Schlage Dich heut oder morgen mit mir. Es soll mich freuen, wenn Du mich in den längsten Schlaf auf den Rücken bringst. O, das Opium des Lebens macht nur Anfangs lebhaft, dann schläfrig, o so schläfrig! Gern Titan III . T will ich nicht mehr lieben, wenn ich sterben kann. Und so ohne ein Wort weiter, hasse oder liebe mich, leb' aber wohl! Dein Freund oder Dein Feind.“ 89. Zykel . „Mein Feind!“ rief Albano. Der zweite heisse Schmerz schlug vom Himmel in sein Le¬ ben ein und der Wetterstrahl brannte grimmig wieder hinauf. Als ein herzloser Rumpf der vorigen Freundschaft war ihm Roquairol vor die Füße geworfen; und er fühlte den ersten Haß. Diese Giftmischung von sinnlicher und geistiger Schwelgerei, dieser Gährbottich von Sinnenhefe und Herzens-Schaum — dieser Ver¬ trag von Liebes- und Mordlust und gegen das¬ selbe schuldlose Herz — dieser geistige Selbst¬ mord des Gemüths, der nur ein luftiges, um¬ herschweifendes, sich wechselnd verkörperndes Ge¬ spenst übrig ließ, auf das kein Verlaß mehr bleibt und das ein tapferer Mann schon zu hassen anfängt, weil er diesen weichen Gift-Ne¬ bel nicht packen und bekämpfen kann — das Alles erschien dem Grafen, der ohne die Übergänge und Mitteltinten der Gewohnheit und Phantasie aus dem vorigen Lichte der Freundschaft in diese Abenddämmerung gefüh¬ ret wurde, noch schwärzer als es war. Neben die flache Wunde, die sein Familienstolz in der gemißhandelten Schwester empfieng, kam die tiefe giftige, daß Roquairol ihn mit sich und Lianens Zerstörung mit Rabettens ihrer ver¬ glich. „Bösewicht!“ knirschte er; auch die klein¬ ste Ähnlichkeit schien ihm eine Verläumdung. Allerdings hatte Roquairol an ihm sich verrechnet und seine poetische Selbst-Verdamm¬ niß zu sehr auf Rechnung eines poetischen Rich¬ terspruchs aufgesetzt. Wie man im Geräusche unwissend lauter spricht, so wußte er, wenn die Phantasie mit ihren Katarakten um ihn braus¬ te, nicht recht was er rief und wie stark. Da er oft doch weniger Schwärze an sich fand als er schilderte: so setzt' er voraus, der Andere fin¬ de dann sogar noch weniger als er selber. Auch hatt' er im poetischen und sündigen Taumel sich am Ende das moralische Zifferblatt selber beweglich gemacht, daß es mit dem Zeiger T 2 gieng; in dieser Verwirrung wurd' ihm nicht gezeigt, wo Unschuld war. Hätt' er vorausgesehen, daß seine briefli¬ chen Beichten in feindlichern Winkeln an- und abprallen würden als einstmals seine mündli¬ chen: er hätte sie anders gerichtet. Vor Erschütterung konnte Albano nicht so¬ gleich den kurzen Scheidebrief — keinen Fehde¬ brief — an den Verlohrnen schreiben, sondern zögerte in der Gewißheit, daß der Hauptmann nicht selber komme — als er kam. Denn Zö¬ gern vertrug er nicht; körperliche und geistige Wunden nahm er als theatralische auf; zu sehr gewohnt, Menschen zu gewinnen, verwand ers zu leicht, Menschen zu verlieren. — Eine schreck¬ liche Erscheinung für Albano; nur der aufge¬ stellte lange Sarg des getödteten Lieblings! — Daß nun über dieses kräftig-knochige Gesicht, sonst die Veste ihrer Seelen, die Furchen des Unkrauts sich krümmten, daß dieser Mund, den die Freundschaft so oft auf seinen gelegt, ein Pest-Krebs, eine deckende Rose des Zun¬ genskorpions für die trauend-annahende gute Rabette gewesen, Das zu sehen und zu den¬ ken war reiner Schmerz. — Kaum hörbar war Gruß und Dank; stumm giengen sie auf und ab, nicht neben-sondern wider einander. Albano suchte seinen Zorn in die Gewalt zu bekommen, um Nichts als die Worte zu sagen: gehe von mir und lasse mich Deiner vergessen. Er wollte Lianen im Bruder schonen, der ihn das Opfermesser derselben ge¬ scholten; ungerechte Vorwürfe erhalten uns in der nächsten Zukunft besser, weil wir sie zu kei¬ nen gerechten wollen werden lassen. — „Offen „bin ich, siehst Du — (fieng Roquairol gemäs¬ „sigt an, weil seine Wallungen halb vertropft „und verschrieben waren) — sey es auch und „antworte dem Brief.“ — „Ich war Dein Freund — nun nicht mehr“ sagte Albano er¬ stickt. — „Dir hab' ich doch Nichts gethan“ versetzte jener. „Himmel! Laß mich nicht Viel reden (sagte „Albano). Meine elende Schwester — Meine „Unschuld an der Gräfin Kommen — Meine „elende, verworfne Schwester — — O Gott! „empör' mich nicht — Ich achte Dich nicht mehr „und da geh!“ — „So schlage Dich!“ sagte der Hauptmann, halb seelen-, halb wein-trunken. „Nein! (sag¬ te Albano laut-einathmend wie zum Seufzer des Zorns) Dir ist Nichts heilig, nicht ein¬ mal ein Leben!“ Dieser Zögling des Todes warf den eignen Lebenstagen und Freuden und Planen so leicht alle fremde nach in die Gruft; das meinte Albano und dachte nur an die kran¬ ke, so leicht an fremden Wunden sterbende Lia¬ ne, die Liebe war ( statt der Freundschaft ) wie ein milderndes Weib vor seine aufgebrachte Seele gegangen; aber der Feind verstand ihn falsch. „Du mußt, (spottete wild der Hauptmann,) „Deines soll mir theuer seyn!“ — „Himmel und Hölle! ich meinte ein besse¬ „res (sagt' er) — Verläumder, gegen Deine „Schwester hab' ich nicht so gehandelt wie Du „gegen meine — ich habe sie nicht elend ma¬ „chen wollen, ich bin nicht wie Du! — Und ich „schlage mich nicht; ich schone sie, nicht Dich.“ — Aber der Höllenfluß des Zorns, den er durch Liane in flaches Land hatte leiten und seichter machen wollen, schwoll davon wie unter Zau¬ berhand auf, weil Roquairols Lüge ihres Hin¬ opferns dabei so nahe lag. „Du fürchtest Dich“ sagte der erbitterte Ro¬ quairol und nahm doch zwei Degen von der Wand. „Ich achte Dich nicht — und schlage mich nicht“ — sagte Albano, ihn und sich mehr reizend, da er doch sich bezwingen wollte. Da trat Schoppe herein; „er fürchtet sich“ wiederholte jener gewaffnet. Albano gab er¬ röthend mit drei brennenden Worten die Ge¬ schichte. „Ein Wenig müsset Ihr Euch vor mir schlagen!“ rief der Bibliothekar voll alten Haß gegen Roquairols poetisches Blend- und Gau¬ kel-Herz. Albano lechzend nach kaltem Stahl, griff unwillkührlich darnach. Der Kampf be¬ gann. Albano fiel nicht an, aber immer wü¬ thender wehrt' er sich; und wie er so den zor¬ nigen Affen des vorigen Freundes, mit dem Dolch in der Hand sah, der aus den blühen¬ den Beeten der schönsten Tage ausgeackert war und in welchen er mit seinen Wunden getreten; und wie der Hauptmann mit wachsendem Stur¬ me auf ihn fruchtlos einblitzte: so sah er auf dem grimmigen Gesicht den dunkeln Höllenschat¬ ten wieder stehen, der darauf gestanden und ge¬ spielet als er unter sich die sträubende Rabette erwürgte; — die Aufziehbrücke der Gesichter, worauf sonst beide Seelen zusammenkamen, stand hoch, auseinandergerissen in die Luft. Glühender blickte Albano, zorntrunkner griff er den Währwolf der verschlungnen Freundschaft an — plötzlich hieb er ihm wie eine Tatze das Gewehr ab: als Schoppe vom ungleichen Scho¬ nen und Fechten entflammt, mit Rabettens Nah¬ men die Rache rufen wollte und schrie: „Die Schwester, Albano!“ — Aber Albano verstand darunter Karls Schwester — und schleuderte das Eine Schwerdt dem andern nach und Feuertropfen standen in seinem Auge und verzogen unförmlich das feind¬ liche Gesicht vor ihm. „Albano!“ sagte zorn¬ erschöpft Roquairol, auf den weinenden Regen¬ bogen des Friedens bauend; „Albano?“ fragt' er und gab ihm die Hand. „Lebe froh, aber geh, noch bin ich unschuldig, geh'!“ versetzte Al¬ bano, der hart das Gewitter des ersten Zorns über sich fühlte, das zwischen seine Gebürge eingesenkt, fortschlug. „Ins Teufels Namen „geht! Am Ende werd' ich auch angesteckt“ fuhr Schoppe dazwischen. „In solchem Nahmen „geht man gern!“ sagte der Hauptmann, dem in Schoppens Gegenwart immer die Zungen¬ muskeln erfroren und gieng schweigend; aber Albano sah ihn längst nicht mehr an, weil er keine fremde Erniedrigung vertrug, sondern, wie jede starke Seele, mit der gebückten Mensch¬ heit zugleich sich selber niedergebogen empfand, so wie große Thronen keine Knechts-Abzeichen in ihrer Nähe dulden Z. B. der deutsche kaiserliche Hof keine Be¬ dienten-Livréen. . Schoppe fieng nun an, ihn an seine frü¬ hesten Weissagungen über Roquairol zu erin¬ nern und sich das große Propheten-Quartett zu nennen — dessen unheilbare Mund- und Her¬ zensfäule zu rügen — dessen theatralische Fe¬ stigkeit mit dem römischen Marmor und Por¬ phyr zu vergleichen, der außen eine Stein-Rin¬ de habe, innen aber nur Holz In Rom scheinen Gebäude aus beiden zu be¬ stehen, haben aber nur den Anwurf davon. — anzumer¬ ken, dessen innere Besitzung heiße wie die des deutschen Ordens, nur eine Zunge — und überhaupt so heftig gegen alle Selbst-Zerse¬ tzung durch Phantasie, gegen alle poetische Welt¬ verachtung sich zu erklären, daß ein Anderer als Albano wohl eben den Eifer für einen Schutz gegen das leise Gefühl einer Ähnlichkeit nehmen konnte. — — Schoppe hoffte sehr, Albano hör' ihm glau¬ bend zu und werde zürnen, lachen und ant¬ worten; aber er wurde ernster und stiller; — er sah den rechtschaffenen Bibliothekar an — und fiel ihm heftig und stumm an den Hals — und trocknete schnell das schwere Auge. O, es ist ein finsterer Trauertag, der Begräbni߬ tag der Freundschaft, wo das ausgesetzte, ver¬ waisete Herz allein heimgeht und es sieht die Todeseule vom Todtenbette derselben schreiend über die ganze Schöpfung fliegen. Albano hatte anfangs noch heute nach Blu¬ menbühl gehen und seine verlassene Schwester auf das Trauergerüste der Wahrheit führen wollen; aber jetzt war sein Herz nicht stark ge¬ nug dazu, seine eignen Worte an die Schwe¬ ster zu ertragen oder ihre Thränen ohne Maaß und ohne Tröster. Ein und zwanzigste Jobelperiode. Die Leseprobe der Liebe — Froulay's Furcht vor Glück — der betrogne Betrüger — Ehre der Sternwarte. 90. Zykel. S eit dem vertilgten Bunde und seit Gaspards Briefe war Albano's Auge nach der schönsten Ruine der Zeit — wenn man die Erde selber ausnimmt, — nach Italien gerichtet und sein verletzter Blick hielt an diesem neuen Portale seines Lebens fest, das ihn vor das Schönste und Größte, was Natur und Menschen schaffen können, führen sollte. Wie thaten ihm die Feu¬ er-Berge und Roma's-Ruinen und ihr war¬ mer, blaugoldner Himmel schon ihren Glanz auf, wenn er die leidende Liane vor sie führte und die frommen Augen erquickt die Höhen maßen!— Ein Mensch, der mit der Geliebten nach Italien reiset, hat dadurch, eben weil er Eines von beiden entbehren könnte, beide ver¬ doppelt. Und Albano hoffte diese Seeligkeit, da alle Zeugnisse, die ihm über Lianens Gene¬ sung begegneten, diese versprachen. Den D. Sphex — der Einzige, der für sie eine Grube öffnete und darin die Todtenglocke goß und jedem schwur, mit den Blättern falle sie — sah er nicht mehr. Er wollte indeß — sagt' er sich — bei der ganzen Mitreise nur ihr Glück, gar nicht ihre Liebe. So sah er sich immer in sei¬ nem Selbst-Spiegel, nämlich nur verschleiert; so hielt er sich oft für zu hart, wiewohl er es so wenig war; so hielt er sich für den Sieger über sein Herz, als sein schönes Angesicht schon kranke, blasse Farben trug. Die Gegenwart stand noch dunkel über ihm, aber ihre benachbarten Zeiten, die Zu¬ kunft und Vergangenheit lagen voll Licht. Wel¬ che Reise, worauf eine Geliebte, ein Vater, ein Freund, eine Freundin schon unterwegs die Merkwürdigkeiten sind, zu welchen andere erst ziehen! — Die Fürstin war die Freundin. Seit Gas¬ pards Briefen an sie und an ihn, seit der Hoff¬ nung einer längern und nähern Gegenwart, überwältigte sie alles Gewölke um sich her im¬ mer glücklicher, um den Freund nur aus einem blauen Himmel anzulachen und anzuleuchten. Sie allein am Hofe schien den barschen Jüng¬ ling, dessen stolze Offenheit so oft gegen den verdeckten Hof-Stolz und besonders gegen den offnen des Fürsten anrennte, mild und recht zu nehmen; sie allein schien — da Nichts seltener in und von Zirkeln, errathen wird als schöne Empfindsamkeit, zumal von höfischen, zumal die männliche — sanft die seinige auszuspähen und theilend fortzuwärmen. Sie allein ehrte ihn mit jener strengen, bedeutenden Achtung, die so selten die Menschen geben so wie fassen können, weil sie immer nur Liebe und Leiden¬ schaft nöthig haben, um — Recht zu geben, unfähig, anders als bei Kometen-Licht, bei Kriegsflammen und bei Freudenfeuern die beste Hand zu lesen. Alles was er war, setzte sie bei ihm blos voraus; seine Vorzüge waren nur ihre Foderungen und seine Schutzbriefe; sie machte seine Individualität weder zu ihrem Muster noch zu ihrem Wiederschein, beide wa¬ ren Mahler, keine Gemählde. Er hörte zwar oft, daß sie männlich-strenge sey, zumal als Befehlshaberin, aber doch nicht, daß sie weiblich-grausam werde. Für das gewöhnliche Höflings-Gewürme, das sich auf seinen Wurm- Ringen nur durch Kriechen Höhen giebt, war sie abstoßend und marternd; ob sie gleich als Neu-Gekommene, hätte ein neugebohrnes Kind seyn sollen, das den ältern Kindern Rosinen mitbringt. Am Sonntage, wo an Höfen, wie in Berlin auf der Bühne, immer geistige Volks¬ stücke aufgeführet werden, war sie unter den Sonntagskindern, die mehr Geister sehen als haben, ein Montagskind, das sich einen zu fin¬ den wünscht, der — sey er immer nicht geadelt — doch ein Original von der Kopie zu unter¬ scheiden weiß sowohl am eigenen Ich als im — Bilderkabinet. Deswegen dankten viele Her¬ ren und noch mehr Damen Gott, wenn sie ihr Nichts zu sagen brauchten als: Gott befohlen! Auf diese Weise erschien sie dem Grafen, sei¬ nes Vaters täglich werther. Wie in einen warmen Sonnenschein des Frühlings trat er zum ersten¬ mal in den schmeichelnden Zauberkreis der weib¬ lichen Freundschaft, die auch hier der Liebe zwei Schwingen goß und formte aus den Wachs¬ zellen des genossenen Honigs; es war aber bei ihm die Liebe gegen Liane, der die Freundin am leichtesten Flügel nach Italien geben konn¬ te. Er fühlte, daß bald eine Stunde der über¬ fließenden Achtung schlagen werde, wo er ihr den hoch ummauerten Klostergarten seiner vo¬ rigen Liebe vertrauend öffnen könnte. Denn sie machte ihm so oft Raum, ihr nahe zu seyn, als es nur der enge Bezirk eines Thrones und die alles verrathende hohe Lage desselben ver¬ gönnen wollten. Aber Etwas störte, bewachte bekriegte beide, eine wie es schien nebenbuhle¬ rische Nachbarin. Es war die sonderbare Ju¬ lienne, die immer, wenn es angieng, aus ihrer Loge auf die Bühne der Fürstin trat und das Spiel verwirrte. Häufig kam sie ihm nach; ei¬ nigemale hatt' er von ihr Einladungen bekom¬ men, wenn gerade die der Fürstin nachfolgten, denen denen also jene wie es schien hatte zuvorkom¬ men sollen. Was wollte sie? — Wollte sie von einem Jüngling, den sie so oft durch ihre Männer-Verachtung und durch ihr zorniges, blitzschnelles Funkenschlagen aufgebracht, etwan Liebe, vielleicht bloß weil er ihr freundliches Anblicken immer so warm erwiedert hatte ge¬ gen eine so theure — Freundin seiner Gelieb¬ ten? — Oder wollte sie von ihm nur Haß ge¬ gen die geehrte Fürstin, und zwar aus Neid und gewöhnlicher Weiber-Ähnlichkeit mit dem Elfenbein, dessen weisse Farbe so leicht zur gelben wird und das nur durch das Erwär¬ men wieder die schöne bekommt? — Diese Fragen wurden mehr wiederholt als beantwortet von einem Abende, wo er und Ju¬ lienne bei der Fürstin waren. Eine gute Vor¬ lesung sollte von Göthe's Tasso die Gemälde- Ausstellung geben. Schöne Kunst und nichts als Kunst war für die Fürstin die Passauer-Kunst gegen Hof- und Lebens-Wunden; und über¬ haupt war ihr das Weltgebäude nur ein vollstän¬ diges Bilder- und Pembrokisches Kabinet und Antikenkabinet. — Die Leserollen wurden von der Titan III . U Direktrice, der Fürstin, so vertheilt, daß sie sel¬ ber die Fürstin bekam — Julienne die vertrau¬ te Leonore — Albano den Dichter Tasso — ein jungwangiger Kammerherr den Herzog — und Froulay Alphonso. Dieser Letztere — der Kunst¬ stücke Kunstwerken vorzuziehen wußte und die fürstliche Kammer jeder Kunstkammer — stand wider sein Herz zum Einfahren in den Musen¬ berg fertig da, von der Fürstin mit dem Berg¬ habit dazu angethan. So täglich mehr in die poetische Mode eingezwängt sah er freilich aus wie sonst eine Mißgeburt, die absichtlich mit angebohrnen Pluderhosen, Kopfputzen und der¬ gleichen auf die Welt trat, um den modischen Weltlauf so zu verdammen wie ein Kassel'scher Gassenkehrer. Albano las mit äußerer und innerer Gluth — nicht gegen die lesende sondern gegen die vorgelesene Fürstin, aus Angewohnheit seines unter dem Leben fortglühenden Herzens — und die Fürstin las die Rolle ihrer Rolle freilich sehr gut. Ihr artistisches Gefühl sagte ihr es — auch ohne Einblasen des zärtlichen —, daß in Göthe's Tasso — der sich meistens zum ita¬ lienischen Tasso verhält wie das himmlische Je¬ rusalem zum befreiten — die Fürstin fast die der Fürstinnen ist; nie gieng der Musen- und Sonnengott schöner durch das Sternbild der Jungfrau als hier. Nie wurde die verschleierte Liebe glänzender entschleiert. Der Minister las den auf Tasso und Al¬ bano einzankenden Kraft-Prosaiker Alphonso so gut weg wie ein reitender Trompeter die festen Noten auf seinem Ärmel; in der That, er fand den Mann ganz verständig. Die Prinzessin mochte im allgemeinen poe¬ tischen Konzert ungefähr einige Viertelstunden mit der Ripienstimme mitgesprochen haben als sie plötzlich den schönen Band von Göthe's Werken, der dreimal da war, lebhaft hinwarf und mit ihrem Ungestüm sagte: „eine dumme Rolle. Ich mag sie nicht!“ Alle Welt schwieg; die Fürstin sah sie bedeutend an; die Prinzes¬ sin diese noch bedeutender, und gieng hinaus, ohne wieder zu kommen. Eine Hofdame las gelassen fort. Für die meisten Anwesenden war dieses Zwischen-Schauspiel eigentlich das interessante¬ U 2 ste; und sie dachten ihm unter dem Lesen des Letztern gern weiter nach. Die Fürstin, wel¬ che längst geglaubt, jene liebe den Grafen, freuete sich über die Unbesonnenheit ihrer Geg¬ nerin. Albano, ob ihm gleich ihr warmes Au¬ ge von jeher aufgefallen war, erklärte sich das Entweichen aus dem Unmuth über die Subor¬ dinazion ihrer Lese-Rolle und überhaupt aus der Unverträglichkeit beider Frauen. Denn da Julienne auf eigne Kosten die Fürstin vernach¬ lässigte und ihre Meinung wenig zudeckte: so erschien auch die der Fürstin unwillkührlich; so¬ bald eine Person ihren Haß entblößet, so kann die zweite schwer den ihrigen verstecken vor der dritten. Als Albano nach Hause kam, fand er fol¬ gendes Blatt auf seinem Tisch: „Die F. — lockt Dich. Sie liebt Dich. Mit éclat sendet sie nächstens den M. — zurück, um ihrer Tugend rélief zu geben und Dir zu im¬ poniren. Fliehe sie! — Ich liebe Dich, aber anders und ewig. Nous nous verrons un jour , mon frère .“ Wer schriebs? — Nicht einmal über das Entrée-Billet dieses Fehde-Billets konnte der Bediente Rechnung ablegen. Wer schriebs? — Julienne; dahin liefen wenigstens alle Wege des Wahrscheinlichen zusammen; nur lagen dann rund um ihn Wunder. Bedeutend war die französische Unterschrift, die gerade unter dem Bilde seiner Schwester, das ihm der Vater auf Isola bella Titan I . S. 56. gegeben, ebenfalls stand; aber Zu¬ fall war möglich. Er untersuchte jetzt diese neue Silberader seines Dianen-Stammbaums auf dem Probierstein seiner ganzen Geschichte. Seine Mutter und Juliennens ihre waren mit seinem Vater in Einem Jahre nach Italien ge¬ gangen; beide waren ungewöhnliche Weiber und Freundinnen gewesen und von beiden sein Vater der Freund. Die Möglichkeit eines ver¬ hüllten Fehltritts seines Vaters war da. Eben so leicht konnten Juliennen die Spuren dieses Irrwegs gewiesen seyn. Dann würde ferner aus ihrer Schwesterliebe Licht auf ihren ganzen bisherigen Wendelgang fallen: ihr liebender Antheil an Albano, ihr warmer Blick, ihr Lie¬ bes- Wettrennen mit der Fürstin — ihr Brief¬ wechsel mit seinem Vater — ihr Anwerben des Grafen für die Romeiro, das sie eben so wie es schien erhitzte gegen die Fürstin als erkälte¬ te gegen Lianen — am meisten die Sonderbar¬ keit ihrer Liebe gegen ihn, die sich nie weiter und offner entwickelte, Alles dieses gab Anschein, daß es nur ein verwandtes Schwesterblut sey, was so oft auf ihren runden Wangen loderte, wenn sie ihn zu lange unbewußt angeschauet. Er machte nach diesem Schritt sogleich den Sprung; er vermuthete nun auch, daß sie allein ihrer Linda zu Liebe ihn mit dem Zauberspiegel des Geister-Wesens zu blenden gesucht. Was das Verhältniß der Fürstin gegen den Minister anlangt, so war ihm jedes Wort dar¬ über eine Lüge. Er ließ sich eben so schwer ei¬ ne gute Meinung von andern nehmen als ei¬ ne schlimme. Gewöhnliche Menschen geben leicht die gute dahin und halten die schlimme fest; weichere werden leicht versöhnt und schwer entzweiet. Er war beiden ungleich. Bisher hatt' er sich der Fürstin Freundschaft mit dem Mi¬ nister, ihre Landes-Visitazionsreisen mit ihm und dergleichen so leicht aus ihrer männlichen Klugsicht und Vorsicht abgeleitet, welche über das künftige Erb-Land ihres Bruders zugleich Wache halten und Aufschluß haben wollte; und bei dieser Wahrscheinlichkeit, da der Minister sich in die verwandten Rollen eines Zizerone und Aufsehers gleich sehr schickte, beharrte er noch. Die Woche darauf führte eine Begebenheit herbei, welche ein größeres Licht in das dunkle Billet zu werfen schien. 91. Zykel. Die versprochene Begebenheit hat wieder in ältern Begebenheiten ihre Wurzel, die sich zwischen der Fürstin und dem Minister zuge¬ tragen; diese schick' ich hier voraus. Der Minister war sehr bald von seinem Freund Bouverot, der mit seiner klebrigen Spechts- Zunge das Gewürm aller Geheimnisse ungesehen aus allen mürben Thron-Ritzen leckte, mit einem Verzeichniß alles dessen, was die Fürstin von Schönwäsche und Schutt in sich verbarg, ver¬ sehen worden; er halte ihn belehrt, daß sie kalt wie ein erhaben-geschliffnes Eisstück, nie selber, sondern nur andere schmelzen wolle; daß sie zu den seltnern Koketten gehöre, welche wie die süßen Weine durch Wärme sauer werden, und nur durch Kälte süßer; und daß sie daher eine der schlimmsten Angewohnheiten — die jedem die ärgsten Händel mache — an sich habe. Es war nämlich folgende: sie hatte ein Herz und wollte es nie wie ein todtes Kapital in der Brust leiden sondern es sollte sich verzinsen und umlaufen — Der Liebhaber wurde deshalb anfangs von Tag zu Tag aufgeweckter und heitrer, dann von Stund zu Stund — Er wu߬ te alle Holzwege, Hohlwege, Diebsgänge und kürzere Fußsteige in diesem Liebesgarten ordent¬ lich auswendig und wollte die Schäfer-Viertel¬ stunde auf seiner Repetiruhr voraussagen, wo er anlangen würde in der Laube — Es war ihm gar nicht unbekannt (sondern komisch), was es bedeute, daß er bei ihr von Sentenzen zu Blicken, von diesen zum Händekuß, dann zum Mundkuß gelangte, worauf er sich im Wisthon¬ schen Kometenschweif ihres Ellen- und Meilen¬ langen Haars wie in einer Vogel-Schneuß, wo aber die Schlinge auch die Beere war, dermas¬ sen verstrickte, verhaftete und krummschloß, daß er wußte, wie viel Uhr es geschlagen hatte auf seiner Repetiruhr — Aber dann gerade, wenn alle Wolken vom Himmel gefallen schienen, fiel er selber wie aus beiden in einen Korb von ihr — Das war der schlimme Punkt. — In der That, deutsche Prinzen aus den ältesten Häusern, die sonst Alles versucht hatten, sahen sich unmoralisch, ja lächerlich gemacht und wu߬ ten gar nicht, was sie dabei denken sollten — Denn die Fürstin wunderte sich öffentlich über solche Scheusale, gab aller Welt eine Kopie von ihrem Fehdebrief, zeigte aller Welt die Röthe und Höhe ihres Truthennen-Halses — und ließ einen solchen altfürstlichen Versucher oder wers war, nie mehr vor ihr stolzes Angesicht. Da Prinzen (in solchen Fällen) wissen was sie wollen: so breiteten sie freilich aus, sie wisse nicht was sie wolle; und oft erst lange nach einem Erb-Prinz kam der appanagirte Bru¬ der desselben Hofes, und später der legitimirte. Gleichwohl blieb dasselbe; nämlich sie blieb dem sphärischen Hohlspiegel gleich, der zwar das, was nahe an ihm steht, groß und aufgerichtet hinter sich mahlt, es aber, sobald es gar in sei¬ nen Brennpunkt tritt, unsichtbar, und dann darüber hinaus, ganz verkleinert und umge¬ stürzt in die Lüfte hängt. Ihre Liebe war ein Fieber der Schwäche, bei welchem Darwin, Wei¬ kard und andere Brownianer durch Reizmit¬ tel z. B. Wein einen langsamern Puls er¬ schaffen und eben daraus die Kur verheißen. Soweit Bouverot an den Minister! — Aber dem Minister geschah damit ein un¬ säglicher Gefallen. Denn Prinzen-Sünden schlu¬ gen gar nicht in sein Brodstudium ein. Als sie sich daher für die Nähe seines Verstandes und seiner kräftigen Physiognomie entschieden und ihn zum Minister ihrer innersten Angele¬ genheiten in Haarhaar berufen hatte: so wars in ihm feierlich niedergelegt und beschworen, nie¬ mals, sie mochte immer die Güte selber seyn, ihr Eh¬ renräuber zu werden aus ihrem Strohwittwer. Anfangs kam er wie alle Vorgänger leicht mit bloßen, reinen Gefühlen und Diskursen davon; es wurde noch Nichts von ihm begehrt, als daß er zuweilen unversehends einen geheimen Blick voll liebender Zartheit auf sie hinschieße; auch mußt' er sich sehnen. Jenen schoß er hin; Seh¬ nen trieb er auch auf; — und so stand er sich für ein solches Liebes-Glück noch glücklich genug. Aber dabei blieb es nicht. Kaum war ihr Albano erschienen: so wurde der Stachelgürtel und das Härenhemd des reinen Ministers un¬ verhältnißmäßig rauher und stechender gemacht und die stärksten Foderungen nämlich Gaben verdoppelt, damit der arme Joseph schneller ihre Ehre anfiele und dadurch in seinen Unter¬ gang rennte, der des Grafen Köder werden sollte. Jetzt war er schon so weit herabge¬ bracht, daß er in ihrem Flughaar für ihn gif¬ tiges Raupenhaar webte und knöppelte — er mußte Seufzer-Seifenblasen aus seiner Pfeife auftreiben — er mußte öfter ausser sich seyn, ja sogar (wollt' er sich nicht als einen heuchleri¬ schen Schuft fortgejagt sehen) halb-sinnlich wer¬ den, obwohl noch dezent genug. Inzwischen zu einer Versuchung war er vom Teufel selber nicht zu versuchen. Wenn er nur daran dach¬ te, grausend, daß der kleinste Fehltritt ihn von seinem Ministers-Posten werfen könne: so ließ er sich eben so gut pfählen und viertheilen als bezaubern. Für einen Dritten, nicht für beide — diese litten — wärs vielleicht ein Fest gewe¬ sen, wahrzunehmen, wie sie (wenn ich ein zu niedriges Gleichniß brauchen darf) einem Paar übereinander gezogner seidner Strümpfe glichen, welche für und durcheinander, wenn man sie ausgezogen Symmer beobachtete Folgendes: weiße und schwarze Strümpfe bei trocknem, kaltem Wetter übereinander getragen, sind, wenn man den äus¬ sern bei dem untern Ende, den innern beim obern auseinander zieht, entgegengesetzt geladen, der weiße positiv, der schwarze negativ; in der Ferne blasen sie sich gegen einander auf und su¬ chen sich; einander berührend, hängen sie platt und breit darnieder. Fischers physik. Wörter¬ buch. I . B. in gewisser Ferne hält, sich äthe¬ risch aufblasen und füllen, sogleich aber platt und matt zusammenfallen, wenn sie einander berühren. In die Länge fiels freilich dem alten Staats¬ mann lästig, der tanzenden Pagerie der Liebes¬ götter als ihr Oberältester vorzuspringen, in Cypripors Triumphwagen eingespannt — ei¬ nen Blumenkranz auf der Staatsperücke — in den Augen zwei Vauklüsens Quellen — die Brusthöhle eine verschüttete Dido's Höhle — im Knopfloch den Pfeil im Herzen oder das Herz am Pfeile tragend — und auf das Kapi¬ tol fahrend, um da nach römischer Sitte nicht sowohl zu opfern als geopfert zu werden. — — Es fächelte Nichts als die Blech-Kästen, die ihm zu Hause die Regierungs- und Kammer¬ boten hinsetzten, den schachpatten Mann wie¬ der frisch und kühl der ein schachmatter werden wollte. Er las mit ihr den Katul, sie mit ihm die bessern Gemälde aus des Fürsten Kabinet; es wurde ihm erlaubt, sie durch seine Latinität für ihre artistischen Gaben zu belohnen — aber er blieb doch wie er war. Wenn Weiber etwas durchsetzen wollen, so werden sie, sobald die Hindernisse immer wie¬ derkehren, am Ende blind und wild und wa¬ gen Alles. Die Reise nach Italien rückte so na¬ he; noch immer wollte der Minister seine Hoch¬ achtung für die Geliebte nicht fahren lassen — wiewohl eben aus ihrem eignen Motive der Abreise, mit deren Nähe er sich zur frohen Er¬ tragung eines so kurzen Feuers ermunterte —; ihre Heftigkeit für den Grafen nahm durch des¬ sen Ruhe zu, weil Kälte starke Liebe stärkt, so wie physische Kälte Starke kräftiger, und Schwa¬ che kränker macht —; Froulay, als ein alter Mann, war wie es schien, fähig ein ganzes Sekulum lang so auf das Ziel loszuschleichen, ohne einen einzigen unentbehrlichen Sprung zu zu thun, da Alte wie Schiffe immer langsamer gehen, je länger sie giengen, und aus einerlei Grund, weil beide durch den Ansatz von Un¬ rath, Muscheln und dergleichen schwerfälliger geworden — — Kurz die Fürstin fragte am Ende nach Nichts, sondern es gieng so: Der Fürst war verreiset, die Fürstin zu Gevatter gebeten aufs Land. Der Schloßvogt auf einem ihrer Landschlösser, der schon im Jah¬ re vorher den Minister gebeten, hatte sich nicht entblödet, sich an diesem Treppen-Strick mit seinem Deszendenten unter dem Arm noch wei¬ ter herauf zu machen und oben auf dem Throne, ihr, der Fürstin selber sein Landeskindlein in die Arme zu legen. Gern lassen sich Fürsten herunter — an dünnen Raupenfaden — (wie hinauf); sie schätzen das gute dumme Volk und wollen die armen Kriech- und Zwergbohnen — denn sie wissen wohl, wie wenig daran ist — dadurch etwas heben und so zu sagen stängeln und stiefeln, durch das Fürstenstuhl-Bein. Der Minister war als sogenannter „Altgevatter“ ohnedies invitirt. Der Herbsttag war heller, lauterer Frühling, und die Herbstnacht stand unter einem glänzenden Vollmond. Höfe wün¬ schen sich so sehr auf das Land, in die Idyllen murmelnder Quellen, rauschender Gipfel und blökender Schweizereien und Pächter hinein; — Höfe — d. h. Hofleute, Hofdamen und dienen¬ de Kammerherrnstäbe und andere — sehnen sich so sehr unter Menschen; wie Thiere der De¬ zember-Hunger, so treibt sie ein edler vom Thron- Gebirge in die platten Ebenen herab; nicht daß sie die Langweile flöhen, sondern sie begehren nur eine andere, da ihre Kurzweile eben in der Abkürzung und Abwechslung ihrer Langweile besteht. Kaum hatte der Hof seine erste Sehnsucht nach dem Volke, mit welchem er eine halbe Viertelstunde auf vertraulichem, dialogischem Fuß lebte, gestillt: so kam er wieder zu sich selber und zerstreuete sich in den fürstlichen Garten, um die Sehnsucht nach der Natur in nicht kür¬ zerer Zeit zu befriedigen. Eine Zeugin der Tauf¬ zeugin versprach an der Fürstin und des Kin¬ des Statt Christenthum. Diese selber knüpfte den Minister wie einen Kammerherrn an sich. Der Altgevatter sah in einen verdammt langen Abend hinaus, worin er ihre Prozessionsfahne würde herumtragen müssen. Zum Genuß des Abends war Konzert, und zum Genusse des Konzerts Spiel arrangirt; und zum Genusse des Letztern hatte sich die Fürstin mit Froulay allein gesetzt, um unter dem allgemeinen Spie¬ len der Instrumente und Karten ungehört mit ihm zu reden. Plötzlich wurden die zwei Pfun¬ de, die in seiner Brust aufgehangen waren — denn mehr wiegt nach den Anatomen kein Herz — um zwei Zentner schwerer, als sie ihn fragte, ob ob er standhaft sey, vertrauen und für sie wa¬ gen könne. Er schwur, schon als Fürstin dürfe sie jede Aufopferung und Verehrung von sei¬ nem Doppeltpfünder erwarten. Sie fuhr fort: sie hab' ihm heute wichtige Dinge über sich und den Fürsten anzuvertrauen; sie wolle, wenn die Foule fort wäre, mit ihm allein sprechen; er brauche bloß von der Gartenseite die kleine Treppe herauf an die Thür des Bibliothekzim¬ mers zu gehen; diese sey aufgeschlossen; am po¬ etischen Bücherschrank sey links in der Wand eine Springfeder, deren Druck ihm die Tape¬ tenthüre des Zimmers öffne, wo er sie erwarten sollte. Sogleich stand sie auf, das Ja voraus¬ setzend. Wie es jetzt in den beiden Pfunden seines 64löthigen Herzens hergieng, kann bloß seinen Todfeinden ein Vergnügen, es zu erfah¬ ren seyn. So viel lag mit langen, dicken, stei¬ nernen Buchstaben wie auf einem Epitaphium geschrieben ihm vor, daß nach wenig Stunden, wenn die andern Herren, sonst noch größere Sünder als er, ruhig in den schönen, den Schlo߬ hof formirenden Dienerhäusern schnarchen Titan III . X dürften, daß dann für ihn schuldlosen Schelm bald die Wolfs- nämlich die Schäferstunde schlagen werde, wo er auf der blumigsten Aue unter das Schächter-Messer knieen müsse. Aber er that sich — zornig, daß sein Glaube an weib¬ liche und fürstliche Frechheit wahr rede — stille Schwüre aller Art, daß er, setze man ihm auch zu wie den größten Heiligen und Weltweisen, doch wirthschaften wolle wie beide, z. B. wie der alte Zeno und Franz. Die Fürstin suchte ihn den ganzen Abend weniger als sonst. Endlich empfahl er sich mit dem ganzen Hof, aber mit der Aussicht, nicht wie dieser unter Seiden-Matrazen sondern unter kalte Lauben zu schleichen. Er rückte auch, seiner gewiß, auf der Treppe an — machte das Bibliothekzimmer auf — fand die Springfeder ließ sie springen und trat durch die Tape¬ tenthüre in das fürstliche — Schlafgemach. „Es ist also gewiß“ — sagt' er und fluchte in sei¬ nem Innern herum wie er wollte, unter dem Liebesbrief-Beschwerer ganz breit zerdrückt hin¬ liegend. Im Seitenzimmer linker Hand hört' er sie schon und eine Kammerfrau, die ausklei¬ dete. Rechts klaffte die Thüre eines zweiten, aber erleuchteten Zimmers. Er stand lang' im Zweifel, sollt' er in dasselbe treten, oder unter dem Lichtschirm des dunkeln Ortes verbleiben. Endlich griff er zum Schirm der Nacht. Während seines Passens und ihres Häu¬ tens hielt er Leseprobe oder Probekomödie sei¬ ner Rolle; jetzt kam er mit sich überein, im Nothfalle — und falls man ihn zu sehr pous¬ sirte — um so mehr, da der Ort mehr gegen sie spräche als gegen ihn selber, indem jeder fragen müßte, ob er wohl sonst würde herge¬ kommen seyn — in einem solchen Nothfalle, wo nur die Wahl zwischen Satyre und Satyr bliebe, sich auf der Stelle umzusetzen in einen ehrerbietigen — Faun. Schnell schritt die Fürstin herein, aber ge¬ gen das helle Zimmer hin: „ich brauche Dich nicht mehr“ rief sie der Kammerfrau zurück. „ Diable ! (schrie sie im Schlafzimmer, den lan¬ gen Minister ersehend) wer steht da? — Hanne, Licht!“ — „ Ciel ! (fuhr sie ihn erkennend fort, aber französisch, weil Hanne keines verstand) — Mais Monsieur ! — Me voilà donc compromi¬ X 2 se! — Quelle méprise! — Vous vous êtes trom¬ pé de chambres! — Pardonnés, Monsieur que je sauve les déhors de mon sexe et de mon rang. Comment avés-vous pu — —“ Sie sag¬ te Alles, vielleicht um die deutsche Zeugin zu blen¬ den, mit zornigem Akzente. Der Altgevatter — der sich nach allen bisherigen Genüssen so fühlte wie ein Hahn, der viele lebendige Käfer verschluckte und dem sie nun im geängstigten Kropfe Lebensgefahr drohen — schwieg nicht, sondern versetzte deutsch, indem er die Tapeten¬ thüre aufmachte, er habe eben wie sie befohlen die Bücher aus der Bibliothek in das helle Zim¬ mer gelegt und sey im Herweg begriffen ge¬ wesen. Er gieng sogleich durch die Tapete hin¬ durch, sie aber konnte vor Schrecken schwer sich erhalten, ließ am Morgen den Arzt kommen und schickte ihr Gefolge zurück. Froulay, — so sehr, er ihre Romane den spanischen ähnlich fand, worunter nach Fischers Behauptung, die besten die Gauner-Romane sind — wußte zuletzt selber nicht, woran er war. Die Kammerfrau mußte mit dem Gelübde des Schweigens Profeß thun, das sie hielt so streng sie konnte, aber nicht strenger. Am Mor¬ gen stiegen wenige vor ihren eignen Hausthü¬ ren ab, die meisten vor fremden, um die Neu¬ igkeit auszuschiffen sammt dem Verbote der Für¬ stin, die Sache éclatant zu machen, weils sonst der Fürst erführe. War je das vornehme Pestiz in Massa glücklich: so wars an diesem Morgen. Nichts fehlte der allgemeinen Freude als eine Kammer¬ frau, die nur so viel französisch verstanden hät¬ te wie ein Jagdhund. 92. Zykel. Albano vernahm das Gerücht, der Mini¬ ster war ihm längst als eine kalte Seelen-Lei¬ che verunreinigend erschienen; jetzt haßt' er ihn noch mehr als quälenden, blutsaugenden Tod¬ ten. Für die Fürstin stand ihm bisher sein Herz. Sie war ihm ein blauer Tag-Himmel, worin Andern nur eine heisse Sonne blitzt, woran er aber aus dem Geheimniß der Freundschaft und der Seelentiefe sanfte Sternbilder gefunden. Allein jetzt seit dem Gerüchte, das wie die Zau¬ berer neben Moses, Ruß in ihren Himmel warf, stand sie für ihn unter neuen Lichtern glänzend. Der Haß, den er schon von Natur d. h. aus Stolz gegen jedes Gerücht hatte, weil es beherrscht und nicht zu beherrschen ist, wirkte mit frischem Feuer in ihm; er entschloß sich, eben weil Liane die Tochter entweder ihres Erb¬ feindes oder ihres Liebhabers und weil die Für¬ stin deren Nebenbuhlerin seyn soll, auf sein Herz und das davon erkannte frei zu wagen und gerade jetzt der Fürstin seine Bitte um Ver¬ mittlung für Lianens Mitreise, d. h. für sei¬ nen Himmel, offen zu vertrauen. Am Morgen darauf kam der Fürst zurück — die Prinzessin ließ sogleich anspannen — gegen Abend kam sie mit einem Wagen mehr in die Stadt. Das Gerücht durchlief alle Spiel¬ tische, die spanische Gräfin Romeiro sey im Schlosse angelangt. Gerüchte sind wie Poly¬ pen; das Verwunden und Zerstören verviel¬ facht sie; nur das Ineinanderstecken macht ei¬ nen aus zweien; — das Gerücht von Linda's Ankunft schlang das Gerücht von Froulay's Ehrenraub in sich. Aber Albano! — Wie die Entdeckung ei¬ ner neuen Welt, kehrte diese seine alte um. Linda, dieser ausländische Tropikvogel, flog seinem na¬ hen Vater voraus, der wie ein reiches Land vor ihm aus der Ferne aufstieg — Der Boden, wo er so viel Dornen und Blumen gefunden, sank bald hinter seinem Rücken mit allen Schä¬ tzen und Tagen ein. — Nur Liane darf nicht mit verschwinden; diese Muse seiner Jugend muß er mit ins Land der Jugend ziehen. Durch diese gewöhnlichen Zauberkünste des Her¬ zens war von Linda's Nähe eine unüberwind¬ liche Sehnsucht nach Lianen in ihm wach ge¬ worden. Er war nun entschieden, die Fürstin an ihr früheres Versprechen, den Lebensbalsam einer südlichen Reise auf Lianens kranke Nerven zu gießen, zu mahnen und durch sie noch früh ge¬ nug, eh' die Verwirrung des drängenden Au¬ genblickes etwas vereitele, die Ministerin zu be¬ stimmen und zu gewinnen, welche wie alle Hof¬ menschen gewiß schwer einem fürstlichen Wun¬ sche und einer Glücks-Perspektive widerstehen werde. Blieb aber Liane zurück aus eigner oder fremder Schuld: so war es sein Vorsatz und Schwur, vor keiner Gewalt, selber der väterli¬ chen nicht, aus dem Vaterland der ewigen Braut zu weichen, sondern einzuwurzeln vor ihrem Kranken-Kloster bis sie daraus entweder frei und heiter wieder in das offne Leben geht oder dunkel-eingeschleiert sich ins finstere Non¬ nen-Chor der Todten verbirgt. O, wieder zu kommen, sie im romantischen Boden der alten Zeit zu suchen, und sie nirgends zu finden als hinter dem Sprach-Gitter der Erbgruft — die¬ sen Gedanken hielt sein Herz nicht aus. Die Fürstin führte ihm selber die Gelegen¬ heit seiner Bitte zu; sie schickte ihm zu einer astronomischen Partie auf der Sternwarte eine Einladung durch ihre treue Hofdame Halter¬ mann: „Ich soll Ihnen bloß Folgendes wört¬ „lich schreiben (schreibt diese): Kommen Sie „heute auch aufs Observatorium, ich und mei¬ „ne gute Haltermann gehen dahin.“ Diese Haltermann, ein Fräulein von wenigen Reizen und Geistesschwungfedern, aber vielen Glau¬ benslehren und frühzeitigen Runzeln, hieng der Fürstin schon seit Jahren unauflößlich an, Alles verschweigend und alle ihre „Stelldicheine“ ( Rendès Vous ) begünstigend, bloß weil sie sag¬ te: meine Fürstin ist rein wie Gold und nur wenige kennen sie wie ich. Günstiger konnte Albano's Wunsche kein Zufall kommen. Er stand am frühesten auf der schönen Sternwarte mitten in der lieblichen Nacht. Es war einige Tage nach dem Voll¬ mond; seine glänzende Welt verschloß sich noch hinter die Erde, aber das angelassene Spring¬ wasser seiner Strahlen hob sich in Ansätzen her¬ auf. Auf allen Bergspitzen schimmerte schon ein blasses Licht, als falle der ferne Morgen überirrdischer Welten auf sie. Durch die Thäler streckte sich noch das lichtscheue schwarze Er¬ denthier der Nacht aus und bäumte sich auf gegen die Berge. Das Bergschloß Lianens war unsichtbar und zeigte wie ein Welt-Stern nur ein Licht. Plötzlich war der Herbstpurpur auf allen Gipfeln um das Schloß vom Monde sil¬ bern bethauet und es regnete leuchtend an den weissen Wänden und in die weissen Gänge des Gartens nieder — endlich lag ein fremder blas¬ ser Morgen, durch alle Lauben dämmernd, im Garten, gleichsam das zarte Leuchten eines ho¬ hen, ganz reinen Geistes, der nur in der heili¬ gen stillen Nacht die tiefe Erde betritt und da Nichts sucht als die reine, stille Liane. — Als Albano blickte und träumte und sich sehnte, kam die Fürstin mit ihrer Haltermann herauf. Der Professor brach sich vor Verehrung gegen sie fast entzwei, und ließ den Fix-Son¬ nen keinen astrologischen Einfluß auf sein gera¬ des Stehen zu. — Albano und die Fürstin fanden sich mit einem Gewinnst gegenseitiger Wärme wieder. Aber die erste Frage der Für¬ stin war: ob er die spanische Gräfin gesehen. Gleichgültig sagt' er, von der Prinzessin sey er seit ihrer Ankunft eingeladen worden, sey aber nicht gekommen. „ Ma belle-soeur bewundert sie am meisten (fuhr die Fürstin fort), aber sie ists ein wenig werth. Sie ist majestätisch ge¬ bauet, länger als ich, und schön, zumal ihr Kopf, ihr Auge und Haar. Doch ist sie mehr plastisch als mahlerisch schön, eher einer Juno oder Mi¬ nerva ähnlich als einer Madonna. Aber sie hat Eigenheiten. Sie verträgt sich mit keinen Frauen, ausser den schlichten und blindguten; daher ihre Kammerfrauen für sie leben und sterben. Die Männer hält sie für schlecht und sagt, sie würde sich verachten, wenn sie je die Frau oder Sklavin eines Mannes würde; aber sie sucht sie der Kenntnisse wegen. Dem Für¬ sten hat sie ohne Noth, wenn sie auch Recht hatte, Bitterkeiten gesagt. Er lacht darüber und sagt, sie liebe ohnehin Nichts, nicht einmal Kinder und Schooßhunde. Sie müssen sie se¬ hen. Sie lieset Viel, sie lebt bloß mit der Prin¬ zessin und scheint es, nach ihrem Putze zu schlies¬ sen, wenigstens an unserem Hofe auf keine Er¬ oberungen anzulegen.“ Albano sagte, manche dieser Züge wären ja herrlich, und brach kurz ab. Während des Gesprächs hatte der Professor fleißig Alles recht gestellt und festgeschraubt und war jetzt des Anfangs gewärtig. Er bemerkte die helle som¬ merlaue Nacht — gieng mit einigen Einleitun¬ gen in den Mond voraus, um die sechs Augen auf die beträchtlichsten Mondsflecken zu lenken — schattete vorläufig einige Schatten droben ab — führte an den Krater Bernoulli („ich be¬ diene mich Schröterscher Namen“ sagt' er) — das höchste Gebirge Dörfel („es besteht freilich aus drei Höhen“ sagt' er) — den Landgrafen von Hessenkassel („den Berg Horeb aber nennt ihn Hevel“ sagt' er) den Montblanc — die Rin¬ gebürge überhaupt und schloß mit der listigen Versicherung, es gebreche freilich der Warte noch sehr an Instrumenten. Die Haltermann sehnte sich unbeschreiblich nach dem Landgrafen von Hessenkassel im Mond und trachtete nach dem Sehrohr. „Es ist nur ein Flecken im Planeten, mein Kind!“ sagte die Fürstin. — „Und so ists wohl mit dem Montblanc droben auch nichts?“ fragte sie ge¬ täuscht. Die Fürstin nickte und schauete ins Sternrohr; der magische Mond hieng als ein Stück Tag-Welt dicht am Glase: „Wie vergeht sein schönes blasses Licht und seine ganze Ma¬ gie in der Nähe! Als wenn Zukunft Gegen¬ wart wird!“ sagte sie zum Erstaunen des Pro¬ fessors, der aus dem Weltkörper gerade erst in der Nähe etwas machte. Sie ersucht' ihn um den Ring des Saturns. „Es sind eigentlich zwei, Ihro Durchlaucht; aber der Sternwarte fehlet zur Zeit noch ein Instrument es zu se¬ hen“ sagt' er und zielte wieder nach Vorschuß. Albano sah rund umher seine Lebensgärten glänzen vom warmen Schimmer eines Nach¬ frühlings; und sein Inneres erbebte süß und schmerzlich. Er nahm einen Kometensucher und flog unter den Gestirnen umher, nach Blumen¬ bühl, in die Stadt, auf die Berge, nur nicht auf das weisse Schloß mit dem erleuchteten Eckzimmer und dem kleinen Garten; das gan¬ ze Herz kehrte vor Scham und Liebe um vor der Thür des Paradieses. Jetzt gieng die Haltermann auf einen Wink zum Aufbruch mit dem Sternseher voraus hin¬ ab, um der Fürstin einen zeugenlosen, freien Augenblick zuzuwenden. Albano stand edel im Mondschimmer vor ihr, sein Auge war glän¬ zend, seine Züge gerührt; sie faßte seine Hand und sagte: „wir mißverstehen einander gewiß nicht, Graf!“ Er drückte die ihrige und seine Augen quollen voll. „Nein, Fürstin! (sagt' er „sanft,) Sie geben mir Ihre Freundschaft. Ich „verdiene sie nicht, wenn ich ihr nicht ganz ver¬ „traue. Ich geb' Ihnen jetzt die Probe mei¬ „nes offnen Vertrauens. Sie kennen vielleicht „die Geschichte meines Glücks und meines Ver¬ „lusts; Sie kennen den Minister.“ — „Leider, leider! (sagte sie) auch Ihre harte Geschichte, edler Mann, wurde mir bekannt.“ „Nein, (versetzt' er heftig,) ich war härter als mein Schicksal, ich quälte ein unschuldiges Herz, ich machte eine gehorsame Tochter elend, krank und blind. — Aber ich habe sie ver¬ lohren (fuhr er mit steigender Rührung fort und kehrte sich seitwärts, um Lianens schim¬ mernde Wohn-Höhe nicht zu sehen) und er¬ trag' es wie ich kann, aber ohne heimliche We¬ ge zum Wiederbesitz — Nur das Opfer darf dort drüben nicht gar verbluten bei der harten, engherzigen Mutter. — O, die Honigtropfen der Freuden, Sie und Italiens Himmel könnten sie wohl heilen — Sie stirbt, wenn sie bleibt, und ich bleibe, um zuzusehen — Freundin! o, wie groß ist meine Bitte!“ — „Sie sey Ihnen gern gewährt! Übermorgen fahr' ich zur Mutter und Tochter und bestim¬ me diese gewiß für die Reise, in sofern es von mir abhängt. Aber ich thu' es — um auch offen zu seyn — bloß aus ächter Freundschaft für Sie; denn das Fräulein gefällt mir nicht ganz mit ihrem Mystizismus und liebt gewiß nicht wie Sie; sie thut Alles für die Menschen bloß aus Liebe zu Gott; und das lieb' ich nicht.“ — „Ach, so dacht' ich sonst auch; aber wen „soll die Göttliche sonst lieben als Gott“ sagt' er in sich und die Nacht versunken und für die Fürstin zu hyperbolisch — sein schimmerndes Auge hieng fest am weißen Bergschloß und Frühlinge wehten vom Monde herab auf dem beglänzten Wege seiner Augen hin und her; und der schöne Jüngling weinte und drückte heftig der Fürstin Hand, aber er wußte beides nicht. Sie ehrte sein Herz und stört' es nicht. Endlich kamen Beide die hohe Treppe her¬ unter, wo sie der Astronom freudig erwartete und beiden gestand, wie sehr ihn, frei zu re¬ den, ihre Anhänglichkeit und Achtung für die Sternkunde nicht nur erfreue, sondern auch ermuntere. „Übermorgen gewiß!“ mit diesen Worten schied die Fürstin, um dem sinnenden, vollen Jüngling Trost und Träume mitzugeben. Zwei¬ Zwei und zwanzigste Jobelperiode. Schoppe's Herz — gefährliche Geister-Bekannt¬ schaften. 93. Zykel. J etzt war Albano wieder auf die Irions-Rä¬ der der Uhr geflochten. Die Fahrt und Ant¬ wort der Fürstin sollte plötzlich Lichter in der dunkeln weiten Höhle aufstecken, in der er so lange gegangen war, ohne zu wissen, ob sie fürchterliche Bildungen und giftige Thiere ver¬ schließe oder ob sie mit glänzenden Bogen und unterirdischen Säulenhallen sich wölbe und fül¬ le. Über Lianens Zustand hatten bisher zwei Hände, Augusti's und der Ministerin, den Schlei¬ er festgehalten; beides waren Menschen, die Titan, III . Y ungern auf die Frage antworteten, wie befin¬ den Sie sich. Aber auf der Fürstin ließ er nun seine ganze Seele ruhen, seit dem astronomi¬ schen Abende; von welchem er jetzt kaum be¬ griff, wie er da gegen eine Freundin so viel und mehr von seiner Liebe sprechen können als je gegen einen Freund. Allein ungern spricht der Mann vor einem Manne seine Empfindung aus und gern vor einem Weibe, ein Weib aber am liebsten vor einem Weibe. Indeß hielt ihn die Fürstin durch die feinste Schmeichelei, die es giebt, durch entschiednes stilles Achten in Banden; dem wörtlichen Lobe war er eben so gram und gewachsen, als dem thätigen ge¬ wogen und zinsbar. Bis zur Ankunft der Entscheidung verlief eine verworrene Zeit; wie ein Mensch, der in der Nacht reiset, hört' er Stimmen und sah Lichter, und ihrer feindlichen oder freundlichen Bedeutung fehlte ein Morgen. — Rabette lag krank und verblutete am matten Herzen; denn nicht er hatte aus ihm den blutstillenden Dolch, nämlich Karls Liebe, herausgezogen, sondern dieser selber war ihm zuvorgekommen mit bit¬ ter-süßen Thränen über die bittersten. Letzterer war ihm einmal begegnet, mit her¬ eingedrücktem Hut und grimmig-stechendem Blick ohne Gruß. — Überall hört' er, daß jener um¬ sonst Linda's und Juliennens Doppelthor bela¬ gere und berenne; dieses und Lianens Krank¬ seyn machte den tropischen Wilden gleichsam zum wilderwachsenen Knaben aus einem Wald. Auch in der jetzigen Absonderung — auf der Wahlstatt des Freundes — hielt es Albano für eine Wunde des Menschen , daß Karl nicht von ihm voraussetzte — denn diesem Man¬ gel schrieb er den Gassen-Grimm zu —, er werde die Gräfin nicht zu sehen suchen. Sogar im Bibliothekar schien seit einigen Tagen ein Geheimniß zu lauern; dieser aber gieng, seit es ihm in dessen Tiefen immer lich¬ ter geworden und er hinter dessen komische Lar¬ ve hineingesehen bis zum redlichen Auge und liebevollen Mund, — sein Herz so nahe an, zumal nach so vielen Trennungen. Denn auch der Lektor hielt sich nach seiner Gewohnheit, um keines Menschen oder gar abtrünnigen Y 2 Freundes Liebe zu werben, von ihm geschieden; was denselben Jüngling kränkte, der es inner¬ lich billigte. Seit einigen Tagen war nämlich Schoppe in eine andre Tonart umgesetzt, und sein eigner Restant und Nachsommer geworden. Es fieng damit an, daß er an einem elenden Heulied den ganzen halben Tag auf dem Waldhorn verbließ; den übrigen halben versang er daran mündlich. Statt zu lesen und zu schreiben gieng er in der Stadt und Stube auf und ab. Al¬ les was er sonst schnell abmachte, Laufen, Ver¬ schlingen des Essens, Sprechen, Rauchen, Be¬ fehlen, Auffahren, das gieng jetzt mit Klöppeln zwischen den Füßen und stand fast. Sein lang¬ sames Auffahren und sein zarter, leiser Schritt konnten Kennern seiner Vorzeit lächerlich vor¬ kommen. Seinen großen, herrlichen Wolf-Hund, von dem er sich täglich zehnmal mit den Vor¬ der-Pfoten umhalsen ließ und dessen am Felle aufgezogne Brust er so gern auf seine drückte, wenn er mit ihm ein Langisches- und Konsistorial- Colloquium hielt, vernachlässigte er in dem Gra¬ de, daß der Hund attent wurde und nicht wu߬ te was er denken sollte. Wie wenig konnt' er sonst das Geschrei eines geprügelten Hundes er¬ tragen, ohne zur Hausthüre als Schutzherr hin¬ auszufahren, weil er glaubte, man könne wohl Menschen wie Hunde traktiren aber Hunde nicht! — Jetzt konnt' er das Schreien hören, bloß weil er es wie es schien nicht hörte. Wie er sonst oft zu Albano gieng um bloß auf und ab und fortzugehen ohne ein lautes Wort — weil er sagte: „daran erkenn' ich eben „den Freund, daß er mich oder sich nicht unter¬ „halten sondern bloß da sitzten will“ — so kam er jetzt noch stummer, berührte oft wie ein spie¬ lendes Kind zärtlich des lesenden Albano's Achsel und sagte, wenn dieser sich umsah: „Nichts!“ Albano fragte indeß der Verände¬ rung nicht nach; denn er wußte, er entschleiere sie ihm doch zur rechten Zeit. Ihre Herzen standen wie offne Spiegel gegeneinander. So lag nun der dunkle Wald des Lebens mit durcheinander und tief ins Dickigt hinein laufenden Steigen vor Albano, als er auf dem Kreuzwege seiner Zukunft stand und auf den Genius wartete, der entweder als ein feindseeli¬ ger oder als ein guter ihm Lianens Entschei¬ dung bringen sollte. Endlich kam aus dem finstern Wald ein Genius, aber der dunkle und gab ihm dieses Blatt von der Fürstin: „Lieber Graf! Wahr bin ich immer und schone lieber nicht. Das kranke Fräulein v . F . ist nicht mehr im Stande, eine Reise zu machen oder davon zu profitiren. Ich nehme innigen Antheil daran. So gern ich Ihnen heute sel¬ ber Trost zuzusprechen wünschte: so hoff' ich doch nicht nach dieser Nachricht die Gelegenheit dazu zu haben. Ihre Freundin.“ Welcher finstere Wolkenbruch aus dem ju¬ gendlichen Morgenroth! So war also die ge¬ heime Freude, die er bisher nährte, der Vorbo¬ te des entsetzlichen Schlags gewesen, das sanf¬ te Tönen vor dem Wasserfall Auf Wilhelmshöhe geht ein langer musikali¬ scher Ton dem Fallen der Wasser voraus. . Daß gerade seine Liebe das glühende Schwerdt werden mußte, das durch Ihr Leben drang, o das be¬ trachtete er immer so, das schmerzt' ihn so! Aber kein Auge wurde naß; der Wermuth des Ge¬ wissens verbittert sogar den Schmerz. Wenn der Mensch sein eigner Freund nicht mehr ist, so geht er zu seinem Bruder, der es noch ist, damit ihn dieser sanft anrede und wie¬ der beseele; — Albano gieng zu seinem Schoppe. Er fand ihn nicht, aber etwas anderes. Schoppe führte nämlich ein Tagebuch über „sich und die Welt“, worin sein Freund lesen durfte was und wenn er wollte; nur mußt' ers vergeben, wenn er darin — da es durchaus so geschrieben wurde als säh' es niemand weiter — zornige Fächerschläge und noch dazu mit dem harten Ende wegtrug. „Warum soll ich dich mehr schonen als mich?“ sagte Schoppe. Zu diesem Du waren sie gekommen, ohne sa¬ gen zu können wann, so sehr sie sonst mit die¬ ser Herzens-Kurialie, mit diesem heiligsten See¬ len-Dualis gegen andere geizten; „denn ich dan¬ ke Gott, (sagte Schoppe,) daß ich in einer Spra¬ che lebe, wo ich zuweilen Sie sagen kann, ja sogar, wenn die Menschen und Schelme dar¬ nach sind, zwischen jedem Komma Euer so wohl Wohl- als Hoch- und Sonst-Geboren.“ Albano fand das Tagebuch aufgeschlagen und las mit Erstaunen dieses: „Amandus-Tag. Ein dummer und äußerst merkwürdiger Tag für den bekannten Hesus oder Hanus! Beides ist der Name des alten deutschen Don¬ nergottes; er meint sich aber damit selber. Ich kann mich schwer bereden, daß es der arme Donnergott verdiente, hinter der langen Pro¬ serpina Die Molosser nannten alle schönen Weiber Proserpinen. nachzugehen und ihr endlich ins Gesicht zu gucken, auf die Stirn, auf den Mund, auf den Hals! O Gott! Wenn ein solcher Gott nun auf dem Platze geblieben wäre! — Als Pastor fido stand er zum Glück wieder auf und gieng davon. O Höllengöttin, Hesi Him¬ melsstürmerin, du hast dich zu seinem Himmel gemacht, kann er dich je lassen? Nachmittags . Der Pastor wird sein eig¬ nes Hatzhaus, er weiß nicht zu bleiben; er wohnt nun in allen Gassen, um seine Jeanne d'Arc-en- Cièl So sollte man Schillers heilige Jungfrau nennen. zu erblicken, und leidet genug. Aber Hesus, sind nicht Leiden die Dornen, womit die Schnalle der Liebe verknüpft? — Heute gieng Freitag Sein Albano. mit der Fürstin auf die Sternwar¬ te. — Der Wind ist Südostost — 13 Monats¬ schriften in 1 Stunde gelesen — Spener sieht das Leben im glänzenden Vergrößerungsspie¬ gel Gott verklärt und poetisch so gut als einer. Sabinenstag . Mit dem Pastor wirds ärger, wenn ich recht sehe. Er ist auf dem Wege, sich einen Billetdoux-Beschwerer anzu¬ schaffen, sich Nachts im Bette zu pudern und der Schelm wirft in der Hitze, wie Milch die warm steht, schon poetische Sahne auf. Lasse nur der Himmel niemals zu, daß er mit seiner Höllengöttin je in einen vernünftigen Diskurs gerathe, Gesicht vor Gesicht, Athem gegen Athem, und die zwei Seelen untereinander ge¬ mengt! — Wahrlich, der Flins So nannten die Wenden den Tod. raffte ihn weg, Hesus verschlänge ein tausendjähriges Reich auf einmal; ich sorge, er würde vom Götter¬ trank zu wild und wäre zu schwer zu bändi¬ gen von mir. Abends . Ists nicht schon so weit mit dem Pastor , daß er sich einen Autor aus dem Wim¬ mer-Jahrzehnd des Säkuls (er schämt sich ihn zu nennen) geborgt hat und sich vom dummen Zeuge rühren lassen will, indem er über den Effekt nachsinnt, den der Autor im 14ten Jahre auf ihn gemacht. Freilich stößet er ihm im jetzigen wie ein Nachtwächter am Tage auf; aber er ruft sich doch das Rufen zurück und hat neue Rührung über die alte. So lächelt mich die Deklinazion cornu in der Grammatik noch bis auf diese Stunde an, weil ich mich entsinne, wie leicht und behend ich in den gold¬ nen Kindheitsmonden den ganzen Singularis behielt. Simon Jud . Verdammt! Ein schönes Gesicht und ein falscher Maxdor machen im Kurs von einem Jahre ein Paar hundert, Schel¬ me die sich bloß im Wunsche zu behalten und wegzuschaffen unterscheiden. Hesus feindet und ficht schon Millionen Nebenbuhler an; wie Knopfmacher und Posamentierer, oder wie Gelb- und Rothgießer, so lassen so nahe Hand¬ werker einander nicht aufkommen. Recht, Höl¬ lengöttin! daß du alle Männer hassest; das ist doch etwas für den Pastor , eine Wundsalbe. — Scioppius , die beiden Scaliger und die kräftigen Schlegel u. s. w.“ — — Hier kommt das Tagebuch auf andere Din¬ ge. Ein altes Portrait, zu welchem Schoppe sich selber gesessen, hatt' er retouchiret; eine Beilage als Inserat für das Pestizer Wochen¬ blatt kündigte dessen Bestimmung an: „Endes Unterschriebner, ein Portraitmahler aus der niederländischen Schule, macht bekannt, wie er sich in Pestiz gesetzt, und daß er bereit ist, alles von jedem Stand und Geschlecht zu mahlen, was ihm sitzt. Als Probe, was er leiste, kann man bei ihm ein Selbstportrait besehen, das ihn vorstellt wie er nieset, und es zugleich mit ihm daneben zusammenhalten. — Ich schneide auch aus. Peter Schoppe. No. 1778.“ Vermuthlich sollte das die Höllengöttin be¬ wegen, einmal dem niesenden Mahler zu sitzen. Albano mußte mitten im tiefen Schmerze er¬ staunen. Anfangs hatt' er nach seiner einfachen Natur geglaubt, er selber sey unter dem Ha¬ nus verstanden. Jetzt kam Schoppe. Sanft sagte Albano zuerst: „ich habe auch dein Tagebuch gelesen.“ Der Bibliothekar fuhr mit einem Exklama¬ zions-Fluche zurück und sah glühend zum Fen¬ ster hinaus. „Was ist, Schoppe?“ fragte sein Freund. Er drehte sich um, sah ihn starr an, und sagte, die Gesichtshaut auseinander rin¬ gelnd, wie einer, der sich die Zähne putzt, und die Oberlippe aufziehend, wie ein Knabe, der in ein Butterbrod beißet: „ich liebe.“ und lief im Feuer die Stube auf und ab, klagend da¬ bei, daß er noch so etwas an sich erleben müsse in seinen ältesten Tagen. — „Lies mein Tage¬ buch nicht mehr (fuhr er fort). Frage nach keinem Namen, Bruder; kein Teufel, kein Engel, nicht die Höllengöttin darf ihn wissen — Einst viel¬ leicht, wenn ich und Sie in Abrahams Schoos sißen und ich auf ihrem — — Du bist so be¬ trübt, Bruder!“ — „Fliege froh in der Sonnenathmosphäre der Liebe! (sagte sein Freund in der Ge¬ wissenstrauer, die den Menschen einfach, still und demüthig macht) Ich werde dich nie fragen oder stören! Lies das!“ Er gab ihm das Blatt der Fürstin und sagte noch, während jener las, zu ihm: „Verflucht sey jede Freude wo Sie keine hat. Ich bleibe hier, bis sie lebt oder nicht!“ — „Auch bleibe hier,“ versetzte Schop¬ pe unwillkührlich-komisch. „Sey ernsthaft!“ sag¬ te Albano. „Sonst konnt' ichs, (sagte er wei¬ nerlich,) seit ehegestern nicht mehr!“ Albano hieß indeß Schoppens Absonderung von der Reisegesellschaft gut; beide erhielten einander auch in der Freundschaft die köstlichste Freiheit. Von Hofmeister-Begleitung war bei beiden nicht die Rede. Schoppe lachte oft Hofmeister von vielen Kenntnissen und Lebens¬ arten aus, wenn sie annahmen, er erziehe aus oder an Albano etwas. „Das Säkulum erzö¬ ge, (sagt' er,) nicht ein Tropf — Millionen Men¬ schen, nicht einer — eigentlich höchstens ein pä¬ dagogisches Siebengestirn leuchte nach, nämlich die 7 Alter des Menschen, jedes Alter ins näch¬ ste hinein — das Individuum gleiche sehr der ganzen Menschheit, deren Revoluzionen und Verbesserungen weiter nichts als Umarbeitun¬ gen einer Schikanedrischen Zauberflöte durch ei¬ nen Vulpius wären; indeß schwebe doch um das tolle, dissonirende Stück ein Mozartischer Wohllaut worüber man den Vater und den Sprachmeister verwinde,“ — „Wozu schleichen und brummen wir Sün¬ der hier herum? Laß uns zu Ratto!“ sagte Schoppe. Äußerst ungern bequemte sich Albano dazu, er sagte, der Keller habe etwas Unheim¬ liches für ihn und eine schwüle Ahnung drücke seine Brust. Schoppe erklärte die Ahnung aus dem Druck der Balken seines eingestürzten Luft¬ schlosses, die auf seiner Brust noch lägen, und aus der Erinnerung an den jetzt im Abgrund fliegenden Roquairol, der einmal ihm im Kel¬ ler zugetrunken und nachher ihm in Lilar ge¬ beichtet habe. Albano folgte endlich, erinnerte ihn aber an das Eintreffen einer andern Ah¬ nung, die er auf der Höhe vor Arkadien gehabt. „Wir spielen beide nicht die besten verlieb¬ ten Figuren, indeß ziehen wir in den Keller“ sagte Schoppe unterwegs und legte seinen Lieb¬ ling ganz ungewöhnlich-hart auf die Folterlei¬ ter seines Spaßes; sonst, als er nicht selber liebte, war er eines zarten, schonenden, ernsten Schweigens darüber so fähig, jetzt aber nicht mehr. 94. Zykel. Im Keller war der alte Ab- und Zulauf bekannter und fremder Gesichter. Albano und Schoppe stiegen mit einander auf jene reinen Höhen der Musenberge, wo wie auf physischen der Dunstkreis des Lebens leichter aufliegt und der Äther näher an die kürzere Luftsäule reicht. Auf ihrem Ararat trösten sich die Männer leich¬ ter als die Weiber in ihren Tempethälern. Nachdem Schoppe, durch die gewitterhafte Luft von Punsch und Liebe feuriger, ziemlich lange den Blitz-Funken seines Humors hatte im Zick¬ zack und verkalkend durch das Weltgebäude schießen lassen: so trat plötzlich ein Unbekann¬ ter, wie ein Todtenkopf gänzlich kahl und so¬ gar ohne Augenbraunen, aber welk- und rosen¬ wangig an ihren Tisch und sagte mit eiserner Mine zu Schoppe: „Binnen heute und 15. Monaten seid Ihr wahnsinnig geworden, Spa߬ vogel!“ „Oho!“ fuhr Schoppe äußerlich auf, aber innerlich zusammen. Albano wurde blaß. Je¬ ner faßte sich wieder, starrete die widerwärtige Gestalt, die die welke, aber rosenrothe Haut auf scharfen hohen Gesichtsknochen hin und her¬ rollte scharf und muthig an und sagte: „wenn Ihr mich versteht, prophetischer Galgen- und Spaßvogel, und nicht selber wahnsinnig seyd: so bin ich im Stande darzuthun, daß man sich sehr wenig daraus zu machen habe, aus der Tollheit.“ Hierauf bewies er — aber doch ab¬ gekühlt, abgebrannt, und verlassen von seinem Bilder-Heer — — Wahnsinn wie Epilepsie ge¬ be mehr dem Zuschauer als dem Spieler Schmer¬ zen — denn er sey nur ein früherer Tod, ein längerer Traum, eine Tag- statt Nachtwande¬ lung — meistens geb' er, was das ganze Le¬ ben, Tugend und Weisheit, nicht könne, eine fort¬ fortdauernde angenehme Idee Ein Engländer bemerkte, daß unter den fixen Ideen des Irrhauses selten die der Unterwür¬ figkeit vorkomme; meistens bewohnen es Göt¬ ter, Könige, Päbste, Gelehrte. — auch wenn er, was selten sey, in eine peinliche schmiede, so werde diese doch ein Panzer gegen alle kör¬ perlichen Leiden des Menschen — er habe da¬ her nie für sich den Wahnsinn gefürchtet, so wenig als den Traum, könn' aber an andern weder das Reden in beiden noch den Anblick davon ertragen. „Uns schaudert (sagte Albano,) ein Mensch, der schlafend zu uns spricht wie zu einem Abwesenden oder der wachend nur allein mit sich redet; und hör' ich mich selber allein, so ist es dasselbe.“ „Ich bin kein Philosoph;“ sagte gleichgültig der Kahlkopf, dessen vollendete glänzende Kahl¬ heit mehr fürchterlich als häßlich war. Schop¬ pe fragte erbittert, „wer er denn sey, quis und quid und ubi und quibus auxilüs und cur und quomodo und quando Wenn. “ — „ Quando? — Titan III . Z Nach 15. Monaten komm' ich wieder — Quis ? — Nichts, Gott braucht mich bloß, wenn er je¬ mand unglücklich machen muß,“ sagte der Kahle und bat sich ein Glas und die Erlaubniß mit zu trinken aus. Albano sagte, es gern erlau¬ bend, im Frageton, er sey wohl erst angekom¬ men? „Eben vom großen Bernhard“ sagte der Kahle, aber widriger mit jedem Wort, weil sein altes Rosen-Gesicht ein Zickzack konvul¬ sivischer Verziehungen war, so daß immer ein Mensch nach dem andern dazustehen schien. Er gieng ein wenig hinaus. Schoppe sagte ganz ausser sich: „ich ergrimme immer mehr „gegen ihn wie gegen ein gräuliches, hüpfendes „Fieberbild. Um Gottes Willen lass' uns fort. „— Es ist mir immer hinter mir als stoße mich „eine böse Faust auf ihn zu, damit ich ihn ab¬ „würge. Auch wird er mir immer bekannter, „wie ein vermooseter Todfeind.“ Albano versetzte sanft: „Sieh, meine Ah¬ „nung! — Aber nun ich ihr nicht gehorcht, „muß ich auch sehen wo hinaus es geht.“ Sei¬ ne muthige Natur, seine romantische Geschichte und Lage ließen ihn nicht wegrücken von einer so abentheuerlichen Perspektive. „Aber warum (fragte Schoppe den Kah¬ „len, da er wieder kam) schneidet Ihr so vie¬ „le Gesichter, die eben nicht zu Eurem Besten „ausfallen?“ — „Sie kommen (sagt' er) von Gift her, das man mir vor zehn Jahren gege¬ ben — Habt Ihr gesehen, wie aqua toffana in Menge genommen verzieht? — In Nea¬ pel zwang ichs einem sechzehnjährigen schönen Mädchen hinein, das schon einige Jahre damit gehandelt hatte, und ließ es vor mir sterben. Es giebt wohl nichts Gottloseres als Giftmi¬ scherei.” — „Abscheulich!“ — rief Albano ergrif¬ fen von einem innersten Widerwillen gegen den Mann; Schoppen hatte der Grimm ordentlich abgespannt. Jetzt trat eine arme, magere Tischlersfrau, Liqueur zu holen, herein, welche die Augen vor Schaam und Schwäche nieder- und halb zugezogen trug; sie getrauete sich nicht aufzusehen, weil die ganze Stadt wußte, daß sie Nachts gewaltsam aus dem Bette in die Gasse getrieben werde, um ei¬ nem Leichenzuge, der dann durch dieselbe nach eini¬ Z 2 gen Tagen wirklich ziehe, in seinem Vorspiele und Vorbilde vor ihr zuzuschauen. Kaum hat¬ te sie der Kahle erblickt, als er sich das Gesicht bedeckte: „Es ist ein einziger Unschuldiger unter „uns (sagt' er, ganz bleich und unruhig) — „der Jüngling hier,“ indem er auf Albano zeig¬ te. Eben donnerte oben ein Wagen mit sechs Pferden vorüber. Schoppe sprang auf, fragte zweimal schnell den sinnenden Albano: „gehst du mit?“ kehrte sich zornig von dessen Nein weg, trat dicht vor den Kahlen und sagte wüthend: „Hund!“ — und kehrte sich um und gieng fort. Am Kahlen regte sich keine Mine auf der bleich¬ gebliebnen Haut, sondern nur die Hand ein we¬ nig, als sey in ihrer Nähe ein Stilet zum Griff, aber er sah ihm mit jenem Blicke nach, vor welchem das Mädchen in Neapel starb. Albano ergrimmte über den Blick und sag¬ te: „Mein Herr, dieser Mann ist ein durchaus redlicher, treuer, kräftiger Mensch; aber Sie ha¬ ben ihn selber gegen sich erbittert und müssen ihn freisprechen.“ — Mit sanfter, schmeicheln¬ der Stimme versetzte er: „ich kenn' ihn nicht erst seit heute, und er kennt mich auch.“ — Albano fragte, ob er vorhin mit dem großen Bernhard den Schweizerberg gemeint. „Wohl! (versetzt' er) „Ich reise jährlich hin, um eine Nacht mit mei¬ „ner Schwester zuzubringen.“ — „Meines Wissens sind nur Mönche da“ sagte Albano. — „Sie steht unter den Erfrornen in der Kloster¬ kapelle Bekanntlich lehnen sie da unverweset anein¬ ander. , (versetzt' er,) ich bleibe die ganze Nacht vor ihr und sehe sie an und singe Horen.“ Sonderbar fühlte sich Albano während des Zuhörens verändert — was er nur dem Punsch zuschreiben konnte —, es war weniger Rausch als Gluth, eine fliegende Lohe brausete über seine innere Welt und der rothe Schein irrte an ihren fernsten Gränzen umher; nun war ihm als steh' er ganz mit dem Kahlkopf auf Einem Boden und könne mit diesem bösen Ge¬ nius ringen. — „Ich hatt' auch eine (sagte „Albano) — kann man Todte zitiren?“ — „Nein, aber Sterbende,“ sagte der Kahle. — „Huh!“ sagte Albano bebend. — „Wen wollt Ihr se¬ hen?“ fragte der Kahle. — „Eine lebende Schwester, die ich noch nicht gesehen.“ sagte glühend Albano. „Es kommt (sagte der Kahle,) auf ein wenig Schlaf an, und daß Ihr noch wisset, wo die Schwester an ihrem letzten Ge¬ burtstag war.“ — Zum Glück war Julienne, die er für seine Schwester nahm, an dem ihri¬ gen im Schlosse zu Lilar gewesen. Er sagt' es ihm. „So kommt mit mir!“ sagte der Kahle. In dieser Minute brachte ihm Schoppens Bedienter einen Stockdegen und folgendes Blatt: „Bruder, Bruder, trau' ihm nicht — Hier hast „du eine Waffe, denn Du bist gar zu tollkühn „— Stich ihn gleich durch, macht er nur Mine „— Allerlei unbekannte Leute haben diesen „Abend nach Dir und Deinem Orte gefragt — „Mir ist, als sey mir vor der Bestie gar kein „Leben gesichert. Deines, Ihres — Hüte Dich „und komme! Schoppe. „Erstich' ihn aber, ich bitte Dich.“ „Fürchtet Ihr Euch etwa“ fragte der Kah¬ le. — „Das wird sich zeigen“ sagte Albano zornig und nahm den Stockdegen und gieng mit ihm. Als beide durch das kleine dunkle Vorzimmer des Kellers giengen, sah Albano in einem Spiegel seinen eignen Kopf in einen Flammen-Ring gefasset. Sie kamen aus der Stadt ins Freie. Der Kahle gieng voraus. Der Himmel war sternenhell. Dem Grafen war als hör' er die unterirrdischen Wasser und Feuer der Erdkugel und der Schöpfung brau¬ sen. Kaum erkannt' er draußen den Weg nach Blumenbühl. Plötzlich lief der Kahle links Feld ein; die magere Tischlerin stand auf der Blu¬ menbühler Straße ganz starr und sah vertieft eine Leiche ziehen, die unsichtbar vorübergieng und hörte die ferne Glocke, die der Stumme trägt, der Tod. So schien es. Da folgte Albano dem Kahlkopf verwegner nach, die Geisterfurcht tödtet die Menschenfurcht. Beide giengen stumm nebeneinander. In der fernen Tiefe schien es als schwebe ein Mensch, ohne zu schreiten und rege zu seyn, fest und langsam in den Lüften weiter. Am Kahlen zuckte unaufhörlich die weisse Haut und eine unsichtbare Faust nach der andern zog sich aus dem Thon seines Gesichts und zeigte den Griff; einmal lief auf ihm das Gesicht des Vaters des Todes Der ihm auf Isola bella erschienen war. vorüber. Plötzlich hörte Albano um sich das dum¬ pfe Gemurmel und Durcheinandersprechen ei¬ nes Gewimmels; nichts war um ihn. „Hört Ihr nichts?“ fragte er. „Es ist alles still,“ sagte der Kahle. Aber das Gewimmel murmelte und lispelte begierig und heiß fort als könne es nicht fertig und einig werden; — der kühne Jüngling schauderte, die Thore des Schatten¬ reichs standen weit offen in die Erde, Träume und Schatten schwärmten aus und ein und flo¬ gen nahe ans helle Leben. Beide traten ans Laubgehölze vor Lilar; da half sich ein Knabe mit einem unförmlich- großen Kopfe auf zwei Krücken heraus und hatte eine Rose, die er dem Jüngling nickend anbot. Albano nahm sie, aber der Kleine nick¬ te unaufhörlich, als woll' er sagen, er möge doch daran riechen. Albano thats — und plötz¬ lich zog ihn die Theaterversenkung des Lebens, ein bodenloser Schlummer, in die dunkle Tiefe. Als er belastet erwachte, war er allein und ohne seine Waffe, in einem alten bestäubten gothischen Zimmer — ein mattes Lichtlein streue¬ te nur Schatten umher — er sah durch das Fenster — Lilar schien es zu seyn, aber auf die ganze Landschaft war Schnee gefallen und der Himmel weiß bewölkt, und doch stachen sonder¬ bar die Sterne durch. Was ist das, steh' ich im Larventanz der Träume, fragt' er sich. Da gieng eine Tapete auf— eine verhangne weibliche Gestalt mit unzähligen Schleiern auf dem Angesicht trat herein — stand ein wenig — und flog ihm an sein Herz. „Wer ists?“ frag¬ te er. Sie drückte ihn heftiger an sich und weinte durch die Schleier hindurch. „Kennst Du mich?“ fragt' er. Sie nickte. „Bist Du mei¬ ne unbekannte Schwester?“ fragt' er. Sie nickte und hielt ihn mit festen Schwesterarmen, mit heißen Liebesthränen, mit ungestümen Küs¬ sen an sich fest. „Rede, wo lebst Du?“ Sie schüttelte, „Bist Du gestorben oder ein Traum?“ — Sie schüttelte. — „Heißest Du Julienne?“ — Sie schüttelte. „Gieb mir ein Zeichen dei¬ ner Wahrhaftigkeit!“ — Sie zeigte ihm einen halben goldnen Ring auf einem nahen Tisch. „Zeige dein Gesicht, damit ich Dir glaube!“ — Sie zog ihn vom Fenster weg. „Schwester, bei Gott, wenn Du nicht lügst, so hebe die Schlei¬ er!“ — Sie wieß mit dem ausgestreckten langen um¬ wickelten Arme nach etwas hinter ihm. Er bat immer fort, sie deutete heftig nach einem Orte hin und drückte ihn von sich; endlich folgte er und kehrte sich seitwärts — Da sah er in ei¬ nem Spiegel, wie sie schnell die Schleier aufriß und wie darunter die veraltete Gestalt erschien, deren Bild ihm sein Vater auf Isola bella mit der Unterschrift gegeben. Aber als er sich um¬ kehrte, fühlt' er auf seinem Gesicht eine warme Hand und eine kalte Blume; und sein Ich zog wieder ein Schlaf hinunter. Als er erwachte, war er allein, aber mit seiner Waffe und an der Waldstelle, wo er zum erstenmale eingeschlafen war. Der Himmel war blau, und die lichten Bilder schimmerten — die Erde war grün und der Schnee verwischt — den halben Ring hatt' er nicht mehr in der Hand — um ihn war kein Laut und kein Mensch. War alles der verwehte Wolkenzug der Träume gewesen, das kurze Wirbeln und Bilden in ihrem Zauberrauch? Aber das Leben, die Wahrheit hatte ja so lebendig an seiner Brust gebrannt; und die Schwesterthränen lagen noch auf seinem Auge. „Oder wären es nur meine Bruderthränen“ sagte sein verwirrter Geist, als er aufstand und in der hellen Nacht nach Hause gieng. Alles war so still als schlafe das Leben noch fort — er hörte sich und fürchtete, es zu we¬ cken — er schauete seinen gehenden Körper an: ja, dacht' er, dieses dichte um uns gewickelte Bette spielt uns eben die Quaalen und Freu¬ den des Lebens zu. So wie wir schlafend un¬ ter herüberfallenden Bergen zu ersticken glau¬ ben, wenn das Deckbette sich auf unsere Lippen überschlägt, oder über klebendes Gluth-Blech zu schreiten, wenn es mit zu dicken Federn die Füße drückt, oder als nackte Bettler zu frieren, wenn es sich kühlend verschiebt: so wirft diese Erde, dieser Leib in den siebzigjährigen Schlaf des Unsterblichen Lichter und Klänge und Käl¬ te und er bildet sich daraus die vergrößerte Geschichte seiner Leiden und Freuden; und wenn er einmal erwacht, ist nur wenig wahr gewesen! „Gott, warum kommst du so spät — und so blaß?“ fragte Schoppe, der in Albano's Zim¬ mer lang' auf ihn gewartet hatte. „O, frag' mich heute nicht!“ sagte Albano. Drei und zwanzigste Jobelperiode. Liane . 95. Zykel . N ie fuhr sich Schoppe mit mehr Flüchen an, als am Morgen unter Albano's Erzählung und zwar darüber, daß er nicht geblieben war, um dem Kahlen, dem Schwungrad so vieler Geister-Bewegungen, mitten unter dem Drehen in die Speichen zu fahren. Er flehte inständig den Grafen an, doch bei der nächsten Erschei¬ nung — zumal in Italien — dem Kahlen ohne Schonung die Larve abzureißen, und bliebe das Leben darin hängen. Den Jüngling hatte die Nacht zu stark bewegt; daher sprach er ungern und flüchtig davon. Da in ihm alle Empfin¬ dungen sich ernster und übermächtiger regten als in Roquairol: so hatt' er nicht wie dieser Freude an ihrem Mahlen sondern Scheu davor. Er suchte das kleine alte Schwesterbild auf, das ihm sein Vater auf der Insel gegeben; — wel¬ cher treffende Wiederschein des nächtlichen Spie¬ gelbildes! Dieses Alter-Moos an einer Schwe¬ ster mußte, bloß um damit ihre Ähnlichkeit zu überdecken, durch Kunst gesäet seyn. Die Ver¬ muthung auf Julienne gab er nach dem Nein der Verschleierten und bei der Unwahrschein¬ lichkeit einer solchen Nachtrolle wieder auf und setzte die Höhen-Berechnung aller dieser unbegreiflichen Lufterscheinungen auf die Hülfe seines so nahen Vaters hinaus. Ach über allen seinen Gedanken zog in Geier-Kreisen unaufhörlich eine ferne dunkle Gestalt, der Würgengel, der auf die hülflose Liane hungrig niederfliegen wollte! Das Star¬ ren der Leichen-Seherin auf dem Blumenbüh¬ ler Weg — zumal nach dem trüben Blatte der Fürstin — gaukelte jetzt in den dunkeln durchein¬ anderkreuzenden Laubgängen, worein sein Le¬ bensweg getrieben war, als ein flatterndes Schreckbild fort. Ein neuer, einziger Entschluß stand jetzt in seiner Seele wie ein starrer Arm am Wege fest, der immer nach Einer Richtung zeigte, auf die Blumenbühler Straße: „du mußt zu ihr — „sagte der Entschluß — sie darf nicht in dem „Wahne deines Zürnens und deiner alten Här: „te sterben — du mußt sie wieder sehen, um „ihr abzubitten, und dann weinest du, bis ihr „Grab aufgeht und sie wegnimmt.“ — O, wie werd' ich dann, sagt' er zu sich, vor dem Ster¬ be-Throne dieses Engels mein hartes, stolzes, wildes Herz zerknirschen und alles, alles womit ich die sanfte Seele in Lilar blind und wund gemacht, zurücknehmen, damit sie nicht zu sehr verachte die kurzen Tage ihrer Liebe und da¬ mit doch ihr Herz verscheide mit einer kleinen letzten Freude von mir! — Und das, o Gott, bescheide uns!“ — Vergeblich trug Schoppe darauf an, daß er mit ihm die Expedizionsstube der Nacht- Wunder, die so wahrscheinlich im gothischen Tempel anzutreffen seyn mußte, suchen sollte; noch an diesem Tage, wollte er vor die bleiche Geliebte dringen. Auffallend bestand Schoppe auf dem Besuch von Lilar fort, und verlangte diesen zuletzt, voreilig befehlend —; aber jetzt war es verdorben und Albano's Stirn verpan¬ zert. „Verflucht! wozu lass' ich mich denn in diesen Thränentöpfen kochen“ sagte Schoppe und fuhr hinaus. Aber nach kurzer Zeit kam er wieder, mit einem Blatte von — Gaspard, worin dieser auf heute Relais-Pferde von der Post verlangte, und mit einem Vorschlag von sich selber, dem Vater entgegen zu gehen. Wie erfrischend weh¬ te die väterliche Nähe über Albano's schwüle Wüste! — Gleichwohl sagte er das zweite Nein; das lange Wollen und Streiten und jede Stunde hüllte ihm Lianen immer finsterer in ihre Wolke und er dachte bange an seinen Traum über sie auf Isola bella Wo sie ihm in der Wolke zerflossen war, als er sie umfassen wollte. ; — und am Ende Ende stutzte er argwöhnisch über das bedenk¬ liche Zurückzerren. Und darin irrt' er nicht; Schoppe handel¬ te nach ganz andern Begebenheiten als er noch erfahren hatte. Der Lektor nämlich, der mit alter kluger Redlichkeit über den abtrünnigen, aber von ihm überall gelobten Jüngling von fernen Wache hielt durch den stellvertretenden Schoppe, hatte diesem den aufgethürmten blei¬ schweren Wolkenbruch gezeigt, der sich nun ge¬ senkt gegen das Haupt des edlen Jünglings herbewegte; nämlich Lianens ganz nahen Tod. Früher war der Streit mit den Eltern, gleichsam diese poetische Härte für Lianens Ner¬ ven, noch Eisenwein gewesen, die nachher im weichen Wasser der Entsagung, Herbstruhe und Andacht schmolzen. Es giebt eine warme Wind¬ stille, welche Menschen wie Schiffe zerlässet; eine Wärme, worin das Wachsbild des Geistes zerrinnt. Täglich kam noch dazu der fromme Vater und breitete ihre Schwingen aus, lösete sie ab von den Erden-Hoffnungen und Erden- Bangigkeiten und führte sie in den Glanz des göttlichen Thrones. — Die schönen Frühlings¬ Titan III . A a lüfte ihrer geendigten Liebe ließ sie wieder we¬ hen, aber in höherer Stelle, es waren dünne, milde Äther-Zephyre, Blumen-Hauche. — Sie wußte jetzt zugleich, sie sterbe und liebe Gott. Sie stand wie eine Sonne schon ruhig und fern an ihrem Himmel, aber wie eine Sonne schien sie folgsam um den kleinen Tag ihrer Mutter zu ge¬ hen und wärmte sie sanft. — Ihre Thränen ent¬ flossen so süß wie Seufzer, wie Abendthau aus Abendroth — Wie man seelig-wogend sinkt in heitern Träumen, so floß sie mit schwim¬ mendem Körper-Gewand auf dem Todesflusse, lange getragen, langsam angezogen. Nur ein einziger irrdischer Widerstand hat¬ te bisher den süßen Fall gebrochen — die heis¬ se Erwartung der kommenden Romeiro, dieser ihr so innig befreundeten Freundin ihrer Freun¬ din Julienne. Endlich erschien ihr diese und ergriff ihre Phantasie zu sehr; denn gerade die Flügel der Phantasie waren an diesem sanften, steten Schwane Ein Schwan kann mit dem Flügelschlag einen Arm zerbrechen. zu stark. Wie stellte sich die Kranke unter diese glänzende Göttin herunter! Wie fand sie sich unwürdig der vorigen Liebe für Albano! — So wenig hatte Spener, der nur vor Gott demüthig war, sie hindern kön¬ nen, zwei Kleinode aus ihrem vorigen Leben in ihr jetziges verklärtes heraufzunehmen, die alte Demuth vor Menschen und das alte be¬ kümmerte Sorgen für Geliebte. Julienne mocht' ihr noch so oft abgera¬ then haben, sie schlang sich doch an einem Aben¬ de — wo sie Albano's Wegziehen nach Italien vernommen — um Linda's Herz und sagte ihr mit gewöhnlicher Überwallung, nur Albano ver¬ diene sie. Linda antwortete bewundernd: sie fasse eine Liebe nicht, die sich selber vernichte; in Ihrem Falle würde sie sterben. „Und thu' ichs denn nicht?“ sagte Liane. Julienne bat gleich darauf Lianen, die ver¬ legne edle Gräfin darüber zu schonen. Liane schwieg unbeleidigt; aber der neue Wunsch er¬ griff sie nun, ihren verlohrnen Albano noch ein¬ mal wiederzusehen und ihm ihre vorige Treue und seinen Irrthum zu beweisen und ihm mit sterbendem Herzen ein neues großes zu verma¬ A a 2 chen. Sie war sehr offenherzig mit allen letz¬ ten Wünschen ihrer heiligen Seele. So lange die Mutter und Augusti konnten, hielten sie ihr die Hand, damit sie sich eine so giftige schwarze Blume als die Freude eines solchen Wiedersehens seyn müßte, nicht ans kranke Herz steckte. Aber sie versicherte ihre Mutter, was könn' es ihr in diesem Jahre schaden, da sie ja erst im künftigen — nach Karolinens Weissa¬ gung — von hinnen gehe? — Indeß suchte man ihr das letzte Ziel immer hinauszurücken in der Hoffnung, daß Gaspard den Grafen wegführe, und mit dem Vorsatz, nur im Nothfalle aller ver¬ lohrnen Hoffnungen ihr diese tödtliche zu stillen. Da wandte sie sich mit ihrem Wunsche an ihren Bruder; aber dieser halb aus erbitterter Eitelkeit, halb aus Liebe gegen die Schwester, schilderte Albano von der kältern Seite, sagte, er ziehe in ein frohes Land, verschmerze sie leicht u. s. w. Wie entrüstete sich beinahe die sanfte Seele, weil sie daraus mit weiblicher Scharfsicht einen nahen Bruch der Liebe gegen Albano und Rabette und eine Wiederkehr der Neigung für die dableibende Linda entdeckte! Sie hatte schon längst die lange Unsichtbarkeit Rabettens untersucht. Denn diese arme Seele war seit ihrem Falle, seit dem Begräbniß ihrer Unschuld, durch keine Bitten und Befehle zu zwingen gewesen, vor die Freundin der ewigen Unschuld mit dem niedergeworfnen Sünder- Auge zu treten; und jetzt war es ihr vollends unmöglich, seit ihr durch Linda's Ankunft und Besuche auch das kleinste schillernde Gewebe ih¬ res fliegenden Sommers zertreten war und ihr Mund voll Quaal dumpf am hereingezognen Leichenschleier erstickte. „Bruder, Bruder, (sagte „Liane begeistert,) bedenke, was unsere armen „Eltern von uns Kindern haben! Ich erfülle „ihnen keine Hoffnung; auf Dir ruht jede;“ „ach „wie wird unser Vater zürnen!“ setzte sie mit alter Scheu und Liebe dazu. Der Bruder hielt es für Recht, die Wahrheit (über Rabettens Hinab „und Wegstoßen), welche diesesmal die Ge¬ stalt einer bewaffneten Parze haben würde, von ihr zu entfernen, und setzte an die Stelle der Wahrheit seine Bruder-Liebe. Daher hatt' er bisher die einzige Gelegenheit, mit der Grä¬ fin zu sprechen, entbehrt — Lianens Kranken stuhl. „Du mußt sterben (sagte er einmal im „Enthusiasmus zu ihr); es ist gut, daß Dein „Gewebe so zart ist, damit es das Durcheinan¬ „dergreifen so vieler Tatzen entzwei reißet — „Was hättest Du bis in Dein 70. Jahr nicht lei¬ „den können unter Menschen und Männern!“ Auch er glaubte — aus eigner Erfahrung — daß es mehr Weiber- als Männer-Schmerzen gebe, so wie es am Himmel mehr Mond- als Sonnenfinsternisse giebt. So stand es bis in die Nacht, wo Albano den Kahlkopf, die Spiele der Finsternisse und die verschleierte Schwester sah; in dieser sprang eine Saite nach der andern in Lianens Leben, sie wurde schnell verändert und am frühen Mor¬ gen empfieng sie schon das Abendmahl aus ih¬ res Speners Hand. Der Lektor bekam diese trübe Nachricht von der Ministerin um 9 Uhr Morgens. Darum sucht' er mit solchem Eifer durch Schoppe den Jüngling vom Anblick ei¬ ner verscheidenden Braut zu verdrängen. Später kam Gaspards Billet, welches bei¬ de auf den Gedanken brachte, ihn zum Entge¬ genfahren zu locken und — durch eine Nach¬ richt an den Vater — diesen zu bereden, wenig¬ stens auf einige Tage mit Albano vor dem na¬ hen Erdfall umzukehren, damit dieser sinke, ehe ihn der Sohn betreten. Aber auch das, wie schon erzählt worden, schlug fehl; Albano bekannte Schoppen gerade¬ zu seinen Argwohn irgend einer unheimlichen Begebenheit. Dieser wollte eben eine Antwort geben, als sie ihm ersparet wurde durch einen keuchenden Boten aus Blumenbühl, der an Al¬ bano folgendes Blatt von Spener überbrachte: „ P . P . Ew. Hochgeboren Gnaden soll in aller Eile melden, daß das todtkranke Fräulein von Froulay noch heute mit Denenselben zu spre¬ chen sehnlichst verlangt, daher Sie um so mehr zu eilen haben, da selbige nach eigner Aussage höchst wahrscheinlich (und um so mehr, als Pa¬ zienten dieses genre immer ihren Tod richtig vorauszusagen wissen) den heutigen Abend schwerlich überleben, sondern aus dieser Leiblich¬ keit einziehen wird in die ewige Herrlichkeit. Ich für meine Person brauche Ew. Gnaden als einem Christen wohl nicht erst zu vermahnen, daß wohl ein sanftes, stilles, frommes Betra¬ gen und Gebet bei dem Sterbebette dieser herr¬ lichen Braut Christi, von deren Tod jeder wün¬ schen wird: Herr, mein Tod sey wie dieser Ge¬ rechten! nicht aber grausame weltliche Trauer sich gebühre und gezieme, der ich mit sonder¬ barem Respekte verharre Ew. Hochgeboren Gnaden Unterthäniger Joachim Spener Hofprediger. P. S. Kommen Dieselben nicht sogleich mit dem Erpressen: so bitte sehr um einige Zei¬ len Antwort.“ Albano sagte kein Wort — gab das Blatt seinem Freunde — drückte leise dessen Hand — nahm den Hut — und gieng langsam und mit trocknen Augen auf die Gasse hinaus, auf den Weg nach dem Bergschloß. 96. Zykel. Schaudernd lief er draußen um die Stelle vorbei, wo in der vorigen Nacht die Leichen- Seherin gestanden hatte, um ihre in schwarze Menschen verwandelten Träume langsam von der Bergstraße herunterziehen zu sehen. — Es war ein stiller, warmer, blauer Nachsommer- Nachmittag — das Abendroth des Jahres, das rothglühende Laub, zog von Berg zu Berg — auf todten Auen standen die giftigen Zeitlosen unverletzt beisammen — auf den übersponne¬ nen Stoppeln arbeiteten noch Spinnen am fliegenden Sommer und richteten einige Fäden als die Taue und Segel auf, womit er entfloh — der weite Luft- und Erdkreis war still, der ganze Himmel wolkenlos — und die Seele des Menschen schwer bewölkt. Albano's Herz ruhte auf der Zeit wie ein Kopf auf dem Enthauptungsblock — — Nichts sah er im weiten Himmelsblau als die darin fliegende Liane, nichts, nichts auf der Erde als ihre liegende leere Hülle. Er zuckte, da ihm plötzlich auf der Blu¬ menbühler Höhe das weiße Bergschloß entge¬ gen glänzte. Er rannte hinab — wild vor dem verhaßten entstellten Blumenbühl vorbei — und draußen in den tiefen Hohlweg hinauf, der zum Bergschloß führet. Da aber dieser sich in zwei aufsteigende Thäler spaltet; so ver¬ irrte sich der vom Schmerz verschleierte Mensch in das linke und eilte zwischen dessen Wänden immer heftiger, bis er nach langem Treiben auf die Höhe heraustrat und das schimmernde Trauerschloß hinter sich erblickte. Da war ihm als rühre sich die weite hinabliegende Land¬ schaft wie ein stürmendes Meer durcheinander mit wogenden Feldern und schwimmenden Ber¬ gen; und der Himmel schauete still und hell auf das Bewegen nieder. Nur unten am west¬ lichen Horizonte schlief eine lange dunkle Wolke. Er stürmte wieder bergab und kam in wenigen Minuten im kleinen Blumengarten des Trauerhauses an. Als er heftig durch ihn schritt, sah er oben an den Schloßfenstern meh¬ rere Menschen-Rücken; wenn sie sich umkehren, (sagt' er,) so wird sogleich die Sage umlaufen: der Mörder kommt. Jetzt trat die Ministerin an ein Fenster, wandte sich aber schnell um, da sie ihn erblickte. Er stieg schwer die Treppe hinauf, der Lektor kam ihm gerührt entgegen, sagte zu ihm: „Fassung für Sie und Schonung „für andere! Sie haben keinen Zeugen Ihrer „Unterredung als Ihr Gewissen“ und machte dem stummen Jüngling das stille Krankenzim¬ mer auf. Vom Schmerz belastet und gebückt trat er leise hinein. In einem Krankenstuhl ruhte eine weißgekleidete Gestalt mit weißen, tiefen Wan¬ gen und ineinander gelegten Händen und lehnte den Kopf, den ein bunter Gras¬ blumenkranz umzog, an die Seitenlehne. Es war seine vorige Liane. „Sey mir willkommen, Albano!“ sagte sie mit schwacher Stimme, aber mit dem alten, aufgehenden Sonnen-Lächeln und reicht' ihm die mühsam gehobne Hand ent¬ gegen; das schwere Haupt konnte sie nicht er¬ heben. Er trat hin, sank auf die Kniee und hielt die theuere Hand, und die Lippe zitterte stumm. „Sey mir recht willkommen mein gu¬ ter Albano!“ wiederholte sie noch zärtlicher in der Meinung, er hab' es das erstemal wohl nicht gehört; und alle Thränen seines Herzens riß die bekannte wiederkommende Stimme in Einem Regen nieder. „Auch du, Liane!“ stam¬ melte er noch leiser. Mühsam ließ sie ihr Haupt auf die andere ihm nähere Lehne herüberfallen; da schaueten ihre lebensmüden blauen Augen recht nahe seine feurigen nassen an; wie fanden beide ihr Angesicht von Einem langen Schmerz entfärbt und veredelt! Rothwangig und voll¬ blühend und Schmerzen tragend war Liane in das kalte fremde Todtenreich der schweren Prüfung für die höhere Welt gegangen und ohne Farbe und ohne Schmerzen war sie wie¬ dergekommen und mit himmlischer Schönheit auf dem irrdisch-verblühten Gesicht — Albano stand vor ihr, auch bleich und edel, aber er brachte auf dem jungen kranken, eingefallnen Angesicht die Kämpfe und die Schmerzen zu¬ rück und im Auge die Lebens-Gluth. „Gott, Du hast Dich verändert, Albano“ — fieng sie nach einem langen Blicke an — „Du siehst ganz eingefallen aus — Bist Du so „krank, Lieber?“ — fragte sie mit der alten Liebes-Bekümmerniß, die ihr weder der from¬ me Vater noch der letzte Genius, der den Men¬ schen erkältet gegen das Leben und Lieben eh' er es entrückt, aus dem Herzen nehmen konn¬ ten. — „O, wollte Gott! Nein, ich bins „nicht“ sagte er und erstickte aus Schonung den innern Sturm; denn er hätte so gern sei¬ nen Jammer, seine Liebe, seinen Todes-Wunsch ausgerufen vor ihr mit einem tödtlichen Schrei, wie eine Nachtigal sich zu Tode schmettert und vom Zweige stürzt. Ihr erkältetes Auge ruhte, sich erwär¬ mend, lange auf seinem Angesicht voll unaus¬ sprechlicher Liebe und sie sagte endlich mit schwe¬ rem Lächeln: „So liebst Du mich also wieder, „Albano! — Du hattest Dich auch in Lilar „ganz geirrt. Erst nach langer Zeit wird mein „Albano es erfahren, warum ich von Ihm ge¬ „wichen bin, nur zu Seinem Wohl. Heute, „Heute an meinem Sterbetage sag' ich Dir, „daß mein Herz Dir treu geblieben. — Glaub' „es mir! — Mein Herz ist bei Gott, meine „Worte sind wahr — Sieh! Darum bat ich Dich „heute zu mir — denn Du sollst sanft, ohne „Reue, ohne Vorwurf auf Deine erste Jugend¬ „liebe herübersehen in Deinem künftigen lan¬ „gen Leben. — Heute wirst Du nicht böse „über die kleine Linda, daß sie vom Sterben „spricht — Siehst du wohl, daß ich damals „Recht hatte? — Hole mir das Blatt dort!“ — Er gehorchte; es war ein mit zitternder Hand gemachter Umriß von ihr, der Linda's edeln Kopf vorstellte. Albano sah das Blatt nicht an. „Nimm es zu Dir,“ sagte sie; er that es. „Wie bist Du so willig und gut! (sagte sie) „Du verdienst Sie — ich nenne Sie Dir nicht „— als den Lohn Deiner Treue gegen mich. „Sie ist Deiner würdiger als ich, Sie blüht „wie Du, siecht nicht wie ich; aber thu' Ihr nie „Unrecht — Deine Liebe zu Ihr ist mein letzter „Wunsch — — Wirst Du mich betrüben, festes „Gemüth, durch ein heftiges Nein?“ — „Himmels-Seele! — (rief er und blickte sie bittend an und brachte ihr das Todtenop¬ fer des erstickten Neins) ich antworte Dir nicht — Ach vergieb, vergieb der frühern Zeit!“ — Denn nun sah er erst, wie demüthig, leise und doch innig die zarte, stille Seele ihn geliebt, die noch jetzt im zerfallenden Körper ganz wie an Lilars schönen Tagen sprach und liebte, so wie die schmelzende Glocke im brennenden Thurm noch aus den Flammen die Stunden tönt. „So lebe nun wohl, Geliebter! (sagte sie „ruhig und ohne Thräne und ihre matte Hand „wollte seine drücken) Reise glücklich in das schö¬ „ne Land! — Habe ewigen Dank für Deine „Lieb' und Treue, für die tausend frohen Stun¬ „den, die ich dort erst verdienen will Sie hielt ihr hiesiges Leben für ein ruhiges Spiel- und Kinder-Leben, erst das zweite für das thätige. , für „Lilars schöne Blumen.... Die Kinder meiner „Chariton haben sie mir aufgesetzt Hier und weiter redet sie zwar irre; aber sie weiß es doch, daß der Grasblumenkranz von Charitons Kindern ist. ...... Je ne „ suis qu'un songe — — Was wollt' ich Dir „sagen, Albano? Mein Lebewohl! Verlasse „meinen Bruder nicht! — O, wie Du weinst! „Ich will noch für Dich beten!“ — Die Sterbenden haben trockne Augen. Das Gewitter des Lebens endigt mit kalter Luft. Sie wissen es nicht, wie ihre lallende Zunge einschneide in die weit aufgerissenen Herzen. Die sanfteste Seele wußt' es nicht, wie sie ein Schwerdt nach dem andern durch ihren Albano stieß, der es nun fühlte, daß er der Heiligen, der schon die Frühlingswinde, die Frühlingsdüf¬ te des ewigen Ufers entgegen zogen, nichts mehr seyn, nichts mehr geben konnte, nicht einmal die Demuth nehmen. Als sie es gesagt, richtete ihr Haupt mit der Blumenkrone sich begeistert auf, sie zog ih¬ re Hand aus seiner und betete laut mit In¬ brunst: „Erhöre mein Gebet, o Gott! und „lasse Ihn glücklich seyn bis er eingeht in Dei¬ „ne Herrlichkeit. Und wenn er irret und wankt, „so schon' ihn, o Gott, und lasse mich ihm er¬ „scheinen und ihm zureden. — Dir aber allein, „du Allgütiger, sey Preis und Dank gesagt für „mein frohes, stilles Leben auf der Erde, du „wirst mir nach der Ruhe droben schenken den „schönen Morgen, wo ich arbeiten kann . . . . „Wecke mich früh aus dem Todesschlafe . . . . . „Wecket mich, wecket! . . . . . Mutter, das Mor¬ „genroth Sie sieht das Herbstlaub. liegt schon auf den Bäumen.“ — — Da Da stürzte die Mutter ins Zimmer mit andern Menschen. Der todesschlaftrunkne Blick und das Irrereden sagten an, daß nun der kalte Schlaf mit offnen Augen komme. „Erscheine mir, Du bist ja bei Gott!“ rief Al¬ bano sinnlos. Umsonst wollt' ihn Augusti weg¬ führen; ohne Antwort, ohne Regung stand er eingewurzelt fest. Liane wurde immer blasser, der Tod schmückte sie mit dem weissen Braut¬ kleid des Himmels an; da hörte sein weinen¬ des Auge auf, die Quaal gefror, und das wei¬ te, schwere Eis der Pein füllte die Brust. Unverrückt hieng Lianens Blick an einer lichten Stelle des sanft bezognen Abendhim¬ mels wie forschend und erwartend, daß der Himmel aufgehe und die Sonne gebe. Gleich¬ gültig gegen alle stürmte ihr Bruder jammernd herein: „geh' nicht zu Gott, ich seh' Dich sonst „nie mehr — sieh mich an, segne, heilige mich, „gieb mir deinen Frieden, Schwester!“ — Sie war still in die lichter aufbrechende Sonnen¬ wolke vertieft. „Sie hält Dich für mich (sag¬ „te Albano zu Karl wegen ihrer ähnlichen „Stimmen), und giebt Dir keinen Frieden!“ Titan. III . B b — „Stiehl meine Stimme nicht,“ sagte Karl zor¬ nig. — „O, lasset Sie in Ruhe“, sagte die Mut¬ ter, aus deren gebückten Augen nur kleine, spar¬ same Thränen auf den Kranz der Tochter zit¬ terten, deren mattes, nach dem Himmel aufbli¬ ckendes Haupt sie an sich angelehnt mit beiden Händen hielt. Auf einmal, als die Sonne die Wolken wie Augenlieder aufschlug und hell herunterblickte, erschütterte sich die stille Gestalt; Sterbende se¬ hen doppelt, sie sah zwei Sonnenkugeln und rief an die Mutter geschmiegt: „ach Mutter, wie groß und feurig sind Seine Augen!“ — Sie sah den Tod am Himmel stehen. „Bedecket mich mit dem Leichenschleier, (flehte sie ängstlich) — meinen Schleier!“ Ihr Bruder griff nach ihm und deckte damit die irren Augen und die Blumen und Locken zu; auch die Sonne zog schonend wieder das Gewölke über sich. „Denk' an den allmächtigen Gott!“ rief ihr der fromme Vater zu. „Ich denke an ihn“ antwortete leise die Verhüllte. Die Aurora der zweiten Welt steht schwarz vor den Menschen, sie bebten alle. Albano und Roquairol ergrif¬ fen und drückten einander die Hand, dieser aus Haß, Albano aus Quaal wie man in Metall knirscht. Das Zimmer war voll unähnlicher befeindeter Menschen, die der Tod gleich mach¬ te. Seitwärts sah Albano eine fremde herein¬ geschlichene ihm widrige Gestalt; es war sein unkenntlicher Vater, dessen große, düstere Au¬ gen scharf und hart auf dem Sohne hafteten. — Aus dem zweiten Zimmer blickten zwei lange verschleierte weibliche Gestalten auf die dritte und sahen kein Gesicht und niemand ihres. Liane spielte mit den Fingern am Schleier. Der Abend stand im Zimmer und die Stille zwischen dem Blitze und dem Donnerschlag. „Denke an den allmächtigen Gott!“ rief Spe¬ ner. — Sie antwortete nicht — er sprach weiter: „an unsere Quelle und an unser Meer, er al¬ „lein steht Dir jetzt im Dunkeln bei, wo Dir die „Erde und die Menschen aus der Hand entsin¬ „ken und alle Lichter des Lebens.“ — Plötzlich sieng sie an und sagte ganz freudig-leise und schnell hintereinander, wie wenn der Mensch im Schlafe spricht, und immer entzückter und schneller: „Karoline — hier, hier, Karoline — B b 2 das ist meine Hand — wie bist Du so schön!“ — Der unsichtbare Engel, der ihre erste Liebe geheiligt, der ihr Leben begleitet hatte, schim¬ merte wieder wie ein aufgegangener Mond über das ganze dunkle Sterben und der Glanz verschmolz die kleine Mainacht leise mit dem großen Frühlingsmorgen der andern Welt. Nun lehnte die verschleierte Nonne des Himmels ganz still an der Mutter — Der To¬ desengel stand unsichtbar und zornig unter sei¬ nen Opfern — Mit großen Flügeln hieng die Todes-Eule der Angst sich über die Menschen- Augen und hackte mit schwarzem Schnabel in die Brust herab und man hörte nichts in der Stille als die Eule — Düster wälzten sich des Ritters melancholische Augen in ihren tiefen Höhlen zwischen der stillen Braut und dem stil¬ len Sohne hin und her; und Gaspard und der Würgengel schaueten einander finster an. — Da klang aus Lianens Harfe ein heller, hoher Ton lang in die Stille; die Parze, die an ihrem Leben spann, kannte das Zeichen, hielt innen und stand auf, und die Schwester mit der Scheere kam. Lianens Finger hörten auf zu spielen und unter dem Schleier wurd' es still und unbeweglich. „Dein Kopf ist schwer und kalt, meine Toch¬ ter,“ sagte die trostlose Mutter. „Reißt den Schleier weg“ rief der Bruder; und als er ihn herunter zog, ruhte Liane zufrieden und lä¬ chelnd darunter, aber gestorben — die blauen Augen offen nach dem Himmel — der verklär¬ te Mund noch Liebe athmend — die jungfräu¬ liche Lilien-Stirn von der tiefer herabgesunk¬ nen Blumenkrone umwunden — und bleich und verklärt vom Mondschein der höhern Welt die fremde Gestalt, die groß aus den kleinen Leben¬ digen unter ihre hohen Todten trat. Da quoll die goldne Sonne durch die Wol¬ ken und durch die Thränen hindurch und über¬ goß mit dem blühenden Abendlicht, mit dem jugendlichen Rosen-Öhl ihrer Abendwolken die entfärbte Himmelsschwester, und das verklärte Antlitz blühte wieder jung. Am Himmel schlu¬ gen alle Wolken, berührt von ihren Flügeln, als sie durch sie zog, in lange rothe Blüthen aus — und durch den hohen über die Erde ge¬ blähten Nebelflor glühten die tausend Rosen hindurch, die gestreuet und gewachsen waren auf der Wolken-Bahn, worauf die Jungfrau über die Erde zu dem Ewigen gieng. Aber Albano, der verlassene Albano stand ohne Thränen und Augen und Worte unter den gemeinen Klagestimmen des Schmerzes im rosenrothen Abendfeuer des heiligen Verklä¬ rungs-Zimmers, unter dem irrdischen Getüm¬ mel neben der stillen Gestalt; in tiefer Vergan¬ genheit zeigte ihm der Schmerz ein Medusen¬ haupt und er sah es noch an, als sein Herz schon davon versteinert war und er hörte im¬ mer das finstere Haupt die Worte murmeln: „Wie bitter hatte die Todte in Lilar über den harten Albano geweint!“ — Ihr Bruder sagte auf seiner Folter viele grausame Worte zu ihm; er vernahm sie nicht, weil er dem grausamern Gorgonenhaupt zuhörte. „Sohn! (rief Gaspard Cesara ernst) Sohn, kennst Du mich nicht?“ Durch das schwere Leichen-Herz blitzt ihm eine Lebens- Stimme; er blickt umher, und auf den Vater, ordnet sich erschreckend die Gestalt und stürzt auf seine Brust und ruft nur „Vater!“ und immer wieder: „Vater!“ — Er rief fort, ihn hef¬ tig wie ein Feind umflechtend und sagte: „Va¬ ter, das ist Liane!“ — Noch heftiger wurde die Umarmung, nicht aus Liebe, nur aus Quaal. — „Komme zu dir, und zu mir, lieber Albano!“ sagte der Ritter. „O, ich will es thun, Sie ist nun gestorben, Vater!“ sagt' er erstickt und nun zerriß sein Schmerz am Vater wie ein Ge¬ wölke am Gebürge, in Eine unaufhörliche Thrä¬ ne — sie strömte fort als wollte sich die inner¬ ste Seele verbluten aus allen offnen Adern — aber das Weinen wühlte nur die Quaalen auf wie ein Wolkenbruch ein Schlachtfeld, er wur¬ de trostloser und ungestümer und wiederholte dumpf das alte Wort. „Albano! (sagte Gaspard nach einiger Zeit mit stärkerer Stimme) willst Du mich begleiten?“ — „Gern, mein Vater!“ sagte er und folgte ihm, wie der Mutter ein bluten¬ des Kind mit seiner Wunde. — „Morgen will ich schon sprechen,“ sagte Albano im Wagen und nahm die väterliche Hand. Die weit off¬ nen Augen hiengen geschwollen und blind an der warmen Abendsonne fest, die schon auf dem Gebürge ruhte — er blieb lächelnd und bleich und in seinem leisen, sanften Weinen — und er merkt' es nicht, daß die Sonne untergieng und er in der Stadt ankam. „Morgen, mein Vater!“ sagt' er kraft¬ los und bittend zum Ritter; und schloß sich ein. Man hörte nichts mehr von ihm. Vier und zwanzigste Jobelperiode. Das Fieber — die Kur. 97. Zykel. L ange blieb Albano im Nebenzimmer stumm. Der Vater überließ ihn der heilenden Stille. Schoppe wartete auf ihn geduldig um ihn trö¬ stend anzusehen und anzuhören. Endlich hör¬ ten sie ihn darin heftig beten: „Liane erscheine mir und gieb mir den Frieden!“ Gleich darauf trat er stark und frei wie ein entketteter Riese heraus, mit allen Blut-Rosen auf seinem Ge¬ sicht — mit Blitzen in den Augen — mit hasti¬ gem Schritt. „Schoppe, (sagt' er,) komm' mit „auf dir Sternwarte, es hängt am Himmel ein „heller, hoher Stern, auf dem wird Sie begra¬ „ben; ich muß das wissen, Schoppe!“ Die edle Seele lag in der gewaltigen Hand des Fiebers. Er wollte mit ihm hinaus, als er den Ritter erblickte, der ihn starr anschaute: „Erstarre nur nicht wieder, mein Vater!“ sagt' er, umarmte ihn nur leise und vergaß, was er gewollt. Schoppe holte den Doktor Sphex. Albano gieng wieder in sein Zimmer und langsam dar¬ in mit gesenktem Haupt, mit gefalteten Hän¬ den auf und ab und redete sich tröstend zu: „warte doch nur bis es wieder ausschlägt.“ — Sphex kam und sah und — sagte „es sey ein einfaches entzündliches Fieber.“ Aber keine Ge¬ walt brachte ihn dahin, sich für das Bette oder nur für eine Ader-Wunde zu entkleiden. „Wie, (sagt' er schamhaft) Sie kann mir ja zu jeder Stunde, erscheinen und den Frieden geben, — Nein, Nein!“ Der Arzt verschrieb einen gan¬ zen kühlenden Schneehimmel, um damit diesen Krater vollzuschneien. Auch diesen Kühlungen und Frost-Zuleitern weigerte der Wilde sich. Aber da fuhr ihn der Ritter mit der ihm eig¬ nen donnernden Stimme und mit dem Grimm des Auges an, der das immerwährende aber bedeckte Zornfeuer der stolzen Brust verrieth: „Albano, nimm!“ — Da besann und fügte sich der Kranke und sagte: „o, mein Vater, ich lie¬ be Dich ja!“ Durch die ganze Nacht, deren Wächter und Arzt der treue Schoppe blieb, spielte der wahn¬ sinnige Körper seine glühende Rolle fort, indem er den Jüngling auf- und abtrieb und bei je¬ dem Ausschlagen der Glocken betend nieder¬ zuknieen zwang: „Liane, erscheine doch und gieb mir den Frieden!“ Wie oft hielt ihn der sonst Zeichen-Arme Schoppe mit einer langen Um¬ armung fest, um nur dem Umhergetriebnen ei¬ ne kurze Ruhe zuzuspielen. — Unbegreiflich waren am Morgen dem Arzte die Kräfte die¬ ser eisernen und weißglühenden Natur, die Fie¬ ber, Pein und Gehen noch nicht gebogen hat¬ ten, und auf welcher alle verordnete Eisfelder trocken verzischten; — und fürchterlich erschienen ihm die Folgen, da Albano noch immer sein Selbst-Mordbrenner blieb und bei jedem Stun¬ den-Schlage auf den Knieen nach der himm¬ lischen Erscheinung lechzete und blickte. Aber sein Vater überließ ihn wie eine Menschheit den eignen Kräften; er sagte, er sehe mit Vergnügen eine solche seltne unge¬ schwächte Jugendkraft und sey gar nicht in Furcht, auch ließ er ungestört alles für die Rei¬ se nach Italien packen. Er besuchte den Hof, d. h. alles. Wer es wußte, was er den Men¬ schen abzufodern und abzuläugnen pflegte, dem gab diese allgemeine Gefälligkeit gegen alle Welt die Schmerzen eines verwundeten Ehrge¬ fühls, wenn ihn Gaspard auch anredete. Er besuchte zuerst den Fürsten, welcher an ihm, ob ihn gleich der Ritter in Italien ruhig die ver¬ giftete Hostie der Liebe sammt ihrem Giftkelch hatte empfangen lassen immer mit Angewöh¬ nung hieng. Der Ritter besichtigte mit ihm den Zuwachs der neuen Kunstwerke; beide gli¬ chen scharf und frei ihre Urtheile darüber ge¬ geneinander aus und gaben einander Auf¬ träge für die Abwesenheit. Darauf gieng er zur Reisegefährtin, zur Fürstin, gegen welche zwar sein aufreibender Stolz nicht Ein Blüthenstäubchen der vorigen Liebe übrig gelassen, die aber im glatten, kal¬ ten Spiegel seiner epischen Seele, in welchem alle Figuren sich rein- aufgefasset und frei be¬ wegten, vermöge ihrer kräftigen Individuali¬ tät als eine Hauptfigur den Vordergrund be¬ wohnte. Da er Freiheit, Einheit, sogar Frech¬ heit des Geistes weit über sieches Frömmeln, Nachheucheln fremder Kräfte und bußfertigen Zwiespalt mit sich selber, setzte: so war die Fürstin sogar mit ihrem Zynismus der Zunge ihm „in ihrer Art lieb und werth.“ Sie er¬ kundigte sich mit vielem Feuer nach seines Soh¬ nes Zustand und Mitreise; er gab ihr mit sei¬ ner alten Ruhe die besten Hoffnungen. Die Prinzessin Julienne war unzugänglich. Daß sie es hatte sehen müssen, wie die treue Gespielin ihrer Jugendzeit ein feindlicher, rauher Arm vom blumigen Ufer in den Todesfluß hin¬ einzogen und wie die Arme ermattet hinunter¬ geschwommen, das warf sie hart darnieder und sie wäre gern dem Opfer nachgestürzt. Sie war gestern nicht im Stande, mit den zwei Verschleierten hinzugehen. Jetzt eilte Gaspard zur einen davon, zur Gräfin Romeiro, wo er auch die andere fand — die Prinzessin Idoine. Diese hatte unmög¬ lich so viel von ihrer Gesichts- und Seelen- Schwester in allen Briefen lesen können, ohne selber aus ihrem Arkadien zu ihr herzureisen und die schöne Verwandtschaft zu prüfen; aber als sie im Schleier ankam im Schmerzenhause, hatte schon ihre Verwandte den ihrigen über das brechende Auge gezogen; und als er auf¬ gieng, sah sie sich selber verloschen und im tie¬ fen Spiegel der Zeit ihr eignes Sterbe-Bild. Sie schwieg in sich selber gleichsam wie vor Gott, aber ihr Herz, ihr ganzes Leben war bewegt. Die Ähnlichkeit war so auffallend, daß Ju¬ lienne sie bat, nie der gebeugten Mutter zu er¬ scheinen. Idoine war zwar länger, schärfer ge¬ zeichnet und weniger rosenfarb als Liane in ihrer Blüthenzeit; aber die letzte blasse Stun¬ de, worin diese neben ihr erschien, machte die bleiche Gestalt länger und das Angesicht edler und zog die blumige jungfräuliche Verhüllung vom scharfen Umriß weg. Idoine sprach wenig zum Ritter und sah nur zu, wie ihre Freundin Linda ordentlich in kindlicher Liebe überfloß gegen seine fast väter¬ liche. Beide Jungfrauen behandelte er mit ei¬ ner achtenden, warmen und zarten Moralität, welche einem Auge (z. B. dem des Fürsten) wun¬ derbar erscheinen mußte, das oft Zeuge der iro¬ nischen Unbarmherzigkeit gewesen, womit er wurmstichige, anbrüchige Herzen — halb einge¬ pfarret in Gottes Kirche und halb in des Teu¬ fels Kapelle —, scheue weiche empfindsame Sünder, innerlich-bodenlose Phantasten, z. B. Roquairols gern in einer langsamen Spirale frecher Reden immer tiefer und froher in den Mittelpunkt der Schlechtigkeit hinabzudrehen pflegte. Der Fürst dachte dann, „er denkt ge¬ rade wie ich“; aber Gaspard macht' es mit ihm eben so. Auch die wankende, blasse Julienne schlich endlich herein, um ihn zu sehen. Man umgieng, so weit man konnte, ihrentwegen das offne Grab der Freundin; aber sie fragte selber nach dem kranken Geliebten derselben recht angele¬ gentlich. Der Ritter — welcher für die meisten wichtigen Antworten sich ein eignes Phrases- Buch des Nichts, besondere Rede-Eisblumen angeschaft hatte, dergleichen waren, „es geht so gut es kann“ oder „man muß es erwarten“ oder „es wird sich wohl geben“ — bediente sich der letzten Redeblume und versetzte: „es wird sich wohl geben.“ Als er nach Hause kam, hatte sich nichts gegeben, sondern hoch war die Fluth des Übels gestiegen. Der Jüngling lag nieder — ange¬ kleidet auf dem Bette, — unvermögend mehr zu gehen — brennend — irre redend — und doch bei jedem Glockenschlage seine alte Bitte in den hohen versperrten Himmel rufend. Bis hieher hatte sein kräftiges, festes Gehirn die Vernunft wenigstens für alles, was Lianen nicht betraf, fest zu behalten gewußt; aber all¬ mählig gieng die ganze Masse in die Gährung des Fiebers über. Vergeblich waffnete sich sein Vater einmal, da er knieete und um die Er¬ scheinung der Todten bat, mit dem ganzen Sturm und Donner seiner Persönlichkeit; „gieb mir den Frieden“ betete Albano sanft weiter und sah ihm sanft dabei ins Gesicht. Schoppe Schoppe nahm jetzt mit der Mine eines wichtigen Geheimnisses den Vater allein und sagte, er wisse ein unfehlbares Mittel. Gas¬ pard bezeugte seine Neugierde. „Die Prinzessin „Idoine (sagt' er,) muß nach erbärmlichen Kin¬ „dereien gar nichts fragen, sondern keck, wenn „es eben schlägt und Er knieet, Ihm als der „seelige Geist erscheinen und den fatalen Frie¬ „den schließen.“ — Wider alles Vermuthen sagte der Ritter unmuthig: es ist unschicklich. Umsonst sucht' ihn, der predigende Schoppe in die Sonnenseite zu rücken — bloß in die Win¬ terseite zog er weiter hinein bei dem Anschein fremder Absicht; in eine sanfte Wärme konnt' ihn niemand bringen als nur er sich selber. — Zuletzt ließ Gaspard nach seiner Sitte über dem ewigen Grundeis seines Karakters so viel Treib¬ eis obengenannter Phrasen schwimmen, daß Schoppe stolz und zornig schwieg. Noch dazu giengen die Anstalten zur Abreise fort, als sey der Vater Willens, den Sohn brennend aus dem Fieber-Brande zu ziehen und wahnsin¬ nig aus den alten Liebes-Zirkeln zu reißen. Schoppe machte ihm seinen Vorsatz daheim Titan III . C c zu bleiben, bekannt; er sagte, er habe nichts dagegen. Nun fühlte Schoppe an seinem eignen zer¬ ritzten Gesicht den schneidenden Nord dieses von ihm sonst beschützten Karakters; „traue keinem langen, schlanken Spanier, sagte Kardanus mit Recht“ Die Stelle heißet in Cardan praecept. ad filios c . 16. so: Longobardo rubro, Germano nigro, Hetrusco lusco, Veneto claudo, Hispanolon¬ go et procero , mulieri barbatae, viro cris¬ po, Graeco nulli confidere nolite. sagte er. Albano war krank und daher nicht trost¬ los. Er schöpfte aus der Lethe des Wahnsinns die dunkle Betäubung gegen die Gegenwart; nur, wenn er knieete, spiegelte sich im Strom seine zerrissene Gestalt und ein wolkiger Him¬ mel. — Er hörte nichts davon, wie die Dürf¬ tigen ihre Namen nannten, um dankend um die ruhende Wohlthäterin zu weinen, vor de¬ ren Klagen jetzt das heilende Saitenspiel ihrer Minen taub und stumm lag — Er hörte nichts von dem Toben ihres Bruders, noch vom lau¬ ten (akustisch-gebaueten) Schmerze ihres Va¬ ters, oder von der starren in dumpfe Quaal gewickelten Mutter — Er wußt' es nicht vor¬ aus, daß die bleiche Charis in ihrem Krönungs¬ zimmer an einem Abende zwischen Lichtern zum letztenmal der Erde erscheinen werde, bekränzt, geschmückt und schlummernd — Ihm starb zwar in jeder Stunde eine unendliche Hofnung, aber jede gebar ihm auch eine neue. — — „Armer Bruder, (sagte Schoppe am an¬ dern Tag im edeln Zorn) ich schwöre Dirs, Du bekommst heute Deinen Frieden.“ — Der blasse Kranke sah ihn bittend an. „Bei Gott!“ schwur Schoppe und weinte beinahe. 98. Zykel. Schoppe hatte sich vorgesetzt, um den Rit¬ ter — der den Abend halb an den Minister und halb an Wehrfritz in Blumenbühl ver¬ theilte — sich gar nicht zu bekümmern, sondern geradezu vor die Prinzessin Idoine mit der großen Bitte zu treten. Vorher wollt' er sich den Lektor dazu holen als Thürhüter oder Bil¬ leteur der versperrten Hofthüren und als Bür¬ C c 2 gen seiner Worte. — Aber Augusti erschrak unbeschreiblich; er versicherte, das geh' unmög¬ lich an — eine Prinzessin und ein kranker Jüng¬ ling — und gar eine ridiküle Geister-Rolle u. s. w. und der eigne Vater seh' es ja schon ein. Schoppe wurde darüber ein aufspringen¬ des Sturmfaß und ließ wenig Flüche und Bil¬ der liegen, die er nicht gebrauchte über den menschenmörderischen Widersinn der Hof- und Weiber-Dezenz — sagte, diese sey so schön ge¬ bildet und so blutig quälend wie eine griechi¬ sche Furie — sie binde an Menschen wie Kö¬ chinnen an Gänsen die Hals-Wunde nur nach dem Verbluten zu, damit sich die Federn nicht besteckten — und er sey so gut ein Courtisan schloß er zweideutig als Augusti und kenne De¬ zenz; „auch der Fürstin, die Ihn doch so gern „hat, darf ichs nicht vortragen?“ Augusti sag¬ te: der Fall ist nicht verschieden. „Juliennen auch nicht?“ — Auch nicht, sagt' er. — „Auch dem so satanischen Satan nicht?“ — „Ein gu¬ ter Engel ist doch dazwischen, (versetzte Augusti) den Sie wenigstens schicklicher als Vorbitter brauchen können, weil er dem Vliesritter von Zesara Verbindlichkeiten schuldig ist — die Grä¬ fin von Romeiro.“ — „O, warum nicht gar?“ sagte Schoppe betroffen. Der Lektor — unter die niemals eigenhän¬ digen Menschen gehörig, die alles gern durch die dritte, sechste, fernste Hand nach einer der Fingersetzung ähnlichen Hände-Setzung thun — legte seine Bereitwilligkeit, ihn bei Linda ein¬ zuführen, und ihr Vermögen, in dieser „epineu¬ sen Affaire“ zu wirken, dem Nachdenker näher vor. Schoppe fuhr ungemein hin und her — schüttelte oftmals heftig den Kopf und stockte doch plötzlich — flog und schüttelte noch hefti¬ ger — sah mit scharfer Frage den Lektor an — endlich stand er fest — schlug mit beiden Ar¬ men nieder und sagte: „Der Donner und das „Wetter hole die Welt! Nun gut, es sey! Ich „will vor Sie — — Himmel, warum bin ich „denn Ihnen so zu sagen so lächerlich, jetzt „gerade mein' ich?“ — Gleichwohl hatte der höfliche Lektor das Lächeln der Lippen nur in das Lächeln der Augen versetzt. — Auf Schop¬ pe's Gesicht stand die Wärme und Eile des Selbst Siegers. Wie Menschen zugleich hart¬ hörig unter dem gemeinen Lebens-Getöse seyn können und doch den feinsten musikalischen Lau¬ ten offen Z. B. der Kapellmeister Naumann. : so waren Schoppens innere Oh¬ ren verhärtet gegen das Volks-Gepolter des allgemeinen Treibens, aber durstig zogen sie al¬ le weiche, leise Melodieen der heiligern See¬ len ein. Der Lektor — den Grafen weit herzlicher liebend als dieser ihn — nahm stürmisch den Bibliothekar sogleich mit fort ins Schloß, weil eben jetzt die recht-erlesene Hof-Ferien-Stunde sey, von 4½ bis 5½. Schoppe sagte, er sey da¬ bei. Im Schloß befahl Augusti einem Diener, der ihn verstand, Schoppen ins Spiegelzimmer zu führen. Er thats; brachte Lichter nach; und Schoppe gieng langsam mit seinem verdrüßli¬ chen Gefolge stummer flinker Spiegel-Urangu¬ tangs auf und nieder, seiner Rolle und Zu¬ kunft nachrechnend. Seltsam fühlt' er sich jetzt betroffen von seinem jungen, frischen Gefühl der bisherigen Freiheit, die er eben suspendirte; er erkannte sie an, hielt sie fest, sah sie an, sprach ihr zu: gehe nur ein wenig fort, rette Ihn und dann komme wieder! — Seine eigne Vervielfältigung ekelte ihn: „müsset Ihr mich stören, ihr Ichs?“ sagt' er, und er legte sichs nun vor, wie er stehe vor der reichsten, hellesten Minute und feinsten Goldwage seines Daseyns, wie ein Grab und ein großes Leben liege auf dieser Wage, und wie sein Ich ihm schwinden müsse wie die nach¬ gemachten gläsernen Ichs umher. — — — Plötzlich flog ihn eine Freude an, nicht über den Werth seines Entschlusses, sondern über die Gelegenheit dazu. Endlich giengen nahe Thüren auf und dann die nächste. — Da trat mit noch halb zurückge¬ wandtem Kopfe eine große Gestalt herein, ganz in lange schwarze Seide eingehüllt. Wie ein entzückter Mond auf hohen Laubgipfeln, stand auf der seidnen dunkeln Wolke ein üppig-blü¬ hender schmuckloser Kopf voll Leben vor ihm, mit schwarzen Augen voll Blitze, mit dunkeln Rosen auf dem blendenden Gesicht und mit ei¬ ner thronenden Schnee-Stirn unter dem brau¬ nen Locken-Überhang. — — Schoppen war, da sie ihn ansah, als liege sein Leben im vol¬ len Sonnenschein, und er fühlte ängstlich, daß er sehr nahe an der Königin der Seelen stehe. „H. v. Augusti (fieng sie ernst an,) hat mir „gesagt, daß Sie eine Bitte für Ihren kranken „Freund in meine Hände geben wollen. Sagen „Sie mir solche klar und frei, ich werde Ihnen „gern und bestimmt und offen antworten.“ Alle Rollen-Erinnerungen waren in ihm zu Boden gesunken und aufgelößt; aber der große Schutzgeist, der unsichtbar neben seinem Leben flog, stürzte sich mit feurigen Flügeln in sein Herz und begeistert antwortete er: „Auch „ich! — Mein Albano ist tödtlich krank — er „ist im Fieber seit gestern Abends — er liebte „das verstorbene Fräulein Liane — er ist auf „die Greifgeier-Schwinge des Fiebers gebun¬ „den und wird hin und her gerissen — er stürzt „bei jedem Glocken-Ausklang auf die Kniee „und betet, dicht an der Gluthseite der Phan¬ „tasie liegend, immer heißer: erscheine mir und „gieb mir Frieden — er steht aufrecht und an¬ „gekleidet auf dem hohen Scheiterhaufen der „phantastischen Kreis-Flammen und lechzet, und „brät und dorret sehr aus und krümmt sich nie¬ „der wie ich wohl sehe. . . .“ „O, finissés donc ! (sagte die Gräfin, wel¬ „che den Venus-Kopf schaudernd zurückgebo¬ „gen und langsam geschüttelt hatte) Fürchter¬ „lich! — Ihre Bitte!“ „Nur die Prinzessin Idoine (sprach er „zu sich kommend,) kann sie erfüllen und Ihn „erretten, wenn sie Ihm erscheint und Ihm „Frieden zusagt, da sie eine so nahe Ass — Er wollte Assinanz und Kosekante sagen. „Kos —*) Kopie und Nebensonne von der Ver¬ „storbnen seyn soll.“ — „Ist das Ihre Bitte?“ sagte die Gräfin. „Meine größte“ sagte Schoppe. „Hat Sie sein Vater hergeschickt?“ sagte sie. „Nein, ich; (sagt' er) der Vater, damit ich klar „und frei und bestimmt sey, will es nicht.“ — „Sind Sie nicht der Mahler des niesenden „Selbst-Portraits?“ fragte sie. Er verbeugte sich und sagte: „ganz gewiß!“ Als sie ihm ge¬ antwortet, in einer Stunde hör' er die Ent¬ scheidung, machte sie ihm eine kurze achtende Abschiedsverbeugung — und die einfache, edle Gestalt verließ ihn mitten in seinem trunknen Nachschauen; und er war unwillig, daß die kindischen Spiegel umher der einzigen Göttin so viele Nachschatten nachzuschicken wagten. Zu Hause fand er zwar den Wahnsinnigen, dessen Ohren allein nur in der Wirklichkeit fort¬ lebten, wieder auf den Knieen vor dem sechs¬ ten Glockenschlage; aber seine Hoffnung blühte jetzt unter einem warmen Himmel. — Nach einer Stunde erschien der Lektor und sagte mit bedeutend-froher Mine: es gehe recht gut, er hole einen Ausspruch des Arztes über die Krank¬ heit und dann entscheid' es sich darnach. H. v. Augusti gab ihm mit hofmännischer Ausführlichkeit den bestimmtern Bericht: die Gräfin flog zur Fürstin, deren Achtung für den künftigen Reisegefährten sie kannte und sagte ihr, sie würd' es in Idoinens Falle ohne Be¬ denken thun. — Die Fürstin bedachte sich ziem¬ lich und sagte, hierüber könne nur ihre Schwe¬ ster entscheiden — Beide eilten zu ihr, mahlten ihr alles vor und Idoine fragte erschrocken, was sie für ihre Ähnlichkeit und ihre wohlwol¬ lende Reise könne, daß man sie so tief in solche phantastische Verwicklungen ziehen wolle. — In dieser Sekunde trat Julienne blaß herzu und sagte, sie habe schon seit dem Morgen Nach¬ richt davon, das Erscheinen sey einer so guten Seele Pflicht. — Da antwortete Idoine sich und alles bedenkend und mit Würde: es sey gar nicht das Ungewöhnliche und Unschickliche, was sie schrecke, sondern das Unwahre und Un¬ würdige, da sie mit dem heiligen Namen einer abgeschiednen Seele und mit einer flachen Ähn¬ lichkeit einen Kranken belügen solle. — Die Grä¬ fin sagte, sie wisse darauf keine Antwort und doch sey ihr Gefühl nicht dagegen — Alle schwie¬ gen verlegen. — — Die gewissenhafte Idoine war im weichsten Herzen bewegt, das unter dem Gewichte einer solchen Entscheidung über ein Leben zitternd erlag. — Endlich sagte Linda mit ihrem Scharfsinn: es wird aber doch ei¬ gentlich kein moralischer Mensch getäuscht, son¬ dern ein Schlafender, ein Träumer, und Ein¬ bildung und Lüge soll ja an ihm nicht bestärkt, sondern besiegt werden. — Julienne nahm Idoi¬ nen mit sich, um ihr den Jüngling, den sie so wenig wie Linda gesehen, wahrscheinlich näher zu mahlen. — Bald darauf kam Idoine mit dem Ausspruche zurück: „Wenn der Arzt ein Zeugniß giebt, daß ein Menschen-Leben daran hänge: so muß ich mein Gefühl besiegen.“ „Gott weiß es, (setzte sie be¬ wegt dazu,) daß ich es eben so willig thue als unterlasse, wenn ich nur erst weiß was recht ist. Es ist meine erste Unwahrheit.“ Der Lektor eilte von Schoppe zum Doktor, um von ihm unter vielen Wendungen gerade das schicklichste Zeugniß mitzunehmen. Schoppe wartete lange und ängstlich — nach 7 Uhr kam ein Blatt von Augusti: „Hal¬ ten Sie Sich bereit, Punkt 8 Uhr kommt die be¬ wußte Person!“ — Sogleich ließ er, um die Fieberaugen zu schonen, im Krankenzimmer statt der Wachslichter die magische Hänge-Lampe aus Beinglas brennen. Den kranken Jüngling zündete er mit Ge¬ schichten von Wiedergekommenen noch stärker an, und rieth ihm, mit langen Feuer-Gebeten vor der festen Todespforte zu knieen, damit Ihr milder, barmherziger Geist sie aufreisse und ihn auf der Schwelle heilend berühre. Kurz vor acht Uhr kamen in Sänften die Fürstin und ihre Schwester. Schoppe wurde selber schaudernd von dieser auferstandnen Lia¬ ne ergriffen. Mit funkelndem Auge und ver¬ sperrtem Munde führt' er die schönen Schwe¬ stern in die Kulisse, auf deren Bühne draussen sie schon den Jüngling beten hörten. Aber Idoinens zarte Glieder zitterten vor der unge¬ übten Rolle, worin ihr wahrhafter Geist sich verläugnen sollte; sie weinte darüber und der fromme schöne Mund war voll stummer Seuf¬ zer; oft mußte die Schwester sie umarmen, um ihr Muth zu machen. Die Glocke schlug — fürchterlich-heiß flehte der Wahnsinnige drinnen um Frieden — die Zunge der Stunde gebot — Idoine schickte ei¬ nen Blick als Gebet zu Gott. — Schoppe öff¬ nete langsam die Thüre. — — Drinnen knieete mit gen Himmel gehobnen Armen und Augen ein schöner in der magischen Dunkelheit blühender Göttersohn im eisernen Zauberkreise des finstern Wahnsinns und rief nur noch: o Frieden, Frieden! — Da trat die Jungfrau begeistert wie von Gott gesandt hin¬ ein; weißgekleidet wie die Verstorbne im Traum¬ tempel und auf der Bahre, mit dem langen Schleier an der Seite, aber höher gestaltet, we¬ niger rosenfarb, und mit einem schärfern, hel¬ lern Sternenlicht im blauen Äther des Auges, und ähnlicher der Liane unter den Seeligen und erhaben als komme sie als ein verjüngter Frühling von den Sternen wieder, so trat sie vor ihn — sein greifender Flammenblick er¬ schreckte sie — leise und wankend stammelte sie: „Albano habe Frieden!“ — „Liane?“ stöhnte sei¬ ne ganze Brust und seine weinenden Augen be¬ deckte er darniedersinkend. „Frieden!“ rief sie stärker und muthiger, weil sie nicht mehr sein Auge traf und irrte, und sie entwich, wie ein überirrdischer Geist die Menschen wieder ver¬ lässet. Die Schwestern schieden still und voll ho¬ her Erinnerung und Gegenwart. Schoppe fand ihn noch knieend, aber entzückt dahin-blickend, ähnlich einem im Sturm erkrankten Schiffer auf den tropischen Meeren, der nach langem Schlaf an einem stillen rosenrothen Abend die Augen aufschlägt vor dem brennenden Unter¬ gang der Sonne — und die schlagende Wel¬ len-Bahn wallet Rosen- ein und Flam¬ menbeet in die Sonne und das sprühende Ge¬ wölk zerspringt in stumme Feuerkugeln — und die fernen Schiffe schweben hoch im Abend¬ roth und schwimmen fern über den Wogen. — So war es dem Jüngling. „Ich habe nun meinen Frieden, guter Schoppe (sagt' er sanft) und nun will ich in Ruhe schlafen.“ Verklärt, aber blaß stand er auf, legte sich auf das Bette und in wenig Minuten sank das matte so lange im heißen Fieber-Sande watende Gemüth auf die frische, grüne Rasenbank des Schlummers nieder. Fünf und zwanzigste Jobelperiode. Der Traum — die Reise. 99. Zykel. S pät fuhr der Vließ-Ritter an. Schoppe zeigte ihm erfreuet das schlafende Gesicht, dessen Rosenknospen wie in feuchter warmer Nacht aufzubrechen schienen. Der Ritter zeigte sich sehr erheitert darüber und noch mehr der spät nachschauende D. Sphex. Dieser fand den Puls nicht nur voll, auch langsam und auf dem We¬ ge zu noch mehr Ruhe; er führte zugleich Chaudeson und mehrere offizinelle Beispiele an, daß große Geistes-Leiden sich durch das Opium von innen, die Schlafsucht, sehr glück¬ lich gehoben hätten. Zuletzt Zuletzt machte Schoppe den Vater mit Idoi¬ nens ganzer Kurmethode bekannt. Stolz ver¬ setzte Gaspard: „Sie wußten aber meine Mei¬ nung noch, H. Bibliothekar?“ — „Gewiß, aber auch meine“ sagte erbittert der betroffne Schop¬ pe. Der Ritter ließ sich indes in nichts weiter ein — ganz nach seiner Weise, über sein Ich, könnt' es auch noch so viel dabei gewinnen, nie nur das kleinste Licht zu geben — sondern ertheilte dem Freunde ein sehr kaltes Zeichen zum Zurückzug. Den Morgen darauf fand Schoppe seinen Geliebten noch in der Seelen-Wiege des Schla¬ fes. Wie er sproßte und blühte! — Wie der Athem der entketteten Brust sich nun gleich ei¬ nem freien Menschen nur langsam, aber stark bewegte! — Indes hielt Gaspards gepackter Wagen, der den Jüngling nach Italien rollen sollte, schon am Morgen mit schnaubenden, scharrenden Pferden vor der Thür und der Rit¬ ter erwartete jede Minute das Aufwachen und — Einsitzen. Der Arzt kam auch — pries Krisis und Puls — fügte bei, der Weinsteinrahm (den er Titan III . D d mit verschrieben) sey der Lebens-Rahm — und sagte dem Vater geradezu ins Gesicht, als die¬ ser den Jüngling wecken wollte zur Abfahrt, „er habe in seiner Praxis noch niemand ge¬ kannt, der so wenig von kritischen Punkten ge¬ wußt wie er; jeder Wecker sey hier ein Mörder und er verbiete es recht ausdrücklich als Arzt.“ — Von Stunde zu Stunde wurde Schoppe gegen den Vater unwilliger; er dankte — wenn er des Ritters abspühlendes Ein- und Anströ¬ men an dieses fruchttragende Eiland bedachte — jetzt Gott, daß Albano nicht nur die Hitze sondern auch die Härte eines Felsen hatte. Der Ehre- und Kunst-Liebende Sphex be¬ wachte wie eine drohende Äskulaps-Schlange das Kopfkissen und wurde heiterer — Schoppe verblieb da, gefasset gegen jede Härte. — Der Ritter nahm in des Sohnes Namen von jedem Abschied und trieb weiche Herzen nach Hause; denn die Pflegemutter Albine und andere durf¬ ten den Schlafenden nicht einmal sehen — weil ihm Thränen ein verdrüßlicher kalter Staubre¬ gen waren. — Die Fürstin und ihr Gefolge fuhr schon mit den bunten Wimpeln der Hoffnung auf dem Wege nach dem, glänzenden Italien. — Der Abend wurde nun unwiderruflich zur Abfahrt angesetzt, zumal da in der Nacht die entschlummerte Liane in das Schlafgemach ge¬ führet werden sollte, das die Menschen nicht wieder öffnen. Den blühenden Endymion überdeckte schon Lächeln und Freuden-Glanz als ein vorlaufen¬ der Morgenstern seines wachen Tags. Seine Seele gieng lächelnd in der funkelnden Höhle der unterirrdischen Schätze umher, die der Geist des Traums aufsperrt; indes das gemeine Auge des Wachens blind vor dem nahen von Schlaf ummauerten Geister-Eldorado stand. Endlich öfnete ein unbekanntes Wonne-Übermaaß Al¬ bano's Auge — der Jüngling erstand sogleich mit Kraft — warf sich mit der Entzückung der ersten Erkennung dem Vater an die Brust — und schien im ersten, träumerischen Rausche sich des vorbeigezognen Gewitters hinter seinem Rü¬ cken nicht zu erinnern, sondern nur des seeligen Traums — und erzählte trunken diesen: D d 2 „Ich fuhr in einem weißen Kahn auf einem finstern Strom, der zwischen glatten, hohen Marmorwänden schoß. An meine einsame Welle gekettet flog ich bange im Felsen-Gewin¬ de, in das zuweilen tief ein Donnerkeil einfuhr. Plötzlich drehte sich der Strom immer breiter und wilder um eine Wendeltreppe herum und hinab. — Da lag ein weites, plattes, graues Land um mich, das die Sonnen-Sichel mit ei¬ nem eklen, erdfahlen Licht begoß. — Weit von mir stand ein untereinander gekrümmter Le¬ the-Fluß und kroch um sich selber herum. — Auf einem unübersehlichen Stoppelfelde schossen unzählige Walkyren Walkyren sind reizende Jungfrauen, die vor der Schlacht diese weben und die Helden be¬ stimmen, die fallen müssen. auf Spinnenfäden pfeil¬ schnell hin und her und sangen: „„des Lebens- „„Schlacht, die weben wir““; dann ließen sie einen fliegenden Sommer nach dem andern un¬ sichtbar gen Himmel wallen. Oben zogen große Weltkugeln; auf jeder wohnte ein einziger Mensch, er streckte bittend die Arme nach einem andern aus, der auch auf einer stand und hinüberblickte; aber die Kugeln liefen mit den Einsiedlern um die Sonnensichel und die Gebete waren umsonst. — Auch ich sehnte mich. Unendlich weit vor mir ruhte ein ausgestrecktes Gebürge, dessen ganzer aus den Wolken ragender Rücken golden und blumig schimmerte. Quälend watete der Kahn in der flachen, trägen Wüste des abgeplatteten Stroms. — Da kam Sandland und der Strom drückte sich durch eine enge Rinne mit meinem zusam¬ mengequetschten Kahne durch. Und neben mir ackerte ein Pflug etwas Langes aus, aber als es aufstieg, verdeckt' es ein Bahrtuch — und das dunkle Tuch zerfloß wieder in eine schwar¬ ze See. Das Gebürge stand viel näher, aber län¬ ger und höher vor mir und durchschnitt die ho¬ hen Sterne mit seinen Purpurblumen, über welche ein grünes Lauffeuer hin und her flog. Die Weltkugeln mit den einzelnen Menschen zogen über das Gebürge hinüber und kamen nicht wieder; und das Herz sehnte sich hinauf und hinüber. „„Ich muß, ich will““ rief ich ru¬ dernd. Mir schritt ein zorniger Riese nach, der die Wellen mit einer scharfen Mondsichel ab¬ mähte; über mir lief ein kleines festes Gewit¬ ter aus der zusammengepreßten Dunstkugel der Erde gemacht, es hieß die Giftkugel des Him¬ mels und schmetterte unaufhörlich nieder. Auf dem hohen Gebürge rief eine Blume mich freundlich hinauf; das Gebürge watete der See dämmend entgegen; aber es rührte nun beinahe an die herüberfliegenden Wel¬ ten und seine großen Feuerblumen waren nur als rothe Knospen in den tiefen Äther gesäet. Das Wasser kochte — der Riese und die Gift¬ kugel wurden grimmiger — zwei lange Wolken standen wie aufgezogne Fallbrücken nieder und auf ihnen rauschte der Regen in Wellen-Sprün¬ gen herab — das Wasser und mein Schiffchen stieg, aber nicht genug. „„Es geht hier (sagte „„der Riese lachend,) kein Wasserfall herauf!““ Da dacht' ich an meinen Tod und nannte leise einen frommen Namen. — — Plötzlich schwamm hoch im Himmel eine weisse Welt un¬ ter einem Schleier her, eine einzige glänzende Thräne sank vom Himmel in das Meer und es braus'te hoch auf — alle Wellen flatterten mit Floßfedern, meinem Schifflein wuchsen breite Flügel, die weiße Welt gieng über mich, und der lange Strom riß sich donnernd mit dem Schiffe auf dem Haupte aus seinem trocknen Bette auf und stand auf der Quelle und im Himmel, und das blumige Gebürge neben ihm — und wehend glitt mein Flügel-Schiff durch grünen Rosen-Schein und durch weiches Tö¬ nen eines langen Blumen-Duftes in ein glän¬ zendes, unabsehliches Morgenland. — — Welch' ein entzücktes, leichtes, weites Eden! Eine helle, freudige Morgensonne ohne Thrä¬ nen der Nacht sah von einem Rosenkranz um¬ schwollen mir entgegen und stieg nicht höher. Hinauf und hinab glänzten die Auen hell von Morgenthau: „„die Freudenthränen der Liebe liegen drunten, (sangen oben die Einsiedler auf den langsam ziehenden Welten,) und wir werden sie auch vergießen,““ Ich flog an das Ufer, wo der Honig blühte, am andern blühte der Wein; und wie ich gieng, folgte mir auf den Wellen hüpfend mein geschmücktes Schiffchen mit breiten als Segel aufgeblähten Blumen nach — ich gieng in hohe Blüthenwälder, wo der Mittag und die Nacht nebeneinander wohnten, und in grüne Thäler voll Blumen- Dämmerungen und auf helle Höhen, wo blaue Tage wohnten, und flog wieder herab ins blü¬ hende Schiff und es floß tief in Wellen-Blitzen über Edelsteine weiter in den Frühling hinein, der Rosensonne zu. Alles zog nach Osten, die Lüfte, und die Wellen und die Schmetterlinge und die Blumen, welche Flügel hatten, und die Welten oben; und ihre Riesen sangen herab: „„wir schauen hinunter, wir ziehen hinunter, ins „„Land der Liebe, ins goldne Land.““ Da erblickt' ich in den Wellen mein Ange¬ sicht und es war ein jungfräuliches voll hoher Entzückung und Liebe. Und der Bach floß mit mir bald durch Waizen-Wälder — bald durch eine kleine duftige Nacht, wodurch man die Sonne hinter leuchtenden Johanniswürmchen sah — bald durch eine Dämmerung, worin ei¬ ne goldne Nachtigal schlug — bald wölbte die Sonne die Freuden-Thränen als Regenbogen auf, und ich schiffte durch, und hinter mir leg¬ ten sie sich wieder als Thau brennend nieder. Ich kam der Sonne näher und sie stand schon im Ähren-Kranz; „„es ist schon Mittag,““ sangen die Einsiedler über mir. Träge, wie Bienen über Honigfluren, schwam¬ men im finstern Blau die Welten gedrängt über dem göttlichen Lande — vom Gebürge bog sich eine Milchstraße herüber, die sich in die Sonne senkte — helle Länder rollten sich auf — Licht¬ harfen, mit Strahlen bezogen, klangen im Feu¬ er — Ein Dreiklang aus drei Donnern erschüt¬ terte das Land, ein klingender Gewitterregen aus Glanz und Thau füllte dämmernd das weite Eden — Er vertropfte wie eine weinende Entzückung — Hirtenlieder flogen durch die reine, blaue Luft und noch einige Rosenwölkchen aus dem Gewitter tanzten nach den Tönen. — Da blickte weich die nahe Morgensonne aus einem blassen Lilienkranze und die Einsiedler sangen oben: „„o Seeligkeit, o Seeligkeit, der Abend „„blüht.““ Es wurde still und dämmernd. An der Sonne hielten die Welten umher still, und um¬ rangen sie mit ihren schönen Riesen, der mensch¬ lichen Gestalt ähnlich aber höher und heiliger; wie auf der Erde die edle Menschengestalt in der finstern Spiegel Kette der Thiere hinab¬ kriecht: so flog sie droben hinauf an reinen, hel¬ len, freien Göttern von Gott gesandt — Die Welten berührten die Sonne und zerflossen auf ihr — auch die Sonne zergieng, um in das Land der Liebe herabzufließen und wur¬ de ein wehender Glanz — Da streckten die schönen Götter und die schönen Göttinnen ge¬ geneinander die Arme aus und berührten sich, vor Liebe bebend; aber wie wogende Sai¬ ten vergiengen sie Freude-zitternd dem Auge und ihr Daseyn wurde nur eine unsichtbare Melodie und es sangen sich die Töne: „„ich bin „„bei Dir und bin bei Gott““ — Und andere sangen: „„Die Sonne war Gott!““ — Da schimmerte das goldne Gefilde von un¬ zähligen Freudenthränen, die unter der unsichtba¬ ren Umarmung niedergefallen waren; die Ewig¬ keit wurde still und die Lüfte ruhten und nur das fortwehende Rosenlicht der aufgelösten Sonne bewegte sanft die nassen Blumen. Ich war allein, blickte umher und das ein¬ same Herz sehnte sich sterbend nach einem Ster¬ ben. Da zog an der Milchstraße die weisse Welt mit dem Schleier langsam herauf — wie ein sanfter Mond schimmerte sie noch ein we¬ nig, dann ließ sie sich vom Himmel nieder auf das heilige Land und zerrann am Boden hin; nur der hohe Schleier blieb — Dann zog sich der Schleier in den Äther zurück und eine erhabene, göttliche Jungfrau, groß wie die andern Göt¬ tinnen, stand auf der Erde und im Himmel; al¬ ler Rosenglanz der wehenden Sonne sammelte sich an ihr und sie brannte, in Abendroth ge¬ kleidet. Alle unsichtbaren Stimmen redeten sie an und fragten: „„wer ist der Vater der Men¬ schen und ihre Mutter und ihr Bruder und ih¬ re Schwester und ihr Geliebter und ihre Ge¬ liebte und ihr Freund?““ Die Jungfrau hob fest das blaue Auge auf und sagte: „„Gott ists!““ — Und darauf blickte sie mich aus dem hohen Glanze zärtlich an und sagte: „„Du kennst mich nicht, Albano, denn Du lebst noch.““ — „„Unbe¬ kannte Jungfrau, (sagt' ich,) ich schaue mit den Schmerzen einer Liebe ohne Maaß in Dein er¬ habenes Angesicht, ich habe Dich gewiß gekannt — nenne Deinen Namen.““ — „„Wenn ich ihn nenne, so erwachst Du““ sagte sie. „„Nenn' ihn,““ rief ich. — Sie antwortete und ich erwachte.“ 100. Zykel . „Du kannst doch eine Nacht wachen und „fahren?“ mit dieser Frage führte ihn der Va¬ ter eilig an den reisefertigen Wagen, um ihn noch mitten im warmen Traume mit den ein¬ gewiegten Erinnerungen zu entführen und um besonders der bleichen Braut vorzufahren, die in dieser Nacht auf demselben Weg in die letzte Erbschaft des Menschen ziehen sollte. „Im Wa¬ gen sollst Du alles hören,“ versetzte Gaspard auf des Sohnes sanfte Frage nach dem Ziel. Noch lichttrunken vom glänzenden Lande der Träume gehorchte Albano willig und blind. Er sah noch Lianen in hoher Göttergestalt auf dem abendrothen von Freuden überthaueten Sonnenboden stehen, und sein Auge voll Glanz reichte nicht herunter in den Erden-Keller auf die abgeworfne enge Puppen-Hülse der be¬ freieten, fliegenden Psyche. Schoppe begleitete ihn an den Fackel-Wa¬ gen, aber verschwiegen, um nicht sein Herz durch eine Nachricht seines Zieles zu wecken; er drückte dem geliebten schönen Jüngling feu¬ rig die wiederdrückende Hand und sagte nichts als: „wir sehen uns wieder, Bruder!“ Darauf trat er, keines abschiednehmenden Blickes vom herrischen Vater gewürdigt, bewegt von seinem warm nachgrüßenden Freunde zurück; und fliegend rollte der Wagen mit zurückwehenden Fackeln in die helle, hohe Sternennacht hinaus. Neu und ernst breitete sich vor dem Gene¬ senen die dämmernde Schöpfung aus. Der Saturn gieng eben auf und der Gott der Zeit reihte sich als ein sanfter blitzender Juwel in den schimmernden Zaubergürtel des Himmels. Mit zugebundnen Augen wurde der unwissende Jüngling von der Senne seiner Jugend herab¬ geführt, und aus dem Hirtenthale seiner ersten Liebe hinweg und den großen, ewigen Stern¬ bildern der Kunst entgegen und in das göttliche Land, wo der dunkle Äther des Himmels gol¬ den und die hohen Ruinen der Erde anmuthig und die Nächte Tage sind. Kein Auge schauete auf die Blumenbühler Höhe hinüber, von der eben jetzt ein schwarzes Wagengefolge langsam mit aufrecht-brennenden Trauerfackeln wie ein ziehendes Schattenreich herunter gieng, um das stille gute Herz, worin Albano und Gott ge¬ lebt, mit seinen todten Wunden an den sanf¬ ten Ort der Ruhe zu führen. Flammend rollte der Fackel-Wagen die Bergstraße nach Italien hinan. Thränenlos und weit ruhte Albano's Auge am schimmernden, unaufhörlich gehenden Schöpf¬ rad der Zeit, das ewig Sternbilder in Morgen einschöpfte und in Westen ausgoß; und seine kindliche Hand faßte leise die väterliche. Ende des dritten Bandes. Gedruckt bei Gottfried Hayn. Druckfehler im dritten Bande des Titan. Seite 75 _ _ v. o. Zeile 5 _ _ st. Seitenglanz l. Saitenglanz — 81 _ _ v. o. Z. 12 _ _ st. nur l. nun — 115 _ _ v. u. Z. 2 _ _ st. niederschlagende l. niederge¬ schlagne — 141_ _ v. u. Z. 7 s _ t. Vesses l. Fesses . — 142 _ _ v. o. Z. 6 _ _ nach Friseur fehlt ¬ — 180 _ _ v. o. Z. 15 _ _ st. umhergeackerten l. umge¬ ackerten. — 182 _ _ v. o. Z. 7 _ _ st. ihm l. ihn — 254 _ _ v. o. Z. 7 _ _ st. Dythiramben l. Dithyramben Seite 257 _ _ v. o. Zeile 2 _ _ vor nach fehlt wenn — 309 _ _ v. o. Z. 11 _ _ nach Dianen fehlt und — 312 _ _ v. o. Z. 1 _ _ st. Schönwäsche l. Phönixasche. — 314 _ _ v. o. Z. 5 _ _ nach unsichtbar fehlt macht — 315 _ _ v. u. Z. 8 _ _ Um die Worte „für ihn gifti¬ ges Raupenhaar“ müssen entwe¬ der Kommata oder Klammern. — 346 _ _ v. u. Z. 3 _ _ st. hundert, Schelme l. hun¬ dert Schelme, — 368 _ _ v. o. Z. 5 _ _ st. Stirn l. Nein — 409 _ _ letzte Z. _ _ st. Assinanz l. Assonanz