Ueber die neuere Deutsche Litteratur . Zwote Sammlung von Fragmenten . Eine Beilage zu den Briefen, die neueste Litteratur betreffend . 1767 . Vorrede. D iese Fragmente sollen nichts min- der, als eine Fortsezzung der Lit- teraturbri efe seyn: man darf al- so uͤber ihren Titel nicht erschrecken. Es sind Beitraͤge, Beilagen zu denselben, nach dem Schluß aller ihrer 24 Theile. Ein Werk von 24 Theilen, das die Litteratur eines ganzen Volkes zu beur- theilen sich uͤbernahm, das in diesem Ur- theile, wie Cato, bey den Großen zu- erst anfing; das die Augen von ganz Deutschland auf sich richtete, und was noch mehr ist, auch bis an sein Ende auf sich erhielt; das den Geschmack bessern wollte, und ihn auch merklich * 2 ge- gebessert hat: ein solches Werk verdient ja nach seiner Vollendung vorzuͤglich ein Denkmal seiner Verdienste. Jch sezze mich also, da ich 24 Baͤn- de durchlaufen bin, auf den lezten Graͤnzstein Der 24. Theil der Briefe, der das Register ist. nieder, der mit Zahlen von Verdiensten, und Bemuͤhungen; hie und da aber auch mit einigen Nullen menschlicher Fehler pranget: hier sitze ich wie Marius auf den Truͤmmern Car- thagos, da er die Schicksale Roms und Phoͤniciens uͤberdachte, oder wie ein alter ehrlicher Markgraf, der uͤber sein Deutsches Vaterland denkt. Jch sehe eine Gesellschaft Reisende, mit unaussprechlichen Namen, mit großen Berichten aus dem Laͤndchen: Deutsche Litteratur! mit Memoirs, die ich gerne in eine Geschichte der Littera- tur verwandelt wissen wollte. Meine Zweifel- Frag- und Erklaͤrungssucht — oder ruͤhmlicher zu reden, meine Pa- triotische Neugierde legt mir Fragen an an sie in den Mund — vielleicht Fra- gen, wie jene eines Deutschen Arabers, die hier und da nicht sollten, und nicht werden beantwortet werden. Jch werfe mich indessen nicht zu ei- nem Richter im Namen des Publikum auf, ein Amt, wozu ich mir nicht Be- ruf genug zutraue. Unpartheiisch koͤnn- te ich seyn, weil ich selbst weder unter ihrem Buchstaben des Lebens A. noch unter dem Zeichen des Todes K. gestan- den: allein das beste fehlt mir: das Milchhaar kann mich nicht mehr begei- stern, ein Daniel fuͤr die Susanne ge- gen abgelebte Hypokritische Richter zu seyn? — Wirklich ein Beruf, der heut zu Tage im Reiche der Litteratur so Canonisch geworden ist, als er uns in der Bibel Apokryphisch duͤnkt. Daher strecke ich meine Fasces, und schleiche zu den Privaturtheilern, um nichts mehr,als meine Stimme, zu ge- ben. Aber warum denn am Ende der Briefe? Es ist immer mißlich, * 3 einen einen beruͤhmten Kunstrichter uͤber ein Volk von Schriftstellern in der Rede zu stoͤren. Wie gieng es jenem Ther- sites, da er dem Koͤnige der Voͤlker ent- gegen redete? Der goͤttliche Ulysses sah ihn grimmig an, und brachte ihn durch die Staͤrke seines Koͤniglichen Scepters und seiner Drohungen zum Stillschwei- gen: „da kruͤmmte er seinen Ruͤcken, „und eine heiße Thraͤne entfloß seinem „Auge; aber von dem goldnen Scepter „entstand eine blutige Strieme auf der „Schulter: niedergeschlagen saß er, „mit feigem Antlitz, und trocknete seine „Thraͤne; aber die Griechen, mitten in „ihrem Mißvergnuͤgen, fingen herzlich „uͤber ihn an zu lachen.„ So schildert Homer Homers Jliade. den Thersites; wer wollte auch nur von weitem sich zum Heer unsrer Thersite in Deutschland gesellen? Aber nach geendigtem Werke ur- theile man; alsdenn tritt der unum- schraͤnkte Diktator selbst vor die Schran- ken als Buͤrger; alsdenn mischt sich der Schau- Schauspieler unter die Zuschauer, und hoͤrt das Urtheil derer am liebsten, die waͤhrend der Rolle weder klatschen noch pfeifen mochten; alsdenn ist das Aegy- ptische Todtenurtheil gerecht, und fuͤr die Wahrheit der Geschichte nuͤzzlich, insonderheit wenn muͤndige Verwand- te leben, die sich vertheidigen koͤnnen; alsdenn kan man fuͤglich zu 24 Theilen Litteraturbriefe einige kleine Beilagen machen. Aber keinen bloßen Auszug! Dieser ist fuͤr die leicht, die aus dem Realre- gister sich ein Collektaneenbuch machen wollen; aber fuͤr mich wirklich schwer, und in der That auch nachtheilig. Justinus spielte den Trogus und Ori- genes den Celsus durch Auszuͤge in den Fluß der Vergessenheit, und unser Deutsches Publikum braucht die Litte- raturbriefe noch recht sehr, so wie sie da sind. Jch will mich blos, nach ihrem Leit- faden, von der Litteratur meines Va- * 4 ter- terlandes unterrichten, und ein Gemaͤl- de derselben in den lezten 6 Jahren, im Schatten entwerfen. Jch weiß, dies Gemaͤlde wird einigen kleinlich, andern dunkel, den uͤbrigen so ungeheuer vor- kommen, als jene Statue der Minerve, die Phidias fuͤr die Hoͤhe des Altars gemacht hatte, dem Atheniensischen Volke unten am Boden vorkam. Jhn wollte man steinigen, und das unerfahr- ne, aber reizende Bild des Alkamenes behielt den Preis, blos weil es ihnen besser in die Augen fiel. Jch sammle die Anmerkungen der Briefe, und erweitere bald ihre Aus- sichten, bald ziehe ich sie zuruͤck, oder lenke sie seitwaͤrts. Jch zerstuͤcke und naͤhe zusammen, um vielleicht das be- wegliche Ganze eines Pantins zu ver- fertigen. Dazu habe ich Freiheit, wie ich glaube: denn wenn die Briefe sich durch das Fruchtland anderer Wege bahnten, so kann ich ja zum Vortheil des Besitzers diesen Weg wieder uͤberpfluͤ- gen. gen. Wenn sie in manche Wuͤsten Stroͤme leiteten, so kann ich ja diese Stroͤme beschiffen. Wenn sie hie und dort im Meere Jnseln entdeckten: so kann ich ja nach dem vesten Lande um- herschauen. Jmmer aber sage ich mit jenem Alten, der uͤber die Litteratur seiner Zeit um Rath gefragt wurde: „Kaum wagte ichs, eine so schwere Fra- „ge zu uͤbernehmen: ob es an unsern „Faͤhigkeiten liege, daß wir nicht koͤn- „nen — oder an unserm Geschmack, daß „wir die Alten nicht erreichen wollen? „Jch wagte es kaum, meine Meinung „zu sagen, wenn ich nicht die Beobach- „tungen der groͤßten Maͤnner unsrer „Zeit blos aus dem Gedaͤchtniß anzu- „fuͤhren haͤtte; fein ausgedachte, und „schoͤn gesagte Gedanken, die ich schon „als Juͤngling von ihnen lernte. De oratorib. dialog. „ Und diesen Schuzzengeln der Littera- tur widme ich auch meine vier Fragmen- te: ein kleiner Lorbeerkranz, der dem Olym- Olympischen Sieger unbemerkt von einem Fremden zufliegt, der sich aus Stolz und Bescheidenheit unter das Volk versteckt. Moͤchte dieser Kranz jener Rose Anakreons gleichen, welcher er sein schoͤnstes Lied Anakr. μελ. 53. geweiht hat. Als das Meer die Goͤttin der Schoͤnheit und Jupiters Haupt die Pallas erzeug- te: rang auch die Erde zu gebaͤren, und es erschien die Rose: Πολυδαιδαλον λοχευμα. Μακαρων Θεων δ’ ομιλος, Ροδον ως γενοιτο, νεκταρ Επιτεγξας, ανετειλεν Αγερωχον εξ ακανϑης Φυτον αμβροτον Λυαιου. Jnhalt Jnhalt der zweiten Sammlung. I. Vorlaͤufiger Discours: von dem Ursprunge der Kunstrichter, und den Gesichtspunkten, in denen er erscheint: Pruͤfung der Litteraturbriefe hier- nach S. 183 II. Einleitung in die Fragmente: uͤber die Mittel zur Erweckung der Genies in Deutschland. 200 III. Vergleichung unsrer Orientalischen Dichtkunst mit ihren Originalen; 1. in der schoͤnen Natur, die beide schildern: Ur- theil uͤber die Juͤdischen Schaͤfergedichte. 207 2. in der Vaterlandsgeschichte der Morgenlaͤnder: Von einigen Dankpsalmen. 212 3. in ihren Nationalmythologien: Von dem Ge- brauch Orient. Machinen und Fiktionen. 215 4. in dem Geiste ihrer Religion: Von christlichen Liedern in Orient. Geschmack. 223 5. in ihrer ganzen Poetischen Sphaͤre. 229 6. Sprache und Poetischem Sinne. Von der Nach- ahmung der Choͤre, und Bilder. 231 7. daher die elende Nachahmungen widerrathen, und Erklaͤrungen zuerst angerathen werden. 236 Gespraͤch zwischen einem Rabbi und Christen uͤber Klopstocks Meßias. 243 IIII. Von der Griechischen Litteratur in Deutsch- land. A. Wie weit wir die Griechischen Dichter kennen! Plan aus ihnen eine Aesthetik zu sammlen: Vorschlaͤge zur Uebersezzung Homers: Ein Ur- theil des Geschmacks uͤber Steinbruͤchels Ue- bersezzungen: Entwurf zu einer Winkelmanni- schen Geschichte der Griechischen Poesie: 258 B. Wie weit haben wir sie nachgebildet? 1. Klopstock mit Homer verglichen: war Ho- mer so unbekannt unter den Griechen, als K. unter den Deutschen? Hat Wieland oder sein Gegner bei καλος κ’ αγαϑος Recht? 276 2. Pin- 2. Pindar und der Dithyrambist: Ueber daß Urtheil der Litteraturbriefe von den Dithyram- ben: Hypothese von dem Antiken Geist der Di- thyramben: Pruͤfung der neuern Gedichte dieses Namens: Ein Trinklied daruͤber. S. 298 3. Anakreon und Gleim: Ein Liedchen an Ana- kreons Taube 338 4. Tyrtaͤus und der Grenadier: er ist mehr als Tyrtaͤus 345 5. Theokrit und Geßner: Von der beliebten Unterscheidung zwischen Ekloge und Jdylle. Hat Theokrit ein hoͤchstverschoͤnertes Jdeal? Großer Unterschied zwischen Theokrit und Geßner. 349 6. Alciphron und Gerstenberg. 369 7. Sappho und Karschin: zwo Antipoden: Ob Sappho und Corinna wegen ihrer Buh- lerei verloren gegangen? ein Urtheil der Litte- raturbriefe 370 Nachschrift an Leser, Schriftsteller und Kunstrich- ter 378 Ueber Ueber die neuere deutsche Litteratur. Zweite Sammlung . N Vorlaͤufiger Discours. (Von dem Ursprunge, und den Gesichtspunkten, in denen der Kunstrichter erscheinet: Pruͤfung der Litteraturbriefe hiernach.) D er erste Kunstrichter, war nichts mehr, als ein Leser von Empfindung, und Geschmack. Er weidete sich an den Schoͤn- heiten und den Erfindungen seiner Vorgaͤn- ger, den Bienen aͤhnlich, die den Saft und das Blut der Blumen trinken, ohne doch wie die Raupen, und Heuschrecken, kunst- richterische Gerippe der Pflanzen zuruͤckzulas- sen. Er war jenem unschuldigen Paare gleich, dem sich im Garten des Vergnuͤgens jede Frucht des Schoͤnen und Guten darbot, ehe es vom Philosophischen Erkaͤnntnißbaum ge- nascht hatte. Es hat in der Litteratur auch ein Alter gegeben, da die Weisheit noch nicht Wissenschaft, und Schriftstellerei; die Wahr- heiten noch nicht Systeme; die Erfahrungen noch nicht Versuche waren: statt zu lernen, was andre gedacht, erhob man sich selbst zum N 2 Den- Denken — vielleicht verdient dies auch den Namen eines goldenen Zeitalters. Ein andrer dachte dem Gefallen und dem Eindruck nach, den Schoͤnheit und Wahr- heit auf ihn machte; und fing an die Wahr- heit seines Schriftstellers in den Leib ihrer Mutter, Erfahrung, und die Schoͤnheit in die Lenden ihres Vaters, des Vergnuͤgens, und Gefuͤhls zuruͤckzuleiten. Vielleicht fuͤhl- te er sich selbst zu unfruchtbar, um Vater zu seyn, daß er also wie die Tuͤrkische Verschnit- tene ein Kenner und Beobachter der feinen Reize zu werden suchte, die jezt blos fuͤr sein Auge, nicht fuͤr den Genuß waren. So ward aus dem Mann von Gefuͤhl ein Phi- losoph. Der Philosoph hatte bald das Ungluͤck, Werke zu sehen, die die Erstgeburt ihrer Ori- ginale nicht erreichten; er muste also auf die Ursachen dieser Unfruchtbarkeit denken. Bald das noch groͤßere Ungluͤck, voͤllig schlechte Werke zu sehen; und jezt fieng er an, die Vorzuͤge der ersten auf diese anzuwenden: er pruͤfte, lehrte und besserte. Das war der eigentliche Kunstrichter. Jst es nicht bei- beinahe wahr, daß er so entstanden ist, als sich nach der aͤltesten und neuesten Philosophie das Lebendige gebiert, aus einer gaͤhrenden Fettigkeit: es sei diese der Nilschlamm, oder Chaldaͤens rothe Erde, das Chaos des Epi- kurs, oder Needhams faulender Tropfen. Das bleibt noch immer ein Plan fuͤrs Den- ken: „wie aus dem, der bisher blos empfand, „ein Denker; und aus dem Genie ein Wei- „ser wurde? wie weit jedes von diesen dem „andern entgegen gesezt sey, und wie weit „diese sich einander schwaͤchenden Kraͤfte zu- „sammen kommen muͤssen, um die Tempe- „ratur des Virtuosen auszumachen? wie „aus der Natur Kunst, aus der Kunst Kuͤn- „stelei, und aus dieser wieder Barbarey hat „entstehen koͤnnen?„ Die allgemeinen Phi- losophischen Beobachtungen hieruͤber wuͤrden ein Maͤrchen von Kritischen Troglodyten, nach Art des Montesquieu hervorbringen, und dies Maͤrchen koͤnnte man denn in Ge- schichte verwandeln und aus Voͤlkern und Sprachen bestaͤtigen. Nun erscheint der eigentliche Kunstrich- ter — in welchem Gesichtspunkt? Gegen N 3 Le- Leser, gegen Schriftsteller, und gegen das ganze Reich der Litteratur uͤberhaupt. Dem Leser erst Diener, denn Vertrauter, denn Arzt. Dem Schriftsteller erst Diener, denn Freund, denn Richter; und der ganzen Litteratur entweder als Schmelzer, oder als Handlanger, oder als Baumeister selbst. Dem Leser sezzet er die Speisen in ihrer Luͤsternheit und Anmuth vor, und sucht durch seinen eigenen Appetit ihren Geschmack zu erregen: dies sind die Auszuͤge, die gemei- nen Tagebuͤcher. Der Leser ist schwach im Verdauen; er gibt ihm Wein zur Staͤrkung; er hat einen verdorbnen Geschmack; daher braucht er jezt ordentliche Cur. Dies sind die Kritischen Anmerkungen, die dem Leser Gesichtspunkte (im Lesen darlegen, die ihm) Erlaͤuterungen, Pruͤfungen, Anwendungen darlegen — und dieses Talent gehoͤrt immer nothwendig zum wahren Kritischen Geist. Du schreibst, als wenn du fuͤr dich schriebest: nein! Kunstrichter! du schreibst fuͤr Leser: diese nie aus den Augen zu lassen, dich nach ihren Schwaͤchen, nicht aber Fehlern zu be- quemen, dich nach der Verschiedenheit ihrer Få- hig- higkeit, Lust und Absicht zu richten; die Stum- men sprechen, die Blinden sehen, und die Tauben verstehen zu lehren; die Seuche eines falschen Geschmacks mit Gegengift zu heilen, oder ihr zuvorzukommen; kurz! Leute von rich- tigem Gefuͤhl, von Einsicht, von Geschmack zu bilden — das ist dein großer Zweck. Dem Schriftsteller, was soll der Kunst- richter seyn? Sein Diener, sein Freund, sein unpartheiischer Richter! Suche ihn kennen zu lernen, und als deinen Herrn auszustudi- ren; nicht aber dein eigner Herr seyn zu wol- len. Litt. Br. Th. 17. p. 107. „Unser Geist nimmt oft eine gewisse „Unbiegsamkeit an, die uns hindert, in die „Gedanken andrer uns gleichsam hineinden- „ken zu wollen, und folglich sehr oft die unsere „dadurch zu verbessern. Man bemerkt die- „ses nicht an sich selbst, wenn man einen an- „dern uͤber eine Materie lieset, uͤber die man „selbst noch nicht gedacht hat. Jst aber dies „leztere geschehen: so faͤngt die Steifigkeit „an, sich zu zeigen, die vermuthlich aus eben „dieser Ursache, auch außer andern, bei alten N 4 „Leu- „Leuten haͤufiger angetroffen wird, als bei „jungen. Es gehoͤrt entweder eine besondre „Gabe des Himmels, oder eine anhaltende „Kreuzigung des Fleisches dazu, um weich „und beugsam gnug zu bleiben, und wenn vol- „lends der, welcher Buͤcher lieset, um sie zu be- „urtheilen, unverdorben bleibt: so hat er ge- „wiß eben so viel Lob verdient, als der heil. „Aldhelmus, der sich nackt und blos zu jun- „gen Maͤdchen ins Bette legte, und doch der „Empoͤrung der Sinne siegreich widerstand.„ Es ist schwer, aber billig, daß der Kunstrich- ter sich in den Gedankenkreis seines Schrift- stellers versezze, und aus seinem Geist lese; allein wie wenige Schriftsteller haben den Stab des Popilius, um uns in diesen Kreis einzuschließen. — Jst der Verfasser von der Art, daß wir ihm nachdenken muͤssen; so vergißt der Kritikus immer, daß er mit dem Griffel in der Hand lieset; laͤßt er uns aber die Freiheit, mit ihm zur Seite zu den- ken; so fuͤhlt der Kunstrichter, er habe einer- lei Polhoͤhe; und wird also sein Rathgeber und Beurtheiler. Wenn endlich, wie in den meisten Deutschen Buͤchern, die Vorreden Ent- Entschuldigungen und demuͤthige Komplimente enthalten; so wird der Kritikus Richter und Gesezgeber. Er darf nicht den Autor einho- len; mit ihm in einer R eih e gehen, will er nicht; er geht also zuv or und commandiret. Endlich hat der Kunstrichter eine Bezie- hung auf das Reich der Wissenschaften, als Mitbuͤrger. Gemeiniglich hat er schon als Schriftsteller gelesen, und zeichnet bei den Re- censtonen die Schattenlaͤnge seiner unterge- henden Autorschaft. Oft reißet er nieder, um die Aussicht zu verbessern; oft springt er, wie Remus uͤber die Mauer seines Bruders, um seine Eifersucht zu verewigen: oft laͤuft er mit ihm in die Wette, um zuerst vom Ziele den Kranz zu erwischen; oft wuͤhlet er in Truͤmmern verfallner und hingeworfner Arbeit, um selbst einen Tempel zu errichten: und kann er diesen Bau zu Ende bringen und mit dem Kranze eines vollkommenen Systems, so wird er auf Rechnung vieler das Orakel. Nicht Kolom, der hier eine Jnsel und dort eine erfand, sondern der ans veste Land trat, gab der neuen Welt seinen Namen. N 5 Ein Ein Kritisches Werk, das in allen diesen drei Absichten groß bliebe: was waͤre das fuͤr ein Schazz einer Nation! Die reichste Abwechselung statt der gewoͤhnlichen Kriti- schen Monotonie m uͤs te entstehen, wenn der Kunstrichter allen diesen Gesichtspunkten auf- lauerte; bald Leser von verdorbnem Ge- schmack, bald solche, die nicht zu lesen wis- sen, erwischte und sie zu denen fuͤhrte, die mit ihm lesen; wenn er nicht als Despot, sondern als Freund und Gehuͤlfe des Verfas- sers lieset, mit ihm, oder ihm nach, oder ihm vordenket, und alles mit der Sorgfalt lieset, als wenn er es selbst schriebe. — Jch glaube, es ist Shaftesburi in einer seiner leider! noch unuͤbersezten Abhandlungen, der von sich schreibt, daß ihm bestaͤndig ein Freund, oder ein Bild der Einbildungskraft vor Augen schweben, und ihn als Muse be- geistern muͤsse — Diese Dulcinea hat ein Kunstrichter mehr als irgend jemand noͤthig. Aber es schleicht dem Kritikus ein Gauk- ler nach, der seinen Charakter parodirt: er gibt uns, an statt ein Buch bis auf Herz und Nieren zu zergliedern, kruͤppelhafte und todte Ge- Gerippe von Auszuͤgen: statt ein Pygmalion seines Autors zu werden, schlaͤgt er ihm, wie Claudius den Statuen Roms, das Haupt ab, und sezzt das seinige darauf: als ein zweiter Pluto bewacht er altes angeerbtes Geraͤth, und ehrwuͤrdigen Auskehricht der Litteratur: er eifert in den petites maisons der Gelehr- samkeit gegen elende Uebersezzer: die Brille eines Compendiums oder das Fernglas eines Systems in der Hand, naͤhert er jezt diese Wahrheit, jezt entfernt er jene, um das Schat- tenspiel seiner Lieblingsbegriffe nur bestaͤndig zu erblicken; und eben dies ist ein Kunstrich- ter n ach dem gewoͤhnlichen Geschmack: er wird seinen Lesern so unentbehrlich, als die Zeichen und Wetterprophezeiungen im Kalen- der den Tagewaͤhlerinnen sind: er wird gele- sen, gelobt und vergessen: seine Ephemeriden, gleich den Jnsekten dieses Namens, haben ei- ne Woche, einen Monat, eine Messe, ein Jahr zu ihrem Lebenslauf. Leser! mit dem ich jezt spreche, folge diesen Winken, die nicht Einfaͤlle sondern oft und leider! bei den besten Werken gemachte Beob- achtungen sind. Jch lasse dich los, um die viele viele Deutsche Journaͤle, die die Modekrankheit unsrer Zeit sind, in diesen Aussichten zu betrach- ten, und wie du es fuͤr gut findest, in der Stille zu ordnen. Jn der Stille! denn alle unsre Kritici sind Richter; jedes Journal reimt sich mit Tribunal: hierinn ist die Deut- sche Litteratur ihrem Vaterlande aͤhnlich; viele Fuͤrsten und kein gebietender Oberherr! Man muß also noch so lange in der Stille ur- theilen, bis man die Kunstrichter auch als Schriftsteller ansehen lernt. — — Jch re- de von den Litteraturbriefen, und thue mir darauf zu gut, daß ich von ihnen als von Mustern meistens reden kann! „Beinahe ein Gemaͤlde der Deutschen Lit- „teratur in den lezten fuͤnf Jahren!„ s. Schluß der Litt. Br. Bei- nahe! nur was lohnt es mir omissa anzu- bringen. Haͤtten sich die Berfasser weniger durch Streitigkeiten hinreißen lassen; haͤtten sie es nicht oͤfters vergessen, daß sie mit dem Publikum spraͤchen: so waͤre dies Gemaͤlde voll- vollstaͤndiger und gleichmaͤßiger in seinen Thei- len gerathen. Und uͤberhaupt hat sich im ganzen Werk der Geist zu sehr geaͤndert. Jm Anfange Nachrichten an einen kranken Offi- cier — Zuͤchtigungen der Uebersezzer — Urtheile uͤber die vornehmsten Deutschen Schriftsteller, die in Positur standen — Jezt Aussichten uͤber verschiedne Felder der Littera- tur — endlich Diktatorische Urtheile: — — amphora co e pit Institui, currente rota cur vrceus exit. Feurig stieß Fll. an; der Philosophische D. griff ins Rad, um es im Schwunge zu maͤßigen; der Planenvolle B. brachte es nach einigem Stocken hin und wieder aufs neue in den Lauf; bis es, wie es mir vorkommt, in den drei lezten Theilen schon ablaufen will. Das Urtheil geraͤth ost einseitig; Schreib- art faͤllt oft nachlaͤßig zu Boden; der Ton verliert bisweilen Anstand und Staͤrke — die lezte Wallungen eines Lichts, das erloͤ- schen will. „Vorzuͤglich Kunstrichter fuͤr die Schrift- „steller!„ Litt. Br. Th. 1. p. 92. Und nach welchen Gesezzen? Die Die beste Art, einen Autor zu beurtheilen, ist sein eigner Plan: dieser ist zu pruͤfen, zu bes- sern und auszumalen. Diese Arbeit cha- rakterisirt und bildet Genies; schwer und nuͤtzlich zugleich! So beurtheilten die Littera- turbriefe Suͤßmilchs Ordnung, Haugens Zustand von Schwaben; Meiers Gedan- ken uͤber die gelehrte Sprache u. s. w. Pruͤft man blos den Plan allgemein, und sagt seine Gedanken druͤber, ohne den V. nach seinem Plan zu pruͤfen: so thut man weder dem Ehrgeiz, noch der Demuth desselben Gnuͤge. Man haͤlt ihn zu sehr fuͤr Kind, wenn man sein Ganzes verwirft, und zu we- nig fuͤr Kind, wenn man sein Probstuͤck nicht ansehen will: corrige sodes! hieß es bei den Schulhandlungen, und Dithyramben. Bei mittelmaͤßigen V. deren freilich die meiste sind, verstehe man die Kunst, die So- krat bei Heraklits Schriften anwandte: ein Taͤucher zu seyn, um Perlen heraufzuholen. So machten es die Litteraturbriefe nach Ros- kommons Rathe, bei dem Sonderling, den Zerstreuungen und andern sehr mittelmaͤßi- gen gen Schriften; bei schlechten haͤtten sie es mehr thun sollen und koͤnnen. Die entgegen gesezte Straße ist, Stellen herausnehmen, um an ihnen zum Ritter zu werden: Oerter zu suchen, wo man seine Lieblingsgedanken ausschuͤttet. Dies unter- haͤlt; aber oft auf Kosten des Autors. War- um gab aber der Nordische Aufseher z. E. Bloͤßen, wo man ihn angreifen konnte? So wird der Vertheidiger, aber nicht der Angeta- stete, fragen. Man muß mehr Kunstrichter uͤber Fehler, als Schoͤnheiten seyn! insonderheit Schrift- steller auszubilden. So lange man nicht Werke liefert, bei denen es selbst schwer war, zwei Fehler zu erwischen, bei denen wenigstens die Schoͤnheiten uͤberwiegend sind, bei denen kein falscher Geschmack zu merken oder zu fuͤrchten ist: so kann der Kunstrichter immer sich die leichtere Arbeit waͤhlen, Fehler zu be- merken: eine Arbeit, die ihm uͤberdem Wuͤr- de gibt. — Und das selbst bei guten Ver- fassern! Wo viele Schoͤnheiten sind, muß ich auch die kleinsten Fehler ruͤgen: die Schoͤn- heiten findet das Genie selbst, und der Kunst- rich- richter entfaltet nur die feinsten, die dem Au- ge selbst des Genies entwischen koͤnnten; die Fehler muß man auch an Cramers ruͤgen, wenn nicht ihrer, doch der Basedows Litt. Br. Th. 5. p. 289. we- gen; damit wer nicht Genie ist, gewarnt werde: Ne sumat maculas, quas aut incuria fudit Aut humana parum cauit natura — — Je mehr der Kritikus sich vertheidigen muß, desto minder wird seine Gerechtigkeit unwidersprechlich. Der alte Syrus hat wohl nicht Unrecht: „Lobe die Freunde oͤf- „fentlich und tadle sie insgeheim!„ man gab dies auch den Litteraturbriefen Schuld; aber wie? wenn ihre Freunde wirklich den Koͤnigl. Mittelweg zwischen Schweizern und Gottschedianern gegangen waͤren? — Und denn! haben sie nicht bloße Nachahmer und knechtische Anbeter eben aus Liebe recht merk- lich gezuͤchtigt? Und wer wird bei der Wahrheit Frei- heit tadeln? Eine Freiheit, bald im Engli- schen; bald im Franzoͤsischen Geschmack? We- Wenigstens sticht sie doch immer in den Litte- raturbriefen vom Magisterton Akademischer Zeitungen Th. 6. p. 241. ab, und es laͤßt dem Kunstrichter so ansehnlich, wenn er uns daran erinnert, als wenn die alten Koͤnige bei Scepter und Bart schwuren. — Allein wenn die Kri- tik, Wieland den Menschen Th. 1. p. 35. beurtheilt, ich meine nicht, Wieland den Schriftstel- ler, (so wie man diesem Manne in mehrern Journaͤlen in Absicht der Metamorphose sei- ner Denkart zu nahe getreten ist:) wenn sie einige Schriftsteller nicht blos zu Boden wirft, sondern auch wie Achilles den Hektor im Staube schleifet, wie vielleicht Dusch, Pauli, Lindner, Trescho und der Verfas- ser der Lyrischen und Epischen Gedichte sich beklagen koͤnnten: so muß man beinahe an das Wort Deutsch, oder an die Titelvignette denken — wie sehr wird aber ein Schul- meister nicht betreten, wenn sein Homer sich manchmal vergißt und schnarcht! Frei- O Freilich richtet sich die Echo nach der Stimme, die sie aufrief; und das Kriegs- recht erlaubet — „aber die Antwort des „ Plato an den baͤurischen Xenokrates hat „immer mehr Wuͤrde: bringe den Gratien ein „Opfer!„ Doch „wenn der Verfasser der „Anmerkungen zum Gebrauche Deut- „scher Kunstrichter Th. 13. und 18. mich nicht so versteht, „wie Xenokrates den Plato?„ — Wohl! so hoͤrt und verstehet ihn auch nicht das Attische Publikum, und wer wird sich unter Boͤotier mischen? Hi modo quid tentent dicere, furfur erit! Ueberhaupt schlechten Schmierern von Nachtgedanken, Schilderungen, hoͤhern Weltweisheiten ꝛc. ihre Fehler weit- laͤuftig sagen, ist ihnen unnuͤtz, und Lesern verdrießlich: man lege den heiligen Fluch der Muse auf sie: Tu cuncta invita dicas faciasue Minerua! Was Jsokrates sich zum Muster nahm: „stumpfes Eisen zu wezzen!„ das ist auch der Zweck Zweck der Kunstrichter gegen Schriftsteller, und das Verdienst der Litteraturbr. Haben sie nicht das Fuͤllhorn der Gratie ganz ausgeschuͤttet: vnde parentur opes; so haben sie doch Blu- men gestreuet um den Altar der Goͤttin Litte- ratur — falls nicht schlechte Schriftstellet in gute umschaffen koͤnnen; doch die elenden etwas zur Furcht und Behutsamkeit gebracht. Die Quelle des guten Geschmacks ist geoͤfnet: man komme und trinke! O 2 Ein- Einleitung . S eitdem der Nationalstolz einer gewissen, Schule in Deutschland sich etwas ge- beuget hat: „unser Deutschland doͤrfe kei- „nem Volk, es sey alt oder neu, wenn es nur „Undeutsch ist, an Werken der Einbildungs- „kraft etwas nachgeben„ — seitdem die Nach- ahmungssucht einer andern Sekte auch etwas kalt geworden: man muͤsse, was nur Orien- talisch, Griechisch und Brittisch hieße, durch rauhe Kopien auf Halbdeutschen Boden ver- pflanzen; seitdem Kunstrichter, durch bei- de Abwege gewarnt, die Mittelstraße waͤhl- ten, und auf den Truͤmmern Gottschedischer Originalwerke und Schweizerischer Nachah- mungen, die Deutsche Litteratur uͤbersahen: seit der Zeit ist keine Klage lauter, und haͤu- figer, Litt. Br. Th. 1-24. als uͤber den Mangel von Origina- len, von Genies, von Erfindern — Be- schwerden uͤber die Nachahmungs- und gedan- kenlose Schreibsucht der Deutschen. Die Litteraturbriefe unterschieden sich gleich vom Anfange durch den eifernden Ton hier- hieruͤber; man konnte es merken, daß sie uͤber jedes Feld der Deutschen Litteratur ihre Aussichten ausbreiten wollten; und da schon das Cirkelrad von Fehlern beinahe herumge- trieben war: da Schweizer und Gottschedia- ner einander moͤglichst widerstanden, und gleichsam durch ihre gegenseitige Kraͤfte, die in einander wirkten, eine gewisse ruhige Denkart hervorbringen musten: so foderte es die Zeit, daß Kunstrichter, die beider Par- theien Ausschweifung sahen, eine mittlere Schwaͤche inne werden musten: und auf diesen Zeitpunkt trafen die Briefe. Bloßer Tadel macht kleinmuͤthig; bestaͤn- dige Klagen endlich verdrossen, und ewige Vorschriften matt und gezwungen: kommt es nun noch dazu, daß der Tadel nicht immer gruͤndlich, die Klagen wiederholt, und die Vorschriften zu einschraͤnkend sind: so sieht man den Schulmeister, der nach der bekannten Fabel, dem Kinde im Wasser eine Strafpre- digt haͤlt, den Philosophen dem Hungrigen vor- predigen: sey nicht hungrig! und den Arzt dem Kranken zurufen: sey gesund! O 3 Um Um also mehr zu thun, als zu klagen: kann man dreierlei versuchen. Zuerst als Weltweiser, das Genie, und Original- geist, und Erfindung zergliedern, seine Jn- gredienzien aufloͤsen und bis auf den feinsten Grund zu dringen suchen. Jch wuͤnsche unsrer Zeit zu diesen feinen Untersuchungen Gluͤck; sie sind ein neuer Begrif unserer Weltweisheit: sie sind von großem Nuzzen in der Geisterlehre, und es ist ein Vergnuͤgen, viele Deutsche gemeinschaftlich in einerlei Goldader, aber an verschiednen Oertern gra- ben zu sehen. Sulzers Litt. Br. Th. 6. und 22. Abhandlung in den Schriften der Berlinschen Akademie: die Untersuchungen zweier Ungenannten in der Sammlung vermischter Schriften, und in den Breslauer Sammlungen wetteifern, um diesen Begrif ins Licht der Sonne zu stellen. Allein zur Erweckung der Genies traͤgt dies Zergliedern nichts bei: bei aller Muͤhe bleibt die viuida vis animi so unangetastet, als der rector Archaeus bei den Scheide- kuͤnst- kuͤnstlern: Erde und Wasser bleibt ihnen; die Flamme verflog, und der Geist blieb un- sichtbar; allen ihren Chymischen Zusammen- sezzungen koͤnnen sie nach dem, was sie bei der Scheidekunst gewahr wurden, zwar Farbe, Geruch und Geschmack, nie aber die Kraft der Natur geben. Je mehr Seelenkraͤfte der Weltweise herzaͤhlet, die zum Genie gehoͤren; je mehr Jngredienzien er in diesem Salboͤl der Geister antrift, je mehr kann ich zweiflen, ob mir nicht eine davon entging: und niemand war groß, der an seiner Groͤße zweifelte, und jemand hoͤher, als sich, schaͤzzte. Je feiner die Regeln sind, die du aus der Natur des Genies herleitest: desto furchtsamer wird der Bersuch, der sich endlich nichts hoͤhers vorsezzt, als Fehlerlos zu seyn. Jener Baumeister im Plutarch, fagte hinter den praͤchtigen Entwuͤrfen seines Vor- gaͤngers: alles, was er gesagt hat, will ich thun! — Und der kann zuerst ein Mei- ster in Jsrael werden, der andern vorarbei- tet: die armen Stuͤmper, quibus peiore ex luto finxit praecordia Titan, werden ihm gern nachfolgen. Woher gluͤhet uns bel O 4 der der Youngischen Schrift uͤber die Origi- nale, ein gewisses Feuer an, das wir bei blos gruͤndlichen Untersuchungen nicht spuͤren? Weil der Youngische Geist drinn herrscht, der aus seinem Herzen gleichsam ins Herz; aus dem Genie in das Genie spricht; der wie der Elektrische Funke sich mittheilt. Man kann sagen, daß hiezu mehr Beob- achtung, und zu dem ersten mehr Spekulation erfodert wird: bei dieser schraͤnket man sich mehr ein, bei der Beobachtung breitet man sich mehr aus. Jst man selbst Genie, so kann man durch Proben die meiste Aufmunterung geben, und den schlafenden Funken tief aus der Asche herausholen, wo ihn der andre nicht sucht. Man wird auch eher auf die Hindernisse dringen, di e das Genie und den Erfindungsgeist aufhalten, weil man sie aus eigner Erfahrung kennet. Und endlich wird man den Thoren am besten die Originalsucht ausreden koͤnnen: wenn man mit der großen Stimme des Beispiels sie zuruͤckscheucht. Durch feine Spekulationen ist nie der Geist einer Nation geaͤndert: aber durch große Bei- Beispiele allemal; und neben dieser Hoheit, ein Muster werden zu koͤnnen, braucht man blos ein gutes Auge, andre zu sehen, und einen guten Willen, sich mittheilen zu wollen. Weil es aber gefaͤhrlich ist, als ein zwei- ter Prometheus, den Elektrischen Funken vom Himmel selbst zu holen; weil es schwerer ist, Kuͤnstler, als ein Sophist uͤber die Kunst zu seyn; weil das Kunstrichteransehen immer Verminderung befuͤrchtet, wenn es sich selbst der Beurtheilung unterziehen soll: so ist der Mittelweg die gewoͤhnliche Straße: man be- trachtet die Werke der Andern, um durch sie aufzumuntern. Und dies ist die drit- te und uͤblichste Art, zu der ein gutes Auge zu sehen und zu vergleichen, Aehnlichkeit und Unterschied zu bemerken, und ein guter Ver- stand gehoͤrt, rathen zu koͤnnen. Jch will also die Deutschen Nachahmun- gen mit ihren Originalen vergleichen; ihren Werth gegen einander abwaͤgen, und fragen: warum Apoll den Deutschen noch immer sa- gen kann, was er dort durchs Orakel den O 5 Aegi- Aegiaͤern sagte: υμεις Αιγυιες, ουτε τριτοι, ουτε τεταρτοι. Jch selbst bin zwar nicht ein Vertrauter des Apollo; allein Homer fuͤhrt den Achill dort redend ein: „Wohlan! „laßt uns einen Wahrsager, oder Priester, „oder Traumdeuter fragen: warum Phoͤbus „Apollo auf uns so sehr zuͤrne? denn wahr- „lich, auch der Traum kommt vom Jupiter!„ — Kalchas sagte die Wahrheit, und fand folglich den Widerspruch, auf den er sich ge- faßt machte. Agamemnon hieß ihn einen Wahrsager des Ungluͤcks; aber Luͤgenprophet getraute sich selbst Agamemnon nicht zu sagen. Jliade B. 1. V. 64. ꝛc. Von Von den Deutsch - Orientalischen Dichtern. 1. E in Theil unsrer besten Gedichte ist halb Morgenlaͤndisch: ihr Muster ist die schoͤne Natur des Orients: sie borgen den Mor- genlaͤndern Sitten und Geschmack ab — und so werden sie Originale. Wenn nicht neue; so liefern sie doch wenigstens fremde Bilder, Gesinnungen und Erdichtungen. Darf man sie pruͤfen? Es ist mißlich; denn wie oft vermengt man aus Dummheit oder Bosheit, das, was man an Dichtern tadelt, mit dem, was man in andern Gesichtspunkten gern annehmen will: das, was wir nachah- men, mit demjenigen, was wir glauben. Jndeß wage ichs; und kann es wagen, da insonderheit ein großer Mann in Deutschland, der Morgenlaͤndische Philologie und dichte- rischen Geschmack genug besitzt, um hievon zu urtheilen, in einigen Stuͤcken oͤffentlich Bahn gebrochen hat. Koͤ n - Koͤnnen wir die Morgenlaͤnder nachahmen? Koͤnnen wir ihnen in der Dichtkunst gleich- kommen? So frage ich, und leite blos den Leser auf Wege, die er selbst fortsezzen, oder nach Belieben vorbeigehen kann. Die schoͤne Natur des Orients ist nicht voͤllig die unsrige. Wenn David von den brausenden Tiefen des Jordans nahe an sei- nen Ufern ein Trauerlied singet: so wird so ein karakteristisches Ganze draus, als Michae- lis im 42sten Psalm zeiget. Wenn die bibli- schen Dichter von den Schneeguͤssen des Li- banon; vom Thau des Hermon; von den Eichen Basans; vom praͤchtigen Libanon, und angenehmen Carmel reden; so geben sie Bilder, die ihnen die Natur selbst vorgelegt hat: wenn unsre Dichter ihnen diese Bilder entwenden, so zeichnen sie nicht unsre Natur, sondern reden ihren Originalen einige Worte nach, die wir kaum nur halb verstehen. Das vortrefliche Buch Hiob! woher nimmt es alle seine Schaͤzze der Schoͤnheit? Aus inlaͤndischen, aus Egyptischen Bildern, Er- dichtungen und Gegenstaͤnden! Nun sage man, wie einer unsrer Dichter, der Egy- pten pten oft nicht einmal aus Reisebeschreibungen kennt, vom Leviathan und Behemoth singen darf? Wie manches Lob Gottes in Deutschen Gedichten koͤnnte ich anfuͤhren, wo die groͤßten Bilder so uͤbel zusammenge- sezt sind, das ein praͤchtiges, neues, unge- woͤhnliches — Unding herauskommt: o uͤber- ließen doch unsre Dichter dergleichen einigen Kanzelrednern, die es sehr gut zu brauchen wissen. Und wenn wir diese Bilder auch endlich verstehen — erklaͤren, und aus den lebhaf- testen historischen und geographischen Be- schreibungen ihre Schoͤnheiten ganz fuͤhlen lernen; nie haben diese historische Beschrei- bungen, Auslegungen, Erklaͤrungen so viel Eindruck in uns, als die sinnliche Gegen- wart dieser Oerter; nie das Leben der An- schauung, als wenn wir sie selbst saͤhen; als wenn unsere Seele durchs Auge brennende Pfeile empfaͤnde, als wenn uns die Muse wirklich ergriffe und weckte; als wenn wir μουσοληπτοι oder μουσοπατακτοι wuͤrden; und so waren es die Poeten des Orients: „Jch bin der Nede so voll, daß mich der „Othem „Othem in meinem Bauch aͤngstiget: ich muß „reden, daß ich Othem hole: ich muß meine „Lippen aufthun und antworten!„ So muß es jeder großer Dichter seyn: — — — Poscere fata Tempus erit. Deus! ecce Deus! Nie ist die gesunde Einbildungskraft so lebhaft, als die Erfahrung, und die ideale Gegenwart der sinnlichen gleich. Der Verfasser der Juͤdischen Schaͤfer- gedichte, dem sonst Anlage zur Dichtkunst nicht fehlt, hat meine Warnung durch seinen ungluͤcklichen Flug bestaͤtigt. Diese sowohl, als seine Schilderungen beruͤhmter Ge- genden des Alterthums, haben lange nicht die Gewalt, uns in diese Gegenden zu versezzen: seine Einbildungskraft kaͤmpft, um — lauter alte Zuͤge zu wiederholen, Norden nach Orient zu verpflanzen; alles, was er gesehen und ge- lesen, aufzubieten; alle vier Welttheile zu vereinigen, um — etwas Unbestimmtes, und Schlechtes zu liefern. Seine Einbildungs- kraft und seine Sprache — alles sichert ihn vor dem Verdachte, beschnitten zu seyn: er verlaͤßt sein Land, um in der Fremde zu bet- teln. teln. Die Poetischen Gemaͤlde aus der heiligen Geschichte Th. 6. p. 247. verlieren in diesem Betracht immer viel von dem ungeheuren Bei- fall, den ihnen einige gegeben: indessen ziehen sie sich unter Poetische Empfindungen zuruͤck, und als solche mag ich sie nicht betrachten. Singen wir uͤberdem Occidentalische Ge- genstaͤnde, und mit Toͤnen dem Morgenlande entwandt: so wird ein solch Gemisch daraus, als jeder in Horazens Bilde auslachet — Und doch lachen wenige, wenn der Jordan und Hermon, und Cherubs u. d. gl. neben dem Rhein und dem Harz stehen: wenn sich die Orientalischen Tiger mit unsern Laͤmmern gatten. — „Wir koͤnnen Ver- „gleichungen mit diesen Gegenstaͤnden aller- „dings untzen!„ Wir koͤnnen Bilder borgen, um sie fuͤr uns anzuwenden, aber uns nicht durchgaͤngig ihnen uͤberlassen, nicht in dieser fremden Bildersprache durchgaͤngig reden: nicht sie mit der unsern ungeschickt vermi- schen: nicht uns den Glanz der Mittagssonne rauben, um den Schein einer Lampe zu genies- sen; oder diese gar in das Sonnenlicht tragen. Kaͤme Kaͤme es nur erst so weit, daß niemand schriebe, was er nicht verstuͤnde: befleißigten wir uns mehr, den Orient zu beschauen, die heiligen Gedichte zu verstehen, und wirklich erklaͤren zu koͤnnen: so wuͤrden wir es gewiß verlernen, mit Orientalischen Mastkaͤlbern zu pfluͤgen; wir wuͤrden uns, wenn wir ihre Kunst nur ganz einsehen, zu Schilderern unsrer eige- nen Natur au s bilden. Nicht Armuth, son- dern Unschicklichkeit oder Bequemlichkeit hin- dern uns daran, unsere Schaͤzze zu brauchen, und lieber, wie Caͤsar sagt, pauperes nostro in aere zu seyn. 2. A uch die Vaterlandsgeschichte der Mor- genlaͤnder ist nicht unsere. So sehr sich im- mer Voltaire, und die seines Theils sind, beklagen, daß wir ein eckles dummes Volk aus einem Winkel der Erde, so sehr erheben; so wahr es ist, daß ihre Geschichte allerdings mehr Plazz in unserer Historie und Aufmerk- s a m keit einnimmt, als sie an sich verdienen moͤch- moͤchte: so fehlt uns doch noch immer zu viel, unsern dichterischen Stoff bis auf klei- ne Nuancen aus ihrer Geschichte zu borgen. Unser Publikum, das die Juden blos aus ei- nem Huͤbner oder Jken kennet, wird einen ewigen Commentar noͤthig haben, und Schoͤn- heiten, die fuͤr das Auge dastehen, mit dem Fernglase ansehen muͤssen. Und der Dichter selbst wird Muͤhe genug haben, in den Orien- talischen Gedichten die bestaͤndigen feinen An- spielungen auf ihre Rettungen von Feinden, auf ihre Urvaͤter, auf die Aegyptische Erret- tung, auf ihre Reise durch die Wuͤste u. s. w. nur uͤberall bemerken zu koͤnnen; nur hoͤch- stens die Haͤlfte von ihnen zu verlieren. Sie ganz besitzen zu wollen, ihre Schilderung selbst zu uͤbernehmen — das thut nur der, so das Laͤcherliche einer halbgetroffenen Nachah- mung nicht einsieht. Wer haͤtte uns eher den Moses im Heldengedichte singen koͤnnen, als Michaelis; und dennoch ließ er ihn liegen, nach der weisen Horazischen Regel: Si quae desperas tractata nitescere posse - - - relinque. P Koͤnn- Koͤnnten wir doch nur erst ihre Gedichte aus ihrer Nationalgeschichte ganz erklaͤren; alsdenn uͤbersezzt und ahmt nach! Was ist z. E. der 68ste Psalm, wenn ihn der Ausle- ger des Lowth erklaͤrt, und was ist er bei Cramer? Gesezt, wir koͤnnten alles dies wissen; sin- gen wir denn fuͤr Juden? die sich fuͤr das ein- zige Volk Gottes hielten? die von dem feu- rigsten Nationalstolz belebt wurden? Jedem Volk gießet bei seiner ersten Bildung der Pa- triotismus Flammen in die Adern — bei kei- nem aber hat er dies gaͤhrende Blut laͤnger er- halten, als bei diesem. Von allen Voͤlkern der Erde abgesondert, brachte es seinem Schus- gott Nationalgesaͤnge; erloͤset von Feinden, die sie anspieen, sangen si e Triumphslieder, die ihr Patriotischer Geist belebte: entfernt von Fremden, die ihnen unrein waren, sangen sie bei Nationalfesten — wer kann ihnen nach- singen? Unser GOtt ist ein Vater der Men- schen, nicht eines Volks, ein GOtt der Chri- sten, nicht einer christlichen Religion! — „Aber werden einem Juden diese Gegenstaͤn- „de nicht eben so alt geworden seyn, als „uns? „uns?„ Jch gebe es zu: und habe doch nicht meine Parallele verlohren. Jhnen ward es mit der Zeit gleichguͤltiger; aber uns noch ungleich eher und staͤrker; weil alle diese Ge- schichte fuͤr uns fremder und entfernter sind. Man sey unpartheiisch; wer kann wohl bei uns den besten Cramerischen Dankpsalm mit der Entzuͤckung singen, wenn er National- wohlthaten betrift, als Jsrael in seinem Hei- ligthum? Wer singt die Cantate des Za- chariaͤ mit eben der Theilnehmung, als Mir- jam und Moses die ihrige am rothen Meere? Es kann immer seyn, daß „ein Genie im „Talmud seine voͤllige Nahrung finden koͤnne, „als in einer Wissenschaft „ Litter. Br. Th. 2. p. 256. aber ein Poe- tisches Genie, das nach Materialien zur Dichtkunst graͤbt? Schwerlich! wenn es un- serm National- oder Seculargeist sich beque- men will. 3. M it diesem Nationalgeist sind auch die Na- tionalvorurtheile sehr genau verbunden; P 2 Mei- Meinungen des Volks, uͤber gewisse ihnen un- erklaͤrliche Dinge: Fabeln, die sie sogleich mit dem Stammlen der Sprache von ihren Er- ziehern lernen, die sich also aus den aͤltesten Zeiten von den Stammvaͤtern herunter erben: die sich bei einem sinnlichen Volk, das sich statt der Weisheit und Wissenschaften, mit dem Hirtenleben, dem Ackerbau, und den Kuͤn- sten abgiebt, sehr lange Zeit erhalten koͤnnen, und dem Dichter also vielen Stoff darreichen, zu Erdichtungen, die das Herz des sinnlichen Volks sinnlich ruͤhren koͤnnen. Er weckt das auf, was in ihnen schlaͤft, er greift ihre Seele bei der schwaͤchsten Seite an, und erinnert sie an ihre Begriffe der Erziehung, mit denen sich ihre Einbildungskraft gleichsam zusammen ge- formt hat: an die Traditionen ihrer Vaͤter, die also auch ihre Lieblingsvorurtheile gewor- den sind, weil sie sich nach dem Naturell ih- res Denkens, ihres Clima und ihrer Sprache richten. Daraus entstehet alsdenn fuͤr die Dichter eine heilige Mythologie: die Na- tional ist, und ihnen jederzeit eine Zauberquel- le war, um Fiktionen zu schoͤpfen, und Bil- der zu erheben, in die sie, die zu den ersten Zeiten Zeiten des Volks, auch Propheten und Rich- ter waren, ihre sinnreiche Weltweisheit, Tu- gend- und Lobspruͤche einkleideten. Alle Morgenlaͤnder haben an diesen geerb- ten Maͤhrchen einen sehr reichen Ueberfluß, wie alle Reisebeschreibungen zeigen; ihre Dich- ter bedienen sich desselben also so sorgfaͤltig, als Homer und Virgil sich bekanntermaßen auf alte Sagen und Ueberlieferungen gruͤnde- ten. Die Juden, ein sinnliches Volk, hatten auch keinen Mangel daran, und warum soll- ten sich ihre Dichter nicht dieser unschuldigen Kunst bedienen, um uͤber sie zu siegen? Ein großer Glaube uͤber Traͤume, Zaubereien, Er- sch e i n ungen und Besizzungen ist dem Dichter so vortheilhaft, als er dem Weltweisen ein Dorn im Auge ist; und mit welcher Muͤhe suchte GOtt diesen in Judaͤa auszurotten? Beschwoͤrungen, Zaubereien durch Schlangen; diese Meinung hatten sie mit den Morgen- laͤndischen Voͤlkern gemein, wie die oͤftern Stellen ihrer Dichter bezeigen. Aus Aegy- pten hatten sie einen ganzen Schatz dieserNa- tionalmeinungen heruͤbergeholt: von denen Michaelis einige, wie aus einem Herkuleum, gezogen hat. P 3 Fuͤr Fuͤr uns sind diese Fabeln halbverloren, oder fremde, oder todt; da unsere mehr wissenschaftliche und denkende Lebensart sie ausgetilget, oder gelaͤutert hat. Die schrecklichen Donnerwetter, die an dem Mee- re aufstiegen, und uͤber ihr Land nach Ara- bien hinzogen, waren in ihren Augen Don- nerpferde, die den Wagen Jehovahs durch die Wolken zogen; ihnen hat David also so viel große Bilder, und insonderheit den vor- treflichen 29sten Psalm geweihet. Bei uns sind die Cherubim nicht eigentlich mehr leben- de Jdole der Phantasie; noch glauben zwar Kinder und Weiber das, was unser Dichter singt: „GOtt faͤhrt in den Wolken, um Don- „nerkeule zu schleudern;„ der Weltweise aber und sein Bruder, der Philosophische Dichter, wird, seitdem Prometheus den Elektrischen Funken vom Himmel stahl, eher den Elektri- schen Blitzfunken, als so oft wiederholte Bil- der singen. Wo ist bei uns der Engel des Todes, mit seinem flammenden Schwert, dessen Gefolge und Verrichtungen jene so gut kannten? Er ist entweder ein Unding, oder nach den Jdolen unsers Poͤbels ein Gerippe! Wo Wo sind die Engel des Herrn, auf Fluͤgeln der Winde, und auf den Flammen des Feuers? Es sind Diener der Natur, die unsere Ein- bildungskraft selten personificirt! Was ist die Veste des Himmels, wo der Thron Gottes ruhet? Luft! Was der Regenbogen, der sich zu seinen Fuͤßen woͤlbet? Bei den alten Skal- dern die Bruͤcke, auf der die Riesen den Him- mel stuͤrmen wollten, die noch jetzt, ein flam- mender Weg, zum Schrecken erscheint; aber fuͤr unsern Dichter, ein Farbenspiel. Sol- cher Nationalvorurtheile koͤnnte ich eine große Menge anfuͤhren; und die meisten haben sich entweder in unserer erleuchtetern Zeit schon verlohren, oder verfeinert, oder sind nach dem Unterschiede unsers Klima und unsrer Denkart ganz anders. Die Religion der Skalder, Mallet Geschichte v. Daͤnnem. Th. 1. die Odin aus den Morgenlaͤn- dern brachte; wie sehr veraͤnderte sie sich auf dem rauhen Scandinavischen Grund und Bo- den? Jhr Himmel und ihre Hoͤlle, ihre Welt- entstehung durch Frost, und ihre Riesen, ihr großer Wolf, und der Baͤndiger desselben, ih- re Zaubereien und Heldenthaten sind mit sol- P 4 chen chen Localfarben aus Norden gemahlet, als in verschiedenen andern Gegenden hier Dra- chen und dort Elephanten, das Paradies und die Hoͤlle der Araber, die Bruͤcke Poul-Serra der Perser, und die Schildkroͤtengeschichten der Amerikaner gezeichnet sind. Es waͤre ein angenehmer und nuͤtzlicher Versuch, diese Nationalvorurtheile vieler Voͤlker zu sammlen, zu vergleichen, und zu erklaͤren. Fuͤr den Dichter sind dieses Nationalvor- theile, die ihm nicht immer entwandt wer- den koͤnnen, ohne ungereimt, oder laͤcherlich zu werden. Miltons Bruͤcke uͤber das Chaos mag freilich im Munde eines Arabers, des Sadi, besser klingen, als in dem seinigen: Klopstocks Oefnungen am Nordpol, seine aͤthe- rischen Wege, seine Sonnen im Mittelpunkte der Erde doͤrften vielleicht zu sehr die Wir- belwelt der Leser verruͤcken, sie moͤgen ehrlich Ptolomaͤisch, oder Copernikanisch denken; die- se Erdichtungen scheinen selbst einer sinnlichen Denkart entgegen. Und uͤbersiebt man uͤber- dem die Erdichtungen, die die Schweizer in ihre Morgenlaͤndische Gedichte eingewebet; (vom Blute des unschuldigen Abels, bis auf das das Blut des Zacharias, Baraͤchiaͤ Sohn) so kann man sich bei ihren Engeln und Teufeln, und Schlangen und Ungeheuern oft, wenn man gleich nicht als Philosoph lesen will, kaum jener Frage erwehren, die der Cardinal von Este an seinen Ariost that: mein lie- ber Ludwig, wo habt ihr alle das naͤr- rische Zeug herbekommen? Moͤchte man doch bedenken, daß der Ge- schmack der Voͤlker, und unter einem Vol- ke der Geschmack der Zeiten sehr genau seinen Fortgang mit Denkart und Sitten ha- be: daß also, um sich dem Geschmack seines Volks zu bequemen, man ihren Wahn und die Sagen der Vorfahren studiren muͤsse; und um auch dem Gott der Zeit ein Opfer zu brin- gen, man diese und fremde Meinungen nach der herrschenden Hoͤhe des sinnlichen Verstan- des passen muͤsse. Von beiden gebe ich ein Exempel. Der Romanische Geschmack der Spanier und Jtaliaͤner ist ein Zweig von dem Aberglauben der Morgenlaͤnder, den man ziemlich genau dort aus der Maurischen und hier aus der Saracenischen Ueberschwem- mung herleiten kann. Er ward in beiden P 5 Laͤn- Laͤndern gemein: in beiden vermischte er sich mit dem Gothischen Ritter- und Riesen- geschmack: nachher mischte sich der Katholi- sche Hang zu Kreuzzuͤgen, und heiligen Aben- theuren dazu! — und nun sehet! wie sehr Lopez di Vega, Pulci, Ariost und Tasso dieses Gemisch zu brauchen gewust; aber freilich zu nichts mehr, und minder, als Na- tionalstuͤcken. Wer es also beklagen moͤchte, daß keine solche Morgenlaͤndische Jnvasion nicht auch bei uns den Saamen Poetischer Fa- beln gestreut; dem rathe ich, diese dichteri- sche Schweißtropfen der Cultur seines Bo- dens zu widmen. Er durchreise als ein Prophet in Ziegenfellen, die Mythologien der alten Skalder und Barden sowohl, als seiner eignen ehrlichen Landsleute. Unter Scythen und Slaven, Wenden und Boͤhmen, Russen, Schweden und Polen gibt es noch Spuren von diesen Fußstapfen der Vorfah- ren. Wuͤrde man, jeder nach seinen Kraͤf- ten, sorgsam seyn, sich nach alten National- liedern zu erkundigen; so wuͤrde man nicht blos tief in die Poetische Denkart der Vor- fahren dringen, sondern auch Stuͤcke bekom- men, men, die, wie die beide Lettische Dainos, die die Litteraturbriefe s. Litt. Br. Th. 2. anfuͤhrten, den oft so vortreflichen Ballads der Britten, den Chan- sons der Troubadoren, den Romanzen der Spanier, oder gar den feierlichen Sago- liuds der alten Skalder beikaͤmen; es mo̊ch- ten nun diese Nationalgesaͤnge Lettische Dai- nos, oder Cosakische Dummi, oder Peru- anische, oder Amerikanische Lieder seyn. Will aber jemand dies nicht thun, wohl! der beque- me sich nach seiner Zeit, da das Licht der Phi- losophie die heiligen Schatten der Dichterei ver- trieben, und singe fuͤr unsern reinen Verstand. 4. D er Geist der Religion hat sich veraͤn- dert. Jn den Zeiten, da die Dichtkunst bluͤ- hete, herrschte noch eine gewisse wilde Ein- falt, nach der Gott auch die Religion einrich- tete, die die Baͤndigerin der damaligen Zeiten war. Jch zeige hiezu nur drei Gesichtspunkte. Sie begriff mehr unter sich, sie hatte einen andern andern Zweck, sie gieng einen andern Weg, als unsere. Sie begriff mehr unter sich:) Es ist be- kannt gnug, daß sie sich ins Detail dev klein- sten Gesezze, Veranstaltungen und Ceremonien einließ: daß sie eben sowohl auf den Maͤrkten, als in dem Heiligthum die Theokratie eines Schutzgottes regierte, der Propheten und Dichter und Richter in einer Person auf- weckte, und begeisterte. Daher waren alle ihre Poesien heilig; sie mochten Puophe- tische Gesaͤnge, oder Lasten von Fluͤchen, oder Trostlieder, oder Gesezze und Spruͤche ent- halten. Unsere Religion hingegen sondert sich von der Politischen Regierung und den Richterstuͤhlen ab: sie ist nichts minder, als Theokratisch, und der Prophetische Geist schweigt. Jene hatte einen andern Zweck:) ein wildes ungebildetes Volk im Zaum zu halten, das uͤber den Acker und Landweiden wenig seinen Geist er- hob. Hier war eine sinnliche Dichtkunst das Mittel, ihre Seele etwas auf merksam zu machen. Gesaͤnge von zeitlichem Gluͤck und Ungluͤck schall- ten von jenen Bergen Grisim und Ebal: der groͤßte groͤßte Theil der Psalmen beschaͤftigt sich mit dem zeitlichen Zustande des Volks und kann mei- stens blos durch erbauliche Accommodationen und Katachresen etwas geistliches bedeuten. — Unsere Religion hingegen ist geistig, und mit den erhabensten Zwecken auf eine gluͤckliche Ewigkeit. Jene war sinnlich und lange nicht so mo- ralisch, als die unsere.) Das Volk war noch nicht zu der feinen Moralitaͤt tuͤchtig, die un- sere Religion fodert; es muste also mit sinn- lichen Gebraͤuchen unterhalten werden. Rei- nigungen und Opfer, Gebraͤuche und Sazzungen, Priester und Tempel; al- les beschaͤftigte ihr Auge, alles fuͤllete ihre Gedichte mit Anspielungen, die sie darauf zie- hen sollten. Die ganze Sprache hat sich also veraͤndert, und beinahe auch die ganze Reihe von Begriffen. Jhr Engel des Todes war nicht unser Teufel: es war ein unmoralisches Wesen, das GOtt sandte; die andern Engel hatten nicht so unabtrennbar einen Begriff der Moralischen Guͤte mit sich: ihr GOtt selbst muste ihnen in den staͤrksten Leidenschaften ge- schildert werden, damit er sie ruͤhrte; sie sa- hen hen auch bei ihren heiligen Gedichten nicht immer darauf, ob jedes Gleichniß tugendhaft und wohlanstandig waͤre; wenn es nur schil- derte — Unsere Religion hingegen ist keine Tochter der Einbildungskraft, sondern eine Schwester der Vernunft und Moralischen Guͤte. — Und nun! sind alle Gedichte, die bei ihnen Stuͤcke der Religion waren, es auch fuͤr uns? Jch glaube nicht! Und wenn man sie also nachahmen wollte? So muͤste es seyn, „als „wenn David z. E. christliche Psalmen schrei- „ben wuͤrde„ Freilich ist dies der Zweck, der bei Klopstocks Liedern in der Vorrede steht, den aber im Gauzen seine Lieder nicht errei- chen moͤchten. Wirklich etwas zu viel Orienta- lischer Schaum, und christliche Gegenstaͤnde Orientalisch behandelt — Und worinn denn? Jch schaͤzze diese Lieder sehr, denn sie wirken mehr auf das Herz, als einige andere. Und dar- nach beurtheile ich den Werth eines Liedes. Aber zu viel Morgenlaͤndische, Biblische Spra- che, als daß sie immer nach unsern Jdeen be- stimmt gnug seyn sollte: gewisse Morgen- laͤndische Wiederholungen, die statt zu seufzen jaͤhnen jaͤhnen machen: und denn nicht die gehoͤrigen Beweggruͤnde und Reizungen zu den Em- pfindungen, die sie erwecken sollen. Klop- stock, der selbst eine Empfindungsvolle See- le zeigt, hat sich gewisse Gegenstaͤnde der Re- ligion, insonderheit bei den Martern des Er- loͤsers einige Nuancen so eingedruͤckt, daß, wenn er auf sie geraͤth, er sich verweilt, und in Empfindungen ausbricht, die er bei dem Leser nicht gnug vorbereitet hat: und bei denen also mancher nichts empfindet. Wenn unsre ganze Einbildungskraft in Arbeit ist: so kann sich aus dem ganzen ruͤhrenden Ge- maͤlde ein Zug (nicht immer der bedeutendste) am tiefsten eindrucken, der nachher jedesmal das ganze Gemaͤlde zuruͤckbringt, und also auch durch die Einbildungskraft die ganze Em- pfindung wieder aufregt — aber dies lezte geschieht bei einem fremden Leser, nicht durch den einzelnen Zug, sondern durch das treue Ganze, das man ihm also vormalen muß. Um dies mit einem Beispiel zu beweisen: so ha- be ich einen frommen redlichen Greis ge- kannt, der in seinen lezten schwachen Jah- ren bei seinem Unterricht und Gebeten nie so sehr sehr bewegt wurde, als wenn er auf den Zug im Leiden Jesu stieß: er hieng (nach seinen Provinzialismen) Mutter-Faden-nackt am Kreuz: bei diesem an sich unwichtigen Um- stande, der sich aber seiner Phantasie in den ersten Jahren vorzuͤglich eingedruckt hatte, stand er stille, ergoͤtzte und beruhigte er sich, da sein Zuhoͤrer indessen jaͤhnte. — Uebrigens weiß Klopstock die menschliche Seele genau zu treffen; manche Gesaͤnge sind Muster einer stillen andaͤchtigen Empfindung, insonderheit wenn sie zu den sanften gehoͤrt, und nichts gluͤckt ihm mehr, als seine Todesbetrach- tungen. Es ist mir lieb, daß ich uͤber viele aͤltere biblische Gedichte nicht urtheilen darf; was hat man nicht aus vielen Charakteren gemacht? Em voͤlliges laͤcherliches Unding, das dem Charakter seines Volks, seiner Zeit, und sei- ner Religion widerspricht. Gerade, wie diejenigen, die eine ganze Straße niederreissen, um darauf einen einzigen Pallast zu bauen; die nichts darnach fragen, wie viel andre sie umbringen; zufrieden, wenn sie ohne alle Ruͤck- sicht auf Muͤtter, Weiber und Kinder, auf Nation Nation, Zeit, und Geschmack einen Menschen darstellen koͤnnen. Compos’d of many ingredient Valours Just like the Manhood of nine Taylors, wie Hudibras singt. 5. U eberhaupt hat sich die ganze Poetische Sphaͤre bei beiden Nationen geaͤndert. Die gesittete Freiheit, in der wir leben, laͤßt Kuͤnste und Wissenschaften bluͤhen; die et- was rauhere, die mit Gaͤhrungen des Staats, und mit Unterdruͤckungen kaͤmpft, laͤßt, wie bei den Roͤmern und Griechen, die Beredsamkeit ihre Wunder thun; aber wilde Einfalt ist das Feld der Dichter. Jn dieser haben die Hebraͤer sehr lange gelebt, bestaͤndig treu dem Ackerbau und der Vieh- zucht, den sinnlichen Begriffen, und ihrem Vaterlande: nie hat also die Zeit der Be- redsamkeit ihre Bluͤthe erreichen; ja die Periode der Weltweisheit kaum anbrechen koͤnnen. Q Daß Daß die Hebraͤer nie große Redner ge- habt haben, beweiset der Herausgeber des Lowth in seiner Vorrede; der uͤberhaupt durch seine Roten und Epimetre mehr als Lowth selbst geworden, und viele Dinge hin- geworfen hat, die durchaus verdienen ange- wandt, erklaͤrt und fruchtbarer gemacht zu werden. Wir koͤnnen also nach einem Je- saias ohnmo̊glich unsre große Redner bilden. Nie haben sie also auch einen voͤllig ausgebildeten Rednerperioden gehabt; ihre Poesie hat einen Rhythmus, den die Choͤre und Jubelspruͤnge gebohren haben, der von zu starker Declamation war, als ein Syl- benmaas zu halten, der durch Musik und Tanz belebt wurde. Welch ein Unterschied ist es nun, in einer durchaus Prosaischen und Philosophi- schen Sprache, deren Accente lange nicht so toͤ- nend sind, wo man schreibt, gelesen zu wer- den, wo, wenn die Musik sich mit der Poesie verbindet, jene die herrschende wird, in die- ser Sprache eine Orientalische Poesie durch Poetische Prose nachzuahmen; die unsrer Sprache Gewalt anthut. Inter mulierum saltantium choros adoleuit poesis orienta- lis: lis: çarmina rarius scribebantur, recita- bantur cantabanturque frequentius. — — Inter saltantium choros, non semper pios, natam poesin Hebraicam dixerim, cum motum corporis canticis haecque illi ac- comodarent: cui poesis origini versuum parallelismos acceptos fero. Nun bleibt es doch wohl immer unnatuͤrlich, Lieder, die dort nach lermenden Choͤren eingerichtet wa- ren, wie sie sind, nachahmen zu wollen, und sein eigues Chor zu seyn. 6. J n der Poesie wird vieles von der Spra- che bestimmt: und ich glaube, aus diesem Unperiodischen Melodischen der Hebraͤischen Gedichte zum Theil den kurzen Parabolischen Ton erklaͤren zu koͤnnen, der Weisheit in ein Bild kleidet, ohne dies Bild auszupuzzen, und Periodisch ordnen zu wollen. Nein! kuͤhne Vergleichungen, und wenig ausgefuͤhr- te Gleichnisse; aber desto oͤftere Wiederho- lung desselben Bildes, desselben Gleichnisses. Q 2 Jn Jn keiner hohen Ebraͤischen Ode findet man den abgemeßnen Schwung, der eine Griechi- sche, und noch mehr eine Roͤmische charakte- risirt: in keiner die ausgemalten Pindarischen Bilder, die hier immer Stuͤckweise erscheinen, abbrechen und wieder kommen: in keiner Ele- gie, die daͤmmernde Stimme, die durch ihren sterbenden Fall, und anhaltendes Wimmern, allmaͤhlich ruͤhrt: — uͤberall mehr der wie- derholte Schlag, der eine Saite des Herzens nach der andern plo̊zlich trift, und eilt, um eine andre zu treffen. — Man hat diesen innern Charakter aus ihrer Hizze der Einbil- dungskraft herleiten wollen; allein ein Hu- rone in einer unperiodischen Sprache muß so, wie sie, singen. Wir aber, in einer Periodischen Sprache. Wir muͤssen also jene zerstuͤckte Bilder, die sich wiederholen, zu einem Ganzen ordnen, und sie in einem gebildeten Poetischen Perio- den mehr in der Perspektiv eines Gleichnisses zeichnen; der uns eigne Poetische Ton malt uͤberdem sonst mehr Begriffe als Bilder, und unsre selbst Dichterische Gleichnisse zeigen sich, nach jenen zu rechnen, mehr in dem Licht ei- nes nes Beweises. Ein Muster der Nachahmung hierinn ist der Klopstockische Psalm auf den Koͤnig von Daͤnnemark. Wirklich die Hebraͤi- sche Zerstuͤckung der Sprache, und doch die Griechische Zusammensezzung der Bilder; hie und da kleine Wasserfaͤlle; doch aber bleibts immer ein sanfter Strom, der uͤber klare Steine rollet. Ein Gemaͤlde, ein Wort ent- wickelt sich aus dem andern, und macht es vollkommner; — Vielleicht Klopstocks schaͤz- barstes Lyrisches Stuͤck! Eben so weiß er, in seinen Kirchenliedern oft den Orientalischen Parenthyrsus zu Kirchencadenzen herunter zu stimmen, und im Meßias ist sein Wechselge- sang zwischen Mirjam und Debora schoͤn; Orientalisch in Sprache und Bildern; und Deutsch in der Anordnung derselben. Man erinnere sich aus meinem vorigen Fragmente, daß der Reichthum einer Spra- che sich gleichsam mit der Haushaltung der Menschen veraͤndere, daß uns unser Wohl- stand viele Freiheiten entzogen, die jene ge- nossen ; daß unser Stadtleben es nothwendig verhindert, daß unsre Poesie nicht Botanisch seyn kann, wie Michaelis die Morgenlaͤndische Q 3 nen- nennet, daß unsere Politische Woͤrterbuͤcher unserer sinnlichen Sprache Wuͤrde entzogen haben u. s. w. man erinnere sich dessen, und vergleiche den Charakter unsrer Sitten und Zeiten mit jenen, so wird man finden: Der Poetische Sinn ist nicht mehr derselbe. Jener wirkte schnell und heftig; nicht aber eben zart und dauerhaft. Die Saite ihrer Empfindung des Poetisch Schoͤnen (ich will nicht wie Montesquieu bis auf ihr Fasern- gewebe, und auf das Temperament ihres Kli- ma zuruͤckgehen) wird ihren Sitten und Zeit gemaͤß heftig getroffen, und bald verlassen. Unser Poetischer Sinn ist mehr langsam und uͤberlegend, als brausend. Selbst das sanfte Griechische Gefuͤhl wird unter unserm Him- mel nicht reif; wie sollte er denn die uͤber- maͤßig fruͤhzeitigen Fruͤchte der Morgenlaͤn- der reifen? Unsre Saite der Poetischen Em- pfindung giebt nach: wir bleiben kaͤ l ter, als die Griechen mit zarten, oder die Morgen- laͤnder mit heftigen Sinnen: wir bleiben selbst im Poetischen Fluge, wie die Strauße dem Boden des Wahren treuer, und kommen zur zur Ruͤhrung oft durch den Weg der Ueber- legung. Ahmen wir also nach, wie es uns gefaͤllt: so wird vielleicht ein unpartheischer Frem- der, der den Orient kennet, ohne ihn von Jugend auf, blos als ein Erbstuͤck der Reli- gion zu kennen, der Geschmack gnug hat, um unsre Nachahmungen mit jenen Origina- len zu vergleichen, vielleicht folgenden Cha- rakter angeben: „Die Morgenlaͤndischen Werke des Genies „zeichnen sich aus, durch den hohen Ausdruck „einer Einbildung, die Erdichtungen liebt, „Sittenspruͤche in Figuren, Bilder und Schat- „ten einhuͤllet, die nicht blos auf Fluͤgeln der „Morgenroͤthe bis an die Graͤnzen der Natur „aufschwinget, sondern sich oft uͤber diese „Graͤnzen wagt, und im Reich des Unnatuͤr- „lichen, aber wunderbaren Chaos umherirret. „Die kaͤltern vernuͤnftigen Deutschen haben „dieser brennenden Phantasie sich nachschwin- „gen wollen, mit Fluͤgeln, die ihnen die Na- „tur nicht gab, wie Horaz vom Daͤdalus sin- „get: sie zeichnen fremde, oft unverstandne, „und wenigstens zu entfernte Bilder: ihre Q 4 „ge- „geborgte Erdichtungen sind Geschoͤpfe ohne „Erde: ihre nachgeahmte Empfindungen keine „Empfindungen: der Ausdruck erreicht sein „Original oft nur, wo es sich dem Uebertriebe- „nen naͤhert.„ Jch habe viel gesagt; den Be- weis uͤberlasse ich einem jeden, der Morgen- laͤndische Gedichte zu lesen weiß. 7. E lend nachahmen sollen wir also gar nicht, und ein Hudemann ist in seinem Lucifer und in seinem Tode Abels der Bemerkung und der Aergerniß unwuͤrdig — aber wie koͤnnen wir uns von solchen Hudemanns befreien? Wenn wir uns aufmuntern, die Morgenlaͤndischen Gedichte, als Gedichte zu studiren, erklaͤren zu lernen und bekannt zu machen. Unmoͤglich koͤnnen wir sie uͤbersez- zen, und nachahmen, ehe wir sie verstehen, und die Morgenlaͤndische Philologie, die in unserm Deutschlande seit einiger Zeit bluͤhet, wird, wenn sie sich mit Geschmack vereinigt, schlechte und dumme Nachahmer zerstreuen. Der Der beste Uebersezzer muß der beste Erklaͤ- rer seyn; waͤre dieser Sazz auch umgekehrt wahr: und waͤren beide verbunden: so wuͤr- den wir bald ein Buch hoffen koͤnnen, das so hieße: „Poetische Uebersezzung der Morgen- „laͤndischen Gedichte; da diese aus dem Lan- „de, der Geschichte, den Meinungen, der Re- „ligion, dem Zustande, den Sitten, und der „Sprache ihrer Nation erklaͤrt, und in das „Genie unsrer Zeit, Denkart und Sprache „verpflanzt werden.„ Jn der Vorrede wuͤr- de man mit Recht sagen koͤnnen: „Diese „Uebersezzung hat nothwendig das schwerste „und muͤhsamste Werk seyn muͤssen, zu dem „in der Erklaͤrung, die Bemerkungen einiger „wenigen Philologen von Geschmack, und in „der Uebersezzung die Cramerschen Psalmen „nichts als kleine Beitraͤge haben seyn koͤn- „nen, oft um uns zu helfen, Gesichtspunkte „zu zeigen und behutsam zu machen. Allein „wir halten es auch fuͤr eine Originalarbeit, „die mehr Einfluß auf unsere Litteratur ha- „ben kann, als zehn Originalwerke. Sie „unterscheidet die Graͤnzen fremder Voͤlker „von den unsrigen, so verwirrt sie auch laufen Q 5 „moͤ- „moͤgen: sie macht uns mit den Schoͤnhei- „ten und dem Genie einer Nation bekannter, „die wir sehr schief ansahen, und doch von „Gesicht kennen sollten: sie ist ein Muster „einer Nachahmung, die Original bleibt. „Sollte sie also auch nicht das Gluͤck haben, „neue und wirklich neue Genies zu erwecken: „so wird sie doch wenigstens den Nach - und „Nebenbuhlern auslaͤndischer Goͤtzen eine „Wand von Dornen vorziehen, daß sie ih- „ren Steig nicht finden. Sie wird sie er- „greifen, zuruͤckreißen, und sagen: Siehe „hier deine Natur, und Geschichte, deine „Goͤtzen und Welt, deine Denkart und Spra- „che: nach diesem bilde dich, um der Nach- „ahmer dein selbst zu werden. Und willst du „von einer der vorzuͤglichsten Nationen ihre „Schaͤzze nuͤzzen: siehe hieher! Jch suche „dich mit der Kunst bekannt zu machen, wie „sie Geschichte und Religion in Gedichte zu „wandeln wusten; raube ihnen nicht das Er- „fundne, sondern die Kunst zu erfinden, zu „erdichten, und einzukleiden!„ Wo ist ein Uebersezzer, der zugleich Philo- soph, Dichter und Philolog ist: er soll der Mor- Morgenstern einer neuen Epoche in unsrer Litteratur seyn! Aber leider! Arabische Wur- zeln wachsen gern auf duͤrrem Grund und Boden: ich werde vielleicht ein pium deside- rium hingeschrieben haben. Es sey! Vor- theil gnug, wenn dies mein Fragment nur ei- nem einzigen Schriftsteller die Feder aus den Haͤnden windet, wenn er uns neue Heldenge- dichte im Orientalischen Geschmack liefern will! Vortheil gnug, wenn es einen einzigen Hexa- metristen vermoͤchte, sein Gedicht nach den vorgelegten Gesichtspunkten zu verbessern; Auch schon Vortheils gnug, wenn es einen Kunstrichter bildete, uͤber Werke dieser Art besser zu urtheilen. Jch kann nicht wichtiger schließen, als wenn ich das erhabenste Orientalisch - Deut- sche Werk: den Meßias, Kritisch pruͤfe, uͤber den man, wie ich glaube, noch nicht eine so genaue Untersuchung hat, als es dieses große Stuͤck verdient. Einige haben nicht uͤber ein Fragment Th. 19. p. 155 ꝛc. urtheilen wollen, weil es noch kein Ganzes waͤre! Wunderbar! Kann Kann ich denn nicht uͤber den Geist der Theile, uͤber jede Erdichtung in demselben, als uͤber ein Ganzes urtheilen, ohne ein Prophet seyn zu duͤrfen, oder dem Verfasser Unrecht zu thun? Ueber Fragmente, denke ich, soll man am ersten urtheilen, um dem Verfasser zu helfen, oder wenigstens seine Stimme auch zu geben; dadurch, und dadurch allein arbeitet ein Kuͤnst- ler vor den Augen des Publikum: er hat ein unvollendetes Tagewerk hingestellt, und steht hinter demselben, um nach den Urtheilen der Kenner begangene Fehler zu verbessern, und kuͤnftigen zuvorzukommen. Haͤtte Klopstock, gleich im Anfange, statt eines posaunenden Lobredners, einen Kritischen Freund gefun- den: haͤtte er nicht gleich so viel blinden Bei- fall, und noch blindere Nachahmung gesehen: vielleicht wuͤrde manches in seinem vortrefli- chen Gedicht noch vortreflicher seyn. Aber so gehts! Ueber kleine Geister, uͤber Lehrlinge und Gesellen, die Versuche machen, sind Kunstrichter gleich in Menge da; sie sind Fliegengoͤtter, auf die auch immer die Va- riante dieses Namens ( Beelzebub und Beel- zebul ) passen mag! Aber es tritt ein Genie auf, auf, wie Pallas aus dem Gehirn des Jupi- ters! „Sogleich erbebt von ihrem maͤchtigen „Geschrei der Himmel und die Mutter Erde: „Apoll, der Erleuchter der Menschen, be- „fielt ihnen das nuͤtzliche Geschaͤft an, der „Goͤttin zuerst einen Altar zu bauen, und „durch ein heiliges Opfer den Vater Zevs „und seine gewafnete Tochter zu ergoͤtzen!„ Freilich urtheilten auch viele, wie jener Schuster am Bilde Apelles: allein die rechne ich nicht: sie haͤtten schweigen sollen: auch Klopstock hat sie nicht gerechnet. — „Und „wird er deine Anmerkungen rechnen?„ Das weiß ich nicht: aber menschlich und billig aufnehmen, das wird er. Jeder urtheilt, was seine Augen sehen. Th. 1. 10. 13. 16. 17. Die meisten aber sehen doch einerlei. Sollte also auch mancher Klopstockianer mir entgegen ru- fen, was Nicomachus dort zu jenem sagte, der das Bild der Helena, von Zevxes gemalt, tadelte: „Nimm meine „Augen: und sie wird dir eine Goͤttin schei- „nen!„ Jch schreibe doch, vielleicht, was viele bei sich gedacht, oder gar ein Genie, das das sich bei Klopstocks Meßias so findet, als Alexander am Bilde Achills, was dies Genie schon dunkel in seiner Seele fuͤhlet. Wer koͤnnte die Juͤdische Seite dieses Ge- dichts am besten beurtheilen? Ein Rabbi, der fuͤr sein Volk Patriotismus, Kaͤnntniß seiner Gebraͤuche, und eine Morgenlaͤndische Einbildungskraft haͤtte! Und wer die Christ- liche Seite? Ohne Zweifel ein Christ, der fuͤr seine Religion Patriotismus, Kaͤnntniß ihres Umfanges, und Christliche warme Empfindungen besaͤße! Beide koͤnnen sich widersprechen, von entgegengesetzten Seiten die Sache betrachten, um das Urtheil einiger- massen vollstaͤndig zu machen. Jch lasse sie sprechen! Gespraͤch Gespraͤch zwischen einem Rabbi und einem Christen uͤber Klopstocks Meßias. Der Rabbi. J ch habe Jhr Verlangen erfuͤllt, und Klop- stock gelesen! Jch habe ihn zweimal und mit neuem Vergnuͤgen gelesen. Kaum haͤtte ich einem Noͤrdlichen Deutschen die reiche Morgenlaͤndische Einbildungskraft zugetrauet, die er bewiesen. Der Christ. Nun! habe ich also nicht Recht, daß er auf Deutscher Erde ein Ori- entalisches Denkmal gebauet hat, das die Ehre unserer Nation waͤre, wenn es vollen- det wuͤrde? Rabbi. Allerdings: und daß er sich uͤber die Mythologie der Griechen so gluͤcklich zu schwingen gewußt: fodert viel Genie! Christ. Und daß er uͤberall aus sich selbst die Luͤcken hat ausfuͤllen koͤnnen, um aus ei- ner kurzen Geschichte, Gedicht, Epopee, und eine eine christliche Epopee zu machen — fodert noch mehr! Rabbi. Nicht ganz aus sich hat er sie ausgefuͤllet: die Heilige Geschichte liefert ja dazu Stof gnug; ich wuͤnschte also, daß er diesen Stof mehr gebraucht haͤtte; auch ei- nige Rabbinische Zuͤge hat er gluͤcklich anzu- wenden gewußt und — Christ. Nur nicht, daß diese Anwendung auf Kosten seiner Originalerfindung gehe. Auch aus Milton hat er Zuͤge genommen: wer sie aber so gluͤcklich wie er nimmt, und anwendet, hat sie selbst erfunden. Rabbi. Wir scheinen ohngeachtet unsers verschiedenen Gesichtpunktes so ziemlich aͤhn- lich zu sehen; einmal haben sie schon mein: ich wuͤnschte! gehoͤrt, das zweitemal es unterbrochen — wollen wir uns nicht naͤher unsre Zweifel sagen? Christ. Eben das habe ich von Jhnen er- wartet: bei einem Meßias muß man sich nicht blos vergnuͤgen, sondern auch unter- richten. Dazu hat der Verfasser seine Ab- handlung von der heiligen Poesie voraus- geschickt. Rabbi. Rabbi. Nicht voͤllig dazu! wenn wir sie zum Maasstabe des Meßias annehmen muͤß- ten, so haͤtten wir die Richtigkeit dieses Maas- stabes vorher selbst zu pruͤfen. Klopstock sagt so hier, als in allen seinen Prosaischen Discoursen viel; aber immer bleiben auch Unterscheidungen, Bestimmungen, Zusaͤzze fuͤr den Leser uͤbrig. Christ. Gut! so wollen wir die Pruͤfung frei vornehmen: begegnen wir uns mit dem Verfasser manchmal: um so viel besser! ha- ben wir etwas gegen ihn, den Kritiker: so wollen wirs auch nicht verschweigen. Rabbi. Nun dann! Kommt Jhnen ein Meßias, wie der seinige, wohl als ein recht- behandeltes Sujet zur Tragischen Epopee vor? Mir nicht! Die Wuth seiner Feinde waͤre ein Unding, wenn er in dem Glanze voͤllig gewandelt haͤtte, in dem ihn K. erblicket. Haͤtte er ihn nicht in Umstaͤnde sezzen sollen, wo man sein Verhalten gegen die Feinde selbst saͤhe? aus dem sie, seiner Unschuld unbe- schadet, einigen Schein zur Wuth gegen ihn, R um um das ganze Volk anfzubringen, ziehen koͤnnten. Was Jesus ihnen aͤrgerliches ge- than hat, wird erzaͤhlt, nicht aber im An- fange des Gedichts handelnd zum Grunde ge- legt: so sehen wir Effekt, ohne die Ursache selbst gesehen zu haben: der Epopee entgeht etwas an Poetischer Wahrscheinlichkeit. Christ. Jch gebe Jhnen einigen Beifall, aber aus andern Gruͤnden. Der Meßias erscheint nach den Weißagungen des A. und den Erzaͤlungen des N. Testaments viel menschlicher, als ihn K. malet. Die Epopee fodert nicht ein Jdeal, was uͤber- menschlich waͤre, sondern was die hoͤchste Ruͤhrung verursacht: nun entgeht aber dem Gedichte des K. viel von diesem Leben, weil wir den Heiland zu wenig menschlich sehen; und es bleibt doch immer wahr; nichts be- wegt eine menschliche Seele, als was selbst in ihr vorgehen kann. Saͤhen wir oͤfter unsern Bruder, den groͤsten Menschenfreund: so wuͤrde dies eher das Ziel erreichen, „die „ganze Seele zu bewegen und jede Saite der „Empfindung zu treffen.„ Rabbi. Rabbi. Wie? wenn unser Jesaias den Meßias gesungen haͤtte? — Warum hat K. nicht mehr den erhabnen Propheti- schen Ton ins Epische umgestimmt? Hat er wohl durchgaͤngig den Geist, der die Haushaltung des ganzen A. Testaments belebte, angewandt, da Jesus doch einem Volke erschien, das ihn unter diesen Bildern erwartete? Gesezt, sein Meßias waͤre der Vorausverkuͤndigte; so zeige ihn auch K. in diesem ganzen Lichte. Christ. Haͤtte unser Johannes, der ihn bis an seinen Tod begleitete, und sein Plato ward, mit dem feurigen Pinsel der Apoka- lypse ihn schildern wollen; so haͤtte er ihm so viel individuale Bestimmung gegeben, daß jeder ruffen muͤste: „das ist er! Johan- „nes hat ihn gesehen!„ Nun hat ihn freilich K. nicht gesehen; aber als Schoͤpfer haͤtte er ihm Wesen und Leben geben sollen: „Der „Dichter studirt den Grundriß seiner Ge- „schichte, malt ihn nach den Hauptzuͤgen „aus, die er in ihm gefunden zu haben „glaubt, und muß uns durch seine maͤchti- „gen Kuͤnste dahin bringen, daß ich zu der R 2 „Zeit, „Zeit, da ich ihn lese, und auch noch laͤn- „ger, vergesse, daß es ein Gedicht ist.„ Rabbi. Wenn der Schauplatz und die meisten Auftritte in einem Christlichen Ge- dichte nicht recht Juͤdisch sind: so wundere ich mich nicht eben; ein Christ, wie die meisten sind, halten unsern Staat, Sitten und Gebraͤuche fuͤr zu niedrig, als sie zu stu- diren, und sie muͤssen doch studirt werden, weil sie von dem Geist der heutigen Zeit sich so weit entfernen. Aber Klopstock, der wi- der dies Juͤdische Costume nie offenbar han- delt, und der es oft in feinen Zuͤgen bemerkt, diesem wuͤnschte ich, daß er Nationalgeist und Juͤdische Laune durchgaͤngig in sein Ganzes gebracht haͤtte. Dazu gehoͤrt viel, aber das zeigt von Genie und zaubert uns mitten unter andre Voͤlker. Christ. Mir ist eure Puͤnktlichkeit und euer Talmudischer Stolz in Cerimonien zu fremde, um daruͤber urtheilen zu koͤnnen; aber was sollte sein Meßias eher und wuͤr- diger seyn: als ein Lied des Ursprunges unsrer Religion. Jeder Christ fodert es, und kann es fodern, daß sein Meßias als ein ein Gesandter Gottes erscheine, der ganz und gar mit dem großen Gedanken sich beschaͤftigt, uͤber die Voͤlker zu herrschen; daß sein Er- loͤser als ein Prophet erscheine, der der Welt Licht und Freiheit und Seligkeit gebracht hat, der jetzt seine angefeindete Lehre mit Maͤr- tirerblut besiegelt, und mit diesem Blut des neuen Bundes in den Himmel geht, um Koͤ- nig uͤber ein neues Reich der Gnade zu seyn. Bei seinen lezten Augenblicken sollte es ihm mehr am Herzen liegen: „was seine Heerde, „seine Bruͤder, seine Familie um ihn und „fuͤr ihn leiden wuͤrden!„ Wenn der heilige Dichter in seiner Art das thut, „was ein „andrer thut, der aus den nicht historischen „Wahrheiten der Religion, Folgen herleitet;„ wenn „unsre Lehrbuͤcher aus der Religion „ein Gerippe gemacht haben: s. Klopst. Abhandl. von der heil. Poesie. so sollte jener „der Offenbarung folgen, um sie in einem „gesunden maͤnnlichen Koͤrper darzustellen.„ Alsdenn muß Klopstocks Meßias die Pflan- zung der Kirche, mit ihren Schicksalen und Wanderungen mehr im Auge behalten, als R 3 Vir- Virgil die Gruͤndung des Roͤmischen Volks und Kaiserthrones behalten konnte: dadurch eben bekam es bei einem Roͤmer, bei einem August und Oktavia Jnteresse. Rabbi. Und denn haͤtte K. seine Apostel nicht sowohl nath seinem weichen Herzen, als liebe gute Juͤnglinge malen sollen: sondern ihnen mehr mit großen Fehlern auch das Große goͤttlicher Propheten geben — Christ. Oder sie wenigstens als Schwa- che malen sollen, die einst zu Saͤulen der Kirche bestimmt sind, und bei denen er we- nigstens die Anlage zu ihrer kuͤnftigen Groͤße im Vorgrunde zeichnen sollte. Rabbi. Aber uͤberhaupt! ist in seiner Evopee zu viel Geruͤst und zu wenig Ge- baͤude; zu viel Rede und zu wenig Hand- lung. Wie vieles davon kann man weg- nehmen, ohne Schaden, ja vielleicht zur Schoͤnheit des Ganzen. Euer Jesus wird entweder uͤber der Menschheit geschildert, oder mit dem vollen weichen Herzen, das da spricht, und duldet, aber zu wenig han- delt. Wer ihn nicht zum Voraus aus den Evangelisten kennet: wird ihn aus diesem Gedicht Gedicht nicht in seiner ganzen Groͤße ken- nen lernen. Christ. Vielleicht haben Sie noch zu viel Geschmack an dem Parenthyrsus in Bildern, den man Jhrer Nation vorwirft; vielleicht ist die Hoheit Jesu mehr eine stille Groͤße! Nur freilich doͤrfte sich diese mehr im Antlitz, in Minen und Gespraͤchen, als in den mensch- lichen charakteristischen Handlungen zeigen, die eben nicht Wunder seyn doͤrfen. Rabbi. Sind nicht seine Engel groͤsten- theils das im Gedichte, was sie in den Ku- pfern sind: weibische, zarte, liebe Knaben, die schweben, und umherflattern, ohne recht in den Kerninhalt des Stuͤcks eingeflochten zu seyn: Maschinen, die ihr Poetischer Schoͤ- pfer nicht zu brauchen weiß. Wenig von dem Hohen, was ein E n gel hat, wenn er nach dem A. T. auch nur der Fuͤrst eines Elements, der Regent eines Landes, und der Statthalter Gottes in einem wichtigen Auftrage ist. Christ. Freilich macht K. zwar einen Un- terscheid, „zwischen einem Gedicht, das aus „gewissen Geschichten des ersten Bundes ge- R 4 „nom- „nommen wuͤrde, und einem, so das Jnnre „der Religion naͤher angeht, und zwar einen „Unterschied in Absicht auf die Weltlichkeit, „wie ers nennet:„ allein dem unbeschadet kommt es mir vor, daß er bei dem Jnnern zu sehr das Aeußere vergessen, und da er sein Hauptaugenmerk nur immer auf Moralitaͤt gerichtet, es mit seinen Engeln manchmal vergißt, was er selbst sagt: Nord. Ausseh. Th. 3. St. 110. „ Ein Engel „soll mehr als ein Jupiter seyn, der eben „gedonnert hat. Rabbi. Ueberhaupt hat K. das System des alten Bundes bei seinen Engeln bei- nahe ganz veraͤndert, und wirklich zum Scha- den eines sinnlichen Gedichts, das sich dem Orientalischen Geschmack bequemen soll. Er meint, „man muͤsse der Religion, nicht „aber der Schreibart der Offenbarung nach- „ahmen; es sei denn die Propheten, so „fern ihre Werke Meisterstuͤcke der Bered- „samkeit sind.„ Sind ihre Werke Bered- samkeit so sind sie gewiß nicht Meister- stuͤcke; als Meisterstuͤcken alter Orientali- scher Gedichte haͤtte er ihnen nachahmen sol- len, len, sonst ist sein Gesichtspunkt ganz ver- werflich. Christ. Und seine Hoͤlle! — Jmmer wird es mir schwer, blos reine Geister zu gedenken (die wenigstens nicht so sinnlich als wir sind), die aus einem innern giftigen Principio des Neides, gegen einen Gott, den sie zu sehr kennen, und gegen einen Meßias, von dem sie zu wenig wissen, aus Grundsaͤzzen, so unvernuͤnftig und ohne wahrscheinlich ge- machte Triebfedern so boshaft handeln wer- den. Alles, wozu er jetzt die Teufel braucht, haͤtte er aus der menschlichen Seele und das mit mehrerer sinnlichen Ruͤhrung hervor- wickeln koͤnnen. Rabbi. Aber er wird sie brauchen, um den Triumph Jesu uͤber sie zu zeigen. Aber um eben diesen zu zeigen, haͤtte er sie mehr sollen unternehmen lassen. Zu der Poeti- schen Bosheit, die er ihnen beilegt, gehoͤrt- auch mehr Klugheit und Sphaͤre zu wirken; Und die legt ihnen unser Gesez auch immer bei. Das waͤre ein Triumph, wenn der Teufel mehr der Gott dieser Welt, der Herr der Elemente, der Gewalthaber R 5 uͤber uͤber Tod und Ungluͤck waͤre (wie ihn doch das A. T. und selbst die Meinungen des da- maligen Zeitpunkts darstellen), den nachher Jesus uͤberwaͤnde. Christ. Hier haͤtte kein Milton vor K. seyn sollen; so waͤre die ganze Hoͤlle nach andrer Bauart angerichtet; nicht im Anfan- ge so praͤchtig eroͤfnet, um immer Episode zu bleiben; nicht so viel Himmel und Ge- sandschaften. K. zeigt gegen den Britten was ein Philosoph mit Grunde behauptet: „Wenn ein Englaͤnder und Deutscher das „Erhabne schildert; wird jener es furchtbar „und schreckhaft zeichnen; dieser aber auf die „ Pracht verfallen.„ Rabbi. Ueberhaupt haͤtte Klopstock sich mehr nach Nationalmeinungen, dem Poetischen Sinn des A. T. und dem Ge- schmack der damaligen Zeit Muͤhe geben sol- len. Befriedigen hat er eure Orthodoxie doch nicht koͤnnen, und warum hat er sich denn nicht einige Schritte weiter von ihr ent- fernen wollen, der Poesie wegen. Sagen Sie mir es, Christ! mit einem Worte: „wozu „leidet K. Meßias?„ mit einem Worte? Sie Sie sind wirklich in Verlegenheit! — Sein Leiden vor Gott s. Meßiade 5. Ges. ist mir nicht sinnlich begreiflich gnug; und dies ist doch der Mit- telpunkt seines Gedichts. Christ. Das war freilich auf gut Juͤdisch! Aber mein Heterodoxer Rabbi erinnern Sie sich an jenes: Ne vltra! — Es mag im- mer wahr seyn, daß K. oft das Erhabene und Moralische auf Kosten des Episch ruͤhrenden treibt; aber das ist schon theils die Schwaͤche, theils die Mode unsrer Zeit, o der beides zusammen. Wer kann davor, daß K. es fuͤr den lezten Endzweck der hoͤ- hern Poesie haͤlt, nicht „alle unsre sinnliche „Kraͤfte zu bewegen,„ sondern „die mora- „lische Schoͤnheit.„ Sie sey das wahre Kennzeichen des Werths von jener. Rabbi. Ja! des sittlichen Praktischen, nicht aber des dichterischen Werths; ein Kennzeichen der Guͤte freilich; nicht aber der Schoͤnheit und der hoͤchsten Schoͤnheit. Ueberhaupt verdient in vielen Stuͤcken die Klopstockische Abhandlung von der heiligen Poesie Poesie gruͤndlich gepruͤft zu werden; und viel- leicht sage ich Jhnen ein andermal meine Ge- danken daruͤber! Christ. Und vielleicht zeige ich Jhnen kuͤnf- tig den Grundriß, den ich bei dem dritten Le- sen des Meßias entworfen. Jezt haben wir nur immer Abwege oder Luͤcken, Fehler oder Schwaͤchen gezeigt; mehr kann die Kri- tik nicht; aber das Genie ists, was jene Abwege und Fehler vermeiden, und auch Luͤ- cken und Schwaͤchen vollfuͤllen muß. Rabbi. Desto lieber fuͤr mich, wenn ich Jhren Embryon vom Plan sehe! Vielleicht hat er mit den Fehlern auch die Schoͤnheiten K. vermieden, unter denen seine Fehler ganz verschwinden. Nirgends ist K. groͤßer, als wenn er, ein Kenner des menschlichen Geistes, jezt einen Sturm von Gedanken und Empfin- dungen aus der Tiefe der Seele holt und ihn bis zum Himmel brausen laͤßt: wenn er ei- nen Strudel von Zweifeln, Bekuͤmmernissen, und Aengsten erregt; wie Philo, der verzwei- felnde Jscharioth, Petrus und insonderheit das große Geschoͤpf seiner Phantasie Aban- donna zeigt. Christ. Christ. Und im Zaͤrtlichen sieht man K. immer sein Herz schildern: Benoni, La- zarus und Cidli, Maria und Porcia; Mirjam und Debora; alles vortrefliche und liebenswuͤrdige Scenen. Ueberhaupt wuͤr- de unser Gespraͤch, wenn es die Schoͤnheiten aus einander sezzen wollte, sehr spaͤt zu Ende kommen; alles, alles ist bei K. in Theilen schoͤn sehr schoͤn, nur im Ganzen nicht der rechte Epische Geist. Rabbi. Mir ging es eben so! So lange ich las, hatte ich sehr selten eine Kleinigkeit wi- der K. Haͤtten Sie mich damals um mein Ur- theil gefragt; so wuͤrde ich schwerlich haben richten koͤnnen, weil ich mich ergoͤzte, weil ich empfand. Freilich aber kam mir nach h er das Ganze — Christ. Wir vergessen aber, daß dies Ganze nur noch Fragment ist. Rabbi. Nun dann! so wuͤnsche ih ihm eine solche Vollendung, als der So h ar vom Liede der Lieder sagt: „an dem T a g, da es „vollendet ist, ist die Vollkomm en heit und „Schoͤnheit selhst geboren!„ Von Von der Griechischen Litteratur in Deutschland. 1. (Wie weit kennen wir die Griechen?) D ie Griechen, die Lieblinge der Minerva, haben sowohl in der Kunst, als in den schoͤ- nen Wissenschaften mit solchem Gluͤck gear- beitet, daß das Jdeal ihrer Werke und die schoͤne Natur selbst, beinahe ein Bild ausma- chen sollen. Wie Thucydides die Stadt Athen, das Museum und Prytaneum der Griechen nannte: so ist aus Griechenland der Tempel und Hein der schoͤnen Natur ge- worden, aus dem die meisten Nationen Eu- rope n s, die nicht Barbarn geblieben, Gesezze und Auster bekommen haben. Hier floß der Pierische Quell, aus dem Homer trank, und der Ungeweihten einen bloßen Shauder einjagt: hier rauschten die Thyrsusstche Dithyrambische Begeisterung in die Vertra u ten des Dionysius: hier tan- zen zen Nymphen und Gratien um ihren Ana- kreon: Olympische Kraͤnze fliegen um die Scheitel der Sieger, und ihr Laub huͤpfet nach dem Dorischen Saitenspiel Pindars: hier wetteifern Theokrits Schaͤfer, und lauschend entkleidet die ganze Natur ihre Schoͤnheit: hier tanzen die Choͤre des So- phokles: hier das Odeum, die Gefilde der Musen — Odi profanum vulgus et arceo Fauete linguis! Carmina non prius Audita Musarum sacerdos Virginibus puerisque cantat! Ja sie sind der Nachahmung werth, die Griechen mit ihrem feinen Poetischen Sinne: sie, deren schoͤnes Jdeal ein Abglanz der Na- tur ist, wie die Sonne sich im klaren Bache spiegelt; deren dichterischer Grundriß von der Goͤttin Evnomia gezeichnet, und von ihrer Tochter, der himmlischen Gratie, ausge- malet worden: deren Bilder sich in den Glanz der Morgenroͤthe huͤllen: deren Mund Melodie spricht, und deren stolzes Ohr Bil- der siehet — sie sind der Nachahmung werth. Aber Aber ehe wir sie nachahmen, muͤssen wir sie erst kennen. Wo sind die Lieblinge der Muse, die die Griechischen Blumen und Fruͤchte auf den Boden Deutschlands zu verpflanzen suchen? Welches sind die Schutzengel der Griechischen Philologie? — Der unsterbli- che Geßner: Ernesti: und Klozz: ich will nur diese drei nennen, die viele Verdienste haben, die Griechen unter uns bekannter zu machen; aber meistens fuͤr das Große in Deutschland, blos durch Ausgaben. Der erste ist Deutschland leider entrissen: der- zweite hat sich nach den Fußstapfen des er- stern, den Weg Kritischer Genauigkeit ge- waͤhlt; und arbeitet in andern Bezirken: der dritte, von dem Deutschland noch weit mehr erwartet, als er geliefert hat, ist ein fei- ner Kenner der Griechen, ein genauer Kunst- richter, er hat Verdienste durch seine Ausga- ben, und durch seine Urtheile; aber wie gerne wuͤnschet man mehr eigne Arbeiten von ihm, uͤber die Griechen. Wo ist ein Schuzengel der Griechischen Lit- teratur in Deutschland, der an der Spizze von allen, zeige, wie die Griechen von Deut- schen schen zu studiren sind? Studiren heißt freilich zuerst den Wortverstand erforschen, und das so gruͤndlich, als es zu folgenden Stuͤcken gehoͤrt: man suche aber auch mit dem Auge der Philosophie in ihren Geist zu blicken: mit dem Auge der Aesthetik die feinen Schoͤnheiten zu zergliedern, die den Kritikern sonst gemeiniglich nur im Uebermaas erscheinen, und denn suche man mit dem Au- ge der Geschichte Zeit gegen Zeit, Land ge- gen Land und Genie gegen Genie zu halten. Diderot erdichtet sich eine Gesellschaft Menschen, jedweder mit einem Sinn: und jeder ist ein Narr des andern: ein Bild des- sen, sagt er, was taͤglich in der Welt ge- schieht! — und am meisten, kann ich dazu sezzen, in der Kritischen Welt: jeder hat ei- nen Sinn und urtheilt vom Ganzen. Der Franzose zergliedert hoͤchstens einige Schoͤn- heiten fluͤchtig, bildet seinen Autor nach dem Geschmack seines Landes, und glaubt sich als- denn schon als den besten Kunstrichter: den Wust Lateinischer Wortkritiken sieht er fuͤr Schlamm an, wobei er sich verekelt. Wie- derum der Hollaͤndische und Deutsche Wort- S gelehr- gelehrte sieht jenes seine Franzoͤsirenden Anmerkungen fuͤr noch etwas aͤrgers als Schlamm an; der Franzose sagt: ja, davon wuchsen Blumen und Fruͤchte! und der Deut- sche: das meinige ist nicht fruchtbar, aber rei- nigend! Jeder schließt nach seinem einzigen Sinn. Aber warum hat man denn nur einen? Wie? wenn viele Wortrichter schon vorgear- beitet — wenn die Franzosen ihre Aestheti- sche Bon-Mots nun denn oft genug wieder- holt, und durchgearbeitet — wenn die Brit- ten die historische Seite in Erklaͤrung der Alten noch mehr werden erleuchtet haben; wird alsdenn nicht ein Zeitpunkt fuͤr die Phi- losophischen Deutschen kommen, die Vor- arbeiten aller dieser zu nuzzen, und ein gan- zes Philosophisches Gemaͤlde uͤber sie zu entwerfen? Jene haben schon viel vorgear- beitet; wir auf unserm Geschaͤfte, bleiben et- was nach: und vielleicht doͤrften folgende drei Bemuͤhungen uns naͤher bringen. Wie? wenn uns jemand das Geheimniß der schoͤnen Wissenschaften, so aus den Griechen aufschloͤsse, als Baumgarten es aus aus den Lateinern zu eroͤfnen anfing, und Home es aus seinen Englaͤndern gethan? Nicht blos die Veraͤnderung und Neuheit des Gesichtspunktes wuͤrde der Aesthetik gewaltig nuͤzzen: sondern der Verfasser wuͤrde auch, wenn dies Buch, in welchem die Baumgarten- sche Aesthetik sehr genuͤzt werden koͤnnte, auf Akademien zum Grunde laͤge, viel zur Um- bildung des Geschmacks beitragen: es wuͤrde die Lehrbuͤcher verbannen, die die Franzoͤsi- sche oder Deutsche Scribenten zu ihren Grund- faden waͤhlen, durch die sie Anmerkungen nach der Mode durchschlagen: es wuͤrde eine Liebe zur Philologie einfloͤßen, auf den Grie- chischen Parnaß voͤllig aufzuklimmen, an dessen Fuß man schon so schoͤne Blumen fin- det: es wuͤrde zu einem Philosophischen Ge- schmack gewoͤhnen, der in Lesung der Alten sehr nuͤzlich und nothwendig ist. Eine zweite hoͤhere Stuffe: wenn sich Ue- bersezzer faͤnden, die nicht blos ihren Autor studirten, um den Sinn der Urschrift in unsre Sprache zu uͤbertragen: sondern auch seinen „unterscheidenden Ton faͤnden, die sich in den „Charakter seiner Schreibart sezzten, und S 2 „uns „uns die wahren unterscheidenden Zuͤge, den „A u sdruck und den Farbenton des fremden „Originals, seinen herrschenden Charakter, „sein Genie und die Natur seiner Dichtungs- „art richtig ausdruͤckten.„ Litt. Br. Th. 18. — Dies ist freilich sehr viel; aber fuͤr mein Jdeal eines Uebersezzers noch nicht gnug. Die meisten Uebersezzer wollen doch gern ein Wort mitre- den, in der Vorrede, in Kritischen Noten, oder im Leben ihres Autors, und die meisten reden in der Vorrede Complimente, oder von den Ausgaben ihres Autors: in den Noten aber oft langweilige Erklaͤrungen, die dem Leser keinen guten gesunden Hausverstand zutrauen; oder Zaͤnkereien, die ihn noch weit weniger angehen, oder ein Kram von Philologischer Gelehrsamkeit. Endlich wird das Leben des Autors dazu uͤbersezzt: und so ist ein Buch fertig: fuͤr den Uebersezzer Tagelohn, fuͤr den Verleger Meßgut, fuͤr den Kaͤufer ein Buch in seine Bibliothek: fuͤr die Litteratur? nichts! oder Schade! Null oder negative Groͤße. Aber — Wenn Wenn uns jemand den Vater der Dicht- kunst Homer uͤbersezzte: ein ewiges Werk fuͤr die Deutsche Litteratur, ein sehr nuͤzli- ches Werk fuͤr Genies, ein schaͤzzbares Werk fuͤr die Muse des Alterthums, und unsre Sprache, ja so wie Homer lange Zeit die Quelle aller goͤttlichen und menschlichen Weisheit gewesen, so wie er der Mittelpunkt der Griechischen und Roͤmischen Litteratur wurde, auch das groͤste Original fuͤr die un- sere —— alles dies kann eine Homerische Uebersezzung werden, wenn sie sich uͤber Ver- suche erhebt, gleichsam das ganze Leben ei- nes Gelehrten wird, und uns Homer zeigt, wie er ist, und was er fuͤr uns seyn kann. Wie sehr haben uns die Englaͤnder hier schon vor- gearbeitet? Thomas Blackwells Unter- suchung uͤber das Leben und die Schristen Homers (und leider! ist dies schaͤzzbare Buch, das in England so hoch aufgenommen ward, kaum halb ins Deutsche uͤbersezzt); eine Untersuchung, die sich den hohen Sazz auf- gibt: „ welch ein Zusammenfluß von natuͤrli- „chen Ursachen konnte den einzigen Homer her- „vorbringen?„ die diesen Sazz aus den Ge- S 3 heim- heimnissen der Griechischen Litteratur und Geschichte mit wahrem Kritischen Geist erklaͤrt, und zum Homer ein Schluͤssel ist — Diese Abhandlung sollte statt Einleitung seyn: eine Einleitung, die fast nie so nothwendig ist, als wenn wir uns dem aͤltesten, dem goͤttlich- sten, dem unuͤbersezzbaren Homer naͤhern. Nun folgen die wichtigsten Untersuchungen der Alten uͤber den Homer: und was er bei ihnen alles geworden ist? Was er bei uns seyn kann und soll? Wie wir ihn, ohne Miß- brauch nuzzen muͤssen, ohne doch jemals Ho- mere werden zu koͤnnen? Dies ist der Eingang und die Uebersez- zung? Beileibe muß sie nicht verschoͤnert seyn, wie noch jezt die neue Bitaubésche als ein Greuel der Verwuͤstung dastehet. Die Franzosen, zu stolz auf ihren Nationalge- schmack, naͤhern demselben alles, statt sich dem Geschmack einer andern Zeit zu beque- men. Homer muß als Besiegter nach Frank- reich kommen, sich nach ihrer Mode kleiden, um ihr Auge nicht zu aͤrgern: sich seinen ehr- wuͤrdigen Bart, und alte einfaͤltige Tracht abnehmen lassen: Franzoͤsische Sitten soll er an an sich nehmen, und wo seine baͤurische Ho- heit noch hervorblickt, da verlacht man ihn, als einen Barbaren. — Wir armen Deut- schen hingegen, noch ohne Publikum beinahe und ohne Vaterland, noch ohne Tyrannen eines Nationalgeschmacks, wollen ihn sehen, wie er ist. Und die beste Uebersezzung kann dies bei Homer nicht erreichen, wenn nicht Anmer- kungen und Erlaͤuterungen in hohem Kritischen Geist dazu kommen. Wir wollen gern mit dem Uebersezzer diese Reise thun, wenn er uns nach Griechenland mitnaͤhme, und die Schaͤzze zeigte, die er selbst gefunden. Als Leute, die dieses Reisens nicht sehr gewohnt, zum Theil dran vereckelt sind, mache er uns aufmerksam, fuͤhre uns als Kundschafter um- her, die sich nicht um Schulgeschichten und Wortklaubereien, sondern um das ganze große Staatsgeheimniß der Griechischen Litteratur bemuͤhen. Man weiß, was Franzoͤsische An- merkungen des Geschmacks uͤber die Alten sind: meistens Zergliederungen einzelner, und oft unwesentlicher Schoͤnheiten, die ihrem Publikum zur Zerstreuung, Erholung und Er- S 4 goͤz- goͤzzung geschrieben sind. Man weiß, wie Schulmaͤnner die Alten erlaͤutern. Man kennet die Grimmischen Noten zum Ana- kreon; und die Ebertschen zu Young; man kann also aus einer Morgenroͤthe auf den voͤl- ligen Sonnenanbruch schließen, wie durch Ho- mer ein Publikum koͤnnte gebildet werden, nach Griechischem Geschmack. Jch wuͤrde nicht gern Poesie und Hexameter bei dieser Uebersezzung vermissen; aber Hexameter und Poesie im Griechischen Geschmack; sollte es auch nur Gelegenheit geben, uns immer auf- merksam zu machen, wie weit unsre Sprache, und Poesie hinten bleibe. — Es ist viel, was ich aufgebe, aber durch alles dieses wer- den die Schoͤnheiten kaum einigermaaßen er- sezt, die im Homer unuͤbersezbar bleiben. Um dies mehr ins Licht zu sezzen, fuͤge ich ein Urtheil des Geschmacks uͤber Stein- bruͤchels Uebersezzung des Sophokles und Euripides dazu; ein Urtheil des Ge- schmacks, ein Urtheil nach der Gramma- tik Litt. Br. Th. 20. p. 157. u. Th. 21. p. 3. 13. 81. haben schon die Litteraturbriefe ge- faͤllt! faͤllt! Jch kann sie nehmlich, um vollstaͤndig davon zu urtheilen, jungen Tragischen Genies, Liebhabern der Griechen, und Deutschen Sprachrichtern in die Haͤnde geben; was werden diese daruͤber urtheilen? Den Genies, die blos Aetherisch lesen, ist sie eine sichere Handleiterin zu einer klaren Quelle. Sie sehen den Tragischen Geist der Griechen, lernen das Eigenthuͤmliche ihrer Denkart und ihrer Ruͤhrung: koͤnnen ihre Einfalt und ihre Zusammensezzung, ihre An- lage und Fortleitung bis zur Erreichung des Zwecks verfolgen; aber wo wird in ihnen der Griechische Geist der Tragoͤdie aus ihren Patronymischen und Mythologischen Ge- schichten entwickelt? und wo ist dies mehr noͤthig, als in den Choͤren, die ganz in die Griechische Laune verwebt sind? Bei allem Schweizerischen Schwulst hoͤrt ein Genie wohl die wahre Sprache des Griechischen Kothurns, in ihrer ganzen Schreibart, und in den Bindungen, die dem Poetischen Ohr im Griechischen so stark toͤnen, als sie sich im Deutschen in die Prose verlieren? Entgeht uns bei den Choͤren nicht das Colorit, S 5 der der Schwung, der Theatralische Tritt, die Musikalische Harmonie ihrer Originalsprache voͤllig, von denen sich noch eins und das andre durch das Klopstocksche freie Sylben- maas haͤtte retten lassen? Ein Deutsches Ge- nie versuche es nach Steinbruͤchel, Tra- gische Choͤre nachzubilden, werden sie wohl im Griechischen Geist seyn? Jndessen gebe ichs zu, daß St. durch seine Uebersezzung weit mehr Original ist, da er Deutschland mit den groͤßesten Tragischen Poeten bekannt macht, als wenn er uns zehn mitleidige Schweizertragoͤdien nach Griechischer Manier gegeben haͤtte. Von den Griechen hat unser Theater noch am wenigsten, oder lieber gar nichts gelernt. Die Liebhaber der Griechischen Litte- ratur legen ihn aus der Hand! Man sucht vergebens etwas, das uns das Genie der Griechen, ihres Theaters, und den Charak- ter seines Autors kostet, und zu schmecken giebt. Und die Sprache? ist freilich in ihrem Dialekt unangenehm; nicht blos die Schwei- zerwoͤrter werden unausstehlich: sondern d as Colo- Colorit der Griechischen Einfalt soll durch eine uͤbermaͤßige Farbengebung, die oft den Perioden verzerrt, ersezzt werden: da bleibt Sophokles gewiß nicht mehr die Syrene Griechenlands, wie ihn das Orakel nannte. — Aber die Kuͤhnheit des Uebersezzers ver- dient Aufmunterung, „die Griechische Wort- „fuͤgungen unsrer Sprache anpaßt;„ nur muß sie keine blinde Nachfolger haben, die ein Exempel sogleich zur erlaubten Gewohn- heit machen; und gerechte Richter muͤssen seyn, die das Claßische Ansehen solcher Ver- suche beurtheilen. St. fahre also in seinen Bemuͤhungen fort, und lasse sich die Kritiken blos zur Huͤlfe dienen. Auch Pindar — ein fuͤr die Deutschen so verschloßnes Buch, der den Griechischen Na- tionalgeist so sehr in seiner Staͤrke zeigt, und fuͤr unsre Dorische Sprache und Genies bildend gnug seyn koͤnnte — auch Pindar Litt. Br.! Th. 2. muntre ihn auf, ein großer Uebersezzer, aber auch zugleich zugleich im Griechischen Verstande, ein Doll- metscher desselben zu werden. In tantis vo- luisse, laborasse, sudasse, sat est. Ruͤhmlich kuͤhn ist die Muse, Pindaricae fontis, quae non expalluit haustus. Statt daß ich jetzt ein Verzeichniß hin- sezzen sollte: „welche Griechen und aus wel- „chen Gruͤnden sie zu uͤbersezzen waͤren„ will ich lieber die Uebersezzung des Tyrtaͤus, Litt. Br. Th. 17. p. 11. und noch mehr Daphnis und Chloe aus dem Longus mit dem verdienten Lobe nen- nen. Auch mir thut es Leid, „daß die un- „genannten Uebersezzer nicht darauf gefallen „sind, den Griechischen Text beidrucken zu „lassen. Man sollte wirklich alle Gelegen- „heit ergreifen, bei unsrer Nation, die fast „verloschene Liebe zur Griechischen Sprache, „deren Schriftsteller die reinsten Quellen des „Geschmacks sind, in etwas wieder anzu- „fachen. Wie ruͤhmlich waͤre es auf alle „Art, wenn wir die Englische Nation lieber „in dem Studio der Griechischen Sprache, „als „als in gewissen andern Dingen nachahmen „wollten.„ p. 16. Wo ist aber noch ein Deutscher Winkel- mann, der uns den Tempel der Griechischen Weisheit und Dichtkunst so eroͤfne, als er den Kuͤnstlern das Geheimniß der Griechen von ferne gezeigt? Ein Winkelmann in Ab- sicht auf die Kunst konnte blos in Rom auf- bluͤhen; aber ein Winkelmann in Absicht der Dichter kann in Deutschland auch her- vortreten, mit seinem Roͤmischen Vorgaͤnger einen großen Weg zusammen thun. Diese Geschichte der Griechischen Dicht- kunst und Weisheit, zwei Schwestern, die nie bei ihnen getrennt gewesen, soll den Ur- sprung, das Wachsthum, die Veraͤnderun- gen und den Fall derselben nebst dem ver- schiedenen Stil der Gegenden, Zeiten und Dichter lehren, und dieses aus den uͤbrig gebliebnen Werken des Alterthums durch Proben und Zeugnisse beweisen. Sie sei keine bloße Erzaͤhlung der Zeitfolge, und der Veraͤnderungen in derselben, sondern das Wort Geschichte behalte seine weitere Grie- Griechische Bedeutung, um einen Versuch eines Lehrgebaͤudes liefern zu wollen. Man untersuche nach ihrem Wesen die Dichtkunst der Griechen: ihren Unterschied von den uͤbri- gen Voͤlkern: und die Gruͤnde ihres Vorzugs in Griechenland: hier wuͤrde sich ein Ocean von Betrachtungen darbieten, wie fern ihr Himmel, ihre Verfassung, Freiheit, Leiden- schaften, Regierungs- Denk - und Lebensart, die Achtung ihrer Dichter und Weisen, die Anwendung, das verschiedne Alter, ihre Religion und ihre Musik, ihre Kunst, ihre Sprache, Spiele und Taͤnze u. s. w. sie zu der hohen Stuffe erhoben haben, auf der wir sie bewundern. Man zeige uns das wahre Jdeal der Griechen in jeder ihrer Dichtarten zur Nachbildung, und ihre Jn- dividuelle, National - und Localschoͤnheiten, um uns von solchen Nachahmungen zu ent- woͤhnen, und uns zur Nachahmung unsrer selbst aufzumuntern. Der Ausdruck, die Proportion, das Aeußere ihrer Werke werde erklaͤrt, und mit unserm Stil verglichen. Alsdenn von den verschiednen Zeiten der Griechischen Poesie; wiederum mit einer Prag- Pragmatischen Anwendung auf unsre Zeit: wie die Roͤmer von den Griechen gelernt ha- ben, und wie wir von ihnen lernen sollen. — Ein Ocean von Betrachtungen, in den sich blos ein Kenner der Alten, ein Weltweiser, ein Geschmackvoller Kunstrichter, und ich moͤchte beinahe sagen, selbst ein Dichter wa- gen kann: ein Ocean, aus dem die meiste unsrer Weisen nur Tropfen kosten; an dem die meisten Dichter nur so trinken, als die zum Siege bestimmte Streiter Gileads; und die Kunstrichter? — bringen dem Goͤtzen ihres Aeons mit demuͤthigem Stolze eine Handvoll Wasser aus demselben dar, wie je- ner Bettler dem Persischen Monarchen. Ein Werk von dieser Art muß die Grie- chen unter uns bekannter machen, die wir so wenig kennen; es muß den Quell des guten Geschmacks oͤfnen, und uns von elenden Nachahmern der Griechen befreyen: den gan- zen Knoten muß es entwickeln, wie weit ka- men sie? und warum so weit? — wie weit sind wir ihnen nach? wie viel weiter koͤnnen und sollen wir? — was werden wir nie er- reichen? und warum nicht? — Zufolge Zufolge der Bemerkungen der Litteratur- briefe uͤber das Jdeal, Litt. Br. Th. 7. p. 124. 125. Th. 9. p. 49. Th. 14. p. 258. und die vollkom- menen Dramatischen und Epischen Charaktere, (Bemerkungen, die ich sehr schaͤzze) hatte ich hier eine Abhandlung uͤber das Jdeal der Griechen in jeder Dichtart eingeruͤckt, und mit dem Jdeal unsrer ausgearteten Zeit verglichen: bei der zweiten Umarbeitung mei- ner Fragmente vermehrte ich sie; allein bei der dritten — ließ ich sie aus, weil sie mir noch selbst auf Seiten der Griechen zu wenig gnug that, und auf Seiten unsrer, nothwen- dig hie und da frei werden muste. Jch fahre also lieber im Ton meiner Fragmente fort und frage: 2. (Wie weit haben wir sie nachgebildet?) W ie weit sind wir denn im Nachbilden der Griechen? Vielleicht haben einige Deutsche Genies Genies in der Stille blos unter dem Angesicht ihrer Muse die Alten studirt, vielleicht in der Stille ihnen Werke nachgebildet, die fuͤr uns Griechische Schoͤnheiten enthalten. Viel- leicht Litt. Br. Th. 1. p. 34. ist Bodmer unser Homer, Gleim unser Anakreon, Geßner unser Theokrit, der Grenadier unser Tyrtaͤus, Gerstenberg ein Alciphron, Karschin unsre Sappho, der Dithyrambensaͤnger unser Pindar! Se- het da! ein glaͤnzendes Siebengestirn, viel- leicht vortreflicher, als jenes am Hofe des Philadelphus. Bit a ube in seiner Uebers. Home rs . Bodmer und Homer! Nein ich wage es nicht, uͤber zwei so ehrwuͤrdige Greise zu urtheilen; Noah mag heiliger seyn, er mag moralischer seyn; ich finde doch nicht Antrieb, ihn in irgend etwas mit Homer zu vergleichen; und zum Gluͤck besinne ich mich, daß er aͤlter sey, als der Zeitpunkt, uͤber den ich schreibe. Aber Homer und Klopstock! Wo hat K. ein Homer seyn wollen? Nach seiner Abhandlung von der heiligen Poesie, scheint er T er mehr vom Virgil zu machen, und ist auch eher Virgilianisch als Homerisch. Vielleicht besingt er, als ein heiliger Virgil, die Gegenstaͤnde des Orients; und vielleicht reizt eben dieses Virgiliansche mehr, als das Seltene in seinem Gedichte. — Aber Ho- mer? Ja! wenn ich Klopstocks Jnhalt der Gesaͤnge laͤse; so denke ich (wer wird dies nicht fuͤr wunderlich halten) bei den Summa- rien denke ich noch an den Rhapsodisten; aber bei dem Gedichte selbst nicht mehr. Der große Reichthum von Worten, von schoͤnem Ausdruck, von Malereien auf der Oberflaͤche; von ausgefuͤhrten Gleichnissen, reißt mich fort, daß ich nicht Auffodrung gnug habe, jenen Griechischen Saͤnger in ihm zu suchen, der arm an Worten und reich an Handlung war; der jede Schoͤnheit seiner Bildung tief eindruͤckt, und seine Jdeen nicht malt, son- dern mit lebendigen Koͤrpern umhuͤllet, die von Morgenroͤthe stralen. Vielleicht ist es fuͤr K. die groͤste Ehre, wie ich deßhalb an das Zeugniß eines Franzosen mich erinnere, gar kein Homerisches Bild gebraucht zu ha- ben: vielleicht ist es unsrer geistigern Zeit gemaͤßer, gemaͤßer, daß er seine Bilder, gleichsam un- sichtbar in die Seele malet, so wie die sinn- lichen Griechen sich an ihrem sinnlichen Ho- mer ergoͤtzten; vielleicht uͤbertrift das Mo- ralische im K. alles schoͤne Sinnliche im Homer; ja vielleicht ist sein großes Talent, die Seele zu schildern, mehr werth, als alles im alten Griechen — alles dieses vielleicht sey meinethalben gewiß; eine so nuͤzliche Un- tersuchung mag eine Poetische Bibliothek zur Chre der Deutschen anstellen. Littr. Br. Th. 19. p. 155. 156. Jch schweife hier lieber auf den Macht- spruch eines Kunstrichters aus: „Homer ward „eben so wenig von allen Griechen verstanden, „als K. von allen Deutschen! Litter. Br. Th. 1. p. 49. Die wahren „Kenner der Dichtkunst sind zu allen Zeiten in „allen Laͤndern eben so rar, als die Dicht er „selbst gewesen! So ist es wirklich!„ Ohn- geachtet dieses Wirklich hier als ein Amen stehet; so will ich doch eben nicht im zweiten Chor antworten: Amen! sondern etwas ausnehmen. Daß alle Griechen den Homer verstanden, wer wird dies behaupten, der jemals die Grie- T 2 chen chen auch nur von ferne gesehen? der da weiß, daß jede Sprache alle Viertheil Jahrhunderte sich merklich veraͤndert, und der die Zeit des Homers kennt, wo die Griechischen Staa- ten sich erst zu bilden ansiengen, und also nothwendig mehr und wichtigere Veraͤnde- rungen in der Sprache erfuhren, als wir in einer gebildeten Sprache, und einem ruhigen Staat. Man muß also nothwendig eine Zeit festsezzen, wenn wurde der Homer so und so wenig verstanden? Wie er sang? Nun! da sang er als αοιδος, und nothwendig also, wenn es damals καλους κ’αγαϑους gab, die gute huͤbsche Leute bedeuteten, diesen verstaͤndlich. Jst das Leben Homers wahr, das man dem Herodot zuschreibt: so zog er umher; fand in einigen Staͤdten Beifall auf den Maͤrkten, und Ehre in den Staaten: seine Sprache war goͤttlich, neu; aber im Ganzen verstaͤnd- lich; weil damals noch nicht ein Unterschied zwischen der Sprache der Weisen und des Volks, zwischen der Denkart der Vornehmen und Geringen war; was Homer sang, war die Sprache der Goͤtter und zugleich eine ver- edelte Sprache des Poͤbels. Nur in einigen Republi- Republiken, wo die Mundart schon mehr Po- litisch geworden war, da war seine Sprache fremde, ungewoͤhnlich, und in Athen, wo er nachher so viel galt, kostete ihm seine Ra- serei 50 Drachmen. Jn dieser Poetischen Zeit betrachtet, mo̊chte also das eben so we- nig, das der Kunstrichter behauptet, nicht ge- nau eintreffen: damals war seine Sprache eben die Sprache des Volks, die Kenner der Dichtkunst waren haͤufiger, und die Dichter selbst — wer die Dichterei der alten ραψω- δων und αοιδων kennet, wird ihre Dichtkunst unmoͤglich mit der unsrigen vergleichen. Meint aber der Kunstrichter, die Zeit, da Homer gelesen wurde: so trift es eben so we- nig ein. Die Glieder des Dichters wurden erst in der 61. Olympiade gesamlet, da er doch nach der gemeinsten Rechnung immer vor den Olympiaden gelebt hat. Hier muß man nun ausmachen, wer waren die alle, die den Ho- mer verstehen sollten? Jch nehme eine mitle- re Groͤße an: laß es gute huͤbsche Leute ge- wesen seyn (καλοι κ’αγαϑοι)! Nun! weiß ja aber, wer im Plato auch nur bis in die Mitte seines ersten Gespraͤchs gekommen, daß T 3 Hip- Hipparchus, der Sohn des Pisistratus, u n - ter vielen andern Proben der Wetsheit, auch des Homers Buͤcher zuerst nach Athen ge- bracht, und die Rhapsodisten angetrleben, sie bei den oͤffentlichen Spielen zu lesen; eine Ge- wohnheit, die bis an Platons Zeiten relchte. Wo sind nun die Panathenaͤa, wo unser Ho- mer unserm Volk vorgelesen und erklaͤret wird? — Jch sage: erklaͤrt ward: benn dies zeigt Platons ganzes Gespraͤch: Jo — eine Unterredung, deren Name schon gnug ist, daß jeder, der sie gelesen, das vorige eben so wenig einschraͤnken wird. Mit welchem Enthusiasmus sprach Jo, im Namen aller Rhapsodisten vom Homer? Konnte er ihn nicht bis auf ein Wort auswendig? War es nicht alle seine Arbeit, sein ganzer Lebenslauf vor dem Tode, und auf dem Leichensteine, die- ser hat den Homer auswendig gewust, am besten deklamiren, am gruͤndlichsten erklaͤren koͤnnen! Was richtete nicht seine Rhapsodie bei dem Volke aus? — Und das alles, oh- ne Homer mehr zu verstehen, als unser Volk den Klopstock? Jch glaube, die Parallelli- n ien neigen sich von einander; und sie ent- fernen fernen sich merklicher. Daß Homer in den Schulen bei den Griechen gelesen wurde: sagt Xenophon, — doch nein! hier ftoße ich auf ei- ne Stelle, die vielleicht zwischen Wieland und Fll. Gelegenheit zum Streit uͤber καλος κ’α- γαϑος gegeben; ich sezze also lieber das Zeug- niß eines Griechischen Rammlers hin, des sorgfaͤltigen Jsokrates: οιμαι δε και την Ομηρȣ ποι03B7;σιν μειζω λαϐειν δοξαν, οτι καλως τους πολεμησαντας τοις ϐαρϐαροις ενεκωμιασε. Και δια τουτο ϐουληϑηναι τους προγονους ημων εντιμον αυτου ποιησαι την τεχνην, εντε τοις της μουσικης αϑλοις, και τη παιδευσει των νεωτερων. Ινα πολλα- κις ακουοντες των επων εκμανϑανωμεν την εχϑραν την προς αυτους υπαρχουσαν. Isocrates in Panegyr. Wo wird nun in unsern Schulen unser Homer in diesent Zwecke gelesen? Das Ge- schichtchen vom alten Homer weiß ein Kna- be wohl aus seinen historiis selectis, daß Alcibiades jenem Schulmeister eine Ohrfei- ge gab, der nicht den Homer in der Schu- le hatte: Dummkopf, sagte er, auch deine T 4 Schuͤ- Schuͤler willst du zu Dummkoͤpfen machen? Plutarch. in vit. Alcibiad. Dies Geschichtchen, hat nun wohl eln Knabe gelesen, aber Deutsche Homere? Viel eher, sa- ge ich, in der Angst, den Griechischen selbst. Und noch weniger gilt der Einwurf, den der Kunstrichter wider die Bekanntschaft Homers aus dem Xenophon macht, und wie ich fast dazusezzen kann, Myopisch macht. Man warf dem Sokrates vor: er habe Stellen aus dem Homer angefuͤhrt, nicht die an sich gefaͤhr- liche Lehren enthielten, sondern die er in ei- nem fuͤr den damaligen Atheniensischen Staat gefaͤhrlichen Zweck angefuͤhrt. Nicht, als haͤtte ihn Sokrates Grammatisch oder Poetisch miß- gedeutet; sondern Politisch uͤbel angewendet. Daß ich nicht nach meinem lieben Eigensinn deute; sondern daß es Xenophon selbst sagt, zeigen seine Worte augenscheinlich: „ Sokra- „tes, so sagte sein Anklaͤger, pflegt auch oft „ Homers Gedichte anzufuͤhren: daß z. E. „Ulysses den Vornehmern mit freundlichen „Worten zugesprochen, wenn sich aber ein „Geringerer unnuͤtz machte: so schlug er ihn „mit seinem Scepter und befahl ihm ruhig „zu „zu seyn. Dies hat er so ausgelegt, als „wollte der Poet, man sollte die Geringern blos „mit Schlaͤgen ziehen; allein sezt Xenophon „dazu, das hat Sokrates gar nicht gemeinet: „sondern ꝛc.„ Jm erst. Buch der Denkio. Reden. Und was folgt hieraus? Daß Homer Lehren wider den Staat enthiel- te? Gar nicht! sondern daß Sokrates seine Lehren wider den Staat aus einem bei dem Volk so viel geltenden Dichter zu bestaͤtigen suche? Sagt der Anklaͤger, daß Homer die geringern und aͤrmern Leute zu schlagen ra- the? Nicht! sondern Homer mache dieses den geringern und armen Leuten glaubend! Diesen geringern und aͤrmern Leuten konnte ja ein Sokrates leicht was glaubend machen, und Melitus muste als ein Vereh- rer des Homers eben dagegen am meisten eifern, daß Sokrates, seine Lieblinge, die Dichter so mißbrauchte. Die aufgebrachten Richter verurtheilten, ohne daß sie im Homer nachsahen, ob dies der wahre Verstand sey (das that hier ja nichts zur Sache); sondern weil er den Staat stoͤrte: wenn sie auch Leu- te gewesen waͤren, mit denen man in der Ju- T 5 gend gend den Homer gelesen, so betraf es ja hier keine Moralische Lehre, und noch weniger Poetische Schoͤnheit; sondern eine Politische Situation. Und ich kann noch weiter gehen, wenn ich den fruchtbaren Folgerungen, die diefer Fll. bei seinen Kritischen Streitigkeiten sonst reichlich bewiesen hat, nachahme: eben weil die Richter den Lieblingsdichter ihrer Jugend in Sokrates Munde so gemißhandelt sahen; eben weil sie viel von dem Ansehen eines Poeten zu befuͤrchten hatten, den jeder fuͤr goͤttlich hielt, den die καλοι κ’αγαϑοι auswendig wusten — so nahmen sie die Sa- che so ernsthaft. Ueberhaupt zeigt dieser ganze Proreß, daß wir keinen Homer mehr haben koͤnnen, dem die Ehrennamen: Vater der Weis- heit, der Tapferkeit, der Dichtkunst, im hohen Griechischen Sinne zukommen koͤnn- ten; keinen Homer, der fuͤr uns so ein Ori- ginal nach Sprache, Sitten, Geschichte, Fa- beln und Melodie seyn kann, als es jener fuͤr die Griechen war: jene liebten Heldenerzaͤh- lungen von ihren Vorfahren aus einer alten Sage: Mythologien von Goͤttern, die ihre Vaͤter, Vaͤter, die Haͤupter ihrer Familien, die Stif- ter ihrer Staaten, und die Ueberwinder ih- rer Erbfeinde waren — Unsere Leser der Deutschen Homere gehen vermuthlich in Bein- kleidern oder langen Roͤcken nach Franzoͤsi- schem Schnitt: sie lesen statt Mythologien Gellertsche Fabeln, und statt Hexameter und Rhapsodien singen sie Kirchenlieder. Nach der Bekanntschaft und Bildung des Geschmacks ist entweder Gellert unser Homer; oder er soll noch geboren werden. Denen, die daruͤber staunen, wie Gellert und Homer zusammen kommt, schreibe ich eine Stelle ab, die richtig gnug ist: Abbt vom Verdienst p. 367. 77. „Fuͤr ganz Deutschland ist es ohne Wider- „spruch Gellert, dessen Fabeln wirklich dem „Geschmack der ganzen Nation eine neue „Huͤlfe gegeben haben. (Fragt die erste, die „beste Landpredigertochter nach Gellerts Fa- „beln? die kennt sie — nach den Werken andrer „unsrer beruͤhmten Dichter? kein Wort.) — „Nach und nach haben sie sich in die Haͤuser „eingeschlichen. Dadurch ist das Gute in „der Dichtkunst in Exempeln und nicht in Re- „geln „geln bekannt, und das Schlechte veraͤchtlich „gemacht worden. Denn der Geist und der „Geschmack einer Nation sind nicht unter „ihren Gelehrten und Leuten von vornehmer „Erziehung zu suchen. Diese beiden Ge- „schlechter gehoͤren gleichsam keinem Lande „eigen. Aber unter dem Theile der Nation lie- „gen sie, der von fremden Sitten und Gebraͤu- „chen und Kenntnissen noch nichts zur Nach- „ahmung sich bekannt gemacht hat.„ Das ist nun Gellert in Absicht des Geschmacks — aber was war Homer in Absicht der Religion, der Kuͤnstler, der Dichter, der Redner, der Weisen, der Sprache, der Sitten, der Erziehung, fuͤr die καλους κ’αγαϑους der Griechen? Dies boͤse Griechische Wort verfolgt mich, so sehr ich vor ihm fliehe, und mein Knoten ist nicht eher aufgeloͤset, bis es bestimmt ist. Denn so fragt der Kunstrichter: Litter. Br. Th. 1. p. 46. „Jst es wahr, „daß die alten Griechen ihre Jugend aus „dem Homer Weisheit lehrten? Und wurde „Homer auch nur von allen denen verstan- „den, welchen das Beiwort καλοι κ’αγαϑοι „zukam? „zukam?„ — Seine Frage ist so viel als Nein! meine Antwort aber Ja! Aemilius Scaurus leugnet; Valerius bejahet; wem von beiden glaubt ihr Roͤmer? Ausser dem, was ich schon angefuͤhrt, kann ich mein erstes Ja mit folgender Stelle aus Xenophons Schmause guͤltig machen: „Mein Vater, sagt Niceratus, der mich „zum tuͤchtigen redlichen Mann (αγαϑος) „machen wollte, hielt mich an, alle Gedichte „Homers auswendig zu lernen, so daß ich „noch jetzt die ganze Jliade und Odyssee her- „sagen kann.„ — Hier war ein guter huͤbscher Mann, der seinen Sohn auch dazu machen wollte, und ließ ihn also Homer lernen: so wurde also Homer mit der Jugend getrieben: so wurde er gewiß von denen verstanden, die gute huͤbsche Leute waren, denn sie waren durch ihn dazu gebildet. Aber heißt καλος κ’αγαϑος ein guter huͤbscher Mann, oder ist es ein Schweizer- Virtuose? Beide Partheien koͤnnen Recht behalten, wenn sie sich anhoͤren wollen, und wenn sie Staub unter die Augen streuen, Litt. Br. Th. 1. p. 52. hat hat es vielleicht keiner von beiden. Mehr als ein guter huͤbscher Mann, und weit weniger als ein Shaftsburischer Virtuoso, nach dem ho- hen Geschmack unsrer Zeit. Jch erinnere mich die Abhandlung eines Grammatikers uͤber dies Wort gesehen zu haben; und weil ich nicht gern thun mag, was ein andrer vor mir gethan, so will ich nicht ein Register von den Stellen machen, wo dies Wort vor- kommt. Jch schreibe aus dem Gedaͤchtniß. Jn jeder Sprache muͤssen sich alle Woͤrter veraͤndern, die den eigentlichen Charakter des Zeitalters ausdruͤcken, und eben dies duͤnkt mich von καλος κ’αγαϑος. Jn den aͤltesten Griechen erinnere ich mich nicht, es gelesen zu haben: es ist ein Wort aus dem Zeitalter der schoͤnen Prose und der feinen Politischen Sitten. Jn den Zeiten, da αρετη, Tugend, noch allein Tapferkeit des Koͤrpers und Gei- stes bedeutete: galt blos ein braver Mann αγαϑος. So wissen im Homer die Helden kein besser Wort ihrer Wuͤrde, als wenn sein Agamemnon oft gnug sagt: αγαϑος γαρ ει- μι. So wenig hier das αγαϑος eine Mo- ralische Guͤte bedeutet, zu einer Zeit, wo Tapfer- Tapferkeit uͤber alles galt: so wenig litte die- ses Zeitalter καλους κ’αγαϑους im feinen Ver- stande des Shaftesbury. Auch das Wort καλος hat diesen Ursprung gehabt: und wur- de von den ανδρασιν αγαϑοις gesagt, die in der Schlacht ευ und καλως ( tapfer ) strit- ten: Aber mit der Zeit verfeinerte sich der Geist der Sitten: das Wort αρετη hieß Brauchbarkeit: das Wort αγαϑος und κα- λος hieß ein tuͤchtiger Mann in Geschaͤften, und selbst der Ehrenname ανηρ verlor etwas von seiner Mannheit. Weil in der damali- gen Zeit die Weisheit auch noch allein eine Dienerin des Staats war: so uͤbernahmen es sich also die Weisen, solche brauchbare Maͤn- ner zu bilden, die redliche Menschen und tuͤchtige Buͤrger waren: so fraͤgt Xeno- phon den Sokrates im Diogenes Laer- tius: sage mir, wie kann man ein καλος κ’αγαϑος werden? und dieser fuͤhrt ihn in seinen Unterricht. So sagt Nicerat in der angefuͤhrten Stelle: mein Vater, der mich zum tuͤchtigen Mann (αγαϑος) machen wollte; ließ mich den Homer lernen. So trugen es die Athenienser, die vorzuͤglich nach dieser dieser Politischen Cultur strebten, bestaͤndig im Munde (καλος κ’αγαϑος); und es war bei ih- nen, wie ein Scholiast sagt: summa omnis laudationis! Und also gewiß nothwendig mehr, als ein guter huͤbscher Mann bei uns. Der Recensent will auch nur einen einzigen Beweis, daß καλος κ’αγαϑος etwas mehr als dies bedeute? Wohl! es sei eben die Stelle, Litter, Br. Th. 1. p. 52. in der er nichts als den guten huͤbschen Mann finden will; Schade, daß ich mehr dar- inn finde, und eben die Beschreibung des κα- λου κ’αγαϑου. Sokrates fraͤgt den jungen Theages im Plato: τι ουν; ουκ εδιδαξατο σε ο πατηρ και επαιδευσεν απερενϑαδε οι αλλοι παιδευονται, οι των καλων κᾳγα- ϑων πατερων υιεες; οιον γραμματα τε, και κιϑαριζειν, και παλαιειν, και την αλ- λην αγωνιαν; Koͤnnen hier καλοι κᾳγαϑοι fuͤglich gute huͤbsche Leute bedeuten, wie wir dies Wort brauchen? Nein! sie ließen ihre Soͤhne, um sie auch zu καλοις κᾳγα- ϑοις zu machen, Wissenschaften (nicht blos das A B C lesen und schreiben), die Musik, die nach der Griechischen Denkart weit mehr schoͤ- schoͤne Kunst, als bei uns, und von der Dicht- kunst unzertrennlich war: und schoͤne Leibes- uͤbungen erlernen. Wer also seinen Verstand, seinen schoͤnen Geschmack und seinen Koͤr- per ausgebildet hatte: der war ein Attischer καλοκᾳγαϑος: er war weder ein Weiser, noch Dichter, noch Fechter; aber Anlage hatte er, Weiser, Dichter und Olympischer Sieger zu werden. Wer einen Griechischen καλος κ’αγαϑος in seinem ganzen Glanze sehen will: der lese, obgleich nicht das Wort selbst als Ueberschrift druͤber stehet, einige Pindarische Oden auf seine Griechische Juͤng- linge, die doch mehr als gute huͤbsche Jun- gens waren. Aber freilich auch nicht Virtuosen im Wie- landischen hohen Gusto! oder lieber gleich im Geschmack des Shaftersbury: dem Wie- land nicht blos den Begrif des Virtuosen, son- dern auch die Analogie mit καλος κ’αγαϑος abborgt. Dieser Weltweise, der den Plato- nismus nach dem Modegeschmack seiner Zeit einkleidet, und endlich auch in Griechenland die- sen Lieblingsgeschmack findet, bestimmt seine U Vir- Virtuosen so: Characteristiks Vol. 3. Miscell. Reflex. p. 156, 182. the real fine Gentlemen, the Lovers of Art and Ingenuity; such as have seen the World, and informed them- selves of the Manners and Customs of the several Nations of Europe, search’d in- to their Antiquitys and Records; consider’d their Police, Laws and Constitutions, ob- serv’d the Situation, Strength and Orna- ments of their Citys, their principal Arts, Studys and Amusements; their Architectu- re, Sculpture, Painting, Musick, and their Faste in Poetry, Learning, Language and Conversation. Mit diesem Begriffe ver- gleicht er nachher das honestum, pulcrum, καλον der Alten, und philosophirt in seiner liebenswuͤrdigen Laune Seiten fort. — Ob es nun gleich in Athen freilich auch ein Zeit- alter gab, da die Liebhaberei der Kuͤnste, der Geschmack an Dichtkunst, und den schoͤnen Wissenschaften, der feine Ton im Umgange, und der Urtheilsgeist uͤber Policey und Alterthů- mer, die herrschende Mode war: so kann ich mich doch nie uͤberreden, daß die καλο κ’αγαϑοι in dem weiten Verstande des Shaf- tesbury tesbury damals gebluͤhet. Es scheint viel- mehr dieser Philosoph sich selbst zu malen, und den Geschmack, der damals am Hofe Carls des zweiten galt, bis zu einem gewissen Jdeal zu erhoͤhen und verfeinern, das immer in den neuen Zeiten ein Muster eines brauch- baren, geschickten, angenehmen Mannes seyn kann, aber den Begrif des Griechischen Worts immer umbilden muß, selbst wie es Plutarch und die neuern Griechen brauchen. Shaf- tesbury fodert zu seinem Virtuosen, wenn er in Griechenland exsistirte, freilich das Lesen des Homers, und das zwar als das er- ste A B C; aber ein Moralisches Lesen des Homers? Ein Him melweiter Unterschied! Wozu aber so viel uͤber ein Wort? Ueber ein Wort, das immer der Ausdruck ihres Charakters, und der Gipfel ihrer Lobspruͤche war, kann man nie zu viel sagen: die Er- klårung solcher Woͤrter schließt uns Denkart und Policey, Laune und Sitten, kurz das Na- tionalgeheimniß auf, ohne das wir immer von einem Volke, schief urtheilen, schief lernen, und unleidlich nachahmen. Jch wuͤrde es als einen Beitrag zur Griechischen und Roͤ- U 2 mischen mischen Geschichte der Litteratur einem Mann von Philologie, Geschichtkaͤnntniß und Ge- schmack empfehlen, der Metamorphose genau nachzuspuͤren, die im Griechischen die Worte: ανηρ, ανϑρωπος, αγαϑος, καλος, φιλο- καλος, καλοκᾳγαϑος, κακος, επιχειραγα- ϑος: im Lateinischen: vir, homo, bonus und melior und optimus, honestus, pulcher und liberalis, strenuus und dergleichen Na- tionalnamen erlitten haben, die die Ehre oder Schande ihres Zeitalters waren, und sich mit demselben aͤnderten — So lernt man Voͤlker kennen, und nuzzen. Jch will es hier nicht untersuchen, wie weit einige Schweizer z. E. Wieland, Jselin, Wegelin, Mably, uns wirklich Griechen zeichnen; Litter. Br. Th. 1. p. 44. 50. wenn sie ihre Erziehung und Po- litik uns anpreisen. Beinahe vom Diogenes dem Laertier an, findet man in den Griechen, was man in ihnen finden will: verschoͤnerte Gesichter, unertraͤgliche Jdole, halb Jdeal, halb Griechisch, halb nach neuerer Form. Freilich Ko̊nnen wir den Griechen vieles ablernen; freilich sie sie zum Muster nehmen; aber Nachbildungen unsrer Zeit gemaͤß machen: sonst wird alles Carikatur! — Schon Plato und Xeno- phon malen uns den Sokrates verschieden; aber man muß beinahe ausspeien, wenn Wieland Litter, Br. Th. 7. auftritt und sagt: „Seht! den „Kopf des Sokrates!„ Hier kann man wie Marcell dreust antworten: Wie? das ist Sokrates? jener liebenswuͤrdige Wider- sprecher, jener ehrwuͤrdige Unwissende, jener feine Jronische Geist, und der redlichste Buͤr- ger, kurz! der Weiseste unter den Weisen Griechenlands — das sollte ihr Sokrates seyn? Nein! mein Herr! dieser unausstehli- che Disputirer mit vollem Munde, dieser laͤ- cherliche Weisheit- und Tugendkraͤmer, dieser grobe Zaͤnker, und Misanthropische Schim- pfer ist ein Geschoͤpf neuerer Zeit, ein Weiser aus Schweizerischen Republiken. — Und doch hat W. ja wirklich die Griechen gele- sen? — quid fures faciant, audeant cum talia domini? — So sehr die Griechen ihren Homer nuzten, so wenig brauchten sie U 3 ihn ihn auf Wielandsche Art: denn Shaftes- buris Geist und Schriften herrschten damals wahrscheinlich noch nicht bei der Moralischen Bildung der Jugend; und die Art, wie Sokrates aus dem Homer lehrt, und man ihn bei der Bildung der Helden und brauch- baren Juͤnglinge anwandte, ist ja augen- scheinlich ganz was anders! und in vielen Stuͤcken was anders, als wir heut nach- ahmen koͤnnen, wenn wir auch Homere haͤtten? 2. Pindar und der Dithyrambensaͤnger. Homere do̊rften wir also nicht eben haben, aber einen Pindar? Die Zeit hat dem Pin- dar seine besten Kronen, und unter andern auch den siebenfachen Epheukranz der Dithy- ramben geraubt — einer von unsern Dich- tern sezt sich selbst dies Siegeszeichen auf, und ruft: Macht Raum, Mo̊naden! Jst er der Vater Bacchus, oder traͤgr er blos den Thyrsusstab, um es zu seyn? Zum Zum Voraus ein Wort in einer Pa- renthese. Jch glaube, wenige Beurtheilun- gen der Litteraturbriefe sind so schielend, und gebrechlich, als diese, Litt. Br. Th. 21. p. 37. die einem Lehrmei- stertone sich naͤhert: die bei dem Geraͤusche arm, bei aller Pracht von Belesenheit und Kritischer Einsicht kurzsichtig, und bei allen Planen und Vorschlaͤgen duͤrre seyn moͤchte. Die angebohrne Lebhaftigkeit des Recens. ver- spricht dem Dithyrambendichter scharf zuzu- sezzen, und zuckt jedesmal zuruͤck, um sich in Praͤceptorpredigten zu verlieren. Was soll die Frage heissen: Kann man Deutsche Di- thyramben machen? Kann man nicht Deut- sche, so kann man auch keine Malabarische Dithyramben machen, was die Sprache be- trifft; und bei Dithyramben doͤrfte diese nur zulezt in Betracht kommen. Was darf es der Recens. mit so vieler Gelehrsamkeit be- weisen, daß wir keine Dithyramben uͤbrig ha- ben? der Verfasser doͤrfte dieses ja aus dem lieben E. Schmid allenfalls wissen! Und womit beweiset es der Kunstrichter denn, U 4 daß daß wir nach den uͤberbliebenen Nachrichten keine Dithyramben machen koͤnnen; — hoͤchstens! daß der Verfasser keine gemacht. Womit behauptet er es, daß jeder neue Ge- schmack verkehrt seyn muß, der von den Re- geln des weisen Alterthums abgeht? Warum ist ein Deutsches Heldengedicht, eine Ode, eine Dithyrambe ohne Griechische und Latei- nische Muster denn an sich unmoͤglich? Was thun die Pindarischen Oden des Leipziger Pro- fessors hier zur Sache? Auf welcher Classe muß denn der Dithyrambist sizzen, wenn er den Pindar intus et in cute kennen lernen, den gan- zen Poeten in succum et sanguinem verti- ren, und absolut erst nach 20 Jahren Jmi- tationen nach der Pindarischen Digreßion uͤber den Berg Aetna machen soll? Welch ein Schulton herrscht so durchgaͤngig, so insonder- heit S. 59 - 61. Welche Sammlung von Pindarischen Beiwoͤrtern soll man (p. 70.) Friedrich geben? Wie lange muß noch der Dithyrambist Mythologie lernen, um nicht ihr System niederreissen zu wollen? Jst es wahr, daß Pindar sich keine Jnversionen des Fabelsystems erlaubt, und alles so stehen laͤßt, wie wie es ihm vom Praͤceptor diktirt worden ist? — Und nun endlich die beste und geistigste Anmerkung wider die windichten, eitlen, jun- gen Menschen, die ihrem Maͤdchen zu gut Ge- dichte herausgeben — wobei freilich der Be- weis mangelt, daß der Verfasser der Dithy- ramben so ein windichter, eitler, junger Mensch sey, der eine Strafpredigt uͤber sein Maͤdchen 6 Seiten lang anhoͤren muß. Womit kann es der Recens. beweisen, daß Pindar in seinen verlohr- nen Hyporchematen und Dithyramben in einem ernsthaften Philosophischen Ton trunken gera- set? Wie mag ein Compliment lassen, das man nicht aus freiem Willen, sondern aus Muß im Vorbeigehen macht? Und wie viel nimmt der Recensent fuͤr ein Collegium, darinn er zeigt, wie man Pindars ganze Manier zu malen bis auf seinen Adler lernen soll, da- mit unser Deutscher Horaz auch fuͤr den Di- thyrambisten eine Ode weihen muͤste? — Meine Parenthese wird lang; aber dem Re- censenten wuͤrde die Antwort auf meine Fragen noch laͤnger seyn, die ich auch, „aus einer mir „angebohrnen Lebhaftigkeit, thue; nicht als „Kritiken, sondern als eine kleine Huͤlfe, mich U 5 „selbst „selbst auf den Weg zu bringen, und was ich „denke, zu sagen.„ Jch bin nichts minder, als der Verfasser oder der Vertheidiger der Dithyramben; ich habe selbst mehr wider sie, als die Litteratur- briefe, aber wie ich hoffe, aus andern Gruͤn- den, und mit weniger Schulton. Ohnmoͤg- lich kann diese Beurtheilung von einem Ver- fasser der Litteraturbriefe seyn; vermuthlich ist sie eingeschickt; weil ihr Ton gewiß zu merklich abweicht. — Aber gnug! meine Parenthese ist zu Ende.) Koͤnnen wir Di- thyramben machen, Griechische Dithyram- ben im Deutschen machen? Originaldithyram- den machen? Woher mag der Dithyrambe bei den Grie- chen entstanden seyn? Darf ich eine Hypo- these versuchen? — Hypothesen muß man versuchen, wo man keine Nachrichten hat: waͤre Demosthenes περι διϑυραβοποιων, oder Aristotels groͤßter Theil der Dichtkunst nicht verloren, so wuͤrden wir wissen, statt zu rathen. Ein Ein Volk in seiner Wildheit ist in Spra- che, Bildern und Lastern stark: Trunkenheit und Gewaltthaͤtigkeit sind die Lieblingslaster einer Nation, die noch Mannheit (αρετη) fuͤr Tugend, und trunkne Raserei fuͤr Vergnuͤ- gen haͤlt. Alle die feine Schwachheiten wa- ren damals noch nicht, die heut zu Tage un- sere Guͤte und Fehler, unser Gluͤck und Un- gluͤck bilden, die uns fromm und feige, listig und zahm, gelehrt und muͤßig, mitleidig und uͤppig machen. Diese Trunkenheit ge- bar wilde Vergnuͤgen, den ungezaͤhmten Tanz, eine rohe Musik, und nach der damaligen un- gebildeten Sprache auch einen rohen Ge- sang. Nicht an Altaͤren, sondern in wilden Freu- dentaͤnzen entsprang also die Dichtkunst, und so wie man die Gewaltthaͤtigkeit mit den schaͤrf- sten Gesetzen baͤndigte, so suchte man die trunknen Neigungen der Menschen, die jenen entwischten, durch Religion zu erhaschen. Jh- re Goͤtter trugen damals Keulen und Blitze: die sanften Gratien waren noch nicht gebo- ren; man verehrte die Kraͤfte der Natur: rauh war ihr Gottesdienst, wie ihre Natur, durch durch Opfer und Trunkenheit — und unter den aͤltesten Goͤttern war immer auch ein Oeno- trius, ein Weingott; man heiße ihn, wie man wolle. Jezt wurde also die trunkne Dichtkunst an die Altaͤre zur Entsuͤndigung gefuͤhrt. Hier befahl die Religion ihnen Trunkenheit in Wein und Liebe, und ihre Trunkenheit bequemte sich also wieder der Religion: ihr Gesang war voll von der thierischsinnlichen Sprache des Weins, und der Wein erhob sich wieder zu einer gewissen Mystischsinnlichen Spra- che der Goͤtter: ein heiliger Gesang in dop- peltem Verstande. Die Priester, zugleich Dichter und Staatsleute, webten aus Ratio- nalsagen eine Mythologie zusammen, die sich zu ihren rauhen Gesaͤngen bildete, mit denen sie als mit einem Zaume, mit einem Stuͤck des Gottesdienstes, mit einem Zeitvertreibe und Vergnuͤgen das Volk lenkten. Linus, den wir im fernsten Schatten als den Vater der Dichtkunst erblicken, schrieb noch mit Pelasgischen Buchstaben, den Feldzug des Bac- chus. Anthes der Boͤotier sang Bacchische Hymnen: Orpheus, der Bezaͤhmer der Grie- chen chen durch Gesezze und Gottesdienst, weihte die Trunkenheit in seine Eleusinischen Heilig- thuͤmer ein, um sie zu bezaͤhmen, daher er auch ihr Opfer wurde. Musaͤus und sein Sohn Eumolpus sangen ebenfalls den Bac- chus — Kurz die aͤltesten Namen der Dich- ter, die beynahe selbst Fabeln sind, alle ha- ben sich mit Bacchus beschaͤftigt. Wozu sage ich alles dieses? Um zu zeigen, daß der Dithyrambe aus den Zeiten der Wildheit und Trunkenheit seinen Ur- sprung und Leben ziehe, daß wir also von ihm auch nach Beschaffenheit dieses Zeit- alters urtheilen muͤssen. Entsprungen unter berauschten Taͤnzen des Volks fuͤhrte man ihn in die Tempel, um ihn zu zaͤhmen. Sein Jnhalt, seine Sprache, Sylbenmaas, Bearbeitung, Musik, Deklamation, alles zeigt von der Zeit, die ihn hervorge- bracht hat: er mag nun in Thebe, oder dem wolluͤstigen Korinth von einem oder dem andern erfunden seyn: gnug, es war noch eine Zeit, da sich die Delphine von dem Arion, dem angegebenen Wie Herodot anfuͤhrt, den ich fuͤr mehr, als Fabelschreiber halte. Erfinder, bezaubern lies- sen. sen. Jch sage: sein Jnhalt: denn da er den Vater des Weins, von seinem Blitzstrale getroffen, mir brausendem Munde sang, und in einer ehrwuͤrdigen heiligen Trunkenheit sang: so paßt er am meisten auf den Abgrund der Zeiten, da man aus Aberglauben die Kraft einer goͤttlichen Gegenwart fuͤhlte, da man mit starken sinnlichen Empfindungen begabt, den Eindruck der Jugendlehren und Rational- sagen beinahe zu einer wirklichen Anschauung erhob, da man aus Unwissenheit nicht blos die Fabelgeschichten als Wahrheiten glaubte, sondern mit der Einbildungskraft sie bis zum Leben ausmalte, und also die Begeisterung schmeckte, die Apoll uͤber die Pythisse, Ju- piter uͤber die Sibyllen, Cybele uͤber die Gal- l er, und Bacchus uͤber die Dithyramben- saͤnger ausgoß. Daher naheten sich die lez- tern der Entzuͤckung, die einer Raserei glich, Διονυσοιο ανακτος καλον εξαρξαι μελος οιδα διϑυραμβον, οινω συνκεραυνωϑεις φρενας: daher fing er gemeiniglich mit dem begeisterten: αμφι μοι αναξ, an: daher je- ne Ausbreitung der Seele, die im Parenthyr- sus der Trunkenheit und der Beschauung himm- lischer Dinge ausrief: Auditis Auditis an me ludit amabilis Infania? Audire et videor pios Errare per lucos: daher iene goͤttliche Wuth: — — — immanis in antro Bacchatur vates, mag num si pectore possit Excussisse Deum: tanto magis illa fatigat Os rabidum, fera corda domans, fingitque premendo. Und von dieser sinnlichen Begeisterung wurde die ganze Bearbeitung so belebt, daß Pla- to dem Dithyramben sogar die Nachah- mung absprechen will. Voll kuͤhner Bilder und großer Anspielungen folgte er keinem wei- tern Plan, als den innerlich die Einbildungs- kraft malte, aͤußerlich zum Theil das Auge sahe, und der Tanz foderte: und so ward er ein Gemaͤlde der Einbildungskraft aus der Bacchischen Geschichte, des Bacchischen Got- tesdienstes, und des Tanzes: wo nuͤchterne Seelen wenig Verbindung, viel Uebertriebenes, und alles Ungeheur finden musten. Und die- se Bearbeitung, welcher Zeit war sie am ange- messensten? Vermuthlich jener, da die Saty- ren ren Possenstuͤcke, die Komoͤdien Satyren, und Oden und Tragoͤdien noch nicht geboren wa- ren. Vor den regelmaͤßigen Stuͤcken im schoͤ- nen Stil muste das große wuͤste Unregel- maͤßige voran gehen. Und eben diesem Zeitalter ist auch die Di- thyrambische Sprache gemaͤß, die in Worten neu, kuͤhn und unfoͤrmlich; in Constru- ctionen verflochten und unregelmaͤßig war: eine Sprache, wie sie vor ihrer Ausbildung ist. Alsdenn hat noch jeder Saͤnger das Recht, neue Worte zu machen, weil man von ihnen noch keine gehoͤrige Anzahl hat; sie koͤn- nen kuͤhn zusammengesezt seyn, weil Form und Lenkung nicht gnug bestimmt ist. Hin- gegen eine voͤllig gebildete Sprache ist nicht Dithyrambisch, sondern vernuͤnftig und mit Gesezzen umschraͤnkt. So auch das Sylbenmaas: Gesezlos, wie ihr Tanz und die Toͤne der Sprache; aber nothwendig desto Polymetrischer, toͤnender und abwechselnder. So auch die Musik: Die Phrygische Mu- sik, die rasend machte, die Steine belebte, zum zum Treffen und Siege reif, und Empoͤrun- gen in der Brust anrichtete; die nachher ab- geschafft wurde, weil sie die Musik verdarb, die Plato aus seinem Staat und Aristoteles aus seiner Entziehung verbannte — Kurz! die aͤlteste und roheste Tonkunst. Alles also, was zum Διϑυραμβωδες ge- hoͤrte, Jnhalt und Form, und Sprache und Musik und Sylbenmans traͤgt Spuren des sinnlichen Zeitalters mit sich, wo alles dies, und dies allein bey dem rohen Volke seinen Zweck erreichte, und hier ist die Erklaͤrung des Proklus: Διϑυραμβος εστι κεκυννημενοι και πολυ του εουσιωδες μελα χορειας εμ- φαιναν, εις παϑη κατας κυαζωμενος, τα μαλιστα οικεια τω Θεου. So war der Dithyrambe, ehe er voͤllig Nachahmung wurde. Als aber die Griechen in ein gesittetes Zeitalter uͤbergiengen; so ward ihre Religion uͤber das Sinnliche mehr erho- ben: ihre Begeisterung sank: ihre mehr ge- bildete Sprache entfernte sich von Dithyram- bischen Freiheiten: ihr Sylbenmaas ward bestimmter und gebundener: ihre Musik Do- X risch. risch. Das wahre Διϑυραμϐωδες war also vorbei, und man suchte es nachzuahmen. Daher kann Aristoteles den Dithyramben un- ter die Nachahmende Poesie sezzen, ohne doch dem Plato zu widersprechen, der das Ge- gentheil, wiewohl in ganz andrer Verbindung, sagt. Es blieb noch immer ein festliches Vergnuͤgen, sich in ihre Vaͤterzeiten zuruͤck- zusezzen, und die Sprache, das Sylbenmaas, die Musik, die Denkart eines oder einiger er- lebten Zeitalter zu gebrauchen. Jn dieser mittlern Zeit, da sich das Di- thyrambische gemildert hatte, mag es also die besten Gedichte dieser Art gegeben haben, die daher die Anfangsstuͤcke verdraͤngten. Nachher aber trieben die folgenden die Kuͤhn- heit immer hoͤher, um ihre Vorgaͤnger uͤber- treffen zu koͤnnen; sie mischten, (nach Pla- tons Zeugniß in seiner Republik), alles un- ter einander: und gingen verloren, weil die damaligen Zeitalter zu sehr den Geschmack der Dichtkunst, den Geist der Religion, die Stuffe der Sitten und Sprache veraͤndert hatten. Da- Daher legten sich auch, nach der wahr- scheinlichsten Lesart im Cicero, die Roͤmer weit minder ( minus ) auf die Dithyramben; bei denen der Atys des Catulls nur ein weit- laͤuftiger Verwandte der Dithyrambenkuͤhn- heit ist. Der Himmel der Roͤmer war nicht eigentlich mehr fuͤr diese Dichtungsart: ihre Religion war geistiger und Politischer: ihr Bacchus lange nicht der maͤchtige Koͤnig der Griechen: ja selbst ihre k aͤlt ere Adern fuͤhlten nicht mehr so stark den Blizstral des Weins: sie ließen also die Reste der Dithyramben un- tergehen. Aristoteles bestaͤtigt meine ganze Hypothese, durch die wenigen Worte, die er in seiner Dichtkunst vom Dithyramben ein- mischt, in dessen Stelle die Tragoͤdien getre- ten seyn sollen. Sollen wir also die Dithyramben zuruͤck- finden? Erst beantworte man die kleine Fra- ge: Koͤnnten wir denn Dithyramben machen, wenn wir die Griechischen noch haͤtten? Von dieser Kleinigkeit haͤngt, wie ich glaube, alles ab; und ein Kenner der Griechen wuͤr- de daruͤber den Kopf noch ziemlich schuͤtteln. Wo ist bei uns eine Religion, die Bacchus X 2 zum zum Gott und seine Gesaͤnge ehrwuͤrdig, hei- lig, goͤttlich macht? Der Griechische Diony- sius wuͤrde die Trauben unsres Landes, und unsre Dithyramben wegwerfen, und ausru- fen: procul profani! Wo ist bei uns der Geist eines Zeitalters, da eine Bacchische Begeisterung durch Wein und Aberglauben sinnlich gewiß, oder wenigstens wahrschein- lich wuͤrde? Die Begeisterung der Muse konnte bei einem Griechen so maͤchtig seyn, als sie bei uns oft so laͤcherlich wird, than Jugglers talking to Familiar. — Wo sind unsere Bacchische Gegenstaͤnde, die Heldenge- schichten, die bei den Griechen von Jugend an, durch Unterricht, und Gedichte und Ge- saͤnge und Denkmale ihre Seele belebten? Unsere Trinker wird der Rausch auf ganz andre Gegenstaͤnde fuͤhren, als auf eine My- thologie vom Bacchus, die fuͤr uns das Große, das Poetischwahre, das dem Nationalgeist eigne, und darf ich dazu sezzen, fast ganz das Licht der Anschauung verlohren hat! Wo ist die Bilderwelt, die Welt, voll Leidenschaften, die Griechenland in seiner Jugend um sich sahe? Wir wandeln in einer Politischen Wuͤ- Wuͤste. Wo ist die Dithyrambenspra- che? Die unsre ist viel zu Philosophisch alt- klug, zu eingeschraͤnkt unter Gesezze, und zu abgemessen, als daß sie jene neue, unregel- maͤßige, vielsagende Sprache wagen koͤnnte. Wo die Dithyrambischen Sylbenmaaße? da unsre Sprache und alle neuere selbst zum He- xameter, noch minder zu den Sylbenmaaßen des Pindars und der Choͤre vieltrittig gnug ist, und gegen Griechifche Dithyramben voͤl- lig ungelenkig lassen muͤste. Wo sind denn bei uns die Taͤnze, die trunknen Bacchus- spruͤnge, an Frendenfesten? Der Dithyrambe gehoͤrte ja so wohl zur Mimischen als Lyrischen Poesie: und wie koͤnnten wir ihn also nach- machen, da wir die hohe Tanzkunst der Alten nicht haben, nicht kennen, und so gar selbst bei allen Nachrichten der Alten, nicht durch- gehends begreifen koͤnnen — Und von ihr bekam er doch Geist und Leben. Aber wenn wir ihn alsdenn blos als eine Sache der Nachahmung betrachteten, bei der wir zwar nicht eben die Ursache, Zwecke, und Huͤlfsmittel des Originals haͤtten, aber doch eine neue, eine bessere Art der Gedichte X 3 be- bekaͤmen? — Kaum! Dithyramben, nach dem Griechischen Geschmack nachgeahmt, blei- ben fuͤr uns fremde. Das trunkne Sinn- liche, was bei ihnen entzuͤckte, waͤre viel- leicht fuͤr unsre feine und artige Welt ein Aer- gerniß; das Rasende in ihnen waͤre uns al- lerdings dunkel, verworren und oft unsinnig, weil der Dithyrambist, der Weißager und Unsinnige mit zusammengeschlungenen Haͤn- den zu gehen scheinen, und ein Elektrischer Funke nach ihren verschiednen Koͤrpern auch unterschiedne Wirkungen hervorbringt. Jhre Ungebundenheit wuͤrde fuͤr unsere Gram- matische, und Aesthetische Gesezgeber Verbre- chen wider die Regeln scheinen: die Einbil- dungskraft wuͤrde der gesunden Vernunft und dem Sens - commun unsres lieben Zeitalters Eintrag thun — Vielleicht trug alles dies dazu bei, daß die Dithyramben verloren gin- gen; und gaͤbe es Dithyrambensaͤnger zu unsrer Zeit — wir wuͤrden ihnen einen Stier geben, um ihre ϐοηλαταν zu bezahlen und sie reisen zu lassen. Weß aber sollte der Stier seyn, den wir ihm geben? — Des Volks nicht, denn er schriebe ja Dithyram- ben ben nicht zu Tanzen und Mimisiren; son- dern zu lesen! Der Grammatiker auch nicht; die wuͤrden vielmehr wider ihn schreyen! Der schoͤnen Geister auch nicht; deren schoͤnes Jdeal moͤchte dadurch verlezt werden! Der ernsthaften Kunstrichter auch nicht — Er mache sich also fertig, ohne Stier nach Hause zu reisen. Aber wie? er singe nach dem Geschmack seiner Zeit, mit einem kaͤltern Feuer, ohne Gott Bacchus, ohne die Dithyrambische Kuͤhnheit und Sprache, Deutsche Dithyram- ben? Deutsche Dithyramben sind ein Unding, gegen die Griechen betrachtet; und gegen unsre schon bekannte Dichtarten nichts neues! Ein solcher Dithyrambe nach dem richtigen Geschmack unsrer Zeit, ohne Bacchus, ohne Tanz, ohne Begeisterung, ohne Dithyrambi- sche Sprache, in eingezognen Sylbenmaaßen gehoͤrt so wenig in den Bacchustempel, als jene Geschenke in den Tempel des Mars nach einem Griechischen Sinngedicht: s. Anthol. 1. B. „Wer „hing diese glaͤnzende Schilde, diese Blutlose X 4 „Waf- „Waffen, diese unversehrte Helme hier auf? „Dem Menschenwuͤrger Mars solchen haͤßli- „chen Schmuck? Will ihn nicht jemand aus „meinem Tempel werfen? Jch erro̊the ganz! „Solche Verzierung gehoͤrt in eine Braut- „kammer, an den Hof, in die Trinksaͤle fei- „ger Saͤufer; nicht an den Altar des Mars! „Blutige Waffen, zerbrochne Schilde, durch- „stochne Helme, die sind mein Vergnuͤgen!„ Alsdenn sind solche Deutsche Dithyramben nach einem feinen Jdeal unsrer Zeit — ent- weder hohe Oden der Einbildungskraft — oder begeisterte Trinklieder; sie mo̊gen seyn, wie sie wollen. Alsdenn sind Uz, Leßing, Weiße, Gerstenberg in seinem Gedicht: Cypern: Schmid in seinem Noah, dem Weinerfinder: der Verfasser der ersten Cantate zum Scherz und Vergnuͤgen unsre Dithyrambendichter; oder vielmehr unsre alte Trinkbruͤder, die sich einen will- kuͤhrlichen Namen geben. Jch verzweifle also beinahe an Dithyram- ben, selbst wenn wir die Griechische haͤtten — nun aber ist alles bis auf die wenigen Nach- richten verloren, die nicht einmal einen unter- schei- scheidenden Begrif von ihnen bestimmen. Ein Scholiast hat den andern ausgeschrieben, denn je weniger man weiß, desto mehr wiederholt man das wenige und ertappet vielleicht den Dithyrambendichter, so wie den Cometen, blos in seiner groͤsten Eccentricitaͤt. Horaz in seiner Ode uͤber Pindar hat ja keine De- finition geben wollen, und gewiß daran gar nicht gedacht, daß jemand einmal jedes von seinen Worten auffaͤdeln, und sich aus seiner Strophe einen Plan abzirkeln, einen Grund- riß abzaͤunen wuͤrde, um in ihm kuͤnstlich zu rasen, nuͤchtern zu taumeln, bei Wasser ein regelmaͤßiges Evan! zu rufen. Die meisten Poetikenschreiber halten sich bei der πολυπλοκια der Worte auf, gleich als wenn dies ein Hauptstuͤck und nicht eine nothwendi- ge Folge des Dithyrambengeistes waͤre. Und uͤberhaupt, da es schou eine kalte Be- geisterung ist, die blos aus Beispielen auf- gewaͤrmt wird: so ists laͤcherlich, sich ohne Beispiele, durch Regeln; oder vielmehr ohne Regeln durch kleine Nachrichten, entzuͤcken zu wollen; uͤber Flicknachrichten sich einen Weg zur Begeisterung bahnen, aus X 5 Lapp- Lappland uͤber Zembla nach dem Pindus rei- sen: da hat der Dithyrambische Hegesan- der recht: μειρακιεξαπαται, και συλλαϐοπευσελαϐηται Δοξοματαιοσοφοι, ζηταρετησιαδαι. Gnug von diesen Dithyrambischen Anmer- kungen. Jch muß hier den Plan eines Freun- des verrathen, der zu Christlichen und Deut- schen Dithyramben Risse und Versuche ge- macht hatte, die er aus dem Jnnern unsrer Religion und Nation gezogen, die trunkne Gesaͤnge einer heiligen Religions- und Staatsbegeisterung seyn sollten. Es er- schienen unvermuthet Dithyramben: die zwar gar nicht in seinen Plan fallen: die ihm aber doch Gelegenheit zur Pruͤfung gaben, und ihm bei seinen Arbeiten das nonum prematur in annum riethen. Jch liefere also von diesem Freunde nicht seine parado- xen Dithyramben: sondern sein Urtheil uͤber die erschienenen eines Ungenannten: es ist frei, aber nirgends hinterhaltend. Das Das Titelblatt verspricht uns Dithyram- ben: die Vorrede verspricht sie nur halb: und das Buch selbst liefert gar keine. Zuerst: Der Kunstgrif, uns seine Samm- lung von Liedern, als ein Ganzes in die Haͤnde zu spielen, geht von der Einfalt der alten Dithyrambisten voͤllig ab. Und von der Wahrheit selbst: denn sind diese Stů- cke Theile zum Ganzen, weil sie auf einander folgen? So ist ja alles, was ich in einen Band binden lasse, auch ein Ganzes; aber kein Oden ganzes. Jch glaube doch nicht, daß um einen Sprung zu thun, Sicilien mit Johann Sobieski und dieser mit Pe- ter graͤnzet. Der soll mein großer Apoll seyn, der mir zwischen diesen Stuͤcken Zusam- menhang nach Zeit, oder Ort, oder Jnhalt, oder nach den Gesezzen der Einbildungskraft, findet. Vermuthlich aber nach den Gesezzen der Einbildungskraft — denn die erste Di- thyrambe soll die Begeisterung wohrscheinlich machen. Nun! so haͤtte sie auch an die Jung- fer Maria gerichtet seyn koͤnnen, um (alles zugegeben,) die folgenden Gegenstaͤnde zu be- singen. Dies waͤre noch wenigstens ein er- bau- baulicher Standpunkt gewesen, um nachher Kirchenseufzer, an die heilige Mutter zu schi- cken — aber jezt ist es widersinnig, daß eine trunkne Moͤnade an dem Wagen Bacchus jezt Erdbeben, jezt eine Entsezzung der Ve- stung, jezt die Schoͤpfung eines Reichs, jezt Krieg, jezt Frieden finget, 9 Uhrwerke ab- laufen laͤßt, und alsdenn vom Bacchus hoͤf- lich Abschied nimmt. Folgt es wohl, aus der Begeisterung des Bacchus, Krieg und Helden, bald dies, bald jenes zu singen, was oft gar nicht in den Mund eines Saͤufers ge- hoͤrt? Die Moͤnade wird abentheuerlich, die sich jezt an den Wagen des Bacchus draͤnget, den Augenblick am Hebrus und Rhodope, den Augenblick drauf bei Naxos ist, wo sie, (die Weitsehende!) Tokay und den Rhein sieht, wo sie schwaͤrmt, wo sie singen will hochfahrend, wie die Schwingen der Winds- braut, wo sie vom Bacchus begeistert, aus- ruft: hoͤrt! und an ihren Begeisterer und an seinen Wagen nachher niemals denkt, kaum an ihn einmal im Vorbeigehen denkt, da er durch einen Zufall eben uͤber Meißens Ge- buͤrge spazieren faͤhrt, bis sie sich ihm endlich em- empfielt, und mit ihrer Daphne forteilt: nun Vater! Bacchus hilf! — eine Moͤnade mit der Daphne! eine Liebe zwischen zwei Maͤd- chen! — die gute Moͤnade muß sich ovr dem Namen eines Bacchanten schaͤmen. Kein Ganzes also! und noch weniger ein Bacchisches Ganzes! Das begeisterte αμφι μοι αναξ der alten Dithyramben, schallt nie in unsern Ohren; nie singt die Mo̊nade, als waͤre sie am Wagen des Weingotts: gar kein Standpunkt, den die erste Dithyrambe ange- ben will, in allen Stuͤcken. Jst es Bacchus, der da begeistert, oder bist du liebe Muse, Thou that with Ale, or viler Liquors Didst inspire Wythers , Pryn and Vickars And force them, tho it was in spite Of Nature, and their Stars, to write Who, as we find in sullen Writs And cross-grain’d Works of modern Wits With Vanity, Opinion, Want The Wonder of the Ignorant The Praises of the Author, penn’d B’ himself, or Wit insuring Friend Canst make a Poet, spite of Fate — — Der Bacchus dieser Mo̊nade, ist nicht der wahre Bacchus; nicht jener schoͤne Griechi- sche sche Knabe Winkelm. Gesch. der Kunst Th. 2. „der die Graͤnzen des Lebens „betritt, bei dem die Regung der Wollust, wie „eine zarte Spizze der Pflanze, zu keimen an- „faͤngt, der, wie zwischen Schlummer und „Wachen, in einen entzuͤckenden Traum halb „versenkt, die Bilder desselben zu sammlen „und sich wahr zu machen anfaͤngt, dessen „Zuͤge voll Suͤßigkeit sind, dem aber die „froͤliche Seele nicht ins Gesicht tritt — —„ Dieser schwindelt im Wagen: ihm gluͤht die Wange: er verschuͤttet den Becher: er lacht: er schlurft Tropfen! — Ein besoffner Sa- tyr kann das seyn, nicht aber der Griechische Bacchus! Jch rathe der Moͤnade, ihm nicht zu folgen, damit es ihr nicht wie der Rhea gehe, die einen Kriegsknecht statt des Mars umarmte. — Und daß das gute Maͤdchen ihn wirklich verkannt habe: sehen wir aus der Dithyrambe: die Himmelsstuͤrmer! hier, hofften wir, hier wird im Streit Dionysius eine Hauptperson machen: wir werden ihn im ganzen Lichte sehen: — — Διο- — — Διονυσον εριϐρουον, ευαςηρα Πρωτογονον, διφυη, τριγονον, Βακχειον ανακτα Αγριον, αρρητον, κρυφιον, δικερωτα, διμορφον Κιϐσοϐρυον, ταυρωπον, αρηιον, ευιον, αγνον Ωμαδιον, τριετη, ϐοτρυφορον, ερνεσιπεπλον. Hier werden wir, wenn wir ihn mitten im Kampf erblicken, wie ihn die Alten ma- len, nicht ausrufen doͤrfen, wie jener Schif- fer im Homer, Hymne auf Bacchus. da er ihn ansahe: „Ent- „weder Zevs ist er, oder der Apoll mit dem „silbernen Bogen, oder Neptun: denn den „sterblichen Menschen ist er nicht aͤhnlich, „sondern den Goͤttern im Olymp!„ sondern als den Allmaͤchtigen, als den Baͤndiger der Riesen und Ungeheuer, werden wir ihn sehen, oder wenn alles mißgluͤckt: so kennen wir we- nigstens seinen tapfern Esel, dessen Geschrei diesmal Siegbringend ist. — So hofften wir, aber alles vergebens! Die Riesen sind im Himmel; seine Zofe sieht zu: und ruft endlich mit offnem Munde: Welch ein Streit, o Liber! Sind Goͤtter im Kampf mit Goͤttern! Bac- Bacchus ermuntert sich aus seiner Schlaf- trunkenheit: reibt sich die Augen, will nicht ins Feuer: endlich sehen wir ihn im Loͤwen- panzer, (den er vermuthlich lange gesucht ha- ben muß) — aber dem schlaͤfrigen Helden zum Gluͤck redet Zevs Gewitter, und Evan erscheint nicht eher, bis die Feinde weg sind! — So unnuͤz ist er durchgaͤngig: da- her fraͤgt die Moͤnade auch so wenig nach ihm, es sey denn, wenn er einmal Friedrich begegnet, und ausruft: das ist er, das ist er! daher gibt sie ihm auch den Abschied: Fahr hin, fahre hin, du Loͤwenbezwinger, Fahr hin, ich folge nicht mehr! Nichts schlaͤgt mehr fehl, als wenn man die Bilderreihe, die Folge von Auftritten verfolgt, die innerlich die Begeisterung und aͤußerlich das Auge leiten, die das voll- kommene Dichterische Ganze bilden, was ein Gemaͤlde weit uͤbertrift, was vom Tonkuͤnstler Melodie borgt, um sich zu be- leben, was vom hohen Mimischen Taͤnzer gleichsam Bewegung annimmt: kurz, was Handlung heißt, das wahre Kennzeichen des Bacchischen Propheten! Jch Jch nehme das beste und einzige Dithy- rambische Sujet in dieser Sammlung: die Himmelsstuͤrmer! um dies fortgehende Ge- maͤlde aufzusuchen. Jm Anfange gar kein Standort, und kein Gesichtspunkt, den Pin- dar doch seinen verworrensten Oden so sorg- faͤltig, und wenigstens am Anfange und Ende einwebt, aus dem er sie berfuͤhrt, eini- ge mal zuruͤckleitet und auf dem er sie kroͤnet. Mit guͤldenen Saͤulen wollen wir, wie am praͤchtigen Pallaste, den vesterrichteten Eingang stuͤzzen: Denn wer ein Werk beginnet, der mache vortreflich den Anblick. Pindar. ειδ 6. Olymp. Machen alle Dithyramben ein Ganzes aus: so taumelt die Moͤnade, nach dem Ende der vorigen Dithyrambe an Bacchus Wa- gen: und o Wunder! sie taumelt zuruͤck in die Kindheit der Welt! entschlafne Aeonen vorbei. So fiel jener Gascogner aus dem Fenster ein Maas von drei Jahren herunter! Jn die Y die Kindheit der Welt zuruͤcktaumeln! Ob Bacchus mit seinem Gefolge nicht selbst in die Kindheit der Welt gehoͤrt? Jst das Standort? Bachcus soll ja selbst im Treffen seyn: die Mo̊nade soll ja den Sturm selbst sehen, nicht in Gedanken bis in die Kind- heit der Welt zuruͤcktaumeln: soll uns nicht etwas aus alten Aeonen erzaͤlen, sondern vormalen, so vormalen, daß wir nicht ihr Gemaͤlde, sondern die Handlung selbst se- hen. So macht es schon Pindar der Oden- dichter — und Pindar der Dithyrambist? — Die Handlung geht an: die Mo̊nade sieht den Aetna rauchen; besinnet sich aber geruhig, daß vormals ein Himmelssturm gewesen: sie macht uns also davon eine Er- zaͤhlung nuͤchtern, ohne Feuer und Gleich- maas: taumelt zwischen dem Praͤsens und Jmperfectum: malt bald gegenwaͤrtig, bald aus weiten Aeonen: ganz undithyrambisch schwankt sie zwischen der Jdealischen und sinn- lichen Gegenwart. Jezt sieht sie: der wur- zelt den Caucasus aus; den Augenblick vorher: ich sah die Himmelsstuͤrmer! den Augen- Augenblick brauf: sie erthuͤrmten sich Stuf- fen, sie keichten, sie schnoben — und ploͤzzlich: „Welch ein Streit, o Liber!„ Sind Goͤtter im Kampf mit Goͤttern? Die Aegis klingt Und du Lyaͤus im Loͤwenpanzer! Nun kommen wir endlich ins Feld, aber Schade! der Bacchante besinnt sich, daß Zevs Gewitter geredet habe, daß die Gebuͤr- ge gekracht! Ploͤzzlich befaͤllt ihn wieder der Paroxismus: „und ihr, und ihr? wo sey d „ihr? — Antwort: sie heulen ihm tief im „Bauche.„ Elend! wie kann der Bacchante sei- nem Bacchus Triumph zuruffen, dessen große Thaten er gar nicht gesehen? Hat er das denn in seinem Gesange gezeigt, was er nachher auf- kreischt: Sie waren, sie kriegten, sie sind nicht mehr! Und dies ist noch in Absicht auf die Oeko- nomie des μυϑος der beste Gesang: Leser! ich bereite dich blos, sie auch in andern zu suchen, und du wirst sie selten durchgefuͤhrt finden zu einem lebenden Ganzen. Sieht wohl die Mo̊nade die Abreissung Siciliens? „Silen lehrte es ihr: jezt (im Jahr 1766.) Y 2 „liegt „liegt Trinakrien auf ihnen„ mit einem solchen Worte verliert die ganze Dithyrambe. Pin- dar ist seiner Sache gewisser: er will darauf vor allen Musen einen großen Eid thun. Pind. Od. 6. Olymp. Ου φιλονεικος εων ουτ’ ων δυσερις τις αγαν και μεγαν ὁρκον ομοσσας τουτογε οι σαφεως μαρτωρη- σω: μελιφϑογγοι δ’ επιτρεψοντι Μοισαι. Und hat der Bacchante wirklich die edle Begeisterung gefuͤhlt, die stets nach der hoͤchsten Bluͤte greift, doch ohne Verzerrung des Arms. So wie sein Bacchus im Pa- renthyrsus der Trunkenheit sich als den Lerm- macher zeigt: so ahmt sein Priester ihm nach, und macht uͤberall ein Geschrey, das die Kaͤlte erzeugt, die es verjagen soll. Welche Trunkenheit! Eleleu! welche Trunkenheit! Jst dies je die Sprache des Gefuͤhls, der Trunkenheit, die sich nicht trunken fuͤhlt! Heiliger Schauer! Schauer durchwuͤhlet die Brust. Wie sie schwillt! Wer Wer bricht je in diese Worte aus, der, sich selbst entrissen, empfindet und sieht! — Wenn man eine Sammlung unnatuͤrlicher Ausrufungen lesen will: so hat man sie hier zusammen: bei Krieg und Frieden, bei Hel- den und Geschichten! — Nein! immer bleibt es doch wahr: das Feuer der Alten brennt: der Glanz der Neuern blendet hoͤchstens, oder betriegt im Dunkeln, wie kaltes todtes, aber leuchtendes Holz. „Alle vortrefliche Dichter singen nicht „durch Kuͤnsteley: sondern durch goͤttliche „Begeisterung; wie die Corybanten nicht mit „kalter Seele tanzen: so singen sie auch nicht „mit kalter Seele; sondern so bald sie in „die verschlungenen Labyrinthe der Harmonie „gerathen: so rasen sie, schwaͤrmen gleich „den unsinnigen Bacchanten, die in ihrer Be- „geisterung Milch und Honig aus Baͤchen „trinken — Auch die Dichter schoͤpfen aus „Honigquellen, und brechen, wie die Bienen „ihren Honig aus Blumen saugen, ihre Ge- „saͤnge von den gruͤnenden Huͤgeln der Musen. „Wahrlich, ein Dichter ist ein fluͤchtiges, ein „heiliges Geschoͤpf, das nicht eher singen Y 3 „kann, „kann, bis es von einem Gott ergriffen, „außer sich gesezt wird. Alsdenn singt je- „ner Lobgesånge, dieser Dithyramben. Platons Jo. „ — Jn der That! ich wollte lieber diese wenige Worte gefuͤhlt, als alle zehn Dithyramben gesungen haben: und doch fand der so begei- sterte Sokrates, sich blos tuͤchtig — Aeso- pische Fabeln zu schreiben: also mo̊chte man- cher Dithyrambist auch in das Feld geho̊ren, mittelmaͤßige Dialogische Fabeln zu schreiben, aber „vom Verfasser der Dithyramben.„ Aus der Vereinigung der beiden beruͤhr- ten Stuͤcke, der Begeisterung, die eine Fol- ge von Gemaͤlden leitet, entspringt das, was man im Pindar, als Unordnung bewundert, was man zu seinem Schwunge, und den Spruͤngen seiner Ode rechnet. Es ist im- mer ein besonderer Einfall, de logica Pindari: ein Programm von eben dem Verf. den Einfall des großen Youngs von seiner Hoͤhe abzubrechen, und im Pindar eine Aristotelische Logik zu suchen. Pindars Gang ist der Schritt der begeisterten Einbildungskraft, die, was sie siehet, siehet, und wie sie es sieht, singt; aber die Ordnung der Philosophischen Methode, oder der Vernunft, ist der entgegengesezte Weg, da man, was man denkt, aus dem, was man sieht, beweiset. Diese lezte im Pin- dar zu finden, ist noch wunderbarer, als die Ordnung, die Ruͤckersfelder und E. Schmid in ihm fanden; sie aber, wenn sie auch in Pindarischen Oden waͤre, auf Dithyramben anwenden zu wollen, verunziert viele Stuͤcke, wo das historische Thema viel zu sehr durchschimmert, als das stattliche Gebaͤude zu seyn, womit Pindar seinen Odenplan vergleicht. Wer auch nur von einigen Pin- darischen Oden sich selbst voͤllige Rechenschast zu geben weiß: wird das bestaͤndige Hůpfen und ruͤckweise Fliegen unsers Dithyramben- saͤngers doch nicht mit dem gewaltigen Zuge des Pindarischen Adlers vergleichen, der sich nicht auf Noten und Phrases stuͤzzt, der nicht zuruͤcksieht, ob man ihn auch erreiche: sondern — — er gluͤht, er gluͤht, wenn er zur Sonne zielt, und in ihr Feuer sieht mit starkem unverwandten hellen Blicke, bis er am Thron des Zevs die siebensache Last der Donner maͤchtig faßt. — Y 4 Wenn Wenn Pindar sich von seinem Punkte in der Einbildungskraft zu verlieren scheint: so findet er sich mit desto groͤßerem Pomp, hier mit einem allgemeinen hohen Spruche, dort mit einer Anrufung an die Muse ꝛc. zuruͤck: So fließt ein majestaͤtischer Strom, reich um Arme auszulassen, und sparsam, sie wie- der an sich zu ziehen, in seinem breiten Bette fort, und waͤlzt sich mit hundert Haͤnden brausend vom Felsen herab, um sich im Thale zusammen zu finden: ein großer gewaltiger Strom, der Name seiner Gegend; — aber ein Regenguß, der sich aus den Wolken auf Sand ergoß, zerfließt mit hundert Aesten ohne Stamm im Sande: er verliert sich Namenlos und ist nicht mehr. Und wo ist des Dithyramben Sylbenmaas? Er spielt auf einer Pfeife mit zwei und einem halben Ton: wo ist die Sprache? Wo ver- raͤth er die Freudentoͤne, die ein allmaͤchti- ger Griechischer Tanz belebte, der dem Bac- chus nacheiferte, der die hoͤchste Musik, die staͤrkste Deklamation, die groͤßte Dichterei vereinigte? — dazu sind gar keine Gegen- staͤnde staͤnde und Anlagen, und dem einzigen Jo- hann Sobieski schenken wir seinen Tanz. O Marsyas! so rief die Dithyrambische Floͤte vom Munde, die dich wie den Alcibi- ades verunziert: erst lerne von den Griechen Bacchische Gegenstaͤnde waͤhlen, draͤnge dich zu ihren Choͤren, Festen und Taͤnzen: lerne den Vater des Weins, in seiner ganzen γενεσι und in seinen Thaten kennen: koste, aus den Dichtern, und aus dem Dichteri- schen Plato etwas von dem heiligen Trank der Corybanten; statt dich bey elenden Com- mentatoren aufzuhalten, die einander ausge- schrieben, lerne vom Pindar nichts sterbli- ches zu sagen, und pruͤfe deine Versuche nachher nach dem, was uns Lucian noch zu guter lezt von den Griechen verrathen hat. Το διδαξασϑαι δε τοι ειδοτι ραϊτερον. Αγνω- μον δε, το μη προμαϑειν. Κουφοτεραι γαρ. απειρατων φρενες. Olymp. Od. 8. p. 216. nach der Schmid. Ausgabe. Jch rufe dies unverdeutscht dem Verf. zu, dem ich aus vielen Ursachen wuͤnsche, Pin- Y 5 dar dar zu seyn: theils weil wir ein gemeinschaft- liches verschrieenes Boͤotien haben: theils weil in ihm allerdings Genie hervorleuch- tet — zwei Ursachen, weswegen Pindar sei- nem Landsmanne zurief: Od. 6. Olymp. p. 160. 61. Δοξαν εχω τιν’ επι Γλοσσᾳ ακονας λιγυρας, α μ’ εϑελοντα προσελκει καλλιροοισι πνοαις. Ματρομα- τωρ εμα Στυμφαλις ευανϑης Μεετωπα. Οτρυνον νυν εταιρους γνωναι τ’ επȣιτ’, αρχειον ονειδος αλα- ϑεσι λογοις ει φευγωμεν, Βοιωτιαν υν. Εσσι γαρ αγγελος ορϑος ηυκομων σκυταλα Μοισαν, γλυκυς κρητηρ αγαφδεγκτων αοιδαν. Wuͤrde ich die Himmelsstuͤrmer singen: so finge ich an, wo jezt die Dithyrambe aufho̊rt, bey dem Triumphsliede nach der Schlacht. Hier wuͤrde ich als Bacchante, mit meinen Schwestern, den Moͤnaden, alle Thaten unsers Ko̊niges und seines Silens, den Siegbecher in der Hand, so herjauchzen, als Gerstenberg in seinen Prosaischen Ge- dichten dichten bey einem Mahl im Himmel die Goͤt- ter singen laͤßt. Alles muͤste Bacchisch seyn: der Nektar die Ursache des Anfalls, und der Nektar die Folge und der Nuzze des Siegs. Den großen Peter wuͤrden Moͤna- den singen, die bei dem ersten Bacchusfeste zu Astrakan, die Thaten dieses Noah, und alsdenn auch die ganze Schoͤpfung Rußlands mit einer vergnuͤgten Redseligkeit preisen. Meine Dithyrambe auf den Krieg wuͤrde einen Weinberg zum Standort haben: in der Naͤhe eine Schlacht: Bacchus erscheint: die Schwerter werden Thyrsusstaͤbe, die Berge voll Blut, Huͤgel mit Stroͤmen von Blut der Trauben. — Die Friedensdithy- rambe wuͤrde auch anders: und Peter Feodorowitz und Sobieski und Friedrich auch: Sicilien fiele weg — und im Detail muͤste sich alles aͤndern, wenn nicht der Titel sine vitulo, ohne den Preis der Dithyram- ben bleiben soll. Jch beschließe, da meine Beurtheilung schon eine Rhapsodie Pindarischer Stellen gewesen, fuͤr die Leser, die sich an so viel Griechischen Worten geaͤrgert, mit einem Didakti- Didaktischen Trinkliede, das freilich nicht so sehr vom Trinkliede abweichen moͤchte, als die Dithyramben von ihren Originalen. Es hat zwar s. Litt. Br. Th. 21. p. 79. „immer eine Schwachheit an „sich, der die mehresten unsrer Poeten unter- „worfen sind (daher sind sie auch windichte, „eitle, junge Menschen. Es vertauscht offen- „bar den maͤnnlichen ernsthaf t en Lehrton ge- „gen einen taͤndelnden;)„ aber wer kann sich helfen, es sagt doch die Dithyrambische Mei- nung eines Freundes ůber Griechische Dithy- ramben. Dithyramben soll ich singen, hier bei Deutschem Wein? Nein! hier soll kein Griechisch Lied erklingen, Deutscher Vater Bacchus! Nein! Haben diese Trinkpokaͤle Dith y rambenmaas? Und daß ich Gesang des Bacchus waͤhle, reichst du wohl, mein kleines Glas? Um mich tanzt wohl eine Schoͤne Dithyrambentanz? Und ersaͤngen mir Epodentoͤne diesen Kuß und diesen Kranz? O so O so moͤgen Epheukronen und ein hagrer Stier, Alter Pindar! dir Gesaͤnge lohnen; doch nicht Weiße, Uz und mir. Deine Dithyrambenkraͤnze hat die Zeit geraubt. Sieh! Entkraͤnzter! sieh! wie frisch ich glaͤnze ganz mit Rosenduft umlaubt. Denn was gehn mich Tuͤrkenkrieger — s. die Dithyramben. Himmelsstuͤrmer s. die Dithyramben. an? Peter s. die Dithyramben. pflanzte Wein!—ha! nicht der Sieger, Er als Noah ist mein Mann! Daß der Krieg s. die Dithyramben. die Hoͤlle mehre seufzt ein Kirchenlied! Nur daß er auch Berge Wein verheere, Darauf flucht mein heilig Lied! Jmmer singe Friedrichs s. die Dithyramben. Thaten, braver Grenadier! Eins nur! den Regierer seiner Staaten, den Champagner, laß er mir. Jmmer ras’ auf Pindars Leyer hohe Dichterwuth! Mich — mich hizzt des Rheinweins edles Feuer bis zu eines Trinklieds Glut. Wenn denn dies mir von den Sproͤden Kuß und mehr erzwingt; Wenns denn den vom Wein entschwornen Bloͤden zitterndkuͤhn zum Kelchglas bringt: O so O so koͤnnt ihr rasend machen, die ihr rasend singt — Laßt uns, Bruͤder! trinken, singen, lachen! Da mein Lied den Becher schwingt! 3. Anakreon und Gleim. Z wei Vergleichungen sind mißlungen; aber der Tejische Saͤnger, milder und herab- lassender, macht mich kuͤhn, ihn mit unserm Anakreon, dem lieblichen Gleim, zu ver- gleichen. Wir haben mehr Anakreontische Dichter, als ihn, wenn wir das Anakreontisch nennen, was von Liebe und Wein singet: wenn wir aber das μελος des Anakreons im Auge behalten, das meistens ein klein Ge- maͤlde von Liebe und Schoͤnheit enthaͤlt: so wird man gleich die Liebes - und Weinlie- der des Leßings, Weiße, Uz, Hagedorns und selbst einige Gleimische als eine beson- dere Classe Anakreontischer Gedichte ansehen. Jch nehme also nur von Gleim seine zwo erste Sammlungen, und die sieben Ge- dichte dichte nach Anakreons Manier zur Ver- gleichung. Es ist eine feine Kritik noͤthig, um bei solchen liebenswuͤrdigen Kleinigkeiten den Charakter des Saͤngers zu ertappen; und eine noch feinere, zwei aus so verschiednen Ge- genden und Altern zu vergleichen — einigen wird meine Parallele kindisch vorkommen; aber diese einige sind meistens solche, die es zu ihrer Beruhigung gar fuͤr unnuͤz halten, uͤber Possen zu denken. Anakreons Bilderchen naͤhern sich meistens einem kleinen Jdeal von Schoͤnheit und Lie- be; und wenn sie dies nicht erreichen wollen, so sieht man ein feines Portraͤt, nach dem schoͤnen Eigensinn eines Vorfalles, oder Ge- genstandes gebildet: ein allerliebstes Griechi- sches Liedchen, das die Gelegenheit charakte- risirt, die es gebar. Die erste Gattung schwingt sich auf zur feinen Jdee der Wohl- lust uͤberhaupt; die zweite, die in die Um- staͤnde eines Jndividualfalls graͤbt, naͤhert sich der ersten, und wo sie ihr nachbleibt, giebt sie sich eine Art von Bestimmtheit, Spuren der Menschlichkeit, die wie ein Gruͤbchen im Kinn, der Eindruck des Fingers der Liebe, wie wie das Lispeln des Alcib i ades selbst mit zur Schoͤnheit wird — Unsere gemeine Anakreontisten sind Fleder- maͤuse, die in der mitlern Region vleiben, das Jdeal nicht erreichen, nd bei Andeu- tung des Vorfalls niedrig werden. Aber Gleim ist hier der Vergleichung werth: er verschoͤnert mehr, als die Franzoͤsischen Ana- kreontisten, weil er die Rei e der Natur blos zu erheben sucht; nur steht er dem Tejer nach. Ein Drittheil seiner Liederchen sind schoͤne Portraͤte, bei denen der Vorfall durch- blikt; zwei Drittheile aber kaͤmpfen zwischen dem eignen Ton und der Annaͤherung zum Griechen: erhaben uͤber die Aehnlichkeit, und noch entfernt vom Allgemeinen. Nun weiß man aber, daß die Griechen ihre gute Ursa- chen hatten, bei ihren Olympischen Saͤulen lieber auf Schoͤnheit, als Aehnlichkeit, zu sehen. Daher ist im Alten mehr Einfalt: Ein- falt, die sein Ganzes gebildet hat, und die ich an Theilen nicht bemerken durf. Jm Neuen herrscht sie mehr im Detail, und im Ganzen ist oft statt der schoͤnen Einfalt, Kunst bemerk- bar. Man vergleiche Anakreons Taube und und Gleims Moͤpschen, Gleims Maler und Anakreons Maler, Anakreons Chrysos und Gleims Suͤnde u. s. w. bei nachgebil- deten Stuͤcken faͤllt der Geist beider Kuͤnst- ler in seinem Unterscheide am ersten in die Augen. Der Alte kennet sich gleichsam min- der; der Neuere laͤßt uns sein Scho̊nes durch Vorbereitungen und Folgerungen empfinden, und schließt oft ein Lied voll Griechischer Ein- falt, mit einem Franzo̊sischwizzigen Ein- fall, der ein Opfer fuͤr unsern wizzigen Ge- schmack ist. Beide Dichter sind Soͤhne der Grazie, und Gleims Bild steht nicht ohne Bedeu- tung vor der Winkelmannschen Abhandlung uͤber die Grazie; allein der Grieche malet uns doch mehr eigentlichen Reiz; dieser oͤfter Schoͤnheit: jener zeigt den Reiz in Hand- lung, und die Empfindung in Wirkung; dieser aber alles mehr in Worten, und Be- schreibung. Daher ruͤhrt bei dem Deutschen der Reichthum an Worten und Wendungen, die die Oberflaͤche verschoͤnern; das Erlaͤu- ternde, das dem Leser gleichsam helfen will, daruͤber oft die Kuͤrze verliert, und aus dem Z Con- Contour weichet. Das schoͤne Stuͤck: der Tod einer Nachtigall, doͤrfte in allem diesem leiden; und durchgaͤngig mehr todte Kunst, als lebende Natur in unserm Lands- mann anzutreffen seyn. So wie Anakreon fuͤr einen Griechen durch seine kleine Umstaͤnde, Neuheit gnug hatte: so unterscheidet sich der unsrige am meisten durch einen gewissen geistigen Reiz, den er vor dem Griechen seinen Liedern er- theilet. Die Lieder nach dem Anakreon von Gleim sind, nachdem ich dies geschrieben, erschienen; ich glaube aber, sie bestaͤtigen meine ganze Parallele sehr augenscheinlich, wenn ich sie als Nachbildungen, nicht Uebersezzungen, betrachte. Da dieser Unterschied nun feiner ist: so faͤllt auch die Mannichfaltigkeit min- der in die Augen, und seine gemeinen Nach- ahmer werden daher so bald einfoͤrmig, daß man von ihren Stuͤcken sagen kanm, was je- ner von den Franzosen behauptet: wer drei kennet, hat sie alle gesehen. Jch habe in allgemeinen Beobachtungen geredt, und erwarte von Gleim bei der neuen neuen Ausgabe seiner Gedichte vielleicht eine weit bessere Praktische Bestaͤtigung, als ich habe zeigen koͤnnen: um ihn Anakreon zu nennen. Jch habe diesen Namen von der Taube des alten Griechen gehoͤrt, die ich unver- muthet antraf. Anakreons Taube. W oher du, liebe Taube? Woher so reich an Salben, in, deren Duft du schwimmest und sanft die Fluͤgel schlaͤgst — Wohin gilt deine Reise? „Du kennst mich nicht, mehr, Alter! „Anakreons Gespielin, die mit ihm trank und lachte und sich aus seinen Haͤnden die goldnen Koͤrner raubte und schlief auf seiner Leyer und vor der Morgensonne ihn in den schoͤnsten Traͤumen mit ihren Fluͤgeln deckte — Kennst du mich noch nicht, Alter? Ach! ich hab ihn verloren! um dessen Grab die Amors und Grazien einen Hain Z 2 von von Ros’ und Myrth gepflanzet; hier hab ich lang und immer vergebens! meinen Herren beseufzet — und gegirret! Zwar schenkte mich Cythere statt seines schoͤnen Sperlings bald einem ihrer Knaben: Catull. der gab mir viel zu fliegen, zu essen und zu trinken und doch must’ ich entfliehen! — Und habe lang auf Bergen, auf Feld und Baum gewohnet, und mich schon alt gendhret, bis mich fuͤr meine Treue Cythere einem zweiten Anakreon jezt schenket, Dem hat sie mich geschmuͤcket, dem wieder jung gesalbet, dem schickt sie dieses Kraͤnzchen, der wird mich willig pflegen. Nun Wandrer, weist du alles von deiner alten Freundin. Fast ist mein Duft verflogen, fast machtest du mich schwazzhaft, wie S. Catull. und P. * * Spazzen. 4. Tyr- 4. Tyrtaͤus und der Grenadier. A ber Gleim gilt bei mir in einem andern Gesichtspunkt noch mehr — er ist unser Grenadier. Litt. Br. Th. 17. p. 6. 7. Tyrtaͤus und der Grena- dier — ich glaube bei dieser Vergleichung eine zuversichtliche Mine annehmen zu koͤnnen. Jener war das Geschenk des Orakels fuͤr Sparta, wie dieser fuͤr den Ruhm Deutsch- lands: ich sage nicht, fuͤr den Ruhm seines Heers, weil dieses vielleicht einen Tyrtaͤus nicht so noͤthig hatte, als das muthlose Spar- ta. Daß der Deutsche nicht durch seine Lie- der eben dasselbe Verdienst, und eben densel- ben Lohn hat erlangen koͤnnen: liegt nicht an seinen Gesaͤngen, sondern an unsrer unpoeti- schen Zeit, in der man nicht mehr, wie in Griechenland den Musen, vor der Schlacht opfert. Dort waͤren seine Lieder unter Pau- ken- und Trompetenschall erklungen: sie haͤtten die Fahnen voll Muth empor geschwungen, die Schwerter entbloͤßt, dem Feinde Panisches Z 3 Schre- Schrecken zugetoͤnt: sie waͤren, wie Justin es vom Tyrtaͤus sagt, hortamenta virtutis, damnorum solatia, belli consilia gewesen: tantum ardorem militibus iniecissent, vt non de salute, sed de sepultura solliciti, tesseras insculptis suis et patrum nomini- bus, dextro bracchio deligerunt, vt si omnes aduersum proelium consumsisset, et tem- poris spatio confusa corporum lineamen- ta essent, ex indicio titulorum tradi sepul- turae possent. — Sie haͤtten Sparta den Sieg, dem Saͤnger das stolze Buͤrgerrecht in Sparta, und das noch stolzere Geschenk: die Unsterblichkeit, gegeben. „Wenn Gleim „es haͤtte dahin bringen koͤnnen, daß die „ Kriegeslieder des Preußischen Grena- „diers in des gemeinen Soldaten Haͤnde ge- „kommen waͤren: so muͤste er in den Preußi- „schen Staaten unter den Dichtern den er- „sten Rang nach den erbaulichen haben.„ Abbt vom Verdienst p. 367. Jn Absicht auf sein Verdienst; jezt hat er wenigstens das Verdienst um die Ehre sei- ner Nation, daß er Nationalgesaͤnge ge- sungen, sungen, die keiner unsrer Nachbarn hat, keiner unsrer Nachbarn uns entwenden kann, und die vielleicht mehr als Tyrtaͤisch sind. Sie sind Nationalgesaͤnge: voll des Preußischen Patriotismus, stuͤzzen sie sich auf die jedesmaligen Umstaͤnde ihrer Gelegenheit. Der Grenadier redet von großen bekannten Begebenheiten, die jedermann aufmerksam machen: die Heroischen Gesinnungen, der Geiz nach Gefahren, der Stolz fuͤr das Vater- land zu sterben, ist seine einzige Begeisterung: hier hat einmal ein Deutscher Dichter uͤber sein Deutsches Vaterland aͤcht und brav Deutsch gesungen: ohne an andre Nationen sein Genie zu verpachten. Und solchen Grenadier hat vielleicht kei- ne Ration von unsern Nachbarn. Jch habe viele Franzoͤsische Gedichte im vorigen Kriege gelesen, die auch den Ton des Patriotismus gegen die Englaͤnder angestimmet haben: al- lein wenn wir viele Grenadiers haͤtten, — So schlagen wir sie mit Gesang Wie Friedrich mit dem Schwert. Z 4 Das Das Gespraͤch mit der Deutschen Muse redet hier an meiner statt gegen die Franzo- sen; und von den Englischen Dichtern ist mir in den neuern Zeiten kein Stuͤck bekannt, das so viel als die Kriegslieder wiegen sollte; die alten Ballads nehme ich aus, mit denen wir uns freilich nicht messen koͤnnen. Und die beste seiner Schoͤnheiten sind dazu unuͤbersezbar. Litter. Br. Th. 16. p. 50. Die edle Einfalt, die Deutsche rauhe Staͤrke, die Hoheit und Kuͤr- ze seiner Bilder, Schwung und Kolorit, alles ist so sehr in die Laune, und in den Wohllaut unsrer Sprache eingetaucht, daß diese wenige Stuͤcke gleichsam ein Graͤnzstein seyn koͤnnen, wo unsre Dichtkunst an Franzosen und Eng- laͤnder graͤnzt. Die Sprache des Grenadiers kann, ohne zu verlieren, weder in Franzoͤ- sische Prose noch Poesie uͤbergerragen werden, und von der Englischen Poesie, die von Bei- woͤrtern und Bildern strozzet, Kleists Werke: 2ter Th. Pros. Aufsaͤtze. unterscheidet sie sich eben so gluͤcklich. Diese Sprache ist die wahre Deutsche Nationallaune; ihr Deut- sche! sche! muͤßt ihr schon nachahmen, so ahmt lieber eure Landesleute nach, als fremde Nationen, um laͤcherlich oder veraͤchtlich zu werden. Wir haben also wirklich einen Tyrtaͤus, und wenn wir den Plan der Stuͤcke, und ein- zelne Theile betrachten, noch mehr, als ihn. Plato wuͤrde unserm Landsmann den Titel ei- nes Goͤttlichen nicht abgeschlagen haben, und wenn die unwissende Zeit seine Werke so un- gerecht verzehren sollte, als die meisten des Tyrtaͤus: seine eilf Kriegslieder haben mehr Anrecht auf die Unsterblichkeit, als die Grie- chischen viere. 5. Theokrit und Geßner. V on allen Werken des Schweizerischen Geß- ners liebe ich seine Jdyllen am meisten, und will sie mit den Jdyllen des Theokrits ver- gleichen: sie verdienen dies mehr, als die Jdyllen des Fontenelle und Pope. Jch Z 5 will will den feinen Bemerkungen des Kunstrich- ters Litter. Br. Th. 16. p. 113. folgen, so fern sie zu meiner Verglei- chung gehoͤren, und so fern ich ihnen beistim- men kann. „Man kann entweder die Beschaͤftigun- „gen und die Lebensart, oder die Empfin- „dungen und Leidenschaften der kleinen „Gesellschaften betrachten. Sowohl die „Lebensart, als die Empfindungen, koͤnnen „entweder der Natur gemaͤß, gleichsam „ portraͤtirt, oder nach dem Jdeal ver- „schoͤnert werden. Hier ist in wenig Wor- „ten die Beschreibung von viererlei Arten von „Gedichten, die alle zu einer Hanptklasse, den „ Landgedichten uͤberhaupt, gehoͤren. 1) Die „Beschaͤftigungen von kleinern Gesellschaften „nach der Natur. 2) Eben dieselbe nach dem „Jdeal. 3) Die Empfindungen und Leiden- „fchaften der kleinern Gesellschaften nach der „Natur. 4) Eben dieselbe nach dem Jdeal. „Die erste ist das eigentliche Landgedicht: „die zweite kommt mit der Beschreibung des „goldnen Weltalters uͤberein: die dritte ist ei- „ne „ne Art von Landekloge, die nicht ganz zu „verwerfen ist: die vierte ist die wahre Jdylle „ Theokrits, Virgils und Geßners. Was „ist nunmehr die Jdylle? Nichts als der „ sinnlichste Ausdruck der hoͤchst verschoͤ- „nerten Leidenschaften und Empfindun- „gen solcher Menschen, die in kleinern „Gefellschaften zusammen leben. „ p. 124. 125. — Der sinnreiche D. mag als Beobachter Recht haben, in der Anwendung finde ich einige Bedenklichkeiten. Zuerst: Landgedicht, Ekloge und Jdyl- le: der Sache nach mag ihr Unterschied wesentlich und nothwendig seyn; wer aber gibt den Worten den allgemeinen Werth: du sollst eben das bedeuten! Unser Kunst- richter glaubt mit Schlegel einerlei unter Landgedicht zu verstehen, und es ist zwi- schen ihnen doch ein Unterschied. Schlegel versteht darunter blos ein Landschafts- stuͤck, eine Schilderung der Gegenstaͤn- de der Natur; D. meint ja schon Beschaͤf- tigungen darunter, und also wirklich Hand- lung, lung, was jener doch schon zur Ekloge rech- net: der Franzose versteht wieder was er will, unter Jdylle und Ekloge: wenn auch nur 10 Stuͤcke von Theokrit und Virgil als- denn noch Eklogen seyn koͤnnten; gnug wenn er nur seinen Fontenelle behaͤlt; ein Deut- scher wirft den Fontenelle. heraus, wenn er nur seinen Geßner behaͤlt — So bestimmt ein jeder willkuͤhrlich, und weil kein gesezge- berischer Aristoteles vorgearbeitet hat, ohne Einheit. Was ist zu thun? Theokrit, Moschus und Bion haben Jdyllen geliefert: aus ih- nen abstrahire man also den Begriff der Jdylle. Virgil hat seine: Eklogen: genannt; um den Unterschied der Namen zu bestimmen, be- stimme man den Unterschied der Werke. Nun vergleiche man die Neuern mit den Alten: wie sind sie von ihnen unterschieden, um neue Klassen zu formiren? wie viel Gattungen gaͤ- be es, die noch ungebraucht sind? Und was ist endlich das Landgedicht uͤberhaupt? Zuerst also! Wenn es vier Arten von Land- gedicht gibt, welche ist die aͤlteste? Portraͤte, und und schlechte Portraͤte sind eher, als Jdeale, als ho̊chst verscho̊nerte Jdeale; so muͤssen auch die erste Landgedichte gewesen seyn. Koͤnnte dies nicht eine Ursache seyn, ( wenn gegen den Eigensinn der Zeit noch muthmaßliche Ursa- chen gelten,) warum vor Theokrit alle Land- dichter verloren gegangen sind, warum selbst die meisten Gedichte seines Lehrers, Bions, verloren gegangen sind: weil sie vielleicht die Natur noch zu gemein portraͤtirt haben? Nur Theokrit, ein spaͤter Dichter, wurde der er- ste Anfaͤnger einer goldnen Epoche, weil er eben den Zeitpunkt in den Landgedichten er- reichte, daß seine verschoͤnerte Natur auch fei- nen Zeitaltern gefallen konnte. Aber welche Natur hat er verscho̊nert? Beschaͤftigungen? Oder Empfindungen und Leidenschaften? Der Anfang der Dicht- kunst ist wahrscheinlich eher von Leidenschaf- ten, als bloßen Beschaͤftigungen gewesen; diese waren theils nicht werth, theils nicht hin- reichend gnug, um Dichterei hervorzubrin- gen. Dies bestaͤtigen die aͤltesten Beispiele, und die Kaͤnntniß der ersten Zeiten noch mehr. Erst Erst Leidenschaft, denn Empfindung, denn Beschaͤftigungen, und endlich todte Malerey: so ist der Gegenstand der Dichtkunst nach ver- schiedenen Zeitaltern gesunken. Eben dersel- be Schritt, wie aus der Jdylle, der Schaͤ- ferdichterei, eine Ekloge, ein Landgemaͤlde entstanden, hat eine andere Veraͤnderung zur Pa- rallele, wie aus der Homerischen Jliade, eine Aeneide, aus dem ειδος des Pindars, eine Ode des Horaz, aus dem μελος des Ana- kreons, eine Taͤndelei Catulls geworden: je- ne redeten durch Ausdruck und Handlung, diese redeten durch Worte und Schilderungen: jene bewegten durch das, was sie zeigten, durch Empfindung; bei diesen kam es sehr in Betracht, auf was Art sie es vorzeig- ten — Kurz! wenn Jdylle das Landge- dicht ist, das Leidenschaften und Empfindun- gen kleiner Gesellschaften auf die sinnlichste Art ausdruͤckt, so ist Theokrit ein Jdyllen- dichter, und zwar der vollkommenste unter allen, die ich kenne. Aber Empfindungen und Leidenschaften nach dem Jdeal? p. 124. 125. Hoͤchstverschoͤnerte Leiden- Leidenschaften und Empfindungen? Eine Lei- denschaft, eine Empfindung hoͤchst ver- scho̊nert, hoͤrt auf, Leidenschaft, Empfin- dung zu seyn: zweitens, sie hat keinen sinn- lichen Ausdruck: das hoͤchste Schoͤne hat kein Bild. Wir wollen diese zwei Ursachen sehen! Ein Schaͤfer mit hoͤchst verschoͤnerten Empfindungen hoͤrt auf, Schaͤfer zu seyn; er wird ein Poetischer Gott: das ist nicht mehr ein Land der Erde, sondern ein Elysium der Goͤtter: er handelt nicht mehr, sondern be- schaͤftigt sich hoͤchstens, um seine Jdealgroͤße zu zeigen: er wird aus einem Menschen ein Engel: seine Zeit ein gewisses Figment der goldnen Zeit. — Und profitirt der Dichter dabei? Ohnmoͤglich! Uns ruͤhrt-nichts, was nicht mehr Mensch ist: Goͤtter, die nicht menschlich werden, bewundern wir hoͤch- stens mit kalter Bewunderung: so entgehk dem Dichter viel von seinem Zweck: und noch mehr von der Mannichfaltigkeit seiner Cha- raktere. Wenn ich immer die hoͤchst ver- scho̊nerte Schaͤferlarve sehe, so verliere ich die Verschiedenheit menschlicher Gesichts- zuͤge: dem Dichter entgehen zehn Situatio- nen; nen; dem Leser zehnerlei Vergnuͤgen. Kurz! aus eben den Ursachen, warum derselbe Kunst- richter von der Buͤhne und aus der Epopee Litter. Br. Th. 7. und 9. das Jdeal der Vollkommenheit verbannen will, verbanne ichs aus Arkadien; es schafft Un- fruchtbarkeit, Einfoͤrmigkeit, und schraͤnkt die Erfindung ein. Jch will aber keine Abhandlung uͤber das Schaͤfergedicht schreiben: sondern nur den Charakter der Theokritschen und Geßner- schen Jdyllen bestimmen, und eben dies hat mich so weit gefuͤhrt. Der Kunstrichter sagt, „ Empfindung und Leidenschaften nach „dem Jdeal: das ist die wahre Jdylle „ Theokrits, Virgils und Geßners. „ Wie? dachte ich, alle drei nach einem Jdeal? alle drei hoͤchst verschoͤnert? Der Kunstrichter raubt mir mit seiner Eintheilung allen Un- terschied, den ich so oft zwischen allen dreien empfunden, und Empfindung laͤßt sich nicht sogleich rauben. Die Leidenschaften, die Theokrit seinen Schaͤfern gibt, sind durchaus menschlich, und und nach ihren kleinen Gesellschaften, nach ihrem Zustande, nicht aber Moralisch un- schuldig: Daphnis und sein Maͤdchen faͤllt jedem hiebei zuerst ein: ist die Liebe der Zauberin zu ihrem Geliebten wohl hoͤchst ver- schoͤnert? Platonisch vollkommen denkt, em- pfindet und liebt kein Schaͤfer in ihm. Er uͤberlaͤßt sie ihrer Natur, die nach ihrem Zeit- alter und nach ihrer Gesellschaft unschuldig ist. Seine Schaͤferhelden sind nicht jenem Philosophischen Helden gleich, Qui metus omnes et inexorabile fatum Subiecit pedibus — — alsdenn waͤren sie unertraͤglich. Seine Liebe wird stuͤrmisch, wird Raserei bis zum Tode: selbst seine Grazien sind nichts weniger als hoͤchst verschoͤnerte Jdeale. Aus jeder Jdylle muß ich Proben hiervon anfuͤhren koͤn- nen, weil ich dies eben fuͤr das Charakter. stuͤck derselben halte. Der Kunstrichter verwirret sich selbst in seinem eigenen Gewebe, wenn er auf die nie- drigen Zuͤge stoͤßt, die die Franzosen im A a Theo- Theokrit nicht ausstehen koͤnnen; und loͤset dies Raͤthsel so auf: „weil in der Jdylle Lei- „denschaften und Empfindungen bis auf „den hoͤchsten Grad veredelt werden, so thue „der Dichter wohl, daß er ihre Lebensart „nicht zugleich mit idealisiret. Litter. Br. Th. s. p. 134. 135. „ Jch glaube, der Dichter thut nicht gar zu wohl dran, denn je hoͤher das eine veredelt wird, desto mehr muß das andre verekelt werden. Die Lebensart, sagt er, gehoͤret nicht mit zu sei- ner Absicht; allerdings! hat er nicht kurz vorher selbst eine Eklogenart fuͤr die Landbe- schaͤftigungen ausgemacht: und was ja ei- ne ganze Ekloge abgeben kann, sollte das als Theil bei dem andern so unbetraͤchtlich seyn? Aber durch diesen Kunstgrif wird der Leser aus der Jrre der Jdealischen Welt auf die Natur zuruͤckgefuͤhrt? leider! ja, aber auch zu dem Seufzer gebracht: warum hat mich der Dichter in die aͤrgerliche Jrre gefuͤhrt? haͤtte er nicht diesen Jdealischen Traum ge- habt; alsdenn haͤtten seine Charaktere an Mannichfaltigkeit und Bestimmtheit gewon- nen? nen? Der Kunstrichter siehet sich nach Bei- spielen um, seinen Gedanken zu erlaͤutern, und ich — zu widerlegen. Theokrit ist Bei- spiel genug! Man flechte in irgend eine Geß- nersche Jdylle einen Theokritschen niedrigen Zug ein; er wird unausstehlich: im Theokrit aber ohne verwoͤhnte Ohren nicht. Wie kommt das? „Geßners groͤstes Verdienst ist, „daß er die Schranken der Veredelung so ge- „nau zu treffen gewust.„ Und Theokrit nicht so genau? Und hat doch sein Jdeal hoͤchst verschoͤnert? Gehorsamer Diener! Der Kunstrichter hat sich blos in das Jdeal seiner Eintheilung und Erklaͤrung wegen verliebt; so bald er sein Destniren vergißt, bekennt er selbst: p. 134. „Man hat die Empfindungen des Land- „mannes verschoͤnert, dem Jdeal naͤher ge- „bracht, doch so daß sie ihre Natur nicht ab- „legen!„ Nun sind wir schon mehr Freunde, doch nicht voͤllig: wenn das Jdeal die hoͤchste Schoͤnheit bleibt: so steht Virgil uͤber Theo- krit, Geßner uͤber Virgil, und Fontenelle uͤber Geßner; und ich rangire umgekehrt. A a 2 Das Das Jdeal des Schaͤfergedichts ist: wenn man Empfindungen und Leidenschaften der Menschen in kleinen Gesellschaften so sinnlich zeigt, daß wir auf den Augen- blick mit ihnen Schaͤfer werden, und so weit verschoͤnert zeigt, daß wir es den Au- genblick werden wollen; kurz bis zur Jl- lusion und zum hoͤchsten Wohlgefallen erhebt sich der Zweck der Jdylle, nicht aber bis zum Ausdruck der Vollkommenheit, oder zur Moralischen Besserung. Aus dieser Bemerkung, die ich anderswo beweisen will, folgt vieles zu meiner Paral- lele: je naͤher ich der Natur bleiben kann, um doch diese Jllusion und dies Wohlgefallen zu erreichen; je schoͤner ist meine Jdylle: Je mehr ich mich uͤber sie erheben muß, desto Moralischer, desto feiner, desto artiger kann sie werden, aber desto mehr verliert sie an Poetischer Jdyllenschoͤnheit. Dies ist der Unterschied zwischen Theokrits und Geß- ners Charakter. Theokrit schildert durchgaͤngig Leiden- schaft; Geßner, um nicht seinem Jdeal zu nahe nahe zu treten, ist hierinn weit bloͤder. So wie uns unser Wohlstand zu einer Schwaͤche gebildet, die nur fuͤr uns schoͤn laͤßt, so schmeck- te vieles dem Geschmack der Griechen, was uns zu stark ist. Seine Schaͤferleidenschaft bleibt immer mehr schleichende Neigung: die weiche, zaͤrtliche Liebe, zu druͤcken, zu herzen, zu kuͤssen; dies ist die Farbe, die man uͤber- all sieht. Amyntas, ein Schaͤfer, der sich des Baums erbarmte, laͤßt uns, wie Ram- ler s. seinen Batteux. sagt, schließen „was wird nicht ein „groͤßerer Vorfall bei ihm wuͤrken?„ so schliessen, glaube ich, kann wan im Geßner oft; aber es sehen? — selten! Theokrit schildert kleinere menschliche Ge- sellschaften, nicht „wie sie der Weltweise in „der Oekonomik Moralisch betrachtet s. Litter. Br. im angef. Theil. „ sondern wie er sie als Dichter von seiner Zeit abstrahiren konnte, um finnlich zu reizen und zu uͤberreden. Seine Sittlichkeit ist also auch nichts minder als Moralisch, sondern A a 3 Poli- Politisch, diesen kleinen Gesellschaften so fern angemessen, damit sie reizen und illudiren. Das ganze goldene Weltalter, in welches die Schweizer die alten Schaͤfer sezzen, ist also ei- ne schoͤne Grille: Die Griechischen Jdyllen- dichter wissen von einer vollkommen goldnen Zeit nur im seligen Elysium der Goͤtter, und in der Jugend der Welt, wo die Helden leb- ten: da schoͤpften die Corybanten aus Milch- stroͤmen ihre Begeisterung; aber Theokrits Schaͤfer schoͤpfen klares Wasser: ja auch da nicht einmal waren die Helden den seligen Goͤttern gleich: und Theokrits Schaͤfer sollten es seyn? Jst Alcimadure, ist Battus, ist Polyphem, ist der arme Fischer, denn in dem gluͤcklichen, reizenden Alter, wie man das goldne mahlt? Aber was gewinnt Theokrit dabei? Er kann wirkliche Sitten schildern. Da er sein Gemaͤlde aus dem Leben portraͤ- tirte, und bis auf einen gewissen Grad erboͤ- hete; so konnte er auch Leben in dasselbe bringen. Aber Geßner und die Neuern? Wir, die von diesem Zeitalter der Natur so weit ent- fernt fernt sind, daß wir fast niemals wahre menschliche Sitten, sondern Politische Le- bensart erblicken, muͤssen entweder einem ganz abgezogenen Jdeal folgen, oder wenn wir unsre Lebensart verfeinern wollen, Artig- keit malen. Das lezte that Fontenelle; er, der in seiner Nation nichts erblickte, nichts anders erblicken wollte, und endlich selbst an alten Schaͤfern nichts anders erblicken konnte, schilderte, was er sahe und sehen wollte: Ge- wohnheiten und Umgang und Artigkeit und Hofmanieren, die endlich einem Franzo- sen gefallen koͤnnen, aber einem Griechen veraͤchtlich und ekelhaft seyn muͤssen. Geß- ner, der von den Griechen seine Weisheit er- lernt hat und seiner Zeit sie bequemte, nahm sich also ein gewisses Moralisches Jdeal, und was verliert er dabei? — Erstlich die Bestimmtheit der Charak- tere. Seine Schaͤfer sind alle unschuldig, nicht weil die Unschuld aus ihrer Bildung folgt: sondern weil sie im Stande der Un- schuld leben: lauter Schaͤferlarven, keine Gesichter: Schaͤfer, nicht Menschen. Statt A a 4 zu zu handeln, beschaͤftigen sie sich, singen und kuͤssen, trinken und pflanzen Gaͤrten. Worinn ist Geßner gluͤcklicher, als in die- sen Kuͤchen- und Landschaftsstuͤcken, wo er die Natur oft als eine Nymphe an ihrem Nachtschleyer unvermuthet erhascht. Geß- ner ist hierinn noch vortreflich, und mischt diese Schilderungen nur ein; aber wenn seine Nachfolger mittelmaͤßige Schilderun- gen zum Hauptwerk, s. Juͤd. Schaͤferged. zu ihrem ganzen Ge- schaͤfte machen; so weicht dies ja ganz von den Alten ab. Sie malen das, worinn ih- nen der Maler es zuvor thun kann, nur selten, nur als ein Nebenwerk, nur kurz: wenn aber Breitenbauchs Juͤdische Schaͤfergedichte nichts als malen: so — koͤnnen sie blos durch die Kunst des Malers schaͤzzbar werden, und schlaͤgt die fehl — so ist alles verloren. Die Mannichfaltigkeit leidet bei diesem Jdeal noch mehr. Nicht von innen aus der Seele, sondern meistens nach Umstaͤnden wird sie bestimmt. Geßners Jdyllen sind oft al- ler- lerliebste Schaͤfertaͤndeleien, hier uͤber ein fliegendes Rosenblatt, dort uͤber einen zerbro- chenen Krug, hier uͤber einen Baum, dort uͤber das Schnaͤbeln der Tauben; hier redet der Vater Menalkas, hier der Sohn Myrtill uͤber seinen schlummernden Vater; hier der neunzigjaͤhrige Palaͤmon: hier der Liebhaber, dort die Schoͤne; immer aber derselbe Schaͤ- fer, nur in einer andern Situation. So moͤchte Geßner gegen Theokrit seyn. Jch weiß nicht, ob ich mit Rammler sa- gen kann: „er hat im wahren Geist des „ Theokrits gedichtet. Man findet hier glei- „che Suͤßigkeit, gleiche Naivete, gleiche Un- „schuld in Sitten.„ Die Suͤßigkeit des Grie- chen ist noch ein klarer Wassertrank aus dem Pierischen Quell der Musen; der Trank des Deutschen ist verzuckert. Jenes Naivete ist eine Tochter der einsaͤltigen Natur; die Naivete im Geßner ist von der Jdealischen Kunst geboren; jenes Unschuld redet in Sit- ten des Zeitalters; die Unschuld des lezren erstreckt sich bis auf die Gesinnungen, Nei- gungen, und Worte. Kurz! Theokrit malt A a 5 Leiden- Leidenschaften und Empfindungen nach einer verschoͤnerten Natur: Geßner Em- pfindungen und Beschaͤftigungen nach ei- nem ganzverschoͤnerten Jdeal: Natur- scenen kann ich noch dazu sezzen; nur Lei- denschaften? nicht so leicht. Wo er sie schildern muß z. E. in seinem Tode Abels, und in seinem Daphnis mißrathen sie oft: Abel zu fromm: Cain zu uͤbertrieben, und unwahrscheinlich: Daphnis fuͤr die Erde zu himmlisch und fuͤr das Reich der Hebe zu irrdisch. Seine Schaͤferspiele — man fuͤh- re sie auf: und man wird Puppen sehen: man lese sie, und es sind ergoͤzzende Puppen. Aber ein Schaͤferspiel wirklich in Theokrit- schem Geist, das muß, eben so wohl ruͤhren, als ein Griechisches Heldenspiel. Jch entziehe Geßner hiemit nichts von seinen gerechten Lobspruͤchen: ich kann aus Rammlers Batteux mit willigen Fingern hinzusezzen: „Seine Erfindungen sind (im „Detail) mannichfaltig: seine Plane regel- „maͤßig: nichts ist schoͤner als sein Colorit: „seine Prose ist so wohlklingend, daß wir den „Theo- „Theokritschen Vers nur sehr wenig ver- „missen.„ Jch preise ihn allen Dentschen an, von ihm Weisheit im Plan, Schoͤnheit in der Auszierung, die leichteste Staͤrke im Ausdruck, und die schoͤne Nachlaͤßigkeit zu ler- nen, womit er die Natur malet. Aber Theokrit kann er uns nicht seyn. Jm Geist der Jdyllen muß er nicht unser Lehrer, unser Original, und noch weniger un- ser einziges Original seyn! Und das aus drei Gruͤnden: Zuerst wuͤrden dadurch blos arme trockne Nachahmungen erzeugt, an statt daß aus Theokrit noch neben ihm Originale gebil- det werden koͤnnen, die eine neue und eigenthuͤm- liche Art der Verschoͤnerung nach dem Ge- schmack unsrer Zeit haben koͤnnen, wenn sie Genies sind. Die Natur, der Theokrit naͤher ist, kann als eine Mutter mit vielen Bruͤsten, noch viele Geister traͤnken, und wer trinkt nicht lieber aus der Quelle, als aus ei- nem Bach? Zweitens: was ein Genie bildet, ist vorzuͤglicher im Theokrit: Leidenschaft, und Empfindung; was uns Geßner zeigen kann, kann, ist mehr Kunst und Feinheit: Schil- derung und Sprache. Ahmen wir nun blos dem leztern nach, so entstehet ein peior pro- genies von Landdichtern, die ewig schildern und langweilig schwazzen: wie Geßner vie- le solche schon hervorgebracht. Drittens: Da unsere Laune mehr das Denken, als Beobachten ist: so versaͤumen wir bei der bloßen Nachahmung der Neuern sehr leicht das lezte, und vertiefen uns in Jdealische Traͤume, statt wie der Griechische Zevxes wirkliche Naturbilder zu studiren. Zu schwach alsdenn, das hoͤchste zu erfliegen, und zufrieden, wenn wir statt eines Griechi- schen Gefuͤhls lieber Franzoͤsischen leichten Geschmack haben: bringen wir Misge- burten zur Welt, die ausschweifend auf der einen, und ohne Jnteresse auf der andern Seite sind: unbestimmte Mittelarten zwischen Engeln und sinnlichen Geschoͤpfen. Aber de- sto mehr Liebhaber finden sie oft: weil ein frommer lieber Leser, und ein unreifer feuriger Juͤngling sie beide umarmen, ob sie gleich der Kenner verwirft. End- Endlich schreibt Geßner zwar, gegen ei- nen Athenienser Dorisch, aber gegen ande- re Schweizer, wie Theokrit gegen Pindar: er ist ein Sohn derselben Grazie, die den Theokrit salbete, und kann sich in Deutschland das Lob geben, was sich der bescheidene Theo- krit gab: ich habe mich nie fremder Musen bedienet! 6. Alciphron und Gerstenberg. Z wischen Alciphron und Gerstenberg Litter. Br. Th. 2. p. 228. kann ich sagen: siehe! hier ist mehr, als Alciphron. Seine Taͤndeleien sind artige Spiele der Liebe: dieses schoͤn wie ein Kuß, jenes wie ein duftender Blumenstraus: ein andres, wie das schalkhafte Laͤcheln eines Maͤd- chens: dies, wie ein freundschaftlicher Haͤnde- druck; jenes, wie ein suͤsser Schauder bei der Thraͤne eines andern: sie schwimmen auf dem Meere des Wohllauts. Wir wollen diese Gedichte Gedichte der Grazie weihen, wie Orpheus sein 59stes ϑυμιαμα; und ihm die Ode des Pindars zueignen, die er dem Asopichus sang, einem jungen olympischen Saͤnger, der mit den Charitinnen am silbernen Ce- pheus geboren war. 7. Sappho und Karschin. D ie Muse will, daß ich mit einer Dichte- rin beschließen soll, die sich oft und manch- mal am unrechten Ort den Namen Sappho gibt. Jch wuͤrde diesen Frauenzimmereinfall nicht zur maͤnnlichen Wahrheit machen: wenn nicht die Bestimmtheit, mit der sie auf sich zeigt, es verriethe; einige ihrer Verehrer haben vielleicht ihre Bescheidenheit in diesen suͤßen Traum gewieget. Wenn man die Gedichte der Mad. Kar- schin auch nur als Gemaͤlde der Einbildungs- kraft betrachtet: so haben sie wegen ihrer vie- len Originalen Zuͤge mehr Verdienst um die Erwe- Erweckung Deutscher Genies, als viele Oden nach regelmaßigem Schnitt; ich will ihr auch so gar mehr einraͤumen, als ihr die Lit- teraturbriefe gestatten; Litter. Br. Th. 17. p. 123. dem ohngeachtet aber kann ich doch fragen: ist sie Sappho? Nach den zwei Fragmenten, die uns von der Griechin uͤbrig geblieben, wuͤrde ich ihren Charakter ohngefaͤhr bestimmen: „eine Saͤn- „gerin, die in der Anordnung ihrer Gesaͤnge, „ihrer Bilder und Worte; in der zarten „Glut, die alles fortschmilzt und in einer fei- „nen Wahl der wohlklingendsten Aus- „druͤcke eine zehnte Muse geworden.„ Sollte auch in der Anordnung ihrer Gesaͤnge Dionysius aus Halikarnassus mehr gefunden haben, als sie hineingelegt: so sind doch die Karschischen Gedichte damit nicht zu vergleichen, die ohne Plan im Ganzen, ohne Oekonomie der Bilder, oh- ne Kaͤnntniß des Lyrischen Perioden, hin- geworfene Geburten einer reichen dichterischen Einbildungskraft sind. Von Von dem sanften Sapphischen Feuer ist Longin, Catull und alle ihre Erklaͤrer, nur nicht der boͤse Phaon, durchdrungen gewe- sen; und Longin, der Erhalter dieses Stuͤcks, hat das Kunststuͤck des Baumgartens vor- treflich gewust. seine Regeln vom hohen Em- pfindungsvollen in sein Beispiel selbst einzu- weben; allein die Deutsche Sappho, in ihrem Feuer mehr wild als sanft, mehr stuͤrmisch als schmelzend, doͤrfte eher in ihren Werken Androgyne seyn, als eine zaͤrtliche Freundin der Venus, wie die Griechin war. Endlich die Wahl ihres Wohlklanges hat den Horaz zum Nachfolger erweckt, aber weit hinter sich gelassen: werden aber wohl Deutsche Horaze unsre Karschin zum Mu- ster nehmen wollen? Doͤrfte die Griechische Sappho nicht zu ihr sagen, was sie nach ei- nem ihrer Fragmente ihrem Maͤdchen sagt: „Du hast ja nie Rosen gepfluͤckt, auf den „Pierischen Bergen, wo die Musen und Gra- „zien wohnen.„ Jch wuͤnsche unsrer Dichterin indessen nichts so sehr, als nicht das Gegenbild der Sappho Sappho zu seyn, in Anordnung, Feuer und Wohlklang; wie es beinahe jezt ist: und nichts wuͤnsche ich ihren Gedichten minder, als das Schicksal, das die Sapphischen hat- ten: sie giengen unter, oder geriethen unter die unerbittliche Verstuͤmmelung Kritischer Kipper und Wipper; wie leicht koͤnnten sich Kunstrichter des lezten bei den Karschischen Ge- dichten anmaßen, wenn es die Verfasserin nicht selbst thun will? Wie mag es aber gekommen seyn, daß Sap- pho unterging? Du wirst vielleicht sagen: wer kann wider Gott und Novogrod? Allein! ein Kunstrichter, der vermuthlich - Offenba- rung gehabt, wird dir diesen Jrrthum beneh- men: Litter. Br. Th. 21. p. 75. „Korinna und Sappho, die unmaͤs- „sig und ausgelassen waren, musten dafuͤr „buͤßen: ihre Verse gingen unter, und ihr „Name blieb zwar, doch mit dem schandba- „ren Nachklange, daß sie verbuhlte Dirnen „gewesen.„ So B b So wenig ich mich daruͤber einlassen will, warum fast keine Griechische Oden zu uns ge- kommen: so wenig wird der Verfasser dieses Urtheils eine Apologie unter folgendem Titel schreiben: „Vertheidigung des gerechten Avto da „Fe, das die Griechischen Pfaffen an den „schandbaren Liebesliedern des Menan- „ders, Diphilus, Apollodors, Phile- „mons, Alexis, der Sappho, Korin- „na, Anakreons (den man aber aus Gna- „de noch verschonte, weil er weise gelebt hat- „te,) Minermus, Bions, Alcmanns, „Alcaͤus u. s. w. heilsam und gottselig „veruͤbet, weil die meisten von ihnen un- „maͤßig und ausgelassen gelebt, und den „schaͤndlichen Nachklang gelassen, daß sie „verbuhlt gewesen; wogegen man aber „die Gedichte des gottseligen Nazian- „zenus christlich und wohlbedaͤchtig einge- „fuͤhrt.„ Hat der Verfasser dazu Lust, so wird er dies Verfahren noch mit vielen Beispielen rechtfer- tigen koͤnnen: 1) Wie 1) Wie christlichfromm jener Eifer ge- wesen, der alle schwarze Statuen zer- schlug, weil sie Werke des leidigen Teufels waren. 2) Aus welch heilsamen Absichten die Go- then aus Rom die Heidnischen Buͤcher wegschleppten. 3) Welch einen buͤndigen zweihoͤrnichten Vernunftschluß jener Kaliphe Omar machte, da er die Alexandrinische Bi- bliothek in Brand stecken ließ: entwe- der sagst du, was im Koran steht, oder — — 4) Und welche feine und genaue Auswahl der Pfarrer zu Mancha mit dem Bar- bier Niklas anstellte, ehe die Haus- haͤlterin ihres gnaͤdigen Herrn Biblio- thek zum Fenster herausschickte. 5) Wird um einige kleine Antworten ge- beten: ob Livius wegen seiner vielen aberglaͤubischen Geschichte meistens un- tergegangen, dahingegen die Priapeia gerettet worden, weil sie der keusche B b 2 Virgil Virgil gesammlet hatte? ob der from- me Trescho mehr Gewalt gegen die Zeit haben wird, als die schandbaren Dichter, die von Liebe und Wein sin- gen? Jch wuͤnsche in der That, aus Liebe zu den Litteraturbriefen, daß diese und einige andre Hypochondrische Einfaͤlle morgen aus meinem Exemplar verschwunden waͤren. Hat sich nicht der Kunstrichter erinnert, daß man der schandbaren Sapphyo zu Ehren Muͤnzen ge- schlagen? Jch schließe meine Parallele: 7 Statuen habe ich auf Deutschem Grund und Boden gefunden, als ein ehrlicher Deutscher sie ge- gen die Griechischen Antiken gestellt: Wan- drer! urtheile selbst, oder schaffe selbst mehre- re Bildsaͤulen her, oder arbeite selbst welche aus. Jch gehe fort, und mit einem zuruͤck- geworfenen Liebesblick seufze ich: O ihr Deut- sche Griechen, wenn das Schicksal eurer Ur- bilder auf euch kommen sollte: wie viel wer- den eurer nach 2000 Jahren uͤbrig seyn? Wird Wird alsdenn noch ein Volk von Deutschen Antiken wissen? wird ein Richter sie alsdenn noch mit den Griechen vergleichen? Warum will man der lebenden Welt das Urtheil verbie- ten, da die Nachwelt desto schaͤrfer richten wird? B b 3 Beschluß. Beschluß. N achschrift an den Leser. ) Wer die Fort- sezzung dieser Parallele wuͤnscht; der erwar- te im dritten Theil etwas von unsern Roͤ- mern, Englaͤndern und Franzosen: und nachdem alle Schulden abgetragen sind, wol- len wir unser eignes Kapital berechnen, und fragen: wozu wirs anwenden koͤnnten. Der 4te Theil soll von der Aesthetik, Geschichte und Weltweisheit reden, wenn diese weite Materie nicht das Maas eines Theils uͤber- geht. Obgleich meine Fragmente kein Ge- baͤude, sondern blos Materialien sind: so muß man doch auch die Anfuͤhrung derselben zu vollenden suchen. An die Schriftsteller, uͤber die ich gere- det.) Ob man gleich in Deutschland noch immer uͤber seine Urtheile das Sentiment des Pindars sezzt: „Wer es wagt von Goͤttern „zu reden, der thue es mit Ehrfurcht; denn „der Seligen einen zu tadeln ist Unsinn:„ so habe ich doch das Zutrauen zu denen, die sich nicht uͤber Mitbuͤrger der Litteratur erhe- ben ben wollen; sie werden auch ein freies Ur- theil auf dem Markte uͤber sich nicht ungern sehen. Jch sage mit dem Achilles im Ho- mer: „mir haben die Trojaner nichts ge- „than; nie mein Vieh weggetrieben, nie auf „dem fetten und volkreichen Pthya meine „Fruͤchte beschaͤdigt; denn viel schattichte „Berge sind zwischen uns, und das wiederschal- „lende Meer.„ Der ganze Plan meiner Fragmente zeigt, daß ich blos von den Haupt- gestirnen unsrer neuern Litteratur reden woll- te; die Sterne der 5ten Groͤße moͤgen eben so große Sonnen seyn; fuͤr uns Erdbewohner aber nicht. An die Kunstrichter. ) Darf ein Verfas- ser selbst den Gesichtspunkt angeben, aus dem er betrachtet seyn will: so bin ich zufrieden; wenn ich das Genie unsrer Sprache, ihren Zustand, die Febler und Schoͤnheiten unsrer Schriftsteller, und die Mittel, von einan- der zu lernen gezeigt; wenn ich zur Kaͤnntniß und Nachbildung der Griechen angemuntert; wenn ich die Graͤnzen der Morgenlaͤndischen Nachahmung bestimmt, und fuͤr Schriftstel- ler, ler, Leser und Kunstrichter nur etwas nuͤz- lich gewesen bin. Zweitens! Darf ein Verfas- ser die Kunstrichter angeben, mit denen er sich uͤber seine Schriften, wie durch ein oͤf- fentlich Commerz, gern besprechen moͤchte; so wuͤnschte er sich, ohne andern zu nahe zu tre- ten, vorzuͤglich das Urtheil eines Michaelis, Moses, Abbt, Klozz und Ramlers, in der allgemeinen und Neuen Bibl. in den Actis litterar. und Goͤtting. Zeitungen, oder anderswo.