Das Leben und die Meinungen des Herrn Magister Sebaldus Rothanker. Zweyter Band . Mit Königl. Preuß. Churfürstl. Brandenb. und Churfürstl. Säch- sischen allergnädigsten Freiheiten. Berlin und Stettin, bey Friedrich Nicolai. 1775 . Viertes Buch . Erster Abschnitt . S ebaldus wanderte auf der von ohngefehr ge- gefundenen Landstraße fort, ohne zu wissen wohin. Er war schon ein paar Meilen einsam fort- gegangen, als er von weitem einen Fußgaͤnger er- blickte, den er einzuholen suchte. Er verdoppelte seine Schritte, und erblickte einen Mann, der in einen grauen Rock von feinem Tuche gekleidet war, eine ungepuderte Stutzperucke auf dem Kopfe hatte, einen kleinen Buͤndel an einem Stabe auf der Schulter trug, und mit heller Stimme, das Lied: Wachet auf, ruft uns die Stimme, sang. Sebaldus, ein Freund des Singens geistlicher Lieder, zumahl ge- wisser enthusiastischer Melodien, gesellte sich zu dem Wanderer, und summete das Lied, in einer mit vielen Terzien und Sexten untermischten extemporirten Baßpartie nach. A 2 Als Als es geendigt war, gruͤßten sich die beiden Wan- derer, und Sebaldus fragte den Fremden: ‚Wo- ”hin der Weg fuͤhre, auf dem sie giengen?‛ ‚Nach Wustermark, sagte der Fremde, wo ich ”Nachtlager zu halteen, und den andern Morgen ”nach Berlin zu gehen gesonnen bin.‛ Sebaldus freuete sich, daß er auf dem rechten Wege war, denn ob er gleich, nachdem er seine Re- cecommendationsbriefe verlohren hatte, nicht wußte, was er in Berlin machen sollte, so wußte er doch eben so wenig, was er an irgend einem andern Orte in der Welt haͤtte machen sollen. Er bat also den Fremden um Erlaubniß in seiner Gesellschaft zu gehen, und erzaͤhlte ihm den Unfall, deu er auf den Postwagen gehabt haͤtte. Der Fremde kreuzte und segnete sich uͤber diese Begebenheit, und lobte seine eigene Vorsicht, daß er, da die Wege, nach dem Frieden, unsicher waͤ- ren, lieber zu Fuße gegangen sey. ‚Nicht eben, setzte er hinzu, als ob ich viel Geld ”bey mir haͤtte. Jch bin zufrieden, wenn ich reich ”bin im Heilande. Aber der Herr hat doch meine ”Vorsichtigkeit gesegnet.‛ Sebaldus versetzte: ‚Jch bin so vorsichtig nicht ”gewesen. Jch hatte noch keinen Begrif davon, daß ”ein ”ein Mensch seinen Nebenmenschen mit kaltem Blute ”anfallen und berauben koͤnnte.‛ ‚Ach mein lieber Bruder, die arme menschliche Na- ”tur ist ganz verderbt. Wenn wir nicht durch die ”Gnade ergriffen werden, so sind wir in grundlosem ”unerforschlichem tiefem Verderbnisse.‛ ‚Ey, mein Freund, von den Lastern einiger Boͤse- ”wichter kann man nicht auf die Natur der Menschen ”uͤberhaupt schließen. Wir sind von Natur nicht ge- ”neigt, wie die wilden Thiere, uns anzufallen, sondern ”in Gesellschaft zu leben, und uns zu unterstuͤtzen.‛ ‚Ach wir armen Menschen! wie koͤnnten wir uns ”unterstuͤtzen, wenn uns die Gnade nicht unterstuͤtzte, ”wie koͤnnten wir etwas gutes wirken, wenn es die ”alleinwirkende Gnade nicht wirkte.‛ ‚Freylich! wir haben alles durch die goͤttliche Gnade. ”Aber die Gnade wirkt nicht wie der Keil auf den ”Klotz. Gott hat die Kraͤfte zum Guten in uns selbst ”gelegt. Er hat uns Verstand und Willen, Nei- ”gungen und Leidenschaften gegeben. Er will, daß ”wir thaͤtig seyn sollen, so viel gutes zu thun, als ”uns moͤglich ist. Er hat Wuͤrde und Guͤte in die ”menschliche Natur gelegt.‛ ‚O welch ein Selbstbetrug, mein lieber Bruder! ”rief der Fremde mit einem tiefen Seufzer aus: Wenn A 3 ”wir ”wir Gott wohlgefaͤllig werden wollen, so muͤssen wir ”nichts als lauter Elend und Unwuͤrdigkeit an uns ”sehen: ‚Wollt ihr zu Jesu Heerden, ”So muͤßt ihr gottlos werden! ”Daß heist, ihr muͤßt die Suͤnden ”Erkennen und empfinden.‛ ‚wie ein theurer Knecht Gottes singet. Wir muͤssen ”an der Gnade hangen, die Gnade alles wirken ”lassen, der Gnade alles Gute zuschreiben; denn ”wird die Gnade in uns erst recht groß, wenn wir ”recht klein, recht unwuͤrdig werden.‛ ‚Wenn wir uns mit den Siechen ”Jns Lazareth verkreichen!‛ Sebaldus zuckte die Achseln, und sagte: ‚Dieß sind ”gesalbte Schalle, die einer verderbten Einbildungs- ”kraft heilig scheinen, die aber keinen Sinn enthal- ”ten. Wir besitzen Kraͤfte zum gutem. Wer dieß ”laͤugnen wollte, wuͤrde Gottes Schoͤpfung schaͤnden, ”der uns so viele Vollkommenheiten gegeben hat. Ohne ”den Einfluß einer uͤbernatuͤrlich wirkenden Gnade zu ”erwarten, koͤnnen wir Tugenden und edle Thaten ”ausuͤben. Oder sind etwan Wohlwollen, Men- ”schenliebe, Freundschaft, Großmuth, Mitleiden, ”Dankbarkeit nicht Tugenden? ”Schein- Woltersdorfs sämtliche neue Lieder. Berlin 1768. S. 37. ‚Scheintugenden, mein lieber Bruder, weltliche ”ehrbare Scheintugenden. Mit solchem Bettlersman- ”tel, will der unwiedergebohrne Mensch, den Aussatz ”seiner natuͤrlich verderbten Natur bedecken. Mit die- ”sen sogenannten Tugenden aber, kann man auf ”ewig in den Schwefelpfuhl geworfen werden, aus ”welchem keine Erloͤsung ist. Dieß sind nicht die wah- ”ren gottgefaͤlligen Tugenden. Wenn Tugenden nicht ”aus der Gnade entspringen; so sind sie glaͤnzende/ ”Laster zu nennen.‛ ‚Wozu soll man so seltsame Benennungen erden- ”ken? Jch vergebe z. B. den Raͤubern die mich be- ”raubt haben, ich wuͤnsche ihre Besserung. Dieß ist ”so wenig die Wirkung einer uͤbernatuͤrlichen Gnade ”daß es vielleicht bloß nur die Wirkung meines Alters, ”oder meines Temperaments ist. Jst dieß aber des ”wegen Gott nicht gefaͤllig? Jst es ein Laster?‛ ‚Wenn es nicht aus Herzlichkeit zu dem blutigen ”Versoͤhner geschiehet, so ist es nichts als ein weltli- ”ches Tugendbild, eine nachgemachte Froͤmmigkeit, ”bey der man ewig verlohren gehen kann!‛ ‚Sprechen Sie doch nicht so! Hiemit kan man al- ”ten Muͤtterchen allenfalls eine Furcht einjagen, aber ”aber man beweiset nichts. Jch habe uͤber diese Sa- ”chen reiflich nachgedacht, und ich finde, daß weder A 4 ”eine ”eine blutige Versoͤhnung, noch eine ewige Verdam- ”niß, mit den erhabenen Begriffen, die wir von Gott ”haben muͤssen, zusammenstimmen.‛ ‚Ja! Ja! so geht es! je mehr die Menschen alles ”durch ihre bloße Vernunft einsehen wollen, destowe- ”niger erkennen Sie ihre angebohrne Blindheit und ”und Finsterniß. Mir faͤllt hiebey ein, was ein lie- ”ber Sohn des Heilandes sagt: Der Pierist hat diese Worte buchstaͤblich aus den Buͤ- dinzschen Sammlungen. 8ten Stück S. 257. genommen. „Es ist unver- ”meidlich, daß Seelen, die sich nicht ganz in das ”evangelische Wesen verlohren haben, daß sie ihren ”Bissen Brod, den sie in den Mund stecken, ”gleichsam in dem Heilande verzehren, und denen ”das im Namen Jesu auf den Abtritt ge- ”hen, noch ein Geheimniß ist, in allerhand Be- ”denklichkeiten verfallen; aber die Gnaden- und Bun- ”desleute verstehen sich auf halbe Worte, und wissen ”die Theilung des Tempels des Heil. Geistes in allen ”Ein- und Ausgaͤngen, ohne Kopfbrechen zu ma- ”chen.‟ Sebaldus starrete den Fremden an, ohne ein Wort zu sagen. Dieser glaubte vielleicht, er verstum- me aus Bewunderung oder Entzuͤckung; Er fuhr also fort: ”Ach ‚Ach lieber! laß dich von der alleinwirkenden Gna- ”de ergreifen! Laß dich von der Kraft des Bundes- ”blutes anfassen. Bete herzlich um die Wiederge- ”burt. Bete daß du bald zum Durchbruch kommen ”moͤgest. Bete, bete, ich will mit dir beten, lieber ”Bruder!‛ Sebaldus sagte sehr kalt: ‚Jch pflege das Vater ”unser zu beten, darinn steht nichts vom Durchbruche, ”nichts vom Bundesblute, nichts von der Wieder- ”geburt und von der alleinwirkenden Gnade.‛ Der Pietist schlug die Haͤnde uͤber sein Haupt zu- sammen, und rief aus: ‚Welcher Unglaube! welche ”fleischliche Sicherheit! O betruͤge dich nicht Mensch! ”die Ewigkeit wird kommen, Quaal ohne Ende fuͤr ”den Suͤnder!‛ — Sebaldus gerieth in Eifer, und fieng an die Hoͤl- lenstrafen, mit dem besten ihm beywohnenden Gruͤn- den, zu widerlegen, aber der Pietist, der sich von je her auf inneres Gefuͤhl, nie aber auf Gruͤnde eingelassen hatte, antwortete nichts, sondern schlug nochmals die Haͤnde uͤber sein Haupt zusammen, hob die Au- gen gen Himmel, und fieng an, so laut er konnte, nachfolgendes Lied zu singen: A 5 *) Zu Der Leser glaube nicht etwan, daß ein solches Lied zu Behufe dieses Gesprächs erdichter worden. Er darf auch nicht glauben, daß es etwan ein unbedeutender Schwärmer für den Winkel eines fanatischen Conventikels verfertigt habe. Nein! dieß Lied steht S. 792. eines, in die evangelisch-lutherischen Kirchen in der Churmark, unter oͤffentlicher Autoritaͤt, eingeführten Gesangbuchs, betitelt: Geistliche und leibliche Lieder, welche der Geist des Glau- bens durch D. M. Luther, Joh. Hermann, Paul Gerhard, und andere seiner Werkzeuge, in den vorigen und itzigen Zeiten gedichtet, und die bisher in den Kirchen und Schü- len der Koͤnigl. Preuß. und Churf. Brandenb. Lande be- kannt, u. s. w. herausgegeben von Johann Porst, Koͤnigl. Preuß. Consistorialrath, Probst und Jnspector zu Berlin- Gedruckt zu Berlin in 12. ‚Zu spaͤt ists zu erfahren, was Hoͤll’ und Ewig- ”keit, ach! willst du’s darauf sparen, thu’s nicht, heut ”ists noch Zeit, bekehre dich von Herzen, daß du der ”Quaal entgehst, denk, dann giebt es nicht Scherzen, ”wenn du vorm Richter stehst.‛ ‚Der dir das Urtheil faͤllet, das Leben rund ab- ”spricht, zum Teufel dich gesellet, des ewgen Todsge- ”richt, o Zeter! Ach! Weh! Jammer! Welch Heulen ”wird da seyn, wenn in die Marterkammer, der Hen- ”ker schleppt hinein.‛ ‚Dahin, wo keine Reue, kein Klagen helfen kann, ”die Marter geht aufs neue nach tausend Jahren an! ”Da ist kein Glied so kleine, das nicht sein Leiden hat, ”der Leib der fuͤhlt das seine, die Seel’ auch fruͤh und ”spat.‛ ‚Jn ‚Jn großer Furcht und Schrecken, in finstrer Dun- ”kelheit, wird die Verdammten decken, Angst, Grauen, ”Traurigkeit, die Zaͤhne werden klappen fuͤr Frost und ”großer Hitz, und werden blindlings tappen, nach einem ”frischen Sitz.‛ ‚Sie werden ewig fallen ins Loch, das keinen ”Grund, und auf einander prallen zusammen in den ”Schlund, sich beißen, fressen, nagen, sich fluchen, laͤ- ”stern stets, der Tod wird sie recht plagen, ohn Ende t ”Seht, so gehts.‛ ‚So geht es den Verfluchten in ihrem Hoͤllenloch, ”den Schlemmern und Verruchten, ach glaͤubets, glaͤu- ”bets doch, wollt ihr daran noch zweifeln? so wahr ists, ”so wahr Gott, ihr fahret zu den Teufeln, wo ihr das ”halt’t fuͤr Spott!‛ Dieß Lied sang Sebaldus nicht mit, vielmehr zeigte er unter Absingung desselben sichtbare Kennzei- chen der Ungeduld. Nach dessen Endigung, gerieth er einige Minuten lang in ein tiefes Nachsinnen, und fragte endlich seinen Mitwanderer: ‚Sind Sie denn also ein Wiedergebohrner?‛ ‚Ja, antwortete er, mit sehr sanfter Stimme, ”das bin ich durch Gottes Gnade. Vor drey Jahren ”den 11ten September, Nachmittags um 5. Uhr, ”hatte ich zuerst das selige innere Gefuͤhl der Gnade, die ”die bey mir zum Durchbruch kam, seitdem habe ich ”an der Gnade bestaͤndig gehangen, bin nie der ”Gnade satt worden.‛ ‚Also glauben sie doch gewiß ewig selig zu werden?‛ ‚Ach ja! dessen bin ich gewiß: ‚Denn ich will stets ein Bienelein ”Auf des Lammes Wundeu seyn ”Und fahren so in’n Himmel nein.‛ ‚So! Und werden ewige Freude haben, und wer- ”den ganz geruhig zusehen, Manchen eifrigen Gottesgelehrten, muß es nicht so anstößig seyn, als dem ehrlichen Sebaldus, daß die Seligen im Him- mel die ewige Quaal der Verdamten ganz geruhig, ohne Mit- leid, ansehen sollen. Z. B. Jn M. Cyriacus Hoͤfers kur- zem und richtigem Himmeisweg wie ein Kind in 24 Stun- den lernen kann, wie es soll der Hoͤllen entgehen und ewig selig werden, einem Katechismus, der im Churfuͤrsten- thume Sachsen, und vielleicht auch in andern Provinzen, in vielen Schulen, zur Unterweisung der Jngend gebraucht wird, und der noch 1772 zu Leipzig gedruckt worden, findet man S. 97. folgende Fragen und Antworten: „Wenn du welche der Deinen würdest in der Hölle sehen ”würde dir die Marter zu Herzen gehen, oder würde sie ”dir nicht zu Herzen geben?‟ „Antw. Sie wuͤrde mir nicht zu Herzen gehen. ‟ „Warum wird sie dir nicht zu Herzen gehen?‟ „Antw. Weil alsdenn mein Willen mit dem Willen ”Gottes uͤbereinstimmen wird. ‟ Will wie Millionen ihrer ”Nebenmenschen sich beißen, fressen, nagen, sich ”fluchen und laͤstern, wie der Tod sie recht ”plagt ”plagt ohne Ende. Welcher Graͤuel! koͤnnen Men- ”schen ihre Nebenmenschen so verdammen, und koͤn- ”nen mit Wohlgefallen von ihrer Verdammung ein ”feyerliches Lied singen!‛ Der Pietist laͤchelte, und sagte mit sanfter Stim- ”me. Da siehet man den natuͤrlichen Menschen! Jch ”verdamme sie ja nicht, sondern (er laͤchelte nochmals) ”die Bibel verdammet sie, Da steht es deutlich.‛ Sebaldus fuhr sehr heftig heraus: ‚Nein, das ”steht nicht in der Bibel; und wissen Sie, wenn es ”darinn stuͤnde, so waͤre sie nicht Gottes Wort. Jch ”moͤchte eben so gern ein Atheist seyn, als solche ab- ”scheuliche Begriffe von Gott haben, daß er uns ”das Leben rund abspricht, daß er uns dem ”Teufel zugesellet, daß er uns durch Henker ”in Marterkammern schleppen laͤßt, wo keine B ”Reue Will man denn nicht endlich einsehen, wie unsinnig es ist, bey Kindern, indem man ihnen die Lehren der Reli- gion beybringen will, die edlen Empfindungen der Mensch- lichkeit zu unterdruͤcken, und wie abscheulich, sie zu lehren, daß ihr Willen mit dem Willen Gottes uͤbereinstimme, wenn sie die überschwenglichen Leiden anderer Menschen sich nicht zu Herzen gehen lassen. So lange solche Unge- reimtheiten noch in unsern Katechismen stehen, dürfen wir den Spoͤtter nicht anklagen, der einem Kapuziner die Worte in den Mund legt: „ Et moi Predestiné, je rirai bien quand ”vous serez damné. ‟ ”Reue, keine Klagen helfen kann. — Entsetzlich! ”von Jhm so zu denken, dem Vater des Lebens, dem ”Geber alles Guten!‛ — Sebaldus war in großen Eifer gerathen; er brach ploͤtzlich ab, und fieng an nachzudenken, wie der gute Mann gemeiniglich that, wenn er merkte, daß er sehr heftig geworden war, um zu uͤberlegen, ob er sich auch vergangen, oder zu viel geredet habe. Der Pietist bewegte den Zeigefinger seiner rechten Hand zweymal auf und nieder, und sagte sanftmuͤ- thiglich: ‚Lieber Bruder, ich beweine deinen erschrecklichen ”Unglauben; und du kannst noch in ungoͤttlichen Eifer ”gerathen! Hier kann man den sichtlichen Unterschied ”des Standes der Natur und der Gnade sehen. ”Wer in der Gnade ist, der ist so ruhig, der ertraͤget ”alles, der erduldet alles, stellet alles Gott anheim.‛ — Jndem er dieß sagte, sprangen unvermuthet zwey Raͤuber, von welchen damals, nach eben geschlossenem Frieden, die ganze Gegend wimmelte, mit gezogenen Saͤbeln aus einem dicken Gebuͤsche, und fielen die Reisenden an. Sebaldus gab mit dem ruhigen Be- wußtseyn, daß er sich nicht wehren koͤnnte, und daß er wenig zu verlieren haͤtte, das wenige Silbergeld her, das ihm uͤbrig geblieben war. Der Pietist hin- gegen gegen war unter den Haͤnden der Raͤnber todtenblaß, zitterte, und bezeigte sich sehr ungeberdig. Er waͤlzte sich auf die Erde, suchte seine Uhr zu verbergen, em- pfieng aber daruͤber verschiedne Stoͤße und Schlaͤge. Seine Taschen wurden demungeachtet saͤmtlich aus- geleeret. Man nahm ihm auch sein neues feines Kleid, und den einen Raͤuber geluͤstete endlich nach seinen ganz neuen Stiefeln. Er mußte, alles Wei- gerns ungeachtet, sich auf die Erde setzen, um sie aus- zuziehen: da aber einer noch nicht voͤllig ausgezogen war, entstand ein Geraͤusch im Busche, und ein Hund schlug an. Hieruͤber wurden die Raͤuber fluͤchtig. — Der Pietist sprang auf, und schrie aus Leibeskraͤf- ten: ‚Halt Diebe! halt Diebe!‛ Als aber niemand kam, so setzte er sich, mit dem Stiefel in der Hand, abermals unter einen Baum, um recht herzlich auf die Boͤsewichter zu fluchen, die die Straßen berau- ben. Er soll, wie verschiedne Nachrichten bezeugen, den from- men Wunsch hinzugethan haben, daß ihnen, wenn das eiskalte Fieber ihre Glieder zerruͤtte, weder bittre Essenz noch Kirchengebet helfen moͤchten, welchen Wunsch der Verfasser des Gedichts Wilhelmine, der, nach Art der Dich- ter, wegen der genauen Bestimmung der Zeiten und Per- sonen, wohl die ungedruckten Urkunden nicht eben mag nachgeschagen haben, dem Sebaldus beylegt. (S. Wil- belmine S. 79.) Es ist aber seht unwahrscheinlich, daß Sebaldus einen solchen Wunsch sollte gethan haben, da aus B 2 Zuletzt Zuletzt sagte er zum Sebaldus, indem er ihm im Stiefel ein geheimes Taͤschchen zeigte, worinn er sein Gold verwahret hatte: ‚Sehen Sie nun, wie der Herr ”die Gottlosen mit Blindheit schlaͤgt. Jst nicht dieß ”Gold durch ein Wunder gerettet worden?‛ Hier zog er seinen Stiefel an, und stand auf. Sebaldus versetzte: ‚Jch finde, daß der Stand ”der Natur und der Gnade, wie Sie vorher be- ”merkten, wirklich unterschieden ist. Jch natuͤrlicher ”Mensch kann den Verlust meines Geldes ruhig er- ”tragen. Es waren freylich nur wenige Groschen, ”aber mein letzter Heller ist mit weg. Jhnen ist noch ”weit mehr uͤbrig geblieben, als ich vorher hatte. Ey| ”Ey! ein Wiedergeborner sollte wenigstens nicht ”fluchen!‛ Der Pietist ward feuerroth, und sagte stotternd: ”Die Boͤsewichter verdienen den Fluch, daß sie, wie ”Sie vorher ganz recht sagten, Menschen wie wilde ”Thiere anfallen, da wir uns einander unterstuͤtzen ”sollten. Ach! und das wenige Gold hat der Herr ”nicht meinetwegen mir so wunderbarlich erhalten, son- ”dern um nothleidender Bruͤder und Schwestern wil- ”len, aus sichern Nachrichten erhellet, er sey der Meinung gewesen,- daß das Kirchengebet überhaupt keine Krank- heiten lindere. ”len, fuͤr die ich es von christlichen Seelen gesammlet ”habe. Wiewohl ich itzt selbst nothleidend bin.‛ — Er hatte nicht ganz unrecht, denn er stand im blo- ßen Hemde da, indeß ein ziemlicher Laudregen zu fal- len aufieng, Sebaldus zog ungebeten seinen alten Ueberrock aus, und uͤberreichte ihm denselben. ‚Nehmen Sie, sagte er; ich begehe freylich ein ”glaͤnzendes Laster, indem ich Jhnen diesen alten Kittel ”anbiete. Aber der Regen faͤllt zu stark, als daß wir ”itzt feine Distinktionen machen koͤnnten.‛ Der Pietist nahm den Ueberrock stillschweigend an; und weil beide Wanderer vielleicht uͤber das Vorgefal- lene nachzudenken fuͤr gut fanden, so schwiegen sie auch den uͤbrigen Theil des Weges, bis sie gegen Abend in Wustermark ankamen. Zweyter Abschnitt . E s scheint, der Pietist war einer von den angesehe- nen Personen des Konventikels, deren Heiligkeits- geruch sich gemeiniglich, zehn bis zwoͤlf Meilen in die Nunde, unter den frommen Seelen ausbreitet, die da- her bey jedem Bruder und jeder Schwester auf ihren Reisen willkommen sind, und in deren Haͤusern mit eben der Zuversicht einsprechen, mit der ein reisender B 3 Moͤnch Moͤnch, in ein an dem Ende seiner Tagereise liegen- des Kloster eintritt. Unser Wanderer hatte eben des- halb Wustermark zum Nachtlager erwaͤhlt, weil er wußte, daß daselbst eine fromme wohlhabende Bauer- wittwe wohnte, in deren Haus er auch so gleich gieng, und den Sebaldus seinem Schicksal uͤberließ, der in einer elenden Dorfschenke eine Stube voll al- lerhand Gesindel antraf, unter welchem er sich diese Nacht wenig Ruhe versprechen konnte. Man hat bemerkt, daß, bey den Froͤmmlingen maͤnn- liches Geschlechts, mit heißem Eifer fuͤr fromme Uebungen sehr oft eine große Hartherzigkeit verknuͤpft ist, seltener bey denen von weiblichem Geschlechte. Die Baͤuerinn hoͤrte von ihrem Gaste kaum, daß er noch einen Reisegefaͤhrten habe, welcher, gleich ihm, von Raͤubern gepluͤndert worden: so kam sie in die Schenke, und lud den Sebaldus zu sich ein. Sie trug auf, was ihr Haus vermochte, und die Wan- derer erquickten sich. Nach Tische fieng der Pietist die Betstunde an, mit der die reisenden Heiligen, da wo sie einkehren, gemeiniglich ihre Zeche zu bezahlen pflegen. Sebal- dus, so sehr er eine duͤrre Dogmatik, und eine stoͤr- rische Polemik haßte, so sehr war er ein Freund herz- licher Andacht. Er war daher sehr erbaut von der stillen stillen Aufmerksamkeit der Baͤuerinn und ihrer Kinder. Auch der Vortrag seines Reisegefaͤhrten war ihm nicht zuwider; denn dieser besaß vollkommen die Biegsam- keit, mit welcher Leute seiner Art sich bestreben, bey denjenigen, die sie nicht bekehren koͤnnen, wenig- stens eine gute Meinung von sich zu hinterlassen. Er vermied also in seinem Vortrage, sehr weislich, alle Punkte, uͤber die, wie er unterweges gemerkt hatte, Sebaldus anderer Meinung war, und hielt sich bey allgemeinen ascetischen Betrachtungen auf, die der Bauerfamilie begreiflich schienen, und beym Sebal- dus gleichfoͤrmige Gedanken erregten, mit denen er sich sehr zufrieden zur Ruhe legte. Den Morgen fruͤh, nach eingenommenem reich- lichem Fruͤhstuͤck, dankten sie ihrer Wohlthaͤterinn, und setzten ihren Weg weiter fort. Sebaldus ge- noß den schoͤnen Morgen, sang ein froͤhliches Morgen- lied, und war so innig vergnuͤgt, daß er gar nicht daran dachte, wie mißlich sein Zustand war, und welchen Zweck die Reise, auf der er itzt eben begriffen war, haben koͤnnte, bis sein Reisegefaͤhrte selbst das Gespraͤch auf Berlin brachte, wohin sie giengen. Dieser beseufzete, mit auf die linke Achsel gesenktem Haupte, und gen Himmel erhabenen Augen, das Elend dieser großen Stadt, wo, wie er verficherte, die Religion B 4 ein ein Gespoͤtte sey, wo niemand in die Kirche gehe, wo ein jeder rechtschaffner Christ verachtet werde, und wo Rotten und Ketzereyen regierten. Er beklagte den Sebaldus recht geflissentlich, weil er, als ein Fremdling, der sich nicht in den besten Umstaͤnden befinde, in dieser Stadt voll Jrrglaͤubigkeit und voll Unglaubens, ganz gewiß werde umkommen muͤssen. ‚Jch habe, sagte Sebaldus, bessere Hoffnung. ”Jch weiß aus der Erfahrung, daß bey dem, was ”viele Leute Unglauben und Ketzerey nennen, die ”Liebe des Naͤchsten sehr wohl bestehen kann.‛ ‚Nein! Nein! rief der Pietist mit erhabener ”Stimme, wo Glauben ist, da ist auch Liebe! die ”findet man aber in dieser Stadt, ja im ganzen Lande, ”gar nicht. Da herrscht lauter Eigennutz und Betrug, ”da gehen alle Laster im Schwange, da ist die Ruch- ”losigkeit aufs hoͤchste gestiegen, da ist alle christliche ”Liebe erloschen.‛ Er sagte dieses mit so vieler Dreistigkeit, und ver- sicherte so oft, er kenne Berlin, wo er sich oft aufge- halten habe, so genau, und es sey uͤberhaupt eine weltbekannte Sache, daß Sebaldus anfieng dar- uͤber nachdenkend zu werden. ‚Jch gestehe, sagte er, nach einiger Ueberlegung, ”wenn die Einwohner dieser Stadt, ja dieses ganzen ”Landes, ”Landes, so beschaffen sind, als Sie sie beschreiben, so ”muß es ein wahres Ungluͤck seyn, unter ihnen zu ”wohnen. Aber, fuhr er fort, — nachdem er noch- ”mals ein wenig gestaunt hatte, — sollten Men- ”schen, die so gesinnet sind, wohl in Gesellschaft le- ”ben koͤnnen? Sollte ein Staat wohl in kurzer Zeit ”bluͤhend werden koͤnnen, der lauter solche Buͤrger ”enthielte? Und doch soll, wie man mich versichert ”hat, der Preußische Staat, nur seit Menschengeden- ”ken, sehr bluͤhend geworden seyn; besonders soll ja Ber- ”lin am Wohlstande seit dreißig Jahren sichtlich zu- ”genommen haben.‛ Der Pietist, der dieses Raisonnement nicht fassen konnte, sagte mit dummer Gleichguͤltigkeit: ‚Was ”hat das Zeitliche mit dem Himmlischen zu thun? ”Die Kinder dieser Welt sind immer kluͤger, als die ”Kinder des Lichts! Glauben Sie mir gewiß, es giebt ”in dieser großen Stadt, einige wenige fromme See- ”len ausgenommen, die noch ihren Heiland lieb ha- ”ben, nichts als boͤse Atheisten, die keinen Gott, kel- ”nen Teufel, und keine Hoͤlle glauben.‛ ‚Ey nun! sagte Sebaldus, wenn diese Leute kei- ”nen Gott glauben, so glaube ich einen, und weiß, ”daß er keinem seiner Geschoͤpfe mehr Elend auflegen ”wird, als es tragen kann.‛ B 5 Dritter Dritter Abschnitt . S ie waren unter dergleichen Gespraͤchen durch Spandau gegangen, und hatten sie nur unter- brochen, um beym Hereingehen und Herausgehen die kurzen Fragen der wachthabenden Unterofficiere zu beantworten, die ein Paar so unansehnliche Passa- giere nicht des Aufschreibens oder Meldens werth hiel- ten. Als sie an Charlottenburg kamen, erblickte Se- baldus, mit Vergnuͤgen, jenseit der Spree im koͤnigli- chen Garten, die lange Allee dichtbelaubter Kastanieu- baͤume, unter denen einige einzelne Spaziergaͤnger auf- und abgiengen. Er blieb auf der Bruͤcke stehen, um noch einmal darnach zuruͤck zu schauen. Vor dem Schlosse hingegen gieng er vorbey, ohne daß es ihm nur einmal eingefallen waͤre, zu fragen, was fuͤr ein großes Gebaͤude dieß waͤre. So sehr war er ge- wohnt von den Schoͤnheiten der Natur schnell geruͤhrt zu werden, und so wenig aufmerksam war er auf alle Pracht der Kunst. Sie kamen nunmehr in den berlinischen Thiergar- ten. Je mehr sie fortgiengen, desto mehr ward Se- baldus entzuͤckt. Man muß anmerken, daß in der Nacht ein starker Strichregen gefallen war, welcher den Sand, mit dem die Natur in diesen Gegenden so so freygebig gewesen ist, zum Stehen gebracht, und den Staub von den Baumblaͤttern abgewaschen hatte, den tausend Frauenzimmerschleppen, nebst einer ver- haͤltnißmaͤßigen Anzahl von Wagenraͤdern und Pfer- defuͤßen, bey trockenem Wetter im Thiergarten zu erregen pflegen. Den Vormittag hatte sich das Wet- ter aufgeklaͤrt, und bereits seit einigen Stunden, schien die Sonne. Die gaͤnzlich reine Luft erhob das Gruͤn der Baͤume, das auf mannigfaltige Art abge- wechselt das Auge belustigte. Die Wanderer sahen die gluͤckliche Mischung dunk- ler Fichten mit schlanken Ulmen, hellgruͤnen weißrin- digen Birken, und glatten Akacien unterbrochen, denen hundertjaͤhrige majestaͤtische Eichen zum Hin- tergrunde dienen. Melancholische Gaͤnge von dich- tem Lerchenholze, und von duͤstern Eibenbaͤumen, fuͤhren auf weite Plaͤtze und auf gruͤne Saͤle mit Statuen geziert, und mit Hecken von jungen Eichen, und von immergruͤnem Nadelholze umkraͤnzt. Sie giengen durch beschattete Gaͤnge, mit Linden, und breitbelaubten Platanusbaͤumen besetzt, hinter welchen dichte Gebuͤsche von Erlen und Espen die feuchten Gruͤnde anfuͤllen, neben ihnen der verwachsene Wald, wo einsam der sokratische Ahorn waͤchst, und die Pap- pel und der Masholder, wo die weit sich ausbreiteude Buche, Buche, ihre gruͤnen gestreckten Aeste wiegt, und erha- bene Tannenfichten auf schlankem und geradem Stam- me, die belaubte Krone, hoch uͤber den dichten Wald, einzeln himmelan strecken. Der frische Geruch des Na- delholzes, vom Regen ausgelockt, und balsamische Lin- denbluͤthe, erquickten sie, so wie sie giengen, und beym Uebergange uͤber jede Queerallee, begraͤnzte die Aus- sicht der benachbarte Spreestrom, auf dem aufge- spannte Segel vorbeywallten. Sie kamen endlich Nachmittags gegen drey Uhr auf den Platz bey den Zeltern, den, weil es Sonntag war, eine Menge Spaziergaͤnger anfuͤllte. Zwar war noch nicht die modische sechste Stunde da, welche die schoͤne Welt in den Zirkel zusammen bringt, um zu sehen, und gesehen zu werden. Die Excellen- zen und die gnaͤdigen Damen hatten sich nicht laͤngst erst zur Tafel gesetzt. Die Kenner im Essen kaueten noch an den reichgewuͤrzten Frikasseen, schmeckten die zusammenkoncentrirten Saͤfte der feinen Ragouts, in Schuͤsseln mit Asa Foͤtida gerieben, und zogen im voraus das Fuͤmet des raren Wildes in sich, das ihrer Zaͤhne wartete. Die reichen Kapitalisten, waren eben vom Burgunder und sechs und zwanziger Rhein- weine gesaͤttigt, und fiengen an, beym Desserte, den Peter Semeyns, Syrakuser, Rivesaltes und Cap- Capwein aus kleinen Glaͤsern zu schluͤrfen. Die schoͤnen Damen buͤrgerliches Standes, waren eben im Begriffe zu Kaffeevisiten zu fahren, und ordneten die Geschichte des Tages, so wie sie sie erzaͤhlen woll- ten, in ihrem Kopfe zusammen, und die franzoͤsische Kolonie war noch in der Vesperpredigt. Kurz, es war halb vier Uhr, und es war also von der schoͤnen Welt noch wenig zu sehen; hingegen wimmelte der Platz von den gluͤcklichen Soͤhnen der Erde, die alle Sorgen der Woche am Sonntage voͤllig vergessen, und sich und ihr Leben, bey einem Spaziergange, und bey einem geringen Labetrunke, herzlich genießen. Arbeiter auf Weberstuͤhlen und in Schmiedeessen, fuͤllten die Zelter an, und ließen ihren Groschen unter lautem Gelaͤchter aufgehen, oder steck- ten ernsthaftiglich uͤber das gemeine Beste ihre Koͤpfe zusammen, weißagten neue Auflagen, und faͤllten Urtheile uͤber Geruͤchte von bevorstehenden Kriegen. Der Zirkel, der nach drey Stunden der Schau- platz der Schoͤnen, vornehmen Standes, seyn sollte, war itzt vom gemeinen Manne, im besten Anputze und voll froͤhliches Muthes, angefuͤllt. Da war mancher gesunder Juͤngling, im neugewendeten Rocke und mit goldner Troddel am Hute koͤstlich geputzt, neben ihm in silberbebraͤmter Muͤtze, seine rothbaͤckige Liebste, die die, zur Feyer dieses ihm laͤngst versprochenen Spazier- ganges, ihre saͤmtlichen sechs Roͤcke uͤbereinander gezo- gen, und ihre neuen kalmankenen Schuhe nicht ver- gessen hatte. Hinter ihnen, das Bild der ehelichen Vertraͤglichkeit, ein ehrlicher Handwerksmann, der seinen juͤngsten Knaben im langen Rocke auf dem Arme trug, indeß seine Frau ihres Mannes Stock in ihrer rechten Hand suͤhrte, ihre funfzehnjaͤhrige Toch- ter ihr zur Linken, in der Schoͤnheit der Jugend, mit niedergeschlagenen Augen, die unter der empor- stehenden Haube sanft hervorblickten. Die große Allee von der Stadt her, war von Spaziergaͤngern zu Fuß und zu Pferde bedeckt, und einige Wagen brachten wohlbeleibte Tanten und buͤrgerlich erzogene Nichten, bis aus Thor, die nur die Reize eines ange- nehmen Spazierganges suchten, und auf wohlfrisirte Koͤpfe, und Aufsaͤtze nach der neusten Mode Acht zu haben, nicht waren gewoͤhnt worden. Sebaldus Stirn erheiterte sich bey dem Anblicke so vieler vergnuͤgten Leute. Des Pletisten Stirn aber ward dadurch noch mehr gerunzelt. Er rief voll geistliches Verdrusses aus: ‚Siehe da die Kinder Be- ”lials, wie sie den Luͤsten des Fleisches nachziehen! ”Wie sie den Weg der Suͤnden gehn, reiten und ”fahren! Jmmer gerade in den hoͤllischen Schwefel- ”pfuhl hinein!‛ ‚Behuͤte ‚Behuͤte Gott! sagte Sebaldus: Jch sehe nichts ”suͤndliches darinn, daß diese Leute den herrlichen ”Tag geniessen, den uns Gott giebt, so weit ich se- ”hen kann, ist ihr Vergnuͤgen sehr unschuldig.‛ ‚O, wie suͤndlich! sagte der Pietist mit entflamm- ”ten Augen: das ist recht des Teufels Lockspeise, wenn ”er uns mit dem weltlichen Vergnuͤgen ankoͤrnen ”kann. Ein rechtes Gnadenkind kann kein anderes ”Vergnuͤgen haben, als sein eignes Elend zu kennen, ”und zu fuͤhlen was es heißt, ein rechter armer ”Suͤnder zu seyn.‛ Sebaldus, dem diese gesalbten Weidspruͤche nicht gefielen, antwortete nichts, wuͤrde auch nicht zum Worte gekommen seyn; denn der Pietist, den die Herzlichkeit zum Heilande ergriffen hatte, fieng an, die voruͤbergehenden zu ermahnen, ihnen die Abscheulichkeit des Spaziergehens an einem schoͤnen Tage vorzustellen, und Jhnen dafuͤr das Seiten- hoͤhlchen anzupreisen, in welchem sie recht selige Spaziergaͤnge halten koͤnnten, u. s. w. Einige giengen vor ihm vorbey, beynahe ohne ihn zu hoͤren, andere gafften ihn an, ohne zu wissen, was sie aus ihm machen sollten, andere schuͤttelten den Kopf. Endlich versammlete sich doch allerhand Poͤ- bel, der schrie und laͤrmte, und vom Tollhause zu reden reden anfieng, ja einige hoben Erdkloͤßer auf, und warfen sie uͤber ihn weg. Sebaldus fieng an zu fuͤrchten, daß der Auftritt ernsthafter werden moͤchte, und suchte seinen Reise- gefaͤhrten von seinem Vornehmen abzuhalten; die- sem aber hatte der geringe Anschein eine Art von Maͤr- tyrer zu werden, den Kopf angeflammt, und er fieng an, mit staͤrkerer Stimme, den Voruͤbergehenden ein Wort ans Herz zu legen. Endlich gerieth er an einen Kerl, der nach seinem braunen Rocke und rund um den Kopf herum abge- schnittenen Haaren, nichts anders als ein Schlaͤch- ter oder Gerber seyn konnte. ‚Mein Freund, redete ”er ihn an, er gehet, um sich die Zeit zu vertreiben, ”o! wenn er wuͤßte, wie wohl dem ist, ‚Der da seine Stunden ”Jn den Wunden ”Des geschlacht’en Lamms verbringt.‛ Herr, sagte der Kerl mit starren Augen: ‚was ”kann mir das helfen, ich bin vorigen Sonntag im ” Lamme gewesen, aber das Bier war sauer.‛ Und damit gieng er fort. Der umstehende Poͤbel schlug ein Gelaͤchter auf, und verließ unsre Reisen- den. Der Pietist verstummte. Die Die Enthusiasten pflegen, in der Hitze ihres Eifers, gewoͤhnlicher Weise einen Kothregen, und allenfalls auch einige Faustschlaͤge, nicht zu achten, wenn es ihnen nur gelingt Aufmerksamkeit zu erregen: wenn sie aber trockner Weise ausgelachet werden, und niemand bey ihnen stehen bleibt, so kuͤhlet sich ihr Eifer ab, und sie begnuͤgen sich allenfalls, zwischen den Zaͤhnen mur- melnd, die dem Worte ungehorsamen Weltkinder dem Teufel zu uͤbergeben. So gieng es hier auch. Der Pietist schwieg muͤr- risch still., und Sebaldus, da sie indessen ins Thor traten, und unter den Linden fortgiengen, genoß die Schoͤnheit dieser Allee, sog den Duft der Lindenbluͤthe ein, und freuete sich uͤber die froͤhlichen Gesichter, die ihm allenthalben entgegen kamen. Sie giengen einige Straßen stillschweigend fort, bis sie an eine Kirche kamen, in welcher Gottesdienst gehalten wurde. ‚Siehe da! rief der Pietist aus, ”wie leer der Weg zum Gotteshause ist, und wie an- ”gesuͤllt der Weg zu den Haͤusern des Teufels war! ”O! wie ist doch alle Gottesfurcht, alle Liebe zum ”Heilande in dieser großen Stadt ganz ausgetilget! ”Wie wandelt doch jedermann im Pfade der Ruchlo- ”sigkeit, laͤuft dem Teufel gerade in den Rachen, und ”stuͤrzt sich in das ewige Verderben!‛ C Sebal- Sebaldus schauete ungeduldig einigemal rechts und links um sich. ‚O Stadt! fuhr der Pietist fort: die du bist wie ”Sodom und Gomorrha, wie bald wird Gott seinen ”feurigen Schweselregen uͤber dich ergießen! Und dieß ”waͤre schon lange geschehen, wenn nicht wenige Ge- ”rechten in dir waͤren, um derentwillen dich der Herr ”schonet! Ja, mein Freund! (hier fieng er an zu wei- ”nen,) es giebt hier einige erwaͤhlte Seelen, die bis ”uͤber den Kopf in den Wunden des Lammes sitzen, ”die zu einem Puͤnktlein, zu einem Staͤnblein, zu ”einem Nichts geworden sind, und sich nur in das ”blutige Lamm verliebt haben, diese halten noch die ”verworfene Stadt, daß sie nicht faͤllt.‛ Jndem er dieses sagte, blieb er ploͤtzlich an einer Ecke stehen, zog des Sebaldus alten Ueberrock aus, und gab ihn zuruͤck. Sebaldus bat ihn, denselben so lange zu behalten, als er ihn brauchte. ‚Nein, ”sagte er, ich trete nunmehr bey einem lieben Bruder ”ab. Wie wird dem sein Herz seyn, wenn er mich in ”meiner Nacktheit siehet, wenn er siehet, was ich ”um des Heilandes willen gelitten habe. Er wird ”dann thun, so viel ihn der Heiland heißt.‛ Hier druͤckte er dem Sebaldus die Hand, wuͤnschte ihm den Segen des Herrn, verließ ihn, klopfte an ein vier- vierzig Schritte davon entferntes großes wohlgebau- tes Haus, und gieng, nachdem es geoͤffnet wor- den, hinein. Sebaldus stand noch an der Ecke, mit dem Ueberrocke auf dem Arme, und nachdem er denselben angezogen hatte, befand er sich an einem sehr heißen Nachmittage nichts besser. Er gieng voller Gedan- ken die Straße wieder herunter, die er gekommen war, und da er wieder an die Kirche kam, so trat er, weil er nichts bessers zu thun wußte, hinein. Er fand die Kirche wider Vermuthen so gestopft voll, daß es ihm einige Muͤhe kostete, sich so weit durchzudraͤngen, daß er den Prediger deutlich verste- hen konnte. Dieß war ein junger Kandidat, der mit zierlichem Anstande, eine erbauliche Rede von der wahren christlichen Liebe, beynahe zu Ende ge- bracht hatte, und itzt eben bey der Nutzanwendung war. Das Herz des guten Sebaldus erweiterte sich wieder, da er die vielen schoͤnen Lehren des Pre- digers, und die Aufmerksamkeit der zahlreichen Zuhoͤrer betrachtete; und die finstere Vorstellung von Berlin, welche seines Reisegefaͤhrten Bericht bey ihm verursacht hatte, fieng an, etwas aufgehei- rerter zu werden. C 2 Vier- Vierter Abschnitt . J ndeß war der Gottesdienst geendigt. Alle Zuhoͤ- rer verließen die Kirche, und Sebaldus mit ihnen. Nun fiel ihm wieder ein, daß er nicht wußte, wohin er gehen sollte, indem er in seiner Tasche kei- nen Pfennig hatte, und in dieser weitlaͤuftigen Stadt gaͤnzlich unbekannt war. Er fieng an, daruͤber ver- schiedene traurige Betrachtungen zu machen. Jndem er damit beschaͤfftigt war, gieng der Kan- didat vor ihm voruͤber, welcher gepredigt hatte Sein volles und rundes Gesicht, auf welchem die fruͤhe Ju- gend bluͤhte, war in eine weißgepuderte, in sanften Locken wallende Peruͤcke gehuͤllet, die auf beiden Schultern sanft auffiel, und sich bis gegen die Mitte des Ruͤckens in lang gezogenen Ringen kraͤuselte. Er sahe, mit einer suͤßen selbstgefaͤlligen Miene, im- mer gerade vor sich hin, und dankte, mit langsamem Kopfneigen, rechts und links den gemeinen Leuten, die seinen steifgestaͤrkten Kragen, und den auf seinem Ruͤcken schwimmenden Mantel gruͤßten, den er zu- weilen mit der linken Hand zierlich aufnahm, indeß er mit dem in der rechten Hand habenden Hute, den Layen, fuͤr ihren Gruß, eine Art von Segen zu er- theilen schien. Er Er gieng in ein nicht weit entlegenes Haus, und in Sebaldus Geiste stieg ploͤtzlich der gute Gedanken, oder nach gelehrter Exegese zu reden, die Offenba- rung auf, daß er sich, in seiner gegenwaͤrtigen Bekuͤm- merniß, am besten an den Juͤngling wenden koͤnnte, welcher so fein von der christlichen Liebe gepredigt hatte. Er klopfte also an die Thuͤr an. Die Thuͤr oͤffnete ein aͤltlicher Mann, der, wie sich hernach auswies, der Vater des Kandidaten war. Er war ein ehrlicher guter Kraͤmer, der in den Abendstunden und Sonntagsnachmittagen gern Er- bauungsschriften las, die er nicht ganz verstand. Er war daher in des hochtrabenden Oemlers, in des mystischen Trescho, in des wortreichen Tiedens Schriften sehr belesen, und galt deshalb bey seinen Nachbarn fuͤr einen gelehrten Mann. Das Herz huͤpfte dem ehrlichen Kraͤmer, als Se- baldus nach dem Prediger fragte, von welchem er eben die schoͤne Predigt von der Liebe gehoͤrt habe. ‚Es ist mein Sohn, rief er freudig aus: treten Sie ”doch naͤher, mein lieber Herr!‛ und damit fuͤhrte er ihn in die Stube. Sebaldus fand den Kandidaten, unter den Haͤn- den seiner, uͤber die erste Predigt ihres Sohnes noch entzuͤckten Mutter, die ihm eben einen leichten C 3 Schlaf- Schlafrock angezogen und eine weiße Muͤtze aufge- setzt hatte, und noch beschaͤfftigt war, ihm den ge- lehrten Schweiß von der Stirn zu wischen. Sebaldus redete ihn an: ‚Seine Predigt mache ”ihm Muth, sich bey seiner itzigen Verlegenheit an ”ihn zu wenden. Er sey selbst ein Prediger, obgleich ”seines Amts entsetzt. Er habe zweymal durch Raͤu- ”ber seinen letzten Heller, nebst seinen Empfehlungs- ”briefen verloren. Er bitte ihn nur um ein Obdach, ”und um guten Rath, wie er nothduͤrftig sein Brodt ”verdienen koͤnne.‛ Der Kandidat fragte ihn mit einer sehr weisen und ”ernsthaften Miene: ‚Warum er seines Amtes sey ”entsetzet worden?‛ Sebaldus glaubte, dem Berichte seines gewese- nen Reisegefaͤhrten zu folge, er werde sich am besten empfehlen, wenn er sich als einen Heterodoxen an- gebe. Er gestand also ohne Umstaͤnde, ‚daß er wegen ”Abweichungen von den symbolischen Buͤchern abge- ”setzt worden.‛ ‚Abweichungen! ‚rief der alte Kraͤmer, o! wenn ”Sie doch das schoͤne Buͤchlein gelesen haͤtten, das wir ”neulich hier hatten: Fritz! wo wars doch gedruckt? ”in Nuͤrnberg? oder in Jena? da wuͤrden Sie haben ”lesen koͤnnen, wie der liebe Mann die Abweicher ab- ”fuͤhrt; ”suͤhrt; ’s ist ’n gelehrter Mann, warlich ’n gelehr- ”ter Mann, er wuͤrde Sie verachten, wenn er Sie ”kennete. Der Mann haͤlt was auf Orthodoxie.‛ Er wuͤrde noch weit mehr geplandert haben, aber der Kandidat, der es ungern sah, daß sein ungelohr- ter Vater geschwinder antworten wollte, als er, fiel ihm mit pathetischer Stimme ins Wort, und sagte: ‚Es thut mir sehr leid, daß Sie nicht besser auf die ”symbolischen Buͤcher gohalten haben. Hier zu Lande ”schwoͤren wir leider! zwar nicht darauf, sie sind aber ”doch ein Pactum, und Pacta sunt servanda. — Und ”worinn fuhr er mit aufgeworsenem Unterkinne fort, ”worinn fanden Sie denn fuͤr so noͤthig von den sym- ”bolischen Buͤchern abzugehen?‛ Sebaldus, etwas kleinlaut, antwortete: ‚Jn ”der Lehre von der Ewigkoit der Hoͤlleustrafen.‛ Der Kandidat schlug seine Haͤnde uͤber seine weiße Muͤtze zusammen, und rief aus: ‚Wie ist es moͤg- ”lich, daß jemand an einer so goͤttlichen Lehre zwei- ”feln kann? Haben Sie denn den ersten Theil mei- ”ner Predigt nicht gehoͤrt?‛ ‚Nein, sagte Sebaldus, weil er erst gegen das ”Ende derselben gekommen sey.‛ ‚Das thut mir leid, sagte der Kandidat; denn ich ”habe darinn bewiesen, die wahre christliche Liebe er- C 4 ”fodere, ”fodere, daß man alle diejenigen, welche nicht den ”wahren evangelischen seligmachenden Glauben ha- ”ben, durch alle nur moͤglichen Mittel in den Schooß ”der Kirche zuruͤck zu bringen suche, eben deshalb, da- ”mit man ihre Seelen rette, und sie nicht ewig ver- ”dammet wuͤrden.‛ Er wuͤrde seine ganze Predigt wiederholt haben, wenn nicht der Vater in großem Eifer aufgefahren waͤre: ‚Was? keine ewige Hoͤllenstrafen? das waͤre ”schoͤn, wenn mein Nachbar an der Ecke gegenuͤber ”nicht sollte ewig verdammt werden! Er, der das Pre- ”digtamt verachtet, der in gar keine Kirche gehet, ”der mir einen Proceß an den Hals geworfen, der ”ihn gewonnen hat! der gottlose Mann! der Atheist! ”der Separatist!‛ Sebaldus wollte sich vertheidigen; aber der Kraͤ- mer nahm ihn beym Arm, und schob ihn hoͤflich zur Thuͤr hinaus. Sebaldus war sehr betreten; weil er aber sahe, wie aͤußerst nothwendig es sey, sich an irgend jemand zu wenden, so gieng er zu dem Nachbar gegenuͤber, von dem er bessere Gesinnungen boffte, weil er nicht so orthodox seyn sollte, als der Kraͤmer. Er fand einen Mann von blassem sanftmuͤthigem Ansehen, in einem simpeln grauen Rock, und einer baum- baumwollenen Peruͤcke, der, an seinem Pulte sitzeud, einen Posten in sein Hauptbuch trug. Sebaldus erzaͤhlte ihm, was in des Nachbars Hause vorgefallen war, und wiederholte seine Bitte um einen guten Rath. Der Separatist sagte mit schwacher und sanfter Stimme: ‚Jch wundere mich nicht uͤber meines Nach- ”bars unchristliche Rede, denn er hat den Geist nicht, ”der das Leben giebt. Freylich find die symbolischen ”Buͤcher eine Erfindung des Teufels, so wie der ganze ”geistliche Stand. Ein jeder wahrer Christ ist ein ”Hoherpriester. Die Geistlichen haben die Welt von ”je her verfuͤhrt, und da Er mein Freund! von dem ”Stande ist, so gehe Er in Gottes Namen, wohin ”Er will, ich habe nichts mit Jhm zu schaffen.‛ Er klopfte noch an einigen Thuͤren an, wo man ihn, als einen gemeinen Bettler, abwies. Endlich gerieth er in ein Gelag, wo vier lockere Bruͤder zwischen acht Flaschen saßen, und saͤmtlich von Weine gluͤheten. Sie hatten schon dreymal ihren gewoͤhnlichen Zirkel von schluͤpfrigen Wortspie- len und abgeschmackten Spoͤttereyen uͤber ehrwuͤrdi- ge Sachen durchgegangen, und hatten schon dreymal sich gekuͤtzelt, uͤber das zu lachen, was nicht laͤcherlich ist, und sie waren eben im Begriff, trotz der Duͤnste C 5 des des Weins, mit dem sie ihre hirnlosen Koͤpfe anfeuer- ten, in ein allgemeines Gaͤhnen zu gerathen. Der Zufall fuͤhrte ihnen den Sebaldus zu, dem sie gleich ansahen, daß er sehr leicht aufzuzaͤumen seyn wuͤrde. Der witzigste unter ihnen, nachdem er den andern einen Wink gegeben hatte, nahm den Sebaldus, der oben wieder aus der Thuͤr zuruͤcktreten wollte, mit freundlicher Miene bey der Hand, ließ ihn sich nieder- setzen, und fragte ihn um sein Anbringen. Er schien ihn recht sehr zu bedauren, fragte dem guten Sebal- dus, dessen Herz gewoͤhnlicher Weise auf seiner Zun- ge saß, sehr bald seine Geschichte ab, und er- fuhr auch von ihm seine Neigung zur Apokalypse, der er den lautesten Beyfall zu geben schien, indeß sei- ne Gefaͤhrten im innern Munde lachten. Er be- danerte mit scheinheiliger Miene den Sebaldus, we- gen seiner vielen erlittenen Ungluͤcksfaͤlle, und fragte ihn, wie er sie habe so geduldig ertragen koͤnnen. ‚Unvermeidliches Ungluͤck zu ertragen, wird einem ”weisen Manne leicht, und die Hoffnung jenes Le- ”bens. — Hier konnte sich einer der Gaͤste, der dem Sebaldus gegen uͤber saß, und ihn schon lange, den Kopf auf beide Ellenbogen gestuͤtzt, augegaffet hatte, nicht laͤnger halten, sondern schlug uͤber jenes Le- ben eine lante Lache auf. ‚Du alter Narr, rief er, ”du ”du wirst eben so wohl in nichts verwandelt werden, ”als ich und wir alle; drum laß uns noch eins trin- ”ken. Denn (er sang) ‚Unser leben waͤhret kurz, ”Es vergeht geschwinde.‛ Hiemit schenkte er ein volles Glas ein, und brachte es dem Sebaldus: ‚Da trink mit, auf der Babylonischen Hure ”Gesundheit!‛ Alle vier brachen in ein Pferdege- laͤchter aus, und Sebaldus, der jetzt erst merkte in was fuͤr Gesellschaft er war, ließ sich durch kein Zure- den aufhalten, sondern eilte zur Thuͤr hinaus, und schoͤpste nicht eher wieder frische Luft, bis er auf der Straße war. Er empfand den ehrlichen Unwillen, don ein kluger Mann allezeit empfindet, wenn er merkt, daß er einer Gesellschaft von Narren zum Schauspiele gedienet habe. Hiezu kam die Bekuͤm- merniß uͤber seine nun mehrmals fehlgeschlagene Hoffnung, sich die ersten Beduͤrfnisse des Lebens zu schaffen. Er wollte eben in laute Klagen ausbrechen, als ihm sein gewesener Reisegefaͤhrte begegnete. Derselbe war in einen guten tuchenen Rock gekleidet, gieng mit niedergeschlagenen Augen ernsthaft einher, in Gesellschaft, eines braunen von der Sonne verbraun- ten Menschen von widriger Miene, der in Reiseklei- dern dern, und mit einem Hirschfaͤnger umguͤrtet war. Er wuͤrde den Sobaldus nicht angesehen haben, wenn dieser ihn nicht bey der Hand genommen, und ihn also angeredet haͤtte: ‚Ach! Sie haben wohl recht, daß in dieser Stadt ”alle christliche Liebe erloschen ist. Aus den Haͤusern ”weiset man mich weg, und auf der Straße bin ich ”unter hundert Menschen, die vor mir vorbey ihren ”Vergnuͤgungen oder Geschaͤfften nacheilen, eben so ”einsam, als in einer Wuͤste. Der Tag faͤngt sich ”an zu neigen, und ich weiß noch nicht, wo ich ein ”Obdach finden soll. Großer Gott! was soll aus mir ”werden?‛ ‚Ja freylich, sagte der Pietist, wo die seligma- ”chende Gnade nicht ist, da ist keine Liebe; aber ein ”guter Christ muß doch nicht verzagen. Wissen Sie ”was? wenn es d n nkler wird, so gesellen Sie sich zu ”den Nachtwaͤchtern, und gehen mit ihnen auf eine ”Hauptwache, da koͤnnen Sie schlafen. Morgen ”fruͤh wird sich wohl etwas finden. Leben Sie wohl, ”ich muß eilen.‛ Sebaldus wollte ihn noch aufhalten, aber er riß sich los; denn er sollte einem jungen Herrn noch heute unverzuͤglich Geld verschaffen, und das Pfand war sehr sicher. Sebal- Sebaldus, von aller Huͤlfe verlassen, irrte noch einige Stunden, fast ohne Besinnung, auf den Straßen herum. Er hatte, seit dem fruͤhen Mergen, noch nichts gegessen, er war von der Reise, und vom Gram aͤußerst ermuͤdet, alle seine Glieder ermatteten, alle Hoffnung verließ ihn, und er sank, als es anfieng dunkel zu werden, beynahe ohne es selbst zu wissen, unter dem Bogengange der Stechbahn in einen Win- kel trostlos nieder. Hier lag er, unter den traur gsten Betrachtungen. Bald fiel ihm die Hartherzigkeit des Stauzius und des Praͤsidenten ein, die ihm in sei- nem Vaterlande nicht einmal die Luft gegoͤnnet hat- ten; bald gieng ihm die Gleichguͤltigkeit der Einwoh- Berlins aus Herz, die auf das Elend eines Neben- menschen so wenig Acht hatten. Die Standhaftig- keit, die ihm sonst sein ruhiges Temperament gewaͤhrte, hatte ihn ganz verlassen. Er stieß laute Seufzer und die bittersten Klagen aus. Er erregte dadurch die Aufmerksamkeit vieler Voruͤbergehenden, die von Ga- stereyen, oder Spaziergaͤngen zuruͤck kamen. Einige sagte: ‚Da liegt ein Mensch!‛ andere: ‚Was muß ”das fuͤr ein Mensch seyn?‛ andere warfen ihm ein Paar Dreyer zu, die einen Mann, dessen Gesin- nungen das Elend noch nicht ganz hatte erniedrigen koͤnnen, demuͤthigten, ohne ihm zu helfen. End- Endlich, da es schon ganz dunkel war, gieng eln Mann mit einer Laterne in der Hand voruͤber, eben als Sebaldus einen tiefen Seufzer ausstieß, und in unzusammenhangende Klagen ausbrach. Er leuchtete ihm mit der Laterne gerade ins Gesicht, und fragte, was er begehre! Ha! sagte Sebaldus mit starren Augen: ‚Jch moͤchte wohl einen mitleidigen Mon- ”schen sehen, denn in dieser Stadt kann eine mensch- ”liche Kreatur auf der Straße verschmachten, indeß ”in allen Haͤusern Freude und Wohlleben herrschet.‛ Der Voruͤbergehende fragte weiter, und erfuhr in wenig Worten, wer Sebaldus sey, und die fehlge- schlagenen Versuche dieses Tages. ‚Sie haben sich, mein Freund, sagte der Mann ”mit der Laterne, laͤchelnd, nur an allzureiche Leute ”gewendet. Ein wohlhabender Mann kennet das ”wahre Beduͤrfniß eines Ungluͤcklichen nicht recht, ”wirft ihm aufs hoͤchste einen Dreyer oder Pfennig ”zu, und geht weg. Koͤnigen koͤnnen am besten Koͤ- ”nige, und Armen am besten Arme helfen. Stehen ”Sie auf. Er hob ihn auf, und fuͤhrte ihn mit sich ”fort.‛ Dieser Mann war Schulmeister in einer von den Freyschulen fuͤr arme Kinder, die eine rechtschaffne Patri- Patriokinn, Die sel. Feldmarschallinn von Spaen, setzte zuerst ein Ka- vital zu einer Freyschule aus, die im Jahre 1999. eroͤst- net ward. Auch die folgenden Freyschulen sind bloß durch Vermaͤchtnisse, und freywillige Beytraͤge edelmüthiger Wohlthaͤter bestanden. Jm Jahr 1773 sind in sechzehn Freyschulen 980 arme Kinder umsonst unterrichtet worden. Der itzige Aufseher dieser Freyschulen, Herr Prediger Rauch, giebt jaͤhrlich eine Nachricht von dem Zustande derselben heraus. bloß ans Liebe zu guten Handlungen, ohne Ruhmbegierde oder Eigennutz, zuerst angelegt hat, und die bisher bloß durch die Mildthaͤtigkeit von Monschenfreunden unterhalten worden. Er hatte bey einer sauern Arbeit gerade das nothwendigste Aus- kommen. Seine Fran und einzige Tochter halfen ar- beiten, um sich zu erhalten. Er stellte ihnen bey sei- ner Zuhansekunst den Sebaldus vor, der von ihnen mit herzlicher Gastfreundschaft empfangen ward. Sie erquickten ihn mit einer frugalen Abendmahlzeit, und hernach ward ihm, in einer Art von Abschlage auf dem Boden, ein Lager von frischem Stroh angewie- sen, zu dessen Verbesserung sowohl, der Alte, als das gute Maͤdchen, jeder ein Stuͤck Bette, hergab. Fuͤnfter Abschnitt. S ebaldus, durch die Ruhe sehr erquickt, wachte erst gegen acht Uhr auf, und fand schon seinen Wohlthaͤter bey seinen Schuͤlern, dessen Frau beym Seide- Seidewickeln und die Tochter bey einem Naͤhrahmen beschaͤfftigt. Er fieng sogleich ungebeten an, seinem Wohlthaͤter in seiner Schularbeit zu helsen. Nach dem Mittagsessen dankte er ihm, von ganzem Herzen, fuͤr seine gastfreye Aufnahme, und fuͤgte die Bitte hinzu, daß er ihm Anleitung geben moͤchte, selbst sein Brodt zu verdienen. ‚Was meinen Sie zu verstehen, antwortete der ”Schulmeister, das hier in Berlin brauchbar waͤre, ”und das Sie ausuͤben oder lehren koͤnnten?‛ ‚Jch habe gedacht, sagte Sebaldus, daß, da in ”in dieser großen Residenz, die wichtigsten Landes- ”und Regierungsgeschaͤffte, Kriegsanschlaͤge, Hand- ”lungs-und Nahrungsgeschaͤffte, u s. w. vorkommen ”muͤssen, und da keine von diesen Sachen ohne Phi- ”lesophie gefuͤhret werden kann, so wuͤrde ich am ”besten mein Auskommen finden koͤnnen, wenn ich ”Unterricht in der Philosophie gaͤbe. Wenn ich auch ”nicht an die Großen kaͤme, so muß doch ein jeder ”Buͤrger vernuͤnftig zu leben suchen, und dieß kann ”ich nach den neuesten und gruͤndlichsten Grundsaͤtzen ”des Hrn. D. Crusius lehren. Jch kann aus der ” Thelematologie, aufs unwiederleglichste, die ”Erhik, die natuͤrliche Moraltheologie, das ”Recht der Natur und die allgemeine Klugheits- ”lehre ”lehre herleiten. Denen, die nicht so tief eindrin- ”gen wollen, kann ich einen halbjaͤhrigen Kursus uͤber ” Wuͤstemanns Einleitung in die Philosophie ”des Hrn. D. Crusius halten. ‚Wer ist der Crusius? und wer ist der Wuͤste- ”mann? ‚Wie? Herr D. Crusius ist ein weltberuͤhmter ”Mann, den alle Gelehrten aus Einem Munde prei- ”sen, der die Thelematologie erfunden hat, der sich ”dem Wolfischen Fatalismus entgegengesetzt hat, der ”muß in Berlin in allen Gesellschaften genennet wer- ”den, dessen Schriften muͤssen alle Gelehrten sich zum ”taͤglichen Studium machen. ‚Es kann seyn. Jch bin kein Gelehrter, aber ich ”bin in vielen Haͤusern in Berlin bekannt; ich war ”drey Jahre Schreiber bey einem Mitgliede der Aka- ”demie der Wissenschaften, zwey Jahre Bedienter bey ”einem Minister, und anderthalb Jahre Kuͤster bey ”einem sehr gelehrten Prediger, der mir alle seine ”Manuskripte vorlas, und doch habe ich den Namen ” Crusius in meinem Leben nicht nennen hoͤren. Und ”wie hieß der andere?‛ — ‚Magister Wuͤstemann. Dieser hat die freylich ”etwas weitlaͤuftigen Schriften des Hrn Doktors in ”einen kurzen Begriff gebracht. Jch daͤchte, er muͤßte D aus- ”auswaͤrts eben so beruͤhmt seyn, als Wichmann, ”Reinhard, Schmid, Pezold, die des Herrn ”Doktors lateinische Schriften, den Ungelehrten zum ”besten, ins Deutsche uͤbersetzt haben. Zudem wird, ”wie ich hoͤre, in Leipzig und in Wittenberg uͤber seine ” Einleitung gelesen.‛ ‚Jch habe schon mehrmals bemerkt, daß Lente, die ”auf Universitaͤten fuͤr sehr beruͤhmt gehalten werden, ”in Berlin keinem Menschen bekannt sind. Jch glaube ”uͤberhaupt nicht, daß Sie in Berlin durch Philoso- ”phie Jhr Gluͤck machen werden. Da hilft Gunst ”und Protektion, tiefes Beugen und langes War- ”ten oft mehr, als das beste System. Was haben ”Sie sonst studirt, womit haben Sie sich außer der ”Philosophie am meisten beschaͤfftigt?‛ ‚Jch habe meine Nebenstunden hauptsaͤchlich zu ”Verfertigung eines Kommentars uͤber die Apokalypse ”angewendet. Jch habe ihn bey einem Freunde nie- ”dergelegt. Mir faͤllt eben ein, ich koͤnnte ihn kom- ”men lassen; denn unter uns gesagt, ich beweise dar- ”inn, daß der Koͤnig von Preußen in kurzem ansehn- ”liche Provinzen erhalten wird, nebst vielen andern ”wichtigen und nuͤtzlichen Dingen.‛ ‚Mein lieber Freund, die Apokalypse ist in Berlin ”noch weniger in gutem Geruche, als die Philosophie. ”Wenn Wenn Sie haͤtten weißagen wollen, so haͤtten Sie ”muͤssen vor drey oder vier Jahren kommen, als wir ”noch Krieg hatten. Da galten noch die Weißagun- ”gen etwas. Und doch ist die Frage: ob nicht Pfan- ”nenstiel, der Leinweber, weit uͤber Sie gewe- ”sen seyn wuͤrde, welcher nicht allein die Schlacht bey ”Zorndorf auf den Tag vorher sagte, da sie wirklich ”geschah, sondern auch, was noch mehr war, den ”Gesaug, der den darauf folgenden Sonntag in der ”Kirche gesungen werden sollte. Nein! mit Weißa- ”gungen kommen wir nun in Berlin nicht mehr fort. ”Verstehen Sie nichts anders? Koͤnnen Sie Franzoͤ- ”sisch, koͤnnen Sie rechnen, koͤnnen Sie tanzen, koͤn- ”nen Sie den Hunden den Tellwurm schneiden? Dieß ”sind Kuͤnste, die ihren Mann ernaͤhren.‛ ‚Von alle dem verstehe ich nichts, sagte Sebal- ”dus, mit kleinmuͤthiger Miene. Jch verstehe zwar ”noch etwas, aber das wird mich auch zu nichts fuͤh- ”ren, da man in Berlin sogar mit der Philosophie ”nicht fortkoͤmmt. Jch kann ein wenig auf dem ”Klaviere spielen; aber was wird mir das nuͤtzen?‛ ‚Halt, mein Freund, damit kommen wir weiter, ”als mit allem andern. Diese Geschicklichkeit wird ”Jhnen nicht reichliches, aber doch nothduͤrftiges ”Brodt geben. Sie werden auch Noten schreiben D 2 koͤnnen. ”koͤnnen. Mit diesen beiden Kuͤnsten habe ich mich ”selbst uͤber zwey Jahre erhalten.‛ Sebaldus ward also zu einem Musiker von der untern Klasse umgeschaffen. Er unterwies gemeiner Leute Kinder auf dem Klaviere, und fuͤr vornehmere schrieb er Noten. Er ward hiedurch, zu seinem großen Vergnuͤgen, in gar kurzer Zeit in den Stand gesetzt, seinem Wohlthaͤter, der nun sein vertrauter Freund geworden war, nicht ferner beschwerlich zu fallen, ob er gleich fortfuhr bey ihm zu wohnen. Es waren schon ein Paar Monathe, in Zufriedenheit, und ohne merkwuͤrdige Vorfaͤlle, verflossen, als eines Tages dem Sebaldus von einem gewissen Hrn. F. einige Musikalien zum Abschreiben zugeschickt wurden. Er ward auf diesen Namen sehr aufmerksam, er glaubte ihn irgendwo gehoͤrt zu haben, er erkundigte sich naͤher nach diesem Manne, und erfuhr, daß er bey einem Grafen Hofmeister gewesen, und von einer von demselben erhaltenen ansehnlichen Pension lebe. Nun besann er sich, daß an einen Mann dieses Na- meus des Majors in Leipzig Rekommendationsschrei- ben gerichtet gewesen waͤre, an das er, seitdem es verloren war, nicht gedacht hatte. Er ward begie- rig diesen Mann naͤher kennen zu lernen, er uͤber- brachte seine Abschriften selbst, gab sich zu erkennen, und und ward von Hrn. F. mit der groͤßten Freundschaft aufgenommen. Noch mehr, er erfuhr von ihm, daß der Major, durch Wunden zum Dienste untuͤchtig, von einem erhaltenen Gnadengehalte in Berlin lebe. Er sah denselben noch an eben dem Tage in Ge- sellschaft des Hrn. F. Der Major empfieng den Se- baldus mit herzlichem Haͤndedruͤcken. Er biß die Zaͤhne zusammen, als er hoͤrte, wie treulos Stauzius, nach dem Abmarsche des Obersten, ge- gen seinen Freund gehandelt habe; er erbot sich, auf die treuherzigste Weise, ihm durch Vorsprache noch eine Feldpredigerstelle zu verschaffen, und bis dahin sein Gehalt mit ihm zu theilen. Sebaldus, ob- gleich uͤber diese großmuͤthigen Antraͤge geruͤhrt, ver- bat sie doch. Das unabhaͤngige Leben fieng ihm an zu gefallen, und da er gewohnt war so wenig zu beduͤrfen, so erwarb er mit seiner Arbeit mehr, als er zu seinem Unterhalte noͤthig hatte. Mit Muͤhe ließ er sich bereden, bey dem Hrn. F. eine bequemere Wohnung einzunehmen, und dessel- ben Tischgenosse zu werden, weil ihn derselbe versi- cherte, daß er, seitdem er Wittwer sey, und seine Kinder verloren habe, in seiner Einsamkeit einen Gesellschafter zu haben wuͤnsche. D 3 Sech- Sechster Abschnitt. E insmals, nach dem Mittagsessen, hatte Herr F. vom Sebaldus die ausfuͤhrliche Erzaͤhlung sei- ner Schicksale verlangt. Als sie geendigt war, schlug Hr. F. weil es einer von den schoͤnen Herbsttagen war, die, unter diesem Himmelsstriche, oft den Som- mertagen weit vorzuziehen sind, einen Spaziergang auf den Weidendamm vor. Sebaldus war uͤber die Schoͤnheit dieses Spaziergangs entzuͤckt. Mit- ten in einer bewohnten weitlaͤuftigen Stadt erblickte er eine große gruͤnende Wiese, mit Weiden bekraͤnzt, hoch und belaubt, wie sonst nur Ulmen und Linden zu seyn pflegen; Jm Jahre 1772 ist ein Theil dieser Wiese bebauet worden, aber die schonen Weidenbäume sind glücklicherweise stehen geblieben, von denen der Naturkundiger Schreber sagt: daß er sie, von solcher Höhe und Schönheit, auf seinen Reisen noch nirgend gesehen habe. dieser laͤndlichen Scene gegen- uͤber, Gaͤrten und Gartenhaͤuser, Werke der Kunst, ohne Pracht aber anmuthig, zwischen beiderley Aus- sichten den silberreinen Spreestrom, von Schwaͤ- uen bewohnt. Er genoß ganz das Vergnuͤgen dieses reizenden Anblicks, er wollte es seinem Gesellschafter mittheilen, aber nun ward er erst gewahr, daß der- selbe selbe in tiefen Gedanken einher gieng, und anstatt auf seine entzuͤckten Ausrufungen zu antworten, eini- gemal tief seufzete. ‚Was fehlt Jhnen? fragte ihn Sebaldus, Sie ”scheinen ganz tiefsinnig zu seyn.‛ ‚Jhre Geschichte, autwortete Hr. F. bringt mir ”das ganze finstere Gemaͤlde der Jntoleranz und der ”Priestergewalt lebhaft wieder zu Gemuͤthe. Jch ”bin selbst ein Opfer derselben gewesen. Jch habe er- ”fahren, was es heiße, seine gesunde Vernunft un- ”ter den Gehorsam vorgeschriebener symbolischer Buͤ- ”cher gefangen zu nehmen; ich habe erfahren, welchen ”bequemen Vorwand solche Vorschriften herrschsuͤchti- ”gen und eigennuͤtzigen Geistlichen darbieten, um ihre ”Absichten in der Stille auszufuͤhren; ich habe erfah- ”ren wie bitter der Haß ist, den sie angenblicklich ge- ”gen jeden, den sie einer Abweichung zeihen koͤnnen, ”erregen koͤnnen, so lange das Volk in der Meinung ”unterhalten wird, daß solche Vorschriften unwieder- ”ruflich fest stehen bleiben muͤssen.‛ Sebaldus war begierig diese Geschichte zu hoͤren, und Hr. F. erzaͤhlte sie folgendermaßen: ‚Jch war in meinen juͤngern Jahren dritter Dia- ”kon an der Kirche einer Stadt eines kleinen Fuͤrsten- ”thums. Jch lebte vergnuͤgt, ich hatte Freunde. D 4 ”Der ”Der Superintendent war ein ganz feiner Mann, der ”in verschiedenen Arten der Gelehrsamkeit nicht fremd ”war. Jch konnte mich mit ihm unterhalten, ”wir unterredeten uns oft von Verbesserung der Maͤn- ”gel der Religion; denn ob er gleich nichts dazu bey- ”zutragen Lust hatte, so mochte er doch gern, unter ”vier Augen, davon sprechen. Er freuete sich, daß ”ich selbst daͤchte. Jch durfte ihm meine Zweifel vor- ”tragen, und da ich oft mit seinen Beantwortungen ”zufrieden war, so gewann er mich lieb. Die Haupt- ”neigung dieses alten Mannes war die Naturge- ”schichte, und zwar hauptsaͤchlich die Nomenklatur ”und Klassifikation derselben, welches nun freylich eben ”nicht meine Neigung war. Er wollte mich belohnen, ”indem er mich zum Mitgliede einer Gesellschaft auf- ”nehmen ließ, welche er mit dem Buͤrgermeister, dem ”Konrektor und dem Apotheker errichtet hatte. Diese ”sammleten Jnsekten, Voͤgel, Steine, Versteinerun- ”gen, Mineralien, tauschten mit benachbarten Lieb- ”habern, brachten Kabinette zusammen, ordneten sie ”bald nach diesem bald nach jenem Systeme, lasen ”sich lange Abhandlungen daruͤber vor, wozu der ”Superintendent die Theologie lieh, und keinen Jn- ”sektenfluͤgel, keine Vogelklaue, oder Quarzdruse, ohne ”erbauliche Nutzanwendung ließ. Dieß war alles ”ganz ”ganz gut, nur daß es fuͤr mich ein wenig langwei- ”lig war. Jch fieng also nach einiger Zeit an, selte- ”ner in die Gesellschaft zu kommen, und vermied, so ”viel ich konnte, mit auf die Jnsektenjacht zu gehen. ”Hieruͤber bekam ich einen Verweis vom Superinten- ”denten; denn so freundschaftlich er war, hatte er ”doch den kleinen Fehler, daß er sich derer ganz be- ”maͤchtigte, die er in Affektion genommen hatte. Er ”ordnete ihre Studien an, er bestellte ihr Hauswe- ”sen, er erdachte fuͤr sie die Vergnuͤgungen, die sie ”sich machen sollten, und er hatte fuͤr alles weise ”Gruͤnde anzufuͤhren, denen man nicht widersprechen ”durfte. Jch durfte mir also nicht merken lassen, daß ”Sammlereyen und Klassifikationstabellen, wie er sie ”liebte, fuͤr mich sehr wenig Reiz hatten, sonderlich ”wenn dabey bloß die Augen und das Gedaͤchtniß, ”keinesweges aber der Verstand, beschaͤfftigt ist. Hin- ”gegen mußte ich geduldig zuhoͤren, wenn er mir, als ”eine vaͤterliche Weisung, einpraͤgte: „daß Spekula- ”lation den Geist nicht bessere, daß man, bey tiefsin- ”nigen Untersuchungen uͤber Raum und Zeit, ein ”Deist bleiben koͤnne, daß hingegen durch Walpur- ”pergers kosmotheologische Betrachtungen Ein Buch in vier dicken Quartbänden. ”schon mancher Freygeist bekehret worden sey.‟ Er D 5 ”stichelte ‚stichelte mit solchen Worten zugleich auf den Um- ”gang, den ich mit einem jungen Officier angefan- ”gen hatte, einem Juͤnglinge, der gute Gaben und ”gute Gesinnungen hatte, der, ob er gleich ein wacke- ”rer Soldat war, gleichwohl die Wissenschaften liebte, ”und sich, gleich mir, gern mit philosophischen und ”moralischen Untersuchungen beschaͤfftigte. Dieser Um- ”gang hatte auf keine Weise den Beyfall des Super- ”intendenten; denn weil er von der Wuͤrde des geist- ”lichen Standes einen sehr hohen Begriff hatte, so ”wollte er, daß ein Geistlicher nur mit Personen sei- ”nes eignen Staudes, oder mit andern alten ernst- ”hasten angesehenen Maͤnnern umgehen sollte. Er ”verlangte, jeder Schritt sollte verrathen, daß er zu ”den Lehrern des menschlichen Geschlechts gehoͤre; er ”verlangte, daß er, mehr als alles, vermeiden solte, ”sich auf irgend eine Art zu kompromittiren; daß er ”sich bestaͤndig bedaͤchtig anstellen, und sogar auf der ”Straße langsamer gehen solte, als die Layen. Jch war ”freylich anderer Meinung. Jch bildete mir ein, es ”waͤre sehr nuͤtzlich, wenn ein Geistlicher sich im Um- ”gange nicht auf Personen seines Standes einschraͤnk- ”te, sondern auch oͤfters mit Weltleuten umgienge; ”ich glaubte, er wuͤrde dadurch ein gewisses steifes ”Wesen ablegen, das man von der Universitaͤt, und ”aus ”aus dem Kandidatenstande mitbringt; er wuͤrde, ”wenn er die mannichfaltigen Einsichten und Ver- ”dienste von Personen anderer Staͤnde oft vor Augen ”haͤtte, sich den Lehrerton abgewoͤhnen, der bey ver- ”staͤndigen Leuten den Prediger nie wuͤrdiger macht, ”oft aber wohl zur Zuruͤckhaltung und zum Kaltsinn ”Anlaß giebt; er wuͤrde, wenn er sich der Sitten, Be- ”schaͤfftigungen, Vergnuͤgungen, die andere Menschen ”haben, nicht schaͤmte, weit eher ihr Zutrauen er- ”halten, er wuͤrde sie genauer kennen, und folglich ”auch ihren Gemuͤthszustand besser beurtheilen lernen, ”als wenn er bloß mit Leuten umgienge, die mit ihm ”aus eben demselben Kompendium der theologischen ”Moral raisonniren, in welchem nicht selten Dinge ”als ausgemachte Wahrheiten behauptet werden, die ”oft ein einziger Blick in die Natur des Menschen, ”und in den Lauf der Welt, widerlegt.‛ ‚Dieß waren die Vortheile, die ich mir von der ”Freundschaft mit dem jungen Officier, und von ”den ausgesuchten Gesellschaften versprach, in ”die er mich zuweilen fuͤhrte. Jndessen brachte dieser ”mein weltlicher Umgang mir bey dem Superinten- ”deuten ungezweifelten Nachtheil. So wie ich den ”Zirkel uͤberschritt, den er mir angewiesen hatte, ward ”er kaͤlter und feyerlicher gegen mich, und, ohne daß ”er ”er sich gegen mich deutlich erklaͤrte, konnte ich wohl ”merken, daß seine Zuneigung gegen mich abgenom- ”men hatte.‛ ‚Mein Unstern trieb mich endlich, ein Buch zu ”schreiben, worinn ich mich uͤber gewisse dogmatische ”und moralische Materien, uͤber die ich lange und ”reiflich nachgedacht hatte, freymuͤthig erklaͤrte. Dieß ”machte im Staͤdtchen Aufsehen. Weder der Su- ”perintendent, noch meine uͤbrigen Kollegen, nebst ”ihren Vorfahren seit drey Generationen, hatten je- ”mals ein Buch geschrieben. Man hielt mich also ”fuͤr naseweise, daß ich, als der juͤngste Diakon, ”hierinn eine Neuerung machen wollte. Selbst der Su- ”perintendent billigte diesen Schritt nicht, besonders ”war ihm die dreiste und freymuͤthige Art, mit der ich ”verjaͤhrte Vorurtheile angegriffen hatte, sehr mißfaͤllig.‛ ‚Vergebens erinnerte ich ihn, daß dieses eben ”die Saͤtze waͤren, uͤber deren Richtigkeit wir oft ”in unsern Unterredungen uͤbereingekommen waͤ- ”ren, und die ich zum Theil oft aus seinem eigenen ”Munde gehoͤrt haͤtte.‛ „Das war ganz etwas anders, versetzte er, etwas er- ”hitzt: dergleichen Sachen kann man wohl unter vier ”Augen untersuchen, aber man muß sie nicht oͤffentlich ”sagen. Und Sie am wenigsten, als ein Prediger, haͤt- ”ten ”ten sich hieruͤber so positiv erklaͤren sollen. Wir muͤs- ”sen uns dem Urtheile des gemeinen Haufens nicht bloß ”stellen, er erschrickt uͤber ungewohnte Wahrheiten, ”und wir verlieren das Zutrauen, das wir zu seiner ”Besserung anwenden koͤnnten. Wenn ein Prediger ”Zweifel uͤber dogmatische Saͤtze hat, so ists am be- ”sten, daß er sie ganz verschweige, aufs hoͤchste kann ”er lateinisch daruͤber schreiben, fuͤr gelehrte Theolo- ”gen, die davon so viel in die Welt koͤnnen kommen ”lassen, als sie noͤthig finden.‟ ‚Vergebens stellte ich ihm vor, wie noͤthig es waͤre, daß ”der große Haufen uͤber gewisse Wahrheiten belehret ”wuͤrde; vergebens bemerkte ich, daß viele Zweifel deß- ”halb nicht unbekannt blieben, wenn auch die Gottes- ”gelehrten davon schwiegen, weil sie den Weltleuten oft ”aus andern Buͤchern, und durch Unterhaltungen mit ”denkenden Koͤpfen, schon laͤngst bekannt geworden waͤ- ”ren, und wenn sie nicht naͤher beleuchtet und eroͤr- ”tert wuͤrden, zuweilen noch weit mehr Schaden ”thun koͤnnten. Jch wolltē noch weiter gehen, ich ”wollte ihm zeigen, daß ich es an der noͤthigen Klug- ”heit nicht haͤtte ermangeln lassen, sondern verschie- ”dene Gedanken verschwiegen haͤtte, die ich oͤffentlich ”bekannt zu machen noch nicht fuͤr rathsam hielte. ”Jch entdeckte ihm einige, sie gefielen ihm nicht, er ”wollte ”wollte mich widerlegen, ich suchte mich zu verthei- ”digen, und was das schlimmste war, ich hatte Recht, ”und er ward hitzig, nahm ein saures Amtsgesicht ”an, that einen Machtspruch, und brach das Ge- ”spraͤch ab.‛ ‚Der gute alte Mann, sah es zwar sehr gern, ”wenn andere frey dachten, so weit, als er sich selbst ”das Ziel gesteckt hatte; aber denjenigen, der nur ”Einen Schritt weiter gehen wollte, verachtete und ”haßte er noch mehr, als den, der alles beym Alten ”ließ. Er hat es mir nachher nie vergeben koͤnnen, ”daß ich hatte weiter sehen wollen, als er. Es war ”ferner auf keine Freundschaft zu rechnen. Er miß- ”billigte oͤffentlich mein Buch, um sich zugleich selbst ”desto kraͤftiger vor dem Verdachte der Heterodoxie ”zu sichern, und machte dadurch meinen Kollegeu ”mehrern Muth, die schon laͤngst den jungen gelehr- ”ten Diakon mit scheelen Augen angesehen hatten. ”Man vermied mich, man lud mich ferner nicht zu ”den gewoͤhnlichen Zusammenkuͤnften ein, und ich ”blieb ganz einzeln, mit meinem Freunde dem Officier.‛ ‚Jch hatte nur ein sehr kuͤmmerliches Auskommen. ”Man weiß, wie schlecht uͤberhaupt die festgesetzte Geld- ”einnahme der Prediger ist. Jhr hauptsaͤchlicher Un- ”terhalt beruht auf zufaͤlligen Einkuͤnften, besonders ”auf ”auf dem Beichtgelde. Zu der Zeit, da die Layen glaub- ”ten, daß sie die Vergebung der Suͤnden bloß von ”dem Priester, durch Beichte und Absolntion, erhalten ”koͤnnten, wandten sie auf eine so noͤthige Waare frey- ”lich schon ein Erkleckliches. Nachdem man ihnen aber, ”in Schriften und von den Kanzeln, so nachdruͤcklich ”eingepraͤgt hat, daß, ohne wahre Besserung des Her- ”zens, die Absolution gar keine Kraft habe, so hat die ”große Menge, welche nie Willens gewesen ist sich ”zu bessern, gemerkt, daß sie ihr Geld fuͤr eine leere ”Ceremonie ausgaͤbe, und hat theils die Absolution ”viel seltener verlangt, theils viel kaͤrglicher bezahlt. ”Da nun also hierauf gar nicht mehr zu rechnen war, ”so konnten wohlgesinnte gelehrte Prediger, die nur ”ihre Pflichten zu erfuͤllen suchten, ganz ruhig darben, ”aber oͤkonomische Prediger, die ihr Amt als eine Art ”von Pachtung betrachteten, die sie aufs beste zu nut- ”zen suchen wollten, sahen sich zu einer ganz andern ”Art von Jndustrie genoͤthigt. Sie fiengen an in ”die Haͤuser zu gehen, sich ihren Pfarrkindern noth- ”wendig zu machen, sich nach ihrem Hauswesen zu ”erkundigen, ihre Zwistigkeiten zu erforschen, damit ”sie sie schlichten koͤnnten, und durch fromme Unterre- ”dungen das Zutrauen der reichen Buͤrgerweiber zu ”gewinnen. Die Buͤrger, welche nun merkten, daß ”der ”der Pfarrer etwas fuͤrs Geld that, bezahlten ihn auch ”reichlicher, der gelegentlichen Braten, Kuchen, Zucker- ”huͤte, Magenmorschellen und anderer Geschenke nicht ”zu gedenken. Ohne diese Priesterkuͤnste wuͤrde ein ehr- ”licher Buͤrgerssohn, der im geistlichen Stande nur ein ”gemaͤchliches Leben suchte, und sonst, als ein Paͤchter ”oder als ein Kraͤmer, auch sein gutes Auskommen haͤtte ”haben koͤnnen, es schwerlich der Muͤhe werth finden, ”ein Prediger zu seyn. Meine Kollegen uͤbten diese Kuͤn- ”ste in ihrem ganzen Umfange aus, und hatten auch ”vollkommen Muße dazu, weil sie weder durch Studi- ”ren noch durch Nachdenken davon abgehalten wurden, ”Dinge, mit welchen ich die meiste Zeit, die mir von mei- ”nen ordentlichen Amtsgeschaͤften uͤbrig blieb, zubrachte.‛ ‚Jch wuͤrde den Mangel, der mich druͤckte, den- ”noch gern ertragen haben, weil ich mich, von Ju- ”gend auf, gewoͤhnet hatte, wenig zu beduͤrfen, ”Aber ich hatte mich in ein junges, schoͤnes und ver- ”staͤndiges Frauenzimmer verliebt, die aber nicht das ”geringste Vermoͤgen hatte. Jch sah die Verbin- ”dung mit derselben fuͤr die groͤßte Gluͤckseligkeit ”meines Lebens an; allein, bey so geringem Einkom- ”men, war diese Verbindung unmoͤglich. Bloß um ”derselben willen wuͤnschte ich eine Verbesserung mei- ”ner Umstaͤnde. Jndessen war mit dem Verluste ”der ”der Freundschast des Superintendenten auch alle ”Hoffnung dazu, in meiner itzigen Lage, verschwun- ”den. Jch haͤtte mir nicht zu rathen gewußt, wenn ”nicht mein Freund, der junge Officier, mir eine ein- ”traͤgliche Pfarre in einem benachbarten Fuͤrstenthume ”verschafft haͤtte.‛ ‚Jch nahm sie ohne Bedenken an. Waͤhrend des ”Gnadenjahrs heurathete ich meine Braut, und ”traͤumte von weiter nichts, als von Gluͤck und von ”Vergnuͤgen, indessen daß an dem Orte meines kuͤnf- ”tigen Aufenthaltes sich ein Wetter wider mich zu- ”sammen zog. Ein anderer Prediger hatte sich große ”Hoffnung zu meiner Stelle gemacht, und dieser konnte ”mir nicht verzeihen, daß alle seine Bewerbungen ”fruchtlos gewesen waren. Er breitete graͤßliche Ge- ”ruͤchte von meiner Heterodoxie aus, und berief sich ”auf mein gedrucktes Buch, wo sie, schwarz auf weiß, ”zu lesen staͤnde. Die Schneider und die Schornstein- ”feger in meiner Dioͤces lasen eine philosophische Ab- ”handlung, die nicht fuͤr sie geschrieben war, und ”fanden Ketzerey uͤber Ketzerey darinn.‛ ‚Als ich also mein Amt antreten wollte, fand ich ”meine ganze Gemeine wider mich eingenommen, ”die Leute auf der Gasse gafften mich als ein Wun- ”derthier an, und draͤngten sich vor mein Haus, um E ”den ”den neu angekommenen Ketzer zu sehen. Zugleich er- ”fuhr ich, alsdann erst, daß in diesem Fuͤrstenthume ”ein Paar symbolische Buͤcher mehr, als in dem an- ”dern Fuͤrstenthume muͤßten beschworen werden, daß ”man, fuͤr die Stadt, noch eine besondere Formulam ”committendi habe, die von abgeschmackten Schuldi- ”stinktionen voll war, und daß man (weil mein Geg- ”ner bey Leuten von Ansehen eben so wenig muͤßig ”gewesen war, als beym Poͤbel,) derselben noch, wi- ”der die Ketzereyen, die man von mir besorgte, drey ”spitzfuͤndige und verfaͤngliche Klauseln einverleibt ”habe, die ich unterschreiben sollte, ehe ich mein ”Amt antraͤte.‛ ‚Jch war wie vom Donner geruͤhrt. Es war sehr ”hart, etwas beschwoͤren und unterschreiben zu sollen, ”das ich nicht glaubte, und gleichwohl, wenn ich es ”nicht that, so brachte ich mich selbst an den Bettel- ”stab, und meine Frau, die ich wie meine Seele ”liebte, die seit einigen Monathen schwanger war, ”stuͤrzte ich in das aͤußerste Elend. ‚Mein Entschluß mußte kurz gefaßt werden; denn ”man hielt auf mich, und wartete nur, ob ich mich ”weigern wuͤrde. Jch war in der aͤngstlichsten Ver- ”legenheit, und ich suchte doch, aus Zaͤrtlichkeit, mei- ”nen traurigen Zustand meiner geliebten Gattinn zu ”verber- ”verbergen. Jch gieng den folgenden Morgen mit ”Aufgange der Sonne zum Thore hinaus, um mei- ”nen Gedanken nachzuhaͤngen. Jch folgte der Land- ”straße, die mich an einen Wald fuͤhrte. Jch hatte ”in demselben eine Zeitlang herum geirret, als mir ”unvermuthet ein hagerer blasser Mensch entgegen ”lief, dem die Verzweiflung an der Stirn geschrieben ”war. Er hielt mir einen starken Knuͤttel vors Ge- ”sicht, und foderte, mit einem schrecklichen Fluche, mein ”Geld oder mein Leben. Jch war erschrocken, und ”wehrlos. Jch gab ihm also meinen Beutel, der, ”von einigen Thalern kleiner Muͤnze schwer, mehr ”werth schien, als er es war. Der Raͤuber sah ihn ”mit starren Augen an, und rief: „Nein! das ist ”zu viel!‟ ‚Er band den Beutel auf, wollte etwas ”heraus nehmen, aber die Hand zitterte ihm, er ”warf den Knuͤttel weg, fiel vor mir auf die Knie, ”hielt mir den Beutel vor, und schrie laut: „Nein! ich kann nicht! Nein! lieber Herr! ich ”bin kein Straßenraͤuber! ich bin ein ungluͤcklicher ”Vater. Geben Sie mir selbst nur so viel, daß meine ”Frau und meine armen Kinder nicht noch heute ”Hungers sterben.‟ ‚Jch rief voll Entsetzen: „Nimm, Freund! ich bin ”arm, aber nicht so arm, als du!‟ ‚Jndem hoͤrte ich E 2 ”in ”in der Naͤhe einen weiblichen Schrey. Eine Frau, ”mit einem vierteljaͤhrigen Kinde im Mantel, schleppte ”sich zu uns, drey kleine Kinder in Lumpen folgten ”ihr. „Mann! was willst du machen!‟ ‚schrie sie, ”und sank halb todt zu meinen Fuͤßen.‛ „Dich und deine Kinder nicht vor meinen Augen ”verschmachten sehen!‟ rief er mit wildem Tone.‛ ‚Jch suchte diese Leute zu besaͤnstigen, ich setzte mich ”zu ihnen nieder, fragte wie sie hieher kaͤmen, und ”was dieß alles bedeuten sollte?‛ „Lieber Herr! sagte der Mann, nachdem er ein ”wenig Athem geschoͤpft hatte, ich bin ein Baum- ”wollenweber. Jch wohnte in einem Flecken in ”Boͤhmen, ich hatte sonst mein gutes Auskommen, ”aber unser Gutsherr war ein harter Mann, er ”wollte uns nicht Gott nach unserm Glauben dienen ”lassen, wir sollten in die Messe gehen, und wir ”hielten dieß wider unser Gewissen. Jch will mich ”aufmachen, sagte ich, und in ein protestantisches ”Land gehen, wo ich Gewissensfreyheit habe. Jch ”fluͤchtete, ich kam bis in eine einige Meilen von ”hier entfernte Stadt, ich ward wohl aufgenommen, ”und konnte frey in die Kirche gehen. Doch es ist ”nicht genug in die Kirche zu gehen, man muß auch ”Frau und Kinder ernaͤhren. Jch fieng also an mit ”Muͤhe ”Muͤhe einen Stuhl zurecht zu bringen, und webte ”Kottonade. Dieses Zeug war dort bisher noch ”unbekannt gewesen, es fand viele Kaͤufer, sobald ”es bekannt wurde. Ploͤtzlich ward ich auf das Rath- ”haus gerufen, und bekam Befehl, meine Arbeit ein- ”zustellen. Jch fragte erstaunt: weswegen? Weil ”Jhr ein Pfuscher seyd, rief der Altmeister der Rasch- ”macher, welches die staͤrkste Zunft in der Stadt ”war, weil Jhr keinen Lehrbrief vorzeigen koͤnnt, und ”weil Jhr kein Meisterstuͤck gemacht habt. — Jn Boͤh- ”men, erwiederte ich, giebt man keine Lehrbriefe, son- ”dern es kann jeder weben, wer will, und was er ”will, und was das Meisterstuͤck anbetrifft, so seht ”meine Waare an, ob sie nicht so gut ist, als irgend ”Kottonade seyn kann. — Eben dieses Zeug sollt Jhr ”gar nicht machen; es ist verboten, sagte ein Raths- ”herr sehr ernsthaft. — Weswegen? sagte ich noch ”mehr erstaunt. — Weil es nicht der Vorschrift ge- ”maͤß ist; weil es der Grundverfassung der Stadt zu- ”wider seyn wuͤrde. Schon vor langen Jahren ha- ”ben die Gewerke Streit miteinander gehabt, und ”da ist durch ein Gesetz festgesetzt worden, was fuͤr ”Zeuge, und wer sie machen soll, die Leinweber Lein- ”wand, die Tuchmacher Tuch, und die Raschmacher ”Rasch. — Aber, lieber Gott! rief ich, was kann ich E 3 ”dafuͤr, ”dafuͤr, das derjenige, der das Gesetz machte, alle ”moͤglichen Zeuge in Leinwand Tuch und Rasch ab- ”theilte, und daß keiner daran dachte, daß es auch ”Kottonade in der Welt geben koͤnnte. — Kurzum, ”hieß es, Euer Gesuch ist wider alle gute Policey, ”laßt ab das neue Zeug zu machen, das wir nicht ”dulden wollen, oder man wird Euch Ernst weisen.‟ „Jch fuhr aber fort zu arbeiten, und mußte, wenn ”ich leben wollte, und so kamen des andern Tages ”die Altmeister, schlugen meinen Stuhl auseinander, ”und brachten ihn mit allem meinem Werkzeuge aufs ”Rathhaus. — Jch schrie uͤber Gewalt. Hat man ”Euch nicht genug gewarnt? sagte der Rathsherr fro- ”stig. — Aber lieber Gott! ich muß ja Hungers ”sterben, wenn ich nicht arbeiten soll. — Wer sagt ”denn, sprach der Rathsherr mit weiser Miene, daß ”Jhr nicht arbeiten sollt, Jhr sollt nur nicht solches ”Zeug machen, das wir hier bey uns nicht leiden ”wollen; es sind ja sonst Handwerke genug. — Aber, ”lieber Herr! sagte ich, die werden auch zuͤnftig seyn, ”und werden mich nicht aufnehmen, und denn habe ”ich einmal nichts anders gelernt, als Kottonade ”weben. — Jch merke wohl, Jhr seyd widerspenstig; ”seht zu, ob man Euch sonst wo dulden will, bey uns ”werden wir Euretwegen die Gesetze nicht aͤndern: — ”dieß war mein Abschied.‟ „Jch „Jch mußte also mit meiner Familie fort. Ge- ”stern Abend kamen wir bey der benachbarten Stadt ”an, wo man uns nicht einlassen wollte, weil wir ”keinen Paß hatten. Jch besaß keinen Heller mehr, ”wir alle hatten den ganzen Tag nichts gegessen. ”Wir mußten in diesem Walde unter einem Baume ”bleiben, die Kinder schrien bis nach Mitternacht um ”Brodt. Jch war außer mir, daß ich ihnen nichts ”geben konnte. Nach ein Paar Stunden unruhiges ”Schlummers, erwachte ich vor Sonnenaufgang; ”ich betrachtete meine ungluͤckliche Frau und Kinder, ”und dachte voll Entsetzen, daß sie alle in diesem ”Walde verschmachten muͤßten. Jch erblickte von ”fern einen einzelnen wohlgekleideten Menschen. Die ”Verzweiflung gab mir einen boͤsen Rath. — Jch ”stutzte einen Augenblick beym ersten Schritte, den ”ich that; aber der Anblick meiner schmachtenden Kin- ”der brachte mich aufs neue in Wut. — Und ”wenn er sich wehrt, und deiner maͤchtig wird? dacht’ ”ich. — Ey nun! so mag man mich gefangen neh- ”men, aber denn wird man doch meine Frau und ”Kinder im Spitale versorgen muͤssen. Jch stuͤrzte ”wie ein Unsinniger auf Sie zu, aber Sie wehrten ”Sich nicht. Sie gaben mir ruhig, und mehr, als ”ich fuͤr die itzige Noth brauchte. Wars nicht ab- E 4 ”scheulich, ”schenlich, den Mann zu berauben, der mir gutwil- ”lig wuͤrde gegeben haben. — — Jch bin in Jhren ”Haͤnden, machen Sie mit mir was Sie wollen, ”aber retten Sie nur meine ungluͤckliche Frau und ”Kinder.‟ ‚Jch war aͤußerst geruͤhrt. Jch ließ diesen un- ”gluͤcklichen Leuten, was im Beutel war, und eilte ”fort, um mich ihrem Danke zu entziehen.‛ ‚Mein Gott! dachte ich, dieser arme Mann lei- ”det auch, weil die Vorfahren ein Symbolum fuͤr ”die Weber erdacht, und alle Zeuge, die man weben ”soll, auf Tuch, Rasch und Leinwand eingeschraͤnkt ”haben! Und dieser uͤbelverstandnen Formalie wegen ”sollen seine vier armen Kinder Hungers sterben? Er ”ist in Verzweiflung gerathen. Natuͤrlich! das ”zahmste Thier wird wuͤtend, wenn es seine Jungen ”darben siehet! — Und ich, der ich auch Vater bin, ”soll ich mich in Gefahr setzen, die Meinigen darben ”zu sehen, oder soll ich — Ja, ich will unterschrei- ”ben, was man will. Die Erhaltung meiner selbst ”und der Meinigen ist die erste Pflicht, der alle an- ”dern, die damit in Kollision kommen, weichen muͤs- ”sen. Kann ich den Lauf der Welt aͤndern? Die Koͤ- ”nige und die Priester haben den Erdkreis unter sich ”getheilt, so das nichts mehr uͤbrig ist. Auf dem Flecke, ”Flecke, auf dem ich athme, regiert jemand, wohin ”ich mich wenden koͤnnte, wird ein anderer regieren. ”So wenig ich fuͤr mich unabhaͤngig bestehen, ohne ”Regenten seyn, oder mir Regenten und Regie- ”rungsform nach meinem Gefallen einrichten kann, ”eben so wenig kann ich fuͤr mich allein, mit meiner ”besondern Religion, leben. Jede Religionspartey, ”die Gewalt gehabt hat, hat einen Zaun um sich ge- ”zogen, habe ich nicht ihr Schiboleth, so heißts noch ”Menschenliebe, wenn sie mich bloß ausstoͤßt. Jch ”kann ihretwegen in die ganze weite Welt laufen, aber ”wohin ich trete, bin ich im Zaune einer andern, die ”die mich wieder ausstoͤßt. Wohl denn! ich will blei- ”den, wo ich bin, und dulden, was ich nicht aͤndern ”kann.‛ ‚Mit diesen Gedanken kehrte ich zuruͤck, unter- ”schrieb, ohne die Augen aufzuthun, und trat mein ”Amt an. Meine Pfarrkinder, die mich predigen ”und Beichte sitzen und Kranken troͤsten sahen, so- ”wie meine Vorfahren, wurden bald mit mir ver- ”soͤhnt, und wunderten sich selbst, wie sie mich fuͤr ”einen so garstigen Ketzer haͤtten halten koͤnnen. Aber ”nicht so meine Gegner, welche, ob sie gleich vor der ”Hand still schwiegen, nur auf eine Gelegenheit lauer- ”ten, mir den empfindlichsten Stoß zu versetzen. Jch E 5 ”gab ”gab sie ihnen selbst an die Hand, durch einige Ab- ”handlungen ohne meinen Namen, die ich in ein ”Wochenblatt einruͤcken ließ. Mein Superintendent ”entdeckte bald, daß weder die Rechtfertigung, noch ”die Wiedergeburt, noch die Erbsuͤnde, noch der thaͤ- ”tige Gehorsam, noch die Homoousie, an der Stelle ”standen, wohin er sie gesetzt wissen wollte, Jch ”wurde vor eine meinetwegen niedergesetzte Kom- ”mission citirt. Man begegnete mir im voraus ”als einem teuflischen Ketzer, man verlangte Erklaͤ- ”rung, mit Ja, oder Nein, ob ich den symbolischen ”Buͤchern, quia , beyfiele, oder nicht? Jch verthei- ”digte mich, und brachte die Kommissarien noch mehr ”in Harnisch; denn sie hatten einen bloßen Widerruf ”und Abbitte von mir erwartet. Kurz, meine Ab- ”setzung war unwiderruflich beschlossen, und ich haͤtte ”vielleicht mein Leben, als ein Uebelthaͤter, in einem ”Kerker endigen, oder mein Brodt erbetteln muͤssen, ”wenn nicht mein edelmuͤthiger Freund, der junge ”Officier, sich abermals meiner angenommen, und ”mir eine Hofmeisterstelle bey einem jungen Reichs- ”grafen verschafft haͤtte. Jch bin mit meinem Gra- ”fen durch ganz Europa gereiset. Jch habe gesehen, ”daß allenthalben Aberglauben und Priestergewalt ”sich der Erleuchtung des menschlichen Geschlechts ”mit ”mit unuͤberwindlicher Macht entgegensetzen, daß ”allenthalben Dummkoͤpfe, die eingefuͤhrten Lehren ”und Gebraͤuchen ergeben sind, laut sprechen und ”herrschen, und daß weise Leute, welche Mißbraͤuche ”einsehen, und ihnen abhelfen koͤnnten, nicht laut spre- ”chen wollen, oder duͤrfen. Nachdem mein Graf voll- ”jaͤhrig geworden, bin ich nun ganz unabhaͤngig, und ”danke Gott, daß ich in einer Lage bin, in der ich meine ”Gedanken nicht ferner verhehlen, noch meine Aus- ”druͤcke auf Schrauben setzen darf.‛ ‚Ja wohl, sagte Sebaldus, daß ist die große ”Gluͤckseligkeit, die man in Berlin genießet. Hier ”ist das wahre Land der Freyheit, wo jedermann seine ”Gedanken sagen darf, wo man niemand verketzert, ”wo christliche Liebe und Erleuchtung in gleichem ”Maße herrschen.‛ ‚Ey! Sie haben ja von Berlin eine sehr gute Mei- ”nung, sagte Hr. F. laͤchelnd. Freylich, wer, so ”wie Sie und ich, kein Amt sucht, und nicht von der ”Meinung des Publikums abhaͤngen darf, kann in ”Berlin denken und sagen, was er will; mit demje- ”nigen aber, dem es nicht so ganz gleichguͤltig ist, was ”man von seinen Religionsmeinungen denkt, ist es ”eine ganz andere Sache. Die Regierung beguͤnstigt ”die Freiheit zu denken, besonders in Religionssachen; ”wir ”wir haben auch einige sehr wuͤrdige Geistlichen, die ”die Untersuchungen wichtiger Wahrheiten nicht fuͤr ”Ketzerey halten, aber das Publikum ist nicht voͤllig ”so tolerant. Die Einwohner von Berlin sind so we- ”nig, als die Einwohner irgend einer andern Stadt, ”geneigt, Neuerungen in der Lehre machen zu lassen.‛ ‚Das sollte ich kaum denken, wenigstens stehen sie ”auswaͤrts in einem ganz andern Rufe. Man glaubt ”vielmehr, Berlin sey voll von Atheisten, Deisten, ”Naturalisten, und wer weiß von was fuͤr isten mehr. ”Man glaubt, jeder duͤrfe sich daselbst in Religions- ”sachen, was er wolle, erlauben. Jch selbst, ob ich ”gleich nicht lange in Berlin bin, habe zuweilen zu- ”faͤlliger Weise Reden gehoͤrt, die man anderer Orten ”vielleicht nicht so frey haͤtte fuͤhren duͤrfen, ohne ”oͤffentliche Ahndung zu befuͤrchten.‛ ‚Nein! oͤffentliche Ahndung hier freylich nicht. Un- ”sere Regierung hat schon seit langen Jahren kluͤglich ”eingesehen, daß man die Meinungen der Menschen ”von Religionssachen deshalb nicht bessert, wenn man ”sie einschraͤnkt und ahndet, sondern, vielmehr da- ”durch jede Thorheit eines Eiferers oder Schwaͤrmers ”zu einer wichtigen Sache macht. Sie verfolgt nie- ”mand wegen Meinungen. Daher machen gute und ”schlechte Meinungen in Berlin uͤberhaupt nicht so ”viel ”viel Aufsehen, als an andern Orten. Hierdurch ”geschiehet es, daß sich in Berlin, in dieser Absicht, ”die Menschen mehr so zeigen, wie sie sind. Sie ”koͤnnen in Berlin vielleicht unter spekulativen Ge- ”lehrten einige gefunden haben, die die Offenbarung ”fuͤr unnoͤthig halten, und unter lockern Weltleuten ”auch wohl einige, die alle Religion verachten. Aber ”Leute von solchen Grundsaͤtzen werden sie unter Ge- ”lehrten und unter Weltleuten allenthalben, ob- ”gleich nur etwas verborgner, finden koͤnnen, und in ”Berlin machen sie gewiß eine sehr geringe Anzahl ”aus. Wenigstens, wer solche Meinungen an sich ”merken laͤßt, wird weder hochgeschaͤtzt noch geliebt ”werden. Der Berlinische Poͤbel ist noch eben so ”beschaffen, als der, welcher im Jahre 1748, nach- ”dem er eine erbauliche Predigt wider die Freygeister ”gehoͤrt hatte, dem bekannten Edelmann die Fenster ”einwarf. Und den Poͤbel ungerechnet, sind auch un- ”sere guten Berlinischen Buͤrger uͤberhaupt zu nichts ”weniger, als zu so freyen Meinungen, geneigt. Jch ”wollte wohl Buͤrge fuͤr sie seyn, daß sie auch nicht ”einmal die geringste Heterodoxie verschlucken wuͤr- ”den, sie muͤßten sie denn etwa, mit gutem Herzen, ”fuͤr Orthodoxie halten.‛ ‚Das ‚Das daͤchte ich doch nicht. Sie muͤssen neuen ”Meinungen nicht ganz abgeneigt seyn, wenigstens ”haben die Versuche, durch Gebrauch der Vernunft ”die Vorurtheile in der Religion wegzuraͤumen, bis- ”her noch in Berlin den groͤßten Beyfall erhalten.‛ ‚Ja! vergleichungsweise: Weil sie an vielen an- ”dern Orten ganz und gar nicht geduldet werden. ”Aber vermengen Sie nur ja nicht wenige Schriftstel- ”ler und ihre wenigen Freunde mit den Einwohnern ”Berlins, die aus vielen tausenden bestehen. Lernen ”Sie diese besser kennen! Wenn diese je von der Dog- ”matik abgehen, oder irgend worinn uͤber die Schnur ”hauen sollten, so moͤchte es gewiß weniger von der Seite ”der Vernunft, als von der Seite der erhitzten Einbil- ”dungskraft Berlin ist vielleicht die einzige Stadt in der Welt, wo man auf den Einfall gerathen ist, in Versen zu predigen. Verschiedene Prediger versuchten dieß, zu verschiedenen Zeiten, mit Beyfall der Zuhörer, bis endlich, durch einen ausdrücklichen Befehl des Oberkonsistoriums, das Predigen in Versen verboten ward. geschehen. Keine große Stadt in Deutsch- ”land hat, seit dem Anfange dieses Jahrhunderts, da wir ” Jnspirirte hatten, welche weißagten und Wunder ”thaten, so viel Schwaͤrmer gehabt, als Berlin, und ”itzt, wenn ich, den allgemeinen Charakter der Buͤrger ”von Berlin, mit Einem Worte bezeichnen sollte, so wuͤrde ”ich eher sagen, sie waͤren pietistisch als heterodox. ‛ ‚ Pieti- ‚ Pietistisch? rief Sebaldus aus; die Buͤrger ”von Berlin pietistisch! ‛ ‚Ja! Ja! versetzte Herr F. pietistisch, oder ” orthodox von der pietistischen Seite; denn ”Sie wissen, es sind noch nicht funfzig Jahre, ”daß große Streitigkeiten zwischen der orthodoxen ”Orthodoxie und zwischen der pietistischen Or- ”thodoxie gefuͤhret wurden,| und zu der letztern ”hat sich ein großer Theil der Einwohner von ”Berlin schon damals und in der Folge geneigt: ”woher waͤre sonst der große Beyfall entstan- ”den, den nebst Leuten, wie Spener und Schade, ”auch Fuhrmann, Schulz, Woltersdorf und ”andere nach einander gehabt haben.‛ ‚Sie reden von vergangenen Zeiten, seitdem aber ”hat sich wohl in Berlin vieles gar sehr abgeaͤndert. — ‚Jn den Schriften, die herauskommen, ist die Ver- ”aͤnderung geschwinder und allgemeiner, als in den ”Gemuͤthern der Einwohner gewesen. Diese sind, in ”Absicht auf Religionsgesinnungen, noch beynahe eben ”das, was sie vor vierzig Jahren waren. Jch habe so- ”gar bemerkt, daß sich ihre dogmatischen Gesinnungen ”nach den Gegenden der Stadt, wo sie wohnen, modifi- ”ciren. Jn der alten guten Stadt Berlin findet man ”noch alte Gewohnheiten, und auch alte Dogmatik. Die ”Pfarr- ”Pfarrkinder der uralten Pfarrkirche zu St. Nikoͤlal, ”am Molkenmarkt, und in der Stralauer Straße ”bis zur Paddengasse hinauf, halten am meisten auf ”reine Orthodoxie. Jch versichre Sie, daß Sie daselbst ”noch ehrenfeste Buͤrger uͤber Erbsuͤnde und Wiederge- ”burt koͤnnen disputiren hoͤren; desgleichen haben die ”Gaͤrtner und Viehmaͤster in den Berlinischen Vor- ”staͤdten noch alle loͤbliche Anlage auf einen Ketzer ”mit Faͤusten loszuschlagen. Jn Koͤlln, in der Ge- ”gend des Schlosses, koͤnnten noch am ersten die ”Freygeister anzutreffen seyn. Jn dieser Gegend war ”es auch, wo der Probst Reinbeck, im Hauden- ”schen Buchladen auf der Schloßfreyheit, seine Be- ”trachtungen uͤber die Augspurgische Konfes- ”sion schrieb, welche zuerst in den Damm, den Eifer ”und verjaͤhrtes Vorurtheil, gegen die menschliche ”Vernunft, fuͤr die Orthodoxie, aufgeworfen hatten, ”ein kleines Loch machten, das hernach so sehr erwei- ”tert worden ist. Die Nachbarschaft des Hofes traͤgt ”auch wohl etwas bey, daß die Leute hier freyer den- ”ken. Man komme hingegen nur in die buͤrgerlichern ”Gegenden der Fischerstraße und Lappstraße, ”und man wird die Neigung fuͤr die Orthodoxie viel ”staͤrker finden, ja ich vermuthe, daß sie bey den Ger- ”bern, Pergamentmachern und Seifensiedern in Neu- ” Neukoͤlln bis zum Eifer steige. Jn den dumpfi- ”gen Gassen des Werders wohnen die Separa- ”tisten, welche Gott einsam dienen; in den hoͤ- ”her gelegenen die stillen Gichtelianer, Diese harmlose Religionspartey unterscheidet sich sehn rühmlich durch sehr ansehnliche Almosen, (zuweilen von einigen tausend Thalern,) die sie giebt, und zwar mehren- kheils so unbekannter weise, daß man die Geber nur muthmaßen kann. die ruhige ”Beschaulichkeit lieben, und unerkannt wohlthun. Um ”die Gegend der Hospitalkirche zu St. Gertraut ”fangen die Herrnhuter an sich zu zeigen, und so ”wie die breiten und hellen Straßen der Friedrichs- ”stadt anfangen, so fangen auch die Religions- ”gesinnungen der Einwohner an, luftiger und gei- ”stiger zu werden. Pietisten, die in Gefuͤhlen und ”innigen Empfindungen ihre Religion suchen, und ”Schwaͤrmer von allen Gattungen, finden sich hier, ”und der innere Trieb der Raschmacher und Woll- ”kaͤmmer bricht hier oft in Erbauungsstunden und ”Weißagungen aus. Die Dorotheenstadt wird ”zum Theil von ketzerischen Reformirten und Fran- ”zosen bewohnt. Aber in allen Gegenden der Stadt ”ist eine andere Gattung Leute verbreitet, die ich oft ”in Gesellschaften angetroffen habe, denen man es F ”anmerkt, ”anmerkt, daß sie niemals weder Orthodoxie noch ”Heterodoxie untersucht haben, bey denen es hinge- ”gen festgesetzt bleibt, daß alles darinn bleiben foll, ”wie es war. Es giebt unter ihnen so gar deliirte ”Weltleute, die scherzen, Karten spielen, mit Frauen- ”zimmern taͤndeln, und doch die Nase ruͤmpfen koͤn- ”nen, wenn sich die geringste Ketzerey spuͤren laͤßt. ‚Dieß sollte mir herzlich leid thun, sagte Sebal- ”dus; denn wenn solcher Leute in Berlin viele sind, ”so koͤmmt mir Jhre Nachricht nur allzu glaubwuͤr- ”dig vor, daß hier die Erleuchtung und die Frey- ”heit zu denken noch nicht so groß ist, als ich mir ”vorgestellt habe. Jch habe immer gefunden, daß ”diejenigen, die aus Traͤgheit und Nachlaͤßigkeit die ”Wahrheit nicht suchen wollen, die Selbstdenker am ”meisten hassen, weil sie sich sonst ihrer Traͤgheit und ”Nachlaͤßigkeit schaͤmen muͤßten. Mir ist aber immer, ”selbst derjenige, viel ehrwuͤrdiger gewesen, der, durch ”Liebe zur Untersuchung der Wahrheit, auf Jrrthuͤ- ”mer verfaͤllt, als derjenige, der sie gar nicht unter- ”suchen mag.‛ ‚Jn diesen Gesinnungen werden viele Einwohner ”Berlins nicht mit Jhnen uͤbereinstimmen, und viel- ”leicht nicht einmal alle Berlinischen Geistlichen.‛ Sieben- Siebenter Abschnitt. U nter solchen Gespraͤchen hatten sie sich unvermerkt von ihrem Spaziergange linker Hand abgeschla- gen, und waren in die Lindenallee gerathen, wo sie sich ziemlich ermuͤdet auf eine Bank niedersetzten, an deren anderm Ende ein Prediger mit einem Kandi- daten in tiefem Gespraͤche saß. ‚Es muͤssen doch noch einige andere Ursachen seyn, ”sagte der Kandidat, warum die Freydenkerey so sehr ”in Berlin uͤberhand genommen hat. Ueppigkeit und ”Wollust gehen in andern großen Staͤdten auch im ”Schwange, aber man siehet da nicht so viele oͤffent- ”liche Freydenker.‛ ‚Freylich, versetzte der Prediger, unsere schoͤnen hete- ”rodoxen Herren, die die Religion so menschlich machen ”wollen, und die dabey die Wuͤrde unseres Standes ganz ”aus der Acht lassen, sind am meisten Schuld daran. ”Sie wollen den Freydenkern nachgeben, sie wollen sie ”gewinnen. Als ob es sich fuͤr uns schickte, mit Leuten ”solches Gelichters Wortwechsel zu fuͤhren. Man muß ”ihnen kurz und nachdruͤcklich den Text lesen, man muß ”ihnen das Maul stopfen, man muß sich bey ihnen ”in der Ehrfurcht zu erhalten wissen, die sie uns schul- ”dig sind.‛ F 2 ‚Das ‚Das ist wahr. Nur ists zu beklagen, daß diese ”Leute fuͤr alle ehrwuͤrdigen Sachen, und besonders ”fuͤr den Predigerstand nicht die gehoͤrige Ehrfurcht ”haben.‛ ‚Daran sind wieder die neumodischen Theologen ”schuld, die sich selbst die Mittel benehmen, womit ”man die Layen im Zaum halten muß. Sie schwat- ”zen immer viel vom Nutzen des Predigtamts, und ”vergessen das Wesen des Predigtamts hieruͤber. ”Sie geben sich selbst als die nuͤtzlichen Leute an,‛ (Hier verbreitete sich ein mildes ironisches Laͤcheln, dicht unter seinem breiten Schiffhute) ‚die der Staat ”verordnet hat, Weisheit und Tugend zu lehren. ”Eine rechte Wuͤrde! Weisheit und Tugend duͤnkt ”sich jetzt jeder Wochenblaͤttler oder Romanschreiber ”zu lehren! Damit werden wir eine feine Ehrfurcht ”von Layen fordern koͤnnen! Aber wenn wir, so wie ”es recht ist, darauf bestehen, daß unser Beruf ein ”goͤttlicher Beruf ist, daß die Ordination, die wir ”empfangen haben, nicht eine leere Ceremonie ist, ”sondern daß sie uns zu Nachfolgern der Apostel, zu ”Boten Gottes, zu Handhabern seiner Geheimnisse ”macht, daß sie uns das Amt der Schluͤssel uͤber- ”traͤgt, so wird unser Orden bald wieder zu seiner vo- ”rigen Wuͤrde gelangen, und dann wird auch, natuͤr- ”licher ”licher Weise, die Religion mehr geschaͤtzt werden. ”Aber unsre feinen Lehrer der Rechtschaffenheit ha- ”ben so eine große Begierde nuͤtzlich zu seyn, daß sie ”sich und ihren Orden und die Religion daruͤber ver- ”gessen.‛ ‚Es ist wahr, sagte der Kandidat, indem er den ”Kopf schuͤttelte, es scheint mir auch fast, daß die ”Protestanten, in der Absicht eine paͤbstische Hierar- ”chie zu vermeiden, den geistlichen Stand andern ”Staͤnden allzusehr gleich machen.‛ ‚O! ein wenig Pabstthum waͤre uns sehr noͤthig, ”oder wir werden nie wieder Glaubenseinigkeit und ”Glaubensreinigkeit erlangen. Jch kann es dem Luther ”und Melanchthon nicht vergeben, daß sie die ”Hierarchie ganz aufgehoben, und auf die Vorzuͤge ”des geistlichen Standes so wenig geachtet haben. ”Daraus ist denn endlich der ganze Verfall des Chri- ”stenthums entstanden. Denn wer giebt darauf Ach- ”tung, was ein elender Prediger sagt? Hingegen, ”wenn ein Erzbischof spricht, so muͤssen die Frey- ”geister wohl schweigen. Man sieht es auch noch, daß ”an den protestantischen Orten, wo den Geistlichen ”ein Schatten von Autoritaͤt uͤbrig ist, daß da auch ”die Religion geachtet wird. Jch wollte es unsern ”Freydenkern rathen, daß sie einem Senior in Ham- F 3 ”burg, ”burg, oder einem Praͤpositus in Mecklenburg, oder ”einem Superintendenten in Sachsen, oder einer ”theologischen Fakultaͤt in Greifswalde und in Goͤt- ”tingen in die Haͤnde fielen, da wuͤrde ihnen ein kur- ”zer Proceß gemacht werden. Aber mit uns armen ”Berlinischen Predigern koͤnnen sie bald fertig werden; ”wir haben keine Wuͤrde mehr, wir verdienen keine ”Ehrfurcht mehr, wir haben sie uns selbst vergeben, ”da wir vernuͤnfteln und beweisen wollen, anstatt ”daß wir solchen Leuten imponiren, daß wir ihnen ”den Daumen aufs Auge druͤcken sollten.‛ ‚Ach! rief der Kandidat mit einem Seufzer aus, ”seitdem ich mich dem geistlichen Stande gewiedmet ”habe, habe ich es schon oft beklagt, daß dieses nicht ”mehr so recht angehen will. Nun muß man schon ”aus der Noth eine Tugend machen, muß die Zwei- ”fel der Gegner kennen lernen, muß sich auf Wider- ”legungen und Beweise gefaßt machen. —‛ ‚Damit, fiel ihm der Prediger ins Wort, werden ”Sie nicht weit kommen. Die Layen muͤssen glauben, ”was ihnen an Gottes statt gesagt wird, und ihre ”Zweifel unterdruͤcken, darauf muß man dringen! ”Die Dogmatik ist eine Art von statutarischem Rech- ”te, das man annehmen muß, wenn man es auch ”nicht allemal bis aufs Recht der Natur zuruͤckfuͤh- ”ren ”ren kann. Und zuletzt wird bey dem Vernuͤnfteln ”doch nichts herauskommen; denn, ich wiederhole es ”nochmals, dem Layen muß und soll man nicht er- ”klaͤren und beweisen, sondern er muß glauben. ”Es koͤmmt hier gar nicht auf die Vernunft, sondern ”auf die Bibel, auf eine uͤbernatuͤrliche Offenba- ”rung an. Hier muß man nur nicht schmeicheln, ”sondern die menschliche Vernunft in ihrer Ohnmacht ”zeigen, ihr aber keinesweges, wie unsre trefflichen Leh- ”rer der Tugend thun, ein Recht in Glaubenssachen ”zugestehen.‛ Herr F. hoͤrte dieses Gespraͤch stillschweigend an, das Gesicht auf seinen Stock gestuͤtzt. Sebaldus aber war dabey sehr unruhig, und ruͤckte sich auf der Bank hin und her, so daß er unvermerkt dem Pre- diger naͤher kam. Dieser fuhr fort: ‚Und unsern neumodischen Theo- ”logen, die die Welt haben erleuchten wollen, die so ”viel untersucht, vernuͤnftelt, philosophirt haben, wie ”wenig haben sie ausgerichtet! wie muͤssen sie sich ”kruͤmmen und winden! Sie philosophiren Saͤtze ”aus der Dogmatik weg, und lassen doch die Folgen ”dieser Saͤtze stehen; sie brauchen Woͤrter in man- ”cherley Verstande, sie verwickeln sich in ihre eignen ”Schlingen, sie sind aufs aͤußerste inkonsequent. —‛ F 4 Sebal- Sebaldus fiel ihm schnell in die Rede: ‚Und wenn ”sie denn nun inkonsequent waͤren? Wer einzelne Vor- ”urtheile bestreitet, aber viele andere damit verbun- ”dene nicht bestreiten kann oder darf, kann, seiner ”Ehrlichkeit und seiner Einsicht unbeschadet, inkonse- ”quent seyn oder scheinen. Die Verbesserer der Reli- ”gion moͤgen immerhin ein zerrißnes Buch seyn, daß ”weder Titel noch Register hat, und in welchem hin ”und wieder Blaͤtter fehlen; aber auf den vorhande- ”nen Blaͤttern stehen noͤthige, nuͤtzliche, vortrefflliche ”Sachen, und ich will diese Blaͤtter, ohne Zusammen- ”hang, lieber haben, als Meenens Beweis der ”Ewigkeit der Hoͤllenstrafen, und wenn dieß ”Buch noch so komplet waͤre.‛ Der Prediger schaute, mit stierem Blicke, und ver- laͤngertem Angesichte, dem Sebaldus gerade ins Ge- sicht, zog seinen Hut langsam ab, und sagte, indem er sich gegen ihn neigte, mit einem Tone voll Nach- druck und Wuͤrde: ‚Sie sind also, wie ich merke, ein Goͤnner der ”neuern heterodoxen Theologen. Sie werden ver- ”muthlich alles, was dahin gehoͤrt, wohl uͤberlegt ha- ”ben; denn Herren Jhrer Art handeln niemals un- ”uͤberlegt. Sagen Sie mir also doch, was fuͤr ein ”Chri- ”Christenthum wir bekommen moͤchten, wenn diese ”Herren so fortfahren, wie sie angefangen haben.‛ ‚Ey nun! versetzte Sebaldus, es koͤnnte wohl ein ”sehr christliches Christenthnm werden.‛ — ‚Christlich? ja ein heidnisches Christenthum ”wird es werden. Hoͤren Sie wohl? heidnisch ist der ”wahre Namen!‛ ‚Mag es doch heißen, wie es will; das menschliche ”Geschlecht wird durch eine Benennung weder gluͤck- ”lich noch ungluͤcklich.‛ ‚So? wenn Sie denn also meinen, so moͤgen die ”Herren immer auf den Naturalismus fort arbeiten. ”Jndifferentisten sind sie ohnedem schon. Auf die Art ”koͤnnten sie ziemlich fortschreiten. Zum Gluͤcke aber, ”setzte er mit einer weisen Miene hinzu, sind sie seichte ”Koͤpfe, die sich in kurzem vor sich selbst scheuen, und ”so wie in ihrer Philosophie, auch in ihrer Theologie, ”auf dem halben Wege stehen bleiben.‛ ‚Wenn es der Weg zur Wahrheit ist, so ists, mei- ”nes Erachtens, kein geringes Verdienst, bis auf den ”halben Weg zu kommen. Der Weg der Wahrheit ”ist so steil und ungebahnt, daß der eine fruͤh, und der ”andere spaͤt, ermuͤdet. Ein jeder gehe, so weit es ihm ”seine Kraͤfte erlauben. Auch derjenige, der nur ”einen einzigen Schritt fortgeht, auch derjenige, der F 5 ”nur ”nur eine ganz kleine Strecke durch seinen Fleiß bah- ”net, ist mir ehrwuͤrdig. Aber nicht derjenige, der ”aus Stolz den Weg gar nicht antreten will, der aus ”Traͤgheit, um nicht einen Schritt weiter zu gehen, ”die Falschheit die vor den Fuͤßen liegt, fuͤr Wahr- ”heit ausgiebt.‛ ‚Also, rief der Prediger mit einem spoͤttischen Laͤ- ”cheln aus, wollen Sie erst neue Wege zur Wahrheit ”bahnen? Sie kommen zu spaͤt, mein lieder Herr! der ” Weg ist schon ganz gebahnt; er heißt die Bibel. ”Und dabey haben uns unsere Vorfahren einen ganz ”untruͤglichen Wegweiser gesetzt, der heißt die sym- ”bolischen Buͤcher. Die haben Sie freylich, vermuth- ”licher Weise, nicht gelesen, denn die Herren Selbst- ”denker pflegen nicht sehr belesen zu seyn. Wenn Sie ”mich zuweilen besuchen wollen, so koͤnnen Sie sich ”naͤher belehren. Jch will Jhnen unsere aͤltern Theo- ”logen zu lesen geben, denn die werden ihnen wohl ”gaͤnzlich unbekannt seyn. Sie werden darinn, zu ”Jhrer Verwunderung, alle Streitfragen laͤngst er- ”oͤrtert, alle Zweifel laͤngst bestimmt, und alle die ”neuen Meinungen, auf die sich die neuen Hetero- ”doxen so viel zu Gute thun, laͤngst widerlegt finden. ”Leben Sie wohl, mein lieber Herr! — Jch wohne in ”der … Straße.‛ Hiemit Hiemit stand er auf, das suͤße Laͤcheln der Selbst- zufriedenheit auf seinen Lippen. Die andern stan- den gleichfalls auf, und jeder gieng seinen Weg. Achter Abschnitt . N ach einer kurzen Pause, sagte Sebaldus: ‚Haͤtte ”ich doch nimmermehr gedacht, daß man auf ”diese Art in Berlin von den symbolischen Buͤchern ”reden wuͤrde. Ein unbetruͤglicher Wegweiser! ”Jch daͤchte, kein vernuͤnftiger Mensch wuͤrde blind- ”lings einem Wegweiser folgen, der vor mehr als ”zweyhundert Jahren gesetzt worden, er wuͤrde be- ”denken, durch wie viele Vorsaͤlle der Wegweiser seit ”zweyhundert Jahren koͤnne verruͤckt, oder der Weg ”seyn geaͤndert worden. Wenn man diese Truͤglich- ”keit uͤberlegt, so muß man sich sehr wundern, daß ”die Menschen so großes Verlangen bezeigen, sich ”nach Lehrformeln, Synodalschluͤssen und symbo- ”lischen Buͤchern zu richten. ‚Die Menschen ein Verlangen? rief Herr F. ”aus. — Dieß glaube ich eben so wenig, als daß die ”Menschen ein Verlangen haben, sich bey der Nase ”herumfuͤhren zu lassen. Aber diejenigen, welche die ”Menschen beherrschen wollen, brauchen Nasen, dar- ”an ”an sie dieselben herumfuͤhren koͤnnen, und dazu ”sind die waͤchsernen Nasen am besten. Glauben ”Sie denn, daß der Mann, der eben itzt so viel von ”symbolischen Buͤchern redete, ihnen eben so strenge ”anhaͤngt, als er verlangt, daß ihnen andere an- ”hangen sollen?‛ ‚Dieß muß ich dahin gestellt seyn lassen, weil ich ”den Mann nicht genau genug kenne.‛ ‚Jch lasse es auch dahin gestellt seyn. Jch kenne ”aber nicht wenig Geistliche von hohem Sinne, die ”vielleicht sehr leicht Heterodoxen geworden waͤren, ”wenn dadurch Ruhm oder ansehnliche Aemter zu er- ”langen gewesen waͤren. Wenn sie aber sehen, daß ”andere schon mit besserm Erfolge durch Heterodoxien ”Ruhm erworben haben, wenn sie fuͤhlen, daß sie ”schwerlich Geschicklichkeit und Muth genug haben ”moͤchten, noch wichtigere Neuerungen zu wagen, so ”ekelt ihnen davor, Heterodoxen vom zweyten oder ”dritten Range zu seyn, und sie ergreifen die viel be- ”quemere und sichrere Partey, sie stellen sich an die ”Spitze der Orthodoxen ihrer Stadt oder ihrer Pro- ”vinz, und wenden eben die Lebhaftigkeit des Geistes, ”mit der sie Ketzereyen haͤtten anstiften koͤnnen, an, ”um sich Ketzereyen zu widersetzen. Sich auf die aͤl- ”tern Theologen und auf die symbolischen Buͤcher, bloß ”als ”als auf unwidersprechliche Grundgesetze, zu berufen, ”ist schon eine so alte politische Maxime solcher Leute, ”daß sie bereits abgenutzt ist, und daß die Kluͤgern ”unter ihnen schon auf ganz andere Mittel denken, ”um den Ruhm, den sie durch neue Heterodoxien nicht ”zu erhalten wußten, durch eine neue Orthodoxie von ”ihrer eignen Schoͤpfung zu erlangen. Denn wenn ”diese Herren auch vorgeben, daß sie noch so alt-or- ”thodox waͤren, so ist doch gemeiniglich die Art, wie ”sie orthodox seyn wollen, sehr neu.‛ ‚Dieß kann wohl nicht anders seyn, erwiederte ” Sebaldus, denn je mehr ich den Gang, den der ”menschliche Verstand in seiner Entwicklung von je ”her genommen hat, bedenke, desto unmoͤglicher ”scheint es mir, daß alles so bleiben sollte, wie es ”vor zweyhundert Jahren gewesen ist, und desto un- ”gereimter scheint es mir, daß man, durch Vorschrif- ”ten von irgend einer Art, die Veraͤnderungen der ”Meinungen und ihren Fortgang hindern will. Die ”symbolischen Buͤcher sind fuͤr die Zeit und unter ”den Umstaͤnden, unter denen sie gemacht worden ”sind, sehr gut. Aber wenn wir denselben bestaͤndig ”anhangen wollten, so befuͤrchte ich, da sich seitdem ”Regierungsform, Wissenschaften und Sitten gaͤnz- ”lich geaͤndert haben, wir wuͤrden endlich eine Theo- ”logie ”logie bekommen, die sich fuͤr die Zeit, in der wir le- ”ben, auf keine Weise schicken wuͤrde.‛ ‚Sie haben ganz recht. Wenn unsere Theologen ”die symbolischen Buͤcher des sechszehnten Jahrhun- ”derts zur unveraͤnderlichen Form des Glaubens an- ”nehmen, so handeln sie gerade eben so klug, als ”wenn unsere Schneider die steifen Kragen, kurzen ”Maͤntel, und weiten mit Pelz bebraͤmten Roͤcke eben ”dieses Jahrhunderts zur unveraͤnderlichen Form der ”Kleidertracht haͤtten festsetzen wollen. Die Erfah- ”rung lehret uns, daß die Meinungen sich nicht min- ”der veraͤndern, als die Kleidertrachten. Es geht da- ”her auch den symbolischen Buͤchern eben so, wie der ”Kleidung der Geistlichen. Als die symbolischen Buͤ- ”cher gemacht wurden, enthielten sie bloß die allge- ”mein angenommenen Meinungen aller Glieder der ”Lutherischen Kirche, so wie die Kleidung der Geist- ”lichen, dem Schnitte nach, die Kleidung aller ge- ”lehrten Leute, und die schwarze Farbe, die ”Farbe eines Biedermanns war, wenn er feyer- ”lich erschien. Als die Kleidermoden sich aͤnderten, so ”blieben die Geistlichen in derselben immer wohl vier- ”zig oder funfzig Jahre zuruͤck, so wie es ihnen ”noch oft in der Litteratur und Philosophie geht. ”Endlich aͤnderte sich die Welt so sehr, daß der Schnitt ”des ”des Glaubens und der Kleidung, der zu Luthers ”Zeiten allen guten Leuten gemein war, endlich das ” Symbolum eines besondern Standes blieb. Und ”dennoch befuͤrchte ich, es gehe, noch in einer andern ”Absicht, der Konformitaͤt mit den symbolischen Buͤ- ”chern, wie den Aermeln und den Maͤnteln der Geist- ”lichen. Obgleich jene immer Orthodoxie heißt, ”und diese immer schwarz bleiben, so haben sie beide ”doch, sonderlich seit funszig Jahren, so viel kleine, ”aber wesentliche Veraͤnderungen erlitten, daß im ”Grunde, ein guter alter orthodoxer Dorfpastor, der, ”seit Buddeus Zeiten, an keine Veraͤnderungen we- ”der in der Gelehrsamkeit noch in Rockschoͤßen und ”Peruͤcken gedacht hat, von einem jungen orthodoxen ”Diakon itziger Zeit, der vier Jahre lang in adelichen ”Haͤusern Hofmeister gewesen ist, aller Konformitaͤt ”unerachtet, eben so stark in der Kleidertracht, als in ”der Glaubenslehre verschieden ist. ‚ Sebaldus sagte laͤchelnd, es duͤnckt mich doch fast, ”die Dogmatik habe seit meiner Jugend mehrere Ver- ”aͤnderungen erlitten, als die Kleidertracht. Jch daͤch- ”te die Geistlichen giengen noch eben so, wie vor vier- ”zig Jahren, in Roͤcken, und in Kragen und Maͤnteln.‛ ‚Jch daͤchte nicht. Sie haben nur auf jene Ver- ”aͤnderung mehr acht gegeben, als auf diese. Sie ”ist ”ist eben so merklich. Ja sogar, oft ist sie aus Be- ”gierde, sich von andern Glaubensgenossen zu unter- ”scheiden, entstanden, und dann ward sie ein Stuͤck ”der Kirchengeschichte.‛ ‚Sie scherzen. Wie kann die Glaubenslehre auf ”die Kleidertracht einen Einfluß haben! Außerdem ”sieht ja, in der ganzen protestantischen Kirche, eine ”Priesterkleidung der andern aͤhnlich.‛ ‚Keinesweges! Der steife Wolkenkragen in ”Hamburg, Braunschweig, Breßlau, Leipzig, und ”das feine Ueberschlaͤgelchen anderer Laͤnder, die ”enge Summarie in Mecklenburg und Holstein, der ”weite Priesterrock in Sachsen und Anhalt, der ” Mantel in Brandenburg, das sammtne Kalott- ”chen, das der Danziger Prediger auf seine Peruͤcke ”naͤhet, sind alles wesentliche Unterschiede, die, so ”wie alle Dinge in der Welt, ihren zureichenden ”Grund, (determinirenden Grund, dachte Sebal- dus heimlich bey sich) und vielleicht oft zunaͤchst ” in der Lehre haben. Hier habe ich eben eine un- ”gedruckte Handschrift: Historische Versuche uͤber ”Berlin betitelt, in der Tasche, die mir ein Freund ”mitgetheilt hat. Jch will Jhnen daraus etwas we- ”niges von der Geschichte der Huͤte und Maͤntel ”der Berlinischen Geistlichkeit vorlesen. Vielleicht ”merken, ”merken Sie daraus, daß die Eingeweihten aller Orden ” Zeichen haben, die den Augen der Profanen entgehen.‛ Sie setzten sich abermals auf eine Bank, und Herr F. las, wie folget: „ Philipp Jakob Spener, ein gutmuͤthiger red- ”licher Mann, der, in einem Zeitalter voll theologi- ”sches Stolzes, und theologischer Zaͤnkerey, beschei- ”den und friedliebend war, der, vorzuͤglich vor allen ”dogmatischen Spitzfuͤndigkeiten, die er gern vermie- ”den haͤtte, und nach dem Genius seines Zeitalters ”nicht vermeiden konnte, die Rechtschaffenheit und ”die Lauterkeit des Herzens einschaͤrfte, befliß sich ”nicht in seiner Kleidung etwas sonderliches zu ha- ”ben. Sein ehrwuͤrdiges Haupt, Fig. 1. um das seine sil- ”berweißen Haare in natuͤrlichen Locken hinabhien- ”gen, waͤrmte ein kleines Kalottchen, und sein weit- ”gefalteter Mantel (die damals gewoͤhnliche Tracht ”der Gelehrten, die noch bis in das erste Viertheil ”dieses Jahrhunderts alle Schuͤler in Berlin trugen,) ”hieng, als eine brauchbare Bedeckung, ungekuͤnstelt ”uͤber die Schultern und Arme herab. Bald nach ”seiner Zeit, ward ein Theil der Berlinischen Geistlich- ”keit nach dem modischen Putze der Spanischen Pe- ”ruͤcken Fig. 2. luͤstern, die sie so oft auf den Haͤuptern der ”Geheimenraͤthe und der Edelknaben, an dem prunk- G ”vollen ”vollen Hofe unsers guten Koͤnigs Friedrichs I. gese- ”hen hatten. Selbst die Pietistischen Prediger mochten ”diese so oft abgekanzelte, und, nebst den Fontangen der ”Frauenzimmer, vom Einblasen des leidigen Teu- ”fels hergeleitete Kopfzierde, so bald sie die Welt- ”leute mit dem Regierungsantritte Koͤnig Frie- ”drich Wilhelms ablegten, ferner nicht verschmaͤ- ”hen. Vermuthlich ihrer Gravitaͤt wegen; denn sie ”fiengen nunmehr, gleich den Leuten, die ihre ”Denkzettel breit und die Saͤume an ihren Klei- ”dern groß machten, Matth. XXIII. 5. an, in ihrer Kleidung sich ”geflissentlich von andern Menschen zu unterschei- ”den. Fig. 2. Sie machten an ihren Kragen einen breiten ”Saum. Ein breiter nur zweymal aufgestutzter ”Schiffhut beschattete vorn und hinten ihr Haupt, ”und in den Mantel wickelten sie den Unterleib der- ”maßen ein, daß, bey dem wenigen Raume, den die ”Fuͤße uͤbrig behielten, derjenige unter ihnen, der ”von Natur nicht bedaͤchtig war, einen bedaͤchtigen ”Gang anuehmen mußte. Da unsere ganze Lutheri- ”sche Geistlichkeit um diese Zeit aufieng, sich von ”der Hamburgischen Orthodoxie der polternden ” Mayer und Neumeister, ab, und zum sanftern Pie- ”tismus zu neigen, so ward dieser eben beschriebene ”Anzug ”Anzug sehr bald das Merkzeichen eines jeden Luthe- ”rischen Pfarrers. Denn die Reformirten, dem ”Hofe naͤher, wollten sich nicht so sehr von der ge- ”woͤhnlichen Kleidung abwenden. Sie behielten den ”gewoͤhnlichen dreymal aufgestutzten Hut bey, und ”den Mantel, Fig. 3. dessen viele pedantische Falten sie ”unmerklich vermindert hatten, schlugen sie von den ”Schultern zuruͤck, und hoben ihn im Gehen mit der ”linken Hand zierlich auf, so daß sie mit mehrerm ”Anstande fortschreiten konnten. Nach einiger Zeit ”fiengen sie an, den Mantel Fig. 4. , den sie mit der linken ”Hand empor gehalten hatten, zu mehrerer Bequem- ”lichkeit ganz auf den linken Arm zu legen. Unter ”den Lutheranern, welche schon laͤngst den schmalern ”Mantel, und die freyern Fuͤße der Reformirten ”mit heimlichem Neide mochten angesehen haben, ”wagte es zuerst ein Mann, in großen Dingen klein, ”und in kleinen Dingen groß, den Mantel Fig. 5. um ”den Leib zu schlagen, und mit freyen Fuͤßen einher zu ”treten, worinn er bald viele Nachahmer bekam. Es ”waͤre zu weitlaͤuftig zu erzaͤhlen, welche Widerspruͤ- ”che jede von diesen Veraͤnderungen habe leiden ”muͤssen, wie oft man aus der veraͤnderten Art den ”Mantel zu tragen, auf eine Neuerung in der Lehre G 2 ”geschlossen ”geschlossen habe, und wie oft eine Neuerung in der ”Lehre unbemerkt durchgegangen sey, weil der Neuer- ”ling den Mantel noch nach der alten Art trug. ”Genug, die alte symbolische Reinigkeit des Man- ”teltragens bekam noch einen groͤssern Fleck, da ”einige Kryptokalvinisten anfiengen, den Man- ”tel, nach Art der Reformirten, auf den Arm zu le- ”gen, ob sie ihn gleich, weil sie sich denselben nicht ”ganz gleich stellen durften, Fig. 6. auf dem rechten Arme ”trugen. Jn kurzem wurde dieser so kleine Unter- ”schied der Konfessionen auch nicht mehr beobachtet. ”Die Maͤntel wurden rechts oder links getragen, ”ohne einzige Regel, wie es jedem einfiel. Und nun ”konnte man einen Lutherischen Prediger von einen ” reformirten destoweniger auf der Straße unter- ”scheiden, da eben zu der Zeit einige Lutherische Geist- ”lichen sich unterfiengen, den ehrbaren Schiffhut, der ”bisher immer noch das Schiboleth eines Berli- ”nischen Lutherischen Geistlichen gewesen war, ”mit dem dreyeckigten Hute zu vertauschen, den alle Ein- ”wohner Berlins, und unter ihnen auch die refor- ”mirten Geistlichen, trugen. So vielem Wider- ”spruche auch dieses Unternehmen anfangs aus- ”gesetzt ”gesetzt war, Unter andern fanden in einer gewissen Kirche, in welcher wechselsweise Lutherisch und reformirt gepredigt ward, beide Gemeinen Ursach, sich über diese Neuerung zu be- klagen. Es war bisher die Gewohnheit gewesen daß der Prediger, ehe er in die Sakristey trat, außen, neben der Thür derselben, seinen Hut anhieng, woraus die Zuhoͤ- rer gleich abnehmen konnten, an welcher Konfeffion die Reihe sey. Nachdem aber der Hut seine symbolische Kraft verloren hatte, so konnten die irregemachten Kirchkinder nunmehr weiter an keinem Kennzeichen un- terscheiden, ob die Predigt, die sie hörten, Lutherisch oder reformirt sey. so gieng es doch ohne weitere Ahn- ”dung durch. Denn nunmehr war die Zeit gekom- ”men, da die Unordnung und Lauigkeit in der Lehre, ”die sich schon lange in die Herzen eingeschlichen hatte, ”auch an den Kleidern sichtbar werden sollte. Vor ”Zeiten hatten sich die Lutherischen und Refor- ”mirten, so viel wie moͤglich, von einander abgeson- ”dert, auch wohl, eine Folge des Eifers fuͤr eines je- ”den Symbolum, weidlich mit einander geha- ”dert, nicht weniger, eine Folge des Haders, ein- ”ander herzlich gehasset; nunmehr aber, da sich ”ihre Geistlichen auch nicht einmal mehr| der Klei- ”dung nach von einander unterschieden, war fast ”gar die Frage nicht mehr, ob jemand Lutherisch ”oder reformirt sey. Diese Jndifferentisterey hatte ”aber auch andere schaͤdliche Folgen. Denn die geist- ”lich Kleidung verlohr einen großen Theil ihrer G 3 ” sym- ” symbolischen Deutung, und zugleich einen gro- ”ßen Theil ihrer Gravitaͤt. Jn der allgemeinen ”Sorglosigkeit gegen alle bestimmten aͤußerlichen Zei- ”chen, wurden die Maͤntel immer schmaͤler, leichter ”und kuͤrzer, Fig. 7. und hiengen als eine zwecklose Verzie- ”rung den Ruͤcken herunter; die Peruͤcken, die sonst in ”gravitaͤtischer Zierde den Ruͤcken herab wallten, ”oder auf den Schultern in sanften Seiteulocken ru- ”heten, gewannen taͤglich ein weltlicheres Ansehen, ”hoben sich in Taubenfluͤgeln und gesteckten Lo- ”cken in die Hoͤhe, und endlich trugen Prediger kein ”Bedenken, ohne alle Amtskleidung, Fig. 8. in blauen, ”grauen und braunen Roͤcken auf der Straße und in ”Gesellschaften zu erscheinen, und sich keiner gleich- ”guͤltigen Handlung zu entziehen, die ein jeder an- ”derer unbescholtener Buͤrger auch verrichten darf.‟ ‚Und nun fragte Herr F. laͤchelnd: Was sagen Sie ”zu diesen Veraͤnderungen der Kleidertracht, die doch ”offenbar mit gewissen Veraͤnderungen in den Glau- ”bensgesinnungen Schritt gehalten haben?‛ ‚Jch sage, antwortete Sebaldus sehr ernsthaft, ”daß sie nur merkwuͤrdig werden, wenn sie merkwuͤr- ”dige Folgen haben, und die haben sie nur, wenn ”man sie fuͤr merkwuͤrdig haͤlt. Macht man ein un- ”wich- ”wichtiges Ding wichtig, es mag nun ein Rockaͤrmel, ”oder ein symbolisches Buch seyn, so kann uͤber dessen ”Veraͤnderung Zank und Bitterkeit, ja wohl gar Auf- ”ruhr und buͤrgerlicher Krieg entstehen. Eben des- ”halb sollte man, meines Erachtens, in Dingen, die ”von der Meinung der Menschen abhangen, nicht all- ”zuviel bestimmen und durch Zeichen festsetzen wol- ”len, weil dadurch Nebendingen mehr Werth beyge- ”legt wird, als sie eigenthuͤmlich haben. Das Be- ”zeichnete ist wesentlich, das Zeichen willkuͤhrlich. ”Hat ein ietziger Geistlicher Speners edelmuͤthige ”Gesinnungen, so wird er einem weisen Manne eben ”so werth seyn, er mag sich schwarz oder gruͤn kleiden, ”und jeder ehrliche Mann, der rechtschaffen handelt, ”und so viel er kann, tugendhafte Thaten thut, ver- ”dient verehrt zu werden, er mag seine Gedanken vor ”sich selbst weglaufen lassen, oder sie an irgend ein ” Symbolum heften wollen. Wenn mich nicht alles, ”was ich als Kennzeichen der Wahrheit erkennt, ”truͤgt, so muß ich glauben, Gott selbst werde uns ”nach unsern Gesinnungen, und nicht nach unsern ”Spekulationen richten; er werde jedem gnaͤdig seyn, ”der so viel gutes thut, als er in der Lage, in der er ”sich befindet, thun kann, und werde keinen verdam- ”men, weil er symbolische Buͤcher, die irgend eine G 4 ”Par- ”Partey, die einmal auf einem Winkel der Erde ”eine Zeitlang maͤchtig war, zur Richtschnur festgesetzt ”hat, entweder nicht verstehen oder nicht billigen ”konnte.‛ Neunter Abschnitt . U nter diesem Gespraͤche waren sie aufgestanden, und setzten es fort, bis sie vor das Haus kamen, wo ihr beiderseitiger Freund, der Major, wohnte, dem sie diesen Abend einen Besuch zugedacht hatten. Jn- dem sie eben ins Haus traten, sahen sie, zu ihrem gro- ßen Erstaunen, daß der Armenschulmeister, Sebal- dus Freund, von zwey Bedienten mit Gewalt die Treppe hinunter geworfen ward, denen der Pietist, mit welchem Sebaldus nach Berlin gekommen war, eiligst folgte, und mit weggewandtem Angesichte, die Haͤnde uͤber das Haupt zusammenschlagend, sich durch die Hausthuͤr auf die Straße draͤngte. Herr F. und Sebaldus stießen die Bedienten zuruͤck, die den wehrlosen und todtenblassen Schulmeister noch uͤbler behandeln wollten, und der Major, der im Erdge- schosse wohnte, und bey dem heftigen Laͤrm seine Thuͤr geoͤffnet hatte, nahm ihn in seinen Schutz, und fuͤhrte ihn in sein Zimmer, wo er ihn in einen Arm- stuhl sich niedersetzen ließ. Nach- Nachdem der Schulmeister wieder etwas Athem zu schoͤpfen anfieng, war die allgemeine Frage: ‚was die ”Ursache des Laͤrms gewesen sey, und was er mit dem ”im ersten Stockwerke wohnenden Edelmanne, dessen ”Bedienten ihm so hart begegnet, zu thun gehabt ”habe.‛ Der Schulmeister antwortete bloß durch tiefes Schluchzen, und durch die klaͤglichsten Ausrufungen: ‚Jch elender Mann! ich ungluͤcklicher Mann! ich ”bin ohne Rettung verloren!‛ Sebaldus suchte ihn durch alle moͤglichen Gruͤnde wieder zur Fassung zu bringen, der Major bot ihm sei- nen Arm, Herr F. seine Boͤrse und alle sonst nur moͤgliche Huͤlfe an. Vergebens! er wiederholte seine trostlosen Aus- rufungen, mit den Geberden eines Verzweifelten be- gleitet, bedeckte dazwischen einmal uͤber das andere sein Angesicht mit seinen beiden Haͤnden, und weinte bitterlich. Nach langem Zureden beruhigte er sich endlich so weit, daß er, mit vielen untermischten Seufzern, fol- gendes erzaͤhlen konnte. ‚Sie wissen es, sagte er, in dem er sich zum Se- ”baldus wandte, und ihm wehmuͤthig die Hand ”druͤckte, wie ruhig und wie gluͤcklich ich war. Ob- G 5 ”gleich ”gleich arm, hatte ich doch mein Auskommen. Jch ”arbeitete, nebst meiner Frau, fleißig; und meine Toch- ”ter — o mein einziges Kind! Sie war nie ihren ”Aeltern ungehorfam gewesen, sie hatte uns nie ”den geringsten Verdruß gemacht, sie uͤbertraf uns ”an Fleiß, sie machte uns mit ihrer kuͤnstlichen Arbeit ”Vergnuͤgen; wenn wir Aeltern nur gerade die Noth- ”durft erwerben konnten, so verschaffte uns ihr Fleiß ”zuweilen einen festlichen Tag. Sie war mein Aug- ”apfel, ich wor mehr als gluͤcklich, als der heuchleri- ”sche Boͤsewicht, den sie haben aus der Thuͤre rennen ”sehen, meine ganze Gluͤckseligkeit, die ich auf Erden ”habe, zerstoͤrte. Er setzte sich in der St. Gertrauts- ”kirche oft neben mir, wo er auch wohl zuerst meine ”Tochter mag gesehen haben. Er suchte meine Bekannt- ”schaft, indem er zwey arme Knaben in meine Schule ”brachte, fuͤr die, wie er sagte, gottselige Leute das ”Schulgeld bezahlen wollten. Er sah und lobte mei- ”ner Tochter Arbeit, er brachte in kurzem einen Men- ”schen mit, der feiue ausgenaͤhte Arbeit bestellte, und ”reichlich bezahlte. Dieß war, wie ich hernach er- ”fahren habe, der Kammerdiener des wolluͤstigen ”Muͤßiggaͤngers, der in diesem Hause wohnt, ein ”undeutscher Kerl, ohne Redlichkeit, ohne Menschen- ”gefuͤhl, den das Wimmern der zu Grunde gerichte- ”ten ”ten Unschuld so wenig ruͤhrt, als den Schlaͤchter das ”Bloͤken des Lamms, dem er die Kehle abschneiden ”will. Mit diesem hat der schaͤndliche Unterhaͤndler ”vermuthlich den abscheulichen Entwurf ins Reine ge- ”bracht, mich und mein Kind ins Ungluͤck zu stuͤrzen. ”Er fuͤhrte meine Tochter, in Gesellschaft ihrer Mut- ”ter, zu seiner Muhme, wie er sagte, einer Matrone, ”die ausgenaͤhte Arbeit verfertigte, und verfertigen ”ließ. Sie schien mit meiner Tochter Arbeit zufrie- ”den, zeigte ihr aber noch feinere, und gab ihr zu ”verstehen, daß sie dergleichen von ihr wolle verferti- ”gen lassen, daß sie ihr mehrere Vortheile dabey zei- ”gen wolle, nur muͤsse sie unter ihren Augen arbei- ”ten. Mein Kind freute sich, mehr lernen zu koͤn- ”nen, und wir fanden kein Bedenken, sie in das ”Haus einer Matrone zu schicken, bey der alles ein ”frommes und verstaͤndiges Ansehen hatte. Sie gieng ”einige Monathe lang taͤglich in dieß Haus. Sie nahm ”an Geschicklichkeit zu, und wir glaubten, diese Be- ”kanntschaft waͤre ein Gluͤck fuͤr unser Kind. Ach, ”leider! wir wußten nicht, daß sie schon unwieder- ”bringlich ungluͤcklich war. Jn den ersten Tagen ”ihres Anfenthalts in diesem Hause, war der junge ”Herr selbst, unter dem Vorwande Arbeit zu bestel- ”len, dahin gekommen, er hatte meine Tochter gese- ”hen, ”hen, und ihre Arbeit gleichguͤltig gelobt. Jn kurzem ”ward er zudringender, die Wirthinn ließ ihn mit mei- ”ner Tochter geflissentlich allein, oder ward von ”ihrem Vetter zu andern Geschaͤfften gerufen. Nun ”wandte er alle verfuͤhrerischen Kuͤnste an, um ein jun- ”ges Herz zu gewinnen, daß noch nicht gelernt hatte, ”sich gegen betruͤgerische Anlockungen zur Wehre zu ”stellen. Das suͤße Gift der Schmeicheley bethoͤrt ”wohl oft einen weisen gesetzten Mann, wie sollte ihm ”ein junges unerfahrnes Maͤdchen widerstehen koͤn- ”nen, das noch keinen hinterlistigen Menschen gese- ”hen hatte, das jedes Herz fuͤr so ehrlich hielt, als ”ihr eigenes. Kurz, ihr ward ihre Unschuld geraubt. ”Die Folgen davon ließen sich bald spuͤren. Sie ”ward kraͤnklich, und das schreckliche Geheimniß konnte ”ihrer Mutter ferner nicht verborgen bleiben. Wir ”waren wie vom Blitze geruͤhrt, aber Klagen und ”Verwuͤnschungen waren zu spaͤt, wir mußten nur ”unser armes Kind zu retten suchen, das in Kummer ”uͤber ihren Fehltritt, den sie nun erst in seiner wah- ”ren Gestalt sah, sich das Leben abhaͤrmte. Auf der ”andern Seite wollte der Verfuͤhrer auch nicht eher ”von ihr ablassen, bis er ihrer voͤllig satt waͤre. Er ”sandte taͤglich Botschaften und Briefe, die nicht an- ”genommen wurden. Der Kammerdiener schlich sich ”einige- ”einigemal ins Haus, wo ich ihn unsanft abwies. End- ”lich meldete sich heute der Unterhaͤndler, der sich seit ”langer Zeit nicht hatte sehen lassen. Er betauerte, ”mit gleisnerischem Wortgepraͤnge, den Unfall, den ”ich haͤtte erfahren muͤssen, und, nach vielen Um- ”schweifen, kam er endlich auf seinen Antrag, nehm- ”lich, daß ich mit dem Herrn selbst sprechen moͤchte, ”weil er mir Vorschlaͤge thun wolte, die so vernuͤnf- ”tig und billig waͤren, daß dadurch ein großer Theil ”des geschehenen Schadens koͤnne ersetzt werden. So ”groß auch mein Widerwillen war, dem Verfuͤhrer ”meiner Tochter ohne Verwuͤnschung in die Augen zu ”sehen, so gieng ich doch mit dem dienstwilligen Un- ”terhaͤndler hin. Was meinen Sie, daß der vernuͤnftige ”und billige Vorschlag war? (Hier drang ein Strom ”von Thraͤnen aus seinen Augen:) Meine Tochter ”sollte Ausgeberinn bey dem Verraͤther ihrer Ehre ”werden, und ihr Vater sollte einen schimpflichen mo- ”nathlichen Gehalt haben, um die Frucht des uner- ”laubten Umgangs zu erziehen. Hier konnte ich mich ”nicht maͤßigen, ich stieß aus, was der Unwillen ”einem ehrlichen, obwohl armen Vater eingeben kann, ”dem ein vornehmer Wolluͤstling zumuthen darf, der ”Kuppler seiner eignen Tochter zu werden. Der Kam- ”merdiener, der waͤhrend der ganzen Unterhandlung ”eben ”eben so viel gesprochen hatte, als der Herr selbst, fand ”es sehr laͤcherlich, daß ich mich einem Arangément ”widersetzen wollte; daß der gnaͤdige Herr der petite ”fille ja weiter nichts uͤbels thun wollte, u. d. gl. Jch ”ließ meinen ganzen Unmuth aus, und wollte unver- ”zuͤglich zur Thuͤr hinaus, als der Unterhaͤndler ins ”Mittel trat. Er versicherte, daß er den ersten Vor- ”schlag selbst nicht billige, weil dadurch den Schwa- ”chen manches Aergerniß gegeben werden koͤnnte; er ”erklaͤrte also, daß der Kammerdiener meine Tochter ”heurathen, und das Kind als sein eigenes aufnehmen ”solte, dagegen werde ihn der gnaͤdige Herr zum Haus- ”hofmeister machen, so bald er sich mit seinen Glaͤu- ”bigern voͤllig gesetzt habe, und wieder zum Genuß sei- ”ner Guͤter gekommen sey. Nein! laͤnger konnte ich mich ”nicht halten. Eben so gern wuͤrde ich meine Tochter ”dem Buͤttel gegeben haben, der diesen Buben haͤtte ”brandmarken sollen, welcher das vornehmste Werkzeug ”der Verfuͤhrung meiner Tochter gewesen war. Jch ”sagte nunmohr dem Herrn gerade heraus, daß ich ”sein Bubenstuͤck auf keine Weise durch meinen Bey- ”tritt billigen wollte, daß ich die wenige Gerechtig- ”keit, die mir der Richter wiederfahren lassen koͤnnte, ”aus allen Kraͤften suchen wuͤrde, und daß er mit mei- ”nem Willen meine Tochter nie wieder sollte zu Ge- ”sicht ”sicht bekommen. Er kam daruͤber in die groͤßte Wut, ”und befahl seinen Bedienten mich hinaus zu werfen; ”der Unterhaͤndler wollte ihn zwar besaͤnftigen, aber ”er hieß ihn auch zum Teufel gehen, und lief als ein ”Rasender in sein Kabinett.‛ Als er seine Erzaͤhlung geendigt hatte, verbarg er abermals sein Angesicht in seine Haͤnde, und uͤber- ließ sich einer trostlosen Verzweiflung. Alles, was Sebaldus und Herr F. thaten, um ihn aufzurichten, verfieng nichts. Er rief mit klaͤg- licher Stimme aus: ‚Alle Hoffnung ist fuͤr mich ver- ”loren! Selbst die Gesetze haben keinen Schutz fuͤr ”mich. Mein Gegner darf mich ungestraft beleidi- ”gen, ungestraft ungluͤcklich machen!‛ ‚Nein! das soll er nicht!‛ rief der Major, der ”schon lange mit starrer Aufmerksamkeit zugehoͤrt hatte. ‚Wir wollen sehen, was der Bursche zu ”thun vermeint.‛ Er rief seinen Reitknecht, ließ sich bey seinem Nachbar eine Treppe hoch melden, und ein Paar Minuten drauf nahm er seinen Hut und Degen, und stieg die Treppe hinauf, ohne erst Antwort zu erwar- ten. Er fand den Edelmann im Vorsaale, im Begriffe auszugehen, um diesen Besuch zu vermeiden. Er wollte wollte sogleich eine hoͤfliche Entschuldigung stammeln, aber der Major trat gerade vor ihn, und sprach mit ge- runzelter Stirn: ‚Herr! sind Sie ein Edelmann? ‚Jch daͤchte, war die Antwort, ich koͤnnte mich in ”ein hohes Stift aufnehmen lassen, wenn ich wollte. ”Aber um Vergebung, wozu diese Frage, die mich be- ”fremden koͤnnte?‛ ‚Wozu? weil ich daͤchte, daß ein Edelmann auch ”ein ehrlicher Mann seyn muͤßte, ehe er ein Edel- ”mann seyn kann.‛ — ‚Wie so? — Mein Herr! Sie kommen in meine ”eigene Wohnung, mich zu beleidigen, geben sie wohl ”Acht, — ‚Herr, die Wahrheit ist gut zu sagen, wo es auch ”ist. Sie haben, Herr! eines ehrlichen Mannes Toch- ”ter verfuͤhrt, und haben noch dazu den Vater groͤb- ”lich beleidigt, das thut kein Mann der Ehre im Leibe ”hat, und das haben Sie gethan.‛ ‚Herr Major, wenn ich nicht fuͤr Jhr Alter Ach- ”tung haͤtte, — so wuͤrde ich … Aber parbleu ich weiß ”auch noch nicht, was Sie von mir eigentlich wol- ”len. Meinen Sie etwa den Kerl, der eben hier ”war? der geht mich gar nichts an. Mein Homme ”de Chambre hat mit seiner Tochter was zu thun ge- habt, ”habt, und daruͤber laͤrmt der Vater. Aber er hat ”Unrecht, denn mein Homme de Chambre will das ”Mensch heurathen.‛ Der Kammerdiener trat vertraulich hervor, und versicherte den Major, in gebrochenem Deutsch, daß er noch zur Heurath bereit sey. Der Major sah ihn flaͤmisch uͤber die Achsel an, und sagte: ‚Patron, wenn ich mit dir werde reden ”wollen, so werde ich dirs sagen. — Mit Jhnen ”habe ichs zu thun, Herr! der Sie sich ins Herz ”schaͤmen sollten. Meinen Sie, Herr, daß ich nicht ”weiß, wer mit dem Maͤdchen zu thun gehabt hat? ”Denken Sie, Herr, daß die Tochter eines ehrlichen ”Mannes, weil Sie sie geschaͤndet haben, nun fuͤr ”Jhren Kuppler gut genug ist?‛ ‚Das ist doch besonders, — ganz besonders; — ”und Sie maͤßigen sich noch dazu gar nicht in Wor- ”ten; — lassen Sie doch die Leute die Sache ausma- ”chen, die Sache geht mir ja gar nichts an; — und ”darf ich fragen, wie Sie dazu kommen, daran Theil ”zu nehmen?‛ — ‚Wie? Herr! weil der Mann mein Freund ist.‛ — ‚ Ah pardi! das ist eine andere Sache. Jch habe ”nicht gewußt, daß Sie unter Leuten solcher Art auch ”Freunde haͤtten.‛ H ‚Ja, ‚Ja, Herr! Jch schaͤme mich nicht, eines ehrlichen ”Mannes Freund zu seyn, und scheue mich, nicht je- ”den Schurken zur Rede zu setzen, der einem ehrli- ”chen Manne ungestraft Unrecht thun will.‛ ‚Jch bin ganz betroffen, Herr Major; da ich gar ”nicht die Ehre habe, Sie zu kennen, kommen Sie ”in meine Wohnung, und sagen mir voll Ungestuͤm ”Dinge vor, die — — ich weiß gar nicht — Was ”verlangen Sie denn, daß ich dem Manne und dem Maͤdchen thun soll? — ‚Herr! Genugthuung sollen Sie beiden geben, ”und — doch, durch welche Genugthuung koͤnnen Sie ”ein solches schimpfliches Verfahren wieder gut ma- ”chen!‛ — Er schlug sich mit der Hand vor die Stirn. ‚Sie, sehen also selbst, Herr Major, daß ich bey ”der Sache nichts weiter thun kann; und wenn mein ” Homme de Chambre das Maͤdchen heurathet, und ”ich ihr in Ansehung seiner, ein Heurathsgut gebe. — ‚Nein, Herr! mir sollen Sie Genugthuung ge- ”ben, weil Sie ein Schurke sind, und sich unterste- ”hen, mit mir unter Einem Dache zu wohnen;‛ — und hiemit zog er den Degen. ‚Herr Major! hoͤren Sie doch vernuͤnftige — ‚Herr! zieh’ Er, oder, straf mich Gott! ich will Jhm ”zeigen, daß Er nicht werth ist einen Degen an der ”Seite zu tragen.‛ ‚Gut ‚Gut! Herr Major! ich will Jhnen Satisfak- ”tion geben, — aber auf Pistolen; — — ich schlage ”mich nicht anders, als auf Pistolen.‛ ‚Herr! mach’ Er kein Federlesens, zieh Er auf der ”Stelle, oder ich will Jhn —‛ Dem Edelmann blieb nichts uͤbrig, als den Degen zu ziehen. Der Major drang auf ihn ein. Der Kammerdiener kam seinem Herrn mit gezogenem Hirschfaͤnger zu Huͤlfe, und ploͤtzlich fuhr der Hirsch- faͤnger tief in des Majors Ruͤcken, ob von ungefaͤhr, oder vorsetzlicher weise, sey dahin gestellt. Franz, der Reitknecht, faßte den Kammerdiener in die Gurgel, und gab ihm einen Deutschen Faust- schlag auf den andern ins Gesicht. Der Major lag in seinem Blute, der Edelmann machte ihm eine verbindliche Entschuldigung, wegen dieses ungluͤckli- chen Vorfalls, die der Major bloß mit einem Blicke voll Verachtung beantwortete. Herr F. schickte nach der Wache. Der Kammerdiener ward in Verhaft genommen, der Edelmann bekam Hausarrest. Der Major ward in sein Bette gebracht und von einem Wundarzte verbunden, und der Schulmeister, den seines Vertheidigers Unfall, noch mehr wie sein eige- ner, außer aller Fassung gebracht hatte, ward halb H 2 todt todt in eine Miethskutsche gesetzt, und von Herrn F. und von Sebaldus nach Hause gebracht. Zehnter Abschnitt . D er Major ward von seinen Freunden taͤglich be- sucht. Jm Anfange schien die Wunde nicht gefaͤhrlich. Aber nach einigen Tagen verschlimmerten sich die Umstaͤnde sehr. Das Wundfieber ward hef- tiger, die Entzuͤndung nahm zu, und die Kraͤfte nahmen ab. Der Wundarzt erklaͤrte endlich, daß sehr wenige Hoffnung zur Wiedergenesung da waͤre. Die saͤmmtlichen Freunde des Majors waren daruͤber sehr niedergeschlagen, der gute Franz aber, der uͤber dreißig Jahre in des Majors Dienste gewesen war, weinte unablaͤssig, so daß ihn der Kranke selbst troͤ- stete, der unter allen diese Nachricht mit der groͤßten Gleichmuͤthigkeit aufnahm. Die geschwinde Abnahme seiner Kraͤfte ließ nur allzusehr befuͤrchten, daß sie wahr seyn moͤchte. Eines Tages war der Kranke besonders schwach. Gegen Mittag aber fiel er in einen Schlummer, in dem er einige Stunden verblieb, und als er erwachte, aͤußerlich ein wenig erquickt schien. Franz, der uͤber dessen mißlichen Zustand sehr traurig war, ergriff die die Gelegenheit, da der Major heiteres Gemuͤths, und sie beide allein waren, und that, nach vorgaͤngi- ger Entschuldigung, eine Frage, die ihm schon lange auf dem Herzen gelegen hatte, nehmlich: ‚Ob der Herr Major, nicht das Sakrament neh- ”men wollte.‛ ‚Lieber Franz, du meinst es recht gut, sagte der ”Kranke, aber wozu? Jch habe das Abendmahl im- ”mer nur genommen, wenn entweder das Regiment ”kommunicirte, oder wenn ich besondere Ursach fand, ”mich zu sammeln, und ernsthaft uͤber mich nachzu- ”denken; aber glaube mir, Franz, ein Krankenlager ”von drey Wochen giebt an sich selbst Gelegenheit ge- ”nug zum ernsthaften Nachdenken.‛ ‚Aber, lieber Herr Major! ein Mensch muß doch ”so schwer sterben, wenn er nicht gebeichtet hat.‛ ‚Hoͤre nur, mit der Beichte habe ich niemals et- ”was zu thun gehabt. Anstatt der Beichte sagte ich ”allemal laut und ernstlich: Schaff in mir Gott ”ein reines Herz, und gieb mir einen neuen ge- ”wissen Geist; verwirf mich nicht von dei- ”nem Angesichte, und sey mir gnaͤdig. Damit ”war mein Feldprediger zufrieden, und ich denke, Gott ”wird auch damit zufrieden seyn, wenn ichs jetzt sage. ”Aber hoͤre, Franz, ich will jetzt thun, was ich sonst H 3 ”bey ”bey der Beichte that, ich will dich wegen alles des- ”sen um Vergebung bitten, was ich dir kann zuwi- ”der gethan haben; vergieb es mir.‛ Hier reichte er Franzen die Hand. Franz kuͤßte des Majors Hand, die er mit Thraͤ- nen benetzte, und sagte schluchzend: ‚Ach, Herr Ma- ”jor! ich kann Jhnen nichts vergeben, Sie sind im- ”mer mein guter Herr gewesen, und haben an mir ”mehr Liebe bewiesen, als ich verdiente. Vergeben ”Sie mir nur, wenn ich zu vorschnell gewesen bin. ”Jch dachte doch, man koͤnnte nicht ruhig sterben, ”wenn man nicht von einem geistlichen Herrn ordent- ”lich vorbereitet wuͤrde. Als Sie daher schliefen, lief ”ich geschwind zu einem Prediger, der nicht weit von ”hier wohnt, aber er war nicht zu Hause. ‚Du hasts recht gut gemeint, Franz; da er aber ”nicht zu Hause war, ists nun auch eben so gut. Jch ”habe mit diesen Herren nicht gern etwas zu thun, ”wenn ich sie nicht vorher genau kenne. Jch lag, ”du weißt es, auf dem Schlachtfelde bey Torgau, hart ”verwundet, an zwoͤlf Stunden, ehe du mich unter ”den Todten und Blessirten herausfandest. Damals ”konnte mir kein Feldprediger zusprechen, und ich war ”zum Tode eben so bereit, wie jetzo. Jndem Jndem er dieses sagte, trat Sebaldus herein, um ihn zu besuchen. ‚Sie kommen, mein lieber Freund, sagte der ”Kranke, gerade zur rechten Zeit. Jch werde von ”diesem Lager nicht wieder aufkommen, ich weiß es, ”und bin ganz voͤllig gefaßt zu sterben. Nun meine ”mein guter Frauz, (er druͤckte demselben die Hand) ”es sey noͤthig, daß ich von einem Geistlichen zum ”Tode bereitet wuͤrde. Dieß wuͤnschte ich von nie- ”mand lieber, als von Jhnen, mein Freund. Thun ”Sie, als ob Sie mein Beichtvater waͤren. Fragen ”Sie mich, lehren Sie mich, beten Sie mit mir.‛ Sebaldus sagte sehr geruͤhrt: ‚Der Zuspruch auf ”dem Todtenbette ist allezeit eine sehr schwere und ”zuweilen eine vergebliche Sache. Es kann daselbst ”schwerlich noch eine Veraͤnderung des Geistes vorge- ”hen, wenn sie vorher im ganzen Leben nicht gesche- ”hen ist. Glaubenslehren zu beweisen, ist die Zeit zu ”kurz und der Geist nicht heiter genug; Pflichten ein- ”einzuschaͤrfen, ist zu spaͤt. Die Schwachen aufzurich- ”ten, ist was ein menschenfreundlicher Prediger am ”leichtesten thun kann.‛ Maj. Herr! ich bin nicht schwach! schonen Sie meiner gar nicht, sondern gehen Sie mit mir um, H 4 wie wie ein Pfarrherr am Todtenbette thun soll, recht wie es vorgeschrieben ist. Seb. Jch wuͤrde mich warlich freuen, wenn ich zur Beruhigung eines Mannes, den ich so werth schaͤtze, etwas beytragen koͤnnte. Da Jhr Gemuͤth gelassen ist, so ist es vielleicht am nuͤtzlichsten, wenn ich Sie an verschiedene Wahrheiten, die den Men- schen ehrwuͤrdig und wichtig seyn muͤssen, erinnere. Jch kann nicht wissen, ob Sie dieselben in Jhrer ge- hoͤrigen Verbindung gedacht haben; waͤre dieses nicht, so koͤnnte ich vielleicht ihre Wirkungen vermehren, wenn ich, durch eine kurze Ueberlegung, eine Luͤcke zwischen denselben ausfuͤllen koͤnnte. Dieserhalb wuͤnschte ich Jhre Gesinnungen uͤber gewisse Lehr- punkte zu wissen. Maj. Ganz recht; examiniren Sie mich nur, ich will auf alles antworten. Seb. Sie glauben vermuthlich, daß ein Gott da ist, der Himmel und Erde geschaffen hat? Maj. Ja, freylich! Wer sollte nicht an Gott glauben? Seb. Sie glauben auch, daß Gott die Welt, und alle Dinge darinn, mit einer weisen Vorsehung re- giere? Maj. Freylich! ohne Gott geschiehet nichts. Seb. Seb. Und daß nach diesem Leben noch ein kuͤnf- tiges zu gewarten sey? Maj. Nein, mit dem Tode ist alles aus. Seb. Jch habe zuweilen aus Jhren Reden geschlos- sen, daß Sie eine solche Meinung hegten, ohne daß es sich gefuͤgt haͤtte, sie naͤher erlaͤutern zu koͤnnen. Waͤre diese Meinung wahr, so waͤren wir, wie Sie selbst nicht laͤugnen werden, in vielen Begegnissen des Lebens voͤllig trostlos. Gott hat aber, wie ich glaube, so wie er kein Uebel, ohne zu gutem Zwecke zulaͤßt, auch, als ein guͤtiger Vater, fuͤr jedes Uebel den Trost in die Natur gelegt. Dieß hat mir schon vor langen Jahren uͤber diese Meinung naͤher nachzuden- ken Gelegenheit gegeben; ich weiß daher, daß, in der Vernunft und in der Schrift, viele Gruͤnde zu finden sind, die sehr bald das Gegentheil wahrscheinlich, und, bey reiferm Nachdenken, gewiß machen. Maj. Herr! ich habe immer gedacht, daß die Ver- nunft nicht einmal weiß, wenn ein Todter recht todt ist, wie sollte sie wissen, was nach dem Tode vorge- het. Wenigstens meine Vernunft reicht so weit nicht. Was die Schrift betrifft, so steht viel gutes darinn. Jch habe alles gelesen. Es laͤßt sich vieles hier in diesem Leben recht wohl nuͤtzen. Aber von einem kuͤnf- tigen Leben, so wie von so viel andern unbegreifli- H 5 chen chen Dingen, glaube ich nichts, wenns auch in einem Buche steht. Seb. Wenn Sie denn also die Bibel gelesen ha- ben, glauben Sie denn, daß darinn der Willen Got- tes enthalten ist, dem wir folgen sollen? Maj. Gottes Willen ist, daß ein Mensch ein recht- schaffner Kerl seyn soll, und nicht Unrecht thun. Das weiß jeder, und es steht auch in der Schrift. Das uͤbrige mag fuͤr euch Herren Geistlichen gut seyn. Ein Soldat kann nicht so vielerley Dinge in seinen Kopf kriegen, woruͤber ihr euch disputirt. Seb. Sie gestehen also, daß kein Mensch Unrecht thun sollte. Gleichwohl thun die meisten, ja man kann wohl sagen alle Menschen mannichfaltig Unrecht. Wie ists nun, wenn wir mit unsern Suͤnden Be- strafung verdient haͤtten? Maj. So moͤgen wir sie leiden. Wer heißt uns fuͤndigen? Seb. Die Frage laͤßt sich vielleicht nicht so gerade zu entscheiden. Denn, wenn nun unsere Natur so unvollkommen ist, daß wir nicht ohne Suͤnde bleiben koͤnnen, wenn wir nun zu schwach sind, den Willen Gottes vollkommen zu befolgen. Maj. Ey! denn kann Gott auf uns nicht zuͤrnen. Er hat uns selbst gemacht, und warhaftig recht mit großer großer Klugheit gemacht, daß nichts an uns ohne Ursach ist. Wie koͤnnte er denn von uns etwas ver- langen, das wir nicht leisten koͤnnten? Sehen Sie hier meinen Huͤhnerhund, der ist ein Huͤhnerhund, und weiter nichts, er wird vor einem Huhn stehn; aber wenn ich verlangen wollte, daß er eine Sau stellen sollte, so kann ich nicht sagen, der Hund fuͤn- digt, wenn ers nicht kann. Seb. Sie schließen viel zu rasch. Wir wuͤrden langsamer gehen muͤssen, wenn wir diese Frage gruͤnd- lich untersuchen wollten, dazu fehlt uns itzt aber die Zeit. Lassen Sie uns auf das kuͤnftige Leben zuruͤck- kommen. Ueberlegen Sie wohl, daß wenn es weg- faͤllt, auch alle Belohnungen und Bestrafungen weg- fallen, welche Tugend und Laster, wie es offenbar ist, in diesem Leben nicht in angemessenem Maße erhal- ten. Und damit wuͤrden also auch alle Bewegungs- gruͤnde zur Tugend wegfallen. Maj. Warum das? Ein ehrlicher Kerl muß Recht thun, weil es Recht ist, und nicht weil er dafuͤr be- lohnt seyn will. Werde ich belohnt, so ists gut, wo- fern aber nicht, so muß ich doch rechtschaffen handeln. Jch habe im letztern Kriege oft mein Leben gewagt, ob ich gleich immer Major geblieben bin. Oder glaubt er, Herr! daß ich nur deswegen den Schurken da oben oben zur Rede gestellt habe, damit ich dadurch in je- nem Leben koͤnnte Oberstlieutenant werden? Seb. Die Belohnungen sind aber doch Folgen gu- ter Thaten. Auch in diesem Leben verlangt ein Sol- dat fuͤr seine Tapferkeit vom Koͤnige Belohnung, und ist unzufrieden, wenn er sie nicht bekoͤmmt. Maj. Ey, ists nicht Belohnung genug, wenn ich weiß, daß ich Recht thue. Und dann, Herr! ists mit Gott eine ganz andere Sache, als mit dem Koͤnige. Der Herr, ist ein Mensch wie ich, und kann nicht al- les wissen, sonst waͤre ich auch wohl weiter. Aber Gott weiß alles, und da hats gute Wege, der wird mir schon zukommen lassen, was mir gehoͤrt. Seb. Setzen Sie nun aber einmal auf einen An- genblick voraus, daß ein kuͤnftiges Leben waͤre, welches doch, wie Sie gestehen werden, an sich nicht unmoͤglich ist; setzen Sie voraus, daß alle unsere Handlungen, gute und boͤse, auch in jenem Leben Folgen haben muͤssen, und daß diese Folgen, wenn uns gleich die Art noch unbegreiflich ist, in vielen Faͤllen uͤberschwenglich groß seyn koͤnnen. Wird nun derjenige nicht viel vor- sichtiger gehandelt haben, der seine Handlungen, nach einer strengen Richtschnur, so eingerichtet hat, wie er sie auch in jenem Leben zu verantworten gedenkt, als derjenige, der, in der Meinung, es sey nach dem Tode Tode alles aus, gethan hat, was ihm beliebt, und in dieser Sorglosigkeit vieles begangen hat, das er nicht rechtfertigen und dessen Folgen in jenem Leben er nicht aͤndern kann? Und uͤberlegen Sie, welcher unter beiden in dieser Welt ein besserer Buͤrger, und ein rechtschaffenerer, tugendhafterer Mensch seyn werde. Der Major sah den Sebaldus mit starren Au- gen an, und schwieg still. Sebaldus auch. End- lich brach der Kranke aus: Herr! daran habe ich noch in meinen Leben nicht gedacht. Ein Soldat hat auch nicht Zeit, so weit hinzudenken. Aber ich besinne mich itzt eben. Wenn auch ein kuͤnftiges Leben, und ein juͤngster Tag ist, so glaube ich, ich werde dann ein Herz fassen, und weder vor Gott noch vor dem Teufel erschrecken. Laß ihn kommen den Teufel, wenn er mich anklagen will, er muß mich doch vor Gott anklagen, und der weiß, daß ich nie wissentlich etwas boͤses gethan habe. O! du mein allmaͤchtiger Schoͤpfer! wuͤrde ich sagen, (er richtete sich ein wenig auf, und faltete seine Haͤnde,) du weißt, daß ich nie den huͤlflosen Ungluͤcklichen ge- druͤckt, daß ich nie Wittwen und Waisen betruͤbt, daß ich nie wissentlich diese Haͤnde zum Boͤsen ge- braucht habe. Zwar — (hier schwieg er ein wenig still still, und schlug seine Augen nieder) ich haͤtte noch mehr Gutes thun koͤnnen — Aber (hier hob er seine Augen abermals empor) allguͤtiges Wesen, ich werfe mich in deine Haͤnde. Du hast mich zum Menschen machen wollen, also sollte ich wohl nicht ganz voll- kommen seyn. Jch verlange auch nicht, wenn ein Himmel ist, im Himmel obenan zu stehen. Hier sank er, von der Anstrengung entkraͤftet, sanft zuruͤck, die Luft fehlte ihm, er erholte sich, und sprach noch mit stammlender Stimme zum Sebal- dus, indem er ihm die Hand druͤckte: ‚Ach! mein Freund, wenn Gott ein Regiment von ”Seligen hat, so waͤre es schon genug, wenn unser ”einer nur ein Gemeiner werden koͤnnte. — — Er wollte noch etwas sagen; aber der Steckfluß nahm uͤberhand, er fieng an zu roͤcheln, und nach einigen fruchtlosen Versuchen ihm zu helfen, ver- schied er einige Minuten darauf, und Sebaldus druͤckte ihm weinend die Augen zu. Elfter Abschnitt . K aum war er entschlafen, als der Prediger, wel- chen Sebaldus unter den Linden auf der Bank getroffen hatte, schnell in das Zimmer trat. Er hatte hatte bey seiner Zuhausekunst, die durch Franzen an ihn gebrachte Botschaft erfahren. Er eilte, so sehr er konnte, an einen Ort, wo er sich, wie ein ande- rer Fresenius, durch die Bekehrung eines Freygeistes auf dem Todtenbette zu signalisiren dachte; denn weil er sich um alles, was in seinem Kirchensprengel vorgieng, bekuͤmmerte, so war ihm unverborgen geblie- ben, daß der Major besondere Meinungen hege, und weder ihn noch einen von seinen Kollegen zum Beicht- vater gehabt habe. Als er sahe, daß er zu spaͤt kam, rief er aus: Pr. O Gott! wie groß sind deine Gerichte! Auch diesen Suͤnder, dem du so lange Zeit zur Besserung gegeben, und der die Gnadenzeit muthwillig hat ver- streichen lassen, hast du ins Gericht der Verstockung dahin gegeben! daran mag sich jeder spiegeln, und Buße thun, weil es noch Heute heißet! Seb. Mein Herr! schmaͤhen Sie diesen todten Leichnam nicht! Der selige Major war ein rechtschaf- fener Mann. Sein Jnnerstes wird Gott richten, vor dessen Richterstuhle er stehet. Pr. Wie koͤnnen Sie einen verstockten Suͤnder selig nennen? Wissen Sie wohl, daß dieser ungluͤck- liche Mensch kein ewiges Leben, keinen Himmel und Hoͤlle Hoͤlle, keinen Gott und keinen Teufel geglaubt, und in seinen Suͤnden dahin gelebt hat? Seb. Jch weiß es, daß er viel Trugschluͤsse ge- macht hat. Jch habe schon oft gewuͤnscht, und die- ser Fall erneuert bey mir den Wunsch, daß der Ge- brauch einer gesunden Philosophie unter der ganzen Nation gemein wuͤrde, damit auch unstudirte Perso- nen uͤber transcendente Saͤtze, die sie nicht ganz ent- behren koͤnnen, richtige Begriffe haͤtten. Jeder Mensch — — Pr. O! Sie moͤgen wohl selbst sehr irrige Begriffe haben; was gehoͤrt eine weltliche Philosophie hieher? Der Weg zum Heil ist in Gottes Wort vorgeschrie- ben, und in den Schriften bewaͤhrter Theologen, die es erklaͤrt haben, die wollen Sie doch wohl nicht ver- werfen? Wollen Sie? Seb. Davon ist nicht die Rede. Meine Mei- nung ist nur: Wer sich bey der gewoͤhnlichen Ausle- gung und bey der gewoͤhnlichen Dogmatik beruhigen kann, der thue es; kann er aber nicht, und will er seine Zweifel verfolgen, so wage er sich nicht, ohne das Licht einer gesunden Philosophie, in die Jrrgaͤnge der Dogmatik und Exegese, er wird sich sonst immer mehr in seine Zweifel verwickeln. Jndessen kann ich ich nicht glauben, daß Gott jemand verdammen wer- de, weil er nicht richtig genug gedacht hat, Diese Meinung des Sebaldus, die vielen Gottesgelehr- ten als nach Ketzerey schmeckend vorkommen möchte- hegte auch ein sehr verständiger und gottseliger Mann. Er sagt: ‚So ist es im Heidenohume den Epikuraern, ”und im Judenthume den Sadducäern ergangen. Wo- ”bey mir ein öfters eingekommener Gedanke wieder ein- ”fällt: was doch die Ursache seyn müsse, daß unser Hei- ”land, der bey allen Gelegenheiten die Pharisäer so hart ”anlässet, weit gelinder mit den Sadducäern umgeht, die ”doch, weil Sie die Auferstehung, und ein anderes Le- ”ben, wo das Gute belohnt, und das Böse bestraft wird, ”das Daseyn der Geister, mithin auch gute und böse ”Engel, leugneten, den Grund aller Religion umstießen? ”Jch erinnere mich nicht irgendwo etwas gründliches ”darüber gelesen zu haben. Sollte vielleicht daraus zu ”schließen seyn, daß in Gottes Augen, die Heucheley, ”der geistliche Hochmuth, und der verstockte Aberglau- ”ben, für groͤssere Fehler angesehen werden, als die blo- ”ßen Jrrthuͤmer des Verstandes, wenn sie auch noch ”so wichtige Gegenstaͤnde betreffen ?‛ S. v. Bünau Be- trachtungen über die Religion. Leipzig 1769. in 8. 1tes Buch. S. 90. und Menschen sollten es auch nicht thun. Pr. O! der schoͤnen Philosophie! O! der suͤndlichen Weichherzigkeit eines natuͤrlichen Menschen! Wer Gottes Wort nicht fuͤr Gottes Wort haͤlt, wer sich der Sakramente als von Gott gegebener Gnadenmit- tel nicht gebraucht, und so in seinen Suͤnden dahin stirbt, der ist verdammt. J Seb. Seb. Wenn Sie naͤhere Nachrichten von dem Zu- stande in jenem Leben haben, so muß ich es gesche- hen lassen. Jch wenigstens kann mich nicht uͤberzeu- gen, daß ein Mensch, der, so viel er gekonnt, seinen Pflichten nachgelebt, und Gutes gethan hat, der un- eigennuͤtzig, gerecht und wohlthaͤtig gewesen, und sich bey seinem Ende in des barmherzigen Gottes Arme geworfen hat, — daß dieser von Gott ausdruͤcklich muͤsse verdammt werden. Jsts anders, so weiß ichs wenigstens nicht. Pr. Ja! Jch aber weiß es besser! Jch, als ein be- rufener und verordneter Diener Gottes, sage Jhnen, daß Gottes Wort ausdruͤcklich lehret: Wer nicht an den dreyeinigen Gott glaubt, der ist ewig verdammt, und ist keine Erloͤsung fuͤr ihn, weder in Zeit noch in Ewigkeit. Sebaldus, dessen Blut durch das Wort ewige Verdammniß sehr leicht erhitzt ward, fuhr auf, und wollte im Zorne heftig antworten. Er faßte sich aber zum Gluͤcke bald, und sagte bloß, indem er einen Schritt zur Thuͤre gieng: ‚Jn der That, bloß der, welcher glaubt, er sey ”ein unmittelbarer Gesandter Gottes, darf sich un- ”terstehen, das Schicksal eines Menschen so positiv ”zu bestimmen. Verantworten Sie dieß bey dem, ”der ”der Sie gesandt hat zu verdammen.‛ Und so gieng er zur Thuͤr hinaus. Der Prediger, weil er niemand anders hatte, wen- dete sich an Franzen. Er bewies ihm, daß der Ma- jor ewig verdammt seyn muͤsse. Franz weinte, schlug sich an die Brust, und rief aus: ‚Ach! er war doch so sehr boͤse nicht, daß nicht fuͤr ”seine arme Seele Huͤlfe seyn sollte. Jch wollte ”gern selbst fuͤr ihn hundert Rosenkraͤnze beten, wenn ”ich seine Seele aus dem Fegefeuer retten koͤnnte. ”Doch was kann ich armer einfaͤltiger Mensch! Nein! ”ich keune einen frommen Prior in Boͤhmen, dessen ”Kloster der Major vom Anzuͤnden und Pluͤndern ”gerettet hat, der wird ihm gern von den guten Wer- ”ken des Klosters etwas zukommen lassen, den will ”ich bitten, daß er fuͤr ihn Seelmessen lese.‛ Der Prediger entdeckte nun mit Erstaunen, daß Franz katholisch war. Jn dem Eifer seiner Bekeh- rungssucht fieng er an, ihm den Graͤuel des papi- stischen Sauerteiges recht lebhaft vorzumalen, und drohte ihm, daß er, wenn er sich nicht zur reinen se- ligmachenden Lehre wendete, eben wie sein Herr, ewig verdammt werden wuͤrde. Franz, der solche Worte nie bey dem Major ge- hoͤrt hatte, sah den Prediger starr an, und segnete J 2 sich sich uͤber solche Laͤsterungen; und da der Prediger fortfuhr, den Pabst den Antichrist zu nennen, schalt er ihn eine ketzerische Bestie, und lief zur Thuͤr hinaus. Der Prediger blieb also bey dem Leichnam allein, und da derselbe auf seine Verdammungen weiter nichts antworten konnte, so gieng er auch hinaus. Als er uͤber den Hausflur gieng, machte Franz zwey große Kreuze vor sich, und spie ihm nach. Zwoͤlfter Abschnitt . H err F. und Sebaldus lebten nun den Winter uͤber sehr eingezogen. Jhre Unterhaltung, die durch die Gesellschaft des Majors sonst mannich- faltiger gewesen war, ward nun viel einfoͤrmiger. Sie bestand mehrentheils aus gelehrten Unterredun- gen, welche aber sehr bald das gewoͤhnliche Schick- sal gelehrter Unterredungen unter vier Augen hatten, die weniger gemeinnuͤtzig und lehrreich werden, wenn jeder dem andern sein eigenes Steckenpferd vorreiten will. Herr F. hatte sich auf den Sensus kommu- nis ein Lehrgebaͤude der Sittenlehre und der natuͤr- lichen Thelogie gebauet, welches dem Sebaldus gar nicht einleuchten wollte, als welcher seine Ethik, als ein ein aͤchter Crusianer, auf die Thelematologie gruͤn- dete. Sebaldus hingegen wollte seiner seits sei- nem Freunde auch seine neuen Entdeckungen uͤber die Apokalypse mittheilen, welche aber gar kein Gehoͤr fanden, sondern vielmehr gerade zu ausgelacht wur- den, weil Herr F. schon laͤngst bey sich ausgemacht hatte, daß in der ganzen Apokalypse kein Sensus Kommunis zu finden sey. Sebaldus fieng zu sei- ner eignen Vertheidigung an, das Grundgesetz des Sensus kommunis zu untergraben. Er zeigte mit philosophischen Gruͤnden, welch ein schwankender Be- griff dieß sey, und bewies, daß eine Appellation an den Sensus kommunis, als an ein untruͤgliches Gericht uͤber den Werth spekulativer Wahrheiten, nicht viel mehr, als eine Appellation an ein inne- res Gefuͤhl bedeute, und da dieses von Menschen zu Menschen verschieden seyn muͤßte, so waͤre nicht zu erwarten, daß dadurch irgend etwas koͤnnte mit Er- folge behauptet oder wiederlegt werden. Vergebens. Herr F. hatte sein System lieb, Sebaldus wollte sich seine Weißagungen auch nicht nehmen lassen, sie wurden also heftig, machten nichts aus, und endlich, ob sie gleich nicht aufhoͤrten sich hochzuschaͤtzen, ward doch ihr Umgang laulicher, und einer fand nicht mehr so viel Vergnuͤgen in der Gesellschaft des andern. J 3 So So standen die Sachen unter ihnen am Ende des Winters, als Herr F. von seinem Freunde, dem Offi- cier, dem er so viel zu danken hatte, einen Brief be- kam. Dieser edle Mann, nachdem er in allen Feld- zuͤgen des letzten Krieges fuͤr das Vaterland gesoch- ten, und ehrenvolle Wunden erworben hatte, begab sich auf seine Guͤter, um, in Gesellschaft einer wuͤrdi- gen Gattinn, in haͤuslicher Zufriedenheit den Rest sei- nes Lebens zuzubringen. Aber er wollte auch, daß nicht er allein, sondern auch andere gluͤcklich seyn soll- ten. Er betrachtete sich als den allgemeinen Vater seiner Unterthanen, und in dieser Absicht sorgte er fuͤr die Erziehung ihrer Kinder. Er wollte zum Schul- meister einen verstaͤndigen menschenfreundlichen Mann haben, der nicht etwan nur die Kinder bloß die Fragen und Antworten einer unverstaͤndlichen zweck- losen Hellsordnung koͤnnte auswendig lernen lassen, sondern, der ihnen Pflichten deutlich machen sollte, die sie gegen Gott und Menschen zu beobachten haͤt- ten, der sie vor Vorurtheilen bewahren sollte, die sich beym Bauer sonst Jahrhunderte lang fortpflan- zen, der ihnen richtige Begriffe vom Landbaue, den sie zu treiben bestimmt waren, beybringen, kurz, der sie zu vernuͤnftigen Menschen und zu guten Bauern, erziehen sollte. Einen solchen Mann wollte der der Menschenfreund aus seinen eignen Mitteln be- solden, Wenn die Chronologie, welche in unserer wahren Ge- schichte das Hauptwerk ist, nur auf irgend eine Art, sollte es auch nur durch eine Hypothese seyn, sich vereinigen ließe, so wuͤrde im uͤbrigen diese ganze Beschreibung vollkommen auf den verehrungswuͤrdigen menschen- freundlichen Verfasser des Versuchs eines Schulbuchs fuͤr- Landleute (Berlin 1771. 8.) passen, welcher alles das oben erzaͤhlte, und noch mehr gethan hat. und er bat seinen Freund F. ihm einen sol- chen Mann zu verschaffen. Herr F. schlug dem Sebaldus diese Stelle vor, der sie auch vielleicht wuͤrde angenommen haben, wenn er nicht uͤberlegt haͤtte, daß sein Wohlthaͤter, der Armen- schulmeister, sie so gut, als er, verwalten koͤnnte, und daß demselben, nach der unverschuldet erlittenen Be- schimpfung seiner Familie, die Entfernung von seinen bisherigen Bekannten zur Beruhigung gereichen wuͤrde. Er empfohl also denselben, und er ward an- genommen. Jndessen verließ Sebaldus dennoch Berlin ge- gen den Fruͤhling. Er hatte seit geraumer Zeit keine Nachricht von seiner Tochter, welches ganz natuͤrlich zugieng, denn die Frau von Hohenauf hatte fuͤr gut gefunden, den Brief, welchen Mariane, vor ihrer Abreise zur Graͤfinn ***, unter Einschluß des Hie- ronymus, an ihren Vater geschrieben hatte, zu J 4 ver- verbrennen, weil ihr daran gelegen war, daß nie- mand Marianens Aufenthalt wissen sollte. Als sich Hieronymus, auf Sebaldus wiederholtes Bit- ten, bey der Fr. v. H. nach Marianen erkundigte, war derselben kaltsinnige Antwort: ‚die Mamsell habe ”sich heimlich fortgemacht, und sie wisse nicht wohin.‛ Dieß meldete Hieronymus dem Sebaldus, der, durch diese Nachricht sehr beunruhigt, beschloß, im Fruͤhlinge eine Reise zum Hieronymus zu thun, um, wo moͤglich, von seiner Tochter naͤhere Nachricht zu erhalten. Ob es auf diesen Entschluß nicht einigen Einfluß mag gehabt haben, daß weder Herr F. noch sonst jemand in Berlin, von seiner Auslegung der Apoka- lypse etwas hoͤren wollte, und daß er, so vortheilhaft auch die Schilderung war, die Herr F. von dem Of- ficier machte, doch Ursach finden mochte, zu glau- ben, derselbe werde noch weniger apokalyptisch gesin- net seyn, wollen wir den Schreibern moralischer Sy- steme zu untersuchen uͤberlassen, welche auf ein Haar- breit anzugeben wissen, aus welchen Grundsaͤtzen die menschlichen Handlungen entspringen und nicht entspringen. Genug, Sebaldus, der, bey seiner fleißigen Ar- beit und sparsamen Lebensart, eine fuͤr ihn betraͤcht- liche liche Summe zuruͤckgelegt hatte, nahm im Maymo- nathe von Herrn F. Abschied, setzte sich auf die Post, und befand sich, in wenigen Tagen, bey seinem lieben Hieronymus, und bey seinem ihm eben so lieben Kommentar uͤber die Apokalypse. Dreyzehnter Abschnitt . S ebaldus konnte, wider sein Vermuthen, beym Hieronymus keine naͤhere Nachricht von sei- ner Tochter erhalten, und dieser wiederrieth ihm auch, deshalb zur Frau von Hohenauf zu reisen, weil er schon voraus wußte, daß alle Nachforschung vergeb- lich seyn wuͤrde. Sebaldus troͤstete sich indessen da- mit, daß er Gelegenheit hatte, seinen Kommentar uͤber die Apokalypse aufs neue zu uͤbersehen und zu ver- mehren. Nachdem er damit uͤber einen Monath zu- gebracht hatte, fieng er an, der muͤßigen Lebensart uͤberdruͤßig zu werden, und wuͤnschte wieder eine or- dentliche Beschaͤfftigung zu haben. Jn der fuͤrstli- chen Residenzstadt hatte er kein Amt zu hoffen. Zu Herrn F. zuruͤckzukehren trug er kein Belieben, und andere Aussichten konnte er auch in Berlin eben nicht haben. Es fuͤgte sich aber, daß ein gewisser Edel- mann, der vormals am fuͤrstlichen Hofe Kammer- J 5 junker junker S Wilhelmine S. 99. gewesen, und nachher im Holsteinischen ansehnliche Guͤter erheurathet hatte, vom Hierony- mus einen Aufseher seiner Bibliothek und seines An- tiquitaͤtenkabinets verlangte. Sebaldus ließ sich leicht bereden, diese Stelle auzunehmen. Hie- ronymus gab ihm einen Empfehlungsbrief an den Kammerjunker mit, und weil er eben im Magdebur- gischen fuͤr verkauftes Getreide Rechnungen abzu- thun hatte, so setzte er sich mit dem Sebaldus auf die Post, um denselben, so weit es sein Weg mit sich braͤchte, zu begleiten. Nachdem sie einige Meilen gereiset waren, gesellte sich zu ihnen ein Mann zu Pferde, der einem Ver- walter aͤhnlich war, und den Hieronymus als einen Bekannten begruͤßte, und in der folgenden Station bestieg den Postwagen, nebst andern unbedeutenden Reisenden, ein Mann ernsthaftes Ansehens, der ihnen, nach der ersten Begruͤßung, selbst sagte, daß sein Hauptstudium die Arabische Sprache sey. Er galt in der That, wie man nachher unter der Hand er- fahren hat, allenthalben fuͤr einen grundgelehrten Mann, der Hebraͤisch, Arabisch, Persisch, Syrisch, Samaritanisch, Phoͤnicisch und Koptisch aus dem Grunde verstehe. Er hatte nicht allein, gleich an- dern dern Kennern der hoͤhern Eregese, das Hebraͤische durch das Arabische zu erklaͤren gesucht, sondern er war auf eine Hoͤhe gestiegen, die noch kein anderer Ereget erreicht hatte, nehmlich, er hatte einen Versuch gemacht, das Arabische durch das Hebraͤische in ein helleres Licht zu setzen. Er war in Leipzig gewesen, und freylich soll seine geruͤhmte Arabische Kenntniß bey Reisken nicht großen Beyfall gefunden haben, wel- cher glaubte, daß sie sich nicht weit uͤber den Solius erstreckte. Unser Mann hielt dieß aber, wie billig, fuͤr Neid, und wandte sich nach Wittenberg. Er hatte eine Sammlung von ihm in der Bibel, vermit- telst des Arabischen, neuentdeckter Beweisspruͤche bey sich, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik aufs neue befestigt werden sollten. Er glaubte dadurch in dieser orthodoren Stadt gewiß eine ansehnliche Be- lohnung oder Befoͤrderung zu erhalten. Er erstaunke aber nicht wenig, da alle dortigen Doktoren der Gottes- gelahrtheit seine neuen Beweisspruͤche fuͤr ganz uͤberftuͤ- ßig hielten, weil sie meinten, die Dogmatik sey durch die Augspurgische Konfession und durch das Konkordion- buch befestigt genug. Zum Gluͤck, konnte ihm seine Arabische Gelehrsamkeit so gut dienen, als weiland dem Ritter Hudibras seine Logik: who who could refute Change sides, and still dispute. Er zog also, mit Huͤlfe der Arabischen Sprache, eine große Menge Erklaͤrungen aus der Schrift, wodurch die vornehmsten Artikel der Dogmatik zweifelhaft ge- macht wurden, und jetzt eben war er im Begriff, mit diesem Schatze von neuen Entdeckungen ins Bran- denburgische zu reisen, wo sie, wie er gewiß glaubte, Waare fuͤr den Platz seyn muͤßten. Dieser Mann wendete sich so gleich an den Sebal- dus als an einen Gelehrten, und suchte ihm einen ho- hen Begriff von seinen Entdeckungen beyzubringen. Er bewies ihm weitlaͤuftig, daß die Hebraͤische Sprache gaͤnzlich ausgestorben sey, und daß, ohne die Arabischen Wurzeln, an keine Palingenesie derselben zu gedenken sey. Er legte ihm daher verschiedene ganz nagelneue Erklaͤrungen vor, z. B. daß 1. B. Mos. XLIX, v. 10. wo man, einige Jahr- hunderte lang, den Messias zu finden ge- glaubt habe, von einer Ueberschwemmung die Rede sey, daß B. der Richter VII, v. 13, wo Luther von geroͤsteten Gerstenbrodten redet, von einem aus der Scheide gezogenen Schwerte verstanden werden muͤsse, und dergleichen schoͤne Saͤ- chelchen mehr. Sebaldus, der kein Freund vom Erege- Eregesiren, am allerwenigsten von einer so ausschwei- fenden Eregese war, schwieg ganz stille, bis ihn der Fremde zu wiederholtenmalen fragte, was ihm von dieser neuen Erklaͤrungsart duͤnke, und ob sie nicht voͤllig nen, und sehr sinnreich sey. Sebaldus sagte ganz kalt: Neu und sinnreich mag sie seyn, aber ich sehe auch wohl, daß man mit solcher Erklaͤrungsart leicht schwarz in weiß verwandeln, und einen Autor sagen lassen kann, was man will. Der Fremde, der laute Bewunderung erwartet hatte, fieng nochmals an, mit sehr beredten Gruͤn- den darzuthun, daß die Bedeutungen der Hebraͤischen Woͤrter verloren gegangen waͤren, und daß man in den Wurzeln der verwandten Sprachen, besonders der Arabischen, diese Bedeutungen wieder auffinden muͤsse. Sebaldus versetzte: Es scheint mir ganz unmoͤglich, wenn die Bedeutungen der Deutschen Sprache ganz verloren gegangen waͤren, sie, nach ein Paar tau- send Jahren, in den Wurzeln der Daͤnischen, Schwedi- schen und Engellaͤndischen wieder zu finden. Die Wurzelwoͤrter veraͤndern in der Zusammensetzung ihre Bedeutung auf mancherley Art. Wer die Deut- sche Sprache nur in den Wurzeln kennte, und z. B. im Daͤnischen die Wurzelwoͤrter Tisch, Topf und und Nacht gefunden haͤtte, und nun daraus schließen wollte, daß Nachttisch und Nachttopf Sa- chen von einerley Art seyn und nur in der Nacht gebraucht werden muͤßten, dem wuͤrde es gerade so gehen, wie unsern heutigen Arabischen Philologen. Jch habe kuͤrzlich eine Schrift des beruͤhmten Reis- ke Dieses sehr gelehrten und sehr aufrichtigen Mannes Ge- danken, wie man der Arabischen Litteratur aufhelfen koͤnne und solle, stehen in den von ihm verfertigten Zusaͤtzen zu der koͤnigl. Akademie der schoͤnen Wissenschaften zu Paris, die den elften Theil der Deutschen Uebersetzung (Leipzig 1751. gr. 8.) ansmachen. Diese kleine Schrift verdiente bekannter zu seyn, und von vielen gelesen zu werden, zu- mal zu itziger Zeit, da wieder allenthalben stark aus der Arabischen Gaukeltasche gespielt wird. gelesen, der die Unmoͤglichkeit zeigt, die Ara- bische Sprache, itzt schon, auf die Hebraͤische anzuwen- den. Er versichert: ‚Daß noch nicht der tausendste ”Theil der nuͤtzlichen Arabischen Manuskripte bekannt ”ist und gebraucht werden kann; daß die meisten ”Theologen, die das Hebraͤische aus dem Arabischen mei- ”steru wollen, aus des Golius Lerikon nur eine sehr ”duͤrftige Kenntniß erschnappt haben, oder aufs hoͤch- ”ste ein Paar Suren aus dem Alkoran lesen koͤnnen; ”daß wir selbst vom Alkoran nicht einmal so viel ”wissen, um zu entscheiden, ob der vom Maraccius ”oder von Hinkelmannen eingefuͤhrte Tert, nach der ”Les- ”Lesart der Schule zu al Kufah oder al Basrah sey, ”welches, wie er sagt, ein so großer Unterschied ist, ”als zwischen Lutheranern oder Katholiken. Er sagt ”ausdruͤcklich, daß man noch einhundert Jahre hin- ”durch gute Arabische Buͤcher drucken, und sich bis ”dahin die Lust daruͤber zu philosophiren ganz ”vergehen lassen sollte. Er vergleicht, sehr tref- ”fend, die Theologen, die itzt schon das Hebraͤische ”aus dem Arabischen erlaͤutern wollen, mit den al- ”ten Philosophen, welche die Wirkungen der Dinge ”in der Natur a priori demonstriren wollten, ehe sie ”noch die Natur durchstudiret hatten, und dadurch ”die laͤcherlichsten Grillen in die Physik brachten.‛ Habe ich Unrecht, fuhr Sebaldus fort, wenn ich Reisken, dem groͤßten Kenner der Arabischen Spra- che, hierinn glaube? Ey! rief der Fremde ziemlich entruͤstet, Reiske kann hievon nicht urtheilen; der Mann versteht zwar etwas Arabisch, aber von dem Hebraͤischen und an- dern orientalischen Sprachen, weiß er so viel als nichts. Und Sie, mein guter Herr, der Sie von allen diesen gelehrten Sachen ganz und gar nichts verstehen, Sie sollten davon auch ganz und gar nicht urtheilen, sondern Ehrfurcht fuͤr die Bemuͤhungen gelehr- gelehrter Maͤnner haben, die durch ihre Arabische Philologie in der Bibel ein neues Licht anzuͤnden. Eben deswegen bekuͤmmere ich mich, nebst andern Ungelehrten darum, sagte Sebaldus, weil es uͤber unsere Haut hergeht. Von der einen Seite wird uns zugerufen, daß wir ohne den geschriebenen Wil- len Gottes nicht selig werden koͤnnen, und von der andern Seite kommen gelehrte Leute, erklaͤren uns, mit Huͤlfe von einigen Wurzeln, und Kon- jekturen, hinein und hinaus, was ihnen beliebt. Und das sollen wir mit Ehrfurcht glauben, weil wir nicht den Golius gelesen haben, oder nicht den Ara- bischen Alkoran erponiren koͤnnen? Nein! die Se- ligkeit des menschlichen Geschlechts kann unmoͤglich auf solchen Wortklaubereyen beruhen! Hat man einen seltsamern Zirkel gesehen, als den, in welchem man uns herumfuͤhren will? Der Willen Gottes im alten Testamente ist Hebraͤisch geschrieben. Zu den Zeiten der Apostel und der ersten Christen wußte man nichts davon, daß die Bedeutung der Hebraͤischen Woͤr- ter verloren gegangen waͤre. Jn den folgenden Jahr- hunderten auch nicht, aber wohl vergaß man den Hebraͤischen Tert bey nahe ganz und gar, und hielt sich an die Vulgata. Als man die Hebraͤische Spra- che wleder hervorsuchen wollte, mußte sie Reuchlin von ”von den Juden lernen, ohne zu wissen, daß diese ”ihr Hebraͤisch selbst nicht verstaͤnden, welches sie ”sich auch nicht traͤumen ließen. Auf diese Kennt- ”niß der Hebraͤischen Sprache, wurden sowohl Lu- ”thers Deutsche Uebersetzung, als auch alle unsere sym- ”bolischen Buͤcher gebaut; wir stritten, beynahe zwey ”Jahrhunderte lang, mit bitterm Eifer, uͤber Lehr- ”saͤtze, die sich darauf gruͤndeten, und endlich, nach ”zweyhundert Jahren, erfahren wir, daß die Be- ”deutung der meisten Woͤrter der Hebraͤischen Spra- ”che verloren gegangen ist, und daß wir sie im Ara- ”bischen aufsuchen muͤssen. Nun haben wir wieder ”zweyhundert Jahre zu streiten. Alsdann koͤmmt ”vielleicht jemand, der uns berichtet, daß sich die Be- ”deutung der Arabischen Woͤrter auch veraͤndert haͤt- ”ten, Wenn der Fremde wieder zum Worte gekommen waͤre, haͤtte er vermuihlich standhaft behauptet, daß keine einzige Be- deutung eines einzigen Arabischen Werks jemals sich ver- aͤndert haͤtte. Dieß versichert wenigstens Magister Schel- ling, welcher, sitzend in seiner Studierstube im herzogli- chen Stifte zu Tuͤbingen, unwidersprechlich uͤberzeugt ist, daß die Arabische Sprache ‚noch jetzt eben dieselbe ist, die ”sie bald nach der Zeit ihrer Entstehung war,‛ und ein feines Kapitel, ‚von der wunderbaren Erhaltung der Ara- ”bischen Sprache in ihrer ersten Reinigkeit, von den aller- ”aͤltesten Zeiten, bis auf den heutigen Tag, zu erzaͤhlen, weiß, wie aus seiner Abhandlung von der Alabischen Sprache so wie es in allen Sprachen in der Welt ge- K ”gangen ”gangen ist, und daß wir diese Bedeutung wieder ”in der Persischen Sprache, Der gelehrte Englaͤnder Jones hat in der Vorrede zu sei- ner Persischen Grammatik, schon einen Wink gegeben, den ein Deutscher Professor der Philologie, der vor seinen Zu- hoͤrern mit neuen Entdeckungen glaͤnzen will, bald wird mißbrauchen koͤnnen. oder wer weiß wo, auf- ‚suchen muͤssen.‛ Hier ward Sebaldus durch ein heftiges Geschrey unterbrochen, welches sich auf der Landstraße einige hundert Schritte vom Postwagen erhob. Was die- ses fuͤr ein Geschrey gewesen, wollen wir kuͤnftig berichten, und indessen zur Geschichte Marianens und Saͤuglings zuruͤckkehren. Sprache (Stuttgard 1771. 8.) besonders S. 16 bis 21 des mehrern zu ersehen. Freylich, der Reisende Niebuhr, wel- cher in Arabien gewesen ist, berichtet, daß die itzige Arabi- sche Sprache von der alten Sprache, wie Jtaliaͤnisch vom Lateinischen unterschieden ist, daß die itzigen Arabischen Ge- lebrten die Sprache des Alkorans, und anderer Schrif- ten, in ihren Schulen, als eine todte Sprache lernen muͤs- sen; daß die itzige Arabische Sprache, so wie alle Spra- chen des Erdbodens, in viele Dialekte vertheilt ist, u. d. g. Aber was thut das zur Sache: Niebuhr ist ja ein unge- lehrter Jngenieur, und kein gelehrter Philologe! Ende des vierten Buchs. Fuͤnf- Fuͤnftes Buch . Erster Abschnitt . M ariane ward bey ihrer Ankunft auf dem Gute, wo sich die Graͤfinn von *** aufhielt, von derselben mit offnen Armen empfangen. Die Graͤfinn, welche, in der schoͤnen Jahreszeit, haͤufige Besuche hatte, ward mehrentheils, so- bald die rauhe Herbstwitterung eintrat, einsam gelassen. Alle ihre Nachbarn, denen der heitere Sonnenschein und die gruͤnenden Baͤume kaum den Aufenthalt auf dem Lande hatten ertraͤglich ma- chen koͤnnen, eilten nach der Residenzstadt, um zu Vergnuͤgungen zuruͤckzukehren, die ihnen angemeß- ner waren: zu Cour-Tagen, wo man sich tief neiget, um seinen Stolz zu zeigen; zu Baͤllen, wo jeder sich bis uͤber die Zaͤhne vermummt, ob gleich keiner mit K 2 einer Maske spricht oder tanzt, die er nicht kennet; zu großen Mittagsmahlen, wozu man alles, was vor- nehm und angesehen ist, bittet, um vier Stunden lange Weile zu haben, und zu feinen Abendmahlzei- ten, zu welchen man sich, mit leichtsinnigen und sit- tenlosen Leuten einschließt, um sich ein paar Stunden lang einzubilden, man sey verguuͤgt gewesen. Die Graͤfinn, die seit langen Jahren alle diese herrlichen Vergnuͤgungen geschmeckt hatte, und davon sehr bald war gesaͤttigt worden, trug kein Verlangen im Win- ter ihre Guͤter zu verlassen. Sie hatte gelernt, sich selbst genug zu seyn. Die Besorgung ihrer Angelegen- heiten, kleine weibliche Arbeiten, und die Lektur, konnten sehr wohl den groͤßten Theil ihrer Zeit be- schaͤfftigen. Nur fehlte ihr noch eine Gesellschafterinn ihres Geschlechts, von unbescholtenen Sitten, und der es nicht an Verstande und Geiste fehle, die bey Spazier- gaͤngen, (die sie auch in schoͤnen Wintertagen nicht ver- absaͤumte,) und bey ihren wohlthaͤtigen Besuchen ihrer Unterthanen, ihre Gefaͤhrtinn sey, in deren Gesellschaft sich der Geist, der in der Einsamkeit erschlafft, zu angenehmer Unterhaltung wieder anspannen koͤnne. Eine solche Gesellschasterinn fand sie an Marianen, die ihr daher alle Tage werther ward. Maria- Mariane auf ihrer Seite, lebte sehr gluͤcklich Die Graͤfinn von *** verbannte aus ihrer Gesell- schaft alle Art von Dienst; sie wollte eine Freundinn haben. So verflossen die Wintermonathe unter ge- meinschaftlichen Arbeiten, Lektur und Unterhaltung. Es ist leicht zu erachten, daß Marianen der Um- gang mit einer Dame, die so viel Verstand mit so viel Erfahrung und Weltkenntniß verknuͤpfte, unge- mein lehrreich gewesen seyn muͤsse. Die von der Graͤ- finn sehr wohl gewaͤhlte Lektur trug das ihrige dazu bey; und obgleich Mariane dadurch belesener ward, so wußte sie die Graͤfinn doch, durch feinen Scherz, von der kleinen Thorheit ihre Belesenheit in Gesellschaft zu zeigen, in kurzem ganz zu heilen. Die einzige Stoͤrung der Reihe von sanften Ver- gnuͤgungen, in denen Mariane lebte, war das An- denken an Saͤuglingen, und vielleicht war eine solche Stoͤrung einem jungen und lebhaften Frauenzimmer behaglich, weil sie die Einfoͤrmigkeit ihrer Empfindungen mannichfaltiger machte. Sie dachte sehr| oft an den schnellen Abschied; sie war zu- weilen ungehalten, daß er ihr keine Nachricht von sich gebe; dann uͤberlegte sie wieder, daß er ihren Aufenthalt nicht wissen wuͤrde; und indem sie ganz leise den Gedanken dachte, daß sie an ihn schreiben K 3 koͤnnte, koͤnnte, erroͤthete sie, als vor einem ihr unanstaͤndl- gen Schritte. Sie klagte wieder uͤber die Unmoͤglich- keit von ihm Nachricht zu erhalten; dann fiel ihr das Versprechen ein, das sie der Frau von Hohen- auf gethan hatte, alle Verbindung mit Saͤuglingen aufzuheben: und dann entschloß sie sich, ihn voͤllig zu vergessen. Jndem sie aber diesen Entschluß recht zu befestigen suchte, ward sein Bild unvermerkt in ihrer Einbildungskraft lebhafter, und sie vernichtete ihren Vorsatz, selbst indem sie ihn ausfuͤhren wollte. Saͤugling, auf seiner Universitaͤt, zerbrach sich nicht weniger den Kopf uͤber Marianens Zustand. Er hatte vermittelst des Kammermaͤdchens nichts weiter erfahren koͤnnen, als daß Mariane in der Nacht in einem Wagen waͤre weggebracht worden. Er spannte seine ganze Einbildungskraft an, um zu muthmaßen, wohin sie gerathen sey; aber vergeb- lich. Er mußte sich begnuͤgen, an ihr geliebtes Schat- tenbild die zaͤrtlichsten Seufzer abzusenden. So ver- gieng der Winter damit, daß er an Marianen dachte, ihren Namen, in Ermanglung eines Baums, in sein Schreibepult schnitt, wenn er sie besingen wollte, und uͤber beides von Rambolden geschraubt ward. Jm Jm Fruͤhlinge, nachdem er auf dieser zweyten Uni- versitaͤt ein Jahr gewesen war, berief ihn sein Va- ter, der sich nach geendigtem Kriege in Westphalen ein Landgut gekauft hatte, nach Hause. Er reisete also mit Rambolden ab, und nahm seinen Weg uͤber den Landsitz seiner Tante, die sich stellte, als ob sie den Vorfall mit Marianen ganz vergessen haͤtte, und ihn mit sehr vieler Freundlichkeit aufnahm. Er trauete sich demungeachtet nicht, sich nach Maria- nen zu erkundigen. Sie selbst aber nahm Anlaß ihm einst, bey Gelegenheit, mit laͤchelndem Munde eine Neuigkeit zu sagen, die ihm wie ein Blitz in seine arme Seele fuhr: „daß die Mariane, die einst ein ”fluͤchtiger Gegenstand seiner Neigung gewesen, in ”Franken bey einem Edelmanne, Franzoͤsische Mann ”sell worden, und kuͤrzlich den Jnformator, dem der ”gnaͤdige Herr eine erledigte Pfarre gegeben haͤtte, ”geheurathet habe.‟ Sie erdichtete diese Nachricht nicht ohne besondere Absichten. Zu Folge ihrer bestaͤndigen Leidenschaft, ihre Familie zu erheben, wuͤnschte sie, daß ihr Neffe eine Adeliche heurathen moͤchte. Jhre Augen waren dabey auf das Fraͤulein von Ehrenkolb gerichtet, ein Fraͤulein von altem Adel, aber nicht von großem Vermoͤgen, welche mit ihrer Mutter, einer Wittwe, K 4 auf auf einem kleinen Gute in der Nachbarschaft wohnte. Die Frau von Hohenauf glaubte, die Frau von Eh- renkolb werde durch den großen Reichthum, welchen der junge Saͤugling, der ein einziger Sohn war, zu erwarten hatte, leicht bewogen werden, in diese Heurath zu willigen; der alte Saͤugling, der schon ein Rit- tergut gekauft hatte, werde sich adeln lassen, er werde seinem Sohne eine ansehnliche Bedienung kaufen; und nun wiegte sie sich schon im voraus mit dem an- genehmen Traume, daß durch ihn ihre Familie, in ein Paar Generationen, zu den angesehensten des Lan- des werde gezaͤhlet werden. Die Frau von Hohenauf hatte ihrem Neffen von diesen ihren politischen Absichten noch nichts gesagt, und er konnte sich, aus eignem Triebe, so hohe Ge- danken nicht in den Kopf kommen lassen. Er war nur bloß mit seinen Gedichten, und mit seiner Liebe zu Marianen beschaͤfftigt. Er hatte, seitdem er von ihr so ploͤtzlich war geschieden worden, fleißig, an Sie gerichtete Lieder gemacht, und in der Deutschen Ge- sellschaft des Orts vorgelesen. Diese Sammlung von Gedichten hatte er kurz vor seiner Abreise unter die Presse gegeben. Er war, wie jeder junge Autor, uͤber dem Gedanken, daß seine Gedichte gedruckt wuͤrden, vor Freuden außer sich. Er unterhielt sich uͤber- uͤberdieß mit den angenehmsten Traͤumen, welche zaͤrtliche Scenen erfolgen wuͤrden, wenn er einmal von Marianen Nachricht erhalten, und ihr diese Folge von Gedichten uͤberreichen sollte. Man urtheile also, wie groß sein Schmerz war, da er hoͤrte, wie leichtsinnig Mariane seine Liebe sollte vergessen ha- ben, und mit einemmal befand, daß alle diese zaͤrt- lichen Liebesseufzer ihre Wirkung verfehlen wuͤrden, Zwar gehoͤrte er nicht zu den starken selbststaͤndigen Seelen, welche, wenn ihnen ihre Geliebte vor dem Munde weggeheurathet wird, sich nothwendig er- haͤngen, oder in einen Fluß stuͤrzen muͤssen; dennoch aber irrte er oͤfters trostlos in dem nahegelegenen Wal- de, achtete weder Wind noch Regen, sondern klagte dem Echo und den murmelnden Baͤchen seine Noth, Er sang manche Lieder voll verliebter Verzweiflung, und endlich eins, worinn er der Liebe ganz und gar entsagte. Dieß letztere erhielt seinen voͤlligen Beyfall; denn es schien ihm, es habe etwas feyerliches, wel- ches seinen vorigen Liedern fehlte; und er fieng an seinen verliebten Schmerz, durch das Wohlgefallen an den Geisteswerken die er verursacht hatte, in etwas zu lindern. K 5 Zwey- Zweyter Abschnitt . D ie Frau von Ehrenkolb, nebst ihrer Fraͤulein Tochter, begaben sich, auf geschehene Einla- dung, nach dem Gute der Frau von Hohenauf. Die Fraͤnlein hatte in der Bluͤthe ihrer Jahre, (denn sie war noch nicht voͤllig achtzehn Jahre alt) eine sehr gluͤckliche Erziehung genossen, unter der Aufsicht einer Franzoͤsinn, die in Frankreich eine Troͤdelkraͤ- merinn gewesen, in Deutschland aber, mit dem Reste ihrer Bude ausgeschmuͤckt, sich zur Comtesse erhob, und, nachdem sie verschiedene Deutsche Hoͤfe besucht, und auf maskirten Baͤllen und auf Lustschloͤssern, mit Herzogen und Reichsfuͤrsten, gegessen und gespielt hatte, sich endlich, des Hoflebens satt, aus ange- borner Gutherzigkeit, bereden ließ, ein Deutsches Landfraͤulein zur Dame umzuschaffen, und es auf den guten Ton zu stimmen, den sie selbst in Paris, ob- gleich freilich nur aus der dritten oder vierten Hand, gelernt hatte. Das Fraͤulein machte einem so treffli- chen Unterrichte wirklich Ehre, indem sie alles, was ihr die Franzoͤsinn anpties, noch zu uͤbertreiben such- te. Sie konnte, mit gelaͤufiger Zunge, jedermann Rede angewinnen, alles verachten, sich zu allem draͤn- gen, sich nichts uͤbel nehmen, dreyerley auf einmal spre- sprechen und thun, um in Gesellschaft die Aufmerk- samkeit auf sich zuziehen; widersprechen, um eigen- sinniger Laune Lauf zu laßen, die oft fuͤr lebhaften Geist genommen wird; nachgeben, um mit Zierlich- keit schmollen zu koͤnnen; in Einem Nachmittage an sechs Orten, und allenthalben abwesend seyn; in der ganzen Gesellschaft am lautsten reden, und am we- nigsten sagen; sich putzen, schminken, spielen, tan- zen, liebaͤugeln, Liebeshaͤndel anspinnen und Senti- niens plaudern, alles zugleich und ohne daran zu den- ken. Kurz sie besaß den bon ton vollkommen, und hatte sich, um ihn an Mann zu bringen, den ver- gangenen Winter, an einem benachbarton fuͤrstlichen Hofe, zum erstenmal als eine ausgemachte Petite- maitresse gezeigt. Sie war mit ihrem Anfange selbst nicht uͤbel zu frieden; denn sie hatte mehr Aufsehen gemacht, als irgend ein anderes Fraͤulein, ejnige ihrer Moden waren nachgeahmt worden, die Schoͤnheiten des vorigen Winters, kamen gegen sie nicht mehr iu Betrachtung, die Anbeter draͤngten sich um sie, Ge- schenke, Nachtmusiken, Baͤlle, von denen sie die Koͤniginn war, folgten sich unaufhoͤrlich, und sie be- saß wirklich ein sehr großes Paket Liebesbriefe, von den bestfrisirten Koͤpfen des Hofes. Die Die Frau von Ehrenkolb gehoͤrte zu den guten Muͤttern, die sich selbst in ihren Toͤchtern genießen. Daß ihre Tochter Aufsehen machte, und geruͤhmt wurde, gefiel dem guten muͤtterlichen Herzen, und wenn sich ihre Erfahrung auch wider manche Frivo- litaͤt setzte, so war doch die kleinste Liebkosung der Tochter hinlaͤnglich, die schwache Mutter nachge- bend zu machen, ja ein ruhiger Nachmittag war ge- nug, ihr einzubilden, daß ihre Tochter gesetzt und weise waͤre. So ungelegen es dem Fraͤulein gewesen war, daß sie der verdrießliche Fruͤhling aus der fuͤrstlichen Re- sidenz auf das Land trieb, so angenehm war ihr die Einladung der Frau von Hohenauf. Sie hatte bey derselben schon oft große glaͤnzende Gesellschaften ge- sehen, und hoffte also daselbst ebenfalls wieder viel schoͤne Welt, und unter derselben viele Anbeter zu finden. Sie probirte schon in Gedanken die Rollen, die sie spielen wollte, und traͤumte schon viel von zahlreichen Partien, vom Neide anderer Damen, und von einer muntern Jugend, die sie mit Einem Blicke an ihrem Siegeswagen hinter sich zog. Wie sehr erschrocken war sie daher, als sie niemand an- traf; denn den schuͤchternen Saͤugling, der eine so rauschende Petitemaitresse, als ein niegesehenes Wun- derthier derthier anstaunte, und Einen Reverenz uͤber den an- dern machte, rechnete sie wirklich fuͤr nichts. Sie sahe sich also einige Tage lang in der traurigen Noth- wendigkeit, drey Stunden nach Sonnenaufgang auf- zustehn, sich zu putzen, ohne gesehen zu werden, den lieben langen Tag in frischer Luft und in gruͤnen Auen herumzugehn, und des Abends sich zu einer einsamen Whistpartie zu setzen, bey der sie keine an- dere Beschaͤfftigung hatte, als aufs Spiel Acht zu geben. Da indessen die Frau von Hohenauf ihren Neffen, so viel moͤglich, in dem bestem Lichte darzustellen such- te, und er selbst, dem es zur andern Natur gewor- den war, gegen jedes Frauenzimmer galant zu seyn, es an Achtsamkeiten gegen das Fraͤulein nicht er- mangeln ließ, so faßte sie ihn endlich in die Augen, und wollte, da sie an seiner Kleidung einen ziemlichen Geschmark bemerkte, aus langer Weile versuchen, ob aus ihm etwas zu machen waͤre. Dieß gelang ihr, uͤber Vermuthen; denn kaum hatte sie den ersten Bo- gen von Saͤuglings gedruckten Gedichten, die er ihr vorlas, gelobt, so zeigte er sich als ein ganz an- derer Mensch. Seine weibische Schuͤchternheit, die der ungestuͤme Rambold durch Schrauberey wegzu- spotten vergebens versucht hatte, verschwand, sobald er er einer petillirenden Petitemaitresse gefiel, und wie- der gefallen wollte. Er fieng an, zu schwatzen, zu wiedersprechen, sich dreymal in einer Minute herum- zudrehen, zu antworten, ehe die Frage vorbey war, und zu fragen, ohne Antwort zu verlangen, jeder- mann dreist in die Augen zu sehen, und sich des pour cela, eh mais tant pis, und tant mieux, so geschickt zu bedienen, daß man schier haͤtte glauben moͤgen, er haͤtte monde. Dabey war, weil er seine liebe Poesie nie vergaß, das Fraͤulein der Gegenstand aller seiner Gedichte, ja, weil er uͤberhaupt (wie mehrere junge Poeten, und alte Poeten, die lange jung bleiben) nur allzugeneigt war, seine poetischen Phantasien ins wirkliche Leben uͤberzutragen, so deuchte ihm oft, daß er etwas fuͤr das Fraͤulein empfaͤnde, welches er, ohne Bedenken, wuͤrde Liebe genennet haben, wenn ihm nicht sein gutes Herzchen augenblicklich geklopft, und erinnert haͤtte, daß seine Mariane, obgleich un- getreu, doch von ihm noch nicht vergessen werden muͤsse. Das Fraͤulein, ihrer seits, betrachtete ihn als ihre Kreatur. und triumphirte, einen Anbeter, und zwar einen Anbeter von einer so neuen Gattung, als ihr ein Poet war, erworben zu haben. Denn sie hatte noch nie Deutsche Verse gesehen, noch weniger Verse, deren Gegenstand sie selbst war. Diese neue Seltsam- Seltsamkeit war hauptsaͤchlich die Ursach, warum sie Saͤuglings Verse so allerliebst fand, obgleich der Ver- fasser wirklich glaubte, die Vortreflichkeit seiner Verse sey die Ursach davon. Ein sehr gewoͤhnlicher Jrr- thum. Denn wenn z. B. unsere Deutschen Hofleute, neben ihrer gewoͤhnlichen standesmaͤßigen Franzoͤsi- schen Lektur, zuweilen auch ein Deutsches Buch durch- blaͤttern, und davon reden, geschieht es oft bloß des- halb, weil sie dadurch am Hofe einen gewissen An- strich von Sonderbarkeit zu erhalten meinen, der sie unter den uͤbrigen flachen Hofgesichtern ein wenig hervorziehen koͤnnte; indessen halten dieß unsere gut- herzigen Deutschen Genien doch oft fuͤr einen wirkli- chen Beyfall, und traͤumen wohl gar, die Zeit sey nahe, da sich der reichste und wolluͤstigste Theil der Nation, des witzigsten und verstaͤndigsten nicht mehr schaͤmen wird. Saͤugling, dem ein Zweifel dieser Art nicht ein- fallen konnte, schwamm in dem Vergnuͤgen, daß seine Geisteswerke, von einem so schoͤnen Fraͤulein bewundert wuͤrden. Jn dieser Entzuͤckung kam er auf den Gedanken, ihr seine Sammlung von Ge- dichten, deren Abdruck eben geendigt werden sollte, zuzueignen. Dieß setzte ihn ganz in die Gunst des Fraͤuleins. Jhren Namen gedruckt zu erblicken, sich vor vor dem ganzen H. Roͤmischen Reiche fuͤr schoͤn und witzig erklaͤrt zu sehen. (denn Saͤugling hatte in feiner Zueignungsschrift die poetischen Floskeln nicht gespart) war ihr so schmeichelhaft, daß ihr Saͤug- ling ein homme adorable war, und daß sie bey sich Kraft fuͤhlte, ihn wirklich vierzehn Tage nacheinan- der zu lieben. Nun waren beide unzertrennlich. Obgleich diese bestaͤndigen Zusammenkuͤnfte von beiden Seiten ei- gentlich nur Eigenliebe und Galanterie zum Grunde hatten, so hielt sich doch die Frau von Hohenauf, die beide von Anfang an mit aufmerksamen Au- gen betrachtet hatte, und die sich nicht wenig Ge- schicklichkeit, die Geheimnisse anderer zu errathen, zu- traute, sestversichert, daß Liebe im Spiele waͤre, und freute sich insgeheim, daß ihr Anschlag anfienge, fast ohne ihre Bemuͤhung, so gut von statten zu gehen. Als die Frau von Ehrenkolb, nebst ihrem Fraͤu- lein, nach einiger Zeit auf die Ruͤckreise nach ihrem Gute dachte, that die Frau von Hohenauf den Vor- fchlag, daß ihr Neffe nebst seinem Hofmeister in ihrer Gesellschaft reisen sollte, weil der Aufenthalt der Frau von Ehrenkolb wirklich auf dem Wege nach Westphalen lag, den sie zu reisen hatten. Daß dem Fraͤulein dieser Vorschlag angenehm gewesen sey, ist leicht leicht zu erachten, und die Mutter war gleichfalls damit zufrieden, weil Saͤugling auch ihre Gunst erlangt hatte, indem er sich zuweilen zu ihr setzte, mit ihr zu schwatzen, und ihre Arbeit lobte, wenn sie im Tambour stickte. Uebrigens fand die Frau von Hohenauf noch nicht fuͤr gut, der Frau von Ehrenkolb ihre Ab- sichten zu entdecken. Jhrem Neffen aber ließ sie, kurz vor der Abreise, ihren Willen vernehmen, der dazu nicht Nein sagen durfte, aber auch nicht Ja sagte. Denn ein schoͤnes Fraͤulein, und das seine Ge- dichte liebte, war zwar eine sehr verfuͤhrerische Anlok- kung, aber das Andenken an seine Mariane, ver- stattete es ihm noch nicht, in voͤlligem Ernste an eine andere Verbindung zu denken. Sie reiseten nunmehr saͤmmtlich nach dem Landsitze der Frau von Ehrenkolb. Hier gieng Saͤuglings Umgang mit dem Fraͤulein wie vorher fort, bis nach einigen Tagen die Ankunft eines jungen Obersten, den das Fraͤulein an dem Hofe, wo sie sich den Win- ter uͤber aufgehalten hatte, schon hatte kennen ler- nen, den Sachen ein etwas anderes Ansehen gab: Er war drey und zwanzig Jahr alt, wohlgebildet, plapperte im Tone der großen Welt, trug eine glaͤnzen- de Uniform und eine reiche Schulterschleife, fuhr mit L sech- sechsen, hatte einen Laͤufer und vier Lakaien, alles Dinge, die ihm, bey einem jungen Fraͤulein nach der Welt, einen großen Vorzug vor dem armen Saͤug- ling zuwegebringen mußten, der ihm, außer einer klei- nen netten geschniegelten Person, einem geringen An- fange von Weltmanieren, und vielen Gedichten, nichts entgegen zu setzen hatte. Saͤugling stellte also von dem Augenblicke an, da der Oberste erschien, nur die zweyte Person vor. Gluͤcklicherweise ward er die- ses nicht einmal gewahr; denn das Fraͤulein ver- stand nicht allein die Kunst sehr wohl, sich mit mehr als Einem Anbeter zu unterhalten, sondern der Oberste, ein feiner Weltmann, der alle Dinge so zu nehmen wußte, wie sie waren, wollte auch nicht umsonst mit einem ihm so neuen Geschoͤpfe, als ein Deutscher Poet war, vierzehn Tage lang in Gesellschaft ge- wesen seyn. Er hatte sich, schon seit einiger Zeit, in der am Hofe so nuͤtzlichen Kunst geuͤbt, sich anzustel- len, als ob er jedes Ding verstehe oder daran An- theil nehme, was er zu verstehen oder woran er An- theil zu nehmen scheinen wollte. Diese von vielen Hofleuten fuͤr ein großes politisches Geheimniß ge- achtete Kunst besteht, im Grunde, bloß in einigen Geberden und kahlen Gemeinspruͤchen, die, wie in manchen Laͤndern geringhaltige Muͤnze, am Hofe fuͤr fuͤr vollguͤltig angenommen werden. Die meisten Hofleute machen diese Grimasse so oft, daß sie sie fuͤr etwas wirkliches halten, und sich einbilden, sie verstaͤnden viel, und naͤhmen an vielen Dingen An- theil, merken aber nicht, daß sie oft von denen, die sie am meisten uͤberredet zu haben glauben, durch und durch gesehen werden. Diese Kunst nun suchte der Oberste zu uͤben, in- dem er sich stellte, als ob er von Gedichten entzuͤckt wuͤrde, an denen ihm eigentlich nichts gelegen war, und wovon er weder etwas verstand noch empfand. Saͤugling, der nicht weit sahe, sondern glaubte, daß man es aufrichtig meinen muͤßte, wenn man seine Gedichte lobte, war sehr zufrieden. Der Oberste war es auch, weil er seine Geschicklichkeit genoß, einen andern zu uͤberlisten. Das Fraͤulein auch, weil sie, anstatt Eines Anbeters, zwey hatte. Und endlich die Frau von Ehrenkolb auch, weil sie glaubte, daß zwischen ihrer Tochter und dem reichen Obersten eine Vermaͤhlung geschlossen werden koͤnne. Denn daß Saͤugling, ein buͤrgerlicher Poet, auf ihre Tochter sollte Anspruch machen wollen, kam ihr gar nicht in den Sinn; und Saͤugling selbst hatte, mit gutem Herzen, das, was ihm die Frau von Hohenauf dar- uͤber gesagt hatte, gaͤnzlich vergessen; denn sein gan- L 2 zer zer Geist war von dem Vergnuͤgen seine Gedichte taͤg- lich vorzulesen und gelobt zu hoͤren so eingenommen, daß er selbst nur in wenigen Minuten voll Phantasie an seine ungetreue Mariane denken konnte. Dritter Abschnitt. D ie Sachen standen auf diese Art in dem Schlosse der Frau von Ehrenkolb, als sie sich vor- nahm, ihre Freundinn, die Graͤfinn von *** zu be- suchen, welche einige Meilen von ihr wohnte. Jhre Tochter hatte schon einigemal diese Reise hintertrie- ben, weil ihre Gesinnungen mit den Gesinnungen der Graͤfinn gar nicht uͤbereinstimmten, und sie sich von dem Aufenthalte bey ihr nicht das geringste Ver- gnuͤgen versprach. Jzt bestand aber die Mutter darauf, und die Tochter durfte nicht ferner wider- sprechen. Die ganze Gesellschaft reisete also fort, und Saͤug- ling wiegte sich mit dem Gedanken, vor der Graͤfinn, deren guten Geschmack er schon kannte, mit seinen Gedichten zu glaͤnzen, unwissend, daß seiner ganz andere Vorfaͤlle warteten. Die Graͤfinn empfieng sie bey ihrer Ankunft in einem offnen Gartensaale. Der Oberste fuͤhrte die Fran Frau von Ehrenkolb, Saͤugling das Fraͤulein. Kaum hatte die Graͤfinn ihre Freundinn umarmen koͤnnen, als das Fraͤulein, von Saͤuglings Hand, auf sie zurauschte, und sich mit einem: „Ah ma chere ”Comtesse, que je suis ravie de vous embrasser, c’est ”un million d’années, qu’on ne vous a pas vû‟ in ihre Arme warf. Jndem dieses geschah, erblickte Ma- riane Saͤuglingen, und ward feuerroth; Saͤug- ling warf zu gleicher Zeit die Augen auf Marianen, und stand mit einemmale, wie eine Salzsaͤule, so daß er auch weder die Graͤfinn noch Marianen gruͤßte. Die Graͤfinn redete ihn an, er ward blaß und roth, wollte seine Verwirrung verbergen, und sahe noch daͤhmischer aus. Die Graͤfinn stellte ihm Marianen, als eine vorige Bekanntschaft vor, er fieng an zu stammeln, und nannte sie Madame. Die Graͤfinn lachte, und fragte, ob er seine ehemalige Freundinn nicht kenne. Saͤugling stotterte aber- mals, — und besann sich zu spaͤt, zu sagen, daß er sich im Gesichte geirret haͤtte, wußte aber noch nicht, welche Miene er annehmen sollte. Nachdem er sich von seiner ersten Bestuͤrzung ein wenig erholt hatte, sah er wohl ein, daß er von sei- ner Tante sey hintergangen worden, und konnte auch die Absicht ihrer List leicht errathen. Nun ent- L 3 brannte brannte seine Liebe zu Marianen wieder viel staͤr- ker als zuvor. Er hieng wieder an ihren Augen, seine Gedichte waren wieder an sie gerichtet, er schrieb ihr oͤfters Briefe, indem er sehr selten so gluͤcklich war, sich mit ihr unter vier Augen zu unterreden. Mariane hingegen war gegen ihn ungemein zu- ruͤckhaltend. Sie hatte der Graͤfinn, mit der sie sonst auf einen sehr vertraulichen Fuß lebte, nichts von ihrer Neigung zu Saͤuglingen, noch weniger von den Verdrießlichkeiten, die sie deshalb erfahren hatte, entdeckt; sie wollte sich also nunmehr auch keinem Verdachte aussetzen. Dieß war die Ursach, die sie sich selbst angab; sie hatte aber noch eine an- dere und geheimere. Sie bemerkte nehmlich, daß Saͤugling nicht wenig veraͤndert war, und daß er da- durch nicht wenig gewonnen hatte. Er war sonst aͤngstlich bescheiden, weil er glaubte, daß dem Frauen- zimmer das Sanfte gefiele; er hatte einer rauschen- den Hofschoͤnheit gefallen wollen, und war lebhafter und ungezwungner geworden. Mariane war scharf- sichtig genug, diese Veraͤnderung der rechten Ursach zuzuschreiben, zumal da sie gewisse Achtsamkei- ten bemerkte, die Saͤugling fortfahren mußte ge- gen das Fraͤulein zu bezeugen, und da sie, sonderlich im Anfange, des Fraͤuleins Augen oft auf Saͤug- lings lings Augen gerichtet fand. Dieß, nebst der ge- druckten Zueignungsschrift, die ihr nicht verborgen bleiben konnte, schien sie von einer naͤhern Verbin- dung zwischen Saͤuglingen und dem Fraͤulein zu uͤberzeugen, und erregte bey ihr eine kleine Eifersucht, welche zu verbergen, das Frauenzimmer gemeiniglich eine kalte Zuruͤckhaltung am dienlichsten haͤlt, und sie dadurch gemeiniglich am ersten verraͤth. Auf der andern Seite, war Mariane auch dem Obersten in die Augen gefallen. Da er in seinem Herzen gar wohl fuͤr mehr als Eine Liebe Raum hatte, und er es, nach der hohen Meinung, die er von seiner eigenen Person hatte, nicht fuͤr moͤglich hielt, daß ihm ein Frauenzimmer sollte widerstehen koͤnnen, so glaubte er, daß Mariane gar wohl ein fluͤchtiger Gegenstand seiner Neigung werden koͤnne, und daß er bey ihr sehr bald seinen Zweck erreichen wuͤrde. Er griff sie in der zuversichtlichen Stellung eines Hofmanns an, wie ein kuͤhner Eroberer eine Festung stuͤrmt, ohne sie aufzufodern oder Laufgraͤ- ben zu eroͤffnen. Gleichwie aber ein Belagerer, wenn ihm ein zu fruͤher Sturm abgeschlagen worden, oft nicht weiß, welche Miene er gegen den Belagerten an- nehmen soll; so war auch der Oberste, durch die kalte und veraͤchtliche Art, mit der Mariane seine Liebes- L 4 erbie- erbietungen ausschlug, um Deutsch zu reden, ziemlich aus der Fassang gebracht, und deshalb, um Un- deutsch zu reden, nicht wenig intriguirt. Das Fraͤulein uͤbersah mit Einem Blicke, daß ihr Mariane ihre beiden Liebhaber raubte, und setzte alle Kraͤfte der Schoͤnheit und der Koketterie in Be- wegung, um uͤber sie den Sieg davon zu tragen. Jndeß daß alle diese Personen ihre kleinen Ent- wuͤrfe machten, dachte Rambold, Saͤuglings Hofmeister, einen Meisterstreich auszufuͤhren. Ram- bold war ein schwarzhaͤriger, rothbaͤckiger, wohl- bewadeter Magister, der auf Universitaͤten zwar sehr locker gelebt, aber doch auch, mit Huͤlfe eines offnen Kopfes, so viel von den Wissenschaften erschnappt hatte, daß er ziemlich fertig davon plaudern konnte. Er hielt sich selbst fuͤr sehr gelehrt, weil er, mit der Selbstgenuͤgsamkeit eines Gecken, der von allem hat reden hoͤren, und uͤber nichts nachgedacht hat, uͤber alles entscheiden konnte. Sein Eigenduͤnkel trieb ihn, jedermann zu hohnnecken, auch der kluͤger war, als er, und zu widersprechen, ehe er noch wußte, was er sagen wollte. War jemand einer Meinung, so war dieß fuͤr ihn genug, das Gegentheil zu behaupten, und er glaubte, er zeige seinen Witz, wenn er den andern niederschreyen, und seinen Scharfsinn, wenn er er seinen Satz, so ungereimt er auch war, durchset- zen konnte. Ob er wahr oder falsch sey, war ihm einerley; denn es war in seiner Philosophie ein aus- gemachter Satz, daß Wahrheit, sowohl als Schoͤn- heit und Tugend, nur relative Begriffe waͤren. Ein Satz, den er nicht nur glaubte, sondern auch im ge- meinen Leben fleißig anwendete; daher er in Anwen- dung der Mittel, seine Zwecke zu erlangen, eben nicht delikat war. Dieser feine Mann hatte auf Marianen ein Auge geworfen, und gieng damit um, sie zu heura- then, wovon er ihr doch nicht ein Wort sagte, weil er, durch einen Umweg, seinen Zweck besser zu er- reichen meinte. Er war von den Absichten, welche die Frau von Hohenauf mit ihrem Neffen hatte, sehr wohl unterrichtet. Sie hatte ihm sogar eine ein- traͤgliche Pfarre, die auf ihren Guͤtern naͤchstens of- fen werden mußte, versprochen, wenn er etwas dazu beytragen wuͤrde, daß Saͤugling das Fraͤulein von Ehrenkolb heurathete. Daher glaubte er zwey Schlaͤge mit Einem Streiche zu thun; wenn er der Frau von Hohenauf von Saͤuglings und Maria- nens Zusammenkunft Nachricht gaͤbe, und die Fol- gen derselben zu verhindern suchte. L 5 Er Er schrieb ihr also, daß sie Marianen, die sie, aus weisen Absichten, von ihrem Schlosse entlernt haͤtte, auch hier wegschaffen muͤßte, weil ihr Neffe, so lange er ihren Auffenthalt wuͤßte, auch nach seiner Abreise, nicht von ihr ablassen wuͤrde. Sein unmaßgeblicher Vorschlag war, sie solle insgeheim einen Wagen mit drey starken Kerlen senden, und er nahm es auf sich, Marianen, ohne großes Aufsehen, in derselben Haͤnde zu liefern. Zuletzt gab er zu verstehen, daß wenn nur erst die bewußte Pfarre vakant waͤre, sich auch ein austaͤndiger Ehemann fuͤr Marianen fin- den wuͤrde, wodurch Saͤuglings unbedachtsamer Liebe und ihrer Furcht auf einmal wuͤrde ein Ende gemacht werden. Er schmeichelte sich, es so einzurichten, daß Ma- riane es nicht merken koͤnne, daß er an der Entfuͤh- rung Theil habe, und nahm sich vor, sobald er nur seinen jungen Herrn nach Hause gebracht haͤtte, zu- ruͤckzukehren, und aus den Haͤnden der Frau von Hohenauf eine reiche Pfarre und eine schoͤne Frau zu erhalten; denn daß sich Mariane weigern koͤnnte seine Hand anzunehmen, schien ihm gar nicht wahr- scheinlich. Vier- Vierter Abschnitt. N achdem Rambold auf diese Art seinen Plan so simpel als kuͤnstlich angelegt hatte, erwartete er ruhig den erwuͤnschten Erfolg, den er als unausbleib- lich ansahe, sehr zufrieden mit seiner schlauen Erfin- dung. Hingegen die uͤbrigen Personen wurden, durch die Lage, in der sie waren, unvermerkt immer un- ruhiger, unzufriedner und unwilliger gegen einander. Marianen mißfiel es, daß ihr der Oberste bestaͤn- dig nachfolgte, und fortfuhr, sie mit vieler Drei- stigkeit seiner Liebe zu versichern, ob er gleich sehr trocken und frostig abgewiesen wurde. Nicht weni- ger unzufrieden war sie mit Saͤuglingen, den sie im Verdacht hatte, daß er das Fraͤulein heimlich liebte, und weder seine Brieschen, darauf sie nie ant- wortete, noch seine Verschen, von denen sie arg- wohnte, daß sie mehr aus der Phantasie, als aus dem Herzen herruͤhrten, konnten sie zufrieden stellen. Das Fraͤulein war aͤußerst daruͤber erbittert, daß alle ihre Versuche, ihre beiden Liebhaber wieder zu sich zuruͤck zu bringen, fruchtlos waren. Weil sie, aus Politik, ihren Zorn nicht ganz auslassen durfte, so blieb ihr nichts, als der armselige Behelf, die arme Mariane, bey aller Gelegenheit, das Uebergewicht fuͤhlen fuͤhlen zu lassen, welches ihr Stand ihr uͤber sie gab. Dieß veranlaßte verschiedene kleine unangenehme Scenen, die, weil sie Marianen nur kraͤnkten, ohne sie zu demuͤthigen, die uͤble Laune des Fraͤuleins nicht vermindern konnten. Der Oberste war auf das Fraͤulein nicht wenig verdrießlich, weil sie seiner Liebe gegen Marianen im Wege stand, die er gern mit seiner Liebe gegen das Fraͤulein vereinigt haͤtte, zumal, da er die Verbin- dung mit der letztern austaͤndigerweise nicht ganz und gar aufheben konnte. Saͤuglingen war er herz- lich gram, weil er sich einbildete, daß dieser bey Ma- rianen besser gelitten waͤre, als er, und mit Maria- nen war er auch nicht sonderlich zufrieden, weil dieses kleine Maͤdchen, der er die Ehre einer gelegent- lichen Eroberung zugedacht hatte, sich gegen eine Per- son von seinen Verdiensten so gar kalt und sproͤde bezeigte, daß es noch ungewiß schien, ob sie nicht auch einer foͤrmlichen Belagerung wuͤrde widerste- hen wollen. Saͤugling war auch ungluͤcklich, denn er liebte Marianen herzlich, daher konnte er ihre Zuruͤckhal- tung nicht ertragen, die er, weil er ihre Eifersucht nicht einsahe, bloß nur einer wirklichen Abneigung gegen ihn zuzuschreiben wußte. Sie kostete ihm viel Seuf- Seufzer und nicht wenig Verse. Aber eben sein zwey- tes Ungluͤck war, daß seine Gedichte, durch deren gute Aufnahme in dieser Gesellschaft er bisher eine so seltne Gluͤckseligkeit genossen hatte, nun sehr zu fallen anfiengen, wovon er die Ursachen nicht ein- sehen konnte. Sie waren gleichwohl sehr natuͤrlich. Mariane schwieg davon gemeiniglich ganz still, weil sie sich fuͤrchtete, ihre geheimen Bewegungen, die sie zu verbergen suchte, unvermuthet zu verrathen. Das Fraͤulein hatte immer etwas daran zu tadeln, weil ihr die Eifersucht eingab, daß sie an Marianen ge- richtet waͤren, oder auf sie anspielten; und der Ober- ste, der sich nie im Ernste um Verse bekuͤmmert hatte, fand itzt nicht mehr, wie vormals, Ursach sich zu stellen, als ob sie ihm gefielen, vielmehr pflegte er, in seiner itzigen uͤblen Laune, sich oft geradezu dar- uͤber aufzuhalten. Zum Ungluͤcke fuͤr Saͤuglingen, ward er darinnen zuweilen von der Graͤfinn unter- stuͤtzt, deren feiner Geschmack schon laͤngst in Saͤug- lings Liedern eine gewisse Einfoͤrmigkeit und Laͤßig- keit wahrgenommen hatte, wofuͤr ihm selbst der Sinn fehlte. Da er nun unablaͤßig fortfuhr, taͤglich neue Gedichte vorzulesen, so nahm sich die Graͤfinn im Ernste vor, dem sonst unbescholtenen guten Juͤnglinge diese kleine Thorheit abzugewoͤhnen. Als Als einst die Frau von Ehrenkolb Mittagsruhe hielt, und die uͤbrige Gesellschaft im Garten spazie- ren gieng, ergriff die Graͤfinn Saͤuglings Arm, fuͤhrte ihn in einen Gang besonders, und nach- dem sie das Gespraͤch auf Lektur gebracht, sagte sie ihm gerade heraus: ‚ Gedichte waͤren nicht die Lek- ”tur, die sie am meisten liebte.‛ Saͤugling, nicht wenig beschaͤmt und bestuͤrzt, ver- setzte mit stammlender Stimme: ‚Ew. Gnaden scher- ”zen vielleicht. Es schien mir doch sonst, als ob Sie ”die schoͤnen Wissenschaften liebten.‛ Gr. O ja! ich liebe sie ungemein. Aber Sie wissen, die schoͤnen Wissenschaften haben einen wei- ten Umfang, und die Dichtkunst ist nur ein Theil davon. Diesen zu hassen, bin ich weit entfernt. Jch liebe vielmehr Gedichte herzlich, wenn sie ganz vor- trefflich sind, sie wirken mit unbeschreiblichem Reize auf mich, sie bleiben meiner Seele tief eingepraͤgt. Aber sie wissen, der ganz vortrefflichen Gedichte sind nur sehr wenige. Was die uͤbrigen anbetrifft, so sind sie ganz gute Dingerchen, die man wohl einmal anhoͤren, aber auch entbehren kann; und mich duͤnkt immer, die Augenbraunen sind einem leichter, wenn man sie entbehrt. S. S. Vielleicht sprechen dieß Ew. Gnaden ‒ ‒ nicht ganz ‒ ‒ im Ernste, ‒ ‒ die Damen pflegen doch sonst, ‒ ‒ wenigstens glaube ich es so gefunden zu ha- ben, ‒ ‒ unter aller uͤbrigen Lektur ‒ ‒ am meisten ‒ ‒ Gedichte zu lieben — Gr. Glauben Sie das nicht mein, lieber Saͤug- ling; oft kaum, wenn wir darinn gelobt werden, finden wir sie ertraͤglich. Unter uns gesagt, wir ha- ben oft herzliche lange Weile, wenn man sie uns vor- lieset. Wir gaͤhnen, und trauen uns nicht den Mund aufzuthun. S. Ach! ich merke schon, hier ist ein kleines Miß- verstaͤndniß, Sie wollen sagen: Die großen Verse, welche man Auf einem großen Amboß schmiedet, Die liest man nicht, man wird ermuͤdet; Jhr Donner stoͤret unsre Ruh. So großer Lerm wozu? wozu? Allein die kleinen niedlichen Verse: Die kleinen Dingerchen die sich, Gefaͤllig zu Gedanken schmiegen, Zwar nicht bis an den Himmel fliegen, Jedoch auch nicht, dahin verstiegen Und dann gestuͤrzet, jaͤmmerlich Zerschmettert auf der Erde liegen: Die kleinen Dingerchen lieb’ ich! Sie Sie pflegen sich mit Artigkeit Jn das Gedaͤchtniß einzuschleichen, Darinn zu bleiben, und nicht weit Den großen Versen auszuweichen. Gr. Ach! das ist meine Meinung gar nicht. Die kleinen Dingerchen sind so voll kalter Taͤndeleyen. Meinen Sie denn, daß dem Frauenzimmer das Suͤße und Taͤndelhafte so sehr gefaͤllt? Wir sind nun frey- lich, weil es Jhrem Geschlechte so beliebt, das schwaͤ- chere, aber glauben Sie mir, wir lieben an uns selbst die Schwaͤche nur, in so fern sie uns schoͤn und nied- lich macht, und ich weiß nicht, obs nicht gar bloße Eitelkeit bey uns ist, daß wir nicht wollen, daß die Mannspersonen schoͤn und niedlich seyn sollen. Wis- sen Sie wohl, Saͤugling, daß Sie zu schoͤn sind, und daß ich auf Sie eifersuͤchtig bin. Wenn Sie mich be- ruhigen wollen, waschen Sie sich nicht mehr mit Es- senzen, und lassen Sie sich ein wenig von der Sonne verbrennen. Hoͤren Sie wohl, schreiben Sie mir eine gute derbe Prose, so fuͤr den gesunden Men- schenverstand, ohne Niedlichkeit. Oder, nehmen Sie sich in acht! wenn Sie mich boͤse machen, ver- damme ich sie zum großen Amboß — Jndem die Graͤfinn dieses sagte, erblickte sie das Fraͤulein und den Obersten, die aus einer benachbar- ten Allee auf sie zukamen. — ‚Kom- ‚Kommen Sie,‛ rief sie, weil sie den armen Saͤugling ein wenig quaͤlen wollte: ‚Kommen Sie, ”meine Liebe, helfen Sie mir die kleinen taͤndelnden ”Liederchen gegen den Hrn. von Saͤngling verthei- ”digen. Stellen Sie sich nur vor, er will ihnen ent- ”sagen! Wenn wir ihn gehen lassen, so wird er große ”maͤchtige Hexameter schmieden wollen, und dann ”ist er fuͤr uns verloren.‛ — Das Fraͤulein antwortete mit sauersuͤßer Miene: ‚Ach nein! dazu ist der Hr. von Saͤugling viel zu ”zaͤrtlich! Er wird nur merken, was ich schon lange ”gedacht habe, daß die Deutsche Sprache uͤberhaupt ”zu baͤurisch ist, um liebliche Jdeen auszudruͤcken. ”Er wird kuͤnftig Franzoͤsisch schreiben, fuͤr die große ”Welt, und nicht fuͤr die unpolirten Deutschen Buͤr- ”ger. Er liebt ja ohnedieß die Franzoͤsische Nation ”vor allen andern.‛ Hiebey blickte sie Marianen, die aus einer andern Allee zu ihnen gekommen war, spoͤttisch uͤber die Achsel an. Die Graͤfinn verstand den Stich, wollte ihn aber nicht verstehen, fuhr daher im scherzenden Tone fort: ‚Nein! Saͤugling, wenn doch einmal das Schick- ”sal beschlossen hat, daß es Jhnen ungluͤcklich gehen ”soll, so werden Sie lieber ein Original, als ein ”solches Mittelding, wie die meisten Schriftsteller M ”sind, ”sind, die in Deutschland Franzoͤsisch schreiben: in ”Frankreich fremd, in Deutschland nicht zu Hause. ” C’est à Paris qu’il faut ecrire! ruft der Franzose mit ”vollen Backen, und wenn er von seiner Sprache ”redet, mag er immer Recht haben.‛ Unter diesem Gespraͤche erreichten sie eine Laube, wo sie sich niedersetzten, und kurz darauf kam ein Be- dienter, der Graͤfinn zu melden, daß von der durch- fahrenden Landkutsche ein wohlgebildetes aber tod- krankes Frauenzimmer bey dem Prediger sey abgesetzt worden. Die Graͤfinn, bey welcher Handlungen der Wohlthaͤtigkeit allen Vergnuͤgungen vorgiengen, be- gab sich sogleich dahin, und nahm Marianen mit sich. Jn ihrer Abwesenheit nahm das Gespraͤch eine nicht sehr angenehme Wendung. Das Fraͤulein hatte mit dem Obersten uͤber ihr beiderseitiges Mißver- gnuͤgen kurz vorher eine Erlaͤuterung unter vier Angen gehabt, die ihre gute Laune eben nicht ver- mehrt hatte. Sie war von Natur eigensinnig und auffahrend, wie sichs auch fuͤr eine Petitemaitresse gebuͤhrt; nun aber war sie dadurch, daß man ihren Reizungen den Sieg streitig machen wollte, aͤußerst bitter geworden, und ließ itzt ihren Zorn, durch eine Menge anzuͤglicher Spoͤttereyen uͤber Saͤuglings un- veraͤnderliche Ergebenheit gegen Marianen, aus- brechen. brechen. Der Oberste, der froh war, daß ihre Pfeile nur auf Saͤuglingen gerichtet waren, hielt sich außer dem Schuß, und sagte bloß etwa hie und da ein Wort. Saͤngling aber bekam Muth von seiner Liebe, und da er sich ohnedieß vorgenommen hatte, mit dem Fraͤulein, das er nie geliebt hatte, ganz zu brechen, so vertheidigre er sich nachdruͤcklich, obgleich an- staͤndig; ja sein offnes Herz floß von Marianens Lobe uͤber, von dem es immer voll war Das Fraͤu- lein verlor daruͤber alle Geduld und Fassung, und ruͤckte auf dem Stuhle hin und her, aus Verdruß stillschweigend. Gerade zu dieser Zeit kam Mariane zuruͤck, ohne etwas von diesem Gespraͤche zu wissen. Sie erzaͤhlte, indem sie sich die Augen trocknete: ‚Das ungluͤckliche ”Frauenzimmer ist hoͤchst zu betauern. Sie ist eine ”Person buͤrgerliches Standes von guter Herkunft. ”Sie hat einen Lieutenant aus Liebe geheurathet, der, ”kurz vor dem Frieden, in einem Scharmuͤtzel toͤdtlich ”verwundet worden. Er hat zwar, wegen seines ”Wohlverhaltens, eine Compagnie erhalten, das Re- ”giment ist aber auch, nach erfolgtem Frieden, ab- ”gedankt worden. Sie hat in seinem langwierigen ”Krankenlager, was sie gehabt, zu seiner Heilung ”verwendet. Er ist endlich gestorben. Sie hat zu M 2 ”weit- ”weit entfernten Verwandten ihre Zuflucht nehmen ”wollen. Von Gram und Nachtwachen entkraͤftet, ”ist sie unterweges so krank geworden, daß sie, ohne ”Lebensgefahr, nicht weiter reisen konnte. Die Graͤ- ”finn, die den Beweis ihrer Aussage in einigen ”Briefschaften, die sie bey sich gehabt, gefunden hat, ”ist sehr geruͤhrt. Sie hat mich vorausgeschickt, um ”einen Wagen anspannen zu lassen, und einen Reit- ”knecht nach der Stadt zu senden, einen Arzt zu ho- ”len. Sie laͤßt sich bey der Gesellschaft, ihres lan- ”gen Außenbleibens wegen, entschuldigen. Sie will ”die Kranke selbst nach dem Schlosse begleiten.‛ Saͤuglingen trat eine mitleidige Thraͤne ins Auge, der Oberste aber drehte sich auf einem Absatze herum, und das Fraͤulein, dessen innerer Unmuth aufs hoͤch- ste gestiegen war, fuhr hart heraus: ‚Die Graͤfinn ”beweiset in der That eine uͤbertriebene Guͤtigkeit, ”daß sie alles Gesindel bey sich aufnimmt. Eine ”Person von der Landstraße! — Am Ende gehts Per- ”sonen so, die sich uͤber ihren Stand erheben wollen. ”Wer weiß, wo sie Kammermaͤdchen oder Gesell- ”schaftsjungfer gewesen ist. — Es ist Zeit, daß wir ”abreisen, denn die Gesellschaft‛, — — Hier nahm sie eine Prise zur Contenanz, ließ ihre Dose fal- len, und rief Marianen: ‚Mein ‚Mein Kind! nehme Sie mir doch die Dose ”auf!‛ — Mariane, uͤber die ganze Scene erstaunt, stand sprachlos da; denn so weit hatte das Fraͤulein die Un- hoͤflichkeit noch nicht getrieben. Saͤugling sprang auf, und uͤberreichte dem Fraͤulein die Dose. ‚Lassen Sie,‛ rief sie, ‚lassen Sie, Herr von ” Saͤugling, Mariane wird sie schon … Saͤugling nahm allen seinen Ernst zusammen, und versetzte: ‚Verzeihen Sie, gnaͤdiges Fraͤulein, ”Jhnen aufzuwarten, halte ich nur fuͤr meine Schul- ”digkeit‛ Das Fraͤulein maß ihn mit den Augen von oben bis unten, und schlug ein bitteres Gelaͤchter auf. Mariane, welche empfand, daß die Demuͤthigung, wodurch sie bis zu einer gemeinen Dienstmagd herun- ter gesetzt werden sollte, zu den Beleidigungen ge- hoͤre, fuͤr die man, so grob sie sind, keine Worte hat, um sich daruͤber zu beschweren, konnte nicht ver- hindern, daß sich nicht eine Thraͤne in ihr Auge draͤngte, und gieng stillschweigend ab, doch nicht ohne auf Saͤuglingen einen Blick zu werfen, in welchem er ihr ganzes Herz las. Der Oberste, ob er wohl, an sich, Marianen gern diese Demuͤthigung erspart haͤtte, war doch wohl M 3 damit damit zufrieden, weil er glaubte, daß sie Saͤuglin- gen, den er haßte, weil er ihn von Marianen ge- liebt glaubte, verdrießen wuͤrde. Um ihn noch mehr zu kraͤnken, spottete er unhoͤflich uͤber Marianen, nachdem sie weggegangen war. Beleidigungen, die stufenweise steigen, koͤnnen den geruhigsten Menschen endlich aufbringen, und wenn er edel denkt, wie Saͤugling wirklich dachte, so wird er die Beleidigung seiner Geliebten hoͤher empfinden, als seine eigene. Saͤugling antwortete also dem Obersten lauter und entschlossener als jemals; der Oberste fuhr im hohnneckenden Tone immer weiter fort, bis ihm Saͤugling sehr trocken sagte: ‚Jch kann Jhnen, in Gegenwart des Fraͤuleins, ”hierauf weiter nicht gehoͤrig antworten, aber wir ”wollen uns deshalb besonders sprechen. Der Oberste lachte ihm in die Zaͤhne, und rief spoͤttisch: ‚Mein gutes Herrchen, trotz des kleinen ”Federhuts, den es Jhnen zu tragen beliebt, sind ”Sie nicht von solchem Stande, daß ich Jhnen Sa- ”tisfaktion geben werde.‛ ‚So! rief Saͤugling, Sie halten mich fuͤr wehr- ”los, und erlauben sich doch, mich anzugreifen? Jst ”dieß wie ein Mann von Ehre gedacht? Aber ich bin ”nicht ”nicht wehrlos. Wenn Sie mir nicht Genugthuung ”geben wollen, werde ich sie mir nehmen, oder Sie ”muͤßten jede kahle Sticheley doppelt von mir zuruͤck ”bekommen, und es ruhig ertragen wollen.‛ Der Oberste ward lauter, Saͤugling auch. Das Fraͤulein saß ruhig, und wiegte sich mit dem Gedan- ken, auszusprengen, daß um ihretwillen ein Zwey- kampf geschehen waͤre. Die Graͤfinn kam, nach- dem sie die Kranke bis in das fuͤr sie bereitete Zim- mer begleitet hatte, zuruͤck, forschte nach der Ursach des Streits, gab dem Obersten Unrecht, und verei- nigte beide um so viel leichter, weil der Oberste eben kein Liebhaber vom Halsbrechen war, und sich wirk- lich eingebildet hatte, der fanfte Saͤugling sey ein bloßes Jungferngesicht, und werde alles, was es auch sey, ohne Antwort einstecken. Unterdessen gieng Mariane im Garten herum, um sich zu fassen, weil sie die Graͤfinn mit Erzaͤhlung des ihr unangenehmen Vorfalles nicht kraͤnken wollte, zumal da sie glaubte, daß die Ehrenkolbische Fami- lie naͤchstens abreisen wuͤrde. Rambold begegnete ihr, der, voll von seinem Projekte, im Garten herum- irrte. Sie gab ihm den Arm, weil sie durch seine Unterhaltung ihre Gedanken am geschwindesten zu zerstrenen hoffte. Rambold schwatzte, wie schon ge- M 4 dacht, dacht, viel von gelehrten Sachen, war voll von Anek- doten und Journalhistoͤrchen, und die gute Ma- riane, die einen Ansatz hatte, eine Gelehrte vorzu- stellen, mochte gern von Rambolden diese gelehrten Diskurse hoͤren, um so viel mehr, da aus der Gesell- schaft der Graͤfinn alles, was das Ansehen von Be- lesenheit hatte, verbannet war. Rambold hub also an, die lange Geschichte von der Re- gierung Koͤnigs Joh. Christoph, des Dummen, und Koͤnigs Joh. Jakob, des Klugen, und von ihren Strei- ten um die Monarchie, und von ihren Schlachten, und wie sie gewonnen, indem sie verloren, und verloren, indem sie gewonnen. Und wie unter vielem Getuͤm- mel und fruchtlosem Streben nach der Alleinherr- schaft, der Geist der Freyheit erwacht sey unter dem Volke, und entstanden seyn Demagogen, die Littera- turbrieffteller, die laut gerufen, das ganze Volk habe gleiches Recht seine Meinung zu sagen uͤber alle Vor- faͤlle; und wie keine Oberherrschaft sey gewesen, und wie jedermann habe gedacht und gethan, was ihm recht deuchte; und wie man die Demagogen im Verdacht gehabt habe, daß sie wollten Koͤnige wer- den, und Ephoren der Koͤnige; und wie diese schwa- chen Koͤpfe nicht daran gedacht, sondern ihre Han- thierung getrieben haͤtten, und waͤren gar nicht mehr gekom- gekommen ins Forum; und wie da gar keine Zucht und Ordnung sey gewesen unter der Menge. Und wie sich da haͤtten weise und erlauchte Maͤnner zu- sammengethan, und haͤtten festgesetzt, dem Volke sey es nuͤtzlich, wenn es beherrscht wuͤrde. Haͤtten ausgemacht, daß stattliche und ernsthafte Maͤnner sollten am Regimente seyn, sollten umthun lange Feyerkleider, und anfsetzen gruͤne Eichenkraͤnze, soll- ten sitzen auf breiten Stuͤhlen, und sollte ihnen je- dermann tiefe Reverenze machen, und desgleichen mehr. Haͤtten auch Rathsfahrten augesetzt und Gerichtstage, Gesetze gemacht und Strafen festge- setzt; und waͤre nunmehr alles richtig; nur, wer regieren solle, wisse man noch nicht, daruͤber waͤren die Herren sehr uneins; und so lange diese Uneinig- keit daure, habe mancher noch Hoffnung in den Rath zu kommen; und wuͤrden daruͤber heimliche Un- terhandlungen gepflogen, woran er, Rambold, vie- len Antheil habe, und, wegen seiner weitlaͤuftigen Verbindung mit vielen Zunftmeistern und Aus- rufern, noch gewiß glaube, ein ansehnliches Ehren- amt davon zu tragen. Alle die Nachrichten hoͤrte Mariane an, bloß weil sie ihr ganz neu waren, ob sie gleich sonst an diesen gelehrten Reichsangelegenheiten, bey aller ihrer Liebe zur Lek- M 5 tur, tur, keinen Theil zu nehmen wußte; so wie etwan wun- derbare Geschichten von neu entdeckten Voͤlkern im Suͤdmeere, der Sonderbarkeit wegen, Aufmerksam- keit erregen, auch bey denen, die sonst nicht Lust ha- ben diese fremden Voͤlker zu besuchen, die sich weder von den Otahitischen Jungforn, voll Suͤßigkeit, wollen liebkosen, noch von den Neuseelaͤndischen Herren, voll Staͤrke, wollen fressen lassen. Unter diesem langen Gespraͤche hatte sie Ram- bold unvermerkt in das an den Garten stoßende Waͤldchen gefuͤhrt, sie waren in demselben schon eine ziemliche Strecke weiter gegangen, als ploͤtzlich einige starke Kerle hinter einem Baume hervorsprangen, und Marianen ergriffen. Rambold war unbewaff- net. Er suchte zwar von einem Baume einen Knuͤt- tel abzureißen, er hielt sich aber so lange dabey auf, daß Mariane gemaͤchlich zu einem nahestehenden sechsspaͤnnigen Wagen geschleppt werden konnte, der sogleich eiligst fortfuhr. Rambold lief zwar hinter- her, und Mariane, die ihn erblickte, suchte aus dem Wagen zu springen, aber sie ward festgehalten, und der Wagen kam ihm bald aus dem Gesichte. Er verweilte noch einige Zeit im Walde, um dem Wa- gen Zeit zu lassen, sich zu entfernen; hernach eilte er zuruͤck, und verkuͤndigte, außer Athem, und mit er- schrocknem schrocknem Gesichte, Marianens Entfuͤhrung. Die ganze Gesellschat erstaunte. Saͤugling, dessen Nerven durch den Zank mit dem Obersten schon ziemlich erschuͤttert waren, bekam eine Anwandlung von einer Ohnmacht, erholte sich aber augenblicklich, und eilte in deu Stall, um ein Pferd satteln zu las- sen, so sehr ihm auch Rambold dieß widerrathen wollte, der endlich, als Saͤugling auf seinem Sinne blieb, selbst mit ihm Marianen nachritt. Der Oberste wollte ein gleiches thun, aber das Fraͤnlein verlangte seinen Arm und seine Gesellschaft, fuͤhrte ihn in den großen Saal, und zwang ihn, Piket zu spielen. Fuͤnfter Abschnitt . S aͤugling kam den folgenden Tag, ermuͤdet und trostlos zuruͤck, ohne Marianen gefunden zu haben, welches sehr natuͤrlich zugieng, weil Ram- bold gar nicht fuͤr gut fand, ihn auf den Weg zu fuͤhren, den der Wagen genommen hatte. Er fand einen Brief von seiner Tante, die nunmehr, da Mariane aus dem Wege geschafft war, weiter keine Zeit verliehren wollte, und ihm empfahl, alles anzuwenden daß seine Verbindung mit dem Fraͤu- lein lein zu Stande kaͤme. Dieß war aber, bey seinem itzigen ganz neuen Schmerze uͤber Marianens Verlust, eine Sache, daran er gar nicht denken konnte und wollte Die Frau von Hohenauf schrieb zu gleicher Zeit einen Brief an die Frau von Ehren- kolb, worinn sie derselben die Absichten ihres Nef- fen auf das Fraͤulein ziemlich deutlich zu verstehen gab. Aber auch dieser Brief kam sehr zur Unzeit. Denn theils hatte sich die Frau von Ehrenkolb niemals vorgestellt, daß die Absichten eines Menschen, wie Saͤugling, der nicht von Familie war, so hoch gehen sollten, daß er an ihre Tochter denken duͤrfte, theils hatte sie itzt ein viel nothwendiger Geschaͤfft im Sinne. Das Fraͤulein von Ehrenkolb, die zu allen Launen einer verfehlten Petitemaitresse noch allen Eigensinn eines verzaͤrtelten Muttertoͤchterchens hinzu- that, hatte den vorigen Abend dem Obersten, der ihrer bestaͤndigen Eifersucht ohnedieß uͤberdruͤßig war, und den Marianens unvermuthete Entfernung noch verdrießlicher gemacht hatte, so uͤbel mitgespielt, daß er ganz kurz mit ihr abbrach, den andern Mor- gen sich der Gesellschaft empfahl, und nach seinem Gute zuruͤckreisete. Das Fraͤulein vermißte in ihm mir einen Anbeter, dessen Verlust sie zwar in der itzi- gen Einsamkeit empfand, aber kuͤnftig bald zu erset- zen zen vermeinte; ihre Mutter aber, welche die Sache, von Anfange an, viel ernsthaster angesehen hatte, be- fuͤrchtete einen reichen Schwiegersohn zu verlieren, der ihre verschuldeten Guͤter wieder in Stand setzen koͤnnte. Die Mutter hatte also mit der Tochter eine lange Konferenz uͤber diese wichtige Sache, und die letzte ward endlich so gruͤndlich uͤberzeugt, welche nuͤtzliche Sache ein Mann von Range und Reichthum fuͤr eine Dame sey, die am Hofe leben will, daß sie mit ihrer Mutter uͤbereinkam, den Liebeshandel mit dem Obersten von neuem wieder anzuknuͤpfen. Die Frau von Ehrenkolb antwortete also der Frau von Ho- henauf in sehr kalten und in sehr stolzen Ausdruͤk- ken, und reisete den folgenden Tag mit ihrer Toch- ter nach ihrem Gute zuruͤck, wobey Saͤugling kaum ein maͤßiges Kopfneigen beym Abschiede erhielt. Der Graͤfinn war Saͤuglings Liebe gegen Ma- rianen unverborgen geblieben. Da sie mit Marianen auf einem sehr vertraulichen Fuße lebte, so hatte sie auch derselben Neigungen zu erforschen gesucht; Mariane war aber in diesem Stuͤcke gegen sie so zuruͤckhaltend gewesen, daß sie von Marianens Liebe gegen Saͤuglingen nichts gemerkt hatte. Jtzt aber glaubte sie, durch die Entfuͤhrung, schnell ein Licht in dieser Sache zu erhalten. Sie war sehr geneigt, Saͤug- Saͤuglingen fuͤr den Urheber dieser Frevelthat zu hal- ten, worinn, wie sie glaubte, Mariane gewilligt haͤtte. Sie ward in dieser Vermuthung bestaͤrkt, da sie unter Marianens Sachen viele zaͤrtliche Briefe und Gedichte von Saͤuglings Hand geschrieben fand, nebst verschiedenen Entwuͤrfen zu Briefen von Ma- rianens Hand, die zwar nicht waren abgesendet worden, aber itzt doch ein unwiderlegliches Zeugniß wider sie abzulegen schienen. Die Graͤfinn war da- her wider die arme Mariane aͤußerst entruͤstet, und eben so zornig auf Saͤuglingen, der, wie sie glaubte, die Gastfreyheit so schaͤndlich beleidigt hatte, der eine romanhafte Liebe vorgab, und ihr ihre Gesellschafte- rinn aus ihrem Schloffe entfuͤhrte, wobey sie ihm, trotz seines zuͤchtigen Anstandes, eben nicht die rein- sten Absichten zutraute. Sie setzte Rambolden uͤber die Auffuͤhrung seines Zoͤglings zur Rede, der, um den Verdacht von sich abzuwaͤlzen, ihr in allen ihren Vermuthungen Recht gab, Marianen noch mehr anklagte, und die Geschichte ihrer Entlassung von der Frau von Hohenauf auf eine ihr sehr un- vortheilhafte Art erzaͤhlte. Die Graͤfinn hielt nun ihre Vermuthung fuͤr vollkommen bewiesen, und ließ den unschuldigen Saͤugling so viel Unwillen merken, daß er, ob er gleich die Ursach davon nicht recht recht begriff, dennoch sich entschloß, unverzuͤglich sei- nen Weg weiter fortzusetzen; in welchem Vorhaben er von Rambolden gar sehr bestaͤrkt ward, der nichts mehr wuͤnschte, als ihn nur erst zu feinem Va- ter nach Wesel gebracht zu haben, damit er bald zur Frau von Hohenauf zuruͤckkehren, und die Fruͤchte seiner Treulosigkeit einaͤrnten koͤnnte. Sie nahmen also von der Graͤfinn Abschied, die sie mit sehr kalten Hoͤflichkeitsbezeugungen entließ. Auf diese Art ward die Gesellschaft ploͤtzlich zer- trennt, und jeder war, einzeln fuͤr sich, mißvergnuͤgt, und schmollte; bis auf den boshaften Rambold, der sich heimlich freuete, daß sein Anfchlag so gut von Statten gieng, und bis auf Saͤuglingen, der einen schwachen Trost darinn fand, daß er, waͤhrend der Reise, einige Stanzen uͤber stine Entfernung von Marianen in seine Schreibtafel schrieb. Sechster Abschnitt . M ariane war, unterdessen dieß vorgieng, mit ihren Entfuͤhrern einen Tag und eine Nacht lang fortgefahren, ohne daß sie von ihnen durch ihre oͤfteren Fragen haͤtte erfahren koͤnnen, wohin sie sollte gefuͤhrt werden. Sie hatten, so viel moͤglich, die Land- Landstraßen vermieden, und nur, auf abgelegenen Vorwerkern, Pferde, die schon fuͤr sie bestellt waren, gewechselt, ohne daß Mariane aus dem Wagen stei- gen durfte. Den zweyten Tag mußten sie nothwen- dig quer uͤber eine Landstraße fahren. Mariane er- blickte auf der Landstraße einen Postwagen. Sie schrie aus dem Wagen. Jhre Begleiter in der Kut- sche wollten sie zwar zuruͤckhalten, und riefen dem Kutscher zu, er solle eilen, welches auch geschah; aber auf Marianens fortdaurendes Geschrey, fuhr der Postwagen nicht allein geschwinder, sondern ein Mann zu Pferde, der neben dem Postwagen ritt, naͤherte sich, und holte in kurzem den Wagen ein. Er schrie dem Kutscher zu, er solle still halten, der sich aber daran nicht kehrte, und aus der Kutsche ward eine Pistole auf ihn gerichtet; indem sie aber losgedruͤckt wurde, schlug sie der Reiter mit seinem Hirschfaͤnger herunter, so daß sie ihn nur am Fuße verwundete. Jndem dieß geschah, oͤffnete Mariane auf der andern Seite den Schlag, und sprang ohne Schaden heraus. Der auf dem Bock sitzende Be- diente traute sich nicht, dieses zu hindern, weil der Postwagen ganz nahe war, von dem vier oder fuͤnf Reisende abgesprungen waren, und zu Huͤlfe eilten; daher der Kutscher mit verhaͤngtem Zuͤgel davon jagte. Maria- Mariane fiel im Springen, doch ohne Schaden. Der eine Reisende, der, mit einem Spanischen Rohre in der Hand, vorangelaufen war, und den Wagen bey- nahe erreicht hatte, hob sie auf. Sie erkannte ihn sogleich fuͤr ihren Freund Hieronymus; und kaum erholte sie sich von ihrem ersten Erstaunen, so erblickte sie ihren Vater, und lag in seinen Armen. Jndeß daß beide sich ihrer Freude uͤber die unerwar- tete Zusammenkunft uͤberließen, besichtigten die uͤbrigen Reisenden den Verwalter, den die Kugel nahe am Schienbein gestreift hatte. Sie hoben ihn vom Pferde und auf den Postwagen, auf den Ma- riane gleichfalls stieg; das Pferd ward an den Wa- gen gebunden, und so zogen sie fort, bis in das naͤchste nicht weit entlegene Staͤdtchen. Hier blieben sie liegen, um ihren Verwundeten verbinden zu lassen, dessen Wunde, nachdem den andern Tag der Verband abgenommen war, nicht gefaͤhrlich befunden ward. Sie nahmen sich also vor, zu der Graͤfinn zuruͤckzukehren, zumal da der Ver- wundete in der Nachbarschaft wohnte. Hierony- mus miethete dazu einen halb bedeckten dreysitzigen Wagen. Jn denselben setzte sich Mariane und der Verwundete vorwaͤrts, und Hieronymus mußte den Ruͤcksitz einnehmen; denn Sebaldus, der durch die N Freude, Frende, seine Tochter wiedergefunden zu haben, ganz verjuͤnget war, setzte sich, alles Zuredens ungeachtet, auf des Verwalters Pferd, und trabte neben dem Wagen her. Da ihm dieß in kurzem beschwerlich ward, so kam er auf den Gedanken voranzureiten, und in dem Dorfe, wo sie den Mittag anzuhalten gedachten, die Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Kutscher bezeichnete es ihm sehr genau, und versi- cherte, daß der Weg nicht zu versehlen sey. Sebal- dus stieß also sein Thier in die Seite, und sie ver- loren ihn bald aus den Gesichte. Als sie Mittags im Dorse ankamen, fanden sie, daß keine Mittagsmahlzeit bestellt war, und, was noch mehr, daß niemand den Sebaldus gesehen hatte. Mariane und Hieronymus wurden da- durch nicht wenig beunruhigt. Nachdem sie ein Paar Stunden gewartet hatten, schickten sie einige Bauern auf verschiedenen Wegen aus, die aber zuruͤck kamen, ohne etwas von ihm gehoͤrt zu haben; wodurch ihre Angst nicht weuig vermehrt ward. Sie warteten diesen und den folgenden Tag auf ihn; da er aber nicht erschien, so reiseten sie in großer Bekuͤmmer- niß weiter, nachdem sie eine Nachricht fuͤr ihn zu- ruͤckgelassen hatten. Sie Sie kamen in kurzem auf dem Gute der Graͤfinn an. Mariane begab sich sogleich mit Hieronymus nach dem Schlosse. Sie hoffte von der Graͤfinn mit Vergnuͤgen empfangen zu werden; aber diese Dame war, besonders durch Rambolds tuͤckische Einblasun- gen, so sehr wider die gute Mariane eingenommen, daß sie dieselbe sehr kalt bewillkommte. Jn der That war der aͤußerliche Auschein ganz wider Marianen. Auf die Frage der Graͤfinn, wie die Entsuͤhrung ver- anlasset worden, konnte sie nichts mehr antworten, als daß sie von unbekannten Leuten auf einen unbe- kannten Weg gefuͤhret worden, ohne daß sie die ge- ringste Veranlassung dazu gegeben habe. Dieß war in der That unwahrscheinlich, und daß Mariane schien die Warheit verhehlen zu wollen, that ihr in dem Gemuͤthe der Graͤfinn noch mehrern Schaden. Die Graͤfinn erinnerte sie, wie vertraulich sie mit ihr umgegangen waͤre, und daß sie ihr doch aus den Vor- faͤllen bey der Frau von Hohenauf, und aus ihrer Verbindung mit Saͤuglingen, ein Geheimniß ge- macht haͤtte. Sie zelgte ihr die gefundenen Briese von Saͤuglingen an sie, woraus genug erhellte, wie genau diese Verbindung gewesen, Sie erin- nerte sie an ihre und seine Verlegenheit, bey seiner Ankunft, und an viele andere kleine vorher nicht be- N 2 merkte merkte Umstaͤnde. Sie erzaͤhlte, mit welchem unge- gewohnten Eifer sie Saͤugling gegen den Obersten vertheidigt habe. Alles dieß zeugte wider Maria- nens Aussage. Sie konnte sich durch nichts verthei- digen, als durch ihre Thraͤnen, die oft die Waffen der Unschuld, aber eben so oft auch der Deckmantel der Verstellung sind; und Hieronymus Vorstellun- gen, dem alle vorgefallenen Begebenheiten unbekannt waren, konnten wenig Gewicht haben. Die Graͤfinn brach endlich kurz ab. Sie sagte zu Marianen: ‚Es ist in dieser Sache ein Geheimniß, ”das ich nicht aufzuklaͤren vermag Jch liebe Sie, und ”wuͤnsche daher, daß Sie unschuldig seyn moͤgen. ”Sind Sie es, so erinnern Sie sich doch aufs kuͤnf- ”tige, daß ein Frauenzimmer, das sich mit einer ”Mannsperson in ein Liebesverstaͤndniß, in einen ge- ”heimen Briefwechsel einlaͤßt, und wenn es auch in ”der unschuldigsten Absicht waͤre, derselben einen ”großen Vortheil uͤber sich einraͤumet, und daß sie ”Verdacht erregen kann, wo sie es am wenigsten ”wuͤnschet. Eine solche kleine Jntrigue koͤmmt ”einem jungen Frauenzimmer, ich weiß es wohl, so ”romantisch, so empfindsam vor, es duͤnkt sich so ”vom gemeinen Haufen unterschieden, einer Sappho ”oder Hero so aͤhnlich, wenn es an seinen Phaon oder ”oder Leander denken und schreiben kann. Dieses ro- ”mantische Wesen aber, (wozu Sie, meine liebe Ma- ”riane, einige Anlage haben,) ist zwar in Buͤchern ”und in Gedichten schoͤn und gut; wenn es aber ins ge- ”meine Leben gebracht wird, so verursacht es, daß nie- ”mand sich in die Lage schickt, in die er vom Schicksale ge- ”setzt ist, sondern eine eigne Welt fuͤr sich allein haben ”will. Jch wenigstens bin keine Liebhaberinn davon, und ”ich verlange eine Gesellschafterinn, die davon ganz ”frey ist. Die unbekannte Person, die sich fuͤr Sie ”so stark interessirt, wird nicht sogleich ablassen; und ”dieß koͤnnte sich in eine neue Entfuͤhrung oder in eine ”andere unvermuthete romanhafte Scene endigen. ”Wir koͤnnen also nicht auf dem vorigen Fuße zusam- ”menbleiben. Jndessen sollen Sie nicht verstoßen ”seyn; bleiben Sie in meinem Hause, bis Sie auf ”eine anstaͤndige Art versorgt werden; und wenn Sie ”sich uͤber den letztern unerklaͤrlichen Vorfall rechtfer- ”tigen koͤnnen, will ich selbst fuͤr Jhr ferneres Gluͤck ”Sorge tragen.‛ Mariane weinte bitterlich, daß sie erst ihren Va- ter und nun auch ihre Goͤnnerinn verlor, und daß ihr Schicksal sie, ohne ihr Verschulden, in einen Ver- dacht brachte, den sie nicht widerlegen konnte, und der noch dazu, ungluͤcklicherweise, wahrscheinlich war. N 3 Sie Sie gleng in ihr Zimmer, und uͤberlegte mit Hiero- nymus, was in ihren itzigen Umstaͤnden zu thun sey, oder vielmehr Hieronymus uͤberlegte es allein; denn die gute Mariane lag halb sinnlos auf einem Lehnstuhle, und zerfloß in Thraͤnen. Hieronymus sann auf verschiedene Vorschlaͤge, die er wieder ver- warf. Endlich besann er sich auf den Freyherrn von D ***. Dieser wuͤrdige Mann hatte eigentlich Wil- helminens Heurath mit Sebaldus veranlasset S. Wilhelmine, S. 100. , und Mariane war seine Pathe. Er hatte, als er noch am Hofe war, den unuͤberlegten Vorsatz ge- habt, ein ehrlicher Mann zu seyn, nie zu schmeicheln, keinen maͤchtigen Boͤsewicht erheben, und keinen recht- schaffenen Mann, in Ungnade, unterdruͤcken zu hel- fen. Es konnte also nicht fehlen, daß er nicht endlich ein Opfer der List und der Raͤnke der Hofschranzen werden mußte, und selbst in Ungnade kam; wenn man es Ungnade heißen kann, daß ein ehrlicher Mann der Abhaͤngigkeit entzogen, und sich selbst, seinen Guͤ- tern, und seiuer Familie wiedergegeben wird. Der Herr von D *** hatte seitdem, auf seinen Guͤtern im Hildesheimischen, im Schooße seiner Familie und als ein Vater seiner Unterthanen gelebt. Er hatte sich noch kuͤrzlich nach seiner Pathe, der er in ihrer ersten Jugend Jugend sehr gewogen gewesen war, erkundigt, und dieß brachte den Hieronymus auf die Gedanken, daß Mariane bey ihm die sicherste Zuflucht finden koͤnnte. Er uͤberlegte Abends mit seinem Reisegefaͤhrten; dem Verwalter, wie dieser Vorsatz am besten auszu- fuͤhren sey. Denn seine Geschaͤffte riefen ihn auf eine weitere Reise, entfernt von seiner Vaterstadt; und hier wollte er Marianen auch nicht lassen, weil er wirklich das Geheimniß der Entfuͤhrung nicht ergruͤn- den konnte, und noch mehrere Folgen davon befuͤrch- tete. Der Verwalter, dem Marianens Unfall sohe zu Herzen zu gehen schien, bestaͤrkte ihn in die- sen Gedanken; und um ihn zu beruhigen, schlug er vor, daß er Marianen mit sich nach Hause nehmen wollte, wo sie so lange bey seiner Frau bleiben koͤnnte, bis seine Wunde voͤllig geheilt sey; alsdann wolle er sie selbst zum Hrn. von D ***, der ihm sehr wohl be- kannt war, bringen, und denselben auch vorher da- von benachrichtigen. Hieronymus billigte diesen Vorschlag, und die Graͤfinn, die Marianen im Grunde herzlich liebte, und des Hrn. von D *** vortreffliche Eigenschaften kannte, war damit auch sehr wohl zufrieden. Sie nahm von Marianen den freundschaftlichsten Ab- schied, gab ihr, mit einer muͤtterlichen Fuͤlle des Her- N 4 zens, zens, die weisesten Lehren und Erinnerungen, und beschenkte sie mit einer ansehnlichen Summe. Ma- riane empfand alles, was sie an dieser edlen Dame verlor, kuͤßte ihr weinend die Haͤnde, umarmte ihren Freund Hieronymus, und so stieg sie mit schwe- rem Herzen in den Wagen, und kam, in kleinen Ta- gereisen, in der Wohnung des Verwalters an. Siebenter Abschnitt. D er Verwalter gehoͤrte zu den Leuten, von denen man zu sagen pflegt, daß sie wissen, wie es in der Welt zugeht. Diese Leute glauben bemerkt zu haben, daß diejenigen in der Welt am weitesten kommen, die sich um den Nutzen anderer viel weni- ger bekuͤmmern, als um ihren eigenen, die niemand gutes thun, als den sie zu brauchen gedenken, und also den huͤlflosen Ungluͤcklichen, der vor ihren Fuͤßen niederfaͤllt, liegen lassen, ohne ihn anzusehen, um sich zu dem zu draͤngen, der sie ein Paar Schritte weiter fortziehen kann. Mit diesen brauchbaren Grundsaͤtzen war er in der Welt ziemlich fortgekom- men; denn er war aus dem allerniedrigsten Stande bis zu Stelle eines Verwalters ansehnlicher adelicher Guͤter gestiegen, und verwaltete sie mit so gutem Er- folge, folge, daß er eine Moͤglichkeit vorher sahe, er werde in einigen Jahren einen Theil davon kaufen koͤn- nen. Dabey hielt er freylich Recht und Unrecht fuͤr dasjenige, womit man entweder etwas vor sich brin- gen, oder in Gefaͤngniß und Geldstrafe gerathen kann; so lange er also dieses nur nicht zu befuͤrchten hatte, war sein Augenmerk bestaͤndig auf jenes ge- richtet. Die Geschichte von Marianens Entfuͤhrung, davon sie selbst die Veranlassung nicht anzugeben wußte, hatte ihn neugierig gemacht; er hatte also, unterdessen daß Mariane und Hieronymus auf dem Schlosse gewesen waren, einige Bedienten der Graͤfinn, die sich in der Schenke, wo er abgetreten war, einfanden, uͤber die vorhergehenden Begeben- heiten und uͤber die Gesellschaft, die auf den Schlosse gewesen war, ausgefragt, und aus allen Umstaͤnden den Schluß gezogen, daß der Oberste, dessen Nei- gung zu huͤbschen Maͤdchen er sehr wohl kannte, die Entfuͤhrung koͤnne veranstaltet haben. Er huͤtete sich aber wohl, davon etwas gegen Hieronymus und Marianen zu erwaͤhnen; denn er glaubte, sich durch diese Entdeckung fuͤr das Pferd, mit welchem Sebaldus verloren gegangen war, und fuͤr die Wunde, die ihm seine unbefugte Neugier (denn was gieng’s ihm eigentlich an, daß jemand auf der Land- N 5 straße straße entfuͤhrt wurde?) zugezogen hatte, reichlich be- zahlt zu machen. Anstatt also Marianens Aufent- halt dem Freyherrn von D *** zu melden, so meldete er denselben lieber dem Obersten, und benennte ihm zugleich den Preis, um welchen er sie an einen ihm beliebigen Ort bringen wollte. Er gieng hiebey des- halb so offenherzig zu Werke, weil er im Laufe der Welt gefunden hatte, daß selbst vornehmere Leute, als er, die er, um seine Zwecke zu erlangen, zu bestechen noͤthig gehabt hatte, wenn es wirklich ihr Ernst ge- wesen Wort zu halten, lieber vorher um den Preis ihrer Protektion gehandelt, als sich auf eine unge- wisse Freygebigkeit verlassen hatten. Der Oberste, der sich das Gluͤck nicht hatte traͤumen lassen, Marianen sobald wieder zu sehen, noch we- niger, sie in seiner Gewalt zu haben, gieng alle Be- dingungen ein. Der Verwalter reisete also mit ihr fort, unter dem Vorwande, sie zu dem Hrn. von D *** zu bringen, und nahm ein Nachtlager auf einem der Guͤter des Obersten. Jn der Schenke war schon bestellt, daß sie nicht aufgenommen werden koͤnnten, weil alles schon besetzt waͤre. Der Ver- walter fuhr also nach dem herrschaftlichen Hause, wo er den Aufseher zu kennen vorgab. Sie traten ab. Hier verließ er des Nachts heimlich Marianen, und den den folgenden Morgen bekam sie unvermuthet den Obersten zu sehen. Der Oberste war ein Maͤnnchen, das, wie wir schon bemerkt haben, von seiner Person eine nicht ge- ringe Meinung hegte. Er hatte zwey Jahr auf Uni- versitaͤten reiten lernen, und Billard gespielt, hatte sich, etwan ein halbes Jahr vor erfolgtem Frieden ein Re- giment gekauft, mit dem er verschiedenen Fouragi- rungen beygewohnt, es bey einigen Ruͤckmaͤrschen in der Avantgarde kommandirt, und es darauf wohlbe- halten in die Winterquartiere gefuͤhrt hatte. Die folgende Zeit hatte er meist am Hofe zugebracht. Aus diesem glorreichen Lebenslaufe glaubte er, muͤsse er- hellen, daß er ein Mann sey, gelehrt, tapfer und voll Weltkenntniß. Er suchte alle Dinge zu affekti- ren, die ihm die Natur versagt zu haben schien. Unerachtet er in seinem ganzen Betragen fluͤchtig und laͤppisch war, so pflegte er doch gemeiniglich eine weise Miene anzunehmen, und den Zeigefinger an die Nase zu legen, wenn er gleich gar nichts tiefsinni- ges sagte. Unerachtet er unbestaͤndig und veraͤn- derlich war, und dabey die Bequemlichkeit liebte, so redete er doch bestaͤndig von der Standhaftigkeit, von der Anstrengung und Anspannung der Kraͤfte, und von festen Vorsaͤtzen, die man unverruͤckt ausfuͤhren muͤßte. muͤßte. Ob er gleich, durch fruͤhzeitige Ausschweifun- gen, fast zu allen Wolluͤsten untuͤchtig war, so war doch Genuß immer sein drittes Wort. Nach die- ser Beschreibung sollte man kaum glauben, daß ein solcher feyerlicher Hasenfuß in der menschlichen Gesell- schaft nur habe ertraͤglich seyn koͤnnen, wenn man nicht taͤglich saͤhe, daß eine vornehme Geburt, eine Englaͤndische Kutsche mit einem Zuge von sechsen, und ein ziemlich leidliches Angesicht, eben so große und groͤssere Thoren zu liebenswuͤrdigen Kerlchen macht. Unser Mann hegte uͤbrigens den ersprießlichen Grundsatz, daß man in allen Vorfaͤllen um sein selbst willen handeln muͤsse, und daß daher derjenige, der Kraft habe, denjenigen, der schwaͤcher sey, ohne Be- denken zwingen muͤsse, seinen, als des Staͤrkern, Ab- sichten zu folgen. Da nun das weibliche das schwaͤ- chere Geschlecht ist, so folgerte er ganz natuͤrlich, daß alle Mannspersonen ein unwidersprechliches Recht haͤtten, alle Frauenzimmer nach eignem Willen zu behandeln. Zwar gab er zu, daß Stand, Erziehung, Stolz, Sproͤdigkeit und Eigensinn, dem Frauen- zimmer eine gewisse Art von zufaͤlliger Staͤrke geben koͤnne, die man Tugend nenne; aber er meinte auch, daß, wenn eine Mannsperson, neben der diesem Ge- schlechte eigeuthuͤmlichen Kraft, noch genugsamen Ver- Verstand habe, die schwache Seite eines Frauenzim- mers zu finden, er unfehlbar uͤber sie triumphiren werde. Da er sich nun Verstand in hohem Maße zutrauete, so ist leicht zu erachten, daß er uͤberzeugt gewesen, kein Frauenzimmer koͤnne ihm widerstehen. Er griff also auch ungesaͤumt Marianen an. Jhre bisherige Zuruͤckhaltung hielt er fuͤr Stolz. Wenn er diesem schmeichelte, glaubte er, waͤre das meiste geschehen. Er begegnete ihr mit der groͤßten Hoͤflich- keit und Unterwuͤrfigkeit. Er ersuchte sie, sein Haus als das ihrige anzusehen, bis der Verwalter zuruͤck- kaͤme, von dem er vorgab, daß er, wegen eines un- vermutheten Geschaͤfftes, eine Reise von einigen Mei- len gethan haͤtte, und versprach, daß er sie allen- falls in seiner eignen Kutsche weiter bringen wolle. Mariane ließ sich aber in dieser Falle nicht fangen. Sie bestand darauf, unverzuͤglich auf dem ersten dem besten Bauerwagen, oder auch zu Fuße, weiter zu ge- hen. Sie sagte dieß so dreist und ernsthaft, daß er seinen Angriff aͤnderte. Seine gluͤhende uͤberschweng- liche Liebe wurde vorgebracht; Mariane war die Goͤttinn, die er anbetete, zu deren Fuͤßen er sich und sein ganzes Vermoͤgen niederlegen wollte. Mariane, voll edles Unwillens, wuͤrdigte ihn keiner Antwort, son- sondern wollte stehendes Fußes weggehen, das aͤußere Zimmer aber war verschlossen. Er sagte ihr auf die hoͤflichste Weise, sie solle in allen Dingen uͤber ihn und sein Haus zu befehlen haben, den einzigen Punkt ausgenommen, daß sie sich nicht wegbegeben muͤsse. Mariane fragte voll Unwillen, wer das Recht habe, sie aufzuhalten? Er wendete wieder seine Liebe vor; er bat, er beschwur sie, er versicherte auf den Knien, sie habe von ihm nichts unanstaͤndiges zu besorgen; selbst ihrer Gesellschaft, so angenehm sie ihm sey, wolle er sich entziehen, wenn er ihr beschwerlich fiele. Mariane warf sich in einen Stuhl und weinte; er fuhr fort zu bitten und zu versprechen; und sie mußte der Gewalt nachgeben, und wider ihren Willen da bleiben. Sie begab sich in ein ihr angewiesenes Zimmer Sle untersuchte sorgfaͤltig, ob irgendwo ein verdeckter Ein- gang seyn koͤnne; aber es war alles sicher. Sie fruͤh- stuͤckte allein. Sie gieng nachher in den Garten. Sie bemerkte wohl, daß sie von verschiedenen Personen von fern beobachtet ward, und daß sie nicht werde entfliehen koͤnnen; aber der Oberste ließ sich nicht se- hen. Es giengen einige Tage hin, in denen sie alles empfand, was ihr itziger Zustand schreckliches, und die die Aussicht ins kuͤnftige beunruhigendes hatte. Der Oberste, der seinen Anschlag nie aus dem Sinne ließ, fand sich unvermuthet auf ihren Spaziergaͤngen, wo ihm nicht auszuweichen war. Er begegnete ihr mit der groͤßten Ehrfurcht. Sie konnte ihm zuletzt nicht abschlagen, zuweilen bey Tische, oder bey einem km- zen Spaziergange, in selner Gesellschaft zu seyn. Er fuhr fort zu betheuren, daß er sie auf das innigste liebe, und daß er ihre Gegenliebe nicht zu erzwingen, sondern zu verdienen suchen wolle. Mariane fuhr fort, ihm aufs entschlossenste zu versichern, daß er ihre Gegenliebe auf keine Weise erhalten werde, daß er sie also nicht ferner quaͤlen, sondern sie wegreisen lassen moͤchte; und sie selbst sann bestaͤndig auf ein Mittel, sich aus dieser unangenehmen Lage zu ziehen. Der Oberste, der sich einen so starken Widerstand nicht vermuthet hatte, ward dadurch noch mehr er- hitzt, und fieng an auf andere Plane zu sinnen, um seinem Zwecke naͤher zu kommen. Er wiederholte sich in Gedanken alle die sinnreichen Mittel, die von entflammten Liebhabern gebraucht worden, um bey ihren widerspenstigen Gebieterinnen zu ihrem Zwecke zu gelangen: z. B. die Ehe zu versprechen, und sein Wort nicht zu halten; die Ehe zu versprechen, und sich sich durch einen verkleideten Kammerdiener trauen zu lassen; seiner Geliebten einen Schlaftrunk zu geben, und sich in ihr Schlafzimmer zu schleichen; im Fuß- boden ihres Zimmers eine Fallthuͤre machen zu lassen, oder durch einen Kamin hineinzusteigen u. s. w. Weil ihm diese aber saͤmmtlich nicht gefielen, nahm er seine Zuflucht zur Lesung der Geschichte der Klarissa Har- lowe, um seine Einbildungskraft durch den Charak- ter des Lovelace anzufeuern, einen Charakter, den er bestaͤndig aͤußerst bewundert hatte, und nicht ohne Ursach, da ihm selbst Leibeskraͤfte und Geisteskraͤfte zum Guten und zum Boͤsen fehlten, um ein Love- lace zu seyn. Bey dieser Lektur fiel ihm auf, daß er das, was Lovelacen der Zufall gewaͤhrte, S. Geschichte der Klarissa, Deutsche Uebersetzung, 5. Th. 7. Brief, S. 70. u. f. durch ausdruͤckliche Anstalt erlangen koͤnnte. Er ließ wirklich eines Morgens, kurz vor Anbruch des Tages, in Marianens Vorzimmer ein Paar Vorhaͤnge und ein Paar Bunde Stroh anzuͤnden, und pochte nach- her mit großem Getoͤse an ihr Zimmer, um sie aufzu- wecken. Er glaubte gewiß, sie in der allerleichtesten Nachtkleidung zu treffen. Er irrte sich aber; denn Mariane, die von Anfang an sehr mißtrauisch gewe- sen war, hatte, ohne sich auszuziehen, in ihren ge- woͤhn- woͤhnlichen Kleidern geschlummert. Sie oͤffnete die Thuͤr, voll Entsetzen, und da sie Rauch und Flam- men zu Thuͤr und Fenstern hereinschlagen sahe, er- griff sie nur ihre Tasche und Uhr, und folgte dem Obersten, der seine Beute, durch Dampf und Fun- ken, in den Garten bis zu einem abgelegenen Gar- tenhause schleppte, wo sich Mariane athemlos niedersetzte. Der Oberste wollte ihre erste Bestuͤr- zung nuͤtzen, fiel ihr zu Fuͤßen, wiederholte seine Liebeserklaͤrung feuriger als jemals, und ward in kurzem so unbescheiden, daß ihn Mariane mit bei- den Haͤnden so heftig von sich stieß, daß das Maͤnn- chen, welches, wie schon bemerkt, zwar in Worten, aber nicht an Kraͤften ein Herkules war, ruͤcklings zu Boden fiel. Ehe er noch, vom Falle betaͤubt, aufstehen konnte, sprang Mariane in den Garten. Dieser war von dem daran stoßenden weitlaͤufigen Park, durch eine hohe gruͤne Hecke gesondert, die an einer einzigen verdorrten Stelle niedriger war. Diese Stelle hatte sich Mariane bey ihren Spa- ziergaͤngen schon laͤngst genau bemerkt. Sie schaffte O sich sich da, durch die duͤrren zerbrechlichen Straͤuche, leicht einen Weg in den Park, und da sie schnell das Ende desselben erreicht hatte, so lief sie gerade aus ins Feld, ohne sich umzusehen. Ende des fuͤnften Buchs. Sechs- Sechstes Buch. Erster Abschnitt. E s ist Zeit, daß wir zum Sebaldus zuruͤckkehren, den wir auf dem Pferde des Verwalters ver- lassen haben, auf dem er voranritt, um in dem naͤch- sten Dorfe, fuͤr die nachkommende Gesellschaft, eine Mittagsmahlzeit zu bestellen. Der Fuhrmann hatte ihn versichert, daß der Weg nicht zu verfehlen sey. Dieß war auch vielleicht einem Fuhrmanne nicht moͤg- lich, aber wohl einem Manne, wie Sebaldus, der selten ganz genau auf die Dinge Achtung gab, die um ihn waren, am wenigsten auf das Gleis einer Landstraße. Er war kaum einige hundert Schritte fortgeritten, als er anfieng, sich in eine Betrachtung uͤber die zweyte Posaune in der Apokalypse zu vertie- fen; dahingegen sein Pferd, welches fuͤhlte, daß der O 2 Zuͤgel Zuͤgel an der Maͤhne hinabhieng, sich kurz darauf an einen vier Schritt vom Wege stehenden Heuschober machte. Sebaldus merkte, nach einigen Minuten, daß das Pferd stille stand, und spornte es an, ohne es zu lenken. Es trabte daher gerade fort, uͤber Wie- sen und Brachfelder, bis es wieder auf einen Weg kam. Nachdem Pferd und Mann auf demselben ein Paar Stunden fortgeeilt hatten, wunderte sich Se- baldus, daß er noch kein Dorf vor sich sahe; doch ließ er sichs gar nicht traͤumen, daß er den rechten Weg koͤnnte verfehlt haben. Nach einiger Zeit er- blickte er ein Dorf. Er zweifelte gar nicht, daß es das rechte waͤre; ritt vor den Krug, stieg vom Pferde, und uͤbergab es einem vor dem Hause stehenden Knechte, der es seitwaͤrts nach dem Stalle zu, fuͤhrte. Er selbst gieng sogleich ins Haus, bestellte die Mit- tagsmahlzeit fuͤr vier Personen, und setzte sich in die Gaststube, um sich auszuruhen. Nachdem er so eine Weile unter einem Geraͤusche von vielen Menschen gesessen hatte, stand er auf, um seiner Gesellschaft entgegen zu gehen, weil er aus der Laͤnge der ver- floßnen Zeit schloß, daß sie schon dicht vor dem Dorfe seyn muͤßte. Er wanderte fort, das Gemuͤth voll von dem doppelten Vergnuͤgen, seine Tochter bald wieder zu sehen, und eine neue Erklaͤrung der zweyten Po- saune saune erfunden zu haben. Er hieng sonderlich diesem letztern Vergnuͤgen so stark nach, daß er, nach ge- raumer Zeit, aus untrieglichen Kennzeichen merkte, er sey auf einem ganz andern Wege, als auf dem er gekommen war; denn er befand sich dicht vor einem andern Dorfe, und merkte, aus der Hoͤhe der Sonne, es sey wirklich Mittag. Er eilte also zuruͤck, und fand, zu seinem großen Erstaunen, daß die Gesellschaft noch nicht angekommen war. Er befuͤrchtete, ihr moͤchte ein Ungluͤck begegnet seyn, er foderte sein Pferd, um ihr ent- gegen zu reiten. Aber wie erstaunte er, da niemand von seinem Pferde etwas wissen wollte. Er hatte, wie es scheint, einen fremden Kerl fuͤr einen Knecht aus dem Hause angesehen, und ihm sein Pferd ge- geben, der sich aber, so bald er sahe, daß Sebaldus im Hause war, darauf geschwungen und es fortgerit- ten hatte. Er war also um seine Gesellschaft und um sein Pferd gekommen, und hatte zum Troste nichts, als seine apokalyptische Entdeckung, und ein uͤbergahres Mittagsessen auf vier Personen, davon er sich, so hungrig er war, doch nicht zu essen ge- trauete, weil er immer noch auf die Ankunft seiner Ge- sellschaft hoffte. Endlich noͤthigte ihn der Hunger doch, sein Antheil davon zu verzehren, und die Wir- thinn noͤthigte ihn, das ganze zu bezahlen. O 3 Er Er wartete diesen und noch ein Paar folgende Tage auf seine Gesellschaft, und war in der groͤßten Verlegenheit, da sie nicht ankam. Er hatte weder den Namen des Dorfes, wo er auf sie warten sollte, noch den Namen der Graͤfinn, noch den Namen ihres Gutes behalten. Er sahe sich also auf einmal wieder in die weite Welt versetzt. Sein einziger Trost war, daß er des Hieronymus Empfehlungsbrief an den Kammerjunker in Holstein, und noch so viel Geld bey sich hatte, um dahin zu reisen. Da er also von der Wirthinn erfuhr, daß die Post nach Holstein den andern Tag durch das Dorf gienge, so setzte er sich, ohne ferneres Verweilen, darauf. Er kam in wenigen Tagen, ohne weitern Zufall, bey dem Kammerjunker an, der sich auf seinen Guͤ- tern aufhielt. Dieser hatte, als er am Hofe war, den Mangel des Verstandes durch reiche Kleider S. Wilhelmine S. 99. zu ersetzen gesucht. Nachdem er aber, durch seine Heu- rath mit einer reichen alten Wittwe, in den Stand ge- setzt war, den Hof zu verlassen, und sich auf seiner Frauen Guͤter zu begeben, verdeckte er den oben ge- dachten noch immer fortdauernden Mangel durch eine andere Art von Virtu. Er schaffte sich eine Samm- lung von antiken und modernen Muͤnzen und Gem- men, men, von Kopien und Abguͤssen alter Statuen und Basrelieffe, und von allerhand aͤchten und unaͤchten Griechischen und Roͤmischen Alterthuͤmern an. Diese Sammlung zu vermehren, zu ordnen, seinen Besu- chern zu zeigen, und daruͤber zu schwatzen, war seine hauptsaͤchlichste, einer verstaͤndigen und gelehrten so aͤhnlich scheinende Beschaͤfftigung, daß er sich oft selbst einbildete, er habe Verstand und Gelehrsamkeit. Frey- lich gieng es ihm mit seinem Kabinette zuweilen, wie sonst mit seinem Kleiderputze. Bey diesem mußte oft Straß anstatt Juwelen, Pluͤsch statt Sammet, und ein bunter Lack von Martin, statt Goldes die- nen. Eben so war auch jenes, anstatt wahrer Al- terthuͤmer, Muͤnzen und Gemmen, meist mit aller- hand Lumpenzeuge angefuͤllt, welches den groͤßten Werth davon hatte, daß es zerbrochen, beschmutzt und unbrauchbar war. Der kleine Mann war aber in allen antiquarischen Kenntnissen, durch die er haͤtte einsehen koͤnnen, daß seine Alterthuͤmer lange nicht alt genug waͤren, gluͤcklicherweise so unwissend, daß ihm seine aͤlten Lampen, Urnen, Opferbeile, Schei- demuͤnzen und Petschafte, vollkommen eben das Ver- gnuͤgen machten, was sie einem aͤchten Alterthums- kenner wuͤrden gemacht haben, wenn sie tausend Jahre aͤlter gewesen waͤren. Er hatte weiter keine O 4 Kennt- Kenntnisse, als die er aus einigen Kompendien und Journalen aufraffte, und die ihm diejenigen einpraͤg- ten, die ihm Muͤnzen und Gemmen verkauften. Er fand diese auch zu seinem Zwecke, sich als eine wich- tige Person zu fuͤhlen, so vollkommen hinlaͤnglich, daß er nicht daran dachte, andere und bessere zu er- werben; zumal da er noch dabey die gluͤckliche Gabe hatte, wenn er gelehrte Leute reden hoͤrte, still zu schweigen, und das, was sie gesagt hatten, in der naͤchsten Vierteistunde woͤrtlich, als seine eignen Ge- danken, zu wiederholen, welches in vielen Vorfaͤllen beynahe eben die Dienste that, als ob er selbst gedacht und geurtheilt haͤtte. Der hochwohlgeborne Kenner empfieng den Se- baldus mitten in seinem Kabinette, wo alle seine Herrlichkeiten zur Schau ausgestellt waren, sitzend auf einer Sella curulis, nicht zwar von Elfenbein, doch aber von weiß angestrichnem Holze, mit bloßem halb- geschornem Haupte, wie ein Roͤmischer Konsul, und in einem Schlafrocke, der nach dem aͤchten Modell einer Trabea zugeschnitten war, welches ihm, gegen reich- liche Bezahlung, von einem gelehrten Professor, war mitgetheilt worden, der ausdruͤcklich die Schneider- kunst gelernt hatte, um den aͤchten Schnitt dieses Roͤ- mischen Feyerkleides endlich einmal herauszubringen; wel- welches so vielen grundgelehrten Leuten, die uͤber die Kleidung der Alten geschrieben haben, vielleicht bloß deswegen noch bisher nicht hat gelingen wollen, weil sie alle nicht wußten, ob man einen Pelzmantel in die Laͤnge oder in die Quere des Zeuges zuschneiden muß. Nachdem er des Hieronymus Brief gelesen hatte, versicherte er den Sebaldus zwar sehr ernsthaft seiner Gnade; (denn seitdem er reich geworden, ergriff er gern jede Gelegenheit, wobey er den Maͤcen spielen konnte;) doch bedauerte er es, daß er einen so grund- gelehrten Mann, wie Sebaldus nicht zu seinem Bibliothekar haben koͤnnte, weil diese Stelle bereits durch einen gelehrten Magister besetzt worden, der ein Schwestersohn eines Mannes war, der ihm viele Alterthuͤmer, und noch kuͤrzlich einen raren Kameo, in aͤchten Ambra, und nicht etwa in Bernstein ge- schnitten, verkauft habe. Jndessen lud er ihn doch auf den andern Morgen zum Fruͤhstuͤck ein. Dieß letztere geschahe nicht sowohl des Sebaldus, als sein selbst wegen; denn, weil es seinen Nachbarn, die ohne dieß von allen Alterthuͤmern aufs hoͤchste alte Pokale und alte Bankothaler liebten, schon bekannt war, daß unser gelehrter Landjunker diejenigen, die er einmal in sein Kabinett bekommen konnte, so bald O 5 nicht nicht wieder herausließ, so konnte er nur sehr selten jemand finden, der es besehen wollte. Der gute Sebaldus, der von aller Kennerschaft weit entfernt war, mußte, unter manchem Gaͤhnen und Raͤuspern, wirklich uͤber fuͤnf Stunden aushalten. Zuerst ward er in einen Saal gefuͤhrt, wo verschiedene Abguͤsse von beruͤhmten antiken Bildsaͤulen aufgestellt waren. ‚Man muß damit, sagte der Besitzer, schon ”zufrieden seyn, weil man die Originale nicht haben ”kann.‛ Er gieng ziemlich geschwind dabey voruͤber, doch fuhr er seiner Venus von Medicis sanft uͤber den Ruͤcken herunter, und fragte den ganz erstaunten Sebaldus, ob ihm derselben Hintertheile auch so wohl gefielen, als dem gelehrten Smollet. S. Smollets Reisen, nach der Deutschen Uebersetzung. S. 297. Ohne Antwort zu erwarten, wandte er sich schnell zu seinen geliebten originalen Antiken, bey deren Deutung er sich weitlaͤufig aufhielt. Da war mehr als eine dick- baͤuchige Venus, und dickpluͤnschige Minerva, des- gleichen verschiedne Apolle, die wie Schneidergesellen aussahen, breitschultrige Merkure, und Jupiter mit spitzen Stirnen und aufgestutzten Nasen. Von da kamen sie in verschiedene Zimmer voll zerbrochner Ur- nen, Toͤpfe und Teller, voll rostiger Degenklingen und Beile, Beile, und einer unzaͤhlichen Menge unbrauchbares Hausgeraͤthes, woraus mit Verwunderung zu erse- hen seyn sollte, daß die Leute vor tausend Jahren Messer, Schnallen und Schluͤssel gehabt haͤtten, beynahe eben so, wie wir. Von da traten sie ins Al- lerheiligste, wo die Gemmen und Muͤnzen aufbe- halten wurden. Mitten im Zimmer stand des be- ruͤhmten Lipperts Sammlung von Abguͤssen auf einem zierlichen Gestelle. Der Kammerjunker machte ein Paar Schubladen davon nachlaͤßig auf, und sagte: ‚Sie sind ganz artig, aber doch nur Abdruͤcke, ”ich halte auf Originale.‛ Er besaß wirklich eine große Menge von plumpen und verzerrten Gesichtern, sehr stumpf in allerhand Steine geschnitten, denen er einen großen Werth beylegte. Er zeigte auch seine Muͤnzen, auf deren vielen er dem Sebaldus den edlen Rost bemerken ließ. Sie waren alle unver- faͤlscht antik, und zu mehrerer Bequemlichkeit in sehr dicke Pappen gefaßt, so daß man Seite und Ruͤck- seite, nicht aber die Raͤnder sehen konnte. Er versi- cherte, daß diese Einrichtung sehr niedlich waͤre, und daß ihm die ganze Sammlung von einem gelehrten Antiquare, so gefaßt, sey verkauft worden. Was er aber mehr, als alles zu schaͤtzen schien, war eine Sammlung von Belagerungsmuͤnzen und Noth- Nothmuͤnzen. Er hatte in der That viele Stuͤck- chen gestempeltes Blech, Zinn und Leder, nebst Stuͤck- chen von silbernen Tellern mit allerley Figuren. Er sagte, mit erhabener Nase, er besitze nicht wenig solche Muͤnzen, die selbst der beruͤhmte Klotz in seinem ge- lehrten Werkchen de nummis obsidionalibus nicht ge- kannt habe, und er hoffe in kurzem ein kapitales Stuͤck zu erhalten, nehmlich eine Nothmuͤnze, in einer der Festungen geschlagen, die der beruͤhmte Oberste Shandy durch seinen Feuerwerksmeister Trim mit ledernen Kanonen beschießen ließ. Jndem er so mit großem Eifer seine Seltenheiten herausstrich, erblickte er von ungefaͤhr an des Se- baldus Finger dessen Petschierring, worinn ein An- ker gegraben war. S. Wilhelmine S. 50. Ey! rief er aus: ‚Ey! Was fuͤr eine schoͤne Antike haben Sie da? ‚ Sebaldus versicherte ihn, daß der Ring sehr modern sey, und von einem Petschierstecher in einer kleinen Stadt in Thuͤringen sey gegraben worden. Der Antiquar versetzte, mit sonderbar schlauer Miene: ‚Ja! ja! aber, ob er gleich modern ist, so moͤchte ”ich ihn doch wohl haben. Die Kamern --- von einer ”gewissen Farbe, --- von einem edlen Ziegelroth --- gefal- ”gefallen mir. Jch will ihn Jhnen abkan- ”fen.‛ Sebaldus antwortete: er habe diesen Ring bis- her zum Andenken seiner Wilhelmine getragen, wenn er aber wuͤrdig sey, in dieses Kabinett aufgenommen zu werden, so wolle er ihm solchen schenken. Der Kammerjunker ließ sich die Schenkung nochmals mit einem Handschlage bestaͤtigen; und nun konnte er seine versteckte Freude nicht mehr bergen. Er druͤckte dem Sebaldus die Hand, zeigte ihm hin und wie- der ein Puͤnktchen auf dem Steine, versicherte, mit selbstzufriedner Miene, er sey ein Kenner antikern Ar- beit; der Stein, sey ungezweifelt, aͤcht antik, und fuͤr ihn unschaͤtzbar, weil er eine Ferm von Ankern ab- bilde, die weder Bayfius noch Amnelius, in ihren Werken de re nautica veterum angefuͤhrt haͤtten. Nun- mehr nahm er den Sebaldus, welcher verstummte, und sich nicht getraute, dem gelehrten Kenner zu wider- sprechen, im Ernste in seine Protektion, gab ihm so- gleich ein Zimmer in seinem Schlosse ein, und ver- schaffte ihm, in wenig Tagen, die Stelle eines Hof- meisters bey dem Sohne eines Pfarrers in einem be- nachbarten Staͤdtchen. Sebaldus schrieb an seinen Freund Hieronymus, um ihm die Unfaͤlle seiner Reise, seine Ankunft bey dem dem Kammerjunker, und seine Befoͤrderung zu mel- den; bat ihn um Nachrichten von Marianens Auf- enthalte, und gieng darauf nach seinem neuen Po- sten, zum Archidiakon Mackligius ab. Zweyter Abschnitt. D er Archidiakon Mackligius hatte weder viel gute noch viel boͤse Eigenschaften. Er hatte gerade so viel studiret, als er zum Predigen und zum Beichtesitzen fuͤr noͤthig hielt, das heißt, sehr wenig. Er hatte, von seinen Kandidatenjahren an, einen sehr hellklingenden vernehmlichen Tenor gepredigt, wel- cher der saͤmmtlichen erbgesessenen Buͤrgerschaft sehr gefallen hatte; daher war er auch fruͤhzeitig zum Dia- kon an einer Kirche seiner Vaterstadt erwaͤhlt wor- den. Mit der Zeit ruͤckte er nicht allein in die Ar- chidiakonatsstelle, sondern ein Edelmann, der die Pfarre eines nahe an der Stadt gelegenen kleinen Fleckens zu vergeben hatte, welche gewoͤhnlich das Fi- lial eines Stadtpredigers war, gab ihm dieselbe, ne- ben seinem Archidiakonate, zu verwalten. Mackligius hatte, beym Antritte seines Amts, alle Buͤcher, die man in diesem Winkel Holsteins fuͤr sym- bolisch bolisch hielt, unbesehen beschworen, und was in der besondern Formula committendi dieses Staͤdtchens von ihm verlangt wurde, ohne Umstaͤnde unterschrieben. Er war dabey sehr beruhigt, weil er nunmehr, durch einen heiligen Eid, der Muͤhe uͤberhoben zu seyn glaubte, uͤber die saͤmmtlichen in den symbolischen Buͤchern enthaltenen Lehren weiter nachzudenken. Er wußte zwar wohl, daß es noch erlaubt sey, diesel- ben in der Absicht ferner zu untersuchen, um mehrere Beweisgruͤnde dazu aufzufinden; er fand aber weis- lich fuͤr gut, dieses zu unterlassen, weil er gar nicht einsehen konnte, wozu noch mehrere Beweisgruͤnde noͤthig seyn sollten, da alle Geistlichen, durch einen schweren Eid, sie zu lehren verpflichtet waren, und da man, seit mehr als hundert Jahren, in den Marschlaͤndern kein Beyspiel wußte, daß ein Laye einen Zweifel daruͤber gehabt haͤtte; auch in unver- muthetem Falle leicht abzusehen war, daß man einen solchen, durch Versagung der Absolution und Weg- weisung vom Abendmahl, genugsam wuͤrde im Zau- me halten koͤnnen. Er hielt sich also im Gewissen verbunden, die Zweifel, die ihm zuweilen, obwohl sehr selten, aufstießen, denen zur Verantwortung zu uͤberlassen, von denen er war vereidet worden. Da er nun also bloß zu lehren, nicht aber zu untersuchen hatte, hatte, so konnte er sein Amt beynahe ganz mechanisch ausuͤben. Die Zeit, die ihm davon uͤbrig blieb, brach- te er, zur Motion, mit Graben und Pflanzen in sei- nem Pfarrgarten zu; denn er war ein großer Ken- ner und Liebhaber von allen raren Nelkenarten und Tulpenzwiebeln, und zog sie in großer Volkommen- heit. Eine unverdaͤchtige Beschaͤfftigung. Denn man will bemerkt haben, daß die Liebhaber derselben we- der in der Kirche noch in dem Staate Unruhen zu er- regen pflegen. Er hielt auch viel auf Federvieh, wel- ches er taͤglich selbst zu fuͤttern, und seine tolligen Huͤhner, eine nach der andern, beym Namen zu sich zu rufen pflegte. Daneben hatte er auch einen schoͤ- nen Taubenschlag, der ihm manche halbe Stunde vertrieb. Bibelfest war er sehr, und konnte bey al- ler Gelegenheit Spruͤche anfuͤhren; welches ihm, wenn sich der Jnnhalt auch gar nicht zur Sache schickte, sondern nur etwan ein Wort einen aͤhnli- chen Klang hatte, nicht unerbaulich schien. Sonst las er eben nicht sonderlich viel Buͤcher, und weil er meist aus dem Stegereife predigte, so kam auch das Schreiben selten an ihn, außer, daß er akkurate Li- sten von allen bey ihm beichtenden Kommunikanten hielt, und selbige woͤchentlich nachtrug. Er hatte sie in so guter Ordnung, daß er mit Einem Blicke uͤber- sehen sehen konnte, wer in dem vorigen Vierteljahre nicht gebeichtet hatte. Ein solches Beichtkind zeichnete er sich an, um, so bald sichs thun ließ, bey demselben einen Hausbesuch abzustatten; wobey er denn, gegen die Veraͤchter der Beichte ein wenig zu eifern pflegte, weil er wirklich auf diesen Glaubensartikel am streng- sten hielt. Sonst that er niemand etwas boͤses; und ob er gleich, wenn es sein Evangelium mit sich brachte, auch von der Kanzel weidlich auf die Suͤnder zu schel- ten wußte, so war er doch, im gemeinen Leben, ein ganz umgaͤnglicher Mann, der, wenn sich jemand an ihn wendete, gern mit Rath an die Hand gieng, auch zuweilen mit That, nur nicht mit Gelde, wel- ches, wie wir der Wahrheit zur Steuer bekennen muͤssen, dem ehrlichen Mackligius ziemlich fest ans Herz gewachsen war. Eben auch die Begierde, seine Einkuͤnfte nicht zu vermindern, bewog ihn, den Sebaldus in sein Haus zu nehmen, und der Unterricht seines Sohnes war eigentlich nur eine Nebensache. Denn da Ehrn Mackligius der heilsamen alten Meinung war, daß man auf Schulen die menschlichern Studien, (humaniora) das heißt, bloß Wortkenntniß treiben muͤsse, daß hingegen die wenige Sachenkenntniß, die ein Theologe braucht, sehr fuͤglich bis zur Universi- P taͤt taͤt verspart werden koͤnne: so bestand die Unterwei- sung des jungen Heinz Mackligius beynahe bloß darinn, daß er wechselsweise ein Pensum aus Diete- rici Institutionibus catecheticis, aus Rheni Grammatica latina, und aus Welleri Grammatica graeca auswendig lernen mußte, und nebenher ein wenig Hebraͤisch buch- stabierte. Nun hatte Heinz Mackligius (der, nach dem, was man in fruͤhen Jugendjahren an ihm be- merkt hat, zu urtheilen, gewiß noch ein Pfeiler der or- thodoxen Kirche werden muß,) eine so gluͤckliche Ga- be, Regeln, die er nicht verstand, auswendig zu lernen, daß er seinem Lehrmeister beynahe gar keine Muͤhe machte. Sein Vater hatte daher dessen Un- terricht, neben seinem Predigtamte, Gartenbaue und Huͤhnerfuͤtterung, ganz gemaͤchlich abwarten koͤnnen; wuͤrde also auch wohl nicht daran gedacht haben, fuͤr denselben einen Hofmeister anzunehmen, wenn ihm nicht, bey herannahendem Alter, das Predigen in sei- nem Filiale allzubeschwerlich geworden waͤre. Der Weg war weit, und wenn er, nach geendigter Pre- digt, in der Sakristey den Klingebeutel ausschuͤttete, so schien er ihm nicht halb bezahlt zu seyn. Er ward daruͤber so verdrießlich, daß er einst das Filial ganz aufgeben wollte. Nachdem er aber uͤberlegt hatte, daß die Artikel des Beichtgeldes, der Taufen, Trauun- gen gen und Beerdigungen, in der Haushaltung ein Loch machen wuͤrden, ungerechnet noch die Kaͤse und Butter, nebst den fetten Hammeln und Gaͤnsen, woran die gottseligen Marschlandsbauern ihren Seelenhirten keinen Mangel leiden ließen: so ward er ganz uuruhig, und wußte nicht, wozu er sich ent- schließen sollte. Endlich fiel er auf den gluͤcklichen Einfall, daß er einen Hofmeister fuͤr seinen Sohn annehmen, und demselben die sonntaͤglichen und meisten festtaͤglichen Predigten im Filiale auftragen wollte. Die Ein- kuͤnfte des Klingebeutels dachte er ihm zum Hofmei- stergehalte anzuweisen, das Beichtgeld hingegen, nebst den Taufen, Trauungen und Leichengebuͤhren, be- hielt er sich selbst vor. Auf diese Art hatte er klaren Vortheil. Er waͤlzte den Unterricht seines Sohnes, und die beschwerlichen Filialpredigten, von sich ab, und doch wurden seine Einkuͤnfte nur um etwas sehr weniges vermindert. Dieses sehr wenige war indessen, nebst freyer Woh- nung und Kost, fuͤr den genuͤgsamen Sobaldus ganz hinlaͤnglich. Er trat also sein doppeltes Amt mit herz- licher Zufriedenheit an, unterwies seinen Zoͤgling, und predigte jeden Sonntag fleißig. So lebte er ei- nige Wochen lang sehr geruhig, bis ein kleiner Um- P 2 stand stand seine Ruhe stoͤrte, und in dem ganzen Staͤdt- chen einen unvermutheten Rumor erregte. Dritter Abschnitt. E s hatten damals die Herren Landprediger, zwey Meilen in die Runde um dieses Staͤdtchen, ein sehr nuͤtzliches Jnstitut angefangen, das wir allen Landpre- digern, innerhalb und außerhalb Holstein, zur Nachah- mung hoͤchlich anrathen wollen. Es ist ein sehr gemeiner, und sehr oft nicht ungegruͤndeter Vorwurf, den man den Landpredigern macht, daß sie auf dem Lande selbst zu Bauern und Kossaͤthen werden, und gaͤnz- lich vergessen, daß sie Gelehrten sind. Die Haupt- ursach davon ist wohl, daß sie, außer etwan auf Syno- dalversammlungen oder auf Wittwenkassenberechnun- gen, selten zusammenkommen. Sie erfahren daher nichts von dem, was in der gelehrten Welt vorgehet, und verlieren also alle Lust, sich um gelehrte Sachen zu bekuͤmmern, die ganz außer ihrem Gesichtskreise liegen. Diesem Uebel vorzubeugen, war, auf Veran- lassung des juͤngsten Diakonus in der Stadt, Ehrn Pypsnoͤvenius, unter den saͤmmtlichen Landpredigern dieser Dioͤces die Verabredung genommen worden, daß daß sie, besonders im Sommer, alle Freytage Nach- mittags zur Stadt kamen. Sie ließen sich zuvoͤrderst saͤmmtlich balbieren, auch sollen sie wohl, unter der Hand, Dispositionen von vorjaͤhrigen Predigten ge- geneinander ausgewechselt haben, die dadurch auf die- ses Jahr wieder brauchbar wurden. Alsdann bega- ben sie sich zu Ehrn Pypsnoͤvenius, wo sie die neuen Stuͤcke der Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit allemal auf dem Ti- sche fanden. Wenn diese gelesen, und daruͤber dis- kurirt worden war, so wurden wohl, wenn es die Zeit erlaubte, noch andere neue oder nuͤtzliche Buͤcher vorgelesen: z. B. des Hrn. D. Heins patriotischer Medikus, die in Buͤtzow herauskommende Samm- lung vermischter Schriften des tiefsinnigen Hrn. Reinhard, verschiedene Deutsche Schriften des Hrn. D. Crusius, als, der Gnomon, oder Zeiger zum richtigen Verstande des Propheten Jesaias, der Plan der Offenbarung Johannis, die Prophe- tische Theologie u. a. m. desgleichen einige aus Rudolstadt eingeschickte Einladungsschriften des Hrn. Direktor Ulrich, oder Leichenpredigten des Hrn. Jnspektor Biel, die neuesten Lateinischen Verse der Hamburgischen Gymnasiasten, auch wohl einige ungedruckte neue exegetische Entdeckungen des Hrn. P 3 Erich- Erichson in Storkow, oder neue dogmatische Erin- nerungen von Hrn. Paulsen in Wedel, oder neue po- litische Remarken und Epigrammen von Hrn. West- phal in Toͤnning. Wenn dieses vorbey war, wurde um sechs Uhr, damit die fremden Gaͤste beyzeiten nach ihrer Heimath zuruͤckreisen konnten, gegen eine gesetzte Zeche von sechs Luͤbschillingen, eine Abendmahlzeit von Holsteinischem Rauchfleische und Schlackwuͤrsten, nebst gutem altem Entiner Biere, aufgetragen. Dabey erzeigte sich die Ge- sellschaft froͤhlich, und jeder der Gaͤste erzaͤhlte dann, was an seinem Orte morkwuͤrdiges vorgefallen war. Jubelhochzeiten, Zwillinge, oder Drillinge, Kaͤlber mit sechs Fuͤßen, oder Hunde mit zwey Koͤpfen, Mordgeschichten und Hagelschaden, wurden nicht leicht uͤbergangen. Eine Nenerung in der Lehre oder in der Kirchenzucht aber durste kaum irgendwo aufducken, so ward sie unfehlbar in dieser Versammlung an- gezeigt, die auswaͤrtigen herzlich besenfzet, die inn- laͤndischen aber, (die freylich sehr selten vorfielen,) zur Ahndung empfohlen. Durch diese Anstalt ward die Reinigkeit der Lehre in diesem ganzen Kirchsprengel nicht wenig befoͤrdert; denn Ehrn Pypsnoͤvenius trug das, was in der Versammlung berichtet worden war, jederzeit den folgenden Sonntag, nach geendig- ter ter Vesper, dem Kirchenprobste Ehrn D. Pudde- wustius zu, der denn, nach Beschaffenheit der Um- staͤnde, die weisesten Maßregeln nehmen konnte. Einst berichtete auch, in dieser Versammlung, einer der Landprediger, Ehrn Suursnutenius, daß sein Schulmeister, ein Leinweber, und seiner wachsamer Mann, der die symbolischen Buͤcher ad unguem aus- wendig wisse, am vergangnen Sonntage in dem Fi- liale Ehrn Mackligii, von dessen Jnformator eine Predigt gehoͤrt habe, worinn behauptet worden, ‚daß ”man die Christen von andern Religionsparteyen ”als seine Bruͤder lieben muͤsse.‛ Ehrn Sumsnute- nius setzte fuͤr sich hinzu, hieraus wuͤrde folgen, daß man auch die Kalvinisten als seine Bruͤder lieben muͤsse, welcher Satz, bey itzigen Umstaͤnden, um so viel bedenklicher sey, da ja bekanntlich, aller Vorstel- lungen Rev. Ministerii ungeachtet, verschiedene Kalvi- nische Tuchmacher in der Stadt das Buͤrgetrecht er- halten haͤtten, zum großen Schaden und Aergerniß der alt-evangelischen Einwohner, die noch wohl wuͤr- den in Huͤtten und Keller weichen, oder gar den Wanderstab ergreifen muͤssen, wenns so fortgienge. Noch wolle der Schulmeister erzaͤhlen, der Jnfor- mator habe auch gepredigt, ‚Gott sehe aufs Herz, und ”nicht auf die Lehre; man muͤsse daher auch tugend- P 4 ”hafte ”hafte Juden und Heiden nicht geradezu verdam- ”men.‛ Er Suursnutenius aber, wolle, weils gar zu arg seyn wuͤrde, der Christlichen Liebe gemaͤß, glau- ben, der Schulmeister koͤnne auch hierinn wohl falsch gehoͤrt haben. Die Gesellschaft gieng auseinander. Aber diese Nachricht wurde, wie gewoͤhnlich, den folgenden Sonntag von Ehrn Pypsnoͤvenius dem Kirchen- probste D. Puddewustius, wieder erzaͤhlt. D. Pud- dewustius schuͤttelte ziemlich den Kopf, fragte noch- mals nach den Umstaͤnden, und schuͤttelte wieder. Er stieß manches Hum und Hem aus, legte zwey oder dreymal den linken Zeigefinger an die Nase, und, nach reifer Ueberlegung, entschloß er sich, bey dem Archidiakonus Ehrn Mackligius naͤhere Anfrage zu thun. Um bey der naͤhern Untersuchung dieser wichtigen Angelegenheit destoweniger Aufsehen zu machen, be- suchte der Probst und der Diakon den Archidiakon den Montag nach Tische, als ob es nur von unge- faͤhr im Vorbeygehen geschehe. Sie fanden ihn im Garten, im Kamisole, eine alte Nachtmuͤtze auf dem Kopfe, und eine Schuͤrze vorgebunden, die Spa- te in der Hand, beschaͤfftigt, den vorher auf ein Salatfeld ausgebreiteten Duͤnger, unterzugraben. Bey Bey der unvermutheten Ankunft des Prebstes war zwar der Archidiakon ziemlich betroffen, er holte aber gar bald aus dem naheliegenden Gartenhause eine genaͤhte baumwollne Peruͤcke, nebst einer alten Summarie, die ihm im Hause statt eines Schlaf- rocks diente, so daß es, weil der Kirchenprobst sehr langsam einhergieng, und der Archidiakon sich sehr geschwind umzog, nicht lange waͤhrte, bis letzterer im Stande war, seinen geistlichen Obern zu empfangen. Nach den ersten Bewillkommungskomplimenten, nachdem die Materie vom schoͤnen Wetter abgehan- delt, und die Nachfrage nach dem Flusse in der Schul- ter und den Ruͤckenschmerzen, denen Se. Hochwuͤr- den zuweilen unterworfen waren, geendigt war, ka- men die Klagen uͤber die schlechten verderbten Zeiten, bey welchen die in der Stadt angesetzten Kalvinischen Tuchmacher erwaͤhnt wurden; und hievon kam D. Puddewustius ganz natuͤrlich auf die Predigt, die Sebaldus von der Liebe gegen Mitglieder anderer Religionsparteyen sollte gehalten haben. Ehrn Mackligius war uͤber den Jnnhalt derselben nicht wenig bestuͤrzt. Er versicherte, daß er an keinem seiner Hausgenossen solche irrige Lehre leiden wuͤrde. Er wolle sogleich den Jnformator rufen lassen, daß er sich selbst in Gegenwart Sr. Hochwuͤrden verant- P 5 worte. worte. Der Probst aber wollte dieß nicht gestatten, damit es nicht etwan in der Stadt ein Aufsehen ge- ben moͤchte. Er ermahnte nur Ehrn Mackligium, seinen Jnformator insgeheim zu vernehmen, ob er wohl wirklich so gelehrt habe, und ihn fuͤr fernerer Neuerung in der Lehre ernstlich zu warnen, in wei- term Uebertretungsfall aber ihn ganz abzuschaffen. Er versicherte, aus der Erfahrung zu haben, daß die Hornviehseuche durchs Todschlagen der kranken Haͤup- ter, und die Hete rodoxie durch Absetzen und Weg- schaffen der irrigen Lehrer am sichersten vertilgt wuͤr- den, und daß, in beiden Faͤllen, alle anderen Mittel zu weitlaͤufig und uͤberdieß zu unkraͤftig waͤren. Hiemit nahmen die beiden Gaͤste Abschied. Vierter Abschnitt. M ackligius ließ den Sebaldus sofort rufen, und fragte ihn uͤber den Jnnhalt seiner am Sonn- tage vor acht Tagen gehaltenen Predigt. Sebal- dus laͤugnete nicht, daß der Jnnhalt so gewesen, wie ihn der Kuͤster angegeben hatte. Der Archidiakonus erstaunte zwar nicht wenig, weil er aber sonst mit sei- nem Jnformator wohl zufrieden war, und auf so leidliche Bedingungen nicht so bald einen andern zu erhal- erhalten hoffen konnte, so gab er sich die Muͤhe, die e r sich sonst nicht leicht gab, einen Versuch zu ma- chen, ihn zu uͤberzeugen, daß er sich auf einer ge- faͤhrlichen Lehre habe betreten lassen, der er nothwen- dig absagen muͤsse. Seb. Und was ist an dieser Lehre verwerfliches? Gebietet uns nicht die Schrift, unsern Naͤchsten zu lieben, als uns selbst? Jst davon derjenige un- serer Nebenmenschen ausgenommen, der in Glau- benssachen anders denkt, als wir? Mackl. Dieß will ich nun freylich eben nicht sa- gen; nur duͤnkt mich, in Absicht auf die Sektirer ists gesagt, daß sie unsere Naͤchsten seyn sollen. Wir moͤgen sie immer lieben, wenn sie nur! weit weg sind. Wenigstens in dieser guten Stadt ist es nun einmal der Grundverfassung gemaͤß, daß nur bloß rechtglaͤubige Lutheraner darinn wohnen koͤnnen, und dabey muß man fest halten. Es ist also hier sehr bedenklich, zu predigen, daß man die Jrrglaͤubigen lieben soll; denn wenn sie erst wissen, daß wir sie lie- ben, so werden sie auch bey uns wohnen wollen. Da gehts denn immer weiter. Dann wuͤrden auch symbolischen Buͤcher kaum mehr helfen, und es wuͤrde keine Einigkeit und Reinigkeit der Lehre mehr da seyn. Haben sich nicht so bey uns die Kalvinischen Tuch- Tuchmacher eingenistelt? Was half das Widerspre- chen? Selbst der billige Vorschlag wurde verworfen, daß jede Kalvinistische Feuerstelle dem Pastor ihres Kirch- spiels jaͤhrlich einen Portugaloͤser abgeben sollte, weil doch sonst die Jura Stolæ litten, indem auf demselben Flecke ein rechtglaͤubiger Lutheraner haͤtte wohnen koͤnnen. Ach! lieber Herr Magister, bey der einmal festgesetzten Grundverfassung muß man halten, es geht sonst nicht. Seb. Und doch steht von solchen Grundverfassun- gen, die unserm Nebenmenschen nicht die Luft goͤn- nen wollen, im ganzen Neuen Testamente nicht ein Wort. Jura Stolæ, symbolische Buͤcher, und derglei- Dinge mehr, sind auch darinn nicht geboten. Viel Disputirens war Mackligius Sache nicht. Er wollte sich also weiter nicht auf Gruͤnde ein- lassen, sondern rief nur aͤngstlich aus: ‚Die Grund- ”verfassung unserer Stadt ist einmal nicht zu aͤndern. ”Auf die symbolischen Buͤcher sind wir auch verpflich- ”tet. Man muß keine Neuerungen gestatten. Die ”Verbindung ist einmal unverbruͤchlich festgesetzt, und ”eidlich bestaͤtiget, daß wir bey der alten Lehre blei- ”ben, und uns jeder fremden Lehre standhaft wider- ”setzen wollen; und nun kann man nicht wieder un- ”tersuchen, sondern die Sache muß ganz und gar ihr Bewen- ”Bewenden haben. Wir koͤnnen nun einmal keine ”Jrrlehrer, Kalvinisten u. d. gl. bey uns haben, also ”muß man auch nicht lehren, daß man sie lieben muͤsse.‛ Sebaldus mochte immer einwenden, die Vernunft sage uns, eine ungereimte Verfassung koͤnne gar wohl veraͤndert werden, und eine Verbindung, die sich auf Unwahrheit stuͤtze, koͤnne nicht verbindlich seyn. Ver- gebens! Mackligius blieb dabey, daß, wenn man eine Verbindung einmal eingegangen sey, man dabey fest verharren muͤsse, sie sey beschaffen, wie sie wolle. Auf die Vernunft muͤsse man in Glaubenssachen uͤber- haupt gar nicht achten. Man muͤsse sich dem fuͤgen, was die Voraͤltern festgesetzt haben; und so drang er dem Sebaldus einen Handschlag ab, daß er ferner solche Lehren, die den Jrrglaͤubigen koͤnnten vortheil- haft seyn, gar nicht predigen, sondern sie lieber ganz mit Stillschweigen uͤbergehen wolle. Einige Tage darauf sollte im Filiale ein Kind eines Schiffers, getauft werden. Mackligius gieng mit dem Sebaldus hinaus. Als der erstere an den Taufstein trat, erblickte er einen Pathen, den er nicht kannte. Er ließ ihn in die Sakristey treten, um sich naͤher zu erkundigen, und erfuhr, zu seiner nicht geringen Be- stuͤrzung, daß er ein reformirter Kaufmann aus Bre- men men sey. Mackligius sagte ihm darauf gerade her- aus, er koͤnne ihn nicht zum Taufzeugen annehmen, weil Rev. Ministerium noch kuͤrzlich sich verbunden habe, niemals einen resormirten Pathen bey irgend einer Taufe zuzulassen. Der Kaufmann wunderte sich hieruͤber nicht wenig; der Schiffer, dessen Rehder der Kaufmann war, und dem zu gefallen er ausdruͤck- lich von Bremen uͤber die Elbe gekommen war, er- schrak sehr. Man suchte den Mackligius zu uͤber- reden, man ward hitzig; aber er war unbeweglich. Der Kaufmann faßte sich endlich, und sagte: Wollen Sie mir nicht erklaͤren, Herr Pastor, was bey einem Taufzeugen das Wesentliche, und was dabey das Zufaͤllige ist? Jch merke schon, rief Mackligius, daß Sie etwas von Mitteldingen, von Adiaphoris, schwatzen wol- len; das gehoͤrt aber gar nicht hieher. Nicht doch! versetzte der Kaufmann, vom We- sentlichen und Außerwesentlichen wollen wir reden. Meinen Sie nicht, das Wesentliche eines Taufzeu- gen sey, daß er bezeuge, wenn es noͤthig ist, daß das Kind getauft worden, und daß er, in Ermangelung der Aeltern und Vormuͤnder, fuͤr des Taͤuflings Er- ziehung sorge? Mackligius konnte dieß nicht laͤngnen. Und Und nun! fuhr der Kaufmann fort, ist nicht das Opfer, das ins Becken geworfen wird, etwas zusaͤl- liges? Mackligius, nach einigem Stocken, bejahete es. Gut! sagte der Kaufmann, hoͤren Sie also ei n en Vorschlag zum Vergleiche: Jch will, weil es denn Rev. Ministerium nicht anders haben will, allen we- sentlichen Pflichten eines Taufzeugen entsagen. Jch will jedermann in Ungewißheit lassen, ob das Kind getauft worden; ich will mich huͤten, fuͤr seine Erzie- hung zu sorgen, und wenn es auch Vater und Mut- ter verlieren, und von seinen Vormuͤndern verlassen werden sollte. Kann mir denn nun wenigstens nicht erlaubt werden, das Zufaͤllige eines Taufzeugen zu verrichten, und, nach vollbrachter Handlung, diese Dukaten ins Becken zu opfern? Mackligius war in keiner geringen Verlegenheit. Endlich bewog ihn die Distinktion des Kaufmanns, und das Bitten des Vaters, fuͤr diesesmal einen reformirten Taufzeugen zuzulassen. Kaum waren sie wieder zu Hause angekommen, so ruͤckte ihm Sebaldus vor, daß er nicht nach sei- nen eignen Grundsaͤtzen handele. Denn, wenn eine feyerliche Verbindung unverbruͤchlich muͤste gehalten wer- werden, so wuͤrde er Unrecht haben, wider dieselbe, einen reformirten Taufzeugen anzunehmen. Ja! rief Mackligius, ein wenig verlegen, dieß war eine Ausnahme. Zudem sahe ich wohl, der Bremer war ein ganz guter Mann, der sich gerade bey uns nicht wird niederlassen wollen. Seb. Ey! nun sey Gott Dank! Wenn nur Ein Mitglied einer andern Konfession ein guter Mann ist, so moͤgens auch wohl mehrere seyn. Jch kann also auch wohl eine Ausnahme von dem Jhnen ge- thanen Versprechen machen; denn warum sollten wir solche gute Leute, wie der Bremer Kaufmann und seine Glaubensgenossen sind, nicht lieben? — Mackl. Herr Magister! Jch bitte Sie sehr, fan- gen Sie ja nicht wieder an, so zu predigen; Sie koͤn- nen sonst sich und mich ungluͤcklich machen. Wozu wollen wir denn die Kalvinisten, und dergleichen Leute, so sehr lieben? Jm Lande duͤrfen sie sich doch nicht weiter ausbreiten, als sie leider! bereits gethan ha- ben; denn es muß Ein Glaube, Ein Hirt und Eine Heerde im Lande seyn, sonst koͤmmt alles in Un- ordnung. Seb. O! damit schrecken Sie mich nicht! Jch komme eben itzt aus dem Brandenburgischen, wo Menschen von zwanzigerley Religionsgesinnungen meist meist ganz friedlich neben einander leben; und wenn sie sich ja zuweilen ein wenig zanken, so bleibt doch alles im Staate in sehr guter Ordnung Lassen Sie uns nur nicht waͤhnen, daß alle Wahrheit bey un- serer Religionspartey zu Hause sey; lassen Sie uns vielmehr untersuchen, ob diejenigen, die wir fuͤr Jrrlehrer halten, nicht mehr Wahrheit moͤgen ge- funden haben, als wir, und dann finden wir viel- leicht, daß wir sie verehren und lieben muͤssen. Jch wiederhole nochmals, lassen Sie uns untersuchen, und lassen Sie uns keine Verabredung, kein Lehrge- baͤude, kein symbolisches Buch aufhalten, wenn wir Wahrheit suchen und finden koͤnnen. Mackl. Ach! mein lieber Herr Magister! Sie wollen doch immer so viel spekuliren! Diese Sucht moͤgen Sie wohl aus dem leidigen Brandenburgischen Lande mit- gebracht haben. Da solls arg zugehen; da soll alles voll Rotten und Sekten seyn. Das koͤmmt her von dem unchristlichen Vernuͤnfteln! Da wird immer einer an dem andern irre! Und wenn denn einem auch hin und wieder ein Zweifel einfaͤlt, so ists ja besser, man unterdruͤckt ihn gleich. Dieß ist viel kuͤrzer und besser, als daß man davon viel Redens macht, daruͤber denn andere auch irre gehen. Nein! lassen Sie mir immer die Lehrformeln und die symbolischen Buͤcher Q in in Ehren. Sie sind, aufs wenigste gerechnet, ein nothwendiges Uebel. Da ist ja so vieles in der Bi- bel, aus dem man sich sogleich nicht finden kann, und man wuͤrde seine ganze Lebenszeit untersuchen muͤssen, was man glauben soll, wenns nicht in der Augspur- gischen Konfession vorgeschrieben waͤre. Seb. Schoͤn! Aber dieß ist eben dasselbe Argu- ment, das die Katholiken fuͤr die unfehlbare Au- toritaͤt der Kirche anfuͤhren. Wir selbst koͤnnen, sa- gen sie, die Bibel nicht hinlaͤnglich erklaͤren, dieß thut die Kirche fuͤr uns; darum muͤssen wir glauben, was die Kirche glaubt. Also haͤtten wir bey der Reformation nur Eine Unfehlbarkeit mit der andern verwechselt, der wir blindlings trauen muͤßten. Wenn also der Pabst die Augspurgische Konfession gemacht haͤtte, so wuͤrden Sie, Herr Pastor, ohne Bedenken ein Pa- pist seyn. Mackl. Behuͤte mich Gott! was reden Sie? Herr Magister! Herr Magister! Sie wissen ja, daß ich der aͤchten ungeaͤnderten evangelischen Lehre zu- gethan bin. Seb. Ja! dem Buchstaben nach, aber nicht dem wahren Geiste nach. Eine blinde Unterwuͤrfig- keit unter die Ausspruͤche der geistlichen Obern ist nicht der wahre Geist des Protestantismus. Von der der Lehre, die wir glauben sollen, muͤssen wir uͤber- zeugt seyn, und um davon uͤberzeugt zu seyn, muͤssen wir sie untersuchen. Die bloße blinde Annehmung einer Lehre, weil sie in einem Buche verzeichnet ist, es mag dieß Buch Bibel, symbolisches Buch, oder wie man sonst will, heißen, ist keine sichere Ueberzeu- gung. Sollen wir uͤberzeugt werden, so muͤssen wir untersuchen, und erst dann, wann wir durch vernuͤnf- tige Untersuchung von einer Wahrheit uͤberzeugt sind, kann sie moralische Wirkungen veranlassen. Mackl. Aber, Herr Magister! wohin wuͤrden wir kommen, wenn wir erst von neuem anfangen wollten zu untersuchen? Muͤßte man da nicht sein ganzes Le- benlang studieren! zumal zu unsern itzigen letzten be- truͤbten Zeiten, da, wie man aus den Hamburgi- schen Nachrichten zuweilen fiehet, an der Ober- Elbe so viele neuerungssuͤchtige Leute sind, die nichts thun wollen, als untersuchen, die uns eine ganz neue Theologie, ja sogar eine ganz neue Bibel machen wollen. Ja warhaftig! eine neue Bibel. Da schickt mir der Postmeister neulich mit den Zeitungen einen Zettel, daß ich 234 Mrk. auf eine Bibel praͤnumeriren soll, die einer in England, (ich glaube der Mensch heißt Kennikott, ) will drucken lassen. Ja! daß Gott erbarm! 234 Mrk. in diesen schweren Zeiten! Und da sollen in Q 2 dieser dieser Bibel viele tausend Stellen ganz anders seyn, als in unserer Lutherischen Bibel! Nun sehen Sie einmal selber, was das fuͤr eine Verwirrung in un- serm guten Holstein geben wuͤrde, wenn man nicht schon wuͤßte, was man zu glauben haͤtte. Seb. Jch habe von dieser Bibel auch gehoͤrt; ich glaube aber, sie wird ganz und gar keine Verwirrung anrichten. Sie kann vielmehr einen sehr großen Nut- zen haben. Denn wenn die Theologen, wie es nicht unterbleiben wird, uͤber die Menge der Varianten, die der arbeitsame Englaͤnder, fuͤr seine funfzigtau- send Pfund Sterlings, zusammengelesen hat, sich hundert Jahre lang werden muͤde disputirt haben, so wird man endlich wohl einsehen, daß die Gluͤckse- ligkeit des menschlichen Geschlechts, die Gott bey sei- ner Offenbarung zum Zwecke gehabt haben muß, nicht auf Schreibfehlern und Varianten, Muthmaßun- gen und Wortklaubereyen beruhen koͤnne. Also auch von dieser Untersuchung uͤber Varianten will ich nie- mand abschrecken. Jch glaube, die wahre Religion koͤnne und werde die strengsten Untersuchungen von aller Art aushalten; darum mag man in Gottes Na- men fortfahren, alle Meinungen der Menschen zu sichten, und den Weizen von der Spreu zu sondern. Mackli- Mackligius rief sehr erschrocken: Nein! nein! die Menschen muͤssen nicht zu vorwitzig seyn. Wenn wir nicht der Untersuchungssucht ein Ziel setzen wol- len, wer weiß, wohin wir noch gerathen koͤnnnen; da koͤnnen wir noch Synkretisten und Jndifferenti- sten, ja endlich gar Naturalisten werden. Seb. Jch glaube nicht, daß uns die Untersuchung so weit fuͤhren werde, aber ich, fuͤr meine Person, folge dem Wege zur Wahrheit ganz gelassen, wohin er mich auch fuͤhret, ohne mir ein Ziel zu stecken, wo ich aufhoͤren will. Mackl. Ach! mein lieber Herr Magister! ich will lieber bleiben, wo ich bin, als mich so weit wagen. Jch werde gar zu unruhig, wenn ich an solche Dinge denke: darum vermeide ich sie lieber, und das thun Sie nur auch. Seb. Wenigstens will ich niemand zureden, hier- inn weiter zu gehen, als ihn seine Neigung fuͤhret. Jndessen erhellet aus allem diesem wenigstens so viel, daß wir uns die Unfehlbarkeit in Glaubenssachen nicht zueignen koͤnnen, daß wir die, die daruͤber an- ders denken, lieben duͤrfen, und toleriren muͤssen. Mackl. Ja! ja! toleriren ist auch viel kuͤrzer, als wenn man so viel untersucht. Wir wollen sie, wie Sie ganz recht sagen, lieber toleriren. Jndessen, Q 3 um um wieder aufs vorige zu kommen, thun Sie mirs immer zu gefallen, und predigen nicht ferner davon, daß man sie lieben muͤsse. Sehen Sie, wir haben hier in unserer Stadt unsere besondere Verfassung; und dann ists bedenklich, wegen der Neuerung mit den Kalvinischen Tuchmachern. Seb. Sehr gern! Jch habe uͤberhaupt nicht ge- glaubt, daß die Lehre, die ich predigte, so neu waͤre, daß dadurch Anfsehen erregt werden koͤnnte; ich meinte nur, eine schon bekannte nuͤtzliche Lehre weiter einzuschaͤr- fen. Freylich! wenn die Ermahnung, unsere Bruͤ- der von andern Konfessionen mehr zu lieben, den Er- folg haben sollte, daß man sie mehr haßte, so ists besser, ganz davon zu schweigen. Mackligius gab ihm von ganzem Herzen darinn Recht, daß Schweigen hier das beste waͤre, und ver- sicherte ihn, er kenne die rechtglaͤubigen Holsteiner, und wisse gewiß, daß die Ermahnung, die Kalvinisten zu lieben, bey ihnen nur mehr Haß zuwegebringen werde. Der ehrliche Sebaldus beseufzete eine so un- christliche Gemuͤthsverfassung, und gerieth in ein Lob einer wahren Christlichen Toleranz, und Mackligius, wohl zufrieden, daß er nur den Hauptpunkt, wegen des Predigens, von ihm erlangt hatte, stimmte ihm in allem bey. Sebaldus sagte viel schoͤne Sachen dar- uͤber, uͤber, daß sich die Christen uͤber allerhand Meinun- gen, die doch nicht ausgemacht waͤren, und auch wohl nicht ausgemacht werden koͤnnten, nicht un- christlicher Weise hassen, sondern sich vielmehr recht christlicher Weise vertragen sollten, und Mackligius sagte ja! einmal uͤber das andere. Jndem sie in diesem Gespraͤche begriffen waren, trat ein Jude aus Rendsburg in das Zimmer, wel- cher beym Mackligius Geld umzusetzen und sonst zu handeln pflegte. Beide hatten sich, durch die schoͤnen Traͤume von Christlicher Toleranz, die Einbildung so erhitzt, und das Gemuͤth in eine so selbstgefaͤllige wohlthaͤtige Lage gebracht, daß sie sich stark genug fuͤhlten, dieses Juden Bekehrung zu versuchen. Mack- ligius bewies ihm mit starken Gruͤnden, daß der Messias schon gekommen sey. Der Jude versetzte, es koͤnne sehr wohl ein Messias gekommen seyn, nur nicht der Messias der Jnden, wofuͤr er zum unwi- derleglichen Grunde anfuͤhrte, daß widrigenfalls er, der Jude, ein vornehmer Mann seyn muͤßte, hin- gegen Mackligius vielleicht wuͤrde alte Kleider kau- fen und Zerbster Drittel einwechseln muͤssen. Se- baldus hielt sich an das himmlische Jerusalem; der Jude aber wollte nur vom irrdischen Jerusalem hoͤ- ren, wohin alle Juden in der Welt, wie er gewiß Q 4 glaub- glaubte, noch einst wuͤrden versammlet werden. Alle drey wurden sehr hitzig. Endlich brach der Jude kurz ab, sagte, wenn der Hr. Pastor heute nichts zu handeln habe, wolle er ein andermal wieder kommen, und gieng zur Thuͤr hinaus. Mackligius schalt nicht wenig uͤber den blinden und verstockten Juden. Sebaldus saß eine Weile, den Kopf auf den Tisch gestuͤtzt; endlich schlug er sich an die Brust, und rief aus: ‚Ach! er ist ein Mensch, wie wir, glaubt von sei- ”ner Meinung uͤberzeugt zu seyn, wie wir, die ihn ”mit sich zufrieden macht, wie uns die unsrige. Lassen ”Sie uns, dem barmherzigen Gotte gleich, der uns ”alle ertraͤgt, unsre Toleranz nicht nur auf alle Chri- ”sten, sondern auch auf Juden und alle andern Nicht- ”christen ausdehnen.‛ Fuͤnfter Abschnitt. J ndessen hatte der Vorfall mit dem reformirten Taufzeugen in der Stadt kein geringes Aufse- hen gemacht. Der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkra- genius predigte wider einen solchen grundstuͤrzenden Jrrthum, in den Vormittagspredigten, und der Ar- chidiakon Ehrn Mackligius, ob er gleich sonst am Strei- Streiten keinen Gefallen hatte, war doch, da seinen Beichtkindern seine Reinigkeit in der Lehre verdaͤch- tig zu werden anfieng, genoͤthigt, sich in den Nach- mittagspredigten zu vertheidigen. Die Erbitterung nahm taͤglich zu. Das ehrwuͤrdige Ministerium theilte sich in zwey Parteyen, davon der groͤßte Theil wider Mackligius war, und man faßte einen Mi- nisterialschluß, vermittelst dessen sowohl der Archtdia- kon, als der Jnformator, wegen falscher Lehre, vor dem Konsistorium verklagt wurden. Jndessen dieses auf dem Tapete war, starb ein reicher Brauer, welcher mit der ganzen Schule, mit Wachslichtern und Schildern, und mit einer Lei- chenpredigt, begraben ward. Das ganze geistliche Ministerium gieng mit zur Leiche. Da war der Probst Ehrn D. Puddewustius, der Pastor Ehrn Buhkvedderius, der Pastor Ehrn Lic. Wulkenkragenius, der Archidiakonus Ehrn Weelsteertius, der Archidiakonus Ehrn Mackligius, der Diakonus Ehrn Mag. Slaboͤrderius und der Diakonus Ehrn Pypsnoͤvenius. Ehrn Wulkenkragenius hielt eine Leichenpredigt von der Bewahrung der reinen Lehre. Er ruͤhmte an dem seligverstorbenen, daß er vor den Kal- Q 5 vini- vinischen Graͤueln bestaͤndig den groͤßten Abschen gehabt habe, und daß die, mit Unrecht der Stadt aufgedrungenen, Kalvinisten, gewiß wuͤrden haben ver- dursten muͤssen, wenn alle andere Brauer, so wie er, den weltlichen Vortheil, dem Eifer fuͤr die Nechtglaͤubigkeit nachgesetzt haͤtten. Nach geendigter Leichenpredigt und verrichteter Beerdigung, kamen sie saͤmmtlich im Trauerhause zur Trauermahlzeit zu- sammen, wo diese Materie wieder vorgenommen, und die Jndifferentisterey, daß man reformirte Tauf- zeugen zuließe, sehr bitter geruͤgt wurde. Ehrn Weelsteertius nahm sich des bedraͤngten Mackli- gius an. Der Streit ward sehr heftig; beide Theile schrien so stark, daß kein Theil den andern verstand; und weil die ministerialische Partey die heftigste, und auch die staͤrkste war, so wuͤrde es vielleicht gar zu Thaͤtlichkeiten gekommen seyn, wenn nicht die Minoritaͤt, die ihre Schwaͤche merkte, sich am Ende der Mahlzeit, nach der Hausthuͤr gezogen haͤtte. Doch hatte das Gezaͤnk auch auf der Gasse noch kein Ende. Der Poͤbel lief zusammen, nahm an dem Streite der geistlichen Herren Antheil, und weil dem- selben, in seinem Eifer fuͤr die Rechtglaͤubigkeit, eben ein Kalvinischer Tuchmacher ungluͤcklicher Weise in den Weg kam, so ward derselbe, zur Bestaͤtigung der recht- rechtglaͤublgen Lehre, mit Fuͤßen getreten, und ihm ein Auge ausgeschlagen. Dieser Vorgang, wobey sich die Regierungskanz- ley in Gluͤckstadt, sehr unorthodoxer Weise, der Kalvi- nisten annahm, und dem geistlichen Ministerium mehrere Vertraͤglichkeit und Behutsamkeit empfahl, machte des Mackligius Sache eben nicht besser. Lic. Wulkenkragenius, ein cholerischer Mann, der nicht verwinden konnte, daß ihm von der Obrigkeit, die doch nur aus Layen bestand, so ein trockner Ver- weis gegeben worden, arbeitete eifrig, daß der gute Mackligius ganz und gar vom Amte abgesetzt wer- den sollte. Hierinn stand ihm, unter der Hand, Diakon Pypsnoͤvenius nicht wenig bey, als welcher, durch den maͤchtigen Beystand seines Goͤnners, des Kirchenprobstes D. Puddewustius, in die Archi- diakonatsstelle zu ruͤcken dachte. Aber Archidiakon Weelstertius und Diakon Slaboͤrderius, welche von der Gegenpartey waren, und uͤberdem von der Vakanz, die durch Mackligius Absetzung entstan- den seyn wuͤrde, keinen Vortheil zu ziehen wußten, brauch- brauchten ihre Bekanntschaften in vornehmen Haͤu- sern, wo sie Hofmeister gewesen waren, dergestalt, daß nur bloß aus dem Konsistorium ein Befehl an Mackligius ergieng, seinen Jnformator nie wie- der die Kanzel besteigen zu lassen, und sich, der Reinig- keit der Lehre wegen, mit einem neuen Eide zu ver- binden. Diesen leistete er zwar ungesaͤumt, aber er verlor nichtsdestoweniger sein Filial. Denn der Edelmann, der sich fuͤr die Reinigkeit der Lehre haͤtte erstechen lassen, hatte von ihm, durch die heimlichen Einblasungen des Diakon Pypsnoͤvenius, solch eine widrige Meinung bekommen, daß er ihn weiter auf seinem Erbgute nicht dulden wollte, sondern seine Pfarre dem Landprediger Ehrn Suursnutenins, einem ehrbaren konkordanzfesten Manne verlieh, zu nicht geringem Mißvergnuͤgen des Diakon Ehrn Pypsnoͤvenius, welcher, da ihm die Archidiakonats- stelle zu Wasser geworden, durch die kraͤftige Re- kommendation des Kirchenprobsts, das Filial ge- wiß nicht zu verfehlen gedachte. Gleich wie man aber leider! mehrere Beyspiele hat, daß die Kir- che der Kuͤche weichen muß, so war auch hier die die Rekommendation des Probstes nicht so kraͤftig, als die Rekommendation der Haushaͤlterinn des Edel- manns, welcher Suursnutenius von ihrer Base war empfohlen worden, die da war eine Halbschwe- ster eines Dingschreibers, dessen Mutter Gevatterinn war von einem Geschwisterkinde der Frau eines Kammerdieners, dessen gnaͤdige Frau eine Kam- merjungfer hatte, welche Beichtkind war eines Pre- digers in einer andern Stadt, dessen Kinder Ehrn Suursnutenius eine Zeitlang unentgeldlich un- terrichtet hatte. Dieß verursachte zwischen Ehrn Suursnutenius und Ehrn Pypsnoͤvenius einigen Wortwechsel, und nachher nicht geringe Kaltsinnigkeit, welche endlich Anlaß gab, daß die gewoͤhnliche Freytagsversammlung sich ganz und gar zerschlug. Der Himmel weiß, wie es seitdem mit der Kenntniß der neuen Litteraturgeschichte, und mit den Baͤrten der Landprediger, in diesem Theile Hol- steins, beschaffen seyn mag. Doch mit dem guten Sebaldus war es, auf alle Weise, noch viel schlechter beschaffen. Da Ehrn Mack- ligius ligius ihn bloß des Filials wegen zu sich genom- men hatte, so wußte er ihn nunmehr ferner gar nicht zu gebrauchen, sondern dankte ihn unverzuͤglich ab. Jn der Stadt wollte niemand einen Mann unter sein Dach nehmen, der die gottlose Jrrlehre gepredigt hatte, daß man alle seine Nebenmenschen, wenn sie auch von anderer Religion waͤren, lieben muͤsse. Der Kammerjunker, ein Mann von fei- ner politischer Weisheit, hielt es seinem guten Ver- nehmen mit verschiedenen Maͤnnern, die im Lande ansehnliche Aemter bekleideten, nicht zutraͤglich, einen Heterodoxen zu beschuͤtzen. Sebaldus wuͤrde also unter freyem Himmel haben verschmachten muͤssen, wenn ihm nicht der Schiffer, dessen Kind mit einem Reformirten Taufzeugen getauft worden war, frey- willig sein Haus angeboten haͤtte. Kaum war dieses geschehen, so erhielt er von sei- nem Freunde Hieronymus, auf den an ihn geschrie- benen Brief, eine Antwort, welche seine Betruͤbniß vollkommen machte. Hieronymus hatte sich bey dem Verwalter nach Marianen erkundigt, und weiter weiter nichts zur Antwort erhalten, als daß Ma- riane, mit Zuruͤcklassung aller ihrer Sachen, die er, fuͤr das vom Sebaldus mitgenommene Pferd, zu- ruͤckbehalten habe, entlaufen sey, niemand wisse wohin. Diese Nachricht brach dem Sebaldns gaͤnzlich das Herz. Von seinem Sohne hatte er schon seit vielen Jahren keine Nachricht. Seine Tochter war nun- mehr auch fuͤr ihn verloren, und ihre Auffuͤhrung schien seiner unwuͤrdig zu seyn. Er selber hatte nur dem Mitleiden ein Obdach zu verdanken, und er sahe keine Aussicht, wie er sein muͤhseliges Leben auch nur kuͤmmerlich fortschleppen koͤnnte. Der Schiffer, dem sein Zustand zu Herzen gieng, schlug ihm vor, daß er nach Ostindien, der allgemei- nen Zuflucht der ungluͤcklichen Europaͤer, gehen sollte, und erbot sich, ihn nach Amsterdam, wohin sein Schiff eben absegelte, umsonst mitzunehmen. Die- ser Vorschlag ward von dem bekuͤmmerten Sebal- dus mit beiden Haͤnden angenommen, der nun nichts mehr hatte, was ihn in diesem Welttheile zuruͤck- zuruͤckhalten konnte. Er nahm schriftlich vom Hieronymus, seinem einzigen Freunde, den letzten Abschied, und empfahl ihm, seinen Kom- mentar uͤber die Apokalypse, bis er aus Ostindien von ihm Nachricht erhielte, in Verwahrung zu behalten. Darauf fuhr er mit dem Schiffer nach Brunsbuͤttel, wo dessen Schiff lag. Er stieg an Bord, und in wenig Tagen lichteten sie die An- ker, erreichten Cuxhaven, und stachen mit gutem Winde in die See. Ende des sechsten Buches. Zuver- Zuverlaͤßige Nachricht von einigen nahen Verwandten des Hrn. Magister Sebaldus Rothanker. Aus ungedruckten Familiennachrichten gezogen. R D er Vater unsers Sebaldus war ein ehrlicher Handwerksmann, in einem kleinen Staͤdt- chen in Thuͤringen, der durch Fleiß und Sparsam- keit ein Vermoͤgen von einigen hundert Thalern er- worben hatte, und in solches Ansehen kam, daß er zum Rathmann und zum Vorsteher des Gotteska- stens in seiner Vaterstadt erwaͤhlt ward. Diese Ehrenstellen aber, die verschiedene von seinen Vor- gaͤngern bereichert hatten, brachten ihm gar keinen Nutzen. Denn er war ein so schlechter Wirth, daß er nicht allein, fuͤr seine Arbeit zum gemeinen Be- sten, keine Einkuͤnfte annehmen wollte, sondern auch zum gemeinen Besten verschiedenes aufwendete, wozu er gar nicht haͤtte koͤnnen genoͤthigt werden. Es kann also der oͤkonomische Leser leicht ermessen, da Sebaldus Vater, bey seinen Aemtern, keine Ein- nahme und nicht wenige Ausgaben hatte, daß sein Vermoͤgen sich habe verringern muͤssen. Den Ueber- R 2 rest rest desselben zehrte die Vormundschaft uͤber ver- schiedene arme Waisen auf, die er freywillig uͤber- nahm, so daß er bey seinem Tode gerade so viel hin- terließ, daß er begraben werden konnte. Er war Vater von drey Soͤhnen, Erasmus, Sebaldus und Elardus, welche seine Frau, Hed- wig, die mehr ihrer Froͤmmigkeit, als ihres Ver- standes wegen bekannt war, schon in Mutterleibe dem Priesterstande wiedmete. Erasmus, der aͤlteste, war fuͤnf Fuß und zehen Zoll hoch, breitschulterig, wohlgewachsen, und weiß und roth im Gesichte. Von seiner ersten Jugend an liebte er seine eigene Person und hatte von seinen Ta- lenten eine sehr hohe Meinung. Nach geendeten Universitaͤtsjahren, brachte ihm sein wohlgewachsner Koͤrper eine Hofmeisterstelle in einem vorneh- men Hause zuwege, wo man wohlgewachsne Leute liebte. Von da ward er Prediger, in einer Stadt, wo ihm seine ansehnliche Leibesgestalt, sein ernsthafter wohlbedaͤchtiger Gang, und seine ver- nehmliche Stimme, unter seinen Kirchkindern nicht wenig Liebe und Ehrfurcht erwarben. Jn kurzem wußte er eine junge reiche Wittwe von ein und zwan- zwanzig Jahren, sein Beichtkind, so zu gewinnen, daß sie ihn heurathete. Von der Zeit an legte Eras- mus sein Amt nieder, ob er gleich den geistlichen Stand, des Ansehns wegen, das er dadurch in der Stadt zu erhalten vermeinte, beybehielt. Er genoß nunmehr seinen Reichthum, und wendete ihn zu al- len Dingen an, wodurch er sich ein Ansehen zu ge- ben glaubte. Er ließ Waisenkinder erziehen, stiftete Stipendien, ließ Kirchen ausputzen und Altaͤre klei- den, praͤnumerirte auf alle Buͤcher, denen die Na- men der Praͤnumeranten vorgedruckt wurden, nahm Zueignungsschriften gegen baare Bezahlung an, schenkte Geld zum Bau der Kirchthuͤrme und Orgeln, u. dergl. mehr. An bestimmten Tagen, theilte er Geld und Brodt unter die Armen aus, welche sich schaarenweise vor seiner Thuͤr versammelten. Und weil er nicht allein seinen Reichthum, sondern auch seinen Verstand und seine Person zur Schau tra- gen wollte, pflegte er freywillig, alle sechs oder acht Wochen, eine zierliche Predigt zu halten, bey welcher sich alle seine Klienten einfinden mußten, und schon den Wink hatten, sich nach Beschaffenheit der Um- staͤnde, durch Weinen in der Kirche, oder durch lau- tes Lob außer der Kirche, in seine fernere Gunst ein- zuschmeicheln. R 3 Elar- Elardus, ein mageres blasses Maͤnnchen, vier Fuß und zwey Zoll hoch, war, als das juͤngste Kind, von Jugend auf das geliebte Soͤhnchen seiner Mut- ter, die, von seiner ersten Jugend an, Sorge trug, daß er taͤglich wohl mit Speisen gestopfet, und mit dem Lernen nicht sehr angegriffen wuͤrde. Jndessen glaubte er doch, in seinem fuͤnf und zwanzigsten Jahre genug begriffen zu haben, um eine Predi- gerstelle bekleiden zu koͤnnen, welche zu erlangen sein aͤußerster Wunsch war. Dieß wollte ihm aber, so viel Muͤhe er sich auch deshalb gab, auf keine Weise gelingen; daher er beynahe dreyßig Jahre alt ward, ehe er recht wußte, was er einmal in der Welt vor- stellen sollte. Zwar bekam er einstmals, durch Empfehlung seines Bruders, den Antrag, Rech- nungsfuͤhrer bey einer Stutterey und Hundezucht zu werden, welche ein benachbarter Fuͤrst zum besten seiner Parforcejacht angelegt hatte, ein Amt, wo- zu nur Rechnen und Schreiben erfodert ward, und das doch an achthundert Gulden eintrug. Elardus aber, der die Wuͤrde des gelehrten Standes gehoͤ- rig zu schaͤtzen wußte, wies ein so ungelehrtes Amt, mit Verachtung, von sich. Jndessen ließ er sich, nach nochmaligem zweyjaͤhrigem Harren, bereden, die Stelle eines Konrektors an einer Lateinischen Schule anzu- anzunehmen, die ebenderselbe Fuͤrst, um des unge- stuͤmen Anhaltens seiner Landstaͤnde loszuwerden, in seiner Residenz gestiftet hatte. Hier waren ihm zwan- zig Gulden fixes Gehalt, ein halber Wispel Rocken, etwas Flachs, und andere Naturalien, nebst freyer Wohnung, ausgesetzt, welche letztere aber, vor der Hand, wegen Baufaͤlligkeit nicht gebraucht wer- den konnte. Alles war ungefaͤhr auf achtzig Gulden geschaͤtzt, weil der Fuͤrst der gnaͤdigsten Meinung war, den Unterweisern seiner Unter- thanen nur ungefaͤhr den zehnten Theil dessen zukommen zu lassen, was die Erzieher seiner Pfer- de und Hunde foderten. Die Geheimen Raͤthe des Fuͤrsten hielten dieß fuͤr sehr billig; theils, weil es ungleich leichter seyn muͤßte, vernuͤnftige Men- schen zu erziehen, als unvernuͤnftige Bestien abzurichten; theils, weil jedes Schulkind noch wohl woͤchentlich einen oder zwey Groschen Schulgeld ge- ben koͤnnte, welches die Fuͤllen und jungen Hunde nicht aufzubringen vermoͤchten. Ungluͤcklicherweise hatte der ehrliche Elardus nicht recht gelernt, was zu einem tuͤchtigen Schul- manne erfoderlich ist. Jm Hebraͤischen war er beym kleinen Danz stehen geblieben, im Griechischen R 4 konnte konnte er zwar, ziemlich ohne Anstoß, das neue Testa- ment, und die goldenen Spruͤche des Pythagoras exponiren, mehr aber nicht; und ob er zwar Lateinisch ganz gut verstand, um es zu lesen, so wollte, es doch mit der Lateinischen Schreib- art nicht recht fort, und Lateinische Verse konnte er gar nicht machen. Es ist wahr, er hatte einen ziem- lichen guten natuͤrlichen Verstand, hatte seine Mut- tersprache so gut in seiner Gewalt, daß er einen ganz artigen Deutschen Aufsatz machen konnte, welches er auch besonders seine Schuͤler lehrte, und sich alle Muͤhe gab, ihnen von Geographie, Geschichte, Sit- tenlehre und andern Sachen, wovon er glaubte, daß sie sie in der Welt brauchen moͤchten, einige Be- griffe beyzubringen. Weil aber die Einwohner der Re- sidenz ihre Soͤhne, in der laͤngst erwuͤnschten neuen La- teinischen Schule, nun auch zu rechten gelehrten Leu- ten erzogen wissen wollten, so hatten sie zu des Elardus Deutscher Lehrart gar kein Vertrauen, sondern schick- ten ihre Kinder in die Privatstunde zum Rektor, einem grundgelehrten Manne, der alle halbe Jahre ein Lateinisches Programm schrieb, der die Alter- thuͤmer lehrte, und, außer den gewoͤhnlichen gelehr- ten Sprachen, noch Syrisch, Samaritanisch und Arabisch verstand. Der gute Elardus mußte sich also also sehr schlecht behelfen, wenigstens des Tages zwoͤlf Stunden oͤffentlich lehren, und Privatunter- richt im Dekliniren und im Rechnen ꝛc. geben. Dane- ben, weil er seinen sehnlichen Wunsch, sich einst aus dem Schulstaube zu dem Predigerstande zu erheben, nie vergaß, arbeitete er bis nach Mitternacht an geistlichen Reden, und predigte, aus eignem Triebe, fast alle Sonntage, bald fuͤr diesen, bald fuͤr jenen Prediger. Aber Elardus war, wie schon gesagt, nur klein von Person, hatte eine schwache Stimme, und aus Mangel gruͤndlicher Gelehrsamkeit, weil er weder die Philologie stndirt, noch die Dogmatik, Polemik und Hermenevtik genugsam getrieben hatte, waren seine Predigten blos moralisch; da- her fanden sie keinen Beyfall, und er predigte, zu seiner unbeschreiblichen Kraͤnkung, meist den leeren Choͤren und Kirchstuͤhlen. So brachte er sein Leben in Gram und Kummer zu, und starb an der Schwind- sucht, im sechs und dreyßigsten Jahre seines Alters. Erasmus hatte einen einzigen Sohn, Cyriakus genannt, einen Polyhistor und schoͤnen Geist. Alles wußte Cyriakus, und was er nicht wußte, duͤnkte er sich zu wissen. Er selbst dachte eben nicht viel, aber wohl wiederholte er, was andere gedacht hatten, R 5 so so oft, daß er meinte, er habe es selbst gedacht. Er las sehr viel, und ihm gefiel alles, was er las, und was ihm gefiel, wollte er nachmachen. Daher versuchte er alle S chreibarten, und schrieb wechselsweise, hoch, wie Klopstock, sanft, wie Jakobi, fromm, wie Lavater, weltlich, wie Clodius, tiefdunkel, wie Herder, populaͤr, wie Gleim. Jn allen Wis- senschaften und schoͤnen Kuͤnsten war er auch gleich stark. Man hat einmal von ihm, in Einer Messe, eine Schrift von den Dudaim des Ruben, einen Band Anakreontischer Gedichte, eine Abhand- lung von der Natur der Seele, und ein halbes Al- phabeth historischer Erzaͤhlungen gelesen. Ein Amt hat Cyriakus nie bekleidet; denn in seiner Jugend war sein Vater ein reicher Mann, und er glaubte also, sich nicht auf Brodtwissenschaft legen zu duͤr- fen. Nachdem aber Erasmus, durch viele Unterneh- mungen, die seinen Namen verewigen sollten, sein Vermoͤgen sehr verringert, und Cyriakus, nach des- sen Tode, den Rest desselben, aus Liebe zu den schoͤ- nen Kuͤnsten und Wissenschaften, auf der Universitaͤt verschwendet hatte, so befand sich der letztere in sehr beduͤrftigen Umstaͤnden. Er trieb sich an verschiede- nen Orten herum, so daß von verschiedenen Jahren seines Lebens die zuverlaͤßigen Nachrichten fehlen. Soviel So viel weiß man, daß er eine Zeitlang Hofpoet, bey einem jovialischen Abte, in einem Kloster in Franken gewesen, daß er hernach Lehrer der Philosophie bey einem Kreisregimente geworden, dessen Officiere, weil sie sonst nichts zu thun hatten, Gelehrte wer- den wollten, und daß er zuletzt bey einer kleinen ge- lehrten Repnblik, auf einer sichern Deutschen Universitaͤt, welche ihre Landtage, in Ermang- lung eines Eichenhains, in einem Kaffegarten vor dem Thore hielt, als Nasenruͤmpfer gestanden hat. Diese Familiennachrichten dem Publikum mitzu- theilen, wird man veranlasset durch eine Schrift, betitelt: Predigten des Herrn Magister Sebal- dus Nothanker, aus seinen Papieren ge- zogen. Leipzig in der Weigandischen Buch- handlung 1774. 8. Es koͤnnte schon sehr sonderbar scheinen, daß ein Fremder diese Predigten aus den Papieren des Herrn Magister Sebaldus Nothanker sollte gezogen ha- ben, da dieser noch bey gutem Wohlseyn lebt, seine saͤmmt- saͤmmtlichen Papiere besitzt, und noch nicht geneigt zu seyn scheint, etwas daraus, am wenigsten aber Pre- digten, herauszugeben. Jndessen, wenn diese Pre- digten nur dem Charakter des Hrn. Magister Se- baldus Nothanker gemaͤß, geschrieben waͤren, so wuͤrde man doch sein Urtheil noch zuruͤckhalten, und dahingestellt seyn lassen, ob etwan die Hand- schrift derselben, auf eine unbekannte Art, dem Her- ausgeber moͤchte in die Haͤnde gerathen seyn; aber derjenige, der den Hrn. Magister Sebaldus etwas genauer und persoͤnlich gekennet, wird gleich einse- hen, daß diese Predigten unmoͤglich von diesem gu- ten Manne herruͤhren koͤnnen. Wenn man nur S. L. der Vorrede, die Anmer- kungen lieset, die am Rande der Handschrift der Predigten sollen gestanden haben, so siehet man gleich, daß darinn ein unertraͤglicher Egoismus herr- schet, der dem von allem Eigenduͤnkel entfernten Charakter des Sebaldus ganz zuwider ist. Z. B. ‚ Jch danke meinem Gott alle Tage, daß ”er mich in einen Stand gesetzt hat, in welchem ” ich zur Erleuchtung des Landmannes so viel ”beytragen kann.‛ So So haͤtte Sebaldus nie von sich geredet, der in aller Einfalt seine Pflicht that, und Gutes stiftete, so viel er konnte, ohne zu glauben, daß er so viel thaͤte, ohne feyerlich auszurufen: Jch danke dir, Gott, daß ich nicht bin, wie andere Leute! Eben so ist die Anmerkung S. LII. beschaffen: ‚Jch gebe meine Predigten nicht fuͤr Muster aus, ”wornach meine Kollegen sich bilden sollten. Wenn ”sie nur daraus absehen, was ungefaͤhr sie vor- ”tragen ꝛc. ꝛc.‛ O! wie haͤtte der bescheidene Sebaldus, der, wenn er predigte, und seine Kirchkinder troͤstete, und sie zum Guten ermahnte, nur ganz gewoͤhnlicher Weise seine Pflicht gethan zu haben glaubte, sich auch nur die Jdee in den Sinn kommen lassen, er koͤnne jemand ein Muster werden, oder es koͤnnten andere von ihm etwas absehen! Daß ferner bey diesen Predigten keine biblischen Texte vorhanden sind, zeigt auch genugsam, daß sie we- der Sebaldus, noch irgend sonst ein Prediger, der die Gesinnungen der Landleute kennet, gemacht haben kann. kann. Sebaldus wußte viel zu gut, wie viel Ge- walt auch nur der bloße Ton eines biblischen Spruchs uͤber die Seele eines Bauren hat, als daß er ein so unschaͤdliches Huͤlfsmittel nuͤtzliche Wahrheiten ein- zupraͤgen, haͤtte vernachlaͤßigen sollen. Doch, selbst aus der Nachricht des Herausge- bers, wie er zu denen Handschrift dieser Predig- ten gekommen sey, erhellet nicht allein deutlich, daß diese Handschriften nicht wohl vom Sebal- dus gewesen seyn koͤnnen, sondern wir kommen dadurch auch auf eine sehr wahrscheinliche Vermu- thung, wo sich diese Handschriften eigentlich her- schreiben moͤgen. Es heist S. XLV. der Vorrede: ‚Vor einiger Zeit ”kam ein Dessauischer Jude zu mir, der, nebst ”andern Waaren, verschiedene Paar schwarze ”seidne Struͤmpfe, Halskrausen, ꝛc. ꝛc. fast alles in ” beschriebenes Papier eingewickelt, mir zum Ver- ”kaufe anbot. „Aber, mein guter Mann, sprach ”ich, wie kommt Er denn zu Christlichen Hals- ”krausen? ‟ ‚Jn einem Dorfe, nicht weit von hier, ”antwortete er, hat sie mir ein Bauer verkauft, der ”sie, vor einigen Jahren, nebst dem uͤbrigen, an ”der ”der Landstraße gefunden zu haben vorgab. Kurz ”vorher hatte ich Nothankers Geschichte gelesen. ”Gleich fiel mirs aufs Herz, ob diese Sachen nicht ”von dem gepluͤnderten Postwagen seyn moͤchten.‛ Jst diese Erzaͤlung richtig, so haͤtte auf den Titel gesetzt werden sollen: Aus dem Makulatur eines Dessauischen Juden abgedruckt, nicht aber: Aus Sebaldus Papieren gezogen, denn dieß letztere Vorgeben ist durch nichts erwiesen. Der Heraus- geber hat bey seiner Muthmaßung, die er bloß auf seine Erzaͤhlung bauet, in der That sehr wenig hi- storische Kritik gezeigt Haͤtte er doch mehr auf die Chronologie, welche die Fackel der Geschichte ist, geachtet. Jsts wohl warscheinlich, daß Klei- dungsstuͤcke, welche 1763 auf einem Postwagen ver- loren gegangen sind, noch 1773, unverkauft, mit dem Papier worinn sie anfaͤnglich gewickelt gewesen, in den Haͤnden eines Juden seyn sollten? Und war- um that er an den Juden die unnoͤthige Frage, ‚wie er zu Christlichen Halskrausen komme?‛ da es ja bekannt ist, daß die Juden abgetragene Christliche Kleider mit eben so wenigem Bedenken in ihre Laden aufnehmen, als die Christen manche abgetra- gene Juͤdische Lehre in ihre Dogmatik aufgenommen haben. haben. Und wie kann er auf des Juden unbestimmte und unbewiesene Antwort das geringste bauen? Wenn auch alle die Sachen, die der Jude zum Ver- kauf anbot, wirklich auf der Landstraße gefunden worden waͤren, so koͤnnen sie doch gewiß nicht dem Sebaldus gehoͤrt haben. Wie waͤre er, der zeitle- bens in einer laͤndlichen Einfalt gelebt hatte, und der aus Noth seine besten Sachen hatte verstoßen muͤs- sen, zu seidnen Struͤmpfen gekommen? Wozu haͤtte er wohl, nachdem er abgesetzt worden, Hals- krausen Jn einigen Deutschen Provinzen würde das Wort Hals- krausen bloß Halstuͤcher bedenten; aber der Zusatz Christ- liche Halskrausen, scheint anzudeuten, daß es runde Priesterkragen, oder Wolkenkragen gewesen, die man in Sachsen, Krausen nennet. mit sich gefuͤhrt? Und da er, als er weg- reisete, wie S. 163 des ersten Theils seines Lebens berichtet worden, seinen ihm so werthen Kommentar uͤber die Apokalypse bey seinem Freunde Hierony- mus zuruͤckließ, ists wohl wahrscheinlich, daß er die Koncepte von alten Predigten sollte mitgenom- men haben? Die Muthmaßung des ungenannten Herausge- bers ist also hoͤchst unwahrscheinlich. Wenn man nun aber hingegen aus den sichersten Familiennach- richten richten weiß, daß Cyriakus seines Vaters Kleider Halskrausen und Manuskripte, so wie auch den ge- ringen Nachlaß des fruͤhzeitig verstorbenen Elardus geerbt hat, wenn ferner unwidersprechlich bewiesen werden kann, daß Cyriakus, als er 1772 von Leip- zig wegreisen wollte, seine saͤmmtliche Kleidung, Buͤ- cher und Papiere, zu einem Troͤdler getragen hat, der vor dem Grimmischen Thore, in der Gegend des Richterschen Kaffegartens wohnt, und seinen haupt- saͤchlichen Abzug an Dessauische Juden hat: wird es nun nicht vielmehr wahrscheinlich, daß die dem un- genannten Herausgeber so zufaͤlliger Weise in die Haͤnde gerathenen Predigten, wenn sie gleich nicht von Sebaldus Nothankern sind, dennoch sehr wohl von Erasmus Nothankern, von Elardus Nothankern, und von Cyriakus Nothankern her- ruͤhren koͤnnen? Diese Muthmaßung wird beynahe zur Gewiß- heit, wenn man die innere Beschaffenheit dieser Pre- digten betrachtet. Gleich der erste Absatz, der er- sten Predigt, von der Einigkeit in der Ehe, kann ganz unmoͤglich aus Sebaldus Feder geflossen seyn; denn es koͤmmt darinn, ob er gleich nur eine halbe Seite lang ist, sechszehnmal das liebe Jch vor. Man hoͤre: S ‚Nichts ‚Nichts wuͤnsche ich so sehr, als daß ihr gluͤcklich ”seyn moͤget. Jhr werdet es von mir uͤberzeugt ”seyn, meine lieben Zuhoͤrer, daß ich dieses auf- ”richtig wuͤnsche; denn ihr wißt, wie ich zu euch ”eile, um euch zu troͤsten, wenn ihr traurig seyd, ”und wie gern ich auch an euren Freuden Antheil ”nehme, wenn ihr einen froͤhlichen Tag habt. Mein ”Amt, und mein Herz macht mir dieses zur Pflicht. ” Mein Amt, weil es mir zunaͤchst aufgetragen ist, ”euch an meiner Hand durch die Bahn dieses Le- ”bens zu fuͤhren, und euch zu einem seligen Leben, ”das euch nach diesem erwartet, zu bereiten. Aber ”auch mein Herz macht es mir zur Pflicht, weil ” ich euch aufs herzlichste liebe. Ein Hirt kann ”nicht so sehr seine Schafe, ein Vater nicht so sehr ”seine Kinder lieben, als ich euch.‛ So ein grober Egoist war der bescheidene Sebal- dus nicht. Er sprach nicht so viel von sich. Er liebte seine Kirchkinder; aber diese Liebe trug er nicht oͤffentlich zur Schau. Er stand seinem Amte vor, er that seine Pflicht; aber er hatte sein wichtiges Amt, seine theure Pflicht, nicht immer auf der Zunge, um seinem guten Herzen ein Kompliment zu machen. Hingegen der ruhmsuͤchtige Erasmus, der haupt- hauptsaͤchlich nur deswegen predigte, um sich, von der Kanzel herab, in seiner Groͤsse zu zeigen, redete bestaͤndig von sich selbst, von seinem guten Willen gegen seine Zuhoͤrer, von seinem Herzen, von sei- ner Liebe, von seinem Vertrauen, kurz, er predigte sich selbst, um sein selbst willen. Wenn ferner diese Predigt vom Sebaldus, oder auch nur von irgend einem andern Landprediger, an Bauern, gehalten waͤre, so wuͤrde darinn nicht so mancherley ‚von Geld und Gut; von einem Geiz- ”halse der einen Freyer abweiset, wenn er nicht so ”viel Gut und Geld hat, als seine Tochter; von ”einem Maͤdchen, das am meisten Geld hat; von ”einem unehrbaren Maͤdchen, das man nicht heura- ”then sollte, wenn sie auch noch so viel Geld haͤtte,‛ vorkommen. Wenn Sebaldus uͤber diese Gegen- staͤnde zu reden gehabt haͤtte, so wuͤrde er von Vieh, Aeckern, Wiesen und Gaͤrten gesprochen haben; denn darinn bestand das Vermoͤgen seiner Bauern, so wie der allermeisten Bauern in der Welt. Daß Sebaldus Vaterland zwar fruchtbar, aber ohne baares Geld gewesen, kann der Leser schon aus der Art, wie der ehrliche Hieronymus seinen Buchhan- del treiben mußte, schließen. S 2 Eben Eben so heißt es, S. 4. ‚Jch will euch itzt nichts ”davon sagen, daß der Reichthum oͤfters eurer ”Seele hoͤchstschaͤdlich ist, daß er eine Versu- ”chung ist zu allem Boͤsen, und daß unser weise- ”ster Lehrer sagt, daß die Reichen nicht in das ”Reich Gottes kommen werden. Daran will ”ich euch itzt nicht erinnern, weil ich unlaͤngst von ”der Schaͤdlichkeit des Reichthums ausfuͤhrlich ”zu euch geredet habe.‛ Dieß ist ein klarer Beweis, daß Sebaldus nicht der Verfasser dieser Predigt seyn koͤnne; denn man kann sich fuͤr ihn sicher verbuͤr- gen, daß er ein so ungeschmacktes Postillengeschwaͤtz, von der Schaͤdlichkeit des Reichthums, seinen Bauern nie werde vorgeredet haben. Er war viel- mehr bestaͤndig beflissen, seinen Bauern zu predigen, daß sie fruͤh aufstehen, ihr Vieh fleißig warten, ihren Acker und Garten aufs beste bearbeiten sollten, alles in der ausdruͤcklichen Absicht, daß sie wohl- habend werden, daß sie Vermoͤgen erwerben, daß sie reich werden sollten. Sebaldus wußte nur allzuwohl, daß die niederdruͤckende Duͤrftigkeit, welche die einzige Alternative seyn kann, wenn der Bauer nicht wohlhabend seyn soll, eine fruchtba- rere Mutter der Barbarey und verderbter Sitten ist, als der baͤurische Reichthum, der allemal eine Folge Folge des Fleißes seyn muß; daher derjenige, der den Bauern von der Schaͤdlichkeit des Reich- thums predigen wollte, ihnen ausdruͤcklich die Faul- heit empfehlen muͤßte. Dagegen weiß man vom Erasmus, daß er, seitdem er selbst reich gewor- den war, den erbaulichen Gemeinort, von der Nich- tigkeit und Schaͤdlichkeit des Reichthums, sehr oft im Munde gefuͤhrt habe; einen Gemeinort, uͤber den man in der That am zierlichsten zu reden weiß, wenn man an nichts Mangel hat. Noch eine andere Stelle giebt die staͤrkste Vermu- thung an die Hand, daß niemand anders, als Eraf- mus Nothanker, der Verfasser dieser Predigt seyn koͤnne. S. 6. heißt es: ‚Es entspringt viele Unei- ”nigkeit unter euch daher, daß ihr gemeiniglich ”mit euren Schwiegeraͤltern unter Einem Dache ”wohnet. Es ist mir leid, daß ich es sagen muß, ”aber leider! ist es durch die Erfahrung gegruͤndet, ” daß nur sehr wenige Eheleute in Einigkeit le- ”ben, wenn sie ihre Schwiegeraͤltern bey sich im Hause haben. Jhr wuͤrdet euch oͤfters nicht ”zanken, wenn nicht zuweilen eines der Schwieger- ”aͤltern Oel ins Feuer goͤsse. Die Schwiegeraͤl- tern glauben, man koͤnne sie nicht zu gut hal- S 3 ” ten, ” ten, und ihnen nicht dankbar genug sich be- ”weisen. Sie sind uͤberzeugt, in allen Stuͤcken ”alles besser zu wissen, als die jungen Eheleute, ”und wollen alles im Hause anordnen. Nichts ”kann man ihnen recht thun. Hiezu koͤmmt ”noch, daß das Alter sie ohnehin muͤrrisch und ”verdrießlich, und mit sich selbst und der gan- ”zen Welt unzufrieden macht. Haben nun die ”Eheleute einen kleinen Zwist untereinander, so tritt ”der Schwiegervater oder die Schwiegermutter auf ”die eine oder andere Seite, und vergroͤssert den ”Streit, statt daß diese Alten ihn schlichten, und ”die streitenden Parteyen versoͤhnen sollten. ‛ Laͤßt es sich wohl nur denken, daß der sittsame Sebaldus, auf eine so plumpe Art, alle Schwie- geraͤltern, die bey ihren Kindern wohnen, habe oͤf- fentlich, von der Kanzel herab, beschimpfen wollen? daß er dieses vor Bauern habe thun wollen, welche ihre Schwiegeraͤltern gewiß nur bloß, wenn diese aus Armuth, oder aus Alter und Schwachheit, ihren eigenen Acker nicht bauen koͤnnen, bey sich haben werden? Zwar wird, S. 12. den Zuhoͤrern empfoh- len, daß sie ihre Schwiegeraͤltern in Ehren halten, ihrem guten Rath folgen, und sie pflegen sollen; aber aber wie werden sie dieses thun, wie werden sie ihre Schwiegeraͤltern nur im Hause leiden wollen, wenn der Prediger diese schon vorher als die veraͤchtlichsten, verdrießlichsten, zaͤnkischsten Geschoͤpfe abgeschil- dert hatte, die zu den Hauptursachen der eheli- chen Uneinigkeit gehoͤren, die bey den haͤus- lichen Zwistigkeiten Oel ins Feuer gießen, die sie vergroͤssern, an statt sie zu schlichten? Dieses un- bedachtsame Epiphonema sieht dem stolzen Eras- mus sehr aͤhnlich, der wirklich mit seiner Schwie- germutter anfaͤnglich in Einem Hause gewohnt hat, und hernach, als sie ihm sehr vernuͤnftige Vorstel- lungen daruͤber that, daß er das Vermoͤgen ihrer Tochter aus Eitelkeit verschwendete, mit ihr in be- staͤudiger Uneinigkeit lebte, und sie wohl oft mag abgekanzelt haben. Es ist hoͤchst wahrscheinlich, daß Erasmus Noth- anker auch die folgende Predigt wider die Pro- cesse verfertigt habe. Man findet darinn, S. 18. unter andern, folgende hoͤchst anstoͤßige Stelle: ‚Der ” Advokat muͤßte ein allzuuneigennuͤtziger Mann ”seyn, wenn er enren Rechtshandel nicht so ”lange auszudehnen suchte, als es moͤglich ist, ”um recht vieles von euch einzunehmen. Es hat zwar S 4 ”den ”den Anschein, als wenn kein Advokat diese Absicht ”haͤtte; denn zuerst sucht er euch gemeiniglich mit ”eurem Gegner zu vergleichen, oder es wird, wie ”man sich ausdruͤckt, ein Termin zur Guͤte ange- ”stellt. Habt ihr aber jemals gehoͤrt, daß ein Ter- ”min zur Guͤte einen erwuͤnschten Erfolg ge- ”habt haͤtte? Der Advokat muͤßte seinen Vortheil ”gar nicht verstehen, wenn er nicht, statt euch ”mit eurem Gegner zu vergleichen, in euch eine ”groͤssere Lust erweckte, dem Rechte seinen Lauf ”zu lassen.‛ Ferner, S. 22. ‚ Der groͤßte Theil ”der Leute von diesem Stande scheint den Ei- ”gennutz zu seinem Gott gemacht zu haben, den ”er allein anbetet, und dem er Ehre, Gewissen, ”Redlichkeit, alles aufopfert, u. s. w. Sollte es wohl moͤglich seyn, daß der sanftmuͤthige Sebaldus einen ganzen, dem gemeinen Wesen noͤthi- gen und nuͤtzlichen Stand, habe oͤffentlich, auf eine so bittere und zugleich so toͤlpische Weise, verunglimpfen wollen? Sollte wohl ein verstaͤndiger Mann zweifeln koͤnnen, daß jemals ein Termin zur Guͤte den erwuͤnschten Erfolg gehabt habe? Dieß siehet wirklich viel weniger einem unbefangenen Dorfpre- diger, diger, wie Sebaldus, als einem aufgeblasenen Reu- tenirer, wie Erasmus, aͤhnlich, der, weil er ver- langte, daß sich jedermann vor ihm beugen, und nach seinem Willen handeln sollte, eine Menge Pro- cesse gehabt hat, in welchen freylich kein einziger Termin zur Guͤte jemals einen erwuͤnschten Erfolg gehabt hat, weil Erasmus bestaͤndig sei- nem Eigensinne folgen, und niemals vernuͤnftigen Vorstellungen Gehoͤr geben wollte. Die Prdigten wider den Aberglauben, von der Zufriedenheit, von der Gesundheit, von der Kinderzucht, von der Gluͤckseligkeit des Landmannes, scheinen von Elardus Nothanker, dem juͤngern Bruder unsers Sebaldus herzuruͤhren. Es sind ganz leidliche, gutgemeinte, etwas weitschwei- fige Homilien, die Lesern in Staͤdten, die gern Pre- digten lesen, ganz gut gefallen werden; nur findet man darinn freylich hin und wieder Spuren, daß sie nicht vor Bauern gehalten worden, oder fuͤr Bauern bestimmt gewesen. Wie wuͤrde man z. B. (S. 57.) darauf kommen, Bauern vorzusagen: ‚ Geld und ”Ehre machen nicht warhaftig gluͤcklich.‛ Der Bauer hat ja gemeiniglich kein Geld, und verlangt keine Ehre. S 5 Die Die beiden Fragmente der Predigten von der Ewigkeit der Hoͤllenstrafen, und vom Tode fuͤrs Vaterland, haben ohne Zweifel den witzigen Cyria- kus zum Verfasser. Es ist schon oben gesagt worden, daß er in allen Schreibarten Versuche gemacht habe, und man sieht es diesen Fragmenten auch nur allzusehr an, daß sie Versuche, und zwar Versuche eines jungen Menschen sind. Ein Mann, der so viel Ueberlegung hatte, wie Sebaldus, wuͤrde schwerlich, vor Bauern, von der Endlichkeit der Hoͤllenstrafen eine ausdruͤck- liche Predigt gehalten haben, wenigstens sicherlich nicht auf die Art, wie es hier geschiehet. Er haͤtte ge- wiß uͤberlegt, daß er, ehe er uͤber diese Materie haͤtte mit Nutzen predigen koͤnnen, noch vorher in der groben Vorstellung, die seine Bauern von goͤttli- chen Strafen haben koͤnnten, sehr viel zu aͤndern und zu bessern gehabt haben wuͤrde. Er wuͤrde ihnen haben zeigen muͤssen, daß, durch Gottes weise Ein- richtung, die natuͤrlichen, sowohl physischen als mo- ralischen Folgen der Laster, auf unabsehliche Zeiten hinaus, die Strafen der Laster seyn muͤssen; daß auch positive Strafen Gottes, seiner Guͤte und Ge- rechtigkeit angemessen, dazu kommen koͤnnen; daß diese, nach geschehener Besserung, aufhoͤren werden, so wie durch die Besserung auch die Folgen der Suͤn- den den gemildert werden, da sie sonst freylich, an sich, in alle Ewigkeit fortdauern. Hierbey hatte er aber, fuͤr einen gemeinen Bauerverstand, viel zu subtil werden muͤssen; daher er, wie wir von ihm selbst er- fahren haben, von dieser Materie seinen Bauern niemals etwas gesagt, sondern ihnen nur Gott, als ein allgerechtes und allguͤtiges Wesen, das seine Strafen nach weisen Absichten verhaͤngt, und dessen Zweck dabey allemal das wahre Wohl des Menschen ist, vorgestellt hat; ohne sich in die transcendenten Begriffe von Ewigkeit und Endlichkeit einzulassen, die kein Bauer recht genau fassen wird, und die ihm zur Besserung seines Lebens, welche Sebaldus fuͤr den einzigen Zweck seiner Predigten hielt, nichts hel- fen koͤnnen. Das Fragment der Predigt vom Tode fuͤrs Vaterland ist gleichfalls gewiß nicht vom Sebal- dus, welches schon daraus erhellet, daß man von dem enthusiastischen Feuer, in welchem, nach S. 32 des ersten Theils seiner warhaften Lebensgeschichte, diese Predigt gehalten worden, in diesem Frag- mente nicht das geringste findet; so daß, wenn die Predigt so kahl und kalt gewesen waͤre, als dieses Fragment, schwerlich nur ein einziger Bauer- kerl kerl dadurch wuͤrde bewogen worden seyn, Kriegs- dienste zu nehmen. Es scheint, Magister Cyriakus habe hiemit bloß einen Versuch machen wollen, zu zeigen, wie die Predigt, um welcher willen sein Oheim, Sebaldus, abgesetzt worden war, ausgese- hen haben moͤge. Dieser Versuch aber mißlung, weil Cyriakus nicht Sebaldus ist, obgleich beide Nothanker heißen. Uebrigens will man freylich den Satz: daß Eras- mus Nothanker, Elardus Nothanker, und Cy- riakus Nothanker, die Verfasser der sogenannten Nothankerschen Predigten sind, fuͤr weiter nichts, als fuͤr eine wahrscheinliche Muthmaßung aus- geben. Wem dieß zu wenig duͤnkt, der bedenke, daß das Resultat der tiefsinnigsten historischen Untersu- chungen, oft weiter nichts als eine Muthmaßung sey, und daß, z. B. die wichtige historische Frage: ob die Prinzessin Olga anno Domini 946, oder 955, zu Konstantinopel getauft worden, nachdem die groͤßten historischen Kritiker unserer Zeit daruͤber manche nordische Nacht durchwacht S. Thunmanns Untersuchungen über die Geschichte der östlichen Europäischen Völker, erster Theil, S. 393. haben, den- dennoch auf beiden Theilen leider! nur noch bloß auf Muthmaßungen beruhe, dagegen mit unserer Muthmaßung, noch die unstreitige Warheit ver- bunden ist: daß gedachte Predigten, ihr Verfasser sey auch, wer er wolle, wenigstens gewiß nicht von Sebaldus Nothankern sind. Man hat uͤbrigens aus sichern Privatnachrichten erfahren, daß hin und wieder einige gelehrte Fabri- kanten auf ihren Weberstuͤhlen zu verschiedenen Zeu- gen die Ketten angedreht haben, wozu der ehrliche Sebaldus Nothanker, und seine Bekannten, den Einschlag geben sollen. Z. B. Sebaldus Nothan- kers Beicht-Bet-und Kommunionbuch; Sebal- dus Nothankers Betrachtungen auf alle Tage im Jahre; Sebaldus Nothankers Sonn- und Fest- tagspredigten uͤber alle Evangelien und Episteln; Se- baldus Nothankers schrift-und vernunftmaͤßige Auslegung der Offenbarung Johannes; des Hrn. D. Stauzius Aufmunterung zur Bewahrung der Rechtglaͤubigkeit, und Warnung vor falscher Lehre; Kochbuch von 5000 Speisen, nach der Anlage Sr. Excellenz, des Hrn. Grafen von Nimmer, nebst einem Anhange von Fastenspeisen. Rambolds aͤsthetisches Lehrbuch; Hieronymus Tischreden, Ein- faͤlle faͤlle und Meinungen; u. a. m. Daher will man das Publikum warnen, sich durch diese und andere der- gleichen verfaͤngliche Titel nicht hintergehen zu lassen; denn Hr. Sebaldus Nothanker wird, was er et- wa der Welt vorlegen wollte, schon zu seiner Zeit selbst herausgeben, von den uͤbrigen Personen aber moͤchten wohl keine aͤchten Schriften zu erwarten seyn. Zuletzt ist der geneigte Leser zu benachrichtigen, daß ein kurzweiliger Mann darauf gefallen ist, das Leben und die Meinungen des Hrn. Magister Sebaldus Nothanker, ohne die geringste Nach- richten davon zu besitzen, aus seinem eigenem Ge- hirne fortzusetzen, und einen so genannten zweyten Band unter dem Druckorte Frankfurt u. Leipzig, 1774, drucken zu lassen, welcher zu Hamburg in der Zeitungsbude der Frau Wittwe Tramburginn, im Brodtschrangen, nebst andern Zeitungsblaͤttern, oͤf- fentlich zu verkaufen ist. Der geneigte Leser kann freylich, in dem unaͤchten zweyten Bande, den wah- ren fernern Verlauf der Geschichte des Hrn. Mag. Sebaldus Nothanker nicht finden, weil der unge- nannte Verfasser selbst nichts davon wußte; aber wem daran gelegen ist, kann allenfalls daraus erse- hen, was fuͤr eine Vorstellung vom Sebaldus Noth- Nothanker, in dem Kopfe eines solchen Menschen, wie der ungenannte Verfasser ist, existiren mag. Die unaͤchte Fortsetzung kann uͤbrigens noch einen andern Nutzen haben. Jn dem aͤchten zwey- ten Bande wird man, der Wahrheit gemaß, sehr viele Meinungen und nur sehr wenige Handlun- gen antreffen, weil der ehrliche Sebaldus wirklich meistens nur gedacht, aber nicht gehandelt hat. Sollte es nun Leser geben, welche wuͤnschten, daß man ihnen lieber Handlungen, als Meinungen, er- zaͤhle, so koͤnnten sie versuchen, ob sie vielleicht bey dem unaͤchten zweyten Bande ihre Rechnung fin- den moͤchten, in welchem alles voll Bewegung und Handlungen ist, und zwar voll ganz ungemein merk- wuͤrdiger Handlungen. Z. B. ‚Wie Sebaldus, ”nachdem ihm die Raͤuber auf dem Postwagen ein ”Loch in den Kopf geschlagen hatten, ein Glas ” Kirschbrandwein trinkt, welches alle Grillen ver- ”trieb. — Wie Tuffelins seines Schulmeisters Frau ”verfuͤhrt, welcher ihn dafuͤr durchs ganze Dorf ”peitscht. — Wie sich eine alte Jungfer Sibylle, ”in Sebaldus verliebt, und ihn des Nachts in sei- ”nem Bette besucht. — Wie Saͤugling mit Ma- ”rianen heimliche Zusammenkuͤnfte haͤlt, wobey die ” Ver- ” Vertraulichkeit so hoch steigt, daß sie sich so laut ”kuͤssen, daß man es in einer ziemlichen Entfer- ”nung hoͤret. — Wie Hieronymus den D. Stau- ”zius auf einem Wagen, in einen Kasten setzt, wor- ”inn Schweine und Gaͤnse gewesen, wobey Stau- ”zius sehr andaͤchtig singt: So fahre fort und ”schone dort; — nebst nicht wenig Hochzeiten und andern possierlichen Begebenheiten, woraus abzuneh- men ist, daß der Verfasser, der solche schnaksche Dinge hat erdenken koͤnnen, ein pudelnaͤrrsches Menschengesicht seyn muͤsse. Druckfehler. S. 7. Z. 9. glaͤnzende, lies, geschminkte. S. 9. Z. 16. die Hoͤllenstrafen, l. die Ewigkeit der Hoͤl- lenstrafen. S. 10. Z. 8. von unten: leibliche, l. liebliche. S. 17. Z. 8. glaͤnzendes, l. geschminktes S. 25. Z. 7. halb vier, l. drey. S. 72. Z. 5. von unten: sondern vielmehr, l. son- dern, daß man vielmehr. S. 216. Z. 2. von unten: Kamern l. Kameen.