Briefe eines Verstorbenen . Erster Theil . Folgende empfehlenswerthe Werke haben so eben bei F. G. Franckh in München die Presse verlassen: Die geschichtlichen Fresken in den Arkaden des Hofgartens zu Muͤnchen , von Freiherrn von Hormayr. 8. elegant broschirt. Mit dem Bildnisse König Ludwigs von Bayern. Der letzte Ritter . Romanzenkranz von Anastasius Grün . 4. elegant broschirt. Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen. Vier Bände gr. 8. ”The cross bones.” Briefe eines Verstorbenen. Ein fragmentarisches Tagebuch aus England, Wales, Irland und Frankreich, geschrieben in den Jahren 1828 und 1829. Erster Theil . Muͤnchen . F. G. Franckh . 1830 . Vorwort des Herausgebers . Die Briefe, welche wir dem Publikum hiermit uͤbergeben, haben das Eigen- thuͤmliche , daß sie, mit sehr geringer und unwesentlicher Ausnahme, zu ihrer Zeit wirklich so geschrieben wurden, wie man sie hier findet. Man kann sich daher leicht denken, daß sie fruͤher auch zu nichts weniger als zur Publizitaͤt bestimmt waren. Der Schrei- ber gehoͤrt jedoch nunmehr zu den Seli- gen, wodurch viele Ruͤcksichten wegfallen, und da seine Briefe, nebst einigen interes- santen Nachrichten, wenigstens eine reelle Individualitaͤt aussprechen, und mit eben so ungeschminkter Freimuͤthigkeit als voll- staͤndiger Partheilosigkeit geschrieben sind — glaubten wir, bei dem nicht zu haͤufigen Dasein dieser Elemente in unsrer Litera- tur, einen Beitrag solcher Art nicht uͤber- fluͤssig. Der Verstorbene hatte, wie ich gestehen muß, das Ungluͤck, waͤhrend seines Le- bens Alles anders anzufangen als andere Leute, weshalb ihm auch wenig gelang. Viele seiner Bekannten hielten ihn aber fuͤr ein kuͤnstliches Original, und daran thaten sie ihm Unrecht. Niemand war aufrichtiger in seinen Sonderbarkeiten, und schien es vielleicht weniger, Niemand na- tuͤrlicher, da wo Alle Absicht zu sehen glaubten. Dieses unguͤnstige Geschick verfolgt ge- wissermaßen auch jetzt noch die Erschei- nung seiner Briefe, indem besondre Um- staͤnde, die hier nicht erlaͤutert werden koͤn- nen, uns noͤthigen, das Werk, gegen alle Gewohnheit, mit den beiden letzten Thei- len zu beginnen, die nun zu den ersten werden muͤssen. Erhalten diese indeß Bei- fall, so hoffen wir ihnen bald jene „nach- folgend vorangehen“ lassen zu koͤnnen, und man wird sie wenigstens eben so selbst- staͤndig finden. Wir geben hierdurch zugleich etwannigen Recen- senten von vorn herein eine artige Gelegenheit, ihren Witz leuchten zu lassen. Sie könnten z. B. sagen: dies Werk muß man ohne Zweifel origi- nell nennen, denn es ist vorläufig , nur mit zwei Beinen in die Welt gesprungen — der Kopf soll erst nächste Messe nachfolgen. Zur Bequemlichkeit der Leser haben wir jedem Brief eine kurze Inhaltsanzeige beigefuͤgt, so wie einige Noten ad modum Minelli im Ganzen ver- theilt, derentwegen wir gebuͤhrend um Ver- zeihung und Nachsicht bitten. B … den 30. October 1829. Inhaltsverzeichniß des ersten Theils . Brief XXV. Abreise von London. Cheltenham. Comfort in England. Trinkquelle. Promenaden. Wie die Themse entspringt. Vergleiche. Lakintonhill. Das Dorf im Walde. Altrö- mische Villa. Theegarten. Alleen. Der Bade-Ceremonien- meister. Schlachtfelder vor Tewksbury. Worcester. Ca- thedrale. König Johann. Der Templer. Rangordnung auf Prinz Arthurs Grabmahl. Annehmlichkeit des Rei- sens. Nebelbild. Das Thal von Llangollen. Der Kirch- hof und seine Aussicht. Bergfrühstück. Die berühmten Jungfern. Besuch bei ihnen. Begegnung bei Pont-y-Glyn. Das hohe Gebürge. Vergleich mit dem Schlesischen. Die Straße. Der Stein-Bischof. Die Unermüdliche. Scherz und Ernst. Penrhyn Castle. Die Schieferbrüche. Wie es da zugeht. Betrachtungen einer fromm gemüthlichen Seele aus Sandomir oder Sandomich. Seite 1. Brief XXVI. Wilde Fahrt. See von Llangberris. Lachs-Hunde. Unwetter. Schutz in der alten Burg. Hütte und ihre Bewohner. Ersteigung des Snowdon. Berg-Pony und Bergschaafe. Der verschleierte Gipfel und mein Doppel- gänger. Libation unter der Säule. Felsenweg. Aussich- ten. Region der Raubvögel. Rückfahrt auf dem See. Schloß von Caernarvon. Edward’s Geburt. List des Kö- nigs. Ursprung des englischen Wappenmotto’s. Con- trast in der Ruine. Der Adlerthurm. Seebad. Billard von Metall und Dampfkellner. Wetter und Essen. Caer- narvon’s Hebe. Auszug aus der Lammszeitung. Prome- naden um die Stadt. Bad in Bangor. Beaumaris. Das Schloß. Craig-y-Don. Meerenge von Anglesea. Die Kettenbrücke über das Meer gespannt. Seite 64. Brief XXVII. Raubfliegen. Vorschlag zu einer Parkanlage. Plas- newyd. Die Cromlechs. Transport in Japan. Druiden- Cottage. Neues Kaleidoscop. Abschweifende Erklärungen. Reise ins Innere des Gebürges. Carrs. See von Idwal. Uebergang am Fuß des Trivaen. Der Walliser Führer. Mühsames Steigen. Die rothe Beleuchtung. Das Stein- thal. Die Adler. Böse Passage. Bergsümpfe. Die Ra- senalp. Capel Cerrig. Thal von Gwynnant. Elisium. Dinasemris, der Felsen Merlin’s. Bestandne Gefahr auf demselben. Verdächtiger Spuck. Die Area. Anmuthiger Gasthof in Bethgellert. Der blinde Harfner und sein blin- der Hund. Gellert der treue Gefährte Llewellin’s, und sein tragisches Ende. Die Teufelsbrücke. Tan-y-Bwlk. Schöner Park daselbst. Ausgetrocknetes Meer. Der Rie- sendamm. Tremadoc. Erinnerungen an Sand, Schmutz und Vaterland. Abendphantasie. Philosophische Brocken. Der Besitzer v. Penrhyn Castle. Weg am Penman Mawr. Schloß zu Conway mit 32 Thürmen. Die Villa Content- ment. Das Closet der Königin. Der Fisch Place. Hoo- kes mit 41 Söhnen. Die Manie des Gothischen. Acht- bare Engländer. Seite 95. Brief XXVIII. Vie de Château. Kirche v. St. Asaph. Das Taber- nakel. Aechter Glaube. Denbigh Castle. Casino in den Ruinen. Wettkampf und Chor der Harfner. Romanti- sches Thal. Die liebliche Fanny. Ihre Dairy und Aviary. Vögel Paradies. Spazierritt und phantastische Gegend. Kurzer Aufenthalt in Craig-y-Don. Zeitungsstelle. Fisch diné. Glückliche Lage der mittlern Classen. Vor- urtheile über England. Die Insel Anglesea. Parismi- nes. Ueber Gewinnung des Kupfers. Neue Erfindung. Holyhead. Der Leuchtthurm. Grauenhafte Felswände und flugübende Seemöven. Die Schwebebrücke. Stürmi- sche Ueberfahrt nach Irland. Erste Eindrücke daselbst. Früchte- und Blumen-Ausstellung. Die Erstern werden verzehrt. Gang in der Stadt und Besichtigung verschiede- ner Merkwürdigkeiten. Palais des Vice-Königs und neu- gothische Capelle. Universität. Mein Cicerone. Orgel der Armada. Archimedes Brennspiegel. Portraits v. Swift und Burke. Die Schlacht von Navarin. Der Phö- nix Park. Charakteristisches vom Volke. Lady B. … Was in England Charakter heißt. Der Liffey. W. .. Park. Reizender Eingang. The three rocks. Schöne Aussicht. Die halbnackte Bäuerin. Hölzerne Capuziner. Der Dandy. Gemächliche Einrichtungen englischer Aristokratie. Besuch auf dem Lande. Erste entrevûe mit Lady M. … Miß- geschick auf einem Spazierritt. Noch etwas über die Muse Irlands. Seite 138. Brief XXIX. Reise zu Pferd nach der Grafschaft Wicklow. Bray. Studenten-Einrichtung. Frömmigkeit der Engländer. Kil- ruddery. Glen of the Downes. Pavillon und Tiger. Thal von Dunvan. Der Riese. The devil’s glen. Schau- rige Schlucht. Kühleborn. Ländliches Mahl in Rosanna. Die Touristen. Avondale, ein Eden im Mondschein, Avo- ca Inn. Die Begegnung der Wässer. Schloß Howard. Schönes Portrait der Maria Stuart. Park von Bally- Arthur. Das Aha. Mein Pferd als blinde Kuh. Shel- ton Abbey. Der Neger Portier. Verlust meines Taschen- buchs. Was ein Gentleman ist. Das Thal von Glen- malure. Einfahrt in die Bleiwerke. Die Militär-Straße. Sonne hinter schwarzen Wolkenmassen. Die sieben Kirchen. Das Epheuthor. Geheimnißvolle Thürme ohne Eingang. Der schwarze See des heil. Kavin. Der Riese Fian Mac Comhal, und die verliebte Königstochter. Ihr tragisches Ende und des Heiligen zuweitgetriebene Enthaltsamkeit. Irländische Toilette. Walter Scott und Moore im Munde des Landmanns. Morast und Irrlichter. Eine Nacht auf Stroh. Neblige Haide. Erster Sonnenblick über dem See und Thal von Luggelaw. Romantische Einsamkeit. Das Felsenbild. Der Park von P ..... Intoleranz, Frömmelei und Sonntag. Der Zuckerhut. Reiche Ge- gend. Ruhe am Bache. Lord Byron. Seite 177. Brief XXX. Häusliches. Die Messe zu Donnybrok. Das Lieblings- paar. Powerscourt. Der Dargle und the lovers leap. Der Wasserfall. Gallopade mit dem Führer hinter mir. Der Mond leuchtet zu Haus. Gasthofleben zu Bray, mit Schilderung einiger englischen Sitten. Der Großherzog von W .. Vortheile der Veschränktheit. Betriebsamkeit der Bettler. Kingston. Der Hafenbau. Maschinerien. Das Gespensterschiff. Geschmackloses Monument, dem Kö- nig errichtet. Schöne Straße nach Dublin. Englische Reiter und vortreffliche Bajazzi. Der Meerpolipen Tanz. Seite 200. Brief XXXI. Der junge Geistliche. Reise mit ihm nach dem Westen. Eigenthümliches Land. Aufenthalt beim Capt. B … Le- ben ächter Irländer. Sie sind nicht überstudirt. Gottes- dienst in Tuam. Racecourse in Gallway. Aehnlichkeit des irländischen Volks mit den Wilden. Die Stadt Gall- way. Mangel an Lecture daselbst. Das Wettrennen. Unglück des einen Reiters. Gleichgültigkeit des Publi- kums dabei. Die schöne Afrikanerin. Der Badeort Athenrye, gleich einem Polnischen Dorfe. Das Schloß König Jo- hann’s. Die Abtei. Volks-Eskorte. Whiskey. Prag und Carlsbad böhmische Dörfer. Esel eine Merkwürdig- keit. Castle Hacket. Die Feenkönigin. Sie holt sich ei- nen Liebhaber. Prachtvoller Sonnenuntergang. Was Tem- per heißt. Cong. Irländischer Witz. Das Pigeonhole. Unterirdischer Fluß. Meg Merrilis. Erleuchtete Fel- sengewölbe. Verzauberte Forellen unter der Erde. Der See Corrib mit 365 Inseln. Die Kloster-Ruine. Ir- ländische Art die Todten zu begraben. Güte des alten Hauptmanns. Seite 216. Brief XXXII. Hors d’oeuvre. Abentheuer mit der Zigeunerin. Wie man der Seele beikömmt. Mehr über die schöne Afrikane- rin. Pistolenschießen. Blaue und schwarze Augen. Wie der Teufel Sonntags angezogen ist. Herr L. … Die stu- pide Wuth der Orangemänner. Schön erdachte künstliche Wasserpartieen. Gemälde-Gallerie zu M .. B … Petrus mit einer scharlachrothen Perrücke von Rubens. Winter- landschaft v. Ruisdael. Herrlicher Jude von Rembrandt. Irländische Jagdpferde. Abreise mit dem Briefpostkarren. Der gefällige Irländer. Oede Gegend. Armuth und Lu- stigkeit des Volks. Sichere Offenbarung. Die Croß- bones. Geschichte derselben. The punchbowl. Park des Lord Gort. Meine Postpferde wünschen da zu bleiben. Irisches Postwesen überhaupt. Seite 250. Brief XXXIII. Limmerick. Alterthümlicher Charakter dieser Stadt. Ka- tholiken und Protestanten. Deputation und Anerbietung des Liberator Ordens. Ein Vetter O’Connel’s. Die Cathe- drale. Man macht mich zu Napoleons Sohn. Ich sub- stituire meinen Kammerdiener, und ziehe mich zurück. Un- terhaltung in der Diligence. Der Shannon gleich einem amerikanischen Fluß. Neue Industrie der Bettler in Lis- dowel. Zwölf Regenbogen an einem Tage. Killarney. Beschiffung des Sees im Sturm. Der Dandy und der Fabrikant. Einige Gefahr zu ertrinken. Die Insel Inis- fallen. O’Donnohue’s weißes Pferd. Sein Geisterleben und seine Geschichte. Der alte Bootsmann und sein Aben- theuer. Modejournal der Hölle. Abtei von Mucruß. Der große Taxusbaum. Urtel der Priesterschaft. Wasserfall O Sullivan’s. Das junge Sonntagskind. Die Wette. Anrede an Ross Castle. Zwei Engländer zuviel. Der Ritter von der Schlucht. Der Narrenfelsen. Fanferluche. Park von Brandon Castle. Ein Bugleman. Das Adler- Nest und Coleman’s Sprung. Das Diner. Frischer Lachs an Arbutusstöcken geröstet. Heimfahrt. Schwermüthige Gedanken. Nächtliche Taufceremonie mit Branntwein. Die Julie -Insel. Reise nach Kenmare. Shileila Kampf. Ritt bei Nacht nach Glengariff. Seltsamer Weg. Der kluge Poni. Reizende Bey von Glengariff. Park des Obristen W. ein Muster! Die Familie des Besitzers. Lord B … ’s Jagdschloß. Unwetter. Unheimliche Stim- mung. Felsenkessel, Sturm, Beschwörung, Erscheinung des … Seite 284. Fuͤnf und zwanzigster Brief. Cheltenham, den 12. Juli 1828. Meine theure Julie Dieser Name ist ein fingirter, weil wir nicht autori- sirt sind, den wahren herzusetzen. So haben wir auch einige andere Namen-Bezeichnungen, und Andeutungen gesellschaftlicher Verhältnisse maskiren zu müssen ge- glaubt. Anm. d. Herausg. . Um zwei Uhr in der Nacht verließ ich London, diesmal recht krank, und sehr widrig gestimmt, in Harmonie mit dem Wetter, das, ganz à l’anglaise, stürmte, wie auf der See, und goß, wie mit Kan- nen. Als aber gegen acht Uhr der Himmel sich auf- klärte, ich beim sanften und raschen Rollen des Wa- gens ein wenig geschlummert hatte, und durch den Regen erfrischt, nun alles smaragd grün glänzte, und ein herrlicher Duft von den Wiesen und Blu- men in das offene Wagenfenster drang — da ward Dein von Sorgen gedrückter, grämlicher Freund wie- der auf einige Augenblicke das harmlose, in Gott und der schönen Welt vergnügte Kind. Reisen ist in der That in England ȧußerst ergötzlich — könnte ich nur Deine Freude daran sehen, sie selbst in Briefe eines Verstorbenen I. 1 Deiner Begleitung verdoppelt fühlen! Obgleich es auch später noch mitunter regnete, wovon ich übri- gens im zugemachten Wagen nicht viel empfinde, so war doch, bei linder Luft, der Tag sehr angenehm. Der erste Theil des Landes, durch welches unser Weg führte, strotzte von üppiger Vegetation, gleich dem schönsten Park; der folgende bot unabsehbare Kornfelder, und zwar hier ohne Hecken dar, welches eine Seltenheit in England ist; und der letzte glich fast den reichen Ebnen der Lombardei. Ich kam bei mehreren großen Besitzungen vorbei, die ich aber des ungewissen Wetters, und der gemessnen Zeit wegen unbesucht ließ. Es ist auch nun, nach meinen langen Park- und Garten-Jagden durch halb England, nicht leicht mehr in dieser Hinsicht etwas Neues für mich aufzufinden. In Cirencester besah ich eine schöne und sehr alte gothische Kirche, mit einigen leidlich er- haltenen bunten Glassenstern, und merkwürdig ba- rokkem altem Schnitzwerk. Es ist Jammerschade, daß sämmtliche gothische Kirchen in England, ohne Aus- nahme, durch geschmacklose, moderne Grabsteine und Monumente verunstaltet sind. Spȧt Abends erreichte ich Cheltenham, einen aller- liebsten Badeort, von einer Eleganz, die auf dem Continent nicht angetroffen wird. Schon die reiche Gaserleuchtung, und die, alle wie neu aussehenden, Villaartigen Häuser, jedes mit seinem Blumengärt- chen umgeben, stimmen das Gemüth fröhlich und be- haglich. Auch komme ich in diesen Stunden, wo das Tageslicht mit dem künstlichen streitet, überall am liebsten an. Wie ich in den fast prächtig zu nen- nenden Gasthof eintrat, und auf schneeweißer Stein- treppe, die ein Geländer von Goldbronze zierte, über frisch glänzende Teppiche, von zwei Dienern vorge- leuchtet, nach meiner Stube ging, gab ich mich dem Gefühle des Comforts recht con amore hin, das man nur in England vollkommen kennen lernt. In die- ser Hinsicht ist daher auch für einen Mysantropen, wie ich bin, das hiesige Land ganz geeignet, weil alles, was nichts mit dem Gesellschaftlichen zu thun hat, alles was man für Geld sich verschafft, vortreff- lich und vollständig ist, und man es isolirt genießen kann, ohne daß sich ein Anderer um uns beküm- mert Du wenigstens weißt, daß diese Stimmung nicht in Egoismus begründet ist. . Sorgenlos und unbefangen von Geschäften, mit Dir hier zu reisen, wäre das süßeste Vergnügen für mich — wie sehr entbehre ich Dich überall, und muß Dich wohl innig lieb haben, Du Gute, weil ich, wenn es mir übel geht, stets einen Trost darin finde, daß Du dem Moment wenigstens entgehst, und dagegen wenn ich etwas sehe oder fühle, das mich freut, auch immer, gleich einem Vorwurf , das peinliche Gefühl mit empfinden muß, dies Alles ohne Dich zu genießen! Eine größere Masse mannich- faltigen Lebensgenusses kann man aber gewiß in England auffinden, als es bei uns möglich ist. Nicht umsonst haben hier lange Zeit weise Institutionen gewaltet, und was den Menschenfreund vielleicht am 1* meisten beruhigt und erfreut, ist der Anblick so all- gemein größern Wohlseyns und würdigerer Lebens- verhältnisse. Was man bei uns Wohlhabenheit nennt, findet man hier als das Nothwendige angesehen, und durch alle Klassen verbreitet. Daraus entsteht, bis auf die kleinsten Details, ein Streben nach Zierlichkeit, eine sorgsame Eleganz und Reinlich- keit, mit einem Wort: ein Trachten nach dem Schö- nen neben dem Nützlichen, das unsern geringern Klassen noch ganz unbekannt ist. Ich glaube, ich schrieb Dir schon einmal von Birmingham, daß, als ich eben dort war, die Londoner Oppositions-Blätter von einer in Birmingham herrschenden Hungersnoth unter den Fabrikarbeitern berichteten. Diese bestand in der Wirklichkeit darin, daß die Leute, statt drei oder vier Mahlzeiten, mit Thee, kaltem Fleisch, But- terbrod, Beefstakes oder Braten, sich nun eine Weile, vielleicht mit einer oder zwei, und blos mit Fleisch und Kartoffeln begnügen mußten. Es war aber zu- gleich Erndtezeit, und der Mangel an Arbeitern hier- bei so groß, daß fast jeder Preis dafür bezahlt wurde. Demohngeachtet versicherte man mich, die Fabrikarbeiter würden eher alle Maschinen demoliren, ja wirklich Hungers sterben, ehe sie sich entschlössen, eine Sense in die Hand zu nehmen, oder Garben zu binden. So verwȯhnt und eigensinnig, durch allge- meines Wohlleben und Sicherheit des Verdienstes (wenn man diesen nur ernstlich aufzusuchen Lust hat) ist das englische gemeine Volk, und man kann sich, nach dem Gesagten, abstrahiren, was von den häufigen Artikeln solcher Art in den Zeitungen ei- gentlich zu halten ist. Den 13 ten Heute früh besuchte ich einen Theil der öffentlichen Promenaden, welche ich indeß unter meiner Erwar- tung fand, und trank den Brunnen, der mit Carls- bad Aehnlichkeit hat, mich aber sehr erhitzte. Die Doktoren sagen hier, wie bei uns: man müsse ihn früh trinken, sonst verliere er einen großen Theil sei- ner Kraft. Das Spaßhafte ist aber, daß hier früh , in ihrem Sinne, gerade da anfängt, wo es bei uns aufhört, nämlich um zehn Uhr. Das Wetter ist lei- der nicht günstig, jetzt kalt und stürmisch, nachdem wir früher, ziemlich lange für England, große Hitze gehabt hatten. Zur Reise ist es aber nicht so übel, und ich fühle mich dabei mindestens weit heiterer als in London, freue mich auch lebhaft auf die schö- nen Gegenden in Wales, denen ich entgegen reise. Sey also wenigstens in Gedanken bei mir, und laß unsere Geister Hand in Hand über Land und Meer gleiten, zusammen von den Bergen herab schauen, und der Thäler stille Heimlichkeit genießen; denn an der Schönheit Gottes herrlicher Natur erfreuen sich die Geister gewiß durch alle Welten, in Formen so unendlich verschieden, als die Unendlichkeit selbst grenzenlos ist. Ich führe Dich zuerst zu den sieben Quellen der Themse, die eine Stunde von Cheltenham entspringen. In einer Fly, (kleine Art Landau, nur mit einem Pferde bespannt) auf deren Verdeck ich saß, um die schönen Aussichten von einem höhern Standpunkte zu betrachten, hatte ich diese Excursion unternommen. Nach langem Steigen sieht man endlich, auf einsa- mer Bergwiese, unter ein Paar Erlen, eine sumpfige Gruppe kleiner Quellchen, die, so weit der Blick sie verfolgen kann, als ein unbedeutendes Bächlein hinab rieseln. Dies ist der bescheidne Anfang der stolzen Themse. Es ward mir ganz poetisch zu Muthe, als ich mir dachte, wie ich erst vor einigen Stunden dasselbe Wasser, nur wenige Meilen davon, mit tau- fend Schiffen bedeckt sah, und wie dort der glorreiche Strom, obgleich sein Lauf nur so kurz ist, dennoch vielleicht mehr Schiffe, mehr Schätze und mehr Men- schen das Jahr über auf seinem Rücken trage, als irgend einer seiner colossalen Brüder; wie an seinen Ufern die Hauptstadt der Welt liege, und wie von ihnen aus allmächtiger Handel vier Welttheile be- herrsche! — Mit respektvoller Verwunderung blickte ich auf die plätschernden Wasserperlen hin, und ver- glich sie bald mit Napoleon, der, in Ajaccio incognito geboren, kurz darauf alle Throne der Erde erzittern machte — bald mit der Schnee-Lawine, die unter der Zehe eines Sperlings sich ablöst, und fünf Minuten nachher ein Dorf begräbt — oder mit Rothschild, dessen Vater Bänder verkaufte, und ohne den heute keine Macht in Europa Krieg führen zu können scheint. Mein Wagenlenker, der zugleich ein beglaubigter Cheltenham’er Cicerone war, brachte mich von hier auf einen hohen Berg, Lakintonhill genannt, wo eine berühmte vûe ist, nebst der Zugabe eines freundli- chen Gasthofs zur Bewirthung der Besuchenden. Im Schutz einer Rosenlaube geborgen Es ist eine der großen Schönheiten Englands, daß man dort, selbst den ganzen Winter hindurch, fast bei allen Wohnungen die üppig blühendsten Lauben und Ranken gefüllter Monats-Rosen antrifft. , schweifte mein Blick siebenzig englische Meilen weit in das Land hin- ein, eine reiche Ebne mit mehreren Städten und Dörfern überschauend, unter denen die Cathedrale von Gloucester den stattlichsten Aussichtspunkt bil- det. Hinter ihr thürmen sich zwei Bergreihen über- einander, die von Malvern und von Wales. So schön alles war, erweckten doch die fernen, blauen, in Duft verschwimmenden Berge nur sehnsüchtiges Heimweh in mir. Wie gern wäre ich, unter Fortu- nato’s Wünschhütlein, an Deine Seite geflogen! Bisher hatten sich schwarze Wolken am Himmel ge- jagt, gerade als ich die Ausficht verließ, erschien nek- kend die Sonne. Sie leuchtete mir durch einen schö- nen Buchenwald zu dem reizenden Landsitz des Herrn Todd, der mitten im Waldesdunkel in Gestalt eines freundlichen Dörfchens angelegt worden ist — lauter Hütten, Strohdächer und Moos-Gallerien. Auf grü- nem Rasenplatz, in der Mitte steht die ehrwürdige Dorflinde, mit der Bank von drei Etagen für eben soviel Generationen, nicht weit davon auf verwitter- rem Stamme eine Sonnenuhr, und am Bergsaume nach dem Thale zu, ein ländlicher Ruhesitz, mit einer Kuppel von Haidekraut, deren Ribben zierlich von Wurzeln geflochten sind. Oft wird bei Festen das Ganze mit Immergrün und Blumen geschmückt, und Abends mit bunten Lampen erleuchtet. In dem da- neben liegenden Park, den manche schöne Parthieen auszeichnen, findet man die Ruinen einer römischen Villa, die erst vor acht Jahren zufällig entdeckt wur- de, und zwar durch das plötzliche Einsinken eines Baumes. Einige Bäder sind noch wohl erhalten, so wie zwei Mosaik-Böden, die aber nur eine ziemlich grobe Arbeit darbieten, und mit pompejischen Aus- grabungen keinen Vergleich aushalten. Die Wände sind zum Theil noch mit zwei Zoll dicken, roth und blau gefärbten Stuck bekleidet, und die Heizröhren von Ziegeln erbaut, deren Qualität und Dauer un- übertreffbar ist. Eine Viertelstunde davon verfolgt man deutlich die alte römische Straße, die auch noch zum Theil benutzt wird, und sich von den englischen Wegen dadurch hauptsächlich unterscheidet, daß sie, gleich einer norddeutschen Chaussee, in schnurgerader Linie geführt ist. Hoffentlich aber war der Geschmack der Römer zu gut, um sie auch mit unabsehbaren Rei- hen lombardischer Pappeln einzufassen, wie es bei je- nen der Fall ist, deren doppelte Monotonie deshalb eine wahre Marter für den armen Reisenden wird. Welcher Unterschied mit einer englischen Landstraße, die man in sanften Biegungen um die Berge windet, tiefe Thäler vermeidet und alte Bäume schont, statt, um der fixen Idee der geraden Linie zu folgen, sie mit sechsfach größern Kosten durch dick und dünne, durch Berge und Abgründe mit Gewalt zu führen. Auf dem Rückwege nach Cheltenham kam ich durch ein großes Dorf, wo ich einen sogenannten Theegar- ten zum erstenmal besuchte. Die Art, wie hier ein geringer Raum zu hundert kleinen Nischen, Bänken, und pittoresken, oft abentheuerlichen, Sitzen unter Blumen und Bäumen benutzt wird, ist merkwürdig genug, und bildet einen seltsamen Contrast mit dem Phlegma der bunten Menge, welche die Scene, nicht sowohl belebt, als staffirt. Da es noch ziemlich früh war, als ich die Stadt wieder erreichte, so benutzte ich den schönen Abend, um einige andere Brunnen zu besuchen, wobei ich gewahr wurde, daß ich heute früh nur auf den un- bedeutendsten gestoßen war. Diese Anlagen sind un- gemein glänzend, vielfach mit Marmor, aber noch mehr mit Blumen, Gewȧchshäusern und schönen Pflanzungen geschmückt. Die Spekulationen in Eng- land steigern sich enorm, so bald eine Sache Mode wird, und dies ist hier so sehr der Fall, daß sich bin- nen fünfzehn Jahren in der Nähe der Stadt der Preis eines Acre Landes von vierzig auf tausend Guineen erhöht hat. Die für das Publikum bestimm- ten Vergnügungsörter sind hier, und ich glaube mit Recht, ganz verschieden von Garten- und Park-An- lagen eines Privatmannes behandelt. Breite Prome- naden, Schatten und abgesonderte Plätze werden mehr, als Aussichten und ein großartiges, landschaftliches Ganze, bezweckt. Die Art, Alleen zu pflanzen, ge- fällt mir. Es wird nämlich ein fünf Fuß breiter Streifen Landes längst des Weges rigolt, und dicht an einander ein Gemisch verschiedener Bäume und Sträucher hineingepflanzt. Die am besten wachsenden Bäume läßt man später in die Höhe gehen, und die andern hält man als unregelmäßigen niedrigen Un- terbusch unter der Scheere, welches den Aussichten, zwischen der Krone der hohen Bäume und dem Ge- sträuch, eine schönere Einfassung giebt, das Ganze voller und üppiger macht, und den Vortheil gewährt, daß man, wo die Gegend uninteressant ist, die Laub- wand von unten bis oben dicht zuwachsen lassen kann. Worcester, den 14 ten Entre la poire et le fromage erhielt ich gestern den schon zweimal abgelehnten Besuch des hiesigen Ceremonienmeisters, des Herren, welcher die honneurs des Bades macht, und in den englischen Badeörtern eine bedeutende Autoritat über die Gesellschaft aus- übt, wogegen er mit sonst ganz antienglischer Zuvor- kommenheit und Wortschwall die Fremden begrüßt, und für ihre Unterhaltung zu sorgen sucht. Ein sol- cher Engländer hat in der Regel übles Spiel, und er n- nert stark an den Martin der Fabel, welcher die Ca- ressen des Schooshundes nachmachen wollte. Ich konnte den meinigen nicht eher los werden, als bis er einige Bouteillen Claret bei mir ausgeschlürft, und alles Dessert, was das Haus lieferte, gekostet hatte. Dann empfahl er sich endlich, mir noch das Ver- sprechen abnehmend, den morgenden Ball ja gewiß mit meiner Gegenwart zu beehren. Da mir aber jetzt wenig an Gesellschaft und neuen Bekanntschaf- ten liegt, so machte ich ihm faux bond, und verließ am frühen Morgen Cheltenham. Die Gegend bleibt fortwährend im hohen Grade lieblich, voller Wiesen- gründe und tief grüner Baumgruppen, mit im- mer deutlicher werdenden Ansichten der den Horizont bekränzenden Berge. Fast alle Stationen passirt man eine ansehnliche Stadt, der nie ihre hoch hinaus- ragende gothische Kirche fehlt. Besonders reizend erschien mir die Lage der Stadt Tewksbury. Nichts kann friedlicher, idyllischer seyn, und dennoch sind alle diese blühenden Fluren, blutige Schlachtfelder aus den Zeiten der unzähligen englischen Bürger- kriege, woher sie auch noch jetzt die im Laufe der Jahrhunderte so unpassend gewordenen Namen von Blutstätte, Mordfeld, Knochenacker ꝛc. führen. Worcester, wo ich Dir jetzt schreibe, die Haupt- stadt der Grafschaft, bietet außer ihrer prächtigen Cathedrale, nicht viel Merkwürdiges dar. Die we- nigen, in dieser Kirche noch übrig gebliebenen, alten Glasmalereien sind mit neuen ergänzt, welche sehr hart gegen das Weiche, und doch Glühende, der alten Farben abstechen. In der Mitte des Schif- fes liegt King John begraben, sein Conterfei in Stein gehauen auf dem Steinsarge. Es ist das äl- teste Grabmonument eines englischen Königs in Großbrittanien. Man öffnete den Sarg vor einigen Jahren und fand das Gerippe noch wohl erhalten, und ganz so gekleidet, wie der König auf dem Sarge abgebildet ist. Bei Berührung der Luft zerfiel die Kleidung in Staub, das Schwert war aber vorher schon in Rost aufgegangen, und nur der Griff noch zu erkennen. Ein anderes höchst merkwürdiges Mo- nument ist das eines Templers aus dem Jahr 1220 mit der normännischen Inschrift: Ici aist syr guil- leaume de harcourt fys robert de harcourt et de Isabel de camvile . Die Figur des Ritters (bei- läufig gesagt in einem ganz andern Costüme als des Grafen Brühl Templer in Berlin) ist vortrefflich ge- arbeitet, und liegt mit einer Natürlichkeit, einem abandon da, welcher eine antike Natur nicht verun- zieren würde. Die Kleidung besteht aus Stiefeln oder Strümpfen, wie man es nennen will, von cotte de maille, mit goldenen Sporen darüber; das Knie ist nackend, und über dem Knie geht wieder cotte de maille an, die den ganzen Kȯrper und auch den Kopf so einschließt, daß nur das Gesicht frei bleibt. Ueber diesem Panzerhemde trägt die Figur ein langes rothes Faltengewand bis über die Wade herabhängend, und über dieses an einem schwarzen Bandelier ein langes Schwerdt in rother Scheide. Am linken Arme hängt ein schmaler spitzer Schild mit dem Familienwappen, nicht dem Templerkreuz, darauf eingegraben. Dieses befindet sich nur am Sarge. Die ganze Figur ist, wie Du aus meiner Beschreibung inne wirst, bemalt, und die Farben immer von Zeit zu Zeit aufgefrischt worden. Als größte Sehenswürdigkeit wird dem Fremden zuletzt das Grabmahl des Prinzen Arthur gezeigt, dessen vielverschlungene Steinverzierungen wirklich der künst- lichsten Drechslerarbeit gleichkommen. Auf der einen Seite der Kapelle sind fünf Reihen kleine Portrait- Figuren über einander angebracht. Die Rangord- nung ist folgende: Unten Aebtissinnen; auf ihnen Bischöffe; über diesen Könige; dann Heilige, und ganz oben Engel. Quant à moi, qui ne suis encore ni saint, ni ange, souffrez, que je vous quitte pour mon diner . Llangollen, den 15 ten Wenn ich die Ehre hȧtte der ewige Jude zu seyn, (und Geld muß dieser doch wenigstens ad libitum haben) so würde ich ohne Zweifel einen großen Theil meiner Unsterblichkeit auf der Landstraße zubringen, und dies namentlich in England. His so delight- fall für Jemand der fühlt und denkt wie ich. Fürs erste stȯrt und genirt mich keine menschliche Seele; ich bin, wo ich gut bezahle, überall der Erste (den herrschsüchtigen Menschenkindern immer ein angeneh- mes Gefühl) und habe nur mit freundlichen Gesich- tern, und Leuten zu verkehren, die voll Eifer sind, mir zu dienen. Fortwährende Bewegung, ohne Ue- bermüdung, erhält den Körper gesund, und die stete Veränderung in schöner freier Natur, hat dieselbe stärkende Wirkung auf den Geist. Dazu, gestehe ich, geht es mir zum Theil wie dem Doctor Johnson, der behauptete: das größte menschliche Glück sey, in einer guten englischen Postchaise mit einem schö- nen Weibe rasch auf einer guten englischen Chaussee, zu fahren. Auch für mich ist es eine der angenehm- sten Empfindungen, in einem bequemen Wagen da- hin zu rollen, und mich gemȧchlich darin auszustrek- ken, während mein Auge sich an den, wie in der laterna magica, immer wechselnden Bildern ergötzt. Nachdem sie verschieden sind, erregen sie meine Fan- tasie bald ernst, bald heiter, tragisch oder komisch, und mit großem Vergnügen male ich dann in mir selbst die gegebenen Skizzen aus; und welche gigan- tische, launige, seltsame Gestalten nehmen sie dann oft mit Blitzesschnelle an, gleich Wolkenbildern vor meinem Geiste auf und nieder wogend! Findet sich jedoch die Fantasie einmal träge, so lese und schlafe ich Gottlob mit gleicher Leichtigkeit im Wagen. Meine Packerei ist keine Plackerei, um mit dem Ca- puziner zu reden, sondern so vortrefflich eingerichtet (durch lange Erfahrung) daß ich ohne embarras, und ohne meinen Dienern das Leben zu sauer zu machen, stets im Augenblick das Verlangte erhalten kann. Zuweilen, wenn das Wetter gut und die Gegend schön ist, spaziere ich auch wohl meilenweit zu Fuße, enfin ich erlange hier allein vollkommene Freiheit — und als letztes endlich darf ich den Ge- nuß, über alles dies meiner Herzensfreundin in ei- ner Ruhestunde zu schreiben, auch nicht gering an- schlagen. Doch nun zur Sache! Ich fuhr die Nacht durch, nachdem ich am Abend noch ein seltsames Spiel am Himmel erlebt hatte. Auf der Höhe eines Berges glaubte ich vor mir ein riesenmäßiges schwar- zes Gebürge, und am Fuß desselben einen unermeß- lichen See zu erblicken. Es dauerte lange, ehe ich mich überzeugen konnte, daß ich nur eine optische Täuschung, durch Nebel und verschiedene Wolken- schichten gebildet, vor mir hatte. Der obere Himmel war nämlich lichtgrau und ohne Schattirung, gegen ihn aber lag eine ganz schwarze Wolken-Masse in Form des wildesten Gebirges, deren obere Linie, kühn gezeichnet, vielfach auf und nieder stieg, wah- rend die untere durch eine Nebelschicht völlig horizon- tal abgeschnitten war. Dieser Nebel nun schien ein auf beiden Seiten unabsehbares silberweißes Wasser- becken zu bilden, und da an ihm, unmittelbar zu meinen Füßen, sich der grüne Vorgrund, ein bewal- detes, sonniges Wiesenland anschloß, so erreichte die Tȧuschung wirklich einen seltenen Grad! Nur nach und nach, wie ich den Berg herabfuhr, verschwand das zauberartige Bild in der Lust. Die schönste Wirklichkeit erwartete mich dagegen heute früh in Wales. Der Traum der Wolken schien mir im vor- aus die Herrlichkeit des Thales von Llangollen ver- künden haben zu wollen, eine Gegend die nach mei- nem Geschmack alle Schönheiten der Rheinländer weit übertrifft, und dabei eine ganz besondere Origi- nalität in den ungewöhnlich geformten Spitzen und jähen Abhȧngen der Berge ausspricht. Ein reißen- der Fluß, die Dee, windet sich in tausend fantasti- schen Krümmungen, die dichtes Laubholz überschat- tet, durch den Wiesengrund, woraus schroff auf bei- den Seiten hohe Berge empor steigen, die bald mit uralten Ruinen, bald mit modernen Landhäusern, zuweilen auch mit Fabrikstädtchen, deren thurmhohe Feueressen dicken Rauch empor wirbeln, oder auch mit grotesken, einsam stehenden Felsengruppen, gekrönt sind. Die Vegetation ist durchgängig reich, und Berg und Thal voll hoher Bäume, deren man- nigfache Farbenschattirungen so unendlich viel zur Anmuth und dem Malerischen einer Landschaft bei- tragen. In dieser üppigen Natur erhebt sich, mit um so grandioserem Effect, eine einzige lange, schwarze, kahle Bergwand, nur mit dichtem, dunk- lem Haidekraut bedeckt, die sich geraume Zeit längs der Straße hinzieht. Diese prächtige Straße, von London bis Holy Head (200 Meilen) Wo andere Meilen nicht ausdr ü cklich benannt sind, ist immer von englischen die Rede, deren bekanntlich vier und eine halbe auf die deutsche Meile gehen. Anm. d. H. so eben wie ein Parquet, führt hier an der Seite der linken Bergkette entlang, ohngefähr in der Mitte ihrer Höhe, und allen ihren Krümmungen folgend, so daß, während man im scharfen Trabe und Gallop dahin fährt, fast jede Minute sich die Ansicht vȯllig umwandelt, und man, ohne seinen Sitz zu verän- dern, abwechselnd das Thal bald vor sich, bald seit- wärts, bald rückwärts übersieht. An einem Ort führt eine Wasserleitung aus 25 schlanken Steinbo- gen, ein Werk, das den Römern Ehre gemacht ha- ben würde, mitten durch das Thal und über den Dee, so einen zweiten Fluß, 120 Fuß über dem an- dern, hinstrȯmen lassend. Das Bergstädtchen Llan- gollen gewährt nach einigen Stunden ein köstliches Ruheplätzchen, und ist mit Recht seiner lieblichen Gegend wegen so häufig besucht. Die schönste Aus- sicht hat man vom Kirchhofe, neben dem Gasthaus, wo ich vor einer halben Stunde, auf ein Grab- monument geklettert, stand, und mich, mit herzli- cher Frömmigkeit, glückselig des schönen Anblicks freute. Unter mir blühte ein terrassenförmiges Gärt- chen mit Wein, Jelänger-jelieber, Rosen und hun- dert bunten Blumen, die wie zum Bade bis an den Rand des schäumenden Flusses hinab stiegen; rechts verfolgte mein Blick die emsig murmelnden gekräu- selten Wellen zwischen dicht herabhängendem Ge- büsch; vor mir erhob sich eine doppelte Waldregion, durch Wiesenflächen mit weidenden Kühen abgetheilt, und über alles hoch oben die kahle conische Spitze eines vielleicht ehemaligen Vulcans, den jetzt die düstern Ruinen der uralten welschen Burg Castel Dinas Bran, zu deutsch: die Krähen-Veste, wie eine Mauerkrone, decken; links zerstreuen sich die steinernen Häuser des Städtchens im Thal, und ne- ben einer malerischen Brücke bildet der Fluß hier ei- nen ansehnlichen Wasserfall; dicht hinter diesen an- gelehnt aber stellen sich, gleich Riesenwächtern, drei große Bergkolosse majestätisch vor, und verschließen dem Auge alle fernern Geheimnisse der wunderbaren Gegend. Erlaube nun daß ich — vom Romantischen zum vielleicht weniger feinen, aber doch auch keines- Briefe eines Verstorbenen. I. 2 wegs zu verachtenden Sinnengenuß zurückkehrend — mich nach inwärts wende, das heißt, nach der Stube, wo mein durch die Bergluft ungemein ver- mehrter Appetit, mit nicht geringem Wohlbehagen, auf dem schön geblümten irländischen Damasttuch, dampfenden Kaffee, frische Perlhuhneier, dunkelgelbe Gebirgsbutter, dicken Rahm, Toast, Muffins, Eine Art lockerer Semmel mit iroquanter Rinde, die heiß mit Butter gegessen wird. A. d. H. und zuletzt zwei eben gefangene Forellen mit zierli- chen rothen Fleckchen erblickt — ein Frühstück, das Walter Scott’s Helden in den high lands nicht besser von diesem großen Maler menschlicher Noth- durft erhalten könnten. Je dévore déja un oeuf — adieu. Bangor, Abends. Der Regen der mich von London, mit kurzen In- tervallen, stets begleitet hat, blieb mir auch heute treu, doch scheint sich nun das Wetter zum Guten ändern zu wollen. Ich habe indeß allerlei zu erzȧh - len, und einen interessanten Tag zu beschreiben. Also, noch zur rechten Zeit, ehe ich Llangollen verließ, fie- len mir die beiden berühmten Jungfern (gewiß die berühmtesten in Europa) ein, welche in diesen Ber- gen nun bereits über ein halbes Jahrhundert hau- sen, von denen ich schon einst als Kind, und jetzt wiederum in London viel erzählen hörte. Du hast gewiß auch durch Deinen Vater Kunde von ihnen vernommen. Sinon, voilà leur histoire. Vor 56 Jahren kam es zwei vornehmen, jungen, hübschen und fashionablen Damen in London, Lady Elleonor Buttler und der Tochter des eben verstorbenen Lord Ponsonby, in ihre Köpfchen, die Männer zu hassen, nur sich zu lieben und zu leben, und von Stunde an, als Zweisiedler in eine Einsiedelei zu ziehen. Der Entschluß wurde sofort ausgeführt, und nie haben beide Damen seit dieser Zeit auch nur eine Nacht außer ihrer Cottage geschlafen. Dagegen reist kein Mensch nach Wales, der präsentabel ist, ohne sich einen Brief oder Empfehlung an sie mitgeben zu lassen, und wie man behauptet, interessirt sie „scan- dal“ noch heute eben so sehr, wie damals, als sie noch in der Welt lebten, und ihre Neugierde, Alles, was in dieser vorgeht, zu hören, soll sich ebenfalls gleich frisch erhalten haben. Ich hatte von mehreren Damen zwar Complimente für sie, aber keinen Brief, den ich zu verlangen vergessen, und schickte daher nur meine Karte, entschlossen, wenn sie meinen Besuch ablehnten, wie man mich befu̇rchten machen wollte, die Cottage zu erstürmen. Rang öffnete aber hier leicht die Thüren, und ich erhielt sofort eine gra- cieuse Einladung zu einem zweiten Frühstück. In einer Viertelstunde langte ich in der reizendsten Um- gebung, durch einen netten pleasureground fahrend, bei einem kleinen geschmackvollen gothischen Häuschen 2* an, grade der Krähenveste gegenüber, auf die mehrere Aussichten durch das Laub hoher Bäume gehauen waren. Ich stieg aus, und wurde schon an der Treppe von beiden Damen empfangen. Glücklicher- weise war ich bereits gehörig auf ihre Sonderbarkei- ten vorbereitet, sonst hätte ich schwerlich gute conte- nance erhalten. Denke Dir also zwei Damen, wo- von die älteste. Lady Elleonor, ein kleines rüstiges Mädchen, nun anfängt, ein wenig ihre Jahre zu füh- len, da sie eben 83 alt geworden ist; die andere aber, eine große und imponirende Gestalt, sich noch ganz jugendlich dünkt, da das hübsche Kind erst 74 zählt. Beide trugen ihr, noch recht volles Haar schlicht herabgekämmt und gepudert, einen runden Manns- hut, ein Männerhalstuch und Weste, statt der inex- pressibles Die „Unaussprechlichen“ wird dieses Kleidungsstuͤck in England genannt, wo eine Frau der guten Gesell- schaft zwar wohl häufig Mann und Kinder verläßt; um mit einem Liebhaber davon zu laufen, aber doch zu decent ist, um das Wort „Beinkleider“ öffentlich nennen hören zu können. aber einen kurzen jupon, nebst Stiefeln. Das Ganze bedeckte ein Kleid aus blauem Tuch von ganz besondrem Schnitt, die Mitte zwischen einem Männer-Ueberrock und einem weiblichen Reithabit haltend. Ueber dieses trug aber Lady Elleonor noch Erstens: den grand cordon des Ludwigsordens über den Leib, zweitens: denselben Orden um den Hals, drittens: abermals ditto das kleine Kreuz desselben im Knopfloch, et pour comble de gloire eine goldene Lilie von bei- nahe natürlicher Größe als Stern — alles, wie sie sagte, Geschenke der Bourbon’schen Familie. So weit war das Ganze in der That höchst lächerlich, aber nun denke Dir auch beide Damen wieder mit der angenehmen aisance, und dem Tone der großen Welt de l’ancien régime, verbindlich und unterhal- tend ohne alle Affectation, französisch wenigstens eben so gut sprechend, als irgend eine vornehme Englän- derin meiner Bekanntschaft, und dabei von jenem wesentlich höflichen, unbefangenen und, ich mȯchte sagen, naiv heitern Wesen der guten Gesellschaft da- maliger Zeit, das in unserm ernsten, industriellen Jahrhunderte des Geschȧftlebens fast ganz zu Grabe getragen worden zu seyn scheint, und mich bei diesen gutmüthigen Alten wahrhaft rührend ansprach. Auch konnte ich nicht ohne lebhafte Theilnahme die unun- terbrochene und doch so ganz natürlich erscheinende zarte Rücksicht bemerken, mit der die Jüngere ihre schon etwas infirmere ältere Freundin behandelte, und jedem ihrer kleinen Bedürfnisse sorgsam zuvor kam. Dergleichen liegt mehr in der Art, wie es ge- than wird, in scheinbar unbedeutenden Dingen, ent- geht aber dem Gefühlvollen nicht. Ich debütirte damit, ihnen zu sagen, daß ich mich glücklich schȧtzte , ein Compliment an sie ausrichten zu können, das mein Großvater, der vor 50 Jahren ihnen aufzuwarten die Ehre gehabt hätte, mir an die schönen Einsiedlerinnen aufgetragen habe. Diese hatten nun zwar seitdem ihre Schönheit, aber keines- wegs ihr gutes Gedächtniß verloren, erinnerten sich des G .... C … sehr wohl, brachten sogar ein altes Andenken von ihm hervor, und wunderten sich nur, daß ein so junger Mann bereits gestorben sey! Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr Hȧus - chen war voller Interesse, ja mitunter enthielt es wahre Schätze. Keine merkwürdige Person fast, seit dem vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht ein Portrait, oder andere Curiosa und Antiquitȧten als Erinnerung zugeschickt hätte. Diese Sammlung, eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend, ein sorgenfreies, stets gleiches Leben, und innige Freund- und Gemeinschaft unter sich — dies sind alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Al- ter und ihrem heitern Gemüth zu schließen, müssen sie nicht so übel gewählt haben. — Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten Damen besucht, und unter demselben Platzregen ging jetzt die Reise weiter, zuerst bei der Ruine einer al- ten Abtei vorüber, und dann bei dem einstigen Palast Owen Glendower’s, dessen Du Dich aus Sha- kespeare, und meinen Vorlesungen in M ..... erin- nerst. Die Mannigfaltigkeit der Gegend ist außer- ordentlich; zuweilen ist man von einem wahren Ge- tümmel von Bergen aller Formen umringt, dann glaubt man sich, das Land weit überblickend, fast wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine dunkle enge Waldstraße eingeschlossen wird. Weiter- hin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und gleich darauf braußt er im Abgrunde über Felsen- blöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen Wasserfall. Gerade an dieser Stelle, der Caskade von Pont-Y-Glyn gegenüber, begegnete ich einer sehr ele- ganten englischen Droschke (die sehr verbesserte Aus- gabe des Wiener Originals) mit vier hübschen Pfer- den bespannt, aber mit einem noch hübscheren Mäd- chen darin, die von einer zwar älteren, aber auch nicht übel aussehenden, Frau begleitet war. Wir hielten beide zur Besichtigung des Wasserfalles an, und während unsere Wagen so gegenüber standen, schielte das Mädchen neugierig nach mir herüber, was ich bemerkte, und lachte. Dies erschreckte die scheue Engländerin, sie ward über und über roth, und konnte doch gleich nachher, in jugendlicher Lustig- keit, sich selbst des Lachens nicht über die Pantomi- men enthalten, welche ich, im Wagen vor der Beglei- terin versteckt, ihr adressirte. Der Kampf in dem sie darüber mit sich selbst gerieth, machte die Scene noch komischer. In diesem Moment fielen meine Augen auf einen Haufen eben von mir gesammelter schöner Bergblumen, und ich schrieb schnell auf ein ausge- rissenes Blatt meines Portefeuille folgende Worte: „F … M .... empfiehlt sich den unbekannten Damen „respectvoll und bittet um Erlaubniß, ihnen zwei eben „gepflückte Sträußer Gebirgsblumen zu senden; er „sollicitirt als Gegengeschenk um die Namen der lie- „benswürdigen Reisenden, die ihm sein guter Stern „bei Pont-Y-Glyn begegnen ließ.“ — Dies befahl ich meinem Kammerdiener zu übergeben. Es wurde, wie ich hinter dem herabgezogenen Rouleau sah, mit satyrischem Lächeln von der ȧltern Dame, mit Errö- then von der Jüngern aufgenommen. Die Antwort lautete: „Sehr verbunden; aber die unbekannten „Damen müssen incognito bleiben .... vielleicht — „sehn wir uns in London wieder.“ Hierauf erfolgte das Zeichen zur Abfahrt, und da- hin eilten wir, nur noch ein Paar ungewisse Blicke tauschend, nach ganz verschiedenen Weltgegenden hin. War das nicht der Anfang einer artigen kleinen avanture? wäre ich noch ein Mensch, der seinen Lau- nen nachgeben kann, ich hätte sogleich umkehren lassen und das Mädchen verfolgt bis ..... doch nichts wei- ter davon! sie kam mir aber lange nicht aus den Ge- danken, denn sie war zu hübsch, um sie so schnell zu vergessen. Auf der nächsten Station erkundigte ich mich nach ihr, aber niemand wollte sie kennen. Ich blieb also allein mit dem Ueberrest meiner Blumen, und schmollte ein wenig, bis neue Gegenstände wie- der meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nah- men. Denn das Thal von Llangollen ist nur die Vorrede zu der eigentlichen Epopäe — dem höhern Gebirge von Wales. Nachdem man hinter dem er- wähnten Wasserfall, eine halbe Stunde lang in einer fast unbedeutenden, nur durch wenige Hügel unter- brochenen, Ebne gefahren ist, tritt man nicht weit von Cernioge mawr inn mit einem Mal in das Al- lerheiligste — ein mächtig ergreifender Anblick! Un- geheure schwarze Felsen bilden rund umher das er- habendste Amphitheater, dessen gezackte und zerrissene Zinnen in den Wolken zu schwimmen scheinen. Un- ter einer achthundert Fuß tief herabsteigenden Felsen- wand, bahnt der Fluß sich seinen schwierigen Weg, von Abgrund zu Abgrund herabstürzend. Vor uns lag eine perspectivische Ansicht über einander wogen- der Berge, die endlos schien. Ich war so entzückt, daß ich mir durch lauten Ausruf Luft machen mußte. Und dabei kann man die berrliche Straße nimmer genug loben, welche, nie jähling steigend oder sinkend, alle die belles horreurs dieser Bergwelt so gemäch- lich betrachten läßt. Sie ist, wo sie nicht von Felsen geschützt wird, durchgängig mit niedrigen Mauern eingeschlossen, und in gleichen Distanzen sind eben- falls zierlich gemauerte Nischen angebracht, in denen die Steine zur Ausbesserung aufgeschichtet sind, was weit geordneter aussieht, als die freiliegenden Stein- haufen an unsern Landstraßen. Das Gebirge von Wales hat einen sehr eigenthüm- lichen Charakter, der schwer mit andern zu verglei- chen ist. Seine Höhe ist ohngefähr der des Riesen- gebirges gleich, es erscheint aber unendlich grandioser in Form, ist weit reicher an Bergspitzen, und diese besser gruppirt. Auch die Vegetation ist mannichfal- tiger an Pflanzenarten, obgleich nicht so zahlreich an Bäumen überhaupt, und es hat Flüsse und Seen, die dem Riesengebirge ganz abgehen. Es fehlen ihm also die majestätischen, geschlossenen Wälder der Heimath Rübezahls und an einigen Stellen desselben hat auch der Anbau des Menschen die Mittelstraße bereits überschritten, die meiner Ansicht nach, zu einer voll- endet schönen Landschaft gehört; dagegen ist die bö- here Region, von Capel Cerrig bis einige Meilen von Bangor, so wild und schroff, als man es sich nur wünschen kann, und weite Strecken roth und gelb blühender Haiden, nebst Farrenkräutern und an- dern Pflanzen, die in unserm härtern Clima nicht fortkommen, bekränzen die Felsen, und ersetzen die Bäume, welche in dieser Höhe nicht mehr gedeihen. Die größte Mannichfaltigkeit des Gemäldes bewirken aber die colossalen, wilden und seltsamen Formen der Berge selbst. Einige sehen wirklich Wolken weit ähn- licher, als festen Massen. So ist unter andern der Trivaen mit so sonderbar geformten Basaltsäulen auf seiner Spitze bedeckt, daß alle Reisende überzeugt sind, Menschen da oben zu seh’n, die eben den Berg erstiegen, und nun in die weite Aussicht hineinschauen — es sind aber nur die Berggeister, die Merlin auf ewige Zeiten dahin gebannt. Geschmackvoll fand ich es, daß sämmtliche Chaussee- Häuser so ganz im Charakter der Gegend gehalten waren; aus rohem röthlichen Bruchstein erbaut, mit Schiefer gedeckt, von einfacher, schwerer Architectur, und mit eisernen Thoren versehn, deren Gitterwerk die sich kreuzenden Strahlen zweier Sonnen nach- ahmt. Der Postboy zeigte mir die Ueberreste eines alten Druidenschlosses, wohin, wie ich in meinem Buche nachlese, Caractacus nach seiner Niederlage bei Caer Caredoc retirirte. Die welsche Sprache klingt selbst wie Krȧhengekrächze . Beinahe alle Namen fan- gen mit C an, welches mit einem Krach-Laut ausge- sprochen wird, den eine fremde Kehle nicht nachma- chen kann. Diese Ruine ist jetzt in zwei bis drei be- wohnte Hütten verwandelt, und ihre Lage nicht eben ausgezeichnet. Bemerkenswerther schien mir weiter- hin ein Felsen, der in der Gestalt eines Bischofs mit Krummstab und Mitra sich darstellte, als stiege er eben aus einer Höhle, um den erstaunten Heiden das Christenthum zu predigen. Woher kömmt es wohl, daß, wenn die Natur so spielt, es eine fast erhabne Wirkung macht, und wenn es die Kunst nachahmen will, dies immer lächerlich erscheint? Ein kleines tormento im Gebirge sind die vielen Kinder, welche, wie Gnomen kommend und verschwin- dend, den Wagen mit unbegreiflicher Beharrlichkeit bettelnd begleiten. Ermüdet von dieser Zudringlich- keit hatte ich mir bestimmt vorgenommen, Keinem etwas mehr zu geben, weil man sonst darauf rechnen kann, gar nicht mehr von ihnen verlassen zu wer- den; aber eines dieser kleinen Mädchen bezwang den- noch alle meine Entschlüsse durch ihre Ausdauer. Ge- wiß eine deutsche Meile lief sie im scharfen Trabe Berg auf Berg ab, nur manchmal durch Fußwege abkürzend, mich aber nie aus den Augen lassend, neben mir her, wobei sie unaufhörlich denselben jam- mervoll klagenden Ton, gleich einer Seemöve, aus- stieß, der mir zuletzt so unerträglich wurde, daß ich mich gefangen gab, und der nicht zu ermüdenden Lau- ferin meine Ruhe mit einem Schilling abkaufte. Der unheilbringende Ton war mir aber, wie der Tik Tak einer Uhr, die man täglich zu hören gewohnt ist, so im Ohre geblieben, daß ich ihn den ganzen Tag nicht los werden konnte. Den 16ten. Ich habe vortrefflich ausgeschlafen, und sitze nun im Gasthof am Meere, von der Reise ausruhend, und ergötze mich an den Schiffen, die auf allen Sei- ten die klare Fluth durchziehen. Nach der Landseite zu ragt eine Burg, von schwarzem Marmor aufge- baut, aus den uralten Eichenkronen hervor. Mit diesem Schloß werde ich meine Ausflüge beginnen, und überhaupt hier, wo ich mich sehr gut aufgeho- ben sehe, mein Hauptquartier aufschlagen. Auch fand ich hier ganz unerwartet einen unterhaltenden Lands- mann. Du kennst den geistreichen A …, der so ma- ger ist, und doch so stattliche Waden besitzt, so ele- gant gekleidet und doch so sparsam, so gutmüthig und doch so sarkastisch, so englisch und doch so deutsch erscheint. Kurz A … frühstückte zum zweitenmal gu- ten Appetits mit mir, und erzählte dabei die lustig- sten Dinge. Er kam von S ...., über welches er sich ohngefähr so vernehmen ließ: Scherz und Ernst, Sie wissen, lieber Freund, sagte er, daß man in Wien Jedem, der ein gebacknes Hendel essen, und NB bezahlen kann, den Titel Euer Gnaden ertheilt — in S ..... nennt man dagegen Jeden, der einen ganzen Rock trägt, in dubio, Herr .... Rath, oder noch besser, Herr Geheimer Rath, unbekümmert ob es ein wirklicher, oder nicht wirklicher (also blos scheinbarer, fantasmagorischer) ein halber, d. h. ein pensionirter, ein ganzer, nämlich voll bezahlter, oder ein völlig unbefruchteter, eine titulaire Null sey. Sonderbar verschieden sind dabei die Attribute und die Functionen dieses geheimnißvollen Raths-Wesens. Bald führt seinen Namen ein invalider Staatsmann in der Residenz, dem man aus Ehrfurcht für seine Altersschwäche, und zur Belohnung eines glücklich erlebten Jubiläums, eben den gelben Greifen um- gehangen hat; oder ein nicht allzuthätiger, aber desto mehr von sich eingenommener Ober-Präsident in der Provinz, dem seine Verdienste bei der Durchreise eines fremden Souverains, endlich zu Ehre und Orden verhelfen; hier ist es die rüstige Stütze der Finanzen, oder selbst der rara avis, ein einflußrei- cher Mann nahe am Throne und dennoch ein be- scheidener Mann voller Verdienst; dort aber schon wieder eine blos vegetirende Excellenz, die kein an- deres Geschäft kennt als von Haus zu Haus gehend, veraltete Späße und Namenverdrehungen aufzutischen, die seit einem halben Jahrhundert das Privilegium haben, die crême de la bonne société in der Haupt- stadt zu entzücken. Jetzt wird abermals ein genialer Mann daraus, der als Dichter und Mensch erfreut, und nie einen andern als den geraden Steg betritt, — weiterhin reprȧsentirt es ein zwar weniger glän- zendes, aber desto mehr umfassendes Genie, welches, obgleich der Themis eigen, auch eben so gut unter den Sternen, sowohl des Himmels als des Theaters, Bescheid weiß. Endlich verwandelt sich dieser Pro- teus gar in einen Cameralisten, berühmten Schaaf- züchter und Oekonomen, der seine Felder — und spä- terhin in einen Doktor der die Kirchhöfe düngt; auch bei der unüberwindlichen Landwehr ist er zu finden, und Post, Die Post soll übrigens in jenem Reiche durchaus Extra- Post seyn, und Manche es sehr bedauern daß sie nicht noch einen größern Theil der Staats-Maschine fährt, um dem jubilarischen Stillstand einen neuen Anstoß zu geben. A. d. H. wie Lotterie, ja Garderobe selbst, ver- mögen nicht ohne ihn zu bestehen. Der Hof-Philo- soph, der Hof-Theologe, der Hof-Jakobiner, alle bie- ten sich am Ende die Hand als geheime Räthe — sie sind es, waren es oder werden es seyn — kurz kein Land scheint in dieser Hinsicht mehr berathen, und zugleich geheimer! denn so bescheiden sind diese zahl- losen Räthe — daß sie oft nichts geheimer halten als ihr Talent. Aber eine wahre Freude ist es dagegen, zu sehen, mit welcher unbefangenen, ja rührenden bonhomie sie sich selbst unter einander Titel geben und Ehre er- zeigen, jeder dem andern sein Prädicat noch um eine Stufe höher schraubend, zur Dankbarkeit aber, wie sich von selbst versteht, dasselbe wiederum von ihm erwartend. Die verschiedenen Zusätze und Wendun- gen, die das arme Wort „geboren“, dabei erleiden muß, blieben gewiß jedem Fremden, der hier die deutsche Sprache erlernen wollte, ein mystisches Rȧthsel . Ohne mich in dieses Labyrinth weiter hin- ein zu begeben, erwähne ich blos, daß „geboren“ allein, auch der Bettler auf der Straße nicht mehr seyn will, und „Edelgeboren“ eine empfindliche Be- leidigung für die unteren, so wie „Wohlgeboren“ für die obern, auch nicht adlichen, Staatsbeamten zu werden anfängt. Ich für meine Person schrieb hier stets an meinen Schneider: Hochwohlgeborner Herr. Es war dies allerdings ein berühmter Mann, ein Nachkomme des bekannten Freundes Robinson Cruso ë s, der durch den kühnen und unnachahmlichen Schnitt seiner Uniformen eine welthistorische Wichtig- keit erlangt hat. Er war also auf alle Weise we- nigstens des Verdienstadels würdig. Ich kenne übrigens Züge von diesem Künstler, die manchem industriellen Edelmann unserer Zeit zur Ehre gereichen würden, z. B. der, daß er seine Rechnungen nur alle fünf Jahre einschickt, und der großmüthigste Gläubiger aller Isolani’s der Armen ist. Avis aux lecteurs! Um in solcher willkührlichen Titelertheilung und Empfangung nicht genirt zu seyn, ist es hier auch so vortheilhaft eingerichtet, daß bei der größten Rang- Sucht doch eine wirkliche bindende Rang-Ord- nung gar nicht existirt, weder bei Hofe, noch durch die Geburt bestimmt, oder durch gesetzwerdende Mei- nung und Gewohnheit in der Nation begründet. Zuweilen ist es Geburt, öfter das Amt, bald Ver- dienst, bald Gunst, bald auch nur unwiderstebliche Impertinenz, welche den Vorrang gewährt, wie es Zufall und Umstȧnde fügen. Dies giebt nun zu be- sondern Anomalieen Anlaß, die einem alten Edel- manne, wie ich bin, einen Baron von Tunderden- dronk, qui ne scaurait compter le nombre de ses ânes, wie jener P ........ General sagte — gar nicht in den Kopf wollen. Klagen, Sorgen und Noth haben deßhalb auch kein Ende in der Gesell- schaft; nur eine gewisse lustige und vortreffliche alte Dame weiß einzig und allein, fast überall, und bei jeder Gelegenheit, den ersten Rang zu behaupten — weil sie mit vielem Geist viel körperliche Kräfte und persönliche Tapferkeit verbindet, und durch diese ver- einten Eigenschaften bald mit Witz, bald mit gött- licher Grobheit, bald auch, wenn nichts anders hel- fen will, mit einem derben Fauststoß, bei Hof und andern Festen sich als die Erste gerirt, und die Erste bleibt. Ich weiß unter andern von guter Hand, daß die Gräfin Kakerlack bei einem der Höfe (denn es giebt deren Mehrere hier) sich durch eine Hof-Cabale zurück gesetzt fühlte, und auf den Rath ihres Freun- des, des Starostes von Pückling, sich direkt an den stets gerechten und billigen Regenten wandte, und offiziell um die Bestimmung ihres Ranges bat. Man ertheilte ihr hierauf auch diesen, unmittelbar nach der Fürstin Bona, welche (hier einmal der Ver- dienste ihres seligen Mannes wegen) den ersten inne hat — und der Großwürdenträger, Fürst Weise, brachte ihr selbst diese Ordre, aber sagte er: „Liebste Gräfin, der Baronin Stolz müßen Sie doch „den Rang lassen, denn was wollen Sie mit Ihrer „schlanken Taille gegen die ausrichten? ein einziger „Ellenbogenstoß, und Sie sind lahm auf ewig! Also „lassen Sie die immer vorgehn, denn Sie wissen, „die Polizei selbst fürchtet sich vor der, seit der fa- „mosen Einladung, die sie vor einigen Jahren an „dieselbe ergehen ließ.“ Der Kraft muß Alles weichen, und dieß beweiset auch wie schwierig es ist, bloß dem Verdienste, ohne allgemein ausgesprochene Regel, den Vorrang zuzu- gestehen; denn Verdienst ist ja so relativ! Wenn der General, der Minister groß sind, wer kann läugnen, daß auch der vortreffliche Koch, die liebenswürdige Operntänzerin ein großes Verdienst besitzen? Dieß haben ja, wie uns die Geschichte lehrt, selbst Mo- narchen und Staaten stets anerkannt. So muß z. B. in England, wo in der Regel nur Adelstitel Rang gewähren (beiläufig gesagt wohl der sicherste, und dem Königthume gemäßeste Anhalt NB. wenn der Adel darnach beschaffen, d. h. wahrer National-Adel ist, so wie ihn England zum Theil be- sitzt, oder auch wie ihn Grävell in seinem Regenten gut definirt. A. d. H. der große Feldmarschall und Premier-Minister Wellington, dem kleinen, zwar bekannten, aber keinesweges berühm- ten, Herzoge von St. Albans nachgehen, weil dieser junge Mann ein älterer Herzog ist, d. h. das Ver- dienst seiner Ahnfrau, der Schauspielerin Nell Gwynn, Maitresse Carls des II. — älter ist, folglich das Prioritäts-Recht ausübt, vor dem spätern Verdienste des Herzogs von Wellington. In der hiesigen Hauptstadt ist es anders. Man Briefe eines Verstorbenen. I. 3 ist in der Regel an zu schlechtes Essen gewöhnt, um einen guten Koch sehr hoch anzuschlagen, und ist neuerlich allgemein zu tugendhaft geworden, um Maitressen zu halten. Hier meint mein seliger Freund ohne Zweifel nur, in der Schätzung gewisser Beamten, die aus guten Grün- den die Mittelmäßigkeit über alles lieben — denn nir- gends geht von höchster Stelle wohl edlere Würdigung des Verdienstes aus, als gerade dort, wenn ich anders den gemeinten Ort richtig deute. Das ganze Land sah davon erst kürzlich ein allgemein erfreuendes Beispiel in der zarten Auszeichnung des verehrten Staatsman- nes, der, an der höchsten Stelle stehend, bewiesen, daß er auch die höchsten Ansprüche darauf hat. Giebt es Einen, der noch an dem Letztern zweifelt — so ist es gewiß nur er selbst. A. d. H. Von Verdienstschätzung ist auch nicht sonderlich mehr die Rede. Was eigent- lich und hauptsächlich jetzt hier Rang und Ansehen giebt, ist: Diener zu seyn, des Staates oder Ho- fes, n’importe lequel, et comment. Beati possiden- tes — denn auch hier waltet das gute deutsche Sprich- wort: Wem Gott das Amt giebt, dem giebt er auch Verstand! Die Bureaukratie ist an die Stelle der Aristokratie getreten, und wird vielleicht bald auch eben so erblich werden. Schon jetzt kann selbst das Gouvernement keinen seiner Beamten mehr ohne Ur- theil und Recht entlassen, die Stelle im Staatsdienst, die jeder inne hat, wird für sein möglichst bestbe- gründetes Eigenthum angesehen, und es ist nicht zu verwundern, daß überall Beamtete diese Einrich- tung bis in den Himmel erheben. Sonderbar, daß demohngeachtet alle Staaten mit einer freien Ver- fassung, wo nämlich als Prinzip angenommen ist, daß die Nation, und kein bevorrechteter Stand, selbst nicht der ihrer Diener, die Hauptsache sey, einem ganz andern Systeme folgen. Wenn ich nicht gewiß wüßte, daß mein Freund diese Stelle anno 1827 geschrieben hätte, so würde ich sie für eine Reminiscenz aus der Antritts-Rede des Prä- sidenten Jackson halten. Dieser will gar, daß die sämmtlichen Beamten der vereinigten Staaten (mit wenigen Ausnahmen) gleich dem Präsidenten, alle fünf Jahre Andern Platz machen sollten. Eheu jam satis! Was würden unsere Regierungs-Räthe zu einer sol- chen Wirthschaft sagen! Ganze General-Commissionen könnte davon, im eigentlichsten Sinne des Worts, der Schlag rühren! denn, wer weiß, wenn in 5 Jah- ren es an die Renovirung ginge, ob man ihre Beibe- haltung überhaupt noch der Mühe, ich wollte sagen, des Geldes was sie kostet, werth finden würde. A. d. H. Der nicht dienende Bürgerstand ist auf andere Weise in seiner Unbeachtetheit glücklich. Er genießt seine Wohlhaben- heit con amore , und als Salz des Lebens führt er Prozesse, wozu ihm die Justiz gern allen erdenklichen Vorschub leistet. Auch der Kaufmann, sowohl christ- lichen als vorchristlichen Glaubens findet sein Conto und wenn er es anzufangen weiß, auch nützliche Pro- tektion — ja recht viel Geld zu besitzen, ist beinahe so viel werth als wirklicher Geheimerrath zu seyn, und die reichen Banquiers, wenn sie ein gutes Haus machen, werden zu den privilegirten Ständen ge- rechnet, auch manchmal dafür in den Adelstand er- hoben. 3* So behelfen sich denn Viele auf’s Beste; nur mit dem armen Adel, besonders dem alten, (insofern er nicht auch in den sichern Hafen der Bureaukratie ein- gelaufen ist) sieht es kläglich aus! Ohne Geld und freien Grundbesitz, seine Adels-Titel ins Unendliche vervielfältigend, und seine Stammgüter ins Unend- liche theilend, ohne Antheil an der Gesetzgebung als den, welcher ihm in einer ständischen Schule vergönnt wird, wo man ihn zur graduellen Ausbildung einst- weilen nach Quinta gesetzt hat, von seinen früher innegehabten Stiftern und Pfründen schon längst ab- gelöst, Ablösen, reguliren, separiren — welcher Guts- und auch bäuerliche Besitzer in jenem aufgeklärten Lande kennt nicht die eigentliche Bedeutung dieser Worte! Schön und liberal, obgleich den Knoten etwas ge- waltsam durchhauend, war die Idee des Gesetzes, aber wie wird es ausgeführt! Hierüber wäre ein Buch zu schreiben, und sollte geschrieben werden. Die Ausführung dieses Geschäfts ist nämlich vollkom- men von der Art, wie ein gewisser Herr von Wanze als Pächter verkleidet, den wohlhabenden Bauern zu A … auf ihrer Kirmeß das Pharao lehrte. Ihr setzt Euer Geld, sagte er, ich theile die Karten rechts und links. Was links fȧllt , gewinne ich, was rechts fällt, verliert Ihr. A. d. H. von den Behörden mehr als billig gehudelt, ja oft wegen seiner so schlecht soutenirten Ansprüche nicht nur ausgelacht, sondern auch angefeindet und verfolgt, hat er, als Corporation, sein Ansehen beim Volke gänzlich verloren, und es bleibt ihm kaum eine andere wesentliche Eigenschaft mehr übrig, als die, zur einzigen Pflanzschule für Kammerherrn bei den verschiedenen respectiven Höfen der Hauptstadt zu dienen; immer noch ohne Zweifel ein benei- denswerthes Loos. — Diese letztere Wahrheit wird auch gebührend von Vielen erkannt, und manches Geistreiche darüber, be- sonders von einer berühmten Schriftstellerin als Vor- fechterin, ausgesprochen, die seit geraumer Zeit mit ihrem Gemahl in einer Art gemeinschaftlichen Ro- manenwettlauf begriffen war, welcher jede Leipziger Messe dem erfreuten Publikum zwei bis drei derglei- chen Produkte, zu eben so viel Bänden das Stück, zu liefern pflegte. Das Merkwürdigste dabei war, daß die Werke des Mannes von der überschwänk- lichen Zartheit einer weiblichen Feder, die der Frau hingegen von etwas schwerfälliger männlicher Vielwisserei herzurühren schienen, ein Blei, das selbst die alchymistische Hand eines liebenswürdigen und geistreichen Prinzen nicht in Gold verwandeln konnte. Beide Schriften, besonders die erstern, haben indeß ihre vogue erlebt, bis endlich die anmuthig anzu- sehenden, und naiv kindlichen Nordlandshelden des edlen Ritters, die sich mit Zärtlichkeit duellirten, und mit klaren blauen Augen dem todtgestochnen Freunde den Friedenskuß aufdrückten, eben so wie seine wun- derbaren Rosse, die über Felsenzacken gallopirten und durch Meere ihren Herren nachschwammen, ohnge- achtet aller dieser wundervollen Gaben, Walter Scotts unbehosten Bergschotten weichen mußten. Die poetischen Kammerjunker und gelehrten Thee- zirkel der gnädigen Frau waren bereits schon lange vorher, als ein wenig ausgetrocknet, verlassen wor- den. Ein solcher Theezirkel war es bekanntlich auch, in dem Ahasverus, wie wir in den Memoiren des Teufels lasen, nach so langer rastloser Wanderung zum erstenmal Ruhe fand, und selig entschlief. Seit dem sind die dicken Bände der berühmten Schriftstel- lerin zu schmalen Erzählungen eingeschwunden, lieb- liche Ephemeren, die zwar nur einen Tag leben, aber dafür sich auch nur an Höfen, in Kammern, unter Prinzen, Hofdamen und Fräuleins, Kammer- herren, Kammerjunkern und auch Hofkammerlakayen (denn nichts was dem Hofe angehört, ist gering zu schätzen) bewegen. Sogar spukende Kammern ka- men neulich zum Vorschein; die Geister, welche er- schienen, waren aber so matt, so sehr ausgemergel- ten Hofschranzen ȧhnlich , avec un tel air de famille, daß sie höchstens an eine Gänsehaut erinnerten, ohne sie jedoch zu erregen. Die Pikanteste von allen war ohne Zweifel diejenige, welche einst die Gesellschaft der Hauptstadt persifflirte, in der die arme Viola eine verdächtige Rolle spielte, und eine vornehme Dame auftrat, die jene für große Summen an eine hohe Person verkauft haben sollte. Diese Geschichte war mit Recht eine moralische zu nennen, denn sie erweckte bei jedem Gutgearteten, der sie damals las, gewiß gerechten Abscheu vor Verläumdung und leicht- sinniger Verdammung. Böswillige aber ergötzten sich auf andere Art daran — und so blieb das Ganze nicht ohne Werth, ein Meisterstück aber könnte man es nennen, wollte man es gegen alle die Mittel- alterlichen, Tugend- und Jammervollen, Christlichen und Zotenreißenden, Italiänisirenden und Deutsch- thümelnden ꝛc. Erzählungen halten, welche die Be- dürfnisse unserer Journal- und Almanachs-Literatur jetzt Myriadenweise hervorrufen, und von denen man zum Theil nicht einmal mit Schiller sagen kann, daß sich darin: „wenn sich das Laster besp .... die Tu- gend zu Tische setze.“ Es kömmt hier weder zu dem einen noch dem andern, sondern von Anfang bis zu Ende leidet man nur an dem geistigen Pendant einer sogenannten Ekel-Cur. Nachdem vergebens nach al- len Seiten gezielt worden ist, brennt zuletzt das Ganze dennoch ohne Explosion von der Pfanne, und weit entfernt, sich zu Tisch zu setzen, bleibt der un- glückliche Leser für lange Zeit von aller Nahrung degoutirt. Der Billigkeit gemäß, muß man jedoch zugeben, daß der Ausnahmen von dieser Schilderung auch viele sind. Wenn z. B. Göthe nicht verschmäht „einen Mann von 40 Jahren“ unter die Unmündigen zu schicken, wenn Tiek sich unserer mit einer ganz ächten No- velle erbarmt, L. Scheser, in seltsam sich durchkreu- zenden Blitzen, Herz und Geist zu berühren weiß, Kruse eine Criminal-Geschichte anmuthig macht, oder irgend eine Therese, Friederike ꝛc., die, sonst so un- durchdringlichen, Geheimnisse weiblicher Herzen ent- hüllt (der Verdienste anderer Haupterzähler, der Kürze wegen, gar nicht einmal zu erwähnen) so sieht man wohl, daß einige Hand-Arbeiter gar gute und vollstän- dige Waare liefern könnten — wenn nicht bereits die ganze Fabrik durch das Maschinen-Wesen verdorben wäre. A. d. H. Doch um auf die gelehrte und liebenswürdige Dame zurückzukommen, von der eben die Rede war, so spielte zu der Zeit, als ich in den dortigen Regionen verweilte, um die Wintersonne ihres Hof- und Schriftglanzes, ein seltsamer Insektenschwarm, in der großen Welt eine Cotterie genannt — welche, soviel ich weiß, noch jetzt als Grundsatz aufstellt (wer hätte heut zu Tage nicht Grundsätze!): daß der Adel wirk- lich von einer andern Sorte Blut, als andre Men- schen, durchströmt werde, und nur höchstens im Wege der Impfung ein gemeiner Baum noch ver- edelt werden möge, z. B. durch natürliche Kinder großer Herren u. s. w. Dieser Adel bleibe also vor allem rein und abgeschlossen, lehrt sie, er entehre sich weder durch Industrie noch gemeinnützige Spekula- tionen, welches eine gewisse Frau von Tonne, in einer fehr gehaltreichen Schrift, als einen Haupt- grund des Verfalles des Adels im Lande aufführt. Etwas schriftstellern und künstlern (auch für Geld, ja selbst für bürgerliches Geld) bleibt jedoch dem Adel erlaubt, wie man überhaupt Künstlern eine Mittelstufe zwischen Adelichen und Bürgerlichen ge- stattet. Konstitutioneller, hoher Adel und repräsen- tative Verfassung ist dagegen keineswegs nach dem Geschmack dieser Parthei, aus dem sehr natürlichen Grunde, weil unter solchen fatalen Umständen ihr eigner Adel, dessen Alter sie selbst allein genau ken- nen, und dessen verschuldeter Landbesitz sich in tau- send kleine Antheile bis zur mikroskopifchen Unent- deckbarkeit versplittert hat — zu dem schrecklichen Loose verdammt seyn würde, in der Kammer der Gemeinen (wo noch?) Platz nehmen zu müssen. Wer kann es ihnen daher verdenken, wenn sie in solcher Lage die Kammer des Prinzen vorziehn, be- sonders wenn sie Herren darinnen werden können — doch das verhüte Gott! Hoffentlich bleiben sie hier immer nur titulaire, nicht wirkliche geheime Räthe und Kammer herren. (Die Fortsetzung ein andresmal.) Abends. Ich konnte es doch nicht so lange aushalten, in der Stube sitzen zu bleiben; das Schloß vor meinen Fenstern lockte zu mächtig! Ich bestieg also gleich nach A .... s Abreise einen Bergklepper, und ritt wohlgemuth darauf zu. Dieses merkwürdige Ge- bäude ist von einem in jeder Hinsicht stein reichen Manne aufgeführt; denn seine, eine Stunde weiter im Gebirge liegenden Steinbrüche, bringen ihm jähr- lich 40,000 L. St. ein. Er hat an einer der vortheil- haftesten Stellen, hier am Ufer des Meeres, einen weitläuftigen Park angelegt, und die sonderbare, aber meisterhaft ausgeführte, Idee gehabt, alle Ge- bäude darin in dem altsächsischen Style zu erbauen. Man schreibt diese Architektur fälschlich in England den Angelsachsen zu, da sie doch von den sächsischen deutschen Kaisern herrührt, und gewiß keines dieser vielfachen Monumente älter ist. Schon die den Park umgebende, wohl eine deutsche Meile fortlaufende hohe Mauer, erhält dadurch ein seltsames Ansehen, daß in ihrer obern Schicht 3 bis 4 Fuß hohe, auf- recht stehende, unegale, spitze Schieferstücke einge- mauert sind, eine zugleich sehr zweckmäßige Vorrich- tung. Bei jedem Eingang droht ein thurmartiges Fort mit Fallgittern u. s. w. dem Eindringenden, (kein übles Symbol für die Illiberalität der moder- nen Engländer, die ihre Gärten und Besitzthümer strenger, als wir unsere Wohnstuben, verschließen) dann muß der Besucher noch eine Zugbrücke passiren, ehe er den dunklen Thorweg der imponirenden Burg betritt. Der schwarze, nur roh bearbeitete, Marmor von der Insel Anglesea, aus dem die großen Massen bestehen, harmonirt wunderbar mit dem majestäti- schen Charakter der Gegend. Bis in die kleinsten Details, selbst die Stuben der Bedienten, und noch geringere Plätze nicht ausgenommen, ist mit genauer Sorgfalt alles reiner old Saxon style . Im Eß- saal fand ich eine Nachahmung des Dir früher be- schriebenen Schlosses Wilhelms des Eroberers zu Rochester. Was damals nur ein großer Monarch ausführen konnte, realisirt jetzt als Spielwerk, nur noch größer, schöner und kostbarer, ein simpler Landgentleman, dessen Vater vielleicht mit Käsehan- del anfing. So ändern sich die Zeiten! Der Grund- plan des Gebäudes, den mir der gefällige Architekt vorlegte, gab Gelegenheit zu einigen häuslichen Informationen, die ich Dir hier mittheile, weil fast alle englische größere Landhäuser so eingerichtet sind, und sie, wie so vieles, die Zweckmäßigkeit englischer Gebräuche darthun. Die Dienerschaft hält sich nie im Vorzimmer, hier die Halle genannt, auf, welche immer wie die Ouverture bei einer Oper, den Charakter des Ganzen anzudeuten sucht. Sie ist gewöhnlich mit Ge- mȧlden oder Statüen geschmückt, und dient, wie die elegante Treppe und alle übrigen Zimmer, nur zum beliebigen Aufenthalt der Familie und Gäste, welche sich lieber manchmal selbst bedienen, als immer einen solchen dienenden Geist hinter ihren Fußstapfen wis- sen wollen. Die Bedienten sind daher alle in einer entfernteren großen Stube (gewöhnlich im rez de chaussée ) versammelt, wo sie auch zusammen, ohne Ausnahme, männliche und weibliche, zu gleicher Zeit essen, und wo alle Klingeln aus dem Hause eben- falls aboutiren. Diese hängen in einer Reihe num- merirt an der Wand, so daß man sogleich sehen kann, von woher geklingelt wird; an jeder ist noch eine Art pendulum angebracht, der sich 10 Minuten lang, nachdem die Klingel schweigt, noch fortbewegt, um den Saumseligen an seine Pflicht zu erinnern! Diese Penduln könnten also von einem spitzfindigen Bedienten, je nachdem sie längere oder kürzere Zeit nachschwingen, zugleich als ein Thermo- oder Hygeo- meter der Geduld ihrer respektiven Herrschaften be- nutzt werden. A. d. H. Das weibliche Personal hat gleichfalls ein großes Versammlungszimmer, worin es, wenn nichts ande- res vorkömmt, näht, strickt und spinnt. Daneden befindet sich ein Behältniß zum reinigen der Glas- waaren und des Porzellains, welches den Mädchen obliegt. Jede von diesen, so wie die männlichen Die- ner, haben im obersten Stock ihre besondere Schlaf- zelle. Nur die Ausgeberin ( housekeeper ) und der Haushofmeister ( butler ) bewohnen unten ein eignes Quartier. Unmittelbar an das der Ausgeberin an- stoßend ist die Kaffeeküche und die Vorrathskammer für Alles, was zum Frühstück nöthig ist, welche, in England wichtige, Mahlzeit speciell zu ihrem Depar- tement gehört. Auf der andern Seite ist ihr Wasch- etablissement, mit einem kleinen Hofe verbunden; es besteht aus 3 Piecen, die erste zum Waschen, die zweite zum Plätten, die dritte bedeutend hohe, welche mit Dampf geheizt wird, zum Trocknen bei schlechtem Wetter. Neben des Haushofmeisters Logis befindet sich seine pantry, ein geräumiges feuerfestes Zimmer mit rund umher laufenden Schränken, wo das Sil- ber aufbewahrt wird, das er auch hier putzt, so wie die zur Tafel nöthigen Glas- und Porzellainwaaren, die ihm, sobald sie von dem Mädchen rein gemacht sind, welches alles sehr pünktlich geschieht, sogleich wieder abgeliefert werden müssen. Aus der pantry führt eine verschlossene Treppe in die Bier- und Wein- keller, welche der butler ebenfalls unter sich hat. Ein sehr romantischer Weg brachte mich, erst durch den Park, dann am Saum eines schön bewaldeten Bergstroms hin, in einer Stunde nach dem Schiefer- bruch, der 6 Meilen vom Schloß im Gebirge liegt. Aus den Dir bereits genannten Einkünften kannst Du dir denken, welch’ ein bedeutendes Werk dies ist. Fünf bis sechs hohe Terrassen von großem Umfang steigen an den Bergen empor, und auf ihnen wim- melt alles von Menschen, Maschinen, Prozessionen von hundert, an einander gehängten, schnell auf Ei- senbahnen hinrollenden Wagen, Lasten heraufziehen- den Krahnen, Wasserleitungen, und so weiter. Ich brauchte ziemlich lange, um das Ganze nur flüchtig zu besehen. Um zu einem entfernteren Theile des Werks zu gelangen, wo man eben die Felsen mit Pul- ver sprengte, was ich zu sehen wünschte, mußte ich mich auf einem der kleinen Eisenwagen, die zum Trans- port des Schiefers dienen, durch eine pechschwarze, nur vier Fuß hohe und vier hundert Schritt lange, durch den Felsen gehauene Gallerie auf dem Leibe liegend fahren lassen. Dies geschah vermittelst einer Winde. Es ist eine höchst fatale Empfindung, sich durch diese schmale Schlucht mit tausend unregelmä- ßigen Zacken, welche man, am Eingange wenigstens, deutlich sieht, bei ägyptischer Finsterniß mit großer Schnelle durchreißen zu lassen, welches Fremde auch gewöhnlich ablehnen. Man kann sich des Gedankens nicht erwehren, daß wenn man, ohngeachtet der be- ruhigenden Versicherung des Führers, der zuerst vor- aus fährt, nun dennoch an irgend eine dieser Zacken anstieße, man auch ohnfehlbar ohne Kopf auf der an- dern Seite ankäme. Nach Passirung dieser Gallerie mußte ich noch auf einem, nur zwei Fuß breiten Wege ohne Geländer, am Abgrunde hinwandern, bis ich durch die zweite niedrige Höhle endlich zu dem gewünschten, in der That schaudervoll prȧchtigen Ort, gelangte. Hier schien man sich schon in der Unter- welt zu befinden! Die mehrere hundert Fuß hohen, spiegelglatten, abgesprengten Schieferwände ließen vom blauen Himmel kaum so viel noch sehen, um Tag von Dämmerung unterscheiden zu können. Der Boden, auf dem wir standen, war gleichfalls abge- sprengter Felsen, und in der Mitte bereits ein tiefer Spalt, von ohngefähr sechs bis acht Fuß Breite, schon weiter herunter gearbeitet. Ueber diese Schlucht amu̇sirten sich einige Kinder der Steinarbeiter, hals- brechende Sätze zu machen, um ein paar Pence da- für zu verdienen; an den Felsenwänden aber hingen überall Bergleute, gleich schwarzen Vögeln mit ihren langen Eisen pickend, und Schieferblöcke mit Ge- prassel herunter werfend. Doch jetzt schien das ganze Gebirge zu wanken, lauter Warnungsruf erschallte von mehrern Seiten, die Pulvermine sprang. — Ein großer Felsen löste sich nun von hoch oben langsam und majestätisch ab, stürzte gewaltig in die Tiefe, und während Staub und abspringende Steinstückchen die Luft gleich dickem Rauch verfinsterten, hallte der Donner im wilden Echo rings um uns wieder. Die- se, fast täglich an verschiedenen Orten des Stein- bruchs nothwendigen, Operationen sind gefährlich, daß, nach der eigenen Versicherung des Di- rektors, man bei dem ganzen Werk im Durch- schnitt jährlich auf 150 Verwundete und 7 bis 8 Todte rechnet! Ein zu diesem Behuf eigens bestimmtes Hospital nimmt die Blessirten auf, und ich selbst begegnete beim Herreiten, ohne es zu wissen, der Leiche eines vorgestern Gebliebenen, car c’est comme une bataille . Die Leute waren so aufgeputzt und mit Bergblumen geschmückt, daß ich die Prozes- sion im Anfang für eine Hochzeit hielt, und fast er- schrack, als auf meine Frage, wo der Bräutigam sey, einer der Begleiter schweigend auf den nachfolgenden Sarg wieß. Nach der Aeußerung des Direktors ist jedoch die Hälfte der Unglücksfälle der Apathie der Arbeiter selbst zuzuschreiben, die, obgleich jedesmal gewarnt, dennoch in der Regel zu sorglos sind, um sich bei der Explosion zur rechten Zeit und weit ge- nug zu entfernen, und da der Schiefer sich stets in platten messerscharfen Stücken ablöst, so ist oft ein unbedeutendes, in weite Ferne geschleudertes, Stück hinlänglich, dem Manne, den es trifft, die Hand, ein Bein oder gar den Kopf rein abzuschneiden, welcher letztere Fall, wie ich hörte, einmal wirklich vorkam. Da wir selbst von dem foyer nicht zu weit entfernt standen, so benutzte ich den Wink, und machte wieder linksum, durch die höllische Gallerie, um mir die friedlicheren Arbeiten zu besehen. Diese haben viel- faches Interesse. So kann z. B. Papier nicht zierli- cher und schneller beschnitten werden, als hier die Schiefertafeln, und kein Kienblock kann leichter und netter spalten, als diese Steinplatten, die der Arbei- ter mit geringer Mühe durch einen einzigen Schlag des Meißels in Scheiben wie die dünnste Pappe, und von 3 bis 4 Fuß im Durchmesser, zertheilt. Der rohe Stein kömmt aus den eben beschriebenen Regio- nen sämmtlich auf wahren Pariser Rutschbergen zum Verarbeiten herab, und wie dort, bringt die Kraft der herabrollenden beladenen Wagen auch die leeren wieder herauf. Die Eisenbahnen sind hier nicht, wie gewöhnlich, concav, sondern conver, und die Wagen- räder entsprechend. den 17ten. Der Tag ging mit Ruhen, Schreiben und Lesen hin, und bietet daher wenig Stoff dar; ehe ich mich zu Bett lege muß ich aber doch, der süßen Gewohn- heit folgend, noch ein wenig mit Dir plaudern. Ich dachte eben an die Heimath und unsern verehrten Freund L …, der jetzt wieder umher reist, mir aber neulich ein ganzes Heft seiner älteren Bemerkungen zusendete. Soll ich Dir einen Echantillon davon mit- theilen? — also böre: Betrachtungen einer frommgemüthlichen Seele aus Sandomir oder Sandomich . Die Einwohner selbst können nicht ganz genan ange- ben, welche Endung die eigentlich richtige sey. 1., Als die Sächsischen Postillone auf meine Ko- sten vielen Schnaps getrunken hatten ꝛc. Wie viel besser ist es doch bei uns, als überall in der Fremde! Freilich erlebt man dort manches Merk- würdige. Zum Beispiel ist es gewiß ein sonderbarer Umstand (und doch kann ich nach vielfältiger Erfah- rung nicht mehr daran zweifeln) daß, wenn hier die Pferde müde und faul sind, (was leider nur zu oft statt findet) nur der Postillon Schnaps zu trin- ken braucht, um jene wieder sichtbar zu erheitern und muthig zu machen. Die Weisheit der Natur und ihre verborgenen Kräfte sind unergründlich! — Das eben erwähnte Phänomen erklärt sich indeß viel- leicht aus der bekannten Erfahrung, daß Wein in den Fässern zu gähren anfängt, wenn der Weinstock blüht. NB. nicht zu vergessen: unsern gelehrten Professor Blindemann zu fragen, was er von dieser Auslegung hält? Auf der letzten Station vor Torgau bekam mein Begleiter, der Gardelieutenant Graf S … aus Potsdam, bei dem das Reich der Gnade noch gar nicht zum Durchbruch gekommen ist, und der sich des- halb auch noch jeden Augenblick über weltliche Dinge so unnütz ereifert — Hȧndel mit unserm Postillon, und ward so böse, daß er ihn, mit dem Stocke dro- hend, einen Sächsischen Hund nannte. „O Jeses nein, mein knädger Herr Leutnant“ erwiederte dieser recht albern, „da erren Se sich, mer sind ja schon seit mehr als zehn Jahren Preißische Hunde.“ Man sieht doch, daß es den Leuten hier noch ganz an unsrer nationalen Bildung fehlt. 2., Nach meinem schickungsreichen Unglücksfall am 6ten Juli 1827. Vier Wochen lang konnte ich nicht schreiben! dank- bar und tiefgerührt ergreife ich heute zum erstenmale Briefe eines Verstorbenen. I. 4 wieder die Feder, um die merkwürdige Schickung auf- zuzeichnen, die ich erlebte! Als ich vorigen Monat nach M . . . . reiste, ward ich, grade wie der Fremde in den Kleinstädtern, immediat vor dem sogenannten Chausseehause schrecklich umgeworfen, und brach den rechten Arm. Mein erster Ausruf — ich gestehe es zu meiner Beschämung — war ein garstiger Fluch! mein zweiter aber schon Dank, brünstiger Dank dem Schöpfer, daß ich nur den Arm und nicht den Hals gebrochen hatte! Bei solchen Gelegenheiten erkennt man deutlich die unergründlichen Wege , und die schützende, uns immer zur rechten Zeit Hülfe brin- gende Hand der Vorsehung. Hing nicht mein Leben an einem Haare, und wollte mir Gott nicht hier ein- dringlich beweisen, daß es nur von ihm abhing, meine Augen auf ewig zu schließen, oder mein junges Leben noch zu schonen, das vielleicht, denn was ist Gott unmöglich! noch zu großen und wichtigen Dingen be- stimmt ist? Ja ihr Philosophen, innig und jubilirend fühle ich es: Nur der Glaube macht selig! 3., Als ich bei Torgau beinahe in der Elbe er- soff ꝛc. Gewiß ist es, daß man nicht eher ins Wasser ge- hen sollte, als bis man schwimmen kann, wie schon ein griechischer Weise sehr richtig bemerkt hat. Ich war so unvorsichtig, mich ohne diese Kenntniß gestern zu baden, (denn von dem rebellischen Turnen und Leibesübungen dieser Art hielt ich mich immer fern) und wäre, da ich einen Krampf in der Wade bekam, und darüber etwas die Contenance verlor, vielleicht jetzt schon ein Todter, ohne einen Mann, den der Himmel wiederum grade um diese Zeit herbei- führen mußte, mich zu retten. Könnte ich gegen so viele Beweise speciellen Schutzes blind seyn! — Die ganze Elbe ist mir dennoch seitdem etwas zuwider geworden. Ich bekȧmpfe dies aber als ein tadelns- werthes Gefühl, da man bedenken muß, von welchem Nutzen dieser Fluß doch für so viele unserer Mitbrü- der ist. Unter andern auch für die Elbschifffahrtscommissarien, die ihre Arbeit eben so schön beendet, und Alle Orden dafür bekommen haben. Ob mir Gott wohl auch einen Orden bescheren wird? Obgleich die Bemerkung, glaube ich, schon früher gemacht worden ist, so bleibt es doch nicht weniger beachtungswerth, daß man bei großen Städ- ten fast immer auch einen Fluß findet; — aber so weise, so gnädig hat es die gütige Vorsehung überall zu unserm Nutzen eingerichtet, wir Menschen erken- nen es nur zu selten! Ja für Alle hat die Natur wie eine gütige Mutter gesorgt! Der Biene gab sie ihren Stachel, dem Biber seinen Schwanz, dem Lö- wen seine Kraft, dem Esel die Geduld, dem Men- schen aber seinen hohen Verstand, und wo dieser, nebst der trügerischen Vernunft nicht ausreicht, himm- lische Offenbarung. O wie dankbar fühle ich mich immer, wenn ich dies recht bedenke, ich, der ohnedem für so viele geistige und körperliche Vorzüge mehr als viele meiner Mitmenschen zu danken habe. — Möge ich es nie vergessen! Amen. 4* 4., Als ich dem Juden Abraham meinen schon zweimal prolongirten Wechsel, mit alterum tantum endlich bezahlen mußte. Es hat mich der Zweifel beunruhigt, ob die Juden wirklich bis an der Welt Ende bestehen, und so wie jetzt, vom Fluche getroffen, zerstreut und gedrückt auf Erden leben, und uns deshalb, fortwährend so sehr werden prellen müssen! Doch, ist dieser Zweifel nicht schon Sünde, da es so in vielen heiligen Büchern steht? Ueberdies geht ja von unserm Lande, wo von jeher die größte Auf- klärung herrschte, auch jetzo wiederum die Bekehrung dieser unglücklichen Verirrten aus. Ach hier drängt mich ein neuer banger Zweifel! Werden auch gewiß einst alle Bewohner der Erde Christen heißen ? Es ist zwar so verlündet, aber neulich stieß ich bei mei- nen gelehrten Studien auf eine Berechnung, die mir zu meinem wahren Schrecken zeigte, daß es überhaupt unter 800 Millionen Menschen bis jetzt nur noch et- was über 200 Millionen giebt, welche sich nach dem wahren Namen nennen. Hoffentlich werden indeß die braven Bibelgesellschaften das Ihrige thun und nicht ermüden. Den Engländern muß es aber doch noch nicht rechter Ernst damit seyn, da sie in Indien fast noch keinen Einzigen bekehrt haben. Die mögen wohl, wie gewöhnlich, nur politische Zwecke damit verbin- den Um dem Scherz ein ernstes Wort hinzuzufügen, möchte ich hier fragen: Wer ehrt nicht die menschenfreundli- . Uebrigens las ich neulich von einem Missio- nair daselbst, daß ihm ein Hindu recht frech geant- wortet habe: Ich lasse mich nicht eher von Euch zum chen Motive, welche die Bibelgesellschaften hervorbrach- ten, und Missionarien versenden? aber — sind diese beiden, selbst wenn nicht, wie leider so oft geschieht, der schändlichste Mißbrauch damit getrieben wird, auch die rechten Mittel zum Zweck? Der Erfolg lehrt uns fast überall das Gegentheil. Man bedenke, daß Gott selbst das Christenthum erst zum zweiten Bunde sen- dete, der erste war rein auf irdisches Interesse und despotische Gewalt basirt. Ich möchte daher fast sagen, wenn ich mich nicht fürch- tete zu spaßhaft zu erscheinen, daß man erst damit an- fangen müßte, die Wilden zu Juden zu bekehren, ehe man sie zu Christen machte. Dies würde auch mit dem Interesse des Handels, diesem wichtigen Hebel, abson- derlich gut übereinstimmen. Man civilisirte sie dann vielleicht mit Schachern weit schneller, als durch Pau- lus Briefe an die Corinther. Dies könnte uns als Fingerzeig dienen, und die Naturge- mäßheit solchen Verfahrens wird auch überall durch Erfah- rung bestätigt, wo derselbe Gang zu gehen ist. Menschen, die so wenig civilisirt sind, als z. B. die noch fast thierischen Bewohner Afrika’s, zu Christen machen zu wollen — scheint mir fast eben so unvernünftig, als den Affen europäische Sprachmeister zu schicken. Auf dieser Stufe der Cultur sind eben nur Interesse und Gewalt, der eine wohlthätige Gewohnheit folgt, anwendbar, und in dieser Hinsicht möchten (einmal angenommen, daß wir Beruf und Recht haben, weniger Civilisirte zu unsrer Civilisation, auch ohne ihren Willen, empor zu heben) selbst die Bekehrungen mit dem Schwerdte nicht so unzweckmäßig als die durch Bibelgesellschaften seyn, immer vorausgesetzt, daß sie ohne Grausamkeit, und aus wahrhaft guter Absicht bewerkstelligt wür- den Man kann nicht läugnen, daß Carl des Großen und der Spanier Heidenbekeh- rungen den meisten Erfolg hatten, nur Schade daß die Spanier. eigentlich bessere Christen als sie waren erst zu einem neuen Heidenthume zwangen. . Der andere Weg, nämlich: durch ihr eignes Christen bekehren, bis Ihr Euch von mir nicht auch zum Hindu habt bekehren lassen — denn ich glaube augenblickliches Interesse auf die Wilden zu wirken, kann nur durch Handel erreicht werden, und scheint der gerechteste und mildeste von allen, würde aber doch auch von einem gewissen Zwang begleitet werden müs- sen, um schnelle und dauernde Resultate herbeizufu̇hren . Das Schlimmste bei den Bemühungen, das Christenthum voreilig einzuführen, ist aber ohne Zweifel, daß die Wilden, sobald sie mit Christen in Collision kommen, gewahr werden müssen, daß diese selbst fast in allen Dingen, dieser Lehre der Liebe fortwährend, sowohl unter sich als gegen sie selbst ent- gegenhandeln, Gouvernements, Corporationen und Ein- zelne. Ihr einfacher Verstand, der durch höhere Cultur noch nicht rektificirt ist, kann dies ohnmöglich zusam- menreimen, und da sie überdem, wie Kinder bei der neuen Lehre hauptsächlich nur die Mythe ins Auge fas- sen, so ist es ihnen nicht sehr zu verdenken, wenn die Liberalen oder Freidenker unter ihnen ausrufen: „Fabel für Fabel, Morden für Morden, Sclaven verkaufen für Sclaven verkaufen — wo ist der Unterschied?“ Hätten die christlichen Mächte ernstlich den Sclavenhandel abgeschafft, und zugleich die, zur Schande Europa’s, noch immer bestehenden, Raubnester an Afrika’s Küsten vernichtet, England aber, statt einen einzelnen Rei- senden nach dem andern (die sich noch obendrein durch ihre englische christliche Arroganz, ohne die Mittel sie durchzufüh r en, dort nur verächtlich und lächerlich ma- chen) von den Einwohnern umbringen, oder am Clima sterben zu lassen — eine sich Respekt verschaffende, und durch vorgängigen Aufenthalt an der Küste schon abge- härtete, Expedition ins Innere geschickt, die mit Würde und mit wohlthätiger Gewalt, dem Handel eine mensch- lichere Richtung zu geben, und die entgegenstehenden Hindernisse, wenn auch zum Theil durch die Macht der Waffen, zu zerstören gesucht hätte — so würde gewiß an die Wahrheit meiner Religion, Ihr an die Wahr- heit der Eurigen. Was Einem recht ist, ist dem An- dern billig — und einzelne Fabeln und Mißbräuche mag es vielleicht in beiden geben, der Geist aber wird wohl aus einer Familie seyn. Das sind noch recht schlechte Aussichten Kotzebue in seiner neuesten Reise um die Wele giebt uns ein ergreifendes Gemälde von dem Unwesen der englischen Missionaire auf Otahaiti und den Sandwichs- Inseln. Als man, sagt er, den, für das Glück seines neu geschaffnen Reichs zu früh verstorbnen, König Ta- meamea zur Annahme der christlichen Religion bewegen wollte, erwiederte er, auf die Statuen seines Cultus hinweisend: Dies sind unsre Götter, die ich seit mei- ner Kindheit zu verehren gelehrt wurde. Ob ich Recht oder Unrecht daran thue, weiß ich nicht; aber ich folge meinem Glauben, der nicht schlecht seyn kann, da er mir vorschreibt keine Ungerechrigkeit zu begehen. Anm. d. H. ! Ich selbst, der, ohne mich deshalb rühmen zu wollen, bereits in meiner Vater- ein großer Theil Afrika’s jetzt unendlich mehr civilisirt seyn, als durch hundertjährige Missionen und Bibelsen- dungen zu erreichen möglichst seyn wird. Einige wer- den hier sagen: A quoi bon tout cela? Andere die Frage aufwerfen, wer uns das Recht gebe, uns ungeru- fen in die Angelegenheiten fremder zu mischen? Die Antwort hierauf würde zu weit führen; was mich betrifft, gestehe ich, den Grundsatz der Jesuiten in so weit zu theilen, daß ich annehme: Ein edler Zweck, das heißt: ein zum Besten Anderer gefaßter Plan, der zugleich mit der Kraft ihn auszuführen verbunden ist, heiligt auf den hohen Standpunkten der Menschheit alle, redlich in demselben Sinn, angewandte Mittel, in sofern sie sich nur auf offene Gewalt beziehen — denn Verrath und Unredlichkeit kann nie zum Guten führen. A. d. H. stadt einen alten Juden, mit dessen Handel es nicht mehr recht fort wollte, zur Taufe vermochte, wofür er noch jetzt eine Pension von mir erhält — suchte auch mein Scherflein zu der Sinneswandelung eines wirklichen Indiers beizutragen, der nach vielen wunderbaren Schicksalen bis in unsere hyperborei- schen Gegenden verschlagen worden war, woselbst die Herrnhuter sich lange, und dennoch vergebens, mit seiner Bekehrung bemüht hatten. Er hörte mir recht geduldig zu, und ich muß gestehen, ich bewun- derte, von der Wichtigkeit des Gegenstandes hinge- rissen, meine eigne Beredsamkeit. Aber was war der ganze Erfolg? Er sah mich lächelnd an, nahm mein Allmosen, schüttelte mit dem Kopf, wie eine Pagode, und ließ mich ohne alle weitere Antwort stehen! P. S. Eben erhalte ich zu meinem großen Schrecken die Nachricht, daß der von mir bekehrte Jude gestorben, und auf dem Todbette, aus Ge- wissensbissen — (sollte man so etwas für möglich halten!) wieder ein Jude gewor- den ist! 5., Als ich vom Begräbniß der Madame R … zurückkam. Vor einigen Tagen begab sich hier eine höchst merk- würdige Geschichte! Es sind erst kürzlich zehn Jahre verflossen, daß ein hübsches, und was mehr sagen will, auch ein frommes Mädchen in einem hiesigen Conditorladen angestellt war. Obgleich vielen Ver- suchungen bei ihrem süßen Metier ausgesetzt (denn nicht alle jungen Leute, die den Conditorladen besu- chen, besitzen meine Sittsamkeit) wollte sie doch auf Niemand hören, und fand ihre Freude blos in der Frömmigkeit. Sie versäumte keine Betstunde beim Präsidenten S … oder Andere, wo sie nur zu einer solchen Zutritt erlangen konnte, und ging vor allen jeden Sonntag, wenigstens einmal, in die Kirche. Eines Sonntags jedoch (es war Martini, wenn ich nicht irre) vergaß sie dieser Pflicht, und blieb, sich mit weltlichem Putze beschäftigend, zu Hause. Da nahte sich ihr die Nemesis in Gestalt eines jungen Mannes, dem sie schon längst heimlich geneigt war, und der an jenem verhängnißvollen Tage es wahr- scheinlich sehr weit in ihrer Gunst brachte, denn kurze Zeit darauf heirathete er sie. Im Anfang leb- ten sie sehr glücklich, und bekamen mehrere Kinder. Nach und nach jedoch ließ, in den Zerstreuungen der Ehe ihre Frömmigkeit bedeutend nach. Die Unglück- liche schien ihre weltlichen Pflichten als Gattin und Mutter zu lieb zu gewinnen, und von nun an dem Genusse der Betstunden und der Lektüre heiliger Bücher sogar vorzuziehen, aber die Folgen ihres Leichtsinns zeigten sich bald. Ihren Mann traf viel- faches, wie man versichert, sonst unverschuldetes Un- glück, einige ihrer Kinder starben, die Familie verfiel in Armuth, und der Mann hieru̇ber zuletzt in die tiefste Melancholie. Letzten Sonntag aber, grade am zehnten Jahrestag jenes erwähnten Sonntags, wo das unglückliche Mädchen nicht in die Kirche ging, hat ihr Mann, in einem Anfall von Wahnsinn, sich und seine Frau grausam ermordet! hier erkenne man, wie die gerechte göttliche Strafe langsam, aber desto sicherer ihr Opfer findet. — Ich enthalte mich aller strengen Betrachtungen, aber wer durch dieses war- nende Beispiel nicht gewitzigt wird, nicht einsieht wie strafbar und gefährlich es ist, den regelmäßigen Be- such der Kirche auch nur einmal zu versäumen -- den bedaure ich! er kann nur durch Schaden klug werden, und wohl ihm, wenn er es noch diesseits wird! — 6., Als ich meinen letzten Korb in D . . bekam. Ich bin sehr unglücklich in der Liebe, eine Sache die schwer zu begreifen ist, aber dennoch bleibt es wahr, daß mir schon wieder einer meiner wohl an- gelegtesten Plȧne mißlungen ist! Seit lange schon liebte ich Fräulein M . . mit al- lem Feuer meines ungestümen Charakters. Ich wagte zwar nicht es ihr zu sagen, aber meine Blicke, die ich Stundenlang schmachtend auf sie heftete, sprachen zu deutlich, um nicht verstanden zu werden. Dem- ohngeachtet hatte ich meiner Angebeteten noch kaum mehr als ein spöttisches Lächeln abgewinnen können, als endlich eine wichtige Epoche, nämlich ihr achtzehn- ter Geburtstag eintrat. Ich beschloß durch eine aus- gezeichnete Galanterie jetzt ihr Herz zu bestürmen, was ich mir um so eher, und mit gutem Gewissen erlauben durfte, da ich nie andre als redliche Absich- ten hege. Ich dachte nun lange nach, was ich wohl wȧhlen sollte. Rosenstöcke und alle botanischen Ge- schenke, wie Früchte u. s. w. sind so alltäglich, Putz durfte es nicht seyn, denn dies würde einer indirek- ten Andeutung geglichen haben, daß ich sie für eitel halte, noch weniger hätte ich ihr mögen etwas Kost- bares anbieten, um sie nicht für interesssrt zu erklä- ren, ein frommes Gesang- oder Erbauungsbüchlein wagte ich nicht zu wählen, um nicht sündlich bei ir- dischen Zwecken Heiliges zu profaniren — nein, nur etwas Gefühlvolles und zugleich zart auf unsre Ver- hältnisse Anspielendes mußte es seyn. — Da fiel mir plötzlich, wie ein Blitz in dunkler Nacht, der Gedanke ein, daß die Zeit der frischen Heringe herannahe. Dies Wort elektrisirte mich, und mit der gewöhnli- chen Schnelligkeit meiner Conceptionen, gewahrte ich im Augenblick was hier alles verborgen liege. So- gleich schickte ich eine Staffette nach Berlin, um dort, wo alles Neue bekanntlich stets zuerst zu finden ist, wo möglich noch vor der jährlichen Annonce in den zwei löschpapiernen Zeitungen, besagte Geschöpfe Got- tes zu erhalten. Alles ging nach Wunsch — beide lagen vor mir, ehe wenige Tage vergingen. Ich ließ sie nun noch, statt der Petersilie, auf einigen Liebe- vollen Blättern des Clauren’schen Vergißmeinnichts (die nie verblühen) anrichten, und überdachte noch- mals, was ihre stumme Sprache (nämlich der He- ringe) außerdem noch alles auszudrücken fähig sey. Es wäre vielleicht zu weit hergeholt, wenn ich es geltend machen wollte, wie Hering an Hymen erin- nere, und beide Worte offenbar eine etymologische Verwandtschaft haben, weil sie beide mit einem gro- ßen H anfangen und auch das kleine n in beiden vorkömmt — aber deutlicher schon sprach der Um- stand: daß sie ein Paar waren — die Haupt- Pointe aus, auf die es abgesehen war. Die blaue Farbe, die an den Himmel erinnert, bedeutete unsre beiderseitige Sanftmuth, und die starke Einsalzung die Schärfe unsres Verstandes und attischen Witzes. Die unverwelkbaren Blätter schrieen, so zu sagen: Vergiß mein nicht: und spielten zugleich sehr deut- lich auf die nie versiegende Wonne an, die wir em- pfinden würden, wenn wir uns erst ganz besäßen! Was aber, glaube ich, der Sache die Krone aufsetzte, war ohne Zweifel das artige Wortspiel, welches im Namen selbst liegt. Hering — her-Ring! deutlicher und zugleich delikater (in jeder Bedeutung des Aus- drucks, denn frische Heringe sind in Preußen und Sachsen eine Delikatesse) konnte ich meine Liebe, und meine redlichen Absichten unmöglich erklären. Um jedoch ganz sicher zu seyn, gehörig verstanden zu wer- den, legte ich oben darauf noch eine, auf chinesisches Reispapier zierlich gemalte und ausgeschnittene Rose, in deren Blättern ich mit schüchterner Hand folgende kleine Erstlinge meiner Muse verbarg: Wem ist’s so wohlig auf dem Grund, Wer wird in blauer Fluth gesund? Der Hering. Die Fluth sind Deine blauen Augen, O laß hinab in sie mich tauchen Als Hering. Ach, so erhöre denn mein Fleh’n, Laß Schönste, ach laß es gescheh’n — Gieb her-Ring! Wer sollte glauben, daß Alles dennoch umsonst war! In schlichter Prosa antwortete mir die Frau Mutter ganz ungebunden und kurz: ihre Tochter bedaure sehr, von jeher eine idgosinkratische Abnei- gung gegen Heringe empfunden zu haben, so daß sie selbst die letzten Theaterstücke des berühmten Willibald Alexis nicht mehr sehen könne, seitdem sie in Erfah- rung gebracht, daß der Verfasser nur Hering heiße. Sie sende mir daher meine Fische nebst begleitender Poesie mit vielem Danke für die gute Meinung, in beifolgendem Korbe ergebenst zurück. Glücklicherweise tröstet die Frömmigkeit ein wahr- haft von ihr ergriffenes Gemüth über Alles, aber ich mußte wohl zwei Stunden in der Bibel lesen, ehe ich wieder hinlängliche Geduld und Fassung erhielt — und obgleich der Wallfisch, welcher Jonas ver- schlang, und mit dem ich mich heute unterhielt, sehr groß war, so verschwand er doch jeden Augenblick in meiner Phantasie vor dem verhängnißvollen Herings- Paar. In meinem Aerger (den ich leider immer noch nicht ganz besiegt habe) muß ich aber den erwähnten beiden Lȯschpapiernen nun auch etwas abgeben. Sie sollten doch in ihren Annoncen sich nicht nur richti- gerer Orthographie befleißigen, sondern auch auf den Sinn einige Rücksicht nehmen. Von den schmähligen Wurstbällen, Wisotzky, und Jungfern Stechen, will ich nichts sagen, aber in einer Sammlung vaterlän- discher Merkwürdigkeiten, die ein Berliner Freund von mir angelegt hat, finde ich von besagten Zeitun- gen einige Blätter mit folgenden zwei Todes-Anzeigen von demselben unglücklichen Vater; und einer dritten, ältern Ankündigung zu einem Concert. 1) Heute nahm der liebe Gott, auf seiner Durch- reise durch Teltow, meinen jüngsten Sohn Fritz, an den Zȧhnen zu sich. 2) (Einen Monat später.) Heute nahm der liebe Gott schon wieder meine Tochter Agnese zur ewigen Seligkeit zu sich. 3) Montag wird im hiesigen Schauspielhause ein Concert gegeben. Der Ertrag der Einnahme ist zur Grundlage eines Unterstützungs- Fonds unsrer im Kampfe für das Vaterland gebliebenen Landsleute bestimmt. Nun frage ich Jeden, ob das nicht den Tod lächer- lich machen heißt, gewiß eine schwere Sünde, auch wenn sie absichtslos begangen wird.“ Soweit vor der Hand unser Freund L . . Aber die Nacht wird blässer — schon dämmert das neue Licht. Ich sage also wie das Lied von Moore: Es ist schon Tag , d’rum gute Nacht . Ich sende Dir diesen langen Brief, den ein Bekannter morgen früh mit nach London nimmt, durch unsre Gesandt- schaft und schließe mit einem herzlichen Kuß, der, wohl eingesiegelt, hoffentlich die P . . . . Douanea unangefochten passiren wird. Dein treuer L . . Sechs und zwanzigster Brief. Caernarvon, den 19. July 1828. Geliebte Freundin! Todtmüde komme ich eben von der Ersteigung des großen Snowdon zurück, des höchsten Berges in England, Schottland und Wales, was freilich nicht allzuviel sagen will. Vergönne mir also Ruhe bis morgen, wo ich Dir meine fata treulich erzählen werde. Indessen gute Nacht für heut. den 20 sten Nachdem ich das Paquet für Dich Mr. S. über- geben und auf das sorgsamste empfohlen, verließ ich vor der Hand Bangor, so schnell, als vier Postpferde mich davon fahren konnten. Unterwegs besah ich ei- nige Eisengußwerke, die ich jedoch übergehe, da ich nichts Neues darinnen bemerkte. Ich befand mich etwas unwohl, als ich im Gasthof zu Caernarvon anlangte, wo ein bildschönes Mädchen mit langen schwarzen Haaren, die Tochter des Wirths, der ab- wesend war, sehr anmuthig die honneurs machte. — Den andern Morgen um 9 Uhr setzte ich mich, bei ziemlich versprechender Witterung, auf einen char-a- banc mit zwei inländischen Pferden bespannt, die ein kleiner Junge führte, welcher kein Wort englisch ver- stand. Wie toll jagte er im train de chasse über schmale Seitenwege durch die felsige Gegend. All mein Rufen war vergebens, und schien ganz entge- gen gesetz von ihm interpretirt zu werden, so daß wir die neun Meilen bis zum See von Llanberris, in weniger als einer halben Stunde, über Stock und Stein, zurücklegten. Ich begreife jetzt noch kaum, wie Wagen und Pferde es ausgehalten haben. An den Fischerhütten, die hier zerstreut und einsam lie- gen, erwartete mich ein sanfteres Fuhrwerk, nȧmlich ein nettes Boot, auf welchen ich mich mit zwei rü- stigen Bergbewohnern einschiffte. Der Snowdon lag jetzt vor uns, hatte aber leider, wie die Leute es nannten, seine Nachtmütze über den Kopf gezogen, während die umgebenden niederen Verge im hellsten Sonnenscheine glänzten. Er ist zwar nur gegen vier tausend Fuß hoch, erscheint aber deswegen weit an- sehnlicher, weil er seine ganze Höhe ohne Absatz vom Seeufer hinan steigt, während andere Berge dieses Ranges ihre Spitze gewöhnlich erst von einer schon hohen Basis erheben. Die Ueberfahrt bis zu dem kleinen Gasthofe am Fuße des Snowdon ist drei Meilen lang, und da der Wind heftig wehte, ging es sehr langsam und schwankend vorwärts. Das Wasser des Sees ist so schwarz als Tinte, die Berge kahl und mit Steinen besȧet , nur mit wenigen grünen Briefe eines Verstorbenen I. 5 Alpenabhängen abwechselnd. Hie und da sieht man am Fuß einige niedrige Bäume, aber das Ganze ist wild und düster. Ohnfern der kleinen Kirche von Llanterris ist der sogenannte Heiligenbrunnen, den eine einzige ungeheure Forelle bewohnt, die seit Jahrhunderten den Fremden gezeigt wird. Oft läßt sie sich jedoch nicht herauflodern, und es wird für ein glückliches Zeichen angesehen, wenn man sie schnell erblickt. Als ein Feind aller Orakel ließ ich sie unbesucht. Man erzählte mir auch von einer son- derbaren Amazone, die, mit Riesenstärke begabt, hier lange ein wildes Männerleben geführt, und von großen Bienen, welche die Walliser so hoch schä- tzen, daß sie annehmen, sie seyen im Paradiese ge- boren. Man fängt hier auch viele und vortreffliche Lachse. Die Art des Fanges aber ist originell, denn sie wer- den mit besonders dazu abgerichteten kleinen Hun- den gehetzt, die sie aus dem Schlamm herausholen, in dem sie sich zu gewissen Zeiten verkriechen. Ich besorgte mir im Wirthshaus schnell einen Füh- rer und Pony, (ein kleines Gebürgspferd) und eilte mich auf den Weg zu machen, immer noch hoffend, daß die drohenden Wolken sich nach Mittag verthei- len würden. Leider aber geschah das Gegentheil — es wurde immer schwärzer und schwärzer, und ehe ich noch eine halbe Stunde lang, vor meinen Pony, den der Führer am Zaume leitete, hinan geklettert war, hüllte schon ein dunkler Mantel Berge, Thäler und uns ein, und ein derber Regen strömte auf uns herab, gegen den mein Schirm mich nicht lange schützte. Wir flüchteten endlich in die Ruine einer alten Burg, und nachdem ich mühsam eine verfallne Wendeltreppe erstiegen, gelangte ich auf den Ueberrest eines Söl- lers, wo ich unter Epheuranken ein gutes Obdach fand. Alles um mich her sah aber gar melancholisch aus. Die zerbröckelten Mauern, der Wind, der kla- gend durch sie hinrauschte, der monotone Fall des Regens, und die so unangenehm getäuschte Hoff- nung, stimmten mich ganz traurig — ich dachte seufzend, wie mir nichts, auch das Kleinste nicht, wie ich es wünsche, gelingt, wie Alles, was ich un- ternehme, das Ansehen des Unzeitgemäßen und Son- derlingartigen annimmt, so daß ich überall wie hier, was Andere bei Sonnenschein vollbringen, in Regen und Sturm durcharbeiten muß. Ungeduldig verließ ich das alte Gemäuer, und steuerte wieder bergan. Das Wetter wurde aber nun so fürchterlich, und der sich erhebende Sturm selbst so gefährlich, daß wir von neuem in einer elenden verfallenen Hütte Schutz suchen mußten. In dem rȧuchrigen Innern spann stillschweigend eine alte Frau, und einige halbnackte Kinder kauten, auf dem Boden liegend, an trocknen Brodrinden. Mein Eintreten schien von der ganzen Familie kaum bemerkt zu werden, wenigstens än- derte es nichts in ihren Beschȧftigungen . Ei- nen Augenblick starrten mich die Kinder ohne Neugierde an, und fielen dann wieder in die Apathie des Elends zurück. Ich setzte mich auf den 5* runden Tisch, das einzige Möbel im Hause, und gab ebenfalls meinen Gedanken Audienz, die nicht die erfreulichsten waren. Da indessen der Sturm immer ärger wüthete, rieth mir der Führer ernstlich umzukehren. Es wäre ohne Zweifel auch das ver- nünftigste gewesen, um so mehr, da wir noch nicht den dritten Theil unseres Weges zurück gelegt hat- ten. Da ich mir aber schon früh vorgenommen, Deine Gesundheit, gute Julie, auf der Spitze des Snowdon in Champagner zu trinken, den ich zu diesem Behuf von Caernarvon mitgenommen, so schien es mir von übler Vorbedeutung, dies aufzu- geben. Mit der Heiterkeit also, die ein fester Ent- schluß bei großen und kleinen Angelegenheiten immer giebt, sagte ich dem Führer lachend: Und wenn es statt Wasser Steine regnen sollte, ich drehe nicht eher um, bis ich Snowdon’s Gipfel gesehen, und hiermit bestieg ich meinen Pony. Der armen Frau ließ ich ein Geschenk zurück, das sie jedoch nur mit geringer Theilnahme empfing. Der Weg war äußerst beschwerlich geworden, da er fortwährend über lose und glatte Steine, die der Regen abspühlte, oder über sehr schlüpfrigen Rasen ging. Ich bewunderte, wie mein kleines thätiges Thier, nur mit glatten englischen Eisen ohne Griffe beschlagen, so sicher auf diesem Boden fortschritt. Es wurde indeß bald so schneidend kalt, daß ich, ganz durchnäßt, wie ich war, das Reiten nicht län- ge r aushalten konnte. Ich bin jedoch auch das Klettern so wenig mehr gewohnt, daß mich einige- mal die Mattigkeit fast übermannte, stets aber hörte ich dann, wie der Ritter in des weiland Spieß zwölf schlafenden Jungfrauen die encourangirenden Glöck- chen, ermahnend das mä — mä der Bergschnucken er- tönen, die zu Hunderten hier auf den magern Gras- flecken weiden. Ich unterließ dann nie, mich des lieben Schäfchens in der Heimath zu erinnern, und rüstig weiter zu schreiten, bis ich wirklich mich nach einer Stunde ganz erholt hatte, und frischer zu füh- len anfing, als beim Ausmarsch. Aussichten ent- schȧdigten mich nicht, denn von Wolken ganz um- schleiert, konnte ich kaum 20 Schritt weit vor mir sehen, und in diesem geheimnißvollen clair obscur erreichte ich auch den ersehnten Gipfel, zu dem man über einen schmalen Felsenkamm gelangt. Ein Stein- haufen, in dessen Mitte eine hölzerne Säule steht, ist als Wahrzeichen aufgerichtet. Ich glaubte hier der Erscheinung meines Doppelgängers zu begegnen, als ein junger Mann aus dem Nebel hervortrat, der mir selbst völlig glich, NB wie ich aussah, als ich vor 16 Jahren in den Schweizer-Alpen umher- irrte. Er trug, wie auch ich damals, ein leichtes Ränzchen auf dem Rücken, den Alpenstock in der Hand, und einen soliden, für Bergreisen classischen Anzug, der allerdings einen eben so großen Kontrast mit meinen Londner Promenadenstiefeln, steifer Halsbinde und engem frockcoat abgab, als seine Jugendfrische mit meinem, in der Stadt vergelbten, Gesichte. Er sah aus, wie der junge Natursohn, ich wie der ci devant jeune homme. Er hatte von der andern Seite den Berg erstiegen, und frug mich nur, ohne sich aufzuhalten, angelegentlich, wie weit der Gasthof, und wie der Weg beschaffen sey? So- bald ich ihm meine Nachrichten mitgetheilt, eilte er singend und trällernd die Felsen hinab, und ent- schwand bald meinen Blicken. Ich kritzelte unterdeß meinen Namen, neben tausend andern, auf einen großen Stein, und ergriff dann das Kuhborn, wel- ches mir der Gastwirth als Trinkgeschirr mitgegeben hatte, und befahl meinem Führer, den Stöpsel der Champagnerflasche zu lösen. Sie mußte ungewöhn- lich viel fixe Luft enthalten, denn der Pfropf flog hö- her, als die Säule unter der wir standen, und Du kannst daher, ohne Münchhausen etwas abzuborgen, mit gutem Gewissen versichern, daß als ich am 17. Juli Deine Gesundheit trank, der Champagner- stöpsel gegen 4000 Fuß hoch über die Meeresfläche geflogen sey. So wie das Kuhhorn überschäumend gefüllt war, rief ich mit Stentorstimme in die Dun- kelheit hinein: Hoch lebe Julie , mit neunmal neun (nach englischer Manier). Dreimal leerte ich darauf den animalischen Becher, und wahrlich, durstig und erschöpft wie ich Ursach hatte zu seyn, hat mir nie in meinem Leben Champagner besser geschmeckt. Nach vollendeter Libation aber betete ich von Herzen. Es waren nicht Worte — aber innige Gefühle, unter denen der Wunsch lebhaft hervortrat, daß es doch Gottes Wille seyn möge, es Dir auf Erden gut er- gehen zu lassen, und dann auch mir — if possible — und siehe! ein zierliches Lamm kam durch die Wol- kenschleier heran geklettert, und die Nebel theilten sich, und vor uns lag, in zuckenden Sonnenblitzen, einen Moment lang klar die vergoldete Erde. Doch nur zu bald schloß sich der Vorhang wieder — ein Bild meines Schicksals! Das Schöne und Wün- schenswerthe, die vergoldete Erde erscheint nur zuweilen, gleich Irrlichtern vor mir; — so bald ich sie ergreifen will, verschwindet alles wie ein Traum. Da nun keine Hoffnung mehr war, daß in den höchsten und allerhöchsten Regionen sich das Wetter heute bleibend aufklären wu̇rde , so mußten wir den Rückweg antreten. Ich fand mich jetzt so gestärkt, daß ich nicht nur keine Müdigkeit mehr spürte, son- dern sogar das seit vielen Jahren nicht mehr ge- kannte Gefühl wieder empfand, wo das Gehen und Laufen, statt eine Mühe zu seyn, an sich selbst ein elastisches Vergnügen gewährt. Ich sprang also, gleich meinem vorher begegneten Jünglingsbilde, die Felsen und nassen Binsenabhänge so schnell hinab, daß ich einen Theil des Weges, der mir hinauf an- derthalb Stunden gekostet hatte, in wenig Minuten zurück legte. Hier trat ich auch endlich aus den um- gebenden Wolken wieder heraus, und, war schon die Aussicht weniger prachtvoll, als sie auf dem Gipfel seyn mag, so gewährte sie dennoch einen großen Genuß. Ich mochte mich immer noch drittehalb tau- send Fuß über dem Meere befinden, welches sich ohne Grenzen vor mir ausbreitete. In seinem Busen überschaute ich, wie auf einem Relief, die Insel An- glesea, und in den sich überall kreuzenden Schluch- ten des Gebürges in meiner Nähe, zählte ich gegen zwanzig kleinere Seen; manche dunkel, manche so hell von der Sonne beschienen, daß die Augen ihren Spiegelglanz kaum ertragen konnten. Unterdes- sen war der Führer auch herabgekommen, da ich aber das Terrain nun vollkommen gut allein beur- theilen konnte, der Abend schön war, und ich noch keiner Müdigkeit Raum gab — so ließ ich ihn und sein verständiges Pferdchen auf der graden Straße allein zu Hause wandern, und beschloß mir meinen einsamen Rückweg über die schönsten Punkte selbst auszusuchen, et bien m’en prit — denn seit der Schweiz erinnere ich mich keines reizenderen Spa- zierganges. Ich folgte einem Felsenriß, längs des wilden Passes von Llanberris, berühmt aus den Kriegen der Engländer und Welschen, und wo die Letzteren, unter ihrem großen Fürsten Llewellyn, oft den Untergang der fremden Eindringlinge, vielleicht von derselben Stelle, wo ich jetzt stand, betrachten konnten. Die jählingen Felsenwände, die an vielen Orten fast senkrecht nach dem Passe abfallen, sind eine gute Uebung gegen den Schwindel. Ich erstieg nach und nach mehrere ziemlich bedenkliche Spitzen dieser Art, und fand in dem leichten Schauder, den die Gefahr einflößte, nur einen Genuß mehr. L’e- motion du danger plait à l’homme, sagt Frau von Sta ë l. Ganz allein war ich übrigens nicht. Die er- wähnten Bergschaafe, weit kleiner als die gewöhn- lichen, wild und behende wie Gemsen, schreckten oft vor mir nach Art der Rehe, und stürzten sich auf ihrer Flucht über Abhȧnge hinab, wo ihnen so leicht niemand folgen würde. Die Wolle dieser Thiere ist die gröbste, aber ihr Fleisch dagegen das zarteste und wohlschmeckendste, das es giebt. Auch legen die Londner Gourmands einen großen Werth darauf, und behaupten, daß wer nicht Hammelfleisch vom Snowdon gegessen, gar keinen Begriff davon habe, welches Ideal ein Schöpsenbraten zu erreichen im Stande sey. Ein anderes mal kam ich fast in Collision mit ei- nem großen Raubvogel, der, langsam mit ausge- breiteten Flügeln schwebend, den Blick so emsig nach der Tiefe gerichtet hatte, und so wenig darauf rechnen mochte, auf der unzugänglichen Felsenkuppe meine Bekanntschaft zu machen, daß er mich nicht eher be- merkte, bis ich ihn fast mit Händen greifen konnte. Jetzt schnellte er zwar, wie ein Pfeil hinweg, ver- ließ aber den Gegenstand seiner unterirdischen For- schungen keineswegs, und lange sah ich ihn noch, gleich einem Punkt, im blauen Aether schiffen, bis die Sonne hinter den hervorspringenden Bergen hinabsank. Ich suchte nun in möglichst grader Linie zu der Hütte herab zu kommen, in der ich früher einen Augenblick verweilt hatte. Nicht weit davon melkte ein Mädchen ihre Kühe, deren frische Milch mir sehr willkommen war, und bei der ich auch mei- nen Führer wieder antraf. Dies machte ich mir dankbar zu Nutze, um den Rest des Weges, in mei- nen Mantel gehüllt, auf dem sichern Pony recht wohlthuend auszuruhen. Nachdem ich mich im Gast- hof umgezogen, eine Vorsicht die man bei Bergreisen nicht versäumen darf, schiffte ich mich von neuem auf den, jetzt vom Abendrothe herrlich glühenden, See ein. Die Luft war mild und lau geworden, Fische sprangen oft freudig in die Höhe, und Reiher umkreisten in zierlichen Bogen die Schilfgestade, während hie und da ein Feuer an den Bergen auf- flackerte, und der dumpfe Donner gesprengter Felsen aus den entfernten Steinbrüchen herüber tönte. Lange stand schon des Mondes Sichel am dunkeln Himmel, als mich die schwarz gelockte Hebe wieder in Caernarvon empfing. den 21 sten Ich war doch ein wenig von den lezten vier und zwanzig Stunden angegriffen, und begnügte mich daher beute mit einem Gange nach dem berühmten hier liegenden Schlosse, welches von Eduard I. , dem Eroberer von Wales, erbaut und von Cromwell zerstört, jetzt eine der schönsten Ruinen in England bildet. Das Einzige, was ich dabei bedaure, ist, daß es so nahe an der Stadt und nicht einsam im Gebürge steht. Die äußern Mauern, obwohl ver- fallen, bilden doch noch eine ununterbrochene Linie, welche ohngefähr drei Morgen Landes umschließt. Der innere, mit Gras bewachsene, mit Schutt und Disteln jetzt gefüllte Raum, ist nahe an 800 Schritt lang. Sieben Thürme, schlank und vest gebaut, von verschiedener Form und Größe umgeben ihn. Einer derselben ist noch zugänglich, und ich erstieg auf ei- ner hinfälligen Treppe von 140 Stufen seine Plat- form, wo man eine imposante Aussicht auf Meer, Gebürge und Stadt hat. Beim Herabgehen zeigte man mir die Rudera eines gewölbten Zimmers, in welchem, der Tradition nach, Eduard II. der erste Prinz von Wales, geboren ward. Die Welschen hatten nämlich, eingedenk der Bedrückungen engli- scher Hauptleute, in früheren Zeiten partieller und momentaner Eroberung, dem Könige fest erklȧrt , daß sie nur einem Statthalter, der ein Prinz ihrer eignen Nation sey, Folge leisten wollten. Sofort ließ Eduard, mitten im Winter, seine Gemahlin Eleonor herbeiholen, um heimlich ihre Niederkunft in Caernarvon Castle abzuwarten. Sie gebar einen Prinzen, worauf der König die Edeln und Vor- nehmsten des Landes zusammenberief, und sie feier- lich frug: ob sie sich der Regierung eines jungen Prinzen unterwerfen wollten, der in Wales geboren sey, und kein Wort englisch sprechen könne? Als sie dies freudig und erstaunt bejahten, präsentirte er ihnen seinen eignen, eben gebornen Sohn, indem er in gebrochenem Welsch ausrief: Eich Dyn, d. h. dies ist Euer Mann! — welche Worte später in „Ich Dien“ dem Motto des englischen Wappens, corrum- pirt worden sind. Ueber dem großen Hauptthore steht noch Eduards steinernes Bild, mit der Krone auf dem Haupt, und einem gezückten Dolche in der Rechten, als wolle er nach sechs Jahrhunderten noch die Steintrümmer seines Schlosses bewachen. Ueber Entweihung hatte er auch heute mit Recht zu klagen, denn, inmitten der Ruine, machte auf dem grünen Platze ein Ka- meel, nebst Affen in rothem Tressenrocke, seine Kunst- stücke, und jubelnd stand eine zerlumpte Menge um- her, sich des jämmerlichen Contrastes nicht bewußt, den sie mit den ernsten Ueberresten der sie umgeben- den Vergangenheit bildete. Der Thurm, in welchem der Prinz geboren ward, heißt der Eagletower, (Adlerthurm) aber nicht von ihm rührt diese Benennung her, sondern von vier colossalen Adlern, welche die Spitze krönten, und von denen noch einer vorhanden ist. Man hält ihn für einen römischen, denn Caernarvon steht auf dem Grunde des alten Segontium, das.... doch ich ver- steige mich zu weit, und war auf gutem Wege in den Ton eines Reisebeschreibers von Profession zu fallen, der ennuyiren zu dürfen glaubt, wenn er unterrichtet — obgleich er den Unterricht selbst, ge- wöhnlich erst durch mühsames Nachlesen der Lokal- bücher erlangt. Je n’ai pas cette prétention vous le scavez, je laisse errer ma plume, unbekümmert wo sie mich hinführt. Der Marquis von Anglesea hat kürzlich hier ein Seebad angelegt, das von einer Dampfmaschine diri- girt wird, und sehr elegant eingerichtet ist. Ich be- nutzte es beim Rückweg vom Schlosse, und bemerkte in den Erholungszimmern ein Billard von Metall, auf Stein gesetzt. Accurater kann man sich keines wünschen, ob die Dampfmaschine auch die Parthien markirt, vergaß ich zu fragen. Unmöglich wäre es nicht in einem Lande, wo kürzlich Jemand ganz im Ernste vorschlug, Dampfkellner in den Caffeehäusern einzuführen, und wo es eben nicht viel anders her- gehen würde, wenn eine Dampfmaschine mit 40 Pferde- Kraft auf dem Throne säße. Liebe Julie, einem Reisenden muß es erlaubt seyn, oft und viel vom Wetter und vom Essen zu sprechen! Haben doch die Romane des berühmten, einst Unbe- kannten, oder einst berühmten Unbekannten, einen nicht unansehnlichen Theil ihrer Reize den meister- haften Schilderungen dieser Art zu danken. Wem läuft nicht das Wasser im Munde zusammen, wenn er Dalgetti, den Soldaten der Fortuna, essen sieht, und noch unbezwinglicher bei Tisch als in der Schlacht findet? Es ist wirklich gar kein Scherz, wenn ich Dir versichere, daß ich, bei meinem reizbaren Nervensy- stem, wenn ich in Folge einer kleinen Indigestion den Appetit verloren hatte, oft nur zwei Stunden im Un- bekannten zu lesen brauchte, um mich vollkommen wieder hergestellt zu fühlen. Heute bedurfte ich jedoch dieser Stimulanz in keiner Art. Es war hinlänglich den vortrefflichen frischen Seefisch, nebst den berüch- tigten mountain mutton (Berghammel) auf dem Ti- sche dampfen zu sehen, um mit Heißhunger darüber herzufallen, denn ein Seebad und die Besteigung des Snowdon wirkt noch stärker als Walter Scott. Mein schwarzes Mȧdchen , die mich, da ich heute der einzige Gast im Hause war, selbst bediente, wurde zuletzt ungeduldig, mich immer wieder auf besagten Hammel zurückkommen zu sehen, und äußerte mür- risch, ich thȧte nichts als essen, wenn ich nicht herum- liefe. Sie selbst war weit ȧtherischerer Natur, und hatte, seit ich hier bin, bereits meine portative Ro- manenbibliothek zur Hälfte ausgelesen; jedesmal wenn ich sie wieder sah, prȧsentirte sie mir einen geistig verschlungenen Band, und bat so sehnsüchtig um ei- nen andern, daß ich ein weniger weiches Herz hätte haben müssen, um es ihr abzuschlagen. Auf diese Weise begegnete sich unser beiderseitiger Appetit, der meine nach dem realen, der ihrige nach dem idealen, auf die unschuldigste Weise. den 22sten. Von Bangor hat man mir heute ein großes Paket nachgeschickt, in dem ich vergebens Nachrichten von Dir suchte, aber herzlich über einen Brief von L. lachen mußte, der mir in Verzweiflung schreibt, wie übel es ihm ergangen sey. Er hat nämlich, wie er meldet, seine Betrachtungen, deren Anfang ich Dir mittheilte, in Fragmenten drucken lassen, und eine gewisse Parthei, die sich zu wund fühlt um nicht übersüsceptibel zu seyn, y a entendù malice. Sie hat sogleich in der Lamm’s Zeitung einen wüthenden Artikel gegen ihn einrücken lassen, und der arme L., der seine Leute kennt, fürchtet jetzt ohnfehlbar beim Examen durchzufallen. Da die gegen ihn gerichtete Philippika nicht lang ist, und überdem die Zeit gut charakterisirt, ich auch heute Ruhetag habe, so schrei- be ich Dir, mit einigen Abkürzungen, die Haupt- sache ab. Ueber die Betrachtungen einer gemüthlichen Seele aus Sandomir. Eine Rede vom Herrn von Frömmel , Adjutanten Seiner Durchlaucht des Fürsten von ....... Gesprochen im adli- chen frommen Conventikel beiderlei Geschlechts zu A … Heilige Geiststraße Nr. 33. am 4ten Mai 1828; und hier besonders abgedruckt aus den Sammlungen für ächte Christen. Hoch- und Hochwohlgeborne, fromme Brüder und Schwestern! Mit Recht sagt unser Heiland: Es giebt viel Wölfe in Schafspelzen! Ein Solcher ist aber Träger vorlie- genden Schafpelzes, der ungenannte Verfasser der Betrachtungen ꝛc. sonder allen Zweifel. Es ist nicht schwer zu entziffern, daß unter der Maske von Fröm- migkeit, und einer fast an Albernheit grȧnzenden Sim- plicität, hier mit höhnischem Spott dieselbe verder- bende Schlange zischt, welche einst unsere fromme Mutter Eva verführte, und seitdem unsere heilige Re- ligion unablässig mit ihrem Geifer besprützt, nur sin- nend wie sie Thron und Kirche untergrabe. Wir je- doch wollen unsrer (allerdings leider etwas zu leicht- gläubigen) Stammmutter nicht gleichen, sondern Sa- telliten des Teufels mit Feuer und Schwert ausrot- ten, wo wir sie finden. Ja meine Freunde und Ihr meine Freundinnen, Ihr wißt es — der Teufel ist und lebt — nicht wie die ungläubige Rotte sagt: in uns, als Teufel der Leidenschaften, der Eitelkeit, des Hasses, der Sünde — nein, persönlich schleicht er herum auf der Erde, wie ein brüllender Löwe, mit Bockshorn und Pferdeschweif, und pestilentialischem Gestank, wo er sich zu erkennen giebt — wer nicht so an den Teufel glaubt, glaubt auch nicht an Je- sus… Wer dennoch daran zweifeln sollte, dem können wir auf Treu und Glauben versichern, dem bösen Feind selbst schon so begegnet zu seyn, ja einem der ver- dienstvollsten Mitglieder unserer heiligen Gesellschaft, einer hohen Dame, die wir hier nur mit dem Namen Sexaginta bezeichnen wollen, erschien er auf noch weit schändlichere Weise. Sie stand damals auch schon einem frommen Conventikel vor, gemeinschaftlich mit dem würdigen Herren Lieutenant Grafen von N ..... und hatte es eben mit siegender Rede durchgesetzt, daß die Gemeinde sich einstimmig verpflichtete, nie heidnische Kunstausdrücke, als z. B. der Gott Amor oder die Göttin Venus, zu gebrauchen, sondern, wo der Gegen- stand nicht ganz zu umgehen sey, doch jener unreinen Dämonen, eingedenk unserer christlichen Pflicht, nur als des Götzen Amor, der Götzin Venus u. s. w. zu erwähnen. Dies mochte Satan auf die empfind- lichste Stelle getroffen haben. Racheschnaubend suchte er nun die Taube zu verderben, und erschien ihr zuerst, mit verruchter List, in der Gestalt des Herrn Lieute- doch warum ereifere ich mich, hier ist ja kein Vernünftler, hier kein Verständiger der Welt, hier sind wir ja Alle nur einfältige Christuslämmer, eine Heerde und ein Hirt. Doch ist Warnung stets vonnöthen, und drum rufe ich heute Allarm! Wir haben bis jetzt zwar nur Bruch- stücke jener giftigen Betrachtungen erhalten, und wis- sen noch nicht ganz, wo der Verfasser eigentlich da- mit hinaus will, aber auf uns ist es gemünzt, daran bleibt kein Zweifel, und Gottlob! finden wir ja auch schon in dem Vorhandenen genug, ihn als Gottlosen anzuklagen! Ist es nicht offenbar, daß er frevelnd der Vorsicht und ihrer Allmacht spottet? Wir hoffen, wir bitten daher gläubig und inbrün- stig, daß diese Allmacht auch ihre Rache selbst über- nehmen, und jener gemüthlichen Seele schon hier ei- nen Vorschmack von dem geben möge, was sie ohn- fehlbar einst in den ewigen Flammen erwartet; und der allliebende Gott thue dies bald und schreck- lich, damit kein reines Schaf unsrer Heerde vorher noch verführt werde von diesem Unreinen, und selbst nants selbst, mit gleißnerischen Worten suchend sie zu bethören — doch die Frömmigkeit siegte, und bald mußte er sich decouvriren, in aller seiner Schmach. So triumphiren zuletzt immer die Gerechten! Sexaginta aber wußte seitdem, daß es Dinge giebt, von denen sich manche unsrer sogenannten Weisen nichts träumen lassen, und konnte, frömmer als der Dichter, ausrufen: Der Teufel, er ist kein leerer Wahn! Anm. des Redacteurs der Lammzeitung. Briefe eines Verstorbenen. I. 6 schmählig zu Falle komme. Gewiß Freunde und Freundinnen, ein Feind, ein Vampyr, ein Atheist schrieb diese Worte. Nichts ist ihm heilig, und nicht allein die ewige Vorsicht, ja selbst unsern Heiland greift der Frevler mit verfänglichen Ausdrücken an! der Verruchte! Das süße Lamm für ihn gestorben Rührt sein verstocktes Herze nicht! Drum mit der Seele die verdorben O Herr! halt’ schleunig Strafgericht! Altes Gesangbuch. O, meine Brüder und Schwestern! schrecklich wird — wir rechnen mit Zuversicht darauf, — das Loos eines Solchen am jüngsten Tage seyn, wenn die Lei- ber auferstehen, und sein irdisches Ohr zum ersten- mal wieder hört, um den Donner der Posaunen zu vernehmen, die ihm ewige Verdammniß ankündigen. Da ist kein Erbarmen! da wird seyn Heulen und Zähnklappern! aber hieran sollen wir uns ein Beispiel nehmen, auch unerbittlich seyn wie jenes Strafge- richt! Wir glaubten kaum, daß nach allen unsern christli- chen Bemühungen, in unsrer so wahrhaft, ich sage es mit Stolz, wahrhaft christlichen Stadt, wo alles an- gewendet wird, das Gift der Toleranz und des ver- ruchten Selbstdenkens zu vernichten — denn wie kann der elende Wurm, Mensch genannt, seine Gedanken an das Göttliche legen wollen, seine Vernunft, die er ja nur von Gott hat, Gottes eigner , specieller Offenbarung entgegenstellen wollen? der Unsinn ist zu offenbar! — ich sage, wir hätten kaum geglaubt, daß es auch bei uns noch solche Menschen geben könnte, die es wagen, unbekümmert um fremde Au- torität, bei Erforschung der Wahrheit ihren eignen Weg zu gehen, Freidenker und Heiden, die aber nur wieder auftauchen, weil die Behörden, (selbst unsre sonst doch thätige Censur an der Spitze) noch viel zu nachsichtig gegen das größte aller Verbrechen, religiö- sen Unglauben, sind. Eine moderate Inquisition wäre vielleicht deshalb wohlthätig mit dem neuen Gebet- buch einzuführen gewesen, um die Rechtgläubigen zu beschützen, diese wahren Christen, diese einzigen be- vorrechteten Lieblinge Gottes, die unbedenklich glau- ben, was Fürst und Kirche befiehlt, ohne zu klügeln noch zu deuten. Nur solche auch können für Staat und Kirche wahren Werth haben, hinweg mit allen Uebrigen! Sie seyen verdammt, wie alle ungetauften Kinder der Juden und Heiden. — O könnten wir für immer aus unsern Annalen jene schamlose Zeit ausmerzen, wo ein Philosoph (und nicht einmal ein Ideologe, sondern ein praktischer) auf einem deutschen Throne saß, und — Christen, werdet ihr einst es glauben — den Namen des Großen erhielt! Das Mildeste was wir jetzt, zum Gnadenreiche der Fröm- migkeit unter blutigen Thränen zurückgekehrt, über ihn zu sagen vermögen, ist: Gott sey seiner armen Seele gnädig! Lange werden aber die Frommen und ihre heilige Legion noch kämpfen müssen, ehe die 6* Saat, die dieser große!!! Mann gesäet, gänzlich zertreten, ehe die letzte Spur jener elenden Vernunft, der er huldigte, gänzlich ausgerottet seyn wird. Doch verzweifelt deshalb nicht, meine Brüder in Christo; einem so edlen Eifer als dem unsrigen ist nichts un- möglich, und weltlicher Lohn erwartet Euch in viel- facher Gestalt schon jetzt, von den erhabnen Quellen, an denen wir selbst täglich schöpfen — einst aber noch größere Glorie im Palast des Herrn. Nur hütet Euch vor dem Vernünfteln in jeder Gestalt, glaubet — nicht nach eigner Forschung — sondern wie es Euch vorgeschrieben ist, und vor allem hütet Euch vor Duldung! Liebet Euern Heiland, nicht nur über Al- les, sondern auch einzig und allein. Wer aber nicht für ihn ist, ist wider ihn, und mit einem Solchen habt kein Erbarmen. Ihn verfolgt rastlos, kann es nicht offen geschehen, so untergrabt ihn mit böser Nachrede, heimlicher Verläumdung, ja scheut die gröb- sten Lügen nicht, vorausgesetzt daß ihr sie sicher und im Verborgenen ausbreiten könnt, denn hier heiligt der Zweck alle Mittel. — Ach! wären wir doch stets in der wahren Communion-Stimmung, um nimmer in unserm Eifer zu erkalten! Nur weil sie weder warm noch kalt sind, haben jene Philosophen die To- leranz — diese Tugend der Heiden — gepredigt. Wir haben gesehen, wohin sie uns gebracht, als der wahn- sinnige Freiheitsschwindel die Canaille ergriff, und all- gemeine Anarchie die Throne, die Kirche, unsern alten Adel, und alles Ehrwürdige über den Haufen zu wer- fen drohte — darum fort mit jedem Gedanken an ver- derbliche Duldung gegen anders Denkende. Christus sagt zwar selbst: Segnet die Euch fluchen, und wei- ter: wenn ihr einen Backenstreich auf die eine Backe erhaltet, so reicht die andere hin — doch hierüber habe ich meine eignen Gedanken. — Stellen dieser Art müssen durchaus anders zu verstehen seyn, denn wie wären sie mit den unerläßlichsten Gesetzen unsres Standes zu vereinigen? Gebietet uns nicht die Ehre unsres Standes, und unsrer Uniform, einen Men- schen, der es wagen sollte, sich thätlich an uns zu vergreifen, sofort und ohne Zaudern niederzustechen — ja, ich weiß nicht ob selbst ich, der Liebling des Prinzen, mich nach einer öffentlich erhaltnen Ohrfeige bei Hofe und allerhöchsten Orts blicken lassen dürfte? Höchst wahrscheinlich daher meinte unser Heiland diese Vorschrift auch nur mit Einschränkung — mit einem Wort, für das gemeine Volk , bei dem es auch gewiß verdienstlich ist, wenn es auf eine Backe geohr- feigt, statt der Erbitterung Raum zu geben, sofort die andere hinreicht. Man bedenke übrigens, daß Christus selbst, bei seiner Menschwerdung, nicht nur ein adliches, sondern sogar ein königliches Geschlecht sich aussuchte. Wer beweist uns auch, daß die Jün- ger wirklich so gemeiner Extraction waren, als man sich vorstellt, und nicht ebenfalls vielleicht alte, blos herabgekommene, jüdische Edelleute gewesen seyn kön- nen? die Sache ist ja ohnedem in so manches histo- rische Dunkel gehüllt — und sagt nicht Christus auch andern Orts: Meine Sendung ist nicht um Frieden, sondern das Schwert zu bringen! Diese beiden Re- den würden sich ja zu widersprechen scheinen, wenn man nicht annähme, daß einer Classe nur die Dul- dung, der andern aber der Kampf vorgeschrieben sey! Ist aber dies eben nicht die uralte Bestimmung des Adels? ehemals mit den Waffen, heut zu Tage mit Wort und Feder! — Darum also kämpfet meine Brüder und Schwestern gegen die Gottlosen! Gürtet das Schwert der Zeiten um, und streitet für den Hei- land, mit Bibel und Jacob Böhme, mit Kammer- herrnschlüssel und Hofmarschallsstab, mit Gebetbuch und Unterrock. Glaubt mir, meine theuren Genossen, schon erndten wir die Früchte unsers heiligen Eifers, schon fangen wir an auf ehernem Boden zu stehen! Immer mehr beugt man sich vor unserm heimlichen Einfluß, und unser festes Zusammenhalten, die reiche Unterstützung die wir den Unsrigen zufließen lassen, wenn ihre Arbeit im Weinberge des Herrn es ver- dient, manche Gunst von oben, deren Vertheiler wir sind, vor Allem aber die unerbittliche Frömmigkeit, die man an uns kennt — halten selbst die Kühneren in Schranken, und legen die Furchtsamen Haufen- weise zu unsern Füßen. Wo aber dennoch ein Antichrist uns anzutasten wagt, und jeder der dieses thut, ist ein Solcher, da — ich rufe es Euch nochmals zu — da wachet, da kämpfet, vernichtet, und ruhet nicht eher, bis Euer Schlachtopfer gefallen sey. Es ist ja Alles doch nur um der Liebe willen, der letzte Versuch an einem ar- men Verirrten, um ihn Jesum Christum wo möglich noch erkennen zu lehren. Amen! Der adlichen Gemeinde in Christo ist es vielleicht angenehm, und ihre Herzen rührend, wenn ich ihnen in hochgeehrtem Austrage hiermit melde, daß wir in diesem laufenden Monat abermals so glücklich gewe- sen sind, 7½ verdammte Seelen zu dem allein selig- machenden Glauben hinzuführen, was uns, im Gan- zen, nicht mehr als 100 Rthlr. baar, und drei An- stellungen gekostet hat. Da wir weltliche Rechnun- gen über dieses Geschäft ablegen, so ist der Kürze wegen beliebt worden, Kinder unter 12 Jahren als halbe Seelen aufzuführen. Dieser Gebrauch Seelen zu theilen, der Triumph poli- tischer Chymie, entstand, glaube ich, auf dem Wiener Congreß, wo der König von D ...... k einem berühm- ten Diplomaten, der ihm versicherte „que S. M. avait gagnée tous les coeurs“ so richtig antwortete: oui, mais pas une àme! pas mème la moitié d’une âme. Anm. d. H. Und so segne denn der Himmel ferner unser frommes Bemühen, und den uneigennützigen Eifer, mit dem die Neubekehrten in Jesu Schoos eingezogen sind. Amen! Noch kündige ich an, daß nächsten Sonntag Abends, wiederum um 8 Uhr, in demselben Lokal bei Fräu- lein S …, Versammlung bei verschlossenen Thüren und im Dunkeln gehalten werden wird, um, durch keine äußern Gegenstände zerstreut, den heiligen, süß durchschauernden Gefühlen hingebender Liebe, gänz- lich freien Lauf lassen zu können. Wir hoffen auf eine reichliche Gemeinde, besonders auch von Seiten des zarteren Geschlechts, dem unser Conventikel ohne- hin bereits so viel verdankt! ....... So weit war ich in der Lecture gekommen, als die kleine Elisa mit meinem Frühstück erschien, und mir, nach dem langen Schlafen, wie sie sagte, einen schalkhaft freundli- chen, guten Morgen bot. Sie kam aus der Kirche — war sich einer hübschen Toilette bewußt — und hatte es mit einem Fremden zu thun — alles Dinge, die Wei- ber sehr weich stimmen. Sie schien daher fast betre- ten, als ich ihr meine Abreise auf morgen früh an- kündigte, tröstete sich jedoch, sobald ich ihr meine Bi- bliothek zurückzulassen, und in einer Woche noch ein- mal so viel Bücher selbst mitzubringen versprach. Nachmittag besah ich, von ihr geführt, die Stadt- promenaden, von denen die eine, sehr romantisch, auf einem großen Felsen angelegt ist. Wir sahen von hier aus den Snowdon in fast durchsichtiger Klar- heit, ohne daß nur ein Wölkchen seine Reinheit ge- trübt hätte, und ich konnte nicht umhin mich ein we- nig zu ärgern, so ganz den rechten Tag bei ihm ver- fehlt zu haben. Nach diesen idyllischen Spaziergängen beschloß wie- der „tender mutton“ den Tag, von dem ich bedaure, Dir nichts Interessanteres melden zu können. Doch fällt mir eben noch eine ziemlich seltsame Anekdote bei, die mir der Wirth heute erzählte. Am 5ten Au- gust des Jahres 1820 verunglückte die hiesige Fähre bei Nacht, und von 26 Personen ward nur ein Mann gerettet. Grade 37 Jahre vorher hatte die Fähre dasselbe Schicksal, wobei von 69 Personen ebenfalls nur ein Mann mit dem Leben davonkam. Ein höchst sonderbares Zusammentreffen ist es aber, daß bei beiden Fällen der Name der einzelnen geretteten Per- son, Hugh Williams war. Bangor, den 22sten. Auch Bangor ist ein Badeort, d. h. es steht Jedem frei, daselbst in’s Meer zu springen. Die künstlichen Anstalten aber sind blos auf die Privatwanne einer alten Frau reducirt, welche in einer elenden Hütte am Ufer wohnt, und, wenn die Bestellung eine Stunde vorher gemacht wird, Seewasser auf ihrem Heerde in Töpfen wärmt, beim Baden selbst aber sans façon den Fremden auszieht, abtrocknet und wiederum an- zieht, wenn er keinen eignen Diener zu diesem Behuf mitbringt. Nachdem ich, zufällig eintretend, ein sol- ches Bad, pour la rarité du fait, genommen, miethete ich eine kleine Gondel, um mich über den Meeresarm, welcher Anglesea und Wales trennt, nach Beaumaris schiffen zu lassen. Hier befindet sich ein andres von Eduard I. erbautes und von Cromwell zerstörtes Schloß, das einst noch größer als das in Caernarvon war, (denn es bedeckt noch jetzt 5 Morgen Landes) aber als Ruine weniger pittoresk erscheint, da es alle seine Thürme verloren hat. Um es genau zu bese- ben, muß man auf den schmalen, und sehr hohen, verfallenen Mauern entlang gehen, die durch nichts geschützt sind. Der Knabe mit den Schlüsseln lief zwar wie ein Eichhörnchen darauf hin, der Barbier aus der Stadt aber, der sich mir beim Debarkiren als Führer angeboten, und mich bis hierher gebracht hatte, ließ mich nach den ersten Schritten im Stich. Diese Ruine liegt in dem Park des Herrn Bulkley, welcher sehr unpassend ein tenniscourt (Ballspiel) darin angelegt hat. Von seinem Wohnhause hat man eine sehr gerühmte Aussicht, die jedoch von einer an- dern, welche man anderthalb Stunden weiter, bei einer einfachen aber zierlichen Cottage, Craigg-Y-Don genannt, antrifft, weit überboten wird. Diese letztere Besitzung ist ein wahres Juwel, einer von den we- nigen gesegneten Oertern, die fast nichts mehr zu wünschen übrig lassen. Sie liegt zwischen dicht be- buschten Felsen, hart am Meer. Nicht zu groß, aber gleich einem boudoir aufgeputzt, mit dem frischesten Rasen und dem Blumenschmelz aller Farben umge- ben, das ganze Haus mit seinem Strohdach und Ve- randa von rankenden Monatsrosen und blauen Win- den überzogen — bildet sie so, zwischen Wald und Felsen hervorlauschend, einen unbeschreiblich lieblichen Contrast mit der erhabenen Gegend. Labyrinthische Fußwege winden sich nach allen Richtungen durch das dunkle und kühle Gebüsch, mannichfach den großen Aussichtsschatz theilend, welchen die glücklichste Lage darbietet. Denn unter und vor Dir hast Du den tief blau gefärbten Meeresarm, dessen Brandung schäumend an den spitzen Felsen nagt, auf welchen Du stehst, während weiter hin auf dem ebnen Spie- gel hundert Fischerbarken und Schiffe durch einander wimmeln, unter denen Du, besonders hervorstechend, den vor Anker liegenden Cutter des Besitzers, und zwei Dampfboote gewahr wirst, von denen das eine, in weiter Ferne, mit einer ausgebreiteten schwarzen Wolke segelt, das zweite, ganz nahe, nur eine schmale weiße Säule gerade empor in die Luft haucht. Auf der rechten Seite siehst Du eine tiefe Bucht sich in das Land hineinziehen, die einen Archipel von kleinen Inseln aller Art und Formen bildet; manche belaubt, andere kahl, und glatt von den Wellen geschliffen, einige mit Hütten bebaut, andere wie spitze Thürme hervorragend. Wendest Du nun Dein Auge wieder zurück zum Meeresarm, diesen auf derselben Seite weiter verfolgend wie er sich allmählig verengt, so erblickst Du mit Staunen die Aussicht durch eine stupende Kettenbrücke geschlossen, jenes Riesenwerk, das man mit Recht das ächte Wunder der Welt nennt, und welches, der Natur Trotz bietend, zwei von ihr durch Meeresfluthen getrennte Lánder wie- der vereinigt hat. Ich werde gleich Gelegenheit ha- ben, sie Dir näher zu beschreiben, von hier sieht sie aus, als sey sie von Spinnen in die Luft gewebt. Hast Du bei diesem abentheuerlichen Anblick mensch- lichen Wirkens eine Zeit lang verweilt, so stellt sich, Dir gegenüber, eins der mannichfaltigsten und größten Schauspiele der Natur dar — die ganze Kette des Gebirges von Wales, das hier unmittelbar aus dem Wasser emporsteigt, — hell und nahe genug, um Wälder, Dörfer und Schluchten deutlich zu un- terscheiden, und in einer Länge von zehn deutschen Meilen sich ausbreitet. — In allen Schattirungen gruppiren sich die Berge, manche sind noch von Wol- ken bedeckt, manche glänzen frei in der Sonne, an- dere strecken blaue Hörner noch über die Wolken her- vor, und Dörfer, Städte, weiße Kirchen, schmucke Landhäuser und Schlösser werden in den Falten der Abhänge sichtbar, während blinkende Streiflichter auf den grünen Matten spielen. Der Ruhe bedürf- tig wendest Du Dich endlich dem Norden, der Dir links liegt, zu. Hier zerstreut Dich nichts mehr. Der weite Ocean allein fließt da mit dem Himmel zusam- men. Nur kurze Zeit verfolgst Du noch auf Deiner Seite die zurückweichenden, waldigen Ufer von Angle- sea, wo bohe Nußbäume und Eichen mit ihren wei- ten Aesten über das Meer hinhängen, dann bist Du mit Himmel und Wasser allein, höchstens glaubst Du in neblicher Ferne die Segel eines Dreideckers zu unterscheiden, oder ein Wolkenbild malt Dir phanta- stische Gestalten vor. Nach einer genußreich hier verlebten Stunde ritt ich, meinen in Beaumaris gemietheten Klepper nach Kräften anstrengend, der großen Brücke zu. Der beste Gesichtspunkt ist unten auf dem Sandgestade, bei einigen Fischerhütten, ohngefähr 100 Schritt von ihr entfernt. Je mehr, je genauer man sie betrach- tet, je mehr staunt man, und glaubt zuweilen das Ganze nur im Traume zu sehen, aus Filagranarbeit von einer Fee in die Luft gehangen, ja die Phantasie erschöpft sich nicht an Bildern; und als jetzt eine Diligence mit vier Pferden rasch über den 100 Fuß hohen und 600 Fuß weit gespannten Bogen fuhr, halb von dem Kettengewebe verborgen, an dem die Brücke hängt, so schienen es eben nur einige im Netze flatternde Lerchen zu seyn. Nicht anders sahen die Menschen aus, welche überall in den Ketten sa- ßen, die jetzt zum erstenmal ihren neuen Oehlanstrich erhielten, denn das ganze Werk wurde erst kürzlich vollendet. Wer das Berliner Schloß kennt, dem wird es einen anschaulichen Begriff von den enor- men Dimensionen dieser Brücke geben, wenn er hört, daß dieses bequem unter dem Hauptbogen zwischen dem Wasser und dem Belag stehen könnte, und doch halten die Ketten den letzterm so fest, daß man auch bei dem schnellsten Fahren, welches keineswegs ver- boten ist, und bei der schwersten Last, keine Bebung wahrnimmt. Die Brücke ist oben in drei Wege ge- theilt, der eine für das Hin-, der andere für das Zurückfahren, die Mitte für die Fußgänger. Die Bohlen ruhen auf einem eisernen Gitter, so daß sie leicht, wenn schadhaft, abgenommen und ersetzt wer- den, nie aber durch ihr Brechen eine Gefahr besor- gen lassen können. Alle drei Jahr erhält sämmtli- ches Eisen einen neuen Oehlanstrich, um den Rost zu verhindern. Der Baumeister, der sich hier ei- nen langen Ruhm gegründet haben wird, heißt Telford. Sur ce, n’ayant plus rien à dire, schließe ich meinen Bericht, und wünsche Dir, meine theure Julie, alles Glück und Segen, dessen Du werth bist, et c’est beaucoup dire. Immer dein treuster L .... Sieben und zwanzigster Brief. Bangor, den 23 sten Juli 1828. Chere et bonne. Eine kleine Unannehmlichkeit dieser sonst so reich begabten Landschaft sind die Wirkungen der Ebbe und Fluth, welche erstere einen bedeutenden Theil des Tages hindurch eine große Strecke des Menai, wie der hiesige Meerarm genannt wird, austrocknet, und nur schlammigen Sand zurück läßt. Wahrschein- lich sind diesem Umstande auch die über alle Vorstel- lung hartnäckigen Fliegenschwärme zuzuschreiben, die zu Tausenden, gleich Bienen schwärmend und auf Raub ausgehend, Menschen und Vieh attaquiren, und ihr Opfer nicht leicht wieder loslassen. Man reitet vergebens, was das Pferd laufen kann. Der Schwarm, in einen Klumpen geballt, wie ein mace- donischer Phalanx, fliegt mit, und zerstreut sich über seine Beute, sobald man wieder anhält, nur dem Todtschlagen weichend. Ja selbst in ein Haus hin- einzutreten, hilft nicht immer. Denn ich habe es auf Spaziergängen einigemal erlebt, daß diese Fliegen, wenn sie einen einmal angenommen haben, geduldig draußen warten, bis man wieder herauskömmt. Das einzige Mittel ist, eine Stelle aufzusuchen, wo ein starker Zugwind weht, den sie nicht vertragen kön- nen. Dies wissen auch die an den Bergufern wei- denden Kühe recht wohl, die man immer an solchen Stellen einsam ruhen und wiederkȧuen sieht. Ich betrachtete heute lange ein solches Thier, wie es auf einer ganz isolirten Felsenspitze, die Contoure schroff sich gegen die Luft abzeichnend, stand — unbeweg- lich, bis auf die leise Arbeit seiner Kinnladen, und nur zuweilen mit dem Schwanz sich an die Seite schlagend. Wie schön, dachte ich mir, könnte ein Künstler ein solches Bild kolossal und zum Apis er- hoben, und auch mit dem Mechanismus dieser ein- fachen Bewegungen versehen, nachahmen und welche Acquisition wäre dies für einen deutsch-englischen Park in der Heimath! z. B. in Cassel, dem Herku- les gegenüber, oder gar in Wörlitz auf dem feuer- speyenden Berge weidend. Gewiß eine verdienstvolle Idee, die du fruchtbar zu machen suchen mußt. Er- innerst Du Dich noch Clemens Brentano, als ihm und dem genialen, liebenswürdigen Schinkel der Graf L .. die Aussicht von seinem Jagdschlosse zeigte, von wo man eine anmuthige aber flache Waldgegend übersieht, und nun zu den beiden Herren gewandt, der Graf diese etwas einfältig fragte, auf welche Art wohl hier eine recht große Verschönerung anzubringen sey? Brentano verfiel in tiefes Sinnen, und nach einiger Zeit sagte er langsam, den erwartungsvoll zuhörenden Gȯnner mit seinen kuriosen Augen ernsthaft anstarrend: „Wie wäre es, Herr Graf, wenn Sie ein Gebürge aus Brettern aufführen, und dasselbe mit blauer Oelfarbe anstreichen ließen? — Solches aber, wenn auch nicht so grell und handgreiflich, geschieht im lie- ben Vaterlande noch täglich, selbst ohngeachtet des neuen Berliner Gartenvereins. Geliebte Julie , willst Du mit mir nach dem Park des Marquis Anglesea, Plas Newyd, auf Anglesea fahren? die Phantasie-Pferde sind schnell angespannt. Wir passiren wieder die Riesenbrücke, folgen eine kurze Zeit der Chausee nach Irland, und sehen schon von weitem die Säule emporragen, welche das dank- bare Vaterland dem General Paget, damals Lord Uxbridge, jetzt Marquis von Anglesea und Vicekönig von Irland, statt seinem in Waterloo gelassenen Beine hier aufgesetzt hat. Eine halbe Stunde weiter öffnet sich das Parkthor von Plas Newyd. Das merkwürdigste hier sind einige Cromlech’s, deren eigentliche Bedeutung unbekannt ist, die man aber für Grabmäler der Druiden hält. Es sind ungeheure Steine, gewöhnlich nur drei bis vier, die eine Art rohen Thorweg bilden. Es giebt deren von so kolossa- ler Größe, daß man kaum begreift, wie man sie ohne die komplizirtesten mechanischen Hülfsmittel bewegen, und in solche Höhe hinaufbringen konnte. Der mensch- lichen hohen Kraft, von unumschränktem Willen oder Fanatismus angeregt, ist indessen gar Vieles mög- lich. Las ich doch einst, daß ein Schiffs-Capitaine, der an den Ufern Japans hinfuhr, über die sich da- selbst hinziehende Bergkette zwei Junken der größten Briefe eines Verstorbenen. I. 7 Art, nicht viel kleiner als unsre Fregatten, durch Tausende von Menschen zu Lande transportiren sah. Die hiesigen Cromlech’s, welche nicht zu den größ- ten gehören, haben wahrscheinlich Anlaß zu dem Ge- danken gegeben, an einer passenden Stelle, wo man unter andern eine schöne Ansicht des Snowdon hat, eine Druiden-Cottage zu bauen. Es ist aber ein selt- sames Ding daraus geworden, mit alterthümlichen und modernen Gegenstȧnden , wie ein Chaos, ange- füllt. In den kleinen, dunkeln piècen war auf ar- tige Weise Licht durch Spiegelthüren hereingebracht, die in andern Zimmern wiederum dazu dienten, die vortheilhaftesten Partieen der Landschaft, wie unter Rahmen und Glas, zu fassen. Im Fenster des Sa- lons stand überdies ein großer Guckkasten, eine Ca- mera obscura und ein Kaleidoscop neuerer Art, welches nicht, wie die alten, gefüllt wird, sondern dem jeder Gegenstand, auf den man es hält, sobald man es nur bewegt, zum nie aufhörenden Verände- rungsspiele dient. Blumen machen besonders durch den sich ewig verschieden brechenden Glanz ihrer Far- ben einen wunderbaren Effekt. Solltest Du ein ähn- liches wünschen, so kann ich Dir es von London aus leicht senden lassen. Es kostet 8 Guineen. Das Schloß und die übrigen Anlagen bieten gar nichts Er- wȧhnungswerthes dar, werden auch selten vom Eigenthümer besucht, dessen Haup tsitz in England liegt . Den 25sten. Heute erhielt ich mit großer Freude einen langen Brief von Dir ....................... ................................ ............... Diese und ähnliche Stellen sind ausgelassen, da sie sich blos auf Familien-Verhältnisse beziehen, und gar kein Interesse für die Leser haben können. A. d. H. Es freut mich, daß Du L ....’s Scherze nicht mißdeutest, und ihn nicht mit Frömmel für einen Gottlosen hällst. Er macht sich wohl zuförderst, nur über den Köhlerglauben jener Menschen lustig, die sich von dem Unaussprechlichen, dem Wesen aller Dinge, das wir nur ahnen, nicht begreifen können, ein sonderbares Mittelding von menschlichem Herren, Schulmeister und dienendem Schutzgeiste bilden, sich stets am Kinder-Gängelbande von ihm geleitet glau- ben, und Alles was sie sehen und hören, und sie irgend angeht, immer für eine, blos auf ihre We- nigkeit sich beziehende, Handlung Gottes halten; wenn sie aber gar, z. B. ins Wasser fallen oder das große Loos gewinnen, dann Gottes Finger un- widersprechlich darin erkennen, und wenn sie einer Gefahr entgehen, Gott so dafür danken, als habe eine fremde Kraft die Gefahr, Gott aber nur wie ein sorgsam herbeieilender Wächter, durch schnel- les Eingreifen die Errettung gebracht. Sie möchten doch bedenken, daß von wo die Rettung kömmt, 7* auch die Gefahr sich herschreibt, wo der Genuß auch die Qual, wo das Leben auch der Tod. Das Ganze ist eben Weltleben, und kann nicht nach Willkühr, sondern nur nach unwandelbaren Gesetzen gegeben und geordnet seyn. — Solche kleinliche Ansichten, als die gerügten, ziehen die Idee der Allmacht zu unsrer Gebrechlichkeit herab. Danken sollen wir für alles Seyn der ewigen Liebe, wäre es auch ohne Worte, — und kein Gebet vielleicht, kann mehr als dieses: in Entzücken verstummende Dankgefühl — vom Menschen dargebracht, der Gottheit würdig seyn; — kindisch aber ist es, alle jene alltäglichen und äußern einzelnen Begebenheiten wie Glücks- und Unglücksfälle, Reichthum, Armuth, Sterben u. s. w., die den Naturgesetzen unterthan sind, oder von uns selbst, nach dem Maaßstab unsrer Kräfte herbeige- führt werden, immer einer ganz besondern, und der Himmel weiß überdieß, wie unnützen! Erziehung unsrer lieben Individuen durch die Allmacht zuzu- schreiben. Ferner aber spottet er über die Christen — die es ganz und gar nicht sind, und darunter, sagt er, stehen als Nummer Eins, nicht sogenannte Atheisten (überhaupt eine sinnlose Benennung) nicht einmal wahre Fanatiker, sondern jene heillose Race der mo- dernen Frömmler, die entweder nervenüberreizte Schwächlinge, Herrlich sagt Jean Paul irgendwo von Solchen; „Ich habe diese verdammte Erhebung der Seelen blos aus oder Heuchler der gottlosesten Art sind von Jesus erhabener Reinheit entfernter als der Dalai Lama. Sie sind die wahren Pharisäer, und zugleich Händler in der Kirche, die Christus heute noch zum Tempel hinausjagen würde, und die, wenn er unter andrem Namen wieder erschiene, zuerst rufen würden: Kreuziget ihn! Man irrt sich sehr, wenn man glaubt, daß hier blos Stoff zum Lächerlichen, und einiger Indignation der Vernunft vorhanden sey. Der Bund der From- men ist nicht ohne Gefahr für die Freisinnigen . Hier gährt Jesuitenmasse, die unter den Protestanten Gestalt gewinnen will, weil der Katholizismus zu aufgeklärt für sie wird. Dieselben Grundsätze, denen Jene ihre Macht verdankten, leiten auch sie, derselbe esprit de corps herrscht unter ihnen, eine geregelte Organisation bildet sich, und statt der aquetta ge- brauchen sie mit Erfolg den, oft noch zehnmal gifti- geren, bösen Leumund, wie so manches Mittel der Finsterniß, das einer geheimen Verbrüderung unbe- merkt zu gebrauchen leicht ist. Mehr aber wird Deutschland von solchen Heiligen zu leiden haben, als von den Freiheit träumenden Studiosen auf der Wart- burg! In allem diesen muß ich selbst L … ziemlich bei- stimmen, wenn auch bei dem Gegenstand der ersten Bemerkungen des vorliegenden Briefes jede Ansicht nur Hypothese bleiben, und in der Wahrheit Alles viel anders seyn muß, als wir es überhaupt zu er- gründen fähig sind. Hätten wir es wissen können und sollen, so würde der Schöpfer unsres Daseyns Niedrigkeit, öfters mit den englischen Pferdeschwänzen verglichen, die auch immer gen Himmel stehen, bloß weil man ihre Sehnen durchschnitten. auch dies uns offenbart, und zwar so unbezweifelt offenbart haben; als wir es mit Bestimmtheit wis- sen, daß wir fühlen, denken und sind. Was uns nö- thig war, ist uns im Innern offenbart, und dies haben von jeher die größten Geister der Erde in mehr oder minder erleuchteten Worten ausgesprochen. Daß die Menschheit nicht wie eine willenlose Ma- schine stille zu stehen, oder im Kreise sich ewig um- zudrehen brauche, sondern weiter schreite, und aus sich selbst fort werde, bis sie einst ihren möglichen Lebenscyclus geendigt, und ihre höchste Perfektibi- lität erreicht hat, daran zweifele ich keinen Augen- blick. Meine Hypothese würde dabei nur die seyn, daß die Erde, gleich dem einmal vom Stapel gelasse- nen Schiffe, unter dem Schutz und Zwange unwan- delbarer Naturgesetze, nun ihrer eignen Mannschaft überlassen bleibe. Wir selbst machen hinfort unser Leben (so weit es vom Menschen und nicht von jenen Gesetzen abhängt) so wie unsre Geschichte, im Gro- ßen wie im Kleinen, durch unsre eigne moralische Kraft oder Schwäche. Keine besonders eingreifende Macht ist meines Erachtens anzunehmen, die z. B. Napoleon einen harten Winter in Rußland schickt, um ihn zu stürzen, sondern Napoleon stürzt an dem fehlerhaften Prinzip das ihn selbst leitet, und wel- ches auf die Länge, an dieser oder jener scheinbaren Ursache, immer untergehen muß. Das Naturereig- niß tritt, in Bezug auf ihn, nur zufällig ein, an sich aber ohne Zweifel in der nothwendigen Folge der Gesetze, denen es unterworfen ist, wenn diese Gesetze uns gleich unbekannt sind. Aus eben dem Grunde wird es dem Guten, Fleißigen, Sparsamen, Klu- gen ꝛc. in der Regel der liebe Gott gut gehen, und vieles was er wünscht gelingen lassen, dem Thoren und Bösen aber, der sich in Krieg mit der Welt setzt, wird es nicht so gut ergehen. Dem, der die Hand im Eise liegen läßt, wird sie der liebe Gott höchst wahrscheinlich erfrieren, und dem der sie ins Feuer hält verbrennen lassen, es müßte denn der unverbrennbare Spanier seyn. Wer zu Schiffe geht, wird zuweilen vom lieben Gott die Schickung des Ertrinkens zugetheilt erhalten, wer aber nie das Land verläßt, den wird der liebe Gott auch gewiß nie im Meere umkommen lassen. Daher heißt es auch mit Recht: Hilf Dir selbst, und Gott wird Dir helfen. Die Wahrheit ist, daß Gott uns schon von vornherein geholfen hat. — Das Werk des Meisters ist vollendet und, soweit es beabsichtigt war, voll- kommen. Es braucht daher keiner fernern extraordi- nairen Nachhülfe und Corrigirung von oben. In unsre eignen Hände ist für jetzt die weitere Entwick- lung gelegt. Wir können gut und böse, klug und thöricht seyn, nicht immer vielleicht wie es die In- dividuen frei wollen möchten, aber wie sie die vorhergehende Menschheit herangebildet. Tugend und Sünde, Klugheit und Thorheit sind ja über- haupt blos Worte, die ihre Bedeutung hier erst durch die menschliche Gesellschaft erhalten, und ohne sie gänzlich verlieren würden. Der Begriff des Gu- ten und Bösen entwickelt sich offenbar nur in Bezug auf Andere, denn der Mensch, welcher nie einen Mitmenschen sah, kann weder gut noch böse handeln, ja wohl kaum so fühlen und denken — er besitzt allerdings die Fähigkeit dazu, und dies begründet seine höhere geistige Natur, aber nur durch ihm gleichartige Mitgeschöpfe kann diese in Wirksamkeit treten, wie Feuer erst entsteht, oder sichtbar wird, wo brennbare Materie vorhanden ist. Der Begriff des Klugen und Thörichten entsteht dagegen schon früher, und auch in Bezug auf unser eignes Indi- viduum allein, denn auch der einzelne Mensch, im Conflikt mit der sogenannten todten Natur, kann thöricht sich schaden, oder das Gegebne mit Klug- heit benutzen, und dies an sich gewahr werden. Gut seyn heißt also in jeder Beziehung nichts andres als: andre Menschen lieben und sich ihren Ge- setzen unterwerfen — böse aber: sich nicht an diese Gesetze kehren, das Wohl Andrer für wenig oder nichts achten, und bei seinen Handlungen nur die eigne momentane Gratifikation vor Augen haben. Klug seyn heißt dagegen nur seinen eignen Vor- theil am geschicktesten zu bewahren wissen — thö- richt , ihn zu vernachlässigen, oder falsch zu beur- theilen. Wir sehen also sehr bald, daß gut und klug, böse und thöricht, in höchster Potenz, fast synonim werden, denn wer gut ist wird in der Re- gel seinen Mitmenschen gefallen, von ihnen wieder geliebt werden müssen, folglich auch klug, für sich den wahrsten Vortheil erlangen, der Böse dagegen mit ihnen in ewigen Streit gerathen, indem er zu- letzt den Kürzeren ziehen, folglich Schaden haben muß. Hat sich aber das Moralprinzip noch höher berangebildet, so wird der einzelne tugendhafte Mensch sich zwar ein eignes Gesetz stellen, dem er folgt, unbekümmert um Vortheil, Gefahr oder Mei- nung Anderer. Aber die Grundlage dieses Gesetzes wird immer das seyn, was ich eben geschildert, Be- rücksichtigung des Wohlseyns der Mitmenschen und daraus abgezogne Pflicht, die von nun an dem selbst vorgezeichneten Wege konsequent folgt. Aber auch dann giebt die innere Ueberzeugung, diese Pflicht erfüllt zu haben, dem geistigen Menschen größere Befriedigung als alle irdischen Güter ihm gewähren könnten, und es bleibt daher, in einer wie der an- dern Beziehung, und in jedem Stande der Bildung, wahr: daß es zugleich die höchste Klugheit ist, gut, die größte Thorheit, böse zu seyn. Aber freilich treten hier, durch das Gewirr des Lebens, noch vielfache Nüancen ein. Man kann, für das Irdische oder Aeußere, sehr wohl durch grö- ßere Klugheit den Schein erlangen, ohne Realität. Man kann andere Menschen täuschen, und ihnen so- gar glauben machen, man thue ihnen wohl, ver- diene ihre Achtung und ihren Dank, wenn man sie doch nur zu Werkzeugen seines eignen Vortheils be- nutzt, und ihren bittersten Schaden herbeiführt. Thorheit bringt nur zu oft die entgegengesetzte Wir- kung hervor, nämlich Andere Böses und üble Mo- tive voraussetzen zu lassen, wo das Gegentheil statt findet. Aus diesem folgt ganz natürlich die, auch durch die Erfahrung, überall begründete, wenn gleich schmerzliche Wahrheit: daß in den irdischen Verhältnissen es dem Individuo noch gewisseren Schaden bringt, thöricht, als bös und schlecht zu seyn. Die äußern Folgen des Letzteren können durch Klugheit aufgehalten, ja ganz abgewendet werden, nichts aber wendet die Folgen der Thorheit ab, die fortwährend gegen sich selbst arbeitet. Das Bedürfniß und die Erfindung positiver Religionen mögen dieser Er- kenntniß, und der daraus folgenden Unzulänglichkeit der blos irdischen Strafgesetze großentheils ihre Ent- stehung verdanken, namentlich die Lehre der künfti- gen Strafen und Belohnungen eines Allwissenden, gegen den die Klugheit nicht mehr ausreicht, und von dem der Thörichte Mitleiden und Compensation erwartet, denn wahrlich der Gute und Kluge braucht keinen weitern Lohn — er findet ihn schon reich und überschwenglich in sich selbst. Wer würde nicht ohne Bedenken Alles hingeben, um die Seligkeit zu ge- nießen, vollkommen gut zu seyn! Es könnte viel- leicht eine Zeit kommen, wo alle Staats-Religionen und Kirchen zu Grabe getragen würden, Poesie und Liebe aber, deren Blüthe die wahre Religion, wie Tugend ihre Frucht ist — müssen ewig den menschlichen Geist beherrschen, in ihrer heiligen Drei- einigkeit: der Anbetung Gottes als der Ursach alles Seyns, der Bewunderung der Natur als seines ho- hen Werks, und der Liebe zu den Menschen als un- sere Brüder. Und das allein ist ja Christus Lehre — von Keinem reiner, inniger, einfacher und doch tiefer ausgesprochen, wenn auch den Formen und den Voraussetzungen seiner Zeit gemäß — und dar- um ist er auch der Kern geworden, an dem sich die Frucht der Zeiten ansetzt , der wahre Ver- mittler, dessen Lehre einst, wie wir hoffen müssen, Christenthum in Wahrheit, nicht blos dem Namen nach werden wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Hier befindet sich eine Lücke in dem brieflichen Tagebuche, welches erst mit dem 28sten wieder be- ginnt.) Capel Cerrig spät Abends den 28sten Juli. Da das Wetter sich aufklärte, und die Freunde, die ich erwartete, nicht kamen, so beeilte ich mich, die ersten Sonnenblicke zu benutzen, um noch tiefer in das Gebirge einzudringen, und fuhr daher gegen sieben Uhr Abends, ohne Diener, und nur mit eini- ger Wäsche, nebst einem Wechselanzug in meinem leichten Mantelsacke, versehen — in einem irländi- schen carr , mit einem Pferde bespannt, dem Berg- passe von Capel Cerrig zu. Diese Wagen bestehen aus einem offnen Kasten, der auf zwei Rädern steht, auf vier horizontalen Federn ruht, und zwei einan- der gegenüberliegende Sitzbänke enthält, wo vier Personen bequem Platz finden. Von hinten steigt man ein, da die Thüre zwischen den Rädern ange- bracht ist; das Ganze ist sehr leicht und bequem. Der Moment war außerordentlich günstig. Fast eine Woche langer Regen hatte alle Wasserfälle, Flüße und Bäche so angeschwellt, daß sie sich in ihrer größten Schönheit zeigten, Bäume und Gras hatten ihr saftigstes Grün angelegt, und die Luft war rein und durchsichtig wie Crystall geworden. Ich be- wunderte die reichen Massen farbiger Bergblumen und Eriken, welche in den Felsenspalten wucherten, und bedauerte, zu wenig von der Botanik zu verste- hen, um sie noch mehr als mit den Augen genießen zu können. Bald indeß erreichte ich die ernsteren Regionen, wo von Blumen nur noch wenig, von Bäumen gar nicht mehr die Rede ist. An dem Was- serfall von Idwal stieg ich aus, um einen kleinen See zu besichtigen, der sich nicht übel für den Ein- gang des Hades passen würde. Die trostlose Oede und Wildheit des tiefen Felsen- kessels ist wahrhaft Schauder erregend. Ich hatte gelesen, daß es möglich sey, von hier über den Tri- vaen (der Berg mit den Basaltsäulen, von den ich Dir geschrieben) und die ihn umgebenden Felsen in gerader Linie nach Capel Cerrig zu gelangen, die Passage war aber als sehr schwierig, jedoch auch äußerst schön geschildert. Da nun eben ein Schaf- hirte von den Bergen herabkam, so fühlte ich große Versuchung mit dem Führer, den mir der Zufall so gefällig bot, diese Tour zu versuchen. Ich ließ ihm meinen Wunsch durch den Postillon verdollmetschen, er meinte aber, es sey nun schon zu spät, und das Heruntersteigen auf der andern Seite bei Nacht zu gefährlich; auf weiteres Dringen äußerte er jedoch, wenn ich ihm rüstig folgen könne, so glaube er, daß wir, bei dem zu erwartenden Mondscheine, wohl in zwei Stunden den Weg zurücklegen könnten, es gäbe aber sehr mißliche Oerter zu passiren. Ich hatte auf dem Snowdon meine Kraft zu gut wieder kennen gelernt, um mich davor zu fürchten, machte daher alles richtig, und befahl nur zur Vorsicht dem Po- stillon, eine Stunde auf mich zu warten, im Fall ich doch unverrichteter Sache zurückkehren müßte, und dann erst weiter auf der Landstraße nach Capel Cerrig zu fahren. Wir mußten nun gleich von Anfang an sehr steil, über sumpfigen Boden und zwischen enormen, ein- zeln zerstreuten Felsenblöcken, aufwärts klettern. Es mochte ohngefȧhr halb acht Uhr seyn. Von ir- gend einem gebahnten Fußwege war keine Spur, der Trivaen erhob seine grotesken Gipfel, wie eine crenelirte Mauer, vor uns, und nirgends war ab- zusehen, wie wir da hinüber kommen sollten. Hier thaten uns indeß die Bergschnucken wahre Liebes- dienste, denn sie zeigten, vor uns klimmend, dem selbst oft ungewissen Führer, häufig die gangbarsten Stellen an. Nach einer Viertelstunde sehr ermüden- den Steigens, mit manchem schwindelnden Blick in die Tiefe, wogegen man aber bald gleichgültig wird, kamen wir auf ein kleines, nur aus einem Sumpfe bestehendes, plateau, wodurch wir, bis an die Kniee in den weichen Mohr sinkend, waden mußten. Hier war eine schöne Aussicht auf das Meer, die Insel Mann, und das am Horizont dämmernde Ir- land. Gleich hinter dem Sumpf erwartete uns wie- der ganz andrer Boden, nämlich eine vielfach ge- furchte, schräg liegende, compacte Steinwand, an der wir mit Füßen und Hȧnden herankriechen muß- ten. Die Sonne war schon hinter einen seitwärts stehenden hohen Berg gesunken, und röthete jetzt die ganze wilde Gegend, wie die Wand an der wir hin- gen, mit dunkelrother feuriger Gluth, einer der wunderbarsten Effecte, die ich je vom Sonnenlicht gesehen. Es glich einer Theaterdekoration der Hölle. Jetzt ging es noch durch einen angeschwollnen Berg- strom, über den eingestürzte Blöcke eine natürliche Brücke geformt hatten, und dann abermals an nack- ten Felsen, ohne alle Beimischung von Erde, hinan, bis wir endlich den hohen Kamm erreichten, der so lange vor uns gestanden, und wo ich das Ende al- ler Beschwerlichkeit erwartete. Ich war daher nicht wenig betreten, als ich von neuen eine andere berg- tiefe Schlucht vor mir sah, in die wir erst hinab, und dann wieder hinauf mußten, denn auf der, den kürzeren Weg zeigenden, halbmondförmigen Kante des Kammes, hätte kein menschlicher Fuß lange haf- ten können. Wir hatten nun die frühere Aussicht nach dem Meere hin ganz verloren, und sahen da- gegen landeinwärts, wo das Gebürge von Wales in seiner ganzen Breite, Gipfel an Gipfel sich reihend, vor uns lag — einsam, schweigend und gewaltig! Das sterile Thal unter uns war mit nichts als umherge- schleuderten Riesensteinen angefüllt, und wahrlich: die Revolution, die einst hier mit Felsen wie mit Bällen gespielt, muß ein Schauspiel für Gotter ge- wesen seyn! Während ich, in Betrachtungen verlo- ren, dieses Chaos anstaunte, hörte ich nahe über mir einen gellenden, mehrmals wiederholten Schrei, und sah, aufblickend, zwei majestätische Adler mit ausgebreiteten Schwingen über uns schweben, eine Seltenheit in diesen Gebürgen. Willkommen meine treuen Wappenvögel! rief ich, hier wo es nur harte Felsen, aber keine falschen Menschenherzen giebt — wollt ihr mich wie der Vogel Rock in ein Diaman- tenthal entführen, oder Kunde aus der lieben fer- nen Heimath bringen? die Thiere schienen mit ih- rem fortwährenden Rufe antworten zu wollen, lei- der aber bin ich in der Vögelsprache noch nicht hin- länglich bewandert, und so verließen sie mich, im- mer höher und höher kreisend, bis sie zwischen den Sȧulen des Trivaen verschwanden. Diese wiederhol- ten Attentionen der Raubthiere für mich, sehe ich als ein gutes Zeichen an. Es war höchst unbequem, daß ich mit meinem Führer nicht mehr als mit den Adlern sprechen konnte, denn er verstand kein Wort englisch. Wir mußten uns daher nur durch Zeichen verständlich machen. Auf diese Weise zeigte er jetzt, nachdem wir eine Weile verhältnißmäßig ganz bequem hinabge- stiegen waren, mit der Hand auf den Ort, wohin wir nun unsere Schritte lenken sollten. Hier waren wir an die „böse Passage“ gelangt. Diese bestand nämlich in einer ganz steilen Wand, von gewiß nicht weniger als 600 Fuß Tiefe, und über dieser einen fast eben so steilen Erdabhang, vom Regen abge- waschen und mit kleinen losen Steinen besäet. Ue- ber den letztern sollten wir, wohl 1500 Schritt lang, hinwegschreiten. Ich hätte dieses Unternehmen früher für unausführbar gehalten, von der Nothwendigkeit gezwungen, fand ich es jedoch, nach den ersten ängst- lichen Schritten, ganz leicht. Es sah allerdings halsbrechend aus, aber die vielen Steine und die feuchte weiche Erde gaben einen festern Tritt als sie erwarten ließen. Ueberhaupt klingen diese Dinge auch in einer nicht übertriebenen Beschreibung im- mer etwas gefährlicher als sie wirklich sind. Es ist ganz wahr, daß ein Fehltritt hier ohne Rettung Verderben brächte, aber man hütet sich eben schon vor einem solchen. So müßte man auch im Wasser ertrinken — wenn man zu schwimmen aufhörte. Wer also gehen kann, und einen festen Kopf hat, kann dergleichen ganz ohne Gefahr unternehmen. Die Dämmerung fing nun an einzutreten, undeut- licher wurden die Berge, und unter uns lagen, wie ein Paar dampfende Suppenterrinen, die Nebel aushauchenden Seen von Capel Cerrig und Beth- gellert. Wir hatten den höchsten Punkt erreicht, und eilten so viel wir konnten nach dem ersten der genannten Seen hinab. Noch einmal durchwadeten wir einen Sumpf, und kletterten wieder über Felsen hinunter, bis wir an den, am wenigsten schwierig aussehenden, und dennoch ermüdendsten Theil des Weges ankamen, eine glatte und feste Rasenalp, sehr steil, und mit einem Steinuntergrund, der an manchen Stellen in weiten Platten zu Tage kam. Auf diesem abschüssigen Boden mußten wir oft ganze Stellen mehr hinabgleiten als steigen, und die An- strengung wurde zuletzt so schmerzhaft in den Knieen, daß sowohl der Führer als ich, in der Dȧmmerung einigemal fielen, ohne uns jedoch Schaden zu thun. Die hohen umstehenden Berge hatten den Mond bis- her verdeckt, der nun groß und blutroth über ihre Wellenlinien heraufstieg. Bald darauf verloren wir ihn jedoch wieder, und erst nahe am Ziel sahen wir ihn von neuem, jetzt goldgelb, klein und klar, sich im stillen Gewässer des See’s spiegeln, an dessen Ufer unser Gasthof liegt. Der letzte Theil des We- ges wurde auf ebner Landstraße zurückgelegt, und bot, im Vergleich mit dem vergangenen, eine solche Bequemlichkeit dar, daß ich darauf hȧtte gehend schla- fen können. Es war als wenn ich willenlose Schritte machte, von einem Uhrwerk fortgetrieben, wie die Kinderspielwerke welche aufgezogen, unaufhaltsam auf dem Tische umherfahren. In 1 ¾ Stunden hat- ten wir die Tour vollbracht, und ganz stolz auf diese That, zog ich in Capel Cerrig ein, dessen Wirth kaum glauben wollte, daß wir den Weg in so kur- zer Zeit bei Nacht zurückgelegt. Ich hatte mich in den letzten Jahren so verweichlicht, daß ich mich fast alt geworden glaubte, aber der heutige Tag bewies mir zu meiner Freude, daß ich nur Anlaß brauche, um Geist und Körper wieder frischkräftig zu fühlen, Gefahr und Beschwerde zeigten sich ohnedem immer Briefe eines Verstorbenen. I. 8 als das mir am besten zusagende Element, wenn die Umstände mir beides bescheerten. Mein post boy war noch nicht mit dem Wagen angekommen, und ich mußte daher für den nöthigen Umzug die Garderobe des dicken Wirthes benutzen, in dessen Kleidern ich seltsam genug aussehen mag, während ich, am Kamin die meinigen trocknend, Dir hier abwechselnd schreibe, und meinen Abend- thee verzehre. Morgen soll ich schon um 4 Uhr aus den Federn um — rathe was — aufzusuchen: Mer- lins des Zauberers Felsen, wo er dem König Vor- tigern die Geschichte der kommenden Zeiten prophe- zeihte, und wo seine Wunderschätze, der goldne Thron, das diamantne Schwerdt noch heut zu Tage in verborgnen Höhlen begraben liegen. Da gäbe es noch eine neue, weit sicherere Spekulation für die Bergwerksunternehmer in London und Elberfeld! Bethgellert, den 29 sten früh. Bewundere, liebste Julie , mit mir die Thäler Mer- lin’s, sie sind in der That bezaubernd — aber an seinen Felsen, an Dinas Emris, werde ich ge- denken! Doch laß mich in der Ordnung erzȧhlen . Ich stand also, obgleich erst um 1 Uhr zu Bett gegangen, pünktlich um 4 Uhr auf, und in 10 Mi- nuten war ich reisefertig, denn sobald man Diener und Luxus abgestreift, geht alles leichter und schnel- ler von statten. Das gute Wetter hatte sich bereits wieder in den gewöhnlichen Nebel dieser Gebürge verwandelt, und mein Regenschirm, den ich gestern als Alpenstock gebraucht, that mir heute, als Ob- dach, gute Dienste im offnen Wagen, so wie mein alter 15jähriger Mantel, die geehrte Reliquie, in dem ich die Franken mitbekriegen half, und den aus hohem Luftballon ich einst mit allem übrigen Ballast herabwerfen mußte, um die Luftfahrt nicht im Was- ser zu enden. Im Anfang war die Straße ziemlich todt und un- interessant, bis wir an den Fuß des Snowdon ka- men, der, ogbleich eine Wolke unter ihm uns be- regnete, sein Haupt doch zu derselben Zeit großmü- thig enthüllte. Er sieht an dieser Stelle besonders majestätisch aus, da er sich fast senkrecht aus dem tiefen Thal von Gwynnant erhebt, das hier seinen Anfang nimmt. Dieses reich bewässerte Thal ver- bindet die blühendste Vegetation mit den erhaben- sten Ansichten. Die höchsten Berge von Wales gruppiren sich um dasselbe in mannichfaltigen For- men und Farben. Der Fluß, welcher es durchströmt, bildet in seinem Lauf zwei Seen, die nur wenig Breite, aber desto mehr Tiefe haben, denn das Thal ist durchgehends eng, welches die Größe der Colossen darum her, desto mehr hervorhebt. In dem üppig- sten Theile desselben besitzt ein Kaufmann aus Ches- ter einen Park, den er nicht mit Unrecht „das Eli- sium“ benannt hat. An einem hohen, dicht mit Wald bedeckten Bergrücken, aus dessen dunklem 8* Grün vielfache, in seltsamen Gestalten wetteifernde Felsen hervortreten, steht über dem Bergstrom auf lichter Wiese die anspruchlose, freundliche Villa. Vor ihr breitet sich in der Tiefe der See aus, und hinter diesem schließt Merlins, ganz isolirt dastehen- der, Wunderfelsen scheinbar das Thal, welches hier eine jählinge Biegung macht. Doppelt unvergeßlich bleibt mir Dinas Emris, einmal wegen seiner ro- mantischen Schönheit, und zweitens weil ich auf ihm wörtlich zwischen Leben und Tod hing. Ob- gleich nicht höher als 4 — 500 Fuß, wird er doch nur von einer Seite als zugänglich angesehen. Ich hatte einen kleinen Knaben als Führer mitgenom- men, der aber, an Ort und Stelle angekommen, seiner Sache nicht recht sicher schien. Der Weg, den er durch das Eichengestrüpp nahm, schien mir gleich von Anfang an, wegen seiner ungemeinen Steilheit verdächtig, indessen beruhigte er meine Besorgniß in gebrochenem Englisch, und ich konnte nichts andres thun als der kleinen Gemse, so gut als möglich, folgen. Merlin schien uns zu zürnen, es hatte sich ein heftiger Wind erhoben, und die Sonne, die uns einen Augenblick angeglänzt, lagerte sich hinter schwarze Wolken, das lange nasse Gras aber, wel- ches über die Steinblöcke hing, machte das Klettern sehr gefährlich. Den barfußen kleinen Jungen focht dieß indeß nicht sehr an, desto mehr meine von gestern noch etwas steifen Glieder. Je höher wir uns em- por arbeiteten, je steiler wurden die Felsen, oft war es nur, mit Hülfe der aus den Spalten wachsenden Sträucher, und den Blick hinter sich bestens vermei- dend, möglich, sich heraufzuschwingen. Endlich be- merkte ich, daß der Knabe selbst ganz unschlüssig ward und, auf dem Bauche kriechend, sich bald nach der, bald nach jener Richtung ängstlich umsah. Wir wanden uns nun noch durch einige Spalten rechts und links, und standen dann plötzlich auf der Spitze einer glatten hohen Wand, mit kaum soviel Raum, um den Fuß darauf zu setzen, und über uns nichts als eine ähnliche Felsmauer blos mit einzelnen Grasbüscheln bewachsen, welche zum Gipfel führte, den sie überall zu umziehen schien. Der Anblick war entmuthigend, das Kind fing an zu weinen, und ich überlegte mit klopfendem Her- zen, was zu thun sey. Gern, ich gestehe es, wäre ich wieder zurückgeklettert und hätte Merlins Felsen allen Hexen und Gnomen überlassen, wenn ich es für möglich gehalten hätte, ohne Schwindel da wieder hinunter zu kommen, wo wir heraufgestie- gen, oder nur denselben Weg wieder aufzufinden. Vor uns war aber keine Aussicht weiter zu gelan- gen, als die Mauer auf gut Glück zu eskaladiren. Der Knabe, als der Leichtere und Gewandtere, mußte also voran, ich folgte ihm auf dem Fuße, und an die Grasbüschel als einzige Stütze uns hal- tend, Hände und Füße wie Klauen in jede kleine Fuge einschlagend, erstiegen wie so, zwischen Him- mel und Erde hängend, glücklich die halsbrechende Zinne. Ich war gänzlich erschöpft, als ich oben an- kam, und fast ohnmächtig. Ein Kühnerer mag über mich spotten, aber wenn ein Grasbüschel, eine Wur- zel in meiner Hand jetzt zu wanken schien, und los- zureißen drohte, ehe ich mich noch daran hinaufge- schwungen, fühle ich was Entsetzen heißt. Als ich nun, tiefathmend, auf dem Rasen lag, erblickte ich eine große schwarze Eidechse, mir gegenüber gelagert, die mich höhnisch anzublinzeln schien — als sey sie der boshafte Zauberer selbst im Morgenneglig é . Ich ließ sie indeß gern gewähren, und war guter Dinge so wohlfeilen Kaufs davon gekommen zu seyn, ob- gleich ich dem kleinen „Imp,“ der mich, wie ein neckender Berggeist, in die Gefahr gebracht, mit al- len Schrecknissen drohte, wenn er nicht zur Rückkehr den rechten Weg ausfindig mache. Während seiner Abwesenheit besah ich die Ueberreste der Area, wie sie hier genannt wird, die demolirten Mauern, wo „Prophetic Merlin sat, when to the British King The changes long to come, auspiciously he told.“ In dem Steinhaufen wühlte ich umher, in die verfallnen Gewölbe kroch ich — aber auch mir blie- ben, gleich andern guten Leuten, die Schätze ver- borgen! Ohne Zweifel war der rechte Moment noch nicht gekommen — dafür aber erschien frohlockend der Knabe und rühmte die Schönheit des endlich aufgefundnen Weges. War dieser nun auch nicht ganz so eben und leicht wie der der Sünde, so ge- hörte er doch wenigstens nicht zu den inaccessiblen, wie der frühere. Merlins Ungnade verfolgte uns aber noch ferner, in strömenden Regengüssen, die mich hier in Bethgellert wieder zwingen, den Kamin zur Trockenanstalt zu benutzen. Gar anmuthig ist der unter hohen Bäumen völlig versteckte Gasthof, in dem ich ruhe. Nur vor meinem Fenster grünt eine frisch gemähte Wiese, und dahinter brüstet sich ein ungethümer Berg, von oben bis unten mit hoch- rother Erica bedeckt, die, ohngeachtet des Streifre- gens und des bedeckten Himmels, wie das Morgen- roth leuchtet. Indeß man mein Mittagsessen bereitet (denn ich esse heute, wie Suwaroff, früh 8 Uhr zu Mittag) spielt ein Harfner, bescheidnes Ueberbleibsel der welschen Barden, originelle Weisen auf seinem uralten Instrument. Er ist blind, und auch sein Hund ist blind, der unermüdlich aufwartend neben ihm auf den Hinterbeinen steht, bis man seinem Herrn ein Stück Geld und ihm ein Stückchen Brod gespendet. Beth Gellert heißt Gellerts Grab, denn Bett und Grab wird poetisch in der welschen Sprache durch dasselbe Wort ausgedrückt. Daß hier nicht von dem deutschen Prosaiker die Rede ist, hat Dein Scharfsinn ohne Zweifel schon errathen, es handelt sich ganz im Gegentheil nur um die Ruhestätte ei- nes Windhundes, dessen Geschichte aber so rührend ist, daß ich sie Dir erzählen will, sobald mein déjeuné dinatoire wieder abgetragen seyn wird, denn die Angst auf dem behexten Felsen hat mich verzweifelt hungrig gemacht. Après diné. Die versprochene Geschichte also ist folgende: Llewellin der Große, Prinz über Wales, hatte einen Lieblingshund, mit Namen Gellert, ein Schre- cken der Wölfe, aber die Freude seines Herren. Als Llewellin sich indeß später mit einer jungen und schö- nen Gemahlin vermȧhlte , trat der Hund, wie billig, in den Hintergrund, blieb jedoch, wenn auch weni- ger geliebt, mit Hundest reue ( car les hommes ne sont pas si bêtes! ) seinem Herrn stets mit gleicher Anhänglichkeit ergeben. Llewellin’s innigste Wünsche wurden erhört, und ein holder Knabe krȯnte sein eheliches Glück. Ueberall mußte nun dem überseeli- gen Vater der Säugling folgen, dessen Wiege im- mer neben seinem eigenen Lager aufgeschlagen stand. Einst hatte, auf einer Jagdstreiferei im wilden Ge- bürge, die Fürstin, durch Unpäßlichkeit verhindert, ihren Gemahl nicht begleiten können, dennoch durfte sein Sohn, von einer Amme gewartet, ihn nicht verlassen. Man hatte in einer schlechten Hütte übernachtet, und früh auf die Jagd ausziehend, übergab Llewellin den Knaben auf die wenigen Stunden der Amme und der Wache seines treuen Gellert, keine Gefahr für ihn, in dem tiefen Frie- den, der damals im Lande herrschte, besorgend. Die Amme, von gleicher Sicherheit bethört, benutzte schnell die Freiheit, ihren nahen Liebhaber zu sehen, nur der Hund folgte streng gehorsam seiner Pflicht. Er ward dadurch des Knaben Retter — denn ein Wolf, die Einsamkeit des Hauses bemerkend, hatte sich herangeschlichen und mochte schon das schlafende Kind als sichere Beute ansehen, als Gellert hervor- sprang, und nach langem Kampf, selbst schwer ver- wundet, den Feind bezwang und tödtete. Im Blute schwimmend, legte er sich zu der Wiege Füßen, ab- wechselnd des Knaben zarte Händchen und seine eig- nen Wunden leckend. In diesem Augenblicke kehrt Llewellin, noch mit dem Jagdspieß in der Hand zu- rück, tritt in das Zimmer nnd sieht mit Entsetzen die Stube, seinen Sohn mit Blut bedeckt, und den Hund über die Wiege gebeut. Von Schreck und Zorn bethört, glaubt er, dieser habe sein Kind ge- mordet, und wüthend stößt er ihm den wiederge- hackten Spies in die treue Brust. Die Augen kla- gend auf seinen Herren gerichtet, und in letzter Un- terwürfigkeit noch einmal liebkosend mit dem Schweife wedelnd, verschied mit einem herzzerreißenden Schmer- zensschrei das arme Thier — und kaum war sein letzter Seufzer verhallt, als Llewellin den getödteten Wolf, ausgestreckt am Boden, und seinen Sohn, sanft lächelnd, in der Wiege erblickte. Der Sage nach, verfolgte seitdem des treuen Gellert’s Schmer- zenslaut den betrübten Fürsten bei Tag und Nacht, so daß er zu seinem Andenken ein Monument er- baute, auf dessen Platz noch jetzt eine alte gothische Kirche steht, und wo er lange strenge Bußübungen verrichtete. Später wollte er sogar seine neue Burg auf dem nahen Merlin’s Felsen aufführen lassen, aber nimmer konnte er sie zu Stande bringen. Was am Tage gebaut war, fand man in der Nacht wie- der in die Erde gesunken — nie erlaubte, damals und seitdem, der neidische Zauberer, durch fremde Behausung seinen Wohnplatz zu entweihen. Die Sonne scheint wieder, denn hier dauert der April das ganze Jahr, et je pars. Adieu . Caernarvon, den 30 sten . Während meines Diner’s in Bethgellert hatte ich den Harfner fleißig aufspielen lassen, und mich, wie ein Kind, mit seinem Hunde amüsirt, dem das Stehen auf zwei Beinen so zur andern Natur gewor- den war, daß er noch besser wie der gerupfte Hahn, als Platonischer Mensch hätte figuriren können. Die vollkommene Aisance seiner Stellung und sein ern- stes Gesicht dabei, hatten etwas so Lächerliches, daß man ihm nur in Gedanken einen Unterrock überzu- ziehen und eine Tabacksdose in die Pfote zu geben gebraucht hätte, um darauf zu schwören, es sey eine alte blinde Dame. Wie dieser Hund dem heroischen Gellert, so mögen auch die modernen Welschen den alten gleichen. Ohne die Energie und Betriebsam- keit der Engländer, noch weniger von dem Feuer der Irländer beseelt, vegetiren sie arm und im Ver- borgnen zwischen Beiden. Die Einfachheit der Berge aber ist ihnen geblieben, und sie sind weder so grob, noch prellen sie so unverschämt wie die Schweizer. Point d’argent, point de Suisse ist hier noch nicht anwendbar. Im Gegentheil lebt man so wohlfeil, daß bankerotte Engländer häufig hier ihre Lebenstage beschließen, wo sie freie Jagd, den Gebrauch eines Pony, nebst guter Kost und Wohnung, für 50 Gui- neen des Jahres finden kȯnnen . Die Umgebung von Bethgellert ist die letzte Fort- setzung des herrlichen Thales, welches ich Dir beschrie- ben, und das in diesem Augenblicke durch hundert Wasserfälle belebt wird, die in allen Bergschluchten sich, weiß und schäumend wie Milch, herabstürzen. Eine halbe Stunde hinter dem Dorfe, treten die Fel- sen so eng zusammen, daß kaum noch Platz für Strom und Weg neben einander übrig bleibt. Hier wölbt sich die Teufelsbrücke, und schließt das Thal, oder vielmehr die Schlucht in die es ausläuft. Von nun an nähert man sich wiederum dem Meer, und die Gegend nimmt eine Zeit lang einen lachenden Cha- rakter an. In zwei Stunden erreichte ich das von den Touristen so viel besuchte Thal von Tan-y-bwlch (Tannibulck) dessen Hauptmerkwürdigkeit ein schöner Park ist, auf zwei felsigen mit Hochwald bewachsenen Bergen ausgebreitet, zwischen welchen ein reißender Bach strömt, der mannichfaltige Cascaden bildet. Die Promenade in dieser Anlage ist vortrefflich geführt, und in gehöriger Gradation und Abwechselung auf die verschiedenen Aussichtspunkte zu gelangen, wo bald in der Ferne eine Insel im Meere, dann ein naher Abgrund mit dem schäumenden Wasserfall, jetzt ein entfernter Pik, oder später eine einsame Felsen- partie unter der Nacht uralter Eichen sichtbar wird. Ich wanderte über eine Stunde lang auf diesen Gän- gen, war aber sehr verwundert, das Ganze in solchem Grade vernachlässigt zu finden, daß ich an den mei- sten Stellen im hohen Grase waten, und mich durch die verwachsenen Pflanzungen durcharbeiten mußte. Auch das Wohnhaus schien verfallen. Später erfuhr ich, daß der Besitzer sein Vermögen in London im Spiel eingebüßt! Da ich fürchtete, zu viel Zeit zu verlieren, gab ich den Besuch von Festinoig und sei- ner berühmten Wasserfälle auf, nahm einen frischen sociable Eine Art viersitziger, leichter Calesche, ohne Verdeck. und Pferde beim Wirth, und machte mich nach dem 10 Meilen entfernten Tremadoc auf, eine sehr belohnende Fahrt, obgleich der Weg der schlech- teste war, den ich noch in Groß-Britannien angetrof- fen. Einige Meilen führt er im Meere fort, nämlich in einem Theil desselben, welchen ein reicher Particu- lier, Herr Maddocks, durch einen ungeheuren Damm abgeschnitten, und dadurch ein fruchtbares Terrain, von der Größe eines Rittergutes, gewonnen hat. Von diesem Damme, welcher 20 Fuß hoch und zwei Meilen lang, genießt man eine der prächtigsten Aus- sichten. Das abgeschnittene Becken formt einen fast regelmäßigen Halbzirkel, dessen Wände von dem gan- zen Amphitheater des Gebirges gebildet zu seyn schei- nen. Hier hat der Kunstfleiß des Menschen den Schleier vom Meeresboden hinweg gezogen, und statt der Schiffe zieht jetzt der Pflug seine Furchen durch die weite Flȧche — aber links deckt noch der unermeßliche Ocean alle Geheimnisse seiner nie ergrün- deten Tiefe mit schäumenden Wasserbergen zu. Die Küste endet für das Auge in geringer Ferne mit ei- nem kühnen Felsenvorsprung, auf dem die Ruine des alten Schlosses Harlech mit fünf verfallenen Thürmen über die Fluthen hinaushängt. Vorn, am Ende des Dammes, öffnet sich dagegen ein freundlich stilles Thal, unter hohen Bergen gelagert, mit einem kleinen aber belebten Hafen, neben welchem Trema- doc sich an die Felsen schmiegt. Uebrigens würdest Du, Herzens- Julie, Dich schwer- lich entschließen können, über diesen Damm zu fah- ren, da seine Beschaffenheit sich eigentlich nur für Fußgänger eignet. Er ist, wie schon erwähnt, 20 Fuß hoch aus roh übereinander gethürmten, spitzen und kantigen Schieferblöcken steil aufgeführt, und oben nur 4 Ellen breit, ohne irgend etwas das einer Lehne ähnlich sähe. Mit Wuth stürmt auf der einen Seite die Brandung gegen ihn, und scheuten davor die Pferde, so stürzte man ohnfehlbar in die gleich Piken aufgerichteten Schieferspitzen. Die Bergpferde allein können solche Pfade sicher passiren, da sie die Gefahr zu beurtheilen scheinen, und mit ihr vertraut sind. Demohngeachtet sieht man hier selten einen Wagen; nur eine Eisenbahn für Steinkarren führt über den Damm, welche das Fahren mit anderm Fuhrwerk noch bedeutend erschwert. Tremadoc selbst steht auf früher durch eine gleiche Operation gewonnenem Meeresgrund. Es ist auffal- lend, wie ȧhnlich dieser, erst seit einigen Jahrhunder- ten Land gewordene, Strich auf die kurze Distanz den nördlichen Sandgegenden Deutschlands ist, welche vielleicht auch zum Theil kaum über ein Jahrtausend vom Meere frei wurden. Das Städtchen selbst und seine Einwohner, als wenn gleicher Boden auch glei- chen Menschencharakter hervorbrȧchte , war eben so vollkommen den traurigen Oertern jener Länder ver- wandt. Oede und vernachlässigt, schmutzig, die Men- schen schlecht gekleidet, der Gasthof nicht besser als ein schlesischer, und nicht weniger unreinlich, und um nichts fehlen zu lassen, auch die Postpferde welche ich bestellte — auf dem Felde, so daß ich sie erst nach anderthalb Stunden erlangen konnte. Wie sie end- lich kamen, entsprach ihr Aussehen, der schlechte Zu- stand der Geschirre, wie die Tracht des Postillons, eben so treu dem angeführten Modell. Dies gilt je- doch nur von diesem, der See abgewonnenen, Distrikt; sobald man eine halbe Stunde weiter gefahren ist, und die umgebenden Höhen wieder erreicht, ändert sich die Gegend von neuem zum Fruchtbaren und Schönen um. Sie hatte freilich das Wilde und Gi- gantische der früheren verloren, aber nach dem langen Aufenthalt in den Felsenmassen that mir dieser An- blick wohl, da überdem heute der heiterste und klarste Abend die Landschaft beleuchtete. Die Sonne glänzte so golden auf den smaragdfarbigen Wiesen, bebuschte Hügel lagerten sich so friedlich, wie zur Ruhe, um ein crystallhelles Flüßchen, und einzelne Hütten hin- gen so einladend an ihren schattigen Abhängen, daß man sich gleich für immer dort hätte ni derlassen mö- gen! Ich war dem Wagen zu Fuß vorangegangen, und überließ mich, unter einen hohen Nußbaum, auf weichem Moose ruhend, mit Wonne meinen Träume- reien. Wie sprühende Funken blitzte das Abendlicht durch die dichtbelaubten Zweige, und hundert kleine freudig wimmelnde Insekten spielten in den rothen Strahlen, während im Wipfel der laue Wind in Me- lodieen säuselte, die dem Eingeweihten verständlich sind, der ihnen mit süßem Entzücken lauscht. — Der Wagen kam — noch einmal warf ich den sehnsüchti- gen Blick auf das tiefblaue Meer, noch einmal sog ich den Duft der Bergblumen in mich — dann zogen die Pferde den Zögernden rasch in das flache Land hinab. Von nun an hörte alles Romantische des Weges in einer wohlgebauten Gegend gänzlich auf, bis sich in der Abenddämmerung die Thürme von Caernar- von Castle über den Waldspitzen zeigten. Hier ge- denke ich nun einige Tage auszuruhen, nachdem ich an dem heutigen, von 4 Uhr früh bis Abends 10 Uhr, theils zu Wagen, 74 englische Meilen zurückge- legt habe. Den 1. August. Diesen Morgen erhielt ich Briefe von Dir, die mich traurig stimmen! Ja wohl hast Du Recht — eine harte Prüfung des Schicksals war es, die das bei- terste und ruhigste Glück, das vollkommenste Ein- verständniß stören, und die am besten in der Welt zusammenpassenden Gemüther — beide noch obendrein im behaglichen Schooße ihrer beiderseitigen Stecken- pferde — wie ein Sturm das friedliche Meer aufre- gen, von einander reißen, ja auf eine Zeit fast geistig zerstören mußte, den einen Theil zu rastloser Wande- rung, den andern zu trostarmer Einsamkeit, beide zu Kummer, Sorge, Schmerz und Sehnsucht verur- theilend! Aber war der Sturm nicht vielleicht unum- gȧnglich nöthig für die Meerbewohner, wäre die nie bewegte Luft ihnen nicht vielleicht noch verderblicher geworden? Lasse uns also nicht übermäßig trauern, nichts Vergangenes bereuen , was immer eitel ist — nur vorwärts zum Besseren laß uns streben, und auch im schlimmsten Falle nicht uns selbst verlieren! Wie oft aber sind die eingebildeten Uebel, die schwer- sten zu ertragen! welche brennende Schmerzen erregt gekränkte Eitelkeit, welche peinigende Scham Begriffe falscher Ehre. Es geht mir nicht besser, und oft möchte ich mir beinah Falstaffs Philosophie über die- ses Capitel wünschen. Die Natur hat mir indessen ein anderes kostbares Geschenk verliehen, was ich Dir mittheilen zu können, mich glücklich schätzen würde. Ich finde in jeder Lage schnell, und fast in- stinktmäßig, die gute Seite derselben auf, und ge- nieße diese mit einer Frische des Gefühls, einer kind- lichen Weihnachtsfreude an Kleinigkeiten, die gewiß bei mir nie veralten wird. Und wo wäre nicht auf die Länge Gutes dem Uebeln überwiegend beigemischt? Diese Ueberzeugung aber ist der Grundstein meiner Frömmigkeit. Unendlich sind die Gaben Gottes, und man könnte fast sagen: es ist nicht zu verantworten, wenn wir nicht glücklich sind. — Wie sehr wir es wirklich selbst in der Gewalt haben, kann jeder se- hen, wenn er auf sein vergangenes Leben zurück- blickt, und sich da überzeugen muß, wie er fast alles Uebele so leicht hätte zum Guten wenden können. Wie ich Dir früher und oft sagte: Wir machen un- ser Schicksal selbst — aber freilich uns selbst haben wir nicht gemacht, und da liegt eine weite, unbekannte Vergangenheit, über die jedoch sich den Kopf zu zer- brechen zu nichts führen würde. Es thue nur jeder sein Möglichstes, mit frischem Muthe die äußern Dinge dieser Welt ohne Ausnahme leicht anzusehen, weil die Dinge dieser Welt wirklich leicht wiegen, im Guten wie im Schlimmen. Eine bessere Waffe giebt es nicht, nur muß man deshalb die Hände nicht in den Schoos legen. Dein weiblicher Fehler, gute Julie ist bei üblen Zeiten, mit einer schwachen Art Fröm-’ migkeit, Dich auf den lieben Gott und seine Hülfe als Deus ex machina allein zu verlassen. Damit aber geht man, wenn diese Hülfe endlich doch aus- bleibt, sicher zu Grunde. Doch kann Beides, frommes Hoffen und rüstiges Thun sehr wohl mit einan- der bestehen, und kein Zweifel sogar, daß dann das erste das zweite gar sehr erleichtert; denn ist auch jene Art Frömmigkeit, wie sie die Welt gewöhnlich versteht, jene sichere Zuversicht auf irdischen besondern Schutz von oben, jenes Bitten um Güter oder gegen Uebel, nur eine Selbsttäuschung — so ist es doch Briefe eines Verstorbenen. I. 9 eine wohlthätige, ja in unsrer Natur vielleicht be- gründete, wie wir deren so vielen unterworfen sind, und die ohnedem, wenn wir wahrhaft an sie glau- ben, auch für uns zur individuellen Wahrheit wer- den. Es scheint, unsre Natur habe das Vermögen, da wo die Wirklichkeit nicht mehr ausreicht, uns eine eingebildete selbst gemachte, als helfende Stütze, schaffen zu können. So giebt fromme Zuversicht auf speziellen Schutz, selbst in jeder Form des Aber- glaubens, Muth. Wer mit der Ueberzeugung in die Schlacht geht: durch einen Talisman feuerfest zu seyn, — der kehrt sich an die Kugeln nicht mehr; höher aber noch wirkt der Enthusiasmus für Ideen, die unser Ich gebietend über die Außenwelt stellen, und so begeistert sah man oft religiȯse Schwärmer die unerträglichsten körperlichen Schmerzen an sich mit wahrer Wunderkraft vernichten. So bilden sich auch Leidende und Gedrückte beseligende Hoffnungen einer künftigen Glückseligkeit, die sie schon hier entschä- digt — alles Wirkungen des mächtigen Triebes der indi- viduellen Selbsterhaltung im weitesten Sinne, der das oben erwähnte Vermögen unsrer Natur in An- wendung bringt, sobald er es gebraucht — daher endlich bei schwachen Charakteren die, zwar an sich ganz nutzlosen, aber sie doch beruhigenden Bekehrun- gen auf dem Todbette. Jeder muß am Ende diesem Bedürfniß in einer oder der andern Form seinen Tri- but bezahlen, d. h. jeder macht sich seinen irdischen Gott, und dies ist auch eine sich immer wiederholende Menschwerdung Gottes. Die Vorstellung des all- liebenden Vaters ist im Allgemeinen gewiß die schönste dieser Bildungen, über die hinaus wir auch mensch- lich nicht weiter steigern können, und man muß es gestehen, die bloße Idee des zum Unbegreiflichen, Unnennbaren, höchsten Prinzips aller Dinge Vergei- stigten, so zu sagen Verflüchtigten, erwärmt das füh- lende, seiner Schwachheit sich bewußte, Menschen- herz nicht mehr mit derselben Innigkeit. Uebrigens scheint mir oft Alles was den Menschen und die Na- tur ausmacht, nur auf zwei Haupt-Elemente sich zu- rückführen zu lassen: Liebe und Furcht, die man auch Göttliches und Irdisches nennen könnte. Alle Ge- danken, Gefühle, Leidenschaften und Handlungen ent- stehen hieraus, entweder aus dem einen, oder der Mischung beider Prinzipien. Liebe ist die göttliche Ursach aller Dinge, Furcht scheint die irdische Er- halterin. Die Worte: Ihr sollt Gott lieben und fürchten, müßte man nur so erklären, oder sie wür- den keinen Sinn haben — denn ungemischte Liebe kann nicht fürchten, weil sie das Gegentheil von al- lem Egoismus ist, ja sie wird, wo sie wahrhaft uns beseelt, eins mit Gott und dem Welt-All, und wir haben Momente, wo wir dieses fühlen. Wenn ich den Maßstab jenes ausgesprochenen Sa- tzes an alle menschliche Handlungen lege, finde ich ihn überall bestätigt. Liebe befruchtet, Furcht erhält, und zerstört — auch in der ganzen Natur sehe ich das Prinzip der Selbsterhaltung oder Furcht (es ist eins und dasselbe) auf das, was wir in der mensch- lichen Moral böse nennen müssen, nämlich: auf die 9* Vernichtung einer andern Individualität, gegründet. Ein Geschlecht lebt immer von der Zerstörung des andern, Leben entsteht nur durch Tod, bis in alle Ewigkeit der Erscheinung, welche grade auf diese Art Einheit im fortwȧhrenden Wechsel bleibt. Es ist auch der Bemerkung werth, daß diese Furcht obgleich uns Allen zu unsrem irdischen Bestehen so unumgänglich nöthig, dennoch, selbst hier, von unserm göttlichen Theile so sehr gering geschätzt wird, daß fast kein mögliches Verbrechen uns so tiefe Verach- tung einflößt als Feigheit . Nichts bezwingt da- gegen die Furcht besser als eine große Idee, die aus dem Reiche der Liebe entsprießt. Auch Andere reißt man, so beseelt, dann mit sich fort und ganze Völker werden davon, sich aufopfernd, ergriffen, wenn gleich nichts Irdisches ganz rein von Beimischung des nied- rigerern Prinzips sich erhalten kann. Furcht also wird , in der Zeit und im Raume, Liebe ist , und kennt keine Zeit noch Raum. Die Liebe ist unend- lich und selig, die Furcht stirbt eines ewigen Todes. Die Liebe ist Gott, die Furcht ist der Teufel — und ihm gehört bekanntlich die Erde zur größern Hälfte. K … Park, den 2 ten August. Bei meiner Rückkehr nach Bangor machte ich ge- stern die Bekanntschaft des Besitzers von Peurhyn Castle (dem schwarzen Sachsenschloß, das ich Dir be- schrieben), ein Mann der in der Bauleidenschaft mir wahlverwandt ist. Schon 7 Jahr wird an dem Schloß gearbeitet, wozu jährlich 20,000 Lst. ausgesetzt sind, und noch vier Jahre mehr vielleicht wird es bis zur Vollendung brauchen. Während dieser Zeit lebt der reiche Mann mit seiner Familie in einer höchst un- ansehnlichen gemietheten Cottage in der Nähe, mit wenig Leuten umgehend, aber sich wöchentlich einmal an der Besichtigung seiner Feenburg weidend, die er, an so einfaches Leben gewöhnt, wahrscheinlich nie zu bewohnen sich entschließen können wird. Es schien ihm viel Freude zu machen, mir Alles zu zeigen und zu erklären, und ich empfand nicht weniger Vergnü- gen bei seinem Enthusiasmus, der dem sonst kal- ten Manne wohl anstand. Um einer Einladung zu folgen, die ich in London erhalten, und die mir seitdem dringend wiederholt worden war, reiste ich heute früh hieher. Die Straße führt zuerst in der fruchtbaren Aue, zwischen der See und dem Fuß des Gebürges hin, zuweilen mit einer sich plötzlich öffnenden Bergschlucht, und reißenden Waldbächen, die eilig dem Meere zueilen. Am Pennan Maws verengt sich aber der in den Felsen gesprengte Weg zu einem schwierigen Paß, dessen linke Seite, 500 Fuß hoch, senkrecht und überhängend zu den Wellen herabsinkt. Eine sehr nothwendige Mauer- brüstung schützt die Wagen. Ich saß auf meiner Im- periale, einen Platz den ich bei gutem Wetter häufig einnehme, und genoß hier die weite Seeaussicht in völliger Freiheit. Der Wind saußte dazu durch alle Töne, und mit Mühe erhielt ich meinen Mantel. Nach einer Stunde erreichte ich Conway, dessen Lage eine der reizendsten ist. Hier befindet sich das größte jener festen Schlösser, die alle Eduard gebaut und Cromwell zerstört hat. Es ist zugleich das, welches durch Umgebung wie eigne Schȯnheit , am romanti- schesten erscheint. Die Umfangsmauern, obwohl verfallen, stehen noch sämmtlich, mit allen ihren Thürmen, deren man bis 32 zählt. Die ganze neuere Stadt, ein seltsames aber nicht unmalerisches Gemisch von Altem und Neuem, findet Platz im Bezirk dieser Mauern. Seit kurzem hat man über den Fluß Conway, an dessen Felsenufern das Schloß steht, eine Kettenbrücke, mit Pfeilern in Gestalt gothischer Thürme, gebaut, die das Grandiose und Fremde des Anblicks noch ver- mehrt. Die Umgegend ist herrlich, bewaldete Berge stehen den Ruinen gegenüber, und noch höhere ragen über sie hervor. Mehrere Landhäuser zieren die Ab- hänge, unter andern eine allerliebste Villa, die eben zum Verkauf ausgeboten ist, und den verführerischen Namen „Zufriedenheit“ ( Contentement ) führt. In dem Schloß sieht man noch die imposanten Rudera der Banquethalle mit zwei haushohen Caminen, und die königlichen Zimmer. Im Closet der Königin wird ein ziemlich gut erhaltner und schön gearbeiteter Bet- altar, so wie ein prachtvolles Orielwindow bewundert. Auch in der Stadt befinden sich sehr merkwürdige alte Gebäude, mit wunderbaren, phantastischen Holz- hieroglyphen. Das eine dieser Häuser wurde, wie ein Grabstein in der Kirche besagt, von einem gewissen Hoo- kes in 14ten Jahrhundert erbaut, welcher der einundvier- zigste Sohn seines Vaters war, in der Christenheit ein seltnes Beispiel! Ein großes Windelkind, von einem Storche getragen, und in altem Eichenholz geschnitzt, war daher auch so oft wie möglich als Zierrath auf den Wänden angebracht. In gastronomischer Hinsicht ist Conway ebenfalls preiswürdig. Es giebt hier ei- nen Fisch, dessen eben so zartes, als festes Fleisch äu- ßerst wohlschmeckend ist. Er heißt place (Platz) ein recht passender Name, als rief er: Platz für mich, der besser ist als ihr übrigen! Auch wünschte ich ihm öfter den Ehrenplatz an meinem Tische einräumen zu können. Noch bei guter Zeit verließ ich Conway, über die Kettenbrücke fahrend, der das zerstörte Schloß zum ehrwürdigen Stützpunkte dient. Die un- geheuren Ketten verlieren sich so abentheuerlich in den felsenfesten Thürmen, daß man das Neue kaum bemerken würde, wenn nicht unglücklicherweise gegen- über ein Chausseehaus, ebenfalls in der Form einer diminutiven Burg, aufgebaut worden wäre, das sich wie der Harlekin der großen ausnimmt. Je mehr man sich St. Asaph nähert, je milder wird der An- blick des Landes. In einer fast nicht zu übersehenden halbrunden Bucht bespült das ruhige Meer frucht- bare Felder und Fluren, reichlich mit Städten und Dörfern untermengt. Alle Landbesitzer scheinen hier dem gothischen Geschmack zu huldigen. Diese Manier war so weit getrieben, daß selbst eine Schenke an der Straße mit Fallthoren, Schießscharten und créneaux versehen war, obgleich es keine andere Besatzung als Hühner und Gänse zu beschützen gab. Hier wäre Don Quirotte zu entschuldigen gewesen, und der Wirth thäte gar nicht übel, wenn er den Ritter von der traurigen Gestalt mit eingelegter Lanze und Bar- bierbecken, zum Aushängeschild erwählte. Weiter hin schien ein ganzer Bergrücken mit einer gothischen Stadt bedeckt. Es machte von weitem ei- nen so auffallenden Effekt, daß ich mich verleiten ließ auszusteigen, und den beschwerlichen Weg hinanzu- klimmen. Lächerlich und verdrießlich war es zugleich, als ich fand, daß der Kern der Spielerei nur ein kleines sich durch nichts auszeichnendes Haus war, das übrige aber bloß verschiedene, auf den Berg und Felsenabhängen errichtete Mauern, die bald Thürme, bald Dächer, bald Zinnen von großen Dimensionen, halb im Walde versteckt, nachahmten, von nahen aber nur dazu dienten, eine Menge Frucht- und Küchengȧrten einzuschließen. Ein Glückspilz, ein durch Zufall reich gewordener Shop Keeper, hatte diese harmlose Raubveste, wie man mir sagte, in zwei Jahren erbaut; eine wahre Satyre auf den herr- schenden Geschmack! Gegen Abend langte ich bei meinem guten Obristen an, einem ächten Englȧnder im besten Sinne des Worts, der mich mit seiner liebenswürdigen Familie auf das freundlichste empfing. Diese wohlhabenden (bei uns würde man sie sehr reich nennen) und an- gesehenen Gutsbesitzer, die sich nicht in London zu ängstlich zur Fashion drängen, aber die Liebe ihrer Nachbarn und Untergebnen zu erwerben suchen; de- ren Gastfreundschaft nicht bloße Ostentation, und deren Sitten weder exclusive noch ausländisch sind, sondern die in einer civilisirten und durch Reichthum verschönten Häuslichkeit ihren Genuß, in strenger Rechtlichkeit ihre Würde finden — bilden die wahr- haft respektabelste Classe der Engländer. In der gro- ßen Welt Londons spielen sie zwar nur eine unbe- deutende, in der Menschheit aber gewiß eine ehrwür- dige Rolle. Leider ist jedoch in England die Ueber- macht und Arroganz der Aristokratie, und über dieser noch die der Mode, so herrschend und gewaltig, daß selbst solche Familien wie die hier geschilderten, wenn sie mein Lob läsen, sich wahrscheinlich weniger da- durch geschmeichelt fühlen würden, als wenn ich sie unter denen, die den Ton angeben, aufführen könnte. Wie weit hierin die Schwäche bei den würdigsten Leuten in England geht, kann man kaum glauben, ohne es erfahren und alle Classen der Gesellschaft davon auf die lächerlichste Weise angesteckt gesehen zu haben. Doch ich habe Dir aus dem Foyer der europäischen Aristokratie über dieses Capitel genug geschrieben, und will mich daher hier nicht wiederho- len. Ueberhaupt ist es wohl Zeit diesen Brief zu schließen, da ich ohnedem fürchte, unsre Correspon- denz könnte Dir am Ende zu lang vorkommen — denn wenn auch das Herz nicht ermüdet, der Kopf macht andere Ansprüche. Indessen weiß ich, wie weit ich Deiner Nachsicht in dieser Hinsicht zumuthen darf. — Dein ewig treu ergebener L . . Acht und zwanzigster Brief. K … Park, den 4. August 1828. Meine theuerste Freundin! Ich befinde mich hier sehr wohl. Man lebt auf comfortable Weise, die Gesellschaft ist herzlich, la chair excellente und die Freiheit, wie überall hier auf dem Lande, vollkommen. Gestern machte ich auf einem unermüdlichen Pferde meines Wirths einen sehr angenehmen Spazierritt von einigen zwanzig Meilen, denn bei den guten Pferden und Wegen verschwinden hier die Distancen. Ich muß Dir da- von erzȧhlen . Zuerst ritt ich nach der kleinen Stadt St. Asaph, um die dortige Cathedrale zu besehen, die ein großes Fenster von moderner Glasmalerei ziert. Viele Wappen waren sehr gut ausgeführt, und man hatte überhaupt den Fehler vermieden, Gegenstände dar- stellen zu wollen, die sich für die Glasmalerei nicht passen, welche grelle Farbenmassen und keine ver- schwimmenden Nuancen verlangt. Um mich in der Gegend besser zu orientiren, bestieg ich den Thurm. Dort bemerkte ich in der Entfernung von ohngefähr 12 Meilen ein kirchenartiges Gebäude auf der Spitze eines hohen Berges, und frug den Küster, was es bedeute? er erwiederte in holprigem englisch: „dies sey das Tabernakel des Königs, und wer sieben Jahre lang sich weder waschen, noch die Nägel abschneiden, oder den Bart scheeren wolle, dem sey es erlaubt, dort zu wohnen, und nach dem siebenten Jahre habe er das Recht nach London zu gehen, wo ihn der König ausstatten und zum Gentleman machen müsse.“ Dies tolle Mährchen glaubte der Mann im vollen Ernst und schwur auf seine Wahrheit. Voilà ce que c’est que la foi! Als ich mich später nach dem wirk- lichen Verlauf der Sache erkundigte, erfuhr ich von dem Ursprung der Geschichte bloß, daß das Haus zum Regierungs-Jubiläum des vorigen Königs von der Provinz oder County gebaut worden sey, und seitdem leer stehe, ein Spaßvogel aber einst am an- dern Orte eine bedeutende Summe in den Zeitungen ausgeboten, wenn Jemand die erwähnten Bedingun- gen in einer ihm zugehörigen Höhle erfülle. Das gemeine Volk hat nun jene Feuerprobe mit dem „Tabernakel“ des guten Kȯnigs Georgs des III. in Verbindung gesetzt. Ich bin den Thurm jetzt wieder herabgestiegen, und am Fuße sanfter Hügel hin, kannst Du mich weiter gallopiren sehen, bis ich einen felsigen einzeln stehen- den Berg erreiche, auf dem die Ruinen von Denbigh Castle stehen. An den Seiten des Berges klammern sich ringsum die baufälligen Häuser und Hütten des ärmlichen Städtchens an, und mit Mühe gelangt man durch die engen Gassen zum Gipfel. Ein Herr zeigte mir gütig den Weg, welcher sich mir nachher als den Herrn Stadt-Chirurgus dekouvrirte, und mit vieler Artigkeit die Honneurs der Ruine machte. In ihren Mauern haben sich die Honoratioren ganz romantisch ihr Casino, nebst einem sehr zierlichen Bulmengärtchen angelegt, von welchem letztern man eine vortreffliche Aussicht genießt. Der übrige Theil des weitläuftigen Schlosses bietet dagegen nur ein verlas- senes Labyrinth von Mauern und Grasplätzen dar, wo die Distel wuchert. Alle drei Jahre wird jedoch auf diesem Platz ein großes Nationalfest gehalten — die Versammlung der welschen Barden. Gleich den ehemaligen Minnesängern Deutschlands, kommen hier sämmtliche Harfner aus Wales zum Wettkampf zu- sammen. Der Sieger gewinnt einen goldnen Becher, und ein gemeinschaftliches Chor von hundert Harfen hallt zu seinem Ruhm in den Ruinen wieder. In drei Monaten sollte die Vereinigung statt finden, zu der man auch den Herzog von Susser erwartete. Von hier kam ich, einer Bergschlucht folgend, in ein wunderschönes Thal. Tiefe Waldesnacht umfing mich, Felsen streckten wieder, wie alte Bekannte, grüßend ihre bemosten Häupter aus den Zweigen, der wilde Fluß schäumte wieder, springend und tanzend durch die Waldblumen, und verborgene, beimlich glänzende Wiesen leuchteten mir wieder mit aller Goldfrische des Gebirges entgegen. Wohl einige Stunden irrte ich in diesen Gründen umher, dann erklomm ich die Höhe auf einem mühsamen Fußpfad, um zu erfahren, wo ich eigentlich sey? Ich stand grade über der Bucht und dem weiten stillen Meer, das die sanften Bergabhȧnge vor mir näher zu rük- ken schienen als es wirklich war. Nach einiger An- strengung entdeckte ich, unter den Baumgruppen der Ebne, auch das Schloß von K … Park, und rasch darauf zutrabend, erreichte ich es noch zur rechten Zeit für die Mittags-Toilette. Den 5 ten. Mit der lieblichen kleinen Fanny, der jüngsten Tochter des Hauses, die noch nicht out ist, To come out heißt bei den jungen Mädchen in England: in die Welt treten. Die Eltern lassen manche dieses Glück bis ins zwanzigste Jahr und noch länger erwarten. Bis dahin lernen sie die Welt nur aus Romanen kennen, und später geht es auch dar- nach, wo nicht die Häuslichkeit und Tugend (denn ein solches Ding giebt es zuweilen in England) einen zu festen Grund gelegt haben. A. d. H. spa- zierte ich diesen Morgen, als Alle noch schliefen, im Park und Garten umher, wo sie mir ihre dairy (Milchkeller) und ihre aviary (Etablissement für Ge- flügel) zeigte. Ich schrieb Dir schon, daß der Milchkeller hier im- mer eine der Hauptzierden jedes Parkes ausmacht und von den Kuhställen ganz entfernt, für sich, in der Form eines eleganten Pavillons besteht, mit Fon- taine, Marmorwänden und kostbarem Porzellain ge- schmückt, dessen große und kleine Schalen mit allen Arten der schönsten Milch und Milchprodukten ange- füllt werden. Kein besseres Plätzchen als dieses, um sich nach der Ermüdung des Gehens zu erfrischen. Es versteht sich, daß auch ein Blumengärtchen dabei ist, welches der Englȧnder gern jedem Gebäude bei- fügt. Hier wetteiferte das Steinreich in Pracht der Farben mit den Blumen. Der Besitzer hat nämlich einen Antheil an bedeutenden Kupferwerken in An- glesea, und kleine Berge dieses golden, roth, blau und grün schillernden Erzes dienten seltnen Stein- pflanzen zum prachtvollen Bett. Das Aviary, sonst wohl Goldfasanen und auslän- dischen Vögeln gewidmet, war hier blos wirthschaft- licher Natur, nur für Hühner, Gänse, Pfauen, Tauben und Enten ausschließlich bestimmt, dennoch aber bot es, durch seine außerordentliche Reinlichkeit und Zweckmäßigkeit, einen sehr angenehmen Anblick dar. Deutsche Wirthinnen hört und staunt! Zwei- mal des Tages wurden die mit den schönsten Be- wässerungs-Anstalten versehenen Höfe und einzelnen Kammern, Taubenschläge und Brütbehälter — zweimal des Tages wurden sie gescheuert — und die Strohbetten der Hühner waren so zierlich, die Spros- sen, auf denen sie horsteten, so glatt und blank, die mit Quadern eingefaßten Enten-Pfützen so klare Bassins, das großkörnige Gerstenfutter und der ge- kochte Reis, gleich dem Pariser Riz au lait, so ap- petitlich, daß man sich im Paradiese der Vögel zu befinden glaubte. Auch waren diese alle frei wie dort, keinen die Flügel verschnitten, und ein, imme- diat an ihre Wohnung stoßendes, Wäldchen hoher Bäume diente ihnen zum anmuthigsten Vergnügungs- ort. Noch wiegten sich die meisten von ihnen behag- lich auf den schwankenden Gipfeln, als wir anka- men; kaum erblickten sie aber die kleine rosige Fanny, wie eine wohlthuende Fee mit Leckerbissen in der Schǔrze ihnen entgegentretend, als sie in brausender Wolke herabeilten, und sich pickend und frohlockend zu ihren Füßen niederließen. Ich fühlte mich idyl- lisch gerührt, und trieb zu Haus, um noch vor dem Frühstück mich des Feuers meiner Begeisterung zu entledigen. Nun waren aber noch die Kindergärten zu besehen, und ein Haus der Laune, und Gott weiß was alles — kurz wir kamen zu spät und wur- den ausgescholten. Mit englischem Pathos rief Miß Fanny: We do but row — And we are steered by fate. Wir rudern wohl — Jedoch das Schicksal sitzt am Steuer! mit andern Worten: der Mensch denkt, Gott lenkt … und Ja wohl, dachte ich, der kleine Philosoph hat nur zu Recht! Es kömmt immer anders, wie man sich’s vorstellt, selbst bei so wenig bedeutenden Dingen als die Promenade mit einem hübschen Mäd- chen, und das Warten der Eltern beim Frühstück. — Der Nachmittag sah mich wieder zu Roß. Ich suchte mir ungebahnte Wege in den wildesten Berg- gegenden landeinwärts, mehreremal den reißenden Fluß ohne Bru̇cke passirend, und oft in den schönsten und überraschendsten Aussichten schwelgend. Zuweilen be- gegnete ich einsam arbeitenden Landmädchen, auf- fallend hübsch in ihrer originellen Tracht, die den Wuchs hervorhebt und den Busen sehr frei zeigt. Sie sind aber dabei schüchtern wie Rehe und züchtig wie Vestalinnen. Alles zeigt die Bergnatur, mein Pferd auch! unermüdlich, wie eine Maschine aus Stahl und Eisen, gallopirt es über die Steine berg- auf und bergab, springt mit ungestörter Ruhe über die Heckenthore, welche alle Augenblicke die Feldwege verschließen, und macht mich weit eher müde, als es selbst Müdigkeit fühlt. Das ist die wahre Art, spazieren zu reiten — viele Meilen weit, in Gegenden, die man nie gesehen, wo man nicht weiß, wo man hinkömmt, und sich den Rückweg ebenfalls von einer andern Seite suchen muß. Heute gerieth ich zuletzt in einen Park, wo hölzerne, mit weißer Oelfarbe angestri- chene Statüen, seltsam mit der erhabnen Natur kon- trastirten. Kein Mensch ließ sich sehen, nur Hun- derte von Kaninchen streckten ihre Köpfe aus den durchlöcherten Bergabhängen hervor, oder jagten eilig über den Weg. Allerlei wunderliche Dinge ver- riethen den Besitzer als einen Sonderling. Am be- sten nahm sich ein schwarzer Fichtenwald aus, der rund umher ein Ring von glanzfarbigen Malven ein- faßte. Ich kam endlich auf einer kahlen Höhe wieder heraus, wie ich hereingekommen war, durch ein von selbst zuschlagendes Fallthor; überall herrschte dieselbe Einsamkeit, und bald war das verwünschte Schloß weit hinter mir. Bangor, den 8 ten. Ich sollte einige Wochen in K … Park bleiben, aber Du kennst meine Unstetigkeit — bald drückt mich das Einerley, wenn es auch gut ist — ich empfahl mich daher meinen gefälligen Freunden, be- suchte noch einen andern Gutsbesitzer, der mich ein- geladen, auf einige Stunden, statt Tagen, sah einen Sonnenuntergang von den Ruinen Conway’s, aß eine Place, und traf wieder in meinem Hauptquar- tier ein, das ich nun aber für immer verlasse. Ich befinde mich übrigens leider nicht recht wohl, meine Brust scheint von den Fatiguen in der letzten Zeit etwas angegriffen, und schmerzt oft recht empfind- lich, mais n’importe. Craig y Dou, den 9 ten früh. Erinnerst Du Dich dieses Namens? Es ist die schöne Villa, die ich Dir beschrieben, deren liebens- würdigen Besitzer ich seitdem kennen gelernt, und dessen freundlicher Einladung, bei ihm die letzte Nacht in Wales zuzubringen, ich nicht widerstehen konnte. Briefe eines Verstorbenen. I. 10 Wegen meinen Brustschmerzen vermochte ich gestern Abend nur kurze Promenaden, mit dem Sohne des Hauses, in den lieblichen Gärten zu machen, und der Versuch, einen nahen höheren Berg zu besteigen, bekam mir fast übel, so daß ich nachher bis zum Es- sen mich mit den Zeitungen amüsiren mußte. In dem langen Wust war ein guter Einfall, den ich Dir zitire. Der Artikel sprach von der Thronrede, worin die Worte vorkommen: „dem Speaker wird befohlen , dem Volke zu seiner allgemeinen Glück- seligkeit zu gratuliren.“ Dies, meint der Berichter- statter, sey doch so insolent, sich so offenbar über dieses arme Volk lustig zu machen, obgleich es al- lerdings gegründet sey, daß die Wahrheit von ihm in dergleichen Dingen nie erwartet werden dürfe, denn, fährt er fort, sollte wirklich je ein König oder Minister so wahnsinnig seyn, um die reine Wahr- heit bei ähnlicher Gelegenheit sprechen zu wollen, so müsse er ja gleich im Anfang der Rede, statt dem gewöhnlichen exordium „Mylords and Gentlemen sagen My knaves and dupes. (Mes fripons et du- pes.“) Unser Wirth ist ein Mitglied des Yacht-Clubs, und ein leidenschaftlicher Freund des Meeres. Daher hätte auch unser diné jedem Katholiken in der Fasten- zeit genügen müssen, denn es bestand nur aus Fi- schen, vortrefflich auf mannichfache Arten zubereitet. Eine Austerbank, unter den Fenstern, sandte gleich- falls dazu ihre schlüpfrigen, noch Salzwasser feuch- ten, Bewohner. Zum Dessert aber lieferten die vor dem Hause weidenden Kühe manche Delikatesse und die an den Salon stoßenden Treibhäuser köstliche Früchte. Thut es nun nicht wohl, sich zu denken, Hundert- tausende in England eine solche Existenz, einen so behaglichen und soliden Luxus, in ihren friedlichen Häu- sern froh genießen, freie Könige im Schoose ihrer Häus- lichkeit, die ruhig in der Sicherheit ihres unantastbaren Eigenthums leben, Glückliche, die nimmer durch schwere Sendschreiben unhöflicher Behörden belästigt werden, welche bis in die Wohnstube und Schlafkammer Al- les regieren wollen, und dem Staate schon einen bedeutenden Dienst erzeigt zu haben glauben, wenn sie am Ende des Jahres den armen Regierten viele tausend Thaler unnöthiges Porto verursachen konn- ten, dabei aber auch nicht zufrieden, über den Re- gierten zu stehen, sich ihnen zugleich entgegen stel- len, Richter und Parthei so viel sie können in einer Person vereinigend; — mit einem Worte, Glück- liche, die frei von Eingriffen in ihren Beutel, frei von Unwürdigkeiten für ihre Person, frei von un- nützen Plackereien ihre Macht fühlen lassen wollender Büreaukraten, frei von der Aussaugung unersatt- licher Staatsblutigel sind, und dabei als unum- schränkte Herren in ihrem Eigenthume, nur den Gesetzen zu folgen brauchen, die sie selbst mit geben helfen — wenn man bedenkt, sage ich, so muß man gestehen, daß England ein gesegnetes Land ist, wenn auch kein vollkommenes. Man kann es den Englän- dern daher auch nicht so sehr verdenken, wenn sie, 10* des Contrastes mit manchen andern Ländern inne werdend, Fremden , bei aller scheinbaren Höflich- keit und Verbindlichkeit, doch immer fremd bleiben. Ihr ganz gerechtes Selbstgefühl wirkt so mächtig, daß sie unwillkührlich uns für eine geringere Race ansehen, so wie wir z. B. aller deutschen Herzlichkeit ohngeachtet, doch schwer uns mit einem Sandwich- Insulaner ganz verbrüdern könnten. In einigen Jahrhunderten haben wir vielleicht die Rollen ge- wechselt, aber leider ist es jetzt noch nicht so weit! Nichts ist lächerlicher als die häufigen Deklamationen deutscher Schriftsteller über die in England herrschende Armuth, wo es nach ihnen nur einige ungeheuer Reiche und tausend Nothleidende giebt. Grade die außerordentliche Menge wohlhabender Leute des Mit- telstandes , und die Leichtigkeit für den Aermsten, sich nicht nur das Nothwendige, sondern selbst Luxus zu erwerben, wenn er nur ernstlich arbeiten will — macht England selbstständig und glücklich. Den Oppositionsblättern muß man freilich nicht nach- beten. Holyhead, den 9 ten Abends. Ich habe eine üble Nacht gehabt, heftiges Fieber, schlechtes Wetter und holprige Straßen. Das Letz- tere, weil ich die große Route verließ, um die be- rühmten Paris mines auf der Insel Anglesea zu se- hen. Diese Insel ist der völlige Gegensatz von Wa- les, fast völlig flach, kein Baum, nicht einmal Büsche und Hecken, nur Felder an Felder gereiht. Die er- wähnten Kupferbergwerke an der Küste sind aber in- teressant. Ich wurde (vom Obristen H . . . . schon vorher annoncirt) mit Kanonenschüssen empfangen, die wild in den vielfachen Höhlen wiederhallten. Das Erz wird in diesen Höhlen gefördert, die, wo das Tageslicht hereinscheint, in bunten Farben blitzen. Ich sammelte selbst viel schöne Stücke. Die Steine werden nachher klein geschlagen, in Halden, gleich dem Alaunerz, aufgeschüttet und angezündet, wor- auf die Masse 9 Monat lang brennt. Der Rauch wird zum Theil aufgefangen und setzt sich als Schwe- fel an. Eine sonderbare Erscheinung ist es für den Layen, daß, wȧhrend dieses neunmonatlichen Bren- nens, welches allen Schwefel austreibt, blos durch die Kraft der Wahlverwandtschaft, die durch das Feuer gemacht wird, das reine Kupfer, welches vor- her durch den ganzen Stein vertheilt war, sich nachher , in ein Klümpchen zusammengezogen, kom- pakt in der Mitte zeigt, so daß, wenn man die ge- brannten Steine zertrümmert, man in jedem das Kupfer, wie den Kern in einer Nuß, erblickt. Nach dem Brennen wird das Erz, ebenfalls wie Allaun, ausgelaugt oder gewaschen, und das Wasser, welches davon abfließt, in Sümpfen aufgefangen. Das Mehl, was sich in diesen absetzt, enthält 25 — 40 Prozent Kupfer, und das übrig bleibende Wasser ist immer noch so stark geschwängert, daß ein eiserner Schlüssel, den man hineinhält, in wenig Sekunden eine schön rothgelbe Kupferfarbe annimmt. Hierauf wird das Erz mehreremal geschmolzen und zuletzt raffinirt, worauf es in Quadrat Stücken von 100 Pfund geformt, so verkauft, oder auf Mühlen zu Schiffs- platten verarbeitet wird. Bei dem Gießen, das ein hübsches Schauspiel gewährt, ereignet sich auch ein sonderbarer Umstand. Es fließt nämlich die ganze Masse in eine Sandform, welche in 8 — 10 verschie- dene Compartiments, gleich einem für mehrere Thiere bestimmten Eßtroge, abgetheilt ist. Die Se- parationen erreichen nicht ganz die Höhe der Außen- wände, so daß das glühende Erz, welches nur auf dem einen Ende hereinströmt, sobald der Pfropf her- ausgeschlagen ist, das erste Compartiment füllen muß, ehe es in das zweite übertritt u. s. w. Das Sonderbare ist nun, daß alles wirkliche reine Kupfer, was im Ofen enthalten ist, in diesem ersten Com- partiment verbleibt, die andern Fächer aber allein mit Schlacke angefüllt werden, welche nur zum Straßenbau gebraucht werden kann. Der Grund des Phȧnomens ist folgender: Das Erz hat Eisen bei sich, welches sich im magnetischen Zustande befin- det. Dieses hält das Kupfer zusammen, und zwingt es zuerst auszufließen. Da man nun aus Erfah- rung ziemlich genau weiß, wie viel reines Kupfer die in einem Ofen geschobne Masse enthalten müsse, so ist die Größe des ersten Compartiments darauf eingerichtet, es grade fassen zu können. Der Inspek- tor, ein gescheuter Mann, der aber halb welsch, halb englisch sprach, sagte mir, daß er diese Gußart erst erfunden, welche viele Mühe erspare, weßhalb er auch ein Patent darauf entnommen. Der Vortheil der daraus entsteht ist allerdings einleuchtend, da sich, ohne die erwähnten Abtheilungen, das Kupfer, wenn gleich ebenfalls zuerst hinausfließend, doch nachher über die ganze Masse verbreiten, und schwer ablösen muß. Die Russen , welche im Fache der Industrie jetzt nichts versäumen, hatten bereits einen Reisen- den hier, um sich das Verfahren ganz zu eigen zu machen, welches auch nicht im Geringsten verheim- licht wurde, wie denn überhaupt die meisten Fabrik- herren hierin sehr liberal geworden sind. Während ich noch am Schmelzofen stand, erschien ein Offizier, um mich zum Bruder des Obristen H., der ebenfalls Obrist ist, und ein in der Nähe statio- nirtes Husarenregiment commandirt, für diesen Mit- tag und die Nacht einzuladen. Ich befand mich aber zu ermüdet und unwohl, das Wagniß eines Offizier- dinèrs in England zu bestehen, wo, in der Provinz wenigstens, der Wein noch mit altenglischem Maaße zugetheilt wird; auch wünschte ich noch diese Nacht mit dem Packetboot nach Irland zu segeln, und lehnte daher die Invitation dankbarlich ab, den Weg nach Holyhead einschlagend, wo ich um 10 Uhr an- kam. Mein gewöhnliches Seeunglück erlaubte indeß die Weiterreise nicht, da es so heftig stürmte, daß das Packetboot ohne Reisende abging. Ich bin je- doch nicht unwillig darüber, mich einen Tag hier, in einem ganz comfortablen Gasthofe, ausruhen zu können. Den 10 ten. So krank und matt ich bin, hat mir doch die Ex- kursion nach dem neu erbauten, 4 Meilen entfernten Leuchtthurme, ungemein viel Vergnügen gewährt. Obgleich die Oberfläche der Insel Anglesea sehr flach erscheint, so erhebt sie sich doch, am Ufer der irlȧndi - schen See, in höchst malerischen, abgerissenen Felsen- wänden, bedeutend hoch aus den stets brandenden Fluthen. Auf einem solchen, vom Ufer etwas ent- fernten, einzeln hervorragenden Felsen, steht der Leuchtthurm. Nicht nur senkrecht, sondern unter sich zurückweichend, fallen diese, über alle Beschreibung wilden Gestade, mehrere hundert Fuß tief nach dem Meere hinab, und sehen aus, als seyen sie durch Pulver gesprengt, nicht von der Natur so gebildet. Auf einem dichten Teppich von kurzem gelben Gin- ster und karmoisinrother Haide, gelangt man bis an den Rand des Abhangs, dann steigt man auf einer roh in den Stein gehauenen Treppe, von 4 bis 500 Stufen, bis zu einem in Stricken hängenden Stege hinab, auf dem man sich, an die Seitennetze anhal- tend, über den Abgrund, der beide Felsen trennt, so zu sagen, hinüber schaukelt. Tausende von Seemöven, die hier zu brüten pflegen, umschwebten uns auf allen Seiten, unaufhörlich ihre melancholische Klage durch den Sturm rufend. Die Jungen waren erst kürzlich flügge geworden, und die Alten benutzten wahrscheinlich das ungestüme Wetter zu ihrer Ein- übung. Man konnte nichts Graziöseres sehen als diese Fluglektionen. Leicht erkannte man die Jünge- ren an ihrer grauen Farbe und ihrem noch unge- wissen Schwanken, während die Alten, fast ohne einen Flügel zu rühren, minutenlang, blos vom Sturm ge- halten, wie in der Luft versteinert hingen. Die jun- gen Vögel ruhten auch öfters in den Felsenspalten aus, wurden aber von ihren strengen Aeltern immer schnell wieder zu neuer Arbeit genöthigt. Der Leuchtthurm ist völlig dem bereits erwähnten in Flamboroughhead an der englischen Ostküste gleich, nur ohne rothe revolving lights . Auch hier war die Nettigkeit der Oehlkeller und die außerordentliche Reinlichkeit der spiegelblanken Lampen bewunderungs- werth. Außerdem bemerkte ich eine ingenieuse Art Sturmfenster, die man ohne Mühe und Gefahr des Zerbrechens, auch beim heftigsten Winde, öffnen kann, und eine vertikale Steintreppe, gleich einer gezackten Säge, die viel Raum erspart. Beide Gegenstände lassen sich jedoch ohne Zeichnung nicht ganz anschau- lich machen. Dublin, den 11 ten. Eine widerwȧrtigere Seefahrt kann man nicht be- stehen! Zehn Stunden ward ich, zum Sterben krank, umher geworfen. Die Hitze, der ekelhafte Geruch des Dampfkessels, die Krankheit aller Uebrigen, es war eine affreuse Nacht, ein wahres Carl von Carlsberg- sches Bild menschlichen Elends. Bei einer längeren Seereise aguerrirt man sich zuletzt, und vielfacher Ge- nuß wiegt dann die Entbehrungen auf, aber die kur- zen Ueberfahrten, welche nur die Schattenseite zeigen, sind meine wahre Antipathie. Gottlob es ist vor- über, und ich fühle wieder festen Boden unter mir, obgleich es mir noch manchmal scheint, als schwanke Irland ein wenig. Abends. Dieses Königreich hat mehr Aehnlichkeit mit Deutsch- land als mit England. Jene fast überraffinirte In- dustrie und Cultur in allen Dingen verschwindet hier, leider aber mit ihr auch die englische Reinlichkeit. Häuser und Straßen haben ein beschmuztes Ansehn, obgleich Dublin durch eine Menge prächtiger Palläste und breiter allignirter Straßen geschmückt ist. Das Volk geht zerlumpt; den Leuten von gebildeterem Stande, denen man begegnet, fehlt auch die englische Eleganz, wogegen die Menge glänzender Uniformen, die man in London nie in den Straßen sieht, noch mehr nach dem Continent versetzen. Auch die Umge- gend der Stadt hat nicht mehr die gewohnte Frische, der Boden ist vernachläßigter, Gras und Bäume magrer. Die großen Züge der Landschaft aber, die Bay, die fernen Berge von Wicklow, das Vorgebirge von Howth, die amphitheatralischen Häusermassen, die quai’s, der Hafen sind schön. So ist wenigstens der erste Eindruck. Uebrigens befinde ich mich, im besten Gasthofe der Hauptstadt, weniger comfortable, als in dem kleinen Städtchen Bangor. Bei aller Größe scheint das Haus still und verlassen, während ich mich erinnere, dort, nur während der Zeit meines Essens, 43 Wagen ankommen gesehen zu haben, die alle abgewiesen werden mußten. Der Zufluß der Fremden ist auf den Hauptstraßen in England so groß, daß Kellner in den Gasthöfen nicht für Geld gemiethet werden, sondern selbst für ihren Platz dem Wirth bis zu 300 Pfd. Sterl. jährlich zahlen müssen. Dennoch ersetzen ihnen die Trinkgelder diese bedeutende Auslage reichlich. In Irland tritt dage- gen die Continentalsitte wieder ein. Sobald ich mich ein wenig erfrischt hatte, machte ich eine Promenade durch die Stadt, während der ich bei zwei ziemlich geschmacklosen Monumenten vorbei kam. Das eine stellt Wilhelm von Oranien im römischen Costume zu Pferde vor; mißgestaltet ist Roß und Reiter. Das Pferd hat ein Gebiß im Mund und Hauptge- stell am Kopf, aber keine Andeutung der Zügel dar- an, obgleich die Hand des Königs grade so ausge- streckt ist, als ob sie sie bahnenmäßig hielte. Soll dies bedeuten, daß Wilhelm keine Zügel brauchte, um John Bull zu reiten? Das andere Monument ist eine colossale Statue Nelsons, auf einer hohen Säule stehend, und in moderne Uniform gekleidet. Hinter ihm hȧngt ein Tau, das einem Schweife ähn- licher sieht; dabei ist die Stellung ohne Adel, und die Figur zu hoch, um deutlich zu seyn. Spȧter kam ich an ein großes rundes Gebäude, wo das Volk sich drängte, und Wache vor dem Eingang stand. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, daß hier die jährliche Ausstellung von Blumen und Früchten statt finde. Man trug die ersteren zum Theil schon hinweg, als ich eintrat, demohngeachtet sah ich noch viel ausge- zeichnet schöne Exemplare. In der Mitte dieser Blu- men, die eine Art Tempel bildeten, befand sich ein durch Barrieren verschlossener Raum für die Früchte, welche zwölf daselbst sitzende Richter mit Wohlbehagen und ernster Amtsmiene schmatzend verzehrten, um zu entscheiden, welcher von ihnen die ausgesetzten Preise zukämen. Sie mußten lange unschlüssig gewesen seyn, denn Melonen, Birnen und Aepfelschalen, Ueberbleib- fel von Ananas, Pfirsich-, Pflaumen- und Aprikosen- kerne bildeten Berge auf den danebenstehenden Ti- schen, und obgleich die Blumen von den Eigenthü- mern nach und nach alle fortgeschafft wurden, so schien doch keine der Früchte ihren Ausgang aus dem Pomonatempel wieder zu finden. Den 12 ten. Da ich nichts anderes zu thun wußte (denn alle notablen Bewohner der Stadt sind auf dem Lande) so besah ich eine Menge show places . Zuerst das Schloß, wo der Vicekönig wenn er hier ist, residirt, und dessen ärmliche Staatszimmer, mit groben Bret- terdielen, nicht viel Anziehendes darbieten. Schöner ist eine modern gothische Capelle, deren Aeußeres ho- hes Alterthum täuschend nachahmt; sie ist inwendig mit herrlichen Glasgemälden aus Italien, im 15ten Seculum gemalt, geschmückt und reich mit Holzschnitts- werk verziert, welches dem alten nichts nachgiebt. Die ganze Kirche wird mit conduits de chaleur ge- heizt und ein eben so geheizter, mit Teppichen beleg- ter Gang, verbindet sie mit der Wohnung des Lord- Lieutenants. In den weitlȧuftigen und schönen Universitätsge- bäuden diente mir ein Student als Cicerone. Diese müssen, in dem Bereich der Universität, über ihre ge- wöhnliche Kleidung, einen schwarzen Mantel, und eine hohe wunderliche Mütze mit Quasseln von ¾ Ellen Länge tragen, was ihnen ein ziemlich grotes- kes Ansehen gibt. Auf diese Kleidung wird strenger gehalten, als weiland auf Zopf und Puder von den sächsischen Staabsoffizieren. Der junge Mann führte mich in das Museum, pro- duzirte mir das Modell des Brennspiegels, mit dem Archimedes die römische Flotte verbrannte! die Harfe Ossians Wahrscheinlich von Macpherson selbst eingesendet. A. d. H. — einen ausgestopften indischen Chiestain, mit Tomahac und Wurfspieß, und einige reelle Säu- lenstücke des Giants Causeway, welche in der That Menschenhände nicht accurater formen könnten, und die klingen, wie englisches Glas. Je vous fais grace du reste . Im großen Saale, wo die Examina gehalten wer- den, (der Student kündigte mir diese Bestimmung mit einem leisen Schauder an) steht eine spanische Orgel, die auf der großen Armada erbeutet wurde. Interessanter sind die Portraits von Swift und Burke. Beide Physiognomien entsprechen den be- kannten Eigenschaften dieser Männer. Der Eine zeigt einen eben so feinen und schalkhaften, als ge- diegnen Ausdruck; der andere geistreiche und gewal- tige, fast grobe, aber doch wohlwollende und ehrliche Züge, den donnernden Redner verkündend, der auf- richtig, und ohne Schonung Andrer, für seine Mei- nung focht, aber nimmer blos das eigne Interesse mit künstlichem Enthusiasmus übertünchte. Nachdem ich den Justizpalast, die Douane ꝛc., nebst andern prachtvollen Pallästen besehen, und mich nun zu Haus begeben wollte, lockte mich noch die Ankün- digung eines Peristrephic Panorama der Schlacht von Navarin. Dies ist ein sehr unterhaltendes Schau- spiel, und giebt eine so deutliche Idee von dem „un- gelegnen Ereigniß“ ( untoward event ) daß man sich fast trösten kann, nicht dabei gewesen zu seyn. Man tritt in ein kleines Theater, und sieht bald einen Vorhang aufgehen, hinter dem sich die Gemälde be- finden, welche in einem großen Ganzen die Folge der einzelnen Begebenheiten der Schlacht vorstellen. Die Leinewand hȧngt nicht platt hinab, sondern ist im zurückweichenden Halbzirkel aufgespannt, und wird langsam über Rollen gezogen, so daß sich fast un- merklich die Bilder nach und nach verändern, und man ohne Zwischenraum von Scene zu Scene über- geht, während Jemand die dargestellten Gegenstände laut erklärt, und ferner Kanonendonner, militairische Musik und Schlachtgetöse die Täuschung noch ver- mehren. Durch panoramaartige Malerei, und durch leises Schwanken desjenigen Theiles des Gemäldes der die Wellen und Schiffe darstellt, wurde oft die Nachahmung fast der Wirklichkeit gleich. Die erste Scene zeigt die Bay von Navarin, mit der ganzen türkischen Flotte in Schlachtordnung. Am entgegengesetzten Ende der Bay sieht man, auf ho- hem Felsen, Alt-Navarin und seine Festung, seit- wärts unter Dattelbäumen das Dorf Pylos, und im Vorgrund die Stadt Navarin, nebst Ibrahims La- ger, wo Gruppen schöner Pferde und lieblicher, ge- fangener, griechischer Mädchen, welchen die Soldaten liebkosen, die Augen auf sich ziehen. In weiter Fer- ne, am Saum des Horizonts erscheint, wie in Duft gehüllt, die Flotte der Alliirten. Indem nun dieses Bild langsam verschwindet, wogt nur noch das offne Meer, dann tritt der Eingang der Bay von Nava- rin allmählich hervor. Man entdeckt Bewaffnete auf den Felsen, und erblickt endlich die alliirte Flotte, wie sie die Einfahrt forcirt. Durch optischen Betrug er- scheint alles in natürlicher Größe, und der Zuschauer ist so gestellt, als befinde er selbst sich an der Türken Stelle in der Bay, und sȧhe jetzt das Admiralschiff Asia mit vollen Segeln auf sich zueilen. Man be- merkt Codrington auf dem Verdeck, im Gespräch mit dem Capitaine, die andern Schiffe folgen in sich aus- breitender Linie und mit schwellenden Segeln, wie zur Attaque bereit — ein schöner Anblick! Nun kom- men auf einander folgend die einzelnen Engagements verschiedner Schiffe, die Explosion eines Feuerschiffs, und das in Grundbohren einiger türkischer Fregat- ten, endlich der Kampf der Asia mit dem ägyptischen Admiralschiff auf der einen, und dem türkischen auf der andern Seite, welche, wie bekannt, beide nach hartnäckiger Vertheidigung und mehrstündigem Feuer sanken. Der Schlacht folgten einige Ansichten von Constan- tinopel, die eine sehr anschauliche Idee von dem asia- tischen Treiben gaben. Abends besuchte ich das Theater, ein recht hübsches Haus mit einem etwas weniger rohen Publikum als in London. Die Schauspieler waren nicht übel, je- doch erhob sich keiner über die Mittelmäßigkeit. Viele Uniformen, mit Damen untermischt, füllten fast die ganze untere Logenreihe, was sich recht elegant aus- nahm. Die höhere Gesellschaft besucht aber, wie ich höre, auch hier das Theater nur selten. den 13 ten. Da ich die Stadt nun hinlänglich gesehen, begann ich heute meine Spazierritte in der Umgegend, die sich weit schöner entfaltet, als ich bei meiner Ankunft, grade von der unvortheilhaftesten Seite, voraussetzen durfte. Ein Weg mit reizenden Aussichten, erstens auf den Golf, den ein Molo von 3 Meilen Länge durchschneidet, und den, gleich zwei Säulen, die Leuchtthürme von Dublin und Howth schließen; dann auf die bewaldeten Berge von Wicklow, deren einige wie Zuckerhüte sich hoch über die andern erheben, und zuletzt durch eine Allee uralter Rüstern, längs des Canales führend, brachte mich in den Phönirpark, der Prater Dublins, welcher dem Wiener nicht nach- steht weder an Umfang noch schönen Rasenflächen zum Reiten, langen Alleen zum Fahren, und schatti- gen Spaziergängen. Dem Herzog von Wellington ist hier ein großer, aber schlecht proportionirter, Obe- lisk errichtet, und der Lord Lieutenant hat, auch im Bezirk des Parks, einen hübschen, von Gärten ein- geschlossenen Sommerpallast. Ich fand im Ganzen den Park ziemlich leer, dagegen die Straßen der Stadt, durch welche ich meinen Rückweg nahm, desto belebter von Handel und Wandel. Der Schmuz, die Armuth und die zerlumpte Tracht des gemeinen Mannes übersteigt oft allen Glauben. Dennoch schei- nen die Leute stets guter Dinge, und zeigten zuwei- len auf offner Straße Anwandlungen von Lustigkeit, die an Verrücktheit gränzten. Gewöhnlich ist der Briefe eines Verstorbenen. I. 11 Whisky daran Schuld; so sah ich einen halbnackten Jüngling den Nationaltanz mit der größten Anstren- gung auf dem Markte so lange tanzen, bis er gänz- lich erschöpft, gleich einem muhamedanischen Derwisch, unter des Volkes Jubel bewußtlos hinfiel. Eine Menge Betteljungen füllen überdies die Straßen, welche, wie Fliegen um einen hersummend, unaufhör- lich ihre Dienste anbieten. Ohngeachtet ihrer schreien- den Armuth kann man sich doch ganz auf ihre Ehr- lichkeit verlassen, und so gedrückt sie von Elend er- scheinen, mager und verhungert, so merkt man doch ihren offenen, freundlichen Gesichtern auch keine Me- lancholie an. Es sind die wohlgezogensten und ge- nügsamsten Straßenjungen von der Welt. Ein sol- cher Knabe rennt, wie ein regulärer Läufer, viele Stunden neben dem Pferde her, hält es, wenn man absteigt, besorgt jede Commission, und ist mit ein paar Groschen die man ihm giebt, stets nicht nur zufrieden, sondern noch voller Dankbarkeit, die er mit irlȧndischen Hyperbeln ausdrückt. Geduldiger als seine Nachbarn, durch lange Sclaverei aber etwas erniedrigt, erscheint überhaupt der Irländer. Ich war unter andern Zeuge, daß ein junger Mensch, welcher einen Comödienzettel falsch angeklebt hatte, von dem dazukommenden Schauspieldirektor auf offner Straße geohrfeigt und mißhandelt wurde, ohne daß er sich im Geringsten widersetzte. Jeder Engländer würde fogleich Repressalien gebraucht haben. Den Abend brachte ich in dem Familienkreise eines altan Bekannten zu, eines Bruders des Lord Lieute- nants, der eben auf einige Tage in die Stadt ge- kommen war. Wir erinnerten uns alter Zeiten, wo ich ihn viel in London gesehen. Er hat ein besonde- res Talent, den seligen Kemble nachzuahmen, dem er auch ähnlich sieht, und ich glaubte wieder Coriolan und Lenga zu hören. Den 14 ten. Ein andrer Freund, von noch älterem Datum, be- suchte mich diesen Morgen, um mir sein Landhaus zum Aufenthalt anzubieten, Mr. W., dem ich einst in Wien einen Dienst zu erweisen Gelegenheit gehabt. Er hatte mich kaum verlassen, als man mir meldete, Lady B., eine irländische Peereß, und eine der hüb- schesten Frauen dieses Landes, deren Gesellschaft ich in der letzten season in der Metropolis sehr cultivirt hatte, halte in ihrem Wagen unten am Hause und wünsche mich zu sprechen. Da ich noch im größten Neglig é e war, sagte ich dem Kellner, einem wahren Jocrisse, dessen irish blunders mich tȧglich amüsiren, ich sey nicht angezogen, wie er sähe, würde aber gleich erscheinen. Diesen Zustand meiner Toilette richtete er zwar aus, setzte aber de son chef hinzu, Mylady möge doch lieber heraufkommen. Denke Dir also meine Verwunderung, als er, zurückkehrend, mir mel- dete, Lady B. habe sehr gelacht und ließe mir sagen: warten wollen sie recht gern, aber Herren-Morgenbe- suche auf ihrer Stube zu machen, sey in Irland nicht gebräuchlich. In dieser Antwort zeigte sich ganz der 11* freundlich heitere, niemals kleinlich-difficile Charakter der Irländerinnen, den ich schon früher lieb gewon- nen hatte. Eine prude Engländerin würde entrüstet fortgefahren seyn, und vielleicht die Reputation eines jungen Menschen über ein solches qui pro quo rui- nirt haben — denn in der englischen Gesellschaft stȯßt man nicht nur mit Dingen an, die anderwärts ganz das Gegentheil bewirken, sondern das „ man sagt “ ist im Munde einer einflußreichen Person dort ein zweischneidiges Schwert. He has a bad character Sein Charakter heißt im Englischen, wo der Schein mehr gilt als irgendwo, höchst charakteristisch, nicht das Resultat seiner geistigen und moralischen Eigenschaften, sondern sein Ruf , was man von ihm erzählt, ausschließlich — in Deutschland — sein Titel , doch nur in der zweiten Bedeutung. Anm. d. H. ist genug um einem Fremden hundert Thüren zu ver- schließen. Durch eigne Beobachtung läßt sich der Englȧnder weit weniger leiten als man denkt. Im- mer schließt er sich an eine Parthei an, mit deren Augen er sieht. Die Villa meines Freundes, den ich Nachmittags besuchte, um bei ihm zu speisen, bot das Ziel für eine sehr anmuthige Promenade. Sie fing mit dem Phönix Park an, und folgte dann dem Laufe des Liffey, desselben Flusses der durch Dublin fließt, wo er mit seinen schönen Quai’s, steinernen und eiser- nen Brücken, so viel zu der Verschönerung der Stadt beiträgt. Hier dagegen erscheint er ländlich und ro- mantisch, mit den Fußbreiten Blȧttern der Fussilago behangen, von sanften Hügeln und frischem Laubholz eingefaßt. Einen bettelnden Invaliden, den ich an- traf, frug ich, wie weit ich noch nach W … habe, und ob der Weg gleich schön bliebe? O! rief er mit irländischer Vaterlandsliebe: Langes Leben Eure Ehren! Nur getrost vorwärts, nichts Schönres habt Ihr noch in dieser Welt gesehen! Der Eingang zu W … Park ist auch, ohnge- fähr eine Viertel Stunde Wegs weit, wirklich das Reizendste was man in dieser Art sehen kann. Eine an sich sehr schöne Natur ist durch die Kunst zum höchsten Grade ihrer Empfänglichkeit benutzt, und ohne ihren freien Charakter zu verwischen, eine Mannichfaltigkeit und Reichthum der Vegetation her- vorgebracht, die das Auge bezaubern. Buntes Gebüsch und wilde Blumen, der saftigste Rasen und Riesen- bäume mit Schlingpflanzen bedeckt, füllen das enge Felsenthal, durch welches sich der Weg mit dem be- gleitenden Waldbach hinzieht. Fortwährend kleine Wasserfälle bildend, strömt dieser, bald sich unter dem Dickicht verbergend, bald wie geschmolznes Sil- ber im grünen Becken ruhend, oder unter Felsen- bogen hinrauschend, die die Natur als Triumph- Pforten für den wohlthätigen Flußgott des Thales aufgerichtet zu haben scheint. Sobald man indeß den tiefen Grund verläßt, schwindet der Zauber plötzlich. Der Rest entspricht den zu hoch gespannten Erwartungen keineswegs. Aridesgras, krüppliche Bäume, ein unbewegtes, schlammiges Wasser um- geben ein kleines gothisches Schloß, das einer schlech- ten Theaterdecoration gleicht. In demselben findet man jedoch wieder einiges Interessante, unter an- dern Gemälde von Werth, und den herzlichsten und besten Wirth, den man sich wünschen kann. Eines originellen pavillon rustique muß ich noch erwȧhnen , der an einer passenden Stelle im pleasure ground erbaut war. Er ist sechseckig, die drei hintern Sei- ten dicht und mit rohen Holzȧsten sehr zierlich in Ro- setten aller Formen, ausgelegt; die andern drei Sei- ten in durchbrochenen dessins à jour, zwei mit Fen- stern, und in der letzten die Thüre; Der Boden be- steht aus Mosaik von kleinen Flußsteinen; die Decke aus Muscheln, und das Dach ist mit Weizenstroh gedeckt, an dem man die vollen Aehren gelassen hat. Den 15 ten. Ohngeachtet meine Brust mich fortwährend schmerzt und der Doctor zuweilen bedenkliche Gesichter macht, fahre ich doch in meinen Ausflügen fort, die mir allein wahres Vergnügen gewähren. In der unge- schminkten Natur wird mir wohler als unter den maskirten Menschen. Von den ohngefähr 4 — 5 Meilen entfernten Ber- gen hatte ich mir schon lange den einen sehnsüchtig ausersehen, welcher auf seiner Spitze drei einzeln stehende Felsen zeigt, und deshalb auch, „the three rocks“ genannt wird. Die Aussicht von dort mußte sehr schön seyn — ich machte mich also früher wie gewöhnlich auf, um zur rechten Zeit auf dem Gipfel anzulangen. Oefters frug ich in den Dörfern, durch die ich kam, nach dem besten Weg, konnte aber nie genaue Antworten erlangen. Endlich versicherte man mich in einem Hause, das am Fuße des Bergs lag, man könne nur hinauf gehen , aber nicht rei- ten. Dies Erstere wäre bei dem Zustand meiner Brust nicht auszuführen gewesen, da ich aber die Unmöglichkeiten der Leute schon hinlänglich kennen gelernt habe, so folgte ich der angezeigten Richtung ganz getrost zu Pferde, um so mehr, da ich mich auf meine kleine gedrungene Stute sehr gut verlassen konnte, und die irländischen Pferde, wie Katzen, über Mauern und Felsen klettern. Eine Zeit lang verfolgte ich einen ziemlich gebahnten Fußsteig, und als dieser aufhörte, das trockne Bette eines Berg- wassers, welches mich auch, nach ohngefähr ¾ Stun- den, ohne besondre Beschwerde glücklich hinauf ge- leitete. Ich befand mich nun auf einem großen kah- len Plateau, und sah 1000 Schritt vor mir die drei Felsen, gleich Hexensteinen, ihre Kuppen hervorrecken. Das Ganze schien aber nichts als ein weiter un- gangbarer Sumpf. Ich probirte sehr vorsichtig, und fand bald, daß 8 — 10 Zoll tief unter dem Moder überall eine kiesige Unterlage ruhte. Dies hielt auch aus; nach einiger Zeit erreichte ich ganz festen Boden, und stand auf dem höchsten Punkte. Da lag die ersehnte Aussicht endlich vor mir. — Irland, wie eine Landkarte, Dublin, wie ein rauchender Kalk- ofen in der grünenden Ebne (denn der Steinkohlen- dampf ließ auch nicht ein Gebäude erkennen) die Bay aber mit ihren Leuchtthürmen, dem kühn sich zeichnenden Vorgebürge Howth, und auf der andern Seite die bis an den Horizont ausgedehnten Berge von Wichlow, glänzten alle im Sonnenschein, so daß ich mich für die kleine Fatigue mehr als belohnt fand. Aber die Scene wurde noch belebter durch eine reizende junge Frau, die ich in dieser Wüste, bei dem bescheidnen Geschäft des Streumachens, entdeckte. Die natürliche Grazie der irländischen Bauerweiber, die oft wahre Schönheiten sind, ist eben so überraschend als ihre Tracht, oder vielmehr ihr Mangel an Tracht, denn ohngeachtet es recht kalt auf diesen Bergen war, bestand doch die ganze Kleidung der jungen Frau vor mir, aus nichts als einem weiten, sehr groben Strohhut und, wört- lich , zwei oder drei Lappen aus dem gröbsten här- nen Zeuge, die ein Strick unter der Brust zusam- menhielt, und unter welchen sie die schönsten weißen Glieder mehr als zur Hälfte zur Schau trug. Ihre Unterhaltung war, wie ich schon bei andern bemerkt, heiter, neckend und witzig sogar, dabei ganz unbe- fangen und gewissermaßen frei, doch würde man sich sehr irren, wenn man sie deshalb auch für leicht- fertig hielte. Diese Klasse ist im Gegentheil fast all- gemein sehr sittlich in Irland, und besonders auf eine auffallende Weise uninteressirt, so daß, wenn Einzelne ja einmal vom Pfade der Tugend weichen, es gewiß höchst selten aus diesem, bei solchen Din- gen unnatürlichem und niedrigen Beweggrunde des Eigennutzes geschieht. Nachdem ich den Berg, nun mein Pferd führend, so gut es gehen wollte, auf einer andern Seite wie- der herabgeklettert war, und eine große Landstraße erreicht, kam ich bei einem offenstehenden Parkthore vorbei (denn auch hierin gleicht Irland dem Conti- nent, wo ein Besitzer solcher Anlagen, vom König bis zum Landedelmann, am Genusse des Publi- kums seine eigne Freude vermehrt) und ritt hinein. Ich gab aber die Untersuchung bald auf, als ich zwei riesenmäßige Capuziner mit Kreuz und Kutte, aus angemalten Brettern geschnitten, am Scheide- wege stehen sah, deren jeder ein Buch von sich ab- hielt, auf dem mit großen Buchstaben geschrieben war: Weg zur Fasanerie, Weg zur Abtei. Dieser schlechte Geschmack ist hier sonst ziemlich selten. In der Stadt begegnete ich einem Londner Dandy, der mich anrief, denn ich erkannte ihn nicht, herz- lich darüber lachte, uns in such a horrid place mit einander zu sehen, eine Weile über die Dubli- ner Gesellschaft fortsatyrisirte, und am Ende damit schloß, mir zu eröffnen, daß er, durch den Credit seiner Familie, eben eine Directorstelle hier bekom- men, die ihm zwar über 2000 L. St. einbringe, auch nichts zu thun gebe, aber doch zwinge pro forma eine Zeit lang des Jahres diesen chokanten Aufent- halt zu wählen. So, und noch viel reichlicher, wird mit Sinecuren ohne Zahl überall in England für die jüngeren Söhne der Aristokratie gesorgt — ich glaube aber, der Krug wird auch hier nicht ewig zu Wasser gehen, ohne zu brechen, obgleich man ge- stehen muß, daß diese Fehler in der englischen Con- stitution, gegen die Willkühr anderer Staaten ge- halten, immer unr Flecken in der Sonne bleiben, versteht sich, Irland ganz ausgenommen, das fast in jeder Hinsicht stiefmütterlich behandelt zu werden scheint, und doch fast den stärksten Beitrag zur Größe und der Macht des englischen Adels geben muß, ohne dafür einen einzigen Vortheil, wie Eng- land deren so viele, zurück zu erhalten. Den 18 ten. Deine Briefe bleiben immer noch so trübe, gute Julie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Du siehst also, daß weniger das, was wirklich ge- schieht, als Deine älter werdende, daher sorgenvol- lere und hipochondrischere Ansicht Schuld an diesem Trübsinne sind. Aber freilich! dieses ist grade mehr als alles, ein unabwendbares Uebel! Man ist nicht mehr derselbe der man war, und es bleibt der ewige Irrthum in der Welt: daß man glaubt, man könne noch sich durch Kraftanstrengung helfen, wo die Kraft nicht mehr da ist — eben so wenig wie wie- der jung werden und aussehn! Auch ich fange schon an dies zu spüren, doch nur da, wo mir die Ketten der Welt angelegt sind — bin ich mit meinem Gott und der Natur allein, so kann selbst der dunkelste Horizont des Lebens meine innere Sonne noch nicht verfinstern. Ich frühstückte heute auf dem Lande bei einer sehr gefeierten jungen Dame, mit der schon erwähnten Lady B. Der Hausherr gab Migraine vor, und ich mußte daher allein mit den Damen einen langen Spaziergang in den Anlagen machen. Als wir je- doch an das Gartenthor kamen, welches uns in die schönste Waldparthie führen sollte, war es verschlos- sen, und kein Schlüssel zu bekommen, da nach Ver- sicherung des alten Gärtners, die Kammerjungfer der gnädigen Frau hereingegangen und ihn abgezo- gen habe. Ein Diener mußte über die Mauer sprin- gen, um die Schuldige aufzusuchen, kam aber unver- richteter Sache zurück. Nun ließ ich eine Leiter brin- gen, und vermochte die lachenden Weiber hinüber zu klettern, wobei sie sich sehr ungeschickt anstellten, aber doch allerliebst ausnahmen. Nach einer Viertel- stunde begegneten wir dem unglücklichen Kammer- mädchen, und zwar, da sie sich sicher glaubte — nicht allein, man kann sich denken in wessen Gesell- schaft. — Eine stumme häusliche Scene erfolgte, und zu gutmüthig um zu lachen, that es mir von Herzen leid, durch meine Leiter solches Unglück an- gerichtet zu haben. Ich refüsirte das Diner, und eilte in die Stadt zurück, um Lady M . . . . . zu besuchen, an welche ich einen Brief mitgebracht und die mir schon früher eine artige Einladung ge- sendet, die ich jedoch nicht annehmen konnte. Ich war sehr begierig auf diese Bekanntschaft, da ich sie als Schriftstellerin sehr hoch stelle, fand sie jedoch ganz anders, als ich sie mir gedacht. Es ist eine kleine frivole, aufgeweckte Frau, die ohngefähr zwi- schen 30 und 40 Jahr alt zu seyn scheint, nicht hübsch, nicht häßlich, jedoch nicht ohne Prätension für das erste und mit wirklich schönen, ausdrucksvollen Au- gen. Sie weiß nichts von fausse honte und Verle- genheit, ihre Manieren sind aber nicht die feinsten, und affectiren eine aisance und Leichtigkeit der großen Welt, der doch die Ruhe und Natürlichkeit fehlt. Sie hat die ächt englische Schwäche: mit vor- nehmen Bekanntschaften zu prahlen und für sehr recherchirt gelten zu wollen — in zu hohem Grade für eine Frau von so ausgezeichnetem Geist, und wird durchaus nicht gewahr, wie sehr sie sich da- durch selbst unterschätzt. Uebrigens ist sie nicht schwer kennen zu lernen, da sie sich, mit mehr Lebhaftig- keit als gutem Geschmack, von Anfang an ganz of- fen hingiebt, und namentlich ihre Liberalität wie ihren Unglauben, letzterer etwas von der veralteten Schule des Helvetius und Condillac, bei jeder Ge- legenheit auskramt. In ihren Schriften ist sie weit behutsamer und würdiger als in ihrer Unterhaltung, die Satyre der letzteren ist aber eben so beißend und gewandt als ihre Feder, und auch eben so wenig gewissenhaft, was die strenge Wahrheit betrifft. Du kannst Dir denken, daß mit allen diesen Elementen zwei Stunden sehr angenehm für mich verflossen. Ich hatte Enthusiasmus genug um ihr einiges An- genehme à propos sagen zu können, und sie behan- delte mich mit vieler Zuvorkommenheit, einmal, weil ich einen vornehmen Titel hatte, und dann, weil sie mich stets in der Londner Morning-Post als: auf Almacks tanzend, und bei mehreren F ê ten der Tonangeber gegenwärtig, aufgeführt gefunden hatte — ein Umstand der ihr so wichtig schien, daß sie ihn mehrmals wiederholte. Den 20 sten. Am gestrigen Abende sollte ich eine Soirće bei Lord C . . . . ., dem Chef einer neuen Familie, aber einen der ältesten Wit’s von Dublin, beiwohnen, zu dem mich Lady M . . . ., seine Freundin, eingela- den, wurde aber durch eine tragikomische Begeben- heit daran verhindert. Ich war, den H . . . v. L. auf seinem Schlosse zu besuchen (das sich, entre nous, so wenig wie er und seine Familie der Mühe ver- lohnte), auf’s Land geritten, und es schon spät ge- worden, als ich den Rückweg antrat. Um Zeit zu gewinnen, nahm ich meine Direktion querfeld ein à la Seidlitz. Eine Weile ging Alles vortrefflich, bis ich, schon bei anbrechender Dämmerung, an ei- nen sehr breiten Graben kam, dessen vor mit liegen- des Ufer bedeutend höher als das entgegengesetzte war, und eine weite Wiese rund umher einschloß. Ich sprang demohngeachtet glücklich in diesen Enclos hinein, als ich aber auf der andern Seite wieder heraus wollte, refüsirte mein Pferd, und alle Mühe es zum Gehorsam zu bringen, war vergeblich. Ich stieg ab um es zu führen, dann wieder auf, um den Sprung an einem andern Ort zu versuchen, wendete Güte und Gewalt, alles ohne Erfolg an, bis es endlich, bei einem ungeschickten Versuch mit mir ins sumpfige Wasser fiel, und nur mit Mühe an der inneren niedrigeren Seite wieder zurück klet- terte. Jetzt blieb alle Hoffnung verloren, den ver- zauberten Platz zu verlassen, in dem ich mich, wie in einer Mausefalle, gefangen sah — überdem war es ganz dunkel geworden, ich fühlte mich eben so erhitzt als durchnäßt, und mußte mich endlich ent- schließen, das Pferd zurück zu lassen, um zu Fuß, tant bien que mal, über den fatalen Graben zu setzen, und wo möglich eine Wohnung und Hülfe aufzusuchen. Der Mond kam glücklicherweise dienst- fertig hinter den Wolken hervor, um mir zur höchst nöthigen Leuchte zu dienen. Nur nach einem recht sauren Gange über Aecker und durch hohes nasses Gras, gelangte ich nach einer halben Stunde zu ei- ner erbärmlichen Hütte, in der bereits Alles schlief. Ich tappte hinein (denn verschlossen wird hier kein Haus) ein paar Schweine grunzten unter meinen Füßen — gleich darauf der neben ihnen liegende Wirth. Mit Mühe machte ich ihm mein Anliegen begreiflich, indem ich mit Silbergelde ihm vor den Ohren klapperte. Dieser überall verstȧndliche Klang erweckte ihn besser als mein Rufen, er sprang auf, holte sich noch einen Gefährten, und zurück ging’s zu meiner Didone abbandonata. Die Irländer wuß- ten sich zu helfen — sie trugen eine verloren aufge- schlagene Brücke in der Nähe ab, legten sie über den Graben, und so fand ich mich endlich mit dem befreiten Pferde wieder auf festem Wege, kam aber so spät und in einem solchen Zustande zu Hause an, daß ich, der Ruhe bedürftig, es gar nicht ungern hörte, wie Lady M . . . ., die mich abzuholen gekom- men, schon seit einer Stunde verdrüßlich wieder ab- gefahren sey. Am andern Morgen trug ich ihr meine Entschuldigungen vor, wo sie mir auch gnä- dig verzieh, aber versicherte, daß ich viel verloren, da Alles was noch Vornehmes und Fashionables in der Stadt sey, jener Soirće beigewohnt habe. Ich versicherte mit Aufrichtigkeit, daß ich nur die Ent- behrung ihrer Gesellschaft bedauren könne, dafür aber durch ihre Güte entschädigt zu werden hoffte, sobald ich nur die „sentimental Journey“ nach der Grafschaft Wickkow gemacht, nach der meine deutsche, romantische Seele inbrünstig verlange, und die ich morgen früh zu Pferde anzutreten gedenke. Die Unterhaltung fing nachher an sehr heiter zu wer- den — denn sie liebt das — und endigte zuletzt so läppisch, daß sie mir zurief: finessez! wenn sie zu- rückkommen, werde ich mich Ihrer blos wie eine ältere Schwester annehmen, und ich ihr lachend ant- wortete: Das kann ich nicht annehmen — je crain- drai le sort d’Abufar. Lady M … gegenüber war das allerdings ein etwas fader Spaß. Aus Felsen und Bergen erhälst Du die Fortse- tzung. Adieu, und möge der Himmel Dich erheitern, und alle Worte meiner Briefe Dir zurufen: Treue Liebe bis in den Tod. Dein L … Neun und zwanzigster Brief. Gasthof zu Avoka den 22 sten August 1828. Geliebte Julie! Gegen Mittag verließ ich Dublin ganz allein, be- quem auf meinem guten Gaul etablirt, ließ Wagen und Leute in der Stadt zurück, und sandte einen kleinen Mantelsack mit den nothwendigsten Effekten durch die Diligence voraus. Leider aber muß mit diesem eine Verwechselung vorgegangen seyn, denn obgleich ich seinetwegen den ganzen Tag und die Nacht, in dem nur 20 Meilen von Dublin entfernten Bray verweilte, langte er nicht an, und ich habe da- her, um nicht entweder zurückreisen, oder noch länger warten zu müssen, mir einen schottischen Mantel, nebst etwas Wäsche in Bray gekauft, und die Tour ganz auf Studentenweise angetreten. Ich soupirte mit einem jungen Geistlichen von guter Familie, der mich, bei sonst sehr leichtfertigen Reden, durch seine Ortho- doxie in Religionssachen lachen machte. Aber so ist die Frömmigkeit der Engländer beschaffen, es ist eine Partheisache für sie und zugleich eine Schicklich- keitssitte — und so wie sie im Politischen stets ihrer Briefe eines Verstorbenen. I. 12 Parthei, durch dick und dünn, verständig und unver- stȧndig , immer gleich unverrückt folgen, weil es ihre Parthei ist, oder einer Gewohnheit immerfort scla- visch sich unterwerfen, weil es so bei ihnen üblich ist — betrachten sie auch die Religion, ohne alle Poe- sie, ganz aus demselben Gesichtspunkt, gehen Sonn- tags eben so ohnfehlbar in die Kirche, als sie täglich eine frische Toilette machen, um sich zu Tisch zu se- tzen, und schätzen den, welcher die Kirche vernachläs- sigt, fast eben so gering, als Jemand, der Fisch mit dem Messer ißt. Gemeine Engländer führen das breite Messer gleich einer Gabel zum Munde. Die Gebildeteren dagegen halten solches für eine wahre Sünde gegen den heili- gen Geist, und kreuzigen sich innerlich, wenn sie z. B. einen deutschen Gesandten so essen sehen. Es ist hin- länglich ihnen die ganze Nation zu verleiden. Begleitet von dem jungen Theologen, der eine Zeit lang denselben Weg mit mir verfolgte, verließ ich am andern Morgen Bray schon früh um 5 Uhr. In einer ausgezeichnet schönen Gegend passirten wir Kil- ruddery, ein neugebautes Schloß des Grafen Meath, im Geschmack der Häuser aus den Zeiten der Köni- gin Elisabeth, welches aber, um einen guten Effect zu machen, größere Massen verlangt hätte. Der Park ist nicht sehr ausgedehnt, lang und schmal, die alt- französischen Gärten werden gerühmt, wir wurden aber, wahrscheinlich unsres bescheidenen Aufzugs we- gen, sehr unhöflich abgewiesen als wir sie zu sehen wünschten. In England ist dies etwas Gewöhnli- ches, in Irland aber Seltnes, was daher auch keinen vortheilhaften Schluß auf die Humanität des Besi- tzers machen läßt. Mein Begleiter, der ein Anhän- ger der grace efficace ist, d. h. fest überzeugt: daß Gott im Voraus seine Lieblinge für den Himmel, Andere, die ihm weniger gefallen, aber für die Hölle bestimme — zweifelte in seinem Zorne nicht, daß der Besitzer von Kilruddery zu den letztern gehören müsse. „Es ist eine Schande für einen Irländer!“ rief er entrüstet, und ich hatte Mühe, ihm die Pflicht der Toleranz begreiflich zu machen. Ein zweiter Park, Bellev û e, einem würdigen alten Gentleman gehörig, öffnete uns bereitwilliger seine Thore. Hier ist über dem glen of the downs, einem tiefen Abgrund, hin- ter welchen zwei ausgebrannte Vulkane wie spitze Ke- gel sich erheben, ein Ruhesitz erbaut, der in der Luft zu hȧngen scheint. Man hatte diesen Pavillon sehr artig mit rothblühender Haide gedeckt. Weniger gut ausgedacht war ein im Vorzimmer, wie lebendig da- liegender, ausgestopfter Tiger. Hier verließ mich mein Reisekaplan, und ich ritt allein weiter nach dem Thal von Dunvan, wo in ei- nem engen romantischen Passe ein Felsen von 80 bis 100 Fuß Höhe steht, der die groben Umrisse eines Menschen darstellt, und daher von den Landleuten, die manche Mährchen von ihm erzählen, der Riese ge- nannt wird. Nicht weit davon findet man die Rui- nen eines so ganz mit Epheustämmen überwachsenen Schlosses, daß man nahe davor stehen muß, um es von den umgebenden Bäumen unterscheiden zu kön- nen. Am Ende des Thales wendet sich der Pfad, über Wiesen, nach einer bedeutenden Anhöhe, vor der eine der überraschendsten Aussichten sich erschließt. Fast mit Heimwehgefühlen erblickte ich hier wieder, im blauen Duft über dem Meer, die Berge von Wales. Nachdem ich mich in einem ländlichen Gasthofe ein wenig mit Milch und Brod erfrischt, setzte ich meinen Weg nach the devil’s glen, (der Teufelsschlucht) fort, die ihren Namen mit Recht trägt. Die wilde Natur- scene beginnt mit einem gothischen Schloß, dessen von Rauch geschwärzte Mauern aus dem Walde hervor- ragen, dann vertieft man sich seitwärts in ein Thal, dessen Wände nach und nach immer höher werden, sich immer dichter zusammenziehen, während im dunk- len Dickicht der pfeifende Luftzug heftiger, und das Brausen des Stroms immer furchtbarer wird. Müh- sam auf dem schlüpfrigen Boden fortreitend, und un- aufhörlich von den überhängenden Aesten belästigt sieht man plötzlich den Weg durch eine prachtvolle Cascade geschlossen, die, gleich einem weißen Unge- heuer, über hohe Absätze sich niederstürzt, und in der Tiefe wühlend verschwindet. Ist es nicht der Teufel selbst, so ist es wenigstens Kühleborn. Zu einer sehr angenehmen Abwechselung dient es, daß auf diese schauervolle Schlucht das liebliche idylli- sche Thal von Rosanna folgt, wo ich unter dem Schatten hoher Eschen mein Mittagsmahl einnahm. Ich fand noch zwei regulaire englische Touristen hier, die, mit Pflanzenbuch und Gebürgshammer bewaff- net, schon seit Wochen hier hausten, und eben so ord- nungsmäßig, als in einem Londner Coffeehause, ihr reines Tischtuch von dem schmutzigen Tische zum De- sert abnehmen ließen, und eine Stunde bei diesem sitzen blieben, obgleich sie dazu, statt Claret, nur elen- den Krätzer, und statt reifer Früchte, nichts als ge- bratne Aepfel bekommen konnten. Um 7 Uhr stieg ich wieder zu Pferde, und gallo- pirte 10 Meilen auf der großen Heerstraße fort, bis ich noch vor Sonnenuntergang das wunderherrliche Avondale (Thal des Avon) erreichte. In diesem Pa- radiese ist wirklich alles Reizende vereinigt. — Ein endlos scheinender Wald, zwei prächtige Flüsse, viel- formige pittoreske Felsen, die frischesten Wiesen, alle Arten von Laub- und Nadelhölzern, in höchster Uep- pigkeit; fortwährend eine mit jedem Schritt abwech- selnde, aber nie geringer erscheinende Natur. Ich hätte, da ich den letzten Theil des Thales bei Mon- denschein durchzog, meinen Weg schwer aufgefunden, wenn nicht ein junger Herr, der von der Jagd zu- rückkam, mit ächt irländischer Gefälligkeit, mich wohl 3 Meilen weit über die difficilsten Stellen zu Fuß begleitet hätte. Die Nacht war äußerst klar und milde, der Himmel so blau wie am Tage, und der Mond glänzend wie Edelstein. Obgleich ich an den Fernaussichten verlor, gewann ich auf der andern Seite vielleicht mehr, durch den magischen Schein der die Luft durchdrang, durch die dunkler, aber auch phantastischer hervortretenden Contoure der Felsen, die gedankenschwangere Stille und süßschauerige Ein- samkeit der Nacht. Um 10 Uhr erreichte ich das Ziel meiner heutigen Reise, Avoca Inn, wo man, mit be- scheidnen Ansprüchen, recht leidliche Bewirthung, und sehr freundliche Bedienung findet. Ich traf abermals einen Touristen aus London im Speisezimmer, dies- mal ein lustiger und interessanter junger Mann, der in seinem Entzücken über die reizende Gegend völlig mit mir harmonirte, und mit dem ich daher noch eine Stunde beim Abendthee sehr angenehm verplauderte, ehe ich mich hinsetzte, um Dir zu schreiben. Aber nun gute Nacht, denn auf Bergreisen muß man früh aufstehen, und daher nicht allzuspät das Bett auf- suchen. Roundwood, den 23 sten. Gestern ritt ich 8 deutsche Meilen, heute 9 — und meine Brust befindet sich eben nicht schlechter dabei. Aber Vergnügen thut viel, und ich sah so viel verschiedene Gegenstände, daß mir die paar Tage wie so viel Wochen vorkommen. Ich hatte gut geschlafen, obgleich das zerbrochene Fenster meiner Kammer nur mit einem Kopfkissen zugestopft war. Dem ärmlichen Nachtlager folgte ein besseres Frühstück, und auch mein Pferd fand ich vortrefflich abgewartet. Ich reise, wie die Araber, Gallop oder Schritt, dies fatiguirt am wenigsten, und man kommt am weitesten damit. Meine erste Excursion war nach dem berühmten Ort, the mee- ting of the wators (die Begegnung der Wässer) ge- nannt, wo sich die beiden Flüsse Avonmore und Avonbeg vereinigen, und die malerischeste Gegend zu ihrem Hochzeitsfest gewählt haben. Auf einem Felsen jenseits, steht Castle Howard, mit vielfachen Thürmen und Zinnen; es sind jedoch leider nur eben fertig ge- wordne — die in der Nähe nicht mehr imponiren. Ich fand im Schloß noch Alles im Schlaf, und ein Diener, im Hemde, zeigte mir die Gemälde, unter denen sich ein herrliches Portrait der Maria Stuart befindet. Dies war gewiß eine sprechende Aehnlich- keit. Es ist offenbar aus ihrer Zeit, und das anzie- hende, ächtfranzösische Gesicht, mit der feinen Nase, dem reizenden Mund, den schmachtenden Feueraugen, und jenem unnachahmlichen Ausdruck, der, ohne grade entgegen zu kommen, doch etwas so Muth Einflößen- des hat, und, obgleich nicht ohne weibliche Würde, dennoch, so zu sagen, auf den ersten Blick schon, Ver- traulichkeit hervorruft — Alles überzeugt, daß so nur die Frau aussehen konnte, bei welcher fast Jeder, der mit ihr in nähere Berührung trat, ohngeachtet ihres hohen Ranges, auch sogleich die Rolle eines Liebha- bers spielte. Ihre Hände sind wunderschön, und in ihrer Tracht, obgleich im barocken Styl der Zeit, herrscht so viel Harmonie, daß man schnell inne wird, sie habe die Toilettenkunst nicht weniger gut verstan- den, als ihre heutigen Landsmänninnen. Eine vortrefflich unterhaltne Straße führt von hier nach dem entire vale und dem Park von Bally Ar- thur. Dieses Thal hat das Eigenthümliche, daß die Berge, auf beiden Seiten, so undurchdringlich dicht mit Buchen bewaldet sind, daß kein sichtlicher Zwi- schenraum der Massen bleibt, und es wirklich scheint, als könne man auf den Baumgipfeln herabsteigen. Ich verließ hier die Straße, und folgte einem Fuß- steig, im Dickicht, der mich zu einer sehr schönen Aus- sicht führte, wo, am Ende der langen Schlucht, die Thürme von Arcklow, wie in Rahm gefaßt, erschei- nen. Eine halbe Stunde später endete er aber plötz- lich und brachte mich an ein Aha, welches mein Pferd durchaus nicht überspringen wollte. Da sich die her- abgehende Mauer diesseits befand, und der Rasen darunter weich war, so ergriff ich, in der Noth, ein neues Mittel, nämlich, ich verband dem widerspensti- gen Thier die Augen, und stieß es rückwärts von der Mauer herab. Der Fall erschreckte das geblendete Pferd wenig, that ihm aber, wie ich vorausgesehen, nicht den geringsten Schaden, und ruhig mit der Blindekuhbinde grasend, erwartete es nachher meine Ankunft. Dies Manoeuvre ersparte mir wenigstens 5 Meilen Weg. Der neue Park in dem ich mich nun befand — denn dieser ganze Theil der Grafschaft ist fast eine fortlaufende Anlage, durch Kunst verschö- nerter Natur — gehörte zu Shelton Abbey, auch eine moderne „Gothischerey,“ die ein altes Kloster vorstellen sollte. Die Herrschaft war schon Jahrelang abwesend, und ein Neger, der im Garten arbeitete, zeigte mir die Zimmer, welche einige sehr interessante, alte Genre- Gemȧlde enthielten. Der Held des einen ist ein Aeltervater der Familie selbst, die Scene in Italien, und die Tracht, wie die dargestellten Sitten, äußerst sonderbar, ja anstößig. Quer über die Wie- sen, und durch eine ziemlich tiefe Furth des Flusses, dessen eiskaltes Bad er nicht scheute, führte mich der dienstfertige Neger bis an die Stadt Arcklow, von wo ich auf der Landstraße zum Mittagessen nach Avoca Inn zurückkehrte, nachdem ich vorher noch ei- nen Bergvorsprung bestiegen, von dem man einen Blick in drei verschiedene Thäler hat, deren ganz ent- gegengesetzter Charakter eine höchst originelle Ansicht gewährt. Kaum hatte ich mich in Avoca zu Tisch gesetzt, als man einen Herrn bei mir meldete, der mich zu sprechen wünsche. Ein mir ganz fremder junger Mann trat ein, und überreichte mir eine Brieftasche, in der ich, mit nicht geringer Verwunderung, meine eigne erkannte, die, außer andern wichtigen Papieren, welche ich auf der Reise immer bei mir trage, mein ganzes Reisegeld enthielt. Ich hatte sie in dem Berg- pavillon, Gott weiß wie, aus der Brusttasche verlo- ren, ohne es zu bemerken, und mir daher jetzt nicht wenig zu einem so ehrlichen und gefälligen Finder zu gratuliren. In England möchte ich meine Brieftasche schwerlich wieder zu sehen bekommen haben, selbst wenn sie ein Gentleman gefunden hätte, denn dieser hätte sie wahrscheinlich entweder ruhig liegen lassen, oder — behalten. Bei dieser Gelegenheit muß ich doch erwähnen, was der bekannte Ausdruck „Gentleman“ eigentlich sagen will, da die Bedeutung welche man ihm im Lande giebt, die Engländer ungemein gut charakterisirt. Ein Gentleman heißt weder ein Edel- mann, noch ein edler Mann, sondern, wenn man es streng betrachtet, (Denn im Allgemeinen wird freilich jeder anständig er- scheinende Mann ein Gentleman genannt.) A. d. H. nur: ein durch Vermögen, und genaue Bekanntschaft mit den Gebräuchen der guten Gesellschaft unabhängiger Mann. Wer dem Pu- blikum in irgend einer Art dient, oder für dasselbe arbeitet, höhere Staatsdiener und etwa Dichter und Künstler erster Cathegorie ausgenommen, ist kein, oder höchstens nur zur Hälfte Gentleman. Ich war noch vor kurzem sehr erstaunt, einen bekannten Herrn, den wenigstens alle Pferdeliebhaber im In- und Aus- lande kennen, der reich ist, mit manchem Herzog und Lord auf vertrautem Fuße steht, und überhaupt recht viel Ansehn genießt, aber dennoch wöchentlich in einer großen Anstalt Pferde verauctionirt, wodurch er dem Publikum gewissermaßen verpflichtet wird — von sich selbst sagen zu hören: „Ich kann nicht begreifen, wie „mir der Herzog von B … den Auftrag geben konnte, „dem Grafen M … eine Ausforderung zu überrei- „chen, dazu hȧtte er einen Gentleman wählen „müssen — meine Sache ist so etwas nicht.“ Ein wirklich armer Mann, der auch keine Schul- den zu machen im Stande ist, kann unter keiner Be- dingung ein Gentleman seyn, weil er von Allen der abhängigste ist. Ein reicher Schuft dagegen kann, wenn er eine gute Erziehung hat, so lange er seinen Charakter (Ruf) leidlich zu menagiren versteht, Von Moralität ist dabei nicht die Rede, sondern nur von Scandal. Anm. d. H. sogar für einen perfekt Gentleman gelten. In der erclusiven Gesellschaft London’s giebt es noch feinere Nüancen. Wer dort z. B. schüchtern und höflich ge- gen Damen sich beträgt, statt vertraulich, ohne viele Rücksicht, und mit einer gewissen non chalance sie zu behandeln, wird den Verdacht erregen, daß er kein Gentleman sey; sollte der Unglückliche aber, bei einem diné, gar zweimal Suppe verlangen, oder, bei einem großen Frühstück, welches um Mitternacht endet und um 3 Uhr Nachmittags angeht, in einer Abendtoilette erscheinen — so mag er ein Fürst und Millionair seyn, aber ein Gentleman ist er nicht. Doch zurück von Babylon’s Zwang zu der Frei- heit der Berge. Das Land, welches ich jetzt durch- ritt, glich auffallend den flacheren Gegenden der Schweiz, immer allmählig ansteigend, bis ich mich den höchsten Bergen Wicklows gegenüber sah, deren Häup- ter wieder gleich dem Snowdon, von Wolken verhüllt erschienen. Das Thal von Glenmalure hat den Cha- rakter einer todten Erhabenheit, mit dem das trübe Wetter vortrefflich harmonirte. In der Mitte dessel- ben steht, wie ein verwünschtes Schloß, eine große verlassene und schon baufällige Caserne, weder Baum noch Strauch ist dabei zu sehen, und die Seiten der hohen Berge sind nur mit zerbröckelten Steinen bedeckt. Blos unterirdisch ist dieses Thal belebt, und selbst dieses Leben bringt Tod. Es befinden sich nämlich große Bleibergwerke hier, deren ungesunde Ausdün- stungen man auf den bleichen Gesichtern der Arbei- ter wahrnimmt. Ich fuhr, in einen schwarzen Kittel gebüllt, in die Felsenschachten ein — eine düstre schau- rige Fahrt! Die Gänge waren kalt wie Eis, tiefe Dunkelheit herrschte in ihnen und ein schneidender Wind wehte uns mit Grabesdüften entgegen. Von der niedrigen Decke, die zu gekrümmter Stellung zwang, tropfte mit hohlem Klang taktmäßig Wasser herab, und die unerträglichen Stöße des Karrens, den ein Mann langsam über den holprigen Felsenbo- den hinzog, vollendeten das Bild einer schrecklichen Existenz! Der leidende Zustand meiner Brust er- laubte mir hier keinen längeren Aufenthalt, und ich gab daher die weitere Untersuchung auf, froh — „wie ich wieder begrüßte das rosige Licht.“ Ich mußte nun auf einer neu gebauten schönen Militairstraße (denn das Gouvernement ist, mit einem üblen Gewissen, immer in Irland besorgt) über einen der Bergcolossen hinüber, die das Thal verschließen. Die Aussicht von der Höhe war weit und herrlich, und doch in einem sehr verschiednen Charakter von dem bisher Gesehenen, wozu die glücklichste Beleuchtung viel beitrug, indem die Sonne hinter schwarzen Wol- ken hervorblitzte. Nichts giebt fernen Gegenständen eine größere Klarheit und ein verklärteres Licht. Die Strahlen legten sich in breiten Streifen wie eine Glorie über die vielfach sich durchkreuzenden Berg- flächen, und die zwei sugarloafs (Zuckerhüte) standen, alles überragend, dunkelblau in dieser Helle am Ho- rizont. Der Weg, den Berg hinunter, ist so allmäh- lig in Schlangenlinien geführt, daß ich ihn bequem hinabgallopiren konnte. Demohngeachtet war es schon voller Abend, ehe ich in das letzte der, während der heutigen Tagereise zu besuchenden Thäler, das der sieben Kirchen kam. Hier stand, vor mehr als tausend Jahren, ( sic fabula docet ) eine große Stadt mit sieben Kirchen, welche die Dänen zerstörten. Noch ist ein schönes Thor fast ganz erhalten, obgleich ihm der Schlußstein fehlt, den aber die Zeit durch einen dicken Epheustamm ersetzt hat, welcher die ganze Wölbung zusammenhält. Sieben einzeln stehende Ruinen sind, dem Volksglauben nach, die Ueberbleibsel der heili- gen Kirchen, welche dem Thale den Namen geben. Nur eine davon trägt diesen Charakter unzweifelhaft, und ist merkwürdig durch einen der höchsten jener seltsamen mysterieusen Thürme, ohne Thür und Fenster, welche man bei vielen Klosterruinen in Ir- land antrifft, und deren eigentliche Bestimmung noch immer unbekannt geblieben ist. Weiter hin ruhen, im tieferen Grunde und heiliger Stille, zwei dunkle Seen, berühmt durch die Abentheuer des heiligen Kavin. Die Felsen sind hier ungewöhnlich steil, und an manchen Orten wie Treppenstufen geformt. In dem einen ist eine schmale und tiefe Spalte, die ganz einem gewaltsam gemachten Einschnitte gleicht. Die Sage erzählt, daß der junge Riese Fian Mac Com- hal — als seine Cameraden befürchteten, er sey noch zu schwach zu dem Kriege, in dem sie eben verwickelt waren — um ihnen eine Probe seiner Kraft zu ge- ben, mit seinem Schwerte diesen Felsen spaltete, und so jedem ferneren Zweifel ein Ende machte. Weiter hin entdeckt man in einem, jenseits über den See hȧngenden Felsen, gleich einem schwarzen Loch im Gestein, die Höhle St. Kavins. Hier verbarg sich der Heilige vor der ihn verfolgenden Liebe der schö- nen Königstochter Cathelin, und lebte lange, in tief- ster Einsamkeit von Wurzeln und Kräutern. In ei- ner verhängnißvollen Stunde entdeckte jedoch die von der Leidenschaft umhergetriebene Schöne den Flücht- ling, und überraschte ihn, im Dunkel der Nacht, auf seinem Mooslager. Mit süßen Küssen erweckte sie den ungalanten Heiligen, welcher, seine Tugend ver- loren sehend, sich kurz entschloß, und Cathelin über Bord warf, wo in den kalten Fluthen des Sees Liebe und Leben sie zugleich verließ. Doch fühlte der Mann Gottes nachher ein menschliches Rühren, und legte einen Zauber über die Gewässer, daß fortan Nie- mand mehr sein Leben in ihnen verlieren solle, wel- che Beschwörung noch heut zu Tage in Kraft geblie- ben ist, wie mein Cicerone bezeugte. Dieser Cicerone war ein hübscher, wie gewöhnlich halb nackter Knabe von eilf Jahren, und seine Kleidung ein erwähnungs- werther Echantillon irlȧndischer Toilette. Er trug den Leibrock eines erwachsenen Mannes, dem, außer verschiedenen transparenten Stellen, anderthalb Aer- mel und der eine Rockschoos fehlten, während der andere, wie ein Cometenschweif, hinter ihm auf der Erde schleppte. Halstuch, Weste und Hemde waren als gänzlich unnütz beseitigt. Dagegen nahmen sich die Rudera von ein paar rothen Plüschhosen recht stattlich aus, obgleich weiter unten nur barfuße Beine daraus hervorguckten. Diese Gestalt über die Felsen, wie ein Eichhörnchen klettern zu sehen, und dabei von Tommy So nennen ihn die Irländer am liebsten, stolz auf seine Landsmannschaft. A. d. H. Moore und Walter Scott singen zu hö- ren, war gewiß charakteristisch. Als er mich nach der Höhle führte, wo die Passage etwas glitscherich war, rief er: O, das geht sehr gut, hier habe ich Walter Scott auch hingebracht, der mit seinem lahmen Fuß auf die schlimmsten Stellen hinkletterte. Der konnte gar nicht weg davon kommen — und nun recitirte er schnell vier Verse, die Scott oder Moore, ich er- innere mich nicht mehr welcher, auf die Höhle gedich- tet. Diese Menschen hier passen so vortrefflich zu dem wilden, mit Ruinen des Erdbodens, wie seiner Be- wohner, bedeckten Lande, daß, ohne sie, gewiß das Ganze einen großen Theil seiner romantischen Wir- kung verlieren würde. Um zur Nachtruhe in einen leidlichen Gasthof zu gelangen, mußte ich von hier aus, bei Mondschein, noch zehn Meilen über einen endlosen Torfmoor reiten, den gewöhnlichen Aufenthalt allerlei Spuck’s, von dem mich jedoch nur einige einsame Irrlichter, vor- beigleitend, mit ihrer Gegenwart beehrten. Als ich im Dorfe ankam, waren beide Gasthöfe schon von Touristen besetzt, und ich erhielt nur mit großer Mühe, ein kleines Vorzimmer eingeräumt, wo ich auf Stroh schlafen werde. Thee, Butter, Toast und Eier sind aber vortrefflich, und der Hunger würzt überdem das Mahl. Ich kann Dir nicht sagen, wie angenehm mir dieses Leben ist! Mit allen Entbeh- rungen fühle ich mich doch wahrlich hundert mal mehr à mon aise, als encombrirt und belästigt von tausend unnöthigen Bequemlichkeiten. Ich bin frei wie der Vogel in der Luft, und das ist ein hoher Genuß. Uebrigens Ehre dem Ehre gebührt. Wenig Menschen würden nach solchen Fatiguen sich mit re- ligiöser Ordnung alle Abend hinsetzen, um Dir so langen Rapport von den Tagesbegebenheiten abzu- statten. Erfreut es Dich nur, so bin ich hundertfach belohnt. — Bray, den 24 sten. Gall behauptete, wie Du Dich erinnern wirst, als er in Paris meinen Schädel untersuchte, daß ich ein sehr hervorstehendes Organ der Theosophie habe. Demohngeachtet halten mich Viele für einen argen Ketzer — aber Gott hat Recht — wenn anders Re- ligiösität in Liebe, und im aufrichtigen Streben nach Wahrheit besteht. In einer solchen frommen, frohen Stimmung, begrüßte ich betend und dankend den frischen Morgen, und die innere Heiterkeit durchdrang wohlthuend den häßlichen feuchten Nebel, der mich umgab, denn das Wetter war herzlich schlecht. Auch der Weg war öde und traurig, aber Geduld! Sonne und Schönheit brachte dennoch der Abend. — Für jetzt war nur dürre Haide und Torfmoor um mich, so weit das Auge reichte, und ein Sturm pfiff stoß- weise darüber hin, und trieb nasse Nebelwolken vor sich her, die, wenn ich in ihren Bereich kam, mich wie ein starker Regen durchnäßten. Nur schwache kurze Sonnenblicke gaben momentane Hoffnung, bis, gegen Mittag, sich die Wolken theilten, und grade als ich auf der Bergspitze über den prächtigen See und Thal von Luggenlaw anlangte, die Sonne die Gegend vor mir herrlich vergoldete, obgleich die Häup- ter der Berge noch alle verschleiert blieben. Auch die- ses Thal gehört einem reichen Besitzer, der einen rei- zenden Park daraus gemacht hat. Es ist originell gestaltet, und ich will versuchen, Dir eine anschauliche Ansicht davon zu geben. Es bildet einen fast regel- mäßigen länglich ovalen Kessel. Die erste Hälfte des Grundes vor Dir füllt, bis dicht an den Fuß der Berge, Wasser; die zweite ist eine mit Baumgruppen bedeckte Wiesenfläche, durch die ein Bergstrom sich mäandrisch schlängelt, und in deren Mitte, an einen einzeln stehenden Felsen gelehnt, sich eine elegante shooting lodge (Jagdhaus) zeigt. Die das Thal Briese eines Verstorbenen. I. 13 umgebenden Berge sind sehr hoch und steil, und steigen überall, glatt und ohne Absatz, von der wie planirt erscheinenden Fläche empor. Links sind es nackte Felsen, von imponirender Gestalt, nur hie und da mit rother und gelber Erica bewachsen, die andern drei Seiten aber mit dichten und mannichfaltigen Pflanzungen bedeckt, deren Laub bis in den See hinabhängt. Wo der erwähnte Bergstrom sich, auf glänzend grünem Grasgrunde, in den See ergießt, bildet er einen breiten Wasserfall. Es ist wohl ein schöner Fleck Erde — einsam und abgeschlossen, der Wald voll Wild, der See voll Fische, und die Natur voll Poesie. Da die Jagdzeit noch nicht eingetreten ist, war die Herrschaft abwesend, und die Frau des Inspec- tors, eine noch hübsche, wiewohl etwas passirte Frau, mit schönen weißen Händen, und Manieren über ih- ren Stand (wahrscheinlich hatte sie hier eine Ver- sorgung erhalten) besorgte mir auf meine Bitte Frühstück, während mich ihr lebhafter kleiner Sohn vorher im Thal umherführte. Ein schöner Wind- hund, der so leicht wie ein vom Wind entführtes Blatt über den Boden glitt, und dann in unbändi- gen Sätzen sich der gegebnen Freiheit freute, beglei- tete uns. Wir erklimmten (nicht ohne Schmerzen meiner kranken Brust, car je ne vaux plus rien à pied ) eine etwa 400 Fuß hohe Felsenplatte, von der man das Thal ganz übersieht. Gegenüber erblickt man ein seltsames Naturspiel, ein ganz regelmäßig in Stein geformtes ungeheures Gesicht, das finster und verdrießlich auf den See herabschaut. Die Augen- braunen und der Bart werden auf das deutlichste durch Moos und Haide gebildet, und die dicken Backen, wie die tiefen Augen, durch Felsenspalten täuschend nachgeahmt. Der Mund steht offen, wenn man aber ein Stück weiter geht, schließt er sich, ohne doch sonst die Züge zu verändern. Einen so lebendigen Berggeist zu be- sitzen, ist wirklich eine besondere Prȧrogative . Dieser sieht aber, wie gesagt, recht verdrießlich in die Tiefe, und scheint mit seinem offnen Munde nach dem See herabzurufen: Ihr Menschengezücht! laßt mir mein Thal, meine Fische, mein Wild, meine Felsen und Bäume in Ruh, oder ich begrabe Euch Pigmäen alle unter ihren Trümmern! Es hilft aber nichts, der Ruf der Geister ist ohnmächtig geworden, seit der Menschen eigner Geist erwacht — in Stein ge- bannt bleibt Rübezahls Antlitz, und seine Stimme verhallt im spielenden Winde, der ehrerbietungslos seine buschichten Augenbraunen schüttelt, und ihm die Wellen des Sees, wie spottend, entgegenkrȧuselt . Eine Intervalle von 10 Meilen uninteressanter Gegend, lag zwischen diesem Spaziergang und meiner Ankunft vor den Thoren des Parks von P …, ei- nem der größten und schönsten in Irland. Aber — es war Sonntag! der Herr ein Frömmler, und folg- lich das Thor verschlossen. — An diesem Tage sollte, nach ihm, ein Frommer seine Wohnung hȯchstens für eine dumpfige Kirche verlassen, aber keiner sich in Gottes eignem wunderherrlichen Tempel er- freuen. Dieser Sünde wollte der Herr v. P … 13* keinen Vorschub leisten, und hatte daher, bei augen- blicklicher Verabschiedung, die Oeffnung seiner Pfor- ten verpönt. Ich versuchte, durch meine frühere Dir bekannte avanture in England gewitzigt, nicht einmal durch ein Geschenk den Eingang zu erzwingen, son- dern verfolgte meinen Weg lȧngs der Mauer, über die ich zuweilen sehnsüchtig nach dem großen Wasser- fall und der bezauberten Gegend verstohlene Blicke warf. Du lieber Gott, dachte ich, wie verschieden wirst Du angebetet! die Einen braten Dir ihren Nächsten, die Andern machen Dich zum Apis, diese glauben Dich partheiischer und ungerechter noch als der Teufel selbst, und Jene denken: mehr als Alle zu leisten, wenn sie Deine schöne Lebensgabe sich und andern verderben und entziehen! O Herr von P …! Du wirst diese Zeilen nicht lesen, aber es wäre gut wenn du es thätest, und sie beherzigtest. Gar mancher arme Mann, der die Woche lang schwitzt um dir sein Pachtgeld abzuzahlen, würde am Sonntag froh in deinem schönen Parke seyn, und des Herrn Güte segnen, der ihm doch nicht Alles, selbst den Anblick seiner Herrlichkeit, entzieht, dies würde am Ende auch Dich erfreuen, aber — du selbst bist wohl gar nicht zugegen, und sendest deine frommen Befehle blos von weitem? du bist vielleicht, wie so viele deiner Collegen, auch einer jener absen- tées, der durch heißhungrige und erbarmungslose Beamten das Volk von dem letzten Lumpen entblö- ßen, die letzte Kartoffel ihm rauben läßt, um in Lon- don, Paris oder Italien, Maitressen und Charlatans zu bereichern? Das ist keineswegs Uebertreibung, ich habe hier Acten- kundige Dinge vernommen, und Elend gesehen, das nie während der Leibeigenschaft in Deutschland erhört wor- den ist, und in den Ländern der Sclaverei kaum seines Gleichen finden möchte. A. d. H. Dann freilich — kann deine Reli- gion nicht weiter gehn, als den Sonntag und die Ceremonieen deiner Priester heilig zu halten. Von hier bis Bray prunkt eine üppige Cultur, voller Landhäuser und Gärten der reichen Städter. Der Weg führt nahe am Fuß des großen Sugar Loaf’s vorbei, dessen weißgrauer, nackter Felsenkegel von aller Vegetation entblößt ist. Ich sah einige Reisende, die ihn eben erstiegen hatten, wie Schach- figuren, darauf umher spazieren, und beneidete sie um die erhabne Aussicht, denn der Tag war herrlich, und der Himmel völlig klar geworden. An einer ein- samen Stelle lagerte ich mich gegen Abend, unter Feldblumen am Bache hin, und träumte, Gott dan- kend, in die schöne Welt hinein; wie ein fahrender Ritter mein zahmes Thier neben mir grasen lassend. Ich dachte viel an Dich und vergangene Zeiten, ließ Lebende herankommen und Todte auferstehen, und blickte, wie ein Spiegel, über das geschwundene Le- ben hin — manchmal wehmüthig, manchmal auch heiter lächelnd — denn durch alle Thorheiten und Eitelkeiten dieser Welt, durch Irrthum und Fehler zog sich doch ein reiner Silbersaden hin, noch stark genug für lange auszuhalten — kindlich liebendes Ge- fühl, und hohe Empfänglichkeit für Freuden, die Gottes Güte Jedem erreichbar läßt. Bei guter Zeit traf ich in Bray wider ein, wo auch der Mantelsack sich endlich eingefunden hatte. Manches was er enthielt, war nach der langen Ent- behrung nicht zu verachten, unter andern lieferte er mir den interessantesten Tischgefährten Lord Byron. Eben betrachte ich seine beiden Portraits, zwei mir geschenkte Handzeichnungen, die ich dem Giaour und dem Don Juan beigeheftet habe. Gleich Napoleon, erscheint er, mager, wild und leidend, wo er noch strebte; fett geworden und lächelnd, als er erreicht hatte. Aber in beiden so verschiednen Gesichtern, zeigt sich doch schon der tief vom Schicksal aufgewühlte, tiefer noch empfindende, und doch dabei höhnende, verachtende, vornehme Geist, der diese Züge belebte. Lachen muß ich immer über die Engländer, die die- sen ihren zweiten Dichter (denn nach Shakespeare gebührt gewiß ihm die Palme) so jämmerlich spieß- bürgerlich beurtheilen, weil er ihre Pedanterie ver- spottete, sich ihren Krähwinkelsitten nicht fügen, ihren kalten Aberglauben nicht theilen wollte, ihre Nu̇ch - ternheit ihm ekelhaft war, und er sich über ihren Hochmuth und ihre Heuchelei beklagte. Viele machen schon ein Kreuz, wenn sie nur von ihm sprechen, und selbst die Frauen, obgleich ihre Wangen von Enthu- siasmus glühen, wenn sie ihn lesen, nehmen öffent- lich heftig Parthei gegen den heimlichen Liebling, oft zu Gunsten der gemeinen Seele eines Weibes, die nie würdig war, Lord Byrons Schuhriemen aufzulö- sen, und deren kleinlicher Rache es dennoch leicht wurde, ihn in der englischen Gesellschaft zu Grunde zu richten Daß wir diesem Verhältniß auch die Vernichtung By- ron’s Memoiren verdanken mußten, ist gewiß ein bit- ter empfundenes Unglück, und man kann kaum begrei- fen, wie sein edler Freund, Thomas Moore, eine solche Treulosigkeit am Dichter, und einen solchen Raub am Publikum, bei sich selbst verantworten mag. A. d. H. ! Es war der anerkennenden deutschen, es war unsers Patriarchen würdig, durch ein gewich- tiges und tiefes Wort diesem Heroen, der Europa angehört, der englischen Schandsäule gegenüber, eine dauernde deutsche Ehrenpforte zu errichten. Könnte ich Dir auch heute, mit seinen unsterblichen Worten, ein Farewell, aber kein letztes, ja hoffentlich kein langes, nur ein gleich inniges zurufen! So ge- denke mein. Dein treuer L … Dreißigster Brief. Dublin, den 29 sten August 1828. Liebe und Gute ! Die vergangenen Tage brachte ich mit Schmerzen und Fieber im Bette zu, heute erst kann ich Deine Briefe beantworten. Des geistvollen V … Schrei- ben hat mir freilich geschmeichelt, obgleich der Enthu- siasmus, den ihm meine kleinen Schöpfungen einge- flößt, nur in seiner dichterischen Seele entstanden ist, die sich mit der Phantasie schon ein Ideal als wirk- lich hinmalte, was erst entstehen soll. Verlange aber meine Rückkunft nicht, bevor sie möglich ist, und glaube mir: wo man nicht ist, da wird man gewöhnlich hingewünscht, ist man aber da , so ist man bald dennoch Vielen zu viel. Ich ritt heute zum erstenmal wieder aus, um mir die Messe in Donngbrook nahe bei Dublin zu bese- hen, welche als eine Art Volksfest betrachtet wird. Nichts in der That kann nationaler seyn! Die Arm- seligkeit, der Schmutz und der tobende Lärm waren überall eben so groß, als die Freude und Lustigkeit, mit der die wohlfeilsten Vergnügungen genossen wur- den. Ich sah Speisen und Getränke unter Jubel verschlingen, die mich zwangen, schnell hinweg zu blicken, um meines Ekels Herr zu werden. Hitze und Staub, Gedrȧnge und Gestank, il faut le dire, mach- ten den Aufenthalt für längere Zeit fast unerträglich. Dies focht aber die Eingebornen nicht an. Viele hundert Zelte waren aufgeschlagen, alle zerlumpt wie der größte Theil der Menschen, und statt Fahnen, nur mit bunten Lappen behangen. Manche begnüg- ten sich mit einem bloßen Kreuz, oder Reifen; einer hatte sogar, als Wahrzeichen, eine todte, halb ver- faulte Katze oben drauf gestellt! Die niedrigste Sorte von Possenreißern trieben dazwischen, auf Bretter- theatern und in abgetragner Flitterkleidung, ihr sau- res Handwerk, bis zur Erschöpfung in der furchtba- ren Hitze tanzend und grimmassirend. Ein Drittheil des Publikums lag, oder taumelte, betrunken umher, die andern aßen, schrieen oder kämpften. Die Weiber ritten häufig, zu zwei bis drei auf einem Esel sitzend, umher, bahnten sich mit Mühe ihren Weg durch die Foule, rauchten dabei behaglich Cigarren und agacir- ten ihre Liebhaber. Am lächerlichsten nahmen sich zwei Bettler zu Pferde aus, deren Gleichen ich blos am Rio della Plata einheimisch glaubte. Das Pferd, auf den sie ohne Sattel saßen, und das sie mit ei- nem Bindfaden regierten, schien durch seine elende Gestalt für sie mit betteln zu wollen. Als ich den Markt verließ, nahm ein stark betrunk- nes Liebespaar denselben Weg. Es ergötzte mich, ihr Benehmen zu beobachten. Beide waren grundhäßlich, behandelten sich jedoch mit großer Zȧrtlichkeit und vielen Egards, der Liebhaber deplogirte sogar etwas Chevalereskes. Nichts konnte galanter und zugleich verdienstlicher seyn, als seine wiederholten Bemü- hungen, die Schöne vor dem Falle bewahren, obgleich er seine eigne Balance zu behaupten nicht wenig Schwierigkeit fand. Aus seinen grazieusen Demon- strationen und ihrem frohen Gelächter, konnte ich entnehmen, daß er sich zugleich nach Kräften bemühte, sie gut zu unterhalten, und was ihre Antworten be- traf, so wurden diese, ohngeachtet der exaltirten Stimmung, mit einer Coquetterie, und innigen Ver- traulichkeit gegeben, die einer Hübscheren gewiß aller- liebst angestanden haben würden. Der Wahrheit zu Ehren, muß ich zugleich bezeugen, daß von englischer Brutalität keine Spur in ihrem Benehmen zu ent- decken war — eher glichen sie Franzosen, zeigten aber bei eben so viel Lustigkeit mehr Humor und Gut- müthigkeit, welche beide wahre Nationalzüge der Irländer sind, die durch Potheen (der beste aber auf illicite Weise gefertigte, Branntwein) stets ver- doppelt werden. Tadle mich nicht über die gemeinen Bilder, die ich Dir vorführe. Sie sind der Natur näher verwandt, als die übertünchten Wachspuppen unsrer Salons. Bray, den 30 sten . Um den Park von Powerscourt zu sehen, den mir neulich der Sonntag verschloß, bin ich heute hierher zurückgekehrt. Nicht leicht wird die Natur größere Hülfsquellen vereinigen, als sie hier mit freigebiger Hand gespendet, und ihre Gaben sind mit Verstand benutzt worden. Die erste Hauptparthie heißt der Dargle, eine sehr tiefe und enge Schlucht, die mit hohen Bäumen be- wachsen ist. Im Grunde rauscht ein voller und rei- ßender Fluß. Der Weg führt oben an der rechten Seite hin, und von hier taucht der Blick tief in die grünen Abgründe, aus denen manchmal das Wasser plötzlich hervorglänzt, oder eine kühne Felsengruppe hervortritt. Drei größere Berge ragen über die Schlucht empor, und scheinen, obgleich ziemlich weit entfernt, in unmittelbarer Nähe, da man ihren Fuß nicht sieht. Sie waren heute Abend von der, ganz italiänischen, Sonne tief rosenroth gefärbt, und con- trastirten prächtig, mit dem Saftgrün der Eichen. Später öffnet sich, bei einer Felsenzinne, the lovers leap (des Liebenden Sprung) genannt, die Schlucht in mehrere Thäler, welche durch verschiedene niedrige Hügelreihen gebildet werden, in einiger Entfernung aber von den höchsten Bergen der Gegend umschlos- sen sind. In der Mitte dieser Landschaft erscheint, auf einem sanften Abhange, und am Saume des Waldes, das Schloß mit Blumenanlagen zierlich umgeben. Von hier, bis zu dem großen Wasserfall, führt der Weg, 5 Meilen lang, durch stets wechselnde Ansichten, die mehr dem freien Lande als einem Parke gleichen. Endlich erreicht man einen Wald, und hört schon von weitem das Rauschen der Falles, ehe man ihn noch sieht. Er ist nur nach vorherge- gangenem Regenwetter bedeutend, aber dann auch herrlich. Die hohen Felsenwände sind an beiden Sei- ten dicht mit Gebüsch bewachsen, durch deren buntes Laub er sich hervorstürzt, und sein Becken umgiebt eine duftende Wiese. An diese schließen sich alte ehr- würdige Eichen an, unter deren Schatten man ein dem Charakter der Gegend angemessenes, Haus auf- geführt hat, wo man Erfrischungen erhält, daher es auch zum gewöhnlichen Ziel der hierher gemachten Landparthieen dient. Gru̇ne Fußsteige führen nun von hier noch weiter in die Wildniß des Gebürges, da es aber schon dunkel war, mußte ich auf den Rückweg denken. Herwärts hatte ich die weite Strecke größtentheils im Gallop zurückgelegt, und um mich nicht unnütz aufzuhalten, den zwölfjährigen zerlumpten Knaben, der mich führte, hinter mir aufs Pferd ge- nommen, unbekümmert um die Verwunderung der Vorübergehenden, die nicht wußten, was sie aus die- ser seltsamen Cavalkade machen sollten. In der Nacht konnte ich dagegen nur langsam auf dem steinigen Wege reiten, bis der Mond orangenfarben über den Bergen heraufstieg, und sich in den Nachtnebeln, wie eine große Papierlaterne, zu schaukeln schien. Um 11 Uhr erst gelangte ich, ermüdet und hungrig, im gast- lichen Hause zu Bray wieder an. Den 31 sten. Der ländliche Aufenthalt hier ist so angenehm, daß ich den heutigen Sonntag noch daselbst verbrachte. Dieses Gasthofleben giebt zur Beobachtung der mitt- lern Classen gute Gelegenheit, da jeder sich hier giebt, wie er ist, und so zu sagen, allein zu seyn glaubt. Ich habe schon erwähnt, daß die Engländer dieser Classen, (ich fasse unter dem Namen hier die eng- lisch gebildeten Einwohner aller drei König- reiche zusammen) auf Reisen, im gemeinschaftlichen Gastzimmer, Coffeeroom genannt, ihren Tag zuzu- bringen pflegen, wenn sie sich nicht außerhalb des Hauses befinden. Abends wird dies Coffeeroom mit Lampen erleuchtet, und nur auf Verlangen, den an einzelnen kleinen Tischen sitzenden Herren besondere Lichter gebracht. Es hat mich oft gewundert, daß in einem Lande, wo Luxus und raffinirte Lebensbe- dürfnisse so allgemein sind, dennoch, selbst in den er- sten Gasthäusern der Provinz, (auch in London größtentheils) überall Talglichter gebrannt werden. Wachskerzen sind ein extraordinairer Luxus, und wer sie verlangt, wird zwar mit verdoppelter Höflich- keit behandelt, ihm aber auch durchgehends mit doppelter Kreide angeschrieben. Es hat etwas Belustigendes, die große Einförmig- keit zu betrachten, mit der sich Alle, wie aus einer Fabrik hervorgegangen, betragen, was besonders bei ihrem Essen sichtbar wird. An einzelnen Tischen pla- cirt, Keiner die mindeste Notiz vom Andern nehmend, scheinen sie doch Alle dieselben Manieren, und auch denselben gastronomischen Geschmack zu haben. Nie- mand genießt Suppe, die ohne besondere Vorausbe- stellung gar nicht zu haben ist, (der Grund warum mich mein alter sächsischer Bedienter verließ, welcher behauptete, in solcher Barbarei, ohne Suppe! nicht länger existiren zu können). Ein großer Braten wird gewöhnlich von Einem zum Andern gebracht, um sich beliebig davon abzuschneiden, und zugleich im Was- fer gekochte Kartoffeln, und anders eben so zuberei- tetes Gemüse, nebst einer plat de ménage voll Essen- zen, auf jeden Tisch gestellt, dazu Bier eingeschenkt, und damit hat in der Regel die Hauptmahlzeit ein Ende; nur die Luxuriösen essen vorher noch Fisch. Aber nun folgt die wesentliche zweite Station. Das Tischtuch wird abgenommen, reines Besteck aufgelegt, Wein und ein frisches Glas gebracht, nebst ein Paar elenden Aepfeln oder Birnen, mit steinharten Schiff- biscuits, und jetzt erst scheint sich der Tafelnde recht bequem festzusetzen. Seine Miene nimmt den Aus- druck der Behaglichkeit an, und scheinbar in tiefes Sinnen verloren, hinten übergelegt, und unverrückt vor sich hinstarrend, läßt er von Zeit zu Zeit einen Schluck aus seinem Glase bedächtig hinabgleiten, die Todtenstille nur unterbrechend, indem er gelegentlich eins der Felsenbiscuits mühsam zermalmt. Ist der Wein vollendet, so folgt noch eine dritte Station: die des Verdauens. Hier hört alle Bewegung auf, der Gesättigte verfällt in eine Art magnetischen Schlafs, den bloß die offnen Augen vom wirklichen unter- scheiden. Nachdem so ohngesähr eine halbe oder ganze Stunde verflossen ist, fährt er plötzlich auf, und schreit wie besessen: Waiter! my slippers (Kellner! meine Pantoffeln) und ein Licht ergreifend wandelt er gravitätisch aus dem Zimmer, um den Pantoffeln und der Ruhe entgegen zu gehen. Diese Farce von fünf bis sechs Personen auf einmal vor sich abspielen zu sehen, hat mich oft besser wie eine Pup- pencomödie unterhalten, und ich muß hinzufügen, daß, mit Ausnahme der Pantoffeln, die Scene sich in den ersten Clubs der Hauptstadt auch von Vor- nehmeren ziemlich eben so abspielt. Lesen sah ich bei- nahe nie einen Engländer bei Tisch, und ich weiß nicht, ob sie es nicht für eine Unschicklichkeit oder gar eine Gottlosigkeit ansehen, wie z. B. am Sonntag zu singen oder zu tanzen. Vielleicht ist es auch nur eine Regel der Diätetik, die mit der Zeit zu einem Gesetz geworden ist, welches sie keine Lebhaftigkeit des Geistes zu übertreten nöthigt. Engländer die nicht zur Aristokratie gehören, oder sehr reich sind, reisen fast immer ohne Bedienten, mit der Mail oder Stagecoach (königliche und Pri- vatdiligencen), worauf man schon in den Gasthöfen eingerichtet ist. Derjenige, welcher dort die Fremden bedient, und ihnen die Stiefeln putzt, hat selbst den allgemeinen Namen „Stiefeln“ ( boots ). Stiefeln ist es also, der die Pantoffeln bringt, ausziehen hilft, und sich dann empfiehlt, indem er fragt, um welche Zeit man, nicht den Caffee, wie er in Deutschland fragen würde, sondern das kochende Rasirwasser be- fiehlt. Sehr pünktlich erscheint er zur bestimmten Stunde damit, und bringt zugleich die rein geputzten Sachen. Der Reisende pflegt dann schnell seine Toi- lette zu machen, verrichtet noch einige nöthige Ge- schäfte, und eilt hierauf seinem lieben Coffeeroom von neuem zu, wo alle Ingredienzien des Frühstücks reichlich auf seinen Tisch gepflanzt werden. Zu dieser Mahlzeit scheint er mehr Lebendigkeit mitzubringen, als zu der spätern, auch mehr Appetit, glaube ich, denn die Quantität der Theekubel, die Masse von Butterbrod, Eyern und kaltem Fleisch die er ver- schlingt, erwecken stillen Neid in der Brust, oder viel- mehr dem Magen, des weniger capablen Fremden. Hier ist es ihm auch nicht nur erlaubt, sondern so- gar durch die Gewohnheit (sein Evangelium) gebo- ten , zu lesen. Bei jeder Tasse Thee entrollt er eine, auf unendliches Papier gedruckte, Zeitung, von der Größe eines Tischtuches. — Keine Speech, keine Crim, Con, keine Mordgeschichte, vom accident maker in London verfertigt Die Zeitungs-Redaktionen besolden dichterische Ta- lente, welche, wenn sich keine wirklichen Mordgeschichten und schreckliche Zufälle ereignen, solche für das immer dar- nach neugierige Publikum erfinden müssen. Diese Künst- ler nennt man: accident makers (Verfertiger von Unglücksfällen). A. d. H. , wird überschlagen. Wie Je- ner, der lieber an einer Indigestion sterben wollte, als etwas einmal bezahltes ungenossen lassen, so denkt auch der systematische Engländer, daß er einer einmal begonnenen Zeitung keinen Buchstaben erlas- sen darf, weshalb auch sein Frühstück mehrere Stun- den dauert, und die sechste oder siebente Tasse kalt getrunken wird. Ich habe gesehen, daß diese glor- reiche Mahlzeit so lange hingezogen wurde, daß sie endlich mit dem diné zusammenfloß, und Du wirst mir kaum glauben wollen, wenn ich Dich versichere, daß sogar ein leichtes soupé um Mitternacht folgte, ohne daß die Gesellschaft unterdeß den Tisch verlassen hatte. Hierbei waren jedoch Mehrere versammelt, und ich muß überhaupt bemerken, daß, wenn dies der Fall ist, sich ein ganz anderes Bild darstellt, in- dem dann der Wein die Gesellschaft, statt sie in le- thargisches Sinnen verfallen zu lassen, oft mehr als zu gesprächig macht. Etwas Aehnliches fiel auch heute vor. Fünf oder sechs Reisende ließen sich es wohl seyn, und nachdem sie des Guten zu viel gethan hat- ten, entstand ein heftiger Streit unter ihnen, der nach langem Lärm, sehr seltsam, damit endete, daß sie Alle auf den Kellner losstürzten, und diesen zur Thüre hinaus warfen. Hierauf wurde auch der Wirth noch gezwungen hereinzukommen, und für den ganz unschuldigen Menschen um Verzeihung zu bitten. Keiner der an den andern Tischen allein Essenden, nahm die mindeste Notiz von dieser Störung; sondern starrte eben so gelassen wie bisher vor sich hin. Ei- ner jedoch, der sein diné sehr spät begonnen, gab bald darauf selbst eine neue Scene zum Besten. Er war mit den ihm überbrachten mutton unzufrieden, und befahl daher dem Waiter, der Köchin zu sagen, sie sey a damned bitch (eine verdammte Hündin). Briefe eines Verstorbenen. I. 14 Die Irländerin verlor über eine so ehrenrührige Beleidigung allen Respekt, riß sich aus den Armen der sie, noch an der Saalthür, vergebens zurück hal- tenden Gefährtinnen los, stürzte mit untergestemm- ten Händen auf den Beleidiger zu, und überschüttete ihn nun mit einer solchen Fluth ächt nationaler Be- nennungen, daß dieser, vor der empörten virago er- blassend, das Feld räumte. Noch einmal so laut als gewöhnlich: my Stippers ! brüllend, eilte er, ohne ferneren Versuch, der Köchin die Spitze zu bieten, schleunigst seiner Schlafstube im dritten Stocke zu; denn Du weißt, daß, wie im Colombier, die Nacht- lager sich hier stes unter dem Dache befinden. Als der verstorbene Großherzog von W . . . . in England war, bekam er auch Lust, allein und incog- nito mit der Stage zu reisen, um diese Art Leben kennen zu lernen. Es amüsirte ihn sehr; am näch- sten Morgen war er aber nicht wenig verwundert, als ihm der boots, nouchalamment, mit den Worten die Stiefeln brachte: Ich hoffe, daß Euere Königl. Ho- heit recht wohl geschlafen haben! Er glaubte indeß, viel- leicht falsch verstanden zu haben, und setzte seine Reise, auf der imperiale sitzend, fort. Den nȧchsten Morgen dieselbe Titulatur. Nun frug er genauer nach, und es fand sich, daß im Innern seines Man- tels eine Carte, mit seinem wahren Namen und Stand, angeheftet war, die das incognito vernichtete. Was ihm aber ohne Zweifel dabei am meisten auffiel, war, daß man so wenig darauf achtete, ob ein deut- scher Souverain auf der Diligence sitze oder nicht. Der gemeine Mann in England giebt auf Nang überhaupt wenig, auf fremden gar nichts. Nur die mittlere Klasse ist hierin sclavisch, und prahlt gern mit einem fremden Nobleman, weil sie ihrer eignen stolzen Aristokraten nicht habhaft werden kann. Der englische Edelmann selbst aber hȧlt sich, auch der Geringste ihrer Lords, im Grunde des Herzens für mehr als den König von Frankreich. Uebrigens ist diese Art zu reisen für Jemand, der nicht blos Ortsveränderung beabsichtigt, oder sich durch größere Ehrfurcht der Gastwirthe und Kellner geschmeichelt fühlt, gewiß die, welche der gewöhn- lichen Art die große Tour zu machen vorzuziehen wäre, da die verminderte Bequemlichkeit durch so viel Lehrreiches und Angenehmes aufgewogen wird, daß man bei dem Tausche hundertfach gewinnen muß. Dublin, den 1 ten September. Meinen Rückweg von Bray nahm ich diesmal über Kingston, längs der Küste auf einem rauhen, aber sehr romantischen Wege. Eine Unzahl von Bettlern standen an der Straße, denen es jedoch nicht an Be- triebsamkeit fehlte, denn eine alte Frau unter an- dern sammelte emsig etwas weißen Sand auf der Straße, der von einer Wagenladung durch die Bret- ter gefallen war. Warum konnte man den Armen nicht eine Stunde lang die Schätze unsres Sand- 14* Golkonda’s öffnen! In Ermangelung beglückte ich sie mit einigen Pence, von denen ich immer eine La- dung in einer meiner Rocktaschen führe, um sie, wie Körner an die Hühner, zu vertheilen, denn hier bet- telt Alles. Kingston ist ein größtentheils aus Landhäusern der Reichen bestehendes Städtchen, wo auch der Lord Lieutenant zuweilen residirt. Seit der König Ir- land besuchte, ist ein Hafen hier errichtet, an dem fortwährend gebaut wird. Wegen der Seichtigkeit der Dubliner Bay ist er von bedeutendem Nutzen, dient aber jetzt hauptsächlich als ein Mittel, den ar- men Klassen Arbeit zu verschaffen. Die vielen inge- nieusen Erfindungen, die man hier angewendet sieht, die vierfach neben einander hinlaufenden Eisenbah- nen, wo ein Pferd die größten Lasten zieht, die Kettenwinden, womit die ungeheuern Blöcke wie kleine Quader gehandhabt und in die Dämme ein- mauert werden, und anderes der Art mehr — sind ungemein lehrreich und interessant. Es lagen bereits verschiedene große Schiffe in dem noch unvollendeten Hafen, wo sie doch schon hinlängliche Tiefe und Schutz finden. Unter ihnen fiel mir ein ganz schwar- zes, abgetakeltes auf, das wie ein Gespenst einsam dastand. Ganz geheuer war es auch nicht darauf — denn es enthielt, wie man mir berichtete, die nach Botany bay bestimmten Gefangenen: das Trans- portschiff, welches sie von hier abführen sollte, war auch bereits angekommen. Für die Missethäter ist diese Transportation keine harte Strafe, (die Seekrankheit ab- gerechnet) und macht davon zwei Drittheil wenigstens, von neuem zu brauchbaren Staatsbürgern. Jede Regierung könnte sich, nach ihren lokalen Hülfsquel- len, eine Art Botany bay verschaffen — aber es wird wohl noch lange dauern, ehe das Prinzip der Rache aus den Gesetzen, und aus der Religion, ausgemerzt seyn wird. Man hat dem König wegen seiner denkwürdigen (d. h. wegen ihrer Erfolglosigkeit denkwürdigen) Reise nach Irland, am Eingang des Hafens ein Monument gesetzt, das mit der gewöhnlichen Ge- schmacklosigkeit, die in Großbritannien fast auf allen öffentlichen Bauten wie ein Fluch zu ruhen scheint, entworfen und ausgeführt ist. Es zeigt einen kur- zen, lächerlichen Knüppel von Obelisk, der auf die Kante eines natu̇rlichen Felsens dergestalt auf vier Kugeln gesetzt ist, daß es aussieht, als müßte jeder Windstoß ihn in die See rollen. Man kann sich nicht enthalten, zu wünschen, daß dies je eher je lieber geschehen möchte. Wie ein Kelchdeckel ist oben die Königskrone über die Spitze gestülpt, und das Ganze, gegen die grandiosen Dimensionen des Ha- fens und der umgebenden Gebäude, so klein und mesquin, daß man es wohl als die Spielerei eines Privatmannes, aber gewiß nicht für ein National- Monument ansehen kann. Vielleicht war der Archi- tekt ein mauvais plaisant, und gebrauchte es nur sa- tyrisch. Als Epigramm ist es dann auch zu loben. Die Straße von hier nach Dublin ist prächtig und stets mit Wagen und Reitern bedeckt. Es wunderte mich, sie nicht arrosirt zu finden, was die Land- straßen in der Nȧhe von London so angenehm macht. Wahrscheinlich geschieht es nur, wenn der Vicekönig hier ist. Heute war der Staub in dem Gewühl und Gedränge fast unerträglich, und alle Bäume wie mit Kalk überzogen. Als ich in Dublin ankam, war grade Sitzung der katholischen Association, und ich stieg daher vor dem Hause ab. Leider war aber weder Shiel noch Ocon- nel gegenwärtig, so daß die Versammlung gar nichts Anziehendes darbot. Hitze und übler Geruch ( car l’humanité catholique puê autant qú une autre ) ver- trieben mich daher schon nach wenigen Minuten. Abends amüsirte ich mich besser in den Vorstellun- gen andrer Charlatans, nämlich einer Gesellschaft so- genannter englischer Reiter, die hier zu Hause sind. Herr Adam, in seiner Art wirklich: le premier des hommes, dirigirte die „Akademie,“ welche diesen Namen besser wie manche andere verdiente. Man sah mit Vergnügen gegen zwanzig elegant gekleidete junge Leute, fast Alle mit gleicher Geschicklichkeit agi- ren, und durch die künstliche Verwirrung, Mannich- faltigkeit, Schwierigkeit und reissende Schnelle ihrer Bewegungen das Auge oft, gleich einem Chaos, mit Dissonanzen betäuben, die sich im Augenblick darauf in die anmuthigste Harmonie auflösen. Noch ergötz- licher waren zwei unnachahmliche Clowns (Bajazzi), deren Glieder keinen Dienst einer Marionette ver- sagten. Der Eine wurde überdies vortrefflich von seinem scheckigen Esel unterstützt, welcher in der Präcision seiner Kunststücke selbst die edlen Rosse beschämte und der Andere brachte, vermöge eines eigenthüm- lichen, selbst erfundenen Instruments, eine so ächt narrenhafte Musik zu Wege, daß schon die unerhör- ten Töne, an und für sich, unwiderstehliches Lachen er- regten. Ein pas de deux der beiden Clowns, mit Füßen und Händen getanzt, die ersteren aber in der Luft pas machend, während die Körper auf den Hän- den gingen, schloß das Schauspiel. Hier schien die menschliche Form zu verschwinden und grausend zu- gleich, wie eine Hofmannische Darstellung, kam das Ganze dem bewilderten Bewildert ist ein neues aus dem Englischen entnom- menes Wort, mit dem ich mir die Freiheit nehme, die deutsche Sprache zu bereichern. A. d. H. Zuschauer, wie der Tanz zweier toll gewordnen Meer-Polypen vor. (Hier fehlen einige Blätter der Korrespondenz.) Ein und dreißigster Brief. B . . . . m im Westen Irlands, den 5 ten September 1828. Gute Julie . Du machst mich lachen mit Deiner Dankbarkeit für mein fleißiges Schreiben. — Erkennst Du nicht, daß es keinen größeren Genuß für mich geben kann? Nach den ersten Worten schon fühle ich mich wie zu Hause , und Trost und Kraft erfüllt mich von Neuem. So wie ich immer gesund zu werden pflegte, wenn ich einen Arzt konsultirt hatte, ehe ich noch seine Medizin nahm, so brauche ich auch nur mit der Feder in der Hand am Schreibtische die Worte „Liebe Julie “ zu zeichnen, um meine Seele gesunder zu fühlen. Du bist übrigens in jeder Hinsicht der bessere Arzt, denn statt Medizin, ernährst Du mich mit Honig. Gare aux flatteurs! Vous me gâtez . — Erinnerst Du Dich noch des jungen Geistlichen aus Bray, der den lieben Gott zum größten Tyran- nen aller Wesen machte, selbst aber ein herzensgu- ter Mensch ist, qui n’y entend pas malice ? Nun dieser hat mich so herzlich gebeten, ihn zu seinem Vater in Connaught zu begleiten, der, wie er sagt, ein eben so gastfreier als wohlhabender Mann ist, daß ich nachgegeben habe, et m’y voilà . Dieser wilde Theil Irlands, welchen Fremde nie, Einhei- mische selten besuchen, steht in so üblem renommée, daß ein Sprichwort sagt: Go to hell and Connaught (geh zur Hölle und Connaught). Der Entschluß wäre also der Ueberlegung werth gewesen. — Was aber Andere abschreckt, reizt mich oft an, und grade da finde ich oft die beste Ausbeute, und Alles ver- spricht sie mir diesmal reichlich, wenigstens was das Ungewöhnliche betrifft. Gestern Abends, nach dem diné, setzten wir uns in meinen Wagen, und verließen die Metropolis. Der Weg, welchen wir zurücklegen sollten, betrug grade 101 Meile. In England wäre dies bald abge- than gewesen — hier ist der Zustand der Posten nicht derselbe, und wir brauchten über 24 Stunden dazu. Die hiesige Landschaft gleicht auffallend den wen- dischen Gegenden der Nieder-Lausitz, wo mein Un- glücksstern mich auch einmal hinverschlug, blos mit Ausnahme des vielen Waldes, der, einige dürre Kiefern abgerechnet, überall nur gewesen zu seyn scheint. Brücher und Torfmoore bedecken jetzt unab- sehbare Strecken, und das alte tausendjährige Eichen- holz, welches in der Tiefe dort gefunden wird, hat einen hohen Preis für zierliche Meuble-Arbeiten; man macht sogar Tabaksdosen und Damenparüren davon. Der übrige Boden ist sandig oder naß. Die Felder stehen mager auf dem trocknen Lande, dage- gen gedeiht die Bruchwirthschaft, welche man hier aus dem Fundamente versteht, vortrefflich. Man planirt die Brüche zuförderst, indem man das vor- ragende Terrain zu Torfziegeln verarbeitet, dann geht das Brennen und die Bestellung mit Früchten erst an. Alle Moore scheinen außerordentlich tief. Haidekorn, Kartoffeln und Hafer werden am meisten gebaut. Die Hütten der Einwohner sind über alle Beschreibung jämmerlich, und das Ansehn der gan- zen flachen Gegend in hohem Grade dürftig, bis man sich dem Gute meines Freundes nähert, wo die Natur freundlicher wird, und am Horizont blaue Berge winken, die der Sitz vieler Mährchen und Wunder sind. Capt. B., mein Wirth, ist einer der Notablen sei- ner Grafschaft, sein Haus aber nicht besser als das eines mittelmäßig begu̇terten , deutschen Edelmanns. Mit der englischen Eleganz und dem englischen Luxus ist es hier aus. Wachs ist unbekannt, so wie Claret und Champagner. Man trinkt Sherry und Port- wein, vor Allem aber Whisky-Punsch, bekömmt de- testablen Kaffee, aber eine recht nährende und kräf- tige Hausmannskost. Das Haus selbst ist nicht überreinlich, die geringe Dienerschaft zwar respekta- bel durch Dienstalter, Eifer und Ergebenheit, aber von etwas ungewaschenem und bäurischem Ansehn. Aus meinen Fenstern dringe ich in alle Geheim- nisse der Oekonomie, die jedoch hier zu bescheiden ist, um, wie in Norddeutschland, auch ihren Misthausen als Haupt point de vûe auszulegen. Der Regen (denn leider regnet es) läuft ganz lustig unter den Fenstern durch, und bildet einige romantische Was- serfälle vom Fensterbrett auf den Boden, wo ein al- ter Teppich die Fluthen durstig aufnimmt. Die Meubeln wackeln etwas, ich habe aber Tische genug (eine große Angelegenheit bei meinen vielen Sachen) und das Bett scheint wenigstens geräumig und hart genug. Im Kamin brennt, oder glüht vielmehr, vortrefflicher Torf, der außer der Wärme, die er verleiht, auch, gleich dem Vesuv, wenn er ausbricht, alle Gegenstände mit einer feinen Asche überzieht. Alles das ist nicht glänzend — aber wie hoch werden jene Kleinigkeiten aufgewogen, durch die patriar- chalische Gastfreiheit , und die heitre, unge- zwungene Freundlichkeit der Familie! Es ist als wäre mein Besuch eine erzeigte Gunst, für die sich mir Alle, wie für einen wesentlichen Dienst, verpflichtet zu fühlen scheinen. Den 6 ten. Mein Wirth gefällt mir sehr wohl. Er ist 72 Jahr alt, und noch rüstig wie 50, muß einst ein sehr schönes Aeußere gehabt haben, und seine Männlich- keit bewiesen 12 Söhne und 7 Töchter, alle von der- selben Frau, die ebenfalls noch lebt, jetzt aber un- wohl ist, weshalb ich sie noch nicht sah. Einige der Söhne und Töchter sind nun auch längst verhei- rathet, und der Alte sieht zwölfjährige Enkel mit seiner jüngsten vierzehnjährigen Tochter spielen. Ein großer Theil seiner Familie ist jetzt hier, was den Aufenthalt ziemlich geräuschvoll macht. Dies wird noch durch das musikalische Talent der Töchter ver- mehrt, die sich täglich auf einem schrecklich verstimm- ten Instrumente hören lassen, ohne daß dieser Um- stand sie im Geringsten stört. Ich habe oft zu bemerken Gelegenheit gehabt, daß die Musik-Liebhaberei in ganz England nur Modesache ist. Es giebt keine Nation in Europa, die Musik besser bezahlt, und sie weniger versteht und genießt. Die Männer spre- chen in der Regel nur von Jagd und Reiten, und sind etwas unwissend. Ein Landjunker aus der Nachbarschaft z. B. suchte heute lange unverdrossen, wiewohl vergeblich, die vereinigten Staaten auf der Karte von Europa, bis ihm endlich sein Schwager den glücklichen Gedanken eingab, sein Heil auf der großen Weltcharte zu probiren. Die amerikanischen Freistaaten wurden deshalb gesucht, weil der alte Herr mir zeigen wollte, wo er den Grundstein zu Hallisar und B . . . . town, welche letztere nach sei- nem Namen benannt ist, im amerikanischen Kriege gelegt. Er kommandirte damals 700 Mann, und erinnert sich gern an diese Zeit seiner Jugend und Wichtigkeit. Die skrupuleuse und ritterliche Höflich- keit seines Benehmens, die stets bereitwillige Auf- opferung seiner Bequemlichkeit für Andere, zeigt ebenfalls die Erziehung einer längst vergangenen Zeit an, und bekundet eigentlich sein Alter sichrer noch als sein Aussehn. Unsere Vergnügungen für die nächsten Tage sind nun folgendermaßen arrangirt. Morgen gehen wir in die Kirche, übermorgen nach der Stadt Gallway, um ein Pferderennen zu besehen, wo die armen Thiere nicht nur eine deutsche Meile laufen, sondern wäh- rend diesem Rennen auch noch verschiedene Mauern überspringen müssen. Sie werden von Gentlemen geritten. Den Abend darauf ist Ball, wo man mir den Anblick aller Schönheiten der Umgegend ver- spricht. Aufrichtig gesagt, so gerührt ich von der mir bewiesenen Güte bin, so wird mir doch bei der Aussicht auf einen sehr langen Aufenhalt im Hause etwas bange, ich würde aber die herzlichen Menschen tief bekümmern, wenn ich mir davon etwas merken ließe. Je m’exécute donc de bonne grace . Den 7 ten. Die Sitten sind hier noch so alterthümlich, daß jeden Tag der Hausherr meine Gesundheit aus- bringt, und wir keine Servietten bei Tisch haben, statt deren Schnupftuch oder Tischtuchzipfel aushelfen müssen. Vier Stunden des Vormittags brachten wir in der nahe liegenden Stadt Tuam in der Kirche zu, und sahen vier Geistliche vom Erzbischof ordiniren. Der englische protestantische Gottesdienst ist von dem unsrigen sehr verschieden, und ein sonderbares Ge- misch katholischer Ceremonien und reformirter Ein- fachheit. Bilder an der Wand werden nicht geduldet, wohl aber an den Fenstern; die Tracht der Priester, selbst des Erzbischofs, besteht blos aus einem weißen Chorhemde, dagegen der Sitz des letztern wie ein Thron gebaut, mit violettem Samt ausgeschlagen, und durch eine Erzbischofs-Krone geschmückt, der Kanzel prunkend gegenüber steht. Die Predigt wird abgelesen, und dauert sehr lang. Am ermüdendsten ist aber, vor und nachher, die endlose Herlesung veralteter, zum Theil sich ganz widersprechender Ge- bete, deren Refrain zuweilen, vom Chor aus, sin- gend wiederholt wird, und an denen man einen wahren Cursus der englischen Geschichte machen kann. Heinrich des Achten Kirchen-Revolution, Eli- sabeth’s Politik, und Cromwell’s puritanische Ueber- treibungen, reichen sich durcheinander die Hand, während gewisse Lieblingsphrasen alle Augenblicke wiederholt werden, worunter manche Stelle mehr kriechende Sklaven, die sich vor einem Tyrannen des Südens in den Staub werfen, charakterisiren, als der christlichen Würde gemäß sind. Man hatte sonderbarerweise das Evangelium, die Austreibung der bösen Geister in eine Heerde Schweine betreffend, gewählt, und nachdem dies eine Stunde lang aus- einander gesetzt war, wurden die vier Priester ordi- nirt. Der alte Erzbischof, welcher den Ruf strenger Orthodoxie hat, besaß viel Anstand, und eine schöne sonore Stimme; dagegen mißfiel mir das Benehmen der jungen Theologen in hohem Grade. Es war widerlich heuchelnd. Fortwährend rieben sie sich die Augen mit dem Schnupftuch, hielten es in Zer- knirschung vor sich, als zerflössen sie in Thränen, antworteten nur mit erstickter Stimme — kurz, Herrnhuter hätten es nicht besser machen können. La grâce n’y etait pas, gewiß von keiner Art. Eine der sonderbarsten Sitten ist, daß Jeder, wenn er, beim Kommen oder Gehen, sein Gebet spricht, sich damit in einen Winkel oder doch gegen die Wand kehrt, als ob er etwas Unschickliches unternähme, das man nicht sehen dürfte. Ich muß es gerade heraussagen — ich begreife nicht, wie ein denkender Mensch durch einen solchen Gottesdienst erbaut werden kann. Und doch, wie schön und erhaben könnte dieser seyn! wenn nur der Sektengeist bei uns verbannt würde; wenn wir fer- ner das Lächerliche zweckloser Ceremonien beseitigend, doch auch nicht einen abstrakten Kultus verlangen wollten, der die Sinne ganz ausschließen soll, eine Unmöglichkeit bei den sinnlichen Menschen! Warum sollen wir nicht, um das höchste Wesen zu verehren, alle unsre besten Kräfte, von ihm verliehen, zu einem solchen Zwecke anwenden, warum nicht Kunst jeder Art, in ihren höchsten Leistungen, dazu benutzen, um Gott das Herrlichste zu widmen, was mensch- liche Fähigkeiten vermögen? Freilich denke ich mir hier eine Gemeinde, deren Frömmigkeit, gleich weit entfernt von niedrigem Sclavensinn, wie arrogan- tem Dünkel, nur des Allvaters Größe und unend- liche Liebe, die Wunder seiner Welt preisen will, nicht den Haß der Intoleranz in die ihm gewidmeten Mauern mitbringt, und deren Lehren nur den Glauben verlangen, zu dem die Offenbarung seines Innern einen Jeden fȧhig macht. Vor meiner Phan- tasie schweben hier nicht mehr getrennte Kirchen für Juden und fünfzig Sorten Christen Caraccioli schon pflegte darüber zu klagen, daß es in England sechzig christliche Sekten, und nur eine Sauce (geschmolzene Butter) gäbe. , sondern wahre Tempel Gottes und der Menschen, deren Pforten zu jeder Zeit, und Jedem offen stehen, welcher sinn- liche und geistige Stärkung am Heiligen und Himm- lischen bedarf, wenn das Irdische ihn drückt, oder Glück und Wohlseyn sein Herz mit Dank erfüllt. Gallway, den 8 ten. Wir kamen sehr spät auf dem race course an, und sahen heute nicht viel davon. Höchst merkwürdig war mir aber der Anblick des hiesigen Volkslebens. In vieler Hinsicht ist diese Nation wirklich nach den Wilden zu vergleichen. Der durchgängige Mangel an gehöriger Bekleidung beim gemeinen Mann, selbst an Festtagen wie der heutige; ihre gänzliche Unfähig- keit dem „Todtenwasser“ (dem Branntwein) zu wi- derstehen, so lange sie einen Pfennig in der Tasche haben, um sich ihn zu verschaffen; ihre wilden, je- den Augenblick ausbrechenden Streitigkeiten und re- gelmäßigen Nationalkämpfe mit dem Shileila, einer mörderischen Stockwaffe, die jeder unter seinen Lum- pen verborgen hält, woran oft Hunderte in einem Moment Theil nehmen, bis mehrere von ihnen ver- wundet oder todt auf dem Schlachtfelde zurückblei- ben; das furchtbare Kriegsgeschrei, welches sie bei solchen Gelegenheiten erheben; die Rachsucht mit der eine Beleidigung Jahre lang von ganzen Gemeinden nachgetragen und fortvererbt wird; auf der andern Seite wiederum die unbefangene frohe Sorglosigkeit, die nie an den nȧchsten Tag denkt; ihre harmlose, alle Noth vergessende Lustigkeit; die gutmüthige Gastfreiheit, die unbedenklich das letzte theilt; die Vertraulichkeit mit dem Fremden, der sich ihnen ein- mal genähert, wie die natürliche Leichtigkeit der Rede, die ihnen immer zu Gebote steht; — alles sind Züge eines nur halb civilisirten Volks. Hunderte von Betrunkenen begleiteten unsern Wa- gen, als wir vom Racecourse nach der Stadt fuhren, und mehr als zehnmal entstand Schlägerei unter ihnen. Wir fanden bei der Menge von Gästen nur mit Mühe ein elendes Unterkommen, aber doch ein gutes und sehr reichliches Mittagsessen. Gallway ist in früheren Zeiten hauptsächlich von den Spaniern angebaut worden, und einige Nach- Briefe eines Verstorbenen. I. 15 kommen jener alten Familien existiren noch, so wie mehrere sehr sehenswerthe Häuser aus dieser Epoche. Charakteristisch schien es mir, daß in dieser Stadt von 40,000 Einwohnern, auch nicht ein einziger Buchladen noch Leihbibliothek zu finden war. Die Vorstädte, wie alle Dörfer, durch die unser Weg führte, waren von einer Beschaffenheit, der ich nichts bisher Gesehenes gleichstellen kann. Schweineställe sind Palläste dagegen, und oft sah ich zahlreiche Gruppen von Kindern (denn die Fruchtbarkeit des irländischen Volks scheint seinem Elend gleich zu seyn) nackt, wie sie Gott geschaffen, sich mit den Enten im Straßenkoth glückselig herumsielen. Athenrye den 10 ten früh. Ich schreibe Dir diesen Morgen aus dem Hause einer der liebenswürdigsten Frauen, die ich in mei- nem Leben gesehen, und zwar einer Afrikanerin, die behauptet, eine geborne Fräulein H...... zu seyn. Que dites vous de cela ? Doch davon nachher. Vor der Hand mußt du mich zum Racecourse zurück be- gleiten, wo das Rennen mit dem Mauerspringen eben seinen Anfang nimmt, ein merkwürdiges Schau- spiel in seiner Art, und für eine halb wilde Nation recht passend. Ich gestehe, daß es meine Erwartung weit übertraf, und mich in ungemeiner Spannung erhielt, nur mußte man Mitleid und Menschlichkeit dabei zu Hause lassen, wie Du aus dem Erfolg ab- nehmen kannst. Die Rennbahn geht in einem gedehn- ten Kreise. Auf der linken Seite beginnt der Lauf, auf der rechten gegenüber ist das Ziel. Dazwischen sind auf den beiden entgegengesetzten Punkten der Kreislinie, d. h. die, welche in der Mitte zwischen dem Auslauf und Ziele liegen, Mauern aus gesprengten Feldsteinen ohne Kalk aufgeführt, 5 Fuß hoch und 2 Fuß breit. Die Bahn, welche 2 englische Meilen beträgt, wird anderthalbmal durchlaufen. Du siehst also aus den vorigen Angaben, daß dabei die erste Mauer zweimal, die andere nur einmal, in jedem Rennen übersprungen werden muß. Ist Dir diese Beschreibung vielleicht noch nicht deutlich genug, so denke Dir nur einen gedruckten Kreis mit den darauf markirten vier Weltgegenden. Im Westen ist eine Säule, wo die Pferde auslaufen, im Norden eine Mauer, über die sie springen müssen. Hier auf passiren sie zum erstenmal die Zielsäule im Osten, ohne sich dabei aufzuhalten, und finden eine andere Mauer im Süden. Haben sie diese zurückgelegt, so kommen sie zum zweitenmal bei ihrem Auslaufspunkt vorbei, überspringen abermals die Mauer im Norden, und endigen nun erst am Ziel, nachdem sie drei Mei- len gelaufen, und dreimal über Mauern gesprun- gen sind. Viele Pferde concurriren, um aber zu siegen, muß dasselbe Pferd in zwei Rennen gewonnen haben, daher dieses oft drei, vier ja fünfmal wiederholt werden muß, wenn jedesmal ein anderes zuerst ankömmt. Heute wurde es viermal durchlaufen, so daß der Gewinner, in Zeit von noch nicht 2 Stunden, die Intervallen mit- 15* gerechnet, 12 englische Meilen angestrengt laufen, und 12 mal die hohe Mauer überspringen mußte, eine Fatigue, von der man bei uns kaum glauben würde, daß sie ein Pferd auszuhalten im Stande sey. Sechs Gentlemen, wie Jokeys sehr elegant in farbige seidne Jacken und Kappen, lederne Beinklei- der und Stolpenstiefel gekleidet, ritten das race. Ich hatte ein vortreffliches Jagdpferd von dem Sohne meines Wirths erhalten, und konnte daher, die Bahn kreuzend, sehr gut folgen, um bei jedem Sprunge gegenwärtig zu seyn. Man interessirt sich bei solchen Gelegenheiten im- mer für einen besondern „favourite“. Der meine, und der des ganzen Publikums, war ein außeror- dentlich schöner Dunkelfuchs, Gamecock genannt, den ein Herr in Gelb ritt, ein hübscher junger Mann, von einer angesehenen Familie, und ein vor- trefflicher Reiter. Das Pferd welches mir, nach die- sem, am besten gefiel, hieß Rosina, eine dunkel- braune Stute, von einem Cousin des Capt. B… geritten, ein schlechter Reiter, in Himmelblau. Das dritte Pferd an Güte, nach meinem Urtheil, Killar- ney, war ein starker, aber ziemlich unansehnlicher, Wallach, von einem jungen Mann geritten, der mehr Anlage, als schon vollendete Reiterkunst, ver- rieth. Sein Anzug war Cramoisi. Der vierte Gent- leman, vielleicht der gewandteste unter den Rei- tern, aber etwas kraftlos, ritt ein sich nicht beson- ders auszeichnendes braunes Pferd, und war selbst auch braun angezogen. Die zwei Uebrigen verdienen keine Erwähnung, da sie gleich im Anfang sich hors du jeu setzten. Beim ersten Sprung nämlich stürzten sie schon Beide, der Eine sich bedeutend am Kopfe beschädigend, der Andere mit einer leichtern Contusion wegkommend, aber doch eben so unfähig gemacht, weiter zu reiten. Gamecock, der, mit Fu- rie anlaufend, und kaum von seinem Reiter zu diri- giren, mit ungeheuern Sätzen über die Mauern mehr flog als sprang, gewann das erste Rennen mit Leichtigkeit. Ihm folgte die leer laufende Rosina, welche ihren Ritter abgeworfen hatte, und die fol- genden Sätze, mit großer Grazie, auf ihre eigne Hand vollführte. Gamecock war nun so entschiede- ner favourite, daß man 5 zu 1 für ihn parirte. Es kam indeß ganz anders, und sehr tragisch. Nach- dem im zweiten Rennen dieses herrliche Pferd wie- der die andern Beiden (denn 3 waren, wie Du ge- lesen hast, schon beseitigt) weit hinter sich zurückge- lassen, und die ersten zwei Sprünge auf das brillan- teste zurückgelegt hatte, trat es bei dem dritten auf ein Steinstück, was eins der vorigen ungeschickteren Pferde beim Stürzen abgesprengt hatte, und wel- ches nicht erlaubt worden war, aus der Bahn zu nehmen — und fiel so gewaltig, daß es mit dem Reiter sich überschlug, und beide noch bewegungslos dalagen, als die andern Concurrenten herankamen, welche, ohne auf den Gefallenen die min- deste Rücksicht zu nehmen, ihre Sprünge glücklich bewerkstelligten. Gamecock raffte sich nach einigen Sekunden wieder auf, der Reiter aber erlangte seine Besinnung nicht wieder, und wurde vom gegenwär- tigen Chirurgus für hoffnunglos erklärt, da Brust- knochen und Schädel zerschmettert waren. Sein al- ter Vater, der dabei stand als das Unglück geschah, fiel ohnmächtig auf den Boden, und seine Schwester warf sich über den zitternden, aber bewußtlosen Körper, dem der Schaum auf dem Munde stand, mit herzzerbrechendem Wehklagen hin. Dagegen war die allgemeine Theilnahme sehr gering. Nachdem man schnell dem armen jungen Mann mehrmals zur Ader gelassen, so daß er auf dem Rasen ganz in sei- nem Blute schwamm, schaffte man ihn weg, und das race begann von Neuem zu der bestimmten Zeit, als wenn nichts vorgefallen wäre. Der braune Mann war im vorigen Rennen der erste gewesen, und hoffte jetzt den entscheidenden und letzten Lauf zu be- ginnen. Es war was die Engländer ein hartes race nennen. Beide, Pferde und Reiter, machten ihre Sache vortrefflich, liefen und sprangen fast wie in Reih und Glied. Nur um einen Viertelspferdekopf kam endlich Killarney am Ziele vor. Es mußte also noch einmal gerannt werden. Dieser letzte Contest war natürlich der interessanteste, da nun einer von Beiden das Ganze gewinnen mußte , und gab Ge- legenheit zu großen Wetten, die im Anfang al pari standen. Zweimal schien der Sieg entschieden und endigte dennoch entgegengesetzt. Beim ersten Sprung, waren beide Pferde neben einander. Ehe sie aber an den zweiten kamen, sah man daß das braune matt wurde, und Killarney so viel Terrain gewann, daß er, mehr als hundert Schritt vor dem andern, zum zweiten Sprung an die Mauer kam. Hier aber, gegen alle Erwartung, refüsirte er zu springen, weil der Reiter ihn nicht hinlänglich in seiner Ge- walt hatte. Ehe er zum Gehorsam gebracht werden konnte, wurde er vom Braunen erreicht. Dieser machte seinen Sprung glücklich, und nun alle Kräfte anstrengend, kam er so weit vor, daß ihm der Sieg jetzt sicher schien. Die Wetten standen 10 zu 1. Die letzte Mauer drohte indeß noch — und ward ihm auch in der That verderblich. Das schon matte Pferd, im schnellen Rennen seine letzten Kräfte erschöpfend, versuchte zwar willig den Satz, konnte ihn aber nicht mehr effektuiren, und die Mauer halb einbre- chend, kollerte es blutig gestoßen über und über, den Reiter unter seiner Last so begrabend, daß er nicht fähig war es wieder zu besteigen. Der Reiter Kil- larney’s hatte, während dies vorging, seinen wider- spenstigen Gaul endlich bezwungen, vollendete, un- ter dem Zujauchzen der Menge, beide sich folgende Sprünge, und ritt dann im Schritt, ganz gemäch- lich und ohne fernern Rival, dem Ziele zu. Dort fand ich ihn aber so erschöpft, daß er kaum sprechen konnte. Während den Zwischenräumen der verschiedenen früheren Rennen, war ich mehreren Damen und Herren vorgestellt worden, die mich alle sehr gast- frei auf ihre Landsitze einluden. Ich folgte aber lieber dem Sohne meines Wirths, der mir versprach, mir die Schönste aller Schönen zu zeigen, wenn ich mich seiner Leitung überlassen wolle, und mich nicht scheue, noch 10 Meilen im Dunkeln zu reiten. Un- terwegs erzählte er mir, daß die Bewußte, Mistriß L …, heiße, die Tochter des ehemaligen holländi- schen Gouverneurs von ..... sey, und sich jetzt in dem einsamen Flecken Athenrye, der gesunden Luft wegen aufhalte, da sie, vom Clima angegriffen, an der Brust leide. Um 10 Uhr kamen wir erst an, und überraschten sie in ihrem kleinen Häuschen (denn der Ort ist elend) beim Thee. Ich möchte Dir dieses liebenswürdige Geschöpf be- schreiben, so daß Du sie vor Dir zu sehen glaubtest, überzeugt, daß Du sie, gleich mir, beim ersten Blicke lieben würdest. Ich fühle aber, daß hier Beschrei- bung nicht ausreicht. — Alles an ihr ist Herz und Seele, und das beschreibt sich nicht! Sie war höchst einfach, ganz schwarz gekleidet, das Kleid bis an den Hals geschlossen, aber dennoch zeichnete es die schön- sten Formen. Ihre Gestalt war schlank und äußerst jugendlich, voll milder Grazie, und dennoch nicht ohne Lebhaftigkeit noch Feuer in ihren Bewegungen. Ihr Teint braun, rein und klar, und von einer sanften Glätte, wie Marmor. Schönere und glän- zendere schwarze Augen, und blendend weißere Zähne sah ich nie. Auch der Mund, mit der engelgleichen Kindlichkeit ihres Lächelns, war bezaubernd. Ihr feiner, ungezwungener Anstand, die spielend geübte Grazie heiteren und witzigen Gesprächs, wa- ren von der köstlichen Art, die angeboren ist, und daher eben so sicher in Paris, wie in Peking, in der Stadt, wie auf dem Dorfe, gefallen muß. Die größte Erfahrung könnte nicht mehr Gewandheit geben, und kein Mädchen von 15 Jahren lieblicher erröthen, und freudiger scherzen. Demohngeachtet war ihr Leben das einfachste gewesen, und ihre Ju- gend mehr noch die unverblühbare der Seele, als die des Körpers, denn sie war Mutter von 4 Kin- dern, den Dreißigen ziemlich nahe, und eben jetzt erst, kaum von einer ihr Leben bedrohenden Brust- krankheit genesen. Aber das Feuer aller ihrer Be- wegungen, die blitzesschnelle Lebhaftigkeit ihrer Un- terhaltung, waren ganz jugendlich frisch, und rissen jugendlich hin, indem sie zugleich der innern Sanft- muth ihres Wesens einen unwiderstehlichen Reiz gaben. Man fühlte, daß diese Natur unter einer heißeren und glücklicheren Sonne, auf einem üppige- ren Flecke der Erde, als unsere Nebelländer es sind, geboren war! Auch empfand sie selbst die wehmü- thigste Sehnsucht nach dieser Heimath, und Schmerz verbreitete sich augenblicklich über alle ihre Züge, als sie erwähnte, daß sie wohl nie jene linde, von Wohlgerüchen geschwängerte Luft, wieder einathmen würde. Ich war zu sehr in ihrem Anblick verloren, um an leibliche Nahrung zu denken, wenn sie nicht selbst, mit aller gütigen Emsigkeit einer Haus- frau, Anstalt gemacht hätte, uns in ihrer kleinen Hütte, so gut es sich thun ließ, zu bewirthen. Man deckte nun einen Tisch in derselben Stube, so daß das frugale Mahl die Unterhaltung nicht abbrach, und es war lange nach Mitternacht, als wir schie- den, um unsre Betten aufzusuchen. Erst als ich schon in dem meinigen lag, erfuhr ich, daß, bei der Unmöglichkeit, in dem elenden, nur aus wenigen Hüt- ten bestehenden Ort ein Bett aufzutreiben, die her- zensgute und ganz ceremonielose Frau mir ihr eig- nes abgetreten, und sich bei ihrer ältesten Tochter einquartirt habe. Mit welchen Gefühlen ich nach dieser Nachricht endlich einschlief, magst Du Dir denken! — Ueber ihre Familie, deren Namen mir so sehr auf- fallen mußtet, konnte Mistriß L .... mir selbst nicht viel mittheilen. Im zwölften Jahre hatte sie Herr L ...., damals Hauptmann in der englischen Armee, in ....... geheirathet. Gleich darauf war ihr Vater gestorben, und sie mit ihrem Gemahl nach Irland geschifft, welches sie seitdem nie verlassen. Sie hatte wohl gehört, daß sie Verwandte in Deutschland habe, aber nie mit ihnen correspondirt, bis sie vor drei Jahren einen Geschäftsbrief von einem Vetter aus A .... erhielt, mit der Ankündigung, daß der Bru- der ihres Vaters gestorben und sie zur Universaler- bin eingesetzt habe. Die Gleichgültigkeit des afrika- nischen Naturkindes war so weit gegangen, daß sie diesen holländisch geschriebenen Brief nicht nur bis jetzt unbeantwortet gelassen, sondern, wie sie er- zählte, auch nur zum Theil entziffern können, da sie die Sprache in so langer Zeit fast vergessen habe. Ich kenne den Mann ja nicht, setzte sie entschuldi- gend hinzu, und die Erbschaftssache habe ich meinen Gemahl abmachen lassen. Der Badeort Athenrye (die Quelle ist von der Art wie Salzbrunnen in Schlesien) gehört auch zu den Originalitäten Irlands. Ich habe Dir schon gesagt, daß kein Dorf in Pohlen von elenderem An- sehen gedacht werden kann. Dabei liegt der Hütten- haufen auf einer ganz kahlen Anhöhe im Torfmoor, ohne Baum und Strauch, ohne Gasthof, ohne irgend eine Bequemlichkeit, nur von den zerlumpte- sten Bettlern, außer den wenigen Badegȧsten , be- wohnt, welche letztere Alles mitbringen was sie brau- chen, und ihren Unterhalt bis auf die geringsten Lebensmittel, fortwährend von dem 12 Meilen ent- fernten Gallway herbeiholen lassen müssen. Einst war es anders, und noch betrachtet man mit Weh- muth am äußersten Ende des jammervollen Oert- chens, die stolzen Ruinen einer bessern Zeit. Hier stand eine reiche Abtei, jetzt mit Epheu durchwachsen, und über den freiliegenden Altären und Grabsteinen die Gewölbe eingestürzt, die einst das Heiligthum schützten. Weiterhin sieht man noch die 10 Fuß dicken Mauern des Schlosses König Johann’s, der seinen Gerichtshof hier hielt, wenn er nach Irland herüber kam. Ich besuchte diese Ruine in sehr zahlreicher Be- gleitung. Ich sage nicht zu viel, wenn ich Dir ver- sichere, daß aus der ganzen Gegend wenigstens über 200 halb nackte Individuen, zum Drittheil Kinder, sich um meinen nachgekommenen Wagen schon seit dem Frühsten nichtsthuend versammelt hatten, und nun unter Vivatgeschrei mich alle bettelnd umringten, und Mann für Mann durch die Ruinen, über Trüm- mern und Kratzbeeren, treulich begleiteten. Die son- derbarsten Complimente erschallten zuweilen einzeln aus der Menge heraus, einige riefen sogar: Es lebe der König! Als ich bei der Zurückkunft ein Paar Hände voll Kupfer unter sie warf, lag bald, von alt und jung, die Hälfte im Straßenkoth, sich blutig schlagend, während die andern schnell in die Brann- teweinschenke liefen, um das Gewonnene sogleich zu vertrinken. Das ist Irland! vom Gouvernement vernachlässigt oder bedrückt, von der stupiden Intoleranz des eng- lischen Priesterthums erniedrigt, von seinen reichen Landbesitzern verlassen, und von Armuth und Whis- keygift zum Aufenthalt nackter Elenden gestempelt! — Ich habe schon erwähnt, daß auch bei den gebilde- ten Classen der Provinz, die Unwissenheit für unsere Erziehungsbegriffe beispiellos erscheint. Ich will es noch nicht als solche aufführen, daß z. B. heute beim Frühstück vom Magnetismus gesprochen wurde, und Niemand je das Geringste davon gehört hatte. Du wirst übrigens nicht zweifeln, daß ich mich gern er- bot, Mistriß L …, deren Lebhaftigkeit bei der Be- schreibung gleich Feuer fing, darin Unterricht zu ge- ben — aber stärker ist es schon, daß in B .... m, unter einer Gesellschaft von 20 Personen, Niemand wußte, daß es Oerter wie Carlsbad und Prag in der Welt gebe. Die Auskunft, daß sie in Böhmen lägen, half auch nichts, da ihnen Böhmen eben so unbekannt war, denn alles , außer Großbrittannien und Paris, waren für sie böhmische Dörfer. „Wo sind Sie denn eigentlich her?“ frug mich Einer. Aus Brodignac sagte ich im Scherz. Ah, liegt das am Meer? haben Sie da auch Whiskey? frug ein An- derer. Ja der öfters erwähnte Sohn meines Wirths erkundigte sich sogar einmal ganz angelegentlich bei mir, als wir eben auf einem Spazierritt einigen Eseln begegneten, ob es auch bei uns solche Thiere gäbe? Ach mehr als zu viel, erwiederte ich seufzend! V … m den 12 ten. Gestern kehrten wir hierher zurück, mit Mühe uns von der schönen Afrikanerin losreißend, die uns in- deß bald nachzukommen versprochen hat, und heute benutzte ich die Muße, um einen Spazierritt nach Castle Hacket zu machen, einen einzeln in der Gegend stehenden Berg, der, nach des Volkes Meinung, ein Lieblingsaufenthalt der Feen, the good people wie man sie in Irland nennt, seyn soll. Kein Volk ist poetischer und mit reicherer Phantasie begabt. — Ein alter Mann, der die Aufsicht über die Waldungen von Castle Hacket hat, und in dem Rufe steht, mehr als Andere von dem good people zu wissen, erzählte uns den Verlust seines Sohnes ganz im Ton einer Romanze. „Ich wußte es, sagte er, schon vier Tage „vorher, daß er sterben würde, denn als ich an je- „nem Abend in der Dämmerung nach Hause ging, „sah ich sie in wilder Jagd über die Ebne dahin „stürmen. Ihre rothen Gewȧnder flatterten im „Winde, und die Seen gefroren bei ihrem Nahen zu „Eis, Mauern und Bäume aber bogen sich vor ih- „nen zur Erde, und über die Spitzen des Dickichts „ritten sie hin, wie über grünes Gras. Vorau „sprengte die Königin auf weißem hirschartigen Roß, „und neben ihr sah ich mit Schaudern meinen Sohn, „dem sie zulächelte und ihm schön that, während er, „wie im Fieber, sie mit Sehnsucht anblickte, bis Alle „auf Castle Hacket verschwanden. Da wußte ich, daß „es um ihn geschehen sey! — Denselben Tag noch legte „er sich, den dritten trug ich ihn schon zu Grabe. „Keinen schöneren, keinen besseren Jungen gab’s in „Connamara — drum hat auch die Königin sich ihn „erwählt.“ — Der Alte schien so unbefangen, und so fest von der Wahrheit seiner Erzȧhlung überzeugt, daß es nur kränkend hätte für ihn seyn können, den geringsten Zweifel daran zu äußern. Dagegen erwiederte er unsre Fragen nach weiteren Details mit großer Be- reitwilligkeit, und ich behalte mir also noch vor, Dir die genaueste Toilette der Feenkönigin zu Deinem nächsten Maskenball ausführlicher zu liefern. Am Fuße dieses nicht geheuren Berges ist ein hüb- scher Landsitz, und der Berg selbst, bis an seine Spitze, mit jungen, gut wachsenden Pflanzungen, bedeckt. Auf dem steinigenGipfel steht eine künstliche Art Ruine, blos von losen Steinen aufgeschachtet, die sehr mühsam, und wegen der leicht abrollenden Steine, nicht ohne Ge- fahr zu erklettern ist. Die Aussicht ist aber des Ver- suches werth. Von zwei Seiten irrt das Auge fast schrankenlos über die unermeßliche Ebne — auf den andern beiden schließt den Horizont Log Corrib, ein 30 Meilen langer See, dem die Hügel der Grafschaft Clare, und weiter hin das düstere, romantisch ge- formte Gebürge von Connamara zum Hintergrunde dienen. In der Mitte des Sees wendet dieser sich, gleich einem Flusse, in das Innere des Gebürges, wo das Wasser sich in einem engen Bergpasse nur nach und nach zwischen den höchsten Spitzen verliert, die gleichsam eine Pforte bilden, um es aufzuneh- men. Grade hier ging die Sonne unter, und die Natur, die meine Liebe zu ihr gar oft vergilt, zeigte mir diesen Abend eines ihrer wunderbarsten Schau- spiele. Schwarze Wolken hingen über den Bergen, und der ganze Himmel war umzogen. Nur da, wo die Sonne jetzt eben hinter dem dunklen Schleier hervortrat, erfüllte sie die ganze Bergschlucht mit überirdischem Lichtglanz. Der See funkelte unter ihr wie glühend Erz, die Berge aber erschienen, wie durch- sichtig, im stahlblauen Schimmer, dem Brillantfeuer ähnlich. Einzelne, stokkige Rosenwölkchen zogen lang- sam in dieser Licht- und Feuerscene, gleich weidenden Himmelsschäfchen, über die Berge hin, während zu beiden Seiten des geöffneten Himmels, dichter Regen, in der Ferne sichtbar, herab strömte, und wie einen Vorhang bildete, der rundum jeden Blick in die üb- rige Welt verschloß. Dies ist die Pracht, welche sich die Natur allein vorbehalten hat, und die selbst Clau- de’s Pinsel nicht nachahmen könnte. Den Heimweg entlang erzählte mir mein junger Begleiter unaufhörlich von Mistriß L …, die er, wie ich wohl sah, nicht ungestraft, wie die Mücke das Licht, so lange umspielt hatte. Nie sagte er, unter andern, bemerkte ich, bei aller ihrer Lebhaftigkeit, auch nur einen Augenblick, üble Laune oder Unge- duld an ihr — nie hatte eine Frau ein besseres „temper.“ Dieses Wort ist, eben so wie gentle, unübersetzbar — nur eine Nation, die das Wort comfort erfinden konnte, war zugleich fähig, temper zu erdenken — denn temper ist in der That im Gei- stigen, was comfort im Materiellen. Es ist der be- haglichste Zustand der Seele, und das größte Glück, sowohl für die, welche es besitzen, als für die, welche es an Andern genießen. Vollkommen wird es vielleicht nur beim Weibe gefunden, weil es mehr duldender, als thätiger Natur ist. Dennoch muß man es von bloßer Apathie sehr unterscheiden, welche Andere ent- weder langweilt, oder Aerger und Zorn nur vermehrt, während temper Alles beruhigt und mildert. Es ist ein ächt frommes, liebendes und heitres Prinzip, mild und kühlend wie ein wolkenloser Maitag. Mit gentleness im Charakter, comfort im Hause und temper in seiner Frau, ist die irdische Seligkeit eines Mannes erschöpft. Temper, im höchsten Potenz, ist ohne Zweifel einer der seltensten Eigenschaften — die Folge einer vollendeten Harmonie (Gleichgewichts) der intellectuellen Kräfte, die vollständigste Gesund- heit der Seele . Große und hervorstechende ein- zelne Eigenschaften können daher nicht damit verbun- den seyn, denn, wo eine Kraft hervortritt , hört das Gleichgewicht auf. Man kann also hinrei- ßen, leidenschaftliche Liebe, Bewunderung, Achtung einflößen, ohne deshalb temper zu haben, — voll- kommen liebenswürdig auf die Dauer aber wird man nur durch seinen Besitz. Das Wahrnehmen der Harmonie in allen Dingen wirkt wohlthätig auf den Geist; — des Grundes oft sich unbewußt, wird die Seele doch immer dadurch erfreut, welcher ihrer Sinne es auch sey, der ihr dieß Gefühl zuführt. Eine solche Person also, die mit temper begabt ist, gewährt uns beständigen Genuß, ohne je unsern Neid zu erregen, noch andere zu heftige Empfindun- gen zu erwecken. Wir stärken uns an ihrer Ruhe, beleben uns an ihrer stets gleichen Heiterkeit, trösten uns an ihrer Resignation, fühlen den Zorn schwin- den vor ihrer liebenden Geduld, und werden am Ende besser und froher am Geister-Klange ihrer Harmonie. Wie viel Worte, gute Julie, wirst Du sagen, um eins zu beschreiben, und dennoch habe ich nur unvollkommen ausgedrückt, was — temper — sey. Briefe eines Verstorbenen. I. 16 den 13 ten. Die schöne Aussicht des gestrigen Abends lockte mich, heute von nahem zu sehen, was ich dort nur von ferne geschaut. Mein gefälliger Freund arran- girte zu diesem Endzweck schnell unsre Equipage, ei- nen kleinen char â banc den wir „tandem“ (d. h. ein Pferd vor das andere gespannt) mit Postpferden fuhren. Wir beschlossen: den See Corrib, Cong und seine Tropfsteinhöhlen in Augenschein zu nehmen, und um die Zeit aufs Beste zu benutzen, erst in der Nacht wieder zurückzukehren. Nach vier Stunden scharfen Trabens, und einigen kleinen Unglücksfällen, die dem gebrechlichen Fuhrwerk zustießen, erreichten wir das, einige zwanzig Meilen entfernte, Cong, wo wir zuförderst in dem elenden Gasthof ein mitge- brachtes Frühstück von irländisch zubereiteten Hum- mer Ein vortreffliches Gericht! das Rezept mündlich. , wie die Chineser mit Hölzchen, verzehrten, da keine Messer und Gabeln zu haben waren, und uns dann sogleich nach den Höhlen auf den Weg machten, wie gewöhnlich von einem halbnackten Ge- folge begleitet. Jeder von diesem suchte irgend einen Dienst zu thun; bückte man sich nach einem Stein, so rissen sich zehn darum ihn aufzuheben, und baten dann um ein Trinkgeld; war eine Thür zu öffnen, so stürzten zwanzig darauf zu, und erwarteten gleich- falls Belohnung. Später, als ich schon alle meine Münze ausgetheilt hatte, kam noch Einer der be- hauptete, mir, ich weiß nicht mehr welche Kleinigkeit, gezeigt zu haben. Ich wies ihn unwillig ab, und sagte, meine Börse sei leer. O, rief er: A gentle- man’s purse can never be empty! (eines Gentle- man’s Börse kann nie leer seyn) — keine üble Ant- wort — denn unter der Form eines Compliments verbarg sie einen boshaften Doppelsinn; es hieß: Du siehst zu sehr wie ein Gentleman aus, um nicht Geld zu haben; Bist du aber so ungenereus keins zu geben, so bist du auch kein Gentleman mehr; hast du aber wirklich nichts, so bist du’s noch weni- ger. Die Menge fühlte dies, und lachte, bis ich mich loskaufte. Doch zurück zur Höhle, dem pigeonhole (Tauben- loch), einer seltsamen Naturerscheinung. Sie liegt mitten im Felde, in einer baumlosen, öden Flur, die, obgleich flach, mit einer eigen geformten Art Kalk- felsen bedeckt ist, zwischen denen die wenige Erde mühsam zu Wiesen- und Feldflächen benutzt wird. Diese Felsen sind so glatt, als wären sie polirt, und gleichen regelmäßig aufgekasteten, und halb bearbeite- ten Steinen, die man zu irgend einem colossalen Bau hier zusammen gebracht hätte. In diesem Stein- felde, ohngefähr eine Viertel Stunde vom See Cor- rib öffnet sich nun die Höhle, wie ein weiter dunkler Brunnen, in den dreißig bis vierzig rohe, in den Stein gehauene, Stufen zu dem Flusse hinabführen, der hier unterirdisch strömt, sich eine lange Zeit durch wunderlich gestaltete Felsengewölbe seinen Weg bahnt, dann nur ans Licht tritt, um eine Mühle zu 16* treiben, gleich darauf sich aber zum zweitenmale in den Bauch der Erde vergrȧbt , und spȧter wiederum als ein breiter, krystallheller, und tiefdurchsichtiger Strom zum Vorschein kommt, der sich in die Ge- wässer des Sees ergießt. Unfern der Höhle, vor der wir jetzt standen, wohnt eine „Donna del Lago“ welche die Berechtigung, Fremden das pigeon hole zu zeigen, dem Gutsherrn mit 4 Pf. Sterl. jährlich bezahlen muß. Sie paßte vortrefflich zu der Hüterin eines solchen Eingangs in die Unterwelt, und die ganze Scene konnte nicht bes- ser, wie die Engländer sagen „in character“ seyn. Wir waren schon im Dunklen die Stufen hinabge- klommen, und hörten des Flusses Rauschen ohne ihn noch zu sehen, als die riesengroße, hagere Alte, einen scharlachrothen Mantel um sich geworfen, mit langen, flatternden, weißen Haaren und zwei lodernden Feuer- bränden in den Händen, herabkam — das leibhaftige Original zu W. Scotts Meg Merrilis. Es war ein merkwürdiger Anblick, wie ihre hin und her schwan- kenden Fackeln, die Wellen des Stroms, die hohen, von Stalaktiten gezackten Gewölbe und die blassen zerlumpten Gestalten unter ihnen grell erleuchteten, jetzt aber die Alte, unter Reden, welche wie eine Be- schwörungsformel klangen, in den Fluß brennende Strohbündel warf, die, schnell dahinschwimmend, im- mer neue Grotten, immer groteskere Formen enthüll- ten, bis sie endlich, gleich kleinen Lichtern, nach hun- dert Windungen, in der Ferne verschwanden. Wir folgten ihnen, über die schlüpfrigen Steine kletternd, so weit wir konnten, und entdeckten zuweilen große Forellen in dem eiskalten Wasser, welche das Eigen- thümliche haben sollen, daß, welche Lockspeise man ihnen auch biete, doch noch nie ein Versuch sie zu fangen gelungen sey. Das Volk hält sie daher für verzaubert. Wenn man aus der Dunkelheit wieder an die Stelle zurückkehrt, wo das Tageslicht schwach, wie in einen Schacht, hineinbricht, sieht man Epheu und Schlingpflanzen in höchst malerischen Festons und Guirlanden über die Felsen herabhängen. Hier hal- ten die wilden Tauben in großer Menge ihre Nacht- ruhe, wovon sich die Benennung der Höhle herschreibt. Der Aberglaube des Volks erlaubt keinem Jäger, sie an diesem Orte zu beunruhigen, weshalb sie auch ohne Furcht sind, wie in einem Taubenschlage. Aus diesen düstern Regionen, wo Alles beschränkt und eingeschlossen ist, wandelten wir nun dem weiten meerartigen See zu, wo Alles sich ins Unendliche zu verlieren scheint. Die majestätische Wassermasse des Corrib füllt ein Becken von zwölf deutschen Meilen Länge und in der größten Ausdehnung drei deutsche Meilen Breite. Ein sonderbares Zusammentreffen ist es zu nennen, daß der See gerade so viel Inseln, als das Jahr Tage zählt, nämlich 365. So behaupten wenigstens die Einwohner, gezählt habe ich sie nicht. Auf zwei Seiten begränzt ihn das hohe Gebürge von Connamara, auf den andern verschwimmen seine Ge- wässer fast mit der Plaine. Die Einfahrt, den Ber- gen gegenüber, war daher ungleich schöner als die Rückkehr. Im Ganzen soll die Schifffahrt auf die- sem See, wegen der vielen Klippen und Inseln, wie den oft plötzlich sich erhebenden Stürmen sehr gefähr- lich seyn, und erst kürzlich meldeten uns die Zeitun- gen, daß ein Marktschiff, auf welchem Fleischer sich mit ihren Hammeln eingeschifft, mit Menschen und Thieren ein Raub der erzürnten Seenixe geworden sey. Wir hatten einen sehr stillen, aber nicht immer heitern Tag. Als wir wieder gelandet, ließ ich mei- nen Begleiter vorausgehen, um die nöthigen Bestel- lungen zu machen, und besah noch, bei Sonnenun- tergang, die am Ufer liegenden Ruinen einer Abtei, die einige schöne Ueberreste alter Baukunst und Sculp- tur darbot. Irland wimmelt von Ruinen alter Schlösser und Klöster, mehr als irgend eine andere Gegend Europa’s, wiewohl diese Ueberbleibsel keine so ungeheuren Massen darbieten als z. B. in Eng- land. Diese alten Ruinen (denn leider findet man hier auch gar viel neue ) werden vom Volk überall als Kirchhöfe benutzt, eine poetische Idee, die, glaube ich, nur diesem Volke eigen ist. Da man nirgends darin, wie in den englischen Kirchen, geschmacklose moderne Monumente aufstellt, sondern nur die Erde aufreißt, oder höchstens einen Stein auf das Grab legt, so wird durch diesen Gebrauch das ergreifende Bild irdischer Vergänglichkeit nur erhöht, nicht ent- weiht. Was aber den Eindruck oft bis zum Grau- senhaften steigert, ist die wenige Rücksicht, welche die spätern odtengräber auf die früher Begrabenen neh- men, deren Gerippe sie, sobald der Platz fehlt, ohne Umstände herauswerfen. Daher sind alle diese Rui- nen mehr oder weniger mit Haufen von wild unter- einander gewürfelten Schädeln und Gebeinen ange- füllt, die nur zuweilen theilweise von den Kindern, als Spielwerk, in Pyramiden oder andere Formen aufgestellt werden. Ich erstieg, über solche Steine und Knochen mich emporarbeitend, ein verfallnes Ge- mach des zweiten Stockes, und weidete mich an dem fremdartigen romantischen Gemälde. Zu meiner Lin- ken war die Mauer hinabgesunken, und öffnete dem Blick die schöne Landschaft, die den See umgiebt, mit hellgrünem Vorgrunde, dem Gebürge in der Ferne, und seitwärts dem Schlosse und den hohen Bäumen des Parkes der Macnamara’s, welche hier residiren. Vor mir stand noch ganz wohlerhalten ein vortreff- lich gearbeitetes, wie mit point d’Alençon eingefaßtes Fenster; über ihm hingen, unzugänglich auf der frei- stehenden Mauer, ganze Trauben schwarzblauer Brom- beeren von den üppig wuchernden Sträuchern herab. Rechts, wo die Wand des Gemachs ganz intackt ge- blieben war, sah man eine niedrige, mit der Hand leicht zu erreichende Nische, in der sich sonst wahr- scheinlich ein Heiliger befunden, jetzt aber nur ein Todtenschädel stand, mit den leeren Augenhöhlen grade auf die schöne Aussicht gerichtet, die sich ihm gegenüber ausbreitete, als erfreue ihr Glanz und frisches Leben selbst den Todten noch! Indem auch ich derselben Richtung von Neuem solgte , entdeckte ich, dicht über dem Boden, ein bisher übersehenes Gitterfenster, das einen weiten Keller erleuchtete, und sah in diesem nun eine unermeßliche Anhäufung von Gebeinen, alle auf die erwähnte Weise in mannich- faltige Formen geordnet. Die sonnige Landschaft oben, die dunkeln Knochenhaufen unten, wo die Ju- gend mit dem Tode gespielt — es war ein Blick in Leben und Grab zugleich, die Freuden des einen wie die theilnahmlose Ruhe des zweiten versinnlichend; tröstend aber vergoldeten die rosenfarbnen Strahlen der untergehenden Sonne, Lebende und Todte, gleich Boten einer schönern Welt. — Unsere Rückfahrt in der schwarzen Nacht bei fort- währendem Regen war schwierig und unangenehm. Wir brachen nochmals eine Feder am Wagen, und hatten allerhand anderes Ungemach auszustehen. Als wir endlich nach Mitternacht in B … anlangten, fanden wir, zu meinem wahren Schrecken, den guten alten Capitain mit der ganzen Familie noch auf, um uns mit dem Essen zu erwarten. Die überhäuften Attentionen, und die große Herzensgüte dieser Leute beschämt mich täglich, und ich bewundere oft, wie ihre leidenschaftliche Gastfreiheit, auch nie durch die geringste Spur von Ostentation verunstaltet wird. Damit mein Brief nicht zu stark werde, und zuviel Porto koste (denn gewöhnlich muß ich für diese volu- mineusen Packete einige Lst. bis an die englische Grenze bezahlen) schließe ich ihn, noch vor meiner Abreise von B . . . . . m. Du weißt mich hier wenig- stens gut aufgehoben, und der Pflege von Leuten übergeben, die Dein Herz haben, wenn sie Dir auch an Geist und Bildung nicht gleich kommen. Der Himmel segne und behüte Dich! Dein treuster L … Zwei und dreißigster Brief. B . . . . m, den 14 ten September 1828. Geliebte Freundin! All’ Dein Belehren hilft nichts, gute Julie, — Deine Rede ist schön, Deine Gründe mögen triftig seyn, aber ich glaube einmal das Gegentheil, und Glaube ist, wie Du weißt, ein Ding, das nicht nur Berge versetzt, sondern sich auch oft welche aufbaut, über die es nicht mehr hinwegsehen kann. Deswegen hilft auch in der Welt alles Bekehren, es mag seyn in welcher Hinsicht es wolle, nicht eher, als bis der entgegengesetzte Glaube schon wankend geworden ist. Vorher sprich mit der Weisheit Plato’s, und handle mit der Reinheit Jesu — Jeder bleibt dennoch bei seinem Glauben, auf den Vernunft und Verstand in der Regel den wenigsten Einfluß haben. Höchstens nimmt der Bekehrte den Namen an, statt der That. Wer die Menschen plötzlich ändern will, ehe sie selbst Lust ha- ben: eine neue Facette zum Abschleifen der Weltge- schichte zuzukehren, wird stets, entweder als ein Narr zu Hause geschickt, oder als ein Märtyrer gesteinigt und gekreuzigt werden. Die Geschichte lehrt dies auf jeder Seite. Was hier auf das Allgemeine Anwen- dung findet, ist aber auch der Fall mit dem Einzel- nen, und nach alle dem — parlez moi raison, si vous l’osez . Doch muß ich eins im Ernste sagen. Wer einmal zu freimüthig geboren ist, und selbst die all- gemeine Meinung wenig achtet, wenn sie nur eine gemeine ist — der bleibe ja sein ganzes Leben so. Die Folgen einer solchen Denkungsart, und die An- feindungen denen sie aussetzt, werden nur dann schmerzlich empfunden, und zuletzt gefährlich, wenn man, schwach geworden, aufhört selbstständig zu seyn, und statt, wie bisher, fremde Meinung zu verachten, sich davor zu fürchten anfängt. So etwas merkt die Menge schnell, und verfolgt dann erst mit Con- sequenz das vor ihr laufende Wild, über das sie frü- her, so lange es ihr Stand hielt, und keck in die Au- gen sah, nur erfolglose Glossen zu machen wagte. Für die Welt giebt es überhaupt keine bessere Lehre als: Bouche riante et front d’airain, et vous passez partout . Wir Deutsche sind fast immer zu ernst, wie zu timide, und nur im Stande momentane Efforts gegen diese Fehler zu machen, bei welchen Versuchen wir überdies auch das Ziel leicht übers chießen. Aus diesem Grunde hauptsächlich lieben wir wohl so die Zurückgezogenheit, und verkehren am liebsten blos mit unserer Phantasie, als treuer Gesellschafterin — souveraine Herren im Reiche der Luft, — wie Frau v. Sta ë l sagt. Die große Welt wie sie ist, gefällt uns nicht, und eben so wenig verstehen wir dieser Welt zu gefallen. Drum wählen wir lieber — Zu- rückgezogenheit, und in dieser Freiheit! Wir erlebten heute ein sonderbares Eintreffen von Prophezeihungen. Miß Kitty, die artigste der Töch- ter meines Wirths, hatte gestern auf unserm Spa- ziergang sich von Zigeunern wahrsagen lassen, und ich selbst hörte mit an, wie die Frau ihr, unter vie- len andern gewöhnlichen Dingen, ankündigte: „daß „sie auf ihrer Hut seyn möchte, denn ehe vier und „zwanzig Stunden vergingen, würde in ihre Fenster „geschossen werden, und dann ihres Bleibens nicht „lange mehr in B . . . . m seyn.“ Wir fanden die Prophezeihung etwas bedenklich, und theilten sie da- her mit, als wir zu Haus kamen, wurden aber dar- über nur geneckt und ausgelacht. Den andern Mor- gen, ziemlich früh, entstand indeß wirklich Allarm über zwei Schüsse die man hörte, und Miß Kitty stürzte sich, halb angezogen und fast ohnmächtig vor Schreck, die Treppen herunter, worauf Alles hinzu lief, um zu untersuchen, was es denn eigentlich gäbe. Es fand sich nun, daß zwei der jüngeren Brüder Kitty’s, welche sich zum Besuch bei Mistriß M . . . . befanden, ganz unerwartet heut früh zurückgekommen waren, um ihre Schwester ebenfalls dorthin abzuho- len, wobei sie, obgleich ganz unbekannt mit der Vor- hersagung der Zigeunerin, den albernen Spaß gemacht hatten, zwei Schlüsselbüchsen vor dem Fenster abzu- feuern, dies aber noch dazu so ungeschickt ausgeführt, daß einige Glasscheiben beschädigt wurden. Sie er- hielten eine derbe Merkuriale, und fuhren dann mit Kitty ab, so daß Alles pünktlich eintraf, wie die Alte es, der Himmel weiß, auf welche Weise, in den Linien der Hand gelesen. Den 15 ten. Ich war gestern ein wenig hypochondrisch, meine Seele war matt — mais j’ai pris medecine, elle a operée, und die Seele ist wieder kurirt worden. Ich bin von neuem heiter und daher von viel men- schenfreundlicheren Gesinnungen, tugendhaft über- dies, feute d’occasion de pêcher, und lustig, indem ich über mich selbst lache, faute de trouver quelque chose de plas ridicule . Unterdessen hat sich die Scene hier geändert. Die schöne Afrikanerin ist angekommen — und wir haben schon einen gemeinschaftlichen Spazierritt, zehn Per- sonen stark, unternommen, wobei uns der alte Hauptmann seine Bruchkulturen und Bewȧsse - rungen , mit der Liebhaberei eines Jünglings, zeigte. Er war von seinen Kartoffelbeeten nicht we- niger entzückt, als ich von meiner Begleiterin. In der trostlosesten Gegend auf ein gut wachsendes Knollenfeld hinweisend, rief er mit Enthusiasmus: Ist das nicht ein prachtvoller Anblick? und gewiß kam es ihm nicht in den Sinn, daß wir an andere Dinge denken könnten, und ihm nur aus Höflichkeit beipflichteten. Ich warb nachher einige Bauern für meinen Colonisations-Plan an. Sie drängen sich Alle zum Auswandern, aber leider haben sie auch nicht einen Heller darauf zu verwenden. Uebrigens kann man ihnen leicht alles besser versprechen, als sie es hier haben, wo ein Mensch von einem halben Morgen Land leben muß, und wenn er noch so gern auswärts arbeiten will, doch keine Arbeit findet. Die Wohlhabendsten wohnen in Gebäuden, die un- sern Bauern als Stall zu schlecht dünken würden. Ich besuchte ein solches, und fand es aufgeführt aus Mauern von ungesprengten Feldsteinen, mit Moos ausgestopft, und einem Dach von Stangen, das halb mit Stroh, halb mit Rasen belegt war. Der Boden bestand aus der blanken Erde, und eine Stu- bendecke unter dem erwähnten, halb durchsichtigen Dach, gab es nicht. Schornsteine schienen hier auch unnütze Luxusartikel. Der Rauch ging vom frei- stehenden Heerde zu den Fensterlöchern heraus, wor- an ihn keine Glasscheiben verhinderten. Ein niedri- ger Verschlag rechts theilte die Schlafstelle der Fa- milie ab, die alle zusammen ruhen — ein andrer links, begränzte Schwein und Kuh. So stand das Häuschen mitten im Felde, ohne Garten, noch irgend eine Bequemlichkeit — und dies nannten Alle eine vortreffliche Wohnung. Als wir zu Haus kamen, waren unserm hübschen Gast beinahe die Hände, mitten im Sommer, erfro- ren. Sie waren wirklich völlig weiß, und gefühllos geworden, und wir mußten sie mehr als eine Viertel Stunde reiben, ehe wieder Blut und Leben in sie zurück kam. C’est le sang africain . Recht behaglich befindet sie sich nur an der Gluthitze des Torf-Ka- mins, wo wir Anderen halb gebraten werden, und nicht eher auch gelangt sie zu aller ihrer kindlichen Ausgelassenheit, die selbst mich zuweilen mit ansteckt. Sie scheint es wirklich ein wenig auf mich abgesehn zu haben, und diesen lieblichen Neckereien ist schwer zu widerstehen. Wenn sie ihre rabenschwarzen Haare von einander scheitelt, und mit den dunkel- blauen Feueraugen so durchdringend blickt, als könnte sie Einem in der Seele lesen; dann sie schalkhaft nie- derschlägt, als habe sie nur zu wohl die stumme Sprache der Gegenüberstehenden verstanden, und we- nige Momente nachher, in holder Verwirrung, durch einen zärtlichen Streifblick, wie mit elektrischen Fun- ken das Herz berührt — so ist es nicht immer leicht, seine Fassung zu behalten, und gleich wieder Possen mit zu treiben, wenn ihre bewegliche Kindernatur, schon den Augenblick darauf, vor Lachen ersticken will, entweder über das ernsthafte komische Gesicht, was man ihrer Behauptung nach mache, oder irgend eine andere Thorheit, die ihr eben ins Köpfchen ge- kommen ist. Ja liebe Julie, es ist ein verführeri- sches Spiel, das sehe ich wohl ein — aber das Gift ist zu süß! Den 16 ten. Mein Freund James fängt an, etwas eifersüchtig auf mich zu werden, und unterhält mich nicht mehr so viel von den reizenden Eigenschaften der Mistriß L … und ihrem Temper. Ich gebe ihr jetzt Unter- richt im Pistolenschießen. Als sie das erstemal los- drückte, erschrack sie so kindisch, daß sie mir fast ohnmȧchtig in die Arme sank, uud bitterlich zu wei- nen anfing. James kam in diesem kritischen Augen- blick hinzu, und erschien nichts weniger als erbaut davon zu seyn. Ich gab ihm indeß schnell die Pistole in die Hand, proponirte eine kleine Wette zur Unter- haltung unsrer Freundin, bis sie sich wieder vom gehabten Schreck erholt haben würde. Der arme James konnte aber nichts treffen, während ich, mit eingeübter Sicherheit, ein ziemlich leserliches H auf die Scheibe zeichnete — denn ihr Name ist Henriette — „Harriet“ wie sie hier genannt wird. Besser ans Feuer gewöhnt — schoß sie nachher selbst recht gut, und beschämte die jungen Männer, welche sich alle ziemlich ungeschickt dabei anstellten. Nachher ritten wir aus, sie und ich, Miß Kitty und einer ihrer Brüder. Wir waren ein wenig vor- aus, und sprachen von englischer Literatur. Sie er- wähnte eines bekannten anmuthigen Liedes von Moore, wo der Dichter abwechselnd sich bald für die schwarzen, bald für die blauen Augen erklärt, und frug mich neckend, welcher Art ich denn den Vorzug gäbe? Ach, rief ich, den blauen unter schwarzem Haar, denn diese vereinigen das südlich blitzende Feuer der einen, mit der süßen Milde der andern. — O non sense ! lachte sie, Sie habe das Lied ja ganz vergessen — der Dichter giebt den Augen den Vor- zug, die, von welcher Farbe sie auch seyen, ihn am zärtlichsten anblicken . . . . Nun dann erwie- derte ich, ist Alles was ich wünsche, daß Sie dersel- ben Meinung seyn mögen. Wie so? frug sie zer- streut. Daß Sie die Augen lieben möchten, welche sie mit der größten Zärtlichkeit anblicken — ich ergriff zugleich ihre Hand, und wollte ihr noch mehr zu- flüstern, als sie, wie eine kleine Hexe, die sie ist, lachend und scherzend und mit ganz unnöthigem Ge- schrei Miß Kitty um Hülfe rief, weil ihr Pferd, wie sie behauptete, hätte durchgehen wollen. — Als ich mich nachher, nur einen Augenblick, wie- der allein neben ihr befand, sagte sie, tief Athem schöpfend, mit leiser Stimme zu mir: Now I declare, You are a great rogue and never more I’ll be alone with You. Beim Himmel, Sie sind ein rechter Spitzbube und nie will ich mit Ihnen mehr allein seyn. O Afrika! deine Töchter, sehe ich wohl, verstehen die Coquetterie eben so gut als die Schönen Euro- pa’s. — Abends hatten wir viel Scherz mit Henriettens fünfzehnjähriger Tochter, auch ein hübsches frisches Mȧdchen , doch mit der Mutter nicht zu vergleichen. Die Kreuzung mit dem englischen Blut hatte diesmal Briefe eines Verstorbenen. I. 17 nicht vortheilhaft gewirkt, und das Feuer des Pro- metheus sich wieder in Kieselstein verborgen. Wir durchsuchten ihr album, oder sketchbook, wo wir unter den Stellen, die sie aus verschiedenen Büchern abgeschrieben, auch folgendes irländische Ge- dicht fanden, das sie gewiß mit großer Unschuld ex- cerpirt hatte, aber jetzt viel darüber leiden mußte. Es lautete folgendermaßen: . . . . And pray, how was the devil drest? Oh! he was in his Sundays best, His coat was black, and his brecches steelblue And a hole behind, that his tail went through. And over the hill and over the dale He rambled far over the plain, And backwards and forwards he switched his tail As a gentleman switches his cane. Die Uebersetzung würde ohngefähr so lauten: . . . . Und bitte, was hatte der Teufel an? Oh! er war sonntäglich angethan, An Rock und Hosen des Feuer’s Spur Und hinten ein Loch, wo der Schwanz durchfuhr. Und über das Thal und der Berge Kranz, Verfolgt man so seine Fährte, Und vorwärts und rückwärts bakanzirt’ er den Schwanz, Wie ein Gentleman spielt mit der Gerte. Ob diese Toilette die richtige ist, wird Frau von Sexaginta beurtheilen können. Alle, selbst die Mȧdchen , mußten herzlich über den balanzirenden Teufel lachen — denn es waren un- schuldige Naturkinder, und keine prûde unter ihnen, die Sittenlosigkeit, keine Neufromme, die gottlosen Spott darin auffand. Eine Frau aus dem Conven- tikel würde freilich die Augen gen Himmel verdreht, und die Stube verlassen haben, entweder — um ihrem amant ein Rendezvous im Thierg arten zu geben, oder einer guten Freundin die Ehre abzu- schneiden, denn solche Dinge sind unschuldig! Den 17 ten. Heute langte Herr L … hier an. Wie sonder- bar sind doch die Güter dieser Welt vertheilt! das schönste lieblichste Weib mußte die Beute des wider- wärtigsten Menschen werden, der den Reichthum ihrer Natur weder zu erwiedern fȧhig ist, noch zu schätzen versteht! ein häßlicher, alter, in Galle ge- tauchter Pedant, in Allem grade der Antipode seiner Frau. Seine Conversation verdarb zum erstenmal die Heiterkeit, ja ich möchte sagen, die Unschuld unsres bisherigen Lebens. Er ist ein heftiger Oran- geman (beiläufig gesagt, ist auch Orange seine na- türliche Farbe,) und es war zu vermuthen, daß ein Charakter seiner Art, sich auch auf der Seite des Un- rechts und der Patheiwuth befinden würde, aber mit welchen Grundsätzen! Da dies zugleich eine Probe davon giebt, wie hoch hier der Partheigeist gestiegen, und wie er sich öffentlich zu äußern nicht schämt, will ich Dir die Quintessenz seiner Reden mittheilen. „Ich habe,“ sagte er, „meinem König dreißig „Jahr lang in fast allen Welttheilen gedient, und 17* „bedarf der Ruhe. Dennoch ist mein sehnlichster „Wunsch, um dessen Erfüllung ich Gott täglich bitte, „eine „sound rebellion“ (eine gründliche Rebellion) „in Irland zu erleben. Dann soll mein Dienst den- „selben Tag wieder angehen, und sollte ich auch mein „eignes Leben darin mit verlieren, ich gebe es gern „hin, wenn mit meinem Blute zugleich das von „fünf Millionen Katholiken fließt — Rebellion — „dahin will ich sie haben, da erwarte ich sie, und „dahin muß man sie führen, um auf einmal mit „ihnen zu enden; denn ohne die gänzliche Ver- „nichtung dieser Race kann es keine Ruhe mehr „in Irland geben, und nur eine offene Rebellion „und eine englische Armee, die sie zerdrückt, kann „dies Resultat herbeiführen.“ Sollte man einen so boshaften Narren nicht ein- sperren — und seine Frau einem Andern geben? qu’en dites vous, Julie? Die jugendlichen Seelen der Söhne meines Wirths wurden gleich mir empört, und bestritten männlich solche diabolische Grundsätze, erbosten aber den wahnsinnigen Orangemann nur immer mehr, bis end- lich Alles schwieg, und Mehrere einzeln vom Tisch aufstanden, um dem widrigen Gespräch ganz zu ent- gehen. Den 18 ten. Glücklicherweise hat Herrn L …’s Visite nur ei- nen Tag gedauert, und wir sind wieder — unter uns. Die gewonnene Freiheit wurde sogleich benutzt, um eine zwanzig Meilen weite Excursion nach Mount B . . . . . zu machen, dem schönen Besitzthum eines Landedelmanns, und spät in der Nacht erst fuhren wir wieder zurück, wo mir in meinem Reisewagen Henriettens Gesellschaft, welche die kalte Luft nicht vertragen konnte, zu Theil wurde — mais honny soit qui mal y pense . Der Park in Mount B … bietet ein wahres Studium für die sinnreiche Anle- gung großer Wasserparthien an, denen gehörige Be- deutung und Natürlichkeit zu geben, so schwer ist. Man muß, für die Details, die Formen der Natur studiren, die Hauptsache ist aber, nie die ganze Was- sermasse übersehen zu lassen, und das Wasser muß sich auch sichtlich nach und nach, und wo möglich an mehreren Stellen zugleich, verlieren, um der Phantasie gehörigen Spielraum zu geben — die wahre Kunst bei allen landschaftlichen Anlagen. Der Hausherr, welcher reich ist, besitzt auch eine recht zahlreiche Bildergallerie mit einigen vortreffli- chen Gemälden. Unter andern eine Winterlandschaft von Ruisdael, die einzige dieser Art, die ich mich er- innere von diesem Meister gesehen zu haben. Der Ausdruck der kalten, nebligen Luft und des knistern- den Schnees waren so treu, daß man fast Frostschauer zu empfinden glaubte, wenigstens das flackernde Ka- min darunter mit doppelter Behaglichkeit anblickte. Ein schöner und unzweifelhafter Rubens, den Fisch- zug Petri vorstellend, zeichnete sich durch eine Selt- samkeit aus. Der in ein grünes Gewand gekleidete Petrus trägt nämlich eine scharlachr othe Perücke, und dennoch stört sie den Totaleindruck nicht. Sie wirkt wie eine Glorie, das Licht um sich vertheilend. Es scheint ein Kunststück des Malers, vielleicht in Folge eines Scherzes unternommen, pour prouver la difficulté vaincûe . Eine sehr fleißige Landschaft auf Holz, von unbekannter Hand, befand sich früher in der Privatsammlung Carl des I. , dessen Chiffre und Namen, mit der Krone darüber, man auf der Rückseite noch deutlich eingebrannt sieht. Als den Juwel der ganzen Sammlung betrachte ich aber ein Gemälde Rembrandt’s, wie man glaubt, das Por- trait eines asiatischen Juden, aber zugleich das Ideal eines Solchen darstellend. Die Wirklichkeit dieser Augen, und das Sengende ihres Blickes, ist fast er- schreckend; das Unheimliche und doch Erhabne des Ganzen wird noch durch die nachgedunkelte Schwärze des übrigen Bildes vermehrt, aus welchem der glüh- äugige Kopf, mit dem satanisch lächelnden Munde, wie aus ägyptischer Nacht scheuchend herausschaut Wenn einer der Rothschilde so aussähe, würde er ge- wiß König von Jerusalem, und Salomo’s Thron stünde nicht mehr leer. . Nach dem Frühstück produzirte man mehrere Jagd- und Rennpferde, wo wir uns mit Reitexercizien vor den Damen sehen ließen. Die hiesigen Jagdpferde sind vielleicht nicht ganz so schnell als die besten eng- lischen, aber unübertreffbare Springer, wozu man sie von Jugend auf anhält. Sie nahen sich einer Mauer mit der größten Ruhe, und setzen während des Sprungs mit den Vorder- und Hinterfüßen, gleich den Hunden, auf. Ist noch ein Graben auf der an- dern Seite, so überspringen sie auch diesen, indem sie sich auf der Höhe der Mauer, oder des Walls, einen neuen élan geben. Man läßt ihnen dabei in der Regel nicht viel Luft mit dem Zügel, und thut über- haupt am besten, einem gut dressirten Pferde dieser Art so wenig Hülfe als möglich zu geben, sondern nur mit steter leichter Anlegung an den Zügel, ihm die Sache ganz selbst zu überlassen. Ich weiß nicht ob diese Reitdetails sehr unterrich- tend für Dich seyn werden, aber da meine Briefe an Dich zugleich mein Tagebuch sind (denn wo sollte ich die Zeit zu dem andern noch hernehmen) so mußt Du Dir gefallen lassen, von Allem unterhalten zu werden, was Dir, oder auch mir selbst, Interesse zu gewähren im Stande ist. Gallway, den 19 ten Abends. Du weißt, meine Entschlüsse sind oft sehr plötzlicher Natur — Du pflegst sie meine Pistolenschüsse zu nennen. Einen solchen habe ich eben ausgeführt. Ich fürchtete mich vor Capua’s Verweichlichung, und vor Afrikanischer Sclaverei. J’aime à effleurer les choses, mais pas les approfondir . Ich bin also, wichtige Nachrichten vorschützend, geflohen . Daß ich nicht ohne Rührung von so herzlichen Freunden, von so reizenden Freundinnen, mich losreißen konnte, magst Du Dir wohl denken, es geschah aber mit Standhaftigkeit. Da ich auf die Postpferde, die aus der nahen Stadt erst geholt werden mußten, nicht warten mochte, so ritt ich mit James, der mich, glaube ich, recht vergnügt begleitete, zum letztenmal, auf dem Doctor, seinem vortrefflichen Jagdpferde, nach Tuam, meinem Kammerdiener die Sorge für alles Uebrige überlassend. In Tuam wollte ich mit der Mail weiter reisen, es war aber nicht ihr Tag, und kein andres Fuhrwerk nach Gallway zu bekom- men, als die ordinaire Briefpost, ein bloßer auf zwei Rädern stehender, offner Karren, mit einem Pferde bespannt, und Platz für zwei Passagiere, außer dem Kutscher. Ich besann mich nicht lange, sondern sprang, James zum letztenmal die Hand drückend, herzhaft in das gebrechliche Vehikel, und clopin clopant rasselte der alte Gaul damit über die Straße. Der andere Passagier war ein junger, rüstiger Mann, in ziem- lich eleganter Kleidung, mit dem ich bald in eine in- teressante Unterhaltung, über die Sehenswürdigkeiten seines Vaterlandes, und den Charakter seiner Lands- leute, gerieth. Von der Herzlichkeit und Dienstfertig- keit dieser, gab er mir sogleich selbst einen Beweis. Ich war sehr leicht angezogen, dabei warm vom Rei- ten, so daß mir der kalte Wind sehr beschwerlich wurde. Ich bot also dem Kutscher ein Trinkgeld, für Ueberlassung seines Mantels. Dieser erschien aber bei näherer Besichtigung so furchtbar schmutzig und eckelhaft, daß ich mich nicht entschließen konnte, mich desselben zu bedienen. Sogleich zog der junge Mann seinen stattlichen, weiten Reiseüberrock aus, und zwang mich beinah ihn umzunehmen, indem er mit dem größten Eifer versicherte, daß er sich nie verkȧlte , und die Nacht im Wasser schlafen kȯnne , wenn es seyn müsse — den Ueberrock selbst aber nur angezo- gen, weil er nicht gewußt wo er ihn lassen solle. Wir wurden, durch diese freundliche Hülfe von seiner Seite, schnell bekannter, als es sonst wohl der Fall gewesen wäre, und die Zeit verging uns, unter man- cherlei Geplauder, weit geschwinder, als ich hoffen durfte — denn die Distanz war sechs deutsche Mei- len, der Weg sehr holpricht, die Equipage die schlech- teste, der Sitz unbequem, die Gegend einfȯrmig und kahl. Kein Hügel, kein Baum, nur ein Netz von Mauern über das Ganze gezogen. Jedes Feld ist auf diese Art eingefaßt, die Mauern nur von Feld- steinen, ohne Kalk, aufgesetzt, aber doch so, daß sie sich, ohne gewaltsames Einstoßen, gut halten können. Viele Ruinen alter Schlösser, wurden zwar auch in dieser Gegend sichtbar, konnten aber in so flacher, öder Flur, ohne auch nur einen unterbrechenden Strauch, keinen romantischen Effect hervorbringen. Ueberall aber fanden wir das zerlumpte, Kartoffeln- essende Volk gleich lustig und vergnügt. Es bettelt zwar beständig, aber unter Lachen, mit Laune, Witz und drolligen Worten, ohne Zudringlichkeit, wie ohne rancune, wenn es nichts erhält. Auffallend ist gewiß, bei dieser großen Armuth, die eben so große Ehrlich- keit dieser Menschen — vielleicht entsteht eben eine aus der andern — denn der Luxus macht erst begehr- lich, und der Arme entbehrt das Nothwendige oft leichter, als der Reiche das Ueberflüssige. Wir sahen eine Menge Arbeiter, an der Chaussee auf den Steinhaufen sitzend, wo sie die Steine zer- schlugen, und à mesure daß diese Arbeit fortschritt, erhöhte sich ihr Sitz. Mein Reisegefährte sagte: das sind Eroberer — sie zertrümmern nur, und steigen doch durch Zerstörung. Indem stieß unser Kutscher in sein Horn, ein Zeichen der Briefpost, dem, wie bei uns, ausgewichen werden muß; der Ton kam aber so schwierig heraus, und klang so jämmerlich, daß alles darüber lachte. Ein hübscher, wie Glück und Freude aussehender, obgleich fast nackter zwölfjähri- ger Knabe, der auf einem der Steinhaufen, auch häm- mernd, saß, jauchzte vor Muthwillen auf, und rief dem sich vergebens ärgernden Kutscher nach: „Oho Freund! Eure Trompete muß den Schnupfen bekom- men haben, sie ist ja so heiser, wie meine alte Groß- mutter. Curirt sie schnell mit einem Glase Potheen, oder sie stirbt Euch an der Auszehrung, noch ehe Ihr Gallway erreicht.“ Ein schallendes Gelächter aller Arbeiter folgte als Chorus. „Sehen Sie, das ist unser Volk“, rief mein Begleiter: „Hungern und La- chen — das ist ihr Loos. Glauben Sie, daß bei der Menge der Arbeiter und der Seltenheit der Arbeit, keiner von diesen soviel verdient, um sich satt zu essen? Demohngeachtet wird jeder noch etwas erüb- rigen, um es seinem Priester zu geben, und wenn sie in seine Hütte kommen, wird er die letzte Kartoffel mit ihnen theilen, und einen Scherz dazu machen.“ Jetzt näherten wir uns Gallway’s Hügeln, über denen die Sonne prachtvoll unterging. Nie kann ich dieses Schauspiel unbewegt ansehen — immer ent- zückt es mich, und läßt ein Gefühl von Ruhe und Sicherheit, mit der Gewißheit in mir zurück, daß diese Sprache , die Gott selbst zu uns redet, nicht lügen kann — wenn Menschenoffenbarung auch nur Stückwerk wäre, von Jedem anders verstanden, und nur zu oft von List und Eigennutz gemißbraucht. Wir stiegen in demselben Gasthofe ab, den ich beim Pferderennen kennen gelernt, und um meinem jungen Freunde auch eine Artigkeit zu erweisen, lud ich ihn ein, mit mir zu Abend zu essen. Spät erst schieden wir, wahrscheinlich auf immer, aber grade solche Bekanntschaften liebe ich — sie lassen nicht Zeit zur Verstellung; unbekannt mit den Verhältnissen, sieht jeder, und schätzt am andern: nur den Men- schen. Was jeder vom andern an guter Meinung erlangt, hat er sich dann wenigstens selbst zu ver- danken. Den 20 sten früh. Ich hatte gehofft, mein Wagen würde während der Nacht anlangen, er ist aber bis jetzt noch nicht hier, und ich benutzte daher die Muße, um die al- terthümliche Stadt noch genauer zu besehen, als es mir das erste mal möglich war. Sehr nützlich ist mir dabei die Anleitung einer alten Chronik gewe- sen, deren Fragmente ich zufällig, in einem Gewürz- laden entdeckte, wo ich mich nach den cross bones (die gekreuzten Knochen) erkundigte. Es steht näm- lich in einem abgelegnen Winkel hier ein uraltes Haus, über dessen Thüre man, in recht guter Ar- beit, einen Todtenkopf über zwei gekreuzten Kno- chen, in schwarzem Marmor ausgehauen, sieht. Dieses Haus nennt man „the cross bones“ und Folgendes erzählt von ihm die tragische Geschichte. Im 15. Jahrhundert war James Lynch, ein Mann von alter Familie und großem Reichthum, für seine Lebenszeit zum Maire von Gallway er- wählt, damals eine Würde, die fast der eines Sou- verains an Einfluß und Macht gleich kam. Er war besonders angesehen und verehrt wegen seiner uner- schütterlichen Gerechtigkeitsliebe, aber auch wegen seiner Herablassung und milden Sitten. Doch be- liebter noch, ja das Idol der Bürger, wie ihrer schö- nen Frauen, war sein Sohn, der Chronik nach, einer der ausgezeichnetesten jungen Männer seiner Zeit. Mit vollendeter Schönheit, und dem edelsten Anstand des Körpers, verband er jene stets heitere Laune, jene immer überlegne Familiarität, die un- terjocht, indem sie zu schmeicheln scheint — und die verbindliche Grazie der Manieren, welche, ohne An- strengung, blos durch die Lieblichkeit ihrer eignen Erscheinung, alle Herzen erobert. Auf der andern Seite gewann ihm seine oft erprobte Vaterlands- liebe, seine edle Freigebigkeit, seine romantische Tap- ferkeit, und eine für jene Jahrhunderte seltene Bil- dung, wie die höchste Meisterschaft in allen Waffen- übungen, die Dauer einer Hochachtung, welche sein erstes Erscheinen unwillkührlich gebot. Soviel Licht war indessen nicht ohne Schatten. — Tiefe, glühende Leidenschaften, Hochmuth, Eifersucht auf jedes riva- lisirende Verdienst, und ein wilder Hang zum schö- nen Geschlecht, den keine Schranke aufhielt, machten alle seine Vorzüge zu eben so viel Gefahren für ihn selbst und Andere. Oft hatte sein strenger Vater, obgleich stolz auf einen solchen Sohn und Erben, Ursache zu bitterem Tadel, und noch ängstlicherer Be- sorgniß für die Zukunft, doch unwiderstehlich, selbst für ihn, schien die Liebenswürdigkeit des eben so schnell bereuenden, als fehlenden Jünglings, der dem Vater wenigstens, stets gleiche Liebe und Un- terwürfigkeit zeigte. Nach dem ersten Zorn erschie- nen ihm daher, wie jedem Andern, die gerügten Mängel nur als leichte Flecken in der Sonne. Noch mehr beruhigte ihn aber bald darauf die eben so heftige als zärtliche Neigung, welche sein Sohn für Anna Blake, der Tochter seines besten Freundes, und ein in jeder Hinsicht liebenswerthes Mädchen faßte — von dieser Verbindung die Erfüllung aller seiner sehnlichsten Wünsche mit Zuversicht erwartend. Doch die dunkeln Schicksalsmächte hatten es anders beschlossen! Während der junge Lynch mehr Schwierigkeiten fand, das Herz seiner neuen Geliebten zu rühren, als er bisher anzutreffen gewohnt gewesen war, sah sich sein Vater zu einer nicht länger aufzuschieben- den Handelsreise nach Cadix genöthigt, denn der Adel Gallway’s hatte, gleich dem anderer bedeuten- der Seestȧdte des Mittelalters, von jeher, den Han- del im Großen, als kein eines Edelmann’s unwür- diges Geschäft betrachtet. Gallway war aber da- mals so mächtig und weitbekannt, daß die Chronik erzählt, ein arabischer Kaufmann, der aus dem Orient lange nach diesen Küsten gehandelt, habe einst um Auskunft gebeten, in welchem Theile von Gall- way Irland läge? Nachdem James Lynch, für die Zeit seiner Abwe- senheit, das Ruder des Staats in sichere Hände ge- legt, und alles zur weiten Reise bereitet, segnete er mit überwallendem Vaterherzen seinen Sohn, wünschte seinem jetzigen Streben das beste Gedeihen — und segelte wohlgemuth seiner Bestimmung zu. Ueberall krönte der beste Erfolg jede seiner Unternehmungen. Einen großen Theil trugen hierzu die freundschaft- lichen Dienste eines spanischen Kaufmann’s, mit Na- men Gomez bei, welcher dadurch in dem edlen Her- zen des Maire’s von Gallway die lebhafteste Dank- barkeit erweckte. Auch Gomez hatte einen Sohn, der, gleich Edward Lynch, der Abgott seiner Fami- lie und der Liebling der Stadt war, jedoch im Cha- rakter, wie im Aeußern, von Jenem gänzlich ver- schieden. Schön waren Beyde, doch Edward mehr dem Apollo, Gonzalvo, mehr dem Johannes zu ver- gleichen. Der Eine erschien wie ein Felsen mit Blumen bekränzt, der andere wie ein duftender Ro- senhügel, vom Sturme bedroht. Heidnische Tugen- den schmückten Jenen, christliche Demuth diesen. Die üppige Gestalt verrieth mehr Weichheit als Thatkraft, die schmachtenden dunkelblauen Augen mehr Sehnsucht und Liebe, als Kühnheit und Stolz; sanfte Melancholie überschattete sein Gesicht, und ein Zug wollüstigen Leidens zuckte um den schwellen- den Mund, den nur selten ein halb verschȧmtes Lächeln umspielte, wie eine laue Welle über Koral- len und Perlen gleitet. Diesen Formen entsprechend war auch sein Inneres, liebend und duldend, von ernster und schwermüthiger Heiterkeit; stets mehr nach innen als außen gewandt, zog er Einsamkeit dem Geräusch und Gewühl der Menschen vor, schloß sich aber mit der tiefsten Innigkeit denjenigen an, welche ihm Wohlwollen und Freundschaft be- wiesen. So war er im Innersten seines Gemüths von einem Feuer erwärmt, das, gleich dem eines Vulkans, der für verheerenden Ausbruch zu tief liegt, nur der darüber gebreiteten Erde größere Fruchtbarkeit verleiht, und sie schöner als jeden an- dern Ort in zartes Grün und brennende Blumen- farben kleidet. — Verführerisch, und leicht zu ver- führen — war es ein Wunder, daß solch ein Jüng- ling selbst Edward Lynch unwillkührlich die Palme aus der Hand wand? Nichts von dem jedoch ah- nete Edward’s Vater. Voll Dankbarkeit für seinen Freund, voll Wohlgefallens an dessen hoffnungsvol- lem Sohn, beschloß er für Letzteren dem alten Go- mez seine Tochter anzubieten. Der Antrag war zu schmeichelhaft, um ihn von der Hand gewiesen zu sehen. Bald kamen die Väter überein, und es ward bestimmt, daß Gonzalvo sogleich seinen Gönner nach Irlands Küsten begleiten, und, wenn die Neigung der jungen Leute dem gefaßten Plane entspräche, die Verbindung Beider mit der Edwards zu gleicher Zeit statt finden, dann aber das vereinte Paar nach Spanien zurückkehren sollte. Der 19jährige Gomez selbst folgte dem ehrwürdigen Freunde seines Vaters mit Freuden. Sein frisches, romantisches Gemüth genoß im Voraus, still entzückt, die mannichfaltigen Scenen fremder Länder, die er zu sehen, die Wun- der des Meers, die er zu betrachten, das neue Le- ben ihm unbekannter Völker, dem er sich anzu- schließen im Begriff stand, und sein warmes Herz umfing schon mit Liebe das Mädchen, von deren Reizen der Vater, vielleicht keine ganz unpartheyische Beschreibung gemacht. Jeder Augenblick der langen Seefahrt, die damals mit größeren Gefahren verbunden war, und mehr Zeit erforderte, als es jetzt der Fall ist, vermehrte die Vertraulichkeit und gegenseitige Zuneigung der Reisenden, und als sie endlich Gallways Hafen er- blickten, glaubte der alte Lynch nicht nur, daß ihm Gott auf dieser Reise einen zweiten Sohn geschenkt, sondern rechnete auch mit Zuversicht darauf, daß die nie sich verläugnende Sanftmuth und Milde des liebenswürdigen Jünglings, den heilsamsten Einfluß auf die wilderen und dunkleren Eigenschaften seines Eduards ausüben würden. Diese Hoffnung schien auch durchgängig in Erfül- lung zu gehen. Edward, der in Gomez Alles fand, was ihm fehlte, fühlte dadurch seine eigne Natur wie vervoll- stȧndigt , und da er ihn überdieß, nach den Eröffnun- gen des Vaters, schon als seinen Bruder ansah, ge- wann ihre Freundschaft bald das Ansehn der innig- sten und unzertrennlichsten Neigung. Doch schon nach wenig Monden trübten in Ed- wards Seele unangenehme Empfindungen diese frühere Harmonie, Gonzalvo war unterdeß der Gemahl sei- ner Schwester geworden, hatte aber seine Rückreise auf unbestimmte Zeit verschoben. Alles trug ihn auf den Händen, jeder beeiferte sich, ihm zuvorkommende Liebe zu zeigen. Edward schien sich nicht so glück- lich — zum erstenmal vernachlässigt, konnte er sich nicht verbergen, in seiner allgemeinen Popularität einen gefȧhrlichen Nebenbuhler gefunden zu haben — was ihn aber weit mehr erschütterte, sein Herz eben so sehr verwundete, als es seiner Gefühle — uner- Briefe eines Verstorbenen. I. 18 trägliche, und rastlose Qualen bereitete, war die Be- merkung, die jeden Tag einen neuen Zuwachs er- hielt: daß Anna, die er als die Seine ansah, ob- gleich sie dies zu erklären noch immer zögerte — daß seine Anna, seit der Ankunft des schönen Fremden, immer kälter gegen ihn geworden, — ja schien es ihm nicht, als habe er selbst schon in unbewachten Augenblicken ihr seelenvolles Auge gedankenschwer auf Gomez holden Zügen ruhen, und ihre vorher blassen Wangen dann in sanfter Rȯthe erblühen sehen, — traf aber sein Blick den ihrigen in solchen Mo- menten, dann war das Rosenroth sogleich zur Fie- berglut geworden. Ja gewiß, ihr ganzes Benehmen war verändert! Unregelmäßig, launig, ohne Ruhe, bald von tiefer Schwermuth ergriffen, bald sich mit Wildheit ausgelassener Lustigkeit hingebend, schien sie von dem besonnenen, klaren, stets gleich freund- lichen Mädchen, das sie früher war, nur noch die äußern Züge beibehalten zu haben. Alles verrieth dem scharfsehenden Auge der Eifersucht, daß eine tiefe Leidenschaft sie ergriffen, und für wen konnte sie glühen — als für Gomez? für ihn, der allein, er mochte kommen oder gehen, den Saiten ihrer Seele die verȧnderte Stimmung gab. Ein alter Weiser sagt: Liebe ist zum größten Theil dem Hasse näher verwandt, als der Zunei- gung — und in Edwards Busen zeite sich jetzt die Wahrheit dieses Ausspruchs. Sein einziger Genuß war fortan, der Geliebten, die er allein für schuldig hielt, wehe zu thun. Wo die Gelegenheit sich dar- bot, suchte er sie zu demüthigen, sie in Verlegenheit zu setzen, mit wegwerfendem Stolz zu krȧnken , oder mit tief beleidigenden Vorwürfen zu überhȧufen , bis — der geheimen Schuld sich bewußt — Scham und Empörung die Aermste überwältigten, und sie in Thränenströme ausbrach, deren Anblick allein ihm eine Labung gab, wie sie den Verdammten während ihrer Qualen zu Theil werden mag. Doch keine wohlthuende Versöhnung folgte auf diese Scenen, und löste, wie bei Liebenden, die Dissonanz in selige Harmonie auf — jede derselben steigerte nur immer mehr seine Wuth, bis zum Rande der Verzweif- lung. Als er aber nun auch in dem, der Verstel- lung so wenig fähigen Gomez, dasselbe Feuer auf- lodern sah, das in Anna’s Augen brannte, als er seine Schwester schon vernachläßigt, sich selbst aber, wie er meinte, von einer im Busen genährten Schlange verrathen fand — da erreichte sein Zustand jenen Grad menschlicher Gebrechlichkeit, von dem nur der Allwissende entscheidet, ob er schon Wahn- sinn, oder noch der Zurechnung fähig sey. An demselben Abend, wo der Argwohn Edward ruhelos von seinem Lager in die Nacht hinaustrieb, scheint es, daß die Liebenden, vielleicht zum ersten- mal, eine heimliche Zusammenkunft gehabt. — Der spätern Aussage Edwards nach, erblickte er, selbst hinter einen Pfeiler verborgen, mit schüchternen Schritten Gomez, in seinen Mantel gehüllt, aus dem Blake’schen Hause schleichen — aus einer wohl- bekannten Seitenpforte, die zu Anna’s Zimmern 18* führte. — Bei dieser schrecklichen Gewißheit nahm die Hölle Besitz von seiner Seele. Seine Augen starr- ten aus ihren Höhlen, Furien wu̇hlten in seinem Busen, das Blut tobte zersprengend gegen seine Pulse, und wie ein Verschmachteter lechzt nach ei- nem Trunke kühlenden Wassers, so lechzte sein gan- zes Wesen nach dem Blute der Rache. Einem reißen- den Tiger gleich, stürzte er auf den unglücklichen Jüngling zu, der, ihn erkennend, vergebens entfloh. In wenigen Augenblicken war er erreicht, und hun- dertmal seinen Dolch, mit der Schnelle des Blitzes, in dem zuckenden Körper begrabend, zerfleischte der Rasende mit satanischer Wuth die Reize, welche ihm die Geliebte, und die Ruhe des Lebens geraubt. Nur als der Mond jetzt hell hinter einer schwarzen Wolke hervortrat, und gähling das gräßliche Schau- spiel erleuchtete, die entstellte Masse vor ihm, kaum noch einen Zug des gemordeten Freundes mehr an sich trug, und ein Strom schon gerinnenden Blutes ihn, den Todten, und die Erde um sie her bedeckte — da erwachte er mit furchtbarem Entsetzen, wie aus einem höllischen Traume. Doch die That war geschehen, und das Gericht begann. Dem Instinkt der Selbsterhaltung folgend rannte er, gleich Cain, fliehend in den nahen Wald — wie lange er dort umhergeirrt, war nachher seiner Erin- nerung entschwunden, Angst, Verzweiflung, Liebe, Reue, und Wahnsinn zu letzt, mochten, als soviel schauderhafte Begleiter, ihn verfolgt, und endlich der Besinnung beraubt haben, in lindernder Vergessen- heit die Schrecken des Vergangenen eine Zeit lang verscheuchend — denn unerträgliche Leiden der Seele, wie des Körpers, heilt die liebende Natur, durch Ohnmacht oder Tod. — Unterdessen war in der Stadt der Mord bereits entdeckt, und das grausenerregende Ende des sanf- ten Jünglings, der, ein Fremder, sich ihrer Gast- freundschaft vertraut, von allen Classen mit Schmerz und Empörung vernommen worden. Man hatte ei- nen Dolch neben dem herabgefallenen Sammtbarett des Spaniers, in Blut getaucht, gefunden, und nicht weit davon einen Hut, mit einer Agraffe aus Edelsteinen, und mit bunten Federn geschmückt, auch die frische Spur eines Menschen ausgemittelt, der in der Richtung des Waldes seine Rettung ge- sucht zu haben schien. Der Hut wurde sogleich für den des jungen Lynch erkannt, und da er selbst nir- gends aufzufinden war, fing man auch für sein Le- ben zu fürchten an, ihn mit dem Freunde zu- gleich ermordet glaubend. Der bestürzte Vater bestieg sein Pferd, und von dem Rache rufenden Volke begleitet, schwur er: daß nichts den Mörder retten solle, müßte er ihn auch selbst am Galgen aufknüpfen. — Man denke sich, erst das Freude- jauchzen, dann den Schauder der Menge, und die Gefühle des Vaters, als man bei Tages Anbruch Edward Lynch, unter einem Baume gesunken, le- bend, und obgleich voll Blut, doch, wie es schien, ohne gefährliche Verwundung, auffand — gleich dar- auf aber ihn selbst, seines Vaters Kniee umfassend, sich als den Mörder Gonzalvo’s anklagen, und seine schnelle Bestrafung dringend verlangen hörte. Gefesselt ward er zurückgebracht, und in voller Sitzung des Magistrats, von seinem eignen Vater, zum Tode verurtheilt. Aber das Volk wollte seinen Liebling nicht verlieren. Wie die Wogen des vom Sturm erregten Meeres erfüllte es Markt und Straßen, die Schuld des Sohnes über der grausa- men Gerechtigkeit des Vaters vergessend, mit drohen- dem Toben verlangte es die Oeffnung des Gefäng- nisses, und die Begnadigung des Verbrechers. Nur mit Mühe konnten in der darauf folgenden Nacht, durch verdoppelte Wachen, die immer erhitzter wer- denden Empörer vom gewaltsamen Einbruch zurück gehalten werden. Gegen Morgen aber meldete man dem Maire, daß bald aller Widerstand vergeblich seyn würde, da auch ein Theil der Soldaten sich auf des Volkes Seite geschlagen, nur die fremden Söld- ner noch aushielten, und Alles mit wüthendem Ge- schrei des jungen Mannes Auslieferung angenblick- lich verlange. Da faßte der unerschütterliche Mann einen Entschluß, den Viele unmenschlich nennen wer- den, dessen furchtbare Selbstüberwindung aber ge- wiß zu den seltensten Beispielen stoischer Festigkeit gehört. Von einem Priester begleitet, begab er sich durch einen geheimen Gang in das Gefängniß sei- nes Sohnes, und als dieser, mit neu erwachter Le- benslust, ihm zu Füßen sank, und durch die Theil- nahme seiner Mitbürger wieder erhoben, zagend frug, ob er ihm Gnade und Verzeihung bringe? er- wiederte mit fester Stimme der alte Mann: Nein, mein Sohn, auf dieser Welt giebt es keine Gnade mehr für dich — dein Leben ist unwiederbringlich dem Gesetz verfallen, und mit Aufgang der Sonne mußt du sterben! Ich habe zwei und zwanzig Jahr für deine irdische Glückseligkeit gebetet, doch das ist vor- über — richte deine Gedanken nur noch auf die Ewigkeit, und ist dort noch Hoffnung, so laß uns jetzt gemeinschaftlich die Allmacht anflehen, um Gnade für dich jenseits — dann aber hoffe ich, wird mein Sohn, obgleich er nicht seines Vaters würdig leben konnte, wenigstens seiner würdig zu sterben wissen. Bei diesen Worten erwachte noch einmal des einst küh- nen Jünglings edler Stolz, und mit heldenmäßiger Resignation ergab er sich, nach kurzem Gebet, in des Vaters erbarmungslosen Willen. Als das Volk, und der größte Theil der Krieger in seine Reihen gemischt, unter immer wilder werden- den Drohungen sich eben anschickte, das Haus zu stürmen, erschien in dem hohen Bogenfenster des Gefängnisses James Lynch, seinen Sohn mit um den Hals geschlungenen Strick an seiner Seite, vor der erstaunten Menge. „Ich habe geschworen,“ rief er, „daß Gonzalvo’s Mörder sterben müsse, und „sollte ich selbst das Amt des Henkers an ihm ver- „richten. Die Vorsicht nimmt mich beim Wort, und „ihr, bethörtes Volk! lernt von dem unglücklichsten „der Väter, daß nichts den Gang des Gesetzes auf- „halten darf, und selbst die Bande der Natur vor „ihm sich lösen müssen.“ Während dieser Worte hatte er die Schlinge an einen aus der Mauer ra- genden, eisernen Bolzen befestigt, und jetzt, schnell seinen Sohn hinausstoßend, vollendete er die grause That. — Nicht eher verließ er seinen Platz, bis das letzte konvulsivische Zucken des bejammernswerthen Opfers die Gewißheit seines Todes gab. — Wie vom Donner gerührt hatte das vorher tobende Volk in leichenähnlicher Stille dem entsetzlichen Schauspiele zugesehen, und betäubt schlich dann ein Jeder schweigend seiner Wohnung zu. Der Maire von Gallway aber entsagte von demselben Augen- blick an allen seinen Aemtern und Geschäften, und Niemand, außer den Mitgliedern seiner Familie, hat ihn je wieder gesehen, noch verließ er sein Haus, bis man ihn zu Grabe trug. Anna Blake starb im Klo- ster, beide Familien verschwanden endlich, im Lauf der Zeiten, von der Erde, aber immer noch zeigen die Knochen und der Todtenschädel die Stelle an, wo einst so Gräßliches geschah. Limmerick, den 21 sten. Um 10 Uhr langte endlich mein Wagen an, und ich verließ sogleich Gallway. So lange die Gegend eintönig blieb, brachte ich meine Zeit mit Lesen hin. Bei Gort wird aber das Land wieder interessanter, und ein Fluß strömt unweit davon, der sich, wie bei Cong, mehrmals in die Erde verliert. Einer der tiefsten Kessel, die er bildet, wird von den Ein- wohnern „the punch bowl“ genannt. Um solche Bowlen zu füllen, bedürfte man noch größerer Fäs- ser als das Heidelberger. Man beginnt nun sich den Bergen von Clare zu nähern, und die Natur beklei- det sich immer mehr mit ihren malerischen Gewän- dern. Ein schöner Park, dem Lord Gort gehörig, überraschte mich durch eine prachtvolle Scene. Er schließt sich nämlich an einen weiten See mit drei- zehn schön bewaldeten Inseln an, die, mit dem Ge- bürge im Hintergrunde, und der nirgends ganz zu übersehenden Wassermasse davor, eine grandiose Wir- kung hervorbringen. Eins der elenden Postpferde schien mein Wohlgefallen an diesem Orte so sehr zu theilen, daß es nicht mehr davon wegzubringen war. Nach vielen vergeblichen Versuchen, es aus der gefaßten Position zu treiben, wobei der Postillon immer versicherte, es sey nur dieser Fleck, den es so liebe, hätten wir es einmal darüber hinweg, so ginge es wie der leibhaftige Teufel — mußten wir es endlich ausspannen, da es auch zu schlagen und das morsche Geschirr zu zerreißen begann. Ge- gen das irländische Postwesen sind die weiland säch- sischen Posteinrichtungen noch vortrefflich zu nennen. Blutende Skelette, überall gedrückt, und aufgezogen, verhungert und über das Greisenalter hinaus, werden an vermodertem Geschirr vor Deinen Wagen gespannt, und wenn Du den mit wenigen Lumpen bekleideten Postillon frägst, ob er glaube, daß solche Thiere nur eine Meile, geschweige denn eine Station von zwȯlf oder fünfzehn, mit dem schweren Wagen und Ge- päck fortkommen könnten, so erwiedert er sehr ernst- haft: „Eine bessere Equipage gäbe es in ganz England nicht, und er werde Dich in weniger als nichts an den Ort Deiner Bestimmung bringen. Kaum hast Du aber zwanzig Schritte zurückgelegt, so ist schon etwas zerrissen, ein Pferd wird stȧtisch , und das an- dere fȧllt wohl gar ermattet hin; aber das dekonte- nancirt ihn nicht im Geringsten, er hat immer eine vortreffliche Ausflucht bei der Hand, und am letzten Ende, wenn nichts mehr hilft, erklärt er sich für behext. So ging es heute, wo wir im Park von Gort wahrscheinlich hätten übernachten müssen, wenn uns nicht sehr gastfreundlich vom Schlosse aus Hülfe und Vorspann geschickt worden wäre. Demohngeachtet hatte der Aufenthalt so lange gedauert, daß ich erst um zehn Uhr Abends in Limmerick anlangte. James Lynch hat meinen Brief so dick gemacht, daß ich ihn absenden muß, ehe seine Corpulenz impayable wird. Vor vierzehn Tagen wirst Du schwerlich wie- der Nachricht von mir bekommen, da ich gesonnen bin, mich in die wildesten Gegenden zu vertiefen, die des Fremden Fuß kaum noch betreten hat. Bete also für eine glückliche Reise, und vor Allem — liebe mich immer mit gleicher Zärtlichkeit. Dein treuer L … Drei und dreißigster Brief. Limmerick, den 22 sten Septbr. 1828. Liebe Entfernte! Limmerick ist die dritte Stadt in Irland, und von einer Art, wie ich Städte liebe — alt und ehrwür- dig, mit gothischen Kirchen, bemosten Schloßruinen geziert; mit dunkeln, engen Straßen, und kuriosen Häusern aus verschiedenen Zeitaltern; einem weiten Fluß, der sie der ganzen Länge nach durchströmt, und über den mehrere alterthümliche Brücken füh- ren; endlich wohl belebten Marktplätzen, und einer freundlichen Umgegend. Eine solche Stadt hat für mich etwas Aehnliches mit einem natürlichen Walde, dessen dunkle Schatten auch, bald hohe, bald nied- rige, vielfach gestaltete Baumgassen darbieten, und oft ein Laubdach, gleich einer gothischen Kirche, bil- den. Dagegen gleichen moderne regelmäßige Städte mehr einem verschnittenen französischen Garten. Jedenfalls sagen sie meinem romantischen Geschmacke weniger zu. Ich war nicht ganz wohl, und kehrte daher, nach einem kleinen Spaziergang in den Straßen, bald wieder nach meinem Gasthofe zurück. Hier fand ich einen katholischen Kirchendiener auf mich warten, der mir ankündigte: man habe so eben mit den Glocken für mich geläutet, sobald man nur meine Ankunft erfahren. Er erbat sich dafür zehn Schilling. Je l’envoyai promener, bald darauf ließ sich ein Prote- stant bei mir melden. Ich frug was er wolle? Blos Your royal Highness (denn mit Titeln ist man hier freigebig, sobald Jemand mit Extrapost und vier Pferden ankömmt) warnen, von den Impositionen der Katholiken, die auf eine schamlose Weise Fremde behelligen, und ich bitte Euer Hoheit, ihnen ja nichts zu geben; — zugleich nehme ich mir jedoch die Frei- heit, um eine kleine Beisteuer für das protestantische Armenhaus zu ersuchen. Go to the d . . . . Pro- testants and Catholics, rief ich entrüstet, und warf meine Thüre zu. Es war aber schon eine andere, förmliche Deputation der Katholiken davor, aus dem französischen Consul (einem Irländer), ferner einem Verwandten und Namensvetter O’ Connels und noch einigen andern bestehend, die mich haranguirten und mir sogar den Liberator-Orden ertheilen wollten. Ich hatte alle Mühe, diesem und einer Einladung zum Mittagsessen in ihrem Club zu entgehen, mußte aber nachgeben, mich wenigstens von zweien aus ihrer Mitte durch die Stadt begleiten zu lassen, um mir die Merkwürdigkeiten derselben zu zeigen. Ich ließ mich also gutwillig zuerst nach der Cathe- drale bringen, ein sehr altes Gebäude, mehr im Styl einer Festung als einer Kirche, eben so solide als roh aufgeführt, aber imposant durch seine Mas- sen. Im Innern bewunderte ich fünfhundert Jahr alte, wunderschön gearbeitete Sitze, von bogwood (Sumpfholz) geschnitzt, das durch das Alter schwarz wie Ebenholz geworden war. Die reichen Verzierun- gen bestanden aus köstlichen Arabesken und höchst charakteristischen Masken, die bei jedem Sitze ver- schieden waren. Das Grab der Thomond’s, Könige von Ulster und Limmerick, obgleich verstümmelt und durch moderne Zusätze geschändet, ist dennoch ein in- teressantes Monument geblieben. Abkömmlinge des Geschlechts existiren noch jetzt, deren Chef den Titel eines Marquis von Thomond führt, ein Name, den Du in meinen Briefen aus London zuweilen erwähnt gesunden haben wirst, denn der Besitzer desselben gab dort gute dinćs. Man findet überhaupt in Ir- land sehr alte Häuser, die stolz darauf sind, ihre Familie nie durch eine mésaillance entweiht zu ha- ben, was, des Geldes wegen, der englische und französische Adel so häufig that, weshalb auch reines stiftsfähiges Blut, wie es in Deutschland hieß, dort gar nicht zu finden ist. Die französischen Großen nannten solche Heirathen scherzweise, aber nicht sehr schmeichelhaft für die Braut, „mettre du fumier sur ses terres,“ und gar mancher englische Lord dankt gleichfalls solchem „Fumier“ den jetzigen Glanz seiner Familie. Als wir die Kirche verließen, um den Felsen am Shannon zu besehen, auf dem der Traktat von Lim- merick mit den Engländern, nach der Schlacht von Boyne, unterzeichnet, aber von diesen nicht zum Be- sten gehalten wurde — hatte sich ein ungeheures Ge- folge von Volk um uns versammelt, das wie eine Lawine noch immer mehr anwuchs, uns aber mit eben so viel Bescheidenheit als Enthusiasmus folgte. Plötzlich rief man: „Es lebe Napoleon und Mar- schall ......!“ Mein Gott, frug ich, für wen hält man mich denn eigentlich hier? als ganz anspruchsloser Fremder be- greife ich gar nicht, weshalb man mir so viel Ehre anzuthun scheint. War Ihr Herr Vater, erwiederte O’Connel, nicht der Fürst von …? Nichts weniger, versicherte ich, mein Vater war zwar ein etwas älte- rer Edelmann, aber lange nicht so berühmt. Dann müssen Sie verzeihen, fuhr Herr O’Connel ungläubig fort, aufrichtig gesagt, hält man Sie für einen na- türlichen Sohn Napoleons, da dessen Vorliebe für Ihre Frau Mutter bekannt ist. Sie scherzen, sagte ich lachend, ich bin wenigstens zehn Jahr zu alt, um der Sohn des großen Kaisers und der schönen Für- stin zu seyn. Er schüttelte aber mit dem Kopf, und unter wiederholtem Vivatrufen erreichte ich endlich meine Wohnung, die ich von nun an verschloß, und heute nicht mehr verließ. Das Volk nahm aber ge- duldig Posto vor meinen Fenstern und zerstreute sich erst mit einbrechender Dunkelheit. Trallee, den 23 sten. Diesen Morgen empfing mich wieder der Ruf: „Long life to Napoléon and to Your honour!“ und wȧhrend mein Wagen, mit meinem Kammerdiener darin, den man diesmal für Napoleons Sohn nahm, unter Vivatgeschrei abfuhr, schlich ich mich heimlich, mit dem Hausknecht, der meinen Nachtsack trug, zur Hinterthür hinaus, um einen Platz auf der Diligence zu nehmen, die mich nach dem See von Killarney bringen sollte. Meine Leute hatten Befehl, mich in Cashel zu erwarten, wo ich in 14 Tagen sie einzu- holen denke. In meinem jetzigen einfachen Aufzug fiel es keinem Menschen mehr ein, mir mit Ehrenbezeugungen be- schwerlich zu fallen, und ich konnte nicht umhin, bei Gelegenheit dieser offenbaren Farce darüber zu philosophiren, daß aller Ehrgeiz doch auch nur zu einer verdeckten führt. Gewiß von allen Trȧumen dieses Lebens ist dieses der schattenartigste! Liebe befriedigt zuweilen, Wissenschaft beruhigt, Kunst er- freut, aber Ehrgeiz — Ehrgeiz giebt nur den qual- vollen Genuß eines Hungers, den nichts stillen kann, oder gleicht der Jagd nach einem Phantom, das im- mer unerreichbar bleibt. Nach einer Viertelstunde war ich ganz bequem in meiner Diligence etablirt. Außer den Passagieren auf der Imperiale, bestand die Gesellschaft aus einer dicken jovialen Frau, einer andern, sehr magern, einer dritten, recht hübschen und wohlproportionirten, und einem Magisterartig aussehenden Herren, mit langem Gesicht und noch längerer Nase. Ich saß im Fond zwischen den zwei schmächtigen Damen, und unter- hielt mich mit der corpulenten, die sehr gesprächig war. Sie erzählte unter andern, als ich eben ein Fenster herunter ließ, wie sie neulich auch in diesem Wagen gefahren, und beinahe seekrank darin gewor- den wäre, denn eine ihr gegenübersitzende kränk- liche Dame hätte durchaus nicht zugeben wollen, daß man ein Fenster öffne. Sie habe sich aber nicht ab- schrecken lassen, und nach einer Viertelstunde Zure- dens sey es ihr auch gelungen, die Dame zu vermö- gen, einen Zoll breit Luft hereinzulassen, eine Vier- telstunde später einen andern Zoll, dann wieder einen, und so habe sie endlich das ganze Fenster herunter- manövrirt. Vortrefflich, sagte ich, das ist grade die Art, wie Weiber alles zu erlangen wissen — erst ei- nen Zoll, und dann so viel als deren zu haben sind. Ein französischer Geistlicher erzählt hiervon auch eine sehr erbauliche Geschichte. (Der Mann mit der lan- gen Nase verzog hier sein Gesicht wie ein Satyr.) Wie verschieden agiren aber in gleichen Lagen die Männer! fuhr ich fort. Ein englischer Schriftsteller in seinem Handbuch für Reisende, empfiehlt: wenn in der mail Jemand darauf bestehen sollte, alle Fen- ster zuzuhalten, solle man sich ja in kein pourparler mit dieser Person einlassen, sondern sofort, wie durch Ungeschicklichkeit, ein Fenster einschlagen, dann um Briese eines Verstorbenen. I. 19 Verzeihung bitten, und sich ruhig der hereindringen- gen Kühle erfreuen. Die Ruinen von Adair erregten jetzt unsere Auf- merksamkeit, und unterbrachen die Conversation. Spä- ter gewährte der Shannon einen imposanten Anblick. Er ist an manchen Stellen, gleich einem amerikani- schen Fluß, bis über neun Meilen breit, und seine Ufer herrlich bewachsen. In Lisdowel, einem kleinen Ort, wo wir Mittag machten, versammelten sich, wie gewöhnlich, hundert Bettler um den Wagen; was mir aber neu vorkam, waren kleine Holzschalen an langen Stäben, die sie, wie Klingelbeutel, in den Wagen hineinreichten, um auf diese Art bequemer zu den sollicitirten Pence’s zu gelangen. Ein andrer Bettler hatte sich an der Straße ein Schilderhaus von losen Steinen erbaut, in welchem er für immer zu bivouakiren schien. Ich muß schließen, da die mail in wenig Stunden wieder abfährt, und ich einiger Ruhe bedürftig bin. Morgen mehr. Killarney, den 24 sten. An dem heutigen Tage sah ich nach und nach zwölf Regenbogen, ein übles Omen für die Beständigkeit des Wetters, aber für mich nehme ich es als ein gu- tes an. Es verspricht mir eine bunte Reise. Die bisherige Gesellschaft war einzeln, da und dort, wie reife Früchte abgefallen, und ich befand mich mit einem irländischen Gentleman, einem Fabrikanten aus dem Norden allein, als ich in dem freundlichen Killarney ankam, wo der unaufhörliche Besuch engli- scher Touristen, den Gasthöfen auch beinahe englische Eleganz — und Preise verliehen hat. Wir erkundig- ten uns sogleich nach Booten und der besten Art den See zu sehen, erhielten aber zur Antwort, daß es bei diesem Sturme unmöglich sey, ihn zu beschif- fen; kein Boot könne heute auf dem See „leben“ wie sich die Schiffer ausdrückten. Ein englischer Dandy indessen, der sich uns während dem Frühstück ange- schlossen hatte, ridicülisirte diese Betheuerungen, und da ich, wie Du weißt, auch nicht sehr an Unmöglich- keiten glaube, so überstimmten wir den Fabrikanten, welcher sehr wenig Lust zu der Fahrt bezeigte, und embarkirten uns, malgré vent et marée, bei Roß Castle, einer alten Ruine nicht weit von Killarney. Wir hatten ein excellentes Fahrzeug, einen alten, charakteristisch aussehenden, eisgrauen Steuermann, und vier tüchtige Ruderer. Der Himmel aber war wie zerrissen, — an wenigen Orten nur blau, an an- dern grau in grau schattirt, an den meisten aber ra- benschwarz, und Wolken aller Formen tummelten sich darin umher, von Zeit zu Zeit durch einen Regen- bogen gefärbt, oder durch ein fahles Sonnenlicht er- leuchtet. Die hohen Berge dämmerten kaum durch die trüben Schleier, auf dem See aber war alles 19* Nacht. Die schwarzen Wellen wühlten geschäftig un- ter sich, hie und da nur kräuselte sich blendend wei- ßer Schaum auf ihrem Rücken. Da die Wogen fast so hoch gingen wie im Meere, bekam ich eine leichte Anwandlung von Seekrankheit. Der Fabrikant er- blaßte vor der Gefahr, der junge Engländer aber, stolz auf seine Amphibiennatur, lachte uns beide aus. Der Sturm pfiff indessen so laut, daß wir uns kaum verstehen konnten, und als ich den alten Steuermann fragte, wohin wir zuerst fahren würden, antwortete er: Nach der Abtei, wenn wir anders hinkommen! Dies klang nicht sehr encourageant, auch tanzte unser Boot (das einzige auf dem See, denn selbst die Fi- scher hatten sich nicht herausgewagt) so schrecklich auf und nieder, ohne doch mit aller Anstrengung der Ru- derer avanciren zu können, daß der Fabrikant an Weib, Kind und Fabrik zu denken anfing, und peremtorisch die Rückfahrt verlangte, da er nicht die Absicht habe, auf einer Erholungsreise sein Leben zu verlieren. Der Dandy wollte sich dagegen vor Lachen ausschüt- ten, versicherte, er sey ein Mitglied des Yacht-Clubs und habe ganz andere Dinge erlebt, wobei er den Ruderern, die ebenfalls lieber zu Haus gewesen wä- ren, Geld über Geld versprach, um auszuhalten. Was mich betraf, so folgte ich der Maxime des Generals Yermoloff: „weder zu rasch noch zu furchtsam,“ mischte mich gar nicht in den Streit, sondern erwartete, dicht in meinen Mantel gehüllt, ruhig den Ausgang. Ich genoß übrigens, wie es schien, allein die Schönheit der Scene, da den einen meiner Begleiter die Furcht daran verhinderte, den andern sein Wohlgefallen an sich selbst. Eine Weile kämpften wir noch gegen die Strömung der Wellen, auf denen wir, wie Wasser- vögel, in Sturm und Dunkelheit dahinflutheten, bis uns, aus einer gegenüberliegenden Bergschlucht, so heftige Windstöße faßten, daß es nun selbst dem Mit- gliede des Yacht-Clubs zu bedenklich ward, und er den Bitten des Steuermanns nachgab, mit dem Winde zurückzurudern, und an einer Insel anzule- gen, bis der Sturm etwas nachließe, was gewöhnlich gegen Mittag der Fall sey. Dies traf auch ein, und nachdem wir einige Stun- den auf der Insel Inisfallen, einem lieblichen Ei- lande, mit schönen Baumgruppen und Ruinen, cam- pirt, waren wir im Stande, unsre Fahrt gemächlicher fortzusetzen. Alle Inseln dieses Sees, bis auf die kleinste, nur ein paar Ellen lange, welche die Maus genannt wird, sind dicht mit Arbutus und anderm Immergrün bewachsen, welche hier wild gedeihen, und deren Blüthen und Früchte Winter und Som- mer in bunten Farben prangen. Viele dieser kleinen Eilande bieten eben so seltsame Formen dar, als ihre Namen eigenthümlich sind. Meistens sind sie nach O’ Donnohue benannt. Hier ist es O’Donnohue’s white horse (weißes Roß), an dessen Felsenhufen sich die Brandung bricht, dort seine library (Bibliothek), weiterhin sein pigeon house, oder sein flower garden (Taubenschlag und Blumengarten) u. s. w. Doch Du weißt vielleicht nicht, wie der See von Killarney entstand? also höre! O’ Donnohue war der mächtigste Chiestain eines Clan’s, der hier, wo jetzt der See seine Wellen rollt, eine große und reiche Stadt bewohnte. Alles war dort im Ueberfluß — nur Wasser fehlte — und die Sage ging, daß selbst der einzige kleine Brunnen, den die Stadt besaß, nur das Geschenk eines mäch- tigen Zauberers sey, der ihn einst, auf Bitten einer schönen Jungfrau, hervorgerufen, aber dabei streng gewarnt: daß man nie vergessen möge, ihn jeden Abend mit einem großen silbernen Deckel zu schließen, den er zu diesem Ende zurücklasse. Die seltsame Form und Verzierungen desselben schienen die wun- derbare Sage zu bestätigen — auch wurde der uralte Gebrauch nie vernachläßigt. O’ Donnohue aber, ein mächtiger und unerschrocke- ner Krieger (vielleicht auch, wie Talbot, ein Ungläu- biger) machte sich über dieses Mȧhrchen , wie er es nannte, nur lustig, und eines Tages, als er beim wilden Gelage vom viel genossenen Weine mehr als gewöhnlich erhitzt war, befahl er, zum Schrecken aller Anwesenden, den silbernen Brunnendeckel in sein Haus zu bringen, wo er, wie er spottend meinte, eine vortreffliche Badewanne für ihn abgeben solle. Vergebens blieben alle Vorstellungen. — O’ Donno- hue war gewohnt sich Gehorsam zu verschaffen, und als mit Wehklagen die geängstigten Diener endlich das schwere Gefȧß herbeischleppten, rief er lachend: „Seyd unbesorgt, die Kühle der Nacht wird dem Wasser gar gut bekommen und morgen werdet ihr Alle es fri- scher finden!“ Aber die, welche dem silbernen Deckel zunächst standen, wandten sich mit Grausen davon, denn es deuchte ihnen, als bewegten sich die verwor- renen Charaktere darauf, wie ein Knäuel in einander sich verschlingender Würmer, und ein schauerlicher Laut schien klagend daraus hervorzutönen, wie einst aus dem Coloß zu Theben. Voll Sorge legten sich Alle zur Ruhe, nur Einer floh in das nahe Gebürge. Als nun der Morgen anbrach, und dieser Mann wie- der hinab in das Thal blickte — da rieb er sich ver- gebens die Augen, und glaubte noch zu träumen — Stadt und Land waren verschwunden, die reichen Fluren nicht mehr vorhanden, und der kleine Brun- nen, aus der Erde Klüften schwellend fort und fort, hatte einen unabsehbaren See geboren. — Geschehen war, was O’ Donnohue prophezeiht: Kühler war in einer Nacht für Alle das Wasser geworden, und das letzte Bad hatte ihm die neue Wanne bereitet! Nur bei ganz hellem klaren Wetter haben, wie die Fischer behaupten, Manche noch jetzt auf des Sees „tiefunterstem Grunde“ Pallȧste und Thürme, wie durch Glas, schimmern gesehen, aber viele schon er- blickten, wenn ein Sturm dem Ausbruch nahe war, O’ Donnohue’s riesige Gestalt, auf weißem schnau- benden Roß auf den Wogen reitend, oder in gespen- stiger Gondel mit der Schnelle des Falken über die Wasser gleiten. Einer unsrer Bootsleute, ein Mann von ohngefȧhr fünfzig Jahren, mit langem schwarzen Haar, das der Wind um seine Schläfe trieb, von ernstem und stil- lem, aber phantastischem Ansehn, wurde mir von den andern verstohlen mit dem Finger gezeigt, indem sie mir zuflüsterten: der ist ihm begegnet. — Du kannst denken, daß ich mich schnell mit ihm in ein Gespräch einließ, und ihn zutraulich zu machen suchte, da ich weiß, daß diese Leute, wo sie Unglau- ben und Neckerei voraussetzen, hartnäckig schweigen. Im Anfang war auch er zurückhaltend, bald aber ge- rieth er in Feuer, und nun schwor er bei S. Patrick und der Jungfrau, daß was er erzähle, die reinste Wahrheit sey. Seiner Aussage nach, begegnete er O’ Donnohue bei einbrechender Dämmerung, kurz vor dem Wüthen eines der fürchterlichsten Stürme, die er je erlebt. Er hatte sich beim Fischen verspä- tet, den ganzen Tag war der Regen schon in Strö- men herabgeflossen, es war schneidend kalt, und ohne seine Whiskey bottle hätte er es kaum länger aus- halten können. Auch war lange bereits kein lebendi- ges Wesen mehr auf dem ganzen See zu sehen ge- wesen. Mit einemmal segelte, wie aus den Wolken gefallen, ein Boot auf ihn zu, die Ruder arbeiteten mit Blitzesschnelle, und doch war kein Ruderer dabei zu erblicken, hinten aber saß unbeweglich ein riesen- großer Mann. Sein Anzug war scharlachroth und gold, und auf dem Kopf trug er einen dreieckigen Hut mit breiter Tresse. So flog das Geisterboot heran. Paddy sah mit starrem Blick darauf hin — als aber jetzt die lange Gestalt ihm fast gegenüber saß, und aus dem rothen Mantel zwei große schwarze Augen wie Kohlen ihn anbrannten — da fiel ihm die Brannteweinflasche aus der Hand, und er kam nicht eher wieder zu sich, als bis die unsanften Ca- ressen seiner Ehehälfte ihn weckten, die, voller Zorn, ihn einen Trunkenbold über den andern schalt, und sich einbilden mochte, der Whiskey habe ihn so zuge- richtet — aber Paddy wußte es besser! — Ist es nicht sonderbar, daß das eben beschriebene Costume so gut mit unserem deutschen Teufel im vo- rigen Jahrhundert übereinstimmt, der jetzt wieder so beliebt ist? Vom Freischützen hatte Paddy aber doch gewiß noch nichts gehȯrt . Fast scheint es als hȧtte die Hölle auch ihr Mode-Journal. Sehr belustigend war mir des Alten Reue und Angst nach der Erzäh- lung. Er tadelte sich mehrmals laut darüber, be- kreuzte sich, und wiederholte beständig: „O’ Donnohue habe, obgleich schrecklich, doch ganz wie ein ächter Gentleman ausgesehen, denn,“ setzte er, sich schüchtern umsehend, hinzu, „ein „perfekt Gentleman“ ist er im- mer gewesen, ist es jetzt, und wird es immer bleiben.“ Die jüngeren Bootsleute waren nicht ganz so stark- gläubig, und schienen nicht übel Lust zu haben, den Geisterseher ein wenig zu necken, dessen Ernst und Zorn ihnen aber doch sogleich wieder imponirte. Ei- ner dieser Menschen war ein wahres Modell für einen jungen Herkules. Mit aller Lustigkeit eines ganz kerngesunden Körpers, trieb er unaufhörlich Possen, und arbeitete dabei für Drei. Wir landeten nun bei der Abtei von Mucruß, in dem Park des Herrn Herbert gelegen, aber dennoch reichlich mit Schädeln und Gerippen ausgestattet. Die Ruinen sind von bedeutendem Umfang, und voll interessanter Einzelnheiten. So steht z. B. im Klo- sterhofe einer der größten Taxusbäume, die es viel- leicht in der Welt giebt, denn er überragt nicht nur alle Gebäude, sondern beschattet und verdunkelt mit seinen Aesten den ganzen Hof, wie ein darüber ge- spanntes Zelt. Im zweiten Stockwerk bemerkte ich einen Kamin, an dem zwei Epheustämme, einer auf jeder Seite, die schönste regelmäßigste Verzierung bil- deten, während ihre Blätter die darüber stehende Feueresse so dicht umlaubten, daß sie einem Baume glich. Unser Führer erzählte uns hier ein merkwür- diges Beispiel von der unumschränkten Gewalt der katholischen Priester über das hiesige gemeine Volk. Zwei Partheien, die Moynihan’s und die O’ Donno- hue’s genannt, waren schon seit einem halben Jahr- hundert in permanenter Fehde begriffen. Wo sie sich daher in gehöriger Anzahl begegneten, entstand so- gleich ein Shileilahkampf, bei welchem manches Leben verloren ging. Da es nun, seit dem Bestehen der katholischen Association, das Interesse der Priester erheischt, Friede und Eintracht unter ihrer Heerde zu Stande zu bringen, so verordneten sie voriges Jahr, bei der letzten Schlägerei dieser Art, als Strafe für alle Theile: daß die Moynihan’s zwölf Meilen nord- wärts marschiren, und dort ein Bußgebet verrichten; die O’ Donnohue’s dasselbe südwärts ausführen; sämmtliche theilnehmende Zuschauer aber sechs Meilen nach andern Orten wallfahrten sollten; im Wiederbe- tretungsfalle jedoch würde die doppelte Strafe ein- treten. Alles wurde mit religieuser Genauigkeit be- folgt, und der Krieg hatte seitdem ein Ende. Nach einer Stunde erreichten wir am jenseitigen Ufer des See’s, an einer dicht bewaldeten Küste, den Wasserfall O’ Sullivan’s, der, vom Regen ange- schwellt, doppelt reich erschien. Die Ueppigkeit der Bäume und rankenden Pflanzen, die ihn malerisch überhȧngen , so wie die Höhle, in der man gegenüber trockenen Fußes die schäumend stürzenden Wasser be- trachtet, vermehren das Originelle der Scene. Hier giebt es herrliche einsame Promenaden, die auf der andern Seite des Bergrückens zu einem, von der ganzen Welt abgeschiedenen, mitten im tiefen Walde liegenden Dorfe führen. Da aber die Sonne noch immer mit den Wolken kämpfte, und wir uns hin- länglich durchnäßt (vom Himmel und vom See, dessen Wellen uns mehr als einmal übergossen hatten) und ermüdet fühlten, so beschlossen wir für heute die Tour zu beschließen, und über die freundliche Villa der Lady Kenmare zurückzukehren. Als wir noch ungefähr vier Meilen zu schiffen hat- ten, erbot sich der hübsche junge Mann, welcher bei- läufig gesagt, ohngeachtet seiner athletischen Gestalt, im Gesicht eine merkwürdige Aehnlichkeit mit der be- rühmten Mamsell Sontag hatte — uns, wenn wir drei Schilling mit ihm wetten wollten, in einer hal- ben Stunde zu Haus zu bringen. Der alte Geister- seher wollte nicht daran, sich einer solchen Anstren- gung zu unterziehen, das junge Sonntagskind ver- sicherte aber, für ihn mitrudern zu wollen. Wir nah- men daher die Wette an, und flogen von nun an, wie ein Pfeil, über den See. Nie sah ich eine grö- ßere Darlegung von Kraft und Ausdauer, unter fortwährendem Singen, Possen und Scherzen. Dem- ohngeachtet gewannen die Ruderer ihre Wette nur um eine halbe Minute, erhielten aber von uns mehr als das Doppelte des Betrags, was sie, in großer Freude, alle noch dieselbe Nacht zu vertrin- ken versprachen. Zu guter letzt hielten sie eine drollige, schon darauf eingerichtete, Conversation mit dem Echo der Mauern von Roß Castle, dessen Ant- wort immer einen scherzhaften Sinn hatte, z. B.: shall we have to night a good bed? (werden wir diese Nacht ein gutes Bette bekommen?) Antwort: bad (schlecht) u. s. w. Den 25 sten. Unglücklicherweise kamen heute zwei mir bekannte Engländer hier an, die sich sogleich zu uns gesellten, was mich um mein liebes Inkognito brachte, denn obgleich ich kein großer Herr bin, finde ich doch eben so viel Vergnügen daran. Als Unbekannter entgeht man immer etwas gêne mehr, und gewinnt etwas mehr Freiheit, man sey auch noch so unbedeutend. Da ich es jedoch diesmal nicht ändern konnte, so rich- tete ich es wenigstens so ein, daß ich die Hälfte der heutigen Tour mit meinem ehrlichen Fabrikanten zu Lande machte, und die drei Engländer, vor der Hand allein, auf dem Boote fahren ließ. Es war dasselbe, welches wir gestern gehabt, und dort auf heute gleich wieder gemiethet hatten. Der Pony, der mir zu Theil wurde, hatte den hochklingenden Namen: des Ritters von der Schlucht, (Kinght of the gap), war aber ein ausgearteter Ritter, den nur Schläge und Sporen in Bewegung setzen konnten. Ehe wir an die große Schlucht ka- men, von der er seinen Namen führt, hatten wir von einem Hügel in der Ebene eine sehr schöne Ansicht des Gebürges, in welcher Berge, Wasser und Bäume so glücklich vertheilt erschienen, daß die wohlthuendste Harmonie daraus entstand. Desto wilder und ein- förmiger ist die lange Schlucht — im Geschmacke von Wales, doch weniger grandios. An einer Stelle der- selben hat sich vor mehreren Jahren ein großes Fels- stück losgerissen, und ist, in zwei Hälften geborsten, mitten über den Weg gestürzt. Ein Mann kam auf den Einfall, diese Felsenstücke zu einer Einsiedelei aus- zuhöhlen, blieb jedoch dieser neuen Wohnung nur drei Monate getreu, weshalb sie jetzt von dem ener- gisch sich ausdrückendem Volke, nach ihm „the mad- man’s rock“ (der Narren Felsen) genannt wird. Ein Paar tausend Schritt weiter fanden wir eine alte Frau, kauernd am Wege liegen, deren Anblick alles übertraf, was man der Art in Mährchen erfunden. Nie sah ich etwas Abscheuerregenderes! Man erzählte mir, sie sey schon 110 Jahr alt, und habe alle ihre Kinder und Enkel überlebt. Obgleich in intellectueller Hinsicht gänzlich zum Thier geworden, hatte sie doch alle ihre Sinne noch leidlich erhalten. Ihre Gestalt sah aber weder Thier noch Menschen mehr, sondern nur einem wieder ausgegrabnen und von Neuem be- lebten Leichnam ähnlich. Als wir vorbei ritten, stieß sie ein klägliches Gewimmer aus, und schien dann zufrieden, als wir ihr einiges Geld hinwarfen, griff aber nicht darnach, sondern verfiel sogleich wieder in Stumpfsinn und Apathie. Alle Furchen ihres grünen Gesichts waren mit schwarzem Schmutze angefüllt, die Augen schienen zu eitern, die Lippen waren weislich blau — enfin Fanferluche muß ein Engel dagegen gewesen seyn. Bei Brandon Castle, einer bewohnbar gemachten Ruine, mit einem hohen Thurm und einigen vernach- läßigten Parkanlagen, durch deren Wasserpartieen uns die Führer (denn die Pferde wurden hier zurück ge- schickt) auf dem Rücken hindurch trugen, stießen wir wieder mit dem Boote zusammen. Es kam, â point nommé, grade um die verdeckende Landspitze hergese- gelt, als wir das Ufer erreichten, und war, außer den Engländern, noch mit dem besten Bugleman von Killarney benannt. Diese Künstler blasen eine Art Alpenhorn mit vieler Geschicklichkeit, und rufen da- durch an manchen Stellen herrliche Echo’s hervor. Im Verfolg unsers Wegs passirten wir einen Brü- ckenbogen, wo, bei angeschwollenem Wasser, zuweilen Boote verunglückt sind. Unser Bugleman erzählte, daß er selbst schon zweimal hier umgeschlagen, und das letztemal beinahe ertrunken sey. Er wollte daher auch heute landen, und die bedenkliche Stelle, den Felsen entlang, klettern; der alte Steuermann gab es aber nicht zu, und meinte, wenn die fremden Herren im Schiff bleiben, gezieme es ihm auch mit zu er- sausen. Es ging aber alles ganz gefahrlos ab. Schön, und von imposanter Form, ist der Felsen, the Eaglo’s nest (Adlernest) genannt, wo auch fast immer Adler horsten. Nicht weit davon steht man Coleman’s Sprung, zwei weit von einander aus dem Wasser ragende Felsen, auf denen die Spuren von Füßen, 3 — 4 Zoll tief, deutlich eingegraben sind. Solche Sprünge und Fußstapfen wiederholen sich fast in allen Gebürgen. Unser Schiff war voll Victualien zu einem brillan- ten diné (Engländer pflegen so etwas nicht leicht zu vergessen) und als wir eine höchst romantisch gelegene Cottage unter hohen Kastanien erspähten, beschlossen wir hier zu landen, und Mittag zu machen. Wir würden dort auch ein sehr angenehmes Mal gehal- ten haben, wenn es nicht der Dandy, durch seine Affectation, Mangel an allem Sinn für die Schön- heit der umgebenden Natur, und ungütiger persif- flage des, freilich weniger abgeschliffenen, aber viel- leicht doch werthvolleren Irländers, verdorben hätte. Er gab ihm den Spottnamen des Schauspielers Lis- ton (der besonders in dummen Rollen glänzt) und machte den armen Teufel, ohne daß er es merkte, eine so burleske Rolle spielen, daß ich zwar selbst zu- weilen wider Willen lachen mußte, aber das Ganze dennoch völlig hors de Saison, und von schlechtem Geschmack fand. Es ist auch möglich, daß der Irlän- der sich nur dumm stellte, und der pfiffigste war, wenigstens sprach er dem Essen und Trinken, wäh- rend die andern lachten, mit so unermüdlicher Be- harrlichkeit zu, daß wenig für Jene übrig blieb. Ich kann nicht leugnen, daß ich ihn darin gut unterstützte, besonders fand ich, daß der eben gefangene fette Lachs, an Arbutus Stöcken über dem Feuer geröstet, ein ganz vortreffliches Nationalgericht sey. Bei des Mondes Silberschein fuhren wir langsam zurück, während des Bugleman’s Horn Echo nach Echo aus dem Schlafe rief. Es war eine entzückende Nacht, und von Gedanken zu Gedanken, gerieth ich in eine Stimmung, wo ich auch hätte Geister sehen können! Die Menschen neben mir, kamen mir blos wie Puppen vor; nur die Natur, die Milde und Pracht die mich umgab, erschien mir als wirklich. — Woher, dachte ich, kömmt es, daß deinem liebenden Herzen doch die Geselligkeit fehlt, daß die Menschen im Allgemeinen dir nur so wenig gelten! ist deine Seele noch zu klein für die Verhältnisse der geistigen Welt, noch zu nah’ mit Pflanzen und Thieren ver- wandt, oder hast du die hiesigen Formen schon in früherem Daseyn ausgewachsen, und fu̇hlst dich un- behaglich in dem zu engen Gewande? Wenn dann auf dem stillen See der melancholische Klang des Bugleman Hornes wieder in leisen Tönen über den Wellen zitterte, und meinen Phantasieen, wie durch unsichtbare Geisterstimme, die Worte einer fremden Sprache gab — da war mir’s oft wie dem Fischer zu Muthe, und als sollte ich jetzt sanft hinabgleiten, um O’Donnohue in seinen Korallengrotten aufzusuchen. Ehe wir landeten, fand noch eine eigenthümliche Ceremonie statt. Die Bootsleute, der junge „Son- tag“ an ihrer Spitze, welcher mich wegen eines reich- licher von mir erhaltenen Trinkgeldes immer „seinen Gentlemann“ nannte, baten um Erlaubniß, an einer kleinen Insel anlegen, und diese nach mir taufen zu dürfen, welches nur bei Mondenschein statt finden könne. Ich mußte mich hierauf auf einen vorragen- den Felsen stellen, die sechs Bootsmänner auf ihre Ru- der gestützt, bildeten einen Zirkel um mich, und der Alte sagte feierlich eine Beschwörungsformel in einer Art Rhythmus her, was in der wilden Umgebung und Nacht ganz schauerlich klang. Dann brach Son- tag einen großen Arbutuszweig ab, und erst mir, dann jeden der im Schiff Sitzenden, einen Büschel reichend, den wir an unsre Hüte befestigten, theilte er die übrigen an seine Cameraden aus, und fragte nun ehrerbietig und ernst, welchen Namen die Insel, Briefe eines Verstorbenen. I. 20 mit O’Donnohue’s Erlaubniß künftig führen solle? Julie, sagte ich mit lauter Stimme, worauf mit don- nerndem Hurrah dieser Name, obgleich nicht allzucor- rekt ausgesprochen, dreimal wiederholt wurde. Nun ergriff ein Dritter, der Port der Gesellschaft, eine mit Wasser gefüllte Flachse, und hielt eine kurze Anrede in Versen an O’Donnohue, worauf er mit aller Ge- walt die Flasche gegen einen aus dem Wasser stehen- den Stein warf, daß sie in tausend Atome zerschellte. Zuletzt wurde eine zweite Flasche, aber mit Whiskey gefüllt, auf meine Gesundheit ausgetrunken, und der Insel Julie nochmals ein dreifaches Hurrah gebracht. Die Bootsleute hielten diesen fremdklingenden Namen für den meinigen, und nannten mich seitdem nicht anders als Master Julie, was ich ganz wehmüthig mit anhörte. Deine Domainen haben sich also um eine Insel auf den romantischen Seen zu Killarney vermehrt — schade nur, daß die nächste Gesellschaft, die an dem- selbe Flecke landet, sie Dir wieder entziehen wird, denn wahrscheinlich tauft man hier, so oft Pathen sich einfinden, da das eigentliche Kind, die Whiskey- Bouteille, immer bei der Hand ist. Einstweilen lege ich indessen diesem Briefe ein Arbutusblatt, vom identischen Zweige, der auf meinem Hute prangte, bei, damit wenigstens etwas von der Insel unbestritten Dein Eigenthum bleibe. Glengariff, den 26 sten. Beste Julie, Dir heute zu schreiben, ist wirklich ein effort, der einer Belohnung werth ist, denn ich bin übermäßig ermüdet, und habe, wie mein Vater Napoleon, beständig Kaffe trinken müssen, um wach bleiben zu können. Der Maitre d’Hotel, welcher neulich auch uͤber Napoleons Leben Memoiren herausgegeben, hat den Kaiser von dieser Beschuldigung mit Indignation los- gesprochen. Diese Memoiren sind gewiß die schmei- chel haftesten für den großen Mann, denn sie beweisen: qú il est resté heros, mème pour son valet de chambre! A. d. H. Um neun Uhr früh verließ ich Killarney in einem Carr (Karren) von der schlechtesten Beschaffenheit, und folgte der neuen Chaussee, die längs des mitt- lern und obern See’s nach der Bay von Kenmare führt. Diese Straße entwickelt mehr Schönheiten, als man auf den Seen selbst findet, da diese den großen Nachtheil haben, an den meisten Stellen nur auf der einen Seite eine malerische Aussicht zu ge- währen, auf der andern aber blos flaches Land dar- bieten. Hier auf der Straße hingegen, welche am Abhange der Berge durch den Wald führt, bilden sich bei jeder Wendung geschlossenere, und eben des- halb schönere Gemälde. Ich finde überhaupt, daß Aussichten, vom Wasserspiegel aus gesehen, immer 20* verlieren, weil ihnen eine Hauptsache, der Vorgrund, fehlt. Neben einer hübschen Cascade, und in der reizend- sten Wildniß, hat sich, nahe der Straße, ein Kauf- mann Garten und Park mit einer ländlichen Villa erbaut. Die Kosten dieser Anlage müssen wenigstens 5 — 6000 Lst. betragen haben, vielleicht weit mehr, dennoch steht der Grund und Boden nur 99 Jahre der Familie des jetzigen Nutznießers zur Disposition; nach dieser Zeit fȧllt er, mit Allem was darauf er- baut ist, und was im vollkommen baulichen Zustande übergeben werden muß, den Grundherren, den Lords von Kenmare wieder zu. Kein Deutscher möchte Lust haben, unter solchen Bedingungen sein Vermögen auf Verschönerungs-Anlagen zu verwenden; in Eng- land aber, wo fast aller Grund und Boden, entwe- der der Regierung, der Kirche, oder der mächtigen Aristokratie gehört, und daher sich nur selten Gele- genheit darbietet, solchen frei zu aquiriren; auf der andern Seite aber auch Industrie, durch ein weises Gouvernement, im richtigen Verhältniß neben dem Ackerbau befördert, den Handels- und Mittelstand ebenfalls reich gemacht hat, — kommen dergleichen Contrakte alltäglich vor, und verhindern fast alle Nachtheile des zu großen Landbesitzes, ohne seinen großen Nutzen für den Staat zu schmälern. Wir stiegen nun immer steiler heran, und befan- den uns bald zwischen den kahlen Höhen, denn Pflanzungen werden hier fast immer nur bis zur Mitte der höheren Berge angetroffen; es ist nicht wie in der Schweiz, wo die üppige Vegetation sich überall fast bis an die Schneeregion erstreckt. Doch den Maßstab der Schweiz überhaupt hier anlegen zu wollen, würde unpassend seyn. Beide Länder bieten romantische Schönheiten von ganz verschiedener Art dar, aber beide erwecken Bewunderung und Staunen über die erhabnen Werke der Natur, wenn gleich in der Schweiz vieles noch kolossaler erscheint. Der Weg war so gewunden gebaut, daß wir uns nach einer halben Stunde grade wieder, hoch oben, über der erwähnten cottage befanden, die mit ihrem grauen, glatten Strohdach, in solcher Tiefe wie ein Mäuschen aussah, das sich im grünen Grase sonnt — denn die Sonne war endlich nach dem langen Kampf unumschränkte Herrin des Himmels gewor- den. Acht Meilen von Killarney erreicht man den höchsten Punkt der Straße, wo ein einzelnes Wirths- haus liegt. Hier steht man vor der weiten Berg- schlucht, die den größten Theil der drei Seen in ihrem Schoose beherbergt, so daß man sie alle mit einem Blick übersieht. Von nun an sinkt der Weg wieder, durch baum- lose aber kühn geformte Berge führend, dem Meere zu. Als ich in Kenmare ankam, konnte ich, denn es war Markt daselbst, kaum das Menschengewühl mit meinem Einspänner durchdringen, besonders der vie- len Betrunkenen wegen, die weder ausweichen woll- ten, noch vielleicht konnten. Der Eine fiel, in Folge dieser Weigerung, mit dem Kopf so heftig auf das Pflaster, daß er bewußtlos fortgetragen werden mußte, was jedoch, als etwas ganz Gewöhnliches, gar nicht beachtet wurde. Die Hirnschȧdel der Ir- länder scheinen überhaupt von einer festern Masse als bei andern Nationen, wahrscheinlich weil sie von Jugend auf an die Schläge des Shileila gewöhnt sind. Während ich im Gasthof zu Mittag aß, hatte ich auch wieder von neuem Gelegenheit, mehreren solchen Kämpfen zuzusehen. Erst ballt sich gewöhn- lich ein Haufen, schreiend und lärmend, immer dich- ter zusammen — dann im Nu schwirren hundert Shileila’s in der Luft, und nun hört man die Püffe, welche größtentheils auf den Kopf applizirt werden, wie entferntes Gewehrfeuer bollern und knacken, bis eine Parthei den Sieg errungen hat. Da ich mich hier an der Quelle befand, kaufte ich mir, durch Vermittelung des Wirths, eines der schönsten Exemplare dieser Waffe, noch warm vom Gefecht. Sie ist so hart wie Eisen, und um ja den Zweck nicht zu verfehlen, überdieß am Ende noch mit Blei ausgegossen. Der berühmte O’Connel residirt jetzt, ohngefähr 30 Meilen von hier, auf seiner einsamen Veste, in der wüstesten Gegend Irlands. Da ich lange gewünscht habe, ihn kennen zu lernen, schickte ich einen Boten, mit der nöthigen Nachfrage, von hier an ihn ab, und beschloß, bis die Antwort eintreffen könne, un- terdeß eine Exkursion nach Glengariff Bay zu ma- chen, wohin ich mich auch nach dem Essen sogleich aufmachte. Das Fahren hat nun gänzlich aufgehört, fortan ist nur auf Berg-Pony’s, oder zu Fuß, weiter zu kom- men. Ein solcher Pony trug mein Gepäck, der Führer und ich gingen daneben her, und war einer von uns müde, so mußte das gute Pferdchen ihn ebenfalls tragen. Die Sonne ging bald unter, aber der Mond schien hell. Die Gegend war nicht ohne Interesse, der Weg aber abscheulich, und führte oft durch Sümpfe und reißende Bäche, ohne Brücke noch Steg. Ueber alle Vorstellung beschwerlich, ward er aber, nach sechs bis acht Meilen, wo wir einen hohen Berg fast perpendikulair hinaufklimmen muß- ten, nur auf loses und spitzes Gerölle tretend, auf welchen man jeden Augenblick halb so weit herab- rutschte, als man vorher hinangeklettert war. Noch schlimmer beinah ging es auf der andern Seite hin- ab, besonders wenn ein vortretender Berg den Mond auslöschte. Ich konnte vor Müdigkeit nicht weiter gehen, und setzte mich daher auf den Pony. Dieses Thier zeigte wahren Menschenverstand. Bergauf half er sich mit der Nase, und den Zähnen selbst, glaube ich, wie mit einem fünften Beine, und berg- unter spann er sich, mit unaufhörlichen Drehungen des Körpers, wie eine Spinne herab. Kam er an einen Sumpf, in dem, statt des Steges, nur von Schritt zu Schritt einige Steine hineingeworfen wa- ren, so kroch er mit der Langsamkeit eines Faul- thiers hindurch, immer erst mit dem Fuße probirend, ob der Stein auch ihn und seine Last zu tragen im Stande sey. Die ganze Scene war hȯchst seltsam. Man sah bei der großen Helle weit um sich her, aber nichts, durchaus nichts als Felsen an Felsen gereiht, von jeder Art und Gestalt, und durch den Mond- schein in noch riesenhaftere, abentheuerlichere, scharf sich gegen den Himmel abschneidende Formen gegos- sen. Kein lebendiges Wesen, und kein Busch war zu entdecken, nur unsre Schatten zogen langsam neben uns hin, kein Laut ertönte, als unsere Stimmen, und zuweilen das ferne Rauschen eines Bergbachs, oder seltner das melancholisch tönende Horn eines Hirten, die in diesen ungemessenen Einöden, welche nur aus Felsen, Moos und Haidekraut bestehen, das frei umherirrende Vieh durch diese Musik zusammen- halten. Einmal nur sahen wir eine solche Kuh, welche, wie die Bergschafe in Wales, die Flüchtig- keit des Wildes angenommen haben, mitten im Wege liegen, aber bei unserer Annäherung, wie ein schwar- zer Geist, brausend über die Felsen springen, wo sie bald im Dunkel verschwand. Eine Stunde vor Glengariff Bay wird die Land- schaft eben so üppig und Park ähnlich, als sie vor- her kahl und wild ist. Hier ragen die Felsen in den allerwunderlichsten Formen, aus hesperischen Ge- büschen von Arbutus, portugiesischem Lorb er und andern lieblichen, süß duftenden Sträuchern hervor. Manche dieser Felsen erheben sich, gleich Pallȧsten , glatt wie Marmor, ohne Fugen und Unebenheit, andere bilden spitze Pyramiden, oder lange fortlau- fende Mauern. In dem Thalgrunde glȧnzten ein- zelne Lichter, und ein leiser Wind bewegte die Kro- nen hoher Eichen, Eschen und Birken, mit schȯnem Holly untermischt, dessen hochrothe Beeren selbst im Mondlicht sichtbar wurden. Die prächtige Bay aber schimmerte, von den zitternden Mondesstrahlen durch- webt, schon in der Nȧhe , und ich glaubte mich wirklich im Paradiese, als ich kurz darauf ihre Ufer erreichte, und mich an der Thür des freundlichsten Gasthauses glücklich angelangt fand. So heiter die- ses aber auch aussah — in ihm war dennoch Trauer! Wirth und Wirthin, sehr anständige Leute, kamen mir, in tiefes Schwarz gekleidet, entgegen. Die Schwester der Frau, so erzȧhlten sie mir, auf meine Frage, das schönste Mädchen in Kerry, nur 18 Jahr alt, und bisher das Bild der Gesundheit, war erst gestern an einem Gehirnfieber, oder vielmehr an der Unwissenheit des Dorfarztes, verschieden — in der achttägigen Krankheit aber, wie die arme Frau weinend hinzusetzte, zu 40 Jahren gealtert, so daß Niemand den Leichnam des blühenden Mäd- chens mehr erkennen wolle, diese holden Züge, welche noch vor so kurzer Zeit der Stolz ihrer Eltern und die Bewunderung aller jungen Männer der Umge- gend waren. Sie ruht neben meiner Schlafstube, gute Julie, nur durch eine Bretterwand von mir geschieden. Vier Schritte von ihr steht der Tisch an dem ich Dir schreibe. Das ist die Welt! Leben und Tod, Freude und Kummer reichen sich überall die Hand. Kenmare den 27 sten. Um 6 Uhr war ich munter, und um 7 Uhr in dem herrlichen Park des C .. l W…, Bruder des Lords B...., welcher Familie die ganze Umgegend der Bayen von Bantry und Glengariff, vielleicht des schönsten Punktes in ganz Irland, gehört. Der Umfang dieser Besitzungen ist fürstlich, wiewohl in pekuniairer Hinsicht nicht so bedeutend, da der größte Theil des Terrains aus Felsen und unbebautem Ge- bürge besteht, das seine Renten nur in romantischen Schönheiten und prachtvollen Aussichten bezahlt. Mr. W…’s Park ist gewiß eine der gelungensten Schöpfungen dieser Art, und hat seiner Ausdauer und seinem guten Geschmack allein sein Dasein zu verdanken. Freilich konnte er auch nirgends einen dankbareren Erdfleck für sein Wirken auffinden, aber selten geschieht es, daß Kunst und Natur sich so vollständig die Hand bieten. Es sey genug, zu sa- gen, daß die erste sich nur durch die vollständigste Harmonie bemerklich macht, übrigens in der Natur ganz aufgegangen zu seyn scheint; — daher kein Baum noch Busch mehr wie absichtlich hingepflanzt sich zeigt; die Aussichten nur nach und nach, mit weiser Oekonomie benutzt, sich wie nothwendig dar- bieten; jeder Weg so geführt ist, daß er gar keine andre Richtung, ohne Zwang, nehmen zu können scheint; der herrlichste Effect von Wald und Pflan- zungen durch geschickte Behandlung, durch Contrasti- ren der Massen, durch Abhauen einiger, Lichten an- drer, Aufputzen, oder Niedrighalten der Aeste, er- langt worden ist — so daß der Blick bald tief in das Walddunkel hinein, bald unter, bald über den Zweigen hingezogen, und jede mȯgliche Varietȧt im Gebiet des Schönen hervorgebracht wird, ohne doch irgend wo diese Schönheit nackt vorzulegen, sondern immer verschleiert genug, um der Einbildungskraft ihren nöthigen Spielraum zu lassen; — denn ein vollkommner Park, oder mit andern Worten: eine durch Kunst idealisirte Gegend, soll gleich einem gu- ten Buche, wenigstens eben soviel neue Gedanken und Gefühle erwecken , als es ausspricht. Das Wohnhaus, durch einzelne Bäume und Grup- pen malerisch unterbrochen, und nicht eher sichtbar, als bis man eine ihm gegenüber liegende Anhöhe er- reicht, wo es auf einmal aus den Waldmassen, mit Epheu, wilden Wein und Rosen überrankt, hervor- bricht — ist ebenfalls von dem Besitzer nach eignen Plänen erbaut. Es ist weniger im gothischen, als in einem alterthümlichpittoresken, eigenthümlichen Style aufgeführt, den ein feiner Takt sich ganz der Gegend gemäß ausdachte. Auch die Ausführung ist vortrefflich, denn es ahmt wahres Alterthum täu- schend nach. Die Zierathen sind so sparsam und pas- send angebracht, das Ganze so wohnlich und zweck- mäßig gehalten, und dem, scheinbar ȧltesten Theile, das Ansehn von Vernachlässigung und Unbewohnt- heit so gut gegeben — daß ich wenigstens vollkom- men der Absicht des Erbauers entsprach, indem ich die Gebäude, für jetzt erst wieder bewohnbar ge- machte, und, soweit als es unsere Gewohnheiten ver- langen, modernisirte Ueberreste einer alten Abtey an- sah. Die Rückseite des Wohnhauses nehmen Pflan- zenhäuser, und ein höchst nett gehaltner, umschlosse- ner Blumengarten ein, die beide mit den Zimmern zusammenhängen, so daß man fortwährend unter Blumen, tropischen Gewächsen und reifenden Früch- ten lebt, ohne deshalb das Haus verlassen zu dür- fen. Auch das Clima ist das günstigste, was man sich für Vegetation wünschen kann; feucht und so warm daß nicht nur, wie in England, Azalien, Rhododendron und alle Sorten Immergrün, son- dern selbst Camelien, in einer vortheilhaften Lage, hier im Freien durchgewintert werden können. Da- turen, Granaten, Magnolien, Lyriodendron ꝛc. er- reichen die größte Schönheit, und die letztern drei werden nie bedeckt. Die Gegend bietet große Ferne, außerordentliche Varietȧt , und dennoch ein am Ho- rizont von Bergcolossen wohlgeschlossenes Ganze dar. Die Bayen von Bantry und Glengariff zeigen ein Meer im Kleinen, dessen Küsten, sich durch und übereinander schiebend, die Leere des großen Oceans nie erblicken lassen; landeinwärts aber scheint das wogende Gebürge fast ohne Ende. Die kleinere Bay von Glengariff, welche sich vor dem Wohnhause aus- breitet, hat 9 Meilen, die andere 50 im Umfang. Unter den dem Park grade gegenüber liegenden Bergen, ragt wieder ein Zuckerhut hervor, und an seinem Fuß ersteckt sich ein schmales Vorgebürge bis mitten in die Bay, wo ein verlassenes Fort malerisch seine Spitze bezeichnet. Der Park selbst nimmt die ganze eine Seite der Bay ein, und begränzt an seinem schmalen Ende die von Bautry, wo das Schloß des Lord B.. am jenseitigen Ufer den Hauptaussichts- punkt bildet. Nur zur Hälfte vollendet und be- pflanzt, ist die ganze Anlage überhaupt erst seit 40 Jahren aus dem Nichts hervorgerufen worden. Ein solches Wirken verdient auch seine Kronen, und der würdige Mann, der mit nur geringen Mitteln, aber großem Talent, und gleich großer Ausdauer, es schuf, sollte den irländischen Grundbesitzern, die ihre Schätze im Ausland vergeuden, als ein hoch zu ehrendes Muster aufgestellt werden! Auch hörte ich mit wahrer Genugthuung, daß, auf seinen und Lord B…s Domainen, Partheyhaß unbekannt ist. Beide sind Protestanten , alle ihre Unterthanen, oder tenants, Catholiken, demohngeachtet ist die freiwillig anerkannte Autorität der Herren über sie grenzenlos, ja Mr. W. lebt wie ein Patriarch unter ihnen, wie ich von den gemeinen Leuten selbst er- fuhr, und schlichtet alle ihre Streitigkeiten, ohne daß Rechtsverdrehern ein Heller in diesen abgeschiedenen Bergen zugewendet zu werden braucht. Daß ich wünschen mußte, einen so braven Mann kennen zu lernen, magst Du voraussetzen. Es war daher eine wahre Gunst des Schicksals, daß ich ihm, seine Arbeiter inspicirend, im Parke begegnete. Unser Gespräch nahm bald eine interessante, für mich höchst lehrreiche Wendung. Eine Einladung, mit ihm und seiner Familie zu frühstücken, schlug ich nicht ab, und fand in seiner Gemahlin eine flüchtige Bekannte aus dem Londner Trouble. Sie nahm das unerwartete Wiedersehen herzlich auf und präsentirte mir zwei Töchter von 18 und 17 Jahren, die noch nicht „brought out“ waren, denn wie ich Dir schon neu- lich schrieb, während man in England die Pferde ( sans comparaison ) zu früh ausbringt, nämlich im zweiten Jahr schon Wette laufen läßt, müssen die armen Mȧdchen fast alt werden, ehe man ihnen das Gängelband löst, um sie in die böse Welt zu lan- ç iren. Die Familie erschöpfte alle Artigkeit und Freund- schaft an mir, und da mich die Damen so leiden- schaftlich für schöne Natur eingenommen sahen, baten sie mich dringend, einige Tage hier zu bleiben, um so manche Merkwürdigkeit, namentlich den berühmten Wasserfall und Aussicht von Hungryhill, mit ihnen zu besuchen. Es war mir unmöglich, jetzt mich län- ger aufzuhalten, da ich mich bei H. O’ Connel ange- sagt, gewiß aber werde ich auf meiner Weiterreise nach Cork von einer so lieben Einladung Gebrauch machen, denn solche Gesellschaft gehört nicht zu de- nen, die ich scheue. Ich begnügte mich also, vor der Hand, mit der ganzen Familie eine lange Spazierfahrt zu machen, erst der Bay entlang, um eine Generalansicht des Parks und Schlosses zu gewinnen, dann nach einem Waldrevier, in der Direktion meines Rückwegs gele- gen, wo Lord B. eine shooting lodge (Jagdhaus) besitzt. Dies ist eine Gegend wie für einen Roman erfunden! Was die abgeschiedenste Einsamkeit, die schönste Vegetation, das frischeste Wiesengrün, von Bergen und Felsen umschlossen, Thäler, an deren Seiten sich zuweilen, 1000 Fuß hohe, steile Wände erheben, dick bewaldete Schluchten, ein über Felsen- blöcke rauschender Fluß mit malerischen Brücken von Aesten und Stämmen, Sonndurchglänzte Haine, in denen die kühlen Wellen Tausende von Waldblumen mit ihrer stets klaren Fluth erfrischen, zutraulich ge- wöhntes Wild, horstende Adler, und buntgefiederte Singvögel — alles durch die süßeste Heimlichkeit dem Dichterherzen lieb gemacht — was solche Elemente bieten mögen, ist hier in reichem Maße vereint, um mit einer gleichgestimmten Seele alle Glückseligkeit genießen zu können, der diese Erde fähig ist. Mit wehmüthigem Schmerz verließ ich diese reizende Phan- tasie unsrer lieben Mutter Erde, und riß mich nur mit Mühe los, als wir am ländlichen Thore anka- men, wo Führer und Pony schon meiner harrten. So wie ich Abschied von den neuen Freunden ge- nommen, und dem lieblichen Thale den Rücken ge- kehrt, umzog sich auch der Himmel und nahm, bei dem Eintritt in das schauerliche Steinreich, das ich Dir gestern beschrieb, die Farbe an, die zu meiner Stimmung, wie zur Umgebung, am besten paßte. Ich wünschte, noch des langsamen Reitens vom vori- gen Tage her überdrüßig, zu gehen, als ich aber, der Nȧsse wegen, meine hohen Ueberschuhe verlangte, fand es sich, daß der Führer einen derselben verloren, ein häusliches Unglück, das wichtig genug für mich war, um es hier zu erwähnen, denn, wie man zu sagen pflegt: „ohne Bacchus friert Venus,“ so wird auch eine romantische Gegend weit besser mit trockenen Füßen als mit nassen genossen. Ich beschloß daher den Mann zurückzuschicken, um, wo möglich, wenig- stens für die nächsten Tage, meiner trauernden Gal- losche ihre so lange treue Gefährtin wiederzuschaffen, für heute aber den ganzen Weg, durch dick und dünn, zu Fuß zurückzulegen. Es fing sanft an zu regnen, ein Berg nach dem andern verschleierte sich, und ich wanderte melancho- lisch, sehnsüchtig nach dem verlornen Paradies , den Regionen zu, wo die Erde, gleich einem Gerippe, nur ihre Knochen erblicken läßt. Unterdessen ward der Regen immer stärker, und einzelne Windstöße verkündeten bald ein ernstliches Unwetter. Ich hatte den hohen Berg zu erklimmen, der inmitten der er- sten Wegehälfte von hier aus liegt, und schon kamen mir Ströme Wassers entgegen, die gleich kleinen Cas- kaden, in allen Bergfurchen herabschossen. Da ich den Luxus so badeartiger Durchnässu̇ng im Freien, selten genieße, so wadete ich, mit wahrem Wohlbehagen, in dem flüssigen Element umher, mich gewissermaßen in das Seelenvergnügen einer Ente versetzend. Der Be- weglichkeit meiner Phantasie ist, wie Du weißt, nichts der Art unmöglich; wie aber das Wetter immer fin- sterer und wilder ward, nahm auch meine Stimmung allmählig einen immer unheimlicheren, ja ich möchte fast sagen, höhnischen, modern diabolischen Charak- ter an. Der Aberglaube der Berge umfing mich, ich konnte ihm nicht länger widerstehen, dachte fortan nur an Rübezahl, den böhmischen Jäger, die Fairie’s und den Bösen, an Beschwörungsformeln und Er- scheinungen, so daß mir immer gespenstiger zu Muth ward, und ich mich zuletzt lautdenkend ausrufen hörte: Warum sollte mir der Teufel nicht eben so gut als andern ehrlichen Leuten erscheinen können? Mit die- sen Worten war ich auf der höchsten Spitze des stei- len Berges angekommen. Das Unwetter hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht, der Sturm heulte fürchterlich, Wasser goß in Fluthen vom Himmel, und der tiefe Felsenkessel, unter mir, erschien, wie hinter schwarzen Vorhängen nur augenblicklich auftauchend, dann wieder verschwindend in den rollenden Nebeln und der einbrechenden Dämmerung. Da fiel mir jene Beschwörungsformel ein, nach welcher, wenn man sich dreimal laut lachend in einer Kirche um Mitternacht selbst gerufen, eine Erscheinung verheißen wird, die Niemand auszuhalten im Stande seyn soll. Was in einer Kirche um Mitternacht statt findet, dachte ich, mag hier im Aufruhr der Elemente, in der Briefe eines Verstorbenen. I. 21 schauerlichen Felsschlucht, bei eintretender Nacht auch geschehen können; — und so, mich fest gegen den Sturm stemmend, den Regenschirm, den ich bisher nur als Stock gebraucht, wie einen Mantel über den Kopf ziehend, und starr in den tiefen Bergkessel herabschauend rief ich, von Gespensterschauern ergrif- fen, der Vorschrift gemäß, mit fremder laut schrillen- der Stimme meinen vollen Namen: Jeder braucht hier nur seinen eigenen Namen, wenn er den Versuch zu machen wünscht, einzuschalten. A. d. H. . . . . . . . . . . . . . . . Dann wie verwundert: Wer ruft mich? — Dumpfes halbersticktes Gelächter. — Lauter meinen Namen von Neuem: . . . . . . . . . . . . . . . Erschüttert: Wer ruft mich? — Wildes Lachen. — Mit donnernder Stimme meinen Namen zum dritten- mal: . . . . . . . . . . . . . . . Voll Grausen: Wer ruft mich? — Augenblickliche Stille — dann ein leises, doch helles und triumphirendes Lachen, wel- ches das Echo spottend wiederholt. Soweit hatte ich die Comödie allein gespielt — aber jedesmal wenn ich selbst: Wer ruft mich? rief — schien es, als wenn von außen her, schwache Blitze den Kessel unter mir durchzuckten, was ich mir nur durch die Windstöße erklären konnte, die der seidnen Decke des Regenschirms, welche ich des Sturms we- gen nahe am Gesicht festhalten mußte, eine zitternde Bewegung gaben, und so eine blitzähnliche Wirkung auf das Auge hervorbrachten. Als aber das letzte Lachen kaum verschollen war — schlug sich plötzlich das Dach des Regenschirmes um, was mich selbst bei- nahe umwarf, und ganz der Empfindung glich, als ergriffe mich von hinten eine übermächtige Riesen- faust — es war freilich, ohne Zweifel, nur ein jäh- linger Windstoß — ich drehte mich indeß nach dem ersten Schreck doch langsam um . . . . und sah . . . . nichts, in der That! — Aber wie? regt sich dort nicht etwas um die Ecke? — beim Himmel, das ist . . . . mein Erstaunen war wahrlich nicht gering, als ich jetzt in der Entfernung von zwanzig Schritten, so weit als ich nothdürftig in Dunkelheit und Regen noch unterscheiden konnte, eine vom Kopf bis zum Fuß schwarz verhüllte Gestalt, mit einer Schar- lachmütze auf dem Kopfe, nachläßig, und — ich täuschte mich nicht — hinkend, auf mich zukommen sah . . . . . Nun liebe Julie, est ce le diable ou moi, qui ecrira la reste ? — oder glaubst Du wohl gar, ich amüsire mich, Dir ein Mȧhrchen zu erzählen? point du tout — Dichtung und Wahrheit ist meine Devise. Aber meinen Brief wenigstens hier zu schließen, ist billig. Ich darf hoffen, daß der nächste nicht ganz ohne Ungeduld erwartet werden wird. Also bis da- hin — adieu . Ganz Dein L ..... Ende des ersten Theils. Wegweiser für Freunde der Geschichte und der schoͤnen Literatur . In den Jahren 1829 und 1830 sind umstehende Werke erschienen, welche nicht allein zu den Aus- gezeichnetsten der deutschen Literatur gehören und darum von jedem Gebildeten gekannt zu seyn ver- dienen, sondern sich auch durch äußere schöne Aus- stattung zu Weihnachts-, Geburtstags- und son- stigen Geschenken vorzüglich eignen. Vergißmeinnicht . Taschenbuch fuͤr das Jahr 1830. Herausgegeben von C. Spindler. Mit sieben Stahlplatten. Inhalt : Drei Sonntage. Aus den Papieren eines Kuͤnstlers. Der Hof zu Castellaun. Schlafrock und Wachmantel. Der Roman eines Abends. Vergißmeinnicht oder das nie gesehene Bild. Elegant gebunden, mit Goldschnitt. Des Herausgebers großes und originelles Talent hat nicht nur in Deutschland, sondern auch in Frankreich und Holland schnell die Aufmerksamkeit und einstimmige Bewunderung der Kenner wie des großen Publikums auf sich gezogen. Diese Fülle, dieser Reichthum, dieses Anschwellen, die steigende Bedeutsamkeit der Begebenheiten, die Frische und Wirklichkeit des Lebens, die in den Spindler’schen Dichtungen wehen, ist in der deutschen Unterhal- tungsliteratur noch nicht da gewesen. Die Leser des Vergißmeinnichts werden in diesem en- gern reizenden Rahmen das große Talent, die ganze Fülle Spindlers wieder finden, die seine frü- here Dichtungen so hoch stellen. Die sieben flei- ßig und höchst sauber ausgeführten Stahlstiche von Fleischmann: Titians, Raphaels und By- rons Geliebte und noch vier andere Compositio- nen, auf welchen unter andern auch Göthe und Napoleon porträtirt sind, können gegen die ge- wöhnlichen Almanachskupfer wahre Kunstwerke ge- nannt werden. Die geschichtlichen Fresken in den Arkaden des Hofgartens zu Muͤnchen . Von Joseph Freiherrn von Hormayr. 8. elegant broschirt. Mit dem Bildnisse König Ludwigs von Bayern. Der Meister historischer Darstellung, Johannes von Müllers würdiger Nachfolger, entfaltet in die- sem Werk reicher als je seine tiefe Kenntniß des Ge- schehenen, seinen Scharfblick in die Ursachen und Folgen der Begebenheiten und seine Gabe getreuer Darstellung. Bayern insbesondere, aber auch das ganze deut- sche Vaterland muß den größten Antheil an diesem Werk nehmen, welches die Fresken im Bazar zu München, das redende Zeugniß und bleibende Denk- mal von König Ludwigs hohem Streben in ih- rer ganzen Bedeutung klar macht. Der Staats- mann , der Politiker , der Geschichtsfor- scher so wie der schlichte verständige Bürgers- mann , sie alle finden in diesem Werke reiche Nah- rung für ihren Geist, darum dürften diese Arka- denbilder schwerlich irgend ein ächt deutsches Herz ungerührt lassen — um so weniger, je mehr ja der Zufall sie gerade jetzt zeitgemäß macht. Die Weissagung der Libussa . Historisches Gemaͤlde aus dem neunten Jahrhundert von Ludwig Bechstein. 2 Bände, elegant broschirt. Mit diesem Werke tritt ein als lyrischer Dichter rühmlichst bekannter junger Mann in die Laufbahn, die schon so viele und unter diesen doch nur einige mit Glück betreten haben, die des historischen Ro- mandichters. Wir empfehlen dem Publikum dieses durch frische, lebendige Phantasie, treue Darstel- lung der Geschichte und sichere kunstfertige Zeich- nung der Charaktere sich auszeichnende Werk. Aus einer bewegten Zeit, deren Verhältnisse in großen Massen gegen einander wogten, nimmt er seinen Stoff aus einem Lande, dessen Originalität sich als eine der schwersten in diesem Werke des poe- tischen Genius und der besonnenen Kunst darstellt. Wer Geschichte und Sagenwelt studiren will, fin- det hier eine reiche Quelle, wer sich mit erhebender Lectüre für die Unbilder des Geschäftslebens zu ent- schädigen sucht, wird hier sich befriedigen können. Der Lyriker bewegt sich in der neuen Form eben so gewandt, als in der länger vertrauten. Gewiß wird kein Leser das Werk ohne eine nicht blos au- genblickliche, sondern auch in der Erinnerung noch angenehme Befriedigung aus der Hand legen. Blaͤtter der Liebe . Von Anastasius Gruͤn. 8. Elegant broschirt. Der aus der Spindler’schen Damenzeitung be- kannte Dichter Anastasius Grün erfreut unter die- sem Titel das Publikum mit einer Reihe seiner Gesänge. Eine feurige, lebensvolle Phantasie, ein scharfes und richtiges Kunstgefühl erheben diese Kinder der lyrischen Muse weit über die mittel- mäßigen Producte, mit denen wir nicht selten be- lästigt wurden. Jeder Leser wird sich durch diese schöne Gabe erfreut, erwärmt und erfrischt fühlen. Der letzte Ritter. Ein Romanzen-Cyclus von Anastasius Gruͤn. 4. eleg. broschirt. Wie aus den einzelnen Liedern des Verfassers der Frühlingshauch des Talentes uns anweht, so entfalten sich in diesem Romanzen-Cyclus ein wun- derbar reicher Geist und die glühendste Phantasie in ihrer vollsten Kraft, und wenn man die obenge- nannte Sammlung einen Blumengarten nennt, so kann dieß Werk einer schönen Gegend mit Blüthen- bäumen und frischen Laubwäldern und grünenden Wiesen und fruchtbaren Saatfeldern im Schein der Morgensonne verglichen werden. Deutschland oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deut- schen. Vier Bände gr. 8. Große Unbefangenheit, wichtige Beobachtungs- gabe, strenge Wahrheitsliebe und gesundes Ur- theil sind die Hauptvorzüge, wodurch sich dieses Werk als Reisebeschreibung auszeichnet. Dabei ver- bindet der Verfasser mit der Erfahrung des gereif- ten Alters, die ihn überall treffende Reflexionen einmischen läßt, jugendliche Begeisterung für die Schönheiten der Natur, und weiß durch seinen köst- lichen Humor dem Ganzen eine Würze zu geben, welche die Aufmerksamkeit des Lesers durchaus in angenehmer Spannung erhȧlt . Auch ist es ihm gelungen, das Volksleben in seinen verschiedenen Nüancen richtig aufzufassen und darzustellen, und zugleich vieles Beachtungswerthe für den Spxach- forscher beizubringen, und wir haben die Stim- men achtbarer Gelehrten in öffentlichen Blättern niedergelegt für uns, wenn wir dem Verfas- ser Genialität zusprechen, um sein Werk als einzig in seiner Art jedem Gebildeten, der sein Land nicht nur nach Seelenzahl und Quad- ratmeilen, sondern nach Intelligenz und Volks- thum kennen lernen will, zu empfehlen. Denkwuͤrdigkeiten aus dem Tagebuche eines Hoflakaien . Bruchstuͤcke aus seinem Tagebuche herausgegeben von O. L. B. Wolff. 2 Bde. gr. 12. eleg. broschirt. In einer höchst originellen und anziehenden Form wird uns hier eine bunte Reihe ernster und heite- rer Bilder in eigenthümlichem Zusammenhang vor- übergeführt. Der talentvolle Verfasser hat sich viel- leicht im Fach der Erzählung nie so glänzend be- währt als gerade in diesem ausgezeichneten Werk, und die Lesewelt wird sich mit dem geistreichen Kritiker Menzel , der in seinem Literaturblatte den Verfasser zu den ausgezeichnetsten deutschen Erzählern rechnet, auf’s Neue von der Wahrheit dieses Ausspruches überzeugt fühlen. Scherben . Novellen und Erzaͤhlungen mit einer lyrischen und dramatischen Zugabe. Von O. L. B. Wolff. 2 Bde. gr. 12. eleg. broschirt. Diese Sammlung von Erzählungen sind theil- weise dem Publikum schon durch Zeitschriften be- kannt, in welchen sie mit dem lebhaftesten Inter- esse mehr verschlungen als gelesen wurden; doch reiht der geniale Verfasser über die Hälfte neuere Erzählungen, die bis jetzt noch ungedruckt waren, dieser Sammlung an, welche daher doppelt will- kommen seyn werden, da sich das Ganze durch lebendige und anmuthige Schilderungen, durch glänzende Farben, verbunden mit fester und siche- rer Zeichnung, die das Interesse der dargestellten Begebenheiten immer festhalten, auszeichnet und den Kreis von Wolffs Verehrern immer größer machen wird. Der Jude . Deutsches Sittengemaͤlde aus der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts von C. Spindler. 3 Bde. Zweite Auflage, geheftet. Hohes Interesse einer weit verzweigten Hand- lung, Originalität in der Ausführung — eine um- fassende treue Schilderung des mittelalterlichen Lebens und Seyns, wie des Judenthums je- ner Zeit, überraschende Situationen und Charak- tere, Sprache und Zugehör sind so wahr und le- bendig geschildert, daß mit Recht dieser Roman den Besten unseres Volkes an die Seite gesetzt wer- den darf, wofür auch die in Zeit von 18 Monaten nöthig gewordene zweite Auflage den sichersten Beweis liefert. Die deutsche Literatur Von Dr. Wolfgang Menzel. 2 Bände, elegant geheftet. Dieses Werk enthält eine ausführliche Schilde- rung von dem gegenwärtigen Zustand der deut- schen Literatur, in ihrem ganzen Umfang und Zu- sammenhang. In den ersten Abschnitten behandelt der Verfasser das Allgemeine der Literatur, ihre materielle Masse, ihren deutschen National- charakter, der sie von der Literatur anderer Völker unterscheidet, den Einfluß, den sie von der alten Schulgelehrsamkeit und von der fremden Literatur empfangen hat und alles, was zum li- terarischen Verkehr gehört, als Druck, Buchhandel, Nachdruck, Schriftstellerhandwerk, Censur ꝛc. Sodann werden die einzelnen Fächer der Litera- tur der Reihe nach durchgegangen, und der Ver- fasser giebt eine charakterisirende Uebersicht über die geschichtliche Entwicklung, Tendenz und Parteiung in einer jeden. Im ersten Bande werden die Theologie , und alles, was ins Gebiet der Re- ligion einschlägt, die Philosophie , die Philo- logie , die historischen Wissenschaften und die Erziehung , im zweiten Bande die Natur- wissenschaften, Kunst, Poesie und Kritik abgehandelt. In einem großen Ueberblick wird die ganze Literatur als ein Spiegel des geistigen Le- bens, der jetzt herrschenden Bildung, ihre Ent- wicklung, Richtung und Parteiung dargestellt. Noch ist kein Werk erschienen, welches die neue Literatur in diesem Zusammenhang überblickt, und ihren Charakter so stark bezeichnet hätte. Zugleich dürfte die Freimüthigkeit, mit welcher der Verfas- ser sich ausspricht, und die Unparteilichkeit, womit er die einander entgegengesetzten Parteien in allen literarischen Gebieten beurtheilt, zu einer seltenen Erscheinung in unserer Zeit gehören. Taschenbuch für die vaterlaͤndische Geschichte . Herausgegeben von Freiherrn von Hormayr. Neue Folge. Erster Jahrgang. 1830 . Mit Kupfern und Karten. Das Ebenbild König Ludwigs von Bayern , des Lorenzo von Medicis unserer Tage, ist den Lesern dieses Taschenbuches gewiß ein willkomme- nes Geschenk, als das Bildniß des Fürsten, dem die nationale Wissenschaft und Kunst binnen der seit dem ritterlichen Kaiser Max verflossenen drei Jahrhunderte am meisten schuldig ist, der mit sei- nem gerechten und beharrlichen Herrscherwillen, mit der reichen Fülle seines Wissens, mit seinem Seelenadel und Geschmack, und mit der unwider- stehlichen Kraft des eigenen, begeisterten Liedes so mächtig auf sein Volk und seine Zeit wirkt. Ebensowenig bedarf das Bildniß Eduards von Schenk , königlich bayerischen Staatsministers, einer Erläuterung oder Nachhilfe. Ihn kennt zur Genüge, was in Deutschland auf Bildung Anspruch macht. Sein Belisar, seine herrlichen Sonette, sichern ihm eine bleibende Stelle im deutschen Dich- terhain. Zwei schöne Balladen, die er diesem Ta- schenbuche freundlich verhieß, werden aus Zeitman- gel und Geschäftsdrang, erst den nächstfolgenden Jahrgang zieren. Der kühne Marschall von Pappenheim , und der durch seine Gaben und durch seinen überraschen- den Glückeswechsel gleichberühmte Fürst Lobko- witz , finden ihre Schilderung im Taschenbuche selbst. Der Graf Christian Clam-Gallas in Prag , Großkreuz des königlich sächsischen Ci- vilverdienst-Ordens und Commandeur des österrei- chisch kaiserlichen Leopold-Ordens, ist als Men- schenfreund, wie als rastloser und großmüthiger Kunstfreund, in und außer den Landmarken des klang- und erfindungsreichen Böhmens bekannt und geehrt genug. Der Jesuit . Sitten- und Charakter-Gemaͤlde aus den ersten Jahren des achtzehnten Jahrhunderts. Von C. Spindler. 3 Bände, elegant broschirt. Was Schiller in der dramatischen Poesie uns Deutschen ist, das soll — nach dem Urtheile eines geistreichen Rezensenten in den Blȧttern für lite- rarische Unterhaltung — uns Spindler in der Romanenliteratur werden! — „Wie sehr dieser ausgezeichnet originelle Dichter den hohen Ruf, den er sich in so kurzer Zeit errungen, verdient, da- von wird das oben angezeigte Werk einen neuen Beweis liefern. — In einer so vielbewegten Zeit, wo der Jesuitenorden eine so traurig berühmte Rolle spielt, mag es doppelt anziehend seyn, ein mit Meisterhand entworfenes Gemälde aus dem achtzehnten Jahrhundert vor unseren Augen aufgerollt zu sehen, in welchem Charaktere, Sit- ten und Oertlichkeit mit derselben Virtuosität , ja wir möchten sagen, noch vollkommener geschil- dert sind, als es der Dichter in seinem früheren Sittengemälde „ der Jude “ gethan hat. Kettenglieder. Gesammelte Erzaͤhlungen . Von C. Spindler. 3 Bände. Elegant broschirt. Der Verfasser des „Bastards,“ des „Juden,“ des „Jesuiten“ u. s. w. giebt hier eine Sammlung sei- ner zerstreuten Erzählungen. Wer ihn aus seinen größeren Dichtungen kennt und liebgewonnen hat, wird in dieser theils ernsten, theils heitern Samm- lung, jenes reiche Leben, jene treffliche Charakter- zeichnung der Zeit und der Personen, die seine größeren Werke zu den trefflichsten Erzeugnissen unserer Literatur stellen, wieder finden, und ihn auch in dieser neuen Sphȧre seines Talents als ei- nen Liebling der Lesewelt begrüßen. Der Patriot. Komischer Roman von Friedrich Seybold. gr. 12. elegant broschirt. Dieser Roman steht in unserer neuesten Litera- tur einzig in seiner Art da, denn noch hat kein Dichter die Verkehrtheiten und die Nichtig- keit unserer neuesten Zeit mit so tiefer Ironie, mit solch treffender Komik aufzufassen gewußt, wie Seybold es im Patrioten versuchte. Der Verfasser weiß das Leben, wie es ist, und nament- lich wie es in Deutschland ist, auf eine solche le- bendige und ergötzliche Weise darzustellen, daß wir, ohne zuviel zu sagen, diesem Patrioten im Fache des Romans kühn den Platz anweisen dür- fen, den Kotzebues unübertreffliche Kleinstäd- ter im Reiche des Lustspiels einn hmen. Wir la- den Alle, die traurigen Gemüthes sind, zu dessen Lectüre ein, sie werden es uns Dank wissen, ih- nen einen heitern Abend dadurch verschafft zu haben. Moosrosen . Erzaͤhlungen und Novellen von C. Spindler. 3 Bde. 8. Elegant broschirt. Jelaͤnger, je lieber . Erzaͤhlungen und Novellen von C. Spindler. 3 Bde. 8. elegant broschirt. Für diese beiden Sammlungen von Erzählun- gen spricht der Name des Herausgebers, C. Spind- ler, daher kein Wort weiter zu deren Empfehlung. Druck und Verlag von F. G. Franckh in Muͤnchen.