Lebenslaͤufe nach Aufsteigender Linie nebst Beylagen A, B, C. Meines Lebenslaufs Dritter Theil . Erster Band. Berlin 1781 , bey Christian Friedrich Voß und Sohn. W ir sprachen kein lebendiges Wort, als ob’s todte gebe? nach der Weise von todten und lebendigen Sprachen? Wenn man lebendige Worte thaͤtige mit Handlungen ver- bundene nennen wolte; wuͤrden freylich auch todte Worte seyn. O dem Todten! Gott eh- re mir Leute, die Hand und Mund zugleich bewegen, pflegte mein Vater zu sagen. Frey- lich deutete er diesen Ausspruch auf Guͤte des Herzens und Mildthaͤtigkeit; allein er ehrte auch das Symbol, und hatte die Gewohnheit, die Hand mitsprechen zu laßen — Seufzer, halberdruͤckte Achs, nennt nicht todte Worte, ihr Wortkraͤmer! denn die gelten mir mehr, als eure Klagelieder und Condolenzen. Wenn es auf Achs kommt, laͤst der Geist den verstummten Leib ab, drengt sich vor, vertritt ihn, und laͤßt sich allein hoͤren. Es giebt unaussprechliche Achs! — Abba, mein Vater! — die Cartheuserparole: bedenke das Ende! war gewoͤhnlich unsere ganze Unterhal- A 2 tung tung. Gretchen und ich hatten das meiste ein- gebuͤßet; war es Wunder, daß unser Schmerz zuweilen bis aufs memento mori die Sprache verlohr? daß der Geist das Wort nehmen mußte? In wenigen Tagen sahen wir etwas Gruͤnes auf Minens Grabe das Haupt empor heben, und das war uns so willkommen, als wenn Minens Leib, diese Gottessaat, schon aufgienge. Gretchen kuͤßte dies erste Gruͤn und betaute es mit ihren Thraͤnen. Sie war neidisch auf Thau und Regen, und wolte diese Erstlinge durchaus nur mit Thraͤnen aufer- ziehn. — — Mich hatte die Empfindung beym Anblick dieses ersten Gruͤns gelaͤhmt. Es war mir, als saͤh ich ein Stuͤck von Minen. Am Kopfende schoß dieses erste Gruͤn hervor. Den Noah konnte der Oehlzweig so nicht entzuͤcken, als uns dieser Aufschlag aus einem Gebeinhause. Entweder war der gute Prediger so voll von seiner Abhandlung, oder er legt’ es geflißent- lich dazu an, mich zu zerstreuen; denn eh ichs mich versah, lies sich der Schriftsteller hoͤren. Ja wohl, er lies sich hoͤren. Vor dem Begraͤbnis war dem guten Pre- diger selbst Minens Andenken, eben so wie uns, Ein und Alles. Nach der Beerdigung trat er zwar auch die meiste Zeit unsern Empfin- dun- dungen bey; indessen konnt er zuweilen nicht umhin, eine Stoͤhrung zu machen, wenn wir uns Minens lezte Lebenstage ins Herz hineinmahl- ten, einbildhauten. Da galt es denn den Stuhl, auf dem Mine am liebsten gesessen, jeden Ort, wo sie an mich gedacht, wo sie voll Hofnung mich zu sprechen gewesen — wo ihr diese Hofnung den Dienst aufgesagt, wo sie diese Schwaͤche empfunden, mit dem rechten Arm ih- ren Kopf gestuͤtzt, und sich Gott ergeben, wo — Eben oͤfneten mir diese Erinnerungen Thuͤr und Thor. — Nur Ein Wort, nur ein Sterbenswort von Minen, fieng ich an, wie gluͤcklich haͤtt es mich gemacht! und der Prediger„ was den Druck betrift „Er that, als ob es eine Antwort auf unser Seelenringen waͤre„ was den Druck betrift; er sey nicht kostbar; allein rein, so wie jeder Anzug. Ei- ne gute Waͤsche ist bei mir mehr, als Gold und Silberbesatz. In dem Stuͤck bin ich sehr fuͤr die Englaͤnder und Hollaͤnder. Fast scheint es, saubre Waͤsche und gut Papier waͤren nicht so weit aus einander. Beyde Rationen, saubre Waͤsche und sauber Papier. Ist das Papier gut, ist viel gut„ Dergleichen Eingriffe waren was gewoͤhn- liches, und damit meine Leser den Hauptein- A 3 grif grif uͤberstehen und einmal wißen, woran sie sind: Der Eingang des Werks war ein Suͤn- denverzeichnis von Saul und David. Dieser raubte dem Urias das Leben, weil er eine schoͤ- ne Frau hatte; jener war gegen die Feinde Israels mehr schonend, als er sollte. Heut zu Tage wuͤrde man sagen, er war menschli- cher — und Saul empfand den Bind- David den Loͤseschluͤssel — Meine Leser werden den Uebergang zum Thema ohne meine Handleitung finden. Die Suͤnde in oder wider den heiligen Geist ward wie gewoͤhnlich in der Art behandelt, daß der erste Theil die unrechten Begriffe ent- hielt, welche man sich gewoͤhnlich von der Suͤn- de wider den heiligen Geist mache. Unter diesen unrechten Begriffen kamen freylich ei- nige vor, auf die kein Mensch eher, als un- ser guter Schriftsteller, gekommen. Er brachte darauf, weil er recht auf Irrwege studirt hatte. Der zweyte Theil war der rechte Weg, oder eigentlich der, der ihm gefiel. Ueberall auf Weg’ und Abwegen eine Belesenheit, die sich nicht blos auf die russigen Buͤcherschraͤnke der Gegend erstreckte, wie der gute Prediger sagte — sie gieng weiter — Ich wuͤrde zwar (Gott wend es aber in Gnaden ab) nicht die Suͤn- de de quaͤstionis, allein doch eine wuͤrkliche Suͤn- de begehen, wenn ich meinen Lesern von diesem gewiß bewanderten Werke eine weitlaͤuftige Erzaͤhlung auslieferte. So viel ist gewis, daß ich den guten Prediger mit seiner Aus- arbeitung ziemlich zweifelhaft machte, indem ich ihm, in beliebter Kuͤrze und Einfalt, mei- nes Vaters Meynung uͤber diesen heiligen Ge- genstand eroͤfnete, der die Suͤnde wider den heiligen Geist eine Bemuͤhung nannte, das ins Herz geschriebene natuͤrliche Gesetz, die Regel, das goͤttliche Alphabet, auszuloͤschen. Das Kind mit dem Bade ausgießen, sagte der Pre- diger, und legte die drey Finger seiner rechten Hand an seine Stirn und sodann ans Herz, als ob er an beyden Orten anklopfen wollte. Endlich ward ihm aufgethan. Ich wuͤrde, fing er an, meine citationseisenschwer beschla- gene Abhandlung gern Ihrem Herrn Vater auf eine freundschaftliche Bleyfeder uͤbersen- den; allein ich fuͤrchte, daß nach diesen Grund- saͤtzen wenig von diesem gelehrten Stuͤck zuruͤck kommen moͤchte. Ich versicherte den guten Prediger, ohne, wie ich bemerkt, ihm ein Com- pliment zu machen, daß mein Vater keine Bleyfeder haͤtte. A 4 Sel- Selten, pflegt er zu sagen, ist das bestaͤn- dig, was durch ihre Vermittelung an Tages- licht kommt. Schwarze Waͤsch’ und Tafel- gedecke verzeichnete meine liebe Mutter mit der Bleyfeder, wie es sich eignet und gebuͤh- ret. Wenn schwarze Waͤsche (meine Mutter nannte es schwarzes Zeug) und Tafelgedecke wieder durch Waßer und Luft gereiniget wa- ren, weg waren auch die Bleyfederworte. Das mit Bleyfeder beschriebene Papier reibt sich an allem, was ihm nahe kommt, sagte meine Mut- ter, und sehnt sich recht geflißentlich, von einer solchen Unzierde befreyt zu werden, wie ein stol- zes Pferd, von einem schwachen Reiter. Nennt es Bleystift, und nicht Feder — Feder ist zu scha- de, fuhr sie fort. — Da also mein Vater, sagt ich, keine Bleyfeder hat, und schwerlich eine von meiner Mutter leihen wird: so bin ich fest uͤber- zeugt, daß er Ihre Schrift von der Suͤnde wider den heiligen Geist ohne Bleyfeder lesen werde. Vortreflich, sagte der gute Schrift- steller, wollte Gott! es waͤren keine Bleyfe- dern in der Welt, und unsere Kritikaster be- daͤchten: wer die Bleyfeder nimmt, wird durch die Bleyfeder umkommen, richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet. Kommt denn, fragte der Prediger, kommt denn alles bey Ihrem Ihrem lieben Vater ungeschlagen davon, was er hoͤrt und lies’t? Seine Art ist, erwiedert’ ich, ohne Bleyfederstrich, ohne Beziehung auf es sey gehoͤrtes oder gelesenes Wort, ein Wort zu seiner Zeit nicht schriftlich, auch nicht einst muͤndlich, anzubringen, sondern muͤndlich zu verlieren. Zuweilen scheint es, fuhr ich fort, daß das, was er sagt, so paße, wie die Faust aufs Auge; indessen war mir oft ein solch verlohrnes Wort ein Wort des Lebens zum Leben. — Dem Prediger gab das verlohrne Wort Gelegenheit, von der verlohrnen Schild- wache zu reden, und da lies ich ihn sobald nicht los. — Er war ein kleiner Politikus, las die Zeitungen, wußte alle preußische Re- gimenter namentlich und ihre Uniform; das war aber auch alles! An mir fand er einen andern Mann, ich sprach vom großen und kleinen Dienst, und hielt den Ehrenmann fest. Was eine verlohrne Schildwache nicht machen kann! Hier fand mich der Prediger gewiegter, als bey seiner Abhandlung. Er wolte heim; ich war in meinem Element. Endlich jammerte mich sein, ich loͤsete die Schildwache ab. — Anlangend den Druck, fing der Prediger, sobald er Luft hatte, an, und dankte dem A 5 Him- Himmel, daß er aus den Haͤnden des Kriegs- knechts war, der ihm Werbegeld aufdringen wollen, anlangend den Druck, wiederholt’ er, ohne weiter eine Begierde zu aͤussern, die Bleyfeder meines Vaters auszufordern, so sey er nicht kostbar, allein rein. — Ein gutes Wort muß eine gute Staͤte finden. — Der gute Prediger, der sich aus so manchem von mir verlohrnen Wort uͤberzeugt hatte, daß mein Vater mit seiner Abhandlung nicht zu- frieden seyn wuͤrde, gieng ganz betruͤbt von meinem Vater, wie der Juͤngling von Christo, der alles gehalten hatte von seiner Jugend an: denn wahrlich! der Prediger war so wenig entschlossen, seine Noten zu streichen, und den gelehrten Wust, wie dieser Juͤngling sein Haab und Gut, zu verkaufen, und es den Armen Preis zu geben. So wirst du einen Schatz im Himmel haben, sagte Christus zum Juͤng- ling. Wer opfert ihm aber eisenschwere Ge- lehrsamkeit, welche doch Motten und Rost fressen, darnach Diebe graben und sie stehlen! — Vom Kriegsdienst ist vor der Hand zwi- schen uns beyden, nach diesem Ritt, keine Syl- be weiter vorgefallen. Wir fingen nach einer geraumen Zeit sehr regelmaͤßig, weil die Suͤnde wider den heili- gen gen Geist uns darauf gebracht hatte, im Ge- spraͤch von der heiligen Regel an, die man in Ehren halten muͤßte, wenn gleich sonst alles uͤber und uͤber gienge. Alles in der Natur sucht sich an etwas zu halten. Der Verstand an der Regel, die er als Gottes Bild ehret, und wahrlich! sie ist Gottes Bild. Sie ist nicht Buchstab, sie ist Geist von Geist. Meine Mutter wuͤrde sa- gen: Diese Regel streichen, heißt: wider besser Wissen und Gewissen handeln und wandeln. Wehe dem Menschen! durch welchen Aerger- nis wider diesen heiligen Geist kommt, es waͤ- re besser, daß ein Muͤhlstein an seinen Hals gehenkt, und er ersaͤufet wuͤrd im Meer, wo es am tiefsten ist. Dies ist das eigentliche Ver- brechen der beleidigten goͤttlichen Majestaͤt, nicht aber das, was Stadt- Land- und Kay- serrecht so nennt. Wolte Gott! setzt ich hinzu, Ihr Werk wuͤr- de diesem Aergernis steuren und wehren! Man kann nicht wissen, antwortete der Prediger. Was wuͤrd aus uns werden ohne Regel? Da wuͤrd all’ Augenblick einer seinen Zauber- stock aufheben, und das Volk wuͤrd ihm die- nen. Warum uͤberzeugen wir uns jetzt nicht von Zaubereyen? Weil wir der Regel den Bo- Boden ausstoßen wuͤrden, da wuͤrde sie denn liegen in ihren Ruinen. Regeln sind das Salz der Erden, wenn aber das Salz dumm wird, womit will man salzen? Erzaͤhl’ ein Wunder von heut und gestern oder ehegestern, wo findest du Glauben, und warum dieser Unglau- be? Hat denn Treu und Glauben aufgehoͤrt auf Erden? Nicht also, wohlmeinender Zeter- rufer! Die Natur nahm ihren Anfang durch ein Wunder. Wunder genug! Jezt ist alles ohne Sprung. Die Sphaͤrenmusik ist ein einfaches Lied und keine Ode. Es geht na- tuͤrlich zu, heißt: es versteht sich alles von selbst: die allerortodoxesten wundervollsten Geistli- chen selbst, haben den Wundern Ziel und Maas setzen muͤßen. Bis dahin, und weiter nicht, sollten die Ausnahmen von der Regel statt fin- den und die Wundergaben im Schwange ge- hen. — Die alten Propheten sind todt. Die neuern haben kein Creditiv vorzeigen koͤnnen; ob gleich meine Mutter jederzeit uͤber die we- nige Aufmunterung fuͤr die junge Propheten die Achseln zog. Wenn wir keine junge Prophe- ten leiden, werden wir auch keine alten ziehen. Jung gewohnt, setzte sie hinzu, alt gethan. Sie verstand indessen durch einen Prophe- ten, nur einen Superintendenten, der ein paar paar Zoll hoͤher waͤre (im Kunstwort mehr haͤtte) als der regierende Herr in Curland. — Wie kommts aber, daß alles die Ohren spitzt, wenn vom Wunderbaren die Red ist? Das kommt, weil der Verstand steif und fest auf seine Regel haͤlt, und den Feind kennen lernen will, der diese seine Veste einzunehmen drohet. Das kommt, weil der Verstand sein Richteramt beweisen und Urtel und Recht eroͤfnen will, wider den, der die Grenzen zu verletzen drohet. Das kommt auch, wuͤrde meine Mutter sagen, „durch Adams Fall und Missethat.„ Wahrlich! der Mensch ist sehr zum Fall geneigt, wer steht, mag wohl zusehen, daß er nicht falle. Wir naͤhren all eine paradisische Schlange im Busen. Der Mensch hat zuweilen einen schrecklichen Hang zum Aufruhr. — Alles dies, und noch mehr von der nemli- chen Manier, brachte den Prediger nicht wei- ter auf meines Vaters Bleyfeder, wiewohl er noch oͤfter als zuvor an reinen Druck und an weißes Papier dachte. Kostbar sey er nicht, nur rein. — So viel weiß ich, daß ich meine Zeit in L * * nach den akademischen Wuͤnschen gut angewendet habe. Gott segnete auch meine Stu- Studia, Theorie und Praxis! Ich habe viel! viel! an dem Grabe meiner Mine gelernt, wo am Kopfende Gruͤn hervorschoß! Wir werden wiederkommen, rief ich zuweilen aus, und Gretchen faltete die Haͤnde, wir werden wiederkommen gen Zion mit Jauchzen, ewige Freude wird uͤber unserm Haupte seyn, Freu- de und Wonne wird uns ergreifen, und Seuf- zen wird weg muͤßen! Gott wird uns wieder- gebohren werden laßen zu einem unvergaͤngli- chen unbefleckten und unverwelklichen Erbe, das im Himmel ist. Das erste Gruͤn war uns eine Hieroglyphe ihrer Auferstehung. Es kam uns vor, als richtete Mine sich auf, und nie ist das erste Gruͤn so bewillkommt worden, als dieses! — Es kam von Minen! — Sie war handgreif- lich — so kam es uns vor. Wir hatten ih- re Grabeserde so gelockert und bearbeitet, daß sie wie ein Gartenacker aussah. Sie lebt, rief ich eben so entzuͤckt, als wie ich sie fest an mein Herz druͤckte, und ein warmer leben- diger Othem sich aus ihren Lippen drengte. Sie lebt! rief ich, und Gretchen rief auch: Sie lebt! — Wahrlich lieben Leser! dies alles war mehr, als arcadische Gaͤrtnerey. — Es lag ein Sinn in dieser Hieroglyphe. — — — Wenn Wenn man sich acht Tage so auf dem Dach ist, als ich dem guten Prediger, hat man sich weg. — Die Buͤcher sind Lexica nach Be- schaffenheit der Umstaͤnde, Real oder Verbal. Mehr kann ich ihnen nicht zustehen. Mensch lerne dich! Welch ein großes Wort, sagten wir beyde, der Dekanus, der die vorige Nacht Grosvater geworden war, und ich, der ich nicht vielweniger, Student werden sollte. Wahrlich! ein großes Wort! — allein welch ein schweres Wort zugleich! Der Vater lernt sich erst in seinem Sohn kennen. Niemand will in sich hinein: ausser sich herumzuschwei- fen, hat der Mensch eine so eingefleischte Lust, daß er gern unstaͤt und fluͤchtig ist. Sein eig- nes Haus brennt dem Menschen uͤbern Kopf, er fuͤrchtet, in sich herein zu blicken, wie Kin- der, in einem Zimmer allein zu schlafen. Dar- um die Geselligkeit. — Wenn ich an diese guͤldne Regel komme: Mensch lerne dich, bin ich in meiner Heimath. Die Theologen nennen das Selbstverleugnung, was wuͤrk- lich ein großer Theil von Selbstkenntnis ist. Man muß sich absterben, um sich aus den Todten hervorgehen zu sehen, und solch ein Erstandner, das bist du Selbstken- ner! — B Es Es kam zwar in unsern Lektionen der Herr Graf sehr oft und viel vor; indessen dachten wir nicht anders an ihn, als exempli gratia (zum Beyspiel.) Freylich haͤtten wir auch auf einen Besuch, den wir ihm schuldig waren, fallen sollen, und des Predigers Pflicht waͤr’ es vorzuͤglich gewesen, sich und mich daran zu erinnern, da der Graf ein Stuͤck von sei- nem Kirchenpatron und sein Wohlthaͤter war. Auf einmal ein Brief mit Pleroͤsen vom Hoch- gebohrnen Nachbar. Eine Einladung auf morgen, sagt ich, — das nicht, erwiederte der Pastor und bemerkte zugleich, daß der Graf niemals Jemanden auf einen gewißen bestimm- ten Tag zu sich baͤte. Er lebt in diesem Stuͤck, setzte der Prediger hinzu, wie man stirbt. Es muß ihm alles unvermuthet kommen. Wer kann, soll er sagen, einen uͤber zwey, drey Tage, auch wohl mehr, zur Mahlzeit einladen? Diese Nacht kann man deinen Appetit von dir fordern! Sehet zu, wachet, denn ihr wi- ßet nicht, wann es Zeit ist. Wer sterben lernt, muß so und nicht anders leben, sey des Gra- fen Losung! — die er uͤbte, wo es sich nur irgend uͤben ließe. Wie gesagt, der Brief war nur eine Er- innerung an unser Versprechen. Wenn be- wir- wirthen so viel heißt, den Gast zu dieser Auf- nahme durch eine Einladung vorbereiten; so hat der Graf noch in seinem Leben keinen auf- genommen und bewirthet. Es ward beschlos- sen, den folgenden Tag dem Grafen zu wid- men, und damit mir alles desto unerwarteter seyn moͤchte, lies mich der Prediger in Absicht der Einrichtung des graͤflichen Gebeinhauses in wohlgemeynter Unwissenheit. — Die Pre- digerin wollte mit, es gefiel ihr dort unaus- sprechlich, und gern haͤtte sie es in ihrem Hause ins Kleine gebracht, was dort im Großen war. Der Prediger und Gretchen konnten nicht auf- hoͤren, zu steuren und zu wehren, damit die- ses Miniaturstuͤck unausgefuͤhrt bliebe. — Der Prediger schlug seiner Frauen eben darum auch ab, mitzufahren. Der Prediger und ich fuh- ren fruͤh aus, um zeitig in — — zu seyn. Gretchen blieb bey ihrer Mutter. — Wie sehr freu ich mich, diesen Grafen besucht zu haben! — Der Prediger aus L — der schon im graͤf- lichen Hause bekannt war, fuͤhrte mich sogleich in ein Zimmer, wo Saͤrger gearbeitet wur- den. Es war das Bedientenzimmer; denn Nie- mand als ein Sargtischler, wie der Graf mich selbst nachhero versicherte, wurde in seinem Dienst auf- und angenommen. Es wurden B 2 be- bestaͤndig Saͤrger gearbeitet. Der Graf dien- te armen Leuten aus seiner Sargfabrike. Jetzt war kein Provisionssarg in Arbeit. Der Sargtischler hatte Thraͤnen in den Augen, wie der in Curland, den meine Mutter des Todeszimmermann nannte, und der in seiner Gewerksstube herzlich weinte, wenn er einen Sarg fuͤr einen Redlichen im Lande erbauete. Gott, sagte der Weinende, und wandte sich zu seinem Beichtvater, meinem Reisegefehrten! Ach Gott! lieber Herr Pfarrer, der kuͤnftige Einwohner dieses Hauses hatt’ ein schoͤnes En- de! Das leztemal, daß ich fuͤr Jemand einen Sarg mache, den ich sterben gesehen! Mag es thun wers kann — ich nicht — ich hoble mir das Herz ab. Dieser Ausdruck, der ihm, wie man deut- lich sahe — entfuhr, schlug ihn nieder. Er verlohr Spannung und Kraft. Das Hand- werkzeug entfiel ihm. — Das ruͤhrendste war immer, daß er sein Gesicht in ein Stuͤck seiner Schuͤrze verhuͤllte. Dies ist ein wohl- hergebrachtes Zeichen der Traurigkeit. Wir verhuͤllen uns, als ob wir der Welt entsagen und uns auf uns selbst einschraͤnken wollten, als ob der Fall zu schwer waͤre, um ihn fas- sen — selbst um ihn sehen zu koͤnnen. Wahr- lich lich dieser Vorgang hobelte nicht nur dem Sarg- tischler das Herz ab — ich war wie er, hin! Er schluchzte unter der Schuͤrze! — Freund! sing der Prediger an, man sieht und hoͤrt es ihm an, daß er beym Herrn Grafen das Sarg- handwerk noch nicht ausgelernt. — Es wird sich geben — ist er denn nicht auch sterblich? — Seine Mitarbeiter, die sich bis dahin nicht ei- nen Augenblick abhalten laßen, kamen itzt zusammen, als kaͤmen sie zur Kirche. Einer nahm ihn an die Hand, ein anderer streichelt’ ihm den Arm, ein dritter legte seinen Kopf auf seine Schulter, als ob er ihm Trost ins Ohr sagen wollte, der vierte, der unempfind- lichste, wolt’ ihm den Vorhang wegreißen. Unser Betruͤbte hielte die Schuͤrze fest vors Gesicht. Dieser vierte schien es eben so gut zu meynen, wie die drey andern; allein wer den Menschen kennt, wird es finden, was fuͤr eine grausame Beschaͤmung es fuͤr unsern Weinenden gewesen waͤre, wenn er uns alle ins Gesicht bekommen haͤtte. Der Mensch scheint sich in dergleichen Faͤllen zu schaͤmen, daß so viele Leute gefaßt sind, nur er nicht. — Ueberhaupt sieht man selten den Troͤster an, es waͤre denn, daß viele Trostbeduͤrftige zu- sammen sind; dann uͤbertraͤgt einer den an- B 3 dern dern in Ruͤcksicht dieser Beschaͤmung. — Der vierte riß wuͤrklich endlich die Schuͤrze herab — wie konnte der Traurige lange widerstehen? Schmerz macht schwach. — Unser weinende machte indeßen die Augen ganz dicht zu, und da stand er jaͤmmerlich! Der erste nahm dem vierten die Schuͤrze aus der Hand und gab sie dem Weinenden wieder. — In dieser Hand- lung traf uns der Graf, dem des Predigers und meine Ankunft gemeldet war! — Alles blieb, wie es da stand! Niemand kam dieses Ueberfalls wegen aus seiner Stellung. Nie- mand schlich sich an seine Werkstaͤte, alles schien an Ort und Stelle, selbst unser Betruͤbte nicht ausgenommen, der Mittelpunkt dieser Scene. Was da? fragte der Graf, nachdem er den Prediger und mich mit einem guten Morgen begruͤßt oder beherziget hatte. — Der Prediger nahm das Wort — Ferdinand hat den Einwohner des Hauses sterben gesehen, das er bauet! Nun, sagte der Graf, Faßung, Ferdinand! Begrab’ ich denn nicht alle, die ich sterben sehe? Leim’ ich nicht hier und da selbst ein Leistchen ans Sarg? Der junge Mensch, der hier einziehen soll, hatte ein frommes, gutes, edles, warmes Maͤdchen, das ihm starb. Sie starb und er — ihr nach. Gott! Gott! in deine Haͤnde befehl ich meinen Geist, dacht’ ich tief im Herzen. Der junge Mensch hatte eine Mine, fuhr ich fort im Herzen zu denken, und war froh, daß Gram und Kummer wegen verungluͤckter Liebe so lang’ am Herzen nagten, bis es durch und durch ist, bis man nachstirbt. Mein Auge sah gen Him- mel starr! Ha, sagte der Graf, der mich bey der Hand nahm, da haben wirs. Gelt! wenn sie einen Sarg fuͤr diesen Juͤngling machen solten? Gern, grif ich ein, sehr gern, das glaub’ ich, erwiederte der Graf. Sie wuͤr- den nicht weinen und heulen. Nein, sagt’ ich, ich wuͤrd es nicht — nicht einen einzigen Thraͤnentropfen, nicht einen — das glaub ich, erwiederte der Graf, der stirbt gern, sehr gern, den diese Welt nicht entschaͤdigen kann, es sey in Wuͤrklichkeit, oder in Einbildung. So hab’ ich einen jungen Menschen gekannt, der mit Freuden dem Tode entgegen gieng, weil er die Zierde seines Haupts, seine Haare, ver- lohr. Er hatte sie so schoͤn, wie Absalon! al- lein eben so leicht, wenn ers bedacht haͤtte, eben so leicht, wie Absalon, haͤtt’ er an einer Eiche haͤngen bleiben koͤnnen. — Eine Krank- heit raubte ihm diese Zierde, gegen die ihm der Tod wie gar nichts schien. Er erholte sich zu- B 4 sehens. sehens. Kein vernuͤnftiger Arzt entdeckt dem Patienten die erste Erholungspur. Dies wuͤr- de heißen, auf dem Richtplaz Pardon erthei- len. Alle Affekten sind schon an sich dem Men- schen schaͤdlich, Freude so gut als Leid. Ein Stuͤck von Fieber ist immer dabey, und wer ist wohl zu solchen ploͤzlichen Uebergaͤngen aufgelegt? Nun war unser Absalon so weit in der Besserung gediehen, daß er sich nicht mehr auf dem Richtplatz befand, und nun kam der Arzt mit der frohen Nachricht, daß er und der Tod geschiedene Leute waͤren. Leben ist ein frohes Wort! ich setze ewig dazu, wenn ich mich freuen soll. Bey den meisten Leuten ist das Wort leben schon genug. — Froh blickt’ unser Kranke auf, und sein Haupthaar war das erste, mit dem er sich be- freuen wolte. Er war mit ihm am mehrsten verwandt — allein es war dahin, und siehe da, er wollte nicht leben. Man hatte ihn zu voreilig versichert, daß seine Haare entweder nie wieder, oder wenigstens sehr spaͤt, aufgehen wuͤrden, und wie konnt’ er leben? Er hatte, wie Simson, seine Staͤrke in den Haaren. Man nannte ihm Voͤlker, alter und neuer Zeit, die sich zur Zierde, der Haare entaͤußerten; allein nichts — er ward krank und starb so ruhig, als als wenn ihm im Tode die Haare wieder wachsen wuͤrden! — Du armer Absalon! Bist du denn in keinem Gebeinhaus gewesen? Hast du denn keinen gebleichten Schaͤdel gese- hen? Ich nenne so Etwas auf Gottes Blei- che liegen, sagte der Graf im vertraulichen Lehrton, in den er oft fiel, und wahrlich! wir werden durch den Tod ausgewaschen. Wenn ich einen alten Mann, ich sage mit Fleiß alten Mann, mit einer Glatze, mit einem Todtenkopf sehe, denk ich, der Mann ist schon dem Himmel naͤher, als ich. — Wie gefaͤllt Ihnen die Ge- schichte von Absalon, der wahrlich an den Haa- ren starb. — O Freunde! Nicht wahr, von vie- len, von vielen Sterbenden kann man sagen, sie bleiben an einer Eiche hangen? Nicht wahr, Gevatter Prediger? Bis dahin hoͤrt ich den Grafen mit Ver- gnuͤgen; da er aber zur Nutzanwendung uͤber- gieng, und mir ganz deutlich zu verstehen gab, daß Minens Verlust von der nehmlichen Art waͤre, ward ich uͤber diese Kaͤlte, uͤber diese Todeskaͤlte des Grafen, wegen meines unersez- lichen Verlusts ungehalten. — Es schicken sich wenig Leute, dacht’ ich, zur Nuzanwen- dung — ich wandte mich zu unserm Wei- nenden und Heulenden, und verlangte den B 5 Ue- Uebergang von der Geschichte des eben Ver- storbenen zu dem Herzen des Sargtischlers. — Dieser Weg, dacht’ ich, muß sehr gerade ge- hen. Der junge Mensch, fiel der Graf ein, hat ein Maͤdchen, die ihm seine Eltern verwei- gern, weil sie reich sind. Ihre Eltern sind reicher, als wir alle — — sie sind todt. — Er hat nicht noͤthig, in meiner Werkstube zu seyn; allein er arbeitet fuͤr Protektion, er glaubt, mein Fuͤrwort koͤnnte hinreichend seyn, seine Eltern zu bequemen — und wenn das nicht, fuhr ich fort, so haben der Herr Graf Mittel und Wege, das arme Maͤdchen zu be- reichern, und hier gleich und gleich zu machen. Ha, dacht’ ich, das ist fuͤr deine Kaͤlte, Hoch- gebohrner Herr. Anwendung fuͤr Anwen- dung. Schon recht, junger Mann, erwieder- te der Graf, allein wenn ich die Vorurtheile der Eltern befriedigen solte, haͤtt ich denn fuͤr die Einigkeit gesaͤet? Wahrlich ich haͤtt’ auf Fleisch und nicht auf den Geist gesaͤet — und am Ende, wenn ich jedes Maͤdchen bereichern solte? — Ich aͤrgerte mich, und vorzuͤglich, weil der Mann bey seiner Todeskaͤlte wieder Recht hatte. So ist, glaub’ ich, das Recht uͤberall. Man faßt Eis, man faßt den Tod an, nicht das rechte Recht ist so kalt, sondern das das Weltrecht, mit dem man so selten zufrie- den ist, daß man fast lieber Unrecht wuͤnscht, um wenigstens laut schelten zu koͤnnen. Das Weltrecht ist aus dem Codice genommen, der todt an ihm selbst ist. Das rechte Recht aus dem lebendigen Specialfall, der eben vorliegt. — Ein haarkleiner Unterschied aus der Ur- sache, nicht aus der Wuͤrkung, wie aͤndert er die Sache! Casus in terminis. Welch ein dummdreistes Kunstwort! Ist euch, ihr hoch- verordneten Rechtskauer, das Principium indiscernibilium denn ganz und gar unbekannt, und, um euren Collegen ein lehrreiches Exempel darzustellen, einen wuͤrklichen casum in termi- nis, thut der Arzt nicht wenigstens, als ob er dem lebendigen Specialfall, der eben vorliegt, nach dem Leben, nach dem Puls faßt, ob gleich auch er nach dem Corpore Juris Hypocratesiano sein Urtel formt? Der Graf setzte diese Unterredung, ohne daß ich es ihm nahe legte, fort, ich hoffe, sagte er, die Eltern des Weinenden und Heulenden weichherzig zu machen, und denn hab ich alles aus der ersten Hand, wenn ich sie ausstatten solte, haͤtt’ ichs aus der zweyten, wo nicht gar dritten. Die erste Hand ist mir immer die beste und sicherste. Ich liebe, fuhr der Graf fort, fort, Heyrathen zu stiften; denn wo wuͤrd’ ich sonst Gelegenheit zu Saͤrgern vorfinden? Dieser Sonnenschein, den der Graf auf un- sern Weinenden (ein Heulender zu seyn, hatt’ er ohnedem schon aufgehoͤrt) schießen lies, trocknete seine Thraͤnen, er hobelte weiter, oh- ne seinem Herzen mit seiner Hobel zu nahe zu kommen, und ihm einen Gnadenstoß bey- zubringen. Der Graf bat naͤher zu treten, und ich weiß auf Ehre nicht, ob es meinen Lesern und Leserinnen angenehm seyn werde, naͤher zu kommen. Sie kennen den Grafen so gut, wie ich, und wissen so gut, wie ich, daß ich sie nicht nach Arkadien begleiten werde. Der Graf wuͤrde recht in Egypten zu der Zeit an Stell und Ort gewesen seyn, da in jedem Hause ein Todter war, und was noch mehr ist, die Kernfrische Erstgeburt. — Der Graf schien in seinen Todes Hoͤr- und Sehsaͤlen sehr tolerant. Es sterben Christen und Gott- glaͤubige Deisten bey mir, sagt’ er. Wenn gleich ich mit Gotteshuͤlfe wie ein Christ zu sterben der festen Zuversicht lebe; so will ich doch mein Haus zum Sterbhaus und nicht zur Moͤrdergrube machen, das heißt: ich will nicht Christen werben, und ehrlichen Heiden in in meinem Obdach zum erbaulich christlichen Ende Handgeld beybringen. Kein Jude hat mir noch das Vergnuͤgen gemacht, in meinem Hause zu sterben. Mein Haus ist ihm un- rein, obgleich er selbst so unsauber ist, daß ich ihn fuͤr einen Ciniker halten wuͤrde, wenn er nicht ein Jude waͤre. Ich habe zwar nach Anzahl der fuͤnf Buͤcher Mosis fuͤnf Juden sterben gesehen; allein bis auf einen nur ster- ben gehoͤrt, vier starben hebraͤisch, sie hatten den Tod auswendig gelernt, und beteten ihn so her, wie die Nonne den Psalter. Beym Amen, weg waren sie. Den fuͤnften hab ich observirt, deßen Aeußeres zwar juͤdisch schien, sein Inwendiges aber war Gottglaͤubig dei- stisch, und also gehoͤrt er eigentlich nicht in die Judenclaße. Barba non facit Philosophum. Der Bart macht keinen Juden. — Wir kamen einen Sabbatherweg von uns- rer eigentlichen Straße ab, und ich hatte Ge- legenheit, von dem juͤdischen Volke die Mey- nung meines Vaters anzubringen. Hat der goͤttliche Judenbekehrer dies Volk nicht ein- lenken koͤnnen, mußte er seinen Stab sanft zu den Heiden uͤbersetzen; warum wollen wir bey einem so schlechten Beyspiel, das wir den Juden in den meisten Christen darstellen, mehr erwar- erwarten? Des Herrn Reich wird kommen, der Tag, den Gott allein machen kann, ein- brechen, da trotz dem baͤrtigen und unbaͤrti- gen Gottesdienste, Eine Heerde und Ein Hir- te seyn wird. — Der gute Prediger aus L — hatte viel uͤberhaupt, besonders aber wegen der Suͤnde wider den heiligen Geist dagegen, welche sich im eigentlichsten Originalverstande das stockblinde juͤdische Volk, wie er versicher- te, zu Schulden kommen laßen; indeßen mu- ste er die Juden fuͤr Archivarii, fuͤr Siegelbe- wahrer der christlichen Religion, anerkennen, und der Graf lenkte mit dem Umstande ein, daß er die vier hebraͤisch gestorbenen umge- kehrt in das Buch der Sterbenslaͤufe einge- tragen. Der fuͤnfte stand in einer Reihe mit den Gottglaͤubigen. Ich habe, sagte der Graf, alles nach Orts-Umstaͤnden und Gele- genheit eingerichtet, und zwey Classen ge- macht. Hier zu meiner Rechten Christen, zu meiner Linken, Gottglaͤubige. Mahumeda- ner gehen diese Straße nicht, warum also? — Hier ist noch ein Simultanstuͤbchen, wo So- cinianer, Pelagianer, Semipelagianer, Ber- liner und Semiberliner (wie der Prediger — — in — — die neuste Ketzerey nennet) blei- ben koͤnnen. Es sind indeßen nur zwey So- cini- cinianer hier unsanft entschlafen; die meisten haben sich zu einer der groͤßten Classen ohne meine Mitwuͤrkung bekehret, und sind auf Prima oder Secunda, oder zur Rechten oder Linken gestorben. Ich selbst bin ein Christ, mache mir eine Ehre draus, und alle recht- schaffene Primaner erkennen mich dafuͤr. Ha, fieng der Graf, wie aus einer fri- schen Champagner Bouteille, an. Meine Mode ist vielen ein Geruch des Todes zum Tode. Sie spotten mein, und belegen mich mit apocryphischen Schandnahmen. Es sey also, ich achte alles fuͤr Schaden gegen diese uͤberschwengliche Erkenntnis. Sterben ist mein Gewinn, ich schaͤtze mich selbst noch nicht, daß ichs ergriffen haͤtte. Eins aber sag’ ich, ich vergesse was dahinten ist, und strecke mich zu dem, was da vornen ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel nach dem Kleinod. — Zwar leugne ich nicht, daß die Kranken- und Todeswaͤrter auch Traͤger, von je her, eben nicht in großen Ansehen gestanden, und daß schwerlich so lange die Welt steht ein des heili- gen Roͤmischen Reichs-Graf und Herr sich damit beschaͤftiget haben duͤrfte, aber dafuͤr hab’ ich auch die Ehre, der Erste in dieser Art zu seyn. Es ist wahrlich ein Stuͤck von Adam in in seiner paradisischen Pracht und Herrlich- keit, wenn man auf einem Wege der Erste ist! Es liegt Etwas Goͤttliches drinn. Zwar wenn vom Stammbaum die Rede waͤre, fing der Graf in einem hochgebohrnen Ton an; moͤcht ich sehen, wer einen entferntern Ersten haͤtte, als unser Haus? Ich nehm aber meinen Er- sten im andern Sinn. Auch der Lezte ist mir Ehrenwerth. Der Lezte zu seyn, ist zwey Drittel weniger koͤstlich; indeßen beßer als alle, die vor sind, bis auf den hohen Ersten. — Adam und Eva wurden nicht gebohren, und die den juͤngsten Tag erleben, werden nicht sterben. Ich moͤcht ihn schon nicht erleben, den juͤngsten Tag, denn ich habe Lust abzu- scheiden. Ich habe die Ehre, den Tod zu ken- nen, und kann wohl sagen, daß ich ihn lieb habe, so lieb wie mein Leben und mehr. Der Graf sprach dieses nicht im Ausfor- derungston, sondern so kalt, wie der Tod. Er hatte schon die Weise des Todes angenom- men. Ich hatt’ ihm seine obige Anwendung laͤngst verziehen, und war froh, einen solchen Sterbensmann kennen zu lernen. Ich moͤch- te bey dem allem wißen, fieng der Graf vom frischen an, wie es zugehe, daß Leute, welche alsdenn, wenn uns oft die besten Freunde un- untreu werden, uns zu Diensten stehen, so wenig geachtet worden und noch werden. Die natuͤrlichste Ursache, erwiedert’ ich, da der Graf wuͤrklich inne hielt, weil der Mensch ohne Seele nicht viel ist. Es hinkt und stinkt mit ihm, pflegte meine Mutter zu sagen. Da es nun endlich mit uns allzusammen auch ein- mahl hinken und stinken wird; so scheint das Leichenbegaͤngnis, woran alles ohne Anstoß, ohne Capitis Diminution, Theil nimt, einge- fuͤhrt zu seyn, welches bey allen gesitteten Personen von je her uͤblich gewesen. — Hie- durch wollen wir unsere Entfernung von der Leiche, unsere Verachtung selbst gegen die, so ihr nahe blieben, rechtfertigen. Wir tre- ten der Leiche naͤher. Man nennet dies die lezte Ehre, den lezten Liebesdienst, weil die Seele nicht mehr gegenwaͤrtig ist, da der Er- denklos zum leztenmahl nach seinem in der Welt behaupteten Menschenwerth und Rang behandelt wird. Ich will mich hier nicht an- fuͤhren; denn waͤr es moͤglich gewesen, mit Minen auch ohne lebendigen Othem zu leben und zu seyn — gern! — Der Graf, dem die- ser Seufzer unangenehm schien, half mir wie- der in die Rede, wie folget. C Ich Ich laͤngne es nicht, daß wir Menschen vielleicht bey dieser Gelegenheit eine Dosis Grosmuth raͤuchern wollen. Der Erbe zei- get, er habe, unerachtet der Erblaßer nicht mehr da ist, noch Liebe fuͤr ihn, und mehr, als fuͤr den Nachlas. — Der Sohn will die Pflicht der Erkentlichkeit erfuͤllen gegen den, der ihm sein Bild anhieng, das auch noch im Tode nicht ohne uͤbereinstimmende Aehnlichkeit ist. Die Tochter will beweisen, daß sie eine tugendhafte Mutter gehabt, daß heißt mit andern Worten, daß sie selbst tugendhaft sey. Mine weinte bey dem Grabe ihrer Mutter meinet und ihrer Mutter wegen. Dem Gra- fen war dieser Eingrif wieder nicht am rechten Orte; denn ich konnte den Namen Mine, der mir mehr als alle Namen ist, nicht ausspre- chen, ich kann es noch nicht, ohn’ aus dem Concept zu kommen. Diesmahl half der Graf mir ein. — Das alles leugn’ ich nicht; indeßen bin ich der lebendigen Zuversicht, daß weil alle Nationen so stimmig in puncto puncti sind, es sey die Nachexistenz der Seele die Ur- sache dieses Hebens und Tragens, das man mit ihrer Huͤlle vornimmt. Man ehrt sie im Koͤrper, so wie den Mann im Bilde, und will das, was ein Geist getragen hat, in einer Eh- ren- renruͤstkammer aufhaͤngen, so wie man Har- nische in der Kirche aufhaͤngt, obgleich sie nicht alle wider die Tuͤrken gebraucht worden. Man will das an andern thun, was man selbst an sich zu seiner Zeit gethan wißen will. Man fuͤrchtet ein schlechtes Compliment in der andern Welt, wenn man gegen den Ent- seelten diese Pflichten versaͤumet hat. Wahr- lich es liegt sehr was menschliches in dem Begraͤbnis, und ich bin ihm sehr gut — sehr. Der Graf konnte nicht umhin, mich herzlich zu umarmen; mehr konnt er nicht. Die Fluͤche, womit man in alten Zeiten diejenigen bedrohete, die Hand an die Tod- tenhaͤuser legen wuͤrden, wie sehr beweisen sie den Werth, den man auf Staub, Erd’ und Asche legt! Wer dies Grabmahl stoͤhrt, soll die Seinigen all uͤberleben. Schreklicher Fluch! Er ruhet auf mir, sagte der Graf! Ich lenkte ab, und sagt’ einen Fluch anderer Art: den sollen die Manes saur ansehen! — Ist das nicht schrecklicher, als wenn es an den Wegen heißt: wer hier Toback raucht, soll sechs Jahr in die Festung! denn dies heißt, mutatis mutandis, soll ihn sechs Jahr in der Festung rauchen. Dies Wort zu seiner Zeit, oder zur Unzeit, munterte den Grafen C 2 auf auf, der wider Denken und Vermuthen eine Empfindung uͤber den Umstand merken lies, daß er auf dem Staube aller Seinigen stuͤnde. Man hatte zu aller Zeit Familienbegraͤb- niße, Familiengewoͤlbe, Hypogaea, wo jeder sein Kaͤmmerlein besaß, jeder Topf sein Plaͤtz- chen und sein Apotheker-Etiket! — Recht, sagte der Graf, die Urnen und Grabhaͤuser der Alten verrathen indeßen viel Geschmack. Man findet in diesen galanten Zeiten Tassen, fuͤgt’ er hinzu, Potspouries, was weis ich mehr, auf diese weise, und manches Weibsbild sollte nur wißen, wor- aus es trinkt, woraus es Geruch ziehet, sie wuͤrde — Daß ich, fuhr der Graf fort, meine Tas- sen in der Art habe, ist kein Wunder; da ich indeßen ein Christ bin, habe ich was christ- liches dabey angebracht, ein Kreuz. Ich bin kein Heide, sehender oder blinder! Heide ist Heide! Nicht wahr, Gevatter Prediger? Der Gevatter Prediger, der des Grafen Toleranz kannte, obgleich er auch wußte, wie aͤchtchristlich der Graf sey, gab kein Wort darauf, sondern ließ sich bey dieser Gelegen- heit mit der Anmerkung hoͤren, daß Seefah- rer, wenn sie in Lebensgefahr gewesen, sich Kost- Kostbarkeiten um den Leib gebunden, und ein Gesuch, sie, wenn das Meer die Gnade ha- ben wuͤrde, sie auszuspeyen, zur Erde zu brin- gen; denn der Mensch ist Erde und muß zur Erde werden, sezt’ er hinzu. Hier sagte der Graf: Recht! Gevatter Prediger. Ich fuͤhrte meinen Cornelius Nepos an, wegen des Cimons, deßen Leib der Herr Sohn Miltiades ausloͤsen muste. Es macht Men- schen Ehr’ und Schande, daß sie einen mensch- lichen Leib fuͤr ein Unterpfand ansehen koͤnnen, sagte der Graf, und setzte wieder hinzu: nicht wahr, Gevatter Prediger? Wir konnten von der lezten Ehr’ und lez- ten Schande nicht abkommen, die wir den Verstorbenen erwiesen. Die lezte Schande, sagten wir einstimmig, fienge von dem Au- genblick an, da alles sagt: Kalt, und daure bis zur Collocation, bis zur Ausstellung, hier fienge sich die lezte Ehr’ an, und gehe bis sich gleich und gleich gesellet hat, und Erde zu Erde gekommen. Bey uns zu Lande, bemerk- te Gevatter Prediger, heben Traͤger von eini- ger Bedeutung die Baare nicht auf, sondern schlechte Leute. Sie setzen sie auch nicht nie- der. Da wieder Schand’ und Ehre. Wer wird, fragte der Graf, der Albernheit das C 3 Wort Wort nehmen, die sich beym Anputz der Lei- che und bey dem Begraͤbniß-Luxus zu offen- baren pflegt? Da begraben die Todten die Todten! Wir fielen auf die Todten und Be- graͤbnislieder der Alten, die nicht so erbaulich waren, als: ich hab’ mein Sach Gott heim- gestellt. Ich bin ja Herr in deiner Macht, und das neue Todtenlied vom Jahr des Orga- nisten in L — Wir danken Gott fuͤr seine Gaben ꝛc. Die Todtenlieder der Alten waren weinerliche Lustgesaͤnge, sagte der Graf. Ernst und Scherz, wie ist es zu erklaͤren (das war das Wort, so der Graf suchte) wie ists zu erklaͤ- ren, daß so kluge Voͤlker in diesem Stuͤck so unklug seyn konnten? Diese Gesaͤnge, diese Naͤnien, die Hanswuͤrste und Gaukler, diese Klagweiber, die so lachen konnten, daß alle Welt es fuͤr Weinen hielt, wie ists in rerum natura, wie ists erklaͤrbar? Wie Lachen und Weinen zusammen! Nach bild der Welt, sagt ich, oder mein Vater. Doch ich will blos den Inhalt eines lan- gen Gespraͤchs geben; sonst wuͤrd’ ich zu weit- laͤuftig werden. Dieses Leben, fieng ich an, ist Lachen und Weinen, in einem Sack, setzte der Graf hinzu. hinzu. Warum der Anstoß bey einem Uni- versalwort, das fast in allen Sprachen ein und daßelbe bedeutet? Sack, sagt’ ich dem Grafen nach, Dramas, weinerliche Lustspiele, wuͤrden wahre natuͤrlich warme Lebensdarstel- lung seyn, wenn das Ende nicht lustig und der Anfang traurig waͤre. Links und rechts, bald so, bald anders, muͤste es seyn, das waͤr’ ein Leben! — Lust und Trauerspiele waͤ- ren dann Kunst, jene Naturstuͤcke, nicht wahr? fragte der Graf den Gevatter Prediger; allein dieser schuͤttelte blos mit dem Kopf, weil von Lust und Trauerspielen die Rede war, auf die sich der Gevatter so wenig, als auf die wei- nerliche Lustspiele, kunstgerecht verstand. — Die Alten agirten beym Begraͤbnis das Le- ben, so wie sie bey allem, was ihnen gros, erbaulich, goͤttlich war — agirten. Es lag vielleicht ein hoher Sinn in ihrer Begraͤbnis- methode, wo Lust und Unlust zusammen wa- ren und wechselten wunderlich. Sie lasen den wahren Lebenslauf des Verstorbenen oh- ne Tropen und Figuren. Ihre Begraͤbnisse waren Leichenpredigt, Leichengesang, fuͤr die umher giengen. Seht da das Leben! seht! seht! faßt euch, wenn der Tod es fordert. Laßt Leben und Tod aus einem Stuͤck seyn, C 4 und und soll Leben und Tod als Etwas Verschie- denes angesehen werden, macht, daß der De- ckel zum Gefaͤß paße. Das best’ ist, so ster- ben, als man lebt. Der wuͤrklich Traurige, wenn ja ein Pickelhering ihn aus der Faßung bringt und ihm ein Lachen bereitet, welch ein bittrer Vorwurf folgt darauf! Die Freude der Welt wirket den Tod! — Das Leben ist so Etwas niedrigcomisches, daß es jedem klu- gen Mann ekelt zu leben. — Alle Todte ha- ben Ernst in ihren Gesichtszuͤgen. In der andern Welt wird vielleicht das Lachen kein solch Hauptstuͤck des Lebens seyn; da wird das Lachen werden theur! Dies und das koͤnnte vielleicht ein Theil von dem hohen Sinn seyn, der in den Begraͤbnißen der Alten ent- halten ist. Wir laͤugneten, daß dieser Sinn eben so hoch laͤge, indem jeder ziemlich leicht, und ohne auf Zehen, dazu kommen koͤnnte. Wir ehren sehr Leute, die sich durch den Tod nicht aus dem Concept bringen laßen: freylich trift ein gewißes gesetztes Wesen, das dem Tod entgegen kommt, mehr das Herz, wir schaͤtzen auch Leute von dieser wind- stillen Art im Leben am meisten. Genau ge- nom- nommen ist nur der Umstand verehrungs- werth, daß wir nicht stecken bleiben — daß es so aussieht, als lebten wir in eins weg. — Des Thomas Morus lezte Worte sahen wie Tischreden aus, und wahrlich, er starb wie ein Mann. So bald, sagte der Graf, ich ei- nen leichtsinnig sterben sehe, der so lebte — sage man mir nichts uͤber den Leichtsinn; ich nehme dieses Wort im guten Sinn. Man koͤnnte diesen Sinn, um ihn zu verstehen, auch Leichtsinn nennen. — Noch hab’ ich der- gleichen Sterbende nicht gefunden. Denn Witz und Sinne sind in einem besondern ge- heimen Einverstaͤndnis. — Bevor die Fra- ge: wie wir starben? beantwortet wird, sagte Epaminondas, kann man nicht sagen, wer von uns die meiste Achtung ver- dient. — Niemand ist vor seinem Tode gluͤcklich, Niemand bey seinem Leben gros. — Mensch bedenke das Ende! Aber! fieng der Graf an, und wandte sich an mich, warum so viel Leid um unsere Todten? Sie gehen keinen Schritt vorwaͤrts und werden vom Schmerz angehalten, so bald der Name Mine vorkommt. Ich habe viel aͤussere Trauer an mir, als da sind z. E. die Pleroͤsen an meinen Briefen — und mich haͤlt nichts an, und was C 5 eigent- eigentlich hieher gehoͤrt, hat nichts ange- halten. Ist denn der Todte nicht blos vor- ausgezogen? Er hat Extrapost genommen; wir gehen mit eignen Pferden. Werden wir denn nicht zu ihm kommen? Je stiller der Durchgang, je beßer! Ich fuͤr mein Theil liebe sehr die Reisen incognito, ohne Geraͤusch. Warum wollen wir denn nicht die lieben Un- srigen incognito sterben lassen? Wir sehen uns wieder. Ist in der Welt eine Luͤcke durch unsern Freund, durch unsre Geliebte, worden? Fehlt denn ein anderer? Ist Alexander selbst in der Welt vermißt, der doch wohl unstreitig ein Weltmann war? Haben Sie, mein Kind, in Curland gewußt, daß ich Frau und Kinder verlohren? Laßt uns doch nicht vergessen, daß wir in der Welt und nicht in der Familie sind — das war ungefaͤhr, was der Graf und der Prediger mir ans Herz legten. Hier ist der Extrakt meiner Exception. Der Zeit kann und muß nichts vorgreifen; nicht Religion, nicht Weisheit. Sie leidet es nicht, und nur sie kann den Schmerz, den al- lergerechtesten Schmerz, lindern. Zeit und Ewigkeit liegen nicht so voneinander, wie Koͤ- nigsberg von Paris, wo ich Extrapost und langsam fahren kann. Die Idee, den Freund, die die Geliebte, siehst du nicht mehr, so ganz er- denganz, wie sie da waren; die Idee, der Leib, den du geliebt hast, dem du so gut gewe- sen bist, ist Asche! ist Staub! O liebster Graf! das brennt wie Reßeln an die Seele. Wir betrauren nicht die Seele, sondern den Leib, weil er Fleisch von unserm Fleisch ist. — Wenn noch ja eine kuͤnstliche Stoͤhrung im Schmerz angenehm waͤre, wuͤrd’ es die seyn, wenn man hohe Achtung fuͤr Jemand hat, und sich gerade halten muß. Der Schmerz geht krumm und sehr gebuͤckt. Durch diesen Zwang kommt man zuweilen der Zeit vor; allein oft ruht sie sich. Es kom- men Recidive! — Sich Gott, das ist, sich der Zeit uͤberlaßen, das, hoff’ ich, wird meine Wunde heilen. — Es kann Linderung geben, wenn man aus Schmerz die Binde wegreißt; allein die Wunde wird gefaͤhrlicher durch die- sen Aufris. Man laße der Natur ihren Lauf; sonst ists Unnatur. Die Alten erzuͤrnten sich zuweilen mit den Goͤttern uͤber einen Todes- fall. Sie schimpften, sie warfen die Bilder der Hausgoͤtter auf die Straße, und wollten nicht mehr so unerkenntlichen Goͤttern ein Obdach verstatten. Es ist Schmerzensnatur so etwas auslaufen laßen! — und nichts bringt bringt so sehr zu sich, als dergleichen Exceß. Ein ganz stiller Schmerz ist der gefaͤhrlichste. Wenn er poltert, schlaͤgt und stoͤßt, legt sich der Sturm und es wird bald stille. Stren- ge Herren regieren nicht lange! — Der gute Prediger, der oft zuruͤckgeblie- ben, wollte bey dieser Gelegenheit voraus und eilte uns mit der Anzeige nach, daß Alexan- der der Große, als ihm sein Jonathan He- phaͤstion starb, so gar die Stadtmauren kurz und klein gemacht, um eben hiedurch Trauer zu tragen um seinen Todten. — Daß man sich die Haar abschnitt, um sei- ne Trauer an den Tag zu legen, find ich nicht unrecht, sagte der Graf. Man will auch was von sich verlieren, man will dem Verstorbenen Etwas mitgeben — ich dacht’ an Minens Locke, die ich an meinem Busen befestiget hat- te, und gern haͤtt ich jetzt eine von mir Minen ins Grab gegeben, wenn es nicht zu spaͤt ge- wesen. — Wie viel Sterbensart kann man von einem Mann, wie der Graf, lernen! Ich komme wieder ins vorige Extrakts- geleise. — Die Haare ausraufen, ist von je her als ein Zeichen der Traurigkeit angenom- men worden. Wer gen Himmel betruͤbt se- hen kann, fordert der nicht fast Gott heraus, thut thut der nicht mehr, als die Hausgoͤtter aus- fegen, und doch halt’ ich ihn fuͤr einen beßern Menschen, als den, der dem lieben Gott was vorliebaͤugelt und im Herzen gallenbitter auf ihn ist. Der Pharisaͤer! Ich glaube der liebe Gott siehts recht gern, daß wir Menschen sind, daß wir das Herz haben, es zu seyn! Es ist ein lieber guter Gott! Dem Grafen war es eine Besondernheit, daß man zu alten und neuen Zeiten Menschen zur Gruft von andern Menschen tragen laßen und laͤßt, und daß auch hiebey, nach Bewand- nis der Leiche, bald viel bald wenig Traͤger genommen werden, obgleich dies mit zur lez- ten Ehre gereicht, von der oben gehandelt wor- den. Leitet man nicht den, der nicht gehen kann? sagt’ ich, und um auf die lezte Ehre einzulenken: Traͤger sind die Livrey-Bedienten des Todten. Sollte man nicht beym Begraͤb- nis Ewigkeit spielen, und dies Verwesliche nach dem Unverweslichen stimmen? erwieder- te der Graf, und der Hammer, fragt ich? Sollte, fuhr der Graf fort, und nun waren wir im Saale. Was zeither vorfiel, war gehendes Fußes, war auf der Treppe. Man sieht ihm die Stufen Stufen an. — Erschrecken, pflegte mein Va- ter zu sagen, ist die Goldwaage fuͤr Maͤnner. Wir koͤnnen erhaben und poͤbelhaft erschrecken. Die Weiber erschrecken bald, und, was noch mehr ist, nach einer und zwar bekannten Me- lodie. — Sie erschrecken schoͤn, wenn man will. — Um alles in der Welt wuͤnscht’ ich mir keine Frau, die nicht leicht erschroͤcke. Schaamroͤthe und Erschrecken liegt bey ihnen in einem Bezirk. Eins borgt vom andern; beydes kleidet das schoͤne Geschlecht. — Es ist extra fein Postpapier, wo alles durch- schlaͤgt. — Koͤnnt’ ich meine Leser und Leserinnen doch in den Saal selbst und weiter einfuͤhren. Koͤnnt’ ichs doch! Todespracht uͤberall! Wahrlich Todespracht. — Mir wars oft, als hoͤrt’ ich einen dumpfen Ton: Mensch, du must sterben! Waͤre mir diese Bothschaft we- niger fremde in meiner damahligen Lage ge- wesen; ich waͤre mehr zuruͤckgefallen. — Ich weiß nicht, ob meinen Lesern die Geschichte des Belsazars beywohnet, der eine Hand an der Wand schreiben sahe. — Solch eine Hand an die Wand schreiben zu sehen — — Was ich erzaͤhlen kann und werde, o! wie gar nichts gegen das, was ich sahe — nichts — Den Den Saal, fieng der Graf an, haben die Weltliche, so nenn ich die Gottglaͤubige, in Beziehung der Christen, die ich in dieser schnur- geraden Linie Geistliche heiße. Verzeihung, Gevatter, sagte der Graf, indem er zum Pre- diger sich wandte, der tief in Gedanken dar- nieder lag, und unfehlbar mit dem Verleger wegen der zweyten Auflage im Streit war — Gerne, erwiederte der Prediger. Das Wort Gern war immer seine Antwort, wenn Ver- zeihung die Frage war, er mochte wachen oder traͤumen. Christen, fuhr der Graf fort, sind allzumahl geistliche Priester! Ja wohl, er- wiederte der Prediger. Der Geistliche konnte den Verleger nicht los werden. Der Graf fuhr weiter fort — Ob nun gleich Christus, der Erzpriester, kein Altarredner und Kanzelprediger war; sondern statt auf die Kanzel auf einen Berg stieg, wo er eine Predigt hielt, die er drucken laßen; — der Prediger wie aus der Pistole: von der Suͤnde wider den heiligen Geist. Ey, Freund! fiel’ der Graf ein: in der Bergpre- digt keine Sylbe von der Suͤnde wider den heiligen Geist. Math. versetzte der Prediger. Recht! endigte der Graf, der waͤhrend der Zeit das Ob nun gleich verlohren hatte; so daß daß dieser Period ungerundet blieb. Chri- sten, hub er vom frischen an, verwandelten ih- re Hoͤhlen in Capellen, bis Tempel daraus wurden, und warum nicht? Wohnt gleich Gott der Herr hier nicht ausschlusweise; woh- net er doch auch hier. Christus gieng in den Tempel und nannt’ ihn ein Bethaus, das man zur Moͤrdergrube gemacht haͤtte. — Christen in die Kirche — Gottglaͤubige in den Saal. Wir billigten alle die Gewißenhaftigkeit, die Peinlichkeit des Grafen, der Christenthum von Heidenthum, selbst bis auf die Mobilien, trennte. Werden, fieng ich an, werden doch unsere christliche Helden in roͤmischen Or- nat gesteckt, wenn man sie aufhaͤngen, auf- stellen, und also der Ewigkeit zubringen, und, wenn ich so frey seyn darf, schon fuͤr die Ewig- keit uͤber die Taufe halten will. Scheint es gleich uͤberhaupt, daß der Kleiderschnitt, den wir angenommen haben, nur ein Schlafrock waͤre, und daß, so bald wir zu Ehren gebeten werden, es roͤmisch seyn muͤste; so ist es doch nicht recht und loͤblich! Ich stelle, sagte der Graf, alles an seinen Ort. Wahrlich denn wuͤrde wenig zu lehren und zu lernen seyn, wenn alles so gestellt waͤre. Jezt ist der Haufe blos darum so hoch, weil weil alles groß und klein durcheinander ge- worfen ist. — Wenn indessen, fing der Pre- diger in einem abzurundenden Period, der ge- wis nicht, wie des Grafen sein: Ob es nun gleich in Stecken gerathen wird, an, wenn indessen der Christ allen allerley werden soll, und wenn Christus, der Herr selbst, sich be- schneiden lassen und das Osterlamm gegessen; die Juͤnger auch, obgleich sie Juden waren, am Sabbath Aehren zu lesen und Esel aus dem Brunnen zu ziehen von ihrem Meister die Erlaubnis erhielten; so darf doch der Christ kein so großer Ceremonien Meister seyn. Ce- remonial Gesetz ist bey allen, selbst den geisti- schen Dingen: indessen sind wir in der christ- lichen Freyheit, wie es selbst bey unsern christ- lichen Ceremonien am Tag ist, denen ich in- dessen von Herzen gut bin. Der Christ hat den Geist von allen Religionen, das unsterbli- che Wesen, so Christus durchs Evangelium ans Licht bracht hat. Laßt uns also tolerant seyn, wie unser theure Graf, der es ist, wenn er gleich — Saal und Kirche unterscheidet, und in allem, fuhr ich fort, dem Geist, dem We- sen nachspuͤren, bis Ein Hirt und Eine Heer- de wird. — Hosianna, gelobet sey diese Zeit, die da kommt im Namen des Herrn! Hosian- D na na ihr in der Hoͤhe! Das Christenthum, sagt ich, ist die einfachste Religion auf Gottes wei- ten Erdboden, so wie der Geist einfach ist. Sie kann Koͤrper annehmen, wie in der Schrift En- gel Koͤrper angenommen haben, und wie man von sehr guten Menschen, die gut wie Seelen sind, sagen koͤnnte: sie haͤtten Koͤrper angenom- men. Freylich adoptirten Engel keinen andern, als menschliche, als solche Koͤrper, die sie im Griff hatten, die ihnen die naͤchsten waren. — Die christliche Religion hat keinen Tempel, kein Haus, kein Obdach noͤthig, sondern uͤberall, wo Luft und Sonn ist, wo wir sind und we- ben, ist Gottes Stuhl, und die ihn anrufen, doͤrfen nicht das Gesicht drehen und wenden. Gott ist uͤberall. Im Morgen und in Mitter- nacht. Wer recht thut, ist ihm angenehm. Dies war (obgleich es hohe mystische nur we- nigen verstehliche Toleranz ist) dem blos ge- woͤhnlichen und fuͤrs Haus toleranten Prediger so gefunden, daß er mit einer Dreistigkeit schloß, die dem Grafen ein wenig zu hart auffiel. Ceremonien, sagt’ er, sind des Herzens Haͤrtigkeit wegen, und da, nach Orts Umstaͤn- den, die ersten die besten! — Nicht also, lieber Gevatter, versetzte der Graf, etwas untolerant. Ceremonien, lieber Ge- Gevatter, sind Kleider der Sache. Kleiden denn alle Farben alle Gesichter? Es ist ein Aufputz, das Colorit — das wahrlich seinen Meister erfordert. — Wenn es also recht waͤre, muͤßten Christen christliche Ceremonien haben. Wie stimmet Christus mit Belial, haͤtt’ ich bey einem Haar gesagt; allein Belial und ein Heide ist zweyerley. Die Folge die- ses Spruchs paßt besser. Was hat das Licht fuͤr Gemeinschaft mit der Finsternis? Ich gesteh es gern, daß mein Auge dem Ohr viel abgewonnen; indessen kam die Sa- che endlich so zu stehen: Es giebt ein blindheidnisches, und ein Gott- verehrendes, ein sehendes Heidenthum. Auch diese Sehende sind von Christen unterschieden, so wie Saal von Kirche. Findet man Anti- ken, wo man einen unbekannten Gott drinn siehet, einen Kuͤnstler, der bey dieser Arbeit nicht aufs Sichtbare, sondern aufs Unsicht- bare sahe; Heil dem Kuͤnstler! Und findet man einen Samariter mit Oel und Wein — er sey uns ehrenwerth — und findet man — Genug. Zu beyden Seiten der großen Thuͤre stan- den zween Genien, deren jeder seine Fackel umgekehrt hatte, und ins Kreuz auf eine Ur- D 2 ne ne hielt. Zwey Sphinxen von beyden Seiten sahen zu. — In einem Felde waren zwey reißende Thie- re, die nach einen Schmetterling haschten, der uͤber einer praͤchtigen Urne flog. Sie hasch- ten; allein er entfloh. In einem andern die Artemisia, mit einem Trank, koͤstlicher als die Perle der Cleopatra! Mannsasche. Zu einer Seite ein Kuͤnstler mit dem Riß vom Mausoleum in der Hand; zur andern ein Dichter, der mit den Augen sang. Wie kann er anders auf der Wand? — Sodann allerley Arten von Pyramiden, Mausoleen, Grabmaͤhlern, Urnen, Thraͤnen- flaschen. Ein Feld mit drey Parcen! Zu bey- den Seiten solch Feld. Endlich Himmel und Hoͤlle, der Alten drey Furien, der Tantalus, der heidnische reiche Mann, der mitten im Wasser steht und doch Gefahr laͤuft zu verdursten. Ein Rad, mit dem ein Verdammter ewig herumgetrie- ben wird. Das nenn’ ich raͤdern, sagte der Graf! Leidenschaft heißt dies Rad. Ferner ein Leichenbrand, von Leuten ange- zuͤndet, die ihre Gesichter abgewandt hatten. Eine Gebeinlese von Verwandten — und die Collecte: S. T. T. L. sit tibi terra levis. Leicht sey sey dir die Erde — drey, vier, fuͤnfmahl an- geschrieben. — Sodann ein Feld. Elysisch. Fruͤhling. Paradies. Ein Koͤrper, diesem Clima gleich — drey Grazien. Endlich eine Art von Altar, oben ein Spie- gel. Um den Spiegel die Aufschrift: dem un- bekannten Gott! Dies, sagte der Graf, ist der Erbauungs- Saal derer, welche nur eine Offenbahrung durch die Vernunft kennen, nur ein Licht, das den Tag regiert, ohn’ an das Licht, das die Nacht regiert, und die Sternenflur, zu den- ken. Die Vernunft wird durch den Spiegel angedeutet, den man nur auf Zehen erreichen kann. Es muß ein Fluͤgelmann seyn, der ei- nen Blick hineinstehlen soll, und was sieht er? Ein klein Stuͤckchen Kopf! Er sieht sich, wenn er Gott sehen will. Bey allem dem bin ich kein Feind dieser Gottesverehrer, ich habe Kerls darunter sterben gesehen, besser wie Sokrates, ohne Hahn, ohne Todesangst. — Kein Wun- der, sie hatten das neue Testament unsers Herrn gelesen. — Sie sollen einige sehen un- ter meinen Todtenkoͤpfen, wo ich Christ- und Gottverehrer zusammen, wie es in allen Ge- D 3 bein- beinhaͤusern Sitt’ ist, gestellt habe. — — Da ist nicht mehr Tempel und Saal. Paulus kann unmoͤglich bruͤnstiger den unbekannten Gottesaltar angesehen ha- ben, als ich den des Grafen, geweihet den Menschen, die Gott nicht als Vater, sondern als Herrn, als Alleinherrscher, anschauen. Ist denn, dacht’ ich, Gott den Christen bekann- ter? Wohnet er nicht in einem Lichte, wozu niemand kommen kann? Ist er nicht ein We- sen, das Niemand gesehen hat, und sehen kann? Der Gottverehrer indessen sieht sich selbst im Spiegel, der Christ sieht Christum, wenn bey- de Gott sehen wollen. Ihm, dem Vater aller Dinge, sey Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit, Amen! Wir giengen durch mancherley Zimmer zur Capelle, durch viel Truͤbsal, sagte der Graf, zum Reiche Gottes. Es waren ihrer dreymal sieben. Der Graf liebte diese Zahl sehr, er nannte sie eine Offenbahrungs Johannis Zahl, eine biblische Zahl, und hatte gewiß ein Paar Zimmer (da wolt’ ich drauf wetten) eingehen lassen, oder mehr angebauet, um nur die Zahl sieben herauszubringen! Man laß ihm doch die siebente Zahl! Meine Mutter pflegte zu sagen, jeder habe seine Zahl, die ihm am Her- zen zen liege. — Es war kein einziges unter allen sieben mal sieben Zimmern (so viel waren im Hause) in denen nicht Ende, Tod und Ver- wesung, angeschrieben war! Alles mit gros- sen Buchstaben. Er war ein heiliger Vater, der die Bilder die Schrift der Einfalt nannte. Sie sind es; allein fuͤr den Klugen sind sie Poesie. In dem Saal und sechs andern Zim- mern gemeine Liebe, in den siebenmahl sieben Zimmern weniger sieben die Christliche. Saͤr- ger in den christlichen Zimmern ohn End’ und Zahl — Wenn ich bey jedem dieser Saͤrger ei- ne christliche Leichenpredigt halten und die To- deszimmer all zusammen be- und umschreiben solte, wuͤrd’ ich zu langweilig werden. Ein guter schneller Tod, ist er nicht der beste? Ich behalte mir vor, auf drey (auch eine heilige Zahl; eben so gut wie die sieben, vielleicht eine, die mir nach dem Ausdruck meiner Mut- ter am Herzen liegt, so wie meinem Vater die Zahl neun) Zimmer einen Accent zu legen, und eile zur Capelle. — Es fuͤhrte ein fin- strer Gang dahin, so wie oft ein schlechtes Gelaͤute zu einer schoͤn gebauten Kirche einla- det, sagte der Graf. Es konnten nur zwey gehen, so eng war der Gang, um den schma- len Weg zu parodiren. Von beyden Seiten D 4 kamen kamen Aerme heraus, auf welchen, obgleich es hoch Tag war, jedennoch Lichter brannten, oder brennen mußten; denn hier war es ewig Nacht. Die Aerme schienen (so besonders waren sie) schnell herauszuwachsen, um den Wanderern auf dem finstern Wege zu leuch- ten! — Auf einer Seite waren sechs Lichter, auf der andern fuͤnfe. Warum das? Dafuͤr konnte der Graf nicht, daß die eine Abthei- lung der Spruchstelle: Dein Wort ist meiner Fuͤße Leuchte, sechs, und die andre: ein Licht auf meinem Wege, ganz richtig berechnet, fuͤnf und nicht weniger Woͤrter hatte. Ueber jedem Lichte stand ein Wort, schoͤn wie eine Dedication. Wuͤrd’ er dem Worte und auch einen Arm verehret haben; so waͤren beyde Seiten gleich gewesen. Das arme Woͤrtlein Und, ich haͤtt’ es nicht verstoßen, wenn ich der Graf gewesen waͤre. Es ist gemeinhin ein menschliches, liebes, gut- herziges Wort, und ist seinen Arm werth. Der Graf aber sprach ihm die Goͤttlichkeit ab; wenn Gott spricht, ists ohne und. In der Capelle selbst hieng ein Crucifix, und der Schaͤcher, den Christus ins Paradies mit- nahm. Der sterbende Simeon, mit einer Friedensmiene im Gesicht, die entgegen rief: Herr, Herr, nun laͤßt du deinen Diener in Friede fahren. Einige Apostel als Maͤrty- rer sterbend. In ihren Gesichtern lagen die Worte: leben wir, so leben wir dem Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn, ob wir leben oder sterben, sind wir des Herrn. Hier stand auch in einem Behaͤltniß, von ei- nem eisernen Gegitter eingeschlossen, des Gra- fen Sarg. Nuͤhrend war es mir anzuhoͤren, daß er alle Vierteljahr einmal drinn schlief. Ich habe mich mit meinem Hause, sagt’ er, so bekannt gemacht, daß ich alles im Grif habe — Die erste Zeit schwitzt’ ich, als haͤtt’ ich Bezoar-Pulver eingenommen; jetzt schlaf’ ich, ohne einen einzigen Schweistropfen, ru- hig und sanft. Der Tod wird mir, das hof ich, nicht unbereitet kommen. Der Wapen- zierrath war mir bey diesem Sarge unaus- stehlich. Es waren drey bemahlte Pfeiler in der Capelle, Weisheit, Staͤrke, Schoͤnheit, Glaube, Liebe, Hofnung! drey Grazien — drey Frauenzimmer, sagte der Graf, und ich, „die Tugend selbst ist ein Frauenzimmer, „das Laster ist eine Mannsperson.“ Ey! schrie der Graf, Ey! der Prediger. Ich hatte Muͤhe, die guten Herren zu uͤberzeugen, daß mein Vater wohl wuͤste, was er spraͤche. Man D 5 muß muß nur alles nehmen, wie es von Gott und Rechts wegen zu nehmen ist. Der Buchstab’ ist todt; allein der Sinn ist lebendig. Ich blieb bey Wuͤrden und Ehren, und das Ey war vertilgt, bis auf den letzten Buchstab, welches um so leichter geschehen konnte, da es nur aus zweenen bestehet. Sonst versteht jeder, was Glaube, Liebe, Hofnung sey, oder eigentlicher, wie sie gemahlt werden; indessen hatte der Graf seinen eigenen Glauben, seine eigene Liebe, seine eigene Hofnung. Der Glaube war ein Maͤdchen, das mit der rechten Hand gen Himmel mit einem Cru- cifix den Weg wies, in der linken Hand einen Kelch hatte, woraus es trank, mit dem einen Auge lies es die Bitterkeit des Tranks merken, mit dem andern aber Himmel an, als saͤh’ es den himmlischen Vater — auf dem Haupt’ eine Krone mit Lorbeeren durchflochten. Es lag auf den Knien, das gute Kind. Oben standen die Worte: ich glaube, Herr! hilf meinem Unglauben! Glaube war groß ge- schrieben, und es war auch noͤthig, denn wer haͤtte sonst wohl wissen koͤnnen, daß dies der Glaube sey? Es thut mir ordentlich leid, daß ich vergessen habe, mit welchem Auge der Glaube gen Himmel, und mit wel- chem chem er in den Kelch der Bitterkeit sahe, als wolt’ er die Tropfen auszaͤhlen. Kanst du sie zaͤhlen, hies es zu Abraham, da ihm die Milchstraße am Himmel gewiesen und die Versicherung in forma probante behaͤndigt ward: also soll auch dein Saame seyn — Die Liebe war eine junge liebenswuͤrdige Mutter, (das schoͤnste in der Natur) ein Kind an ihrer Brust, eins lag ihr auf der Schul- ter und kuͤste sie mit Inbrunst. Noch war ein Kind, dem sie drohend ihre rechte Hand reichte. O wie drohete sie! Allerliebst. Oben stand: Staͤrker, als der Tod! Die Liebe ist sehr beschaͤftigt, sagte der Graf! Sie hat alle Haͤnde voll; die wird wohl jeder kennen! — Die Hofnung war eine Gesegnete, eine der Entbindung nahe. Das Kind sprang ihr im Leibe, wie der Elisabeth, und doch sah man ihr einigen Kummer an. Sie zaͤhlte die Monden. Sie hatte sich auf einen Anker gelehnt. Sie lag fast ganz darauf. — In der einen Hand hatte sie ein postfliegendes Noataͤubchen. Den Kopf hielt sie in die Hoͤhe, als ob sie wissen wolte, wie weit von ihr zur Erfuͤllung waͤre, vom Ja zum Amen. Die Die Augen, das merkte man, konnte sie nicht in die Hoͤhe bringen, sie wolte — Es standen die Worte herum: Hofnung laͤßt nicht zu Schanden werden! Hofnung groß! Der Prediger war ein Musikus, und da ihm der Graf das kleine Positivchen zuwies, zog er den Tremulanten, den Hauptzug an diesem Werklein, und spielte: Was willst du armes Leben? Beym Herausgehen wurde mir ein Buch an die Hand gegeben, das die Aufschrift fuͤhrte: Namen derer, die in dieser Capelle gewesen, die, da sie schrieben, wa- ren, und, eh sich das Blat umkeh- ret, nicht mehr sind. Ihre Namen moͤgen geschrieben seyn ins Buch des Lebens! Amen. Herzlich freut’ ich mich, daß ich meinen Na- men beynahe am Ende schrieb, so daß das Blat bald umgekehrt werden muste — bald! Es ergrif mich ein Schauer, und es war, als hoͤrt ich Minen saͤuseln: bald! Der Graf bewohnte sieben Zimmer, wo er und sein Bruder Feuer und Heerd hatten. Des Grafen Bette war ein foͤrmliches Ge- woͤlbe. woͤlbe. Lazarus, unser Freund, schlaͤft, sagt’ er zu mir, da er es mir zeigte. Sein Bruder gab ihm nichts nach, nur daß auch hier das graͤfliche Wapen eine Scheidewand machte. Das liebe Wapen! Der Graf, der sehr in die Urnenfa ç ons verliebt war, hatte in seinen sieben Leibzimmern christliche Urnen, wo er wuͤrklich christliche Todtenknochen unter wohl- riechende Dinge gelegt und aufbewahrete. Bey Gelegenheit, daß uns der Graf in seinen sieben Leibzimmern herum fuͤhrte, war er nicht etwa stumm, sondern so beredt, als nur irgend Jemand seyn kann. Wir setzten unsere Gespraͤche, des Sehens unerachtet, ohne Zeitverlust fort. Man sieht noch ein- mal so gut, wenn man drein spricht; wenn man sagt, was man sieht. Das Hoͤren lei- det Abbruch, wenn man recht von Herzen sieht. Wir sprachen uͤber das, was wir sa- hen — und uͤber vieles, was wir nicht sahen. Meine Leser werden keine Muͤhe haben zu wißen, was jedem aus unserm Kleeblat, aus diesem Spiritus — oder wie es sonst heißt, eignet, zugehoͤret und gebuͤhret. Die Grie- chen, sagte der Graf, hatten die Gewohnheit, einen Zweig an die Thuͤre zu stecken, wo ein Todringer lag, wie ungefehr hier, wo Bier feil feil ist. Ich behalte diese Gewohnheit auch bey. Ueber jede Thuͤr in meinem Sterbhause, wo gestorben wird, ist ein Reis als ein Sie- geszeichen angesteckt; warum ich aber an Ei- nem Sterbenden nicht genug habe, geschiehet nicht sowohl meinet, als der Sterbenden we- gen. Man hat sich gewaltiglich uͤber den Gebrauch der Alten gewundert, daß man bey der Leiche anderer viele Leichen machte, um dem Gott des Todes den Mund zu stopfen, und den Charon auf einen Tag in solchen Schweiß zu setzen, daß er fast selbst gestorben waͤre. Man hat, duͤnkt mich, Ursache sich zu wundern. So viel ist aber gewis, daß es weit angenehmer ist, in Gesellschaft zu ster- ben, als in Gesellschaft zu leben. Der groͤßte Theil der Menschen stirbt eben darum so schwer, weil er alles verlaßen muß, und weil ihn alles verlaͤst, weil er so sehr allein bleibt. Ein schweres Wort allein. Der Mensch ist ein geselliges Thier. Der Sterbende hat selbst so oft und viel in seinem Leben, derer, die starben, vergeßen, als daß er auf die Ehre eines laͤngern Andenkens rechnen sollte. Wenn er aber mit dem Zirkel, in dem er leibte und lebte, in einem stirbt; wie troͤstet dies? Auch wenn ihm die andre Welt und die Wie- derkunft derkunft der Guten und Boͤsen ein unaufloͤß- liches Raͤthsel bleibt, giebt ihm dieser Gedan- ke einige Ruhe — und welch eine Seelenruhe, wenn er mit ihnen, so wie er hier lebte, dort wieder lebt. Da denkt denn der Reiche, er werde unter seinen mit ihm zusammen gestor- benen Schuldnern noch immer der Glaͤubiger bleiben. Die Leute werden sich doch schaͤmen, ihn auf einem andern Fuß zu nehmen, da sie ihm die Zinsen ohnedem acht Tage nach der Verfallstunde berichtiget, welches aufs Jahr schon etwas betraͤget. Da denkt der Herr, wenn er mit seinen Bedienten zusammen stirbt, die Menschen werden doch Lebensart verste- hen. Ich, sagte der Graf, ich selbst moͤchte mich nicht gern von meinem Bruder trennen. Darum, fuhr er fort, sind uns neue Freund- schaften so verhaßt, wenn wir in gewißen Jahren sind, im Fall die Freundschaftspar- theyen nicht jahregleich sind. — Auf Ehre, liebe Sterbenscandidaten und Candidatinnen! wenn die Hohen und Reichen, die Augenlu- stigen und die vom hoffaͤrtigen Leben, wuͤsten, wie wohl es in dieser Ruͤcksicht sich im Ho- spital sterben ließe, stuͤrben viel drinn, die sich jezo wohlbedaͤchtig genuͤgen, Geld unter diese Armen auszuwerfen. Diese Armen besitzen oft mehr, mehr, als alle Schaͤtze der Welt; denn das Himmelreich ist ihrer! Darum vorzuͤglich glaub ich, sagte der Graf, durch gute Gesell- schaft meinen Sterbenden ihr Ende zu erleich- tern, und ihnen einen Dienst dran zu thun. Sie koͤnnen jezt die Zeit nicht abwarten, sie keichen recht nach dem vorgesteckten Ziel, und oft hab’ ich gehoͤrt: Wilst du mit? Ich bin bereit, so komm — ich geh — gern! So komm doch! Gern! Nun? hohl mich nach, so gern ich wollte, kann ich? Wenn die grausame Gewohnheit der Al- ten, Leichen bey Leichen zu machen, in diese Ideen zum Theil einschluͤge, sagten wir alle drey, und thaten so, als fruͤgen wirs? Wir machten es, wie die Redner und Schriftsteller, bey denen das Fragzeichen nicht ein Men- schenhaar mehr bedeutet, als gehorsamer Die- ner, unterthaͤniger Knecht, und dergleichen sieben mal sieben Sachen mehr. Selbst der Selbstmord wuͤrde beym ofnen Grabe noch am ersten aus der Natur des Menschen zu erklaͤren seyn, und es gehoͤrt ein eben so großer Grad Lebensliebe dazu, als der große Menschentoͤpfer uns mit eingebla- sen, um diesen Grillen bey den ofnen Graͤbern der lieben Unsrigen zu entkommen. Man duͤnkt duͤnkt sich, ohne die Seinen, verwayset in der weiten Welt, und ist man es nicht an diesem unempfindlichen großen Ort? Was waͤre das Leben, wenn man nicht noch den Zirkel der Seinen haͤtte, wo man noch das suͤße Echo seines Schmerzens seiner Freunde hoͤrt, und eine Theilnehmung sieht, Liebe und Gegenliebe empfindet. — Wer sich auf ei- nem andern Wege, als am ofnen Grabe, das Lebenslicht ausblaͤßt, bedenket nicht, von wannen er kommt und wohin er faͤhret. So ehrbar es Manchem laͤßt; er ist doch mit sei- nem Kopf uͤber Bord. Ey, wenn es der Mensch in einem entsetzlichen uͤbermenschlichen Schmerz thaͤte? Giebts uͤbermenschlichen? Exempel zwar, daß Menschen sich des Schmer- zens halber umgebracht, obs aber uͤbermensch- licher Schmerz war, bleibt Frage. So viel ist auffallend, daß der Leib, der, wenn er todt ist, da liegt, wie ein Stuͤck abgehauenes Holz, unmoͤglich dem Schmerz ausgesetzet seyn koͤn- ne, den er im Leben empfand, und wenn also ein Leidender seine Seele Gott befiehlet und seinem ihn plagenden Leibe einen Streich spielt, oder dem armen Schelm eine Wohlthat erwei- set; so ließe sich daruͤber reden, mehr aber auch schwerlich: denn ein solcher Selbstmoͤr- E der der kommt aus dem Text der Natur. — Wie selten find indeßen Exempel von Leuten, die aus Schmerz sich ins Leben greifen, in ein zweyschneidendes Schwert faßen: denn Leute, die dem Tode recht ehrlich trotzen koͤnnen, o! die trotzen auch dem Leben. Ey, wenn der Mensch alles vollendet haͤt- te? Wenn ihm die Zeit mit Recht lang wuͤr- de? Alles vollendet, Lieber! alles! Wenn wir gethan haben, was wir zu thun schuldig waren, sind wir denn mehr, als unnuͤtze Knechte? Wer hat aber alles vollbracht? Wem wird die Zeit auf eine weise Art zu lange? Jener Freygelaßene der Agrippina, der sich bey dem Scheiterhaufen seiner Goͤnnerin (um ihr Ehrenbette nicht zu beflecken) erstach. Viel Erkenntlichkeit, wenn sie ihm blos Schuz- goͤttin war! — Doch solche Erkenntlichkeit haben noch mehr bewiesen. Weiber, Freyge- wordene, selbst Hunde und andere Thiere, die sonst nicht so treu befunden werden! Sehen und Hoͤren, ich hab’ es, glaub ich, schon sonst wo gesagt, vertragen sich mit ein- ander, wie Halbgeschwister. Ich gestehe es sehr gern, viel, sehr viel von dem Gerede des Grafen verlohren zu haben, und das ist Scha- de! de! Der Graf, der in andern Faͤchern eben keine große Kenntniße bewieß, war uner- schoͤpflich in den Sterbenswißenschaften. Da hatte er gedacht und gelesen. Da konnt’ er mit dem Gelehrtesten schon eins anbinden. Ich wundre mich noch, daß er bis auf die Terminologien, die eben seine Sache nicht waren, den Tod in allen Zeiten, in allen Zun- gen und Sprachen, verstand. So gar aus fremden Sprachen, die er nicht kannte, wuste er gewiße Worte, den Tod betreffend. Der Prediger konnte ihm in dieser Kunst auf sechs kaum das siebente antworten; indeßen exami- nirt’ er nicht, wie es denn auch Niemand thut, der dem andern sehr uͤberlegen ist. Wer wuͤrklich weniger weiß, als der Initiandus, ist ein Inquisitor im Examen. — Der Ueber- legene lehret nur, das heißt, er legt es alles zum Greifen nahe. Ich erinnere mich meines Versprechens, meine Leser in drey Zimmer zu fuͤhren. Das erste Zimmer soll das seyn, wo der Graf seine verstorbene naͤchste Familie hatte. Es wird meinen Lesern noch im frischen Andenken seyn, daß ich bey dem seeligen Ende E 2 des des zweyten Theils der Lebenslaͤufe, da ich den besondern Mann, den Herrn Grafen, am dritten Ort zu praͤsentiren die Ehre hatte, zu- gleich anbrachte, wie er sehr traurige Schick- sale uͤberlebt. Sieben Kinder, alle im Lenze des Lebens, waren ihm gestorben. Dieses Zimmer hies Familiencabinet, und war dem Schatten dieser sieben Seligen, dieser sieben Engel, die Gottes Angesicht sahen, gewidmet. Lange stand der Graf an, ob er diese heilige Seelenzahl verruͤcken, und ihnen noch die bey- den Braͤutigams der beyden als Braͤute ge- storbenen Toͤchter, und die Braut des als Braͤutigam gestorbenen Sohnes, zugesellen sollte? Endlich Ja, weil seine Gemahlin schon uͤber sieben war. Die Zahl war also schon verdorben. Dies Familiencabinet ent- hielte diese liebe Todten, wie der Graf sie nannte, von denen immer eins dem andern die Hand gab, und eins nach dem andern an den Reihen kam. Eines fordert das andere zum Todtentanz, zum Grabesgang, auf. Viel Einheit der Zeit, alles starb in Zeit von drey Jahren. — Ich kann eben nicht sagen, daß in diesem Trauerspiel griechischer Ge- schmack herrschte; indeßen war viel Manns- und Vaͤterwaͤrme da, viel Empfindung. Es waren waren zwey Thuͤrstuͤcke, das eine stellte Ge- nesin, das andere Apocalypsin vor. Ge- nesis war in Gestalt eines Menschen. Apo- calypsis wie ein Engel gekleidet. In jenem sahe man die Worte: es ward — in diesem das Offenbarungs Johannis Wort: Amen! — Die Seeligen waren alle wie Geister ge- kleidet. Sie hatten weiße Kleider. Sie wa- ren mit Koͤrperchen umschlagen mit einem leichten Gewande, mit dem Sterbhemde. Die Gesichter kenntlich; allein himmlisch. Wenn die junge Grafen und der Braͤutigam nicht Hutkraͤnze von weißen Federn auf ihren flie- genden Haaren gehabt, und ganz unvermerkt das graͤfliche Wapen nebst der Perlencron an ihrer Seite hervorgeschimmert haͤtte; so wuͤr- den die Geister mehr Geister gewesen seyn. Jezt waren es graͤfliche Geister. Andre Welt! wenn du Fuͤrsten, Grafen, Freyherren, Rit- ter, Buͤrger und Bauren hast; sind sie auch nur durch ein Wapen unterschieden; wie we- nig bist du dann andre Welt! wie wenig! — Alles handelte in diesem Familienstuͤck. — O der unseligen Wapen, und der weißen Feder- buͤsche! und der graͤflichen Krone! — Die Graͤfin Mutter hatte sieben Weinreben in der Hand, die alle sieben weinten, so daß E 3 die die Thraͤnen zusehens herabtraͤufelten; drun- ter giengen Vergiß mein nicht auf. Zwey Soͤhne hatten Grabschaufeln in der Rechten, standen an einem aufgemachten Bette, wie der Graf es nannte, an einem fertigen Grabe, und besahen die Erde und sich, als wenn man sein Portrait und sich collationirt, um beyzuzeichnen: concordare cum suo origi- nali testor. Man sahe, daß sie sich sagten: Staub von unserm Staub! Zwey Graͤfinnen, unschuldig wie Engel, bis auf die verfluchten Wapen. Wozu doch die Wapen? Zwey Graͤfinnen, wuͤrkliche Engel, goßen jedes eine Schaale auf die aufgeworfene zur Saat Got- tes vorbereitete Erde. Meine Mutter haͤtte das Taufwasser nicht feierlicher ausgiessen koͤnnen, als diese Engel die Schaalen. Die beyden Braͤute, mit herabhaͤngenden halbverwelkten Kraͤnzen, Hand in Hand. Der eine Braͤutigam den rechten Arm in der linken Hand — so aufgestuͤtzt sieht er starr auf ei- nen Fleck im bloßen Kopf, wie der Graf sagte, das ist, auf nackte Erde. Wohin der Blick nur reichen kann, ist die Stelle kahl, ohne gruͤn und gelb. — Der andre neigte sich sanft zur Erde, die er kuͤßt. Die Bewegung jenes Roͤ- Roͤmers, da er seinem Vaterlande einen Kuß gab, ist nichts dagegen. Der Sohn und seine Braut, oder Federn und Wapen, hielten eine mit Blumen durch- flochtene Schnur. Sie zogen jedes sein Ende mit Macht, und siehe da, sie reißt und beyde sind im Sinken — zwo Tauben fliegen mit Oehlzweigen uͤber der ganzen Gesellschaft. Und nun noch ein Engel ohne Sterbhemde, ohn Schlafrocksmaͤßig um den Geist haͤngen- des fliegendes Koͤrperchen, ein Engel in einer noch angemeßenern Uniform, in einem so Orignalengelgewande — alles englisch an ihm, wie schoͤn er in die Hoͤhe sieht! Wie schoͤn! Es war der juͤngste, der Benjamin un- ter seinen Bruͤdern. Wenn ich doch diese Uni- form beschreiben koͤnnte! — — Schade! er hat ein Ordensbaͤndchen, worauf das luthe- rische Wort steht: Viuit. Freilich mehr, als pro gloria et patria. Allein ein Ordensengel! O des Ordens, der Wapen! der Federbuͤsche! Das zweite Zimmer mit dem Accent: ich gesteh’ es, ich haͤtt’ es fuͤr mein Leben gern. — Lauter sterbende Koͤpfe! Roch ist Zeit zu- ruͤckzutreten, gnaͤdige Frau — allein die letzte E 4 Zeit Zeit war diese heilige Schwelle betreten — ich steh nicht fuͤr ihn. — Man sieht es Ew. Gna- den an — sie erliegen! ohne Umstaͤnde ein polnischer Abschied, oder ein deutscher! wie sie befehlen! Ha! das war ein Odemzug! Das Be- harren bis ans End’ ist nicht Jedermanns Ding — Viel Vergnuͤgen auf der Redoute. — Da sind freylich andere Gesichter! Narren- kappen wie man sie will. Als Schaͤferinn also? — — — und diese Koͤpfe? O Freunde, wie werth, wie werth zu sehen! Es sind Ge- storbene, die eben kalt geworden, eben. — Alle gantz puͤnktlich richtig nach dem Leben — nach dem Tode, wuͤrd’ ich sagen, nach ihrem Sonnenuntergang! — seelig, seelig, seelig, sagte der Graf, sind die Todten, die im Herrn sterben. Sie ruhen von ihrer Arbeit, ihre Werke folgen ihnen nach — Wir falteten alle drey die Haͤnde! Es war erwecklich anzuse- hen. — Sie sind, fieng der Graf Etwas zu gesucht an, diese Todten hier, sind nach dem Ausgang der Seele durchs rothe Meer, wie diese schon Canaans Thurmspitzen sah, gemahlt. Wenn die Seele, fuhr er fort, von ihrem vieljaͤhrigen Freunde Abschied nimmt, ver- ehrt sie ihm noch ein klein Andenken. Eine goldne goldne Tabatiere mit ihrem Bilde! Sie wirft noch Strahlen auf ihn, die so aus den Ge- sichtszuͤgen des Gestorbenen herausleuchten, wie das Antlitz des Moses, obgleich er schon vom Donner und Blitzberge war. Der Mensch dort, so lange die Seele in ihm lebte, schwebte und war, sich so oft hinter ihr ver- steckte, und vom Verstande Feigenblaͤtter, Vorhaͤnge borgte, kaufte, wie es die Noth wolte, ist da auf ein Haar zu sehen. Als wenn er lebt! Als wenn die Seele nur uͤber Feld gegangen waͤre, um frische Luft zu schoͤ- pfen, um ins Freye zu gehen, als wenn die Seele gleich wieder kommen wuͤrde. Ihr Hauptsessel ist noch nicht kalt. — Spasvo- gel Diogenes, loͤsche deine Laterne aus! Hier sind Menschen, recht wie sie sind. — Da ist das aufgegebene Raͤthsel und die Loͤsung, das Exempel und die Probe! Jeder fuͤrchtet sich vor dem natuͤrlichen, vor dem Cammertode, vor dem kalten vernuͤnftigen Tode. Der Hel- dentodt, der Feldtodt, ist nicht kalt, nicht ver- nuͤnftig. Es ist ein kuͤnstlicher Tod, man weiß nicht wo man bleibt, und ich, sagte der Graf, ich, der ich dem Tode seine Kuͤnste ab- laure, ich der ich ihm nachschreibe, wolte in Faͤllen dieser Art nicht Observationen anstel- E 5 len, len, um alles nicht, in Faͤllen nehmlich, wo der Mensch so recht in seinen Suͤnden ohne Zeit und Raum, sich in Ordnung zu legen, dahin stirbt, dahin — Zwar, fuhr der Graf fort, zwar hab’ ich selbst zwey Bruͤder, die auf diesem so genannten Bette der Ehren ge- blieben sind, und ich hoffe sie gewis in der see- ligen Ewigkeit zu treffen; indessen ist nichts richtiger, als daß der Baum, wie er faͤlt, liegen bleibe. Da liegt der Grund von mei- nem Grundsatz. Warlich, lieber Leser, das war das Motto zu dem Zimmer, in das ich euch ein — und die gnaͤdige Frau v. —, die eben jetzo schon ein englisch Taͤnzchen macht, ausgefuͤhret habe, obgleich die gute Frau, unter uns gesagt, uͤber ein kleines auch ein Todtenkopf werden wird, und ins Ohr gesagt, schon jetzt halb einer ist — und diese Koͤpfe? So hab’ ich schon einmal gefragt, und so werd’ ich noch oft fragen, und immer drauf antworten, o Freunde, wie werth zu sehen, wie werth! Wer kann sie aber ohne Verlust beschreiben? Wer? Ein Gemaͤhlde von andern Gemaͤhlden ist Copie, ist todt an ihm selbst, ist kalt von kalt — wie — der eine Kopf als fruͤg’ er: wo kam ich hin? so bescheiden gefragt, daß es ihm gleich war, wohin wohin es gienge. Die Augen so geschlossen, als ob er sich alles willig gefallen ließe, und gern unter Gottes Regiment blind waͤre, ohne alle Capitulation. Wer wird auch mit dem guten, mit dem lieben Gott, capituliren. Tiresias toͤdtete die Frau Drachen, und ward aus einem Manne ein Weib. Nach sie- ben Jahren toͤdtete sie oder er den Herrn Dra- chen, und ward ein Mann. Seiner Offen- herzigkeit halber, da Jupiter und Juno uͤber die Suͤßigkeiten des Ehestandes stritten, und er dem weiblichen Geschlecht den Apfel reichte, ward Juno aufgebracht; denn welche Dame, waͤre sie auch eine Goͤttin, thut nicht so, als sey ihr nichts um die Liebkosung der Maͤnner zu thun, und sey es auch Herr Jupiter, der ihr liebkose. Der Zorn der Juno machte den Tiresias blind. Jupiter aber verlieh ihm in hoͤchsten Gnaden das Privilegium personale, wiewohl in casu onerosum, wahr zu sagen, zur Erkenntlichkeit. Die Anwendung dieser Fa- bel: Tiresias hatte so die Augen zu, wie un- ser Verstorbene — Er war so zufrieden, wie Tiresias. Das Schicksal wolt’ es, daß er die Augen schließen solte, und er schlos sie. So auch unser Kopf. Tiresias war blind und sah mehr, als Leute, die ihre zwey Augen im im Kopf hatten. Unser Gestorbene schien auch beym Verlust seiner Augen eines andern Heils gewis zu seyn. Das war Aussicht. Die Ruͤck- sicht? Sich selbst von Jugendsuͤnden zugezo- gener Sterbensschmerz schien auf der Stirn zu runzeln: allein kein Bewustseyn, seinen Naͤchsten um funfzig Procent gebracht zu ha- ben, kein Betrug, kein Bubenstuͤck. Die Un- terlippe biß die obere ein, doch verwundete sie solche nicht. — Paete, non dolet. Oberlippe, es thut nicht weh, schien die Unterlippe der Oberlippe aufbeißen zu wollen. Just dann schmerzt es aber, wenn man sagt, es schmerzt nicht. Man bespricht den Schmerz, wenn man spricht, indem es weh thut, wenigstens glaubt man ihn zu besprechen. — Solten Sie denken, meine Herren, sagte der Graf, es ist ein bloßer Gottverehrer — der, wie er mir bekannt hat, den lieben Gott blos in seiner lieben guͤtigen Natur gesehen, ge- kannt und sich drob gefreut hat. Denn Gott ist nicht ferne von einem Jeglichen. Den feu- rigen Busch der Religion hat er nicht gesehen. Er blieb seinem Naturglauben und Vernunfts- Catechismus, der nur einen Artikel hat, treu! Ich kann nicht, sagt’ er, wenn ich gleich wolte; allein ich habe keinen in seinen drey Artikeln gestoͤhrt, gestoͤhrt, keinem seinen Catechismus im Spiel abgenommen, keinem geschwindes Witz- oder langsam wirkendes Verstandsgift eingegeben, keinem in seinem Thun und Laßen einen Stein des Anstoßes in Weg gelegt. Ich hielt viel fuͤr Gotteslaͤsterung, was andere fuͤr Gottes- verehrung hielten — ich — besonders war es, bemerkte der Graf, das er das ich unend- lich oft und viel aussprach, und mit seinem ich hinten und vorn war. Er blieb auch im ich. — Er sties sich das Herz daran ab. Mit dem lieben ich! — Die Herren Naturalisten im guten Sinn, dabey bleib’ ich, fuhr der Graf fort, halten sich selbst fuͤr kein Kleines. Ihre Seele wenigstens ist ihnen ein Stuͤcklein lieber Gott, wie wir Christen denn auch drin nicht ganz in Abrede sind, allein wie? — Man koͤnnte die Deisten Seelenverehrer nen- nen, bald haͤtt’ ich Seelenabgoͤtter gesagt; allein seht nur die Miene des Gestorbenen! Ist da wohl Abgoͤtterey drinn — ich mag keinen Stein aufheben wider ihn, weder ei- nen großen, wie wider den Stephanus, noch einen kleinen, wie wider Goliath — ich nicht. Noch ein Deist mit mehr Stirn- unbeladenheit, allein mehr Lebensmuͤhsee- ligkeit uͤber den geschloßenen Augen, die er er eigentlich nicht geschloßen, sondern zu- gedruckt hatte. Es schien so, als waͤr der Schluͤßel abgedreht. Eine Auferstehung ge- hoͤrte dazu, um diese verschloßenen Augenthuͤ- ren zu oͤfnen. Alles war dicht zu, auf beyden Wangen. Von der Mitte der Nase an, bis ganz herunter lag ein Strick von Runzel, der sich unten zusammen gab. Er ist sehr verfolgt, der arme Schelm — sagte der Graf. Sein Tod war sanft, das sah man — kein Ge- wissensbiß, auch nicht einst in einer Lippe. Ruhe lag uͤber und uͤber und so viel Erge- bung, daß er, wenn Gott gesagt haͤtte: hoͤr auf, er erwiedert haben wuͤrde, dein Wille geschehe! Wahrlich das koͤnnt’ ich nicht, be- merkte der Graf, ich wuͤrde dem lieben Gott wenn nicht mehr antworten, so doch: aber lieber Gott — Ich konnte nicht weg von diesem Kopfe. Herr wie du wilst, so hies er. Der Graf erzaͤhlte mir viel Verfolgungssce- nen von Geistlichen, und besonders von ei- nem gewissen Consistorial-Praͤsidenten Cai- phas — der selbst weder Gott noch Teufel glaubte, der aber von Amtswegen und aus leidigem Praͤsidentensiolz orthodox schien bis zur Raserey, die uͤberhaupt mit ihm sehr nahe verwandt war. Gott laß dich ruhig haͤngen, sagt’ sagt’ ich, da ich ihn sahe — Du ruhiger Mensch. Koͤnnte seine Seele wohl in der Hoͤlle und Qual seyn, und sein bestes Leib- stuͤck, sein Kopf, so aussehen? Es waͤr’ ihm, solt ich denken, auf dem Hoͤlle- und Quaal- Fall gewis etwas vom Durst anzusehen, den seine andre Helfte dort litte. Mein Vater pflegte zu sagen: alles Paarweise, Seele Mann, Koͤrper Weib. W. Z. E. W. Meine Mutter wuͤrde gesagt haben, Leib Weib — ohne W. Z. E. W. Dies fiel mir ein, und schnell dacht ich, ein gutes Weib! Sollte wohl da oben uͤbern Augen Etwas Menschenhaß liegen? und der Gerntodt eben daher sein schoͤnes Feyerkleid her haben? und die Ent- schlossenheit, auch ganz zur Erde zu werden, daher kommen, um nur mit Menschen nicht mehr zusammen zu seyn? — Seht ihn recht an, ich finde keine Schuld an ihm, und wenn etwas Bitterkeit wider Priester und Leviten, wie Unkraut unterm Waizen, stuͤnde: war nicht vielleicht Verfolgung wider diesen Sa- mariter Schuld daran? Es liegt auf jedem Lebens ausgegangenen Gesicht Ruͤcksicht und Hinsicht, sagte der Graf. Ich fand keines von beyden auf unserm Ruhigen. Er neigte nicht sein Haupt, das that auch sein Bruder nicht, sie sie hatten den Kopf ruͤckwaͤrts gebogen, und doch in die Hoͤhe! — Schlaf gesund, du Verfolgter, und genieße der stolzen Ruhe de- rer, die in Gottes Hand sind, und von denen es heißt: keine Quaal (auch nicht einst vom Con- sistorial-Praͤsidenten Caiphas, dem Schwie- gersohn des Hannas,) ruͤhret sie an — Das waren die beyden Deisten, denen der Graf hier ein Raͤumlein bey seinen Christenkoͤpfen gegoͤnnet hatte, so daß diese Todtenkopfgal- lerie eben hiedurch ein Simultangewoͤlbe wor- den war. Der Deist, da er wohl einsiehet, er komme nicht aus: er habe eine Rechnung ohne Wirth gemacht, nimmt sich eine Handlung aus sei- nem Leben heraus, stellet sie auf und sieht sie so mit unverwandten starren Augen an, daß er drauf lebt und stirbt, daß er sich einbildet, der liebe Gott werde auch sein ganzes Leben so vergessen, als er, bis auf das Proͤbchen, das er zur Schau aufgestelt. Moses ward be- graben, ohne daß Jemand wußte wo? Doch! ich wolte vom Lycurgus reden. Dieser große spartanische Gesetzgeber eroͤfnete dem Volke seine in Delphos confirmirte und goͤttlich er- klaͤrte Gesetze, und da Sparta unter seinen Gesetztafeln bluͤhete, wie ein Weidenbaum an den den Wasserbaͤchen, nahm er von seinen Buͤr- gern einen Eid, die Gesetze so lange in Ehren und Wuͤrden zu laßen, bis er heim kaͤme; denn er muͤste wieder nach Delphos, und nun reisete er nach Cirra, und bestaͤtigte mit sei- nem Tode seine Gesetze. — Eine Parenthese. Ist Lycurgus ein Selbstmoͤrder, und jener Patriot, der fuͤr sein Vaterland in ein war- mes Todesbad gieng? Nein, sie sind Maͤrty- rer, und haben den nemlichen Zug im Gesicht, als die, so aus Liebe zu einer Sache, damit sie, die Sache, nicht stuͤrbe, gestorben sind. Ich komm’ ab. Ich wolte sagen, Lycurgus habe so ausgesehen, wie jeder Deist, der sich ein Lebensbild aufschlaͤgt, und dies ohne Auf- hoͤren ansieht. — Die Seele selbst gewoͤhnt ihr Auge dran. Ueber die Christenkoͤpfe uͤberhaupt die An- merkung: die Augen alle nicht ganz zu: Sie wolten sehen, wo ihre durch Christum gehei- ligte Leichnamme blieben. Sie wolten lau- schen, (das thut man nur mit niedergeschla- genen Augen) wohin die erloͤste Seele citiret worden, und also die Augen etwas offen. Die Augen waren von andern zugedruckt; allein die Thuͤren wolten nicht zu halten, sie waren eingetrocknet. Die Christen hatten alle das F Haupt Haupt geneigt. Sie hatten, das sah man ihnen an, schon das Seelentestament deponirt: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Haͤnde, nimm meinen Geist auf! und nach diesem Testament neigten sie ihr Haupt und verschieden. Die Erde ist des Herrn! Nimm, liebe Mutter, diesen Leib, den du neu gebaͤh- ren solst — ich fuͤrchte nicht deinen verschlos- senen Leib — ich weis, an welchen ich glaube, und bin gewis, daß er diese Beylage bewah- ren werde, bis zu meinem Geburtstage, bis an jenen Tag — Der eine Mann da, solt’ ich mich irren, wenn ich behaupte, daß etwas Zweifel in ihm laͤge? Eine edle Unruhe — — bald haͤtt’ ich sokratische gesagt; allein sie war lange noch nicht sokratisch. — Es war eine christliche. Baal, erhoͤre uns, haͤtte dieser Mann nim- mer und in Ewigkeit gerufen! — Heute im Paradiese — heute noch? wo liegt es? Gott von Angesicht zu Angesicht sehen? ein Geist den andern. Ewige Seeligkeit! ewige! in einem weg, ohne daß uns die Zeit, haͤtt ich bald bald gesagt, ohne daß uns die Einigkeit (das, glaub’ ich, kann ich auch nicht sagen) lang wird. — Auferstehung des Todten, des in alle Welt zerstreueten Leibes? Dergleichen Fragzeichen schien der Mann auf dem Gesicht zu haben, und auch sein Nachbar, auch der hier, auch jener dort, o! der an der Thuͤr am deutlichsten: das ganze Gesicht ein Fragzei- chen! allein bey alle dem, mit einer Art von Vertraulichkeit gegen Gott. Nicht Dumdrei- stigkeit, nicht Christenstolz, wie die Feinde der christlichen Religion es zu benennen belieben, sondern kindliche Zudringlichkeit, hoͤchstens Vorschnelligkeit, hoͤchstens Kinderfrage. Sind Kinderfragen Zweifel? Sind es Knoten? die der Deist heroisch statt zu loͤsen entzwey haut? Werdet wie die Kinder! Wer kann das genug lehren und lernen, und beym Capittel der Ruͤcksicht, o! mein Gott, welche richtige Rechnung! Wie stimmig die Balance! keine Schuld im Ruͤckstande, nichts zum Uebertra- gen, alles thut wie oben. Alles rein ab- geschlossen! ohne Bruch, ohne — Der Kalte da! die wenigsten Zweifel! im linken Auge ein halbes Aber, kaum halb, das rechte glaubt — beyde christlich neugierig, ist das Wunder? Aber wie ruhig wegen des F 2 voll- vollbrachten Lebens! Der Deist, wenn ers recht, wenn ers genau nimmt, bankeroutirt, und sein Tod ist ein Prangertodt, ein Spekta- keltodt, als Christ? Alles bezahlt! Solte denn der Christ staͤrker in seinen Tugenden, fester in seinen Gesinnungen seyn? Solte! Halt! gelehrter Frager, der Christ ist uͤberall kindli- cher. Er thut nichts aus Stolz, oder eitler Ehre. Gott ist Vater, er ist ein kleines Kind, das wo einmal ins Licht greift und sich ver- brennt, das — — Wer, Freunde, ist der Engelreine, der nichts auf seinem Herzen und Gewißen haͤtte? Solch ein Paar Gottes-Menschen, als wir beym Grafen erblickt, finden sich, glaub ich, nicht in vielen Jahren. Wir haben sie aber ruͤhmlichst abgehandelt; indessen haben auch sie gewiß ein Proͤbchen ausgehangen. Der Mensch, wenn er alles gethan hat, hat er al- les gedacht? und bleibt er nicht ein unnuͤtzer Knecht? Und wer macht das Blutrothe schneeweis, und das Rosinfarbne wie Wolle? Ich glaube nicht, daß Gott der Herr unmit- telbar beleidiget werden koͤnne? Und die cri- mina læsæ majestatis diuinæ sind, wie schon be- merkt worden, so was menschlich gesagtes, als Gottes Hand, Gottes Fuß, Gottes Auge. Wer Wer von Gottes Mund spricht, thut Etwas sehr gewoͤnliches; wer aber nur die Helfte von Got- tes Nase spraͤche, und von seiner Stirn, und von seinen Beinen, wuͤrde Gott danken koͤnnen, wenn man ihn nicht fuͤr eine Art von Gottes- laͤsterer hielte, warum das? Gott, der nicht zu sehen ist, wird nur in unsern Bruͤdern beleidigt, die zu sehen sind, und in uns selbst, die wir auch sein Othem sind. Hier indeßen, welch ein Feld zu Ver- brechen! — — Wir wollen annehmen, daß Selbstsuͤnden auch Selbststrafen nach sich zoͤ- gen; (Suͤnde, den Tod) ists aber darum gut gemacht? Waͤre dies, so waͤre jeder Selbst- moͤrder seelig, ohne Streitschrift, weil er das Leben eingebuͤßt hat, nicht also? Wer sich zum Arbeiter im goͤttlichen Weinberge, zur Weltarbeit untauglich macht, wer nicht treu und fleißig mit den Gaben umgeht, die er empfangen hat, verdient nicht allein keinen Taglohn, und Armuth und Mangel; sondern er hat auch mit seinen Suͤnden noch andere Strafen verdient. — Und wer ist so unschul- dig, daß er seinen Bruder nicht mit Gedanken, Gebehrden, Worten und Werken, beleidiget haͤtte? F 3 Schoͤn, Schoͤn, Freunde! wenn ihr das Seine dem gebt, dem ihrs genommen, dem Nachbar sein Waizenland, und der armen Priesterwitt- we ihren Kohlgarten. Schoͤn, wenn ihr dem die landuͤbliche Zinsen wegen des entbehrten Niesbrauchs ersetzet, dem ihr den Niesbrauch seines Ackers entzogen; habt ihr aber auch die drey Lebensjahre erstattet, welche ihr die- sem Armen durch eure Kraͤnkungen entzoget? die Sonne, die auf dieses Land sahe? den Re- gen, der darauf fiel? — Habt ihr dadurch schon den in integrum restituirt, den ihr fuͤr einen Weinsaͤufer, beißig, hartherzig ausgabt, wenn ihr uͤber viele Zeit, da er schon dieses eures Todschlages halber in die Verwesung uͤbergegangen, eine Palinodie sanget und be- hauptetet, er sey ein Waßermann, habe keine Zornzaͤhne, sey warmherzig; und wie man- cher ist gar nicht mehr mit euch auf dem We- ge, den ihr beleidiget habt! Wird der Mord, den ihr an der Mutter veruͤbtet, etwa nicht gestrafet, wenn ihr ihrem Saͤuglinge eine Am- me gebt? oder wenn ihr den Altar bekleidet, oder dem Oberpastor einen Anthal vom besten spendiret? Hat Christus, der Mund der Wahrheit, etwa die Unwahrheit unter die Christenleute gebracht: wenn er uͤber jedes un- unnuͤtze Wort Rechenschaft einfordert? Ist was wahrer? was richtiger? Herr! wenn du wilst Suͤnden zurechnen, wer kann bestehen? So gut ich mein Buch gemeynt, koͤnnen nicht Stellen seyn, die nicht da seyn sollten? und was alsdenn? So ruhig wie die zwey Got- tes Menschen oben gestorben! Wer es kann. Wer nach Orts-Ellen gestempelt, durch den Land- und Stadtphilosophen Gottes Eigen- schaften abmißt, und Gerechtigkeit und Barm- herzigkeit nach dem Ein mal eins berechnet; was meynt ihr, kann er wohl bey ganz gesun- den Nachdenken sein Haupt so ruͤckwerfen, wie die beyden, die wir nahe bey gesehen ha- ben? Und seht sie doch nur recht an. Recht! Ist denn die Ruhe der beyden guten Leute die rechte Ruhe? Wer steht uns dafuͤr? Der Phlegmatische ist ruhig, weil er phlegmatisch ist. Wenn aber ein Betriebsamer seine Ge- schaͤfte richtig durchkalkuliert, Debet und Cre- dit abzieht, und Summa Summarum Ruhe abzieht. — Was meynt ihr? Ist das nicht eine andre Ruhe? Eine Ruhe, ohne vorhe- rige Unruhe, was ist sie? Reue, die Niemand gereut, wirkt Leben, und wenn denn ein Deist traurig wird, was kann diese Traurigkeit der Welt anders wuͤrken, als den Tod? — Seht F 4 da da den Christen, die Augen offen (im Leben heißt es, Nas’ und Mund offen) wegen der Hinsicht; allein wie ruhig wegen der Ruͤck- sicht! Seelig! seelig wer wie Mine stirbt! so kindlich gros! so schoͤn! So sterben zu sehen, ist das nicht Wonne? Wer so stirbt, der stirbt wohl, wohl, wohl! und verdenkst du, unberufner Kunstrichter, dem Grafen, daß — — Seht nun, wie ausdruͤcklich berechnet ist die Ruhe der Christen auf ihren Gesichtern! Gilt es denn hier Etwa nur eine taube Nuß, oder gilt es eine Ewigkeit? — Nach diesem Praͤludio, ich wuͤnscht’ es waͤr in der Wirklichkeit so stark im Ausdruck, als das, des alten Herrn in der Einbildung! Seht euch mit mir um, lieben Leser! Auf den Christen Todtenkoͤpfen eine voll- staͤndige Quittung, Brief und Siegel zum Losspruch. Kein Zweifel-Glaube, ohne alle Einwendung in der Ruͤcksicht. — Die Kinder- frag’ in der Hinsicht thut nichts zur Sache. Seht jenes Weibsbild! wie unbefleckt, wie froh ruhig! wie Zweifelsfrey! Nicht Hof- nung, sondern der Himmel selbst in hoher Person, haͤtt’ ich bald gesagt, liegt auf ihrem edlen Gesichte! ich kann hier selbst keine Neu- gierde, gierde, keine Kinderfrage finden. Solch ein Weib! wie schoͤn, selbst im Tode! Alles ist neues Testament, alles ist Erfuͤllung in ihrem glaͤnzenden Angesicht! Nichts Prophezey- hung, nichts Vorbild, nichts Verheißung. Jener alte Mannskopf ihr gleich! O Gott, waͤr’ ich doch einst auch so todt, wie die bey- den! Da ist auch nicht ein einziger Zug, der nicht wuͤnschenswerth waͤre! Nicht einer! So schoͤne Koͤpfe wuͤrde man Muͤhe haben, im Le- ben zu finden. — Der Graf erzaͤhlte uns beyder Sterbenslaͤufe. Sie waͤren gern, wie er sagte, herzlich gern gestorben, und haͤtten die Kraͤfte der zukuͤnftigen Welt so gewaltig gefuͤhlt, daß sie mehr dort, als hier gewesen. Ueberdrus der Welt ist Vortodt, bemerkte der Graf. Es ist ein gut Hausmittel, die Bitter- keit des Todes zu vertreiben. Wer aber so gleich gerade zu stirbt, so einen klaren reinen Tod ohn’ alle Ingredienzien! O schoͤn! rief der Graf aus. — Ein auszehrendes Fieber loͤsete die beyden Koͤpfe auf. Ihr Geist lag nicht an der Auszehrung, feyerlich, sagte der Graf, so mit Verstand und allen fuͤnf Sin- nen, giengen sie aus der Welt, so daß nur ein Thor, wie der Graf sich Etwas zu hart aus- druckte, sagen koͤnnte: Sie waͤren gestorben. F 5 Freun- Freunde! auf Ehre sie zogen nur uͤber Land. Wer einfach, wer im Naturstande, im Stan- de der Unschuld lebt, stirbt der? Nein, er wird lebendig gen Himmel gehohlet, und sol- cher Uebergaͤnger, solcher Himmelsfahrer giebts viel, obgleich das Paradies nicht mehr ist. Es ist mit der Unschuld zusammen ver- schwunden. — Wir sprachen bey dieser Gelegenheit ein hohes und tiefes uͤber den Einflus, den die Krankheit auf die Gestorbenen behauptet; al- lein der Graf versicherte, wenig oder gar nichts. Auf den agonisirenden zwar; allein auf den eigentlich Sterbenden, auf den Ge- storbenen nicht. So bald der Mensch todt ist, fuhr der Graf belehrend fort, zieht sich alles, wenn ich so sagen soll, nach der Seele, die groͤßten eindruͤcklichsten Krankheiten ver- lieren ihre Spuren. Das Wort: komm oder geh, welches die Seele, die ihr voriges Leben dem Gewissen vorreferirt, schon in den letzten Augenblicken vor dem infalliblen un- appellabeln Richterstuhl des Gewißens, vor dem Baum des Erkenntnißes Gutes und Boͤ- ses, als eine rechtskraͤftige Sentenz erschallen hoͤrt, geht in den ganzen Koͤrper uͤber, in die ewigen Elemente deßelben, wie ein Blitz oder Son- Sonnenstrahl, nach dem es komm oder geh heißt und bleibt. — Wenn ich, sagte der Graf, deßen Einbil- dungskraft im Adlerfluge war, den Augen- blick hinmahlen laßen koͤnnte, wenn ein Mensch stirbt, was wuͤrd’ ich drum geben! Diesen Augenblick zu observiren, kostet Muͤhe und Erfahrung, und doch glaub ich am Ende, hab ich nur fuͤnf im eigentlichsten Sinn ster- ben gesehen; ich hof’s zu sieben zu bringen. Ein heftiger Ruck — bey allen fuͤnfen; bey einem unter den fuͤnfen war der Tod ein wuͤrk- licher Einschlaf. Diese fuͤnfe haͤngen hier, nicht wahr, etwas zu sehr im Dunklen? ich liebe einen gewißen Schatten auf diesen Ge- sichtern, den ich zum Theil erkuͤnsteln muß. Die Fensterladen auf! — — Da der, der ists, von dem ich sprach! Wahr! ich fand es, ich fand noch Seele, aber eben Abschied- nehmend, und so lieblich, als sagte sie: Leb- wohl, lieber Junge Leib! Lebwohl! Ich wer- de dich noch oft auf dem Kirchhofe besuchen, wo man dich hinbringt, wenn es angeht, will ich sehen, wo du bleibst, auch wenn sich Staub von Staub losreißt. — Sey gutes Muths! Gott vermag Alles! So lange du in seiner Welt bist, sind wir zusammen! Wei- ne ne doch nicht! Armer Junge! Koͤnnt’ ich dich doch troͤsten! Armer lieber geliebter Erden- klos, koͤnnt’ ich doch! O koͤnnt’ ich! Beten kann ich, will ich. Laß ihn, o du Seele al- ler Seelen, Geist aller Geister, laß ihn nicht versinken in des Todes lezten Noth, erbarm dich sein! — Ein Theil Leben, wenn es gien- ge, wie gern gaͤb’ ich es hin, fuͤr dich, lieber Getreuer! — und Ihr Elemente! ihr ewigen Stuͤcke am Koͤrpertheil des Menschen, ihr Vorsteher des Koͤrpers, nehmt euch der uned- len Stuͤcke an, wenn gleich sie nicht von Fa- milie sind, schaͤmt euch ihrer nicht — — — O der guten Abschiednehmenden Seele! Gott was fuͤr Schmerz auf zwey Gesich- tern! — Warum verstellest du deine Gebehrde? koͤnnte man zu allen beyden sagen. Der zur Lin- ken scheint sich zu fassen, oder fassen zu wollen! Es ist Alexander, da er krank war, und den Arzeneybecher vom General-Feldmedico Phi- lippus entgegen nahm. Eben ein Brief vom Parmenio. Er nahm den Becher und trank, und gab dem Doktor Philip den Brief, der ihn las! Fast so, sagte der Graf, nicht voͤl- lig, sagt’ ich, denn ich kannte den Alexander auf ein Haar, und besser als unser Hochge- bohr- bohrner Herr, obgleich er Graf war. Aber da! mein Gott, welche Verzogenheit! Car- rikatur! als waͤrs kein Menschenkopf! Der Graf erzaͤhlte mir zu meiner allergroͤsten Ver- wunderung, daß dies ein Ploͤtzlichgestorbener sey. Mein Gott, rief ich aus, wie sehnlich hab’ ich mir, bis ich diese Verzerrung sahe, einen guten schnellen Tod gewuͤnscht! Viel- leicht, fuhr ich fort, war dies ein boͤser schnel- ler Tod, von dem es in unsrer Litaney heißt: Fuͤr einen boͤsen schnellen Tod Behuͤt uns lieber Herre Gott! ich glaub es nicht, erwiederte der Graf, allein uͤber den schnellen Tod, mein Freund, wie viel zu sagen! Ich habe Ursache zu den- ken, fuhr der Graf fort, daß jeder Mensch gleichviel Todesnoth ausstehe. Todesangst und Noth ist zweyerley. Die Angst ist zufaͤl- lig; nachdem der Mann, nachdem die Angst. Die Noth ist wesentlich. — Aber, wandt’ ich ein, solte Mine so wie dieser gestorben seyn, mit so viel Noth? ihre Mutter wahrlich ist so nicht gestorben! Recht, sagte der Graf, sie hat die Todesnoth mit einigen Stof Wasser gemischt, getrunken. Dieser auf einmahl! Aesop nahm den groͤßten Korb zu tragen; al- lein es waren Lebensmittel drein, und eben da- dadurch war der Korb ihm am Ende am leich- sten. Mein Gott, was giebts fuͤr schmerz- hafte Krankheiten und Vorfaͤlle in dieser boͤs- geworden gefallenen Welt! Alles Tode, die Schrift nennt sie Tod, und sie sind es im ei- gentlichen Sinn; wenn aber der Mensch, der nie gestorben, auf einmahl recht und ei- gentlich stirbt, auf einmal weg soll, im Au- genblick, aus dem Lande der Lebendigen. — Seel und Leib so bekannt mit einander. Er eben in der Ausfuͤhrung von vier Planen, wovon immer einer den andern deckt. O Freund! so was pflegt in einen Schrey — auszuarten! und dieser hier ist eben im Schrey! ich hab’ ihn nicht observirt. Es ist ein großes Praͤsent von einem Freunde, der mir aber auf Treu und Glauben dies Stuͤck gegeben hat, und mich duͤnkt, es sey ein Stuͤck auf Treu und Glauben. — — — Und dieser verhangene Kopf? (Es war einer aus den Fuͤnfen) Freund, sagte der Graf, der Mahler Timanth mahlte Iphigeniens, der Tochter Agamemnons, Aufopferung und theil- nehmende Personen, die jeden ruͤhrten, der sie sah. Timanth brachte alles zum Vor- schein, alles, alles vom Schmerz, was auf der Stirn, dem Trone des Schmerzens, im Aug’ Aug’ und im Gesichte, nur Raum hat, was man nur vom Schmerze weiß. Niemand konnt’ in die Hoͤhe sehen, wer Iphigeniens Aufopferung von Timanth sah’, alles stand betruͤbt, gebeugt zur Erde; nur Iphigeniens Vater, und wie der? eine schwarze Trauer- decke um sein Angesicht. Warum also? dar- um also, weil es der Vater ist. Hier, sagte der Graf, hier unter diesem entsetzlichen Lei- chentuche, ist auch ein Schmerz groͤsser, tie- fer, als jeder Ausdruck. Etwas ist davon am Tuche zu sehen, und nur eben so viel et- was, als hinreichend ist, uns das Herz zu durchboren. Sehen Sie hier nicht mehr, als uͤberall! Und doch ist hier nur ein Strich, ein Punct! — Dies Stuͤck ist auch der Vater! Ich kann es nicht aussprechen, was ich empfand! Ich unterlag. — Der Prediger machte dem Grafen bey Ge- legenheit der Todesangst und Todesnoth einen Einwand. Es hat, sagte der Prediger, Leute gegeben, die aus Freude gestorben sind. Was thuts, sagte der Graf, viel! nichts? wo da die Todesnoth? Freund! Freund! erwiederte der Graf, die heftige Freude kann eher, wie heftige Traurigkeit, toͤdten. Die heftige Freude hat sehr was wi- derliches an sich. Fast wolt’ ich behaupten, es ist noch Niemand aus Traurigkeit gestor- ben, wohl aber aus Freude. Nicht, weil die Traurigkeit dem Menschen eigener, als die Freude ist, obgleich dieser Umstand uns eben nicht aus dem Wege liegen wuͤrde; sondern weil der Mensch bey der Traurigkeit auf sei- ner Hut ist, die ganze Wache ins Gewehr ruft, alle Macht und Kraft aufbietet, und: macht Euch fertig! schreyt. Bey der Freude uͤberlaͤßt sich der Mensch sich selbst, es geht mit ihm rips raps, holter polter, uͤber und uͤber, und dies Freuden-Wirrwarr, wie leicht kann es dem Menschen eins versetzen! Ein aus sich versetzter Mensch ist todt. — Große Lustigkeit und tiefster schmerzhafter Un- wille sind sich so nah, daß sie sich in die Fen- ster sehen koͤnnen. Fast wollt’ ich sagen, ein heftig Lustiger sey eben so gefaͤhrlich unwillig im Sinn, wie man gefaͤhrlich Kranke hat, die sehr gesund aussehen. — Diagoras freute sich uͤber seine drey Soͤh- ne, weil sie alle drey den Preis der Academie der Wißenschaften erhalten, fieng ich an. — Laßen Laßen Sie den Diagoras, sagte der Graf, er hat mehr seines Gleichen. Ein großes Gluͤck ist eine Posaune der Ewigkeit, und sollte jeden Menschen aufmerksam machen. Wenn man schnell dick und fett wird, ist dies eben kein Beweis der Gesundheit. Hat man Schmerz, Kummer und Gram, und der Koͤrper ist nur aus gesunden Schrot und Korn, Freunde! das sind Leute, die ihr Leben bis auf den Gi- pfel treiben, das sind Leute aus dem vierten Gebot! Ein lachend Sterbender fuͤhlt Noth uͤber Noth. Er macht nur zum schlechten Spiel ein gut Gesicht, und gelt! das ist schwer Ding! Stirbt er schnell, und lacht er uͤberlaut, ists aͤrger, als der Schrey dieses Mannes hier! Wer so lachen gehoͤrt haͤtte, wuͤrde nie mehr lachen. Stirbt man lang- sam und laͤchelt; kann ein so freundlich Aus- sehender auch ein leichtes Ende haben; denn er ist schon lang zuvor gestorben, eh’ er dies Ueberwinder-Laͤcheln aufschlug. — Ich halt’ es, beschloß der Graf indessen mit Ernst, im Sterben mit einer gewissen Fassung, und die kennt weder Lachen noch Weinen. Eine ge- wisse Grazie liegt zwar in jedem ernsten Ge- sicht, und ein gewisses Seelenlaͤcheln, wenn Ernst edler, unangenommener, nachdruͤckli- G cher cher Ernst — Ein Ernstspieler, ein Ein- fallsernst, o das kennt man auf ein Haar! — Noch ein Wort zu seiner Unzeit. Meine Leser werden es von selbst gemerkt haben, daß dies alles nicht in wenigen Stun- den verhandelt ward. Wir aßen und tranken, wenn die Zeit und ihr Zeiger, die Sonn, es wolte; da war der Graf wie ein anderer Mensch. Und ich kann versichern, daß es hier nicht heis- sen konnte: der Tod in Toͤpfen; inzwischen war auch bey Tafel alles wie beym Leichen- essen. Eine unsichtbare Stimme rief, statt des Benedicite und Gratias, nach Art des Philippus: Gedenke an den Tod! Bey Tafel ward geredet; und zwar viel. Wir waren nicht Papageien, die nur Memento mori bey schicklicher und unschicklicher Gelegenheit anbrachten, doch war alles so als bey einer Leichenwache. Mein Vater liebte eine frohe Mahlzeit, eine mit Sonnenschein. Beym Essen wird man nicht alt, sagt’ er. Der Graf aß, wenn ich so sagen soll, bey Mon- denlicht. Er schien beym Essen alt werden zu wollen. Die Zimmer waren all am Tage verfinstert; der Schatten ist bey mir die Probe vom Dinge, das ihn wirft, sagte der Graf. — Das Sonnenlicht war uͤberhaupt nicht nicht fuͤr ihn. — Wie ehrwuͤrdig! wenn sich das Sonnenlicht hier und da durchschlaͤn- gelte! Der Graf sagte, wer kann Gott und die Sonn in dieser Welt sichtbarlich vertra- gen! Gott wohnet in einem Lichte, wozu Nie- mand kommen kann. Nur durch den Tod zu ihm! durch Finsternis zum Licht! Wie schoͤn die Sonne da durchstrahlt — ich verhaͤnge mir die Welt und was in der Welt ist. Wer kann mit der Welt in dulci jubilo leben, und auf die Sterbens-Astronomie ausgehen. Stel- latim, sagte der Prediger, gehen, wie man zu meiner Zeit auf der Akademie sprach. Nun mit der Erlaubnis meiner Leser in Das dritte Zimmer auf welchem ein langer Accent liegt. Ehe ich sie hinein fuͤhre, wieder ein Wort der Vorbereitung. — Bey den Sterbenden war der Graf mit Tubus und Fernglaͤsern auf dem Observato- rio. Ich sterbe taͤglich, das war seine Lo- sung. Das wissen wir schon; als etwas neues und besonderes muß ich bemerken, daß der Graf fast immer Zeit und Stunde wuste, wenn es mit dem Patienten aus seyn wuͤrde; allein er sagte es nie dem Sterbenden. Er? nie? obgleich er den Tod so hochschaͤtzte, und G 2 eigent- eigentlich lebte, um zu sterben, oder eigent- lich starb, und nicht lebte. Der Graf hatte zu diesem Ruͤckhalt sehr große Ursachen. Man muß, sagt’ er, keinem Menschen das Ster- ben verderben. Der Arzt, der es durch die Signa Mortis vielleicht eben so gut weiß, als ich, (ich sage vielleicht; denn er weiß es vom Koͤrper, ich von der Seele,) ist mein Mann nicht mehr, so bald er es seinem Patienten ins Ohr raunt, oder Leuten entdeckt, die der Pa- tient an den Arzt abgesandt. Eine schreckliche Gesandschaft! Meine Aerzte muͤssen sich der- gleichen Kunstverraͤthereyen nicht zu Schulden kommen lassen. Mir koͤnnen sie zunicken, was sie hoffen — was sie fuͤrchten. — Das erste, fuhr der Graf fort, was die Patienten gefragt wird, ist: ob sie schon ihren letzten Willen entworfen? ihr Haus bestellt? und ihren Geist in die Hand Gottes einschreiben laßen? Diese peinliche Frage, dieses Verhoͤr, enthaͤlt den groͤßten Theil des Lebenslaufs, den der Graf gern, herzlich gern, vorn Wil- len nahm, indessen ihn, wie er auf Ehre ver- sicherte, nie erpreßt haͤtte. Viele Leute fuͤrch- ten den letzten Willen, blos des Worts letzt wegen, obgleich sie Postscripte, Codicille, und alles, so lange die Zunge nur lallen kann, auf- aufzuheben und zuzugeben, von den Gesetzen berechtiget werden. Die Lehre von den Te- stamenten, wie gefaͤlt sie Ihnen, fragte der Graf? Indessen kamen wir von dem letzten Willen an sich, ab. Wer wird, rief der Graf aus, solch eine unverdiente Guͤte, als die Lehre von den Testamenten, nicht vorn Willen nehmen, und so etwas bis auf den letzten Abdruck aussetzen? Ist denn schon Je- mand am letzten Willen gestorben? Hat sich der Patient leiblich wohl bereitet, denn auch dies ist eine feine aͤussere Zucht, so geht das Geistliche an, und der Patient wird einge- laͤutet, und sodann Gott und meinen Anstal- ten uͤberlaßen. — Ich haͤtte gern, das leugn’ ich nicht, dies Gloͤcklein gehoͤrt, in- dessen wards abgeschlagen. Man hoͤrt’ es nie, als wenn eins zur geistlichen Vorberei- tung schritt’ und ins Sterbekloster auf und angenommen ward. Ist aber, da dies Gloͤck- chen nur bey Einlaͤuten eines Sterbenden zu hoͤren, dieser Klang nicht schon die letzte Oeh- lung, ist er nicht die Entdeckung, daß man ins Todesthal eintrete? ins Novitiat, Freund! versetzte der Graf, wo man, wie bekannt, auch heraus kann, wenn Gott will. Viele ahnden die Sterbstunde selbst, und das ist ein G 3 ander ander Ding, sagte der Graf, denen hat es Gott offenbaret. Wie viel ich fuͤr solche Leute Achtung habe, ist unaussprechlich; ich denke immer, der liebe Gott habe mit ihnen geredet, und sie waͤren getrieben vom heiligen Geist. Wer sie nicht ahndet, sterbe ohne Zeit und Stunde zu wissen, welche Gott seiner Macht vorbehalten hat. Daher auch alle Sterbens- zeichendeuter, ich selbst nicht ausgenommen, oft irren und fehlen. Meine Aerzte haben aus diesem Grunde ihre Instruktion in ihrer Cur, der lieben Natur zu folgen, ihr nicht in den Weg zu treten, sondern sie blos zu be- gleiten. Will sie nicht mit solch einem elen- den Geschoͤpf, als ein Doktor ist, zusammen gehen; so laße sie der hochgelahrte Herr allein. Auch gut. — Bey mir stirbt Niemand durch den Arzt, versicherte der Graf, sondern na- tuͤrlichen, nicht medicinischen Todes. Das Stundensanduhrchen muß sanft abnehmen, ohne daß ihm nachgeholfen wird; meine Mut- ter wuͤrde sagen, ohne daß es geruͤttelt und geschuͤttelt wird. Man hat so viel von der Abstellung der Todesstrafen in die Kreuz und Quere geredet und geschrieben, daß wuͤrklich einige Staaten die C. C. C. wo ohn End und Ziel getoͤdtet wird, ins galante, ins seine ge- bracht: bracht: ich wuͤrde, sagte der Graf, die To- desstrafen darum abstellen, weil Niemand weis, ob er nicht durch die Hand des Arztes schmerzhafter, als durch die des Henkers, stirbt, und weil eine Seele, die noch Kern- frisch ist, sich auf tausenderley Art, durch An- strengung auf einen Punkt, des Todes Bitter- keit vertreiben kann. — Das einzige, was einen Henkerstod schrecklicher, als einen Cam- mertod, macht, ist die Gewisheit der Stunde, wer also die weiß, wenn er auf seinem Bett- lein dahin faͤhrt aus diesem Elend, stirbt ganz und gar, wie ein Delinquent, wie ein armer Suͤnder — ganz und gar. — Ich koͤnnte noch viel! viel! erzaͤhlen, wenn ich alle Bemerkungen wiederholen woll- te, die mir reichlich und taͤglich in Wurf kamen. Ein Paar, und damit genug. — Das Haͤndefalten hielt der Graf fuͤr ein Schmerzlinderndes Mittel — und sprach sehr von der guten Wuͤrkung, die er von diesem Hausmittel ersichtlich erfochten. — Die Art, wie er kranke behandelte, war wuͤrklich Erfahrungs-Weise. Alles hatt’ er aus dem Leben, nichts, rein nichts, aus Buͤchern. G 4 Kurz, Kurz, eh’ es zum Sterben kam, trank er mit den Sterbenden Bruͤder und Schwester- schaft. Eine solche Sterbensschwester konnte von ihrem Lager aufstehen, und wenn es ihre Natur so wollte, gesund werden; allein sie blieb was sie einmal war — Schwester, ob- gleich ihr Vater Organist, Fabrikant, Nad- ler war. Der Graf nannte diese Ceremonien: Be- cherreichung. Ich freue mich, sagt’ er, schon hier in dieser Welt, im Himmel zu seyn, wo wir alle, bis auf den lieben Gott, der der Hausvater ist, Bruͤder und Schwestern sind. Solch ein Trank ist wuͤrklicher Himmelstrank, wuͤrklicher Nektar, von dem viele Menschen sich keine Idee machen koͤnnen. Der Prediger aus L— hatte anfaͤnglich dieser Becherreichung wegen viel zu erinnern gehabt; indeßen ward alles fein ordentlich und ehrlich beygelegt. Es herrschte im ganzen Hause des Grafen ein Krankentritt; langsam, und auf den Spitzen der Fuͤße, gieng alles. Kein Wun- der, sagte der Graf, wenn hie und da Etwas steif in meinem Haus’ ist, und nach diesen Einrichtungen aussieht. Wenns nur der Staat nicht ist, fuhr er fort, der auf den Ze- hen hen gehet. — Im Privathause hats wenig oder nichts zu sagen. Ich kenn’ einen Staat, der schon lang auf den Zehen gehet. (Meine Mutter wuͤrde geht und steht gesagt haben.) Der Himmel helf ihm auf die Beine, wenn es ihm nuͤzlich und seelig ist! fuͤgte der Predi- ger hinzu. Ich liebe den Privattod wie mein Leben, fuhr der Graf fort, nur den publiken, den Nationtod nicht. Da stirbt nichts und alles. Der Graf konnte sich nicht erholen, um die Krankensprache zu reden, so voll war er uͤber den publiken Tod, und freylich ists eine Todesart, die mit in sein Fach einschlaͤgt. So im Todtentritt kamen wir in eins der Sterbzellen. Der Graf nannte diesen Zehen- gang den Todtentanz, und hatte wunderliche steifbenuzte Regeln daruͤber, und eine ganz peinliche Theorie. Ich konnt’ es in so kurzer Zeit freylich nicht weit in dieser Kunst brin- gen; wie ich denn uͤberhaupt kein großer Taͤn- zer in meinem Leben gewesen. Fuͤrs Haus, und so war ich auch ein Todtentaͤnzer. Der aͤlteste unter den Sterbenden hieß Pater , die aͤlteste Mater . Diese Aeltesten veranstalteten entweder eine Versammlung in einem Zimmer zum Gebet und Gesang und Krankheitserzaͤhlung, oder es wurden, wenn G 5 es es die Krankheit nicht zulies, alle Zellenthuͤ- ren geoͤfnet, und jedes sang und betete auf feinem Sterbebettelein. Alle Zimmer waren in Gemeinschaft. Jede Sterbzelle war auf zwey Personen eingerichtet. In Literra O, (alle Buchstaben kommen nicht zu dieser Be- zeichnungsehre; der Graf hatte einige, denen er diesen Vorzug erwies) wo ich eben die Thuͤr zu oͤfnen mir die Erlaubnis nehmen werde, um einen Accent darauf zu legen, war kurz zuvor ein Sterbens-Candidatin gesund wor- den, und nun war nur die Curlaͤnderin in Littera O. Ich bitte, sagte der Graf, und kaum hatt’ ers ausgesagt, da ich eine Stim- me hoͤrte: der Pastor — aus Curland, der Pastor — — aus Curland! Sein Sohn, erwiederte der Graf. Bey aller Le- benslaufs Neugierde und Verhoͤrslust, wo- von der Graf schon in L— ein Proͤbchen zu- tuͤcklies, war er, wie wir schon wißen, nichts weniger, als zudringlich. Der Aufruf: der Pastor — — aus Curland, den der Graf verbeßerte und stehendes Fußes ins Reine brachte, hatte meine Neugierde eben so, wie die des Grafen, in Bewegung gebracht. Die Curlaͤnderin hatte so was liebevolles im Auge, da da sie rief, daß sie Strahlen aus ihren Au- gen warf. Die Augenbraunen giengen so schnell in die Hoͤhe, als wenn man Fenster- vorhaͤnge durch Schnellfedern zieht. Ein Romanheld wuͤrde die Neugierde seiner Leser und Leserinnen noch wenigstens ein paar Sei- ten erhitzen, und ihnen alsdenn einen Labe- trunk geben, so ungesund es gleich ist, in vol- ler Hitze zu trinken. Ich sage gerade zu: die Krippenritterin , verstoßen, verworfen von ihrem Ehemann, und im Begrif, irgendwo den Tod zu suchen, Gott- lob, setzte sie hinzu, da sie diesen Umstand er- zaͤhlte, daß der Tod mich ohne mein Verdienst und Wuͤrdigkeit bey Ew. Hochgebohrnen in Empfang nehmen will. Ich bitte, fiel der Graf ein, Hochgebohrnen weg. — — Hier zu Lande sind wir nur schriftlich Hochgebohr- ne. Ich dachte bey dieser Gelegenheit an den Ordensengel und die Wapen und die Feder- buͤsche. Dieser Eingrif setzte die Curlaͤnde- rin in eine kleine Unordnung. Nach einigem Stillstande fuhr sie fort. So ein schoͤnes rendez-vous war ich vom Tode nicht erwar- tend. Sie dankte dem Grafen mit einem Blick, daß ich voͤllig einsahe, wie viel sie mit ihrem Auge vermochte. — Ich Ich will ihre Geschichte in tertia persona geben, ohne zu bemerken, ob ich die Umstaͤn- de von ihr selbst, oder vom Grafen empfan- gen. Ihre Schicksale waren hoͤchst traurig. Der Ritter hatte wuͤrklich Neigung zur juͤng- sten Tochter des Pastors L— Die Ohrfeige gab den Ausschlag. Er hatte in Curland nichts zu verlieren, als mensam ambulatoriam, zu deutsch, Krippenritt, und da Pastor L— von je her seine Gebehrde so zu verstellen wuß- te, daß man ihn reich hielt; kostete es dem Krippenritter wenig Muͤhe, seinen Freunden Tisch und Krippe aufzusagen. Ihre Anzuͤg- lichkeiten gegen ihn, womit sie ihm alles ver- salzten, was er genoß, nachdem er geschlagen war, bestimmten ihn voͤllig. Der Weinstock seiner Goͤnner war ihm des Weinstocks zu Sodom und von dem Acker Gomorra. Ihre Trauben waren ihm Galle, sie hatten bittere Beeren. Ihr Wein war ihm Drachengift und wuͤtige Ottern Galle. Worte, uͤber wel- che der Casuist Pastor L— seinem Schwie- gersohn eine Abschiedspredigt hielt, und sich wegen zeither genoßener Hoͤflichkeiten im Na- men deßelben bey seinen Tischfreunden be- dankte; obgleich in Curland Weinstock und Traube Etwas wildfremdes ist. Zu lesen im 5. B. 5. B. Mosis im 13. Capitel im 32. und 33. Vers, sagte der Prediger aus L— und freute sich, daß er, so alt er waͤre, noch so gut tref- fen koͤnne. Der alte Herr spielte im figuͤrlichen Ver- stande zu der Predigt des Casuisten. Er gab dem neuen Ehepaar durch einige Reimlein das Geleite. Die Curlaͤnderin brauchte den Aus- druck: er bestreute diesen Weg mit einem Pasquill, und da sie alle Beilagen zu ihrem Lebenslauf aufgeblaͤttert hatte, fand sie diese Beilage A. mit einem Grif, womit ich meine Leser aber nicht belaͤstigen will. Ein Reimschmidt war gewoͤhnlich die andre Hand des Herrmanns. Aus Hoͤflich- keit nannte er ihn seine rechte Hand. Selten war er ohne eine solche andre oder rechte Hand. Ein paar Strophen: Was hat in dieser lezten Zeit ein Pastor uͤber Fingerbreit? den Beichtstuhl, arme Suͤnder, und, wenn zu Haus es wohl gedeyt, ein ganzes Haͤuflein Kinder! Wie Wie aber Sie? — halt! us hat e achtbahrer Herr Praͤposite zu Mosen und Propheten? Hies zu der Zeit in Curland Geld und Gut , oder, wie einige wollen, Gold und Silbergeld, oder im Provinzial-Ausdruck, grob und fein, gros und klein Geld, dies will sagen, Alberts- Thaler und Vierdings. und bey der Zeiten ach und weh zu Pauken und Trompeten? Ein Juͤngferchen wird gnaͤdge Frau; Des Pastors Trinchen kommt zum V. auf ungebahntem Wege. O Wunderworte! braun und blau, Schlag uͤber alle Schlaͤge! Ist Ende gut, ist alles gut! Das neue Paar zieht wohlgemuth mit Bibel und mit Degen. Der Herr Gemahl hat adlich Blut, und Sie des Vaters Seegen. O des Herrmanns, und seiner andern Hand! Meine Mutter, wie wir alle wißen, war war keine Freundin ihrer Nebenbuhlerin, und alle Reimlein fein waren ihr ein suͤßer Geruch. Was wuͤrde sie indeßen zu diesem Auswuchs gesagt haben? „So wie Chri- stus der Herr unter Moͤrder kam, so auch oft die Dichtkunst, dies’ edle Gabe Gottes. Die Sonne gehet auf uͤber Fromme und Gott- lose, und der Regen faͤllt uͤber Gerechte und Ungerechte.“ Sie nannte sonst die Poesie Etwas, was der liebe Gott seinen Lieblingen in die Hand stecke, ohne, daß es andere mer- ken. — Was kann der Geber dafuͤr, setzte sie aber hinzu, wenn der Schlingel in der naͤchsten Schenke seine Gabe versaͤuft. — Doch von allem dem ist schon sonst geprediget worden. — Herrmann — — warum vor der Hand von ihm auch nur ein einzig Wort? — Der Ritter erhielt vom Pastor L— so viel als das Haus vermochte. Ein Schelm giebt mehr, als er hat. Der Pastor L— that sich wehe seines Hochwohlgebohrnen Schwiegersohns halber. Seine andere Toch- ter litte Noth dabey. Sie starb im Hospital. Unser Ritter hatte nie Gelegenheit gehabt, Debet und Credit in seiner eigenen Angelegen- heit abzuschließen; indeßen verstand er doch zu zu uͤbersehen, daß die Mitgabe nicht Hochad- lich zugeschnitten waͤre. Er entschlos sich al- so zum Incognito, wo es, wenn nur eine reiche Weste hervorsticht, aufs Kleid nicht an- kommt. Der Ritter beschonte seinen adlichen Namen, und legte sich wohlbedaͤchtig einen unadlichen bey. Das junge Paar lebt’ also in buͤrgerlichen Ueberkleidern in — — einem preußischen Staͤdtchen, und verzehrte bey ei- ner friedlichen Ehe alles, was es hatte. Die Ritterin fand Ursache, ihren Gemahl fuͤr ein gut Spiel in der Hand zu halten, wobey es zwar noch immer auf den Spieler ankommt; da sie indeßen des Dafuͤrhaltens war, daß sie sich schon in die Zeit zu schicken im Stande seyn wuͤrde; so lebte sie sorgenlos froh, das heißt, seeliglich. — In diesem gluͤcklichen Period hatte sie keine Kinder. Die Anzeige, daß ihr Vorrath zum Ende gienge, bracht’ einen Nordwind zu Wege, der lange anhielt, wie die Nordwinde gewoͤhnlich zu thun pfle- gen. Was war zu thun? Unser Ehepaar entschloß sich zur Hauptstadt, und nach man- cherley Hin und Her und Ueberlegen, wollte der Ritter Franzoͤsischer Sprach- oder Tanz- oder Fechtmeister werden, obgleich er sich schluͤßlich als Sprach- und Tanzmeister bey der der Universitaͤt Koͤnigsberg fuͤr Geld und gute Wort’ eintragen lies. Es waren ihm Kleinig- keiten, daß er so wenig tanzen konnte, als parli- ren. Im Fechten war er zwar in naturalibus; indessen haͤtt’ er doch eher als Fechtmeister, als wie ein andrer Meister, die Zunft gewinnen koͤn- nen. Er war indessen wegen einer natuͤrlichen Herzlosigkeit, auf diese edle Kunst gar nicht fundirt. Der Teufel, glaubt’ er, koͤnnte sein Spiel haben, wie ers oft hat. — Da unser Krippenritter ein Mann war, der sich in allem, selbst bey einer Ohrfeige, wie uns bekannt ist, zu finden wußte; so half er sich aus, und brachte es dahin, daß er in beyden schoͤnen Wissenschaften, denen er den Eyd der Treu abgelegt, das Gewoͤhnliche leistete. Vom Franzoͤsischen haben meine Leser am Woͤrtchen Rendez-vous eine Probe, das er sogar auf seine Frau fortgepflanzt hatte. Unser Meister zweier brodgebenden Kuͤnste hatte ein Gedaͤchtnis, daß er auf cursche Ma- nier ein Pferdsgedaͤchtnis hies, und was brauchte er mehr, als ein Lexicon, wozu er in Kurzen Rath schafte. Nun war er fuͤrs Haus ausstaffirt. Die Kunst verraͤth den Meister nicht. Er hatte gelehrt und gelernt, den Acker cultivirt und sogleich Samen auf H den den Boden gestreut. Doppelte Schnur reißt nicht. Diese Methode erforderte Fleiß und Haͤuslichkeit, und das ist der Grund und Bo- den einer gluͤcklichen Ehe, woruͤber unsere Rit- terin, nachdem sich der Nord gelegt hatte, nicht klagen konnte. „Jetzt, da ich weniger „Brod hatte, erhielt ich mehr Zaͤhne und „mehr Magen. Ich schenkte meinem Manne „einen Sohn und eine Tochter.“ Unser Mei- ster muste bey seinem sauren Wein der Sprach- und Tanzkunst verschiedene Kraͤnze aushaͤn- gen. Er zog die studirende Jugend mit Rath und That an sich. Die That bestand in Cau- tionen, die er fuͤr seine Leute, vom Professor an bis zur Waͤscherin, einlegte. Man nahm ihn uͤberall, seiner Frau und Kinds halber, als Buͤrgen an. Der Hauptkranz, den er aus- hieng, war sein Incognito. Er zeigte zuwei- len den Schimmer seiner Weste, und bedeckte sogleich wieder diesen Sonnenglanz durch die Verfinsterung seines Buͤrgerrocks. Man wird selten einen Sprach- und Tanzmeister finden, der nicht Menschenblut auf sich sitzen hat, und so hatte auch unser Sprach- und Tanzmeister einen Gewissen im Duell erstochen, um mit Blut seine Frau zu loͤsen. Fuͤr einen Mann, der Sprach- und Tanzmeister zusammen in einer einer Person war, ist es sehr bescheiden, daß er nur Einen, und nicht fuͤr jede Kunst wenig- stens Einen, ums Leben gebracht; obgleich die- ser Eine Gewisse sich gottlob besser befand, wie er. Leute, die den Pfif verstanden, schaͤtzten die Schonung des unschuldigen Menschen- bluts und die Bescheidenheit unseres Tanz- baͤren und Deutsch-Franzosen. Die es aufs Wort glaubten, sahen die mit kostbarem Men- schenblute geloͤsete Krippenritterin so steif an, daß sie roth werden muste. Ich bin als Gast in ein Paar franzoͤsischen Stunden des Krip- penritters gewesen, und muß nach einem L. B. S. ihm ein Zeugnis mit Obgleich geben, ob er gleich durchs Lehren wuͤrklich gelernt hatte; so wolte mir doch verschiedenes nicht in Augen und Ohren, Vernunft und alle Sinne. — Unser Ritter fieng an warm zu werden; ich glaube das wird kein Deutscher, wenn er nicht franzoͤsisch kann. Er lies es seinem Weibe empfinden, daß sie ihn bis zu Trebern erniedriget hatte, wie er sich, weil sie Pastors Tochter war, biblisch ausdruͤckte. Du hast ja gottlob ein gutes Lexicon, erwiederte sie in edler Unschuld; allein der Krippenritter hatte aufgehoͤrt, Unschuld zu fuͤhlen. Es war nicht H 2 zu zu leugnen, daß es nicht immer Fuͤchse gab, die Fuͤchse hatten; (ein Paar akademische Ausdruͤcke, die ich so frey, wie die Curlaͤnde- rin sie brauchte, meinen Lesern abgebe. Fuͤchse heissen Dukaten und einjaͤhrige Studenten,) allein dies war nicht der Hauptgrund seiner Ausgelassenheit. Es hatte sich ein Liebeshan- del zwischen ihm und der Mutter und Tochter eines wohlachtbaren Mannes, auf dem Tanz- boden angesponnen. Dies setzt’ ihn zuruͤck, und war die Hauptursache von allem. Unser Ritter legt’ es seinem armen Weibe nahe, daß sie den Weg des Fleisches gehen solte, den er ritterlich gieng; es ist, setzt’ er hinzu, der Weg alles Fleisches. Nicht also, erwiederte die Curlaͤnderin. — Also, also, rief er. Ein unmenschliches Also! Der Tyrann entzog sei- nem Weibe alles, was zur Leibes Nahrung und Nothdurft gehoͤrt. Den letzten Bissen Brod. Seine Kinder, die nach Speise jam- merten, stoͤrten ihn nicht in seinem Luftschlos- bau, wo er mit seinen Prinzeßinnen in Ge- danken sich weidete — ich will heute, sagte der Kleine eines Abends, aufbleiben, um dem Vater die Fuͤße zu kuͤssen und ihn zu bitten. Was denn? fiel die Mutter ein. — Das koͤnnt ihr wohl rathen. (Es war alles ihr und ihr ) Die Die Mutter weinte; denn sie wuste wohl, daß der arme Jacques gern noch eine Semmel gehabt haͤtte. Jackchen schlug sich mit dem Schlaf, und hatt’ einen desto schwerern Stand; denn ihn hungerte, weil er den Schlaf uͤberwunden hatte. Der Vater kam um Mitternacht, und, wie es aus seiner Art Gepolter den Anschein hatte, froͤhlich und guter Dinge heim. Der liebe kleine Junge kroch im finstern (zu Licht war kein Dreyer im Hause) zu seinen Fuͤßen. Was da fuͤr ein Hund, rief der Unvater? Dein Huͤnd- chen, lieber Vater, sagte Jacquchen. Er, „fort“ der Kleine: „Gleich lieber Vater“ Warum laͤßt dich die Mutter herumkriechen? Auf diese Aufforderung gab das arme Weib, das sich schon laͤngst in ihr Schlafkaͤmmerlein zuruͤckgezogen hatte, keine Sylbe. Der liebe Junge erzaͤhlte mit einer himmlischen Leich- tigkeit, daß er sich des Schlafs erwehret, und daß er seinen Vater etwas zu bitten haͤtte, was seine Mutter nicht hoͤren duͤrfte. Viel- leicht wacht sie noch, fuhr der Kleine fort. Hebt mich an Eu’r Ohr, oder neigt Euch zu mir. Der arme Junge bat den Vater ganz leise, seiner Mutter zwey Semmeln zuruͤckzu- lassen. Wir beyde, setzt’ er hinzu, meine H 3 Schwe- Schwester und ich, werden, wie ich hoffe, satt werden, wenn wir Mutterchen essen se- hen. Diese fußfaͤllige Bitte beantwortete der Vater mit einem Stoß und dem Aus- schrey: Comoͤdie! Vortreflich! Madam hat nicht einst noͤthig zu soufliren, brumte er hin- ter drein. Das arme Weib verlohr uͤber dieser Geschichte den letzten warmen Tropfen Fassung, und unserm Jacquchen (ich will ihn lieber Jacob nennen) spielte der Schlaf den Streich, daß er kein Auge schliessen konnte. Die Mutter schluchzte, und der kleine Junge weinte so bitterlich, so, daß er bis Morgens um fuͤnfe daruͤber vergaß, daß er hungrig war! — Die Curlaͤnderin lebte mit ihren Kindern von ihrer Haͤnde Arbeit. Das Maͤd- chen muste spinnen und Jacobchen die Wolle auseinander ziehen. Sie wolte ehr ihren Ismael und seine Schwester Hungers sterben sehen, als auf unrechtem Wege Nahrung und Kleider suchen. Sie erfuhr in Wahrheit, daß der Mensch nicht vom Brod allein lebe, sondern vom Worte aus dem Munde Gottes, vom Bewustseyn recht und richtig zu wan- deln. Ich war nie boͤse, sagte sie, allein mein trauriges Schicksal brachte mich weiter, ich ward fromm, gut, so wie es Menschen seyn seyn koͤnnen. Ein gewesener Sprachschuͤler hatte schon zur Zeit des genommenen Unter- richts ein Aug’ auf sie geworfen, ohne daß sie dieses Aug auf ihren Wangen, geschweige an ihrem Herzen empfunden. Jetzt glaubte der gewesene Sprachschuͤler, beyde Augen auf sie werfen zu koͤnnen. Um indessen desto siche- rer zu gehen, (er kannte ihre Denkungsart) muste seine Baase, die in der Familie kup- pelte, es mit der Ritterin freundschaftlich an- binden. Diese Baase war in einen Engel des Lichts gekleidet, und wenn auch vielleicht zuweilen ein schwarzes Fleckchen hervorkam, wie haͤtte es wohl unsere Curlaͤnderin sehen koͤnnen? Verliebte haben mit guten Seelen eine gewisse Denkungsart gemein. Jene lie- ben alles: diese halten alles fuͤr ihres Glei- chen. Die Geschenke, womit die Baase der Nothleidenden auf eine so gute Art zuvor- kam, machten sie blind, wie doch Geschenke sogar die Weisen blind machen, und die Sa- chen der Gerechten verkehren. Der Knoten war geschuͤrzt, und der Buhler fand sich eines Tages bey Frau Baasen ein, und von Stund an, so oft die Curlaͤnderin zur Baase gieng. In geraumer Zeit sahe sie das Netz nicht, das zu ihrem Fang ausgebreitet war. Einst H 4 aber aber kuͤßte dieser Buhler die Kinder der Cur- laͤnderin so verliebt, daß die Wangen der Mutter aus Schaam gluͤheten. Vielleicht waͤr es ihr weniger bedenklich vorgekommen, wenn er nicht noch oben ein, die Kinder dies- mahl, da er kuͤßte, so reichlich beschenkt haͤtte, daß die Curlaͤnderin ganz deutlich sahe, wor- auf es heraus gieng. Die Sache kam dem fuͤnften Akt immer naͤher, und Frau Baase dekte jetzt so wenig ihre schwarze Flecken, daß sie uͤber und uͤber kohlschwarz erschien. Sie brachte, um recht ordentlich und bedaͤchtig zu Werke zu schreiten, ein Pakt in Vorschlag. Die Curlaͤnderin, die ihr Herz ehemals in ihren Haͤnden getragen, schloß und verrie- gelt’ es jetzt, brach mit Frau Baasen, sandte die Geschenke zuruͤck, welche die Kinder erhal- ten. Die mit buhlerischen Kuͤßen befleckten Kinder wusch die Mutter mit frischem Wasser aus dem Brunnen vor ihrem Fenster. Die Kleinen weinten uͤber ihren Verlust; allein ih- re Mutter troͤstete sie mit suͤßen Worten. Das arme Weib wußte nicht, was man vorhatte. Man drohte, da Bitte nicht helfen wollte. Es entraͤthselte sich, daß Frau Baase nur die Geschenke spedirt haͤtte, die jezt zuruͤck gefor- dert wurden. In welcher Seelennoth sahe sich sich die Curlaͤnderin. Sie rang die Haͤnde, entdeckte sich ihrem Manne, der zum ersten- mal im Jahr (es war im November) lachte; allein er lachte so, daß noch nie so schrecklich gelacht ist, seitdem der Teufel lachte, da Adam und Eva so dummkoͤpfig fielen. Der Satan war lichterloh in ihn gefahren. Sie sprach Leute an, allein vergebens. Sie hat- te von einem reichen Manne gehoͤrt, von dem man sagte, daß er zuweilen einen guten Augenblick haͤtte. Sie gieng, fand ihn be- schaͤftigt; er nahm sich Zeit sie anzuhoͤren. Sie mußte ihm ihre ganze Geschichte erzaͤh- len. Da sie am Ende war, fragte er sie mit einer Gelaßenheit, die mit dem Lachen ihres Mannes sehr nahe verwandt war, ob sie hy- pothecarische Sicherheit haͤtte? Nein, ant- wortete sie. Nun, jede Noth findet ihren Trost, fuhr der reiche Mann fort, so werden Sie einen Biedermann finden, der Buͤrg- schaft fuͤr Sie leistet. Die Curlaͤnderin bat ihn, dieser Biedermann selbst zu werden; allein er erklaͤrt’ ihr nach Rechtsgrundsaͤtzen, wie er bey sich selbst nicht Buͤrge seyn koͤnnte. Ich fuͤhrte die große Buͤrgschaft an, sagte die Curlaͤnderin, die Gott sich selbst geleistet hat- te — allein er meynte, diese Sache waͤre zu H 5 heilig, heilig, um sie auf irdisch Geld und Gut zu deuten. — Schluͤßlich gab er ihr das Geleite bis zur lezten Stufe und befahl sie Gott. Eben dacht’ ich, fuhr die Curlaͤnderin fort, wenn Gott die Menschen auch nach Hypothek fragen, wenn er mit ihnen verfahren sollte, wie sie unter sich — als ich ohnmaͤchtig hin- sank, und noch jetzt nicht weiß, wie ich in ein Haus in der heilgen Geiststraße gebracht worden. Sie fand sich, da sie erwachte, in den Haͤnden einer alten Frau und eines jun- gen Mannes. Dies brachte sie zum Schrey, denn sie stellte sich die Baase und ihren Vetter vor; allein sie erfuhr, daß es Schwiegermut- ter und Schwiegersohn waren. Sie war in ihrer Erzehlung noch nicht bey der Hypothek; als diese Mutter und Sohn sich ansahen, und den Blick schnell abbrachen. Ein Blick, sag- te die Curlaͤnderin, der mir wie ein Sonnen- strahl tief in die Seele schien. — Die Toch- ter der Alten, die Guͤte selbst! — Die guten Leute ließen die Kinder der Curlaͤnderin hoh- len, und gaben ihnen zween Tage zu essen und zween Naͤchte Betten zu schlafen. Dieser Schlaf war mir ein Vorschmack des Todes- schlafs, so suͤß! sagte die Curlaͤnderin. Nun kam sie in ihr haͤusliches Elend; allein sie fand fand ihren Mann nicht mehr. Sein Auszug hatte keine Stunde erfordert. Ein jaͤmmer- liches Bette, mehr war nichts nehmens werth, und eben dies fehlende Bette zeigte seine Ent- fernung an. Sie warf sich auf die wuͤste Staͤte, wo sein Bette gestanden, nieder und wollte beten; da ihre Thuͤr aufgieng und eine weibliche Gestalt erschien. So trug der En- gel dem Elisa Essen, wie diese Gestalt ein in weißen Tuche verknuͤpftes — Wer? Wie? Wo? Weg war die Traͤgerin. Die Beterin loͤsete auf, fand das Geld fuͤr den Boͤsewicht, und noch druͤber. — Da blinkerte der Blick vor ihren Augen, der ihr in der heiligen Geist- straße in die Seele strahlte. — Diesen Abend dankte sie Gott, den folgenden wollte sie ih- ren Errettern in der heiligen Geiststraße dan- ken; allein sie fand Niemanden im Hause. Die Nachbaren versicherten, daß die gewese- nen Einwohner uͤber Land gezogen, wohin wuͤßten sie nicht. Sie habens im Himmel zu gut, liebe Freundin. (Bald haͤtte der Graf Schwester gesagt, das war sie noch nicht.) Wehe der Stadt, die solche Leute verlaßen! Ich dachte an Lot und seine Familie, fuhr die Curlaͤnderin fort. — — Doch warum diese Weitlaͤuftigkeit in woͤrtlicher Nacherzaͤh- lung? lung? Der Vetter und seine Baase wurden von Heller zu Pfennig befriedigt, das uͤbrige im Buͤndel war kein Oelkruͤglein; allein es war Spargeld in den Tagen der Krankheit, womit Gott unsere Curlaͤnderin heimsuchte. Ihr Toͤchterlein starb an den Blattern, Jacob aber, ein ruͤstiger Junge, der es selbst mit dem Schlaf anzubinden sich getraute und den Sieg erhielt, unterlag nicht der Krankheit, sondern starb im eigentlichen Sinn an der Gesundheit, die mehr als die Krankheit for- derte. Er uͤberstand die Blattern; allein Mangel der Pflege war die Ursache seines see- ligen Todes. Er kam mit dem Tode, wie mit dem Schlaf, zurecht. Eine benachbarte Wittwe brach in dem groͤßten Elend mit un- serer Ungluͤcklichen das Brod. Sie hatte ei- nen Sohn, den sie den Braͤutigam der kleinen Julie (so hieß die Tochter der Ritterin) nann- te. Da aber ihr Sohn mit der Tochter zu gleicher Zeit die Blattern bekam, und auch zu gleicher Zeit ein kurzes Leben endete, ward die Wittwe so bitter unwillig, daß sie die Cur- laͤnderin mit einem Tropfen Wasser vergeben haͤtte. Ist das der Dank, schrie die Wittwe ohne Aufhoͤren, daß sie mein Kind wuͤrgt! Sie begegnete der Curlaͤnderin als der Moͤr- derin derin ihres Sohnes, und wollte nichts wei- ter von ihr sehen noch hoͤren. Der Schmerz thut mehr, als dergleichen Dinge, und auch seltener als der Zorn, was recht ist. Noch eine Anekdote muß ich einhohlen, die mich sehr bewegte. Zur Zeit, da ihr Unge- treuer sein Bette noch nicht aufgehoben und sie verlaßen hatte, war die Krippenritterin wegen Quartiermiethe sehr verlegen. Ostern und Michael war Zinstag und Jammertag, wie sie sagte. Nie konnte sie Zeit und Stun- de einhalten. Habe Geduld mit mir, ich will dir alles bezahlen, war alle Jahr zweymal ihre Bitte. Der Vermiether hatte Geduld. Es war ein Leinweber. Einstmals ward ihm die Zeit zu lange. Die Weynachten waren vor der Thuͤr, und mit dem Michaeliszins noch kein Anfang gemacht. Der Krippenrit- ter hatte den Leinweber, der ihn in Zuͤchten und Ehren mahnte, ziemlich deutsch abgefer- tiget, obgleich er franzoͤsischer Sprachmeister war. Mit einer Frau und einem Leinweber getraut er’s sich schon anzubinden. Der Hausherr ward zornig. — Sie kam, und ei- ne Spiegelblanke Thraͤne stund ihr im Auge. Der zornige Hausherr sah sich in dieser Thraͤ- ne, und fand seine Gebehrden verstellt; denn er er hatt’ es auch mit ihr zum Scheltwort an- gelegt. Ploͤzlich ward aus dem Saulus ein Paulus. Liebe gute Madam! ich bedaure Sie. Freylich Sie sind unschuldig, aber Er — ein boͤser Mann. Sie seufzte in die Hoͤhe. Die Thraͤne blinkerte. Nach ein paar Wor- ten fieng er an, laß gut seyn! So lang ich lebe, hoͤren Sie? so lang ich lebe, sollen Sie in meinem Hause wohnen, und sich Ostern und Michael (ein paar schoͤne Feste!) nicht mehr durch die Frage verderben, wo die Mie- the? frank und frey! Der Leinweber konnte die Worte frank und frey vor Bewegung nicht laut herausbringen. Er sprach sie gebrochen, das heist die meiste Zeit: herzlich. Sie wuß- te nicht, wie ihr geschahe. Die diesjaͤhrige Michaelismiethe, fuhr er fort, zum heiligen Christ fuͤr ihr juͤngstes, das war Jacobchen. — Gott! mehr konnte sie nicht, Sie wollte den Geber anfaßen und ihm danken. Man faßt gern an, wenn man dankt; allein noch ehe sie dazu kam, legte der Wohlthaͤter beyde Haͤnde auf den Tisch, eine auf die andre, den Kopf langsam drauf und — wer haͤtt’ es denken sollen? — starb! — O gluͤcklicher Leinweber! Dein Lebensfaden wie schoͤn ist er zerrißen! Du bist lebendig gen Himmel geholt. gehohlt. Solch ein Tod! — Das nenn ich sterben, sagte der Graf! Der Todesangst und Noth unerachtet, wovon ich unsern Seeligen nicht loszaͤhlen kann! — — O du! der du die Menschen laͤßest sterben und sprichst: Kommt wieder Menschenkinder! Ich bin zu geringe, wie jener Maͤrtyrer, den Himmel offen zu sehen, las mich, las mich nur mit einer solchen That, wie dieser, dahin scheiden! Konnte Gott diesen großen Thaͤter mehr belohnen! Nicht wahr, der starb in ei- ner seligen Stunde? Gott schenke sie mir und allen, die solch eine Thraͤne verstehen. Amen! Hiemit waͤre diese Leinweber-Geschichte fuͤr den Himmel zu Ende; allein fuͤr die Er- de bey weitem nicht. Die frohen Erben ver- standen sich so auf Thraͤnen nicht, als unser Leinweber. Das Versprechen: so lang’ ich lebe , war mit seinem Tode abgelaufen, das verstand sich von selbst; allein der Michaelis- zins? Auch den mußte die Curlaͤnderin ein- buͤßen, oder ihr juͤngstes — Denn es ist mit nichts bescheiniget, daß eine dergleichen Schenkung vorge- fallen, vielmehr sind alle Umstaͤnde da- wider. Defunktus hat zu verschiedenen mahlen mahlen den Zins im Guten und Boͤsen verlangt, und ist nicht abzusehen, warum er so schnell seine Gesinnungen aͤndern sollen. Es ist unter dem vorschrifts- maͤßig schriftlich errichteten Miethscon- trakt diese Schenkung mit keiner Sylbe bemerkt; vielmehr findet sich weder hin- ter dem Miethscontrakt, noch sonst wo, eine Quittung wegen des angeblich ver- schenkten Zinses. Niemand hat die Schenkung entgegen genommen, und koͤnnen die vorgeschuͤtzten Worte: „ die „diesjaͤhrigen Michaeliszinsen „zum heiligen Christ fuͤr ihr „juͤngstes “ wenn sie wuͤrklich vorge- fallen, auf verschiedene andre Weise ge- lenkt und ausgelegt werden: zu ge- schweigen, daß kein deutlicher Sinn her- auszubringen, und daß das Hauptwort Schenkung gaͤnzlich fehlt. Der so ploͤtz- lich darauf erfolgte Tod laͤßt vielmehr vermuthen, daß wenn Defunktus sich ja wuͤrklich (welches doch an sich zu be- zweifeln) dieser Worte bedient, er schon ohne Bewustseyn gewesen. Defunktus hat, wie es zugestanden ist, sich jeder- zeit und auch nur kurz vor seinem Able- ben ben gegen den Mann bitter ausgelaßen, und wuͤrde es wohl der Ehegattin Ehre machen, wenn sie sich mit eben demsel- ben Mann so gut gestanden? Auffallend ists, daß sie durch diese Schenkung ihre eigene Schande veroffenbaret. Derglei- chen Personen versagen die Rechte allen Glauben. So wohl nach den gemeinen als den statutarischen Rechten . — Das war ungefehr der Innhalt zu einer Sentenz, die uns die Curlaͤnderin sub B. in copia authentica vorzeigte. Ich mag nicht weiter abschreiben: mir eckelt vor dieser losen Speise! O der feinen spinnwebfeinen nadelspitzen Gerechtigkeit, sagte der Graf! Wie oft hab ich mich in meiner Jugend der heiligen Justiz angenommen und den Kopf geschuͤttelt, wenn Priester und Kuͤster, Praͤsident und Notarius, in oͤffentlichen Lust- und Trauerspielen dem Volke zum Spektakel aufgezaͤumet wurden; nach der Zeit sah ich ein, und wer siehts nicht, daß man ihr nicht zu viel, sondern zu wenig thue. Der Fehler ist, man behandelt sie bey ihrer Feinheit zu handgreiflich. — Mit dem- selben Maaße, damit sie misset! — Doch weh, weh ihr, wenn der Richter aller Welt J sie sie messen wird! — Die Curlaͤnderin behielt die Sentenz zum Sterbkuͤssen, und wahrlich auf solch ein Urtel den Kopf gelegt, muß sich leicht sterben, fast so leicht, wie der Leinweber auf seiner eigenen Hand. Wie aber, der solch eine Sentenz formte? — Richtet nicht! — Eine von des Leinwebers Erben war ein nied- liches Maͤdchen, das ein Rath aus dem Ober- Collegio nicht sauer ansahe. Ich weiß nicht, ob und in wie weit dieser Umstand auf die ge- meine und statutarische Rechte einen Einfluß gehabt. O der waͤchsernen Nase! rief der Prediger, und dachte das Promemoria des Justizraths. Der Graf beschlos: wenn die Christen zur heiligen Christzeit solche Senten- zen machen! Der Judenjunge und Benjamin fielen mir ein. Jener in Ketten, dieser wie er dreymahl um den Tisch hinkt. — — Dieses Sterbkopfkuͤssen war nicht das einzige, das unsere Curlaͤnderin sich unterzu- legen im Stande war. Sie konnte noch wei- cher liegen. Ihr Ehemann war entschlossen, die Tochter quaͤstionis zu heyrathen. Die Mutter quaͤstionis glaubte, blos ihret, der Mutter halber; Die Tochter bildete sich ein, es besser zu wissen. Der Ritter gewann zuse- hens bey diesem Spiel, und lies die Mutter glau- glauben, und die Tochter sich einbilden, was jedes wolte. Er muste, eh’ aus ihm und der Tochter ein Paar und, die Mutter zugerechnet, ein Dreyblatt werden konnte, von seiner vo- rigen Frau nach der Sitte im Lande geschieden werden. Es ist ein Greuel in Preussen, zwey Weiber zu gleicher Zeit haben; allein ich hab’ einen Mann gekannt, der zwey Frauen, von denen er geschieden war, bey sich hatte, die dritte ungerechnet, mit der er aber priester- lich verbunden war. Es kommt alles auf die Form an! — Gott, der du Mann und Weib, Adam und Eva, schufst! — Der Braͤutigam schrieb an seine Frau ei- nen schrecklichen Brief. Er beschuldigte sie der schwaͤrzesten Laster und trug es ihr als eine Grosmuth an, daß er sich aller Beahn- dung in bester Rechtsform begeben wolte, wenn sie gutwillig unter dem Vorwande, daß eine Todtfeindschaft sich zwischen sie ins Ehe- bette gelegt, in die Trennung willigen wuͤrde. Das arme Weib, die sich ihrer Unschuld be- wust war, antwortete ihm, wie ers mit sei- nen Suͤnden verdient hatte, und nun der Weg Rechtens! Ein kleiner schielender Bube, der Rath des Ehegerichts, (ein Verwandter von dem Hause, mit dem der Ritter ehelich und J 2 unehe- unehelich verbunden war, und werden solte) war Klaͤger, Richter, Henker. Er entwarf die Eingaben, referirte, erkannte und trieb sein Werk, wie die feinsten Boͤsewichter, so oͤffentlich, daß er mit dem Ritter vor aller Welt Augen gieng und stand, aß und trank. Unserer Beklagtin ward ein Anwald ex officio zugeordnet, dem sie den Schaden Josephs entdeckte: indessen that dies Maͤnnchen nichts weiter, als die Achseln ziehen. Mit einem Steurmann des Collegii, eines Armen-Parths wegen, ein Speer brechen, verlohnte der Muͤhe nicht. Der Klaͤger nahm aus der Beilage sub B. Gelegenheit, die Beklagtin eines ver- daͤchtigen Umgangs mit dem Leinweber zu be- schuldigen. Die Baase ward zur Zeugin lau- dirt, daß sie Geschenke von ihrem Vetter an- genommen, die sie wieder zu erstatten waͤre gezwungen worden. Ihr Lebenswandel, be- hauptete der Boͤsewicht, sey schon vor der Ehe verdaͤchtig gewesen, und eben dieses Ver- dachts halber haͤtte sie mein Vater (wie un- schuldig man in Akten prangern kann) recu- sirt. Die zwey Tage und Naͤchte, die sie bey den Engeln in der heiligen Geistgasse gewohnt hatte, wurden als eine boͤsliche Verlaßung ( malitiosa desertio ) ausgegeben. Sie ward als als eine Verschwenderin dargestelt, und wenn alle diese Stricke reissen solten, ward eins (ein Galgenstrick) angebunden, das uͤber alles gieng. Die liebe Todtfeindschaft! Wohlbe- daͤchtig verschwieg der Herr Eheklaͤger die Ohr —, die er vor der Ehe aus guter Hand erhalten; allein er erwehnte, wie oft er noth- gedrungen gewesen, Hand an sein Weib zu legen, und sie sich von Leib und Seele zu hal- ten, wenn sie als eine Furie Feuer gespien. — Er hatte wuͤrklich, ohnfehlbar dem Beyrath des Klaͤgers Richters und Henkers zur gehor- samsten Folge, ihr das erste Liebesband, die Ohrfeige, mit vielen wucherlichen Zinsen er- stattet. Die Sentenz war in den besten Haͤn- den. Der schielende Bube setzte sich auf den Richtstuhl an der Staͤte, die da heisset Hoch- pflaster, ja wohl Hochpflaster, auf hebraͤisch aber Gabbatha. Sie wurden geschieden, und da es keiner Auseinandersetzung, so wohl we- gen Kinder, als Vermoͤgens, bedurfte, weil nichts von beyden da war; so wurden der Beklagtin in der Sentenz ihre Bosheiten und Herzenstuͤcken aufs nachdruͤcklichste verwie- sen, und sie zwar vor diesesmahl, und wie es hies, vorzuͤglich um den Namen ihres gewe- senen Mannes zu beschonen, von einer oͤffent- J 3 lichen lichen Gefaͤngnisstrafe befreyet, indessen fuͤrs kuͤnftige angewiesen, sich eines christlichen ein- gezogenen Lebenswandels zu befleißigen. — — O du sanftes Kopfkuͤssen im Sterben! — Soll ich appelliren? Fragte der Advokat, und eine Thraͤne fiel ihm auf die Abschrift, die er in Haͤnden hielt. (Er war nur im ersten Jahr in der Praxi). Nein, sagte sie, Sie nicht, ich werde appelliren, ich, und sah gen Himmel! Wenn der arme Schelm vom Ad- vokaten doch ein ander Handwerk gewaͤhlt haͤtte. Ich habe nichts, sagte die Curlaͤnde- rin, was ich Ihnen anbieten kann, als hier diese Bibel von meinem Vater (sie hatte sil- berne Clausuren —). Waͤre sie nicht in Sil- ber, wie willkommen solte sie mir aus Ihren Haͤnden seyn, erwiderte der Advokat. Nun hatte die Curlaͤnderin nichts, was einen Ruͤck- blick nach Sodom veranlaßen koͤnnen, wenn sie auch Madam Lot gewesen waͤre. Sie war sicher, daß sie keine Salzsaͤule werden wuͤrde. Der Weg nach der heiligen Geistgasse, den sie dreymahl auf- und abgieng, war ihr letzter in Koͤnigsberg. Sie weinte bey diesem Auf- und Abgang dankbare Thraͤnen! Die besten, die man weinen kann, und nun? wohin Gott wolte! Mine gieng in ein Land, das Gott ihr ihr zeigen wuͤrde. — Die Curlaͤnderin hatte, wie sie sagte, zum Gluͤck etwas aus dem gutthaͤtigen Woͤrterbuche gelernt, und wolte mit ihrer Wissenschaft wuchern. Nicht auf die Saat, sondern aufs Gedeyen, kommts an. Ich fuͤr mein Theil, sagte der Graf, wuͤrde meine Kinder eher von Ihnen, als von einer Franzoͤsin, die nur eben gerades- weges von Paris kommt, im Franzoͤsischen unterrichten laßen, wenn ich Kinder haͤtte, fuͤgte er nach einer Weile hinzu, und das so geruͤhrt, daß — Er selbst weinte nicht. In- dessen war der Geist bey unserer Curlaͤnderin willig, das Fleisch aber schwach. Sie er- reichte mit genauer Noth ein Wirthshaus, wo man sich blos des Lagers wegen das letzte bischen Sachen zueignete, das sie mittrug. Man nahm sogar ein Buͤndel franzoͤsischer Vocabeln, die sie sich als ein Viaticum aus- geschrieben hatte, weil sie in Goldpapier ge- naͤht waren, in Zahlung. Die Sentenzen und andre Papiere ohne Goldpapier lies man ihr. O die Ungluͤckliche! Sie verlohr mit den Vocabeln auch die Herzhaftigkeit, in der Sprache Unterricht zu geben. Hand an sich zu legen, wer kann das? Die Hungersnoth, dacht’ ich, wird ohne dein Zuthun dich erloͤ- J 4 sen, sen, und aͤrgerte mich, daß mich nicht hun- gerte. — Solch ein Hungerswunsch ist das schrecklichste, was man sich denken kann. Die Todesfurcht ist natuͤrlich, und mich duͤnkt, man sey immer uͤbler dran, wenn man den Tod wuͤnscht, als wenn man ihn fuͤrchtet. Da traf sie einen Menschen, der nicht Oel, nicht Wein, in ihre Wunden goß, sondern sie zum Grafen brachte, und da der Graf auf eine Kleinigkeit zur Erkenntlichkeit es nicht an- sahe, wenn die Todescandidaten, wie er sich auszudruͤcken pflegte, des Sterbens werth wa- ren; so machte dieser Priester und Levite (ein Samariter war er nicht) keine unrichtige Spe- culation. Nun sind wir an Ort und Stelle. — Das war im Kurzen der Lebenslauf der Antagonistin meiner Mutter. Ich konnte dem Grafen noch verschiedene Auskuͤnfte zu diesen Erzaͤhlungen zureichen, und das war ihm ein Fund, den er zu schaͤtzen wußte. Die Curlaͤnderin bat mich, nach Curland zu schrei- ben, wenn sie gestorben seyn wuͤrde. Gott kann Ihnen helfen, fiel ich ein. Durch Tod oder Leben, fuhr der Graf fort, denn wenn er gleich keinem die Sterb- stunde anzeigte, so war er doch sehr entfernt, bey seinen Patienten den Worten Tod und Grab Grab auszuweichen. Man muß, wenn man frisch gesund und stark ist, auf Tod und Le- ben gefaßt seyn, fuhr er fort, und wenn man krank danieder liegt, allein auf den Tod. — Wenn die alten Hochadlichen Haͤuser die schon gestorbene, verschiedene Hand der Cur- laͤnderin jezt gesehen, die sie ihr zu einer Zeit rund abvotirten, obgleich andre mehr bewan- derte Hochadliche Herrschaften sie ihr gnaͤ- digst ließen — wahrlich, sie haͤtten ihr Urtel revocirt! Mit den Urtheilen! Die arme Ungluͤckliche konnt’ ihr Gesicht nicht von mir wenden. Gewis, sagte der Graf zu mir, ist sie ihrem Vater, dem sie sehr aͤhnlich seyn muͤßen, guter gewesen, als er ihr. Auf diese Art scheinet wohl die juͤng- ste Tochter des Pastor L — (der nicht Praͤpo- situs ward, obgleich er sich auf den Kopf setzte) Theil am Gastmahl zu haben, wozu mein Vater eingeladen ward, nachdem im Pastorat des verungluͤckten Praͤpositus L. in Curland erscholl: mein Vater haͤtte die Gabe der Enthaltsamkeit nicht. Ob das Ave Maria, der Gruß, den mein Vater dieser Ritterin eher als ihren aͤltesten Schwestern zuwandte, oder wuͤrklich allmaͤhlige Neigung die Ursache gewesen? und viele obs und viele oders mehr, J 5 leg’ leg’ ich bey Seite. Was konnte das arme Trinchen (diesen Namen erseh’ ich aus dem Herrmannschen Pasquill) dafuͤr, daß ihr Vater nach der Weise Melchisedech zum Spruͤchwort aufbrachte? was? — — Um die Observationen uͤber diesen Come- ten in der gegenwaͤrtigen Geschichte zu schluͤßen; sey mir erlaubt zu bemerken, daß diese Arme, nachdem sie eingelaͤutet war, und nachdem sie geohrbeichtet, sich erholet. Der Graf hatte den groͤsten Theil dieser Ohrbeich- te bis auf meine Anwesenheit gespart. Nach der Zeit fiel sie wieder ein, und starb als Schwester des Grafen und seines Jonathans, des alten Bedienten (denn wahrlich sie hatte den Kelch der Todesnoth allmaͤhlig ausge- trunken) sanft, willig und selig, ihres Alters fuͤnf und vierzig Jahr. Meine Mutter, an die ich diesen Vorfall, so bald der gute Prediger in L— mir ihn meldete, weiter brachte, antwortete mir wie nach folget: Herr, der du sprichst, es geschieht, der du gebeutst, es stehet da, der du Gehet und Kommet in deiner Gewalt hast! Gelobet sey dein Name! In Curland und in Preußen, fuͤr die Wege und Stege, die du mit dieser Geen- Geendeten und Vollendeten eingeschlagen! Durch gute und boͤse Geruͤchte, durch man- cherley Kummer und Leiden, ist sie zu deinen Freuden eingegangen. — In Unfrieden gieng sie aus ihrem Vaterland, in Frieden fuhr sie zu deiner Herrlichkeit, wo sie ihr franzoͤsisches Buͤndel nicht mehr noͤthig hat, den Bettel- sack. Sie hat mich vielleicht nur im Traum beleidigt, und haͤtte sie es auch im Wachen gethan; haͤtt’ ich den Schlag bekommen, den ihr Ritter bekam, was nun mehr? Wir sind hier nicht zu schlagen, sondern geschlagen zu werden. Verzeih mir, lieber Gott! wenn ich im Wachen den Traum ihr uͤbel nahm. Ihrer Seele sey wohl, unter denen, die ge- kommen sind aus großem Truͤbsal, und haben ihre Kleider gewaschen und sie helle gemacht. Heil ihr, wenn sie im Namen des starb, des, der unschuldig lebte auf Erden und auch ein Fremdling war, und in Gottes Hand im Himmel seine Wohnung bestellte! Nimm auch ihren Geist in deine Haͤnde, du allge- meiner Vater! Du Preußens und Curlands Vater! Ihrem Leibe Ruhe! Er bedarf ih- rer! — Ein weiches ungestaͤrktes Sterbtuch fuͤr ihr thraͤnendes Aug! — Ein stilles Grab! vollbracht — Uns alle lehre beden- ken, ken, wohl, daß auch wir des Bleibens nicht hahn, muͤßen alle davon, gelehrt, jung, reich, alt oder schoͤn! Du aber, mein Sohn, schone dich in Preußen, es scheinet eine Grube zu seyn, wo alles faͤllt, was aus Curland ist. — Wenn es nicht mehr leben kann, liebe Mutter! Aus dieser Stelle sollte man nicht schluͤßen, daß meine Mutter ihren Casum setzt und fromm ist — in dem Sinn, wo fromm seyn Etwas geistliche Aufgeblasenheit, geistliche Staͤrke durch Kraftmehl ist, die hart und ansehnlich macht. — Vergib mir, Mut- ter, wenn ich dir im zweyten Theil zu viel that. Ich thats im Traum, wie Pastors L— Trinchen. Wenn ein einziges empfindliches Herz eine Thraͤne bey diesem Grabe gemein- schaftlich mit mir weint, so hat die Arme! ein schoͤnes Leichenbegaͤngnis. Meine Thraͤ- ne hat eine schwere Geburt. Fast nimmt sie mir das Auge mit. Die Deinige, liebe Lese- rin! falle sanft auf dieses Blatt, und diene deiner Tochter zum Zeichen, diese Stelle wie- der zu finden, wenn sie ihr noͤthig ist. Alle diese Auftritte, welche uns andert- halb Tage beschaͤftigten, hatten mich so mit- genommen, daß ich bey einem Haar zum zweytenmal in diesem Buche krank geworden waͤre. waͤre. Doch Krankheit kann ichs nicht nen- nen, was mich niederriß. Was es war, weiß ich nicht; der Pastor — — in L— meynte, daß dieses Uebel gerades Weges vom inwen- digen Menschen, von der Seele herkaͤme, welche kein Arzt toͤdten, allein auch nicht hei- len koͤnnte. Er rechnete diese Krankheit zu den Lindenkrankheiten, die oft gefaͤhrlicher, oft leichter, als die Leibesgebrechen sind. Recepte, Schlagwasserdoͤschens — meynt’ er, waͤren hiebey nicht anzuwenden. ‒ Hier ist Gott allein der Arzt, und sein heiliges Wort Medicin. — Zur Bewegung waͤre am Fruͤh- lings Morgen eine sanfte Flur vorzuschlagen; der Waldgeruch sey schon zu stark und greife solche einen Kopf an. Das, sagte der Predi- ger, ist die Art der Seelenkrankheiten. — Unsere Aerzte curiren oft den Koͤrper, wenn die Seele leidet. — Koͤrperkrankheiten pfle- gen nicht den Kopf vorbeyzugehen, sondern ihm die Ehre zu thun, von ihm auszuziehen in den ganzen Koͤrper weit und breit. — — Der gute Pastor! Ich seh’ ihn noch wie bekuͤmmert er war! Es uͤberfiel mich mit ei- ner Ohnmacht. Der Graf schien froh zu seyn, daß es mich so uͤberfiel; natuͤrlich! um einen Sterbcandidaten mehr zu haben: er gab gab dem Prediger nicht undeutlich zu verste- hen, daß, wenn er sich nicht laͤnger aufhal- ten koͤnne oder wolle, er ihm keine Bitte in den Weg legen wuͤrde. Jeder, setzte der Graf hinzu, hat sein Paͤkchen — ich! sagte der Prediger, und konnte nicht mehr — beim ich, Punctum? fragte der Graf. Ich werde diesen Juͤngling nicht ver- laßen — auch ich, sagte der Graf, nicht verlaßen noch versaͤumen. Gott, wenn er stuͤrbe! Nun, wenn er stuͤrbe? Er kann nicht sterben — wenn er unsterblich ist. Gott! Gevatter! Entweder glaubt ihr Herren nicht, was ihr lehrt, oder was ist das Sicht- bare gegen das Unsichtbare? Das Gegen- waͤrtige gegen das Zukuͤnftige? Zeit gegen Ewigkeit? Ists denn nicht eine schoͤne Sa- che um die Hofnung? und der Genuß? Freylich, der Himmel wird anders ge- noßen, als Dinge der Erde. Der Erdenge- nus gebiehret den Tod, den Ekel! — Der Der Himmel ist Himmel, ist Genuß ohne Ekel, ohne Tod. Tod und Ekel sind gleich- bedeutende Woͤrter. Gleich und gleich gesellt sich gern. Ein Juͤngling wie dieser soll nicht gluͤcklich werden? Ach! ich habe Kinder, er? Eltern, und die zeugten einen Sohn, der ihrem Bilde aͤhnlich war. Warum mehr von den frommen Anzuͤg- lichkeiten, welche diese beyde Leute, der Graf und der Prediger, aus gleich gutem Herzen auswechselten. Sie schlugen Ball. Der Prediger wollte nicht von meinem Stuhl — und war fuͤr mich auf eine so ruͤhrende Art bekuͤmmert, daß er seine Abhandlung ganz und gar daruͤber vergessen zu haben schien. Die Bekuͤmmerniß gefaͤllt am meisten, wenn sie unzeitig, wenn sie nicht an Stell und Ort ist. Daher die Sorgfalt der Weiber, so kin- disch sie ausfaͤllt, wie schoͤn! — Auch bey den Maͤnnern muß sie weiblich ausfallen, sonst ist sie Furchtsamkeit. — Der gute Vater Gretchens! Er erhielt auf vieles Bitten die Versicherung vom Grafen, daß ich noch nicht eingelaͤutet werden sollte. Auch (dies hab ich alles nach der Zeit vom Prediger) war diese Fuͤrbitte Schuld daran, daß ich nicht in die Tod- Todtenliste eingetragen ward, welche der Graf das Himmelsbuͤrgerbuch nannte. So kam ich wieder ums Gelaͤute, wornach ich doch so luͤstern war. Herr, laß ihn noch diese Nacht! diesen Tag, noch drey Tage, sagte der Prediger mit andern Worten zum Grafen, die sich der Graf oft wiederhohlen lies, eh’ er diese Frist be- willigte. Herr, laß ihn noch, war der Mor- gengruß des Predigers, denn ich hatte eine elende, lange, lange Nacht gehabt, und der Tag war, wie sie. — Der Graf declamirte fuͤr, der Prediger wider den Tod. Jener mit erhabner Stim- me, dieser mit leiser Schmerztheilnehmender. Nie vergeß ich die graͤflichen Worte: Stirbt man denn an der Krankheit, Freund? Vom Leben stirbt man, und wenn unser Liebling (ich lieb’ ihn wie Sie) wenn er gesund wird, entfloh er dem Tode? nein, nur der Krank- heit. Allen? Nein, dieser. — Eine große Sache! Der Graf hielte drey Safts bey seinen Kranken, die Untersafts, die Aderbinder und Pulsbeschleicher ungerechnet. Der Arzt, der mich besuchte, wußte, daß er dem Grafen mit einem heimlichen Kopfschuͤtteln einen Gefallen erwies, erwies, und schuͤttelte also, es mochte Gefahr seyn oder nicht. Bey einem Manne, wie der Graf, und bey Krankenlaͤgern, die von la- chenden Erben umgeben sind, haben die Her- ren Safts immer gewonnen Spiel, es stehe oder falle. Der Prediger aus L —, der die Linden- krankheiten aus Erfahrungen kannte, hatte voͤllig recht, daß diesen Ober- und Untersafts meine Krankheit zu hoch waͤre. Freylich steckt eine kranke Seele den gesundesten Leib an, alle Seelenkrankheiten sind ansteckend; allein es war Lebensekel, Lebenskummer — Ue- berdruß, was mich ergriffen hatte. All die Gebeinhaͤuser, in die ich herumgeleitet wor- den, hatten meine Einbildungskraft so erhitzt, daß ich wuͤrklich nicht todtkrank war, nicht gefaͤhrlich krank — aber beydes zu seyn herz- inniglich wuͤnschte. O Gott! wie sehnte ich mich nach einem selgen Ende! Wie nach Mi- nen! Sie war der Mittelpunkt von allem. Ich suchte meinen Tod uͤberall, auf allen und jeden Gesichtern, und wo ich ein Todeswort fand, wie sehr druͤckt’ ichs ans Herz! Ich war eigentlich nicht krank; allein ich wuͤnscht’ es zu werden. Eine der gefaͤhrlichsten Ge- muͤthskrankheiten, wenn es nicht im Apostel- K sinn sinn heißt: ich habe Lust abzuscheiden. — Gern wolt’ ich bey Minen seyn und solt’ ich nicht wollen? Nach des Grafen Meynung nicht. In dieser Aussicht sterben heißt: sich den Tod verderben, ihn mit allem Fleiß ver- unstalten, ihm den gesunden natuͤrlichen Ge- schmack nehmen, Englisch Gewuͤrz, Galgant, Pfeffer, Kreydnelken dran legen. Man muß sterben, um zu sterben. Der Graf hatte hieruͤber mit dem Prediger eine sehr gelehrte Unterredung. Ich vernahm die Worte nicht; allein der Geist von allem wuͤrkte auf mich. Mein Vater pflegte dies Wuͤrken, Wanken zu heissen, wie man von Gespenstern sagt: sie wanken. Ich wankte. Es war mir, als hoͤrt’ ich in der Ferne laͤuten. Der Hauptin- halt der gelehrten Unterredung war: ob man nicht auch durch kuͤnstliche Mittel berechtiget waͤre, sich den Tod zu erleichtern? Der Graf behauptete Nein, und nannte diese Kunst Be- trug, wenn sie wollen, frommen Betrug. Ich will aber nicht fromm betrogen werden. Es sey nun aber wie ihm wolle. Mine war mein Schutzengel bey meinem Seelen- zufall. Sie staͤrkte mich. Ich hohlte alles nach, was ich bey ihrem Grabe durch Betaͤu- bung uͤbersprungen hatte. O wie gern wolt’ ich ich bey ihr seyn! Die vier Naͤgel, wovon meine Mutter sechse fuͤr einen Vierding kaufte, glaͤnzten mir schrecklich in meinem vierzehnten Jahre. Das Blad aber, wo ich in der Capelle eben am Ende meinen Namen verzeichnete, wie trostreich fuͤr mich! Es war eine sichere Verschreibung, bald! bald! bald! bey Minen zu seyn. In meinem vierzehnten Jahre ließ ich sie zuruͤck; hier sah ich das vor- gesteckte Kleinod. Es war mir ein Licht auf- gegangen; ich empfand den ganzen heiligen Busch einer Gottgefaͤlligen, Gottgeheiligten, Himmelklaren, Engelreinen Liebe — ich hatte Lust abzuscheiden. Ein Paar Schauer, womit dieser Leib und dies Gebein seine Rechte sich vorbehaͤlt, abgerechnet. Ists Wunder, dacht’ ich, eine so hochgeadelte Erde soll wie- der zuruͤckkommen, wovon sie genommen ist! Ein solch Gefaͤß zu Ehren zum Wurmge- hecke! — Doch schnell gab ich meinem See- lengefehrten den Segen: gehe hin in Frieden, es soll dir alles wohl belohnet werden! Du solst auferstehen in Kraft, und Minens Leib, und ihr Gebein, und dieser Leib, und dies Gebein — — Halleluja blieb mein Haupt- wort; in meinem vierzehnten Jahr war es das Amen fein, Amen, das ich meiner Mut- K 2 ter ter nachbetete. Freunde! Wohl dem! der Eine Mine im Himmel hat. Die fuͤhllosen Sa- ducaͤer muͤssen keine Minen gehabt haben. Mein Herz hieng an Minen, und solte dieser Sitz des Lebens an Etwas wuͤrklich Todten, auf Ernst Todten, hangen? Gott ist nicht ein Gott der Todten, sondern der Lebendigen, und meine Seele, sein Aushauch, ist hier sein Ebenbild! — Mine lebt, ich werd’ auch le- ben! Junge Leute sterben leichter, sagte der Graf, weil sie keinen Anhang und Zugabe haben, weil — eine lange Reihe weils — ich glaube kurz und gut, weil sie gewoͤhnlich nach der jetzigen Weltmanier ungluͤcklich lie- ben. Die Liebe hoffet alles, sie duldet alles, sie macht ein ruhiges Leben und einen sanf- ten Tod. Das erstemal, wie ich ans zum Ende ge- hende Blatt dachte, wars so, als ein aus dem Feuer gerissener Brand ins Herz. — Das war ein Hauptreservat des Leibes, eins in optima forma. Es ist einem so warm auf ei- nem Fleck, und kommt dergleichen Brand dem, von der Schaamroͤthe so nahe, wie moͤglich. — Beyde verbreiten ihre Flamme zum Angesicht, die Stirne kalt. — Der- gleichen Vorbehaͤlte, dergleichen Erdbebun- gen gen, haͤtt’ ich bald gesagt, Erschuͤtterungen wolt ich sagen, das war alles, was ich von Todesangst bey dieser fuͤr den Grafen, wie es anschien, so erwuͤnschten Gelegenheit em- pfand. Es war indessen alles so, daß ichs konnte ertragen. Der Tod selbst, sagte der Graf, ist das allerwenigste. Da springt das Band, das man so lange zog und riß und neckte, weg sind wir. Tod als Tod hat we- niger schreckliches, als das Leben. Er hat nichts schreckliches. Ich fuͤrchte mich nicht vor Gespenstern, wohl aber vor Dieben und Moͤrdern. Wer wird sich vor etwas fuͤrch- ten, was er nicht kennt, und wer kennt den Tod? Das Leben aber kennen wir. Wenn auf Regen die Sonne scheint, auf Muͤhe Lohn folget, wohl uns, daß wir sterben, wohl, wenn wir todt sind; wenn unser Glaube an die Unsterblichkeit auch nur wie ein Senfkorn ist. Der Tod giebt Trost uͤber Trost, Wonne uͤber Wonne, und solte der Gang zu diesem Aufschlus des Menschenge- heimnisses (wahrlich wir sind ein Raͤthsel; der Tod ist unsere Aufloͤsung,) schrecklich seyn? Ende gut, alles gut. Der Tod ist das Ende vom Klagelied, von allem Elend. Canaan ins Kleine, in Miniatur, im Auge; was K 3 scha- schadet ein Fuß in der Wuͤste? In einer un- seligen Stunde sterben, heißt in den Henker- haͤnden der Krankheit sterben, das kann schrecklich seyn. — Dem besten Kaͤmpfer aber das Kleinod, dem staͤrksten Ringer der Preis! Wie wohl ruht es sich nach der Ar- beit, wie wohl! — Laßt uns nur des Ster- bens-Leidens, eh das letzte Stuͤndlein kommt, viel haben, wenn es Gottes Wille ist; dann verdienen wir im Tode getrost zu seyn, und wie der selge Leinweber gen Him- mel gehohlt zu werden. Wer wolte sich aber das Sterben, aus Furcht des letzten Augen- blicks, ohne Noth bitter machen, wer das Leben dadurch verleiden? Es giebt Leute, die sich das Leben auf diese Art versterben, war- um das? Ich kann von mir sagen, ich sterbe taͤglich; allein dies will nicht viel mehr sa- gen, als: ich sehe taͤglich andere sterben, obgleich es auch Stunden giebt, wo es mehr sagen will. Der heilig geplagte Apostel starb anders taͤglich, als ich. Paulus trank taͤg- lich einen Tropfen aus dem Todesbecher. Es war nicht Todesfurcht, die er trank. Solch ein Mann wuste schon, was im Kelche war. Es war wuͤrklicher Tod; er starb allmaͤhlig. Wer es hoͤret, der merke darauf. Sich sein ganzes ganzes Leben vor dem Tode fuͤrchten, heißt zwar, ein Knecht, ein egyptischer Sclave des Todes seyn; allein noch lange nicht, sterben lernen, den Tod studiren. Mensch, bey al- lem was du thust, gedenke ans Ende! so wirst du nimmermehr uͤbel thun, das heißt: Mensch, lebe gut, um gut zu sterben. Ich vor mein Theil (der Graf fiel in einen andern Ton) habe den Tod herzlich lieb, sehr gern seh ich sterben. Sterben allein, das ist mein Leben. Jeder muß wissen, was ihm Leben ist; ich habe nichts wider das Leben, wie der Herr Gevatter meynt. Da der Prediger sich blos auf dies Wort buͤckte, brach der Graf ab, und versicherte, der festen Hofnung zu leben, daß er sanft sterben wuͤrde. Du weißt, Bruder! sagt’ er zum Bedienten, ich hoffe zu sterben, wie der Leinweber. War es nicht, lieber Gott, fragt’ er zuversichtlich, inbruͤnstig, war es nicht Todesangst, Todesnoth, was ich aus dem Kelche trank, den du, mein Vater, mir gabst? hab’ ich noch diesen ganzen Kelch zu leeren? oder wird meine Zunge, wenn es ans letzte geht, nur noch die letzten wenigen Tro- pfen aufziehen? Dein Wille! nicht wie ich will, sondern wie du wilst. — K 4 Der Der Graf haͤtte so ohn End und Ziel reden koͤnnen. Es war Zephir, den er mir zu- wehte. — Wuͤrklicher Zephir, sanfte Em- pfindung, womit er mich anfaͤchelte. Es giebt Stunden, wo wir keinen Sturm ertragen koͤnnen. Der Bruder des Grafen neigte sich, als schien er sagen zu wollen: ich werde eher sterben, als du, graͤflicher Bruder; allein es schien auch gleich darauf, daß er sich bedaͤchte, wie es ihm gebuͤhre zu folgen. Ehre, dem Ehre gebuͤhret, und Sie (fieng der Graf zu mir an) ausbluͤhender Juͤngling! Schnell hielt er sich auf, als bedaͤchte er sich bey dem Worte ausbluͤhender, Sie haben auch nach ihrer Art gelitten — vielleicht sind nur noch wenige Tropfen Todesangst uͤbrig. Ich, fuhr er nach einer Weile fort, habe bey der bitter- sten Arzeney nichts nachgetrunken, ich auch nicht, erwiedert’ ich: allein ich muß gestehen, nur blutwenig Arzeney gegessen und getrun- ken zu haben, setzt’ ich hinzu. Bravo, schrie der Graf. Er wolte bemerkt haben, daß Leute, die sanft einschliefen, auch Anlage zum sanften Tod haͤtten, und befragte mich, zum innerlichen Verdruß des Predigers, wie es mit meinem Einschlafen waͤre. Bey Leuten, die schnarchen, fuhr er fort, hab ich bemerkt, daß daß sie zu ihrer Zeit roͤcheln, und die unru- hig schlafen, sterben gemeinhin auch unruhig, wenn nehmlich der unruhige Schlaf keine Folge des vorigen Abends ist. — Wie ich verschlage! — Desto besser; so se- hen meine Leser am deutlichsten, wie ich zu dieser Frist gestimmt war. — Der Prediger muste des Sonntags wegen, der vor der Thuͤre war und anklopfte, von dannen. Jeder hat sein Paͤckchen. Das Wort ausbluͤhender Juͤngling, so dem Gra- fen selbst auffiel, war dem Prediger aufs Herz gefallen, der gute theilnehmende Mann! Sagt selbst, lieben Leser, verdient nicht seine Ab- handlung von der Suͤnde wider den heiligen Geist, blos darum deutlichen Druck, gutes Papier und so weiter? Meine Seelenkrank- heit kehrte das Blad den Abend noch, und kurz, ehe der Prediger aufbrach. Er nahm noch den ersten Beßrungsstrahl mit. Mein Gruß an Gretchen, den er so gern in die Hand sich drucken lies, heiterte mich sichtbarlich auf. Gern haͤtte der Prediger dem Grafen wieder- hohlt: Laß ihn noch, durft’ er aber? Man widerraͤth den Schwermuͤthigen die Einsam- keit, und in vielen Faͤllen mit gutem Grunde; bey dem allen glaub’ ich, daß wenn ja ein K 5 Kraut Kraut und Pflaster sie heilen koͤnne, es die Einsamkeit, die Selbstgelaßenheit sey, wenn diese Einsiedeley nur gleich beym Anfange gebraucht wird. Die Einsamkeit ist dem Un- gewohnten wie ein kaltes Bad, das anfangs widerlich ist; allein es staͤrkt die Nerven! — Gesellschaft aͤngstigt schwermuͤthige Personen, das heißt, sie macht sie kraͤnker. O ihr guͤti- gen Thraͤnen! was fuͤr ein sichres Recept seyd ihr in dieser Krankheit, und in Gesellschaft weinen, welch ein Mann kann das? Der Graf wuͤnschte mir Gluͤck zu meiner Gene- sung. Jetzt sah er selbst ein, was fuͤr ein Zu- fall es gewesen. Das Phaͤnomenon bey die- ser Sache war, daß ich, so froh ich war zu sterben, ich es auch zufrieden war wieder zu leben. Nicht wahr! ein wahres Phaͤnomen. Ich, der ich meine Haͤnde nach dem Tode ausstreckte, nach dem Freyswerber, den Mi- ne zu mir gesandt, ich, der ich mit diesem Manne ziehen wollte, der ich nach der Zeit tausend und abermahl tausendmahl bey ihr zu seyn mich herzlich sehnte. Der Graf versi- cherte mich, daß er kein Sterbenszeichen um und an mir entdeckt. Saft hat also unzeitig sein Haupt geschuͤttelt: Dem Grafen zum Munde wuͤrde ich in Ruͤcksicht des Gespraͤchs mit mit dem Prediger in L — sagen. Wie kam es aber, daß der Graf Gluͤck wuͤnschte? Und wie kam es, daß ich den Gluͤckwunsch als Gluͤckwunsch entgegen nahm? Wir Menschen sind wunderbare Geschoͤpfe! — Es war mir so, als ob ich Minens wegen schon wuͤrklich gestorben gewesen, und nun, nachdem ich ihr mein Geluͤbde bezahlet, wieder auferstehen koͤnnte. — Ach! diese Seelenkrankheit, so hat sie nicht mehr mich uͤbermannt; allein wie oft hieß es von mir: Siehe, um Trost war mir bange! Wie oft bluͤheten die Linden fuͤr mich! — Auch heute! da ich dieses schreibe, war ich in meiner Kammer, hatte die Thuͤr nach mir zugeschloßen und mich verborgen, um — Wenn ich wuͤste, daß eins von meinen Le- sern uͤber das, was Sitte beym Grafen war, seelenkrank werden koͤnnte, wie bey mir dieser Fall eintrat, obgleich sie nicht sehen, sondern nur lesen, ich wuͤrde hier schluͤßen, ohne ein einziges Wort weiter zu verlieren — nicht wahr, verlieren? Kommen meine respektive Leser und Leserinnen aber mit einem einsamen Stuͤndchen mit einem kalten Badestuͤndchen ab — was hats zu sagen? wir haben doch all ein langes kaltes Bad im Grabe vor, und wahr- wahrlich das wird eine rechte Nervenstaͤr- kung seyn! Sieht noch oben ein unter mei- nen Lesern ein Alexander seine Mine, und un- ter meinen Leserinnen eine Mine ihren Ale- xander in dieser Geschichte im Bilde, traͤgt Er oder Sie leide um seinen, um ihren leibli- chen oder geistlichen Todten, o dann ists kein boͤses, dann ists ein gutes Stuͤndlein, das ich Euch bescheret habe. Wo hatte er denn so viel Zeit? fragte ein kluger Mann, da er hoͤrte, daß ein Held im Felde an einer Krankheit gestorben waͤre. Diese Frage wuͤrde bey unserm Grafen, der nichts mehr in der Welt zu versaͤumen hatte, der im Fegfeur sich befand, ohne daß ihm, wie den drey Maͤnnern im Feurofen, ein Haar ge- kruͤmmet ward, die uͤberfluͤßigste von allen seyn. Zum Schlus ein paar Reden, die mir der Graf zu Ehren am Sonntage halten lies. Das Evangelium, wie es mir vorkam, war nicht so ganz nach seinem Sinn. Es war zu viel Leben drinn. Der Graf war wegen sei- ner Sterbenden zum Hausgottesdienst ge- woͤhnt, und hielt sich wegen einiger Lebendi- gen Evangelien einige Reden, von einem Christen und bloßen Gottesverehrer bearbei- tet, tet, uͤber seinen Lieblingstext. Das Gelaͤute zu diesen Reden — Hier ists. Ein Gespraͤch zwischen dem Grafen und mir. Meine Leser moͤgen es als eine capta- tionem benevolentiæ ansehen. Alles, was keine Sprache befitzet, was so gar keinen Laut vermag, ist todt an ihm selbst. Alles, was nicht mit vernehmlichen Toͤnen von der Natur ausgeruͤstet ist, ringt fast nach Gelegenheit, daß ihm die Zunge geloͤset wer- de. Sprache, Ausdruck, ist Leben. Die schwerste Schrift wird biegsam, gefaͤlliger, ge- lenkiger, geschliffener in unserm Munde. Die Zunge ist ein klein Stuͤcklein Fleisch, und fast koͤnnte man von ihr sagen, sie waͤre das Lust- schloß der Seele! — Der Mensch ist der Gott alles Leblosen. Wenn er ihm gleich nicht ei- nen lebendigen Odem einhauchen und es be- seelen kann, ists doch fast so, als ob alles spraͤche, wenn der Mensch ihm zuspricht, als wenn es antwortet, wenn der Mensch es fraͤgt. Die Figur, daß man leblose Dinge anredet, wenn nur die Kunst nicht zu merklich ist, waͤ- re so unnatuͤrlich eben nicht, als sie jezt auf- faͤlt. Es scheint, als mache der Mensch den Versuch, ob es nicht angienge? Gott sprach, und es ward. Der Mensch spricht, und es scheint scheint zu werden. Sprich, damit ich dich sehe. In der Sprache liegt die Gewalt, wel- che der Mensch uͤber alles hat, was lebt, schwebt und ist, der Bind- und Loͤseschluͤßel. Mein Vater pflegte zu sagen, noch sind jene Toͤne nicht cultivirt, wodurch wir vielleicht mit allem auf der Erde so umspringen wuͤr- den, als der Hauptmann von Capernaum mit seinen Knechten: Komm, geh, thue das! Vielleicht waren diese Toͤne schon und giengen verlohren, wie viel verlohren gieng. — Mein Redner, fieng der Graf an. — Redner, erwiedert’ ich? Nicht anders, sagte der Graf. Beleben die? Sich im Leben angreifen, sich uͤberleben, zu viel leben, ist Tod, uͤberall Tod, fuhr ich fort. Es giebt Redner, die nicht blos schlechthin beleben, sondern beseelen, begeistern; allein das sind nicht ausgelernte Papagayen und Raben, die auch zuweilen zu rechter Zeit oleum \& operam perdidi kraͤchzen, sondern Leute mit feurigen Zungen, nach dem ihnen ihr Geist gab auszu- sprechen. Aus dem Herzen aufs Papier. Schwarz auf weiß, vom Papier ins Gedaͤcht- nis, aus dem Gedaͤchtnis in Hand, Mund und Fuß. — O der ermattenden Umwege! Und Und wie selten gehts gerade aus dem Her- zen aus. — Der Graf fuͤhlte, was ich sagen wollte, obgleich nur ein Funke auf meiner Zunge blinkerte. Feur war nicht drauf. Die Lin- denkrankheit hatte gedaͤmpft, geloͤscht. Eine Rede, sie sey auch die beste, ist ein Gipsabguß der Gedanken. — Gemeinhin verschlingen hier die sieben magere Kuͤhe die sieben fetten, wie in Josephs Traum; indeßen ist nicht zu leugnen, daß eben dieselbe Sonne, wie ein witziger Schriftsteller sagt, die das Wachs schmilzt, die Erde versteinert, und es giebt Leute, die gern reden, und andre, die auch nur durch Reden gewonnen werden. Leidet aber jeder, daß auf ihn Jagd gemacht, daß auf ihn angelegt wird? Und thut der Red- ner mehr, als seinen Bogen spannen, und auf die Herzen seiner Allerseits nach Stand und Wuͤrden Hoͤchst und Hochzuehrenden Zu- hoͤrer zielen? Freylich, erwiederte der Graf, wo Feuer ist, da raucht es auch. Meine Pre- diger, fuhr er fort, hab ich so ziemlich ins Geleise bey Leichenpredigten gebracht; indeßen raucht es doch noch. Conferatur: Siehe, ich komme bald, behalte was du hast, daß Niemand deine Krone nehme. Da war war noch viel zu sagen, und doch war es aus dem Herzen. Wenn er aber empfaͤngt, wenn er concipirt, o! dann beißt der Rauch in die Augen! — Wilst du denn was beßres sagen, als du kannst? Das war eine weise Lehre ei- nes weisen Mannes, die er einem Juͤnglinge gab, der sich uͤber dem Eingang seiner Rede den Kopf brach. Ein Redner, sagte mein Vater, ist ein Mann, der mehr von einer Sache sagen will, als er von ihr weiß. Ein Avantuͤrier, der sich uͤber seinen Stand klei- det, ein Petitmaitre, der zum verschimmelten Brod frische Butter giebt. — Er machte ei- nen Unterschied zwischen Redner und Predi- ger. Mit Feyerlichkeit von einer Sache spre- chen, nannt’ er predigen, und in diesem Sinn war er Prediger uͤberall. Aber die Redner! Sie machen einen großen Schuh auf einen kleinen Fuß. Schuster nicht uͤbern Leisten, sagte der Mahler zum Recensenten, der sich wie gewoͤhnlich mehr herausnahm und her- auslies, als er verstand. Dem Redner koͤnnte man zurufen: Redner, nicht uͤbern Fuß! — — Durch Reden sind mehr Laͤnder er- obert, Festungen eingenommen, als durch Waffen; allein wie gewonnen, so zer- ronnen, wuͤrde meine Mutter sagen. Der Der Graf theilte mir sein System uͤber die Leichenandachten, wie er sie nannte, mit. Die Worte: Leichenpredigt und Leichenrede gefielen ihm nicht. Bey den Aegyptern konn- te man nicht alle Todten ohne Unterschied lo- ben. Es muste per judicata feststehen, der Todten-Fiscus trat auf, und ward gehoͤrt. Man erkannte auf Beweis salua reprobatione, und ehrlich Begraͤbnis und Leichenpredigt hieng von diesem Urtel ab. Der Koͤnig hatte vor dem geringsten seiner Cammerlaquayen keinen Vorzug: im Leben sah man ihn durch die Finger an, um den Staat zu schonen: nach seinem Tode! fiat Citatio. Er so gut Staub, Erd und Asche, als ein andrer, und warum jetzt eine andre Procedur? Wie oft wuͤrd es jetzt von bepredigten und beredeten Leichen heis- sen: laßt die Todten die Todten begraben! — Ich hoͤre gern Leichenpredigten, setzte der Graf hinzu; allein in meinem Sinn sind es nicht Leichtepredigten, wenn es nemlich nicht Luͤgenpredigten seyn sollen. (O! wenn meine Mutter doch diesen letzten Gedanken von Luͤ- gen- und Leichtenpredigten gehoͤrt haͤtte!) Kupfern Geld, kupferne Seelmessen, fuhr der Graf fort. Weh uͤber diese Aergernisse! Da heißt es denn, er hatte nichts mensch- L liches liches an sich, als daß er starb, oder wie von jener Madam: sie betruͤbte ihren Herrn nur ein einzigmahl, nemlich da sie starb! Wer ist da mehr todt, fragte der Graf, die Leiche oder der Redner? Rauch uͤber Rauch! Etwas Rauch schadet nicht. Opferrauch, fiel ich ein! Blumenrauch, der gen Himmel steigt, wenn es huͤbsch warm ist! Und das ist eine inwendige Waͤrme, die alles Lebendige hat. Kaͤlte ist Tod. Waͤrme, Le- ben! Innerliche Hitze ist Krankheit, oder An- fang dazu. Wer anstecken will, muß selbst feurig seyn. Ein Redner will sein Auditorium anstecken, mithin muß er in Feur seyn. Ein Brand raucht zu sehr; allein eine durch und durch gluͤhende Kohle, das ist das Bild eines Redners! — Da war es ausgelautet. Wir waren Feurempfaͤnglich, das heißt: warm. Noch einen Kloͤppelanschlag! Vom Gott- glaͤubigen zum wahren Christen ist es kaum ein Sabbatherweg weit, hab ich sehr viele Leute (versteht sich christliche,) sa- gen gehoͤrt. Plato wuͤrde zuverlaͤßig Superintendent geworden seyn, wenn er das Gluͤck gehabt, in christlichen Zeiten gebohren zu werden, und Sokrates? Irgend wo Rektor an einer Domschule. Der Der Graf sagte zu mir: Freund! von unten auf . Ein feiner Knabe. Oehl- zweige um sein Haupt — freye Stellung. Nichts, auch kein Paar Handschuh in den Haͤnden; allein um ihn ein weißes weites Ge- wand, bald haͤtt ichs Chorhemde genannt, wenn ich hier ein christlich Wort fliegen laßen koͤnnte. Das Jahr hat Monate, der Monat Wo- chen, die Woche Tage, der Tag Tageszeiten. Morgen und Abend ist uͤberall. Was An- fang hat, muß sich auch enden. Der Mensch wird gebohren und stirbt, beydes wenn sein Stuͤndlein vorhanden ist. Er waͤchst hin und zuruͤck. Er sinkt, wird hinfaͤllig mit dem er- sten Tage, da er zu wachsen aufhoͤrte. Seht die Tage, wie sie ab- und zunehmen, so habt ihr euer Leben. Ein Jubeljahr, ein Hun- dertjaͤhriger, ist ausserhalb dem gemeinen, und am Ende was ist der ganze Jubel? — Weiber, schwaͤchliche Mannspersonen, brin- gen es im Leben am laͤngsten, sie lebten am langsamsten in die Hoͤhe und in die Breite, und sterben also auch so langsam wieder ab — Maͤßigkeit in Absicht des Leibes, Maͤßigung in Absicht der Begierden, koͤnnen uns zwar L 2 zum zum ruhigen Leben, zum ungestoͤrten Genuß desselben bringen, ob sie aber das Leben ver- laͤngern, ist noch die Frage. Der Mensch hat seine bestimmte Zeit. Wenn es Ausnah- men giebt; so ist die Lebens-Oekonomie — wenigstens nicht immer schuld daran. Waͤr’ es durchaus noͤthig gewesen, daß wir nicht mehr, nicht weniger, essen und trinken solten; haͤtte die Natur eine Thuͤr angebracht, die von selbst zugefallen waͤre. Erreichten denn nur gute Lebens-Oekonomen, oder erreichten nicht gemeinhin auch Verschwender dieses ausgeruͤckte Ziel? Sie scheinen zu Ausschwei- fern bestimmt zu seyn, im Tod und Leben. Sie leben, wenn man so sagen soll: auf Tod und Leben. Sie empfangen ihr Gutes in die- sem Leben! Laßt sie doch, laßt sie doch leben! Ich wette drauf, es sind wenige, die solch ein Leben nehmen vor halb Geld. Die meisten Menschen haben nur Jahre, nicht Leben, zu- ruͤckgelegt. Sie reden vom Leben, als von einer Sache, die man von Hoͤrensagen kennt. Wie viel gehoͤrt zum Leben! Man nehme den Zufaͤllen des Lebens ihre Wichtigkeit, wer kann das? Man bedenke, daß nur das Wohl- verhalten den Werth des Menschen und seines Seyns ausmache. Wer verstehet diese Kunst? Und Und bestehet die Gluͤckseligkeit in etwas an- ders, als in der Befriedigung der Sinne? aller Neigungen? Beym Lustigen tritt der Nervensaft uͤber seine Ufer und diese Ueber- schwemmung, diese Suͤndfluth, richtet Unheil an. Das Leben ist eine Last, und warum solten wir uns den Ruͤckgrad brechen, und drob froh seyn? An der Laͤnge liegts nicht, an der Wuͤrde liegts. Unsere Bruͤder aus zweyter Ehe haben von den Juden gelernt, daß langes Leben als Lohn fuͤr den kindlichen Gehorsam anzusehen; allein auch sie behaup- ten, daß Gott mit den Seinen eile! Und so wahr es ist, daß Juͤnglinge, die das Alter ehren, sich, alt zu werden, vor Menschen be- rechtigen; so ist doch dies Menschenrecht nicht auch Gottes Recht! — Dein Wille, Gott, dein Wille geschehe! Das maͤnnliche Alter schuͤrzt den Knoten, der Tod loͤset ihn. Wer Gott gelebt hat, und nicht sich selbst, wird auch Gott im Tode preisen und den verherr- lichen, der das Waizenkorn, wenn es gleich dahin gestorben, und in Faͤulnis uͤbergegangen, zum Aufleben bringen kann, den, der Seelen wegzuhauchen Macht hat. Alles wie er will! Was er will, das geschieht, was er gebeut, das stehet da. Sein Blick ist Sonne, sein L 3 Wort Wort Erdenball. — Sein Wille, und es ist nicht mehr, was es war. Wer sich auf alle Faͤlle bereitet, ist weise. Wer sich einen einzigen Weg erzielet, wird oft durch eine Kleinigkeit so zuruͤckgesetzt, daß er nicht aus noch ein weiß. Richtet sich der Lauf der Welt nach uns, und ist es darum schoͤn Wet- ter, weil wir nach Athen fahren wollen, oder weil es im Calender steht: Klarer Himmel, oder weil wir ein Weib nehmen, oder einem Freunde das Geleite geben, und eine Aus- fahrt machen wollen, um dicht am Fluß ein Gericht Fisch zu essen? — Das Denken allein hat wenig Trost in sich; wer es aber versteht, was fuͤr Kraft in der Rede liegt, wird auch wissen, sich alles aus dem Sinn zu reden, was ihn niederschlagen kann, und sich selbst Muth zuzureden, wie es unsere in Gott ruhenden Vorvaͤter gethan, die den nemlichen ungewissen Weg, ohne Wegweiser, ohne Grenzenmal giengen, der vor uns liegt. Der Herr, der Herrscher des Lebens, der ihnen an Stell und Ort geholfen, wird uns auch an seinen Ort stellen. Der Thor klaget uͤber das, so nicht zu aͤndern ist, der Weise sucht Bewe- gungsgruͤnde, es zu tragen. Das Ende liegt immer im Anfang, so wie der Anfang im Ende Ende. Wir werden, das heißt: wir hoͤren auf zu seyn. Wir sind, das heißt: wir sterben. Wenn wir gegessen haben, stehen wir auf, und wenn wir gewacht haben, gehen wir, wie alles, was lebet und webt, zur Ruhe. Die Sonne gehet auf und unter, und der Mensch ihr nach. Sich graͤmen, daß wir sterben muͤssen, heißt: sich graͤmen, daß wir sind. Durch Philosophie, der man durch Ton und Gebehrde nachzuhelfen verbunden ist, kann man den Tod besiegen. So kann man des Todes Bitterkeit vertreiben, und, wenn Noth am Mann ist, selbst fuͤr Ehre und Vaterland sein Haupt hingeben, wie Johan- nes sein Haupt zum Schauessen. Eine graͤs- liche Melone auf der Tafel eines Tyrannen! Nicht, wer uͤberwindet, sondern wer so viel thut, als er weiß und kann, ist Held. Wohlan denn, laßt uns alle Kraͤfte zusammenraffen und uns anspannen, um dem Tode, dem Fuͤrsten der Finsternis, stattlichen Widerstand zu thun, und das Feld zu behalten. Unser Leben ist ein Quodlibet von Abwechselungen, ein Aprill- tag, und wenn Thoren es gleich fuͤr Mangel der Lebensart halten, an den Tod zu denken; so haben doch von je her kluge Leute Todes- betrachtungen, als richtige Proben eines gut- L 4 gerech- gerechneten Lebens, angesehen. Mensch, weißt du, ob du diese nacht schlafen? ob du je schlafen? ob du Lust zum Essen haben, froͤhlich und guter Dinge seyn, Soͤhne oder Toͤchter zeugen wirst? daß du aber sterben wirst, daß dein Leben ein Ziel hat, und du davon must, weißt du gewis, oder kannst es so wissen, als daß zweymahl zwey vier ist. Aber selbst der Schnee auf dem Haupt erin- nert den Greiß nicht an den Winter seines Lebens. Es ist Hagel und Schlossen denkt er, so was faͤllt auch mitten im Sommer. Der Himmel laße nur das Getreyde ohne Schaden! Die Menschen denken vielleicht darum nicht an den Tod, weil er das einzige Gewiße ist, und weil er sich von selbst ver- steht, das andere alles aber mit auf ihrer Sorgfalt beruhet. Nicht also Freund! Ein hitziges Fieber, ein ploͤtzlicher Tod, kann zwar deine Vorbereitung stoͤren, dein mit Fleiß besaͤtes Feld in Unordnung bringen; al- lein auch beym Miswachs bleibt dir Grund und Boden. Du kannst heute sterben, also lern’ es heute. Ein Seefahrer, der dem Weltmeer entgieng, findet seinen Tod im Brun- nen, aus dem er sich einen Labetrunk schoͤpfen will. Den Riesen Goliath schleudert der Hir- tenknabe tenknabe David zu Gottes Erdboden. Jenen roͤmischen Sieger trift auf dem Wege zum Capitol ein Dachziegel, und er stirbt. He- liogabalus wollte so sterben, als er gegeßen hatte. Es ward ihm ein gewaltsamer Tod prophezeyt, und er lies sich koͤstliche Stricke bereiten, goldne Becher zum Gift, und einen praͤchtigen Thurm zum Herabsturz; allein stehe, seine Anstalten zum Kayserlichen Ende waren vergebens! Sein eigen Blut war sein Leichentuch, und die Tyber sein Grab. Der Tod hat eine Sanduhr in der Hand, die er verdeckt haͤlt. Wir sehen nur die Sen- se, die er in der andern fuͤhret. Wenn wir gefaßt sind, warum einen Blick auf Sand in unserer Lebensuhr? Es fallen uns tausend zur rechten und zehntausend zur linken. Laßt uns also bereit seyn, und eine Nachtlampe anzuͤn- den, wenn wir schlafen. Wir stehen auf Rechnung, laßt uns also in unserm Wirth- schaftsbuch alles unstraͤflich addiren, subtra- hiren, multipliciren und dividiren, damit, wenn der Herr kommt, wir Credit und Debet fein haushaͤlterisch vorlegen, und auf das Te- stimonium von ihm Anspruch machen koͤnnen: Ey, du frommer und getreuer Knecht! Wer mit Bestaͤndigkeit und Geduld in guten L 5 Wer- Werken trachtet nach dem ewigen Leben, hat vom Herrn selbst sterben gelernt, und beden- ket, daß es ein Ende mit ihm habe, und er davon muͤße, daß das Leben einem Faden gleich sey, der in der Hand des Webers so leicht abgerißen wird. Seht euch um, Lilien knicken, Eichen stuͤrzen. Ein kleiner Wurm sticht die schoͤnste Blume, und manche wird, wie Caͤsar, mit drey und zwanzig Wunden erstochen durch und durch. Ein Nebel faͤllt uns auf die Brust, und unsere Staͤte ist nicht mehr. Wir muͤßen wirken, ehe die Nacht kommt. Wir muͤßen, wie alle Weisen es thaten, sterben, ehe wir sterben, wir muͤßen uns absondern und aus der Welt gehen, um unsere Seele zu retten, wir muͤßen uns selbst aufloͤsen, ehe wir aufgeloͤset werden, und so wenig den Koͤrper, Fleisch und Blut, aufkom- men laßen, daß wir je mehr und mehr gei- stisch werden. Laßt uns, Freunde, beym To- de uns nicht verwahrlosen. Wer bemuͤhet sich nicht, sein Kind gesund und unverwahr- loset aus Mutterleibe zu ziehen? Wißt, un- sere Seele wird gebohren, wenn wir sterben. Der Tod ist eine Niederkunft, eine Geburt, zum andern Leben, und es ist gut, auch auf diese Geburtsstunde und diese große Sechs- wochen wochen zum voraus zu denken. Werden wir darum eher sterben, weil wir den Tod in Er- wegung nehmen? Eher begraben werden, weil wir diese Gewichter, die uns zur Erde ziehen, abschneiden? Willst du den Redlichen, der nach Gott fraͤgt und nach sich selbst, von der Welt entfernen, gib ihm den Rath, sich mit ihr zu verwickeln. Giebts eine groͤßere Aufforderung zum Memento mori -Orden, als eben diese? Habt nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. Wer sich selbst ein Ver- gnuͤgen entziehet, gewinnt. Nur wenn an- dere es uns entziehen, verlieren wir. Der ist der gluͤcklichste, der am wenigsten zu verlieren hat. Besitzen wir das, was wir uͤber ein Kleines zuruͤcklaßen muͤßen? Gott giebt al- les, und behaͤlt nichts. Seyd wie Gott — Jedweder gehet den rechten Weg, der recht thut. Der Christ glaubt an Christum, der goͤttlich auf Erden gewandelt hat; dergleichen Erscheinungen glaubten auch unsere Vaͤter. Sind nicht noch der Erde die goͤttlichen Spu- ren anzusehen von diesem heiligen goͤttlichen Menschen? Ueberall Gottes Fußstapfen. Wenn Gott auf Erden kommt, was kann er anders, als Mensch seyn? Er begiebt sich ins Fleisch, in den Menschen. Der Mensch ist ist das beste Stuͤck Zeug, wovon der Aller- hoͤchste sich ein Kleid machen laßen kann. Diogenes sah einen Knaben mit der Hand Waßer schoͤpfen, und warf den Rest seines Mobiliarvermoͤgens, seiner fahrenden Haab und Guͤther, seine Wasserschaale, dahin. Wer die Knie auf einander legt, kann ohne Tisch schreiben. Der Christ glaubt an Chri- stum. Wir an Gott, der da ist, und der da war, und der da seyn wird, in Zeit und in Ewigkeit. Sollte Gott nicht verzeihen, wo- fuͤr mein Fleisch und Blut, das ich von mei- nem Vater seligen und meiner Mutter seliger geerbt habe, allein kann, und nicht ich? Wenn ich nur rechtschafnes Wollen habe, das Voll- bringen, steht es wohl in meinen Kraͤften? Meine Seele kommt mit einer Bittschrift ein, der Koͤrper, der sich nun einmal, weil er in die Hoͤhe geschoßen und grosmaͤchtig ist, auf den Thron geschwungen, schlaͤgt das Gesuch ab. Wenn ich das Suplicat nur recht von Herzensgrund eingerichtet, und weder am Formale, noch am Materiale, was versehen, der Herr Koͤnig Leib aber, demunerachtet den Kopf schuͤttelt, was kann das arme Seelchen dafuͤr, was kann es wider Tyranney? Wenn ich wie ein Engel von der Toleranz spraͤche, und und haͤtte der Liebe nicht, meinen christlichen Bruder gehen und stehen zu laßen, wo und wie er Lust hat, und ihm sein Trostkaͤmmer- lein nicht ungestoͤrt zu vergoͤnnen, waͤr’ ich nicht ein Moͤrder von Anfang, und wuͤrd ich wohl bestanden seyn in der Wahrheit? Ich bin Demokrit, der Christ Heraklit. Koͤnige und Ketzermacher haben beyde lange Haͤnde; selten ist mit dem Kopfe bey beyden zu prahlen. Uebers Grab weg, jenseit des Grabes ins Schwarze (dunkel ist zu wenig) reicht keiner mit einem Finger, auch nicht mit dem Mittel- finger, obgleich er der laͤngste ist. — Unsere Sache ist leben und sterben, was druͤber ist, ist vom Uebel, so wie alles, was uͤber Ja, Ja, Nein, Nein ist. Die Christ- liche Religion, und unsere Religion, hat durch die heilige Schrift ein Herz und eine Seele. Wer leugnet, daß ohne Bibel wir, die wir all an einen Gott, Schoͤpfer Him- mels und der Erden, glauben, lange nicht so weit waͤren, als wir jezt sind, wenn nicht Christi Lehre so mancherley in der Vernunfts- moral aufgeraͤumt haͤtte. Allein wer? — Doch warum dieser Maulaffe von verfaͤng- licher Frage? Goͤttlich ist, was von Gott kommt und ewig bleibt. Menschlich ist, was so so fingerlang, als das menschliche Leben ist. Eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind voruͤber faͤhrt, ist der Mensch nicht da, und seine Staͤte kennet man kaum mehr. Worte haben dem Menschengeschlechte einen unersetz- lichen Schaden gethan; am Ende sind Kriege, wo Blut fließt, als waͤr’ es schlecht Wasser, so gut Wortgezaͤnke, als die Dispuͤte der Ge- lehrten, die sich kein Comma vergeben, wie die Monarchen keine Provinz, und wenns auch nur der Name davon in ihrem Von Got- tes Gnaden Titel waͤre. — O sagt mir, Men- schen! sagt mir, damit ich einlenke, warum ihr so zittert und zaget, wenns ans Sterben geht? Wenn man nur das Wort Tod aus- spricht? Warum ihr im eigentlichen Sinn am Worte: Tode sterbet? Ist es das Leben werth, daß ihr darum siebenzig, und, wenns hoch kommt, achtzig Jahre Leide tragt? Wahrlich, die meisten Menschen leben nicht, sondern betrauren das Leben. Wenn wir todt sind, leben wir nicht, warum sollten wir also nicht bemuͤht seyn, wenn wir leben, den Tod zu entfernen? Wie braucht ihr das Le- ben, das euch so koͤstlich duͤnkt? Lebt ihr denn wuͤrklich auch, wenn ihr das Trauerkleid abgelegt habt? Die meisten Menschen wa- chen, chen, damit andere schlafen moͤgen; ihr lebt fuͤr andere, und so kurz und kostbar euer Le- ben auch ist; so verkauft ihr es doch gern fuͤr wenig Gran Gold und Silber, die Erstgeburt fuͤr ein schnoͤdes Linsengericht. Warum also die Klage: kurz ist die Zeit, kurz sind die Jahre? Haͤttet ihr Oekonomie studirt, ihr Lebensdurchbringer, ihr verlohrnen Soͤhne, wahrlich ihr wuͤrdet das Leben nicht zu kurz finden! Thiere werden aͤlter, als wir, Baͤu- me, die wir pflanzen, uͤberleben uns, und wir sind im Stande, uns ein Grabmal auf- zurichten, das stumm, wie es da ist, zu sei- ner Zeit mehr von uns anzeigen kann, als wir selbst. Wie lange waͤhrt es nicht, bis der Eichenbaum so dicht wird, daß kein Nah- rungssaft mehr durchkann, daß die Feuchtig- keit keine Circulation mehr hat, die Adern zu Knochen werden, und die Lebenssaͤfte aus- trocknen! Beym Menschen gehts geschwin- der; geschwinder werden seine Haͤute Knor- pel, seine Knorpel Knochen, seine Knochen Steine, wahrlich Leichensteine. — Ich leug- ne nicht, daß aller Menschen Leben nur ein Tag sey. Dieser lebt einen Winter- jener ei- nen Sommertag, dieser ein Aequinoctium, jener den laͤngsten Tag. Am Ende hat der, so so in den Zeitungen steht, als habe er des Moses Lebensschlagbaum aufgemacht, und noch zehn Jahre druͤber gelebt, und das klein- ste Kind, einen Tag gelebt. Methusalem, da er starb, kam nicht in die Zeitungen, darum steht er auch in der Bibel. Was wimmerst du, Unvernuͤnftiger, lebt auch was, das nicht Vernunft hat? Du abbrevirest dein Leben, wie Geschwindschreiber, und machst es so un- leserlich, so ungestalt, daß du uͤber ein Klei- nes selbst nicht klug daraus werden kannst. Die Natur ist nicht karg gewesen; allein du bist ein Praßer. Wer kann dir das Maul stopfen? Wer dich bereichern? Ein so großer Lebensdurchbringer, daß dich Gott mit seiner milden Rechten selbst nicht reich machen kann! Du dienst dem Publicum, und vernachlaͤßigst dich selbst. Du sinnst Tag und Nacht, um das Geld, das dein Nachbar hat, dir zuzuwenden, es sey durch Handel und Wandel, oder Diebstal, das heißt: durch grobes und subtiles Stehlen, und wenn du Meere durchgekreuzet, und gute und falsche Wechsel unter die Leute gebracht, und endlich alles in deine Scheuren gehaͤuft hast; was ist deine Sammlung? Leben ists nicht. Das ist nicht feil in der Welt; du allein allein hast es zu verkaufen. Bleibe im Lande. Faße in deinen eigenen Busen. Naͤhre dich redlich. Sieh! deinem leiblichen Bruder wird die Zeit lang. Der Thor, sagst du, ohne zu bedenken, daß jener es in der Schlafmuͤtze und du in Reisekleidern bist. — Die meisten Menschen sehen ein, daß sie sich ums Leben betruͤgen; drum setzt sich jeder sein Ziel. Wenn ich dahin komme, will ich Halt ma- chen! Allein, du Kornjude, heute wird man deine Seele von dir fordern, und wer wird das Korn mahlen, das du aufgemessen hast? Er ist in der Lehre geblieben, sagt man von einem Menschen, der als Hauptmann stirbt, und Feldherr werden sollte. Sind wir nicht alle nur Hauptleute, wenn gleich nicht von Capernaum? Wie kannst du mit deinem Le- ben so schalten? Wie einen gelehnten Ring verschenken? Dem Staate, das heißt, dem fuͤrstlichen Schatz und deinem gruͤnen Netze von Beutel die Erstlinge geben, und Spreu fuͤr dich behalten? Kann man denn, wenn man alt ist, wieder in Mutterleib gehen und gebohren werden? Jeder Tag beym Menschen koͤnnte ein Ganzes seyn, ein Leben in Com- pendio. Wer nie solche ganz ausgeschlagne Tage, solche Lebenstage, gehabt, ist ein M elender elender Mensch; wer wird ihn erloͤsen von dem Leibe dieses Todes? Wir legen uns un- ter drey und vier Schloͤsser. Die Perlen fuͤr die Saͤue, die Diamanten in ein Kaͤstchen. Du lebst kurz, Mensch; allein ist ein kleiner Mensch nicht ein ganzer Mensch? Wer an die Weisheit kommt, hat seinen Lauf vollendet; wer tugendhaft ist, ist alt, ohne graue Haare. Unser Leben waͤhret siebenzig Jahre; wenns hoch kommt sinds achtzig Jahre. Der Tu- gendhafte lebt druͤber. Ein Tag ist bey Gott tausend Jahr und beym klugen Menschen we- nigstens ein Monat. Je kluͤger, je Zeit- sparsamer! Zwischen Pflanzen, Thier und Menschenleben, welch ein Unterschied! Die- ser hat sein ganzes Leben verspielt, jener hat zwoͤlf pro Cent in gutem gangbaren cassen- maͤßigen und auf keinem Abschlage stehenden Gelde gezogen; der hat den Homer gelesen, dieser da weiß die Cometen auf Secunden zu berechnen, die Gottlob mit der Erde jetzt gute Freunde sind, und so freundlich zu uns kom- men, als kaͤmen sie zum Gevatterstande. Nur wenige haben zu dieser ihrer Zeit bedacht, was zu ihrem Frieden dienet, und sich die Fragen woher? und wohin? aufgeworfen. Das Le- ben ist eine Geschichte, wobey man nicht nach der der Laͤnge, sondern nur fraͤgt: wie sie ausge- fallen? Wie lange wir leben, steht nicht in unsern Kraͤften; wohl aber, ob wir gut le- ben. Mensch, klage nicht uͤber Lebenskuͤrze. Schicke dich in die Zeit. Mache Plane uͤber deine Tage, und wenn du dein Leben zu Ende gelebt hast; wahrlich, so kannst du ruhig ster- ben, und warum wuͤnschest du denn laͤnger zu leben? Sey weise, das heißt: halte deine Zeit fest. Ist sie indeß mehr, als eine unge- treue Schoͤne? Sie druͤckt dir die Hand, und laͤchelt dem Nachbar zu. Der Tod nimmt von jeder Minute die Helfte, von jedwedem Athemzug ziehet er seinen Theil; wir werden jeden Augenblick schwaͤcher. Jede Minute geht ein Theil von dir. Diesen Augenblick sieh! wie das Leben in einem tiefen Seufzer davon geht. Greifst du nach? Was ists? Schatten, weiter nichts. Der groͤßte Le- bensschoner kommt hier nicht ungeschlagen davon. Der Genuß, wie schmeckt er? Hast du ihn schon gekostet? Zum wahren innerli- chen Zeugen, daß es mit diesem Leben nicht aus seyn koͤnne, ist noch etwas da, das auf die Zunge beißt, das sie kuͤtzelt, und das wuͤrklich Geschmack hat; die Hofnung, und die solte zu Schanden werden laßen? Gluͤcks- M 2 guͤter guͤter sind Zeitverlust; je weniger wir besitzen, je mehr Zeit haben wir. Jener Weise lachte, und jener Weise weinte. Das best’ ist, we- der lachen, noch weinen, den Richtsteig hal- ten, und mit ernster Heiterkeit wandeln. Gern leben und gern sterben, heißt, Gott ge- fallen, denn unser Leben und Tod ist in seiner Hand. Wer nichts mehr zu hoffen hat, stirbt gern, und es kaͤm’ auf die Prob’ an, daß uns der Arzt allen Hoffnungsfaden abschnitte. Vielleicht wuͤrden wir leichter sterben, als jetzt, wo sich alles unsrer Lebensart oder Le- bensgrille bequemet, und uns mit Hofnun- gen schmeichelt. Wer hat Lust, die Probe auszuhalten? Die Aerzte machen feig. Wenn sie nichts thaͤten, als Todesurtel publiciren: Du stirbst, du, auch du, auch du; wir wuͤr- den Helden haben, in jedem Flecken mehr, als Tag’ im Jahr. Ein Blindgebohrner denkt noch sehend zu werden, und welch ein Un- gluͤcklicher hoft nicht auf Gluͤck? Wir bringen eine richtige Summe heraus, der Fehler steckt nur in der Rubrik dieses und jenes Lebens! So was allgemeines ist von Gottes Finger in uns hinein geschrieben. Wir verstehen nur diese goͤttliche Schrift nicht recht zu lesen. Ist es ein so groß Wunder uͤber Wunder, daß sich sich die andaͤchtigen Zuhoͤrer das Leben nah- men, da Hegesias die Muͤhseligkeiten dieses Lebens beschrieb. Die Freude des Lebens, ist sie mehr, als leidlicher Schmerz, als weiner- liche Lust? Wir begruͤsten die Welt mit Thraͤ- nen und wahrlich: Lachen, du bist toll! He- gesias, du hattest halbe Arbeit, deine Zuhoͤ- rer waren schon vor deiner Rede uͤberzeugt! Weit mehr ists bedenklich, daß sich eine le- bendige Seele uͤber ein Buch, das ein Christ von der andern Welt geschrieben hatte, das Lebenslicht ausblies. War es Neugier? Die Neugier ist, wenn ich nicht irre, von dieser Welt. Die Vernunft zeigt den Tod als was wuͤnschenswuͤrdiges; die Sinnlichkeit, als ei- nen Koͤnig der Schrecken. Nicht die viel den- ken, sondern die viel thun, verpflichten sich mit dem Leben. Der Mensch lebt, die meiste Zeit, wie das liebe Vieh, und noch oͤfter stirbt er so. Warum? Die Vernunft ist dem Men- schen gegeben, um Tod und Leben zu wuͤrzen, und jedem von beyden seinen Jahreszeitge- schmack beyzulegen. Sie besitzt die einfachen Hausmittel, die uns im Leben und Sterben wo nicht froh, so doch getrost zu seyn lehren. Die Roͤthe, so sehr sie einnimmt, was ist sie, Tod oder Leben? Wer, wenn er sein Urtel M 3 uͤber uͤber das Leben abgeben soll, nicht hie und da eine schoͤne Stelle auswaͤhlt, sondern uͤber das Ganze urtheilt, ist weise. — Was ist aber alsdann das Leben? Wenn es koͤstlich ge- wesen, ists ein Lebensanfang. Der hat am schoͤnsten gelebt, der am meisten gedacht, wie er leben wolte. Jener Weise, welcher be- hauptete, daß Tod und Leben eins und eben dasselbe waͤren, war nicht in der Lage, da man ihm den Einwand machte: warum stirbst du denn nicht auf der Stelle? Darum eben, erwiedert’ er, weil Leben und Sterben einerley ist! — Es stirbt sich, wenn mans nur dazu anlegt, leichter, als es sich lebt. Laßet uns ehrlich seyn, ist die Zahl unserer Freuden nicht auf augenblickliche Intervalle eingeschraͤnkt? Der rechten Freuden, sag ich. Daß wir so herzlich gern hoffen, bewei- set, daß an der groͤsten Lust nicht viel seyn koͤnne. Die Menschen wuͤnschen sich ohn’ End und Ziel, weil der Wunsch ein Keim der Hofnung ist. Schon der Mechanismus troͤ- pfelt Thraͤnen in den Wein unserer Freuden. Was ist der Mensch? Nackt kommen wir auf die Welt. Seht! andere Thiere kommen ein- gekleidet, und bedoͤrfen des Schneiders nicht. Wir Koͤnige von Gottes Gnaden aber, muͤs- sen sen die Thiere bestehlen, unsre Unterthanen mit Abgaben bedruͤcken, um Nothduͤrftigkei- ten zu bestreiten, die schwer auf uns liegen. Vernunft! Wozu braucht sie der Mensch? Dem Thiere das Fell uͤber die Ohren zu ziehen, und sich zu bedecken, sich selbst und andern das Leben abzugewinnen. Das Ziel der Ver- nunft ist, wenn sie einsieht, daß sie uns nicht gluͤcklich mache, daß wir uͤberall damit an- stoßen, wie ein junger Mensch, der in die große Welt eintritt. Je vernuͤnftiger der Mensch ist, je mehr zweifelt er. Die Kinder- jahre sind die schoͤnsten, weil wir mit der Ver- nunft in ihren Schranken bleiben. Gott! was ist der Mensch! — Diese Welt ist ein Gefaͤngnis, in das wir vielleicht wegen voriger Verbrechen verbannt sind. Ein Exilium, ein wahres Sibirien. Der Tod hebt diese lebenswierige Festungs- strafe auf, und laͤßt uns wieder auf freyen Fuß. Freuden, wenn sie nah sind, erschoͤ- pfen sie nicht mehr, als der Schmerz? Bey der Hektik kann man alt werden; ein dicker vollbluͤtiger Koͤrper, wie schnell dahin! Krank- heit und Schmerzen kommen unverdient, selbst wenn wir ihnen recht muͤhsam auszuweichen gesucht. Wer sein Leben lieb hat, verliert M 4 es es. Wer das Leben genossen hat, stirbt gern, das heißt: wer dies Leben kennt, kauft es nicht. Ist der Tod ein Uebel; ist er ein noth- wendiges Uebel? Ist es nicht eben so thoͤricht, sich zu graͤmen, daß man nur zween Augen und zehn Finger hat, als daß man sterben muß? Was nicht in unsrer Gewalt ist, solte dies uns wohl beunruhigen? Man kann es uns nicht leichter machen, als wenn uns gleich zu Anfang, ehe wir noch Hand ans Werk le- gen, gesagt wird: das ist uͤber euch! Der Tod ist bitter? Vielleicht den Umste- henden, dem Sterbenden nicht. — Bist du denn schon gestorben, daß du die Bitterkeit des Todes auspunktirt hast? Ich hab’ es an Sterbenden gesehen, sagst du, ich hab’ es von Scheidenden gehoͤrt. Von fremden Leuten deinen Tod? Und war es der Tod, von dem sie dich unterrichten konnten? War es nicht das Leben, uͤber das sie wehklagten? Man thut dem Tode unrecht, daß man ihn bitter beschreibt. Wer hat die Ehre, ihn zu ken- nen? Ein Cholerischer will schnell fort, ein Pflegmatischer will absterben, und nicht ster- ben: allein in allen Faͤllen hat nicht der Tod, sondern das Leben, die Hektik, Schlag- fluß — Kraͤmpfe, Gichte, Beklemmungen. Der Der Tod hebt diese Uebel und schlaͤgt diese Le- bensfeinde in die Flucht. Der Held! Wenn dir keine boͤse Handlung in der Brust sticht, sey unbekuͤmmert, warum willst du fuͤrchten, was so und anders seyn kann? Die Brami- nen sehen auf die Nase, und weissagen. Wenn man lange auf einen Punkt sieht, ists einem so, als saͤhe man nichts. Seht auf das Un- recht, das man euch in der Welt thut, auf den Acker, den euch der reiche Nachbar ab- grenzte, auf eine Bathseba, um die euch ein Wolluͤstling betrog, auf die zwanzig, die euch ein Verschwender von euren Hundert in sei- nem Concurs darreichte. — Braucht ihr mehr, um gern zu sterben? — Suche, Freund, ein gut Gewissen zu be- halten, beydes gegen Gott und den Menschen, und wahrlich ich sage dir, du wirst selig ster- ben, auch ruhig, wenn dir das Leben es zu- laͤßt. Es wird wohl so gut seyn. — Ein gut Gewissen ist ein probates schlafbefoͤrderndes Mittel. Das Gegenwaͤrtige hat seinen un- leugbaren Reiz; denn es ist Etwas gewisses. Da aber das unsichere Gegenwaͤrtige kaum der Rede werth ist, was thut denn die Gewis- heit dazu? Die Alten brauchten den Tod zur Aufmunterung. Es sollte noch auf allen M 5 Grab- Grabmaͤhlern stehen: sey getrost, Wanderer, genies das Leben, denn es ist kurz! Wer den Tod zuerst als ein heßliches Gerippe vorstellte, war gewis ein junger Mahler, der seine Ge- liebte verlohren hatte. Die Griechen mahlten ihn als einen Engel, und wahrlich er ist ein Engel, ein Bote Gottes zur Abloͤsung. Der Tod ist die groͤste Gabe des Hoͤchsten. Den Seinen schenkt er den Tod. Jene fromme Mutter, die ihre beyden Soͤhne, vor einem Wagen gespannt, in den Tempel zogen, bat die Goͤtter, diese fromme Handlung mit der besten Gabe zu lohnen. Den Morgen fand man beide im Bette in den Tod eingeschlafen. Tod und Schlaf sind Kinder von zween Vaͤ- tern und einer guten Mutter. Ist es nicht gut, daß die Feßeln sich abnutzen, und wir endlich aufhoͤren Rudersclaven zu seyn? Der Tod ist der lezte Auftrit in der Reihe von Stuffen. Wir sind schon bis auf den lezten Tritt todt, eh wir sterben. Die Liebe duldet alles; allein sie hoft auch alles. Wie wohl wird uns seyn, wenn wir, unter dem Lindenschatten, des Tages Last und Hitze vergeßen, und uns von der Arbeit er- hohlen werden! Wie wohl, wenn wir von den Ungerechtigkeiten der Welt, noch ans Thal Thal Josaphat die Appellation einlegen und sie geltend machen! Was der Tod dir raͤth, ist wohl gerathen. Der Leichenstein ist der wahre Stein des Weisen. Auch die Sehn- sucht nach ewig Leben wird befriediget werden. Unser Heißhunger nach Existenz ist Gottes Hauch. — Seyd getrost. Ja wenn die Ur- sachen keine Wuͤrkungen und die Wuͤrkungen keine Folgen haͤtten! ja wenn! Ja, wenn das Leben dir nicht so viel Vordersaͤtze dar- reichte, aus denen du den unlaͤugbaren Schluß zu ziehen im Stande waͤrest von einem un- sterblichen Leben, das dort dein seyn wird! Ja wenn! Wir werden leben, wir werden wieder kommen und zum Tode sagen: Tod, wo ist dein Stachel? Das Principium des Lebens, ist es nicht die Seele? Der Koͤrper, die Ma- terie, ist todt, und sollte dies Lebens-Princi- pium nicht ohne die Materie beßer, gemaͤch- licher, als mit ihr seyn und leben koͤnnen? Was ist Gott, was seine Welt, was sind wir, was das Gewißen in uns, wenn die Zeit Summa Summarum unseres Seyns ist? Wer will nicht mehr, als er kann? Wer wuͤnscht nicht? Wer hoft nicht? Die Essenz des Lebens ist Wunsch und Hofnung. Wir ehren ehren jeden Mann, der so wenig Beduͤrsniße hat, und halten den Genuß, die ganze Sinn- lichkeit, fuͤr Etwas, das unschicklich ist. Un- sere Talente selbst, was laͤßt sich nicht von ihnen erwarten? Was ist nicht schon erfun- den, und das Reich der Moͤglichkeit, wer kennt seine Graͤnzen? Ich erstaune, wenn ich die Geschichte mir uͤber tausend Jahre denke. Sollte uns Gott geschaffen haben, um unserer zu spotten? Monarchen, und auch Salomons unter ihnen, brauchen lustige Raͤthe. Wie? Das hoͤchste Wesen sollte Menschen zu solch einer Absicht — oder im Zorn sollte Gott den Menschen gemacht ha- ben, wie einige Gottschaͤnder gewaͤhnt? Und was ist selbst leichter zu denken, daß wir blei- ben, oder daß wir aufhoͤren werden? Wer ist, der sich nicht nach Unsterblichkeit sehnet? Und diese Sehnsucht sollte wie Spreu zer- streut werden? Die meisten unserer Bruͤder sterben gemeinhin in Fragzeichen, einige in Verwunderungszeichen, viele in Comma. Wer stirbt im Punktum? Und sollte der Mensch seinem Oberherrn trotzen koͤnnen? Sollte er, wenn es ihn gut duͤnkt, in der Welt Brand stiften, alle Kinder, die jaͤhrig und drunter sind, in Bethlehem morden laßen, und und sodann fluͤchtigen Fuß setzen koͤnnen, ohne daß ihm Steckbriefe nachgesandt werden koͤn- nen, ohne daß er einzuhohlen und zu bestra- fen ist? Ist Tugend und Laster ein und daßelbe Ding, und soll die That im stillen, die Gott nachahmt, unerkannt und unbelohnt bleiben? Wo denn die Bewegungsgruͤnde zu diesen goͤttlichen Thaten? Und wenn wuͤrd ich aufhoͤren zu fragen, wenn der Tod ewiger Tod, ewige Verdammnis zur Vernichtung waͤre? Zwar wenn wir erwaͤgen, wie der Mensch auf die Welt kommt? Sieht es doch fast so aus, als ob man Menschen saͤen koͤnne. Wie der Hausvater sich Federvieh schaft, so der Monarch Unterthanen. Jener legt Eyer unter die Henne; dieser schließt seine Wolken auf, und laͤßt Freyheit und Ueberfluß in seinen Staaten regnen! Und siehe da, es wird! Ist aber dieser Gang der Natur, so unbedeu- tend er anscheinet, nicht eben darum goͤttlich? Der Mensch kann alles, und kann nichts. Die Natur faͤngt ins Kleine an; allein wie weit ins Große geht sie! Sie springt nicht, sie geht mit bedaͤchtigem Schritte. Was sind wir, wenn wir auf die Welt kommen? Und was, wenn wir herausgehen? Und zu was sind wir denn nicht aufgelegt? Wir sind ge- pruͤft, pruͤft, gelaͤutert und bewaͤhrt. Es giebt Tu- genden, die nicht anders, als in einem niedri- gen schattigen Thal’ auf duͤrrem Boden wach- sen koͤnnen. Darum die Welt, und darum auch die andere! Es kann alles aus uns werden, was Gott will. Zwar wißen wir’s nicht, wir glauben es nur. Die Vorsicht hat weise, große Absichten in diesen Schleyer der Ungewisheit gehuͤllet; allein brauchen wir mehr als Wahrscheinlichkeit? Wir sollen nicht in der Welt die Haͤnde in den Schoos legen. Welch eine andre Wendung wuͤrde die Welt gewinnen, wenn wir auf einmal wuͤsten, was wir hoffen? Wuͤrden wir noch einen freyen Willen behalten, und wuͤrden wir nicht nur blos so fromm und gut seyn, als wir jezt uns gerade halten? Die Chri- sten wißen es gewis, wie sie sagen, daß sie bleiben werden; allein leben sie wohl so, als wuͤsten sie mehr davon, als wir? So Etwas muß das Leben ausweisen. Wenn die Lehrer des Volks selbst Erscheinungsgeschichten, die sich nicht aus den Wochenstuben herschreiben, hoͤren, wie fahren sie in einander, wie erschre- cken sie! Ich will den ehrlichen Kerls unter ihnen keinen Vorwurf machen, wenn sie es aber so gewiß wuͤsten, als ihre selbst hiesige Exi- Existenz, wuͤrden sie nicht anders leben, we- ben und seyn? Wuͤrde man aus diesem Le- ben wohl so viel auf den Kanzeln machen? Wer untersteht sich, an heiliger Staͤte einem Fuͤrsten, einem Kirchenpatron, etwas anders, als aus dem alten Testament und der vierten Bitte, zu wuͤnschen! Arme Leute werden in der Nutzanwendung mit dem Himmel getroͤ- stet. Ueberhaupt ist die andre Welt, auch bey unsern herzlich geliebten christlichen Bruͤdern, blos Trost. Dieses Leben aber — o was ist es nicht alles? Zuweilen kann man sich nicht entbrechen, an die himmlische Freudenkrone zu denken; allein man setzt wohlbedaͤchtig hin- zu, nach spaͤten urspaͤten Jahren. — Hoͤren wir auf, was haben wir zu fuͤrch- ten? Zwar auch nichts zu hoffen; allein we- nigstens doch kein Klaglied. Wo warst du, ehe dir zum Menschen die Vocation ins Haus geschickt ward? Ein nicht Gebohrner und Gestorbner sind die weit auseinander? Wie viel Gruͤnde aber zur Wiederkunft! Das Laster allein fuͤrchtet. Die Tugend sitzt der Hofnung im Schoos. Das Grab, Freunde, ist eine heilige Werk- staͤte der Natur! Ein Formzimmer; Tod und Leben wohnen hier beysammen, wie Mann und und Weib. Ein Leib sind sie. Eins sind sie. Gott hat sie zusammen gefuͤgt, und was Gott zusammenfuͤgt, soll der Mensch nicht scheiden. Eine Handvoll Erde ist eine Handvoll Welt. Schaudre nicht vor der Verwesung. Das Waizenkorn fault, und wird ein hundertfaͤlti- ger Halm. Alles muß sterben, was zum Licht und Leben herausbrechen soll. Dies Erdenall, dieser Erdenball, hat alles, was schoͤn und gut ist, erzeugt und ernaͤhrt. Er ist das Herz, unter dem jedes gelegen, die Brust, die jedes gesogen! — Die Erde ist des Herrn. Fast sollte man glauben, daß es des lieben Gottes Lustschlos, sein Sanssouci, sey, so gut ists auf ihr, oder so gut koͤnnt es auf ihr seyn. — Nimm doch diesen Staub in die Hand, vor dem du bebst. Es ist Bein von deinem Bein. Aus Erde sind unsre Windeln und unser Leichentuch. Wir werden, was wir waren. Die Goldkoͤrner, die lezten Koͤr- pertheilchen, das eigentliche Saatgetreyde, ist aufgespeichert, und wird zu seiner Zeit schon vom lieben Gott wieder ausgestreuet werden, auf einen schoͤnen Acker. Die Natur ist das perpetuum mobile, sie steht nicht still. Sie wuͤrkt Leben im Tode, Tod im Leben schoͤn durch einander, daß es eine Lust ist anzusehen, dem, dem, der ein Auge dazu hat. — Der Geist ist in Gott, in dem er lebt, webt und ist. — Das schlechtere vom Koͤrper, das sich die Wuͤrmer so gierig zueignen, Mensch! traure nicht, es wird nur abgezogen, vom Felde in den Garten verpflanzt, wo es so lange ver- pflanzt und gepflanzt wird, bis — Es ist noch nicht erschienen, was wir seyn werden! Du, mein Geist, der du dein bewußt bist, du, der du dich selbst anredest, du Funke Gottes, in dieser stockfinstern Erde, du Funke, an dem sich jeder das Licht anzuͤndete, das in seinem Hause brennt, was warst du, eh dir dieses Kleid zugeschnitten, eh es dir umge- hangen ward, und was wirst du seyn, wenn du dieses Regenkleid, diesen Schlafrock, wenns koͤstlich gewesen, ausziehest, oder wenn er, aus Alter unbrauchbar, wie ein zerrissenes Gewand abgeschuͤttelt wird? Von wannen kommst du? Wohin faͤhrst du? Woher? Wo- hin? Finster vor und hinter dir. — O ihr Entkleideten! Ihr nackten Geister! die ihr vielleicht dies Selbst- dies Seelengespraͤch an- gehoͤret, redet drein! sagt, wo seyd ihr? wißt ihr, daß ihr seyd, daß ihr wart, daß ihr seyn werdet und seyn so, oder anders in Ewigkeit? Seyd ihr es, die in uns wirken, wenn uns N ein ein heiliger Schauer durchblitzt? Nicht von Hautschauder, sondern von Seelenschauder red’ ich. Wollet ihr etwa den Geist warnen, wenn ihr der Seele, des Geistes Busenfreunde, winket, da ihr an seinen Koͤrper anpochet. — Nur herein, ihr guten Geister! herein! Naͤ- her! Weg seyd ihr. Diese Ebbe und Fluth des Bluts, was will sie? Solch ein Seelen- schauer, Todesvorschmack, wozu? Es ist wahr, er gehet durch aus und durchall; al- lein ich, hoff’ ich, werds vollenden! Was ist der Tod? Selige Geister unserer Vorfahren, die ihr vor uns wart, und mit eben der Neu- gierde, wie wir, euch nach Nachrichten aus der andern Welt sehntet, sagt uns, gebt uns ein Zeichen: was ist der Tod? Hebt eur In- cognito. Bittet Gott um diese Erlaubnis! Wir haben nicht Mosen und die Propheten, die wir hoͤren koͤnnen, wir wuͤnschten, wenn einer von den Todten aufstuͤnde. O du, mein eben entschlafener Freund! Wache auf, der du schlaͤfst, stehe auf von den Todten, ent- decke mir, wie dir war, wie dir ist? Womit du dich beschaͤftigest? Der Christ ist musica- lisch in der andern Welt. Der Muselmann wolluͤstig luͤstern, wir sind druͤber so einfaͤl- tig, als man nur einfaͤltig seyn kann. Wie? frag frag ich, nicht ob? ist meine Frage. Doch! auch diese Frage und alle meine heiligen Frag- stuͤcke sind wilde Reben der Wißbegierde, sind vorschnelle Sproͤslinge meiner Einbildungs- kraft, welche die Vernunft, wo nicht gaͤnz- lich wegzuschneiden, so doch zu verkuͤrzen ver- bunden ist. Freunde, laßt uns in die Haͤnde Gottes fallen! Warum sorget ihr fuͤr euer kuͤnftiges Schicksal? Gott, euer himmlischer Vater, weiß, was ihr beduͤrfet. Ob Leben oder Tod, ob Tag oder Nacht. Sorget nicht! Ist es nicht genug, daß ein jeder Tag seine eigene Plage habe? Es wird alles gut wer- den. Leben ist eure Sache. Sterben gleich- fals. Was druͤber ist, bleibt uͤber euch, Freunde! Was euch nicht angeht, davon laßt euren Fuͤrwitz. Trachtet am ersten nach dem Reiche Gottes, und nach seiner Gerech- tigkeit. Das ist das Grundgesetz in Gottes Staat, und das andere wird euch von selbst zufallen. Laßt alles gehen, wie Gott will! Laßt die vier Winde uͤber euren Staub sich in Anspruch nehmen, laßt die vier Gegenden drum streiten! Laßt den eichnen Sarg eur Fleisch an Dauer uͤbertreffen! Was kuͤmmern euch solche Kleinigkeiten? Wir, die wir nicht in die Sonne sehen koͤnnen, wollen Gott se- N 2 hen; hen; wir, die wir den Mond nicht bespannen koͤnnen, wollen Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit behuͤgeln und begrenzen; wir, die wir die Fixsterne nicht zu zaͤhlen verstehen, (Mensch, kannst du sie zaͤhlen?) wollen die Ewigkeit messen, und eine Schlaguhr fuͤr sie meistern! — Wer kennt den morgenden Tag, und doch will man einen Calender uͤber Ewigkeiten schreiben? Der Anfang und das Ende dieser Welt sind uns Geheimnisse; und wir glauben, einen Maasstab fuͤr die Himmel der Himmel zu besitzen! Hat der Christ einen naͤhern Weg, als wir? Gut fuͤr ihn! Unsere Bahn ist die Landstraße; diese Bahn ist plan und natuͤr- lich. Im Glauben kommen wir mit dem Christen uͤberein, als wenn wir unter einem Mutterherzen gelegen haͤtten, nur sein Glaube hat ein ander Feld, als der werthe unsrige. Wir wollen so leben, als koͤnnten wir eine andre Welt sinnlich machen, so fingersinnlich, als daß zweymahl zwey vier ist! Als waͤren wir, wie die Christen, bis in den Himmel entzuͤckt gewesen. Denn fragt euch selbst, Freunde! wenn euer Mund auch an der an- dern Welt zweifelt, um eure Kunst in Zwei- feln zu zeigen; als obs Kunst zu zweifeln waͤre? waͤre? Was sagt euch euer Herz? — Will ich denn, daß ihr einen Riß von der Stadt Gottes, vom himmlischen Jerusalem, entwer- fen solt? Es ist mir genug, wenn ihr nur alle menschmoͤgliche Wahrscheinlichkeit fuͤr die andre Welt findet. So gut leben, daß, wenn eine andre Welt, schoͤn wie Sonne, aufgeht, unser Buͤrgerrecht in derselben gewisser, wie Brief und Siegel ist, das heißt mit andern Wor- ten: der andern Welt wuͤrdig seyn! — Je besser der Acker, je mehr Unkraut! — Vor- witz ist unaͤchtes Kind des menschlichen Ver- standes, eine Anlage zur Vorschnelligkeit, eine Krankheit des Scharfsinns, ein helles Gloͤckchen in der Thorheitskappe. Wir wol- len uns entschliessen, wie einer unserer Vor- fahren, zu bekennen, daß wir nichts wis- sen, daß wir hie und da Wahrscheinlichkeiten haben; allein im Thun komm’ uns niemand zuvor. Weder Waghaͤlse noch Wagkoͤpfe tau- gen viel. Der Ansdruck: seine Seel in Haͤnden tragen, heißt, wenn ihn Philosophen brau- chen, so viel, als gute Gestus machen. Wir wollen uns weniger um das fuͤr und wider, diese oder jene Meynung, bekuͤmmern, als N 3 bereit bereit seyn, es komme was nur wolle, daß Oehl in unserer Lampe sey. Gott wird uns richten, nicht nach unserm Wißen, sondern nach unserm Thun. — Je nachdem wir die Winke befolgt, die uns zum Guten aufforder- ten, je nachdem wir die Keime gepflegt, die er in uns gepflanzt hat, je nachdem wir nicht, wider unser Gewißen, die Leute mit allerley Schwindeley der Lehre hinter das Licht ge- fuͤhrt. — Weg mit Sophisterey, weg aber auch mit dem Dichterlaub, das hoͤchstens vor dem brennenden Sonnenstrahl und einem Regen- schauer sichert. Ein starkzweigigter Stamm soll aus uns werden, der dem auswurzelnden Orkan stattlichen Widerstand leistet, deßen zur Erde sich neigende Aeste Wurzel faßen, und der ein Abraham, ein Stammvater eines ganzen heiligen Hains, wird! — Wißen macht schwach, thun! staͤrket, festiget und gruͤndet. Thaͤtige Menschenliebe ist eine Sil- houette von Gott dem Herrn! Der Anblick des Gluͤcklichen macht froh, das Bewustseyn, einen gluͤcklich gemacht zu haben, macht felig. That ist das Maas der Zeit. Tod und Suͤn- de ist Eins. Die personifieirte Bosheitssuͤn- de ist der Tod. Das, was wir gemeinhin Tod nennen, ist nicht der Tod. Ich bin der festen Hof- Hofnung, es sey Geburtsschmerz, was wir Tod nennen, und gebaͤhren nicht die schwaͤch- lichsten Werkzeuge unter den Menschen? Gutes thun, heißt Leben. Auch der nie- drigste hat seinen Geburtsbrief (seinen Tauf- schein wuͤrd ein Christ sagen) von Gott! Laßt uns die Mutterhand der Natur kuͤssen, wel- che uns einige unserer Bruͤder und Schwe- stern, so voll Zutrauens, zur Aufsicht und Pflege uͤberlaͤßt, die uns die ihr zustehende natuͤrliche Vormundschaft abtritt, laßt uns dieser so guͤtigen Mutter nachahmen, Gutes thun nicht muͤde werden, und durch so unzaͤhlige mittlere Zwecke hindurch zu einem einzigen, lezten, großen Endzweck arbeiten, das heißt: die hoͤchste nur moͤgliche Wohlfarth des ganzen menschlichen Geschlechts befoͤr- dern. Vorwaͤrts ist Bahn! — Gesetzt! wir erreichten nicht das Ziel. Ihm nahe kommen, heißt: es erreichen. Das aͤrgste, was wir zu fuͤrchten haben, ist, daß wir im Thun bleiben! Das ist beßer, als in der Lehre. Man sollte allen Subtilitaͤtenkraͤmern das Handwerk legen. Es sind die aͤrgsten Zeitverderber in der Welt. Sie gewinnen uns die Zeit ab, wie die falschen Spieler das Geld. N 4 Strebt Strebt der Sonne entgegen, Freunde, damit das Heil des menschlichen Geschlechts bald reif werde! Was wollen die hindern- den Blaͤtter? was die Aeste? — Schlagt euch durch zur Sonne, und ermuͤdet ihr! auch gut! desto beßer laͤßt sich schlafen! — Eine wohlgesetzte Red’ ist nie zum Behal- ten eingerichtet. Man will sie ganz, und hat nichts. Es ist ein regelmaͤßiger Garten, wo es recht huͤbsch und fein aussieht; allein was kannst du heimfuͤhren? Blumen? Blumen in der Hand, von der Wurzel gerißen, was sollen die? Nimm den ganzen Garten mit, was hast du? Ein ganz richtig gerechnetes Exempel zusammt der Probe. Wildnis, Berg und Thal, aus dem Vollen gehauene Gaͤnge, Parke, die machen Eindruck und laßen ihn auch. So vortreflich unordentlich war diese Rede. Es war kein Kunst- sondern ein Naturstuͤck, und was ist, pflegte mein Va- ter zu sagen, was ist es denn, das die kuͤnst- lich gezogene Wortschleuße und die daher rau- schende Fluten des Redners, die all an seinen Text schlagen, erzeugen? Schaum, und wenn auch eine Venus daraus wuͤrde, nicht jedem ist mit dieser Schaumgoͤttin gedient. — Was ich meinen Lesern von der Wildnis-Rede gege- ben, ben, sollte eine Nachfolge des Originals seyn, ich wollte nicht den Hauch der Natur von der Pflaume wegwischen, sondern so, wie sie da ist, mit diesem Naturathem, der mir wie ein Heiligenschein vorkommt, wolt ich sie — da ist die rothbackigte Birne ohngescheelt, die Baumwolle auf der Pfirsich, der Sammet auf der Apricose. Blatt und Stengel oben ein. — Was meynt ihr, Freunde! haͤtt’ ich beßer gethan, alles in Ordnung zu stellen, und zu nehmen und zu geben, mit Allerseits anzuheben, mit Dixi zu schluͤßen — ich mag nicht, sagte mein Vater, freie Gedanken in die Festung bringen, obgleich er ein Koͤnig- scher ein Monarchenfreund war. — Doch! ich bin außer dieser Rede noch eine reine Leh- re schuldig. Und freylich haͤtt’ ich diesen Pfirsichen-Apricosen- und rothbackigten Bir- nen-Nachtisch weit fuͤglicher bis ans Ende versparen, und da erst zum besten geben koͤn- nen und sollen. Wer kann sich aber helfen? Dafuͤr werd ich auch nichts nach diesem christ- lichen Exercitio exploratorio abkanzeln, noch ei- ne Kinderlehre fuͤr die Kunstrichter anstellen. — Es trat ein Maͤdchen auf. Allerliebst! Nicht mit fliegendem Haar, als stuͤnden sie ihr zu Berge, nicht mit einem Gewande, als N 5 waͤr’ waͤr’ es vor dem Winde nicht sicher, nicht mit einer hin und her fahrenden vorspiegelnden Hand, mit Augen, als wollte sie einfaͤdeln, um uns nur etwas aufzuheften — sondern mit einem fest an den Leib gegoßenen weißen Kleide, einem schwarzen Kranze vor der Brust — Ihr Haupt mit einem Schleier bedeckt, zwar auch fest, doch lies er zuweilen nach. Das Auge schweifte nicht aus; allein es blick- te inbruͤnstig gen Himmel, und zufrieden auf Gottes Erde. Die Haͤnde, die meiste Zeit ge- falten, oft ans Herz gelegt, das aus Empfin- dung in die Hoͤhe kam, und sich zu Gott woͤlbte. Das Das Ende kroͤnet das Werk, und zeigt den Unterschied des, der Christum angezogen hat, und des, der im bloßen geblieben, und hoͤchstens einen Regenschirm vor allerley Wind und Wetter in seine Rechte genommen, welcher aber zur Zeit der Truͤbsale gemeinhin die Fluͤgel sinken laͤßt und abe faͤllt. Nur Christus hat Leben und unsterbliches Wesen ans Licht bracht, die Dunkelheiten der Wei- sen zerstreut, und selbst die finstere Nacht des Grabes ins helle Licht des Evangeliums ge- setzt. In ihm war das Leben und das Licht der Menschen. Der Tod ist, fuͤr den christ- lichen David, der Riese Goliath; er geht ihm nicht mit Schwert, Spies und Stange, mit weltweisem Panzer und blank geputzter glaͤn- zender Ruͤstung, mit spitzigen Sentenzen und Kriegslistigen Fragen, sondern mit kleinen Steinen entgegen, und, wenn er ihn gluͤcklich erschleudert hat, nimmt er sein Haupt gefan- gen, und es heißt von ihm: wenn Sokrates tausend geschlagen, der Christ habe zehntau- send uͤberwunden und das Feld behalten. Halleluja! Tod, wo dein Stachel? Hoͤlle, wo dein Sieg? Gott aber sey Dank, der uns den Sieg gegeben hat, durch unsern Herrn Jesum Christum! Wer vor Gott wandelt, wer seine Seele und seinen Leib unbefleckt bewah- ret, nach dem vorgestrecktem Ziele laͤuft, wer heilig lebt, weil Gott heilig ist, der stirbt se- lig. Wer dem Herrn lebt, stirbt ihm auch. Die ersten Christen versammleten sich, aus Furcht vor den Verfolgern, auf Graͤbern, zum Gottesdienste; und wie schoͤn klingen Todesglocken dem, der zu sterben versteht. Kein Deist hoͤrt gern Lauten. Zwar hat der liebe grundguͤtige Gott fuͤr alle Menschen ge- sorgt, fuͤr Christen sowohl, als fuͤr Nicht- christen. Die Unchristen und Antichristen sollten, wenn sie Gelegenheit haben, sich dem Christenthume einzuverleiben und einzuver- seelen, die Einladungen nicht verwerfen, son- dern sich den Kopf waschen laßen, wodurch das Herz mit rein wird. Was hilft die reine Vernunft, wenn das Herz nicht rein ist? Nur die, so reines Herzens sind, werden Gott schauen! Mensch und Christ sterben; allein der Christ ist eigentlich der Lehnstraͤ- ger, der Gutserbe, der eigentliche Sterbliche. Man kann nur von ihm sagen, daß er geboh- ren werde, und daß er sterbe. Der Unchrist ist ein Mensch, als wollt er Mensch seyn. Der Christ ist alles wuͤrklich, was er ist. Sanct Sanct Paulus spricht zu den Ephesern, im vierten Capitel, im siebenzehnten und acht- zehnten Verse: so sage ich nun, und zeuge in dem Herrn, daß ihr nicht mehr wandelt, wie die andern Heiden wandeln, in der Eitelkeit ihres Sinnes: welcher Verstand verfinstert ist, und sind entfremdet von dem Leben, das aus Gott ist, durch die Unwißenheit, die in ihnen ist, und durch die Blindheit ihres Her- zens. Der Koͤrper war da, noch ehe Chri- stus kam, das heißt: es fehlte nicht an praͤch- tigen Worten; allein der Geist fehlte. Da blies uns Christus an, und sprach: Nehmet hin, den heiligen Geist! Der Christ ist das Geschoͤpf, das Gott, wenn ich so sagen soll, am sechsten Tage schuf, um die Lehren der Heiden und Juden und alle Schriften, ge- schrieben von auserwaͤhlten Menschen, zu be- nutzen, und den todten Buchstab zu beleben, und aus einem Gebeinhaus eine Himmels- wohnstube zu machen. Der Christ hat den Schluͤßcl zu den fuͤnf ersten Tagen, und ist ein Herr des unvernuͤnftigen Viehes, das auf dem Bauche, oder auf vieren geht, oder fliegt, oder — Der Heiden Tugenden sind, nach dem Ausspruch des heiligen Augustinus, glaͤnzende Suͤnden, und ihr Tod ist ein armer Suͤnder- ende, ende, wo immer viel geredet wird. Christus hielt keine Reden, wie Sokrates, da er starb. Ihm schrieb kein Plato die Predigt nach. Der Herr der Natur starb natuͤrlich. Alles zu- sammen, mit sammt dem Testamente, be- stand in sieben Worten. Eine schoͤne Zahl! Laßt uns die Sache beym rechten Ende fassen. Der Mensch mag es machen, wie er will, es finden sich Lebensstellen, wo er offenbar zu kurz kommt. Er kommt nicht aus, und macht einen Concurs, wo Gott, er und sein Mitmensch, claßificiret werden, wo es uͤber- all heißt: Soll haben, hat nicht. Soll bezahlen, kann nicht. Wir koͤnnen uns zwar vor den Blicken der Welt verbergen; allein der Furcht, verrathen und verkauft zu werden, wer kann der auf Fluͤgeln der Mor- genroͤthe entfliehen? Und wenn wir der Welt entkommen, sind wir uns selbst entflohn? Der Hauszeuge ist in den Gerichtshoͤfen ver- daͤchtig; allein das Gewissen ist unbestechbar, und so erhaben, daß man ihm auch nichts einst anzubieten wagt. Verschließ dich, wie du willst, das Gewissen begleitet dich. Es schlaͤft und schlummert nicht, es geht nicht uͤber Feld, und was das aͤrgste ist — es hat ein goͤttliches Gedaͤchtnis. Das Gewissen ist Gottes Gottes Unterrichter, es eroͤfnet dir in jeder dir selbst gelaßenen Stunde: du seyst ein un- gerechter Haushalter. Du haͤttest mehr thun sollen, weil du mehr thun koͤnnen. Du haͤttest gesuͤndigt, im Himmel und vor ihm, und waͤrest nicht werth der goͤttlichen Natur, nicht werth, ein Mensch zu seyn. Schaͤme dich, sagt es dann, und sammelt feurige Kohlen auf dein Haupt. Wohl dem, der diese Kohlen zum Fegfeuer anfacht! Wohl dem, der zu dieser seiner Zeit bedenket, was zu seinem Frieden dient, und daß er in eine Gegend gehe, wo er nicht mehr mit seinem Bruder auf dem Wege ist, und wo es angeschrieben steht: Du kannst hinfort nicht mehr Haushalter seyn! Was nun? — Die meisten Handlungen, Freunde, sind darum gut, weil man sie sich viel boͤser den- ken kann. So wird das Spiel als eine er- laubte Sache gepriesen, weil es besser als Schmaͤhsucht und Zungentodschlag ist. Prie- ster und Leviten der Vernunftreligion stehen mit Lebensbalsam, mit Gewissenskuͤhlungen, mit Herzstaͤrkungen aus; allein wenns zum Sterben geht, hilft kein Seelenkraut und Pfla- ster, das Wort Gottes allein heilet. — Jeder unrichtige Gedanke, jedes unnuͤtze Wort ist ver- verantwortlich. Wie schrecklich wahr ist dies Gesetz der sich selbst gelaßenen Vernunft! Wo fliehet sie hin in diesen Seelennoͤthen? Wohl mir, daß ich ein Christ bin! Wenn ich alles gethan habe, was ich zu thun schul- dig war, und was ich nur thun konnte, bin ich zwar noch immer ein unnuͤtzer Knecht, dem noch viel fehlt; allein welch ein Trost fuͤr mich, im Leben und Sterben, daß Christus lebte und starb! Er hat Gott, dem Schoͤp- fer der Menschen, im Leben und im Sterben den ganzen Werth der Menschheit in hoher Person gezeigt, er hat ihn uns dargestellt, und wenn, nach dem aͤußersten Bestreben, zu werden, wie Jesus Christus auch war, Un- vollkommenheiten vorfallen; bitten wir Gott, daß er nicht uns, sondern die Essenz der Menschheit, das Ideal menschlicher Tugen- den, anschaue, und in ihm, in diesem großen Muster, uns suͤndige Geschoͤpfe, und daß er uns gnaͤdig sey und barmherzig und von großer Guͤte und Treue! Der Mensch ist goͤttlichen Herkommens, goͤttlichen Geschlechts! Aller dieser Verwand- schaft, wie unwuͤrdig sind wir ihr, im Fleisch durch Suͤnde! Heil uns, daß unsere Natur einen Repraͤsentanten hat, in welchem Gott uns, uns, und wir Gott sehen. Christus ist der erste in der Menschenfamilie, der Chef des menschlichen Geschlechts, der zweyte Adam, der uns den Weg wies, eine verlohrne Fe- stung einzunehmen, und wieder ins Paradies zu kommen, wo keine Schildwache mehr steht. Er ist der Erstgebohrne; denn Adam aus dem Paradiese war nicht gebohren, sondern auf- gehaucht. Außer diesem Verdienstlichen, welch ein Muster im Tod, ist sein Tod? Sein Leben sey mein Leben; sein Tod der meinige. Wer starb so, als dieser Fuͤrst des Lebens? Daß Muß des Weisen ist so wenig trosthal- tig, daß er sich vielmehr wieder fraͤgt: war- um muß ich? Wenn ich den Schmerz ver- beiße, leid ich nicht? Ich stoße zuruͤck, was heraus will! — und da der Nichtchrist un- gewiß ist, ob sein Lebensziel nicht auch so- gleich sein ganzes Ziel sey; wie sehr ist er ein Knecht seines ganzen Lebens, ein Knecht von der Stunde des Todes. All’ Pulsschlag schlaͤgt sich der Gedanke auf: nicht etwa diese Nacht, sondern diese Stunde, diesen Augen- blick, kann man, nicht etwa blos deine Seele, sondern dich ganz von dir fordern, und was wird seyn, das du gesammlet hast? Elender Nachruhm! Du Unsterblichkeitsanalogon O des des Nichtchristen! Du wirst die zitternde Ner- ven nicht halten, und dem Herzen nicht Luft zuwehen. — — Zwar auch Christus war von Gott ver- laßen; allein mit Ehren und Schmuck ward er gekroͤnet, selbst da er noch am Kreuze hieng. Sein goͤttlicher Tod loͤsete dem Hauptmann die Zunge zu der Stunde. „Wahrlich, es ist „ein frommer Mensch und Gottes Sohn ge- „wesen.“ Der Christ, wenn er im boͤsen Stuͤndlein auf den Gedanken faͤllt, sein Geist- faden wird mitreißen, wenn der Lebensfaden reißt, Gott sey von seinem Geist gewichen, und dieser sein Geist werde verrauchen, so wie sein Fleischtheil aufgeloͤset wird; dann erscheinet ein Engel und staͤrket ihn. Wenn das, was gedichtet wird, keine Moͤglichkeit in sich enthaͤlt, ists Hirngespinst. Je mehr Wahrscheinlichkeit aber, je vollkommner das Gedicht. Wenn der Nichtchrist uns vorwirft, wir stuͤrben poetisch! — so laß’ er uns diese heilige Poesie, diesen Schwung. — Trift die- ser Schwung nicht naͤher, als ein geschliffe- nes Kunstsystem von Hofnung? Ist die gan- ze Hofnung mehr, oder weniger, als Dicht- kunst? — Der Christ, entzuͤckt in den Himmel, hoͤrt unaus- unaussprechliche Worte! Wenn haben wir nicht unaussprechliche Selbstlaute gehoͤrt, wenn uns eine schoͤne Fruͤhlings Morgenroͤ- the ins Freye einlud, und wir einsam der Sonne entgegen giengen! Und das Gefuͤhl der Kraͤfte der zukuͤnftigen Welt, welche Be- geisterung im Sterben! Die Offenbahrung ist eine erhoͤhete Ver- nunft, die Vernunft in heiliger Poesie. Ein Vernunft-Koͤrper! Sie stellt dar! Sie macht anschaulich. Es ist ein Hoͤchstes der Ver- nunft, ein vernuͤnftiges Ideal, und doch eine solche lautre Milch, daß sie ein Kind faßen kann. Wo die Vernunft Zahlen hat, besi- tzet der Christ lebendiges Wesen. Der Weise denkt, der Christ sieht. Wie sehr weg setzt ihn diese Faßung uͤber alles, was in der Welt ist! Er ißt Aehren am Sonntage, wenn ihn hungert, und wenn selbst der Hohepriester, auf deßen Brust Licht und Recht strahlen soll- te, diesen goͤttlichen Orden verkennet, und den Poͤbel zum kreuzige ihn auffordert, und sein Muͤthgen an ihm kuͤhlet. Wenn der Saducaͤismus und der Pharisaͤismus es mit ihm anbinden will. Wenn die Welt ihn aus- pfeift, uͤberwindet er weit. — Christus hat am meisten von Gelehrten gelitten. — Seht O 2 die die Suͤnde! wie sie wolt und nicht konnte! Wo ist ihr Sieg? Und wenn der Zweifel- kopf der Vernunft, und wenn das eigene Herz schuͤttelt, und spricht lauter Nein! Er weiß! — Zwar ehrt er den Namen Got- tes unter dem Patent, das die Vernunft vor- zeiget, er laͤßt ihr ein freyes Votum; allein er verlangt auch eins. Was weiß die Ver- nunft von der Zusammennehmung dieses und jenes Lebens, dem ersten und zweyten Theil des Menschen: von unsern Schicksalen, vom er- sten Menschen? Von der Sprache, dem goͤttlichen Unterricht, bis auf die Kleider zu? — Nicht so, nicht so ist die Vernunft im Le- ben und im Tode? Der Christ weiß, sein Tod sey nur Verwandlung, Verklaͤrung, me- lior compositio ohne grammaticalische Fehler, ohne Flecken, ohne Runzel oder des Etwas. Alles schoͤn gegeben, vortreflich ausgedruckt. Die zweyte Auflage, und auch die, so mit ihm aus einem Gesangbuch sangen, in einer Bi- bel lasen, auch die, wie er. Was traurst du, arme Wittwe, um den einzigen Sohn, mein Meister spricht: weine nicht! Zwar er- weckt er nicht mehr einzeln die Todten, denn auch die Erweckten sind wieder gestorben, oder was was sind sie? Wahrlich, doppelter Tod waͤr’ eine Ungerechtigkeit. Wittwe! warum die tiefen Thraͤnen? Zwar wird er nicht zu dir kommen, aber du zu ihm. Weine nicht, ruft dir der Herr zu, deßen Herz auf den Grund bewegt war, und auch vor Schmerz, vor Mitleid uͤbergieng. So koͤnnen nur trau- ren, die keine Hofnungen haben. Ists nicht gut, daß ein Weltknoten nach dem andern ge- loͤset wird, und daß ihr Bekannte in der Stadt Gottes habt, welches euch gut, und wahrlich beßer, als ein Freund am Hofe ist. Die Zeit troͤstet den Weisen, beweise, christliches Weib, daß du auf die Zeit nicht warten darfst, und auf die Stunde, wenn es ihr ge- legen ist. Die Ewigkeit sey dein Trost: die auf der Stelle lindert, verbindet, heilet! Es giebt ein allgemeines Ziel, spricht Sirach, hundert Jahr; allein dies ist ein apocryphi- sches Ziel. Moses verkuͤndiget fein cano- nisch: unser Leben waͤhret siebenzig Jahr, wenns hoch kommt, sinds achtzig, wenn es koͤstlich gewesen, ists Muͤhe und Arbeit gewe- sen; denn es faͤhret schnell dahin, als floͤgen wir davon! Der Christ sucht dieses Ziel nicht zu verruͤcken, er welzt den Grabes Grenzstein nicht weiter, uͤbt sich, indem er den Luͤsten O 3 und und Begierden abstirbt, im Sterben, und was kann ihn scheiden von der Liebe Gottes? Was braucht aber der Christ von den goͤttlichen Absichten zu erkluͤgeln? Er weiß, daß der Herr alles wohl mache! Und das ist genug. Wenn andre leben, um nach dem Tode einen Leichenstein zu verdienen, auf dem Le- ben und Thaten eingeaͤtzet sind, welchen ein gedungener Haufe Leichenbegleiter fuͤr Geld und gute Worte mit feilen Thraͤnen taufte; hat der Christ nicht lieb die Welt, noch was in der Welt ist. — Sein Name und Wapen, wenn er sie aushauen laͤßt, sollen nur blos, auch nach seinem Tode, ein gutes Beyspiel stiften. (Bey dieser Stelle sagte mir der Graf ins Ohr: wenn ich meine Krone im Wapen sehe, denk ich an die himmlische, und an die Perlen, deren auch in der hohen Offenbarung gedacht wird.) Der Mensch ist ein Hyroglyph der ganzen Natur; wer es zu erklaͤren und auf- zuloͤsen versteht, hat den Schluͤßel zur Natur. Der Leib gehoͤrt hiezu eben so, wie die Seele. Glaubt mir, Freunde! Er muß was zu ver- beißen haben, wenn die Seel’ im Flug’ ist, und und wenn es uns recht gut bekommen soll, muß unsere Mahlzeit geistisch gewuͤrzet seyn. Den Menschen ganz zu erklaͤren, dazu gehoͤrt mehr, als wir dießeits des Grabes vermoͤ- gen! Der Christ kommt bey dieser Ausle- gung noch am naͤhesten. — Er versteht das Menschen-Hyroglyph, so wie die Kinder ein Buch aus den Bildern. Das Grab hat nur auf die Schlacken Anspruch. Das feine des Koͤrpers wird auferstehen. Das ist eine Wahrheit zum Waͤrmen, wenn alles an uns kalt wird. Gottes Weisheit handelt uͤberall im Verborgenen; in Graͤbern nur wird sie ge- rechtfertiget. In dies Auge, das im Tode verloͤscht, wird wieder Licht geschlagen wer- den! Heilig! selig ist der elektrische Funke, der in diese Finsternis gespruͤhet werden wird. Dies Leben, ohne den Herrn, ist ein Fischzug Petri, der die ganze Nacht arbeitete und nichts fieng, und nur, wie er auf seines Mei- sters Befehl das Netz auswarf, mehr zog, als das Netz halten konnte. Wenn auch beym Christen zuweilen das Netz reißt, was ists ge- gen den Segen, der von Fischen gezogen wird? Heil dem Christen! Sein Leib ist im Dienst der Seele, die Seele im Dienst des Geistes, der Geist im Dienst Gottes. O 4 Heil Heil dem Christen, denn er hat uͤber sich einen gnaͤdigen Gott, in sich ein stilles Ge- wissen, unter sich einen ihn befriedigenden Erdboden; wenn gleich die Apfelbaͤume nicht so gut, wie im Paradiese, fortgehen. Hinter sich eine gluͤcklich zuruͤck gelegte Bahn, den Trostspruch: Sohn, Tochter! dir sind deine Suͤnden vergeben, stehe auf und wandle! Vor sich, einen seligen Tod, und eine froͤh- liche Auferstehung! Einen Richter, der wohl weiß, wie es einem Menschen zu Muth ist! Der auch lebte, und starb! Das verlohnte also wohl, daß Engel der Erde gratulirten: Ehre sey Gott in der Hoͤhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! Wolt ihr mehr? o ihr Kleinglaͤubigen. Wohlan! Ich will euch die Furcht des Herrn lehren, den eigentlichen Anfang der Weisheit. Laßt uns von den lezten Dingen anheben. Lezt und Erst ist nur, nachdem man es nimmt. Was du saͤest, Freund, wird nicht leben- dig, es sterbe dann. Ist dein Leib nicht ein bloßes Saatkorn, das ausgesaͤet ist? Ist der Mensch hier mehr, als Fayance, und soll er dort nicht seyn ein Gefaͤß zu Ehren. — Gott Gott weckt alle Fruͤhjahre Todte auf, und je- der Augenblick ist eine Auferstehung. In je- dem Felde sind Schaaren Evangelisten, die uns die Lehre der Wiedergeburt, des Wieder- lebens alles Fleisches, das wie Heu ist, ver- kuͤndigen. Wir ziehen aus diesem Leibe, um in eine andre himmlische Wohnung einzuzie- hen, wie aus der Pacht ins Eigenthum. So verwandeln sich vor unsern Augen unzaͤhlige Dinge. — Der Geist ist der eigentliche Mensch, dieser Juͤnger Christi stirbet nicht. Der Pfeil des Todes trift nur den Leib. So bald es zum Sterben geht, beruhet alles auf der Einbildung derer, so nicht sterben und sterben sehen. Seht ihr denn den Geist, ihr Haͤnderinger? Er ist in Gottes Hand und keine Quaal ruͤhret ihn an, und warum sollte der Geist um diesen Leib und dies Gebein zittern und zagen? Warum solt’ er beym Leichenbegaͤngnis im ersten Paar, wie ein leidtragender Wittwer, gehen? Wie viel mahl soll ich den Trost des Christen wieder- hohlen? Auch sein Leib wird nicht unterge- hen. Pflanze und Thier fordern das zuruͤck, was ihnen zugehoͤrt, und was ist denn, was wir ihnen zuruͤckgeben? Ist es nicht Etwas, das uns oft so laͤstig war? — In der Natur O 5 ist ist ein immerwaͤhrender Wechsel; allein eine Allwißenheit regiert ihn! Und kommt denn Etwas aus unserm eigenthuͤmlichen Hause? — Ist die Erde nicht unser Haus? Ob dieses oder jenes Stuͤck von unserm beweglichen Haab und Gut in diesem oder jenem Zimmer steht? Ob unterm Spiegel, oder am Camin? Ob im Saal, oder im Nebenzimmer? Und warum solt ich nicht Etwas abgetragenes ge- gen Etwas neues hingeben? Eine andere Klarheit hat die Sonne, eine andere Klarheit hat der Mond. Es wird gesaͤet verweslich, und wird auferstehen unverweslich. Es wird gesaͤet in Unehre, und wird auferstehen in Herrlichkeit. Es wird gesaͤet in Schwach- heit, und wird auferstehen in Kraft. Es wird gesaͤet ein natuͤrlicher Leib, und wird auferstehen ein geistlicher Leib. Ist es nun begreiflicher, daß auch der Leib nicht untergehe? Alles was stirbt, steht auf. Nennen wir nicht vielleicht oͤfters todt, was wir in seiner Entwickelung nicht uͤberse- hen? Jene tausend mahl tausend Vollende- te sehen vielleicht unserer Geburt, unserm Durchdrang durch Tod zum Leben zu, und freuen sich die Taufzeugen bey dem neuen Namen zu seyn, der dem Ueberwinder, dem Ge- Gepruͤften, des heiligsten wuͤrdig befundenen, beygeleget wird! Geschoͤpfe, die Gott erkennen, in denen Christus wohnet, koͤnnen unmoͤglich auf der ersten Stuffe bleiben, auf der Stuffe der Kindheit. Dieses Leben ist ein Kinderstand. Diese Leiber sind Windeln. Aus Kindern werden Leute. Unsere Seele ist in dieser Welt ein Licht unterm Scheffel. Wir steigen die Stuffen, die Jacob im Traume sah, wo die Engel hoch und niedrig standen, und wenn ich gleich nach meinem Abschiede aus dieser Welt ein Engel werde, kann es denn nicht auch hier Classen der Seeligkeit geben? Der Thuͤr- huͤterposten ist hier aber schon eine uͤber alle Maaßen wichtige Herrlichkeit, weil weder Neid noch Eigenduͤnkel mehr ist. In Gottes Hause sind viele Wohnungen. Unser Haus ist die Erde. Gottes Haus ist die Welt. Das feste prophetische Wort zeiget uns die andere Welt in Kupferstichen hier und da illuminirt! Wie kann ein vernuͤnftiger Lehrer anders mit Kindern verfahren? Gastmahl! Para- dies! himmlisches Jerusalem, eine schoͤne Erbschaft, eine Ehrenkrone, ein Siegerkranz, ein Ruhesitz Gottes! Eine Festfeyr! So wird uns die andre Welt vorgestellt, und wenn wir wir annehmen, daß wir Gott in seinen Wer- ken naͤher schauen, daß wir tugendhafter, und also auch gluͤcklicher, seyn werden, was wollen wir denn mehr? Der christliche Him- mel bestehet in reiner Wahrheit und voll- kommner Tugend. Sehen wir gleich hier nur durch einen Spiegel in einen dunklen Ort; so ist es doch genug zu wissen, daß, wenn gleich unser aͤusserlicher Mensch verwe- set, der innerliche jedoch von Tage zu Tage erneuert und staͤrker wird. Ist denn das nicht Gewehrleistung fuͤr die andre Welt? Ein aͤch- ter Christ ist hier schon im Himmel! Er sieht sich ab und zunehmen, das Sichtbare, das Zeitliche faͤllt, das Unsichtbare, das Ewige, hebt sich! — Er hat das andere Leben in der Hand! — Es ist ihm so nahe, als der Leib der Seele! — Warum sollten wir uns be- muͤhen, zu bestimmen, ob aus Steinen Pflan- zen, aus Pflanzen Thiere, aus Thiere Men- schen, aus Menschen Engel werden? Ob wir in eine Sonne, oder in einen Planeten, ob wir in ein Winter- oder Sommerzimmer un- sers lieben Gottes dereinst einziehen? Ob wir in unser Sonnensystem, oder wo anders hin- kommen? Beydes, Leben und Tod, ist dem, der alles recht bedenkt, wuͤnschenswerth. Gott Gott hat uns in dieser Welt den Weg ge- bahnt, zu werden, was wir geworden, und in jener wird er, der Herr und Vater uͤber alles, was Kinder heißt im Himmel und auf Erden, uns nicht verlaßen! — Dies ist die Zuversicht, die ich durch den habe, der dem Tode die Macht genommen, und das Leben und ein unvergaͤngliches We- sen ans Licht bracht, durchs Evangelium. Wir besitzen des Himmelreichs Schluͤssel, zu binden und zu loͤsen, wo der Philosoph Luͤcken findet, und nicht aus, nicht ein weiß. Ueber- haupt weiß er nichts. Einer ist unter ihnen wider den andern. Der ist ein Plato, der ein Aristoteles, der ein Redner, der ein So- phist. Sophisten sind Taschenspieler, und Redner sind Schmeichler. Wahre Weisheit wohnt nicht in geschmuͤckten Gaͤrten von Kunstworten, sondern in dem friedlichen Thal der kindlichen Aufrichtigkeit. — Darum schilt ein Weiser den andern. Sie haben un- ter sich Katoliken, Protestanten, Muselmaͤn- ner und Gott weiß, was mehr! Je, nachdem jedem der Kopf steht, je, nachdem will er es auch vom Auditorio. Dieser spricht von der Mutter Gottes, der Jungfrau Maria, der grundguͤtigen Natur, und von guten Wer- ken, ken, predigt viel Gesetz; allein kein Evange- lium. Jener ist der Meynung, der Mensch koͤnne sich nicht besser machen, als er ist. Seine Neigungen sind nicht Vorschriften, die er sich selbst gegeben, sondern steinerne Ge- setztafeln, die man zwar zerbrechen kann: wer aber, fragen diese gute Herren, wer kann ein Gebot der Neigung ausradieren? Es ist ja ein Stein. Dieser ist sinnlich, jener geistlich. Dieser ein Kopfhaͤnger, jener froͤhlich und guter Dinge. Der zweifelt uͤber alles, auch selbst, daß er zweifelt, dieser thut so grundgelehrt auf seine Worte, daß man wuͤrklich glauben sollte, er wuͤßte Etwas. Ein Einfall, sagt er, ist ein einziger Fall, den auch ein bloßer Witzling haben kann. Mir stehen Principien, das heißt, eine Sammlung aller Faͤlle zu! — Gut! aber wo sind denn deine Principien, in so weit sie wuͤrklich weise und selig machen? Die Philosophen sind Raͤthselaufgeber; sie lehren Raͤthsel, und leh- ren sie raͤthselhaft. Eine Volksphilosophie muͤste so kurz ausfallen, wie Luthers kleiner Catechismus. Ist denn die Wahrheit nicht nackt, und wenn einige der Alten fuͤr Dunkel- heiten waren, musten sie es nicht wegen der Unvernunft des Volks seyn? Jezt aber, ihr Wei- Weisen! da ihr selbst nicht leugnen koͤnnet, Weisheit aus dem Volk und aus dem Volks- buch, aus der Bibel, geschoͤpft zu haben, warum gebt ihr nicht verstaͤndlich wieder, was ihr verstaͤndlich empfienget, und was ists denn, was euch selbst zustehet? Der Christ weiß, an wen er glaubet. Von diesem Glau- ben des Christen hat der Nichtchrist keine Vorstellung. Es ist ein lebendiger, ein wis- sender Glaube. Gott sandte uns nicht ein Buch herab, voll Worte und Meynungen, fein sauber geschrieben. Unsere Vorfahren waren Geisterseher; allein wir? wir sahen Christum, den Anfaͤnger und Vollender un- sers Glaubens. Hier ist Sache, That, Be- gebenheit, Wahrheit. Er war zwar Mensch; allein Gottmensch. Man sah’ ihn, und wir sehen ihn noch in Begebenheiten mancherley Art. Sein Geist blieb bey uns! — Chri- stus lies sich nicht mahlen; denn da haͤtte man nur eine Stellung von ihm gehabt; son- dern er ward gebohren, lebte, lehrte, starb! — Er lehrte durch Thaten, er lebte durch Leh- ren! — Was von seinem Leben geschrieben worden, ist auch Leben. Einfalt ist die Art, womit alles behandelt wird; allein Einfalt ist die aͤchte Tochter alles Guten, alles Wahren, alles alles Vollkommnen! — Wo ich goͤttlichen Finger sehe, warum will ich denn da noch meine Hand auch in die Naͤgelmahle legen, um sagen zu koͤnnen: mein Herr und mein Gott! Empfindest du nicht in jedem deiner Schicksale, (o Mensch, gieb auf dich acht!) Gottes Wege? Fuͤhlest du nicht, daß, so wie Gott Einer ist, er dich auch so leite und fuͤhre, als ob du der Einzige waͤrest, den er zu lei- ten und zu fuͤhren haͤtte, und warum willst du denn ein Zeichen am Himmel, um zum Dank, zum Lob! Lob sey Gott! ohn Ende aufgefordert zu werden? Laßt uns Hand ans Werk legen, und wir werden finden, ob die christliche Lehre von Gott sey, oder ob die Bibel so von ihr selbst rede? Von dem Welt- weisen heißt es, wie vom reichen Mann: er starb und ward begraben. Die Herren Re- censenten hielten ihm Reden und Predigten, die Dichter sangen, und doch ward er begra- ben. Vom Christen kann man, wie vom La- zarus, sagen: er starb, und ward getragen von den Engeln in Abrahams Schoos! — Was habt ihr denn fuͤr einen Beweis, ru- fen uns die Weisen zu? Verzeiht, ihr Her- ren: Gott allein ist weise! Was aber unsern Beweis betrift; so fuͤhren wir ihn menschlich. Unser Unser Beweis ist vernuͤnftige, lautere Milch und Erfahrung! — Wie ist der Mensch auf Gott, Geist, und Ewigkeit gekommen, wenn sie nicht waͤren? Der Mensch ist gros und klein. Er zaͤhmt Loͤwen, verkauft Wallfische, und wird von ei- ner Schlange getoͤdtet! — Zweifler! ich soll beweisen, daß ein Gott sey? Beweise mir erst, daß er nicht ist. Wie kann man Thatsachen beweisen? Wie kann ein Sohn beweisen, daß dieser oder jener sein Vater ist? Es geht in der Welt uͤber und uͤber, und wie koͤnnte das, wenn Gott, der Herr derselben, Koͤnig waͤre? Ey, lieber! Wenn Gott sein Bild den Menschen anhieng; wenn er ihm Verstand und Willen gab: wer hat Schuld an dieser Unordnung? — Jeder Mensch hat so Etwas bey sich, was Ja oder Nein bey allen Dingen saget, sie moͤgen Wissen, oder Thun, Rath oder That, betreffen. Es giebt so gut ein Verstands-als ein Willens-Gewissen. Ist euch das zu hoch? Euch! zu hoch? die ihr den Gang Gottes in der Natur, das Kommen einer jeden Pflanze in ihrem sanften Tritt beschleicht? Ihr soltet Eur eignes Erdreich nicht kennen? P Es Es giebt baare Kenntnisse, und Kennt- nisse auf Verfalltage. Das Christenthum hat von beyden sein Theil. Die wichtigsten Arti- kel koͤnnen durchs Leben bewiesen werden! — Ich lebe, sagt Christus, und ihr solt auch leben. Ich weiß eure Einwendungen, ihr Wei- sen der Welt. Das Christenthum, sagt ihr, habe den Muth gehemmt, froh zu leben und froh zu sterben. Es lehre, daß nur wenig Auser- waͤhlte seyn werden! Allein was ist besser, seine Seligkeit schaffen mit Furcht und Zittern, oder wider besser Wissen und Gewissen han- deln? Es ist ein Aufwaschen, bringt ihr Leicht- sinnige bey; allein seyd ihr schon von eurem Gewissen je in Anspruch genommen? Seyd ihr schon in der Tinte gewesen? Glaubt ihr denn, daß das Auge, welches seinem Naͤch- sten nach Leib und Leben stand, mit einer Thraͤne der Reue abgewaschen werden koͤnne? Wenn die reine Vernunft lehret, sich so zu fuͤhren, daß, wenn ein Gott und eine Ewigkeit waͤre, wir seine Kinder und die Er- ben des Himmels zu seyn das Recht haͤtten; so lehret sie uns etwas uͤbermenschliches! — So bald wir zweifeln, Freunde, so bricht die Sinn- Sinnlichkeit Thuͤr und Thor, schlaͤgt alle Schloͤsser auf, und findet im Zweifel so viel Unterstuͤtzung, daß alles uͤber und uͤber geht. Ja, wenn der Mensch funfzig Jahr’ alt, und des Tages Last und Hitze der Sinnlichkeit getragen hat, dann, Freunde, koͤnnte diese Lehre weniger gesaͤhrlich seyn! — Und doch ist sie gerade zuwider der lautern Milch Christi, des Herrn, der ein herzliches Zutrauen von seinen Nachfolgern will! Zweifel, Freunde, ist das schrecklichste, was man sich denken kann! Wo Zweifel ist, wie kann da Zutrauen seyn? Man will sich im Schatten legen, eh noch die Baͤume ausge- schlagen sind. Man brennt sein Haus aus eitler Baulust ab. Man ist nicht kalt, nicht warm. Man hinket auf beyden Seiten. Ge- lehrte Zweifler! guten Freunde! ihr dringt aufs Thun, und wenn ich Euch sage: ihr koͤnnet, ohne zu wissen, ohne den Glauben, ohne die Lehre Christi, nichts thun. Eine Gottehrende Menschenliebe ist unsere Tugend. Wir leihen dem Herrn, wenn wir den Armen geben. Wir geben nicht mit dem Munde, sondern mit dem Herzen, im Geist und in der Wahrheit. Wir entaͤussern uns unser selbst wenn wir Gutes thun. P 2 Eur Eur ganzes System beruht auf Furcht, die aber nicht die Furcht des Herrn ist. Lebt so, als wenn wuͤrklich ein Gott, wenn wuͤrk- lich eine Unsterblichkeit waͤre. Schoͤn gesagt, aber auch gethan? — Liebe, Liebe, Liebe, ist die Quelle alles Guten! Der Brunn des Le- bens! Die Liebe treibt die Furcht aus. Niemand hat Gott je gesehen, Niemand besitzt eine Demonstration von seiner Existenz; allein brauchts einer Demonstration, das ihr seyd! Du glaubst, Freund, daß sich die Welt selbst erhalte? daß, wer erhalten koͤnne, auch zu schaffen vermoͤgend sey, daß, wer B zu sagen verstuͤnde, auch A zu sagen im Stande sey? Ich weiß, daß ein Haus sich nicht selbst bauen koͤnne, weil es ein Kunststuͤck ist, daß aber die Natur taͤglich, stuͤndlich, augenblick- lich, baue und niederreisse, beßere und foͤr- dere! Allein, lieber, was ist die Natur? Laß mich mit deinen Woͤrterchikanen; die Wahr- heit hat, wie die Sonne, ihr eigen Licht. Vorwitz ist freylich Untugend; allein kind- liches Zutrauen und Zudringlichkeit, wie sehr unterschieden! Ich weiß, was ich glaube, heißt das viel- weniger, als ich weiß? Guten, Guten, lieben Freunde, wenn eure Lehre unter den Haufen kaͤme, was wuͤrde da aus der Welt werden? Gott schlaͤgt euch mit Wortsblindheit, sonst muͤsten wir unsere Kirchen brechen, und Gefaͤngniße draus ma- chen! — und doch, lieben Leute, glaubt ihr die Wohlfarth des ganzen menschlichen Ge- schlechts durch eure Lehre zu befoͤrdern! Ihr! durch solche Lehren, die nichts denn Menschen- gebot sind? Freunde, das laßt dem Chri- stenthum uͤber, oder der ganze Plan ist plato- nisch. Uns solt es gleich seyn, wie das Reich Gottes kaͤme, wenn es nur kaͤme! Nur eure Fahne scheint es nicht dazu anzulegen, das Verirrte zu sammlen! — Damit eine Heer- de und ein Hirte werde! — Doch! warum sollten wir mit euch rechten? Richtet nicht, sagt unser Herr und Meister, und es wird die Zeit kommen, da wir alle werden gerichtet werden! Wohl uns! wenn wir bestehen in der Wahrheit! Als gute Streiter im Reiche der Vorurtheile, nicht, die suchten das Ihre, sondern das, was der Wahrheit und Tugend ist, nicht, die uͤber die Menschen herrschen, sondern die sie gluͤcklich machen wollten. Wie oft kann es hier heißen: große Schulden er- halten bey Credit. Kleine schwaͤchen ihn. P 3 Der Der Christ will keinen verfuͤhren. Er giebt jedem die Bibel in die Hand, und da ließt sich jeder heraus, was seinem Verstande ge- maͤß ist. Es finden sich Spruͤche fuͤr Gelehr- te und Ungelehrte, Reiche und Arme. Hier ist harte Kost, hier ist Milch, starker Wein und Labetraͤnke! Die Bibel ist allen allerley. Sie ist fuͤr Leben und Tod! Sie lehrt uns Cisternen auszusetzen, um himmlisches Waßer aufzufangen. Der Geist der heiligen Schrift ist so kurz, als das Vater unser. Glaubt, liebe Nichtchristen, im Sterben sieht man Gott, sich, und die Welt aus einem andern Gesichtspunkte, als im Leben! Laßt mich an Ort und Stelle, laßt mich zuruͤck, wo ich ausgieng! Was Johannes sagt, ist jeden Augenblick wahr: Kinder, es ist die lezte Stunde! — Wohl uns allen, wenn wir bereit sind zu stehen, vor des Menschen Sohn! Wenn wir ihm unter Augen treten und sagen koͤnnen: wie du gewandelt hast, haben auch wir ge- wandelt; so ehrlich wie du gelehrt hast, ha- ben auch wir gelehrt! Gestern haben wir uͤberwunden! Heute laß uns mit dir im Paradiese seyn! Komm Komm, Tod! heute! morgen! Mein Freund ist mein! ich bin sein! Ich habe Lust abzuscheiden und bey ihm zu seyn, welches auch beßer waͤre! Amen, ich komme bald, Amen! Ja komm, Amen! Vater, in deine Haͤnde befehl ich meinen Geist! — † † † † † † Lieber Graf, bis zum Wiedersehen, hier oder dort! Von einem Manne, wie der Graf, wer kann Abschied nehmen? oder beßer, den Ab- schied mittheilen? Ich nicht. Der Prediger aus L — kam, und war so inniglich froh, mich wieder beßer zu finden, daß er bey einem Haar mit dem Grafen wie- der freundschaftlich zerfallen waͤre. Der gu- te Prediger! Er hatte fuͤr mich, unter dem Namen eines Leidenden, aus einer andern Gemeine, auf der Kanzel gebetet, und eignete den groͤßten Theil meiner Beßerung dieser ernstlichen Fuͤrbitte zu. Die ganze Gemeine, fuͤgt’ er hinzu, wuste beym ersten Wort, daß Sie der Leidende aus einer andern Gemeine waren. Der junge Ehemann, sagten sie un- tereinander! deßen Frau wir juͤngst begru- ben! — — P 4 Ich Ich bin sonst sehr fuͤrs Abschied nehmen, wovon ich in diesem Buch manches Proͤbchen gegeben; allein hier, kann ich? — Das ganze Leben des Grafen war eigent- lich ein feyerliches Abschiednehmen, nicht be- stehend in: Leben Sie wohl, Dank fuͤr alle erzeigte Guͤte! — wuͤnsche so gluͤcklich zu seyn, vom Wohlbefinden die besten Nachrichten ein- zuziehen! Solch elend jaͤmmerlich Zeug hat das Abschiednehmen, so wie das Gesundheit- trinken buͤrgerlich gemacht! — und doch liegt in einem Leben, im andern Sterben. Ich trinke Gesundheit, und nehme Abschied. — — Wahrlich, ich kann es nicht beschreiben, mit welcher Bewegung ich diesen Hochgebohr- nen Todtengraͤber verlies. Auf meinen wohl- ehrwuͤrdigen Reisegefehrten konnten diese Dinge natuͤrlicher weise keinen so starken Ein- druck machen. Der Prediger kannte das Erdreich auf diesem Gottesacker, und hatte hier zuweilen selbst die Hand an den Pflug legen muͤßen. Anfang, Mitte und Ende mei- nes Aufenthalts auf dem graͤflichen Gute lag auf meiner Seele; allein sanft war mir dieses Joch, leicht diese Last. Hier oder dort! Ich dachte nicht das Hier. Hier galt bey mir wenig, wenig, das dort verschlang es bey mir! Nicht hier, dort! bald! dort! dort! wo Mi- ne ist, wo sie ewig seyn wird, dort! dort! dort! Ich komme bald, Amen! hies es beym Schluß der christlichen Rede. Ja komm! Amen! Der gute Prediger sties mich mit der Frag’ an, wie mir die Reden gefallen, von denen er gehoͤrt, daß sie gehalten worden? — Herz- brechend, sagt’ ich. Dort, lieber Herr Pre- diger! dort sehen wir uns wieder! Der gute Prediger faßte mich bey der Hand, und druͤk- te sie, und sagte mir so sanft: Gretchen laͤßt Sie gruͤßen, daß mir ward, ich weis nicht wie? — Jungen Leuten ist Leben und Ster- ben, wie Wachen und Schlafen; alles an einem Rosenkraͤnzchen. — Auch hier ist gut seyn, sagte der Prediger, nur nicht zum Huͤtten- bauen, versezt’ ich, wenn man eine Mine ver- lohren hat. Auch die Erde ist des Herrn, fuhr der Prediger fort, so wie es der Him- mel ist. Der Prediger fand viel Eigenes in Absicht des Styls in den Reden, es ist, sagt’ er, so was beaͤngstigendes, so was von Todesnoth darinn! Eben das, sagt’ ich, hat mich ent- zuͤckt bis zur Halle des Himmels. Dies in P 5 der der Rede zu treffen, zu copieren, war unmoͤg- lich — ich liebe, fuhr der Prediger fort, eine genaue Bindung der Perioden, eine gewiße Baukunst im Vortrage, und so viel Fenster wie moͤglich in jedem Stock. Zwar halte ich es fuͤr keine Suͤnde wider den heiligen Geist. — Da waren wir wieder, wo mich der gute Prediger hin haben wollte. Er wiederholte mir Plan und Ausfuͤhrung, Geist und Aus- druck, versicherte alles Eckigte in den Perio- den, was nicht schon gerundet und abgeschlif- fen waͤre, noch runden und abschleifen zu wollen. Was meynen Sie, fragt’ er mich, ob ich das Register laße? und zur Nutzan- wendung noch ein ob? noch die critische Fra- ge: ob sein Bruder, der Koͤnigliche Rath, sich nicht uͤber die Zuschrift kreuzen und seg- nen wuͤrde? Ohne Vorrede, sagte der Pa- stor, laß ichs nicht. Es ist nicht gut, daß das Buch allein sey. — Die Vorrede, sagte mein Vater, ist der erste Eingang, wo Bitte, Gebet, Fuͤrbitte und Danksagung vorkommt, damit der Autor ein geruhiges und stilles Le- ben fuͤhren moͤge, in aller Gottseligkeit und Ehrbarkeit. — Zur Zur Erkenntlichkeit versah mich der Pre- diger mit einigen Zuͤgen vom Grafen — aus seiner Vorrathskammer, womit ich meine Le- ser versehen will. Die lezte Hand — Der Graf rechnete mit seinen Paͤchtern und Verwaltern jedesmahl die Woche vom neunten bis zehnten Sonntag nach Trinita- tis. Am neunten Sonntage nach Trinitatis wird von dem ungerechten Haushalter gepre- digt, am zehnten von Jerusalems Zerstoͤ- rung. Der Graf ist nie von seinen Haus- haltern betrogen. Wenn er in die Kirche kommt, wird er mit Gelaͤute eingehohlet. So wirds klingen, sagt der Graf, wenn sie mich werden heim- fuͤhren aus diesem Elend, Kyrie eleyson. Zu seinen Kirchenabgaben, wozu auch das Predigtamt gehoͤrt, haͤlt er seine besondre Sonn- und Festtage. Er berichtigte sie dop- pelt, nur nicht, wenn Quatember roth im Calender steht, sondern Z. E. am sechszehnten Sonntage nach Trinitatis, wo man der Witt- we Sohn aus Nain traͤgt, am ersten Sonn- tage nach Trinitatis, wo vom reichen Mann und armen Lazarus geprediget wird. Solche Evangelien muß man eindruͤcklich machen, sagte der Graf. Am Am sieben und zwanzigsten Sonntage nach Trinitatis, wo, wie er sagt, die christliche Illumination vorkommt, (das Evangelium handelt von den fuͤnf klugen und fuͤnf thoͤ- richten Jungfrauen) schenkt der Graf zehn Kirchenlichter, die bey der Communion (nach der Gewohnheit in Preußen) brennen. — An seinem Geburtstage legt’ er sich zwey Stunden in seinen Sarg, welches, wie mei- nen geneigten Lesern bekannt ist, in der Haus- rapelle steht, und zwar im Sterbhemde. — Geduld, Standhaftigkeit, sagt’ er einst- mals zum Prediger, der von der Standhaf- tigkeit und Geduld geprediget hatte, das sind die eintraͤglichsten Tugenden, und worinn be- stehen sie? In der Fertigkeit, sich auf einen Punkt einzuschraͤnken, den man mit unver- wandter Seele ansieht. In der Geschicklich- keit, immer in diesen schwarzen Fleck zu tref- fen. Mein Vater schlug Observationen vor; allein der Graf schien sich auf einen einzigen Punkt anzustrengen. Wer hat recht? Der Graf war sehr gluͤcklich im Rathen. Er setzte sich nicht auf den Dreyfuß, wenn er zum Voraus Dinge bestimmte. Er schuͤt- telte dies aus dem Ermel. Er hielt sehr auf Traͤume, und glaubte mit meiner Mutter, daß daß andere Geister alsdenn die Thuͤre offen faͤnden, um sich mit ihres Gleichen zu un- terhalten. Die Welt, sagte der Graf, ist ein Gar- ten in Norden, wo nur wenig reif wird. Er aß gern Brunnenkreß und Raute. — Nichts konnt’ ihn mehr aͤrgern, als wenn sich der Mensch den Schlaf aus Lebensgeiz entzog. Es ist gleich viel, auf dem Ball, oder in der Studirstube, uͤberm Leben den Tod vergeßen. Der Graf sah entweder gen Himmel, oder auf die Erde. Leute, die den Kopf von ei- ner Seite zur andern werfen, sind nicht so, nicht so, sind Zweifler, sind aufgeschosnes Rohr, das der Wind hin und her treibt. Herauf oder herab. Pathengeschenke gab er nicht eher, als bis der Pathe zum erstenmal zur Communion gieng. Ein schwarzes Kleid war das geweih- te Geschenk. Seine Buͤcher waren schwarz eingebun- den. Silberne Griffe, sagt’ er, das heißt: der Titel war mit versilberten Buchstaben eingestochen. Wenn man faͤllt, besieht man die Stelle, wo man gefallen ist. Der Geist wird sich ge- wis wis von seinem Lebensreisegefehrten nicht so- gleich trennen. Er wird sehen, wo er gefal- len ist. Wer mit den Seinigen noch laͤnger zusammen zu bleiben Lust und Liebe hat, gehe auf die Kirchhoͤfe, wo sie hingelegt sind. Ich habe den Einfluß der Meinigen lang in mei- ner Seele empfunden, und noch empfind’ ich ihn. — Wenn man erzaͤhlt: die und der ist todt, fraͤgt der Hoͤrer: ist sie? ist er todt? War- um fraͤgt der Hoͤrer also? Wenn der Graf communicirte, hatt’ er einen rothen Mantel uͤber das schwarze Kleid. In seinen Tischtuͤchern, Servietten war Name und Wapen schwarz eingenaͤht. Ich kann, sagte der Graf, im dreyßigsten und vierzigsten Jahre mit vieler Zuverlaͤßig- keit wissen, ob man siebenzig oder achtzig Jahre werden soll? Ein Gluͤcks- oder Un- gluͤcksfall ist Schuld daran, wenn man es nicht wird. Melancholische Leute (diese Anmerkung machten wir beyde, der Prediger und ich,) sind sehr zur Dichtkunst aufgelegt. Vielleicht besteht die Melancholie im Dichten. Am neuen Jahrstage wuͤrd’ es schwer an- gemessen zu predigen seyn, wenn nicht die Worte Worte drinn vorkaͤmen: da acht Tage um waren. Also von der Zeit — O du liebe Zeit! exclamiren einige Leute im Spruͤchwort. In der Entfernung ist sonst alles klein, nur die Zeit nicht. — Der Graf setzte einem seiner Pathen, der nur sieben Wochen gelebt hatte, selbst eigen- haͤndig die Grabschrift: Aus einem Mutter- schoos in den andern. — Der Schlaf war ehe in der Welt, als der Tod. Das Vorbild eher, als die Erfuͤllung. Auch du wirst sterben, das war des Gra- fen Condolenz, wenn man wuͤrklich traurte um einen Todten. Gehst du aus der Welt, wenn du stirbst? Deine Seele entschwebt nur den Duͤnsten die- ser Erde! Ewiger Geist der Liebe webt im Athem der Natur, wo der webt, ist Leben! — Was mir der Prediger vom Leichenanzuge im Namen des Grafen sagte, gefiel mir nicht. Ich stimme mit ihm nicht ein. Warum be- kleiden wir denn einen nackten Koͤrper, selbst im Grabe? Wollen wir etwa den Wuͤrmern etwas zu verbeissen geben, ehe sie an uns kommen? Dem Menschen gefaͤllt nichts, was ein Beduͤrfnis verraͤth. Wir sind in Gesell- schaft gewohnt, unsere Beduͤrfnisse zu ver- hehlen. hehlen. Wir verehren Leute, die sich mit wenigem behelfen, wenn nicht Geldgeitz die Waage haͤlt. — Man glaubt, sie sind schon gestorben und auferstanden. Sie sind schon Vollendete. Wer in einer großen Stube schlaͤft, sagte der Graf, bedenkt nicht, wie klein der Sarg ist. — Von unserm Koͤrper heißts im Tode: La- zarus, unser Freund, schlaͤft, und es wird besser mit ihm! Wer viel Leib hat, von dem koͤnnte man eben so gut entleiben sagen, als nur von dem, der viel Seele hat, entseelen gesagt werden solte. Es gieng alles schwarz beym Grafen. Herr v. W — wuͤrde mit seinen Freudenfe- sten eben so wenig, als mit seinem drey Vier- tel, halb und Viertel-Trauer, bey ihm Gluͤck gemacht haben. Der Graf kam nicht aus der Verwunderung heraus, daß ich nur einen schwarzen Flor um den Arm trug. Seine Bettdecken waren alle schwarz. Es ist ein falsches Mitleid, was die Men- schen von den Todtenbetten zuruͤckhaͤlt, sagte der Graf. Boͤhmische Steine, anstatt Dia- manten — Glanzgold. — Der Der Graf liebte viel Lichter. Er schlief gerade auf dem Ruͤcken, nie lag er auf einer Seite. Im Sarge, sagt er, liegt alles au f dem Ruͤcken. Die Jugend ist witzig wegen der Plane, die sie sich macht, um die Frage zu beantwor- ten: was werden wir essen? was werden wir trinken? womit werden wir uns kleiden? Dem Alter schmeckt das Leben am besten. Je weniger Wein im Keller, desto besser schmeckt er. — Der Tod hat große Leute bey Buͤchern ge- troffen. Man wolte vielleicht des Todes Bit- terkeit mit papierner Unsterblichkeit verja- gen. — Vielleicht liegt eine Fassung drinn, sich nicht in seinen Zirkeln stoͤren zu laßen — ich, sagte der Graf, halt’ es fuͤr Furcht- samkeit. — Oft dachte der Graf an einen seiner besten Unterthanen, der beym Ungewitter unter ei- nen Baum geflohen, und hier erschlagen worden. Auch der Baum war zu Boden ge- schlagen! Da ist ja Michel schon eingesar- get, sagte der Graf, als er diesen Fall hoͤrte, und ordnete an, daß dieser Baum zum Sarge gebraucht werden sollte. Q Bis Bis zum letzten Seufzer, sagt man. War- um nicht bis zum letzten Laͤcheln? Weil das Leben ein Jammerthal ist, und doch kommt der letzte Augenblick, die letzte Stunde, sehr oft, wie der Geist des Herrn im sanften Winde. — Da sieht vielleicht die Seele den Engel, der sie aus Sodom fuͤhren will. Stehe auf, hebe dein Bett auf, und gehe heim! Ein boͤser schneller Tod ist ein guter Mann, und ein boͤses Weib. — Der Tod ist nicht Gottes peinliche Hals- gerichtsordnung. Gemeinhin sprechen wir uns selbst das Todesurtel. Die Art des To- des gruͤndet sich auf die Art unseres Lebens, wenn diese Todesart nicht schon eine Erbsuͤnde ist. Der stirbt an Zangenrissen, an Stichen; der wird verbrant, und stirbt am hitzigen Fie- ber. Der wird gehangen, und stirbt am Schlagfluß. Wir sitzen alle auf den Tod. — Wo die Praxis nicht der Theorie vorgeht, da verdient sie kaum den Namen. Jeder Schwindsuͤchtige, der unter meiner Aufsicht gestorben, hat den Wunsch geaͤus- sert, ein hohes Sarg zu haben! So sind die Menschen! Der Der Graf hielt Ahndungen fuͤr Warnun- gen guter uns verwandter Geister, fuͤr Oran- genbluͤthen, die wir noch aus dem Paradiese gebracht. — Sein Trost war der Tod! Ich, sagt er, bin nicht fuͤr leidige Troͤster. Gemeinhin ist der Trost ein beglaubtes Zeugnis, daß wir mit leiden. Wir wollen uns uͤberreden, der Troͤster nehme einen Theil Leiden auf sich. Wir wollen gewis seyn, daß Niemand froh und gluͤcklich in der Welt seyn koͤnne. — Kunstrichter, die ihr diesen Hochgebohr- nen Mann angreifen wolt, laßt ihn, wenn ich bitten darf — und ist es moͤglich; erlaubt mir die Frage: ob euch vindicta Lycurgi be- kannt sey? Ein Studiosus, wie ihr, hatte dem Lycurgus ein Fenster eingeschlagen, oder, weil euch vielleicht die Lycurgische Geschichte nicht beywohnen doͤrfte, es war das Auge selbst, das er ihm ausschlug. Das Crimi- nalgericht beschlos in diesem besondern Ca- sualvorfall, den Juͤngling dem Lycurgus zur Strafe zu uͤbergeben. Was eroͤfnete Lycur- gus fuͤr eine Sentenz? Schickt’ er ihn in die Festung, oder ins Irrhaus? Nein, die Hand, sagt’ er zum Augenraͤuber! Studiosus gab sie, wie natuͤrlich, Sr. Magnificenz mit Zit- Q 2 tern tern und mit Beben, und Lycurgus? gab ihm die seinige, und so giengen sie Hand in Hand — in Lycurgus Haus, wo er ihn un- terrichtete, nicht, wie arme Suͤnder, ehe sie hingerichtet werden, den Schlachtcalekutschen Haͤhnen gleich, mit Catechismuslehren ge- fuͤttert und gemaͤstet werden, sondern in Le- bensregeln, und da der junge Mensch Candi- dat worden war, stellte er ihn vor das Crimi- nalgericht und fragte dienstlichst an: ob sie mit diesem in Rechtskraft uͤbergegangenen Urtel zufrieden waͤren? Kunstrichter, der Graf bietet dir auch die Hand dar, um dich sterben zu lehren. Bedenke das Ende, so wirst du dem Grafen kein Aug’ ausschlagen. — Gretchen empfieng mich so froh, so gut- thaͤtig, daß wir uns beyde Haͤnde reichten. Zwar weiß ich es nicht mit vollstaͤndiger Ge- wisheit; indessen kommt es mir so vor, daß wir uns auch herzlich gekuͤßt haben! — Ein unschuldiger Kuß! Waͤr’ er wiederhohlt wor- den, haͤtt’ ich ihn vielleicht nicht vergessen; alsdenn waͤr er aber auch schon vom verbot- nen Baume gewesen. — Auf Gretchens Gesicht lag noch viel Schmerz; indessen waren es bloß Narben, welche welche nur bey Veraͤnderung des Wetters die vorige Wunde ins Gedaͤchtnis bringen. — Ich sieng an, mein Haus in L — zu be- stellen: ich hatte viel zu bestellen! So gern ich gleich noch bey Minchens Grabe geblie- ben waͤre; so wollt’ und konnt’ ich doch nicht fuͤglich laͤnger weilen. — Ein ganzes Tage- werk war, die Abhandlung von der Suͤnde wider den heiligen Geist von Anfang bis ans selge Ende zu hoͤren; das Register blos aus- geschlossen. Der Prediger hielt Comma, Co- lon, Semicolon, Ausrufungszeichen, (deren viel vorkamen,) Fragzeichen, und wie sie wei- ter lauten, diese himmlische Zeichen, wie meine Mutter sie benahmte. Ich werde mir vorstellen, fuhr der Prediger fort, als ob Sie mein Bruder waͤren, und nun brach er mit der Zueignungsschrift los, und that woͤrtlich so, als ob ich der Koͤnigliche Rath waͤre. Ich wolt’ ihnen, sagt’ er beym Anfang der Vor- lesung, keinen unbeseelten Odem mitgeben; keinen todten Koͤrper, sondern ihm vielmehr einen lebendigen Othem einblasen und sie Ih- nen emphatisch vorlesen. Er hielte Wort. Ausdruck, nicht Eindruck, machte diese Ab- handlung. Man konnte druͤber sprechen. Zum weiter nachdenken war sie nicht einge- Q 3 richtet. richtet. Ein Unterschied, der gewis weit her ist. Das Schluswort-Register war das Amen dieser Taufhandlung. Der Vater uͤbergab mir dieses sein wohlbestaltes Kindlein so feyer- lichst, wie man einem Pathen nur die Frucht seines Leibes uͤbergeben kann. Mit der Abhandlung sind wir also fertig. — Noch mehr aber lag mir in L — ob. Meine Schuld druͤckte mich zu Boden. Der Prediger in L — war nicht in der besten Vermoͤgensverfaßung. Er hatte (dies und jenes erfuhr ich von ungefehr) verschiedene Auslagen bey Minens Begraͤbnis gehabt. Glocken, Erde, Traͤger und desgleichen. Dem Organisten must’ ich auch eine gesegnete Mahlzeit wuͤnschen: denn, wenn gleich eine Kraͤhe der andern nicht die Augen aushackt; so hat doch unser Glaubensvater, D. Luther, in der vierten Bitte das Holz ausgelaßen, welches nicht geschehen waͤre, fals D. Luther Organist in L — gewesen, und wenn gleich der gute Organist schon den Abend beym Pre- diger sichs wohl schmecken lies; so kostet es doch viel und mancherley, einen Sohn auf der Universitaͤt zu haben, der kuͤnftige Pfing- sten predigen und zeigen soll, ob er wuͤste, wo er zu Hause gehoͤre? Oft hatt’ ich schon dies alles alles uͤberdacht; allein meine Verlegenheit war bis jetzt noch nicht herrschend worden. Das Ende trug die Last. Wie ich stand und gieng trat ich meine Reise nach L — an, und wenn ich auch mehr Zeit gehabt, oder mir mehr Zeit genommen, was haͤtt’ ich mitneh- men koͤnnen? Eben erwartet’ ich mein Aus- geding von Hause. Wo Brod in der Wuͤste? Ohn’ einer Bedenklichkeit Red oder nur Ge- danken zu stehen, gieng ich hin, brach und las. „Weißt du was ανέχου και απέχου sagen „will? Dein griechisch hast du nicht ver- „geßen, das weiß ich. — Sollte der Geist die- „ser Worte von dir gewichen seyn? Das „wolle Gott nicht! und die deutsche Note ne- „ben her: In der groͤßten Noth! — Ist sie „dir entfallen? Pruͤfe dich, ehe du weiter „brichst. Es giebt nicht blos Geldnoth, son- „dern auch viele von anderer Art, z. E. Mel- „chisedechs-Noth! — ανέχου και απέχου in der „groͤßten Noth! —“ Ich fand in dem Zimmer meines Amulets, das ich erbrochen hatte, Schaustuͤcke, ich zaͤhlte sie nicht, sondern nahm ihrer drey; zwey fuͤr den Prediger, eins fuͤr den Organi- sien. Dem letzten schickt’ ich eins hin. Herr Q 4 Predi- Prediger, sagt’ ich dem ersten, wegen der ge- habten Auslagen. Ich zog den beyden Gold- stuͤcken kein weißes Hemd an; denn eben da- durch wuͤrd’ es ein Geschenk, eine Verehrung, geworden seyn, und schenken, welch ein graͤß- liches Wort ist es, unter Leuten, die empfin- den koͤnnen! Der Prediger kam mir mit ei- nem gleich kalten: Wofuͤr? entgegen, und nach einem kleinen Wortwechsel bliebs dabey, daß ich ihm die baaren Auslagen ersetzen soll- te; als Unterpfand, fuhr ich zwar eben so kalt und ehrlich, allein lange nicht so treffend und anstaͤndig, fort; ich habe kein ander Geld. Ich brauche kein Unterpfand, erwiederte der Prediger, und um der Sache ein Ende zu machen, geben sie die Auslagen, die sich auf 2 Rthlr. betragen, meinem Bruder; dem, das wußte der Prediger, durft’ ich mit einem Schaustuͤck gewis nicht ankommen. — Daß man doch nicht umsonst sterben kann, sagte der Prediger, wir sollen nicht sorgen fuͤr den andern Morgen; unser Arme muß wei- ter hinaus, und fuͤr sein Begraͤbnis sorgen — — wie der Mann mit dem einen Handschu. Der Organist erlies ein großes Danksa- gungsschreiben an mich, und bat hoͤchlich sichs dagegen aus, die Stellen in seiner Abdan- kung kung zu streichen, worinn er mir zu nahe ge- kommen, oder gar zu viel gethan. Ich wuͤr- de kein Geld um alles in der Welt willen nehmen, sezte er muͤndlich hinzu: allein ein ander Ding Geld, ein ander Ding solch Schauessen. Aß doch David von den Schau- brodten, rief er mahl uͤber mahl aus. — Noch drang er mir eine ausgearbeitetere Ab- dankung auf, die ich aber nicht als Beylage C. ausstatten werde, eben weil sie ausgear- beitet war. Leute, die blos Mutter Natur, und nicht Vater Kunst, haben, muͤßen werfen, nicht legen, Gluͤck greifen, nicht sortiren. — — Freylich haͤtt ich bedaͤchtiger mit meinem Amulet zu Werke gehen, und, wie meine Mutter, Ja und Nein in zwey Zettelchen schreiben, und eins von beyden ziehen koͤn- nen — indeßen — Was meynt ihr Herren Kunstrichter, wenn ich die uͤbrigen Goldstuͤcke (es waren ihrer zwanzig) unter Euch vertheilen sollte, wie es wohl Sitte in Deutschland war, und noch ist, wenn der Verfasser sich einen Titel, oder Amt, oder des Etwas, an den Hals schrei- ben will? — Noch war ich mit meinen lezten Dingen nicht fertig. Ich lies mir die Taxe von den Q 5 Sachen Sachen meiner Mine methodisch extradiren, gab Gretchen eine Abschrift des lezten Wil- lens meines seligen Weibes, weil Gretchen mich darum bat. Grethe erhielt dies Anden- ken auf Minens Grabe. Wir weinten beyde bey dieser Gelegenheit. Freunde, wenn alle Contrakte, alle Verabredungen auf Graͤbern, an diesem Altar der Natur, geschloßen wuͤr- den, was meynt ihr? Ich liebte Gretchen nicht; allein ich liebte ihren Schmerz um Minen, und fand, daß es tief in unserer Na- tur laͤge, wenn man was liebes verlohren, sich sogleich mit was Lieben zu verehelichen. Einer Wittwe, einem Wittwer, ist vielleicht die zweyte Ehe, in den ersten sechs Wochen noch am ersten zu vergeben. Gretchens Mut- ter wolte, das sah man, daß Gretchen meine Mine wuͤrde. Gretchen selbst verlangte feyer- lichst von mir, daß ich wenigstens (auf dies wenigstens der Ton) noch einmahl (auf noch einmahl wieder) nach L — kommen moͤchte, ehe ich von hinnen zoͤge. Des Grabes wegen, setzte sie mit einem Seufzer hinzu, der mir durch die Seele gieng. Der Prediger dachte an weiter nichts, als an seine Abhandlung von der Suͤnde wider den heiligen Geist. Lieben Lieben Leser! Kann ich dafuͤr, daß ich so oft dran denken muß? Die Autorschaft koͤnnte wuͤrklich solch ein Punkt, solch ein schwarzer Fleck seyn, auf den man im Leben und im Sterben starr hinsieht, um alles andere weit zu uͤberwinden. — Oft ist sie’s wuͤrklich! Gretchen sagte mir gerade heraus, daß sie einen gefaͤhrlichen Eindruck befuͤrchtete, den meine Abreise auf ihre ungluͤckliche Mutter machen wuͤrde. Sie ist Ihnen gut, setzte sie hinzu (und ward roth, nachdem die Worte weg waren) als waͤren Sie Ihr Sohn. Wenn sie nur nicht glaubt, sagte Gret- chen: es sey eine Linde ausgegangen, wenn Sie abreisen. — Diese Befuͤrchtungen machten eine all- maͤhlige Entfernung von ihr vor meiner Ab- reise nothwendig. Vergessen Sie uns all und Gretchen nicht — sagte die Lindenkran- ke, da ich Abschied von ihr nahm. Gretchen kuͤßt’ ich nicht; allein beyde Haͤnde reichten wir uns. Ein paar Stunden vor meiner Ab- reise lies sich der Justizrath Nathanael an- melden. Wenn ich nicht mehr da waͤre, lies er sagen, um meinen Schmerz nicht aufzu- bringen, nicht zu erneuern. Ich bat Gret- chen, chen, ihn zu gruͤssen. Mich? fragte sie. Sagen Sie ihm, ich wendete mich zum Pre- diger, daß Mine ihm von Herzen vergeben habe. — Gretchen hat das Testament. — Und so kam ich mit dem kuͤnstlich gewin- delten mir auf die Seel gebundenen Werk- lein von der Suͤnde wider den heiligen Geist nach Koͤnigsberg. Mein Gefehrter sprang mir um den Hals, da er mich sahe, und herz- te und kuͤßte mich. Zu Hause? fieng ich an. Seit ehegestern, erwiederte er, hause ich, ich hab es der Blonden in einem schwachen Stuͤnd- lein versprochen, weil eben heut ein Lauten- concert, dem Vater zu Ehren, aufgefuͤhret wird. Gestern war die Probe. Es ward bey der Probe alles durchs Fenster gespielt. Heut bin ich in bester Form gebeten — aber du kommst mit, wenn nicht, so soll auch heu- te die wuͤrkliche Auffuͤhrung durchs Fenster geschehen. Aber? fieng ich an, ohn’ aufs Mitkommen ein Wort zu geben, und sahe ei- nen Stoß Buͤcher und Schriften. Beym Scherz muß Ernst seyn, beym Zeitvertreib Arbeit, dic, cur hic! Schoͤn, dacht’ ich, und v. G. (er hies Gotthard mit dem Vornamen) fuhr fort, da hab’ ich mir einige Buͤcher uͤber Jagdgerechtigkeit und Jagdungerechtigkeit, uͤber uͤber fas und nefas in dieser freyen Kunst, nicht minder die cunterbunte preußische Jagd- verordnungen geben laßen, Bruder, ein Stu- dium, um den Tod zu haben! freylich mehr, als Jagdterminologie, wodurch man fuͤr Fund Zeitlebens sicher ist, und noch dazu Fund andern zuwenden kann. Indeßen sag mir, du bist doch ein kluger Kerl, wie kom- men die regierende Herren dazu, die Jagden zu Herrlichkeiten und Gestrengigkeiten zu rechnen, und sich druͤber solche Rechte anzu- maßen, als ob ihnen das liebe Wild naͤher waͤre, als Schaafe, Ochsen allzumal? Da hab ich schon gedacht, daß sie ihre allerunter- thaͤnigst treugehorsamste Sclaven nicht zu ge- nau mit dem Wilde bekannt machen wollen, um sie nicht auf Wildgroße Gedanken zu brin- gen, aus dem Schaafstall ins Freye. — v. G — brachte mich durch einige Be- trachtungen, die nicht aus dem Stall waren, zum Aufruf. Bruder, exclamirt’ ich, du entzuͤckst mich, du bist ohne die Concertprobe- Zeit abzurechnen, die du am Fenster verhoͤrt hast, noch nicht vier und zwanzig Stunden zu Hause, und sprichst so wahr! Und wenn ich immer zu Hause bliebe, fiel er mir jagd- eifrig ein, gelt! dann waͤr’ ich Sclave uͤber Sclave. Sclave. Nicht also, sagt’ ich, wenn je die Freyheit noch einst in ihrer edlen einfaͤltigen Gestalt auf Erden erscheinen soll, wenn je — so kann sie jezt nur aus der Studierstube aus- ziehen. Der Heerfuͤhrer Moses war unter- richtet in aller egyptischen Weisheit. — Da kam eben ein Bothe, der mich mit zum Concert einlud. Man hatte mich kom- men sehen und hofte gewis — Ich war so wenig gestimmt, eine solche Dissonanz anzuhoͤren, daß ich gerade zu ab- schlug. Junker Gotthard, dem ein Men- schenstimmhammer ohnedem nicht eigen war, und der keine meiner Herzenssaiten in Har- monie ziehen konnte, nahm indeßen das Wort, sagte dem Bothen: ich werd ihn mitbringen. Dieser gieng, und ich mochte wollen, oder nicht, ich muste. Freylich, sagte Junker Gotthard, wirst du heute nur die Hochzeit se- hen, die Verlobung ist vorbey, wie du zu sa- gen pflegest. Wer kommt indes in der Welt immer zur Probe? Herr v. G — hatte nicht die mindeste Neugierde, Geheimnisse zu hezzen, oder zu schießen. Ich reisete, ich kam, ohne daß er was, und wie, und wo wuste. Mein Herz brach mir uͤber den guten wilden Jungen. Ich Ich wuste wohl, daß Theilnehmung ein Wun- der in seinen Augen sey, und doch sagt’ ich ihm alles. Ohngesagt verstand er nicht, das wust’ ich, einen Herzensbruch, die schreck- liche Ohnmacht eines beklemmten Herzens, den Worts-tod auf der Zunge, das Beben auf der Lippe, wo man sonst mit sichtlichen Augen den Geist sieht, der den allerfeinsten Koͤrper von Wort (waͤr’ es auch ein blosses Ach!) zu schwerfaͤllig fuͤr sich findt. Ich sagt’ ihm alles, und muste mich wahrlich zwingen zu re- den; denn wer kann in solchen Herzensnoͤ- then, wer kann mehr, als abgebrochen seyn. Ich war diesmahl so gluͤcklich, solche Worte zu ertappen, daß ich den Junker Gotthard in Bewegung setzte. Bruder, sagt’ er, du jam- merst mich! Das war viel! Nach einer Weile — wenn ich das gewust haͤtte, ich haͤtte dich zu Hause gelaßen, und waͤre selbst zu Hause geblieben. Hiebey stand er auf; denn er saß bey seinen Jagdschriften. Haͤtte v. G — diesen Period nicht mit Wenn angefangen, was haͤtt’ ich mehr erwarten koͤnnen? was meine Leser? Was fehlte denn zum thaͤtigsten Beweiß einer lebendigen leib- haftigen Theilnehmung? O waͤr’ es dabey geblieben! si tacuisses — Schon Schon war ich entschlossen, nach einem so guten Anfange meinem lieben v. G — Em- pfindung beyzubringen, die Jagdwerke ohn- vermerkt zuzumachen, um ihn zur Absage des Lautenconcerts zu bequemen, da er wieder, um seinen Ausdruck zu adoptiren, ins Zeug gesetzt war. Urploͤtzlich war er wieder da, mit Flinte und Tasche und dem Satanas. Haͤttest du denn, fieng er von freyen Stuͤ- cken an, und setzte sich wieder, haͤttest du denn nur eine schmucke Mine? Bruder, erwidert’ ich, und wollte was anders sagen, Bruder, wir gehen aufs Concert. Junker Gotthard wolte zwar seine Frage durch eine andere wieder gut machen, und schwor mir hoch und theuer, daß ich wie eine Wassersuppe aussaͤhe, so verzweifelt wie ein gejagter Hirsch; allein unsere Empfin- dungsstunde war vorbey. Ich schlos die Suͤnde wider den heiligen Geist in den nehm- lichen Kasten, wo mein ανεχου και απίχου dessen Vorhang bis zum Allerheiligsten, wie mich duͤnkt, gezogen war, an einen Ort, doch so, daß sie nicht zusammen kamen. Zwey- mahl schloß ich den Kasten auf, und legte sie jedesmahl noch mehr auseinander, recht, als ob ob ich besorgte, sie koͤnnten sich doch wohl zu nahe kommen und Schaden thun, und nun gieng es an eine staͤtische Laͤuterung, die ich nicht noͤthig gehabt haͤtte, wenn Grete die Heldin, prima donna, dieses Concerts ge- wesen. Was ein ander Kleid, ein gewisses staͤdti- sches Wesen, eine gewisse Koͤrpertracht, aus der der Tanzmeister alles schlichte natuͤrlich gute Wesen heraus gegeigt und herausgebro- chen, machen kann, wird jeder wissen, der in Rom und auf dem Tuskulan gewesen. Ich gieng mit meinem guten v. G — zum Concert, wo ich Lichter und Kleider von Gold und Silberstuͤck uͤber alle Maaß und Gewicht fand. Was mir seit einiger Zeit dergleichen Pracht und Herrlichkeit widerlich ist! Ein wahres Theater! Da gieng ich leise hin und her, ohne, daß ich hoͤrte. Ein paar Toͤne kamen mir so vor, als haͤtten sie was aͤhnli- ches von den Glocken aus L — und denn ein paar Adagiosstellen, als waͤren sie aus dem Liede: Nun laßt uns den Leib begraben, und das ruͤhrte mich so, daß mir alles nicht etwa verkuͤmmert war, nein, sondern so, als waͤr’ es gar nicht. Der Herr des Festes sollte R durch durch diese Solennitaͤt uͤberrascht werden, mithin haͤtt’ er thun muͤssen, als wuͤßt’ er nicht, was Trumpf waͤre. Er wollt’ es auch, wie mich duͤnkt; indessen zeigte seine lichter- loh brennende goldne Weste das Gegentheil. All sein Tichten und Trachten fiel zusehens dahin aus, daß ihm diese Feyerlichkeit, die im Finstern geschlichen, nicht unbekannt ge- blieben. Er sahe leibhaftig wie das Ziel aus, nach dem geschossen ward. Ich merkte bey aller meiner Zerstreuung, daß Amalia der schmucken Trine des guten Junker Gotthards Abbruch gethan, und ob- gleich er gewiß mehr, als eine, in dieser Ge- gend (wieder sein Ausdruck) auf dem Korn hatte; so schien doch Amalia das Schnupf- tuch empfangen zu haben. Jene mit schwar- zem Haar, wie Ebenholz, wobey eigentlich Junker Gotthard titulo institutionis honora- bili zum Erben eingesetzet war, hatt’ es we- gen der zehn tausend Liebesgoͤtter auf dem Busen, die bis auf zehn reducirt wurden, ver- dorben. Amalia hatte sehr wohl bedaͤchtlich die- sen Abend alles, was ihr nachtheilig seyn konn- te, entfernet; sie allein wollte mit ihrer blonden Stirne siegen und mit ihrem wallenden herauf bebendem Busen, und mit ihrem dahin fliessen- den den Ordensbande, und mit allem, was der Testator so puͤnktlich von ihr angegeben hatte. Ich hoͤrte es Amalien in der Kopie an (das Original, die Probe, war wie bekannt, vorbey,) daß sie von ganzem Herzen dem Junker Gotthard zuspielte, daß ihr Herz alle seine Gedanken und Begierden der Laute an- vertraut hatte, die alles wieder raunte, was sie wuste! Nur Schade, daß es eine Laute war! Wenns ein Waldhorn gewesen waͤre, wuͤrde v. G — es eher verstanden haben. Den Lautenzug verstand er nicht. Amaliens Auge, das wahrlich nicht ins Ohr sprach, sondern vernehmlich sich auslies, dies redende Auge verstand v. G —, wies schien, stellenweise. — Er war eine lebendige Seele worden. — Vater und Mutter, obgleich beyde auch bey dieser Gelegenheit so thaten, als der Haus- vater beym heutigen Namenstage, konnten doch eine gewisse Freude von lichterloh bren- nender goldnen Weste nicht bergen, welche sie uͤber diese Augenvertraulichkeit (es war mehr als Augenumgang) verspuͤrten. Wenn ich den Junker Gotthard nicht, als einen so jagdgerechten Jaͤger und einen, der mehr als eine schmucke Trine und schmucke R 2 Amalia Amalia zu lieben verstuͤnde, gekannt, wuͤrd’ ich ihn stehendes Fußes gewarnt haben; allein jetzt, dacht’ ich, wird sich alles geben. — Da fand ich ein Glas voll Rosen, zwar ausserhalb der Jahreszeit, wie alles am Hof’ und in der Stadt ist, doch anziehend. Vier Rosen waren aufgebluͤht, und eine Knospe. Gott verzeih mir meine schwere Suͤnden, daß mir in einem Musikzimmer, bey so viel Glanz und Lichtern, nur Mine einfiel. — Der graͤf- liche Todtengraͤber liebt auch viele Lichter, und man sage, was man will, Lichter (die Menge thut nichts dagegen) haben etwas melancholisches, etwas von Mondschein bey sich. — Eine heilige! — meine heilige! — mein Schutzgeist — wie in diesem Saal der Eitel- keit? — Wie stimmet Himmel und Erde, See- ligkeit und Weltfreude? Doch, war es nicht bey einer Rosenknospe, ihrem Ebenbild! — Da war dies Knospchen unter ihren auf- gebluͤhtern Schwestern. Es schien gerungen zu haben, sich heraus zu helfen: allein ver- gebens. Bleich, abgezehrt, begab es sich in die liebe Geduld; es spuͤrte wohl, daß es nie zum Aufbruch kommen wuͤrde. Gott dacht’ ich, und sah gen Himmel! Eine Platztraͤne fiel fiel aus meinem zum Himmel andringenden Auge, das ich uͤber diesen Rosenbusch hielt. — Diese Thraͤne! entblaͤtterte die Knospe. — Ob so, oder anders. Die Blaͤtter fielen aus einander, und ich! — — Wer so stirbt, der stirbt wohl. — Ich gieng, oder lief, wie es kam, wie- der in die Stunden. Meine Abwesenheit war mir nicht nachtheilig — ich half mir selbst nach, und da ich mit den besten meiner Bey- gaͤnger, oder Beylaͤufer, collationirte, fand ich hier und da eine andere Ader! Auch gut, dacht’ ich! Man muß Gott mehr gehorchen, als den Menschen. Man muß das Fund, das uns der Herr anvertraut hat, nicht ins Schweistuch vergraben, sondern es anlegen, damit es Fruͤchte bringe, zu seiner Zeit. Mein Vater pflegte zu sagen: alle Philo- sophie will den Menschen still machen. Er- innerst du dich nicht an schoͤne Abende, wo sich kein Blaͤdchen am Baum bewegt, wo die ganze Natur, wenn ich so sagen soll, beym lieben Gott in der Kirch’ ist und Ihn, nur R 3 Ihn Ihn, anhoͤrt; und die Sphaͤrenorgel; wo auch ein Lied: Freu dich sehr, o meine Seele, und vergiß all Angst und Quaal gespielt wird; allein wahrlich von anderm Innhalt, und wahrlich auch in andrer Melo- die, als es deine Mutter singt. Wahrlich, die Philosophie will uns in Stille bringen! Es soll sich kein Blaͤdchen an uns bewegen, kein Vergnuͤgen, kein Schmerz, soll bis zu unsrer Seele eindringen, es sey denn der Schmerz, der Seligkeit wirket, der Schmerz wegen verletzter Pflicht. Nicht jeder Schmerz ist Traurigkeit; nur alsdenn wird ers, wenn er bis zum Gemuͤthe kommt. Nicht jede Ruh’ ist Froͤhlichkeit; sie wird es nur, wenn wir das Vermoͤgen besitzen, alle Vorfaͤlle unseres Lebens aus dem Gesichtspunkte zu betrachten, der uns auf irgend eine Art an dem unange- nehmen Vorfall ein Vergnuͤgen verschaft, eine Sonnbeschienene Stelle zeigt. — Wir sind leidend bey Affekten, schickt sich das fuͤr uns? Schickt sich, paßiv zu seyn, fuͤr Maͤnner? Man verachtet jeden Menschen, wenn er im Affekt ist, Weiber weniger; denn sie sind zum Leiden gemacht. Woher die Verachtung? Weil die Menschheit herabgesetzt ist, und die Thierheit auf dem Throne sitzt und tyranni- sirt? firt? Wohl, recht tyrannisirt. Beym Affekt tritt die dumme Figur ein: Pars pro toto. Der Theil ist so groß, als das Ganze. Ein Theil der Beduͤrfnisse uͤberwiegt Summa Summa- rum aller Beduͤrfnisse. Eine Neigung uͤber- wiegt die Sammlung aller Neigungen. Es ist ein Monstrum, ein Mannskopf und Kind- fuß, oder umgekehrt. Neigung ist schon Schwachheit; indessen behaͤlt sie noch immer eine Klarheit; allein im Affekt, wo bist du Sonne blieben? Der Tag ist schier dahin. — Alle Thiere sind des Vergnuͤgens und Schmerzens, nicht aber der Freude und Trau- rigkeit faͤhig; denn diese entstehen nur als- denn, wenn wir von dem Huͤgel unsers jetzi- gen Zustandes unsern ganzen Zustand uͤber- schauen. So weit reicht das Auge des Thiers nicht; waͤr’s auch ein Elephant. Der Mensch ist Thier; wenn er ergetzt wird, wenn er Schmerz empfindet, kann es ihm wohl ver- dacht werden? Nur ausserordentlich freudig, ausserordentlich traurig zu seyn, ist ihm un- anstaͤndig. Der Eifer fuͤr des Herrn Haus, der edle Zorn fuͤr die Rechte der Weisheit, die Ent- zuͤckung uͤber das Gluͤck der Menschheit, klei- den einen Menschen; weil sie den Menschen R 4 dahin dahin leiten, wo kein Affekt mehr seyn wird. Dies Reich Gottes (mein Vater nannte Reich Gottes was zwar hinein gehoͤrt, allein es eben nicht ist, Pars pro toto ) wird schon in dieser Welt kommen, kann kommen; allein dort ists gewiß, drum ewige Ruhe! Die Suͤnde ist der Menschen Verderben, und das Verderben ist die Quelle aller das Gleichge- wicht habenden Leidenschaften, sie moͤgen uͤbri- gens seyn, welche sie wollen, angenehm oder unangenehm. — Am Ende sind sie all’ un- angenehm, glaubt mir! Diese Predigt, welche meinen Lesern kei- nen Dreyer in den Seckel gekostet hat, diese Wiederhohlung einer parenaͤtischen Stunde, wie wandt’ ich sie an? So wie man gemein- hin alle Predigten ohn und mit dem Seckel anzuwenden pflegt. Fast koͤnnt’ ich sagen, daß ich dies alles angesehen, wie die Henne ihre Ausbrut junger Enten, womit sie die Hausmutter betrogen hat, wenn sie schwim- men. Es ist noch lange nicht alles gesagt in der Welt, was gesagt werden kann, weit we- niger ist alles gethan. Was that ich aber? Was konnt’ ich thun? Da Mine lebte, sah’ ich sie uͤberall. Ich studirt’ an ihrer Hand. Jezt, da sie im Himmel ist, ruhete ihr Geist auf auf dem Meinigen. Ich konnte nicht so gluͤcklich seyn in L—, wo ihre Gebeine ruhe- ten, koͤrperlich mit ihr zusammen zu seyn, und eben dadurch, nach der Meynung des Gra- fen, laͤnger sie zu haben, laͤnger sie zu besitzen. Es war mithin alles im Geist. Wahrlich, unsere Liebe war Geist zu Geist, war himm- lisch, war auserwaͤhlt — ich wallfahrtete so oft ich konnte auf alle Kirchhoͤfe, christliche und unchristliche, und las mir einen aus, wo ich Minens Andenken stiften wollte. Diesen fand ich an einer Kirche, die man die Roß- gaͤrtsche nennt. Der Tod, Freunde, ist natuͤrlich fuͤrchter- lich! Der Denker, der sein eigen Licht hat, und der gemeine Geist, der sein Licht von der Sonne borgt, muͤßen gleicherweis ihre Zu- flucht zur Kunst nehmen, um den Tod sich leidlich vorzustellen, und da kommt es mit auf die Oerter an, wo man uns hinbringt. Gewoͤlbe sind das nicht Oerter, wo einem Angst und bange wird. Der Moder, der Todtengeruch, womit wir unsere Kirchen ver- pesten, wie schrecklich zieht er dahin und da- her, wenn er eingemauert wird? Bringt den Todten in die freye Luft, er ist leben- R 5 dig. dig. — Schließt den Gesundesten ein, er verweset. — Meine Kirchhofsidee fand ich auf dem roßgaͤrtschen Kirchhofe am gruͤndlichsten in ganz Koͤnigsberg ausgefuͤhrt. Ein vortreflicher gruͤner Platz, mit Baͤu- men unordentlich besetzt, zuweilen viere nicht weit von einander, und unter ihnen ein Grab, das sie bedecken, zuweilen ganze Stellen, als ein Wald, und dann ein Monument, wie ver- lohren, nicht nach Regeln der Kunst, sondern schlechtweg gearbeitet. — Ein lebendiger Zaun unterscheidet einen kleinern Kirchhofstheil vom groͤssern. — So vortrefliches Grasgruͤn auf diesem eingeschloßnen Platz, daß man sich das Auge dran staͤrken kann. Vielleicht wird hier das Taufwasser ausgegossen. Die andre Seite dieser Kirchhofs-Parenthese gehet nach dem Wasser. Dieser Einschluß, dieser Kirch- hof im Kirchhof, dieser Status in Statu, nimmt die Gebeine der verstorbenen Herrnhuͤter an Kindesstatt an, die, nach dem sehr precisen herrnhutschen Kunstwort, das auch dem Gra- fen v — eigen war, nicht sterben, sondern heimgehen. Da ich nach meines Vaters Weise bey allen dergleichen Dingen durch die große Pforte zu gehen gewohnt war; so blieb ich ich auch mit meiner Mine auf dem unver- zaͤunten Hauptkirchhofe. O hier ist gut seyn! Man kann sich auf diesem Kirchhofe kaum des Gedankens erwehren, daß die Abgeschie- denen hier im Mondenschein sich regen und bewegen, wie meine Mutter sich ausdruͤcken wuͤrde. Der Todtengraͤber dieses Sprengels woh- net ohnweit dem Kirchhofe; sein Hauptfen- ster gehet hinein. Da er mich unfehlbar mit Einem Gesichte, worauf Tod und Begraͤbnis deutlich zu lesen war, herumwanken und Stell’ und Ort suchen sahe, kam er mit einer eiser- nen Stange zum Vorschein, und fragte mich, was mein Begehren sey? Die eiserne Stan- ge diente ihm beym Grabmachen, um zu ver- suchen, ob auch tief genug, ohne einem fri- schen Sarge zu nahe zu kommen, gegraben werden konnte. Ich kann den Kirchhof em- pfehlen, wenn es was zu begraben giebt, fieng er zu mir an. Wie sehr uͤberraschte mich der Todtengraͤber mit seiner Stange und sei- ner Frage! Ich erwiedert’ ihm mit schwerem Herzen, daß ich ein Liebhaber von Kirchhoͤfen waͤre, und eben einen getroffen haͤtte, der mir sehr gefiel. Sie sind nicht der erste, der die- sen Kirchhof schoͤn findet. Der Graf v — besucht’ besucht’ ihn, so oft er nach Koͤnigsberg kam. Ich bin bey ihm einige Jahre in Dienst ge- wesen, sezt er hinzu. — So, dacht’ ich, bist du ein wuͤrklich ausgelernter zuͤnftiger Tod- tengraͤber, bey solch einem Meister! — Nach diesen Umstaͤnden fand ich es nicht laͤnger schwierig, diesen ausgelernten Todten- graͤber in mein Herz tiefer hinein sehen zu lassen. Ich habe, sagt’ ich, eine Schwester verlohren, die ich sehr liebte, und an die ich gern hier auf diesem Kirchhofe denken will. Ich gehe darauf aus, mir einzubilden, daß sie hier begraben sey, um mich mit dem An- denken an sie desto fester zu binden, das dau- ren soll, bis daß auch ich begraben werde. Sterb ich in Koͤnigsberg, versteht sich, ist hier mein Grab. Der Todtengraͤber, dem mit dergleichen idealischen Graͤbern, bey denen er seine Stange nicht brauchen konnte, nicht im mindesten gedient war, widerrieth mir, ob- gleich er einige Jahre beym Grafen v— ge- dient, diese Imaginationen, die keinem Men- schen was einbraͤchten, wohl aber dem, der sich mit ihnen in Vertraulichkeit einlaͤßt, an Leib und Seel schaden koͤnnten. Ich glaubte zu merken, worauf es bey diesem Ehrenmann ankaͤme, und nachdem ich mich seiner Gebuͤh- ren ren halber erkundiget, und ihm noch einmahl so viel in die Hand gesteckt hatte, als ein wuͤrkliches Grab galt, weil ich ein idealisches Grab bey ihm bestellte; so fand er weniger Bedenklichkeit bey meiner Sache, und lies es mir selbst uͤber, ein Plaͤtzchen fuͤr meine Phan- tasie auszusuchen. Er fragte mich zum Be- schluß, wie alt ich waͤre, und schuͤttelte, da ich ihm antwortete, den Kopf. Ich fragt’ ihn zur Wiedervergeltung, wie lange er beym Grafen v— gedient haͤtte, und schuͤttelte, da er mir antwortete, sieben Jahr, auch den Kopf. Wir hatten, glaub’ ich, beyde gleiche Ur- sache zum Schuͤtteln. Ich suchte hin und her eine Stelle fuͤr mich zum Monument, und sah endlich einen Baum, den ein andrer nicht blos angefaßt hatte. Er hatte sich hinan gewunden. Der Todtengraͤ- ber, der seine Amtspflicht vollbracht hatte, und mit seiner Stange nach Hause zu gehen im Begrif war, sahe sich zum Gluͤck noch ein- mal um. Ich winkt’ ihm nicht; allein er sa- he die Frag im Aug’ und kam. ich. Diese Baͤume er. von selbst zusammen ich. selbst? er. er. ohne Menschenhaͤnde. ich. und begraben? er. ein junges Paar. ich. Paar? er. wie ich sage. Schade, daß ihr Verlust eine Schwester ist, sonst eine Stelle fuͤr Sie, wie gewonnen. ich. Wer zuerst? er. sie. ich. Gott! er. es war ein Maͤdchen, das Liebe hatte, bey jung und alt. Die Eltern, wies doch immer so geht, wollten sie zwingen, und sie wollte sich nicht zwingen laßen. Sie liebt’ einen jungen Menschen, deßen Vater das ist, was ihr Vater ist. Kein Finger- breit mehr, oder weniger. Die Eltern wollten hoͤher mit ihr heraus; endlich sa- hen sie, es gienge nicht, denn das Maͤd- chen graͤmte sich zusehens. In der Gemei- ne kenn’ ich meine Kundleute aufs Haar. Da sollten wohl zehn eingeschnuͤrte ver- heimlichte Schwangerschaften der Hebam- me des Creyses eher entgehen, als mir ei- nes, das an Grabes Bord ist, obgleich ich auch mich auf die gesegneten Umstaͤnde und Leibeserloͤsung, wiewohl nur nach Augen- maas, maas, verstehe. Ein Aug’ ist bey unser Einem die andre Hand. — Diesmahl glaubt’ ich schon, mich zu irren. Ich irrte mich wuͤrklich; die Eltern sagten endlich Ja zur Heyrath, und alles sagte Ja. Das Maͤdchen erhohlte sich zusehens. Verlo- bungen kommen unser Einem selten zu Oh- ren. Die Leute halten mich fuͤr ein Stuͤck vom Tode, fuͤr einen Verwandten des To- des, und wollen mit dem Tode bey der- gleichen Gelegenheit nichts zu thun haben; obgleich der Tod immer hinterm Stuhl steht, es sey bey einer Verlobung, oder sonst. Es ist, duͤnkt mich, zu sehen, daß ich so gut lebendig bin, wie einer, und wenn der Tod bedenkt, daß unser Einer ihm gewiß ist, und daß er ihn aus der er- sten Hand hat, so geht er lieber auf die Jagd, als daß er nach dem Haushahn greift. — ich. Das Maͤdchen, Freund, das Maͤdchen erholte sich — er. Ja wohl, erhohlte es sich. Ist die Ver- lobung nicht vorgefallen; so haͤtte sie doch vorfallen sollen. Es war alles: Ja und Amen, und da starb es, wie eine Knospe Rosenroth, und nun giengs ans Heulen und Zaͤhnklappen. ich. ich. und er? er? er. er? weis Gott wies war, er ist am Tode gestorben. Es hat ihm so wenig gefehlt, wie Ihnen und mir. Sie starben einan- der so nach, wie Blitz und Donner. So was hat man bey Menschen Gedenken nicht erfahren! Die Nachbaren und desgleichen sagten nun freylich wohl, daß der liebe Gott an ihnen ein Exempel statuiret, weil sie doch vom verbotenen Baum essen, und den lieben Eltern der Braut ungehorsam wer- den wollten. Sie meynten es gut mit ihr, und dachten hoͤher mit ihr heraus. — ich. Ach Freund! Sie ist hoͤher heraus, wie wir alle! er. Ja, wenn Sie’s so nehmen, hab ich nichts dawider. Sonst pflegts zu heissen: wer den Eltern nicht folgt, der folgt dem Kalbfell. Hier gieng sie einen andern Weg, und er folgte. (Das Spruͤchwort: wer den Eltern nicht folgt, folgt der Trummel, fiel mir so auf, daß ich aus der Weise kam; indeßen er- hohlt’ ich mich nach einer kleinen Weile, und lenkte das Gespraͤch zuruͤck auf ihn und sie.) ich. Aber diese Baͤume? er. er. Ein lebendiger Leichenstein, zum Zeichen der froͤhlichen Auferstehung gesetzt. Ihr setzten seine Eltern diesen lebendigen Lei- chenstein, ihm die Mutter der Seligen, mit Zuziehung der Kirchhofs-Obrigkeit. ich. Mit bebender Hand. — er. Kann nicht sagen, was man setzt, muß mit Herz und Hand gesetzt werden, sonst gehts auch so fort. — — Ohne mich kann kein Grab gegraben und kein Baum gepflanzet werden. Auf diesem Acker bin ich, ohne Ruhm zu melden, Gottes Gaͤrt- nierer, so wie der Herr Pfarrer sein Diener ist in der Kirche. — Die Mutter der Se- ligen hatte den Glauben, daß dies Paar- chen dort Hochzeit machen wuͤrde; obgleich ichs ihr ohn End’ und Ziel sagte, sie werden dort weder freyen noch freyen laßen. Noch kann sie Niemand von den Gedanken ab- wendig machen; ich wenigstens gebe meine Kunst auf: denn sehen Sie die Baͤume wurden mit Herz und Hand so hingesetzt, mir nichts, dir nichts. Wahrlich ein stark Stuͤck! Dieser Baum da, auf Ehr und Redlichkeit, schlung sich um den andern so herum, daß es nun freylich so aussieht, als waͤren sie um einander gewunden. S Wie Wie mich diese Zugabe des Todtengraͤ- bers geruͤhrt, mag jeder meiner Leser selbst empfinden, der sich dies in einander geschlun- gene Paar Baͤume so lebhaft vorstellen kann, als ich! Da lag ich, und Mine im Geist in meinem Arm! Die Baͤume — waren Linden. Bis hieher hat der Herr geholfen, sagte Samuel, da er einen Stein zum Altar hin- legte, und auch ich; ihr wißt es, ihr heiligen Graͤber und ihr Baͤume, die ihr mit ihnen so nahe verwandt seyd, ihr wißt es, wie ich bey diesem Altar bewegt war, den ich naͤchst Gott Minen setzte. Der Todtengraͤber war weg. Ich allein. — Ein heiliger Schauder nach dem andern nahm mich, als wenn diese oder jene abgeschiedene Seele auf und in mich wuͤrkte, und nun, da ich mir selbst zu schwer war, fiel ich auf Gottes Gartenacker, von wo ich beyde Haͤnde offen gen Himmel hob, als wenn mir Gott einen sanften seligen Tod hinein legen sollte. O wahrlich! ich bettelte drum, siehe da fiel ein welkes Blatt auf meine Rechte; dies nahm ich und gieng gesegnet in mein Haus; noch liegt dies Blatt in der Bi- bel, die mir mein Vater auf den Weg gab. Wie mir diesen Einweihungsabend war, ver- mag ich nicht auszudruͤcken. Oft hab’ ich ihn ihn wiederhohlt, den vortreflichen Abend! ohne daß mich der Todtengraͤber weiter mit seinem Spies stoͤhrete. — So oft wir uns uͤberfielen, berichtigte ich ihm meinen Canon. — Einen schoͤnen Abend, da der Mond die Nacht regierte, gieng ich tief andaͤchtig zu meinem Altar, und siehe da, der Koͤnigliche Rath kam, stellte sich vor ein Grab, sahe in den Mond und aufs Grab, wies mir vorkam so lange, bis die Thraͤnen ihm nicht mehr er- laubten, in den Mond und aufs Grab zu sehen. Ich glaube nicht, daß er mich be- merkt hat; allein ich habe ihn weinen gese- hen, weinen, und das beym Mondenschein. O! wie schoͤn die Thraͤnen da aussehen! Er war mir von je her schaͤtzbar; seit diesem Abend aber war er es mir unendlich mehr. Es kamen und giengen viele Leute dieses We- ges, und dies war das Einzigste, was mir auf diesem Kirchhofe misfiel, und meine An- dacht unterbrach. Denn wahrlich die wenig- sten sahen, wie der Koͤnigliche Rath, in den Mond und auf ein Grab, bis die Thraͤnen es nicht mehr verstatteten. Die wenigsten wall- fahrteten einer Mine wegen an dieser heiligen Staͤte. Ich hab’ ihn auch nie mehr an S 2 diesem diesem Grabe weiter gefunden; allein nie bin ich seine Thraͤnenstelle vorbeygegangen, ohne dran zu denken, daß dieser in der Welt so ge- faßte Mann hier weinte. Bey dieser Gelegenheit freue ich mich, auf den Koͤniglichen Rath zu kommen, der, wie alle Obristen im Volke, nur des Nachts, nur beym Mondschein, weinen konnte. Die Abhandlung uͤberlieferte ich sogleich nach meiner Ankunft dem Verleger, ohne, nach der dem guten Prediger gegebenen Ver- heissung, seinem Bruder hievon einen Strahl leuchten zu laßen. Ich indessen stellte auf meine eigene Hand dies Werk und den koͤnig- lichen Rath zusammen, und uͤberzeugte mich je laͤnger je mehr, daß ihm mit der Zuschrift nicht sonderlich gedient seyn wuͤrde. Ich er- zaͤhlte dem Koͤniglichen Rath meine Geschichte mit aller Treue, und hatte Gelegenheit, zu bemerken, daß er auch ohne in den Mond zu sehen, empfinden und Theil nehmen konnte. Es war hoch am Tage. — Weinen nur konnt’ er ohne den Mond nicht. So lieb, als in meine Stunden, und waͤren sie auch beym Professor Grosvater gehalten, gieng ich in seine kleine Abendgesellschaften, wo ein Koͤnig- licher Rath, sein College, ein Officier, ein Pre- Prediger und ich, mit Leib und Seele waren. Selbst, wenn er es nicht laͤnger aussetzen konnte, und er ein Mittagsmahl gab, wo mehr gegessen und getrunken und weniger ge- sprochen ward, und wo der Koͤnigliche Rath, sein College, der Officier, der Prediger und ich, nichts mehr thaten als vorlegen, selbst da, hielten mich manche Anmerkungen schad- los, die der Koͤnigliche Rath zuweilen zum Besten gab. — Es ist viel, einen Mann von seinem Stande zu finden, der zu Gott, der Natur, und zu sich selbst zu kommen verstand, wie sein College Nicodemus zu Christo. Der College des Koͤniglichen Raths, mein Mit- gast, ein Mann von anderm Schrot und Korn, haͤtte nicht geweint, wenn sich der Mond gleich seinetwegen alle Muͤhe gegeben. Man nannt ihn ein juristisches Genie, das heißt, er fieng seine Sentenzen nicht mit All- die weilen, sondern mit Alldie weil an, schrieb nicht: Wie Recht ist von Rechtswe- gen, sondern von Rechtswegen, lies den Buchstab h bey vielen Worten weg. — — Das lezte mahl, da ich diesen Altar be- suchte, lies ich es darauf nicht ankommen, ob ich dem ehemahligen siebenjaͤhrigen Bedienten des Grafen v — und jetzigen wohlbestalten S 3 Tod- Todtengraͤber des Rosgaͤrtschen Kirchhofs, oder Gottes Gaͤrtnierer, in dem Sinn, wie der Prediger des Orts Gottes Diener ist, be- gegnen wuͤrde. Ich war verbunden, ihm Minens Grabmal zuruͤck zu treuen Haͤnden zu liefern, und mich mit ihm, neben dem Dank fuͤr dieses Begraͤbnis der Einbildung, auf eine wuͤrklich fuͤhlbare Art abzufinden, des Canons ungerechnet, den ich ihm, so oft ich ihm begegnet, abzutragen fuͤr Pflicht gehal- ten. Ich klopfte an sein Fenster. Gleich, war seine Antwort, und da stand er auch mit seinem Spies in der Hand, das er laͤchelnd ansahe, nachdem er mich gewahr ward. Er war es nicht gewohnt, daß ich ihn auf diese Art aufrief; Sich zu begegnen war einge- fuͤhrt. Hier, fieng ich an, lieber Freund, geb ich dies Grab frey von aller Einbildung, die bis jezt darauf haftete, zuruͤck. Die Gebeine des guten Paares, das in dieser Welt, des Ja und Amens unerachtet, nicht zusammen kommen konnte, das an der Liebe starb — moͤgen wohl ruhen! Ich ziehe mit meiner Todten von dannen, die dies Grab, so lange ich sie hier beygesetzt, nicht beunruhiget hat. Mein Begraͤbnis war geistisch gerichtet. Da wolt’ ich wetten, sagte der Todtengraͤber, und stuͤtzte stuͤtzte sich auf sein Spies, diesem Paar wird es ein Vergnuͤgen gewesen seyn, ein ander Paar guter Freunde bey sich zu sehen! Die Gesellschaft kann auch den Todten nicht unan- genehm seyn. Von je her sind Kirchhoͤfe ge- wesen. Hier fiel mir die Sterbensmethode des Grafen ein, die auch auf Gesellschaft hin- ausgieng. Von der Erde, womit der liebe Gott von Anfang, da er Himmel und Erde schuf, diese Kugel bestreute, so wie meine Hausmutter alle Sonntage unsere Prunkstu- be, wird wohl schwerlich viel mehr uͤbrig seyn. In dieser Anfangserde war freylich kein pul- verisirtes Gebein; allein unsere jetzige sind wir selbst, bis auf die Seele! — — Nach diesen Betrachtungen, welche der Todtengraͤ- ber in beliebter Kuͤrze und Einfalt, auf sein Spies gelehnt, nicht ohne Bewegung der Haͤnde, bald zur Rechten, bald zur Linken, hielt, und worinn ich seinen Hochgebohrnen Meister in Lebensgroͤße fand, berichtigte ich ihm meine Schuld, und er kam zur Nutzan- wendung seiner angefangenen heiligen Rede, die zwar seinem Text nicht angemessen war, die indeßen aus gutem Herzen quoll. Vor allen Dingen, fieng er an, schenke Ihnen der liebe Gott Gluͤck und Segen und ein langes S 4 Leben! Leben! Bey Ihnen verliert der Todtengraͤ- ber nichts bey lebendigem Leibe, wenn ich aber bitten darf, begraben Sie Ihre Einbil- dung auf diesem schoͤnen Kirchhofe, wo es Ihnen gefallen hat. Jeder Platz soll Ihnen gehoͤren, den herrnhutschen gruͤnen Einschlus nicht ausgeschlossen. Es ist keine Schwester, der sie hier im Geist ein Grabmahl errichtet! Ich weiß, was Schwester sagen will. Die begraͤbt man ohne Einbildung, und, wenn ichs selbst nicht wuͤßte, mein Weib weiß mehr, als das. Da stirbt keins vom Koͤniglichen Hause, was ihr nicht voraus gemeldet wird. Wunderbar verkehrt sie im Schlaf mit den Geistern. Das Paar, das unter den zusam- mengewachsenen Baͤumen schlaͤft, ist ihr mit dem Herzen zusammengewachsen. Sie laͤßt auf dies Paar nichts kommen. Sie, mein Herr, haben eine Braut verlohren. Ja, sagt’ ich, meine Mine! — Den Namen wußt’ ich nicht, erwiedert’ er. Geister haben kei- nen. Minens Geist, Freund, heißt Mine, fiel ich ein. Einbildung, und diese Einbil- dung, wenn ich bitten darf, begraben Sie sie. Es ist Raum in der Herberge. Das Grab haben Sie reichlich bezahlt! Ich will es ei- genhaͤndig machen. Sie sind jung, und wißen wißen nicht, was solch eingebildetes Wesen fuͤr Folgen hat. Seit einiger Zeit war mein Vorsatz, Sie aufzusuchen und Ihnen diese Lehre zu wiederhohlen, die ich Ihnen beym Miethscontrakt nicht verhielt. Konnt’ ich aber so grob seyn, und Sie aus der Miethe setzen, ehe Sie sie mir selbst aufzukuͤndigen genehm finden wuͤrden? Heute alles, wie gerufen. Der Todtengraͤber belegte seine Er- mahnung mit einer Geschichte, die vor kur- zem ihre Endschaft erreichet hatte. Es ver- droß mich, daß so etwas auf dem Rosgaͤrt- schen Kirchhofe geblieben, ohne daß ich in meinem Quartier der Stadt davon eine Tod- tenglocke gehoͤrt. Was liegt nicht alles auf den Kirchhoͤfen begraben! In großen Staͤdten ist Vergnuͤ- gen der Inhalt. Das Wort Tod ist hier so contreband, als das unhallische Salz in Preußen. Hier ist diese Geschichte, womit ich diesen Kirchhof schließe, so wie ich ihn mit einer Geschichte meinen Lesern oͤfnete. Zuvor eine Todtengraͤber Bemerkung, die meinen Lesern nichts Neues ist, daß mehr Leute an der Liebe sterben, als an den Blattern. Die Schuld hievon gehoͤrt auf die Rechnung des Zwangs, den man den Menschen auflegt. S 5 Man Man hat so viel uͤber die Kloͤster geschrieen; allein wahrlich jeder Staat macht recht ge- flissentlich ein großes Kloster aus sich! — Die Geschichte. Ein Eigenthuͤmer von einigen Hufen Acker, und einem kleinen artigen Haͤuschen, hatte ei- nen Sohn und eine Tochter. Eltern und Kinder lebten in so gluͤcklicher Ruhe, daß der Pastor loci selbst zu sagen pflegte, es waͤre ein patriarchalisches Leben, das sie fuͤhrten. Der Sohn kam ins Jahr, in dem sein Vater ge- heyrathet hatte. Dies fiel dem Alten an sei- nes Sohnes Geburtstage ein, und er fordert’ ihn selbst auf, an dies heilige Werk der Na- tur zu denken. Der Sohn hatte schon daran gedacht, und entdeckte dem Vater seine Ab- sichten. Anwerbung, Verlobung und Hoch- zeit waren so nahe zusammen, daß alles wie eins war. So solt’ es auch immer seyn. Gretchen, so will ich die Tochter des Hauses nennen, (ohne Pastors Gretchen in L— im mindesten zu nahe zu treten,) hatte das groͤste Recht von der Welt zu erwarten, daß ihre Mutter sie eben so auffordern wuͤrde, als es der Vater in Ruͤcksicht ihres Bruders nicht ermangeln lassen. Sie war ein und zwanzig; ihre ihre Mutter hatte im zwanzigsten geheirathet. Diese Aufforderung blieb aus. Boͤse war es hiebey nicht gemeynt; die Muͤtter haben ge- meinhin die Ruͤcksichten nicht in diesem Punkt fuͤr ihre Toͤchter, die die Vaͤter fuͤr ihre Soͤh- ne haben. Gretchen machte diese verfehlte Aufmerksamkeit ihrer sonst lieben Mutter nicht die mindeste Sorge. Sie fiel ihr nicht einst ein. Wenn werden denn wir, sagte Hans ihr Geliebter, es so machen, wie dein Bruder mit seinem Gretchen? Hans war nicht mit seiner Liebe in der Festung; allein voͤllig im Freyen war er auch nicht. Er war nicht blos auf die Waͤlle eingeschraͤnkt, sondern konnte Sonntags und Festtags Gretchens El- tern besuchen, Gretchen sehen, ihr verstohlen die Hand druͤcken, und beym Weggehen ihr gerades Wegs die Hand geben; bey welcher Gelegenheit ihm aber die Hand so zitterte und bebte, daß er sie kaum hinlangen konnte. War niemand dabey, als Gretchen und Er, war sie ihm fest in allen Gelenken. Es war ein starker Hans an Leib und Seel. Gedacht moͤgen die Eltern uͤber Hansens Liebe viel ha- ben; allein gesagt hatten sich Vater und Mut- ter kein Wort. Unser Paar liebte sich so in- bruͤnstig, als man nur lieben kann, und doch so so unschuldig, so rein — Gretchen hatte ihrem Hansen viel von dem schoͤnen Meyer- gute erzaͤhlt, das ihr Bruder mit bekaͤme, und Hausen, obgleich er kein andres Eigen- thum, als eine unbefangene Seele, und ein Paar gesunde Haͤnde, besaß, waͤr es nicht eingefallen, daß das Guͤtchen, worauf Gret- chens Eltern waren, ihm mit Gretchen zufal- len wuͤrde, wenn Gretchen ihn nicht selbst darauf gebracht haͤtte. Der Sohn, der sonst das naͤchste Recht gehabt, war jetzo wohl ver- sorgt. Das liebe Eigenthum; es hat mehr Unheil, als dies, angerichtet. Hans machte sich den Kopf so warm mit allerley Entwuͤr- fen, die er, wenn Gott will, auf diesem Guͤt- chen ausfuͤhren wuͤrde, daß sein Paar ge- sunde Haͤnde am Werth verlohren. Gret- chen merkte, daß Hans mit etwas umgieng; indessen wußte sie nicht, was es war. Einst sagte sie ihm, du hast da etwas im Kopf, und sollst doch nur etwas im Herzen haben. Hans indessen hatte Gretchen bey seinen Ent- wuͤrfen nicht vergessen. Alles macht’ er an ihrer Hand. Ein Stuͤck uncultivirtes Land wollt’ er erziehen, und es sollte Gretchenfeld heissen. Dort sollte ein Gang angelegt wer- den, und der sollte Gretchenhall genannt wer- den. den. Der arme Hans! Was ihm sein Guͤt- chen, das er nur in Gedanken besaß, schon fuͤr Gedanken machte. Gretchen hatte ihm so viel von der Anwerbung und Verlobung und Hochzeit ihres Bruders erzaͤhlt, daß nichts druͤber war, nur einen Umstand hatte sie verschwiegen, daß nemlich ihre Schwaͤge- rin einen Bruder haͤtte. Die Meyerey, wel- che das neue Ehepaar bezogen, lag zwey Mei- len von dem Guͤtchen, das Hans in Gedan- ken, und sein kuͤnftiger Schwiegervater wuͤrk- lich besaß. Nach einiger Zeit kamen das neue Paar und die Seinigen, Gretchens Eltern zu besuchen. Der erste Stoß, den Hans ans Herz erhielt, war die Nachricht, daß Gret- chens Schwaͤgerin einen Bruder haͤtte. Auf diesen Umstand war Hans nicht gefaßt, und warum? fragt’ er sich selbst, warum hat sie mir das gethan, und kein Wort daruͤber verlohren? Sich so in Acht nehmen, wer kann das ohne boͤses Gewissen? — Hans hatte nicht so ganz unrecht, so zu fragen; allein Grete war unschuldig, wie die Sonn am Himmel. Es blieb nicht bey dieser Un- ruhe. Hans ward zu den unschuldigen ein- fachen Gastmaͤlern, welche in dem Hause sei- ner Schwiegereltern angestellet wurden, nicht gebe- gebeten. Zwar haͤtt’ er diese Tage fuͤr Fest- tage ansehen, und von selbst gehen sollen; allein dieser Entschluß, wenn er gleich zuwei- len wollte, konnte nicht aufkommen. Gret- chens Bruder, der voll von seinem Weibe war, und der seinen leiblichen Bruder druͤber in den Tod vergessen haͤtte, besuchte zwar Hansen, seinen alten guten Freund; indessen war es nur so beylaͤufig. Hans, der ein- mahl ins Auslegen gekommen war, deutet’ alles zu seinem Nachtheil. Das schoͤne Wet- ter schien ihm als von Gretchen bestellt, um mit ihrer Schwaͤgerin Bruder spazieren zu gehen, und auch der Regen gehoͤrte auf ihre Rechnung; damit sie ungestoͤrter mit ihm lie- ben konnte, regnet’ es. Sieh! dacht’ er: auch selbst von der Natur will sich die Unge- treue und ihr Liebling nicht einst stoͤren lassen. In diesen Vorstellungen vergiengen einige Tage, die Hansen in der Hoͤll und Ouaal nicht haͤtten waͤrmer seyn koͤnnen. Nun sehnte er sich nach Gretchen, nicht, um von ihr diese Raͤthsel loͤsen zu laßen, sondern ihr Vorwuͤrfe zu machen, und ihr das Guͤtchen wieder zuruͤck- zugeben, das er von ihr erhalten, und eben nun begegnete ihm Gretchens Vater, der ihn bey der Hand nahm und zum Abend einlud. Wo Wo so lang gewesen, fragte der Alte? Hans antwortete nur blos durch eine Pantomime, indem er den Hut abzog, und wieder auf- setzte. Hans gieng mit dem Alten, und alles kam ihm veraͤndert vor. Es war ein Kaͤlber- braten aufgetischt, und Gretchens Mutter fieng an: da kommt ja Hans recht zum ver- lohrnen Sohnbraten. Das verlohrne fiel ihm sehr auf. Gretchen war zwar freund- lich gegen Hansen; allein eben, weil sie freundlich war, fand er Nahrung fuͤr seinen Argwohn, und was weiß ich, was er aus ih- rer Unfreundlichkeit geschloßen. Nach dem Abendessen gieng man in die Luft, und da Gretchen den Fremden in dem Guͤtchen her- umfuͤhrte, und ihn alles Schoͤne desselben mit Aug und Haͤnden greifen lies, kam es Han- sen nicht anders, als eine Schlange vor, die in Gestalt eines Junkers den Herrn Christum auf der Zinne herum fuͤhrte, und ihm das al- les anbot, wenn er niederfallen und ihn an- beten wuͤrde. Der Fremde fand alles so al- lerliebst, daß er mehr als einmahl den Wunsch fallen lies, wie ihm dies Guͤtchen viel besser als der vaͤterliche Meyerhoff gefiel, der ihm bestimmt war. Nun war Hans bis zur letzten Stuffe der Verzweiflung gebracht. Gret- Gretchen, die seine Unruhe merkte, wollte sich mit ihm eine Lust machen, und schien den Fremden aufzumuntern. Sie war froh und laͤchelte, weil sie sahe, daß Hans sie so liebte, und Hans that froh und lachte auf eine recht schreckliche Art. Dies war der letzte Abend, den die Gaͤste bey Gretchens Eltern zubrach- ten. Hans hoͤrte unaufhoͤrlich bitten, wenn es ihnen Allerseits gefallen, doch bald wieder zu kommen. Auch Gretchen bat. Hansen kam es vor, daß es blos seinen Nebenbuhler galt. Sah sie ihn nicht an? fragt’ er sich. Hans gieng voller Verzweiflung von hinnen. Er lachte, da er gieng. Den andern Mor- gen, als er alles zusammen rechnete, (bis da- hin lag alles ungezaͤhlt, unberechnet) was er gesehen und gehoͤrt, war sein Entschluß ge- faßt, wozu Gretchen ihm die Hand bot. Es jammert’ ihr sein. Sie wollte ihren Vielge- treuen beruhigen, und legt es recht geflissent- lich an, mit ihm ins Feld zu gehen. Er, gleich da, was ist dir aber, fuhr Grete fort. Es wird sich, erwiedert’ er, im Freyen geben, solt ich denken. — Gretchen wolt’ es anfaͤng- lich heimlich machen, endlich entschloß sie sich, von ihren Eltern die Erlaubnis zu diesem Gange zu bitten. Dies kleine Opfer, dachte sie, sie, bin ich Hansen wegen des Kummers schuldig, den ich ihm gemacht habe. Mit Hansen sagte der Vater? und laͤchelte. Die Mutter sagte so ? und laͤchelte desgleichen. Gretchen haͤtte zu keiner erwuͤnschtern Stunde diese Erlaubnis bitten koͤnnen. Vater und Mutter hielten in Gegenwart Gretchens einen Rath uͤber sie und das Ende war: Grete solte Hansen zum ehelichen Gemahl haben. Ja doch, sagte der Vater, ich muß Jemand ha- ben, der mir zur Hand geht; allein halt ichs nicht mehr aus. Ja doch, sagte die Mutter, der es jetzt einfiel, was ihr laͤngst haͤtte ein- fallen koͤnnen, daß sie schon ein Jahr fruͤher geheyrathet haͤtte. Grete stand da, so froh, daß sie ihren Eltern vor Freude nicht danken konnte. Das, duͤnkt mich, ist der beste Dank, fuͤr Erkenntlichkeit nicht zum Dank kommen koͤnnen. Dieses Gespraͤch hielte Grete uͤber die Zeit auf, die verabredet war. Hans war schon unruhig. So fand sie ihn. Du wirst schon ruhig werden, dachte sie, hiebey zielte sie auf den Rath, den ihre Eltern geflogen hatten; allein sie lies sich nichts merken. An- faͤnglich wollte sie ihr Lustspiel fortsetzen. Hans war ihr aber zu ernsthaft. Sie besann sich bald, und zog ein ander Kleid an; das T natuͤr- natuͤrlichste, das beste. Ihre Eltern hatten so gar ihr nicht verboten, Hansen zu sagen, was geschehen war, und waͤr’ es ihr verboten gewesen, wie haͤtte sie sich helfen koͤnnen? Lieber Hans, fieng sie an, und nahm ihn bey der Hand. Ha, dacht’ er, Mitleiden! Wie es mit solchem Mitleiden ist, wissen wir alle. Solch Mitleiden ist das empfindlichste, was ich kenne. Nichts thut so weh, als dies. Mitleiden kann zuweilen der Liebe Anfang seyn, noch oͤfter aber ist es das Ende der Liebe und ein schreckliches Ende! Du bist boͤse, daß ich so spaͤt gekommen, fieng Gretchen an. Betruͤgerin, dachte Hans, ohne mehr zu sa- gen und zu thun, als sich den Hut tiefer zu setzen. Jetzt waren sie so weit, daß sie von dem vaͤterlichen Guͤtchen voͤllig entfernt wa- ren. Nur zwey Stiere, die sich von der Heerde verlaufen hatten, waren ihnen nach- gekommen, woruͤber sich Gretchen wun- derte, Hans aber nicht. Eben wollte Gret- chen ihrem Hansen erzaͤhlen, was vorgefal- len war, und wozu sich ihre Eltern von freyen Stuͤcken entschlossen haͤtten, als Hans sie faßte, sein Mordmesser zog und ihr zehn Wunden beybrachte. Seine Hand zitterte und bebte nicht, als wie vorhin, wenn er aus aus ihres Vaters Hause gieng, und Gret- chen oͤffentlich die Hand reichte. Gott! schrie sie, Gott! nimm meinen Geist auf! Sie war uͤber und uͤber mit Blut bedeckt, und schwamm in ihrem Blut. Die Stiere bruͤllten auf eine so schreckliche Art, daß dem Moͤrder ihrent- wegen das erste Grausen ankam. Sie kamen hinzugelaufen, als ob sie diese That verhin- dern wollten, sie liefen davon, als ob ihnen der Anblick zu schwer wuͤrde. Nun fragte Hans laͤchelnd: (es war das letztemahl, daß er lachte) wen wilst du jetzt lieben, Ungetreue? Dich, antwortete Grete, und Blut schoß aus ihrem Herzen. Dich, wiederhohlte sie und druͤckte Hansen auf eine Art die Hand, daß er seinen ganzen entsetzlichen Irthum einsahe. Jetzt hatte er der Stiere nicht mehr noͤthig; das Grausen kam von selbst. Er warf sich auf die Erde, schrie nach Rettung, sprang auf, eilte selbst, Huͤlfe zu suchen, in ein be- nachbartes Staͤdtchen — und fand den Wundarzt nicht an Ort und Stelle. Alles hatte er Gretchen zur Huͤlfe aufgeboten. Nun kam er, wie ein Verdammter, der um einen Tropfen Wasser bettelt, und ihn nicht erhaͤlt, und fand den Wundarzt, den Gretchens El- tern aufgefunden, fand die Eltern selbst, die T 2 ihm ihm mit ofnen Armen entgegen kamen. Ei- nem Tochtermoͤrder! Grete hatte diese That auf einen andern ausgesagt, der sie uͤber- fallen, und hiebey hatte sie Hansens starke Hand gepriesen, die sie zu retten unermuͤdet gewesen. Gott, diese Unwahrheit, betete sie im Herzen, vergib sie mir! Die Eltern hatten ihr zugeschworen, Hansen das Guͤtchen zu laßen, und nun, voll des Danks und der Erkenntlichkeit, kamen sie ihm entgegen, fie- len auf die Blutflecken, die sie an seinem Kleide gewahr wurden, als so viel Beweise seines Edelmuths. Fuͤr jede Wunde, die Grete erhalten, umarmten sie ihn! — Es kostete Hansen kaum so viel Muͤhe, zu mor- den, als die Eltern zu uͤberreden, daß er Moͤrder sey. Sie glaubten, er haͤtt’ aus zu großer Liebe den Verstand verlohren. Je guͤ- tiger Gretchens Eltern gegen ihn thaten, je schrecklicher klagte Hans sich an. Wenn er Gott, und alles, was heilig, zu Zeugen auf- gerufen: er sey der Thaͤter; so sahen ihn Gretchens Eltern so muͤhseelig, so beladen an, als wollten sie sagen: der arme Junge, wie ihn Gretens Schicksal uͤbernommen hat! Und wenn er ihnen das Mordmesser zeigte, druͤckten sie ihm die Haͤnde, weil sie Gretchen so so maͤchtig beschuͤtzet. Wenn er es gen Him- mel hielt und schwur, bogen sie sanft seine Haͤnde zur Erde. Niemand wuste, woran es mit Hansen war. Lieber Sohn, fiengen die Eltern an, du bist mehr todt, als sie! Endlich gieng allen ein Licht auf. Hans ward eingezogen. Er sahe die Gerichtsdiener, die ihn fesselten, als seine Wohlthaͤter an, die ihm den Tod, das einzige Verband fuͤr seinen Schmerz, mitbrachten! — Der Abschied war ruͤhrend. Er bat Gretchen um Vergebung; sie versicherte, daß sie ihm nichts zu vergeben haͤtte, und da sie endlich einsahe, daß alle ihre Bemuͤhungen, Hansen zu retten, verge- bens waͤren, rang sie die Haͤnde, und weinte so herzlich, daß selbst die Gerichtsdiener zu weinen anfiengen. Hansen ward der Proceß gemacht. Er konnte die Zeit nicht abwarten, sein Todesurtel zu hoͤren. Wenn ich doch an einem Tage mit ihr sterben koͤnnte, das war der einzigste Wunsch, den er noch in dieser Welt hatte. Eben an dem Tage, da sich die Richter einigten, daß Hansen, als einem Un- menschen, der den Vorsatz gehabt, auf der Landstraße zu morden, sein Leben auf eine schreckliche Art, vor aller Welt Augen, ge- nommen werden sollte, war es ausgemacht, T 3 daß daß Grete ausser Gefahr sey. Sie erhohlte sich nach diesem Tage zusehens, und es war die Frage: ob es gut sey, Gretchen Hansens und Hansen Gretchens Schicksal zu entdecken? Die Frage wurde noch bey Herzensguten Leu- ten problematisch abgehandelt, da schon we- niger Herzensgute Menschen der Beantwor- tung zuvor gekommen waren. Hans wuste um Greten, und Grete um Hansen. Im ersten Augenblick war es Hansen anzusehen, daß ihm uͤber Gretens Aufkommen der Kopf herum gieng. Da er sich aber besann, und noch dazu hoͤrte, daß Grete durchaus nicht leben wolte, schrieb er an sie wie folget: Es ist genug, du lebst, und ich will froͤhlich sterben! Dein Blut wird mir nicht vor den Augen fliessen, wenn ich fuͤr meine That bluten werde. Nun darf ich an mei- ner Seeligkeit nicht verzweifeln, und an meinem ewigen Leben. Meine Hand ist mir von den Ketten nicht so schwer, als vom Herzen. Vergib deinem Moͤrder, und bete fuͤr Hansen. Dank dem, der mich ver- hoͤrt hat. Mit dem aͤdlen Mann hat Tod und Leben, Gesetz und Menschlichkeit ge- kaͤmpft. Wuͤnsch ihm in meinem Namen ein langes gluͤckliches Leben, und geh nicht her- heraus, wenn ich ausgefuͤhret werde. Reise, wenn es deine Gesundheit erlaubt, dahin, wo ich dich erschlug und schreye ein Vater unser fuͤr mich. — Dieser Brief, anstatt daß er Kraut und Pflaster zur Beruhigung fuͤr Greten seyn sollte, naͤhrte ihren Gram. Er brachte ihr empfindlichere Wunden bey, als Hansens Mordmesser. Niemand hatte Hansens Tod erwartet. Hans nahm sein Urtel als Got- tes Ausspruch an. Grete war ausser sich. Sie wollte fuͤr ihn sterben. Die Geistlichen loͤse- ten die Wundaͤrzte ab, um ihr Ruhe zuzu- sprechen; allein vergebens. Das Wollen, schrie sie, nicht das Vollbringen. Wenn Gott strafen sollte, was wir wollen, wer koͤnnte vor ihm bestehen? Sie sprach wie alle Leute, die ausser sich sind, so weise, so ver- nuͤnftig, daß sich Jedes wunderte, wo sie alles dieses her hatte, was wuͤrklich uͤber ihr war. Es war klaͤglich anzusehen, daß diese beyden Menschen ohneinander nicht leben, nicht sterben konnten. Grete trat, ohne daß Hans es wuste, den Koͤnig an. Sie sind ein Mensch, schrieb sie, Monarch, und machen sich eine Ehre draus, es zu seyn! Schenken Sie Hausen das Leben, oder nehmen Sie es T 4 mir, mir, so und nicht anders ist uns beyden ge- holfen. — Der Koͤnig verwandelte die Todes- strafe in eine einjaͤhrige Festungsstrafe, und alle Welt sagte, daß dieses ein salomonisches Urtheil waͤre. Um solch ein Urtel zu sprechen, wer wuͤnscht sich nicht Koͤnig zu seyn! Hans waͤre gar nicht in der Festung gewesen, wenn nicht Grete seine Strafe mit ihm getheilt haͤtte. Dies war das einzige, was ihm schwer zu tragen war. Seine Ketten waren ihm nicht laͤstig. Nach so viel Kummer und Noth, gieng endlich die Sonne uͤber dieses treue Paar auf. An das Guͤtchen, in wel- chem Hans so viele Veranstaltungen in Ge- danken getroffen, war nun nicht mehr zu denken. Sie wollten beyde weder Land noch Leute dieser Gegend sehen, und entschlossen sich, um sich recht zu verbergen, nach Koͤnigs- berg zu ziehen. Sie waren eben zum dritten- mal aufgeboten, da Hans in ein hitziges Fie- ber fiel und starb. So entscheidet Gott, der Herr, wenn gleich Koͤnige anders entscheiden. Seine Wege sind nicht unsere Wege, seine Gedanken sind nicht unsere Gedanken. Grete fiel an Hansens Begraͤbnistage in eine solche Schwermuth, daß sie jetzt im Irhause, wie- wohl in einem bessern, als den gewoͤhnlichen Zim- Zimmern, gehalten wird. Gott was hat Grete verbrochen, daß sie gelacht hat? Sara lachte auch, und Gott segnete sie mit dem Sohne Isaac, und Grete? im Irrhause. Ihre zerruͤttete Einbildungskraft laͤßt sie glauben, Hans sey auf dem Richtplatz aus der Welt gegangen. Sie macht bestaͤndig eine Bewegung mit der Hand, als koͤpfe sie! — Hans liegt auf dem Rosgaͤrtschen Kirchhofe zur linken Hand, am kleinen Aus- gange, begraben. Diese Geschichte hab ich aus einem Auf- satz genommen, den ein armer Candidatus Theologiaͤ zu einem Jahrmarktsliede entwor- fen, zu singen von einem lahmen Bettler, auf die bekannte Melodie: Es ist gewißlich an der Zeit . Der Todtengraͤber, der nur sehr unvollstaͤndig diese Geschichte erzaͤhlte, behaͤndigte mir diesen Entwurf, den ich aus- gezogen habe. Wahrlich, Freund Todtengraͤber, wer seine Einbildungskraft begraben kann, hat sich leicht gemacht! Wie koͤnnt’ ich aber Mi- nens Andenken zuruͤcklassen? Schluͤßlich sties ich auf drey ausgegan- gene Baͤume, und mein Lehrmeister ver- sicherte mich, daß nachdem die Familie, die T 5 hier hier ihr Erbbegraͤbnis gehabt, ausgestorben, sie in einem Herbst alle drey ausgegangen waͤren. Das ist nichts neues, setzte der Tod- tengraͤber hinzu. Es haben sich viel Hunde um ihren Herrn zu Tode gegraͤmt, und die Stiere, die in dieser Geschichte vorkommen, sind ein neuer Beweis, daß die Baͤume ge- wust, wenn es Zeit zum Ausgehen war. Ich bat den Todtengraͤber, diese Mordgeschichte dem Grafen zu uͤbersenden, welches er mir aber abschlug, „ich muß so etwas aufbewah- „ren, um es ihm hier vorzusetzen.” Ich schließe den Kirchhof, ehe das Stadt- thor fuͤr mich geschlossen wird. Wer mir aber dergleichen Vorgriffe uͤbel nimmt, kann mir mehr uͤbel nehmen, wenn es ihm so beliebt. — So sehr mir diese Geschichte auffiel; so war ich doch nicht im Stande, Greten im Irhause zu besuchen, um ihren schrecklichen Scharf- richter-Handgrif zu sehen! — Wenn es ausgemacht ist, (und nichts ist gewisser, als dies,) daß die wahre Philoso- phie eine Sterbkunst sey; so legt’ ich mich mehr auf die Philosophie, als auf irgend et- was. Um reich zu seyn, braucht man nicht Geld nicht Gut, sondern Maͤßigkeit. Gute Fuͤhrung beehrt uns, nicht Wuͤrde. Wer lang lang und gluͤcklich leben will, sey sein eigner Herr, im philosophischen Sinn! Wer die Welt verachten will, hab eine Mine im Him- mel! — Mine war der philosophische Text, uͤber den ich studirte. Ueberall war sie. Je mehr ich studirte, je mehr fand ich: gesunder Verstand sey taͤglich Brod. Woͤrterkram, Schnirkeley aber, Kopfverderbendes Geback- nes. Wenn mein Vater redete, (docirte, wenn man will, denn ich leugn’ es nicht, daß der Lehrton ihm wie eine Klett’ am Kleide hieng,) hatt’ er jederzeit was in der Hand, Messer, Scheere, ein Buch, einen dem Wachs- licht abgenommenen Bart, einen Zahnstocher, kurz, ohne was koͤrperliches war er nicht. Er schwur immer einen koͤrperlichen Eyd , wenn ich mit Verzeihung der juristischen Ge- nies mich so erklaͤren darf. So was hilft die Sache sinnlich machen. — Er knetete die deutlich zu machende Sache durch, wuͤrd ein andrer gesagt haben; er nicht — ich auch nicht — Gott der Herr hatte ein Chaos, aus dem er die Welt allmaͤhlig herausrief, und wenn ichs recht bedenke, ist was Koͤrperliches vielleicht darum in der Hand gut, um fuͤr den Gedanken ein Kleid, fuͤr den Geist einen Koͤr- per zu finden. Gott ehre mir Leute, die Hand Hand und Mund zugleich bewegen, war, wie wir wissen, meines Vaters Losung. — — Der Kirchhof in L—, der roßgaͤrtsche Kirch- hof in Koͤnigsberg, das waren mein Messer, Buch, Scheere, Wachsbart, Zahnstocher. — Die Alten brauchten den Tod, als ein Mittel der Aufmunterung. Ich ahmt’ ihnen nach, wiewohl auf andre Weise, die aber nichts zur Sache selbst thut. Haͤtt ich, ein- sam in mich verschlossen, der Welt das Rau- he zugekehrt: da waͤre freylich nichts Kluges herausgekommen. In Gesellschaft gefaͤllt das Wundersame; in der Einsamkeit scha- det es. Ich habe schon meinen Lesern meinen Stu- dirplan ad unguem vorgerissen. Ich war darum auf der Akademie, um mich vor Ir- thuͤmern protestando zu verwahren. Mein Vater stand keinem Menschen das Recht zu, ohne Rand zu schreiben, und auch, wie er sich uneigentlich auszudruͤcken pflegte, ohne Rand zu sprechen. Wir sind Menschen, setzte er hinzu. Man muß sich mit keiner Schrift so einverstehen, daß man es dabey laͤßt: Es stehet geschrieben . Was muͤndlich vorfaͤlt, ist Scheidemuͤnze. Was ist Ihre Meynung, lieber Professor Grosvater? Was? Ists ge- nung, nung, daß die erste Erziehung negativ sey? oder muß jeder Unterricht cum reseruatione reseruandorum negativ seyn? Ich denke ad Zwey, Ja. Willst du ein collegium chari- tatiuum anordnen, willst du caussa cognita rechtliches Erkenntnis eroͤfnen? In allen Stuͤcken will ich hoͤren! — denn dazu bin ich, und du zum Lesen (Gott helf dir!) berufen. Wuͤrde mein vorgeschlagener Weg gewandelt, wahrlich wir waͤren selbst im speculativen Fache ein wenig weiter, nicht eben in Ruͤck- sicht von Sonne, Mond und Sternen, son- dern unserer selbst, der Welt in nuce, in compendio. — Wahrlich, das sind wir. Der Mensch hat einen innerlichen Sporn zur Thaͤtigkeit. Er will durchaus, daß die Leute selbst mehr von ihm sagen sollen, als an ihm ist. (Obgleich der Philosoph durch sich selbst, und nicht durch sein aͤußeres, sich vom Haufen unterscheidet, obgleich alle Affektation ein Mangel wahrer Vollkommenheit, ein Man- gel menschlicher Vollstaͤndigkeit ist,) Woher dies? Der Mensch dringt durchaus zum Positiven. Glaube mir, hohe Schule! Wenn jeder positive Juͤngling, nach ruͤhm- lichst zuruͤckgelegter academischen negativen Bahn, weiter gienge: was wuͤrde da nicht zum zum Vorschein kommen? Mehr, als in vie- len uͤberdachten Beantwortungen gleich uͤber- dachter Preisaufgaben! Wie selten ist der Mensch, Mensch, wie selten kann, wie selten darf ers seyn! o! wenn ers doch immer waͤ- re! — Tausendmahl um Vergebung, sagte Herr v. W— und Herrmann tausendmahl unterthaͤnigst um Vergebung, wenn von Je- manden wo ein Schnack mit andern Umstaͤn- den erzaͤhlt ward, als Herr v. W— oder der schnackreiche alte Herr ihn zu wißen das Ver- gnuͤgen hatten. Es hat ehegestern gefroren, sagt Herr v. G—, tausendmahl um Verge- bung, faͤllt Herr v. W— ein, und der alte Herr nimmt sich die Erlaubnis, tausendmahl unterthaͤnigst um Vergebung zu bitten. War- um tausendmahl, erwiederte Herr v. G—, ich sags einmal, und warum um Vergebung? Hats nicht gefroren; so sagen Ew. Hochwohl- gebohrnen und Hoch-Edlen: es hat nicht ge- froren. Hat es aber gefroren; so halt’t bey- de das Maul! Mit der Vergebung bleibt mir in alle Wege vom Leibe. — Vergebt eurem Schuldiger, wie Gott euch vergeben soll. So der brave v. G—. Mein Vater wuͤrde diesen Auftritt auf philosophische No- ten setzen, und sich also verlauten lassen: der Mensch Mensch fuͤhlt sich berufen zur Thaͤtigkeit, wenn ihm Jemand in die Quere kommt, schlaͤgt er aus, mit dem Munde nehmlich. Beym Ein- wurf wird er aufgehalten, dieser Renner nach dem Preise, und das ist freylich unangenehm. Daher: Pardonnez — Verzeihung! Weg mit diesem franzoͤsischen unphilosophischen hoͤflichen Halt! Laßt den Herrn v. G— den aͤltern erzaͤhlen, was ihn gut duͤnkt, laßt je- den seine Meynung sagen. Wer hindert euch, dagegen gerades Weges und ohne Buͤck- ling einzuwenden. Jeder Mensch hat in der Welt gleiche Rechte. Das ist so, und das ist nicht also, kann jeder sagen. Auf diese Art wuͤrde sich, von wahr und nicht wahr alles fein abgezogen, der Ueberschus schon finden, den diese Behauptung vor jener hat, und jene vor dieser! — So kaͤme das Positive, ohn unser Gebet, allmaͤhlig zum Vorschein, wenn wir erst recht negativ gewesen. Nach langem Regen die Sonne. Und bliebe dann so manches, aller Muͤhe unerachtet, unent- schieden; Mir schon recht. Man wuͤste denn doch, woran man mit solchen unzuentschei- denden Dingen waͤre, die jezt so oft unge- buͤhrlich auf Wetten ausgesetzet werden, ob- gleich hier nichts zu wetten ist. Was Was meynt ihr Herren Gelehrten, waͤ- ren Universitaͤten nicht die Plaͤtze, wo der- gleichen Streit gefuͤhrt werden koͤnnte? Es versteht sich, nicht uͤber den Umstand, ob es ehegestern gefroren, oder nicht? Und uͤber diesen und jenen Schnack, den Herr v. W— anders, und Herrmann anders gehoͤrt haben. Bey unsern jetzigen Verfassungen siehet man offenbar ein, wie nuͤtzlich und selig es sey, gewißen Dingen ein Ansehn beyzulegen, sie zu Wuͤrden und Ehren zu bringen, und sie dabey zu erhalten. Eben so siehet man auch ein, wie wenig die Sache sich von selbst zur Strenge, zum Ernst berechtige, und was ist zu thun? Man wuͤrzet gesundes Essen, man haͤngt sich einen langen schwarzseidnen oder wollenen Mantel, eine Reverende, um die Schultern, man theilt Stock und Degen aus. Der Mensch ist von seiner Unwichtig- keit, so bald er sich ins rechte Licht stellt, voll- staͤndig uͤberzeugt, und dies bringt ihn zum Lustigen, obgleich es noch eine zum Streit auszusetzende Frage waͤre: ob der Mensch zur Lustigkeit gebohren sey? Das Kluͤgste, was ein unwichtiger Mensch anfangen kann, ist, lustig seyn. Das sehen wir an unsern All- tags- tags-Einfaͤllisten. Die einzige Rolle, die der Mittelmaͤßigkeit angemeßen ist, ist froͤhlich und guter Dinge seyn. Seht euch um! Alle mittelmaͤßige Leute sind es von Herzens Grund. Sie haben nicht umsonst Verstand. Wer kann nicht Voͤgel leiden, die lustigsten Thierchen auf Gottes Erdboden? Der Pro- fessor Grosvater erzaͤhlte, einen Tauben ge- kannt zu haben, der sich Voͤgel gehalten, blos des Springens wegen! — Meine Mutter wuͤrde freylich das Singen vom Springen nicht scheiden, da es die Natur zusammenge- fuͤgt hat; was konnte aber der Taube dafuͤr, daß seine Ohren verschlossen waren? Man lasse die Menschen bey ihrer Lustig- keit, der ersten Thraͤnen unbeschadet, womit wir alle das Taufwasser verstaͤrkt haben, und des aͤltesten biblischen Buchs unerachtet, wel- ches ein Trauerspiel ist. — Ließen sich doch die Stoiker selbst zu oͤffentlichen Bedienun- gen brauchen; da giebts genug zu lachen. Und Epikur! war er nicht ein allerliebster Weiser? Warum sollten wir den Menschen nicht zugestehen zu huͤpfen, wenn sie nur nicht Luftspringen, und ihr grundgelehrte Herren selbst, die ihr darauf bedacht seyd, alles tro- cken zu sagen, allem ein Ansehen beyzulegen; U ein ein gewisses Ceremoniel einzufuͤhren, wobey sich jeder gerad halten, ein steifes Kleid an- legen, und im blossen Kopf gehen muß. Wenn ihr doch den Versuch machen moͤchtet, auf alle diese steife Etikette Verzicht zu thun. Sagt eure Wahrheiten immerhin trocken, gebt uns kalte Kuͤche, nur schreibt uns die Bratencur nicht vor, wenn wir gesund sind. Thut nicht so ernsthaft, wo zu lachen ist. Haͤngt euch nicht eine Reverende von Worten um, wo es auf Sachen ankommt. Ich weiß, Kleider machen Leute; allein nicht unter Maͤn- nern, denen das Denken obliegt. Warum das ermuͤdende Ceremoniel, das, sobald es aus eurem Tempel ins Freye gebracht wird, laͤcherlich ist. Gehoͤrt denn dazu so viel Kunst, zu sagen: Wir wißen nichts, und das ist doch das Ende aller eurer Kunst. Wahrlich eine menschliche Kunst, die aber na- tuͤrlich vorgetragen werden muß, wenn sie Frucht bringen soll in Geduld. Was ist denn Positiv, so wie ihr es nehmt, Hochgelahrte Herren? Das Format des Positiven ist Duodez. Warum doch alle die Formalien, wo es auf Ja und Nein ankommt? So sey eure Rede! Was druͤber ist, sagt, ist es nicht vom Uebel? Wir leben nicht mehr im alten alten Bunde, sondern in der christlichen Frey- heit, wo das Ceremonialgesetz, Gott sey ge- dankt! abgestellt ist, warum wolt ihr solch einen Kopfzwang, solche Daumenschrauben, einfuͤhren? Gestehet aufrichtig, legt ihr es nicht recht geflissentlich darauf an, das aller- leichteste schwer zu machen, das lichte zu ver- finstern, und euch vom Leben zu entfernen? Hat denn diese Welt nicht Muͤhseligkeiten ge- nug, und ihr wolt sie noch mit mehr Drang- salen belaͤstigen? Seht! Ich vergelte nicht Boͤses mit Boͤsem, nicht Kunstwort mit Kunstwort, ich begegne nicht trockenen Wahr- heiten mit trocknen Einfaͤllen, obgleich trock- ne Wahrheiten und trockne Einfaͤlle Gevat- tersleute sind, und in canonischer Verbindung stehen. Wie kann ich Euch aber retten, wenn sich dergleichen trockene Einfaͤllisten wuͤrklich faͤnden, die euch uͤber kurz oder lang darstell- ten, wie ihr seyd? — Um des armen Men- schengeschlechts willen bitt ich euch, laßt ab vom Ziegelstreichen und von egyptischer Dienst- barkeit, und vom Morde der geistvollen Knaͤb- lein, und wollt und koͤnnt ihr nicht? Es wird ein Moses kommen, der uns nach Canaan fuͤhrt, wo Milch und Honig fleußt. — U 2 Daß Daß das Studiren troͤste, hab ich erfah- ren. Der einzige Trost in der Welt, wenn ja die Welt Trost hat, liegt in den Wissen- schaften. Selbst die Unvollkommenheit un- seres Wissens ist troͤstlich; die edle Art, uns zu zerstreuen, die den Wissenschaften eigen ist, hat weder die Welt, noch etwas, das in der Welt ist! — Die Wissenschaften allein koͤn- nen zerstreuen! — In ihnen liegt Lehr- und Trostamt eines guten, eines heiligen Geistes, den der Vater in unsern lezten Tagen gesen- det hat, denen zur Staͤrke, welche ob dem Jammer, ob dem Elend dieser im Argen lie- genden Welt danieder liegen! Wir haben die Natur, die Freyheit, verlaßen, und uns selbst in die Festung gebracht. Die Wissen- schaften sind da, um uns wenigstens in der Festung eine gute Aussicht zu verschaffen, um uns die Zeit zu vertreiben. Studiren ist eine Art von Geisterseherey, eine Empfindung hoͤherer Kraͤfte, ein Vor- schmack des Himmels! — Die Alten, wel- che die Ideen der andern Welt nur fuͤr schoͤne Traͤume hielten, wußten nicht, wie dieser Trost eigentlich mit den Wissenschaften ver- bunden war, wo er eigentlich zu Hause ge- hoͤre? — Uebri- Uebrigens haͤngt dies Leben an einem seid- nen Faden. Wir leben nur einmal, wir ha- ben nur eine Seele zu verlieren. Ein Mensch, der im Himmel, das heißt: uͤberall, nur im Planeten Erde nicht, zu Hause gehoͤrt, sollte aus Paris, London, Rom, Athen seyn? Unser Wandel ist im Himmel. Wir wollen Herzhaftigkeit haben, aus Gottes Welt, aus uns selbst zu seyn. — Den Menschen kennen lernen, heißt: den besten Theil der Wissenschaften gewaͤhlt ha- ben. Das soll nicht von uns genommen wer- den! Wenn uns alles verlaͤßt, behalten wir uns doch! — Ich werde noch Gelegenheit haben, von meinem academischen Lebenslauf ein Woͤrt- chen zu geben. Will man dies Woͤrtchen in Ruͤcksicht, daß das Studiren eine Art von Geisterseherey ist, so uͤbersetzen: ich werde ei- nen Geist erscheinen lassen! Auch gut! Ei- nen guten Geist, versteht sich. Alle gute Gei- ster leben Gott den Herrn! — — Ich verlies, wie es meinen Lesern nicht unbekannt seyn kann, Gretchen eben zu einer U 3 Zeit, Zeit, da sich der Justitzrath Nathanael zwey Stunden zuvor in dem Widdem (Pastorat) anmelden lies. Meine Leser wissen, daß ich Gretchen bat, ihn zu gruͤssen, und daß sie da- gegen fragte: mich? — Ich kuͤßte Gretchen nicht, da ich von hinnen zog, wohl aber, da ich vom besondren Grafen kam; wenigstens glaub ich es so. — Nichts war mehr zu ver- muthen, als daß sich der Justitzrath seiner Anmeldung gemaͤß einfinden wuͤrde. — Auf die Verlobung folgt die Hochzeit, wenn kein Einspruch geschiehet, wenn nicht wo der Wa- gen bricht, oder andere Hinderniße sich in den Weg legen. Nathanael kam wohl behalten in das Wirthshaus in L —, aus welchem er zuvor Kundschafter sandte, ob ich auch wuͤrk- lich schon abgereiset waͤre? Und da er Ja zuruͤck empfieng; kam er mit einer ganz frisch aufgepuderten Peruͤke, und so stattlich ausge- zieret, daß der Prediger sehr um Verzeihung bat, daß er ihn so alltaͤglich faͤnde. Meine Leser wissen zwar schon, daß er seinen Erlaß erhalten; allein dies war ein Wort aus gu- tem Herzen, das auch oft zur Unzeit faͤllt. Nathanael war jetzt, da er seine Aufwartung in L — machte, auf das allerunterthaͤnigste Gesuch um seinen Erlaß noch nicht beschieden, und und konnt’ auch noch nicht beschieden seyn. Das erst und lezte Wort des Nathanaels war Mine! Und dies schien die einzige Ursache, warum Gretchen auf alle seine Fragen ant- wortete. Er lies sich das Grab zeigen, und weinte herzlich, wie Petrus, da er seinen Mei- ster verrathen hatte. Da ihm Gretchen die Stelle in Minens Testament, auf die Erinne- rung des Predigers, (von selbst that sie es nicht) zeigte: „Sag ihm, wenn du ihn in „dieser Welt sprichst, daß ich ihm von Herzen „vergeben habe“ weint’ er so heftig, daß er die Haͤnde brach, und sich an die Stirn schlug, ohne seine aufgepuderte Peruͤke und die statt- liche Verzierung zu bedenken, womit er aus- geruͤstet war. Der Prediger hatte sein gan- zes Trostamt noͤthig, um ihn wieder ins Ge- leise zu bringen. Mein Gruß, den ihm Gret- chen warm bestellte, kostete ihm neue Thraͤ- nen; allein er troͤstet’ ihn auch. Die Predi- gerin selbst, lief nicht mehr vor ihm. Seine Thraͤnen hatten sie aus dem andern Zimmer herbeygelockt. Nathanael konnte nicht aus L — kommen. Jezt bedauert’ er, daß er zwey Stunden vor meiner Abreise sich mel- den laßen und nach vieren vor derselben ge- kommen waͤre. Dies alles machte den Na- U 4 tha- thanael bey den Frauenzimmern ertraͤglich, ohne daß hiebey auf seine muͤhsame Dekora- tion gesehen ward, die der Schmerz, nach seiner Gewohnheit, ziemlich in Unordnung gebracht hatte. Man bat den Nathanael so gar, noch laͤnger zu weilen, um von Minen und mir erzaͤhlen zu koͤnnen. Nathanael blieb in Mitbetracht des Mondscheins. — Seine Bitte war die Erlaubnis, Minens Andenken in L — oͤfters feyern zu doͤrfen, die ihm selbst von der Predigerin bewilliget ward. Ohne Thraͤnen aber nicht, fuͤgte diese gute Han- na hinzu: Zu befehlen, beschlos Nathanael, und fuhr seine Straße weinerlich. Der Prediger, Hanna und Gretchen, begleite- ten ihn bis — an den Mond, haͤtt’ ich bald geschrieben — bis ins freye. Alle sahen auf Minens Grab, und es kam jeden so vor, als wenn der Mond hier ganz besonders sich hin- gewandt und es beblitzet. — Was meynst du, Einzelner! es ist doch gut, wenn man Freunde nachlaͤßt, die beym Mondschein nach unserm Grabe sehen. — Nathanael, der, ohne daß Gretchen es empfunden, so oft es die Thraͤnen nachgegeben, sein Auge nicht von ihr gelassen, war so erbaut, von allen diesen Vorgaͤngen, daß er — weg war. Am Heck sang sang ein Bauermaͤdchen ein bekanntes Volks- lied in gleich bekannter Melodie, indem sie das Heck oͤfnete: Der Mond scheint hell, Der Tod reit’t schnell! Feins Liebchen, graut dir auch? Das fehlte noch dem Nathanael, um von ganzer Seele seinen Abschied zu wuͤnschen, und einem Plan nachzuspuͤren, in den Gret- chen mitgehoͤrte. Nathanael wiederholte sei- nen Besuch, ohne sich weiter melden zu laßen. Gretchen blieb, wie sie stand und gieng. Va- ter und Mutter bedachten die erneute Peruͤke des Nathanaels und sein sonstiges Schnitz- werk, und halfen sich nach. Gretchens Nachlaͤßigkeit machte Nathanael noch ver- liebter: Mine und ich blieben die Hauptma- terien. Nathanael kam auch der Ermahnung der Hanna, nie ohne Thraͤnen, nach; in- dessen wußt er je laͤnger je mehr es so einzu- richten, daß er Gretchen einen begehrenden Blick zuwand, den Gretchen nie auffaßte. Sein Funke zuͤndete nicht. Jetzt war die Erlassung gekommen, die keinem in Preussen schwer wird, und waͤre Nathanael das A und O in Staatssachen gewesen, da er es doch jetzt nur im Justitz-Collegio war. Der Koͤ- U 5 nig nig von Preußen haͤlt keinen — „Wenn der „Tod ihn will, muß ich nicht auch wollen“ ist sein koͤniglicher Grundsatz. — Ein Koͤnig muß sich zu allem gewoͤhnen lernen, so wie sich alles zu ihm gewoͤhnt. Mit einer Freude, die ihres gleichen nicht hatte, kam Nathanael nach L —, entdeckte dem Prediger, sein Vermoͤgen zu einem klei- nen Guͤtchen ohnweit L — angelegt zu haben, und hatte ohne Promemoria Herz genug, dem Prediger sein Anliegen naͤher zu legen. Na- thanael war diesmahl noch geputzter, wie je, obgleich ihm schon zuvor nichts abgieng. Der Prediger erwiederte, diesen Antrag in Erwaͤ- gung zu nehmen, und Nathanael trat ab, wie alle Partheyen, wenn die Richter in ih- ren Sachen erkennen wollen. Der Prediger trug Frau und Tochter mit einer kleinen An- rede die Sache vor, und kleidete alles in einer wohlgemeynten Rede uͤber die Worte ein: willst du mit diesem Manne ziehen? Da gieng Gretchen uͤber manchen unverstaͤndlich gebliebenen Blick ein Licht auf. Hanna hatte tausend Bedenklichkeiten, die aber alle tausend in den Umstand zusammen kamen, daß ich — Gretchen ward roth. — Nun, sagte der Prediger, wenn das ist; desto besser, ich bin ihm ihm wegen meiner Suͤnde wider den hei- ligen Geist tausend Verbindlichkeiten schul- dig. Er hatte schon laͤngstens den Erfolg seines Auftrags in Haͤnden. — Wenn er mit dir so umgeht, wie mit dieser Abhand- lung; hast du gewonnen Spiel. Fein Pa- pier. Der schoͤnste Druck — Die Recen- senten werden wider diese Verbindung kein Wort haben. Der Beschluß war, dem Ju- stitzrath Nein zu schreiben, weil Gretchen mit mir eins waͤre. — Nathanel hatte gebeten, ihm sein Urtel schriftlich zuzusenden, welches er als publicirt ansehen wuͤrde und war, voll Erwartung der Dinge, die kommen sollten, heim gereiset. Den andern Morgen fiel dem Prediger die Frage ein: ob ich denn wuͤrk- lich mit Gretchen eins waͤre? Und da man alles zusammenhielt, fand man mich in wei- tem Felde — im weitesten. — Es giebt nicht alle Tage Nathanaels, sagte der Predi- ger, der diesen ganzen Vorfall seinem Bru- der zu referiren, und die Sache seinem Schieds- spruch zu uͤberlassen antrug. Hanna trat bey, und bat nur, das Testament in dieser Re- lation abschriftlich beyzufuͤgen, als ein Docu- ment, woraus ganz deutlich hervorgienge, daß ich Gretchen heyrathen muͤsse. Der Der Haupteinwand, den Gretchen aber fuͤr sich behielt, war, daß obgleich sie mit zwey Accenten verlangt, daß ich wenigstens noch einmahl nach L — kommen sollte, ich doch in so langer Zeit nicht gekommen — — Zwar hatt’ ich geschrieben; allein, da war auch keine Spur, die dieses Obgleich heben, oder nur mindern koͤnnen. Ein Brief von mir an Gretchen, der meine Reise nach Goͤttingen eroͤfnete, gab allem eine andre Wendung. Der Prediger sahe diesen Brief als eine goͤttliche Schickung an. Die Predigerin selbst war der Meynung, daß die Relation nicht abgehen doͤrfe. Er hat doch keinen Amtswachtmeister mehr, setzte Hanna hinzu, und Gretchen? Sie haͤtte freylich be- denken koͤnnen, daß ihre Eltern arm waͤren, und ihre Mutter noch obenein Lindenkrank; allein dies war ihr wenigster Kummer. Es ist nicht die einzigste und sicherste Art, Maͤd- chens durch Schmeicheleyen zu fahen. Man sollte kaum glauben, was in einem unbefan- genem Weibsbilde Raum hat. Eine Gros- muth, die uͤber allen Ausdruck ist. Ich ge- traue mir zu behaupten, daß man ein Maͤd- chen durch Beleidigungen eben so weit brin- gen kann, als durch Liebkosungen. Wenn nicht nicht Curlaͤnder gerad uͤber gewohnt und ihr Herz durch buhlerische Blicke verdorben ha- ben, was kann sie nicht? Wißt ihr, Freunde, wer die groͤßten Menschenfeinde sind? Die, denen die Menschen am meisten gutes gethan. Diese Begluͤckten empfinden ihren Unwerth, sie wissen am besten, durch was fuͤr Wege sie sich dies und jenes erschleichen, und eben dies macht sie zu Menschenfeinden. — Ungluͤck, Freunde, das man duldet, leitet uns oft zur genauesten Menschenliebe. — Daher Freud und Leid, Sarg und Hochzeitbette, so nah verwandt! Nichts ist natuͤrlicher, als daß Gretchen Ja sagte. Sie haͤtt’ es gesagt, wenn gleich Nathanael nicht so geweint, als er gethan, wenn er gleich den Abschied nicht genommen. Gut ist gut; allein besser ist bes- ser. Einer der Buße thut, ist besser, als neunzig, die der Buße nicht beduͤrfen. — Ehe es sich noch schickte die Bedenkzeit zu schluͤßen, wiewohl alles schon bedacht war, erschienen Se Hochgebohrnen, der hohe Eingepfarrte, mit einer Anwerbung — auch fuͤr Natha- nael. Das Nathanaelsche Guͤtchen stieß an eines des Grafen. Wer viel im Himmel ha- ben will, muß sorgen, daß die Welt frucht- bar sey und sich mehre. Man gab, um alles fein fein und schoͤn zu machen, dem Grafen die Einwilligung mit, und siehe da! Nathanael und Gretchen ein Paar! — Eins haͤtte Gret- chen sich gern ausgedungen, wenn es sich ge- schickt haͤtte. Sie wuͤnschte, daß Nathanael, der sonst eben nicht unleidlich war, seine Haare wachsen, oder sie wenigstens mit seiner Pe- ruͤke so verheyrathen moͤchte, daß man nicht wuͤste, obs Natur oder Kunst, eigen Haar oder Peruͤke waͤre. Die Natur traͤgt ihr ei- gen Haar. Solche Wuͤnsche heben in der Ehe sich von selbst. Das Weinen lies dem Nathanael, wie Hanna versicherte, nicht uͤbel. Die erweinte Roͤthe, welche sich von einer andern, ohngefehr wie das Taufwasser gruͤn von andern unterscheidet, gefiel Greten selbst. Ueber das Weinen lies sich Hanna aus: „Es kleidet wenigen Leuten, Lachen steht „fast allen gut; drum laßen sich die Men- „schen fast alle im Laͤcheln mahlen. — Wer war gluͤcklicher, als Nathanael? Daß du es doch immer seyst, gutes Paar, ich wuͤnsch es von Herzen! Gretchen bestand darauf, daß die Verlobung auf Minens Grabe geschehe. Man bat mich schriftlich um diese Erlaubnis, und ich bewilligte sie mit einem Seufzer, der aber blos Minen zugehoͤrte. Gretchen schrieb „damit „damit auch ein Engel des Herrn dieser „Verlobung beywohne!“ Der Graf fand dieses so original, daß er sehr bedaurte, nicht auch auf diesen Fuß sich verlobt zu haben. Der Prediger schenkte seinem Schwiegersohne zwey Autorexemplare von der Abhandlung, die auf extrafein Papier gedruckt waren, und fragt’ ihn, was fuͤr Baͤnde in seiner Biblio- thek hervorstaͤchen? „Lieblingswerke bro- „chuͤrt ohne Glaß und Rahmen am we- „nigsten goldnen“ indessen schien der Pre- diger zu wuͤnschen, daß er mit diesem Werk- lein eine Ausnahme von der Regel machen, und ihm eine schwarzcorduane Uniform an- ziehen moͤge. — Nathanael haͤtte das Werk auswendig gelernt, so lieb hatt’ er Gretchen. Ein schwarzcorduanes Kleid war das wenig- ste, was er dran wenden konnte. Nachdem alles von Seiten der Verlobten Ja, und von Seiten des Predigers und seiner Hanna Amen war, und man sich, wie doch im Brautstande gewoͤhnlich, das Herz aus- schuͤttete, erschien auch ein Theil von der ge- heimen Abschiedsgeschichte des Justitzraths. Er entschlos sich freylich auf frischer That, nicht mehr zu richten, damit er nicht auch ge- richtet wuͤrde; allein bey alledem wuͤrde wenig- wenigstens der Abschied nicht so schnell gesucht und erfolgt seyn, wenn nicht noch ein Um- stand dazu gekommen waͤre. — Der Justitzrath fand wegen verschiedener unrichtigen Beschwerden, die man wider das Collegium hoͤheres Orts, das heißt, in Koͤ- nigsberg angebracht, bey seiner Ruͤckkunft einen Revisor, bald haͤtt ich Sequester gesagt, das ist, ein Maͤnnchen aus einem Collegio, das den Koͤniglichen Titel hat, wenn es bey- sammen ist, ein Maͤnnchen, das den Tag seine drey Reichsthaler aus dem Seckel der Justitz, aus der Sportelcasse, sich zueignet und jedes einladet, seine Beschwerden uͤber die Orts- obrigkeit anzubringen. Besonders! daß der Koͤnig von Preussen den Militairpersonen, wenn gleich sie excellent sind (das ist hier zu Lande der Feldherr vom Generallieutnant an,) sein Bild nicht anhaͤngt und ihnen den Koͤnig- lichen Titel verleiht, dagegen im Civildienst oft an einem Orte vier Stuͤck Koͤnige regieren, oder Collegia, die den Namen ihres Koͤnigs unnuͤtzlich fuͤhren. Ein Koͤnig uͤbern an- dern — Ein Revisor ist ein einzelnes Mit- glied aus einem dergleichen mit dem koͤnig- lichen Namen begabten Collegio. Ein Po- stillion ohne Horn. Solch ein Postillion ist ist indessen im Collegio zu sehr gewohnt, all Augenblick ins Horn zu stoßen, und durch: Wir Friedrich von Gottes Gna- den ꝛc. sich Platz zu machen, als daß er nicht auch ohne diesen Ordensfaden sich einbilden sollte, er sey Etwas. Muthwillige Knaben machen mit der Hand das Posthorn so nach, daß man glauben sollte, die Post kaͤme. Je- der Mann denkt sich unter einem Richter, ei- nen Aeltesten im Volke, und es ist nicht zu leugnen, daß es auf zehn Jahre, in oder außer dem Wege, sehr viel beym Richter an- kommt. Von dem Geburtsbrief, vom Tauf- schein unseres Revisors, war der blanke Streusand noch nicht abgerieben. Er konnte ungefehr drey und zwanzig Jahr haben, und war also sehr zeitig zur Landesregierung ge- kommen. Dieser Juͤngling hatte die juristi- sche Collegia durchlaufen, wie ungefehr ein Hofmann ein Puderstuͤbchen, damit nur ein feiner Septemberreif kleben bleibe. — So viel war dem Revisor auch kleben geblieben. Stolz, feurig indessen in Gedanken, Gebehr- den, Worten und Werken! Er ruͤhmte sich einen gluͤcklichen Aktenblick zu haben. Das hieß: Er laß die Akten nicht ganz, sondern schweifte nur umher, huͤpfte sie nur durch, X und und doch, sagt’ er, find’ ich die rechten Stel- len, die verba probantia, den physiognomi- schen Fleck. — Gott erbarm sich dessen, der sein Wohl und Weh so aufs Spiel setzen muß! Ein Schurk’ anderer Art war er oben ein, nach der Weise des Ehegerichtsraths, der den Ritter und die Curlaͤnderin schied, und Klaͤ- ger, Richter, Henker in einer Person war. Er lies sich so klar und offenbar bestechen, daß kein Mensch es groͤber machen konnte, und eben diese Grobheit war Feinheit. Er borgte nehmlich von allen Menschen Geld, und gab es nicht wieder, oder beßer, man fordert’ es nicht. Das nenn ich einen Bock zum Gaͤrt- ner setzen! Unser juristisches Genie war dem A und O im Collegio wie auf den Leib ge- bannt. An keinem kleinern, als ihm, wollte der Knabe zum Ritter werden. Wo gewesen? Auf Koͤniglicher Commißion. Und die Akten? Beym Prediger in L — Als Mitcommissarius? Nein. Warum denn? Damit er der Regierung Bericht erstatte — Desto Desto besser! Nathanael erzaͤhlte dem Postillion ohne Horn sehr gerade den Vorfall, und zeigt’ ihm das Promemoria, daß er allein zuruͤckbehal- ten. — Der Revisor bestand darauf, daß er wieder zuruͤck nach L — sollte. Er selbst wollte mit, um diese Sache zu ergruͤnden. Mine kam ihm, als die feinste Betruͤgerin, vor. Sterbend hin, sterbend her, sagte der Revisor! An diesem Herodes, an diesem Zaunkoͤnig, hatt’ es auch noch gefehlt! — Einige dringende Beschwerden derer, die von den Strassen und Zaͤunen geladen waren, hielten diese Reise auf, und eben da er hin wollte, kam die Nachricht und der Bericht zur Unterschrift, daß Mine im Herrn ent- schlafen sey. — Der Revisor behauptete, Mine haͤtte Gift genommen, da er die unzu- laͤngliche Aktenstuͤcke las. Solch einen tref- lichen Ueberblick hatt’ er! — Zwar lies er auf die Vorstellung des Nathanaels die Ob- duktion, die er anfaͤnglich durchaus veran- stalten wollte, nach; indeßen konnte Natha- nael es nicht hindern, daß der Revisor auf zehn Bogen Papier diesen Vorfall auseinan- der setzte, um denen, die ihn gesandt hatten, zu zeigen, was geschehen waͤre, und was nicht X 2 gesche- geschehen waͤre, und was geschehen koͤnnen, und was geschehen sollen. — — — Da kam eine Wittwe, die sich beschwerte, man haͤtte zu viel Stempelgebuͤhren von ihr genommen. — Akten! schrie der Revisor, und setzte auseinander, was bey dieser Sache versehen waͤre. Nun fand er zwar, daß nach der Verordnung mehr Stempelgebuͤhr ge- nommen werden sollen, die auch das arme Weib nachbezahlen muste; allein neben her setzt’ er die Fehler ins Licht, welche bey dieser Sache vorgefallen. Akten waren nicht ge- hoͤrig geheftet, nicht gebuͤhrend foliirt, das Rubrum war falsch und haͤtt’ auch groͤsser ge- schrieben werden muͤßen. Lateinsche Worte, die man schon beßer, als die Deutschen, ver- stand, verdeutscht’ er, und das mit einer Randweisung: in Zukunft, des gemeinen Manns wegen, sich so viel als moͤglich der deutschen Sprache zu bedienen. Wo er Ter- min fand, sezt’ er Tagefarth, wo Concurs, Brodel u. s. w. Die tausend Kleinigkeiten, so der Revisor zu moniren fand, zeigten eben so, wie der blanke Streusand auf dem Ge- burtsbrief, ziemlich deutlich, daß er nicht sehr lange aus dem A. B. C. heraus waͤre. — Der Der Wittwe wurden alle diese Erinnerun- gen und Weisungen, wiewohl ohne Stempel- papier, gegen Bezahlung der Copialien zuge- fertiget, und anstatt, daß sie heraus bekom- men sollte, muste sie V. R. W. noch das zu wenig genommene Stempelpapier und die Co- pialien fuͤr den Revisionsbescheid zuzahlen. Schwerlich wird sie mehr klagen! Ich wollte, sagte sie, fuͤr meine Tochter, die eben heyra- thet, zu einem silbernen Speiseloͤffel aus den Akten heraus haben, und muß in die Akten einen silbernen Vorlegeloͤffel dazu geben. — — Das war fuͤrs Promemoria, dacht’ unser gute Nathanael. Wen Gott lieb hat, den zuͤchtigt er auf frischer That, wie jeder gute Vater seinen Sohn! Wenn ich meine Rieben pflanze, wie angenehm wird es mir seyn, ge- buͤsset zu haben! — — und beym vermißten fruͤh oder Spatregen nicht denken zu doͤrfen; fuͤrs Promemoria! Wahrlich Nathanael war hiebey auf keinem unrichtigen Wege. Mein Vater pflegte zu sagen: es muß jedem klugen Menschen (und auch der kann ein Suͤnder seyn,) eben so angenehm seyn, zu buͤßen, als zu suͤndigen. — Die bittersten Erniedrigun- gen, in Gegenwart der andern Mitglieder des Collegii und der Subalternen, kraͤnkten den X 3 Na- Nathanael, des A und O, am meisten. Sel- ten ist ein Ungluͤck allein. Der Direktor des Justitzcollegii starb, aus Furcht ohnfehlbar. Furcht ist eine Krankheit, welche den groͤsten Theil der Menschen, nach der Liebe, dahin- raft. Es ist die Seelengicht. Unser Revisor hatte einen adlichen Referendarius, Ausculta- tor, was weiß ich, wie solch ein Zoͤgling recht heißt, mit. Man kann sich vorstellen, wie alt dieser gewesen, da er an der Brust des Revisors lag. Nach dem Vorschlage, den der Revisor denen, die ihn gesandt hatten, that, und der durchaus genehmigt ward, soll- te dieser Saͤugling von unserm Revisor als Interimsdirektor eingefuͤhret werden. Na- thanael hatte wider diesen Direktor den Spruch „aus dem Munde der jungen „Kinder“ und die Stelle Jesaia drey, der zwoͤlfte Vers: Kinder sind Treiber mei- nes Volks, und Weiber herrschen uͤber sie, gemisbrauchet. Die Folge war gruͤne Galle bey der Introductionsrede und außer ihr noch ein Anhang mehr, als Galle. Der Interimsjustitzdirector machte den Revi- sor mit denen benachbarten von Adel bekannt. — Das war ein Leckerbissen fuͤr seinen Stolz, ein Kitzel fuͤr seinen Gaumen; der Revisor war war nicht von Adel. Jedem seiner adlichen Wirthe sagte der Revisor die Spoͤttereyen uͤber das Justitzcollegium vor, die er in sei- ner Einfuͤhrungsrede angebracht, und zum Schlus, der adliche Wirth mochte lateinisch verstehen oder nicht, cognovit bos \& asinus, quod puer erat dominus. Der Justitzrath hatt’ ihn aus der Bibel be- leidigt; der Revisor schlug ihn aus dem Ge- sangbuch. Diese Strophe ist aus dem Liede: Ein Kind gebohren zu Bethlehem: Puer na- rus in Bethlehem, und heißt nicht, wie wir singen, das Oechslein und das Eselein, son- der der Ochse und Esel erkannten, daß der Knabe Herr war. Ob nun gleich Nathanael nicht wuste, wie er und sein College (aus zweyen Raͤthen bestand das Justitzcollegium,) sich diese beyde Praͤdicate vertheilen sollten; so waren doch beyde Ehrentitel nicht viel aus- einander. Beyde Leute hoͤrten ganz laut die- sen Zusatz erzaͤhlen, obschon der Revisor ihn nur jederzeit ins Ohr gesagt hatte. Wieder ein Genieblick von unserm Revisor. Der Adel nimmt Recht beym Justitzcollegio. — Der Mensch besteht aus Leib und Seel, aͤusserlichem und innerlichem Sinn, und be- X 4 darf darf also immer etwas von innen, und etwas von außen, wenn er zum Ziel kommen soll; ohne einen Schlag ans Herz, etwas ad ho- minem, bleibt die speculativische Demonstra- tion ein Luftschlos. Fast sollte man glauben, daß die Sinnen, die anfangen, auch vollen- den, Allerseits und Amen sagen! Selbst zu Entschluͤssen, wenn nichts ans Herz kommt, wie schwer die Geburt! Wen Gott lieb hat, dem giebt er, außer dem schweren Buche, noch ein Handbuch, außer der Bibel einen Cate- chismus, außer den hoͤhern geistischen Gruͤn- den, einen mit Fleisch und Bein — Außer tiefer Wissenschaft — Dichtkunst. So mit unserm Justitzrath. Minens Geschichte erregte den Entschluß: du kannst hinfort nicht mehr Haushalter seyn! Der Revisor macht’ ihn lebendig! — Bey diesen Umstaͤnden verdachte der Pre- diger in L — selbst nicht dem Nathanael, daß er sein Amt niedergelegt, und eine Zeit der Ruhe, der Heiligung, angefangen. Lieber Nathanael, wenden Sie Ihre Zeit gut an, und Gott segne Ihre Studia! Der Koͤnigliche Rath, dem ich gelegentlich diesen Vorfall erzaͤhlte, war so wenig uͤber diesen Vorgang außer sich, daß er vielmehr, ob- gleich gleich er selbst ein Stuͤckle in Koͤnig war, nichts mehr that, als die Achseln ziehen. — Der Entschluß des Nathanaels war so nach sei- nem Sinn, daß auch er sich, wie man deut- lich sahe, nach dieser Erloͤsung sehnte. — Gretchens Hochzeit ward meinethalben zeitiger veranstaltet, als es wohl sonst nach der Sitt’ im Lande haͤtte geschehen koͤnnen, wo- fuͤr mir, glaub ich, Braut und Braͤutigam, wie wohl mit dem Unterschiede verbunden waren, daß der Braͤutigam allein sich dies Verbun- den seyn merken lies. — Ich kam ein Paar Tage vor dem Hochzeitstage. Gretchen, so- bald sie mich sahe, kuͤßte mich so aus Her- zensgrund, und ich sie wieder, daß Natha- nael auffuhr! — Sie lies ihn, und kam zu mir. Dem Nathanael war hiebey eben so uͤbel, als bey der Revision, zu Muthe, und was das aͤrgste war, so durfte er sich dies nicht einst merken lassen. — Jeder, das sah’ er ein, wuͤrd’ ihn wegen seiner Eifersucht aus- gelacht haben. An einen Abschied war hier ohnedem nicht zu denken. Er liebte Gretchen unendlich. Anfaͤnglich affektirt’ er dabey so eine Heiterkeit, daß man gar nicht wuste, wie ihm worden. Bald darauf ward er unruhig. Er schien nicht aus noch ein zu wissen. Wenn X 5 ich ich mit ihm allein war, fragt’ er mich ohn’ End und Ziel: wenn ich denn gedaͤchte Preus- sen zu verlaßen? Und, ohne mich zu noͤthi- gen, auch nur einen Tag laͤnger zu bleiben, war wieder ein wenn da. So bald mir uͤber diese Eifersucht, die sich jezt in eine ungewoͤhn- liche Hoͤflichkeit gegen Gretchen aufloͤsete, nur das erste Licht aufgieng; dacht’ ich auf Mit- tel, den armen Nathanael zu heilen. — Ists nicht eigen, daß man den Eifersuͤchtigen allein durch Affektation beruhigen kann? Ich fieng an, gegen Gretchen mich zu zwingen, und da sie sich daruͤber beschwerte, sucht’ ich fuͤr den Justitzrath auf eine so gute Art alles zum Besten zu kehren, daß er von Stund an, an- ders zu werden anfieng. Ganz kam er nicht ins Geleise; obgleich er nicht mehr wenn fragte. Der Graf konnte so wenig, wie sein an Bruder statt angenommener Bedienter, auf die Hochzeit kommen. Etwas Sterbendes hielt ihn ab. Gern haͤtt’ ich ihn zu Cana in Galilaͤa gesehen — und der Koͤnigliche Rath? Auch er nicht. Er hatte einen Revisionsauf- trag erhalten. So viel weiß ich, daß er kei- ner Wittwe, ausser dem eingebildeten Ge- winst winst eines silbernen Eßloͤffels, einen Vor- legeloͤffel von der Seele revidirt haben wird. Gretchen hatte von je her auf ein stilles kleines Hochzeitmahl bestanden. Ihre Mut- ter war zu diesen Wuͤnschen eine Mitursache. Wir sind in Trauer, sagte sie zum Justitzrath, und sah mich an. Einige der Eingepfarrten indessen musten geladen werden und hiezu war der 14 — angeordnet. Den 13 — des Morgens giengen wir all zusammen ins nahe Waͤldchen, und kamen so heiter zuruͤck, daß wir, Gretchen, Nathanael und ich, auf den Gedanken fielen, heute stehendes Fußes den geschuͤrzten Knoten zuzuziehen. Der Predi- ger hatte Bedenklichkeiten; unfehlbar war er mit der Hochzeitrede noch nicht fertig. Er gab indessen nach, da er unsere vereinigte Wuͤnsche merkte. Gretchen und ich giengen zur Mutter; was konnte die uns beyden ab- schlagen? Waͤhrend der Zeit, daß der Predi- ger sich in seine Reverende setzte, und an seine Traurede dachte, ward nach dem Organi- sten und ein Paar Dorfaͤltesten gesandt, wozu noch ein Verwandter des Justitzraths, der schon den 12 — angelangt war, sties. Es war ein Koͤniglicher Amtmann, (Paͤchter ei- nes Domainen-Guts.) Gretchen fragte den Natha- Nathanael: ob sie ihren Brautschmuck anle- gen sollte? — Den koͤnnen Sie nie ablegen, erwiderte der galante Braͤutigam. Wir ba- ten alle, Gretchen moͤchte bleiben, wie sie waͤre, und diese Bitte machte uns wenig Muͤhe, weil sie selbst dazu geneigt war. Sie blieb, und die Natur selbst haͤtte sie nicht bes- ser putzen koͤnnen, als sies war. Sehet die Lilien auf dem Felde! Und Salomo war nicht gekleidet, wie derselben eine! — Wahrlich Gretchen war eine schoͤne Feldblume! — Wie schoͤn sie da stand! Nathanael konnt’ es ohne Puder nicht laßen, sonst konnt’ er seiner Ga- lanterie keine Elle mehr zusetzen; er war wie aus einem Putzkaͤstchen gezogen. — Der Amtmann war nicht im Stande, sich ans seinem Erstaunen heraus zu finden. Er hatte sein Kleid mit den Goldbesponnenen Knoͤpfen noch nicht herausgepackt, und nun war es zu spaͤt. Der Organist bat um Verzeihung, daß er kein hochzeitlich Kleid anhatte, und waͤhrend aller dieser Dinge kamen die Beglei- ter zu Hauf. Gretchen bat mich um Blu- men, die ich ihr zitternd brachte; ich haͤtt’ ihr gewiß keine gepfluͤckt, wenn sies nicht selbst verlangt haͤtte. Sie nahm diese Blumen mit einem Blick entgegen, der mir durchs Herz gieng, gieng, und steckte sie sich, warm von meiner Hand, an den Busen. Nathanael war zu andaͤchtig, um daruͤber eifersuͤchtig zu wer- den, und der Blumen halber zur Frage: wenn? Gelegenheit zu nehmen. — Natha- nael gieng mit seiner Braut, ich mit der Pre- digerin, der Prediger mit dem Amtmann ohne die goldbesponnenen Knoͤpfe. Dann Gretchens beyde Bruͤder, ein Paar Primaner. Die beyden Dorfaͤltesten machten das letzte Paar. Der Organist war voraus gelaufen, um uns mit einigen seiner Schuͤler zu bewill- kommen. An Minens Grabe standen wir einige Minuten still, als wenn wir uns ausruheten. In der Kirche trafen wir eine ungebetene Ver- sammlung, der man es ansahe, daß sie mit dieser Eilfertigkeit nicht voͤllig zufrieden war. Vielen sah man an, daß sie auf die erste Nach- richt sich zu putzen angefangen, und in diesem gutgemeinten Bestreben, zu Gretchens Ehren- tage etwas beyzutragen, gestoͤret worden. Es war nicht halb, nicht ganz. Die Toͤchter der Dorfaͤltesten stachen durch gruͤnen Band hervor; indessen waren auch selbst sie nicht fertig. Der goldgesponnene Knopf fehlte ih- nen so gut, wie dem Amtmann. Die Toͤch- ter der Dorfgeschwornen hielten einen Kranz, den den sie Gretchen, eben da sie in die Kirche trat, aufsetzten. Der Organist, der entwe- der auf ein Praeludium nicht denken koͤnnen, oder der dem Gesang durchs Praeludium nicht zu nahe treten wollte, fieng bey unserm Ein- tritt singend und spielend an: Was Gott thut, das ist wohlgethan, Es bleibt gerecht sein Wille. Eben so begann Minens Begraͤbnis — und diese Erinnerung, wie bewegte sie mich! — Der Prediger war gerades Weges auf den Altar gegangen. — Wir andern stan- den rund herum — Nach den Worten: Drum laß ich ihn nur walten, als den letzten des Gesanges, fieng er so zu reden an, als ob er sich mit uns unterhalten wollte. „Haͤtten Sie sichs wohl vorgestellt, lie- „ber Freund!“ so ungefehr war sein Anfang, „daß Sie, was Gott thut, das ist wohlge- „than, in unserm lieben L — bey einer Hoch- „zeit singen wuͤrden?“ Eben wollt’ ich ant- worten: nimmermehr, lieber Pastor, da er feierlicher fortfuhr: „und doch lag dieses: „Was Gott thut, das ist wohlgethan, in je- „nem: was Gott thut, das ist wohlge- „than.“ — Der Der gute Mann hatte sich, das merkte man, vorgesetzt, uͤber Minchens Leichentext: siehe ich komme bald, halt was du hast, daß Niemand deine Krohne nehme, auch seine Hochzeitsrede zu halten; allein es fehlt’ ihm just so viel Zeit, um seiner Rede die gold- besponnenen Knoͤpfe anzusetzen. Sonst war sie fertig, in sechs Stunden waͤr alles ange- heftet gewesen, und wir haͤtten gesehen, wie dieser Text eben so gut fuͤr Minens Tod, als fuͤr Gretchens Hochzeit, in der Offenbarung Johannis des dritten Capitels eilften Vers stuͤnde. — So gut es indessen dem Amtmann und den beyden Toͤchtern der Dorfaͤltesten lies, eben so gut stand es auch dem guten Pastor. Was ihm an gerundeten Perioden abgieng, ersetzt er durchs Herz, und ich haͤtt’ um vie- les nicht diese Hochzeitrede mit der grundge- lehrten Abhandlung von der Suͤnde wider den heiligen Geist vertauscht, obgleich diese Ab- handlung befeilt und beschliffen war und in zwey gleichlautenden und gleichgebundenen Exemplaren in der Bibliothek des Braͤuti- gams stand. Zehnmal schien es mir so, daß es der Prediger dazu anlegte, mit diesem oder jenem unter uns ein Wort zu wechseln. Es lief lief indessen allemal so ab, wie mit mir beym Anfange. Zuletzt hatt’ er sich zu tief in sei- nen Spruch, ich komme bald, verwickelt, oder war es vaͤterliche Ruͤhrung? Kurz, ohne Uebergang nahm er seine Agende und las: „Lieben Freunde in dem Herrn„ „Gegenwaͤrtige beyde Personen wollen sich „in den Stand der Ehe begeben — und so „weiter.“ Dies Formular, alt und wohlgemeynt, war mir darum so ruͤhrend, weil ich mich all’ Augenblick befragte: wenn du da so mit Mi- nen stuͤndest? — Der Prediger erzaͤhlt’ uns nach der Trau- ung, daß bey Hauscopulationen, die in Preussen sehr haͤufig waͤren, gemeinhin das Formular verbeten wuͤrde, und zwar wegen des Fluchs und Segens des heiligen Ehestan- des, der in diesem Formular so ehrlich, als nur immer moͤglich, vorgetragen wird. — Ists Wunder, daß Gott denen den Ehe- seegen entzieht, deren zu feine Ohren die Ehe- standsbeschwerden nicht einst in der Kirchen- agende ertragen koͤnnen? Leute, denen die Bibel zu herb ist, Gottes Wort, was fuͤr ei- nen schwachen Kopf und Herz muͤssen die haben! — „Und „Und Gott der Herr sprach: es ist nicht „gut, daß der Mensch allein sey.“ Das ist ein Wort in allem Verstand anwend- bar. Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sey. — Selbst im Sterben, wuͤrde der Graf wiederhohlen, ists nicht gut, daß er allein sey. Selbst auf dem Kirchhofe, wuͤrde der Todtengraͤber hinzufuͤgen. Der Prediger macht’ in seiner Rede die Anmerkung, daß die Copulation vor dem betruͤbten Suͤndenfall ganz anders gewesen waͤre und manche, setzt’ Er hinzu, die viel- leicht den betruͤbten Suͤndenfall am deutlich- sten an sich tragen, wollen durchaus eine pa- radisische Copulation, und kein Wort aus dem dritten Capitel des ersten Buchs Mose, son- dern alles huͤbsch und fein, alles aus dem zweyten Capitel, wie kann das aber? — Freylich erschrack das aus dem Paradiese ge- triebene Paar uͤber das dritte Capitel so sehr, daß, da Gott ihnen Kleider von Fellen machte, sie solche in der Verwirrung nicht einst anzu- ziehen verstanden: er zog sie ihnen an, heißt es. Die meisten unserer angehenden Ehe- leute haͤtten weniger Ursach, diesem Capitel durch eine Hauscopulation und Weglaßung Y der der Agende auszuweichen, da sie vom Stande der Unschuld keinen Begrif haben. — Meine Leser sind in der Kirche zu L — schon so bekannt, wie ich selbst, und wissen, daß die Kirche nie anders als nach einem Lob- gesang geschlossen wird. Wie beym Begraͤb- nis ward nach der Copulation gesungen: Nun danket alle Gott! — Nach diesem Gesang betet’ alles vorm Al- tar. Die Braut hatte, wie es wohl sonst etwas ungewoͤhnliches ist, keine einzige Thraͤne geweint. — Nach dem Gebet tra- ten die beyden Toͤchter der Dorfaͤltesten hin- zu, und wuͤnschten Gretchen alles aus dem zweyten Capitel. — Die aͤdle Einfalt dieser Wuͤnschenden war ruͤhrend, so wie es alles aͤdeleinfaͤltige ist. Gretchen und die Maͤd- chen waren Jahreskinder, Milchschwestern, zusammen zur Kinderlehre gegangen und zu- sammen confirmirt, oder, wie es in Preussen heißt: eingesegnet. Gretchen wuͤnschte, daß sie auch bald Gelegenheit haben moͤge, ihnen beyden so Gluͤck zu wuͤnschen. — Die Maͤd- chen hatten Thraͤnen in den Augen, und man sah’ es ihnen an, daß es Thraͤnen der Liebe waren. Gretchen kuͤßte sie beyde, und nun gien- giengen sie zum groͤssern Haufen zuruͤck, der in der Entfernung geblieben war. Es gieng alles wieder Paarweise so, wie es gekommen war. An Minens Grabe streute Gretchen die von mir erhaltene Blumen hin. — Sie warf sich nieder, (schwerlich haͤtte sie dies thun koͤnnen, wenn sie in hoch- zeitlichen Schmuck gewesen waͤre) und weinte, als ob sie bis hieher ihre Thraͤnen aufgespart haͤtte. Der schwerfaͤllige Justitzrath setzte sich — ich kniete. — Der Prediger und seine Frau hatten sich umfaͤßt. — Die bey- den Dorfaͤltesten standen von ferne. Wir weinten alle. Das neue Paar weinte mit, aus dem dritten Capitel. Es war ruͤhrend! Ihr sahe man die Wort’ an: „ich will dir viel Schmerzen machen, wenn du schwan- ger wirst, du solt mit Schmerzen Kinder gebaͤhren, und dein Wille soll deinem Manne unterworfen seyn, und er soll dein Herr seyn. Ihm, die folgende Verse: dieweil du hast gehorchet der Stimme deines Weibes und gessen von dem Baum, davon ich dir gebot und sprach: du solt nicht davon essen; verflucht sey der Acker um deinetwillen, mit Kum- mer solt du dich darauf naͤhren dein Y 2 Leben- Lebenlang. Dornen und Disteln soll er dir tragen und sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweis deines Ange- sichts sollst du dein Brod essen, bis daß du wieder zur Erde werdest, davon du genommen bist: denn du bist Erde und sollst zur Erde werden. — Mir war nur Minchen in Herz und Sinn. — Die ungebetene Versammlung hatte noch das Postludium des Organisten gehoͤrt, der sich, weil wir nicht mehr drinn waren, mit Manual und Pedal hoͤren laßen. — Jetzt kam der ganze Haufen und blieb stehen. Allen und jeden sahe man auf den Gesich- tern: du bist Erde und sollst zur Erde werden. — Genau genommen, lieben Freunde, ists all Eins, taufen, sterben, heyrathen. Mensch, du bist Erd und sollst zur Erde werden! Nach dieser Scene kamen wir in die Widdem. Das neue Paar fiel sich in die Arme! — Man sahe, wie es sich liebte. Von Stund an lies Gretchen nicht mehr ihren Nathanael. Sie nahm mich nicht weiter. Er war der Ih- rige. — Pflicht, Freunde! ist sie nicht besser, als Neigung? Sicherer, staͤrker, wahrlich! Sie Sie uͤberwindet den Tod oft weit leichter als die Liebe: allein auch sie wird von der Pflicht uͤberwunden. Der Justitzrath fragte so wenig wenn? daß er mich jetzt zu bitten anfieng, doch ja zur Heimfuͤhrung zu bleiben. Da Gretchen fortfuhr, sich ihm ganz zu weihen, gab er in seiner Bitte immer mehr zu. — Zuletzt bat er mich im ganzen Ernst, gar nicht aus Preussen zu gehen. — Haben Sie nicht hier Minens Grab? setzte er hinzu, und konnte keinen groͤssern Bewegungsgrund an- fuͤhren. — Doch warum vorgreifend? Wir setzten uns zu einem Mahl, so natuͤrlich ein- gerichtet, wie Gretchen gekleidet war. — Wir alle, koͤnnt’ ich fast sagen, waren so ge- kleidet, bis auf den Justitzrath, der wie ein sauber geschriebenes Urtel in beweisender Form aussah. — Der Prediger bringt mich auf diesen Ausdruck. Er hatte den Einfall, daß wir alle, wie ein Concept, ein Entwurf, aussaͤhen — wie die Probe, sagt’ ich, indem mir das Lautenconcert einfiel. — Der Organist, obgleich er kein hochzeitlich Kleid anhatte, blieb zum Mahl; nur die Dorfgeschwornen nicht, obgleich man sie sehr darum ersuchte. Ich erzaͤhlte dem Prediger und dem Justitzrath, was ich bey dem Gluͤck- Y 3 wunsch wunsch der beyden Kranztraͤgerinnen bemerkt hatte, und bat sie beyderseits, sich der Her- zen dieser guten Maͤdchens anzunehmen. Dies geschah unverzuͤglich. — Da kam es denn bald zum Vorschein, daß der eine Vater seine Tochter einem kleinen dicken Paͤchter, und nicht dem raschen Martin, der die Tochter liebte, bestimmt hatte; der andere wollte sie seiner Schwestersohn, einem weit schoͤnern reichern Burschen, als Caspar war, zuwen- den. Das Maͤdchen aber wollte Casparn oder keinen. Dergleichen Wahleigensinn, sollte man ihn wohl unter Leuten dieser Art vermuthen? Kunst ist er. Von Anbeginn ist es nicht so gewesen. Adam konnte nicht waͤh- len und doch hatt’ er ein allerliebstes Weib. — Caspar war indessen ein guter Junge, der dem Maͤdchen mehr zur Hand gieng, als der Schwestersohn, der seiner Sache sich gewis glaubte. Nathanael und der Prediger brach- ten es in kurzer Zeit zum Vergleich. Martin und Caspar waren an dem Tage, da Gretchen Hochzeit hielt, die gluͤcklichen Braͤutigams. Wir werden schon nacheilen, sagten die ver- gnuͤgten Bursche, und Gretchen ward roth, was weiß ich warum? Nathanael sah’ in den Spiegel. Ich glaube nicht, daß es eben so ange- angenehm sey, in Gesellschaft zu heyrathen, als zu sterben, obgleich ich nicht vom Grafen zu diesem Glauben aufgefordert bin. Ein verliebtes Paar ist Adam und Eva in der gan- zen weiten Welt; sie duͤnken sich die einzigsten Menschen in der Welt zu seyn und sich selbst genug. — Eine Gesellschaft wie diese indessen, muß auch bey den Verliebtesten ein Beytrag des Vergnuͤgens seyn. Das Dorf kam unserer Hochzeitfreude eben dadurch naͤher. Es war alles Paar und Paar. Die Dorfaͤlte- sten hatten sich schon laͤngst vor der Hochzeit vorgesetzet, dem Nathanael-Gretschen Myr- tenfeste zu Ehren eine Beyfreude zu bezeigen. Ein Reihentanz konnt’ es nicht seyn; denn sie war aus dem Stamme Levi, und des See- lenhirten eheleibliche einzige Jungfer Tochter. Nach vielem Hin- und Herdenken waren sie endlich auf einen laͤndlichen Gesang gefallen, den zwoͤlf der schoͤnsten Maͤdchen in weißen Kleidern kurz vor Schlafengehen absingen sollten. Ein junger Bursche hatte diesen Ge- sang entworfen, der Herr Organist aber, wie es hies, hatt’ ihn stilisirt, oder die Natur verkuͤnstelt. Die beyden Kranztraͤgerinnen hatten große Rollen bey dieser singenden Y 4 Mit- Mitfreude, wobey sich alle zwoͤlf die Haͤnde geben und eine Freudenkette machen woll- ten. — Haͤtten die Mitfreudigen und selbst der Censor von den neun Musen gewust, es waͤren nicht nach Zahl der Monate zwoͤlf ge- wesen! Ohnfehlbar aus denen mehr als zwan- zig jungen Maͤdchen, die in die Stelle der Lei- chenbegleiter traten, nachdem Minens Sarg vor dem Altar gesetzt war. So ward es beschloßen; jetzt aber kam alles in Unordnung. Die beyden Kranztraͤ- gerinnen, welche die grossen Rollen hatten, waren aus Text und Melodie gekommen. Niemand wuste, ob das Staͤndchen heut oder morgen gebracht werden sollte, und doch woll- te jedermann es so gut als moͤglich machen. Kurz, das Dorf war in Unordnung. Diese Unordnung selbst indeßen bot Hand zur Freu- de. Die Freude ist die unordentlichste von allen Leidenschaften. Unser Pfarrhaus war waͤhrend der Zeit das gluͤcklichste Haus in der Welt. Gretchen so ganz und gar des Natha- naels, daß sie auch nicht einst einen Blick fuͤr mich uͤbrig hatte. Neigung ist so puͤnktlich nicht. Pflicht aber ist das puͤnklichste, was ich weiß. Der gute Pastor lies sich an die- sem Tage die Verlagsgeschichte seiner Suͤnde wider wider den heiligen Geist erzaͤhlen, und war so froh, daß er sein Seelenkind so gut, wie Gretchen, angebracht! Ein wahrer Natha- nael vom Verleger, sagte der Prediger, und feyerte ein doppeltes Hochzeitfest. Gretchen und ihre Mutter nahmen wie gewoͤhnlich kei- nen Theil an diesem Seelenkinde. Natha- nael indessen muste wegen der in schwarz Cor- duan eingebundenen Exemplare sein Ohr zu dieser Unterredung neigen. Da er Gretchen hatte, war ihm schon vieles von diesem Eh- renwerk entfallen, das er, als angehender Braͤutigam, fast woͤrtlich wußte. Gretchens Mutter war selbst so heiter, als waͤre sie gar nicht lindenkrank, als waͤre der Lindenbaum, der so alt wie sie war, und der in ihren lezten Wochen ausgieng, wieder zu Kraͤften gekom- men. Der Organist, so erkenntlich gegen mich, wegen des Schaustuͤcks, daß ich nicht aus dem Buͤcken heraus kam, und so ehrer- bietig gegen den Hochedelgebohrnen Herrn Justitzrath, daß ich immer besorgte, er wuͤrde wieder etwas aus dem Hute lesen, obschon er nur auf Begraͤbnisreden fundirt war. Der Amtmann so ins Vergnuͤgen verstrickt, daß er den goldbesponnenen Knopf vergeßen hatte. Wahrlich, man kann auch ohne gold- Y 5 bespon- besponnenen Knopf vergnuͤgt seyn! Und Gretchens beyde Bruͤder, welche der Koͤnig- liche Rath als die Seinigen in Koͤnigsberg erzog, die in eine der besten Schulen giengen, wo sie gerades Wegs auf einen Superinten- denten losstudirten. Die guten Primaner, hatten ein Gedicht zusammengetragen, das sie beym Braten uͤbergaben. Freylich haͤtten sie bis zum Kuchen warten koͤnnen; indessen war es ihre erste Autorschaft, die selten den Kuchen abwartet. Der Vater critisirte die armen Jungens sehr scharf, und nannte ihr Mas kopiewerklein ein Aehrengelesenes Stuͤck! — Guter Pastor, hast du denn schon aller kritischen Tage Abend belebt? — Die bey- den Knaben thaten in alle Wege so altklug, daß man ihnen ihre Arons Bestimmung ohne Fingerzeig ansah. — Es gebrach bey diesem Fest nicht an Wein. — Se. Hochgebohrnen hatten dem guten Prediger ein gutes Faͤßchen Rheinwein verehret, welches wir nicht feyer- licher begruͤssen konnten. Wein haͤtte heut getrunken werden muͤssen. Der Communion wegen wird an allen christlichen Orten Wein gehalten. Da aber die Andacht keinen Ge- schmack am Koͤrperlichen hat; so ist der Com- munionwein gemeinhin schlecht, sagte der Predi- Prediger. Ich, fuhr er fort, habe noch nie bey dieser heiligen Handlung den Wein ge- schmeckt. Viele der Herren von Adel schicken den Tag zuvor ein Flaͤschgen aus ihrem Kel- ler; unser Graf nicht also, obgleich sein Rheinwein sich nicht gewaschen hat. Wir fassen laͤnger als gewoͤhnlich bey Tisch. Heut, sagte der Prediger, froͤhlich mit den Froͤhli- chen! Wir waren traurig mit den Trauri- gen; wir sind es noch, sagte Gretchen, und dachte so ruͤhrend an Minen, ohne sie zu nen- nen, daß alles an sie dachte. Der Prediger belebte diesen Gedanken durch ein paar ruͤh- rende Worte. Wer seiner Todten nicht denkt, wenn er vergnuͤgt ist, bedenkt nicht, daß auch sie lebten, und daß auch er sterben wird. Das war das Gerippe, das er auf gut aͤgyptisch aufstellte! Wahrlich es war nicht fuͤrchterlich. Sie hat ihren Myrtentag nicht erlebt, sagte Gretchen, und lies eine Thraͤne fallen. Ra- thanael kuͤßte sie herzlich. Wer es weiß, wie schoͤn es sey, ein Maͤdchen in solchen Thraͤnen zu kuͤssen, denke sich die Wonne dieses Paa- res. Ohne Thraͤnen giebts keine Trunken- heit der Liebe. Diese Ehe, sagte die Predi- gerin, hat der Tod gerathen; was er raͤth, ist wohl gerathen. — Die Dorfaͤltesten schlossen diese diese wahre hochzeitllche Scene, sie kamen und fragten im Namen der jungen Dorfleute an, ob es wohl erlaubt waͤre, die vier Dorf- flinten dem Tage zu Ehren abzufeuren, wie es wohl sonst bey dergleichen Gelegenheiten geschehen waͤre? — Das waͤre so recht fuͤr Junker Gotthardten gewesen! Wir alle aber verbaten dies Feuerwerk. Die Anfrager mu- sten ein Glas Wein dem Brautpaar zu Ehren leeren; das ist beßer als ein Flintenschus, sagte der Amtmannn ohne goldbesponnene Knoͤpfe, und dann noch Eins, und dann das Dritte. Aller guten Dinge sind drey, sagte der Prediger, und ich stimmt’ ihm, meiner heilgen Zahl wegen, herzlich bey. Im Para- diese was braucht’ Adam mehr als Eva, um froh zu seyn, sagte Nathanael? Nach dem Fall haben wir auch Rheinwein noͤthig, um uns ins Paradies zu bringen. Man muß sich herein trinken. Er fieng sich aus lichterloher Galanterie zu wundern an, daß Adam nicht beym Blick seines Weibes aus Entzuͤcken, aus Uebermaas des Sehens, blind geworden! Der Prediger half ihm zurecht. Es war im Paradiese, sagt’ er, wo Adams Auge so gut, wie seine andere Gliedmaaßen, unsterblich waren. — Der Organist, damit ich sein nicht nicht vergeße, hatte den gesunden Gedanken, da sich das Brautpaar kuͤßte: laßen Sie uns ihm mit den Glaͤsern nachkuͤssen! Wir sties- sen an, und zur Ehre dieses Einfalls zwey- mahl. — Der heiligen Zahl war er nicht werth. Wir standen auf. Der Prediger schlug einen Spaziergang in das nemliche Waͤldchen vor, das uns zu diesem Tage an- raͤthig gewesen, und beschlossen wir also, wie angefangen war. Wahrlich ein schoͤner Tag! — Wir kamen in der Daͤmmerung heim, und eben wollten wir ins Pastorat, da uns das Musenchor uͤberfiel. Der Organist hatte sich der Noth angenommen, und die Zahl zwoͤlf noch mit zwoͤlf andern vermehrt. Ein wah- rer Minnegesang! — Gretchen gieng nach vollendetem Staͤndchen unter diesen schoͤnen Haufen, nannt’ alles Schwester und dankte so schoͤn, daß jedes Maͤdchen glaubte, Gret- chen haͤtte nur ihm gedankt. — Der Prediger konnte sich ohne Abendessen nicht behelfen. Nathanael declamirte wider das Abendessen, er ward aber uͤberstimmt: den Alten, sagt’ ich, waͤre das Abendessen frey- lich das vorzuͤglichste, und den Christen, be- merkt’ er, sollt’ es noch weit mehr seyn. Man setzte sich an ein Milchmaal. Die Saͤngerin- nen nen hatten uns musikalisch gemacht. Alles sang, und — sprang, haͤtt’ ich beynah muͤt- terlich hinzugereimt. Es war aber wahrlich kein Springen, es war eine stille Freude, eine Milchfreude! O Gott, was liegt in der Un- schuld, in der lautern Milch der Unschuld! — Unter tausend andern Dingen liegt auch Ver- nunft drinn. Es heißt vernuͤnftige lautre Milch und nichts ist einpassender, als diese Beyworte, zur Unschuld. Es liegt in ihr Ver- nunft, hoͤchste oder tiefste, wie soll ich sie nennen? — Nun gieng das neue Paar ins Schlafge- mach. — Es verschwand, und das ist das natuͤrlichste Ceremoniel, wenn ein neues Paar zu Bette geht. Die Auskleidung der Braut ist eben so unwuͤrdig, als eine laute Hochzeit. Geht in Frieden, lieben Leute! Es gleite euch der, welcher dem Menschen sein Schoͤpfer- bild anhieng, mit seinem himmlischen Segen! Das ist mein Hochzeitgeschenk. Auch jedes der Hochzeitgaͤste gieng in sein Kaͤmmerlein; nur ich nicht. Ich schlich mich an Minens Grab, und hatt’ eine Scene uͤber alle Sce- nen. — Eine himmlische Hochzeit! Wer war gluͤcklicher, ich, oder Nathanael? Spaͤt kam ich in mein Kaͤmmerlein und fand, daß der der Amtmann, mit dem ich gepaart war, auf mich gewartet. Ich konnte nichts sprechen, nicht einst ein Wort zum Dank. Auf solch einen Tag, wie schoͤn schlaͤft es sich! — Mein Schlaf war eine Entzuͤckung in den dritten Himmel. Es fiel keine Schaͤkerey den andern Morgen vor, keine Strohkranzrede. Die Frau Nathanael schlich sich aus der Schlaf- kammer, und ich merkte, sie ward roth auf ihre eigene Hand; sie haͤtte nicht schleichen duͤrfen, auch nicht roth werden, das gute Gretchen! Nathanael und Gretchen waren jetzt so ganz eins. Ein Leib, eine Seele! Wie sich das Paar benachbarter Freunde kreuzt’ und segnete, das zur Hochzeit gebeten war, und wie der Prediger sagte: post festum! (nach dem Fest) kam, kann man sich leicht vorstellen. Haͤtte der Graf et Compagnie zusagen laßen; dann haͤtten wir den Tag zu- vor diese Freude nicht haben koͤnnen. Mit dem Paar benachbarter Freunde hatt’ es nichts zu bedeuten. Dieser Nachtag, dies Agio von Hochzeitfest, hatte drey Umstaͤnde, die ich außer dem, daß dreymahl mehr Eßen und dreymahl weniger Vergnuͤgen herrschte, der Bemerkung werth halte. Die erste Denk- wuͤrdigkeit. Der Amtmann brachte sein Kleid mir mir den goldbesponnenen Knoͤpfen nicht zum Vorschein. Warum solt’ ich, sagt’ er, Moͤ- strich nach der Mahlzeit — So gern ich also auch meinen Lesern des Kleides Farbe, Form und naͤhere Nachricht von den Knoͤpfen und ihrer Zahl mittheilen moͤchte, kann ich? Die zweyte Denkwuͤrdigkeit. Die post festum gekommene Freunde hießen die neuen Eheleute nicht anders, als Brautpaar, und wenn sies ausgesprochen hatten, schaͤmten sie sich dieser Uebereilung, die sie doch gleich dar- auf wieder begiengen, und dann noch ein- mahl. — So fest hatten sie es sich eingepraͤgt, es gienge zur Hochzeit. — Vielen wird dieser Mittelumstand nicht denkwuͤrdig scheinen. Mag’s doch. — Die Dritte. Der Graf kam ohne seinen Bruder nach Mittage. Alles voll Freude! Auch zu Ihnen komm’ ich, sagt’ er, um Sie noch einmahl zu sehen und noch einmahl zu sagen — hier oder dort. — Was er sich freute, daß die Hochzeit vor der Hochzeit ge- wesen! Das kommt aus dem Bitten heraus. Das Feine des Vergnuͤgens geht verlohren. Die Natur laͤßt sich nicht melden, es waͤre denn bey Krankheiten. — — Wir musten dem dem Grafen den gestrigen ganzen Tag referi- ren, und wahrlich unsere ganze Freude dieses Tages war, daß wir den vorigen Tag froh gewesen. — Mit den lieben großen Hochzeiten, sagte der Graf — So was nenn’ ich nicht leben, wenigstens will ich das Leben bey dieser Gele- genheit so wenig observiren, als auf dem Chavott den Tod! — Allzu viel ist ungesund. Zu Warnungs-Anzeigen findet sich zwar in beyden Faͤllen Stof die Menge; nur zu Le- bens und Sterbens Observationen nicht. — Der Graf konnte nicht lange bleiben. Er hatte, wie er sagt’, einen rechten Segen Sterbender bey sich. Obgleich, fuͤgt’ er hin- zu, ich wenig Heil in meiner Ehe belebt; ists mir doch lieb, geheyrathet zu haben, um dort einst sagen zu koͤnnen: hier bin ich, und hier sind, die du mir gegeben hast! Kann das ein Eheloser? So ruͤhrend mir diese Empfin- dung war, so schwaͤchte sie doch die Erinne- rung an die Grafenkrone, an die weiße Fe- dern und den Orden. — Fuͤllet die Erde heißt: fuͤllet den Himmel! Wenn Menschen sich nicht Leid klagen koͤnnten, wie ungluͤcklich wuͤrden sie seyn? Die Ehe ist ein Band, wo Z sich sich Mann und Weib auf Lebenslang verbin- den, sich Leid zu klagen. — Der Organist, der auch diesen Tag herr- lich und in Freuden beym Prediger lebte, hielt sich waͤhrend der Zeit, da der Graf gegen- waͤrtig war, so demuͤthig, daß er nicht vom Ofen kam. Wie viel sind diesen Monat im Kirchspiel gestorben? fragt’ ihn der Graf, und er, ich habe nicht geglaubt, die Ehre zu haben Ew. Gnaden zu sehen: zwey Reden hab’ ich gehalten, aus diesem Dorf also zwey. Der Prediger muste das Buch hohlen, und wir fanden abermahl, daß die Erinnerung des Todes keine Hochzeitfreude verderbe. Die Hochzeitgeschenke, welche der Graf unver- merkt in die Brautkammer setzen laßen, wa- ren Sinnbilder vom Tod und Verwesung. Sie hatten einen ausgemachten Werth. Ei- ne Urne von Porcellain gefiel mir am besten. Ich blieb noch einen Tag in L — und die- sen einen Tag waren wir wieder ganz unter uns. Den Amtmann hatten wir unter uns aufgenommen. Es war ein recht guter bie- derer Mann! Wie lang er am Hochzeittage meinethalben seine Ruh’ abgebrochen! Mit- telmaͤßig war er in allem; allein warum sagen wir: wir: die Mittelstraße die beste, und wanken doch so gern. Warum? Bey dem Mittelmaͤßigen faͤllt es mir ein, daß wir den dritten Tag viel von der Schoͤn- heit sprachen. Nathanael that sich bey dieser Unterredung recht sichtlich hervor. Er setzte die groͤste Schoͤnheit in der Mitte zwischen Feistigkeit und Magerheit, obgleich er selbst mehr fett, als mager war. Gretchen aber dient’ ihm zum Exempel, seine Regel zu be- weisen, und außer ihr alle Statuͤen der Alten. Ich muß es doch wohl wißen, sagte Natha- nael. Der Amtmann, der seinem Bauche nichts vergeben wollte, fand indessen dies lezte Argument unwiderlegbar, schlug sich auf seine Bauchbuͤrde, sah Gretchen an, und schwieg. — Nathanael lies nicht ab, mich zur Heim- fuͤhrung einzuladen; allein meine Stunde war kommen. Ans wenn? war gar nicht weiter beym Justitzrath zu denken. Diesen Abend weihet’ ich noch Minens Grabe, nahm von Nathanael und Gretchen das feyerliche Ver- sprechen, dieses Grabes Beschuͤtzer zu seyn, und nun wollt ich L — (allem Vermuthen nach auf ewig) gute Nacht sagen. Die Predigerin macht’ es mir zur Pflicht, daß ich, wenn ich Z 2 bey bey der Heimfuͤhrung nicht gegenwaͤrtig seyn koͤnnte, wenigstens bis zu Gretchens Abreise bleiben moͤchte. Der Prediger und seine Lin- denkranke Frau blieben auch zuruͤck. Der Amtmann allein und Gretchens beyde Bruͤ- der begleiteten das junge Ehepaar. Der Ab- schied? Bey Beschreibungen der ganzen Na- tur kann man mahlen oder pinseln, nach der Gabe, die jeder empfangen hat. Ist von Menschen die Rede; wer kann ohne laͤstig zu werden Leidenschaften in Worte ausbrechen laßen? Gretchen war im Reisekleide ausgegangen und kam mit verweinten Augen zuruͤck. Wo sie gewesen? werden meine Leser nicht fragen. An Minens Grabe. — Ihre Mutter stand am Fenster, sah unverwandt den Reisewagen an und hatte sich betruͤbt aufgestuͤtzt. Gret- chen gieng zu ihr, faste sie zaͤrtlich an, und Hanna kuͤßte sie herzlich. Gretchen fiel ihr zu Knien und bat um Segen! Sey gesegnet, sagte Hanna, und legte beyde Haͤnde auf sie, und sey eine so gute Mutter, als du eine gute Tochter gewesen. Nie geh’ ein Lindenbaum vor deiner Thuͤr aus! — Hier hemmten die Thraͤnen der Mutter und Tochter diese Se- genshandlung. Nach einer Weile setzte sie hinzu, hinzu, deine Toͤchter werden wie Mine und deine Soͤhne, wie Minens Mann. Gott be- wahre die Soͤhne, im Fall sie Justitzraͤthe werden vor Treibern, vor Revisoren, die Knaben sind; und die Toͤchter vor Nachstel- lern der Unschuld, vor v. E—s — und nun legte der Prediger den Segen, womit Gott sein Volk zu segnen befohlen, auf beyde: der Herr segne dich u. s. w. ohne daß er von et- nem Candidaten mit langen Manschetten aus der Bauskeschen Praͤpositur unterbrochen ward. — Die beyden Aeltesten der Gemeine kamen gemeinschaftlich, das Aufgebott fuͤr ihre Toͤch- ter nachzusuchen, welches den naͤchstfolgenden Sonntag zum erstenmahl geschehen sollte. — Nebenher wollten sie sich erkundigen, wenn heimgefahren werden sollte, und da sie sahen, daß es hier so rasch, als mit dem Hochzeit- tage gieng, setzten sich einige junge Ehemaͤn- ner zu Pferde, um dem neuen Paar bis zur Grenze das Geleit zu geben. Einige junge Frauen, worunter drey gesegnet waren, be- gleiteten das Paar bis aus dem Dorfe. So weit gieng auch Vater, Mutter und ich. — Der Genius des mir unvergeßlichen Kirch- dorfs gieng weiter mit Gretchen, mit seinem Z 3 Lieb- Liebling. — Es gehe dir wohl, liebe Seele, vergiß Minen und ihr Grab nicht! Ich reisete denselben Tag nach Koͤnigs- berg, und fand bey meiner Ankunft einen Brief nebst hundert Pistolen. Ich brach den Brief und fand weiter nichts, als folgende Devise: „Fuͤr Minchens Verwandten in Mitau.“ Ein Zug, an dem ich den Grafen kannte, ob- gleich er incognito war und blieb. Aller Muͤhe, die ich mir gab, ohnerachtet, konnt ich ihn nicht herausbringen. Wahrlich dieser Zug aͤhnelt ihm! Der Graf, dacht’ ich, der den Sargtischler nicht in Stand setzen wolte, ein Maͤdchen zu heyrathen, das keinen andern Fehler hatte, als den, daß es arm war, der Graf, der diesen Juͤngling fuͤr Protektion ar- beiten und sich das Herz abhobeln lies — da fiel mir wieder seine strenge Gerechtigkeit ein. Er war Patron der Kirche und des Ho- spitals, dem Minchens Anverwandter in L — den Halbscheid seines Vermoͤgens zugewendet hatte. Also — gedankt haͤtt’ ich dem Gra- fen nicht, wenn gleich ich seines Namens ge- wiß gewesen waͤre. Gott dank ihm! — Der dankt dankt nicht mit Worten, sondern mit That und Wahrheit. Zwar hatt ich meiner Mut- ter die Wort’ aus Minchens Testament bestens empfohlen: „Kanst du meinen Verwandten in Mi- „tau foͤrderlich und dienstlich seyn; sey „es. Gott wird dich lohnen; indessen kam mir dies ανέχου και απίχου, diese Lotteriedevise mit einem Gewinst, sehr will- kommen. Willkommner kann es den Anver- wandten in Mitau nicht seyn! Schwer war es mir, zu diesem allem nichts mehr als ein Franko beytragen zu koͤnnen — ein Scherf- lein in den Gotteskasten. Das Schwere bey einem maͤßigen uns zu- gemessenen Auskommen ist blos, daß wir nichts mehr, als hoͤchstens die Gabe der Rei- chen frankiren koͤnnen! Darf ich wohl bemer- ken, daß ich gegen den Grafen kein Wort von Minchens armen Verwandten in Mitau ver- lohren? Es wird nicht jeder so neugierig seyn, zu fragen, ob die Post auch richtig das Haus der Armen gefunden, die in der Welt Angst hatten. Um ihnen keine Minute zu entziehen, sandt’ ich das Geld gerades Weges, und nicht durch meinen Vater, auch nicht einst durch Z 4 Wech- Wechsel; allein ich bat meine Mutter, sich nach der Aufnahme dieses Geldes zu erkun- digen, da ich hieruͤber dem lieben Gott un- mittelbare Rechnung abzulegen haͤtte. Er! der ehrliche Alte, war schon seit drey Wochen zur Ruhe eingegangen in jene selge Wohnun- gen, wo ihn kein Pachtungluͤck und kein Con- trakt, der ohne den lieben Gott gemacht ward, und kein W. R. J. V. R. W. mehr druͤcken konnte. Seine Frau lebte noch, zaͤhlte bis zehn, noch mehr, sagte sie, als ob das Geld unter ihren Haͤnden sich mehrte. Sie sprach fuͤr den Geber Segen, gab das ungezaͤhlte Geld und die gezaͤhlten zehn, Einem ihrer Nachbaren zum Aufheben, und starb. — — Der Tod war ihr lieber, als hundert Pisto- len. Der Sohn, der Amtsgeschaͤfte halber seinem Vater nicht das letzte Geleite geben koͤnnen, kam zum muͤtterlichen Begraͤbnis. Solten ihn wohl die hundert Pistolen dazu vermocht haben? Meine Mutter versicherte mir, daß der Leidtragende Herr Sohn nicht aufhoͤren koͤnnen, Gottes wunderbare Fuͤh- rung zu verherrlichen! — Das dacht’ ich wohl, und meine Leser mit mir, daß er diese hundert Pistolen nicht ohn’ ein Kirchengebet einstreichen wuͤrde — ich wuͤnsche wohl zu bekom- bekommen, lieber Herr Prediger an der Grenze. — Ein Wort zur Rettung der Ehre meiner Mutter, die ich vielleicht hier und da auf zu frischer That beurtheilt haben kann. Darf ich bitten, lieber Freund! zu diesem Ret- tungswort? Auch du urtheiltest auf frischer That, da ich dir meinen Lebenslauf aus freyer Faust erzaͤhlte, und an den Brief kam, den meine Mutter an Minen schrieb, sich an- hebend: „Es will verlauten“ Herrmann machte meine Mutter mit dem Ab- schiedsbriefe bekannt, den Mine ihrem Vater zuruͤcklies, als sie aus ihrem Vaterlande, und aus ihres Vaters Hause, in ein Land gieng, das ihr der Herr zeigte. Hier ist die Antwort meiner Mutter und meines Vaters. Was jenes Weib vom Pe- trus am Camin sagte, gilt auch von diesen Briefen. Die Sprache verraͤth sie. Z 5 — Fasse — Fasse dich! bedenke das Ende; so wirst du auch in deinem Schmerz nicht uͤbel thun. Gott ist die Liebe! Das groͤßte Ueberbleibsel des goͤttlichen Ebenbildes ist die Liebe. Liebe ist der Funke, den Gott anschlug, da er die Welt schuf. Du weißt das Sinnbild Feur, Liebe, Wasser, Haß! Wo Feur ist, ist Licht — wo Licht ist, ist Wahrheit. Das Licht der Vernunft ist Liebe, die Luft der Geister ist Liebe. Suche deinen Trost in der Liebe! — Du sollst Gott lieben, den du nicht gesehen hast, und nicht siehest. Sieh! ein Huͤlfs- ein Hausmittel, dich zu dieser Gottes Liebe hinauf zu schwingen, da du Minen liebest, die du gesehen hast, und nicht siehest. Um diese Welt gleichguͤltiger zu finden, ists gut, einem geliebten Gegenstand in der andern Welt zu haben. Wahrlich! es warten noch Stunden auf dich, wo es dir in dieser Welt nicht gefallen wird. — Du liebst Minen und wuͤnschest sie nicht gluͤcklicher, als du bist? — Ist die Liebe nicht staͤrker, als der Tod? Sind wir nicht am geneigtesten, allent- halben eine Aehnlichkeit von Menschen zu ent- decken? Ein Baum in der Entfernung duͤnkt uns ein Mensch. Wir geben ihm alle Glied- maaßen, und alles duͤnkt uns so. An der Wand, Wand, im Dunkeln, uͤberall Menschenge- stalten! Nichts ist uns wichtiger, als der Mensch, nichts natuͤrlicher, als er, und dir sollt es schwer werden, Minen darzustellen? — Wer sich selbst nicht liebt, liebt auch andere nicht. In der Schule der Naͤchstenliebe wird mit der Selbstliebe der Anfang gemacht. Ein Verschwender kann dem Duͤrftigen sein Brod nicht brechen, weil er selbst nichts zu beissen, nichts zu brechen hat. Warum aber so Cabinetsverschwiegen? waren wir denn Vater und Sohn? oder wa- ren wir du und du, und gute Freunde zusam- men? ich find’ in diesen Fragstuͤcken Trost; allein du wirst ihn hier schwerlich finden. Auch fuͤr mich selbst ist hier Unkraut zwischen dem Waizen. Friede mit Minens Seele, Friede mit der Deinigen! Friede mit deiner Mutter, die unaussprechlich leidet. Faͤllt dir ein, daß ich es euch im Waͤldchen wohlfeilern Kaufs laßen koͤnnen; so wisse, daß dieser Um- stand mich oft ergriffen, daß er mich noch er- greife, und mehr, als es Christen geziemet. Gott Gott helf unserer Schwachheit! Dieser Brief wird mir saurer, als je ein Brief mir worden, obgleich mir jede Schrift schwer wird, und ich meinen Schreibtisch, der aber kaum die- sen Herrn-Namen verdient, die meiste Zeit widerwillig ansehe. — Trost zusprechen sagt man: wer kann ihn schreiben? und wenn es viele koͤnnten; wuͤrde diese Kunst doch nicht mein seyn! Denke ! mein Sohn! — das heißt: sey mit Minen zusammen. Du hast nur Minens Form verlohren! Mine lebt! und wir werden auch leben! — Be- sorgt seyn und sorgen, ist zweyerley. Hier ist so viel von der Predigt uͤber den Text: Wir haben hier keine bleibende Staͤte , als ich selbst besitze. Du kennst meine Weise zu concipiren. Hie und da ein Wecker. Be- truͤgen mag ich nicht. So schick ihm doch das Concept, wie es steht und geht, sagt deine Mutter. Da ist es, wie es steht und geht. — Herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betruͤbter und nach kur- zer Freude viel Leidtragender einziger lieber Sohn! Da Da sitz’ ich und lese diese Ueberschrift zehn- mal: herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betruͤbter und nach kurzer Frende viel leidtragender einziger lieber Sohn, und kann keinen Anfang finden, ich, die ihr Lebtage nicht des Anfangshalber eine verlege- ne Minute gehabt, und auch noch hab ich den Anfang nicht, denn das ist erst der Anfang zum Anfang. Beym Ende, mein Kind, war ich oft verlegen. Dein Vater pflegte zu sa- gen, ich koͤnnte das Ende nicht finden, ob- gleich mit seinen Anfaͤngen, wenn er was schreibet, wahrlich nicht zu prahlen ist. — Bis jezt hab’ ich, Gott sey Dank, noch immer das Ende gefunden, freylich oft in Winkeln, wo es nicht jeder zu suchen gewohnt ist. — O mein Sohn, wenn du wuͤßtest, wie schwer es mir wird, den Anfang dieses Briefes zu finden, du wuͤrdest deine Mutter bedauren, und sie in deinen Schmerz einschließen, wie ich dich immer in mein Gebet eingeschloßen habe, und jezt in mein Gebet einschließe. Ich will Sie nur nennen — so gern ich die- sem Namen auswich. Mine da ist der An- fang, Mine! o mein Sohn! wie wird mir, da ich diesen Namen, diesen seligen Namen, schreibe und spreche. Zacharias schrieb und sprach: sprach: er soll Johannes heissen, und war ein so gluͤcklicher Vater, als ich eine ungluͤck- liche Mutter bin, obgleich mein Johannes nicht dran Schuld ist, sondern ich selbst, ich allein selbst. Mine! Mine! Mine! Da ist der Anfang. Ihr Name wird auch das En- de seyn! Meine Seele ist betruͤbt bis in den Todt! — Wohl ihr, dem Kind der Treue! sie hat und traͤgt davon mit Ruhm und Dankgeschreye den Sieg, die Ehrenkron! Gott giebt ihr selbst die Palmen in ihre rechte Hand, und sie singt Freudenpsalmen dem, der ihr Leid gewandt. Aus dem Liede: Befiehl du deine Wege, woraus wie ein Ausgebaͤude die schoͤnen Worte: Befiehl dem Herrn deine Wege, und hoff auf ihn, er wirds wohl machen, her- ausspringen . Dieser Vers heißt Wohl ! Der Spruch steht im sieben und dreyßigsten Psalm, der fuͤnfte Vers. Fast kann ich sa- gen, ich fiel zu Grunde, wie ein Stein. Nichts, nichts in dem ganzen Laufe meines Lebens, hat mich so gegriffen, als dieser Fall. So wie den Egyptern giengs mir. Sie fassen in in der Nacht, waͤhrend, daß bey den Israe- liten Tag war. — Das Licht war nicht bey mir. Zu Gott rief ich: die Angst meines Herzens ist gros, fuͤhre mich aus meinen Noͤ- then! Siehe an meinen Jammer und Elend, und vergib mir meine Suͤnde! Der Herr sey gelobt! Ich habe Gnade funden in sei- nen Augen, so wie den Anfang zu diesem Briefe. Meine Brust schwoll so in die Hoͤhe, daß alle Bande zu reißen schienen. Jezt le- gen sich diese Blutwogen — obgleich ich noch lange nicht sagen kann: es ist stille. Viel- leicht wird es nie ganz stille. Du warst kein Kind mehr, als du schwach und krank dani- der lagest, und wieder gesund wurdest, ich weiß indeß nicht wie? Der D. Saft hat we- nig oder nichts dabey gethan, der, wenn gleich er seinem Vater seliger eben nicht in Wundercuren durch Heyrathen gleich kommt, jedoch in der Apotheke zu Hause gehoͤret und seine Kunst versteht, trotz Einem. Du weist, wie Gottergeben ich damals war. Waͤrst du gestorben, ich haͤtte keine Thraͤne, wie ich nach der Liebe hoffe, sinken laßen. Seit der Mi- nute, da ich fuͤhlte, daß ich dich hatte, bis jezt, da du dich zum Dienst des Herrn weihest und heiligest — wußt’ ich, daß mein Sohn sterb- sterblich war. Sterblich von sterblich, und waͤrst du gestorben! Wohl dir, du Kind der Treue! Du saͤngest Freudenpsalmen dem, der dein Leid gewandt. Aus der Strophe Wohl ! Du waͤrest wohl versorgt. Ein himm- lischer Superintendent und Oberpastor! Das ist mehr, als in Mitau, wohin dich der liebe guͤtige Gott, wenn es seinem heiligen und al- lezeit guten Willen nicht zuwider ist, verhel- fen wolle zu seiner Zeit! — Da ist er wieder in Herz und Feder der Name: Mine! Mine! O, der namlosen Angst bey diesem Namen, den Gott in Gnaden von mir wende! Wenn der lezte Kampf anbricht, o wend ihn, wende am Lebensende das Schreckliche dieses Na- mens, du, der du alles lenkest, wie Wasser- baͤche. — Wie hies der Barbar, der zween roͤmische Rathkoͤpfe (nicht Glieder) jaͤmmerlich hinrich- ten lies, und, da ihm nach kurzer Zeit bey einem Abendmahl unter vielen andern Speisen ein gekochter Fischkopf aufgetragen ward, ihn fuͤr das Haupt des einen Erwuͤrgten ansahe? Er sprang auf; denn der Fischkopf drohete ihm, in seiner Einbildung. Er flohe, der Fisch- Fischkopf verfolgt’ ihn, und unter diesen Aengsten, da beyde Ermordete ihr Blut von seinen Haͤnden forderten, starb er. Man kann leicht denken wie? Ich meines Orts behaupte Stein und Bein von dergleichen Leu- ten, daß sie lebendig in die Hoͤlle gefahren! Da sagen denn die Gewissenslosen: der Bar- bar hatte Hitze! freylich hatt’ er Hitze; al- lein Hoͤllenhitze! Er setzte sich hin, um froͤh- lich und guter Dinge zu seyn, bis der Ermor- dete ihm erschien. Der Fischkopf war ihm ein magischer Spiegel, und so ists immerdar mit dem Gewissen. Einbildung? Recht. Allein das ist des Gewissens Art und Weise. Es haͤlt uns immer einen Spiegel vor, dieser sey ein Fischkopf, oder was anders — und am Ende will ich lieber wuͤrklich leiden, als einen solchen Fischkopf sehen! Was mich mit Wasser in meiner Minenhitze besprengte, war der Umstand, welcher andere vielleicht unmuthiger gemacht haben wuͤrde. Du hast, dacht’ ich, meinen grausamen Brief an Mi- nen! Du weist alles; das Bekaͤnntnis der Suͤnd’ ist eine halbe Reue, eine halbe Besse- rung. Die Beichte koͤnnte eine sehr vernuͤnf- tige Sache seyn; jezt freylich ist sie nichts we- niger, wie das. Sey mein Richter! Ein A a Sohn Sohn zum Richter. O hier ist mehr als ein Fischkopf! Es ist immer eine und dieselbe Saite, die in mir sumset. — O ein schreck- licher Ton! Auch die Hoͤrner des Altars selbst kann ich nicht ergreifen. So oft ich in Gottes Haus bin, seh’ ich hier Num. 5. und da Num. 5. An Num. 5. haͤngt mein Ge- wissensspiegel. Da seh’ ich das stille gute Maͤdchen und fuͤhl es, daß ich ihr mit Unge- stuͤm begegnete, den lezten Sonntag, da schon ihre Seele alles eingepackt hatte. Sie gruͤßte mich, und ich! O Num. 5. Num. 5. O wenn diese Zahl nicht waͤre! Einfaͤltiger Wunsch, da eben fallen mir die fuͤnf Finger ein. Sie bleibe diese Zahl, und die Erinne- rung bleibe, daß ich Minen auf der Seele habe! Wie lebhaft ich mir alles zuruͤckerin- nere! Ich besann mich, indem ich dankte, ob ich wohl danken sollte, und solch ein Dank ist aͤrger, als Undank. Jezt dank ich, so oft ich die Bank sehe! — und niemand ist, der mir diesen Dank abnimmt. O wenn doch Minchens Geist diese meine Buͤcklinge sehen koͤnnte, und mich bedauerte! O wenn doch ihr Geist nur ein einzigmahl noch in unsre Kirche kaͤme! Wenn ich diesen Fischkopf: Sonntag, zuruͤck haͤtte, was gaͤb’ ich drum! Nur Nur den Vormittag, nur die Predigtstunde. Ich sah Minen deines Vaters Predigt hoͤren uͤber: wir haben hier keine bleibende Staͤte, sondern die zukuͤnftige suchen wir, welche dir dein Vater auf mein Zudringen, wie sie da geht und steht, senden wird! O Gott, wie hoͤrte Mine diese Predigt, und ich, wie sah ich sie hoͤren! Gleich dacht’ ich, ein Maͤd- chen, das so hoͤren kann, kann das boͤse seyn? Es kann nicht. Ich sah Minen manches Pre- digtwort befeuchten mit ihren Thraͤnen! Ein warmer fruchtbarer Regen zur Seligkeit! Ich sah sie Abschied von N. 5. nehmen, einen sanften seligen Abschied! O moͤcht’ ich doch auch, wenn ich zum letztenmal in das Gottes- haus gehe, von Num. 1. so Abschied nehmen, und wenn es auch zu mir heißt: wir haben hier keine bleibende Staͤte, sondern die zu- kuͤnftige suchen wir, so von hinnen gehen, wie sie aus Num. 5. O haͤtt’ ich doch nur einen Buchstab von diesem Abschiede gemerkt, da Minchen ihn nahm, nur ein Uhuͤtchen, ein Ipuͤnktchen! Welch ein schreckliches Licht ist mir jezt aufgegangen. Vorigen Sonnabend gieng ich allein ins Gotteshaus, und wollte versuchen, ob ich mich vielleicht in der Stille mit Minens Bank versoͤhnen koͤnnte? Lang- A a 2 sam sam gieng ich zu ihr, als zu meinem Richter- stuhl. Ohngefehr kam ich an die Stelle, der sie die Hand gedruckt, und siehe! es waren feurige Kohlen, die da brannten. — Noch jezt bin ich mit Num. 5. nicht in Ordnung. Gott sey gelobt und gebenedeyt, daß ich Min- chen anders gruͤste, da sie heraus gieng. Gott! Gott! Grosser Gott, ihre Thraͤnen! Ihr Ringen im Aug’ ehe die Thraͤnen flossen, die bange Thraͤnen und die lezte, die Abschieds- Thraͤne, die sie weinte, da sie gieng, die ihr mein lezter Grus erregte! — O sie komme zur Linderung uͤber mich, zum Erquickungs- tropfen in meiner brennenden Todeshitze! In meiner Todesnoth! Vater, vergib! Ich wuste so wenig, als Nathanael, was ich that! Dieser Wehrwolf — Doch warum klag’ ich andre an? Ich habe alles selbst gethan! Der Stank fuͤr Dankbrief! O haͤtt’ ich nie schreiben gelernt! Die Zunge hat viel Un- heil angerichtet; allein es geht mit ihr, wie mit dem Brod beym Becker. Den andern Tag wird frisch gebacken. — Nie, mein Sohn, das schwoͤr’ ich schriftlich vor Gott, der uͤber mir ist, ich schwoͤre, nie werd ich Lebenslang einen Brief, ein Promemoria, einen einen Waschzettel schreiben, wo ich nicht an Minen schriftlich denke, und ihren Nahmen, waͤr’ es auch nur der erst’ und lezte Buchstab M. e. mit hinein schreibe, um meine schrift- liche Suͤnde, meinen Stank fuͤr Dank zu buͤssen. Sey mit dieser Busse zufrieden, lie- ber guͤtiger Gott, und sieh mich so nicht an, wie ich Minen, vor der lezten Predigt in unsrer Kirche! Wie koͤnnt’ ich sonst vor dir bestehen! — Straf mich nicht nach meinen Suͤnden, vergilt mir nicht nach meinen Mis- sethaten! — So du willst, Herr, Suͤnde zurechnen hier, in der ersten Instanz, vor dem Gewissen, und dort in der lezten, wer kann bestehen? — Gott du kennst vorhin alles, was mich kraͤnket, und woran mein Sinn Tag und Nacht gedenket. Niemand weiß um mich, als nur du, und ich! — Das! das! mein Sohn, ist mein taͤglich, mein stuͤndlich Gebet zu Gott, das ich aus der Tiefe herauswinde, wie ein muͤder Wan- derer einen Labetrunk aus einem Brunnen, der dem Reisebecher Tropfen auspreßt. Wie gern ich sehe, wenn das Glas beschlaͤgt, kann A a 3 ich ich dir nicht sagen. Es ist mir so, mein lie- ber Sohn, als erquicke sich das Glas selbst. Du hast mir, es ist nicht zu leugnen, ei- nen stark gewuͤrzten Brief geschrieben, Mus- katennuß, Englischgewuͤrz, Pfeffer und Ing- ber war drinn. Zu sehr indessen zeigt der Brief noch, daß du mein Sohn bist, und ich deine Mutter. Zu sehr, daß du unter mei- nem Herzen und an meiner Brust gelegen, die niemand, als dein Vater, und der nur beylaͤufig, gesehen hat. O warum, warum vergißt du denn dies nicht alles? Das konn- test du leider nicht. Warum denn nicht? Grif ich dir nicht ins Herz hinein? Riß ich dir nicht ein Aug’ aus? Sohn! zu guter Sohn! — Wisse, daß ich mir selbst, wie jener Gesetzgeber, dessen Sohn ein Gesetz uͤbertrat, worauf zwey Augen standen, auch ein Aug’ ausgerissen, und zwar das linke, das ich das Herzensauge nenne, so wie das rechte das Verstandsaug’ ist. Jezt, ich weiß selbst nicht wies zugeht, da ich dies alles aus der Fuͤlle meines Herzens herausschreibe, fuͤhl’ ich mich einigermaassen getroͤstet. Mich soll verlan- gen, ob es von Bestand seyn wird. — — Wundershalber brech’ ich auf einen Tag ab. Gelobt Gelobt sey der, dessen Aufsehen unsern Odem bewacht! Ich bin zufriedener. Ich bitte dem lieben Gott wegen des Fluchs ab, den ich uͤbers Schreiben aussprach! — Es ist grundfalsch, daß das Schreiben nicht auch sein Gutes habe. Freylich haͤtt’ ich an Mi- nen nicht schreiben sollen. Was kann aber das Wasser dafuͤr, daß es nicht Taufwasser wird, welches so schoͤnes Gruͤn hervorbringt, daß das Auge fuͤhlbar gestaͤrkt wird? Denke doch weiter uͤber das Schreiben, und schreibe mir mit naͤchstem, was du gedacht hast. Bey deinem Vater kann ich mich deshalb nicht Raths erhohlen. Das Schreiben kommt mir als ein vernuͤnftiger Monolog vor, die beste Manier, wie man zu sich selbst kommen, und sich ein Woͤrtchen ins Herz und Seele hinein bringen kann. Wenn man mit sich selbst spricht, laͤuft jeder fuͤr uns: und mit den lie- ben Gedanken — wer zaͤunt sie gern ein, und unverzaͤunt, wie selten halten sie Stich? — Ich weiß, an welchen ich glaube — und bin gewiß, daß er mir meine Beylage bewah- ren werde bis an jenen Tag, daß der, so meinen Nelkensamen gestreuet, auch die Nel- ken ablegen, und in ein ander Beet versetzen werde, daß der, so in mir angefangen das A a 4 gute gute Werk seiner Verherrlichung, es auch durch seinen heiligen Geist bestaͤtigen und voll- fuͤhren werde, bis an den lieben juͤngsten Tag. O wie es mich entzuͤckt hat, daß die Selige Mosen und die Propheten, Bibel und Ge- sangbuch, zu ihrem Ein und Alles gemacht, und daß sie besonders in geistlichen und himm- lischen Liedern ihre Wonne gefunden! O du mir sonst schon theur und werthes Lied: ich hab mein Sach Gott heimgestellt wie weit theurer und werther bist du mir jetzo! Du Minens Reiselied auf ihrer Wanderschaft zur selgen Ewigkeit! Weißt du auch noch, mein Erst- und Letztgebohrner! wie wir un- terwegs, da wir die Folianten, die uns kreutz- weise zur Verewigung des Vetterlichen Ku- pferstichs dienten, zu Hause brachten: wie wir sangen: Man traͤgt eins nach dem andern hin, Wohl aus den Augen und aus dem Sinn. — Behuͤte Gott, daß ich dich an diese preiß- wuͤrdige Stelle darum erinnern sollte, damit auch die hingetragene Mine dir wohl aus den Augen und aus dem Sinn kommen moͤge! Nein, ewig sollst du an sie denken, aber denk’ an sie, als Christ! Sieh! die Natur giebt dir die Vorschrift, deinen Schmerz nicht zu ver- ewi- ewigen. Allmaͤhlig, wie Spiritus, duftet er aus. Man merkt wohl, es ist Spiritus gewesen; allein die Hauptkraͤfte sind in den Wind geschlagen. — Dein Vater pflegte zu sagen, daß er jeder Hand ansehen koͤnnte, auch dann, wenn jetzt kein Ring daran hieng, daß einer dran gewesen. Ein gewisser Zwang, ein gewisser Stolz, bleibt drinn, und der kleine Finger will mit aller Gewalt der Daumen oder Mittelfinger seyn. Das kleine Naͤrr- chen! So nicht mit Christenleuten. Sie sind einen Zoll uͤber die Natur! groͤßer, staͤrker, als sie. — Was die Natur nicht kann, ver- mag die Gnade, die maͤchtig macht! Dieser Gnade befehl ich deinen Geist, Seel und Leib, alles muͤsse unstraͤflich behalten werden bis zum allgemeinen Concilio, wenn offenbar wird, der Gott dient, und der ihm nicht dient. — Wenn du das schoͤne Werk: Ehre und Lehre der Augsburgischen Con- feßion von Johann Weidner , Ulm 732. habhaft werden kannst, laß es nicht aus der Hand und dem Auge! Dein Vater hat es nicht! Ueber das Reiselied: ich hab mein Sach Gott heimgestellt, hab ich nicht ohne die aͤusserste Ruͤhrung meines Herzens nach- geschlagen, daß ein sieben und siebenzigjaͤh- A a 5 riger riger Greiß, da er sich diesen Kern- und Stern-Gesang vorsingen lies, und an die Worte kam: Es wird nicht eins vom Leibe mein, sey gros oder klein, umkommen, noch verlohren seyn sich so angegriffen, daß sein erstorbener Koͤr- per sich verjuͤngte, wie ein junger Adler. Man sah ihn ordentlich auferstehen. Nicht eins, nicht eins, nicht eins, schrie er, vom Leibe mein, umkommen und verlohren seyn! und starb ruhig und selig! — Wuͤrdest du es wohl gern sehen, wenn du von Minen in der andern Welt nur ein Gemaͤhlde, nur einen Kupferstich sehen soltest? Nicht eins, nicht eins, hoͤr’ ich dich auffahrend rufen, wie den sieben und siebenzigjaͤhrigen Greis. Nun, du sollst sie wieder haben, ganz und gar! Es giebt Plaͤtze in unsern Liedern, wo man in der groͤßten Sonnenhitze vorm Sonnenstich sicher ist, wo kein Sonnenfunke hineinblitzt, kein Strahl hineinschleudert, und wo es einem so wohl ist, so herzlich wohl! — Ich weiß nicht, (mein Gedaͤchtnis faͤngt mir an so schlecht zu werden, und ich merke selbst bey Liederstellen, daß sie mir wie die Zaͤhne ausfallen,) ich weiß nicht, wo ich es gelesen habe, daß ein braver Mann Mann sich alle liebe Morgen, wenn er aus dem Bette gefahren, einen frischen Erdenklos bringen laßen, daran er eine Weile gerochen. Er behauptete, daß er Gesundheit und Le- bensverlaͤngerung daraus roͤche! Mein Sohn! giebts einen originalern Menschengeruch? Ein Erdenklos war noch vor dem Adam, und er ward aus ihm gemacht. Zwar ist die Erde jetzt sehr mit Todten versetzt, denn wer weiß, ob ein Stellchen ist, das nicht ein Kirchhof, eine Urne, waͤre? Und wer kann es leugnen, daß so ein Erdenklos, aus dem Gott der Herr den ersten Menschen machte, sich unge- fehr gegen unsere jetzige Erde verhalten ha- ben koͤnne, als gekochtes Gemuͤse und rohes Obst. — Indeß erfrischet auch das gekochte Gemuͤse das Blut, und auch noch, glaub mir, auch noch muß man von der Erde was originales riechen koͤnnen, wenn man sich nicht an so genanntem wohlriechenden Wasser die Nase von Grund aus bis auf die Wurzel verdorben hat, welches aber nicht, wie dir erinnerlich seyn wird, durch Himmelsschluͤs- selchen, wozu auch Krausemuͤnze zu zaͤhlen, geschiehet. Den Erdenklos, aus dem Adam ward, nicht wahr, den haͤttest du riechen moͤ- gen! Ich auch mein Sohn! — Noch eine Anek- Anekdote schwebt mir in Gedanken uͤber: ich hab mein Sach ; allein ich kann sie nicht zum Stehen bringen. So gehts, je aͤlter je kaͤlter! und bald wird mich der Papagay jenes spanischen Gesandten uͤbertreffen, welcher, wie ein bewaͤhrter Schriftsteller versichert, die ganze Litaney singen koͤnnen. Das waͤr ein Casus fuͤr mich! Was ist Nachtigall und Lerche! und alle Finkarten gegen solch einen Litaney Papagay — zum erstenmahl merke ich, daß sich Litaney und Papagay reimt! Schoͤn! — Es giebt Lasten des Lebens, mein lieber Sohn, die auch dem Christen zu schwer zu heben sind; allein er vermag alles durch den, der ihn maͤchtig macht. Er probirt und probirt so lange, bis er hebt und traͤgt. Es kommt viel drauf an, wie mans angreift, und sich auflegt. Die Gelehrten laßen sich gemeinhin mit einem Buch in der Hand mah- len, und druͤber wegsehend! Nicht also, mein Sohn, wie diese Verkehrten! Ins Buch, sag’ ich, ins Buch das Auge! Glaubt, ihr Her- ren Gelehrte Verkehrte, etwa, daß das Auge dem, der euch sieht, verloren gehe? Eben dieser Blick ins Buch ist das Aug’ eines Ge- lehrten, wenn er nicht ein Verkehrter seyn will, und nun, mein Sohn, laß dich nicht blos blos so mahlen, sondern sieh wuͤrklich ins Buch des Lebens! Die Bibel ist davon die erste Ausgabe, die zweyte vermehrt wird dir in der andern Welt aufgethan! Dein Grosvater seliger, der gluͤckliche , machte, wenn er nachsann, kleine Augen, recht als ob er keinem Gegenstand mehr Platz laßen wollte; dein Vater macht sie gros, wenn er nachdenkt, wenn er mit der Seele wohin sieht, und da fallen denn Sonnenkoͤr- ner, kleine Sterne, wie die Sternschnuppen, aus seinen Augen. Manche machen die Au- gen dicht zu, als ob sie nicht sehen auf das Sichtbare, sondern auf das Unsichtbare; denn was sichtbar ist, das ist zeitlich, was aber unsichtbar ist, das ist ewig. — Was steht in der ersten Ausgabe des Le- bensbuchs? Denen, die Gott lieben, muͤssen alle Dinge zum Besten dienen. Kann der Ton sprechen zum Toͤpfer: warum machst du mich also? Der Mensch sieht immer scheel uͤber den lieben Gott, weil er so guͤtig ist, nicht nur in Absicht seines Groschens, sondern anderer. Dies Evangelium vom Groschen ist vortref- lich. Es ist nicht mit Gold zu bezahlen. Was kannst du, Mensch, mehr als einen Groschen ver- verlangen? Am Ende hat Niemand mehr. Nur daß es anscheint, als haͤtte dieser oder jener druͤber. Was willst du mehr, Mensch! wenn du deinen Groschen bekommst? Was mehr? Du willst die ganze Natur verschlin- gen. Unthier! Wie viel Arten von Speisen in einer Mahlzeit? Fast alle sechs Tagewerke werden aufgetragen. Dafuͤr must du aber auch leider! den D. Saft in Ehren haben. Selbst das Sterben muß dir dafuͤr schwer werden. Du bringst dich selbst um, Israel! Wahrlich in allem Betracht dich selber! — Das ist ein theur werthes Wort, daß sich der Mensch mit dem lieben Gott in Verbindung denkt, daß er weiß, wie ohne den Vater uͤber alles kein Sperling faͤllt, wenn gleich dieser den Kirschen nachstellt. Kein Haar auf dei- nem Haupt’ ist, das Gott der Herr nicht ge- zaͤhlet haͤtte. Alles ist in Verbindung mit einander, und alles zu Gott. So drehen sich große Weltcoͤrper um ihre Achse und wandeln, sagt dein Vater. Ich stelle die großen Welt- koͤrper an ihren Ort, gnuͤgsam mit der Be- merkung, daß goͤttliche Heimsuchungen, der- gleichen du jetzt erfahren, dergleichen ich auch oft erlebt, besonders, da dein Vater mir lieblos den Ruͤcken kehrte, und ich im hitzigen Fie- Fieber hebraͤisch lernte, da mir deine Gros- mutter den Ring aufdruͤckte, und da dein Vater dich Alexander hieß, und da er selbst M — l — ch genannt ward, was wollt’ ich sagen? Dergleichen Heimsuchungen sind We- cker, sind Haltrufer! Steh doch, Seele, steh doch stille ! Gott sucht den Menschen heim, wenn es dem Menschen wohlgeht. So sieh dich doch um, wie schoͤn dein Feld steht, dein Weib fuͤrchtet den Herrn, und deine Kinder stehen, wie Palmen am Wasser; du hast was dein Herz wuͤnscht und deinen Augen gefaͤllt. Gott sucht den Menschen heim, wenn er ihm mit unerwartetem Un- gluͤck in die Quere kommt. Gluͤck kommt in die Laͤnge. Gott kommt, so zu sagen, bis ins Menschen Haus, um ihm Gutes im Gluͤck und Ungluͤck zuzufuͤgen. Was liegt nicht alles in dem Worte heimsuchen ! Gott sucht den Menschen heim zu ziehen, von der Welt ab, und in sich selbst, in seinen eigenen Busen, um durch eben diese Selbsterkenntnis ihn dahin zu bringen, wo wir ewig seyn wer- den! Kreutz und Leiden, mein Kind, sind der Zaum und Gebis, so der liebe Gott uns, seinen Roßen, ins Maul legt, wenn wir nicht zu ihm wollen; und wer ist ohne Kreuz und Leiden? Willst Willst du mit Gott rechten, du toll und thoͤ- richt Volk, das wahrlich nicht an seine Brust schlagen und sagen kann: mein Gewissen beißt mich nicht, meines ganzen Lebens halber. Das Gewissen, wie du selbst wissen wirst, geht von unten, ungefehr um den Magen her- um, in die Hoͤhe. Oben haͤlt es sein richter- liches Amt, unten ist sein Schlafstuͤbchen. Wenn es aufwacht zum harten Criminalur- tel, wie brennend sind seine Tritte! Wie gluͤ- hend Eisen gehts in die Hoͤhe. — Was schreyen wir denn? Daß wir nicht dies, und daß wir nicht jenes haben? Wenn wir auch das nicht haͤtten, was wir haben? Wenn du z. E. nicht Pastors Sohn waͤrst, und Mi- ne die Tochter eines Litterati, obgleich uͤber seine Litteratur noch ein Streit ist. Waren wir nicht Ton, aus dem der Weltmeister ma- chen konnte, was er wollte? Warum sollten wir der Erde noch mehr Dornen und Disteln auf den Hals wuͤnschen, und ihr fluchen? — Glaub mir, am Ende hat der Generalsupe- rintendent und der Herzog, der Praͤpositus, der Pastor, der Litteratus, schlecht und recht, fast moͤcht’ ich sagen der Wacker selbst, nichts vor dem andern druͤber und drunter. Jeder hat seinen Groschen. Staub ist Staub, er sitze sitze im Sammetrok, oder im Kittel. Schmerz ist ein Praͤludium zur Freude. Freude ein Praͤludium zum Schmerz. Es geht in der Welt alles aus Einem Ton, aus Bdur. Freylich leiden wir oft des Ganzen wegen, so wie der Gerechte durchs Gesetz, das eigent- lich nur dem Ungerechten gegeben ist; allein leiden nicht auch viele fuͤr uns? Es geht immer mit einander auf. Wie viel Haͤnde sind nicht unsertwegen, eben da ich dies schrei- be, in Bewegung. Die Menschen haben schon einen angebohrnen Trieb zur Huͤlfsam- keit, sich einander foͤrderlich und dienstlich zu seyn. Du empfindest die Sonne, weist du aber ihre Natur und Wesen, weist du, ob drinn gegessen oder getrunken wird? Das sey dir eine Warnung! Ueber Gott und seine Wege meistre nicht! Dein Standort ist dir nicht recht; weist du aber auch, wo du stehest, und wenn du es weist, siehe wohl zu, daß du nicht faͤllst. Willst du gerechter, guͤtiger seyn, als der Allguͤtige, der Allgerechte? Die Na- tur des Menschen hilft sich durch die Krank- heit; so wie die große Hauptnatur durch Don- ner und Blitz, Hagel und Stuͤrme. Wenn sie sich den Magen verdorben hat, muß es heraus. So lange dir der liebe Gott die B b zwey zwey Bruͤnnlein deiner Augen giebt, in denen Wasser des Lebens, des Trostes rinnen, und so lange der Mensch manche schwere Stunde verweinen kann, was will er denn? Zwar Die Fromme stirbt, die recht und richtig handelt, Die Boͤse lebt, die wider Gott mis- handelt ; allein ists nicht besser, daß eine Wohlvorbe- reitete unter die Engel kommt, als Eine, die es nicht ist. Wuͤrden die Engel sonst nicht alle Liebe zu den Menschenkindern verlieren, wuͤrden sie sich nicht des Menschen schaͤmen, obgleich er, wie sie, Gottes Geschoͤpf ist? Wenn der v. E — mit seinen habsuͤchtigen Augen dahin geraft waͤre, wahrlich ganz Cur- land haͤtt’ im Himmel drob verlohren. Es waͤre Curland gegangen, wie es den Deut- schen dadurch geht, daß sie lauter Gruͤtzkoͤpfe nach Paris geschickt, das Land zu besehen, woruͤber dein Vater nicht gnug seinen deut- schen Kopf schuͤtteln kann. Lies dir da Trost- gruͤnd’ aus, wie wir Zuckererbsen zur Saat auszulesen pflegen. Was wurmstichig ist, wirf davon. Nicht alle meine Trostgruͤnde sind Saat-Zuckererbsen. Du weißt doch, man muß sie erst aufweichen, wenn sie aufgehen sollen. sollen. Weine, herzlich geliebter und nach dem Willen Gottes schmerzlich betruͤbter und leidtragender Sohn! und erweiche die Saat- erbsen von Trostgruͤnden, durch deine Thraͤ- nen; dann wirst du alles ganz anders finden. Weine fuͤr Freuden, daß wir weinen koͤnnen, und erhohle dich, wie die angebrannte Pflanze nach dem Abendtau. Verstopfe die Quelle, aus der Leben abfließt, nicht durch bittere Haͤrte. Murre nicht wider Gott! Nicht alle koͤnnen alles. Nicht jeder kann einen Wald voll Waldgreiser, alt und wohlbetagter Ei- chen, nicht jeder kann einsame Gegenden aus- halten, wo Schauer aus allen Winkeln zu- sammen kommen, und den Ankoͤmmling aͤng- stigen, als kaͤm’ er in ein verfluchtes Schloß. Da wird er denn in die Enge getrieben, und kommt so im Kleinen zu stehen, daß er wie in sich selbst verkrochen ist. Ich konnte den dick- sten Wald aushalten, als saͤh’ ich Johannis- beerenstrauch, und selbst in der alten Rum- meley eines vernachlaͤßigten Waldes, in einer zerstoͤrten Staͤte, wo ein Kaͤuzlein keinen Laut wagt, konnt’ ich froh seyn. Da fieng ich dann ein Morgen- oder Abendlied an, und freute mich, daß der Wiederhall so gut Me- lodie hielt. Da sah’ ich dann manchen Baum, B b 2 dem dem die Erde an der Wurzel ungetreu worden. Sie wollte von ihm abfallen; allein er be- faßte sie mit seiner Klaue — und sie blieb. Da war ich wie zu Hause, und fuͤhlt’ es tief in der Seele, daß im Stillen wirken, goͤtt- lich sey. Die Natur (Gottessprachzimmer) sieh! wie still sie ist! — Eine Waldblume, obgleich sie wie eine Eiche wird, bekommt et- was von der Staͤrke ihrer Cameraden. Sie steht laͤnger, als die, auf dem Felde; denn wenn ich gleich nur ein Lied bin, geht doch manche Ode auf meine Melodie — ich hoͤrte den Donner nicht, als hoͤrt ich Gottes Schelt- wort. Schelten konnte nur meine selige Mutter — uͤberall, und ich — in der Kuͤche. Ich hab’ es selbst gesehen und gehoͤrt, daß mitten im Gesange deine Grosmutter selige, war es Catharinen, oder einer andern, einen Schlag ans Ohr gab — mitten drinn. Der- gleichen Taktschlaͤge sind mir nicht eigen. Wer ein gut Gewissen hat, haͤlt den Donner fuͤr eine Instrumentalmusik der Natur. Thut Buße, toͤnt er dem Verbrecher, denn das Him- melreich ist nahe herbey kommen — und der Blitz? Gott verzeih mir meine Suͤnden, oft ist es mir vorgekommen, als schluͤge sich der liebe Gott Licht an, und auch im dicksten Walde Walde, wo ich denn wohl einsah, daß die stolze Eiche, die gern ein Woͤrtchen mitspricht, und die, wenn der Wind daher faͤhrt, Schelt- wort auf Scheltwort giebt, stock still war. Im Walde, wo der Blitz sich so recht herum schlengeln kann, war mir ehemals nichts schrecklich! — Wie still es hier war, wie vor dem Wort: es werde Licht! Da bewegte sich kein Blat. Mir war ehemals diese Stille erwecklich! himmlisch — Nach Minens Tode, ich kann es nicht leugnen, ist mir beym Don- ner und Blitz nicht mehr so zu Muthe! Jetzt ist auch was von thut Buße drinn, und im Blitz: bedenke das Ende ! Ich schaudre vor dicker Finsternis, und alles scheint Mine im Munde zu haben und wider mich aus- brechen zu wollen. Vor diesem, selbst wenn eins vom Blitz getroffen war, kam es mir vor, als waͤr’ es im feurigen Roß und Wa- gen gen Himmel gehohlt; vorzuͤglich dacht’ ich dies bey dem Blitztode des alten Peters, denn es war ein so guter frommer alter Mann, daß nichts wider ihn zu sagen war. Man suchte nach seinem Tode; allein kein blauer Fleck an ihm! — Es war kein Schmerz in seinen Falten; sie schienen wie ausgeglet- tet. Im Leben hatte Peter auch keinen Fleck, B b 3 ausser ausser daß er zuweilen ein Glaͤschen uͤbern Durst trank. Eins nur. Jetzt ist alles mit mir gar anders! — Das ganze Haupt ist krank, das ganze Herz ist matt, von den Fußsohlen an, bis zur Scheitel, ist nichts gesundes, nichts festes, an mir. Charlottens Laube selbst, wie schrecklich sie mir da ist! Hier, wo so viel Thraͤnen ver- gossen sind, hab’ ich Muͤhe die meinigen in Gang zu bringen. Sieh’ mein Sohn! Du bist zu Superintendenten Leiden und zu Su- perintendenten Freuden gebohren und erkoh- ren, zur hohen Wuͤrde, zur schweren Buͤrde. Zum hoͤhern Halleluja, zum tieferen Kyrie Eleison. Du bist, das weiß ich, nicht un- behuͤlflich in diesem Kummer. — Der Gram ist durstig, wenn er aus verungluͤckter Liebe, aus Todesliebe, kommt, hungrig, wenn er Verachtung, Verspottung zur Triebfeder hat. Trink ein wenig Weins, deines schwachen Magens halber, und wisse, daß deine Mine wohl versorgt sey: aber warum schein’ ich es selbst nicht zu wissen? Ach! wer doch einmal droben waͤr ! Wenn du gelegentlich, mein Kind, ein Buch: Die große Diana der Epheser, oder ein Traktaͤtchen von den Accidentien der Predi- Prediger. Danzig 693. lesen kannst, lies es und schreib mir den Inhalt. Selbst lesen mag ich es nicht, wohl aber die Ehre und Lehre der Augspurgischen Confession von Johann Weidner, Ulm 732. Wenn es dir begegnet, kauf es. Mit Freuden ersetz ich Kosten und Porto. — Glaub mir, mein hiesiger Aufenthalt wird nicht langwierig seyn, und ich freue mich drob, bald! bald! ausgespannt zu seyn, und ausser dem Leibe zu wallen. Meine Seele, ein Strahl aus dem goͤttlichen Lichte, sehnet sich zuruͤckprallen zu koͤnnen, und mit dem lieben Gott ins naͤhere Verkehr zu kommen! Der Tod wahrlich ist das wahre Universale wider alle Leiden dieser Zeit. Wuͤrden wir wohl Lust haben einzu- packen, wenn nicht heute hier, morgen da, ei- ner von unsern Lieblingen und Gespielen das Zeitliche segnen und aus unserm Kraͤnzchen wie eine Rose, die am besten riecht und am ersten bricht, ausfallen wuͤrde, und was hat sie denn, die Welt, im Pallast, und in der Waͤchterhuͤtte? Was hat sie denn so uns nicht naget und plaget? In der Natur ist Tag und Nacht, Sommer und Winter, Leben und Tod. Waͤre nicht Abend, waͤr auch kein Morgen, waͤre nicht B b 4 der der Tod, waͤre wohl Leben? Hier ist der er- ste Eingang bey den meisten Menschen bis ans Vaterunser. Bey den andern das The- ma, die Partition, bey den meisten ein Ge- rippe zur Ausfuͤhrung, die mein seelger Va- ter, wenn der Edelmann communicirte, vorn in die Bibel zu legen pflegte, um keine Divi- sion und Subdivision zu verlieren. Die rechte Ausfuͤhrung, vorzuͤglich die Application, ist der Zukunft vorbehalten. Zum Amen kommt es bey keinem Menschen. Gott allein ist Amen. Alle Verheißungen sind Ja in Ihm, und Amen in Ihm! Gott zu Lobe durch uns! Drum lieb’ ich auch dies Wort, das Amen fein, Amen, bis zum Herz- andruck, bis zum Kuͤßen. — Gott der Herr ist uͤberschwenglich. Er thut mehr, als wir wißen oder verstehen. Wir fragen zwar all Augenblick, wie Maria, wie soll das zuge- hen ? und lachen wie Sara, weil ihr Herr alt war, und ihr nicht mehr nach der Weiber- weise gieng; allein Zeit bringt Rosen, und Hofnung laͤßt die nicht zu Schanden werden, die im Dienst der Wahrheit und des Lebens stehen, und nicht auf das Wirrwarr dieses Lebens, sondern auf die Harmonie des Zu- kuͤnf- kunftigen sehen; daher auch der Himmel mu- sikalisch vorgestellet wird. In Parenthesi merk ich an, daß ich am Sterbtage deiner Mine faste und fasten wer- de, bis mich nicht mehr hungert, noch dur- stet, und auf mich faͤllt irgend eine Hitze der Angst — aber wie fast’ ich? Nicht, daß ich mich verschloͤße; sondern daß ich meine Lieb- lingsschuͤßeln selbst mit eigener Hand koche, und mit eigner Nase rieche. Dann ists keine Kunst zu fasten, wenn uns Feur und Wasser im Exilio versagt werden. Sey getrost, mein Sohn! Der Trieb des Lebens hoͤrt nicht auf, sondern mehrt sich mit den Jahren; nur durch die Religion wird er eingeschraͤnkt und zur rechten Ader gelenkt. Ich kann es dir versichern, daß meine Lust zum Leben so ziem- lich versiegt ist. Wie sollte das zugehen, wenn nicht noch was dahinter waͤre? Dar- auf verlaß dich! Es ist noch was dahin- ter. — Deiner Guͤte will ich trauen, bis ich froͤlich werde schauen — Weiter kann mein centnerschwer beladenes Herz weder schreiben noch singen. Wieder ein Absatz! — Meine Lippen sind gedoͤrrt, so, daß die Triller nicht aus der Stelle wollen, eben so B b 5 wenig, wenig, als die Feder. Ich will morgen wie- der eins versuchen. — Alte, mein Sohn, muͤssen aufs Vergangene, Junge aufs Zu- kuͤnftige denken. Wer die Ursachen der ge- genwaͤrtigen Dinge, und ihre Verbindung mit den Zukuͤnftigen, uͤbersehen kann, das ist ein weiser, das ist ein goͤttlicher Mann. Der hat Verstand, dem etwas leicht wird, was andern Menschen schwer ist, der hat Verdienst, der es seinen Nebenmenschen leicht machen kann. Ich wuͤnsche dir wohl zu ruhen! Mein Gott, nun ist es wieder Morgen! die Nacht vollendet ihren Lauf; nun wachen alle meine Sorgen, die mit mir schlafen giengen, auf! Die Ruhe, wie der Schlaf, ist hin ich sehe wieder, wo ich bin — ich bin noch immer auf der Erde, wo jeder Tag sein Elend hat, hier, wo ich immer aͤlter werde, und haͤufe Suͤnd und Missethat. O Gott, von deßen Brod ich zehr, wenn ich dir doch auch nuͤtze waͤr ! Diese Diese beyden Reihen hoͤrt’ ich einst von einer Bettlerin singen, und dieser Gesang ist mir in der Erinnerung noch so ruͤhrend, daß ich keine Zeile mehr, weder abschreiben noch singen kann. Wie hast denn du geschlafen? — wenn man auch nicht gut wacht, wenn man nur gut schlaͤft, so findet sich auch das Wachen. Der Candidat erzaͤhlte juͤngst ein Vorfaͤll- chen, das kuͤrzer, als seine Manschetten, al- lein recht artig ist. Ein Bauer kommt nach Mitau, um den Brief an seinen Sohn ja recht gut anzubringen. Er giebt ihn ab, und wartet bis der Postillion blaͤset, und nun bit- tet er ihn recht freundlich, doch ja den Brief gut zu bestellen. Lieber Sohn! Wir Men- schen, denk’ ich, machen es eben so, und auch du bist, mit deiner Erlaubnis, nichts mehr, nichts weniger, als dieser Bauer mit dem Briefe. Wir alle bitten den Postillion, den Brief, den er zwey Meilen traͤgt, gut zu be- stellen. Wer erreicht seine Schicksale, nur uͤber eine Hand voll Jahre, das sind fuͤnf nach der Zahl der Finger? Wer bis an Stell und Ort? Auch in Absicht deiner Mine bist du nach Mitau gereiset, und hast so lang ge- wartet, bis geblasen ward, und hast recht freund- freundlich gebeten, doch ja den Brief zu be- stellen. Sag am Ende, um nur mit einem Blick, mit einem einzigen, auf die naͤchstfol- gende Station zu kommen, haͤtte wohl Mine fuͤglich Superintendentin werden koͤnnen? Wenn ich schwach bin, bin ich stark, sagt ein Apostel, der doch entzuͤckt ward bis in den dritten Himmel, ins Paradies, wo er unaus- sprechliche Worte hoͤrte, die kein Mensch aus- druͤcken kann. In Parenthesi, mein Sohn! Betruͤge den Petrus und den Paulus nicht um ihr us . Scheer ihnen den Bart nicht, der ihnen so treflich steht. Recht Maaß, rechte Elle, recht Gewicht. Sey nicht solch ein Ehrenschaͤnder, als ein junger Candidat, der vor acht Tagen bey uns war, welcherley es viel giebt unter den Deutschgelehrten. Der heilige Paul, der heilige Peter! O du hoͤl- zerner Peter du! Peter und Paul ohn us ist nicht Petrus und Paulus. Dein Vater selbst, der in solchen Dingen, wie du weißt, kein Zelot’ ist, und seinen Schlagbaum manchem oͤfnet, wobey ich halt rufe, aͤrgerte sich die- ses Candidaten mit hinten gesteckten Locken. Du in dich selbst verliebter Narciß, der du der Kirche nicht einst die Tonsur deiner Haare leistest, und deine Haͤrlein mehr liebest, denn Sitt’ Sitt’ im Land’ ist. — Doch ich mag keine Delila seyn, die Simsons Haupt peruͤken- duͤrftig machte, ob gleich unser Candidat so wenig Simson ist, als ich Delila. — Was wollt’ ich aber von Paulus sagen? Daß er im zweyten Brief’ an die Corinther sich Ge- rechtigkeit wiederfahren laͤßt , und dies Woͤrtchen zu seiner Zeit, wer verdenkt es ihm? Ich bin nicht wider Selbstgefuͤhl. Wer nicht im Geist und Wahrheit sagen kann ich, wie kann der du, er, ihr, wir, ihr, sie , sagen? Jede Woche hat ihren Sonntag, und so hat auch der Herr unser Gott Staͤnde eingerichtet. Wer wird dem Stolz das Wort reden; allein ich soll meinen Naͤchsten lieben, als mich selbst. Ich bin also das Original, mein Naͤchster die Kopie. Ich enterbe mei- nen Bruder nicht, gebe meinem Naͤchsten sein Pflichttheil, behalt aber fuͤr mich, was Recht ist. So auch Sanct Paulus zu den Corin- thern, der seine Lobrede anfaͤngt, wie ich nie eine angefangen. Ihr vertraget die Nar- ren, weil ihr klug seyd . Solch einen Ein- gang laß ich wohl bleiben. Meine Corinther sind aber auch darnach. „Ich habe mehr gearbeitet, ich habe mehr „Schlaͤge erlitten, ich bin oͤfter gefangen, oft „in „in Todesnoth gewest. Von den Juden hab’ „ich fuͤnfmahl empfangen vierzig Streiche, „weniger eins. Ich bin dreymahl gestaͤupet, „einmahl gesteiniget, dreymal hab’ ich Schif- „bruch erlitten, Tag und Nacht hab’ ich zu- „gebracht in der Tiefe des Meeres. Ich ha- „be oft gereiset, ich bin in Faͤhrlichkeit gewe- „sen zu Wasser, in Faͤhrlichkeit unter den Moͤrdern, in Faͤhrlichkeit unter den Juͤden, „in Faͤhrlichkeit unter den Heiden, in Faͤhr- „lichkeit in Staͤdten, in Faͤhrlichkeit in der „Wuͤsten, in Faͤhrlichkeit auf dem Meer, in „Faͤhrlichkeit unter den falschen Bruͤdern. „In Muͤhe und Arbeit, in viel Wachen, in „Hunger und Durst, in viel Fasten, in Frost „und Bloͤße. Ohne was sich sonst zutraͤget, „nemlich daß ich taͤglich werde angelaufen, „und trage Sorge fuͤr alle Gemeinen.“ O des vortreflichen Paulus! O des theu- ren auserwaͤhlten Ruͤstzeuges, des Superin- tendenten unter den Aposteln! Da bin ich eben, wo ich hin wollte. Kann sich, lieber Sohn, Sankt Paulus ruͤhmen seiner Supe- rintendentur, warum sollten wir vergeßen, daß wir aus dem Stamme Levi sind, und daß ich fuͤnf Pastorahnen von Vater- und vier von muͤtterlicher Seite zaͤhlen kann, daß einer meiner meiner Ahnherrn Superintendent und zwey Praͤpositi gewesen, daß Ehren Paul Ein- horn mit uns von der Seitenlinie verwandt ist? Ists denn nichts, Menschen vom Ir- thum und Thorheit bringen zu der Wahr- heit? Ists denn nichts, Superintendent seyn? Der Herzog regiert uͤber den Leib, der Superintendent uͤber die Seele. Dein seli- ger Grosvater sagte, wer ein kluges Buch schreibt, hat ein Edict ausgeschrieben, das nicht ein spannlanges Laͤndchen, sondern die Welt beobachtet. Er ist mehr von Gottes Gnaden, was er ist, als diese Durchlauchtige Haͤupter. Wenn ich die Wahl haͤtte, so wolt’ ich lieber Newton , als Czar Peter seyn, sagt’ unser Hauptcandidat. Dein Vater schuͤttelte den Kopf, was ist aber da zu schuͤt- teln? Und wenn nicht ein Dichter, ein Hi- storicus, dazu kommt, fuhr der Candidat fort, (Es ist immer derselbe mit den langen Manschetten) was ist denn des Helden groͤßte That? Ein Held, ein Monarch, braucht ei- nen Dichter, einen Redner; aber diese koͤnnen sich ohn’ ihn behelfen. — Dein Vater nahm den Candidaten bey der Hand, damit aber war die Sache nicht ausgemacht. Es ist kein Kleines, Gottes Diener zu seyn. Was ist der der kaltbrandige alte Herr dagegen! Und doch ist er Minens Vater. Sein Flick von Litteratur macht es nicht aus. Wie, sage selbst, wie haͤtte sich Herrmann zum Schwie- gervater eines Ehrn Superintendenten ge- schickt, wenn auch Mine seine Tochter zur Superintendentin zu erkiesen gewesen? Wenn auch? O vergib mir dieses wenn auch, und oben die Frage: Haͤtte wohl Mine fuͤg- lich Superintendentin werden koͤnnen ? Ein boͤsartiges fuͤglich. Ja sie haͤtte fuͤg- lich koͤnnen. Ja, sie haͤtte koͤnnen! Du weist wohl, wie dein Vater sich zu aͤr- gern pflegte, wenn jemand Papier im Garten viertheilte, wenn Papierstuͤcke auf der Erde lagen. „Papier,“ pflegt’ er zu sagen, „ge- „hoͤret so wenig in den Garten, daß es das „Auge beleidigt, so was im Freyen zu sehen. „Weißt du was Kuͤnstlichers, ausser deinem „Hemde, als Papier? Und doch muß erst „dein Hemde alt werden, wenn Papier draus „werden soll.“ In der Studirstube deines Vaters war freylich mehr zerrissen, als ganz. Da liegt der Mensch, sagt’ er! — wenn ich ausfegen wollte, hieß es: laß ihn! Ich mei- nes Orts, das weiß Gott, habe kein Blaͤt- chen entzweyet, und oft, wenn ich gern was vertilgt vertilgt haͤtte, konnt’ ichs? Ich kam nicht zu sehen des Knabens Sterben, hieß es von mir, wie von Hagar und Ismael! Obgleich Ismael ein Spoͤtter war; ich aber kein Wort geschrie- ben habe, was ismaelisch waͤre. Die Frage: haͤtte Mine fuͤglich Superintendentin werden koͤnnen? und die Stelle: wenn auch — Das waͤre so etwas, das ich Lust zu vernich- ten haͤtte! Und der Brief an Sie ist wahrlich des Feuers schuldig. — Selten, mein Sohn, ist ein Herz, das nicht mit dem Kopf uͤbern Fuß gespannt waͤre, oft wenig, oft viel. Sel- ten ists, daß Kopf und Herz sich mit einander einverstehen, und dann spotten sie sich nach. Da spielt denn das Herz den Kopf, und der Kopf das Herz, und die beyden Gecken sehen sich als ein Paar Affen an! — Ja, sie haͤtte! — Mine haͤtte koͤnnen! Wenn ein Hechtkopf aufgetragen wird, suche des Kopfs habhaft zu werden. Zwar ists auch ein Fischkopf, der jedem Tyrannen schrecklich seyn wuͤrde; dich aber wird er erbauen: da fehlt nicht ein Stuͤck von dem, was bey der Kreuzigung vorgefallen — Speer, Kreutz. — Wie stehts, wie gehts auf der Academie? Laß dich nicht durch Minens Tod von deinem Fleiß abwendig machen. Sie studirt dort, du hier, beyde Theologiam! C c Ver- Vergiß nie, mein Sohn, daß du im Dienste der Wahrheit und in keines Menschen Dienst stehest. Die Wahrheit ist Gottes. Professor Grosvater, so gut ich ihm gleich bin, ist doch ein Mensch. Von den Kopfhaͤngenden Pieti- sten, dergleichen es in Koͤnigsberg an allen Ecken der Straßen geben soll, laß dich nicht verfuͤhren. Die Hurer und Ehebrecher wird Gott richten. Ein Mensch, wie du, muß so seelenkrank in der Welt seyn! — Ist das nicht Jammer und Schade! Doch du wirst alles gewohnt werden, und Gewohnheit ist die andre Natur. — Minchens Anverwandte in Mitau sind Anverwandte meines Herzens durch Minens letzten Willen worden. So lang ich Brod habe, solls ihnen gebrochen werden. Die guten Alten! Warum solt’ ich ihnen sogleich sagen laßen, daß Minchen todt waͤre? Was die Minchen gesegnet haben! — Sie braucht euren Segen nicht mehr. Jetzt wissen sie ihren selgen Tod; denn die Wahr- heit zu sagen, ich wollte mir diese Pension von Seegen selbst zuwenden; da hab ich einen Geitz, der seines Gleichen nicht hat. Sieh! das ist ein Capitaͤlchen, das in der himmli- schen Bank ausstehet, wo die Zinsen auf den Tag fallen. Eile mit Weile. Ein Arzt, der einen Schaden vorbeugt, ist theurer und wer- ther, ther, als einer, der ihn heilet. Ich weiß nicht, ob du Minens wegen ein Schwarzroͤck- ler werden wirst? Ich vermuth es und bin drob froͤhlich, weil du dich schon zeitig an diese Farbe gewoͤhnst, die deine einzige, deine Leib- farbe, werden wird; wenigstens wuͤrd ich dir zu schwarzen Knopfloͤchern und Knoͤpfen nem- licher Farbe anraͤthig seyn. Was Gutes kann man nie zeitig genug anfangen. Schwarz kleidet jeden Menschen. Hier wird Mi- nens Geschichte sehr geheim gehalten. Alles schleicht incognito. Du kannst sehr leicht ra- then, warum? Der Herr v. G — kam juͤngst, blos dieser traurigen Geschichte wegen, zu uns, und so was muß man sehen, wie sie ihm nahe gieng. Die Frau von G — soll gesagt haben: Da sieht man, was nicht adelich, nicht — Wie wenig beneid’ ich ihr diesen Adel! Und wie wenig hab’ ich es Ursache, wenn dich Gott zur Superintendentur aufge- hen laͤßt — ich werd’ es freylich nicht erleben, in diesem Jammerthal; allein solch eine Nachricht kommt sehr schleunig und durch ei- nen himmlischen Courier gen Himmel! — und da werd’ ich mich freuen! wenn mir meine englischen Gesellschafter oder Gesellschafterin- nen (wie soll ich sagen? es wird da, glaub’ C c 2 ich, ich, kein Maͤnnchen, kein Weibchen, sondern alles wird Engel seyn,) Gluͤck wuͤnschen wer- den. Habt Dank, ihr lieben guten Engelein, wegen eurer Gluͤckwuͤnsche! Schon, da ich mit ihm gesegnet gieng, schon in Mutterleibe, war er Superintendent, und ihr werdet hoͤ- ren und sehen, in wieviel Abgewichenen er das glimmende Tocht anfachen, wie viel Fromme er befestigen, wie viel unschuldige junge See- len er gruͤnden werde! — Wir werden so ein Plus im Himmel haben, daß man druͤber erstaunen wird, und kommst du selbst einmal, lieber Sohn, wenn dein Stuͤndlein vorhan- den ist, zur ewigen Freud und Herrlichkeit, wie wonnereich wird es mir seyn, die Stim- me zu hoͤren: ey, du frommer und getreuer Erzknecht! Das ist eine andre Ehre, als die Canonisation, die wir einem unserer Vorfah- ren erwiesen, der dir so aͤhnlich sieht, wie ein Ey dem andern, als deßen Kupferstich wir dem Himmel nahe brachten, indem wir es in der Speisekammer aufhiengen! Du wirst es nicht bey Ostereyern bewenden laßen, lieber Sohn, welche dieser unser Vorfahr in seiner Gemeine ruͤhmlichst abstellte, sondern mit of- fenbaren im Schwange gehenden Suͤnden so umspringen, wie er mit den Ostereyern. Mache Mache mir, geliebtester Sohn, die Freude, daß ich von dir im Himmel hoͤre und bey dem: gehe ein zu deines Herrn Freude ! ich, als des Triumphators Mutter, mit tri- umphiren und jubiliren koͤnne in Ewigkeit. Gern werd’ ich dich dort in Pontificalibus se- hen, das heißt, nicht in Mantel und Kragen, sondern als himmlischer Superintendent. Ohne dir den Tod zu wuͤnschen, wenn du hier zu leben Lust hast, stell dir vor, wie es dich selbst ergetzen wird, wenn der und die kommt, dieser und jene, und dir dankt, daß du das glimmende Tocht angefacht, daß du es befe- stiget, daß du es gegruͤndet hast! Da wirst du manche That empor geschoßen finden, die du aus einem Wortkern gezogen hast! — O! der unnennbaren Wonne! — Ist dies schon so schoͤn in der Prophezeyung, was wird die Erfuͤllung seyn! Guter Oberhirte, giebst du schon so viel auf Erden; ey was will im Himmel werden! — Du weißt, mein Lieber, wie ich zuweilen mich von Grund aus, recht von Herzen freuen kann in dem biblischen Sinn: freuet euch in dem Herrn, und abermahl sag’ ich euch, freuet euch! Dein Vater pflegte zu sagen: bey der rechten Freude sind alle Fenster beym Men- C c 3 schen schen offen, und da hat er ganz recht. Man fuͤhlt solch eine Freude durch alle Organe. Ich fliege zwar nicht an allen meinen Glie- dern, wiewohl diese Freudenfluͤgel bey einigen im Gebrauch sind; allein alles ist in Bewe- gung an mir. Wo ist aber diese Freudenson- ne blieben? Sie ist hin — ihre Staͤte ist nicht mehr. Eben war es bey mir so schoͤn Maygruͤn an der Erde, und Mayweiß auf den Baͤumen, und siehe da die Bothschaft: Mine ist todt, zertrat jedes Gras, das sein Haupt heben wollte, und zog den Baͤumen das weiße Hemd’ aus, so daß alles wuͤst’ und leer steht! — Alles ward so eilig in einem Nu, in einem einzigen, alles so kurz und klein, so verheert und zerstoͤrt, alles so bettelarm entkleidet, daß es auch den Kaltherzigen jam- merte. Deinem Vater, das sah ich, geh ich so nah, daß ich ihn drob liebe, als koͤnnt’ er hebraͤisch, wie Wasser. — Der gute Mann seines Weibes, der gute Vater seines Soh- nes! Alles uͤbrige, was ein jeder Christ und jede Christinn auf seinem und ihrem Herzen und Gewissen hat, die Noth der ganzen Chri- stenheit, besonders das gegenwaͤrtige und zu- kuͤnftige Gewitter, fasse ich zusammen in die schoͤnen Worte: Leben wir, so leben wir dem Herrn, Herrn, sterben wir, so sterben wir dem Herrn; darum, wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn! — Sonst, mein lieber Sohn, muß wohl das lichtere den kleinern Theil aus- machen. Rothe Weste, blauer Rock. Wer kann die stets lustigen Leute ausstehen? Der kleinste Theil des Lebens kann nur dem Ver- gnuͤgen gewidmet seyn! — Dem allen un- erachtet, will ich dir doch wegen der noch bluͤ- henden Jahre das meiste Licht erlauben, wenn nur das kleinste, Knopf und Knopfloͤcher, schwarz sind. Heller Futter, als die Far- be des Kleides , pflegt dein Vater zu sagen; allein er verzeihe mir. Dies wuͤrde heißen: sie glaͤnzen schoͤn von außen, oder der Hoch- wuͤrdige Herr weiß sich nicht zu regieren und zu fuͤhren. Also laß dein Licht leuchten vor den Leuten, trag ein lichtes Oberkleid, und beweise, daß du auch mit Pharisaͤern und Obersten im Volke zu Tische zu sitzen ver- stehst — ohne deinem Innerlichen, dem in- wendigen Menschen, dem schwarzen Unter- futter, zu nahe zu treten. Ich beharre deine treue Mutter und Fuͤrbitterin bey Gott! — Deines Vaters Brief, der ihm durchweg so viel Schweis gekostet, als mir der Anfang, leg ich diesem Sendschreiben bey! — C c 4 Der Der Vater Amaliens und ich , nach mei- ner Zuruͤckkunft von dem Nathanael Gretenschen Myrtentage. Er . Wenn das Ehegeld in Curland nicht hoͤ- her ist; ich . schwerlich — es giebt Faͤlle, sie sind aber selten. er . So ist die Sache richtig. Meine Frau, um mit der Thuͤr ins Haus zu fallen, wuͤnscht den Herrn v. G — zum Schwie- gersohn. Er hat ihr sein Ja so deutlich gemacht, nicht etwa zu verstehen gegeben, so deutlich gemacht, daß es jedem Men- schen sichtbar ist. Nur hoͤrbar noch nicht. Die Aussprache des Worts fehlt. Ange- schrieben stehts in seinen Augen, Mund, Haͤnden, Fuͤßen — ich . Sie sagen mir da etwas — er . was Sie selbst wißen. ich . ich? er . haͤtten Sie es denn nicht gelesen? Doch stand es so leserlich, so fraktur gros. ich . Von wem geschrieben? er . ich seh wohl, daß Sie in dergleichen Schrift nicht gelehrt sind; das hab’ ich von je her ihretwegen behauptet. Gelt! sie find ein Abstemius, obgleich das Gered’ im im Weiberzirkel ging, Sie haͤtten wuͤrklich ein Maͤdchen unter die Haube gebracht, das heißt bey uns: sie waͤren verheyra- thet. Bald darauf gieng es: sie waͤren Wittwer! — So, oder anders, ich kann in Sachen meiner Tochter — ich . So, oder anders, sind sie mir lieb. er . Hoͤren Sie nur, auf Betruͤgerey steht ein boͤses Gewißen, auf Wind steht Verach- tung — Warum der Streit zwischen Geist und Fleisch, zwischen Fleisch und Blut? Gerad aus ist am naͤhesten. Sie kennen mich eines Theils, und haͤtten mich andern Theils noch naͤher kennen lernen koͤnnen, wenn Sie oͤfter bedacht, daß wir uns in die Fenster sehen koͤnnen, und so nahe Nach- baren sind. Mit Ehren zu melden, bin ich so offenbar, wie mein Laden. — Am Ende was waͤre denn, wenn meine Tochter Frau v. G — wuͤrde? ich . Frau v. G? er . nicht anders. ich . Soll ich, ohne ofnen Laden, so offen seyn, wie Sie? — Herr v. G — er . ich bitte — ich . Herr v. G — er . zu dienen, C c 5 ich ich . ist Studirens halber in Koͤnigsberg, und gewis nicht, um sich eine Lebensgehuͤlfin zu suchen. er . und wenn er was ungesucht findt? ich . ist ein Edelmann. er . Ha, da liegt der Hund begraben — wohl recht, der Hund! Edelmann! Er Edelmann, ich Kaufmann. Mann ist Mann. Herr v. G — waͤre nicht der erst’ und wird der lezte nicht seyn, der es so macht, ob es gleich freylich nicht Al Corso, nach laufendem Preiß, ist, ich finde nichts in den zehn Geboten — ich . Gott und Natur haben nichts dagegen; allein der Lauf der Welt — er . Laß die Welt einmahl gehen, und nicht laufen. ich . Lauf, oder Gang — er . Wenn die Welt geht, und nicht laͤuft, und sich nicht uͤbereilt, kann meine Tochter so gut Ja sagen, als ein Fraͤulein — ich . und kommt so gut von Adam und Eva, als ein Fraͤulein — er . nicht anders. ich . aber wir sind nicht bestanden in der Wahrheit, und eben darum Staͤnde, Koͤ- nigreiche, Fuͤrstenthuͤmer, Grafen, Frey- herren, herren, Herren und desgleichen. Ehe die Welt wieder ins Paradies kommt, und das moͤchte wohl eine Zeitlang dauren — Noch ist an diese Gleichheit der Staͤnde nicht zu denken. Meynen Sie wohl, daß wirs er- leben werden? er . Curland ist doch aber ein freyer Staat. ich . Das heißt: der Edelmann geht in Stie- feln zur Cour, wenn es ihm so einfaͤllt. er . So! das ist alles? ich . So ziemlich! Ein Cavalier wenigstens heyrathet ein Fraͤulein, und ein Fraͤulein einen Cavalier, des freyen Staats uner- achtet. er . und das ist ein freyer Staat? ich . wie es heißt! er . Basta! Das Weiberzeug! Ich hab es gleich gedacht, Herr v. G — koͤnnte mein Kundmann nicht seyn; aber da wollen die Weiber immer hoch heraus. Der Henker mag wißen, was am Ende wird. Ein Schustermaͤdel will einen Kaufmann, eines Kaufmanns Tochter einen geheimen Rath, die Tochter des geheimen Raths, die we- nigstens Emilia Philippina Polexina Ale- xandria heißt, uͤbrigens kein Hemde, we- nigstens keins von hollaͤndischer Leinwand aufm aufm Leib’ hat, will gar einen Faͤhndrich, ein Fraͤulein schlechtweg einen Grafen u. s. w. Das ist schon Preis courant; aber da bleibt denn auch manches Maͤdel ein La- denhuͤter, wenn sie nicht klein beygiebt. — ich . Sie sind ein vernuͤnftiger Mann. er . Decourtiren Sie immer etwas von die- sem Lobe. Ich liebe meine Frau, und da passirt denn zuweilen unrichtig Maas, Ge- wicht und Elle — ich . Ihre Tochter selbst — er . Sagen Sie nicht! Der Jaͤger hat ihr das Herz getroffen. ich . Das bedaur’ ich! er . Laͤndlich, sittlich! Costi, das heißt: hier auf dem Platz, ist es so was ungewoͤhnli- ches nicht, daß ein Edelmann Hans und eine Buͤrgerliche Gret’ ist. Der ehrliche Nachbar bat mich dringend das Wort: ich liebe auszuloͤschen, das auf dem Gesichte des Junker Gotthardts mit so blendenden, goldnen Buchstaben angeschrie- ben waͤre, und ich versprach es dem Bieder- mann. Der Vater hatt’ einen Collegen, ei- nen Kraͤmer, bey der Hand, der den Junker Gotthard ersetzen sollte. Das Maͤdchen wollt’ um aller Welt nicht. Sie hatte, wie es sich von von selbst versieht, ihr gebranntes Herzeleid vom Vater; Ruͤckhalt aber von der Frau Mamma, die durchaus ihr Blut, wie sie sagte, ins Reine bringen wollte. Ihr Va- ter seliger war Sekretair, und hatte des Jahrs præter propter hundert Reichsthaler jaͤhrliche Einkuͤnfte gehabt, womit ihr Ehemann gewis kaum vierzehn Tage haushielt, aber des Bluts wegen — Eine Ermahnung an Herrn v. G — der von der Jagd kam, und sich noch ein Viertelstuͤndchen vom Schlaf losbit- ten muste. Es kostet’ ihm doch einige Muͤhe, die Frak- turbuchstaben fuͤr die Blondine auszusirei- chen, eigentlich auszukratzen. Die Reise kam ihm sehr zu statten. Waͤren wir laͤnger in Koͤnigsberg geblieben, wuͤrd’ er sich vor- zuͤglich an die Brunette gewendet haben, die ihm der Testator eigentlich beschied, und die, so stolz sie war, mit keiner Sylbe an die hei- lige Ehe dachte. Sie wollte nur siegen, blos siegen; aus der Beute machte sie nichts. Sie theilte sie andern aus. Mit den lieben Blon- dinen, sie wollen gleich heyrathen, sagte Jun- ker Gotthard. — Ich hab’ es schon irgend- wo bemerkt, daß Junker Gotthard beyde, die die Brunette und Blondine, liebte. Die Blondine hatt’ indessen, wie das mitgetheilte Gespraͤch es ausweiset, nach der Zeit die Ober- hand erfochten — unfehlbar, weil sie mir legirt ward; (wer ißt nicht gern vom verbote- nen Baum) obgleich auch die zehntausend Lie- besgoͤtter, die auf dem Busen der Brunette tanzten, einen Beytrag zum Siege fuͤr Ama- lien das Ihrige geliefert haben koͤnnen. — Das Nein, welches Amalia dem Collegen ih- res Vaters, dem Kraͤmer, halsstarrig sagte, so eine blonde sanfte Stimme sie auch sonst hatte, that mir Amaliens halber leid. — Mich duͤnkt, sie haͤtte Ja sagen sollen, wenigstens kein so halsstarriges Nein, welches keiner Blondine eignet und gebuͤhret. — Ich kann nicht sagen, daß der Zeitpunkt des Herrn v. G — gekommen waͤre, zu Hause zu bleiben. Stosweise kam es ihm so. Er war oft auf der Jagd, wozu ihn, ausser den wohlfeilen ihm als plus licitanti zugeschlage- nen Feldmarken, die Homersche Hunde, Argos genannt, verleiteten, die ihm ganz vortreflich einschlugen. Er wuste durch den Ton, durch die Aussprache des Namens, diese Argosse so von einander zu unterscheiden, daß ich anfange zu glauben, man koͤnne sechs Soͤhne Soͤhne Johann taufen laßen, und der von ihnen gerufen wird, koͤnne wissen, das just er es sey, der unter den sechsen aufgefordert worden. Laß uns, sagt ich dem Junker Gotthard einen Abend, sobald als moͤglich, von hinnen gehen. Amalia wird sich bedenken, und dem Collegen ihres Vaters, dem Kraͤmer, nicht mehr halsstarrig, sondern blond begegnen, und dann gehest du mit dem Gedanken aus Koͤnigsberg, Amalien in ihrem Lebenslauf keinen Stein der Aergernis, uͤber den sie leicht fallen koͤnnen, in den Weg gewaͤlzt zu haben! Wehe dem Menschen, durch welchen Aerger- nis kommt! Junker Gotthard straͤubte sich wegen der Abreise, und dies nahm ich als ei- nen Beweis seiner Liebe zu Amalien. Ich sann auf Mittel und Wege, ihn abzubringen, bis es, eh ich mich versah, heraus kam, daß die Feldmarken den eigentlichen Grund des Widerstandes enthielten. Er hatte sie auf vier Jahre sich zuschlagen laßen; wie wenig, sagt’ er, hab’ ich sie benutzet. All Augenblick Setzzeit! — Eben dieser Setzzeit halber komm, Bruder, ich bin fertig! — Unser Lebwohl war kurz und gut. Ama- lia nahm auf eine Art vom Junker Gotthard Ab- Abschied, daß wenig Hofnung fuͤr den ehr- lichen Kraͤmer blieb. Er beklagte sich gegen sie wegen der entbehrten Jagdnutzung, daß es mir so schien, als wolt’ er die noch kuͤnftige Pachtzeit ihr zum Andenken uͤberlaßen. Ich mischte mich in die Unterredung, und sie ward beygelegt. Der Professor Grosvater wuͤnsch- te mir so altklug Heil und Segen, daß, wenn ich ihn nicht schon so herzlich geliebt haͤtte, ich es jezt angefangen haben wuͤrde. Ich konnte nicht weg von ihm. Es ist, wie mich duͤnkt, kein unangenehmer Anblick, wenn ein alter Mann und ein Juͤngling sich so zusammen paßen, wie der Professor Grosvater und ich. Den Grosvaͤtern ist eine solche Art eigen. Sie gewoͤhnen es sich bey ihren Enkeln an! Die Grosmutter in Sterbensgroͤße schlug diesmahl kein Feuer aus ihrem rechten Auge. Sie lies sich nicht sehen. Mir kam es vor, daß sie zu ihrer Tochter gegangen. — Freund, sagte der Alte, ich halte nicht viel von Leuten, die Laͤnder, und keine Karte, ge- sehen haben. Sie gehen, das weiß ich, von dem Ganzen auf die Theile, und das ist der Weg zur Deutlichkeit. Eine Erkenntnis, die ohne einen uͤberdachten Zusammenhang der- selben mit andern Erkenntnißen entspringt, heißt heißt bey mir ein Einfall. Wer hat nicht al- les Einfaͤlle! Schade, daß der gute Grosva- ter so wenig gesellig war! Ich glaube, seine Schlafmuͤtze war schuld daran. Ein großer Kopf ist indeßen gewoͤhnlich ungesellig. Ge- selligkeit hat nur was Gemeines, was Unvoll- staͤndiges. Man ist sich nicht selbst genug. Diese Groͤße hatt’ unser Grosvater nicht. Man sah es ihm an, daß Umgang sein Be- duͤrfnis sey. Er war froͤlich und guter Din- ge, wenn seine Hausmuͤtze ihm die Erlaubnis ertheilte, in Gesellschaft zu gehen. Beim Koͤniglichen Rath haͤtte er in alle Wege ein ordentliches Mitglied werden sollen. — — — Das Schreyen, sagt man, befreyt den Au- genblick vom Schreck. Es treibt das zu- sammen gezogene Blut aus einander, und die Natur selbst hat dieses Hausmittel dem schoͤ- nen Geschlechte verliehen. Das war ein Gluͤck, sagte der Professor Grosvater, daß ich schrie: nun ists uͤber. Er hatte die Buͤste des Homers auf einem seiner Repositorien, die herabstuͤrzte, da er zu heftig aufstand; ich fieng sie auf, und duͤnkte mich gros, diesen Kopf in meiner Hand zu haben. Schnell faßt’ ich ihn auch mit der andern an, und wahrlich solch ein Kopf verdient beyde Haͤnde. D d Der Der Grosvater freute sich uͤber meine Freu- de, und wir brachten den Kopf wieder dem Himmel naͤher, wohin er, der blinden Hei- denschaft unerachtet, eher hin gehoͤrt, als der Kopf des Eyerheiligen, deßen Kupferstich in der Speisekammer haͤngt. Bey allem, was faͤllt, bemerkte der Grosvater, ist uns so, als fiel es uns auf den Kopf. Wer glaubt nicht, jede Raquete steige gerad’ auf uns her- ab? Fast schien es, daß wir das Examen bis auf den Homer, den ich aber diesmal nicht uͤbersetzte, sondern der mir auf den Kopf fiel, wiederhohlten. Dem Kunstrichter zu dienen noch die Glosse, daß die Buͤste von Holz war. Ey, sagte der Grosvater, ich habe gehoͤrt: sie waͤren Wittwer worden. Beym Examen hies ich diesen Seitenblick auf Minen Traufe, und wußt’ ich nicht, was ich geantwortet, nur das wußt’ ich, daß es nicht griechisch, nicht lateinisch, nicht deutsch war, und daß ich mich lieber noch einmahl examiniren, als diese Frage an mich ergehen laßen wollte. Jezt war ich gefaßt, und sagte dem Grosva- ter, daß ich Minen verlohren. — Schade, sagt’ er. Der Todesfall wird Sie in ihrem Studienlauf gestoͤrt haben. Nicht im min- desten, antwortet’ ich. Er ist mir so gar foͤr- derlich derlich und dienstlich gewesen. Wie das? Schoͤnheit gefaͤllt unmittelbar; die Wissen- schaften mittelbar — ich hatte des Weges nichts zu bestellen. Der Professor merkt’ es mir ab und umarmte mich! — Wir nahmen sehr ruͤhrend Abschied. Allem Vermuthen nach, sagt’ er, werd’ ich so wenig einen neuen Beweis meiner Grosvaterschaft erleben, als ihre Zuruͤckkunft. (Seine Tochter war heck- tisch.) — Mir schon recht, setzt’ er hinzu, ich habe gelehrt, und will gern lernen, der Schat- ten des Todes enthaͤlt, wenn er sich enthuͤllt, Klarheit des Lebens. — Die groͤste Unvoll- kommenheit der Natur, den Weg zum ewi- gen Leben. Der Professor empfahl mir Auf- munterungen, weil es auch in Wuͤsten Ver- suchungen gebe, und nahm so Abschied, als wenn er unter Minens Leichenbegleitern ge- wesen. — Schluͤßlich bat der Grosvater, dem Junker Gotthard fuͤr die richtige Zah- lung zu danken, wenn er nicht die Ehre haben sollte, diesen Dank selbst zu sagen. Das ba- ten alle academische Lehrer, denen ich mich empfahl. Man bemerkte, daß selten ein Curlaͤnder so richtig Zahlungstermin gehal- ten, wie Junker Gotthard. Gern, das weiß ich, haͤtte Gotthard den Professor Grosvater D d 2 ge- gesprochen, und waͤr’ es nur gewesen, um ihm des Argos halber verbindlichst zu danken, wenn er sich nicht des Danks, wegen rich- tig bezahlter Collegiorum, geschaͤmt haͤtte. — Der Creyßrichter wollt’ uns durchaus den Abend ein Mahl geben, welches wir aber aus- schlugen. Gotthard war in die Stelle eines Hausofficiers wuͤrklich geruͤckt, die ein andrer ihm uͤberlaßen, und sah sich also, dieses Ver- haͤltnißes wegen, gedrungen, seinen Erlaß nachzusuchen, den er mit vielen hoͤflichen Aus- druͤcken erhielt. Mit eins fieng der Creyß- richter an: Sie reisen ab, eben da in ihrer Gegend ein lustiger Sprung vorfaͤllt! Dies sollte Amalia und der unerhoͤrte Kraͤmer seyn. Gotthard hatt’ Amalien in des Creyßrichters Haus eingefuͤhret. Junker Gotthard versi- cherte, diese Neuigkeit waͤre kaum Reitergahr, und da er merkte, daß man ihm auf den Zahn zu fuͤhlen anlegte; so macht’ er ein Rechts um kehrt euch, und der Creyßrichter war so klug, als zuvor. — Die alt’ und wohlbe- tagte Frau hatt’ ihr Gehoͤr, diesen Sinn der Geselligkeit, verlohren, und war eben dadurch argwoͤhnisch und verdruͤßlich worden. Ge- sicht, pflegte mein Vater zu sagen, ist im Dienst Dienst des Verstandes, Gehoͤr im Dienst der Vernunft. Was diesen Dienst betraf; so hatte die gute Frau ihn wahrlich nicht uͤber- trieben. — Wenn Gott ihr nicht hilft, sagte der Creyßrichter, so geht meine Brust verloh- ren, die ich zu meinem Amte wahrlich noth- wendig habe. Diese Huͤlfe, das sah man dem engbruͤstigen Manne an, war, nach seiner Meynung, ein baldiger Tod, der nach mensch- lichen Berechnungen auch nicht lange mehr ausbleiben konnte. Sie lies, obgleich wir beyde keinen Lungenfehler hatten, uns nicht vor. — Was meynst du, sagte Gotthard, da wir giengen, wenn er Wittwer wird, und wieder heyrathet, ob er die Hausofficiere be- haͤlt? oder die Stellen eingehen laͤßt? Bey unserm Koͤniglichen Rath mußten wir die lezte Mahlzeit halten. Junker Gott- hard hatte uͤberhaupt keine Collegia gehoͤrt, und war auch nur, wenn der Koͤnigliche Rath es nicht laͤnger aussetzen konnte, und eine große Mahlzeit gab, unter diesen Gaͤsten. Es gefiel Gotthardten dieser Zirkel, bestehend aus einem Officier, einem andern koͤniglichen Rath, einem Prediger, und Professor, un- gemein, und wenn eben dieser Professor ihm nicht wegen richtiger Bezahlung seines Colle- D d 3 giums giums gedankt, und ihn dieses Danks halber auf eine Viertelstunde in Verlegenheit gesetzt haͤtte; Gotthard waͤre noch weit vergnuͤgter gewesen. Bruder, sagt’ er, wie wir weg- giengen, Gesellschaften solcher Art machen weit kluͤger, als Collegia. Das Erkenntniß aus Buͤchern ist todt; das aus Gesellschaften lebendig. Es hat eine oͤffentliche Probe aus- gehalten, es ist abvotirt. — — Nach Goͤttingen . Berlin den — — 17 — Den Koͤnig, den Koͤnig, nicht einen Koͤ- nig, den Koͤnig hab’ ich gesehen! Gern moͤcht’ ich sagen, Koͤnig, wenns nicht undeutsch waͤre. Von Angesicht zu Angesicht, lieber Vater, ge- sehen! Das nenn’ ich sehen, wenn man so hoͤrt, wuͤrd’ ich sagen: er predigt gewaltig- lich. Dich, mein Vater, hab’ ich so gehoͤrt, wie den Koͤnig gesehen! Solch ein Aug — hat er Augen? Sterne hat er, Sonnen, die ihr eigen Licht haben und Strahlen werfen. Er ist die Experimentalphysick zu deinen Grund- saͤtzen uͤber den monarchischen Staat. Herr v. G. der aͤltere, das wett’ ich, wuͤrde huldi- gen, wo nicht mit den beyden Schwurfingern, so so doch innerlich — bis recht zum Herzen dringt, glaub’ ich keine Huldigung; sie ge- schaͤhe dem Koͤnig, oder sonst wem. Mein Reisegefehrter ist in Beziehung der Monar- chie dem Bilde seines Vaters aͤhnlich. (Ich be- halte mit Fleiß deine Distinktion bey, nicht ihm sondern seinem Bilde aͤhnlich — nicht die andre Welt empfinden, heißt es, sondern die Kraͤfte der andern Welt —). Der dem Bilde seines Vaters aͤhnliche Sohn, stand, sah und war weg — weg war er! — Er haͤtte nicht angelegt, wenn das Wild ihm zu Fuß gefallen und gehuldigt haͤtte. — Was wahr ist, ist wahr, sagte der gute Wildfaͤnger zu Hause, nachdem er sich von der Koͤnigli- chen lieben Sonnen Licht und Pracht im Schatten erhohlt hatte. Was wahr ist, ist wahr. Ein besonder Ding, Koͤnig zu seyn! Was wahr ist, ist wahr! Dieser da! Gros, sehr gros, wie ein Loͤwe! (um beym Wild zu bleiben) und wenn er Liebhaber von der Jagd waͤre — — „ und wenn er aufhoͤren „moͤchte, der Koͤnig zu seyn !“ Ob ich ihn recht beym Wort gefaßt’, ob ich recht ein- gegriffen, stell’ ich deiner reifern Entscheidung anheim. Vater! die Augen! die Augen! Die Nase, Stirn, Hand, Gang, alles Koͤ- D d 4 nig- niglich. — Wenn er sie doch schonen moͤchte, die grossen Koͤnigs-Augen, und sie nicht so hin und herwerfen, oft auf Leute, die des Blicks nicht werth sind — wahrlich nicht. Nach allem Menschmoͤglichen hab’ ich mich erkun- diget. Der kleinste Zug hat einen Koͤnig. — Man ißt bey ihm; er ißt bey keinem seiner Unterthanen. Keiner wuͤrd’ ihn, wenn der Legitimationspunkt zum Regiment je zur Frage kommen solte, seiner Vollmacht wegen in Anspruch nehmen. Er traͤgt sie unterschrie- ben und besiegelt in Gedanken, Gebehrden, Worten und Werken. So viel Siegel, daß der Lack ordentlich verschwendet ist. Feiner Lack, Vater! — Gleich wie ich ihn sahe, dacht’ ich, warum reisen denn nicht Dichter, Mahler, Bildhauer nach diesem Ideal eines Koͤniglichen Aussehens, nach diesem Bilde des Koͤniges. Er herrscht und regiert. Re- genten giebts auch in der Schule. Mein Rector magnificus, den ich das letzte halbe Jahr hatte, regiert’ im rechten wahren Sinn; allein herrschen kann nur Koͤnig Friedrich! — Beym Regieren wirds schwer! Du haͤttest hoͤren sollen, wie Se. Magnificenz Kron und Scepter niederlegten, als wenn Sie sich ge- badet haͤtten, so leicht, so wie neugebohren. Herr- Herrschen sieht immer leicht aus, so leicht, als einschlafen. Eins, Vater, mit Sr. Ma- jestaͤt Erlaubnis, gefaͤllt mir nicht. — Was ich mich geaͤrgert habe, daß Er die Floͤte spielt, das sollt’ er dem Apoll uͤberlaßen, wenn er in der Schaͤfermaske ist. Sage, Vater, giebts ein Koͤnigliches Instrument? Ich kenne kei- nes. Die Floͤte? Freylich da der Koͤnig sie blaͤßt, scheint es, es koͤnne was aus ihr wer- den. — Einige glauben gar, sie waͤre gekoͤ- niget, in den Koͤnigsstand erhoben. O ihr Kleinglaͤubigen! Ich find’ es nicht. Blasen? kann man denn nicht den Odem zum Worte sparen, den Odem, den goͤttlichen Spiritus, den Geist, oder das Bild von ihm! — Aber der Koͤnig laͤßt sich nie hoͤren , er blaͤst die Floͤte eben so, als er sich im Schlafgewand, wenn man es so nennen soll, sehen laͤßt. Eine Schlafmuͤtze hat er nie auf seinem Koͤniglichen Haupte gehabt. Sie sticht uͤberhaupt schlecht mit der Kron’ ab. Sein Hut stehet ihm, als eine Krone! So traͤgt keiner seinen Hut. Der Hut ist uͤberhaupt ein Hauptkleidungs- stuͤck am Koͤnige. Der Koͤnig von Pohlen mit einer Muͤtze, der Sultan mit einem Bund, machen keinen Einwand. Den Bischoͤfen ihr Inful! Wenn der Koͤnig gruͤßt, du solltst se- D d 5 hen, hen, Vater, wie er den Hut faßt! — Seine Kleidung? nichts was neu anschiene. Ein neues Kleid ist nicht Koͤniglich! Am Hut, der gewiß nicht neu war, keine Verzierung! Va- ter, durchweg ein Koͤnig! Alles so natuͤr- lich. — Thaͤten wir es, waͤr es die aͤusserste Affektation. Aber wieder von der Floͤte. Nur die ha- ben seine Triller, seine Laͤufe gehoͤrt, die ihn nicht als Koͤnig ansehen duͤrfen, Freunde! Fremde! — Tonkuͤnstler! Ein Koͤnig, Freun- de ? Koͤnig Friedrich soll einen haben oder ein Paar, und das ist viel! — ich haͤtte nicht das Herz, es zu seyn, auch du, Vater! so sehr du Monarchenfreund in abstrakto bist, haͤttest du wohl goͤttlichen Ruf, es in concreto zu seyn? Immer gerade, wer kann sich hal- ten? — nur die so geschnuͤret sind, und denn thun es nicht sie, sondern das Eisen. Die Verse, die er macht? auch das koͤnnt’ er bleiben lassen, und es dem Voltair anheim stellen. Franzoͤsische Notabene gereimte Verse! haͤttest du das gedacht, Vater? Gott der Herr hat nie in Versen geredet. Koͤnige tragen sein Bild. Es sind Goͤtter der Erden. — Das schwerste Stuͤck Arbeit eines Dich- ters ist, wie mich duͤnkt, Gott den Herrn re- dend dend einzufuͤhren. Wenn Gott zu Menschen spricht, ist es Prosa. Der Donner selbst ist wahre Prose. — Wir Menschen, wenn wir zu Gott sprechen, poetisiren, und das ist nicht ohne — Du pflegtest zu sagen, Vater! jeder große Mann hat einen Vers gemacht, es sey im Wachen, oder im Schlaf — Newton so gut, wie Rousseau , und ich glaub es dir aufs Wort, dir, dem einzigen, dem ich aufs Wort glaube, und als Sohn zu glauben von Gott und der Natur angewiesen bin, wofuͤr ich dem lieben Gott Dank sage fuͤr und fuͤr. Da, duͤnkt mich, hab’ ich die ganze Pflicht des Sohnes zum Vater gesagt. Christus ver- langt selbst nichts mehr, da er uns zu Kindern Gottes berief, erleuchtete und heiligte. Des Koͤnigs Poesie Ich mag nicht mehr druͤber abschreiben, sondern begnuͤge mich, eh’ ich weiter kom- me, die Anmerkung hinzuzufuͤgen, daß Se. Majestaͤt und ich einen und den nemlichen Verleger haben. Ein Compliment fuͤr uns alle drey! Das haͤtte noch mein Vater be- leben sollen! — Gern lieber Vater haͤtt ich mir den Koͤnig abmahlen lassen, lassen, allein da ist er so eigen, wie Alexan- der, mein Vetter. Du hast mir oft und viel, lieber Vater, den Schluͤssel zu deiner Monarchen Liebe be- haͤndiget, und wie viel hab ich nicht, wie sehr viel, was ich noch weglege, weil du dieses Depositum mit der Ermahnung zu uͤbergeben pflegtest: Wintersaat — kommt Zeit kommt Rath! Wenn ich gleich, wie du weißt, das erste Siegel von ανέχου και απέχου gebrochen; dies Siegel soll mir heilig seyn. Es giebt Dinge, die durchaus Jahre erfordern. Leib- nitz war zwar im funfzehnten Jahre Magi- ster; allein als Magister war er nicht Leibnitz, und da er schon Leibnitz war, wie oft fiel er in den Magister! — Ich bescheide mich von selbst, daß ich gewiße Dinge, die du fuͤr mich eingepackt hast, noch so anzusehen verpflichtet bin, wie die meisten Menschen einen Folian- ten. Wenn ich gelegene Zeit habe —, oder wenn ich volljaͤhrig bin; denn wahrlich ein Foliant in der Hand eines Knaben, ist nicht gleich und gleich, das doch allein sich gesellen, sich sich paaren sollte. Zwar hab’ ich oft in mei- nem Leben Folianten getragen, und Stellen- weise, durch deine Guͤte, aus Folianten, die einige Leute, ich weiß nicht warum, gerade- weg Quellen heißen, geschoͤpft. Ouellen im gemeinen Leben sind im Verhaͤltnis mit andern Gewaͤßern nicht Folianten. — Verzeih, Vater, meine Altklugheit, die in diesem Briefe hie und da hervorsticht. — Der Koͤnig von Preußen, oder sein Blick, gab mir Veniam ætatis. Ist man doch heiter am heitern Tage. Ich muͤßte mich sehr irren, wenn ich nicht des Dafuͤrhaltens seyn sollte, du waͤrest darum ein Monarchenfreund, weil du ein Menschenfreund bist. Der Monarchen wegen ists nicht. Da dem Herrn Christo, deinem Herrn, eine Muͤnze vorgezeigt ward, was sagt’ er? Gebet dem Kayser, was des Kaysers ist, und Gotte, was Gottes ist. Die Monarchen sind unserer Herzens Haͤrtigkeit halber von Gott gegeben, und da nur ein Gott ist; so ist nach deiner Meynung die Monarchie die kluͤgste, die natuͤrlichste Staats- form. Sie ist die Theokratie in hoͤchst feh- lerhafter Uebersetzung. O Gott, wenn sie doch einmal D. Martin Luther uͤbersetzen wollte, so ins ehrliche deutsch! Monarchie ist ist der Freyheit halber da, die dem menschli- chen Geschlecht ins Herz geschrieben ist. Der Monarch soll so lange gruͤnen und bluͤhen, und leben und hoch leben, bis die Untertha- nen zu ihm kommen und ihm sagen: nun sind wir alle so, daß, wenn uns Gott der Herr ins Paradies setzen wollte, wir nicht essen wuͤrden von der verbotnen Frucht. Jezt ist kein Mein und kein Dein mehr zu verzaͤunen noͤthig, wir brauchen keine Besaz und Hypo- thekenbuͤcher, und keinen rothbeschlagenen Richterstuhl weiter. Sey, lieber Herr Koͤ- nig, wie unser Einer. Sey mit uns, wie Engel Gottes im Himmel, wie Adam vor dem Fall! — — Hab ich dich nur von weitem verstanden, so schreib mir ja, Vater, sonst hilf mir zurecht mit einer autentischen Intrepretation. Die meisten Menschen reden wider den Staat, wider den Koͤnig. Dergleichen giebts in Preußen, so wie uͤberall; indessen hilft der Koͤnig sich mit seinen Augen. Sein Aug’ ist sein Miniatuͤr. Wenn die Berliner, seine naͤchste Nachbaren, politisch Kannengießen — sieht er, und sieht alles rings umher treu und hold, folgsam und gehorsam. — Er hat ein Gesicht, das man sehen muß, so oft es zu se- hen hen ist. Er komme, wenn er wolle, jedes laͤßt liegen, was es treibt, sieht, oder will sehen. Es ist, als wenn heraus gerufen wuͤrde. Die Mut- ter hebt ihr Kleines in die Hoͤhe, und der Jun- ge bleibt starr! Das Maͤdchen laͤchelt! Er ist selten in Berlin. In Potsdam ist er Koͤnig; in Sansouci Mensch. Aber, Vater! warum redet alles wider die Obern? Es ist die natuͤr- liche Freyheit, welche sich vordrenget, wel- che das Wort nimmt, pflegtest du zu sagen, und Herr v. G — ist dein unumstoͤslicher Be- lag. Ich hab indessen Misvergnuͤgte gefun- den, die es blos sind, weil sie den Tyrannen in Kopf und Herz haben. Sie selbst wollen auf den Thron. O der Tyrannen! mit ih- rem Freyheitsgeplerr! O der Suͤnder wider den heiligen Geist! Einige der Misvergnuͤg- ten sind es, weil sie es sind. Sie wissen nicht, was sie thun. — Das Wort Freyheit ist ih- nen nicht ein Deckel der Bosheit, wohl aber ein Deckel des Unverstandes. In Curland, pflegtest du zu sagen, ist Sclaverey und Freyheit zu Hause. Jeder Adelhof ist ein Thron, jeder Thurm Sibirien, jeder Stock Scepter. Der Edelmann ist Despot, Tyrann, seine Einwohner, bis auf den den Pastor loci und den Hofmeister, welche altioris indaginis sind — Sclaven! — Solch ein Koͤnig auch Koͤnig Friedrich ist; getrau’ ich mir doch (und das ist wieder ein Wunder in seinem Auge) zu ihm zu kommen, und ihm den Antrag zu thun, zu seyn, wie unser Einer; es versteht sich, wenn dies Stuͤnd- lein vorhanden ist. Das Menschengeschlecht sucht alles auf dem unrechten Wege, und das kommt, weil es nicht zusammenhaͤlt. Da es nicht Gott treu ist, wie kann es Menschen treu seyn? Gott hat alles dabey gethan, und den Menschen den Trieb der Geselligkeit so gar tief ins Herz gelegt; allein noch stossen sie sich von einander. Wie sehr in weitent Felde liegt nicht alles, und wie nahe koͤnnt’ es liegen; wenn Gottes Wille geschaͤhe! Nimm, lieber Vater, mit diesem speci- mine academico vorn Willen, das ich dir loco testimonii schuldig bin. Ich habe die Kosten dabey gespart, und bin bey einem Manne, wie du, eben so weit, wo nicht weiter. — — Meine Leser werden freylich aus diesem Briefstuͤck des mehrern ersehen, daß eine ge- wisse wisse mir angebohrne Koͤnigsfreude mich be- geistert habe, und eben darum dieses Er an Ihn verzeihen, dafuͤr sind auch so viele Sie’s an Ihn (Briefe meiner Mutter an mich) weggefallen, und mit keinem einzigen ich an Sie, mit keinem einzigen von meinen Brie- fen an meine Mutter sind meine Leser be- laͤstiget — — ich habe meinen Brief an meinen Vater so gelaßen, wie er war, war- um sollt’ ichs nicht? — Im letzten Kriege, nicht in dem Proceß, die Succeßion von Bayern betreffend, son- dern im letzten Kriege, sagte Madam Pom- padour, da ihr einer aus dem Volke vor- windbeutelte: man wuͤrde den Koͤnig gefan- gen nach Paris fuͤhren; da wird man doch einen Koͤnig zu sehen bekommen ! Dies, was freylich nur eine Maitresse sagen konnte, so wie das erste nur ein Franzose, ist so schoͤn, als wahr, gesagt! — Einem Kreutzzuge der Koͤnigin Saba zum Koͤnige Salomo sieht es freylich nicht aͤhnlich, dafuͤr ist auch Pompa- dour nicht Koͤnigin aus Saba, und Friedrich ist er Salomo, der durch eine Lilie auf dem Felde in seiner Herrlichkeit beschaͤmt ward? Koͤnig Friedrich laͤßt sich mit keiner Feldlilie im Wettstreit ein. — E e Der Der Koͤnig lacht nur mit seinen Freun- den; denn er ist Koͤnig. Ernst liegt in ihm, und wenns hoch kommt, Beyfall. Er straft durch seine Collegia; den Lohn hat er sich vorbehalten. Danken kann er nicht; durch Thaten dankt er. In seinem Danke liegt: ihr seyd ein unnuͤtzer Knecht, ihr habt gethan, was ihr zu thun schuldig waret! Das sagt er, nicht in seinem, sondern im Namen des Staats. Er wechselt nicht mit Leuten, auf die er einen Koͤniglichen Accent gelegt; allein er hat auch keinen Liebling, ohne den es ihm schwer waͤre nicht zu seyn. Bey seiner Liebe zu Hunden ist mir ein- gefallen: er saͤhe selbst als Koͤnig ein, daß, wenn der Mensch sich dienen laßen sollte, es durch Hunde geschehen muͤßte. Sie scheinet die Natur dazu bestimmt zu haben. Vielleicht wuͤrden die Hunde und noch andere Thiere besser, wenn ihre angebohrne Herren besser waͤren. Wenn ein Mensch, Mensch ist, be- darf er wahrlich keine andre Bedienung, als im Fall der Noth einen Hund. Diogenes konnte sich ohn’ ihn behelfen. Der Koͤnig haͤlt viel von gluͤcklichen Menschen. Der Mensch hat Gluͤck, sagt’ er. Gluͤck Gluͤck und Welt ist in diesem Koͤniglichen Sinn nicht viel auseinander, und so koͤnnte man auch sagen, der Koͤnig habe Gluͤck! — Der Koͤnig lies in seinen Feldzuͤgen die Kugeln um sich herum pfeifen und heulen; so wie Muͤcken sah’ er sie an, die um seinen Kopf sich lustig machten. Man sollte fast glauben, fuͤr einen unverwandten Blick auf einen Fleck, fuͤr einen festen Gang zum Ziel, fuͤr ein Bewustseyn: das ist der rechte Weg! haben die Kugeln selbst Respekt. — Im Willen des Menschen liegt eine menschliche Allmacht. — Alle beherzte Leute verlieren das Gleichgewicht, wenn sie einen Unsinni- gen sehen. Ists Wunder, da die Beherzten die Mitleidigsten sind? Feigheit allein ist grausam. — Was ist der Mensch ohne Vernunft? so sehen Thiere nicht aus, welchen es doch allen am besten, an der Vernunft, fehlt — als ein unsinniger Mensch. Er ist weniger als ein Thier worden. — Die menschliche Gestalt, ohne Vernunft, ist das schrecklichste, was man in der Natur sehen kann. Kains Zei- chen ist ein Gnadenkreutz dagegen. Der Koͤ- nig kann keinen Unsinnigen aushalten. Er E e 2 sieht, sieht, wie tief der Mensch sinken koͤnne, ob- gleich er seines gleichen ist. Ein προσκυνειν duͤnkt ihn daher wie ein Bruch der Ver- nunft. — Er zieht sich vor jedem zuruͤck, der vor ihm die Knie beugt. Alles aus einer und der nemlichen Quelle. — Das Haupt regiert, und nicht die Fuͤße, sagte der nem- liche Kayser, da man ihm zu Fuße fiel, der, da man ihm sein theures Leben landesvaͤter- lich vor dem Geschuͤtze zu decken anrieth, er- wiederte: es ist noch kein Kayser erschossen! Gott der Herr ist uͤberall. Der Himmel, heißt es zwar, ist sein Stuhl, und die Erde seiner Fuͤße Schemel; allein das ist Poesie, und ein Selbstherrscher, ein Monarch, der im eigentlichen Sinn Gottes Bild traͤgt, sollte auch keinen bestaͤndigen Aufenthalt haben. Er, der uͤberall seyn sollte, muͤste wenigstens uͤberall zu Hause seyn. Das Hoflager, kann es denn nicht wandelbar seyn? um die Allge- genwart zu spielen. Die deutschen Kayser waren ehemals an keiner Stell und Ort zu Hause. Die Koͤnige von Pohlen zogen auch umher, und was ist natuͤrlicher, als daß Re- sidenzen, Koͤnigsstaͤdte, durch den Vorzug, den ihnen das Schlafzimmer des regierenden Herrn Herrn beyleget, das Haupt, die andern Pro- vinzen aber die Glieder werden! Wuͤrd’ es nicht gut seyn, wenn die hohen Collegia des Landes an den kleinsten unbedeutensten Oer- tern waͤren? Gott regieret im Verborgenen. — Der Koͤnig von Preußen visitirt wenigstens jaͤhrlich seine Provinzen. Er braucht keinen Wardein seiner Diener. Sein Aug’ ist Schwert und Waage und da blickt er umher, und wenn er einen Ueberhang von Aesten ei- nes Unterthans uͤber des andern Boden fin- det, der diesen stoͤhret; heißts: haue sie ab, was hindern sie das Land. — Er besitzet ein moralisches Menstruum universale, alle seine Unterthanen aufzuschliessen. — Bey Freunden irrt er oͤfters. Er hat einmahl Berlin, und es verlohnts, daß er es hat. Wer es behauptet, daß die Residenz der Extrakt, das Extrafeine, die Punktation aller Provin- zen sey, mag so unrecht nicht haben. Ich glaube fast, daß man aus der Residenz den ganzen Staat in unsern Zeiten am sichersten uͤbersehen koͤnne; es kommt nur hier, wie uͤberall, auf den Standpunkt an. Thiergarten , rief Junker Gotthard, und lief spornstreichs hin. — Glockenspiel ! E e 3 schrie schrie Gottfried, und vergaß daruͤber Dan- zig, wo Glockenspiel und kein End ist. Gott ehre mir, fuhr Junker Gotthard fort, meinen Thiergarten in — — der natuͤrlich ist, ich will den Berlinern gern den kuͤnstlichen laßen, und den Sand oben ein, der, wie er bemerk- te, der gruͤnen Farb’ am schaͤdlichsten ist. Sieh nur, sagt er, eine Blume, deren Laub vollgestaͤubt ist! — Darf man doch im Thier- garten nicht einmal eine Flinte losknallen! Auf die Parade zu gehen, haͤtt ich ihn um eine Obristenstelle nicht uͤberreden koͤnnen. Man muß den Teufel nicht an die Wand mahlen, war seine Meynung. Ich war auf der Parade in meinem Element. Zuwei- len war mir das Commandowort so nahe, daß ichs mit Gewalt unterdruͤcken muste. Der Alexander wollte durchaus zum Vor- schein. Wie viel Helms sah ich da, tapfe- re Helms ! Alles waͤre dem Junker Gott- hard ertraͤglicher gewesen, wenn nur die Fra- gen: woher? wohin? wer? wie? was ? an den Thoren ihn nicht mit Vorurtheil ein- genommen haͤtten. Muß man sich doch, sagt er, hier durchdecliniren und durchconjugiren lassen. Da hatt’ ichs ja beym Professor Grosvater noch leichter, wo ich dich fuͤr mich ant- antworten lies, und den Argos kennen lern- te, welches der beste Hund in der ganzen Welt ist. Einen seiner Koͤnigsbergschen Ar- gos, von dem er glaubte, daß er vom Homer- schen abstammen muͤste, hatt’ er mit. Die andern wurden verschenkt. Amalia hatt’ ei- nen, (dies erfuhr ich erst unterweges.) Es war wahrlich kein Schooshund! Was thut die Liebe nicht! Gottfried sagte, da auch er am Thor examinirt ward, muß man sich doch hier an die Glocke schreiben. Da, wo der Koͤnig selbst ist, gilt kein Revisor, wie der Nathanaelsche, kein Knabe, der mit der Hand das Posthorn so nachmacht, daß man glau- ben sollte, die Post kaͤme. Nathanael wuͤrde hier seinen Abschied nicht genommen haben. Wo solche Revisores, wie unser Nathanael- sche, den Koͤnig selbst fuͤr Augen haben, koͤn- nen sie unmoͤglich: Wir Friedrich , ohne Furcht der Ruthe, misbrauchen. Ich wuͤrde kein Kind zum Treiber des Volks machen. Wahrlich! Richterverstand kommt nicht vor Jahren! Einem feinen Englaͤnder lief ich in Berlin nach, und macht’ ihn mit vieler Muͤhe zu meinem — Bekannten. Freund war er noch nicht. Ein Mensch von ausnehmendem E e 4 Kopf Kopf — Seine Nation war in ihm getroffen, wie aus dem Auge gerissen. Er kam von Ruß- land, und wollte noch weiter in die Welt. Hier, sagt er, in eurem Staat (ich bin ein Curlaͤnder, mein Herr Englaͤnder,) uͤberall eine Saladiere zu wenig, ein Friedrichsd’or bespart. In Rußland zehn Rubel, ein paar Schuͤsseln zu viel. Immer Epakten, immer Ueberschuß! Das, fuhr er fort, liegt im geheimsten Mark des Staats. In Peters- burg ist zu viel, in Berlin zu wenig Platz, das seh’ ich an Gebaͤuden, die sich sehen laßen. — Man weiß, wie die Englaͤnder sind! Fuͤr den Koͤnig war er, wie ich. Ganz gewiß hat er an seinen Vater auch so geschrieben, wie ich. — Der Starrkopf! Die Franzosen wa- ren seine Freunde nicht, wie gewoͤhnlich. Der Koͤnig von Preußen, sagte mein Eng- laͤnder, liebt den franzoͤsischen Verstand; aber nicht den franzoͤsischen Willen. Wir und ihr (Wir voraus, das hieß: Englaͤnder und Teutschen) bleiben bey der Angel, wenn gleich in einigen Stunden kein Fisch kommt. Der Franzose schießt waͤh- rend der Zeit einen Vogel. Er traͤgt Gold auf dem Hut; wir ein feines Hemde . Viele in Berlin, fuhr er fort, welche den Un- ter- terschied von Verstand und Willen, nicht so gut, wie der Koͤnig, einsehen, sind ganz und gar Franzosen. Man koͤnnte diese, unter- brach ich meinen Englaͤnder, weit eher, als die Letten in Curland, Undeutsche nennen. Dies war ihm was Neues vom Jahr. Un- deutsch, wiederhohlt’ er, und laͤchelte. Das Frauenzimmer, bemerkt’ er, ist in Berlin zum groͤsten Theil von Haupt bis zu Fuͤßen franzoͤsisch. Zum groͤsten Theil , fiel ihm Junker Gotthard ein, und der kleinere Theil ? ist englisch! — Deutsch! wie Sie wollen, erwiederte der Englaͤnder. Ich daͤchte, beschlos Junker Gotthard, das Frauenzimmer stamme durch die ganze Welt von den Franzosen, oder die Franzosen vom Frauenzimmer. Wir, der Englaͤnder und ich, vereinigten uns wider den Junker Gott- hard, und bewiesen ihm, daß es noch Frauen- zimmer teutscher, oder englischer Art, gebe, und zeigten ihm davon etliche in Berlin! Ihr kennt sie nur von Ansehen, fuhr Junker Gotthard fort. Darf man mehr, wenn vom Frauenzimmer die Red ist? Da ich dem Jun- ker Gotthard die Gewissensfrage that, ob denn seine Trine von franzoͤsischer Abkunft sey? war er verlegen. Ich richte meine Frage E e 5 nicht nicht auf Amalien, die einen Argos von dir zum Geschenke zuruͤckbehielt, nicht auf die Brunette mit dem treflichen Busen, wo ein Ball gegeben wird, und wo zehn tausend Lie- besgoͤtter schweben! — von Trinen frag ich? — — Gotthard trat uns bey. Der gute Junker Gotthard hatt’ es von seinem Vater, und dieser von dem Meinigen, daß man das Volk in der Sprache suchen muͤste, und da er sich viel darauf zu gut that, ein halber Landsmann von Grosbrittanien zu seyn, so neckt’ er sich mit dem Englaͤnder, dem es sichtbarlich Vergnuͤgen machte. Schade nur, daß Junker Gotthard nicht viel eng- lisch wuste. Englisch Mann, fieng er an, England! Curland, warum denn nicht: cursch Mann? — und dann wieder: was solch ein Englich Mann vom Kopfe macht! Da haben wir doch, Gottlob! Stirne und Scheitel, und er Kopfkron und Vorkopf! — Bruder! erwiedert’ ich, das Volk kann ein Wort vom Kopf mitreden, und denn immer ich selbst , fuhr Gotthard fort, das Selbst doch ja nicht zu vergessen! Sieh! sagt ich ihm, Bruder! da ist doch jeder was selbst; im monarchischen Staat ist man alles par Bri- Brikol. Dies vom Billard geliehene Kunst- wort fiel ihm so auf, daß er als Curlaͤnder auch von selbst zu sagen sich berechtiget glaubte — obgleich ein Curlaͤnder mehr, als zween Herren, dient, und Niemand kann zween Herren dienen! — Das sich die Englischmaͤnner auch in Ab- wesenheit beehren und dem Namen ein ehrer- bietiges Herr vorsetzen, wenn gleich der Herr nicht da ist, und es auch so mit ihren Wei- bern halten, gehoͤrt auf das nemliche Con- to! — In der Monarchie ist man Augendie- ner, fieng ich an. Wenn man mit dem Herrn spricht, buͤckt man sich dazu, und ist er nicht da, heißt er schlechtweg Peter Paul Pompey. Heucheley ist der Erbfehler der Monarchien. In Curland, wo doch Frey- heit herrschen soll, fuhr ich fort, sehen die Leute ein, wie wenig sie bedeuten. — Doch warum eine Donatsche Stunde! — Ich will sie mit dem Worte Koͤnigreich schließen, auf welches mein Vater aus dem englischen Vater unser den Accent legte, und zwar nicht, wie man beym ersten Blick glauben soll- te, weil mein Vater ein Koͤnigscher war; son- dern weil er den seligen Zeitpunkt wuͤnschte, das das Fest aller Heiligen, wie ers zu nennen pflegte, da wir allzusammen eine Heerde seyn werden, und Gott unser Koͤnig, ein Koͤnig- licher Vater. Ists Wunder, daß wir uns in einer Residenz, wo unstreitig der erste Koͤ- nig regiert, an dies Fest aller Heiligen erin- nerten, wo eitel Guͤte und Wahrheit herr- schen wird, wo nicht steinerne Herzen und steinerne Gesetztafeln, sondern fleischerne Her- zen seyn werden, und Leben fuͤr und fuͤr. Gott verhelf uns allen dahin, wo Freude die Fuͤlle und liebliches Wesen ist immerdar! — So lang aber dies goͤttlich vaͤterliche Koͤnig- reich nicht kommt; ists wahrlich das beste, einen Koͤnig zu haben, der es im Geist und in der Wahrheit ist. — Der Koͤnig von Preussen hat viele Raͤthe; allein er ziehet keinen zu Rath. Noch mehr vom Koͤnige . Gern! Sowohl der Englaͤnder, als ich, sind zu mehr bereit. Junker Gotthard wird sehen, wie es faͤllt. Der Koͤnig schreibt, trotz aller Woͤrter- buͤcher, Federic, obgleich Friedrich Frederic heißt. Ich Ich habe schon bemerkt, daß er sich nur angekleidet sehen laͤßt. Ein Held ist wie eine Uhr; sie muß aufgezogen seyn, wenn sie gehen soll. Sollte man dies nicht auch von einem Koͤnige sagen koͤnnen? Der Englaͤnder sagte, finden Sie es nicht auch, daß Preußen so lange gros bleiben werde, als es immer Schach bietet? — Alexander der Große fuͤrchtete sich be- kanntlich vor dem atheniensischen Czar Peter , vor den Hollaͤndischen Zeitungen. Aretin machte sich alle Europaͤische Hoͤfe zinsbar; Koͤnig Friedrich ist druͤber weg. Man sagt: er habe bey Gelegenheit, daß eine unschickliche Schrift, die wider ihn gerichtet war, sehr hoch hieng, blos verfuͤget, sie sollte Etwas tiefer geschlagen wer- den . — Was ich gern Prinzen sehe! sagte mein Englaͤnder, ich seh’ in ihnen ein ganzes Land. Hundert tausend in Einem. — — Der Koͤnig siehet jeden an; allein er will nicht, daß man ihn wieder so dreist ansehe. Wer kann in die Sonne sehen? — Man Man sagt: der Koͤnig habe bloͤde Augen, und eben daher sein Blick, sein grosses Auge! Kann seyn! Seinem Blick ist es nicht anzu- sehen. Er hat alles an sich, was ein voll- guͤltiger Blick haben kann — Koͤnig und ein Perspektiv sind fast unzertrennlich. — Der Koͤnig haͤlt den Soldaten fuͤr seinen Freund, den Civilisten fuͤr seinen Unterthan. Ist das recht? fragte der Englaͤnder, Jun- ker Gotthard schrie: Nein! Der Englaͤnder gab ihm die Hand. Der Soldat, fieng ich an , ist des Staats Wundarzt; der Civilist sein Medicus! allein ich kam nicht wei- ter . — Mit dem Civilisten spricht der Koͤ- nig uͤber sein beschieden Theil; mit dem Sol- daten uͤber alles. Ob der Soldat antwor- ten kann, ist des Koͤniges wenigster Kum- mer! Alle Staaten, wenn sie gros wer- den, sind kriegerisch. Sind sie gros, und wollen sies bleiben, beduͤrfen sie Staats- maͤnner. Der Koͤnig will einen gewissen Esprit de corps in sein Heer einfuͤhren, welches das ganze Geheimnis des Phalanxs war, so im ersten ersten Paragraph der phanlanxischen Krie- gesartikel stand. Das ganze preußische Heer soll ein Phalanx seyn. Was einem be- gegnet, soll allen begegnet seyn. So denkt jeder Edelmann in Curland, fiel Gotthard ein. Nicht wahr, Alexander? Ja doch, lieber Junker Gotthard, jeder Edelmann in Curland! — Wie kommts, fragte der Englaͤnder, daß beym Exerciren Niemand hustet. Hat kein preußischer Soldat den Husten? Er haͤlt sich gerad’ erwiedert’ ich! — das hilft fuͤr alle Krankheiten, selbst des Todes Bitterkeit ist damit zu vertreiben . — Es ist eine monarchische Cur, sagte der Eng- laͤnder, und Gotthard trat bey. Ich weiß, daß viele Krankheiten hiedurch curirt sind! — Man verbeißt sie ! — Bey allem, was der Koͤnig oͤffentlich thut, ist die Uhr aufgezogen. Thun die Menschen, sagte der Englaͤnder, denen der Koͤnig die Parole giebt, doch so, als wenn sie den Koͤnig Salomo urteln gehoͤrt! Der Der Koͤnig hat in gewissen Dingen keine Proportion. „Da geb’ er doch den beyden Maͤdchen drey Friedrichsd’or“ Es sind viere, Ew. Majestaͤt, die gesungen haben! „So geb er drey hundert,“ das heißt, geb’ er ihnen eine Kammer, oder ein Schloß! Der Koͤnig (wahrlich das ist groß) wird so wenig im Krieg als im Frieden bewacht. Man sieht offenbar ein, er sey unbesorgt, er sey ruhig! — Wenn das ein Koͤnig seyn kann; so hat ers weit gebracht! Noch etwas, das dem Englaͤnder das Herz stahl! Alles ist gleich weit vom Thro- ne. Der Bediente des Koͤnigs ist ein Be- dienter. — Warum beschreibt Er nur eine Seite? Und warum muß alles, was an ihn gebracht wird, auf eine Seite Platz haben? — Er liebt nicht Registraturen und Canze- leyen. Herzog Friedrich der weise, Chur- fuͤrst zu Sachsen, nannte die Canzeley der Fuͤrsten Herz! — Wie sie doch der Koͤnig nennen mag? Wir waren alle der Meinung des des Herzogs Friedrich des Weisen, Churfuͤr- sten zu Sachsen. Alexander der Große aͤrgerte sich, da Ari- stoteles eines seiner Werke — drucken lies, haͤtt ich bald gesagt, und einen entsetzlichen Druckfehler begangen — ausgab. Alexan- der wollte in allem besonders seyn, und et- was blos fuͤr sich haben, was jezt auch an- dere hatten. Wie muß er es doch gemeint haben, daß er lieber alles an Gelehrsamkeit als an Macht uͤbertreffen wollte? Was ist besser: wenn die Fuͤrsten philoso- phiren und die Philosophen regieren, oder wenn die Regenten blos thun, was die Wei- sen lehren? Der Koͤnig von Preußen ist ein schoͤner Geist — — — und mein Englaͤnder ist ein Englaͤnder. — Gern haͤtt’ ich mir diesen lieben Jungen zum Freunde gemacht. Wer weiß aber, wie lang er den im Noviciat behaͤlt, der zum Freunde eingeweiht wird! — Wir waren wuͤrklich F f so so nahe, als man es mit einem Englaͤnder seyn kann, der noch nicht Freund ist. Sei- ne Ungeselligkeit blieb mir kein Geheimnis, das ist der einzige Umstand, wo die Englaͤn- der ohne Ruͤckhalt sind. Wir waren immer, wilt du zur Rechten, will ich zur Lin- ken , obgleich er den Teutschen die Ehre that, sich mit ihnen wider die Franzosen in Buͤnd- niß einzulaßen. Ich lies es mir merken, (bitten haͤtt ich ihn um vieles nicht koͤnnen, kein Englaͤnder laͤßt sich bitten) daß ich es gern sehen wuͤrde, wenn er noch acht Tage bliebe, wie ich. — Den andern Morgen war er weg, und, um ganz englisch zu seyn, ohne Abschied. Ohnfehlbar stand in seinem Reisekalender Geh ich ab , und da haͤtt ihn keine Observation der Venus durch die Son- ne gehalten. Gott gleit’ ihn, den guten Jungen! Ich wuͤnschte wohl, wenn er sei- nen Lebenslauf schriebe, daß er an mich daͤch- te. In dieser Welt glaub ich, werd ich ihn so wenig wiedersehen, als den Alten mit dem Einen Handschuh, der auf ein sanftes Ende mit dem Herrn v. G — trank, und der nur hoͤchstens noch acht Tage zu leben hatte, da er er zum Herrn v. G. kam, und deßen Zeit edel war. O da werden wir so manche gute Seele finden, die wir in diesem Buche ver- lohren haben! Junker Gotthard wuͤrde hin- zufuͤgen, auch so manchen Argos. — Die Fortsetzung also von unserm Englaͤnder folgt kuͤnftig . Ich habe viel in Berlin verlohren, da mein Englaͤnder mit seinem zu viel und zu wenig nicht mehr da war. Junker Gott- hard munterte mich wahrlich nicht auf. — Gottfried glaubt’ auch noch andere Oerter zu finden, wo Glockenspiel waͤre. — Auch ohne Englaͤnder, wie vortreflich Berlin ! — Außer meinem Elemente, dem Paradeplatz, was fuͤr Nahrung fuͤr Geist und Herz! Berlin koͤnnte Deutschlands Athen seyn, wenn der Koͤnig es wollte, und so mancher Undeutsche, der um ihn ist! Den Tag vor unserer Abreise kam Jun- ker Gotthard so aus dem Athem nach Hause, daß ich befuͤrchtete, es waͤr ihm ein Ehren- handel aufgestossen. Was ist dir, fieng ich F f 2 an? an? und siehe da! man hatte sich uͤber sein gruͤnes Kleid lustig gemacht, und wußt er nicht, wie er damit dran war. Warum, fieng ich an, hast du nicht was dran spendirt und dem Wizling, dem eine derbe Antwort noth that, Wehr und Harnisch genommen? Warum waghalsen? sagt’ er, Bruder! Wir reisen heute. Morgen, erwiedert’ ich. — Damit ich mich raͤche, fiel er ein, heute! Ich hatte Muͤh’ ihm zu beweisen, daß man sich darum an einem Verraͤther der gruͤnen Farbe nicht raͤche, wenn man einen Tag fruͤ- her aus Berlin reiset. Wir blieben die vol- len acht Tage.