Der M essias . Zweyter Band. Mit Koͤnigl. Pohln. und Churf. Saͤchs. Koͤnigl. Preußischen und Churf. Brandenburgischen allergnaͤdigsten Privilegien. Halle , im Magdeburgischen. Verlegt von Carl Hermann Hemmerde . 1756 . Von der Nachahmung des griechischen Syl- benmasses im Deutschen. V ielleicht waͤre es am besten, das Schicksal des neuen Sylbenmasses der Entscheidung der Welt so zu uͤberlassen, daß man gar nicht daruͤber schriebe. Jch habe dieß bisher geglaubt, und ich wuͤrde meine Meynung auch nicht aͤndern, wenn es nicht Kenner gaͤbe, die zwar die Alten gelesen, aber sich nicht so genau um ihre Versarten bekuͤmmert haben, daß sie die Nachah- mung derselben entscheidend sollten beurtheilen koͤnnen. Diese haben wirklich dem neuen Sylbenmasse schon so viel Gerech- tigkeit wiederfahren lassen, daß sie verdienen, veranlaßt zu werden, es ganz beurtheilen zu koͤnnen. Jch darf, ohne mir zu sehr zu schmeicheln, vermuten, daß einige so freundschaft- lich gegen mich gesinnt seyn werden, lieber zu wollen, daß ich uͤber diese Sache, die sie vielleicht eine Kleinigkeit nennen, nicht schreiben moͤchte. So verbunden ich ihnen fuͤr dieß Urtheil seyn muͤßte; so wenig halte ich auch die lezten Neben- )( 2 zuͤge Von der Nachahmung zuͤge der schoͤnen Wissenschaften fuͤr Kleinigkeiten, besonders, wenn es Kenner der hoͤheren Schoͤnheiten sind, fuͤr die man sie aufdeckt. Bey der Untersuchung des neuen Sylbenmasses selbst koͤmmt es darauf an, daß man erweise: Wir koͤnnen den Griechen und Roͤmern in ihren Sylbenmassen so nahe nach- ahmen, daß diese Nachahmung, besonders groͤssern Werken, einen Vorzug gebe, den wir, durch unsre gewoͤhnliche Vers- arten, noch nicht haben erreichen koͤnnen. Eine Nebenun- tersuchung wuͤrde seyn, eben dieß von lyrischen Gedichten zu behaupten, denen wir zwar, durch einige unsrer Sylben- masse, einen freyeren Schwung, als den grossen Gedichten, gegeben haben; die aber, weil sie so vieler Schoͤnheiten faͤhig sind, daß sie unmittelbar nach dem Trauerspiele ihren Platz nehmen duͤrfen, noch tonvoller und harmonischer zu seyn verdienen. Homers Vers ist vielleicht der vollkommenste, der er- funden werden kann. Jch verstehe unter Homers Verse nicht Einen Hexameter allein, wiewohl ieder seine eigene Harmonie hat, die das Ohr unterhaͤlt, und fuͤllt; ich meine damit das ganze Geheimniß des poetischen Perioden, wie er sich vor das stolze Urtheil eines griechischen Ohrs wagen durfte, den Strom, den Schwung, das Feuer dieses Perioden, dem noch dazu eine Sprache zu Huͤlfe kam, die mehr Musik, als Sprache, war. Homer blieb, auch in Betrachtung des Klangs, ein solcher Meister seiner Sprache, daß er die Griechen verfuͤhrt zu haben scheint, ihre Verse mehr abzusin- gen, als herzusagen. Sein Hexameter hat die angemessenste Laͤnge, das Ohr ganz zu fuͤllen; und er uͤberlaͤßt es den Alcaͤen, so die voll- kommensten lyrischen Verse sind, es, aus andern Absichten, mit einem kuͤrzern, fallenden Schlage zu erschuͤttern. Er hat des griechischen Sylbenmasses im Deutschen. hat den grossen, und der Harmonie wesentlichen Vorzug der Mannichfaltigkeit. Da er aus sechs verschiednen Stuͤcken, oder Fuͤssen, besteht; so kann er sich immer durch vier, bis- weilen auch durch fuͤnf Veraͤndrungen, von dem vorherge- henden oder nachfolgenden Verse unterscheiden. Und da diese Fuͤsse bald zwo bald drey Sylben haben; so entsteht da- her eine neue Abwechslung. Durch das, so ich bisher angefuͤhrt habe, und dann durch die gluͤckliche Wahl der Sylbentoͤne, und ihrer Ver- haͤltnisse gegen einander; und durch den abwechselnden Ab- schnitt des Verses, bey welchem der Leser bald laͤngere bald kuͤrzere Zeit innehalten muß, erreicht der homerische Vers eine Harmonie, die izt fließt, dann stroͤmt, hier sanft klingt, dort majestaͤtisch toͤnt. Denn dieß alles in dem hoͤchsten Grade des Wohlklangs, und nach den feinsten Grundsaͤtzen desselben, hervorzubringen, sind vorzuͤglich die griechische, und dann auch die roͤmische Sprache am geschicktesten. Die Anzahl ihrer Buchstaben und Toͤne ist beynahe einander gleich, und iedes einzelne Wort hat daher schon viel Wohl- klang, eh es noch durch die Stelle, die es in der Verbin- dung des Verses bekoͤmmt, wenn ich so sagen darf, in den Strom der Harmonie einfließt, und dadurch seinen bestimm- testen und vollsten Wohlklang hoͤren laͤßt. Es koͤmmt uns izt darauf an, zu untersuchen, wie nahe wir diesem grossen Originale kommen koͤnnen? Der wesent- liche Charakter unsrer Sprache, in Absicht auf ihren Klang, scheint mir zu seyn, daß sie voll und maͤnnlich klingt, und mit einer gewissen gesetzten Staͤrke ausgesprochen seyn will. Wer ihr Schuld giebt, daß sie rauh klinge, der hat sie ent- weder niemals recht aussprechen gehoͤrt; oder er sagt es nur, weil es einige seiner Nation auch gesagt haben. Mit groͤs- serm Rechte koͤnnte man der franzoͤsischen Sprache den Vor- )( 3 wurf Von der Nachahmung wurf machen, daß sie wenig vollkoͤnige Woͤrter habe, und noch weniger, wegen ihrer fluͤchtigen und fast uͤbereilten Aus- sprache, periodisch zu werden faͤhig; der italienischen, daß sie zu sehr von dem gesezten und vollen Accente ihrer Mutter ins Weiche und Wolluͤstige ausgeartet; und vielleicht der starken Sprache der Englaͤnder, daß sie zu einsylbigt sey, und zu oft, statt zu fliessen, fortstosse, als daß sie die Fuͤlle des griechischen Perioden so nahe, wie die deutsche, erreichen koͤnne. Kennern des griechischen Wohlklangs glaube ich meine Vorstellung von dem Klange unsrer Sprache noch deutlicher zu machen, wenn ich sage, daß sie mit dem Dorischen des Pindar Aehnlichkeit habe, zugleich aber den Unterschied vor- aussetze, der, zwischen dem Dorischen des Pindar, und der griechischen Schaͤferdichter, ist. Ohne mich in die Entschei- dung einzulassen, welche von unsern Provinzen am besten deutsch rede? so koͤmmt es mir doch als wahr vor, daß ein Sachse das Hochdeutsche, oder die Sprache der Scribenten, und der guten Gesellschaften, mit leichterer Muͤhe rein und ganz aussprechen lernen kann, als einer aus den uͤbrigen Pro- vinzen. Und wie einer von diesen seine Sprache spricht, so rein, so volltoͤnig, so ieden Ton und Buchstaben, den die richtige Rechtschreibung sezt, zwar ganz, aber doch nicht sel- ten, bey der Haͤufung der Buchstaben, mit unuͤbertriebner Leisigkeit: dieß ist die Regel der laͤngern und kuͤrzern Syl- ben, der Art ihrer Laͤnge und Kuͤrze, und also auch der Har- monie des Verses uͤberhaupt. Jch muß gestehn, es giebt zweifelhafte Aufgaben bey dieser Regel; und wir waͤren gluͤcklich, wenn wir Eine grosse Stadt in Deutschland haͤt- ten, die von der Nation, als Richterinn der rechten Aus- sprache, angenommen waͤre. Aber wir duͤrfen hierauf wohl izt nicht hoffen, da Berlin eifersuͤchtiger darauf zu seyn scheint, den zweyten Platz nach Paris, als den ersten in Deutschland, zu des griechischen Sylbenmasses im Deutschen. zu behaupten. Gleichwohl liebe ich meine Landsleute so sehr, daß ich von ihnen glaube, daß sie in den Staͤdten, wo es nicht mehr unbekannt ist, daß Achtung und Sorge fuͤr ein- heimische schoͤne Wissenschaften eine von den vorzuͤglichsten Ehren einer Nation sind, sich bemuͤhen werden, ihre Sprache recht auszusprechen; und, wofern sie sich auch hierinn noch ei- nige Nachlaͤssigkeit verzeihen wollten, doch, wenn sie oͤffentlich reden, oder gute Schriften in Gesellschaften vorlesen, sich selbst und ihren Scribenten die Ehre erweisen werden, daß sie ihre volltoͤnige und maͤchtige Sprache richtig aussprechen. Diese Aussprache vorausgesetzt, ahmen wir dem homeri- schen Verse so nach. Wir haben Daktylen, wie die Grie- chen, und ob wir gleich wenige Spondaͤen haben; so verliert doch unser Hexameter dadurch, daß wir statt der Spondaͤen meistentheils Trochaͤen brauchen, so wenig, daß er vielmehr fliessender, durch die Trochaͤen, wird; weil in unsern Syl- ben uͤberhaupt mehr Buchstaben sind, als bey den Griechen. Es ist wahr, die Griechen unterscheiden die Laͤnge und Kuͤrze ihrer Sylben nach einer viel feinern Regel, als wir. Wenn wir unsre Sprache nach ihrer Regel reden wollten, so haͤtten wir fast lauter lange Sylben. Dieses ist der Natur des Ge- hoͤrs zuwider, welches eine ungefaͤhr gleiche Abwechslung von langen und kurzen Sylben verlangt. Die Aussprache hat sich daher nach den Fordrungen des Ohrs gerichtet. Und dieses ist biegsam genug gewesen, sich an die Kuͤrze eines Vocals zu gewoͤhnen, auf den zween oder auch wohl drey Buchstaben folgen; und es wird nur alsdann verdrießlich, wenn diese Buchstaben mit einer gewissen Ungelenkigkeit der Zunge ausgesprochen werden. Ob wir nun gleich auf der einen Seite, in Absicht auf die Feinheit des Wohlklangs ver- lieren; so gewinnen wir, in Betrachtung einer ganz neuen Mannichfaltigkeit, welche die Griechen nicht hatten, bey- )( 4 nahe Von der Nachahmung nahe mehr, als uns, durch die genaue Feinheit, entgeht. Zum Beweise dessen waͤhle ich vorzuͤglich den Daktylus, weil er hinter der langen Sylbe zwo kurze hat. Da unsre kurze Sylbe auf zwo Arten, und bisweilen auch auf die dritte, kurz ist; der Griechen ihre hingegen nur auf Eine und selten auf Zwo Arten: so entstehn daher so verschiedne Daktylen, und zugleich so viel Mannichfaltigkeit mehr, daß diese in Einem Perioden die Harmonie schon ungemein erhoͤht, und denn einem ganzen Werke zu einem Vortheile gereicht, der nicht sorgfaͤltig genung gebraucht werden kann. Dazu koͤmmt, daß uns die Verschiedenheit der Daktylen auch deßwegen an- genehm seyn muß, weil sie in unsern Hexametern mehr, als in den griechischen vorkommen. Dieser in einigen Faͤllen nothwendige oͤftere Gebrauch der Daktylen, ist auch wohl Ursach gewesen, warum einige Neuere den sogenannten spon- daͤischen Vers, der den Hexameter mit zween Spondaͤen, statt eines Daktyls und Spondaͤen, schließt, mit dem Homer oͤf- ters brauchen, ohne deßwegen etwas wider den Virgil zu ha- ben, der die Ursach nicht hatte, und es daher nur selten that. Wenn wir also unsern Hexameter, nach der Prosodie un- srer Sprache, und nach seinen uͤbrigen Regeln, mit Richtig- keit ausarbeiten; wenn wir in der Aussuchung harmonischer Woͤrter sorgfaͤltig sind; wenn wir ferner das Verhaͤltniß, das ein Vers gegen den andern in dem Perioden bekoͤmmt, verstehen; wenn wir endlich die Mannichfaltigkeit auf viele Arten von einander unterschiedner Perioden nicht nur kennen, sondern auch diese abwechselnde Perioden, nach Absichten, zu ordnen wissen: dann erst duͤrfen wir glauben, einen hohen Grad der poetischen Harmonie erreicht zu haben. Aber die Gedanken des Gedichts sind noch besonders; und der Wohl- klang ist auch besonders. Sie haben noch kein anders Ver- haͤltniß unter einander, als daß die Seele zu eben der Zeit durch des griechischen Sylbenmasses im Deutschen. durch die Empfindungen des Ohrs unterhalten wird, da sie der Gedanke des Dichters beschaͤftigt. Wenn die Harmonie der Verse dem Ohre, auf diese Weise gefaͤllt, so haben wir zwar schon viel erreicht; aber noch nicht alles, was wir er- reichen konnten. Es ist noch ein gewisser Wohlklang uͤbrig, der mit den Gedanken verbunden ist, und der sie ausdruͤcken hilft. Es ist aber nichts schwerer zu bestimmen, als diese hoͤchste Feinheit der Harmonie. Die Grammatici haben sie, „den lebendigen Ausdruck‟ genannt, und ihn oft dann nur im Virgil oder Homer gefunden, wenn diese ihn etwa uͤber- trieben, und ihm also seine eigentliche Schoͤnheit, die vorzuͤg- lich in der Feinheit besteht, genommen; oder in andern Stel- len nicht daran gedacht hatten, daß Scholiasten kommen, und ihnen hier eine Schoͤnheit von dieser Art Schuld geben, wuͤrden. Verschiedne Grade der Langsamkeit oder Geschwin- digkeit; etwas von sanften oder heftigen Leidenschaften; einige feinere Minen von demjenigen, was in einem Gedichte vor- zuͤglich Handlung genannt zu werden verdient, koͤnnen, durch den lebendigen Ausdruck, von ferne nachgeahmt werden. Wenn der Poet dieses thut; so braucht er, oder es gluͤcken ihm vielmehr einige seiner zartesten Kuͤnste der Ausbildung, die ihm eben so leicht mislingen koͤnnen, so bald er zu sehr mit Vorsaz handelt, oder seine Einbildungskraft das enge Gebiet dieser Ne- benzuͤge zu hitzig erweitert, und sich aus der Harmonie eines Gedichts in die Musik versteigt. Jch muß zwar zugestehn, daß es Faͤlle giebt, wo der lebendige Ausdruck dasjenige stark sagen muß, was er sagen will. Aber uͤberhaupt sollte man die Regel fest setzen, sich demselben vielmehr zu naͤhern, als ihn zu erreichen. Und die Anwendung dieser Regel sollte man nur bey der Beurtheilung seiner Arbeit noͤthig haben. Denn wenn diese Art Schoͤnheit recht gelingen soll, so muß sie im Feuer der Ausarbeitung fast unvermerkt entstehen. )( 5 Auf Von der Nachahmung Auf eine Verbesserung der Harmonie von einer ganz an- dern Art, und die nur den Vers an sich angeht, haben sich einige unter uns eingelassen, da sie eine Sylbe mehr vor den homerischen Hexameter sezten, um wie es scheint, durch einen jambischen Anfang das Ohr, wegen der Ungewoͤhn- lichkeit des neuen Verses, schadlos zu halten. Aber sie ha- ben zween nicht unwichtige Einwuͤrfe wider sich. Da der Hexameter eben so lang ist, als ihn das Ohr verlangt, wenn es einen merklichen Absatz einer vollen Harmonie, und nicht mehr auf einmal fordert; so dehnen sie die Laͤnge des Verses uͤber die Graͤnzen der Natur aus. Weil sich aber diese Graͤnzen nur durch ein gewisses Urtheil des Ohrs bestimmen lassen; so kann ich mich, wegen seiner wahrscheinlichen Rich- tigkeit, nur auf die bestaͤndigen Muster der Griechen und Roͤmer berufen, die doch sonst so abgeneigt nicht waren, neu zu seyn, und in ihren theatralischen Jamben oft so sehr von einander unterschieden sind, daß es eben daher so schwer wird, diese Versart genau zu bestimmen. Der zweyte Einwurf ist, daß die, so die Sylbe noch hinzusetzen, nicht selten in Gefahr sind, zween Verse statt eines zu machen. Noch eine andre Sorgfalt, dem neuen Verse eine gute Aufnahme zu verschaffen, war ein Einfall, der in dieser Ab- sicht sehr gluͤcklich war. So bald man ihn aber zur Regel machen wollte, wuͤrde man ihn uͤbertreiben. Jn einem ly- rischen Gedichte wurden die Regeln des griechischen Sylben- masses voͤllig nach der Prosodie der Alten beobachtet. Ohne die Schwierigkeit zu beruͤhren, auch nur einige kleine Stuͤcke in dieser Art zu verfertigen, scheint mir diese ganz gebundne Nachahmung, der Natur unsrer Sprache, ihres Hexameters, und seiner Harmonie, entgegen zu seyn. Man weis, daß Ovidius schon huͤpfend wurde, statt den majestaͤtischen und eigentlichen Wohlklang Virgils zu uͤbertreffen. Weil des griechischen Sylbenmasses im Deutschen. Weil ich mich uͤber das, was ich bisher von dem alten und neuen Hexameter gesagt habe, nicht gern in Exempel aus- breiten moͤgte; so will ich nur eins anfuͤhren, die Kenner der Alten an den poetischen Perioden zu erinnern. Da zu we- nige sind, die Homers Sprache bis auf ihr Sylbenmaß ken- nen, soll Virgil seine Stelle vertreten. Er sagt vom Salmoneus: Quattuor hic invectus equis, \& lampada quassans Per Grajûm populos mediæque per Elidis urbem Ibat ovans, divûmque sibi poscebat honorem: Demens! qui nimbos \& non imitabile fulmen Aer’ \& cornipedum cursu simularat equorum! At pater omnipotens dens’ inter nubila telum Contorsit, (non Ille faces nec fumea tædis Lumina!) præcipitemqu’ immani turbin’ adegit! Da wir uns diesem feurigen Klange, dieser Fuͤlle der Harmonie, durch Nachahmung naͤhern koͤnnen; so begreife ich nicht, warum wir es, besonders in groͤssern Gedichten, die auch in ieder Nebenausbildung Anstand und Maͤnnlich- keit erfordern, nicht thun sollen. Unsre eingefuͤhrten langen Jamben, haben, ausser der bestaͤndigen Einfoͤrmigkeit, den nicht weniger wesentlichen Fehler, daß sie aus zween kleinen Versen bestehn, und daß ein gewisser Abschnitt dieses zu sel- ten hindern kann. Dazu scheint ihnen ohne den Reim et- was wesentliches zu fehlen. Der zehnsylbigte Vers hat viel Vorzuͤge vor dem zwoͤlfsylbigten. Er ist an sich selbst klin- gender, und uͤber dieß kann man seinen Abschnitt veraͤndern. Es ist der Vers der Englaͤnder, der Jtaliener, und auch einiger Franzosen. Selbst Milton und Glover haben ihn gebraucht. Er scheint aber gleichwohl fuͤr die Epopee zu kurz, und dieß doch nicht so sehr in der englischen, als in der Von der Nachahmung der deutschen Sprache. Wem dieser Umstand zu unwichtig vorkoͤmmt, eine Regel daraus zu machen, dem gestehe ich zu, daß der zehnsylbigte Jambe die Wahl eines epischen Dichters verdiente, wenn der Hexameter unnachahmbar waͤre. Der Trochaͤe ist zu lang, zu schleppend, und in groͤssern Wer- ken noch schwerer auszuhalten, als der zwoͤlfsylbigte Jambe. Was soll also der Verfasser einer Epopee waͤhlen? Wenn ich nicht ganz irre; so muß er entweder nicht in Versen schreiben, und sich seine Worte wie Demosthenes, oder Fe- nelon von derjenigen Harmonie, welcher die Prosa faͤhig ist, zuzaͤhlen lassen; oder er muß sich zu dem Verse der Alten entschließen. Aber vielleicht ist in lyrischen Werken diese Entschliessung nicht so nothwendig? Und wir koͤnnen, ohne die Sylben- masse der alten Ode, Pindarisch oder Horazisch seyn? Jch gebe zu, daß unsre lyrischen Verse einer groͤssern Mannich- faltigkeit faͤhig sind, als die andern; daß wir einige gluͤck- liche Arten gefunden haben, wo, durch die Abwechslung der laͤngern und kuͤrzern Zeilen; durch die gute Stellung der Reime; und selbst manchmal durch die Verbindung zwoer Versarten in Einer Strophe, viel Klang in einige unsrer Oden gekommen ist. Aber daraus folgt nicht, daß sie die horazischen erreicht haben; daß es unsern Jamben oder Tro- chaͤen moͤglich sey, es der maͤchtigen alcaͤischen Strophe, ih- rem Schwunge, ihrer Fuͤlle, ihrem fallenden Schlage gleich zu thun; mit den beyden choriambischen zu fliegen; mit der einen im bestaͤndigen schnellen Fluge; mit der andern mitten im Fluge, zu schweben, dann auf einmal den Flug wieder fortzusetzen; dem sanften Flusse der sapphischen, besonders wenn sie Sappho selbst gemacht hat, aͤhnlich zu werden; oder die feine Ruͤnde derjenigen Oden im Horaz zu erreichen; die des griechischen Sylbenmasses im Deutschen. die nicht in Strophen getheilt sind. Horaz ist ein solcher Meister in der lyrischen Harmonie, daß seine Versarten ei- nige besondre Anmerkungen verdienen, um uns recht auf- merksam auf ihre Schoͤnheit zu machen, eine Schoͤnheit, die in seinen meisten Arten mit einer so gluͤcklichen Sorgfalt erreicht ist, daß sie verfuͤhren koͤnnte, einige Kleinigkeiten wider ein paar andre Arten bey ihm zu sagen, welche die feine Wahl der uͤbrigen nicht ganz zeigen. Wenn Horaz am hoͤchsten steigen will, so waͤhlt er die Alcaͤen; ein Syl- benmaß, welches, selbst fuͤr den Schwung eines Psalms, noch toͤnend genung waͤre. Er laͤuft da am oftesten mit dem Gedanken in die andre Strophe hinuͤber, weil es, so zu verfahren, dem Enthusiasmus des Ohres und der Ein- bildungskraft gemaͤß ist; da jenes oft noch mehr als den poetischen Perioden, der nur in eine Strophe eingeschlossen ist, verlangt, und diese den Strom des schnellfortgesetzten Gedanken nicht selten fordert. Horaz wuste entweder den Einwurf nicht, daß, wegen des Singens, die Strophe und der Periode zugleich schliessen muͤßten, weil ihm die Saͤnger und die lyrische Musik seiner Zeit denselben nicht machten; oder er opferte die kleinere Regel der groͤssern auf. Die eine Choriambe, die aus vier Versen, und nur Einem ungleichen besteht, hat viel Feuer, sanfteres, und heftige- res, wie Horaz will, dazu eine ihr eigne lyrische Fuͤlle. Aber sie duͤrfte wohl, wegen der Gleichheit ihrer drey ersten Zeilen, nur sehr selten aus so vielen Strophen bestehen, als die Alcaͤische. Die zweyte Choriambe, die der vorigen bis auf den dritten Vers gleicht, welcher sich, mit einem sanf- ten Abfalle herunter laͤßt, wuͤrde denjenigen Oden vorzuͤg- lich angemessen seyn, die sich von der hohen Ode etwas zu dem Liede herablassen. Die Stellung dieser dritten Zeile allein sollte uns schon abschrecken, neue Sylbenmasse zu machen. Von der Nachahmung machen. Sappho hat eine Ode erfunden, deren Harmonie, ob wir gleich nicht einmal zwey ganze Stuͤcke von ihr haben, sie am besten getroffen hat. Die drey ersten Zeilen sind in dieser Strophe einander gleich, und wenn der gewoͤhnliche, an sich harmonische Abschnitt immer wiederholt wird, so verliert die Harmonie des Ganzen; ein kleines Versehn, das Horaz mehr begangen, als vermieden hat. Es ist zwar dieß desto leichter zu verzeihn, ie verfuͤhrender der Ab- schnitt an sich durch seinen Wohlklang ist, und ie weniger man ihm in den ersten zwo Strophen die Eintoͤnigkeit an- sieht, die er schon in der dritten und vierten verursacht. Jn der Ode an Pettius besteht die Strophe nur aus drey Zeilen, da eine vierzeiligte einer viel vollern Harmonie und eben der Ruͤnde faͤhig ist. Die zweyte Zeile ist vielleicht zu kurz, oder schloͤsse doch besser die Strophe. Vielleicht waͤre auch in der Ode an Melpomene, und in den andern von eben dem Sylbenmasse, der laͤngere Vers gluͤcklicher der erste, als daß er der zweyte ist. Wenn diese Fragmente einer Abhandlung (denn ich kann es keine Abhandlung nennen) einigen Lesern von Ge- schmack einen bestimmtern Begrif von dem Sylbenmasse der Alten gemacht haben sollten, als sie bisher davon gehabt haben; so wird es ihnen vielleicht nicht unangenehm seyn, wenn ich noch etwas von der Kunst, Gedichte zu lesen, hinzusetze. Es ist mit Recht der zweyte Wunsch iedes Dichters, der fuͤr denkende Leser geschrieben hat, daß sie diese Geschicklichkeit besitzen moͤchten; eine Geschicklichkeit, die Boileau, der sie besaß, fuͤr so wichtig hielt, daß er dem gluͤcklichen Vorleser den zweyten Platz nach dem Dich- ter anwies. Zu unsern Zeiten, da man so sehr aufgehoͤrt hat, sich aus der guten Vorlesung ein Geschaͤft zu machen, ist des griechischen Sylbenmasses im Deutschen. ist es genung, dieß wenige davon zu sagen. Zuerst muͤß- ten wir die Biegsamkeit unsrer Stimme, und den Grad ihrer Faͤhigkeit, den Wendungen und dem Schwunge des Gedanken mit dem Tone zu folgen, durch leichte und scherz- hafte Prosa, kennen lernen. Hierauf versuchten wir die poetische Erzaͤhlung, und das Lied. Ein Schritt, der schwerer ist, als er scheint. Dann giengen wir zu dem Lehrgedichte, oder dem Trauerspiele fort. Hier wuͤrden wir finden, daß auch die sorgfaͤltigste Reinigkeit der Jamben den Fehler der Eintoͤnigkeit nicht ersetzen konnte; und daß so gar Jamben von genauerer Ausarbeitung, durch die immer wiederkommende kurze und lange Sylbe unvermerkt verfuͤhrt, von der eigentlichen Aussprache mehr abwichen, als selbst diejenigen Hexameter, die mit weniger Sorgfalt gearbeitet sind. Von den Jamben erhuͤben wir uns weiter zu den volleren Perioden der Redner. Wenn wir diese lesen koͤnn- ten; so fingen wir mit dem Hexameter an. Wir brauchten hierbey seine prosodische Einrichtung eben nicht zu wissen: und da die Geschicklichkeit, die Redner zu lesen, voraus- gesezt wird; so duͤrften wir nur mit der gesezten Maͤnnlich- keit, mit der vollen und ganzen Aussprache, und, wenn ich so sagen darf, mit dieser Reife der Stimme, den Hexa- meter lesen, mit der wir die Prosa lesen. Wollten wir die Prosodie des Hexameters noch dazu lernen; so wuͤrden wir dem gearbeiteten seine voͤllige Gerechtigkeit wiederfahren las- sen; dem weniger sorgfaͤltigen mehr Zierlichkeit geben; und des rauhen ganze Rauhigkeit aufdecken koͤnnen. Wir wuͤr- den auch durch diese Kenntniß bestimmter wissen, wie man den Vers zwar noch anders, als den besten prosaischen Pe- rioden lesen; aber niemals in die schuͤlerhafte Verstuͤmm- lung desselben verfallen muͤsse, durch welche die Stuͤcke des Verses dem Hoͤrer vorgezaͤhlt; und nicht vorgelesen werden. Zulezt Von der Nachahm. des griechisch. Sylbenm. ꝛc. Zulezt koͤnnten wir uns mit den lyrischen Stuͤcken beschaͤf- tigen, die dem Alcaͤus, der Sappho, oder dem Horaz ge- folgt sind. Sollten einige ihrer Strophen, den Perioden des Hexameters, wenn er in seiner ganzen Staͤrke ist, und im vollen Strome fortfließt, auch nicht in Betrachtung der Vollkommenheit der poetischen Harmonie uͤberhaupt, gleich kommen; so sind wieder andre Strophen, die diesem nur sehr wenig nachgeben, und dann verschiedne, von einer Ruͤnde, und von so zierlichen Feinheiten des Wohlklangs, daß man von der lyrischen Dichtkunst uͤberhaupt sagen kann, daß sie am naͤchsten an die Musik graͤnze. Der Erklaͤrung der Kupfer in dem Gedicht, der Messias . Zum zweyten Bande. Vor den sechsten Gesang. D ie Schaar, die in Gethsemane vor Jesu nieder- faͤllt, weil er gesagt hat: Jch bins! Drey hinterein- ander entfliehen mit großer Aengstlichkeit; der lezte ist darinne von den beyden ersten unterschieden, daß er nicht allein Aengstlichkeit, sondern auch Wut in seinem Gesichte zeiget. Vor den siebenden Gesang. Die Façade eines antiquen roͤmischen Pallastes. Vor demselben das Hochpflaster. Unten herum eine große Menge Volks. Pilatus auf dem Richter- stuhle, dem ein Sclav aus einem antiquen Wasser- )( gefaͤß Erklaͤrung der Kupfer gefaͤß Wasser uͤber die Haͤnde gießt. Auf der rech- ten Seite Pilati steht der Meßias mit einer Mine voll erduldender Großmuth; auf der linken Seite der Moͤrder Barrabas, ein wuͤtender Mensch, voll starker Muskeln, mit niedergebuͤcktem Kopf, und seitwaͤrts sehenden Augen. Ueber die Versammlung des Volks schwebet in einer dunkeln Wolke, mehren- theils verhuͤllt, ein Todesengel mit einem Flammen- schwerte. Dieser sieht mit ernster Mine auf das Volk herab. Vor den achten Gesang. Die Kriegsknechte sind beschaͤftiget, das Kreuz vollends aufzurichten. Der Meßias steht unten am Kreuz, und haͤlt seine rechte Hand uͤber seine Augen und Stirn. Unter den vielen Zuschauern zeigen sich vorzuͤglich, nebst einigen betruͤbten Juͤngern, die from- men Weiber, die Jesu nachgefolget waren, und die sich izt ihrer Traurigkeit ganz uͤberlassen. Vor zum zweyten Bande. Vor den neunten Gesang. Die Gegend ist wie die vorige, aber dunkel, und mit Wolken bedeckt. Der Meßias am Kreuz zwischen den zween Schaͤchern. Der Zeitpunkt ist der, da er mit dem Haupte ein wenig herunter geneigt, und mit einer ernstvollen Traurigkeit, die da mit etwas Heiterkeit gemildert ist, zu der Maria und dem Johannes redete. Die Kriegsknechte, welche Jesu Kleider theilen. Vor den zehnten Gesang. Die vorige Gegend, aber noch dunkler, und ei- nige Theile derselben noch mehr durch die Finsterniß verdeckt. Der Meßias ist todt. Maria und Johan- nes haben ihr Gesichte verhuͤllet. Die Hauptvor- stellung der uͤbrigen Zuschauer bestehet darinn, daß einige wenige derselben einen wehmutsvollen Schmerz zeigen; aber die meisten eine wuͤtende angstvolle Reue zu erkennen geben. Der Messias . Sechster Gesang. II. Band. A Jnhalt des sechsten Gesangs. J ndem sich Eloa und Gabriel, von dem Leiden des Meßias am Oel- berge, unterreden, koͤmmt Judas und die Schaar, Jesum ge- fangen zu nehmen. Judas Gedanken bey seiner Annaͤherung. Der Angrif der Schaar. Nachdem sie, auf des Meßias Anrede, wie todt, niedergefallen, und izt wieder aufgestanden waren, kuͤßt Judas, wie er verabredet hatte, den Meßias, welcher sich darauf binden laͤßt, Petrum von fernerer Gegenwehr zuruͤck haͤlt, und die Schaar anredet. Unterdeß war die Versammlung der Priester voller Unruh wegen des Ausgangs. Ein Bote koͤmmt, und erzehlt, daß die Schaar vor Jesu todt niedergefallen sey; ein zweyter, die Gefangennehmung des Mes- sias, und die Furcht, in welcher die ihn fuͤhrende Schaar noch war; und ein dritter, der von dieser Furcht nichts mehr weis, daß sich Je- sus schon dem Palaste nahe. Da der Meßias gleichwohl noch nicht koͤmmt, weil er unterwegs bey Hannas aufgehalten wurde; so geht Philo nebst einigen dahin, Jesum zu Kaiphas zu bringen. Johannes Gedanken, als der Meßias zu Kaiphas gefuͤhrt wird. Der Meßias erscheint vor dem Synedrio. Portia, Pilatus Gemahlinn, war, Je- sum zu sehen, in des Hohenpriesters Palast gekommen. Philos An- klage des Meßias. Da jener zuletzt dem Meßias fluchen will, haͤlt ihn, durch ein schnelles Schrecken, ein Todesengel davon ab. Portia bewundert die Art, mit welcher Jesus den Philo anhoͤrt. Nun redt Kaiphas. Unterrichtete Zeugen legen ihr Zeugniß ab. Kaiphas Wut, daß Jesus nichts antwortet. Der Meßias sagt zulezt, daß er der Sohn Gottes, und der Richter der Welt sey. Kaiphas, die uͤbrigen, und vor allen Philo, verdammen ihn zum Tode. Die Wache begeht Grau- samkeiten an Jesu. Gabriel und Eloa unterreden sich daruͤber. Por- tia wird so sehr geruͤhrt, daß sie sich entfernt, und sich, in ihrer Weh- mut, zu dem ersten der Goͤtter, wendet. Petrus war hinaus gegangen, Er entdekt Johanni seine Verleugnung, verlaͤßt ihn, und beweint seinen Fall. Der Messias . Sechster Gesang. W ie dem sterbenden Weisen, indem des Todes Gefuͤhl ihm Jede Nerve beschleicht, die festlichen Augenblicke Theurer werden, als Tage vor dem; denn der Richter gebietet Nun den lezten Gehorsam, und Tugend, welche, gebohren Noch aus brechendem Herzen, ihn auf erhabnere Stufen Seiner Vollendung erhebt: er zaͤhlt die bessern Minuten Tiefanbetend, und kroͤnt sie mit Thaten, mit Thaten der Seele Die, durch ewigen Lohn, der schauende Richter begnadigt. Also wurden die Stunden des grossen, mystischen Sabbaths Festlicher, schauervoller, und Gott selbst theurer, ie naͤher Zum Altare das Opfer hinzutrat, ie mehr der Versoͤhner Eilte, zu bluten, und: Werde! der neuen Schoͤpfung zu rufen Laut am Kreuz; in die Mitternacht dann sein blutendes Antliz A 2 Hinzu- Der Messias. Hinzuneigen. … Eloa, vom Werthe der heiligen Stunden Hingerissen, (sie waren ihm mehr, als die jauchzenden Stunden Seiner fruͤhen Geburt!) so ergriffen, huͤllt’ er sein Antliz Gegen Gabriel auf, und sprach zu dem goͤttlichen Freunde: Sahst du ihn leiden? Jch bebe noch! Gabriel, sahst du ihn leiden? Keine Namen im Himmel, und keine Sprache der Engel Nennt mir, was ich empfand! Du hast ihn selber gesehen! Und … was wird er noch leiden! An iedem Augenblick hangen Ewigkeiten! … Er schwieg. Und Gabriel sprach: Jch vertiefte Mich Jahrtausende schon, das kuͤnftige Wunder zu lernen, Es nur dunkel zu lernen, nicht auszuforschen; Doch irrt ich! Laß uns schweigen! Es ist rund um uns heilig! Zwar Graͤber Liegen auch um uns her; doch werden dort Engel erwachen! Schlummert im Frieden! … Aber o sieh, wer druͤben im Dunkeln Wild mit Flammen heraufzieht. Euch sandte der Abgrund, Empoͤrer! Welch ein niedriger Haufen! Allein der Schoͤpfer des Sandkorns Und der Sonnen, der Ewige herrscht, durch den Wurm, und den Seraph! Und ihr Fuͤhrer, ihr Fuͤhrer! Eloa. So wird er nicht wandeln, Wenn die Posaune den Staub aus jenen Huͤgeln hervorruft, Die vor dem Richter ihn dekten, dann wirst du so froͤlich nicht wandeln, Du Verraͤther! Er sprachs. Der Haufen nahte sich wuͤtend, Trug die Flammen empor, und irrte mit suchendem Auge Durchs Labyrinth der Baͤum’ und der Nacht. Jhn sahe der Gottmensch, Nun erhub sich die dunkelste Nacht, die uͤber ihn herging, Wolkigt empor, und, als sie sich hub, entflossen ihr Schauer. Einer ergrif den Verraͤther. Er trozte der maͤchtigen Warnung, Und so ruͤstet’ er sich: Wo ist er? Die Lieblinge sahn ihn, Wie Sechster Gesang. Wie sie sagen, auf Tabor in Himmelswolken gekleidet, Aber in Banden noch nicht! So sollen sie itzo ihn sehen, Und, sich Huͤtten der Freude zu baun, vergessen! Doch bebst du, Schauerndes Herz! Kann Kuͤhle der Nacht auch Maͤnner erschuͤttern? Schweig Empoͤrer! Bald ist es gethan! Dann will ich mir Huͤtten, Nicht im Traume nur, baun! So dacht er, und eilte von neuem. Als der Gottmensch die Kommenden sah, da betet’ er also Jn sich selber: Es ist weit, weit von den ewigen Huͤtten Bis zu diesen Suͤndern herunter. O Weg’ im Staube, Die ich wandle. Doch will ich sie wandeln! Sie werden einst glaͤnzen, Wenn, in diesen Tiefen, die Auferstehung erwacht ist, Und das Weltgericht ganz es enthuͤllt, warum sie Gott ging. Judas Jschariot fuͤhrte den Haufen. Der Priester Befehl war: Maͤnner zu wafnen, und Jesum bey seinen Graͤbern zu suchen, Jhn zu binden, und vor die Versammlung zu fuͤhren. Es wuste Judas den Ort des stillen Gebets und der naͤchtlichen Sorge Fuͤr die Menschen. Er hatte der Schaar ein Zeichen gegeben; Welchen ich kuͤsse, der ists! Allein noch erbarmt des Verraͤthers Sich die Nacht, und laͤßt ihm noch nicht den entsetzlichen Kuß zu. Aber nicht lange, so fiel mit ungeduldigem Grimme Auf die schlafende Juͤnger die Schaar. Da ging der Erloͤser Gegen die Suͤnder, und sprach, mit seiner Hoheit: Wen sucht ihr? Und sie ergrimmten, und riefen, und schwungen die bebenden Fackeln: Jesum, den Nazaraͤer! Nun waren die uͤbrigen Juͤnger Alle gekommen; nun schauten auf ihn die geflohenen Engel. Und, mit goͤttlicher Ruh, als wenn er dem Wurme, zu sterben, Oder, dem kommenden Meere, vor ihm zu schweigen, geboͤte, A 3 Sprach Der Messias. Sprach der Meßias: Jch bins! des Sohnes Allmacht ergrif sie, Und sie sanken betaͤubt, vor seiner Stimme, darnieder. Judas sank mit ihnen. So liegen im Folde des Treffens Todte, so waͤlzt sich unter den Todten der Grimmigsten einer, Wenn, aus der stillern Mitte des Kriegs, der denkende Feldherr Um sich herum, (der Richter gebots ihm!) Verderben versendet. Aber izt war die Betaͤubung voruͤber: izt hub der Verraͤther Von der Erde sich auf. Nun war die schrecklichste Stunde Seiner Erschaffung, und er ganz nah dem Gerichte, gekommen. Ueber ihm rauschte mit naͤchtlichem Fluͤgel der Engel des Todes. Mit verborgnem Grimme, mit aufgeheiterter Mine, Trat er zu dem Meßias, und kuͤßt ihn! … Jzt haͤtt’ ers vollendet! Und die schwaͤrzste der Thaten entschlich, wie ein Schatten, zur Hoͤlle. Aber der Gottmensch sah dem Verraͤther mitleidig ins Antliz: Juda! und du verraͤthst, durch einen Kuß, den Meßias? Ach mein Freund, waͤrst du nicht gekommen! So sagte der Beste Unter den Menschen, und gab sich der Schaar, sich binden zu lassen. Petrus sah es. Den Kuͤhneren wekte der Anblick, er riß sich Durch die Juͤnger hervor, verwundet’ im mutigen Angrif Einen der Schaar. Der Menschenfreund heilt die Wunde des Mannes. Schaut auf Petrum heruͤber, und sagt: Sey ruhig, mein Juͤnger. Baͤt ich meinen Vater um Schutz; es wuͤrden vom Himmel Maͤchtige Legionen erscheinen, dem Sohne zu dienen. Aber wie wuͤrden alsdann der Propheten Worte vollendet? Und zur Schaar, die ihn band: Jhr seyd geruͤstet gekommen, Mich zu fahen, als waͤr ich ein Moͤrder, der Wuͤtenden Einer, Die, dem Tode bestimmt, und, durch der Unmenschlichkeit Thaten, Ueber Sechster Gesang. Ueber andre Suͤnder erhoͤht sind! Jch bin ja im Tempel Jmmer um euch gewesen! Jch hab euch, die Wege des Lebens Und des Todes gelehrt; und ihr ließt ruhig mich lehren! Aber eure Stund ist gekommen, der Finsterniß Werke Zu vollenden! … Er schwieg, und war am Bache der Cedern. Unterdeß stand im hohen Palast der Priester Versammlung Wie auf Wogen der zweifelnden Hofnung. Jhr sorgendes Murmeln Stieg von der Hoͤhe des innersten Saals, die Marmorgelender Zum vielhoͤrenden Ohre des fuͤrchtenden Poͤbels hinunter. Und der staunte mit starrendem Blick: sprach von dem Propheten Zitterndes Lob, und stammelnde Fluͤche; vergaß der Bewundrung Und der goldnen Leuchter, die, von den Saͤulen her, flammten. Aber die Priester besprachen sich unter einander! Die Boten Kommen noch nicht! Wo bleiben die Boten? Vielleicht, daß sie Judas Und den Haufen verfehlten? Vielleicht wird der schwarze Verraͤther Auch zum Verraͤther an uns? Ach, vielleicht verleitet, wie vormals, Durch ein schreckendes Blendwerk der Nazaraͤer die Maͤnner! Also besprachen sie sich. Da kam ein Bote! Die Haare Flogen ihm, und die Wange war bleich. Erkaltender Schweiß lief Ueber sein Antliz. Er rang die bebenden Haͤnde. So sprach er: Hoherpriester! wir kamen dahin, und fanden ihn endlich Ueber dem Bache, nicht fern von den Graͤbern. Die graunvollen Graͤber Schreckten uns nicht; allein es hingen schwaͤrzere Wolken, Als ein Mensch ie gesehn hat, am ganzen Himmel herunter. Und doch drangen die Maͤnner hinein. Jch blieb in der Ferne. Aber ich sah den Propheten! Da liefen (ich kanns nicht erzaͤhlen, Wie es geschah,) da liefen mir Schauer durch alle Gebeine! A 4 Doch Der Messias. Doch sie erkannten ihn nicht, so nah er auch dastund, und drangen Auf die Maͤnner um ihn. Da sprach er gewaltig: Wen sucht ihr? Unsre Maͤnner fuͤrchteten nichts, und riefen mit Grimme: Jesum, den Nazaraͤer? Da sprach er, (noch hoͤr ichs, noch sinken Alle Gebeine mir hin!) er rief mit der Stimme des Todes Gegen die Maͤnner: Jch bins! So sprach die Stimme. Sie stuͤrzten Auf ihr Angesicht hin! Sie liegen todt da! Nur ich bin Jhm entronnen, damit ich die Botschaft des Todes euch braͤchte! Und die Priester hoͤrten den Boten die Worte des Schreckens Sagen, und standen entfaͤrbt, und blieben starr, wie ein Fels steht, Stehn. Nur Philo vermag, ununterbrochen von Schrecken, Diese Worte zu zuͤrnen: Du bist sein Schuͤler, Verwegner! Oder dich taͤuschte die bildende Nacht! Geoͤfnete Graͤber Sandten dir Schwindel, und Todte. Die Todten sahst du! Die Maͤnner Welche wir sandten, die leben, und fallen vor Worten nicht nieder! Als er noch redte, da kam ein andrer Bote: Wir haben Viel gelitten! Wir sind vor ihm zur Erde gesunken! Denn sein Blick war entsezlich, und Tod in des Redenden Stimme. Aber dennoch fuͤhren wir ihn gebunden. Er gab uns Selbst die Haͤnde, sich binden zu lassen. Sie fuͤhren ihn bebend, Wissen nicht, ob sie von neuem gebietende Worte des Schreckens Hoͤren werden. Allein er geht mit geduldiger Stille, Und ist schon in Jerusalems Mauer. So sagte der Bote. Und der dritte kam an, und rief: Gott segne die Vaͤter! Aber so muͤssen sie alle verderben, die wider euch aufstehn, Alle Feinde des Herrn, wie der Galilaͤer verderben! Denn wir fuͤhren ihn her mit Banden gebunden, die Worte Nicht Sechster Gesang. Nicht aufloͤsen, noch laͤchelnde Minen. Jhn haben die Seinen Alle verlassen. Er naht dem Palast. Gott gebe sein Blut euch! Als er ausgeredt hatte, trat Satan in die Versammlung, Und, die Freude der Hoͤlle, mit ihm. Sie fasset die Priester Schwindelnd; umflattert ihr Auge mit Bildern quellender Wunden Und des bleichen, kommenden Todes; umstroͤmt, mit der Stimme Seiner Qualen, ihr Ohr. Nun verstummt er ewig, und uͤber Seinen Gebeinen empor erhebt der Heiligen Fuß sich! Lang ergrif sie der Taumel. Allein noch blieb der Prophet aus. Und sie wuͤteten sehr, und sandten zum zweitenmal Boten. Philo gieng mit den Boten. Es hatte die Schaar den Meßias, Auf dem Wege, zu Hannas, dem Hohenpriester gefuͤhret. Denn es war der Greis, in der Nacht schwerduftenden Stunden, Aufgestanden, zu sehn den Mann, der Juda verwirrte! Und Johannes folgte von fern. Der friedsame Schlummer War ihm entflohn vom Auge, der Wehmut Kummer bedekt’ es, Dekte die bleichere Wange. Zuletzt (Er kannte den Priester, Daß er kein Wuͤtrich, wie Kaiphas, war.) bezwang er die Wehmut Seines Herzens, und ging in den Richtsaal, und sah den Meßias, Wie er vor Hannas dastand. Der Hohepriester befragt’ ihn: Kaiphas wird dich richten! O waͤrst du so schuldlos, als was du Thatest, ist ruchtbar geworden; so wuͤrden die Voͤlker der Erde, So wuͤrd Abrahams Gott und seiner Kinder dich segnen! Sag nun selber, was hast du gelehrt? Was hattst du fuͤr Juͤnger? Lehrtest du Moses Gesez? Und thatst du es? Thatens die Juͤnger? Hannas sprachs, und bewunderte Jesum, mit welcher Gebehrde Eines Propheten, er dastand! mit welcher bescheidneren Hoheit, A 5 Unent- Der Messias. Unentheiligt vom Stolze! Der Gottmensch wuͤrdigt ihn, also Zu erwiedern: Jch lehrt’ im Tempel, frey vor dem Volke, Frey vor den Lehrern im Volk! Du fragst mich! Frage die Hoͤrer! Als er noch sprach, drang Philo herein. Da fuhr die Versammlung Ungestuͤm auf; da that ein Knecht, mit knechtischer Seele, Eine That, die niedrig genung war, Unmenschlichkeiten Zu verkuͤndigen. Philo gebot, den Empoͤrer zu nehmen, Jhn dem Todesurtheil entgegen zu fuͤhren. Sie thatens. Als ihn Johannes in Philo Gewalt sah, dekt’ ihm des Todes Blaͤsse die Wang’, und Dunkel sein Auge; da bebt’ er; da brach ihm Jn der Wehmut sein Herz! Zuletzt, da er aus dem Palaste Zitterte, sieht er von fern die wehenden Fackeln: Jch folge, Nein, ich folge dir nicht, ich bebe dir nach, o du Bester Unter den Menschen! Jsts aber in Gottes Rathe beschlossen, Must du sterben; so laß, den meine Seele geliebt hat, Den ich liebe, mit viel mehr Liebe, wie Liebe der Bruͤder, Laß mich mit dir, du Heiligster, sterben! Nur daß nicht mein Auge Deine brechenden Augen, nicht deinen Todesschweiß, sehe! Jch des Verstummenden Segen, den lezten, lezten, nicht hoͤre! Wuͤrger, wo bin ich? Jst hier kein Retter? kein Retter auf Erden? Keiner im Himmel? Und schlummert ihr auch, die uͤber ihm saugen, Als sie dem Tode, (das dachtest du nicht, du liebende Mutter!) Diesem entsezlichen Tod ihn gebahr! … Du nur bist Retter, Du bist Helfer allein, du der Todten und Lebenden Helfer! Vater der Menschen, erbarme dich meiner, und laß ihn nicht sterben, Laß ihn nicht sterben, den Besten von Adams Kindern! Den Wuͤrgern, Gieb den grausamen Wuͤrgern ein Herz, das Menschlichkeit fuͤhle?) Ach, Sechster Gesang. Ach, ich seh ihn nicht mehr! die hohen Flammen verschwinden! Nun, nun richten sie ihn! Daß ihre grimmige Seele Schaure beym Anblick der leidenden Tugend! sich einmal, nur einmal, Einmal in ihrem Leben, das kommende Weltgericht denke! Doch wer wandelt im Dunkeln herauf? Jsts Petrus? vernahm ers, Wie sie zum Tod ihn verdammten? So schnell! Nun steht er! Wen sah ich? Keines Fußtritt hoͤr ich nicht mehr! Wie ist es hier oͤde! Wie so stumm die entsezliche Nacht! Doch die Stille verliert sich. Welche Mengen stuͤrmen daher! Ach, sie eilen, und reissen Jhn in der deckenden Nacht zum Tode, damit ihn des Volkes Menschlichkeit nicht errette! damit an rinnenden Steinen, Oder, herunter am triefenden Schwerte, nur Engel sein Blut sehn! Ach, erbarme dich meiner! Erbarme dich meiner, und laß ihn, Vater des Mitleids und deiner Erschaffnen, und laß ihn nicht sterben! Also dacht’ er, und sprachs in gebrochnen Worten, und wankte Gegen des Hohenpriesters Palast, und blieb in der Nacht stehn. Aber der Fuͤhrer der Schaar, die Jesum begleitete, Philo Riß sich wuͤtend voran, eilt’ in die Versammlung, und alle Sahns an seinem Triumph, und dem hohen, flammenden Auge, Daß der Todtenerwecker gebunden, und dicht am Palast sey! Und sie hatten nicht Zeit, daß sie Philo jauchzten. Der Gottmensch Trat herein. Sie sahn den Kommenden, trauten dem Anblick Kaum die Wirklichkeit zu, und bebten vor Wut und Entzuͤckung. Aber er trat die Stufen herauf, und stand vor dem Richtstul. Alle Hoheit, so gar die Hoheit des sterblichen Weisen Hatt’ er abgelegt; war nur ruhig, als saͤh er den Abfall Einer Quelle vor sich, und daͤchte nur sanfte Gedanken, Nach Der Messias. Nach erhabnern an Gott, die Augenblicke, zu ruhen. Von dem goͤttlichen Ernst von dem nur hatt’ er noch Zuͤge, Leise Zuͤge behalten. Doch konnte kein Engel sie haben, Wollt’ er sie haben. Allein auch nur ein Engel vermochte Dieser Goͤttlichkeit Minen, und ihren Geist zu bemerken. Also stand er. Philo und Kaiphas hefteten grimmig Jhren Blick auf die Erde. Dem gab der Richtstul das Vorrecht, Erst zu reden, jenem der Eifer. Noch schwiegen sie beyde. Aber im Seitenpalast, zog sich, von einsamen Lampen Halb durchdaͤmmert, ein zirkelnder Gang zum Richtsaal hinuͤber. Dort an ein Marmorgelender gebuͤkt, stand unter den Frauen, Portia, jugendlich schoͤn, das Weib Pilatus des Roͤmers. Aber ihr Geist war nicht jung. Die Blume bluͤhte, mit Fruͤchten Wie die Mutter der Gracchen, die ausgearteten Roͤmer Zu bereichern. Allein im ernsten Rathe der Waͤchter War, der Untergang Roms, und kein Erretter, beschlossen. Hingerissen von der Begier, den grossen Propheten Endlich zu sehn, war, nur von wenigen Sclaven begleitet, Portia eilend gekommen. Sie hatte dießmal, die Wuͤrde Einer herrschenden Roͤmerinn, ieden Zweifel der Hoheit, Leicht vergessen! Es leitete sie des Ewigen Vorsicht! Und sie stand, und sah ihn, der Todte weckte; des Priestets Mutigen Haß noch mutiger trug; entschlossen genung war, Unter einem so niedrigen Volk unerkannt, unbewundert, Groß zu handeln. Sie sah den erhabnen Mann, mit Bewundrung, Heiß von Erwartung, und froh, daß er vor seinen Verfolgern, Und, Sechster Gesang. Und, des Todesurtheils gezuͤktem Schwerte, so ruhig Dastand. Allein so kannt ihn nicht Philo. Es sagte der Heuchler: Bringt ihn naͤher, und bindet ihn fester. Doch eh wir ihn richten, Hebt auch heilige Haͤnde zu Gott, daß er endlich sein Urtheil Ausgesprochen, und uns nicht laͤnger durch Schweigen gepruͤft hat! Hoͤre ferner der Deinen Gebet! So muͤssen sie alle, Die sich empoͤren, verderben, und keiner muͤsse die Staͤte, Wo sie standen, bemerken, und keiner ihrer gedenken, Ausser, wo bey entfleischten Gebeinen die Schaͤdel der Todten Liegen, und wo das Blut der Empoͤrer der Huͤgel hinabtrank, Daß er dampfte! Ja Dank! Dank! laute festliche Wonne Bey den Altaͤren! Und Jsrael soll ein Jubelgesang seyn; Du wirst bluten! Bisher schloß Juda die Augen, und sahe! Hielt sein Ohr zu, und hoͤrte! Doch ist der schwindelnde Taumel Endlich voruͤbergerauscht. Sie sehn nun, und hoͤren, was da ist. Den, so vor Abraham war, mit Ketten gebunden! Zwar oftmals Sahn sie ihn schon, und warfen, auf Augenblicke, des Jrrthums Eiserne Bande von sich, mit freyem, maͤnnlichen Arme Heilige Steine zu fassen, den Laͤstrer Gottes zu toͤdten; Aber sie liessen von neuem sich taͤuschen. Doch heut ist das Ende Jhrer Verblendung, und deines Betrugs, Empoͤrer gekommen! Welch ein kleiner Haufen des Volks auch dasteht; es werden Aus den Wenigen doch sehr viele wider dich zeugen, Wenn wir sie rufen. Das wird der Hohepriester gebieten. Aber ich klage dich an, und nehme Judaͤa zum Zeugen, Himmel und Erde zum Richter: Du bist ein Empoͤrer! Du hast dich Selbst Der Messias. Selbst zum Gotte gemacht, du, der in der Krippe geweint hat! Schlaͤfer wektest du auf, und keine Todte! Doch Muͤtter, Selbst die Muͤtter und Schwestern, die sahn die Sterbenden sterben! Auf, bald trift die Reih dich! Erwecke dich selber! doch werden Maͤnner im Tode dich sehn! Der soll so leise nicht schlafen. Lieg dann bey den Erwuͤrgten, die Gott verworfen hat! Schlaf dort, Dort den eisernen Schlaf, dort, wo die kommende Sonne Und der wandelnde Mond den Dampf der Verwesungen auftrinkt, Bis der Tod reift, und von Gebeinen Golgatha weiß wird! Also liege! ja, so! Und, ist noch irgend ein groͤßrer, Heisserer Fluch, der siebenfaͤltig Verwuͤnschungen hinstroͤmt, Den die Mitternacht hoͤrt, der Graͤber Heulen mit ausspricht, Dieser treffe … Hier starrte die schwellende Lippe dem Laͤstrer, Und, sein Antliz herunter, ergoß sich Todesblaͤsse. Denn in dem Augenblicke der Nacht, in dem er der Fluͤche Schrecklichsten auszusprechen begann, und umsonst sein Gewissen Jhm empor schlug, er nun selbst nicht den Allmaͤchtigen scheute, Wandt’ ein Todesengel, (der war sein Engel,) er wandte Seinen Blick, den Verderber, auf Philo, und trat vor den Suͤnder: O der Fluch, den du fluchst, der wird dich selber ergreifen, Du entsezlicher Mann! Jch hebe mein Auge zu Gott auf, Zum Vergelter mein flammendes Schwert, und schwoͤre den Tod dir! Soll ich ihn izt, Allmaͤchtiger, schlagen? Noch nicht! doch die dunkle, Schwarze, blutende Stunde, die Todesstunde befluͤgelt Jhren kommenden Schritt! Bald wird sie dastehn! Jch schwoͤre Wie ihn jemals ein Sterblicher starb, den furchtbarsten Tod dir, Du Sechster Gesang. Du Verruchter! und ihn leer, leer der lezten Erbarmung! Ohne Gnaden! ohn’ Eine von dem, der schuf, und Gericht haͤlt! Wenn dann um dich die Mitternacht liegt, die Stunde des Todes Durch die Mitternacht wandelt, und dir mit dem Heulen Gomorra Furchtbar ruft, der Tod den grossen Schlag izt gethan hat, Und dein Geist nun roͤchelnd entflieht; dann sollst du mein Antliz, Dort bescheid ich dich hin, im Thale Benhinnon, erblicken! Also droht ihm der Todesengel, und zog auf der Stirne Zorn, wie Wolken zusammen. Vom hohen, treffenden Auge Stroͤmt’ er Rache. Da fiel sein Haupthaar, in Locken der Nacht gleich, Auf die Schultern, da stand sein Fuß, wie ein thuͤrmender Fels da! Aber noch schlug der Verderber ihn nicht. Er ließ nur die Stimme Seiner Schrecken um sich, und ihren Todeston, rauschen. Philo empfand des Unsterblichen Schrecken, wie Menschen empfinden, Was Unsterbliche thun. Er fuͤhlt es im maͤchtigen Angrif Schauervoller und schneller, als iemals ein Mensch es gefuͤhlt hat. Denn es war ein Schrecken von Gott. Noch entsank ihm das Leben, Und noch zittert er laut. Doch was er noch athmete, waren Fluͤche wider sich selbst, daß ihn ein Schauer so taͤuschte. Jzt kam er zu sich selber. Doch trafen die Schreknisse Gottes Noch sein Gebein, und bebten ihm noch im innersten Marke. Und wie ein Wurm, der unter des Wandrers Fusse sich windet, Kruͤmmt er sich auf, und sprach: Was ich mit Schweigen bedekte, (Denn ich entsezte mich sehr vor des Suͤnders Verbrechen,) das alles Wird der Ausgang enthuͤllen. Beschleunige du ihn, und richte, Hoherpriester! Er sprachs, und starrt’, und konnte nicht zuͤrnen. Aber Der Messias. Aber die Stille ward stiller. Und Portia sah den Propheten, Wie er gegen die Rede des Todfeinds dastand. Jhr Auge Flammt’ Entzuͤckung, ihr Herz schlug lauter, und hohe Gedanken Stroͤmten herauf in ihr Haupt. Es war ihr, als huͤbe das neue, Hohe Gefuͤhl sie empor. Dann forscht sie mit feurigen Blicken, Um sich herum, ob sie unter der Menge nicht edlere faͤnde, Welche mit ihr den Propheten bewunderten. Aber sie suchte Gute Seelen umsonst, in einem Volke, das reif war Bald gerichtet zu werden, zu stehn auf den flammenden Truͤmmern Seines Tempels, in welchem nun nicht Jehovah mehr wohnte. Einen bemerkte sie nur, der fern im untern Palaste, Mit dem Haufen am Feuer sich waͤrmte. Sie schauten ihn wild an, Und sie stritten mit ihm: Er widerlegte sie feurig. Endlich schien ihm der Mut zu entsinken, und bleich und verwildert Schaut er um sich herum, dann wieder auf den Propheten. Ach, der Mann ist sein Freund, so dachte sie bey sich, er sucht ihn Zu erretten, und will, daß dieser Poͤbel die Wege Die der Weise wandelt, begreife: wie sittsam er lebte; Wie er ein Menschenfreund war, und Gutes ohne Geraͤusch that. Aber sie fassen ihn nicht, und drohn, ihn auch vor den Poͤbel Der dort richtet, zu fuͤhren. Dafuͤr erschrak er, und bebte Vor dem Tode zuruͤck, den ihm die Wuͤtenden drohten. Und ihn sandte vielleicht des Bedraͤngten Mutter, und fleht’ ihm Hingesunken in Thraͤnen vor ihm, daß er ging’, und vom Tode, Ach, vom Tode, den Besten und Liebsten der Soͤhne befreite! O wie wird sie vor Schmerz die liebenswuͤrdige Mutter, (Liebenswuͤrdig ist sie, sonst haͤtte sie ihn nicht gebohren Diesen Sechster Gesang. Diesen Weisen!) wie wird sie vor Schmerz und Jammer versinken, Wenn sie vernimmt, wie der wuͤtende Pharisaͤer geredt hat! Aber was ist es in mir, das zu so zaͤrtlichen Sorgen Fuͤr die Unbekannte mein Herz mit Empfindungen aufwallt, Die ich niemals empfand? Sinds Wuͤnsche, den Edlen gebohren, Jhn der Erde gegeben zu haben? Dein Leben verfliesse, Mutter, zu gluͤckliche Mutter! voll Stolzes auf ihn! … Dein Auge Seh ihn nicht sterben; ob gleich sein Tod die Erde wird lehren! Nun erhub sich der Hohepriester auf seinen Gerichtstul, Also sagt’ er: Ob gleich ganz Juda die Lasten empfindet, Die auf Aller Schultern der Mann, den wir richten, gelegt hat; Und so sehr ihn der Erdkreis auch kennt, daß er wider den hohen, Raͤchenden Gott auf Moria; des Allerheiligsten Priester; Und den grossen Caͤsar in Rom, sich wuͤtend empoͤrte; Obgleich ganz Judaͤa sein Todesurtheil mit ausspricht; Und nicht Kaiphas nur dem Tode gebeut, daß er schlage: Dennoch wollen wir ihn mit Zeugen richten, und hoͤren! Zwar ist Jsrael izt nicht versammlet. Die meisten der Zeugen Huͤllt die Mitternacht ein. (Bald werdet ihr selige Voͤlker Unentweihteren Festen erwachen, als die der Empoͤrer Noch mit beging!) Allein so wenige Menschen auch hier sind, Wird es uns doch an Zeugen nicht mangeln. Es komme, wer Recht thut, Und das Vaterland liebt, und spricht, was lauter und wahr ist! Also sagte der Hohepriester. Da trateu belohnte, Unterrichtete Maͤnner herauf, und zeugten. Vor allen, II. Band. B Hatte Der Messias. Hatte Philo, mit Schmaͤhsucht, und erdekriechender Bosheit, Jhre schon kleinen beweglichen Herzen erfuͤllt. Mit entflammtem Wilden Blick, sah einer der Maͤnner seitwaͤrts, und sagte: Wie er den Tempel entweiht, das wissen wir alle. Doch hat er Nie so sehr ihn entheiligt, als damals, da er der Opfer Fromme Verkaͤufer vertrieb. Wir waren versammelt, zu beten. Aber er trieb mit Grimme der Opferthiere Verkaͤufer Aus den geweihten Hallen. Gewiß, er ehret den Gott nicht, Dem wir die Opfer zu heiligen kamen; er haͤtte die Opfer Sonst nicht verdrungen, noch diesen Raub am Tempel begangen! Also zeugt er. Nach ihm erschien ein andrer, erklaͤrte Jesu goͤttlichen Eifer mit gleichem Unsinn: O damals Wollt er den Tempel nehmen, von dort auf Jerusalem fallen! Aber sein Anhang, der ihn wohl in der Wuͤste zum Koͤnig Ausrief, blieb ihm doch hier nicht getreu. Er muste zuruͤckfliehn. Drauf erhub ein Levit sich, und that, als koͤnnt’ er verachten, Zeugte: Hat er nicht Gott gelaͤstert, indem er voll Stolzes Waͤhnt, er koͤnne die Suͤnde vergeben? Am Sabbat erlaubt er, Aehren zu lesen! Belebt am Sabbat verdorrende Haͤnde! Und doch waͤhnt der Verbrecher, er koͤnne die Suͤnde vergeben! Jtzo redte der Vierte. Das wilde Lachen des Hohns stieg Jhm in die Minen empor, und toͤnt’ in des Redenden Stimme. Also sagt’ er: Jch muß zwar zeugen; doch braucht ihr, o Vaͤter, Zeugnisse wider den Mann, so von Unternehmungen schwindelt, Die auf solchen Traͤumen erbaut sind! Er hat es geredet, Und das Volk, das ihm gleicht, vernahms mit starrendem Auge: Brecht den Tempel; drey Tage, so hebt sich ein neuer vom Staube Wieder Sechster Gesang. Wieder empor. Jch bau ihn! … Das war er faͤhig, zu sagen. Neben ihm stand ein andrer da, und zeugte dasselbe. Auch ein Greis entehrte sein Alter, und sagte: Zu Zoͤllnern, Diesen Suͤndern gesellt, (ich bin ein Zoͤllner gewesen,) Hat er jene Weisheit erfunden, die Mosen verachten, Und, durch Heilung suͤndiger Kranken, den Sabbat entweihn lehrt. Also zeugten die Zeugen; und ringsum stroͤmt der Erwartung Blick auf Jesum, wie sich der Empoͤrer vertheidigen werde. So stehn um den sterbenden Christen, mit bleichen Gedanken, Und mit halben Freuden, die gern sich freuten, die Haufen Niedriger Spoͤtter, und athmen leiser, und stammeln Erwartung Auch ihm wird der mutige Traum vom unsterblichen Leben, Wie er selber, vergehn. Er bekennts noch! Aber der Weise Betet fuͤr sie, und fuͤr sich, und laͤchelt die Graͤber voruͤber. So starrt Jesum das wartende Volk an. Aber der Gottmensch Schweigt. … Und Kaiphas riß gefluͤgelter Grimm fort, er sagt Suͤnder, schweigst du zu dem, was diese wider dich zeugen? Aber der Gottmensch schwieg. Da ergrimmte der Priester von neuem. Rede! Beym lebenden Gott beschwoͤr ich dich: Bist du Christus? Christus, des Angebeteten Sohn? Er hatt’ es gesprochen Und nun stand er emporgerichtet, und schaute Verderben. Satan schaute mit ihm. Der Todesengel Obaddon, Philos Engel, er dacht’ entflammt auf die Suͤnder herunter: Wuͤrdigt er einer Antwort die Wuͤrger, so ist es Erbarmung. Aber es ruͤstet sich schon mit allen Schrecken der Rache, Die Gott schrekte, seitdem der Donner am Throne gerollt hat, Sieh, er zieht sein Gericht an, und koͤmmt, der Lezte der Tage! B 2 Dunkler, Der Messias. Dunkler, schwarzer, toͤdtender Tag, Gerichtstag! Gerichtstag! Sey mir in deiner furchtbaren Schoͤne gegruͤßt, o du Schoͤnster Unter der Ewigkeit Soͤhnen! Du festlicher Tag der Vergeltung! Tag des richtenden Maasses! der toͤnenden Wage! Dann werden Kommende Sphaͤren umher in der Wage Silberton schallen! Sey mir gegruͤßt, du Tag! dann verbirgt sich unter den Schaaren Derer, die Palmen tragen, die Gnade! Diesen Gebohrnen Aus der Erde, den Staub, den sterblichen Suͤnder seit gestern, Welcher wider den Ewigen schwillt! und jenen Gebohrnen Unsers Himmels, der seit der Erschaffung Empoͤrungen aufthuͤrmt! Heil mir! es wird sie beyde der Tag, der Donnerer, fassen, Daß er sie ganz verderbe! Drum huͤll ich mich ein, und verstumme. Aber mein Schweigen ist, Tod! mein Verstummen, des Raͤchenden Bote! Also dachte der Seraph mit schnellen Gedanken, und sahe Auf den Priester, der schon des Meßias Antwort verdammte. Aber der Gottmensch schaute gen Himmel. Es staunten die Engel, Als er es that; so sehr sahn sie an seiner Gebehrde, Wie er die Gottheit zuruͤckhielt, und unter menschliche Ruhe Das verbarg, was Welten erschuf. So haͤlt er noch itzo, Fuͤrchterlicher durch Saͤumen, sein Weltgericht auf, und erduldets, Daß der Empoͤrungen Strom, mit langen Jahrhunderten, stroͤme. Jtzo sah er dem Priester ins Antliz, und sagt ihm: Jch bin es, Was du sagtest! Und wisse, daß ich izt Werke vollende, Die der Anfang des Weltgerichts sind! Den Menschen von Erde, Den auch eine Mutter gebahr, ihr werdet ihn sehen, Sitzen zur Rechten der Allmacht, und kommen in Wolken des Himmels! Also Sechster Gesang. Also oͤfnete der, der mit dem lezten der Tage Schreckenvoller wird kommen, als iemals ein Engel des Todes Jhn in der tiefsten der Naͤchte die stuͤrmende Harfe herabsang; Also oͤfnet’ er Einem gefluͤgelten Blicke die Zukunft; Und schloß schnell dem erstaunenden Blicke den furchtbaren Schauplatz. Kaiphas, (denn nun schleuderten ihn die Stroͤme des Grimms fort Und nun kañt’ er kein Maaß, nicht Schranken, nicht zwingende Schranken!) Kaiphas schritt entflammter hervor! trug Tod auf der Stirne! Zitterte laut! zerriß sein Gewand! mit gluͤhenden Augen Starrt’ er fuͤrchterlich hin, rief in die verstummende Menge: Redet! Er laͤsterte Gott! Was brauchen wir Zeugen? Jhr hoͤrtets! Redet! was denkt ihr? Er laͤsterte Gott! Sie riefen: Er sterbe! Ja, er sterbe! (schwoll Philo empor,) er sterbe! Die Fuͤlle Meines Herzens ergeußt sich! Er sterbe den Tod der Verfluchten! Oben am Kreuze, den langsamen Tod der eisernen Wunden! Daß sein modernd Gebein kein Grabmal finde! Kein Huͤgel Ueber ihm mit Blumen bewachse! Verwes’ an der Sonne, An der ofnen Sonne, Gebein! und hoͤr an dem Tage, Wenn dem verdorrten Gebein Gott ruft, die Stimme des Herrn nicht! Also sagt der Mann, so dem Tode reif war. Er sagt’ es! Angefeuert von ihm, drang nun im wuͤtenden Taumel, Nun das Volk auf den Goͤttlichen zu! … O gieb mir die Huͤlle, Sionitinn, mit der, wenn du vor dem Ewigen betest, Still du dich dekst, daß ich mit den Engeln mein Auge bedecke. Gabriel und Eloa enthuͤllten sich seitwaͤrts, und sagten: Gabriel! Gottes Geheimniß wie tief, wie allen Erschafnen Unergruͤndbar ist Gottes Geheimniß! Jch sah sie gebohren B 3 Werden Der Messias. Werden, die Orionen, ich weis was iedes Jahrtausend Auf den Orionen fuͤr Wunder geschahn! Doch ein Wunder, Wie die Erniedrung des Sohns zu dieser Tiefe, geschah nicht! Er, den erst Jehova vom donnernden Tabor herunter Richtete! der das Gericht mit dieser Goͤttlichkeit aushielt! Mir, mit Einem Blicke, der Engel Schimmer zuruͤckschuf! Er! … Und Er, Eloa! vor dem der Todten Gebeine, Vom weitherrschenden Sturme der neuen Schoͤpfung ergriffen, Einst erwachen, daß rings in ihren Wehen die Erde Laut, mit einer Gebaͤhrerinn Angst, dem Allmaͤchtigen zuruft! Der dann mit der Donnerposaune, mit Todesengeln, Mit hinsinkenden Sternen, zum Weltgerichte, wird kommen! Sieh, er rief ihm, da wurde das Licht! Du, Gabriel, sahst es, Wie es hervorriß! Er ging voll tausendmal tausend Gedanken, Tausendmal tausend Leben an seiner Rechte versammelt; Ein beseelender Sturm vor ihm her! Da rollten die Sonnen! Da erklangen die jauchzenden Sphaͤren! Da schuf er die Himmel! Sieh, er gebot der ewigen Nacht, die stellte sich jenseits Seiner Himmel! Eloa, du sahst, wie er uͤber der Nacht stand! Und er rief ihr, da ward ein ungeheurer, ein todter Klumpen! der lag, vor ihm, wie eine zertruͤmmerte Sonne, Oder von hundert zusammengeworfnen Erden, die Leichen! Und er gebot der Flamme; da stroͤmte die naͤchtliche Flamme Durch des Todes Gefilde! da ward das Elend! da toͤnten Seine Tiefen Jammer herauf! da schuf er die Hoͤlle! Also Sechster Gesang. Also sprachen sie. Portia sah den Goͤttlichen leiden; Konnte den bangen Anblick nicht laͤnger ertragen; erhub sich Auf den Soͤller. Mit aufgehobnen, ringenden Haͤnden, Stand sie, mit Augen die starr zum daͤmmernden Himmel hinaufsahn, Und so zweifelt’ ihr Herz: O du, der Erste der Goͤtter! Der die Welt aus Naͤchten erschuf, und Menschen ein Herz gab! Wie dein Namen auch heißt, Gott! Jupiter! oder Jehova! Romulus oder Abrahams Gott! nicht einzelner Menschen, Nein! Du Aller Vater und Richter! o darf ichs dir weinen, Was mir meine Seele zerreißt! Was hat er verbrochen, Dieser friedsame Mann, daß ihn Unmenschliche toͤdten? Jst er dir so festlich, der Anblick, die leidende Tugend, Gott! von deinem Olympus zu sehn? Er ist es den Menschen! Suͤß und schauervoll ist sie den Menschen die stolze Bewundrung! Doch kann der bewundern, er, der die Sterne gemacht hat? Nein! du kannst nicht bewundern! Allein ein hohes Gefuͤhl ists Fuͤr den Gott der Goͤtter; es koͤnnte sein goͤttliches Auge Sonst nicht sehn, daß der Schuldlose litte! Wie wirst du ihn lohnen, Der dir diesen festlichen Pomp der Menschheit auffuͤhrt. Mir, mir rinnt das Mitleid die Wang’ herunter; allein du, Kennst nur an der leidenden Tugend die bebende Thraͤne! Gott der Goͤtter, belohn, und ists dir moͤglich, bewundr’ ihn! Als sie nun auf den Soͤller sich druͤberneigend gebuͤckt hat, Hoͤrt sie am untern Palaste wie eines verzweifelnden Stimme. Petrus war es. Der fromme Johannes war unten am Thore Stehn geblieben. Er hoͤrte den jammernden Petrus, erkannt’ ihn, B 4 Rief Der Messias. Rief ihm entgegen: Ach, lebt er, o Petrus? du weinst! du verstummest: Rede! … Laß mich, Johannes, ach, laß mich im Einsamen sterben! Sterben will ich! Er ist verlohren! Jch bin noch verlohrner! Juda, Juda! entsezlicher Juͤnger! du hast ihn verrathen! … Jch verrieth ihn mit dir! Vor allen, welche mich fragten, Hab ich ihn, ach! in meinem zu tiefen Elend verleugnet! Fleuch! erhebe dich weg, Johannes, und laß mich im Stillen Sterben. Stirb, stirb auch! Er ist zum Tode verurtheilt! Und, ich Treuloser! hab ihn vor allen Suͤndern verleugnet! Petrus riefs dem Verstummenden zu, und riß sich von dannen! Aber izt blieb er im einsamen Dunkel am thauenden Eckstein Stehn, u. schwankt’ an den Stein hin, und hielt sich, und sank an ihn nieder: Neigte sein muͤdes Haupt, und weinte lang, und verstummte! Endlich stroͤmte sie aus, in brechende Worte, die volle Tieferschuͤtterte Seele. Laß ab, mit des Todes Gestalten, Mich zu schrecken! Sie reissen wie Schwerter in meine Gebeine, Meine zermalmten Gebeine! laß ab! Und wend’, o wende Diese toͤdtenden Blicke von mir, womit du mich ansahst, Als die tiefste der Thaten, der Thaten schwaͤrzte, geschehn war. Ach was that ich! Mein Freund! mein Freund! dich hab ich verleugnet! Den ich liebte, der mich, wie sonst kein Lehrer, geliebt hat, Der ein goͤttlicher Mann war! Zu kleine Seele, was thatst du! Siehe, nun wird er mich auch im Weltgerichte, vor seinen Froͤmmern Juͤngern, vor seinen erhabnen Engeln, nicht kennen! Kenne mich nicht! Jch verdien es! … O kenne mich wieder! Erbarme Meiner Angst dich! Was hab ich gethan! Jemehr ichs empfinde, Desto Sechster Gesang. Desto tiefer graͤbt es in meine Gebeine den Tod ein. Stirb! … O koͤnnt’ ich sterben! Jch werde sterben, doch langsam! Hier verstummt er, und weint’, und verdiente, weinen zu koͤnnen. Neben ihm stand sein Huͤter, Orion, und sah ihn, und fuͤhlte Sanftes Mitleid, und Engelfreuden. Jzt wandte sich Petrus, Hub sich empor, und schaute gen Himmel. Du furchtbarer Richter! Vater der Menschen und Engel, und deines Sohnes! du kennest Mein erschuͤttertes Herz, das Beben des tiefsten Gedankens. Dein Kind Jesum, ich hab ihn verleugnet! Erbarme dich meiner! Ach, erbarme dich meiner, du Vater des goͤttlichen Kindes! Er soll sterben! Jch bin es nicht werth, mit dem Theuren zu sterben! Aber laß mich ihn noch, eh er zum Grabe sein Haupt neigt, Eh er, unter die treueren Juͤnger, den Segen, die lezte Liebe vertheilt; laß dann mich noch den Liebenden sehen, Daß sein sterbender Blick mir verzeihe! Dann fleh’ ich nur Gnade, Keinen Segen! zu bang, zu sehr Verbrecher, zu rufen: Hast du nur einen Segen? nur Einen fuͤr diese Gerechten? Ach wenn ich nur Vergebung erweine, so will ich hingehn, Jhn vor allen Menschen bekennen. So lange, mein Schoͤpfer Du mir Tage des Menschen zu leben gebiethest, so lange Seys mein theures Geschaͤft: Jch will die guten, die frommen, Alle reinen Herzen, ich will sie suchen, und ihnen Unaufhoͤrlich mit Wehmut und diesen Thraͤnen erzaͤhlen: Ja! ich kannt ihn, den Guten, den Theuren, den Besten der Menschen! Jesum, des Allerheiligsten Sohn! Und war es nicht wuͤrdig, Jhn zu kennen! Jch war sein erkorner Juͤnger! Er liebte B 5 Seinen Der Messias. Sechster Gesang. Seinen Juͤnger! Doch war ich nicht wuͤrdig, ihn wieder zu lieben. Denn ich liebt’ ihn nicht mehr, in der truͤben Stunde, den Besten Unter den Menschen! Er war der Beste, der Beste! Sein Leben War fuͤr andre, nicht sein, voll Menschlichkeiten! Die Armen Speist’ er, heilte die Kranken, erwekte vom Tode die Todten! Darum toͤdteten ihn der Menschlichkeit Hasser! Erhebt euch, Kommt, ihr Maͤnner, und laßt uns gehn, an sein Grab hin, und weinen! Ach zu fuͤrchterlich ist der Gedanke von seinem Grabe! Jesu, du goͤttlicher Mann! wo wird dein Grab seyn? Wo wirst du Schlummern im Stillen? Wofern der Wuͤter Wut dir ein Grab laͤßt! Also flehte der Mann, den der Erde Suͤnder in Worten Kennen, verleugnen im Thun; er erweinte der Maͤrtyrer Krone! Der Der Messias . Siebender Gesang. Jnhalt des siebenden Gesangs. D er Tag des Todes Jesu bricht an. Eloa besingt ihn. Das Sy- nedrium haͤlt eine letzte Berathschlagung, und fuͤhrt den Meßias zu Pilatus. Kaiphas klagt Jesum an. Philo thuts auch. Der Mes- sias bemerkt sie kaum. Pilatus nimmt Jesum ins Richthaus, ihn be- sonders zu verhoͤren. Jschariots Tod. Pilatus koͤmmt mit dem Mes- sias zuruͤck, und sagt, daß er ihn Herodes senden wolle. Maria koͤmmt, sieht ihren Sohn, und geht in ihrer Traurigkeit zu Portia, und bit- tet dieselbe, ihren Gemahl warnen zu lassen, daß er des Unschuldigen schone. Portia war durch den Traum, den sie gehabt hatte, schon geneigt, deswegen zu Pilatus zu schicken. Sie erzaͤhlt der Maria ihren Traum. Der Meßias wird zu Herodes gefuͤhrt. Das Betra- gen einiger Juͤnger und Freunde Jesu, da er hingefuͤhret wird. He- rodes verlangt ein Wunder vom Meßias, welcher schweigt. Kaiphas macht, durch eine Anklage wider Jesum, Herodes noch erbitterter. Dieser verspotter den Meßias, und schickt ihn zu Pilatus zuruͤck. Das Volk wird durch neue Haufen, die zum Feste gekommen waren, ver- mehrt. Philo schickt seine Vertrauten unter das Volk aus, es wider Jesum einzunehmen. Unterdeß hatte Pilatus einen beruͤchtigten Moͤr- der, Barrabas, kommen lassen, ihn, mit Jesu, dem Volke vorzustel- len, damit dieses um Loslassung des Meßias bitten moͤchte. Portia sendet eine Sclavinn zu Pilatus. Philo entdekt Pilati Absicht, die er mit der Vorfuͤhrung des Moͤrders hat. Er haͤlt eine Rede ans Volk. Durch diese, und durch den Beyfall, den die uͤbrigen Priester seiner Rede geben, wird das ohnedieß schon wieder Jesum eingenommne Volk dahin gebracht, Barrabam loszubitten. Pilatus bezeigt, durch ein feyerliches Haͤndewaschen, daß er unschuldig am Blute des Meßias sey. Das Volk uͤbernimmt die Schuld der Verurtheilung Jesu. Der Meßias wird zur Geißlung gefuͤhrt. Pilatus bringt Jesum, mit Dor- nen gekroͤnt, wieder zum Volk heraus, es gegen ihn zum Mitleiden zu bewegen. Unterdeß daß dieß geschieht, giebt der Meßias an einige Engel geheime Befehle. Pilatus bemuͤht sich noch immer, aber ver- gebens, Jesum zu retten. Jener erschrikt uͤber die Anklage der Prie- ster, daß sich der Meßias zu einem Sohne Gottes gemacht habe. Er nimmt ihn mit sich in den Palast zuruͤck, und befragt ihn hieruͤber. Jesu Antwort. Pilatus sucht noch einmal, ihn zu befreyen. Aber nach einem Vorwurfe der Priester, daß er auf diese Art sich nicht als einen Freund des Kaisers zeige, uͤbergiebt Pilatus Jesum in der Priester Gewalt, welche ihn zum Tode fuͤhren. Der Messias . Siebender Gesang. D u, Eloa! du standst auf der Morgenroͤthe. Der Erde Huͤter standen um ihn. Er sang in die maͤchtige Harfe. Siehe, so werden die Auferstehungen jauchzen! so sang er! Ewigkeit dir! komm, werde gebohren! o werde gebohren, Bluttag! … Er wandelt am Himmel herauf! Sein Nam ist, Erbarmer. Jhn, ihn segnen die Orionen, und rufen den kleinern Sonnen umher, die Sonnen den Erden: Du Tag! du Versoͤhner! Theurer, schoͤner, blutender Tag, dich sandte die Liebe! Harfe, toͤne darein! Er schaft, zu Engeln, den Staub um! Ewigkeiten der Ruh sind seiner Triumphe Gefolge! Sieh, ich hebe mein Aug auf, und seh! Ein Huͤgel der Erden Jst der Altar! Der Altar, er bebt vor dem kommenden Opfer! Haͤtte der Auszusoͤnende Sterne, wie Stein’ aus den Baͤchen, Aufge- Der Messias. Aufgenommen, erbaut die Sterne dem Sohne zum Altar: Dennoch haͤtte dem kommenden Opfer der Altar gezittert! Rings um schau ich. Wie laͤcheln der Erde die helleren Sonnen! Und wie schwimmt ihr leichter Gefolge die Himmel herunter! O du Ruhe, des festlichsten unter den Festen! Du Sabbat! Sabbat des Vaters und Sohns! Jch hoͤr, ich hoͤre, die Jubel, Toͤnen von allen Harfen heruͤber! Der Seraphim Kronen Sinken alle! Sie ist, die Schoͤpfung ist Sabbat geworden! O du Gedanke, Gedanke! Jahrtausende gehn noch voruͤber! Eh von fern in dein heiliges Licht der Seraph hinaufblickt. Du! Der Sohn des Vaters, er starb! … Der Ewige denkt dich! Also sang Eloa. Die Himmel hallten es wieder. Doch von der Suͤnde geblendet, und ihren Gerichten belastet, Dacht auf der Erde viel anders ein Haufen Sterbliche. Satan Dachte wie sie. Des Ewigen Vorsicht ließ die Verbrecher Ganz ihr Maaß anfuͤllen. Der Hohepriester versammelt All’ im innern Saale. Dort halten sie Rath, und verschwoͤren Wider den Ewigen sich. Sie hatten das Opfer dem Tode Lange geweiht. Sie halten nur Rath von Pilatus, vom Volke, Und von der Art des Todes. Am Kreuz auf Golgatha, sollst du Bluten! … Philo verachtet, von ihrem Rathe zu lernen; Bricht schnell aus der Versammlung, und sucht den Meßias, und findet Jhn bey den Wachen am sinkenden Feuer. Hier geht er mit wildem Drohenden Schritte vor ihm auf und nieder. Sein tresfendes Auge Heftete sich unverwandt auf Jesum, und funkelte Rache. Aber so sehr ihn die Wut auch beherrschte, so sann er doch sorgsam Und Siebender Gesang. Und scharfsichtig die Reihen der Schwierigkeiten herunter, Stellte ieder Entschluͤsse, Beredtsamkeit, priesterlich Ansehn, Oder das Aeusserste selbst entgegen, ließ keine dem Zufall. Einmal (er dacht an das Volk) erhebt sein Herz sich, zu beben. Aber er zwingts, entschlossen, zu toͤdten, oder zu sterben! Und noch einmal (er dachte, was er zu vollenden bereit war,) Zittert das Herz ihm, doch schnell besiegt er sein zeugend Gewissen! Jtzo, voll von seinen Entschluͤssen, (ein lustig Gewebe, Leicht zu entweben, haͤtte die Vorsicht nur Winke gesendet!) Jzt eilt Philo zuruͤck zur Versammlung: Noch saͤumen wir, Vaͤter? Brach die Daͤmmrung nicht an? Und soll er am Abend noch leben? Philo bewegte sie leicht. Sie eilten, und nahmen, und fuͤhrten Zu Pilatus den ewigen Sohn; ein furchtbarer Haufe, Hohepriester, Gesezerklaͤrer, die Aeltsten Judaͤa! Und die Morgenluft athmete kalt. Da Jesus den Tempel, Der nun, wenige Stunden nur noch, des Versoͤnenden Opfer Bilden sollte, durch daͤmmernde Schimmer des Tages enthuͤllt sah, Schaut’ er vom Tempel gen Himmel. Sie eilten. Es eilte schon Volk mit. Denn es hatte der Ruf die Geschichte der Nacht nicht verschwiegen. Einige waren vorausgesendet, und hatten Pilatus Schon die Kommenden angekuͤndigt. Sie kamen. Er staunte, Daß ganz Juda vor ihm erschien, um Einen Gefangnen Anzuklagen. Sie gingen mit ihm die erhabenen Stufen Draͤngend hinauf, und blieben am Richthaus auf Gabbatha stehen. Hier war itzo der Richtstuhl. Des Festes Gebraͤuche geboten, Nicht ins Richthaus zu gehn. Pilatus saß auf dem Richtstuhl, Jener Der Messias. Jener entartete Roͤmer, ein weicher Kenner der Wollust, Stolz und grausam dabey; doch klug genung, von der Roͤmer Alten Gerechtigkeit einige Minen zu zeigen. Er sprach izt: Wessen beschuldigen Jsraels Aeltesten diesen Verklagten? Und … selbst Kaiphas seh ich! Er sprachs mit Hoheit, und schaute Mehr auf Jesum, als auf die Versammlung. Der Hohepriester Trat nun naͤher hinzu, und sprach: Wir glauben, Pilatus Kenn’ uns so, und faͤlle dieß Urtheil von Jsraels Vaͤtern: Daß sie diesen vor ihn nicht fuͤhren wuͤrden, wofern er Nicht ein Schuldiger waͤr! Er ist es, Pilatus, er ist es Mehr, als es einer noch war, seitdem du Jsrael richtest! Diesen Gram verbergen in sich die Vaͤter Judaͤa, Koͤnnen ihn dir nicht erklaͤren, wie sehr der Jesus sich auflehnt Wider unsers Propheten Gesetz, und den heiligen Tempel! Wie er, in blendenden Reden, durch taͤuschende Wunder, ein Zaubrer, Unser Volk uns verfuͤhrt! Schon lange, Pilatus, ach lange Hat er zu sterben verdient! Hier unterbrach ihn Pilatus: Aber so richtet ihn denn nach eurem Gesetze! Wie beutst du Dieß, Pilatus, uns an? Du weist ja, o Roͤmer, wir duͤrfen Keinen toͤdten! Er haͤlt hier inne, den Zorn zu verbergen, Daß sie, an ihrer entrißnen Freyheit, Pilatus erinnre! Aber izt redt’ er weiter: Du weist, mit welchem Gehorsam, Welchem tiefen Gehorsam, und unerschuͤtterter Treue, Wir Tiberius, unserm Veherrscher, des Vaterlands Vater, Der stets gluͤcklicher sey! wie wir ihm gehorchen! Der Jesus, Den Siebender Gesang. Den du vor dir, Pilatus, erblickst, er rottet die Voͤlker Jn den Wuͤsten Judaͤa zusammen! Ein maͤchtiger Redner Ueberredet er sie, sich der Oberherrschaft des Caͤsars Zu entreissen, ihn selbst zum Koͤnig zu waͤhlen. Jch bin es, Den die Propheten verkuͤndigten! Jch der Erloͤser in Juda! Und damit er noch mehr die kleinen Seelen gewinne; Jedes Gesinnung erforsche, sie alle kenne; sie alle Sich verfuͤhre, behaͤlt er sie in den Wuͤsten, und speist sie! Und wie sehr gewann er sie nicht! Deß Zeug’, ist der Einzug Jn Jerusalem. Doch ich beschreibe den Pomp, und das Jauchzen, Dieses Tages Entweihungen, nicht! Du warst ja zugegen, Hoͤrtest der Voͤlker Geschrey, ihr Hosanna, den taumelden Jubel, Diesen Triumph, daß davon selbst dieß dein Richthaus erbebte. Aber Pilatus laͤchelte. Philo bezwang sich, und sagte: Koͤnnt ich glauben, Pilatus, du liessest der biegsamen Sanftmut Mine dich taͤuschen, und hieltst fuͤr ununternehmend den Stolzen, Welcher sie hat; so schwieg ich; allein du kennest die Menschen! Dieser Jesus, so klein er dir scheint, izt da ihn Judaͤa Jn der Kette dem Richter gebracht hat; er wars nicht, o Roͤmer, Als er noch in den Wuͤsten von Galilaͤa herumzog. Sieh das Gewebe von seinem Entwurf: Erst lockt er die Menge Durch die Kuͤnste, die dir der Hohepriester genannt hat; Drauf versucht er, wie weit er die schwindelnde Menge beherrsche. Und es gluͤckt’ ihm der stolze Versuch! Gespraͤche des Zutrauns, Hohe Beredsamkeit, (itzo verstummt sie!) gekuͤnstelte Wunder, Waren bisher ihm gelungen. Jzt reizt’ er auf einmal die Menge, II. Band. C Jhn Der Messias. Jhn zum Koͤnig zu machen. Sie eilten, und drangen, und riefen Schon um ihn her. Er sahs, und entwich, noch mehr sie zu reizen. Und es gelang ihm, sie suchten ihn auf. Der reissende Strom zog Neue Stroͤme zu sich. Zulezt (nun waren die Voͤlker Maͤchtig genung, nun entwich er nicht mehr!) kam er in dem Triumphe Nach Jerusalem. Aber so sehr das Volk ihm auch anhing, Wars doch zu unentschlossen, Jerusalems Vaͤter zu zwingen, Seinem Koͤnig entgegen zu gehn. Und waͤr es, Pilatus, Auch hierzu entschlossen gewesen; so haͤtten die Vaͤter, Alle die grauen Haͤupter, die du, Pilatus, hier siehest, Alle wir Diener des groͤßten der Tempel, wir haͤtten mit Freuden Dann fuͤr unsern Caͤsar geblutet! So sagte der Priester. Aber der Gottmensch stand tiefsinnig, der großen Erloͤsung Leiden ruhten auf ihm. Der Tode toͤdtlichster rief ihn Zum Altare. Die Menschen, die neben ihm wuͤteten, waren Opferer nur. Er bemerke sie kaum. So bemerket der Feldherr, Den das Vaterland sandte, den kuͤhnen Erobrer zu strafen, Und die zuͤrnende Thraͤne der Freygebohrnen den Stolzen Fuͤhlen zu lassen! er merkt den Staub der wuͤrgenden Schlacht nicht! Aber so sehr er ein Roͤmer auch war, so bewundert Pilatus Doch den schweigenden Mittler. Du hoͤrst die maͤchtige Klage, Und doch schweigst du? … Vielleicht willst du vor dieser Versammlung Dich nicht vertheidigen? Komm! Der Gottmensch folgt ihm ins Richthaus. Jtzo irrte die Ungewißheit mit wankenden Schritten Um die Priester, und zeichnet’ ihr Antliz mit bebender Blaͤsse. Doch ein verworfuerer Suͤnder, als sie, der schwarze Verraͤther Seines goͤttlichen Freundes, als er den kommenden Tod sah, Dem Siebender Gesang. Dem den Gerechten die Priester entgegen fuͤhrten: erhub er Schnell sich, und eilt auf Gabbatha zu. Die stuͤrmende Menge Hielt ihn maͤchtig zuruͤck! er muste sich wenden. Jzt floh er Zu dem Tempel. Es hatte dahin, aus Sorge fuͤr Aufruhr, Kaiphas Priester gestellt. Der Verraͤther wust es. Er ging schon Jn den schweigenden Hallen der hohen Tempelgewoͤlbe. Als er die hangende Huͤlle des Allerheiligsten sahe, Wandt’ er sich weg, ward bleicher, und zitterte laut! Dann erhub er Sich zu den Priestern, und sprach mit wuͤtender Reue: Da habt ihr Euer Silber! (und warfs zu ihren Fuͤssen!) Der Fromme, Den ich verrieth, sein Blut ist Blut der Unschuld! Das koͤmmt nun Ueber mein Haupt! Er sprachs, und rollte die ofneren Augen, Ging, und eilte davon, floh der Menschen Anblick, und riß sich Aus Jerusalem, stand, izt ging er! izt stand er! izt sloh er! Schaute mit wildem Antliz umher, ob er Menschen erblickte? Als er keinen erblickte, der Stadt nun stummes Getoͤse Ganz sich dem Ohre verlor, beschloß er, zu sterben! Sie kann nicht, Nein, sie kann, nach dem Tode, nicht fuͤrchterlicher mich fassen Diese namlose Qual! Zu entsezliche Qualen, o wuͤtet Wuͤtet, so lang ihr noch koͤnnt! Wenn dieß Auge sich zuschließt, und alles Diesem Ohre verstummt; so seh ich sein Blut nicht, so hoͤr ich Seine brechende Stimme nicht mehr! … Doch der auf Horeb Sprach ja: Du sollst nicht toͤdten! … Er ist mein Gott nicht! Jch habe Keinen Gott mehr! Du, Elend! Du bist mein Gott! Du gebietest, Laut gebietest du mir den Tod! Jch gehorche! So stirb denn, Stirb, Verlorner! … Du bebst? Hier stuͤrmts! Noch einmal empoͤret Sich das Leben in dir! es ringt, zu leben. Verraͤther! C 2 Du Der Messias. Du willst leben? gebrantmarkt vor allen, die jemals verriethen, Du? … Er breitet vor mir wie ein weiteroͤfnetes Grab sich Fuͤrchterlich aus! Er ist der baͤngste der bangen Gedanken, Die ein Sterbender jemals empfand: Jch hab ihn verrathen! … Stirb! Die Seele, die dir nach dem Tode noch elend zuruͤckbleibt, Toͤdte sie auch! O die du in mir, als waͤrst du unsterblich, Dich erhebst, vernimm dein Schicksal, Seele des Todten! Sieh, ich verwuͤnsche dich auch der Vernichtung! So sprach er und schaute Starrend hin, und mischte zur tiefgestuͤrzten Verzweiflung Gegen den, der ewig ist, Rache! Dem Gang des Verworfnen Folgten Jthuriel und der Todesengel Obaddon. Als Jschariot stillsteht, und nun mit ieder Gebehrde Mehr dem Gerichte sich weiht; spricht in feuriger Eil zu Obaddon Seraph Jthuriel: Sieh, er geht zum Tode! Noch einmal Wollt’ ich ihn sehn, denn ich war sein Engel. Jzt laß ich den Suͤnder Dir, und der Rache! Zwar bin ich sein Huͤter gewesen; doch nimm ihn, Feyerlich uͤbergeb ich dir, Todesengel, das Opfer! Nimm ihn, er opfert sich selbst, und fuͤhr ihn zum ewigen Tode! Wie es geschehn soll, davon weist du des Richters Befehl auch. Aber ich huͤlle mich ein, und wende mein Antlitz! Er eilte Mit dem fliegenden Worte davon. Jschariot waͤhlte Schon den Ort des Todes sich aus. Da Obaddon den Huͤgel Sah, trat er auf die Spitze des Huͤgels, hub dann die Rechte Mit dem flammenden Schwert empor, und hielt sie gen Himmel; Sprach die feyrlichen Worte, die Todesengel dann sprechen, Fuͤllt ein Mensch der Empoͤrungen Maaß, und toͤdtet sich selber. Tod! Siebender Gesang. Tod! bey dem furchtbaren Namen des grossen Unendlichen! Tod, komm Ueber den Mann von Erde! Sein Blut sey uͤber ihm selber! Siehe, du loͤschest die Sonne dir aus. Der Tod, und das Leben Lagen vor dir, daß du waͤhltest. Du Sterblicher! waͤhltest den Tod dir! Sonne verlisch! und, Todesangst, komm, und thue dich weit auf, Grab! und nimm ihn, Verwesung! Sein Blut ist uͤber ihm selber! Judas vernahm des Unsterblichen Stimme. So hoͤrt ein Verirrter Stimmen im einsamen Walde voll Nacht, wenn uͤber den Bergen Meilenferne Gewitter die Ceder den Wolken entstuͤrzen. Und er rief in der Wut der Verzweiflung: Jch kenne das Rauschen Deiner Stimme zu wohl! Du bist der todte Meßias! Du verfolgst mich, und forderst dein Blut. Hier bin ich! hier bin ich! Judas riefs mit starrendem Blick, und erwuͤrgte sich! … Staunend Trat Obaddon selber zuruͤck, da er starb! … Die ergrifne, Schwankende Seele, sie schuͤtterte dreymal noch, als ihm sein Herz brach. Aber zum viertenmal trieb sie der Tod von des Sterbenden Stirne Siegend empor. Sie schwebte dahin. Leichtfliessende Geister Folgten ihr aus dem Leichname nach, und zogen sich schneller, Als Gedanken um sie, und wurden zum schwebenden Koͤrper. Daß er mit hellerm Auge den Abgrund erblickte, mit feinerm Und geschrekterem Ohre den Donner des Richters vernaͤhme. Aber doch wars ein Koͤrper, unausgeschaffen, voll Schwaͤche, Nur den Qualen empfindlich, und menschenfeindlich von Bildung. Jtzo hatte sich, von der Betaͤubung des Todes, die Seele Schnell besonnen, indem begann sie zu denken. Jch fuͤhle Wieder? Wer bin ich geworden? Wie leichthinschwebend erheb ich C 3 Mich Der Messias. Mich in die Hoͤhe! Doch sind das Gebeine? Das sind nicht Gebeine! Aber das ist doch ein Leib! Noch seh ich dunkel! Wer bin ich? Aber … entsetzlich ist mein Gefuͤhl! Jch fuͤhl, ich bin elend! Bin ich Judas, der starb? Wo bin ich? Wer ist auf dem Huͤgel: Jene lichte Gestalt, die immer furchtbarer herglaͤnzt? Waͤrst du, mein Auge, dunkel geblieben! Aber sie wird stets Heller! noch heller! ach fuͤrchterlichheller! Auf, Judas, entfliehe! Weh mir! Es ist der Richter der Welt! Jch kann nicht entsliehen! … Und das ist mein abscheulicher Leichnam! … Jzt schwebt’ er verzweifelnd Dicht am Boden. Erhebe dich! rief vom Huͤgel Obaddon, Schwebe nicht erdwaͤrts! Jch bin der Richter der Welt nicht. Jch bin nur Einer der Voten von ihm, der Todesengel Obaddon! Hoͤr dein Urtheil! Es ist dein erstes; und truͤbere folgen. Ewiger Tod dir! Du hast den Unerschaffnen verrathen, Und dich wider Jehovah empoͤrt, und selbst dich getoͤdtet! So sagt der, der in der gefuͤrchteten Rechte die Wagschal, Jn der Linken den Tod haͤlt: Es ist kein Maaß, so sie aufmißt, Keine Zahl, die sie zaͤhlt, die Qualen, die auf des Verraͤthers Haupt sich sammlen! Erst zeig ihm am Kreuze den blutenden Mittler; Drauf die Huͤtten der Wonne von fern; dann fuͤhr ihn zur Hoͤlle. Also sagte der Engel das Urtheil. Der bebende Schatten Wurde dunkler vor Schrecken, und folgte von ferne dem Seraph. Unterdeß war der ewige Sohn bey Pilatus im Richthaus, Und Pilatus befragt ihn; Du bist der Koͤnig Judaͤa? Jesus schaut mit gelinderem Ernst dem Roͤmer ins Antliz. Waͤr ich ein Koͤnig der Erde, wie ihr besiegtet, so haͤtt ich Voͤlker, die siritten fuͤr mich! Jch bin kein Koͤnig der Erde! Aber Siebender Gesang. Aber so bist du denn doch ein Koͤnig? … Jch bin es! Jch ließ mich Zu der Erden herunter, ich wurde gebohren, die Menschen Wahrheit zu lehren. Wer sich der heiligen weihte, versteht mich! Hier bricht Pontius ab, und sagt mit der Mine des Weltmanns, Die kurzsichtig, doch laͤchelnd, des Ernstes Sache verurtheilt: Was ist Wahrheit? Er hatt es gesagt, und begleitet’ ihn wieder Jn die Versammlung zuruͤck. Jch finde, sagt er den Priestern, Keine Schuld des Todes an ihm. Jhr nanntet vorher mir Galilaͤa. Dort lehnt’ er sich auf. Drum sehet, ich send ihn Zu Herodes. Es ist sein Gebiet. Er bestraf ihn! Und sollte, Wie mir es scheint, die Frage vielmehr von euerm Gesetze Als von Empoͤrungen seyn; so ist es wieder Herodes, Der sie besser entscheidet als ich. So sagte Pilatus. Unterdeß kam die Mutter des Liebsten unter den Soͤhnen, Nach durchwachter einsamer Nacht, mit den Schauern der Daͤmmrung, Nach Jerusalem. Doch sie fand ihn im Tempel nicht, wo sie ihn suchte, Fand den goͤttlichen Sohn nicht! … Versenkt in aͤngstliches Staunen Hoͤrt sie von den Palaͤsten der Roͤmer heruͤber ein dumpfes Tiefaufsteigend Getoͤse. Sie ging dem Getoͤs’ entgegen, Ohne daran zu denken, woher es entstuͤnde? Nun geht sie Unter dem Volke, das rings durch Jerusalem gegen den Richtstul Eilte. Beklommen, doch wegen des Aufruhrs Ursach noch ruhig, Nahte sie sich dem Richtstul. Hier sah sie von ferne Lebbaͤum. Doch kaum sah Lebbaͤus die Mutter, da floh er. Ach flieht er? Warum wendet er sich? So dachte Maria. Sie dacht es. Mit dem Gedanken zuͤckte die Vorsicht das Schwert, so bestimmt war, Jhr durch die Seele zu gehn. Maria erhub sich, und sahe C 4 Jesum! Der Messias. Jesum! … Jhr Engel, als er die Todesblaͤsse, mit der sie Bleich ward, als er die starrenden Augen der Mutter erblickte, Wandt er sein Antliz. Doch sie, da ihrem Auge das Dunkel, Jhrem Ohr die Betaͤubung entsank, ging vorwaͤrts, und bebte Naͤher zum Richtstul herauf, und sah noch einmal den Sohn stehn, Sah die maͤchtigen Klaͤger um ihn, und den richtenden Roͤmer! Hoͤrte die Stimme des Volks, die rings mit Wuͤten vom Tode Wiederhallte. Was sollte sie thun? Zu welcher Erbarmung Sollte sie flehn? Sie schaute sich um, da war kein Erbarmer! Schaute gen Himmel empor, auch er verstummte der Mutter; Jtzo betet ihr blutendes Herz: O, der durch Engel Mir ihn verkuͤndigen ließ, mir ihn in Bethlehems Thal gab, Daß ich mit Mutterfreuden mich freute, mit denen der Muͤtter Keine sich iemals freute, mit Freuden, die selber die Engel Jn dem Liede von seiner Geburt nicht alle besangen! Du, der Samuels Mutter erhoͤrte, da sie am Altare Stand, und weint’, und betet’, erhoͤr, Erbarmer, den Jammer Meiner Seele, vernimm die Angst, die mehr mich erschuͤttert, Als der Gebaͤhrerinn Angst! Das muͤtterlichste der Herzen Gabst du mir, und den besten der Soͤhne, den besten vor allen Erdegebohrnen! Ach laß ihn nicht sterben, ist anders mein Flehen Deinem goͤttlichen Willen gemaͤß, o du, der die Himmel Schuf, und der Thraͤne gebot, zu dir um Erbarmung zu flehen! Hier verstummt ihr Herz. Der Strom der kommenden Menge Trieb sie seitwaͤrts, und nahm ihr den Anblick des Sohns. Sie entriß sich Jzt dem Gedraͤnge; sie stand; sie ging; sie suchte, sie fand nicht, Nicht Siebender Gesang. Nicht die Juͤnger! Zulezt verhuͤllte sie sich, und weinte Stumm. … Als sie darauf ihr Aug aufhebt, da erblickt sie Sich am Seitenpalaste des Roͤmers. Vielleicht, daß hier Menschen Wohnen, (denkt sie,) vielleicht, daß selbst in der Schwelger Palaͤsten Eine Mutter gebahr, der es, Mutterliebe zu fuͤhlen, Nicht zu klein ist. O wenn es waͤre, was viele der Muͤtter Von dir, Portia, sagen, daß du ein menschliches Herz hast. O ihr Engel, die ihr bey der Krippe seiner Geburt sangt, Wenn das waͤre! Sie denkts. Schon eilt sie die Marmorgelender Unverhuͤllter hinauf, und geht in den schweigenden Saͤaͤlen; Doch nicht lange, so koͤmmt, aus einem fernen Gewoͤlbe, Jn des Palastes Seite, die zu dem Richtstul sich hinzog, Eine Roͤmerinn her, und sieht Maria. Die junge Bleiche Roͤmerinn bleibt so, wie ihr aufgeloͤst Haar fließt, Und ihr leichtes Gewand die bebenden Glieder herunter, Bleibt sie bewundernd stehn. Denn die Mutter des Unerschafnen Zeigt, wiewohl der Schmerz sie verhuͤllt, in ihren Gebehrden Eine Hoheit, von Engeln (weil die sie am meisten verstanden!) Selbst bewundert: vom Schmerze bedeckt, dann stieg sie am tiefsten Zu den Menschen hinab, von ihnen bewundert zu werden. Endlich redte die Roͤmerinn: Sag, o sage, wer bist du? Wer du auch seyst, noch nie hab ich diese Hoheit gesehen; Diesen goͤttlichen Schmerz! Jzt unterbrach sie Maria: Wenn du wirklich das Mitleid, das du in deinem Gesicht hast, Auch im Herzen empfindest; so komm, o Roͤmerinn, fuͤhre Mich zu Portia! Mehr noch erstaunt erwiedert mit leiser, C 5 Sanfter Der Messias. Sanfter Stimme die Roͤmerinn: Jch bin Portia. … Du bist Portia selbst? … Ein geheimes, ein linderndes, stilles Verlangen Wuͤnschte mir Portia so, da ich dich sahe. Du bist es Also selber? O Roͤmerinn! … zwar du kennest die Schmerzen Einer Mutter nicht ganz, die zu einem Volke gehoͤret, Welches ihr haßt, doch Jsraelitinnen selber sie sagen, Daß dein Herz voll Menschlichkeit sey! Der Mann, den Pilatus Richtet! er hat kein Unrecht gethan! den Tyrannen verklagen! Jch bin seine Mutter! … Maria hatt’ es gesprochen. Portia blieb vor ihr stehn, und sah sie mit sanftem Erstaunen, Mit Entzuͤckungen an. Denn uͤber den Kummer des Mitleids Siegte der hoͤhre Gedanke. Sie konnte izt nur bewundern. Endlich rief sie: Er ist dein Sohn? Gluͤckselige, du bist Dieses Goͤttlichen Mutter? Du bist Maria? Dann wendet Sie sich von ihr, und richtet gen Himmel ihr staunendes Auge. Sie ist seine Mutter, ihr Goͤtter! Euch mein’ ich, ihr edlern, Bessern Goͤtter, die mir, in dem Traume voll Ernst, sich entdekten. Jupiter heißt ihr nicht, ihr heißt nicht Phoͤbus Apollo! Aber wie euer Namen auch heißt, ihr seyd es, ihr sandtet Mir die Mutter des groͤßten der Menschen, wenn er ein Mensch ist! Und mich bittet sie? mich? … Nein, bitte mich nicht! O fuͤhre Mich vielmehr zu ihm hin, zu deinem erhabenen Sohne, Daß er der Dunkelheit mich, den Zweifeln, entreisse! von fern nur Auf mich herseh, und mir die Lehre der Gottheit entfalte. Portia hatte sich wieder gewandt. Mit Augen voll Liebe Suchte Maria der Roͤmerinn Auge; sie fand es, und sagte: Wie Siebender Gesang. Wie ist deine Seele bewegt! Ja, Portia liebt mich! … Portia! … o, ich wars auch, ich war der gluͤcklichen Muͤtter Gluͤcklichste! So hat keine der Muͤtter geliebt, wie ich liebe! Aber bey deinem Herzen voll Mitleids, o Roͤmerinn, rufe Deine Goͤtter nicht an! Hilf selbst, sie koͤnnen nicht helfen! Und auch du vermagst nicht zu helfen, wenn Gottes Rathschluß, Daß er sterbe, beschlossen hat! Aber es wuͤrde Pilatus, Wenn des Unschuldigen Blut nicht seine Seele befleckte, Freudiger vor dem Gericht des Gotts der Goͤtter erscheinen. Portia schaut auf sie hin, und fing an leise zu reden: O was sag ich zuerst? was zulezt? wie voll ist mein Herz mir! Erst sey dieses dein Trost, ist anders ein Trost dir: Jch will dir Helfen, du Theure! Dann wisse, die Goͤtter, welche du meintest, Fleht ich nicht an. Ein heiliger Traum, von dem ich izt aufsteh, Lehrte mich bessre Goͤtter, zu denen hab ich gebetet! O ein Traum, wie noch keiner um meine Seele geschwebt hat, Ein erschreckender, himmlischer Traum! Jch wuͤrde dir helfen, Waͤrst du auch nicht, Maria, gekommen. Der Traum, den ich sahe, Hatte mir schon fuͤr dich mit maͤchtiger Stimme gesprochen. Aber er endete fuͤrchterlich, und ich verstand ihn zulezt nicht. Da erwacht ich, und fand mich in kalten Schweissen. Jch eilte Gleich, den erhabnen Verklagten zu sehn. Da hatten die Goͤtter Mir des Verklagten Mutter gesandt! Hier schwieg sie, und winkte, Einer Slavinn, die ferne von ihr in der Tiefe des Gangs stand. Denn sie gab den Befehl, als sie aus ihren Gemaͤchern Eilte: Sie sollte von fern nur eine Sclavinn begleiten. Diese Der Messias. Diese war izt gekommen, empfing die neuen Befehle: Geh zu Pilatus, und sag ihm: Er ist ein grosser, gerechter, Goͤttlicher Mann, den du richtest! Verdamme du nicht den Gerechten! Um des Goͤttlichen willen, Pilatus, hat ein Gesicht mich Heut im Schlafe geschrekt! … So still denn, liebende Mutter, Deine Schmerzen, und komm, daß ich unter die Blumen dich fuͤhre, Dort in die Morgensonne, damit wir die Menge nicht hoͤren; Jch dir sage, was mich die ernste Stunde gelehrt hat. Portia sprachs, und sie stiegen hinab. Die edlere Heidinn Sieht mit ernstem Angesicht nieder. Noch schweigt sie, voll Wunderns Ueber den Traum, und vertieft in neue Gedanken. Jhr Engel Hatt’ in ihre Seele den Traum gegossen, und immer Aus den Lieblingsgedanken, die sie am feurigsten dachte, Neue Gedanken entwickelt, in ihrem Herzen die feinsten, Zartesten Saiten gewisser zu treffen, und ganz sie zu ruͤhren. Jzt entreißt sie sich ihren Betrachtungen, sagt zu Maria: Sokrates … zwar du kennst ihn nicht; aber ich schaure vor Freuden, Wenn ich ihn nenne! das edelste Leben, das iemals gelebt ward, Kroͤnt’ er mit einem Tode, der, selbst dieß Leben, erhoͤhte! Sokrates … immer hab ich den Weisen bewundert! sein Bildniß Unaufhoͤrlich betrachtet, ihn sah ich im Traume. Da nannt er Seinen unsterblichen Namen; Jch Sokrates, den du bewunderst, Komm aus den Gegenden uͤber den Graͤbern heruͤber. Verlerne, Mich zu bewundern! Die Gottheit ist nicht, wofuͤr wir sie hielten, Jch im Schatten der strengeren Weisheit; ihr an den Altaͤren. Ganz Siebender Gesang. Ganz die Gottheit dir zu enthuͤllen, ist mir nicht geboten. Sieh, ich fuͤhre dich nur den ersten Schritt in den Vorhof Jhres Tempels. Vielleicht, daß in diesen Tagen der Wunder, Da die erhabenste That der Erde geschieht, daß ein bessrer, Hoͤhrer Geist koͤmmt, und dich ins Heiligthum tiefer hineinfuͤhrt. So viel darf ich dir sagen, und dieß verdiente dein Herz dir: Sokrates leidet nicht mehr von den Boͤsen! Elysium ist nicht, Noch die Richter am naͤchtlichen Flusse. Das waren nur Bilder Schwacher und irrender Zuͤge. Dort richtet ein anderer Richter, Leuchten andre Sonnen, als die in Elysiums Thale! Zahl, und Maaß, und Wagschal, sie zaͤhlen, und messen, und waͤgen, Alle Thaten! Wie kruͤmmen alsdann der Tugenden hoͤchste Sich ins Kleine! Wie fliegt ihr Wesen verstaͤubt in die Luft aus! Einige werden belohnt, die meisten werden vergeben! Mein aufrichtiges Herz erlangte Vergebung. O druͤben, Portia, druͤben uͤber den Urnen, wie sehr ist es anders, Als wir dachten! Dein schreckendes Rom ist ein hoͤherer Haufen Voll Ameisen; und eine mitleidige, redliche Thraͤne Einer Welt gleich! Verdien du, sie weinen zu lernen! … Was diese Heilige Welt der Geister vor allen izt feyert, und was mir Selbst nicht aufgedekt ward, was ich von fern nur bewundre, Jst: Der Groͤßte der Menschen, wofern er ein Mensch ist, er leidet Leidet mehr, als ein Sterblicher litt, wird am tiefsten gehorsam Gegen die Gottheit! vollendet dadurch der Tugenden groͤßte! Und dieß alles geschieht um der Menschen willen, und itzo! Sieh, ihn sah dein Auge! Pilatus richtet den Thaͤter Dieser Thaten! Und, fließt sein Blut, so hatte noch niemals Lauter Der Messias. Lauter das Blut der Unschuld gerufen! … Hier schwieg die Erscheinung. Aber, indem er verschwand, rief er aus dem Fernen heruͤber: Schau! … Jch schaute. Da waren um mich aufbebende Graͤber: Hingen dicht an die Graͤber von allen Himmeln herunter Schwere Wolken, die rissen sich auf bis zur obersten Hoͤhe. Und ein Mann mit Blute bedekt ging hinein in die Wolken, Wo sie sich oͤfneten. Mengen unzaͤhlbarer Menschen zerstreuten Sich auf den Graͤbern, und schauten mit ofnen verlangenden Armen Jenem Blutenden nach, der in die Wolken hineinging. Viele von ihnen bluteten auch. Die weiten Gefilde Tranken ihr Blut, und bebten. Jch sah die Leidenden leiden! Aber sie litten mit Hoheit, und waren bessere Menschen Als die Menschen um uns. Jzt kam ein Sturmwind heruͤber, Schreckend schwebt’ er einher, und huͤllte die Felder in Nacht ein. Da erwacht ich. Sie schwieg. So stuzt ein lezter Gedanke, Wenn er der Vorsicht Tiefen zu nah auf einmal zuruͤckbebt. So blieb Portia stehn. Maria wandte gen Himmel Jhr vieldenkendes Auge: Was soll ich Portia sagen? Zwar ich versteh es selber nicht ganz, was dein Traum dich gelehrt hat: Aber ich schaue dich an, und verehre dich! Hoͤhere Geister Werden kommen, und dich ins Heiligthum fuͤhren! Doch darf ich Dieß dir sagen, so gern ich, wenn jene reden, verstumme: Er, der diese wandelnden Himmel so leicht, als den Sproͤßling, Der dort aufkeimt, erschuf, der hier dem Menschen ein Leben Voller Muͤh, voll fliehender Freuden, voll fliehender Schmerzen, Gab, damit sie der hoͤheren Seele Werth nicht vergaͤssen, Und Siebender Gesang. Und es fuͤhlten, daß uͤber den Graͤbern Unsterblichkeit wohne! Er, Er ist nur Einer! Er heißt Jehovah, der Schoͤpfer, Und der Richter der Welt! des ersten unter den Menschen, Adams, Gott; dann vieler von Adams Soͤhnen; dann Abrams, Unsers Vaters. Allein die Art, womit wir ihm dienen, Jst den Frommen bey uns, wie sehr die Stolzen sich aufblaͤhn, Dennoch dunkel. Doch hat sie der Ewige selber geboten! Und er weis sie, er wird sie enthuͤllen! enthuͤllt sie schon itzo! Jesus, der grosse Prophet, der Wunderthaͤter, der Redner Gottes! … Mit namlosen Freuden, mit Schauer, mit Ehrfurcht, u. Staunẽ, Nenn ich ihn Sohn! … Er kam, es zu thun! Jch sollt ihn gebaͤhren, Jesus sollt er heissen, er sollte die Menschen erloͤsen! Kuͤndigte mir ein Unsterblicher an. Wir nennen sie Engel. Aber sie sind geschaffen, wie wir. Doch die Goͤtter der Griechen Und des furchtbaren Roms, wofern sie waͤren, sie waͤren, Gegen die Engel, Sterbliche nur. Als ich in der Huͤtte Jesum, den Knaben der Wunder gebahr, da sangen ihm Heere Dieser Unsterblichen! … Portia war bey ihr niedergesunken, Hielt die gefalteten Haͤnde gen Himmel empor, und erstaunte, Wollte beten; wollte mit leiser Stimme, Jehovah Nennen. Allein sie fuͤhlt’ es, sie durfte den groͤßten der Namen Noch nicht nennen! Sie hub sich empor, und schaute mit Wehmut Auf die Mutter und sprach: Er soll nicht sterben! … Das wird er! Ach, schon lang hat mir der Kummer mein Leben belastet; Denn er sagt es, Portia, selbst! Was mir und den Frommen, Die ihm folgen, vor allem Geheimnißvollen am schwersten Und unerforschlichsten ist: Er hat, zu sterben, beschlossen! Ach Der Messias. Ach nun reißt sie von neuem mir auf die Wund in der Seele! Deine Gespraͤche von Gott bedekten sie leise. Run reißt sie Wieder auf, und blutet, die tiefe Wunde! … Dich segne Gott, ja Abrahams Gott, er segne dich! Aber, o wende Dieß dein weinendes Auge von mir! Es troͤstet umsonst mich! Denn er beschloß, zu sterben! und … stirbt! … Hier verließ sie die Stimme, Lange standen sie beyde mit weggewendetem Antliz. Endlich, wie ein Sterbender sich noch einmal zum Freunde Kehrt, sprach Portia noch: O du! du Theurste der Muͤtter! Mutter! ich geh, und weine mit dir, … bey dem Grabe des Todten! So besprachen sie sich. Die Hohenpriester begleiten Zu Herodes den goͤttlichen Sohn, mit ihnen die Menge. Und schon lief ein Geschrey durch des Fuͤrsten Palast: Den Jesus Aus Galiaͤa, den Wunderthaͤter sende Pilatus Zu Herodes! Der Fuͤrst versammelt der Hoͤflinge Haufen Eilend um sich, und sitzt. Drauf sagt er zu ihnen: Es soll mir Dieser Tag es entscheiden! Jhr habt es alle vernommen, Was der erhoͤhende Ruf nicht verschwieg: Die Kranken mit Worten Heilen? Mit Worten die Todten erwecken? Und dennoch gefangen? Seht, ich staune, wie ihr! So sagt’ er, und sagte nicht alles, Was er dachte. Sein Herz war ihm viel stolzer geschwollen. Ja, der groͤßte Prophet von unsern Propheten, er neigt sich, Als Verklagter, vor mir! Jch bin sein Richter! gebiet ihm, Wunder zu thun! Wofern er sie thut; (wie koͤnnt er? Es sind ja Keine moͤglich!) doch thut er so etwas: so hat ihm Herodes Wunder geboten! Und thut er sie nicht; so ist er doch immer Jener Siebender Gesang. Jener Beruͤhmte, dem Jsrael Palmen streute, Hosanna Sang, deß Richter ich bin! Jhn unterbrachen die Priester, Die mit feurigem Schritt in die Saͤaͤle traten. Doch Jesus War noch unter dem Volke, das ihn umdraͤngte. Jezt wollten Tausend ihn sehn! dann wieder tausend! Sie stuͤrmten, sie riefen! Standen! weinten! erstaunten! verfluchten! segneten! … Jesus, Er ging unter dem Sturme mit jener erduldenden Stille, Welche die Sprache zwar nennt, doch die Seele so hoch nicht hinaufdenkt, Als sie der Gottmensch empfand. Auch sah er die Seinen von ferne, Wuste den ewigen Trost, der in ihre Seelen Entzuͤckung Stroͤmen sollte. Schon wart ihr gezaͤhlt, ihr Thraͤnen der Freude! Aber sie weinten diese noch nicht. Die meisten von ihnen Waren unter dem Volk, und drangen zu ihm, um den lezten, Seinen lezten Segen zu flehn. Die stroͤmende Menge Zwang sie zuruͤck. Sie versuchten es oft, doch sie hatte die Menge Einmal in ihre Wirbel gefaßt, die Juͤnger, und Petrum, Petrum mit schwerem Herzen, und muͤdem Auge voll Jammer, Und Johannes, und dich, Lebbaͤus! Nathanael, viele Von den Siebzigen, viele der Freundinnen Jesu, Maria Magdale, Maria die Mutter der Zebedaͤiden, Aber nicht Lazarus Schwester, die lag zu sterben. Maria Magdale hielt sich nicht mehr, sie erkannte neben sich einen, Dem der Meßias die Augen einst aufthat: Ach hilf mir, wofern du An die Stunde noch denkst, da er dir die Sonne zuruͤckrief! Hilf mir! und fuͤhre mich durch die Wuͤtenden, daß ihn mein Auge Einmal noch sehe! noch einmal ihn segne! Sie wollen ihn toͤdten! Aber sie flehte vergebens. Der Dankbare konnt ihr nicht helfen. II. Band. D Petrus, Der Messias. Petrus, er war zu beaͤngstet sich wieder zu nahen. Johannes Blieb auf einer entfernteren Anhoͤh, sah den Meßias, Betete! … Mutter der Zebedaͤiden! (so sagte Lebbaͤus Zu Maria, indem sie ihr Antliz vor Wehmut verhuͤllte,) Du bist eine gluͤckliche Mutter! O schau du gen Himmel, Schau, und laͤchle! Doch sie, die den Wunderthaͤter, den Frommen, Die den Gerechten gebahr, die Mutter des goͤttlichen Sohnes, Sie! … Er legt sich truͤbe vor mich, wohin ich mich wende, Ach ich fuͤhl ihn, ich fuͤhl ihn, den bangen Gedanken! versteh dich, Mutter! empfinde dir nach, wie deine Seele vor Jammer Stumm wird! Erbarmt euch, ihr Todesengel, und leitet die Mutter, Daß sie den Sohn im Tode nicht sehe! so sagte Lebbaͤus. Aber der Richter der Welt ging in Herodes Palaste. Und izt fuͤhrten sie ihn vor den Fuͤrsten. So lassen gestrafte, Schwindelnde Denker vor sich die Vorsicht erscheinen, und geben Jhr Gedanken des Staubs, und richten die Vorsicht der Gottheit Aber die Ewige zeigt sie dem kommenden Donner. Herodes Staunte, da er ihn sah! So sehr sein Stolz sich empoͤrte, Staunt’ er doch! Die Hoheit, so viel unerschuͤtterte Stille, Hatte der Fuͤrst nicht erwartet. Er sah ihn lange, mit Einem Blick, an. Endlich bezwang der Stolz das Erstaunen, er sagte: Deine Wunder, Prophet! sie sind in die Laͤnder erschollen, Und ich hoͤrte davon. Doch des Rufes Stimme vergroͤssert, Oder verkleinert; und selten, daß er die Thaten erzaͤhlte, Wie sie waren. So zeig dann, Prophet! wofuͤr ich die Wunder Halten Siebender Gesang. Halten solle, die dir, vielleicht zu klein noch, der Ruf gab! Nicht, als ob ich zweifle, du habst sie vollendet; mein Auge Wuͤnscht nur, dich handeln zu sehn, nur dich zu bewundern! Und weil du Eh denn Abraham warst; so bist du auch groͤsser, als Moses, Groͤsser, als alle Propheten nach ihm: so ist es auch deiner Wuͤrdig, uͤber sie alle, durch uͤbertreffende Wunder, Dich zu erhoͤhn! Und, daß dich die Wahl nicht verweile, so sondr’ ich Nur erhabne dir aus! Sieh, iedes ist wuͤrdig des Thaͤters. Dort erhebt sich Moria: Du siehst des Tempels Gewoͤlbe Und die Zinne des glaͤnzenden Tempels! Sie thuͤrmte sich empor! sprich! Neige dich, Zinne, vor dem Propheten! Jm Schoosse des Tempels Liegen Davids Gebeine! Wie wuͤrde der heilige Koͤnig Jauchzen, wenn er Jerusalem saͤhe! Wie wuͤrden wir staunen, Wenn wir ihn saͤhen! O ruf, Prophet, des Koͤnigs Gebeinen, Daß er die dunkeln Woͤlbungen flieh, und lebend herumgeh! Aber du schweigst! So gebeut dem Jordan: Erhebe dich, Jordan! Wende den wogigten Strom! fleuß um Jerusalem! schuͤtze Jhre schimmernden Thuͤrme, dann kehr in Genezaret wieder! Oder befiehls dem Sion, daß er sich erhebe, dem Himmel Naͤher sich lagr’ auf des Oelbergs Gipfel. Es schaun ihm die Voͤlker Unter dem grossen umhergewofnen Schatten, erstaunt nach! Noch verstummst du! Er sagts, und wuste nicht, wem er es sagte! Wuste nicht, daß der gefuͤrchteten Huͤgel, und der gebuͤckten Koͤnigreiche Tyrann vor dem, mit welchem er redte, Nun erhoͤhterer Staub sey! … Herodes rief ihm noch einmal: Und du verstummst? Der Gottmensch, er sahe, mit Einem Blicke Seiner Hoheit, ihn an! Herodes verkennt ihn in allem; D 2 Den Der Messias. Denn er glaubt, der Prophet veracht’ ihn! Jzt stand er im Grimm auf. Kaiphas sah ihn ergrimmen, ergrif den Augenblick, sagte: Nun entdekst du es selbst, nun siehst du, wer der Prophet sey! Sieh, er verstummte vor dir, als du die Wunder verlangtest! Kann er sie thun? Doch waͤhnt es der Poͤbel. Es waͤhnen es selber Einige Schwache von unsrer Versammlung. Wer wider des Bundes, Wider Moses Gesetz, mit oftgewarnter Verblendung, Kuͤhn sich erhebt, kann der von Gott mit Wundern gesandt seyn? Unsers Bundes Entweihung! den rauchenden Sina! die Schrecken Gottes auf Sina! die rufenden Wetter! den Schall der Posaune! Moses im Dunkeln des bebenden Bergs! will Kaiphas raͤchen! Doch er empoͤrte sich auch zum Koͤnige! haͤufte Judaͤa Um sich herum, und zog, vom lauten Jubel begleitet, Jn Jerusalem ein! Sie streuten ihm Palmen! sie warfen Jhre Gewande vor ihn, und riefen: Hosanna dem Sohne Davids! Hosanna! (und Sion erscholl, und die Hallen Moria Klangen!) dem Koͤnig, Hosanna, dem Gottgesegneten! Siehe, Sieh er koͤmmt im Namen des Herrn! streut Palmen! Hosanna! Jn den Hoͤhen der Himmel, Hosanna! … Bey Davids Gebeinen! Bey der erschuͤtterten Gruft, dem Gebein Herodes des Grossen, Deines Vaters Gebein! die Entweihung raͤch du, Herodes! Philo laͤchelte Kaiphas zu, so sehr er ihn haßte. Aber Herodes gebot mit bitterm Spotte: Man kleid ihn Jn das weisse Gewand, mit welchem die Roͤmer sich kleiden, Wenn sie sich ihren Wuͤrden bestimmen! Pilatus er urtheilt Weise, Siebender Gesang. Weise, kennt das Verdienst! Er wird zum Koͤnig ihn weihen, Zum Hosanna und Palmen, noch Purpur und Kronen ihm geben! Also sagt er, und wandte sich weg. Die Wache des Fuͤrsten Kleidete Jesum ins weisse Gewand, und spottete seiner. Und izt sandt ihn Herodes zuruͤck. Die furchtbare Menge Hatten neue Schaaren vermehrt, die zur Feyer des Festes Kamen. Sie gingen unzaͤhlbar herauf, und begleiteten Jesum. Rings ertoͤnte die thuͤrmende Stadt, da Judaͤa daherging. Philo sah es, ihn schrekts nicht! der hohe Fuͤhrer des Schiffs sieht Also das kommende Meer, und freut sich der tragenden Fluten. Philo entdekt, es sey das Volk noch getheilt; es verehren Jesum viele Tausende noch: allein ihn erschrekts nicht! Denn die Ehrbegier schwellte sein Herz ihm empor, und verstieg sich Taumelnd uͤber die Wolken. Den feurigen Suͤnder umgaben Seine Vertrauteren, Pharisaͤer. Gefluͤgelte Worte Sprach er zu ihnen, dann sandt’ er sie unter das weichende Volk aus. Und sie vertheilten sich schnell. So fleußt vom Becher des Todfeinds Gift, und ieder Tropfen entzuͤndet den Tod. Die Vertrauten Eilen, und unterrichten die Menge, nach seiner Erbittrung Jeder, mit seiner Beredtsamkeit, seinen Kuͤnsten der sanften Oder strengen Priesterlichkeit; vielzuͤngigte Redner. Waͤhnt ihr, er habe Wunder gethan? Herodes gebot ihm, Wunder zu thun. Er vermochts nicht! Jhr saht ihn, wie er verstum̃t stand. Glauben auch Jsraels Vaͤter an ihn? Dem fluch ich, der Abram Laͤsterte! der das Gesetz sein ganzes Leben entweiht hat! D 3 Siehe, Der Messias. Siehe, der Priester Gottes verklagt ihn! und sandte den Gott uns, Den er verlaͤßt? Er verlaͤßt ihn! Jhr seht ihn in Ketten! Die Heiden Richten ihn, doch zu gelinde! Sie kennen nicht ganz den Empoͤrer! Bittet heut um keinen Gefangnen, die blinden Bewundrer Seiner Thaten, sie moͤchten fuͤr ihn den Roͤmer erbitten: Und ihr haͤttet die Bitte veranlaßt, euch traͤfe die Suͤnde! Maͤnner! ihr seyd das heilige Volk! Euch schimmert der Tempel! Euch nur flammen vom hohen Altare die Opfer gen Himmel! Raͤcht, euch ruft der Staub der Propheten! sein heilig Gebein ruft, Abrams Gebein, auf, raͤcht den groͤßten unter den Vaͤtern! Also rotteten sie zu ihren Rotten die Menge, Tausende rissen Tausende fort; der Zweifelnden waren Wenige; weniger noch der Tugendhaften und Treuen! So stehn, wenn der geschmetterte Wald vor dem wilden Orkane, Auf vielmeiligten Bergen die langen Ruͤcken herunter Liegt, noch einsame Cedern, und tragen die bebende Wolke. Unterdeß hatte Pilatus, fuͤr Jesum das Volk zu bewegen, Einen berufnen Gefangnen, von dem viel Sagens im Lande, Eh die Kett ihn baͤndigte, ging, insgeheim in das Richthaus Fuͤhren lassen. Jzt kamen das Volk und die Priester zuruͤcke. So wie sie gegen Gabbatha gingen, so ward der Gefangne Gegen sie her, auf der Hoͤhe, gefuͤhrt. Sein gluͤhendes Auge Schweifte seitwaͤrts herum, er hielt den schnaubenden Athem. Nicht die Reue, die Wut, bog ihm den straͤubenden Nacken. Also stand er gebuͤckt, und schluckte zornigen Schaum ein, Und Siebender Gesang. Und am nervichten Arm klirrt’ ihm die Kette. Pilatus Stellte zu seiner Rechten den Gottversoͤner. Der Moͤrder Sah den Mann im weissen Gewande. Der, oder er selber Muste sterben. Der Zweifel durchdrang ihn mit stechendem Feuer. Und sein Herz schlug sichtbar empor! So stand er zur Linken. Aber Pontius sprach, und wies zur Rechten: Jhr brachtet Diesen Menschen herauf: Er wende vom Caͤsar das Volk ab! Doch ich hab ihn verhoͤrt, und find ihn nicht schuldig. Auch findet Jhn Herodes nicht schuldig. Jch laß es nicht zu, daß er sterbe! Drum, weil ich eure Feste mit eines Gefangnen Befreyung Feyre, so geißl’, und geb ich ihn los! … Doch ihr hoͤrt die Vernunft nicht! Welchen, so sagts denn, so wuͤtet denn, welchen soll ich euch geben: Barrabam, oder Jesum, ihn, der ein Gesalbter genannt wird? Jndem sendete Portia zu ihm: Er ist ein gerechter, Goͤttlicher Mann, den du richtest, verdamme du nicht den Gerechten! Um des Goͤttlichen willen, Pilatus, hat ein Gesicht mich Heut im Schlafe geschrekt! Das sagt’ ihm die Sclavinn. Das Volk schwieg, Und noch schwieg es, und nun noch immer. Philo erschrekten Jhre Stille; dann seine Gehuͤlfen, die kamen, und sagten, Daß die Menge noch hier und da dem Empoͤrer getreu sey. Auch erhub sich von fern mit wemutvollem Gelispel Eine Stimme der Stummgewesnen, der Lahmen, der Blinden, Und der Todten, die Jesum, den Frommen! den Menschenfreund! nannten Aber das wuͤtende Murmeln der naͤhern Haufen verdrang sie. D 4 So Der Messias. So wird durch den Sturmwind im tiefen Walde das Rufen Eines huͤlflosen Kindes, zum leisen Laute. So schwinden, Vor den rauschenden Thaten der Hohen, des Weisen bescheidne. Philo entdekt die Gefahr, er weis, was Pontius meine Mit dem Moͤrder, welchen er, bey dem Propheten, dem Volk zeigt. Doch verlaͤßt er den Roͤmer mit hoher Mine. Voll Stolzes Auf die Fessel, die er, durch eine Rede, dem Volke Auszulegen gedenkt, geht er auf Gabbatha vorwaͤrts, Seines Poͤbels Bewundrung! Pilatus sah ihn vom Richtstul Mit halbzuͤrnendem Spott nach. Und Philo winkte dem Volke, Und sie schwiegen vor ihm. Er sprach mit geheftetem Blicke: Nur mit fliegenden Worten, ihr Maͤnner von Jsrael, kann ich Heut zu euch reden. Jhr kennt mich. Jch hasse Moses Veraͤchter! Und dem fluch ich, der ihm, ob gleich die suͤssere Lippe Anders spricht, durch sein Leben doch flucht. Mit dieser Gesinnung, Zeig ich euch heut Verderben, und Heil. Waͤhlt, Jsraeliten! Barrabam, oder Jesum! Er ist, ihr wißt es, ich weis es, Barrabas ist ein Moͤrder! Auch Pontius weis es. Er haͤtt ihn, Wollt er euch nicht zum Mitleid herunter erniedern, mit Jesus, Der so taͤuschend der Unschuld, auch hier ein Zauberer, nachahmt, Nicht vor euch, ihr Maͤnner, gestellt. Doch ich lasse die Absicht, Die vielleicht Pontius hat. Wir sind Besiegte! Wir schweigen! Aber davon kann Philo nicht schweigen, ihr Jsraeliten, Daß ihr am Hange des Abgrunds, vielleicht schon hingeneigt, schwindelt, Euer Verderben zu waͤhlen! Jch rede mit Angst; doch red ich. Denn so tief soll der Enkel der grossen Vaͤter nicht sinken! Dieser Siebender Gesang. Dieser Jesus … Was haͤtt ich euch nicht, ihr Maͤnner, zu sagen, Wollt ich euch alle seine Verbrechen, sie alle beschreiben! Jhre schwarze Gestalt entbloͤßt’ ich vor der Versammlung Eurer Herrscher. Da hing an meiner Stimme sein Leben! Und sie sprachen sein Todesurtheil. An heiligen Steinen Roͤnne sein Blut schon herab! Allein wir duͤrfen nicht toͤdten! … Dieser Jesus, (damit ich an Eins von tausend Verbrechen Euch erinnre!) der Mann voll Grausamkeit, weis, daß die Roͤmer, Wenn er seiner Empoͤrungen Maaß nunmehr erfuͤllt hat, Kommen werden, uns ganz zu verderben. Zu Tausenden standen Um ihn die Hoͤrer herum, da er von der Belagerung redte, Von der sinkenden Stadt, von Gottes Tempel im Staube! Jhr bewundertet ihn; so wart ihr geblendet. Er aber Er erbarmt sich nicht eurer. Er sieht Jerusalems Jammer, Weis es, daß er, nur er, die Ursach der nahenden Angst ist, Und faͤhrt fort, zu thun, wie er that. Den Tempel im Dampfe, Wie er, niemals sich aufzurichten, Moria hinabsinkt! … Mit dem Tempel, (er siehts!) der Versoͤnungsopfer Altaͤre, Wie sie sich neigen. Er sieht die hohe Jerusalem weinen! Ach, die Koͤniginn unter den Staͤdten in Asche gekleidet! Jhrer Kinder beraubt! Sie liegen, vom Tage gesehen, Und verwesen! Und welche die Angst und der wuͤtende Hunger Noch ins Grab nicht gestuͤrzt hat, ergreifen heissere Krieger, Und zerschmettern ihr zartes Gebein an Jerusalems Truͤmmer! Ach er siehts, kein Vater beweint sie! die starben im Schlachtfeld! Keine Mutter! die Muͤtter, die waren lange vor Jammer, Lange vor Jammer vergangen! Er siehts, und erbarmt sich nicht eurer! D 5 Als Der Messias. Als er endigte, schrien noch andre Priester den Beyfall, Den sie Philo gaben, zum Volk herab. Doch bedurft es So viel Grimm, den Ungestuͤm nicht, ihr Herz zu bewegen. Denn das war schon genung durch eigne Bosheit entschlossen. Pontius saß in Gedanken verloren. Jzt fragt er von neuem: Welchen, so redet denn, welchen von beyden soll ich euch geben? Barrabam! stieg ein Geschrey mit einer Wut, daß die Engel, Die um Jesum standen, ihr bebendes Angesicht wandten, Barrabam! stieg es empor. Pilatus entriß dem Erstaunen Sich mit Zorn, und rief! Was mach ich aber mit Jesu, Was mit eurem Gesalbten? Sie stuͤrmten, und stampften, und riefen: Laß ihn kreuzigen! Aber (noch einmal entschloß sich der Roͤmer, Jhre Wut zu erweichen,) was aber hat er verbrochen? Nein, er ist des Todes nicht schuldig! Sie wurden ergrimmter, Riefen, und ihr Geschrey beseelten die Stimmen der Priester. Stammlend, und blaß und knirschend, mit wildem flammenden Auge Riefen sie: Kreuzige! Kreuzige! Sion erscholl vom Getoͤse Jhres Rufens, mit ihm die verlaßnen Hallen Moria, Und die thuͤrmende Stadt. Und Staub stieg mit dem Getoͤs’ auf. Pontius sah, zu erschrocken, daß er vergebens fuͤr Jesum, Jhn zu befreyn, arbeite, beschloß unroͤmisch, das Urtheil Ueber den Mann, den er fuͤr schuldlos erkannte, zu sprechen. Furchtsam hatt’ er vorher den hohen Richtstul verlassen, Stieg izt wieder hinauf, und gab Befehle. Der Sclav kam Eilend zuruͤck, und trug, durch der Priester getheilte Versammlung, Ein Siebender Gesang. Ein korinthisch Gefaͤß, drinn eine silberne Quelle. Und er hielts vor Pilatus. Der winkte dem Volke. Das Volk stand Und sah schweigend hinauf. Nun rann die Quelle. Pilatus Wusch sich feyerlich vor dem Volke die Haͤnde. … Der Engel, Welcher in Gosen vordem die Huͤtten schonend vorbeyging, Die mit dem Blute der Laͤmmer bezeichnet waren, er schwebt izt, Fuͤrchterlich, mit dem Verderben, mit Gottes Schrecken geruͤstet, Schwebt’ er uͤber Judaͤa, das Volk dem Gerichte zu weihen. Sein geheftetes Auge verließ des Versoͤnenden Blick nicht. Und er sah in dem Blicke des Goͤttlichen, mit der Verwerfung, Eine Thraͤne vermischt. Der Todesengel begann izt Jene Worte des Fluchs, die des Richters Urtheil dem Himmel Kund thun, wenn dem vollen Gericht Nationen gereift sind! Wie Erdbeben von ferne den Tod weissagen, so rauschte Seine Stimme. Dann grub er in eherne Tafeln das Urtheil, An des Richtenden Thron es aufzustellen. … Pilatus Winkte dem Sclaven, sich zu entfernen. Dann rief er zum Volke: Nehmt ihrs auf euch, ihr Wuͤtenden! Jch, ich bin an dem Blute Dieses Gerechten nicht schuldig! … Er riefs herunter. Jzt wendet Jsraels Engel sein Angesicht weg, erzittert, entfaͤrbt sich, Und verlaͤßt sie! Sie sprechen ihr Todesurtheil, und rufen: Ueber uns komme sein Blut, und uͤber unsere Kinder! … Bleiches Entsetzen, und Stille, wie sie um Graͤber erstarrt liegt, Kalte Schauer, und Todesangst, folgten nun; aber nicht Reue! Jtzo gebot Pilatus zur Rechten und Linken, und Jesus Ward ins Richthaus zur Geissel gefuͤhrt; zum Volke der Moͤrder. Barra- Der Messias. Barrabas, als er um sich nicht mehr den eisernen Klang hoͤrt, Und nun frey ist, schuͤttelt sich, bruͤllt mit stuͤrmender Freude, Steht, verstummt, und laͤuft, dann steht er wieder! Das Volk bebt, Wo er hintrit, zuruͤck. So erschrikt ein heisser Verbrecher Vor der vollendeten That. Doch Philo ergoͤzte der Anblick. Auch haͤtt er gern den Versoͤner begleitet. Er ging an dem Thore Hin und herwaͤrts, und stand, und haͤtt ihn gerne gesehen, Gerne Stimmen der Angst von ihm im Triumphe vernommen. Aber o du, die vom Gottversoͤner ihr Antliz gewandt hat, Sing, Sionitinn, die Geißlung, das Rohr, den Purpurmantel, Und die Krone! doch nur mit Einem weinenden Laute. Um ihn ist nun die Wache, viel niedrige Seelen, versammelt. Und sie kleiden ihn ungestuͤm aus. So entblaͤttert der Sturmwind Jn der durstenden Wuͤste, worin kein lebendiger Quell rinnt, Einen einsamen Baum, des Wandrers heisses Verlangen. Und sie rissen ihn fort zu einem Pfeiler, und banden Jhn an den Pfeiler hinauf; und Blut quoll unter der Geissel! Du, Eloa, du sahst es, und sankst vom Himmel zur Erde. Drauf verhuͤllten sie ihn in einen Mantel von Purpur, Gaben in seine Recht’ ihm ein Rohr, und druͤckten von Dornen Eine Kron auf sein Haupt; und Blut quoll unter der Krone! Und, wie ein Sterblicher, betet vom Staube zu ihm Eloa. Dann. … Doch mir sinket die Hand die Harf herab, ich vermag nicht Alle Leiden des ewigen Sohns, sie alle zu singen! Pontius sah, wie er litt, und entschloß sich wieder zum Mitleid Das er empfand, das Volk zu bewegen. Er winkte dem Mittler, Jhm zu folgen, und ging heraus nach Gabbatha. Jesus Folgt Siebender Gesang. Folgt ihm, aber ermuͤdet, mit wankendem Schritte. Sie sahn ihn Fernher kommen. Es wies mit der Rechte Pilatus zuruͤcke, Rief herunter: Jch fuͤhr ihn heraus, ihr Jsraeliten, Euch es noch einmal zu sagen, daß er den Tod nicht verdient hat. Jesus kam nun naͤher, sie sahn es, wie er, im Purpur, Und, mit der blutigen Krone, zum Richtstul herantrat. Jzt stand er. Pontius rief mit der Stimme des Mitleids zu ihnen herunter: Sehet, welch ein Mensch! … Jndem Pilatus es sagte, Gab der Versoͤner den Engeln, die um ihn bebten, Befehle; Nicht durch Worte, sie sahn es in des Goͤttlichen Antliz, Was er, wegen der Juͤnger, und wegen der andern Erwaͤhlten, Jhnen gebot. Geheimere, himmlische Troͤstungen warens, Ruh im Elend! Wenn ich am hohen Kreuze nun blute! … Wenn ich todt bin! und nun, nun unter den Schlafenden liege! … Pontius hatte gewuͤnscht des Volkes Herz zu erweichen, Aber sie zeigten ihm bald, wie fuͤhllos sie waren. Sie riefen, Und das Rufen der Priester erscholl vor dem Bruͤllen der Menge: Kreuzige! riefen sie wieder. Da brach Pilatus im Zorn aus: Nehmt ihr ihn hin, und kreuzigt ihn! Denn ich sind ihn nicht schuldig. Pontius sprichts mit gefluͤgelten Worten, und wendet sich zornvoll. Kaiphas aber ereilt ihn, und sagt: Es hat schon, Pilatus, Unser Gesetz sein Urtheil gesprochen, nach dem muß er sterben! Denn er machte sich selbst zum Sohne Gottes. Der Heide Zittert’, als er den Namen von einem Goͤttersohn hoͤrte. Und er ging mit Jesu zuruͤck, und fragt ihn voll Unruh: Sag, von wannen du bist? Der Gottmensch schwieg bey der Frage. Pontius zuͤrnt, und sagt: Du redest also mit mir nicht? Weist Der Messias. Siebender Gesang. Weist du nicht, daß dein Tod und dein Leben in meiner Gewalt sind? Jesus sprach: Du haͤttest sie nicht, waͤr sie dir von oben Nicht gegeben. Doch sind die schuldiger, die mich verklagen. Pontius geht zur Versammlung zuruͤck. Sie sehen ihn kommen, Und entdecken an seiner entflammten Gebehrde, warum er Wiederkomme. Sie schrien ihm entgegen: Laͤst du, Pilatus, Diesen los, so bist du des Caͤsars Freund nicht. Denn wer sich Selbst zum Koͤnige macht, der empoͤrt sich gegen den Caͤsar. Pontius ward erbittert, und, da er, was edlers zu wagen, Sich zu klein fuͤhlt, spottet er ihrer. Sie aber umringten Jesum, und fuͤhrten ihn stolz im wilden Triumphe zum Tode. Und der furchtsame Roͤmer entschlich zu seinem Palaste. Der Der Messias. Achter Gesang. Jnhalt des achten Gesangs. E loa koͤmmt vom Throne Gottes herab, und ruft durch die Himmel, daß izt der Versoͤner zum Tode gefuͤhret werde. Drauf laͤßt er die Engel der Erden einen Kreis uͤber Golgatha schliessen, steigt aus dem- selben herunter, und weiht den Huͤgel, im Namen des Dreymalheili- gen, zum Tode des Mittlers ein. Hernach betet er den Meßias, der sein Kreuz tragend naͤher gekommen war, vom Golgatha an. Der Kreis der Engel wird weiter um Golgatha ausgebreitet. Gabriel fuͤhrt die Seelen der Vaͤter aus der Sonne auf den Oelberg herunter. Adam betrit die Erde zuerst, und redet sie an. Satan und Adramelech schwe- ben triumphirend uͤber dem Meßias. Eloa gebietet ihnen, im Namen des Versoͤners, sich zu entfernen. Sie werden ins todte Meer gestuͤrzt. Jesus war an Golgatha gekommen. Er redet die, welche uͤber ihn wei- nen, an. Nun ist er auf dem Huͤgel. Das Kreuz wird errichtet. Die Erde faͤngt an, in ihren Tiefen zu beben. Noch steht der Gottmensch beym Kreuze. Adam betet zu ihm. Die Kreuziger nahn sich. Die Sterne hatten denjenigen Punkt ihres Laufs erreicht, welcher, in allen Himmeln die Zeit der Kreuzigung anzuzeigen, bestimmt war. Nun steht die ganze Schoͤpfung still. Der Vater sieht auf den Sohn herun- ter, und er wird gekreuzigt. Da sein Blut nun fließt, macht es Eloa durch die ganze Schoͤpfung bekannt. Der Gottmensch sieht auf das Volk herab, und bittet den Vater um Gnade fuͤr sie. Die Bekehrung des einen mitgekreuzigten Missethaͤters. Jzt vollfuͤhrt Uriel, was ihm geboten war. Er bringt den Stern, auf welchem die Seelen der Men- schen vor der Geburt sind, vor die Sonne. Die dadurch verursachte Finsterniß. Das Erdbeben steigt nun weiter herauf. Von den Leiden des Versoͤners am Kreuze. Uriel fuͤhrt die Seelen des zukuͤnftigen menschlichen Geschlechts zur Erde. Eva sieht die Seelen kommen. Sie redet deswegen zu Adam. Der Versoͤner sieht die Seelen mit einem Blick seiner Liebe an. Desselben Leiden am Kreuze. Eine starke Er- schuͤttrung des von neuem zunehmenden Erdbebens. Ein Sturm folgt darauf; auf diesen ein Donnerschlag ins todte Meer. Eloa entschließt sich, zum Throne des Himmels hinauf zu steigen, um den Richter von Angesicht zu sehn. Jhm begegnen zween Todesengel, die Gott herab- schickt. Die Erde war wieder stille. Eva ist sehr bewegt. Wenn sie den Anblick des sterbenden Meßias nicht mehr aushalten kann, so sieht sie auf Maria. Die beyden Todesengel kommen, und schweben sieben- mal ums Kreuz. Was der Versoͤner dabey empfindet. Der Eindruck, den die Ankunft der Todesengel auf die Vaͤter, und besonders auf Eva macht. Jhre Wehmut bricht in einem Gebete aus. Zulezt koͤmmt sie, durch einen gnadenvollen Blick des Versoͤners zu der voͤlligen Ruhe des ewigen Lebens zuruͤck. Der Messias. Achter Gesang. D ie du am Sion den heiligsten unter den Saͤngern Jehova Sahst, von ihm lerntest, als er, vom ewigen Geiste gelehrt, sang, Den der Richter im Tode verließ, den groͤßten der Todten, Lehr, Sionitinn! mich wieder, du lerntest himmlische Dinge! Komm, und fuͤhre den Bebenden, deinen Geweihten, und bebe! Fuͤhre mich in des Gekreuzigten Nacht. Des Heiligthums Schauer Faßt mich! Jch will den Sterbenden sehn, ich will die gebrochnen, Starren Augen, den Tod auf der Wange, den Tod in den schoͤnsten Unter den Wunden! dich sehn, du Blut der Versoͤnung! … Es sank ihm, Und er blutet’, es sank ihm sein Haupt, er blutet’, es sank ihm, Jn die Nacht hin, sein heiliges Haupt; da verstummte der Gottmensch. Von des Richters Angesicht flog Eloa herunter, Kaum den Unsterblichen sichtbar, so eilt er die Himmel herunter. II. Band. E Und Der Messias. Und er hielt in der Linke die himmlische Krone; die Rechte Schwung die Posaune. Sie toͤnt. Es toͤnen der Sphaͤren Gesaͤnge. Und der naͤchste dem Unerschaffnen, er rief durch die Himmel: Feyert! Es flamm’ Anbetung der grosse, der Sabbat des Bundes, Von den Sonnen zum Throne des Richters! Die Stund ist gekommen! Feyert! die Stunde der Nacht ist gekommen! Sie fuͤhren das Opfer. Und die Himmel umher vernahmen des Rufenden Stimme. Doch schon war er voruͤbergeeilt. Zwo Winke, so schwebt er Ueber Golgatha. Um ihn herum versammeln der Erde Engel sich eilend. Er rief sie. Jhr strahlenwerfender Kreis schloß Jzt um Eloa sich zu. Eloa stieg aus dem Kreise, Feyerlich stieg er auf Golgatha nieder, und stand auf der Hoͤhe. Dreymal neigt er nunmehr sein tiefanbetendes Antliz Auf den Staub des Huͤgels herab, dann erhub er sich, streckte Ueber den Huͤgel den hingebreiteten Arm aus, und schaute Auf den Meßias herab, der, in der Ferne, begleitet Von Judaͤa, langsam gen Golgatha herkam, und, schwerer, Als sein Kreuz, das Weltgericht, trug! … So sah ihn Eloa, Stand, hielt uͤber den Huͤgel den hohen Arm hin, und sagte: Hoͤrt mich, Himmel, und jauchzt! Du Hoͤlle, vernimm mich, und bebe! Jn des Auszusoͤnenden Namen! und deß, der zu bluten Koͤmmt, des Versoͤners Namen! im Namen des Geistes, der Suͤnder Schafft zu Gerechten, weih ich dich, Huͤgel, zum Tode des Sohnes! Heilig! heilig! heilig! ist der, der seyn wird, und seyn wird! Also weiht Eloa, und staunt. Des Unsterblichen Schimmer Wurde Daͤmmrung, so staunt er! Und nun verstummt er nicht laͤnger, Senket gegen den Mann von Erde gefaltete Haͤnde, Welcher Achter Gesang. Welcher die Tief herauf, sein niederbeugendes Kreuz trug, Sieht ihn unter dem wankenden Kreuz, faͤllt nieder aufs Antliz, Betet: O du, der dem Altar sich naht, zu sterben den schoͤnsten Und den wunderbarsten der Tode, du Menschenfreund! Schoͤpfer! Mitgebohrner, und Sohn des Geschlechts, das Graͤber begraben! Bethlehems Kind! … du weintest, wir sangen dir Jubel! Du laͤßt dich Bis auf Golgatha nieder: die tiefre Verwundrung verstummt dir, Mehr zu jauchzen! O Sohn! Sohn Gottes! und … der Gebohrnen! Unerschaffner! (kein Endlicher sang da Jubel!) Vollender Alles deß, so das Hoͤchste, das Wundervollste, das Beste, Das ganz Herrlichkeit ist! tiefangebeteter Gottmensch! Wiederbringer der Unschuld, der gottgefallenden Unschuld! Todtenerwecker! Vertilger des ewigen Tods! Weltrichter! Oder, wie deine Menschen dich nennen, du Lamm, das erwuͤrgt wird! Hoͤre mein tiefes Gebet! vernimm des Endlichen Stimme, Die vom Staube, worauf dein Blut wird bluten, dir betet. Wenn dein Auge nun bricht; die lezte Blaͤsse des Todes Ueber dich, Geopferter, stroͤmt; die Himmel der Himmel Nun erzittern, und fliehn; nun, nur Jehova, mit vollem Hingehefteten Blicke den Sterbenden anschaut: o staͤrke Dann aus der hangenden Nacht mich, in die dein Leben hinabstirbt, Staͤrke, grosser Vollender! mich dann, damit ich nicht huͤlflos, Nicht zu bebend, unter die Graͤber der Erde versinke, Und, wenn in schwim̃ender Daͤm̃rung um mich die Schoͤpfung nun wanket, Jch, so dunkel mein Aug auch hinstarrt, im Tode dich sehe! … Tod! o Tod des Sohnes! du nahst dich, Tod! Von dem ersten, Der ein Sterblicher ward, bis zu dem lezten von Adam, E 2 Dessen Der Messias. Dessen jungem Leben der Auferstehung Posaune Wegzuathmen gebeut, sie alle wirst du versoͤnen; Wenn du, noch einmal Schoͤpfer: Es ist vollendet! nun ausrufst. Tod! o Tod des Sohnes! Und du, des Geopferten Vlut! … Heil! Heil, den erloͤsten Seelen! Sie kommen, und wandeln, und jauchzen! Jhre Kleider sind hell in des Todten Blute gewaschen! Drauf erhub sich Eloa, vertheilte die Engel der Erde Weit um Golgatha her. Auf niederhangenden Wolken Sammlen sie sich; bedecken die breiten Ruͤcken der Berge; Oder schweben uͤber der Ceder, und gehen voll Tiefsinn Mit den wallenden Wipfeln: er selbst stand uͤber des Tempels Hoͤhen; ein weitumkreisendes Heer! der allmaͤchtigen Vorsicht, Die von fern herrscht, furchtbare Diener: Engel des Todes Und des Weltgerichts; Huͤter der Menschen; kuͤnftiger Christen Huͤter! und, weil sie die Huͤter der Maͤrtyrer wurden, am Throne Deß, dem der palmentragende Maͤrtyrer blutet, die Ersten! Gabriel aber (ihn hatte zur Sonne der Gottmensch gesendet,) Ließ mit silbertoͤnendem Flug auf Uriels Burg sich Nieder, und stand vor den Seelen der Vaͤter, und sagte zu ihnen: Kommt nun naͤher, ihr Vaͤter der Menschen! Jhr seht ihn! (Hier wies er Mit der bebenden Rechte.) Da traͤgt der Suͤndeversoͤner Gegen den Huͤgel sein Kreuz. Dieß ist der Huͤgel des Todes! An dem erhabnerem dort, der mit zween Gipfeln heraufragt, Ging er ins erste Gericht. Von diesem sollt ihr ihn sehen, Wenn er, fuͤr eure Kinder und euch, sein Leben wird bluten. Kommt, Erloͤste! Die Enkel der Enkel, die noch die Geburt nicht Zu Unsterblichen schuf, er geht, er eilt, er versoͤnt sie! Feurig Achter Gesang. Feurig sagt es der Seraph. Verstummt vor Wehmut und Wonne, Folgen die Vaͤter ihm schon. Sie eilen. Der schnelle Gedanke, Der aus der Seele voll Andacht von Sternen zu Sternen hinaufdenkt, Eilt nur eilender! Gabriel fuͤhrte den schimmernden Haufen. Jtzo betrat ihr schwebender Fuß den liegenden Oelberg. Adam betrat ihn zuerst, sank nieder, und kuͤßte die Erde. Muͤtterlich Land, (so sprach er,) ich seh, o Erde, dich wieder! Seit den Jahrhunderten, da mein Gebein am Abend des Todes Du in deinen friedsamen Schooß, o Mutter, zuruͤcknahmst, Stand ich nicht uͤber dem Staube der todtenvollen Gefilde! Nun, nun steh ich darauf. Sey mir, o Erde, gegruͤsset! Seyd mir, Gebeine der Todten, gegruͤßt: ihr werdet erwachen! Meine Kinder, ach, meine Kinder! ihr werdet erwachen! Und, o Stunden, ihr nahenden Stunden, o seyd mir, im Jubel. Jm Triumphe, genannt! Jhr entlastet die Erde vom Fluche! Jhrem heiligen Staub erschallt des Blutenden Seegen! Halleluja! er koͤmmt, er koͤmmt der Erdegebohrne! Siehe, der Allerheiligste koͤmmt, und naht sich dem Tode! Also sprach er. Noch hielt er sein Herz, das in himmlische Wehmut Aufzuschauern begann; er hielts noch, und schwieg, und schaute. Aber Eloa stand auf dem Tempel, und sahe die Vaͤter Kommen. Jzt wandt’ er sein Antliz, und sieht hoch uͤber dem Kreuze Satan und Adramelech im wilden Triumphe schweben; Satan wegen des Werks, das er schon vollendet, und beyde Wegen kuͤnftiger Thaten! Eloa sieht die Empoͤrer, Wie sie, erhoben uͤber die Wolken der wandelnden Erde, Jm weitkreisenden Schwunge die hoͤhern Woͤlbungen messen. E 3 Und Der Messias. Und in seiner Herrlichkeit hub sich Eloa vom Tempel Gegen die ewigen Suͤnder empor. Er ging in dem Glanze Dieses gefeyrtesten Tags, vor allen Tagen der Feyer. Gottes Schrecken schwebten um ihn. Die duͤnneren Luͤfte Wurden vor ihm zu Stuͤrmen, und rauschten! Des Kommenden Gang war Eines Heers Gang, welchem die tragenden Felsen erzittern. Und der Unsterbliche toͤnt’, und glaͤnzte daher! Die Empoͤrer Sahn, und hoͤrten ihn kommen, und zwangen umsonst ihr Erstaunen Zu verbergen. Sie standen, und wurden dunkler. So stehen Jn den lezten Tiefen der Hoͤlle zween nachtvolle Felsen! Aber, mit Einer lezten Erhebung, trat Eloa Vor die Verworfnen, und sprach: Jhr, deren Namen der Abgrund Nenne! verlaßt, ihr seht der hohen Unsterblichen Lichtkreis! Diesen verlaßt, und entlastet von euch die heilige Staͤte. Siehe, so weit der aͤusserste Schimmer der Seligen, Graͤnzen Euren Empoͤrungen, strahlt; schwebt da nicht uͤber der Wolke! Kriecht da nicht am Staube der Erde! Der Seraph gebot so. Aber wie zwey Gewitter, die an zwo Alpen herunter Dunkel kommen, (ein staͤrkerer Sturm toͤnt ihnen entgegen, Wird sie verstreun!) wie die in ihrem Schoosse den Donner Fliegend reizen, damit er die krummen Thaͤler durchbruͤlle: Also ruͤsten zur Antwort sich wider Eloa die Stolzen. Was die Wut Entsezliches hat, die Rache Verwegnes, Runzelt’ auf ihrer Stirne sich, rollt’ in den flammenden Augen! Aber mit herrschendem Blick schaut ihnen Eloa ins Antliz: Erst verstummt! dann flieht! Kaͤm ich mit der siegenden Staͤrke, Die Jehova mir gab; so sollte von diesem erhobnen, Treffen- Achter Gesang. Treffenden Arm euch ferne von mir mein Donner verschleudern. Aber ich komm in dem Namen des Sohns von Adam, der (schaut ihn!) Dort sein Kreuz traͤgt! Jm Namen des Ueberwinders der Hoͤlle: Flieht! … Sie flohen dunkler, als Naͤchte. Nacheilende Schrecken Heften sich an die Ferse der Flucht, und treiben sie seitwaͤrts Auf die Truͤmmern Gomorra im todten Meere. Die Engel Sahen sie fliehn, es sahen sie fliehn die Vaͤter. Eloa Stieg, zur Zinne des Tempels, in seiner Herrlichkeit nieder. Jesus war zum Todeshuͤgel gekommen. Ermattet Schwankt er am Fusse des Huͤgels. Die blutbegierigen Haufen Zwangen einen Wanderer, welcher an Golgathas Hange Furchtsam hinabstieg, daß er das Kreuz dem Ermatteten truͤge. Unter dem Volk, das ihm folgte, beweinten ihn Einige; weiche, Wutlose Seelen, doch die mit ganzem Herzen am Eiteln Hingen, und kaum den Goͤttlichen kannten. Jhr fluͤchtiges Mitleid War nur sinnlich; nicht edel, nicht Mitleid der Seele! Der Gottmensch Hoͤrt sie klagen, und wendet sich um, und spricht zu ihnen: Warum weinen Jerusalems Toͤchter? Beweinet mich nicht! Weinet uͤber euch selber, und uͤber eure Kinder! Denn es nahn sich die Tage der Angst. Jn den furchtbaren Tagen Werden sie jammern: O selig die Unfruchtbaren! die Leiber, Die nicht gebohren! die Brust, die nicht saͤugte! Dann werden sie sagen Zu den Bergen: Fallt uͤber uns her! und den Huͤgeln: Bedeckt uns! Denn, geschahe das mir, was wird den Suͤndern geschehen! Jzt war er auf die Hoͤhe des großen Altars gekommen. Und er schaute zum Richter empor. … Die Kreuziger nehmen Jhm das Kreuz ab, errichten es unter Todtengebeinen. E 4 Und Der Messias. Und das Kreuz erhub sich gen Himmel, und stand. Der geweihte, Festliche Tag, er schimmert noch sanft; noch freut sich die kleinste Schoͤpfung im Labyrinthe der lebenathmenden Luͤfte Doch Ein Wink, so faͤngt in ihrem Schoosse die Erde Jn den geheimsten entlegensten Tiefen mit leiser Erschuͤttrung An zu beben. Und uͤber dem Antliz der schauernden Erde Ruͤsten Stuͤrme sich, wirbeln, und heulen in hangenden Kluͤften. Und es schwankte das Kreuz. Der Gottmensch stand bey dem Kreuze! … Adam sah ihn, und hielt sich nicht mehr. Mit gluͤhender Wange, Mit hinfliegendem Haar, mit ofnen bebenden Armen, Eilt’ er hervor zum aͤussersten Hange des Bergs, sank nieder. Als er hinsank, flammte der Himmel im schanenden Auge Des nicht Sterblichen mehr. Er lag, und weinte vor Wonne, Wonn’ und ewiges Leben und Schauer, und Wehmut, und Staunen, Ueberstroͤmten sein Herz. Des vollen Herzens Empfindung Wurd izt Stimme; nun betet’ Adam. Die Kreise der Engel Hoͤrten die Stimme des Beters! Er blickt auf die Graͤber und betet: Nein! der Seraph nennt dich nicht aus! Die Unsterblichen weinen, Wenn sie, in deine Liebe vertieft, die tausendmal tausend Herrlichkeiten zu nennen beginnen, und betend verstummen! Ach! ich nenne dich Sohn! und verstumm, und weine mit ihnen! Jesus Christus mein Sohn! mein Sohn! wo wend ich mich hin? wo? Daß ich dieß unnennbare Heil, die Wehmut ertrage? Jesus Christus! mein Sohn! … O, die ihr fruͤher, als ich, wart, Aber nicht fruͤher, als er! schaut auf ihn, Engel, herunter! Schaut herunter! Er ist mein Sohn! Dich segn’ ich, o Erde! Dich, o Staub, aus dem ich gemacht ward! O Wonne! du volle Ewige Achter Gesang. Ewige Wonne! die ganz die Begier des Unsterblichen ausfuͤllt! O der grosse, der tiefe, der himmelvolle Gedanke, Dein Gedanke, Jehova: Du schufst! da schufst du auch Adam! Adam aus Staube, damit er der Vater des Ewigen wuͤrde! Steh hier still, unsterbliche Seele! durchschau die Tiefe, Diese weite Tiefe der Wonne! … Was sind es, ihr Himmel! Was fuͤr Augenblicke, die izt die Unsterblichen leben! Jeder ist goͤttlich, und ieder, er traͤgt auf dem eilenden Fluͤgel Ewigkeiten der Ruh! und die wird Adam durchleben! Nun ist dieser nicht mehr! nun dieser! Erhabnere kommen Jmmer naͤher, noch naͤher! O eure Stimmen, ihr Himmel! Gebt mir eure Stimmen, daß ichs durch die Schoͤpfungen alle Laut ausrufe: Das Opfer, es steht am Schatten des Todes! Mache dich auf, erhebe dein Haupt, komm, stehe vom Staub auf, Menschengeschlecht, und schmuͤcke dich schoͤn mit betenden Thraͤnen! Denn der Allerheiligste steht am geoͤfneten Grabe. Meine Kinder! ach, meine Kinder, ihr seyd die Geliebten! Euch versoͤnt er! O, kommt zu dem Sterbenden, Kinder von Adam! Wer im Palaste mit Golde bedekt wohnt, lege die Krone Nieder, und kommt! Jhr, die sich mit Huͤtten von Erde beschatten, Laßt die niedrigen Huͤtten, und kommt! Ach, aber sie hoͤren Meine Stimme, die Stimme des Liebenden nicht. Jhr Verwesten, Welche die Graͤber und das Gericht mit Tode bedecken, Hoͤrt sie auch nicht! … Du bist, der du dich opferst, auf ewig Bist du Erbarmer! … Vollender! du gnadenvoller Erdulder! Siehe, du wirst es vollenden! Und nun … (Unaussprechliche Wehmut Ueberfaͤllt mich, und dringt in iede Tiefe der Seele!) E 5 Nun, Der Messias. Nun, nun geht er dahin. O staͤrk mich Endlichen, staͤrk nun Mich den ersten der Suͤnder, und der die Verwesung gesehn hat, Du, der ihn im Tode verlaͤßt, Weltrichter Jehova! Adam rief es. Jndem trat, dessen Namen die Himmel Ewig nennen, naͤher ans Kreuz, hub seine Hand auf; Hielt sie vor sein Antliz, und neigte sich tief, und sagte, Was kein Seraph vernahm, und kein Erschaffner verstuͤnde! Aber vom Throne des dunkeln Gerichts antwortet Jehova. Von der Antwort erklangen des Allerheiligsten Tiefen, Und es bebte des Richtenden Thron. Die Kreuziger nahten Sich dem Versoͤner. Jndem betreten die Welten alle Mit weitwehendem Rauschen des Kreislaufs Puncte, von denen Sie die Versoͤnung verkuͤndigen sollten. Sie standen. Die Pole Donnerten sanfter herab, und verstummten. Die stehende Schoͤpfung Schwieg, und zeigte des Opfers Stunden die Himmel herunter. Auch du standest, du Welt der Suͤnder und Graͤber! das Grabmal Deß, der bluten sollte, mit dir! Nun schauten mit allen Jhren Unsterblichkeiten die Engel. Es schaute Jehovah, Schaut, und hielt die Erde, die sank, es schaute Jehovah, Siehe, der seyn wird, und seyn wird, auf Jesum Christum herunter Und sie kreuzigten ihn! … Die du unsterblich, wie sie bist, Welch’ ihn sahen, o du, die seine Wunden auch sehn wird, Neige dich tief ans unterste Kreuz, umfaß es, verhuͤlle Dich, o Seele, bis dir die bebende Stimme zuruͤckkoͤmmt! Als wenn uͤber die Schoͤpfung umher ein allmaͤchtiger Tod laͤg, Und in allen Welten nur stille Verwesungen schliefen, Nun kein Lebender auf der Verwesenden Staube mehr stuͤnde: So Achter Gesang. So mit todter feyrlicher Stille schauten die Engel, Und die Vaͤter auf dich, Gekreuzigter! Aber sein Leben, Da sein unsterbliches Leben begann mit dem staͤrksten der Tode Nun zu ringen, und nun sein erstes Blut floß; da wurde, Seraphim, euer Erstaunen zur Stimme! Sie jauchzten, und weinten, Und es hallten die Himmel von neuen Anbetungen wieder. Nun noch einmal, und nun noch einmal blickt’ Eloa Nach dem Blutenden nieder! und nun, mit einer Erhebung, Wie ihn noch nie ein Unsterblicher sah, mit lautem Erstaunen, Schwung er sich in die Himmel der Himmel, und rufte, (so toͤnen Eilende Stern’ im kreisenden Lauf) er rufte: Sein Blut fließt! Flog in der Tiefe des Unermeßlichen, rufte: Sein Blut fließt! Und drauf schwebt er mit stiller Bewundrung herauf zu der Erde. Als er durch die Schoͤpfung einherkam, sah er die Engel Auf den Sonnen, die ersten der Engel, an ihren Altaͤren Stehen. Sie standen feyernd, und von den goldnen Altaͤren Flammten Morgenroͤthen hinauf zum richtenden Throne. Durch die weite Schoͤpfung herunter flammten die Opfer, Bilder des blutenden Opfers am Kreuz: ein himmlischer Anblick! Also sahn die siebzig Aeltesten des gottgewaͤhlten Und lautzeugenden Volks auf Sina die Herrlichkeit Gottes; Oder so hub sich, dem heiligen Volke den Weg zu gebieten, Von der Huͤtte, worinn dein Allerheiligstes ruhte, Offenbarter, die Saͤule der Flammen in donnernde Wolken! Aber der Gottmensch blutet. Jzt schaut er auf Juda hernieder, Das, von Jerusalem an, bis nah zum Kreuze, gedraͤngt stand. Sieh, er neigte sich hin, und rief den Huͤgel herunter: Vater! Der Messias. Vater! sie wissen es nicht, was sie thun. Erbarme dich ihrer! Stille Bewundrungen wandelten dir, du Stimme der Liebe, Durch die Menge der Schauenden nach. Die huben ihr Antliz Zu dem Blutenden auf, und sahn die Blaͤsse des Todes, Deine, du toͤdtlichster unter den Toden, uͤber ihn stroͤmen. Dieß nur sahe der Sterblichen Auge; der grossen Gestorbnen Seelenvolleres sahe geheimere Dinge: Sein Leben, Wie es rang, sein Leben von keinem Tode zu toͤdten, Haͤtte Gott den Tod nicht gesandt! wie allmaͤchtige Schauer Durch den Sterbenden schuͤtterten! wie er, verlassen vom Vater, Hing am hohen Kreuze! zu welchem Heile sein Blut floß! Welche Versoͤnung dieß Blut, aus diesen Wunden, herabquoll! Sieh, er hub sein Auge gen Himmel, und suchte nach Ruhe, Aber er fand nicht Ruhe! Mit iedem fliegenden Winke Starb er Einen furchtbaren Tod; und fand nicht Ruhe! Und es waren mit ihm zween Missethaͤter gekreuzigt. Denn, zu dieser Tiefe, beschloß des Ewigen Rathschluß Und sein eigner, ihn zu erniedrigen. Einer der Moͤrder Hing zu seiner Rechte, der Andre zur Linke. Der eine War ein versteinerter Suͤnder, ein graugewordner Verbrecher. Dieser kehrte sein finstres, verstelltes Gesicht zu dem Mittler: Christus waͤrst du? Waͤrst du es; huͤlfst du uns! huͤlfst du dir selber! Stiegst du diesem Baume, den Gott verflucht hat, herunter! Aber der andre Verbrecher, ein Juͤngling verfuͤhrt in der Bluͤhte, Nicht von ruchlosem Herzen; doch hingerissen zur Suͤnde, Rang aus seinem Elend sich auf, und strafte den andern: Und Achter Gesang. Und auch du, dem Tode so nah, so nah der Verdammniß, (Denn das sind wir!) du fuͤrchtest auch itzo Gott nicht! Wir leiden Zwar mit Recht was wir leiden, den Lohn von dem, so wir thaten! Aber dieser (er winkt auf Jesum) er hat nichts verbrochen. Und nun kehrt er sich ganz zum Gottversoͤner, bestrebt sich Gegen ihn tief sich hin zu neigen. Jhm fliessen die Wunden Heftiger, als er es thut; allein er achtet des Bluts nicht; Nicht der ofneren Wunden! Er neigt zum Versoͤner sich nieder, Ruft: Ach, Herr wenn du zu deiner Herrlichkeit eingehst, Dann erinnre dich meiner! Mit goͤttlichstrahlendem Laͤcheln Sah dem erschuͤtterten Suͤnder der sterbende Mittler ins Antliz: Heut, ich sag es dir, wirst du im Paradiese mit mir seyn! Und er vernahm mit heiligem Schauer die Worte des Lebens. Ganz empfand er sie, ganz war seine Seele durchdrungen; Und vor Seligkeit zittert er laut. Er wendet sein Auge Nun nicht mehr von dem Goͤttlichen weg. Nach ihm hin, nun immer Nach dem Menschenfreund ists, mit thraͤnendem Blicke, gerichtet! Und so brach es zulezt. Jzt, da sein Leben noch athmet, Spricht er in sich gebrochne Worte, des ewigen Lebens Dunkles Gefuͤhl, er denkt: Wer war ich? wer bin ich geworden? Dieses Elend zuvor, und nun die Wonne! dieß Beben! Dieser Seligkeit suͤsses Gefuͤhl! Wer bin ich geworden? Wer ist der am Kreuze bey mir? Ein frommer, gerechter, Heiliger Mensch? Vielmehr, vielmehr! des ewigen Vaters Sohn! der gottgesandte Meßias? Sein Reich ist erhabner, Herrlicher, weit von der Erde weg, weit! Das ist er, ihr Engel! Aber wie tief erniedrigt er sich! zu diesem Tode! Und Der Messias. Und noch tiefer, zu mir! Zwar dieß erforschet mein Geist nicht! Aber er hat mich von neuem erschaffen. Jzt, da ich dem Tode Unterliege, da schuf er mich neu. So sey dann auf ewig Angebetet von mir, ob ich dich gleich nicht begreife! Du bist goͤttlich, und mehr, mehr, als der Erste der Engel! Denn ein Engel konnte mich so von neuem nicht schaffen! Konnte meine Seele zu Gott so hoch nicht erheben! Goͤttlich, ja das bist du, und dein, dein bin ich auf ewig! Also dacht’ er, und sank in entzuͤcktes Staunen. Wohin er Blickt, vom Himmel herab, herauf von der liegenden Erde, Laͤchelt ihm alles. Auf ihn war Gottes Ruhe gekommen. Und ein Wink des Versoͤners beschied der Seraphim einen. Dieser verließ mit Eile den Kreis, der um Golgatha glaͤnzte, Stand dann unten am Kreuze. Des goͤttlichen Winkes Befehl war: Seraph, bring du diesen Erloͤsten zu mir, wann er todt ist! Und er eilte zuruͤck, und kam zum Kreise der Engel. Abdiel wars, der Unuͤberwundne. Die Pforte der Hoͤlle Huͤtet itzo, auf Gottes Befehl, ein Engel des Todes. Schnell umgeben ihn Schaaren der andern Engel, und fragen; Abdiel sprach: Mit Entzuͤckung empfing ich die hohen Befehle, Jenen erloͤsten Suͤnder nach seinem Tode dem Mittler Zuzufuͤhren. Der suͤsse Gedanke durchstroͤmt mich. Je mehr ich Jhn entfalte, je mehr werd ich von Seligkeit trunken. Einen geretteten Suͤnder, und selbst in den Stunden gerettet, Da das Opfer fuͤr das Geschlecht der Sterblichen blutet, Diese Achter Gesang. Diese Seele, so rein nun, so hell im Blute gewaschen, Diese dem Ewigen wiedergegebne, zu ihrem Versoͤner Hinzufuͤhren. O segnet zu dieser Wonne mich, Engel! Also verlor sich die Stimme des seliggepriesenen Seraphs. Uriel aber, der Engel der Sonne, hatte schon lange Fortzueilen bereit, auf seinen Gebirgen gestanden. Jtzo war sie gekommen die Zeit, den Befehl, so er hatte, Zu vollfuͤhren. Er machte sich auf, er allein durch die Himmel. Lichthell schwebt er empor, den Stern, zu welchem ihn Gott schickt, Vor die Sonne zu fuͤhren, damit dein Leben, Versoͤner, Unter fuͤrchterlicheren Huͤllen, als Huͤllen der Nacht sind, Blute. Schon stand uͤber dem Pole des Sterns der Seraph. Auf dem Sterne schweben die Seelen, eh die Geburt sie, Jn das grosse, doch sterbliche Leben der Pruͤfung, versendet. Uriel blickt’ auf die Seelen der kuͤnftigen Menschengeschlechte Nieder, und nannte den Stern bey seinem unsterblichen Namen. Adamida, der dich in dieses Unendliche streute, Sieh, er gebeuts! erheb aus deinem Kreise dich seitwaͤrts Gegen die Sonne! dann fleug, und werde der Sonne zur Huͤlle. Und die Himmlischen hoͤrten umher die gebietende Stimme. Da sie in den Gebirgen des Adamida verhallt war, Wandt’ heruͤberschauernd der Stern die donnernden Pole. Und die stehende Schoͤpfung erscholl, da, mit schreckendem Eilen Adamida, mit stuͤrzenden Stuͤrmen, mit rufenden Wolken, Fallenden Bergen, gethuͤrmten Meeren, gesendet von Gott, flog! Uriel stand auf dem Pole des Sterns, und hoͤrte den Stern nicht, So in Tiefsinn verloren betrachtet er Golgatha. Donnernd Eilte Der Messias. Eilte der fliegende Stern. Jzt war er in deine Gebiete Sonne, gekommen! Jzt naht’ er sich dir. Es staunten, beym Anblick Dieser neuen Sonne, die sanften menschlichen Seelen, Und erhuben sich uͤber des Sterns hocheilende Wolken. Adamida erreichte die Sonne. Nun wandelt er. Langsam Trit er vor ihr Antliz, und trinkt die aͤussersten Strahlen. Aber die Erde ward still vor der sinkenden Daͤmmrung. Die Daͤmmrung Wurde dunkler, stiller die Erde. Schatten, mit bleichem Schimmer, aͤngstliche truͤbe Schatten bestroͤmmten die Erde. Stumm entflogen die Voͤgel des Himmels in tiefere Haine; Bis zum Wurme, verschlichen, bestuͤrzt, die Thiere der Felder Sich zur einsamen Hoͤle. Die Luͤfte verstummten, und todte Stille herrschte. Der Mensch sah schweraufathmend gen Himmel. Jtzo wurd es noch dunkler; und nun, wie Naͤchte! Der Stern stand, Hatte die Sonne verloͤscht. Jn fuͤrchterlichsichtbare Naͤchte Lagen die weiten Gefilde der Erde gehuͤllt, und schwiegen. Aber am hohen Kreuz hing Jesus Christus herunter Jn die Nacht hin, und Todesschweiß rann mit des Sterbenden Blute, Und die Erde, sie lag in ihrer Betaͤubung. Betaͤubter Bleibt der Freund nicht am Grabe des fruͤhentfliehenden Freundes, Oder, wer grosse Thaten versteht, am Marmor des edlen Patrioten, der Tugenden nachließ. Mit starrer Gebehrde Haͤngt er uͤber der heiligen Truͤmmer, und weint nicht. Auf einmal Faßt ihn mit anderm Wuͤten der Schmerz, schreckt ihn auf. Die Erde Lag so in der Betaͤubung; so bebte sie auf. Der bewegte Golgatha schauerte itzo mit ihr bis zum obersten Kreuze. Und des Geopferten Wunden ergossen das ewige Leben Stroͤmen- Achter Gesang. Stroͤmender, da das nachtvolle Kreuz mit Golgatha bebte. Fuͤrchterlich uͤberschattet die Nacht den Huͤgel des Todes, Und den Tempel, und dich, Jerusalem. Selber die Engel Sahn ihr reineres Licht in Abenddaͤmmrung erblassen. Und es stroͤmte sein Blut. Nun stand die Menge vor Schrecken Eingewurzelt, und sah mit wildem Blicke zum Kreuz auf. Furchtbar stroͤmte das Blut der Versoͤnung. Es kam nun, sein Blut kam Ueber ihre Kinder, und sie. Sie wollen ihr Antliz Wenden, allein stets richtens allmaͤchtige Schrecken zum Kreuze Aber Uriel hatte noch einen Befehl zu vollenden. Und er stieg vom Pole des stehenden Adamida Zu den Seelen herab. Die sahn den Himmlischen kommen. Denn auch sie schon waren in Koͤrper menschlicher Bildung, Wie in luftige Duͤfte gewebt, die der Abendstrahl roͤthet. Uriel sagte zu ihnen: Jch fuͤhr euch, folgt mir, ihr kennt uns, Daß wir zu euch von dem grossen Unendlichen kommen. Er sendet Euch zu jener Erde, die euer Schatten verhuͤllt hat. Sieh, ihr werdet ihn sehn! Sein grosser goͤttlicher Name Heißt! Des Ewigen Sohn! allein vor euerm Gesicht haͤngt Diese Nacht, ihr kennt ihn noch nicht. Doch wird in der Ferne Eine Daͤmmrung unsterblicher Wonne vor euch sich eroͤfnen. Kommt, Gluͤckselige, kommt, zu dieser Wonne geschaffne! Schaut die Himmel umher, mit welchem Staunen sie feyern. Aller Kniee beugen sich dir! Dir sinken die Kronen Alle! Dir schufst du, und dir versoͤnst du die ewigen Seelen. Und nun flog er den fuͤhrenden Flug. Jhn umgaben die Seelen. Wie wenn ein Weiser im Tiefsinn, und seiner Unsterblichkeit wehrter, II. Band. F Von Der Messias. Von den Uneinsamen fern, mit des Mondes Duͤften zum Walde Wandelt, und nun, an der Hand der frommen Entzuͤckung geleitet, Dich, Unendlicher, denkt! wie ihm dann, zu tausenden, neue, Beßre, grosse Gedanken die gluͤhende Stirne voll Wonne Schnell umschweben. So eilt, umringt von den Seelen, der Seraph. Diese naͤherten sich der liegenden Erde. Die Vaͤter Sahn die zahllose Schaar in hohen daͤmmernden Wolken Kommen: ein majestaͤtischer Zug! von den ersten der Schoͤpfung, Denkende Wesen; verehrungswuͤrdige Kinder des Lebens, Myriadenmal Myriaden Unsterbliche! Staunend, Jzt das erstemal, wandte vom Kreuze die Mutter der Menschen Jhr anschauendes Antliz. Es kamen die Kinder, sie kamen! All’ ungebohrne Jahrhunderte kamen! Die liebende Mutter Stuͤzt auf der bebenden Linke sich; zeigt mit der Rechte der Menschen Vater, die Kinder, die Christen, und ruft: doch heftet ans Kreuz sich Wieder ihr Blick ans blutvolle Kreuz, da sie redte. Sie sind es Vater meiner Unsterblichen, siehe, die Kinder, sie sind es! Welche Namen nennen dich aus, du, der fuͤr sie blutet! Welch Hosanna vermag den Wundenvollen zu singen! Waͤrt ihr schon, ihr Kinder des Heils, ihr Christen gebohren! Fuͤhrten euch tausend, und tausend, und wieder tausend entzuͤckte Weinende Muͤtter zum Kreuz! und kenntet ihr schon der Gebohrnen Heiligsten, ihn, so zu Bethlem die fruͤhe Menschlichkeit weinte. Aber sie werden ihn kennen, sie werden, o Adam, den Mittler Unsers Bundes, den Sohn der Liebe, den Goͤttlichen kennen! Ach, wie im Sturme gebrochen die Purpurblume dahinsinkt, Also werden von euch die Geliebteren vor der Erwuͤrger Schwerte Achter Gesang. Schwerte sinken, indem sie sinken, dem Tode noch laͤcheln. Eure Mutter segnet euch zu! Jhr seyd die erkohrnen Hoͤhern Zeugen des groͤßten der Todten! Der sinkenden Wange Blaͤsse, der brechende Blick strahlt himmlisch heruͤber! Sie schimmern Eure Wunden! Jhr roͤchelt, Maͤrtyrer, Lieder der Wonne! Aber der Gottmensch erhub sein Aug, und sahe die Seelen. Mit dem Blicke zerrann auf jedes Himmlischen Wange Eine Thraͤne des ewigen Lebens. Denn Jesus Christus Schaute mit einem Blicke der gottversoͤnenden Liebe, Jener, mit welcher er, bis zum Tod am Kreuze, izt liebte, Zu den Seelen empor. Die Seelen schauerten Wonne. Noch kam auf des Sterbenden Wange die Farbe des Lebens Schnell wie Winke zuruͤck; geschwinder, als Winke zu fliehen. Aber izt kam sie nicht mehr. Die todesvollere Wange Senkte sich sichtbar! Sein Haupt, vom Weltgerichte belastet, Hing zum Herzen. Er hubs arbeitend empor gen Himmel, Aber es sank zum Herzen zuruͤck. Der hangende Himmel Woͤlbt sich um Golgatha, wie um Verwesungen Todtengewoͤlbe, Graunvoll, fuͤrchterlich, stumm! Der Wolken naͤchtlichste schwebte Ueber dem Kreuz, hing weitverbreitet herab, an der Wolke Feyrliche Todesstille, die selbst die Unsterblichen schrekte. Ein Gedanke, so war sie nicht mehr! Von iedem gelindern Schall unangekuͤndigt, zerriß ein Getoͤse, das aufstieg, Laut die Erde, da bebten der Todten Gebeine, da bebte Bis zur Zinne der Tempel. Das war ein Bote des Sturmwinds. Und der Sturmwind erhub sich, und braust in den Cedern, die Cedern Stuͤrzten dahin! er braust auf der stolzen Jerusalem Thuͤrme, F 2 Und Der Messias. Und sie zitterten ihm. Der war ein Vote des Donners. Und der betaͤubende Schlag schlug ins Meer des Todes! Die Wasser Fuhren schaͤumend empor, und Erd und Himmel erschollen. Als Eloa das sah, hatt’ er den grossen Gedanken; Hatt’ ihn nicht nur, er schuf ihn zur That. Von Antliz zu Antliz Wollt er den, der Weltgericht hielt, Jehova im Dunkeln Jhn in der furchtbaren Herrlichkeit, sehn! Er betete dreymal Gegen dich, Geopferter, an, und eilte gen Himmel. Jzt kam er zu den Sonnen, und kannte den himmlischen Weg kaum, So durchstroͤmten ihn fliegende Daͤmmrungen. Sieben Sonnen Ueber den Eingang, begegnen Eloa zween Todesengel Mit verhuͤlltem Gesicht. Er schwebt’ erstaunend voruͤber! Aber mit starrem Fuß stand auf der Erde die Stille Wieder. Es schaute von neuem das Menschengeschlecht, Gestorbne, Ungebohrne, Sterbliche, sprachlos auf den Versoͤner. Aber die erste Gebaͤhrerinn blickt am wehmutvollsten Auf den Sohn, den Versoͤner, der sichtbar den langsamen Tod starb. Wenn von seinem Anschaun, ihr Aug in truͤbender Wehmut, Dunkel nun ward, nun ihr Blick mit Daͤmmrungen rang, so sank er Dann auf Eine Sterbliche nieder, auf Eine vor allen, Die mit hangendem Haupt, auf sinkenden Fuͤssen, mit bleichem, Jammerbleichem Gesicht, mit banghinstarrenden Augen Leer der Thraͤnen, (ihr wurden nicht Thraͤnen zur Lindrung gegeben!) Unbeweglich, und stumm, der Tod verstummt so! am Kreuze Stand. … Sie ist es, sie ist die Mutter des grossen Gebohrnen! (Dachte schnell die erste der Muͤtter,) Mir sagt es dein Jammer. Siehe, du bist Maria! Das fuͤhlt’ ich, als Abel am Altar Blutig Achter Gesang. Blutig lag! Das fuͤhlst du! Du bist des Sterbenden Mutter! Also hing sie mit liebendem Blick an Maria. Sie haͤtt’ ihn Von der Tochter noch nicht, der theuren Tochter, gewendet, Waͤren, von Osten herauf, mit ernstem feyrlichen Fluge, Nicht zween Todesengel gekommen. Sie kamen, schwiegen, Schwebten langsam. Jhr Blick war Flamme! Verderben ihr Antliz! Nacht ihr Gewand! So schwebten sie langsam gegen des Kreuzes Huͤgel her. Sie hatte vom Throne der Richter gesendet. Fuͤrchterlich kamen sie naͤher zum Kreuz heruͤber. Da sanken Tiefer zum Staube der Erde die Seelen der Vaͤter. So weit sich Ein Unsterblicher kann in Gedanken vom Grabe verlieren, Nahten sie sich der Sterblichkeit Graͤnzen, und Bilder des Todes Stroͤmten um sie, das Graun der erdebegrabnen Verwesung Um die Unsterblichen! Da die Todesengel am Huͤgel Standen, und nun, von Antliz zu Antliz, den Sterbenden sahen, Wandten sie, der zur Rechten, und der zur Linken erhoben, Jeder den toͤnenden Flug, und, ernst und todweissagend, Flogen sie siebenmal so ums Kreuz. Zween Fluͤgel bedekten Jhren Fuß, zween bebende Fluͤgel ihr Antliz, mit zweenen Flogen sie. Von diesen, indem sie sich breiteten, rauschten Todestoͤne. So toͤnts dem Menschenfreunde vom Schlachtfeld, Wenn, zu Tausenden schon, in ihrem Blute die Todten Liegen! Weggewandt flieht er, indem verroͤchelt noch einer, Dann noch einer, und nun der einsame Lezte sein Leben. Schrecken Gottes lagen auf ihren Fluͤgeln verbreitet, Schrecken Gottes rauschten herab, da die Furchtbaren flogen. Und sie flogen das siebendemal. Der Sterbende richtet F 3 Muͤde Der Messias. Muͤde sein Haupt auf, und blickt den Todesengeln ins Antliz, Dann gen Himmel, dann ruft, mit unhoͤrbarer Stimm’ aus der Tiefe Seine Seele: Laß ab, den Wundenvollen zu schrecken! Jhrer Fluͤgel Schlag, und diesen Todeston, kenn ich! Richter der Welten, laß ab! Er rufts, und blutet. … Jzt wandten Jhren wehenden Flug die Todesengel gen Himmel: Liessen den Schauenden truͤbere Wehmut, bangeren Tiefsinn, Stummer Erstaunen zuruͤck, Erstaunen uͤber die Gottheit! Und es hing die Huͤlle des Ewigen vor dem Geheimniß Unbeweglich. … Mit starrendem Blick, auf Graͤber gerichtet, Auf einander! gen Himmel! doch immer wieder zu dem hin, Der in seinem Blute vom Kreuz herab in die Nacht hing, Standen die Schauenden. So unzaͤhlbar sie standen, so war doch Unter allen Augen voll Wehmut, kein Auge, wie deins war, Kein Unsterblicher so in zarte Schmerzen zerflossen, Als du, Mutter des Menschengeschlechts, der Todten Mutter! Siehe, sie senkt ihr entschimmertes Haupt zur Erde, dem Grabe Jhrer Kinder, und breitet die hohen Arme gen Himmel. Nun beruͤhrt der Traurenden Stirne den Staub, nun falten Vor der umnachteten Stirn die gerungnen Haͤnde sich bang zu. Halb erhebt sie sich; sinket wieder; erhebt sich, izt blickt sie Star umher. Es daͤmmert um sie. Sie ist bey Gebeinen Jrgendwo unter Todtengebeinen; zwar jenseits am Grabe: Aber am Grabe doch! Jtzo begann die gebrochnere Stimme, Und der Unsterblichen Harmonien zerflossen in Seufzer. Darf ich Sohn dich nennen, noch Sohn dich nennen? O wende, Wende nicht weg dein Auge, das bricht! Du vergabst mir, Versoͤner, Mein Achter Gesang. Mein Versoͤner, und meiner Gebohrnen! Die Himmel erschollen, Und der Thron des Ewigen klang von der Stimme der Liebe, Die der Verbrecherinn Leben gebot, unsterbliches Leben: Aber du stirbst! izt stirbst du! Zwar ist es ewige Gnade, Die mich lossprach: aber du stirbst! Er dringt, wie ein Wetter, Gegen mich an, der Gedanke voll Nacht! Die Unsterblichkeit stuͤrzt er Zu den Graͤbern zuruͤck! Ach laß mich dir, Goͤttlicher, weinen! Zwar bist du, fuͤr Thraͤnen zu groß; doch laß mich dir weinen! Sieh, ich durste nach Ruh! vergieb, vergieb auch die Thraͤnen! Du Versoͤner! du Opfer! des Todes Opfer! mein Mittler! Wundenvoller! Geliebter! o, du Geliebter! du Liebe! Du verzeihest! … Verzeihet ihr auch, zum Tode gebohrne, Jhr, die Eva gebahr? Wenn mir ihr Roͤcheln, ihr lezter, Starrender Blick mir flucht, so segne du mich, Erwuͤrgter! Flucht der Todten nicht, Kinder! Um euch durchweint ich mein Leben; Da mein Herz brach, weint ich um euch; und Thraͤnen verwesten Mit der Verwesenden! … Bricht nun euer Herz auch, Kinder! Nun im Tode; so stroͤmt aus seinen Wunden euch Wonne, Wonne des bessern Lebens euch zu! Jhr sterbt nicht, ihr schlummert Nur zu dem Wundenvollen hinauf! Dann glaͤnzen die Wunden, Seine Wunden, die Wunden des Unerschaffnen, der todt war. Flucht der Mutter nicht, Kinder! Jhr seyd unsterblich, und Er ist Jesus Christus, ist auch mein Sohn! Ach aber, Geliebter! Du, der Geliebten Geliebtester! du … (doch dich nennet kein Nam’ aus!) Siehe, du stirbst! O waͤr sie die truͤbe, die bebende Stunde, Waͤr sie, mit Fluͤgeln des Lichts, voruͤber geflogen! Gedanke! Grabgedanke, laß ab! … Noch wird sie bleicher, noch sinkt sie F 4 Seine Der Messias. Achter Gesang. Seine todte Wange! Die Wunden noch schauern sie Blut aus! Ach, sein goͤttliches Haupt, izt sinkts noch tiefer herunter Jn die Nacht! Dieß Athmen, o Tod, ist deine Stimme! Ja, so roͤchelst du! … Tod! das ist deine Stimme! … Wo bin ich? … Aber er wendet sein Antliz auf mich! Der Seraphim Jubel Sing es, daß er sein Angesicht wandte! Die Pforten der Himmel Hallen es nach, daß der Gottversoͤner noch Einmal sein Antliz Auf die Mutter der Sterblichen wandte! Des ewigen Lebens Ruhen umschatten mich wieder! Jch hebe zum Schoͤpfer mein Aug auf Strecke die heißgefalteten Haͤnde zu dem, der erwuͤrgt wird, Meine Kinder, und segn’ euch! Jn seinem Namen, (Jhn schliessen Himmel nicht ein! Vor ihm hat das Unermeßliche Graͤnzen!) Jn des Heiligen Namen, des Wiederbringers der Unschuld, Jn des Todtenerweckers, im Namen des Richters der Welten! Jn des Sterbenden Namen, der zaͤhlt der Leidenden Thraͤnen! Und durch seinen blutigen Schweiß in Gethsemane! Diese Vollen Wunden! dieß Blut, das aus diesen Wunden herabquillt! Durch dieß hangende Haupt! die muͤden Augen voll Jammer! Diese Stirne der Angst! die Todesmine! dieß Schauern! Durch sein Rufen zu Gott! segn’ ich euch, Kinder, zum Tod ein! Der Der M essias. Neunter Gesang. Jnhalt des neunten Gesangs. E loa koͤmmt vom Throne des Richters zuruͤck, und sagt den Vaͤtern, daß er sich demselben nicht voͤllig habe naͤhern duͤrfen. Von den Leiden des Meßias am Kreuze. Das Betragen der Freunde Jesu. Jo- hannes und Maria unterm Kreuze. Petri Schmerz wird, auf eine ihm unbekannte Art, durch seinen Engel, Jthuriel, ein wenig gelin- dert. Er koͤmmt so weit zu sich selbst, daß er sich entschließt, seine Freunde aufzusuchen, und sich von ihnen troͤsten zu lassen. Jndem er sich mit Aufsuchung derselben beschaͤftigt, haͤlt ihn ein Gespraͤch zwi- schen einem Fremden, und Samma auf. Samma erkennt Petrum. Petrus findet Lebbaͤum. Lebbaͤus kann ihm nicht antworten. Er fin- det seinen Bruder Andreas. Andreas wirft ihm, auf eine gelinde Art, seine Verleugnung vor. Petrus trift Joseph und Nikodemus an, die von seiner Verleugnung noch nichts wissen. Nun kehrt der trauernde Petrus nach Golgatha zuruͤck. Johannes und Maria. Un- ter den Vaͤtern ist Abraham noch immer von der Bekehrung des einen Missethaͤters voll. Seine Unterredung mit Moses. Jsaak koͤmmt dazu, und sezt die Unterredung fort. Abraham betet mit ihm zum Meßias. Jsaak bemerkt, daß ein Cherub Seelen gegen das Kreuz herauffuͤhre. Es waren die Seelen frommer und erstgestorbner Hei- den. Der Cherub redet von dem Meßias zu ihnen. Salem, Johan- nis; und Selith, Mariens Schutzengel, wuͤnschen, und vermuthen zulezt aus einem Blicke des Meßias, Troͤstungen fuͤr Maria und Jo- hannes. Der Versoͤner redet diese beyden an. Von den Leiden des Mittlers am Kreuze. Das Erdbeben faͤngt von neuem an. Es dringt bis in eine unterirdische Hoͤle, wohin Abbadona vom Oelberg geflohn war. Seine Empfindungen bey dem Erdbeben. Er entschließt sich, den Meßias von neuem zu suchen. Seine Zweifel, ob er sich in einen Engel des Lichts verstellen solle? Seine Gedanken, da er herauf koͤmmt, und die verfinsterte Erde sieht. Endlich nimmt er zitternd die Gestalt eines guten Engels an. Er hatte Jerusalem schon entdeckt, und izt flieht er auf die Gegend zu, uͤber welche die Nacht am dunkelsten her- abhaͤngt. Bey seiner Annaͤherung hoͤrt er Satan und Adramelech im todten Meere. Die Engel erkennen ihn, seines angenommenen Schim- mers ungeachtet; aber sie lassens ihm zu, daß er sich weiter naͤhere. Nach einigen Zweifeln erkennt er den in der Mitte Gekreuzigten, fuͤr den Meßias. Was er dabey empfindet. Er sieht seinen ehmaligen Freund Abdiel, und so sehr er sich bemuͤht, nicht von ihm erkannt zu werden, so wird ers doch, und entflieht zuletzt in seiner verdunkelten Gestalt. Der Todesengel Obaddon fuͤhrt die Seele Jschariots zum Kreuze, und zeigt ihr den sterbenden Meßias; hierauf den Himmel der Seligen von ferne; darnach bringt er sie zur Hoͤlle. Der Messias. Neunter Gesang. J tzo kam Eloa zuruͤck vom Throne des Richters. Voll von tiefẽ Gedankẽ, u. langsamer schwebt’ er des Tempels Zinne voruͤber, und trat in der Vaͤter Versam̃lung und sagte: Eh ich rede, betet mit mir! Jch will anbeten, Eh ich rede! Da fielen sie all’ aufs Angesicht nieder; Beteten still den Unendlichen an. Mit eben der Stille Standen sie auf. Eloa verstummte noch. Endlich redt’ er. O du, welchen Namen nicht nennen, Gedanken nicht denken, Erster! … Zu ihm erhub ich mich, wollte, von Antliz zu Antliz, Sehn, der Weltgericht haͤlt, den Unausgesoͤnten im Dunkeln! Jn der furchtbaren Herrlichkeit, Gott! Jch kam an die Sonnen; Und die daͤmmerten! Kam zu des Himmels Pole; da rangen Truͤbe Der Messias. Truͤbe Schimmer mit Naͤchten! Jch ging zum Throne, da wurd es Dunkler um mich, und nun noch dunkler, und nun. … Doch ich suche Namen, und finde sie nicht, wie es um den Unendlichen Nacht war! Keine Namen dem Schauer, der von dem Unendlichen ausging. Und ich stand, und hoͤrte von fern die Stroͤme der Hoͤlle, Unter der tiefen schweigenden Schoͤpfung, rauschen. Jch schwebte Langsam weiter. Da rief der erste der Todesengel Gegen mich her: Weß Schweben ist dieses Endlichen Schweben? Und ich bebte zuruͤck, sank auf mein Angesicht nieder, Betet’ ihn an, und verstummt’ und betet’ ihn an, der Gericht hielt. Also sagt’ er, und wandte sich weg, und verhuͤllte sein Antliz. Jesu war sein Haupt zum Herzen herunter gesunken, Und es schien, als schlummert’ er. Selbst der laͤsternden Menge Ungestuͤm legte sich, wie am unbestuͤrmten Gestade Sich der Ocean legt. Die den Goͤttlichen liebten, umirrten Golgatha, oder die aͤussersten Fernen, woraus sie den Mittler Noch mit weinendem Blicke zu sehn vermochten. Doch jeder Mied den andern, damit sie sich nicht die tiefe Wunde Tiefer gruͤben; spraͤchen sie sich. Nur der Juͤnger der Liebe, Und des Leidenden Mutter, verliessen sich nicht. Sie standen Unten am Kreuz. Der Juͤnger, der schwur, daß er Jesum nicht kenne, War die schlaflose Nacht und den Morgen umher gezittert, Hatte Ruhe gesucht, und keine Ruhe gefunden. Also irrt ein Sohn an des Meers betruͤmmertem Ufer, Dem sein Vater nicht ferne von ihm an einem der Felsen Umkam. Sprachlos irrt er umher, und sieht unverwendet Nach Neunter Gesang. Nach dem Felsen, auf dem sein Vater geschmettert und todt liegt. Endlich ruft er jammernd gen Himmel: Er habe den Vater, Ach er hab ihn verlassen, im tiefen Meere, verlassen! Petrus ermattet izt ganz, und bleibt auf einer der Anhoͤhn Nah an Golgatha stehen; und laͤßt die bleicheren Haͤnde, Die er nicht mehr zu ringen vermag, hinsinken. Sein Schuzgeist, Seraph Jthuriel, sieht ihn, und gießt ihm einige Tropfen Ruh in sein Herz. Nur dieses vermag er itzo zu geben, Ob er gleich ein Unsterblicher ist. Der traurende Juͤnger Fuͤhlt die Lindrung, und koͤmmt so weit zu sich selbst, daß er aufsieht, Und mit wuͤnschendem Auge nach seinen Freunden umhersucht, Daß er zu ihnen hingeh, und sie ihn strafen, und troͤsten. Aber er stand noch immer, und sah nach Jerusalem nieder. Denn zum Huͤgel hinauf, zum Todeshuͤgel, zu sehen, Dieß vermocht er izt nicht. Sein Aug arbeitet mit scharfem Untersuchendem Blicke, die stolze Stadt zu erkennen. Aber sie lag, so weit sie Gefilde dekte, so hoch sie Thuͤrmte, gehuͤllt in traurende, schwerbelastende Daͤmmrung, Fuͤrchterlich da. Kaum daß noch von seinen Zinnen der Tempel Und von seinen Thuͤrmen der Sion, sterbenden Schimmer Sinken liessen. So lag Jerusalem. Petrus wandte Nach der Seite sein Auge, von der ein dumpfes Gemurmel Ausging. Es waren Fremdlinge, die zum Feste gekommen, Jzt heraus geeilt waren, am Kreuz den Propheten zu sehen. Petrus geht zu ihnen herab. Nach seinen Geliebten Sucht er unter den stilleren Haufen. Er suchte vergebens. Jzt haͤlt ihn ein Gespraͤch auf. Ein Mann in fremdem Gewande, Glaͤn- Der Messias. Glaͤnzend gekleidet, und schwarz von Gesicht, fragt einen Alten, Dessen Auge Vertraulichkeit ist, und dem ein geliebter Zarter, bebender Sohn am Arm haͤngt: Aber so sag dann, Sprach der Fremdling, was hat er, daß sie ihn toͤdten, verbrochen? Was er verbrach? Sie toͤdten ihn, weil er den Kranken Gesundheit; Gehende Fuͤsse den Lahmen; den Tauben Ohren; den Blinden Augen gab; weil er die Beseßnen (ich war ein Beseßner!) Jhren Qualen entriß! ach weil er die Todten erweckte; Weil er in maͤchtigen Reden die Pforten des ewigen Lebens Unsern Seelen eroͤfnete; weil er ein goͤttlicher Mann war! Aber (er sah, indem er sich wendete, Petrum) du siehst hier, Fremdling, einen von seinen Geliebten, die der Prophet sich Auserwaͤhlte, daß sie ihn saͤhen, und hoͤrten, und die er Von des Ewigen wahren Verehrung alles gelehrt hat. Unterrichte du selbst (er kehrt sich zu Petro,) belehre Diesen Fremdling, und mich: Warum sie den Goͤttlichen toͤdten? Laß, Mann Gottes, laß dich erbitten! Und wende dein Antliz Nicht von mir weg. Du kennst ihn, dich liebt er, du warst sein Erwaͤhlter! Bruͤder lieben sich so nicht, als du und Johannes ihn lieben! Petrus wandte noch immer sich weg, nicht, weil er erkannt war, Denn izt war er, zu sterben, bereit! Das Wort, von Johannes, Und ihm selber, durchdrang sein innerstes Mark ihm. Jhr Freunde, Sprach er endlich mit stammelnder Wehmut, was ich zu sagen Jtzo vermag, das ist: Es stirbt der Beste der Menschen! Mit dem eilenden Worte verlor er sich unter die Menge. Aber Samma, und Joel, mit ihnen Candaces Vertrauter, Welchen nachher Philippus, von Gottes Geiste gerufen, Jn Neunter Gesang. Jn die Quelle des Hells eintauchte, gingen mit Staunen Hin nach Golgatha. Petrus entdekte von ferne Lebbaͤum, Wie er, im Truͤben, an einem verdorrten Baume, gebuͤckt stand, Und ging gegen ihn hin. Nun kam er nahe; Lebbaͤus Aber erkannt’ ihn noch nicht. Jhn redte Petrus mit leisem, Brechenden Laut an: O hast du ihn auch am Kreuze gesehen? Zwar auch du bist elend, doch darfst du dein ofneres Auge Zu ihm erheben. Jch aber … o lindre, lindre mein Elend! Hier, hier blutet sie mir, hier blutet die brennende Wunde! Einen Laut nur, den einzigen Trost nur von meinem Geliebten! Aber du schweigst? … Noch schwieg er. Vergebens rang sein Gefuͤhl sich Nun zur Stimme zu werden. Doch waren sein bebendes Antliz, Seine Thraͤnen, nicht sprachlos! Allein die Troͤstung beruͤhrte Simons Seele nur leise. Mit schwerem Herzen entweicht er; Ueberlaͤßt sich von neuem der Menge Wogen, und treibt so Mit der Menge. Da er izt einem der eilenden Haufen, Weggedrungen, entkoͤmmt, sieht er auf einmal Andream, Seinen Bruder, vor sich. Er wollt’ ihn fliehen; allein izt Winkt er ihm zu, daß er sich mit ihm noch weiter entferne. Nunmehr wendet Petrus sich um: Mein Bruder! mein Bruder! Und umarmt ihn, nicht feurig wie sonst; mit muͤder Umarmung Faßt er ihn um, und weint an des Bruders Halse. Mein Bruder! Ach mein Bruder! erwiedert mit sanfter Wehmut Andreas. Gerne wollt ich; allein ich kann, ich kanns nicht verschweigen! Simon, es blutet mein Herz mit deinem Herzen! … Den Besten Unter den Menschen, den Treusten, den Liebevollsten der Freunde, Gottes Sohn! … den hast du … vor seinen Feinden … verleugnet! Goͤtt- Der Messias. Goͤttliche Traurigkeit, dem, den er verleugnete, heilig; Voller, herzlicher Dank geweiht der Treue des Bruders, Waren in Simons Augen; allein sein Mund verstummte. Und sie |hielten, und sahen sich kaum. Dann gingen sie seitwaͤrts Hand in Hand, und sahen sich kaum. Zulezt entsanken Jhre Haͤnde sich, und sie verliessen einander. Des Trostes Stets noch beduͤrftig, noch immer voll heissen Durstes nach Troste, Ging der einsame Petrus. Nicht lange, so schrekt ihn der Anblick Zweener Maͤnner, die er verehrte. Zwar wollt er entrinnen; Aber sie waren zu nah. Kennt uns des goͤttlichen Lehrers Theurer Juͤnger nicht mehr? Sprach Joseph von Arimathaͤa. Simon, wir sind auch Juͤnger. Doch waren wirs heimlich. Jzt aber Sind wir bereit, uns zu ihm, vor allem Volk, zu bekennen. Nikodemus mein Freund, du kennst den Edlen! er thats schon Vor der Versammlung des Raths. Mit unerschuͤttertem Mute Redt’ er, fuͤr Jesum. Jch aber, ach ich bekannt’ ihn so spaͤt erst! Nur durchs Weggehn, als Nikodemus der Suͤnder Versammlung, Sich nicht mehr zu entweihn, verließ. So hemme denn, Joseph, Theurer Joseh, den Schmerz, (sprach Nikodemus) der immer Deine sanfte Seele noch quaͤlt. Du gingst ja mit mir weg! Du bekanntest ihn ja! Mit thraͤnenhellerem Blicke Richtete Joseph sein Auge gen Himmel: Erhoͤr, o erhoͤre! Du, Gott Jesu, und Abrahams Gott, warum ich dich anfleh! Den ich so schwach, da er lebte, bekannte, den laß mich, du Helfer! Wenn er todt ist, mit Mute vor aller Augen bekennen. Hier schweigt Joseph. Jndem sein Gebet zu des Ewigen Throne Stieg, und zu ihm die Erhoͤrung, mit ihren Gnaden, herabkam; Wandte Neunter Gesang. Wandte sich Nikodemus zu Petro: Du blickest o Simon, Wehmutvoll von uns weg. Wir fuͤhlens, was du empfindest, Ach, wir empfinden den Tod, so den Heiligsten unter den Menschen Jzt zu toͤdten beginnt, und vielleicht den gefuͤrchteten Schlag bald, Bald den lezten gethan hat! Allein, o liebender Juͤnger! Sag es uns auch, geuß diesen Balsam in unsere Seelen, Daß uns dieß dein Auge voll Wehmut zugleich nicht mit ank | agt, Daß wir vordem den goͤttlichen Mann ins geheim nur bekannten. Doch wir verdienen es wohl. … Wie ein Baum vom Sturmwind ergriffen, Nach der Einen Seite von brausenden Zuͤgen gebogen Steht; so stand mit gewandtem Gesichte der bebende Petrus. Aber izt unterlag er der Angst, verhuͤllte sich, flohe, Suchte Ruh in groͤsserer Qual. Denn er kehrte mit Eile Zu dem Todeshuͤgel zuruͤck. Er war zu des Huͤgels Fusse mit schwerem Schritte gekommen. Jzt athmet sein Leben Schneller, izt wagt ers zum hohen Kreuze die Augen Aufzuheben; doch nicht bis zu des Sterbenden Haupte. Unten am Kreuz erblickt er, nicht fern von einander, Johannes Und des grossen Geopferten Mutter, beyde vor Jammer Eingewurzelt, beyde verstummt, und thraͤnenlos beyde. Auch nicht fern umgaben das Kreuz nicht wenige Treue, Die aus Galilaͤa dem Goͤttlichen nachgefolgt waren. Wie gering von Geburt, wie unbeladen vom Gluͤck sie, Und wie unmerklich durch Ansehn auch waren; so hat der Geschichte Ewigste doch aus dem redlichen Haufen einige Namen, Einige theure Namen der Nachwelt der Christen erhalten. Magdale Maria; Maria die Mutter Joses II. Band. G Und Der Messias. Und Jakobi; Maria, die Mutter der Zebedaͤiden; Und du, deren Schwester, die izt, den Besten der Menschen, Jhren einigen Sohn, am langsamtoͤdtenden Kreuz sah, Auch Maria genannt; die waren von denen, die naͤher Kamen zum Kreuz, als viele, die auch den Goͤttlichen liebten! Magdale Maria war auf die Erde gesunken. Sehnsuchtvoll, zu sterben, nun auch zu sterben! entriß sie Jeder Hofnung, ieder Erinnrung der Wunder des Mittlers Sich mit Ungestuͤm! ward von ihrer Traurigkeit Strome Unaufhoͤrlich ergriffen, und fortgeschleudert. So lag sie Auf dem Huͤgel, und fuͤllte mit ihrer Klage den Himmel! Sie zu troͤsten geneigt, obgleich selbst trostlos, redet Joses sanfte Mutter sie an, und verstummt im Reden. Bleich stand in der daͤmmernden Nacht der Zebedaͤiden Klagende Mutter. Sie rang die Haͤnde gen Himmel, und blickte Starr hinauf: Ob, selber die goͤttliche Rache, noch saͤume? Ganz von Schmerzen betaͤubt, und so vor Traurigkeit sprachlos, Daß die schwache Lindrung der Seufzer, auch die ihr versagt war, Kniete nicht fern von Maria, der Mutter des goͤttlichen Dulders, Jhre Schwester, und sah in der Nacht den Blutenden schweben! Keiner beklagt wehmuͤtiger diese Beaͤngsteten, keiner Herzlicher, als der gerettete, mitgekreuzigte Juͤngling. Aber Neunter Gesang. Aber auch der Unsterblichen Blicke, den Vaͤtern, entgehen Dieser Traurenden Schmerzen nicht ganz; ob sie am Versoͤner Gleich mit jeder von ihren erhabnern Empfindungen hangen. Abraham hatte die Rettung des mitgekreuzigten Juͤnglings So mit Freuden des ewigen Lebens erfuͤllt, daß er alles, Was der Sterbende that, mit inniger Liebe bemerkte. Jtzo bewegt’ ihn das Mitleid, mit dem der geheiligte Juͤngling Auf die frommen Leidenden sahe, so sehr, daß er schnell sich Seinem verstummten Erstaunen entriß, und zu Moses sich wandte, Welcher, verstummt wie er, bey ihm stand. Der erhabene Vater Von dem zwoͤlfgestaͤmmten Judaͤa sprach zu dem Stifter Jeuer Huͤtte, die, lange des Allerheiligsten Vorbild, Opferte, zu dem Schreiber des gottgebotnen Gesetzes: Was wir sehen, o Sohn! was diese wenigen Stunden Uns enthuͤllen, davon wird Ewigkeiten dein Vater Sich mit dir besprechen. Jzt, da das verstummende Staunen Mich verlassen hat, wollen wir diesem graͤnzlosen Meere Einige Tropfen entschoͤpfen. Du sahst auf Horeb des Mittlers Herrlichkeit; ich in Mamres geweihtem Haine. Da war er Sanfter, da toͤnte des Goͤttlichen Mund melodische Gnaden. Eben so sanft, so suͤßbetaͤubend erklang mir die Stimme Von dem geretteten Suͤnder, von meinem Kinde! Mein Jubel Stroͤm in die Jubel der Himmel, daß du die Suͤnder erloͤsest, Gottgeopferter! Wie dem nahen Grabe der Juͤngling Sanft zulaͤchelt! Wie ihn die Erbarmungen Gottes beseelen! Wie der Friede des ewigen Lebens sich uͤber ihn breitet! G 2 Wie Der Messias. Wie geruͤhrt er zugleich, obschon des besseren Lebens Ruhe so nah, und wie voll Mitleid die Leidenden anblickt. Aber daß meine Kinder den Allerheiligsten toͤdten, Keine Reue sie schmilzt, sie nicht, wie jener, zuruͤckfliehn: Ach was wuͤrd ich daruͤber, wofern ich noch sterblich am Grabe Stuͤnde, was wuͤrde daruͤber ihr grauer Vater empfinden! Was mir Gabriel gern verschweigen wollte, nicht konnte, Laß Einmal den truͤben Gedanken, doch schnell und gefluͤgelt, Vor dir uͤber, o Sohn, dann zuruͤck zur Vergessenheit gehen! Er, so mit diesen Wunden zum Weltgerichte wird kommen, Hat den Gottverlaßnen ihr Urtheil prophetisch gesprochen. Auch sie haben es, uͤber sich selbst, gesprochen! Der Heide Wollt’ ihn nicht verdammen. Sie aber thatens, und riefen: Ueber uns komme sein Blut, und uͤber unsere Kinder! Ach wenn nur die schrecklichen Worte kein Todesengel Nicht mit eisernem Griffel in ewige Felsen gegraben, Und vor Gott sie gestellt hat! Jch seh, ich sehe die Voͤlker Aller Enden, so weit der Aufgang und Untergang strahlen! Alle Menschen zum Kreuze des Gottversoͤners versammelt: Aber meine Kinder nicht mit! … Jzt erwiederte Moses: Vater Jsaks, und Jakobs, und jener Treuen, die dennoch, Ob das Volk zum Bilde gleich lief, Jehova verehrten, Davids Vater, und der, die den Gottversoͤner gebohren, Und des Vater, der nun die grosse Versoͤnung vollendet, Heb, o Abram, dein Aug auf, und sieh! Zwar was ich dir sage, Weist du alles; doch ist es gut, die gesehene Wahrheit Wieder Neunter Gesang. Wieder zu sehen. Sie sind ein Volk des Gerichts, und der Gnade! Er, der thun wird, was er gethan hat, der Unerforschte, Der, mit der Rechten, Erbarmung; Gericht, mit der Linken, herabwinkt, Hat sie auf einen Felsen gestellt, dem Menschengeschlechte, Allen Soͤhnen des Staubs, zum strahlenhellen Beweise: Daß es in ihrer Gewalt sey, sich Tod und Leben zu waͤhlen! Wer nun unter ihnen den warnenden Felsen entdeckt hat, Wenn ein solcher Pilger der Erdewanderschaft dennoch Nicht empor sieht, und lernt, der verwirft sich selber! Sein Blut sey Ueber ihm selbst, wenn er, nun jenseits am Grabe, zum andern Groͤssern Tod hinunter gefuͤhrt wird! Hier endete Moses. Abram begann von neuem: Du hast das dankende Laͤcheln, Sohn, gesehen, mit dem ich dich hoͤrte. Vielleicht, wenn sie lange, Zum Beweise, gestanden, zu suͤndigen aufgehoͤrt haben, Denn es sollen die Soͤhne der Vaͤter Suͤnde nicht tragen! Dann, o Sohn, dann vielleicht noch werden sie. … Sanftes Entzuͤcken Ueberfaͤllt mich, und, Friede von Gott, umlaͤchelt mein Auge! Ach dann werden sie noch zum Gottversoͤner, zum Retter Aller Menschen, zu ihm, der sie des Tags in der Wolke; Und in seiner Flamme des Nachts, nach Kanaan fuͤhrte, Der am Kreuze fuͤr sie auch blutete, wiederkommen! Kommt, kommt wieder, o kommt zu dem, der euch retten will, wieder Meine Kinder, zu ihm, zu ihm, den ihr toͤdtetet, wieder! Zum geschlachteten Lamm! kommt wieder zum ewigen Leben! Betend schaut’ er gen Himmel. Jhn sah der Geliebte, die Troͤstung Seines Alters, sein Sohn. Der Juͤngling kam zu dem Vater. Denn es war ihm die Juͤnglingsgestalt nach dem Tode gegeben, G 3 Daß Der Messias. Daß er dem Himmel auf ewig den Gottgeopferten bilde! Jsak sprach: Jch sah in deinem Antliz, o Vater, Deine Gedanken von fern. Ach, unsre Kinder, sie toͤdten Den, so fuͤr sie sich heiligt, ihn toͤdten sie! Ewiger Richter, Du erbarmst dich noch ihrer, und traͤgst sie auf Adlersfluͤgeln, Wie du aus Aegypten sie trugst, zu ihrem Erretter! Seligkeit gießt mir diese Betrachtung, Entzuͤckungen gießt sie Mir in die Seele! Noch Eine durchstroͤmt mich mit heiligem Schauer. Ach du weist es noch wohl, als du auf jenem Gebirge, Heilig, auf immer heilig ist mir die Staͤte des Opfers! Als du dort zum Altare mich fuͤhrtest. Dein freudiger Sohn ging Neben dir her, und wollte mit dir dem Ewigen opfern! Aber, da ich nunmehr auf dem Opferholze gebunden Lag, und der heilige Brand bey mir aufflammte; mein Auge Thraͤnend gen Himmel hinaufsah; du mich das leztemal kuͤßtest; Dann dich wandtest, und nun den blinkenden Dolch, den Verderber, Ueber deinem Geliebten emporhieltst: … doch das Trauern Dieser Stunde verschweig ich! Jahrhunderte Freuden bekroͤnen Sie mit Seligkeit! Ach, dein Jsak wurde gewuͤrdigt, Gottes Opfer, das Opfer, das nun auf Golgatha blutet, Vorzubilden! Entzuͤckung, und sanfte Traurigkeit rinnen Durch mein unsterbliches Leben! Er sprachs und Abrahams Stimme Hauchte mit leisem Lispeln ihn an. So sprach sie zum Sohne: Laß uns zu dem Geopferten beten! Dann knieten sie beyde Dicht an einander. Ein Arm war um den andern geschlungen, Jhre Haͤnde, nach Golgatha hin, gefalten, und Abram Betet’: Neunter Gesang. Betet’: O du … allein mit welchem goͤttlichen Namen Soll ich zuerst dich nennen, du grosser Suͤndeversoͤner? Oder hoͤrst du dich lieber, die Wonne der Glaubenden nennen? Sohn des Vaters! was hab ich, seitdem dich in Bethlehems Huͤtte Eine sterbliche Mutter gebahr, was hab ich empfunden! O du weinendes Kind, mit welchem Donner durchschalltest Du die Himmel, als du am Staube der Sterblichen weintest! Unbegriffen von Engeln; doch ihrer Jubelgesaͤnge Hoͤchste Begeistrung, huͤlltest du dich in niedriges Leben! Kaum, daß sie dich noch erkannten; du aber thatst es, und gingest Auf dem erhabnen einsamen Wege daher, und dachtest Deinen Tod! … Nun bist du zum grossen Ziele gekommen, Zu dem Ziele, nach dem du seit Ewigkeiten herabsahst, Lange, lange zuvor, eh ich war! Unendlicher, du nur Konntest diesen Tod, den Erretter, zum Ziele dir waͤhlen! Meinen Erretter, und aller Soͤhne des ersten Gefallnen! Und nun … blutest du, nun, … zu sterben! … Wir halten, o Gottmensch Unser Mitleid zuruͤck! Denn du bist uͤber das Mitleid Aller Endlichen weit erhaben. Allein wir empfinden Diesen grossen gefuͤrchteten Schlag, mit welchem der Tod dich Trift, der die weite graͤnzlose Schoͤpfung herab und hinauf bebt, Wir empfinden ihn mit! Erbarme dich unser, erhabner, Ewiger Mittler, damit wir ihn nicht zu maͤchtig empfinden! O du Menschlicher! mehr, noch mehr erbarme dich jener, Die am Staube dort stehn, dem Staube verwandter, als wir, sind! Abraham betete so. Sie schwiegen beyde. Darauf kehrt Jsak sich um, und fragt: Wer sind die kommenden Seelen, G 4 Die Der Messias. Die der Cherub gegen das Kreuz herauffuͤhrt? Jndem war Schon ihr schimmernder Haufen dem Kreuze naͤher gekommen. Wie ein Morgen erhuben sie sich. Sie hatten vor kurzem Jhre Leiber, die sinkenden Huͤtten, verlassen. Es waren Seelen aus allen Geschlechten der Menschen. Von Pole zu Pole Wurden izt ihre Koͤrper der schnellverzehrenden Flamme, Oder dem Grabe gegeben. Sie waren das kleinere Leben, Jhrem Herzen getreu, und rein, wie ein Sterblicher rein ist, Durchgewandelt: allein kein gottgesendetes Licht war, Jhnen zu leuchten, gekommen. Sie fuͤhrte der denkende Cherub Wie sie voll des ersten Erstaunens, uͤber das neue Hoͤhere Leben, waren, und still zum Allmaͤchtigen flehten, Tausend Seelen! Es wandte zu ihnen der Cherub sein Antliz. Abraham, und die Vaͤter vernahmens, was er herabrief Zu den Seelen, indem sie am nachtvollen Kreuze schwebten. Was ihr sehet, erwaͤgts mit allen forschenden Kraͤften, Die zur Betrachtung euch hat die fromme Bewundrung gelassen. Keiner von denen, die Weiber gebahren, kann ohne den Mittler, Der am Kreuze vor euch hier blutet, den Ewigen schauen. Seelen, ich sag euch das grosse Geheimniß der Ewigkeit. JEsus, JEsus heißt sein goͤttlicher Name, der dort fuͤr die Menschen, Fuͤr die Verbrecher, die Erben des Todes, dem Richter sich opfert. Siehe! des Ewigen Sohn, und einer sterblichen Mutter, (Ach dort steht sie am Kreuz!) ward JEsus der Erde gebohren. Leiden, beten, wunderthun, lehren, leiden, und leiden, War sein Leben: und nun, (der ganzen Ewigkeit Wonne Haͤngt Neunter Gesang. Haͤngt daran!) nun stirbt er, fuͤr alle Gebohrne der Erde, Stirbt fuͤr euch! … Waͤr er vom Anbeginne der Welten Nicht zum Gottversoͤner erkohren gewesen; so stuͤrbt ihr Nun den ewigen Tod, den alle Suͤnder einst sterben, Denen sein Heil verkuͤndiget wird, und die es verwerfen! Gott, der euer kuͤnftiges Leben, vor eurer Geburt, sah, Weis, ihr haͤttet das Heil des Erloͤsenden angenommen: Haͤtt’ er das Leben, so euch am Staube der Erde bestimmt ward, Mit den Tagen der goͤttlichen Botschaft von Jesu, verbunden. Seelen, um Seinentwillen, hat euch das Wesen der Wesen Von den Strafen der Missethat losgesprochen. Jhr seyd nun Rein vor Gott! … Den ihr zu erkennen rangt, nicht erkanntet, Er hat eure Thraͤnen gesehn; das Flehn, euch der Suͤnde, Die ihr fuͤhltet, wie wenig ihr auch die toͤdtende kanntet, Euch ihr zu entreissen, dieß Flehn, unsterbliche Seelen, Hat er in seinem Himmel erhoͤrt! Es betete da schon Der am Kreuze fuͤr euch, daß euch sein Vater erhoͤre, Und in euch, die brennende Wunde der Missethat, heile! Denn ihr wart zum ewigen Tode verwundet! … O sinket, Sinkt aufs Antliz, und dankt dem Wiederbringer der Unschuld! Eurem Mittler! dem Geber des ewigen Lebens dem Dulder! Jesu, des Ewigen Sohne! dem Sohne der sterblichen Mutter! Unaussprechlich geruͤhrt, voll sanfter Wehmut und Staunen, Und von Seligkeit voll, sank iede der Seelen nieder, Betete zu dem Sohne, dem wunderbaren Erretter, Zu dem Sterbenden, der, eh Welten wurden, sie liebte. G 5 Salem, Der Messias. Salem, der Engel Johannes, und Selith, Mariens Beschuͤtzer, Sprachen, als sie vor sich die dankenden Seelen erblickten, So mit einander: Wie diese Begnadigten, Selith, es fuͤhlten, Daß sie es sind! Wie in ihnen den Frieden des ewigen Lebens Seine Wunden, des liebenden Mittlers Wunden, erschaffen! Ach, sie sind nun auf immer der Truͤbsal des sterblichen Lebens, Sind auf immer den Schmerzen der Staubbewohner entrissen! Aber unsre Geliebten … so uͤberschwenglich begnadigt! Sonst mit Frieden von Gott, mit ieder Ruhe beschattet, Zwar noch Pilger, allein die der Sterblichkeit Buͤrde kaum fuͤhlten! Aber nun … wie haben, der Mutter, des Freundes Entzuͤckung, Diese Wangen voll Tod, die grabverlangenden Blicke, Diese stroͤmenden Wunden getruͤbt! O, Selith, ich fuͤhls auch, Fuͤhle das Schwert, das ihnen durch ihre Seele geht! … Salem, Ja! viel Leidende hab ich gesehn, viel duldende Menschen: Aber noch keinen so elend, als sie! Doch mischt sich Bewundrung Jn mein Mitleid. Denn was fuͤr ein Anblick ist diesem zu gleichen, Menschen, die der Ewige liebt, so leiden zu sehen? Doch was dabey mein Erstaunen mit stiller Beruhigung mildert, Jst die Troͤstung, die Gott dann oft den Leidenden sandte, Wenn sie nun kaum noch hoften, und wenn die blutende Wunde Jhnen am tiefsten in ihren zerrißnen Seelen izt brannte. Und, o Salem, wenn die Begier, die beyden Geliebten Wieder in Gottes Ruhe zu sehen, Selith nicht taͤuschte; Sah ich, eben izt sah ich im sanften Auge des Mittlers Kommende Troͤstung fuͤr sie! So sagte Selith, und irrte Nicht in seinen Gedanken. Des Gottversoͤners Erbarmung Konnte Neunter Gesang. Konnte sich, gegen Johannes, und, gegen die qualvolle Mutter, Laͤnger nicht halten. Er sah auf sie mit Blicken herunter, Durch die, in ihr hinsinkendes Leben, ein neues herabrann. Und er neigte sein goͤttliches Antliz, sie anzureden, Gegen sie nieder. Es hoͤrte mit bebendem Warten die Mutter Freudigbang, als ob sie vom Tod erwacht’ in die Hoͤhe. Und die Stimme des ewigen Sohns kam zu ihr herunter: Meine Mutter! er ist dein Sohn! darauf zu dem Juͤnger: Sie ist deine Mutter: Die beyden Liebenden wandten Sich, mit Staunen, und Dank, und Thraͤnen, gegen einander. Aber der Sterbende hing, von Gottes Gerichte belastet, Litt, was zu denken die Seel’ erbebt; was zu sagen, die Sprache, Selbst der Himmel, die Gott am Throne besingt, verstummet! Stille voll Tiefsinn umgab den Todeshuͤgel. Die Erde Zittert unaufhoͤrlich in ihren Tiefen; doch wurden Jhre verborgneren Schauer noch nicht in den Gegenden hoͤrbar, Wo Jerusalem lag. Erst einmal war die Erschuͤttrung Zu der Empoͤrerinn aufgestiegen. Ein dunkles Gefuͤhl nur, Etwas, welches von fernher schreckte, mit Ahndung von Rache, Wegen des Bluts, das izt floß! befiel die Herzen der Menge. Und der Erde geheimes Entsezen durchbebt izt die Kluͤfte Eines finstern Felsengebirgs, zu welchem, um einsam Jn den Tiefen der Erde zu trauern, ferne vom Oelberg Abbadona geflohn war. Er saß am Hange des Felsen, Sah Der Messias. Sah dem stuͤrzenden Strom, so bey seinen Fuͤssen herabfiel, Starrend nach, begleitete, mit hinhoͤrendem Ohre, Jeden Donner des schaͤumenden Stroms, der hinab von den Hoͤhen Ueberhangender Berge von Abgrund zu Abgrund sich waͤlzte. Schnell empfindet er unter sich wandelndes Beben; dann stuͤrzen Neben ihm Felsen hin! Abbadona erschreckte der Erde Lautes Trauren! So nannt’ er ihr Zittern. Bejammert die Erde, Daß der Staub ihr Kinder gebahr? und ist sie ermuͤdet, Jhrer Kinder Verwesung in ihrem Schoosse zu tragen, Jhnen ein ewiges Grab, das stets von neuen Gebeinen Schwillt, inwendig fuͤrchterlich ist, obs aussen der Fruͤhling Gleich mit Blumen beduftet? Ach, oder beklagt sie den grossen, Goͤttlichen Mann, den ich in jener Mitternacht sahe? Leiden sahe, was nie noch ein Endlicher litt? Was ist wohl Jzt sein Schicksal? Und warum verweil ich, ihn wieder zu suchen? Jst mir die Hand des ernsten Gerichts auf der oberen Erde Etwa naͤher, als hier? Jhr kann ich nirgends entfliehen! Floͤh ich auch aus der Schoͤpfung, sie wuͤrde doch mich ergreifen! Ja, ich such ihn! Jch will den Ausgang der furchtbaren Leiden Sehen, will ganz die wunderbare Begebenheit wissen! Aber wenn ihn nur nicht so viele himmlische Schaaren Stets umgaͤben! Als ich juͤngst vor ihm flohe, wie schrekte Mich ihr schleuniger Anblick! Und wagt ich, der himmlischen Schimmer Nachzuahmen, und kuͤhn in einen Engel des Lichts mich Zu verwandeln; wuͤrden mich nicht die Blitze des Richters Schnell enthuͤllen? die Engel mich dann in meiner Gestalt sehn? Aber Satan thut es ja, er, so durch groͤßre Verbrechen Gott Neunter Gesang. Gott erzuͤrnt hat, als ich! der unnachlassende Suͤnder Thuts! Dazu verheel ich in meinem qualvollem Herzen Keinen niedrigen Zweck, warum ich mich also verstelle! Aber soll ich es, soll sich Abbadona verstellen? Geh, Verworfner, in deinem Elend! … Also beschließ ich Nicht zu gehn? und das Ende des wunderbarsten der Leiden Nicht zu wissen? Denn wie vermoͤcht ich, die Blicke der Engel Zu empfinden, und nicht zu fliehn? So denkt er, und schwingt sich, Zweifelhaft noch, aus den Tiefen empor. Kaum hat er der Erde Obersten Staub betreten, als er mit Staunen zuruͤckbebt. Denn er sahe vor sich in schreckenden Naͤchten die Erde Liegen. Am Mittage, (dacht er) in diesen belastenden, bangen Finsternissen! Jst sie nun auch dem ernsten Gerichte Reif geworden? Und soll sie vergehn? Des Ewigen Schrecken Ruhen auf ihr! Die Hand des Allmaͤchtigen hat sie ergriffen! Und warum? Hat ihr Schooß den wunderbaren Erdulder Jn sich begraben, und fordert von ihren Soͤhnen ihn Gott nun? Aber kann Er sterben? Wohin ich blicke, verwirrt mich Jeder neuer Gedanke! Viel besser eil ich, und such ihn, Seh ihn, und lerne dadurch, als daß ich einsam hier gruͤble. Als er so sich entschloß, stand er am waldigten Gipfel Eines Gebirgs, und sucht’, in der uͤberhuͤllenden Daͤmmrung, Lange sucht’ er die heilige Stadt mit fliegenden Blicken; Sah sie endlich, wie Truͤmmern, auf denen bewoͤlkender Dampf schwimmt, Vor sich liegen. Und nun (Jhm bebten seine Gebeine, Da er es that!) nimmt er die Gestalt der Engel des Lichts an; Seine Der Messias. Seine Juͤnglingsgestalt, womit er im Thale des Friedens Schimmerte! Doch sie war ein fernnachahmendes Bild nur Zwar floß glaͤnzendes Haar auf seine Schultern hernieder, Unter den glaͤnzenden Locken erklangen goldene Fluͤgel, Und die Klarheit des werdenden Tags bedeckte des Seraphs Leuchtendes Antliz: allein sein Aug’ hielt Thraͤnen zuruͤcke! Und nun flog er den bebenden Flug. Wo am dicksten die Nacht lag, Dieser Gegend naͤhert’ er sich. Zum Todeshuͤgel Stroͤmt am dicksten die Nacht vom schweigenden Himmel herunter. Als er uͤber dem Ufer des todten Meeres heraufschwebt, Hoͤrt er ungewoͤhnliches Bruͤllen der steigenden Wasser; Mit der Wogen Gebruͤlle, gequaͤlter Verzweiflungen Jammern! So, wenn im Erdbeben, gerichtbelasteter Staͤdte Wenn nun Eine der grossen Verbrecherinnen verurtheilt Jm Erdbeben versinkt, so winseln dann mit dem Schlage, Jenem dumpfen Schlage der unterirrdischen Rache Todesstimmen herauf! Noch einmal erzittert die Erde, Und noch einmal ertoͤnen mit ihr, entheiligte Tempel, Stuͤrzende Marmorhaͤuser, und ihrer zu sichern Bewohner Todesstimmen! Es flieht der bleiche, rufende Wandrer! Abbadona vernimmt mit des todten Meeres Getoͤse So der beyden Gerichteten Bruͤllen, erkennt sie, entsezt sich, Flieht mit wankendem Fluge die jammerhallenden Ufer. Und nun naͤhert er sich dem Kreise der Engel. Ein schnelles, Unbezwingbares Schrecken befiel ihn, als er den vollen, Majestaͤtischen Kreis der Ungefallnen erblickte! Bald waͤr seine lichte Gestalt in entstellendes Dunkel Wieder Neunter Gesang. Wieder zerflossen! Die aͤussersten Engel, vertieft in das Anschaun Deß, so den wunderbaren, den suͤndeversoͤnenden Tod starb, Merkten den Kommenden nicht. Allein Eloa erblickt ihn, Schnell erkennt er ihn, denkt: Der Gottverlaßne! der bange, Qualvolle Seraph will er den Gekreuzigten sehen? … Er sah ihn Schon am Oelberge leiden! Er sucht ihn wieder! Wie elend Jst er! … Von dieser gebeugten und daurenden Reue geschmolzen! Fast seit seiner Erschaffung in diese Thraͤnen ergossen! … Gott! Weltrichter! du wirst mit ihm es alles vollenden, Was du beschlossest! … Und ich, wie koͤnnt ich uͤber sein Schicksal Noch erstaunen? Jst nicht, durch den die Unsterblichen wurden, Jesus Christus am Kreuze, den ewigen Tod zu erdulden: Und den Tod der Menschen zu sterben? … Er fiel auf sein Antliz Betend nieder, und lag, und weinte zum grossen Erdulder! Jzt erhub er sich, winkte der Engel einem. Der Seraph Stand vor ihm da. Es sagt’ Eloa: Fleug zu den Engeln Und den Vaͤtern, sage zu ihnen: Mit zweifelndem Zittern Naht sich euch Abbadona. Wofern er, in eure Versammlung Noch zu kommen, es wagt; so laßt den Trauernden kommen. Denn er naht sich mit Thraͤnen, den sterbenden Mittler zu sehen. Keiner gebiet ihm zu fliehn! Laßt ihm die qualvolle Lindrung! Denn es umgeben das Kreuz noch groͤßre Suͤnder, als er ist! Abbadona umzitterte noch der Engel Versammlung, Zweifelte, schwebt’, und stand, und schluͤpft’ am Boden. Er waͤre Gerne geflohn. Allein er ermannte sich durch den Gedanken: Keinen Geringeren, als den Versoͤner, koͤnne der grosse Festliche Der Messias. Festliche Kreis der Engel umgeben. Jzt wagt ers, und schwebte Jn den schreckenden Kreis. So wie die Engel ihr Antliz Wandten, und ihn erblickten; so sahn sie, die bange Verstellung, Todtes Laͤcheln, und Glanz, der keine Seligkeit strahlte, Tausendjaͤhrigen Gram, unuͤberwindliches Trauern, Abbadona! Sie liessen mit stillem Mitleid ihn fortgehn. Und er naͤherte sich dem nachtbelasteten Huͤgel; Sah die Gekreuzigten; wandte sich. Nein ich will sie nicht sehen, Nicht der Sterbenden Antliz! Jhr Leiden verwundet zu tief mich! Fuͤhrt zu graunvolle Bilder vor meinen Gedanken voruͤber! Klagt zu laut vor dem Richter mich an! Denn, ach, der gewandte, Kurze, fliegende Blick auf ihre Wunden, durchflammt mich Schon mit wuͤtender Angst! … Mitungluͤckselige Menschen, Und so sehr mitschuldige, daß, durch schwarze Verbrechen, Eure Bruͤder euch zwingen sie, vor dem Antliz der Sonne, Feyerlich vor unzaͤhlbarer Mengen Versammlung, zu toͤdten! Nein, es soll sie mein Auge nicht sehn, die ihr izt der Verwesung, Grausam oder gerecht, zusendet! … Dem truͤben Gedanken, Qualenvoller, entreiß dich dem aͤngstlichen Todesgedanken. Den ich suche, wo find ich ihn auf? Ja, diese Versammlung Aller Himmel, sie ist nicht umsonst herunter gestiegen! Sie umgiebt ihn! Er ist in diesem heiligen Raume! Aber, wo? … Am Oelberge war das furchtbarste Dunkel, Wo er war! Doch hier stroͤmts auf den gebeinvollen Huͤgel! Und da kann er nicht seyn! Wenn mir ein Engel ihn zeigte! Wenn ich fragen duͤrfte, dann mir ein Engel ihn zeigte! Ungluͤckseliger! … Wenn sie mich nur an dieser Erschuͤttrung, Dieser Neunter Gesang. Dieser schleunigen Wehmut, nicht kennen, zu fliehn mir gebieten! … Nein! sie bemerken mich nicht, vertieft in grosse Gedanken Von dem goͤttlichen Manne, zu dem der Richter sie sandte! Ach wo ist er? Jst er vielleicht in des deckenden Tempels Allerheiligsten? Betet er dort von neuem? Und soll ihn, Wie er leidet, kein Endlicher mehr, nicht den blutigen Schweiß sehn, Der von seinem Angesicht rinnt? … Doch der himmlischen Augen Sind mehr auf den Huͤgel, als auf den Tempel, gerichtet; Wenn ich anders es sehe, wohin sie blicken. Verworfner! Ja, so bist du erniedrigt, du darfst dein schamvolles Auge Nicht zu den Gottgetreuen erheben, obgleich du es wagtest, Jhnen selber in ihrer verklaͤrten Gestalt dich zu zeigen! Auf dem gebeinvollen Huͤgel? … Vielleicht, daß er dort, wo Verbrecher, Diese lautesten Zeugen des Falls der Sterblichen, bluten, Was er auf Erden zu leiden beschloß, vollendet? Vielleicht liegt Unter Gebeinen der Goͤttliche dort, und betet zum Richter? Ach so muß ich denn wieder zum Todeshuͤgel mein Antliz Wenden! Er wandt es; doch schwebt’ er mit bangem, saͤumenden Fluge; Seitwaͤrts schwebt’ er hinab, und suchte lange mit scharfen, Schnellen Blicken unter den Kreuzen. Er findet Johannes, Und begleitet mit seinem Auge die Blicke des Juͤngers. Und der Geopferte fuͤr die Verbrecher hing in der Nacht hin; Schien mit brechendem Aug’ ein Grab, zur Ruhe, zu suchen! Als von dem ersten Entsetzen sich Abbadona emporwand, Dacht er: Es ist nicht moͤglich! Es ist nicht moͤglich! Er ists nicht! Sterben? … Es ist nicht moͤglich! … Allein, ihr Himmel! (Was wag ich, Mir zu uͤberreden? … Jch taͤusche mich nicht! Jch seh ihn!) II. Band. H Ja, Der Messias. Ja! er ist es dennoch! … Ach, den ich am Oelberge sahe Leiden sahe, was nie noch ein Endlicher litt, dein Opfer, Unerbittlicher Richter, er ists! … Jzt sank er zum Huͤgel Tiefer hinab. Hier will ich am Staube der Erde, (so dacht er,) Auf den Ausgang des wunderbarsten aller Gerichte, Warten; und, wenns ein Endlicher kann, den goͤttlichen Dulder Sterben sehn! … Was ist es in mir, so wie Ruhe mich lindert? Jsts Betaͤubung der Angst? wie? oder wirkliche Hofnung? Ach der Hofnungen beste, vernichtet zu werden? O taͤusche, Einzige Hofnung, taͤusche mich nicht! Mich deucht ja, ich duͤrfe Um die Vernichtung dem Richter izt flehn! Es deucht mich, er werde Jzt mich erhoͤren! … O wenn der goͤttliche Dulder sein Haupt nun, Richter der Welt! am Kreuze geneigt hat, und du, ein Raͤcher, Daß wir die Suͤnd erschufen; zur Suͤnde die Menschen verfuͤhrten! Einige dieser Verbrecher, als Todesopfer, dem Schatten Deines Getoͤdteten weihst, und um sein Grab sie vernichtest! Ach, dann sondre mich auch, mich den verworfensten Suͤnder, Abbadona mit aus, daß du dem Todten mich opferst! Ach, dann bin ich nicht mehr! Dann fuͤhl ich der naͤchtlichen Qualen Flamme nicht mehr! Jch war einmal! Dann bin ich vergangen! Aus der Wesen Reihe verloͤscht! auf immer vergangen! Von den Engeln, von allen Erschafnen, von Gott, vergessen! Sieh, ich strecke mein Haupt, Gott, deiner Allmacht entgegen! Wuͤrdige, Richter der Welt, mich, daß ihr geheimes Beruͤhren, Oder ihr fallender Bliz, aus deiner Schoͤpfung mich tilge! Also wuͤnscht, so waͤhnet er, hoffen zu duͤrfen; erfreut sich, Und entsezt sich, uͤber die Hofnung! Er schwebt am Staube, Blickte Neunter Gesang. Blickte zum blutvollen Kreuz hinauf, zum sterbenden Mittler, Dachte, mit iedem fliegenden Blicke, der Goͤttliche wuͤrde, Nun! nun! sterben! Und truͤberes Schrecken, vernichtet zu werden! Ueberfiel, mit iedem Gedanken, ihn! Sichtbar verdunkelt, Stand er, und strebt’, und rang, die lichte Gestalt zu behalten! Als er so sich bestrebt, und sich in der Bangigkeit wendet, Sieht er nicht ferne von sich, bey einem der Kreuze, zur Rechten Jenes erhabneren Kreuzes, das mitten schreckender aufstieg Sieht er dort auf Einmal den mitgeschafnen, geliebten, Furchtbaren Abdiel schweben! … Die ringsumglaͤnzenden Engel Huͤllt’ ihm izt Dunkelheit ein! Die Schoͤpfung ward ihm enge! So ergrif ihn die Angst, es werde sein Freund ihn erkennen: Was in ihm unsterbliches war, die geistigen Kraͤfte Alle, ruft er zuruͤck, daß Abdiel ihn nicht erkenne! Eilend, als waͤr er von Gott, aus fernen Welten, zu andern Fernen Welten, gesandt, und duͤrft’ auf der Erde nicht weilen; Wandt’ er zu Abdiel sich, und sprach die gefluͤgelten Worte: Sag, Geliebter, du weist es vielleicht: Wenn ists dem Versoͤner Daß er sterbe, gesezt? Mir ist zu eilen geboten, Und ich wuͤnsche doch auch, den heiligen, gottgewaͤhlten, Schrecklichen Augenblick, wo ich auch sey, anbetend zu feyern! Abdiel stand gewendet. Allein izt kehrt er sein Antliz Auf den Verlornen, und spricht mit Ernste, den Wehmut mildert: Abbadona! … So steigt ins Gesicht des bluͤhenden Juͤnglings, Den der rufende Blitz erschlug, die Farbe des Todes Schnell herauf! So stroͤmte die Nacht des Abgrunds ins Antlitz H 2 Abba Der Messias. Abbadonas empor! Die Heiligen sahen ihn alle Dunkel werden! Er floh aus ihrem schreckenden Kreise! Als er am fernen Himmel bey einem Huͤgel hinabsank, Kam an der andern Seite des Huͤgels, ein angstvoller Schatten Dunkler, als Abbadona, herauf. Die Himmlischen sahn ihn. Und es sagte zum andern der Himmlischen einer: Wer ist er Jener Verworfne, der dort vom Huͤgel gegen uns herkoͤmmt? Wie die Hand des Gerichts ihm seine Stirne gebrandtmarkt, Wie der ewige Tod den Gottverlaßnen entstellt hat! Aber er wagts, in unsre Versammlung zu fliehn? … Doch ich staune Jtzo, Geliebter, nicht mehr. Siehst du den hohen Obaddon, Der dem Schatten gebeut? Ach, es ist der Geist des Verraͤthers! Jtzo brachte den bangen Verworfnen der Todesengel Naͤher zum Kreuz heruͤber. Nun sahn ihn die Himmlischen alle! Dunkel, ein Flecken der Nacht, die uͤber den Erdkreis herabhing, Angstvoll, als wenn, wohin er auch schwebte, sich uͤber ihm Blitze Zu entzuͤnden, unter ihm sich die Erde zu oͤfnen, Jene des Raͤchenden Feuer auf ihn herunter zu schleudern, Diese mit gleichem Ergrimmen ihn zu verschlingen, bereit sey: Also naͤherte sich des Verraͤthers Schatten dem Kreuze. Und er sahe, (Das must’ er!) zum Todesengel Obaddon Unverwendet empor. So wie die Rechte des Seraphs, Und, in der schreckenden Rechte, das flammende Schwert sich bewegte Und den Flug ihm gebot; so flog der gerichtete Suͤnder. Und es blieb Obaddon auf einer hangenden Wolke Mit dem Bebenden stehn, und sprach mit gebietender Stimme: Schau, Neunter Gesang. Schau, Verworfner! … Da liegt Bethanien! … Kaiphas Huͤtte Hier! … dort unten das Haus, wo du seines Todes Gedaͤchtniß Auch mit empfingst! … Da ist Gethsemane! … jener, dein Leichnam! … Bebst du? … Aber fleuch nicht! Er streckte das flammende Schwert aus. An dem Kreuze, da naͤchtlicher uͤber die andern heraufragt, Der ist Jesus Christus! … Er stirbt, Sich, fuͤr die Menschen, Gott zu opfern; ihr Leben, und ihren Tod zu versuͤssen; Sie dem Tode, den du izt leidest, dem ewigen Tode Zu entreissen; und sie zu erhoͤhn zum Anschaun der Gottheit! … Diese Wunden, aus denen das gottversoͤnende Blut quillt, Glaͤnzen, wenn er mit ihnen dereinst, ein Richter der Welt, koͤmmt! Und nun wende dich, Todter! Mit niedergebuͤckter Verzweiflung Wandte der Todte sich weg. Von ihm entlastet Obaddon Schnell der Heiligen Kreis. Schon schweben sie unter Gestirnen. Und die unuͤbersehbare Weite der schweigenden Schoͤpfung Schrekt den Verraͤther. Ein schneller, ihm qualenvoller Gedanke, Vom allgegenwaͤrtigen Richter, befaͤllt ihn! Lange Zittert er, eh er es wagt, zum Todesengel zu sagen: Fuͤrchterlichster der Engel, vernichte mit diesem entflammten Blitzewerfenden Schwerte mich! Ach, zum ewigen Richter! Fuͤhre zu seinem Throne mich nicht! … Gehorch, und verstumm du! Also gebot ihm der Todesengel, und fuͤhrt’ ihn erzuͤrnter. Und nun stand auf einer der Sonnen, (Obaddon befahls ihm) Judas Jschariot still, bey ihm der Engel des Todes. Und er zeigte dem Suͤnder von fern den Himmel der Gottheit, H 3 Jhrer Der Messias. Jhrer sichtbarsten Herrlichkeit Staͤte, die Staͤte des Anschauns! Ob der Richter izt gleich in heiliger Dunkelheit thronte, Und die Halleluja des ewigen Lebens, die Feyer Seiner Gerechten um ihn, und ihre Wonne, verstummten: So war doch der Himmel nicht minder Himmel, der Gottheit Wuͤrdiger Sitz; und, selbst fuͤr die Ersten der Seligen, hatt’ er Nichts von seiner, den Menschen undenkbaren Wonne, verloren! Dieß, (so sagt’ Obaddon zum Gottverworfenen,) dieß ist Gottes Himmel, der Schauplatz der seligsten Offenbarung, Welcher die, so ihn lieben, der Unaussprechliche wuͤrdigt! Gott hat vor den Endlichen izt sein Antliz verborgen! Auf dem Throne der Nacht, (Fall nieder, beb, und verzweifle!) Heilige Nacht, wie sie dein neues Auge noch nie sah. Schreckend umhuͤllt, dort schauen wir sonst die Herrlichkeit Gottes Jener himmlische Huͤgel, er heisset Sion. Auf ihm wird Er, der fuͤr die Menschen vom Anfang der Welten erwuͤrgt ist, Oft den vollendeten Frommen mit seinen Gnaden erscheinen! Zwoͤlfe jener goldenen Stuͤhle, die du auf Sion Gleich den Sonnen erblickst, sie sind des Erloͤsenden Juͤngern Von dem grossen Belohner bestimmt. Auf diesen, Verraͤther, Richten die Juͤnger dereinst die Welt. Du warst ein Juͤnger! … Jammre nicht, vernichtet zu werden! du jammerst vergebens! Schau! So viele der Herrlichkeiten des Himmels dein Auge Zu entdecken vermag: so viele Qualen hat Gott dir Hier, Gerichteter, zugemessen! Vergebens bestrebst du Dich, Ohnmaͤchtiger, nicht zum Himmel hinuͤber zu blicken! Lerne des Richtenden Allmacht erkennen. Dem Felsen im Meer gleich, Den Neunter Gesang. Den kein Sturm nicht bewegt, sollst du hier stehen, und schauen! Daß er, in diesen Himmel, zu dieser ewigen Ruhe, Die ihn lieben erhoͤh, stirbt Jesus Christus am Kreuze! Mit den Worten verließ ihn Obaddon, und schwebte zum Himmel Weiter hinuͤber, und blieb auf einer der Sonnen des Himmels, Anzubeten. … Jzt koͤmmt er zuruͤck von seinen Gebeten Zum Verworfnen, der steht, und schaut, und ewigen Tod fuͤhlt! Wende, Todter, dich! komm! Jch fuͤhre dich itzo zur Hoͤlle, Deiner ewigen Wohnung! So sprechen Donner! So sprach es, Mit entsetzlicher Stimme, der Todesengel, und eilte. Und schon naͤherten sie der Hoͤlle sich, hoͤrten von ferne Jhr Getoͤse, das an der aͤussersten Schoͤpfung Gestade Bruͤllend schlug, und unter den naͤhsten Sternen verhallte. Jn dem Raume, den ihr Gott in dem Unendlichen abmaß, Waͤlzt sie sich, keiner Ordnung gehorsam, auf und nieder, Keinem Gesetze der langsamen, oder schnellen Bewegung. Fleugt sie eilend einher; so hat ihr der Richter geboten, Jhrer Bewohner neue Verbrechen, durch wildere Flammen, Durch geschaͤrftere Pfeile des ewigen Todes, zu strafen! Jtzo flog sie mit wuͤtendem Eilen herauf. Der Verworfne, Und sein maͤchtiger Fuͤhrer, verlassen die Graͤnzen der Welten, Schweben hinab zur Pforte der Hoͤlle. Der Engel des Todes Der sie huͤtet, erkennt Obaddon, sieht den Verbrecher, Der sich neben ihm kruͤmmt, und zu entfliehen, sich martert. Aber, unter dem flammenden Schwerte gebuͤckt, muß er eilen! Und der herrschende Seraph, der Abgrunds Huͤter, eroͤfnet Mit weitschmetterndem Krachen die diamantene Pforte. H 4 Laͤgen Der Messias. Zehnter Gesang. Laͤgen Gebirge darinn, sie wuͤrden den graunvollen Eingang Nicht ausfuͤllen: sie wuͤrden nur rauher ihn machen! Obaddon Bleibt mit dem Todten hier stehn. Es fuͤhrt kein Weg zu der Hoͤlle Schreckenden Tiefen. Es waͤlzen sich, dicht bey der Pforte, die Felsen Unabsehnlich hinab, durch treufelndes Feuer gespalten. Schwindelnd, sprachlos, und bleich, mit weitvorquillendem Auge, Blickt das Entsetzen hinunter. Der goͤttlichen Rache Vollender Stand (hier schlaͤft der Tod nicht) an diesem Grabe mit dir still, Juda Jschariot, Gottverraͤther! … Es sagte der Seraph Weggewendet, allein sein niedersinkendes Schwert wies Jn die Tiefe: Dieß ist der Gerichteten Wohnung, und deine! Daß die Erdegebohrnen, die Suͤnder, nicht alle den Tod hier Leiden, den ewigen Tod, stirbt Jesus Christus am Kreuze! Also sagt er, und stuͤrzt den Todten hinab in den Abgrund! Eilt, entschwingt sich der Hoͤlle, durchfliegt die Welten. Jzt koͤmmt er Zum Altar des geopferten Gottes, zu Golgatha wieder, Steht, und wartet auf neue Befehle der zuͤrnenden Allmacht. Der Der Messias . Zehnter Gesang. H 5 Jnhalt des zehnten Gesangs. D er Vater sieht von seinem Throne auf den Sohn herunter. Der Meßias empfindet, daß Gott noch nicht versoͤnt sey. Er fuͤhlt den naͤheren Tod. Er sieht nach seinem Grabe hinunter, und betet ins Geheim fuͤr die Sterbenden. Darauf wendet er sein Antliz nach dem todten Meere. Satan, Adramelech und die Hoͤlle empfinden sein Gericht. Jzt blickt der Versoͤner auf die Schaaren der Heiligen um- her, die das Kreuz umgeben. Er verweilt am laͤngsten bey den See- len des zukuͤnftigen menschlichen Geschlechts. Es war izt einer der grossen Zeitpunkte gekommen, in welchen viel edlere Seelen der Erde gegeben werden. Eh diese noch von ihren Schutzengeln mit ihren Lei- bern vereinigt werden, entwickelt eine von denselben ihre Gedanken uͤber den sterbenden Versoͤner. Nun ergeht der Befehl des Meßias. Er segnet die Seelen, indem sie von den Engeln fortgefuͤhrt werden. Die Charaktere dieser Seelen. Da ihre Engel mit ihnen vor den zwanzig Palmen am Oelberge voruͤber schweben, wo der Erloͤser das erste Gericht erduldet hatte; so segnen ihnen die Seelen der Vaͤter, die dort versammelt sind, nach. Einige von diesen Vaͤtern werden ge- nannt. Ein Gespraͤch zwischen Simeon und Johannes dem Taͤufer. Mirjam und Debora klagen den sterbenden Versoͤner in einem Liede. Er koͤmmt dem Tode sichtbar naͤher. Die meisten Frommen entfernen sich. Lazarus geht Lebbaͤo nach, ihn zu troͤsten. Lazarus hatte, seit der Kreuzigung Jesu, fast eben die Empfindungen gehabt, derer er sich von der Zeit, da er todt gewesen war, erinnerte. Es deucht ihn, als wenn er unter Unsterblichen sey. Jndem er hiervon mit Lebbaͤus redet, schwebt Uriel voruͤber, dessen weggewendeten Glanz er sieht. Uriel kuͤndigt der Versammlung der Heiligen an, daß er den ersten der Todesengel gegen die Erde herkommen, gesehen habe. Der Eindruck, den diese Nachricht auf die Vaͤter, und unter diesen auf Henoch, Abel, Seth, David und Hiob, am vorzuͤglichsten aber, auf unsre ersten El- tern, macht. Diese schweben zu dem Grabe Jesu hinab. Sie erin- nern sich, in einem Gebete an den Meßias, ihres Falls. Sie dan- ken, daß sie Gnade erlangt haben. Der Versoͤner sieht voll Barm- herzigkeit auf sie herunter. Hierauf beten sie, fuͤr das menschliche Ge- schlecht. Eloa ruft von der Zinne des Tempels, der Todesengel komme! Dieser trit auf den Sinai, fleht zum Meßias, um Staͤrke, den Be- fehl Gottes zu vollbringen, steht auf, und sagt, was ihm Jehova geboten hatte. Der Meßias stirbt. Zehnter Gesang. Der Messias . Zehnter Gesang. J mmer weiter komm ich, auf meinem furchtbaren Wege, Jm̃er naͤher zum Tode des Sohns. Ach, waͤrs nicht der Liebe, Nicht der Tod der ewigen Liebe; so wuͤrd ich erliegen, Unter der Last der Betrachtung! Auf beyden Seiten ist Abgrund Da zur Linken: Jch soll nicht zu kuͤhn von dem Goͤttlichen singen! Hier zur Rechten: Jch soll ihn mit feyrlicher Wuͤrdigkeit singen! Und ich bin Staub! … O du, deß Blut auf Golgatha stroͤmte, Dessen Allgegenwart mich, von allen Seiten, umringt hat, Du erforschest meine Gedanken! Du siehest es alles, Was ich denke, vorher, du Naher! Ja, selber kein Wort ist Mir auf der Zunge, das du nicht wissest. Mein Gott! mein Versoͤner Leite mich, mein Versoͤner, und, wenn ich strauchle, vergieb mirs. Deines Lichts Ein Schimmer, von deiner Gnad Ein Tropfen, Jst, dem Erkenntnißbegierigen, ist, dem Durstenden, Fuͤlle! Von Der Messias. Von dem Throne, der sonst, die hellste sichtbare Schoͤnheit, Leuchtete, nun in schreckenerschaffende Naͤchte gehuͤllt stand, Einsam dastand; um den izt kein Unsterblicher feyrte; Ausser, daß, von dem bebenden Hange der untersten Stufe, Kniend, mit betendem Auge, mit banggerungenen Haͤnden, Starr vor Erwartung, der erste der Todesengel emporsah: Von dem Throne schaute, mit unverwendetem Antliz, Auf den goͤttlichen Suͤndeversoͤner, Jehova herunter. Durch die helleren Staͤubchen der Sonnen, die dunklern der Erden, Durch die verstummte Natur; mit Blicken, von dem nur verstanden Dem nur gefuͤhlt, auf den sie, vom Auge des Ewigen, stroͤmten, Schaut’ er hinab. Es empfindet, den Blick des richtenden Vaters, Jesus Christus; weis, daß Jehova noch nicht versoͤnt ist! Weis es, und fuͤhlts unaussprechlich, durchstroͤmt von des naͤheren Todes Schauer. … Es zittern in ihrem verborgensten Leben die Welten! Banger, truͤber, verstummender stehn die Unsterblichen alle, Bey der Empfindung des Sohns, die mit mehr Todesblaͤsse Jn des Goͤttlichen Angesicht stieg. Dem muͤden Auge, Das zu brechen begann, entsanken verloͤschende Blicke, Fielen auf sein Grabmaal, das gegen Golgatha uͤber Einsam, unter alternden Baͤumen, in Felsen gehaun, lag. Todesschlummer, bald wird dich mein Leib dort schlummern! So dachte Jesus Christus, indem sein Blick an dem Grabe verweilte. Darum nahm ich dich an, du Leib von Staube! Verwesen Sollst du nicht; doch sollst du entschlafen liegen. Mein Vater, Trockne die Thraͤnen von deren Gesicht|, die dann um mich weinen! Ausgesoͤnter! erbarme dich ihrer, sie weinen um Jesum, Deinen Zehnter Gesang. Deinen Eingebornen! Erbarme dich ihrer, wenn nun auch Jhre lezte Stunde von dir zu ihnen gesandt wird! Heiliger Vater, erbarme dich aller, die an den Geliebten, Deinen ewigen Sohn, den Gottgeopferten, glauben; Wenn sie, in diesem Glauben, nun auch mit dem Tode ringen Ach, ich fuͤhl ihn, ich fuͤhl ihn, den Tod! Des Ewigen Schrecken Traͤgt er! Er ist ein Schwert in der Hand des Allmaͤchtigen! Furchtbar Jst er! … Zwar sie werden es, was ich empfand, nicht empfinden; Sie sind endlich! Allein aus dem Meer, in welches ich sinke, Kann ein Tropfen in ihnen des Todes Schrecken verbreiten! Einige, goͤttlicher Vater, du hast es also beschlossen! Einige werden entschlummern; es werden einige sterben; Einige deiner Geliebten, o Vater, des Todes sterben! Vater! Vater! erbarme dich aller, die duͤrstend nach Huͤlfe, Die, im Kampfe des Todes, um Labsal! um Gnade! dich anflehn. Derer, die aus viel Truͤbsal ihr muͤdes Leben dem Grabe Brachten, in Duͤrftigkeit lebten, und dennoch dich nicht verkannten; Die, wie schuldlos sie waren, mit Schmach der Suͤnder befleckte; Die, dem Freunde getreu, die Feinde segneten; Demut, Liebe der Bruͤder, und Liebe der Menschen, durch Handlungen, zeigten; Derer, die, unverblendet von Ehre, Reichthum, und Hoheit, Gutes zu thun sie gebrauchten, und, sie zu entbehren, vermochten; Aller, die, nach den verschiednen, von dir gegebenen Gaben, Nach dem kleinern und groͤsseren Anlaß, durch welchen die Vorsicht Sie anlockte: mit reiner, mit herzlicher Liebe, dir dienten: Derer erbarme dich, Vater, in ihrer lezten Stunde! Wenn ihr Auge nun auch zu brechen beginnt, die Verwesung Jhren Der Messias. Jhren Koͤrper verlangt; der Schoͤpfer die Seele: dann sende Deine Troͤstung, den Geist, der unaussprechlich in ihnen Bete, bis du sie uͤber das, so sie verstanden und baten, Ueberschwenglich erhoͤrst, und zu deiner Ruhe sie einfuͤhrst. Gott der Liebe, mein Vater, um dieser quellenden Wunden! Dieser blutigen Krone, die meiner Schlaͤfe sich eingrub! Um der Todesangst willen, die meine Gebeine durchschuͤttert! Um deß, was ich izt leide, noch leiden werde! der Liebe, Dieser Liebe willen, mit der ich, erniedrigt zum Tode, Bis zum Tod am Kreuze, das Heil der Menschen vollende: Hoͤr mich, und laß, die ich liebe, getreu bis ans Ende mir bleiben! Trostvoll sterben! den Lohn der Ueberwinder empfangen! Also denkt, und betet in sich Er, der von der Welten Anfang erwuͤrgt ist, der Herr, barmherzig, und gnaͤdig, und duldend Voller Guͤte, voll Treu! der ewige Hohepriester, Betet so, da er izt, zum Allerheiligsten, eingeht. Und er wandte sein menschenliebendes Auge vom Grabe Nach dem todten Meere, wo Adramelech und Satan Lagen. So wie sich der Blick des sterbenden Gottversoͤners Wandte, so ward er, von fliegendem erderschuͤtternden Schrecken, Bis in die naͤchtliche Tiefe des todten Meeres, begleitet! Und die beyden Verworfenen sanken zur niedrigsten Stufe Jhres Elends hinab. Des Ewigen Rathschluß in Eden: Jesus sollte den Kopf der Schlange zertreten! Er wurde Nun vollendet. Seitdem der Gottversoͤner am Kreuze Blutete, fuͤhlte die Hoͤlle des Ueberwinders Gerichte! Aber vor allen empfanden sie Adramelech und Satan! Satan, Zehnter Gesang. Satan, indem er vor Qual der unterirrdischen Felsen Einen zermalmt, und kaum, mit schwerem dumpfen Gebruͤlle, Stammeln konnte, begann: Fuͤhlst du sie, wie ich, die entslammte Unversoͤnliche Qual, die in ieden Abgrund des Herzens Tod auf Tod mir, ewigen Tod! stets heisser hinabstuͤrzt; Sieh, ich will dir, verruchter, gerichteter, ewiger Suͤnder! Jch, wie du, ein verruchter, gerichteter, ewiger Suͤnder! Jhre schwarze Gestalt, so viel ich vermag, dir beschreiben. Zwar sie hat nicht Bilder genung die unterste Hoͤlle, Meine Qualen dir ganz, so ganz, wie ichs duͤrste, zu zeigen: Dennoch hoͤr mich, Verruchter! Wofern du etwa nicht alles, Was ich empfind, empfindest; so soll es, was ich dir sage, Elend genung dich machen. Mit mir sollst du es empfinden! Oder es doch als kuͤnftig, mit starren Ahndungen, fuͤrchten! Hoͤre! So sehr hat mich mein Jammer niedergeworfen, Daß mich so gar der Anblick von deiner Qual nicht mehr froh macht! Wie ich erniedriget bin, ward ich noch niemals erniedrigt! Siehe, so tief, daß ichs, mit grimmigem Zagen, bekenne! Ja, Er ist allmaͤchtig! allmaͤchtig ist Er! Allein ich Was bin ich? Das schwaͤrzte der Ungeheuer des Abgrunds! Ganz, ganz unten lieg ich, auf mir die Hoͤlle! von allen Seinen Qualen gedruͤckt! von allen Seinen Gerichten Ueberlastet! … Und hat Er etwa, den Ewigtodten Jn dieß tiefste der Graͤber mit seinem Donner zu werfen, Wuͤrdig geachtet? Ein Engel gebot uns zu fliehen! wir flohen! Und in wessen Namen gebots der Gesendete Gottes? O was ist es in mir? was fuͤr ein neues Gericht ists, Das Der Messias. Das mir drohet? Jch darf den grossen Namen nicht nennen! Und er stirbt izt vielleicht, in dessen Namen wir flohen! Den wir verfolgten! Ein neuer, ein flammender Pfeil des Verderbens Fliegt, mit diesem Gedanken, durch mein unsterbliches Leben! Dunkel an Dunkel, umringt mich! Jch sehe von dem Geheimniß Nicht den fluͤchtigsten Schimmer! Auch dieß ist Elend! Alles, Alles um mich, ist Elend! und ich, sein Opfer auf ewig! Selbst die Hofnung, vernichtet zu werden, die grimmige, schwache, Quaͤlende Hofnung! auch sie ist ganz dem Verworfnen verschwunden! Werdet zum Chaos, zur Nacht, zur Hoͤll, ihr Welten und Himmel, Und fallt uͤber mich her! deckt mich vor dem Zorne der Allmacht! Adramelech, der niedergeschmetterte Stolze, vermochte Kaum mit roͤchelnder Angst, mit verzweifelndem Blicke zu sagen: Hilf mir! ich flehe dich an, ich bete, wenn du es foderst, Ungeheuer! dich an! (Er faßt’, indem er es bruͤllte, Satan mit eisernen Haͤnden!) Verworfner, schwarzer Verbrecher, Hilf mir! ich leide die Pein des raͤchenden ewigen Todes! … Vormals konnt ich mit heissem, mit grimmigem Hasse, dich hassen! Jzt vermag ichs nicht mehr! Auch dieß ist stechender Jammer! O wie bin ich zermalmt! Jch will dir fluchen, und kann nicht! Fluchen, daß ich, um Huͤlfe, dir flehte! Vielleicht war ein Tropfen Lindrung darinn, wenn ich mit flammender Rache dir fluchte! Aber ich will es, ich wills! … Hier stuͤrzt’ er ohnmaͤchtig zuruͤcke. Also empfanden die Beyden des Ueberwindenden Allmacht! Weit war ihre zerschmetternde Rechte verbreitet. Die andern Stolzen Empoͤrer empfanden sie auch. Die unterste Hoͤlle Hallte vom dumpfen Geheul gestuͤrzter Verzweiflungen wieder! Aber Zehnter Gesang. Aber enthuͤll, Sionitinn, der qualbelasteten Hoͤlle Tiefen nicht weiter. Ein anderer Schauplaz, voll heiliger Wehmut, Voll Anbetung, und jenes Todes, der unsern versuͤßt hat, Voll von goͤttlicher Huld, der Schauplaz eroͤfnet vor dir sich! Jesus wandte sein Auge vom Meere des Todes, und sahe Auf die Schaaren, die ihn, von allen Seiten, umringten, Standen, knieten, dachten, verstummten, beteten, weinten: Und ein maͤchtig Gefuͤhl der ewigen Liebe durchschauert Jesum Christum. … Der Blick des Gottversoͤners verweilte Bey den Seelen am laͤngsten, die keine sterbliche Huͤtte Noch betreten, noch nicht den Staub geheiliget hatten. Denn izt nahte sich einer der festlichen Augenblicke, Die, auf Einmal, die Erde mit vielen edleren Seelen Segnen, und die, mit daurender Macht, Jahrhunderte bilden. Zwar nicht immer stroͤmte der Ruf von dem, so sie thaten, Mit den Jahrhunderten fort; allein die maͤchtige Wirkung Jhres Beyspiels, welches an ihnen der lernende Freund sah, Wieder dem Enkel es zeigte, verflicht, in die Thaten der Nachwelt Zwar ins Geheim, doch gewiß sich! Es bleibt, vom gesunknen Wurfe, So, auf der Flaͤche der Wasser, ein ausgebreiteter Kreislauf. Aber eh noch die Seelen, des festlichen Augenblicks Kinder, Von den Engeln zu ihrer Geburt ins sterbliche Leben Weggefuͤhrt wurden, begann der edelsten eine, die Zweisel Jhrer Gedanken bey sich zu entwickeln. Ein Schimmer vom Lichte. Das sie, in ihrer Verweilung auf Erden, heiligen sollte, Senkte sich sanft in sie nieder. So dachte der Ewigkeit Erbinn: II. Band. J Jmmer Der Messias. Jmmer empfind ich es mehr, daß er des Unendlichen Sohn ist! Denn, wie die Sonnen des Sternengefilds, von welchem wir kommen, So unzaͤhlbar, so maͤchtig, doch mit viel milderem Einfluß, Strahlen aus seinem Gesicht die unerforschten Gedanken! Aber er ist noch anders, als unsre Freunde, die Engel, Ach, er ist wie die Menschen, die ihn umgeben, gestaltet! Doch die gleichen ihm auch an Gestalt nur. Jn ihrem Gesicht ist So was Truͤbes, und Niedriges! etwas wider den Schoͤpfer! Ach, wer muͤssen sie seyn, die Menschen? Wir sollen zu Menschen Kommen, wie sie, in Leiber, die sterben muͤssen, gekleidet, Wenige Zeit so leben, dann naͤher zum Ewigen kommen! Sind noch andre Menschen, zu denen der Schoͤpfer uns sendet? Oder sind diese die Kinder von Adam? Wenn diese von Adam Stammen, so sind sie auch unsre zukuͤnftigen Bruͤder. Doch scheint mir Dieß die Erde nicht, welch ich, als Adam geschaffen war, sahe. Denn die war viel herrlicher! … Was du, o Vater, beschlossest, Vater der Engel und Menschen, dein goͤttlicher Wille geschehe! Und dein Wille, du Sohn des Vaters! … Von allem, was schwer ist Zu ergruͤnden, ist mir am schwersten zu fassen: Du leidest, Gottes Sohn! … Da, wo du erhaben uͤber dem Huͤgel, Hingeheftet haͤngst, da scheint ein endliches Leben Dir aus deinem Leibe zu quellen; du selbst zu empfinden, Daß es dahinquillt. Und ihr, o Engel, die ehmals die Fragen, Welch ich euch that, aufloͤstet, verstummt der Fragenden itzo! Doch das fuͤhl ich in mir, daß dieß wegstroͤmende Leben, Dieß Hinsinken des Leibs, der dich, du Goͤttlicher! einhuͤllt, Nah mich angeht, naͤher vielleicht, als die Seraphim, angeht! Unaus- Zehnter Gesang. Unaussprechlich lieb ich ihn, mehr, als ich iemals noch liebte! Ach, wenn er mich, mit eben der Liebe, die mich zu ihm hinreißt, Lieben koͤnnte; so wuͤrd er vielleicht den Flecken verbergen, Welcher, als im am Stolze der Erstgeschaffenen Theil nahm, Mich entheiligte; wuͤrde fuͤr mich bey dem Ewigen bitten! Mir verzeihen, und mich zu Gottes Anschaun erheben! Gott, vollende dein Thun in deiner Erschaffnen! Erfuͤlle Jhr entflammtes, ihr immer empfundnes, frommes Verlangen, Nach Gluͤckseligkeit! Du, nur du, Unendlicher, du bist Jhr Gluͤckseligkeit! Dir sich nahen ist ewige Wonne! Also denkt sie, und denkts nicht umsonst. Gott, welcher von fern her Oft, was er thut, bereitet hat, bildete so die Seele Zu dem Leben der Pruͤfung, und zu dem ewigen Leben. Und nun flog mit freudigem Schwunge die Zeit. Der gehofte, Von den Engeln gehofte, nur unter den Engeln gefeyrte Augenblick kam. Es stehn, zum Kreuz hin gerichtet, erwartend, Voll von frommer heisser Begier, die kuͤnftigen Huͤter Dieser Seelen, die izt dem sterblichen Leben sich nahten. Banger vor Freuden und bebender stehn die Huͤter. Jndem geht Von dem Auge des Gottversoͤners der grosse Befehl aus, Mit dem Befehl ein Segen des Sterbenden: Gehet und lebet, Glaubet, und uͤberwindet! Jch liebt euch, ehe die Welt ward! Und die Engel fuͤhrten sie fort. Sionitinn, erzaͤhle, Wie sie lebten, und wie sie dem grossen Versoͤner der Suͤnde, Jede nach ihren Gaben, im Pilgerleben sich weihten. Wirkungen von der neuen Empfindung, die sie erfuͤllte, Da sie am Kreuze den Goͤttlichen sahen, blieben in allen, J 2 Wuchsen, Der Messias. Wuchsen, entwickelten sich, mit des sterblichen Lebens Begriffen, Und den hoͤhern der Gnade, die Jesus uͤber sie ausgoß. Eine der schoͤnsten unter den Seelen, war deine, du edler, Frommer Juͤngling, Timotheus. Denn du warst noch ein Juͤngling, Da du, mit feuriger Treu, der Gemeinen eine bewachtest. Willig nahm er die Predigt von Jesu Christo, dem Todten, Und dem Auferstandenen, an. Der Gewaͤhlte des Mittlers, Er, der Geruͤstete gegen die Hoͤhen, die sich erhuben Wider die Lehre von Jesu, dem Ueberwinder des Todes, Paulus, er brachte sie ihm aus jenem furchtbaren Lichte, Das vom Herrn ihn erschreckte. Die schoͤne Seele des Juͤnglings Lernte freudigzitternd das ewige Leben, und lehrt’ es Tausende! Tausende lehrte sein Tod, da er unter der Wuͤrger Schwerte sank, bis ans Ende der Laufbahn standhaft! ein Leuchter Jn den Gemeinen! ein maͤchtiger Zeuge, wie Paulus, und Kephas! Jesus selbst nennt einst, vor allen Todten, die Namen Seiner Zeugen, und kroͤnt sie dadurch mit der hoͤchsten der Ehren. Fruͤh empfing, die hohe Belohnung der Treuen, Antipas. Denn der Richter der Welt, als er die Gemeinen aus Patmus Richtete, nannt’ er deinen unsterblichen Namen, Antipas! Denn mit fester Treue, mit reiner, brennender Liebe, Hattst du den Wundenvollen geliebt, geliebt bis zum Tode! Hermas sang in Psalmen voll Thraͤnen und Wonne den Mittler, Sang den Entschlafnen, den Auferstandnen, den Himmelerhobnen, Gottes Sohn, den Erbarmer der schwachen, sterblichen Menschen! Gottes Sohn, den Todtenerwecker, den Richter der Welten! Seine Psalmen sangen, verscheucht in einsame Hoͤlen, Christen, Zehnter Gesang. Christen, die aus den heiligen Choͤren der feyernden Bruͤder, Wenn sie dazu der Wille des Angebeteten winkte, Schnellgetoͤdtet, ins hoͤhere Chor der Vollendeten, giengen. Phoͤbe verließ die Schranken, in die ihr Geschlecht sie einschloß. Feurig, Gutes zu thun, und Seelen Gott zu gewinnen, Weiht sie sich einer ganzen Gemeine: Zu lindern des Armen Elend! zu helfen dem Kranken! den Sterbenden anfzurichten! Liebevoll that sies, von wenigen Frommen gekannt, und von Engeln. Jedem taͤuschenden Zweifel der falschen Weisheit entriß sich Endlich Herodion; kam zu dem goͤttlichsten unter den Lehrern; Und erkannte, daß der, nicht mehr durch Wunder erhaben, Als durch Wahrheit, den Willen des ewigen Vaters der Wesen Ganz, und rein, den sterblichen Soͤhnen der Todten eroͤfne! Und daß, diesen wissen, und thun, zum Ewigen fuͤhre! Wie viel krummen Wegen des dornichten Gruͤbelns entklomm er, Eh er zum Lichte, das ihn von Gott umleuchtet’, emporflog! Wie vergebens, wie aͤngstlich, wie tief in der Seele verwundet, Sann er, eh er die Wagschal des menschlichen Wissens zu leicht fand; Und, die furchtbare Schwere der andern Wagschal, erblickte! Epaphras ward ein maͤchtiger Beter. Mit Paulo gewuͤrdigt, Um des Gekreuzigten willen, im Kerker des Wuͤtrichs zu liegen, Rang er fuͤr die Gemeinen im heissen Gebete. Der Segen Seines Gebets ergoß sich vor Allen, auf die zu Colossen, Seine Geliebten. Und war er bey ihnen, so wacht’ er, und kaͤmpfte, Und ermuͤdete nicht. Gott lohnt’s dem Treuen. Sie trugen Fruͤchte der Heiligung. Auch zu Laodicea erhielten Epaphras brennender Eifer, und seine Gebete noch lange J 3 Einige Der Messias. Einige bessere Seelen in unverloͤschender Liebe Zu dem Gekreuzigten. Aber zulezt sank Laodicea Ganz in Laulichkeit hin. So lag es, als ihm von Patmus Jesu Prophet das Todesurtheil des Richtenden sandte. Aber auch dieß war noch voll lockender Gnade. Noch wurde Diesen Sterbenden Leben gezeigt! noch weisse Gewande Sie zu kleiden! noch ihnen der Ueberwindenden Krone! Persis war der Zaͤrteren eine, die, die, durch geheime Ungesagte Leiden, ihr Gott zur ewigen Ruh fuͤhrt. Aber, in ihrer Bekuͤmmerniß Thraͤnen, mischten des Himmels Heilende Thraͤnen sich, wenn sie, im stillen Gebete, zu Gott rief. Nichts fuͤr den Ruf, den halben und lauen Belohner der Tugend, Oefter noch ihren Verfolger, und schlangezuͤngigten Laͤstrer, Nichts fuͤr ihn that Apelles! auch selbst fuͤr die Ehre, des Weisen Beyfall, nichts! Daß selber der Weise, wie scharf er auch denke, Und wie edel; doch nicht, bis zur Absicht, die Handlungen kenne: Und die Handlung nur sichtbarer Leib, die Absicht ihr Geist sey! Dacht’ er sich oft. Der Allsehende nur, und jene Belohnung, Die er dem Reinen verheißt, der hoͤhre Gedanke bestimmt’ ihn, Nur der, wenn er, zu handeln, und, nicht zu handeln, es wagte! Flavius Clemens Verdienst war nicht, daß er mutig dem Glanze, Den des Caͤsars Verwandtschaft ihm gab, sich entzog. Den Tyrannen Zu verachten, war leicht. Allein da weisere selber Jhn anklagten, er waͤlze sich in unroͤmischer Traͤgheit! Sey den Geschaͤften, der Ehre, dem Vaterlande, gestorben! Und er dennoch, so sehr die zaͤrtere Seele des edlen Auch der Vorwurf ruͤhrte, sich ganz den Pflichten der Christen Weihte, Zehnter Gesang. Weihte, den Pflichten, die er fuͤr die ersten und hoͤchsten erkannte: Macht’ er sich, wie es ein Sterblicher kann, der Maͤrtyrer Krone Wuͤrdig! Er haͤtte die Thaten, durch die er die Heiligen lehrte, Gerne naͤher am Throne gethan. Allein da er wuste, Unverstanden von knechtischen Schmeichlern, und ihrem Beherrscher, Wuͤrd er dort vergebens fuͤrs Wohl der Menschen sich muͤhen: So entschloß er sich maͤnnlich, im engern Kreise zu bleiben, Gutes, wo ers vermochte, zu thun, und mehr der Betrachtung Seines Todes, und mehr der unsterblichen Seele zu leben! Mit zu vielen Geschaͤften fuͤr Einen, umgeben, und dennoch Niemals in ihrem Netze verstrickt, that Lucius eifrig, Was er sollte, nicht stolz darauf, nicht niedergeschlagen, Wenn er oft die Aehre der Saat, die er streute, nicht sahe. Sorgsam, ein weiser Kaͤufer der Zeit, erspart’ er noch immer Stunden zum Gebete, zur weltentfernten Betrachtung, Heilige Stunden. Und so entrann er ins ewige Leben! Enkelinnen, euch reize Tryphaͤnens Beyspiel! Auch ihr lebt Unter Heiden. Mit jener gereinigten edleren Liebe, Welche Tugend ist, liebte Tryphaͤna. Was schoͤn ist und schaͤtzbar, Hatte der Juͤngling; allein ein Heide war er, entschlossen, Es zu bleiben! Tryphaͤna befuͤrchtet viel von des Juͤnglings Leichtgewandten Beredsamkeit; mehr noch von seiner Liebe; Alles von ihrer! Die uͤberwindet sie! Heitere Freude Wird, schon hier, die Belohnerinn ihres frommen Entschlusses: Sich, die unsterblich einst ist, in diese Gefahr nicht zu wagen. Linus, von keinem Schimmer des Lebens am Grabe zu taͤuschen, Unbezwingbar den Kleinigkeiten, in welche sich Fromme J 4 Selbst Der Messias. Selbst verstricken, und denen sie oft, zu muͤhsam, entrinnen! Linus, allein mit sich selbst, und seines Herzens Erforscher; Oder zu Freunden gesellt, die reiner waren und edler, Liebte vor allen, den Menschen mit jenem Maasse zu messen, Mit dem deine Weisheit ihn mißt, Wort Gottes, du Urquell Jedes hoͤhern Gedankens, und ieder bessern Empfindung! Liebte, Blumen aufs Grab zu streuen, und sich zu verlieren Jn der hellen entzuͤckenden Aussicht der Auferstehung! Von Trajanus, der hier sein edleres Herz befleckte, Weg in Banden gefuͤhrt, und von dem Todesurtheil Seines Verfolgers beladen, ertrug Jgnatius freudig Jesu, des Gottgeopferten, Schmach. Kein niedriger Vorwurf Wag es, die hohe Seele des gottgeweihten Gerechten Anzuklagen: Er habe zu sehr nach der Ehre gerungen, Welche das Haupt der Maͤrtyrer kroͤnt. Nur Soͤhne des Unsinns Und des Lasters koͤnnens zu sehr; wo sie anders es koͤnnen! Wie er war aufgegangen, so ging Jgnatius unter, Leuchtend, mit mildem Einfluß. Wie theuer dem Christen des Lebens Lezte Zeit seyn muͤsse! Was, schon am Ziele der Sieger! Was er, obgleich bedeckt mit dem heissesten Schweisse der Laufbahn, Fuͤr die Genossen des Streits, und der grossen Belohnung, noch thue Lehrt er uns. Er staͤrkte zum ewigen Leben die Bruͤder. Welch ihn geleiteten, Einmal ihn noch zu sehn, und zu segnen. Die sein freudeweinendes Auge nicht sieht, die ermahnt er, Troͤstet entflammt er, durch Briefe, zur Liebe des Siegers am Kreuze, Bis ihn der grausame Schauplaz empfaͤngt, und Thier’ ihn zerreissen. Heiden Zehnter Gesang. Heiden blieben die Eltern der jungen Claudia, Heiden Jhre Bruͤder und Schwestern. Ein redlicher Mann war ihr Vater, Sanft die Mutter, und liebenswuͤrdig die Schwestern und Bruͤder. Claudia liebt sie, und wird geliebt von ihnen; allein sie Thuts, wird eine Christinn, und bleibt im Glauben, und stirbt so. Fern von der Welt. (Nicht immer ists menschenfeindlicher Truͤbsinn, Von der Welt sich entfernen!) vereinigt’ Amplias weise, Mit tiefsehender Kenntniß der menschlichen Schwaͤchen entflammten Daurenden Eifer, dem grossen erstaunungvollen Gesetze: Seyd vollkommen, wie Gott! mit bebender Demut zu folgen. Von der Zinne der Ueberwinder umflammt dieß hohe, Goͤttlichstrahlende Licht den Staubbewohner. Er blickte, Nie gewendet, hinauf zur engen Pforte, durch die es Flammt’; und ging, und strauchelt, und klomm den schmalen Weg auf. Phlegon hatte den schimmernden Kreis der griechischen Weisheit Ganz gemessen; besaß viel Guͤter der Erde: doch druͤckten Diese zur Wollust ihn nicht, nicht jene zur Eitelkeit nieder. Wo er hintrat, entfloß des Edlen Gange der Balsam Stiller, geheimerer Milde. Die Kranken labt’ er; die Nackten Kleidet’ er! Aber er gab noch wesentlichere Gaben, Treuen Rath dem kraͤnkeren Geist, als ein Koͤrper es seyn kann! Volle Troͤstung den Seelen, die in lichtduͤrftige Zweifel Sich verwebten! Er brachte viel halbgewendete Christen Zu dem blutenden Menschenfreunde, zum Himmel zuruͤcke! Nicht aus Bescheidenheit nur, er schien auch selber aus Demut, Nichts von der Weisheit der Erde zu wissen. Er kannte nur Jesum. Jesum, den Suͤndeversoͤner, den Helfer im Leben, und Tode! J 5 Aber Der Messias. Aber wenn unentwickelter Tiefsinn die schwankenden Bruͤder, Daß sie gruͤbelten, trieb; dann floß unerschoͤpflich die Quelle, Bis, durch starke Zuͤge, der lechzende Wandrer erquickt war. Sanft von Natur, noch sanfter aus Pflicht, die beste der Muͤtter War Tryphosa. Von Kindern umringt, erzog sie die Kinder Jn der Religion des gottversoͤnenden Todes. Nicht zu ermuͤden, und unerschoͤpflich an Kuͤnsten der Klugheit, That sie ihr Werk, und war der Gemeine Jesu zur Stuͤtze, Ohne Vermutung, sie seys! Sie hatte den lezten der Soͤhne Kaum gebohren, da starb sie, mit Thraͤnen: Ach koͤnnte sie diesen Auch erziehn! … Sie weint’s, und starb! Des Ewigen Segen War auf ihre Kinder gekommen. Die Aeltsten erzogen Diesen Juͤngsten. Er ward ein Maͤrtyrer. Seraphim fuͤhrten Jhn aus den Armen des Todes ihr zu. Da weinte die Mutter; Aber andere Thraͤnen, als die am geoͤfneten Grabe! Sich nicht raͤchen, auch dann nicht, wenn Rache Gerechtigkeit waͤre, Das ist edel! Erhaben ist es, den Beleidiger lieben! Jhn mit geheimem Wohlthun im Elend erquicken, ist himmlisch! Du, du thatst es! ich nenne den grossen Namen, mit Ehrfurcht, Deinen Namen, Erastus! Von ihren goldenen Thronen Standen Engel ihr auf, da die hohe Seele zu Gott kam! Diese waren die Seelen, die ihre beschuͤtzenden Engel Jn das Leben der Pruͤfung, vom Kreuze des Sterbenden, fuͤhrten. Und sie schwebten mit ihnen den Oelberg hinunter, und kamen Jn Gethsemane. Da sie die zwanzig Palmen erreichten, Unter denen ins erste Gericht der ewige Sohn ging, Schauerte sie! Es segneten ihnen, die unter den Palmen Stan- Zehnter Gesang. Standen, mit inniger Liebe, mit himmelvollem Gefuͤhl nach: Simeon, und der gewuͤrdiget ward, den Versoͤner zu taufen, Und zu sehen den Geist herunterschweben auf Jesum, Und zu hoͤren, als Gott, aus strahlenden Wolken, von Gott sprach! Amoz Sohn, der grosse Prophet des geschlachteten Opfers; Und der Seher der Auferstehung, Hesekiel; Hoͤr du, Duͤrres Gebein! Da rauschte das Feld! da erwachten die Todten! Noah, den rein der Ewige fand, Loth, Samuel, Aron, Und Melchisedek, Gottes Prophet, und Priester, und Koͤnig; Benjamin, Josephs Bruder; und Joseph, Benjamins Bruder; Mit der Mutter die sieben Soͤhne, Maͤrtyrer alle! David, und Jonathan; aber sie wenden sich weg von einander, Daß die Wehmut des einen, des andern Schmerz, nicht entzuͤnde! Mirjam, und du, Debora, die Gott, den Rettenden, sangen! Simeon wendete sich vom erhabnen Johannes, und sagte: Selige Seelen, erwaͤhlte, begnadigte Kinder des Glaubens, Geht, der Herr ist mit euch, und seiner Erbarmungen Fuͤlle! Macht der Glaubenden viel, viel mitgerettete Bruͤder! Menschlichkeit breite, durch euch, sich uͤber Adams Geschlecht aus! Menschlichkeit, reiner und besser, als sie, nur Weisheit der Welt, lehrt! Ach, Johannes, wie schoͤn ist ihr Schicksal! ihr Lohn, wie erhaben! Brannte nicht deine Seele, beym Anblick dieser Gerechten? Lindert’ er nicht den Schmerz, so vom blutigen Todeshuͤgel Ueber uns stroͤmt? … So sagt’ er, und sah dem Geliebten ins Antliz. Wenn ich es auszusprechen vermoͤchte; sagte Johannes, Haͤtt ich Worte fuͤr das, so ich denke, fuͤr das, so ich fuͤhle; Koͤnnten Thraͤnen der Wehmut, es Thraͤnen der Wonne dir sagen: O, Der Messias. O, so wollt ich, Simeon, dir, du Geliebter, es sagen: Was ich empfinde, seitdem er am Kreuz der Gerichteten Tod stirbt, Und, in diesem Tode, sich aller, aller erbarmet! Aber verstummen will ich, ich will noch laͤnger verstummen! Meine Hand auf den Mund anbetend legen! … So sagt’ er. Ach, du waͤlzest auf mich von neuem der feurigsten Schmerzen Ganze Last! O haͤttst du von seinem Tode geschwiegen! Jedes Wort, so du sprachst, ward mir zum Donner, und traf mich Denn ich sah ihn, ich seh ihn sterben! … Ja, theurer Johannes, Schon erhub sich mein Geist zur gottbelohnten Vollendung Seiner Leiden! Es glaͤnzten mir schon des Entschlafenen Wunden! Aber izt sink ich zuruͤck! … Ach, den ich weinend umfaßte! Den ich sprachlos, zum Allerheiligsten Gottes emporhielt, Bis ich endlich zu reden, und anzubeten vermochte, Der, der blutet! … (Zwar zeigte mir Gott sein Ende von ferne; Aber, wie ich es sehe, so schrecklich zeigte mirs Gott nicht!) Blutet itzo, verkannt! … von Gott verlassen! … am Kreuze! … Bey Verfluchten! … Er schwieg, und unterlag dem Gedanken. … Habe mit mir auch Mitleid! Erinnre mich nicht an das Leben, Welches mit Augen des Fleisches wir ihn sahn leben! Es dringt mir Dieser Gedanke zu tief in meine Seele! verwundet Mich zu sehr, du Geliebter! So oft ich ihn, Simeon, sahe; Und oft sah ich ihn, der, ein Lamm, die Suͤnde der Welt traͤgt, Ach so oft umleuchteten mich der Himmlischen Freuden! Denn kaum sah ich den blutvollen Streit; ich sah nur den Sieger! Doch verstummen, verstummen will ich, bis Er es vollbracht hat! Also Zehnter Gesang. Also strebten sie, sich der Wehmut Gefuͤhl zu entreissen. Mirjams, und deine Wehmut, Debora, wurden nach langem, Traurenden Schweigen, zum sanften, zum weinenden Liede voll Klage. Denn der Unsterblichen Stimme zerfließt von sich selbst in Gesaͤnge, Wenn sie Empfindungen sagt, wie Debora und Mirjam sie fuͤhlten. Die auf Ephraims Berge nach ihrem Namen den Palmbaum Nannt’, und Amrams Tochter, so sangen sie gegen einander: Schoͤnster, unter den Menschen! Er war der Schoͤnste der Menschen; Aber entstellt, entstellt hat dich, der blutige Tod, dich! Zwar es weint mein Herz, und truͤbes Trauren umringt mich; Aber er ist der Schoͤnste, vor allen Erschaffnen der Schoͤnste! Schoͤner, als alle Soͤhne des Lichts, wenn sie strahlend vor Andacht, Beten zu dem Unendlichen, schoͤner in seinem Blute! Trauert, Cedern! Auf Libanon stand sie, ein Schatten des Muͤden, Aber sie ist zum Kreuze gehaun, die seufzende Ceder! Trauert, Blumen im Thal! Er stand am silbernen Bache; Aber er ist, um des Goͤttlichen Haupt, zur Krone gewunden! Unermuͤdet faltet’ er seine Haͤnde zum Vater, Fuͤr die Suͤnder, zum Heiligen! Unermuͤdet betraten Seine Fuͤsse der Leidenden Huͤtte! Nun sind sie durchgraben, Seine Haͤnd’, und Fuͤsse, mit eisernen Wunden, durchgraben! Seine goͤttliche Stirn, die er hier am Berg in den Staub hin Niederbuͤckte, von der schon, Schweiß mit Blute gemischt, rann! Ach wie hat sie die Krone, die blutvolle Krone, durchgraben! Seiner Mutter Seele durchdringt ein Schwert! … Ach erbarme Deiner Mutter dich, Sohn! und erquicke sie, daß sie nicht sterbe! Waͤr Der Messias. Waͤr ich seine Mutter, und schon im Leben der Wonne; Ach es ginge mir dennoch ein Schwert durch meine Seele! Mirjam, sein Auge verlischt, und schwerer athmet sein Leben! Bald, nun blickt er bald, zum leztenmale, gen Himmel! Todesblaͤsse bedeckt die gesunkne Wange, Debora! Bald, nun sinkt ihm bald sein Haupt zum leztenmal nieder! Die du droben den Himmlischen leuchtest, Jerusalem weine Thraͤnen der Wonne! Bald ist des Opfers Stunde voruͤber! Die du suͤndigst auf Erden, Jerusalem, weine dein Elend! Denn bald fordert sein Blut, von deinen Haͤnden, der Richter! Still in ihrem Laufe sind alle Sterne gestanden! Und die Schoͤpfung umher verstummt dem leidenden Gotte! Denn es ist Jesus, es ist der ewige Hohepriester, Zu versoͤnen, im Allerheiligsten! Halleluja! Auch der Erdkreis ist still gestanden! Und die, auf der Erde, Staub auf Staube, wohnen, euch ist die Sonne verloschen! Denn es ist Jesus Christus, der ewige Hohepriester, Zu versoͤnen, im Allerheiligsten! Halleluja! Also sangen Debora, und Mirjam gegen einander! Sichtbar kam der Versoͤner dem Tode naͤher! … Der Frommen Meiste zerstreun sich, vermoͤgen nicht mehr des Sterbenden Anblick Auszuhalten. Mit gleitendem Schritte, mit starrem Auge, Ging Lebbaͤus fort. … Nicht so vom Trauern erschuͤttert; Aber durchdrungen von Wehmut, begleitet von ferne Lebbaͤum Lazarus. Als Lebbaͤus zu einem verfallneren Grabmal An dem Oelberge kam, ging er hinunter. Vor ihm lag Eine Truͤmmer, Er sank auf den Felsen, umfaßt ihn, und legte Seine Zehnter Gesang. Seine Stirne darauf. Allein er verstummte. So kniet’ er Jn noch truͤberer Nacht, als izt die Erde bedeckte. Lazarus stand an der Oefnung des Grabs, und begann mit sanfter Leiser Stimme, mit der, die selbst der muͤdeste Schmerz hoͤrt: Sinke nicht, du Geliebter, nicht ganz in Traurigkeit unter! Hoͤre mich, hebe dein Antliz aus diesem Grab auf! Ach, kennst du Meine Stimme nicht mehr? Jch bins, den du immer geliebt hast! Der so herzlich dich liebt! um den du vor kurzem auch weintest, Lazarus, den der Gekreuzigte Gottes ins Leben zuruͤckrief. Ach, mit namlosen Freuden, entzuͤcktem, bebenden Staunen, Danktest du unserm goͤttlichen Retter! O denke zuruͤcke! Augenblicke vorher, eh wir ihm dankten, da lag ich Noch im Grab, und begann zu verwesen! … Wir haben es oftmals Mit einander besprochen; allein es riß dich der Juͤnger Meinung mit fort: Es muͤsse sein Reich ein weltliches Reich seyn, Eh es koͤnne zum himmlischen werden. Doch loͤstest du niemals Ganz den Zweifel mir auf, der meine Seele zuruͤck hielt, Jn den Worten was Jrrdisches muͤhsam zu suchen, in denen Unser goͤttlicher Freund viel klaͤrer vom Himmlischen redte! Winde von deinem Jammer dich los, du Geliebter! Erklaͤre Mich nicht anders, als es dieß mit dir weinende Herz meint! Ja, du sollst ihn beweinen, den Goͤttlichen sollst du beweinen! Denn er ist unaussprechlich, der Schmerz, mit dem er am Kreuze, Nun schon stundenlang, stirbt! Doch must du unter dem Jammer, Nicht erliegen! … Er kann, wenn er will, vom Kreuze noch steigen! Oder, wenn er entschlaͤft, ists moͤglich, daß er verwese? Jesus, Der Messias. Jesus, des angebeteten Sohn! der Himmelgesandte! Der vor Abraham war! ists moͤglich, daß er verwese? Also sagt er. Es haͤlt mit unbeweglichen Haͤnden Noch den Felsen Lebbaͤus; allein er wendet sein Antliz Doch nach Lazarus um. Zwar blickt’ er mit starrendem Auge; Aber er sah zum Freunde doch auf. Da lief, da umarmte Lazarus ihn, und entriß den Jammervollen dem Grabmal! Faßt’ ihn bey der Rechten, und blieb mit ihm stehn. Sie sahen Unter hangenden Naͤchten die stolze Jerusalem liegen; Sahn den entschimmerten Tempel, den uͤberschatteten Sion, Und … auch Golgatha! … Hebe, (so sprach zum zitternden Freunde Lazarus,) hebe, Lebbaͤus, dein Aug auf, und sieh! … Jch sehe Gottes Gegenwart auf dem benachteten, graunvollen Schauplaz! Einen Tag, wie dieser ist, hast du den iemals gesehen? Haben, Lebbaͤus, mit dir dein Vater, und der ihn gezeugt hat, Jemals von einem Tage, wie dieser Tag ist, gesprochen? Welche Feyerlichkeit hat Gott ihm gegeben! Wie furchtbar Hat er die Erd und den Himmel, mit seinen Schrecken, bekleidet! Wie, mit todter Stille, die Schauenden alle gefesselt! Wenn nun Gott, durch den Tod des Heiligen, Dinge vollbraͤchte, Welche wir nicht verstuͤnden? … Dir kann ich es sagen, Geliebter, Und zwar, weil es vielleicht dir deine Traurigkeit lindert; Sonst verschwieg ich es noch! Seitdem der Goͤttliche blutet, Fuͤhl ich in mir … wie soll ichs genau und wuͤrdig dir sagen? Fuͤhl ich so was Stilles und Friedenvolles, das selber Meine Wehmut, mit der ich ihn leiden sehe, besaͤnftigt! Ringsum ist alles heilig um mich! Wohin ich mich wende, Find Zehnter Gesang. Find ich des Ewigen Spur, des Allgegenwaͤrtigen Naͤhe! Ja, was goͤttliches ists, das mir die heilige Ruh giebt! Als der grosse Dulder den Todeshuͤgel hinaufstieg, Fuͤhlt ich dieses noch nicht. Allein, seitdem er am Kreuze Blutet, vernimmt mein Ohr ein wehendes Rauschen, als hoͤrt ich Schaaren Unsterbliche wandeln! Jch hoͤrte sie so, da ich todt war! Auch umschimmert mein Auge nicht selten was Himmlisches, das sich Schleunig verliert, so schnell, als es kam. Dieß laͤßt mir Ruhe, Frieden Gottes, und Seligkeit in der Seele zuruͤcke! Jn dem Augenblicke, da Lazarus endete, rufte Schnell Lebbaͤus: Du staunst! Du bleibst in Entzuͤckungen stehen! Ach, wer ist es? wem sieht, mit dieser Wonne, dein Blick nach? Lazarus, als er zu reden vermag, antwortet: Jzt eben Schwung ein Unsterblicher sich vor mir voruͤber! Noch niemals Hab ich auf Einmal so viel von eines Unsterblichen Klarheit, So viel Wonne der anderen Welt noch niemals gesehen! Und er brachte vielleicht vom Himmel goͤttliche Botschaft; Denn er eilte! Dem schnellsten Gedanken gleich, flammt er, und eilte. Nein! (So fuhr er mit stammelnder Freude, mit thraͤnendem Blick fort, Und umarmte mit dieser Entzuͤckung Lebbaͤum.) Er wird nicht, Er, bey dessen Geburt schon diese Himmlischen feyrten, Nein, des Ewigen Sohn, er wird die Verwesung nicht sehen! Uriel wars, von dem die weggewendeten Strahlen Lazarus sah. Der Unsterbliche kam von der Sonne geflogen, Trat, so wie sein Antliz vom eilenden Fluge noch flammte, Zu den Vaͤtern, und sprach: Jch muß, ich muß es euch sagen, Was ich sah! Er stieg vom Himmel herunter. Sein Gang geht II. Band. K Nach Der Messias. Nach der Erde, gerad auf sie zu! Jzt steht er, dann wieder Eines Winks Zeit, sich, wie es scheint, zu erfrischen. Weil aber Alle Schoͤpfungen ruhn! so weht den Muͤden kein Stern an! Soll ich euch seine Gestalt, soll ich des Schreckenden Ansehn, Wie er heut ist, den ersten der Todesengel, beschreiben? Ach, noch nie hat Gott ihn mit diesem Entsetzen geruͤstet! Seit der Erschaffung ist er noch nie so furchtbar gewesen! Gott! Weltrichter! du ewiger Richter! wer bist du! wer bist du! Wenn du Gericht haͤltst! … Flammen des Herrn gehn weit vor den Boten Seines Gerichts her. Er schwingt die schlagenden Fluͤgel; dann rauschen Sie, wie Gewitter. Vor ihm entflieht die Stille der Himmel. Traͤfe sein flammendes Schwert auf eine der Welten; es wuͤrde Schnell der entzuͤndeten Staub im Unermeßlichen schwimmen! Fuͤrchterlich ist sein Blick, viel fuͤrchterlicher, als damals Da er uͤber die Erde die Flut des ersten Gerichts goß, Und in Oceanen der himmlischen Wasser einherging, Toͤdtend, ein schneller Verderber! Jhr werdet ihn sehen, und wenn ihr, Jhn nun seht, wird ein Graun vom Unendlichen uͤber euch kommen, Wie es uͤber mich kam! Was mich am maͤchtigsten schreckte, War das truͤbe, das ernste, das unaussprechliche Trauern, Daß zugleich sein Angesicht deckt! Ach, wenn er gesandt ist, Gottes Mittler den Tod nun anzukuͤndigen! … Zitternd Wandte sich Uriel weg, und verlor sich unter die Engel. Erst Erstaunen, sprachloses, unbewegtes Erstaunen, Und dann Wehmut, die Worte noch weniger sagen, beklommne, Aufgeschreckte, versinkende, weinende, thraͤnenlose, Nieempfundne Wehmut, ergrif die Seelen der Vaͤter! Jesus Zehnter Gesang. Jesus Christus, den keiner der Engel, wie sehr sie auch streben, Und wie hoch sie auch uͤber die Stufen der Menschen erhoͤht stehn, Keiner ganz zu erkennen vermag, den Gott allein kennt! Gottes Sohn, nun sollt’ er sterben! Die Seelen, fuͤr die er Sterben sollte, sie sanken, zu ihres Lebens am Staube, Zu der Empfindung der Suͤnde, so tief sie konnten, herunter. Die Erinnrung umgab sie mit allen ihren Entsetzen. Zwar sie waren versoͤnt, sie empfandens, daß sie es waren: Doch izt sollte, fuͤr sie, der grosse Versoͤner … sterben! … Ganz von diesem Gefuͤhle durchdrungen stuͤzte sich Henoch Mit der Link auf ein Grab, und streckte die Rechte gen Himmel. Henoch, wie goͤttlich sein Wandel auch war gewesen, und ob ihn Gleich der Tod nicht getoͤdtet, verstaͤubt die Verwesung nicht hatte; War er doch vor dem Richter nicht rein gewesen! Der Glauben, Handelnder Glauben ans Heil, das izt dem Tode sich nahte, Hatte den Sohn von Adam ins ewige Leben gerettet. Waͤren die Erden um ihn, um ihn die Sonnen, versunken: Er haͤtts unerschuͤttert gesehn! Allein, des Versoͤners Naͤherer Tod, durchstroͤmte sein innerstes Wesen mit Trauern! Und die Engel, die Vaͤter, die Seelen, die Sterblichen, alle Schwanden ihm! Kaum, daß sein Auge noch den, der blutet’, erkannte! Neben ihm neigte sich Abel an einen Felsen, und hielt sich. Zwar von Adam gezeugt; doch so unschuldig, als einer, Welcher noch nicht vollendet ist, seyn kann, hatt’ er sein Leben Gott geheiligt, und war durch Moͤrderhaͤnde gestorben! Ach! zu dem im Tode sein leztes Roͤcheln gerufen, Den er angefleht hatte, da er im rauchenden Blut lag, K 2 Unter Der Messias. Unter allen Gerechten der Unschuldvollste, der sollte Sterben, wie er! … nicht sterben, wie er! so sanft nicht entschlummern! Sollte, mit iedem Verbrechen der Kinder Adams belastet, Von des Richters allmaͤchtigen Zorne zerschmettert sterben! Seth, der wuͤrdige Bruder des ersten unter den Todten, Und der fruͤh ein Prediger ward des kuͤnftigen Opfers, Fuͤr die Suͤnde des Menschengeschlechts, wie sehr er dem Tode Deß, dem zu buͤssen gesezt war, auch nachgesonnen, wie oft er Jene Jahrtausende, die er gelebt, des Versoͤnenden Ausgang Hatte betrachtet; so war es doch alles ein schwaches Bild nur Von dem, was er davon izt fuͤhlte, gewesen. O Richter! Richter! Richter von dem, was ist, und was war, und was seyn wird! Bebte sein innerstes Herz, und seine stammelnde Zunge. Und indem er es stammelte, wandt’ er gen Himmel, zum Kreuz hin, Auf die andern Erloͤsten, hinab zu den Graͤbern, sein Antliz! Lange schon war es dunkel um Davids Auge geworden; Lange schon zittert’ er hin und her. Seit Uriels Ankunft, Zitterte David nicht mehr. Er stand, an die Erde geheftet, Stand, und schaut’ auf den, der dem Tode sich nahte. Sein Herz hing Ganz an jenem Bilde von Jesu Tode, deß Gott ihn, Es in seine Seele zu senken gewuͤrdiget hatte. Nur dieß dacht’ er, nur dieß vermocht’ er itzo zu denken. Als ihm die Sprache zuruͤckkam, entsanken des Heiligen Munde Diese gebrochenen Worte. Die Thraͤnen rannen ihm wieder. Also jammert’ er: Gott, sein Gott, du hast ihn verlassen! Zu dir seufzt er! Allein ihm koͤmmt nicht Huͤlfe, nicht Huͤlfe! Sohn, du bist ein Wurm, und kein Mensch! Die niedrigsten Suͤnder Haben Zehnter Gesang. Haben dich wuͤtend umringt, und spotten dein, du Erdulder! Deines Vertrauens auf Gott, deß spotten gerichtete Suͤnder! Ausgeschuͤttet ist er, wie Wasser! Jedes Gebein ist Jhm zertrennt, sein Herz in seinem Leibe geschmolzen! Seine Kraft, wie ein Scherbe, vertrocknet! Am Gaumen klebt ihm Seine Zunge! Bald wirst du, o Tod, bald wirst du in Staub ihn Niederlegen! Ja, Thiere, nicht Menschen mehr, sinds, die ihn wuͤrgen! Ach, wie haben sie dir, du Wundenvoller, die Haͤnde, Wie die Fuͤsse, durchgraben! Wie breiteten sie dich am Kreuz aus! Alle deine Gebeine, du koͤnntest sie zaͤhlen. Sie aber Stehn, und schauen an dir der Hoͤlle Lust, du Erwuͤrgter! Wenn er todt ist; (O Richter der Welt! Gott! Suͤndevergeber! Welch ein erstaunlicher, hoher, geheimnißvoller Gedank ists, Daß er nun bald wird todt seyn!) ach, wenn er todt ist; verkuͤndigts Bis ans Ende der Erde, daß sie zu Gott sich bekehre! Und daß alle Geschlechte der Menschen vor ihm anbeten! Hiob, der durch Leiden bewaͤhrt, ein Mann nach dem Herzen, Deß, der die Leiden ihm sandte, geblieben war, ein Gerechter, Wie es ein Sterblicher bleibt, den des Richters Pruͤfung in Staub wirft, Hiob, der weis, was es sey: Von iedem Schrecken der Allmacht Eingeschlossen, dem Tode sich nahn! er vermag den Gedanken, Von des Gekreuzigten Tode, nicht mehr zu denken, entschwingt sich Diesen Tiefen, und staͤrkt sein Herz, das duͤrstet nach Ruhe. Leben, leben wird Er! wird aus der Erde sich wecken! Auferstehen, ein Ueberwinder des Tods und der Hoͤlle, Stehen uͤber dem Staube! Dann soll mein Auge dich schauen! Dich in deiner Herrlichkeit schaun, Gott, Mittler, Vollender! K 3 Also Der Messias. Also durchdrang die Frommen des Todesengels Erwartung. Aber keiner empfand den naͤhern Tod des Versoͤners, Als der Vater, und als ihn die Mutter der Menschen empfanden. Da sich Uriel wendet’, und nun sein entschimmertes Antliz Unter den Engeln verbarg; da standen sie beyde (Sie waren Noch bey einander,) mit starren, mit hingehefteten Blicken Unbeweglich, und fuͤhlten in ihrem innersten Leben Jeden Schrecken der Donnerworte des Engels von neuem! Endlich sahen sie sich! So wird am lezten der Tage Seinen Gewaͤhlten, der Freund, der Bruder den Bruder, erkennen, Welchen er kurz vorher, im Erstaunen verloren, nur ansah. Denn der Posaune gebietendes Toͤnen, der Hall der Gefilde, Die vor der maͤchtigen Arbeit der Auferstehung erbebten, Und ihr eignes Gefuͤhl des umgeschaffenen Lebens, Hatten iedem anderen Eindruck ihr Herz noch verschlossen. Eva reicht ihm weinend die Hand. Was sollen wir, sagte Sie mit Worten, die kaum zum Laute wurden, o Adam, Sage du es, was sollen wir thun? was sollen wir nicht thun? Wollen wir gehn, und suchen, wo irgend am tiefsten die Tief ist? Dort uns niederwerfen in Staub? zum Allmaͤchtigen flehen? Ach, zum toͤdtenden Richter, daß er den Tod ihm lindre? Adam hielt ihr weinend die Hand. Nein, Mutter der Menschen, Wir sind viel zu endlich, fuͤr ihn, zum Richter zu flehen. Wenn mit unaussprechlicher Wehmut, mit ringender Jnbrunst, Daniel, Hiob, und Noah, mit uns, wenn selber der erste Aller Erschaffnen, Eloa, es thaͤte; wir flehten vergebens! Was dem Geopferten Gottes noch zu erdulden gesetzt ist, Das, Zehnter Gesang. Das, das alles wird er noch erdulden! Jhm wird kein Labsal Ach, kein Labsal die Angst! (Mein ganzes Daseyn entsezt sich!) Aber ihm wird kein Labsal die lezte Todesangst lindern; Hat es der Unerforschte, dem er sich opfert, beschlossen! Komm, ein Gedanke, nicht ohne den Einfluß Gottes entstanden, Reisset mich fort! Komm, folge mir nach, thu, was du mich thun siehst! Und sie schwebten mit traurigem Fluge den Oelberg herunter Nach dem Todeshuͤgel. Die Engel, und Vaͤter begleiten Jhren einsamen Flug mit wunderndem Blicke. So viel es Jhnen die staͤrkern Empfindungen, ihnen ihr banges Erstaunen, Ueber den furchtbaren Tod des Gottgeopferten zulaͤßt, Folgt ihr Blick mit Erwartung und Zweifel den Erstgeschaffnen. Diese naͤherten sich dem Todeshuͤgel, und wurden Jmmer dunkler vor Wehmut, ie mehr sie dem Huͤgel sich nahten. Jtzo standen sie still. Da, wo der Getoͤdtete schlummern, Nun bald, nach der Vollendung der groͤßten unter den Thaten, Auch im Staube begraben, wie seine Bruͤder die Menschen, Schlummern sollte, da standen sie still. Vor der Oefnung des Grabes Lag ein Felsen gewaͤlzt. An der einen Seite des Felsen, Stand der Vater, und neben der andern, die Mutter der Menschen. Sie sank gleich an den Felsen dahin. Der Gedanke, vom Grabe, Vom so nahen Grabe des Wundenvollen, durchdrang ihr, Zu gewaltig, ein Pfeil des Allmaͤchtigen, ihre Seele. Er ermannte sich noch. Er streckte die Arme gen Himmel. Dreymal nennt er in sich des Gottversoͤnenden Namen, Und so lange, sah er, mit bleibendem Blick, ihm ins Antliz, Jhm, der dahing, und bleich war, als nie ein Sterbender bleich war. Aber izt hielt er den Anblick nicht mehr, den erschuͤtternden Anblick, Nicht mehr aus. Er sank in den Staub der Erde danieder, Hub vor seine Stirne die festgefalteten Haͤnde, K 4 Blickte Der Messias. Blickte zur Erde nieder, aus welcher ihn Gott einst aufschuf: Aber in der sein Gebein, des Gerichteten, in der verfluchten, Auch verwest war; in der, von einem Jahrhundert zum andern, Schon so oft das ganze Geschlecht der Menschen verwest war! Jzt erhub er im lauten Gebete die flehende Stimme, Daß sie die Vaͤter umher und die Engel alle vernahmen. Herr! Herr! Gott! barmherzig, und gnaͤdig, und treu, und geduldig! Gott, Verzeiher der Missethat, Uebertretung, und Suͤnde! Du, der fuͤr uns vom Anbeginne der Welten erwuͤrgt ist, Hoherpriester! Prophet! und Koͤnig! du Menschensohn! hoͤre, Hoͤre von deinem blutigen Altar, auf dem du erwuͤrgt wirst, Unser tiefes Gebet, das von deinem Grabe zu dir fleht! Unsre Missethat hat Gott uns vergeben. Wir schauen Nun Jahrtausende schon, von Antliz zu Antliz, die Gottheit! Einer Seligkeit voll, die wir jenseits am Grabe vergebens, Auch mit den reinsten Gedanken vom Schoͤpfer, rangen zu denken, Schauen wir Gott! Denn es ward, uns ward die Suͤnde vergeben! Um des Todes willen, der dich, geschlachtetes Opfer Fuͤr die Verbrechen! Erbarmender, dich izt toͤdtet, vergeben! Aber an diesem Tage der zweyten Schoͤpfung, an dem du Mittler, das ganze Menschengeschlecht zum Anschaun des Vaters, Wenn sie nicht widerstreben, zuruͤckfuͤhrst! alle versoͤnest! Aller Suͤnde vernichtest, und sie, der Strafe der Suͤnde, Jenem gefuͤrchteten ewigen Tod, allmaͤchtig entreissest! An dem Tage, da du, fuͤr mich auch, Gott Mittler, dich opferst: Darf ich mich meiner Suͤnde, mit stiller Wehmut, erinnern! Nicht, daß ich waͤhne, du werdest noch einmal mit mir ins Gericht gehn; Du Erbarmer, wie koͤnnt’ ich, der Gottes Antliz geschaut hat! Und fuͤr welchen du izt zum Allerheiligsten eingehst! Dennoch laß es noch Einmal vor dir, mein Gott, mich bekennen, Wer Zehnter Gesang. Wer ich war! Ach bis zum Tode bist du erniedrigt, Bis zum Tod am Kreuze, du Richter der Welten, erniedrigt! Heut darf Adam an seine verziehne Missethat denken! Voll von heiliger Wehmut und Seligkeit hielt er hier inne. Eva hatte mit ihm gebetet, nicht ihre Stimme, Aber ihr Herz, und Antliz. Sie hoͤrte izt auf zu verstummen. Ja! du Hingegebner, an diesem blutvollen Tage, Ach, am Tage, da sie dich begraben werden, Erdulder! Darf auch Eva sich ihres verziehnen Verbrechens erinnern, Und, mit frommen Trauren, und weinendem Dank, es bekennen! Also betete sie, und Adam begann von neuem: Ja, wir fiengen es an! wir sezten es fort! und vollbrachtens! Ach, wir thatens! … Und ach, wer wars, wer hatte das leichtste Aller Gebote gegeben? Es war Jehova! … das erste, Hoͤchste, liebenswuͤrdigste, beste, das Wesen der Wesen! Unser Schoͤpfer! Der uns aus Staube zu Menschen emporschuf! Den wir kannten, den wir in unsrer staunenden Seele Unaussprechlich empfanden! Der iedes Gebet, mit Entzuͤckung, Jeden neuen Entschluß: Nicht von dem Baume zu essen! Jeden Gehorsam vor unserem Falle, mit Wonne, belohnte! Der uns immer, an Sich, durch tausendmal tausend Geschoͤpfe Voll tiefsinniger Schoͤnheit, erinnerte, wo die Betrachtung Sicher mit neuen Entdeckungen, neuen Freuden, gekroͤnt ward! Der die Mutter der Menschen mir gab, mich der Mutter der Menschen! Dessen erscheinende Herrlichkeit uns noch hoͤher zu ihm hub, Als das alles, so uns, von allen Seiten, umringte! Unser Schoͤpfer! … Und doch erkuͤhnten wir uns, der Geschaffnen Schranken uns entschwingen zu wollen, und, Wesen der Wesen! Dir zu gleichen! … Du hasts uns, unser Vater, vergeben! Preis, Anbetung, und Dank, und liebevoller Gehorsam K 5 Sey Der Messias. Sey dem Mittler, auf den der Richter unsere Last wirft, Und die Last des ganzen Geschlechts der sterblichen Suͤnder! Also betet’ Adam, und mit ihm unsere Mutter, Er mit lauter Stimme; sie in der Tiefe der Seele. Und, vom Angesichte des sterbenden Gottversoͤners, Kam Barmherzigkeit, goͤttliche Staͤrke, Ruhe des Himmels, Kamst du, Frieden Gottes! der hoͤher, als Aller Vernunft ist, Auf sie herab. Sie empfanden es ganz, wie ihr Mittler sie liebte! Adam streckte, mit neuer Jnbrunst, die Arme zum Kreuz aus. Du, mein Herr, und mein Gott! wie kann ich, du Liebe dir danken? Ewigkeiten, sie sind zu kurz, genung dir zu danken! Hier will ich liegen, und beten, bis du dein goͤttliches Haupt nun Neigst im Tode! Nur vor dem fuͤrchterlichsten der Engel, Nur vor seiner Stimme, soll meine Stimme verstummen; Wenn er koͤmmt, und es nun, von deinem Vater, verkuͤndigt, Der dich verlassen hat! … Hoͤr, um dieser Todesangst willen, Die fuͤr Suͤnder du fuͤhlst, hoͤr, Gottverlaßner! mein Flehen! Herr! fuͤr deine Versoͤnte, fuͤr meine Kinder, fuͤr alle, Die das weite, das furchtbare Grab, die Erde, (Doch hats auch Deine Gnade mit Blumen bestreut!) noch kuͤnftig bewohnen, Und, mit iedem vor deiner Versoͤnung entschlafnen Jahrhundert, An dem Tage der grossen Entscheidung, auferstehn werden! Meine zahllosen Kinder, fuͤr diese, fleh ich dich, Herr, an! Weinend, mit duͤrftigem Leibe, mit viel mehr duͤrftiger Seele, Werden sie auf die Erde gebohren. Du, Mittler, erbarmst dich Dann schon ihrer, und nimmst sie in deinen goͤttlichen Bund auf. Wenn sie nun kaum Gedanken zu stammeln vermoͤgen, so laß sie Oft den wiederholen: Du habst sie fruͤh durch ein Wunder Zu dir aufgenommen, und dein, Herr, seyn sie auf ewig! Die den Geist des Vaters und Sohns, im heiligen Wasser, Zu Zehnter Gesang. Zu dem ewigen Leben, empfangen; und die, so du anders Fuͤhrst zum ewigen Leben, die alle, die du mit Blute, Theuer erkauft, und sie dem Anschaun Gottes geweiht hast, Leite sie im aufbluͤhenden Alter! pflege die zarten Biegsamen Sprossen, daß sie zu ieder Fruchtbarkeit reifen, Welche du in sie legtest. Jn ihnen verdunkle die Suͤnde, Nie zu sehr den Schimmer der fruͤherleuchtenden Gnade, Loͤsche das Feuer nicht aus, das, dich zu lieben, sie anflammt! Herr! vor allen in denen nicht, deren reiferes Alter Du, der Erde zu leuchten, und sie an Gott zu erinnern; Oder in jenen, die du bestimmtest, vom hoͤheren Schauplaz, Zu dem du sie erhubst, auf ihre Bruͤder, die Menschen, Wohlthun, Frieden und Schutz, und Gerechtigkeit, auszuschuͤtten! Alle, die es nun wissen, was Gott von ihnen, der Wesen Hoͤchstes, heiligstes, bestes, der anzubetende Schoͤpfer, Mit so vieler Geduld, so viel Barmherzigkeit, fodert, Laß, laß alle Menschen, ihr kurzes Leben am Staube, Diese Stunde der Pruͤfung, zu ihrer Seligkeit, leben! Daß der Wanderer nicht, am Quell, und unter den Schatten, Jene Krone, die Gott von fern ihm zeigte, verschlummre! Oder sie gar, an der Kette zu kleiner Freuden, verachte! Deren Herzen nicht ganz am Unendlichen hangen, und die sich Auf den Arm des sterblichen Helfers zu sehr verlassen! Denen die Ehre zu suͤß ist, und die oft Beyfall der Menschen, Den zu ihrer Thaten Belohner waͤhlen, und Gottes, Vor dem Tadel und Lob der Menschen, wie Blasen der Luft, wiegt, Gottes Auge, das schaut, und zaͤhlt, und richtet, vergessen! Die sich in Sinnlichkeiten verweben! Sie hatten der Luͤste Stricke zwar mutig zerrissen; allein die feinere Wollust Lockt sie taͤuschend vom Gipfel der bessern Freuden herunter! Die Der Messias. Die den Bruder nicht ganz, mit herzlicher Liebe nicht, lieben; Wer zwar wohlthut, allein gesehn will werden, und Ehre, Fuͤr die leichteste Pflicht der Menschlichkeit, Ehre verlanget! Wer nur halb dem Feinde verzeiht, unbiegsam, der Rache Deß, der raͤchen will, alles zu uͤberlassen, noch minder Faͤhig, den, der ihm flucht, aus voller Seele, zu segnen! Alle, die uͤber das Grab zu selten blicken, zu fluͤchtig An die Unsterblichkeit denken, zu der du, ihr Gott, sie gemacht hast; Wenn sie die Stimme der Huld, die sanfte des Vaters, nicht hoͤren: Herr! so ruf sie durch Leiden, aus ihren Jrren, zuruͤcke! Aber die ganz von Gott abweichen, das Laster zum Abgott Machen, und sclavisch dem falschen, dem spottenden Peiniger dienen; Die Unseligen wecke, von ihrem Tode, durch Elend! Meine Kinder, ach, meine Kinder, er liebt unaussprechlich, Der am Kreuze, fuͤr euch, sein Leben dem Ewigen opfert! Jst es moͤglich, Unsterbliche, koͤnnt ihr euern Versoͤner, Euern Beruf, zu wandeln im Lichte, im Himmel, verkennen? Ruͤhre die steinernen Herzen mit deiner allmaͤchtigen Liebe! Schaffe sie um, und bringe sie rein zum Ewigen wieder! Euer erschuͤttertes Herz, es hoͤre die Stimme des Blutes, Das von Golgatha stroͤmt, und Gnade! Gnade! fuͤr euch fleht, Gnade! … Mit heiligem Schauer vernehme sie eure Seele, Mit Anbetung, und jener Entzuͤckung, des ewigen Lebens Vorschmack, welcher die Erben des Grabs, beym Anblick des Todes, Ueberschwenglicher staͤrkt, als alle Weisheit der Erde! Nicht des Sterbenden brechender Blick! noch der liegende Todte! Nicht die Gruft voll Verwesungen! nicht die verzehrende Flamme! Nicht die Asche des Todten, zerstreut in die Tiefen der Schoͤpfung! Nichts, was deinen Raͤcher, den Tod, mit Furchtbarkeit ruͤstet, Wird sie schrecken! Denn du erhoͤrst mein Flehn, du Erwuͤrgter! Und Zehnter Gesang. Und weckst ihre Seelen, eh ihre Leiber entschlafen, Zu dem ewigen Leben! Ach, daß sie, wenn du sie, Gottmensch, Aufgeweckt hast, mit Zittern und Furcht die Seligkeit suchen, Die kein Auge nicht sah, kein Ohr nicht hoͤrte, die niemals Eines noch Sterblichen Herz empfand! Nichts scheide sie, Gottmensch, Nichts von deiner Liebe! Von Staub ist der Leib, in dem sie Deine Versoͤnte, die heilige Seele, der Ewigkeit Erbinn Tragen. Es kruͤmme die Last des druͤckenden irrdischen Leibes Nicht zur Erde sie nieder, nicht sie, die du, Goͤttlicher, liebest! Sie mit denen der Vater der Wesen nicht ins Gericht geht! Und die der Geist des Vaters und Sohns zum Tempel sich heiligt! Heiß, voll Thraͤnen, voll Arbeit, und werth der grossen Belohnung, Werth, wie es seyn kann, was Sterbliche thun, die Schwachen! die Suͤnder! Sey der daurende Kampf der himmelringenden Seele! Seligkeit uͤberstroͤmt mich, und Wonne mein innerstes Wesen, Denk ich an jene Gnaden, die auf die Siegenden warten: Gottes Anschaun, und dieß vorm Tode noch ihnen verborgne Namenlose Gefuͤhl, und Erkenntniß des Unerschaffnen; Gott, Vollender! wenn du zu deinem lezten Gericht koͤmmst, Wenn du entlastest die Erde vom Fluch, und zum Eden sie umschaffst: Ach dann laß unzaͤhlbar, als Sand am Meere, die Schaar seyn Derer, die losgesprochen, zu deiner Herrlichkeit eingehn! Wolken werden sich oft, (du hast mirs Herr, nicht verborgen!) Ueber deine Gewaͤhlten, die unsichtbare Gemeine Deiner Kinder, verbreiten: des schwaͤrmenden Aberglaubens, Und der geleugneten Religion verfinsternde Wolken! Selber Herrscher der Welt, die zu dieser Hoͤh du emporhubst, Daß sie dein grosses Gesez: Wie sich selbst, die Bruͤder zu lieben! Ungefesselt durch eigene Noth fast grenzenlos uͤbten! Die, im Staube gebuͤckt, den Gott verherrlichen sollten, Der Der Messias. Der vor ihnen dieß weite Gefilde der Menschlichkeit aufthat, Die erniedrigen sich, des blutigen Aberglaubens Oder des Wahns, der dich verleugnet, Sclaven zu werden! Jhre Bruͤder zu peinigen! oder, durchs maͤchtige Beyspiel, Sie in Wuͤsten zu fuͤhren, wo deine Quellen nicht rinnen, Wo die Beweinenswerthen kein Trost der besseren Welt labt! Diese Zeiten der Nacht, so oft sie uͤber den Erdkreis Kommen, verkuͤrze du sie, daß nicht auch deine Geliebten Mit dem Suͤnder verleitet, sich jener Krone berauben, Die du ihnen mit Blut erwirbst, mit diesem Tode! … Zahllos, Herr, sey die Schaar der Ueberwinder, wie Tropfen Auf dem fruͤhen Gefilde, wie Sterne der leuchtenden Schoͤpfung; Wenn du sie, nach vollbrachtem Gericht, zur Herrlichkeit einfuͤhrst! O du, der uns geliebt, mit einer Liebe geliebt hat, Die ein Geheimniß der Himmel, und ihres Erstaunens Gesang ist, Ewiges Licht vom ewigen Licht! Sohn Gottes! Versoͤner! Heil! Fuͤrbitter! und Freund! und Bruder der sterblichen Menschen! Deiner Erstgeschaffnen Gebet, ach, deiner Gefallnen, Deiner Erloͤsten tiefes Gebet, erhoͤr, erhoͤr es! Als er noch betet’, erhub Eloa sein Antliz, und wandt’ es Nach der Versammlung der Vaͤter und rief von der Zinne des Tempels, Daß, mit dem Fusse Moria, des Heiligthums Hallen erbebten, Rief mit einer Stimme der Traurigkeit und des Entsetzens, Wie sie von ihm noch nie die Unsterblichen hoͤrten, herunter Zu den Vaͤtern: Er koͤmmt! … Der Bote der richtenden Gottheit Schwebte zur Erd hinab, trat auf den Sinai nieder, Stand, entsezte sich! … Einsam, von Gottes Befehlen belastet, Stand er auf Sinai. Himmel und Erde, so daucht’ es ihm, wollten Fliehn! hinsinken! vergehn! … Der Endlichkeiten Erhalter Staͤrkt’ Zehnter Gesang. Staͤrkt’ ihn, daß er nicht selbst floh, sank, und verging! Das Entsetzen Ließ izt mit dem eisernen Arm von ihm ab. Doch war er Ganz Erstaunen noch, ganz noch Wehmut. Die sinkende Rechte Hielt arbeitend das flammende Schwert. Jn Schimmer erblaßten Seine blutiggeroͤtheten Strahlen, die, ieder ein Blitz, gluͤhn, Zuͤcken, und toͤdten, wenn er, zu toͤdten, vom Richter gesandt ist. So von des Sterbenden Gottversoͤners Anblick erschuͤttert, Sank er gegen den Todeshuͤgel aufs Angesicht nieder, Anzubeten, eh er Jehova Befehle vollbraͤchte. Seine Stimme, verwandelt in leise Laute des Traurens, Donnerte nicht, wie vordem; doch hoͤrte der Heiligen Kreis ihn. Also betet’ er: Sohn! Weltrichter! mich Endlichen sendet, Den dein Opfer, und deins nur versoͤnt! O staͤrk, Unerschaffner! Staͤrke den Muͤden, daß ich den Befehl zu vollbringen vermoͤge! Ach, die Lasten des grossen Befehls, wie gesunkne Welten, Liegen sie, seit du am Kreuze das unerforschte Gericht traͤgst, Herr, auf mir, dem Endlichen! Gott, Weltrichter, wer bin ich, Ach wer bin ich, daß Gott mich, den fuͤrchterlichsten der Tode Anzukuͤndigen, sendet? Ein Geist, seit gestern erschaffen, Und in einem Leibe, der Endlichkeit ersten Erinnrer, Eingeschlossen, den du, aus einer Mitternachtwolke Und, aus stroͤmenden Flammen, erschufst! Allmaͤchtiger Mittler! Graun umgiebt mich, und Trauern, und Angst, die ich niemals noch fuͤhlte! Aber ich muß den Befehl vollbringen! Jehova gebot ihn! Also sprach er, und stand mit Schauer auf Sinais Hoͤh auf. Jede Furchtbarkeit gab, da er aufstand, Jehova ihm wieder. Schreckend steht er, und haͤlt sein Schwert nach Golgatha nieder, Sein weitflam̃endes Schwert! Und hinter ihm macht sich ein Sturm auf. Mit dem eilenden Sturm erscholl des Unsterblichen Stimme. Und die Palmenwaͤlder, der Jordan, Genezaret, rauschte Vor Der Messias. Zehnter Gesang. Vor dem maͤchtigen Sturmwind. Es stroͤmte das Abendopfer Erdwaͤrts mit vorschiessender Glut! Der Unsterbliche sagte: Dem du dich opferst, es hat Jehova dein goͤttliches Opfer Angenommen! Unendlich ist seiner Gerechtigkeit Zuͤrnen! Sohn! du hast dem unendlichen Zorne dich unterworfen! Du allein! und mit dir ist keiner von allen Erschaffnen! Deines Blutes Geschrey um Gnad’, um ewige Gnade! Jst vor Jhn gekommen! Allein Er hat dich verlassen! Wird dich verlassen, bis du den gottversoͤnenden Tod stirbst! Nur noch Augenblicke; so wirst du ihn, Gottmensch, sterben! Also sagte der Todesengel, und wandte sein Antliz. Jesus Christus erhub die gebrochnen Augen gen Himmel, Rufte mit lauter Stimme, nicht eines Sterbenden Stimme, Mit des Allmaͤchtigen, der, das Erstaunen der Endlichkeiten, Freygehorsam, dem Mittlertode sich hingab! … er rufte: Mein Gott! … mein Gott! … warum hast du mich verlassen? … Und die Himmel bedeckten ihr Angesicht vor dem Geheimniß! Schnell ergrif ihn, allein zum leztenmale, der Menschheit Ganzes Gefuͤhl. Er rufte mit lechzender Zunge: Mich duͤrstet! … Rufts, trank, duͤrstete! bebte! ward bleicher! blutete! rufte; Vater, in deine Haͤnde befehl ich meine Seele! … Drauf … (Gott Mittler! erbarme dich unser!) Es ist vollendet! Und er neigte sein Haupt, und starb. …