Hesperus, oder 45 Hundsposttage. Eine Biographie von Jean Paul. Erstes Heftlein. Berlin 1795. In Karl Matzdorffs Buchhandlung. Druckfehler des 1 ten Heftleins. Da ich selber die Unart habe, daß ich mich um das Verzeichnis fremder Errata nicht im Geringsten bekuͤmmere: so hoff' ich vom Leser auch nichts besse¬ res: und dann werden folgende Druckfehler ganzen halben Seiten den Sinn nehmen. Seite 3 Zeile 2 von unten, statt reisen lies keifen . — 19 letzte Zeile statt sehr l. sehr auf . — 44 erste — von oben statt Loch l. Loh . — 47 12te — — — statt niemals l. einstmals . — 84 — 7 von unten st. blinzenden l. blitzenden . — 89 — 4 von oben st. seine l. feine . — 101— 5 v. unt. st. Natur l. Statur . — 129 — st. Schalltag l. allemal Schalttag . — 133 —17 von oben st. komischen l. konischen . — 139 —16 — st. dünner l. dümmer . — 145 —12 von unt. st. Menopodium l. Chenopodium . — 153 — 4 v. oben st. Silberwelle l. Silberwolle . — 161 — 1 — — st. lies l. blies . — 168 — 5 — — st. Musen l. Museen . — 191 — 6 — — st. sanften lies sanftern . — 193 — 11 — — st. säuge l. sauge . — 212 — 3 — st. Sonnenfelder l. Samenfeldet . — 214 — 9 von unten st. auch l. auf . — 251 — 15 von oben st. Staaten- l. Staturen . — — — 3 v unt. st. noch tiefer l. von noch tiefern . — 274 — 16 von oben st. ehrlosen l. ehelosen . — 319 — 13 von unten st. Unglücklichen l. Glücklichen . — 329 letzte Zeile st. Koth l. Roth . — 330 — 9 von oben st. erschöpft l. erschaft . — 344 — 2 — — st. Leben l. Beben . — 370 — 3 von unten st. Leben l. Beben . Motto. »Die Erde ist das Sakgäsgen in der großen Stadt Gottes — die dunkle Kammer voll umgekehrter und zusammenge¬ zogner Bilder aus einer schönern Welt — die Küste zur Schöpfung Gottes — ein dunstvoller Hof um eine bessere Sonne — der Zähler zu einem noch unsichtbaren Nenner — wahrhaftig sie ist fast gar nichts.» Auswahl aus des Teufels Papieren P. 183. Hesperus. l . Th. A Vorrede, sieben Bitten und Beschluß. Vorrede. I ch wollte mich anfangs ereifern uͤber einige Heere von Lesern, mit denen ich in diesem Bu¬ che nichts anzufangen weiß; und wollte mich vorn an den Hesperus als Pfoͤrtner stellen und vorzuͤglich Leute mit der groͤßten Unhoͤflich¬ keit fortschicken, die nichts taugen — fuͤr die wie fuͤr einen Prosektor, das Herz nichts ist als der dickeste Muskel, und die Gehirn und Herz und alles Innere, wie Formen der Gypsstatuen ihr eingefuͤlltes Gemengsel von Scheerwolle, Heu und Thon, nur darum tragen, um hohl ge¬ gossen auszufallen — Ich wollte sogar mit ehr¬ lichen Geschaͤftsleuten reisen, die wie der große Antonin den Goͤttern danken, daß sie die Dicht¬ A 2 kunst nicht weit getrieben — und mit solchen, vor denen sich der Kapelmeister Apollo auf einer Strohfidel hoͤren lassen soll, und seine neun Dis¬ kantistinnen mit dem Bier- und Strohbas — ja sogar mit der lesenden Schwesterschaft der Ritterromane, die so lieset wie sie heirathet und die sich unter den Buͤchern, wie unter den Ge¬ sichtern der Herren, nicht die schoͤnen weiblichen sondern die wilden maͤnnlichen ausklaubt — — Aber ein Autor solte kein Kind seyn, und sich seine Vorrede versalzen, da er nicht alle Tage eine zu machen hat. Warum hab' ich nicht lieber in der ersten Zeile die Leser angere¬ det und bei der Hand genommen‚ denen ich den Hesperus freudig gebe und die ich mit einem Freiexemplar davon beschenken wolte, wenn ich wuͤste wo sie wohnten? — Komm', liebe muͤde Seele, die du etwas zu vergessen hast, entweder einen truͤben Tag oder ein uͤberwoͤlktes Jahr, oder einen Menschen, der dich kraͤnkt, oder ei¬ nen, der dich liebt, oder eine entlaubte Jugend oder ein ganzes schweres Leben; und du, gedruͤk¬ ter Geist, fuͤr den die Gegenwart eine Wunde und die Vergangenheit eine Narbe ist, komm in meinen Abendstern und erquicke dich mit seinem kleinen Schimmer, aber schließe, wenn dir die poetische Taͤuschung fluͤchtige suͤße Schmer¬ zen giebt, daraus; »vielleicht ist das auch eine, was mir die laͤngern tiefern macht» — Und dich, hoͤherer Mensch, der unser Leben, das nur in einem Spiegel gefuͤhret wird, kleiner fin¬ det als sich und den Tod, und dessen Herz ein verhuͤllter großer Geist in dem Todtenstaube an¬ derer zerfallener Menschenherzen heller und rei¬ ner schleift, wie man den Demant im Staube des Demants poliert, darf ich dich auch in mei¬ nen Abend- und Nachtstern auf eine Anhoͤhe herniederrufen, so wie ich sie aufzuwerfen ver¬ mag; darf ich es, damit du, wenn du um sie, wie um den Vesuv, morganische Feen und Nebel-Gruppierungen und Traum-Welten und Schattenlaͤnder in der Tiefe ziehen siehest, vielleicht zu dir sagest: »und so ist alles Traum und »Schatten um mich her, aber Nebel setzen Laͤn¬ »der voraus und Traͤume Geister und der Erd¬ »schatten eine Sonne und eine Welt?« — Aber zu dir habe ich nicht den Muth, zu dir edler Geist, der des Jahrhunderts muͤde ist und des Nachwinters der Menschheit, dem zuweilen aber nicht immer das Menschenge¬ schlecht wie der Mond zuruͤckzuwandeln scheint, weil er den Zug der Wolke, die darunter hin¬ fliegt, fuͤr den Gang des himmlischen Koͤrpers selber ansieht und der voll erhabner Seufzer, voll erhabner Wuͤnsche und mit schweigendem Er¬ geben zwar neben sich eine wuͤrgende Hand und das Fallen seiner Bruͤder hoͤrt, aber doch das aufgerichtete auf dem ewig heitern Sonnenange¬ sicht der Vorsehung ruhende Auge nicht nieder¬ schlaͤgt, und den das Ungluͤk wie der Blitz den Menschen, zwar entseelt aber nicht entstellt ; edler Geist, ich habe freilich nicht den Muth, zu dir zu sagen: »wuͤrdige mich, auf mein »Schattenspiel zu schauen, damit du uͤber dem »idealischen Abendstern, den ich vor dir voruͤber »fuͤhre, die Erde vergissest, auf der du stehest »und die sich jetzt mit tausend Graͤbern wie ein »Vampyr an das Menschengeschlecht anlegt und »Opferblut saugt« — — Und doch hab' ich an dich unter dem ganzen Buche gedacht und die Hofnung, mein kleines biographisches Nacht- und Abendstuͤck vor nasse, aufgerichtete und feste Augen zu bringen, war der tragende Malerstok der muͤden Hand gewesen. Da ich mich jetzt zu ernsthaft geschrieben, so muß ich von den sieben versprochenen Bitten, worunter nur vier es sind, drei weglassen. — Ich thue also nur die Erste Bitte, den Titel » Hundsposttage « so lange zu vergeben, bis ihn das erste Kapitel erklaͤrt und entschuldigt hat — Und die Zweite, allemal ein ganzes Kapitel zu lesen und kein halbes, weil das große Ganze aus klei¬ nern Ganzen, wie nach den Homiomerien des Anaxagoras, der Menschenkoͤrper aus unzaͤhligen kleinen Menschenkoͤrpern besteht — Und die Siebente Bitte, die halb aus der zweiten fließet aber nur die Kunstrichter angeht, mir in ihren fliegenden Blaͤttern, die sie Rezensionen nennen, mit keiner Publikation meiner Haupt¬ begebenheiten vorzugreifen, sondern dem Leser einige Ueberraschungen, die er doch nur Ein¬ mal hat, zu lassen — Und endlich die Fuͤnfte Bitte, die man aus dem Vaterunser schon kennt. Der Beschluß . Und so werde denn sichtbar, kleiner stiller Hesperus! — Du brauchst eine kleine Wolke, um verdekt zu seyn, und ein kleines Jahr, um deinen Umlauf vollfuͤhret zu haben! — Moͤgest du der Tugend und Wahrheit, wie dein Eben¬ bild der Sonne, naͤher stehen als die Erde allen dreien ist, in die du schimmerst und moͤgest du wie jenes nur dadurch dich den Menschen ent¬ ziehen, daß du dich in die Sonne huͤllest! Moͤge dein Einfluß schoͤner, waͤrmer und gewisser seyn als der des astronomischen Hesperus ist, den der Aberglaube auf den Dunst-Thron dieses Jah¬ res setzt! — Du wuͤrdest mich zum zweitenmal gluͤklich machen, wenn du fuͤr irgend einen ab¬ gebluͤhten Menschen ein Abendstern , fuͤr irgend einen aufbluͤhenden ein Morgenstern wuͤrdest! Gehe unter mit jenem und auf mit diesem; flimmere im Abendhimmel des erstern zwischen seinen Wolken und uͤberziehe seinen zu¬ ruͤkgelegten bergaufgehenden Lebensweg mit ei¬ nem sanften Schimmer, damit er die entfernten Blumen der Jugend wieder erkenne und seine veralteten Erinnerungen zu Hofnungen verjuͤnge. — Kuͤhle den frischen Juͤngling in der Lebens¬ fruͤhe als ein stillender Morgenstern ab, eh’ ihn die Sonne entzuͤndet und der Strudel des Ta¬ ges einzieht! — fuͤr mich aber Hesperus bist du nun wol untergegangen — du zogest bisher ne¬ ben dem Erdball wie mein Nebenplanet, wie meine zweite Welt, auf die meine Seele aus¬ stieg, indes sie den Koͤrper den Stoͤßen der Erde lies — aber heute faͤllt mein Auge traurig und langsam von dir und dem weißen Blumenflor, den ich um deine Kuͤsten angepflanzet, auf den naskalten Boden herab, wo ich stehe — und ich sehe uns alle von Kuͤhle und Abend umgeben — weit von den Sternen abgerissen— von Jo¬ hanniswuͤrmgen belustigt, von Irwischen beun¬ ruhigt — alle einander verhuͤllet, jeder einsam und sein eignes Leben nur fuͤhlend durch die warme pulsierende Hand eines Freundes, die er im dunkeln haͤlt — Ja, es wird zwar ein anderes Zeitalter kom¬ men, wo es licht wird und wo der Mensch aus erhabnen Traͤumen erwacht und die Traͤume — wieder findet, weil er nichts verlohr als den Schlaf. — Die Steine und Felsen, die zwei eingehuͤllte Gestalten (Nothwendigkeit und Laster) wie Deu¬ kalion und Pyrrha hinter sich werfen nach den Guten, werden zu neuen Menschen werden. — Und auf dem Abendthore dieses Jahrhun¬ derts steht: Hier geht der Weg zur Tugend und Weisheit; so wie auf dem Abendthor zu Cher¬ son die erhabene Inschrift steht: Hier geht der Weg nach Byzanz. — — Unendliche Vorsicht, du wirst Tag werden lassen. — Aber noch streitet die zwoͤlfte Stunde der Nacht: die Nachtraubvoͤgel ziehen; die Gespen¬ ster poltern; die Todten gaukeln; die Lebendigen traͤumen. In der Fruͤhlings-Tag- und Nacht¬ gleiche 1794 . Jean Paul . 1. Hundsposttag. Unterschied zwischen dem 1. und 4. Mai — Rattenschlachtstuͤcke — Nachtstuͤck — Drei Regimenter in kuͤnftigen Hosen — Staarnadek — Ouvertuͤre und geheime Instruktion dieses Buchs. I m Hause des Hofkaplans Eymann im Baddorfe St. Luͤne waren zwei Partheien: die eine war den 30. April froh, daß der Held dieser Geschichte, der junge Englaͤnder Horion den 1. Mai aus Goͤttin¬ gen zuruͤkkaͤme und in der Kaplanei bliebe — der andern wars nicht recht, sie wollte haben, er sollte erst den 4. Mai anlangen. Die Parthei des ersten Mais bestand aus dem Kaplanssohn Flamin , der mit dem Englaͤnder bis ins zwoͤlfte Jahr in London und bis ins achtzehnte in St. Luͤne erzogen worden, und dessen Herz mit allen Aderzweigen in das brittische verwachsen und in dessen heisser Brust waͤhrend der langen Trennung durch Goͤttingen Ein Herz zu wenig gewesen war — Ferner aus der Hofkaplaͤnin, einer gebornen Englaͤn¬ derin, die in meinem Helden den Landsmann liebte, weil der magnetische Wirbel des Vaterlandes noch an ihre Seele uͤber Meere und Laͤnder reichte — Endlich aus ihrer aͤltesten Tochter Agathe , die den ganzen Tag alles auslachte und lieb hatte ohne zu wissen warum, und die jeden, der nicht gar zu viele Haͤuser weit von ihr wohnte, mit ihren Polyp¬ penarmen als Nahrung ihres Herzens zu sich zog. Die Sekte des vierten Maies konnte sich mit je¬ ner schon messen, da sie auch ein Kollegium von drei Gliedern ausmachte. Die Anhaͤnger waren die ko¬ chende Appel (Appollonia, die juͤngste Tochter,) de¬ ren Kuͤchen-Ehre und Bak-Belobungsbrief dabei lit, daß der Gast fruͤher ankam als die Weishefen: sie konnte sich denken was eine Seele empfindet, die vor einem Gaste steht die Haͤnde voll Spik- und Naͤhnadeln, neben der Platte der Fenstervorhaͤnge, und ohne die Frisur des Hutes und des Kopfes, der darunter soll, nur halb fertig zu haben. Der zweite Anhaͤnger dieser Sekte, der am meisten gegen den ersten Mai haͤtte reden sollen — ob er gleich am wenigsten redete, weil ers nicht konnte und erst kuͤrz¬ lich getauft war — solte am 4. Mai zum erstenmale in die Kirche getragen werden: dieser Anhaͤnger war das Pathgen des Gastes. Der Kaplan wuste zwar, daß der Mond seinen Gevatterbitter, den P. Riccio¬ lum, bei den Erden-Gelehrten herumschickte und sie als Pathen seiner Flecken ins Kirchenbuch des Him¬ mels bringe; aber er dachte, es ist besser, sich seinen Gevatter schon in einer Naͤhe von 50 Meilen zu nehmen. Der Aposteltag des Kirchgangs und der Festtag der Ankunft des Herrn Gevatters waͤren also schon in einander gefallen; aber so fuͤhrte das Wetter (das huͤbsche) den Gevatter vier Tage eher her! — Der dritte Juͤnger des 4. Mais war im Grunde der Haͤresiarch dieser Parthei, der Hofkaplan selber: die Kaplanei, worin Horion ein einstweiliges Hofla¬ ger haben solte, war ganz vol Ratten, ordentlich ein Tanzsalon und Waffenplatz derselben und diesen wolte der Kaplan sein Haus und corpus pium vorher ab¬ jagen. Wenige Hofkaplaͤne, die Hektik im Leibe und Ratten im Hause hatten, machten daher so viel Ge¬ stank als dieser in St. Luͤne gegen die Bestien. Mit wenigen Wolken davon waͤren alle Hofdamen aus Europa hinaus zu raͤuchern. Zuͤndete der Hektiker nicht so viel vom Hufe seines Gaules an als er da¬ von abgesaͤgt hatte? — Inhaftierte er nicht ein sol¬ ches Nagethier selber und seifte den Kriegsgefangnen mit Wagentheer und Fischthran ein und lies den Arrestanten fort, damit der Parias in den Loͤchern auf und abgienge und Ratten edlerer Kasten durch seinen Nimbus zu entlaufen noͤthigte? — Gieng er nicht ins Große und nahm gar einen Bok in die Kost, von dem er nichts verlangte als daß er stank und den geschwaͤnzten Klausnern misfiel? — Und waren nicht alle diese Mittel so gut wie umsonst? — — Denn der Henker relegiere Jesuiten und Ratten! — Indessen wird doch den Leuten hier schon auf dem Bogen A die Moral dargereicht, daß es gegen beide so gut wie gegen Zahnschmerzen, Seelenleiden und Wanzen tausend gute Mittel gebe, die nichts helfen. Horion — der Akzent muß auf die erste Sylbe kommen — oder Sebastian (verkuͤrzt Bastian) wie ihn die Eymannischen nannten, oder Viktor , wie ihn der Lord Horion, sein Vater nannte (ich heiss' ihn bald so bald so, wie es gerade mein prosaisches Sylbenmaas begehrt) Horion hatte sie alle, um sie zu uͤberraschen, angelogen und im Briefe seinen Ein¬ trit ins Haus auf den 4. Mai angesetzt; aber sei¬ nem Vater hatt' er die Wahrheit geschrieben und dieser hatte sie aus der Residenzstadt Flachsenfin¬ gen , wo er dem Fuͤrsten moralische Augenleder und Konservationsbrillen und Hoͤrroͤhre und juͤdische Handgedenkzettel anlegte, an den Kaplan geschickt, weil er (der Lord) blind war und sich' bei ihm von einem mit dem Sohne kommenden Okulisten wolte operiren lassen. Er hatte seinen Sohn zum Doktor Medicinaͤ promovieren heissen: warum aber ein so vornehmer Juͤngling das Doktor-Kopfzeug, diesen Plutos Helm der nicht den ganzen Menschen, wie der mythologische Helm sondern oft nur ein Stuͤk davon oder nur Pazienten unsichtbar macht, aufsetzen muste und den Doktorring anstecken, diesen Trau- und Siegelring des Todes, das weis eigentlich kei¬ ner von uus . »Wir haben nun Hofnung, — sagte der Kaplan und stekte den Brief mit komischer Resignation ins Couvert zuruͤk — »daß unser Bastian morgen als »den 1. Mai gewis eintrift samt den andern — ich »sehe huͤbschen Lusttreffen und Brunnenbelustigungen »entgegen, Frau, wenn der Morgen einwandelt und »meine Razen tanzen wie Kinder vor ihm her — »zu essen haben wir so nichts.« Aber die Kaplaͤnin fiel ihm mit doppelten Ausrufungszeichen der Freude an die Achsel und lief sogleich davon, um zu diesem Rosenfeste ihrer guten Seele die kleine Bruͤder- und Schwestergemeinde der Kinder zu ziehen. Der ganze Familienzirkel zerfiel nun in drei erschrockene und in drei erfreuete Gesichter. Wir wollen uns unter die frohen setzen und zu¬ horchen, wie sie den Nachmittag als Gewaͤnderma¬ ler, als Koloristen, als Gallerieinspektoren am Ge¬ maͤlde des geliebten Britten arbeiten — alle Erin¬ nerungen werden zu Hofnungen gemacht und Viktor soll nichts geaͤndert mitbringen als die Statur. Fla¬ min, wild wie ein englischer Garten, aber fruchttra¬ gender, erquickte sich und andere mit der Schilde¬ rung von Viktors sanfter Treue und Redlichkeit und von seinem Kopf und pries sogar sein Dichterfeuer, das er sonst nicht hochschaͤtzte. Agathe erinnerte an seine humoristischen Roͤsselspruͤnge, wie er einmal mit der Trommel eines durchpassierenden Zahndoktors das Dorf vergeblich vor sein Theater zusammenge¬ trommelt habe, weil er vorher die ganze fahrende Apotheke dieses redlichen wahren Freund Hains ausgekauft hatte — wie er oft nach einer Kindtaufe sich auf die Kanzel postiret und da ein paar andaͤch¬ tige Zuschauer in der Werkeltags Schwarte so an¬ gepredigt habe, daß sie mehr lachten als weinten — und andern Spas, womit er niemand laͤcherlich ma¬ chen wolle als sich und niemand lachend als andere. Weiber billigen es aber nie (sondern nur Maͤnner) wenn einer wie Viktor zur brittischen Ordenszunge der Humoristen gehoͤret — denn bei ihnen und Hoͤf¬ lingen ist schon Witz Laune — das billigen sie nicht, daß Viktor (wie z. B. Swift und viele Brit¬ ten) gern zu Fuhrleuten, Hanswuͤrsten und Matrosen herunterstieg , indes ein Franzos lieber zu Leu¬ ten von Ton hinaufkriecht . — Denn die Wei¬ ber die stets den Buͤrger mehr als den Menschen achten, sehen nicht, daß sich der Humorist weis macht, alles was jene Plebejer sagen, souflire er ih¬ nen nen und daß er absichtlich das unwilkuͤhrliche Ko¬ mische zu artistischem adelt, die Narrheit zu Weis¬ heit, das Erden Irhaus zum Nationaltheater. Eben so wenig begrif ein Amtmann, ein Kleinstaͤdter, ein Großstaͤdter, warum Horion seine Lektuͤre oft so jaͤm¬ merlich waͤhle aus alten Vorreden, Programmen, Anschlagzetteln von Operateurs, die er alle mit un¬ beschreiblichem Vergnuͤgen durchlas — blos weil er sich fingirte, diesen geistigen Futtersak, der blos un¬ ter den Lumpenhacker gehoͤrte, hab' er selber gefertigt und gefuͤllt aus satirischer Ruͤksicht. — In der That, da die Deutschen Ironie weder fassen noch schreiben koͤnnen: so ist man gezwungen, vielen ernsthaften Buͤchern und Rezensionen boshafte Ironie anzudich¬ ten, um nur was zu haben. — Und das ist ja nichts anders als was ich sel¬ ber probire, wenn ich bei Terminen in Gedanken die Gerichtsstube zum Komoͤdienhaus erhebe, den Rechtsfreund zum juristischen Le Kain und Kasperl und die ganze Verhandlung zur alten griechischen Komoͤdie: denn ich raste nicht bis ich mir weisge¬ macht, ich haͤtte den guten Leuten den ganzen Ter¬ min nur einstudieren lassen als Gastrolle und waͤre also wirklich ihr Theaterdichter und Regisseur. So trag' ich im Grunde meinen stummen Kopf munter als ein komisches Portaktiv-Taschentheater der Deut¬ schen durch deren edelste Behausungen (z. B. der Hesperus. l . Th. B Universitaͤt der Regierung) und erhoͤhe ganz im Stillen — hinter der herabgelassenen Gardine der Gesichtshaut — Komisches der Natur zu Komi¬ schem der Kunst. — — Ich komme zuruͤk. Die Kaplaͤnin erzaͤhlte — alle wustens laͤngst, aber dieses Wiederholen ist eben der Reiz des haͤuslichen Dialogs: wenn wir einen suͤßen Gedanken ohne Ennui oft selber haben koͤnnen, warum sollen wir ihn nicht auch andern oft sagen koͤnnen? wie sanft, wie weich, wie zaͤrtlich wie weib¬ lich ihr zweiter Sohn sey: denn er nannte sie im¬ mer seine Mutter. Ein Hofapotheker mit einem Binsenstein Herz — Zeusel schreibt er sich — sah dieses Zerfließen der waͤrmsten Seele sogar einmal fuͤr eine Thraͤnenfistel an, weil er glaubte, keine andere Augen koͤnnten weinen als kranke. . . . Lieber Leser, ist dir jetzt nicht wie dem Biographen, der nun den Eintrit dieses guten Viktors in die Kapla¬ nei und Biographie kaum erwarten kann? Wirst du ihm nicht die freundschaftliche Hand reichen und sagen: »willkommen, Unbekannter! — Sieh dein »weiches Herz oͤfnet unseres schon unter der »Schwelle! O du Mensch mit Augen voll Thraͤnen, »glaubst denn du auch wie wir, daß in einem Leben, »dessen Ufer vollhaͤngen von Erschroknen, die sich an » Zweige , von Verzweifelten, die sich an Blaͤt¬ » ter halten, daß in einem solchen Leben wo uns »nicht blos Thorheiten sondern auch Schmerzen um¬ »zingeln, daß da der Mensch ein nasses Auge be¬ wahren muͤsse fuͤr rothe, ein beklommenes Herz fuͤr ein blutendes und eine leise Hand, die den schweren dicken Leidenskelch dem Armen, der ihn leeren muß, trauernd haͤlt und langsam nachhebt? — Und wenn du so bist: so rede und lache wie du willst: denn die »Menschen soll keiner belachen als einer, der sie »recht herzlich liebt.« Nachmittags schikte der Obristkammerherr Le Baut — ein aromatisches Blaͤtterskelet — den Laͤu¬ fer Seebaß zum Kaplan und lies ihn ersuchen — denn das Schlos lag der Kaplanei nahe gegenuͤber — den Bok nur so lange wegzustellen, bis sich der Wind drehte, weil seine Tochter kaͤme. »Trauter »H. Seebaß, (antwortete geruͤhrt der Ratten-Kon¬ »troversist) meinen unterthaͤnigen Empfehl wieder »und Sie sehen mein Elend. Morgen erfreuen mich »der Lord und sein Sohn und sein Okulist mit ihrer »Gegenwart und der Staar wird hier gestochen. »Nun stinkt gegenwaͤrtig das ganze Haus und die »Ratzen setzen ihren Nachttanz noch gelassen im Ge¬ »ruche fort: ich betheure Ihnen, H. Seebaß, wir »koͤnnen Teufelsdrek nehmen und damit die Kaplanei »bis zum Dachstuhl ausfuͤttern, nicht einen Schwanz »treiben wir dadurch fort; es gefaͤllt ihnen vielmehr. »Ich meines Ortes sehe, daß sie morgen unter B 2 »der Operation an dem Staarstecher und an dem »Patienten hinaufspringen. — So ergieng es uns »allen, melden Sie im Schlosse, aber heute wollt' »ich noch vortrefliches Rosenholzoͤl versuchen.« Er holte also einen großen Hopfensak und zerrte ihn unters Dach hinauf, um da im eigentlichen Sinne die Ratten bei der Nase herumzufuͤhren in den Hopfensak hinein. Bekanntlich sind Ratten so arg ersessen auf Rosenholzoͤl als Menschen auf Sal¬ bungsoͤl, das, sobald nur sechs Tropfen auf den Scheitel fallen, auf der Stelle einen Koͤnig oder Bi¬ schof daraus macht, welches ich daraus sehe, weil im ersten Fall ein goldner Reif um die Haare an¬ schiest und im zweiten sie gar ausgehen. Der Wehr¬ stand, der Kaplan, uͤberspruͤzte den Sak mit einigem Oel und legte ihn mit seiner Muͤndung aufgespert und aufgespannt fuͤr die Feinde hin — er selber stand darhinter und hielt sich hinter einem eben so einge¬ oͤlten Ofenschirm verstekt. Seine Absicht war, her¬ vorzufahren, wenn die Bestien im Sak saͤßen und die ganze Kongregation dann wie Bienen im Schwarm¬ sak wegzutragen. Die wenigen Kammerjaͤger die mich lesen, muͤssen diese Fangart haͤufig gebraucht haben. — Aber sie werden nicht daruͤber hingepurzelt seyn wie der Kaplan, dem sich der wohlriechende Ofen¬ schirm zwischen die Schenkel stuͤlpte und der still lag, waͤhrend der Feind lief. In einer solchen Lage labt den Menschen der Pralltriller eines Fluches. Nach¬ dem also der Kaplan einige solcher Triller und Mor¬ danten geschlagen, sich zur Familie hinabbegeben und ihr im Vorbeigehen gesagt hatte, »wenn es im ge¬ maͤssigten Erdstrich einen gaͤbe, der von den Win¬ »deln an ein Trauerpferd zu ritte, der ansaͤssig waͤre »in Hatto's zweiten Maͤusethurm und in einem Ras¬ »pelhause aus Amsterdam und in der Vorhoͤlle, »wenns so einen Disziplinanten gaͤbe, von dem ihn »nur wunderte, wie er noch am Leben waͤre: so »waͤr' Ers allein und weiter kein Teufel« — nach¬ dem er das heraus hatte: so ließ er die Ratten ruhig und — wurd' es selber recht sehr. Zu Nachts fiel nichts Denkwuͤrdiges vor als daß er — aufwachte und herumhorchte, ob nichts ge¬ schwaͤnztes rumore, weil er willens war, sich satt zu aͤrgern. Da gar nichts von den Bestien zu verneh¬ men war, nicht einmal ein Seitenpas: so setzte er sich auf den Fußboden heraus und preste das Spio¬ nenohr an diesen. Sein Gluͤk wollte, daß gerade jetzt die Bewegungen des Feindes mit Balleten und Galopaden in sein Gehoͤr einplumpten. Er brach auf, armirte sich mit einer Kindertrommel und wekte seine Frau mit dem Lispeln auf: »Schatz, »schlaf wieder ein und erschrik im Schlaf nicht: »ich trommel' ein wenig gegen die Ratten; denn »von der Zwickauer Sammlung nuͤtzlicher Bemerkun¬ »gen fuͤr Stadt und Landwirthschaft 1785 wird »mirs angerathen.« Sein erster Donnerschlag gab seinen Erbfeinden die Ruhe, die er seinen Blutsfreunden nahm. . . . Da ich aber alle Menschen jetzt in Stand gesetzt, sich den Kaplan im Hemd und mit dem Hakbret der Soldateska vorzustellen: so gehen wir lieber ans Bette seines Sohnes Flamin und geben acht, was dieser darin macht. . . , Nichts; aber außer demselben macht er einen Ritt jetzt so spaͤt und noch dazu ohne Sattel und Weste. Er, dessen Brust eine Aeols Hoͤle voll ge¬ druͤkter Stuͤrme war — jeder gescheute Pronota¬ rius in Wezlar, wuͤrde seinen Fischkopf oder Reb¬ huhnfluͤgel reiner abschaͤlen oder sein Samt-Knie rei¬ ner abbuͤrsten als er — dieser wuste unmoͤglich laͤn¬ ger auf einem Kopfkuͤssen zu verbleiben, dem heute eine Trommel so nahe kam und morgen ein Freund. Einen andern freilich (wenigstens den Leser und mich) wuͤrde die transparente Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille, auf welche die Trommelstoͤcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Ge¬ liebten, mit welchem der Morgen wieder das oͤde Herz und das zerstuͤkte Leben ergaͤnzte, alles dieses wuͤrde uns beide mit sanften Bebungen und Traͤu¬ men und Thraͤnen erfuͤllet haben — den Kaplans¬ sohn aber warfs auf den Gaul hinauf und in die Nacht hinaus: seine geistigen Erd-Erschuͤtterungen legten sich nur unter einem koͤrperlichen Galop. Er sprengte uͤber den Huͤgel, auf dem er Morgen sich mit seinem Horion wieder verknuͤpfen wollte, zehnmal hinauf und hinab. Er fluchte und donnerte auf alle seine Leidenschaften — freilich mit Leidenschaft — die bisher die Beinsaͤge an ihre ver¬ bundnen Freundschaftshaͤnde applicirt hatten: »o »wenn ich dich nur wieder habe, Sebastian, (sagt' »er und riß den Gaul herum,) so will ich so sanft »seyn, so sanft wie du, und dich niemals verkennen, »oder das Donnerwetter soll mich hier auf dem »Platze. . . .« Beschaͤmt uͤber den eiligen Wider¬ spruch, ritt er blos im Pas nach Hause. Seine Sehnsucht nach seinem wiederkehrenden Freunde druͤckt' er im Stalle dadurch aus, daß er die Scheitelhaare hinaufstuͤlpte, den Zopf wie die fuͤnfte Violinsaite anzog und den Schluͤssel des Fut¬ terkastens abdrehte. . . . Nur ein Mensch, der nach einem Freunde ge¬ rade so wie nach einer Freundin schmachtet, ver¬ dienet beide. Aber es giebt Menschen, die aus der Erde gehen, ohne je daruͤber betruͤbt oder besorgt gewesen zu seyn, daß sie niemand darin geliebt hat¬ te. Derjenige, der nach dem Kommerzientrak¬ tat der Kaufleute, nach dem gesellschaftlichen Vertrag der Weltleute, sogar nach dem Graͤnz - und Tauschvertrag der Liebe nichts hoͤheres kennt, ein solcher — ich wollt' aber, er haͤtte mich gar nicht vom Verleger verschrieben — dessen fahles Herz nichts weiß von der Bruͤderunitaͤt befreun¬ deter Menschen, vom Anastomosieren ihrer edlern Gefaͤsse und von ihrer Eidgenossenschaft in Streit und Schmerz — — ich seh' aber nicht, weswegen ich von diesem Tropfen so lange rede, da er nicht einmal in Flamins Sehnen sich hineinzufuͤhlen weiß, der ein liebendes, achtendes Auge begehrte, weil seine Fehler und seine Tugenden in gleichem Maße abstießen: bei andern Menschen machen wenigstens entweder die Flecken die Stralen gut, oder die Stra¬ len die Flecken. — — Blos in fuͤrstlichen Pferdestaͤllen ist das Getoͤse fruͤher und lauter als das in der Kaplanei am ersten Wonnemonat war. Ich frage die erste beste Leserinn, ob es je mehr zu bohnen und zu sieden giebt, wenn es nicht an einem Morgen ist, wo ein Lord mit dem Staar erwartet wird und sein Sohn dazu und ein Okulist. Die maͤnnlichen Rasttage fallen allezeit in die weiblichen Raspeltage: Vater und Sohn giengen gelassen dem Doktor und dem Okulisten entgegen. Der erste Mai fieng sich wie der Mensch und seine Universalhistorie mit einem Nebel an. Der Fruͤhling, der Raphael unsers Erdkugel-Sektors, stand schon draussen und uͤberdekte alle Gemaͤcher un¬ sers Vatikans mit seinen Gemaͤlden. Ich hab' einen Nebel lieb, sobald er wie ein Schleier vom Ange¬ sicht eines schoͤnen Tages abgleitet und sobald ihn groͤßere als die vier Fakultaͤten machen. Wenn er (der am 1. Mai war so) wie ein Zugnez Gipfel und Baͤche uͤberflicht — wenn die herabgedruͤkten Wolken auf unsern Auen und durch nasse Stauden kriechen — wenn er auf der einen Weltgegend den Himmel mit einem Pech-Brodem besudelt und den Wald mit einer unreinen schweren Nebelbank be¬ streift, indeß er auf den andern , abgewischt vom nassen Saphyr des Himmels, in Tropfen verkleinert die Blumen erleuchtet; und wenn dieser blaue Glanz und jene schmuzige Nacht nahe an einander voruͤber¬ ziehen und die Plaͤtze tauschen: wem ist alsdann nicht als saͤh er Laͤnder und Voͤlker vor sich liegen, auf denen giftige und stinkende Nebel in Gruppen herumziehen, die bald kommen, bald gehen? — Und wenn ferner diese weiße Nacht mein schwermuͤthiges Auge mit dahin fliegenden Dunststroͤmen, mit irren¬ den zitternden Duftstaͤubgen umzingelt: so erblick' ich truͤbe in dem Dunst das Menschenleben abgefaͤrbt, mit seinen zwei großen Wolken an unserm Auf- und Untergange, mit seinem scheinbar lichten Raume um uns, mit seiner blauen Muͤndung uͤber uns. . . . Der Doktor kann auch so gedacht haben, aber nicht Vater und Sohn, die ihm entgegen gehen. Flamin wird staͤrker von der entfernten, als nahen Natur, mehr von der großen als kleinen geruͤhrt, so wie er mehr fuͤr den Staat als die Wohnstube Ge¬ fuͤhl hat und sein innerer Mensch windet sich am liebsten an Pyramiden empor, an Gewittern, an Al¬ pen. Der Kaplan genießet bei der ganzen Sache nichts als — Maibutter, und aus seinem Munde geht bei so vielem moralischen Apparat nichts als — Speichel, beides weil er befaͤhrt, der Dampf fress ihn an und zerbeisse seinen Schlund und Magen. Als sie vom Huͤgel des naͤchtlichen Galops in ein mit Nebeldampf verschuͤttetes Thal einschritten: zogen ihnen daraus drei Garnisonregimenter im Du¬ blirschritt entgegen. Jedes Regiment war vier Mann stark und eben so hoch — ohne Pulver und Schuhe — aber versehen mit fein durchbrochnen Schenkel-Manschetten, naͤmlich mit poroͤsen Hosen und uͤberfluͤssigen Offizieren, weil keine Gemeine da¬ bei waren. Da ich jetzt in meiner Beschreibung gar dazu setze, daß beide Staͤbe, sowol der Regiments, als der Generalstab uͤber 600 Kanonen in der Tasche hatten und uͤberhaupt einen ganzen Artillerie-Train und daß die Prima Plana ganz neue im Kriege un¬ gewoͤhnliche gelbe Kugeln, die eher aufkeimten als das von Wilden gesaͤete Schiespulver, mit der Zunge in die Flinten stekte: so wuͤrd' ich (ich befuͤrchte das) die Leser, zumal die Leserinnen — um so mehr, da ichs noch nicht errathen lasse, warens Soldaten- Eltern oder Soldatenjungen — ein wenig zu aͤngst¬ lich machen, wenn ich gar eintunken und vollends den verdruͤslichen Umstand, daß die Truppen auf den benebelten Hofkaplan Feuer zu geben anfiengen, hin¬ zu erzaͤhlen wollte, ohne spornstreichs schon vorher mit der Nachricht vorzusprengen, daß hinter der Armee eine Mannsstimme rief: Halt! Herausfuhr aus dem letzten Treffen der General¬ feldmarschal, der gerade noch einmal so lang war als sein Stuͤklieutenant — mit rundem Hut, mit fliegenden Armen und Haaren stuͤrzt' er sich wuͤthend auf Flamin zu und erpakte ihn, um ihn umzubrigen — aus Haß weniger als aus Liebe — Sebastian wars — die zwei Freunde lagen zitternd in einan¬ der, Gesicht in Gesicht gehuͤllt, Brust von Brust zu¬ ruͤkgedruͤkt, mit Seelen ohne Freuden-Worte, aber nicht ohne Freudenthraͤnen — die erste Umarmung endigte sich mit einer zweiten — die ersten Laute waren ihre zwei Namen. . . . Der Kaplan privatisirte neben der Armee und stand verdruͤslich auf seinem Isolirschemel mit sei¬ nem leeren Hals um den nichts fiel.« Den Augen¬ »blick — sagt' er komm' ich wieder, ich kann recht »gut an der Haselstaude ein wenig p. . ., bevor ich meines Orts ans Umhalsen komme.« Aber Horion eilte aus des Sohnes Armen zaͤrtlich in des Vaters seine, verweilte lange darin, und machte al¬ les wieder gut. Mit befriedigter Liebe, mit tanzendem Herzen, mit schwelgenden Augen, unter dem aufgebluͤhten Himmel und uͤber den Schmuk der Erde — denn der Fruͤhling hatte seine Schmukkaͤstgen aufgeschlossen und bluͤhende Juwelen in alle Thaͤler und auf alle Huͤgel uud bis weit an die Berge geworfen — wandelten beide selig dahin und die brittische Hand preste die deutsche. Sebastian konnte nichts sagen zu Flamin, aber er sprach mit dem Vater und jeder gleichguͤltige Laut machte den mit Blut und Liebe uͤberhaͤuften Busen freier. Die drei Regimenter hatte jeder aus dem Kopfe verloren; aber sie waren selber dem Generalfeldmar¬ schal gehorsam nachmarschiert. Sebastian, zu men¬ schenfreundlich, um jemand zu vergessen, drehte sich gegen das Quarree von kleinen Sanskuͤlottes herum, die nicht aus Paris sondern aus Flachsenfingen wa¬ ren und als bettelnde Soldatenkinder ihn begleitet hatten: »Meine Kinder, (sagt' er und sahe nichts an »als sein stehendes Heer) heute ist fuͤr euren Gene¬ »rallissimus und euch der merkwuͤrdige Tag, wo er »drei Dinge thut — Ich dank' euch erstlich ab, aber »meine Reduktion soll euch so wenig wie eine fuͤrst¬ »liche hindern, zu betteln — zweitens bezahl' ich euch »den ruͤkstaͤndigen Gold von drei Jahren, naͤmlich »jedem Offizier das Traktement von zwei Siebzeh¬ »nern, weil man jetzt die Gage erhoͤhet hat — »drittens lauft morgen wieder her, ich lasse den »saͤmtlichen Regimentern Hosen anmessen.« Er kehrte sich gegen den Kaplan und sagte, »man sollte lieber Sachen verschenken als Geld, denn die Dankbarkeit fuͤr dieses wird zugleich mit diesem ausgegeben, aber in einem Paar verehrten Hosen haͤlt der Dank so lang wie sein Ueberzug selber.« Das Schlimme dabei wird nur seyn, daß der Flachsensingische Fuͤrst und sein Kriegskollegium sich zuletzt in die Hosen mengen, da beide unmoͤglich ver¬ statten koͤnnen, daß regulirte Truppen mehr auf als in dem Leibe haben, naͤmlich etwas. In unsern Tagen sollt' es endlich dem duͤmsten Montirungs- und Proviantkommissar einleuchten — aber in der That giebt es kluge — 1) daß unter zwei Soldaten der Hungrige stets dem Gatten vorzuziehen sey, weil schon von ganzen Voͤlkern bekannt ist, daß sie desto tapferer sind, je weniger sie haben — 2) daß so wie in Blozheim Im obern Elsas, wo alle drei Jahre blos der beste Juͤng¬ ling Kranz und Schaumuͤnze und die Verwaltung der Au empfaͤngt. unter zwei gleich tugendhaften Juͤng¬ lingen der aͤrmere gekroͤnt wird, eben so der arme Unterthan billig dem reichen trotz aller gleichen Ta¬ pferkeit dennoch vorgezogen und allein enrollirt wer¬ de, weil der arme Teufel besser mit Hunger und Frost bekannt ist — daß 3) jetzt, da auf allen Stufen des Throns wie auf Waͤllen Kanonen stehen (wie die Sonne ihren Glanz von tausend speienden Vulkanen empfaͤngt) und da in einem guten Staate das maͤnnliche Stammholz zu Ladstoͤcken abge¬ trieben wird, das Volk mit Nutzen in zweierlei Hausarme zerfalle, in beschuͤtzte und in schuͤtzende — Und 4) soll der Teufel den holen, der murrt. — Als meine drei geliebten Menschen endlich vor der Kaplanei ankamen: war die ganze kassirte Geusd'armerie ihnen heimlich nachgeruͤkt und wollte die Hosen. Aber noch etwas Groͤßeres war ihnen aus Flachsenfingen nachgefahren — der blinde Lord. Kaum hatte den jungen Gast die Brittin nicht hoͤf¬ lich, sondern freudig hereingelaͤchelt, kaum hatte Agathe zum erstenmal ernsthaft sich hinter die Mut¬ ter und die alte Appel sich hinter die Kochtoͤpfe ver¬ stekt: so that der aufraͤumende Eyman einen langen Sprung vom Fenster hinweg, an welches vier Eng¬ laͤnder — keine Auslaͤnder, sondern Pferde — heran¬ trabten. Jetzt fiel erst allen die Frage ein, wo der Okulist waͤre; Und Sebastian hatte kaum die Zeit darauf zu antworten, es komme keiner nach, er selber operire seinen Vater. In den engen Zwischenraum, den sich der Vater von der Wagen- zur Stubenthuͤre durchfuͤhren ließ, muste der Sohn die Luͤge draͤngen, oder vielmehr die Bitte um die Luͤge, die die Fami¬ lie seiner Herrlichkeit anhaͤngen sollte, »der Sohn waͤre noch nicht da, sondern blos der Okulist, dem der letztere Schlagfluß die Sprache genommen.« Ich und der Leser stehen unter einem solchen Ge¬ draͤnge von Leuten, daß ich ihm noch nicht einmal so viel sagen koͤnnen, daß der D. Kuhlpepper dem Lord das linke Auge mit der plumpen Staarnadel so gut wie ausgestochen; — um also das rechte des geliebten Vaters zu retten, hatte Sebastian sich auf die Kur jener Verarmten gelegt, die schon mit den Augen im Orkus wandeln und nur noch mit vier Sinnen außerhalb des Grabes stehen. — Als der Sohn die theuere mit einer so langen Nacht bedekte Gestalt, fuͤr die es kein Kind und keine Sonne mehr gab, erblikte: so schob er seine Hand, deren Puls von Mitleid, Freude und Hof¬ nung zitterte, der Eymannischen unter und reichte sie eilend hin und druͤkte die vaͤterliche unter dem fremden Namen. Aber er muste zur Hausthuͤre wieder hinaus, damit seine bebende Rettungshand auszitterte und er hielt draussen das vor Hofnung pochende Herz mit dem Gedanken an, daß es nicht gerathen werde — er sah laͤchelnd an dem zwoͤlf¬ spaͤnnigen Kadettenkorps auf und ab, damit die Ruͤh¬ rung und die Sehnsucht aus der bewegten Brust entwichen. Drinnen hatt' unterdeß die Kaplaͤnin aus dem Blinden einen noch Blindern gemacht und ihm vorgelogen quantum satis ; sobald eine Luͤge, pia fraus , dolum bonum , poetische und juristische fictio auszufertigen ist: so stellen sich die Weiber von selber als expedirende Sekretaire und Hofbuch¬ druckerinnen hinzu und helfen dem ehrlichen Mann. »Ich wuͤnschte sehr — sagte der Vater beim Ein¬ »tritt des Sohnes — die Operation gienge jetzt vor »sich eh' mein Sohn da waͤre.« Die Staarzange wurde vorgeholt, das Zimmer verschattet und das kranke Auge befestigt. Der blinde Englaͤnder — ein Mensch, der seinen Kopf wie ein heiteres Schneege¬ buͤrge kuͤhl uͤber eine Feuerzone hob — hielt der kindlichen Hand ein schweigendes Angesicht ohne Zuckung vor; er blieb vor dem Schicksal gefast und stumm, das jetzt entscheiden wollte, ob seine oͤde Nacht langen sollte bis ans Grab oder nur bis an diese Minute. . . . Das Schicksal sagte: es werde licht und es ward. Das unsichtbare Schicksal nahm eines Sohnes aͤngst¬ liche Hand und schloß damit ein Auge auf, das ei¬ ner schoͤnern Nacht als dieser ungestirnten wuͤr¬ dig war: Viktor druͤkte die reife Staarlinse — diese auf die Schoͤpfung geworfene Dampfkugel und Wol¬ ke ke — in den Boden des Augapfels hinab; und so, da ein Atem sechs Linien tief versenkt war, hatte ein Mensch die Unermeslichkeit wieder und ein Va¬ ter den Sohn. Gebruͤkter Mensch! der du zugleich ein Sohn und ein Knecht des Staubes bist, wie klein ist der Gedanke, die Minute, der Bluts- oder Thraͤnentropfe, der dein weites Gehirn, dein weites Herz uͤberschwilt! Und wenn ein Paar Blutkuͤgelgen bald deine Montgolfier's Kugeln bald deine Belidors Drukkugeln werden, ach wie wenig Erde ist es, was dich hebt und druͤkt! — »Du Viktor? — Du hast mich geheilt, mein »Sohn?« (sagte der Errettete und fassete die noch mit dem Apparat bewafnete Hand) »— leg' weg und »bind mich wieder zu; ich freue mich, daß ich dich zuerst gesehen.« Er band das geoͤfnete Auge unter den stillen freudigen Thraͤnen des seinigen wieder zu; aber als der Verband dem Stoiker alles verdekte, die Erroͤthung und die Ergiessung: so wars dem gluͤcklichen Sohne unmoͤglich, sich laͤnger zu halten — er uͤberließ sich seinem Herzen und klammerte sich mit seinen Thraͤnen und Armen an das verhuͤllte Angesicht, dem er hellere Tage wiedergegeben hatte, und als die Fluth der Liebe, seinen zitternden Bu¬ sen uͤberzog: so fuͤhlt' er doch davon die schnellern Schlaͤge des vaͤterlichen und die festere Umarmung Hesperus. I . Th. C dessen, der ihm dankte — und dann war das beste Kind das gluͤklichste Kind. . . . Zwoͤlf Kanonen gingen draussen los aus eben so vielen Stubenschluͤsseln — — Sie erschießen diese Historie. — — Denn jetzt ist sie warlich aus — nicht ein Wort, nicht eine Sylbe weiß ich mehr — ich habe uͤber¬ haupt in meinem Leben gar keinen Horion und kein St. Luͤne gesehen oder gehoͤrt oder getraͤumt oder nur romantisch ersonnen — der Teufel und ich wissen wie es ist und ich meines Orts habe ohnehin jetzt bessere Dinge zu machen und zu eroͤfnen, naͤmlich: Die Ouvertuͤre und die geheime Instruktion. Ein andrer haͤtte dumm gehandelt und gleich mit dem Anfang angefangen; ich aber dachte, ich koͤnnte allemal noch sagen wo ich hause — im Grunde am Aequator; denn ich wohne auf der Insel St. Jo¬ hannis , die bekanntlich in den ostindischen Ge¬ waͤssern liegt, die ganz vom Fuͤrstenthum Scheerau umgeben sind. Es kann naͤmlich guten Haͤusern, die ihre ordentliche litterarische Strazza (den Meßkata¬ log) und ihr ordentliches Kapitalbuch (die Litteratur¬ zeitung) halten, nichts weniger unbekannt seyn als mein neuestes Landesprodukt, die unsichtbare Loge ; ein Werk, zu dessen Lesung mein Landesherr seine Landeskinder und selber die Schriftsassen (es waͤre nicht ausdruͤcklich gegen die Rezesse) noch mehr noͤthigen sollte als zum Besuche der Landesuniversi¬ taͤt. In diese Loge hab' ich nun den außerordentli¬ chen Teich gesetzt, welcher unter dem Namen ostindi¬ scher Ozean bekannter ist und in den wir Scheerauer die wenigen Molucken und andre Inseln hineingefahren und gepflastert haben, auf denen unser Aktivhandel ruht. Waͤhrend das die unsichtbare Loge in eine sicht¬ bare umgedruckt wurde, haben wir wieder eine In¬ sel verfertigt — das ist die Insel St. Johannis, auf der ich jetzt hause und spreche. Der folgende Absatz duͤrfte interessant werden, weil man darin dem Leser aufdekt, warum ich auf dieses Buch den tollen Titel setzte Hundsposttage . Es war vorgestern am 29. April, daß ich Abends auf und abgieng auf meiner Insel — der Abend hatte sich schon im Schatten und Nebel eingespon¬ nen — ich konnte kaum auf die Teidor-Insel hinuͤbersehen, auf dieses Grabmal schoͤner unterge¬ sunkner Fruͤhlinge und ich huͤpfte mit dem Auge blos auf den nahen Laub- und Bluͤtenknospen her¬ um, diesen Fluͤgelkleidern des wachsenden Fruͤhlings — die Ebene und Kuͤste um mich sah wie eine An¬ ziehstube der Blumengoͤttin aus und ihr Putzwerk lag zerstreuet und verschlossen in Thaͤlern und Stau¬ den herum — der Mond lag noch hinter der Erde, aber seine Stralen-Fontaine spruͤzte schon am ganzen Rande des Himmels hinauf — der blaue C 2 Himmel war endlich mit Silberflittern durchwirkt, aber die Erde noch schwarz von der Nacht grundiert — ich sah blos in den Himmel: . . als etwas plaͤtscherte auf der Erde. . . . Ein Spitzhund thats, der in den indischen Ozean gesprungen war und nun losdrang auf St. Johan¬ nis. Er kroch an meine Kuͤste hinauf und regnete wedelnd neben mir. Mit einem blutfremden Hunde ist eine Konversation noch sauerer anzuspinnen als mit einem Englaͤnder, weil man den Karakter und Namen des Viehes nicht kennt. Der Spitz hatte etwas mit mir vor und schien ein Envoy é zu seyn. Endlich machte der Mond seine Stralen-Schleussen auf und setzte mich und den Hund unter Licht. » Sr. Wohlgeboh r en »des Herrn Berg-Hauptmann Es ist bekannt, wie wenig ich vom Bergwesen verstehe; ich habe daher Ursache zu haben geglaubt, bei meinen Obern um einen Sporn anzuhalten, der mich antriebe, daß ich in einer so wichtigen Wissenschaft etwas thaͤte — und so ein Sporn ist eine Berghauptmannsstelle allemal. Jean Paul auf Frei St. Johannis. Diese Adresse an mich hieng vom Halse der Be¬ stie herunter und war an eine Kuͤrbisflasche, die ans Halsband gebunden war, angepicht. Der Hund wil¬ ligte ein, daß ich ihm sein Felleisen abstreifte wie den Alpenhunden ihren Portativ-Konvikttisch. Ich zog aus dem Kuͤrbis, der in Marketenderzelten oft mit Spiritus gefuͤllet worden, etwas heraus, was mich noch besser berauschte — einen Buͤndel Briefe. Gelehrte, Verliebte, Muͤssige und Maͤdgen sind un¬ baͤndig auf Briefe erpicht; Geschaͤftsleute gar nicht. Das ganze Volumen — Name und Hand waren mir fremd — drehte sich um den Inhalt, ich waͤre ein beruͤhmter Mann und haͤtte mit Kaisern und Koͤnigen Verkehr Außer den zwei Kaisern Gilluk und Athnach und den vier Koͤnigen Spolta, Sakeph Katon ꝛc. bin ich weiter mit kei¬ nen umgegangen; und das nur als Primaner, weil wir Juristen mit Teufels Gewalt hebraͤisch lernen musten; wor¬ in eben die gedachten sechs Potentaten als Accente der Woͤrter vorkommen. Vielleicht meint aber der Briefstel¬ ler die großen, scharfen, gekroͤnten Accente der Voͤlker. und Berghauptmaͤnner meines Schlages gaͤb' es wohl wenig u. s. w. Aber genug! Denn ich muͤste nicht eine Unze Bescheidenheit mehr in mir tragen, wenn ich mit der Unverschaͤmtheit, die einige wirklich haben, so fort exzerpiren und es aus den Briefen extrahiren wollte, daß ich der schee¬ rauische Gibbon und Moͤser waͤre (zwar im biogra¬ phischen Fache nur, aber welche Schmeichelei!) — daß jeder, der ein Leben besaͤße, und es von mir biographisch abgeschattet sehen wollte, damit fort¬ machen sollte, ehe ich von irgend einem koͤniglichen Hause zum Historiographen weggepresset wuͤrde und gar nicht mehr zu haben waͤre — daß es mir gleich¬ wohl wie andern Berghauptleuten ergehen koͤnnte, vor denen das zerstreuete Publikum oft nicht eher den Hut abgenommen als bis sie schon in eine an¬ dere Gasse d. h. Welt hinein gewesen u. s. w. Wer besorgt letzteres mehr als ich selber? Aber auch diese Besorgnis bringt einen bescheidnen Mann nicht da¬ zu, daß er hinabkriecht und den Soufleur seiner Pa¬ negyristen macht; wie ich doch gethan haben wuͤrde, wenn ich fort extrahiret haͤtte. Meinem Gefuͤhle sind sogar die Autores verhast, die mit dem End¬ triller: »Bescheidenheit verbiete ihnen mehr zu sa¬ »gen« unverschaͤmt erst dann nachkommen, wenn sie alles schon gesagt haben, was jene verbieten kann. Jetzt wagt sich bei Korrespondent mit seiner Ab¬ sicht hervor, mich zum Biographen einer anonymi¬ schen Familiengeschichte zu machen. Er bittet, er intriguiret, trotzt. »Er koͤnne — (schreibt er »weitlaͤuftiger, aber ich abbrevire alles und trag' »uͤberhaupt diesen epistolarischen Extrakt mit ausser¬ »ordentlich wenig Verstand vor; denn ich werde seit »einer halben Stunde von einer verdammten Rat¬ »ten Bestie ungemein aͤrgerlich gekratzt und genagt) »— mir alles gerichtlich duͤrfe mir »aber keine andere Namen der Personagen in dieser »Historie melden als verfaͤlschte, weil mir nicht ganz »zu trauen sey — er klaͤre mir schon alles mit der »Zeit auf — denn an dieser Geschichte und deren »Epigenesis arbeite das Schicksal selber noch und er »haͤndige mir hier nur die Schnauze davon ein und »werde mir ein Glied nach dem andern so wie es »von der Drechselbank der Zeit abfalle, richtig uͤber¬ »machen bis wir den Schwanz haͤtten — daher »werde der epistolarische Spitz regelmaͤßig weg- und »anschwimmen wie eine poste aux anes , aber nach¬ »schiffen duͤrf' ich dem Brieftraͤger nicht — und so »schließet der Korrespondent, der sich Knef unter¬ »zeichnet) werde mir der Hund wie ein Pegasus so »viel Nahrungssaft zutragen, daß ich statt des duͤn¬ »nen Vergißmeinnichtes eines Almanachs einen dicken »Kohlstrunk von Folianten in die Hoͤhe zoͤge.« Wie gluͤcklich er seine Absicht erreicht habe, weiß der Leser, der ja eben aus dem ersten Kapitel dieser Geschichte herkoͤmmt, das der Spitz von Eymans Ratten bis zur Kanonade auf einmal in der Flasche hatte. Ich schrieb H. Knef nur so viel im Kuͤrbis zu¬ ruͤck: »Etwas Tolles schlag' ich nie ab. — Ihre »Schmeicheleien wuͤrden mich stolz machen, wenn »ichs nicht schon waͤre; daher schaden Schmeichler »wenig. — Ich finde die beste Welt blos im Mikro¬ »kosmus ansaͤßig und mein Arkadien langt nicht uͤber »die vier Gehirnkammern hinaus: die Gegenwart »ist fuͤr nichts als den Magen des Menschen ge¬ »macht; die Vergangenheit besteht aus der Ge¬ »schichte, die wieder eine zusammengeschobene von »Ermordeten bewohnte Gegenwart, und blos ein »Deklinatorium unsrer ewigen horizontalen »Abweichungen vom kalten Pole der Wahrheit, ein »Inklinatorium unsrer senkrechten von der »Sonne der Tugend ist — Es bleibt also dem Men¬ »schen der in sich gluͤcklicher als außer sich seyn »will, nichts uͤbrig als die Zukunft oder Phanta¬ »sie, d. h. der Roman. Da nun eine Biographie »von geschikten Haͤnden leicht zu einem Roman zu »veredeln ist, wie wir bei Voltaires Karl und Pe¬ »ter und an den Selbstbiographien sehen: so uͤber¬ »nehm' ich das biographische Werk, unter der Be¬ »dingung, daß darin die Wahrheit nur meine Ge¬ »sellschaftsdame, aber nicht meine Fuͤhrerin sey.« »In Visitenzimmern macht man sich durch allge¬ »meine Satiren verhast, weil sie jeder auf sich ziehen »kann: persoͤnliche aber rechnet man zu den Pflichten »der Medisance und verzeiht sie, weil man hoft, der »Satiriker falle mehr die Person als das Laster an. In »Buͤchern aber ist es gerade umgekehrt, und es ist mir »falls einige oder mehrere Spitzbuben in unsrer Bio¬ »graphie wie ich hoffe Rollen haben, das Inkognito »derselben ganz lieb. Ein Satiriker ist hierin nicht »so ungluͤklich wie ein Arzt. Ein lebhafter Patho¬ »log kann wenig Krankheiten beschreiben, die nicht »ein lebhafter Leser zu haben meine; dem Hypochon¬ »dristen inokuliert er durch seine historischen Patien¬ »ten ihre Wehen so gut, als wenn er ihn ins Bette »zu ihnen legte; und ich bin fest versichert, daß we¬ »nige Leute von Stande lebhafte Schilderungen der »venerischen Seuche lesen koͤnnen, ohne sich ein¬ »zubilden, sie haͤtten sie, so schwach sind ihre Ner¬ »ven und so stark ihre Phantasien. Hingegen ein »Satiriker kann sich Hofnung machen, daß selten ein »Leser seine Gemaͤlde moralischer Krankheiten, seine »anatomischen Tafeln von geistigen Misgeburten auf »sich anwenden werde; er kann froh und frei De¬ »spotismus, Schwaͤche, Stolz und Narrheit ohne die »geringste Sorge malen, daß einer dergleichen zu haben »sich einbilde; ja ich kann das ganze Publikum oder »alle Deutsche einer aͤsthetischen Lethargie, einer po¬ »litischen Atonie, eines kammeralistischen Phlegma »gegen alles was nicht in den Magen oder Beutel »geht, beschuldigen; aber ich traue jedem, der mich »lieset zu, daß er wenigstens sich nicht darunter »rechne und wenn dieser Brief gedruckt wuͤrde, »wollt' ich mich auf eines jeden inneres Zeugniß »berufen. — Der einzige Akteur, dessen wahren Na¬ »men ich in diesem historischen Schauspiel haben »muß, zumal da er nur der Soufleur ist, ist der — »Hund.« Jean Paul . Ich habe noch keine Antwort und auch noch kein zweites Kapitel: jetzt koͤmmt es ganz auf den Spitz¬ hund an, ob der der gelehrten Welt die Fortsetzung dieser Historie schenken will oder nicht. — Ists aber moͤglich, daß ein biographischer Berghauptmann blos einer verdammten Ratte we¬ gen, die noch dazu in keinem Journal arbeitet son¬ dern in meinem Hause, jetzt vom Publikum weglau¬ fen und alle Zimmer durchdonnern muß, um das Aas in Angst zu jagen? . . . . . . Spizius Hofman heißet der Hund: der war die Ratte und kratzte an der Thuͤre mit dem zweiten Kapitel im Kuͤrbis. Ein ganzes volles Pro¬ viantschif, das die gelehrte Welt ausnaschen darf, hab' ich vom Halse Hofmanns abgehoben: und es thun sich fuͤr den Leser, der das Gescheute so gern lieset wie das Dumme, heute — denn nunmehr ists gewiß, daß ich fortschreibe — freudige Prospekte auf, die ich aus einem gewissen Gefuͤhle der Bescheiden¬ heit nicht abzeichne. . . Der Leser sitzt jetzt in sei¬ nem Kanapee, die schoͤnsten Lese-Horen tanzen um ihn und verstecken ihm seine Repetieruhr — die Gra¬ zien halten ihm mein Buch und reichen ihm die Heftlein — die Musen wenden ihm die Blaͤtter um oder lesen gar alles vor — er laͤsset sich von nichts stoͤren sondern der Schweizer oder die Kinder muͤssen sagen, Papa ist aus — da das Leben an einem Fuß einen Kothurn und am andern einen Sockus traͤgt: so ists ihm lieb, daß eine Lebensbeschreibung auch in Einem Athem lacht und weint — und da die Bel¬ letristen immer mit dem Moralischen ihrer Schriften, das nuͤtzt, etwas Unmoralisches, das vergiftet, aber reitzt, zu verbinden wissen, gleich den Apothekern, die zugleich Arzneien und Aquavit verzapfen: so vergiebt er mir gern fuͤr das Unmoralische, das vorsticht, das Religioͤse, das ich etwa habe und um¬ gekehrt — und da diese Biographie in Musik gesetzt wird, weil Ramler sie vorher in Hexameter setzt (welches sie auch mehr bedarf als der harmonische Gesner;) so kann er, wenn er sie gelesen hat, auf¬ stehen und sie auch spielen oder singen. . . . Auch ich bin fast eben so gluͤcklich als laͤs' ich das Werk — der indische Ozean schlaͤgt die Pfauenraͤder seiner beleuchteten Wellenkreise vor meiner Insel — mit allem steh' ich auf dem besten Fuße, mit dem Leser, mit dem Rezensenten und mit dem Hund — alles ist schon zu den Hundsposttagen da, ein Dinten¬ rezept von einem Alchemiker, der Gaͤnsehirt mit Spuhlen war schon gestern da, der Buchbinder mit bunten Schreibbuͤchern erst heute — die Natur kno¬ spet, mein Leib bluͤht, mein Geist traͤgt — und so haͤng' ich uͤber den Loch- und Treibkasten (d. h. die Insel) meine Bluͤten, durchschieße den Kasten mit meinen Wurzelfasern, kann es (ich Hamadryade) aus meinem Laubwerk heraus nicht wahrnehmen, wie viel Moos die Jahre in meine Rinde, wie viel Holzkaͤfer die Zukunft in das Mark meines Herzens und wie viel Baumheber der Tod unter meine Wurzel setzen wird, nehme alles nicht wahr, sondern schwinge froh — du guͤtiges Schicksal! — die Zweige in dem Winde, lege die Blaͤtter saugend an die mit Licht und Thau gefuͤllte Natur, und errege, vom allgemei¬ nen Lebensodem durchblaͤttert, so viel artikulirtes Geraͤusch als noͤthig ist, daß irgend ein truͤbes Men¬ schenherz, unter der Aufmerksamkeit auf diese Blaͤt¬ ter , seine Stiche, sein Pochen, sein Stocken vergesse in kurzen sanften Traͤumen — — warum ist ein Mensch so gluͤcklich? Darum: weil er oft ein Litteratus ist. So oft das Schicksal unter seinem Schleier das Lebensstroͤm¬ gen eines Litteratus, das uͤber einige Auditorien und Repositorien-Fachbretter rinnt, aus dem großen Weltatlas in eine Spezialkarte hineinpunktirt: so kann es so denken und sagen: »wolfeiler und sonder¬ »barer kann man doch kein Wesen gluͤcklich machen »als wenn man es zu einem litterarischen macht: »sein Freudenbecher ist eine Dintenflasche — sein »Trommetenfest und Fasching ist (wenn es rezensirt) »die Ostermesse — sein ganzer paphischer Hain geht »in ein Buͤcherfutteral hinein — und in was andern »bestehen denn seine blauen Mondtage als in (ge¬ »schriebnen oder gelesenen) Hundsposttagen?« Und so fuͤhrt mich das Schicksal selber in den. . . 2. Hundsposttag. Antediluvianische Geschichte — Viktors Lebens-Marschroute. B eim Thor des ersten Kapitels fragen die Leser die Einpassirenden, »wie Sie heissen? — Ihren Karak¬ »rakter? — Ihre Geschaͤfte?« — Der Hund antwortet fuͤr alle. Der Lord traͤgt den Flachsensingischen Regenten wie einen Habicht auf seiner beschuhten Faust, aber dieser transzendente Falkenirer thuts nicht, um den Fuͤrsten auf Tauben und Hasen zu werfen, sondern um ihn wach und zahm zu machen, welches nicht blos bei Falken sy¬ nonym ist. Der Lord regierte den Regenten weder an eignen noch fremden Lastern sondern an eignen Tugenden. Erstlich begehrte er nichts vom H. Ja¬ nuar (d. h. Herrn Januar, nicht heiligen Januar, sondern der Fuͤrst hies so,) nicht einmal Maͤßigkeit und Keuschheit. Zweitens hob er keine Vettern in den Sattel, sondern schlimme daraus. Drittens machten seine Festigkeit und seine Feinheit einander wechselseitig gut; uͤber Veraͤnderliche herrscht am besten der Unveraͤnderliche. Viertens war er nicht der Guͤnstling, sondern der Gesellschafter, blieb im¬ merfort ein Britte und ein Lord und des Landes wohlthaͤtiger Bienenvater , indeß Januar der Weisel und im Weiselgefaͤngniß war. Fuͤnf¬ tens gehoͤrte er unter die wenigen Menschen, denen man gleich seyn muß, um ihnen ungehorsam zu seyn; und einem, der das gewoͤhnliche Taschenspie¬ lerkunststuͤck machte, ihm ein Schloß unversehends an den Mund zu werfen, flogs an den Kopf zuruͤck. Sechstens und siebentens hatt' er — was auch nicht zu verachten ist — eine Niece und Kaͤse. Das muß weitlaͤuftiger gefasset werden. Was den Kaͤse anlangt, so wissen wirs alle, daß er in Ehester einen Pachter hatte, der einen Kaͤse lieferte dergleichen es weiter in Europa keinen giebt und daß oft Fuͤrsten ein außerordentlicher Kaͤse lieber ist als eine außerordentliche Dankadresse des Land¬ schaftssyndikus. Was die Niece anlangt, so zwingt mich diese zu einer Ausschweifung. Blos durch die ihrige. Der Fuͤrst logirte naͤm¬ lich in London samt seinem Hofstaat in des Lords Hause und schenkte der Niece seine Freundschaft. Man kann von ihm sagen, daß er wie Titus oder ein oͤstlicher Weltumsegler zwar zuweilen einen Tag verlor, aber selten eine Nacht , ohne Menschen gluͤcklich zu machen. Er muß die jetzige Entvoͤl¬ kerung Frankreichs vorausgesehen haben: denn er setzte sich ihr schon damals dagegen und hinterließ in drei gallischen Seestaͤdten eben so viel Soͤhne und auf den sogenannten sieben Inseln nur Einen. Gleichwol liebte er sie so sehr als waͤrens lauter Dauphins, Prinzen von Kalabrien, von Asturien, von Brasilien, von Wallis: er war sinnlich und ein wenig schwach, aber im aͤußersten Grade (außer wo er fuͤrchtete ) menschenfreundlich. Er lies diese Kinder erziehen und wollte sie niemals nach Flach¬ senfingen rufen. Diese Liebe wuchs noch mehr durch ein hitziges Fieber in London: der Beichtvater und das Fieber heitzten ihm so sehr ein, daß er in der Todesnoth einen Schwur that, bei keinem Maͤdgen mehr die gegenwaͤrtige Entvoͤlkerung Galliens zu uͤberlegen. Dieselbe Schwaͤche, die seinen Aber- und Kinderglauben naͤhrte, diente auch seiner Sinnlich¬ keit: als er wieder auf war, wust' er nicht was er machen sollte. Aber ein geschickter Exjesuit aus Ire¬ land wust' es: denn er bewies ihm: »sein Geluͤbde »muͤss' er, zumal vor der Dispensation, gewissenhaft »erfuͤllen, ausgenommen den suͤndlichen und unmoͤg¬ »lichen Punkt, der darin waͤre: naͤmlich den, den er »ohne Einwilligung seiner Gemahlin weder gelo¬ »ben duͤrfte noch koͤnnte.« Mit andern Wor ten, der Jesuit gab ihm zu verstehen, er habe im Fieber nur dem unverheiratheten Geschlechte, abgeschworen, sein Zoͤlibat erstrecke sich lediglich auf Nonnen und es bliebe ihm also, da ihm das Ge¬ luͤbde und die Moral den einfachen Ehebruch verbie¬ te, nichts uͤbrig als der doppelte. Januar enthielt sich auch gaͤnzlich alles einfachen. Ich uͤberlasse es dem Leser, die Verbindung zu untersuchen, in wel¬ cher seine groͤßere Liebe gegen seine vier Gros¬ oder Kleinfuͤrsten in Gallien mit seinem Geluͤbde stand: er uͤbertrug es dem Lord Horion, der ihn durch Frankreich begleitet hatte und da geblieben war, sie ihm noch London mitzubringen, es moͤchte kosten was es wollte. Der Lord brachte nichts mit als die Nachricht, daß der Infant auf den sieben Inseln verloren, und die drei andern verstorben waͤ¬ ren; aber der Lord fand etwas in London, naͤmlich den fuͤnften Infanten. Die Mutter desselben (die Niece des Lords) hatte sich mit dem Obrist-Kam¬ merherrn von Le Baut vermaͤhlt; der seine Vermaͤh¬ lung um einen Quatember zuruͤckdatirte, anstatt sie spaͤter anzusagen. Ich habe nie den Zusammenhang dieses Anachronismus mit dem fuͤrstlichen Geluͤbde einzusehen vermocht. Uebrigens so gefaͤhrlich Januar den Eheherren seines Hofes war und so unschaͤd¬ lich den Vaͤtern : so war doch das tugendhafte Ver¬ trauen, das jene in die weibliche mit ihnen kopu¬ lier¬ lirte Tugend setzten, so groß, daß sie diese Tugend kuͤhn seinen Waffen entgegenfuͤhrten. Ja sie setz¬ ten sich sogar uͤber den Verdacht hinweg, daß sie es thaͤten, damit sie, wenn er seine Krone auf den Putztisch ihrer Gemahlinnen ablegte, mit der Krone wie mit einem Joujou spielen und mit ihrem Glanz Leuten ins Fenster blenden koͤnnten: denn ein Hof¬ mann will seine Gattin lieber bewaͤhren als be¬ wahren . Kurz der fuͤnfte Infant war der Sohn der Niece und der Adoptiv- oder Stiefsohn des Baut. Die¬ ser Obristkammerherr war ein feuriger Freund des Fuͤrsten, da er fuͤr ihn (wie Cicero verlangt) beging was er nie fuͤr sich begangen haͤtte — etwas wie¬ der die Ehre. Es ist fuͤr einen Hofmann, dessen Ehre auf seinem Posten der schlimmsten Witterung bloß steht, ein rechtes Gluͤck, daß diese Ehre, so em¬ pfindlich sie auch bei kleinen Beleidigungen ist, doch große leicht ertraͤgt und, wenn nicht mit Worten doch mit Handlungen ohne Schaden anzutasten ist; so ungefaͤhr verhaͤlt sichs mit Rasenden deren Haut die leiseste Betastung verspuͤrt, auf denen aber gleich¬ wol keine Blasenpflaster ziehen. Der Fuͤrst wurde durch einen dreifachen Bast an Le Baut geknuͤpft, durch Dankbarkeit, durch Sohn und durch Frau. Horion that den Bast aus einander. Er entbloͤßte vor seiner Niece das kammerherrliche Herz und deckte Hesperus. I . Th. D ihr den Giftsack darin und einen dramatisch durchge¬ fuͤhrten Plan auf, den sie bisher fuͤr Nachsicht angesehen hatte. Alles Edle entbrannte in ihr vor Scham und Zorn. Es war ihr ohnehin unmoͤglich, alle ihre senkrecht laufenden Wurzeln aus dem Lande der Freiheit zu ziehen und nach Deutschland mitzu¬ gehen. Aber nicht zufrieden, von Le Baut, der dem Fuͤrsten nach Flachsenfingen nachreisete, durch Meere geschieden zu seyn, trennte sie sich auch durch einen Scheidebrief ganz vom schmuzigen Guͤnstling ab. Sie muste dem Le Baut ihr zweites Kind, seine wahre Tochter lassen; aber das erste, den Infanten, befestigte sie an ihrer muͤtterlichen Brust. Le Baut litt es gern und dachte, das Baugeruͤst gehoͤrt ohne¬ hin nach der Baurede in den Ofen des Hauses. Als er unter dem deutschen Thronhimmel ankam: war seine Sonne (Januar) in der Sommer-Son¬ nenwende, die von abnehmender Waͤrme almaͤhlig zu kalten Stuͤrmen uͤbergieng. Januars Liebe konnte nur steigen und fallen, aber nicht stehen und das groͤßte Verbrechen war bei ihm — Abwesenheit. Da Le Baut jetzt ohne Frau und Kind mit dem Lord verglichen wurde, der als der Tresorier und Siegel¬ bewahrer zweier in London gelassenen Schaͤtze unter Januars Thron-Plafond erschien: so wurde das Kassationsdekret, das anfangs in sympathetischer Dinte auf Jenners Gesicht geschrieben war, dem Kammerherrn immer leserlicher — er las es woͤchent¬ lich etlichemal durch, um recht zu lesen — seine Em¬ pfehlungen waren jetzt Uriasbriefe — er konnte kei¬ nem Schooshunde eine Stelle mehr verschaffen‚ naͤm¬ lich einen Schoos — als er nun gar durch den Lord die Charge eines Obrist-Kammerherrn bekam, hielt er es fuͤr hohe Zeit, gegen sein Gonagra das Bad auf seinem Rittergut St. Luͤne Jahr aus Jahr ein zu brauchen und zog ab, nachdem er vorher dem ganzen Hof versprechen muͤssen, bald genesen zuruͤck¬ zukommen. Die einzige Stelle, die er am Hofe noch vergab war die Pfarre in St. Luͤne, als Patronatsherr. Er fand damit den Ratzen-Kontradiktor Eymann ab, der ihm in London die muͤndliche Vokation zur Hof¬ kaplanei abgebettelt hatte und der sie nicht kriegen konnte. Daher nennen ihn die Hundsposttage immer Hofkaplan‚ ob er gleich in der That nur ein Landpastor ist. Den Augenblick ist diese antediluvianische Ge¬ schichte aus. Eymann war also in London und machte seiner jetzigen Frau, auf dem Landgute des Lords ein Praͤ¬ sent mit dem Hals- und Brustgehenk seines hekti¬ schen Herzens-Globus. Die Lady liebte in der Hof¬ kaplanin ihre Mitschwester und ließ den Sohn der¬ selben Flamin, aus Patriotismus fuͤr Mutter und D 2 Kind — weil sie ihr Vaterland verloren — bis ins neunte Jahr neben dem ihrigen und neben dem Sohne des verwittibten Lords erziehen. Die drei Kinder vereinigten mit der groͤßten Unaͤhnlichkeit des Karakters Aehnlichkeit der Zuͤge der Jahre und des Werths. Dieselbe paͤdagogische Hand — Dahore hieß der Lehrer — richtete und begoß die drei edlen Blumen. Sie hatten sogar denselben Namen ge¬ mein, wie die Otaheiten aus Liebe ihre Namen tau¬ schen. Im neunten Jahre wurden sie nach Deutsch¬ land eingeschift und mit Solo-Namen versehen; aber Jenners Sohn bekam die Blattern, wurde blind und muste zur Mutter zuruͤck. Flamin und Viktor wur¬ den in Flachsenfingen erzogen, dieser zum Arzte, je¬ ner zum Juristen. — — — Es sind in der Kuͤrbisflache des Spizius Hof¬ manns einige Unwahrscheinlichkeiten; aber der Hund muß fuͤr das stehen, was er liefert. Jetzt geht die Historie wieder gerade aus. Der Lord entfernte sich, unter dem Kanonenloͤsen der loͤcherigten Garnison; mit Viktor in ein anderes Zimmer und sein erstes Wort war: »binde mich ein »wenig auf und lasse deine Hand in meiner, damit »ich deine Aufmerksamkeit beobachten kann: denn »ich habe dir viel zu sagen.« Guter Mann! wir merkens alle, daß du zaͤrtlicher bist als du scheinen willst und wir lobens alle: nicht Kaͤlte sondern Abkuͤhlung ist die groͤßere Weisheit; und unser innere Mensch soll, wie ein heisser Metallguß in sei¬ ner Form, nur langsam erkalten, damit er sich zu einer glattern Gestalt abruͤnde; eben darum hat ihn die Natur — wie man bei Metallen die Form er¬ waͤrmt — in einen heissen Koͤrper gegossen. Er fuhr fort: »ich habe, mein Theurer, in mei¬ »ner Blindheit nur leere Briefe an dich diktiren »koͤnnen: ich wollte erst fuͤr deine Ankunft meine »Geheimnisse aufsparen. Eine kleine Pulververschwoͤ¬ »rung beobachtet mich. Diese hat erfahren, daß der »Sohn des Fuͤrsten nicht in London ist; sie vermu¬ »thet sogar, daß die Blattern absichtlich damals in¬ »okuliert wurden — und der Fuͤrst spricht taͤglich »vom Augenblick wo ich ihm seinen Sohn wieder¬ »bringe: er weiß vielleicht jene Vermuthungen. Ich »muste meine Abreise nach London auf meine Hei¬ »lung verschieben. Jetzt reis' ich in kurzem ab nach »England, wo der Sohn nicht ist, und hole seine »Mutter; ihn bringe ich anders woher und mit »eben so guten Augen als du mir gegeben hast.« Dann, fuhr Viktor heraus, wird der beste Mann nicht gestuͤrzt, aber wohl seine Feinde. »Nein, ich bin vorher gestuͤrzt , um mich wie »du auszudruͤcken. — Aber du hast mich unterbro¬ »chen. Ich habe nie den Muth gehabt, andre Leute »zu unterbrechen als Thoren. — Denn meine Ab¬ »wesenheit will man eben.« Ich als installirter Historiograph, frage nichts nach allem und unterbreche wen ich will. Einer, den man unterbricht, kann zwar spassen, aber nicht mehr beweisen. Der auf den Plato gepeltzte Sokra¬ tes, der keinen Sophisten ausreden ließ, war eben darum selber einer. In England, wo man noch Sy¬ steme unter den Weinglaͤsern duldet, kann sich ein Mann so sehr ausbreiten wie ein Royalbogen; in Frankreich, wo sich die Brille der Weisheit in Poin¬ ten zersplittert, muß einer so kurz seyn wie ein Vi¬ sitenblat. Hundertmal schweigt der Weise vor Gek¬ ken, weil er drei und zwanzig Bogen braucht, um seine Meinung zu sagen — Gecken brauchen nur Zeilen, ihre Meinungen sind herauffahrende Inseln und haͤngen mit nichts zusammen als mit der Eitel¬ keit. . . . Noch merk' ich an, daß zwischen dem Lord und seinem Sohne eine hoͤfliche feine Behut¬ samkeit obwaltete, die in einem so nahen Verhaͤlt¬ nisse nur aus ihrem Stande, aus ihrer Denkungsart und ihrer haͤufigen Abtrennung zu beurtheilen ist. — »Aber meine Gegenwart ist vielleicht noch schlim¬ »mer. Die Prinzessinn.« — — (Die Braut des Fuͤrsten, da seine erste Gemah¬ lin bald und kinderlos starb, wie Spitz sagt.) »Die Prinzessinn bringt einen Strom von Zer¬ »streuungen mit, worin er keine Stimme als die, »die zum Vergnuͤgen lokt, mehr hoͤren wird. Ein »unterbrochner Einfluß ist ein verlorner. Auch bin »ich bis zu einem gewissen Punkte dieses Spieles so »muͤde, daß ich den neuen Verbindungen, in die »mich diese neue Erscheinung zoͤge, gern entfliehe. »Sollte sie ihn nicht lieben, wie man sagt, so koͤnnte »sie ihn um so leichter beherrschen; und dann waͤre »meine Abweisenheit wieder nicht gut. — Mich bei Seite! aber was nimmst du vor, so lang' ich weg bin?« Nach einer Viertelspause antwortet er selber. »Du wirst sein Leibarzt, Viktor!« Viktors Hand zuckte in der vaͤterlichen. »Du bist ihm schon ver¬ »sprochen und er sehnet sich nach dir, blos weil ich »dich oft genannt habe. Er kann es nicht erwarten »zu erfahren wie jemand aussieht, dessen Vater er »so gut kennt. Als Leibarzt kannst du ihn mit dei¬ »ner Kunst und mit deiner Laune so lange fremden »Fesseln entziehen, bis ich wiederkomme: dann leg' »ich ihm noch sanftere an und gehe auf immer zu¬ »ruͤck. Meine Verbindung hatte bisher blos die »Absicht, fremde abzuwenden, besonders eine gewisse »— (Mit voller Brust und andrer Stimme) Mein »Geliebter! Es ist auf der Erde schwer, Tugend, »Freiheit und Gluͤck zu erwerben, aber es ist noch »schwerer, sie auszubreiten: der Weise bekommt alles »von sich, der Thor alles von andern. Der Freie »muß den Sklaven erloͤsen, der Weise fuͤr den Tho¬ »ren denken, der Gluͤckliche fuͤr den Ungluͤcklichen »arbeiten.« Er stand auf und setzte Viktors Ja voraus. Dieser muste ihm also unter dem Gehen seinen Red¬ nerfluß zutroͤpfeln. Er fing mit gehaͤuftem Athem an: »Ich verabscheue aufs heftigste den Samielwind »der Hofluft. . . . Bei mir hats der Lord zu verantworten, daß der Sohn hier die conjunctio concéssiva » Zwar « auslaͤsset: wer sich die Erwartung des Gehorsams merken laͤsset, erhaͤlt ihn wenigstens unter einer stol¬ zern Fa ç on. — »Die uͤber lauter liegende Menschen streicht und »den zu Pulver macht, der aufrecht bleibt — Ich »wollt' ich waͤr' in einem Vorzimmer an einem »Courtage, ich wollte zu allen in Gedanken sagen: »wie hass' ich euch und euer tolles Oximel von »Lust- und Plag-Partien — die verdammten Ex¬ »pektanten- und Ruderbaͤnke euerer Spieltische — »die vollen Schlachtschuͤsseln hingerichteter Pro¬ »vinzen, ich meine euere Spiel und Speiseteller — »Über ich weiß schon, ich druͤcke mich nie mit »Staͤrke aus uͤber die knechtischen lauernden Hofau¬ »stern, die nichts zu bewegen und aufzuschließen »wissen — das Herz ohnehin nicht — als ihr Ge¬ »haͤuse, um etwas hineinzunehmen. . . . Ich habe dich noch nicht unterbrochen ; sagte der Lord und stand ein wenig. »Inzwischen fuhr der Sohn fort, wat' ich mit »groͤßter Lust zur Austerbank hinab . . O mein theu¬ »rer Vater, wie koͤnnt' ich nicht gehen? Warum »ließ ich nicht bisher ihr krankes Auge aufgebunden, »damit Sie auf meinem Gesichte keine einzige Ein¬ »wendung gegen Ihre Wuͤnsche erblickten? — Ach um »jeden Thron stehen tausend nasse Augen, die von »verstuͤmmelten Menschen ohne Haͤnde hinaufgerich¬ »tet werden: droben sitzt das eiserne Schicksal in »Gestalt eines Fuͤrsten und streckt keine Hand aus » — warum soll kein weicher Mensch hinaufgehen »und dem Schicksal die starre Hand fuͤhren und mit »Einer unten tausend Augen trocknen?« — Horion »laͤchelte als wollt' er sagen: Juͤngling! »Aber nur um einige prozessualische Weitlaͤuftig¬ »keiten und Fristen bitt' ich Sie, damit ich Zeit »bekomme — stoischer und naͤrrischer zu werden. »Naͤrrischer mein' ich, vergnuͤgter. Ich moͤchte un¬ »ter den guten Leuten um uns und neben meinem »Flamin und jetzt im Fruͤhling des Kalenders und »in dem meiner Jahre und eh' das Lebensschif im »Alter einfriert, nur noch zwei Monate lachen und »zu Fuß gehen. Stoisch muß ich ohnehin werden. »Wahrhaftig wenn ich nicht Epiktets Volumen als »einen Schlangenstein an mich und meine Wunden »legte‚ damit der Stein den moralischen Gift her¬ »aussaugt‚ sondern wenn ich mit einer Brust voll » materia peccans aus dem Hause ginge: was wuͤrde »denn der Hof von mir denken? . . . Ach ich meine »es doch ernsthaft: der arme innere Mensch — von »dem Wechselfieber der Leidenschaften ausgetrocknet »— vom Herzklopfen der Freude ermattet — vom »Wundfieber der Leiden gluͤhend — braucht wie ein »andrer Kranker Einsamkeit und Stille und Ruhe‚ »damit er genese.« Wenn er das Wort Ruhe nannte‚ war sein Inneres bis zur Aufloͤsung be¬ wegt; so sehr hatten schon die Leidenschaften sein Blut umgewuͤhlt und sein Herz gebogen. Jetzt gingen beide in schweigender Einigkeit wie¬ der zu Eymann. »Ich habe eine Bitte fuͤr meinen »Flamin.« Welche, sagte der Lord. »Ich weiß sie »noch nicht‚ aber er schrieb mir‚ er werde sie mir »bald sagen.« — »Meine an ihn ist‚ sagte der Lord, daß er wenn er employirt werden will‚ mehr die Pandekten als die Taktik und statt des Rapiers die Feder liebe.« — Der Sohn wurde zu hoͤflich vom Vater behandelt als daß er zur Bitte um seine Geheimnisse — besonders um das‚ wo Jenners Sohn sey — den Muth besessen haͤtte. Ich be¬ handle den Leser eben so sein und ich hoffe‚ er hat eben so wenig den Muth: denn wenn sich jemand versteckt erklaͤrt, so ist nichts unhoͤflicher als eine neue — Frage. 3. Hundsposttag. Freuden-Saͤetag — Wartthurm — Herzens-Verbruͤderung. D er Lord war der weggenommene Damm, der bis¬ her vor der Fluth der Erzaͤhlungen, Fragen und Freu¬ den gestanden hatte. Die erste Untersuchung die das Pfarramt vernahm, war, obs noch der alte Bastian sey. — Und der wars mit Haut und Haar, sogar das eine Lockenhaar hatt' er noch wie sonst kuͤrzer als das andere. Wenn der Fleischerknecht heim¬ koͤmmt aus Ungarn, so wundert er sich, daß seine Sipschaft die alte ist — diese wundert sich, daß er es nicht mehr ist. Hier freute man sich uͤber die doppelte Unveraͤnderlichkeit. Auf jedem Gesicht lag der Heiligenschein der Freude, aber auf jedem mit andern Stralen. Die Entzuͤckung sieht auf einem sanften Gesicht, wie Viktors seinem, wie die Tugend aus. — Die alte Appel, die in ihrem Leben nichts durchblaͤttert hatte als den Psalter Davids und den Psalter im Ochsenmagen, legte vor den Kupferpfannen ihr Vergnuͤgen dadurch an den Tag, daß sie unge¬ mein zuschuͤrte. Die Stubenmenagerie von einem alten Mops und Kater, die einander nicht mehr haßten — wie sich im alten Menschen die gute und boͤse Seele aussoͤhnen — und die Volerie unter dem Ofen, die einen schwarzgebalzten Gimpel stark war, nahmen Antheil genug an der allgemeinen Unruhe und praͤ¬ sentirten sich und ließen gern — das thaͤte kein Am¬ bassadeur — das Recht der ersten Visite fahren. Agathe druͤckte ihre Freude blos mit ihren Lippen aus, indem sie damit schwieg und sie an ihres Bru¬ ders seine druͤckte. Am Hofkaplan will mans ruͤh¬ men, daß er den invaliden Mops, der an den Hin¬ terfuͤßen das Podagra und an den Vorderfuͤßen das Chiragra hatte, ruhig in seinem Wohn- und Schlaf¬ korb wieder unter den Ofen schob, die Saͤulenord¬ nung der Sessel ohne Keiffen herstellte und den klei¬ nen Bastian unter der freudigen Sprachenverwirrung wiegte, damit er sie nicht vermehrte, wenn er erwach¬ te. Aber im erhaben geschliffnen Herzen der Lands¬ maͤnnin, der Kaplaͤnin gingen die Freudenstralen der Familie in Einem Brennpunkt zusammen und ver¬ breiteten in ihrer ganzen Brust die Lebenswaͤrme der Liebe — Viktor laͤchelte sie so sehr in sein Gesicht hinein, daß sie sich mit nichts zu retten wuste als mit seiner kuͤnftigen Stube, die sie ihm zu oͤfnen und zu zeigen befahl. Agathe flog mit dem Schluͤs¬ sel Gelaͤute voran und dem Gaste zogen nicht mehr Leute hinterdrein als im Hause waren und wollten saͤmtlich sehen, was er dazu sagte. Er uͤbergab sich der ganzen freundschaftlichen Ma¬ nipulation, nicht mit der eiteln Superioritaͤt eines ausgebildeten Fremdlings, sondern mit einer ver¬ gnuͤgten, folgsamen fast kindlichen Verwirrung — er schor sich nichts darum, daß er wie ein Kind aus¬ sah, so sanft, so froh und so ohne Pretensionen. In solchen Stunden ists schwer, zu sitzen — oder eine Historie anzuhoͤren — oder eine zu erzaͤhlen. . . . . Jedes fing eine an; aber der Kaplan sprang dazwi¬ schen: »wir haben ganz andere Dinge zu sagen.« Aber es kamen keine ganz andere Dinge. — Jedes wollte den Fremdling unter vier Ohren genießen, aber die sechs restirenden Ohren waren nicht wegzu¬ bringen. — Meine Beschreibung seiner Verwirrung ist selber verwirrt; aber es geht mir allemal so: z. B. wenn ich Eiligkeit schildere: so thu' ichs unbe¬ wust selber mit der groͤsten. — Wars einem solchen Herzen wie seinem, das in den Federn der Liebe wiegend hing, noch noͤthig, daß es sah in jedem zersaͤgten Fensterstock, in jedem glatten Pflasterstein¬ chen, in jeder vom Regen gebohrten vertieften Ar¬ beit im Hausthuͤrstein seine Knabenjahre musivisch abgebildet, und daß er genoß in denselben Gegenstaͤn¬ den Alter und Neuheit? diese Knabenjahre, die ihm aus einem Schatten erschienen, wohnend auf St. Luͤ¬ nens Fluren, zwischen frohen Sonntagen in lauter Blumen und bei geliebten Gesichtern, diese Kna¬ benjahre hatten einen dunkeln Spiegel in Haͤnden, in dem die daͤmmernde Perspektive seiner Kinder¬ jahre zuruͤcklief — und in dieser magischen entfern¬ ten Nacht stand schimmernd Dahore , sein unver¬ geßlicher Lehrer in London, der ihn so geliebt, so geschont, so veredelt hatte. »Ach, dacht' er, du unbe¬ »lohntes, fuͤr die Erde zu warmes Herz, wo schlaͤgst »du jetzt, warum kann ich nicht meine Seufzer mit »deinen vereinigen, und zu dir sagen: Lehrer, Ge¬ »liebter, o der Mensch sieht es oft spaͤt ein, wie »sehr er geliebt wurde, wie vergeßlich und undank¬ »bar er war und wie groß das verkannte Herz.« . . Was seine stille Freude am meisten ernaͤhrte, war der Gedanke, daß er sie verdiene durch seinen kind¬ lichen Gehorsam gegen seinen Vater und durch sei¬ nen Entschluß zu kuͤnftigen Herkules-Arbeiten am Hofe — denn ihm fiel in jede große Freude der Skrupel wie ein bitterer Magentropfen hinein, ob er sie verdiene; ein Skrupel, der regierenden Haͤu¬ sern, Woiwoden, Patriarchen und Hochmeistern in der Kindheit geschickt benommen wird. Der bessere Mensch findet die Freude erst nach einer guten That am suͤßesten, das Osterfest nach einer Passionswoche. Die Leserinnen werden jetzt hoͤren wollen, was auf Mittag gekocht war; aber die Dokumente die¬ ses Posttags, die mir halb auf der Achse halb zu Wasser einlaufen, besagen, erstlich daß niemand Ap¬ petit hatte — die Freude nimmt ihn mehr als der Gram — ausgenommen die drei Regimenter, die wie Veteranen, in den Feind einhieben, naͤmlich in den Tafel-Abhub; zweitens daß das Diner noch magerer war als der Gast selber. Man will aber saͤmtliche Lesegesellschaften hiemit auf das unbeweg¬ liche Fest des 4ten Maies invitiren, wo erst Viktors Ankunft und seines Pathgens Kirchgang anstaͤndig gefeiert wird. Die Pfarrerin zog den umzingelten Geliebten Nachmittags aus dem musikalischen Zirkel so vieler Toͤne und kaperte ihn ihrem Manne, dessen Direktri¬ ce und Lady Maire sie war, vor den Augen weg und fuͤhrte ihn in sein Zimmer, um da vor ihm al¬ lein sich zu betruͤben, sich zu erfreuen und sich aus¬ zureden wie eine Mutter: lang eingeschlossene Seuf¬ zer und veraltete Thraͤnen drangen jetzt aus dem geoͤfneten Mutterherzen in das fremde weiche uͤber, das ja der beste Freund ihres Sohnes war. Sie klagte bei ihm uͤber Flamins Aufbrausen, das Vik¬ tor sonst immer gestillet; »uͤber seine Liebe zum Sol¬ »datenwesen, da er doch ein Gelehrter sey« — und endlich uͤber seine Gesellschaft. »Er treibe sich »naͤmlich mit einem Hofjunker Matthieu — Sohn »des Ministers von Schleunes — herum, einem »wuͤsten, uͤberall beliebten, uͤberall verschlimmerten, »pfiffigen, kuͤhnen, spoͤttischen Menschen, der, wenn »es sein Dienst erlaube, entweder druͤben bei den »kammerherrlichen oder hier bei ihrem Sohne liege; »der Himmel wisse uͤberhaupt, was er im Schilde fuͤhre »bei seinen Visiten in einem buͤrgerlichen Hause.« Sie freuete sich, daß Viktor seinen alten Freund von den Fangeisen und Fangzaͤhnen dieses Libertins weg¬ fuͤhren wuͤrde. Viktor druͤckte ihr geruͤhrt die Hand und sagte: »ich moͤchte sein Herz kaum mit dem »besten Bundsgenossen theilen — nicht einmal ver¬ »lieben duͤrft' er sich, wenns auf mich ankaͤme — »bloß mich und eine Person muͤst' er lieben, die »ihn gar nicht richtig schildert . . . Sie ꝛc. Er setzte noch viel Mistrauen in die Projektion von den Sonnenflecken Matthieus, weil die Weiber selten ex¬ zentrische Menschen fassen und weil zwar Maͤdgen oft wilde Maͤnner lieben, aber die (durch die Ehe aufgeklaͤrten) Frauen allemal sanfte. Er brachte das Herz verehelichter Weiber leicht¬ lich in sein Zuggarn durch eine gewisse wohlwollende Galanterie gegen sie, die ein Deutscher nur fuͤr le¬ dige aufhebt. Alte Damen und alte Tabackspfeifen aber bekleben leicht an maͤnnlichen Lippen. Die juͤngern Tauben lockte er durch sein komisches Salz an sich wie man Turteltauben durch physi¬ sches faͤngt: ein Bonmot ist ihnen ein dictum pro. bans , bans , ein Pasquino ein magister sententiarum und die kritische skandaloͤse Chronik ist ihnen Kants Kri¬ tik der reinen Vernunft die verbesserte Auflage. Abends als das Waldwasser des ersten Jubels verlaufen war, waren endlich drei gescheute Worte moͤglich; auch keifte der Pfarrer jetzt weniger: denn die Freude hatte ihn Vormittags bissig ge¬ macht. Der Zorn und Koͤrper werden mit einander gestaͤrkt, daher durch die Freude — daher hat man im Januar und Februar, wo die Hunde die laͤngere Wuth bekommen, die kurze des Zorns — daher brummen Rekonvaleszenten staͤrker um sich, so wie Leute unter starken Geistes-Anspannungen, z. B. Hundspostschreiber — daher ist man in den Ermat¬ tungen nach Migraine oder nach dem Rausche sanf¬ ter als ein Lamm. Gegen Abend trug sich schon etwas von Bedeu¬ tung zu. Appollonia fegte ihre Blutsverwandschaft und ihren Gast mit Kehrwischen noch fruͤher hinaus als Spinnen und Staub — Es sollte am 4ten Mai die heutige Ankunft des jetzigen Exulanten recht an¬ staͤndig gefeiert werden. — Ueber der Pfarrwiese stand (man setzte nur uͤber den Bach) ein Huͤgel und darauf ein alter Wartthurm, in dem nichts war als eine Holztreppe, wie oben darauf nichts als ein bretterner Deckel statt des italienischen Dachs; bei¬ des hatte der Kammerherr machen lassen, damit die Hesperus. I . Th. E Leute — (er nicht: denn die Gefuͤhllosigkeit der Magnaten arbeitet fuͤr das Gefuͤhl der Minoriten) — sich droben ein wenig umschauen koͤnnten. Man sah da die Saͤulenordnung des Schoͤpfers, die Schweizerberge stehen und den Rhein mit seinen Schiffen ziehen. Am Thurm waren zwei von der Natur ablaktirte und in einander gewundne Linden¬ baͤume hinaufgestiegen, um oben mit ihrem Gestraͤu¬ che, das man zu einer gruͤnen Nische ausgehoͤlet und mit einer Grasbank unterbauet hatte, zuweilen einen geruͤhrten Insulaner zu faͤcheln. Das liebende Per¬ sonale erstieg die Zinne und brachte in der laͤndli¬ chen Brust eine Ruhe mit, die darin uͤber das ganze Herz mit dem Himmel auseinander wallete, der diese Guten mit seinen verhuͤllten Sonnen umzog. Noch eine Wolke gluͤhte sich ab, aber sie zerstoß ehe sie ausbrannte. Jetzt konnten die Supplementbaͤnde der allge¬ meinen Welthistorie von — St. Luͤne bequem nach¬ geliefert werden. Eymann konnte seine Foliobaͤnde gravaminum uͤber die Konsistorialraͤthe und Ratten einreichen. Auf einmal wurde unten Agathe wie ihre H. Namensblase angerufen vom Blasbalgtreter loci , der Dorfs-Lehnlakei uud Pfarrkutscher war. Wenn einige Autores sagen, der Kutscher war blind und der Gaul taub: so kehren sie die Sache gerade um. Der Kerl war taub. Er hatte in seinem mou¬ choir de Venus — das Schnupftuch ist beim Poͤ¬ bel die Brieftasche und das Couvert, weil ihm ein Brief so wichtig und selten ist wie einem Rezensen¬ ten ein guter — heute eine Briefschaft an Agathen ausgekundschaftet und ausgewickelt, die er gestern mit Viktors seiner haͤtte abgeben sollen. Aber Kut¬ scher halten den Herrn nur fuͤr die Nebensonne und Nebenpartie des Pferds und die Frau gar nur fuͤr ein parasitisches Gewaͤchs des Stalls; daher bedeu¬ tet »Gleich!« bei ihnen ein oder ein Paar Tage, und »Morgen Vormittags« bedeutet auf dem Re¬ genspurger Ansagzettel des Votierstofs ein oder ein Paar Jahre. — Agathe eilte lieber hinunter; hielt den Brief gegen die lichtere Abendgegend und dechif¬ rirte etwas, was sie mit funkelnden Augen in Ga¬ lop die Treppe hinauftrug, »Sie koͤmmt Morgen!« rief sie auf Flamin zu: denn sie schien in jedem ih¬ rer Freunde beinahe nur den Gesellschafter und den Freund ihrer andern Freunde zu lieben. Klotilde , (Le Bauts Tochter von der ersten Frau, der Niece des Lords) ging naͤmlich aus dem Fraͤulenstift in Maienthal , wo sie erzogen worden, zum Vater zuruͤck. »Nehmen Sie sich in Acht, sagte die Kaplaͤnin, »sie ist sehr schoͤn.« — »Dann, sagt' er, geh' ich »vielmehr darauf aus, mich nicht in Acht zu neh¬ »men.« — »Ueberhaupt, (fuhr sie fort,) sammelt sich E 2 »jetzt alles Schoͤne um Sie (er wollte sie hier durch ei¬ »nen schmeichelnden Blick verwirren und abstrafen, aber »vergeblich) — die italienische Prinzessin kommt zu »Johanni auch, und diese soll so reizend seyn als «wenn sie gar keine Prinzessin waͤre, sondern nur »eine Italienerin.« Eine gewisse Ironie uͤber ihr eignes Geschlecht war der einzige Fehler der Kaplaͤ¬ nin, fuͤr die es wie fuͤr mehrere Muͤtter beinahe keine Stiefsoͤhne und beinahe nichts als Stieftoͤchter gab. Er replizirte, er hoffe, daß noch wenige Prin¬ zessinnen, selbst in Amerika, kopulirt worden, in die er sich nicht vollstaͤndig verschossen haͤtte — und das blos aus Mitleid mit so einem armen zarten Thiergen oder Wappenthiere, das unter die Siegel¬ presse und dann auf die Vertraͤge gedruckt werde, welche die einzigen Kinder dieser Ehen waͤren — »die jungen Landesmuͤtter stehen warlich wie Bie¬ »nenmuͤtter in ihrem Drathkarzer feil und passen »ab, in welchen Korb sie der Landes- oder Bienen¬ »vater noch heuer verhandle.« Eine Frau kanns von einem Mann, den sie hoch¬ achtet, gar nicht begreifen, daß er sich verliebt, wenns nicht in sie ist, und sie kanns kaum erwarten, bis sie seine Inamorata zu Gesichte bekoͤmmt — eben so er¬ picht ist sie auf dieses Mannes Manier in seiner Liebe, ob sie naͤmlich aus der niederlaͤndischen , oder franzoͤsischen oder italinischen Schule her fey. Die Kaplaͤnin fragte ihren vertraulichen Gast auch daruͤber. »Mein Harem, fieng er an, langt »von dieser Warte bis zum Kap und um die ganze »Erdkugel herum — Salomo ist nur ein gelber »Strohwitwer gegen mich — ich habe sogar feine »Weiber darin und von der Eva an mit ihrem So¬ »doms Borsdorfer Apfel bis zur neuesten Eva mit »einem Reichsapfel und bis zur Marquise mit einem »bloßen Fruchtstuͤck sind sie alle in meiner Haft »und Brust.« Eine Frau entschuldigt die Achtung fuͤr ihr Geschlecht damit, daß sie mit drin ist: die Weiber selber haben nicht einmal einen Begrif von den Eigenheiten ihres Geschlechts. »Was sagt »aber die Favoritsultanin dazu? fragte die Großin¬ quisitorin. » Die ?« — stockt' er weniger verlegen als in die Fuͤlle aufbluͤhender Traͤume versunken. »Freilich » die — (fuhr er fort:) ich setze inzwischen meinen »Kopf zum Pfande, jeder Juͤngling hat zwei Perio¬ »den oder nur Minuten. In der ersten setzt er sel¬ »ber seinen Kopf zum Pfande, er wolle lieber sein »Herz in seinem Thorax oder Oberleib verschim¬ »meln lassen und seinen poples oder die Kniekehle »erlahmen, als daß er beide fuͤr eine andre Frau »bewegte als fuͤr die allerbeste, fuͤr einen wahren »Engel, fuͤr eine ausgemachte Quinterne — er »dringt durchaus auf den hoͤchsten Gewinnst aus dem »Ehelotto, in der ersten Periode naͤmlich — denn »die zweite koͤmmt auch und hinterbringt ihm nur »so viel, die weibliche Quinterne wuͤrde natuͤrlich »eine maͤnnliche fodern und falls er die waͤre.« . . »Ein dummer Auszug, eine Ambe bin ich, sag' »ich und lasse die Periode gar nicht ausreden; aber »ich werde doch fortpassen auf die Quinterne .. »Was kaͤme dabei heraus, daß man ein Mensch waͤ¬ »re, wenn man kein Narr waͤre — zoͤg' ich nun die »gedachte Quinterne, welches ich nun wohl ohne »uͤbermaͤssige Hofnung voraussetzen darf, so wuͤrd' »ich nicht gleichguͤltig dabei seyn, sondern seelig — »O du lieber Himmel! stehendes Fußes muͤßt' ich »frisirt und silhouettirt werden — ich machte Verse »und Pas und beide mit ihren herkoͤmmlichen pedi ¬ » bus — ich buͤckte mich oͤfter als ein andaͤchtiger »Moͤnch, um Verbeugungen und (wo abzugrasen »waͤre) um Bouquets zu machen — Leib, Seele und »Geist setzte ich an mir aus so vielen Fingerspitzen »und Fuͤhlfaͤden zusammen, daß ich es schon spuͤrte »(die Quinterne spuͤrte es gar noch eher) wenn un¬ »sre zwei Schatten zusammenstießen — ein schmales »betastetes Endgen Band waͤre eine gute Ableitungs¬ » kette des elektrischen Aethers, der in Blitzen aus »mir schoͤsse, da sie negativ geladen waͤre und ich »positiv — vollends gar ihr Haar beruͤhren, das »koͤnnte keine geringere Entzuͤndung geben, als wenn »eine Welt in das aufgebundne eines Bartkometen »geriethe. . . . »Und doch was ist denn das alles, wenn ich »Verstand habe und bedenke, was sie verdient, diese »Gute, diese Treue, diese Unverdiente — Was waͤ¬ »ren nicht vollends dumme Verse, Seufzer, Schuhe »(die Stiefel thaͤt' ich weg,) ein oder ein Paar »druͤckende Haͤnde, ein aufopferndes Herz fuͤr ein »kleines Gratial und don gratuit , wenn damit ein »Geschoͤpf abgefunden werden sollte, das wie ich im¬ »mer mehr sehe vom schoͤnsten Engel, der den Men¬ »schen durch das Leben fuͤhrt, alles besitzt, etwa die »Unsichtbarkeit ausgenommen — das alle Tugenden »hat und alle in Schoͤnheiten verkleidet — das »schimmert und erquickt wie dieser Fruͤhlingsabend »und doch wie er, seine Blumen und Sterne ver¬ »birgt, ausgenommen den der Liebe — in dessen all¬ »maͤchtige und doch leise Harmonika des Herzens ich »so gern hoͤren, in dessen Augen ich so außerordent¬ »lich gern die Tropfen der weichern Seele und den »Blick der hoͤhern sehen moͤchte, neben dem ich so »gern stehen bleiben moͤchte unter der ganzen fliehen¬ »den opera buffa und seria des Lebens, so gern »sag' ich, damit der arme Sebastian doch, wenn »am heiligen Abend des Lebens sein Schatten im¬ »mer laͤnger wuͤrde und die Gegend um ihn selber »zu einem weiten Schatten zerfloͤße, und er auch, »damit ich doch beide Schattenhaͤnde — (die eine »hielt gerade Flamin) beschauen und ausrufen koͤnn¬ »te: — — (stockend) »Der alte Balgtreter koͤmmt auch mit was in »einer!« Da er weder seine Ruͤhrung mehr hinter Scherz, noch die Merkmale derselben in seinen Augen hinter einige tief haͤngende Lindenblaͤtter verdecken konnte: so wars in der Seekunde, wo seine Stimme unter ihr erliegen wollte, ein rechtes Gluͤck, daß er uͤber »die Warte hinausschauete und den Kutscher wieder heranschreiten sah. Dieser rief unten: »von Seeba¬ »ßen haͤtt' ers gekriegt, aber den Augenblick erst.« Agathe lief leidenschaftlich hinab und unten, nach Lesung eines Blaͤtgen, uͤber die — Wiesen hinuͤber. Der Balgtreter stieg, gleich einem Barometer vor dauerhaftem Wetter, langsam hinauf und brachte sich und den zuruͤckgelangten Zettel, trotz alles obern Winkens, mit seinen Hebelsarmen keine Minute fruͤ¬ her auf den Thurm. Im Zettel stand mit Klotil¬ dens Hand: komm' in deine Laube, Geliebte!« Alle Augen liefen jetzt der Laͤuferin nach und flatterten mit ihr durch das Helldunkel des Abends in den Pfarrgarten, um dessen Laube man doch nie¬ mand sah. Kaum hatte Agathe die Oefnung der letztern ins Auge bekommen, als ihr Eilen Fliegen wurde — und als sie beinahe an ihr war, flog eine weiße Gestalt mit ausgebreiteten Armen heraus und in ihre hinein, aber die Laube verhuͤllte das Ende der Umarmung und lange standen alle wartende Au¬ gen vergeblich auf der Klause der Liebe. Die Kaplaͤnin, die sonst allen Maͤdgen nur Stan¬ deserniedrigungen, nicht Standeserhoͤhungen gewaͤhr¬ te, ertheilte jetzt Klotilden alle sieben Weihen und lobte sie so sehr — vielleicht auch da sie eine Lands¬ maͤnnin von ihr, muͤtterlicher Seite war, — daß Viktor die Lobrednerin und die Gelobte haͤtte zu¬ gleich umarmen moͤgen. — Der Kaplan, der in den Sphaͤrengesang der Nacht immer mehr mit dem Schnarrwerk seines Hustens einfiel, machte sich mit dieser enthusiastischen Freundin Sebastians fort und ließ die zwei Freunde noch da. Flamin hatte diesen ganzen Tag eine schweigende ruͤhrende Sanftmuth gezeigt, die selten in sein Inne¬ res kam und die zu sagen schien: ich habe etwas auf dem Herzen. Als die Warte oͤder war: so ver¬ heimlichte Viktor, der jetzt von liebenden Traͤumen voll und weich geworden, seine in Thraͤnen stehende Augen nicht mehr, er schlug sie frei auf vor dem aͤl¬ testen Liebling seiner Tage und zeigte ihm jenes ofne Auge, welches sagt: blicke immer durch bis zum Herzen hinunter, es ist nichts darin als lauter Lie¬ be. . . . Stumm gingen die Wirbel der Liebe um beide und zogen sie naͤher — sie oͤfneten die Arme fuͤr einander und sanken ohne Laut zusammen und zwischen den verbruͤderten Seelen lagen bloß zwei sterbende Koͤrper — hoch vom Strome der Liebe und Wonne uͤberdeckt, druͤcken sich auf eine Minute die trunknen Augen zu; und als sie wieder aufgingen, stand die Nacht erhaben mit ihren in ewige Tiefen versunknen Sonnen vor ihnen, die Milchstraße ging als der Ring der Ewigkeit um die Unermeßlichkeit, die scharfe Sichel des Erdenmonds ruͤckte schneidend in die kurzen Tage und Freuden der Menschen. — Aber in dem was unter den Sonnen stand, was der Ring umzog, was die Sichel angrif, war etwas hoͤher, fester und heller als diese — es war die unvergaͤngliche Freundschaft in den vergaͤnglichen Huͤllen. Flamin, anstatt durch diesen erschoͤpfenden Aus¬ druck unsrer sprachlosen Liebe befriedigt zu seyn, wurde jetzt ein bebendes fliegendes Feuer: »Viktor! »in dieser Nacht gieb mir deine Freundschaft auf »ewig und schwoͤre mir, daß du mich nie in meiner »Liebe zu dir stoͤren willst!« — O du Guter! ich hab' dir ja laͤngst mein Herz gegeben, aber ich will heute wieder schwoͤren. — »Und schwoͤre mir, daß »du mich niemals in Ungluͤck und Verzweiflung stuͤr¬ »zen willst'« — Flamin! das thut mir zu weh. — »O ich fleh dich an, schwoͤre es und hebe deine »Hand auf und versprich mir, daß wenn du mich »doch hineingestuͤrzt, daß du mich doch nicht verlaͤs¬ »sest und nicht hassest. ... (Viktor preste ihn kon¬ »vulstvisch an sich) Sondern wir gehen hieher‚ wenn »wir uns nicht mehr aussoͤhnen koͤnnen — o es thut »mir auch wehe‚ Viktor! — hieher und umfassen »uns und stuͤrzen uns hinab und sterben« — Ja! sagte Viktor erschoͤpft leise; o Gott! ist denn etwas vorgegangen? »Ich will dir alles sagen: nun le¬ »ben und sterben wir mit einander« — O Flamin! ich liebe dich heute unaussprechlich! — Nun lass' ich dich in mein ganzes Herz sehen, Viktor, und of¬ fenbare dir alles. « — — Aber eh' ers konnte, must' er vorher sich durch Verstummen ermannen und sie schwiegen lange, in den innern und den aͤußern Himmel vertieft. Endlich konnt' er anfangen und ihm erzaͤhlen, daß jene Klotilde, uͤber die er heute gescherzt, sich mit unausloͤschlicher Schrift in sein Inneres geschrie¬ ben — daß er sie weder vergessen noch bekommen koͤnne — daß er mit ihr zwar kein Wort uͤber seine Liebe nach ihrem eignen Verbote sprechen duͤrfe, als bis ihr Bruder wieder da und dabei sey, daß sie aber, nach ihrem Betragen und nach Matthieus Versicherungen vielleicht einige fuͤr ihn habe — daß ihr Stand die ewige Scheidemauer zwischen beiden bleibe, so lang er den juristischen Weg anstatt des militairischen zu seinem Steigen ginge — und daß er auf dem letztern, wenn der Lord ihm seine Hand dazu biete, schneller zu Klotilden auf aͤhnliche Stufen kommen wuͤrde — und daß die Bitte, von der er in seinen Briefen an Viktor ge¬ sprochen, eben die sey, alles dem Lord wieder zu er¬ zaͤhlen und seinen Beistand zu begehren. — Im Grunde konnte nur sein wilder Arm den Degen bes¬ ser als die Gerechtigkeitswage halten. Eine fuͤrch¬ terliche Anlage zur Eifersucht, die schon von kuͤnsti¬ gen Moͤglichkeiten Zuckungen bekoͤmmt, war die Hauptursache. Viktor freuete sich, daß er seinen Gefuͤhlen die beste Sprache geben konnte, naͤmlich Handlung, und sagte ihm alles mit Entzuͤcken uͤber sein Zutrauen und uͤber das Aussenbleiben befuͤrchte¬ ter Neuigkeiten zu. — So gingen sie, von neuem an einander befestigt, zur Ruhe, und das Zwillingsge¬ stirn — dieser fortbrennende verschlungne Name der Freundschaft — schimmerte in Westen sympathetisch aus der irdischen Ewigkeit heruͤber und das Herz des Loͤwen war zu seiner Rechten angezuͤndet. . . Auf diese Erde sind Menschen gelegt und an den Fußboden befestigt, die sich nie aufrichten zum Anblick einer Freundschaft, welche um zwei Seelen nicht erdigte, metallene und schmutzige Bande legt, sondern die geistigen, die selber diese Welt mit einer andern und den Menschen mit Gott verweben. Sol¬ che zum Schmutz Erniedrigte sind es, die gleich den Reisenden, den Tempel, der um die Alpenspitze haͤngt, von unten fuͤr schwebend und bodenlos ansehen, weil sie nicht in der Hoͤhe auf dem großen Raume des Tempels selber stehen, weil sie nicht wissen, daß wir in der Freundschaft etwas Hoͤheres als unser Ich, das nicht die Quelle und der Gegenstand der Liebe zugleich seyn kann, achten und lieben, etwas Hoͤheres, naͤmlich die Verkoͤrperung und den Wieder¬ schein der Tugend, die wir an uns nur billigen , aber an andern erst lieben . Ach koͤnnen denn hoͤhere Wesen die Schwaͤchen von Schatten-Gruppen strenge berechnen, die einan¬ der festzuhalten suchen, von Nordwinden aus einan¬ der gedraͤngt — die von einander die edle unsichtbare Gestalt an sich druͤcken wollen, woruͤber dick und plump die Erdenlarve haͤngt — und die einander in Graͤber nachfallen, worein die Beweinten ihre Wei¬ nenden ziehen? 4. Hundsposttag . Schattenriß-Schneider — Klotildens historische Figur — einige Hofleute und ein erhabner Mensch. — E igentlich wollte Klotilde — erfuhr Sebastian am Morgen — bis Johannis im Stifte bleiben: aber da ihre beste Freundin Giulia voraus fortgegangen war, nicht zu den Eltern, sondern unter die Erde, so mußte sie das verwundete Auge durch eine schnel¬ lere Abreise wegziehen von dem Grabeshuͤgel, der wie ein Ruin, uͤber dem verlornen Herzen ruhte. Nie wurde eine große Schoͤnheit von einer klei¬ nen unbefangner gelobt als von Agathen Klotilde. Sonst schaͤtzen Maͤdgen an Maͤdgen nur das Herz; die zerstiebenden Reize eines fremden Gesichts haben so wenig Werth in ihren Augen, daß sie ihrer kaum erwaͤhnen moͤgen. Juͤnglingen wirft man richtig vor, daß sie gern schoͤne Juͤnglinge zu ihren Freunden auslesen; bei Maͤdgen hingegen wollen ihre Lobred¬ ner viel daraus machen, daß sie die weibliche Schoͤn¬ heit als einen zu lockern und niedrigen Moͤrtel und Leim der Freundschaft gaͤnzlich verschmaͤhen und daß daher einer schoͤnen Frau das Herz der allerhaͤslich¬ sten theurer sey als das Gesicht der Schoͤnsten auf den fuͤnf Erdguͤrteln und Erdscherpen. Agathe war anders: sie lief schon am Morgen ins Schloß, um die Freundin anzukleiden. Meinen Viktor stachen zwanzig Spornraͤder, um ihr zu folgen — die Kleiderordnung — die Ver¬ wandschaft — die Begierde, die jeder Mensch hat, die Huldin und Infantin seines Freundes zu sehen — die Begierde, die nicht jeder hat aber er, jemand zum erstenmale (lieber als zum achtenmale) zu sprechen — am meisten der gestrige Abend. Flamins Feuer hatte Viktors Brust gestern ganz voll Zunder ge¬ brannt, durch den lauter Funken liefen — er haͤtt' ihm alles gleichguͤltig vorstellen sollen, weil der Kampf gegen die Liebe sich vom Kampfe fuͤr sie in nichts unterscheidet als in der Rangordnung. Aber der Leser glaube ja nicht, jetzt werde (wie in einem entmanten und entmannenden Roman) in der Biographie der Teufel losgehen und der Held ins Schloß marschiren und da vor Klotilden hinfallen und flehen: »sey die Heldin« und sich mit ihr her¬ umzanken aus Liebe und mit dem vorigen Pasto Fido aus Haß, und werde wirklich nichts anders machen als den aͤsthetischen egoistischen sentimentalischen — Schuft. Wenn ich letzteres wuͤnschte, so koͤnnt' ich mich nur damit entschuldigen, daß ich dann etwan zu einigen biographischen Mordthaten und Duellen kaͤ¬ me; ich hoffe aber, ich werde schon Nachtheil der Moral und ehrlich es zu einem und dem andern Mord- und Todschlag in diesen Blaͤttern bringen — wenigstens hintenaus, wo jeder aͤsthetischer Schnitter seine Leute ausholzet und jeden in die Oubliette des Dintenfasses wirft. Viktor hatte zu viel Jahre und Bekanntschaften, um so ohne Respekt Tage und Doppel Uso — auf dem Platze — noch vor dem Abendessen — cito ci¬ tissime — was hast du was kannst du — verliebt zu werden. Sein Sehnerve zerfaserte sich taͤglich in feinere zaͤrtere Spitzen und beruͤhrte alle Punkte einer neuen Gestalt, aber die wunden Fuͤhlfaͤden kruͤmmten sich leichter zuruͤck: in jedem Monat machte ein ungesehenes Gesicht, wie neue Musik ei¬ nen staͤrkern und kuͤrzern Eindruck. Er konnte sich nur in die Liebe hinein — reden, nicht hinein¬ schauen; blos Worte, von Tugend und Empfindung befluͤgelt, sind die Bienen, die den Samenstaub der Liebe in solchen Faͤllen von einer Seele in die andre tragen. Eine solche bessere Liebe aber wird vom kleinsten unmoralischen Zusatz vernichtet; wie koͤnnte sie sich zusammensetzen und laͤutern in einem besudel¬ ten Herzen, das der Hochverrath gegen einen Freund erfuͤllte? Viktor wollte schon um halb zehn Uhr ins Schloß, aber die Kammerherrin hatte die Augenbraunen und den den Seidenpudel noch nicht ausgekaͤmmt. — Seebaß brachte ein Billet an Flamin: »Ich sehe Sie, mein Theuerster, heute nicht. »Mich binden drei Grazien an; und die dritte ha¬ »ben Sie selber geschickt. Sagen Sie Ihrem brit¬ »tischen Freunde, er soll mich lieben, da ich Sie »liebe. Ohne Sympathie kann wohl die Chirurgie »bestehen, aber nicht die Freundschaft. Ihr Matthieu. Ein naͤrrisches Billet! Als Viktor hoͤrte, daß Agathe die dritte Grazie sey: so war ihm ein gro¬ ßes Loch in den Vorhang des Theaters geschnitten, auf dem Matthieu Flamins Freund und Agathens — ersten Liebhaber machte. Nichts ist fataler als ein Nest worin lauter Bruͤder oder lauter Schwestern sitzen: gemischt zu einer bunten Reihe muß das Nest seyn, Bruͤder und Schwestern naͤmlich schichtweise gepackt, so daß ein ehrlicher pastor fido kommen und nach dem Bruder fragen kann, wenn er blos nach der Schwester aus ist; und so muß auch die Liebha¬ berin eines Bruders durchaus und noch noͤthiger eine Schwester haben, deren Freundin sie ist und die der Henkel und Praͤsentierteller am Bruder wird. Unsre tuͤrkische Dezenz verlangte also, daß Matthieu mit seinem Operngucker nach Flamin zielte, um Agathen zu sehen; und daß Klotilde diese besuchte, da Fla¬ Hesperus. I . Th. F min als Roturier und als Mann von Ehre durchaus seine buͤrgerlichen Visiten dem kammerherrlichen Hause nicht aufdrang. Klotilde kam oft; und war dadurch in einem mir bis jetzt unaufgeloͤseten Widerspruch mit ihrem weiblich erhabnen Karakter. Flamin tauchte Matthieu's Bild in einen ganz andern Faͤrbekessel als der Mutter ihren: ein luͤder¬ liches Genie war er und nichts schlimmers. Er machte alles in der Welt nach und ihn konnte man nicht nachmachen — er konnte alle Akteurs der Flachsenfinger Truppe nachagiren und travestiren, und die Logen auch — er verstand alle Wissenschaften und parlirte alle Sprachen der Europaͤer, ja sogar der Nachtigal und des Hahns, so taͤuschend, daß Pe¬ trarka Petrarka mied (wie deutsche Rezensenten) die Nachtigallen und suchte die Froͤsche. und Petrus davon gelaufen waͤren — er konnte uͤberall thun was er wollte und jede Hofda¬ me entschuldigte sich mit der andern — denn es ge¬ hoͤrte einmal zum Ton in Flachsenfingen, seine Treue einmal auf die Probe gesetzt zu haben. — Man sagt, die Liebe gegen ihn wurde wie ein Strumpf , bei der Wade zu stricken angefangen, es ist aber grundfalsch — es ist daher bei so einer ununterbro¬ chenen Maͤßigkeit in Hoflustbarkeiten kein Wunder, daß er staͤrker und gesuͤnder war als der ganze ausgebrannte abgedampfte Hof — nur kaustisch war er zu sehr und zu philosophisch und fast zu schel¬ misch. Ich, Viktor und der Leser haben noch immer nur eine unbestimmte verwischte Kreidenzeichnung von Matthieu im Kopf. Meinem Helden gefiel er ein wenig, wie jeder exzentrische Mensch einem excen¬ trischen: es war sein Fehler, daß er den Genies zu leicht die ihrigen, sogar moralische verzieh. — Mit verdoppelter Neugierde trat er seinen Weg ins Schloß oder vielmehr in dessen großen Garten an, der die Facade als Bogensehne in seinen Halbzirkel von gruͤnen Schoͤnheiten hineinnimmt. Er lief im Hafen eines Laubenganges ein und freuete sich, wie der poroͤse Schatten der Lauben, um deren Eisen- Gerippe sich weiche Zweige wie sanftes Haar um Haarnadeln wickelten, blendend uͤber seinen Koͤrper glitt. Mit seiner Laube strich eine andre parallel. Er ging versaͤeten schwarzen Papierschnitzeln als Weg¬ weisern nach. Das Gefluͤster des Morgenwindes warf von einem Zweige ein Blaͤtgen feines Papier herab, das er nahm, um es zu lesen. Er war noch uͤber der ersten Zeile: »der Mensch hat dritthalbe Minu¬ ten, eine um einmal zu laͤcheln . . .« als er an ei¬ nen wagrechten Zopf anstieß, der eine schwarze Her¬ kules-Keule war, verglichen mit meiner oder des Le¬ sers geflochtener Haar-Badine. Den Zopf stuͤlpte ein niedergekrempter Kopf empor, der in einem hor¬ chenden Visiren aus einer Lauben Nische eine weibli¬ che Silhouette ausschnitt, deren Original im Ne¬ benlaubengang mit Agathen sprach. Auf Viktors Geraͤusche kehrte die Person, der man das Profil durch die Nische entwendete, sich verwundert herum und erblickte den Inhaber des Zyklopen-Zopfes mit der Silhouettenscheere und den Helden der Hundsposttage. Der Inhaber druͤckte ohne weiter ein Wort zu sagen seine artistische Hand durch das Gestraͤuch und langte ihr ihren Schattenriß oder Schattenschnitt hinaus. Agathe nahm ihn laͤchelnd; aber die Unge¬ nannte schien einen Ernst, der sich auf weiblichen Gesichtern in nichts von der Verachtung unterschei¬ det als in der Zweideutigkeit, gegen den Form und Gesichterschneider anzunehmen, weil er den Verdacht des Horchens durch seine Scheere zu sehr erweckte. Viktor konnte von der Ungenannten noch nichts als die Laͤnge wahrnehmen, die obgleich ein wenig vor¬ gebogen gehalten doch uͤber das Gewoͤhnliche ging. Der Gesichterschneider drehte sich mit zwei blinzen¬ den schwarzen Augen gegen Viktor herum, empfing ihn recht artig, wuste dessen Namen, sagte seinen eignen — — Matthieu — und hatte beim achten Schritt schon vier gute Einfaͤlle gehabt. Der fuͤnfte war, daß er meinen Helden ungebeten dem Paar in der Kollaterallaube vorstellte. Das Laubsprachgitter hoͤrte auf: eine weibliche Gestalt trat hervor, und Viktor war daruͤber so be¬ troffen , daß er, der wenig von Verlegenheiten wuste oder durch sie nur geistreicher wurde, seine Anzugspredigt ohne das Exordium anfing. Und das war — Klotilde. Als sie drei Worte sagte: hoͤrte er so sehr auf die Melodie, nicht auf den Text, daß er nichts da¬ von verstand. . . — Hier liegt auf dem schneeweißen Grund von Schweizerpapier eben ihre Silhouette, die Matthieu damals geschnitten, neben mir und ich sehe sie an, um mich zu begeistern, erstlich weil die Silhouette die groͤste Aehnlichkeit mit dem schoͤnsten andern weiblichen Engel hat, der noch aus einem unbekannten Him¬ mel in diese Erde hereingeflogen, ich meine mit dem Fraͤulein von * * *, jetziger Hofdame in Scheerau; zweitens weil mein Korrespondent verlangt, ich sollte Klotilden recht schoͤn schildern, weil man sonst eine Menge Dinge in dieser Historie nicht begriffe. Er traut aber meiner Phantasie nicht, weil ich sie noch nicht gesehen; und schickt mir die folgende Feder¬ zeichnung eines jungen Mahlers, die wenigstens nicht — kalt ist: denn Mahler schreiben im aͤsthetischen und im kallygraphischen Sinn selten gut. Blos um Klotilden zu sehen und zu zeichnen, lag der Mahler fast alle Morgen aus einem Berge von Maienthal, wo er die herrliche Landschaft um das Stift auf seine Blaͤtter trug und den Kopf, der aus dem achten Fenster heraussah, in sein Herz. Der Mahler schreibt oder vielmehr kolorirt so. »Wenn mein Ich ein einziger Gedanke ist und brennt und wenn ich, von Flammen umweht, die »Hand in Farben tauche, um mich darin abzukuͤhlen »— wenn dann die hohe Schoͤnheit, Das Ideal des Schoͤnen. die ewig in »mir stralet, ihr Spiegelbild herunter in die Far¬ »benflaͤche wirft und den klaren Strom entflammt, »wenn dann ein dem Himmel entsunknes Pallasbild »auf dem Strome ruht, eine Lilienhuͤlle, die die »weggelegte Fluͤgeldecke eines aufgeflognen Engels »ist — eine Gestalt, deren unbefleckte Seele kein »Leib, sondern der Schnee umwallet, der um den »Thron Gottes liegt und aus dem die Engel ihre »fluͤchtigen Reisekoͤrper bauen, Wie die Rabbinen nach Eisenmengers Judenthum P. II . 7 glauben. und wenn die zar¬ »teste Bekleidung zu grob und hart und ein hoͤlzer¬ »ner Rahmen um diesen geistigen Hauch auf dem »Antlitz ist, um diesen zitternden Blumensammt von »Fleisch, um diese Haut aus weißen Rosen von ro¬ »then durchglimmt — wenn dieser Wiederschein mei¬ »ner erhoͤhten Seele auf die Farbenflaͤche faͤllt: so »wendet sich jeder um und denkt: Klotilde steht am »Ufer da und schlummert. . . . Und hier ist meine »Kunst aus: denn ach wenn sie erwacht und wenn »erst die Seele diese Reize wie Schwingen bewegt »— wenn die verschlossene Lippenknospe zum Laͤcheln »aufbricht und der Busen einen halben Seufzer ein¬ »einathmet und bloͤde nicht ausathmet — wenn die »Seufzer in Gesaͤnge verhuͤllet aus diesen Lippen, die »wie zwei Seelen einander uͤberschweben, aber nicht »betasten, wie Bienen aus Rosen ziehen — wenn »das Auge zwischen Glanz und Thraͤnen sich be¬ »wegt — wenn dann endlich die Goͤttin der himm¬ »lischen Liebe zu ihrer Tochter tritt und elektrisch »ihr stilles Herz beruͤhrt und sagt: liebe auch! und »nun alle Reize erbeben und aufbluͤhen, zoͤgern und »schmachten, hoffen und zagen, und sich das traͤu¬ »mende Herz tiefer in seine Bluͤten verschließet und »zitternd sich vor dem Gluͤcklichen hinter eine Thraͤ¬ »ne versteckt, der es erraͤth und verdient. . . Dann »verstummt die Gluͤckliche, der Gluͤckliche und der »Mahler. — — Dem Viktor kam es vor als wenn auf einmal sein Blut herausgedrungen waͤre und mit warmen Beruͤhrungen außen auf der Haut seine Zirkel be¬ schriebe. Endlich brachte Klotildens kaltes Auge, das nicht der trunkne Stolz auf Reize sondern der nuͤchterne zuruͤcktretende und nur dem weiblichen Geschlecht eigne auf Unschuld regierte, — und ihre Nase, die zu viel Besonnenheit verrieth, seinen neuen Adam wieder auf die Beine, auf den sich schon der alte gesetzt hatte. Er prieß sich gluͤcklich, daß er Flamins Freund sey und mithin auf ihre Aufmerk¬ samkeit und ihren Umgang einige Rechte habe. — Gleichwohl war ihm noch immer als wenn alles was sie thaͤte, zum erstemmale in der Welt geschaͤhe und er gab auf sie Acht wie auf einen operirten Blind¬ gebohrnen oder auf einen Omai oder einen Li-Bu: er dachte immer »wie sollt' ihr wohl das Sitzen »lassen — oder das Praͤsentiren eines Fruchttellers »— oder das Essen einer Kirsche — oder das Nie¬ »dersehen in ein Briefgen.« Ich bin noch ein aͤr¬ gerer Narr neben der besagten Hofdame. Endlich kam in den Garten Le Baut nach der er¬ sten Toilette und seine Frau nach der zweiten. Der Kammerherr — ein kurzes, biegsames, geschnuͤrtes Ding, das vor dem Teufel in der Hoͤlle den Hut abziehen wird, wenns hineintritt — empfing den Sohn seines Erbfeindes ungemein verbindlich und doch mit Wuͤrde, zu der ihm aber nicht sein Herz sondern sein Stand die Kraͤfte gab: Viktor hegte, eben weil er sich ihn beleidigt dachte, zuvorkommen¬ des Wohlwollen fuͤr ihn. Obgleich Le Bauts Zunge fast wie seine Zaͤhne falsch und eingesetzt waren, und mithin die aus Zahn- und Zungenbuchstaben kompo¬ nirten Woͤrter auch: so gefiel er doch mit seinen we¬ der plumpen noch unhoͤflichen Schmeicheleien — wozu auch seine Stellungen und Absichten gehoͤren — un¬ serem aufrichtigen Viktor, der seine Schmeichler, als Schwache, nicht hassen konnte. Die Kammer¬ herrin — die schon in den Jahren war, die eine Kokette zu verhelen sucht, ob sie gleich die vorher¬ gehenden noch eher zu verbergen haͤtte — nahm un¬ sern gutmeinenden Helden mit der aufrichtigsten Stimme auf, die noch aus einem falschen Judasbu¬ sen gekommen, und mit dem raffinirtesten Gesicht, auf dem nie die Taͤuschungen der Liebe (wie es schien) Platz zu einer Mine hatten finden koͤnnen. Die neue Gesellschaft nahm auf einmal Viktors Verlegenheit weg. Er bemerkte zwar bald die be¬ sondern Fecht- und Tanzpositionen des Bundes ge¬ gen einander: Klotilde schien gegen alle zuruͤckhaltend und gleichguͤltig, außer gegen ihren Vater nicht — die Stiefmutter war sein gegen den Kammerherrn, hochmuͤthig gegen die Stieftochter, verbindlich gegen Vikor und leicht, und gehorchend-koket gegen Mat¬ thieu — dieser war gegen das Ehepaar abwechselnd schmeichlerisch und persiflirend, gegen Klotilde eis¬ kalt und gegen meinen Helden so hoͤflich wie Le Baut gegen alle. Gleichwohl war Viktor froher und freier als alle, nicht blos weil er im Freien war — da ein Zimmer allemal wie ein Stockhaus auf ihm lag und ein Sessel wie ein Fußblock — sondern weil er unter feinen Leuten war, die (trotz der spitzigsten Verhaͤltnisse) dem Dialog sechs Schmetterlingsfluͤgel geben, damit er — als Gegenspiel der klebenden Raupe, die sich in jedem Dorn aufspiesset — ohne Getoͤse und in kleinen Boͤgen uͤber Stacheln fliege und nur auf Bluͤthen falle. Er war der groͤste Freund feiner Leute und feiner Wendungen; daher gieng er so gern in die Gesellschaft eines Fontenella, Crebillon Marivaux, des ganzen weiblichen Geschlechtes und besonders des anstaͤndig koketten Theils desselben. Man werde nicht irre! Ach an seinem Flamin, an seinem Dahore, an grossen uͤber die feinen, feigen, leeren Mikro-Kosmologen der grossen Welt erhabnen Menschen hieng gluͤhend seine ganze Seele; aber eben darum suchte er zur groͤssern Vollkommenheit die klei¬ nern als Gebraͤme und Dedikationskupfer mit so vie¬ lem Eifer auf. Vier Personen hatten jetzt auf einmal vier Seh¬ roͤhre auf seine Seele gerichtet; er nahm gar nichts in die Hand, weil er zu gutmuͤthig und zu freudig war, um der Mouchard eines Herzens zu sein; und erst nach Verlauf einiger Tage beobachtete er an ei¬ nem Gesellschafter das zuruͤckgebliebne Bild in seinem Kopf. Er verbarg sich nicht — und wurde doch falsch gesehen: gute Menschen koͤnnen sich leichter in schlimme hineindenken als diese in jene — er errieth besser als er errathen wurde. Blos Klotilde verdient eine Schutzrede, daß sie meinen Helden bis nach dem Essen — unter welchem Le Baut, der groͤste Erzaͤhler und Novellist dieses erzaͤhlenden Saͤkuls, seine Rolle durchfuͤhrte — fuͤr zu boshaft und saty¬ risch hielt. Sie muste aber fast: — eine Frau erraͤth leicht die menschliche, aber schwer die goͤttliche (oder teuflische) Natur eines Mannes, schwer seinen gei¬ stigen Kubikinhalt und leicht seine Absichten, leich¬ ter sein inneres Kolorit als seine Zeichnung — Mat¬ thieu gab Anlaß zu ihrem Irthum, aber auch (wie ich sogleich berichten werde) zur Zuruͤcknahme dessel¬ ben. Dieser Evangelist, der ein viel groͤsserer Sa¬ tyrikus war als sein Namensvetter im R. T., stell¬ te fast ganz Flachsenfingen auf seine Privat-Pillory, den Fuͤrsten, den Hof bis zu Zeufeln nieder — nur den Minister (seinen Vater) und seine vielen Schwe¬ stern must' er leider auslassen, desgleichen die Per¬ sonen, mit denen er gerade sprach. Was man Ver¬ laͤumdung an ihm nannte, war im Grunde uͤbertrieb¬ ne Hernhuterey. Denn da der heilige Makarius befiehlt, daß man sich aus Demuth zwanzig Unzen Boͤses beilegen muͤsse, wenn man dessen fuͤnf habe — das Gute aber umgekehrt — so suchen redliche Ku¬ rialseelen, weil sie sehen, daß keiner diese bescheidne Sprache fuͤhren will, in jedes Namen sie zu reden; und schreiben dem, dessen Demuth sie repraͤsentiren wollen, allezeit funfzehn Unzen mehr Boͤses und we¬ niger Gutes zu als er wirklich hat. Hingegen bey gegenwaͤrtigen Personen haben sie diese stellvertreten¬ de Genugthunng nicht noͤthig. Daher ist das Leben solcher Kurial-Edeln ganz dramatisch: denn da nach Aristoteles die Komoͤdie die Menschen schlechter , und die Tragoͤdie sie besser mahlt als sie sind, so lassen gedachte Edle in jener nur Abwesende , in dieser nur Gegenwaͤrtige agiren. — Ich weis nicht, ob diese Vollkommenheit hinreicht, einen wirklichen Fehler des Evangelisten gutzumachen, welches der war, daß er wie an Luperkalien zu oft nach dem weiblichen Geschlecht Hiebe fuͤhrte. So sagte er heute z. B.: Maͤdgen und Himbeere haͤtten schon Maden eh' sie nur reif waͤren — die weibli¬ che Tugend waͤre das gluͤhende Eisen, das eine Frau (wie auch sonst bey den Ordalien) vom Taufstein (Tauftag) bis zum Altar (Kopulazionstag) zu tra¬ gen haͤtte, um unschuldig zu seyn u. s. w. Nichts fiel Klotilden — und so hab' ichs alle¬ mal bey den besten ihres Geschlechts gefunden — empfindlicher als Satyre auf ihr ganzes Geschlecht; aber Viktor erstaunte uͤber ihr dem Geschlecht und der Welt Erfahrenheit gleich sehr eigne Kunst es zu verbergen, daß sie — tolerire und verachte. Des Evangelisten Beyspiel machte, daß auch Vik¬ tor anfing zu phosphoreszieren auf allen Punkten seiner Seele — der Funke des Witzes umlief den ganzen Kreis seiner Ideen, die einander wie Gra¬ zien bey der Hand faßten und sein elektrisches Glo¬ ckenspiel uͤbertraf des Junkers Entladungen darum, weil diese Blitze waren und nach Schwefel stanken. Klotilde, die sehr beobachtete, mißtraute den Lippen und dem Herzen Sebastians. Der Hofjunker hielt ihn fuͤr seines Gleichen und fuͤr verliebt in Klotilde; und das aus dem Grunde, »weil der lustigere oder ernstere Ton, worein ein »Mann in einer Gesellschaft verfalle, ein Zeichen »sei, daß ein weiblicher Zitteraal darin in seinen »Busen eingeschlagen.» Ich muß es gestehen, Vik¬ tors uͤberwallende Seele ließ ihn nie jenen Ausdruck der Achtung fuͤr Weiber treffen, der sich nicht in unzeitige Zaͤrtlichkeit verirt und den er oft gebildeten Weltleuten beneidete: seine Achtung sah leider alle¬ mal wie eine Liebeserklaͤrung aus. — Die Kammer¬ herrin hielt ihn fuͤr so falsch wie ihren Zizisbeo: Leute wie sie begreifen kein anderes Wohlwollen als hoͤfliches oder intriguirendes. Man behielt meinen Helden den ganzen Tag und den halben Abend druͤben. Den ganzen Tag war er nicht im Stande — ob gleich die unsichtbaren Augen seines innern Menschen voll Thraͤnen standen uͤber Klotildens edle Gestalt, uͤber ihre verborgne Trauer um die kalte hinabge¬ senkte Freundin, uͤber ihre ruͤhrende Stimme, wenn sie blos mit Agathen sprach — gleichwohl war er nicht im Stande, nur ein ernsthaftes Wort zu sagen: gegen Fremde zwang ihn seine Natur allemal im Anfange zu satyrisiren und zu haseliren. Aber abends, da man im feierlichen Garten war, da sein gewoͤhnlicher Schauer vor der Leerheit des Lebens durch die Lustigkeit heftiger wurde — das wurde je¬ ner dadurch allezeit; hingegen durch ernsthafte, trau¬ rige, leidenschaftliche Gespraͤche nahm er ab — und da Klotilde ihm bloß eine sehr kalte, gleichsam von seinem Vater auf ihm assignirte Hoͤflichkeit gewaͤhrte und den Unterschied zwischen ihm und dem Matthieu, der keine zweite Welt und keinen dafuͤr organisirten innern Menschen annahm, nicht in seiner ganzen Groͤße errieth: so wurd' ihm beklommen ums seh¬ nende Herz, zu viele Thraͤnen schienen seine ganze Brust anzufuͤllen und durchzudruͤcken, und so oft er in den grossen tiefen Himmel aufblickte, sagte etwas in seiner Seele: scheer' dich gar nichts um den fei¬ nen Cercle und rede heraus!» Aber es gab fuͤr ihn nur Eine Seele, an der jene Erhoͤhungstritte wie an Pedalharpfen geschaffen waͤ¬ ren, die jedem Gedanken einen hoͤhern Sphaͤrenton ertheilen, dem Leben einen heiligen Werth und dem Herzen ein Echo aus Eden: diese Seele war nicht sein sonst so geliebter Flamin, sondern sein Lehrer Dahore in England, ach den er schon lange aus seinen Augen, aber nie aus seinen Traͤumen verloh¬ ren. Der Schatte dieses grossen Menschen stand gleichsam an die Nacht geworfen, flatternd und auf¬ gerichtet vor ihm und sagte: »Ach Lieber, ich sehe »Dein inneres Weinen, Dein frommes Sehnen, »Dein oͤdes Herz und Deine ausgebreiteten beben¬ »den Arme; aber alles ist umsonst: Du findest mich »nicht und ich Dich nicht.» Er schauete an die Sterne, deren erhebende Kenntniß sein Lehrer schon damals in seine junge Seele angeleget hatte: er sag¬ te zu Klotilden: die Topographie des Himmels soll¬ te ein Stuͤck unserer Religion seyn; eine Frau sollte den Katechismus und den Fontenelle auswendig ler¬ nen.» Er beschrieb hier die astronomischen Stunden seines Dahore und diesen selber. — Aus Klotildens Angesicht brach eine große Verklaͤ¬ rung, und sie zeichnete mit Worten und Mienen ih¬ ren eignen astronomischen Lehrer im Stifte ab — daß er eben so edel sey und eben so still — daß sei¬ ne Gestalt so gut besser mache wie seine Lehre — daß er sich Emanuel nenne und keinen Geschlechts¬ namen fuͤhre, weil er sage: »am verfliegenden Men¬ »schen an seinem so eilig versinkenden Stammbaum »sey zwischen dem Geschlechtsnamen und Taufnamen »der Unterschied so klein.» — Daß leider seine ver¬ edelte Seele in einem zerknickten Koͤrper lebe, der schon tief ins Grab einhaͤnge — daß er nach der Versicherung ihrer Äebtissin der sanfteste und groͤste Mensch sey, der noch aus Ostindien (seinem Vater¬ lande) gekommen, wiewohl man uͤber einige Son¬ derbarkeiten seiner Lebensart in Maienthal wegzuse¬ hen habe. — — Matthieu, dessen Witz die Schoͤnheitslillie, den Giftzahn, den Sprung und die Kaͤlte den Schlangen abborgte, sagte leise und unbefangen: »es ist gut fuͤr seinen siechen Koͤrper, daß er hier nicht Astro¬ nom und Nachtwaͤchter zugleich wurde: er suchte vor einigen Jahren darum an, um einen Tubus und ein Horn.» — — Klotilde wurde zum erstenmale von einer zuͤrnenden Roͤthe uͤberflogen wie der Mor¬ gen vor dem Regen: »wenn Sie ihn (sagte sie »schnell) bloß aus meiner Schilderung kennen, so koͤn¬ »nen Sie diese Sonderbarkeit unmoͤglich unter den »seinigen suchen.» Aber der Kammerherr trat dem Junker bey und sagte, Emanuel sey wirklich vor fuͤnf Jahren mit diesem Gesuche abgewiesen worden. Klotilde sah den einzigen, dessen Aufmerksamkeit nicht ironisch war, unsern Viktor, den der Wieder¬ schein ihrer Verklaͤrung schmuͤckte, wie um Huͤlfe an und fragte mehr hoffend als behauptend: »sollte man so etwas einem solchen Kopfe zutrauen?» — »Meinem Kopf eher — (versetzte er, um auszuwei¬ chen: denn er, der dem jetzigen Pabste widersprochen haͤtte, haͤtte; konnte oft unmoͤglich schoͤnen Lippen wider¬ sprechen, zumal einer wie dieser mit so vieler Hoff¬ nung auf sein Nein vorgelegten Frage) — so oft ich »Nachts durch Doͤrfer gehe: so hoͤr' ich den leibli¬ »chen Nachtwaͤchter lieber als den geistlichen. In »der horchenden stillen Nacht, unter dem ausgebrei¬ »teten Sternenhimmel liegt im homiletischen Eulen¬ »gesang des Nachtwaͤchters etwas so Erhabnes, daß »ich mir hundertmal ein Horn wuͤnschte und sechs »Verse» — — Der Kammerherr und sein Associ é hieltens fuͤr verfehlte Persiflage: letzterer setzte die seinige — vielleicht um Klotilden, zum Vortheil seiner mit Un¬ terzieh-Busen Unterzieh-Steis armirten Herzens- Zaarin, zu mißfallen — unverschaͤmt fort und fuͤhrte an: das beste Mittel, den nahmhaften Namenlosen traurig zu machen, sey ein sehr lustiges, eine Ko¬ moͤdie — freylich ruͤhrte ihn noch staͤrker ein Pos¬ senspiel, wie er selber an ihm in Goͤthe's morali¬ schen Puppenspiel oder Jahrmarkt gesehen. Da flog dem betroffenen Viktor ein neues Ge¬ sicht und eine neue Stellung an: denn er war gera¬ de wie Emanuel. Ein Jahrmarkt mit seinen hinab und hinauflaufenden Menschen-Baͤchen — mit dem Vor- und Zuruͤckspringen der Gestalten wie an einer Bilderuhr — mit der fortsummenden Luft, in der Violinengeschrei und Menschengezaͤnk und Viehge¬ Hesperus. I . Th G bloͤk zu einem einzigen betaͤubenden Brausen zusam¬ menfliessen — und mit den Buden-Ammeublements, die ein musivisches Bild des kleinen aus Beduͤrfnis¬ sen zusammengeflickten Lebens reichen — — ein Jahrmarkt machte durch alle diese Erinnerungen an die große frostige Neujahrsmesse des Lebens Viktors edeln Busen schwer und voll; er versank suͤß-betaͤubt in das Getoͤse, und die Menschen-Rei¬ hen um ihn schlossen mit einem Dockengelaͤnder von Leibern seine Seele in ihre stilleren Phantasien ein. Das war die Ursache, warum ihn Goͤthe's hogar¬ thisches Schwanzstuͤck eines Jahrmarkts (so wie Shakespear) immer melancholisch zuruͤckließ; so wie er uͤberhaupt gerade im Niedrigkomischen das hohe Ernsthafte am liebsten fand — Weiber sind nur zum umgekehrten Funde faͤhig — und ein komisches Buch ohne jeden edlern Zug und Wink (z. B. Blumauers Aeneis) konnt' er so wenig wie La Mettrie's eckel¬ haft-lachendes Gesicht ertragen oder die Gesichter auf den Titelkupfern des Vademekums. — — Er vergaß sich und die Nachbarschaft wie ein wahrer Juͤngling, breitete die Arme halb aus und sagte mit einem Auge, in dem man die sehnend an einem Bilde Emanuels arbeitende Seele sah: »nun kenn' ich Dich, Du Namenloser, Du bist »der hohe Mensch der so selten ist. — — — Ich »versichere Sie, Hr. v. Schleunes, an Hrn. Ema¬ »nuel ist 'was! . . . Nein, unter diesem Leben im »Flug, sollte doch das Ding, das so prestissimo »hinschießt aus einem Regenschauer in den andern »und von Gewoͤlke zu Gewoͤlke, doch nicht in Ei¬ »nem fort den Schnabel aufsperren zum Gelaͤchter . . . »Ich las heute 'wo, »der Mensch hat nur drithalbe »Minuten, und nur eine Laͤcheln.»» . . Er war ganz in seine Gefuͤhle verirrt: sonst haͤtt' er mehr zuruͤck behalten, besonders die letzte Zeile aus dem im Garten gefundnen Blaͤttgen. Klotilde wurde uͤber irgend etwas betroffen. Er haͤtte jetzt gern das Blaͤttgen hinausgelesen. Sie erzaͤhlte ihm nun die¬ jenigen Sonderbarkeiten von ihrem Lehrer, in die sie sich besser zu finden wuste: daß er ein Pythago¬ raͤer sey — nur in weissen Kleidern gehe — mit Floͤten sich einschlaͤfern und wecken lasse — keine Huͤlsenfruͤchte und Thiere esse — und oft die halbe Nacht unter den Sternen gehe. Er ruhte, in stummes Entzuͤcken uͤber den Leh¬ rer verlohren, mit enthusiastischen Augen auf den freundschaftlichen Lippen der Schuͤlerin, die der Ge¬ schmack an einem erhabnen Sonderling adelte. Sie fand hier den ersten Mann, den sie in einen unge¬ heuchelten Enthusiasmus fuͤr ihren pythagoraͤischen Liebling setzte und alle ihre Schoͤnheiten wendeten sich bluͤhender nach Emanuels Bild wie Blumen nach der Sonne. Zwey schoͤne Seelen entdecken G 2 ihre Verwandschaft am ersten in der gleichen Liebe die sie an eine dritte bindet. Das volle idealisiren¬ de Herz verschweigt und verhuͤllt sich gern in einem Putzzimmer, das lauter ungleichartige hegt; aber wenn es darinn sein zweites antrift, so muß es dar¬ uͤber sein Verstummen und Verhuͤllen und das Putz¬ zimmer vergessen. Viktors Barometer seiner morgendlichen Lustig¬ keit war um zehn Grade gefallen. In seiner daͤm¬ mernden Seele ragte nichts hervor als der Zettel, den er lesen wollte und auch schon las draussen auf der Gasse; und vorher schied er. Das Blatt war aus Klotildens fliegenden Stamm¬ buch geflattert und von — Emanuel geschrieben. »Der Mensch hat hier drithalbe Minuten, eine »zu laͤcheln — eine, zu seufzen — und eine halbe »zu lieben; denn mitten in dieser Minute stirbt er. »Aber das Grab ist nicht tief, es ist der leuch¬ »tende Fußtritt eines Engels, der uns sucht. Wenn »die unbekannte Hand den letzten Pfeil an das »Haupt des Menschen sendet: so buͤckt er vorher »das Haupt und der Pfeil hebt bloß die Dornen¬ »krone von seinen Wunden ab. Vielleicht eine Auspielung auf das fuͤr die Phantasie lieb¬ liche Maͤhrgen, daß in Neapel ein Kruzifix, da da in Alpyons 1439 belagert wurde, den Kopf vor einer Kanone »Und mit dieser Hoffnung zieh' aus Maienthal, »edle Seele: aber weder Welttheile noch Graͤber, »noch die zweite Welt koͤnnen zwei Menschen zer¬ »trennen oder verbinden; sondern nur Gedanken »scheiden und gatten die Seelen. — «O dein Leben haͤnge voll Bluͤten! Aus dei¬ »nem ersten Paradies muͤsse ein zweites wie aus ei¬ »ner Rose eine zweite, spriessen! Die Erbe muͤsse »dir schimmern als staͤndest du uͤber ihr und saͤ¬ »hest ihrem Zug im Himmel nach! — Und wie Mo¬ »ses starb, weil ihn Gott kuͤßte: so sey dein Leben »ein langer Kuß des Ewigen! Und dein Tod sey »meiner. . . . Emanuel. »O du guter, guter Geist! (rief Viktor) ich kann »dich nun nicht mehr vergessen — du mußt, du »wirst mein schwaches Herz annehmen!» Von sei¬ nen innern Saiten waren jetzt die Dunsttropfen die ihren Klang aufhielten, abgefallen. Sein Kopf wur¬ de eine helle Esplanade, auf der nichts stand als Emanuels glaͤnzende Natur. Er kam mit einem leuchtenden Mosis Angesicht spaͤt in dem Pfarrhaus an; und in dieser Glut stellte er vor seinen Zu¬ schauern das Bild von Klotilden auf, dem er von ei¬ nem Engel alles ausser dem Flugwerk gab. Flamin konnte, wenn er kalt und Menschenkenner war, diese Preismedaillen, die jener auf sie schlug und worauf er ihr schoͤnes Angesicht und sein Wappen setzte, fuͤr eben so viele Muͤnzen de confiance und Pfaͤnder neh¬ men, daß er der Eifersucht nichts zu bestrafen geben werde; ich zweifle aber an Flamin. Er war zu brau¬ send und zu ehrgeitzig, um die Wahrheit zu sehen so wie — anzuhoͤren: denn sein offenherziger Freund mußte manchen zaͤrtlichen Tadel unterdruͤcken, der ihn zu sehr gekraͤnkt haͤtte, weil er zuviel Ehr¬ geitz und Feuer und zu wenig Selbstvertrauen hatte. Daher heftete sich ein Schmeichler wie Matthieu mit seinen Epheu-Haͤckgen desto fester in die Risse dieses Felsen ein Da er ein wenig barsch den namenlosen Emanuel einen Schwaͤrmer nannte: so sagte Viktor nichts mehr davon. Flamin konnte — weil er ent¬ weder ein Jurist oder ein hitziger Kopf, oder beides war — nichts so wenig ausstehen als Poeten, Phi¬ losophen, Hofleute und Enthusiasten — einen ausge¬ nommen, der alles das auf einmel war, seinen Se¬ bastian. 5. Hundsposttag. Der dritte Mai — Die Nachtigal — Der auf der Musik sitzen de Abbate. I ch muß uͤberhaupt voraus bemerken, daß ich sehr dumm waͤre, wenn ich die Menge von Unwahrschein¬ lichkeiten in dieser Historie nicht merkte; aber ich merke sie saͤmmtlich gut; ja ich habe solche — z. B. die in Klotildens Betragen, oder die des medizini¬ schen Doktorats des Helden — noch eher als der Leser selber wahrgenommen, weil ich alles eher — gelesen habe. Ich schob es daher nicht laͤnger auf, sondern gieng mit der heutigen Hofmanns-Post mei¬ nen Korrespondenten an, mir das naͤchstemal durch den Hund in seiner Portraitsbuͤchse zu schreiben, woran wir alle waͤren. — Ich schriebs ihm gerade zu, er wuͤste den Henker davon, von den Lesern und ihrer Tyranney, aber ich — ich muͤßt ihm sagen (sagt' ich) sie waͤren Leute von Verstand, denen ein Biograph und Roman-Bauherr nicht mit Illusionen kommen duͤrfte, sondern die sagten, wie der Areopag, »das nackte historische Faktum her, ohne alle wei¬ »tere poetische Einkleidung.» — Und es naͤhme mich uͤberhaupt wunder (fuhr ich fort), daß er noch nicht wuͤste, daß sie soviel, theils Verstand, theils vier¬ blaͤtterigen Klee Diese Klee macht, zufaͤllig gefunden, daß man nicht mehr zu taͤuschen ist. Bisher fanden ihn nur — Fuͤrsten und Philosophen. in sich haͤtten, daß sie die groͤ߬ ten Verfasser — z. B. die eines Tasso, eines Da¬ mokles — wenn diese fein seyn und sie durch aͤsthe¬ tische Gauckeleyen entweder wie Schroͤpfer in Furcht oder wie Bettler in Mitleiden setzen wollten, daß sie diese kaltbluͤtig sich abarbeiten ließen und sagten: »wir lassen uns nicht fangen.» — Gleichwohl waͤren die Rezensenten noch toller und gescheuter und viel¬ leicht die besten jetzigen Skotometer , zumal da sie so elende Photometer waͤren. — Und endlich sagt' ich meinem historischen Adjutanten gerade her¬ aus, er haͤtte keinen Schaden davon; aber ich , daß man mich in mehrere Sprachen uͤbersetzte und darinn fuͤr jede Unwahrscheinlichkeit des Textes in das Geisselgewoͤlbe einer Note hinunterzoͤge und da sehr striche, indeß ich nicht den Mund aufthun duͤrf¬ te, wenn der verthierende Spitzbube, der meinen Kuͤrbisflaschenkeller wie ein Faß Wein aus einem Land ins andre fuͤhre, den Wein unter Weges wie alle Fuhrleute mit Wasser aussen begoͤsse und innen nachfuͤllte. — Er sollte mir nur wenigstens, bat ich, Antwort geben, damit ich sie den Le¬ fern zeigen koͤnnte als einen Beweiß, daß ich ge¬ schrieben. — — Im naͤchsten Hundsposttag moͤchten also in jedem Falle große Dinge zu erwarten seyn. — Noch dazu faͤllt der vierte Mai hinein mit sei¬ nen wie es scheint wichtigen zwei Dankfesten fuͤr die Ankunft der zwei Sebastiane‚ des kleinen in der Welt, des großen im Baddorfe. Sogar Klotilde ist morgen dabei; und Viktor ist recht begierig (ich sel¬ ber,) sie in der Sonne der Liebe zu sehen neben Flamin: denn druͤben schienen alle ihre Schoͤnheiten ein vom Stral der Liebe noch nicht getrofnes und gereiftes Herz zu umbluͤhen, wie Blumenblaͤtter die weißen Herzblaͤtter vor der Sonne uͤberbauen. — Matthieu kam heute zum Abschied, weil er mor¬ gen in die Stadt zuruͤckfuhr. Er gefiel unserm Hel¬ den immer weniger; und eine Pagengeschichte, die er von sich erzaͤhlte, erneuerte Viktors Entschluß, die Bitte der Pfarrerin um die Verscheuchung eines solchen Menschen fruͤhe zu erfuͤllen. Matthieu hatte als Page den Dienst bei der Oberhofmeisterin, ich glaube den großen und den kleinen. Gleichwohl must' er einmal einen Abbats und Gewissensrath in ein Kabinet derselben bestellen, das der Betstuhl und die heilige Staͤtte in einem Grade seyn sollte, den freilich ihr dummer eifersuͤch¬ tiger Mann nicht begrif. Nun war im Nebenzim¬ mer ein musikalischer Armsessel, den man im Grunde mit nichts spielte als mit dem Steis: sobald man sich hineinsetzte, fieng er seine Ouvertuͤre an und ich saß einmal beim Fuͤrsten Esterhaz in so ei¬ nem. Unser Maz — so nennt ihn das ganze buͤrger¬ liche Flachsenfingen; einige Kanzleiverwandte heißen ihn auch den Evangelisten — bestellte den Abbate um zwei Stunden zu bald; setzte aber, damit der Mann mit der tonsurirten Peruͤcke nicht vom Passen ermattete, vorher den musizirenden Sessel hinein, als Ruhebank und Ankerplatz fuͤr matte Expektanten. Gegen drei Uhr Nachts, als die Gesellschaft fort war, ausgenommen den Oberhofmeister, senkte der stehens-satte Gewissensrath seinen Rumpf endlich in den mit Favoritarien ausgepolsterten Sorgestuhl und weckte mit seinen Hosen die ganze Trauermusik und deren Mordanten darin auf, ohne die geringste Moͤg¬ lichkeit, das Kabinet-Staͤudgen dieses Weckers zu stillen. Der Ehegemahl ging endlich wie ein Hering, den Finalkadenzen nach und zog den mitten im Kon¬ trapunkt und in Praltrillern seshaften Gewissens¬ mann aus seinem Orgelstuhl und versalzte ihm den Wachtelruf, glaub' ich, durch kommandirte Pruͤgel. Die Oberhofmeisterin errieth leicht den Meister von Stuhl , Mazen; aber so sehr gewoͤhnlich ist Verzei¬ hung am Hofe — nicht blos vergangne Beleidi¬ gungen werden da von guten Weiberseelen vergeben, sondern auch zukuͤnftige , — daß die Hofmeiste¬ rin sich doch nicht eher an Mazen raͤchte — ob er gleich noch drittehalb Wochen ihr diente — als eben nach drittehalb Wochen. . . Viktor zuͤrnte uͤber Flamins Gelaͤchter; er liebte Laune, aber keine Neckerei. Sein versuͤstes Blut fieng, durch diese Essigmutter allmaͤhlig zu ver¬ saͤuern an gegen diesen Maz, dessen kalte ironische Galanterie gegen die ehrliche Agathe ihn schon em¬ poͤrte, deren phlegmatischer gleichsam verheiratheter Puls uͤbrigens in Mazens Ab- und Anwesenheit die¬ selben Schlaͤge that. Noch mehr Sodbrennen und Saͤure sammelte sich in Viktors Herzen, weil er — der alles tolerirte, Eitle, Stolze, Atheisten, Schwaͤr¬ mer — gleichwohl keine Menschen dulden konnte, die die Tugend fuͤr eine Art von feiner Proviant¬ baͤckerei ansehen, die Wollust fuͤr erlaubt, den Geist fuͤr einen Almosensammler des Leibes, das Herz fuͤr eine Blutspritze und unsere Seele fuͤr einen neuen Holztrieb des Koͤrpers. Dieses that Matthieu, der noch dazu Neigung zum Philosophiren hatte und der den Freund Viktors, welcher ohnehin gegen die ganze Dichter- und Geisterwelt so kalt war wie ein Staats¬ mann, mit seinem philosophischen Krebsgifte zu infi¬ ziren drohte. Abends suchte er ein wenig naͤher an Flamins Gehoͤr in die zweite Trompete der Fama gegen den entfernten Pseudo-Evangelisten zu stoßen. Im Gar¬ ten sties er darein. Er nahm die Hand, deren die Matthaͤische nicht wuͤrdig war, in seine bessere und fing mit der herzlichsten feinsten Schonung, die man sogar der wahren Freundschaft fuͤr einen unaͤchten Freund gewaͤhren muß, seinen Bildersturm an. Denn indem er die Kammerherrin tadelte, daß sie auf Agathen Blicke von ihrem Wipfel herunter wuͤrfe, die nichts reiners waͤren als was hie Affen vom ih¬ rigen auf die Leute schickten; indem er den Hofjun¬ ker tadelte, daß er wie viele Edelleute erst unter Edelleuten den kezerischen Geruch eines Roturiers am meisten (vielleicht durch Huͤlfe des Kontrastes) verspuͤrte, und daß seine Worte und Minen im Schlosse wie Eisspitzen ans gute warme Herz Aga¬ thens anfloͤgen: so war der Tadel dieses Maifrostes gegen die Schwester nur ein Vorwand, in den er die Anmerkung einhuͤllte, daß der Hofjunker Flamins Freund nicht seyn wuͤrde, wenn er nicht Agathens Liebhaber waͤre. — Flamins Schweigen (das Zeichen seiner Entruͤ stung) gab dem Strom seiner Beredsamkeit einen neuen schnellern Abhang; noch dazu rief eine im Le Bauts Garten phantasirende Nachtigal alle Echo der Liebe aus seiner Seele wach. Daher ergrif er frey¬ lich Flamins beyde Haͤnde in jener Ueberwallung, die immer seine Schritte zum Ziele in Spruͤnge umsetzte und dadurch das ganze Ziel uͤberrennte — Viele Plane verungluͤcken, weil das Herz dem Kopfe nach¬ arbeitet und weil man beim Ende der Ausfuͤhrung we¬ niger Behutsamkeit aufwendet als beym Anfange der selben. Er sah seinen geliebten an, die Floͤtenkehle der Nachtigal setzte den Text seiner Liebe in Musik und unbeschreiblich geruͤhrt sagte er: »Du Bester! »dein Herz ist zu gut, um nicht von denen uͤberli¬ »stet zu werden, die dich nicht erreichen. O wenn »einmal die Schneide des Hoftons blutig uͤber die »Adern deiner Brust wegzoͤge — (Flamins Mine sah »wie die Frage aus: bist du denn nicht auch saty¬ risch?) o wenn der, der keine Tugend und Uneigen¬ »nuͤtzigkeit glaubt, auch einmal keine mehr bewiese; »wenn er dich sehr betroͤge, wenn die vom Hof ge¬ »haͤrtete Hand einmal Blut und Thraͤnen wie ein »Zitronenquetscher aus deinem Herzen druͤckte: dann »verzweifle nur nicht, nur nicht an der Freundschaft » — denn deine Mutter und ich lieben dich doch »anders. O zu der Zeit, wo du sagen muͤssest: »warum hab' ich nicht meinem Freunde gehorcht, »der mich so warnte, und meiner Mutter, die mich »so liebte — da darfst du zu mir kommen, zu dem, »der sich niemals aͤndert und der deinen Irrthum »hoͤher schaͤtzet als eigennuͤtzige Behutsamkeit; dann »fuͤhr' ich dich weinend zu deiner Mutter und sage zu ihr: nimm ihn ganz, nur du bist werth, ihn zu »lieben.« — Flamin sagte gar nichts darauf. — »Bist du traurig, mein Flamin?« — »Verdruͤs¬ »lich!« — »Ich bin traurig: die Klagen der Nach¬ tigal toͤnen mich wie kuͤnftige an.« — »Gefaͤllt »dir diese Nachtigal, Viktor?« — »Unbeschreiblich, wie eine Freundin meines Innersten.« — So irret man, » Matthieu singt .« — Denn der Evange¬ list unterschied sich von einer Nachtigal in nichts als der Statur. — Und dann ging Flamin empfind¬ lich und doch mit einem Haͤndedruck davon. 6 . Hundsposttag . Der dreifache Betrug der Liebe — verlorne Bibel und Puder¬ quaste — Kirchgang — neue Konkordaten mit dem Leser. K nefs Antwort ist elend: »Aus dem vom 6ten die¬ »ses von Ew. Wohlgebohren erlassenen ersehe, daß »das Publikum Geschmack hat und einige Feinheit » — welches mich gar nicht wundert, da solches »gleich den Goldplatten, die erst zwischen einem Buch »von Pergament und dann zwischen zwei von Rinds¬ »blaͤttern duͤnn und fein geschlagen werden, eben so »von einem Buch ins andre gethan und drinnen »durch den Druck der Preß-Bengel so fein gemacht »wird wie Kavalierpapier. Wenns Publikum noch »ein Paar Jahre so fortlieset: so kanns zuletzt ge¬ »scheuter werden als Deutschland selbst. Anlangend »die Unwahrscheinlichkeiten in unserem Werke: so »waͤren dergleichen freilich mehrere zu wuͤnschen, »weil ohne diese eine Biographie und ein Roman »schlecht gefallen, da ihnen der Reiz fehlet, womit »uns Schneiders Hospital- und Narrenschiff voll »Originalromane so sehr anzieht — welcher Schnei¬ »der als Absonderungsdruͤse widerlicher Werke mit »Recht die Leber der gelehrten Republik genannt »werden mag und sein Laden der Gallengang. Aber »in Ruͤcksicht der Unwahrscheinlichkeiten besorge sel¬ »ber nur gar zu sehr, daß auch die wenigen, wor¬ »auf wir fussen, am Ende verschwinden. Der ich u. s. w. Der Scheker, merkt man leicht, will nur mich und den Leser gern mit Hasenschwaͤnzen behaͤngen. Fuͤr mich aber ists doch ein herrliches Dokument, daß ich das Meinige gethan und an den Schelm ge¬ schrieben habe. — Gewisse Menschen sind, wenn sie Abends sehr warm und freundschaftlich waren, am Morgen sehr finster uud kalt — wie des Maupertius Halbsonnen, die nur auf der einen Haͤlfte brennen und die ver¬ schwinden, wenn sie die erdigte vorkehren — und waren sie kalt, so werden sie warm. Flamin vergas am Morgen entweder den warmen Abend oder die Nachtkaͤlte. Heute ist das Kirchgangsfest! — Dro¬ ben bei Sebastian ruͤckt' er wie ein Deutscher Po¬ lizei - Puritaner und Purist, mit Speyteufeln nnd Musketenfeuer aus gegen den Kirchgang — ge¬ gen Kindtaufsschmaͤuse — gegen das Holzfaͤllen zu Weihnachten und Pfingsten — gegen Feiertage und gegen allen Spas der Menschen. Viktor wurde von unserm Jahrhundert dnrch nichts so erzuͤrnt als durch dessen stolze Kreuzpredig¬ ten ten und Gradualdisputationen gegen unmodische Thorheiten, indeß es mit modischen Lastern in Sub¬ sidientraktaten steht. Er holte mit einem weiten Athem aus und bewies daß das Gluͤck eines Staa¬ tes wie eines Menschen nicht im Reichthum, son¬ dern im Gebrauche des Reichthums, nicht in seinem merkantilischen sondern moralischen Werthe bestehe — daß die Ausscheurung des antiken Sauerteigs und unsre meisten Institutionen und Novellen und Edikte nur die fuͤrstlichen Gefaͤlle, nicht die Moralitaͤt zu erhoͤhen suchten und daß man begehre, die Laster und die Unterthanen braͤchten wie die alten Juden, ihre Opfer nur in einer Stadt, naͤmlich in der Residenz¬ stadt — daß die Menschheit von jeher sich nur die Naͤgel an den nakten Haͤnden , nicht an den ver¬ huͤllten Fuͤßen , die oft daruͤber selber herunter ka¬ men, beschnitten habe — daß Aufwands- und Pracht¬ gesetze den Fuͤrsten noch noͤthiger waͤren wenigstens den hoͤchsten Staͤnden als den tiefsten — daß Rom seinen vielen Feiertagen viel von seiner Vaterlands¬ liebe verdanke. . . . Flamin hatte fuͤr die Cursiv- und Perlenschrift der haͤuslichen Freude, fuͤr Infu¬ sions-Blumen des Vergnuͤgens keine Augen: dafuͤr hielt seine Seele mit einem Brutus gleichen Schritt, wenn er groß ans Bild des Pompejus trat und mit einem Seufzer uͤber das Fatum die Parzenscheere in das groͤste Herz der Erde trieb, das seinen Werth Hesperus. I . Th. H mit seinem Recht verwechselte. Viktor hatte ein geraͤumiges Herz fuͤr die unaͤhnlichsten Gefuͤhle. Ich kann es nicht oft genug wiederholen, daß heute der Kirchgang ist: ich will ihn der Nachwelt abzeichnen, aber nicht mit jener Kuͤrze womit ein Zeitungsskribent den Leichenzug eines Koͤnigs auf drei Bogen bringt, sondern ein wenig umstaͤndlicher. Zu den pomphaften Initialbuchstaben dieses Tages hatte das Pfarrhaus ganz andre Gruͤnde in petto als man meines Wissens unserem Zeitalter noch zu entdecken beliebte: betruͤgen wollten drei Interessenten einan¬ der, allemal zwei einen. Betruͤgen wollte erstlich die Pfarrfrau den Hel¬ den, der nicht wuste, daß heute der Geburtstag sei¬ nes Vaters war und daß dieser — freimuͤthig von ihr eingeladen — heute auf fuͤnf Minuten komme. Sie ließ am Morgen ihre zwei Toͤchter Garn sieden, damit sie dem Viktor — nichts beichteten, wenig¬ stens keine Wahrheit: denn es ist ein bekannter Aberglaube, daß das Garn am weißesten gesotten werde, wenn man dabei recht luͤgt. Daher sollte man auch, wenn die Weiber luͤgen, behutsamer seyn und fragen, ob sie mit ihren poetischen Illusionen etwas anders weißbrennen wollen als ihr Garn. Ihr geliebter Viktor sollte — das war ihr Plan — ihrem Mann, dessen Geburtsfest heute auch einfiel, den gewoͤhnlichen Gluͤckswunsch bringen und ihn nachher halbiren und dem Lord hinlangen muͤssen, der mit seinem Geburtstag ausstieg. Betruͤgen wollte zweitens Sebastian und sie den alten Kaplan, der vergessen, daß er geboren worden — welches ihm schon bei seinem ersten Geburtstage begegnet war. Die Menschen behalten einen frem¬ den Lebenslauf besser als den eignen: wahrhaftig wir achten eine Geschichte, die einmal die unsrige war und die die Huͤlse der verflognen Stunden ist, viel zu wenig und doch werden die Zeittropfen, durch die wir schwimmen, erst in der Ferne der Erinne¬ rung zum Regenbogen des Genusses. Die Maͤnner wissen wenn alle Kaiser geboren und alle Philoso¬ phen gestorben sind — die Weiber wissen aus der Chronologie bloß das, wenn ihre Maͤnner, die ihre Regenten und klassischen Autores sind, beides tha¬ ten. Viktor, dessen feines Gefuͤhl von zu großen Aufmerksamkeiten fuͤr ihn versehret wurde, war froh, daß Eymanns Schultern die Haͤlfte der heutigen Ehre tragen mußten. Betruͤgen wollte drittens der Pfarrherr so gut als einer und zwar jeden. Da dieser Festtag — wie die drei hohen Feste der Kloͤster — zugleich Rasirtag war, an welchem die gescheutesten Koͤpfe die duͤmm¬ sten Gesichter machen: so schnitt der Barbier mit der Rasir-Lanzette in des Seelensorgers Haut wie in eine Birkenrinde sein Andenken; aber dieses we¬ H 2 nige Blut, das ausquoll, fuͤhrte dem Pfarrer einen kluͤgern Gedanken zu als das was der Bader drin ließ, welches doch den Nervensaft absonderte, der nach den seichtesten Denkern die Gelenkschmiere un¬ srer geistigen Bewegungen, die Goldsolution unsrer reichhaltigsten Ideen und der Geist unsers Geistes ist. Dieser kluͤgere Gedanke, den ich so lobe, war der, sich auf dem linken Arm zur Ader zu lassen — es dem ganzen Hause zu verhalten — Abends dem Lord Gluͤck zu wuͤnschen und jedem — und am Ende den Aermel auszuziehen und die Wunde zu zeigen wie ein Roͤmer und zu sagen: gratulirt doch! — Er setzte es durch und der Scheerer mußte staunend et¬ was anders zerhacken als das Kinn. Der Blessirte gab ihm das Geleite bis an die Hofthuͤre, nicht aus Hoͤflichkeit, sondern damit ers nicht der ganzen Haus¬ genossenschaft vortruͤge sondern den Vorfall uͤber¬ haupt bei sich behielte, ausgenommen in Haͤusern, wo ein Bart und ein Ohr war. Denn ein Ge¬ schichtschreiber sey immerhin der Monatszeiger der Zeit — und folglich sey der Zeitungssetzer der Stundenzeiger derselben — mithin ein Weib ihr Sekundenzeiger : so ist doch der Bartputzer bei¬ des, das Weib und der Sekundenzeiger . Als Flamin und Viktor hinuntergingen ins Wohn- Putz- Sommer- Winterzimmer, stach unter lauter frohen Gesichtern ein verdruͤßliches vor, das dem wie besessen herumsetzenden Pfarrer gehoͤrte: er konnte zweierlei unmoͤglich ausspuͤren, seine Bibel und seine Puderquaste. Drei Minuten vorher hatt' er gejammert: »Komm' ich denn in meinem elenden »Leben nicht so weit, daß ichs, sobald ich meine »Hand einmal in den Gluͤckstopf gebracht, wo ich »etwas damit herauskrebsen konnte, daß ichs so¬ »gleich errathen kann, daß der boͤse Feind sicher vor¬ »her allen seinen Unrath im Topf deponirt hat? Den »heb' ich statt der Krebse heraus und weiter nichts. — Es waͤr' heute huͤbsch geworden, sah der Teufel »— wir haͤtten bis Abends um vier Uhr keine Lust »gehabt, sondern Hundsarbeit — dann waͤrs losge¬ »gangen, das Essen im Gartenhaus, das Gratuliren »und Salutiren und wahrer Spas. . . . Euch ist er »auch noch bescheert; mir aber schenkt, wenn der »Puͤster und die Bibel nicht erscheinen, blos etwas »Ruß und Asche (die etwa vom Souper nachbleiben) »damit ich damit dem Fuchs (Pferd) das Gebiß ab¬ »buͤrste — und Abends kann ich neben dem Garten¬ »hause den Rettich ausjaͤten.« Hier muste er mit der niedergelassenen Flagge seines Kopfes, mit der Trottelmuͤtze den eintretenden Britten salutiren — als aus der Muͤtze ein Haar- Buͤschel ausfiel, der zwar nicht die gesuchte Bibel aber der gegebene Puͤster war. Es muß naͤmlich die Lese- und Denk-Welt, der man oft wichtiger Thatsachen nicht hinterbringt, am wenigsten um diese kommen, daß der Hofkaplan — so wie Men¬ schen aus Menschen gerissen werden, um die uͤbrigen zu uͤbertreffen und zu beherrschen — gerade so die Haare, die sein Kamm auszupfte, in einen Peltz- Faszikel oder Haar Verein zusammenwickelte, um damit die uͤbrigen, die noch standen, einzupudern, welches nun wohl vom erhabensten Geist und Penta¬ meter nicht anders zu benamsen ist als ein Haarpuͤ¬ ster. Gleichwohl wurde Eymanns Gesicht laͤnger als die Muͤtze: er ließ diese Spritze des Farbenpulvers des Kopfes kalt da liegen und sagte: »mach' ich »nicht die Bibel ausfuͤndig: so seh' ich nicht ab, »wie mich dieser Schopf allein herausziehen will.« Wie vor Luther, wurde jetzt die Kansteinische Bibel mit ihren schwarzen Kaͤfer-Fluͤgeldecken ge¬ sucht. Wenn etwas diesen harten Schlag noch her¬ ber machen konnte, so wars gewiß das, daß Eymanns Ueberschlag — gleich seiner Vernunft — zwischen den verlornen kanonischen Blaͤttern wie zwischen einer Serviettenpresse lag: denn die Geistlichen — beson¬ ders der Pabst — machen das Bibelwerk gern zur Glanzpresse und zum Schmuckkaͤfigen ihres aͤußern Menschen. Ob er gleich noch acht Bibeln, sogar die einfaͤltige Seilerische Bibel-Chrestomathie im Hause hatte und in der Wochenkirche heute gar keine brauchte: so war es doch besser und menschlicher — d. h. naͤrrischer — daß er den Kopf seines Sakristei- Pedells, des Schulmeisters aus dem Fenster pfif und den Gottesdienst — wie eine Aufklaͤrung — durch ein viertelstuͤndiges Interim verschob, als daß er statt der Stunde des Lautens nichts geringers aͤnderte als Bibel und Ueberschlag. Lieber Himmel! wie man gleich Exegeten und Kennikottisten suchte und laͤchelte! — »Dieses For¬ »schen nach der Bibel, sagte Sebastian, gereicht ei¬ »nem Geistlichen zur Ehre, zumal da er die bibli¬ »schen Wahrheiten nur beim Tageslicht, nicht bei »Scheiterhausen-Fackeln sucht.« Die Moͤnche haben wie die Anzuͤnder der oͤffent¬ lichen Laternen eine Leiter und viel Oel , aber mit dem Oel loͤschen sie die Lampen aus und den ei¬ gnen Durst, und mit der Leiter reichen sie die, die wieder anzuͤnden, dem — Galgen. Als der Kaplan vor dem ruhigen Kopf des sechs¬ woͤchentlichen Kindes vorbeiging, den schon die heu¬ tige Tressenhaube preste: so ging er aus Aerger uͤber dessen Gleichguͤltigkeit wieder zuruͤck, hob seinen bor¬ dirten Kopf empor mit der rechten Hand, und fuhr in den Schacht des Wiegenstrohes ein mit der lin¬ ken und wollte da die Bibel — die gewoͤhnlich das Kopfkuͤssen und die Amulet-Unterlage der Kinder (besonders der Dauphins ) ist — ausgraben, in¬ dem er sagte: »der miserable kleine Buͤndel laͤge bei »unserem Elend nur kalt da, mir nichts dir nichts, »wenn ich ihn nicht ausstoͤhrte.« — Und hier fiel etwas, nicht wie ein Schuß sondern wie ein Buch, wiewohl mans durch meinen Kiel bis ins dreißigste Jahrhundert hoͤren kann. Eymann sprang denkend ins zweite Stockwerk und fand zu seinen Fuͤßen eine erschmissene — Maus unter einer gesuchten Bibel. Den protestantischen Reichskreisen koͤnnen die Stu¬ denten- oder Doktor Luthers Maͤusefallen niemals unbekannt gewesen seyn, zu denen man nichts braucht als Ein Buch und die fuͤr Maͤuse sind was symboli¬ sche Buͤcher fuͤr Kandidaten. Sebastian zog die Leiche beim Schwanze unter der biblischen Quetsch¬ form und Seilerischen Bibelanstalt hervor, schwenkte den Kadaver gegen das Licht und hielt diesen Lei¬ chensermon ex tempore : »armer Schismatiker! dich »erschlug das alte und neue Testament, aber du und »die Testamente sind außer Schuld! — Sei nur »froh, daß die Bibel dich nicht gar zu Asche sengte »wie einen portugiesischen Israeliten; aber du fielest »in aufgeklaͤrte Zeiten, wo sie nichts nimmt als »Pfarrdienste. Es ist aͤchter Witz, wenn ich frage: »da sonst die Bibel die Feuersbruͤnste, worein man »sie warf, ausloͤschte: warum den Autodasees »nicht?« — Ich lauere hier laͤngst der Welt auf, um sie zur Untersuchung zu noͤthigen, warum ein Maus-Sterbe¬ fall sie mehr interessirt als eine erschossene Armee in der Universalhistorie, ein verlorner fremder Haar¬ puͤster mehr als Christinens verlegte Krone. .. Da¬ her koͤmmt dieses Interesse, woher es bei denen koͤmmt, denen die Sache wirklich begegnet: weil ich sie weitlaͤuftig erzaͤhle, d. h. weil die Leser gleich den dabei interessirten Helden muͤhsam einen Augenblick der kindischen Historie um den andern uͤberleben. Viele kleine Schlaͤge durchloͤchern den festesten Men¬ schen so sicher als Ein großer und es ist einerlei, ob sie das Schicksal oder ein Autor thut. So ist also der hiesige Mensch so nahe an den Zeiger der Zeit gestellt, daß er ihn ruͤcken sehen kann; darum wird uns eine Kleinigkeit, wenn sie viele Augenblicke einnimmt, so groß und das kurze Leben, das wie unsre gemalte Seele im orbis pictus , aus Punkten besteht, aus schwarzen und goldnen, so lang. Und darum steht uͤberal, wie auf diesem Blatte, unser Ernst so nahe an unserem Lachen! Flamin ausgenommen, ruͤckten sie alle in die Kirche, Path und Pathgen: es war eine sogenannte Wochen-Betstunde, die in jedem vernuͤnftigen Her¬ zogthum und Marggrafthum wird beibehalten wer¬ den, wo man noch darauf sieht, daß der Pfarrer woͤchentlich ein Paarmal erfriere und daß er, so wie Novizen zur Uebung der Obedienz verdorrte Stecken begießen muͤssen, den Saamen des goͤttlichen Wortes in leere Kirchenstuͤhle werfe, wie Melanchton in leere Toͤpfe. In den deutschen Laͤndern — meines und wenige ausgenommen — gehoͤren zwei Saͤkula dazu, um eine vollstaͤndige Narrheit abzuschaffen — eines, um sie einzusehen — noch eines um sie abzuschaffen. Die Einsichten eines Konsistoriums werden alle¬ mal Ein Jahrhundert fruͤher vernuͤnftig als die Zirkularia (Reskripte) desselben. Im Eymannischen Gitterstuhle, dessen Thuͤre mit der Sakristei ihrer fast einen rechten Winkel machte, fand Sebastian alle Blumen, wenigstens die Blaͤtter¬ skelete derselben wieder, die um seine schoͤnen Kin¬ dertage gebluͤhet hatten — metaphorische und bota¬ nische, — und die botanischen, die beschmutzt unter dem Fußschemel des Korstuhls sich verkrochen, schlu¬ gen zu transzendenten Blumen der Erinnerung wie¬ der aus. Er dachte an seine kindischen Leiden darin — worunter die Laͤnge der Predigt — und an seine kindischen Freuden, unter welchen die Laͤnge des Praͤ¬ ludiums und Eymanns Knien auf der Mitte der Kanzel¬ treppe, gehoͤrte. Er schob das hoͤlzerne Gitterfenster zu¬ ruͤck und fand in dessen hoͤlzernen Gleise seinen Namens¬ zug V . S . H . von eignen Haͤnden eingesaͤgt. Vom Kinde zum Juͤngling ist so weit! Und der Mensch verwundert sich uͤber die Ferne. »Ach damals — sagte Horion »und wir wollens mit ihm sagen — war dir noch »alles unendlich und nichts klein als dein Herz — »ach in jener warmen erquickenden Zeit, wo der »Vater uns noch Gott der Vater und die Mutter »die Mutter Gottes ist, druͤckte sich noch die von »Geistern, Graͤbern und Stuͤrmen beklemmte Brust »getroͤstet an eine menschliche — alle vier Welttheile »waren in diese Kirche eingepfarret, alle Stroͤme »hießen Rhein und alle Reichsstaͤnde Jenner — »ach diesen schoͤnen stillen Tag faste ein goldner Ho¬ »rizont der unendlichen Hofnung ein und ein Ring »aus Morgenroth. — Jetzt ist der Tag dahin und »der Horizont hinab und bloß das Gerippe noch da, »der Gitterstuhl.« Ach wenn wir schon jetzt in den Mittagsstunden des Lebens so denken und seufzen: wie wird uns nicht am Abend, wo der Mensch seine Blumenblaͤt¬ ter zusammenlegt und unkenntlich wird wie andre Blumen, am Abend, wo wir unten am Horizont in Westen stehen und ausloͤschen, wird uns da nicht, wenn wir uns umwenden und den kurzen mit ertre¬ tenen Hofnungen bedeckten Weg uͤberschauen, wird dann uns der Garten der Kindheit, der in Osten, tief an unserem Aufgange, und noch unter einem al¬ ten blassen Rothe liegt, nicht noch holder anblicken, noch magischer anschimmern, aber auch noch weicher machen? — Und darauf legt sich der Mensch nicht weit vom Grabe nieder auf die Erde und hoft hie¬ nieden nicht mehr. Fuͤr Eymann must' es ruͤhrend seyn, daß er da er Jahrelang fremde Kindbetterinnen in der Kirche einsegnete, einmal einer naͤheren seine Wuͤnsche ge¬ ben konnte. Viktor kroch in alle Knabensonntage und ihre Taͤuschungen dadurch zuruͤck, daß er heute — wie im zehnten Jahr — unter dem Singen der gan¬ zen Gemeinde in die Sakristei zum Pfarrer ging und ihn fragte um die Pagina des Lieds. Es labte ihn als Kind, daß es vier gehende Wesen im Tempel gab, den Pfarrer, den Schulmeister, und den Ren¬ teimeister des Gotteskastens und ihn: giebt es etwas erhabeners, dacht' er, als einen Klingelbeutelvater mit einer langen wagrechten Balancierstange allein einherwandelnd, durch lauter befestigte Statuen? Nach der Kirche fing sich das Fest an mit blo¬ ßen Vorarbeiten dazu, wie ein Friedenstraktat mit den Traktaten uͤber den neutralen Ort, uͤber den Rang u. s. w. Die Welt muß nur nicht denken, daß eher als um fuͤnf Uhr Nachmittags etwas an¬ gehe oder daß jemand fruͤher aus der prosaischen Wochen Einkleidung in die poetische festliche wischen oder sich ruhig neben einen Nachbar niederlassen koͤnne — sondern, nach der Prozeßordnung der Lust, muß jetzt alles hinauf, hinabrennen — Appollonien, dieser Majorin domus , gehorchen — die Bohnen¬ stangen und Saamen-Duͤten aus dem Gartenhause tragen — entpupte Papillons daraus faͤcheln und aufgewachte Brummfliegen — das vorgeschossene Ge¬ zweig von den Fenstern zuruͤckbinden — die Orange¬ rie, die aus hundert Bluͤten eines Pomeranzenbaums bestand, aus dem Museum in die Garten-Chaussee herunterheben, desgleichen ein invalides Klavier, des¬ sen Sangboden nicht so oft als sein Saitenbezug ge¬ sprungen war. . . . Der ernsthafte Flamin wurde vom laͤrmenden Sebastian zu diesen Haupt- und Staatsaktionen mit gezwungen und zwischen ihnen muste in dieser Vorjagd der Freude das gequaͤlte Eymannische Gesicht arbeiten, an das Viktor die noͤthigsten Ermahnungen hielt: »Herr Gevatter, wir »koͤnnen nicht ernsthaft und fleißig genug seyn — es »kann von diesem Feste noch an Orten gesprochen »werden, wo es Einfluß hat — aber ein Mittelweg »zwischen Fuͤrstenpracht und Belgischer Knauserei »wird denk' ich, das vortheilhafteste Licht auf uns »werfen.« — Es ging alles gut — sogar das Ge¬ woͤlk zerwarf sich — Klotilde wollte kommen — der Primas des Festes, dem zu Ehren der Kirchgang war, der kleine Sechswoͤchner, memorirte laut an seiner Rolle, die er nach fuͤnf Uhr zu macheu hatte und die wie bei mehrern Helden von Festins in nichts bestehen sollte als in Schlafen. — — Das Memoriren bestand darin‚ daß er in einem fort wachte und schrie nach dem Busen‚ in dem der Schoͤpfer ihm das erste Manna in der Lebenswuͤste bereit gelegt. Aber nicht eher als um fuͤnf Uhr stillte die Mutter ihn mit dem muͤtterlichen Schlaftrunk und ließ den kleinen Sprecher Kehl- und Augendek¬ kel mit einander schließen. Anfangs haͤtt' ichs bei¬ nahe — aus Achtung gegen die Pfarrerin — unter¬ druͤckt‚ daß sie saͤugte und so‚ gleichsam wie ein Wallfisch noch unter die Saͤugethiere gehoͤrig‚ aus ihrem Busen ein andres Kind ernaͤhrte als den Amor; aber ich schmeichelte mir nachher‚ eine Person‚ die weder eine Theater- noch Kronprinzessin ist‚ werde nicht so strenge als andre beurtheilt werden‚ wenn sie Kinder hat oder Milch. . . . Eh ich sage‚ daß Klotilde kam‚ will ich sie da sie acht Quartiere hat — wiewol mancher Magnat der sechzehn adliche Quartiere hat‚ doch noch ein siebzehntes architektonisches sucht‚ wo er schlaͤft — ein wenig entschuldigen‚ daß sie in ein buͤrgerliches ging: es koͤmmt ihr aber in der That nichts zu stat¬ ten als daß sie auf dem Lande war‚ wo oft das aͤl¬ teste Blut keinen bessern Umgang habhaft wird als buͤrgerlichen‚ wenns nicht etwan Vieh ist‚ das auch einige nicht unkluge Kavaliere wirklich vor¬ ziehen. . . . Es schlaͤgt fuͤnf Uhr — die Schoͤnste tritt herein — der Mond haͤngt wie ein weißes Bluͤtenblatt aus dem Zenith auf sie herab — das freudige schuldlose Blut in St. Luͤne steigt wie die Fluth unter ihm auf — alles ist umgekleidet. . . . Aber das sechste Kapitel ist aus. . . . — Und da der Spitz mit dem siebenten noch nicht da ist: so koͤnnen ich und der Leser ein ver¬ nuͤnftiges Wort mit einander reden. Ich gestehe, er schaͤtzt mich und mein Thun lange, er sieht ein, alles ist im schoͤnsten biographischen Gange, der Hund, meine Wenigkeit und die Helden dieser Hundstage. — Ich hab' auch nie abgelaͤugnet, daß er immer mehr in den Heiligenschein und in die Bosische Beatifikation dieses Foͤtus werde hineingezo¬ gen werden; da ich so sehr dran wichse, reibe und bohne, mehr als an einem Menschenstiefel oder mi¬ litairischen Roßhuf in Berlin — Ja ich habe noch keine Tasse voll Kaffeesatz gebraucht und es mir dar¬ aus wahrsagen lassen (denn ich erseh' es schon aus der menschlichen Natur und aus dem Kaffee, den ich trinke,) daß das noch das Geringste sey und daß die eigentliche Lese Manie den guten Schelm erst dann befallen werde, wenn in diesem Werke, woran wie an der Basselisse zwei Arbeiter auf Einem Stuhle seßhaft weben, die historischen Figuren dieser Basse¬ lisse samt ihrer Gruppirung ganz von der Wirbel¬ nacht bis zum Fußballen hervorsteigen werden — — Jetzt ist ja kaum noch ein Aermel, eine Nase, ein Auge fertig gewuͤrkt. . . Aber wenn zwanzig bis dreißig Ellen am Opus werden abgewoben seyn: dann koͤnnen ich und mein Assessor das erwarten was ich hier schildern will: des Teufels voͤllig wird der Leser seyn mit Eilen — einen Hundsposttag hinauszubringen, laͤsset er sechs Schuͤsseln kalt werden und das Dessert warm — doch was will das sagen: ein leibhafter roͤmischer Koͤnig reite durch die Straße und Kanonenkugeln fahren hinterdrein, er hoͤrts nicht — seine Ehehaͤlfte gebe in seinem Lesekabinet einem ehelichen Ueberbein das beste Souper, er siehts nicht — das Ueberbein selber halte ihm Teufelsdreck unter die Nase, es gebe ihm scherzend mit einem Waldhammer leichte Hiebe, er spuͤrts nicht ... so außer sich ist er uͤber mich, ordentlich nicht recht bei Sinnen. — — Das ist nun das Ungluͤck, dessen Gewißheit ich mir vergeblich zu verbergen suche. Ists einmal da und bring' ich ihn ungluͤcklicher weise in jene histo¬ rische Exaltation, wo er nichts mehr hoͤrt nnd sieht als meine mit ihm in Rapport gesetzte Personen, weder seinen Vater noch Vetter: so kann ich ver¬ sichert seyn, daß er einen Berghauptmann noch we¬ niger hoͤrt — denn Geschichte will er und von mir weis er gar nichts mehr — ja ich will setzen, ich brenn¬ brennte die buntesten Feuerwerke des Witzes ab, ja es hingen aus meinem Maul philosophische Schlu߬ ketten, wie aus eines Taschenspielers seinem Baͤn¬ der, in Zaspeln heraus: haͤlf's mir was? — Dennoch muͤssen Baͤnder heraushaͤngen und Feuer¬ werke abbrennen; es soll aber so werden: Wie von jedem Jahre so viele Stunden restiren, daß aus den Restanten von vier Jahren ein Schalltag zu machen ist — und wie mir selber nach vier Hundsposttagen allzeit so viel Nachschriften, so viel Witz und Scharf¬ sinn ganz unnuͤtz als Ladenhuͤter liegen bleiben, daß daraus recht gut ein eigner Schalltag zu formiren waͤre: So soll er auch formirt werden, so oft vier Hunds-Dynastien voruͤber sind; nur das braucht es noch, daß ich vorher mit dem Leser folgenden Graͤnz- und Hausvertrag abschließe und ratifizire, also und dergestallt: I . Daß von Seiten des Lesers dem Berghaupt¬ mann auf St. Johannis fuͤr ihn und seine Erben zugestanden und bewilligt werde, von nun an nach jedem vierten Hundsposttage einen witzigen und ge¬ lehrten Schalltag, in dem keine Historie ist, zu ver¬ fertigen und drucken zu lassen. II . Daß von Seiten des Berghauptmanns dem Leser bewilligt wird, jeden Schalltag zu uͤberschla¬ gen und nur die Geschichtstage zu lesen — wofuͤr beide Potenzen entsagen allen beneficiis juris — re ¬ Hesperus. I . Th. J stitutioni in integrum — exceptioni laesionis enor¬ mis et enormissimae — dispensationi — absolutio¬ ni etc . Auf dem Kongreß zu St. Johannis den 4ten Mai 1793. So lautet das aͤchte Instrument des so bekann¬ ten Hunds-Vertrags zwischen dem Berghauptmann und Leser und diese Renuntiationsakte kann und muß in zukuͤnftigen Mißhelligkeiten beider Maͤchte von einem Mediateur oder Austraͤgalgericht einzig zum Grunde gelegt werden. 7. Hundsposttag. Der große Psarr-Park — Orangerie — Flamins Standes- Erhöhung — Fest-Nachmittag der häuslichen Liebe — Feuerregen — Brief an Emanuel. D en Lord ausgenommen, sitzt schon alles im Pfarr¬ garten und passet auf mich; aber den Garten kennt noch kein Henker. Er ist eine Chrestomathie von allen Gaͤrten, und doch nicht groͤßer als die Kirche. Viele Gaͤrten sind wie er zugleich Kuͤchen- Blumen- Baumgaͤrten: aber er ist noch ein Thiergarten — wie er denn die ganze Fauna von St. Luͤne enthaͤlt, — und noch ein botanischer — mit der vollstaͤndi¬ gen Flora des Dorfs ist er bewachsen, — und ein Bienen- und Hummmelngarten — so oft sie gerade hineinfliegen. Indessen sollte man doch solche klei¬ nere Vorzuͤge gar nicht nahmhaft machen, wenn ein Garten wie er einmal den hat, daß er der groͤßte englische ist, durch den je ein Mensch schritt. Er verbirgt nicht nur sein Ende — wie jeder Park gleich jeder Kasse thun muß — sondern auch seinen Anfang und scheint bloß die Terrasse zu seyn, von der man in das hineinsehen kann, was man nicht uͤbersehen aber wohl wie Cook umfahren kann. Im I 2 englischen Pfarrgarten sind nicht einzelne Ruinen, sondern ganze zerschlagene Staͤdte und die groͤßten Fuͤrsten haben sich um die Wette beeifert, ihn mit romantischen Wuͤsten und Schlachtfeldern und Gal¬ gen zu versorgen, an die noch dazu (das treibt die Illusion hoͤher) wahre Spitzbuben gebunden sind als Fruchtgehaͤnge. — Die Gebaͤude und Gestraͤuche ver¬ schiedener Welttheile sind darin nicht in eine wider¬ sinnige Nachbarschaft zusammengetrieben, sondern durch ordentliche Meere oder Wasserpartien net aus¬ einander gestoßen, welches bei dessen Groͤße leicht ge¬ wesen, da er uͤber neun Millionen Quadratmeilen haͤlt — und mit welchem Geschmack uͤberhaupt diese Massen an einander gelagert sind, moͤgen die Leser daraus ermessen, daß alle Lords und alle Rezensen¬ ten der Litteraturzeitung und die Leser selber in den Garten gezogen sind und oft sechzig Jahre darin bleiben. — Der Pfarrer denkt, mit ihm auch als hollaͤndi¬ schen Garten einige Ehre einzulegen, besonders durch eine Peruͤcke aus Wasser, die nicht an einem Peruͤk¬ kenstock sondern an einer Fontainen-Ajustage haͤngt und die so lockigt springt, daß schon mehrere Stadt¬ pfarrer wuͤnschten, sie koͤnnten sie aufsetzen. Die Beete sind keine Rektangula sondern geschweifte la¬ teinische Lettern in Doppel-Fraktur, als Anfangs¬ buchstaben seiner Familie. Eymann hat sein E mit Rettich ausgesaͤet, das A seiner Appollonia mit Ka¬ puzinersallat, Flamins F mit Kohlrabi, Klotildens K mit Tulpen. Wer nicht zu saͤen war, hatte alle¬ mal noch einen Platz und almanac royal auf den Kuͤrbissen und Stettineraͤpfeln leer, die der Pfarrer mit einem durchbrochnen Papier umflocht, in das der Name geschnitten war, der nach Abschaͤlung des Einbands allein roth oder gruͤn auf der bleichen Frucht erschien. Schmetterlings-Glaskaͤsten wendeten die Nachtkaͤlte von fruͤhzeitigen Rosen aus Seide ab und von Fruͤhgurken aus Wachs. Gurken, die aus wahren Gurken bestanden, legte er unter allen Pasto¬ ren am fruͤhesten ein, um in die Angst zu gerathen, sie koͤnnten erfrieren: denn diese Angst must' er ha¬ ben, um sich zu freuen, wenn eine Glasbouteille in seinem Hause zerbrochen wurde: er konnte dann den komischen Eis- oder Glasberg, der in den Weinen leider jaͤhrlich mit unserem Durste steigt, in den Garten tragen und mit dieser Mistglocke die Herz¬ blaͤtter uͤberbauen. — Um wichtigere Beete fuͤhrte er einen bunten musivischen Scherbenrand: seine Fa¬ milie war seine Raͤndelmaschine, ich meine, sie mußte ihm die wenigen Porzellaintassen zerbrechen, die er brauchte, um mit diesem bunten Streuzucker und kouleurten Gebraͤm ansehnlichere Partien zu heben, wie ein Fuͤrst sich mit den bunten, durch die Knopf¬ loͤcher seiner Antichambre gezognen, Ordensbaͤnder einfasset und beringet. Da er die Tassen nicht ganz um die Beete setzen konnte, sondern erst durch seine Scheidekuͤnstler zerlegt: so muß ein Rezensent, der bei ihm isset, meinen Wink benutzen, um sichs zu erklaͤren, wenn ein solcher Hektikus nicht vor Zorn außer sich ist, sobald kostbares Geschirr zerbrochen wird; denn bloß bei elendem ist er seiner nicht maͤch¬ tig. Jede Ehefrau sollte ein solches Beet als Arndts Paradiesgaͤrtlein, als Konsole und Schaͤdelstaͤtte fuͤr Porzellain von geaͤnderter Facon abstechen, zum Besten ihrer Seele, um bei Sinnen zu bleiben wenn eine Tasse faͤllt — »Schatz, wuͤrd' ich sagen, halte »dieses Ungluͤck wie eine Christin aus, es nuͤtzt dir entweder in der Ewigkeit oder hier im — Garten.« Nahe an einem Hause nehmen sich die hollaͤndi¬ schen Gartenschnoͤrkel mit ihrer haͤuslichen Winzig¬ keit besser aus als die erschuͤtternde Natur mit ih¬ rer ewigen Majestaͤt. Eymanns geschnitzter Pfarr¬ garten war im Grunde bloß eine fortgesetzte Wohn¬ stube ohne Dach und Fach. Viktor konnte die Minute kaum erwarten, Fla¬ min und Klotilde einander gegen uͤber zu sehen. O wie schoͤn steht, dacht er, ihrem und seinem stolzen Gesicht der Mondschein der Zaͤrtlichkeit! Aber Klo¬ tilde vermied, um Flamin zu seyn. Viktor hielt reichliche Toleranz fuͤr ihre Liebe vorraͤthig. Denn er hatte nicht nur so viel Einsicht in die Flucht un¬ frer Freuden, daß er kaum uͤber die tollsten zankte: sondern er konnte auch dem Handwerksgruß und der Methodologie zweier Liebenden mit Vergnuͤgen bei¬ wohnen. »Es ist sehr toll, sagt' er in Goͤttingen — »jeder gute Mensch thut seine Arme sympathetisch »auf, wenn er Freunde, oder Geschwister oder El¬ »tern in den ihrigen sieht; wenn aber ein Paar ver¬ »verliebte Schelme vor uns am Seile der Liebe her¬ »umtanzen, und waͤrs auf dem Theater so will kein »Henker Antheil nehmen — sie muͤßten denn in ei¬ »nem Romane tanzen. Warum aber? — sicher »nicht aus Eigennutz, sonst bliebe das hoͤlzerne Herz »im Menschenklotz auch bei fremder Freundschaft, »bei kindlicher Liebe fest genagelt — sondern weil »die verliebte Liebe eigennuͤtzig ist, sind wirs auch »und weil sie im Roman es nicht ist, sind wirs »auch nicht. Ich meines Orts denke weiter und »mache mir von jedem verliebten Gespann, das mir »begegnet, weiß, es waͤre gedruckt und eingebunden »und ich haͤtte es vom Buͤcherverleiher fuͤr schlech¬ »tes Lesegeld. Es gehoͤrt zur hoͤhern Uneigennuͤtzig¬ »keit, sogar mit dem Eigennutz zu sympathisiren. — »Und vollends mit euch armen Weibern! Wuͤstet »ihr oder ich denn in euren vernaͤhten, verkochten, »verwaschnen Leben, daß ihr eine Seele haͤttet, »wenn ihr euch nicht damit verliebtet? Ach in eu¬ »ren langen Thraͤnenjahren bringt ihr euer Haupt »nie empor als am sonnenhellen kurzen Tage der »Liebe und nach ihm versinkt euer beraubtes Herz »wieder in die kuͤhle Tiefe: so liegen die Wasser¬ »pflanzen das ganze Jahr ersaͤuft im Wasser, bloß »zur Zeit ihrer Bluͤte und Liebe sitzen ihre heraufge¬ »stiegenen Blaͤtter auf dem Wasser und sonnen sich »herrlich und — fallen dann wieder hinunter.« Flamin bewies, daß gerade Leute vom groͤßten Muth den kleinsten gegen Schoͤnheit zeigen — er that ihr nicht Einen Schritt entgegen. Viktors ehr¬ erbietige Entfernung von ihr waͤre durch die, in der sein Freund sich von ihr hielt, auch groͤßer gewor¬ den, haͤtt' er ihr nicht etwas zu geben gehabt — nicht sein Herz, sondern Emanuels Zettel. Er konnte ihn nicht stehlen, da er ihr neulich schon die erste Zeile vorgesagt; zweitens mußt' er ihn unter vier Augen — nicht z. B. durch Agathen — zustellen, weil er ihre bis an die aͤußerste Graͤnze getriebne Diskretion kannte. Klotilde gehoͤrte unter die — dem Biographen und dem Helden beschwerlichen — Personen, die gern alles kleine verbergen, z. B. was sie essen, wohin sie morgen gehen, die auf den Freund toll werden, wenn er ausplaudert, sie hatten voriges Jahr am Thomastage leichte Kopfschmerzen. Bei Klotilde kams nicht von Furcht, sondern von der dunkeln Ahndung, daß der, der gleichguͤltige Mysterien ausschwatze, endlich wichtige sage. Er fuͤhlte trotz ihrem Stolze gegen sie einen maͤchtigen Zug zur Aufrichtigkeit. Er fuͤhlte sie allein dem Pomeranzenbaume zu und gab ihr dort — indem er ihr durch seine offenherzige Leichtigkeit die beschwer¬ liche Verbindlichkeit fuͤr ein Geheimniß ersparte — das Blatt zuruͤck. Sie erstaunte, sagte aber so¬ gleich: ihr Erstaunen gehe blos ihre eigne Nachlaͤs¬ sigkeit an — d. h. sie glaubte ihm, hatt' aber ir¬ gend einen Verdacht gegen ihre Schloßgenossen und gegen die Art, wie es in die Laube kam. Sie machte sich die Orangerie zu Nutze und draͤngte ihr beseeltes Angesicht in die Pomeranzenbluͤten. Viktor konnte unmoͤglich so dumm allein dort stehen — er, noch ein wenig betroffen uͤber das Erstaunen und am Ende uͤber einen fast zu großen Stolz, wurde auch luͤstern nach dem Pomeranzenweihrauch und hielt ihr darin sein Gesicht entgegen. Er haͤtte aber wissen sollen, daß einer, der an etwas riecht, nicht auf das etwas blicke, sondern gerade aus. Er war also kaum mit seinen Geruchsnerven in den Bluͤten: so schlug er seine Augen auf und Klotildens große standen ihm offen entgegen; sie waren gerade in der wirk¬ samsten und hoͤchsten Elevation von 45°, man mag nun Augen oder Bogenschuͤsse meinen. Er drehte seine Augaͤpfel gewaltsam auf die Blaͤtter nieder, sie trat noch kluͤger von der betaͤubenden Orangerie zuruͤck. Gleichwohl war sie nicht verlegen; er hielt es fuͤr Unrecht gegen Flamin, ihre Gesinnungen gegen ihn selber zu beobachten; aber so viel merkte er doch, daß das Observatorium, auf dem man die Phasen ihres Herzens beobachten wollte, hoͤher seyn muͤsse als gegen andre Weiber noͤthig ist. Die Ge¬ wohnheit bewundert zu werden, hatte sie gegen die Vorspieglung des Eindrucks ihrer Reize, mit der sich die Maͤnner so oft die Aufmerksamkeit der weibli¬ chen Eitelkeit erwerben, fest gemacht. Sie war wie gesagt nicht verlegen: sondern erzaͤhlte ihrem Zuhoͤ¬ rer noch etwas von Emanuels Karakter, was sie neulich vor so unheilige Ohren aus Achtung fuͤr ih¬ ren Lehrer nicht bringen wollte — daß er naͤmlich gewiß glaube, er werde zu Johannis uͤbers Jahr zu Mitternacht sterben. Viktor konnte leicht errathen, daß sie es selber glaube; aber das errieth er nicht, daß diese Stolze aus bloßer Weichheit des Herzens ihren Termin, zu Johanni aus Maienthal zu ziehen, beschleuniget habe, um nicht dem geliebten Menschen an dem Namenstage des kuͤnftigen Sterbetages zu begegnen. Nach ihrer Erzaͤhlung hatte dieser Ema¬ nuel eine fuͤrchterlich erhabne Stellung unter den Menschen: er war allein, an seiner Brust waren große Freunde gewesen — aber alles war ihm unter die Erde gegangen — darum wollt' er auch sich darunter verhuͤllen. Die Jahre geben den stuͤrmi¬ schen uͤberkraͤftigen Menschen eine schoͤnere Harmo¬ nie des Herzens, aber den verfeinerten kalten Men¬ schen nehmen sie mehr als sie geben: jene Genies gleichen den englischen Gaͤrten, die das Alter immer gruͤner, voller, belaubter macht; hingegen der Welt¬ mann wird wie ein franzoͤsischer durch die Jahre mit ausgedorrten und entstellten Aesten uͤberdeckt. Viktor wurde aͤngstlicher; jedes Wort, das er ihr abgewann, hielt er fuͤr Tempelraub an seinem Freund, da ohnehin der letztere nicht so gut als er die Kunst verstand, mit einer Frau in ein Gespraͤch zu kommen. Er hatte nicht den Muth zu glaͤnzen, weil er dadurch um ihren Beifall mit seinem Freun¬ de zu wetteifern besorgte. Sein Flamin kam ihm heute laͤnger, schoͤner, besser vor; und er sich kuͤrzer und duͤnner. Er wuͤnschte tausendmal, sein Vater waͤre schon da, damit er ihm Flamins Bitte, ihm Klotildens Besitz leichter zu machen, mit dem groͤ߬ ten Feuer uͤbergeben koͤnnte. Endlich kam er, und Viktor athmete wieder voll. Der gute Mensch sucht oft durch aufopfernde Tha¬ ten sein Gewissen wieder mit seinen Gedanken auszusoͤhnen. Mit herzklopfendem Enthusiasmus war¬ tete er auf die Minute der Einsamkeit. Ein Garten isolirt und verbindet Leute auf die leichteste Weise und nur darin sollte man Geheimnisse vertheilen. Endlich konnte er in einer Laube, die sich an vier Kastanienbaͤumen mit Bluͤten-Geaͤder uͤber den Men¬ schen zusammennistete, mit geruͤhrtem Zittern seinen Vater umfassen und fuͤr seinen Freund sprechen und gluͤhen mit Zunge und Herz. Des Lords Ueberra¬ schung war groͤßer als dessen Ruͤhrung. »Hier »(sagt' er) ist deine Bitte auf eine andere Art laͤngst »erfuͤllt; ich wollte dir aber das Vergnuͤgen der »Bothschaft aufheben« — und damit gab er ihm ein allerhoͤchstes Handbillet, worin der Fuͤrst den praktizirenden Advokaten Flamin zum Regierungsrath beruft. Ein allerhoͤchstes Handbillet ist das Tetragramma¬ ton und Gnadenmittel, das die uͤbernatuͤrlichen Wir¬ kungen und Staats-Wunder thut; und der durch¬ lauchtige Schreib-Daumen ist gleichsam ein zauberi¬ scher Diebsdaumen, der die verschiedenen Raͤder der Staats-Repetieruhr, das Heberad, das Zifferblatts¬ rad, oft bloß den Zeiger voraus oder zuruͤckstoͤßet, je nachdem er eine Stunde fruͤher oder spaͤter be¬ gehrt. Daher steigen Minister oft hinauf und schnei¬ den sich einen solchen Diebsdaumen fuͤr ihre Ta¬ schen ab. Sebastian wird von der Freude wie von Haba¬ kuks Engel beim Schopfe erfast und durch den Gar¬ ten gefuͤhrt und mit seiner Novelle an den ersten besten getrieben — an den Kaplan, welcher mit ei¬ nem naͤrrischen Gesicht beschwor, es waͤren nur Fin¬ ten von Viktor; aber der verhaltene Jubel sprengte ihm fast die zugebundene Ader auf. Viktor hatte keine Zeit, zu widerlegen; sondern eilte mit einer solchen Bothschaft an das rechte Herz, in das sie gehoͤrte — ans muͤtterliche. Die Mutter konnte ihren Mund zu nichts als einem seeligen Laͤcheln oͤf¬ nen, in das die Augen ihre Freudentropfen gossen. In der Natur ist keine Freude so erhaben ruͤhrend als die Freude einer Mutter uͤber das Gluͤck eines Kindes. Aber der Sohn, in dessen heutiger Seele dieser Sonnenblick des Schicksals noͤthig war, wurde in der Ueberraschuug nicht sogleich gefunden. Der Lord sprach unterdessen mit Klotilden wie mit seiner Tochter und gab ihr einen Brief von ih¬ rer Mutter und die Nachricht seiner nahen Abreise. Sein von Achtung geleitetes und von Feinheit ver schoͤnertes maͤnnliches Wohlwollen veredelte ihre Auf merksamkeit auf seine Minen, und als sie aus dem warmen leisen Gespraͤch mit glaͤnzenden Augen ging, war ihre hohe Gestalt, die sich sonst ein wenig buͤckte, von einer Begeisterung zum erhabnen Wuchse auf¬ gerichtet, und sie stand unendlich schoͤn in dem Tem¬ pel der Natur wie eine Priesterin dieses Tempels. — Der Lord entfernte sich von ihr. — Sie fand Flamin am Tulpen-K und die Goͤttin des Gluͤcks erschien ihm in der holdesten parastatischen Gestalt, um ihm ihr Geschenk zu liefern. Freilich setzte ihn hier die Zeitung und die Zeitungstraͤgerin in gleiches Entzuͤcken. Die Freude hatte den ganzen Bienen-Garten in einem Schwarmsack zum Chaos zusammengeruͤttelt. Die schaͤumende Weingaͤhrung mußte sich erst zum hellen stillen Entzuͤcken abarbeiten. Der Lord ging der mit so vielen Ripienstimmen besetzten Dankbar¬ keit aus dem Wege und an seinen Wagen, als ihn die Mutter mit ihrer stummen Herzensfuͤlle erreich¬ te; aber sie konnte nichts aus der froh beschwerten Brust auf die Lippen heben als die demuͤthigen Wor¬ te: »heute sey sein Geburtstag und sein Sohn wiss' »es nicht und habe auch mit einer Entzuͤckung »uͤberrascht werden sollen.« Er wollte ihr mit ei¬ nem dankbaren Laͤcheln entfliehen; allein Sebastian kam mit dem gefundnen Freund an die Garten¬ schwelle und der eilende Lord verspaͤtete sich noch durch eine schnelle Umarmung seines Sohnes. Erst als er weg war: faßte die Mutter, die ihre Liebe zu entladen suchte, Viktors Hand zaͤrtlich an, und vergas die Abrede und fragte: »o Theuerster, war¬ »um haben Sie ihm denn nicht Gluͤck gewuͤnscht zu »seinem Geburtstage? denn ich konnte ja nicht.« Jetzt verstand und fuͤhlte er erst die schnelle Umar¬ mung des Vaters und breitete die Arme nach ihm aus und wollte sie erwiedern. Daruͤber traf auch der alte Pfarrer aus dem Garten ein und sagte wie naͤrrisch: ich wollt' er »waͤre Regierungsrath;« aber die Frau sagte, ohne darauf zu antworten, mit uͤberfließender Stimme und Liebe zu ihm: »So einen Geburtstag hast du noch »nicht erlebt wie heute, Peter!« Agathe sah sie fragend und zurechtweisend an. »Fahr' nur damit »heraus — sagte sie und umfing die zwei Kinder »und zog beide in die vaͤterliche Umarmung hinein » — und wuͤnscht eurem guten Vater lange Tage und »noch drei gluͤckliche Kinder.« — Der Vater konnte nichts sagen und streckte die Hand nach der Mutter entgegen, um die Gruppe des lieben¬ den Edens zu ruͤnden. Viktors sympathetisches Blut haͤufte sich in sein Herz, um es in Liebe aufzuloͤsen und er dachte das stille Gebet: reisse diese ver¬ »schlungnen Arme, du Allguͤtiger, nie durch ein Un¬ gluͤck aus einander! — Aber Flamin zog sich bald aus der Verkettung und sagte zu Viktor mit dem dankbarsten Haͤndedruck: »du weist nicht wie Unrecht »ich dir immer thue.« Der Kaplan dachte, er werde allen seine Ruͤhrung verstecken, wenn er sage: »ich wollt' ich haͤtt' euch nicht betrogen. — Ich »habe zur Ader gelassen, es ist aber dumm — haͤtt' »ichs nur gewußt! — haͤtt' ichs nur nicht! — War¬ »lich, da sehts selber!« — Und als diese Maske nicht hinreichte, seine ganze geruͤhrte Seele zu be¬ decken: rief er der armen vergessenen Apollonia, die an der Hausthuͤr den erwachten Bastian schwenkte, uͤberlaut zu, herzukommen. Aber diese Arme, deren entfernte freudige Theilnahme an der allgemeinen Annaͤherung unsern Viktor im Innersten ruͤhrte, zoͤ¬ gerte noch bis die Mutter kam und sie schadlos hielt durch alles, was den Muͤttern nie vergolten wird. Aber erst als die Pfarrerin ihr Kind in ihren Ar¬ men und an ihren Lippen hatte, fuͤhlte sie, daß die gefangnen Flammen ihrer Gefuͤhle ihre Oefnung fan¬ den und ihr Herz seine Erleichterung. — — Ach! daß der Mensch gerade zu der Zeit die schoͤnste Liebe empfaͤngt, wo er sie noch nicht ver¬ steht — ach daß er erst spaͤt im Lebensjahre, wenn er seufzend einer fremden Eltern- und Kinderliebe zusieht, hoffend so zu sich sagt: »ach meine haben mich gewiß auch so geliebt« — ach daß alsdann der Bu¬ sen, zu dem du mit dem Danke fuͤr ein halbes Le¬ ben, fuͤr tausend verkannte Sorgen, fuͤr eine unaus¬ sprechliche nie wiederkehrende Liebe eilen willst, schon zerdruͤckt liegt unter einem alten Grabe und das warme Herz verloren hat, das dich so lange ge¬ liebt! . . . In der haͤuslichen Gluͤckseligkeit sind die wind¬ stillen, zwischen vier engen Waͤnden vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zufaͤlligste Bestandtheil und nur das Adjuvans: ihre Basis sind die lodern¬ den den Naphtaquellen der Liebe, die aus den verwand¬ ten Herzen in einander springen. — Die unwillkuͤrliche Ueberraschung hatte die will¬ kuͤhrlichen vereitelt. Aber die Freudenfluth hatte alle Personen zusammengestroͤmt; und sie blieben noch in der vertraulichen Naͤhe, als jene wieder verlaufen war. Man setzte sich zum Souper im Gartenhaus: selten sind Kollationen so wie diese durch zwei aus¬ serordentliche Vorzuͤge gewuͤrzt, durch Mangel an Essen und Mangel an Platz. Nichts reizt den Ap¬ petit so sehr als die Besorgniß, er finde nicht satt. Es war von Sebastian ausgesonnen, daß fuͤr jeden Gast nur das Leibgericht besorgt wurde — fuͤr den Pfarrer farcirte Krebse und Erdaͤpfelkaͤse — fuͤr Flamin Schinken — fuͤr den Helden das Gemuͤse vom guten Heinrich ( Menopodium ) — Jeder wollte jetzt das Leibgericht des andern und jeder subhastirte seines. Sogar die Damen, die sonst wie die Fische essen und nicht essen, bissen an. Das zweite berau¬ schende Ingrediens, das sie in ihren Freudenbecher geworfen hatten, war der Tisch und die Gartenstu¬ be, wovon jener die Kost, diese die Kostgaͤnger nicht faste. Sebastian hatte sich samt Agathen an ein Fi¬ lialtischgen, daß man aussen ans Fenster des Speise¬ saales gestoßen, begeben, blos um draussen mehr hineinzulaͤrmen und zu klagen als zu essen. Dieser Muthwille war im Grunde die verdeckte Bescheiden¬ Hesperus. I . Th. K heit, welche befuͤrchtete, drinnen auf Kosten der an¬ dern Gaͤste, des Lords wegen, fetirt zu werden. Sein eignes Alleinseyn — vielleicht in einem schmerz¬ lichen Sinn — mahlte ihm die bloͤde Appel vor, die als Heerd-Vestalin erst von zuruͤckgehenden Speisen den Ruͤckzoll aß, blos um zu versuchen, wie es an¬ dern geschmeckt. Er konnte den Gedanken dieser Abtrennung nicht laͤnger erdulden, sondern nahm Wein und das Beste vom Desert und trug es ihr in ihr Kuͤchen-Winterquartier hinein. Da er dabei auf seinem Gesicht statt seiner Munterkeit gegen Maͤdgen, von der sie eine zu demuͤthige Auslegung haͤtte machen koͤnnen, den groͤßten hoͤflichen Ernst aus¬ gespannt hatte: so war er so gluͤcklich, einer von der Natur selber zusammengedruͤckten Seele — die hier in keinem andern Blumentopf ihre Wurzeln herum¬ treibt als in einem Kochtopf und deren Konzertsaal in der Kuͤche und deren Sphaͤrenmusik im Braten¬ wender ist — einen goldnen Abend gegeben zu ha¬ ben und ein geluͤftetes Herz und eine frohe lange Erinnerung. Kein Boshafter werfe einer solchen guten Schneckenseele seine Faust in den Weg und lache dazu, wie sie sich hinuͤberquaͤlt — und der Aufgerichtete buͤcke sich gern und hebe sie sanft uͤber ihre Steingen weg. . . . Klotilden anlangend, so gings vor dem Essen recht gut; aber nachher recht schlecht. Ich rede von Sebastian, der nach der beim Lord eingelegten Sup¬ plik froher und leichter war und mit Klotilden wahr¬ haftig so freimuͤthig sprach als waͤre sie eine — Braut. Denn er hatt' es schon im Hannoͤverischen gesagt: »es gebe kein langweiligeres und heiligeres »Ding als eine Braut; besonders eines Freundes »seine; lieber woll' er an die muͤrben Pandekten »in Florenz oder an einen Wiener H. Leib »im Glas-Etui streifen und anpicken als an »sie.« — Ueberhaupt wars schwer, sich in Klo¬ tilde zu verlieben: ich weis, der Leser haͤtt' es nicht gethan, sondern sich kalt wieder fortgemacht. »Ihre griechische Nase, unter der fast maͤnnlich brei¬ »ten Stirne, haͤtt' er gesagt, — diese Simultan¬ »Nase aller Madonnen und dieses seltne Graͤnzwild¬ »pret auf deutschen Gesichtern — ihre flillen aber »hellen Augen, die außer sich nichts suchen, dieser brit¬ »tische Ernst, diese harmonische denkende Seele erhe¬ »ben sie uͤber die Rechte der Liebe — Wenn diese ma¬ »jestaͤtische Gestalt auch lieben wollte: wer haͤtte den »Muth, ihr seine darauf zu bieten und wer waͤre so »eigennuͤtzig, um das Geschenk eines ganzen Him¬ »mels einzustecken, oder so stolz, um sein Herz als »Dampfkugel in ihres zu schießen und damit diese »stille sinnende Heiterkeit zu benebeln?« — Der Le¬ ser lieset sich selber gern. — K 2 Aber nach dem Essen gings anders. Unter Vik¬ tors Gehirnhaͤuten hatte irgend ein Poltergeist im innern Schriftkasten alle Lettern seiner Ideen so un¬ tereinander geworfen, daß er bisher lustig, aber un¬ zufrieden war — er hatte versucht, Agathens Haare auf- und abzulocken, ihre Doppelschleifen in unglei¬ che und eben darum wieder in gleiche Haͤlften zu zerren — aͤber es hatt' ihm nicht wie sonst gefallen — die heutigen Zwischenspiele der haͤuslichen Liebe hatten seine ganze scherzende Seele aus den Fu¬ gen gezogen und es war ihm als wenn er entfernt von der heutigen Freude, wenigstens auf einige Mi¬ nuten, froher seyn wuͤrde in irgend einer stillen Ecke und besonders sehnt' er sich die Sonne untergehen zu sehen. — — Dazu kam noch mehr: der Anblick von Klotil¬ dens waͤrmerer Liebe gegen Agathe — der Anblick seines Freundes, der durch seine schweigende Zaͤrt¬ lichkeit, durch seine mildere Stimme, durch eine an heftigen Menschen so unwiderstehliche Ergebenheit jedem Herzen befahl: liebe mich — und endlich der Anblick der Nacht. . . Er war schon laͤugst traurig als er noch lustig schien. Jetzt brachte die Mutter den kleinen Held des heutigen Vormittags in den lauen Abendhimmel heraus. Sie standen alle außerhalb der Garten- Stiftshuͤtte, im ersten Tempel des andaͤchtigen Men¬ schen. In die Wolken floß das Abend-Blut der versinkenden Sonne wie ins Meer das Blut seiner in der Tiefe sterbenden Riesen. Das lockere Gewoͤlk langte nicht zu, den Himmel zu decken; es schwamm um den Mond herum und ließ sein bleiches Silber aus den Schlacken blicken. Das rothe Gewoͤlk schminkte den Saͤugling. Je¬ der fassete leise seine weichen Haͤnde, die schon aus der Kissen-Knospe und Wickelbaͤnder-Verpuppung brachen. Klotilde — anstatt an den Kleinen koͤrper¬ perliche kokette Liebkosungen zu verschwenden, wie manche Maͤdgen vor oder fuͤr Mannspersonen thun — goß einen-fortstroͤmenden Blick voll herzlicher Liebe auf den neuen Menschen nieder, band seine schneidenden Hemd-Aermel auf, verbauete ihm den angeschielten Mond und sagte spielend: »laͤchle her »und liebe mich, Sebastian !« Sie konnte unmoͤg¬ lich metaphorische Rikoschet -Schuͤsse in diese Zeile laden; auch wußte der große uneingewickelte Seba¬ stian recht gut, daß sie keinen Doppelsinn vorausge¬ sehen; ja er kannte die Regel, daß man aus der Aengstlichkeit, womit einige gewisse Gedanken aus ihrem Sprechen bannen, die Gegenwart derselben in ihrem Kopfe errathe. — Gleichwohl hatt' er doch nicht den Muth, zu laͤcheln wie die andern oder das von ihr beruͤhrte Haͤndgen in seines zu nehmen. Sie kehrte sich zu ihm und sagte: »aber wie lernt »das Kind unsere Sprache , wenn es nicht » schon eine kann?« . . Ich hab' es blos aus Liebe zu den Weltwei¬ sen mit Schwabacher geschrieben. »Also muß, antwortete er, die Pantomimische »Sprache gerade so viel bezeichnen wie die Ohren¬ »sprache. — So oft ich einen Taubstummen zum »Abendmal gehen sehe, denk' ich daran, daß aller »Unterricht nichts in den Menschen bringe, sondern »nur das Dagewesene bezeichne und ordne — Die »Kindesseele ist ihr Zeichenmeister, der Sprach¬ »lehrer der Kolorist derselben.« — »Wie, fuhr sie »fort, wenn dieser schoͤne Abend einmal wieder vor »die Erinnerung dieses Kleinen kaͤme? Warum sieht «das sechste Jahr schoͤner in der Erinnerung aus als »das zwoͤlfte, und das dritte noch schoͤner? — Eine schoͤne Frau unterbricht man nicht so leicht wie einen Exdekan: sie durfte also darauf kommen: »Herr Emanuel sagte einmal, man sollte den Kin¬ »dern in jedem Jahre ihre vergangnen erzaͤhlen, da¬ »mit sie einmal durch alle Jahre durchblicken koͤnn¬ »ten bis ins zweite neblichte hinein.« Mir ist als hoͤrt' ich die Hofdame leibhaftig sprechen, unter be¬ ren duͤnnen Blonden mehr Philosophie blieb als un¬ ter manchem Doktor Filzhut, wie Quecksilber im Flor beklebt und durch Leder rinnt. — Viktor ant¬ wortete mit der gewoͤhnlichen Theilnahme seines gu¬ ten Herzens: »Emanuel steht nahe am Menschen und »kennt ihn — ach den umgaukelten Menschen fuͤh¬ »ren zwei Prospektmalerinnen durch das ganze »Theater, die Erinerung und die Hofnung — »in der Gegenwart ist er aͤngstlich, das Vergnuͤgen »wird ihm nur in tausend lilliputische Augenblicke »eingeschenkt wie dem Gulliver, wie soll das berau¬ »schen oder saͤttigen! — Wenn wir uns einen ver¬ »gnuͤgten Tag vorstellen: so draͤngen wir ihn in ei¬ »nen einzigen freudigen Gedanken; kommen wir »hinan: so wird dieser Gedanke unter den ganzen »Tag veduͤnnt.« — »Daran denk ich, versetzte sie, so oft ich durch »Wiesen gehe: in der Ferne stehen Blumen an »Blumen — aber in der Naͤhe sind sie alle durch »Gras auseinander geruͤckt. — Aber am Ende wird »doch auch die Erinnerung blos in der Gegen¬ » wart genossen.« . . . Viktor dachte blos uͤber die Blumen nach und sagte vertieft »und zu Nachts »sehen die Blumen selber wie Gras aus« — als es ploͤtzlich zu tropfen anfing. Sie traten alle feierlich in das Gartenhaus, auf dessen Dache der Regen aufschlug, indeß in die ofnen Fenster der auf- und zugedeckte Mond wie ein Gletscher seine Schneeblitze hineinwarf — der laue Bluͤten-Athem der ganzen leuchtenden Land¬ schaft hauchte jeden menschlichen Seufzer, jeden schweren Busen heilend an. — In dieser engen Naͤhe, durch die mit dem Monde alternirende Nacht abgeschieden von der Natur mußte man zur Nach¬ barschaft, zum alten Klaviere fluͤchten. Klotildens Stimme konnte das Floͤtenakkompagnement des aͤus¬ sern Regen-Gelispels seyn. Die Pfarrerin bat sie darum und zwar um ihre Lieblingsarie aus Benda's Romeo: »vielleicht verlohrne Ruh' vielleicht find' »ich dich im Grabe wieder« ꝛc. ein Lied, dessen Toͤ¬ ne wie feine aufloͤsende Duͤfte in das Herz durch tausend Poren dringen, und darin beben und immer staͤrker beben bis sie es endlich zerzittern und nichts von ihm in der harmonischen Vernichtung uͤbrig lassen als Thraͤnen. Klotilde willigte ohne zoͤgernde Eitelkeit in das Singen ein. Aber fuͤr Sebastian, in dem alle Toͤne an nackte zitternde Fuͤhlfaͤden schlugen und der sich schon mit den Gesaͤngen der Hirten auf dem Felde traurig machen konnte, war dieses an einem solchen Abend fuͤr sein Herz zu viel: waͤhrend der musikali¬ schen Aufmerksamkeit der andern mußt' er zur Thuͤr hinausgehen. . . . Aber hier unter dem großen Nachthimmel koͤn¬ nen unter hoͤhere Tropfen ungesehen feine fallen — Welche Nacht! — Hier schlaͤgt ein Glanz uͤber ihn zusammen, der Nacht und Himmel und Erde an ein¬ ander reiht, die magische Natur draͤngt sich mit Stroͤmen ein ins Herz und macht es gewaltsam groͤ¬ ßer — Oben fuͤllet Luna die wehenden Wolken- Flocken mit fluͤssigem Silber an und die getraͤnkte Silberwelle zittert herab und Glanzperlen rinnen uͤber glattes Laub und stocken in Bluͤten und das himmlische Gefilde perlt und glimmt — — Durch dieses Eden, woruͤber ein doppeltes Schneegestoͤber von Funken und von Tropfen zwischen einem Staub¬ regen von Bluͤtenduͤften spielte und wirbelte und in welchem Klotildens Toͤne wie verirrte Engel sinkend und steigend umherflogen, durch dieses Zauber-Ge¬ wimmel wankte Viktor geblendet — uͤberstroͤmt — zitternd und weinend hin und sank muͤde in die Laube nieder, wo er heute am Herzen seines Vaters gewesen war. Er hob das angelehnte Haupt in den Regen auf und aus den weiten ofnen Augen fielen fremde Tropfen nicht allein. Er gluͤhte durch sein ganzes Ich und Nachtwolken sollten es kuͤhlen. Seine Fingerspitzen hingen leise in einander gefalltet nieder. Klotildens Toͤne tropften bald wie geschmol¬ zene Silberpunkte auf seinen Busen, bald flossen sie wie verirrte Echo's aus fernen Hainen in diesen stil¬ len Garten herein. Er nannte nichts — er dachte nichts — er sprach sich nicht los, er klagte sich nicht an — er sah es wie im Traum, wenn bald eine dicke Nacht uͤber den Garten rannte, bald ein Licht¬ meer ihr nachschoß. — — Aber ihm war als wollte seine Brust aufspringen, als waͤr' er seelig, wenn er jetzt geliebte Menschen umschlingen und an ihnen im seeligen Wahnsinn sei¬ nen Busen und sein Herz zerquetschen koͤnnte — Ihm war als waͤr' er uͤberseelig, wenn er jetzt vor irgend einem Wesen, vor einem bloßen Gedanken¬ schatten hingießen koͤnnte all' sein Blut, sein Leben, sein Wesen. — Ihm war als muͤßt' er in Klotildens Toͤne schreien und die Arme um Felsen druͤcken, um nur das peinliche Sehnen zu betaͤuben. — — Er hoͤrte die Blaͤtter tropfen und hielt es noch fuͤr Regen. Aber die Himmels-Katarakten hatten sich versprungen und blos Lunens Lichtfall uͤber¬ sprengte noch die Gegend. Der Himmel war tief blau. Agathe hatt' ihn unter dem Regen gesucht und jetzt erst gefunden. Er wachte auf, ging folg¬ sam und schweigend mit ihr hinaus und begegnete lauter ausgeheiterten Himmels-Gesichtern — da zukten alle seine Nerven und er mußte sich mit ei¬ ner stummen Verbeugung schmerzhaft-freundlich ent¬ fernen. Jeder hatte andere Gedanken daruͤber. Aber die Pfarrerin sagte der Gesellschaft, er hoͤre die Musik gern von Fernen, nur mache sie ihn alle¬ mal zu melancholisch. Ach in seinem Zimmer umfing ein gluͤcklicher troͤstender Gedanke seine Seele. Klotildens Grabes¬ lied und alles befestigte die Gestalt des erhabnen Emanuels vor sein Auge — diese schien zu sagen: »in einem Jahre bin ich schon unter der Erde, »komme uur zn mir, Armer, ich will dich so lange »lieben bis ich sterbe!« Ohne ein Licht zu begehren, schrieb er mit stroͤmenden Augen, denen ohnehin kei¬ nes geholfen haͤtte, dieses Blatt an Emanuel: Emanuel ! Sage nicht zu mir: ich kenne dich nicht! — Warum kann der Mensch auf dem schmalen Son¬ nenstaͤubgen Erde, auf dem er warm wird, und waͤhrend den schnellen Augenblicken, die er am Pulse abzaͤhlt zwischen dem Blitze des Lebens und dem Schlage des Todes, noch einen Unterschied machen unter Bekannten und Unbekannten? Warum fallen die kleinen Wesen, die einerlei Wunden haben und von denen die Zeit das naͤmliche Maas zum Sarge nimmt, nicht einander ohne Zoͤgern mit dem Seuf¬ zer in die Arme: »ach wohl sind wir einander aͤhn¬ lich und bekannt?« — Warum muͤssen erst die Fleischstatuen, worein unsre Geister eingekettet sind, zusammenruͤcken und einander betasten, damit die darin vermummten Wesen sich einander denken und sich lieben? — Und doch ists so menschlich und wahr: was nimmt uns denn der Tod anders als Fleischstatuen — als das geliebte Angesicht unsern Augen — als die theuere Stimme unsern Ohren und die warme Brust der unsrigen? . . . Ach Emanuel! sey fuͤr mich kein Todter! Nimm mich an! Gieb mir dein Herz! Ich will es lieben! — Ich bin nicht sehr gluͤcklich, mein Emanuel! da mein großer Lehrer Dahore — dieser glaͤnzende Schwan des Himmels, der vom zerknickten Fluͤgelgelenk ans Leben befestigt, sehnend zu andern Schwaͤnen aufsah, wenn sie nach den waͤrmern Zonen des zweiten Lebens zogen — aufhoͤrte an mich zu schreiben: so that ers mit den Worten: »suche mein Ebenbild: deine Brust wird »so lange bluten, bis du mit einer andern die Nar¬ »ben bedeckst und die Erde wird dich immer staͤrker »schuͤtteln, wenn du allein stehest — und nur um »den Einsamen schleichen Gespenster.« — — Ema¬ nuel, bist du nicht ruhig und sanft und nachsichtig? — Sehnet sich deine Seele nicht, alle Menschen zu lieben, und ist ihr nicht ein einziges Herz zu enge, in das sie mit ihrer Liebe wie eine Biene in eine ein¬ geschlafene Tulpe geschlossen ist? — Hast du nicht satt das Repetierwerk unseres Freuden- und Trauer¬ gelaͤutes, die Familienaͤhnlichkeit aller Abende und Aeren? — Schauest du nicht von dieser dahin ge¬ rissenen Erde hinaus auf deinen langen Weg uͤber dir, damit dich nicht ekle und nicht schwindle, wie man eben deswegen aus dem Wagen auf die Stra¬ ße sieht? — Glaubst du nicht an Menschen, um die die Bergluft einer hoͤhern Stellung geht, die oben auf ihrem Berge mitten in einem stillen Him¬ mel stehen und herunterschauen in die Donner und Regenbogen an der Erde? — Glaubst du nicht an Gott und suchst seine Gedanken auf in den Linea¬ menten der Natur und seine ewige Liebe in deinem Herzen? — — — Wenn du das alles bist und thust: so bist du mein; denn du bist besser als ich und meine Seele will sich heben an einen hoͤhern Freund. Baum des hoͤhern Lebens, ich umfasse dich, ich umstricke dich mit tausend Kraͤften und Zweigen, damit ich aufsteige aus dem zertretenen Koth um mich — Ach von einem großen Menschen koͤnnte ich geheilt, gestillet, erquickt, erhoben werden — ich Armer, nur an Wuͤnschen reich — zerruͤttet vom Kriege zwischen meinen Traͤumen und meinen Sin¬ nen — wund hin und her geschlagen zwischen Syste¬ men, Thraͤnen und Narrheiten — anekelnd die Erde, die ich mir nicht ersetzen kann, lachend uͤber die wei¬ nerliche Komoͤdie blos aus Jammer, und der wider¬ sprechendste, betruͤbteste und lustigste Schatten unter den Schatten in der weiten Nacht. . . . Ach schoͤne, gute Seele, liebe mich!« Horion . Den Kopf auf die Hand gestuͤtzt, ließ er so lange seine Thraͤnen, ohne zu denken und ohne zu sehen, rinnen bis die Natur ein Ende machte. Dann trat er aus Klavier und sang unter dessen Akkompagne¬ ment die heftigsten Stellen seines Briefes ab: was ihn stark bewegte, trieb ihn allezeit zum Singen an, besonders der Affekt der Sehnsucht. Was kann es uns verschlagen, daß es Prose war? Bei der letzten Zeile seines epistolarischen Ge¬ sangs ging langsam die Thuͤre auf: »du bists?« sagte eine Stimme. »Ach komm herein, Flamin!« antwortete er. »Ich wollte nur sehen, ob du zu¬ »ruͤckwaͤrest« sagte Flamin und ging. — — Ich denke, es ist noͤthig, daß ich wenigstens folgendes dazwischen werfe: — daß naͤmlich Viktor zu viel Phantasie, Laune und Besonnenheit besaß, um nicht, wenn diese drei Saiten zugleich erschuͤt¬ tert wurden, lauter Dissonanzen anzugeben, die bei mehr harmonischen Intervallen dieser Kraͤfte Gerade der Besitz ungleichartiger Kraͤfte in glei¬ chem Grade macht inkonsequent und widersprechend; Menschen mit Einer dominirenden Kraft handeln gleicher nur nach ihr. In Republiken ist mehr Mißhelligkeit als in Despotien; am Aequator ist ein gleicherer Barometerstand als in gemaͤssigten Zonen. weg¬ geblieben waͤren — daß er daher mehr Neigung zu Schwaͤrmereien und zu Schwaͤrmern hatte als Ansatz dazu — daß seine negativ elektrische Philo¬ sophie mit seinem positiv elektrischen Enthusiasmus immer um das Gleichgewicht zu kaͤmpfen hatte und daß aus dem Aufbrausen beider Spiritus nichts wurde als Humor — daß er alle Freuden-Nelken auf dem naͤmlichen Beete haben wollte, obgleich eine die Farbe der andern verfaͤlschte (z. B. Feinheit und Enthusiasmus, Erhebung uͤber die Welt und Ton der Welt) — daß daraus außer der Laune und hoͤch¬ sten Toleranz , auch ein unbewegliches schweres Gefuͤhl der Nichtigkeit unserer voruͤberstreichenden und mit solcher Kontrarietaͤt der Farben ent¬ worfnen innern Zustaͤnde werden mußte — und daß er, den der Schlimme fuͤr doppelseitig und der Gut¬ wuͤthige fuͤr veraͤnderlich haͤlt, nichts zum Schmuͤk¬ ken und Ruͤnden seines in so viel Holz versteckten neuen Adams oder Palladiums beduͤrfe als die Sense der Zeit — Zeit also. 8. Hundsposttag. Gewissens-Examinatorium und Dehortatorium — Die trans¬ zendenten Flitterwochen eines Gelehrten — Das Natura¬ lienkabinet — Antwort von Emanuel — emballirtes Kinn — Ankunft des Fuͤrsten — erster Schalttag. I ch wollte, die Historie waͤre aus, damit ich sie koͤnnte drucken lassen: denn ich habe schon zu viele Praͤnumeranten darauf unter dem gemeinen Volk. Ein Schriftsteller nimmt in unsern Tagen Voraus¬ bezahlung auf sein Buch vom schlechtesten Kerl an — der Schneider thut seinen Vorschuß in Kleidern, der Friseur in Puder, der Hauswirth in Studier¬ stuben. — Jeden Morgen hunzte sich Viktor unter der Bet¬ decke aus wegen des Adends: das Bette ist ein gu¬ ter Beichtstuhl und die Audienza des Gewissens. Er wuͤnschte, die gestrige Garten-Unitaͤt hielt ihn fuͤr einen wahren Narren anstatt fuͤr einen — Lieb¬ haber. »Ach wenn gar Flamin selber sich mit Mi߬ »trauen kraͤnkte und wenn unsre Herzen, die so lange »geschieden waren, schon jetzt wieder es wuͤrden!« Hier wurde die Bettlade aus einem Beichtstuhl ein feuriger Ofen. Aber ein Engel legte sich zu ihm hin¬ hinein und ließ die Lohe weg: »was hab' ich denn »aber gethan? Hab' ich nicht fuͤr ihn mit tausend »Freuden gesprochen, gehandelt, geschwiegen? Kein »Blick, kein Wort ist mir vorzuwerfen — was denn »noch sonst?« Der Engel des Lichts oder Feuers mußte jetzt entsetzlich gegen die vorwedelnde Flamme blasen. »Sonst noch? — Gedanken vielleicht, die aber wie »Feldmaͤuse der Seele unter die Fuͤße springen und »sich wie Ottern anlegen. — Aber duͤrfen mir denn »die Kantianer ansinnen, daß ich das kleine Bild »der schoͤnsten und besten Gestalt, die ich in dreier »Herren Landen bisher vergeblich citirte, einen sol¬ »chen Raphaels-Kopf, eine solche Paradieses-Antike »zum Fenster hinauswerfe aus der Villa mei¬ »nes Kopfes wie Aepfelschalen und Pflaumenker¬ »ne? Mich wuͤrd' es von den Kantianern wun¬ »dern. — Und wenns drinnen stehen bleiben soll, »soll ich denn ein Vieh seyn, ihr Katecheten, und »es kalt anglotzen? — Ich mag nicht! Ja Ich will »mir selber trauen und von dem schoͤnsten Herzen »sogar die Freundschaft fodern und ihm doch die »Liebe lassen!« — Lieber Leser, unter diesem gan¬ zen summarischen Prozeß vor der Gesetzkommission des Gewissens hab' ich uͤber dreißigmal zu mir ge¬ sagt: »ihr beide, du und der Leser, seid um kein »Haar ehrlicher gegen das Gewissen!« Hesperus. I . Th. L Er zog sich langsam am Bettzopf aus dem Bette, das er sonst mit einem Sprunge verließ: es stockte ein Ideenrad in ihm. Er las seinen gestrigen Brief und fand ihn zu stuͤrmisch: »Das »ist eben, sagte er, unsre Nichtigkeit, daß alles was »der Mensch fuͤr ewig haͤlt, in Einer Nacht er¬ »friert: uͤber unser Gesicht laufen die heftigsten »Zuͤge nicht schneller und spurloser als uͤber unser »Herz — Warum bin ich denn jetzt nicht was ich »gestern war und vielleicht morgen seyn werde — »Was gewinnt der Mensch durch dieses Auf- und »Unterkochen? Und auf was kann er in sich denn »bauen?« Unterdessen hatte sich das Feuerrad der Erden¬ zeit, die Sonne, gießend heraufgedreht und brannte am Ufer der Erde — Er riß das Fenster auf und wollte die unbedeckte Brust im frischen Morgenwinde baden und das heiße Auge im rothen Meer Auro¬ rens; aber etwas in ihm draͤngte sich wie ein Nach¬ geschmack zwischen den Genuß des Morgenlandes. Ein guter Mensch ist unter den Gewissensbissen kuͤnf¬ tiger Handlungen durchaus zum Genusse verdorben. Es stieg in ihm eine uͤbermannende Ruͤhrung langsam auf — die gestrige Nacht trug wieder ihren leuchtenden Regen, sein brausendes Herz und Ema¬ nuels Schatten voruͤber — er lief immer staͤrker und zwar diagonal im Zimmer — strickte den Schlaf¬ rock knapper an — schuͤttelte etwas aus dem Auge — that einen bleirechten Sprung — schnellte ein »Nein!« hervor und sagte mit einem unaussprech¬ lich heitern Laͤcheln: »Nein! ich will meinen Flamin »nicht betruͤgen! Ich will sie weder suchen noch »meiden und ihre Freundschaft nicht eher begehren »als zur Zeit seines hoͤchsten Gluͤcks. Wie dich »da Die Buͤste des Vatikanischen Appollo, an der er keine an¬ dre Gestalt bilden lernen wollte als seine eigne. so will ich die himmlische Glanzbuͤste anblik¬ »ken und nicht begehren, daß sie Waͤrme aunehme »und das kalte Gypsauge auf mich wende. Aber »du, mein Freund, sey gluͤcklich und ganz seelig und »merke nicht einmal meinen Kampf!« Jetzt empfand er den Kirchenschmuck des Mor¬ gens und die Morgenluft floß wie ein kuͤhles Hals¬ gehenk auf seinem heißen Busen umher und legte spielend Haar und Busenstreif zuruͤck. Er fuͤhlte, jetzt sey er werth, an Emanuel geschrieben, und an den Himmel geschauet zu haben. . . . Flamin trat ein mit einiger Kaͤlte, die vom er¬ blickten Brief noch ein wenig stieg. Viktor war nicht kalt zu machen; blos als man unten ihn mit keinem Wort an seine gestrigen Dithyramben erin¬ nerte: that er aus Besorgniß errathen zu seyn, einen zornigen versteckten Schwur, wenn sie kaͤme, nicht L 2 zu kommen — welches auch zu machen war, denn sie kam nicht. Sie hatte in Maienthal noch Ge¬ paͤck abzuholen, Freundschaften zu begießen und noch einmal in den Zauberkreis ihres erhabnen Mentors zu treten; und war also dahin abgegangen. Die naͤchsten Wochen tanzten jetzt wie eben so viel Horen in Anglaisen und Cotillons vor ihm vor¬ bei. Seine Vormittage hingen voll Fruͤchte, seine Nachmittage voll Blumen: denn am Morgen wohnte seine Seele mit ihren Anstrengungen in seinem Ko¬ pfe, gegen Abend in seinem Herzen. Abends liebt man Karten — Gedichte — Aufrichtigkeit — Wei¬ ber — Musik recht sehr, Morgens recht wenig: in der Geisterstunde ist diese Liebe am allerstaͤrksten. Zwei Sorgen ausgenommen — die erste war, wenn sein Emanuel ihm schreiben wuͤrde, damit er ihn vielleicht noch besuchen koͤnnte, eh' er an die Deichsel des Hofs- und Staatswagens geschirret waͤre; die zweite war, letzteres zu bald zu werden — hatt' er jetzt fast nichts zu thun als gluͤcklich zu seyn oder gluͤcklich zu machen; denn in diese Wochen fielen gerade seine stillen oder Sabbathswochen ein. ... Ich weis nicht, ob sie der Leser schon kennt: sie stehen nicht im verbesserten Kalender; aber sie fal¬ len regelmaͤßig (bei einigen Menschen) entweder gleich nach der Fruͤhlings- Tag- und Nachtgleiche oder in den Nachsommer. Bei Viktor war das erstere, gerade mitten im Fruͤhling. Ich brauch' es nicht auszumitteln ob der Koͤrper, das Wetter oder wer diesen Gottesfrie¬ den in unserer Brust einlaͤute: sondern schreiben soll ichs, wie sie aussehen, die Sabbathswochen. So: in einer stillen oder Sabbathswoche (manche, z. B. ich, werden gar nur mit Sabbathstagen oder Stunden abgefertigt) schlummert man erstlich leicht wie auf gewiegten Wolken — man erwacht wie ein heiterer Tag — man hatte sich Abends vorher ge¬ wiß vorgenommen und es deswegen in Ehiffern an die Thuͤre geschrieben, sich zu bessern und das Jaͤte¬ messer alle Tage wenigstens an ein Unkraut-Beet anzusetzen — beim Erwachen will mans noch und setzet es wirklich durch — Die Galle, dieser auf¬ brausende Spiritus, der sonst, wenn er statt in den Zwoͤlffingerdarm in das Herz oder Herzblut gegossen wird, mit Wolken aufsiedet und zischt, wird in we¬ nig Sekunden eingesogen oder niedergeschlagen und der erhoͤhte Geist fuͤhlt ruhig das koͤrperliche Aufwallen ohne seines — In dieser Windstille un¬ serer Lungenfluͤgel spricht man nur sanfte, leise Wor¬ te, man fasset liebend die Hand eines jeden, mit dem man spricht und man denkt mit zerfließendem Herzen: ach ich goͤnnte euchs allen wohl, wenn ihr ihr noch gluͤcklicher waͤret als ich — Am reinen ge¬ sunden stillen Herzen schließen sich wie an den ho¬ merischen Goͤttern leichte Wunden sogleich zu — »Nein« (sagst du immerfort in der Sabbathswoche) »ich muß mich noch einige Tage so ruhig erhalten.« — Du verlangst zum Stoff der Freude fast nichts als Existenz, ja der Sonnenstich einer Entzuͤckung wurde diesen kuͤhlen magischen transparenten Mor¬ gen-Nebel in ein Gewitter verdichten — Du siehst immerfort hinauf ins Blaue als moͤchtest du denken und weinen, und herum auf der Erde als wolltest du sagen: »wo ich heute waͤre da waͤre ich gluͤck¬ »lich« und das Herz voll schlafender Stuͤrme traͤgst du wie die Mutter das entschlummerte Kind, scheu und behutsam uͤber die weichen Blumen der Freude — — Aber die Stuͤrme fahren doch auf und greifen nach dem Herzen! . . . Ach was muͤssen wir nicht alle schon verlohren haben, wenn uns die Gemaͤlde seliger Tage nichts abgewinnen als Seufzer? O Ruhe, Ruhe, du Abend der Seele, du stiller Hesperus des muͤden Herzens, der allezeit neben der Sonne der Tugend bleibt — wenn unser Inneres schon vor deinem sanften Na¬ men in Thraͤnen zerrinnt: ach ist das nicht ein Zei¬ chen, daß wir dich suchen aber nicht haben? — Viktor verdankte die Sieste seines Herzens den Wissenschaften, besonders der Dichtkunst und der Philosophie , die beide sich wie Kometen und Planeten um dieselbe Sonne (der Wahr¬ heit) bewegen und sich nur in der Figur ihres Umlaufs unterscheiden, da Kometen und Dichter blos die groͤßere Ellypse haben. Seine Erzie¬ hung und Anlage hatte ihn an die dephlogistische Luft der Studierstube gewoͤhnt, die noch das einzige Dormitorium unserer Leidenschaften und das einzige Profeß-Haus und der Gluͤckshaven der Menschen ist, die dem breiten Strudel der Sinne und Sitten entgehen wollen. Die Wissenschaften sind mehr als die Tugend ihr eigner Lohn und jene machen der Gluͤckseligkeit theilhaftig, diese nur wuͤrdig; und die Preismedaillen, Pensionen und positiven Belohnun¬ gen und der Inventionsdank, die viele Gelehrte fuͤr ihr Studiren haben wollen, gehoͤren hoͤchstens den litterarischen dienenden Bruͤdern, die sich dabei ab¬ martern, aber nicht den Meistern vom Stuhle, die sich dabei entzuͤcken. Ein Gelehrter hat keine lange Weile — ein Thron-Insaß laͤsset sich gegen diese Nervenschwindsucht hundert Festins verschreiben, Ge¬ sellschaftskavaliere, ganze Laͤnder und Menschenblut. Du lieber Himmel! ein Leser, der in Viktors Sabbathswochen eine Leiter genommen haͤtte und an sein Fenster gestiegen waͤre: haͤtte der etwas anders darin erblickt als ein jubilirendes Ding, das auf den wissenschaftlichen Feldern wie unter seeligen Inseln umherglitt? — Ein Ding, das entzuͤckt nicht wußte, sollt' es denken, dichten oder lesen besonders wen ? aus dem ganzen vor ihm stehenden hohen Adel der Buͤcher. — In dieser Brautkammer des Geistes (das sind unsre Musen), in diesem Konzertsaal der schoͤn¬ sten aus allen Zeiten und Plaͤtzen versammelten Stimmen hinderten ihn die aͤsthetischen und philoso¬ phischen Lustbarkeiten fast an ihrer Wahl; das Lesen riß ihn ins Schreiben, das Schreiben ins Lesen, die Abstraktion in die Empfindung, diese in jene — Ich koͤnnte in dieser Schilderung vergnuͤgter fort¬ fahren, wenn ichs vorher haͤtte geschrieben gehabt, wie er studirte: daß er nie schrieb ohne sich uͤber die naͤmliche Sache voll gelesen zu haben und umge¬ kehrt daß er nie las ohne sich vorher daruͤber hun¬ grig gedacht zu haben. Man sollte, sagte er, ohne einen heftigen aͤußern d. h. innern Anlaß und Drang nicht blos keine Verse machen, sondern auch keine philosophischen Paragraphen, und keiner sollte sich hinsetzen und sagen: »jetzt um drei Uhr am Bartho¬ »lomaͤustag will ich doch druͤber her seyn und fol¬ »genden Satz geschickt pruͤfen.« — Ich kann jetzt fortfahren. Wenn er nun in diesem geistigen Laboratorium, das weniger der Scheide- als Vereinigungskunst diente, vom Turmalin, der Aschestaͤubgen zieht bis zur Sonne, die Erden zieht, bis zur unbekannten Sonne, an die Sonnensysteme anfliegen, aufstieg — oder wenn ihm die anatomischen Tabellen der per¬ spektivische Aufriß einer goͤttlichen Bauart waren und das anatomische Messer zum Tubus seiner Lieb¬ lingswahrheit wurde: daß es, um einen Gott zu glauben, nicht mehr beduͤrfe als zweier Menschen, wovon noch dazu einer tod seyn koͤnnte, damit ihn der lebende studire und durchblaͤttere Ein Sonnensystem ist nur ein punktirtes Profil des Welt¬ genius, aber ein Menschenauge ist sein Miniaturbild. Die Mechanik der Weltkörper koͤnnen die mathematischen Rechnungsrevisoren berechnen; aber die Dioptrik des unter lauter trüben Feuchtigkeiten helle gewordnen Auges übersteigt unsre algebraischen Rechnungskammern‚ die daher von den nachgeäften Augen, (von den Gläsern,) den Diffu¬ sionsraum und das enge Feld nicht wegzurechnen ver¬ mögen. — oder wenn ihn die Dichtkunst als eine zweite Natur, als eine zweite Musik sanft emporwehte auf ihrem unsichtba¬ ren Aether und er unentfchlossen waͤhlte zwischen der Feder und der Taste, wenn er in der Hoͤhe reden wollte — — Kurz wenn in seinem Himmelsglobus, der auf einem Menschen-Halswirbel steht, der Ideen- Nebel am Morgen allmaͤhlig zu hellen und dunkeln Partien zerfiel, sich unter einer ungesehenen Sonne immer mehr mit Aether fuͤllte, wenn eine Wolke der Funkenzieher der andern wurde, wenn endlich das leuchtende Gewoͤlk zusammenruͤckte: dann wurde Vormittags um 11 Uhr (wie oft draussen) der innere Himmel aus allen Blitzen Eine Sonne, aus: al¬ len Tropfen wurde Ein Guß und der ganze Himmel der obern Kraͤfte kam zur Erde der untern nieder und . . . einige blaue Stellen der zweiten Welt wa¬ ren fluͤchtig offen . — Unsere innern Zustaͤnde koͤnnen wir nicht phi¬ losophischer und klarer nachzeichnen als durch Meta¬ phern d. h. durch die Farben verwandter Zustaͤnde. Die engen Injurianten der Metaphern, die uns statt des Pinsels lieber die Reiskohle gaͤben, schreiben der Farbengebung die Unkenntlichkeit der Zeich ¬ nung zu; sie solltens aber blos ihrer Unbekanntschaft mit dem Urbild schuld geben. Warlich der Unsinn spielt Versteckens leichter in den geraͤumigen abge¬ zognen Termin der Philosophen — da die Worte wie die sinesischen Schatten, mit ihrem Umfange zu¬ gleich die Unsichtbarkeit und Leerheit ihres Inhalts vermehren — als in den engen gruͤnen Huͤlsen der Dichter. Von der Stoa und dem Portikus des Denkens muß man eine Aussicht haben in die epiku¬ reischen Gaͤrten des Dichtens. — In drei Minuten bin ich wieder bei der Hi¬ storie. — Er muͤßte, sagte Viktor, Berg-Garten- und Sumpfwiesen haben, weil er drei verschiedne naͤrrische Seelen besaͤße, die er auf verschiedne Laͤn¬ dereien zur Weide treiben muͤßte. Er meinte damit nicht wie die Scholastiker die vegetative, sensitive und intellektuelle Seele — noch wie die Fanatiker die drei Theile des Menschen: sondern etwas recht aͤhnliches, seine humoristische empfindsame und philosophische Seele. Wer ihm eine davon wegnaͤhme, sagt' er, der koͤnnt' ihm immer auch die restirenden gar ausziehen. Ja zuweilen, wenn gerade die humoristische auf der alternirenden Querbank oben an saß, trieb er den Leichtsinn so weit, daß er den Wunsch aͤußerte, in Abrahaͤ Schoos machte man Spas und er koͤnnte sich auf die zwoͤlf Stuͤhle mit seinen drei Seelen zugleich niederlassen. — — Seine Nachmittage uͤbergab er bald einer stroͤ¬ menden Laune, die ihre rechten Zuhoͤrer nicht ein¬ mal fand — bald den Pfarrleuten — bald der gan¬ zen St. Luͤner Schuljugend, deren Magen er (zur Aergerniß eines jeden guten Paͤdagogen) mehr als ihre Koͤpfe verproviantirte, weil er glaubte, in den kurzen Jahren, wo das Geiferfleckgen sich ausbreitet bis zu einer Serviette, nehme das Vergnuͤgen seinen Weg uͤber die Kinderserviette und habe keinen Ein¬ gang als den Mund. Er ging nie ohne eine ganze Operationskasse voll kleines Geld in der Weste aus: »ich vertheil' es ohne allen Verstand, sagt' er; »aber wenn aus diesem herumgesaͤeten metallischen »Saamen ganze Freudenabende fuͤr arme Teufel auf¬ »gehen; und wenn sie die unschuldigen gerade so »selten haben: warum will man nicht fuͤr die ge¬ »schonte Tugend und fuͤr die Freude zugleich etwas »thun?« Er sagte, er habe Moral gehoͤrt und verlange fuͤr seine aussergerichtlichen Schenkungen und milden Stiftungen nichts als — Verzeihung. — Sein Fla¬ min, der ihn fuͤr eine sorglose Saͤemaschine auf Fel¬ sen erklaͤrte, verbrachte seine kleinen Ferien bis zu dem Sessionstisch, in gluͤhenden Hofnungen an die¬ sem Tische zu nuͤtzen, und in Vorbereitungen, um es zu koͤnnen: oft wenn der hoͤhere Patriotismus mit Heiligenschein und Mosis Glanz aus dem Angesicht des geliebten Flamius vorbrach, so standen Thraͤnen der freudigen Freundschaft in Viktors Augen und im Augenblick einer lyrischen Menschenliebe schwo¬ ren sie sich an ihrer Brust fuͤr die Zukunft gegen¬ seitige Unterstuͤtzung im Gutesthun und gemeinschaft¬ liche Aufopferungen fuͤr die Menschen zu. — Ihr Unterschied war blos wechselseitige Uebertreibung — Flamin war gegen Laster zu intolerant, Viktor zu tolerant — jener verwarf als Regierungsrath wie Anabaptisten alle Feste und wie die ersten Christen alle Blumen (in jedem Sinn) — dieser liebte gleich den Griechen beides zu sehr — jener haͤtte der Ehre Menschenopfer gebracht — dieser kannte keinen Eh¬ renraͤuber als das eigne Herz, er sprang uͤber den papiernen Halbadel unsers jaͤmmerlichen Visiten¬ Pointd'honneurs hinweg und war, spottend uͤber den Spott, nur dem hohen Adel der Tugend unter¬ than. — — Viktor sog sich mit Laubfroschfuͤßen an jedes Blumenblatt der Freude an, an Kinder, an Thiere, an Dorf-Luperkalien, an Stunden; — am liebsten aber hatt' er den Sonnabend. Hier that er Streif¬ zuͤge durch die freudige Unruhe des Dorfes, vor Knechten vorbei, die ihre Sensen nicht magnetisch sondern schaͤrfer haͤmmerten und vor der Ladenthuͤre des Schulmeisters, an der sein Auge als Portier oft eine halbe Stunde stand. Denn er konnte den St. Luͤnischen Handelsflor recht gut im kleinen Gro߬ avanturhandel des Schulmeisters bemerken, der keine geringere Boͤrse der Kaufleute kannte als die in sei¬ ner Hosentasche. Aus diesem ostindischen Hause sah er spaͤt die wohlfeilen Freuden des Sonntags holen — der Grossierer (der Schulmeister wird gemeint) machte, von den Negersklaven unterstuͤtzt, den Sonn¬ tagsmorgen von St. Luͤne mit seinem Syrup suͤß und mit seinem Kaffee heiß: und sowohl durch den Tabaksbau in Deutschland wurde dieser Handelsherr in Stand gesetzt, mit Spiralwuͤrsten von Lausewen¬ zel die Koͤpfe der Pfeifen, als durch den Seidenbau, der Toͤchter ihre mit Sabaaths-Wimpeln zu versorgen aus seinem Auerbachischen Hofe. — Unsern Helden kannte alles. Aus jeder Hundshuͤtte wedelte ihm ein Hund entgegen, dem er Brod hineingeworfen; aus jedem Fenster schrien ihm Kinder nach, die er geneckt hatte; und viele Buben, vor denen er vor¬ uͤberlief, hielten sich fuͤr gluͤcklich, wenn sie eine Muͤtze aufhatten — sie konnten sie vor dem Herrn abnehmen. Denn sein erstes Studium in St. Luͤne war die Geschichte in St. Luͤne, die aus den muͤnd¬ lichen Konduitenlisten der historischen Personen sel¬ ber und aus der Reichspostreiterin‚ aus der Pfarre¬ rin geschoͤpft werden mußte. Letztere hielt als Plu¬ tarchin allemal zwei Karaktere wie Tuͤcher zusam¬ men; und ihr Mann las ihm nach bestem Wissen und Gewissen uͤber die Kirchen- und Reformations¬ geschichte seines Beichtsprengels. Viktor legte sich auf diese mikrokosmische Universalhistorie aus zwei Absichten‚ erstlich um sie — welches Brodstudenten auch bei der groͤßern vorhaben — rein wieder zu vergessen; zweitens‚ um im Dorfe so zu Hause zu seyn wie der Bettelvogt oder die Hebamme‚ woraus er den Vortheil zu ziehen hoffte‚ daß er betruͤbt wurde‚ wenn ein St. Luͤner verstarb‚ und froͤhlich‚ wenn er vorher heirathete. — Jetzt schreitet die Geschichte wieder von ei¬ nem Tage auf den andern fort‚ gleichsam auf den Steingen im Strome der Zeit. — So schoͤn war also der Fruͤhling vor ihm voruͤ¬ bergegangen mit Sabbathswochen‚ mit den Pfingst¬ tagen, mit weißen Bluͤten, die dem Lenze allmaͤhlig wie Schmetterlingsfluͤgel ausfielen; — Viktor hatte den Besuch Le Bauts verschoben, weil er dachte: »ich muß ohnehin bald genug vom weichen Schooße »der Natur herunter und auf das Hof-Drathgestell »hinauf und auf den Objektentraͤger (Thron) »des Kurial-Mikroskops;« — er hatte sich zwar taͤglich zugeredet, bald noch vor Klotildens Ankunft hinzugehen, um auf seine Absichten keinen Verdacht zu laden, aber immer vergeblich — — als ploͤtzlich (denn Tags vorher war der 13te Jul.) der 14te er¬ schien und mit ihm Klotildens Gepaͤck ohne sie. Nun passirte er (wie die offiziellen Hundsberichte enthalten) wirklich am 15ten den Bach von St. Luͤne und ging uͤber die Alpen der kammerherrlichen Treppen und schlug auf Le Bauts Kanapee sein Zaͤ¬ fars Lager. Er wußte, das heute niemand da war, nicht einmal Matz. »Der Himmel erhalt' uns (sagt' er) die Hoͤflich¬ keit gesund: es waͤre ohne sie nicht nur unter kei¬ »nen Spitzbuben auszuhalten, sondern sie giebt auch »Minutensteuer von Freuden, indeß die Wohlthaͤtig¬ »keit nur Quartalsteuer und Kammerzieler und Cha¬ »ritativsubsidien zahlt.« Herr und Frau Le Baut waren so hoͤflich als nie (ich schwoͤre darauf sie hat¬ ten etwas von Viktors Hof Doktorhut und Doktor¬ krone ausgewittert): nur wusten sie nicht, was fuͤr ein Mundstuͤck auf ein so naͤrrisch gewundnes Instru¬ ment wie Viktor aufzuschrauben sey. Wie alle Stu¬ dierstuben-Schaalthiere sprach er lieber von Sachen als Personen; Flamin aber umgekehrt. Fuͤr das Ehepaar gabs in keiner Messiade etwas erhabeners als daß jetzt am Johannistage die italienische Prin¬ zessin kommen wuͤrde: davon konnte kein Sterblicher genug reden, zumal auf dem Dorfe. Ich weiß nicht, worin es Viktor versah, daß er die meisten Weiber auf die Meinung brachte, er liebe sie. Genug die Kammerherrin, die in ihren Jahren nicht mehr Lie¬ be sondern den Schein der Liebe foderte, dachte: »vielleicht!« Man verkenne sie nicht: sie brachte zwar allemal die erste Stunde mit einem Manne auf dem Observatorium zu; aber die zweite nur dann im Jagdschirm , wenn die erste gluͤcklich ge¬ wesen und sie war kalt genug, um nicht mehr zu hoffen als zu sehen: sie verspottete sogar jeden, der bei ihr noch einer weiblichen Eitelkeit, Eroberungen zu leicht vorauszusetzen, anders schmeicheln wollte als oͤffentlich . Genug sie beurtheilte heute un¬ sern Viktor zu guͤnstig — in ihrem Sinn, — oder zu unguͤnstig — in unserem; — wie uͤberhaupt die bloßen Hofleute nur bloße Hofleute errathen. — — Von Klotilde sprach man kein Wort, nicht einmal von der Zeit ihrer Zuruͤckkehr. Ueber¬ Ueberhaupt hatte die Le Baut einen ungeheuren Stolz in sich gegen ihre Stiftochter zu bestreiten, von dem mir mein Korrespondent haͤtte melden sol¬ len, worauf er sich steifte, ob auf Verhaͤltnisse oder Verdienste: denn beides war reichlich da, indem die Kammerherrin von des jetzigen Fuͤrsten seeligem Herrn Vater die H — gewesen. — Ich und ein gescheuter Mann haben's hin und her uͤberlegt, ob sie dem Zaͤ¬ sar in der Liebe oder im Ehrgeitz gleiche. Der ge¬ scheute Mann sagt: »in der Liebe« weil eine Frau die Liebe nie vergesse, wenn ein Fuͤrst ihr Mentor darin gewesen. Des seel. Herrn Vaters Herz hatte besonders zwei Schoͤnheiten an ihr angebetet, die vor Zeiten von den Schotten Hieronym . cont . Jov . L . 2. so gern gefressen wurden, naͤmlich den Busen und den Steis. Die Großen haben ihre eignen grossieretés , die den Klei¬ nen nicht traͤumen. Ich wuͤrd' es nicht drucken las¬ sen, aber es war am ganzen Hofe bekannt und also auch vielen meiner Leser. Da fuͤhrte der Teufel die Zeit her, die ihre Sense haͤmmerte und alles wegam¬ putirte, was von beiden Reizen Ueberhang in ihr Gebiet gewesen. Nun haͤlt bei Weibern an Hoͤfen — es sey in einem Schulhof, Packhof oder Viehhof, die Eitelkeit, sobald der alte Saturn (d. i. die Zeit) Hesperus. l . Th. M diese mit seinem Sichelwagen und mit dem kleinen Geschuͤtz aus seiner Sanduhr anfaͤllt, einen der ge¬ scheutesten Ruͤckzuͤge, die ich kenne — die Eitelkeit laͤsset sich aus einem Werke oder Gliede nach dem andern treiben — endlich aber wirft sie sich aus den weichen Theilen in die festen wie in feste Plaͤtze , z. B. in Fingernaͤgel, Stirne, Fuͤße u. s. w. nnd da zieht sie der Teufel selber nicht heraus. Die Kam¬ merherrin mußte sich einen solchen festen Theil erst machen, naͤmlich eine gorge de Paris und einen Cul de Paris : diese vier Graͤnzhuͤgel ihres Reichs mußten taͤglich gegen die Graͤnzverruͤckung der Jahre aus Achtung fuͤr das Eigenthum hergestellt und er¬ hoͤhet werden. Daraus schließet nun der gescheute Mann, daß ihre Seele ihrem Koͤrper immer Kaper¬ briefe schreibe. Ich bin gerade der Gegenfuͤsler vom gescheuten Mann und verfechte, daß der Amor nur ihr frere servant , nicht ihr Logemeister — ihr Adjutant, nicht ihr Gereralissimus sey; — und das darum: weil sie noch immer an der Wiederherstellung ihres ersten salomonischen Tempels, wo sie sonst am Hofe als Goͤttin neben dem Gott angebetet wurde, ihre eigne oder Le Bauts Hand anlegt, — weil sie in diesen nichts heirathete als den Kammerherrnschluͤssel und seine Assembleen und seine Hofnungen des kuͤnftigen Einflusses — weil sie an Klotilden nicht das Ge sicht, sondern das Gehirn anfeindet — weil ihre Liebe jetzt ohne Eifersucht ist. Naͤmlich sie stand mit dem Evangelisten Matthieu in einem gewissen Liebesverstaͤndniß, das sich (nach unserm buͤrgerlichen Gefuͤhl) vom Hasse in nichts unterscheidet als in der — Dauer. Liebes Persiflagen waren ihre Liebeser¬ klaͤrungen — ihre Blicke waren Epigrammen — seine Schaͤferstunden salzte er mit komischen Erzaͤhlungen von seinen Schaͤferstunden an andern Orten — und zur Zeit , wo ein heiliger Mann seinen Psalm ab¬ zubeten pflegt Vayle's dictionnair art . Frençois d ' Assise not , C . , waren beide ironisch. Eine solche erotische Verbindung ist nichts als die Unterab¬ theilung irgend einer politischen . . . Aber zuruͤck zur Geschichte! Der Kammerherr wollte seinem Gaste jetzt etwas zeigen, was einen Doktor und Gelehrten mehr inte¬ ressirte. Zu dem Zimmer, worin das etwas war, kam man durch der Kammerherrin und durch Klotil¬ dens Zimmer. Da man in jener ihrem einen Rast¬ tag hielt: so standen Viktors Augen traͤumend auf Klotildens Silhouette fest, die Matthieu neulich aus dem Nichts geschnitten und die die Kammerherrin hier aus Schmeichelei gegen den Schattenreisser un¬ ter Glas aufgehangen hatte. Sonderbarer d. h. zu¬ M 2 faͤlliger Weise zersprang jetzt das Glas uͤber dem schoͤnen Angesicht, und Viktor und der Vater fuhren zusammen. Denn letzterer war wie die meisten Gro¬ ßen aus Mangel an Zeit aberglaͤubig und unglaͤubig zugleich; und bekanntlich haͤlt der Aberglaube das Zerspringen eines Portraitglases fuͤr einen Vorboten des Todes des Originals. Der Vater warf sich jetzt aͤngstlich die Erlaubniß vor, die er Klotilden gegeben, so lange in Maienthal zu bleiben, da sie doch da ihre Gesundheit in unnuͤtzen jugendlichen Schwaͤr¬ mereien verderbe. Er meinte ihre Trauer um ihre begrabene Giulia; denn sie war (erzaͤhlte er) bloß vor Schmerz uͤber diese ohne alles Gepaͤck am 1ten Mai hieher geeilet; und sogar die Kleider der ge¬ liebten Freundin hatte sie heute mit unter den ihri¬ gen geschickt. Er brach heiter ab; denn Matthieu kam, der Bruder dieser Giulia; er wollte sich nur praͤsentiren und beurlauben, weil er wie mehrere von der Stief-Bruͤdergemeine des Hofs der Prin¬ zessin entgegen reisete. Viktor wurde stiller und truͤber; seine enge Brust quoll ihm auf einmal voll unsichtbarer Thraͤnen, de¬ ren Quelle er an seinem Herzen nicht finden konnte. Und als man noch dazu durch Klodildens stilles leeres Zimmer ging, wo Ordnung und Einfachheit an die schoͤne Seele der Besitzerin zu stark erinnerten: so fiel sein ploͤtzliches geruͤhrtes Verstummen auch an¬ dern auf. Er riß daher die Augen eiligst weg von einigen Blumendesseins ihrer Hand, von ihrem wei¬ ßen Schreibzeug und von der schoͤnen Landschaft der Oeltapete und trat hastig auf das zu, was Le Baut aufsperrte — es war kein edles Herz, was dieser mit seinem obwohl wie eine Kanone gebohrten Kam¬ merherrnschluͤssel sperren konnte, (die Titularkammer¬ herrn in Wien heften nur einen hermetisch-versiegel¬ ten an) sondern sein Cabinet d'histoire naturelle oͤf¬ nete er. Das Kabinett hatte seltene Exemplare, so¬ gar amerikanische Federhosen und viele Doubletten, die noch nicht lange zweimal verschenkt waren: in¬ zwischen zieh' ich und der Leser diesem todten Ge¬ ruͤmpel darin den Affen vor, der lebte und der das Kabinet allein zierte und — besas. Camper sollte von diesem lebendigen Exemplar den Kammerherrn¬ knopf wegschneiden und solches seziren, um nur zu sehen, wie nahe der Affe an den Menschen graͤnze. Ein Großer hat allemal irgend einen wissen¬ schaftlichen Zweig, nach dem er nichts fragt und auf den er sich also vorzuͤglich legt. Fuͤr Le Bauts wissens-hungrige Seele war's gleich viel, ob sie in ein Siegel- oder Gemmen- oder Pistolenkabinet ein¬ gestellet werde. Waͤr' ich ein Großer: so wuͤrd' ich mit dem groͤßten Eifer Knoͤpfe — oder Accouche¬ ments — oder Buͤcher — oder Nuͤrnberger Waare — oder Kriege — oder recht gute Anstalten machen blos aus verdammter langer — — Weile, dieser Essigmutter aller Laster und Tugenden, die unter Hermelinen und Ordenssternen vorgucken. Nichts ist ein groͤßerer Beweis der allgemein wachsenden Verfeinerung als die allgemein wachsende Langeweile — Sogar die Damen machen sich hundertmal aus bloßer platter Langeweile — Kurzweile: und der ge¬ scheuteste Mensch sagt seine meisten Betisen und der beste seine meisten Verlaͤumdungen blos einem Zirkel, der ihn hinlaͤnglich zu ennuiren weiß. Der Hofjunker war der Musterschreiber des Ka¬ binets, um vielleicht herumzugehen. Viktor that ihm Unrecht durch die medizinische Vermuthung, er affektire einen gewissen schwankenden weichen Gang vornehmer Debauch é 's: denn er hatt ' ihn wirklich, und das darum, weil er aus ganz andern als Viktors transzendenten Gruͤnden ungern — saß . Aber weiter! Wenn nicht die Kammerherrin den Vorhang vor Viktors Seele aus einander schlagen und darin die Gesinnungen, gegen sich und Klotilde durch den Schrecken, den ich erzaͤhlen will, erfor¬ schen wollte: wenns also das nicht war: so kann es nichts als ein sehr boͤser Geist gewesen seyn, der die¬ ser Kammerherrin die Hand fuͤhrte zu einer Silber¬ stufe. Hinter der Stufe lag eine vielleicht von ab¬ gebroͤckelten Arsenik verrreckte Maus. Eine Leserin, die in aͤhnlichen Gefahren als Dulderin litt, stellet sichs vor, wie der Kammerherrin war, als sie mit dem Harten etwas Weiches umgrif und hervorbrachte und dann ersah was es war. Eine wahre Ohn¬ macht war unvermeidlich. Ich gesteh' es, ich wuͤrde selber ihre Ohnmacht blos fuͤr eine verstellte halten, waͤre der Anlaß geringer und z. B. der Angrif nicht auf ihre Sinne sondern nur auf ihre Ehre gewesen; aber etwas anders ist eine Maus. — Ueberhaupt mußte sie vor so boßhaften Zuschauern, wie ihr Mann und ihr Zizisbeo ist, diesen fuͤnften Akts- Mord laͤngst von ihrem Theater wie vom gallischen verbannt haben; ja ich glaube, sie haͤtte sich vor ei¬ nem siegenden Feind ihrer Tugend durch nichts (eine wahre Ohnmacht ausgenommen) so laͤcherlich machen koͤnnen als durch eine scheinbare. Der Schrecken uͤber den postiche -Tod beraubte den Evangelisten des Gebrauchs seiner Vernunft und ließ ihm nur den Gebrauch seiner Bosheit und seiner Haͤnde, mit denen er sogleich das Surrogat und Sparwerk ihres Busens, kurz die ganze optische Brust zerriß, um der wahren, in deren Brette er einen Stein hatte, naͤmlich ihr Herz, Luft genug zu machen. Aber Viktor draͤngte ihn weg und spritzte sie, mit zaͤrte¬ rer Achtung fuͤr ihre Reize und fuͤr ihr Leben, durch wenige Eistropfen wieder empor. Gleichwohl vergab sie dem Junker alles was sie errieth und dankte dem Hofmedikus fuͤr alles, worin sie irrte. ... — — Lasset mich einen Augenblick wegsehen von diesem misantropischen Gespinste und die schoͤnere Welt um mich mit Erquickung anschauen auf meiner Insel, wo kein Feind ist — das plaͤtschernde Spiel der Fische und Kinder am Ufer — die spielende Mutter, die ihnen Blumen und huͤtende Blicke zu¬ wirft — die großen Ahornbaͤume, die sanft mit tau¬ send Blaͤttern und Muͤcken fluͤsternd dem unter den Wellen gaukelnden Baumschlag entgegen schwanken — und wie die warme Erde und der warme Him¬ mel in schlafender Liebe an einander ruhen und ein Jahrhundert ums andre gebaͤren. ... Er ging bange vor dem Ende seiner laͤndlichen Tage, nach Haus. — Der Sonnabend (der 16te Ju¬ nius) eilte sanft voruͤber und schuͤttelte ein ganzes Blumenhaupt von befluͤgelten Samen zu neuen Freu¬ denblumen unter dem Eilen aus einander. Die Sterne glitten leise uͤber seine Nacht — Ein freundlicher blauer Sonntagsmorgen legte sich schwebend uͤber das geputzte Doͤrfchen und hielt sei¬ nen Athem an, daß er nicht einmal eine reife Lin¬ denbluͤthe oder Dotterblumen-Spreu ausriß — Vik¬ tor konnte das Fortepianissimo aus dem Schlosse uͤber das ausruhende Dorf heruͤbertoͤnen hoͤren und mußte mit der Engbruͤstigkeit des gluͤcklichen Seh¬ nens, seufzen: »ach wenn muß ich aufhoͤren, uͤber diesem glaͤnzenden stillen Meere, uͤber diesem schoͤnen Ankerplatz des Lebens aufzuschwimmen?« — — Als das Schicksal antwortete: heute! denn gerade heute, am Sonntage kam aus der Residenzstadt Flachsensin¬ gen ein leichter Narr (im Grunde zwei) in einer eben so leichten Berline an und packte ein Brief¬ gen vom Lord an ihn ans. »Den 21ten Junius (Donnerstags) trift die ita¬ »lienische Prinzessin in Kusseviz ein. Den Mitwoch »reis' ich ab und praͤsentire dich in St. Luͤne dem »Fuͤrsten, der mich bis dahin begleitet. Doch bitt' »ich dich, am Sonnabend darauf dich in die In¬ » sel der Vereinignng Sowohl der Hund als ich wissen davon was das fuͤr eine Insel ist, weiter nichts. zu begeben, weil ich »das Wenige, was ich dir in St. Luͤne aus Man¬ »gel an Gelegenheit nicht sagen kann, auf die Insel »verspare. Du wirst mich dort treffen. Der Ueber¬ »bringer dieses ist unser H. Hofapotheker Zeusel , »in dessen Haus du dein kuͤnftiges Logis als Hof¬ »medikus haben wirst.« Lebe wohl. H. »Zeusel?« (fragt der Leser und denkt nach) »ich »kenne die Zeusel nicht« — Und ich eben so we¬ nig; aber er sage mir, ists nicht desperat und zum Umfallen, daß der Korrespondent dieses Werks durch alle Vorstellungen, die ich ihm durch den Hund thue, gleichwohl nicht so weit zu bringen ist, daß er's in dieser Historie nur so ordentlich einrichtete wie es ja in jedem elenden Roman und sogar im — Zuchthaus ist, wo jeder neue Zuͤchtling den alten gleich in der ersten Stunde seine saͤmtlichen Fata bis zu den Eintritts-Inizialpruͤgeln, von denen der Historiker eben koͤmmt, schoͤn vorerzaͤhlt? Beim Him¬ mel! die Leute setzen und springen ja in mein Opus wie in eine Passagierstube hinein und kein Teufel und Leser weiß, wer ihre Hund' und Katzen sind. »Ich wollt' — — «sagte Viktor und machte sechs Dehnungszeichen darauf als Apostrophen von eben so vielen weggelassenen Fluͤchen. Denn er sollte jetzt aus der Idylle des Landlebens in die travestirte Aeneis des Stadtlebens uͤberziehen: und kein Steig ist doch elender gepflastert als der von der Studier¬ stube in die Kurial-Laboratorien und chambres ar¬ dentes , von der Ruhe zum Gewuͤhl. Zu dem hatt' ihm Emanuel noch nicht geschrieben. Klotilde, der Hesperus jener zwei schoͤnen Abende, war gleich dem Hesperus am Himmel nicht zu sehen uͤber St. Luͤne. Wie gesagt, miserabel war ihm. Nun war noch dazu dieser Zeusel , sein kuͤnftiger Miethsherr, der Hofapotheker, so zu sagen ein Narr, eben so leicht wie seine Berline oder wie der Hoffourier, mit dem er kam, aber 53 Jahre aͤlter als der Wa¬ gen, naͤmlich 54 Jahr alt, um im Ganzen ein mensch¬ liches Diminutiv und Essigaͤaͤlgen an Leib und See¬ le, uͤberall spitz geschaffen an Kinn, Nase, Witz Kopf, Lippen und Achsel. Dieser Essigaal — der Aal verfocht, er kenne eine gewisse Feinheit, die nie die Sache eines Rotourier waͤre und er laͤugne nicht, daß sich seine Urahnen nicht Zeusels sondern von Swoboda's geschrieben — reisete mit dem Hoffourier, der in Kusseviz das Quartiermeister¬ thum fuͤr die fuͤrstliche Braut versah, dahin ab, um so lange da zu seyn als er da unnoͤthig sey. Zeusel wollte durchaus aus den Flachsensingischen Hof mit etwas anderem Einfluß haben als mit seiner Kly¬ stier-Wasserkunst und durch anders auf den Hofstaat wirken als durch Senesblaͤtter; daher kaufte er alle geheime Nachrichten, (er besserte sie sogleich in oͤf¬ fentliche um) uͤber neue Lufterscheinungen der Hof¬ luft theuer auf, und dann, wenn einige Leute von den Thronstaffeln herabpurzelten, laͤchelte er fein ge¬ nug und bemerkte, er hoffe, diese haͤtten ihn fuͤr ih¬ ren Freund genommen und sein Bein nicht gesehen, das er ihnen aus seiner Apotheke heraus heimlich untergeschlagen. Er war trotz einiger Herzensguͤte ein Luͤgner von Haus aus, nicht weil er boshaft sondern weil er fein seyn wollte; und uͤberwand sei¬ nen gesunden Verstand, um witzig zu moussiren. — Gegen Viktor als kuͤnftigen Hofmann und Goͤn¬ ner, wußt' er doch nicht den aufrechten Hof-An¬ stand anzunehmen: der sich und andere zugleich ehret; aber gegen die Pfarrleute beobachtete er die ordent¬ liche Hof-Verachtung hinlaͤnglich und zeigte ihnen genugsam, wie wenig er, ohne Absichten auf den Sohn des Lords, nur uͤber ihre Gartenmauer oder Fensterbruͤstung geschauet haͤtte, geschweige gekommen waͤre. Viktor haßte an seinem Naͤchsten nie etwas anders als den Haß der andern Naͤchsten; und seine Achtung aller Staͤnde, seine Verachtung aller Stan¬ des -Narren, sein Groll gegen Zeremonien und seine humoristische Zuneigung zu den kleinen Buͤhnen des Lebens machten den groͤßten Kontrast mit den phar¬ mazevtischen Infusionsthiergen, und mit dessen Ekel vor Menschen und mit dessen Buͤcken vor Großen. Viktor gab seinem Hausherrn dreißig Gruͤße an den Italiener Tostato in Kusseviz mit, der mit ihm von Goͤttingen aus 1½ Tag gereiset und ge¬ lacht und getanzt hatte. — Der wegfahrende Apo¬ theker ließ in Viktor einen verdruͤslichen sauern Bo¬ densatz zuruͤck; sogar uͤber den Blasbalgtreter, der jeden Sonntag den Kaffee hinauftrug, konnt' er nicht wie sonst lachen. Ich will sagen, warum er sonst lachte. Der Kutscher war dann rasirt und zwar aus der ersten Hand, von seiner eignen. Nun hatte das Kinn dieses traͤgen Bock-Insaßen mehr Maulwurfs¬ huͤgel — so nenn' ich zierlich die Warzen — vorge¬ stoßen als noͤthig sind zum Rasiren und Maͤhen. Inzwischen hobelte der alte Mann an den Sonntags- Morgen — denn da ziehen die gemeinen Leute zu¬ gleich den alten Adam und das alte Hemd aus und lassen Suͤnden und Bart blos die Werkeltage wach¬ sen — mit seinem Messer kuͤhn zwischen dem War¬ zen-Schagrin auf und nieder und schnitt ab. Nun wuͤrde der Kerl erbaͤrmlich mit seinem skarifizirten Gesichtsvorgrund ausgesehen haben — so daß man haͤtte Blut weinen muͤssen uͤber dasjenige, so uͤber das Kinn dieses steinernen Flusgottes in rothe Ra¬ dien ging — wenn der Prosektor wie ein Roͤmer seine Wunden aus Dummheit vorgezeigt haͤtte; aber er zeigte nichts: er zausete, verstaͤndiger, Tabaks¬ schwamm in kleine Kappen aus und setzte die Muͤtzen den Wunden und blessirten Warzen auf und praͤsen¬ tirte sich so. »Ein Spener, ein Kato der juͤngere, sagte Vik¬ »tor komm' einmal in meine Stube und lache nicht, »wenn ein Kalkant nachkoͤmmt mit Kaffeetassen und »mit sechzehn skalpirten Warzen und mit einem in »Schwamm brochirten Kinn, das aussieht wie ein »Gartenfelsen mit schoͤn vertheiltem Moos bewach¬ »sen — ein Spener lache nicht, sage ich, wenn er »kann.« Er konnt' es heute selber. Muͤde des Tags ging er hinaus in den friedlichen Abend und legte sich mit dem Ruͤcken uͤber die Gipfel eines steilen Berg's heruͤber; und als die Sonne in ein Goldgewoͤlke aufgeloͤset uͤber den quellenden Blumenfirniß zitternd zerfloß und an dem Graͤsermeere der Berge herunter schwamm — und als er naͤher am warmen schlagen¬ den Herz der Natur war, auf die weiche Erde wie ein ruhender Todter hingesenkt, die Wolken mit Seufzern in sich herunterziehend, von weit herkom¬ menden Winden uͤberflossen, von Bienen und Lerchen eingewiegt: so kam die Erinnerung, dieser Nach¬ sommer der Menschenfreude, in seine Seele und eine Thraͤne in sein Auge und Sehnsucht in die Brust, und er wuͤnschte, daß ihn Emanuel nicht ver¬ schmaͤhen moͤge — Ploͤtzlich naͤherten sich kleine Trit¬ te seinen liegenden Ohren: er fuhr auf, erschrak und erschreckte. Ein schwerer Reisewagen taumelte matt herauf: hinten in dem Lakaienriemen hatten statt der Bedienten drei bleiche Infanteristen die Haͤnde, die zusammen nur ein einziges Bein hatten, das von Fleisch war indem sie auf fuͤnf hoͤlzernen Stelzfuͤßen oder Schusters Abzeichen fusten, die sie nebst noch etwas laͤngerem von Holz, naͤmlich drei gut gearbri¬ teten Bettelstaͤben, dem Feinde abgenommen hatten — ein Kutscher ging neben dem Wagen und eine Kammerfrau, und nahe am aufgeschlossenen Viktor stand — — Klotilde. Sie kam aus Maienthal. Ihm verfinsterte diese ploͤtzliche Ueberstrahlung alle in seiner Seele aufge¬ hangene Gesetztafeln und er konnte die Tafeln nicht gleich lesen. Sie schauete ihn mit sanften Strahlen an wie sonst und die Sonne lieh einige dazu. Mit einem Laͤcheln als erriethe sie seine ersten Fragen, gab sie ihm einen — Brief von Emanuel. Ein zu¬ sammenfahrendes Ach! war seine Antwort; und eh er sich in zwei Entzuͤckungen schicken konnte: war der Wagen oben und sie darin und alles davon. Er zoͤgerte zitternd, in den stillen blauen Para¬ diesesfluß der schoͤnsten Seele, die sich je ergoß, ver¬ sunken zu schauen. Endlich blickte er die Zuͤge ei¬ ner geliebten Menschenhand, die er noch nicht be¬ ruͤhrt hatte, an und las: Horion! »Aus einen Berg steigt der Mensch wie das Kind auf einen Stuhl, um naͤher am Angesicht der unendlichen Mutter zu stehen und sie zu erlangen mit seiner kleinen Umarmung. Um meine Hoͤhe liegt die Erde unter dem weichen Nebel mit allen ihren Blumenaugen schlafend — aber der Himmel richtet sich schon mit der Sonne unter dem Augenliede auf — unter dem erblaßten Arkturus glimmen Ne¬ bel an und aus Farben ringen sich Farben los — der Erdball waͤlzt sich groß und trunken voll Bluͤten und Thiere in den gluͤhenden Schoos des Morgens. — — Sobald die Sonne koͤmmt, so schau' ich in sie hinein und mein Herz hebt sich empor und schwoͤrt dir, daß es dich liebt, Horion! . . . Durchgluͤhe, Aurora: das Menschenherz wie dein Gewoͤlk, erhelle das Menschenauge wie deinen Thau und zieh in die dunkle Brust wie in deinen Himmel eine Sonne herauf! ... Ich habe dir jetzt geschworen — ich gebe dir meine ganze Seele und mein kleines Leben, und die Sonne ist das Siegel auf dem Bunde zwischen mir und dir. Ich kenne dich, Geliebter; aber weist du, wessen Hand du in deine genommen? Sieh diese Hand hat in Asien acht edle Augen zugeschlossen — mich uͤber¬ lebte kein Freund — in Europa verhuͤll' ich mich — meine truͤbe Geschichte liegt neben der Asche meiner Eltern im Gangesstrom und am 24ten Junius des kuͤnftigen Jahres geh' ich aus der Welt ... O Ewi¬ ger, ich gehe — am laͤngsten Tage zieht der gluͤckli¬ che Geist gefluͤgelt aus diesem Sonnentempel und die gruͤne Erde geht auseinander und schlaͤgt uͤber meine fallende Puppe mit ihren Blumen zusammen und deckt das vergangne Herz mit Rosen zu. . . . Wehe Wehe groͤßere Wellen auf mich zu, Morgenluft! Ziehe mich in deine weiten Fluten, die uͤber unsern Auen und Waͤldern stehen und fuͤhre mich im Bluͤ¬ tengewoͤlk' uͤber funkelnde Gaͤrten und uͤber glimmen¬ de Stroͤme und laß mich, zwischen fliegenden Bluͤ¬ ten und Schmetterlingen taumelnd, in der Sonne mit ausgebreiteten Armen zerfließend, leise uͤber der Erde schwebend sterben und die Bluthuͤlle falle zer¬ ronnen zu einer rothen Morgenflocke, gleich dem Ichor des Schmetterlings Den Schmetterlingen entfallen in Ihrer letzten Verwand¬ lung rothe Tropfen, die man sonst Blutregen hieß. , der sich befreiet, in die Blumen herab und den blauhellen Geist saͤuge ein heißer Sonnenstral aus dem Rosenkelch des Her¬ zens in die zweite Welt hinauf. — — Ach ihr Ge¬ liebten, ihr Abgeschiednen, seid ihrs, zieht ihr denn jetzt als dunkle Wellen Wenn man lange ins Himmelsblaue schauet: so faͤngt es an zu wallen und diese Luftwogen haͤlt man in der Kind¬ heit fuͤr spielende Engel. im bebenden Blau des Himmels dahin, wogen in jener Tiefe voll uͤberhuͤll¬ ter Welten, jetzt eure Aetherhuͤllen um die verdeck¬ ten Sonnen? Ach kommt wieder, woget wieder, in einem Jahr rinn' ich aufgeloͤst in euer Herz! — Und du, mein Freund, suche mich bald! Dich kann auf der Erde keiner so lieben wie ein Mensch, Hesperus. I . Th. N der bald sterben muß. Du gutes Herz, das mir die¬ ses milde Leben noch zum Abschied in die Haͤnde druͤckt, unaussprechlich will ich dich lieben und waͤr¬ men — in diesem Jahr, wo ich noch nicht weggeho¬ ben werde, will ich blos bei dir bleiben und wenn der Tod koͤmmt und mein Herz fodert, findet er es blos an deiner Brust. Ich kenne meinen Freund, sein Leben und seine Zukunft. In deinen kommenden Jahren stehen dunkle Marterkammern offen und wenn ich sterbe und du bei mir bist, werd' ich seufzen: warum kann ich ihn nicht mitnehmen, eh' er seine Thraͤnen ver¬ giesset. Ach Horion! im Menschen steht ein schwarzes Todtenmeer, aus dem sich erst, wenn es zittert, die gluͤckliche Insel der zweiten Welt mit ihren Nebeln vorhebt! Aber meine Lippen werden schon unter dem Erdenkloß liegen in der kalten Stunde, wo du kei¬ nen Gott mehr sehen wirst, wo auf seinem Thron der Tod liegt und um sich maͤht und bis ans Nichts seine Frostschatten und seine Sensen-Blitze wirft — O Geliebter, mein Huͤgel wird dann schon stehen, wenn deine innere Mitternacht anbricht; mit Jam¬ mer wirst du auf ihn steigen und ergrimmt in die sanften Sternenkraͤnze blicken und rufen: Dieser Monolog ist ein Stuͤck aus einer fruͤhern schwarzen Stunde, die jedes Herz von Empfindung einmal ergreift. »wo ist »der, dessen Herz unter mir entzweigeht? Wo ist »die Ewigkeit, die Maske der Zeit? Wo ist der »Unendliche? Das verhuͤllte Ich greift nach sich selber »umher und stoͤßet an seine kalte Gestalt. ... »Schimmere mich nicht an, weites Sternengefild, »du bist nur das aus Farbenerben zusammenge¬ »worfene Gemaͤlde an einem unendlichen Gottes¬ » ackerthore , das vor der Wuͤste des unter dem »Raume begrabnen Lebens steht. . . . Hoͤhnet mich »nicht aus, Gestalten auf hoͤhern Sternen, denn zer¬ »rinn' ich, zerrinnt ihr auch. Ein, Ein Ding, das »der Mensch nicht nennen kann, gluͤht ewig im un¬ »ermeßlichen Rauche und ein Zentrum ohne Maas »verkalkt eine Peripherie ohne Maas — doch bin »ich noch: der Vesuv des Todes dampft noch uͤber »mich hinuͤber und seine Asche huͤllt mich zu — »seine fliegenden Felsen durchbohren Sonnen, seine »Lavaguͤsse bewegen zerlassene Welten und in seinem »Krater liegt die Vorwelt ausgestreckt und lauter »Graͤber treibt er auf. . . . . O Hofnung, wo »bleibst du? . . . Walle trunken um mich, beseelter Goldstaub, mit deinen duͤnnen Fluͤgeln, ich zerdruͤcke dein kurzes N 2 Blumenleben nicht — schwelle herauf, taumelnder Zephyr und spuͤle mich in deine Bluͤtenkelche hinab — ach du unermeßlicher Stralenguß, falle aus der Sonne uͤber die enge Erde und fuͤhr' auf deinen Glanzfluten das schwere Herz vor den unendlichen Thron, damit das ewige Herz die kleinen an Asche graͤnzenden nehme und heile und waͤrme! Ist denn ein armer Sohn dieser Erde so ungluͤck¬ lich, das er verzagen kann mitten im Glanze des Morgens, so nahe an Gott auf den heißen Stufen seines Throns? Fliehe mich nicht, mein Theurer, weil immer ein Schatten mich umzingelt, der sich taͤglich ver¬ dunkelt bis er endlich als eine kleine Nacht mich einbauet. Ich sehe den Himmel und dich durch den Schatten: in der Mitternacht laͤchle ich und im Nachtwind geht mein Athem voll und warm. Denn, o Mensch, meine Seele hat sich aufgerichtet gegen die Sterne: der Mensch ist ein Engbruͤstiger, der erstickt, wenn er liegt und seinen Busen nicht auf¬ hebt. — Aber darfst du die Erde, diesen Vorhim¬ mel verachten, den der Ewige gewuͤrdigt, unter dem lichten Heer seiner Welten mitzugehen? das Große, das Goͤttliche, das du in deiner Seele hast und in der fremden liebst, such' auf keinem Sonnenkrater, auf keinem Planetenboden — die ganze zweite Welt, das ganze Elysium, Gott selbst erscheinen dir an kei¬ nem andern Ort als mitten in dir. Sey so groß, die Erde zu verschmaͤhen, werde groͤßer, um sie zu achten. Dem Mund, der an sie gebuͤckt ist, scheint sie eine fette Blumenebene — dem Menschen in der Erdnaͤhe ein dunkler Weltkoͤrper — dem Men¬ schen in der Erdferne ein schimmernder Mond. Dann erst fließet das Heilige, das von unbekannten Hoͤhen in den Menschen gesenkt ist, aus deiner See¬ le, vermischt sich mit dem irrdischen Leben und er¬ quickt alles was dich umgiebt: so muß das Waßer aus dem Himmel und seinem Gewoͤlk erst unter die Erde rinnen, und aus ihr wieder aufquellen eh' es zum frischen hellen Trank gelaͤutert ist. — Die ganze Erde bebt jetzt vor Wonne, daß alles ertoͤnt und singt und ruft, wie Glocken unter dem Erdbeben von selber erklingen. — Und die Seele des Menschen wird immer groͤßer gemacht vom nahen Unsicht¬ baren — — Ich liebe dich sehr! — Emanuel. Horion las durch schwimmende Augen: »ach, »wuͤnscht' er, waͤr' ich schon heute mit meinem un¬ »ordentlichen Herzen bei dir, du Verklaͤrter!« und jetzt fiel ihm erst die Naͤhe des Johannistages ein und er nahm sich vor, ihn da zu sehen. Die Sonne war schon verschwunden, die Abendroͤthe sank wie eine reife Aepfelbluͤte hinab, er fuͤhlte nicht die heis¬ sen Tropfen auf seinem Angesicht und den Eisthau der Daͤmmerung an seinen Haͤnden, und irrte mit einer von Traͤumen erleuchteten Brust, mit einem beruhigten, mit der Erde ausgesoͤhnten Herzen zu¬ ruͤck. — — — Beilaͤufig! ists noͤthig, daß ich eine Schutz¬ schrift ausarbeite fuͤr Emanuel als Stylisten und als Styliten (im hoͤhern Sinne)? Und wenn sie noͤthig ist, brauch' ich darinn etwas anders beyzu¬ bringen als dieses — daß seine Seele noch das Echo seiner indischen Palmen und des Gangesstromes ist — daß der Gang der bessern entfesselten Menschen, so wie im Traume, immer ein Flug ist — daß er sein Leben nicht wie Europaͤer mit fremden Thier¬ blut duͤnge oder in gestorbnem Fleisch auswaͤrme und, daß dieses Fasten im Essen, so wie das Ueberla¬ den im Trinken, die Fluͤgel der Phantasie leichter und breiter mache — daß wenige Ideen in ihm, da er ihnen allen geistigen Nahrungssaft einseitig zuleitet, (welches nicht nur Wahnsinnige, sondern auch ausserordentliche Menschen von ordentlichen abtrennt) ein unverhaͤltnißmaͤßiges Gewicht bekom¬ men muͤssen, weil die Fruͤchte eines Baums desto dicker und suͤsser werden, wenn man die andern ab¬ gebrochen — und dergleichen mehr. — Denn aufrich¬ tig zu sprechen, die Leser die eine Schutzschrift be¬ gehren, beduͤrfen selber eine und Emanuel ist etwas besseres werth als eine — Defension. — Jetzt sprang dem Helden der Trost wie eine Quelle auf, daß er am Donnerstag seine Seelen¬ wanderung durch die Natur, seine Reise, anhebe: »beim Henker! sagt' er aufhuͤpfend, was hat ein »Christ da noͤthig, daß er Nothmuͤnzen schlaͤgt und »Trauermaͤntel umthut, wenn er am Donnerstage »nach Kusseviz zur Uebergabe der italienischen »Prinzessin reisen kan — und am Sonnabend nach der »Insel der Bereinigung und noch am naͤmlichen Tage, »welches Ein Tag vor Johannis ist, nach Maienthal »zu seinem Theuern, zu seinem Engel?» — O Himmel, ich wollt', er und ich waͤren schon uͤber die Reise her — wahrhaftig sie kann, wenn mich nicht alle Hoffnungen beluͤgen, vielleicht ganz ertraͤglich werden. — — — Unter der Wochenbetstunde des Mitwochs, rollten zwey Waͤgen vor: aus dem vollen traten der Lord und der Fuͤrst, aus dem leeren nichts. Die alte Appel hatte sich praͤchtig angekleidet und in die Speisekammer eingesperrt. Der Kaplan war gluͤckli¬ cher, er dozirte im Tempel. Man macht selten ein gescheutes Gesicht, wenn man praͤsentirt wird — oder ein dummes, wenn man praͤsentirt. Der Lord fuͤhrte dem Fuͤrsten seinen Sohn als ein Unterpfand seiner kuͤnftigen Treue in die Haͤnde und ans Herz, aber mit einer Wuͤrde, die eben soviel Ehrfurcht erwarb als sie erwies. Mein guter Held betrug sich wie ein — Narr: er hatte weit mehr Witz als un¬ sre Achtung gegen Hoͤhere oder die ihrige gegen uns verstattet; ein Talent, das ausser dem Hof-Lehn¬ dienste sich aͤussert, kan als eine Felonie betrachtet werden. Sein Witz war blos eine versteckte Verlegenheit, worin ihn zwey Gesichter und eine dritte Ursache setzten. Erstlich das fuͤrstliche. ... — Wenn sich die Lesewelt beschwert, daß so al¬ maͤhlig wie sie sehe, ein neuer Name und Akteur nach dem andern in diesen Venusstern hereinschleiche und ihn sovoll mache, bis aus dem historischen Bildersaal ein ordentlicher Vokabelnsaal werde, in dem sie mit einem Adreskalender in der Hand her¬ umwandeln muͤsse: so hat sie wahrhaftig recht Recht und ich habe mich selber schon am meisten daruͤber beschwert: denn mir sitzt am Ende doch die groͤste Teufeley auf dem Hals, und jeder neue Tropf ist ein neues herausgezogenes Orgelregister, das ich mit spielen muß und das mir das Niederdruͤcken der Ta¬ sten sauerer macht; — aber der Korrespondent schickt mir im Kuͤrbis alle diese Einquartirung zu und der Haselant schreibt gar, ich sollt' es nur der Welt sa¬ gen, es kaͤme noch mehr Volk. — Das fuͤrstliche Gesicht setzte ihn in Verlegenheit, nicht weil es imponirte, sondern weil es dieses blei¬ ben ließ. Es war ein Wochentags-Kurrentgesicht, das auf Muͤnzen, aber nicht auf Preismedaillen ge¬ hoͤrte — mit Arabesken-Zuͤgen, die weder Gutes noch Boͤses bedeuten — von wenigem Hof-Matgold uͤberflogen — eingeoͤlet mit einem sanften Oel, das die staͤrksten Wellen erdruͤcken konnte — eine Art suͤsser Wein, mehr den Weibern als Maͤnnern trink¬ bar. Von den feinsten Wendungen, die Viktor zu erwiedern gesonnen war, stand nichts zu hoͤren und zu sehen; aber von passenden leichten desto mehr. Viktor wurde durch den Kampf und Wechsel zwi¬ schen Hoͤflichkeit und Wahrheit verlegen. Die Vi¬ sitenverlegenheit entsteht nicht aus' der Ungewißheit und Unwegsamkeit des Steigs, sondern auf den Kreutzwegen und zwischen den zwey Heubuͤndeln des scholastischen Esels. Viktor, dessen Hoͤflich¬ keit immer aus Menschenliebe entsprang, muste die heutige aus Eigennutz entspringen lassen; und dieses wollt' ihm nicht ein. Ausser dem Vater-Ge¬ sicht, vor dem bey den meisten Kindern das ganze Raͤderwerk eines freien Betragens knarrt und stockt, macht' ihn drittens das verlegen und witzig, daß er et¬ was haben wollte: ich kanns einem jeden — einen Hofmann ausgenommen, dessen Leben wie das eines Christen ein bestaͤndiges Gebet um etwas ist — ansehen, wenn er zur Thuͤr hereinkommt, ob er als Almosensammler und Werkheiliger oder als blosser Freudenklubist einspreche. Noch ehe die Leute aus der Kirche gingen, fas¬ sete er schon herzliche Liebe zum Fuͤrsten — die Ur¬ sache war, er wollt ' ihn lieben und wenn der Teufel da staͤnde. Er sagte oft, gebt mir zwei Ta¬ ge oder Eine Nacht, so will ich mich verlieben in wen ihr vorschlagt. Er fand mit Vergnuͤgen auf Jenners Gesicht keinen Sekunden, keinen Monats¬ zeiger der Schaͤferstunden, mit denen ein guter Zaͤsar sonst gern die langweiligen Ehejahre frem¬ der Eheweiber wie mit Flitterwochen zu durch¬ schiessen sucht: sondern in seinem Gesichte war nichts als Enthaltsamkeit aufgeschlagen, und Viktor pflichtete lieber dem Gesichte als dem Rufe bey. Er schiesset fehl: denn auf das maͤnnliche Gesicht — ob es gleich wie gewisse Gemaͤlde aus Lettern, eben so aus lauter Buchstaben der Physiognomik gemacht ist — hat doch die Natur die Matres lectionis und Malzeichen der Wollust sehr klein geschrieben, auf das weibliche aber groͤsser; welches ein wahres Gluͤck fuͤr das erste und staͤrkere und — unkeuschere Ge¬ schlecht ist. — Ueberhaupt ist Ehebrechen nichts als eine gelindere Art von Regieren und Kriegen. Gleichwohl stellen rechtschaffene Regenten die Wei¬ ber, sobald sie solche erobert haben, stets dem vori¬ gen Eheherrn mit Vergnuͤgen wieder zu. Es ist vielleicht dieselbe Groͤsse, womit die Roͤmer den groͤsten Koͤnigen ihre Reiche wegnahmen, um sie nachher damit wieder zu beschenken. Da Fuͤrsten nicht wie die Juristen boͤse Christen, sondern gar keine sind: so nahm Jenner unsern Vik¬ tor durch verschiedene Funken von Religion und durch einigen Haß gegen die Enzyklopaͤdisten ein; wiewohl die Religion zwar ihr Gutes aber auch ihr schlimmes hat, weil nur ein gekroͤnter Atheist, aber kein Theist das unschaͤtzbare privilegium de non ap¬ pellando besitzt. Das Gespraͤch war gleichguͤltig und leer wie alle in solchen Lagen. Ueberhaupt verdienen die Men¬ schen fuͤr ihre Gespraͤche stumm zu seyn; ihre Ge¬ danken sind allezeit besser als ihre Dialogen, und es ist Schade, daß man an gute Koͤpfe keinen Ba¬ rometrographen oder kein Setzklavier appliciren kann, das aussen alles nachschreibe was innen gedacht wuͤr¬ de. Ich wollte wetten, jeder grosse Kopf geht mit einer ganzen Bibliothek ungedruckter Gedanken in die Erde und blos einige wenige Repositorien voll laͤsset er in den Druck auslaufen. Viktor stellte an ihn das gewoͤhnliche medicini¬ sche Interrogatorium, nicht blos als Leibarzt, son¬ dern auch als Mensch, um ihn zu lieben. Obgleich Leute aus der grossen und groͤsten Welt wie der Un¬ ter-Mensch, der Urangutang, im 25ten Jahre aus¬ gelebt und ausgestorben haben — vielleicht sind des¬ wegen die Koͤnige in manchen Laͤndern schon im 14 Jahre muͤndig — so hatte doch Jenner sein Leben nicht so weit zuruͤckdatirt und war wirklich aͤlter als mancher Juͤngling. — Am meisten bemaͤchtigte sich der Fuͤrst des guten warmen Herzens Sebastians durch das schlichte Betragen ohne Praͤtensionen, das weder der Eitelkeit noch dem Stolze diente und dessen Aufrichtigkeit sich durch nichts von der ge¬ woͤhnlichen unterschied als durch Feinheit: Viktor hatte schon Vasallen neben dem Munde ihres Lehn¬ herrns so stehen sehen, daß der letztere aussah wie ein Haifisch, der queer einen Menschen im Rachen traͤgt; aber Jenner glich einem Petermaͤnchen So heisset der Fisch, in dessen Maule Petrus die Steuer Christi gefunden - das darin einen huͤbschen Stater verweist. Dem Hofkaplan wars, da er kam, in seinem Er¬ staunen uͤber einen gekroͤnten Gast unmoͤglich, Lippe oder Fuß zu ruͤhren: er verblieb unbeweglich in der weiten Wasserhose des Priesterrocks, der um ihn wie um Marzipan ein Regalbogen geschlagen war. Das einzige was er sich erlaubte und erfrechte, war, — nicht, die Bibel, den Mauskloben, wegzulegen son¬ dern — die Augen heimlich in der Stube herumzu¬ treiben, um zu observiren, ob sie gehoͤrig geheftet, foliirt und uͤberschrieben sey von den Stuben-Regi¬ stratorinnen. Der Fuͤrst reisete endlich mit dem Lord weiter, der seinen Abschied vom Sohne und seine Abschieds¬ predigten bis auf den einsamen Tag auf der Insel der Vereinigung versparen muste. Der Sohn be¬ kam zur Nachbarschaft des Fuͤrsten Lust, wenn er dessen Betragen gegen seinen Vater uͤberdachte: er hatte die doppelde Freude des Kindes und des Men¬ schen, da sein Vater das eigne Gluͤck in das Gluͤck des armen Landes verwandelte, und blos, um Gu¬ tes zu thun, in dem Thronfelsen sich Fußstapfen austrat, wie man in Italien die Fußtritte der En¬ gel, die erschienen und begluͤckten, in den Felsen zeigt. Andre Guͤstlinge gleichen dem Henker, der sich im Sande Fußstapfen aushoͤlt, um fester zu ste¬ hen, wenn er — koͤpft. In der ausgeleerten Stube erwachte unter Ey¬ manns Gliedern, — er stand noch im Priesterrocks- Schilderhaus — der Zeigefinger zuerst, der sich aus¬ streckte und dem Familienzirkel das Bette wies: »es »waͤr' uns dienlicher, wenn man uns mit diesem »Lumpen strangulirt haͤtte als so.» Er meinte sei¬ ne eigne beschmutzte Halsbinde, die er selber ins Ehebette — die Kunstkammer und der Packhof sei¬ ner Waͤsche — geworfen hatte. Wenn man ihm ei¬ nen Einfall widersprach: so bewies er ihn so lange bis er ihn selber glaubte, raͤumte man ihn ein: so sann er sich einige Skrupel aus und nahm eine an¬ dre Meynung an: »durch die Vorhaͤnge muß seine »Durchlaucht den Fetzen gesehen haben.» Er berei¬ sete alle Stellen, wo Jenner gestanden hatte und vi¬ sirte nach der Lumpenbinde und uutersuchte ihre Pa¬ rallaxe. »Ans Blenden der Fenster muͤssen wir »uns halten, wenn wir ruhig bleiben wollen» be¬ schlos er und — ich Postskript : Ich werde allemal noch einem 8ten Kapitel — weil ich gerade 2 Hundstage in Einer Woche fertig bringe — bemerken, daß ich wieder einen Monat lang gearbeitet habe. Ich berichte, daß morgen der Junius angeht. Erster Schalttag. Muͤssen Traktaten gehalten werden, oder ist es genug, daß man sie macht? — D as letztere. — Heute exerzirt der Berghauptmann zum erstenmal auf des Lesers Grund und Boden das Recht ( Servitus projiciendi cloaci ), das er nach dem Vertrag vom 4ten Mai wirklich besitzt. Die Haupt¬ frage ist jetzt, ob ein Hunds-Vertrag zwischen zwey so grossen Maͤchten — indem der Leser alle Welt¬ theile hat und ich wieder den Leser — nach dem Schliessen noch zu halten sey. Friedrich, der Antimachiavellist, antwortet uns und stuͤtzt sich auf den Machiavell: allerdings muß jeder von uns sein Wort so lange halten, als er — Nutzen davon hat. Dieses ist so wahr, daß sogar solche Traktaten nicht gebrochen wuͤrden, wenn sie gar nicht — geschlossen waͤren; und die Schweizer, die noch 1715. einen mit Frankreich beschworen , haͤtten eben so gut in allen Kantons die Finger auf¬ heben und beeidigen koͤnnen, daß sie alle Tage or¬ dentlich — ihr Wasser lassen wollten. So bald aber der Nutzen von Vertraͤgen aufhoͤrt: so ist ein Regent befugt, deren zweyerlei zu bre¬ chen — die mit andern Regenten, die mit seinen eignen Landes-Stiefkindern. Als ich noch im Kabinet arbeitete (schon um 6 Uhr mit dem Flederwisch, die Sessionstische abzu¬ staͤuben, nicht mit der Feder,) hatt' ich ein gescheu¬ tes fliegendes Blat unter der letztern, worin ich die Traktaten-Ouvertuͤre: au nom de la Sainte Trinité tis fuͤr die Chiffre ausgeben wollte, die die Gesand¬ ten uͤber ihre Berichte zum Zeichen setzen, daß man das Gegentheil zu verstehen habe — es wurd' aber nichts aus dem fliegenden Blatt als ein — Manu¬ script. In diesem war ich so dumm und wollte den Fuͤrsten erst rathen, von Noth -Luͤgen und Noth - Wahrheiten der Traktaten muͤsten sie in jeder Brei¬ te und Stunde dekliniren und inkliniren ; ich wollte die Staatskanzleien in einen Winkel zu mir heranpfeifen und ihnen in die Ohren sagen: ich wuͤrd' es, und haͤtt' ich nur neun Regimenter in Gold und Hunger, nicht thun und mir nicht mit dem Wachs und Siegellak der Vertraͤge Haͤnde und Fuͤsse zusammenpichen und mit der Dinte die Fluͤ¬ gel verkleben lassen; das wollt' ich in die Staats¬ praxis erst einfuͤhren — aber die Staatskanzleyen lachten mich von weitem in meinem naͤrrischen Winkel Winkel aus und sagten: der Pfeifer muß doch den¬ ken, wir machens anders. In den Werken des H. Herkommen — des besten deutschen Publizisten, der aber keine acta sanc¬ torum schreibt — wird es erwiesen, daß ein Lan¬ desfuͤrst die Vertraͤge, Privilegien und Konzessionen zwischen seinem Vorfahrer und den Unterthanen gar nicht zu beobachten brauche; — daraus folgt, daß er noch weit weniger seine eignen Vertraͤge mit ihnen zu halten vonnoͤthen habe, da ihm die Nutz¬ niesung dieser Vertraͤge, die in nichts als im Hal¬ ten oder Brechen besteht, offenklar als Eigenthuͤmer gebuͤhre. H. Herkommen sagt das naͤmliche auf allen Blaͤttern und schwoͤrt gar dazu. — Ja kann es einen Dekan oder einen Rektor Magnifikus geben, der so entsetzlich dumm ist, das ihm — da doch nach einer allgemeinen Fikzion ein Koͤnig nicht stirbt und mithin Vor- und Nachfahrer zu Einem Mann ineinanderverwachsen — nicht der Schluß daraus beyzubringen ist, daß der Nachfahrer seine eigne Vertraͤge fuͤr die seines Antezessors halten und mit¬ hin, da beyde nur Ein Mann sind, eben so gut bre¬ chen koͤnne wie geerbte. Wer philosophisch daruͤber reden wollte: der koͤnnte darthun, daß uͤberhaupt gar kein Mensch sein Wort zu halten brauche, nicht blos Fuͤrsten. Nach der Physiologie ruͤckt der alte Koͤrper eines Hesperus, l . Th. O Koͤnigs (eines Lesers, eines Berghauptmanns) in drei Jahren einem neuen zu; — Hume treibts mit der Seele noch weiter, weil er sie fuͤr einen dahinrinnenden (nicht gefrornen) Fluß von Erschei¬ nungen haͤlt. So sehr also der Koͤnig (Leser, Au¬ tor) im Augenblick des Versprechens an dessen Hal¬ tung gefesselt ist: so unmoͤglich kan er noch daran gebunden seyn im naͤchsten Augenblick darauf, wo er schon sein eigner Nachfahrer und Erbe geworden, so daß in der That von uns zweyen am 4ten Mai kontrahirenden Wesen am heutigen Mai nichts mehr da ist als unsre blossen Posthumi und Sukzessores. Da nun gluͤcklicher weise niemals in einem und den¬ selben Augenblick zugleich Versprechen und Halten hineingeht: so kann die angenehme Folge fuͤr uns alle daraus fliessen, daß uͤberhaupt gar keiner sein Wort zu halten verbunden sey, er mag Kuppel oder Saͤgespahn eines Thrones sein. Auch die Hofleute (die Thron-Eckenbeschlaͤge) setzen sich dem nicht dar¬ wider. Das Publikum wird gebeten, die Vorrede fuͤr den zweiten Schalttag zu halten, damit Symmetrie da ist. 9. Hundsposttag. Himmels Morgen, Himmels Nachmittag — Haus ohne Mauer, Berte ohne Haus — A ch der arme Bergmann, der Minirer im Stein¬ salz und der Insel-Neger haben in ihrem Kalender keinen solchen Tag als hier beschrieben oder repetirt wird! Sebastian stand Donnerstags schon um 3 Uhr auf dem Flugbret seines Bienenstocks, um in Gros¬ kusseviz in Einem Tage anzulanden und um weg¬ zuseyn eh' man auf war. Ein Leser der einen Atlas unten auf dem Fußboden hat, kan unmoͤglich diesen Marktflecken, wo die Uebergabe der Fuͤrstenbraut vorgeht, mit einem Namensvetter von Dorf verwir¬ ren, den die Stadt Rostock zu ihrem Immobiliar¬ vermoͤgen geschlagen. Das ganze Haus hatt' ihn leider so lieb, daß es schon eine halbe Stunde fruͤ¬ her aus den Morgenfedern, woraus die groͤsten Fluͤ¬ gel der Traͤume gemacht werden, heraus war. Un¬ ter dem Getoͤse der Wagenketten, Hunde und Haͤh¬ ne trennte er sein sanftes Herz von lauter liebenden Augen und indem ihn das Klopfen des erstern und O 2 das Erweichen der andern verdroß, wurde alles noch aͤrger: denn der aͤussere Laͤrm stillt die Seele. Draussen schwammen alle Graspartien und Son¬ nenfelder im Tropfbad des Thaus und im kalten Luftbad des Morgenwinds. Er wurde darinn wie heisses Eisen gehaͤrtet: ein Morgenland voll unuͤber¬ sehlicher Hofnungen umzog ihn, er kleidete sich aus, warf sich brennend ins tropfende Gras, wusch sich (aber nicht aus aͤsthetischen Karnazions-Endzwecken der Maͤdgen) das feste Gesicht mit fluͤssigem Junius¬ schnee und trat, mit straffern Fiebern bespannt, aus dem Tropfbad in den Anzug — blos Haar und Brust steckt' er in kein Gefaͤngniß. Er waͤre gewiß eher abgegangen; aber er wollte dem Monde ausweichen, den er so wenig mit der Sonne zu gatten vermochte als die Kinder von bei¬ den, Nachtgedanken mit Morgengedanken. Denn wenn die Morgenwolken um den Menschen thauen, wenn die liebenden Voͤgel schreiend durch den Glanz¬ nebel schiessen, wenn die Sonne aus der Wolkenglut verschwillt: so druͤckt der erfrischte Mensch seinen Fuß tiefer in seine Erde ein und waͤchset mit neuem Lebens-Epheu fester an seinen Planeten an. Langsam watete er durch eine niedrige Haselstau¬ den-Allee und streifte ungern ihre erkaͤlteten Kaͤfer ab: er hielt an sich und stand endlich, um sich zu verspaͤten, weil er besorgte, ins nahe Waͤldgen zu kommen, wenn gerade die Sonne ihr Theater betrat. Er hoͤrte schon den musikalischen Wirwar im Waͤld¬ gen — Rosenwolken waren als Blumen in die Son¬ nenbahn gebreitet — die Warte, dieser Hochaltar, worauf sein erster schoͤner Abend brannte, entflamm¬ te sich — die singende Welt der Luft hing jauch¬ zend in den Morgenfarben und im Himmelsblau — Funken von Wolken huͤpften vom Goldbarren am Horizont empor — endlich wehten die Flammen der Sonne uͤber die Erde herein. Wahrlich wenn ich an jedem Abende den Son¬ nenaufgang mahlte und an jedem Morgen ihn saͤhe: ich wuͤrde doch wie Kinder rufen: noch einmal, noch einmal! Mit betaͤubten Sehnerven und mit vorausschwim¬ menden Farbenflocken gieng er langsam in den Wald wie in einen dunkeln Dohm und sein Herz wurde gros bis zur Andacht. . . — Ich will nicht voraussetzen, daß mein Leser ein so prosaisches Gefuͤhl fuͤr den Morgen habe, um dieses poetische unvertraͤglich mit Viktors Karak¬ ter zu finden — ja ich darf seiner Menschenkenntniß zutrauen, daß sie wenig Muͤhe habe, zwischen solchen dissonen Toͤnen in Viktor, wie Humor und Empfind¬ samkeit sind, den Leitton auszufinden: ich will mich also unbesorgt dem frohen Anschauen seiner weichen Seele und dem Vertrauen auf fremden Einklang uͤberlassen — Der Venusstern und ein Wald bluͤhen am schoͤn¬ sten am Morgen und Abend: auf beide treffen dann die meisten Strahlen der Sonne. Daher war unse¬ rem Viktor im Walde als gieng' er durch die Pforte eines neuen Lebens, da er an diesem feurigen Morgen mit der Sonne, die neben ihm von Zweigen zu Zweigen flog, durch das brausende Gehoͤlz, hinweg unter vollstimmigen Aesten, die so viele bewegte Spiel-Walzen waren, uͤber das im gruͤnen Sonnenfeuer stehende Moos und unter dem ins himmlische Blau getauchte Tannengruͤn hindurch wankte. — Und an diesem Morgen erneuerte sich in seinem Herzen die schmerzhafte Aehnlichkeit von vier Dingen, — von dem Leben, einem Tage, einem Jahre, einer Reise, die einander gleichen im fri¬ schen Jubel-Anfang — im schwuͤlen Mittelstuͤck — im muͤden satten Ende. — — Draussen im Anfluge, im Hintergrund des Waͤld¬ gens rollte vor ihm die Natur ihr meilenlanges Al¬ tarblatt auch mit den Huͤgel Ketten desselben, mit seinen blendenden Landhaͤusern, die sich mit Gaͤrten wie mit Fruchtschnuͤren putzten, mit den Miniatur¬ farben der Bluͤmgen, die sich an der silbernen Schoͤn¬ heitslinie der Baͤche bewegten. Und eine Wolke trunkner, spielender, schwirrender Miniaturwesen aus Seidenstaub zog und hieng uͤber das wallende Gemaͤlde her. — Welchen Weg sollte Viktor im La¬ byrinth der Schoͤnheit nehmen? — Alle 64 Radien des Kompasses streckten sich als wegweisende Arme aus und er hatte soviel Verstand, daß er sich keine Stunde vorsetzte, um anzukommen — er wich daher uͤberall rechts und links aus — er stieg in jedes Thal, das sich hinter einem Huͤgel versteckte — er besuchte die durchbrochnen Schattenpartien jeder Baumkolonnade — er legte sich zu den Fuͤssen jeder schoͤnern Blume nieder und erquickte sich mit plato¬ nischer Liebe an ihrem Geiste, ohne ihren Koͤrper abzuknicken — er war der Reisegefaͤhrte jedes gepu¬ derten Schmetterlings und sah seinem Einwuͤhlen in seine Blume zu, und der Grasmuͤcke folgte er durch alle Gebuͤsche in ihre Brutzelle und Kinderstube nach — er lies sich fest machen durch den Kreis, den ei¬ ne Biene um ihn zog und lies sie ruhig in den Schacht seines Bouquets einschlagen — er exerzirte in jedem Dorfe, das ihm der bunte Grund vorhielt, die Durchgangsgerechtigkeit und begegnete am lieb¬ sten den Kindern, deren Tage noch so spielten wie seine Stunden — — Aber Menschen mied er. . . . . Und doch sprang aus seinem Herzen eine hohe Quelle der Liebe, die bis zum entferntesten Bruder drang; und doch war er so sehr ohne Egoismus — so ohne jene sentimentalische Intoleranz, die den Grad und die Quelle mit der herrnhutischen gemein hat — — Der Grund war der: der erste Tag einer Reise war ganz anders als der zweite, dritte, acht¬ zigste. Denn am zweiten, dritten, achtzigsten war er prosaisch, humoristisch, stiptisch, d. h. er hing sich wie gehaͤckelter Same an jedes Menschenherz und schlug die Wurzeln seines Gluͤcks in jedem frem¬ den Schicksal ein. Aber am ersten Tage kamen ver¬ huͤllte Geister aus alten Stunden in seine Seele, welche verschwanden, wenn ein Dritter sprach — ei¬ ne sanfte Trunkenheit, die ihm der Dunstkreis der Natur wie der eines Weinlagers mittheilte, legte sich wie eine magische Einsamkeit um seine Seele. . Warum will ich aber den ersten Tag schildern eh' ich ihn schildere. In den ersten Stunden war er heute — an der Ouvertuͤre der Reise — frisch, froh, gluͤcklich, aber nicht seelig; er trank noch, allein er war nicht trun¬ ken. Aber wenn er so einige Stunden mit schoͤpfen¬ dem Auge und saugendem Herzen gewandelt war durch Perlenschnuͤre bethaueter Gewebe, durch sum¬ sende Thaͤler, uͤber singende Huͤgel, und wenn der blaulichte Himmel sich friedlich an die dampfenden Hoͤhen und an die dunkeln wie Gaͤrtenwaͤnde uͤber¬ einander steigender Waͤlder schlos; wenn die Natur alle Roͤhren des Lebensstromes oͤfnete und wenn alle ihre Springbrunnen aufstiegen und brennend inein¬ ander spielten von der Sonne uͤbermahlt: dann wur¬ de Viktor, der mit einem steigenden Herzen durch diese fliegende Stroͤme ging, von ihnen gehoben und erweicht; dann schwamm sein Herz bebend wie das Sonnenbild, im unendlichen Ozean, wie der schlagende Punkt des Raͤderthiers im flatternden Wasserkuͤgelgen dieser Kaskaden schwamm — — Dann loͤsete sich in eine dunkle Unermeßlichkeit auf die Blume, die Aue, der Wald; und die Far¬ benkoͤrner der Natur zergingen in eine einzige weite Flut, und uͤber der daͤmmernden Flut stand der Un¬ endliche als Sonne, und in ihr das Menschenherz als zuruͤckgespiegelte Sonne — — Alles ward Eins — alle Herzen ein groͤstes — ein einziges Leben schlug — die gruͤnenden Bilder — die wachsenden Statuen — der Staubklumpe des Erdglobus und die unendliche blaue Woͤlbung wur¬ den das anblickende Angesicht Einer unermeßlichen Seele — — Er mochte immerhin die Augen zuschliessen: in seiner dunkeln Brust ruhte noch diese bluͤhende Un¬ endlichkeit — — Ach wenn er sich in die Wolken haͤtte hinauf¬ stuͤrzen koͤnnen, um auf ihnen durch den wehenden Himmel, uͤber die unuͤbersehliche Erde zu ziehen! — Ach wenn er mit dem Bluͤtendufte haͤtte uͤber die Blumen hinuͤberinnen, mit dem Winde uͤber die Gip¬ fel, durch die Waͤlder haͤtte stroͤmen koͤnnen! — O jetzt waͤr' er einem grossen Menschen lieber ans Herz gefallen und trunken und weinend in seinen Busen versunken, um zu stammeln: »wie gluͤcklich ist »der Mensch!« Er mußte weinen ohne zu wissen woruͤber — er sang Worte ohne Sinn, aber ihr Ton ging in sein Herz — er lief, er stand — er tauchte das gluͤhende Angesicht in die Wolke der Bluͤtenstauden und wollte sich verlieren in die sumsende Welt zwischen den Blaͤttern — er druͤckte das zerritzte Angesicht ins hohe kuͤhlende Gras und hieng sich im Taumel an die Brust der unsterblichen Mutter des Fruͤhlings. Wer ihn von weitem sah, hielt ihn fuͤr wahnsin¬ nig: vielleicht jetzt mancher noch, der es nie selber erfahren hat, daß durch die ausgehellte selige Brust, wie durch den heitersten Himmel, Sturmwinde zie¬ hen koͤnnen, die in beiden in Regen zerfließen. In dieser Tageszeit seines Wiedergeburts-Tages gab sein Genius seinem Herzen die Feuertaufe einer Liebe, die alle Menschen und alle Wesen in ihre Flammen faßte. Es giebt gewisse koͤstliche Wonne- Minuten — ach warum nicht Jahre? — wo eine unaussprechliche Liebe gegen alle menschliche Ge¬ schoͤpfe durch dein ganzes Wesen fließet und deine Arme sanft fuͤr jeden Bruder aufthut. Das wenig¬ ste war, daß Viktor, dessen Herz in der Sonnenseite der Liebe war, jedem der ihm neben einem Berge aufsties, gegen die steile Seite auswich — daß er vor keinem, der angelte, voruͤberging, um keinen verscheuchenden Schatten ins Wasser zu werfen — daß er langsam durch Schafe ging und vor dem Kinde, das ihn scheuete, einen Umweg nahm — Nichts ging uͤber die sanfte Stimme, womit er je¬ dem Pilgrim mehr als diesen gluͤcklichen Morgen wuͤnschte; nichts uͤber den vorausgeruͤhrten Blick, womit er in jedem Dorfe die arme Haut, deren Schwielen und Narben und Schnittwunden einen Blutschwamm oder schmerzenlindernden Tropfen noͤ¬ thig hatten, auskundschaften wollte. »Ach ich weis »es so gut als ein Famulus bei einem Professor der »Moral (sagt' er zu sich,) daß es keine Tugend, »sondern nur eine Wollust ist, die Dornenkrone von »einer zerritzten Stirne, den Stachelguͤrtel von wun¬ »den Nerven wegzunehmen — aber da auf so vielen »Wegen zersplitterte Menschen liegen, warum streckt »auf meinem keiner seine Hand aus, damit ich et¬ »was hineinlegen koͤnnte fuͤr diesen unverdienten »Himmel in Brust.« Er wollte seine Freude einem fremden Herzen zum Kosten entgegen tragen wie die Biene ihren Mund voll Honig in die Lippen einer andern uͤber¬ giebt. Endlich keuchten zwei Kinder daher, davon eines als Zugvieh an einem Schiebekarren angestrickt war: das andere war vornen als schiebender Fuhr¬ mann nachgespannt. Der Karren war mit sechs loͤcherigten Saͤcken voll Tannenzapfen befrachtet; die das arme Gespann zu einem hektischen Feuer zusam¬ menfuhr. Beide vertauschten haͤufig ihre Chargen, um es auszudauern; und der Fuhrmann wollte im¬ merfort sogleich wieder der Gaul werden. »Ihr gu¬ »ten Kinder! kann denn nicht euer Vater schieben?« — »Der Baum hat ihm die zwei Beine entzwei ge¬ »schlagen.« — »So koͤnnte doch Euer großer Bru¬ «der in den Wald?« — »Er muß dort brachen« — Viktor stand am Brachacker neben einem Wams mit eben so viel Farben als Loͤchern und neben ei¬ nem schmutzigen Brodsack, welches saͤmtlich dem Bru¬ der angehoͤrte, der in der Ferne mit einem halben Postzug magerer Kuͤhe auf dem Theater dieser Szene ackerte. — — Eine volle Hand, die sich in den Schoos des Elends ausleerte, machte Viktors schwe¬ re Seele leichter wie das volle Auge, das sich jener nach ergoß: sein Gewissen, nicht sein Eigennutz, war sein Opponent gegen die Groͤße seiner Gabe — er gab sie doch, aber in kleinen Muͤnzsorten — die Kinder verließen ihre Kaufmannsguͤter und das eine lief uͤber das Feld hinuͤber zum Pfluge und das an¬ dre ins Doͤrfgen hinab zur Mutter. — Der Ackers¬ mann zog in der Ferne den Hut ab — wollte laut danken, konnte sich aber nur schneuzen — ackerte ohne Hut heran — aber erst als er dem Juͤngling den Dank nachrief, war dieser schon aus dem Ge¬ hoͤr-Kreise hinausgefluͤchtet. . . . — Wuͤnsche lieber Leser, nicht diesen und den kommenden Zwischenakt des Menschengrams aus den großen Auftritten der gluͤcklichen Natur heraus und dein Herz verdiene wie Viktor durch Geben das Nehmen! — Er kam in seiner gutherzigen Eile bald einem fieberkranken Schmiedegesellen nach, dessen Reisekof¬ fer oder Mantelsack ein angefuͤlltes Schnupftuch war: am Stecken trug er noch ein entfaͤrbtes elendes Stiefelpaar, das er schonen mußte, weil das andre, das er an andern Stecken, naͤmlich an den Beinen hatte, noch elender und weniger ohne Farbe als ohne den Boden dazu war. Als er den Fabrikanten scho¬ nend gegruͤßet und beschenkt hatte: so sah er ihm ins bleiche erstorbene Gesicht und er konnte ihm einiges Schmerzengeld nicht versagen. . . . Ach das ganze Schmerzengeld fuͤr dieses Leben wird in einem hoͤheren gezahlt! . . . Als er ihn hoͤflich ausgefragt und sich um seine hungrige Wanderschaft, um seine Zuchthaus-Kost, um sein Fluͤchten von Laͤndern in Laͤnder und um seinen duͤnnen Zehrpfennig, den ihm die Meisterin abschlug, wenn der Meister aus war, erkundigt hatte: so schaͤmte er sich vor dem Allguͤti¬ geu seines Blumenfeldes von Entzuͤckungen, das er nicht mehr verdiene »wie der arme Teufel da« und er dotirte noch einmal nach — Und als er wieder ihn erwartete und sein funfzigjaͤhriges Alter ohne Aussicht erfuhr und als ihn die Beklemmung uͤber¬ waͤltigte, die ihm allzeit alte aber unentwickelte Menschen machten, graue Gesellen, alte Schreiber, alte Provisores, alte Famuli: so war er ja entschul¬ digt, daß er wieder zuruͤcklief und dem erstaunten Alten stumm die neuen Zeichen seiner uͤberfließenden begluͤckenden Seele gab — — Und als er in der neuen Entfernung sein in Liebe zergangnes, gleichsam nur um seine Seele schwimmendes Herz immer mehr nach Wohlthun duͤrsten, und als er einen unbegreif¬ lichen Hang zu neuem Geben und das Sehnen fuͤhl¬ te, irgend einem Menschen heute alles, alles hinzu¬ legen: so merkt' er, daß er jetzt zu weich sey und zu seelig und zu trunken und zu schwach. Sobald man im Dorfe die gewissen Nachrichten von diesem Transitozoll der Wohlthaͤtigkeit in Haͤn¬ den hatte: so legten sich Nachmittags ungefaͤhr 15 Kinder in verschiednen Distanzen an den Weg, besetzten die engen Paͤsse und stellten Schildwachen und enfans perdus aus, um Zoll-Defraudationen abzukehren. . . . Ein Mensch, der aus drei geraden Stunden sie¬ ben krumme konstruirte wie Viktor, hat oft Hunger aber sicher groͤßern als er; — er nahm blos das Leibnizische Monaden-Diner aus der Tasche, Zwie¬ back und Wein, und speisete damit den an den Geist gehangnen ziehenden Magen ab, um die helle mit Himmelsblau und Himmelsroth ausgewoͤlbte See seines Innern durch keine hineingeworfne Fleischstuͤcke dunkel und schmutzig zu machen. Ueberhaupt haßte er Fresser als Menschen von zu grobem Eigennutz so wie alle lebendige Speckkammern, wo Fettlagen den Geist wie Schneeklumpen eine Huͤtte einquet¬ schen. Die Seele, sagt er, nimmt von den Inlagen des Koͤrpers, wie der Wein vom Obst, das neben ihm im Keller ist, den Geruch an, und im mephiti¬ schen Dampfe, in dem die Seelen der Flachsenfinger uͤber den ihre Kartoffeln und Biere siedenden Brau¬ kesseln ihre Magen zappeln, muͤssen wohl die armen Voͤgelgen besoffen und erstickt in dieses todte Meer herunterfallen. Er brach seinen Zwieback nicht in einem Hause, sondern im Knochengebaͤude, d. h. im Sparrwerk ei¬ nes Hauses, das erst aus den Haͤnden und Beilen der Zimmerleute vor das Dorf gekommen war. In¬ dem er durch alle Divisionen und Subdivisionen die¬ ses architektonischen Skelets und auf einmal durch Stube, Kuͤche, Stall und Boden sah: so dachte er: »wieder ein Schauspielhaus fuͤr eine arme kleine »Menschentruppe, die hier ihre Benefizkomoͤdie, ihre »Gay's Bettleroper abspielet, ohne daß eine Stim¬ »me aus der großen Loge schreiet: bis ! Ach bis »diese Balken der Winterrauch zu Ebenholz geraͤu¬ »chert hat: wird manche Augenhoͤhle roth gequaͤlet »werden; mancher Nordwestwind des Lebens wird »durchs Fenster an zagende Herzen fahren und in »diese Winkel, die erst dunkel vermauret werden, »wird mancher Ruͤcken mit Quetschwunden vom »Gewehrtragen des buͤrgerlichen Lebens treten, um »den Schweiß abzutrocknen oder das Blut.« Er sah an die Stelle des Ofens und des Tisches: »aber die Freude wird euch Insaßen auch ein Paar »Nelkenbaͤume vors Fenster setzen und mit dem »Brautwagen der drei H. Feste und der Kirmes und »der Kindtaufe vor eurer Hausthuͤre, die erst einge¬ »setzt wird, vorfahren und abladen. — Aber sonder¬ »bar! daß ich mir hier im gegitterten alles das »lieber denke als in den ausgemauerten Haͤu¬ »sern des Dorfes dort sehe .« Unter dieser Tisch- und Baurede, wobei kein Trinkglas zerschlagen wurde, strich die weiße Brust der Schwalbe tief uͤber den Fuhrweg und ihr Schna¬ bel lud den geloͤschten Kalk zu ihrem Dachstuͤbgen auf. Die Wespe hobelte sich aus dem Sparrwerk Papierspaͤhne zu ihrem Zwiebel-Globus. Die Spin¬ ne hatte ihr Spinnhaus schon ins große hineinge¬ knuͤpft. Alle Wesen zimmerten und mauerten sich im im unendlichen Meere ihre kleinen Inseln; aber der wuͤhlende Mensch wendet sich nicht um und sieht nicht‚ daß ihm alles aͤhnlich ist. Sebastian verließ sein hoͤlzernes Hotel, sein Ge¬ rippe von einem Frankfurthischen rothen Hause, trunkner und gluͤcklicher als er aus einem ausgemau¬ erten haͤtte gehen koͤnnen. In gewissen Menschen breitet sich eine dunkle Wehmuth, ein desto groͤßerer Seelen-Schatten aus, wenn die Schatten außer ih¬ nen am kleinsten sind, ich meine um 1 Uhr Nach¬ mittags im Sommer. Wenn Nachmittags unter der bruͤtenden Sonne Wiesen staͤrker duftend und welkend Waͤlder sanfter brausend und ruhend daste¬ hen und die Voͤgel darin als stumme Figuranten sitzen; dann umfaßte im Eden, wouͤber schwuͤl das Bluͤtengewoͤlke auflag, eine sehnsuͤchtige Beklommen¬ menheit sein Herz — dann wurd' er von seinen Phantasien unter den ewigblauen Himmel des Mor¬ genlandes und unter die Weinpalmen Hindostans hin verweht — dann ruhte er in jenen stillen Laͤn¬ dern aus, wo er ohne stechende Beduͤrfnisse und ohne sengende Leidenschaften auseinanderfloß in die traͤu¬ mende Ruhe des Braminen und wo die Seele sich in ihrer Erhebung festhaͤlt und nicht mehr zittert mit der zitternden Erde, gleich den Fixsternen, deren Schimmer nicht zittert auf Bergen angeschauet — dann war er zu gluͤcklich fuͤr einen deutschen Koloni¬ Hesperus. I . Th. P sten, zu dichterisch fuͤr einen Europaͤer, zu schwelgend fuͤr einen Nordpol-Nachbar. ... An jedem Som¬ mermorgen besorgt' er, daß er am Sommernachmit¬ tage zu weichlich phantasiren werde. Das Fasten — der Wein — — der Himmel — die Erde hatten heute seine Herzenskammern so freigebig mit dem Schlaftrunk der Wonne vollgegossen daß sie, wenn nachgeschuͤttet wurde, uͤberfließen mußten durch die Augen. Jene gossen nach; und hinter seinen verdunkelten Augen, in sei¬ nem uͤberschatteten mit dem Gruͤn der Natur ausge¬ schlagnen Innern, das gleichsam abendrothe Vorhaͤn¬ ge dunkel machten, brach eine Farben-Nacht an, in der alle kleine Gestalten seiner Kindheit neblicht aufstiegen — das erste Spielzeug des Lebens wurde ausgelegt — seine ersten Wonnemonate spielten wie kleine Engel auf einer Abendwolke und sie konnten nicht in ihren Fluͤgelkleidern um die große Wolke fliegen und die Sonne versengte sie nicht. — — Ach was er laͤngst vergessen, laͤngst verloren — laͤngst geliebt hatte — Lieder ohne Sinn und Toͤne ohne Worte — namenlose Gespielen — beerdigte Waͤrterinnen — verstorbene Bedienten — diese alle wurden lebendig, aber vor ihnen voraus ging am groͤ¬ ßesten sein erster, sein theurester Lehrer Dahore in England und sagte zur zerschmolzenen Seele: »wir waren sonst beisammen.« — O, dieser ewig geliebte Geist, der schon damals in meinem Viktor die Fluͤ¬ gel sah, die sich nach der andern Welt aufrichten, der schon damals mehr der Freund als der Lehrmei¬ ster seines so weichen, so wogenden, so liebevollen, so ahndungsvollen Herzens war, dieser unvergeßliche Geist wollte nicht weichen, seine Gestalt schlug den Leichenschleier zuruͤck, fing an zu glaͤnzen und an zu reden: »Horion, mein Horion, warst du nicht an »meiner Hand, warst du nicht an meinem Herzen? »Ach aber es ist lange, daß wir uns geliebt haben »und meine Stimme ist dir nicht mehr kenntlich, »kaum noch mein Angesicht — ach die Zeiten der »Liebe rollen nicht zuruͤck, sondern ewig weiter hin¬ »ab.« Er lehnte sich an einen Baum und trocknete unaufhoͤrlich das Auge, das den Weg nicht mehr fand und seine Blicke ruhten fest an den Waͤldern, die nach St. Luͤne gehen, und an den neblichten Bergen, die sich vor Maienthal und vor seinem zwei¬ ten Lehrer stellen. . . . — Kussevitz sprang vor. Aber zu bald: seine bewegte Seele wollte noch nicht unter fremde Menschen. Es war ihm lieb, daß er an eine umgestuͤrzte Rinne stieß, aus der Schafe Salz lecken, und an einen Zaun, der sie zu Nachts behuͤtet, und an die Huͤtte auf zwei Raͤdern, worin ihr Waͤrter schlaͤft. Er hatte eine eigne Neu¬ gierde und Vorliebe fuͤr kleine Kopien der Haͤuser P 2 er trat in oder an jede Koͤhlerhuͤtte, in jede Jaͤger- und Vogelhuͤtte, um sich mit seiner eignen Ein¬ schraͤnkung und mit den Parodien unsers kleinen Le¬ bens und mit dem Erdgeschoß der Armuth zu betruͤ¬ ben und zu erfreuen. Er ging vor nichts Kleinem vorbei, woruͤber der Welt- und Geschaͤftsmann ver¬ schmaͤhend schreitet; so wie er wieder vor keinem Pomp des buͤrgerlichen Lebens stehen blieb. Er machte also ein Thuͤrgen am Fahr-Bette des Schaͤ¬ fers auf: es sah drinnen so armselig aus und das Stroh, das Eider-Dunen und Seidensaͤcke ersetzte, war so niedrig und zerknuͤlt, daß er sich unbeschreib¬ lich hineinsehnte: er brauchte jetzt eine Taͤucherglocke, die ihm aus dem treibenden, druͤckenden erhabnen Meere um ihn absonderte. Ich wollt', man koͤnnt' es den europaͤischen Kabinetten, dem Reichstag und dem Prinzipalkommissarius verbergen, daß er sich wirklich hineinlegte. Hier aber ging die Anspan¬ nung seiner Sinnen, in die die Bett'-Pforte nur ei¬ nen kleinen Ausschnitt vom Himmelblau einließ, bald in die Erschaffung des Schlummers zuruͤck und uͤber das heiße Auge sank das Augenlied. 10. Hundsposttag. Zeidler — Oszilliren Zeusels — Ankunft der Prinzessin. S eit einem Posttage schlaͤft der Held. Die deut¬ schen Rezensoren sollten mir den Gefallen thun, ihn anfzuschreien. — — Aber Schelme sind sie, diese Nachrichter und Maskopeibruͤder der Zensoren: sie wecken weder Leser noch Fuͤrsten, nur homerische Schaͤfer auf. Die Sonne steht schon tief und guckt gerade wagrecht in sein D. Grahams-Bette und er gluͤht noch vor ihr. . . . — Das Schafvieh mußt' es thun durch Bloͤcken und Glocken. Als in seine aufgehenden Ohren die Thurmglocke aus Groß-Kusseviz, unter dem Akkom¬ pagnement der Schafglocken, mit einem in Musik gesetzten Abendgebet eindrang — als in seine auf¬ gehenden Augen der rothe Schattenriß der ver¬ gangnen Sonne, die seine heutigen Paradiese beschie¬ nen hatte, und das Abendroth einfiel, dessen Gold¬ blaͤtgen der Abendwind den Wolken anhauchte — als die wie sein Blumenstrauß bethauete Luft seine Brust erfrischte: so war der heutige schwuͤle Nach¬ mittag um eine ganze Woche zuruͤckgerollet; Viktor war in eine neue seelige Insel herabgefallen: neuge¬ boren und froh kroch er ruͤckwaͤrts aus seiner fahren¬ den Habe. »O ich tolles Ich! sagt' er — ich freue »mich aber nicht außerordentlich daruͤber, daß ein »halbes Loth Schlafkoͤrner eine ganze gluͤhende »Welt im Menschen wegbaitzen kann, ganz weg — und »daß das Umlegen des Koͤrpers der Erdfall sei¬ »nes Paradieses und seiner Hoͤlle wird.« Auf der Landstraße sprangen zwei Saͤnftentraͤger in kurzem Gallop zwischen den Tragestangen ihres ledernen Wuͤrfels dahin. Er setzte ihnen nach — ihre Last, dacht' er, muß ihnen noch viel leichter seyn als ein ganzes Land, und dessen Zepter, die beide gleichwohl ein Regent wie ein Gauckler den Degen, tanzend zu tragen versteht auf der Nase, auf den Zaͤhnen, auf allem. Sie trugen aber das schwerste Ding in der Welt, worunter oft Staͤdte und Thronen und Welttheile einbrachen. »Womit setzt ihr so herum?« fragt er. — »Mit »unserem allergnaͤdigsten Herrn! — Januar wars — es ist aber den aͤsthetischen Kunstgriffen, womit ein Autor die Erwartung seiner Leser so außerordentlich anspannt‚ ganz gemaͤß, daß ich's nicht eher eroͤfne, was von Jenner in der springenden Saͤnfte saß, als in dem folgenden Wort. Sein Poetrait wars. Sein Bruststuͤck reisete allemal vor der Braut voraus , um bei Zeiten in ihrem Schlafzimmer anzukommen und sich an die Wand an einen Nagel zu begeben. Auf der ganzen empfindsamen Reise hatte der Kubikinhalt der Braut in lauter Zimmern geschlafen, an denen der Flaͤcheninhalt des Braͤutigams wie eine Kreutz¬ spinne die ganze Nacht herunterhing. . . Da ich mir durch den Barrieren-Traktat, den ich mit dem Vetter Leser abgeschlossen, das Recht auf keine Weise abgeschnitten haben will, außer den Schalttagen auch noch Extrablaͤtter — Extrablaͤttgen — und Pseudo-Extrablaͤtter zu machen, indem ich mirs vielmehr durch gewisse geheime Separatartikel, die ich blos im Kopfe gemacht wie der Pabst gewisse Kardinaͤle, erst ertheilt habe: so will ich das Recht, das mir mein von mir gemachter Neben-Rezeß an¬ beut, auf der Stelle exerziren. Extrablaͤttgen uͤber obige Bruststuͤcke . Ich behaupte, — sagt' ich auf dem Billard in Scheerau als ich gerade nicht stieß — daß Herzoge, Marg- und andre Grafen und viele vom hohen Adel dumm waͤren, wenn sie in unsern Tagen — oder gar in den kuͤnftigen — wo die Scheitelhaare sich fortmachen eh die Barthaare ankommen — wo manchem Gesicht zur Brille nichts fehlt als der Sattel dazu — wo besonders der Mann von Stande froh ist, statt eines Abgusses doch ein Abriß von einem Menschen zu seyn — nicht weise waͤren sie, rekapitulirt' ich, wenn sie kein besseres Beilager hielten als ein wahres, kein gemahltes, naͤmlich; wenn ihre Brustbilder auf nichts bessers — an keine Brust naͤmlich — gedruͤckt wuͤrden als auf zinnerne Deckel von Bierkruͤgen, so daß sie auf keine andre Art berauschten als auf die letztere; und wenn sie, da sie uͤberall durch Bevollmaͤchtigte agiren auf Reichsbaͤnken, in Sessionsstuͤhlen, in Brautbetten (bei der Vermaͤhlung durch Gesandte) daͤchten, es gaͤbe in der Sache einen treuern und unschuldigern Prinzipalkommissarius als eine Elle Leinwand, worauf sie selber hingefaͤrbt sind. .. Da wir gerade in Menge spielten und ich gerade Koͤnig war und im Enthusiasmus so fortfuhr: »was Teu¬ »fel! wir Koͤnige wissen die in der Tugend und in »der Ehe bildenden Kuͤnste gescheut genug »durch die zeichnenden zu ersetzen; und nicht »bloß im Billard steht ein Koͤnig ganz muͤssig da »mit seinem Zepter-Quee!« so sollte und konnte der Enthusiasmus wenig frappiren. Ende des Extrablaͤttgens uͤber obige Bruststuͤcke. Beim Grafen von O — so hieß im siebenjaͤhri¬ gen Kriege auch ein beruͤhmter Offizier und bei Shakespear die Erde: und das ganze Gebet einer al¬ ten Frau; und nach Bruͤce liebten die Hebraͤer die¬ sen Vokalis vorzuͤglich: das ist aber im Grunde hier unnuͤtze Gelehrsamkeit — logirten die Priniessin und der kouleurte Eheherr. Viktor wollte sich mit sei¬ nem heutigen Anzug und seinem heutigen Herzen nicht in den Taumel der Welt mischen — und waͤre doch gern bei allem gewesen. Aus Kusseviz draͤngte sich ein rothes weißes klei¬ nes Haͤusgen hervor, so roth wie ein Eichhornbauer und so froͤlich wie ein Gartenhaus. Er trat hinan und an dessen wiederscheinende Fenster — aber wie¬ der davon zuruͤck: er wollte ein altes Menschenpaar, fuͤr das die Glocke die Orgel gewesen, gar hinausbe¬ ten lassen. Als er mit seinem vom Wiederschein der heutigen Verklaͤrung erhoͤhten Gesichte hinein¬ trat: wandte ein alter Mann einen Silberkopf, der wie ein lichter Mond uͤber den Abend seines Lebens stand, mit laͤchelnden Runzeln gegen den Gast — Nur ein Heuchler — der Agioteur der Tugend — ist nach dem Beten nicht sanfter und gefaͤlliger. Die alte Frau legte zuerst die Mine der Andacht ab. Viktor begehrte mit seiner siegenden Unbefangenheit — ein Nachtquartier. Es ihm bewilligen — das konnten nur so zufriedne Leute wie diese; es verlan¬ gen — das konnte nur einer der so wie er die Wir¬ the floh, weil ihre mit jedem Gast ankommende und abgehende eigensuͤchtige kalte Theilnahme und Liebe seiner warmen Seele zu sehr zuwider war. Zwei¬ tens zog ihn die Reinlichkeit an, die sogar der Schmutzfink in fremden Stuben liebt und die dar¬ in ein Beweis der Zufriedenheit und der — Kin¬ derlosigkeit ist. Drittens wollt' er im Inkognito und aus dem Gassen-Gewuͤhle heute mit seiner von der Natur geweihten Seele bleiben. Er wurde bald einheimisch: noch eh' das Essen abgewaschen und abgeblattet und fertig war, hatt' ers heraus oder vielmehr hinein, daß der sanfte Greis — Lind mit Namen — ein Zeidler sey. Letzteres glaub' ich: denn sonst waͤr' er nicht so sanft wie denn in den meisten Faͤllen die thierische Gesellschaft weniger verdirbt als menschliche; daher Plato die Langischen Kolloquia mit den Thieren als das Beste aus Saturns goldner Regierung an¬ giebt. Es ist nicht einerlei, ob man ein Hunds- ein Loͤwen- oder ein Bienenwaͤrter ist: denn unser Thiergarten im Unterleib — nach der platonischen Allegorie — bellt und bloͤkt dem Unisono des aͤus¬ sern nach. — Als Viktor vollends mit dem Alten um das Haus und um die Bienenkoͤrbe ging: so kam er wieder ins Tafelzimmer mit dem Gesichte eines Menschen, der in der Kussevitzer Kirche schon einen Stuhl und im Kirchenbuch eine Blattseite be¬ hauptete: wußt' er nicht schon, daß der Bienenvater drei Pfarrer und fuͤnf Amtmaͤnner in Kusseviz zu Grabe begleitet — daß er die erste Hochzeit mit sei¬ ner Mutter (so hieß er die Frau) im Alter gemacht, in das sonst die Silberhochzeit faͤllt — daß sein Kopf noch das Gedaͤchtniß und die Haare habe — daß er unter den Sargdeckel schwarze Augenbraunen zu bringen gedenke — daß er, Lind, ganz und gar nicht, wie etwa der alte Gobel und selber der Vogt Stenz in der Kirche der Augen wegen die Position neben dem Kirchenfenster zu nehmen brau¬ che, sondern seinen Vers uͤberall lesen koͤnne und daß er jaͤhrlich nach Maienthal in die Kirche ein¬ mal gehe und ein Kopfstuͤck in den kanonischen Bil¬ lardsack stoße, weil der Kirchhof da alle seine Ver¬ wandten vaͤterlicher Seits bedecke? Ach diese Zufriedenheit mit den Abendwolken des Lebens erquickt den hypochondrischen Zuhoͤrer und Zuschauer, dessen melancholischer Saitenbezug so leicht in eines alten Menschen Gegenwart gleich einem Todesanzeigen zu zittern anfaͤngt; und ein feuriger Greis scheint uns ein unsterbliches, gegen die Todessense vrrhaͤrtetes Wesen und ein in die zweite Welt wegweisender Arm! — Viktor besonders sah, mit schweren Gedanken, in einem alten Men¬ schen eine organisirte Vergangenheit, gebuͤckte verkoͤr¬ perte Jahre, den Gipsabdruck seiner eignen Mumie vor sich stehen. Jeder kindische, vergeßliche, ver¬ steinerte Alte erinnerte ihn an die Eisenhammermei¬ ster, die in ihrem Alter wie die Menschenseele ein krebsgaͤngiges Avancement erdulden und wegen ihrer gewoͤhnlichen Erblindung wieder Aufgiesser — dann Vorschmidte — dann Huͤttenjungen werden. Der gute Newton, Linnee, Swift wurden wieder Huͤt¬ tenjungen der Gelehrsamkeit. Aber so sonderbar¬ furchtsam ist der Mensch, daß er, der die Seele bey der groͤsten vortheilhaften Abhaͤngigkeit von den Organen doch noch fuͤr einen Selbstlauter ansieht, — und mit Recht —, gleichwohl bey einer nachtheiligen besorgt, sie sey blos der Mitlau¬ ter des Koͤrpers, — und mit Unrecht — — — Da ein Spaziergang um einen fremden Ort ei¬ nem Passagier die beste Naturalisazionsakte giebt — und da Viktor nirgends faͤhig war, ein Fremder zu seyn: so gieng er — ein wenig hinaus. In man¬ chen Naͤchten wird es nicht Nacht. Er sah draus¬ sen — nicht weit von den Gartenstaketen des Se¬ niors, nicht des adelichen sondern des geistlichen — ein sehr schoͤnes Maͤdgen sitzen, in ein lateinisches Pfingstprogramm vertieft und daraus mit gefalteten Haͤnden betend. Einer vereinigten Schoͤn- und Toll¬ heit widerstand er nie: er gruͤste sie und wollte sie ihr lateinisches Gebetbuch nicht aufrollen und einste¬ cken lassen. Die gute Seele hatte, da sie ihr Ge¬ betbuch und Paternoster verlohren, aus dem Pfingst¬ programm de Chalifis litterarum studiosis ihre An¬ dacht mit Leichtigkeit verrichtet, da sie weder La¬ teinisch noch Lesen konnte und das Haͤndefalten fuͤr die Mauerische Manual-Pantomime ansah, die man hoͤhern Orts schon verstehen wuͤrde. Sie wickelte einen sechsten amputirten Finger aus einem Papier heraus und sagte, den haͤtte das Marienkloster zu Flachsenfingen, an dessen Mutter Gottes ihr Vater ihn zur Dankbarkeit habe henken wollen, nicht ange¬ nommen, weil er nicht von Silber waͤre. — Da Buͤffon den Fingern des Menschen die Deutlichkeit seiner Begriffe zuschreibt — so daß sich die Gedanken zu¬ gleich mit der Hand zergliedern —: so muß einer, der eine Sexte von Finger hat, um ⅙ deutlicher denken; und blos so einer koͤnnte mit einem solchen Supranumerar-Schreibfinger mehr in den Wis¬ senschaften thun als wir mit der ganzen Hand. — Sie erzaͤhlte, daß ihr Vater sie erst in zwey Jahren heyrathen werde, und daß sein Sohn ihre Schwester bekommen koͤnnte, wenn diese nicht erst sechs Jahre alt waͤre — und daß sie beyde wie an Kindesstatt beim Sechsfinger angenommen worden — und daß er seine Bijouteriebude, womit er aus ei¬ nem graͤflichen Schlosse ins andre wanderte, gerade in dem des Grafen von O. habe nebst Tisch und Wohnung — und daß er ein Italiener sey mit Na¬ men — — Tostato . Ach! den kannte ja Viktor so gut. Ohne weitere Frage — er gieng ohnehin mit jedem Maͤdgen und mit jedem Spitzhunde ein Paar Sabbatherwege und sagte, zwischen einem neuen und einem schoͤnen Gesichte wuͤrd' er gar kei¬ nen Unterschied machen, wenn er auch muͤste — marschirte er mit ihr gerade hin zum Vater beim Grafen. Er enthuͤlsete immer mehr an seiner klei¬ nen Gesellschaftsdame: sie war nicht nur ausseror¬ dentlich schoͤn, sondern auch eben so — dumm. Jetzt aber entlief sie ihm: der Flachsenfingische Hofstaat kam gefahren und sie muste das Aussteigen der Damen sehen. Er hielt sich nahe an den Schwanz des ganzen Corps, der noch auf der Straße aufstreifte, indes der halbe Rumpf schon im Schlosse steckte. Der nachfahrende Schwanz war etwas kurz und duͤnn, der Hofapotheker Zeusel , der aus Eitel¬ keit mit seinen 54 Jahren und Jugendkleidern und mit seiner stoßenden Kutsche bey der Sache war. Das kleinste Maͤnchen von der Welt war im groͤsten Wagen von der Welt so wenig fuͤr ein ens zu neh¬ men, daß ich seinen Wagen fuͤr einen leeren Zere¬ monienwagen anrechne, in dem ihn der Kutscher wie einen duͤrren Kern in einer Wallnuß schuͤttelte. Ich wills weitlaͤuftig beschreiben, wie ihn der Kutscher worfelte und siebte, und mich dafuͤr in un¬ wichtigern Dingen kuͤrzer fassen. Wenn ichs freylich dem Kutscher zuschreibe und sage, daß er dem Kutschkasten durch Steine und Schnelle jenen harten Pulsschlag zu geben wuste, daß Zeusel mehr auf der Luft aufsaß als auf dem Kutschkissen: so wird Kaͤstner in Goͤttingen gegen mich schreiben und darthun, daß der Apotheker sel¬ ber durch die Reakzion, die er dem Kissen durch seinen Hintern that, an dem Abstossen des gleich¬ namigen Poles schuld war; allein hier ist uns hof¬ fentlich weniger um die Wahrheit als um den Apo¬ theker zu thun. Viktor als Hofdoktor nahm von Weitem Antheil am Hofapotheker und lachte ihn aus; ja er haͤtte ihn gern gebeten, ihn einsetzen zu lassen, damit ers deutlicher sehen koͤnnte, wie der gewandte Vetturin den Zeuselschen Ball geschickt in die Luͤfte schlug. Aber den weichen Nerven Viktors wurden komische Szenen durch das physische Leiden, das sie in der Wirklichkeit bey sich fuͤhren, zu hart und grell — und er begnuͤgte sich damit, daß er dem springenden Kasten hinten nach gieng und sich es blos dachte, wie drinnen das Ding stieg gleich einem Barometer, um das heitere Wetter des be¬ soffnen Kutschers anzudeuten — er mahlte sichs blos aus (daher ichs nicht brauche), wie das gute Hof¬ maͤnnchen bey einem Klimax, wozu es der Kerl trieb, indem er jede Erhebung mit einer groͤssern endigte, die linke Hand statt in die Westentasche, in den Kutschenriemen stecken und in der rechten eine Prise Schnupftabak seit einer Stunde waͤrmen und druͤcken muß und sie aus Mangel an Solstizium nicht eher in die oͤde Nase heben kann als bis der Spitzbube von Kutscher schreiet: brrrr! Fort! sagte die Dumme zu Viktor und zog ihn zum Vater. Der Italiener machte seine Windmuͤh¬ len-Gestus und legte sich an Viktors Ohr an und sagte leise hinein: dio vi salvi ; und dieser dankte ihm noch leiser ins italienische gran merce . Darauf that Tostato drey oder vier ungemein leise Fluͤche in Viktors Gehoͤr. Er hatte nicht den Verstand verlohren, sondern nur die Stimme, und durch nichts als einen Katarrh. Er fluchte und kondolirte daruͤber, daß er gerade morgen so Stockfisch-stumm seyn muͤsse, wo so viel zu schneiden waͤre. Viktor gratulirte ihm aufrichtig dazu und bat ihn, er moͤch¬ te ihn bis auf Morgen nicht nur zum Doktor an¬ nehmen, sondern auch zum Associe und Sprecher: er wolle morgen in der Bude fuͤr ihn reden, um besser und inkognito allem zuzusehen. »Wenn ihr »mir heute, sagte Tostato, noch eine lustige Histo¬ »rie erzaͤhlt.» Da er nun die von Zeusel herbrach¬ te mit einer italienischen Systole und Diastole der Haͤnde; und da Tostato daruͤber naͤrrisch wurde vor Spas — der Italiener und Franzose lachen mit dem ganzen Koͤrper, der Britte nur im Gehirne —: so wars kein Wunder, daß er mit ihm in Handels- Kompagnie trat. Das Physikat fieng er damit an, daß er dem Pazienten dem Strumpf auszog und da¬ mit den kakophonischen Hals umringelte, weil ein warmer Strumpf mit gleichem medizinischen Vor¬ theil am Fuß und am Hals getragen wird — mit einem Strumpfband ists anders. Jetzt kam ihm die Schoͤnheit und Dummheit der Programmen-Beterin noch groͤsser vor; er haͤtte sie gern gekuͤßt; es war aber nicht zu machen: der Bi¬ joutier setzte uͤberall seinen witzigen Evakuazionen nach und hielt die zwey Ohren unter. Er sagte bey dieser Gelegenheit, als er an die deutsche Kaͤlte gegen Witz und schoͤne Kuͤnste dachte, das grundfalsche Bonmot: der Britte, der Gallier und der Italiener sind Menschen — die Deutschen sind Buͤrger — diese verdienen das Leben — jene geniessen es; und die Hollaͤnder sind eine wolfeilere Ausgabe der Deutschen auf blossem Druck¬ papier ohne Kupfer. Er wollte wieder zum Zeidler Lind zuruͤck: als so spaͤt in der Nacht — so, daß der Hoffourier die Erscheinung dieses Haarkometen um eine ganze Stunde zu bald in seinen astronomischen Tabellen Hesperus. I . Th. Q. angesetzt hatte — die Prinzessin sammt ihrem Be¬ gleitungs-Dunstkreiß anfuhr. Da er so lange von ihr gesprochen hatte: so brauchte er, um sie zu lie¬ ben, nichts als noch das Rollen ihres Wagens und das Seidengeraͤusch ihres Ganges zu hoͤren. »Eine »fuͤrstliche Braut sagt' er, ist viel eher auszustehen »als eine andre: man zeige mir zwischen einer Kron¬ »Prinzessin einer Kron-Braut und einer Kron Ehe¬ »frau einen andern Unterschied als der Staatskalen¬ »der angiebt. »Wer noch bedenkt, daß er ihre per¬ soͤnliche Abneigung gegen den Fuͤrsten kannte, der bey der ersten Vermaͤhlung sie ihrer Schwester nach¬ gesetzt hatte — und wer jetzt lieset, daß ihm To¬ stato sagte, mit einem Schnupftuch in der Hand sey sie ausgestiegen: der ist schon so gescheut, daß er sich uͤber die Rede nicht erzuͤrnt: ich wollte, »diese Kronthiere, die einem so schoͤnen Kinde so »schoͤne weiche Haͤnde wegschnappen duͤrfen, wie »Schweine den Kindern die zarten abfressen — — »ich wollte . . . Aber meine Waaren sind doch »morgen nahe genug an ihr, daß das Schnupftuch »zu sehen ist, Herr Associe?» — — Beim Bienenvater, zu dem er heimkehrte, war eine ruhigere Welt und sein Haus stand im Gruͤnen stumm wie ein Kloster des Schlafes und eine heilige Staͤtte der Traͤume. Viktor schob auf dem Dachbo¬ den sein Bettgen vor eine Muͤndung des einstroͤmen¬ den Mondes, und so uͤberbauet mit verstummten Schwalben- und Wespennestern sah er die Ruhe in Lunens Gestalt auf sein eignes niederschweben — aber sie laͤchelte ihn so maͤchtig an bis er sich in unschuldige Traͤume aufloͤsete. Guter Mensch! du verdienst das Blumenparterre von Freuden- Blu ¬ menstuͤcken der Traͤume und ein frisches Kopf- und Brustbouquet im Wachen — du hast noch kei¬ nen Menschen gequaͤlt, noch keinen gestuͤrzt, keine weibliche Ehre bekriegt, deine eigne nie verkauft; und bist blos ein wenig zu leichtsinnig, zu weich, zu lustig, zu menschlich! Q 2 11. Hundsposttag . Uebergabe der Prinzessin — Kuß-Kaperei — montre à regula¬ teur — Simultan-Liebe. — V oltaire, der kein gutes Lustspiel schreiben konnte, waͤre nicht im Stande, den eilften Hundsposttag zu machen. — Bey dem eilften Hundstag bemerk' ich freylich, daß die Natur Gewaͤchse mit allen Anzahlen von Staubfaͤden geschaffen, nur keine mit eilf; und auch Menschen mit eilf Fingern selten. Inzwischen ist das Leben gleich den Krebsen, am schmackhaftesten in den Monaten ohne R. Darwider sagen einige, die Feder eines Autors gehe wie eine Uhr, desto schneller, je laͤnger sie geht; ich aber wend es um und sage, aus Polygraphen werden vielmehr Tachygraphen. Und doch will man Menschen, die das fuͤnfte Rad am Wagen sind, nicht leiden; aber jedem Ruͤst¬ wagen ist ein fuͤnftes hinten aufgeschnallet und im Ungluͤck ist ein solches Rad ein wahres Gluͤcksrad. Reinhold las Kants Kritik fuͤnf mal durch eh' er ihn verstand — ich erbiethe mich, ihm verstaͤndlicher zu sein und verlange nur halb so oft gelesen zu werden. Frey herauszureden, so heg' ich einige Verach¬ tung gegen einen Kopf voll Spring-Ideen , die mit ihren Springfuͤssen von einer Gehirnkammer in die andre setzen: denn ich finde keinen Unterschied zwischen ihnen und den Springwuͤrmern im Ge¬ daͤrme, die Goͤze vor einem Licht drei Zolle hoch springen sah. Allerdings haͤngt der folgende Gedanke nicht recht mit der vorigen Schluß- und Blumenkette zusam¬ men: daß ich besorge, Nachahmer zu finden, um so mehr da ich hier selber einer von gewissen witzigen Autoren bin. In Deutschland kann kein grosser Autor eine neue Fackel anbrennen und sie so lange in die Welt hinaushalten bis er muͤde ist und das Stuͤmpgen wegwirft, ohne daß die kleinen daruͤber herfallen und mit dem Endgen Licht noch halbe Jah¬ re herumlaufen und herumleuchten. So liefen mir (und andern) in Regenspurg tausendmal die Buben nach und hatten Ueberbleibsel von Wachsfackeln, die das Gesandten -Personale weggeworfen hatte, in Haͤnden und wollten mich bis zu meinem Haus¬ wirth leuchten fuͤr wenige Kreutzer. . . . Stultis sat ! — Viktor eilte am Morgen ins Schloß. Er bekam eine merkantilische Redoutenkleidung und die Bude. Um zehn Uhr fiel die »Uebergabe» der Prin¬ zessin vor. Die drei Zimmer, worin sie vergehen sollte, lagen mit ihren Fluͤgelthuͤren seinem Kauf¬ laden entgegen. Er hatte die Prinzessin noch nie gesehen — ausser die ganze Nacht in jedem Traum — und konnt' alles kaum erwarten. . . Und der Leser auch: schneutzt er nicht jetzt Licht und Nase — fuͤllt Pfeife und Glas — aͤndert die Posizion, wenn er auf einem sogenannten Lese-Esel reitet — druͤckt das Buch glatt auseinander und sagt mit ungemeinem Vergnuͤgen: »auf die Be¬ »schreibung spitz' ich mich gewissermassen?» — Ich wahrlich nicht: mir ist als sollt' ich arquebousirt werden. Wahrhaftig ein Infanterist, der mitten im Winter Sturm laͤuft gegen eine feindliche Mauer vom dicksten Papier in einer Oper, hat seinen Him¬ mel auf der Erde, mit einem Berghauptmann mei¬ nes Gelichters verglichen. Denn einer, der Kaffee trinkt und eine Beschrei¬ bung von irgend einem Schulaktus des Hofs ma¬ chen will — z. B. von einem Courtag — von ei¬ ner Vermaͤhlung (im Grunde, von den Vorerinne¬ rungen dazu) — von einer Uebergabe — ein solcher Trinker macht sich anheischig, Auftritte, deren Wuͤrde so aͤusserst fein und fluͤchtig ist, daß der ge¬ ringste falsche Nebenzug und Halbschatten sie voͤllig laͤcherlich macht — daher auch Zuschauer wegen sol¬ cher dazu gedachter Nebenstriche uͤber sie in natura lachen — er macht sich anheischig, sag' ich; solche ans Komische graͤnzende Aufzuͤge so wieder zu geben, daß der Leser die Wuͤrde merkt und so wenig da¬ bey lachen kann als agirte er selber mit. Es ist wahr, ich darf ein wenig auf mich bauen oder viel¬ mehr darauf bauen, daß ich selber an Hoͤfen gewe¬ sen und den angeblichen Klaviermeister gemacht, (ob dieser eine Maske hoͤherer Chargen war oder nicht, lass' ich hier unentschieden); man sollte also von einem Vorzug, der mir fast vor der ganzen schreibenden Hanse zu Theil geworden und dem ich wirklich mein (von einigen) in der Hof Scientia media entdecktes Uebergewicht uͤber die schriftstelle¬ rische so niedrige Schiffsmannschaft gern verdanke, davon sollte man sich fast ausserordentliche Dinge versprechen. — Es hinkt aber total; und ich war nicht einmal im Stande, meinem Eleven Gustav den Kroͤnungs-Prozeß in Frankfurt so ernsthaft dar¬ zustellen, daß dieser aufhoͤrte, zu — lachen. So wuste auch Yorik niemals so zu schelten, daß seine Leute davon liefen, sondern sie musten lachen. Mein Ungluͤck waͤrs gewesen, wenn ich die Ue¬ bergabe der Prinzessin — anfangs dacht' ich freilich es waͤre dann mehr Wuͤrde darinn — unter dem Bilde einer mit einem Thuͤrspahn besiegelten Haus- Uebergabe an Glaͤubiger abgeschildert haͤtte, oder wie eine Uebergabe eines Feudums durch investitura per zonam — oder per annulum — oder per ba¬ culum saecularem Ein Koͤnig von Frankreich schickte einmal einem Vasallen illum baculum quo se sustentabat in symbolum traditionis zu. du Fresne Closs, Aus duͤ Fresne Glossario ist meines Wis¬ sens noch kein guter und brauchbarer Auszug fuͤr Frauen¬ zimmer gemacht worden. . — — Ich bin aber zum Gluͤck darauf gekommen, die Uebergabe unter der poetischen Einkleidung einer historischen Benefizko¬ moͤdie mit derjenigen Wuͤrde abzumalen, die Theater geben. Ich habe dazu soviel und mehr Einheit des Orts — drei Zimmer — der Zeit — den Vormit¬ tag — und das Interesse — den ganzen Spaß — in Haͤnden als ich brauche. Und wenn ein Autor noch dazu — das thu' ich — vorher die betruͤbte¬ sten ernsten Werke durchlieset, Youngs Nachtgedan¬ ken — die akatholischen gravamina der Lutheraner — den dritten Band von Siegwart — seine eignen Liebesepisteln; ferner wenn er sich's doch nicht ge¬ trauet, sondern gar vorher Home's und Beat¬ tie's trefliche Beobachtungen uͤber die Quellen des Komischen vor sich legt und durchgeht, um sogleich zu wissen, welchen komischen Quellen er auszuwei¬ chen habe: so kann ein solcher Autor schon ohne Besorgniß der Prahlerey seinen Lesern die Hoffnung machen und erfuͤllen, daß er, des Komischen sich so komisch erwehrend, vielleicht nicht ohne alle Zuͤge des Erhabnen liefern und malen werde folgende historische Benefizkomoͤdie von der Ue¬ bergabe der Prinzessin , in 5 Akten . (Das halbe Wort Benefiz bedeutet blos den Nut¬ zen, den ich selber davon habe.) Erster Akt . Unter drei Zimmern ist das mitt¬ lere der Schauplatz, wo man agirt, der Handelsplatz, wo man auslegt, der Korrelationssaal (regenspurgisch zu reden,) wo alles Wichtige zeitigt und reift — hingegen in dem ersten Nachbar-Zimmer steckt der italienische, im zweiten der Flachsenfingische Hofstaat und jeder erwartet ruhig den Anfang einer Rolle, fuͤr die ihn die Natur geschaffen. Diese zwei Zim¬ mer halt' ich nur fuͤr die Sakristeien und Nischen des groͤßten. Das Medianzimmer, d. h. sein Vorhang, der aus zwei Fluͤgelthuͤren gemacht ist, geht endlich auf und zeigt dem Associè Sebastian, der aus seinem Laden neben der katarrhalischen Firma hereinguckt, viel. Es tritt auf an der Thuͤre der Kulisse No . I . ein rothsamtner Stuhl; an der Thuͤre der Kulisse No . II . wieder einer, ein Bruder und Anverwandter von jenem; es sind diese Duplikate die Sessel, worin sich die Prinzessin setzt im Verfolge der Handlung, nicht weil die Muͤdigkeit sondern weil ihr Stand es ausdruͤcklich begehrt. Mitten im Agiren ist schon ein langer befranzter Tisch begriffen, der das Me¬ dianzimmer, das selber ein Abtheilungszeichen der zwei Kulissen ist, abtheilt in zwei Haͤlften. Man sollte nicht erwarten, daß dieser Sektionstisch sich seines Orts wieder von etwas werde halbiren lassen, was ein Dummer kaum sieht. Aber ein Mensch trete in Viktors Laden: so wird er seiner Seiden¬ schnur ansichtig, die unter dem Spiegeltisch anfan¬ gend, uͤber den Achatboden und unter dem Partage- Tisch wegstreichend, aufhoͤrt vorn an der Thuͤr¬ schwelle, Und so theilt ein bloßer Seidenstrang leicht den Abtheilungstisch und dadurch das Abtheilungs¬ zimmer und am Ende die Abtheilungsschauspielerge¬ sellschaft in zwei der gleichsten Haͤlften — lasset uns daraus lernen, daß am Hofe alles trenchirt wird und selber der Prosektor wird zu seiner Zeithingestreckt auf den Anatomirtisch. Von dieser seidenen Schnur, womit der Großherr seine Guͤnstlinge von oben di¬ vidirt aber in Bruͤche, kann und soll im ersten Akt nicht mehr die Rede seyn, weil er — aus ist. . . Es wurde mir ungemein leicht, diesen Akt ernst¬ haft abzufassen: denn da nach Platner das Laͤcher¬ liche nur am Menschen haftet, so war das Erhabe¬ ne, das in meinem Aufzuge die Stelle des Komi¬ schen annimmt, in einem Akte leicht zu haben, wo gar nichts Lebendiges agirte, nicht einmal Vieh. Zweiter Akt . Das Theater wird jetzt leben¬ diger und auf dasselbe hinaus tritt jetzt die Prinzes¬ sin an der Hand des italienischen Ministers aus der Kulisse No . l .; beide wirken anfangs gleich dert Na¬ tur, still auf diesem Paradeplatz, der schon auf dem Papier zwei Seiten lang ist . . . Nur einen Blick vom Theater in die Frontloge! Viktor agiret fuͤr sich, indem er unter den Lorgnet¬ ten, die er zu verkaufen hat, sich die hohleste aus¬ klaubt und damit die Heldin meiner historischen Be¬ nefizkommoͤdie ergreift. . . Er sah Beicht- und Betschemel, auf dem sie heute schon gekniet hatte: »ich wollt' (sagt' er zu Tostato) ich waͤre heute der »Pater gewesen, ich haͤtt' ihr ihre Suͤnden verge¬ »ben, aber nicht ihre Tugenden.« Sie hatte zwar jenes regulirte Staaten- und Madonnengesicht, das eben so oft hohle als volle Weiberkoͤpfe zudeckt; ihre Hofdebitrolle verbarg zwar jede Welle und je¬ den Schimmer des Geistes und Gesichts unter der Eiskruste der Dezenz: aber ein sanftes Kindesauge, das uns auf ihre Stimme begierig macht, eine Ge¬ duld, die sich lieber ihres Geschlechtes als ihres Standes erinnert, eine muͤde Seele, die sich nach doppelter Ruhe, vielleicht nach den muͤtterlichen Ge¬ filden sehnte, sogar ein unmerklicher Rand um die Augen, der von Augenschmerzen oder vielleicht noch tiefer gezeichnet war, alle diese Reize, die zu Fun¬ ken wurden, welche in den getrockneten Zunder des lorgnirenden Associé geschlagen wurden, machten die¬ sen in seiner Loge ordentlich — Teufelstoll uͤber das Schicksal solcher Reize. Und warum sollt' es auch einem den Kopf nicht warm machen — zumal wenn schon das Herz warm ist, — daß diese unschuldigen Opfer gleich den Herrnhuterinnen zwischen ihrer Wiege und ihrem Brautbette Alpen und Meere ge¬ stellet sehen und daß die Kabinetter sie wie Seiden¬ wurmsamen, in Depeschen-Duͤten versenden? . . . . Wir kehren wieder zu unserem zweiten Akte, in dem man noch weiter nichts vornimmt als daß man — ankoͤmmt. Die Kulissen No. 1. und 2. stecken noch voll Acteurs und Aktricen, die nun herausmuͤssen. An diesem Tage ist es wo zwei Hoͤfe wie zwei Armeen einander in zwei Stuben gegen uͤber halten und sich gelassen auf die Minute ruͤsten, wo sie ausruͤcken und einander im Gesichte stehen, bis es endlich wirk¬ lich zu dem koͤmmt, wozu es nach solchen Zuruͤstun¬ gen und in solcher Naͤhe ganz natuͤrlich kommen muß, zum — Fortgehen. Der Kubikinhalt von No. 1. quillet der Fuͤrstin nach, er besteht aus Italienern — in der naͤmlichen Minute richtet auch der Hof¬ staat aus der Kulisse No. 2. seine Marschroute ins Hauptquartier herein, er besteht aus Flachsenfingern. Jetzt stehen zwei Laͤnder — eigentlich nur der aus ihnen abgezogene und abgedampfte Geist — sich ein¬ ander ganz nahe und es koͤmmt jetzt alles darauf an, daß der Seidenstrang, den ich im ersten Akt uͤber die Stube gespannt, anfange zu wirken: denn die Graͤnzverruͤckung und Voͤlkermischung zweier so naher Laͤnder, Deutsch- und Welschlands waͤre in Einem Zimmer fast so unvermeidlich wie in einer paͤbstli¬ chen Gehirnkammer , haͤtten wir den Strang nicht — aber den haben wir und dieser thut zwei zusammengerinnende Voͤlkerschaften so gut auseinan¬ der, daß es nur Jammer und Schade ist — die Ehrlichkeit hat den groͤßten — daß die deutschen Kabinetter keinen solchen Sperrstrick zwischen sich und die italienischen hingezogen haben; und kams denn nicht auf sie an, wo sie den Strick anlegen wollten, am Fußboden, oder an welschen Haͤnden, oder an welschen Haͤlsen? — Wenn die englische allgemeine Weltgeschichte und ihr deutscher Auszug einmal die Zeit so nahe einge¬ holet haben, daß sie das Jahr dieser Uebergabe vor¬ nehmen und erzaͤhlen und unter andern das bemerken koͤnnen, daß die Prinzessin nach dem Eintritt sich setzte in den Sammtsessel: so sollte die Weltge¬ schichte den Autor zitiren, aus dem sie schoͤpft — mich. . . . Das war der zweite Akt und er war sehr gut und nicht so wol komisch als erhaben. Dritter Akt . Darin wird blos gesprochen. Ein Hof ist das Parloir oder Sprachzimmer des Landes, die Minister und Gesandten sind Hoͤrbruͤ¬ der So wie es Hörschwestern ( les Touriéres oder Soeurs ècoutes ) giebt, die mit den Nonnen ins Sprachzimmer gehen, um auf ihr Reden Acht zu geben. . Der Flachsenfingische Sekretair las ent¬ fernt ein Instrument oder den Kaufbrief ihrer Ver¬ maͤhlung vor. Darauf wurden Reden gelispelt — vom italienischen Minister zwei — vom Flachsenfin¬ gischen ( Schleunes ) auch zwei — von der Braut keine, welches eine kuͤrzere Art, Nichts zu sagen, war als der Minister ihre. — — Da warlich jetzt dieser erhabne Akt aus waͤre, wenn ich nichts sagte: so wird mir doch nach vie¬ len Wochen einmal erlaubt seyn, ihm ein Extra- Blaͤttgen zu erbetteln und anzuhenken und darin etwas zu sagen. Erbetteltes Extrablaͤttgen uͤber die groͤ¬ ßere Freiheit in Despotien. Nicht nur in Gymnasien und Republiken, son¬ dern auch (wie man auf der vorigen Seite sieht) in Monarchien werden Reden genug gehalten — ans Volk nicht, aber doch an dessen curatores absen¬ tis . Eben so ist in Monarchien Freiheit genug, obgleich in Despotien deren noch mehr seyn mag als in jenen und in Republiken. Ein wahrer despo¬ tischer Staat hat wie ein erfrorues Faß Wein, nicht seinen (Freiheits) Geist verloren, sondern ihn nur aus dem waͤsserigen Umkreis in einen Feuerpunkt gedraͤngt: in einem solchen gluͤcklichen Staate ist die Freiheit blos unter die wenigern, die dazu reif sind, unter den Sultan und seine Bassen vertheilt und diese Goͤttin (die noch oͤfter als der Vogel Phoͤ¬ nix abgebildet wird) haͤlt sich fuͤr die Menge der Anbeter desto besser durch den Werth und Eifer derselben schadlos, da ihre wenigen Epopten — die Bassen — ihren Einfluß in einem Maaß genießen, dessen ein ganzes Volk nie habhaft wird. Die Freiheit wird gleich den Erbschaftsmassen durch die Menge der Erbnehmer kleiner; und ich bin uͤber¬ zeugt, der waͤre am meisten frei, der allein frei waͤre. Eine Demokratie und ein Oelgemaͤlde sind nur auf eine Leinwand ohne Knoten (Ungleichheit¬ ten) aufzutragen, aber eine Despotie ist erhobene Arbeit — oder noch sonderbarer: die despotische Freiheit wohnt wie Kanarienvoͤgel nur in hohen Vogelbauern, die republikanische wie Emmerlinge nur in langen . — Ein Despot ist die praktische Vernunft eines ganzen Landes; die Unterthanen sind eben so viele dagegen kaͤmpfende Triebe, die uͤberwunden werden muͤssen. Ihm gehoͤrt daher die gesetzgebende Gewalt allein (die ausuͤbende seinen Guͤnstlingen:) — schon bloße gescheute Maͤnner (wie Solon, Lykurg) hatten die gesetzgebende Gewalt allein und waren die Ma¬ gnetnadel , die das Staatsschiff fuͤhrte ; ein De¬ spot besteht als Thronfolger von jenen, fast aus lau¬ ter Gesetzen aus fremden und eignen zugleich und ist der Magnetberg , der das Staatsschiff zu sich be¬ wegt. — »Sein eigner Sklave seyn ist die haͤrteste »Sklaverei« sagt ein Alter, wenigstens ein Lateiner; der Despot fodert aber von andern nur die leichtere und nimmt auf sich die schwerere. — Ein anderer sagt: parere scire par imperio gloria est ; Ruhm und Ehre erbeutet also ein Negersklave so viel wie ein Negerkoͤnig. — Servi pro nullis habentur ; da¬ her fuͤhlen auch politische Nullitaͤten den Druck der Hofluft so wenig wie wir den der andern Luft; de¬ spotische Realitaͤten aber verdienen schon darum ihre Freiheit, weil sie den Werth derselben so sehr zu fuͤhlen und zu schaͤtzen wissen. Ich habe von jeher geglaubt, daß in Republiken weit weniger Freiheit sey als in einem despotischen Staat, angesehen jene weit weniger andern Voͤlkern die ihrige zu nehmen und uͤberhaupt Eroberungskriege zu fuͤhren suchen als dieser : die Begierde aber, Sklaven zu machen, hing eben nach allen Autoren gerade freien Staaten am meisten an, z. B. Spartern, Roͤmern, Britten. — Ein Republikaner im edlern Sinn, z. B. der Kaiser in Persien, dessen Freiheitsmuͤtze ein Turban und und dessen Freiheitsbaum ein Thron ist, sicht hinter seiner militaͤrischen Propaganda und hinter seinen Ohnehosen mit einer Waͤrme fuͤr die Freiheit, wie sie die alten Autores in den Gymnasien fodern und schildern. Ja wir sind nie berechtigt, solchen Thron- Republikanern Brutus-Seelengroͤße fruͤher abzuspre¬ chen als man sie auf die Probe gesetzt; und wenn in der Geschichte das Gute mehr aufgezeichnet wuͤrde als das Schlimme, so muͤßte man schon jetzt unter so vielen Schachs-Chans-Rajahs-Kaliphen manchen Harmodion-Aristogiton — Brutus ꝛc. aufzuweisen haben, der im Stande war, seine Freiheit (Skla¬ ven kaͤmpfen fuͤr Fremde) sogar mit dem Tode sonst guter Menschen und Freunde zu bezahlen. — Ende des erbettelten Extrablaͤttgens uͤber die groͤßere Freiheit in Despotien . Das Extrablaͤttgen und der dritte Akt sind aus, aber dieser war ernsthafter und kuͤrzer als jenes. Vierter Akt . Indem ich den Vorhang herab und wieder hinauf warf: setzte ich die Welt aus dem kuͤrzesten Akt in den laͤngsten. Zur Prinzessin — die jetzt, wie die deutsche Reichsgeschichte mel¬ det, sitzt — trat ihre Landsmandschaft Der Flachsenfingische Hofstaat küßte zwar die Hand eher; aber man wird schon sehen, warum ichs umkehre. , die weder Hesperus. I , Th. R sehr ehrlich noch sehr dumm aussah, die Oberhof¬ meisterin, der Hof-Beichtvater, der Hof-Aeskulap, Damen und Bedienten und alles. Dieser Hofstaat nimmt nicht Abschied — der ist schon in Geheim genommen — sondern rekapitulirt ihn blos durch eine stille Verbeugung. Der naͤchste Schritt aller Welschen war aus dem Mittelzimmer nach — Italien. Die Italiener gingen vor Bastians Waarenlager vorbei und wischten aus ihrem Gesicht, dessen feste Theile en haut-relief waren — die deutschen waren en bas relief , einen edlern Schimmer weg als jener ist, den Hoͤfe geben — Viktor sah unter so vielen akzentuirten Augenknochen die Zeichen seiner eignen Wehmuth vervielfaͤltigt, die ihn fuͤr das willige fremde Herz beklemmte, das allein zuruͤckblieb unter dem frostigen Thron- und Wolkenhimmel der Deut¬ schen, von allen geliebten Sitten und Szenen wegge¬ rissen, mikroskopischen Augen vorgefuͤhrt, deren Fo¬ kus in weiche Gefuͤhle sengt und an eine Brust von Eis gebunden. . . . Als er alles dieses dachte und die Landsleute sah, wie sie einpackten, weil sie kein Wort mehr mit der Fuͤrstin sprechen durften — und als er wie¬ der die stumme gelenkte Gestalt drinnen ansah, die keine anderen Perlen zeigen durfte als orientali¬ sche (obgleich der Traum und der Besitz der letztern okzidentalische bedeutet, Thraͤnen mein' ich): so wuͤnscht' er »ach du Gute, koͤnnt' ich nur einen »dreifachen Schleier so lange uͤber dein Auge ziehen »bis es eine Thraͤne vergossen haͤtte! — duͤrft' ich »dir nur die subhastirte Hand kuͤssen wie deine Hof¬ »damen jetzt thun, um mit den meinigen die Naͤhe »eines geruͤhrten Herzens auf die verkaufte Hand »zu schreiben.« . . Seid weich und erweitet nicht Fuͤrstenhaß zu Fuͤrstinnen-Haß! Soll uns ein gebeugtes weib¬ liches Haupt nicht ruͤhren, weil es sich auf einen Tisch von Magahony stuͤtzt und große Thraͤnen nicht, weil sie in Seide fallen? »Es ist zu hart — »sagte Viktor im Hannoͤverischen — daß Dichter »und magistri legentes , wenn sie neben einem Luft¬ »schloß vorbeigehen, mit einer neidischen Schaden¬ »freude die Bemerkung machen, darin werde viel¬ »leicht eben so viel Thraͤnenbrod gebacken, wie in »Fischerhuͤtten. O wohl groͤßeres und haͤrteres! »Aber ist das Auge, aus dem im Dachsbau eines »Schotten nichts Thraͤnen presset als der Stuben¬ »rauch, eines groͤßern Mitleids werth als jenes »zarte, das gleich dem eines Albinos schon von »Freudenstralen schmerzt und das der gequaͤlte Geist »mit geistigen Zaͤhren erfuͤllt? Ach unten in den »Thaͤlern wird nur der Haut, aber oben auf den »Hoͤhen der Kultur das Herz durchstochen; und die R 2 »Zeigerstange der Dorfuhr ruͤckt blos um Stunden »des Hungers und des Schweißes, aber der mit »Brillanten besetzte Sekundenzeiger fliegt um oͤde, »durchweinte, verzagende, blutige Minuten.« — Aber zum Gluͤck wird uns die Passionshistorie je¬ ner weiblichen Opfer nie vorgelesen, deren Herzen zum Schlagschatz und wie andre Juwelen zu den Throninsignien geworfen werden die als beseelte Blu men, gesteckt an ein mit Hermelin umgebnes Todten¬ herz, ungenossen zerfallen auf dem Paradebett, von niemand betrauert als von einer entfernten wei¬ chen Seele, die im Staatskalender nicht steht. . . Dieser Akt besteht fast aus lauter Gaͤngen: uͤber¬ haupt gleicht diese Komoͤdie dem Leben eines Kin¬ des — im ersten Akt war Ammeublement fuͤr die kuͤnftige Existenz — im zweiten Ankommen — im dritten Reden — im vierten lernt man Gehen u. s. w. Als Deutschland an Welschland, und dieses an jenes Reden genug gehalten hatte: so nahm Deutsch¬ land, oder vielmehr Flachsenfingen oder eigentlich ein Stuͤck davon, der Minister Schleunes die Fuͤrstin bei der Hand und fuͤhrte sie aus der heissen Zone in die kalte — ich meine nicht aus dem Brautbette ins Ehebette, sondern — aus dem italienischen Ter¬ ritorium der Stube ins Flachsenfingische uͤber den seidnen Rubikon hinweg. Der Flachsenfingische Hofstaat steht als rechter Fluͤgel druͤben und ist gar noch nicht zur Aktion gekommen. Sobald sie die seidne Linie passirt war: so wars gut, wenn das erste, was sie in ihrem neuen Lande that, etwas Merkwuͤrdiges war; und in der That that sie vor den Augen ihres neuen Hofs 4½ Schritte und — setzte sich in den Flachsenfingischen Sessel, den ich schon im ersten Akt vakant dazu hingestellt. Jetzt kam endlich der rechte Fluͤgel zur Aktion, zum Hand- und Rockfuß. Jeder im rechten Fluͤgel — der linke gar nicht — fuͤhlte die Wuͤrde dessen was er jetzt anhob und dieses Gefuͤhl, das sich mit persoͤnlichem Stolz verschmolz, kam — da nach Platner der Stolz mit dem Erhabnen verwandt ist — meiner Benefiz¬ farze recht zu Passe, in der ich nicht erhaben genug ausfallen kann. Groß und still, in seidne Fischreisen eingeschifft, in einen Roben-Golph versenkt, segeln die Hofdamen mit ihren Lippen an die stille Hand, die mit Ehe-Handschellen an eine fremde geschlossen wird. Weniger erhaben, aber erhaben wird auch das adamitische Personale herangetrieben, worunter ich leider den Apotheker Zeusel mit sehe. Wir kennen unter ihnen niemand als den Mini¬ ster, seinen Sohn Maz, der unsern Helden gar nicht bemerkt, den Leibarzt der Prinzessin Kuhlpepper, der vom Fette und Doktorhut in eine massive Loths¬ Salzsaͤule verwandelt, sich wie eine Schildkroͤte vor die Regentin und Pazientin schiebt. — Kein Mensch weiß wie mich Zeusel aͤngstigt. Gegen alle Rangordnung praͤsentir' ich lieber vor ihm die feisten in schelmische Dummheit verquollenen Livreebedienten, deren Roͤcke weniger aus Faͤden als aus Borten bestehen und die sich als gelbe Baͤnder- Praͤparate vor muͤden an schoͤnere Gestalten gewoͤhn¬ ten Augen buͤcken. Viktor fand durch seine britti¬ sche Brille die italienischen glasirten Kurialgesichter wenigstens malerisch-schoͤn, hingegen die deutschen Parade-Larven so abgegriffen und doch so gesteift, so matt und doch so gespannt, die Blicke so ver¬ raucht und doch so geschwefelt! ... — Ich halte Zeuseln noch durch einige Osterlaͤmmer oder agnus dei von Pagengesichtern auf, so weich und so weiß wie Maden; eine Amme moͤchte sie mit ihrer Milch¬ pumpe von Mund an Busen legen. Laͤnger war Zeusel nicht mehr zu halten, er ist hereingebrochen und hat die Fuͤrstin beim Fluͤgel — der ganze Spas dieser Komoͤdie, ich meine der Ernst, ist uns nunmehr verdorben. Dieser graue Narr hat sich in seinen alten Tagen — seine Naͤchte sind noch aͤlter — in einen ganzen historischen Kupferstich ge¬ knoͤpft, das will sagen in ein mit der ganzen Zoolo¬ gie illuminirtes Gillet, worin er samt seinen vier bunten Ringen ordentlich aussieht wie ein gruͤner Puͤrschwagen, an dem die Thierstuͤcke der ganzen Jagd angemalet und vier Ringe zum Anketten der Sauen, in natura sind. Ich muß es jetzt sehen und leiden, — da er alles in der Vergangenheit thut — daß er nun, besoffen von Eitelkeit und kaum vermoͤ¬ gend Uhrketten von Roben zu unterscheiden, hinlaͤuft und sich etwas Zeug herausfaͤngt zum Kusse. Es war leicht vorauszusehen, daß mir der Mensch mein ganzes Altarblatt verhunzen wuͤrde mit seiner histori¬ schen Figur; und ich haͤtte den Hasen gar unter¬ druͤckt und mit dem Rahmen des Gemaͤldes uͤber¬ deckt, wenn er nicht mit seinen Loͤffeln und Laͤufen zu weit herausstaͤnde und klafte; auch ist er vom Korrespondenten ausdruͤcklich unter den Benefiz–Li¬ guisten mit aufgefuͤhrt und signirt — — Es lohnt kaum der Muͤhe zu schreiben Fuͤnfter Akt ; da jetzt alles versalzen ist und saͤmtliche Lesewelt lacht. Im fuͤnften Akt, den ich ohne alle Lust mache, wurd' auch weiter nichts ge¬ than — anstatt daß Tragoͤdiensteller und Christen die Bekehrung und alles Wichtige in den letzten Akt verlegen, wie nach Bako ein Hofmann seine Suppliken ins Postskript verschob — als daß die Prinzessin ihre neuen Hofdamen das erste Subtrak¬ tionsexempel ihres Erzamtes machen ließ, das naͤm¬ lich, sie auszukleiden. ... Und da mit dem Ausklei¬ den sich die fuͤnften Akte der Trauerspiele — der Tod thuts — und der Lustspiele — die Liebe thuts — beschließen: so mag sich auch dieses Benefizding, das wie unser Leben zwischen Lust- und Trauerspiel oszillirt, matt mit Entkleidung enden. Ende der Benefizakte. — Ich war gestern zu aufgebracht. Der Apothe¬ ker ist zwar der Hund und die Katze in meinem Ge¬ maͤlde, die einander unter dem Tische des Abend¬ mals beissen; aber im Ganzen ist die Farze schon er¬ haben. Man bedenke nur, daß alles in einer monar¬ chischen Regierungsform abgethan wird — daß diese nach Beatie dem Komischen mehr als die republika¬ nische aufhilft — daß nach Addison und Sulzer ge¬ rade die spashaftesten Menschen (z. B. Cicero) am ernsthaftesten sind und daß folglich das Naͤmliche auch von dem Zeug, das sie machen gelten muͤsse: so sieht man schon aus dem Komischen, das meine Akte haben, daß sie ernsthaft sind. — — Mein Held hielt im Laden eine heftige P. Mer¬ zische Kontroverspredigt gegen etwas, wofuͤr die Reichsstaͤdter und Reichsdoͤrfer predigen — dagegen: »daß die Menschen ohne alles weiße und graue Ge¬ »hirn und ohne Geschmack und Geschmackswaͤrzgen in »dem Grade handeln koͤnnen, daß sie sich nicht schaͤ¬ »men, die Paar Jahre, wo sie der Schmerz noch »nicht auf seinem Puͤrschzettel und der Tod noch »nicht auf seinem Nachtzettel hat, suͤndlich und »hundsmaͤßig zu verzetteln, nicht etwa mit gar »Nichtsthun, oder mit den halben Takt-Pausen der »Kanzleiferien oder den ganzen Takt-Pausen der »Komizialferien, oder mit den Narrheiten der Freude » — was waͤre ruͤhmlicher? — sondern mit den »Narrheiten der Quaal, mit zwoͤlf herkulischen »Nichts-Arbeiten, in den Raspelhaͤusern der Vor¬ »zimmer, auf der tratto di corda des gespannten »Zeremoniels. . . . Mein lieber Hofmarschall, meine »schoͤnste Oberhofmeisterin, ich billige alles; aber das »Leben ist so kurz , daß es nicht die Muͤhe lohnt, »sich einen langen Zopf darin zu machen — Koͤnn¬ »ten wir nicht das Haar aufbinden und uͤber alle »Vorsaͤaͤle, d. h. Vorhoͤllen, uͤber alle Vorfechter »und Vortaͤnzer hinwegsetzen gleich mitten in die »Maiblumen unsrer Tage hinein und in ihre Blu¬ »menkelche. . . . Ich will mich nicht abstrakt und »scholastisch ausdruͤcken: sonst muͤßt' ich sagen: wie »Hunde, werden Zeremonien durchs Alter toll; wie »Tanzhandschuhe, taugt jede nur einmal und muß dann »weggeworfen werden; aber der Mensch ist so ein »verdammt zeremonielles Thier, daß man schwoͤren »sollte, er kenne keinen groͤßern und laͤngern Tag »als den Regenspurger Reichstag.« So lang er aß, war Tostato nicht da sondern im Laden. Nun hatt' er schon am vorigen Abend einen Operationsplan zum Kusse der schoͤnen Dunsin nicht aus dem Kopfe bringen koͤnnen: »eine viehdumme »Huldin kuͤss' ich Einmal, sagt' er, dann hab' ich »Ruh' auf Lebenslang.« Aber zum Ungluͤck mußte um die Dunsin die sogenannte Kleinste (Schwester) deren Verstand und Nase zu groß waren, als Senk¬ feder der Angel schwimmen und die Feder wuͤrde sich, haͤtt' er nur eine Lippe an den Koͤder gesetzt, sich sogleich gereget haben. Er war aber doch pfif¬ fig: er nahm die Kleinste auf die Schenkel und schau¬ kelte sie wie Zeusels Kutscher und sagte der Klu¬ gen suͤße Namen uͤber den Kopf hinuͤber, die er alle mit den Augen der Dummen dedizirte (am Hofe wird er mit umgekehrtem Scheine dediziren) Er druͤckte der Kleinsten zweimal zum Spaße die Spionenaugen zu, bloß um es im Ernst zum dritten¬ male zu thun, wo er die Dunsin an sich zog und sie mit der rechten Hand in eine Stellung brachte, daß er ihr — zumal da sie es litt, weil Maͤdgen der List ungern abschlagen, oft aus bloßer Freude, sie zu errathen — unter den Hofdiensten gegen die Blinde den schleunigen Kuß hinreichen konnte, fuͤr den er schon so viele avant propos und Marschrouten ver¬ fertigt hatte. Jetzt war er satt und heil; haͤtt' er noch zwei Abende dem Kuß nachstellen muͤssen: er haͤtte sich vollstaͤndig verliebt. Er saß wieder in seinem Mastkorb, als die Fuͤr¬ stin aß. Es geschah bei ofnen Thuͤren. Sie schuͤrte sein Liebes-Kaminfeuer mit dem goldnen Loͤffel an, so oft sie ihn an ihre kleinen Lippen druͤckte — sie stoͤhrte das Feuer wieder auseinander mit den zwei Zahnstochern (suͤßen und sauern) so oft sie zu ihnen griff. Tostato et Kompagnie setzten heute die theuer¬ sten Waaren ab: kein Mensch kannte die et Kom¬ pagnie; bloß Zeusel sah dem Viktor schaͤrfer ins Ge¬ sicht und dachte: »ich sollt' dich gesehn haben.« Gegen 2⅔ Uhr Nachmittags ereignete sich das Gluͤck, daß die Prinzessin selber an die Bude trat, um ita¬ italienische Blumen fuͤr ein kleines Maͤdgen, das ihr wohlgefallen, auszusuchen. Bekanntlich nimmt man sich in jeder Maske Maskenfreiheit und auf jeder Reise Meßfreiheit: Viktor der, in Verkleidungen und auf Reisen fast all zu kuͤhn war, probirte es, in der Muttersprache der Prinzessin und zwar mit Witz zu sprechen. »Der Teufel, dacht' er, kann mich doch »deswegen nicht holen.« Er merkte daher mit dem »zartesten Wohlwollen gegen dieses schoͤne Kind in Molochs Armen nur so viel uͤber die seidnen Blu¬ men an: »die Blumen der Freude wurden auch lei¬ »der meistens aus Sammt, Eisendrath und mit dem » Formeisen gemacht.« Es war nur ein Wunder, daß er hoͤflich genug war, um den Umstand wegzu¬ lassen, daß gerade der italienische Adel die italieni¬ sche Flora fabrizire. Sie sah aber auf seine Waare und schwieg; und kaufte statt der Blumen eine mon¬ tre a regulateur Bekanntlich eine Damenuhr, wie ein Herz gestaltet, auf dem Ruͤcken mit Sonnenweiser und Magnetnadel versehen. Letztere zeigt den Damen, die die Kaͤlte hassen, im Grunde auch Suͤden und der Sonnenweiser taugt zum Mond¬ weiser . , die sie nachzubringen ersuchte. Er uͤberbrachte ihr die Uhr eigenhaͤndig; aber leider eben so eigenhaͤndig — der Leser erschrickt; aber anfangs erschrack er selber und dachte doch den Einfall so oft bis er ihn genehmigte — hatt' er vorher uͤber den Imperator der Uhr ein zartes Streifgen Papier gepicht, worauf er eigenhaͤndig mit Perlenschrift geschrieben: Rome cacha le nom de son dieu et elle eut tort ; moi je cache celui de ma dèesse et j'ai raison . Rom verbarg den Namen seines Gottes, aber es hatte Unrecht; ich verberge meiner Goͤttin ihren, aber ich habe Recht. »Ich kenne die Leute schon, dacht' er, sie ma¬ »chen und ziehen in ihrem Leben keine Uhr auf!« Ei, Sebastian, was wird mein Leser denken oder deine Leserin? Sie reisete noch Abends in ihr erheirathetes Land, das kuͤnftige Hackbret ihres Szepters. Dem Viktor war beinahe als haͤtt' er ihr ein andres Herz als das horologische mit dem Zettel mitgegeben und freuete sich auf den Flachsenfinger Hof. Vor ihr lief ihr nachgedruckter Braͤutigam oder seine Saͤnf¬ te, aus der er ausstieg an die Wand des Schlaf¬ zimmers: da er ihr Gott war, so kann ich ihn oder sein Bild mit den Bildern der alten Goͤtter verglei¬ chen, die auf einem eignen vis a vis — thensa ge¬ nannt — herumgefahren oder in einer Portraitbuͤch¬ se — ναος genannt — oder in einem Bauer — ϰαδισϰον genannt — herumgetragen wurden. Darauf ging Viktor mit seinem Handelskonsul hinter den Kulissen des Benefiztheaters herum. Er schnuͤrte die seidne Demarkazions- und Zirkum¬ vallazionslinie ab — zog sie in die Hoͤhe wie ein ekles Haar — befuͤhlte sie — hielt sie erst weit vom Auge — dann nahe an dieses — zerrte sie ausein¬ ander, eh' er sagte: »die Kraft stecke wo sie will — »es mag nun eine seidne Schnur politische Koͤr¬ »per so gut wie anelektrische isoliren — oder es »mag mit Fuͤrsten wie mit Huͤhnern seyn, die kei¬ »nen Schritt weiter setzen, wenn man Kreide nimmt »und damit von ihrem Schnabel herab eine gerade »Linie auf den Boden hinfuͤhrt — soviel seht ihr »doch, Associe, wenn ein Alexander die Graͤnzsteine »der Laͤnder verruͤcken wollte, so waͤre ein solcher »Strang dagegen das Beste ins Euge gezogne Na¬ »turrecht und eine dergleichen Barriereallianz.» Er ging in ihr Schlafzimmer zum ausgeleerten h. Gra¬ be, d. h. Bette der auferstandnen Braut, in wel¬ ches der an der Wand vor Anker liegende Sponsus von seinem Nagel sehen konnte. Ganze Divisionen von Einfaͤllen marschirten stumm durch seinen Kopf, den er damit an ein seidnes Kopfkissen — so gros wie ein Hund- oder ein Seitenkissen eines Wagens — mit der Wange andruͤckte. So anliegend und knieend perorirte ers halb in die Federn (nicht in die Feder) hinein: »ich wollt' auf dem andern Kis¬ »sen laͤg' auch ein Gesicht und saͤh' in meines — »du lieber Himmel! zwei Menschengesichter einander »gegenuͤber — sich einander in die Augen ziehend — »einander die Seufzer belauschend — voneinander »die weichen durchsichtigen Worte wegathmend — »das staͤnden ich und ihr gar nicht aus, Associe:» — Er sprang auf, patschte sein Hasenlager leise wieder platt und sagte: »bette dich weich um das »schwere Haupt, das auf dich sinkt; erdruͤcke seine »Traͤume nicht; verrathe seine Thraͤnen nicht!» — Waͤre sogar der Graf von O. mit seiner feinen iro¬ nischen Mine dazu gekommen: er haͤtte nichts dar¬ nach gefragt. Es ist ein Ungluͤck fuͤr uns Deutsche, daß wir allein — indes dem Englaͤnder sogar vom Weltmann seine Hasen- Bocks- und Luftspruͤnge fuͤr zierliche Ruͤck- Vor- und Hauptpas angerechnet wer¬ den — gar nicht ernsthaft und gesetzt genug einher¬ schreiten koͤnnen. Er lief abends wieder im Hafen seines Zeidlers ein und sein schwankendes Herz warf auf die stille bluͤhende Natur um ihn die Anker aus. Der alte Mann hatte unterdes alle seine alten Papiere, Tauf- Trauscheine, Manualakten vom Nuͤrnberger Zeidler¬ gericht ꝛc. zusammengefahren und sagte: les' Er! — Er wollt' es selber wieder hoͤren. Er zeigte auch seinen »Dreifaltigkeitsring» aus Nuͤrnberg vor, auf welchem stand; Hier dieser Ring der weist Wie drei in Einem heist Gott Vater, Sohn und Geist. Der Bienenvater machte weiter kein Geheimniß daraus, daß er vorher, als er diesen Ring sich noch nicht in Nuͤrnberg an einem Gerichtstage angeschaft hatte, die Dreifaltigkeit nicht glauben koͤnnen: »jetzt »aber muͤst' einer ein Vieh seyn, wenn ers nicht be¬ »griffe.» — Am Morgen vor der Abreise war Vik¬ tor in der doppelten Verlegenheit, er wollte gern ein Geschenk haben — zweitens eines machen. Was er haben wollte, war eine plumpe Stundenuhr — bey einer Ausspielung fuͤr ein Loos a 20 kr., ge¬ wonnen —; dieses Werk, dessen dicke Zeigerstange den Lebensfaden des Greises auf dem schmutzigen Zifferblatte in lauter bunten frohen Bienen-Stun¬ den weggemessen hatte, sollte eine Lorenzo-Dose fuͤr ihn seyn, ein Amulet, ein Ignazius-Blech gegen Saulische Stunden. »Ein Professionist, sagt' er, »braucht wahrlich nur wenig Sonne, um zufrieden »und marm durchs Leben zu gehen; aber wir mit »unsrer Phantasie sind oft in der Sonnenseite so »schlimm daran als in der Wetterseite — der Mensch »steht fester auf Dreck als auf Aether und Morgen¬ »roth.» Er wollte dem gluͤcklichen Lebens Vetera¬ nen als Kaufschilling fuͤr die Stundenuhr und als Preismedaille fuͤr das Quartier, seine Sekundenuhr aufdringen. Lind hatte das Herz nicht, wurd' aber roth. Endlich stellte ihm Viktor vor, die Sekun¬ denuhr sey ein guter Supplementband zum Dreifal¬ tigkeitsring, ein Thesesbild dieses Glaubensartikels, denn die dreifaltigen Zeiger machten doch nur Eine Stunde — Lind tauschte. Viktor konnte weder der Spoͤtter noch der Bunk¬ lische Reformator einer solchen irrenden Seele seyn und seine sympathetische Laune ist nichts als ein skeptischer Seufzer uͤber das menschliche Gehirn, das 70 Normaljahre hat, und uͤber das Leben, das ein Glaubens-Interim ist, und uͤber die theolo¬ gischen Doktorringe, die solche Dreifaltigkeitsringe sind, und uͤber die Konzilien- und Examinazionszim¬ mer, die Sekunden-Uhren statt plumper Stunden- Uhren haben. — Endlich geht er aus Kusseviz um 6 Uhr Mor¬ gens. Eine sehr schoͤne Tochter des Grafen von O. kam erst um 7 Uhr zuruͤck: das ist unser aller Gluͤck, er saͤsse sonst noch da. Der Hundsposttag ist aus. Ich weis nicht, soll ich ein Extrablatt machen oder nicht. Der Schalt¬ tag ist an der Thuͤre; ich wills also bleiben lassen und nur ein Pseudo-Extrablatt hersetzen, welches sich bekanntlich von einem kanonischen ganz dadurch unterscheidet, daß ichs im apokryphischen durch keine Ueberschrift merken lassen, sondern nur unter der Hand von der Geschichte wegkomme zu lauter Allo¬ triis. Ich nehme meinen historischen Faden wieder auf und befrage den Leser, was haͤlt er von Sebastians Weiber-Liebhaberei? Und wie erklaͤrt er sich sie? — Wahrhaftphilosophisch versetzt er: »aus Klotil¬ »den: sie hat ihn durch ihr Magnetisiren mit der »ganzen Weiber-Welt in gesetzt; sie hat »an diesen Bienenschwarm geklopft, nun ist kein »Ruhen mehr — Ein Mann kann 26 Jahre kalt in »seinem Buͤcherstaube sitzen: hat er aber den Aether »der Liebe einmal geathmet; so ist das foramen » ovale auf immer zu und er muß heraus, wie ich »in den kuͤnftigen Hundsposttagen sicherlich sehe.» Hesperus. I . Th. S Einen naͤrrischen philosophischen Styl hat sich der Leser angewoͤhnt; aber es ist wahr: daher ein Maͤd¬ gen nie so begierig fuͤr ihr Theater den zweiten Lieb¬ haber wirbt als nach dem Hintritt des ersten und nach den Schwuͤren, ihr Werbepatent wegzuwerfen. Wie konnt' aber der Leser auf noch wichtigere Ursachen Eine vierte Ursache waͤre, daß ihm jetzt jede Liebe gegen ei¬ ne andre als gegen Klotilde ein Verdienst um seinen Freund zu seyn schien. nicht fallen, 1) auf die Tutti-Liebe und 2) auf Viktors Muttermaͤler? 1) Die Tutti- oder Simultanliebe ist zu wenig bekannt. Es ist noch keine Desinizion davon da als meine: in unsern Tagen sind naͤmlich die Lese¬ kabineter, die Tanzsaͤle, die Konzertsaͤle, die Wein¬ berge, die Koffee- und Theetische, diese sind die Treibhaͤuser unsers Herzens und die Raffinerien un¬ serer Nerven, jenes wird zu gros, diese zu fein — wenn nun in diesen ehelustigen und ehrlosen Zeiten ein Juͤngling, der noch auf seine Messiasinn wie ein Jude passet und der noch ohne den Gegenstand des erotischen con brio des Herzens ist, von ungefaͤhr mit einer Tanz-Moitistin ꝛc. mit einer Klubistin oder Associee, oder Amtsschwester, oder Litis-Kon¬ sortinn hundert Seiten in Salis oder Goͤthe lie¬ set — oder mit ihr uͤber den Klee- oder Seidenbau oder uͤber Kants Prolegomena drei bis vier Briefe wechselt — oder ihr fuͤnfmal den Puder mit dem Pudermesser von der Stirne kehrt — oder neben und mit ihr betaͤubende Saͤbelbohnen anbindet — oder gar in der Geisterstunde (die eben so oft zur Schaͤferstunde wird) uͤber das erste Prinzip in der Moral diskurirt: so ist so viel gewiß, daß der be¬ sagte Juͤngling (wenn anders Feinheit , Gefuͤhl und Besonnenheit einander die Wage in ihm halten) ein wenig toll thun und fuͤr die besagte Moi¬ tistin) wenn sie anders nicht mit Hoͤkern des Kopfes oder Herzens an seine Fuͤhlfaͤden stoͤsset) etwas em¬ pfinden muß, das zu warm ist fuͤr die Freundschaft, zu unreif fuͤr die Liebe das an jene graͤnzt, weil es mehrere Gegenstaͤnde einschließt, und an diese, weil es an dieser stirbt. Und das ist eben nichts anders als meine Tutti-Liebe. Beyspiele sind ver¬ hast: sonst zoͤg' ich meines an. Diese Universalliebe ist ein ungegliederter Fausthandschuh, in den, weil keine Verschlaͤge die vier Finger trennen, jede Hand leichtlich hineinfaͤhrt — in die Parzialliebe oder in den Fingerhandschuh draͤngt sich nur eine einzige Hand. Da ich zuerst diese Sache und Insel entdeckt habe: so kann ich ihr den Namen schenken, womit sie andre nennen und rufen muͤssen. Man soll sie kuͤnftighin die Simultanliebe benamsen, ob ich sie gleich auch wenn ich wollte die Praͤludierliebe — S 2 die Maskopei-Zaͤrtlichkeit — die General-Waͤrme — die Einkindschafts-Treue nennen lassen koͤnnte. Den Theologen und ihrer Kannengiesserei von den Endabsichten zu gefallen, werf' ich noch diesen festen Grundsatz her: ich moͤchte denn sehen, der's ohne die Simultanliebe in unsern Zeiten, wo die einspaͤnnige Liebe durch die Foderungen eines groͤsseren metallischen und moralischen Einge¬ brachten seltner wird, drei Jahre aushielte. 2) Die zweite Ursache von Viktors Weiber-Lieb¬ haberei war sein Mutermahl d. h. eine Aehnlichkeit mit seiner und jeder Mutter. Er behauptete ohne¬ hin, seine Ideen haͤtten gerade den Schritt d. h. den Sprung der weiblichen und er haͤtte uͤberhaupt recht viel von einer Frau: wenigstens gleichen die Weiber ihm darin, daß ihre Liebe durch Sprechen und Umgang entsteht. Ihre Liebe hat sicher oͤfter mit Haß und Kaͤlte angefangen als aufgehoͤrt. Aus einem aufgedrungenen verhasten Braͤutigam wird ge¬ woͤhnlich ein geliebter Ehemann. »Ich will — sag¬ »te er im Hannoͤverischen — wenn nicht in ihr »Herz, doch in ihre Herzohren. Sollte denn die »Natur in die weibliche Brust zwei so weite Herz¬ »kammern — man kann sich darinn umkehren — »und zwei so nette Herzalkove — den Herzbeutel »hab' ich gar nicht beruͤhrt — blos darum hinein¬ »gebauet haben, daß Eine Mannsseele diese vier »Zimmer mutterseelenallein miethe, wie Eine »weibliche die vier Gehirnkammern des Kopf-Gy¬ »naͤzeums bewohnt? Ganz unmoͤglich! und sie thuns »auch nicht: sondern — aber wer uͤbermaͤssigen Witz »scheuet, gehe mir jetzt aus den Fuͤssen — in die »zwei Fluͤgel dieser Rotunda und in die Seitenge¬ »baͤude wird hineinlogirt was hineingeht d. h. mehr »als herausgeht — wie in einem Zoll- oder Tauben¬ »hause gehts aus und ein — man kann nicht zaͤh¬ »len, wenn man zusieht — es ist ein schoͤner Tem¬ » pel , der Durchgangsgerechtigkeit hat — »Solche kehren sich an die wenigen gar nicht, die »sich einschraͤnken und die Frontloge des Herzens »nur Einem Liebhaber und die 2 Seitenlogen tau¬ »send Freunden geben.» Gleichwol konnt' es Jean Paul — es mochte im¬ merhin Platz genug uͤbrig seyn — nie so weit trei¬ ben, daß er nur in die zwei Koloniekoͤrbe, naͤmlich in die Herzohren hineingekommen waͤre, welches doch das Allerwenigste ist. Weil sein eines Bein zu ab¬ brevirt und weil sein Gesicht wieder zu prolongirt ist: so quartiren sie den guten Schelm blos am kaͤl , testen Orte ganz oben unter den Kopf -Mansarden ein nicht weit von den Haarnadeln — und da sitzt er noch jetzt und scherzet (schreibend) sein eilftes Kapitel hinaus. . . . 12. Hundsposttag. Polar-Phantasien — Die sonderbare Insel der Vereinigung — Noch ein Stuͤck aus der antediluvianischen Geschichte — Der Stettinerapfel als Geschlechtswappen — W ir leben jetzt im finstern Mittelalter dieser Bio¬ graphie und lesen dem aufgeklaͤrten achtzehnten Saͤ¬ kulum oder Hundstag entgegen. Allein schon im zwoͤlften fliegen, wie in der Nacht vor einem schoͤnen Tag, grosse Funken. Mich frappirt dieser Hunds¬ tag noch immer. »Spizius, sagt' ich, friß mir weg was du willst und klaͤre nur die Welt auf.» Sebastian eilte am Sonnabend mit lustiger Seele unter einem uͤberwoͤlkten Himmel auf die Insel der Vereinigung zu. Er konnte da anlaugen, wenn er sich nicht aufhielt, ehe das Gewoͤlk einge¬ sogen war. Unter einem blauen Himmel fuͤhrte er, wie Schikaneder, die Trauerspiele , unter einem aschgrauen , aber die Lustspiele und Ope¬ ra Buffa seines Innern auf. Wenns regnete, lacht' er gar. Rousseau bauete in seinem Kopfe ein sen¬ timentalisches Theater, weil er weder aus der Kulisse noch in eine Loge des wirklichen Lebens ge¬ hen wollte — Viktor aber salarirte zwischen seinen Beinwaͤnden des Kopfes ein komisches Theater der Deutschen, blos um die wirklichen Menschen nicht auszulachen: seine Laune war so idealisch wie die Tugend und Empfindsamkeit andrer Leute. In dieser Laune hielt er (wie ein Bauchredner) lauter innerliche Reden an alle Potentaten — er stellte sich auf die Ritterbank mit Kirchenvisitationsreden — auf die Staͤdtebank mit Leichenreden — auf dem paͤbst¬ lichen Stuhl hielt er an die Jungfer Europa und kirchliche Braut Strohkranzreden — die Potenta¬ ten musten ihm alle wieder antworten — man kann denken wie , da er gleich einem Minister, ihnen aus seinem Kopf-Soufleurloch, alles in den Mund legte — und dann gieng er doch fort und lachte je¬ den aus. Mandeville sagt in seinen Reisen, am Nordpol gefriere im Winterhalbjahr jedes Wort, aber im Sommerhalbjahre thau' es wieder auf und werde gehoͤrt. Diese Nachricht malte sich Viktor auf dem Wege nach der Insel aus: wir wollen unsere Ohren an seinen Kopf legen und dem innern Gesumse zu¬ horchen. »Ich und Mandeville sind gar nicht verbunden »es zu erklaͤren, warum am Nordpol die Worte so gut wie Speichel unter dem Fallen zu Eis werden »gleich dem Quecksilber allda; aber verbunden sind »wir, aus dem Fakto zu folgern. Wenn ein lachen¬ »der Erbe da seinem Testirer lange Jahre wuͤnscht: »so hoͤrt der gute Mann den Wunsch nicht eher als »im naͤchsten Fruͤhjahr, das ihn schon kann todtge¬ »schlagen haben. — Die besten Weihnachtspredigten »erbauen nicht eher gute Seelen als im Heumo¬ »nat. — Vergeblich stattet der Polarhof seine Neu¬ »jahrswuͤnsche vor Serenissimo ab; er hoͤrt sie nicht »als bis es warm wird, nnd dann ist schon die »Haͤlfte fehlgeschlagen. Man sollte aber einen Zir¬ » kulierofen als Sprachrohr in die Antichambre »setzen: damit man in der Waͤrme die Hof-Lin¬ »guisten hoͤren koͤnnte. — Ein Bruder Redner waͤre »dort ohne einen Ofenheizer ein geschlagner Mann. »— Der Pointeur thut zwar am Thomastag seine »Fluͤche; aber am Johannistag, wo er schon wieder »gewonnen, fahren sie erst herum, und aus den »Winterkonzerten koͤnnte man Sommerkonzerte ma¬ »chen ohne alle Instrumente: man setzte sich nur in »den Saal. — Woher kommts anders, daß die »Polar-Kriege oft halbe Jahre vor dem Manifest »gefuͤhret werden als daher, daß das schon im Win¬ »ter diktirte Manifest erst bey gutem Wetter laut »wird? — Und so kann man von den Winterkam¬ »pagnen der Polar-Armeen nicht eher etwas hoͤren »als unter den Sommerfeldzuͤgen. — Ich meines »Orts moͤchte blos auf den Winter nach den Pol »reisen, blos um da den Leuten, besonders dem »Hofstaat wahre Injurien ins Gesicht zu sagen; »wenn er sie endlich vernaͤhme: saͤsse der Injuriant »schon wieder in Flachsenfingen. — Die Winter¬ »lustbarkeiten sind gar nicht schuld, wenn die noͤrd¬ »liche Regierung eine Menge der wichtigsten Dinge »nicht resolvirt und referirt: sondern erst unter den »Kanikularferien ist das Votiren zu hoͤren; und da »koͤnnen auch die Bescheide der Kammer auf Gna¬ »den- und Holzsachen zur Sprache kommen- — »Aber, o ihr Heiligen, wenn ich am Pol — indes »die Sonne im Steinbock waͤre und mein Herz im »Krebs — niederfiele vor der schoͤnsten Frau und »ihr in der laͤngsten Nacht hindurch die heissesten »Liebeserklaͤrungen thaͤte, die aber in einer Drittels¬ »Terzie Eis ansetzten und ihr gefroren d. h. gar »nicht zu Ohren kaͤmen: was wuͤrd' ich im Sommer »machen, wo ich schon kalt waͤre und sie schon haͤt¬ »te, wenn gerade in der Stunde, wo ich mich tuͤch¬ »tig mit ihr zu zanken verhofte, nun mitten unter »dem Keifen meine Steinbocks-Liebeserklaͤrungen »aufzuthauen und zu reden anfingen? Ich wuͤrde »gelassen nichts machen als die Regel: man sei zaͤrt¬ »lich am Pol, aber erst im Widder oder Krebs. — »Und wenn vollends die Uebergabe einer Prinzessin »am Pol vorginge und zwar an dem Punkt, wo »die Erde sich nicht bewegt, der sich am besten fuͤr »die zwiefache Unthaͤtigkeit einer Prinzessin und ei¬ »ner Dame schickt, und wenn gar die Uebergabe in »einem Saale waͤre, wo jeder, besonders Zeusel »in den Winterlekzionen sie gelaͤstert haͤtte; wenn »dann die Luft im Saal zu laͤstern anfinge und Zeusel »in der Noth fort wollte: so wuͤrd' ich ihn »freundlich packen und fragen: »wohin mein »Freund?» — — »Nach Groskusseviz, ich helfe fangen» antwor¬ tete ihm der — reelle Buͤttel aus St. Luͤne, der hinter einem Gemaͤuer mit der einen Hand ein Buch auf- und mit der andern eine Tasche zugeknoͤpft hat¬ te. Viktor fuͤhlte ein frohes Beklemmen uͤber eine Antike aus St. Luͤne. Er fragte ihn um alles mit einem Eifer, als waͤr' er seit einer Ewigkeit a parte ante weg. Der zuknoͤpfende Leser wurde ein Autor und faßte vor dem Herrn die Jahrbuͤcher d. h. Stundenbuͤcher dessen ab, was seitdem im Dorfe vorgefallen war. In zwanzig Fragen wickelte Viktor die nach Klotilden ein; und erfuhr, daß sie bisher alle Tage beim Pfarrer gewesen war. Das verdroß ihn: »als ob ich nicht soviel Seelenstaͤrke haͤtte, der »Liebe eines Freundes zuzusehen — und auch sonst »als ob.» Ueberhaupt dacht' er, in einer solchen Ferne sey es ihm mehr erlaubt, an sie zu denken. Der lesende Haͤscher war ein Leser unter meinem Regiment: das Buch, das er auf seinen Diebs- Heckjagden herumtrug, war die unsichtbare Lo¬ ge . Die unsichtbare Loge eine Biographie in 2 Theilen. 8. Berlin in Karl Maßdorffs Buchhandlung. Viktor lies sich den ersten Theil vorstrecken: der Buͤttel stand im zweiten gerade an der Pyrami¬ de beim ersten Kuß. — Jener that immer schnellere Schritte im Lesen und im Gehen und hatte Buch und Weg miteinander zu Ende — — Die Insel stand vor ihm! — — — Hier auf diesem Eiland, mein Leser, ma¬ che Augen und Ohren auf! . . . . Nicht als ob merkwuͤrdige Dinge erschienen — denn diese wuͤrden sich schon durch halbofne Ohren und Augensterne draͤngen — sondern eben weil lauter alltaͤgliche kommen. Der Lord stand einsam am Ufer der See, die um die Insel floß — und erwartete und empfing ihn mit einem Ernst, der seine Freundlichkeit uͤber¬ huͤllte, und mit einer Ruͤhrung, die noch mit seiner gewoͤhnlichen Kaͤlte rang. Er wollte jetzt zur Insel hinuͤber und Viktor sah doch kein Mittel des Ue¬ bergangs. Es war kein Boot da. Auch waͤre kei¬ nes fortzubringen gewesen, weil eiserne Spitzen un¬ ter dem Wasser in solcher Menge und Richtung stan¬ den, daß keines gehen konnte. Die Schildwache, die bisher am Ufer die Insel gegen die zerstoͤhrende Neugier des Poͤbels deckte, war heute entfernt. Der Vater ging mit dem Sohne langsam um das Ufer und ruͤckte nach und nach 27 Steine, die in gleichen Entfernungen auseinander lagen, aus ihrem Lager heraus. Die Insel war vor der Blindheit des Lords gebauet worden und den Zuschauern noch unverwehrt; aber in derselben hatt' er ihr Inneres durch unbekannte naͤchtliche Arbeiter vollenden und verstrecken lassen. Unter der Ronde um die Insel sah Viktor ihr Stab- und Fruchtgelaͤnder von hohen Baumstaͤmmen, die ihre Schatten und ihre Stim¬ men in die Insel hineinzurichten schienen und deren Laubwerk die bebenden Wellen mit ihren zertheilten Sonnen und Sternen besprengten — die Tannen umarmten Bohnenbaͤume und um Tannenzapfen gau¬ ckelten Purpur-Bluͤtenlocken, die Silberpappel buͤckte sich unter der thronenden Eiche, feurige Buͤsche von arabischen Bohnen loderten tiefer aus Laub-Vorhaͤn¬ gen, ablaktirte Baͤume auf doppelten Staͤmmen ver¬ gitterten dem Auge die Eingaͤnge und neben einer Fichte, die alle Gipfel beherrschte, war eine hoͤhere vom Sturm halb uͤber das Wasser hereingedruͤckt, die sich uͤber ihrem Grabe wiegte — weiße Saͤulen hoben in der Mitte der Insel einen griechischen Tem¬ pel unbeweglich uͤber alle wankende Gipfel hinaus — Zuweilen schien ein verirrter Ton durch das gruͤne Allerheiligste zu laufen — ein hohes schwarzes an die Tannenspitzen reichendes Thor sah mit einer wei¬ ßen Sonnenscheibe bemalt nach Osten und schien zum Menschen zu sagen: gehe durch mich, hier hat nicht nur der Schoͤpfer, auch dein Bruder gearbeitet! — Diesem Thore gegenuͤber lag der 27te Stein. Viktors Vater verruͤckte ihn, nahm einen Magnet heraus, bog sich nieder uud hielt dessen suͤdlichen Pol in die Luͤcke. Ploͤtzlich fingen Maschinen an zu knarren und die Wellen an zu wirbeln — und aus dem Wasser stieg eine Bruͤcke von Eisen auf. Vik¬ tors Seele war von Traͤumen und Erwartungen uͤberfuͤllt. Er setzte schauernd hinter seinem Vater den Fuß in die magische Insel. Hier beruͤhrte sein Vater einen duͤnnen Stein mit dem noͤrdlichen Ende des Magnets und die Eisenbruͤcke fiel wieder hinun¬ ter. Ehe sie an das erhoͤhte Thor hintraten: drehte sich von innen ein Schluͤssel um und sperrte auf und die Thuͤre klafte. Der Lord schwieg. Auf seinem Ge¬ sicht war eine hoͤhere Sonnenseele aufgegangen — man kannte ihn nicht mehr — er schien in den Ge¬ nius dieses zauberischen Eilandes verwandelt zu seyn. Welche Szene! sobald das Thor geoͤfnet war, lief durch alle Zweige ein harmonisches Hinuͤber und Heruͤbertoͤnen — Luͤfte flogen durch das Thor herein und sogen die Laute in sich und schwammen bebend damit weiter und ruhten nur auf gebognen Bluͤten aus — Jeder Schritt machte einen großen duͤstern Schauplatz weiter — Im Schauplatz lagen umher Marmorstuͤcke, auf welche die Schmiedekohle Ra¬ phaels Gestalten gerissen hatte, eingesunkne Sphinxe, Landkartensteine, worauf die dunkle Natur kleine Ruinen und ertretetene Staͤdte geaͤzet hatte, — und tiefe Oefnungen in der Erde die weniger Graͤber als Formen zu Glocken waren, die darin gegossen wer¬ den — dreißig giftvolle Eibenbaͤume standen von Rosen umflochten, gleichsam als waͤren sie Zeichen der dreißig wuͤthend-leidenschaftlicheu Jahre des Menschen — drei und zwanzig Trauerbirken waren zu einem niedrigen Gebuͤsch zusammengebogen und in einander gedruͤckt — in das Gebuͤsch liefen alle Steige der Insel — hinter dem Gebuͤsch verfinster¬ ten neunfache Floͤre in verschlungen Wallungen den Blick nach dem hohen Tempel — durch die Floͤre stiegen fuͤnf Gewitterableiter in den Himmel auf und ein Regenbogen aus zweien in einander gekruͤmmten Wasserstrahlen zweier Fontainen schwebte flimmernd am Gezweige und immer woͤlbten sich die zwei Stra¬ len herauf und immer zersplitterten sie einander oben in der Beruͤhrung — — Als Horion seinen Sohn, dessen Herz von lauter unsichtbaren Haͤnden gefasset, erschreckt, gedruͤckt, entzuͤndet, erkaͤltet wurde, in das niedrige Birken- Gebuͤsch hineinzog: so began die lallende Todtenzunge eines Orgel-Tremulanten durch die oͤde Stille den Seufzer des Menschen anzureden und der wankende Ton wand sich zu tief in ein weiches Herz. — Da standen beide an einem vom Gebuͤsche dunkel uͤber¬ bauten Grabe — auf dem Grabe lag ein schwarzer Marmor, auf dem ein uͤberschleiertes blutloses wei¬ ßes Herz und die bleichen Worte standen: es ruht . — Es war darunter das Aschenherz von der Gelieb¬ ten des Lords, die im 23ten Jahre der Ruhe in die Arme fiel — Nie schauderte Viktor so: nie sah er auf einem Gesicht eine solche chaotische wechselnde Welt von fliehenden, kommenden, kaͤmpfenden, ver¬ gehenden Empfindungen; nie starrte ein solches Eis der Stirne und Augen uͤber krampfhaften Lippen — und ein Vater sah so aus und ein Sohn empfand es nach. »Ich bin ungluͤcklich« sagte langsam sein Vater: eine beissende bittere Thraͤne brannte am Augapfel; er stockte ein wenig und stellte die fuͤnf ofnen Fin¬ ger auf sein Herz als wollt' ers ergreifen und her¬ ausziehen und blickte auf das steinerne blasse als wollt' er sagen: warum ruht meines nicht auch? — Der gute sterbende Viktor, zermalmet von lieben¬ dem Jammer, zerrinnend in Mitleid wollte an den theuern verheerten Busen fallen und wollte mehr als den Seufzer sagen: »o Gott, mein guter Va¬ »ter!« aber der Lord hielt ihn sanft von sich ab und die Gallenzaͤhre wurde unvergossen vom Auge zerquetscht. Der Lord fing wieder an, aber kaͤlter: »glaube nicht, daß ich besonders geruͤhrt bin — »glaube nicht, daß ich eine Freude begehre, oder ei¬ »nen Schmerz verwuͤnsche — ich lebe nun ohne »Hofnung und sterbe nun ohne Hofnung.« — Seine Stimme kam schneidend uͤber Eisfelder her, sein Blick war scharf durch Frost. Er fuhr fort: »Wenn ich sieben Menschen »vielleicht gluͤcklich gemacht habe: so muß auf mei¬ » nen schwarzen Marmor geschrieben werden: es » ruht . . . . Warum wunderst du dich so? Bist du » jetzt schon ruhig?« — Er sah starr auf das weiße Herz, und starrer gerade aus, als wenn eine Gestalt sich aufhoͤbe aus dem Grabe — das frierende Auge legte und drehte sich auf eine aufdringende Thraͤne — schnell zog er einen Flor von einem Spiegel zu¬ ruͤck und sagte: »Blicke hinein, aber umarme mich »darauf!« . . . Viktor starrte in den Spiegel und sah schaudernd ein ewig geliebtes Angesicht darin er¬ scheinen — das Angesicht seines Lehrers Dahore — er bebte wohl zusammen, aber er sah sich doch nicht um und umfaßte den Vater, der ohne Hof nung war. »Du zitterst viel zu stark (sagte der Lord) aber »frage mich nicht, mein Theurer, warum alles so »ist: in gewissen Jahren thut man die alte Brust »nicht mehr aus ; so voll sie auch sey.« Ach Ach du dauerst mich! denn die Wunden, die aufgedeckt werden koͤnnen, sind nicht tief; der Schmerz, den ein menschenfreundliches Auge finden, eine weiche Hand lindern kann, ist nur klein — Aber der Gram, den der Freund nicht sehen darf, weil er ihn nicht nehmen kann, dieser Gram, der zuweilen ins begluͤckte Auge in Gestalt eines ploͤtzli¬ chen Tropfens aufsteigt, den das weggewandte Ange¬ sicht vertilgt, haͤngt uͤberdeckt schwerer und schwerer am Herzen und zieht es endlich loß und faͤllt mit ihm unter die heilende Erde hinab: so werden die Eisenkugeln an den uͤber dem Meer Gestorbnen an¬ geknuͤpft und sie sinken mit ihm schneller in sein großes Grad. — — Er fuhr fort: »ich werde dir etwas sagen; aber »schwoͤre hier auf dieser theuern Asche, zu schweigen. »Es betrift deinen Flamin und diesem mußt du es »verhehlen.« Das fiel dem von einer Welle auf die andre gestuͤrzten Viktor auf. Er erinnerte sich, daß ihm Flamin das Versprechen auf der Warte ab¬ gedrungen, daß sie mit einander, wenn sie sich zu sehr beleidigt haͤtten, sterben wollten. Er stand mit dem Schwur an — endlich sagt' er »aber kurz vor »meinem Tode darf ichs ihm sagen?« — Kannst du ihn wissen sagte sein Vater. — »Aber im Fall?« — Dann! sagte jener kalt. — Hesperus. I . Th. T Viktor schwur; und zitterte vor dem kuͤnftigen Inhalt des Eides. Auch mußt' er versprechen, vor der Wiederkehr des Lords diese dunkle Insel nicht zu besuchen. Sie traten aus dem Laub-Mausoleum und ließen sich auf eine umgestuͤrzte Stalaktite nieder. Zuwei¬ len fiel unter dem Reden ein fremder Harmonika-Ton von Blatt zu Blatt und in einer weiten Ferne schie¬ nen die vier Paradieses-Fluͤße unter einem mit-beben¬ den Zephyr hinweg zu hallen. Der Vater begann: »Flamin ist Klotildens »Bruder und des Fuͤrsten Sohn.« — — Nur ein solcher Gedanken-Blitz konnte noch in Viktors geblendete Seele dringen: eine neue Welt ging in ihm jetzt in die Hoͤhe und riß ihn aus der nahen großen weg. — »Auch (fuhr Horion fort) leben Januars drei andern Kinder in Frankreich noch, bloß das vierte auf den sieben Inseln ist unsichtbar.« Viktor begriff nichts; er erklaͤrte ihm aber alles so: Die drei gallischen Kinder ließ er verborgen zu einem hoͤhern Stand erziehen, um sie ihrem Vater einmal als Assistenten seiner gemißbrauchten Regierung wieder zu geben. Daher hatt' er Flamin zum Regie¬ rungsrath werden lassen. Sobald er einmal die Kin¬ der-Kolonie beisammen hat: uͤberrascht er den Vater mit ihrer Erscheinung. Ich habe schon oben erzaͤhlt, daß Flamfn mit Viktor und dem jetzt unsichtbaren Kaplans Sohn ins Schiff ging und daß letzterer die Blattern und Blindheit bekam; aber er ging — nicht zuruͤck, wie ich doch oben im zweiten Posttage berichtete, sondern — mit fort. Nur verhehlet der Lord ihn jetzt, damit niemand aus den drei Kin¬ dern den Fuͤrstensohn ausfinde, er bringt ihn aber in einem Jahre in Gesellschaft der uͤbrigen zum Vor¬ schein. Der Lord hat nicht nur leichte Beweise, um den Fuͤrsten von seiner Verwandschaft mit vier oder fuͤnf Menschen zu uͤberfuͤhren — bei Flamin das Zeugniß der mitkommenden Mutter, bei den uͤbrigen ihre Aehnlichkeit mit ihren Portraits, die er noch hat — sondern auch einen recht sonderbaren Beweiß: naͤmlich einen Stettiner Apfel; und dieses Apfels wegen muß er ein Jahr ausbleiben. Viktor hatte es schon von der Pfarrern selber gehoͤrt, daß alle Soͤhne des Flachsenfingischen Fuͤr¬ sten ein gewisses Mutter- oder Vatermahl auf dem linken Schulterblatte haͤtten, das wie Nichts aussaͤhe außer im Herbste wenn die Stettiner reiften: da wuͤrd' es auch roth und glich einem. Dem Leser muͤssen aus den Jahrbuͤchern der ge¬ lehrten Sozietaͤten ganze Duzend Kirschen vorgekom¬ men seyn, die auf Kinder skiziret waren und die sich mit denen an den Baͤumen zu roͤthen anfingen. Wenn ich meinem Bad-Motisten glauben duͤrfte, so T 2 haͤtt' ich selber ein solches Stettiner Fruchtstuͤck auf der Schulter haͤngen — ich habe mir aber vorgesetzt, da ichs bisher alle Herbste vergessen, in dem kuͤnftigen sobald die Stettiner zeitigen, einen Spiegel zu neh¬ men und mich von hinten zu besehen. Diese Stettiner Fruchtschnur schiebt aber die Ruͤckkehr des Lords und die Uebergabe der natuͤrli¬ chen Kinder bis auf die Herbstzeit ihrer Roͤthe auf. Viktor wuͤnschte statt des Junius den Oktober her — der Schulter wegen. Ich mache mir kein Bedenken, hier eine satiri¬ sche Note meines Korrespondenten zu uͤbergeben. »Stellen Sie sich (schreibt er) bei dieser Nachricht »als thaͤten Sie es auf mein Geheiß und erzaͤhlen »Sie des Lords Exposition und Offenbarung, wenn »Sie sie einmal erzaͤhlet haben, Ihrem Leser ganz »ruhig zum zweitenmal; damit er sie nicht nicht ver¬ »gißt oder verwirrt. Leser kann man nicht genug »betruͤgen und ein gescheuter Autor wird sie gern »an seinem Arm in Mardereisen, Wolfsgruben und »Prellgarne geleiten.« Ich bekenn' es, zu solchen Pfiffen hatt' ich von jeher schlechten Ansatz — und bringt es uͤberhaupt nicht mir und dem Leser mehr Ehre, wenn ers gleich aufs erstemal behaͤlt, daß Flamin Jenners natuͤrlicher und Le Bauts angebli¬ cher Sohn ist — daß des Pfarrers seiner blind und nicht da ist — daß noch drei oder vier andre Jenners Kinder aus den gallischen Seestaͤdten nach kommen — —, mehr Ehre sag' ich als wenn ichs jetzt ihm zum zweitenmale (im Grunde wars zum drittenmale) vorkaͤuen muͤßte, daß Flamin Jenners natuͤrlicher und Le Bauts angeblicher Sohn ist, daß des Pfarrers seiner blind nnd nicht da ist, und daß noch drei oder vier andre Jenners Kinder aus den gallischen Seestaͤdten nachkommen? Ich frage. Der Lord hatte seinem Sohn den Eid des Schweigens gegen Flamin darum abgefodert, weil dieser aus Rechtschaffenheit alle Geheimnisse bewahr¬ te, aber aus Zornhitze alle verrieth — weil er in dieser seine Geburt geltend machen wuͤrde, bloß um sich mit einem Opponenten herumzuschießen — weil er noch morgen deswegen aus einem Vorfechter mit dem Themis-Schwerte ein Nachfechter mit dem Kriegsdegen werden koͤnnte — und weil sich uͤber¬ haupt ein Geheimniß gleich der Liebe noch besser un¬ ter zwei Theilnehmern befindet als unter dreien. Auch glaubte der Lord, aus einem Menschen, dem man Geld gaͤbe, damit er etwas wuͤrde, wuͤrde mehr als aus einem, der etwas waͤre, weil er Geld haͤtte, und der die Muͤnzen fuͤr seine Erbschaftswappen und nicht fuͤr ausgesetzte Preismedailien kuͤnftiger Aufloͤ¬ sungen ansaͤhe. Der Lord berichtete weiter, er wuͤrde vielleicht eher die uͤbrigen Infanten zuruͤckgefuͤhret haben, waͤr' er nicht blind gewesen — er wuͤrde jetzt vielleicht spaͤter es thun, waͤre nicht wieder seine Blindheit und — Matthieu schuld. Der Lord mußte sich naͤmlich in seinen blinden Jahren die Briefe, die er aus London von seiner Niece uͤber die drei Infanten erhielt, von einem Freunde vorlesen lassen, dem er trauen konnte. Er konnt' aber keinem trauen. Aber eine Freundin fand er aus, die seines Zutrauens wuͤrdig war und die — Klotilde hieß. Er, der seine Geheimnisse nicht wie ein Juͤngling verschleuderte, durft' es doch wa¬ gen, Klotilden in den Besitz seiner wichtigsten zu setzen, indem er sie zur Buchhalterin und Vorleserin der Briefe seiner Niece d. h. ihrer Mutter machte. Ueberhaupt hielt er die weibliche Verschwiegenheit fuͤr groͤßer als unsre — naͤmlich in wichtigen Din¬ gen und vor der Ehe. Das folgende ist nur seine Vermuthung: einmal wird Klotilde von der Vorle¬ sung weggerufen — sie koͤmmt wieder und uͤberlieset still den muͤtterlichen Brief noch einmal, sagt, sie komme sogleich wieder und geht — als sie wieder kommt, behauptet sie, nur einmal weggewesen zu seyn — kurz er vermuthet: dieser Matthieu, in des¬ sen Kehle alle moͤgliche Dialekte stecken, habe das zweitemal Klotilden nachgespielt und unter ihrem Kreditiv den Brief gelesen, der zum Gluͤck nur von Flamin und dessen Schulter-Devise sprach. Da die¬ ses im letzten Winter geschah, als Flamin seine aka¬ demische Laufbahn zu Ende gelaufen war: so konnte Matthieu, zwar die Oktoberprobe des Mahls noch nicht vornehmen; aber er klebe sich doch (schien es dem Lord) mit seinen Laubfroschfuͤßen an diese gute Seele an und unter dem Deckmantel der Liebe ge¬ gen Agathe und gegen den Freund haͤng' er seine Faͤden aus, lasse sie vom Winde zwischen dem Fuͤr¬ stenschlosse und Pfarrhause aufspannen, spinne immer einen uͤber den andern bis endlich der Vater, Schleu¬ nes, das rechte Netz zum Umwickeln des Fanges zu¬ sammengezwirnt haͤtte. . . . Ich gesteh' es, durch diese Vermuthung geht mir ein Licht uͤber tausend Dinge auf. — Viktor erstaunte aͤrger als wir und schlug dem Lord vor, ob er nicht ohne Schaden seines Eides Klotilden seinen Eintritt in diese Mysterien offenba¬ ren koͤnnte, da er zwei Gruͤnde dazu haͤtte; erstlich wuͤrde ihrer Delikatesse die Verlegenheit uͤber den Schein erspart, den ihre bruͤderliche Liebe sonst nach ihrer Meinung in seinen Augen haben muͤßte Daher sie auch, so lange Viktor im Pfarrhause war, der Gesellschaft Flamins auswich. — zweitens behielte man ein Geheimniß besser, wenn nur noch Einer daran schweigen haͤlfe wie von Mi¬ das Barbier und dem Schilfrohr bekannt sey — der dritte Grund war, er hatte mehrere Gruͤnde. Na¬ tuͤrlicher Weise schlug es ihm der Lord nicht ab. Uebrigens fuͤhrte er seinen Viktor mit keinem pe¬ dantischen Marschreglement auf die Eis- und Stech¬ bahn des Hofes. Er rieth ihm bloß niemand zu ab¬ sichtlich zu suchen und zu meiden — besonders das Schleunessche Haus — blos seinen Freund Flamin, den Matthieu lenke, abzuzaͤumen und ihn anstatt am Zaume, lieber an der freundschaftlichen Hand zu fuͤhren — bloß den Rang eines Doktors zu begeh¬ ren und mehr nicht. Er sagte, Regeln vor Erfah¬ rungen waͤren Geometrie vor dem Staarstechen. Sogar nach der Ernte der Erfahrungen waͤre Gra¬ çians homme de cour und Rochefoukaults Maxi¬ men nicht so gut als die mémoires und Geschichte der Hoͤfe, d. h. die Erfahrungen andrer. Endlich berief er sich auf sein eignes Beispiel und sagte, es waͤren erst wenige Jahre daß er folgende Regeln seines Vaters begriffe: Der groͤßte Haß ist wie die groͤßte Tugend und die schlimmsten Hunde, still — die Weiber haben mehr Wallungen und weniger Ueberwallun¬ gen als wir — Man hasset am andern nichts so sehr als einen neuen Fehler, den er erst nach Jah¬ ren zeigt — Die meisten Narrheiten veruͤbt man un¬ ter Leuten, nach denen man nichts fragt — Es ist die gewoͤhnlichste und schaͤdlichste Taͤuschung, daß man sich allzeit fuͤr den einzigen haͤlt, der gewisse Dinge bemerkt — Die Weiber und sanfte Leute sind nur zaghaft in eignen Gefahren und herzhaft in fremden, wenn sie retten sollen — Traue keinem (und waͤr' es ein Heiliger) der in der geringsten Kleinigkeit seine Ehre im Stiche laͤsset; und einer solchen Frau noch weniger — Die erste Gefaͤlligkeit gewaͤhrt dir jeder gern, die zweite ungern, die dritte gar nicht — Die meisten verwechseln ihre Eitelkeit mit ihrer Ehrliebe und geben Wunden der einen fuͤr Wunden der andern aus und umgekehrt — Was wir aus Menschenliebe vorhaben, wuͤrden wir alle¬ mal erreichen, wenn wir keinen Eigennutz einmisch¬ ten — Die Waͤrme eines Mannes wird von nichts leichter verkannt als von der Waͤrme eines Juͤng¬ lings. — — Diese letzte vielleicht relative Bemerkung sagte er schon am Ufer der Insel in der Stellung des Abschieds. Aber ob er ihn gleich mit jener hoͤfli¬ chen Feinheit nahm, die in seinem Stande sogar ei¬ nem Vater und Sohn die Haͤnde und Arme fuͤhrt: so druͤckte doch Viktor den kindlichen von lauter Seufzern und Gefuͤhlen schwangern Busen an den vaͤterlichen mit einer Heftigkeit als wollt' er sein einsames Herz zu den Thraͤnen entzweipressen, die er zeigen mußte — und als die Bruͤcke, die ihre Tage auseinander spaltete, aufgestiegen war, ging er allein taub und wankend daruͤber — und als sie im Wasser wieder eingesunken war und der Vater in die Insel verschwunden, druͤckte ihn das Mitleiden auf das Ufer nieder — und als er sich ausgeweint hatte, verließ er langsam die stille Gegend der Raͤthsel und der Schmerzen und den dunkeln Trauergarten einer todten Mutter und eines duͤstern Vaters und sagte unaufhoͤrlich: ach guter Vater, hoffe wenigstens! — Dritter Schalttag. Wetterbeoachtungen uͤber den Menschen. D a ich im vorigen Kapitel die dicta probantia des Lords niederschrieb: so sah' ich, daß mir selber eigne einfielen, die fuͤr Schalttage zu brauchen waͤren. Ich habe niemals Eine Bemerkung allein gemacht, son¬ dern allemal zwanzig, dreißig hinter einander — und gerade diese erste ist ein Beweis davon. Wenn jemand bescheiden bleibt, nicht beim Lobe sondern beim Tadel, denn ist ers. Der Dialog des Volks und noch mehr die Briefe der Maͤdgen haben einen eignen Wohlklang durch ei¬ nen steten Wechsel mit langen und kurzen Silben (Trochaͤen.) Zwei Dinge vergisset ein Maͤdgen am leichtesten, erstlich wie sie aussieht — daher die Spiegel erfun¬ den wurden — und zweitens worin sich das von daß unterscheidet. Ich besorg' aber, daß sie den Un¬ terschied, bloß um meinen Satz umzustoßen, von heute an behalten werden. Und dann geht mir einer von den zwei Probiersteinen verlohren, woran ich bisher gelehrte Frauenzimmer strich — der zweite, den ich behalte, ist ihr linker Daumennagel, den das Federmesser voll Narben geschnitten. Einer, der viele Wohlthaten empfangen, hoͤrt auf sie zu zaͤhlen und faͤngt an, sie zu waͤgen — als waͤrens Vota. Die Versetzung in gute Karaktere thut einem Dichter und Schauspieler, der seinen behaͤlt, mehr Schaden als die Versetzung in schlimme. Ein Geist¬ licher, der noch dazu nur die erstere Versetzung frei hat, ist der moralischen Atonie mehr ausgesetzt als der Vers- und Rollenmacher, der eine heilige Rolle wieder durch eine unheilige gut zu machen vermag. Die Leidenschaft macht die besten Beobachtungen und die elendesten Schluͤsse. Sie ist ein Fernrohr, dessen Feld desto heller ist, je enger es ist. Die Menschen fodern von einem neuen Fuͤrsten — Bischof — Haushofmeister — Kinderstube Hof¬ meister — Bettelvogt — Engraisseur — Stadtmusi¬ kus und Stadtsyndikus nur in der ersten Woche ganz besondere Vorzuͤge, die dem Antezessor fehlten: — denn in der zweiten haben sie vergessen, was sie gefodert und was sie verfehlet haben. Solche Sentenzen gefallen und bleiben den Wei¬ bern am meisten. Daher will ich zur Belohnung mehr als eine uͤber sie selber verfertigen. Sie halten andere nur fuͤr juͤnger, nicht fuͤr schoͤner als sich. Sie sind noch zehnmal listiger und falscher gegen einander als gegen uns; wir aber sind gegen uns fast noch redlicher als gegen sie. Sie sehen nur darauf, daß man sich bei ihnen entschuldige, nicht wie . Sie vergeben dem amoroso mehrere Flecken als wir der inamorata . Daher die Romanschreiber die Helden ihres Kiels saufen, toben, duelliren und lu¬ kubriren lassen ohne den geringsten Nachtheil der Helden — Die Heldin hingegen muß zu Hause ne¬ ben der Mutter sitzen und ein Engelein seyn. Ueberhaupt sind sie so weich, so mild, so theil¬ nehmend, so fein, so liebevoll und liebesehnsuͤchtig, daß es mir gar nicht in den Kopf will, warum sie — einander selbst nicht recht leiden koͤnnen, — wenns nicht etwa darum ist, weil sie gegen einander zu hoͤflich sind, um sich foͤrmlich auszusoͤhnen oder foͤrm¬ lich zu entzweien. Ihr Lieben! ihr liebt zuweilen einen Menschen, weil er einen Freund hat und einer ist — o, wie gut wuͤrde euch erst eine Freundin kleiden . Man lernt Verschwiegenheit am meisten unter Menschen, die keine haben — und Plauderhaftigkeit unter Verschwiegenen. Wenn Selbstkenntniß der Weg zur Tugend ist: so ist Tugend noch mehr der Weg zur Selbstkennt¬ niß. Eine gebesserte gereinigte Seele wird von der kleinsten moralischen Giftart wie gewisse Edelsteine von jeder andern truͤbe und jetzt nach der Besserung merkt sie erst, wie viele Unreinigkeiten sich noch in allen Winkeln aufhalten. Ich will mit einigen Regeln der Besserung schlie¬ ßen: Stelle keinem, sobald deine Brust den Seiten¬ stich des Zorns befuͤrchten muß, beredt seine Fehler vor: denn indem du ihn von seiner Straͤflichkeit uͤberreden willst, so uͤberredest du dich selber davon und wirst also erbost. — Mahle dir an jedem Mor¬ gen die ungefaͤhren Lagen und Leidenschaften vor, worin du am Tage kommen kannst: du betraͤgst dich dann besser, denn man ist selten in einer wie¬ derholten Situation zum zweitenmal schlecht. — Zuͤrnet dein Freund mit dir: so verschaff' ihm eine Gelegenheit, dir einen großen Gefallen zu erweisen; daruͤber muß sein Herz zerfließen und er wird dich wieder lieben — Keine Entschluͤsse sind groß als die, die man mehr als einmal auszufuͤhren hat. Daher ist Unterlassen schwerer als Unternehmen : denn jenes muß laͤnger fortgesetzet werden und die¬ ses ist noch mit dem Gefuͤhle einer doppelten Kraft¬ aͤußerung verknuͤpft, einer psychologischen und einer moralischen — Verzage nur nicht, wenn du einmal fehlest; und deine ganze Reue sey eine schoͤnere That — Mache dich (durch Stoizismus oder womit du kannst) nur ruhig , dann hast du wenig Muͤhe, dich auch tugendhaft zu machen — Fange deine Herzens-Kultur nicht mit dem Anbau der edeln Triebe, sondern mit dem Ausschneiden der schlechten an. Ist einmal das Unkraut verwelkt oder ausgezo¬ gen: dann richtet sich der edlere Blumenflor von selber kraͤftig in die Hoͤhe — Das tugendhafte Herz wird wie der Koͤrper mehr durch Arbeit als durch gute Nahrung gesund und stark. Daher kann ich aufhoͤren. 13. Hundsposttag. Ueber des Lords Karakter — ein Abend aus Eden — Maien¬ thal — der Berg und Emanuel. U eber den Lord muß ich drei Worte sagen, naͤmlich drei Meinungen. Die erste ist ganz unwahrscheinlich: er haͤlt nach ihr wie alle Welt- und Geschaͤftsmaͤnner das Men¬ schengeschlecht fuͤr einen Apparat zu Versuchen, fuͤr Jagdzeug, fuͤr Kriegsgeraͤthe, fuͤr Strickzeug — diese Menschen sehen den Himmel nur fuͤr die Klaviatur der Erde, und die Seele fuͤr die Ordonanz des Koͤr¬ pers an — sie fuͤhren Kriege, nicht um die Kraͤnze der Eichen sondern um ihren Boden und ihre Eicheln zu erbeuten — sie ziehen den Gluͤcklichen dem Ver¬ dienstvollen vor und den Erfolg der Absicht — sie brechen Eide und Herzen, um dem Staate zu die¬ nen — sie achten Dichtkunst, Philosophie und Reli¬ gion, aber als Mittel; sie achten Reichthum, statisti¬ schen Landesflor und Gesundheit, aber als Zwecke — sie ehren in der reinen Mathesis und in reiner Weibertugend nur beider Verwandlung in unreine fuͤr Fabriken und Armeen, in der erhabnen Astrono¬ mie mie nur die Verwandlung der Sonnen in Schritt¬ zaͤhler und Wegweiser fuͤr Pfefferfloten und im erha¬ bensten magister legens nur den ankoͤdernden Bier¬ kranz fuͤr arme Universitaͤten. — — Die zweite Meinung ist wenigstens der ersten entgegen und besser: dem Lord ist wie andern großen Menschen die Laufbahn das Ziel und die Schritte die Kraͤnze — Gluͤck unterscheidet sich bei ihm von Ungluͤck nicht im Werthe sondern in der Art , ihm sind sie zwei konvergirende Rennbahnen zum Ewigkeits-Ringe der innern Erhebung — alle Zu¬ faͤlle dieses Lebens sind ihm bloße Multiplikationsex¬ empel in unbenannten Zahlen, die er durchmacht, aber nicht als Kontorist sondern als Indifferenzialist und Algebraist, welchem die Produkte und die Mul¬ tiplikanden gleich lieb sind und dem es einerlei ist, mit Buchstaben oder Zentnern zu rechnen. Wahrhaftig der Mensch hat sich fast eben so viel vorzuwerfen, wenn er mißvergnuͤgt als wenn er la¬ sterhaft ist; und da es auf seinen Gedankenozean an¬ koͤmmt, ob er aus ihm die unterste Hoͤlle oder den dritten Himmel als Insel heben will: so verdient er alles, was er erschafft. ... Gleichwohl ist die dritte Meinung die wahre und zugleich die meinige: der Lord, so sehr er ein in¬ deklinabler Mensch zu seyn scheint, der nach nichts geht sondern ein Verbum in mi ist, hat doch folgen¬ Hesperus. l . Th. U des Paradigma: — (und so liegt umgekehrt im ge, woͤhnlichsten Menschen der kurze Abriß zum sonder¬ barsten) — er ist einer der ungluͤcklichen Großen, die zuviel Genie, zuviel Reichthum und zu wenig Ruhe und Kenntnisse haben, um gluͤcklich zu bleiben — sie hetzen Freude statt der Tugend und verfehlen beide und schreien zuletzt uͤber jeden bittern Tropfen, der ihnen in einem Zuckerhut eingegeben wird — gleich der Silberflaͤche sind sie gerade in der Zer¬ schmelzung durch Freuden-Feuer am geneigtesien sich mit einer dunkeln Haut zu uͤberziehen — ihr Ehr¬ geiz, der sonst durch Plane die Leerheit des vorneh¬ men Lebens bedeckt, ist nicht stark genug gegen ihr Herz, das in dieser Leerheit verwelkt — sie thun Gutes aus Stolz, aber ohne Liebe dazu, sie spielen mit dem ausgekernten Leben wie mit einer Locke und halten es nicht einmal der Muͤhe werth, es ab¬ zukuͤrzen — aber doch halten sie es der Muͤhe werth, wenn ihnen, indeß sie in diesem Nachtfrost der Seele da stehen außen laͤchelnd und kalt, innen uͤbergluͤht, ohne Hofnung, ohne Furcht, ohne Glauben, resigni¬ rend, spielend und zugeschlossen, wenn ihnen ein To¬ desfall, ein großer Schmerz ins ungluͤckliche Herz greift — — Ach armer Lord! kann denn deines nicht eher als unter der Decke des schwarzen Mar¬ mors ruhen? Ach armer Lord! wiederholte unaufhoͤrlich sein Sohn, der jetzt nach Maienthal mit einer gepresten Seele ging. Außen um ihn war der Himmel still; ein großes Gewoͤlk uͤberdeckte ihn ganz, aber es stand ringsum auf einen blauen Saum am Horizont. Hin¬ gegen in Viktors Brust zogen Luftstroͤme gegen ein¬ ander und wirbelten sich zu einer Landhose zusam¬ men, die Baͤche auftrinkt und Baͤume aufzieht — Sein Vater hing bleich in diesem Sturm — Vik¬ kors kuͤnftigen Tage murden hin und her geschleu¬ dert — Sein kuͤnftiges Leben draͤngte sich in ein en¬ ges uͤberflortes Bild zusammen und machte ihn eben so aͤngstlich daruͤber, daß er es leben muͤßte als wie er es muͤßte. Am wehesten that ihm gerade die finnliche Klei¬ nigkeit, daß sein Vater noch allein und verhuͤllt in der Insel geblieben war. — Einmal fiel ihn die Vermuthung an, ob nicht das meißte nur dramati¬ sche Maschinerie gewesen sey, die sein Vater (der in der Jugend ein Tragoͤdiendichter gewesen) gebraucht habe, um seinem Geluͤbde der Verschwiegenheit mehr Festigkeit zn geben — aber sogleich ekelte ihn sei¬ nes eignes Herzens. Warum sind die reinsten Seelen mit einer Menge ekelhafter, giftiger Gedanken ge¬ quaͤlt, die wie Spinnen an den glaͤnzenden Waͤnden hinaufkriechen und die sie nur die Muͤhe todtzudruͤk¬ U 2 ken haben? Ach unsre Kriege unterscheiden sich nicht ganz von unsern Niederlagen ! Es ist sonderbar, daß er den perspektivischen Gedanken an Klotildens Blutsverwandschaft mit Flamin am wenigsten verfolgte. — Wenn der Mensch von der Vernunft keine balsa¬ mischen Mittel erlangen kann: so fleht er die Hof¬ nung und die Taͤuschung darum an; und beide zer¬ theilen dann gern den Schmerz. So wie heute nach und nach am Himmel durch lichte Fugen das Blaue durchriß, und wie das Nebelmeer zu haͤngen¬ den Seen einlief: so gingen auch in Viktors Seele die dunkeln Gedanken auseinander — Und als die geschwollnen Wolkenklumpen im weiten Blau zu Flocken eingingen, bis endlich das blaue Meer alle Nebelbaͤnke verschlang und nichts auf seiner unendli¬ chen Flaͤche trug als die herunterlodernde Sonne: so reinigte sich auch Viktors Seele von Duͤnsten und das Sonnenbild Emanuels; den er heute erreichen sollte, schien sanft und warm und wolkenlos in alle seine Wunden. .. Die Gestalt seines geliebten Da¬ hore — die Gestalt seines geliebten Vaters — die Gestalt seiner verhuͤllten Mutter und alle geliebten Bilder ruhten wie Monde in einer wehmuͤthigen Gruppe uͤber ihn und diese Wehmuth und der hei¬ lige Schwur, tugendhaft zu bleiben und allen Wuͤn¬ schen seines Vaters zu gehorchen, wehten seiner ent¬ zuͤndeten Brust einigen Trost uͤber das vaͤterliche Schicksal zu. Er konnte heute noch die Sonne hinter Maien¬ thals Kirchthurm untergehen sehen. Der weite ausgeheiterte Himmel machte ihn wei¬ cher — der Gedanke, heute an das Herz eines gro¬ ßen Menschen zu fallen, dessen Seele uͤber diesem blauen Dunstkreis wohnte, machte ihn groͤßer — die Hofnung, von diesem hohen Menschen uͤber das ganze Leben getroͤstet zu werden, machte ihn stiller. — Er eilte und sein Eilen zog den wehmuͤthigsten Lautenzug seiner Seele. Denn er ging nicht uͤber die Sommergefilde, sondern die Sommergefilde wan¬ delten vor ihm voruͤber — eine Landschaft nach der andern, Theater mit Waͤldern, Theater mit Saaten flogen vorbei — neue Huͤgel stiegen mit andern Lich¬ tern auf und hoben ihre Waͤlder empor, und andre sanken mit den ihrigen unter — lange Schatten- Steppen liefen zuruͤck vor heranfließendem gelben Sonnenlicht, bald stand er tief in Blumenseen, bald auf leeren Huͤgel-Ufern — der Strom rauschte nahe an sein Ohr, und ploͤtzlich blinkten seine Kruͤmmun¬ gen entfernt uͤber Mohnfelder heruͤber — weiße Straßen und gruͤne Pfade begegneten und entflohen ihm und zogen um die weite Erde — volle Doͤrfer ruͤckten mit glimmenden Fenstern vorbei und Gaͤrten mit entkleideten Kindern — Die gesenkte Sonne wurde bald erhoben bald vertieft, bald auf Gipfel der Waͤlder, bald auf Gipfel der Berge gezogen — Dieses Voruͤberfliehen der Szenen verdunkelte sein benetztes Auge und erhellte die innere Welt: aber das Stehenbleiben eines unaufhoͤrlichen Tones, dieses uͤber ihm bleibende Lerchenchor, dessen strei¬ tende Rufe in seiner Seele zu Einem zerflossen, die¬ ses entfernte Getoͤne aus Waͤldern und Buͤschen und Luͤften, diese Harmonika der Natur machte, daß er zu sich sagte: »warum halt' ich in dieser Einsam¬ keit jeden Tropfen der fallen will? Nein, ich bin ohnehin heute zu weich, und ich will mich erschoͤpfen eh' ich den großen Menschen sehe.« Endlich stieg er erschuͤttert den breiten Berg hin¬ auf, der sich vor das zu dessen Fuͤßen gruͤnende Maienthal mit seinen zerstreueten Baumsaͤulen und grauen Quadern stellt. . . . Da klang die vom Ewigen gestimmte Erde mit tausend Saiten; da be¬ wegte dieselbe Harmonie den in Gold und Nacht zerstuͤckten Strom und den sumsenden Blumenkelch und die bewohnte Luft und den durchwehten Busch; da standen der geroͤthete Osten und der geroͤthete Westen wie die zwei rosataftnen Fluͤgelthuͤren eines Fluͤgels aufgespannt und ein hebendes Meer quoll aus dem geoͤfneten Himmel und aus der geoͤfneten Erde. . . Ach er ergoß sich in Freuden- und Trauerthraͤ¬ nen mit einander und die Zukunft und die Vergan¬ genheit bewegten zugleich sein Herz. — Die Sonne fiel immer schneller den Himmel herab, und er be¬ stieg schneller den Berg, um ihr laͤnger nachzusehen — Und hier sah er in das Doͤrfgen Maienthal hin¬ ab, das zwischen feuchten Schatten glimmte. . . . Zu seinen Fuͤßen und an diesem Berge lagerte sich wie ein bekraͤnzter Riese, wie eine versetzte Fruͤhlings-Insel ein englischer Park. Dieser Berg gegen Suͤden und einer gegen Norden waren zu ei¬ ner Wiege zusammen geruͤckt, in der das stille Doͤrf¬ gen ruhte und uͤber welche die Morgen- und die Abendsonne ihr goldnes Gespinst deckte. In fuͤnf brillantirten Teichen schwankten fuͤnf dunklere Abend¬ himmel und jede aufhuͤpfende Welle mahlte sich im daruͤberschwebenden Sonnenfeuer zum Rubin. Zwei Baͤche wateten in veraͤnderlichen Entfernungen, von Rosen und Weiden verdunkelt, uͤber den langen Wie¬ sengrund und ein waͤsserndes Feuerrad trieb wie ein gehendes Herz das vom Abend geroͤthete Wasser durch alle gruͤnende Blumengefaͤße. Ueberall nickten Blumen, diese Schmetterlinge unter den Gewaͤchsen — auf jedem bemosten Bachstein, aus jedem muͤrben Stocke, um jedes Fenster wiegte sich eine Blume in ihrem Duft und spanische Wicken uͤberzogen mit blauen und rothen Adern einen Garten ohne Zaun. Ein durchsichtiges Waͤldgen von goldgruͤnen Birken stieg in hohem Gras druͤben den noͤrdlichen Berg hinan, auf dessen Kuppel fuͤnf hohe Tannen, als Ruinen einer gestuͤrzten Waldung horsteten. — — Emanuels kleines Haus stand am Ende des Dor¬ fes in einem Gestrick von Jelaͤngerjelieber und in der Umarmung eines Lindenbaums, der es durch¬ wuchs. . . Sein Herz quoll auf: »sey gesegnet, stil¬ »ler Hafen! den eine große Seele heiligt, die hier »gen Himmel sieht und wartet, um ins Meer der »Ewigkeit zu gehen!« — Ploͤtzlich warfen die Fen¬ ster der Abtei, wo sich Klotilde erzogen hatte, die Flammen des Abendroths auf ihn — und die Sonne ging sanft wie ein Pen nach Amerika — und die duͤnne Nacht legte sich uͤber die Natur heruͤber — und die gruͤne Klause Emanuels huͤllte sich ein. . . Da kniete er einsam auf dem Gebirge, auf dieser Thronstufe nieder und sah in den gluͤhende Westen und uͤber die ganze stille Erde und in den Himmel und machte seinen Geist groß, um an Gott zu den¬ ken. . . . Als er kniete: war alles so groß und so sanft — Welten und Sonnen zogen von Morgen herauf und das schillernde Wuͤrmgen draͤngte sich in seinen stau¬ bigten Blumenkelch hinab — der Abendwind schlug seinen unermeßlichen Fluͤgel und die kleine nackte Lerche ruhte warm unter der Brust der zerfließenden Mutter — ein Mensch stand auf dem Gebirge und ein Gold-Kaͤfergen auf dem Staubfaden ... und der Ewige liebte seine ganze Welt. — — Sein Geist war jetzt gemacht, einen großen Men¬ schen zu fassen und er sehnte sich nach der Stimme eines Bruders. — Er wankte ohne Steig ins Dorf hinab, umzogen von den großen Kreisen des Kibizvogels und von den kleinen des Maikaͤfers. Am Fuße des Berges war der Zwittertag dunkler — am Sternenhimmel hob sich der Vorhang auf — der Dampf des Abends der heiß aufgezogen war, fiel kalt wie Menschen, in die Erde zuruͤck: noch eine laute Lerche drehte sich als das letzte Echo des Tages uͤber dem Berge. Endlich hoͤrt' er Emanuels Linde. — Er haͤtte ihn lieber unter dem großen Himmel als unter der engen Stubendecke umarmt. Hinter dem Fenster sah er einen außerordentlich schoͤnen Juͤngling stehen, der auf der Floͤte blies. Dieser zog aus ihren Him¬ melspforten ein fliehendes schwebendes Elysium; Vik¬ tor hoͤrte ihn lange an, um sein schlagendes Herz zu stillen; endlich ging er mit thraͤnenvollen Augen um das Haus und wollte sprachlos und blind an den Juͤngling und an Emanuel fallen. Als er vor dem Fenster vorbeiging, erwiederte der Juͤngling den Gruß nicht — als er die Hausthuͤre eroͤfnete, fing ein sanftes Glockenspiel zu toͤnen an. Sogleich kam der Juͤngling heraus und fragte ihn freundlich, wer da sey: denn er war blind. Viktor trat in ein Al¬ lerheiligstes, da er in die mit Linden ausgelaubte Stube ging, die den gesluͤgelten Menschen umgab, der jetzt außer derselben unter der großen Nacht Gottes war. Gegen Mitternacht sollte Emanuel zu¬ ruͤckkommen. Das Zimmer war offen und rein — einige Blaͤtter von genossenen Fruͤchten lagen auf dem Tisch — um alle Fenster gluͤhten Blumen — ein Tubus lehnte an der Wand — Reste einer orientalischen Kleiderkammer verkuͤndigten den In¬ dier. — — Die Stimme des schoͤnen Juͤnglings hatte etwas unaussprechlich ruͤhrendes fuͤr ihn, weil sie ihm be¬ kannt vorkam, sie zog tief in sein Herz hinein wie die Melodie eines Liedes, das aus der Kindheit heraufklingt. Er durfte frei mit dem steten Blick der Liebe auf dem in eine ewige Nacht gerichteten Angesicht ruhen; er wollte die kindlichen Lippen voll Melodien kuͤssen und zoͤgerte noch — aber da er wie¬ der aus dem Hause ging, um Emanuel zu suchen und da das Glockenspiel wieder anfing — denn es toͤnte, wenn die Thuͤr auflief, um dem Blinden alles anzumelden — so konnt' er sich nicht mehr halten unter dem lieblichen Getoͤne, sondern beruͤhrte den Mund des Blinden, da er am ofnen Fenster lehnte, mit einem weichen Kusse wie mit einem Hauch. »Ach Engel! bist du denn wieder vom Himmel her¬ unter?« sagte der Blinde, sonderbar irrend. Wie war draussen alles so gut! die Abendglocke des Dorfes rief uͤber die entschlummerten Fluren und eine entfernte Seele neigte sich vielleicht nach ihren verwehten gebrochenen Toͤnen heruͤber. Der Abendwind rauschte mit Gipfeln voll gruͤner Fruͤchte darein. Der Abendstern — der Mond unserer Daͤm¬ merung — ruhte freundlich auf dem Wege der Sonne und des Mondes und schickte seinen Trost zwischen die Abwesenheit von beiden. — — »Wo »wirst du jetzt seyn, mein Emanuel? Ruhest du viel¬ »leicht vor dem Abendroth — oder schauest du in »das Sternenmeer — bist du in der Entzuͤckung, »die wir ein Gebet nennen — oder . . . « Jetzt blitzte in ihm auf einmal der Gedunke, sein Emanuel sey, da heute Nachts der Johannistag an¬ fing, vielleicht am Genusse des Abends verschieden. . Er suchte ihn mit den Augen eifriger unter jedem Baume, in jedem tiefern Schatten, er blickte zu den Bergen auf, als koͤnnt' er ihn da sehen, und zu den Sternen, als duͤrft' er ihn da suchen. — Er umging das Dorf, dessen Ringmauer eine Fruchtschnur von Kirschbaͤumen war, die mit einer herabgeworfnen Milchstraße von laͤngst gefallnen Bluͤten den gruͤnen Umkreis versilberten; und eilte uͤber die Ruinen der Haͤuser, die die Kinder am Tage erbauet hatten, ge¬ gen die ausglimmenden Fenster der Abtei zu, die sich am suͤdlichen Berge, wovon er hereingestiegen war, in die Hoͤhe richtete. Denn der Blinde hatte ihm gesagt, daß dieser Berg Emanuels Sternwarte sey und daß er jede Nacht dahinkomme. Die gruͤne Treppe, die mit Terrassen und Moosbaͤnken absetzte und an der ein Treppengelaͤnder von Buschwerk hin¬ aufwuchs, fuͤhrte ihn einem Berge zu, der sich erha¬ ben im Aether mit Einer hohen Trauerbirke schloß. Mit jedem Rasenplatz hoben sich wie aus einem Bade neue Glieder der dunkeln Natur heraus — er zog gleichsam von einem Planeten in den andern — uͤber das aufsteigende verhuͤllte Gefilde stroͤmte der Nachtwind und zog einsam von Wald zu Wald und spielte kraͤuselnd am Gefieder des schlafenden Vogels und des schwirrenden Nachtschmetterlings — Viktor sah hinuͤber zur Abendroͤthe, die die Nacht wie eine Vorsteckrose vor den Busen, an dem die Sonnen liegen, vorgenommen hatte — Das Meer der Ewigkeit stand in Gestalt der Nacht auf dem Silbersand der Welten und Sonnen und aus dem Meeresgrund blinkten die Sandkoͤrner tief herauf — Um die Trauerbirke nahm ein unbekanntes melo¬ disches Toͤnen zu, das er schon heute auf der Insel gehoͤrt: endlich stand er oben unter der Birke und das Toͤnen wie das einer Harmonika, das erst uͤber Paradiese und durch Blumenhecken geflossen ist, war laut um ihn; aber er sah nichts weiter als einen hohen Grasaltar (die Geburtsstaͤtte von Emanuels Brief) und eine tiefe Grasbank. Aus welcher un¬ sichtbaren Hand, dacht er schauernd gehen diese Toͤ¬ ne, die von Engeln abzugleiten scheinen, wenn sie uͤber die zweite Welt fliegen, von vereinigten See¬ len, wenn eine zu große Wonne sich zum Seufzer ausathmet und der Seufzer sich in verwehtes Getoͤne zerlegt. Es ist ihm zu vergeben, daß er an einem solchen Tage, der seine Seele in immer groͤßere Er¬ schuͤtterungen setzte, und in einer solchen Nacht, in diesem Schauder, unter diesem melodischen Trauer¬ baum, an diesem Allerheiligsten des unsichtbaren Emanuels, daß er endlich glaubt, dieser sey an die¬ sem Abend aus dem Leben geflohen und seine Seele voll Liebe fliege noch in diesen Echos um ihn und sehne sich nach der ersten und letzten Umarmung. Er verlohr sich immer mehr in die Toͤne und in die Stille rings um sie — seine Seele wurde ihm zu einem Traum und die ganze Nachtlandschaft wurde zum Nebel aus Schlaf, in dem dieser lichte Traum stand — die Quelle des unendlichen Lrbens, die der Ewige ausgießet, flog weit von der Erde im unermeßlichen Bogen mit den staͤubenden Silber¬ funken der Sonnen uͤber die Unendlichkeit, sie bog sich glimmend um die ganze Nacht und der Wieder¬ schein des Unendlichen bedeckte die dunkle Ewigkeit. O Ewiger, wenn wir deinen Sternenhimmel nicht saͤhen, wie viel wuͤßte denn unser in den Erdenkoth untergesunknes Herz von dir und von der Unsterb¬ lichkeit? — — Ploͤtzlich wurde in Osten die Nacht lichter, weil der zerflossene Schimmer des Mondes an den Alpen¬ gebirgen, die ihn bedeckten, heraufschlug — und auf einmal wurden die unbekannten Toͤne lauter und die Blaͤtter und der Nachtwind: da erwachte Viktor wie aus einem Traume und Leben und druͤckte die harmonischen zerrinnenden Luͤfte an die schmachtende Brust und rief unter den vorquellenden Thraͤnen, die das ganze Gefilde wie eine Regenwolke einhuͤllten, außer sich laut aus: »Ach Emanuel, komme! — ach »ich duͤrste nach dir — toͤne nicht mehr, du Seliger, »nimm dein abgelegtes Menschenangesicht und er¬ »scheine mir und toͤdte mich durch einen Schauder »und behalte mich in deinen Armen!« . . . Siehe! als die dunkle Thraͤnentropfen noch auf dem Auge lag und der Mond noch hinter den Alpen verzog: da stieg den Berg herauf eine weiße Gestalt mit zugeschlossenen Augen — laͤchelnd — verklaͤrt — selig — gegen den Sirius ge¬ wandt — — »Emanuel, erscheinst du mir?« rief bebend Ho¬ rion und riß seine Thraͤnen herab. Die Gestalt schlug ihre Augen auf. Sie breitete ihre Arme aus. Viktor sah nicht und hoͤrte nicht, er gluͤhte und zit¬ terte. Die Gestalt flog ihm entgegen und er gab sich hin: »nimm mich!« Sie beruͤhrten einander — sie umschlangen einander — der Nachtwind riß durch sie — das fremde Getoͤne klang naͤher — ein Stern zerschoß — der Mond stog uͤber den Alpen. . . . Und als er mit seinem Edenlicht die Wangen der unbekannten Gestalt begoß: erkannte Viktor seinen alten Lehrer — Dahore. Und Dahore sagte: »o ge¬ »liebter Sohn, ich bin der Emanuel, den du suchst.« Da wurde die Umarmung enger — Horion wollte den Dank fuͤr eine ganze Kindheit in einen Kuß zu¬ sammenpressen und lag aufgeloͤst in den Armen des Lehrers und in den Armen der liebenden Wonne. Umschlinget euch fest, ihr Ungluͤcklichen! druͤcket euere gefuͤllten Herzen bis zum Thraͤnen Erpressen an einander, vergesset Himmel und Erde und ver¬ laͤngert die erhabne Umarmung — ach sobald sie zer¬ fallen ist, so hat dieses schlaffe Leben nichts mehr, womit es euch verknuͤpfen kann, nichts mehr als den Anfang des — zweiten! . . . Emanuel trat endlich aus der Stellung der Liebe heraus und schauete abgebogen wie eine Sonne groß und offen in Horions Angesicht und begegnete mit Entzuͤckung dem veredelten Geiste und Angesicht sei¬ nes bluͤhenden Lieblings. Horion sank vor dem Blick der Liebe mit aufgehobenem Angesicht unwill¬ kuͤhrlich auf die Knie und sagte: o mein Lehrer, mein Vater — o du Engel, liebst du mich denn noch so sehr? — Aber er weinte zu sehr und seine Worte waren unverstaͤndlich und erstarben im Her¬ zen. . . . Ohne zu antworten legte Emanuel die Hand auf das Haupt des knieenden Schuͤlers und wendete sein verklaͤrtes Auge gegen den schimmernden Him¬ mel und sagte mit feierlicher Stimme: »dieses Haupt, du Ewiger, weiht sich heute dir in dieser großen Nacht — Nur deine zweite Welt fuͤlle die¬ ses Haupt und dieses Herz aus — und die kleine dunkle Erde befriedig' es nie — O mein Horion! hier auf diesem Berge, auf dem ich uͤber ein Jahr aus der Erde ziehe, beschwoͤr' ich dich, bei der gro¬ ßen zweiten Welt uͤber uns, bei allen großen Gedan¬ ken, womit dir jetzt der Ewige in dir erscheint, be¬ schwoͤr' ich dich, daß du gut bleibst, auch wenn ich lang' gestorben bin. Emanuel knieete zu ihm nieder, hielt den Er¬ schoͤpften und neigte sich an sein erblassendes Ange¬ sicht und sagte leiser und betend: »mein Geliebter! » — Geliebter wenn wir todt sind, in »der zweiten Welt scheid' uns Gott nie, nie mich »und dich!« — Er weinte nicht, aber konnte doch nicht nicht mehr sprechen: ihre zwei Herzen ruhten ver¬ knuͤpft an einander und die Nacht umhuͤllte schwei¬ gend ihre stumme Liebe und ihre großen Gedan¬ ken. . . . . 14. Hundsposttag. Das philosophische Arkadien — Klotildens Brief — Viktors confessions . I ch habe nur vorher zwei Dinge zu erklaͤren, das unbekannte Getoͤne und das Verschließen der Augen. Jenes floß von einer auf die Trauerbirke gelegten Aeols-Harfe aus: so oft Emanuel zu Nachts hie¬ herkam, mischte er in die fluͤsternden Blaͤtter diese abgehauchten Toͤne wie Bluͤten ein, um sich zu er¬ heben, wenn er allein die erhabne Nacht ansah. Die Augen that er oft vor der Sonne und dem Monde zu, wenn sein innerer wie ein Cherub gefluͤ¬ gelter Mensch gerade die Erlaubniß hatte, sich in weiche Phantasien einzusenken: in die fließenden bunten Licht-Wogen, die durch die Augenlieder drangen, tauchte er sich dann wie in einen Zephyr mit suͤßem Verswchimmen unter und in diesem Licht¬ bad sog der hoͤhere Lichtmagnet in ihm Himmelslicht Hesperus. I . Th. X aus Erdenlicht. Da es nur wenige Seelen giebt, die wissen, wie weit die Harmonie der aͤussern Na¬ tur mit unserer reicht und wie sehr das ganze All nur Eine Aeolsharfe ist, mit laͤngern und kuͤrzern Saiten, mit langsamern und schnellern Bebungen vor einem goͤttlichen Hauche ruhend: so fodere ich nicht, daß jeder meinem Emanuel vergebe. — Nach der uͤber ein halbes Leben erhabenen Szene kamen beide beim blinden Juͤngling an, und seine Floͤte hob das Herz aus dem schlagenden Fieberblut sanft in den beruhigten Aether des Himmels im Traume hinuͤber. Da ich so gerne um diesen Emanuel bin: so goͤnne mir der Leser die Freude, alle Stunden aus¬ einander zu blaͤttern, die wir in seinem Hause ver¬ bringen duͤrfen und recht Schritt vor Schritt zu gehen. Der Morgen deckte dem Eleven dieses Emanuels wie Kindern erst auf, was die Nacht seinem Herzen fuͤr ein Christgeschenk bescheeret hatte. Welche Ge¬ stalt trat im Morgenglanz vor ihn, da das stille, kindliche, beruhigte Gesicht des Lehrers, uͤber das einmal Stuͤrme gezogen waren, wie auf dem sanften weißen Monde Vulkane gelodert haben, ihn auf eine Weise anlaͤchelte, daß sein Inneres in stummer Wonne zerfloß. Besonders im Profil schien diese hohe Gestalt am Ufer der Erde zu stehen und hinun¬ terzuschauen in die zweite Halbkugel des Himmels, die uns der Stein auf dem Grabe und der fette Trift-Boden dieses Lebens verdeckt. Sein Ange¬ sicht verklaͤrte sich, wenn er es zum Himmel aufhob — wenn er Gott nannte oder die Ewigkeit — wenn er vom laͤngsten Tage sprach; in seinem Licht er¬ blaßte das Glanzgold der Gegenwart zum Mattgold der Vergangenheit und sein Geist ruhte schwebend auf dem Koͤrper, wie in Arabesken Genien aus Blu¬ men keimen. So leicht stimmte sich Viktor nie aus dem Traum in den neuen Tag als an diesem Mor¬ gen durch Emanuels Stimme, die so zu sagen die Sphaͤrenmusik zum blauen Himmel seiner Augen war, aus dem wie aus dem aͤgyptischen nie ein Tropfen fiel, ich meine, die entweder aus physischem Unvermoͤgen oder Seelenstille niemals weinten. Das reine Morgenzimmer machte gleichsam die Seele rein und still. Er war der groͤßte koͤrperliche Purist, er wusch seinen Koͤrper eben so oft als seine Kleider und der Schmuz der medizinischen Sprache wurde bis sogar auf Woͤrter wie z. B. Zahnstocher ꝛc. von seiner unbefleckten Zunge gemieden. Eben so blieb sein Herz sogar von den Bildern gewisser Suͤnden unbesudelt; und diese unwissende Unschuld so wie eine Unbekanntschaft mit unsern listigen Sit¬ ten machte ihn in drei verschiedenen Augen entweder X 2 zum Kinde — oder zum Maͤdgen — oder zum Engel. — Das Fruͤhstuͤck von Wasser und Fruͤchten — die uͤberhaupt seinen ganzen Kuͤchenzettel besetzten — ruͤckte unserem Viktor den Wein und Kaffeesatz vor, womit er die Blumen seines Geistes wie irrdische, duͤngen mußte. Blumenscherben waren Dahores Ta¬ batieren und gluͤhten unter dem Lindengruͤn, das, von zwei zahmen und doch freien Grasmuͤcken durch¬ huͤpft, das lebendige wachsende Deckenstuͤck des Zim¬ mers war. Auch seine Seele schien wie ein Bra¬ min, von poetischen Blumen zu leben und seine Sprache war oft, wie seine Sitten, indisch, d. h. poetisch. So war uͤberall, wie bei mehrern Men¬ schen-Magnaten eine auffallende praͤstabilirte Har¬ monie zwischen der aͤußern Natur und seinem Her¬ zen — er fand im Koͤrperlichen leicht die Physio¬ gnomie des Geistigen und umgekehrt — er sagte, die Materie ist als Gedanke eben so edel und geistig als irgend ein anderer Gedanke und wir stellen uns in ihr doch nur die goͤttlichen Vorstellungen von ihr vor — z. B. unter dem Fruͤhstuͤck vertiefte er sich in den glimmenden Thautropfen in einer Levkoje und spielte durch das Wiegen des Auges das Far¬ benklavier derselben durch. »Es muß, sagte er, ir¬ »gend eine Harmonie zwischen diesem Wasserstaͤub¬ »gen und meinem Geiste zusammenklingen, wie zwi¬ »schen der Tugend und mir, weil beide mich sonst »nicht entzuͤcken koͤnnten. Und ist denn dieser Ein¬ »klang den der Mensch mit der ganzen Schoͤpfung »(nur in verschiedenen Oktaven,) macht nur ein »Spiel des Ewigen oder der Nachhall einer naͤhern, »groͤßern Harmonie?« Eben so blickte er oft eine glimmende Kohle so lange an, bis sie ihm zu einer Flammen-Aue sich ausgebreitet hatte, die er von sanften Phantasien beleuchtet auf und niederwan¬ delte. . . . Erdulde, Leser, diese blumigte Seele; wir wollen alle beide denken, daß die Menschen leichter Eine Religion als Eine Philosophie haben koͤnnen, und daß jedes System seine eigne Textur des Herzens voraussetze, und daß das Herz die Knospe des Ko¬ pfes sey. Ein einziger Umstand schmerzte unsern begluͤckten Viktor an diesem Morgen, daß er den schoͤnen Blin¬ den nicht umfassen und fragen durfte: »haben wir »nicht schon beisammengelebt und ist dir meine »Stimme nicht so bekannt wie mir deine?« denn er hielt ihn (wie ich auch) aus mehreren Gruͤnden fuͤr den zuruͤckgebliebnen Sohn des Pfarrer Eymanns. Da aber Dahore daruͤber schwieg — in dessen hellen lichten Himmel man sonst bis zum kleinsten Nebel¬ stern hinabschauen konnte: — so fuͤrchtete er, vor diesen frommen Ohren seinem Eide zu nahe zu re¬ den, wenn er auch nur seine fragenden Vermuthun¬ gen uͤber den Blinden entdeckte. Dieser Julius schien nur zwei Wurzelaͤste seines Wesens zu ha¬ ben, deren einer in die Floͤte und der andre in sei¬ nen Lehrer ging. Auf seinem weißen Angesicht, worauf die Trunkenheit des musikalischen Genies und die Abgezogenheit des traͤumenden Blinden sich mit einer fast weiblichen Schoͤnheit verband, stand der Wiederschein seines Lehrers und die Fibern des¬ selben hatten sich wie Lautensaiten nur in harmoni¬ schen Bewegungen geregt. Der arme Blinde, der seinen Dahore fuͤr seinen Vater ansah, wurde wie eine Flaumfeder bloß von seinem kleinsten Hauch gelenkt. Emanuel fuͤhrte am Morgen als Cicerone der Na¬ tur seinen Gast durch die Ruinen und Antiken der Erde: denn jeder Baum ist eine ewige Antike. Wie verschieden ist ein Spaziergang mit einem großen Menschen und einer mit einer Kokette! Die Erde kam ihm heilig vor, erst aus den Haͤnden des Schoͤ¬ pfers entfallen — ihm war als ging er in einem uͤber uns haͤngenden uͤberbluͤmten Planeten. Ema¬ nuel zeigte ihm Gott und die Liebe uͤberall abge¬ spiegelt, aber uͤberall veraͤndert, im Lichte, in den Farben, in der Tonleiter der lebendigen Wesen, in der Bluͤte und in der Menschenschoͤnheit, in den Freuden der Thiere, in den Gedanken der Menschen; in den Zirkeln der Welten — denn entweder ist alles oder nichts sein Schattenbild — so mahlt die Sonne ihr Bild auf alle Wesen, groß in Weltmeere, bunt in Thautropfen, klein auf die Menschen-Netz¬ haut als Nebensonne in die Wolke, roth auf den Apfel, silbern auf den Strom, bunt in den fallenden Regen und schimmernd uͤber den ganzen Mond und uͤber ihre Welten: Viktor fuͤhlte heute zum erstenmale die Vergroͤ¬ ßerung und Palingenesie seines Ichs vor einem Gei¬ ste, der ihm aͤhnlich aber uͤberlegen , gleich ei¬ nem sphaͤrischen Hohlspiegel alle Zuͤge seines edlern Theils kolossalisch zuruͤckwarf. Der ganze poͤbelhafte Theil seiner Natur verkroch sich, als der hoͤhere sich, von Dahore ins Große gemahlt, uͤber die liegenden Triebe aufrichtete. Ein Mensch, den die Sonnen¬ naͤhe eines großen Menschen nicht in Flammen und außer sich setzet, ist nichts werth. Er wollte kaum sprechen, um nur immer ihn zu hoͤren, ob er gleich vorhatte, recht viele Tage da zu bleiben. Er war wie vor einem hoͤhern Wesen und vor einer Gelieb¬ ten, vor denen man weder seinen Kopf noch seine Zunge praͤsentiren will, mit Verzicht auf sein Ich in lautere Wahrheit und Liebe versunken. Von den kleinen Verhaͤltnissen des Orts und des buͤrgerlichen Lebens war aller Firniß so rein abgesprungen und sie standen ihm alle so vermooset da, daß er nicht ein¬ mal die Namen von Goͤttingen, von Flachsenfingen, oder leere Lebensdata oder fremde Personalien nen¬ nen wollte. Viktor hatte uͤberhaupt eine kleine Ver¬ achtung fuͤr die Menschen, denen die Nachricht an den Buchbinder lieber ist als das Buch und die Biographie eines Autors lieber als sein System, fuͤr die die Erde keine Entzifferungskanzlei des Buchs der Natur, sondern ein Sprachzimmer, ein Zeitungskomptoir elender Personalien ist, die sie we¬ der benutzen noch behalten noch beurtheilen sondern nur erzaͤhlen wollen; und es ekelten ihn die deut¬ schen Gesellschaften, in denen man so wenig philoso¬ phirt. — O wie selig war er, einmal einen ganzen Tag mit einem andern philosophiren und was noch schoͤner ist, zugleich poetisiren zu duͤrfen! Seine Zweifel uͤber das Groͤßte, was unsern Kopf erdruͤcken und unser Herz erheben kann, wur¬ den heute zu Fragen — die Fragen zu Hofnungen — die Hofnungen zu Ahndungen — Es giebt Wahr¬ heiten, von denen man hoft, große Menschen wer¬ den staͤrker von ihnen uͤberzeugt seyn als man es sel¬ ber seyn kann; und man will daher durch ihre Ue¬ berzeugung die seinige ergaͤnzen. Dahore hielt die zwei großen Wahrheiten (Gott und Unsterblichkeit,) die wie zwei Saͤulen das Universum tragen, fest an seinem Herzen; aber er fragte wie die seltnern Men¬ schen, denen die Wahrheit nicht das Schaugericht der Eitelkeit, ja nicht bloß das Dessert des Kopfes ist sondern ein h. Abend- und Liebesmal voll Lebensgeist fuͤr ihr muͤdes Herz, er fragte wenig darnach, wenn er keine Proselyten machen konnte. Viktor fuͤhlte, daß er den dialektischen Artillerietrain und die elektrischen Pistolen und Batterien der Di¬ sputatorien besser zu handhaben verstehe als Ema¬ nuel; aber wuͤrde seine eigne Zunge verabscheut haben, wenn sie ihre Leichtigkeit gegen diese schoͤne Seele gerichtet haͤtte. Er schwieg aus zwei Gruͤn¬ den. »Versuch' es, sagt' er, von einer großen dein »ganzes Wesen umfassenden leuchtenden Wahrheit »auf den fliegenden Sekundenweiser, worauf man in »einer Entrevuͤe steht, mit den wenigen trocknen »Tuschen, womit menschliche Ideen zu koloriren sind »und mit der unbehuͤlflichen Menschenzunge, womit du »diese Farbenkoͤrner ausbreiten must, versuch' es von »deiner Wahrheit ein Schmelzbild, einen illuminir¬ »ten Holzschnitt zu geben — wahrhaftig eine Pro¬ »jektion, ein zerrissenes Steinbild wird alles seyn.« Der lichte Himmel gewisser einfacher tieffuͤhlender Menschen huͤllet wie der physische, alle ihre Son¬ nen, die waͤrmste ausgenommen, mit dem Schein ei¬ nes oͤden Blaues zu; aber der unreine Himmel an¬ derer voll Witz und Logik ist mit Nebensonnen , Boͤgen, Nordscheinen, Wolken und Koth geputzt. Der zweite bessere Grund, warum er die Oppo¬ nenten-Ehre verschmaͤhte, war sein Herz, das mehr in sich schloß als der Kopf beleuchten konnte. Ge¬ wisse Wahrheiten koͤnnen nicht, wie die Gemaͤlde sammt den Mauern in Italien, aus einem Kopfe in den andern transportirt werden — das Licht , das dir der andre geben kann, zeigt , aber zimmert nicht das Ameublement deines Innern und das, was das Licht bei einigen wirklich erschoͤpft , ist Lufter¬ scheinung, optischer Betrug, aber kein Koͤrper Aufklaͤrung in einem leeren Herzen ist bloß Gedaͤcht¬ nißwerk, sie strenge uͤbrigens den Scharfsinn noch so sehr an; die meisten Menschen unserer Tage gleichen den neuen Haͤusern in Potsdam, in die (nach Reichard) Friedrich ll . zu Nachts Lichter setzen ließ, damit jeder und selber Rei¬ chard denken sollte, sie seyn — bewohnt . — Daher kommt es nicht auf das Zeigen und Ersehen einer Wahrheit d. h. eines Gegenstandes an, son¬ dern auf die Wirkungen, die er durch dein ganzes Inneres macht. Warum giebt es denn Menschen, die uns wie Sokrates den Theages heiligen, bloß wenn wir bei ihnen sind? — Wie vermoͤgen es große Schriftsteller, daß ihr unsichtbarer Geist ihrer Werke uns ergreift und festhaͤlt, ohne daß wir die Worte und Stellen angeben koͤnnen, womit sie es thun wie ein vollbelaubter Wald immer brauset, ohne sich mit einzelnen Aesten zu bewegen? — War¬ um uͤberwaͤltigte Emanuel — mehr als durch breite Thesesbilder , rationes decidendi und sententiae magistrales — seinen geliebten Horion bloß durch die Verklaͤrung in seinem Angesicht, durch den leisen Echoton seiner Stimme, durch den Glanz in seinem Blick und durch die Andacht in seiner Brust, wenn er alte (aber neu gefuͤhlte) Wahrheiten sagte, wenn er feierlich sagte: Der Mensch geht wie die Erde von Westen nach Osten , aber es kommt ihm vor, er gehe mit ihr von Osten nach Westen, vom Leben ins Grab. Das Hoͤchste und Edelste im Menschen verbirgt sich und ist ohne Nutzen fuͤr die thaͤtige Welt (wie die hoͤchsten Berge keine Gewaͤchse tragen) und aus der Kette schoͤner Gedanken koͤnnen sich nur einige Glieder als Thaten abloͤsen. Die meisten Menschen haben eine gleiche Zahl guter Ge¬ danken und Thaten ; aber es ist noch nicht bestimmt wie lange der Tugendhafte die guten Gedanken, die weniger als gute Handlungen der aͤussern Welt beduͤrfen, durch gleichguͤltige unterbrechen darf. — — Unsere zwecklose Thaͤtigkeit, unsere Griffe nach Luft muͤssen hoͤhern Wesen vorkommen wie das Fangen der Sterbenden nach dem Deckbette. — — Der Geist erwacht und wird erwachen, wenn das Sinnenlicht ausloͤscht, wie Schlafende erwachen, wenn das Nachtlicht ausloͤscht. — — Warum blie¬ ben diese Gedanken als Schauder in der Seele? — Weil Horion etwas Hoͤheres fuͤhlte als die Spra¬ che, die nur fuͤr die Kurrent Empfindungen erfunden ist, wiedergeben kann — weil er schon in seiner Kindheit die Systeme haßte, die alles Unerklaͤrliche versteckten und weil der Menschengeist sich im Er¬ klaͤrlichen und Endlichen so erdruͤckt empfindet als ers in einem Bergwerk oder durch den Gedanken ist, daß sich oben irgendwo der Himmmelsraum zu¬ spinde. — — Wie haͤtt' er den Muth oder Anlaß haben koͤn¬ nen, an einem solchen Tage Emanuel um seinen Sterbetag zu befragen oder um Klotilden? — Vik¬ tor hatte jene Visiten-Phantasie, die sich leicht in die Stelle der unaͤhnlichsten Menschen, des Weibes und des Philosophen versetzt. Abends ging Dahore ins Stift, um Astronomie, seine geliebteste Wissen¬ schaft, zu lehren. Unter der astronomischen Lektion wurde Julius ofnes Gesicht ein ofner Himmel; er sagte seinem Viktor alles wie einem zweiten Vater. Hier erzaͤhlte er ihm treuherzig, daß im vorigen Jahr immer ein Engel zu ihm gekommen, der seine Hand ergriffen, ihm Blumen gegeben, ihn freundlich angeredet, und endlich von ihm in den Himmel ge¬ wichen, ihm aber einen Brief da gelassen habe, den er nach einem Jahre zu Pfingsten sich von Klotilden duͤrfe lesen lassen. Viktor laͤchelte froh; aber er entdeckte ihm nicht, daß er den Engel fuͤr ein scheues liebendes Maͤdgen aus dem Fraͤuleinstift ansehe. — »Aber gestern, sagte Viktor war bloß ich der Engel, der dich so kuͤste!« — und wiederholte es. — Ju¬ lius wußte geliebten Personen nichts schoͤneres zu geben als das Bild seines Vaters — die Schilde¬ rung von der erhabenen Liebe desselben, die keinen Menschen vergaß, weil sie nicht auf die Vorzuͤge, sondern auf die Beduͤrfnisse der Menschen gebauet war — ferner von seiner Nachsicht, seiner Uneigen¬ nuͤtzigkeit, da ihm eine lange Tugend den Kampf gegen sein Herz ersparte und er nun nichts that als was er wuͤnschte und da ihm die tief herabhaͤngende zweite Welt eine eigne Unabhaͤngigkeit von Beduͤrf¬ nissen predigte. 500,000 Fixsterne erster Groͤße leuch¬ ten nach Lambert kaum dem naͤhern Vollmond gleich; und so uͤberglaͤnzt die Gegenwart immer unser Inne¬ res; aber steige naͤher zum Fixstern der zweiten Welt auf, so wird er eine Sonne, die den Mond der Zeit und der Gegenwart in einen schmalen Nebel verwan¬ delt. — Diesen Emanuel hatten alle Maienthaler lieb (sogar der Pfarrer, obwohl jener ein Akatholik, Alutheraner und Akalvinist war;) und er war gern von etwas abhaͤngig, von fremder Liebe Denn der edelste Mensch haͤngt eben am meisten von lie¬ benden Seelen ab, oder doch von seinen Idealen derselben, mit denen er aber nur in so fern ausreicht als er sie fuͤr Pfaͤnder kuͤnftiger Originale ansieht. Ich nehme den Stoi¬ ker (diesen epikureischen Gott) und den Mystiker nicht aus, beide lieben in dem Schoͤpfer nur den Inbegrif seiner Ge¬ schoͤpfe; wir jenen in diesen. . Unter dieser Schilderung sehnte Viktor sich wieder so be¬ wegt nach ihm als waͤren sie ein Jahr auseinander gewesen; daher legt' er sich im Abendrothe unter Birkenblaͤtter, dem Stifte gegenuͤber, um ihn so¬ gleich mit heißen Armen in Verhast zu nehmen. Und als Viktor seine Seele hob an hohen weißen Saͤulen des vom Lord entworfenen Parks, an dem erhabenen Bildwerk, das einen großen Gedanken schrieb, der wie ein Gewitter aussah; und als er gerade eine herabgefallne Biene, deren Flugwerk ihr Honig verpichte, auf das Bienenbrett getragen hat¬ te: so wandelte freundlich Dahore daher. Dieser verfiel selber — denn Viktor hatte das versteckte Herantreiben einer Materie fuͤr Suͤnde genommen — auf Klotilde und sagte, das waͤre ihre Lieblings¬ stelle und die Ruhebank ihrer stillen Seele gewesen. Der Ort war nicht erhaben, aber was noch mehr ist, dem Erhabnen gegenuͤber — (sogar die physische Großheit, z. B. ein Berg hat die Ferne als ein Fußgestell noͤthig) — er lag am tiefsten im Thal, von Emanuels Blumenketten umfasset — die er oft unverzaͤunt anlegte, weil alle Maienthaler seine klei¬ nen Freuden schonten, — von großen Kleefeldern an¬ geweht, vom Monde, der im Fruͤhling erst vom Berg herab diese Tiefe anstralte, mit einem schwer¬ muͤthigen Gemisch von Birkenschatten, lichten Stel¬ len und Wasserglanz uͤberdeckt und endlich mit einer Grasbank ausmeublirt, die ich nicht erwaͤhnte, waͤ¬ re sie nicht an beiden Enden mit großen niederwan¬ kenden Blumen besteckt, die zaͤrtlich keiner erdruͤckte, der sich zwischen ihnen niederließ. Wie wurde Vik¬ tor betroffen — oder entzuͤckt, als Emanuel nach dieser Klotilde fragte! Wie Thau Juwelen, wie Freudenthraͤnen fielen alle Worte des Lehrers in seine lechzende Seele weil es Lobspruͤche uͤber Klotil¬ dens weiche Seele waren, die ihre Thraͤnen nur in fremde leitet und vor trocknen Herzen verdeckt, uͤber ihre feine Ehrliebe, die der maͤnnliche Tadel zu Kaͤlte und der weibliche zu Stolz verdreht, und uͤber eine liebende Waͤrme, die man in ihrem wie eine Knospe sest geschlossenen Herzen nicht ge¬ sucht haͤtte, das jetzt die leblose Natur mit der be¬ lebten vermengt, um an jener diese lieben zu lernen. Es ruͤhrte Viktor bis zu Thraͤnen, da Emanuel ihm seine aus diesem Eden entruͤckte Elevin so warm an¬ lobte — und als er ihn noch dazu unbefangen bat, der Freund seiner Freundin zu werden und jetzt, weil er sterbe und weil sie nicht mehr komme — sie war bloß das letzteremal da gewesen, um zu Pfing¬ sten, unpersiflirt von ihren Eltern, oͤffentlich mit den Stiftfraͤulein das Abendmahl zu empfangen — jetzt seine Stelle zu besetzen bei diesem gegen die Sterne gehobnen Auge, bei diesem fuͤr die Ewigkeit beweg¬ ten Herzen: so haͤtt' er vor Ruͤhrung und vor Liebe dem Freund und der Freundin zu Fuͤßen sinken moͤ¬ gen: — — In einem solchen Munde giebt das Lob des Gegenstandes allzeit der Liebe einen ausserordent¬ lichen Wachsthum, weil diese immer Vorwand sucht und dann auf einmal zeitigt, wenn sie ihn gefunden. Wenn dir, mein Freund, das Herz fuͤr ein frem¬ des nicht schnell und heftig genug schlaͤgt — ob es gleich meines Erachtens schon fieberhaft pulsirt, naͤm¬ lich 111 mal in einer Minute — so gehe, um dein kaltes Fieber in ein warmes umzusetzen, dein viertaͤ¬ giges in ein taͤgliches, nur zu andern besonders ge¬ achteten Leuten hin und lasse die sie vorloben, die Gute, oder nur oft vornennen: todtkrank und mit deinen 140 Pulsschlaͤgen versehen gehst du weg und hast das verlangte Fieber am Hals. Der unschuldige Emanuel, der Viktors Waͤrme nicht errieth, glaubte, er muͤsse noch mehr thun, um ihm die siebenfache Weihe zum Priester der Freund¬ schaft fuͤr Klotilden zu geben und gab ihm einen — Brief Brief von ihr. Du konntest es thun, Ostindier, da du hier ein im limbus infantum zum Engel geword¬ nes Kind bist, da du keine Geheimnisse hast, ausge¬ nommen das Geheimniß der drei Kinder (daher dich der Lord nicht zum Lektor seiner Briefe machte) und da du gar nicht ahndest, die Weggabe des fremden Briefes sey nicht Recht. Aber dein Schuͤ¬ ler haͤtte ihn nicht lesen sollen. Der las ihn aber. Er kann sich mit nichts dek¬ ken als mit meinem Leser, der hier diesen naͤmli¬ chen fremden Brief, den dessen Stellerin nie fuͤr ihn geschrieben, doch auf seinem Sessel genau durch¬ sieht. Ich meines Orts lese nichts sondern schreibe nur das ab, was mir der Hund gebracht. — Es ist schoͤn, daß dieser Brief gerade in der regnenden, melodischen Nacht des Gartenfestes gemacht war, wo er seinen ersten an Emanuel geschrieben hatte. St. Lune den 4 Mai 179 * * Sie verlangen es vielleicht nicht, verehrungs¬ wuͤrdiger Lehrer, daß ich mich entschuldige, da ich kaum aus Maienthal bin und schon mit einem Briefe wieder komme. Ich wollte gar schon unter Weges schreiben, denn am zweiten Tage und end¬ lich gestern. Dieses Maienthal wird mir noch viele Thaͤler verderben; jede Musik wird mir wie ein Alp¬ horn klingen, das mich traurig macht und in mein Hesperus. I . Th. I. Herz die Erinnerung an das Alpenleben unter der Trauerbirke bringt. In dieser Stimmung wuͤrd' ich es meinem Her¬ zen nicht verweigern koͤnnen, sich zu oͤfnen und sich vor dem Ihrigen in den waͤrmsten Dank fuͤr die schoͤnsten uud lehrreichsten Tage meines Lebens zu ergießen: wenn ich nicht den Entschluß haͤtte, in ei¬ nigen Tagen wieder in Maienthal zu seyn; nach meiner zweiten Zuruͤckkehr soll mein Herz seinen Willen haben. In unserm Hause fand ich nichts veraͤndert Der Leser dieses Briefes wird leicht voraussetzen, daß Klo¬ tilde, da sie nicht weiß, in wessen Haͤnde er fallen werde — ist er doch gar in unsern — uͤber ihre Verhaͤltnisse und Geheimnisse (z . B. wegen Flamin, Viktor ꝛc.) in einer Dunkelheit hinuͤbereilen muͤsse, die fuͤr ihren rechtmaͤßigen Leser hell genug war. — auch in unsers Nachbars seinem nichts; und ich fand in allen Seelen die Liebe wieder, womit wir auseinander geschieden waren, nur ist meine Agathe zwar lustig aber doch es minder als sonst. Die einzige Veraͤnderung in H. Eymanns Hause ist ein Gast, den jeder anders nennt: Viktor — Horion — Sebastian — junger Lord — Doktor. Diesen letz¬ ten Namen verdient er in vollem Maaße durch seine erste Handlung und erste Freude in St. Luͤne, die die Heilung des blinden Lords Horions war. Welch ein Gluͤck fuͤr den Geretteten und fuͤr den Retter! — O so oft ich daran denke, daß das maͤnnliche Geschlecht mit dem Stoffe zu den groͤßten goͤttlichen Wohlthaten begluͤckt ist, daß es wie ein Gott Augen, Leben, Recht, Wissenschaften austhei¬ len kann, indeß mein Geschlecht sein Herz, das sich nach Wohlthun sehnt, auf kleinere Verdienste, auf eine Thraͤne, die es abtrocknet, auf eine eigne, die es verbirgt, auf eine geheime Geduld mit Gluͤcklichen und Ungluͤcklichen einschraͤnken muß: so wuͤnsch' ich, moͤchte doch dieses Geschlecht, das die hoͤchsten Wohlthaten in Haͤnden hat, uns die groͤßte vergoͤn¬ nen, es — nachzuahmen und Guͤter in die Haͤnde zu bekommen, die uns begluͤckten, wenn wir sie ver¬ theilten! — Jetzt kann ein Weib mit nichts in ihrer Seele groß seyn als nur mit Wuͤnschen. Ich komme gerade vom freien Himmel herein aus einem kleinen Gartenfeste bei meiner Agathe; und mir ist ordentlich jedes schoͤne tiefblaue Stuͤck vom Himmel nicht reckt, wenn es nicht uͤber Ihrer Trauerbirke steht, wo Ihr Auge alle seine Schaͤtze und Sonnen aufzaͤhlt und meinem Herzen alle Winke der unendlichen Macht und Liebe zeigt. Ich dachte heute im Garten mit einer fast zu traurigen Sehn¬ sucht an Ihr Maienthal: H. Sebastian erinnerte mich noch oͤfter daran, weil er einen Lehrer gehabt Y 2 zu haben scheint‚ der dem meinigen aͤhnlich war. Der Leser erinnere sich, daß sie so viel von dieser Biogra¬ phie innen habe wie er, wenn nicht mehr. Er sprach heute sehr gut und schien aus zwei Haͤlf¬ ten zusammengesetzt zu seyn, aus einer brittischen und einer franzoͤsischen. Einige seiner schoͤnen An¬ merkungen sind mir nicht entfallen — z. B. »die »Leiden sind wie die Gewitterwolken, in der Ferne »sehen sie schwarz aus‚ uͤber uns kaum grau. — »Wie traurige Traͤume eine angenehme Zukunft be »deuten: so werd' es mit dem Traume des Lebens »seyn, wenn er aus sey. — Alle unsere starken Ge¬ »fuͤhle regieren wie die Gespenster nur bis auf eine »gewisse Stunde und wenn ein Mensch immer zu sich »sagte: diese Leidenschaft, dieser Schmerz‚ diese »Entzuͤckung ist in drei Tagen gewiß aus deiner »Seele heraus: so wuͤrd' er immer ruhiger und stil¬ »ler werden.« Ich berichte Ihnen alles dieses so ausfuͤhrlich, um mich gleichsam selber zu bestrafen fuͤr ein voreiliges Urtheil, das ich vor einigen Ta¬ gen (wiewol in mir) uͤber seinen Hang zur Satire faͤllte. Die Satire scheint auch bloß fuͤr das staͤr¬ kere Geschlecht zu seyn: ich habe in dem meinigen noch keine gefunden, die Swifts oder Cervantes oder Tristrams Werke recht goutirt haͤtte. — — Zwei Tage spaͤter. Ich und mein Brief sind noch hier; aber heute reiset er auf vier Tage vor mir voraus. Ich denke ordentlich, dieses letztemal werde mir jede Blume in Maienthal und jedes Wort, das mir mein bester Lehrer sagt, noch groͤßere und sanftere Freude machen als je, weil ich gerade aus dem Geraͤusche der Visiten und mit einem so melancholischen Herzen hinkomme. Am Morgen nach jener schoͤnen Nacht des Kirchgangfestes sas ich allein in einer Laube neben dem großen Teiche und machte mich durch alles trauriger, was ich sah und dachte — denn diesen ganzen Morgen stand wegen einem Traume meine erblichene Freundin Sie meint die Giulia, von deren Leichnam sie der Schmerz weggetrieben hatte. in mei¬ ner Seele — ihr Grab lag durchsichtig auf ihr und ich blickte hinein und sah diese Himmels-Lillie blaß und still darinnen liegen — ich dachte wohl an un¬ sere Verpflanzung fuͤr die zweite Welt, da der Gaͤrt¬ ner Blumen zugleich mit ihren Toͤpfen in die Erde grub, aber ich konnte doch meine Thraͤnen nicht mehr stillen — Vergeblich sah ich den heitern Fruͤh¬ ling an, der jeden Tag neue Farben, neue Muͤcken, neue Blumen aus der Erde zieht — ich wurde nur betruͤbter, da er alles verguͤngt, aber den Menschen nicht — Und als ich H. von Schleunes von wei¬ tem mit einem Froschschnepper auf den Teich zuge¬ hen sah, mußt' ich mich, weil er von Ferne im Vorbeigehen meine Augen sehen konnte, schlafend stellen, um sie nicht zu verrathen. — — Aber vor meinem theuersten Lehrer wuͤrd' ich sie geoͤfnet ha¬ ben, wie jetzt, weil er mir meine Schwaͤchen vergiebt. ꝛc. Clotilde v. L. B. Viktor hatte den linken Arm womit er den Brief hielt, zu nahe ans Herz gelegt; und sein Arm und Brief fingen mit dem pochenden Herzen zu zittern an und er konnte ihn kaum vor Ruͤhrung lesen und fassen. »Ein solcher Lehrer! — eine solche Schuͤle¬ rin!« weiter konnten seine Blicke nichts sagen. Es war in ihm ein Streit, ob er seinem Freund die Liebe fuͤr Klotilden sagen sollte. Fuͤr das Ge¬ staͤndniß war Emanuels Bitte, mit ihr umzugehen — sein gleichsam aus Fixsternen alle Kleinigkeiten der Erde beschauendes Auge — Viktors dankbare Begierde, ein Geheimniß mit dem andern zu ver¬ gelten — und am meisten, o! diese Liebe zu seinem Lehrer, diese Liebe seines Lehrers zu ihm. . . . — Und diese siegte auch, so viel auch sonst da¬ gegen war. Denn wenn Viktors ganze edle Natur im Feuer der Freundschaft gluͤhte: so stieg sein Herz immer hoͤher und brannte, sich zu oͤfnen — er kaͤmpfte noch mit ihm und es schwieg noch — es liebte unendlich — es hob sich wie von einer unsicht¬ baren Macht empor — es brach endlich entzwei — die Brust ging wie vor Gott auseinander und nun Geliebter! schau' hinein, aber verzeih' ihm alles. Er kriegte noch in sich, als der hinter ihrem Ruͤcken heraufgehobene Mond ihre zwei Schatten- Kniestuͤcke vor ihnen voraustrieb — Er wurde durch Emanuels ziehenden Schatten an eine Stelle in sei¬ nem Briefe „Fliehe mich nicht weil mich immer ein großer Schatten umgiebt, der sich vergrößert bis er mich einbauet.“ erinnert und an sein sieches Leben und fruͤhes Verschwinden . . . Dieses zerspaltete sein Inneres, er wendete sanft seinen Emanuel gegen den heruntestroͤmenden Mond um und sagte und zeigte ihm alles — aber nicht bloß seine Liebe son¬ dern seine ganze Geschichte — seine ganze Seele — alle seine Fehler — alle seine Thorheiten — alles, er war so beredt in dieser Minute wie ein Engel und eben so groß — sein Herz wallete zerschmolzen in Liebe und je mehr er sagte, je mehr wollte er zu sagen haben. Auf dieser Erde schlaͤgt keine erhabnere und seeligere Stunde als die, wo ein Mensch sich aufrichtet erho¬ ben von der Tugend, erweicht von der Liebe, und alle Gefahren verschmaͤht und einem Freunde zeigt, wie sein Herz ist. Dieses Leben, dieses Zergehen, dieses Erheben ist koͤstlicher als der Kitzel der Eitelkeit, sich in unnuͤtze Feinheiten zu verstecken. Aber die vollendete Aufrichtigkeit steht nur der Tugend an: der Mensch, in dem Argwohn und Finsterniß ist, leg' immer seinem Busen Nachtschrauben und Nacht¬ riegel an, der Boͤse verschon' uns mit seiner Lei¬ chenoͤfnung und wer keine Himmelsthuͤr' an sich zu oͤfnen hat, lasse das Hoͤllenthor zu. . . Emanuel hatte die goͤttliche oder muͤtterliche Freude, die ein Freund uͤber die Tugend und Ver¬ edlung des Freundes empfindet und vergaß uͤber der Freude die verschiedenen Anlasse derselben. — — Ungern trenn' ich mich auf eine Nacht von die¬ sem tugendhaften Paar — Moͤge ich noch viele Tage von Maienthal zu mahlen bekommen und Viktor noch viele da verleben! — — 15. Hundsposttag. Der Abschied. — A ch heute geht er schon! Die bisherigen Ruͤhrun¬ gen und Gespraͤche hatten die zarte Huͤlle, die Ema¬ nuels schoͤnen Geist wie eine Tulpe die Biene ver¬ schließet, zu sehr erschuͤttert: blaß und wankend stand er auf; und der Blinde war am gluͤcklichsten, der weder diese Blaͤsse noch das weiße Tuch erblickte, das er zu Nachts statt vollzuweinen vollgeblutet hatte. Er selber hatte noch das bleiche Abendroth der gestrigen Freude auf dem Angesicht; aber eben diese Gleichguͤltigkeit gegen seine ausloͤschenden Tage, dieses schwaͤchere sanftere Sprechen machte, daß Viktor die Augen von ihm wegwenden mußte, so oft sie lange an ihm gewesen waren. Emanuel sah ruhig wie eine ewige Sonne, auf den Herbst seines Koͤrpers herab; ja je mehr Sand aus seiner Lebens- Sanduhr herausgefallen war, desto heller sah er durch das leere Glas hindurch. Gleichwohl war ihm die Erde ein geliebter Ort, eine schoͤne Wiese zu unsern ersten Kinderspielen und er hing dieser Mutter unsers ersten Lebens noch mit der Liebe an, womit die Braut den Abend voll kindlicher Erinne¬ rungen an der Brust der geliebten Mutter zubringt, eh' sie am Morgen dem Braͤutigam entgegen zieht. Viktor warf sich jeden vergossenen Blutstropfen vor und entschloß sich, heute zu gehen, weil diese Psyche mit ihren großen Fluͤgeln sich in ihrem Ge¬ webe nicht mehr ohne Risse bewegen konnte. In Emanuels Augen glaͤnzte eine unaussprechliche Liebe fuͤr seinen geruͤhrten Schuͤler. Emanuel kam auf seinen Todestag, um jenen zu troͤsten und stellte ihm vor, daß er erst in einem Jahre von hinnen gehen koͤnne: er bauete seine schwaͤrmerische Weissagung auf zwei Gruͤnde, daß erstlich seine meisten maͤnnli¬ chen Verwandten am naͤmlichen Tage und im naͤm¬ lichen Stufenjahre gestorben waͤren, zweitens daß schon mehrere Schwindsuͤchtige in ihrer zerstoͤrten Brust wie in einem Zauberspiegel ihren letzten Tag gelesen haͤtten. Viktor bestritt ihn; er zeigte, die Erklaͤrung des letztern Phaͤnomens, als koͤnne der Hektiker aus dem regelmaͤßigen stufenweisen dimi¬ nuendo oder Fallen der Lebenskraft leicht die letzte Stufe oder den Gefrierpunkt vorausfuͤhlen, sey falsch, weil Gefuͤhle der Zukunft in der Gegenwart Widerspruͤche ( in adjecto ) waͤren und weil wir mit¬ ten im Leben so wenig den Eintritt des Todes als im Wachen den Eintritt des Schlafes (trotz gleicher Stufenfolge) voraus empfinden koͤnnten. Viktor stellte ihm alles dieses vor; aber er glaubte es selber nicht recht: ihn uͤbermannte der hohe Mensch, der seinen Eintritt in den Todesschatten so zuverlaͤßig wie einen Eintritt des Mondes in den Erdschatten ansag te. — Wir wollen dem Emanuel vergeben und uns deswegen nicht fuͤr weiser halten, weil er schmaͤrme¬ rischer ist. — Am meisten wurde er durch Emanuels Wahn getroͤstet, daß ihm vor seinem Tode erst sein verstorbner Vater erscheinen werde. Viktor zoͤgerte und wollte nicht zoͤgern, hinderte als Arzt das Sprechen des Emanuels, um sich die Entschuldigung eines unschaͤdlichen Aufschubs zu machen und wurde eben, weil er selber wenig zu reden suchte, immer betruͤbter. — Ach wie kannst du schon heute von ihm eilen, von diesem Engel, der vielleicht uͤber dem naͤchsten Grabe verschwindet? — Es muß dir hart fallen, da es schon so schwer ist, vom Maienthal voll Bluͤten, vom Blinden voll sanf¬ ter Toͤne wegzugehen — schmerzlich ist hier der letzte Haͤndedruck, Viktor, und schoͤn jede Verzoͤ¬ gerung! Er beschloß, zu Nachts zu scheiden, weil eine Trennung am Morgen zu lange wehe thut, und die Stelle des Herzens, wo sich das geliebte abgerissen, den ganzen Tag fortblutet. Emanuel haͤtte Abends sich wieder ins Stift entfernen sollen wie gestern: Viktor haͤtte seine gefuͤllten Augenhoͤlen, mit denen er immer hinausgehen mußte, um den Schmerz hin¬ wegzunehmen, vor dem Blinden, den er um die trau¬ rigste Melodie von der Welt gebeten haben wuͤrde, satt stroͤmen lassen koͤnnen. Als er Abends das letztemal aß und die Abend¬ glocke anfing: wurde seinem Herzen als waͤre von demselben die Brust weggehoben und Eisspitzen wuͤr¬ den darauf geweht. Er umschlang voll Liebe den Juͤngling, den er nicht als den Gespielen seiner Kindheit erkennen durfte und der mit seinen Toͤnen mehr Entzuͤckungen gegeben hatte als er in seiner Nacht zuruͤckbekam; und ließ Thraͤnen ihren Lauf, von denen Emanuel nicht die doppelte Quelle er¬ rieth. Diesen bat er noch mit einer uͤber den Sinn hinuͤbereilenden Stimme, ihn ein wenig zu begleiten, bis Maienthal verschwunden waͤre. In der dunkeln stillen Gegend draussen blieben alle Schmerzen in der Brust neben ihren Seufzern. »Wenn der Mond in dieses Bluͤtenthal hereinschim¬ mert, dacht' er, hab' ich es aus lange verlassen.« Bloß die Altarlichter, die Sterne, brannten im gro¬ ßen Tempel. Er wollte sich von seinem Lehrer auf dem Berge trennen, wo er sich mit ihm vereinigt hatte; aber er ging durch Umwege — Emanuel folgte ihm gern wohin er ihn fuͤhrte — hinauf, um das Schweigen und Weinen unter dem Umwege zu uͤberwaͤltigen. Aber sie kamen an unter der Trauerbirke, und sein Auge und seine Stimme hatte noch der Schmerz. »Ach (dacht' er) wie groß war hier die erste Nacht und wie schmerzhaft ist diese!« Sie ruhten auf der Erde neben einander an der Grasbank einsam, schweigend, trauernd vor dem dunkel schimmernden Universum. Viktor konnte den belasteten Athemzug der zerstoͤrten Brust vernehmen und das kuͤnftige Grab auf diesem Berge schien sich neben ihm aufzu¬ wuͤhlen. O wenn es bitter ist, neben dem Bette zu stehen, in dem ein geliebtes erloͤschendes Angesicht mit den Farben des Todes liegt: so ist es noch viel bitterer, mitten in den Szenen der Gesundheit hin¬ ter der aufgerichteten theuern Gestalt den arbeiten¬ den Tod zu hoͤren und so oft zu denken, als die Ge¬ stalt froͤlich ist: »ach sey noch froͤlicher, in Kurzem »hat er dich umgenagt und du bist vergangen mit »deinen Freuden und mit meinen!« — Ach, es giebt ja keinen Freund, und keine Freundin, bei de¬ nen wir das nicht denken muͤßten! — Er wußte nicht, warum Dahore so lange still war — Er sah nicht voraus daß der Mond den Berg fruͤher bestralen werde als die Tiefe. Der Mond, dieser Leichtthurm am Ufer der zweiten- Welt umzog jetzt den Menschen mit bleichen Gefil¬ den, die aus Traͤumen genommen waren, mit blaß schimmernden Auen aus einer uͤberirrdischen Per¬ spektive und die Alpen und Waͤlder loͤsete er in un¬ bewegliche Nebel auf — uͤber der halben Erdkugel stand tief der Lethefluß des Schlafes, unter der gruͤnen Rinde stand das Todtenmeer, und zwei lie¬ bende Menschen lebten zwischen dem weiten Schlafe und Tod. . . Jetzt dachte Viktor zwar noch gluͤhen¬ der, hier neben diese Birke unter diesen kalten Bo¬ den wird seine zerfallne Brust auf ewig verborgen und sie blutet nicht mehr, aber sie schlaͤgt auch nicht mehr — er dachte zwar an truͤbe Aehnlichkeiten, als die unbeweglichen Sterne auf- und abzu¬ steigen schienen, bloß weil die spielende Erde sich um sie wendet und sie zeigt und deckt — er sah zwar melancholisch von den Irrlichtern weg, die uͤber Thaͤler rennend, allein an der ernsten Nacht hinanhuͤpften und an Graͤbern und die um einen einsamen Pulverthurm gaukelnde Kreise beschrie¬ ben. — — Aber doch schwieg er und dachte: »wir haben uns ja noch.« Aber dann wurd' es seinem blutigen Herzen zu viel, als die Floͤtenklagen des Blinden aus dem ein¬ samen Hause in die Nacht auszogen und uͤber den Berg und uͤber das kuͤnftige Grab hinuͤbergingen — Dann wurden den Seufzern Stimmen und der Zu¬ kunft Todtenglocken gegeben und es that ihm zu wehe, als er unter dem Floͤtengetoͤne es dachte, dieser einzige, dieser unersetzliche Mensch, der in seinem gro¬ ßen Herzen doch so viel Liebe fuͤr dich bewahret, geht dahin und erscheint nie wieder. — Ach, da noch dazu gerade jetzt Emanuel, der still, in den Himmel versenkt und wie ein Hingeschiedener neben ihm gelegen, seine Lage wegen des schmerzlichen und gedruͤckten Athem¬ holens wechselte, aber mit einem heitern von den Bruststichen nicht getrofnen Angesicht: so fuhr eine kalte Hand in Viktors geschwollnes Herz und wen¬ dete sich darin um und sein Blut gerann an ihr an und er sagte, ohne ihn ansehen zu koͤnnen, schwach, bittend, gebrochen: »stirb nicht nach einem Jahr, »mein theurer Emanuel — — wuͤnsch' es nicht!« Der Genius der Nacht stand bisher unsichtbar vor Emanuel und goß hohe Entzuͤckungen in seine Brust, aber keine Leidenschaften und er sagte: »wir »sind nicht allein — meine Seele fuͤhlt das Vorbei¬ «gehen ihrer Verwandten und richtet sich auf — » unter der Erde ist Schlaf, uͤber der Erde ist »Traum, aber zwischen dem Schlaf und Traum seh' »ich Lichtaugen wandeln wie Sterne — Ein kuͤhles »Wehen koͤmmt vom Meer der Ewigkeit uͤber die »gluͤhende Erde — Mein Herz steigt auf und will » abbrechen vom Leben — Es ist alles so groß um »mich, wie wenn Gott durch die Nacht ginge — »Geister! fasset meinen Geist, er windet sich nach »euch und zieht ihn hinuͤber. . . .« Horion wandte sich um und sah stehend ins schoͤne, freudig, unbethraͤnte Angesicht: »Du willst »sterben?« Emanuels Entzuͤckung stieg uͤber das Leben: »der dunkle Streif in der zweiten Welt ist nur eine Blu¬ men-Aue Wie die Flecken im Monde Blumen- und Pflanzenfelder sind. — es leuchten uns Sonnen voraus, es ziehen uns fliegende Himmel mit Fruͤhlingsluͤsten entgegen — bloß mit leeren Graͤbern fliegt die Erde um die Sonne: denn ihre Todten stehen entfernt auf hellern Sonnen.« — »Emanuel?« — fragte laut weinend und mit der Stimme des innigsten Sehnens Horion und die Floͤtentoͤne sanken jammernd unter in die weite Nacht — »Emanuel?« Emanue! sah ihn, zuruͤckkommend, an und sagte erhaben ruhig: »Ja, mein Geliebter! — Ich kann »mich nicht mehr an die Erde gewoͤhnen: der Was¬ »sertropfen des Lebens ist flach und seicht geworden, »ich kann mich nicht mehr darin bewegen und mein »Herz sehnt sich unter die großen Menschen, die »diesen Tropfen verlassen haben. — — O Geliebter, »hoͤre doch — (und hier druͤckte er das Herz seines »Viktors ein) — diesen schweren Athem gehen — »sehe »siehe doch diesen zerbrochnen Koͤrper, diese dichte »Huͤlle meinen Geist umwickeln und seinen Gang er¬ »schweren. — »Siehe, hier klebt mein und dein Geist angefro¬ »ren an die Eisscholle und dort decket die Nacht »alle hinter einander ruhende Himmel auf, dort im »blauen glimmenden Abgrunde wohnt alles Große, »was sich auf der Erde entkleidet hat, alles Wahre, »das wir ahnden, alles Gute, das wir lieben — — sieh wie alles so still ist druͤben in der Unend¬ »lichkeit — wie leise ziehen die Welten, wie still »schimmern die Sonnen — der große Ewige ruhet »wie eine Quelle, mit seiner uͤberfließenden unendli¬ »chen Liebe mitten unter ihnen und erquickt und be¬ »ruhigt alles; und um Gott steht kein Grab.« Hier stand Emanuel, wie von einer unendlichen Seeligkeit gehoben, auf und sah liebend zum Arktu¬ rus empor, der noch unter dem Gipfel des Himmels hing, und sagte gegen die blinkende weite Tiefe ge¬ richtet:»ach wie unaussprechlich sehn' ich mich hin¬ »uͤber zu euch — ach zerfalle, altes Herz und ver¬ »schließ' mich nicht so lange!« — »So stirb »denn, große Seele (sagte Horion) und ziehe hin¬ »uͤber; aber brich mein kleines Herz durch deinen »Tod und behalte den Armen bei dir, der dich nicht »verlassen und nicht entbehren kann.« Hesperus. I . Th. Z Die Floͤte hatte aufgehoͤrt, die zwei Menschen waren an einander gesunken, um ihren Abschied zu endigen. »Theurer, Geliebter, Unvergeßlicher (sagt »Emanuel) du bewegst mich zu sehr — aber wenn »ich nach einem Jahre auf diesem Berge verscheide, »so sollst du bei mir stehen nnd sehen wie dem »Menschen die Banden abgenommen werden. Deine »Thraͤnen werden meine letzten Erden-Schmerzen »seyn; aber ich werde sagen, was ich jetzt sage: »wir scheiden uns in der Nacht, aber wir finden »uns wieder am Tage.« Hier ging er. Viktor hatte sich leise von den kindlichen Lippen losgewunden — er jagte nicht auf seinem Nacht- Steige — langsam ging er vor lauter Schlaf vorbei — unter sanft fallenden Thraͤnen ging sein Auge mit den schweigenden Sternen auf und unter — und um 4 Uhr Morgens kam er mit einer himmli¬ schen Seele in St. Luͤne an und trat in den Gar¬ ten voll alter Szenen und legte in der bekannten Laube das gluͤhende Haupt und das bekaͤmpfte Herz in den Thau des Morgens zu einer kuͤhlenden Ruhe nieder. . . . O ruhe, ruhe! — Ach den ewig erschuͤtterten Busen des Menschen stillet nur ein Schlaf, entwe¬ der der irrdische oder der andre. . . . 16. Hundsposttag. Kartoffeln-Formschneider — Moratorien in St Luͤne — Wachs-Bossierungen — Schach nach der regula falsi — die Distel der Hofnung — Begleitung nach Flachsenfingen. M an sollte wie der alte Fritz gern in Kleidern schlafen, sobald man weiß, daß man wie Viktor und ich, im Hemde von den Vampyren der mitternaͤcht¬ lichen Melancholie umzingelt und angefallen wird: sie bleiben aus, wenn man sitzt und alles an hat; be¬ sonders konserviren uns Stiefel und Hut das Ge¬ fuͤhl des Tages am meisten. — — Eine warme Hand hob Viktors bethautes Haupt vom Schlaftisch' auf und richtete es der ganzen da¬ herschlagenden Fluth des Morgens entgegen. Seine Augen gingen (wie allemal) unbeschreiblich mild und ohne Nachtwolken vor Agathen auf und uͤberstrahlten sie. Aber sie fuͤhrte ihn mit seinen Strahlen eilig aus dem belaubten Dormitorium hinweg; denn er sollte sich einen Frisierkamm und einen Morgensegen suchen und zweitens sollte das Tischbett zu einem Theebrett fuͤr Klotilden werden, die die warmen Getraͤnke gern an kalten Orten nahm. Z 2 — Und so steht er draussen zwischen Pfarrhaus und Schloß mitten im Morgen — alles schien ihm erst waͤhrend seiner Reise gemauert und angestrichen zu seyn — denn alles, was darin wohnte, schien sich veraͤndert zu haben nnd machte ihn wehmuͤthig. »Die Eltern drinnen (sagt' er zu sich) haben keinen »Sohn — mein Freund hat keine Geliebte und ich »... kein ruhiges Herz.« Da er nun endlich in die Wohnung trat und wieder die Tangente des lie¬ benden Familienzirkels wurde; da er mit theilneh¬ menden und doch belehrten Augen die zaͤrtlichen Taͤuschungen der Eltern, die grundlosen Hofnungen seines Freundes und die aufsteigenden gewitterhaften Tage anschauen mußte: so stand sein Auge in Einer unverruͤckten Thraͤne uͤber die Zukunft und sie wurde nicht kleiner, da seine Adoptiv-Mutter sie durch sympathetisches Anblicken rechtfertigen wollte. — — Zum Theil aber wehte auch dieser Flor uͤber seine Seele bloß aus der vorigen Nacht heruͤber, deren daͤmmernde Szenen nur durch einen kleinen Zwischen¬ raum aus Schlaf, von ihm geschieden waren: denn eine in Empfindungen verwachte Nacht endigt sich allzeit mit einem schwermuͤthigen Vormittag. Der Kaplan machte gerade Butter-Vignetten; ich meine, er saͤgte mit keiner andern Aezwiege als mit einem Federmesser und in keine andre Kupfer¬ platten als in Kartoffeln, Buchdruckerstoͤcke und Schließquadraͤtgen ein, die auf die Juliusbutter des Schmuckes wegen zu drucken waren. Man haͤtte denken sollen, Viktor haͤtte sich dadurch viel gehol¬ fen, daß er Witz hatte und anmerkte, die alten Drucke waͤren zwar langer Buͤcher daruͤber und langer allgemeiner deutschen litterarischen Rezen¬ sionen der Buͤcher ganz wuͤrdig, aber keines menschlichen Gedankens, und waͤren zehnmal unge¬ niesbarer als diese neuesten Butter-Inkunabeln — denn wenn es etwas elenderes geben koͤnnte als die Weltgeschichte (d. h. die Regentengeschichte) deren Inhalt aus Kriegen wie das Theaterjournal ande¬ rer Marionetten aus Pruͤgeleien bestaͤnde, so waͤrs bloß die Gelehrten- und Buchdruckerhistorie — auch das haͤtt' ihm zu statten kommen sollen, daß er hin¬ terdrein philosophisch war und verlangte, man sollte den Menschen weder ein lachendes noch vernuͤnftiges Thier nennen sondern ein putzendes ; zu welcher Anmerkung die Kaplaͤnin nichts setzte als die An¬ wendung davon auf ihre Toͤchter. Aber in Menschen seiner Art haben Kummer, Satire und Philosophie neben einander Platz. Er erzaͤhlte dem Kartoffeln-Medailleur und der Kaplaͤ¬ nin, die alle Weiber auf der Erde zu ihren Toͤchtern zaͤhlte und gegen sie aͤhnliche Strafpredigten hielt, seine Reise mit so vielen Satiren und Elisionen und Rasuren als fuͤr beide Partheien noͤthig waren; aber als er die Wuͤnsche der Familie hoͤrte, daß der Lord gluͤcklich mit dem geliebten Fuͤrstenkinde zuruͤck¬ kommen moͤge und die Nachricht, daß der Regie¬ rungsrath schon alles eingepackt habe, um mit sei¬ nem Freunde jede Stunde die er wolle, in die Stadt zu ziehen: so hatte Viktor nichts zu thun als — seine absondernden Thraͤnenwege in seiner Augen¬ hoͤle hinauszutragen. . . . — Aber in den Garten! das war unuͤberlegt. Flamin ging nach und sie langten miteinander im Laub Kloset vor den Theetrinkerinnen an. Nie¬ mals verschatteten die Zweige desselben ein ver¬ legneres Gesicht, weichere Augen, vollere Blicke und lebhaftere oder schoͤnere Traͤume als Viktor darun¬ ter mitbrachte Er dachte sich jetzt Klotilde als ein ganz neues Wesen und dachte also — da er nicht wußte, ob sie ihn liebe — recht dumm; der Mensch achtet allezeit, wenn er den Berg uͤberstiegen hat, den kommenden Huͤgel fuͤr nichts: Flamin war sein Berg gewesen und Klotilde sein Huͤgel. — In allen Visiten Untiefen, wo man schon halb im Si¬ tzen oder Sinken ist, giebts keine herrlichere Schifs¬ pumpe als eine Historie, die man zu erzaͤhlen hat. Man gebe mir Verlegenheit und den groͤßten Cercle und nur Ein Ungluͤck, naͤmlich die Anekdote davon, die noch keiner weiß als ich, so will ich mich schon retten. Viktor brachte also seinen Schwimmguͤrtel heraus, naͤmlich sein Schifsjournal, aus dem er fuͤr die Laube einen pragmatischen Extrakt auszog — ich gesteh' es, der Bayreuther Zeitungsschreiber haͤtte mehr verfaͤlschen, aber schwerlich mehr weglassen koͤnnen. Er that sich glaub' ich wieder Schaden bei Klo¬ tilden (wie Vorschub bei der Kaplaͤnin) dadurch, daß er, (da viele Maͤdgen nur den Spott, aber nicht den Spoͤtter lieben,) — (allein er peccirte wider Klotildens Brief bloß aus Wohlwollen fuͤr die Zu¬ hoͤrer und aus zu starkem Haß des Hofes) — daß er die Benefizkomoͤdie der Prinzessin nicht von der erhabnen Seite darstellte wie ich, sondern von der lustichen: sie laͤchelte und Agathe lachte. Da der Name Emanuel von ihm genannt wurde und sein Haus und sein Berg: so bereitete die Freundschaft und die Vergangenheit auf dem schoͤnsten Auge, woruͤber noch ein Augenbraunenbo¬ gen, aus einer Schoͤnheitslinie gezogen floß, einen sanften Schimmer aus, der jeden Augenblick zur Freudenthraͤne werden wollte; aber er mußte zu einer andern werden, als Viktor der Frage um seine Gesundheit, die Klotilde hoffend an ihn als Kunst¬ verstaͤndigen that, die Antwort der leis' umschriebe¬ nen Geschichte seines naͤchtlichen Blutens geben mußte. Er konnte den Schmerz des Mitleidens nicht verhehlen und Klotilde konnt' ihn nicht be¬ zwingen. O ihr zwei guten Seelen! welche Quetsch¬ wunden wird euer Herz noch von eurem großen Freund empfangen. Wohin anders konnte sie jetzt ihr liebendes und trauerndes Auge als gegen ihren guten Bruder wen¬ den, gegen den ihr Betragen durch den doppelten Zwang, den ihr ihre Verschwiegenheit und seine Auslegungen anlegten, bisher so unbeschreiblich mild geworden war? — Da nun Viktor jetzt das alles mit so ganz andern Augen sah; da er seinem armen Freund, der mit seinem gegenwaͤrtigen Gluͤck viel¬ leicht die giftige Nahrung seiner kuͤnftigen Eifer¬ sucht vergroͤßerte, offen und fixirend in das feste An¬ gesicht schauete, das einst schwere Tage zerreissen konnten; da ihn uͤberhaupt kuͤnftige oder ver¬ gangne Leiden des andern mehr angriffen als ge¬ genwaͤrtige , weil ihn die Phantasie mehr in der Gewalt hatte als die Sinne: so konnt' er einen Au¬ genblick die Herrschaft uͤber seine Augen nicht be¬ haupten, sondern sie legten ihren Blick von mitleidi¬ gen Thraͤnen umgeben zaͤrtlich auf seinen Freund. Klotilde wurde uͤber den Ruheplatz seines Blickes verlegen — er auch, weil der Mensch sich der hef¬ tigsten Zeichen des Hasses weniger schaͤmt als der kleinsten der Liebe — Klotilde verstand die kokette Doppelkunst nicht, in Verlegenheit zu setzen oder daraus zu ziehen — und die gute Agathe verwech¬ felte immer das letztere mit dem ersten . . . »frag «ihn, was ihm fehlt, Bruder!« sagte sie zu Fla¬ min. . . . Dieser lenkte ihn mit demselben Gutmeinen hin¬ ter die naͤchsten Stachelbeerstauden hinaus und fragte ihn nach seiner festen Art, die immer Behauptung fuͤr Frage hielt: »Dir ist was passirt!« — »Komm nur!« sagte Viktor und zerrte ihn hinter hoͤhere spanische Waͤnde aus Laub. »Nichts ist mir — hob er endlich mit gefuͤllten »Augenhoͤlen und laͤchelnden Zuͤgen an — weiter »passirt als daß ich ein Narr geworden seit etwan »26 Jahren — (so alt war er) — Ich weiß, du bist »leider ein Jurist und vielleicht ein schlechterer Oku¬ »list als ich selbst und hast wohl wenig in H. Ja¬ » nin Ein bekannter guter Schriftsteller uͤber die Augen. gelesen: nicht?« Nicht bloß vom Nein wurde Flamins Kopf ge¬ schuͤttelt. »Ganz natuͤrlich: aber koͤnntest du es aus » dem oder aus der Uebersetzung von Selle recht »schoͤn haben, daß nicht bloß die Thraͤnendruͤse un¬ »sre Tropfen sezerniere, sondern auch der glaͤserne »Koͤrper, die Meibomischen Druͤsen, die Thraͤnen¬ »karunkel und — unser gequaͤltes Herz, setz' ich da¬ »zu — — Gleichwohl muͤssen dieser Wasserkuͤgelgen, »die fuͤr die Schmerzen der armen, armen Menschen »gemacht sind, sich in 24 Stunden nicht mehr als »(wenns recht zugeht) 4 Unzen abseihen. — — Aber, »du Lieber, es geht eben nicht recht zu, besonders »bei mir und es aͤrgert mich heute, nicht daß du in »den H. Janin nicht geguckt, sondern daß du »meine fatale, verdammte, dumme Weise nicht »merkst« ... Welche denn?« — »Ja wohl, wel¬ »che; aber die heutige daß mir die Augen uͤberlaufen »— du darfst es kuͤhn bloß einem zu matten Thraͤ¬ » nenheber beimessen, worunter Petit alle einsau¬ »gende Thraͤnenwege befaßt — wenn mir z. B. ei¬ »ner Unrecht thut, oder wenn ich nur etwas stark »begehre, oder mir eine nahe Freude oder nur uͤber¬ »haupt eine starke Empfindung denke oder das »menschliche Leben oder das bloße Weinen sel¬ »ber.« — — Sein gutes Auge stand voll Wasser, da ers sagte und rechtfertigte alles. »Lieber Flamin, ich wollte, ich waͤre eine Dame »geworden oder ein Herrnhuter oder ein Komoͤdiant » — wahrlich wenn ich den Zuschauern weißmachen »wollte, ich waͤre daruͤber (naͤmlich uͤber dem Wei¬ »nen,) so waͤr' es noch dazu wahr.« — Und hier legt er sich sanft und froh mit Thraͤ¬ nen, die entschuldigt flossen, um die geliebte Brust. . . . Aber zum Adstringens und zur Vipernkur sei¬ ner Maͤnnlichkeit hatt' er nichts als ein »Hm!« und einen Zuck des ganzen Koͤrpers vonnoͤthen: dar¬ auf kehrten die Juͤnglinge als Maͤnner in die Laube zuruͤck. Es war nichts mehr darin: die Maͤdgen waren in die Wiesen geschlichen, wo nichts zu meiden war als hohes Gras und bethauter Schatten. Die leere Laube war der beste einsaugende Thraͤnenheber seiner Augen; ja ich schließe aus Berichten des Korrespon¬ denz, Spitzes, daß es ihn verdroß. Da Schwe¬ ster spaͤt allein wiederkam: so verdroß es den an¬ dern auch. Ueberhaupt sollte sich der Held — wel¬ ches fuͤr mich und ihn ein Ungluͤck waͤre — mit der Zeit gar in Klotilden verlieben: so wird uns beiden — ihm im Agiren, mir im Kopiren — die Heldin warm genug machen, eben weil sie es selber nicht seyn will; weil sie weder uͤberfluͤßige Waͤrme noch uͤberfluͤßige Kaͤlte sondern allzeit die wechselnde Tem¬ peratur hat, die sich mit dem Entrevuͤen-Stof, aber nicht mit dem Redner aͤndert; weil sie einem zaͤrtli¬ chen Nebenmenschen alle Lust nimmt, sie zu loben, da sie keinen Sackzehend davon entrichtet, oder sie wenigstens zu beleidigen, da sie keine Ablaßbriefe austheilt und weil man wirklich in der Angst zuletzt annimmt, man koͤnne keine andere Suͤnden gegen sie begehen als solche gegen den heiligen Geist. Jean Paul , der in solchen Lagen war, und oft Jahre lang auf Einem Platz vor solchen Bergfestungen mit seinen Sturmleitern und Labarum und Trompe¬ tern stand und statt der Besatzung selber ehrenvoll abzog, Jean Paul sag' ich kann sich eine Vorstel¬ lung machen, was hier in Sachen Sebastians contra Klotilden fuͤr Aktenpapier, Zeit und Druckschwaͤrze wird (von ihm und mir) verthan werden, bis mirs nur zur Kriegsbefestigung treiben. Es wird ei¬ nem Mann uͤberhaupt bei einer vernuͤnftigen Frau nie recht wohl, sondern bei einer bloß feinen, phantasirenden, heissen, launenhaften ist er erst zu Hause. Durch so eine wie Klotilde kann der beste Mensch vor bloßer Angst und Achtung frostig, dumm und entzuͤckt werden; und meistens schlaͤgt obendrein noch das Ungluͤck dazu, daß der arme matte Sche¬ ker, von dem sich ein solcher sublunarischer Engel wie der apokalyptische vom Juͤnger Johannes, durch¬ aus nicht will anbeten lassen, selten noch die Kraͤfte auftreibt, um zum Engel zu sagen — wie etwan zu einem entgegengesetzten Engel, der das Anbeten ha¬ ben will: — hebe dich weg von mir! Paul hebt sich allemal selber weg. — — Viktor that das nicht: er wollte jetzt gar nicht aus dem Hause, d. h. aus dem Dorfe. Die Som¬ mertage schienen ihm jetzt in St. Luͤne wie in einem Arkadien zu ruhen wehend, duftend, seelig; und er sollte aus dieser sanft irrenden Gondel hinausgewor¬ fen werden ins Sklavenschif des Hofs — aus der priesterlichen Laiterie in die fuͤrstliche Arsenikhuͤtte, aus dem Philantropistenwaͤldgen der haͤuslichen Liebe auf das Eisfeld des Kurialhasses. Das war ihm in der Laube so hart! — und in Tostatos Bude so lieb! — Wenn die Wuͤnsche und die Lagen des Menschen sich mit einander umkehren: so klagt er doch wieder die Lagen, nicht die Wuͤnsche an. »Er wolle sich selber, sagt' er, auslachen, aber er habe doch hundert Gruͤnde, in St. Luͤne zu zoͤgern von einem Tage zum andern — es eckle ihn so sehr seine Absicht an, einem Menschen (dem Fuͤrsten) aus an¬ dern Motiven zu gefallen als aus Liebe — es sey noch unwahrscheinlicher daß er selber gefalle, als daß es ihm gefalle — er wolle lieber seinen eignen Lau¬ nen als gekroͤnten schmeicheln und er wisse gewiß, im ersten Monat sag' er dem Minister von Schleunes Satiren ins Gesicht und im zweiten dem Fuͤrsten — und uͤberhaupt werd' er jetzt mitten im Sommer ei¬ nen vollstaͤndigen Hof-Filou schlecht zu machen wis¬ sen, im Winter eher u. s. w.« Außer diesen hundert Gruͤnden hatt' er noch schwaͤchere, die er gar nicht erwaͤhnte, wie etwan solche: er wollte gern um Klotilden seyn, weil er ihr nothwendig, gleichsam um sein Betragen zu rechtfertigen — aber welches denn, mein Trauter, das vergangne oder kuͤnftige? — seine Wissenschaft um ihre Blutsverwandschaft mit seinem Freund eroͤf¬ nen mußte. Zu dieser Eroͤfnung fehlte, was in Pa¬ ris das Theuerste ist, der Platz; das Exordium auch. Klotilde war nirgends allein zu treffen. Kenner sa¬ gen, jedes Geheimniß, daß man einer Schoͤnen sagt, sey ein Heftpflaster, das mit ihr zusammenleime und das oft ein zweites Geheimniß gebaͤre: sollte Viktor etwan darum Klotilden seine Kenntnisse von ihrer Geschwisterschaft so begierig zu zeigen getrachtet haben? — Er blieb einen Tag um den andern, da ohnehin die Vermaͤhlungs-Butterwoche erst voruͤber gehen mußte. — Er hatte schon Vermaͤhlungsmuͤnzen in der Tasche. Aber er sah Klotilde immer nur in Se¬ kunden; und eine halbe Sekunde braucht man nach Bonnet zu einer klaren Idee, nach Hooke gar eine ganze: eh' er also eine ganze Vorstellung von dieser stillen Goͤttin zusammengebracht hatte, war sie schon fortgelaufen. Endlich wurden ernsthaftere Anstalten gemacht — nicht zur Abreise sondern zum Vorsatz derselben ... Die schoͤnsten Minuten in einer Visite sind die, die ihr Ende wieder verschieben; die allerschoͤnsten, wenn man schon den Stock oder den Faͤcher in der Hand hat und doch nicht geht. Solche Minuten umgaben unsern erotischen Fabius jetzt: sanftere Augen sagten ihm: »eile nicht,« waͤrmere Haͤnde zogen ihn zuruͤck und die muͤtterliche Thraͤne fragte ihn »willst du »mir meinen Flamin schon morgen rauben?« »Ganz und gar nicht!« antwortet' er und blieb sitzen. Steckte nicht seinetwegen die Kaplaͤnin ihr Zungen-Richtschwert in die Scheide, weil er nichts so haßte als aktive und passive Verlaͤumdungen eines Geschlechts, das ungluͤcklicher als das maͤnnliche von zwei Geschlechtern zugleich gemißhandelt wird? — Denn er nahm oft Maͤdgen bei der Hand und sag¬ te: »Die weiblichen Fehler, besonders Medisance, »Launen und Empfindelei, sind Astloͤcher , die am » gruͤnen Holz bis in die Flitterwochen als schoͤne »marmorirte Kreise gefallen; die aber am duͤr¬ » ren , am ehelichen Hausrath wenn der Zapfen aus¬ »gedorret, als fatale Loͤcher aufklaffen.« — Agathe schraubte jetzt ihr Naͤhkuͤssen an seinen Schreibtisch und kuͤßte ihn, er mochte zu lustig oder zu muͤrrisch aussehen. Selbst der Kaplan suchte ihm wenn nicht die letzten Tage , die er bei ihm vertraͤumte, suͤß zu machen, doch die letzten Naͤchte , wozu nichts noͤthig war als eine Trommel und ein Fuß. Die feurigsten naͤchtlichen Hexentaͤnze und Angloisen der Maͤuse untersagte der Kaplan mit seinem Fuß, da¬ mit sie den Gast nicht aufweckten: er that naͤmlich damit ans untere Bettbret von Zeit zu Zeit einen maͤßigen Kanonen-Stoß, der um so mehr ins Hoͤr¬ rohr der Taͤnzer einknallte, da er schon die Ohren der Menschen erschreckte. Gegen den Eulerschen Roͤsselsprung der Ratten zog er bloß mit einem Schlaͤgel zu Felde, womit er, wie ein juͤngster Tag in ihre Lust- und Jagdpartien einbrechend, bloß ein oder zweimal auf eine ans Betttuch gestellte Trom¬ mel puste. Mathieu war unsichtbar und feierte, da Hoͤf¬ linge den Fuͤrsten alles nachaͤffen, die Hochzeittage des seinigen wenigstens in kleinen Hochzeitstunden nach. Das Pulver, das aus Kanonen und aus Stuvers Papilloten fuhr, das Vivat, das aus Kan¬ zeln gebetet und aus Schenken geschrien wurde, und die Schulden, die man dabei machte, waren denk' ich so ansehnlich, daß der groͤßte Fuͤrst sich nicht schaͤmen durfte, damit seine Vermaͤhlung und — Langeweile anzuzeigen. — Die Kaͤlte hat ewig ein Sprachrohr und die Empfindung ein Hoͤrrohr . Die Ankunft einer ungeliebten fuͤrstlichen Leiche oder dergleichen Braut hoͤrt man an den Polarzirkeln; hingegen wenn wir Niedere unsre Graͤber oder unsre Arme mit Geliebten fuͤllen: so fallen bloß einige un¬ gehoͤrte Thraͤnen, trostlose oder seelige. Flamin lechzete nach dem Sessionstisch, dessen Kanikularferien zu Ende gingen, und begriff das Zoͤ¬ gern nicht. ... Endlich wurd' einmal im ganzen Ernste der Abschiedstermin festgesetzt, auf den 10. August; August; und ich bin gewiß, Viktor waͤre am 14ten nicht mehr in St. Luͤne gewesen, wenn nicht der Henker am 8ten einen Tyroler hingefuͤhrt haͤtte. Es ist der naͤmliche, der vorgestern in Scheerau mit einer waͤchsernen Dienerschaft, die er halb aus bossirten Reichsstaͤnden halb aus Dito-Gelehrten zu¬ sammengesetzt hatte, seinen Einzug hielt und mit den Wachshaͤnden dieser Zwillingsbruͤder des Men¬ schen uns die Gelder aus dem Beutel nahm. Es ist dumm, daß mir der Spitz den heutigen Hunds¬ tag nicht vorgestern gebracht: ich haͤtte den Kerl, der in St. Luͤne Viktor und den Kaplan bossirte, selber ausgefragt, wie Viktor heisse und Eymann und St. Luͤne selbst. Am Ende reif ich aus edler und biographischer Neugierde diesem Menschen-Ar¬ chitekten, der uns mit schauerlichen Wiederscheinen unsers kleinen Wesens umringt, noch nach. — Viktor mußte also wieder verharren: denn er ließ sich und den Kaplan in Wachs nachbacken, um erstlich diesem, der alle Abguͤsse, Puppen und Ma¬ rionetten kindisch liebte, und zweitens um der Fa¬ milie, die gern in sein erledigtes Zimmer den waͤch¬ sernen Postiche-Viktor einquartiren wollte, einen groͤßern Gefallen zu thun als sich selbst. Denn ihn schauerte vor diesen fleischfarbnen Schatten seines Ichs. Schon in der Kindheit streiften unter allen Gespenstergeschichten die von Leuten, die sich selber Hesperus. l . Th. A a gesehen, mit der kaͤltesten Hand uͤber sein heisses Herz. Oft besah er abends vor dem Bettegehen seinen bebenden Koͤrper so lange, daß er ihn von sich abtrennte und als eine fremde Gestalt so allein neben seinem Ich stehen und gestikuliren sah: dann legte er sich zitternd mit dieser fremden Gestalt in die Gruft des Schlafes hinein und die verdunkelte Seele fuͤhlte sich wie eine Hamadryade von der biegsamen Fleisch-Rinde uͤberwachsen. Daher em¬ pfand er die Verschiedenheit und den langen Zwi¬ schenraum zwischen seinem Ich und dessen Kruste tief wenn er lange einen fremden Koͤrper, und noch tiefer, wenn er seinen eignen anblickte. Er saß dem Poussirstuhl und den Poussirgriffeln ge¬ genuͤber, aber seine Augen heftete er wieder in ein Buch, um die Koͤrpergestalt, in der er sich selber herumtrug, nicht entfernt und verdoppelt zu sehen. Die Ursache, warum er aber doch die weggestellte Verdoppelung seines Gesichts im Spiegel aushielt, kann nur die seyn, weil er entweder den Figuranten im Spiegel bloß fuͤr ein Portrait ohne Kubikinhalt oder fuͤr das einzige Original ansah, mit dem wir andre Doubletten unsers Wesens zusammenhalten. . . .Ueber diese Punkte kann ich selber nie ohne ein inneres Leben reden. . . . Dem Wachsabdruck Viktors wurde nach seiner Majorennitaͤt eine toga virilis , ein Suͤrtout, den das Original abgelegt, geschenkt und umgethan, des¬ gleichen das Logis, woraus dasselbe zog. Der Ka¬ plan wollte diese wolfeile Ausgabe von Horion so ans Fenster lagern, wenn die bessere fort waͤre, daß die ganze Schul-Jugend, die vom Kantor Sitten und mores lernte, die Huͤte abrisse, wenn sie aus dem Schulhause heimtobte. — Endlich! — Denn Maz kam. Seine ausgekelter¬ ten Wangen und sein ganzer Koͤrper, der unter den Zitronendruͤckern der Nachtfestins gewesen war, be¬ wiesen, daß er nicht log, da er sagte, der fuͤrstliche Braͤutigam sehe noch achtmal elender aus und liege darnieder am Podagra. Er setzte in seiner bittern Manier, die Viktor so haßte, hinzu, die bleichen Großen haben uͤberhaupt kein Blut, das wenige aus¬ genommen, was sie den Unterthanen abschroͤpfen oder was ihnen an den Haͤnden klebt, wie die Insekten kein rothes Blut bei sich fuͤhren als das andern Thieren abgesogne. Dieses erinnerte Viktor an seine medizinischen Pflichten gegen den Fuͤrsten. Entwe¬ der Mazens verwuͤstete Gestalt — denn unmoralisches Lukubriren macht Zuͤge und Farbe widerlicher als das laͤngste Krankenlager — oder die Erinnerung an des Lords Warnungen oder beides machte ihn unse¬ rem Hofmedikus eben so verhaßt als dieser jenem durch das Hofphysikat geworden war: dieses ver¬ hehlte Gift Matthaͤi offenbarte sich nicht durch Aa 2 kleinere, sondern durch groͤßere aber ironischere Hoͤflichkeit. Aber er und Flamin waren vertrauli¬ cher als je. Vormittags unter dem Rasiren, ohne sich noch einmal zu uͤberwaschen sprang Viktor auf und packte sogleich den Stiefelknecht ein und riß die Hangrie¬ men der Kleider entzwei und vozirte Meßhelfer und Adjutanten, die seinen Lebens-Ballast — ausschifften (wegen seiner elenden Packerei) und dann einschifften. Denn er uͤberließ seine Meublen und die ganze Ku¬ ratel des Geruͤmpels unsers kleinlichen Lebensappa¬ rats fremden Haͤnden, und zwar das mit einer sol¬ chen Verachtung dieses Geruͤmpels und mit einer solchen sorglosen Verschwendung, — ich werde meinen Helden nie verlaͤumden: aber es ist durch Spizium erwiesen, daß er nie das Kurrentgeld eines versilber¬ ten Geldstuͤcks kollazionirte und nie einem Juden, Roͤmer und Hernhuter etwas im Handel abbrach — so sehr sag' ich, daß die ganze weibliche Hansee in St. Luͤne schrie: ei der Narr! und daß die Kaplaͤnin sich immer an seine Stelle auf den Handelsplatz ein¬ schob. Er war aber nicht zu bessern, weil er die Le¬ bensreise und also den Reisebuͤndel mit so philoso¬ phischen Augen verkleinerte und weil er vor nichts so erroͤthete als vor jedem Scheine des Eigennutzes; er lief allen Anstalten, Vorreitern und Probekomoͤ¬ dien davon, wenn sie seinetwegen auftraten — er schaͤmte sich jeder Freude, die nicht wenigstens in zwei Bissen, in einen fuͤr einen Moitisten zu theilen war — er sagte, die Stirne eines Hospodars muͤßte die Haͤrte seiner Krone angenommen haben, weils sonst ein solcher Mensch unmoͤglich ertruͤge, was oft bloß seinetwegen gemacht wuͤrde von einem ganzen Lande, die Musik — die Ehrenbogen — die Karmi¬ na — das Freudengeschrei in Prosa und die entsetz¬ lichen Kanonaden. — — Er hatte jetzt in St. Luͤne nichts mehr abzuthun, als eine bloße platte — Hoͤflichkeit: denn so viel darf ich wohl ohne Eitelkeit behaupten, daß ein Held, den ich zu meinem erkiese, schon hoffentlich so viel Lebensart habe, daß er hingeht zum Kammer¬ herrn Le Baut und sagt: à revoir! — An solche Staatsvisiten muß er sich ohnehin jetzt gewoͤhnen. Maz saß auch druͤben, dieser mit struppichten ab¬ gezauseten haͤngenden Fluͤgeln hingeworfene Amor der Kammerherrin — diese badinirte uͤber die eitleln Blicke mit ihm, die den intermittirenden Puls seiner Liebe bekannten — Le Baut spielte Schach mit Mazen — Klotilden saß an ihrem Arbeitstischgen voll seidner Blumen mitten unter diesen edeln Dril¬ lingen. . . . Ihr armen Toͤchter! was fuͤr Leute muͤsset ihr nicht oft bewillkommen und aushoͤren! — Doch fuͤr Klotiide war dieser Hausfreund nichts als eine ausgepolsterte Mumie und sie wußte nicht, kam er oder ging er. Sebastian wurde als Adoptivsohn des Gluͤcks, als Erbe des vaͤterlichen Favoriten-Postens, heute von der Kammerherrschaft ungemein verbindlich em¬ pfangen: wahrhaftig wenn der Hofmann Ungluͤckliche flieht, weil ihm das Mitleiden zu heftig zusetzt, so draͤngt er sich gern um Gluͤckliche, weil er Mitfreude genießen will. Der Kammerherr, der sich noch vor dem verbeugte, der in seinem Sturze vom Thron mitten in der Luft hing, buͤckte sich natuͤrlicherweise vor dem noch tiefer nieder, der in der entgegenge¬ setzten Motion begriffen war. Viktor stellte sich zu den Weibern, aber mit ei¬ nem aufs Schachbret irrenden Auge, um, wenn er verlegen waͤre, sogleich einen Vorwand der veraͤnder¬ ten Aufmerksamkeit oder des Wegtretens bei der Hand zu haben. Es war gescheut: denn jedes Wort, das er und die Weiber sprachen, war ein Schachzug; er mußte gegen die Le Baut — was wußte die, daß einer Mutter nichts schoͤner stehe als eine vollkom¬ mene Tochter — d. h. gegen die Stiefmutter seine Kaͤlte und gegen die Stieftochter seine Waͤrme verdecken. Der Leser frage nicht, was konnte denn die alte Stiefmutter fuͤr Waͤrme begehren? denn in den hoͤhern Staͤnden werden die Preteusionen durch Blutsverwandschaft und Alter nicht geaͤndert; bloß in niedern werden sie es; daher befuͤrcht' ich alle¬ mal, das was ich der Tochter vortrage ennuire die Mutter und ich fange mit Recht, wenn diese koͤmmt, einen bessern Diskurs an. — — Viktor vorbarg seine Kaͤlte leicht aus jener Menschenliebe, die bei ihm so oft in zu gutherzige Schmeichelei unmorali¬ scher Hofnungen ausartete; und wenn eine haben wollte, er sollte sich in sie verlieben; so sagte er: »ich kann doch warlich zum guten Laͤmgen nicht sa¬ »gen: ich mag nicht.« — Die Waͤrme gegen Klo¬ tilde verbarg er — schlecht, nicht weil sie zu stark, sondern gerade weil sie es noch nicht genug war. Es ist natuͤrlich: ein Juͤngling von Erziehung kann wenn er will, seine erwiederte Liebe ohne Prokla¬ mation verhuͤllen und verschweigen, aber eine uner¬ wiederte , eine, die er selber bloß erst Achtung nennt, laͤsset er aus sich ohne Huͤllen lodern. — Ue¬ brigens bitt' ich die Welt, sich hinzusetzen und zu bedenken, daß mein Held nicht den Teufel im Leibe oder sechzehn Jahre habe, sondern daß er unmoͤglich eine Liebe fuͤr eine Person empfinden koͤnne, die uͤber ihre Gesinnungen wie uͤber ihre Reize eine Mosis- Decke haͤngt. Liebe beginnt und steigt durchaus nur an der Gegenliebe und mit ihrem wechselseitigen Er¬ rathen. Achtung hat er bloß, aber recht viele, aber eine recht wachsende und aͤngstliche, kurz seine Ach¬ tung ist jener kalte huͤpfende Punkt im Dotter des Herzens, dem die kleinste fremde Waͤrme oft nach Jahren — die Metapher ist aus einem Ei geschlagen — wachsendes Leben und Amors Fluͤgel zutheilt. Er untersuchte jetzt am Arbeitstisch Klotildens Waͤrme mit dem Pyrometer; aber ich kann weiter nicht ausser mir vor Freude seyn, daß er die Waͤrme an der ins Kleinste abgetheilten Skala wenigstens um \frac{I}{III} Linie gestiegen fand. Denn er schießet wohl fehl: ich will lieber auf den Stirnmesser Lava¬ ters bauen als auf den Herz - und Waͤrmemes¬ ser eines Liebe suchenden Menschen, der seine Aus¬ legungen mit seinen Observationen vermengt und Zu¬ faͤlle mit Absichten. Sein Feuermesser kann auch Recht haben: denn gegen gute Menschen ist man im Beiseyn der schlimmen (man bedenke nur Mazen) waͤrmer als sonst. Man verdenk' es Herrn Le Baut und Frau Le Baut nicht, daß sie meinem Helden zum Gluͤcke gra¬ tulirten, an einen solchen Hof, zu einem solchen Fuͤr¬ sten — es ist der groͤßte in Deutschland, sagte er — zu einer solchen Fuͤrstin — sie ist die beste in Deutschland, sagte sie — abzureisen. Maz laͤchelte zwischen Ja und Nein. Der Alte setzte das Schach fort, die Alte das Lob. Viktor sah mit Verach¬ tung, wie wenig zwei solchen Seelen, die die Thron¬ stufen fuͤr eine Wesenleiter und den Thron-Eisberg fuͤr einen Olymp und ein Empyraͤum hielten und die nirgends als an dieser Hoͤhe ihr Gluͤck zu machen wußten, bessere Begriffe vom Gluͤck und schlechtere von der Hoͤhe beizubringen waͤren. Gleichwohl mußt' er vor Klotilden, die auf ihrem Gesichte mehr als ein Nein gegen die Lobrede hatte, offenbaren, daß er eben so edel verneine wie sie. Er knaͤtete also Lob und Tadel nach einer horazischen Mi¬ schung untereinander, um weder satirische noch schmeichlerische Anspielungen auf zwei kassirte Hof¬ leute zu machen: »mir gefaͤllts nicht, daß es da nur »Vergnuͤgungen, und keine Arbeiten giebt — lauter »Konfektkoͤrbgen und keinen einzigen Arbeitsbeutel, »geschweige einen Arbeitstisch wie diesen da.« — »Glauben Sie, fragte Klotilde mit auffallender In¬ nigkeit, daß alle Festins einen einzigen Hofdienst be¬ zahlen?« — »Nein, sagt' er, denn fuͤr die Festins »selber sollte man bezahlet werden — ich behaupte, »es giebt dort lauter Arbeit und kein Vergnuͤgen — »alle ihre Lustbarkeiten sind nur die Illumination, »die Zwischenmusik und die Dekorationen, die dem »Schauspieler, der an seine Rolle denkt, weniger ge¬ »fallen als dem Zuschauer.« — »Es ist allemal gut, da gewesen zu seyn« sagte die Alte: »Gewiß (sagte »er): denn es ist gut, nicht immer dazubleiben:« — »Aber es giebt Personen (sagte Klotilde,) die dort »ihr Gluͤck nicht machen koͤnnen, bloß weil sie nicht »gern dort sind.« Das war sehr fein und schonend; aber bloß fuͤr Viktors Herz verstaͤndlich: »einem »schoͤnen Schwaͤrmer (sagt' er und fragte wie alle¬ »mal nach dem scheinbaren Widerspruch zwischen Viktors Leben und zwischen Viktors Meinun¬ » gen nichts) einem feurigen Dichter wuͤrd' ich ra¬ »then, zu Hause zu bleiben — ihr Flug statt der » Pas , waͤre im Hofleben was ein Hexameter in »der Prose ist, den die Kunstrichter nicht leiden »koͤnnen — und zur Seele mit dem weichsten ge¬ »fuͤhlvollsten Herzen wuͤrd' ich sagen: entfliehe da¬ »mit, das Herz wird dort als Ueberbein genommen »wie der sechsfingerigten Familie in Anjou der »sechste Finger.« . . . . Die Alte schuͤttelte den Kopf schnell links »Und doch, fuhr er fort, wuͤrd' »ich sie alle drei auf einen Monat an den Hof zie¬ »hen und sie ungluͤcklich machen, um sie weise zu »machen.« Die Kammerherrschaft konnte sich in Viktor nicht so gut wie mein Leser schicken, der zu meinem groͤßten Vergnuͤgen Laune und das Ta¬ lent, alle Seiten einer Sache zu beschauen, so ge¬ schickt von Schmeichelei und Skeptizismus unter¬ scheidet. Klotilde hatte langsam den Kopf zum letz¬ ten Satze geschuͤttelt. Ueberhaupt disputirten heute alle fuͤr und wider ihn in jenem theilnehmenden Tone, den Weiber und Verwandte allemal gegen ei¬ nen Fremden annehmen, wenn sie eine Stunde vor¬ her den naͤmlichen Prozeß aber zu praktischer Anwen¬ dung, mit den ihrigen gefuͤhret hatten. Viktor, der schon lange besorgte, verlegen zu werden, ging endlich dahin, wohin er bisher so oft geschauet hatte — zum Schach, das man mit der groͤßten Begierde, zu — verlieren spielte. Der Kammerherr, — wir wissen alle, wie er war, er schrieb nichts als Rekommandationsschreiben fuͤr die ganze Welt und der Abendmahlskelch waͤre mehr fuͤr sei¬ nen Geschmack gewesen, haͤtt' er daraus auf eines wichtigen Mannes Gesundheit toasten koͤnnen — Dieser befoͤrderte so gut er konnte, mit den duͤrren Schachstatuͤen bloß das fremde Wohl auf Kosten des eignen: gern verlor er, falls nur Maz gewann. Noch dazu glich er jenen verschaͤmten Seelen, die ihre Wohlthaten gern verborgen geben und er konnt' es nicht uͤber sich erhalten, es seinem Schach-Opponen¬ ten zu sagen, daß er ihm den Sieg zuschanze; er hatte fast groͤßere Muͤhe, sich zu verbergen wie ein Hofmann als sich selber zu besiegen wie ein Christ. Eine solche Liebe haͤtte, wie es scheint, waͤrmer vergolten werden sollen als durch offenbare Boßheit; aber Maz hatte das Naͤmliche vor und wich dem Siege, den jener ihm nachtrug, wie ein wahrer Spitzbube aus. Le Baut ersann sich vergeb¬ lich die besten Zuͤge, womit man sich selber matt macht — Maz setzte noch bessere entgegen und drohte jede Minute, auch zu ermatten. Uns alle dauert der auf dem Schachterrain herumgesetzte Kammer¬ herr, der wie eine Kokette besorgt, nicht besiegt zu werden. Es war fuͤr ein weiches Auge, das doch dem Schwachen lieber als dem Filou vergiebt, nicht mehr auszuhalten: Viktor trat unter tausend Ent¬ schuldigungen gegen den Schwachen und mit Boßheit gegen den Boßhaften in die Heckjagd ein und noͤ¬ thigte den Hofjunker, seinen Rath und seine Chari¬ tativsubsidien anzunehmen und zu diktirten Kriegs¬ operationen von solchem Werth zu greifen, daß der Mann mit dem Amt der kammerherrlichen Schluͤssel endlich trotz seinen Befuͤrchtungen und trotz den schlimmsten Adspekten — verlor. Alle Anwesende erriethen alle Anwesende, wie Fuͤrsten einander in ihren oͤffentlichen — Komoͤdienzetteln. Er hatte endlich die Abschiedsaudienz, aber ge¬ ringen Trost: die Gestalt, unter der alle seine Schoͤnheitsideale nur als Schildhalter und Karnati¬ den standen, war noch kaͤlter als bei dem Empfan¬ ge und immer bloß das Echo der elterlichen Hoͤflich¬ keit. Das einzige, was ihn noch aufrecht erhielt und beruhigte, war eine — Distel, naͤmlich eine op¬ tische auf den musivischen Fußboden gesaͤete. Er nahm naͤmlich wahr, daß Klotilde diesem Blumen¬ stuͤck, das sie doch kennen mußte, unter dem Abschiede mit dem Fuße auswich als waͤr' es das Original. Abends macht' er seine Syllogismen, wie sie auf Universitaͤten gelehret werden — dieser Vexirdistel impfte er alle Rosen seines Schicksals ein — »zer¬ »streut war sie doch und weswegen? frag' ich, « sagt' er ins Kopfkissen hinein — Denn errathen ha¬ »ben sie mich druͤben ohnehin noch nicht-behauptete er, indem er sich aufs zweite Kopfkissen legte — »o »du holdes Auge, das auf die Distel sank, geh' in »meinem Schlafe wieder auf und sey der Mond mei¬ »ner Traͤume« sagte er, da er schon halb in beiden war. — Er glaubte bloß aus Bescheidenheit, er werde nicht errathen, weil er sich nicht fuͤr merk¬ wuͤrdig genug ansah, um bemerkt zu werden. — Der 20. August 179 * * war der große Tag, wo er abmarschirte nach Flachsenfingen: Flamin war schon um vier Uhr Abends fortgetrabt, um keinen Abschied zu nehmen, welches er haßte. Aber mein Viktor nahm gern Abschied und zitterte gern im letzten Verstummen der Trennung: »o ihr armen »egoistischen Menschen! (sagt' er) dieses Polarleben »ist ohnehin so kahl und kalt, wir stehen ohnehin «Wochen und Jahre neben einander ohne mit dem »Herzen etwas besseres zu bewegen als unser Blut »— bloß ein Paar gluͤhende Augenblicke zischen und »erloͤschen auf dem Eisfeld des Lebens — warum »meidet ihr doch alles, was euch aus der Alltaͤg¬ »lichkeit zieht und was euch erinnert, wie man »liebt — — Nein! und wenn ich zu Grunde ginge »und wenn ich mich nachher nicht mehr troͤsten »koͤnnte: so druͤckte ich mich mit dem unbedeckten »Herzen und mit dem Bluten aller Wunden und »zerrinnend und erliegend an den geliebten Men¬ »schen, der mich verlassen muͤßte und sagte doch: es »thut mir woh!« — Kalte egoistische und bequeme Personen vermeiden das Abschiednehmen so wie un¬ poetische von zu heftigen Empfindungen; weibliche hingegen, die sich alle Schmerzen durch Sprechen, und poetische, die sich alle durch Phantasiren mil¬ dern, suchen es. Um sechs Uhr Abends — denn es war nur ein Sprung nach Flachsenfingen — als das Vieh wie¬ derkam, ging er fort: eskortirt von der ganzen Fa¬ milie. An seinen gluͤcklichern Arm — meiner muß sich bloß zum Besten der Wissenschaften bewegen — war die Brittin und an den linken Agathe angeoͤhrt; an die Schwester hatte sich der arme Hauspudel ge¬ schnallet (Appollonia,) welcher gleichwohl dachte, er beruͤhre und genieße trotz dem schwesterlichen Ein¬ schiebsel und Zwischengeist den Doktor. So fahren die Funken der Liebe, wie die elektrische und magne¬ tische Materie, durch das Medium von zwanzig da¬ zwischen gestellten Leibern hindurch. Ein Philosoph, der sich hinsetzt und erwaͤgt, daß unsre Finger im Grunde der geliebten Seele nicht um einen Daumen naͤher kommen, es mag zwischen ihnen und ihr bloß die Gehirnkugel oder gar die Erdkugel liegen, wird allezeit sagen: »ganz natuͤrlich!« Daraus erklaͤrts dieser sitzende Philosoph, warum die Maͤdgen die maͤnnlichen Verwandten ihres Geliebten halb mit lieben — warum der Rohrstuhl Shakspears, die Klei¬ derkommode Friedrichs II . die Stutzperuͤcke Rous¬ seaus unser sehnendes Herz befriedigen. — — Aber niemand wollte, den Weisel dieses Vor¬ schwarms ausgenommen, wieder zuruͤck. »Nur noch »bis an die sechs Baͤume« sagte Agathe. Als man an diese Graͤnzpfaͤhle und Lochbaͤume der heutigen Freude kam: waren deren sieben und man behauptete allgemein, sie waͤren nicht gemeint und es ginge wei¬ ter. Der Begleitete wird gewoͤhnlich immer aͤngstli¬ cher und der Begleiter immer froher, je laͤnger es waͤhrt. »Doch bis zu jenem Ackersmann!« sagte die scharf sehende Brittin. Aber endlich merkte un¬ ser Held, daß diese Herkules-Saͤule ihrer Reise sel¬ ber gehe und daß der Ackersmann nur ein Wanders¬ mann sey. »Das Beste ist — sagt' er, und kehrte »sich um — ich kehre mich um und reise erst Mor¬ »gen.« Der Kaplan sagte: »bis ans alte Schloß »(d. h. es war noch Eine Mauer davon da) geh' »ich ohnehin gewoͤhnlich Abends!« — Allein uͤber diese Graͤnzfestung des schoͤnsten Abends ruͤckte die plaudernde Marschsaͤule betruͤgerisch hinaus und die Augen wurden uͤber die Ohren vergessen. Da sonach bei diesen Graͤnzstreitigkeiten ein Hauptartikel nach dem andern durch Separatartikel gebrochen wurde: so war wahrhaftig weiter nichts zu machen — als folgender Versuch: »Hieher wollt' ich Sie nur ha¬ »ben (sagte Viktor) — jetzt muͤssen Sie mit mir »weiter gehen und heute beim Apotheker uͤbernach¬ »ten« »In der That, sagte die Kaplaͤnin kalt, »bis zu Sonnenuntergang wird doch mitgegangen: »wir sollen doch nicht dieser schoͤnen Sonne den »Ruͤcken wenden. «Allerdings hatte der Abend lau¬ »ter Freudenfeuer angezuͤndet auf der Sonne — auf den Wolken — auf der Erde — auf dem Wasser. Auf dem Huͤgel sah man schon die Thurmspitzen der Stadt: die Sonne, das erwaͤhlte Drehkreuz der Begleitung, goß aus ihrer Vertiefung uͤber die Schatten-Beete der Thaͤler ihre goldfuͤhrende Pur¬ purfluͤsse. Oben als sie verging, nahm Viktor die zwei Eheleute in den Arm und sagte: gute, gute Nacht — und dann nahm er die Schwestern in den Arm und sagte: »o ihr Guten, lebt wohl« und dann sah er alle mit ihren verborgnen Seufzern und Tro¬ pfen ruͤckwaͤrts gehen — und dann rief er »war¬ »lich ich komme bald wieder, es ist ja nur ein »Sprung daher« — und dann schrie er nach »ich bin des Teufels, wenn wir getrennt sind« und dann zog ihnen sein schweres Auge durch alle Zwei¬ Zweige und Tiefen nach und erst als die liebende Union ins letzte Thal wie in ein Grab gesunken war: huͤllte er sich die Augen zu und dachte an die un¬ aufhoͤrlichen Trennungen des Menschen. . . . Endlich oͤftete er sein Auge gegen die ausge¬ breitete uͤberwoͤlkte Stadt und dachte: »zwischen »dieser erhobnen Arbeit , in die sich die Men¬ »schen mit ihrem kleinen Leben nisten sperren sich »auch deine kleinen Tage ein — dieses ist die ver¬ »huͤllte Geburtsstaͤte deiner kuͤnftigen Thraͤnen, dei¬ »ner kuͤnftigen Entzuͤckungen — ach mit welchem »Auge werd' ich nach Jahren wieder uͤber diese Ne¬ »bel-Gehaͤuse schauen — und .. ein Narr bin ich: »sind denn 2300 Haͤuser nur meinetwegen?« Postsript : diesen sechzehnten Posttag hat der Berghauptman ordentlich am Ende des Ju¬ nius abgeschlossen. Hesperus. l . Th. B b Vierter Schalttag. und Vorrede zum zweiten Heftlein. I ch will Schalttag und Vorrede zusammen schweis¬ sen. Es muß daher — wenns nicht Spielerei mit der Vorrede sein soll — hier doch einigermaßen der zweite Theil beruͤhrt werden. Es verdient von Kunstrichtern bemerkt zu werden, daß ein Autor, der anfangs acht weiße Papierseiten zu seinem Ge¬ biete vor sich hat — so wie nach Strabo das Terri¬ torium Roms acht Stunden groß war — nach und nach so weit fortruͤckt und das durchstreifte Papier mit so viel griechischen Kolonisten — denn das sind unsere deutschen Lettern — bevoͤlkert, bis er oft ein ganzes Alphabet durchzogen und angebauet hat. Das setzt ihn in Stand, den zweiten Theil anzufangen. Mein zweiter ist, wie ich gewiß weiß, viel besser als der erste, wiewohl er doch zehnmal schlechter ist als der dritte. Ich werde hinlaͤnglich belohnt seyn, wenn mein Werk der Anlaß ist, daß eine Rezension mehr in der Welt gemacht wird; und ich wuͤßte nichts, — wenns nicht eben dieser Gedanke waͤre, daß Buͤcher geschrieben werden muͤssen, damit die gelehrten Anzeigen derselben fortdauern koͤnnen — was einen Autor zur unsaͤglichen Muͤhe antreiben koͤnnte, den ganzen Tag am Dintenfaß zu stehen und ganze Pfunde Konzepthadern in Berlinerblau zu faͤrben. . . Und dieser kuͤhle ernste hocus pocus von Vorrede — ein Ausdruck, den Tillotson fuͤr eine Abbreviatur von der katholischen Formel: hoc est corpus ableitet — sey fuͤr gute Rezensenten auf Universitaͤten genug. Ich wende mich wieder zu dem, was ich eigent¬ lich damit haben wollte. Ich bin naͤmlich gesonnen, die Extrablaͤttgen und Nebenschoͤslinge, womit die Schalttage vollzumachen sind, in alphabetischer Ord¬ nung — weil Unordnung mein Tod ist — nicht nur anzukuͤndigen sondern auch hier schon anzufangen und fortzusetzen bis zum Buchstaben I. Schalt- und Extra-Nebenschoͤslinge al¬ phabetisch geordnet. A. Alter der Weiber . Lombardus ( L . 4. sent . dist . 4.) und der h. Augustin (I. 22. de civit. c. 15.) erweisen, daß wir alle in dem Alter von den Todten auferstehen, worin Christus auferstand, naͤm¬ lich im 32ten Jahre und dritten Monat. Mithin B b 2 wird, da im ganzen Himmel kein Vierziger zu haben ist, ein Kind so alt seyn wie Nestor naͤmlich 32 Jahre und drei Monate. Wer das weis: schaͤtzet die schoͤne Bescheidenheit der Weiber hoch, die sich nach dem 30ten Jahre wie Reliquien fuͤr aͤlter aus¬ geben als sie sind: es waͤre genug, wenn sich eine Vierzigerin, Achtundvierzigerin so alt machte wie guter Rheinwein oder hoͤchstens wie Methusalem; aber sie glaubt bescheidener zu seyn, wenn sie sich, so sehr ihr Gesicht auch widerspricht, schon das hohe Alter zuschreibt, das sie erst, wenn ihr Gesicht einige tausend Jahre in der Erde gelegen ist, haben kann, naͤmlich — 32 Jahre und drei Monate. Ein Dum¬ mer sieht ein, daß sie nur das Auferstehungs- und kein Erdenalter meine, weil sie von diesem Immobi¬ liar Jahr nicht wegruͤckt, welches in der Ewigkeit, wo kein Mensch eine Stunde aͤlter werden kann, et¬ was Alltaͤgliches ist. Diese Einheit der Zeit brin¬ gen sie in das Intriguenstuͤck ihres Lebens dar¬ um schon im 30ten Jahr hinein, weil nach diesem in Paris keine Frau mehr oͤffentlich tanzen und (nach Helvetius) kein Genie mehr meisterhaft schreiben kann. Auf das letzte rechnet man vielleicht in Je¬ rusalem, wo jeder erst nach dem 30ten Jahr ein Lehramt bekam. B. Basedowische Schulen . Basedow schlaͤgt in seiner Philalethie vor, 30 unerzogene Kinder in ei¬ nen Garten einzuzaͤunen, sie ihrer eignen Entwicke¬ lung zu uͤberlassen und ihnen nur stumme Diener, die nicht einmal Menschen-Kleidung haͤtten, zuzuge¬ ben und es dann zu Protokoll zu bringen, was dabei herauskaͤme. Die Philosophen sehen vor lauter Moͤglichkeit die Wirklichkeit nicht: sonst haͤtte Base¬ dow bemerken muͤssen, daß unsere Landschulen und Dorfpaͤdagogen solche Gaͤrten sind, in denen die Phi¬ losophie den Versuch machen will, was aus Men¬ schen, wenn sie durchaus alle Bildung entbehren, am Ende werde. Ich gesteh' aber, daß alle diese Ver¬ suche noch so lange unsicher und unvollkommen blei¬ ben als die Schulmeister sich nicht enthalten koͤnnen, diesen Seminaristen irgend einen Unterricht — und waͤr' er der kleinste — zu ertheilen; und besser wuͤrde gefahren mit ganz stummen Schulleuten wie es taub¬ stumme Eleven giebt. C. siehe K. D. Dichter . Der Dichter wird, ob er gleich Lei¬ denschaften mahlt, doch diese am besten in dem Al¬ ter treffen, wo sie kleiner sind, so wie Brennspiegel gerade in den Sommern, wo die Sonne am wenig¬ sten brannte, am staͤrksten wirkten und in den heissen am wenigsten. Die Blumen der Poesie gleichen an¬ dern Blumen, die (nach Ingenhouß) im gedaͤmpften benebelten Sonnenlicht am besten wachsen. E. Empfindsamkeit . Sie giebt oft dem innern Menschen wie der Schlagfluß dem aͤußern, zugleich groͤßere Empfindlichkeit und Laͤhmung . F. siehe Ph. G. Goͤttin . Wie die Roͤmer ihre Monarchen lie¬ ber fuͤr Goͤtter als fuͤr Herren erkannten, so wollen die Maͤnner die Direktrice ihres Herzens lieber ihre Goͤttin als ihre Herrin nennen, weil es leichter ist, anzubeten als zu gehorchen. H. H. Ich sah oft Leute, die zu leben hatten und zu leben wußten — welches nicht zweierlei ist — erstlich um die besten und vornehmsten Weiber gau¬ keln und aus dem Honigkelch ihres Herzens saugen, und zweitens sah ich sie an demselben Tage die Fluͤ¬ gel zusammenschlagen und auf eine jaͤmmerliche Tro¬ pfin niederschießen, damit die Tropfin ihre Erben — erbe. Nie aber hab' ich diese Schmetterlinge mit etwas anderem verglichen als mit Schmetterlingen, die den ganzen Tag Blumen besuchen und benaschen und doch ihre Eier auf einen schmutzigen Kohlstrunk laichen. H. Holbeins-Bein . Ich will lieber das H noch einmal nehmen als das J, weil unter der Rubrik des J's die Invaliden kaͤmen, von denen ich be¬ haupten wollen: daß ihnen, da Leute, denen man Glieder abgenommen, vollbluͤtig werden, desto weni¬ ger Brod gereichet werden duͤrfe, je mehr ihnen Glieder weggeschossen oder weggeschnitten worden und daß man dieses die Physiologie und Diaͤtik der Kriegskasse nenne. — Aber mich haben die halben armen Teufel zu sehr gedauert. Die Beine Holbeins machen groͤßern Spas als amputirte. Der Mahler strich naͤmlich in Basel nichts an als Basel selber; und der naͤmliche Um¬ stand, der sein Genie in diese architektonische Faͤrberei hineinzwang, noͤthigte es auch, daß es oft darin Rast¬ stunden hielt — er soff naͤmlich entsetzlich. Ein Bauherr, dessen Namen in der Geschichte fehlt, trat oft in die Hausthuͤre und zankte zum Geruͤste hin¬ auf, wenn die Beine des Hausfaͤrbers, anstatt da¬ von herunterzuhaͤngen — denn mehr war vom Mah¬ ler nicht zu sehen — in der naͤchsten Weinkneipe standen und wankten. Schritt nachher Holbein da¬ mit uͤber die Gasse daher: so kam ihm Hader entge¬ gen und stieg mit ihm aufs Geruͤste hinauf. Dieses brachte den Mahler, der seine Studien (im Trin¬ ken) liebte, auf und er nahm sich vor, den Entre¬ prenneur zu aͤndern. Da er naͤmlich das ganze Un¬ gluͤck seinen Beinen verdankte, deren Fruchtgehaͤnge der Bauherr unter dem Geruͤste sehen wollte: so entschloß er sich, eine zweite Auflage von seinen Beinen zu machen und sie an das Haus haͤngend zu mahlen, damit der Baudirektor, wenn er unter der Hausthuͤre hinauf schauete, auf den Gedanken kaͤme, die zwei Beine und ihre Stiefeln mahlten droben fleißig fort. — Und auf diesen Gedanken kam der Bauherr auch; aber da er endlich sah, daß das Vexirfußwerk den ganzen Tag an Einer Stelle hinge und sich nicht fortschoͤbe: so wollt' er nachsehen, was denn der Meister so lange an Einer Partie bessere und retuschire — und verfuͤgte sich selber hinauf. Droben im Vakuum ersah er leicht, daß der Mahler da aufhoͤre, wo Kniestuͤcke anfangen, beim Knie, und daß der mangelnde Rumpf wieder saufe in einem Alibi. Ich verdenk' es dem Bauherrn nicht, daß er auf dem Geruͤste keine Moral aus dem Fußwerk zog: er war zu erbost. Ich wollte noch eine Geschichte von den Fuͤrsten- Portraits anstoßen, die hinter den Praͤsidenten in den Sessionszimmern statt der Originale votiren — aber ich stoͤre den Zusammenhang; auch ist hier das. Ende des ersten Heftleins .