Lienhard und Gertrud . Ein Buch fuͤr's Volk . Vierter und lezter Theil. Frankfurt und Leipzig, 1787 . An Herrn Felix Battier Sohn in Basel . Freund! D u fandest mich wie eine zertretene Pflanze am Weg — und rettetest mich unter dem Fußtritt der Menschen. — Davon rede ich nicht. — Lis Freund! diese Bogen. Ich ende mit Ihnen das Ideal meiner Dorffuͤhrung. — Ich fieng bey der Huͤtte einer gedruͤckten Frauen, und )( 3 mit dem Bild der groͤsten Zerruͤttung des Dorfs an, und ende mit seiner Ordnung. — Das Vaterland sagte laut und allgemein, als ich anfieng, das Bild der armen Huͤtte und der Zerruͤttung des Dorfs ist Wahrheit. — Der Mann am Ruder des Staats und der Tagloͤh- ner im Dorf fanden einstimmig, es ist so! — Es war das Bild meiner Erfahrung — ich konnte nicht irren. — Nun gieng ich weiter, stieg zu den Quellen des Uebels hinauf. Ich wollte nicht blos sagen es ist so — ich versuchte zu zeigen, warum ist es so? Und wie kann man machen, daß es anderst werde? Das Bild ward umfassender. — Die Huͤtte der armen Frauen verschwand im Bild der allge- mach anruͤckenden Darstellung des Ganzen. — Es foderte viel. Die Maͤngel des Dorfs muß- ten in allen Verhaͤltnissen dargelegt werden, wie die Maͤngel des Lienhards und des Hummels. Die Mißbraͤuche im Einfluß der Religion — und die Irrthuͤmer in der Gesetzgebung muͤßten beruͤhrt, die Hindernisse des Fortschritts einer wahrhaft guten Menschenbildung mußten enthuͤllet, und ihre Quellen dargelegt werden. Die Schwierigkeiten einer bessern Volksfuͤh- rung mußten auf eine dem wahren Zustand des Volks angemessene Art gehoben, und die Moͤg- lichkeit der gaͤnzlichen Umschaffung der Seelenstim- mung desselben, im Zusammenhang aller seiner Verhaͤltnisse entwickelt und dargelegt werden. Der Geist im Dienst des Staats — die in- nere Enzwecke seiner Verwaltung — und eben so der Geist des Diensts am Altar — und der Einfluß seiner wirklichen Verwaltung mußte aufgedeckt, und bey beyden in allen Branchen seines Einflus- ses gezeiget werden, was diese Dienerschaft seyn koͤnnte — sollte — und nicht ist. — Die wahren Grundsaͤtze der gesellschaftlichen Ordnung mußten durch alles Gewirr der tausend- fachen Hindernisse hinab in die niedern Huͤtten ge- bracht — und das alles sollte sich allenthalben an wirkliche Volksbegriffe und Volksgefuͤhle anschlies- sen, und allenthalben sollte die innere Stimmung der niedern Menschheit den Bildern nahe stehen, die ich hinwerfe sie zu reizen, sich selber zu helfen. Ich wollte offen handeln vor dem Volk wie vor seinen Herren, und beyde durch richtigere Kennt- nisse der gegenseitigen Wahrheit in ihren Verhaͤlt- nissen einander naͤher bringen. Das ist, was ich versuchte zu leisten; das wesentliche, von allem, was ich sage, habe ich gesehen. — Und sehr vieles von dem, was ich anrathe, hab ich gethan. — Ich verlor den Genuß mei- nes Lebens in der Anstrengung meines Versuchs fuͤr die Bildung des Volks — und ich habe den wahren Zustand desselben, so wie die Mittel es zu aͤndern sowohl in ihrem großen Zusammenhang als im ungeheuern Detail seiner Millionenfachen sich immer vom Ganzen absondernden und allein wir- kenden Verhaͤltnisse gesehen, wie vielleicht Nie- mand. — Auch ist meine Bahn unbetreten, es hat es noch Niemand versucht den Gegenstand in diesen Gesichtspunkten zu behandeln — alles was ich sage, ruhet in seinem Wesen ganz bis auf sei- nen kleinsten Theil auf meinen wirklichen Erfah- rungen. — Freylich irrte ich mich in dem, was ich aus- fuͤhren wollte, aber eben diese Irrthuͤmer meines thaͤtigen Lebens haben mich in Lagen gesezt, das zu lernen, was ich nicht konnte, da ich es that. Lis Freund! diese Bogen, und nimm meinen Dank fuͤr die wichtigsten Gesichtspunkte derselben — die ohne dich nie so weit zur Reife gekommen waͤren, und laß mich von denselben dir sagen, — ich kenne Niemand, von dem ich mehr gelernt habe, und dessen Urtheil mir in Absicht auf die wichtigsten Theile der Volksfuͤhrung und ihrer Fundamente wichtiger ist, als das deine! — Freund! die Last meiner Erfahrungen liegt noch auf mir — noch leb ich wie im Traum, im Bild dieses Thuns, und mein Streben nach die- sem Ziel endet nicht in mir so lang ich athme — und so lang ich athme, bin ich nicht in meine r Sphaͤre bis ich fuͤr die erste Gesichtspumkte mei- nes Lebens wirklich thaͤtig werden kann. Sey forthin mein Freund! Ich bin ewig mit Dank und Liebe der Deine P** §. 1. Anfangs Sonnenschein. W ir sind um einen Schritt weiter — mit die- sem Wort endete ich. — — Ich fange wiederum an. — Als er heim kam, fand er zwey Briefe auf seinem Pult; der eine den er zuerst aufschnitt, war von dem Grafen Bylifsky, und lautet also — „Lieber! der Herzog ist entzuͤckt uͤber alles was du machst. Er hat mir deinen letzten Brief, den er nicht genug lesen konnte, noch izt nicht wieder zuruͤckgegeben; und will dich, wie du unter den Kindern von Bonnal im Pfarrhausgarten am Bo- den sitzest, von unsern Menzow abmahlen lassen; und sagte, das Gemaͤhlde muͤsse in das kleine Zimmer, das er seinen Winkel heißt, in welchem noch kein einziges Portrait ist, als das einige, A dessen Original du an Hals und Augen dem schlim- men großen Kopf gleich fandest, den Fuͤeßli in Lavaters Physiognomie gezeichnet — neben diesen kommst izt du — du gute Seele! gerade vor ihm voruͤber. — Was wirst du wohl auch — so ge- rade vor diesem Kopf voruͤber auf dieser Wand machen? — Und was wird der Herzog denken, wenn er diesen Kontrast — der wahrlich eine große Satire auf seine Regierung ist — fuͤhlen wird, wie er ihn gewiß fuͤhlen wird! — Die Zeit wird es lehren. Freund! man redt izt von dir bey Hof; und wie natuͤrlich hasset dich der Mann schon, dem alles zuwider, was den Herzog an das Menschengeschlecht erinnert. Er sagt laut: dieser Gedanke sey ihm nicht gesund; und doch wird er ihm anrathen, seinen Gelust zu erfuͤllen, deine Anstal- ten selber zu sehen; aber ich werde es noch lang hintertreiben. Wenn je ein Mittel ist, aus allem was du gethan, geschwind wieder Nichts zu ma- chen; so ist es dieses, daß der Herzog eine Lan- dessache daraus mache, ehe du sie als deine Pri- vatsache vollendest. Das koͤnnte Helidor wuͤn- schen, aber die Freude muß ihm nicht werden, dein Portrait auf diesem Wege von dem grauem Gobelin herabzubringen, auf dem er sich so wohl gefaͤllt allein zu hangen. Waͤrest du doch nur schon dort! du verdienst es mehr als Niemand — Du lebst in deiner Unschuld wie ein Kind — und weißest weder was du bist, noch was du thust; aber in einem ganz umgekehrten Sinn als wir hier, denen das leider auch begegnet. Dein Lieutenant ist Gold werth: sage ihm von meinetwegen, er solle dein Werk vollenden; und es sichs nicht verdrießen lassen, so lang es noͤthig, auf dieser niedern Stafel seiner so sichern als großen Leiter zu stehen. Was machen deine Kinder? Und Therese? Gruͤß mir sie; und sage ihr, ich sehe die Hofcer- kles nicht mehr, seit dem der Schwan weggeflo- gen, dessen sich unsere Gaͤnse auch izt, nur noch mit Neid erinnern. Therese war vorigen Sommer bey Hof. Lebe wohl! Schreib mir bald wieder. — Ich muͤßte dich izt um Briefe bitten, wenn ich sie auch schon nicht gern haͤtte. — Was ich dir wuͤnsche, mein Freund! ist, daß dein Gluͤck dem Meinigen nie gleich werde, denn es druͤckt mich auf beyden Achseln. Bylifsky — A 2 §. 2. Folget Regen. D ie Freude uͤber diesen Brief verlohr sich ob dem andern. Dieser war von seinem Onkle, dem Ge- neral von Arnburg, der mit Sylvia, seiner Niece, einen Besuch fuͤr etliche Wochen ankuͤndigte. Ob ihm erschracken sie nicht. Er war ein guter Mann, der den Morgen mit seiner Schok- kolade und Toilette durchbrachte, ohne jemand zu plagen, und zufrieden war, wenn man ihn denn nur nach dem Mittagsschlaf bis zum Nachtessen vergesellschaftete. — Aber ob der Sylvia erschra- cken sie herzlich. Es waͤre das gleiche gewesen, wo er sie immer mitgenommen haͤtte — denn außer ihm wuͤrde gewiß kein Mensch, der sie kennt, nicht erschrecken etliche Wochen mit ihr unter einem Dache zu wohnen, und er selber gewiß auch; aber sie war seines Bruders Tochter, und aus Mitlei- den hatte er sich ihrer beladen. In der Jugend, von einem verschwenderischen Vater wie eine Prinzeßin verderbt, hatte sie in vollem Maaß die Fehler der Menschen, die nicht wissen, wo das Brod herkommt; und durch seinen Tod ploͤtzlich in Armuth und Abhaͤnglichkeit versezt, hasset sie izt jedermann, dem es besser geht als ihr; und braucht das Einzige was sie eigenthuͤmliches hat, ihr bischen Geist, zu kraͤnken wen sie beneidet. Ihr ganzes Wesen ist krum. Sie schaͤmt sich nicht. — Was sie redet, thut der Unschuld weh, oder macht sie erroͤthen. — Sie hasset was den geraden Weg gehet, und verachtet was natuͤrlich, unverdreht und unverkehrt ist. — — So ein Mensch ist sie. — Wenn man von einem schwangern Weib redt, so speyt sie auf den Boden, und es ist ihr Wort — „Haͤtte der Narr nichts gescheiders thun koͤnnen, als noch ein elendes Geschoͤpf mehr auf die Welt setzen?„ — Die Person, die sie mit sich gebracht, hat viel aͤhnliches mit ihr; aber sie ist mehr — Sie giebt ihr den Namen Freundin; ich denke so lange es gut geht, denn sie steht bey ihr im Jahr- lohn, sie heißt Aglee. — Beyde sind nicht gern auf das Land gekommen, und hatten den Onkle schon zwey Jahre von dieser Reise abgehalten. Dieß Jahr konnten sie es nicht; und brachten also neben ihren Karaktern noch ihre boͤse Laune mit sich. Der Rollenberger war der erste ob dem sie sie ausstießen. Er legte mit seinem Karl einiges Saa- menzeug im Garten auf einer Bank in Ordnung; A 3 als diese beyde schon am andern Morgen ihres dasi- gen Aufenthalts, so franzoͤsisch neben ihn auf beyden Seiten absaßen, daß das halbe Saamenzeug ab der Bank in Boden fallen mußte. Der Karl, der seiner Lebtag kein Bauernweib in einem fremden Hause so auf einer Bank die voll Zeug war, absitzen gesehen, machte ihnen Au- gen, wie er auch seiner Lebtag noch keiner Bauern Frau gemacht — und das Maul war ihm schon mehr als halb offen, als er sah, daß ihm der Rollenberger winkte. — Er that es wieder zu, und gieng, ohne ein Wort zu sagen, fort — aber man sahe ihm an, daß es ihm weh that — er ward roth. — Sylvia lachte spoͤttisch uͤber sein Roth- werden gegen Aglee; sagte dann zum Rollenberger, was er ihn auch lehre, es duͤnke sie, er wisse so nichts. Betroffen uͤber diese Frage antwortete dieser, er hoffe, wenn sie sich eine Weile hier aufhalten, so werden sie es dann selber sehen. — Sie erwiederte, ob er auch eine Bibliothek habe? und wo er studiere? Nicht gewohnt, also gefragt zu werden; und unwissend, wo diese Fragen hinlangen, schwieg er einen Augenblick still, dann antwortete er ihr steif ins Gesicht sehend: Nein! er habe nirgend studiert und habe keine Bibliothek! Sie blieb ihm, wie natuͤrlich, mit den Augen nichts schuldig und fuhr fort — Ob er schon eine Erziehung unter den Haͤnden gehabt? Daruͤber antwortete er Ja und das eine von zwoͤlf Kindern. — Sie . Was er aus ihnen gemacht? Er . Nach einigen Staunen — brauchbare Kinder, uͤber die bis izt Gottlob noch Niemand einige Klage hat. — Sie . Wo diese Kinder seyen? Er . Daheim bey ihrem Vater. — Sie . So — Wer ist denn ihr Vater? Er . Der Amtmann von Cleberg. Sie . Sie wolle wohl glauben, daß er im Stande sey, fuͤr einen Bauernamtmann eine ganze Heerde Kinder zu erziehen — aber ihr Vetter sey ein Narr, und wisse nicht, was eine Erziehung fuͤr seinen Stand brauche — und er haͤtte auch diesen Dienst nicht suchen sollen. — Er . Er habe den Dienst (das Wort Dienst langsam aussprechend) — nie gesucht. Sie . Man werde ihm fuͤr diesen Dienst (das Wort Dienst hart und eben so langsam ihn ver- spottend aussprechend) nachgelaufen seyn? — A 4 Sie sprach in diesem Ton noch lange fort. Es trieb dem guten Menschen den Schweiß in die Fingerspitzen; aber endlich nahm er den Reißaus. Als die Frage zum Drittenmal wieder kam, was er denn in aller Welt auch verstehe und koͤnne den Buben zu lehren? Antwortete er: Muß ich ih- nen denn alles sagen, was ich kann? Sie erwiederte, fang er nur einmal an etwas zu sagen. Auf dieses hin sagte er, nun dann — ich kann Kuͤhe und Ochsen maͤsten — ich kann zu Acker trei- ben, und ansaͤen; ich kann Wassermatten und Klee- felder anlegen — ich verstehe den Waldbau, wie den Bergbau — ich kann mit den Bauern rechnen wie mit den Herren; und was man mir anver- traut, dem lieg ich fruͤh und spaͤt ob. Diese Antwort sprengte die Dame von der Bank auf — So ein Maul habe ich in meinem Leben nicht gesehen fuͤr einen Idioten, sagte sie beym Weggehen zur Aglee. Diese erwiederte ihr, sagen sie ihm nicht so, er ist ihrer Meister worden. §. 3. Von der adelichen Erziehung. Von den adelichen Rechten. Und auch etwas von Bauern Rechten. S ich zu raͤchen, erzaͤhlte sie die ganze Unterredung, und noch mit Zusaͤtzen, dem Arner, und dann noch in Gegenwart des Generals, von dem sie wußte, daß er auf des Adels hinterste Zugabe kindisch auf- merksam immer glaubte, man koͤnne fast nicht ge- nug thun, ein adeliches Kind unterschieden genug von den andern zu erziehen. Dieser fand auch, wie natuͤrlich, der Vetter sey mit einem solchen Menschen hiezu nicht versorget; und der Knabe werde fuͤr seinen Stand, und fuͤr seine hohen Rechte, bey weitem nicht in der Ordnung erzogen. Bey diesem Worte fiel ihm Sylvia in die Re- de, und sagte — ja Onkle, der Vetter achtet die hohen Rechte nicht viel, er achtet sie so wenig, daß er den schon angefangenen Weg uͤber die Fel- sen, der das Schloß doppelt so viel werth machen wuͤrde, und den sein Großvater mit so vieler Muͤhe von den Bauern erstritten, eingehen laͤßt, wie wenn dieses Recht nichts waͤre; aber er kann so den lie- ben Bauern und dem lieben Bauernvieh die Arbeit schenken. Erbittert uͤber diesen Ton und dieses Anbrin- gen erwiederte Arner kurz und trocken, sie waren mir den Weg nicht schuldig. Sylvia . Es ist doch ein Urtheil von Hof aus wider sie ergangen. — Arner . Es ist ihnen Unrecht geschehen. — Sylvia . Das waͤre! General . Aber wie ist ihnen Unrecht ge- schehen? Arner . Sie haben Brief und Siegel dafuͤr, daß sie den Weg nicht schuldig sind. — Sylvia . Warum verlohren sie denn den Prozeß? Arner . Nur um des kleinen Umstands wil- len, weil man ihnen die Briefe und Siegel im Amte hinterhalten; und deutsch gesagt, gerade zu abgelaͤugnet hat. Sylvia . Und Sie haben sie ihnen da wie- der gegeben? Arner . Das versteht sich; und bestaͤtiget dazu. General . Das ist izt doch zu viel. — Arner . Warum lieber Onkle? General . Deine Kinder und Kindeskinder koͤnnten anderst denken als du; und man muß nie eine Gewalt die man hat aus den Haͤnden lassen: wenn man meynt man habe das Recht nicht dazu, so kann man sie so lang man will nicht brauchen, und das ist doch denn ja genug. So wie er den Karl erzieht, ist er sicher, daß er nicht anders denken wird, sagte Sylvia. Der General erwiederte, das gehoͤrt izt nicht hieher. — Und Arner — Onkle! man thut gewiß am Besten, man lasse einem jeden seine Rechte, wie man die seinigen auch gern hat. Sylvia erwiederte, das ist nicht geredt. Die Bauern haben keine Rechte; ihre Rechte sind nur Gnadensachen. General . Voͤllig so ist es doch auch nicht. Arner . Und wenns auch waͤre, so waͤr es nicht fuͤr mich. Die Bauern machen so widrige Gesichter wenn man ihnen ihre Rechte nimmt, daß ich auch nur kein Roß im Stall haben moͤchte, das den Kopf und das Maul haͤngen, und Augen ma- chen wuͤrde wie dergleichen Bauern. — Sylvia . Die Roßordnung und die Bauern- ordnung lassen sich nicht miteinander vergleichen. Arner . Ihr meynet etwa, man koͤnnte nicht bestehen, wenn man die Bauern so gut halten wuͤr- de als die Pferde? — Sylvia . Meinethalben! probiert es, ihr werdet es denn erfahren. Das Gespraͤch machte dem Onkle Muͤhe; er war mit beyden unzufrieden; und gieng bey Anlaß der Pferde in den Stall, zu sehen, was sein Brauner mache. — Der Knecht hatte ihm gestern gesagt, es fehle ihm etwas am Fuß. — §. 4. Die Spinne arbeitet fleißig an ihrem Gewebe. S ie fuͤrchteten Niemand; und nichts als des Lieu- tenants Augen und Stille. Sie sahen wohl, daß er reden konnte, wenn er wollte; dafuͤr aber suchten sie ihn aus dem Schlosse zu sprengen, so bald sie koͤnn- ten; und da sie vernommen, er schneide den Kin- dern in der Schule die Haare und die Naͤgel ab, hatten sie ihre Sache in der Ordnung. — Bey dem ersten Essen ruͤckte Aglee, da er ihr, wie gewoͤhnlich, den Teller anboth, mit dem Stuhl hinter sich von ihm hinweg. Er wußte nicht was es war, der ganze Tisch sah hinunter, was es ge- ben wolle, und Sylvia sagte dann ganz laut und vernehmlich von oben herab: „Es sey nichts an- „ders, als ihre Freundin sey ein wenig eckel, und "ihr Herr Nachbar schneide den Kindern in der "Schule die Haare und die Naͤgel ab.„ — Izt stund der Lieutenant auf, nahm seinen Stock und Hut, und gieng auf sein Zimmer. Der General rief ihm zwar, es sey nicht so Boͤse gemeynt; er muͤsse es nicht so nehmen, es seyen Frauenzimmer. Aber Sylvia sagte eben so laut: Laßt ihn doch gehen, es ist just was wir wollen. — Arner rief, indem er auch aufstund, seinen Knechten vom Tisch weg, wo sie aufwarteten; und befahl noch in der Stuben, im Augenblick seine Kutsche anzuspannen. Schrieb dann in des Lieute- nants Zimmer mit Bleystift auf eine Karte an den Pfarrer von Bonnal: „Ich habe Leute bey mir, die keine Men- "schen sind; und bis diese fort sind, kann ich "keine Menschen bey mir haben.„ — Und sandte den lieben Mann mit diesem Fracht- brief auf Bonnal. Als er ihm in die Kutsche hin- einhalf, sagte er ihm noch: Was mir leid ist, mein Lieber! ist, daß ich nicht mit kann. — Alles war izt am Tische still; und man hoͤrte keinen Ton, als daß Karl halb laut zu seinem Rol- lenberger sagte — „Es darf izt nur Niemand kein "Wort sagen! es ist doch nicht recht, es wissens "alle, wie die Jungfern in ihrer Stube eine Ord- "nung haben, und wie ihnen aller Gattung Haa- "re und Straͤle, und dergleichen Zeug, in allen "Ecken herumliegen; gehe man in Herrn Lieute- "nants Zimmer, und sehe, ob man so etwas da- "rinn finde.„ So gab es alle Tage etwas — Auch frug der Karl alle Tage die Mama, wann gehen sie auch wieder fort? Armer Karl! du wirst noch viel erleben bis dann — Der General will den Selzer hier trinken, und hat ihn kaum angefangen, aber er kann ihm nicht wohl thun; er hat keine Freude dabey; Syl- via verbittert alles. Arner hatte doch das ganze Haus, von oben bis unten, ihrenthalben in Ordnung gebracht; Stall und Jagdzeug, und Kutschengeschirr ausputzen lassen; und Therese alle Huͤner, und alles was le- bendig war, aus dem Hofe wegschaffen und ein- sperren lassen; und auch um ihrentwillen keinen Mist in die Gaͤrten gethan, da just darein sollte; und hingegen alle Spatziergaͤnge mit Sand uͤber- fuͤhren lassen. Auch hatten sie ihnen fast alle Tage Gesellschaft, oder fuhren mit ihnen aus, und das allemal auf Schloͤsser, nie in kein Pfarrhaus, und nie zu keinem Buͤrger, damit sie ja nichts zu klagen haͤtten. Aber es war umsonst; Sylvia hatte sich vorgenommen ihnen Verdruß zu machen, und machte den General taͤglich auf hundert Umstaͤnde aufmerksam, die seinen Adelstolz reizten, indem sie ihm bald alle Stunden etwas zeigte, das er fuͤr ih- ren Stand nicht schicklich hielt. — Sie bracht' es auch bald dahin, daß er es nicht mehr ausstehen konnte, wenn Arner von der Schule, vom Lieute- nant, oder vom Pfarrer in Bonnal nur ein Wort redte, und ihm taͤglich sagte: du plagest dich mit Sachen, die dich nichts angehen; und beladest dich mit Leuten, von denen du keine Ehre hast, auch kannst du so unmoͤglich gesund seyn, wie du dich den ganzen Tag anstrengst. — Umsonst sagte ihm dieser, es mache ihm keine Muͤhe, er thue es ja gern. Man siehts dir ja an, erwiederte der Alte, daß du nicht wohl bist; es ist nichts daran schuld als dieses, und der taͤgliche Verdruß, den du dir noch damit zuziehest. — Das plagte Arnern, und der Plage los zu werden sagte er endlich dem Hof- mann, es stehe nicht mehr bey ihm, ob er diese Sachen wollte liegen lassen oder nicht, der Herzog wisse davon, halte die Sache fuͤr gar wichtig, und er muͤsse gar oft Berichte von allem nach Hof schi- cken, die seiner Durchlaucht selbst zu Handen kom- men. Dann ists etwas anders, wenn der Herzog davon weißt! — dann ists etwas anders — sagte izt der Alte; und es freute ihn so sehr, daß er nicht mehr daran sinnte, es schade dem Vetter an sei- ner Gesundheit. — §. 5. Die Spinne glaubt ihn wie eine Muͤcke im Netz; aber die Muͤcke fallt durch, und zerreißt ihr das Garn. E r sagte wohl noch viermal, dann ists etwas an- ders — und gieng bald hinauf in der Sylvia Zim- mer, sagte ihr das gleiche, und der Herzog wisse davon, man muͤsse sich gewahren; aber diese lachte ihn aus, und erwiederte ihm, sie muͤßte es auch wissen, wenn im geringsten so etwas wahr waͤre; aber sie koͤnne ihn versichern, alles was man vom guten Vetter bey Hof wisse und sage, sey mehr nicht und minder nicht, als er sey ein Narr. Du mußt izt dieses auch nicht sagen, sagte der Alte. Sie aber erwiederte: Nun — ihr wisset doch gewiß noch, daß ich es schon vor 5 Wochen erzaͤhlt, daß Helidor, da ich ihm von euerer Reise hierher etwas gesagt, mir zur Antwort gegeben, was wir auch hier thun wollten, Arner sey einer der ersten Fantasten in der Welt. Das ist wahr, antwortete der General; aber er steht mit Bylifsky gut. — Aber Aber was ists dann? antwortete Sylvia, By- lifsky ist fuͤr den Herzog nur ein Karrenroß, der andere ist Kutscher, und der Bylifsky, der gut weiß daß der andere das ist, hat seinen Platz zu lieb, als daß er dem Herzog von Sachen rede, die dem Helidor zuwider sind wie Gift. — Meynst du denn der Herzog wisse gar nichts davon, und er habe mir dieß nur so angegeben? sagte der General. — Silvia . Der Vetter muß ihnen das vor dem Nachtessen noch selber bekennen. — General . Wenn du das machen koͤnntest, ich wuͤrde Morgen wieder verreisen, wenn ich schon meine Cur erst angefangen. Sylvia . Auf dieses hin will ich noch heute einpacken. General . Nein: wart doch bis Morgen, es ist dann noch Zeit. Sylvia . Fangen sie nur beym Thee wieder davon an. — Der Thee kam, und der Herzog war bald da. Der Vetter wird wohl gespaßet haben, sagte Sylvia alsobald. — Das just nicht, erwiederte Ar- ner. — Sylvia . Aber der Herzog — was wird wohl der Herzog von ihrer Schule wissen? Arner . Vieles. — B Sylvia . Gewiß? — Arner . Ich koͤnnte noch mehr sagen. — Sylvia . Was koͤnnten sie wohl mehr sagen? Arner . Ich koͤnnte sagen, — Alles. — Sylvia . Ich denke wohl, sie koͤnnten sagen — alles — Aber wenn man es dann auch glaubte. Arner . Sie haben recht, es ist besser, ich bleibe beym Vieles. Sylvia . Ich wuͤßte etwas, das noch besser waͤre. — Arner . Was das? Sylvia . Wenn sie sagen wuͤrden, gar nichts — Arner . Wenn sie allein da waͤren, ich wuͤr- de ihnen sicher sagen, gar nichts. — So woͤrtleten sie miteinander, bis Arner end- lich Bylifskys Brief herabholte, und zwey davon dem Generalen ganz zu lesen gab; den dritten las' er ihm vor bis auf die Stell im Anfang, in der Bylifsky die Gleichheit Helidors mit Fuͤeßlis Teufel in Lavaters Physiognomik bemerkte, das dorfte er ihm nicht vorlesen, weil Sylvia ihn kannte. — Sie gieng, so bald der Onkle die Brille aufsetzte und anfieng laut zu lesen, vom Tisch weg, aber der General sagte, indem er einen Augenblick still hielt, es ist izt gleich viel, es scheint du habest recht, und sie habe unrecht. — Er las dann mit seiner Brille an den Ohren fort, das Herz klopfte ihm vor Freuden, besonders daß der Minister dem Vetter noch Du sage; das haͤtte zu meiner Zeit nicht statt gehabt, sagte er, wenn einer so hoch hinauf gestiegen, so hat er das gegen Niemand mehr gethan. Er haͤtte mir bald ausgeschrieben, erwiederte Arner, wenn er seinen Ton um seines Postens wil- len geaͤndert haͤtte, ich wuͤrde ihm gewiß kein Wort antworten. Der General wußte vor Freuden nicht, was er machen wollte, und sagte etlichemal, er muͤsse izt sehen, daß er aufrichtig sey, und er wolle es ihm seiner Lebtage nicht vergessen. Dann fieng er vor lauter Freude an uͤber Sylvia zu klagen, und sag- te, er sey auch nicht mit ihr zufrieden, und sie mache es ihm auch nicht wie sie sollte, er wolle es izt nur sagen, er wisse wohl daß es im Vertrauen ge- redt sey, sie haben die vorige Woche auf ihrer Stube etwas gemacht, das ihm gar nicht gefallen habe. Arner fieng an vom Herzog zu reden, um ihn von diesem Gespraͤch wegzulenken, aber er fuhr fort, und sagte, Nein: du mußt mich es izt doch sagen lassen, sie haben von ihrem kleinen Hund den Schattenriß genommen, und dann den Hundskopf in Hut und Zopf und Kleid mit des Lieutenants seinem Profil so gleich gemacht als sie haben koͤn- nen, und ich weiß nicht, wozu sie diese Bosheit brauchen wollen. B 2 Arner und Therese waͤren beyde froh gewesen, sie haͤtten das nicht vernommen, und sagten dem Onkle, es ist einem woͤhler, wenn man dergleichen Sachen nicht weißt. — Ich habe es euch einmal auch sagen muͤssen, erwiederte der Alte — aber es habe ihn doch gereuet, so bald es zum Maul hin- aus war, denn er fuͤrchtete Sylvia. Diese sagte auf ihrem Zimmer ganz kalt und bitter zu Aglee, sie koͤnne nicht begreifen, daß By- lifsky es wage von solchen Affereyen mit dem Her- zog zu reden. Aglee erwiederte, sie verwundere sich gar nicht daruͤber, es sey izt das Modefieber an vielen Hoͤfen. Aber an unserm, sagte Sylvia, wo der Her- zog schon vor 20 Jahren darob ein Narr wor- den, da ists doch gewiß ein Wunder, daß mans wagt, ihm muthwillig und oͤffentlich dieses Fieber wieder in den Leib zu jagen, damit ich der schoͤnen Krankheit keinen andern Namen gebe. Dann staunte sie eine Weile, und sagte bald darauf noch, entweder weiß Helidor etwas davon, und dann ist es nichts anders als eine Falle, die er dem Bylifsky legt, und ich glaube es, der Dick- hals mache izt den Blinden, und wisse von allem nichts, bis der Minister mit seinem guten Freund bis uͤber die Ohren hinauf im Kothe steckt, denn juckt er einsmal hervor, und zeigt sie dem Herzog wie sie stecken. Im andern Fall, wenn es ein Um- weg vom Bylifsky waͤre, was am Ende auch moͤg- lich ist, hat Helidor Bericht noͤthig; und es traͤum- te ihr, sie sey izt am Platz, wo sie ihm in beyden Faͤllen mehr als ein Mensch dienen koͤnne; denn sagte sie zu sich selbst, er muß gewiß, und wuͤnscht gewiß, seiner blinden Durchlaucht hieruͤber den Nebel von den Augen weg zu thun, und die Herren Menschlichkeitskraͤmer mit Raritaͤtenkaͤstchen recht geschwind in das Koth hineinzufuͤhren, wo sie hin- eingehoͤren, und wo sie fruͤher oder spaͤter, auch ohne daß man ihnen helfen wuͤrde, hineinkommen muͤssen. Von diesem Augenblick an waren alle ihre Sinnen auf diesen Zweck gerichtet. §. 6. Das Herz giebt allem, was der Mensch sieht und hoͤrt, und weißt, die Farbe. I hr Jaͤger kannte den Lieutenant, und hatte ihr, so bald er gemerkt, wie sie es mit ihm habe, schon laͤngst erzaͤhlt, daß er nichts mehr und nichts weniger sey als ein armer Schlukker, der sich viele Jahre lang in diesen Gegenden auf den Schloͤssern B 3 herum gebettelt, und reichen und armen Junkern fuͤr das liebe Brod Land ausgemessen; er sey aber, nach seiner Erzaͤhlung, woruͤber angetroffen, hochmuͤ- thig, und so verachtet worden, daß die Dienste in den Schloͤssern die Bauern und das junge Volk allenthal- ben gegen ihn aufgehezt, so daß sie ihm hinter allen Hecken nachgerufen: „Joggeli willt Geld? und Jog- geli hast Geld?„ Diesen Jaͤger rief sie auf ihr Zim- mer, und sagte ihm, er muͤsse ihr des Joggeli willt Geld? und die Ungeziefer Historie unter die Bauern von Bonnal bringen, und wenn es auch schon etli- che Maaß Wein koste, suchen aufzutreiben, was die Leute in dieser Gegend uͤber diese drey Herren und ihre schoͤne neue Ordnung alles sagen. Er thats wie ein Held. — Vor Uebermorgen wußten alle Kinder in Bonnal das Joggeli, willt Geld? und die Ungeziefer Luͤge wie auswendig. — Und der Sylvia bracht er ab dem Riedt heim, es sey eine Lumpen-Maurersfrau, die, wie man glaube, dem Junker gar wohl gefalle, an allem Schuld; sie habe dem Lieutenant die neue Schulordnung und das Spinnen und Lernen mit einander angegeben, und ihm im Anfang in der Schul selber zeigen muͤssen wie sie es mache. — Die Kinder lernen zwar mehr; aber sie werden geizig und hochmuͤthig, und verachten die Aeltern, und meynen es wisse Nie- mand nichts als sie. Und dann — der Junker ha- be freylich einen Vogt abgesezt, der ein Schelm ge- wesen, aber dafuͤr einen gemacht, der ein Narr sey, und im Grund habe es das Dorf nicht besser, es gehe unter Narren immer noch schlimmer als unter Schelmen, und man thue izt im Geheim, was man zuvor oͤffentlich gethan. — Und dann — Der Pfarrer achte den Gottesdienst nichts, predige wann er wolle, und wann er nicht wolle, so lasse er es bleiben, und wann es ihn ankomme, so laufe er mit seinen Leuten wie mit einer Heer- de Schaafe zur Kirche hinaus, und im Dorf herum. Vom Teufel sey keine Rede mehr und uͤber die Gespenster treiben sie ihr Muthwillen so weit, daß sie es nicht achten, wenn schon das halbe Dorf dabey koͤnnte ungluͤcklich werden. Sein Kut- scher habe vor wenig Wochen beynahe den halben Kirchgang im Eybach ersaͤuft, er habe zu Nacht um 12 Uhr, da die guten Leute auch mit einem Glas voll Wein im Kopf vom Markt heimgekom- men, mit seinen großen Kutschenlichtern aus Muth- wille mitten in der Straße still gehalten, und die armen Leute erschreckt, daß alle miteinander in den Bach gefallen, und wenn er groß gewesen waͤre, wie er zu Zeiten sey, gewiß ihrer etliche haͤtten er- trinken koͤnnen. B 4 Wann Buben Voͤgel fangen, haben sie kei- ne groͤßere Freude, als Sylvia, wann der Jaͤger solche Nachrichten heimbrachte. — Das ist Waare — fuͤr den Dickhals — sagte sie bey sich selbst, ich koͤnnte keine bessere wuͤnschen, und plagte dann noch den guten Onkle damit, daß sie ihm alles erzaͤhlte, und noch mehr ihm als der Jaͤger ihr selbst prophe- zeyte, mit der ganzen Behaglichkeit eines den gu- ten Mann druͤckenden Wohlgefallens, wie des Vet- ters großer Ruhm sich gewiß mit einer lustigen Hof- komoͤdie endigen werde! Es machte dem armen Alten so angst, und je mehr es ihm angst machte, je mehr glaubte er es; und je mehr er es glaubte, je mehr kam die boͤse Laune wieder in ihn hinein: der Vetter koͤnnte auch anderst seyn — wenn es dennoch nichts nuͤtze, so sey es doch widrig, daß er auch nicht sey wie an- dere Leute, und wie seines gleichen. Auf diesem Wege ward er wieder unzufrieden, wenn nur ein Bauer kam; und wenn einer kam, zeigte ihn ihm Sylvia schon von Weitem, und machte gemeiniglich dabey noch die Anmerkung, es kommt wieder jemand fuͤr ihn, er wird euch izt wohl ste- hen lassen. Das begegnete alle Tage, und alle Tage ward der Alte daruͤber empfindlicher, und das um so mehr, da er izt zu Arner nichts mehr daruͤber sagte. Sylvia sah es, und sagte dieser Tage zur Aglee, es kochet in ihm, wie ich es gern sehe! Sie hatte recht, es kochte wirklich in ihm, und uͤbersott bald wie sie es gerne sah. §. 7. Ein Mann, ein Weib, ein Hund, und ein Kind. D er Tag war heiß, sie hatten Fremde, und er hatte mehr als gewohnt getrunken. Er erkuͤhlete sich nach der Mahlzeit auf der Terrasse. Da zeigte ihm Sylvia wieder einen Bauern am Thor, und wieder mit den Worten: Er wird uns izt bald wie- der lassen, da er jemand fuͤr ihn hat. Das Feuer war im Dach, er rief dem Bauern hinunter, er solle sich packen, so lieb ihm Gott sey. Aber der Michel am Thor dachte, der Wein redt aus dem Herrn — ich muß meinen Brief ab- legen, gieng nur ein wenig beyseits und nicht fort. Da sehet ihr, sagte Sylvia, es weißt ein jeder Bauer, was ihr hier zu befehlen habt, und reizte ihn mit allem Fleiß so fort, bis er endlich dem Jaͤ- ger rief, er soll den Kerl da unten mit den Hun- den wegjagen. Er hatte es kaum gesagt, so rief man ihm wieder in die Stube an sein Spiel — und der Jaͤ- ger hatte Hund und Mann jeden an seinem Ort gelassen — aber Sylvia winkte ihm, er solle ihn hetzen. Der Karl sah ihn zur Scheuer hinabspringen und die Hunde abloͤsen. Was will das geben? dachte er bey sich selber. Aber als er sie hetzte, dacht' er nicht mehr — er lief ihnen, was er ver- mochte nach, rief sie zuruͤck, faßte den Sultan der ihm folgte, am Halsband, und lief so den Hund mit an der Hand dem andern nach, und rief immer, Tuͤrk, Tuͤrk, hier, hier, aber er kame nicht. Sylvia sahe dem Spiel wie eine Komoͤdie von der Terrasse hinab zu, und rief ihm von da hinun- ter, du Narrenbub! er wird ihn nicht fressen. Es ist wahr, er haͤtte ihn nicht gefressen, er haͤtte ihn nicht einmal gebissen, wenn er seine Ord- nung verstanden haͤtte. Der Schloßhund war ge- wohnt, den armen Leuten, gegen die man ihn hetzte, nichts zu thun als ihnen ein Stuͤck, aber nicht gar ein kleines von ihren Fetzenkleidern vom Leibe zu reißen, wenn er dann aber das hatte, setzte er sich nieder, nahm es zwischen die Tatzen ins Maul, und spielte damit, aͤhnlich wie ein Mensch, der Freude daran hat, wenn er einen armen gekraͤnkten Menschen voll Furcht, er sey von ihm gebissen, von ihm weglaufen siehet. Das war des Hunds seine Ordnung, aber wie gesagt, der Michel verstund sie nicht, und stellte sich, so bald er ihn gegen sich anspringen sahe, mit dem Ruͤcken gegen die Mauer, sagte ganz laut, ist es so gemeynt? Empfieng ihn da mit seinem Knorrenstock, wie ein Mann, der auch schon Hunde gesehen, und nicht vor einem jeden flieht. Der Hund dieses Empfangs so ungewohnt als der Mi- chel des Angrifs, vergaß ob dem Streich seine Er- ziehungsregeln vollends, und packte seinen Mann wie ein ganz natuͤrlicher und ohne Kunst gezogener Hund mit der vollen Kraft seiner Zaͤhne am Schen- kel; aber dieser staͤrker als der Hund, schwenkte ihm den Schenkel aus der Schnorren, und schlug ihm den zweyten Streich so hart auf die Rippen, daß er heulend zuruͤck wich, und auf dem Bauch kroch. Du verfluchter Bube, wart! wenn der Hund drauf geht, rief ihm Sylvia von der Terrasse hin- unter, und er, der vor Schmerz und Wuth nur den Hund im Kopf hatte, und in diesem Augen- blick noch nicht im Stand war einen genugsamen Unterschied zwischen ihr und ihm zu machen, rief ihr hinauf, und wenn ich darauf gehe, so wart denn Du! — Schweig doch, schweig doch, und gieb ihr kei- ne Antwort! du siehest ja wohl wer es ist, sagte der Karl, der izt mit seinem Sultan neben ihm stand. Bist du es Bub? ja komm doch, komm doch, sagte das Kind, und zog ihn am Rocke fort. Der Michel mußte izt weinen ob der Guͤte des Buben, an dessen Hand er izt fortgieng. Er verdiente die Thraͤnen des Mannes. Er entschuldigte seinen Vater, und sagte zu ihm, er sey gewiß nicht Schuld, und werde ihm gewiß helfen. — Ich weiß es wohl, daß dein Papa nicht Schuld ist, und wenn ich auch sterben muͤßte, er waͤre mir gleich lieb, sagte Michel. Aber du stirbst doch nicht? Gelt! du stirbst doch nicht? Es war ihm angst, er sah ihm das Blut uͤber sein Bein herabfließen. Wie der Donquischotte Bub das Haͤndchen dem Mann giebt! den sein Onkle mit den Hunden fort- jagen lassen, sagte Sylvia auf ihrer Mauer zu Ag- lee — und war das erste Wort, das sie redte, seit dem er ihr, „und wenn ich drauf gehe, so mußt "denn du warten!„ hinaufgerufen. Sie schaͤm- te Anmerkung. Es ist ein Zug ihres Karak- ters, sie schaͤmt sich nie — daß sie sich izt schaͤmt, widerspricht diesem Zug nicht, so wie der Hochmuth ohne Ehrliebe statt hat, so hat falsche Scham ohne wahre Schamhaftigkeit statt. — — sich ob diesem Wort vor Aglee, that derglei- chen, wie wenn sie ihn nicht verstanden — aber doch redte sie bis izt nichts. — Es ist gleich viel, erwiederte diese. Der Mann hat sich doch besser gehalten als der Hund. Es ist wahr, sagte Sylvia, die Bestie hat kein Herz, ich habe es gesehen, sie hat ihr schon ge- fuͤrchtet, eh' er ihr den ersten Streich gab. Dann gieng auch sie in die Stube, sagte dem Onkle ins Ohr, sie glaube, der Hund habe dem Kerl zu Ader gelassen, aber nur ein wenig am Bein, und es ma- che nichts. Dieser gaͤhnte eben als sie es sagte, und hoͤrte es kaum. — Aber der Michel blutete immer staͤrker, und unten am Vorreyn wollte ihm ohnmaͤchtig werden, er merkte es und schickte den Karl fort, dem Klaus zu sagen, er soll zu ihm hinunter kommen, und das geschwind. — Du bist izt hier sicher, und es thut dir hier ge- wiß Niemand nichts, sagte der Knabe, und dann im Fortspringen einsmal uͤber das andere zu sich selber, die Hundsleute, die Hundsleute! das ist Zwingherrn Arbeit, wie auf der Tapete. § 8. Die Weisheit der Alten, und das Maul der Neuen. E r meynte die Tapete im alten Rittersaal, die der gute Ahnherr, von dem alle Dorffreyheiten herstam- men, seinen Kindern und Kindskindern und auch den Rittern, seinen Nachbarn zur Lehre und zum Exempel, mit den groͤsten Fehlern und den besten Tugenden der Ritterleuten hat bemahlen lassen. Es sind 12 solche Tapeten, und auf einer jeden Tafel ein sogeheißener Ritterstreich; dann oben an dem Ritterstreich diejenige christliche Tugend, die diesem Ritterstreich entgegen ist, abgemahlt. Vor- nen an der ersten Tafel ist auf einer Fahne, die Blut roth ist, mit großen Buchstaben das Wort Heiden Ritter, und oben vornen an den Tugenden auf einem weißen Schild das Wort christlicher Adel. Die schoͤnste unter den 12 Tafeln, oder ein- mal die, woruͤber der Karl am meisten gelacht, stellt einen solchen Heiden Ritter vor, mit einem gro- ßen Hut, einer Kette darum, und einer weißen Feder darauf, just wie man izt auf allen Pettschaf- ten sieht, und wie ich glaube, Freyheits-Hut heißt. Dieser Heiden Ritter laͤßt auf der Tafel einen Bauern, der ihm Wild geschossen, auf einen großen Hirschen schmieden; aber hinter ihm ist dann der Teufel abgemahlt, wie er seine schwarzen Klauen gegen eine weiße Freyheitsfeder, und gegen seinen Hals ausstreckt, und wie ihm die Worte „Laß ihn "nur reiten, du mußt dann auch reiten„ — zum schwarzen Maul hinausfallen. — Die Buchstaben sind alle roth, und eng an einander, so daß es ist, wie wenn er die Worte zum Maul aus blutete. Auch ist von diesen rothen Buchstaben im Schlosse das Spruͤchwort entstanden, daß man wohl 300 Jahr in dem Hause allen unmenschlichen und harten Worten, und allen dergleichen Ritterstreichen kei- nen andern Namen gegeben, als Teufels Blut. So bald der Karl den Klaus gefunden und fortgeschickt, gieng er wie er war, die Haare uͤber die Stirne, und mit Blut am Kleid und an den Haͤnden, in die Stube, wo man spielte, und draͤng- te sich zwischen Herren und Frauen, die er nicht sah, hindurch zum Papa ihm zu sagen, was begegnet sey. Therese sah, daß es etwas unrichtiges seyn muͤsse, und stund von ihrem Tisch auf. Sylvia hinge- gen blieb sitzen, und rief mit den Karten in der Hand gegen sie uͤber, „sie bitte den jungen Herrn, "daß er nicht so viel Wesens mache, sie habe allem "zugesehen, der Kerl sey frisch und gesund vom "Schloß weggegangen, und also koͤnne ihm nicht "viel fehlen, uͤbrigens sey er an allem selber "Schuld, und habe es so wollen. —„ Arner fiel ihr in die Rede, und sagte, und er bitte sie, dem Kind zu erlauben, seinem Vater zu erzaͤhlen, was begegnet. Alles ward aufmerksam, man legte an allen Tischen das Spiel ab — alles stund auf, und um ihn her, und Sylvia sah izt aus, wie wenn sie eine gute natuͤrliche Farbe haͤtte, als er wieder anfieng. „Eben sie ist Schuld — und sonst kein Mensch!„ Aber in diesem Augenblick kam die Haushaͤlterin außer Athem in das Zimmer und sagte — der Mann liegt todt auf dem Vorreyn! — Mit dem Wort war Arner aus dem Saale und die Treppe hinunter. — Er riß mit seinem Sporn das Tafel- tuch nach, und Porzellain, und Glas, und Silber, was darauf war, lag am Boden. — Er sah nicht zuruͤck, auch Therese, die ihm folgte, sah nicht zuruͤck. — Sylvia war ob dem Wort todt betroffen — aber sie konnte sich doch nicht enthalten auch izt noch zu sagen — das ist eein Ordnung —! §. 9. §. 9. Was mich zum Schweigen bringt. W as red' ich von ihr! — Er ist nicht todt — er lag nur in Ohnmacht. — Therese sizt izt unter freyem Himmel in ihrer Seide auf einem Stein am Weg, unter dem Baume, an dem er liegt; sie nimmt seinen Kopf vom Boden auf ihren Schoos, reibt ihm Stirn und Schlaͤfe mit riechendem Wasser, haͤlt ihm die Flasche an die Nase. — Wie einer Mutter ihr Herz klopft, deren Kind ohnmaͤchtig auf ihrem Schoos liegt, bis es wieder erwacht, so klopfte ihr Herz, bis er wieder erwa- chete. — Und wie einer Mutter Thraͤnen uͤber die Backen laufen, wann es wieder die Augen oͤfnet — Er oͤfnet sie wieder — sie siehts — Freuden- thraͤnen fallen auf ihre Wangen. — Er weiß nicht, wo er ist — sieht zuerst hinauf gegen den hellen Himmel — dann an den Baum, unter dem er liegt — Er sieht sie, und eine Freudenthraͤne uͤber sein Erwachen faͤllt auf sein Angesicht. — Ich muß schweigen — meine todte Feder hat nun am wenigsten Kraft, wo ich am meisten empfinde. C Koͤnnt', koͤnnt ich dieses Erwachen mahlen, daß es lebendig waͤre und redte! ich wuͤrde Men- schen, Menschen regieren lernen — aber ich kann es nicht — ich kann dieses Erwachen nicht mahlen — daß es lebendig wuͤrde und redte. Leser! denk dir dieses Erwachen, und mahl' es aus bey dir selber — ich aber will schweigen — dir dieses Bild nicht zu verderben. — Edler! bist du fertig? — Soll ich wieder reden? — Als die erste Empfindung uͤber dieses Erwachen voruͤber war, sagte er, er habe dem Karl das Leben zu danken! — und er waͤre beyder Hunden zugleich nicht Meister geworden. Ja — wenn ich nur den andern auch haͤtte zuruͤckbringen koͤnnen! erwiederte Karl, aber der garstige Tuͤrk hat mir nicht folgen wollen. — Du hast genug gethan — mehr als genug! sagte der Mann, und erzaͤhlte dann, wie der gute Knab ihn so sorgfaͤltig weggefuͤhrt, auch wie er sei- nen Papa entschuldiget und gesagt, er sey gewiß nicht Schuld — und alle Woͤrtchen, die er zu ihm gesagt hatte. Arner und Therese freueten sich herzlich, und sagten ihm: Wehre dich deiner Lebtag so brav fuͤr deine Leute, wann ihnen jemand etwas thun will! — Ja! sagte Karl, aber wann dergleichen Leute, wie die sind, zu mir kommen, und ich groß und Meister bin, so schicke ich sie fort. — Und einen Augenblick darnach sagte er, nicht wahr, Papa! wenn sie fort sind, so ist dann ihren Huͤnden schon gewehrt? — Dieses Wort freute den Michel so, daß er sagte, er wollte nicht um den Biß, so weh er ihm thue, daß er das nicht gehoͤrt haͤtte. — Sie ließen ihn, da er verbunden und vollends besorgt war, in ihrem Tragsessel uͤber den Berg heim bringen. Er wollte zwar nicht in das schoͤne Haus hinein, und sagte, wenn er auch noch so sehr Sorg haben wuͤrde, so koͤnnte er doch etwas daran verderben. Es ist nichts daran gelegen, wenn du schon etwas verderbst, wir sind dir mehr schuldig als das, erwiederte Arner — und half ihm denn noch selbst hinein. — C 2 §. 10. Glaubet mir, ein solcher Mann ist brauch- bar — aber glaubet mir auch, es kann ihn nicht jeder brauchen. D er Michel dachte nur erst an den Brief, den er bey sich hatte — er war voll Blut — und lautete also. — Edler, lieber Junker Vater! „Es stuͤrmt alles uͤber den guten Mann los, den Sie mir gesandt haben, sie verfolgen ihn in unserm Thal nicht weniger als an Ihrem Tisch. Ihr Jaͤ- ger kommt izt alle Tage in unsere Bahn, und streut Sachen aus, die ihn auf den Tod kraͤnken muͤßten, wenn ihn etwas kraͤnken koͤnnte. Er sagt nichts geringers von ihm, als er sey ein Landstreicher — und sey noch aus allen Schloͤssern, wo er ihn ange- troffen, weggejagt worden, wie aus diesem — und man habe ihm allenthalben hinter allen Hecken „Joggeli willt Geld? und Joggeli hast Geld?“ und dergleichen Bosheiten nachgerufen, und auch in Ihrem Schloß habe er sicher fuͤr seiner Lebtage aus- geessen. — — Ich mag nicht fortfahren — — Alle Kinder im Dorf reden davon, und er weiß alles, aber es wagt es doch kein Mensch, wie es sonst unter den Bauern der Gebrauch ist, mit ihm davon zu reden. Sie haben, wie Sie wissen, an nichts anderm eine solche Freude, als wenn sie in dergleichen Faͤllen jemanden mit dem Heuchler Ton von Mitleiden und Theilnehmung kraͤnken koͤnnen — aber ihn lassen sie gehen. Es hat es ein einziger gewagt — der Naͤggelspitz — ein Kerl, von dem Freund und Feind sagen: wenn er etwas im Mund habe, koͤnne er nicht schweigen, auch wenn der Henker mit dem Schwert vor ihm stuͤnde — aber der Lieutenant hat nur die Augen etwas mehr als gewohnt gegen ihn aufgethan, auch den Kopf etwas mehr als gewohnt ob sich und gegen ihn gerichtet. Das Wort ist dem armen Niggel, wie gesagt, vor meinen Augen im Maul stocken geblieben. So viel Gewalt hat er uͤber die Leute, und ihm macht es nichts, aber hingegen ist es doch fatal fuͤr unsere Ordnung, und kann uns sehr schaden. Alles Gute ist noch Nagelneu, der alte Sauerteig noch nichts weniger als todt, man braucht nur Wasser dazu zu schuͤtten, so geht er in allen Ecken wieder auf. — Ich spuͤre alle Tage mehr, daß noch viele Leute, und diese noch von den ersten im Dorf sind, die C 3 darnach hungern und duͤrsten, etwas Widriges gegen unsere Ordnung auszuspuͤren, und bey so neuen noch unreifen Einrichtungen ist man nie sicher, wie weit auch die kleinsten Umstaͤnde, die widrig sind, langen moͤgen. Aber ich bin vielleicht zu aͤngstlich, und will von diesem schweigen, um mit Ihnen noch von ihm zu schwatzen. — Ich glaubte laͤngst, daß ich ihn kenne, aber ich bin bey weitem noch nicht da. Man sollte glauben, seine Schul sey ihm alles, aber sie ist ihm nichts. Junker! diese Schule, aus der er alles macht, sie ist ihm sicher nichts, er macht sie ohne Maaß zu gut, als daß sie ihm etwas seyn koͤnnte. Ich weiß es, wann sie gemacht ist, er wirft sie weg wie einen Ball, mit dem er einen Wurf that, blos um zu zeigen, wie leicht er darmit spiele. Die Richtung seines Geistes, mit der er bey jedem Wort, und bey jeder Handlung die Beduͤrfnisse des Menschenge- schlechts umfaßt, laßt ihm keine Ruhe, weder Tag noch Nacht; — er muß — er kann nicht anderst als die groͤsten Endzwecke haben — dessen bin ich sicher. Ich hoͤrte ihn einmal in der Stube, da er sich in seinem Ecken allein glaubte, und mit sich selber redte, bestimmt die Worte sagen, ich will ih- nen zeigen wer ich bin: und eine Weile darauf, wenn die Staffeln an der Leiter gluͤhend waͤren, so muß es seyn! — Sie wissen die Worte von den Staffeln an der Leiter in des Grafen Brief? — Sein Selbstgefuͤhl hat keine Graͤnzen. Er haßt den Faden, der ihn an das Menschengeschlecht bin- det, und im Grund ist kein Fuͤrst so stolz als er. — Er sagte bey einem Anlaß, wann einer unter zehen Tausenden allein steht, so merken die neun Tausend neun hundert und neun und neunzig nichts weniger als daß er nicht mit ihnen Heu frißt. — Ich durfte ihn nicht fragen, aber ich hatte es auf der Zunge, ob er mit dieser Zeile die Geschichte und die Leiden seines Lebens entworfen? — Bey allem dem ist er gut wie ein Kind, und ich kann Ihnen nicht sagen, wie wehe es ihm that, daß Gertrud um seinetwillen ihr Liseli in der Schule abgestraft. Die Schwaͤtzerin sagte unter der Schul- thuͤre zu dem Knaben, dem er das Leztemal die Haare abgeschnitten: Du! — es sind gewiß von deinen Thierchen gewesen, um derenwillen der Hr. Lieutenant hat aus dem Schloß muͤssen! Gertrud brachte es mit der Ruthe selber in die Schule, und hatte dasselbe so hart abgestraft, als ich es nicht von ihr erwartet, und als gewiß keine Frau im Dorf es gethan haͤtte. Ich mußte den Lieutenant unter einem Vorwand ins Pfarrhaus nehmen, sonst haͤtte er es nicht zugelassen. — Ich muß enden. Ich schwatze, wie wenn wir einander nie mehr sehen wuͤrden, und wie wenn Sie sonst nichts zu thun haͤtten. Leben Sie wohl! Ich kann nicht satt C 4 werden Ihnen, edler, lieber Junker, Vater zu sa- gen. Gott segne Sie und Ihren Sie verehrenden Pfarrer Ernst . §. 11. Der Suͤnde Sold ist wohl der Tod; aber der Sichelmann nimmt immer den eigentlichen Suͤnder. E s war zu viel fuͤr heute! Er zitterte ob dem An- fang des Briefs, und konnte ihn nicht fortlesen. — Der Schreck ob dem Michel hatte ihn erschuͤttert, und der Verdruß daruͤber empoͤrt — Er war noch wie im Jast, und izt uͤbernahmen ihn die Bos- heiten mit den Bauern in Bonnal, die ihm ganz neu waren, daß er zitterte und den Brief nicht fort- lesen konnte; es war ihm, wie wenn sein Herz zerspringen wollte. — Therese, die in der dunkeln Stube des Bauern am Vorreyn, und ob der Angst und der Arbeit mit dem Michel keine Veraͤnderung an Arner bemerkte, sahe erst izt, wie blaß und entstellt Er aussah, und sagte, was ist es doch wieder? — Jesus! du siehest elender aus als der Michel! Er hatte den Brief in seiner sinkenden Hand, und konnte ihn ihr fast nicht geben. — Haͤtt' mich, haͤtt' mich, erwiederte Er, — und seine Augen starrten — haͤtt' mich nur ein Hund gebissen, aber es nagt ein schlimmers Thier an meinem Herzen. — So ein Wort hatte Arner in seinem Leben nicht geredt; auch erschrack Therese mehr darob, als sie ob einem Donnerschlag, die sie doch fuͤrch- tete, erschrocken waͤre. Sie sah, daß Er aufs Aeußerste getrieben, und dem Ausbruch einer Krank- heit nahe sey, und stammelte mehr, als sie sagte: „Geh doch ins Bett, wann du heimkommst, du bist krank —!„ Immer noch so innig herzgut, sagte Er, sie wuͤrden dann meynen, es waͤre eine Schalkheit um des Hunds willen. — Da sie gegen die Linde kamen, stund Sylvia vor ihren Augen von der Bank auf und gieng fort. Das that Arnern von neuem weh. — Da Er auf sein Zimmer kam, legte er seinen Kopf auf sein Pult ab. Alles, was heute begegnet war, stund ihm wie ein Gemaͤhlde vor seinen Augen — und Sylvia war der Anfang und das Ende von allem, was ihm vor Augen stund, sein Blut wallte, und sein In- nerstes empoͤrte sich immer staͤrker, je mehr er sie vor Augen sah. Es uͤberfiel ihn ein Frost, daß Stuhl und Tisch mit ihm zitterten — dann rollten seine Augen — seine Faust ballete sich — er stampfte mit dem Fuße, und sagte einmal uͤber das andere, was habe ich dem Thier, was habe ich dem ver- fluchten Thier auch gethan, daß sie es mir so macht? — Therese hoͤrte das Zittern des Pults, und dann das Stampfen seines Fußes, sprang hinauf, und verstand noch vor der Thuͤre die Worte, „was habe ich dem Thier, dem verfluchten Thier auch ge- than? —„ Da Er sie sah, wollte er ruhiger scheinen, aber er zitterte noch und konnte nicht reden; — Sie eben so wenig — Sie saß mit stummer Beklemmung neben ihn ab, und er legte sein Todtengesicht auf den Schooß, auf dem so eben der Michel gelegen — Sein Athem war laut, und das Fieber sicht- bar — aber er redte nicht, und lag so bis man zum Essen klingelte, auch da noch wollte er herabkom- men, damit sie nicht zoͤrneten, aber Er sank in den Stuhl zuruͤck, von dem er aufstehen wollte, und mußte ins Bett. — Sylvia machte bey dem Tische boͤse Anmer- kungen, daß man sie allein lasse, und Therese eilte bey ihrem kranken Manne, daß sie sie nicht lang allein lassen muͤsse. Aber Arner hatte eine schlimme Nacht. Frost und Hitze wechselten miteinander ab, und die Em- poͤrung seines Innersten erhoͤhte das Wallen seines Bluts und seines Fiebers. — Sein Karl hoͤrte ihn zweymal nacheinander halb laut, daß es Therese nicht verstund, bey sich selber sagen — sie bringen mich noch ins Grab — sie bringen mich noch ins Grab. — Das gute Kind huͤllte sich tief in seine Decke, damit der Papa und die Mama sein Schluchzen nicht hoͤrten. — §. 12. Knechten Groͤße ist auch Menschen Groͤße. S o bald der Wein verraucht war, konnte der Ge- neral auch nicht mehr schlafen. Der Mann, den der Hund gebissen, gieng ihm im Kopf herum. Es war ihm wie ein Traum, — er sey todt, dann war ihm wider, nein, er sey nicht todt! — dann staunte er nach, wie es auch gekommen, daß er ihn mit den Hunden gehezt — glaubte halb, Sylvia sey daran Schuld — dachte dann wieder, nein, er koͤnnte ihr unrecht thun, der Wein thue viel im Menschen, das er nicht wisse — dann duͤnkte ihn wieder — sie sey doch neben ihm gestanden, und haͤtte ihn koͤnnen abhalten — Dann wars ihm auch, er habe nur keinen Hund gesehen, und doch das in seinem Leben nie gethan, und auch der Jaͤ- ger haͤtte es nicht thun sollen, wenn er es ihn auch geheißen haͤtte. — So wirbelten ihm in seiner Schlaflosigkeit Ge- danken von Angst und Gutmuͤthigkeit durcheinan- der, und das erste und letzte dieser Gedanken war immer, wenn der Mann nur nicht todt ist! — Daß Arner krank sey, dachte er nur nicht — aber da er seine Thuͤre einmal uͤber das andere auf- und zugehen hoͤrte, wunderte es ihn was es sey! Und da er den Klaus, der die Treppe hinauf- und hinabgieng, an seinem Schritte erkannte, stund er auf, gieng unter die Thuͤre, und fragte ihn, ob es etwas Unrichtiges sey? — Der Knecht antwor- tete ihm, der Junker sey gar nicht wohl; und erst da kam ihm wieder in den Sinn, Er sey schon gestern nicht bey dem Nachtessen gewesen. Aber das erste Wort, das er daruͤber sagte, war, ist es auch vom Hund her? — Ich weiß nicht, es wird alles zusammenge- schlagen haben, der Hund und die Leute, erwie- derte der Klaus. — Jesus! ist es uͤbel? sagte der General — und in gleichem Augenblicke — eh der Knecht hierauf antworten konnte — sage mir doch, ist der Mann todt, der gebissen worden? — Klaus . Nein, er ist nicht todt, aber er haͤtte es koͤnnen werden — und mit dem Junker ist es gar nicht gut. General . Komme doch eine Viertelstunde zu mir hinein, du must mir erzaͤhlen, wie es mit dem Hund zugegangen? sagte er zum Klaus. — Dieser aber mußte hinauf, denn der Junker hatte entsetzlichen Durst, und das Wasser zum Thee ko- chete eben. Der General wollte mit hinauf, ihn zu sehen was er mache, der Klaus aber sagte ihm, sie wurden izt nur ob euch erschrecken! — Der General erwiederte, so will ich dann da bleiben, aber sage ihnen, daß ich habe wollen kom- men, und ich lasse ihm gute Besserung wuͤnschen — und dann, sezte er hinzu, wann du nichts mehr oben zu thun hast, so komme doch dann noch zu mir, und bring mir auch Theewasser — ich muß mit dir reden. — Es freuete Arner und Therese, daß er habe hinauf kommen wollen; sie sagten beyde, waͤre er doch allein da, es waͤre uns allen so wohl bey ein ander, und machten recht geschwind mit dem, was der Klaus bey ihnen zu thun hatte, damit er bald mit dem Thee zu ihm herab kam, und er nicht lang auf ihn warten muͤsse. So bald er kam, fragte er ihn wieder, wie es auch mit dem Hund zugegangen? Er antwortete ihm gerad heraus, Sylvia sey an allem die Schuld, er sey schon ab der Terrasse fort und wieder in der Stube gewesen, ehe der Jaͤ- ger noch zum Thor hinausgegangen, auch waͤre da gewiß nichts mehr begegnet, wenn Sylvia ihm nicht gewunken, daß er doch gehe — daß sie das gethan, haben von den Diensten, so wohl von den Fremden, als von denen die im Hause, gar viele gesehen. General . Es wissen also viele Leute, daß sie schuldig ist? Klaus . Freylich. — General . Was haben sie auch dazu gesagt? Klaus . Ihr Gnaden koͤnnen sich wohl ein- bilden, was gemeine Leute, die bey dergleichen Faͤl- len denken, es koͤnnte ihnen ein anderer oder eine andere auch so machen, dazu sagen! — General . Nein — sag es mir doch, ich moͤchte es wissen, was sie darzu gesagt? — Klaus . In Gottes Namen! sie sagten, es sey ein gottloses Stuͤck, und es werde ihr wohl be- kommen, wenn sie den Lohn darfuͤr noch auf dieser Welt bekomme. — Ihr Gnaden, man redt un- ter gemeinen Leuten nicht anderst uͤber dergleichen Sachen, und ich bitte nicht ungnaͤdig zu nehmen, Sie haben es befohlen. — General . Es macht nichts — es macht nichts — Gottlob! daß der Mann nicht todt ist. — Klaus . Ihr Gnaden lassen dieß das Fraͤu- lein sagen „Gottlob! daß er nicht todt ist„ — General . Warum das? — Klaus . Sie waͤre ihres Lebens nicht sicher, wenn er todt waͤre. — General . Meynst du das? Klaus . Ganz gewiß. Die Bauern neh- mens hier nicht so leicht auf, wenn man ihrer einen zu tod hezt. — General . Wissen es die Bauern izt auch schon? Klaus . Sie haben auf dem ganzen Burg- feld die Pfluͤg still stehen lassen, und sind zu Dutzen- den zugelaufen, man sage, er liege todt am Reyn. General . Aber es thut ihr izt doch Niemand nichts? — weil das nicht ist. — Klaus . Ich moͤchte nicht dafuͤr gut stehen, und ihr auch nicht rathen, bis der erste Sturm vor- uͤber, gar zu weit vom Schloß allein wegzugehen. — General . Es waͤre erschrecklich, wenn sie nicht sicher waͤre. Klaus . Es ist wohl so, Ihr Gnaden, aber man muß auch nicht seyn, wie sie ist, sie hat keinen guten Menschen. General . Warum doch auch das? Klaus . Sie will es nicht anderst. Sie sagt zu keinem Menschen weder einen guten Tag, noch gute Nacht, und giebt Niemandem kein gutes Wort, außert sie wolle von jemand etwas, dann kann sie so freundlich seyn als keine. — Der General erwiederte ihm, das wolle doch izt nichts sagen, es sey mit dem Gruͤßen und Behuͤ- ten so eine Gewohnheit, der eine habe sie, der an- dere habe sie nicht. Aber Klaus ließe ihm nichts daraus gehen, und sagte, die gemeine Leute koͤnnen den Unterschied ge- wiß so gut machen als die andern; ob eine Herr- schaft so etwas aus Gewohnheit thue, oder aus boͤ- sem Willen, und in der Absicht zu kraͤnken: und das thue Sylvia gegen Große und Kleine, gegen die Herrschaft, und gegen die Dienste, und so gar ge- gen unschuldige Kinder. Wo sie nur den guten Karl sehe, der doch außer ihr allen Menschen lieb sey, koͤnne sie sich nicht enthalten, es moͤge um den Weg seyn wer immer wolle, ihn zu verspotten. General . Aber thut sie doch das? — Klaus . Mein Gott! was fuͤr ein Unmensch muͤßte ich auch seyn, wenn ich so etwas wider je- mand mand sagen koͤnnte, und nicht gewiß wuͤßte, daß es wahr waͤre! — General . (Mit einem Seufzer) Nein, nein: ich glaube nicht, daß das gelogen sey. — Klaus . Erlauben Ihr Gnaden, ich muß izt einmal noch etwas sagen, das mir auf dem Herzen liegt; Ihr Gnaden sind so gut, und Sie meynen es auch mit dem Fraͤulein so gut, daß ich nicht anderst koͤnnte als es Ihnen klagen; sie treibt wider einen Menschen, der an der Jugend in Bonnal ei- nen Gotteslohn und mehr thut als, glaube ich, kein Mensch in der Welt an Bauernkindern gethan hat, und der darum auch dem Junker so lieb wie ein Bruder ist, wider diesen Mann treibt sie Boshei- ten, die himmelschreyend sind, und braucht den gleichen Jaͤger dazu, den sie gestern zum Hundhe- tzen gebraucht hat — und sie bringt den Junker ins Grab — wenn sie so fortfahrt. — Der gute Klaus kam nach und nach ins Feuer. Die Nacht, die Umstaͤnde, die Guͤte des Genera- len, und alles brachte ihn dahin, daß er fast mit ihm redete, wie mit seines Gleichen, aber er brachte dem alten Herrn so viel auf einmal in den Kopf, daß er ihm Angst machte; er fieng an zu wuͤnschen, daß er doch schwiege, und es duͤnkte ihn, es sey doch zu viel fuͤr einen Knecht — denn es war zu viel fuͤr ihn. — Er seufzete ein paarmal, dann sagte D er, du wirst gar eifrig — und ich moͤchte doch izt bald wieder schlafen — damit schickte er ihn — Aber er empfande doch, daß der Kerl ein seltenes Stuͤck von Ehrlichkeit fuͤr einen Knecht sey, und daß zwischen ihm und allen Diensten, die er noch gehabt, ein groͤßerer Unterschied sey, als zwischen einem Offizier und einem Gemeinen; auch wollte er ihm ein Trinkgeld geben, aber Klaus nahm es nicht, und sagte, ich werde euch sonst immer dar- fuͤr danken, wenn ihr mir etwas geben wollet, aber in der Stunde, in der ich etwas boͤses uͤber jemand gesagt, waͤre es mir nicht anderst, als ich wuͤrde einen Judas-Pfenning fuͤrs Verrathen annehmen — und ich scheue dergleichen Pfenninge. — Nun, nun, sagte der General — wenn du es lieber ein Andermal willt, so sey es, aber fuͤr den Mann, den mein Hund gebissen, must du etwas anders abnehmen, du must mir Morgen Brod, Fleisch, und Wein fuͤr ihn kaufen, und sag' ihm nur, ich wolle ihn nicht vergessen, bis er wieder gesund sey, und es sey mir so leid als es mir nur seyn kann, daß dieses begegnet sey, er solle es mir verzeihen. Der Klaus sagte, er kenne den Mann, und wisse, daß diese Worte ihm mehr als ein Pflaster auf seine Wunden wohlthun werden. §. 13. Es giebt eine Seelenstimmung, die dem Menschen zu einem Kropf helfen kann. S o viel Wahrheiten fuͤr einen Knecht, uͤber den er auch ob keinem Wort zoͤrnen konnte, machten den alten Mann nachsinnen, bis die Sonne hoch war. Sylvia fand ihn bey der Schokkolade, die sie immer mit ihm trank, gegen sie ganz veraͤndert, und Aglee hoͤrte in der Kuͤche, daß er tief in der Nacht mit dem Klaus geredt. Sylvia zweifelte nicht, sie habe diese Veraͤnderung, diesem falschen, schimmelgrauen Krauskopf zu danken, der unter ihren Augen, wenn sie etwas rede oder thue, im Stand sey den Kopf zu schuͤtteln. Eine Weile darauf vernahm sie wieder, er muͤsse dem Michel einen ganzen Korb voll Eßwaa- ren bringen, und ihn im Namen des Generalen um Verzeihung bitten. Es ist gut, daß die Leute von dem Zorn ande- rer nicht gleich sterben, sonst waͤre der Klaus izt maustodt, so sehr brachte sie das Letzte auf; sie stampfte vor Zorn, und sagte unter vielem andern, der Onkle wird in diesem Bauernnest ein Narr wie der Vetter. — D 2 Der General aber aͤngstigte sich in seiner Stube uͤber den Kranken, und nahm einsmal den Ent- schluß, gieng zu ihr in ihr Zimmer und sagte, sie soll sich in Acht nehmen, der Vetter sey gar nicht wohl, und er wolle nicht zwey Ungluͤck, es sey ge- nug an einem. — Izt war sie aufs aͤußerste ge- trieben, sie verlohr alle Maͤßigung, trozte, und sagte ihrem Wohlthaͤter, sie lasse nicht so mit sich umgehen. Du kraͤnkst Niemand als alle Menschen, er- wiedert' er, und gieng fort. — Sie kehrte ihm den Ruͤcken, noch ehe er hin- aus war — und er hatte kaum die Thuͤre be- schlossen, so sagte sie zu Aglee — ich frag ihm nichts nach. — Es war wirklich so — die Renten, die er ihr gab, waren izt versichert — und mir nichts und dir nichts — sie frug ihm nichts nach, und gieng ihm auf dem Fuß nach in Arners Zimmer, spatzierte da hinein wie ein Pfau, oder wie eine Taͤnzerin, und fragte den guten Kranken vom ge- streckten Hals herab, mit verbissenem Maul — die Woͤrter gesezt, wie wenn sie die Buchstaben zaͤhlte „Wie befinden Sie sich Vetter?„ schwenkte dann, ehe er ihr antworten konnte, hinter dem General vorbey ans Fenster, und sah dann auf dem Gesimse den blutigen Brief von Bonnal; Therese hatte ihn gestern dahin gelegt, und vergessen ihn ins Pult zu legen, und Sylvia, die sich von allen, die am Bett saßen, durch die Vorhaͤnge bedeckt sah, las den Brief so frisch fort, wie wenn er an sie lautete, aber er erbaute sie nicht. §. 14. Vom Papier verbrennen, und vom wie- der zu sich selbst kommen. E in unbeschreibliches Gemisch von Empfindungen durchkreuzte ihr Innerstes; es war, wie wenn es in ihrem Kopf hammerte, da sie ihn las, und da sie ihn gelesen, mußte sie ihn wieder lesen. Das Bild des Lieutenants druͤckte sie wie Bley, sie konnte nicht sagen, es ist nicht wahr, sie selber hat ihn gefuͤrch- tet, wenn er den Kopf etwas mehr als gewohnt hin- ter sich gerichtet, und etwas mehr als gewohnt die Augen aufgethan; desto mehr empoͤrte das Bild, und die 9999, die nicht mit ihm Heu fressen, und die gluͤhende Stafel an der Leiter Bylifsky — und ihrer mit keinem Wort gedacht — und sie doch gemeynt — und ihr ganzes Abscheu verrathen, und dann der Geist, der bey jedem Wort, und bey jeder Handlung die Beduͤrfnisse des Menschengeschlechts umfaßt — und das Wegwerfen der Schule wie ein Ball, mit dem er blos einen Wurf thue, nur um 3 zu zeigen, wie leicht er damit spiele, und dann der Pfarrer, der nicht satt werden kann dem Vetter, lieber Junker Vater zu sagen. — — Das alles war zu viel — sie steckte den Brief zu sich, lief mit fort — las' ihn dann wieder — dann wirft sie ihn ploͤtzlich in die Glut, die vor ihr zum Frisieren da steht — er ist izt darinn — izt will sie ihn wieder — „es ist ein Stuͤck vor Helidor wie ich keines mehr finde„ — sie will ihn wieder — sie greift in die Glut — sie faßt ihn — er brennt — sie kann ihn nicht halten — er fallt ihr aus den Fingern an den Boden — ist ganz eine Flamme — und hin!! — Aber ihre Finger waren verbrannt, sie mußte sie izt oͤlen, und waͤhrend dem sie sie im Glas hielt, wiederholte sie den Brief in ihrem Gedaͤchtniß — es machte einen Unterschied — das blutige Papier — — Aber das blutige Papier, die Handschrift des Pfarrers, den sie haßte — seine eigenen Worte — seine eigenen Buchstaben — waren izt Asche. — So wie ihre Finger im Oel erkalteten, so erkaltete auch der erste Eindruck uͤber diesen Brief. Sie fieng an zu finden, er habe zwo Seiten, und auch eine fuͤr sie. — So bald sie das fand, suchte sie natuͤrlich nur diese, und wie sie diese fand, verlor sich der Ein- druck der andern. — Sie erinnerte sich deutlich der Worte „Es sey noch alles Nagelneu — der alte Sauerteig sey noch nichts weniger als todt — es brauche nur Wasser daran zu schuͤtten, so gehe er wieder in allen Ecken auf — und es seyen noch gar viele Leute, und zwar von den ersten im Dorf die darnach hungern und duͤrsten, etwas wider die neue Ordnung auszuspuͤhren, und bey so neuen unreifen Einrichtungen koͤnne man nie wissen, wie weit die kleinsten Umstaͤnde, die widrig seyen, langen koͤnnen„ — Diese Seite des Briefs machte sie izt die andere voͤllig wieder vergessen. — Es duͤnkte sie izt vollends nichts anders als bloße Groß- sprecherey, was vom Lieutenant darinn gesagt sey, und alles unvernuͤnftig uͤbertrieben — sie konnte auch nicht begreifen, wie sie, da sie den Brief noch in der Hand gehabt, und er noch nicht verbrannt gewesen, daruͤber so habe in die Hitze kommen koͤn- nen. — ꝛc. Es macht zwar einen Unterschied, aber es ist doch wunderbar, das gleiche mit dem Papierver- brennen ist schon Herren und Obrigkeiten, die sich gar nicht zu einer solchen Jungfer rechnen ließen, begegnet, daß sie, wann sie ganz im Eifer Papier verbrennt oder verbrennen lassen, dann auch so, fast ehe die Asche davon unter dem Staatshaus recht kalt geworden, wieder, nicht anderst als die Jung- fer mit dem verbrannten Finger, auch zu sich selber gekommen, und dann auch nicht haben begreifen koͤnnen, wie sie uͤber diese Papiere, ehe sie verbrennt D 4 gewesen, so haben koͤnnen — ich darf nicht sagen — außer sich selbst kommen — aber das darf ich sagen — Gebe Gott, daß in Zukunft mehr Jung- fern als Herren sich so die Finger verbrennen, oder wenn ihr lieber wollt, so wieder zu sich selber kom- men! — Es freute Sylvia izt, da sie wieder in ihrem Gleise war, nichts mehr, als daß sie die Peitscherey der Gertrud mit ihrem Kind durch diesen Brief ver- nommen. Das muß ein Weib seyn, dachte sie bey sich selbst, wie der Teufel! — Freudig wie ein Philosoph, wenn er meynt, er habe eine neue Wahrheit entdeckt, sagte sie izt zu sich selbst, das ist izt das Meisterweib, wornach sich die andern modeln wollen! — und boshaft wie ein Mauschel (Jud) der glaubt, er habe einen Christen bald im Garn, und schon die Gaͤnge zaͤhlt, die er noch braucht, bis er mit ihm am Ziel ist, sezt sie hinzu, es braucht nicht mehr viel, zwo oder drey solcher Historien, so habe ich es im Sack mit ihnen zu machen was ich nur will, und ihnen Schande anzuthun so viel sie nur brauchen. — Das Kind, setzte sie bey sich selber hinzu, das muß ich sehen, koste es was es wolle, und stellte sich vor, wie sie selbst in diesem Alter uͤber ihre Mutter rasend geworden waͤre, wenn sie ihr so etwas ge- than! — Sie dachte, das Liseli muͤsse izt uͤber die Gertrud eben so rasend seyn; und traͤumte schon, was sie alles aus ihm herausbringen werde, was es fuͤr eine schoͤne Mutter habe, wann sie es einmal im Schloß habe. — So war sie vollends wieder in ihrer Ordnung, und eifriger als noch nie, dem Dickhals zu dienen, und Arners Wesen mit ihren beyden Haͤnden unter uͤber sich zu kehren. Mit diesem Vorsatz gieng sie auch nach dem Essen auf die Straße von Bonnal, um heute ein- mal die Freude zu haben, das selbst zu thun, was bisher ihr Jaͤger fuͤr sie verrichtete. Der General warnete sie vor diesem Spatzier- gang. — Da sie am Tisch sagte, sie wolle nach dem Essen uͤber Feld, so kam dem guten Mann in den Sinn, daß der Klaus diese Nacht zu ihm gesagt habe, sie koͤnnte vielleicht nicht sicher seyn, wenn sie zu weit von dem Schloß weggienge; es machte ihm Angst, er sagte ihr so freundlich als moͤglich, sie solle doch nicht allein gehen. — Warum das? war ihre Antwort. Er stund auf, gieng zu ihr hin, und sagte ihr ins Ohr, es seyen ihr nicht alle Leute wohl, und es koͤnnte ihr auf den gestrigen Vorfall leicht Jemand etwas zu Leid thun. Sagt es nur laut, ich weiß wohl, daß mir hier alles Feind ist, aber probiere es jemand, und thue mir etwas, es wird sich dann zeigen. — Mit diesem gieng' sie zur Thuͤr hinaus, und der Gene- ral meynte, sie thue wie gewohnt nur mit dem Maul so groß, und nehme dann doch jemand mit sich. Er irrte sich diesmal, sie nahm Niemand mit, und sagte zur Aglee — „du must izt expreß daheim bleiben!„ und wenn ihm schon Angst wird, so komme mir nicht nach, sag' ihm nur, ich hab' es dir verboten. — Ich will ihm es so sa- gen, erwiederte Aglee, und die andere gieng. — §. 15. Der Alte ist gut, — darum fallen seine Fehler vor den Augen des Kindes weg. D er Karl wollte nicht zum Tisch — er sagte zu seiner Mamma — er wollte lieber Hunger sterben, als mehr zum Tisch kommen, so lang die Leute noch da seyen, sie bringen alles Ungluͤck ins Haus — und den Papa ins Grab. — Therese wollte es ihm ausreden, und sagte, er solle izt nicht so seyn, es werde mit dem Papa wohl wieder besser werden, und der Onkle meyne es gut mit ihm, und sey dem Papa lieb. Du wirst dann wohl anderst reden, wann der Papa todt ist, erwiederte der Knab — und setzte hinzu — sie machen es ihm wie dem Michel. Ich weiß schon, was er gestern gesagt hat — und warum es mir also ist. Was hat er denn gesagt, erwiederte Therese? — und Karl — ich hab' es dir nicht wollen sa- gen, aber ich muß es izt doch sagen. — Er hat im Bette einmal uͤber das andere ge- sagt, — sie bringen mich ins Grab — sie bringen mich noch ins Grab. — Du hast es nicht gehoͤrt, du bist nicht nahe genug bey ihm gewesen, und er hat es nur so halb laut gesagt. Hat er das gesagt — hast du das gehoͤrt? — frug Therese mit leiser Stimme. — Ja — er hat es gewiß gesagt, antwortete der Knabe, und sezte hinzu — ich habe geglaubt, ich muͤsse mich zu tod weinen, und die ganze Nacht konnte ich kein Auge zuschließen, und meynte im- mer, ich hoͤre es ihn noch einmal sagen. — Izt sahen sie einander an. Das Druͤcken der Wehmuth beschloß ihre Lippen, machte ihre Augen naß, und preßte ihren Athem. — So sahen sie schweigend einander an, als die Thuͤr aufgieng und der General vor ihnen stund. Die Thuͤre war vorher schon halb offen. — Er hatte alle Worte gehoͤrt — in seinem Leben war ihm nichts also zu Herzen gegangen — er em- pfand das Recht des Kinds, und es war ihm, er sehe den Vetter todt vor seinen Augen — er fuͤhlte den Schauer des Entsetzens bey dem Ge- danken, er sey daran Schuld; er schwankte hinein, wie wenn ihn seine Beine nicht tragen wollten, hielt die Hand vor den Mund, sein Schluchzen zu hemmen; und winkte wie ein Stum- mer Theresen mit dem Kopf beyseits. — Dem Karl und der Therese uͤbergieng das Herz, da sie ihn so sahen — beyde weinten — beyde stunden an ihn an — Therese gab ihm die Hand — und er sagte, giebst du mir sie auch von Herzen? — Das war sein erstes Wort. — Ja, gewiß lieber Onkle! zweifelt doch nicht an dem — erwiederte Therese. — Ich kann es fast nicht glauben, sagte der Alte, und sezte hinzu, ich hab' in Gottes Namen alles gehoͤrt, ich meynte, es toͤdte mich, so weh that es mir — aber wenn du mir izt einen Ge- fallen thun willst, so zwing den Knaben nicht zum Tisch, er hat recht, so lang er den erschrecklichen Gedanken hat, ich wolle ihm seinen Vater ins Grab bringen; aber ich will ihm wills Gott zei- gen, daß das nicht ist, und daß mir sein Vater lieb ist. — Der Knabe sah an ihn hinauf. Zweifel und Mitleid waren in seinen Augen, und auf seiner Stirn. Da sagte ihm Therese, siehst izt auch, wie gut der Onkle ist? willst izt nicht mit ihm zum Tische? — O wohl! ich will mit ihm gehen — erwiederte der Knabe. Es freute den Alten so, daß er ihn wuͤrde auf den Arm genommen haben, wenn er ihn haͤtte tragen koͤnnen. — Sie nahmen ihn beyde in die Mitte, und brachten ihn so zu Tische. Auf dem Weg sagte der General, es wird wills Gott mit dem Vetter auch wieder besser werden! — und sie trockneten noch vor der Thuͤr alle drey ihre Augen. — Sylvia sah den General nicht anderst an, als ob er ihr unrecht thue, daß er den Knaben so an der Hand an den Tisch bringe. Er achtete es nicht, aber der Karl achtete es, und sagte zur Mamma, da sie ihm das Handtuch umlegte, sie macht uns schon wieder Augen! Er kehrte ihr auch bey dem Tisch den Ruͤcken, und da sie ihm ein Stuͤck Fisch auf den Teller legte, ruͤhrte er es nicht an, und gab, ohne daß es die Mamma merkte, den Teller dem Klaus fort. Sylvia sah wieder einen Augenblick gut aus, das Blut stieg ihr in die Backen (Wangen) da sie sah, daß der Klaus, oder wie sie ihn nannte, der Grauschimmel lachte, da er dem Knaben den Teller abnahm. §. 16. Ihr kennet die Thiere, die meistens paar- weis aus einem Trog essen, und hier findet ihr etwas dergleichen. D esto geschwinder stund sie vom Tisch auf, und gieng an ihren Spatziergang. So gerade nach Mittag sind die Straßen meistens leer. Sie kam weit, und traf keine Seele an. Endlich neben dem Hochwald, unter dem Berg, kommt ein dickes Weib mit einem Korb auf dem Kopf den Hohlweg hinab. — Es ist die Rechte, unter allen in Bonnal ist keine, die die drey Herren und ihre Ordnung hasset, wie diese. — Es ist die nemliche, die der Klaus am lezten Maymarkt voll und toll in seiner Kutsche ins Schloß fuͤhrte, und mit einer andern im Bettler- stall uͤbernachten ließ. Diese beyde muͤssen izt, wann sie mit jemand im Dorf Streit haben, alle- mal ihre Kutschenfahrt hoͤren, und selber ihr Mann, der Speckmolch, sagt ihr, wann er unzu- frieden ist, nichts anders als der Klaus sollte dich nur wieder einmal in den Bettlerstall fuͤhren, und sezt oft noch gar hinzu, es war mir so wohl an dieser Markt-Nacht am lezten May! — Sylvia verdoppelte ihre Schritte, daß sie ihr nicht entrinne. Es war unnoͤthig; die Speckmolchin suchte nichts wenigers als zu entrinnen; sie sah die Jung- fer kaum, so dachte sie, wie gewiß ist das die, so den Lieutenant aus dem Schloß vertrieben! — Klein, mager, gekleidet wie sonst keine, voller Ecke, Schnoͤrkel — und so, daß man etwas anders an ihr zu sehen hat, als sie selber — so war sie beschrieben — so war sie — das ist sie — ich kann nicht fehlen — sagte die Molchin — mit dieser muß ich reden — stellte den Korb auf einen Stein ab, als ob sie ausruhen wollte. — Seyt ihr nicht die Jungfer, die den Herrn Lieutenant so hat koͤnnen aus dem Schloß auf das Dorf spatzieren machen? Und wenn ich es waͤre? — So gieng das Gespraͤch an. — Dann kam sie bald auf die gott- lose Kutschenfahrt — und wie man sie nicht an- derst als ein Hauptvieh die ganze Nacht im Stall und auf Stroh habe liegen lassen — und vom Stall wars gar nicht weit in die Schule — wie da eine gottlose Ordnung sey, und wie man nicht anderst handle, als wenn es voͤllig genug sey, wenn die Kinder nur die Freßordnung recht lernen, und Geld verdienen, als wenn an allem andern gar nichts gelegen waͤre. — Es melkt ein Kuͤher seinen Stall aus bis auf den Tropfen — so melkte Sylvia das Mensch aus in allem, was es wider die neue Ordnung wußte, bis auf den Tropfen. Dann sagte sie am Ende noch, sind aber viele Leute im Dorf, die hierinn denken, wie du? — Mein Gott, Ja! erwiederte die Speckmol- chin. Es wird es euch zwar nicht eine jede, wie ich, so gerade heraus sagen, aber nicht der zehen- de Theil ist ganz zufrieden, daß es ist, wie es ist, und die so am meisten zufrieden thun, sind Lum- penleute, denen ihre Kinder mehr Geld heimbrin- gen als vorher; wenn das nicht waͤre, ich will glauben, ihr wuͤrdet im ganzen Dorf nicht einen Menschen finden, der nicht sagte, wie gottlos die Kinder in der Religion versaͤumt, und nur auf das Zeitliche gezogen werden. Sylvia gab ihr dann an, sie sollen ihre Kin- der, wenn es so sey, nicht mehr in die Schul schicken, und fragte sie, ob sie machen koͤnnte, daß das das ihrer etliche thaͤten, und gab ihr Erlaubniß ih- ren Namen zu brauchen, und zu sagen, sie finde es auch gottlos, daß es so sey. Wenn ich das darf, sagte die Molchin, so macht es mir dann keinen Kummer noch vor Morgen Abend ein halb Dotzend bey einander zu haben, die ihre Kinder diesem Pe- ruͤquenmachergesell nicht mehr in die Schul schicken. Sylvia . Warum sagst du ihm, Peruͤquen- machergesell? Speckmolchin . Ja, als wenn ihr es nicht wuͤßtet! Sylvia . Nein, das weiß ich nicht. Speckmolchin . Wißt ihr auch nicht, wer uns gesagt hat, daß er Joggeli heißt? Sylvia . (Lachend) Es scheint doch, ihr seyd gelehrige Leute? Speckmolchin . Dergleichen Sachen be- halten auch die Dummen. — Sylvia . Aber noch etwas — kennst du der Maurerin ihr Liseli? Speckmolchin . Ja freylich. Sylvia . Die gottlose Frau hat das Kind auf eine unverschaͤmte Art in der Schule geschlagen. Speckmolchin . Wißt ihr das auch schon? E Sylvia . Das denk ich — du glaubst nicht, wie mich das Kind dauert, sag' ihm doch, es soll nicht fehlen, und zu mir in das Schloß kommen, ich wolle ihm etwas schenken, das es freuen werde, weil es so unschuldig habe leiden muͤssen. — Auch das versprach die Speckmolchin auszu- richten. Aber Sylvia sahe, daß der Schatten vom Wald gegen sie kam, und fieng an zu denken, es sey doch besser, bey Tage heim zu gehen. — Auch das Weib nahm ihren Korb auf den Kopf, und sagte, geht ihr izt so allein heim, und ist noch so weit? §. 17. Duͤnkts dich lustig Nachbar? Gut! aber behaupte nicht, daß gar kein Hang zur Grausamkeit in der menschlichen Na- tur liege! — S ie haͤtte izt wohl gern jemand bey sich gehabt, sah sich auch links und rechts um, ob jemand auf dem Weg sey, aber es war alles todt und still um sie her wie die Nacht — und sie das Erstemal auf dieser Straße — so weit vom Hause und Allein — aber es war izt nichts anders zu machen — sie mußte gehen — und gieng — und die Freude uͤber alles was sie von der Molchin vernommen, und was sie mit ihr abgeredt, machte, daß sie an nichts anders dachte — so vergieng ihr die Angst. — „Die andere Woche gehen izt schon, denk ich, wohl ein Dutzend Kinder nicht mehr in die Schule — Morgen oder Uebermorgen kommt mir das Liseli in das Schloß — und die Woche hernach schreib ich dem Dickhals. — So traͤumte sie, schuͤttelte vor Freude die seidenen Wellen des Kopf- zeugs — und gieng ihre Straße. — Aber izt geht ein Mezger an der Wand des Hochwalds, nicht weit von ihr — so steigt bey der Stille des Himmels ein Woͤlkchen am Berg auf, hinter dem Woͤlklein flieht die Stille des Himmels, und Sturm und Gewitter erheben sich. — Der Mezger an der Wand des Hochwalds kommt aus dem Wirthshaus — da redten die Ti- sche voll Bauern nur von ihr. — Es war nur ein Wort, und nur eine Stimme in allen Ecken der Stube „ein solches Lasterthier sollte man lehren Gott erkennen„! — und alle sag- ten, es waͤr' ein Gottslohn, wenn sie der erste, der sie antraͤfe, auch mit den Hunden hezte, daß sie E 2 lernte Menschen fuͤr Menschen achten. — Selbst die Aeltesten sprachen nichts dagegen — sie sagten vielmehr mit allem Nachdruck, das sey etwas un- erhoͤrtes, und bey Mannsdenken nicht mehr ge- schehen — auch die schlechtesten und wildesten Jun- kern haben es seit dem man 1700 zaͤhle, nicht mehr gewagt die Hunde wider einen Bauern zu hetzen, wie man sage, daß es vor Altem begegnet sey. — Es war sogar, als wenn sie die Jugend noch aufhezten. — Sie sagten einmal laut, man haͤtte unrecht, wenn man das wieder aufkommen lassen wuͤrde. — Izt sieht sie der Mezger — das ist sie — erkennt sie — klein, mager, gekleidet wie sonst keine — voller Ekken und Schnoͤrkel — und so daß man auch etwas anders an ihr zu sehen habe als sie sel- ber — so war sie beschrieben — so war sie — es ist sie! — Dem Mezger wallet das Blut, er sieht sich um — alles ist todt um ihn her wie die Nacht und wie um Sylvia — er staunt — lenkt uͤber den Graben ins Gehoͤlz — sein junger Hund waͤdelt um ihn her — und macht seine Spruͤnge, wie er sie macht wenn er meynt, er sey bey dem Stall, wo er sein Kalb findet. — Soll ich — soll ich — sagte der Mann, sein Herz schlug — er war blaß — ich will, sprach er izt — so eine straft keine Obrigkeit — ich will — sprach er izt — zeigt sie mit dem Finger durch die Tannen dem Hund und hezt ihn. — Der Hund war sicher — er hatte seine Zeichen — und auf das Zeichen ruͤhrete er sie mit der Schnorre nicht an, er stund nur mit den Pfoten an sie auf, sprang dann um sie herum, und dann wieder an sie herauf, und bellete laut. — Das war alles — es war freylich nicht wenig. — Ihr Guͤrtel brach unter seinen Klauen — das Band lag am Boden — und das weite Oberkleid riß von oben herunter, so oft der Hund ansprang; seine langen weißen Stuͤck flogen um sie her, und an ihr auf, wie Tuͤcher an der Haͤnke eines Bleicherhauses, wenn der Wind wehet; — und der Korb ihres Kopfzeuges hieng an ihrem Ruͤcken herab, daß all sein Innwendiges hervor- gieng. Zwo Minuten, sagte der Mann, muß sie mir leiden — Nahm seine Uhr in die Hand — und als sie voruͤber, pfiff er dem Hund. — Ihr Geschrey erfuͤllte den Himmel. — Nein, so weit herauf kam es nicht — aber unten auf dem Boden toͤnte es weit herum in die Runde. — Der Jaͤger, den der General, da es dunkelte, nachgeschickt, hoͤrte sie von weitem, aber er dachte lang, es sey nur ein Bauerngeschrey, und gieng keinen Schritt geschwinder. Es ist ihm nicht zu verargen, er konnte nicht denken, daß sein gnaͤdi- E 3 ges Fraͤulein so heule; aber als er hinzu kam, merkte er da, daß das Geschrey dem Kraͤhen gar gleich komme, das sie daheim allemal treibt, wann eine Muͤcke gegen sie fliegt, oder eine Maus, oder eine Spinne um den Weg ist. Izt hieß es laufen. — Er lief auch, und war bald da. — Aber als er um eine Ecke herum kam, und sie ploͤtzlich vor den Augen hatte, stellte es ihn still, er mußte sich umkehren und lachen. — Die weißen Tuͤcher in den Luͤften, ihre Haͤnde uͤber den kahlen Kopf rin- gend — und der Haarkorb mit Mist und Federn am Ruͤcken — wer mußte nicht lachen! Der Jaͤ- ger mußte sich umkehren, den Bauch in die Haͤnde nehmen und den Athem zuruͤckhalten, daß sie ihn nicht hoͤre. — Sie kannte ihn nicht, und als sie ihn kannte, konnte sie nicht reden, sie verkruͤmmte den Mund, ballte die Zunge, und konnte einige Augenblicke keinen vernehmlichen Ton herausbringen. — Er fragte, ich weiß nicht wie manchmal, was doch Ihr Gnaden, der Fraͤulein begegnet? Ehe er verstehen konnte, daß ein wuͤtender Hund sie ange- fallen habe. — Aber er glaubte es nicht, und meynte Buben, die sie im Wald angetroffen, seyen der Hund — er gab ihr auch zu verstehen, die wuͤtenden Hunde haben es sonst nicht in der Gewohnheit, den Leuten gerade Risse in die Kleider zu machen. — Indeß schob er ihr Gnaden der Fraͤulein den Haarkorb mit Mist und Federn von hinten herauf wieder uͤber den Kopf, suchte in allen Taschen Schnuͤre, die fliegenden Stuͤcke ihrer Robe zusam- men zu binden, fand aber nichts als einen ziemlich dicken Strick, den er sonst zu etwas ganz anderm brauchte, aber er war izt ihr Gnaden der Fraͤulein recht gut, sie band die fliegenden Stuͤcke ihres Ober- kleids wieder zusammen, und so giengen sie dann mit einander heim. §. 18. Von Volks Ausdruͤcken, und von seinem wahren Vortheil. G uter Klaus! da du gestern zum General sagtest, es werde ihr wohl bekommen, wenn sie den Lohn darfuͤr noch in dieser Welt erhalte, dachtest du wohl nicht, daß sie ihn noch heut erhalten werde, und dann noch auf dem Bonnaler Weg, und von einem Hund? — Und du arme Sylvia! dachtest auch nicht, daß ein Mezger-Pfiff dich noch vor heut Abend von E 4 deinen Hoͤhen herabblasen und dahin bringen wer- de, daß du izt nicht einmal mehr selbst an die Traͤume glaubest, die dich gestern noch so stark aufgeblasen? Die arme Sylvia! — sie ist wie außer sich selbst, sie meynt nichts anders als sie werde wuͤ- tend werden — und in wenigen Tagen bellen wie ein Hund, und dann sterben. — Sie waͤlzt sich am Boden, und schreyt einmal uͤber das andere „ich bin gebissen, ich muß sterben — ich muß sterben! — Umsonst sagte Aglee, ein solches Betragen har- moniere nicht mit ihren Grundsaͤtzen. — Grundsaͤtze — ja Grundsaͤtze — ich bin ge- bissen — ich bin gebissen — und muß sterben! — sagt sie, und waͤlzte sich fort. Es ist wirklich so mit den Grundsaͤtzen — er- wiederte Aglee, und legte ihr Kuͤssen und Tuͤcher an Boden. — Umsonst sagte der Schaͤrer — die kleinen Ritze, die sie hie und da habe, seyen nicht von den Zaͤh- nen, sondern nur von den Tatzen des Hunds, und sie sey nicht gebissen. — Es ist doch wahr — ich bin dabey gewe- sen, und weiß es gar wohl — ich bin gebissen — ich bin gebissen — und Morgen, werdet ihr sehen, bin ich wuͤtend — sagte sie wieder — und wo ihr ein Glas oder ein Becken mit Wasser ins Aug kam, fuhr sie wirklich zusammen, und zitterte, wie wenn sie die Krankheit schon haͤtte. Dieses machte dem Gene- ralen und der Therese selber Angst, aber der Schaͤ- rer sagte, es habe gar nichts zu bedeuten, die Ein- bildung mache eine kurze Zeit die gleiche Wirkung, wie die Wahrheit, man muͤsse in solchen Faͤllen nur warten — und sezte hinzu — wenn sie izt geschla- fen, und dann wieder erwachet, so ist das alles vorbey! — Ohne diese drey war sonst kein Mensch im Haus, der Mitleiden mit ihr hatte; es war fast nur ein Wort, sie thue izt wie ein Narr, und habe aber immer so gethan. Sie hat keinen guten Men- schen — Die Dienste geben ihr schon lange unter einander keinen andern Namen, als der Teufel Asmodi . Sie hatten aber fuͤr alle drey ihre Namen — die Aglee hießen sie das Buͤchergespenst, und den Generalen den Hofgriggi. Das ist ein unverschaͤmt Gesindel — und von von des Arners Diensten haͤtt' ich das nicht erwar- tet, — hoͤr' ich sagen — aber halt ein wenig Nach- bar! die Sache hat eine andere Seite. — Das Volk druͤckt mit solchen Namen sein Wahrheitsge- fuͤhl aus; und da ihm Bildung, Begriffe, Worte und Ausdruͤcke versagt sind, die Menschen nach unserm Buͤchermodell, und nach unsern Allgemein- heiten zu schildern, so sind dergleichen Ausdruͤcke in seinem Munde nicht vollends das gleiche, was sie in unserm waͤren — Pasquillen und Laͤsterworte — und ich muß dir sagen, lieber Nachbar, man thut dem Volk, wenn man in der Ahndungsart solcher Worte nicht auf den Unterschied siehet, woher sie kommen, und einen jeden, dem etwan ein solcher Ausdruck an einem unrechten Ort oder zur Unzeit entrinnt, leicht alzuhart straft, unrecht. — Die gemeinen Leute brauchen diese Ausdruͤcke unter sich selber alle Tage und ungescheut gegen einander, die braͤvsten wie die schlechtesten: Es ist ihre Sprache, sie haben keine andere, und es kann nicht anderst seyn, es muß ihnen hier und da auch ein solches Wort entrinnen, wo es nicht sollte. Sie brauchen dergleichen tausende, so bald sie allein sind, und allein mit einander reden. — Doch nein ich irre; — man strafe sie immerhin dafuͤr — es waͤre unharmonisch mit ihrer uͤbrigen Fuͤhrung — und wider ihren wahren Vortheil, wenn man es nicht thun wuͤrde. — Der Mensch, der das Gefuͤhl der Rechten sei- ner Natur in sich selber ersticken muß — muß auch lernen sein Maul halten. — Und es ist des Volks eigener Vortheil, daß es lerne behutsam seyn, vor seinen Obern, vor den Knechten seiner Obern, und an einigen Orten noch weiter vor den Spionen dieser Knechten, und dann an andern noch weiters auch vor den Hunden dieser Spionen — das ist an vie- len Orten der Welt des Volks liebe Nothdurft — und die Sach ist nicht leicht zu aͤndern — die Ur- sache davon liegt in den Finanzen des Staats. — Also lasse mans mit dem Maulbrauchen fuͤrs Volk gelten, wie es ist — und goͤnne ihm ferners den Vortheil, daß es lerne schweigen. §. 19. Volks Gefuͤhl in Frevelsachen, und seine Folgen auf die Justiz. D as haͤttest du nicht von mir erwartet, Leser! aber es glaubte kein Mensch in dem Hause mehr, daß der Hund die Sylvia gebissen und wuͤtend ge- wesen sey — der Klaus sagte dem Generalen viel- mehr, es sey gewiß, daß er an sie gehezt worden, und man muͤsse sie fragen, wie er ausgesehen. — Sie antwortete, er sey entsetzlich groß gewe- sen, groͤßer als sie; es sey ihr izt noch, sie sehe ihm in seinen Rachen hinunter, sie habe in ihrem Le- ben kein solches Gebiß gesehen, und keinen solchen Schlund. — Der General erwiederte, das sey den Hund nicht beschrieben, sie soll doch sagen, wie er aus- gesehen, und was er fuͤr eine Farb habe? — Und sie — das koͤnne sie nicht sagen — er sey ihr im Anfange weiß vorgekommen, und hernach schwarz — und es sey ihr izt, als wenn sie ihm nur den Kopf und das Maul gesehen habe. — Das war nichts. — Der General sahe wohl, daß es nichts sey, und minder als nichts — aber er fragte doch links und rechts, ob denn auch izt nichts zu machen sey? — Der Eine rieth' ihm das, der Andere dieses — die meisten sagten ihm, was sie meynten, das er gern hoͤrte. Der Schreiber kam mit dem Einstecken — der Schafner mit dem Geld darauf bieten — der Schloß- vogt mit dem Herumschicken der Spionen in den Doͤrfern — eine Frau meynte, man muͤsse auf der Kanzel darauf predigen — sie sagte, wenn sich die Pfarrer recht angreifen, und recht darauf druͤcken, so koͤnne die Stunde so gut seyn, daß der Thaͤter auf dem Stuhl schwitzen muͤsse, und nicht zur Kirche hinaus koͤnne, ohne daß man es ihm an- saͤhe — dann koͤnne man ihn greifen. — So wurde er vom Pontio zum Pilato gewiesen. Wers ehrlich meynte, und nicht in den Tag hinein redte, sagte ihm, es sey schwer zu rathen, und nicht viel zu machen. Der Klaus sagte das gleiche, und sezte hinzu, wenn in einem solchen Fall die Leute gegen den Beschaͤdigten kein Mitleiden haben, und einer dem andern ins Ohr sagt, es sey ihm recht geschehen, er habe es ob dem oder ob diesem verdient, so helfe dann das alles, den Thaͤter zu verbergen, und weit die meisten Bauers- leute machen sich in diesem Fall ein Gewissen ihn der Obrigkeit zu entdecken, das sey oben und unten im Land so eingewurzelt, daß er Frevel erlebt habe, wo zwanzig und dreyßig Menschen davon gewußt haben, und doch sey es der Obrigkeit unmoͤglich gewesen, den Thaͤter herauszubringen; die jungen Bursche haben in solchen Faͤllen eine Freude daran, und alles macht sich eine Ehre daraus zu helfen, daß es nicht an den Tag komme — es komme aber gewoͤhnlich am meisten an Tag, wenn man still dazu thue und schweige, und also rathe er zu die- sem. — §. 20. Herzens Ruͤhrung, und Bekehrungsge- danken. A ber das war nicht der Sylvia Meynung; da sie den Tag darauf nach einem langen Schlafe wie- der erwachte, und wie der Schaͤrer prophezeyet, nicht mehr schrie — ich bin gebissen — ich bin ge- bissen — erinnerte sie sich, daß sie im Wald pfei- fen gehoͤrt, und fand izt selber, der Hund sey an sie gehezt worden; aber sie meynte nun, man sollte fast halbe Doͤrfer einstecken, wenigstens jedermann, der Hunde halte und pfeife, auch wer ihr feind sey, und namentlich den Schulmeister, der, wenn ei- ner, sagte sie heftig, im Stande ist einen solchen Streich anzugeben, so ist es gewiß dieser. Aber der General wollte nicht in diese Nuß beißen. Von diesem ist keine Rede, war aufs erste Wort seine Antwort, mit dem Zusatz, waͤrest du daheim ge- blieben, oder haͤttest jemand mit genommen, wie ich dirs angerathen, so wuͤrde dir das nicht be- gegnet seyn. Wollt ihr denn keinen Menschen fuͤr mich ein- stecken lassen? sagte Sylvia. Keine Katze auf gerathwohl hin — erwiederte der General. — Er war zornig — er hatte sein moͤglichstes gethan zu sehen was zu machen sey — fuͤhlte, daß sie nicht einmal das verdiene — und izt forderte sie solche Unverschaͤmtheiten. Wie gesagt, er gab ihr zur Antwort — keine Katze auf gerathwohl hin, aber wenn wir auf et- was fußen koͤnnen, so kannst du dir selber einbilden, man werde thun was moͤglich ist — Mit diesem gieng er fort. Beydes, die Antwort und sein Fortgehen, schlugen sie nieder. So lange sie hofte, sich raͤchen zu koͤnnen, konnte sie sich besitzen; aber izt fieng sie an zu weinen wie ein Kind, und sagte, man lasse sie ihre Armuth entgelten, und ihr nicht einmal Gerechtigkeit wiederfahren wie dem geringsten Men- schen. Sie fiel izt von ihrem Stolz in eine Gat- tung uͤbernaͤchtliche Schwermuth, daß es schien, daß sie ein ganz anderes Mensch waͤre als vorher. — Sie haͤngt den Kopf wie eine Suͤnderin, und fuͤhlt wie eine Buͤßerin, daß sie nichts in der Welt ist, und daß sie nichts darinn kann, daß sie izt nicht einmal mehr dem verachteten Arner den Tritt kann werden lassen, den sie ihm zugedacht. Mezger-Hund! das danken wir dir! kein Mensch in der Welt hatte sie noch so weit zur Er- kenntniß ihrer selbst gebracht. Lohns dir dein Mei- ster mit Kaͤlberkutlen und mit Schaafsfuͤßen! ich will ihn bezahlen — wenn er sich dafuͤr meldet. Ich bin sonst nicht unbarmherzig, aber ich kanns nicht verheelen, es ist mir angenehm, sie vor mir zu sehen, wie sie izt da sizt, und Bange hat ob dem Gedanken, das Gespoͤtt, das sie ob der Bon- naler Ordnung habe treiben wollen — falle izt auf sie. — Sie glaubte nichts anders, als im ersten Brief, wenn der Junker diese Geschichte dem Bylifsky schreiben werde, so werde es nicht fehlen, der Men- zow mahle sie ihm ab — und dann stellte sie sich vor, was das fuͤr ein Gemaͤhlde geben werde mit den Tuͤchern, die um sie herumfliegen, und mit dem leeren Kopf, und mit dem Strick, und mit dem Jaͤger — konnte sich schon einbilden, wie der Herzog darob lachen werde — und dachte dann richtig zu diesem allem hinzu, wenn er darob lacht, so giebt mich der Helidor preiß wie ein Schuhlumpen. Es preßte ihr den Schweiß aus. — Was bin ich denn mehr in der Welt! sagte sie izt zu sich selber — und huͤllte sich in die Decke des Betts, wie gestern der Karl, aber sie biss' in die Tuͤcher, da er mit denselben sich die Augen getrocknet. — Das ist der Unterschied. Und Und wenn sie den Kopf unter der Decke hervor hat — sagt sie in einem Athemzug — sie wollte, sie waͤr nicht mehr in der Welt — und im gleichen Augenblick zankt sie mit Aglee, und sagt ihr, sie glaube nicht, daß sie ihr verboten habe mitzukom- men, und wenn sie ihr verboten habe mitzukom- men, so haͤtte sie nachkommen koͤnnen — und murrte so was unverstaͤndliches von Schuldigkeit mit unter. — Aber Aglee, die, wie ihr wißt, es nicht so mit ihr versteht, gab ihr, da sie das that, zur Antwort, sie solle warten bis sie ihre fuͤnf Sinne alle wieder bey einander habe, und dann mit ihr reden. — Mit diesem ließ sie sie sitzen. §. 21. Unter den Voͤgeln ist der Nachtigall Kla- geton der schoͤnste; aber unter den Menschen ist wohl ein jeder anderer Ton besser. S ie gieng hinaus, der Jaͤger gieng hinein, und sagte, es sey eine große dicke Bauernfrau im Hofe, die gerne mit ihr Gnaden der Fraͤulein reden moͤchte. — F Aber ihr Gnaden die Fraͤulein hatte izt nicht Lust mit der Baͤuerin zu reden, obwohl sie verstan- den, es sey just die, die sie gestern auf dem Spa- tziergang angetroffen. Es war nicht mehr gestern — sie habe nichts mit ihr zu reden, sie solle nur gehen wo sie wolle, war izt die Antwort. Der Jaͤger sagte ihr diese Worte. Die Frau aber sagte zum Jaͤger — Ist etwann das Ungluͤck daran Schuld, das, wie ich hoͤre, ihr gestern im Wald mit ei- nem Hund begegnet? — Du hast izt deine Antwort, und kannst gehen, erwiederte der Jaͤger. — Das wohl — das wohl — sagte die Baͤuerin aber saget ihr nur noch, es sey auch nichts, was sie von mir wollen, in beyden Stuͤcken sey es nichts. — Er gieng noch einmal hinein, und sagte auch dieses. — Meinethalben, sagte Sylvia, gehe alles wie es wolle, und sezte, da er fort war, hinzu, es be- triegt mich doch alles, und es hilft mir doch kein Mensch — ich bin ein armes ungluͤckliches Ge- schoͤpf. — Gebe doch Niemand viel auf diese Sprach Ach- tung! Sie ist die mißbrauchteste und die betrieglich- ste, die den Staub dieser Erde befleckt; kaum ist sie unter tausend Faͤllen einmal nicht Unsinn, oder Larve. Der Wolf braucht sie in der Grube, der Fuchs in der Falle, der Esel, wenn er im Koth steckt, und das Faulthier, wenn der Baum, dessen Blaͤtter es gefressen, nun leer ist, und es ihm Muͤ- he macht auf einen andern zu kriechen. — Aber wer gut bey Sinnen und Gedanken ist, der redt nicht so. Brave Leute klagen wenig — wer viel heulet ist nichts nuͤtz. Ein gutes Herz em- pfindet immer, was es gutes hat, und wer etwas werth ist, den macht Erfahrung und Ungluͤck bes- ser. — Was will der Mensch mehr auf dieser Erde? Die neue Kopfhaͤngerin hat der Speckmolchin unrecht gethan, sie hatte sich auf das moͤglichste be- flissen auszurichten, was sie ihr zugemuthet, und das in beyden Stuͤcken. — Kaum war sie heim, so schlich sie gegen des Maurers Haus, und ließ es sich nicht dauren wie ein Affe herumzusehen, und wie ein Fuͤllen, das an den Hecken Gras sucht, auf- und abzugehen, bis das Liseli sich unter der Thuͤre zeigte, winkte ihm hinter den Schweinstall, und sagte ihm, wie die Jungfer im Schloße mit ihm Mitleid habe, daß es so geschlagen worden, und wie sie ihm etwas recht schoͤnes schenken wolle, wenn es zu ihr ins Schloß komme. F 2 Beydes, das Mitleiden und das Geschenk, ge- fiel dem Kind recht wohl, aber da die Molchin fort- fuhr zu predigen, und der Laͤnge und Breite nach herauszustreichen, wie gottlos und unchristlich seine Mutter mit ihm gehandelt habe, u. s. w. roch es dem Kind auf, daß das nicht in der Ordnung sey; und einsmals, da die Frau meynte, sie sey mit ihm in der besten Ordnung — machte es ein veraͤchtliches Maul — schuͤttelte den Kopf, und sagte, die Jung- fer im Schloß mag mir ein Narr seyn! meine Mut- ter ist mir lieb, haͤtte ich mein Maul gehalten, so haͤtte sie mir nichts gethan; mit dem sprang es fort in seine Stube, und die Molchin sah, daß es aus war, und mußte auch weiters. An den andern Orten schien es im Anfange besser zu gehen. Zwey Weiber versprachen ihr, wenn es so sey, wie sie sage, und sie die Jungfer im Schloß selber darum fragen doͤrfen, so wollen sie ihre Kinder nicht mehr in die Schule schicken. — Aber die Kinder, die nicht mehr in die Schul sollten, fiengen ein Geschrey an, daß die Leute vor den Fenstern still stunden. Wohl ließen die Muͤtter sie schreyen — Wohl wollten sie es auch bey den Vaͤtern er- zwingen, aber sie bekamen zur Antwort, das ist nur eine Aufwieglung von der Kutschenfahrerin, um ihrentwillen machen wir keine Aufruhr mit unsern Kindern. — Selbst ihr Mann wollte es nicht thun, und da sie mit der Jungfer im Schloß kam, gab er ihr zur Antwort, die Jungfer im Schloß ist die Jung- fer im Schloß, und du bist der Esel im Dorf; mit dem mußten seine Kinder, wie die andern, den folgenden Tag auch wieder in die Schule. Ihrer etliche sagten bey diesem Anlaß, es ist heut gut, daß der Vater Meister ist. — So giengs der Speckmolchin gestern und izt, da sie es izt auch ihrer Jungfer im Schloß klagen wollte, war sie abgewiesen. — Heute hatte sie nur mit Niemanden nichts mehr von ihr reden doͤrfen. Der Grund ist — der General hatte jeder- mann geklagt, es sey so uͤbel, daß sie nicht wisse wie der Hund ausgesehen, und erzaͤhlte einem je- den alle Worte, die sie daruͤber geredt. — — Und wie ein Lauffeuer gieng izt von Mund zu Mund, er sey ihr zu erst weiß vorgekommen, und her- nach schwarz, und sie habe nichts an ihm gesehen, als den Kopf und das Gebiß und einen erschreckli- chen Schlund; es brauchte nicht mehr, von Dorf zu Dorf herumzubringen, der Hund sey kein natuͤr- F 3 licher Hund gewesen, sondern durch Zulassung Got- tes ein erschreckliches Strafgericht vom leidigen Satan, das sie aber auch ob dem Michel verdienet habe. — Auf das hin, denket ihr wohl, es haͤtte die Molchin gewiß von ihrer Jungfer geschwiegen. §. 22. Wie verschieden die Aeußerungen gleicher Eindruͤcke bey den Menschen sind. A ber Arner war immer kraͤnker, mit jedem Abend war das Fieber staͤrker, und mit jedem Morgen seine Schwaͤche groͤßer. — Mit jeder Stunde stieg die Jammerverwirrung des Schlosses. — Du liesest auf allen Gesichtern Furcht und Schrecken — Bangigkeit ist in aller Augen — druͤ- ckende Angst preßt alle Lippen — die Stunden waͤh- ren Jahre, die Tage Ewigkeiten, und die Naͤchte haben kein Ende. — Ohne Schlaf und ohne Speise wartet ihm Therese ab. Ohne Schlaf und ohne Speise steht der Karl wie ein Verwirrter umher, und faltet in Winkeln und Ecken die Haͤnde, und bethet mit sei- nen Schwestern auf den Knien. — Der Rollenberger kann sie nicht mehr lehren, er weißt oft nicht was er redt. — Gedruͤckter, als sie alle, ist noch der General. Er hat 70 Jahre hinter sich, und vielleicht nicht zwey Naͤchte hinter einander nicht geschlafen, und vielleicht keinen Tag ohne Zerstreuung verlebt — Kummer und Sorgen sind bey ihm immer in Minuten leichter Kuͤrze vorbey gegangen. Izt hat er schon vier schlaflose Naͤchte und vier ruhlose Tage nur einen einzigen Gedanken, nur eine ein- zige Empfindung in seiner belasteten Seele. — Er nimmt an Fleisch und Farbe mehr als der Kranke im Bett ab, meynt es sey nichts anders, Arner muͤsse sterben, kann nicht aufhoͤren zu denken, er sey die Schuld daran, und glaubt, er sterbe ihm bald nach. In diesem Zustand flieht er Sylvia, wo er sie sieht. — Und da Therese ihrer Schwermuth hal- ben Mitleiden zeigte, gab er zur Antwort, sie hat das Haus angezuͤndet, izt schalket sie noch. — Sie gieng umher wie der Schatten an der Wand, zog den Athem, daß man sie von weitem hoͤrte; stellte sich vor, es sey ihr izt alles gleich, und es moͤge kommen wie es wolle, so sey sie im- F 4 mer verloren; und sagte oft, sie moͤchte nur wuͤn- schen, daß sie nichts mehr sehen, nichts mehr hoͤ- ren, und nichts mehr denken muͤßte — auch suchte sie zu schlafen wo sie konnte, und aß und trank von starken Sachen und Gewuͤrz, was um den Weg war, und so tief sie den Kopf haͤngte, kaͤute sie doch immer etwas mit dem Maul: aber auch izt meynte sie noch nicht, daß sie unrecht habe, und glaubte, Arner habe sein Schicksal, das sie minder bekuͤmmerte als eine Floh, seinen Narrheiten zu danken. Die Dienste im Haus waren uͤber sie aufge- bracht, daß ihrer viele nicht wußten, was sie tha- ten, wenn sie um den Weg war. Die Kuͤchenmagd warf allemal, wenn sie sie sah, was sie in den Haͤn- den hatte, an den Boden. Es haͤtte einen Wink gebraucht, sie haͤtten sie uͤber alle Mauren hinab- geworfen, und den Jaͤger in Stuͤcke zerrissen. — Sie waren eigentlich wild uͤber Arners Krank- heit, oder vielmehr uͤber ihre Ursachen. — Der Huͤnerbub warf dem Tuͤrk Maͤusegift dar, und sagte, du must mir auch nicht mehr leben, du bist auch schuldig; und als er beym Stall schon verreckt da lag, so stieß der Kuͤher dem Aas noch die Mistgabel in den Leib, und sagte, wenn ich sie dem rechten Aas in den Leib hineinstoßen doͤrfte, ich wollte anderst stoßen. — Die guten Leute aßen uͤber diese Zeit blos fuͤr den Hunger, stunden im Augenblick wieder vom Tisch auf, damit sie nicht lange neben des Gene- rals Diensten sitzen muͤssen, und nahmen das Brod, das sie nicht bey Tisch aßen, mit sich in dem Sack fort; und da des Generals Dienste sie fragten, warum sie so unfreundlich mit ihnen seyen? und sagten, sie wissen doch nicht, was sie ihnen zu Leid gethan, bekamen sie zur Antwort, es sey ihnen izt nicht um reden, sie sollen selbst unter einander re- den, es seyen ihrer genug, und sie gehoͤren zusam- men. Der Klaus aber, der in solchen Faͤllen kein Blatt fuͤr das Maul nahm, sagte, er habe nichts wider die andern, aber es sey einer unter ihnen — tausend und tausend seyen am Galgen verfault, die nicht den zehenden Theil so viel Schlimmes gethan haben als er — und neben diesem, muͤsse er geste- hen, sitze er nicht gern lange am Tisch. — Die andern sagten, er solle dem Kind den Na- men geben, und sagen, wen er meyne? Ich meyne den, antwortete der Klaus, der dem Michel den Hund angehezt, und uͤber den Lieu- tenant Sachen geredt, die den Junker ins Bett gebracht, und wer weiß wohl, ob nicht noch ins Grab! — Der Jaͤger wollte das nicht leiden, und gieng auf der Stelle es dem General zu klagen, aber dieser sagte ihm, man hat izt anders zu schaffen als mit dir — und da er nicht schweigen wollte, und immer vom Klaus redte, antwortete er, komm mir nicht mit dem Klaus — ein ganzes Regiment Schlingel wie du, hat keinen Tropfen so ehrliches Blut wie der alte Mann die Haut voll hat — und geh mir nur aus den Augen. — Er mußte gehen — und gieng — zur Sylvia — klagte dann dieser, wie er durch sie in dieses Ungluͤck gekommen, und wie ihm sein Herr weder Hilf noch Rath ertheile! — Was willt du reden? Er macht es dir dann nur wie auch mir — er haͤtte nur keine Katze um meinetwillen eingesteckt — antwortete Sylvia. — Dann besann sie sich wieder, daß ihr izt an allem nichts gelegen — und sagte, was geht das mich an! — da hast Geld — Geld ist fuͤr alles — aber plag mich mit nichts — ich will nichts von allem mehr wissen. — Sie sagts — der Jaͤger schiebt die Thaler in den ehrlosen Sack — Aglee geht aus der Stube — und ist nicht so bald vor der Thuͤre, so sagt Sylvia dem Jaͤger, du haͤttest es dieser sagen koͤnnen, wie mir — sie ist schuldig wie ich. Aber was haͤtte ich davon, wenn ich es thun wuͤrde? Sie wuͤrde mir keinen faulen Vierer an den Schaden geben, erwiederte der Jaͤger. — Syl- via sagte, du hast recht — und Aglee hoͤrte vor der Thuͤre, was sie sagte. — §. 23. Unsterblichkeit und Wahrheit. Deutschland und Asien. I m Sturm dieser Verwirrung war Arner allein ruhig. Das Fieber, das ihm seinen Kopf frey ließ, gab seiner Einbildungskraft eine Stimmung, die ihn bey Stunden wie in einem Traum erhielt, in welchem ihm wohl war. — Er staunte in diesem Zustand zuruͤck in sein Leben, alles Thun der Menschen schien ihm ein Spiel, das nicht so fast um seiner Wirkung willen, als um die Kraͤfte des Menschen in Uebung zu er- halten, und desselben Anlagen zu entwickeln, eini- gen Werth habe. So sah er sein Werk in Bonnal an; es freute ihn, daß er sich darnach bestrebt, aber das Uebrige war ihm izt nichts, und die Bilder des Todes und der Ewigkeit waren ihm so lebhaft und reizend, daß er oft mit einer Art Sehnsucht beym Stun- denschlag zu sich selber sagte, wann izt die Uhr noch so und so manchmal schlagt, so bin ich dann dort! — Er sagte so gern, das Leben duͤnke ihn nichts — und da er einmal sah, daß es Therese wehe that, sagte er zu ihr — kraͤnke dich doch nicht daruͤber, daß ich das sage, Geliebte! die Ueberzeugung, daß das Leben nichts ist, ist mir Ueberzeugung der Un- sterblichkeit! — und sezte hinzu, Fleisch und Blut koͤnnen nicht glauben, daß das Leben nichts ist, vom Wurm hinauf bis zum Menschen ist ihnen das Leben alles. — Er hielt seinen Tod fuͤr gewiß, und nahm am fuͤnften Tage von allen Abschied — es war ihm diesen Morgen leicht ums Herz. Die Sonne gieng schoͤn auf, er sah gegen sie hin, und sagte zu Therese, sie stehet auf zu ihrem Tagwerk; suchte dann mit Worten, denen er Stun- den lang nachgedacht, ihre gute Seele zu der Noth- wendigkeit des Seinigen vorzubereiten. — Sie faßte ihre Kraͤfte zusammen — und er schien so ruhig — und sagte so herzlich, so manch- mal, und so heiter, es sey ja nur zur Vorsorge, daß sie heute minder litte, als an einem andern Tage. — Er redte zuerst von seinen Kindern, drang auf die Fortsetzung einer einfachen haͤuslichen Arbeits- Erziehung, als auf das beste Mittel, dem Schwin- delgeist, und der Anmaßungssucht unserer Zeit und ihren Folgen bey den Menschen vorzubeugen. Er sagte, der Verstand bildet sich am besten bey Geschaͤften, weil sich aller Irrthum, und alles Versehen bey denselben so viel als auf der Stell zei- get, und Gottlob fuͤr das menschliche Geschlecht zei- gen muß; — da man hingegen in Meynungen und Buͤchersachen einander ganze Ewigkeiten hindurch die Worte im Mund umkehren, und wieder um- kehren kann. Eben so behauptete er, bewahre die trockene, kalte, schwerfaͤllige, und auf der Nothwendigkeit ruhende Natur der Geschaͤftswahrheit, das Herz der Menschen vor Geluͤsten nach dem Sommervo- gelleben unserer Zeit, und vor dem Hang gleich diesen Wuͤrmern mit Goldfluͤgeln auf dieser Erde wie auf Blumenbetten herum zu flattern und herum zu schmachten. Liebe deutsche Frau! sagte er, die Reichen und die Hofleute, und das Haͤpfengeschlecht der Staͤdter, die sie verderbt, naͤhern sich in ihrem In- nern und Aeußern immermehr den schwachen Ge- schoͤpfen aus den heißen Erdstrichen; Gesichter, Stellungen, Kleidungsarten, die sogar mit den verunstalteten Figuren auf dem Chinesischen Por- zellan auffallende Aehnlichkeit haben, werden immer gemeiner; man sucht immermehr fuͤr die thierische Vegetation die Reize dieser Erdstrichen zu erzwin- gen, und die starken weichen Genießungen, die uns unser Klima versagt hat, wenn wir an der Luft le- ben, in das Innere unserer Zimmer zu bringen, wo man mit Geld eine Luft machen kann, wie man sie haben will — daher die Naͤherung unserer Ge- muͤthsstimmung mit den schwachen Lastern und Thorheiten der heißern Gegenden — daher das in unserer Zeit auffallende Steigen des Aberglaubens, der Rentes viageres, der Lottos, der Bleichsucht, des vielartigen Kindermords, des Hautgouts in unsern Meynungen, und die allmaͤchtige Ehrerbie- tung fuͤr alles was außen fix und innen nix ist — daher die tausend sonderbaren Auftritte unserer Zeit — daher die schwaͤrmerische Religiositaͤt despotischer Menschen — daher die Neigung zum Bilderdienst, und zu sinnlichen Vorstellungsarten von Gott dem Herrn, der seinem Volk so gar in heißen Laͤndern solche Vorstellungsarten verboten — daher die Ge- walt geheimer Verbindungen, und des Glaubens an Menschen, die ihre wichtigsten Versprechen nicht halten — daher das freche Steigen aller Charla- tanerieen, so gar das laute Ruͤhren der Zauber- trommel — das alles hat den eigentlichen Feuer- heerd, wo es seinen Gift kochet, in der Naͤherung des Innwendigen der vornehmen und reichen Haͤu- ser, gegen den asiatischen Zuschnitt. — Kaltes Wasser, liebe deutsche Frau! zum trin- ken und baden, und alle Jahr einmal zur Probe viermal mit den Kindern, am Maytag auf unsern Hackenberg hinauf und hinunter — und Garten, Kuche und Keller — und lieber Rollenberger! der gute Bauerngewerb, und das Einmaleins, und die Mathematik dazu, das erhaltet in Buben und Maͤd- chen deutsches Blut, deutsches Hirn, und deutschen Muth. — Gottlob! Es ist mir fuͤr meine Kinder, wie wenn das alles nicht in der Welt waͤre. — §. 24. Der christliche Junker; eine Klosterge- schichte aus der Ritter-Zeit. E r haßte die Schwaͤrmerey, und empfahl auch in diesem Gesichtspunkte der Therese die Geschichte des alten Ahnherrn, der noch auf seinem Schloßgut selber pfluͤgte, und den weit und breit alles den christlichen Junker nannte, weil er gerecht war, seinen Bauern ein harmloses, sicheres und vergnuͤgtes Leben verschafte, und das Kloster Him- mel auf dem Boden eben machte. Seine Vorfahren hatten dasselbe gestiftet; aber den vergabten Bauern große und wichtige Rechte vorbehalten, namentlich — daß sie vom Kloster zu ewigen Zeiten nicht anderst doͤrfen angesehen und behandelt werden als die uͤbrige Angehoͤrige der Herrschaften der Herren von Arnburg, mit Zusiche- rung ihres und ihrer Nachkommenden pflichtmaͤßi- gen Schutzes; aber da die Stifter die Augen zuge- than, und das Kloster seine offen behalten, verlo- ren die Bauern ein Recht nach dem andern. Die Ehrwuͤrdigen Herren wollten bald von keiner Ver- gabungsbedingniß mehr wissen, und behandelten die Bauern unbedingt als des Klosters eigne bloße Gnadenleute; als nach hundert und fuͤnf und sie- benzig Jahren der christliche Junker unter den Pa- pieren seiner Ahnen die eigenhaͤndig vom Stifter ge- schriebene Vergabungsbedingnisse wieder vorfand, und den Tag darauf dann den beeintraͤchtigten Leu- ten durch den Weibel in seiner Farb einen Schutz- und Schirmbrief gegen die Eingriffe dieses Klo- sters zustellen ließ. — Wenn er das Mariabild ab ihrem Altar haͤtte wegtragen lassen, die Patres waͤren kaum staͤrker zusammen gelaufen, als sie izt zusammen liefen; sie protestirten zu erst, und thaten dergleichen, als wenn sie alle Papiere in ihren Archiven durchsuch- ten, und versicherten heilig, daß sie keine Spur von einer Verkommniß faͤnden, die dem Ritter ein solches Recht ertheile. Er Er trug mit deutscher Treu des Vaters Schrift ins Kloster; aber es war als wenn ihn die Patres flohen. — Es zeigte sich ein einziger hagerer langer, den er nicht kannte — der Ritter gab ihm die Schrift — der Pater las sie, buͤckte sich tief, und sagte mit der Hand auf der Brust — Ihr Hoch- wuͤrden und Gnaden, der Abt, und ein howuͤrdiges Konvent, werden die Schrift reiflich bedenken. — Aber uͤber 8 Tage wollte Ihr Hochwuͤrden und Gnaden der Abt und ein hochwuͤrdiges Kon- vent nichts von der Schrift wissen. — Der Ritter stand da wie Loths gesalzenes Weib, die Patres stoben und flohen von ihm weg, kreuzigten sich, wenn er nur wieder zur Pforte hinaus waͤr. Der Ritter gehet die Halle auf und nieder; in einer Ecke an dem dunkelsten Orte erscheint ihm wieder der lange hagere Pater; es war ihm er sehe ein Gespenst in dem Dunkeln des Gangs, er buͤckte sich wieder so tief, hielt die Hand wieder auf die Brust, und sagte zum Ritter: Er solle in Gnaden verzeihen, seine Hochwuͤrdigen Obern koͤnnen ihm diese ganz unstatthafte, siegellose und nichtsbewei- sende Schrift um seiner Seele Heil willen nicht wie- der zuruͤckstellen, indem dieselbige den wunderthaͤ- tigen Gnadensitz ihres Klosters widerrechtlich bekuͤm- G mere, und ihre Bauern zu aufruͤhrischen, laͤsterli- chen Worten und Handlungen gegen dasselbe ver- fuͤhre, mit dem Zusatz: daß das alles auf seine, des Ritters Seele fallen wuͤrde, wenn er fortfahren werde, ihre Unterthanen mit einer solchen falschen Schrift ferner gegen ihre leibliche und geistliche Ob- rigkeit aufzuwiegeln. — Der Pater sagte es, und war' in seine Hoͤhle verschwunden — Er that wohl — der Ritter grif nach ihm eben da er ver- schwand; — aber er stieß sich den Kopf an — lief dann wie wuͤtend zu seinen Pferden, saß wieder auf, und sagte im Reiten — Ha — meines Vaters Schrift — eine falsche Schrift! — von ihnen — die sein Brod essen; gut, daß das H....ch mein ist, Großvater hat es Gott gegeben, nicht Sch...n — dann zog er aus, machte das Kloster H im- mel auf dem Boden eben, nahm seine Bauern und sein Land wieder zu seinen Handen, und stiftete zur Ruhe seiner Seele ein ewiges Allmosen, groͤsser als der Werth des Eingezogenen, schrieb an den Bischof was er gethan habe, und weil er des Kaisers Freund war, kam er nicht in den Bann. — Der Meyerhof, der an dem Ort steht, wo das Kloster gestanden, heißt izt noch der Himmelhof, und seine naͤchste grosse Matte, die Himmel- matte . Es waͤchst herrlicher Klee auf der Mat- te, zwanzig auserlesene Kuͤhe weyden auf ihr, und izt ein einziger Ochs. §. 25. Grundsaͤtze zur Bildung des Adels. Z oͤrnet es nicht, gute Kloͤster! ihr seyd nicht allein diejenige, welche etwann zu Zeiten die Gewalt ge- gen das Volk mißbraucht, und ihm etwann zu Zei- ten eine Schrift hinterhalten habt, die euern Finan- zen im Wege stund, selber die Nachkommen des christlichen Ritters haben Jahrhunderte lang aus der Lebensgeschichte dieses Ritters, ihrem aͤltesten Familienstuͤck, ein Geheimniß gemacht, weil die Rechte und Freyheiten, die er seinen Bauern gege- ben, alle darinn aufgeschrieben waren, und sie eben so wenig als die Patres im Himmelauf, Lumpen- bauern gerne Treu und Glauben hielten, und ihnen Jahrhunderte durch eben so wenig behagte in die- sem Buche zu lesen; die einfaͤltige, gutmuͤthige und unverfaͤngliche Art, mit der er mit seinen Bauern umgieng, wie er allem Streit vorbog, und haupt- saͤchlich, wie wenig er zu seinem Edelmanns Auf- wand, nach seinem Ausdruck, von dem Brod seiner Bauern abschnitt, und dabey sein Haus doch aͤuf- nete, wie kein Edelmann seiner Nachbarschaft, und dasselbe weit uͤber diejenige emporbrachte, die un- gesaͤttigt vom Brod ihrer armen Leuten, noch sie selber aufaßen. — G 2 Dieses alte Denkmal ihres Hauses empfahl Arner der Therese zum ersten Lehrbuch ihres Karls, mit den Worten: praͤg ihm fruͤh die alte Lehre ein, die Mittel, durch welche sein Haus gegruͤndet wor- den, werden auf immer die besten seyn, es auch zu erhalten. — Dann sezte er den Karl zu sich auf das Bett, und sagte ihm, er solle seiner Lebtag daran denken, daß sein Vater ihn izt, da er nicht wisse, ob er noch mehr leben werde oder nicht, so zu sich auf das Bett genommen, und so in den Haͤnden ge- habt, und ihn gebethen habe, daß er so ein christ- licher Junker werde wie der Großvater, und seiner Lebtag nie suche zu schneiden, wo er nicht gesaͤet — und seiner Lebtag nie seine Doͤrfer und seine Bauern unbesorgt und ungeleitet sich selber und dem blinden Gluͤck uͤberlassen, und so verwahrlosen wolle, daß die armen Leute aufwachsen und werden muͤssen wie herrenloses Gesindel. — Dann that er das alte Buch auf, zeigte ihm zuerst die Figuren und Gemaͤhlde, die darinn sind — und dann die Rechnungen — und sagte, Karl! wir ziehen izt, wo der Großvater einen Gulden aus diesen guten Doͤrfern bezogen, mehr als zehen, und duͤnkt es dich nicht auch, wir waͤren keine ehren- veste, rittermaͤßige und christliche Edelleute, sondern vielmehr unedelmuͤthige, unchristliche und harte Judenleute, wenn wir uns weniger Muͤhe geben wuͤrden, diesen guten Leuten zu einem vergnuͤgten, sichern, harmlosen Leben zu verhelfen, als er in seiner Zeit und in seinen Umstaͤnden sich Muͤhe da- fuͤr gegeben! — Uebrigens, sezte er hinzu, thun wir, was wir ihnen thun, nur uns, und eine jede von diesen fuͤnf hundert Haushaltungen muß uns, wenn wir auch auf nichts als auf unsern Nutzen se- hen wollten, immer in dem Grade viel werther seyn als wir wohl fuͤr sie sorgen, oder welches gleich viel ist, als sie wohl stehet und in der Ordnung ist. — Glaube mir das, diese drey Stuͤcke gehoͤren unzertrennt zusammen. — Dann wandte er sich an den Rollenberger und sagte ihm, fuͤhren Sie ihn doch fleißig und immer zu allem Schweiß und zu aller Muͤhe dieser Leute, und rechnen Sie ihm anhaltend und umstaͤndlich aus, wie wenig ihnen in allen Theilen ihrer Wirth- schaft und ihres Erwerbs reinen Vortheil uͤbrig bleibe, und machen Sie ihn doch nie vergessen, daß der reine Ertrag der Wirthschaft seiner Leute und ihr Hausgluͤck der einzige sichere Maaßstab sey, wie weit er fuͤr sich und seine Unterthanen wohl regie- ren werde! — Dann kam er auch auf die Ruhmsucht unsers Zeitalters, und sagte, er sey so froh, daß er unter seinen Haͤnden unmoͤglich koͤnne ruhmsuͤchtig wer- G 3 den; aber hingegen, fuhr er fort, guter, beschei- dener Mann! muß ich euch sagen, machet auch daß er anderer Leuten ihrer Ruhmsucht nie Bock stehe — (aufhelfe, unterstuͤtze) — und ohne Furcht ihn damit zu verderben, sagte er in diesem Augen- blick zu seinem Karl, flieh du deiner Lebtag die Leu- te, die du von unten auf sehen must, sie sind nicht fuͤr dich — und werde du keines Menschen Knecht! — — er redte aber nicht blos von der Knechtschaft des Leibs, sondern auch von der Knechtschaft des Geists — und sagte bald darauf — uͤber das Brod, um deßwillen der Mensch seinen Leib in die Knecht- schaft giebt, ist der staͤrkere Meister, aber ein See- lenknecht hat nicht einmal des Leibes Nothdurft vor- zuwenden — glaub du nie, daß einer alles wisse — es ist das Loos des Menschen, daß die Wahrheit keiner hat — sie haben sie alle, aber vertheilt — und wer nur bey einem lehrt, der vernimmt nie, was die andern wissen. Einen Augenblick darauf sagte er, es ist eine boͤse Zeit mit der Wahrheit, es meynt ein jeder sein Traum sey dieselbe, und ein jeder will seinen Traum aufs Hoͤchste hinauftreiben — und brauchte dann hieruͤber den Ausdruck eines Manns, der, indem er sich selber zerreißt, aus dem Menschen mehr zu machen als er auf der Erde seyn kann, Goldkoͤrner und Diamanten von Menschlichkeit, Seelengroͤße und Weisheit auswirft, die, wenn der Wurm der Zeit das Richtige seiner Meynungen wird zernagt haben, wie er das Richtige der Meynungen aller Menschen zernagt, noch Goldkoͤrner und Diaman- ten seyn werden, und die, wann einst die Zauberli- nien die Welt im Menschen mit Gott, und im Men- schen ohne Gott zu vertheilen, und sie vor der Zeit in zwo Heerden zu soͤndern in ihre Bestandtheile aufgeloͤst, und die Zahl und die Namen der Stuͤr- mer dieser Linien, wie die Zahl und die Namen ih- rer Vertheidiger vergessen, und der Reiz ihres Blendwerks auch von seinen Augen wird wegge- fallen seyn, ihm noch den Dank unsers Geschlechts und die Aufmerksamkeit der Nachwelt sichern wer- den. — Er sagte nemlich zum Rollenberger mit Lavaters Worten, „sorgen sie, daß mein Kind nie an keine Allgemeinheiten glaube, die nicht ir- gendwo in einem Individuo in der Welt wirklich existiren.„ Den General, der vor ihm zu fast in Thraͤnen vergieng, zu beruhigen, sagte er, er soll doch nicht glauben, daß seine Krankheit nicht schon lange in ihm gelegen sey, und berief sich auf den Pfarrer von Bonnal, der ihm bezeugen werde, er habe sie schon vor Monaten voraus gesehen, und mit ihm schon damals auf dem Bonnaler Riedt auf den Fall seines Todes Einrichtungen und Abreden getrof- fen. G 4 Mit dem Pfarrer redete er von der Unsterblich- keit der Seele, und sagte, das Leben und Leiden Christi sey ihm ein groͤßerer Beweis davon, als seine Auferstehungsgeschichte; und die Gewißheit, daß der Mensch den staͤrksten Trieben seiner Natur entgegen handeln und fuͤr andere leiden und sterben koͤnne, um sich besser, groͤßer und vollkommner zu fuͤhlen, als wenn er das nicht thun wuͤrde, sey ihm ein groͤßerer Beweis der Unsterblichkeit, als alles, was man davon sagen koͤnne. — Der Lieutenant litt mehr, und saß niederge- schlagener da, als am Abend der Schlacht, da er sein Bein verloren, und Stunden lang Niemand fuͤr ihn da war, ihn zu besorgen. — Arner sagte ihm, seyd ein Mann! wenn unter uns beyden einer sterben muß, so ist es besser ich sterbe. — Ihr kommet ohne mich fort, aber ich wuͤrde ohne euch nicht fort kommen — Gott steh euch bey! Wann ich sterbe, so ist Bylifsky euer Freund, und ihr bleibt der Freund meines Hauses und meiner Doͤrfer! — Der Pfarrer litt minder; gewohnt am Tod- bette der Menschen nur das Druͤckende ihres nichti- gen zu Grundgehens, und ihres seelenlosen Ausloͤ- schens zu sehen, war ihm auf eine Art wirklich wohl um Arner. — Nur erst da er von ihm fortgehen und wieder allein lassen mußte, uͤbernahm ihn die volle Gewalt des Schmerzens. Die Vorstellung von seinem Ver- lust und dem Verlust seiner Gemeinde, und den Hofnungen, die er geschoͤpft — und dem Zustand, dem sie kaum halb entronnen, und in welchen sie izt wieder hinabsinken — das alles brachte ihn dann am Abend, da er wieder allein war — und die Nacht durch — fast in Verzweiflung. — §. 26. Viele Menschen wuͤnschen Arner den Tod. A rner fuͤhlte sich diesen Abend entkraͤftet, und mußte allein seyn. Sein Fieber ward wieder staͤr- ker, und er traumte in seiner Hitze uͤber das nichti- ge Schicksal der Menschen — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Am Morgen lag er in einer Todes-Ermattung. Sein Athem war kurz — seine Glieder erkaltet — und alle Zeichen der aͤußersten Entkraͤftung stiegen auf das Hoͤchste. — So verließen ihn der Pfarrer und der Lieutenant, und fuhren auf Bonnal. Das Volk des Dorfs, das aus allen Haͤusern herzustroͤmte zu fragen, wie es stehe? sahe ihre Au- gen ausgeweint, und ihre Gesichter entstellt wie tief kranker Leuten — und verstund ihre Antwort, ehe sie redten, sie machten aber auch selber wenige Hof- nung. — Viele Kinder weinten laut, und viele alte Leute, welche die Kinder weinen sahen, weinten mit — und es war in diesem Augenblicke unter dem Volk nur Eine Stimme: „Wenns doch nur Got- tes Wille waͤr, daß Er wieder aufkommen wuͤrde!! — Er sey ein so braver Herr! —„ und ein jedes wußte in diesem Augenblick etwas Liebes und Gu- tes zu erzaͤhlen, das er ihnen und den ihrigen erwiesen. — Aber nur eine Stunde hernach war es schon nicht mehr vollends so — Sie achteten ihn izt alle so viel als todt. — Sie hatten es von des Pfarrers Knecht, der auch im Schloß war, selbst gehoͤrt, daß man ihm die- sen Morgen so viel als auf das Ende gewartet ha- be. In diesem Glauben giengen sie von der Kut- sche weg; und als sie heimkamen, ein jedes in seine Stube, und anfiengen auch denen zu erzaͤhlen, die daheim geblieben waren, und die Menge der wei- nenden Kinder, und die entstellten Gesichter des Pfarrers und des Lieutenants nicht mehr vor ih- ren Augen hatten — und der erste Eindruck der Neuheit und des Theilnehmens vorbey war — waren die Leute bald da — daß ein jeder, just so wie ihm sein Kopf stund, und wie ihm sein Herz schlug, sich diese oder jene Gedanken machte, und diese oder jene Vorstellungen hatte, wie es dann auch kommen werde, wann er todt sey? — Und schneller als der Faden der Spinne, ent- spannen sich in den Koͤpfen der Leute die sonder- barsten Gedanken — und reger als das Krosseln vieler Krebse in einem Kratten regten sich in ihren Herzen die sonderbarsten Begierden, und verdeck- ter als hinter Busch und Schilf und unter den Halmen des Roggens ein Ausreißer da liegt, zit- tert sich zu zeigen, und doch immer weiters vorruͤckt wohin er zielet, so steckte hinter dem Spinnen der sonderbaren Gedanken, und hinter dem Regen der sonderbaren Begierden ein abscheulicher Wunsch, der sich zitterte zu zeigen, und doch immer weiter vorruͤckte, wohin er zielte. — Wer etwas gerne gehabt haͤtte, und weil er lebte, nicht dazu kommen konnte, der dachte, ich komme dann dazu. — Wer etwas nicht gerne sah, oder nicht gerne hatte, und nicht aͤndern konnte, weil er lebte, der dachte, es hoͤrt dann auf. — Das war der Anfang — dann kamen sie wei- ter zu denken — in Gottes Namen, er ist auch ein Mensch, und muß auch sterben wie ich — und wie alle andere — ich kann ihm nicht helfen. — Andere druͤckten sich so aus — es scheint doch, es koͤnnte noch kommen, wie der Jaͤger es gesagt hat, daß die alte Ordnung vor dem andern Jahr wieder Meister werden muͤsse. — Wieder andere — es ist ein Laͤrm, wie wenn ein Koͤnig sterben wollte! — zulezt wird kein Pflug still stehen, wann er nicht mehr ist. — So wurden die Gedanken nach und nach im- mer haͤrter und schlechter, und hie und da floß so gar ein Wort, ich will es dem oder diesem denn auch zeigen, wann es so kommt. — Die Vorgesezten hatten es ihm nichts weniger als vergessen, daß sie mit dem Hut in der Hand, und auf den Knien ihre Armen um Verzeihung hatten bitten muͤssen — und von denen, die Geißen von ihm hatten, dachten nicht wenige, sie muͤssen sie ihm dann nicht mehr bezahlen. — Mit jeder Stunde sagten ihrer mehrere, es wuͤrde einmal viel wieder anderst kommen, und anderst werden, wann er todt waͤre; und die so es sagten, hatten sicher alle in dem oder diesem Stuͤck einen Grund, warum sie es sagten, und wa- rum sie es wuͤnschten, und sagten es sich nur um deßwillen, weil sie es wuͤnschten. — Aber der Mensch ist in solchen Faͤllen gar hoͤflich mit sich selber, und glaubt nichts weniger als et- was dergleichen von der ehrlichen Christenhaut, in der er steckt, und die er so wohl kennt. — So ist es in aller Welt, so war es auch hier. — Dem Schlimmsten traumte es nicht, daß er das wuͤnsche, oder nur den geringsten Gedanken davon in dem hintersten Schlupfwinkel seines Herzens habe. — Die guten Leute! sie konnten ja nichts wider Gottes Willen, und wenn sie ein Kraut oder ein Pulver, das fuͤr den Tod gut ist, gehabt oder ge- wußt haͤtten, sie waͤren dennoch darnach gelaufen und haͤtten's ihm gebracht oder gegeben, wenn denn das, was sie etwan gewuͤnscht, schon nicht anderst gekommen waͤr. — Ich weiß nicht — vielleicht waͤren doch nicht alle gelaufen. — — Es greift immer weiter — es wird immer lauter, ein freches und hie und da laͤchlendes Re- den unter den Weibern und Maͤnnern — ich will gerne sehen, wie es noch koͤmmt. — Es zeigt sich, die Menge fuͤrchtet ihn schon izt nicht mehr, weil er im Bett liegt. — Man reichte, was bey Monaten nie mehr als im Geheim bey Nacht und Nebel geschah, izt bey hellem Tage, Wein uͤber den Berg zum Saufen. — Es spielten Buben die Nacht durch mit Kar- ten. — Die Weydhirten fuhren am Morgen im Nebel in die Einschlaͤge der Armen. Die Reichen lachten ungescheut daruͤber, und sagten, den Armen zu kraͤnken unverhohlen, es scheint, die Buben merken es schon, wie es etwann bald wieder kommen moͤchte. — Von den Armen dachten schon mehr als die Haͤlfte, es ist aus mit unserm Traum — und ihrer viele sagten, das Gluͤck hilft nur denen, die etwas haben. — Arme Leute! ist denn eine gute Obrigkeit nur ein Gluͤck? — Anmerkung . Das Wort Gluͤck hat natuͤr- licher Weise hier keinen andern Sinn als Loos in der Lotterie — hazard — ꝛc. Der Kienast mit den vielen Kindern glaubte auch, mit den geschenkten Frohndiensten und dem Buͤrgerholz sey es dann aus, die Vorgesezte geben ihm dann nichts mehr — und dem Untervogt, der, seit dem der Junker zu ihm gesagt, er koͤnne mit einer jeden Frau im Dorf mehr ausrichten als mit ihm, vom Morgen bis in die Nacht nachgedacht, wie er mit Ehren wieder koͤnnte vom Dienste kom- men, dem wars izt nicht mehr so — wenn er todt ist, dachte er, so sagt er mir nichts mehr derglei- chen, und es schien ihm, es moͤchte ihm dann bey der Stelle recht wohl seyn, wann er des Meisters los waͤre. — Auch fragte er jedermann, der vom Schloß in das Dorf kam, ob es auch gewiß wahr sey, daß es so uͤbel mit ihm stehe? und gar keine Hofnung zum Aufkommen mehr da sey? — Er war auch, so lange er den Mantel trug, nie so guten Muths als izt. — §. 27. Was die Meyerin zur Braut macht. U nd seine Frau meynte, es koͤnnte izt gar mit dem Sonnenwirth gerathen. — Es kann nicht anderst seyn, sagte sie, sie hat dem Lumven Rudi nur um des Junkers willen Hofnung gemacht, und weil es izt so ist, so ist sie gewiß froh, wenn der Sonnen- wirth sich wieder meldet. Es wird sich, wohl geben, wenn er todt ist, sagte ihr Mann, sie aber antwortete, du kommst immer mit deinem „Es wird sich wohl geben„ Du Narr! es giebt sich nichts, als das, was man macht — und mit deiner Schwester warten, bis er todt ist, heißt just den Wagen vor das Roß ge- spannt, und dann wollen fahren — du solltest dich schaͤmen, dreyßig Jahre eine Schwester zu haben, und sie nicht besser zu kennen. — Du zankest immer, und zankest ob allem, sagte der Untervogt — und sie — es ist doch wahr, man muß blind seyn, in den Tag hinein zu reden wie du redest, kommt dir dann nicht auch in den Sinn, sie scheue sich, wenn der Junker todt ist — und wolle dann nicht den Namen haben, daß es sey wie es ist. Nein, wenns gerathen muß, so ist izt die rechte Zeit, weil sie noch mit Ehren kann umkeh- ren. — Der Vogt an ihre Sprache so gewoͤhnt als an seine Mittagssuppe, sagte kein Wort daruͤber, als: darinn hast du izt recht. — Hab ich recht, erwiederte die Voͤgtin? Es ist mir lieb, daß du es merkst — aber es ist nichts zu versaumen — geh doch, so geschwind als du kannst, rede noch einmal mit ihr — aber mache deine Sa- che besser als das Leztemal meine Waͤscherin. — So schickte sie ihn — doch sezte sie noch hinzu — die Stunde ist vielleicht so gut, daß sie izt froh ist, wenn du kommst. — Er Er gieng', aber er bekam von seiner Schwe- ster zur Antwort — sie brauche keine Anschicksmaͤn- ner, wie sie ihm schon einmal gesagt, und er solle nur schweigen, sie verliere kein Wort mit ihm uͤber diesen Punkt. — Es machte sie wild, beydes, daß sie glaubten, sie nehme den Rudi nur um des Junkers willen, und denn, daß sie izt wie Schelmen des guten Herren seine Krankheit dazu brauchen wollen, sie dem armen Rudi auf eine solche hinterlistige Art abzujagen, und gleichsam abzustehlen. Nein! erst izt muß er mich haben, sagte sie zu sich selber — so bald ihr Bruder, der mehr aus- richten sollte, und minder ausrichtete, als seiner Frauen Waͤscherin wieder fort war. — Und ich will ihnen izt zeigen, sezte sie hinzu, daß ich ihn nicht um des Junkers willen genom- men — aber weil es so ist, und sie es so machen, so muß es izt seyn — er hat lange genug gewar- tet — so sagt sie — ihr Herz schlaͤgt — sie staunt — Thraͤnen fallen uͤber ihre Wangen — und sie sagt wieder — ich will ihn in Gottes Namen neh- men — staunt wieder — denkt izt nicht mehr an den Vogt, und nicht mehr an die Voͤgtin — und eben so wenig, wie sie zu dem Entschlusse ihn izt heute zu nehmen gekommen sey — sie sieht ihn izt sel- H ber vor ihren Augen, und seine Kinder, und seine Stube, bis auf die Helgen (Kupferstiche) die an der Wand hangen — sie staunt wieder — Thraͤnen fallen auf Thraͤnen — sie verriegelt die Thuͤre — sizt nieder zum Tisch — sie nimmt ihn — sie nimmt das Gebethbuch von der Wand, und bethet laut das Gebeth einer Tochter, die in den Ehstand tre- ten will; legt dann ihren Kopf uͤber ihre Haͤnde, und uͤber das Buch, netzet beyde mit Thraͤnen, und bethet noch selber, daß Gott ihren Entschluß segne und heilige; stehet dann wieder auf, trocknet ihre Augen, fuͤhlt sich mit sich selber zufrieden, und sagt, ich will in Gottes Namen izt zur Gertrud, kleidet sich langsam an, trocknet noch manchmal ihre Augen — und geht. — §. 28. Ein Mißverstand. G ertrud dachte an nichts weniger, als daß sie eine gute Botschaft haͤtte; sie war vielmehr unzufrie- den, daß sie den guten Rudi so lange aufziehe; und da sie sie langsam und staunend die Gasse hin- auf kommen sah, dachte sie wirklich mit einer Art von Unwille, was hat sie izt wohl im Kopfe? und gieng nicht einmal ihr fuͤr die Thuͤr entgegen. Das Herz war der Meyerin so voll — sie sezte sich nieder, wie wenn sie krank waͤre, und sagte leise und schnaufend — wie eine kurzathmende Frau, die gar bange hat — zur Gertrud, du! ich habe mich in Gottes Namen entschlossen, ich will ihn nehmen. — Diese verstund es vom Sonnenwirth, und antwortete mit einem Gemisch von Unwillen und Wehmuth, ich haͤtte dir das nicht zugetraut. — Ae — was haͤttest du mir nicht zugetraut? sagte die Meyerin, die nicht wußte, was sie meynte. — Daß du den Mantel so nach dem Wind haͤn- gen wuͤrdest, erwiederte diese. — Meyerin . Ae — wie haͤng ich den Mantel nach dem Wind? — Hast nicht verstanden was ich sage? oder was steckt dir im Kopfe? — Gertrud . (Noch immer im Irrthum) Du machst so viel Fragen — ich wuͤßte nicht, auf wel- che ich dir lieber antworten moͤchte. — Meyerin . So bist du mir noch nie begeg- net — was ist das? — Gertrud . Es thut mir auch weh, daß du just, weil der Junker krank ist, das thust, und so einsmals den Sonnenwirth nimmst. — Izt verstund sie die Meyerin, schwieg einen Augenblick, und sagte dann laͤchelnd: izt redest du H 2 doch auch, daß man dich versteht, vorher habe ich nicht gewußt, was du meynst? — Gertrud . Izt mit nassen Augen — und du lachest noch? — Meyerin . Ich habe Ursache. — Gertrud . Schweige! du hast keine — und machest mich boͤs. — Meyerin . Ich will dich dann auch wieder gut machen. Gertrud . Du kannst noch spotten? So warest du nie! — Meyerin . Siehe, ich hab es nur im Spaß gesagt, er weißt es noch nicht, wann du wieder gut mit mir bist, wer weißt, was ich dir noch zu Gefallen thue! — Gertrud . Du machst mich wild! — Meyerin . Und du mich lachen — merkst auch nicht, daß du im Traum bist? — Gertrud . Wie im Traum? Meyerin . Ich will den Sonnenwirth nicht — Gertrud . Ae — was hab ich denn gehoͤrt? — und einen Augenblick darauf — Herr Jesus! — hast vom Rudi geredt? — Izt war sie aus ihrem Traume, und fuͤhrte die Meyerin bald zu ihrem lieben Rudi. — §. 29. Die Brautstunde einer Stiefmutter. E r haspelte eben das Garn seiner Kinder, aber der Haspel stund ihm in der Hand stille, wie die Augen im Kopf, als sie in die Stube hinein kamen. — Er saß da wie angenagelt, und konnte die Hand nur nicht zur Kappe (Muͤtze) hinaufbringen, sie abzuzie- hen. — Die Meyerin saß neben ihn ab, und Ger- trud sagte zu ihm — sie ist izt dein! — Eine Weile war alles still — die Kinder stunden von ihren Raͤ- dern auf. — Gertrud sagte ihnen, sie ist izt euere Mutter! — Dann ermunterte sich die Meyerin, stund auf, gab den Kindern einem nach dem andern die Hand, und sagte, liebe Kinder, geb uns Gott sei- nen Segen bey einander; dann sagte auch Ger- trud, und der Rudi, der die Hand der Meyerin in seinen beyden Haͤnden hielt — das gebe Gott! — Es war das erste Wort, das er redte, und lange darauf sagte er noch kein anders. Seine Stille ge- fiel der Meyerin; sie sagte selber zu den Kindern, wir wollen doch izt nicht viel reden; aber sie blieb den ganzen Abend da, und so bald es ihr der erste Ein- druck zugelassen, sagte sie zur Gertrud, sie solle doch izt nichts anruͤhren, es freue sie izt ein paar Stunden zu thun, als wenn sie schon eingesessen waͤre; dann H 3 nahm sie dem Rudi den Haspel, und sagte, es geht dir izt doch nicht recht — haspelte munter darauf los, half den Kindern an ihren Raͤdern wo es fehl- te, flochte zweyen die Zoͤpfe, kochte der Kleinen den Brey, gab den Engelkind auf ihrem Schooß zu essen, zog es dann ab, hielt es eine Weile nackend, wie die Mutter Gottes den lieben Heiland, auf ihrem Arme — machte dann dasselbe seinen Ge- schwisterten alen gute Nacht sagen, hielt ihm das Koͤpfgen an ihre Backen, sie kuͤßten dasselbe alle — und es machte allen Ae — Ae — dann that sie es ins Bett, konnte fast nicht von ihm weg, und sang ihm noch bis es entschlafen war. Der Rudi stand bey allem hinter ihr her wie ihr Schatten. — Doch als sie fortgehen wollten, machte er seine Kinder aufstehen, und der Gertrud danken — aber er hatte ein silber und vergoldetes Halsband mit Granaten und Bollen in einem Papier in der Hand — Ach, mein Gott! er hatte es unter der Frauen selig einer reichen Baͤurin versezt, und izt, da er es konnte, auf diesen Fall wieder heraus geloͤst, und dachte wohl tausendmal, so oft er es ansah, wanns auch die Frau selig wuͤßte, daß ich wieder dazu gekom- men, es wuͤrde sie doch auch freuen. — Aber er dorfte das Papir der Meyerin fast nicht geben, sie merkte es, und fragte ihn noch selber, was hast du da in den Haͤnden? — Nahm ihm es ab — und trug es den lieben Rudi zur Freude am Hals heim, pfluͤckte dann noch in seinem Garten Blu- men, und trug sie in einem Koͤrbchen, das auch sein war, mit sich heim. §. 30. Schleck' Salz — so duͤrstets dich — D as Weib, das mit den Fehlern und Schwaͤchen ihres Geschlechts, noch die Roheit und Haͤrte des maͤnnlichen verband — die Voͤgtin — ahndete nichts weniger als daß izt so etwas begegne, sie meynte vielmehr die Antwort, „sie brauche keinen Anschicksmann“ u. s. w. wolle nur so viel sagen, wenn der Vetter etwas mit ihr wolle, so soll er sel- ber kommen! — Flugs sandte sie uͤber den Berg, und der, den sie sandte, brachte den Vetter hinuͤ- ber. — Die Meyerin fand ihn, da sie heim kam, vor der Thuͤre stehen. — Es duͤnkte sie doppelt so un- verschaͤmt als die Anfrage am Morgen, doch war sie freundlich, machte ihn in die Stube hineinkom- men, und er hatte schon gute Hofnung — als sie ihn izt fragte, was er Guts wolle? — Er muͤsse ihr einmal, war seine Antwort, uͤber die Sache, die sie wohl wisse, und die er schon lange an sie gesucht habe, noch einmal etwas sagen. — H 4 Du kommst mir eben recht, erwiederte die Meyerin, ich habe dir just auch etwas daruͤber zu sagen — dann that sie das Koͤrbchen auf, das sie unter dem Arme getragen, nahm frische Rosen her- aus weiße und rothe, Rosmarin und Majoran, und ein großes dunkelgelbes Nelken, buͤschelte einen Straus, band' ein buntes Band darum, und lach- te immer darzu. — Der Ochsenfeißt wußte nicht, was das abgeben wollte; endlich war sie fertig, gab ihm den Strauß — und sagte — da hast du den ersten, den ich ma- che, seit dem ich Braut bin — die Blumen gehoͤ- ren dem Rudi, du kannst ihm dann an der Hochzeit danken. — Der Ochsenfeißt that das Maul auf, und haͤng- te es hinab, daß die Meyerin fuͤrchtete, es falle an Boden hinunter. — Sie lachte fort — und er kam mit Zeit und Muͤhe dahin, zu sagen — wenns so ist — so bin ich doch heut wohl vergebens gelaufen. — Bist du so gar muͤde geworden? erwiederte die Meyerin. — Das eben nicht, sagte der Ochsenfeißt, aber es ist doch weit und ein wuͤster Weg. — Jaͤ — aber denk', ich habe dich nicht heißen kommen, bey dem schlechten Weg, sagte die Meyerin. Mit dem gieng er. — Die Untervoͤgtin warf ihm seinen Strauß mit samt dem Band zum Fen- ster hinaus auf den Mist. — Ihr Mann sagte, es ist izt aus — der Sonnenwirth sezte hinzu — Katz und d'Maus. §. 31. Zwey Schulmeisterherzen. D er Gedanke, es nimmt alles wieder ein Ende, wenn er die Augen zuthut, griff immer weiter, und hatte immer mehrere Folgen. Da die Kinder aus der Schule ihren Aeltern daheim erzaͤhlten, der Lieutenant habe immer rothe Augen, und weine fast den ganzen Tag, gaben ihrer viele ihnen zur Antwort, er hat wohl Ursach, sein Brodkorb ist auch dahin, wenn der Junker todt ist. — Aber bleibt er dann nicht mehr unser Schul- meister? sagten die Kinder, und es war ihnen so angst! — Wer wollte ihn bezahlen? erwiederten die Aeltern; und viele sezten hinzu, er kann dann auch wieder spatzieren woher er gekommen. — Das that den Kindern so weh, sie konntens nicht alle glauben, und redten mit einander ab, sie wollen ihn selber fragen, das sey das aller- beste. Ihm zersprengte es fast das Herz, als sie nach der Schule mit nassen Augen vor ihm zu stunden, und das ihm naͤchste Kind mit sichtbarem Zittern zu ihm sagte, sie doͤrfen ihn fast nicht fragen, aber es sey ihnen auch so angst, er solle ihnen doch sa- gen, wenn der Junker sterbe, ob er dann nicht mehr ihr Schulmeister seyn koͤnne? — Er mußte sich umkehren, Luft schoͤpfen unter dem Fenster — sein Athem toͤnte wie eines Menschen, der einen großen Berg hinunter gejagt worden, und izt den ersten Augenblick stille steht. — So bald er reden konnte, kehrte er sich wieder um, streckte die Haͤn- de gegen sie aus, wie wenn er sie alle darein neh- men wollte, und sagte dann, wohl Kinder! auch wenn es Gott gefallen sollte, den Junker nicht mehr aufkommen zu lassen, will ich doch bey euch bleiben — dann druͤckte er allen die Hand — und er fuͤhlte, weißt Gott, daß die meisten schwizten — Wie ihm das zu Herzen gieng — und wie die Kin- der so freudig heimgiengen! — Aber viele Aeltern durften ihnen noch sagen, pochet nicht zu laut, wenn er schon will bleiben, es ist denn die Frage, ob er es koͤnne? Aber die Kinder glaubten dem Schulmeister, und pocheten fort. — Indessen traͤumte sich der alte Schulmeister wieder in seinen Platz, und ließ sich verlauten, die Krankheit Arners, und sein fruͤhzeitiger Tod, sey ein sichtbares Strafgericht fuͤr seine Entheiligung der Kirchen und Schulen. — §. 32. Es faͤngt sich an zu zeigen, daß der Baum Wurzeln hat. A ber habt nicht bange, lieben Leute, ihr wisset ja, daß der alte Schulmeister ein Narr ist — so ohne Schwertstreich geht Arners Ordnung nicht verlo- ren, auch wenn er sterben sollte; und ihr wisset ja noch nicht einmal das. — Hoͤret einmal was izt begegnet. — Da die Spinnweiber zum Mareili kamen — und demselben klagten, was man sage und was sie hoͤren, und wie uͤbel es waͤre, wenn es kommen wuͤrde, wie man sage und meyne, gab es ihnen zur Antwort — wenn so leicht ein Kraut zu finden waͤre dem Junker zu helfen, als es fuͤr das, was ihr fuͤrchtet, Mittel und Wege hat, so haͤtte ich izt etliche Naͤchte mehr geschlafen, als ich nicht ge- than. — Ja, ja, wenn du wuͤßtest, was man aller Or- ten sagt, und wie viele Leute izt schon zeigen, daß sie darauf warten und blangen (ungeduldig sind) bis es wieder anderst werde — erwiederten die Weiber. — Und das Mareili gieng zur Stunde zu seinem Bruder in die obere Stube, und sagte zu ihm, ich bin izt 20 Jahre bey dir, und habe noch nie nichts von dir begehrt, und was mein ist, ist dein — aber izt must du dich angreifen, und zeigen, daß du nicht mehr der Bettler Marti bist. — Was willt du mit dieser Vorrede? sagte der Meyer. — Ha — ich will darmit, du muͤssest machen, daß wenn in Gottes Namen der Junker, wie man fuͤrchtet, zum Sterben kommen sollte, der Schul- meister da bleiben koͤnne, und die neue Ordnung nicht gleich wieder zu nichten gehe. — O — dafuͤr hast du mich nicht zu bitten — erwiederte der Meyer — ich bin mir selber nicht so feind, daß ich eine Schul und Einrichtungen so leicht wieder zu Grund gehen lasse, die meine Ar- beiter so weit in eine Ordnung und fuͤr sich gebracht haben, als ich sie ohne Hilfe mein Lebtag nicht haͤtte fuͤr sich bringen koͤnnen. — Er sezte hinzu, wenn ich ihn allein bezahlen muͤßte, ich wuͤrde ihn nicht fortlassen, aber in sol- chen Faͤllen thut man immer besser, man mache, daß die andern auch wollen — Das ist wahr, sagte das Mareili, und gieng innig mit ihm zufrieden, auf der Stell zur Reinol- din, auch mit ihr daruͤber zu reden. Es versteht sich, antwortete diese, ehe es kaum halb gesagt hatte, was es wollte, daß er nicht wie- der fort muß — ließ es stehen, und sprang hin- aus zu ihrem Mann, der eben bey einem kranken Hauptvieh im Stall war. — Dieser antwortete ihr uͤber seine Kuͤhe heruͤber — ja freylich, wie du willt! — Ja — aber wir muͤssen mit deinem Vater daruͤber reden, erwiederte die Frau, ihm darf es Niemand abschlagen, willt du nicht mit uns kom- men? — Ich will nur auch zuerst mit der Kuh fertig machen, sagte der Mann. — Und die Frau — aber es geht doch nicht lang? Es gieng nicht lang, und sie nahmen das Mareili mit sich. — Ihr Anbringen freuete den Alten so sehr, daß er ihnen sagte, er wisse sich nicht zu gedenken, daß ihm vor Freude das Herz so geklopft haͤtte wie izt. — Er zog alsobald eine neue warme Kappe uͤber die Ohren, sezte den Hut daruͤber auf, nahm war- me Handschuh, und seinen Stab aus dem Kasten, und gieng. — Ae — was will doch der Großvater, daß er bey dem schlechten Wetter zu uns kommt? fragte ihn ein jedes, wo er zusprach — und wo er zu- sprach, war er der liebe alte Mann, der jedermann gedient, und den jedermann in Ehren hielt — er war der Reichste, und obgleich schon alt, so war kein Haus, in welchem Mann und Frau, so bald er sagte was er wollte, einander nicht ansahen, und Winke sich gaben, es gelte sich zu besinnen, was man antworte, und man doͤrfe es ihm nicht ab- schlagen. — Er bettelte nicht, er sagte die Sach, und sezte hinzu, die Sache ist so noͤthig und gut, und es sind unser uͤber die zwanzig Bauern, die das wohl koͤn- nen, und die, wenn sie es nicht thun, an ihren Kindern und am ganzen Dorf auf eine leichtfertige Art sich versuͤndigen — ich hoffe, ihr schlaget es mir nicht ab; aber ich sage es zum voraus, wenn mir einer abschlagt, so muß es doch seyn; ich will es denn fuͤr ihn thun, und seinen Kindern und dem Dorf zum Allmosen geben, und es muß mir denn so eingeschrieben werden. — Aber es ließ sich das Niemand zum Allmosen einschreiben — mancher schuͤttelte zwar wohl den Kopf, und haͤtte es sicher Niemand anderm eingeschrieben, aber ihm schlug es Niemand ab, und der Rodel war, ehe die Son- ne untergegangen, vollstaͤndig. — Es scheint ein Mischmasch durcheinander — die Freude der Leuten, daß es wieder anderst kom- me, wenn der Junker sterbe — und das leichte Vollmachen dieses Rodels. Aber das Thun aller Menschen ist so ein Misch- masch, und das Unbegreiflichste, das der Mensch mit sich herum traͤgt, ist die Schwaͤche, mit der er in tausend und aber tausend Faͤllen um nichts und aber nichts sich dahin bringen laͤßt, zu thun, was ihm in der Seele zuwider ist. — Ach, es braucht so wenig einen ganzen Haufen Menschen nach seiner Pfeife tanzen zu machen, daß mir ein Baͤrenfuͤhrer ein anderer Kerl ist, als einer, der die Menschen tanzen macht. Im Grund aber, wenn schon viele dieses oder jenes gerne in der alten Ordnung gehabt haͤtten, so wars doch nicht an dem, daß ihrer viele die ganze alte Ordnung wieder zuruͤck gewuͤnscht haͤtten, das durfte nur Niemand sagen; und es waren immer noch die Mehrere, und die Stillen und Armen alle, welche aufrichtig wuͤnschten, daß alles so bleibe. — Der Alte brauchte auch die List, wenn er schon den Weg doppelt machen mußte, daß er zuerst zu denen gieng, die es gerne thaten; er wußte wohl, wann es einmal einen Anfang habe, so schrieben sich die andern auch ein — wie die Gaͤnse gagen — er war immer sein Lebtag in guter Laune, und hatte immer mit den Leuten Spaß — und auch izt sagte er etlichen, wenn sie ihre Federn abgelegt, und er ihre Tolgen-Namen auf dem Papier getrocknet im Sack hatte, wisset ihr izt auch, daß ihr euch dem Baumwollen Meieli, und nicht mir, unter- schrieben? — Ae (Ey) — wie das — wie das? Es wird etwa nicht so seyn, sagten Maͤnner und Weiber. — Wohl freylich, antwortete der Reinold, laßt es euch nur nicht gereut haben, es hat mich dafuͤr angesprochen, daß ich mit euch rede, und es und sein Bruder haben zuerst versprochen, aber sie wollen dann zulezt unterschreiben. Das wurmte nicht nur einem so, daß er mit Kopfschuͤtteln sagte, wenn er das gewußt haͤtte, daß die Bettlerherrin darhinter steckte, so haͤtt' er es ge- wiß nicht gethan. Ein Mann, der kein Narr war, gab ihm zur Antwort — du bist nicht schuld — deine Sohns- frau und das Mareili schicken dich im Dorf her- um; ohne ihren Weiberbund wuͤrdest du izt daheim sitzen und die Haͤnde am Ofen halten. — Der Alte Alte mußte lachen, und trug den Weiberbund her- um, wo er hinkam. — Und das Baumwollen Mareili sagte, so bald es von diesem Bund hoͤrte — izt, weil mans sagt, ists eben recht ihn zu machen; und was vorher nicht bestimmte Abred war, das war es izt. — Die Reinoldin, die Meyerin, Gertrud, und es ver- banden sich izt foͤrmlich zusammen, es moͤge nun mit dem Junker kommen wie es wolle, im Dorfe alles daran zu setzen, daß die Sachen bleiben, wie sie seyen, und wie sie der Junker angefangen und haben wolle. — §. 33. Ein Phantast, der auf eine Religions- wahrheit kommt — und ein Pfarrer, der sich auf der Kanzel vergißt, und nur wie ein Mensch redt. D er Bund machte allen Leuten Gedanken. — Wer haͤtte auch das gemeynt? sagten Maͤnner und Weiber — aber die groͤste Betruͤbnis daruͤber hatte der alte Schulmeister. — Der arme Tropf fand heute nicht mehr wie gestern, es sey ein Wunder vom Herrn, daß Arner auf dem Todbett liege — J er lobpreisete auch den Namen des Herrn heute nicht mehr so laut mit dem Maul — er sagte es nicht mehr, die Wege des Herrn sind richtig und recht — er sagte nur, sie sind unerforschlich. — Das findet zulezt auch der Thor, wenn es ihm nicht geht wie er will — aber wer Gott nicht fuͤr einen Menschen, und nicht fuͤr ein Kind achtet, der findet es immer — und meynt nie, er wisse was Gott mache, oder was er wolle. Aber der aberglaͤubische Mensch und der Goͤ- tzendiener weißt das immer — es ist ihm nie ver- borgen, was Gott thut, und was der will, der die Himmel regiert. — Es ist ihm nichts unerforsch- lich und nichts verborgen als das, was ihm vor der Nase liegt. — Mitten in allem diesem flossen viele stille Thraͤ- nen fuͤr den kranken Mann — viele Gebethbuͤcher wurden naß, die bey Jahren nie naß geworden, und viele hundert Menschen lagen seinetwegen Naͤchte durch schlaflos. — Der Kummer der in- nigsten Liebe trieb ihrer viele bis zum Zagen der Verzweiflung. — Das Kind der Rickenbergerin sank wieder in den Zustand, in welchen es gerade nach seines Va- ters Tod gefallen, blieb ganze Naͤchte auf seinem Grab, weinte da, und oft, wenn seine Mutter und seine Geschwisterte bey ihm stunden, sah es sie nicht. — Wo es war, verfolgte dasselbe der erschreckli- che Gedanke, es sey nicht Gottes Wille, daß ein guter Vater auf der Welt sey, wenn einer da sey, so muͤsse er sterben, und es duͤnkte ihns, die Men- schen muͤssen nicht werth seyn einen zu haben, sonst waͤr' es anderst. — Und der Pfarrer fuͤhrte am Sonntag auf der Kanzel, weiß Gott, fast die gleiche Sprache. Es sey, sagte er, wie wenn es nicht seyn muͤsse, daß Menschen durch ihre Mitmenschen ver- sorget werden. — Die ganze Natur und die ganze Geschichte rufe dem Menschengeschlecht zu, es soll ein jeder sich selber versorgen, es versorge ihn Nie- mand, und koͤnne ihn Niemand versorgen; und das Beste, das man an dem Menschen thun koͤnne, sey, daß man ihn lehre, es selber zu thun. Auch hat Arner nichts anders gesucht als die- ses, sagte er mit einer Stimme, die an allen Waͤn- den klang, und sezte mit dumpfem leisem Ton hin- zu, aber was wird izt daraus werden? Nach einer Weile sagte er wieder, es liege in Gottes Namen in der Natur, daß der Mensch auf Niemanden auf Erden zaͤhle; selbst Aeltern, die fuͤr den Saͤugling in Feuer und Wasser springen, den lezten Bissen im hungrigen Mund kaͤuen, und J 2 nicht hinunter schlucken, sein Leben zu erretten, springen fuͤr ihn nicht mehr in Feuer und Wasser, theilen nicht mehr mit ihm den lezten Bissen, wann er erwachsen ist, und sagen ihm vielmehr, hilf dir izt selber, du bist erzogen! — Und im Grund ist es vollkommen recht, und fuͤr das Menschengeschlecht gut, daß Aeltern und Obrigkeiten die Menschen dahin weisen, und es ist wider ihre Rede, „ihr seyd erzogen, und helfet euch selber“, nichts zu sagen, wenn sie nemlich wahr ist, aber wenn sie nicht wahr ist, wenn Kind und Volk nicht erzogen sind, sich selber helfen zu koͤnnen, wenn vielmehr die armen Geschoͤpfe in beyden Verhaͤltnissen verwahrloset, zu Kruͤppeln und Serblingen (Schwindsuͤchtigen) gemacht und un- muͤndig gelassen werden, nichts sind, und nichts aus sich machen, und sich nicht helfen koͤnnen, und man ihnen dann doch sagt, hilf dir selber, du bist erzogen! — und — wohl noch etwas anders darzu — dann ist es freylich was anders. — O — Arner — Arner! wie sahest du das ein, und wie wuͤrdest du helfen, wenn du lebtest; aber Gott im Himmel, was koͤnnen wir hoffen? Lernet doch arme Menschen! lernet euch selber versorgen, es versorget euch Niemand! — So redete der Mann —! Und wer verziehet ihm, wer verziehet der Rickenbergerin diese Sprache nicht? — Wer will sagen, es sey wider Gott, wenns dem Menschen fuͤr Menschen bange macht? — und es sey wider die Obrigkeit, wenn er fuͤr die Armen und Elenden, und Unversorgten im Land mit einem Feuer redet, das brennt? — O! ihr Menschen, das Feuer des Eiferers, der im Gefuͤhl der Verwahrlosung unsers Geschlechts dahinkommt, die Sprache der Verzweiflung zu re- den, ist ein heiliges Feuer, und seine Sprache ist wie ein Schatten der himmlischen Wahrheit, und wie ein verblichenes Siegel der Goͤttlichkeit unserer Natur —! — Der Pfarrer aber sagte nicht nur dieses. §. 34. Ein Staatsminister auf dem Dorf. I ndessen breitete sich das Geruͤcht von seiner Krank- heit, und von ihren Ursachen, weit umher aus, und kam schnell, wie auf den Fluͤgeln des Windes mit allen Zusaͤtzen, die es auf dem Wege von 20 Stunden aufnehmen konnte, an den Hof des Fuͤr- sten. — Durch allen Wirwarr der Berichten schien so viel gewiß, daß Arner sehr krank, und Sylvia daran schuld seyn moͤchte. Der Herzog, der war- men Antheil an Arners Krankheit nahm, und uͤber I 3 die muthmaßlichen Ursachen derselben aͤußerst auf- gebracht schien, stund eben vor Arners neuem Ge- maͤhlde, darinn Menzow wirklich sich selbst uͤber- troffen, als Bylifsky zu ihm kam, um die Freyheit zu bitten, nach Arnburg zu reisen — und er be- fahl ihm, seinen Leibarzt mitzunehmen, und von seinetwegen eben so wohl uͤber die Ursachen der Krankheit genauen Bericht einzuziehen, als auch alles zu veranstalten, was er noͤthig finde, den Ar- ner vor Verdruß zu sichern. — Helidor hatte zwar schon angefangen, die Be- griffe seiner Durchlaucht uͤber den guten Arner her- unter zu stimmen, aber da der Herzog vor dem Leibarzt sich uͤber Sylvia unwillig zeigte, stimmte er hierinn vollends ein, und sagte, es sey wahr, sie habe ein Maul zum toͤden, wenn sie anfange je- mand zu quaͤlen. — So muß man sie von meinetwegen, wenn es im geringsten noͤthig, auf der Stelle aus dem Schlosse wegschaffen, erwiederte der Herzog. — Und auch hierin widersprach Helidor kein Wort. — Der schnellste Jagdzug flog mit ihnen die Nacht durch, und am Mittag waren sie in Bonnal. Da stieg Bylifsky aus, und ließ den Leibarzt allein weiter fahren. Er wollte einen Augenblick zum Pfarrer. — Dieser war in der Kirche und be- thete eben mit den Schulkindern ein stilles Gebeth fuͤr das Leben des Junkers. — Bylifsky hoͤrts — geht auch zur Kirche, thut mit leiser Hand die Thuͤre auf, tritt mit stillem unhoͤrbarem Schritt hinein, siehet die Schaar der Kinder, und den Pfarrer und ihren Lehrer vor dem Altar auf den Knien, und ihr Angesicht unverwandt gegen den Boden, hoͤrt ihr Schluchzen, faͤllt in seinem Ecken auf die Knie, weinet und bethet mit diesen Kindern fuͤr seinen Freund; und da sie wieder aufstehen, ge- het er zu ihnen hervor, sagt wer er sey, gruͤßet sie alle, und giebt wie der Pfarrer und der Lieutenant den Behuͤte Gott sagenden Kindern die Hand — siehet eines nach dem andern so steif und genau an, als ob er keinen Gedanken in seiner Seele habe als diese Kinder — ißt dann mit dem Pfarrer seine Suppe geschwind, wie sie da stund, und geht mit ihm und dem Lieutenant zu Fuß uͤber den Berg nach Arnburg. I 4 §. 35. Eine Dienstmagd begehrt Abscheid und Rekommendationsbriefe von der gnaͤ- digen Herrschaft. D er Leibarzt zuckte die Achsel — so bald er den Kranken sah — machte dann seine Feldapotheken auf; und Geruͤche aller Art fuͤllten die Stube. — Fuͤrchterliche Silber- und Goldzangen und Na- deln, und Messer, Schwaͤmme und Binden, Stuͤ- cke von Schlangen, zerriebene Muͤcken, Gift, Me- tallen, und halbe Metallen, chymische Geheimnisse, und natuͤrliche Pulver, Salben und Pflaster, lagen sichtbar und unsichtbar in dieser Kiste. Er nahm heraus, wog, mischete, rieb, stoßte, ließ warm machen und wieder kalt werden, strich Pflaster und Salben, und innert einer Stunde hatte Arner aller- hand davon an seinem Leib, und nicht weniger da- von selber darinn. — Dann ließ er ihn eine Weile allein, und nuͤzte diesen Augenblick, Sylvien, die er schonen wollte, zu sagen, was er gehoͤrt. — Sie stellte sich ganz gleichguͤltig, machte die kranke launige Dame, und that, so lang er vom Herzog redete, wie wenn ihr an allem nichts liege; da er aber vom Helidor an- fieng, konnte sie das nicht mehr — sie fragte mit Hastigkeit, hat er nichts dazu gesagt? — aber er wollte nicht mit der Sprache heraus — sie bat, und zwang, und drang, und ließ ihn nicht ruhen, bis er es ihr sagte. — In Gottes Namen, weil ihr Gnaden befehlen — Er hat gesagt, ihr Gna- den haben ein Maul, es haue und steche. So — er hat das gesagt? erwiederte sie — stund ploͤtzlich auf — verließ das Zimmer — lief unter ein Fen- ster, und wartete da dem Herzklopfen ab, das sie anwandelte — da seh ich — da seh ichs — ja izt schon, daß er mir beym ersten Anlaß wie einem Schuhlumpen den Tritt giebt. — Ihr Herz schlug — und so bald sie wieder zu Athem kam und die Augen aufhub, sah sie Bylifsky, zwischen dem Pfarrer und dem Lieutenant, den Vorreyn vor der Burghalden hinaufkommen; sie redten von der Schule, und der Lieutenant verthat seiner Gewohn- heit nach die Haͤnde, weil er im Eifer war, sie aber meynte, er erzaͤhle izt sicher von nichts anderm als von ihr — sie floh in ihre Stube, stampfte mit dem Fuß, besaß sich nicht mehr — wuͤtete izt mit Aglee, gab ihr in allem die Schuld, behaup- tete, sie haͤtte sie von allem zuruͤckhalten sollen, und hatte zum Grund, sie wisse wohl, was sie uͤber sie vermoͤge. — Diese gab ihr keine Antwort — aber am Mor- gen fand Sylvia auf ihrem Pult folgenden Brief. — „Ich habe Sie bestohlen, und bin fort — meine Gruͤnde liegen zum Theil in Ihrem gestrigen Betragen, zum Theil in meiner immer mehr stei- genden Ueberzeugung, daß wir nicht fuͤr einander geschaffen; aber ich bin izt nichts weniger als in der Laune, mich uͤber das, was ich thue, zu er- klaͤren, oder mich zu rechtfertigen; das ist gewiß, daß ich fuͤr das, wozu Sie mich brauchten, nicht bezahlt bin, und dieses ist, wie Sie wissen, von einer Natur, daß wir beyde es nicht wohl von der Obrigkeit koͤnnen ausmachen lassen, was mir da- fuͤr gebuͤhre. Aber erschrecken Sie um deßwillen nicht, ich habe mich nicht uͤber die Gebuͤhr vergriffen; Ihr Schmuckkaͤstchen ist klein, und das Halbe und das Beste davon habe ich daraus weggethan, und in die Ecke Ihres Schranks neben die blaue Haube ge- legt, die Sie gestern getragen. Ich will nichts als von Ihnen fortkommen, meine philosophische Jung- fer! mit dem Glauben, daß den Menschen nichts entehre als der Diebstahl. Ich kenne Sie zu wohl, um nicht auch als eine Diebin auf meiner Hut zu seyn, daß Sie mich mit Recht nicht verachten koͤn- nen, wie ich Sie verachte. Lassen Sie mich Ihnen nur noch sagen — wir denken in keinem Stuͤck gleich; und wenn wir je das gleiche thaten, so hatten wir doch nie die gleichen Gruͤnde. Ich half Ihnen freylich hier den Junker und seine Leute kraͤnken, aber verachte weder ihn noch die Juͤnkerin, noch den Rollenber- ger, am wenigsten den Lieutenant; der lezte zwang mir eine Hochachtung ab, die ich keinem Menschen mehr schenken will. Aber was geht es Sie an, wie ich daruͤber denke? Ich gehe uͤber Regenspurg nach England, und erwarte am ersten Orte bey Ihrer Cousine ein paar mir noͤthige Empfehlungsschreiben von Ih- nen; und damit Sie nicht in Versuchung gera- then, mich einen Posttag darauf warten zu lassen, und eben so wenig sich von Ihrer Hitze verleiten lassen, Morgens in den ersten Augenblicken von meiner Abreise anderst als in der Ordnung zu re- den, finde ich noch noͤthig, Ihnen die Anzeige zu machen, daß ich diejenige Papiere alle mit mir genommen, die ich vor 3 Wochen, wie Sie glaub- ten, vor Ihren Augen verbrannte. Ich habe die- selben mit den neuern Geheimbriefen, die Sie bey sich herumtrugen, mit der Brieftasche ebenfalls mitgenommen. So viel brauchte ich, um Ihnen mit Sicherheit vor die 2 ersten Stunden dieses Morgens so viel Verstand zutrauen zu doͤrfen, als ich will, daß Sie izt haben. Einen andern Ge- brauch davon werd' ich nie machen. — Ich habe weiter nichts mehr zu sagen, als lernen Sie in Zukunft den Namen Freundin gegen Niemanden mehr also zu brauchen, wie Sie es gethan haben gegen Ihre gehorsame Dienerin Aglee. §. 36. Der Staatsminister in der Schule und bey dem Schulmeister. A ber es wird immer schlimmer mit Arner! — — Therese faͤllt aus einer Ohnmacht in die an- dere. — Der Leibarzt foderte, daß man ihn vollends allein lasse — und izt sinkt er in eine aͤußerste Er- mattung, entschlaͤft in derselben — auf den Lip- pen aller steht der Gedanke — Er ist todt — und wird nicht wieder erwachen. — Therese reißt sich aus den Armen Bylifsky — Er ist todt — Er ist todt — und sinkt vor ihm nieder — Der Rollenberger liegt mit den Kindern auf den Knien — der Pfarrer bethet laut, und alles erwartet das Wort — Er athmet nicht mehr! — Wie bang — wie bang — wie bang ist ih- nen allen! — wie horchet alles vor seiner Thuͤre! man hoͤrt keinen Laut. — Ist er todt? — ach! — ist er noch nicht todt? — vielleicht — viel- leicht — vielleicht — — Still! seyd doch still —! man hoͤrt eine Be- wegung — was ists — was ists —? Der Leibarzt kommt an die Thuͤr — er oͤfnet sie fast ohne einen Laut, und sagt fast ohne zu athmen — es zeigt sich ein Schweiß, ich habe wieder einige Hofnung — er schlaͤft fort — man eilt zu Therese — sagt ihr die Worte — sie wills nicht glauben — und faͤllt wieder in Ohnmacht. — Nach einer Viertel- stunde oͤfnet er wieder, und sagt, der Schweiß wird immer staͤrker — geht doch — und sagts! — Alle Viertelstunden kommt er wieder, und bleibt bey der Rede — er habe wieder Hofnung! — Gegen 9 Uhr erwachte der Kranke, und sagte, es sey ihm wie im ganzen Leib anderst und leich- ter — aber er war aͤußerst schwach — entschlief bald wieder — und das bange Warten der Nacht war entsezlich — man hoͤrte keinen Laut als be- then — Therese hatte keine Ohnmachten mehr, und bethete izt auch — die Berichte kamen immer gleich, es gehe so gut moͤglich, und es sey gewiß Hofnung! — Und am Morgen durfte Therese wie- der zu ihm hinein; aber sie kam nur, und verschwand wieder. — Der Leibarzt foderte heute noch die glei- che Stille — und Bylifsky sah' ihn nur durch eine Seitenthuͤr, und brachte den Tag mit dem Pfarrer und dem Lieutenant in Bonnal zu. Er sah da alles, und alles mit den Augen des Manns, der im Stand ist, im Saamenkorn des Oelbaums sich das allmaͤhlige Wachsthum der Pflanzen von ihren Keimen an bis zu derjenigen Groͤße vorzustellen, in welcher die Voͤgel des Him- mels auf seinen Aesten nisten, und die Menschen sich unter seinem Schatten lagern. Er sah lang und genau nach allen Seiten, war im Anfang still, redte wenig, nach und nach aber immer mehr; trat in die kleinsten Umstaͤn- de dieser Leute hinein, und forschte mit Genau- heit dem Einfluß der neuen Ordnung auf diese Umstaͤnde nach, und kam dahin fast mit dem hal- ben Dorf zu reden, sah den Baumwoll-Meyer, das Mareili, Gertrud, den alten Renold, die jun- ge Renoldin, den Lindenberger, den Michel, und selbst den Hummel; blieb, so lang die Schule dauerte, am Morgen und Nachmittag, vom Anfang bis zum Ende darinn, sah aller Kinder Arbeit, und warf die genaueste Aufmerksamkeit auf die Verbin- dung des Lernens mit dem Arbeiten; forschte genau, wie weit das Eine das Andere nicht hindere, ur- theilte kein Wort, bis er alles gesehen, alles ge- pruͤft, dann erst sagte er zum Lieutenant, der frey- lich izt auch gern ein Wort gehoͤrt haͤtte, was er etwann meyne. Ich finde euere Einrichtungen mit der innern Natur des Menschen, und mit ihrem wirklichen gesellschaftlichen Zustand gleich uͤbereinstimmend — und einen Augenblick darauf — die Großen schaͤ- tzen den Menschen nur in dem Grade, in welchem sie Nutzen von ihm ziehen koͤnnen, und das innere Triebrad aller wirklichen Gesezgebungen ist kein an- ders, als jeden Staat fuͤr seinen Fuͤrsten so hoch hinauf zu treiben als moͤglich, und die darinn le- benden Menschen ebenfalls so gut als moͤglich zu diesem Endzweck aufs Beste zu nutzen und zu brau- chen, und wenns gut geht, auch dazu zu bilden und zu fuͤhren. — So wie das innere Triebrad der wirklichen Einrichtungen eines jeden Eigenthuͤ- mers dieses ist — sein Haus und Hof, Beruf und Gewerb, so hoch hinauf zu treiben als moͤglich, und seine Leute zu diesem Endzweck eben so zu nuͤtzen und zu brauchen, und wenns gut geht, auch zu bilden und zu fuͤhren — desnahen ist der Mensch im Großen in dieser Welt auch nur in so fern gluͤck- lich und sicher, als er dienstfaͤhig gebildet und ge- modelt ist, den Platz, den er in der Gesellschaft mit gesetzlichem Recht behauptet, wohl auszufuͤl- len. — — Ihre Einrichtungen, mein Freund! entspre- chen diesem vorzuͤglichen Beduͤrfnis der Menschen auf eine Art, wie ich es noch nirgend gesehen, und koͤnnen nicht anderst als das Urtheil der Fuͤrsten uͤber den Werth ihrer Menschen, und mit diesem die Aufmerksamkeit ihrer Gesezgeber oder Gesez- macher, auf das Gluͤck und die Sicherheit dersel- ben erhoͤhen — in dem sie diesen wichtigen Ge- sichtspunkt nicht durch chimaͤrische Traͤume — an welche die Fuͤrsten durch die erste Beduͤrfnisse ihres Stands in Ewigkeit gehindert werden, im Ernst zu glauben — sondern durch viele Erhoͤhungen des wirklichen Ertrags, und Dienstfaͤhigkeit der Men- schen, an die sie immer gerne glauben, zu erzielen suchen. Auch halte ich, lieber Lieutenant! Ihre Erzie- hungsart und Ihre ganze Dorfeinrichtungen so be- stimmt fuͤr eine Finanzsache, daß, wenn das Ka- binet den Plan gemacht haͤtte, das Volk ganz allein nach dem Gesichtspunkt seiner mehrern Ertragsfaͤ- higkeit erziehen zu lassen, dasselbe ganz gewiß sein Werk mit Einrichtungen anfangen muͤßte, wie die Ihrigen sind. — Gott! denkt euch izt den Mann, dem noch vorgestern Bonnals Gesindel gewagt hat, Joggeli willt willt Geld? und Joggeli hast Geld? nachgerufen, und dem izt der erste Minister seines Fuͤrsten dieses sagt! — Wenn nach Jahre-langem innerm Kaͤmpfen eine Beterin sich ploͤzlich wie durch eine Erschei- nung erhoͤrt, und weit uͤber ihren Glauben erhoͤrt sieht, so steht sie im ersten Gefuͤhle des Heils, das ihr wiederfahren ist, vor ihrem Gott da, wie die- ser Mann vor Bylifsky. — Eine Thraͤne zitterte in seinem Auge, und auf seinen Lippen das Verstummen seiner ganzen Er- schuͤtterung. Der Minister kannte dieses Verstummen, es war der beste Lohn des Diensts, den er seinem Fuͤrsten that, er hatte ihn aber auch nicht selten genossen, und nahm izt dem zitternden Mann seine Hand, sagte ihm, „zaͤhlen Sie auf mich, aber handeln Sie an ihrem Plaz vollends wie wenn Sie mich nicht kennen wuͤrden, und wie wenn ich nicht in der Welt waͤre. Der Weg, zu welchem Ihr Werk fuͤhret, fodert dieses.„ — Mit diesem verreißte er. Der Lieutenant sah' ihm nach, so weit er konnte; er saß am Ende der Schulmatten unter dem Nußbaum auf einem Markstein, hielt die Haͤnde zusammen, entzog ihm kein Aug, so lang er ihn sah, und da er ihn nicht K mehr sah, sank ihm sein Haupt gegen dem Boden, sein Herz schlug, und sein hoͤlzernes Bein zitterte auf seinem Stumpen — er sah es — armer Stumpen, sagte er zu sich selber, ich habe dich lang muͤhselig herumgeschleppt; aber wenn ich auf dir noch dahin huͤlpen kann, wohin mir izt ahn- det, so ist mir die Muͤhseligkeit meines Lebens wie nichts, und der Tag, an dem ich zum Kruͤppel worden, wird mir dann der gluͤcklichste meines Lebens! Ach! er sah mit inniger Freude, wie sein hoͤlzernes Bein zitterte; und der Minister reißte mit dem beruhigenden Gefuͤhl fort, eine Bahn zur sichern Verbesserung der Volksgesezgebung ent- deckt, und den Mann gefunden zu haben, der in den Labyrinthen der Tiefe, in welchen die Gesez- macher immer wie in der Irre herumtappen, und in der Finsterniß wandeln so viel Licht anzuͤnden kann, als einer braucht. §. 37. Aeußerungen der Freude und Freund- schaft — Und der Strafe eines Ver- laͤumders. — E he er verreißte, nahm er noch in der Stille; aber sehr genau, verschiedene Zeugnisse auf, was des Generalen Jaͤger uͤber den Lieutenant in Bon- nal fuͤr Reden ausgestreut — dann eilte er einsam zu Fuß fort uͤber den Berg. Der Traum uͤber sein Dorf, und der Gedanke, wie es um Arner stehe , theilten seine Empfindungen bis gegen das Schloß. So wie er sich diesem naͤherte, vergaß er die Schule ; Furcht und Hofnung schlugen in seiner Brust, er verdoppelte seine Schritte — er hatte befohlen, wann es im geringsten einen Anschein zum Schlim- merwerden habe, daß man ihn augenblicklich be- richte — nun war es Abend, und kein Bericht da, das schien gut — Er eilte — Er eilte — izt ist er hinter den Tannen, sieht das Schloß wieder, sein Herz schlaͤgt, er entzieht ihm kein Aug, und ploͤzlich sieht er alle — alle — zum Schloß hin- aus ihm entgegen. — Therese — die Kinder — der General — der Leibarzt — er siehts — sie gehen — sie lau - K 2 fen — sie zittern nicht — sie sind nicht mehr wie gestern — es fuͤhrt Therese Niemand — es ist kein Jammer in ihrer Geberde — er siehts — Arner ist gerettet — und springt! — der Karl springt auch von der Mamma weg, ruft ihm laut und von weitem — es bessert mit dem Papa!! Bylifsky nimmt ihn bey der Hand, springt wie der Knab — Therese lauft izt auch, und sinkt außer Athem und ohne zu reden ihm in die Arme — Alle stehen um ihn her — alle draͤngen sich an ihn an, der Leib- arzt sagt wieder — Er ist wills Gott gerettet! und ihm uͤberfließt das Herz von Wehmuth und Wonne. — So lauft ein Haus, das in den Flutten ge- standen, und wie im graͤßlichen Eisstoß sich wie ein Wunder erhalten, einem Vater entgegen, der in der Verheerung nicht da war; die gerettete Mut- ter sinkt ihm sprachlos an den Arm, sein Aeltester springt vor den andern her, ruft ihm von Ferne, wir sind alle noch da! und alle — alle — die noch da sind, stehen um ihn her, draͤngen sich an ihn an — und ihm uͤberfließt das Herz von Wehmuth und Wonne. — Arner wußte izt, daß Bylifsky da war, der Leibarzt hatte es ihm gesagt, aber ihn auch gebe- ten, sich nicht in Gefahr zu begeben, und wenig mit ihm zu reden. Das gleiche bat er den Bylifs- ky. — Er gieng hinein, daß man ihn kaum hoͤrte, wog die Worte wie Gold ab, vermied jede Em- pfindung, und saß nicht einmal nieder. — Diese Aufmerksamkeit hielt den Arner in Schranken, daß ihm diese Freude nicht nachtheilig war. Er sagte ihm wohl einmal, du thust doch vollends, als wenn dir an meiner Gesundheit mehr liege als an mir! Aber Bylifsky ließ sich nicht einmal zu einem Laͤcheln bewegen — er sagte ihm: ein andermal wollen wir spaßen! — Arner fuͤhlte daß er recht habe; und da die halbe Viertelstunde vorbey war, die der Leibarzt erlaubt hatte, ließ er ihn mit Willen von sich, und Bylifsky verreißte bald darauf, voll Hofnung seiner Genesung — Er konnte nicht laͤnger bleiben. — Vorher stellte er dem General noch einen Be- fehl zu, seinen Jaͤger geschlossen auf Bonnal fuͤh- ren zu lassen, um allda von Haus zu Haus den Widerruf zu thun alles dessen, was er gegen den Lieutenant ausgestreut; mit dem Beyfuͤgen, er er- warte, daß, wenn Arner von Sylvia auch nur dem entferntesten Verdruß wieder ausgesezt seyn soll- te, der Herr General sie in diesem Fall auf der Stelle von hier entferne. — Diese Nota war unterzeichnet „Auf spezialen Befehl Sr. Durchlaucht —„ Bylifsky. K 3 Sylvia erwartete selber so etwas. So lang er da war, machte er allemal, wenn sie ihm zu Ge- sicht kam, Augen, die ihr durch Leib und Seel gien- gen; sie konnte es sich nicht verhehlen, es war der Blick des Manns, der es in seiner Hand hatte, sie zu erdruͤcken, und beynahe darnach geluͤstete. §. 38. Leidensgeschichte eines herzguten Men- schen, der aber das Handwerk, das er treiben sollte, nicht gut gelernet hatte. I ndessen nuzte Helidor diese Tage, Ihr Durch- laucht wegen der Bonnaler Arbeit, so viel an ihm stund, erkalten zu machen. Der gute Herzog war seit einiger mehr als je in der Gewalt des Manns, der die besten Empfin- dungen seines Herzens in ihm zu Staub rieb, wie man eine duͤrre Wurzel in dem Moͤrsel zu Staub reibt — und er liebte den Mann, der seine Freude daran hatte, ihm alle Augenblicke den Todtenge- ruch vor die Nase zu halten, der in ihm lag, und taͤglich vor ihm zu lachen, bis er das Menschenge- schlecht aus dem Sinn schlug. Armes dahingegebenes Geschlecht der Menschen! Wenn deine Fuͤrsten dahin kommen, solche deines gleichen zu lieben, die lachen, bis du ihnen aus dem Sinn bist — Armes verwahrlosetes Geschlecht, wie bist du dann zu bedauern? — Aber dennoch bey allem, ihr Fuͤrsten! bey allem ists noch die Fra- ge, wer mehr zu bedauern sey, das arme Geschlecht oder Ihr? wenn ihr solche Lieblinge habt wie He- lidor, der eine Stunde, ehe Bylifsky wieder heim kam, lachend von seinem Fuͤrsten weggieng, weil er den guten Mann, der mit herzlicher Theilneh- mung zu ihm sagte, er hoffe wills Gott, er bringe gute Nachrichten von Arner, mit einem Wort er- schuͤttert hatte, das ihm durch die Seele gieng. — Vergessen Ihr Durchlaucht, sagte er zu ihm, doch niemal das Wort, womit Ihr Leibarzt Sie von der gefaͤhrlichsten Krankheit geheilet, die Sie je wie- der befallen konnte. Ganze Reihen von Lebenserfahrungen, die alle den Endzwecken Arners entgegen zu seyn schienen, kamen dem Herzog mit diesem Wort, wie mit ei- nem Schlag, wieder ins Gedaͤchtniß, und das große druͤckende Bild der Verwirrungen, seiner Jugend Gutmuͤthigkeit, stund ihm damit ploͤzlich vor Au- gen. — Er gieng beyseits — und Helidor hatte, was er wollte. — Die Sach ist diese. — Ihr Durchlaucht ka- men im 21. Jahr mit einem Engelherzen, aber als ein unwissendes Kind, an die Regierung, fan- K 4 den beym Antrit einen verschuldeten Staat, ein elendes Volk, und ein Leben am Hof, das einem ewigen Karneval glich. — So wollten Sie es nicht — Sie wollten es anderst erzwingen — Sie boten jedem Projektmacher die Hand, jeder Schwaͤr- mer und jeder Heuchler fand Eingang, aber Ihr Volk ward immer elender, Ihr Hof immer ver- wirrter, und der Staat immer verschuldeter. — Es rieb den jungen Mann fast auf, er verlor Muth, Farb, Heiterkeit, Sinnen, und sank in eine Abschwaͤchung hinab, die fuͤr sein Leben be- sorgt machte. Ein Leibarzt alter Art, der schon mit seinem Großvater gespaßet, suchte ihn aufzumuntern, und alle Morgen, wenn er ins Zimmer trat, war sein gewoͤhnliches Wort: „Ihr Durchlaucht — Ihr Durchlaucht — die Welt ist ein Narrenhaus! lassen Sie sie gelten, was sie ist, und werden Sie ge- sund! —„ Der Herzog gab ihm freylich im An- fang zur Antwort, „er ist ein leichtsinniger Mann, schweig er mit solchen Worten, und geb er mir seine Arzney.„ — Aber der Leibarzt schuͤttelte den Wanst, und sagte, dieser Spruch gehoͤre mit zur Arzney; und Ihr Durchlaucht muͤssen ihm wenigstens noch 4 Wochen erlauben, diese Worte alle Morgen zu sa- gen, wie er sie bisher gesagt, und dazu zu lachen, wie er bisher gelachet habe. Ihr Durchlaucht ließen den Narren machen; aber es half. Der Herzog fand alle Morgen mehr Wahrheit in dem Wort, das ihm der Dokter so alle Morgen nuͤchter brachte und eingab, und sein Glaube an Projektmacher, Schwaͤrmer und Heuch- ler, stimmte sich wirklich hinunter, aber sein Herz aͤnderte sich nicht; so bald er wieder gesund war, konnte er nichts weniger als aufhoͤren, sich an Men- schen zu binden, von denen er glaubte, daß sie an seinem Volk vaͤterlich handeln wollten und koͤnnten — aber er betrog sich an allen; diese Vaͤter hat- ten immer ihre eigene Kinder, und die, so derglei- chen thaten, als haͤtten sie keine, hatten die mei- sten; das Volk kam bey allen und jeden hinten nach, wie es ohne seine Muͤhe vorher schon hin- ten nach war. — Er war großmuͤthig und standhaft, und ließ bey allem Fehlschlagen nichts unversucht, gieng einmal sogar zu den Frommen hinuͤber, und fand da wirklich mehr Sorgfalt und mehr Verstand in Besorgung einiger wesentlicher Angelegenheiten des Volks, als er sonst noch nirgendwo gefunden; aber das Ganze ihrer Einrichtungen und ihrer Stim- mung behagte ihm nicht — es war seiner Natur zuwider, an Leute zu glauben, die so wenig mit geradem Ruͤcken und festem Tritte vor ihm stehen konnten, als mit natuͤrlichen Augen; und es wollte nicht in ihn hinein, daß das Gluͤck der Menschen in einer Seelenstimmung bestehe, die ihn in solchem Grad schwach mache; er kannte den Zusammen- hang zwischen dem schwach seyn und krumm wer- den, und hielt es fuͤr das erste Beduͤrfniß des Menschen, daß er gerad bleibe. Auch sah er nicht blos ihre Obern und Klu- gen, er sah auch ihre Untern und Dummen; und es fiel ihm auf, daß die erstern sind, was sie wol- len, und die andern, was sie muͤssen; auch dieser Unterschied behagte ihm nicht, noch weniger die Gewalt, die er sie uͤber die Koͤpfe ihrer Leute haben sah, der Seinige war ihm um keinen Preis feil; und wenn er auch sein Volk damit auf eine Art haͤtte gluͤcklich machen koͤnnen, so waͤre ihm das nicht moͤglich gewesen, ihnen also sein Haupt da- hin zu geben, daß sie dasselbe, wie die Taͤnzerin im Evangelio das Haupt Johannes des Taͤufers in einer Schuͤssel herum tragen konnten, zu Frau Muͤt- tern, und wohin sie wollten. Nein, das waͤre ihm nicht moͤglich gewesen; auch sahen die Obern den Fehler dieser Eigensuͤchtigkeit an ihm gar bald, wie sie denn diesen Fehler an jedermann geschwind bemerken, und immer gar hoch halten; sie nennen ihn in ihrem Kinder-Unterricht den schlimmsten Tuck des leidigen Satans, der allen Glauben verscheue. — Auch das lag ihm in der Natur, daß er alle Haͤndel haßte, mit denen man nie zu Ende kom- men konnte; und es war ihm unmoͤglich, zu glau- ben, daß das wahre Gluͤck des Menschen von Got- tes wegen, an Lehren, Meynungen und Urtheile gebunden sey, die seit Jahrhunderten zwischen ehrli- chen Leuten im Streit sind, und ihrer Natur nach wahrscheinlich bis ans Ende der Tagen im Streit bleiben werden. — Kurz es war nichts mit ihm zu machen, er brach ab, so bald er merkte, daß es den Kopf gelte, und wollte lieber mit offenen Augen in der Irre herumlaufen, als mit verbundenen — viel- leicht — in ein Paradies kommen. So schwamm er Jahre lang wie auf den Wel- len des Meers, fand fuͤr sein Herz nirgend kein si- cheres Ufer — und suchte zulezt — kurze Zeit. — Er fand sie meistens in der Einsamkeit — saß Stundenlang einzig in seinem Winkel beym Kamin, brannte oft Feuer bis ihm der Kopf heiß war, warf ganze Stoͤße Papier in die Flammen, und wenn sie Aschen waren, sagte er oft, „das, was izt da- von uͤbrig ist, ist ihre Wahrheit!„ Die Regierungsgeschaͤfte wurden ihm zur Last, sie schienen ihm nichts anders als das Treiben eines Fuhrmanns an einem uͤberladenen Wagen, der durch Sumpf und Koth fort muß; geh es wie es geh. Auch ist wahr, was Sylvia sagte: Er hieß seine besten Minister gar oft Karrenroß — freylich gab er ihnen diesen Namen eben, wie gewisse Leute ein wichtigers Scheltwort, der halben Welt nicht mit Unwillen und Verachtung, sondern mit Be- dauren und Mitleiden; aber sie hoͤrtens doch nicht gern, insonderheit weil er mit dem schlechtesten Mann, der am Hof war, eine Ausnahme machte, und diesen nicht so nannte, aber er that es um deßwillen nicht minder. Oft gieng er einsam von der Jagd weg in die Huͤtte des Landmanns, aß von seinem Brod, trank von seiner Milch, legte ihm Gold in die Becken, floh dann wieder die niedere Huͤtte, und sagte, waͤr ich doch wie ihrer einer, und haͤtte ichs wie sie! — Er gab dem Bettler am Weg seine Uhr, und dem Kind, das ihn um Brod bat, seine Boͤrse; sagte oft im ganzen Gefuͤhl seines Ungluͤcks laut seufzend: „Ich meynte, ich wollte und koͤnnte ih- nen seyn wie ein Vater. Aber waͤren sie izt nur vor mir sicher, sie sind nicht einmal das — wer mich kennt, den flieht das Volk, es zittert vor dem Mann, der weißt, was meine Befehle ausweisen, und mein Gesez ist in ihren Augen und in ihrem Mund nichts anders, als der Schluͤssel zu ihren Geldkisten, den meine Knechte allenthalben wider sie im Sack haben.„ Ein anders Gesezbuch zu machen, dachte er wohl, aber die es konnten, sagten, sie koͤnnen es nicht; und die, so es nicht konnten, wollten es machen, aber er sah, daß sie es nicht konnten. Das war seine Lage. Er sah im Allgemeinen wohl, wo er hindenken sollte, aber er irrte sich Stuͤck fuͤr Stuͤck in den Mitteln, und kam endlich dahin, wo viele Menschen in aͤhnlichen Faͤllen hin- kommen, zu glauben, es sey unmoͤglich zu seinem Ziel zu gelangen. §. 39. Grundsaͤtze des Dickhalses, der dem Teu- fel in der Lavaterischen Physiognomik gleich sieht. I n dieser Lag und in dieser Stimmung war er, als er mit Helidor Bekanntschaft machte, und sich an ihm irrte. Zeitvertreib und Zerstreuung waren ihm wieder koͤrperliche Beduͤrfnisse geworden, und die unerschoͤpfliche Kunst des Manns, jeden Spiegel umzukehren, der etwas unangenehmes darstell- te, und jeden Gedanken wegzubannen, den er weg wuͤnschte, der Anschein eines unerschuͤtter- ten Muths, und seine Kunst immer zu lachen mußte dem Herzog in dieser Lage behagen; es ahn- dete ihm nicht, daß dieses alles die Frucht seiner Gottesvergessenheit und seiner Menschenverhoͤhnung seyn konnte: er meynte vielmehr, seine Grundsaͤtze, so roh sie toͤnen, seyen nicht boͤs gemeynt, und bloße Folgen trauriger aber wahrer Erfahrun- gen. — So gut war der Herr; er war uͤber fuͤnf- zig, und irrte sich noch so! — Der andere nuzte den Irrthum; er hatte die unnachahmliche Kunst, Sachen, die er wie in den Tag hinein zu reden schien, den Menschen tief in die Seele hineinzubringen. Wenn man glaubte, er pfeife den Voͤgeln ein Lied vor, oder er sehe zum Fenster hinaus auf die Bruck, so warf er, eh man sichs versah, ein Wort weg, mit dem er ihrer Zehen den Kopf umdrehete, die kaum sahen, daß er da war. Seine Meynungen waren kurz und bestimmt, es war immer viel Wahrheit darinn, sie schmei- chelten dem Fuͤrsten, und er schien dem Volk nicht unrecht thun zu wollen, indem er es wirklich that. Man meynte, er kehre ihm den Ruͤcken nur da- rum, weil es nicht moͤglich sey, ihm die Haͤnde zu bieten; seine Entschlossenheit mahlte das Leben leicht, er lenkte Muͤhseligkeit ab, zerschnitt den Faden, wo er ihn nicht aufloͤsen konnte, und machte kein Geheimniß aus dem Glaubensbekennt- niß, das tausend Schwaͤchere seines gleichen ver- bergen, „er sorge fuͤr sich selber, und das sey die Bestimmung des Menschen.„ Etliche seiner vorzuͤglichen Aeußerungen waren diese: Wer herrschen will, muß sein Herz also in den Kopf hinauf nehmen, daß er in keinem Fall unter dem Hals mehr viel von sich selber empfinde. — Item — Es sey die Hauptkunst eines Fuͤrsten, weder Menschen noch Sachen vor sich kommen zu lassen, die ihm an einem Ort warm machen koͤnn- ten, wo es einem Fuͤrsten nie warm werden soll. — — Weiter: Ein Fuͤrst muß nicht glauben, daß er die Heerde wolle weyden lehren, dafuͤr hat sie selber ein Maul, und er ist nicht um deswillen da. — Item: Es liegt im Grund nicht so viel daran, was er wirklich thut, die Heerde zu huͤten, als an dem, was er thut, den Hund und den Wolf, und die Schaafe glauben zu machen, daß er sie huͤte. Er machte sich auch gar nichts daraus, laut zu behaupten, man koͤnne die Menschen nie in eine Ordnung bringen, daß sie wirklich vor einander sicher seyen, die Grundsaͤtze von der allgemeinen Sicherheit seyen eine Chimaͤre, und wer daran glaube, ein Narr oder Charletan. Zur Bestaͤtigung dieses Satzes behauptete er, der Mensch habe einen Zahn im Mund gegen sein Geschlecht, den ihm Niemand ausziehen koͤnne, und so lange er diesen habe, so hoͤre sein Beißen nicht auf. Es braucht viel und mehr als der Herzog hatte, das Wahre und Falsche dieser Saͤtze zu soͤn- dern; aber weil er ein so innig gutes Herz hatte, so schadete ihm der Mischmasch nichts, er that ihm vielmehr manchmal wohl, zerstreute ihn, und machte ihm gutes Blut — und sonst nichts; wenn es ihm schon zu Zeiten vorkam, es sey wie er sage, so blieb er im Grund immer was er war — und Bylifsky zaͤhlte in allweg so sicher auf sein Herz, als der andere auf die Kunst, ihm fuͤr einen Au- genblick den Kopf herumzudrehen, wohin er wollte. §. 40. Ein zweyfacher Unterschied zwischen Sa- chen und zwischen Menschen. D er erste war klug genug, seinen Bericht von Bonnal also einzurichten, daß er zwar mit Be- stimmtheit aͤußerte, die Sache gehe gut, und ihre allgemeine Ausfuͤhrung koͤnne mit der Zeit dem Land von Wichtigkeit werden, aber hingegen sich nichts weniger als eifrig dafuͤr zeigte, sondern vielmehr eben so bestimmt beyfuͤgte, se fodere einen einen langsamen Gang, und muͤsse am Ort, wo sie angefangen, zu ihrer voͤlligen Reife gedeihen, ehe man daran denken koͤnne, einen Schritt weiters zu gehen. — Lang hernach, und nur wie beylaͤufig, sezte er hinzu, der Lieutenant ist der Mann, der die Sache seiner Zeit in vielen Doͤrfern ausfuͤhren kann, wie ers izt in Bonnal thut. Der Herzog ließ ihn von gar nichts anderm reden; er fieng wieder von neuem davon an, und drang besonders auf eine bestimmte Antwort auf die Frage, worinn der Unterschied zwischen diesem Versuch und den aͤhnlichen, die ihm so wohl als andern Leuten so vielfaͤltig mißlungen, bestehe? Der Minister antwortete: Ihr Durchlaucht! man sucht die Leute in Bonnal zu nichts anderm zu machen, als was sie in ihrem Plaz nothwendig wer- den muͤssen, aber man ruhet nicht, bis man da ist, daß sie dieses recht werden, und braucht dazu in einem jeden einzeln Stuck, vom Ackerfahren an bis zum Maus und Ratzen fangen, allemal den Mann, der das einzelne Stuck, warum es zu thun ist, am besten versteht. Diese Erklaͤrung gieng dem Fuͤrsten zu Herzen. Das Bewußtseyn, daß er selber an seinem Plaz nicht sey, was er darinn seyn sollte; und daß die- L jenige, die ihn dazu haͤtten bilden und fuͤhren sol- len, das gar nicht verstanden, was sie ihn haben lehren sollen, gab es ihm mit innigster Bewegung zu fuͤhlen, wie wichtig solche Anstalten seyn wuͤr- den, durch welche die Menschen das wirklich wer- den muͤßten, was sie an ihrem Plaz seyn sollen, und durch welche sie das, was sie in erwachsenen Jahren treiben muͤssen, durch Leute lernen koͤnn- ten, die es ausuͤben. Er ließ sich alle Umstaͤnde erzaͤhlen, und sagte am Ende, wenn es in der Welt moͤglich ist, daß aus einem Versuch von dieser Art etwas heraus- kommt, so muß hier etwas herauskommen. — Aber das machte den Helidor nicht irre; als er noch an diesem Abend wieder zum Herzog kam, und ihm dieser sagte, kommen Sie mir izt heute nicht damit, die Sachen in Bonnal seyen Charla- tanerien wie die andern, erwiederte Helidor laͤchelnd, ich sagte niemals, die Sachen in Bonnal seyen Charlatanerien wie die andern, zog das Wort in Bonnal und wie die andern langsam spoͤt- tisch — und sezte hinzu: aber erlauben Ihr Durch- laucht, wie viel steht Ihnen diesen Monat im Spiel? Verflucht viel — erwiederte der Herzog — und sagte, es waͤre bald Zeit, daß ich wieder eine Ambe gewinne. Warum zaͤhlen Ihr Durchlaucht auf keine Ter- ne oder Quaterne? sagte der Liebling, und laͤ- chelte. — Der Fuͤrst sah ihn an, und waͤhrend dem er ihn ansah, fuͤhlte er, was er meynte, nemlich drey Menschen wie die in Bonnal treffen seltener zusam- men, als vielleicht eine Terne oder Quaterne. — Es duͤnkte ihn wirklich es sey so, und schwieg. — Aber Helidor sah, daß er es fuͤhlte, und druͤ- stete sich hernach mit seiner Terne und Quaterne, daß es Bylifsky wieder vernahm. — Es machte ihm nichts; er wußte, daß man aus den Menschen machen kann, was sie nicht sind, und daß man sie zusammen stellen koͤnne, wenn das Gluͤck sie nicht zusammen tragen wolle — daß also die Vergleichung hinke; und es war ihm gar recht, daß es dem Herzog da r uͤber kalt mache; er hatte vielmehr gefuͤrchtet, es werde das Gegen- theil thun, und ihn verleiten, den Versuch in sei- nem unreifen Zustand weiter zu treiben, um ihm also den Herzstoß zu geben. Habe keinen Kummer, Leser! Der andere wird vor ihm verschwinden wie ein Kameel mit ei- nem Hocker und Aufsaz vor einer Pyramide. L 2 §. 41. Die Philosophie meines Lieutenants, und diejenige meines Buchs. E in Schiffer, den jenseits der Linie, wenn er schon das Feuer des halben Himmels befahren, zu- lezt noch ein Sturm uͤber die Abgruͤnde vielfarbi- ger Meere schleudert, sehnet sich nicht so sehr nach den weißen Voͤgeln, die das Ufer verkuͤnden, als Arner sich nach Bonnal sehnte, da er wieder leich- ter Athem schoͤpfte. So warm und treibend redte er auch von kei- nem Werk seines Hauses, als er mit dem Pfarrer und dem Lieutenant von Bonnal redte. Sie fan- den alle drey, das Werk sey so viel als angefan- gen; aber zu seiner eigentlichen Vollendung und zur Sicherstellung der Zukunft fehle ihm nichts — als Alles — und vor allem aus, eine mit ihren Einrichtungen und ihren Endzwecken uͤbereinstim- mende Gesezgebung. — Aber der Junker und der Pfarrer schoben die- sen Punkt auf den Lieutenant, und sagten ihm, er sollte sich nur darauf gefaßt machen; auch By- lifsky erwarte dieses Stuͤck ihres Werks nicht von einem alten Pfarrer, und nicht von einem jungen Junker, sondern von seiner Erfahrung. — Er machte kein Kompliment, und war wirklich darauf gefaßt. — Da er, seit dem er Bylifsky ersten Brief gele- sen, die Nachforschungen uͤber die Natur einer wahren Volksgesezgebung zum Gegenstand seines Nachtwachens und jedes freyen Augenblicks im Tage gemacht, dachte er nunmehr mit einer Hei- terkeit und Bestimmtheit uͤber diesen Gegenstand, daß er sich nicht entzog, seine Begriffe daruͤber in einem der ersten Abenden, den sie bey dem wieder- genesenden Junker zubrachten, auseinander zu se- zen — wie folget. — Die neuern Gesezgebungen, die man aber nicht im Ernst fuͤr Volksgesezgebungen ausgeben wird, setzen alle vom Menschen, und besonders vom min- dern Menschen, voraus, daß er ohne alles Verhaͤlt- niß mehr und besser sey, als er ist, und als er, ohne daß sie ihn in Stand stellen es zu werden, seiner Natur nach nicht seyn kann. Der Mensch, fuhr er fort, ist von Natur, wenn er sich selbst uͤberlassen wild aufwaͤchst, traͤg, un- wissend, unvorsichtig, unbedachtsam, leichtsinnig, leichtglaͤubig, furchtsam, und ohne Graͤnzen gierig, und wird dann noch durch die Gefahren, die seiner Schwaͤche, und die Hindernisse, die seiner Gierig- keit aufstoßen, krumm, verschlagen, heimtuͤckisch, L 3 mißtrauisch, gewaltsam, verwegen, rachgierig, und grausam. — Das ist der Mensch, wie er von Natur, wenn er sich selbst uͤberlassen, wild auf- waͤchst, werden muß; er raubet wie er ißt, und mordet wie er schlaͤft. — Das Recht seiner Natur ist sein Beduͤrfniß, der Grund seines Rechts ist sein Gelust, die Graͤnzen seiner Anspruͤche ist seine Traͤg- heit, und die Unmoͤglichkeit weiters zu gelangen. In diesem Grad ist es wahr, daß der Mensch, so wie er von Natur ist, und wie er, wenn er sich selbst uͤberlassen, wild aufwaͤchst, und seiner Na- tur nach nothwendig werden muß, der Gesellschaft nicht nur nichts nuͤtz, sondern ihr im hoͤchsten Grad gefaͤhrlich und unertraͤglich ist. Desnahen muß sie, wenn er fuͤr sie einigen Werth haben, oder ihr auch nur ertraͤglich seyn soll, aus ihm etwas ganz anders machen, als er von Natur ist, und als er, wenn er sich selbst uͤber- lassen wild aufwaͤchst, werden koͤnnte. Und der ganze buͤrgerliche Werth des Menschen, und alle seine der Gesellschaft nuzbare und brauch- bare Kraͤfte ruhen auf Einrichtungen, Sitten, Er- ziehungsarten, und Gesezen, die ihn in seinem In- nersten veraͤndern und umstimmen, um ihn ins Gleis einer Ordnung hineinzubringen, die wider die ersten Triebe seiner Natur streitet, und ihn fuͤr Verhaͤltnisse brauchbar zu machen, fuͤr welche ihn die Natur nicht bestimmt, und nicht brauchbar ge- macht, sondern vielmehr selber die groͤste Hinder- nisse dagegen in ihn hineingelegt hat: desnahen ist der Mensch allenthalben in dem Grad, als ihm wahre buͤrgerliche Bildung mangelt, Naturmensch; und so weit ihm der Genuß von Einrichtungen, Anstalten, Erziehungsarten, Sitten, Gesezen, welche nothwendig sind, aus dem Menschen das zu machen was er in der Gesellschaft seyn soll, man- gelt, so weit bleibt er, troz aller innwendig leeren Formen der aͤußerlichen buͤrgerlichen Einrichtungen, in seinem Innern das schwache und gefaͤhrliche Ge- schoͤpf, das er im Wald ist; er bleibt, troz seines ganzen aͤußerlichen Buͤrgerlichkeitsmodel, ein unbe- friedigter Naturmensch, mit allen Fehlern, Schwaͤ- chen, und Gefaͤhrlichkeiten dieses Zustands; ist auf der einen Seite fuͤr die Gesellschaft so wenig nutz, als sie vor ihm sicher ist; er druͤckt und verwirrt sie nirgends, als wo er kann und mag — und auf der andern Seite hat er von ihr eben so wenig einen befriedigenden Genuß; und es waͤr' ihm, wenn er in der Mitte der buͤrgerlichen Gesellschaft von ihr verwahrloset, wild, und natuͤrlich aufwaͤchst, gewiß besser, er waͤre nicht darinn, und koͤnnte seine nich- tigen Tage thierisch und wild, aber auch ungehemm- und ungefesselt im Wald dahin leben, als Buͤrger zu seyn, und aus Mangel buͤrgerlicher Bildung, L 4 am Fluch einer Ketten zu serben, die ihm das Ge- fuͤhl der Rechten seiner Natur von allen Seiten ver- wirrt, das Befriedigende seiner Naturtrieben in allen Theilen beschraͤnkt, und ihm nichts dargegen giebt, als die Foderung das zu seyn, was weder Gott noch Menschen aus ihm gemacht haben, und was ihn die Gesellschaft, die es von ihm fodert, noch am meisten hindert zu seyn. — Indessen ist es nichts weniger als leicht, aus dem Menschen etwas ganz anders zu machen als er von Natur ist, und es fodert die ganze Weisheit eines die menschliche Natur tiefkennenden Gesezgebers, oder wenn ihr lieber wollt, (denn beydes ist wahr) die Frommkeit einer Engeltugend, die sich Anbethung erworben, den Menschen dahin zubringen, daß er beym Werk seines buͤrgerlichen Lebens, und bey Verrichtung seiner Stands- Amts- und Berufs- Pflichten eine das Innere seiner Natur befriedigen- de Laufbahn finde, und an einer Kette nicht ver- wildere, welche die ersten Grundtriebe seiner Natur mit unerbittlicher Haͤrte beschraͤnkt, und mit eiser- nem Gewalt etwas anders aus ihm zu machen be- ginnet, als das ist, wozu ihm alle Triebe seiner Natur mit uͤbereinstimmender Gewalt unwillkuͤhr- lich in ihm liegender Reize hinlocken. Eine jede Luͤcke in der buͤrgerlichen Gesellschaft — ein jeder Anstoß im gesellschaftlichen Leben — eine jede Ahndung durch Gewalt oder durch List seine natuͤrliche Freyheit behaupten, und außer dem Gleis der buͤrgerlichen Ordnung zur Befriedi- gung seiner Naturtrieben gelangen koͤnnen, das alles fachet in jedem Fall den Funken der Empoͤ- rung gegen diese Kette, der tief in der Natur liegt, von neuem wieder an — das alles belebt in jedem Fall die nie in uns sterbende Keime unserer ersten Triebe, und schwaͤch t in jedem Fall von neuem die Kraͤfte unserer buͤrgerlichen Bildung, die diese Triebe beschraͤnken. So viel, und weniger nicht, hat ein Gesezge- ber zu bekaͤmpfen, der den Menschen durch die buͤrgerliche Verfassung gluͤcklich machen, und ihm die ersten Vortheile der gesellschaftlichen Verbin- dung, Gerechtigkeit und Sicherheit nicht nur ver- sprechen, sondern auch halten will — denn allent- halben, wo man die Menschen wild aufwachsen, und werden laͤßt, was sie von sich selbst werden, da ist Gerechtigkeit und Sicherheit in einem Staat ein bloßer Traum. Beydes ist in einem Staat nur in dem Grad wahrhaft moͤglich, als die Men- schen, die darinn wohnen, von den Hauptfehlern ihres Naturlebens, namentlich vom Aberglauben, vom Leichtsinn, Gedankenlosigkeit, Liederlichkeit, Furchtsamkeit, von Unordnung, Unwesen, schwaͤr- merischen Lebensarten, und von den Folgen dieser Grundfehler, oder vielmehr Schwaͤchen unserer Natur, vom Troz ihrer Dummheit, von der Ver- wegenheit ihres Leichtsinns, von den Verwicklungen ihrer Unordnung, von der Noth ihrer Liederlichkeit, von den Verlegenheiten ihrer Unanstelligkeit, von dem Unsinn ihrer Gierigkeit, von der Gewaltsam- keit ihrer Anspruͤchen, und von der Grausamkeit ihrer Rache, geheilet, und zu einem bedaͤchtlichen, vorsichtigen, thaͤtigen, vesten, im Zutrauen so wohl als im Mistrauen sicher gebenden, und die Mittel zur Befriedigung seiner ersten Wuͤnsche in sich selber, und im Gebrauch seiner durch buͤrgerliche Bildung erworbenen Fertigkeiten und Kraͤften fuͤh- lenden Menschen zu machen. Denn wo dieses nicht ist, und die Gesellschaft mit ihren Gliedern handelt wie ein Bauer, der aus seinem Weinberg nimmt, was Gott und die Reb giebt, ohne ihn im Fruͤhjahr zu hacken, und den Sommer uͤber zu schneiden und zu binden — wo sie vielmehr umgekehrt in dem Grad, als ein Buͤr- ger in der Stufenfolge hoͤher stehet als der andere, ihm es leichter macht, ihren Banden zu entschluͤp- fen, und der Natur nach zu leben, da muß die buͤrgerliche Gesellschaft — sie kann nicht anderst — eine Gerechtigkeit und eine Sicherheit erhalten, wie sie der Gesezgeber in diesem Land verdient, die aber auch aussieht, wie eines jeden liederlichen Haushalters seine Hausordnung — und wie zum Exempel, da — wo soll ich sagen — ich will in der Tiefe bleiben, wo sich die hi her zie- lende Wahrheit mit ganz unvernuͤnftig mehrerer Behaglichkeit sagen laͤßt — also — da z. Ex. wo Schulz, Weibel, Untervogt, u. s. w. notorisch, landskundig, und allgemein minder ehrlich, min- der aufrichtig, minder unbescholten, minder zu- verlaͤßig, gutmuͤthig, und treuherzig sind, als ge- meine Leute im Land; und eben dadurch, daß sie Untervoͤgte, Weibel und Schulze sind, dahin kom- men, daß sie, unbeschadet ihrer Ehre, ihres guten Namens und ihres Seckels, alles, was recht ist, so auffallend minder seyn koͤnnen und doͤrfen, als jeder gemeine Mensch im Land — und wieder, wo sie eben dadurch, daß sie Untervoͤgte, Schulze, u. s. w. sind, dahin kommen, daß sie in allem, was Hausordnung, Erziehung, gemeinen Landesfleiß u. s. w. antrift, minder anstellig, und minder rathlich, als alte kindlichgewordene Weiber und Kuͤhhirten — Und im Gegentheil in allem, was die Menschen zur Verwilderung eines unbuͤrgerli- chen und ungesellschaftlichen Lebens hinabfuͤhrt, und sie zu verdrehten, krummen, hinterlistigen, falschen, traͤgen, unordentlichen, und dabey verlogenen, heimtuͤckischen, gewaltthaͤtigen, rachsuͤchtigen und grausamen Naturmenschen macht, ganze Meister sind, und eben dadurch, daß sie Regierungsbeam- tete sind, und also in der Stufenfolge der gesell- schaftlichen Ordnung hoͤher stehen als andere, dahin kommen koͤnnen, in diesen Kunststuͤcken des Naturlebens solche Meister und Vorbilder zu werden. — Allenthalben, wo es immer so ist, und wo im- mer das wirkliche Resultat der Gesezgebung im Ein- fluß habenden Menschen also aussieht und auffaͤllt, da ist Sicherheit der Personen und des Eigen- thums, Freyheit und Gerechtigkeit eine Chimaͤre, weil unter diesen Umstaͤnden das Volk, das ist, so viel als alles was auf zwey Beinen geht — zu einem Gesindel wird, das auf der einen Seite seine Sin- nen und Gedanken und sein ganzes Bestreben da- hin lenkt, auch, wie seine Obern, von der ver- haßten Kette loszukommen, und wie sie auch wie im Wald zu leben, und dabey, wo moͤglich, noch bey ihrem Waldleben andere zweybeinigte Geschoͤpfe zu ihrer Bedienung, zu ihrer Kommlichkeit und ihrem Schutz unter sich zu haben. — Und denn aber auf der andern Seite von einer unter diesen Umstaͤnden allerhoͤchst wichtigen und allerhoͤchst nothduͤrftigen Galgen-Rad- und Galeeren-Gerech- tigkeit Anmerkung . Pardon! der Lieutenant heißt eine Galgen-Rad- und Galeeren-Gerech- tigkeit nicht eine solche, die Galgen und Rad braucht, sondern eine, die sie darum brau- chen muß , weil sie das Volk verwahrloset, und selber zu dem macht, wofuͤr sie ihn hin- tennach straft — eine solche Gerechtigkeit, die zuruͤckgeschreckt, zuruͤckgebunden, und zu- ruͤckgemetzelt dahinkommen, durch die Umwege der Falschheit, des Betrugs, der Verstellung und ei- nes huͤndischen Kriechens zur Befriedigung der Trie- be zu gelangen, wozu ihnen, durch den offenen ge- raden Weg der Gewalt zu gelangen, also der Weg gesperrt wird. So, sezte er mit Hitze hinzu, ließ man einst in Staaten fuͤr das Kopfgeld Zigeuner, und anders Volk ihrer Art, ins Land, und verbot ihnen uͤbri- gens bey Strafe und Ungnade den Bauern Enten zu stehlen, und andere dergleichen Sachen zu machen. Dieser Unfug ist noch allenthalben in der Welt; aber alle Gerechtigkeit, welche unter diesen Umstaͤn- den in einem Staate moͤglich, ist denn auch nichts anders, als eine armselige Nothjagd gegen ver- wahrlosete und verwilderte Thiermenschen, welche aber das Geschlecht so wenig aͤndert, bessert, oder zahm macht, als die Fallen und Gruben im Wald den Fuchs, und den Baͤr und den Wolf anders machen als sie sind. Niemand im Land gerecht, aber das halbe Land ungerecht macht, und denn die Kinder ihrer eigenen Ungerechtigkeit behandelt, als wenn sie keine menschliche Natur haͤtten, und bey der buͤrgerlichen Verwahrlosung nicht noth- wendig verwildern muͤßten — eine solche Ge- rechtigkeit, und keine andere, heißt mein Lieu- tenant eine Galgen- Rad- und Galeeren-Ge- rechtigkeit. Dieses Geschlecht wird nicht anders und nicht besser, als wo es durch eine mit seiner Natur uͤber- einstimmende Bildung und Fuͤhrung, mit Weis- heit, zu seiner buͤrgerlichen Bestimmung empor gehoben, und zu dem gemacht wird, was es in der Welt wirklich seyn soll. So redete der Lieutenant uͤber den Fundamen- talirrthum der neuern Gesezgebungen. Es machte den Herren beyderseits bange: denn obwohl diese Vorstellungsart dem Pfarrer eine wichtige Frage in seinem Katechismus erklaͤrte, und auch dem Jun- ker Stuͤck fuͤr Stuͤck nichts dagegen in den Sinn kam, so sahen sie doch, daß dieselbe nicht weniger weit lange, als die ganze im philosophischen Jahr- hundert wirklich in Ausuͤbung stehende Gesezgebung auf den Kopf zu stellen — und wenn sie Hollaͤnder gewesen waͤren, so haͤtten sie die Sache ad refe- rendum genommen, oder als ein unlauteres Ge- schaͤft ihre Aufheiterung Gott und der Zeit uͤber- lassen; aber sie waren deutsche Maͤnner, und gien- gen ohne Furcht und Seitenspruͤnge ihren geraden Weg fort, mit dem Bleymaß in der Hand, den Grund und Boden des Gewaͤssers zu sondieren, wel- ches zu befahren sie nun einmal sich verpflichtet hielten. §. 42. Uebereinstimmung der Philosophie mei- nes Lieutenants mit der Philosophie des Volks. S ie hatten diese Tage alle Abende den Lindenber- ger, den Baumwollen Meyer, den Michel, den al- ten Renold, und noch mehrere Bauern von Bon- nal bey sich, und forschten umstaͤndlich nach, was auch sie glaubten, das man machen koͤnne, um auf eine dauerhafte, Kind und Kindskinder sicher stellende Art, eine bessere Ordnung im Dorf in allen Stuͤcken einzurichten und festzusetzen; und erstaun- ten, zu sehen, wie die Bauern Stuͤck fuͤr Stuͤck mit den Meynungen des Lieutenants uͤbereinkamen, bey den kuͤhnsten Aeußerungen desselben nicht die ge- ringste Verwunderung zeigten, sondern in allen Theilen eintraten, seine Meynungen durch ihre Er- fahrungen zu bekraͤftigen. — Das konnte nicht anders, es mußte die Bangigkeit, die den geistli- chen und weltlichen Herren uͤber die Kuͤhnheit des erfahrnen Lieutenants befallen hatte, verschwinden machen — es that es wirklich — und fuͤhrte sie beyde zu einer der ersten Quellen des menschlichen Muths, nemlich zum Glauben, daß alles, was all- gemein als hoͤchstnothwendig auffalle, hoͤchstwahr- scheinlich auch moͤglich sey. Die Bauern, die bestimmt — wie er — fan- den, daß die Menschen, so bald sie sich selbst uͤber- lassen, traͤg, unwissend, unvorsichtig, und voͤllig, wie er sie beschrieben, werden, hielten sich, ihre Meynung hieruͤber deutlich zu machen, an die Be- schreibung der alten Ordnung in Bonnal, und sag- ten, die Leute seyen so sinnlos und vergeßlich ge- worden, daß sie nicht mehr zu gebrauchen gewe- sen, und man mit ihnen in allen Stuͤcken nicht mehr das Halbe habe ausrichten koͤnnen, was vor- mals landsuͤblich gewesen. Die Gruͤnde zum Rechtthun seyen den Leuten wie vor den Augen weggethan — und hingegen die Gruͤnde zum Lumpen und Schelmen wie vorge- mahlt und vorgesungen worden. Man habe es mit Lumpenstreichen und Bosheiten gar viel weiters bringen, mehr dabey gewinnen, und damit leich- ter zu Wein, Brod und Fleisch kommen koͤnnen; auch haben sie das Rechtthun fuͤr keine Ehre mehr gehalten, und keine Freude dabey gehabt, so we- nig als Scham und Furcht. Die kleinsten Kinder, wenn man ihnen etwas abgewehret, seyen im Stand gewesen, den Ruͤcken zu kehren, und anfangen zu singen: „Was reden die Leute, was bellen die Hunde!„ Wer der Frecheste und der Schlaueste, und und der Staͤrkste gewesen, und das groͤste Maul ge- habt, der sey an der Gemeinde, im Gericht und im Chorgerichte, und allenthalben Meister gewesen, und dahin habe sich natuͤrlich ein jedes gelenkt, wodurch er glaubte auch Meister zu werden. — Man habe die Kinder laufen und aufwachsen lassen wie das unvernuͤnftige Vieh. — In der fruͤhen Jugend haben die Aeltern uͤber ihre Bosheiten ge- lacht, und dann, wenn sie ihnen damit uͤber den Kopf gewachsen, haben sie mit Streichen dieselben wieder aus ihnen herausschlagen wollen. — Die Obrigkeit habe es nicht anders gemacht; aber die Erfahrung habe gezeiget, daß sie auf beyden Sei- ten 7 Teufel hineingeschlagen, wo sie geglaubt, ei- nen auszutreiben. Am Ende seyen die Leute dieses Lebens gewohnt worden, daß sie alles haben gehen lassen, wie wenns so seyn muͤßte, und sich uͤber nichts mehr graue Haare haben wachsen lassen, so wie die Schelmen und Bettler im Wald es auch machen, und so lang sie zu essen und zu trinken haben, die lustigsten Leute von der Welt seyen. Die Kinder seyen bey diesem Leben, wenn sie nicht in den ersten Monaten gestorben, dennoch gesund und frisch aufgewachsen, und da man sie Schaa- renweis mit rothen Backen, und mit Augen wie Feuer in den groͤsten Fetzen, und halb nackend im Schnee und Eis, und Koth gesehen herum- laufen und Freude haben, so habe man fast nicht M anders koͤnnen als denken, es sey nicht so gar schlimm mit diesem Leben; aber wann sie dann aͤlter ge- worden, und keines zu nichts zu brauchen gewe- sen, und man keinem nichts habe anvertrauen, und auf keines in nichts sich habe verlassen koͤnnen, dann haben einen die rothen Backen nicht mehr verblendet, sie seyen aber auch von sich selber wieder weggekommen; und Kinder, die im zwoͤlften Jahre ausgesehen wie Engel, und gutmuͤthig gewesen wie Laͤmmer, seyen im 16. bis 18ten geworden, daß man sie nicht mehr gekennt, und im zwanzigsten wie eingefleischte Teufel. So weit gieng die Ueber- einstimmung der Aussagen der Bauern mit den Grundsaͤtzen des Lieutenants. Der Lieutenant aber verstund aus den Bauern aller Arten ihre wahre Meynung uͤber das, was er wunderte, so gut herauszulocken, als ein Apothe- ker aus Knochen, Kraͤutern und Wurzeln, den Geist, welchen er heraus haben will. Er fand aber auch meistens etwas ganz anders bey ihnen, als z. Ex. ein Pfarrer, der sich die schlauen Buben etwas von dem Wohlgefallen des lieben Gottes an der Keuschheit, und den uͤbrigen christlichen Tu- genden vorheucheln laͤßt, wovon sie kein Wort glau- ben; oder ein Junker, der mit Schloßeifer mit ihm von der schuldigen Treue der Zehendknechte und Gefaͤlleintreibern redet, und auch so dumm ist zu glauben, was sie ihm daruͤber antworten; welcher lezte Glaubensfall aber freylich, und ganz natuͤrlich, ohne Vergleichung seltener ist, als das erste, weil das Interesse dem Edelmann hierinn die Augen zu viel oͤfnet, als daß er so ga r , wie der andere, im Glauben verirren koͤnnte. Ich sollte es nicht noch sagen muͤssen, solche gemeine Pfarrer- und Edelmanns-Arten, Bauern- geist zu sammeln, sind nichts nuͤtz. — Was dabey herauskommt, ist der wirklichen Wahrheit so ganz entgegen und ungleich, als wenn man des Apothe- kers Wurzeln und Kraͤuter blos in die Hand neh- men, und den Geist davon mit derselben heraus- druͤcken wollte — was er herausbringt, ist Koth- saft und Wassertropfen — zwar wird freylich gar viel solcher Kothsaft, und solche Wassertropfen, als aͤchter Bauerngeist in hundert Apotheken verkauft, und die Guttern (Flaschen) davon alle Michaelis und Ostern hoch aufgefuͤllt, wie zu lesen im Meß- katalogus unter dem Titul: „Buͤcher fuͤrs Volk.„ Der Lieutenant sah dem schlausten Buben un- ter den Bauern in die Seele, und konnte ihm aufs Wort zeigen, daß er ihn durch und durch sehe, und vollkommen wisse, was er dabey denke; damit brachte er, so bald er wollte, von ihnen her- aus, wofuͤr sie sonst kein Maul haben, und was sie unter sich selber meistens einander auch nicht mit Worten, sondern nur mit Laͤcheln, mit Nicken, M 2 mit Kopfschuͤtteln, Maulverziehen, Augenverziehen, Nasenruͤmpfen, und dergleichen Zeichen, mit denen sie saͤmtlich gar wohl versehen sind, zu verstehen geben. Auch brachte er seine Bonnaler Bauern dahin, daß sie ihre wahre Meynung gar nicht mehr vor ihm verbargen, und z. Ex. uͤber das Stehlen, vor dem Junker und dem Pfarrer gerade heraussagten, das Volk stehle allenthalben, wo man ihns nicht mit vieler Muͤhe, Arbeit und Sorgfalt dahinbrin- ge, daß es nicht mehr stehle. §. 43. Volksbegriffe uͤber das Stehlen. S ie sagten gerade heraus, das Stehlen stecke in dem Menschen, und das Nichtstehlen muͤsse man ihn lehren; aber an den meisten Orten koͤnne man nicht einmal das, und an vielen Orten wolle man es nicht. Allenthalben, wo keine Ordnung sey; allent- halben, wo der Landes Fleiß nicht fest gegruͤndet; allenthalben, wo Zuͤgellosigkeit und Liederlichkeit im Schwang geht, da stihlt das Volk. — Wie- der, wo es unterdruͤckt wird, und keinen Schutz findet — wieder, wo es nicht lernt zum Geld Sorge tragen — wieder, wo die gemeine Landes- ehr zertreten, und am meisten, wo der Prozeßteu- fel eingerissen, und einer den andern leicht um das Seine bringt. — An allen diesen Orten macht sich das Volck so wenig daraus zu stehlen, als es sich etwas daraus macht Brod zu essen. Es ist zwar freylich nicht, daß es sich das sel- ber gestehe; es waͤre wohl gut, man koͤnnte sich dann darnach richten, und mit ihm darnach um- gehen — aber sie haben ihren Katechismus im Kopf, und glauben im Allgemeinen ganz gut, das Stehlen sey nicht recht — aber in jedem besondern Fall, wo sie den Anlas haben, finden sie denn alle- mal, dießmal und dießmal sey nicht so viel daran gelegen, und haben fuͤr einen jeden solchen Fall immer einen ganzen Karren voll Entschuldigungen, die ihnen genug thun, im Kopf und Herzen parat da sind, als diese: „Er hat mir auch gestohlen, oder wenn er koͤnnte, wuͤrde er mir noch mehr stehlen“ — „Es ist mehr als gestohlen, wie er sein Gut zusammen gebracht“ — „Was mag ihm der Bet- tel schaden!“ — „Er verspielt mehr auf einer Karten“ — „Wenn ich ein gutes Maͤdchen waͤr, er gaͤb' mirs vergebens.“ Item: „Er ist ein ver- fluchter Bub, daß seines gleichen nicht ist — es ist Suͤnde was man ihm thut“ — „Er kommt doch um seine Sachen, nehme ich sie ihm nicht, so nimmt sie ihm ein anderer.“ — Wieder: „Ich M 3 hab es doch auch so noͤthig — so wenig macht dem lieben Gott nicht viel — ich bin sonst doch auch so geplagt — ich habe izt just auch muͤssen da- zukommen, wie wenn es Gottes Wille gewesen.“ — Dergleichen Worte sind ihnen unter beruͤhrten Umstaͤnden gelaͤufiger als das Vater Unser; und sie erlauben sich allenthalben wo sie so verflucht natuͤrlich denken, das Stehlen — dennoch gegen Niemand lieber als gegen die Obrigkeit — Sie nimmt auch, wo Sie kann und mag — haben sie unter diesen Umstaͤnden im Augenblicke gegen die Obrigkeit im Munde. — Und auch gegen Fremde macht sich das Volk unendlich minder aus dem Stehlen — „waͤren sie geblieben, wo sie daheim sind“ — sa- gen die Ehrlichsten; — „was haben sie uns noch enger zu machen — wir sind sonst genug eingesperrt — wenn ihnen Zaͤune und Gaͤrten niedergerissen worden, so ist ihnen nur recht geschehen.“ — Anmerkung . Staune nicht Leser! an die- ser Stelle. Ich werfe keine boͤse Gedanken ins Volk: der Bauer denkt das alles ohne mein Buch; er denkt noch mehr als dieses mit einer Einseitigkeit, Lebhaftigkeit, und mit einer dun- keln Stille, gegen deren Gift ich kein bessers Mittel kenne, als offen gegen ihn zu handeln, und ihm zu zeigen, daß man weißt was er denkt; aber daß man mehr weißt, und nichts sucht, als ihn durch die Wahrheit, so wie er Sie erzaͤhlten die sonderbarsten Umstaͤnde von den Dieben, und wie leicht Unordnung, und Druck und Mangel, etwas rechtes gelernt zu haben, zum Stehlen bringe, und wie oft die kleinsten Umstaͤnde daruͤber den Ausschlag geben. — Unter anderm das Wort eines Gehenkten, der unter der Leiter zu sei- nem Vater sagte: „Wenn du mich gemacht haͤttest mein Wamms zu Nacht ordentlich an den Nagel auf- zuhenken, so wuͤrde man mich izt nicht aufhenken — Und eines andern — der durch ein unvorsichtiges Wort in einen Prozeß verflochten, und hinten nach auch zum Stehlen gekommen, gesagt hat: — „ Es macht mir nichts zu sterben, wenn izt nur auch jemand die henkte, die mir Haus und Habe ge- stohlen, aber es henkt sie Niemand, sie sitzen beym Blutgerichte„ — und es war so. — Die Bauern machten einen Unterschied zwi- schen dem gesezmaͤßigen und dem galgenmaͤßigen Stehlen; und behaupteten, wo das erste leicht sey, und man in gesezlicher Form und Ordnung die Leute um das Ihrige bringen koͤnne, sey dem andern nicht zu steuern, und es gehe gewoͤhnlich so, daß sie denkt, weiter zu bringen, als er ohne un- sere Hilfe nicht kommen konnte. Das suche ich Leser! und also fuͤrchte dich nicht, wenn ich meine Bauern in alleweg, und auch von der Obrigkeit reden lasse, wie sie denken. ꝛc. M 4 wenn der Vater in einer Haushaltung beym Ge- sezmaͤßigen bleibe, der Sohn denn so viel als ge- wis zum Galgenmaͤßigen dieses Handwerks herab- sinke. Auch das sagten die Bauern, wo man im- mer die Menschen nicht dahinbringe, daß sie um ihrer selbst willen nicht stehlen, so werde man in Ewigkeit mit ihnen nicht dahin kommen, daß sie weder um Gottes willen, noch um anderer Leute willen, darinn aufhoͤren. — Sie sagten, das Bauernvolk achte fremde Leu- te, und jedermann der sie nichts angehe, so viel als nichts — und sezten hinzu, sie wuͤßten es nicht wie es die Herren darinn haben; aber einmal unter den Bauern sey es gewiß, daß sie auf andere Leute nur in so weit Achtung tragen, als es ihr Nutzen ist, es zu thun. — Auch Mangel gesunder Nahrung, sagten sie, mache das Volk gar oft stehlen; und wenn sie, be- sonders im Alter von 16 Jahren bis zum Auswach- sen, schlecht zu essen haben, so koͤnne man sie mit einem Pfnnd Kaͤse, und einem Stuͤck Fleisch hin- bringen, wohin man wolle. Auch die Langeweile, sagten sie, bringe viele Menschen zum Stehlen, an Ort und Stelle, wo es beym Rechtthun gar nicht mehr lustig sey, und man ob nichts Gutem und Unschuldigem Freude mehr haben koͤnne, da koͤnnen noch oft die besten, und die so zu gut sind, zu Hause Schaͤlke zu wer- den, und die Ihrigen mit ihrer Langeweile zu plagen, dahin, daß sie Anlas suchen, wo es lustig geht, und unter gewissen Umstaͤnden finden sie die- ses, wenn sie das Dorf hinauf- und hinabgehen nirgends als im Wirthshaus und bey Schelmen. — §. 44. Volksphilosophie uͤber den Geschlechts- trieb. S ie behaupteten, es komme hierin gaͤnzlich auf die Erziehung der Toͤchtern an, so bald sie erzogen werden, als ob sie nichts in der Welt werden muͤß- ten als schoͤne Jnngfern, so springen sie in dieser Absicht mit offnen Fluͤgeln und Schaarenweis ih- rem Elend entgegen, wie Huͤner, denen man Ha- ber streue, ihrem Fraß, und da sey es dann gleich viel, wenn man die halben Glukthiere den andern vor den Augen bey ihren Fekken (Fluͤgeln) weg- nimmt, wuͤrgt, und an den Boden wirft; die andern fressen neben den todten Schwestern fort; und wann man ihnen am Morgen wieder Gluk — Gluk — ruft, so kommen sie wieder, lassen sich wieder fangen, wuͤrgen, und an Boden werfen — so gehe es immer, und es sey unmoͤglich den Unordnungen des Geschlechttriebs abzuhelfen, wenn man nicht mache, daß die Toͤchtern mehr werden als dergleichen Gluckthiere. Man muͤsse ihnen, wenn man das wolle, von Jugend auf den Kopf wohl mit der Wirthschaft anfuͤllen, und es trach- ten dahin zu bringen, daß sie mit anhaltender Ar- beit, Uebung im Ueberlegen, im Ausrechnen, und in allen Arten von haͤuslichen Aufmerksamkeiten verbinden — und zugleich einen Ehreifer in sie hineinbringe, daß keine in keiner Art von Weiber- arbeit, und in keinem Stuͤck der Haushaltungs- kunst die Hinterste seyn wolle; und es sey in dieser Absicht gar viel daran gelegen, daß sie bey ihrer Landtracht bleiben, und sich nicht eine jede vor der andern mit ihrer Decke mehr unterscheiden koͤnne als mit ihrer Arbeit, und mit ihrem Verdienst; man sollte alles thun, diejenigen zum Gespoͤtt zu machen, die eine besondere Hoffart (Pracht) treiben, und damit zeigen, daß sie mehr als die andern noͤthig haben sich feil zu bieten. Einer meynte, man sollte Lieder uͤber sie machen, und ihnen darinn sagen, daß die Juden es mit alten bauchstoͤßigen, faulen und hirnmuͤthigen Rossen just auch so machen, und sie mit Baͤndern am Hals und Kopf so sonderlich und wunderlich ausstafirt auf den Markt bringen, wie kein recht und gerechtes Roß dahin komme — aber ein gescheider Haͤndler gehe zu einem so ge- zeichneten Judenthier nicht einmal hinzu — es kaufe sie Niemand, als etwa ein dummer Herr und Burger aus einer Stadt. — So meynte der Bauer in Bonnal, sollte man solchen Toͤchtern ein Lied machen; wann es izt nur jemand thun wuͤrde. Hingegen sollte man ihnen Anlaß geben zeigen zu koͤnnen, wie weit es eine jede in aller Weiber Arbeit gebracht, daß sie Ehre und Aufmunterung davon haͤtten, wenn sie in etwas dergleichen weiter waͤren als die andern. Auf diese Art, meynten sie, waͤre es moͤglich, wenn man wollte den Unordnungen des Geschlecht- triebs Einhalt zu thun; es muͤßten dann, meynten sie, die Aeltern auch nicht mehr wie izt erschrecken, wenn ein Sohn ans Heurathen denkt, und fuͤrch- ten, er falle etwan auf eine, daß es besser waͤre, das Hagelwetter oder der Viehpresten gienge uͤber ihren Hof. Sie sagten, es sey den Aeltern nicht zu verdenken, wenn eine Tochter uͤbel ausfalle, so sey nichts mehr zu machen — es sey nicht einmal wie mit den Knaben, die doch auch noch manch- mal, wenn sie heurathen, umkehren, und etwas rechtes werden, wenn sie vorher noch so nichtsnuͤtz gewesen seyen — bey den Toͤchtern sey das nie zu hoffen; sie sterben lieber, und heulen sich lieber die Augen aus, als daß sie im 24ten Jahre die Haͤnde ein wenig staͤrker brauchen, als sie es im 14ten ge- wohnt gewesen. — Auch sollte man alles thun, daß die Dorfjugend unter sich zusammen hielte, und fremde Leute, die keine Heurathsabsichten haͤt- ten, nicht leicht mit einer Tochter aus einem Dorf unter 4 Augen zur Red kommen koͤnnten — und die Amtmanns-Soͤhne, Pfarrers-Soͤhne, Schrei- ber, und dergleichen Leute, mit Ernst und von Obrigkeits wegen den Bauerstoͤchtern drey Schritt vom Leib halten; und es der Dorfjugend nicht uͤbel nehmen, wann sie zu Zeiten einen dergleichen Herren im Brunnen abkuͤhlen wuͤrde. Sie behaupteten, es gehe keiner und stehle den Zehenden von einem Acker, mit Gefahr, dafuͤr ge- henkt zu werden, wenn er machen koͤnne, daß der Acker mit samt dem Zehnden von Rechtswegen sein werde; und so sey es auch mit den Toͤchtern, wenn sie nemlich das auch machen koͤnnen; wenn sie es aber nicht koͤnnen, und nicht dazu erzogen werden, so stuͤrzen sie sich ja dann Schaarenweis uͤber die- sen Punkt in ein Elend, daß ihnen besser waͤre, sie wuͤrden auch gehenkt, sie waͤren dannzumal doch der Noth los, meynten die Bauern in Bonnal. Ich lasse sie in ihrer rohen Sprache fort reden, ich habe es probiert sie zu aͤndern, aber ich kann sie nicht besser machen; sie sagten, wenn da gehol- fen waͤre, so wuͤrden hundert und hundert Umstaͤn- de, uͤber die man izt großes Geschrey mache, weg- fallen wie nichts; und behaupteten z. Ex. uͤber die Liechtstubeten Anmerkung . Eine Landessitte, nach wel- cher die Knaben am Samstag- und Sonntag- Nachts die Toͤchtern in ihrer Kammer besuchen. , es sey von Altem her ein naͤchtli- ches Zusammenkommen der Knaben und Toͤchtern fuͤr ehrlich gehalten und fuͤr erlaubt angesehen wor- den, aber es habe allenthalben seine festgesezte Re- geln gehabt, ob welchen die Knaben und Toͤchtern steifer gehalten, als ob keinem Gesez der Obrigkeit; an einigen Orten habe der Knab bey Monaten auf der Leiter und vor dem Fenster der Tochter bleiben muͤssen, und gewoͤhnlich habe sie denselben das Er- stemal an einer Regennacht, oder wenn es gar kalt gewesen, wie aus Mitleiden hineingelassen. An andern Orten haben die Knaben die ersten Fuͤnf- und Sechsmal in die Stuben kommen muͤssen, wo dann die Aeltern aufgeblieben, bis der Knab fort, und das Haus beschlossen gewesen. Wenn sie denn nichts wider ihn gehabt, so haben sie in der 6ten 7ten Wochen die jungen Leute in Gottes Namen allein beyeinander gelassen, und ih- nen gewoͤhnlich mit den Worten, habet Gott vor Augen, und thut nichts Boͤses, eine gute Nacht ge- wuͤnscht. So sey alles Schritt fuͤr Schritt abgemessen gewesen, wie eine Ehrentochter einen Knaben bey Tag und bey Nacht nach und nach doͤrfe naͤher kommen lassen, und wie sie ihn zugleich in der Ordnung halten, und doch, wie sie sagten, nicht aus dem Garn lassen. Und dann sey es fast eine unerhoͤrte Sache ge- wesen eine Tochter zu verderben; die Leute haben noch nicht gewußt, daß es minder zu bedeuten habe, das aͤrmste Kind im Land ungluͤcklich zu machen, als ab einem Pflug im Feld ein paar Pfund Eisen, die daran seyen, abzureißen und heim zu tragen; im Gegentheil, es habe noch Leute gehabt, welche die alten Lieder uͤber die Voͤgte, die man mit Axen todt geschlagen, weil sie Weiber und Toͤch- tern im Lande verfuͤhrt, in einem solchen Ton ge- sungen, daß sich nicht ein jeder getraut haͤtte allent- halben ins Bad zu sitzen. Es muͤsse seyn, daß die alten Herrschaften die Seele mehr geachtet haben als wir, denn sie habe mehr Recht gehabt; und man werde finden, daß alles, was die Herrschaften fuͤr viel und hoch ach- ten, auch viel Recht im Land habe — izt habe sie an vielen Orten so viel als gar keines mehr, und mit der Ehre sey es das gleiche; wenn die Herr- schaften die Ehre der gemeinen Leute nicht fuͤr so wichtig halten, als die Schnepf- und Rebhuͤner, so haben sie auch kein Rebhuͤner- und Schnepfen- recht im Lande, an vielen Orten habe sie nicht einmal Wachtelnrecht — und wo sie das nicht habe, so gehe dann auch verloren, wie alles, was man gar nichts achte, verloren gehe. — Sie behaupteten, der Unzucht Unordnungen, vom Eheschimpf ( Anmerkungen .) Eheschimpf ist die Beleidigung, auf mehr oder minder rechtliche Art die Ehe zu versprechen, und dann sein Wort nicht zu halten. an bis zum Kindermord, loͤse sich nirgend als in diesem Punkte auf, und vergli- chen die Art und Weise, wie viele Herrschaften mit der Ehre im Lande umgehen, dem Feuer einer Lam- pe, das alles Oel aus ihr herausziehe und esse, aber wenn es das Oel aufgezehrt habe, dann auch sel- ber erloͤsche; und so meynten die Bauern, brennen die Herrschaften, die die gemeine Landesehre nicht achten, sich selber in ihren Ehrenampelen Ampele ist die gemeinste, schlechteste Art von Oellampen. auch zu tod. Sie konnten nicht genug erzaͤhlen, was fuͤr ein Unterschied in Ehrensachen zwischen der itzigen und alten Zeit gewesen, wann ein Knab einer Toch- ter etwas Gefaͤhrliches und Beleidigendes zugemu- thet habe, und sie sich nur ein Wort bey ihren Ge- spielen davon habe verlauten lassen, er sey nicht einer von den Besten, man muͤsse sich mit ihm ge- wahren, so habe er koͤnnen spatzieren, und Jahr und Tag wandern und suchen, ehe er wieder eine gefunden, die sich seiner etwas angenommen. Ueberhaupt sagten sie, es komme die Leichtfer- tigkeit nicht von den jungen Leuten, sie komme von den Alten, und von der Ehrlosigkeit im Lande her; die jungen Leute haben allenthalben eine Freude daran, auf ihren guten Namen Acht zu haben, wo sie auch nur ein wenig dazu aufgeweckt und aufge- muntert werden, so machen sie sich eine Ehre dar- aus, gute Farb zu haben, stark zu seyn, an der Ostern ohne Ermel in die Kirche zu gehen, beym Tanz, Schneiden und Maͤhen munter und aufge- weckt zu seyn, und nichts an sich kommen zu lassen, das ihnen Schand machen koͤnnte. Sie behaupteten auch, die Nachtfreyheiten der Jugend haben die Leichtfertigkeit der Alten und Verehlichten, die das Land ehrlos mache, verhuͤ- tet, aber sie seyen auch meistens um deßwillen ver- boten worden. Zu Kuͤllau sey das in die Augen gefallen; man habe gerad 8 Tag hernach den Knaben verboten, sich am Samstag und Sonntag zu Nacht auf den Gassen betreten zu lassen, nachdem sie einem nacht- wandelnden verehlichten Gespenst, das ihren Toͤch- tern tern nachgezogen, die Peruͤque abgenommen, und sie dem Harnischmann auf dem Brunnen bey der Kirche aufgesezt. Izt haben freylich die Peruͤquen- Gespenster in Kuͤllau sicherer des Nachts zu wan- deln, aber man behauptet es fuͤr gewiß, es ge- schehe unter den Knaben und Toͤchtern daselbst izt gar viel mehr Boͤses als vorher. Auch das behaupteten sie, man koͤnne in die- ser Sache nicht ganz allein auf die Verhuͤtung des fruͤhzeitigen Beyschlafs acht haben, sondern man muͤsse vielmehr auch auf die Verhuͤtung der ungluͤck- lichen Ehen bedacht seyn; und zu diesem Endzweck seyen die Nachtfreyheiten, mit der ganzen alten Ordnung verbunden, eine Sache gewesen, die ihre recht gute Seite gehabt habe. Wann der Mensch das Alter und das Recht habe eine Frau zu suchen, so muß man in Gottes Namen ihn eine suchen lassen; und es sey, sezten sie hinzu, einem nicht zuzumuthen, seine Katze im Sack zu kaufen, wie man sich bey ihnen ausdruͤckt. Anmerkung . Diese Worte werden Leser einer Art verfeinerten sittlichen Gefuͤhls stoßen — Volkskenner werden sie nicht stoßen. Wer mit den Gradationen des sittlichen Gefuͤhls bekannt ist, der weiß, daß die Sprache des feinsten Gefuͤhls in den Mund zu nehmen, und den rohern Ton des Mittlern zu verlaͤugnen, N So deutlich kamen die Bauern mit ihrer Mey- nung da hinaus, daß man gegen diesen Fehler nicht besser wirken koͤnne, als daß man die Kinder wohl und mit Sorgfalt zu dem erziehe und bilde, was sie in ihrem Stand und in ihrem Platz in der Welt seyn muͤssen, und dem Leichtsinn, der Zuͤgellosigkeit und Gedankenlosigkeit ihrer Begierden von Jugend auf entgegen arbeite, um sie zu bedaͤchtlichen, sorgfaͤltigen, den morgenden Tag, das Alter und die Nachkommenschaft fest im Aug haltenden Men- schen zu machen, auf die man in jedem Geschaͤfte des Lebens, also auch in diesem ein gutes Ver- trauen haben koͤnne. Wie weit sich dieses Vertrauen unter den Alten gegen die Kinder erstreckt, zeige sich, sagten sie, auch hierdurch, daß die Bauern sogar auf den Hoͤ- ehe man die Staͤrke einer hoͤhern innern See- lenerhebung in ihrer ganzen Reinheit besizt, zu nichts als zur Verstellung fuͤhrt, und den rohern Arbeitsmenschen den Geradsinn und die beschraͤnkte aber sichere Kraft seiner eigentlichen Berufs- und Standssittlichkeit verlieren macht, ohne ihm etwas bessers dafuͤr zu geben; wer das weiß, der wird mir die Katz im Sack ver- ziehen. Es sind Bauernreden, die mit der Katz im Sack gar nicht die gleichen Vorstellun- gen verbinden, als die gemeine Leser-Welt, die aber auch, ehe sie uͤber die Bauernsprache urtheilt, sie zu erst verstehen lernen sollte. — Adieu. — fen, wo es doch unsicher sey, um deßwillen, wenn sie Toͤchtern gehabt, nicht scharfe Hunde gehalten, und dennoch sie des Samstag- und Sonntag-Nachts an die Ketten gelegt, damit sich die Knaben nicht scheuen zu ihren Haͤusern hinzuzukommen, und daß das ihren Toͤchtern nicht an einer Heurath schade. Mit einem Wort, man habe fast ohne Sor- gen trauen doͤrfen. Etwan gar fromme Leute ha- ben an einer Samstags- und Sonntags-Nacht noch ein Vater Unser desto mehr fuͤr ihre Kinder gebe- tet, daß ihnen der liebe Gott seinen guten Geist nicht entziehe, und sie mit seinem Segen nicht ver- lassen woͤlle; es sey aber auch damals in einem Ehrenhaus so viel als nie ein Ungluͤck begegnet; aber wohl hernach, da wo der Pflug im Feld nicht mehr sicher gewesen, wo Altes und Junges zu le- ben angefangen wie die Heiden im Wald, da wo man sich aus dem Eidschwoͤren nicht vielmehr ge- macht, und Leute beym Nachtmahl haben zudienen doͤrfen, die als die Schlimmsten hieruͤber im Land verschreyt gewesen, da seyen freylich auch die Toͤch- tern in sonst braven Haͤusern in ihren Kammern nicht mehr sicher gewesen. Mit einem Wort, sagten sie, und dieses war das lezte, man habe die Hauptsachen, worauf es in diesem Stuͤck ankomme, izt wie aus den Augen verloren, und mache Kindereyen daruͤber, die nicht N 2 anderst seyen, als wenn einer, anstatt sich das Gesicht zu waschen, ein Tuch uͤber den Spiegel herabhaͤngen wollte. Es sey vor Altem Niemandem in den Sinn gekommen, daß es den Toͤchtern an Ehren zuwider sey, wenn sie zu Dutzenden mit einander in See gehen zu baden; und eben so habe man nichts da- von gewußt, daß die Muͤtter, wenn sie saͤugen, in ihrer Wohnstube ihre Brust vor ihren eigenen Kin- dern verbergen, und daß dieses der Leichtfertigkeit vorbiegen solle; im Gegentheil, man habe just um- gekehrt geglaubt, Unschuld pflanze Unschuld, und die halb erwachsenen Knaben seyen neben den Muͤt- tern gestanden, und mit dem Bruͤderli oder Schwe- sterli freundlich gewesen, wenns an ihren Bruͤsten gelegen, und die Knaben seyen dardurch bewahrt worden, daß sie nicht so fruͤhe in das giftige Stau- nen gefallen, welches die Wollust mehr reize, als alles andere; so sey es damals gewesen, izt sey es anderst. So kamen die Bauern in Bonnal, in Absicht auf alle Verbrechen, auf die Meynung des Lieute- nants hinaus; und sagten auch uͤber Mord und Aufruhr; Bauern, die erzogen werden, daß sie ihre Aecker und Matten, Gaͤrten und Buͤndten wohl besorgen, einander freundlich gruͤßen, im taͤglichen Leben nicht in die Rede fallen, den alten Leuten aus dem Weg gehen, und dabey doch die Augen im Kopf haben, daß ihnen nichts unrechts geschehe; solche Bauern, werden nicht leicht weder Moͤrder noch Aufruͤhrer; wohl aber werden sie es in aller Welt gar leicht, wenn sie nicht zu Bauern ge- macht, und zu ihrem Beruf gezogen werden, son- dern wie die Wilden aufwachsen, und wie die Wil- den ihre Natur ungebaͤndigt mit sich herumtragen. §. 45. Wenn ihr nicht werdet wie eines dieser Kleinen, so werdet ihr nicht eingehen in das Reich der Himmeln. S o brauchte der wieder Genesende seine Abende: Alles wollte ihn izt wieder sehen. Es war dem Volk in Bonnal izt wieder Niemand so lieb als er. Wer zum Mareili kam, sagte, Gottlob! daß er wieder lebt — und zur Renoldin, es ist auf der Welt Niemand wie er! der liebe Gott hat ihn uns wieder gegeben — und jedermann wuͤnschte Gluͤck! — Die Weiber neigten sich vor dem Lieutenant, und die Maͤnner zogen vor ihm den Hut ab — und es hatte nichts zu bedeuten, daß der Pfarrer die Wochenpredigt nicht hielt; sie fanden izt selber, es nuͤtze nicht alles, so viel Geschwaͤzwerk immer N 3 und immer — und der Untervogt dachte izt wieder im Ernst darauf, ein gemeiner Mann zu werden wie er vorher war — so wars izt — vor 8 Tagen wars anderst. — Der Karl plagte den Papa mit seinen Buben von Bonnal, und bat ihn, du must mir sie auch kommen lassen, sie muͤssen auch sehen, daß du wie- der gesund bist. — So mache sie eben kommen, aber nicht allein deine Buben, alle Kinder aus der Schule miteinander, sagte ihm endlich der Jun- ker — und die Geißen auch mit bringen, erwie- derte Karl — ja die Geißen auch mit bringen, sag- te der Junker. Er saͤumte sich nicht; er fragte, durfte, und gieng noch diesen Abend nach Bonnal, ladete seine Buben auf Morn ein; aber es machte vielen Angst. Sie hatten nicht so gar zu den Geißen Sorge ge- tragen; ihrer viele hatten an beyden Seiten weit hinauf Kothzotteln, sie schnitten sie ihnen izt mit Scheeren ab, fuͤhrten sie an Bach, und waschten sie da — es kam eine ganze Heerd mit einander. — Morndeß gieng der Karl ihnen, so bald er sie sah, entgegen, und sprang, da sie die Geißen auf dem Vorreyn an der Zaͤunung anbanden, von einer zur andern, da sah er, daß ihrer viele an den Huͤften weit umher das Haar abgeschnitten hatten. — Ja, ich weiß wohl, was das ist! die haben Kothzotteln gehabt, und ihr habt sie ihnen erst heut oder gestern abgeschnitten — und die auch — und die auch — sagte er, und sprang von einer zur andern, und wo ers sah, da sagte er — auch diese. — Ja, aber sags doch auch dem Papa nicht, (baten die Knaben, es war ihnen so angst,) wir haben doch auch so einen schlechten Stall, und koͤnnen sie nicht trocken legen; und dergleichen sagten sie viel, nah- men ihn bey der Hand, und beym Rock, und baten immer, sags doch auch dem Papa nicht, sags doch auch dem Papa nicht! — Karl . Jaͤ — meynet ihr, er sehe es nicht von sich selbst? — Die Kinder . Nein, er siehts gewiß nicht, wenn du ihms nicht sagst. Karl . Ihr wisset es nicht recht. — Die Kinder . Nein doch! — ich bitte, bit- te, sag ihm doch du nichts. — Karl . Ich will schweigen, aber ich haͤtte doch geglaubt, die Geißen waͤren euch lieber als so! — Ihrer viele hatten aus Hoffart die Muͤttern heut nicht einmal ausmelken lassen, daß man meyne, sie geben viel Milch; auch das merkte Karl, und sagte, die sind heut nicht gemolken worden. N 4 Daruͤber lachten die Kinder. Er aber sagte, es ist doch dumm, es thut ihnen weh, und ihr fah- ret ja nicht damit zu Markt. Dann fuͤhrte er sie zum Papa, gieng der Lezte hinter allen die Treppe hinauf, und der Lezte in die Stube hinein; es mußten ihm alle vorgehen, und er that die Thuͤr zu, und schlich sich dann hinter den andern an der Wand und um den Ofen herum zum Papa und der Mamma hervor. Der gute Junker war noch schwach; er sah in seinem Krankenstuhl noch so eingefallen und blaß aus, daß alle Kinder erschracken als sie ihn sahen. Er konnte noch nicht recht laut reden; aber er nahm eines nach dem andern zu sich zu, fragte ihns auf den Heller aus, was es izt mehr verdiene als vor 7 Wochen? da er es das Leztemal in der Schule gesehen. — Das Herz klopfte den guten Kindern; wenn eines etwan einen halben Kreuzer minder verdienet als ein anderes von seinem Alter, oder eines das juͤn- ger war, so war ihm so angst, daß es fast nicht recht reden und vorbringen konnte, warum es bis izt nicht besser gegangen, und wie sie sich aber izt ge- wiß antreiben, und nicht mehr die Hintersten blei- ben wollen. Aber denn die andern, so etwas mehr verdienet, ihr haͤttet sie sehen sollen, wie das Eine ein breites Maul und schmale Backen bekom- men, ein anderes mit den Fuͤßen nicht mehr konnte still stehen, bis er ihm rufte — wieder ein anders Feuerzuͤndend roth worden — noch ein anders mit den Augen gesperbert — und wie eins, das sich hat zwingen wollen nicht zu lachen, doch hat muͤssen lachen, und vor Freuden kein verstaͤndliches Wort hat reden koͤnnen. — Er mußte auch lachen, und sagte ihm, du bist nicht witzig; ich weiß wohl, sagte das Kind; aber seine Arbeit war die braͤvste, und Therese sagte ihm, es solle sie ihr am Sonntag bringen. Dann fragte er sie alle insgesamt, wie es auf der Weyd mit dem Huͤten und ihrem Versprechen gehe? Eines sah das andere an, und keines redete. Warum sagt ihr nichts? fragte der Junker. Sie schwiegen noch izt, und ein jedes sah, ob nicht ein anders reden wollte. — Einsmals sagte eines zur kleinern Rickenbergerin, (der Schwester derjeni- gen, die wir kennen) du kannst am besten erzaͤhlen wie es zugegangen, du hast uns gar manchmal er- weckt, wenn wir zu lang im Schatten haben liegen und schlafen wollen. So — sagte der Junker — und nahm das Rickenbergerli, das nahe an ihm stund, bey der Hand, und Therese zog es zu sich zu, fast auf den Schoos. Es hat im Anfang nicht recht wollen gehen, aber izt geht es einmal besser, sagte es da. — Junker . Warum hats nicht wollen gehen? Kind . Darum, wir sind uns, so lang wir huͤten, gewohnt gewesen, wenn es warm worden, unter den Baͤumen zu liegen, und zu schlafen, und die Geißen laufen zu lassen; izt, wenns Nachmit- tag worden, und heiß gewesen, sind wir allemal schlaͤfrig worden, und wenn wir haben stricken wollen, so sind uns die Augen fast zugefallen, man muß gar fruͤh aufstehen, wenn man zur Weyde fahrt. Junker . Wie habt ihr es denn gemacht, daß es besser worden? Kind . Wir haben miteinander abgeredt, wir wollen es uns nach und nach abgewoͤhnen; zu erst haben wir eine Stunde lang geschlafen, dann aber einander geweckt, wenn die Stunde vorbey gewesen; darnach fast eine Stunde, dann eine hal- be Stunde, dann nur eine Viertelstunde geschlafen. Wir haben Wasser genommen, und die Augen und den Kopf kalt gemacht, daß wir munter bleiben, und so ist es besser gekommen; und weil du krank gewesen, ist uns kein Sinn mehr ans Schlafen ge- kommen; wir haben wahrlich da auch zu Nacht nicht koͤnnen schlafen, und izt gehts besser, und es giebt alle Wochen mehr Arbeit auf der Weyd. — Junker . Das ist ein Punkt, aber weißest du die andern auch noch? Kind . Ja — mit dem Wuͤstreden, und mit dem Schlagen, und Stein nachwerfen den Geißen. Junker . Ja, wie gehts mit diesen? Kind . Gut — seit dem der Herr Lieutenant die Kinder so ordentlich macht das Haar strehlen, Haͤnd und Gesicht waschen, und in allem, bis auf die Treppe hinunter zu gehen, eine Ordnung hat, daß keines an den andern nur anstoßen darf, so sind die rauhesten Buben nicht mehr so wild, und alle Kinder gewoͤhnen sich in der Schule Sorge zu haben, Niemanden nichts zu Leid zu thun; und denn haben wir darinn auch mit einander abge- redt, wir wollen zweymal einander ein wuͤstes Wort schenken, aber dann das Drittemal muͤsse ei- ner angegeben seyn. Junker . Hat das geholfen? Kind . Ja. — Junker . Es freut mich. — Kind . Und dann hat das auch wieder ge- holfen, daß du krank worden, es haͤtte in dieser Zeit gewiß keines dem andern etwas nachgerufen. Junker . Weiß doch nicht, wenn ein Ka- minfeger oder ein Schneider bey der Weyd vorbey gegangen waͤr —! Kind . Nein gewiß nicht. — Die andern waͤren alle zusammen gestanden, und haͤtten einen geschlagen und weggejagt, wenn er das gethan haͤtte. Junker . Nu, ich will es glauben; aber wie gehts mit dem Freveln? Es ist izt bald Herbst — Kind . O! — mit dem gehts gar gut — wenn du wuͤßtest — Junker . Was, wenn ich wuͤßte? Kind . Daß wir Aepfel, Birren und Erd- aͤpfel zu braten bekommen, so viel wir wollen; gelt, du wuͤrdest dann nicht meynen, wir freveln noch —? — Junker . Aber wer giebt euch das? Kind . Alle Leute, die Land und Baͤume haben, die an die Weyd stoßen. — Junker . Wie ist das izt gekommen? Kind . Da sie das Leztemal die Haͤg (Zaͤu- ne) ausgebessert, sind eine ganze Menge Maͤnner da gewesen, haben uns zuerst ausgelacht, und ge- fragt, ob wir ihnen izt im Herbst auch das Halbe stehlen wollen, wie das letzte Jahr? Wir haben auch gelacht, und gesagt, es sey eben schlimm, wir doͤrfen izt nicht mehr; da hat der alte Renold gesagt, es koͤnne nicht so seyn, der Tag sey lang, und die jungen Leute moͤgen essen, man koͤnne sie nicht lassen hungern auf der Weyd, wir sollen nur brav huͤten, wenn sie das Obst ablesen, und die Erdaͤpfel austhun, so wollen sie uns von allem auch geben; und wir haben schon viel bekommen, und bekommen noch mehr, viel mehr als wir nie gestohlen haͤtten. — So, so! sagte der Junker, so denke ich wohl, frevelt ihr nicht mehr; aber der Renold muß doch ein guter Kindermann seyn, nicht wuhr? Kind . Das denk ich; er hat immer, wo er steht und geht, Angster (Pfenning) und Rappen im Sack, und wenn ihm ein Kind heischet, so giebt er ihm, und daheim große Stuͤck Brod; und er kann noch eine halbe Stund bey so einem Kind, das ihm bettelt, stehen, und mit ihm reden. Dann erzaͤhlten sie ihm, wie sie geglaubt ha- ben, er sterbe, und wie sie mit dem Herr Lieute- nant, dem Herr Pfarrer, alle Tage in der Kirche fuͤr Ihn gebetet; und daß einmal ein fremder Herr in die Kirche gekommen, der auch mit ihnen fuͤr Ihn gebetet, er sey so freundlich gewesen, habe ihnen allen die Hand gegeben, und sey Morndeß den ganzen Tag bey ihnen in der Schule gewesen. Beym Abendessen, im alten Rittersaal, konn- ten sie sich nicht satt sehen an den Figuren an der Wand. Der Karl erklaͤrte ihnen lustig der Zwing- herren Ordnung, die da abgemahlt ist, und sie buchstabirten das Teufelsblut , lachten uͤber das Reiten des dicken Junkers, und machten saure Au- gen uͤber den Bauer auf dem Hirschen. Der Junker sezte den Heirli auf die Lehne sei- nes Sessels, so, daß er ihn wie auf dem Arm hatte; der gute Heirli streichelte ihn wieder an Ba- cken, und sagte ihm, Gelt, du stirbst izt auch nicht mehr? Bald darauf — du siehest aus, wie ein Großvater — und dann — kannst izt auch nicht mehr gehen? — Der Junker stund ihm zu ge- fallen auf, gieng die Stuben auf und ab, und sag- te ihm, sieh', wenn man krank gewesen, so mag man nicht gleich wieder springen wie im Garten. Aber es wird wohl wieder kommen — daß du wie- der springen kannst wie im Garten? sagte das Kind. — So redte er mit vielen; und sie erzaͤhlten ihm auch von dem Freudenfest, welches man in Bon- nal halten wollte, wenn er das Erstemal wieder zu ihnen in die Kirche kommen werde. Des Huͤbel Rudis Kind sagte, sein Vater wolle an diesem Tage, und an keinem andern, Hochzeit halten. Er gab dem Kind zur Antwort, sag deinem Va- ter nur, er muͤsse nicht mehr lang warten, uͤber 8 Tag komm ich in die Kirche. Dann gieng er noch unter die Thuͤre, auch ihre Geißen zu sehen, die sie da vorbey fuͤhrten zum Brunnen; aber ihrer viele liefen mit ihren Thieren so geschwind vorbey, als wenn sie jemand jagte. Der Karl lachte allemal, wenn einer so geschwind mit seiner Geiß vorbey strich; und sie, wenn sie vorbey waren, lachten auch gegen ihm, und nickten ihm mit dem Kopf und mit den Au- gen, ihm zu danken, daß er dem Papa nichts ge- sagt; aber da sie fort waren, konnte er nicht mehr schweigen, und sagte zum Papa, hast izt nichts gemerkt von den Geißen? Meynst, es sey alles gut in der Ordnung gewesen? — Der Junker hatte nichts gemerkt, und der Rollenberger wußte auch nicht, was er meynte; sie riethen allerhand, er aber sagte ihnen allemal, es ist nicht das, es ist etwas ganz anders. Zulezt sagte er, es waren doch auch 25 Geißen, die es alle hatten; aber sie konntens doch nicht errathen, bis er ihnen sagte, daß die Haare wegen den Kothzotteln abgeschoren worden seyen. — §. 46. Der Kopf und das Herz hat mit den Menschen gleich sein Spiel, wenn man nicht beyden wohl auf den Ei- sen ist. E inen andern Abend waren die zwey Bruͤder bey ihm, die vor wenigen Wochen in den Dorfgruben noch von ihm glaubten, er sey ihnen wegen ihren Religionsmeynungen nicht guͤnstig. Aber der Lin- denberger hatte sie seither ganz von ihrer Absoͤn- derungsfrommkeit zum gottesfuͤrchtigen Rechtthun des Lieutenants und zur Ueberzeugung hinuͤber ge- bracht, es sey besser, man mache ein ganzes Dorf brav, als ein paar Leute in einem Winkel; sie waren beyde herzgut, und auch da, wo sie noch ihrer Sekte blind anhiengen, lag treues, edles und reines Bestreben nach wahrer menschlicher Wahr- heit und Weisheit in ihrer Neigung fuͤr die Nebel- huͤlle ihrer Bruderschaftsmeynungen; also ruhet der stille Glanz des Monds im Schatten der Erde, aber der die Himmel waͤlzet, laͤßt den Schatten der Erde nicht ewig uͤber dem Glanz des guten Mondes, der Schatten der Erde geht voruͤber, und der Mond leuchtet sein Licht. — Der Junker hatte erst nach seiner Krankheit vernommen, daß sie der Bruderschaft oͤffentlich abgesagt, und sich deutlich erklaͤrt, sie muͤssen Gewissens halber zu denen stehen, die dem ganzen Dorf helfen wollen, und koͤnnen sich durch keine Meynungen einschraͤn- ken und hindern lassen, dem Junker und dem Schulmeister zu helfen, die gleiche Sorgfalt gegen alle Gemeindsgenossen zu brauchen, die die Bru- derschaft nur gegen die Ihrigen brauche; und sie finden es izt nicht mehr recht, sich wie in einen Garten einzuzaͤunen, und da freylich fuͤr die ein- gezaͤunten Bluͤmchen wohl zu sorgen, indessen aber ganze ganze Aecker und Matten, die einem auch zugehoͤ- ren, darob zu versaͤumen, und in Abgang kom- men zu lassen; ein Bauer, der das thun wuͤrde, wuͤrde mit seinem Land uͤbel fahren, und sie glau- ben izt, es sey mit den Menschen das gleiche. Sie druͤckten izt dem Junker die Hand so traulich wie einst den Bruͤdern, und sagten ihm, es sey nicht anderst, als ob der liebe Gott ihnen einen Vater wieder geschenkt habe. — Ihm machte es fast bange, er wußte wie sie an ihrer Bruͤder- schaft hiengen, und antwortete ihnen, ich moͤchte euch wohl gern seyn wie ein Vater, aber ich fuͤrchte eher, ich habe euch Schaden gebracht als Nutzen, und das waͤre mir leid. Sie staunten uͤber diese Rede, und beyde fragten ihn, warum er doch das sage? Der Jakob war etwas schuͤchtern, aber der Christoph ließ sich daruͤber mit ihm in ein Ge- spraͤch ein. — Auf die Antwort des Junkers — „euere Bruͤderschaft war euch wie Vater und Mutter, und da ihr sie um meinetwillen verlassen, so muß ich natuͤrlich fuͤrchten, ich koͤnne euch das nicht seyn, und ihr findet das bey mir nicht, was ihr hofftet bey ihr zu finden, und was euch bey ihr wohl machte, so lang ihr an sie glaubtet“ — antwor- tete Christoph, wenn wir unsere Bruͤderschaft ver- lassen haͤtten, um bey euch eine andere zu finden, O so koͤnnte es wirklich kommen wie ihr sagt, aber das ist nicht unser Fall. — Junker . Was ist denn euer Fall? Christoph . Wir haben sie verlassen, um keine mehr zu haben, und gegen jedermann gleich zu seyn, gegen Niemanden zu gut, und gegen Nie- manden zu boͤs, und heut und morgen, und in jedem Fall, so handeln zu doͤrfen, wie es uns selbst am besten duͤnken wird. Der Junker bat sie darauf, ihm aufrichtig ihre wahre Meynung uͤber die Bruͤderschaft, die sie verlassen, zu sagen. — Sie antworteten ihm beyde, sie glauben noch izt, die Sache habe gar viel Gutes; und muͤssen bekennen, diese Verbindung habe zu einer Zeit zu ihnen Sorge getragen, und sie in vielen Stuͤcken eine vernuͤnftige und sorgfaͤltige Leitung genießen lassen, ohne welche sonst so viel als das ganze Dorf in der abscheulichsten Unordnung gelebt, und allgemein verwahrloset worden waͤre. — Aber eben das, sezte Christoph hinzu, macht mich izt von ihnen abfallen, daß ich einsehe, man koͤnne und muͤsse fuͤr alle Leute so Sorge tragen, wie die Bruͤder es fuͤr die Ihrige thun; und man muͤsse sich nicht durch Meynungen einschraͤnken lassen, es nur an den wenigen, und nur an denen thun zu wollen, die in allem Ja zu uns sagen. Der Junker laͤchelte, und Christoph sagte, der Lindenberger hat Muͤhe mit uns genommen wie ein Pfarrer, und nicht nachgelassen, bis wir es, wie er, eingesehen, daß alle geistliche Bruͤderschaften das Menschliche ihrer Sachen dem lieben Gott an- binden, und so dahin kommen, daß sie auch das, was sie Fehlerhaftes an sich haben, fuͤr ein Heilig- thum achten muͤssen. Wir erkennen izt, daß den andern Menschen dadurch ein Unrecht geschiehet, und ihr Gutes nicht anderst als verunglimpfet, er- niedriget, und gehindert werden muß, so viele Fruͤchte zu tragen, als es tragen koͤnnte und muͤßte, wenn die Menschen von allerley Bruͤderschaftsmey- nungen die Eitelkeit ablegen wuͤrden, zu glauben, mit ihren Meynungen dem lieben Gott wie in dem Schoos zu sitzen. Es kann nicht anderst seyn, sagte er, so bald man eine geistliche Bruͤderschaft hat, und sich um Gottes, und um goͤttlich geheiße- ner Meynungen und Woͤrter willen, von andern Menschen soͤndert, so wird einem die ganze Welt wie Nichts gegen die Bruͤder und Schwestern, die von dieser gnadenreichen Meynung sind; und in diesem Fall sind auch die besten Menschen bey aller ungeheuchelten Ehrlichkeit in Gefahr, so wohl ob diesen Meynungen, die sie als das Band zwi- schen Gottund ihnen ansehen, als ob den Menschen, die sie bekennen, blind zu werden, und uͤberhaupt alles in der Welt nur nach dem Maaß zu schaͤtzen, O 2 in wie weit es auf diese Meynungen einen guten oder schlimmen Einfluß hat; und sich dann sogar einzubilden, der liebe Gott mache es droben in sei- nem hohen Himmel just auch so, und waͤge das ganze Menschengeschlecht auf dergleichen Meynun- gen-Waag, die sie in ihrem Dorf haben. Je schwaͤcher dann die Menschen seyen, je duͤmmer werde dann diese Bruͤderschafts-Einbildung; aber auch die Besten bringe es gegen alles Gute, was von Menschen, die sich außer ihrem Bruͤderschafts-Gna- denstand befinden, herkomme, dahin, daß sie das- selbe, wie sie sagen, der Leitung Gottes anheim- stellen, aber selber mit keinem Finger beruͤhren, indessen sie das, was von ihren Leuten herkommt, unter dem Beystand Gottes, gar wohl und sorg- faͤltig besorgen; dann gehe es freylich gar oft besser bey ihren Gnadenwerken, die in der Ordnung be- sorgt werden, als bey den Weltkinder-Arbeiten, die etwas außer dem Gnadenstand unvernuͤnftig an- gegriffen, und unsinnig verwahrloset. So natuͤrlich das sey, so verblenden sich die Bruͤder doch immer darinn, und behaupten allemal in diesem Fall — Gott im Himmel selber mache also allen Tand der Heiden vor den Augen seines auserwaͤhlten Volks zu schanden. Daraus entsteht, daß alle solche Bruͤderschafts- Menschen unmoͤglich reinen und unbeschraͤnkten Antheil an allgemeinen obrigkeitlichen Volksanstal- ten nehmen koͤnnen, wenn selbige nicht, wie der Lindenberger gesagt habe, auch in allen aͤußern Theilen nach dem Kleid des Goͤzenbilds zugeschnit- ten, das sie mit sich im Kopf herumtragen. Der Junker fragte ihn auf dieses hin, warum so wenige Menschen von solchen Bruͤderschaften da- hingebracht werden koͤnnen, dieses also einzuse- hen? — Davon, erwiederte Christoph, ist die Haupt- ursach sicher diese, daß man ihnen auf der andern Seite auch Unrecht thut. — Junker . Worinn thut man ihnen haupt- saͤchlich Unrecht? — Christoph . Man erkennt das wahre Gute, das sie haben, nicht; man versteht sie nicht, und wirft eine Verachtung auf sie, die sie nicht verdienen. Junker . Er soll doch hieruͤber ausfuͤhrlicher sagen, was wahr sey. Christoph . Sie seyen unter dem gemei- nen Volk die Menschlichsten, die Liebreichsten, die Gutmuͤthigsten; es sey Rath und Trost bey ihnen zu finden, wie sonst fast bey Niemand; auch seyen sie gegen Ruchlosigkeit und Gewaltthaͤtigkeit, die das andere gemeine Volk in den Doͤrfern so oft fast un- ter die Thiere herabsezt, unter ihren Leuten voͤllig Meister, und das sey doch ein Segen im Land, da- O 3 vor danke ihnen Niemand, es frage sie Niemand, wie sie es machen, wie sie mit ihren Leuten und mit ihren Kindern dahin kommen, wo die andern Bauern doch nicht sind, und wo man von einem Pfarrer, der sein Dorf dahinbringen wuͤrde, in der ganzen Welt Ruͤhmens und Wesens machen wuͤrde, das sey eines; das andere sey, man sage ihnen in den Tag hinein, sie verderben mit ihren Meynungen die Leute, und zeige ihnen nicht wie, und gebe ihnen kein Exempel, wie man das Volk besser fuͤh- ren koͤnne als sie. — Dann sage man ihnen, sie seyen dumm und einfaͤltig; und sie sehen doch, daß sie bey den Leuten mehr ausrichten und mehr Gu- tes stiften, und in ihren Haushaltungen meistens gluͤcklicher seyen, als die so sagen, sie seyen dumm; und seyen sich gewohnt, Vernunft und Verstand nach dem, was man damit ausrichte, zu messen und zu schaͤtzen; sie heißen in ihrer Sprache das etwas ausrichten Segen, und das nichts ausrichten Unsegen; und so lang sie den Se- gen auf ihrer Seite haben, so glauben sie auch nicht, daß sie die Dummen in der Welt seyen, es mag es ihnen sagen wer da will. Dann wirft man ihnen vor, sie seyen hart- naͤckig, und lassen sich nicht berichten, und die, so es ihnen am lautesten vorwerfen, sind, auf das Gelindeste davon zu reden, im gleichen Spital krank, und nehmen noch viel weniger von ihnen das Gute an, das sie so ausgezeichnet haben; aufs Hoͤchste koͤnne man sagen, es heiße ein Esel den andern Langohr. — Wahr sey, sie binden ihren Verstand wie an eine Kette an, und lassen ihn keinen Schritt weiter spatzieren, als sie gern wollen, daß er gehe. Aber dann sey es auch wahr, so angebunden als sie ihn halten, so brauchen sie ihn, und das wirklich mehr in der Ordnung und sorgfaͤltiger, und kommen darinn gewoͤhnlich sichtbar weiter, als die andern Dorfleute, die ihn nicht so anbinden; auch sey ge- wiß, daß viele Leute, die ihnen das vorwerfen, sie haben ihren Verstand so an der Kette, gar viel weniger koͤnnten an die Ketten legen, wenn sie die Lust dazu auch einmal anwandeln wuͤrde, den ih- rigen auch so anzubinden. — Ueberall, sagte er, sind ihre Gegner selten die Leute, die ihnen Lust ma- chen koͤnnten, ihren Verstand nicht angebunden zu halten, und es ist gar nicht, daß sie mit ihnen um- gehen, sie den Schaden dieses Anbindens empfin- den zu machen, und etwan mit ihnen einzutreten, und abzumessen, wie weit man ohne Gefahr, seine Kraft in den naͤchsten und nothwendigsten Sachen wohl anzuwenden und zu gebrauchen, zu schwaͤ- chen, ihn weniger anbinden und freyer laufen las- sen koͤnnte. — Er sagte, es duͤnke ihn doch, man mache den Verstand wie zu einem Modekleid, und ein jeder Narr in der Welt wolle izt so ein O 4 Verstandsmaͤntelchen mit sich herumtragen, es moͤ- ge dann fuͤr Tuch daran seyn, was es wolle, und es reiße unter den gemeinen Leuten eine Pest ein, die er die Verstandspest heißen moͤchte. Der Herr Lieutenant habe zwar ihm das nicht wollen gelten lassen, und behauptet, es sey nur ein Anmaßungs- fieber, aber er halte es fuͤr eine wahre Pest, und muͤsse sagen, just die Leute, die mit dieser Pest an- gesteckt sind, seyen die Allerunbilligsten gegen ihre Bruͤderschaft. Der Junker bat ihn, er solle sich uͤber die Ver- standspest deutlicher erklaͤren, was er meyne? — Er sagte, er meyne uͤberhaupt, wenn der Mensch etwas Gutes, das an ihm ist, wie eine Eli-Mutter ein Kind, in das sie vernarret ist, zu hoch hinauf, und alles andere Gute und Brauchbare wie ein Stiefkind Himmelweit uͤber das Herzens- schaͤzchen hinabsezt, so richte ein solcher Mensch das Gute, das an ihm ist, wie eine solche Eli- Mutter ihr Kind und ihr Stiefkind miteinander zu Grund, und werde schlecht, und ein halber Mensch. So gehe es, wenn der Mensch auf diese Art alles aus dem Verstand mache, und wieder, wenn er alles auf das Herz baue; im ersten Fall habe er die Verstandspest, und im andern die Herzens- pest — in beyden Faͤllen mache er die einte ver- nachlaͤßigte Haͤlfte von sich selber aussterben, und stecke mit ihrem Tod auch diejenige an, mit der er es also gehalten, als wenn sie allein leben muͤßte. Dann sagte er, es sey zwischen den Menschen, die von der Verstandspest, und denen, die von der Herzenspest angesteckt sind, wie zwischen dem Saa- men des Weibs, und dem Saamen der Schlange, eine ewige Feindschaft, und des in die Ferseste- chen- und des Kopfzertreten- Wollens unter die- sen ohnmaͤchtigen Kranken nie kein Ende — und je hoͤher die Krankheit steige, je groͤßer werde die Wuth einander so stechen und treten zu wollen. Izt verstund ihn der Junker, und fand die Geschichte neuerer Streitigkeiten darinn beschrieben. Er hatte schon viel von der Herzenspest gehoͤrt, aber das Wort Verstandspest war ihm neuer, und er bat den Bauern, er solle doch fortfahren und ihm die Leute beschreiben, die an der Verstands- pest krank liegen. Der Christoph fuhr fort, und sagte, es liegen alle Leute daran krank, die es mit der Liebe zur Wahrheit haben, wie der Killer selig mit dem Rechnen, welcher den Bauern im Wirthshaus gar leicht hat ausrechnen koͤnnen, wie viel Minuten ein jeder alt sey, oder gar, wie viel Tropfen Wasser in einer Stunde aus einer Brunnenroͤhre laufen, aber es dann nicht geachtet hatte, wenn ihm der Wirth fuͤr 3 Schoppen Wein, die er trank, das Geld von vieren gefodert. Auch die seyen daran krank, sagte er, die mit allem, was sie wissen, oder meynen zu wissen, ein Wesen machen, wie wenn es ganze Berge waͤren, die sie mit sich herumtragen, und zu einem Viertel Korn Saͤcke machen lassen, wie wenn sie einen Kirchthurm darein einpacken sollten, und Waͤgen, mit denen man halbe Berge koͤnnte wegfuͤhren. Er sagte, es gebe hier und dort Pfarrer, die der- gleichen Verstandssaͤcke und Verstandswaͤgen mit sich aufs Dorf bringen, und die, wenn sie alle Wahrheit und alles Gute in kleinen Koͤrnern auf dem Boden zerstreut finden, und auflesen sollten, keinen Ruͤcken und keine Haͤnde dazu haben, und es lieber die Spatzen auffressen lassen, und dann ihre großen Waͤgen, damit sie solche doch nicht vergebens aufs Dorf gebracht, zu Spatzierwaͤgen machen — die großen Saͤcke brauchen sie dann zu Kutschen-Kuͤssen fuͤr sich und ihre Frauen. — Auch die Herren Pfarrer, sagte er, haben diese Pest, deren Wahrheit nur blitze und wetter- leuchte. — Das Volk fuͤrchte das Donnern, das darauf folge, und die Menschen seyen ein Unsegen im Lande, die Freude daran haben, mit der Wahr- heit einzuschlagen wie mit Stralstreichen, die die Eichen zersplittern, und den Athem der Lebenden ausloͤschen. Auch die, sagte er, liegen an dieser Krank- heit, deren Wahrheit den Eisgebirgen gleiche, die zwar Himmel hoch sich gegen die Sonne aufthuͤr- men, aber von ihr nicht aufthauen — ein Regen- tropfen im Thal sey mehr werth, als ein ganzes Meer solcher Wahrheit unter dem Eis und in un- zugaͤnglichen Kluͤften. So viel sagte er von der Verstandspest. — Als er damit fertig war, fragte ihn der Jun- ker noch: Aber wer hat denn die Herzenspest? — Meine alten Bruͤder und Schwestern, erwie- derte der Mann — sezte aber bald hinzu — den- noch ist es schade, daß man in der Welt nicht an- derst mit ihnen umgeht, und das Gute nicht er kennt, das sie an sich haben. So lang es so ist, werden sie sich immer aus- schliessend fuͤr das Salz der Erde achten, das seine Naͤße noch nicht verloren — und bis man ihnen, wie der Herr Lieutenant, durch eine auffallend bessere Menschenfuͤhrung zeiget, daß es noch bessere Salzquellen gebe, als die, so aus dem Berg ihrer unnatuͤrlich umzaͤunten Frommkeit herausfließen, so ist es ihnen nicht zu verargen, daß sie so lang immerhin sich selber, und ihre gebenedeyte Mey- nungen fuͤr das beste Salz der Erde achten. Er verglich zulezt das Gluͤck, das diese Leute in ihrer Beschraͤnktheit besitzen, dem Genuß einer hel- len, stillen, und warmen Sternennacht, bey wel- cher dem Menschen so innig wohl seyn kann, daß er wie hingerissen wird zu denken, es koͤnne nichts schoͤners und nichts groͤßers auf der Welt seyn, als eine solche Sternennacht; aber wenn die Sonne dann aufgeht in ihrer Pracht, und der Mensch der Erde den Segen ihres waͤrmenden Lichts, und die Sicherheit ihrer hellen Tages-Erleuchtung genießt, da denkt er nicht mehr, daß die Sternennacht, und das truͤgliche Mondlicht, das schoͤnste und beste sey, das er auf der Erde genießen koͤnne. — §. 47. Wer bloß gut ist, muß nicht regieren, und niemals und Niemands Vogt seyn wollen. W er nicht zu ihm kam, war der Vogt Meyer; aber er machte ihn kommen, und fragte ihn, ob er nichts von den Unordnungen wisse, die waͤhrend seiner Krankheit begegnet? Er antwortete ihm, er habe wohl davon reden gehoͤrt, aber Bestimmtes wisse er nichts. Arner . Warum er nicht besser nachgefragt? Vogt . Er habe nicht daran gedacht — und es habe ihms Niemand befohlen. Junker . Ob die Unordnungen selber nicht Befehls genug gewesen seyen? Vogt . Das wohl, er habe auch so gefragt, aber nichts vernommen. — Arner schuͤttelte den Kopf, und sagte ihm, du bist froh, wenn du nichts weißt; und es ist nichts anders, als was ich dir schon gesagt, du bist zu die- sem Dienst nicht brauchbar. Vogt . So gebet mir meine Entlassung. — Junker . Da hast du sie — und geh izt. — Er saͤumte nicht lange, nahm den Thuͤrenan- gel in die Hand, und vor der Thuͤr den Stecken, und gieng mit leichtem Herzen die Treppe hinun- ter. Als er heim kam, sagte ihm seine Frau, da siehest izt, daß ich recht habe, wenn ich zu dir sage, du seyest gar zu nichts nuͤtz. — Und im Dorf sagte izt ein jedes, der Hummel sey doch noch ein anderer Mann gewesen zum Vogt als er. — Und Leute von seinem Alter erzaͤhlten, wenn ihn der Junker so, wie sie, von Jugend her gekennt haͤtte, so haͤtte er ihn gewiß nicht zum Vogt gemacht; wenn sie als Buben unter einander Haͤndel gehabt, so sey das immer sein Wort gewesen, „thut mir doch nichts, ich will euch auch nichts thun;“ und es sey unter ihnen zum Spruͤchwort worden, gaͤlt, du hasts auch wie der Christopheli, „thu mir nichts, ich will dir auch nichts thun.“ Als seine Schwester, die Meyerin, es vernom- men, gieng sie auf der Stelle zu ihm, traf ihn allein an, und wuͤnschte ihm Gluͤck, daß er sich von der zweyten Marterfrau, mit der er sich ohne Noth verheurathet, so gluͤcklich habe scheiden lassen koͤnnen. Aber als die Nachricht in das Dorf kam, der Baumwollen-Meyer sey Vogt, waren zehen Stimmen gegen eine, er sey der einzige, der fuͤr den Junker, so wie er einen brauche, recht sey; und viele Leute sagten, die Armen haben izt einen Vater, die Unordentlichen einen Vogt, und die so Gewalt brauchen wollen, einen Meister. — Ihr Herren! die ihr Untervoͤgte macht und absezt wie nichts, mit einem einzigen Wort; wenn euch etwas daran gelegen, daß sie recht ausfallen, so nehmet dieses zum Zeichen, wenn das Volk von euerm Mann also redt, so kann er recht ausfallen; aber auch dann ists noch noͤthig, daß ihr zu ihm Sorge traget. Die Reichen waren freylich nicht zufrieden, daß von einem solchen Lumpenstammen ein Vogt geworden; aber sie sagten es doch nicht zu laut, und er erklaͤrte sich bestimmt, er habe den Dienst um der Armen willen angenommen, die Reichen haben ihren Vogt in der Kiste, aber die Armen haben einen noͤthig. Und das Mareili sprang fast vor Freuden, daß sein Bruder izt also des guten Junkers Diener worden, und machte sich Tag und Nacht den Kopf voll, wie es izt gewiß in allen Ecken im Dorf gehen muͤsse, wie es der Junker wolle. Ihns und den ganzen Weiberbund machte der Junker auch einen Abend zu ihm kommen — und die Weiber beredten ihren Weibel, den alten Renold, er solle mitkommen — er wollte nicht — aber sie versprachen ihm, sie wollten es verantwor- ten — wenns so ist, so will ich kommen, sagte der Alte, und es freute den Junker gar — er redte die halbe Zeit nur mit ihm, und ließ ihn erzaͤh- len, wie vor Altem in allen Stuͤcken eine Ordnung gewesen, die im Grund derjenigen vollends gleich sey, die er izt einfuͤhre. Der gute Alte sagte ihm, eine Woche freue ihn jezt mehr zu leben, als vorher ein ganzes Jahr. — Der Junker erwiederte ihm, wills Gott werde er erst dann recht Freude haben, wenn die angefangenen Sachen auch einmal in ihrem Gleis seyen, und mehr Festigkeit haben. — Zu den Weibern sagte er: wenn er alles geglaubt haͤtte, so haͤtte er doch das nicht geglaubt, daß sie die Bauern haͤtten da- hinbringen koͤnnen, Geld dafuͤr zu versprechen, um den Schulmeister behalten zu koͤnnen. — Das Mareili sagte ihm daruͤber, man thut den Bauern unrecht, wenn man glaubt, sie gaͤben nicht gern Geld aus fuͤr ihre Kinder, sie thun es freylich nie, bis sie sehen und erfahren, daß es etwas nuͤzt. Aber meynst du, sagte der Junker, wenn man machen wuͤrde, daß sie erfahren koͤnnten, und die Probe in ihren Haͤnden haͤtten, daß man ihre Kinder weiter bringen koͤnnte, als man sie nicht bringt, meynst du denn, sie wuͤrden an vielen Or- ten auch selber gerne etwas dazu beytragen, die Leute, die man hierzu noͤthig haͤtte, zu bezahlen? An allen Orten, und ganz gewiß wuͤrden sie es dann gerne thun, sagte das Mareili, und alle Weiber, auch der alte Renold bestaͤtigte das. Er sezte hinzu, man muͤßte ihnen nur so einen Mann zwey oder drey Monat ohne ihre Koͤsten auf die Probe geben, dann wuͤrden sie ihn gewiß nehmen, und wenn man es foderte, die Probkoͤsten noch darzu bezahlen. Diese Bemerkung war dem Junker und dem Lieutenant sehr wichtig; sie widerlegt das un- richtige Geschrey, daß die Besserung der Landschu- len unerschwingliche Geldsummen erfodere, es fehlt weit mehr an Anstelligkeit und Sachkenntniß. Und Und an Leuten — sagte der Pfarrer von Bon- nal. — Nein, erwiederte der Lieutenant, wenn man Anstelligkeit und richtige Grundsaͤtze daruͤber hat, so kann man fast ohne Muͤhe Leute hierzu bilden, wie man sie gebraucht, dafuͤr will ich stehen! Sie wurden bald einig, wenn man annehme, das Volk wuͤrde gern helfen, dergleichen Leute zu bezahlen, und auch zugleich, daß eine jede gute Schule auf Arbeit muͤsse gegruͤndet seyn, und hier- mit, so sie recht eingerichtet, in sich selber einen Ver- dienst finde, so falle die Sorge von großen Geld- ausgaben, welche die Verbesserung der Schulen nach sich ziehen wuͤrde, von selbst weg. Der Lieu- tenant sagte wieder, wenn man sie schlecht macht, und halb, so werden sie kosten; und wenn man sie recht macht, und ganz, so werden sie eintragen. Dann redte der Junker noch mit der Meyerin uͤber die Entlassung des Vogts. Sie sagte ihm, er koͤnne izt auch wieder zu einem Menschen wer- den. — Und die Renoldin fragte ihn, wer ihm ihn auch gerathen? Der Herr Pfarrer, antwortete er. — Und sie — das glaube sie — er habe immer auch bey den Leuten zu viel daraus gemacht, wenn Sie mir gut gewesen. — Sie sezte hinzu, der Herr Lieutenant haͤtte ihn auch gewiß nicht gerathen — Ich glaubs auch nicht, sagte der Junker, dankt e P ihnen dann fuͤr ihren Bund, und sagte ihnen, sie sollen zu ihrem guten alten Weibel recht Sorge tragen, und ihm nicht zu viel Muͤhe aufladen. Er soll izt bleiben der Weiberbund, sagte The- rese, ich will es mit euch halten, wir wollen dem Junker helfen zu seinem Ziel zu kommen. §. 48. Arners Fest. B ey Sonnenaufgang laͤuteten alle Glocken. Alle Kinder waren mit Blumen geschmuͤckt; das ganze Dorf, Altes und Junges, gieng ihm den Berg hin- auf entgegen. Des Rudis Hochzeitleute voraus, und in der Mitte der Gemeinde der gute Pfarrer; sangen den Berg hinauf der Sonne entgegen frohe Lieder; aber als sie von Ferne das Gerassel seiner Kutsche hoͤrten, da toͤnte ihr Lied nicht mehr. Er kommt — Er kommt — rief das Volk, und hundert Stimmen jauchzten ihm zu. Sie ver- doppelten die Schritte, liefen ihm, wie Kinder dem Vater, den sie lange nicht gesehen, entgegen. Er hoͤrte ihr Jauchzen von Ferne, da er noch tief hinter den Tannen sie noch lange nicht sah; aber so bald er sie hoͤrte, stieg er aus seinem Wagen, und gieng seinem geliebten Volk von Bonnal mit all den Sei- nen zu Fuß entgegen. Er sah izt den Aufgang der Sonne nicht, nicht den hellen Himmel und das glaͤnzende Thal, und die schlaͤngelnde Ita, die zu seinen Fuͤßen lag; er eilte zu seinem froͤlichen Volk, mischte sich in ihr Gedraͤnge, und hoͤrte mit Va- terlust ihr Jauchzen und ihr Rufen — Er lebe! — Er lebe! — das durch Buch und Tannen hinab ins Thal toͤnte. Innige Freude erhob sein Herz. Es war kein Kind, und kein Mensch, dem er nicht, und dem Therese nicht ihre Hand bot. — Er hatte den Hut ab, so lang er sie gruͤßte, und sagte mit einem stillen hohen Ernst — Er wuͤnsche fuͤr sie zu leben! — das Volk erwiederte ihm, sie wuͤßtens, und der Tag seiner Wiedergenesung sey ihnen der freudigste ihres Lebens — dann stellt sich das Volk wieder in Ordnung, die Hochzeitleute voraus — Er nahm den Huͤbel-Rudi bey der Hand — The- rese die Meyerin, und seine Kinder die Kinder des armen Manns, fuͤhrten sie also den Berg hinab bis in die Kirche; das Volk sang, jauchzte, der Geiger spielte auf bis unter die Thuͤre, und die jun- gen Leute giengen, wie wenn sie tanzten, bis in die Stuͤhle. — Da stund der Pfarrer neben dem Taufstein an den Ort hin, an dem er neun Abende nach einan- der mit seinen Kindern auf den Knien, und mit Thraͤnen, Gott fuͤr das Leben des Junkers gebe- P 2 tet. Der große Blumenstrauß, den er auf seinem Kleid hatte, war mit dem Perlenband, das ihm Therese geschenkt, umwunden; stille Freude in sei- nem Auge, und eine Thraͤne, leicht und duͤnn wie ein Morgennebel in heißen Tagen, zeugte von der Erhebung seines Herzens. Er stand eine Weile still, dann hob er die Hand auf zum Zeichen des Schwei- gens — eine Stille erfolgte, und das Volk und die Kinder, die nahe an ihm stunden, richteten die Augen auf ihn, dann sagte er die einzigen Worte — Lasset uns Gott danken, daß er uns unsern Vater Arner wieder geschenkt! — sah dann hinab zu seinen Kindern — und sagte — ihr habet mit mir an dieser Stelle viele Thraͤnen vergossen; freuet euch izt, daß Gott das Gebet euerer guten Herzen erhoͤrt hat — kommt, lasset uns ihm danken — da bog er sich nieder und kniete — die Kinder knieten mit ihm, und in einem Augenblick lag die ganze Gemeinde, und auch Therese, und seine Kin- der, und der General, vor seinen Auger auf den Knien — Er stand allein noch — sah die ganze Gemeinde als niedergebogen Gott fuͤr sein Leben danken. Wer kann den Anblick beschreiben, und die Erhebung des Manns (Arners), der in diesem Au- genblick an seine Pflicht dachte, diesem Volk, das vor ihm kniete, auf Kind und Kindeskinder hinun- ter sein Gluͤck zu bevestnen. Es schwellte seine Brust; er wandte sein Angesicht weg, fiel auch auf seine Knie, weinte eine Weile auf den Knien, dan- kete dann Gott fuͤr seine Rettung, und fuͤr seinen Stand, und fuͤr den Lieutenant, fuͤr den Pfarrer, und fuͤr sein Volk, und bat ihn um seinen Segen zu seinem aufrichtigen Vorhaben, diese ihm von sei- ner Vaterhand anvertrauten Menschen dem Zufall des blinden Schicksals zu entreißen, und durch fe- ste, ihrer Natur, und ihren Umstaͤnden angemessene Geseze, so viel als moͤglich, auf dieser Welt gluͤck- lich zu machen. Fast eine Viertelstunde lag das Volk auf seinen Knien; dann stund der Pfarrer, und mit ihm die Gemeinde auf, aber der Junker war todtblaß, that einen Schritt hervor, bog sich gegen die Ge- meinde, aber er konnte izt nicht reden. — Eine Weile war wieder alles still — der Pfarrer gab da wieder ein Zeichen — und die Gemeinde sang das Lied „Herr Gott! wir loben dich ꝛc. — Der Lieutenant hatte zehen Mann mit Wald- horn, Trompeten und Baßgeigen bestellt; und das Freudengesang an Arners Fest toͤnte in der Kirche so, wie in dem Thal von Bonnal noch kein Freu- dengesang ertoͤnte. Da es vollendet war, fuͤhreten Arner und The- rese die Meyerin und den Huͤbel-Rudi zum Altar. — P 3 So eine Hochzeit hat von uns keiner, dachten alle Juͤnglinge des Dorfs; und die Maͤdchen, die sonst bey allen Hochzeiten fluͤstern, waren still, da der Pfarrer sie segnete. — Dann laͤuteten wieder alle Glocken; der Junker fuͤhrte die Braut, und Therese gieng mit dem Huͤbel-Rudi aus der Kirche ins Pfarrhaus, und die Waldhorn und Trompe- ten machten mit den Stimmen des Volks und den laͤutenden Glocken ein frohes Getuͤmmel. Er gab der Gemeinde einen Freuden-Trunk fuͤr das Fest, das sie ihm feyerten; rund um, fast um die halbe Matten des Pfarrhauses stunden Stuͤhle und Tische, Wein, und Brod, und Kaͤs, warme und kalte Milch, Wuͤrst und Kuchen fuͤr Junge und Alte genug auf den Tischen. — Mitten im runden Kreis der Gemeinde saßen die Hochzeitgaͤste und das ganze Schloß, und das Pfarrhaus, an einem Tisch; sie hatten ein maͤßiges Mahl, nur wenig mehr als die ganze Gemeinde — aber in der Mitte des Es- sens brachte die Magd aus dem Pfarrhaus den Hochzeitleuten ihre Geschenke, aus dem Schloß und aus dem Pfarrhaus — es war gar viel schoͤnes und gar viel nuͤzliches, doch war unter allem das schoͤn- ste, was ihnen der Lieutenant schenkte. Hinter hellem Wasser-reinem Glas, in einer goldenen Rahm, wie ein großer Spiegel, schenk- te er ihnen die lezten Worte der Großmutter: mit silbernen Buchstaben auf schwarzem Boden ge- schrieben. Oben in den Segensworten umschlang ein dunkelgruͤner Kranz einen Bienenkorb, der dastund wie lebendig; neben den Worten hinab hiengen Palmen von blaͤsserm Gruͤn, die unten wieder dunk- ler mit Oelzweig verbunden einen Todtenkopf um- wanden, und diesen umgaben dann ringsherum goldene Stralen wie die schoͤnste Glorie der Heiligen. — Oben an den silbernen Worten waren die er- sten „Denk an mich, Rudi, es wird dir noch wohl gehen“! — groͤßer als die andern geschrieben, und mit goldenen Buchstaben; und unten am Kranz des Rudis und der Meyerin Namen, und der Tag ihrer Hochzeit an Arners Fest, auch so groß und auch so mit goldenen Buchstaben, und unter ih- rem Namen noch zwey Herzen, die sich in den Stra- len des Todtenkopfs verloren. — Das ganze Dorf, Junge und Alte, lasen die silbernen und goldenen Worte — Bauer und Baͤuerinnen sagten, es habe mancher Haus und Hof, die nicht werth seyen, was dieses Stuͤck. Der Rudi ließ Thraͤnen darob fallen, und seine Kinder wollten nicht essen, und nur der Großmutter Worte lesen. Die Braut nahm eines nach dem andern auf ihren Schoos, und ließ sie lesen und buchstabieren. Nach dem Essen tanzte das Volk, und Arner und Therese, selber der General und die Frau Pfar- P 4 rerin tanzten mit den geliebten froͤlichen Leuten. Die aͤltern Maͤnner und Weiber blieben bey ihren Tischen, und der Lieutenant, der mit dem lahmen Beine auch nicht tanzen konnte, so gern er wollte, stund auch bey ihnen. — §. 49. Hochzeit-Wahrheiten fuͤr Bettlerleute und fuͤr Gesezgeber. U nd weil er so in ihrer Mitte stand, kam dem alten grauen Renold in den Sinn, er verdiene auch ihren Dank, und er freue ihn an diesem Tag am meisten. Er stund auf, und sagte zu ihm — Er wisse, daß er allen Aeltern, die da seyen, aus dem Herzen rede, wenn er ihm izt fuͤr ihre Kinder danke und ihm sage, sie erkennen es, daß er sich ihrer annehme, wie sich vielleicht kein Mensch in der Welt armer Dorfkinder annehme. Maͤn- ner und Weiber stunden eins nach dem andern auf, dankten ihm auch wie der Alte. Es freute ihn herzlich; aber er nahm dabey Anlaß ihnen izt etwas zu sagen, was er ihnen schon lange gern gesagt haͤtte: er that aber eine Weile nicht dergleichen, redte mit ihnen von ihren Kindern, erzaͤhlte ihnen allerhand Gutes von ihnen, aber ließ doch nach und nach eins nach dem andern merken, wie er ei- nem jeden in der Schule anspuͤhre, wie sie bey Haus mit ihnen umgehen, und als er sie so traulich hatte, und ernsthaft wie er wollte, trank er noch auf ihre Gesundheit und die Gesundheit ihrer Kin- der, und sagte dann — wenn er einmal izt nicht glaubte, es moͤchte ihnen Muͤhe machen, so wuͤrde er ihnen gern noch etwas sagen; sie erwiederten ihm, er solle doch sagen, was er wolle, sie sehen, wie er es meyne, und sagen ja auch, was sie wol- len; er fragte noch einmal, ob sie es gewiß nicht zoͤrnen wollen? — Und sagte dann — „Es ist mir immer, wie wenn vielen von Euch nicht ganz recht Ernst seyn koͤnnte, weder mit der Freude wegen dem Junker, noch mit dem Dank gegen mich.“ Die Leute begriffen nicht, was er meynte, staunten, sahen einander an; endlich frag- ten ihn etliche, warum er doch auch das sage? Er antwortete ihnen, „Ihr muͤßt mir verzeihen, aber ich will es euch den geraden Weg sagen; es sind gar zu viel Leute unter euch, die in diesem oder je- nem Stuͤck noch immer gern in der Unordnung leb- ten, und diese alle koͤnnen im Grund ihres Herzens keine wahre Freude, und keinen wahren Dank ge- gen jemand haben, der sie und ihre Kinder aus aller Unordnung herauszutreiben, und alle Unge- schicklichkeit, Unanstelligkeit und Verwirrung, die im Dorf ist, aufzudecken, und an den Tag zu brin- gen sucht.“ Diese Erklaͤrung machte sie betroffen, sie fien- gen ihn an zu verstehen, und er fuhr fort — „Weil ich nun einmal angefangen, will ich mich nun voͤllig erklaͤren; es ist gewiß, daß zum Exempel eine Frau, die sich von Jugend auf der Unordnung und der Unachtsamkeit gewohnt ist, ihre Kinder nicht besorgt, vieles in der Haushaltung zu Grund gehen, und wie Mist durch einander und in einan- der liegen laͤßt; und wiederum, daß ein Mann, der in seinen Sachen es eben so hat, keine Freud und Dank gegen jemand in seinem Herzen haben koͤnne, welcher ihn in die Ordnung bringen will. Es ist gar zu vieles zu tief in seinem Innersten ein- gewurzelt, das er schwer hat abzulegen; und ich glaube fast, ein solcher Mann und eine solche Frau wuͤrden leichter dahin zu bringen seyn, mit dem Jaunervolk in die Haͤuser einzubrechen, und mit den Zigeunern und Bettlern im Wald bey gestohle- nen und gebettelten Braten und Kuchen um ein Hei- denfeuer herum zu tanzen, als aufrichtige Freude daran zu haben, wenn man sie wollte in eine Ord- nung bringen wie recht ist, daß sie nichts Unor- dentliches mehr verbergen und bemaͤnteln koͤnnen.“ Aber die Maͤnner und Weiber meynten doch nicht, daß sie Leute seyen, welche man mit Hei- den- und Zigeunervolk vergleichen sollte, und sagten noch einmal, es seyen gewiß blutwenige Leute un- ter ihnen, denen es nicht Ernst sey mit ihm und dem Junker. Er antwortete ihnen, „Er habe sie nicht mit Zigeuner- und Heidenvolk verglichen, son- dern nur ihre Ordnung; so koͤnnte er die groͤsten Herren mit dergleichen Volk vergleichen wie sie; es sey nur davon die Rede, ob die eingewurzelte Un- ordnung das Gemuͤth des Menschen nicht von der Liebe und Dank gegen Leute ablenke, die gern rechte Ordnung haͤtten.“ Sie gaben das wohl zu, aber meynten dabey, auch das treffe sie nicht einmal stark; er sagte ih- nen aber darauf, ihr zwinget mich, daß ichs euch doch sagen muß; erinnert euch, was fuͤr Sachen in euerm Dorf geschehen, und was fuͤr Reden ge- flossen sind, da man bey euch meynte, der Junker komme nicht mehr auf. Die Worte „strenge Her- ren werden nie alt“; wieder, „es scheint doch nicht Gotts Wille, daß alles nach seinem Kopf ge- he“; wieder, „es wird einmal viel anderst wer- den, wenn er die Augen zuthut.“ — Erinnert euch nur dessen, und saget mir, ob ihr selber glau- bet, das alles haͤtte so vorfallen und geredt werden koͤnnen, wie es geschehen und geredt worden ist, wenn nicht hundert und hundert dergleichen ver- steckte Jauner- und Zigeuner-Geluͤste der Grund dazu gewesen. Izt kamen sie nicht mehr fort in ihrem men- schenfreundlichen sich selber Weißwaschen. Ihrer etliche sagten, sie muͤssen izt schweigen, sie sehen sel- ber, daß etwas daran wahr sey, wie er es izt sage; er erwiederte ihnen, er habe es nie anderst gesagt. Und da Arner bey der tanzenden Jugend sah, wie ernstlich ihre Aeltern mit dem Lieutenant re- deten, stund er zu ihnen, und fragte sie, was sie so Ernsthaftes haben? Der Lieutenant gab ihm mit einem Wort, aber freundlich schauend gegen das Volk, einen Wink, was es antreffe. Das Gespraͤch wendete sich liebreich und mit kurzem dahin, daß der Junker sagte, es werde sich bald zeigen, ob er ihnen wirklich lieb sey? Er muͤsse ihnen selber einen Anlaß dazu machen. Maͤnner und Weiber fragten ihn dringend, worinn doch? Und er erwiederte, ich kann euere Haushaltungen und euer ganzes Wesen nicht in eine Ordnung brin- gen, daß es auf Kind und Kindskinder in eine Ord- nung gebracht ist, wenn nicht ein jeder, der in ir- gend einer Sache, sey es im Ackerbau oder im Hauswesen, etwas besser versteht als die andern, mir darinn Hand bietet, die andern darinn auch in eine bessere Ordnung zu bringen. — Es war keiner, der nicht hieruͤber Ja sagte. Aber es war ihm nicht genug, was sie ihm ins Allgemeine hinein versprachen; er fragte dann den dicken Binzbauer, der den Namen hatte, er ver- stehe den Kornbau am besten, wie ists, willt du mir helfen, daß deine Nachbarn, die im Kornbau so weit hinter dir sind, darinn nach und nach auch in die Ordnung kommen? Dann fragte er das gleiche den Lindenberger mit der Hacknase, der den Namen hatte, er verstehe den Wiesenbau am be- sten, und so mehrere, von denen man sagte, sie verstehen irgend ein Stuͤck der Wirthschaft besser als die andern. — Zum Baumwollen-Meyer sagte er, dich frage ich nicht, ob du mir an die Hand gehen willst, denn du weißt, und hast mir es selber gesagt, daß ein jeder im Grund nur sich selber an die Hand geht, wenn er mir an die Hand geht. — Er fragte sogar die alte Frau, die den Gartenbau so wohl verstund, ob sie in ihren alten Tagen sich noch so viel Muͤhe nehmen wolle, der lieben Ju- gend zu etwas mehr Gartenzeug, als zu dem Saͤu- kraut, welches sie in ihren Gaͤrten fast allein pflan- zen, zu verhelfen? — Und es freute einen jeden, den er so auszeichnete; sie versprachen ihm fast alle noch mehr als er forderte. Das waͤre izt Eins, sagte er da. Das An- dere ist, ein jeder, der irgend eine Sache von sei- nem Hauswesen und von seinem Landbau nicht so gut versteht als ein anderer, sollte mir eben ver- sprechen, sich darinn gutmuͤthig weisen und rathen zu lassen; aber er ließe es auch hierinn nicht beym bloßen man sollte, und ihr solltet, bewenden; sondern wandte sich auch dießfalls vor allen an ihrer etliche, die in einigen Hauptstuͤcken ihrer Wirthschaft kund- barlich nicht in einer guten Ordnung waren, und sagte: Wie ists? Willt du dir in diesem oder jenem Stuck, in dem du nicht laͤugnen kannst, daß du es noch weiter treiben koͤnntest als du thust, rathen und helfen lassen? Auch hierinn schien es, daß sie alle mit Freuden Ja sagten. — Aber er war auch so innig gut — zeigte ihnen dann noch zulezt ihre tanzenden Kinder, und sagte ihnen, wenn ihr es nicht um meinetwillen, und nicht um euer selbst willen thun wolltet, so solltet ihr es um dieser wil- len thun. — Er sezte hinzu — es wird mit ihren Freuden bald aus seyn, wenn ihr nicht fuͤr sie sor- get, und alle Lustbarkeit ihres Lebens, die ihnen so wohl thut, ist an die Art und Weise, wie ihr euere Geschaͤfte machet, und wie ihr sie auch dazu anzie- het, gebunden; fehlet ihr darinn, so erwahret das alte Spruͤchwort an ihnen, „Je freudiger, je trau- riger“, und sie werden daruͤber Niemanden als euch anklagen. Das Volk war geruͤhrt; aller Augen waren auf ihn geheftet, und viele hielten ihre Haͤnde zu- sammen, wie wenn sie beteten; ihr Stillschweigen erhob sein Herz: Er sagte ihnen noch einmal, ich kann mir nicht vorstellen, daß ihr mich, und mit mir euch selber, also betruͤgen wollet, mir hierinn euer Wort nicht zu halten; und fehlet ihr mir nicht, so kann ich euch versprechen, mit der Hilfe Gottes soll in kurzen Jahren nicht leicht mehr eines unter euch seyn, das nicht mit Ruhe und Freude auf Kind und Kindeskinder herab sehen koͤnne. — Mit diesem verließ er die Aeltern, gieng noch eine Weile zu den tanzenden Kindern, sahe mit Lust ihre Freuden-Reihen, und dachte mit noch groͤße- rer Lust an seine Gesezgebung, mit der er zu der Quelle dieser Freuden Sorge tragen wolle, und laͤ- chelte der Last entgegen, die ihm diese Vater-Freu- de auflegen wuͤrde. Und am Abend, um 4 Uhr, umringte ihn der Kreis der tanzenden Jugend; die Braut dankte ihm im Namen der Hochzeitleute, und der Gemeinde, fuͤr seinen Freudentag, den er ihnen allen zum Freu- dentag gemacht, und ein lautes Rufen des danken- den Volks unterbrach die redende Braut. Er fuͤhrte sie dann noch aus dem Pfarrhaus heim in ihre Huͤtte; das ganze Dorf begleitete ihn dahin, dankte ihm noch einmal, als er da in den Wagen saß und fort fuhr. §. 50. Hummels Tod. U nd der Rudi war kaum heim, so schlich er mit einer Flaschen Wein, und einer Blatten von allem Guten, das sie hatten, von seiner Braut und den Hochzeitgaͤsten fort, trug alles unter seinem Rock, wie verborgen, zu dem alten Feind seines Lebens. Der gute Mann konnte nicht anders, als er mußte denken, der arme Tropf sehe izt alle Freuden dieses Tags, hoͤre alle ihre Lustbarkeit, und ihm sey kein froher Augenblick mehr beschehrt auf dieser Erde. — Bewahr doch — sagte er, da er dieses dachte, der liebe Gott einen jeden Christenmenschen vor ei- nem boͤsen Leben! — und gieng dann fort. Der Vogt war in einem erbaͤrmlichen Zustand. — Das Abfaulen und Abdorren des Menschen, an dem nichts mehr Mensch ist, ist entsezlich; schon lange lebte in ihm nichts mehr, als was im Hund und im Fuchs und im Wolf auch lebt; wenn er schon wollte, er hatte fuͤr kein Gutes kein Leben mehr in seinen Sinnen; und konnte, was menschlich ist, so wenig mehr in sich behalten, als ein durchloͤcher- tes Geschirr Wasser, das man darein schuͤttet. Der arme Tropf schrieb es dem Teufel zu; als ob es mehr brauche, als ein Leben wie das seine, einen Menschen Menschen in seinem Alter lebendig todt zu machen. Aber es ist so der Menschen Art, sie wollen noch lieber vom Teufel schlecht seyn, als von sich selber; und lassen sich gar oft leichter dahin bringen, aus dummer Furcht vor dem Beelzebub in die Gichter zu fallen, als auf sich selber Acht zu geben. Das war sein Fall: Er bruͤllte in seiner Teu- felsangst gar oft wie ein Vieh, insonderheit zu Nacht, so daß ihm auch Niemand abwarten wollte, und der Rudi ein armes Bettelweib, das ihm ver- wandt war, mit dem groͤsten Versprechen kaum dazu bewegen konnte; er meynte nichts anders, als der Teufel werde ihn holen wie den Doktor Faust, der das Pulver erfand; und konnte sich vorstellen, er warte vor seiner Thuͤr auf den Glockenschlag, wann es mit ihm aus sey, wie etwa Waͤchter und Harschier einer Schelmenbande aufpassen, wenn die Stunde verrathen ist, in der sie an einen Ort hinkommen. Diese Narrenschrecken seiner unsinnigen Teu- felsfurcht hinderten die zerruͤtteten Kraͤfte seines Kopfs und Herzens noch mehr, daß nichts Gutes und nichts Menschliches darinn Platz fand, und alles Bemuͤhen des guten Pfarrers, seine Sinne wieder zu staͤrken, umsonst war. Das war sein Lebensende. — So dorret ein Baum ab, der auf einer Brandstaͤtte bis auf das Q Mark versengt ist — Umsonst treibt seine Wurzel noch einigen Saft in die todten Gefaͤße, er stocket in allen Adern bis auch seine Wurzel erstarret, und es dann ganz mit ihm aus ist. Sein zerruͤttetes Leben stockete in allen Sinnen, und er konnte bey Monaten nicht mehr einen beruhigenden menschli- chen Gedanken fest halten. Bis am Morgen dieses Tags, da alle Glocken laͤuteten, und er den Rudi an der Hand des Jun- kers, und die Meyerin an der Hand der Theresen, und die Kinder des armen Manns an der Hand der Kinder aus dem Schloß, unten an seiner Gaß vor- uͤber zur Kirchen gehen sah, und das Getuͤmmel des frohen Volks hoͤrte — da ward ihm in diesem Augenblick wie anderst ums Herz, und wie, als ob ihm Gott auch noch einen guten Gedanken zu seiner lezten Erquickung in seine Seele gegossen — er konnte izt denken — wann es zu seiner Zeit also gewesen waͤr, so waͤr er auch nicht geworden, was er geworden. — So wirft eine Lampe noch vor ihrem Erloͤschen einen hellern Schimmer, und stirbt dann. — Das Bettelweib, das ihm abwartete, sagte, er habe diese Worte mehr als zehnmal nach einander wiederholet, und dabey Thraͤnen in den Augen ge- habt, und ausgesehen wie ein anderer Mensch. — Auch das habe er ein paarmal gesagt, „wann er izt nur sterben koͤnnte, weil ihm so sey“ — und noch einmal uͤber das andere — „Mein Gott! Mein Gott!“ gerufen, das er sonst auch nicht gethan. Aber eine Saite, die Jahre lang in einem Winkel verrostet, springt entzwey, so bald du sie spannst, und dieser Gedanken toͤdete den Mann; er konnte nichts anders mehr als diesen Gedanken den- ken, staunte eine Weile demselben anhaltend nach, und da traf ihn der Schlag. Das Bettelweib, das bey ihm war, freute sich, daß er an seinem Ende noch so zu guten Ge- danken gekommen, und nahm das beste Buch in die Hand, betete ihm in seinen lezten Noͤthen das Gebet eines armen Suͤnders vor, den man auf die Richtstatt fuͤhrt, und glaubte, es koͤnnte im gan- zen Buch nichts finden, das sich besser fuͤr ihn schicke. Es wußte sonst nichts zu machen, weil sich seiner sonst Niemand nichts annahm als der Rudi, und dieser izt an seiner Hochzeit war. Aber der gute Mensch zoͤrnete das, und sagte ihm, es sey ein Unmensch, daß es ihn habe so da liegen lassen koͤnnen. — Was willt doch sagen — er- wiederte das Weib — er ist, so lang ich ihm ab- warte, nie so schoͤn da gelegen — und eine Weile darauf — man kann dem armen Tropfen izt nichts mehr Gutes thun, als Gott fuͤr ihn bitten, daß Q 2 er ihm seine Suͤnden verzeihe, und ihm eine selige Aufloͤsung bescheere; und es haͤtte ihm nichts ge- holfen, wenn ich dich auch heut mit ihm geplagt haͤtte, du bist ja dein Lebtag lang genug mit ihm geplagt gewesen. — In diesem Augenblick sah der Rudi, daß es das arme Suͤndergebet auf dem Tisch vor sich hatte, und sagte ihm, das ist erschrecklich, was denkst auch? — Hast du es ihm laut vorgele- sen? — Ja freylich, sagte das Weib. Aber um Gotteswillen! was denkst auch? Wenn ers noch verstanden, es hat ihm ja muͤssen fast das Herz abdruͤcken. Nichts wenigers, erwiederte das Mensch — er hats gar wohl noch verstanden, und mir im An- fang noch mit dem Kopf dazu genickt — es sey recht. — Der gute Rudi legte den armen Sterbenden noch, so gut er konnte, zu recht, und seinen Kopf hoͤher, sprang dann heim, sagte es seiner Braut, und bat die Hochzeitleute, sie sollen doch aufhoͤren tanzen, und uͤberall nicht mehr laut thun, er fuͤrch- te, wann ers noch hoͤre, so koͤnnte es ihm noch weh thun, und das waͤr ihm leid. Es war Niemand bis auf die kleinsten Kin- der, der nicht fand, er habe recht, und sie doͤrfen ihn in seiner lezten Stunde nicht kraͤnken. — Die Kinder baten den Rudi, weil sie sich izt nicht mehr lustig machen doͤrfen, um den goldenen und silber- nen Bienenkorb der Großmutter, daß sie auch et- was zur Freude haben, da sie doch muͤssen still seyn. — Er gab ihn ihnen; eilte dann mit seiner Braut mit Tuͤchern und Bettzeug, und Essig, und allem, was sie im Hause hatten, und meynten, daß es ihm dienen koͤnnte, zu dem Sterbenden, und blieben an ihrer Hochzeit bey ihm bis zwischen zwoͤlf und ein Uhr, da er dann verschieden. — Der Pfarrer blieb auch so lang, und druͤckte noch beym Weggehen dem armen Todten die Augen zu — und dann ihnen beyden die Haͤnde so warm und fromm und priesterlich, als heut am Morgen, da er sie einsegnete. Q 3 §. 51. Arners Gesezgebung. U nd nun eile ich zur Vollendung meines Werks, und bitte den Geist der Einfalt, der mich leitete, als ich meinen Volks-Gesang bey der Huͤtten der armen Frauen, und im Tumult der großen Ver- wirrung des verwahrloseten Dorfs anhub, und der mich auf meinem unbetretenen Pfad an der Hand der Erfahrung fortfuͤhrte. — Geist der Ein- falt, du mein Geist! verlaß mich izt nicht, da ich ermuͤdet mich meinem Ziele naͤhere, und meinen Gesang mit der Hofnung vollende, Arners Ge- sezgebung setze die Moͤglichkeit einer die mensch- liche Natur, auch in der Tiefe des Volks, befrie- digenden Staatsweisheit und Staatsgerechtigkeit außer Zweifel. Ich saͤume mich nicht — Das sind die Einrichtungen, Gese- ze, Anstalten und Vorsorgen, durch welche Arner sein Volk in Bon- nal von den Fehlern eines sich selbst uͤberlassenen Naturlebens zu heilen, und sie aus einem leichtsin- nigen, gedankenlosen, traͤgen, un- vorsichtigen, untreuen, verwege- nen, mit einem Wort, verwahrlo- seten Naturgesindel, welches sie waren, zu bedaͤchtlichen, festen, fuͤrsichtigen, treuen, frommen, in ihrem Zutrauen sowohl, als in ih- rem Mistrauen sicher gehenden , und im Innern ihrer Haushaltungen Gluͤck und Zufriedenheit findenden und zu finden faͤhigen Menschen zu machen. Er ließ zuerst in einem jeden Fach des Land- baus und der Hauswirthschaft den Mann, von dem er mit Zuverlaͤßigkeit erfahren, daß er in die- sem Fach vorzuͤgliche Kenntnisse und Erfahrung habe, zu sich kommen, erinnerte ihn des Verspre- chens, welches sie ihm alle am Abend seines Wie- dergenesungfests in Bonnal gethan, daß ihm nem- lich jeder in dem, was er am besten verstehe, so an die Hand gehen wolle, die andern in diesem Stuͤck, so viel ihm moͤglich, auch in eine bessere Ordnung zu bringen; und sagte ihm dann, er fin- de, daß er dieses oder jenes Stuͤck der Wirthschaft vorzuͤglich wohl kenne, er bitte ihn also hieruͤber sein Dorfrath zu seyn. — Q 4 So machte er den, der den Kornbau am be- sten verstund, zu seinem Dorfrath uͤber den Korn- bau; den, der den Wiesenbau am besten behan- delte, zu seinem Dorfrath uͤber den Wiesenbau — der den Wald am besten besorgte, uͤber den Wald- bau — der, so die Fruchtbaͤume am besten be- sorgte, uͤber die Fruchtbaͤume; und waͤhlte so fuͤr alle kleine und groͤßere Theile der Wirthschaft den Mann, der sich darinn als den besterfahrnen aus- zeichnete, hieruͤber zu seinem Dorfrath. Dann gab er diesen Maͤnnern, einem jeden fuͤr sein Fach, ein Dorfrathsbuch, darinn erstlich Auszuͤge aus den Schloß-Protokollen, so weit aus denselben das Fach, darinn einer Dorfrath war, Licht erhalten konnte; z. Ex. im Kornbau, wie viel die ganze Gemeinde dieser Art Land besitze, und dann, wie viel ein jeder Bauer einzeln besitze: wor- uͤber in den Protokollen sich nichts fand, z. Ex. uͤber die Baumzucht, das mußten die Dorfraͤthe selber aufzeichnen — und dann mußten sie in ihren Faͤ- chern allemal in Rubriken, die ihnen vorgezeichnet waren, den Zustand aller Theilen dieses Fachs, im Großen und in seinen besondern Stuͤcken, deutlich und klar bemerken, z. Ex. in der Rubrik des Acker- baus: 1°. wie viel von diesem Land gut, wie viel schlecht, wie viel trocken, wie viel nasses, wie viel leimartig, wie viel sandartig, wie viel gemischt u. s. w. dann 2°, was fuͤr Hauptverbesserungen man im Trockenen, im Nassen, im Sandigen, im Leim- artigen vornehmen koͤnnte und sollte — ferner, wie weit diese Verbesserungen wirklich statt haben, und wie weit sie nicht statt haben, und welches die groͤßern und kleinern Hindernisse seyen, um deren- willen sie nicht allgemein statt haben; diese Rubri- ken fuͤllten den ersten Theil dieses Dorfraths-Buchs aus. Der zweyte Theil desselben enthielt wieder in jedem Fach die umstaͤndliche Soͤnderung des Gan- zen in die besondern Theile, die ein jeder in diesem Stuͤck besaß oder verwaltete. Ein jeder Buͤrger hatte in diesem Theil seinen Plaz, oder seinen Hof, in welchem der Dorfrath die Rubriken des erstern Theils auf ihn besonders anwenden, und z. Ex. im Feldbau zeigen mußte, wie viel er sandiges, oder leimichtes Land besitze, wie viel er davon wohl, und wie viel er davon nicht wohl besorge, und so wars in allen Theilen der laͤndlichen Wirthschaft; ein je- der Dorfrath, der fuͤr den Kleebau, der fuͤr die Waͤsserung, der fuͤr den Forstbau, der fuͤr den Obswachs, hatte also sein doppeltes Buch mit allen Rubriken, die er meistens nur mit kleinen Zeichen ausfuͤllen mußte; und der Lieutenant machte dann dem Junker aus diesen Dorfraths-Buͤchern ein allgemeines Dorfwirthschafts-Buch, darinn zuerst wieder im Allgemeinen von allen Theilen der Wirth- schaft in Bonnal zusammen gezogen war, was in jedem besondern Buch von dem Dorfrath bemerkt und rubrizirt ward; und dann zweytens, was in demselben von jedem besondern Hauswirth uͤber jeden Theil seiner Wirthschaft in Verbindung mit dem ersten Theil des Buchs bemerkt und rubrizirt war. — So erhielt Arner ein reales und vollstaͤndiges Grundbuch uͤber die allgemeine Dorfwirthschaft in Bonnal, und ein auf dieses sich beziehendes eben so vollstaͤndiges Rechenschafts-Buch von dem Zu- stande der Wirthschaft eines jeden Bonnalers in allen ihren Theilen, von den groͤsten Hauptstuͤcken, die sie besaßen, bis auf das juͤngste Schwein im Stall und dem kleinsten neugesezten Baum. Er hatte dieses nicht so bald, so versammelte er die Gemeinde wieder, erinnerte von neuem an ihr Versprechen, sich in allem, wodurch er sie fuͤr ihre Kinder und Kindskinder in Ordnung bringen koͤnne, rathen und helfen zu lassen. Und mit diesem vorbereitet, machte er dann einen Hausvater nach dem andern zum großen Rechenschaftsbuch ins Pfarrhaus kommen, und zeigte ihnen ganz unerwartet und auf einmal den wahren Zustand ihres ganzen Hauswesens, auf ihrem Blatt, wie in einem Spiegel. — Er ließ einen jeden neben sich niedersitzen, und seine ganze Rechnung da lesen, und dem, der nicht lesen konn- te, las er sie vor, vom Anfang bis zum Ende. — Weit die meisten hatten in ihrem Leben nie einen Augenblick mit dem Eins mal Eins im Kopf ihr Hauswesen in allen seinen Theilen uͤberschlagen, und niemals, weder im Ganzen noch in seinen Thei- len, eine heitere Einsicht darein gehabt, stunden auch desnahen vor ihrem Spiegel wie vor einem Wunder, und vor dem Junker wie Narren. — Sie konnten gar nicht begreifen, wie ihre Sa- chen alle so deutlich und klar auf dieses Papier ge- kommen — und wie das, woran sie selber nie ge- dacht, hier bemerkt, und das, was sie selber nicht gezaͤhlt, hier gerechnet seyn koͤnnte; was sie laͤngst vergessen, das war hier wie neu wieder da; was sie vernachlaͤssiget, das fanden sie da bemerkt; was sie fuͤr nichts geachtet, das stund doch da, wie wenns gar nicht wenig waͤre; und er fragte sie dann uͤber einen jeden Punkt ihrer Rechnung, ists ihm nicht so? Ists ihm nicht so? Und druͤckte die meisten ge- waltig mit diesem Wort, so daß es alle duͤnkte, es wolle kein Ende haben, dieses: Ist ihm nicht so? — Doch sagten sie ihm alle fast in allen Stuͤcken Ja, aber freylich oft mit einer unbeschreiblichen Verlegenheit. Hingegen sagten gar viele, und die Verstaͤn- digsten alle von sich selber, wo sie eine Abschrift von diesem Blatt haͤtten, es koͤnnte ihnen gar viel dienen; er gab sie allen, und viele konnten das Blatt auf dem Heimweg, und auch daheim, nicht aus den Haͤnden lassen, bis sie sich genug darinn ersehen. Der Niggel Spiz sagte einem ganzen Haufen von ihnen, da er sie so mit ihrem Papier in der Hand vor dem Pfarrhaus spatzieren sah — So hat noch kein Pfarrer seine Gemeinde aus einer Predigt oder aus einer Kinderlehre heimgeschickt! — Einer gab ihm zur Antwort — ja diese fangen nicht beym Leib an fuͤr den Menschen zu sorgen — Es geht darum, sagte der Niggel, denke ich, ihnen mit der Seelsorge so gut, weil sie sie allein trei- ben. Ihrer viele kamen nicht so bald unter ihr Dach, so giengen sie mit Schaufeln und Karst, oder einem andern Instrument auf der Achsel, oder unter den Armen, wieder zur Thuͤre hinaus, um dieses oder jenes geschwind in die Ordnung zu machen, woruͤ- ber sie am staͤrksten durch ihren Spiegel beschaͤmt worden waren. So giengs am ersten Tag, und der Junker trug Sorge, daß ihnen der Spiegel alle Jahr wie- der neu werde. Alle Fronfasten mußte ein jeder Dorfrath sein Buch erneuern, und in allen Rubriken anzeigen, ob in denselben einige groͤßere oder kleinere Veraͤn- derungen vorgefallen? Hieraus erneuerte dann der Lieutenant eben so in allen seinen Theilen sein großes Dorfwirthschafts-Buch. Aus diesem ließ der Jun- ker dann alljaͤhrlich einem jeden Haushaͤlter seinen Wirthschafts-Spiegel in allen seinen Theilen wieder erneuern, und ließ ihn auf die gleiche Art wieder uͤber eine jede Abaͤnderung Antwort geben, ob sie richtig sey oder nicht? — Aber auch das war ihm noch nicht genug. Er sah die Kopfs-Einschraͤnkung seiner meistens nur ein- seitig gebildeten Dorfraͤthen, und erkannte, daß Leute, die in einem besondern und einzelnen Theil der Wirthschaft vorzuͤgliche Erfahrungen haben, in ei- nem gewissen Alter oft bestimmt dadurch gehindert werden, so wohl mit Unpartheylichkeit, als mit genugsamer Geduld anderer, in ihrem Fach min- der erfahrnen Leuten so an die Hand zu gehen, daß ihnen wirklich an die Hand gegangen ist — und eben so, daß ihre einseitigen Erfahrungen und Kennt- nisse sie meistens auch dahinbringen, aus ihrem Fach alles, oder einmal viel mehr, zu machen, als es im Ganzen und mit allem uͤbrigen verbunden wirklich ist. — Es begegnet ihnen auch nicht sel- ten, daß sie meynen, sie verstehen alles, wie sie eins verstehen — eben so, wie sie auch oft durch ihr Alter und abnehmende Kraͤfte gehindert werden, auf die Art, wie es seyn sollte, einem ganzen Dorf in ihrem Fach an die Hand zu gehen, und etwan, wo es noͤthig, die Handgriffe selber zu zeigen. Diesem allem, und noch mehrerm, half Ar- ner dadurch ab, daß er diesen Dorfraͤthen fuͤr jede Gasse noch zwey juͤngere, noch lernbegierige, aber doch schon in allen Theilen der Wirthschaft eigene Erfahrung besitzende Maͤnner zugab, die er mit Zuthun der aͤltern Dorfraͤthe fuͤr sie waͤhlte, und die dann im engern Kreis ihrer Gaß ihren Nach- barn in allen Theilen ihrer Wirthschaft allemal nach der Wegweisung des Dorfraths, in dessen Fach ein jeder Gegenstand einschlug, an die Hand gehen mußten. Diese blos wie zu ihrer Erleichterung vorge- nommene Einrichtung schmeichelte den aͤltern Dorf- raͤthen um so mehr, da sie auf diese Art die ver- staͤndigsten, ordentlichsten und fleißigsten juͤngern Hauswirthe auf eine Art wie zu sich in die Schule gewiesen, und sich untergeordnet sahen — auf der andern Seite aber, da diese juͤngere Maͤnner bey einem jeden dieser Dorfraͤthen nur in demjenigen Fach Rath suchen mußten, das er wirklich ver- stund, und nur in so weit, als sie denselben fuͤr die Wirthschaft der Leuten seiner Gaß wirklich brauch- ten, so machte ihnen das auch nicht viel Muͤhe, und sie wurden hingegen durch den Rath und die vielseitigen Erfahrungen dieser Maͤnner, die sie in allen Faͤchern dennoch oft und nothwendig brau- chen mußten, auf eine sehr natuͤrliche, einfache, und sichere Art gefuͤhrt und geleitet, die Gegenstaͤn- de der Wirthschaft in ihrem Zusammenhang anzuse- hen, ohne die feste und genaue Aufmerksamkeit auf jede einzelne Theile derselben zu schwaͤchen; und genossen auf diese Art im eigentlichsten Verstande, und in einem sehr ausgedehnten Sinn, den Geist und das Wesentliche der bestmoͤglichsten Landwirth- schafts-Schule fuͤr ihr Dorf. Diesen zehn Maͤnnern uͤbergab Arner aus dem allgemeinen Dorfwirthschafts-Buch die Abschriften der so geheißenen Wirthschafts-Spiegel, die ein jeder Bauer von Bonnal darinn hatte; nemlich je zwey und zweyen allemal diejenigen Spiegel, die die Hauswirthe der Gasse, die ihnen angewiesen war, betrafen, aber sie mußten dann dieselbe noch groͤßer machen, und weiter ausdehnen, als es den alten Dorfraͤthen in ihrem Buch uͤber alle Bonna- ler, wenn schon einem jeden nur in einem einzigen Fach, nicht moͤglich gewesen waͤre; diese konnten es hingegen leichter, weil sie diese Buͤcher nur uͤber die Buͤrger ihrer Gasse fuͤhrten, und allemal ihrer zwey zu den Buͤchern uͤber die Hauswirthe einer Gasse waͤren. — Aber freylich mußten sie dann diese Buͤcher allgemein und uͤber alle Theile der Wirthschaft ihrer Leute vollstaͤndig fuͤhren, und in jedem Buch von einem Hauswirth alle Rubriken bestimmt ausfuͤllen, wie sie ihnen vorgezeichnet uͤber- geben worden; z. Ex. in der Rubrik Akerbau bey einem jeden bemerken: „So viel im voͤlligen Abtrag. "So viel im mittlern Abtrag. "So viel im schlechten Abtrag.“ — Dann mußten sie auch diese Unterscheidungen in allen Faͤchern der Wirthschaft an ihrem Ort richtig ausfuͤllen, bis auf die kleinsten Theile der- selben, also daß auch nicht das kleinste Baͤumchen ohne die bestimmteste Beurtheilung, ob seine Be- sorgung gut, mittelmaͤßig, oder schlecht sey, ge- lassen wurde; und uͤber jeden einzelnen Mann muß- ten sie eben so bemerken, ob er verstaͤndig und er- fahren, und in welchen Stuͤcken seiner Wirthschaft sich das zeige, und aus welchen man das Gegen- theil schließen sollte. — Dann hatte auch seine Frau, und ein jedes seiner Kinder, seinen Plaz in diesem Buch; und von einem jeden ward umstaͤndlich nach allen wich- tigen Gesichtspunkten, die seinethalben zu bemerken waren, aufgezeichnet, wie es mit ihm stehe, was es taͤglich arbeite, wori n n es sich im Guten oder im Boͤsen auszeichne, was sein Vater aus ihm machen wolle, und ob dasselbe sich fuͤr ihns und seine Umstaͤnde beym Leben und Sterben seiner Aeltern schicke? — Und endlich, ob in einer jeden Haus- Haushaltung kein fressender Krebs, und nichts ge- faͤhrliches um den Weg sey, das fruͤh oder spaͤt diese Haushaltung in Unordnung bringen, und den Weg zu ihrem Verderben anbahnen koͤnnte. — Und die Buͤcher der zehen Maͤnner waren vom Lieutenant so eingerichtet, daß sie in weit den mei- sten Stuͤcken nur kleine Zeichen und Zahlen einzu- tragen hatten; und auch uͤber diese hatte Arner wie- der ein allgemeines Buch, daraus er am Ende des Jahrs im Augenblick einem jeden Bonnaler seine Rechnung ausziehen, sie in allen ihren Theilen, und in jedem besonders, an die Rechnung desselben vom vorigen Jahr anschließen, und sich also bis auf die kleinsten Unterscheidungen, wie weit sich sein Zustand bessere oder schlimmere, in allen Stuͤcken leicht bemerken konnte; wie z. Ex. in der Rubrik des Ackerbaus — Der Jakob Meyer hatte gut besorgte Aecker 1785,5 Juchart — 1786,8; also 1786 3 Juchart mehr gut besorgte. — Mit- telbesorgte 1785,6 Juchart — 1786,10; also mittelbesorgte Aecker 1786,4 mehr als 1785. Schlecht besorgte 1785,10 — 1786,3; also schlecht be- sorgte Jucharten minder als 1785, 7. — So deutlich und leicht fiel ein jeder Unterschied in allen Theilen eines vergangenen und gegenwaͤrti- gen Jahrzustands auf, und Arner ließ daruͤber ein unveraͤnderliches Gesez verfertigen, und dasselbe zu R den von ihm bestaͤtigten Gerechtsamen und Frey- heiten des Dorfs in ihre Gemeindlade hineinlegen, und in ihr Dorfbuch eintragen, daß alljaͤhrlich in der Weihnachtswoche Gemeind gehalten werden muͤsse, und in derselben zur Aufmunterung des Fleißes und aller guten Ordnung, in Gegenwart des Junkers und des Pfarrers, und der Gemeinde, einem jeden zu Lob und Ehren, aus dieser Rech- nung oͤffentlich muͤsse vorgelesen werden, was in derselben ihm Lob und Ehre bringen koͤnne. Hingegen ward durch ein eben so bestimmtes Gesez, und eben so feyerlich, zum Wohl und Nutzen der Gemeinde, und zur Sicherheit der guten Be- sorgung alles Ihrigen, auf Kind und Kindskinder hinunter befohlen, und der Befehl als von der gan- zen Gemeinde, und als zu ihrer Sicherheit und zur Hinterlag ihres langdauernden Wohlstands, allge- mein angenommen, und eben so in ihre Gemeind- lade verwahret, und in ihrem Dorfbuch eingetra- gen, daß ein jeder, der irgend ein Stuͤck seiner Wirthschaft schlechter besorgt als im vorigen Jahr, dem Junker und dem Dorfrath sagen muͤsse, wa- rum und wie das gekommen? — Das erstemal in aller Freundlichkeit — und ohne daß man ihm daruͤ- ber Vorwuͤrfe machen doͤrfe, warnen; — dennoch aber muͤssen die Dorfraͤthe und die Aufseher seiner Gasse, aber ohne ihn dazu zu ziehen, zusammen treten, genau zu untersuchen, wie weit seine Ent- schuldigungen wahr und begruͤndt gewesen oder nicht, und uͤberhaupt was etwan die besten Mittel seyn moͤchten, in der Stille und Freundlichkeit einen guten Einfluß auf ihn und seine Haushaltung zu haben. — So dann aber der Mann das zweyte Jahr in diesem Stuͤck, oder in andern eben so wich- tigen, gleich als ein schlechter und nachlaͤßiger Haushalter zum Vorschein kam, so mußte er dann mit seiner ganzen Haushaltung vor dem Junker und dem Dorfrathe erscheinen, und in ihrer aller Ge- genwart sich erklaͤren, welches die Gruͤnde der fort- dauernden Vernachlaͤßigung dieses oder jenes Stuͤcks seiner Wirthschaft seyen? — Aber dann war es schon ernsthafter. — Die Dorfraͤthe und die Aufseher seiner Gasse mußten sich einen Tag vorher versammeln, die Gruͤnde, die er ihnen das vorige Jahr angegeben, von neuem uͤber- legen, und sich als auf eine sehr ernsthafte und fuͤr das Dorf sehr wichtige Sache gefaßt machen, sich von ihm in keinem Wort blenden zu lassen, und von ihm keine leere unguͤltige Entschuldigung als guͤltig anzunehmen, sondern ihm vielmehr ein jedes falsches, heuchlerisches, unrichtiges Wort, mit der groͤsten Kraft, die ihnen moͤglich, im Mund umzu- kehren, und eben so seiner Frau und seinen Kin- dern, um sie saͤmtlich in dem Grad zu beschaͤmen, als sie es wagen wollten, mit Luͤgen und Blend- werken durchzuschluͤpfen. — Die Dorfraͤthe muß- R 2 ten, als auf die wichtigste Sache gefaßt seyn, ihm gegen alles unrichtige Geschwaͤz genau und bestimmt zu zeigen, wie sie die Sache haͤtten angreifen sollen, und warum es, wenn sie es also gemacht haͤtten, ihnen darinn nicht hinter sich, sondern fuͤr sich ge- gangen waͤre. Der Junker war bey allen diesen Real- Examen, die im Dorf den Namen der Schweiß- baͤder bekamen, gegenwaͤrtig, und ließ es nie- mals ermangeln, den Dorfraͤthen und Aufsehern zu zeigen, wie wichtig es sey, gegen das Blendwerk von Haushaltern, die anfangen schlecht zu werden, druͤckend zu Werk zu gehen. Die Leute konnten das nicht ausstehen, Jahr fuͤr Jahr so behandelt zu werden, und es waren immer auch in den schlechtesten Haushaltungen, die, dieses auszuweichen, dann im Haus daran trieben, daß es besser gehe. Hingegen wurden die, welche in einem Stuͤck der Wirthschaft verhaͤltnismaͤßig gegen andere ihres gleichen mehr geleistet, vor der ganzen Gemeinde aufgefodert, sich zu erklaͤren, wie, und wodurch sie in diesem Stuͤck weiter gekommen? So trieb er alles Gute in seinem Dorf, wie ein Gaͤrtner, der alle Tage und alle Stunden mit seiner Arbeit und mit seinem Dung hinter seinen Blumen und hinter seinem Kohl her ist, sie vor den Winden schuͤzt, vor der Kaͤlte deckt, vor Troͤckne und Naͤsse sicher stellt, ihren Boden fett und rein haͤlt, und jedes Unkraut fruͤhe daraus reißt. Auch ließ er sie nicht ins Wilde aufschießen, und keinen Menschen uͤber Nichts ins Blinde hinein Meister, nicht einmal uͤber seine Gesundheit — die Aufseher mußten ihm genaue Rechenschaft geben, ob die Haushaltungen in ihren Gassen, und die einzelnen Personen derselben gesund seyen, oder nicht. Der Dorfrath, nebst den Aufsehern, hatten zu untersu- chen, woher der Mangel der Gesundheit, der sich so wohl bey ganzen Haushaltungen als einzelnen Personen zeigte, entspringe, und wie ihm abzuhel- fen seyn moͤchte? Er wußte aber auch, daß der Mensch nichts gern umsonst thue, und er hingegen so gern um allerley Lohn arbeitet; er hatte desnahen einen Jahr- tag, und nannte denselben den Tag der Besten , an welchem er die Dorfraͤthe und Aufseher, die in diesem Jahr eine auf irgend eine Art zerruͤttete Haushaltung wieder in Ordnung gebracht, auf ein Mittagessen zu sich ins Schloß kommen ließ, und einem jeden derselben eine ehrenvolle, aber nicht kostbare Belohnung gab, die ihnen Therese aus- theilte; aber vorher mußte ein jeder auch erzaͤhlen, wie er das gemacht, und wie er in dieser Haushal- tung einem jeden, vom Hausvater an bis zum kleinsten Kind, habe zu Leib kommen, und sie da- R 2 hin bringen koͤnnen, daß sie sich geaͤndert, auch worinn es bey einem jeden am schwersten gehal- ten? Der Erzaͤhler saß dann oben am Tisch, der Pfarrer, Junker, und der ganze Dorfrath um ihn her; und der erste schrieb alles deutlich und be- stimmt in ein Wegweisungs- und Berathungs-Buch fuͤr die Dorfraͤthe und die Aufseher auf. Vornen an diesem Buch stunden nach der Zeit- ordnung die Namen der Rechtschaffenen, von denen eine solche schoͤne That in demselben aufgezeichnet war, mit großen Buchstaben vom Lieutenant schoͤn geschrieben; und neben ihnen war die Zahl der Seite bemerkt, auf welcher ihre That aufgeschrie- ben war. Nach dem Therese diese Ordnung ganz einge- sehen, sagte sie in ihrer Freude daruͤber zum Lieu- tenant, es seyen eine ganze Menge Sachen im Hauswesen, woruͤber ihre Maͤnner-Buͤcher in Ewig- keit nie genug thun wuͤrden, und schlug vor, fuͤr die 5 Hauptgassen noch 5 Weiber auszusuchen, die auf eben diese Art dem Junker und dem Dorf- rathe durch Weiber-Buͤcher, die ihnen hierzu einge- richtet werden muͤßten, uͤber diejenigen Sachen Re- chenschaft geben sollten, von denen man zum Voraus wisse, daß sie in solchen Maͤnner-Buͤchern nicht ge- nugsam aufgeheitert werden koͤnnen, und zu denen man, wenn sie auch in den Buͤchern vollends in Ordnung kommen wuͤrden, am Ende doch Weiber noͤthig habe, sie im Dorfe in Ordnung zu bringen, wenn sie nicht darinn seyen; z. Ex. ob in ihrer Gasse die Kindbetterinnen versorget? Ob man mit den saͤugenden und kleinen Kindern in allen Theilen so umgehe, daß sie dabey gesund seyn und truͤhen (zu- nehmen) koͤnnen? Wie es mit der Reinlichkeit in jedem Haus, im Geraͤth, an den Kleidern und an den Leuten selber aussehe? Wie es mit dem kleinen und großen Weibereigenthum, dem Hausvorrath, und der Ordnung mit demselben, in allen Stuͤcken stehe? Ob er besorgt und unterhalten werde? Ob und wie die Muͤtter sich auf das Aufwachsen ihrer Kinder, und auf ihr kuͤnftiges Aussteuern allent- halben, wie es brav und in ihren Haushaltungen nothwendig ist, zu rechter Zeit vorbereiten? und so weiter — Man war bald einig, das sey gut; und der Junker versammelte sogleich seinen Weiberbund, und theilte die 5 Gassen unter sie ab; aber dem Mareili war eine einzige Gasse zu eng, es sagte, es sey in allen daheim, und wolle keine allein, und versprach den andern in allem an die Hand zu ge- hen, und das war diesen auch gar recht; sie wuß- ten, daß jedermann an ihns gewoͤhnt, und daß es schon, so lange es Baumwollen ausgiebt, den Leu- ten immer in den Ohren gelegen, sie sollten in ih- R 4 ren Haushaltungen nicht seyn, wie sie seyen; und auch, daß die Leute ihns auf eine Art scheuen muͤß- ten, wie keine andere, weil es ihre Ordnung, in- sonderheit der Armen ihre, vollkommen kannte: den andern war diese Arbeit so viel als neu; sie waren nichts weniger als so geschwind in den Haus- haltungen ihrer Gasse daheim, und ihrer Sache so sicher, machten auch im Anfang mit Nachfragen und Rathen wie recht ist, gar zahm, und dorften aber auch manchmal so wenig mit der Sprache heraus, daß sie das Mareili auslachte. Die Re- noldin allein war nicht in diesem Fall; da sie reich war, konnte sie es nicht so leicht bey den Leuten verschuͤtten, und sagte bey jedermann, ihrer Ge- wohnheit nach, heraus, was ihr ins Maul kam, aber manchmal freylich auch, daß es weder gehauen noch gestochen war. Das Wesentliche dieses ersten Punkts der Ein- richtungen, Gesezen und Anstalten Arners, durch welche er sein Volk in Bonnal aus verwilderten Naturmenschen zu andern Leuten machte, als sie vorher waren, bestund also darinn, daß er in den dunkeln Lumpenwinkeln des Dorfs allenthalben das helle Licht des Eins mal Eins anzuͤndete, und seine Leute zwang, in den Sachen ihres Brodkorbs ihre Augen zu gebrauchen, und auch vor ihren Mit- dorfleuten diesfalls offen zu erscheinen, daß weder die ersten noch die lezten hierinn Gefahr liefen, weiß fuͤr schwarz anzusehen; kurz, daß er in seinem Dorfe zwang, was der Koͤnig in Frankreich in sei- nem Reiche nicht erzwingen koͤnnen, wenns ihm schon Necker angegeben, das Wohl des Volks nem- lich auf die Offenheit seiner Rechnungen zu gruͤn- den, und an nichts zu glauben, als was sich zaͤh- len, waͤgen, messen, und dadurch erproben lasse. Aber wie ist es moͤglich gewesen, daß bey der Menge der Raͤthe, Aufsehern und Weibern in die- sem Dorfe, nicht hundert Schwaͤzereyen und Unord- nungen entstanden, die alles Gute, das er erzwecket, zu Nichts gemacht? — Das war moͤglich — 1) Und vorzuͤglich, weil große kaufmaͤnnische Ordnung in diesem Geschaͤft war, und vom Groͤ- sten bis auf das Kleinste hinunter allenthalben die Sache selber, und das Eins mal Eins also Red und Antwort, und Licht geben mußte, daß die Rathsgalle, und das Weibermaul hier nicht dieje- nige Spielung hatte, welche man sonst freylich beyden in den ehrenden Staͤdten und Doͤrfern un- sers immer lieber schwazenden als rechnenden Nar- renmunds allenthalben zu gestatten, unordentlich und schafskoͤpfig genug ist. 2) Muß man nicht vergessen, der Geist des Menschen aͤndert, wo man wahrhaft gut mit ihm umgeht, und dem Volk auffallend zeiget, daß man durch seine Regierungs-Einmischung nicht zum Schein und nur fuͤr sich, sondern im Ernst und wirklich fuͤr ihns, sein Wohl sucht, und Kinder von Menschen, die unter harten, dummen, sie nichts achtenden, sie nicht verstehenden Herren sind, wie unbaͤndige Ochsen, und sich mit keiner Liebe zu paaren treiben lassen, folgen wie Schaafe der Stimme des Fuͤhrers, der ihnen seine Volksweis- heit, Menschenfreundlichkeit und Vatersorgfalt er- probt hat. Und endlich hatte Arner 3) Alljaͤhrlich einen sogenannten Sorgfaltstag fuͤr den Dorfrath und die Aufseher, der eigentlich und bestimmt den gewohnten Herren- und Raths- Fehlern gewiedmet war. Dieser Tag war so frey, daß an demselben unter den Dorfraͤthen und Aufse- hern ein gewohntes Wort war, sie wollen nicht so dumm seyn, als Herren, die an so vielen Orten lieber nichts mit dem Volk ausrichten, als sich selbst uͤberwinden, so mit ihm umzugehen, wie man mit ihm umgehen muß, wenn man etwas mit ihm ausrichten will. — Die dummen Herren — sagten die Bauern, und Arner gabs ihnen ins Maul — die dummen Herren denken nicht daran, daß sie allenthalben dergleichen Sorgfaltstage haben sollten, sie meynen vielmehr, das Volk sollte fuͤr sie dergleichen Sorg- falts- und Unterthanen-Tage halten, und darinn auszirkeln, wie es mit ihren Herren umgehen soll- te; aber das sey just, sagten die Bauern, wie wenn die Ochsen, Esel und Schaafe, dergleichen Thiertage halten sollten, um sich daran zu bera- then, wie sie mit ihren Herren, den Menschen, umgehen sollten. — Anmerkung . „Die dummen Herren.“ Es ist auch dumm, daß du ihnen so sagst! sagt mir eben meine liebe N.... Ich antwor- tete ihr, die Bauern lieben es gar zu sehr, so von den Herren zu reden, und ein Volksbuch, das ihnen die Herren-Fehler in ihrer Sprache nicht Preis geben wollte, wuͤrde die beste Wuͤrze mangeln, die die Bauern Laune, und ihr, ih- nen eigener wirklicher Unterhaltungston hat — darum liebe N.... laß mich nur immer reden, und mach mich nicht sorgen, du kommest etwa auch auf die Gedanken, man koͤnne mit Holz- schnitten, rothen Buchstaben, und den uͤbri- gen Kalender Zeichen, bey den Bauern eben das ausrichten, was mit einer freyen, in die eigentliche Richtung ihres Geistes eintretenden Nachahmung ihrer eigenen Manier — Und denn liebe N.... laß doch einen jeden, der etwas anders in dieser Manier findt, sie erst — — studieren, und dann hernach mit mir reden. — Dieser Sorgfaltstag war dem Arner sehr wich- tig; er sezte mit dem Lieutenant eine genaue, und diesen Raths- Meister- und Herren-Fehlern mit Staͤrke zu Leib gehende Berathschlagungs-Form fuͤr diesen Tag auf, und machte sie zur unabaͤn- derlichen Regel desselben; ließ sich auch durch nichts abhalten, alljaͤhrlich an demselben gegenwaͤrtig zu seyn, und sagte seinen Dorfraͤthen und Aufsehern bestimmt: wenn ich die Meister- Herren- und Raths- Fehler bey euch einreißen lasse, so setze ich den schlimmsten Wurm in das Fundament meines Ge- baͤudes, der mir alle Augenblicke den wichtigsten Balken desselben, wo ich mich dessen am wenigsten versehe, unterfressen kann. — Auch das Weiber- maul, das, wo es etwas zu regieren hat, leicht dahin koͤmmt, schlimmer noch an dem besten Bal- ken zu nagen als keine Herren-Fehler, kam wegen den 5 Bundsfrauen an diesem Tage in Betrach- tung; Arner und seine Dorfraͤthe uͤberlegten, wie bey den Maͤnnern, ob sich keine im geringsten einen Ton anmaße, der bey den andern boͤses Blut koche. — §. 52. Arner faͤhrt fort mit seinen Grundsaͤtzen, an den Lieblingsfehler unserer Zeit — an die Traͤgheit, anzustoßen. A uch seine Art, Streit und Prozeß im Dorf vor- zubeugen, ruhete auf gleichen Grundsaͤtzen. Er fand, daß die Bauern immer in dem Grad mit einander leicht in Streit kommen, als sie unor- dentlich und nachlaͤßig sind, es auch an genugsa- mer Aufmerksamkeit auf die Sicherheit und Nuz- nießung ihrer Recht amen und ihres Eigenthums ermangeln lassen, und urtheilte also: Die wahren Mittel, Streit und Prozeß bey ihnen vorzubiegen, bestehen in sorgfaͤltigen Bemuͤhungen, sie in Absicht auf ihre Rechtsamen und Eigenthum behutsamer und sorgfaͤltiger zu machen, und dahin zu bringen, daß sie sich hieruͤber gegen Niemand bloß geben, und die Titel, Kennzeichen, Merkmale, und Be- weisthuͤmer derselben immer, und gegen jedermann in der besten Ordnung zu halten, fuͤr eine ihrer er- sten Lebens-Angelegenheiten achten. Er ließ desnahen auch zu diesem Endzweck die Hausvaͤter von Bonnal zusammen kommen, zeigte ihnen einen ganzen Abend vom Schlag 1 Uhr bis nach 6 Uhr, mit dem Pfarrer und dem Lieutenant drey gleiche Modell von der Einrichtung, Form und Ordnung eines realen Haus- Rechnungs- und Ei- genthums-Buchs fuͤr einen Bauern, und nachdem sie es alle, und ein jeder recht lang in den Haͤnden gehabt, und es sich aller Weitlaͤufigkeit nach von den drey Herren, auch vom Lindenberger und vom Untervogt, und andern, die es zuerst begriffen, erklaͤren lassen, und izt saͤmtlich und einmuͤthig ein- gestunden, ein solches Haus- Rechnungs- und Ei- genthums-Buch wuͤrde die meisten Streitigkeiten in den Doͤrfern so viel als moͤglich machen, und koͤnn- te nicht anderst, als beynahe in allen Faͤllen, fast im Augenblick Licht schaffen, wer recht habe, er- kannte er zur Stund, sie muͤssen alle ein solches Buch haben und fuͤhren. — Sie wandten ihm zwar ein, um deßwillen daß sie erkennen, es waͤre gut, daß sie ein solches Buch haͤtten, koͤnnten sie es noch nicht fuͤhren, und wenn er drey oder vier finde, die es koͤnnen, so werde er alle bey einander haben. Er antwortete ihnen, daruͤber wolle er Rath schaffen, aber es muͤsse seyn; und wiederholte ihnen nochmals, daß in einem sol- chen Buch nicht blos ihr taͤgliches Einnehmen und Ausgeben, sondern auch ihr saͤmtliches Eigenthum, bis auf den geringsten Hausrath, muͤsse aufgezeich- net, und bey einem jeden Stuͤck Land die Anstoͤßer, die Marchen, die Breite, die Laͤnge, die Haͤge, (die Zaͤune) die Wasserfurchen, kurz, eine voll- staͤndige Beschreibung mit allen Rechten und Be- schwerden muͤsse angezeigt werden; und daß, wer immer ein Recht auf des andern Gut besizt, dem- selben die Richtigkeit dieses Rechts, und wie weit daßelbe gehe, bescheinen lassen, und in seinem Hausbuch anerkennen muͤsse. Auf gleiche Weise muͤßten alle Marchen, Unterscheidungszeichen, und die Breite und Laͤnge eines Stuͤck Lands von den Anstoͤßern, mit Zuzug des Gassenaufsehers und noch eines Zeugen, gegenseitig in diesen Hausbuͤ- chern unterschrieben werden. — Aber wie gesagt, er meynte nichts weniger, als daß diese Einrichtungen blos durch seinen Be- fehl richtig werden; er hielt vielmehr diesen Befehl fuͤr eine wahre Nebensache, von der Arbeit und Muͤhe, die er erfodere, bis er koͤnne ausgefuͤhrt werden. Und gab seinen Bonnalern erstlich Jahr und Tag Zeit, sich mit dieser neuen Ordnung bekannt zu machen. — Zweytens, ließ er sie dieses ganze Jahr durch, alle Donnstag und Sonntag Abends von 4 Uhr bis zu dem Nachtessen, durch den Lieutenant, in der Kunst diese Buͤcher in allen ihren Theilen recht zu fuͤhren, und sich auf dem Land und in dem Haus in allen Stuͤcken so einzurichten, wie es die Fuͤhrung dieser Buͤcher erfordere, foͤrmlich und sorg- faͤltig unterrichten. Der Untervogt und Lindenber- ger, denen diese Einrichtung wichtig war, gaben sich alle Muͤhe, dem Lieutenant hierinn zu helfen; es war dem Untervogt so angelegen, daß er laut sagte, es sey ihm fuͤr seine 9 Kinder lieber, daß diese Einrichtung zu Stande gekommen, als wenn man ihm das Buͤrgerrecht in einer Stadt schenken wuͤrde, die kein hoͤlzernes Haus haͤtte. Drittens, machte der Lieutenant den Unter- richt uͤber die Einrichtungen dieses Hausbuchs zu einem Haupttheile seines Schulunterrichts, darinn er alle Kinder, besonders diejenigen, deren Aeltern weder schreiben noch lesen konnten, unterrichtete. Viertens, brachte er vor Ende des Lehrjahrs 15 junge Maͤnner dahin, daß sie versprachen, es uͤber sich zu nehmen, denjenigen Buͤrgern, die diese Einrichtungen nicht mehr lernen koͤnnen, wenn ihnen damit gedient sey, ihre Buͤcher einzurichten, und zu fuͤhren. Sie fanden selber, so wenig als die meisten Bauern zu rechnen und auszugeben haben, brauche es in der Woche ein paar Stun- den, so sey das in der Ordnung. Fuͤnftens, erlaubte der Junker denjenigen, die es weder selber lernen, noch einem von diesen jungen Maͤnnern anvertrauen wollten, jemand, den den sie selber wuͤnschten, auszusuchen, der sie ih- nen fuͤhren soll, und so gar sie durch ihre unter- wiesenen Kinder, wann selbige das 15te Jahr uͤber- lebt, einrichten und fuͤhren zu lassen, mit der ein- zigen Bedingniß, daß sie woͤchentlich alle Samstag vor Sonnenuntergang alles, was ihr Sohn, oder ihre Tochter, die Woche uͤber in das Buch einge- schrieben, als richtig und der Wahrheit gemaͤß eigenhaͤndig unterschreiben mußten. — Im Fall sie aber weder Geschriebenes lesen, noch sich selber unterschreiben koͤnnten, so mußten sie ihren Gassen- Aufseher erbitten, solches woͤchentlich, und eben- falls am Samstag Abends vor Sonnenuntergang zu thun, und sich dann allemal von diesem Punkt fuͤr Punkt vorlesen lassen, was ihre Kinder einge- tragen haben, und von jedem Punkt besonders sich erklaͤren, daß er der Wahrheit gemaͤß vollkommen lauter, genugsam, und deutlich sey. Hingegen war dann sechstens ein jeder, der sein Haus nicht auf irgend eine oben beschriebene Art in Ordnung bringen wollte, als ein unberathe- licher, unordentlicher, unzuverlaͤßiger und unsich- rer Mensch, der sich der Rechten der buͤrgerlichen Gesellschaft, weil er nicht in ihre Ordnung hinein wolle, selber begebe, und fuͤr halb wild geachtet werden muͤsse, ohne weiters fuͤr unfaͤhig erklaͤrt, uͤber sein ererbtes Gut frey zu schalten und zu wal- ten. — S Denn so wie Arner die unbegraͤnzte Freyheit der Menschen uͤber ihr selbst erworbenes Gut fuͤr einen billigen Lohn ihrer buͤrgerlichen Tugend und ihres Verdiensts ansah, so hielt er hingegen die unbeschraͤnkte Freyheit mit ererbtem Gut zu han- deln, dem ersten Endzweck der buͤrgerlichen Ver- bindung, der Gruͤndung und Festhaltung eines all- gemeinen Familien-Wohlstands, der, so viel moͤg- lich, auf Kind und Kindskinder hinunter sollte ver- sichert werden, entgegen streitend; und behauptete, die Kinder der gemeinen Leute haben auch bey Lebzeiten ihrer Aeltern ein reales Recht auf die Er- haltung ihrer noch so kleinen Stamm- und Erbguͤ- ter, und dieses Recht gruͤnde sich auf die gleichen richtigen Grundsaͤtze, nach welchen die groͤßern Fa- milien ihre Hauptbesitzungen unveraͤußerlich ma- chen; und der Staat habe in Absicht auf das ge- meine Volk die wichtigsten Pflichten, die Erhaltung des Erbeigenthums, in der Hand der zeitlichen Nuz- nießern derselben, zur Sicherheit ihrer Erbfolger bestens zu verwahren. Nach diesen Grundsaͤtzen nahm er solchen Halbwilden, die in der Verwal- tung ihres Eigenthums in keine buͤrgerliche Ord- nung hinein wollten, das Recht ihrer Verwaltung — und band — Siebentens, die Freyheit seiner Bonnaler an ihre Hausordnung, an ihr Worthalten, und be- fahl in diesem Gesichtspunkt, daß eine jede Schuld, die innert 8 Tagen von dem Schuldner nicht be- zahlt werde, von ihm in dem Hausbuch des Glaͤu- bigers muͤsse anerkennt, und zugleich der Tag be- merkt werden, wenn sie solle bezahlt werden, und so dieses auf den bestimmten Tag nicht erfolge, so muͤsse die Unterschrift innert zweymal 24 Stunden erneuert, und gleichfalls wieder der Bezahlungstag bestimmt werden; wann dann aber derselbe zum Zweytenmal fehle, so stehe es nicht mehr am Glaͤubiger, die Schuld blos zu erneuern, es muͤsse das doppelte Versaͤumnis des Manns dem Aufse- her der Gasse, und dieser dem Dorfrathe anzeigen, welcher ihn sogleich unter seine besondere Aufsicht zu nehmen, und so sich Unordnung und Verwir- rung in seinen Sachen zeige, dieselben ihm in ein heiters Licht zu setzen habe, dabey aber seine Frey- heit im geringsten nicht antasten doͤrfe, wann es sich nicht finde, daß ein Drittel seines ererbten Guts durchgebracht; in welchem Fall sie ohne wei- ters den Verwandten des Manns die obrigkeitliche Anzeige zu thun haben, daß sie fuͤr die nicht wei- tergehende Abschwaͤchung des Erbguts dieses Manns stehen muͤssen. Er behauptete, die Aufrechthaltung der gemeinen Familie, die dem Staat so wichtig sey, als diejenige der Großen, koͤnne ohne Sorg- falt des Staats fuͤr Hausordnung, fuͤr Treu und Glauben, und Wort halten, unter dem niedern Volk nicht erzielet werden; und sagte, die Nacht- S 2 kappen-Gerechtigkeit, die in ihrer Sorgfalt dem gemeinen Mann im Land den Genuß der Verdien- sten seiner Vordern auf Kind und Kindskind hin- unter sicher zu stellen, nicht weiter geht, als zu trachten, daß ihm nicht leicht etwas gestohlen wer- de; und hingegen jedem Hausvater, der seinen Kindern den Verdienst seiner Vordern zu Grund richtet, unter dem Titel des heiligen Eigenthums- recht, Thuͤr und Thor dazu aufthut, eine solche Nachtkappen-Gerechtigkeit lasse die ersten Quellen des buͤrgerlichen Wohlstands zum bodenlosen Sumpf werden, und mache anbey den armen Leuten, die mit Lebensgefahr uͤber diesen Sumpf wandeln muͤssen, dann am Ende desselben das Anerbieten, ihnen dann die Schuhe zu putzen, die ihnen in die- sem Morast kothig geworden, wo sie sich nemlich an der Zollstaͤtte dafuͤr anmelden, und die Schuh- putzergebuͤhr bezahlen, oder verbuͤrgen. Er behauptete, es sey ein abscheulicher, und den ersten Endzwecken der buͤrgerlichen Verbindung geradezu widerstreitender, und alle wahre Segens- kraͤfte der gesellschaftlichen Bande zerstoͤrender Grundsatz, die Regierung und Richterstuͤhle seyen nicht schuldig, einem jeden Narren zu huͤten, der zu dem Seinigen nicht Sorge trage, und es gern einem andern uͤberlassen moͤge, weil es dem Staat gleichguͤltig sey, ob der Hans oder Heiri im Land reich sey. Dieses Geschwaͤz mit dem Hans und dem Heiri waͤre wahr, wenn es dem Staat gleich seyn koͤnn- te, ob viel oder wenig zerruͤttete Haushaltungen im Lande seyen, und ob das gemeine Eigenthum in stiller, regelmaͤßiger Ordnung zu Jahrhunderten von Vater auf Sohn und auf Kindeskinder herab- gebracht werde, oder ob es zwischen den Truͤm- mern ruinirter Haushaltungen, in den wunderlich- sten Spruͤngen im Lande herum tanze, und in ei- nem ewigen Wechsel von Narren zu Schurken hin- uͤbergehe. Er kannte des Landes Ungluͤck dieses Ueber- gangs des Eigenthums von Narren zu Schurken, und die Gewalt, welche die Fahrlaͤßigkeit, Leicht- sinnigkeit, und Unordnung der gemeinen Dorfein- wohnern den lezten in die Hand geben, entweder geradezu ohne Schwertstreich sie um das Ihrige zu bringen, oder sie in Streit und Prozeß zu verwi- ckeln, durch welche sie in Form und Ordnung des heiligen Rechts, das im roͤmischen Reich, und rund um an seinen Graͤnzen statt hat, darum ge- bracht werden, daß er es fuͤr seine wichtigste An- gelegenheit achtete, sein gutes Dorf vor dieser Ge- fahr sicher zu stellen. Achtens: Er erlaubte desnahen keinem Wirth, keinem Muͤller, keinem Kraͤmer, keinem Schmied, keinem Baumwollenhaͤndler, kurz, Niemandem, S 3 der woͤchentlichen und oͤffentlichen Verkehr mit den Leuten im Dorf hatte, irgend eine Anfoderung an jemand uͤber 14 Tage in seinem Buch haben, ohne mit dem Schuldner zu Boden zu rechnen, und sich die Richtigkeit der Anfoderung von ihm unterschrei- ben zu lassen. Er kannte den Blutsauger-Kunstgriff, mit klei- nen Anfoderungen zu warten, und die Rechnun- gen mit armen Leuten haͤngen zu lassen, der in den Doͤrfern so gemein ist. — Der Schuldner wartet aus Mismuth und Scham gern, so lang er das Geld nicht hat, und der andere aus Schelmerey, um sich der Fahrlaͤßigkeit, Unordnung, falsche Scham und Muthlosigkeit des Schuldners zu nutz zu machen, mit doppelter Kreide mit ihm zu rech- nen; dieses Landuͤbel, das in allen Gegenden, wo das Volk unordentlich und unwirthschaftlich ist, fast keine Graͤnzen hat, fuͤhrt freylich in Zehenma- len, wo dem Armen Unrecht geschiehet, ihn kaum einmal in Streit und Prozeß; aber es sezt ihn da- vor Neunmal in die Lage, daß er sich den Hals zuschnuͤren lassen muß, ohne einen Laut geben zu doͤrfen, womit freylich dann aller Streit und Pro- zeß ein Ende hat. Aber Arner wollte auch die lezte Spur einer solchen Donnersbuben-Gewalt Anmerkung . Verzeihe Leser! solche Na- die unter seinem Großvater eine solche Verheerung in seinem Lande angerichtet, ausloͤschen. Er richtete darum im hoͤchsten Grade seine Aufmerksamkeit auf die kleinen laufenden Rechnungen seiner Dorfleute, um es ih- nen unmoͤglich zu machen, Baͤren anzubinden, und Jahr und Tag nicht daran zu sinnen, wie groß sie ein Maul haben. Er befahl also bey Verlust der Schuld, diese 14taͤgigen Abrechnungen, auch der geringsten Kleinigkeiten, nebst bestimmter Eintra- gung der Zahlungszeit, deren doppelte Nichthal- tung auf oben beschriebene Weise an die Aufseher, und von diesen an den Dorfvogt gelangen mußte. — Endlich ließ er — Neuntens, alljaͤhrlich einen jeden Hausvater, in Gegenwart seiner Frauen, seiner erwachsenen Kinder, seiner naͤchsten Anverwandten, und des Aufsehers seiner Gasse, antworten, ob er in allem mit jedermann richtig und gichtig, und die Kenn- zeichen, Titel, Unterscheidungen und Marchen von allem, was er besitze, allenthalben in einer Ord- men in einem Volksbuch, wann es einmal ins Dorf kommt, und von Armen gelesen wird, schrecken Frevler mehr ab, als oft die bestge- meynten hochobrigkeitlichen Verordnungen; also verzeih mir den Donnersbub, den ich im taͤglichen Leben immer brauche, wenn ich mit dem Volk von solchen Burschen rede. S 4 nung seyen, daß er beym Leben und Sterben mit Niemand gefahre, weder wenig noch viel in Streit zu kommen? Frau, Kind, Verwandte, Nachbarn und Aufseher mußten dem Junker bestaͤtigen, und dafuͤr anloben, daß ihnen nichts bekannt, das die Aussage des Manns in irgend einem Theile zwei- felhaft und unzuverlaͤßig mache. Eben so mußten die Dorfraͤthe ihm alljaͤhrlich in der Woche vor Ostern umstaͤndlich, und ein je- der nach einer von dem Lieutenant, auf eine sei- nem besondern Fach angemessene und daßelbe in allen seinen Theilen erschoͤpfende Form, puͤnktliche Antwort geben, ob sie wenig oder viel Unsicherheit und Gefehrden in ihrem Fach uͤberhaupt, oder in einzelnen Theilen davon spuͤren? Und wieder, muß- ten die Aufseher an diesem Tage, nach einer eben so genau ihrer Lage und Bestimmung anpassenden Form, Antwort geben, ob sie in den Abtheilungen ihrer Gassen bey irgend jemand Ursach haben zu vermuthen, daß er in diesem oder jenem Stuͤck fruͤh oder spaͤt in Streit oder Unordnung gelangen koͤnne? — Endlich mußten bey Todesfaͤllen die Aufseher von der Gasse des Verstorbenen, ehe der Todte begraben worden, die saͤmtlichen Erben in Gegen- wart zweyer Dorfraͤthen, der Frau und der er- wachsenen Kinder der Erben, im Namen des Jun- kers und von des Dorfraths wegen vermahnen, bey ihrer Theilung nichts zu versaͤumen, was kuͤnf- tigen Streit und Misverstand vorbiegen koͤnne, und in allen Sachen, die ihnen nicht glaslauter schie- nen, sich Raths zu erholen. Und nach der Theilung, deren Vollendung sie zur Stund dem Aufseher ihrer Gasse anzeigen muͤs- sen, wieder also versammelt, mußten sie anloben, daß dieses geschehen; und waren ferner verbunden, innert einem Vierteljahr die ganze Theilung in allen Stuͤcken nach einer ihnen vorgeschriebenen Regel in eine vollkommene feste Ordnung und Si- cherheit zu bringen. Diese Regel sezte mit um- staͤndlicher Bestimmtheit fest, was in Absicht auf alle Theile des laͤndlichen Eigenthums, Aecker, Matten, Haͤuser, Guͤlten, und Rechten, wie Brunnenrecht, Wegrecht, Marchen, u. s. w. fuͤr Aufmerksamkeit und Sorgfaltsschritte zu vollkom- men beruhigender Sicherstellung aller dieser Titeln nothwendig sey, und wann das Vierteljahr ver- flossen, so mußten saͤmtliche Erben zu Handen des Junkers bey offener Gerichtsstelle antworten, ob und wie sie diese Sicherheits-Regeln in guter Ord- nung und in allen Theilen allerseits gegen einan- der genommen? Und wo die geringste Fahrlaͤßig- keit, Leichtsinn, und Unordnung hervor schien, da mußten sie auf der Stelle zwey Dorfraͤthe erwaͤh- len, die sie anhalten und berathen mußten, in die- sem Geschaͤft also zu Werk zu gehen, wie wann sie Morgen Feinde mit einander wuͤrden, und in La- gen kommen koͤnnten, wo eine aͤngstliche Vorsich- tigkeit gegen einander ihnen unumgaͤnglich noth- wendig werden koͤnnte. So bog er den Dorfstreitigkeiten uͤber das Ei- genthum vor, und glaubte, auch ihre Haͤndel uͤber Ehrensachen kommen von der gleichen Quelle her, wie ihre Streitigkeiten uͤber das Eigenthum, nem- lich von ihrer Unordnung. Er behauptete, die Bauern haben sicher auch in dem Grad weniger Ehrenstreit, als sie zu sorgfaͤltigen und ordentlichen Haushaͤltern gemacht werden; desnahen fand er, er habe durch die oben beruͤhrte Bildung seines Volks, zu sorgfaͤltiger Aufmerksamkeit auf sein Ei- genthum und seine wahre Rechte, auch den Nar- reneinbildungen falscher Ehrenanmaßungen, die sonst freylich auch in jeder Kohlenhuͤtte die groͤsten Verwirrungen anrichten koͤnnen, ihren giftigsten Stachel benommen. §. 53. Arners Prozeßform fuͤr sein niederes Ge- richt in Bonnal, darinn auf Bauern- geist, Bauernordnung, und Art, und Dorfbeduͤrfnisse, in Verbindung mit den Hauptendzwecken der Dorfregie- rung, Ruͤcksicht genommen wird. W ann dann alles dieses nichts half, und alle diese, so in stiller, einfacher Bewegung laufenden Triebraͤder der guten Ordnung, dennoch nicht im Stand waren, in einem besondern Fall das An- spinnen eines Streits, oder einer Rechtssache, zu verhuͤten, so gieng denn Arner in diesem Fall also zu Werk, daß er vor allem aus einen jeden, der glaubte, er habe das Recht, seinen Nachbar entwe- der rechtlich anzugreifen, oder ihm das abzuschla- gen, was jener an ihm suchte, vollkommen wohl erkalten, und zu sich selber kommen ließ, ehe er ihm erlaubte, gegen ihn ins Recht zu stehen, um auf diese Art der gegenseitigen Anfangs Wildboͤcke- rey, die fast immer das erste und gefaͤhrlichste Gift aller Rechtshaͤndeln wird, vorzubiegen; zu diesem Ende ließ er Niemanden eine Rechtshandlung an- fangen, der nicht vorher zweymal, und beydemal am Morgen vor 8 Uhr, unter 4 Augen mit seinem Gegner uͤber seine Anforderung geredt. — Das Erstemal mußte dieses im Haus des Beklagten, oder wo dieser gut fand, den Klaͤger empfangen zu wollen, das Anderemal aber im Pfarrhaus gesche- hen; aber der Pfarrer mußte sie bey dieser Hand- lung bey einander vollends allein lassen, und durfte erst hernach, wann sie zu ihm kamen, ihm anzuzei- gen, daß sie sich nicht haben vereinigen koͤnnen, mit kurzen Worten, ohne im geringsten in ihren Handel einzutreten, ihnen die Wichtigkeit der Ge- muͤthsruhe und Kaltbluͤtigkeit in ihrer Lage vor- stellen — und so auch dieses ihre freundliche Verei- nigung nicht bewerkstelligte, so mußten sie sich 8 Tage hernach noch einmal im Pfarrhaus, aber izt in Gegenwart ihrer beyderseitigen Gassenaufseher, eines Dorfraths und des Hrn. Pfarrers selber, noch einmal uͤber ihre Angelegenheit gegen einander er- klaͤren, und bey allen diesen Vorerklaͤrungen mußte alles, was gegenseitig von beyden Theilen geredet, anerbotten, und verhandelt worden, fuͤr beyde Theile als im Rechten unstatthaft, unverbindend, und ungefaͤhrlich angesehen werden, damit in die- sen Vorerklaͤrungen weder die Gutmuͤthigkeit noch die Heftigkeit eines von beyden Theilen ihm ver- faͤnglich werden koͤnne. Erst nach allem diesem dorfte der Klaͤger seine Klage rechtlich machen, und selbige bey dem Un- tervogt in das Klag- und Streitbuch des Gerichts eintragen lassen; hierauf erfolgte die obrigkeitliche Weisung zur Besitzung der rechtlichen Freundlich- keit, mit welcher alle Rechtshandlungen anheben mußten. — Im Gefolg dieser mußte der Klaͤger am Tag, an welchem er seine Klage in das Streit und Rechtsbuch des Untervogts eingetragen, dem Beklagten die rechtliche Freundlichkeit durch den Weibel auf einen der drey naͤchsten Tage, welchen auszuwaͤhlen bey dem Beklagten stund, ansagen, mit Befehl, laut Gesetzes, zwey sechszigjaͤhrige Freundlichkeits-Maͤnner zu erwaͤhlen, und sie auf abgeredten Tag und Stund zu sich kommen zu lassen. — Ein gleiches mußte er den Aeltern, Schwieger- Aeltern, der Frau, und den Bruͤdern des Beklag- ten anzeigen, mit obrigkeitlichem Befehl, dieser rechtlichen Freundlichkeits-Handlung beyzuwohnen, um wo moͤglich, sie in ihrer Streitsache mit Frie- den von einander zu bringen. Und auch auf seiner Seite mußte er seine Ael- tern, Schwiegeraͤltern, seine Frau, und seine Bruͤ- der zu dieser rechtlichen Freundlichkeit zu ziehen, laut obrigkeitlicher Ordnung sie foͤrmlich dazu citie- ren zu lassen; auch mußte der Beklagte den aller- seits citierten Leuten ebenfalls den Zutritt zu dieser rechtlichen Handlung in seinem Haus gestatten. Der Ort der Zusammenkunft war gesezlich bey ihm, und der Klaͤger war in allweg gehalten, den ersten Schritt zu dieser Freundlichkeit zu thun, deren Form folgende war — Zu erst, ehe der Klaͤger mit seinen Verwand- ten und Beystaͤndern in das Haus des Beklagten hineintrat, kam der juͤngere von den sechszigjaͤhri- gen Maͤnnern, die dem Klaͤger beystunden, zu se- hen, ob man auf der Seite des Beklagten sich in der Ordnung anschicke, den Klaͤger auf eine ehren- veste Art zu empfangen, und anzuhoͤren, ob dieje- nige Personen, die obrigkeitlich citiert, da seyen, ob sich alles gesezt, und kurz, alles in der Ordnung sey, welche von Rechtswegen bey jeder solchen Hand- lung vorgeschrieben ist. — Wenn er das so fand, so dankte er dem Beklagten, daß er seinen Klaͤger als einen Ehrenmann nach Landesbrauch und Ord- nung friedlich und liebreich empfangen wolle. — Dann erst trat der Klaͤger mit seinen Verwandten und Beystaͤndern hinein, und er und alle mußten dem Beklagten und allen seinen Leuten, einem nach dem andern, ohne weiter ein Wort reden zu doͤr- fen, die Hand bieten, und sie freundlich gruͤßen; dann wann sie sich gesezt, mußte der Schreiber des Gerichts, eine vom Lieutenant aufgesezte Erlaͤute- rung, wohin alle Rechtshaͤndel den Menschen, so wohl in Absicht auf den Zustand seines Gemuͤths, als aber seines wahren Hausgluͤcks nothwendig hin- fuͤhren, vorlesen; waͤhrend der Zeit berichtete der Weibel den Pfarrer, daß alles zur Freundlichkeit bey einander, dann mußte auch er des Amts hal- ber erscheinen; uͤberbrachte, wenn er kam, in der, einen Hand das Kreuz Jesu, in der andern einen Todtenkopf, stund so in die Mitte der Stuben hin- ein, und stellte, wann der Schreiber mit seiner Er- klaͤrung, wohin die Prozesse fuͤhren, fertig war, das Kreuz Jesu Christi und den Todtenkopf mitten auf den Tisch, um welchen die Partheyen herum sassen, sagte dann die einzigen Wort — „lasset uns bedenken, daß wir Christen sind, und an eine Auferstehung der Todten glauben“ —! — Und einen Augenblick darauf — „Gottes heiliger Geist bewahre euch alle vor aller Ungerechtigkeit, und vor aller Lieblosigkeit“! — Mit dem bog er sich nie- der gegen das Kreuz Jesu Christi, wandte sein Angesicht weg, und gieng aus der Versammlung der Streitenden. Dann gab der Schreiber das Kreuz Christi und den Todtenkopf dem Klaͤger in seine Hand, der dann aufstehen, laut und vernem- lich sagen mußte: „Ich habe ernstlich bedacht, daß wir Christen sind, die an eine Auferstehung der Todten glauben, und daß aller Streit der Men- schen ihre Tage verkuͤrzet“! — Nach diesem that der Beklagte das gleiche, und redete die gleichen Worte. — Dann mußte der Klaͤger abtreten, und der aͤltere seiner zwey sechszigjaͤrigen Beystehern trug seine Klage in gemaͤßigten, und die Ehre des Be- klagten auf alle moͤgliche Art schonenden Ausdruͤ- cken vor, fragte dann vor allem aus, ob sie ihn deutlich verstanden? worauf der Aeltere der Bey- steher des Beklagten die Klage puͤnktlich wiederho- len, und ihm sagen mußte, sie wollen izt ihrerseits den Beklagten daruͤber vernehmen, und dann in einer oder zwey Stunden sehen, wie es etwan moͤg- lich, im Frieden von einander zu kommen! Dann traten die Verwandten und die Beystaͤnder des Klaͤ- gers ab; der Beklagte blieb so lang bey seinen Leu- ten allein, und konnte in dieser Zeit mit ihnen uͤberlegen, was er dem Klaͤger antworten, und Friedens halber etwan anerbieten wolle? Dann, wann die verabredeten Stunden voruͤber, kam die Gegenparthie wieder, sezte sich an ihren Plaz, und der Aeltere von den sechszigjaͤrigen Maͤnnern, auf Seiten des Beklagten, trug dann in eben so ge- maͤßigten Ausdruͤcken, und ebenfalls die Ehre des Klaͤgers auf alle moͤgliche Weise schonend, die Ant- wort des Beklagten vor, und bot darauf in seinem Namen den Anwesenden einen Friedenstrunk an; dann trank ein jeder ein Glas Wein, zu erst auf das Wohlseyn des Beklagten, dann auf dasjenige des Klaͤgers; und nun wurden erst entweder Schieds- richter erwaͤhlt, welche die Sache nach ihrem Gut- duͤnken, und so, wie sie es fuͤr beyde Theile am Billigsten finden, ausmachen sollten; oder, wenn man man sich wegen der Wahl der Schiedsrichter nicht vergleichen konnte, so wurden gegenseitig oͤffentli- che Vergleichs-Vorschlaͤge gegen einander gethan, und diejenige Parthey, welche einen sogethanen Vorschlag von der Hand wieß, mußte die Gruͤnde, warum sie dieses thue, und zugleich ihr leztes Wort, wie weit sie sich den Forderungen und Er- wartungen des Gegners naͤhern wolle, schriftlich abfassen lassen. So stellte Arner im Anfang der Prozessen, wo die Gemuͤther noch nicht erhitzet, die Unwahrheiten noch nicht erhaͤrtet, das Geschaͤft noch nicht ver- wirrt, und in dem Zeitpunkt, welcher die friedli- che Auseinandersetzung der Sache am leichtesten machte, dem Streitgeist seiner Bonnaler, den Zwang ehrenvester Sitten, die aͤußere Form einer steifen abgemessenen Bedaͤchtlichkeit, und hauptsaͤchlich diejenige religiose Feyerlichkeit entgegen, welcher sich die gewohnte Gerechtigkeit sonst bedient, dem Mist aller Abscheulichkeiten verjaͤhrter Troͤlerver- drehungen zu einer Zeit ein Ende zu machen, wo beyde Partheyn meistens Jahre lang in einer Lage waren, daß sie beyderseits so lang kein heiligs Va- ter Unser mehr haben beten koͤnnen; aber Arner wollte keine Gerechtigkeit, die durch die eigentliche Natur ihrer bestimmten Rechtsform den Gemuͤths- zustand der Streitenden nothwendig verwildern, und dann erst, wann sie die Menschen so weit ge- T bracht, daß weder Feyerlichkeit, noch Religion, diesfalls mehr einen reinen, beruhigenden Eindruck auf sie haben kann, feyerlich und ernsthaft zu wer- den beginnt. — Er glaubte, man koͤnne nicht zu viel thun, streitende Bauern lange genug von dem Schwertstreich der gesezlichen Rechtsgerechtigkeit entfernt zu halten, um sie durch die fuͤr die Bauern sicher bessere Wege ihres auf den gegenwaͤrtigen Streitfall hingelenkten eigenen Billigkeitsgefuͤhl aus einander zu bringen. Aber bey dem allem war es nichts weniger, als daß er dadurch den schwachen, gutmuͤthigen Beklagten den Klauen des anmaßlichen und frechen Klaͤgers Preis gab. Die Steifigkeit, und der langsame, schwer- faͤllige Gang seiner Freundlichkeits-Manier, ist dem gierigen, frechen, unordentlichen, gewaltsamen und ungeduldigen Troͤler gar nicht Heu fuͤr seinen Esel. Wenn man dem Troͤler das Schwert der harten Gerechtigkeit aus den Haͤnden windet, so verliehrt er seine Kraft darob wie Samson ob der Freundlichkeit der Jungfrau, die ihn geschoren. Das war eins. — Zweytens wurde ein jeder der zweymal als Angreifer gegen jemand vor dem Rechten im Ungrund erfunden worden, in seinen Rechten auf 5 Jahr dahin still gestellt, daß er so lang in keinem Fall sein Recht gegen jemand an- derst, als durch einen ihm obrigkeitlich gegebenen biedern, bescheidenen, und nie vor keinem Recht verfaͤllten Ehrenmann fuͤhren doͤrfte. — Drittens wurden alle diejenigen, die sich den Einrichtungen Arners, in Absicht auf Hausbuͤcher und Hausordnung, nicht unterzogen, eben so we- nig fuͤr Rechtsfaͤhig erkannt, und mußten wie die ersten, wenn sie an jemand etwas zu suchen hat- ten, selbiges durch einen ihnen zugeordneten ordent- lichen Haushalter verrichten. Auf diese Art war die Troͤler-Race und die blinden Zaͤnker, die in ihrer Unordnung nicht wissen was ihnen gehoͤrt, und was sie schuldig, bey aller Gutmuͤthigkeit dieses friedlichen Rechtgangs gut am Seil gehalten; auch zeigte die Erfahrung, daß in dem Grad, als Arners Ordnung sich in Bon- nal fest gruͤndete, sich auch die Menschen minder- ten, die sich in irgend einer Sache rechtlich zu belangen suchten. Man scheute den stillen, kalten Ernst dieses Rechtsgangs, den auch kein Stral des gemeinen Troͤlerfeuers erwaͤrmte, und es ließ es fast Niemand bis zum Todtenkopf kommen; je schlim- mer einer war, desto schneller war er auf diesem Weg muͤde. — Leser! dieses Muͤdwerden ist die beste Lobrede des Wegs; er dauerte fort. — T 2 Und wer im Anfang ermuͤdete, sah in Zukunft nichts bessers voraus. Die Prozeßform wurde in dem Grade, als die Partheyen es weiter kommen ließen, immer druͤckender und beschaͤmender, und fuͤhrte sie in ein Meer von Unannehmlichkeiten, in dem sie sicher in dem Grad oft und viel baden mußten, als sie unsauber erfunden worden. Wenn die rechtliche Freundlichkeit sie nicht zum Ziel brachte, so mußte der Dorfrath, ehe die Par- theyen weiter schreiten durften, untersuchen, ob die Ursache des Streits nicht von ihm, oder von den Gassenaufsehern, oder von den Partheyen selber, haͤtte koͤnnen vorgebogen werden; und es mußte protokollirt werden, wenn es sich fand, daß der Streit sich durch Versaͤumnis dieses oder jenes Vor- beugungsmittel, oder durch die Fahrlaͤßigkeit dieser oder jener Personen sich entsponnen; und diesen ward dann von Seiten des Junkers sein Misfallen bezeuget, und ihnen angezeiget, man habe um ih- res Fehlers willen ein besonderes Recht, von ihnen zu erwarten, daß sie sich die Beylegung dieser Sa- che, als ihre eigene, auf die ernsthafteste Art lassen angelegen seyn. Endlich war der Fortgang des Rechtshandels fuͤr den Betruͤger voller Schlingen, und das Oeffent- liche aller Handlungen, das Interesse so vieler Men- schen dagegen, machten die gewoͤhnlichen Kruͤm- mungen des gemeinen Rechtsgangs in diesem Dorf unmoͤglich. Wer im Rechtslauf sich einer Unwahrheit schuldig gemacht, der durfte nicht anderst als mit und neben einem Harschier vor Gericht erschei- nen. Zweytens, man laͤutete an einem Rechtstage, an welchem eine solche Hartnaͤckigkeits-Sache ob- waltete, in Bonnal die Sturmglocke. Drittens, mußte der Pfarrer fuͤr solche Strei- tende in der Kirche beten, gerade hinter dem Ge- bet fuͤr Kranke und Angefochtene. Viertens, mußte er, wann ein Fest einfiel, ihnen anzeigen lassen, man habe vor Altem Leute, die im oͤffentlichen Streit miteinander gelebt, nicht zum Nachtmahl gelassen, izt aber koͤnnen sie kom- men, wenn sie sich nicht schaͤmen. Es war aber nicht dem Pfarrer uͤberlassen, ob er es ihnen wolle sagen lassen oder nicht, son- dern gehoͤrte ganz bestimmt zur gesezlich anbefohle- nen Prozeßform, durch welche Arner, in Verbin- dung seiner Vorbeugungs-Mitteln dagegen, allem gerichtlichen Streit in Bonnal so viel als den Gar- aus machte. Die Muͤhe, welche solche, dem Ruin des Hausgluͤckes und der Seelenruh vorbiegende T 3 Verhuͤtungsmittel den Dorfstreitigkeiten, und die- sem Endzweck angemessene Prozeßformen bey den niedern Gerichten erheischen, wird in dem Grad nicht groß und nicht laͤstig, als die Vorbiegungs- mittel und Prozeßformen gut sind und anschlagen. Aber es waͤre mir freylich unbegreiflich, warum die Menschen die Muͤhe bey Feuer- und Wassers- noth zu helfen so gering, und hingegen die Arbeit, dieser Noth vorzubiegen, so groß achten, wenn ich nicht wuͤßte, daß das einzige Mittel, schlecht erzo- gene Menschen aus ihrer Traͤgheit aufzuwecken nur dasjenige ist, was auch die Wilden im Wald dar- aus aufweckt — die gegenwaͤrtige Noth. — Dar- um aber ist Arners Prozeßform fuͤr das Ganze der guten buͤrgerlichen Bildung um so viel mehr werth, in dem sie eigentlich der Quelle des Uebels, dem Sinn des wilden und verwilderten Menschen entge- gen stehend, den wesentlichen Grundsaͤtzen einer Gesezgebung genug that, die der Gedankenlosigkeit, dem Leichtsinn, der Traͤgheit, der Unwissenheit, Unuͤberlegtheit, Unordnung, Gewaltthaͤtigkeit und Verwegenheit eines uͤber ein halbes Jahrhundert sich selbst uͤberlassenen Volkes, und der ganzen Ge- walt eingewurzelter Naturgewohnheiten im Dorf mit Erfolg entgegen wirken, und seine Bonnaler zu ganz andern Leuten machen sollte, als der Mensch von Natur nicht ist, und sie unter der Verwahrlosung seines Großvaters nicht werden konnten. So umfassend der Endzweck dieser Gesezge- bung war, so that er ihm ein Genuͤgen; er be- schraͤnkte den Hang zum freyen, wilden, unver- dienten Lebensgenuß von allen Seiten; band die Befriedigung ihrer Naturtrieben in allen ihren Theilen an den Zwang des buͤrgerlichen Verdiensts, und an die Regelmaͤßigkeit der gesellschaftlichen Ord- nung: Der Trieb zum Eigenthum — Der Geschlechtstrieb — Die Liebe zur Freude — Der Hang der Ruhe — und derjenige zur Ehre. — Mit einem Wort, alle Grundtriebe unserer Natur wurden von ihm alle in diese Schranken ge- lenkt, und darinn befriedigt. T 4 §. 54. Seine Gesezgebung wider den Diebstahl. N icht wenn du in seinem Morast wuͤhlest, son- dern wenn du seine Wasser tiefer legst, und ihnen einen sichern Ablauf giebst, trocknest du einen Sumpf auf. Arner machte den Arbeits-Fleiß in Bonnal eben so leicht als angenehm und befriedigend. Das Dorf hatte nicht mehr und rechnete nicht mehr blos von der Hand ins Maul; auch der Arme hatte izt Vorrath und Eigenthum, und darum war ihnen allen Ordnung und Sicherheit wichtig; ein jeder, und auch der Aermste sah, daß er seine Kinder mit Sitzen und Spinnen weiter bringe als mit Strol- chenmuth und Raͤuberordnung. Die erste Quelle des Diebstahls, des Gewalts der Reichen, die in der Unordnung des unwirth- schaftlichen Volks, den Frevel zu ihrem Morgen- brod, und den Diebstahl zu ihrem Abendessen mach- ten, war gehoben; die Leute hatten weniger Grund und weniger Anlas zu stehlen; und viele, die es ehedem selber gethan, sagten nunmehr, es muͤßte izt einer ein Narr seyn, wenn er es thun wuͤrde. Arner ließ Niemanden am Nothwendigen Mangel leiden, und Niemanden durch unvorgesehene Be- duͤrfnisse in Verwirrung kommen. Die Einsicht, die er in alle Theile der Dorf- haushaltung hatte, und die Ordnung und das Licht, das er in ihre Verwaltung hineinbrachte, sezte ihn in den Stand, so vieles leisten zu koͤnnen. Er gab bey uͤberhandnehmendem Holzmangel ih- nen die Freyheit, in seinen Waldungen die alten Stoͤcke auszugraben; schafte ihnen große starke Ausstockungs- Instrumente an; und damit sie der Aermste wie der Reiche genieße, mußten sie die Vorgesezten der Reihe nach den Haushaltungen zu diesem Gebrauch zustel- len. Eben so mußten die Gassenaufseher von Haus zu Haus untersuchen, ob die Feuerstaͤtte zu Ersparung des Holzes gut eingerichtet; ob die Mauern, Waͤn- de, Tielen ihrer Stuben die Waͤrme halten? Den Vermoͤglichen, die etwas hieran mangeln ließen, schlug er das Gnadenholz ab, den Unvermoͤglichen half er zur Nothdurft selbst darzu; aber dann ahn- dete er den Holzfrevel in dem Grade streng, als es dem wahren Beduͤrfnis des Volks hierin ein Ge- nuͤgen geschah, und uͤberhaupt den Reiz zum Raͤu- berleben minderte. Er strafte den Holzfrevel wie Diebstahl, und das naͤchtliche Rauben desselben; das Umhauen junger Staͤmme mit kleinen Saͤgen, das Umbinden der dickern mit Seilern, den Ton des Schlagens zu hemmen, und das Wachtstehen an den Graͤnzen des Walds, waͤhrend des Fre- vels, wie Einbruch und Feldraub. Je weiter die Vernachlaͤßigung einer Sache eine Haushaltung fuͤhren konnte, destomehr Sorg- falt wandte er darauf, alle Jahr alle Haͤuser un- tersuchen zu lassen, ob und wie weit sie baufaͤllig seyen, und einem jeden Eigenthuͤmer durch seinen Baumeister Bericht abzustatten, wie weit er ohne Gefahr groͤßern Schadens mit einer jeden Ausbesse- rung noch warten koͤnne oder nicht, was fuͤr und wie viel Baumaterialien er dazu brauche, und wie er sie mit den wenigsten Koͤsten und am kommlich- sten zur Hand bringen koͤnne. Er that das gleiche mit ihrenSchwellen, Wasserruͤnzen u. s. w. um in allen Theilen ihrer Wirthschaft mit Sorgfalt zu verhuͤten, daß sie nicht von unerwarteten groͤßern Ausgaben schnell uͤberfallen wuͤrden. Das machte einen Unterschied; die Leute baue- ten zur rechten Zeit, und ums halbe wohlfeiler und besser; und er wußte bey seiner guten Ordnung von einem jeden, der etwas verwahrlosete, oder zu Grund gehen ließ, wie wenn er an seiner Thuͤr zu wohnte, und ließ es nie zu weit kommen. So bog er durch die Kraft einer Ordnungs- vollen und dadurch wahrhaft weisen Verwaltung aller Verwirrung ihrer aͤußern Umstaͤnden, die sie zu Dieben machen koͤnnte, vor; aber er wußte da- bey, daß auch dieses nichts helfen wuͤrde, wenn sie nicht von fruͤher Jugend auf zu einem ordentlichen buͤrgerlichen Beruf, und zu einem sichern Erwerb ihres Brods wohl angezogen wuͤrden. Er stellte desnahen nicht einem jeden Narren- vater und einer jeden Narrenmutter frey, ob sie aus ihren Kindern Etwas oder Nichts machen wollen, und sagte gerade zu: er wisse nicht, was eine Obrigkeit im Land nuͤtze, wenn alles Lumpen- volk das Recht habe, seine Kinder so aufwachsen zu lassen, und so zu verwahrlosen, daß sie zu kei- ner Art buͤrgerlichen Berufs und Brods-Erwerbs recht tuͤchtig, nicht anderst koͤnnen, als ihre Na- turbeduͤrfnisse aussert dem Gleis der buͤrgerlichen Ordnung befriedigen zu suchen, und also so viel als nothwendig ein Lumpen- und Schelmenvolk abgeben muͤssen. Er wollte es nicht so; er ließ sich von allen Hausvaͤtern, so bald ihre Kinder 7 Jahr erreicht haben, Antwort geben, was sie aus ihnen machen wollen; und der Dorfrath mußte jaͤhrlich Erlaͤuterung geben, wie die Erziehung ei- nes jeden Kindes dem Endzwecke, den seine Aeltern mit ihm haben, entspreche oder nicht? Das Licht und die Heiterkeit, die er in die Hausumstaͤnde sei- ner Bonnaler hineingebracht, hinderte dann den Diebstahl mit Kraft. Es sah izt ein jeder in allen Theilen richtiger ein, was seine Umstaͤnde erleiden moͤgen, und was sie nicht erleiden moͤgen. Und die unvernuͤnftige Hoffart der Armen, sich in Klei- dung, Essen und Trinken den Reichen gleich zu stellen, nahm sichtbar ab; man schaͤmte sich das zu scheinen, was jedermann wußte, das man es nicht war; man ward darob ausgelacht; denn die Kinder machten in der Schule sich nichts daraus, dem ersten besten, das also Hoffart spiegelte, zu sagen: du haͤttest dein Geld leicht an etwas bessers anwenden koͤnnen, als an dergleichen Narrenzeug; und er hatte im Dorf unter allen Leuten das Spruͤchwort aufbringen koͤnnen: Seine Kinder wohl setzen, sey die beste Hoffart. So griff er der Quelle des Diebstahls, der Unordnung, der Rechnungslosigkeit und Liederlich- keit von allen Seiten ans Herz. Wer seine Wirthschaft nicht wohl verwaltete — wer keinen taͤglichen Verdienst hatte, und sich einrichtete, daß man ihm vorrechnen konnte, daß er mehr ausgebe, als er einnahm; wer sich in Haͤndel mischte, die ihn nichts angiengen, wer fremden Leuten Unterschlauf gab, wer bey ver- schlossenen Thuͤren spielte, kurz, wer sich durch er- wiesene Handlungen verdaͤchtig und gefaͤhrlich er- zeigte, der ward auch von Obrigkeits wegen fuͤr gefaͤhrlich und verdaͤchtig geachtet; und wenn er auf gedoppelte Warnung in seinem Fehler fortfuhr, dem Dorfrath zu besonderm Aufsehen empfohlen, und dann dorfte der Harschier bey Tag und bey Nacht zu jeder Stund in seinem Haus erscheinen, und bey ihm aussuchen was er wollte. Auch nahm der Junker allem fremden Gesin- del, das unter der alten Dorfregierung als abge- dankte Schloß-Schuhputzer, Kammerdiener, Kam- mermaͤgde, Peruͤquenmacher und dergleichen, mit dem ganzen Gefolg von Toͤchtern, Maͤgden, in seinen Doͤrfern eingenistet, die Bewilligung, sich in der Herrschaft aufzuhalten; gab ihnen saͤmtlich ei- nen Laufpaß bis auf die naͤchste Stadt, und den Doͤrfern auf der Stelle einen Freyheitsbrief und das Recht, zu ewigen Zeiten nicht schuldig zu seyn, ei- nem Herrschaftsherrn eine fremde Manns- oder Weibsperson wider ihren Willen abzunehmen, und auf ihren Doͤrfern sitzen zu lassen Auch die Lumpenwaͤchter, mit den rothen Na- sen und rostigen Spießen, hob er auf; sezte aber an den Graͤnzen der Herrschaft allenthalben Huͤt- ten, bey denen er Tag und Nacht fuͤnf bis sechs Maͤnnern abwechselnd Arbeit gab, mit Kohlen brennen, Holzsagen und spalten, die dann zugleich Wachtdienst thun mußten. Eben so mußten die Schloßwachten mit ihren alten rothen Roͤcken ihm ab den Augen. Er konnte Menschen, die an Leib und Seel so unnatuͤrlich verlaͤhmet waren, wie diese Ueberreste von verfauleten Muͤßiggaͤngern, nicht vor Augen leiden; er sorgte aber fuͤr ihr Maul, so lang sie noch herumkriechen wuͤrden; sie dankten ihm unterthaͤnig, und waren nicht mehr Waͤch- ter. — Unter diesen Vorsorgen konnte es nicht anderst seyn, das Staͤhlen mußte abnehmen, und der Jun- ker machte den Abscheu dagegen, so wie gegen alle Arten von Liederlichkeit und Unbrauchbarkeit auf alle Weise rege; und ein Kind, das in der Schule nur einen Apfel, oder ein Mund voll Brod einem andern genommen, oder auf der Weyd nur eine Erdapfelstaude ausgerissen, entgieng einer oͤffentli- chen Auslacherstrafe nicht. Bey dem kleinsten Diebstahl kam das ganze Dorf in Bewegung; die Gassenaufseher kamen zusammen, die geringsten verdaͤchtigen Umstaͤnde mußten verantwortet, die Moͤglichkeit, der Sache auf die Spur zu kommen, von allen Seiten erforscht, und alle Sorgfaltsan- stalten fuͤr die oͤffentliche Sicherheit von neuem ge- pruͤft und in Thaͤtigkeit gesezt werden; und wenn ein Diebstahl entdeckt war, so war gesezlich befoh- len, daß das Dorfgericht keinen Umstand unerforscht lasse, wie die Person zu dieser landsgefaͤhrlichen Gewohnheit gekommen, welche in dem Fall betre- ten worden, wie weit ihre Erziehung daran Schuld, und wie lang sie den Fehler getrieben, wie sie jede einzelne That vor den Aufsehern, vor den Hausleuten, und Nachbarn habe verbergen koͤnnen, wer den eint oder andern Fehler mehr oder minder nothwendig haͤtte merken sollen, und nicht gemerkt? Ferner, in wie weit die Liederlich- keit und Unordnung des Bestohlnen, oder seiner Hausleute, Gelegenheit zum Diebstahl gegeben? Eben so, wie weit er verfuͤhrt, und durch die oder diese Umstaͤnde zu den Fehlern, die ihn uͤberhaupt zum Diebe gemacht, oder au chzu der besondern Diebshandlung verleitet worden? Diesem allem ward mit druͤckender Umstaͤndlichkeit gesezlich von Gerichts wegen nachgeforscht. Und wenn es sich fand, daß einer den Dieb- stahl nothwendig haͤtte merken sollen, und ihn nur durch seine Liederlichkeit, Nachlaͤßigkeit, und Un- aufmerksamkeit nicht gemerkt, so ward er vor offenem Gericht ermahnet, in Zukunft seine fuͤnf Sinnen zur oͤffentlichen Sicherheit also zu brau- chen, wie er wuͤnschen werde, daß seine Mitbuͤr- ger selbige zu der seinigen brauchen. Fand sich, daß einer den Diebstahl durch wirk- liche Fehler von einem unordentlichen, liederlichen Leben moͤglich gemacht, so ward er vor offenem Gericht, als Mitursaͤcher des Diebstahls, verur- theilt, einen Theil der Schande mit dem Gefange- nen zu theilen, ihm in seiner Gefangenschaft abzu- warten, und so ihm auch einen Theil seiner Leiden zu erleichtern, wie er ihm einen Theil seines Diebs- und Schelmen-Lebens erleichtert. Fand sich aber gar, daß einen solchen bestimmte Verfuͤhrungs-Handlungen zu einem Dieben gebil- det, und ihn einer zu gottlosen, ehrvergessenen Hand- lungen, entweder in seinen Dienst misbraucht, oder ihn um Geld dazu gedungen, oder ihm mit Wissen Vorschub dazu gethan, so ward der gesezlich verurtheilt, fuͤr die Gefahr, welcher die menschli- che Gesellschaft von einem solchen notorisch ver- fuͤhrten Menschen ausgesezt ist, zu haften, und nach Maßgebung der Umstaͤnde der Obrigkeit zu helfen, daß er versorgt, und die Gesellschaft vor ihm sicher gestellt werde. Ueberhaupt aber bestimmte er die Strafe des Diebstahls nichts weniger, als nach dem Geldwerth des Gestohlenen, der meistens zufaͤllig ist; sondern hauptsaͤchlich nach dem Grad des Lumpen- und Tagdieben-Lebens, dessen der Dieb schuldig erfun- den worden. Es ist nicht sowohl der Raub eines elenden Stuͤck Geldes, als das Austreten aus dem Gleis der buͤrgerlichen Ordnung, was den Menschen ei- gentlich entehrt; darum brauchte er weder Strick noch noch Schwert gegen sein Volk nach der Schatzung der Pfennigen, sondern suchte es vielmehr auch bey der Bestrafung des Diebstahls auffallend zu ma- chen, daß nicht die einzelne Handlung des Dieben, sondern ein ungewerbsames, Verdienst- Ordnung- Regelmaͤßigkeit- und Ehrloses Leben der eigentliche Grund des Rechts sey, Vermoͤge dessen ein Mensch aus der buͤrgerlichen Gesellschaft ausgestoßen, oder darinn angebunden werden muß. Desnahen auch die kleinen Anfaͤnge des Dieb- stahls der Gesellschaft eben so wichtig sind, als die spaͤ- tern groͤßern Ausbruͤche derselben; und Arner hielt die Gesetze, die gegen die Anfaͤnge dieses Lasters schwach, und gegen die spaͤtern Ausbruͤche dessel- ben hart, so wie diejenige, die die Strafe des Feh- lers blos von dem zufaͤlligen Geldwerth des Ge- stohlenen abhaͤngig machen, fuͤr widersprechend mit allen Regeln einer wahren Menschenfuͤhrung, und sagte, eines Bauern Frau schaͤmt sich, ein Kind, das uͤber 7 Jahr alt ist, vor den Leuten we- gen seiner Ungezogenheit abzustrafen, sie fuͤhlt, daß seine Ungezogenheit auf sie zuruͤck faͤllt; aber die erste Tochter des Himmels, die Gesezgebung, schaͤmt sich nicht, tausend buͤrgerliche Abscheulichkeiten oͤffentlich zu bestrafen, wovon keine einzige moͤglich waͤr, wenn die Herren Voͤgte dieser Himmelstoͤch- ter, und ihre nachgesezten Verwalter, den Detail der Volksordnung so gut besorgten, als eine brave U Bauersfrau den Detail ihres Hauses besorgen muß, wenn sie nicht Schande davon haben will. Es ist eine Schande, man laͤßt alles Unkraut wachsen, bis es erstarket; dann wuͤhlet man mit der oͤffentlichen Gerechtigkeit unter dem verheerten Volk wie die wilde Saͤu im Korn, und meynt noch, mit dieser Schnoͤrren-Arbeit die hoͤchste Weis- heit der buͤrgerlichen Gesezgebung erreicht zu ha- ben. Man laͤßt es an allem, was zur Erzielung einer wahren buͤrgerlichen Ordnung in der Tiefe des Volks nothwendig waͤre, ermangeln, und wundert sich dann, warum man mit keinen Galeen und Zuchthaͤusern so wenig als mit dem alten Gal- gen dahin komme, wohin, so lang die Welt steht, keine Obrigkeit ohne gute und allgemeine Einrich- tungen fuͤr die Bildung des Volks niemals gekom- men ist, und niemals kommen wird. Anmerkung . — Wer verzeiht es dem Menschen nicht, wenn er im Gefuͤhl der Ver- wahrlosung seines Geschlechts die Sprache der Verzweiflung redt? — sagte ich, da die Sti- ckelbergerin und der Pfarrer diese Sprache re- deten, als sie fuͤr das Leben Arners keine Hof- nung mehr hatten; und izt — muß ich dich fragen, Leser! willt du mir es nicht verzeihen, wenn ich die oͤffentliche Gerechtigkeit, die es an allem, was zur Erzielung einer wahren buͤrgerlichen Bildung in der Tiefe des Volks Aber ich fahre fort. — Die Menschen moͤ- gen sich selber schaͤnden, mein Buch soll keine Schmaͤhschrift auf sie seyn, so schwer es ist, keine uͤber sie zu schreiben. §. 55. Seine Gesezgebung wider den Geschlechts- trieb. B eydes, Scham und Vernunft, sind Folgen des Eigenthums, und des auf demselben ruhenden Vor- schritts der Ausbildung unserer Natur. Der Mensch, in seinem wilden Zustand eben sowohl als in seiner buͤrgerlichen Verwilderung, zeiget kaum leichte Spuren dieser in ihm liegenden Vorzuͤgen seiner Natur. Nicht das, was der Mensch weißt, macht ihn vernuͤnftig; es ists sein fester, kalter Fels im Kopf, seine Uebung im Zaͤhlen, Waͤgen, Messen, For- schen, und die Richtung seines Geistes nicht zu re- nothwendig ist, ermangeln laͤßt, im Unmuth meiner Erfahrung, mit dem Wuͤhlen der Wild- sau vergleiche, und ihre Arbeit und ihr Maul- waschen — Schnorren-Arbeit heiße? — Ich hoffe, du verzeihest Leser! — U 2 den, nicht zu urtheilen, vielweniger zu handeln, bis er erwogen, ermessen, erforscht, und berech- net, das ists, was ihn unter seinen Mitmenschen vernuͤnftig darstellt. Eben so besteht eine wahre Scham in seiner Sorgfalt in dem, was er redt, urtheilt, handelt, und leidet, darauf zu achten, daß es nicht unuͤber- legt, unbedacht, und unerwogen scheine. Beydes, Vernunft und Scham, finden als Kinder des Eigenthums ihre erste, beste und rein- ste Nahrung an der Brust ihrer Mutter; und so wohl der Uebergang von den Fehlern des Naturle- bens, als die Verhuͤtung der Verwilderung des Menschen in der Gesellschaft, ist im Allgemeinen durch nichts sicherer zu erzielen, als durch eine weise Bildung desselben zur guten Besorgung seines Ei- genthums, in dem er durch nichts besser, als durch Einlenkung seiner Kraͤften auf diesen Punkt, zu derjenigen Bedaͤchtlichkeit, Vorsicht, Ueberlegung und Ordnung gebracht werden kann, ohne welche weder wahre Vernunft, noch wahre Scham, im buͤrgerlichen Leben Plaz haben kann. Desnahen ruhen die Regeln einer weisen Ge- sezgebung fuͤr die Erhaltung und Bildung der wah- ren Schamhaftigkeit auf den gleichen Grundsaͤtzen, auf denen auch diejenigen gegen den Diebstahl ru- hen. Auch schlug Arner vollends den gleichen Weg ein, gegen die Fehler des Geschlechtstriebs zu wir- ken, welchen er mit so vielem Erfolg gegen die Fehler des Diebstahls gebraucht; und die allge- meine Bildung der Aufmerksamkeit auf alle Arten der Tagsarbeit, feste Uebung in allen Theilen des Fleißes und der Ordnung, sorgfaͤltige Achtsamkeit auf das Urtheil seiner Mitmenschen in allen Stuͤ- cken der taͤglichen Thaͤtigkeit, das waren die ersten Fundamente seiner Keuschheits-Gesezgebung. So geliebt und besorgt das Kind in der Wie- ge war, so mußte es sich dennoch an feste Regel- maͤßigkeit in seiner Besorgung gewoͤhnen, und in den ersten Tagen seines Daseyns lernen, sich uͤber- winden und schweigen, bis nach der harten buͤr- gerlichen unbiegsamen Zeitrechnung ihm die Stun- de fuͤr eine jede Sache in ihrer Ordnung anruͤckt. Und da es aus der Wiege in die Schule kam, so warteten seiner auch da die gleichen Bande des buͤrgerlichen Zwanges, ohne welche die gute Be- sorgung des Eigenthums, worauf die innern Kraͤfte der buͤrgerlichen Einrichtungen ruhen, unmoͤglich ist; es war in derselben in einer taͤglichen Uebung fuͤr seine Ehre aufmerksam zu seyn; es ward fuͤr jede Unordnung, fuͤr jede Nachlaͤßigkeit beschaͤmt: unter der Hand des Lieutenants erroͤtheten die Kin- der ob jedem kleinen Flecken Dinten, der ihnen auf U 3 die Schrift fiel; es waren darunter, die, weil sie unordentliche Muͤtter hatten, am Samstag die halbe Nacht durch auf waren, zu waschen und zu flicken, daß sie am Montag mit Ehren wieder in die Schule gehen doͤrfen; und es haͤtte sich keines unterstanden ihm zu sagen, es koͤnne etwas, wenn es noch ein Woͤrtchen daran gefehlt, oder ihm ei- nen Buchstaben in der Schrift als recht vorzuwei- sen, zu dem es nicht alle Sorgfalt getragen, ihn recht zu machen; sie waren daran gewoͤhnt, das Langweilige wie das Kurzweilige, mit der Feder wie mit der Nadel, zehen- und zwanzigmal zu pro- bieren, bis es recht war. — Die Schande, seinen Feyerabend nicht zu ha- ben, die Nothwendigkeit, das Versaͤumte vor dem Schlafengehen nachzumachen, die Ehre, in jedem anbefohlnen und vertrauten Geschaͤft sich keinen Feh- ler, keine Ungeschicklichkeit vorwerfen zu lassen, die Aufmerksamkeit in allem, bis auf Kleidung und Geraͤth, Tadel-frey zu erscheinen, mit einem Wort, das Wesentliche der wahren Berufsbildung und Hausweisheit, legte den Grund der Kraͤfte der Schamhaftigkeit, auf welche Arner seine Gesezge- bung gegen die Verwirrungen des Geschlechtstriebs, vom Liebaͤugeln hinauf bis zum Kindermord gruͤn- dete, in dem er der Gewaltsamkeit dieses Triebs durch Uebung in Bedaͤchtlichkeit und Ordnung ent- gegen arbeitete, ehe er da war — kam er dann, so fand er sein Haus buͤrgerlich gewischt und ge- ziert; und der Herr des Hauses hatte Kraͤfte, den boͤsen Geist an die reinliche Ordnung, die einmal in seinem Haus Uebung war, zu gewoͤhnen, und ihn allfaͤllig, wenn er poltern wollte, an die Ket- ten zu legen. So wenig, als gegen den Diebstahl, wuͤhlete er blos im Sumpf; er legte seine Wasser tiefer, und gab ihnen sichern Ablauf. Er erneuerte wieder die alten Dorfsitten, die der Unschuld und dem spaͤ- ten Reifen der Kinder so nuͤzlich waren. Therese redete mit den bescheidensten Frauen, wie schaͤdlich die neumodischen Geheimnismache- reyen, und das Verbergen des Saugens in der Wohnstube der Kinder sey, und wie viel unschul- diger sie aufwachsen, wenn die Muͤtter hieruͤber ohne Scheu ihre Pflicht thun; auch brachte sie es dahin, daß eben diese Muͤtter, mit einem ganzen Kreis erwachsener Toͤchter des Dorfs, die Ehren- festigkeits-Regeln verabredeten, nach welchen eine brave Tochter den Knaben, der sie in Ehren sucht, Schritt fuͤr Schritt naͤher kommen lassen doͤrfte — wie den neueingerissenen Frechheiten mit Wein und Geschenken auf einmal, durch eine allgemeine Ab- rede, abzuhelfen sey. — Die Toͤchter lachten, und den Knaben ward es ganz recht, daß einmal eine Ordnung in ihr Weibersuchen hinein komme; sie fan- U 4 den selber, die wilde Schweinordnung, die so oft Tod und Mordschlag veranlasset, mache sie zu ehr- losen Leuten. Und durch diese Abrede veranlasset, verbanden sich die jungen Leute auf beyden Seiten zu einem Ehrenstand, und wurden, indem sich die Gefuͤhle ihres Alters von Muth und Ehre unter diesen Umstaͤnden in ihnen immer mehr entwickeln mußten, sich selber, in Absicht auf den Geschlechts- trieb, die besten Waͤchter unter einander. So leicht Arner ihnen im Gleis der buͤrgerli- chen Ordnung die Ehe machte, so fest band er sie an dieselbe. Von Jugend auf erlernten sie die Be- griffe, sie muͤssen die Ehe verdienen wie ihr Brod. Im Schulbuch ihrer Kindheit lernten sie schon, was eine Haushaltung koste, und was sie in ge- sunden und kranken Tagen fuͤr ein großes Maul habe? Aber nicht minder, wie ein jeder Mensch von seinem siebenden Jahr an zu diesen nothwen- digen Ausgaben sich vorbereiten, und wie viel er bis in sein zwanzigstes Jahr dazu ersparen und beyseits legen koͤnne, wenn er es recht anstelle. Schon im vierten Jahr spielten die Maͤdchen in Bonnal mit ihren Puppen, und spaͤter mit ihren kleinern Geschwisterten auf der Gasse und in der Stube die Hausmuͤtter, und der Knaben erstes Spiel war der Hausvater, der seinen Buben sag- te, wie er ein rechter Bub seyn muͤsse, und ein rechter Mann werden koͤnne! Wenn ein Kind 7 Jahr alt war, fiengen alle Ehrenmuͤtter schon an, ihm an seinem Aussteuerzeug vorzuarbeiten, und im vierzehenden Jahr zeigten sie es ihnen das Er- stemal auf eine feyerliche Art, gewoͤhnlich am Abend eines heiligen Fests, und zugleich die Rechnung, was sie selber in ihrem Leben vorgespart. Der Pfarrer mußte an einem solchen Tage selber da seyn, und redete dann mit dem Kind in Gegenwart seiner Aeltern, uͤber die Nothwendigkeit in diesem Alter, mit besonderer Sorgfalt auf sich selber acht zu geben, bat dann Gott um seinen Segen zu die- sem Anfang eines ehrlichen braven Hauswesens, und uͤbergab dem Kind in dieser Stunde ein kleines Buch, das den Titel hatte, „der abgemahlte Christenweg zu einem gluͤcklichen Ehestand, und der abgemahlte Jammer des wilden Heidenlebens.“ Das Buch war ein Erfahrungsbuch, darinnen ihnen, nicht uͤbertrieben, aber deutlich vor Augen gemahlt waren, die Freuden eines ordentlichen Hauslebens, von den Jugend-Jahren an bis ins hoͤchste Alter, die fromme Sorgfalt, vom vierzehn- den bis ins zwanzigste Jahr nicht verfuͤhrt zu wer- den, und das Gluͤck der Menschen, im reifen Al- ter durch das lange Thal des Lebens mit unbeschol- tenem Haupte einher zu gehen, und im Greisenal- ter im Angesichte seiner Kindeskinder keines seiner grauen Jahre mit Schande befleckt zu haben, und am Rande des Grabs mit frohem Herzen auf die Nachwelt zuruͤck sehen zu doͤrfen, und keines seiner von Gott vertrauten Kindern durch seine Thorheit und seine Lebens-Fehler an Leib und Seel verderbt und ungluͤcklich zu wissen — und dann im Ge- gentheil das Bild, der vom vierzehnden bis ins zwanzigste Jahr verlohrenen Ehre und Scham einer Bauerstochter und eines Bauerknaben mit ihren Folgen auf Leib und Seel, auf Haus und Hof, auf Kind und Kindskinder, in allen Umstaͤnden des Wohlstands und der Armuth, und in allen Zeitpunkten des Lebens, vom zwanzigsten bis ins siebenzigste Jahr, eben so kanntlich abgemahlt. Berechnet Leser! die Wirkung dieses Buchs — es war recht gemacht — nicht einzig — ihr muͤßt es in Bonnal in Verbindung mit allem Uebri- gen, was Arner fuͤr sein Volk that, berechnen, und glaubet mir, seine Wirkung war groß; es war dem jungen Volk uͤber diesen Punkt zufoderst im Maul, es muͤßte einer unglaublich unvernuͤnf- tig seyn, so er sich, wie die Sachen izt seyen, mit diesem Fehler in Gefahr begeben wuͤrde, das ganze Gluͤck seines Lebens in die Schanz zu schlagen. Das junge Volk in Bonnal war mit dem Ge- schlechtstrieb gar nicht mehr vollends da zu Hause, wo das Jauner- und Bettlervolk, das die Schan- de seines diesfaͤlligen Heidenlebens damit entschul- diget, sie haben sonst nichts Gutes in der Welt. — Ein jedes legte von Jugend auf sich selber mit seiner eigenen Handarbeit den Grundstein zu einem ehrenhaften, unabhangenden Leben; sie sahen mit jedem Jahr den kleinen Pfenning, mit dem sie ih- ren Sparhafen anfiengen, groͤßer werden, und das Geld, das ihnen vom siebenden Jahr an manche saure Stunde, und manche rastlose Nacht gekostet, war ihnen im zwanzigsten Jahr so wenig, als ihre Ehre so leicht fuͤr eine Gaukelnacht feil; ihre ge- bildete Bedaͤchtlichkeit machte sie auch hierinn rech- nen, und laͤcheln, wenn jemand viel fuͤr wenig von ihnen wollte. — Arner hielt ihnen in diesem Alter den Kopf uͤber diesen Punkt immer offen. Juͤnglinge und Toͤchter des Dorfs kamen alle Vierteljahr zusam- men, und das einzige Gesez dieses Ehr- und Freu- dentags war dieses, keinen Schandbuben und keine Schandtochter unter sich zu leiden. Sie machten das so: sie hatten ein Spiel, und jagten sie fort; sie verbanden einander die Augen, standen in einen Kreis, dann rief eins mit verstellter Stimme — Schandleute — Schandleute — sind Schandleute da? Auf den Ruf antworteten die beyden Kreise, ein jeder besonder, entweder, es sind keine da — oder es sind da. — Wenn alle sagten, es sind keine da, so nahmen die Verbundenen die Binde vom Auge, und der Reihentanz gieng an: wenn sie aber riefen, es sind da — so sagte der Meister vom Spiel, nennet sie mit Namen! dann nannte wer wollte, mit verstellter Stimme den Namen; und der Meister vom Spiel rief wieder, ists wahr? saget alle, ists wahr? — Wenn dann es rings um toͤnte, Ja, ja! so mußte der genannte fliehen, da war keine Gnade — wenns aber laut ertoͤnte, Nein, nein! und der Haufen rings um sagte, Klaͤ- ger du luͤgst! so durfte der Genannte bleiben, und machte zur Schadloshaltung den ersten Tanz. — So wirkte Arner mit den Spielen des Volks, wie mit dem Ernst seiner Vorsorge. Die Aufseher je- der Gasse mußten bey der geringsten Spur eines unehrenvesten abwechselnden Einzugs von jungen Leuten im Haus einer erwachsenen Person, ihrer Verwandschaft die Unordnung und Unehrenvestig- keit ihrer Auffuͤhrung anzeigen, und sie von Obrig- keits wegen auffordern, Sorge zu tragen, daß sie keine Unehre erleben. Er kam auf alle Weise der Gedankenlosigkeit und dem Leichtsinn des Geschlechts in diesem Punkte vor, und reizte ihre Aufmerksamkeit auf Ehre und Schande dadurch, daß er beydes ihnen lebhaft und oft vor Augen stellte. Das erste Kind einer jeden Ehe hatte seine Ehrentaufe mit vielen Ceremonien — der ganze Haufen von Juͤnglingen und Toͤchtern umringten den Taufstein in ihren Ehrenkleidern; aber sie zaͤhl- ten richtig die Tage seit der Hochzeit, und es dorf- ten nicht gar viele, ich weiß nicht recht wie viel, fehlen, so kamen sie nicht: auch die alten Rechte der Kraͤnzchen wurden wieder erneuert. Hingegen bestimmte er dem unehlichen Bey- schlaf keine Strafe. — Er war Volksschande — Wer ist klug, und will mehr aus ihm machen? Ar- ner wollte es nicht, aber er hemmte auch den Aus- druck des Volkgefuͤhls uͤber seine Schande nicht. Die Knaben des Dorfs durften einer Schandtoch- ter vier Wochen nach der Kindbett einen Zigeuner- Tanz tanzen; sie bauten ihr vor dem Haus eine Heidenhuͤtte von Tannaͤsten, und Stroh darinn und Mies zu einem Lager wohl fuͤr ihrer drey oder vier; wenn sie hinein wollten, spielten sie mit ihrer Zigeunertrommel dreymal nach einander um die Huͤtte herum einen Heidentanz, und die unordent- liche Kindsmutter mußte diese Huͤtte sechs Wochen drey Tage vor ihrer Thuͤr dulden, sonst durften die Knaben ihr eine neue bauen, und wieder trom- meln und tanzen; aber das war nicht so fast sie zu strafen, als vielmehr die andern zu warnen, daß keine eine Mutter werde — wie eine Naͤrrin — oder wie eine Heidentochter. Glaubet mir, es ist keine Buß an Geld oder Leib, die das wirkt, was dieser Tanz. — Der liebste Bub, der bey einer Bonnalerin zu muth- willig war, bekam zur Antwort, was willt du? — mag keinen Heidentanz. — Es behagte vielen Maͤn- nern und vielen Knaben nicht ganz, daß dieses Spruͤchwort den Toͤchtern in Bonnal so gar ins Maul gewachsen. — §. 56. Der Einfluß seiner Gesezgebung auf die Liebe zur Freude, und den Hang zur Ruhe und zur Ehre. S o band er jeden Grundtrieb unserer Natur an den Zwang des buͤrgerlichen Verdiensts, und an die Regelmaͤßigkeit der buͤrgerlichen Ordnung. — So ihre Freuden. — Die Abendspiele der Kinder hiengen fest mit dem recht zugebrachten Tag, und mit dem vollendeten Feyerabend zusammen. Als die erste Lehre ihrer Kindheit, praͤgte ih- nen der Lieutenant die Wahrheit ein, daß nur ver- diente Freuden wahre Freuden, und hingegen alle Freuden in den Tag hineingenossen, zur Zigeuner- Ordnung gehoͤren, die sich fuͤr das Wald- und Bruder-Leben, aber nicht fuͤr ein braves Haus in einem ehrlichen Dorf schicken. Es hatten alle Staͤnde, und alle Alter im Dorf ihren Freudentag. Die Juͤnglinge und Toͤch- tern hatten, wie ihr wißt, viere im Jahr. — Er trug zu diesem Alter besonders Sorge, und glaubte, man koͤnne ihm fast nicht genug Freude machen. Er ließ sie in dieser Zeit auch in der Religion un- terrichten, that sonst was er konnte, die Kraͤfte ih- res Geists und ihres Leibs in diesem Zeitpunkt in reger Thaͤtigkeit zu erhalten. Alle andere Staͤnde hatten im Jahr einen solchen Freudentag. Die Kinder mußten von den Aeltern und Schulmeistern Zeugnisse aufweisen, daß sie den Freu- dentag das Jahr uͤber verdienet, sonst wurden sie aus- geschlossen von der Lust des Tages, und durften nicht mit den andern ins Schloß kommen, um mit ihrem ihnen so lieben Junker Vater vom fruͤhen Morgen bis am spaͤten Abend Freude zu haben. Das einzige Gesez dieses Tags fuͤr alle Staͤnde war, ihn vernuͤnftig anzufangen. Sie saßen in ihren Kreisen, unterredeten sich von den Freuden ihres Stands und ihres Alters, wie sie alle, oder doch ihrer viele, mehr dergleichen haben koͤnnten: was ihnen diese Freuden verbittere, und wie sie demselben abhelfen koͤnnen; und nahmen dann jaͤhr- lich einen guten Vorsaz, in diesem oder jenem Stuͤck fuͤr die Freuden ihres Lebens vernuͤnftige Sorge zu tragen. An einem solchen Tage erkannten die jungen Leute die alte Bauerntracht wieder zu ihrer Hoffarts- tracht zu machen. Ein andermal erkannten sie, den Witwen im Dorf in der Erndte ihre Aecker zu schneiden. Wieder ein andermal ihren Großvaͤtern, und jedem grauen Mann, und jeder grauen Frau, meh- rere Kennzeichen der Ehrerbietung zu geben, als bisher die Uebung war, und sie niemals mehr in der Kirche beym Herausgehen so ins Gedraͤng kom- men zu lassen, sondern alle mit einander, wie eine Mauer, still stehen zu bleiben, b i s die schwanken- den Greise, und die zitternde Großmuͤtter, außert der Thuͤre heraus seyen. Es ist nicht zu sagen, wie sehr das die Alten gefreuet hat. Eben so bog er ihren Hang zur Ruhe ins Joch der gleichen Ordnung; reizte von allen Seiten den Fleiß; trat der Traͤgheit mit aller Kraft seines Fußtritts auf den Nacken. Die Freuden der Ruhe wurden durch seine Gesezgebung Lohn der Arbeit, Folgen der Ordnung, und Genuß von Erholung nach muͤhsam angestrengten Kraͤften. Das Kind fand sie nicht, bis es sein Tagwerk vollendet; und Maͤnner und Weiber, die das Werk ihres Lebens in irgend einem Stuͤck nachlaͤßig thaten, verfolgte das das Treiben der alles jagenden Rechnung; und die Schande, die auf jede Nachlaͤßigkeit unerbittlich wartete, brachte den Hang zur Ruhe in denjenigen Schranken, in die er in der buͤrgerlichen Gesell- schaft hinein muß; aber dennoch befriedigte er auch diesen Trieb unserer Natur. Wer Ruhe verdiente, fand sie sicher, und konnte sie ungestoͤrt und ohne Kraͤnkung genießen. Die Regelmaͤßigkeit seiner Verwaltung ent- fernte die Unruh der haͤuslichen Verwirrung, und die schweren Leiden des Unrechts, der Lohn des Verdiensts, war jedem Arbeiter gewiß; und bey der immer steigenden Anstelligkeit des Dorfs, war die Muͤhe der guten Besorgung der Last nicht mehr zu vergleichen, unter welcher die Menschen in der alten Zeit und in der Verwirrung ihrer gedanken- losen Notharbeit erliegen, und an Leib und Seel verwildert und verlahmet. Er lenkte den Hang zur Ruh zum Ziel, sicherte ihn am festesten am Ende der Laufbahn; und machte seine Bonnaler selber dahin streben, in ihren alten Tagen des friedlichen Genusses ihrer ungestoͤrten Erquickung, nach dem wohl vollbrachten Werk ihres Lebens gewiß zu seyn. So schuf er auch diesen Hang der Natur, der im wilden und unverwilderten Leben, die Quelle der Traͤgheit und die Erschlappung der menschlichen X Kraͤften, zu einem edeln Trieb seiner Thaͤtigkeit und der Anstrengung derselben um. Nicht weniger befriedigte er den Hang zur Ehre auch beym armen Mann, der unter dem zerrissenen Strohdach in Lumpen gehuͤllt lebt. Er ist ein Mensch; und jeder Trieb der Natur, welchen du ihm befriedigest, macht ihn vollkommner — und jeder Trieb seiner Natur, den du ihm nicht befriedigst, laͤßt ihn unvollkommner — und — Gesezgeber! was du ihm nicht giebst, das hast du nicht von ihm. — Merk dir das — und rechne — nicht fuͤr ihn — rechne nur fuͤr dich, und du wirst ihm geben, so viel du kannst, damit du ihn so vollkommen brauchen koͤnnest, als du ihn machen kannst. Arner mangelte seinem Volk auch in diesem Stuͤck nicht. Er reizte die Ehrliebe des Niedrig- sten wie des Obersten, und band sie eben so fest, als die uͤbrigen Grundtriebe, an das buͤrgerliche Verdienst. Auf die einfachste Art genoß ein jeder durch die offene Rechnungen seiner Wirthschaftsbuͤcher Lob, Ehre, und Unterscheidung in allen Stuͤcken, be- stimmt nach dem Maße seines Verdiensts. — Nicht blos seine Wirthschaft allein, die gute Erziehung seiner Kinder, der untadelhafte Frieden mit seinen Nachbarn, die großmuͤthige Sorgfalt fuͤr Arme, Kranke, Leidende, kurz, jede gute That, brachte dem Mann, der sie that, Lob und Ehre; denn Arner hatte eine Ordnung, daß ihm keine dersel- ben entgieng. Und er ließ keine unbelohnt. Der schoͤnste Lohn, den er einem gab, war vielleicht der, den der Lienhart erhielt. — Der gute Mensch wagte sein Leben fuͤr den Friedrich, seinen Mauergesellen — als dieser von einem wan- kenden Geruͤst glitschte, und mit dem halben Leib schon unter das Geruͤst herab hieng, und schwebte, sprang der Lienhart auf die wankenden Balken, bog sich zwischen weichenden Hoͤlzern hinab gegen den schwebenden Mann, klemmte sich an ihn an, und hielt ihn mit wundgequetschten Arm fest, bis eine angestellte Leiter sie beyde rettete. Er war verwundet, und konnte 4 Wochen nicht arbeiten. Als er in der fuͤnften zur Kirche kam, waren drey neue Stuͤhle im Chor gerade dem Junker zu; in der Mitte von allen stunden mit großen Buchstaben die Worte, „diese Stuͤhle sind fuͤr Maͤn- ner, die ihr Leben fuͤr ihren Naͤchsten gewagt“! — Und als es verlaͤutet, und der Pfarrer und alles schon in der Kirche war, winkte der Junker dem Vorsinger, daß er noch nicht singe; dann gieng der Untervogt aus seinem Stuhl die Kirche hinun- X 2 ter zu dem Lienhart, der in dem hintersten Stuhle saß, nahm ihm mit sich an der Hand durch alle Leute hindurch herfuͤr zum Junker ins Chor — der Junker stund auf, zeigte ihm seinen Plaz, und dann kam (der Junker hatte es ihm im Geheim be- fohlen) auch der Friedrich hervor, und dankte ihm vor dem ganzen Volk, daß er ihm sein Leben ge- rettet. Selber die Ehre der Todten bey ihrem Grab war an ihre Verstienste gebunden; mit der einfach- sten Wahrheit ließ er noch uͤber ihren Sarg, im Kreis der Ihrigen, aus seinen Buͤchern vorlesen, wie viel Kinder sie erzogen, was sie aus ihnen ge- macht, wie sie in ihren Umstaͤnden vorwaͤrts ge- ruͤckt, wie sie ihr vaͤterliches Erbgut verbessert, wie sie ihren Kindern Vortheile hinterlassen, die sie in dieser Welt nicht genossen, und uͤberall, was sie fuͤr vorzuͤglich gute Handlungen gethan. Durch diese Festknuͤpfung der Ehre an das Verdienst, war, indem er den Trieb der Ehre sei- nes Volks genugsam befriediget, dennoch auch die Anmaßungssucht des verdienstlosen Stolzes, und die tropfkoͤpfige Bauern-Einbildung auf das Ab- stammen von Vaͤtern und Großvaͤtern, die viel Ochsen im Stall, und viel Schulden im Buch, uͤberdas noch Maͤntel und Eide am Halse und am Ruͤcken tragen, gehemmt, und bekam oft und viel toͤdtliche Beaͤngstigungen durch die Vorzuͤge des wirklichen Verdiensts. Das ist der Inbegrif der Gesezgebung Arners, durch welche er sein Volk in Bonnal von Verwil- derung eines ungezaͤhmten Lebens, und von den Verirrungen der Grundtrieben der menschlichen Natur zu heilen gesucht, um sie auf der Bahn ei- ner guten buͤrgerlichen Bildung durch weise Be- sorgung des Ihrigen zu gluͤckseligen Menschen zu machen, als sie ohne die Vorsorge seiner Gesezge- bung nicht haͤtten werden koͤnnen. §. 57. Religion . U nd nun steige ich zu dir empor, Dienerin Gottes und der Menschen! das Werk seiner Gesez- gebung in deinem Heiligthum zu vollenden. Wie ein Morgennebel dem Sonnenstral weicht, wenn er vom unbewoͤlkten windstillen Himmel auf ihn herabfaͤllt, so weicht der wilde Schwarm der truͤben Trieben unserer unerleuchteten Natur dem Stral deines Heiligthums, wann du vom unbe- woͤlkten windstillen Himmel auf ihn herabfaͤllst. — Geliebte Gottes! seitdem die Erde gegruͤn- det, und der Mensch auf derselben sein nichtiges X 3 Werk treibt, warst du die erste Siegerin der wil- den Trieben des ungebaͤndigten Geschlechts. — Herrscherinn der Erden! auf hundert tausend Altaͤren opfert die Menschheit, seit dem sie lebt, Dir ihr Opfer; dann seit dem sie lebt, befriedigt der Glaube an Gott das Innerste ihrer Natur, und alle Geschlechter der Erden stammeln kniefaͤllig vor Dir ihre Bitten und ihren Dank; sie vereh- ren jeden Schatten des Bilds deines Gottes, und beten jeden Fußstapfen seiner Wege selbst im truͤg- lichsten Koth an. Der Fels im Meer bricht die Wellen des Sturms, sie stroͤmen in hohen Wogen raufend ge- gen ihn an, reißen an ihm Mitten entzwey — und wirbeln schaͤumend in ihrem Tode um seine uner- schuͤtternde Kraft — so zerreißest Du das Rasen der Macht; und wie ein Feuerstrom, der unter dem Berge gluͤhet, erschuͤtterst Du den unermeßli- chen Boden des Reichthums, wie einen Haufen nichtigen Staubs. Herrscherin uͤber den Sinn des Volks! Du bezwingst den Herrscher der deiner nichts will. Unter den Truͤmmern der Erde, und unter den Wellen des Meers, lobet der Mensch seinen Schoͤpfer; er erhebt sich uͤber den Troz seiner Na- tur; und unter dem Fußtritt der Geschoͤpfen, und in der Aufloͤsung seines Staubs, nennet er Gott seinen Retter, und lebt im Augenblick seiner Zer- nichtung jenseits des Grabs. O geheiligte Gottes! Du zeigest dem Gewal- tigen in seinem Sklaven das Kind des Ewigen. — Du zwingst den Tirannen sein Auge wegzuwen- den vom Blut seines Knechts. — Du machst sein Eingeweide zittern vor dem Recht des Armen und vor den Thraͤnen des Waislins. Du setzest der Wuth der Menschen und ihrem Unsinn ein Ziel. Du segnest ihre Miriaden in der Furcht Got- tes durch die Bande des Friedens, und durch dei- nen sanften heiligen Geist. Du erhebest den Menschen uͤber das Unrecht, und machst deine Anbeter die Hartherzigkeit der Thoren mit Seelengroͤße ertragen. Du giebst dem Menschen Weisheit in seinem Thun, und erhebst ihn uͤber das Werk seiner Haͤn- den. Du stillest das Wallen des Bluts und das Schlagen des brustzersprengenden Herzens. Du zeigest deinem Anbeter in der Nothwendig- keit — Gott — im druͤckenden Leiden die Liebe des Vaters! Du beruhigest den Sinn des Er- schlagenen in seinem Blut. — X 4 Dnrch dich vollendet der Gesezgeber sein uner- meßliches Werk. Wie ein gebaͤndigter Loͤwe an der Hand des Fuͤhrers sicher einher geht — so geht der Mensch an der Hand deiner Anbetung mit reinem Herzen einher, als waͤr er nicht der Sohn der Freyheit und der Koͤnig des Raubs. Warum sollte ich ihn nicht so nennen bey der Unermeßlichkeit der Ansprachen seiner Natur, beym unausloͤschlichen Gewalt seiner Trieben fuͤr Freyheit und Raub? — Geheiligte Gottes! ohne Dich baͤndiget kein Gesezgeber den Sohn der Freyheit und den Koͤnig des Raubs. — In den Banden der Macht wird der Loͤwe zur Schlange, die jeder Fessel entschluͤpft; er windet sich unter dem Boden der Thuͤrmen und durch der Mauern vermoosete Ritzen hindurch, und bleibt in ihren Banden, heiligest Du sie nicht, was er vorher war — der Sohn der Freyheit, und der Koͤnig des Raubs, aber mit giftigerer Zunge. — Im Innersten des Menschen tobet ein ewiger Aufruhr gegen Nothwendigkeit und Pflicht — aber die Kraft deiner Anbetung beruhiget das Toben des ewigen Aufruhrs; und, verbunden mit weiser Bil- dung des Staats, kommt der Mensch an deiner Hand dahin, daß er seyn will, was er seyn muß. — Er erhebt sich in deiner Liebe, daß er sich opfert, und im Ueberwinden seiner tobenden Trieben seine Vollkommenheit findet. Allmaͤchtige! darum vollendet kein Gesezgeber sein Werk ohne Dich; und darum steigt Arner em- por, und naͤhert sich deinem Altar. Er kommt zu Dir, geheiligte Gottes! aber nicht wie deine Gewaltige und deine Streiter, an- gethan mit dem Harnisch seiner Meynungen — er kommt zu Dir wie ein Armer, und bringt in der stillen Stunde seines demuͤthigen Diensts ein heiliges Opfer, das Bild der Ordnung und der Ewigkeit. Nimm es gnaͤdig auf, Dienerin Gottes! und lehre die Menschen immer mehr Zeit und Ewigkeit in Eins verbinden, und Gott und dem Staat auf gleichen Altaͤren dienen. Arner sah die Uebereinstimmung der Endzwe- cken einer wahrhaft weisen Gesezgebung mit den Endzwecken einer wahrhaft weisen Religion — und die innere Gleichheit der Mittel, unser Geschlecht durch eine gute buͤrgerliche Bildung zu veredeln, mit den Mitteln, dasselbe durch den Dienst des Allerhoͤchsten zu vervollkommen. — §. 58. Aberglauben und Abgoͤtterey. A ber er kannte auch den Geist der Pfafheit Anmerkung . Muß ich hier widerrufen? Verzeihet! ich werde bald muͤde. Ao. 1520- 30 machte man wenige Komplimente mit dem Aberglauben und die ihn beguͤnstigenden See- lenstimmung, und ihn naͤhrenden Form des Gottesdiensts. Der Misbrauch der buͤrgerli- chen Gewalt heißt in der Volkssprache Tiran- ney, und die Naͤherung der Seelenstimmung zu diesem Misbrauch tirannischer Sinn. — Aber in der Volkssprache ist kein Ausdruck, den Misbrauch der kirchlichen Gewalt, und die Naͤherung der Seelenstimmung zu diesem Mis- brauch zu bezeichnen. — Merk dirs Volk! du hast kein Wort in deiner Sprache, den Unwillen gegen die Bande der Seelen und die Knecht- schaft des Geistes auszudruͤcken, wie du deinen Unwillen gegen den Misbrauch der buͤrgerli- chen Gewalt ausdruͤckst — und nimm, wenn du kein bessers weißest, die Woͤrter Pfafheit und Pfaffensinn in deine Sprache auf, wie du die Worte Tiranney und Tirannen Sinn darin aufgenommen — dieß ist meine Entschuldi- gung. — Fodert ihr mehr Schonung als Fuͤr- sten — so redet! Gott braucht keine Scho- — und namenlose Dienerin des Aberglaubens; er achtete dich nicht als waͤrest du Gott —! Er leckte den Staub nicht von deinen Fuͤßen, Knecht aller Knechten! Er sah wem du dienst. — Truͤgerin! so lang die Welt steht, misbrauchst du den Glauben an Gott, die Menschen zu der Thorheit und zu dem Sinn eines abgoͤttischen Sinns zu lenken. — Du fuͤllest ihre Gedanken mit Bildern von Gott; und du machst das Spintisiren deiner heißen Stunden zu Offenbarungen des Allmaͤchtigen. Du loͤsest den Guͤrtel auf der die Erde verbin- det — er ist Liebe Gottes — und du bindest deine Haufen mit den Stricken deiner Meynungen. — Du setzest den Menschen mit dem Schlangen- gerippe verfaͤnglicher Worte, im Namen Gottes, das Schwert an die Kehle; und trittst mit deinem Buchstabendienst die Menschen in Staub, die an- ders denken als du. — Du schleichst den Fuͤrsten nach, um desto besser Gott also zu ehren; du brauchst die Schwaͤche der Koͤnige, und die Heucheley der Hoͤfen, deinem Glauben aufzuhelfen. nung, und ihr — doͤrfet nicht mehr fodern, als mit der buͤrgerlichen Sicherheit der Men- schen bestehen kann — Priester des Gottes- diensts —! — Du bringst der ewigen Weisheit die Dumm- heit der Gewaltigen, und des Ewigen Liebe die boͤsen Gewissen der Maͤchtigen zum Opfer. Du nimmst den Menschen in der Stunde ih- rer Anbetung gefangen. — Du entmannest die Soͤhne des Staats, und machst den Priester zum Koͤnig. — Seit dem die Welt steht, hast du die Erde erschuͤttert. — Seit dem die Welt steht, hast du den Koͤnigen Ketten gegeben wider den Menschen, und den Menschen Schwerter wider die Koͤnige. — Wie in stillen Meeren ein sicheres Schif an unsichtbaren Felsen scheitert, so scheitert die Mensch- heit an unsichtbaren Klippen. — Wie in den Eingeweiden der Bergen und Huͤ- geln erkalteter Aschen ein Feuerstrom lebet und gluͤ- het, so lebet und gluͤhet Unreine! in der Nacht dei- nes unergruͤndlichen Diensts das Feuer der wilden Natur. — An den Ketten des Aberglaubens stirbt nicht der Leidenschaften Gewalt — und der Sohn der Frey- heit, und der Koͤnig des Raubs, wird an den Al- taͤren der Dummheit nicht reines Herzens — und der Lastern inneres Rasen hebt keine geheimnisrei- che Weihe. — Der Pfafheit gebundener Sinn naͤhret das Laster — und des Goͤzendiensts sinnenbehagliche Feyer ist wie Minnengesang jedem Naturtrieb. — Truͤgerin! du fragst das Waislin, kennst du meinen Gott? Und den Unterdruͤckten, kannst du meinen Glauben auswendig? Auch deine Liebe ist an deinen Goͤzen gebun- den. Du zerreißest die Bande des Friedens ob ei- nem einzigen Wort. — Du bindest die Sicherheit und den Wohlstand des Staats, wie das Allmosen des Bettlers, mit Gefaͤhrde an deiner Meynungen Dienst. — Du verunglimpfest außer ihm alle Quellen der Weisheit, und des haͤuslichen und buͤrgerlichen Wohls, und nennest deinen Glauben den allein se- ligmachenden. — Heuchlerin! du sagst, du verdammest nicht! was sollen denn die andern, wenn nicht selig machen? Wann du redst, so hast du Vorbehalt in dei- ner Seele ( Reservatio mentalis .) Du wehest die Fahne des Mords, als waͤren sie Fahnen der Liebe. Kennerin des Elends —! du rufest die Ver- wahrloseten zu deinem truglichen Trost — du lo- best sie in ihrer Noth, und rufst sie mit der Stimme der armen verwaiseten Kuͤchlein unter deine eiser- ne Fluͤgel; und wann der Moͤrder Weih uͤber ih- rem Haupt fliegt, folgen sie in der Angst gern und kopflos deiner Simme, und werden erdruͤckt. — Der Sohn der Freyheit, und der Koͤnig des Raubs, ist dein Getreuer; und du nutzest die Ver- wirrung des Staats, und die Schulden der Großen, und den Bettel der Armen zu deinem Dienst. — Selbst der fromme Sinn der Tugend wird dein Knecht. Wem du den Kopf nimmst, der dienet dir; wenn du dem verwahrloseten Volk, das wie ein Rohr vom Wind getrieben wird, und wie ein Schifbruͤchiger, der nach jeder Staude langt, deine Hand darstreckst, so hast du es gefangen. — Du bist den Menschen kaum ein wenig minder worden als Gott; und dein Dienst geht den Voͤl- kern der Erde uͤber den Dienst des Allerhoͤchsten. — Du schwingst dich, Giftige! dem Gesezgeber an den Busen — und giebst ihm den Tod, wenn du fuͤhlst, daß sein Innerstes nicht fuͤr dich, und der Sitz in seinem Schoos dir nicht sicher seyn sollte. — Das hast du immer gethan! — §. 59. Wodurch Arner das Volk vor dem Aber- glauben bewahrt. A rner kannte diesen Sinn der Pfafheit — und soͤnderte den Endzweck der Kopfsbildung von dem Endzweck des Religions-Unterrichts. — Er fand, der lezte sey nun einmal lang ge- nug zu dem misbraucht worden, wozu er nicht taugt. Er trennte die Gottsgelehrtheit vom Volks- Unterricht, in so fern er Kopfuͤbung und buͤrgerli- che Geistesbildung seyn soll, und wollte sein gutes Volk durch den Katechismuskram, uͤber die Lehr- saͤtze der schwierigsten aller Wissenschaften, nicht zum Dienst der Pfafheit so dumm und anmaßlich machen, als alle Voͤlker der Erde, vom Strande des Indus bis zu den beyden Polen, zum Dienst der Pfafheit anmaßlich und dumm werden muͤssen, wenn man die Grundlage ihrer Kopfbildung und Geistesrichtung durch die Erklaͤrung ihrer Religions- lehre erzielen will. — Alles Wissentschaftliche in der Religion ist menschlich, und eine eigentliche Kunstsache. Ken- ner sind Richter — und es ist Gefaͤhrde und Ver- such zum Aufruhr, wider die Rechte der Wahr- heit, das Wissentschaftliche in der Religion vor das Volk zu bringen, und vor ihm, als waͤr es der Richter , daruͤber zu plaidiren; so gut als es Ti- ranney ist, das Urtheil uͤber dieses Wissentschaftli- che in der Religion der buͤrgerlichen Macht zu un- terwerfen. Der Dienst des Allerhoͤchsten ist von wissen- schaftlichen Meynungen uͤber Religionssachen un- abhangend; und das Volk soll vom Altar weg nicht behelliget werden mit irgend einer Streitigkeit der Priester. Laͤßt man es zu — so giebt man den Kopf des Volks in die Hand des Priesters — und ver- zeihet mir ihr Fuͤrsten! aber ich glaube, wer den Kopf des Volks in seiner Hand hat, der ist auch seines Kopfgelds sicher wenn er will; die Sache hat nicht kleinen Reiz aus ihren Wirkungen zu schließen. Menschheit! auf allen Blaͤttern ruft die Ge- schichte, du toͤdtest eher die Thiere der Erde, und vertilgest eher die Fische im Meer, als die Macht der Priester und den Sinn ihrer Pfafheit, wenn du das Wissentschaftliche ihres Religions-Unterrichts zur Grundlegung der Kopfbildung des Volks machst. Die Kopfbildung des Volks ist die Sache sei- ner haͤuslichen und buͤrgerlichen Sicherheit, und also also Staatssache — und als solche muß sie noth- wendig unabhangend vom Religions-Unterricht er- zielt, und in diesem Gesichtspunkt mit Festigkeit von demselben getrennt werden. Noch einmal: der Glaube an Gott, und die Lehre seines Diensts, ist nicht zur Vernunftlehre be- stimmt, und nicht dazu gut. Der Glaube an Gott, und die Lehre von sei- nem Dienst, ist fuͤr das Volk nicht die Sache seines Kopfs, sondern seines Herzens. — Gemuͤthsruhe im Dunkel seiner Nacht — Ergebenheit in den Willen Gottes im Thal von Thraͤnen, und ein kind- liches Aufsehen auf den Herzogen und Vollender des Lebens — das ist die Bestimmung des Glau- bens, aber nicht Kopfuͤbung fuͤrs Volk. Die ganze Bibel, von Anfang des ersten Buch Moses bis zur Offenbarung Johannes — und bis zum „Heilig, heilig, heilig ist das Lamm, das geschlachtet ist“, ist nicht zur Kopfuͤbung des Volks bestimmt, und taugt nicht dazu. Anmerkung . Ich rede bestimmt vom Volk. Der Gelehrte mag in der Bibel freylich Stof zur Kopfuͤbung finden, ich wende nichts dawider ein. — Mag es Maulchristen emvoͤren — ich achte es nicht — dieses Geschlecht empoͤrt alles, was V kalt und was warm ist. — Darum hat aber auch der, so die sieben Leuchter hat, den Engel seiner großen Gemeinde aus seinem Munde ausgespeyt, und ihn hingeworfen zu zertreten, fuͤr jedermann, der vorbey geht — was soll mir also sein Aerger? — Der Aberglaube findet in den Umstaͤnden der Zeit unermeßliche Nahrung. — Die Seelenstim- mung der Menschen wird taͤglich mehr schwankend und traͤumend. — Das Fundament eines vernuͤnf- tigen Gottesdiensts — die Vernunft des Volks — und eine feste, ruhige, biedere, gleichmuͤthige und bedaͤchtliche Geistes-Richtung, schwindet vor un- sern Augen. — Seys Zufall oder Hinderlist — ich weiß es nicht, und untersuche es nicht — aber wahr ists — die Seelenstimmung der Menschheit neigt sich zu der Schwaͤche des Aberglaubens. Der Misbrauch der Bibel und der Glaubens- lehre, zu dem, wozu beydes nicht taugt, wird lebhafter als er je war. Die Hinlenkung der Volksstimmung zu Be- guͤnstigung eines uͤberwiegenden Einflusses der Kraͤf- ten der Einbildung gegen die Kraͤfte des Verstan- des — — Die allgemeine Reizung des poetischen Sinns, und auf diesen poetischen Sinn gebaute Kopffuͤllung der Menschen mit bildreichen Reli- gionslehren, und die Hinlenkung ihres Geistes, sol- che Meynungen als Vorschritt in wissenschaftlicher Erleuchtung — und als Gegenstand ihres Nachden- kens, ihrer Untersuchung und ihres Forschens im Kopf herum zu tragen — Das alles — wenn es schon freylich nicht den geraden Weg zu aberglaͤubischen kirchlichen Lehrsaͤ- tzen fuͤhrt — fuͤhrt dennoch sicher zu einer Seelen- stimmung, die das Innere der Abgoͤtterey und des Aberglaubens beguͤnstigt, und das Volk einem je- den Religionsverfuͤhrer in die Haͤnde spielt, der im Stand ist, dasselbe zu einem schwaͤrmerischen Glau- ben an seine Lehre, und zu einer fantastischen An- haͤnglichkeit an seine Person zu verleiten. — Noch einmal: ich weiß nicht, ob es wahr ist, was man sagt, daß dem Volk wirklich planmaͤßige und gefaͤhrdvolle Glaubensschlingen gelegt werden: aber das weiß ich, daß eine Seelenstimmung be- guͤnstigt wird, die es, wenn ihm solche Schlingen gelegt wuͤrden, schaarenweis darein zu springen, sicher verleiten wuͤrde. — Das weiß ich. — Aber ich verarge es denen nicht einmal, die es thun, und die wenigsten wissen was sie thun, und tagloͤhnen meistens am Werk der Frommkeit mit ehrlichem Sinn, ohne weder V 2 zu ahnden, noch zu verstehen, wohin die Seelen- stimmung, welche die Art und Weise ihrer Glau- bensform beym Volk hervorbringen, dasselbe fuͤh- ren koͤnnte. — Das Geheimnis der Abgoͤtterey sizt auf einem heiligen Dreyfuß, und mitten, in dem es den Men- schen fuͤr alles, was es ihm entreißt, stockblind macht, giebt es ihm Luchsaugen fuͤr das was er sehen muß, um anhaͤnglich zu bleiben, und schließt sich immer von allen Seiten an viel Auffallendes, dem Menschensinn und dem Volksgefuͤhl Auffallen- des, Wahres und Gutes an — und es liegt in unserer Natur, die verwahrlosete und leidende, so wie die traͤumende Menschheit, wirft sich so lange in die Arme der gegen die Leidenden immer Theil nehmend, gegen die Verwahrloseten immer sorg- faͤltig erscheinenden Abgoͤtterey, so lang ihr nicht entgegen gesezt wird, was mehr Realitaͤt hat, als eine zwar so geheißene vernuͤnftige Religionslehre, die aber nichts weiter leistet, als daß sie mit gro- ßem Gepraͤnge eine mehrere Richtigkeit in den Aus- druͤcken uͤber Glaubens-Meynungen, die das Volk richtig oder unrichtig gleich nicht versteht, zum We- sen der gottesdienstlichen Verehrung macht, und in- dessen durch das schwerfaͤllige Schleppen des Heer- wagens dieser Worterklaͤrungen den Priestern dieses neuen Diensts, Zeit, Aufmerksamkeit und See- lenstimmung raubt, den wesentlichen Pflichten des wahren Gottesdiensts mit Erfolg obzuliegen, der Verwahrlosung der Menschen vorzukommen, die Qualen der Leiden abzulenken, und den Traͤumer- sinn ihres Lebens durch weisen Einfluß auf ihr buͤr- gerliches Leben zu entkraͤften. — So lang es so ist, und das Volk beym schwaͤr- rischen, unerleuchteten Priester fuͤr sich mehr findet, als bey dem, der ihm beweisen kann, daß der an- dere schwaͤrmt, so bleibt das Volk natuͤrlich auf der Seiten des leztern. — Auch lassen die Priester des Aberglaubens die guten Maͤnner, die nach Weis- heit fragen, mit sichtbarer Verachtung reden, was sie nur wollen, und bleiben indessen Meister des Volks, und derer, die sie zu ihrem Volk machen. — So ist es — die Maͤnner, die nach Weisheit fragen, verstehen sich nicht das Volk zu fuͤhren, und ihren Reformationsgeist ansteckend zu machen, wie der Aberglaube, und das ist ein großer Fehler. — 1520 war es nicht so; der Reformationsgeist war damals ansteckender als der Aberglaube, weil er wohlthaͤtiger war als dieser, und die einzelnen Menschen im Lande auffallend an Leib und Seele weiter brachte, als sie unter der Moͤnchs-Huth nicht kommen konnten. Der damalige Reformationsgeist belebte die Kraͤfte des Verstands, er erhoͤhete das Streben nach V 3 leiblicher und geistlicher Sicherheit, Unabhaͤngigkeit und Freyheit; er pflanzte eine allgemeine Aufmerk- samkeit der Menschen auf sich selber, eine allge- meine Sorgfalt derselben fuͤr die Ihrigen und das Ihrige; er verband den Sinn der Liebe mit thaͤtigem Bestreben nach den Mitteln wirklich helfen zu koͤnnen, und ward so die Quelle einer Industrie, die, verbunden mit dem Sinn der Frommkeit dieser Zeit, eine Sparsamkeit und Hausordnung hervorbrachte, deren Folgen die buͤr- gerliche Verfassung Europens wesentlicher aͤnderte, als die Meynungen der Reformatoren den Kirchen- zustand dieses Welttheils veraͤnderte. — Ich bin weitlaͤuftiger als gewohnt, weil in die- sem Gesichtspunkt die aͤchten Mittel gegen die Hin- dernisse des Vorschritts, die der wahren Erleuchtung und Veredlung des Menschengeschlechts in den Weg gelegt werden, auffallen. Es ist Beduͤrfnis der Zeit, daß der aͤchte Geist einer wahrhaft weisen und gefaͤhrdlosen Fuͤhrung des Volks tief und mit Sorgfalt erforscht — Daß der Kopf des Menschen nicht hindange- sezt — Daß der Trieb der Selbsterhaltung, mit Kennt- niß von Mitteln, und mit Uebung von Fertigkeiten gepaaret werden, die den Menschrn in der Ord- nung des buͤrgerlichen Lebens sicher stellen und be- ruhigen — Daß den Quellen ihrer ersten Naturfehler, namentlich ihres Leichtsinns, ihrer Gedankenlosig- keit, und allen Folgen seines unordentlichen und ungebildeten Zustands vielseitig und mit Weisheit und Kraft entgegen gearbeitet werde — Daß in Absicht auf die Bildung des Menschen, auf ihren Kopf, auf ihre Haͤnde und Fuͤße, und nicht auf ihr Herz abgestellt werde — Daß der Wohlstand der buͤrgerlichen Haͤuser nicht an ihren Glauben, noch weniger an die nich- tigen Menschenwerke seiner aͤußern Huͤlle gebunden, und dadurch vom Priester abhaͤnglich werde — Daß die Geistes-Richtung des Volks, und seine innerste Stimmung bedaͤchtlich, kaltbluͤtig, vor- sichtig, und auf einen merklichen Grad mistrauisch gemacht werde. Daß alle Arten von Traͤumerstimmung, in- sonderheit die Lebhaftigkeit des Mischmasch-Gefuͤhls von Elend und Gluͤckseligkeit, in welchen die Men- schen in einer Stunde bis zur Erhabenheit dichte- risch und bis zum Schrecken gichterisch erscheinen, durch den Ton und die Sitten der Zeit Hindernisse in ihrer Ansteckung finden. — Y 4 Mit einem Wort, daß die Bildung und Erhe- bung aller wahren Kraͤften unserer Natur beguͤn- stigt, und ihre Abschwaͤchung, so wie ihre Verwil- derung, verhuͤtet werde. — Arner suchte diesem Beduͤrfnis der Zeit Genuͤ- gen zu thun, indem er die buͤrgerliche Fuͤhrung und die Kopfsbildung seiner Bonnaler ganz von ihrem Glaubens-Unterricht soͤnderte; dem ersten ganz unabhangend vom lezten, durch die Kraft seiner Gesezgebung, ein Genuͤgen leistete. — §. 60. Ein Wort uͤber das Beduͤrfnis des Got- tesdiensts zur wahren Volksaufklaͤ- rung. A ber so wie er der Schwaͤrmerey, und dem sich unter das Joch der Abgoͤtterey schmiegenden Aber- glauben entgegen arbeitete, so kannte er auch die Unvollkommenheit und Ungenuͤgsamkeit einer blos buͤrgerlichen Bildung. Er wußte und sagte, keine gesezgeberische Weis- heit hebt die Quelle des ewigen Elends der Erde ganz auf, und die beste buͤrgerliche Stimmung ist nicht genug, den Sinn des Menschen zu derjenigen Veredlung zu erheben, deren er bedarf, um real beruhiget zu seyn. — Das bloße Anbinden dessel- ben an die Nothbeduͤrfnisse der Erde erdruͤckt sein Herz. Im Schweiß seines Angesichts, und im Ge- wuͤhl seines Staubs, erhebt er sich nicht uͤber sich selbst, noch weit weniger uͤber das Unrecht, und im Werk seiner Haͤnden vergraben, stirbt er als ein Tagloͤhner des Koths. — Arner fuͤhlte das Beduͤrfnis, die Veredlung des schwachen, traͤgen, und so leicht sinkenden, und so gern an der Erde klebenden Menschen durch den Dienst des Allerhoͤchsten zu erzielen, zu vollen- den — versaͤumte desnahen nicht, mitten, in dem er alles that, den Geist der Abgoͤtterey, und eines gefaͤhrdvollen Einflusses der Geistlichkeit auf die Kopfsbildung des Volks und seine buͤrgerliche Si- cherheit und Rechte zu hindern, eben so sorgfaͤltig sein geliebtes Volk durch den Segensgenuß der rei- nen Anbetung Gottes, durch rege Dankbarkeit ge- gen seinen erhabenen Sohn, durch Treu und kind- liches Bestreben nach den Gaben seines sanften rei- nen heiligen Geistes, zu derjenigen Vollkommen- heit zu erheben, deren die Menschheit faͤhig, wenn sie in Verbindung einer festen, weisen, buͤrgerli- chen Bildung noch die Segensstimmung edler, rei- ner und ungefaͤlschter Anbetung Gottes genie- ßet. — So machte er die Religionslehre zum Schluß- stein des Werks seiner Gesezgebung, die er auf das Fundament der festen und vollendeten Mauern ei- ner weisen buͤrgerlichen Bildung gebauet. Er hatte aber auch den Pfarrer dazu, sein Werk also zu be- schließen. — Bonnal sah diesen Edeln, in der Mitternacht- stunde am Todbette der Menschen — vor Aufgang der Sonnen auf den Wegen zu den zerstreuten fer- nen Berghuͤtten seines Dorfs — in der Mittag- stunde bey der hungernden Witwe — am Abend im Kreis der Kinder des Dorfs — in jeder Stun- de des Tags am Ort, wo ihn seine Pflicht hinrief, und der leiseste Wunsch eines Menschen in seinem Dorf war ihm Ruf seiner Pflicht, so bald er ihn ahndete. — Und auf diesem Gottesdienst seines Lebens ruhete und gruͤndete sich der Dienst seiner oͤffentlichen Lehre, die meistens in einfachen, aber Seel erhebenden Lobpreisungen und Danksagungen fuͤr die Wohlthaten Gottes bestunde, und durch ihre, das Innere unserer Natur erhebende und veredlende Wirkung, das Beduͤrfnis nach Wort- erklaͤrungen und großen Reden uͤber Pflicht und Meynungen bey seinen Bonnalern immer mehr verminderte. Er dachte und sagte hieruͤber die Worte Christi: „Wenn dein Auge heiter ist, so ist auch dein ganzer Leib heiter“, und redete wenig mit dem Volk, und redete viel lieber und viel mehr mit einem jeden allein; und that er es, so that er es nichts weniger als ununterbrochen, sondern wandte sich mitten in seinen einfachen Volksreden bald an diesen, bald an jenen, trat mit ihm auf die natuͤrlichste Art ins Gespraͤch ein, wie ein Haus- vater, wann er mit seinen Hausgenossen redet. — Er stellte Maͤnner auf, die in Feld oder Vieh Un- gluͤck gehabt — Mutter, deren Kinder, und Kin- der, deren Muͤtter gestorben — Mit einem Wort, er nuͤzte die Vorfaͤlle der Zeit, und die Umstaͤnde, die Eindruck auf einzelne Menschen in der Gemeinde gemacht. Diese Eindruͤcke zu berichtigen, zu ver- edeln und gemein zu machen, Weisheit, Gottes- furcht, und Gottes Ergebenheit, durch die Kraft derselben in seinem Volk immer mehr auszu- breiten. Er meynte nichts weniger, als daß es etwas Feyerliches und Großes sey, auf der Kanzel allein zu reden; es duͤnkte ihn vielmehr, es sey unnatuͤr- lich, und zeige vielweniger Verstand, als wenn man im Stand sey, das, so man sagt, dem Volk so an- zubringen, daß es im Augenblick selber ins Gespraͤch eintrete, und dem Lehrer Schritt fuͤr Schritt in dem, was er mit ihm redt, Fuß halten kann. Er glaubte, das sey das Siegel und Zeichen der wahren Kraͤften eines Volkslehrers, und das aͤchte Fundament aller wahre Volkserbauung. — Nachmittag war sein Gottesdienst gaͤnzlich Nichts, als eine Unterredung mit dem Volk. Er stund im Kreis seiner Dorfkinder, denen diese Volks- Unterredungen zu ihrem Religions-Unterricht die- nen mußten. Die ganze Gemeinde war in sechs und zwanzig Abtheilungen abgetheilt; alle Ge- meindsgenossen mußten jaͤhrlich zweymal nach der Ordnung dieser Abtheilungen, vom aͤltesten Greisen an bis zun siebenjaͤhrigen Kindern, zum Altar her- fuͤr; er redete dann mit ihnen im Kreis dieser Dorf- kinder, nach der Form eines von ihm und dem Lieutenant aufgesezten natuͤrlichen Volks- und Dorfs-Unterricht, von Gott, den Pflichten und den Umstaͤnden des Lebens. Er trat izt in die Umstaͤn- de der Leuten, die er genau kannte, hinein; machte Alte und Junge jede nuͤtzliche Erfahrung, die sie in ihrem Kreis gemacht, erzaͤhlen, ließ dann die andern mit ihnen ins Gespraͤch eintreten, wie auch sie an ihrem Plaz die Erfahrungen benutzen, oder wie auch sie in ihren Kreisen aͤhnliche Erfahrungen gemacht haben. — Es war ihm nichts zu klein. Ein Kind, das gegen eine Geiß, die ihns gestoßen, vernuͤnftig oder unvernuͤnftig gehandelt, war eben so gut, als eins, das das schoͤnste Loblied auf Gott auswendig ge- lernt, ein Gegenstand seines Religions-Unterrichts, und mußte so gut von seiner Geiß und seiner Auffuͤh- rung gegen sie mit ihm reden, als eines, das sei- nem kranken Großvater abwartete, und von seiner Krankheit mit ihm reden mußte. So band er durch die Art seines Religions- Unterrichts jede Weisheit des Lebens an die Kraft seiner gottesdienstlichen Lehre, und zeigte von allen Seiten den Zusammenhang des Einflusses einer durch gute Staats-Einrichtungen den Menschen versicherten Hausweisheit, auf die Realitaͤt seiner Gottesfurcht und seiner Menschenliebe. Auch dankte er in seiner Kirche oͤffentlich Gott fuͤr die Einrich- tungen, Geseze und Anstalten Arners, durch wel- che sie auf eine ihrer Natur so angemessene Art, zur wahren Erkenntnis ihrer selbst, zu realer, wirk- samer und thaͤtiger Liebe ihres Naͤchsten, und zu einer ungeheuchelten Anbetung Gottes erhebt und tuͤchtig gemacht werden. §. 61. Seine Festform ruhet eben so auf Bauern- geist und Bauernordnung, als sie die Endzwecke eines weisen Gesezgebers, und diejenige eines frommen Religions- Lehrers vereinigt, und auf die eigent- liche Individual-Lage derjenigen Men- schen gebauet ist, welche das Fest feyern. S o wie dieser gute Pfarrer in seinem taͤglichen Thun, und in der stuͤndlichen Erfuͤllung seines Stands- und Berufspflichten, dem Leichtsinn und der Gedankenlosigkeit, als den ersten Quellen ihrer Fehler und Schwaͤchen, und den ersten Hinder- nissen ihrer wahren Veredlung, durch den Geist und die Kraft seiner gottesdienstlichen Fuͤhrung ent- gegen arbeite, so that er dieses besonders an den heiligen Festen. Am stillen Abend, vor der Feyer eines heiligen Tages, versammelte sich das Volk seiner Gemeinde vor den Kirchen auf dem Kirchhof, ein jedes bey der Ruhestaͤtte der Seinigen; dann kam auch er, kniete auf das Grab seines Vorfahrs, und sagte zum Volk: „Erinnert euch derer, die vor euch ge- lebt, und hoͤret die Worte der Wahrheit, die sie mit euch geredt haben aus ihren Graͤbern!“ — Dann laͤuteten alle Glocken; das Volk und der Pfar- rer blieben eine Viertelstunde auf den Graͤbern ih- rer Vordern in ihrer Andacht; dann gieng die Ge- meinde in die Kirche; alle Aeltern fuͤhrten ihre Kinder zu ihm hin, zum Altar. Nachdem der ganze Kreis der Kinder um ihn her gestellt war, sagte er in Mitten dieser Kinder zu der Gemeinde: „Erinnert euch derer, die nach euch kommen wer- den, und bittet Gott, daß ihr nichts an ihnen ver- saͤumet“! dann bog er sich nieder, betete im Kreis der um ihn her knienden Kinder laut fuͤr die Nach- welt des Dorfs, deren Fuͤhrung und Bildung der liebe Gott in ihre Haͤnde gelegt; die ganze Ge- meinde kniete mit ihm, und betete ihm nach fuͤr ihre Kinder, und wann er endete, so sprach alles Volk ihm nach das Wort Amen; dann nahmen die Aeltern ihre Kinder vom Altar weg an ihre Hand, fuͤhrten sie bis außert die Kirchen, und ließen sie heimgehen; sie aber blieben noch in der Kirche, und der Pfarrer fieng dann die Pruͤfungsstunde dieses Abends an. Die Ordnung dieser Pruͤfungsstunde ist diese: Zu erst betete der Pfarrer niedergebogen vor dem Kreuz Jesu Christi still; dann stund er auf, las mit lauter Stimm: das ist die Pruͤfung eines am Feste des Herrn! ob er in der Liebe wandle vor dem Herrn seinem Gott, und vor seinem Volk? — Mangelt jemand deines Raths? — Kennst du die Ordnung deines Volks? — Hanget die Jugend an deinem Herzen? — Bist du der Alten Trost? — und der Leidenden Heil? Stehest du in der Ver- wirrung des Volks wie ein Fels? — Und wer in der Welt Schifbruch leidet, findet er bey dir Trost, wenn ihn die Wellen der See an dein Ufer tragen? — Wandelst du in der Kraft des Herrn deines Gottes einher, und in seiner Liebe? — So las er; — dann bog er sich wieder tief zur Erde, und sagte: Herr! sey mir gnaͤdig in mei- ner Schwachheit, denn ich bin ein Mensch, und habe viel uͤber mich genommen, in deinem Namen und vor deinem Volk —! Dann las er fort, oͤffentlich vor der ganzen Gemeinde, die Pflichten und den Beruf eines christlichen Pfarrers, und das Gemaͤhlde des Guten, das er durch seine Sorgfalt, Weisheit, Ordnung und Amtstreu im Dorf, und zum Segen desselben, auf Kind und Kindskinder hinab stiften und fest gruͤnden koͤnne — dann auch das Gemaͤhlde des großen Unsegens und Ungluͤcks, das einer durch Mangel von Sorgfalt, Ordnung, Einsichten und Amtstreue eben so, wie durch ein ungoͤttliches, sorg- und pflichtloses Leben in einem Dorf anrichten, und auf Kind und Kindskinder hinunter fortpflanzen koͤnne. In diesem Volksge- maͤhlde uͤber die Pfarrer und ihren Dienst, war der der erste dargestellt als ein Diener Gottes, und ein Vater des Volks, der andere hingegen als eine voͤllige Ueberlast der Gesellschaft, und als ein Mann, der ohne Ehre im Leib, auf Rechnung und Zehrung der Religion, und auf Unkosten des Staats, un- verdientes Brod esse, und dafuͤr großen Schaden stifte. Dieses doppelte Bild des guten und des schlechten Pfarrers, und das Gluͤck der wahren Volksvorsorge unter dem ersten, und der Ver- wahrlosung desselben unter dem andern, las er laut vor allem Volk vor. — Dann traten die Vorgesezten vor den Altar, knieten nieder — dann las der Pfarrer — Das ist die Pruͤfung eines Vorgesezten zur Vorbereitung am Feste des Herrn! — Ist Ordnung und Licht in allem was dir uͤber- geben worden? — Besorgst du die Sachen des Dorfs wie deine Eigene? — Legt dich die Noth der Witwen und der Mangel des Waisleins un- geschlafen? — Ist keinem Unschuldigen und Armen Angst, wann du um den Weg bist? — Und wann du in die Haͤuser des Dorfs hinein kommst, fuͤrch- tet das Weib des Armen, und sein Kind nichts Boͤses von dir? — Gehet es denen Kindern auf, deren Vogt du bist? — Und wann dein Haus und deine Habe besorgt wuͤrde, wie das und die Habe Z deiner Vogtanvertrauten, wuͤrdest du nicht sagen, das Gott erbarm'? — Und wuͤrde kein Waislein, dessen Gut du unter den Haͤnden hast, wenn es alles wuͤßte was du thust, seufzen, das Gott er- barm? — Wann du Gutes willst, und Gutes thust, thust du es dem Armen wie deinem Kind? — Oder thust du es mit der Geisel in der Hand? — Wuͤrgst du dem Menschen, dem du Brod giebst, das Herz ab? — Kannst du standhaft, anhaltend, geduldig und nachsichtig helfen, wo ohne Standhaftigkeit, Geduld und Nachsicht un- moͤglich zu helfen ist? — So las der Pfarrer; und der Aelteste der Vorgesezten antwortete ihm mit lauter Stimme vor allem Volk: — Diener des Allerhoͤchsten! wir sind ein schwaches Geschlecht, und vergeßlos wie unsere Vaͤter, die vor uns gelebt; — aber werde nicht muͤde, uns den Spiegel unserer Pflichten immer vor Augen zu halten, damit wir in der Furcht Gottes bleiben, und unsere Pflichten je laͤn- ger je weniger vergessen! — Dann las der Pfar- rer auch ihnen das Bild eines guten und eines schlechten Dorfvorgesezten oͤffentlich vor allem Volk vor. — Das Bild war auf keiner Seite uͤbertrie- ben; aber es sezte deutlich und vielseitig ins Licht, wie ein guter Vorgesezter auf Kind und Kindskin- der hinunter Wohlstand und Segen, der andere hingegen Verwirrung und Ungluͤck veranlassen und fast nothwendig machen koͤnne. — Und alles, so in ihrer Sprache, und so auf die Faͤlle ihrer taͤgli- chen Erfahrung eingerichtet, daß ein jedes Kind bey dem Vorlesen dieser Bilder denken konnte, wenn der Vorgesezte mit meinem Vater, oder mit meiner Mutter, izt so und so handelt, so ist es just wie es da steht. — Auf diese kamen die alten grauen Maͤnner und Weiber — und der Pfarrer las — Das ist die Pruͤfung des grauen Alters fuͤr den Festtag des Herrn! — Ist dein Sinn deinem Al- ter angemessen? — Hangest du nicht mehr an der Erde, als die Tage werth sind, die du noch zu leben hast? — Bist du denen, die nach dir kommen, was du ihnen seyn sollst? — Kannst du den Berg, der hinter dir ist, ansehen, als ob er dich nichts mehr angehe? — Kannst du liegen lassen, was Niemand mehr von dir fodert, was andere izt besser machen als du? — Plagest du Niemand mit dei- ner Schwaͤche? — Goͤnnest du der Jugend die Freuden ihrer Staͤrke? — Hast du keinen Saa- men der Unruhe ausgesaͤet, der hinter deinem Grab keimen koͤnnte? — Kannst du aus den Erfahrun- gen deines Lebens nicht mehr Nutzen ziehen fuͤr dich, die Deinigen, und fuͤr alle Menschen? — Nimmst du nichts mit dir unter den Boden, das jemand nuͤtzen konnte, wenn du es ihm zeigtest oder sagtest? Z 2 — Solltest du keiner Wahrheit Zeugniß geben, die verdreht werden kann, wenn du nicht mehr da bist? — Kannst du nicht mehr thun als du thust, vor deinem Ende sicher zu werden, daß keines der Dei- nigen dem andern Unrecht thun koͤnne? — Siehest du mit Ruhe uͤber das Grab? Und werden deine Enkel Gott loben, wenn sie deinen Namen hoͤren und von dir sagen, er war wahrlich unser Vater — sie war wahrlich unsere Mutter? — Dann antwortete einer der Alten — Diener Gottes! unsere Staͤrke ist dahin, und unsere Kraft ist vergangen, wir sind worden wie die Blaͤtter eines Baums, die den Winter uͤber am leeren Ast hangen geblieben. — Sey der Stab unsers Alters, Diener Gottes! fuͤhre uns an deiner Hand zu allem was wir noch thun koͤnnen, damit keiner unserer wenigen Tagen mehr verloren gehe — es sind ihrer genug verloren. — Dann las er ihnen mit kurzen Worten das Bild alter Leute vor, die in ihrer Schwaͤche noch der Segen der Nachwelt, und bis ans Grab die Freude der Ihrigen sind. — Aber das Bild der Fehlern und Schwaͤchen des grauen Alters las er ihnen vor der Gemeinde nicht vor. Er wußte daß der Mensch in der spaͤ- ten Neige seiner Tage nicht mehr zu aͤndern ist, und daß alten Leuten Vorwuͤrfe mehr, als alle Last des Lebens wehe thun. Er kannte die Pflicht, das heilige Alter nicht zu kraͤnken, und wollte darum ihren Nachkommen und Hausgenossen mit dem Bild ihrer Fehler nicht Anlas geben ungeduldiger mit ihnen zu werden, und unfreund- licher mit ihnen zu handeln. Hingegen das Bild des Guten, das sie noch in der Welt ausrichten, und die Umstaͤnde und Anlaͤsse, bey denen sie ihre Erfahrungen brauchen konnten, die Menschen, die hinter ihnen aufwachsen, auf diejenigen Sachen aufmerksam zu machen, die ihnen vorzuͤglich zum Nutzen oder Schaden gereichen koͤnnten, und beson- ders, wie sie hinter ihrem Grab Streit und Un- ruh, Eifer und Neid, unter ihren Nachkommen vorbiegen konnten. — Das alles las er ihnen in liebreichen, sorgfaͤl- tigen, und ihr Alter ehrenden Ausdruͤcken vor; und erquickte ihr Herz mit der Liebe, mit der er sich ihnen anbot, an ihrer Statt alles zu thun, was ihnen in ihrem Alter und in ihrer Schwaͤche zu schwer fallen wuͤrde, wenn sie es ihm nur sagen, und machen, daß nichts versaͤumt werde, und sie ruhig ihrem nahen Fortgang aus dieser Erde ent- gegen sehen koͤnnen. Die Alten knieten nicht vor dem Altar, sie saßen auf Baͤnken. Z 3 Nach ihnen kamen die Hausvaͤter und Haus- muͤtter, und er sagte zu ihnen — seyd ihr wie ein guter Baum, der da steht voll reifer Fruͤchten? — Dann las er: Das ist die Pruͤfung eines Vaters und einer Mutter, ob sie in der Liebe wandeln vor dem Herrn ihrem Gott —! — Wendest du die Kraͤfte deines Leibs und dei- ner Seele an, daß es deinen Kindern in Zeit und Ewigkeit wohl gehe? — Weißest du, daß deine Kinder das Ebenbild Gottes ihres Schoͤpfers in ihrem Innersten herumtragen? Und heiligest du sie zu einem Tempel der Herrlichkeit Gottes die in ihnen wohnet? — Oder ist deine Liebe zu ihnen blos die Liebe des Thiers das seinen Jungen an- hanget? — Kennest du die Beduͤrfnisse der Seele, und den Segen des Friedens, und die Ruhe des Herzens? — Bist du eben so geschaͤftig ihren See- len Nahrung zu schaffen, und ihren Geist zu beklei- den als ihren Leib? — Weißest du, daß wenn du ihre Seelen verschmachten, und blos und unbe- kleidet aufwachsen laͤßest, sie verwildern, und wie die Thiere der Felder werden, wie die wilden Thiere, die man abthun und ausrotten muß von der Erde, damit das Leben und das Eigenthum des Menschen vor ihnen sicher sey? — Weißest du, daß deine Hausordnung das Meiste dazu beytraͤgt, ihre Seelen gut zu bilden, und sie vor allem Boͤsen zu bewahren? — Wachest du in diesem Gesichts- punkt d e sto sorgfaͤltiger uͤber alle Theile deines Hau- ses? — Betest du mit ihnen? — Weißest du sie in den Uberwindungen des Lebens auf Gott hin? daß sie ruhig bleiben bey der Last des Lebens in ihrem Herzen. — Thust du ihnen nichts, als wahrhaft Gutes? — Laͤßest du sie an Leib und Seele in nichts schwach und krumm werden? — Bringst du den Segen deiner Aeltern zum sichern Zeichen deiner Liebe und Treu ungeschwaͤcht auf sie herab? — Gehet das Gut deiner Aeltern in deiner Hand nicht fuͤr sie verloren? — Und werden deine Kinder hinter dir nicht seufzen und klagen, mein Vater und meine Mutter haben mir Unrecht gethan, und ich bin um der Fehler ihres Lebens willen eender geworden, als keine Waise? — Ihm antwortete der erste der Hausvaͤter: — Auch wir sind ein schwaches Geschlecht, und die Seele unserer Kinder ist oft und viel so wenig in unserer Hand, als ihr zeitliches Gluͤck; dennoch aber lehre uns unsere Kinder bewahren, wie unsern Augapfel, Diener des Allerhoͤchsten! — Dann las er ihnen das Bild eines schlechten und eines guten Hausvaters, und dasjenige einer schlechten und einer guten Hausmutter vor, und mahlte mit wahren und starken Farben die Haupt- sachen einer guten Hausordnung, so wie die Haupt- fehler einer schlechten Hausordnung und einer Z 4 schlechten Kindererziehung deutlich ab, mit Dar- stellung der vielerley Folgen, die beydes auf Aeltern und Kinder bis auf das Todbett der ersten, und auf die Nachkommenschaft der andern habe, und haben muͤsse. Nach ihnen kam die reife Jugend des Dorfs; feyerlicher noch als die andern wurden sie von ih- ren Aeltern und Großaͤltern herfuͤr zum Altar ge- fuͤhrt; und wann sie knieten, stund der Kreis ihrer Aeltern und Großaͤltern rings um sie herum, und falteten die Haͤnde vor der Gemeinde, dann sagte der Pfarrer — Soͤhne der Vaͤter! und Toͤchter der Muͤtter, die euch zum Altar Gottes bringen! Was seyd ihr? — Was werdet ihr werden? — Warum kom- met ihr hieher? — Ein Augenblick darauf — Du unsere Hofnung und unser Stolz, bluͤ- hende Jugend! du bist wie ein Garten in seiner Pracht; aber wisse, die Erde naͤhret sich von den Fruͤchten des Felds, nicht von der Zierde der Gaͤr- ten, ruͤste dich auf die Tage, wo du ohne Zierde und ohne Schmuck das Werk deines Lebens wirst verrichten muͤssen. Aber die Tage entscheiden uͤber die Frucht des Weinbergs und der Baͤume, und der Gebrauch der Stunden deiner itzigen Zeit, ent- scheidet uͤber den Werth deines Lebens. Im Som- mer deines Lebens, und im Herbst deiner Tage, wirst du umsonst dann Weisheit suchen, wann du sie izt nicht suchest, vergebens die Kraͤfte wuͤnschen, die du izt nicht uͤbest. Was du izt verlierst, wirst du nie wieder finden; und was du versaͤumst, wird dir versaͤumt seyn, bis an dein Grab. — Dann las er ferners — Das ist deine Pruͤfung, bluͤhende Jugend! ob du in der Liebe wandelst vor dem Herrn dei- nem Gott? Nimmst du zu in allem Fleiß? — In aller Ordnung, in allen Kenntnissen des Lebens, und in allen Vorzuͤgen der Seele? — Wachsest du auf zum sichern Trost deiner Aeltern — Sind ihre Bemuͤhungen an dir nicht verloren? — Macht deine Liebe, und dein Dank, ihnen ihr Leben leicht? — Und sorgst du fuͤr dich selber, wie ein Mensch in deinem Alter, der mit Ehren zu grauen Haaren kommen will, thun muß? — Kennest du die Bestimmung und die Gefahren des Lebens, und die Schreckensabgruͤnde der Wege in deinen Jah- ren? — Fliehest du den Schein des Uebels, damit dich das Uebel nicht selber ergreife? — Kennest du die Schwaͤchen deines Geschlechts? — Und laͤssest du dich warnen vor der Menge der Menschen, die sich in Gefahr begeben, und vor deinen Augen dar- inn umkommen? — Kennest du den Schaz, den du in dir selber herumtraͤgst, die Tage deines Le- bens zu schmuͤcken? — Und die Stunde deines Absterbens zu erheitern? — Soͤhne und Toͤchter meines Volks! ihr pruͤfet euch vor dem Altar unsers Gottes, ob ihr in der Liebe wandelt? Ich aber frage euch, ist keiner unter euch der Moͤrder des andern? — Denn wis- set, wer einen Menschen verderbt mit seiner Suͤn- de, der ist ein Moͤrder. — Du, unsere Hofnung unser Stolz! bluͤhende Jugend! niedergebuͤckt vor dem Altar Gottes, an der Seiten deiner Aeltern und vor der ganzen Gemeinde, muß ich dir sagen, es sind Soͤhne der Erden, die die Toͤchter des Lan- des wie Raubvoͤgel die Unschuld einer Taube wuͤr- gen, und sie dann liegen lassen in ihrem Elend wie ein Aas in dem Wald. Wisse, o du Hofnung un- sers Volks, und du unser Stolz! es sind Toͤchter auf Erden, die den Knaben Schlingen legen auf Leben und Tod, und die Soͤhne des Lands mit dem Gift ihrer Wuth toͤdten, und die Frucht ihres Leibs ersticken, wie kein Vieh auf der Erde die Frucht seines Leibs erstickt. Beuge dich nieder, Krone unsers Haupts! vor dem Altar der Liebe, und frage dich selbst, ist keiner des andern Moͤrder? Und erkenne die Schwaͤ- chen deines Geschlechts, und die Gefahren deines Alters —! Dann antwortete ihm der aͤlteste der Juͤng- linge — Es ist wahr, wer immer seinen Nebenmen- schen in der Suͤnde verdirbt, der ist sein Moͤrder, Diener des Allerhoͤchsten! werde nicht muͤde, uns ferner die Schwaͤchen unsers Geschlechts, und die Gefahren unsers Alters zu lehren! — Dann las er auch ihnen das Bild ihrer Ta- gen, und das junge Volk hoͤrte kniend der Leiden- schaften Gefahrem, und die Schreckensgeschichte der Wollust, vom Anfang der Schamhaftigkeit bis an die Graͤnzen der Selbstverheerung, und die Ab- gruͤnde des Kindermords, und dann auch die Mit- tel der Weisheit und Gottesfurcht, gegen dieses Verderben der Schwaͤche unserer Natur. — Nach diesem wandte er sich an ihre Aeltern, und sagte: Nehmet von ihnen das heilige Verspre- chen, das keines das andere ungluͤcklich machen wolle! — Dann giengen die Reihe der Soͤhne und die Reihe der Toͤchter zu ihren Vaͤtern und Großvaͤ- tern, die hinter ihnen stunden, versprachen ihnen, ihre Haͤnde in die Haͤnde ihrer Aeltern gelegt, daß sie zu einander Sorge tragen, und einander nicht ungluͤcklich machen wollen. — Nach ihnen kamen die Witwen und Waisen; dann stund die ganze Gemeinde auf, und der Pfar- rer redete mit der Gemeinde, als mit den wahren Aeltern und Pflegvaͤtern der Witwen und Waisen; dann las er auch die Pruͤfung der Witwen und Wai- sen, und das Bild ihres Zustands. — So endete sich die Pruͤfungsstunde des Volks in Bonnal am Abend vor den heiligen Festen. — Den folgenden Tag, als am Feste selber, wie- derholte der Pfarrer fast mit aͤhnlichen Worten einer jeden Klasse seiner Pfarrkinder das Wesentliche die- ser Pruͤfung, in dem Augenblick vor dem Genuß des Mahls der Liebe, und nach dieser heiligen Handlung sagte er zum Volk — Irret euch nicht! — Die Liebe bestehet nicht in Einbildungen und Worten, sondern in der Kraft der Menschen, die Last der Erden zu tragen, ihr Elend zu mindern, und ihren Jammer zu heben. — Der Gott der Liebe hat die Liebe an die Ord- nung der Erde gebunden, und wer fuͤr das, was er in der Welt seyn soll, nicht in der Ordnung ist, der ist auch fuͤr die Liebe Gottes und des Naͤchsten in der Welt nicht in der Ordnung. Wer immer nicht ist, was er seyn soll, nicht kann, was seine Pflicht ist, und zu dem nicht taugt, was ihm ob- liegt, dem mangelt die erste Kraft der reinen Liebe Gottes und des Naͤchsten. — Sie ist nicht ein Traum, und nicht wie das Saͤuseln des Windes, das sanft in deinen Adern schlaͤgt, und nicht wie das Wiegen eines Kinds, das unter dem Singen der taͤndelnden Amme ent- schlaͤft. Alle Liebe der Menschen, die ohne Kraft und ohne Wirkung ist, ist so viel als keine. Ohne Le- bensweisheit, ohne Lebensstaͤrke, ohne Ueberwin- dungskraͤfte, ohne Hausordnung, ohne eine vor- sichtige, bedaͤchtliche, und die Grundfesten des menschlichen Wohlstands, festhaltende Seelenstim- mung, ist sie nichts anders, als die gleiche thieri- sche Theilnehmung, die fast ein jedes Thier beym Leiden eines andern seiner Art zeiget; aber diese Art bloßer Thierliebe ist im buͤrgerlichen Leben Nichts und minder als Nichts werth, sie ist gaͤnz- lich Verdienst-leer und Wirkungs-los — Sie hilft Niemanden, sie bringt Niemanden in Ordnung; was sie will, das kann sie nicht: was sie verspricht, das haltet sie nicht; was sie anfaͤngt, das gera- thet ihr nicht — sie macht den Hungrigen nicht satt — sie hat den Durstigen nichts zu trinken — sie macht den Frierenden nicht warm — sie laͤßt den sinkenden im Koth — kurz, sie betruͤgt, ihre Hofnungen sind leerer Schein — sie nimmt dem Menschen was er hat, und giebt ihm nichts wie- der, und thut Niemanden darmit wohl. — Der Mensch ist nur in so weit wahrer wirksamer Liebe faͤhig, als er den Naturfehlern seines Geschlechts Meister, den Leichtsinn, die Gedankenlosigkeit, die Traͤgheit, die Unwissenheit, die Unbedachtsamkeit, die Leichtglaubigkeit, den Starrsinn, die Tollkuͤhn- heit und Gewaltthaͤtigkeit des wilden Naturlebens besiegen gelernt, und fuͤr seinen Beruf, und fuͤr seine Umstaͤnde zuverlaͤßig, arbeitsam, bedaͤchtlich, uͤberlegend, anstellig gebildet, und als zu einem eben so gutmuͤthigen als weisen Betragen gegen alle seine Nebenmenschen geschickt gemacht worden. So eng band er die Grundsaͤtze seiner buͤrgerli- chen Volksbildung an die Religionsbegriffe, und an die Andachtshandlungen desselben; hielt beson- ders dafuͤr, alle gottesdienstliche Versprechen muͤssen so viel als moͤglich ihre buͤrgerliche Kraft haben, und der Wortbruch gegen gottesdienstliche Verspre- chen muͤsse nothwendig auch buͤrgerlich entehren. Er brachte darum eine solche Deutlichkeit, Be- stimmtheit, Offenheit, und Feyerlichkeit in diesel- ben, und arbeitete mit eben der Sorgfalt, mit der er im buͤrgerlichen Leben dem Leichtsinn, der Ge- dankenlosigkeit, und der Wortbruͤchigen Untreu ent- gegen arbeitete, eben so diesen Fehlern in allen Re- ligionshandlungen entgegen, indem er es fuͤr das Fundament des reinen wahren Gottesdiensts achtete, daß der Mensch mit dem Werk seiner Andacht we- der sich selbst betruͤge, noch dem lieben Gott ein Blendwerk damit fuͤr die Augen machen wolle. Er that das besonders in Absicht auf die so auffallend und allgemein misbrauchte Versprechen bey den Taufhandlungen, und hob die alte Form, Gevat- terleute zu erbitten, gaͤnzlich auf; und verordnete dagegen, daß ein jeder Vater den Personen, die er zu Taufzeugen seines Kindes suche, seinen Wunsch durch den Pfarrer des Orts muͤsse anzeigen lassen; welcher dann eine bestimmte Antwort von denselben zu fodern habe, ob sie sich in der Lage befinden, und mit gutem freyem Willen bereit seyen, den Wunsch des Vaters in seiner ganzen Ausdehnung mit allem Ernst, und mit Ruͤcksicht auf die Folgen, welche ein solches Versprechen auf sie haben koͤnn- ten, zu entsprechen? Die Angefragten waren voͤllig frey, diese Bitte abzuschlagen; wenn sie sie aber annahmen, so mußten sie ihr Versprechen bey dem Pfarrer schriftlich niederlegen, der es nicht dem Vater zustellte, sondern zu Handen der Gemeinde, und zu ihrer allfaͤlligen Sicherheit aufbehielt. So wie auf der andern Seite der Vater eben so be- stimmt dem Pfarrer zu Handen der Gemeinde schrift- lich geben mußte, daß er die erbetenen Taufzeugen seines Kinds wirklich fuͤr faͤhig, geneigt, und im Stand halte, ihm in Absicht auf dasselbe an die Hand zu gehen, und daß er selbige um deßwillen zu diesem Endzweck fuͤr diesen Christendienst ange- sprochen. — Wer Niemanden fand, der eine so ernsthafte Verpflichtung fuͤr sein Kind auf sich neh- men wollte, dem mußte die Gemeinde, das ist, die Kirche, die Pathenstelle vertreten; die Vorgesezten uͤbernahmen die Pflichten dieser heiligen Verbind- lichkeit, und bey Arners Ordnung mangelten sie nicht, dieselbe zu erfuͤllen. Auch die heuchlerischen Taufzedel, in denen Schaaren verlassener Wuͤrmchen von ihren Tauf- zeugen dem lieben Heiland uͤbergeben werden, wie der Joseph von seinen Bruͤdern den Arabern, damit er nicht umkomme, aber ihnen doch aus den Au- gen — verbot er. Die Pfarrer, sagte er, sollen Taufscheine machen, und das sey genug. — Der Misbrauch dieser Heuchlerzedel empoͤrte ihn aͤußerst. In der Zeit, da er hierinn diese Aenderung traf, sagte er mehrmalen, wann er die Stube auf- und abgieng, zu sich selber, Gottesdienst! Gottesdienst! was machst du aus den Menschen? wenn deine Handlungen keine buͤrgerlichen Verbindlichkeiten ha- ben, und blos auf den schwankenden Sinn einer Gutmuͤthigkeit ruhen, die jeder Wind wehet, wo- hin er will! — Arner wollte es nicht so; er bauete den Gottesdienst auf den Einfluß seiner gesezgebe- rischen Volksbildung, die den Geist seiner Bonnaler in allen Sachen auf das Wesentliche derselben auf- merksam, und fuͤr dasselbe real betriebsam machten. Daß das Kind in der Wiegen versorget, daß das Alter am Rande des Grabes beruhiget, daß die die Wange der Witwe, und das Auge der Waisen thraͤnenlos sey, daß das Herz des Knechts nicht verhaͤrtet, und die Unschuld der Magd nicht ver- schmaͤhet, und ein jedes im treuen Dienst seines Lebens Befriedigung finde, das war das Ziel sei- ner gottesdienstlichen Lehre; und er baute die Mit- tel, zu diesem Ziel zu gelangen, auf diejenige See- lenstimmung des Volks, welche zu aller Weisheit, zu allem Recht, und zu aller Ordnung des buͤrgerli- chen Lebens die allervorzuglichste ist. — §. 62. Dahin zielte ich von Anfang — Und wenn du Nein sagst Leser! so must du zuruͤckgreifen, und zu vielen vor- hergehenden Nein sagen. A uf dieser Bahn, nemlich durch die Festhaltung der Grundsaͤtze seiner gesezgeberischen Volksbil- dung, kam er dahin, den wahren und einzigen Weg zu entdecken, auf welchem die hoͤhere Endzwecke einer weisen Staatsgesezgebung zuerzielen, na- mentlich — Erstlich: Die Vereinfachung der Abgaben des Staats. A a Zweytens: Die Sicherstellung des wirklichen Genusses buͤrgerlicher Rechte fuͤr die niedere Menschheit. Drittens: Die Befreyung des Volks von dem Druck der Knechtschaft, die auf dem Landei- genthum ruhet. Viertens: Die Sicherstellung niedern Men- schen vor den ruinirenden Folgen, welche die Feuersbruͤnste, Wasserschaͤden, Hagelwetter und Viehvresten auf sie haben. Fuͤnftens: Die Moͤglichkeit den Militairdienst fuͤr die Sitten, die Bevoͤlkerung und den Wohl- stand des Volks minder schaͤdlich zu machen. Sechstens: Die außerordentliche Staatsabgaben ohne verheerenden Druck auf das niedere Volk zu bestreiten, und Siebendens: Ueberhaupt einen merklichen allge- meinen Vorschritt in dem Wohlstand und der Bevoͤlkerung des Lands mit zuverlaͤßiger Si- cherheit auf Kind und Kindeskinder herunter zu bringen. Achtens: Und endlich das Schwert der Gerech- tigkeit in der Scheide wahrhaft menschlicher Grundsaͤtze halten, und die andern Menschen mit so gefaͤhrlicher Schaͤrfe nicht unschuldig zu verletzen. In diesem allem fand Arner in der einfachen Aufmerksamkeit auf die buͤrgerliche Bildung seines Dorfs gebahnte Wege. — Leser! es ist kein Traum, die gute Bildung des Volks zur Industrie ist die einzige moͤgliche Bahn zu allen diesen Endzwecken. — Und Gesez- geber! Gesezmacher! und Fuͤrsten! wollt ihr diese nicht, so findet ihr — keine — und kommt in kei- nem einzigen von allen hoͤhern Endzwecken einer weisen Gesezgebung auf tausend Schritte nicht, auch nur zu einem Anschein eines vernuͤnftigen Ziels — doch ich rede ja nicht mit Fuͤrsten, und haͤtte wirk- lich ohne diese Anmerkung fortfahren koͤnnen. Es war nun Jahr und Tag verstrichen seit seiner Krankheit, die Raͤder seines Werks giengen alle ihren stillen Gang fort, und alle Anstoͤße wur- den mit jedem Tag schwaͤcher. Wo der Grund und Boden geruͤstet, da wach- sen die Fruͤchte des Feldes, und die Pflanzen des Gartens heben sich von der Erde empor, wenn die Hand des Gaͤrtners ihnen nie mangelt — sie man- gelte in Bonnal der kleinsten Pflanze so wenig als dem ersten Baum des Gartens — die feste und gute Ordnung, die in allem war, hob den Geist des Menschen hoͤher empor, als er da empor steigen kann, wo keine Ordnung ist, und der Leiter, die A a 2 man ihm zum Steigen darstellt, nichts mangel t als alle Sprossen. Der neue Vogt, der den Einfluß der immer groͤßer werdenden Geldmenge, die in der Welt in Umlauf gebracht wird, auf die gaͤnzliche Veraͤnde- rung der Umstaͤnde des Volks tief kannte, und ein- sah, wie alle Fundamente seiner buͤrgerlichen Si- cherheit und seines haͤuslichen Gluͤcks von dieser Geldmasse, und von der mehr und mindern Sorg- falt die der Mensch fuͤr denjenigen Antheil, der ihm davon zukommt, hat, gaͤnzlich abhange — that izt einen Schritt, der Arnern und den Lieutenant selber in Erstaunen sezte. Er trug nemlich der versammelten Gemeinde vor, es sey moͤglich, durch Einrichtungen und Er- sparnissen, die ihnen gar nicht schwer fallen wer- den, innert 25 Jahren zu einem Kapital zu gelan- gen, welches vollkommen genugsam sey, die herr- schaftlichen Gefaͤlle und die Abgaben, die samt und sonders auf ihrem Land, wie durch einen ewi- gen Zins haften, von diesem Kapital also zu be- streiten, daß sie dannzumalen alle diese Gefaͤlle so viel als getilget, und ihre Guͤter und Personen von herrschaftlichen Abgaben in so weit als befreyt anse- hen koͤnnten. Er bewies ihnen zuerst mit den Amtlichen- Rechnungen, daß die ganze wirkliche Einnahme, welche die Herrschaft von allen Gefaͤllen aus ihrem Dorf ziehe, noch in keinem Jahr vollends auf die Summe von 1200 Gulden gekommen; daß folg- lich, um der Herrschaft zu allen Zeiten den Werth ihrer Einnahme sicher zu stellen, und auch noch dem Werth, den die Verbesserung der Guͤter moͤg- lich machen koͤnnte, gewachsen zu seyn, nicht mehr als 40000 Gulden Kapital erfordert w e rde: dieses festgesezt, bewies er dann mit der Kreide in der Hand, und mit der großen Bauernzahl auf dem Gemeindtisch, um den sich alles was rechnen konn- te, und alles, was zur Sache auch ohne Rechnen immer ein Wort redte, herumdraͤngte, daß wenn sie sich entschließen wollen — 1) Anderthalb Kreuzer von jeder Garbe, die einer schneide, jaͤhrlich fuͤr den Steuerfond bei- seits zu legen, und zu bezahlen. 2) Alle noch uͤbrige Weiden dem Hoͤchstbieten- den so lang zu gaͤnzlich freyer Benutzung zu uͤber- lassen. 3) Die vom Junker ausgetheilten Weiden, so wohl die, so zu Buͤndten, als die so zu Matten gelegt worden, fuͤr so viele Jahr mit dem halben Zins ihres gegenwaͤrtigen Zinses zu belegen, also daß einer, dessen Stuͤck Land 100 Gl. werth waͤr, so lang jaͤhrlich davon 2 Gl. an den Steuerfond bezahlen muͤßte; und endlich A a 3 4) Die Einnahme und Besorgung dieser Gel- der ohne alle Koͤsten, was Namens sie auch ha- ben wuͤrden, besorgt werden muͤßte. — So wolle er mit Haab und Gut davor stehen, die- ses Kapital muͤsse innert 25 Jahren beyeinander seyn. Dann bemerkte er noch, was er anbringe, sage er nicht als Vogt, sondern als Buͤrger, auch nicht um des Junkers willen und zu seinem Dienst, sondern um der Gemeinde, und ihrer und seiner ei- genen Nachkommenschaft willen. Das freute die Bauern besonders; und der Vogt ließ noch ein paar Worte fallen, wie viel leichter es dann ihren Kindern seyn werde, auf einen gruͤnen Zweig zu kommen — und kam dann auch dem Einwurf vor, daß anderthalb Kreuzer viel gerechnet sey auf eine Garbe, indem er ihnen zeigte, daß sie die Summe, die diese Schatzung einem jeden betrage, nicht ei- gentlich nach dem Werth der Garben berechnen, sondern vom Ganzen ihres Jahreinkommens abzie- hen muͤßten — gieng dann mit ihnen in die Um- staͤnde ihrer Ausgaben und ihrer Einnahmen hin- ein, und zeigte ihnen, immer mit der Kreide in der Hand, voͤllig mit ihrer Bauernzahl und Ord- nung, wie viel jaͤhrlich unnoͤthiger Weise von ih- nen verbraucht werde, und wie viel sie ohne Muͤhe er sparen koͤnnen, wenn sie sich darnach einrichteten. Es kam Sonnen klar hinaus, daß sie den Steuer- fond, wie er gesagt, zusammen bringen koͤnnen, wenn sie nur wollten. Er brachte einen jeden Ein- wurf in Anschlag; er blieb keinem einzigen ein Wort schuldig; war auch gegen den Duͤmmsten, der ihm widersprach, geduldig; und hatte so we- nig, als vor 40 Jahren, da er noch bettelte, den gewoͤhnlichen Vorgesezten Ton, der immer alles, was die Bauern selber machen, und selber wollen sollten, verdirbt. Zulezt sagte er, ich weiß, es ist keiner da, der nicht lieber seinen Kindern sein Land, Bodenzins, Zehnden- und Steuerfrey hin- terlassen wollte, um doppelt so viel Gut als er be- sizt, und keiner, der nicht erkennt, es waͤre auf die erste Manier besser fuͤr sie gesorgt, als auf die lezte; und dann auch, daß keiner da sizt, der nicht uͤberzeugt ist, daß wir diese Summe zusammen bringen koͤnnen, wenn wir nur wollen. — Wer die Bauern kennt, der weiß, daß sie sich dafuͤr fast haͤngen lassen wuͤrden, ihr Land Zehn- den- Bodenzins- und Steuerfrey zu bekommen. Stelle dir also vor Leser! was dieser Vortrag auf sie fuͤr einen Eindruck gemacht! Ein Heide ist nicht so luͤstern nach dem Raub, als sie nach der Zehn- den-Freyheit waren; sie stuͤzten ihre Backen, kraz- ten im Haar, und thaten viel anders d a s zeigte, wie gern sie moͤchten, aber auch, wie sehr sie nicht trauten. Ihrer etliche sagten ihm, du machst uns das Maul verflucht waͤsserig — aber — A a 4 Was aber? sagte der Vogt. — Und sie — Du weißst wohl, der Teufel ist ein Schelm; wir koͤnnen 25 Jahr zusammen legen, und dann koͤnnte einer das Geld an einem Regentag in seinen Sack schieben, und weg tragen, wie wenn es sein waͤr. — Vogt . Diesem muͤsset ihr vorbiegen. — Bauern . Koͤnnen wir das? — Vogt . Ja freylich. — Bauern . Das ist bald gesagt, aber nicht bald bewiesen. — Vogt . Ihr wißt doch, daß ein jeder Herr sein Geld sicher anlegen kann, wenn er will. — Bauern . Das wissen wir freylich. — Vogt . Aber warum sollten wir das gleiche nicht auch koͤnnen? — Bauern . Weil wir Bauern sind, und die Herren mit unserm Geld nicht so viele Komplimente machen als mit Herrengeld; und denn verstehen wir das auch nicht so wie sie. — Vogt . Ihr saget zwey Gruͤnde; gebt izt Achtung; ich will euch auf beyde antworten: Erst- lich saget ihr, ihr verstehet es nicht mit dem Geld anlegen, das mag fuͤr euch wahr seyn, fuͤr mich ist es nicht wahr, ich verstehe das Geld anlegen, und kann euch dienen; aber ich begehre gar nicht, daß ihr mir trauet; im Gegentheil, ich anerbiete euch fuͤr jeden Heller, den ich euch anzulegen rathen werde, kanzleyische Sicherheit auf mich selbst, und alles was ich besitze, aber mit diesem hoffe ich dann, werde dieser Einwurf gehoben seyn. Dann saget ihr ferner, die Herrschaften ma- chen gar wenig Komplimente mit dem Bauerngeld, das ist wahr; aber ich muß euch doch sagen, es ist auch hierinn nicht mehr wie vor alters, und es wird alle Tage, auch fuͤr die groͤsten Herren immer mehr eine kizliche Sache, Gewalt gegen anderer Leuten ihr Geld zu gebrauchen; aber wir muͤssen gleichwohl gegen die Herrschaft hierinn so zu Werk gehen, als wenn man das Schlimmste von ihr zu befuͤrchten haͤtte, und wann wir so etwas zu Stand bringen wuͤrden, so muͤßten wir hoͤhern Orts als nur be y Arner unsere Sicherheit suchen. Bauern . Aber duͤrften wir ihm zeigen, daß wir ihm nicht trauen? — Vogt . Ja freylich! es duͤrfen Kaͤsehaͤndler und Uhrenkraͤmer vom Koͤnig in Frankreich Sicher- heit fodern, wann sie ihm Geld liehen. — Man macht in der ganzen Welt hieruͤber keine Kompli- mente mehr mit einander, es ist auch kein Koͤnig der izt mehr fodert, daß man ihm blind traue. Bauern . Also meynest du, wir koͤnnten das Geld anbinden, daß es sicher angebunden waͤre? — Der Vogt versicherte sie noch einmal, daß sie es gewiß koͤnnen, und daß er ihnen gut dafuͤr ste- hen wolle. Wenns so ist, sagten die Bauern, so ist es was anders, und es laͤßt sich der Sache nachsinnen — Er redete noch eine Weile mit ihnen, zeigte ihnen in allem, wie, wo, und wann; sagte ihnen auch noch das, wer gar nichts sezt, kann auch nichts gewinnen; ließ sie dann heimgehen, und den folgenden Tag, nach uͤbernaͤchtigen Rath, nahmen sie seinen Vorschlag in allen Theilen an, beschlossen mit dem neuen Jahr den ersten Beytrag an diesen Steuerfond zu leisten, und dann in zwey oder drey Jahren zu sehen, wie es mit der Sicherheit fuͤr dieses Geld einzurichten. — Wie gesagt, der Junker und der Lieutenant erstaunten uͤber diesen Entschluß. Man ist den Geschaͤften nur Narren gegen die Donnersbauern, wenn sie einmal einer Sache recht auf der Spur sind, sagte der Lieutenant — und der Junker — ich habe noch nichts gesehen, daß diesem Entschluß aͤhnlich ist — und machte eilends den Vogt ins Schloß kommen. Dieser glaubte, sein Schritt habe misfallen, aber sein Entschluß war genommen, will man das nicht, so will ich nicht Vogt seyn. Er sagte den geraden Weg, entweder muß der Zustand des Volks auf einen festen Fuß gesezt werden, und es muß Dorf, als Dorf, und im Großen so gut frey ge- stellt werden, aus seinen guten Umstaͤnden, ohne Nachtheil und zum Nutzen der Herrschaft fuͤr seine Nachkommen, wahre und wesentliche Vortheile zu suchen, als es einem jeden einzelnem Menschen er- laubt ist, dieses zu thun, oder es kommt nichts heraus. Er murrete bey sich selber, es waͤre ja, wenn man dieses nicht erlauben wollte, vollends, wie wenn man einem sagte, du darfst in einem Haus so viel schoͤne Zimmer machen als du willt, aber die 4 Hauptwaͤnde des Hauses darfst du nicht in Stand stellen, daß sie nicht zusammen fallen. Und er kam wie ein Jud, der auf dem Weg zu einem Markt immer mit sich selber rechnet, den Kopf immer schuͤttelt, und das Maul nie still haͤlt, — diesmal ins Schloß. Arner bat ihn, ihm zu zeigen, wie es moͤg- lich, daß das Dorf eine Summe von dieser Groͤße zusammen bringen koͤnnte! — Der Lieutenant sezte sich neben den Vogt hin, rechnete Satz fuͤr Satz nach was er angab — eine Viertelstunde gieng voruͤber, und der Ausspruch ward: Die Sache sey moͤglich! — Der Junker und der Lieutenant stunden eine Weile erstaunt bey der so lang mis- kannten und ungenuzten ersten Quelle des mensch- lichen Wohlstands. — Es war nun am Tag, ein Dorf, das mit sei- ner Landwirthschaft eine gut geleitete Gewerbsam- keit verbindet, und das, was es ersparen kann, so gut zu Rath zieht, als wohl regierte Staͤdte, und gut gefuͤhrte buͤrgerliche Haͤuser dieses mit ihren Ersparnissen thun, kann ein Kapit a l anlegen, des- sen Zins ihm alle Lasten, die auf seinem Land lie- gen, bezahlt. — Und ein Dorf, das dies kann, kann auch ohne Maaß mehr. — Der Vogt machte kein Geheimnis daraus, und der Lieutenant und der Junker sahen es ein; ein Dorf, das im Stand ist, auf den ersten Streich in 25 Jahren 40000 Gl. zusammen zu bringen, ist sicher auch im Stand, in den naͤchstfolgenden Jahren auf 100000 Gl. zu kommen. — Es fiel auf, daß durch die- sen Plan — Die Kraͤfte des Staats ohne Maaß erhoͤhet, die Simplifikation aller Staatsauflagen erzie- let — Die Rechte der Menschheit dem niedern Volk versichert — Eine dem Beduͤrfnis der Industrie und des steigenden Wohlstands angemessene Volkserzie- hung allgemein erstrit t en — Die zufaͤllige Ungluͤcksfaͤlle einzelner Familien von der Gesellschaft erleichtert, oder verguͤtet — Die Landes Bevoͤlkerung ohne Maaß und mit Sicherheit erweitert — Der Militaͤrdienst durch den Ueberfluß von Geld und Volk dem Land minder druͤckend ge- macht; außerordentliche Staatsausgaben ohne die geringste Volksbedruͤckung erhoben: mit einem Wort, die hoͤhern Endzwecke einer wahr- haft weisern Staatsgesezgebung erzielet wer- den koͤnnen. — Es fiel auf, daß der einzige moͤgliche Weg et- was reales zur Veredlung der Menschheit im Großen beyzutragen, auf einer weisen Bildung des Volks zur Industrie ruhet; und der Lieutenant sagte am Ende des Gespraͤchs, es ist wahr, Weisheit in Er- werbung und Anwendung des Gelds, ist das Fun- dament des Menschen, und aller Einfluß des Staats, der nicht auf dieses Fundament gebaut ist, richtet zum wirklichen Wohl der menschlichen Gesellschaft nichts solides und allgemeines aus. — Der Schluß war kurz: Arner versprach dem Vogt eine Ehrensaͤule, wenn er zu Stand bringe, worauf er angetragen; und versicherte ihn zu Han- den des Dorfs, ihnen fuͤr jeden Heller ihrer Er- sparnissen, die sie zu diesem Endzwecke zusammen legen werden, die hoͤchstmoͤglichste Sicherheit, die irgend ein Kapital im Lande haben koͤnne, von Seiten der Landsstaͤnde zu ertheilen. — Der Vogt erwiederte dem Junker, die Eh- rensaͤule die er suche, sey die Sicherheit, daß er fuͤr seine Kinder und Kindeskinder nicht vergebens gearbeitet, und sie nicht in Lagen und Umstaͤnde kommen, in denen bis izt so viel als alle Dorfleute seyen, daß ihr Zustand ganz unzuverlaͤßig, und alle Augenblicke von einem jeden Wind abhange, der uͤber sie wehe; dieses aber koͤnne in der Welt nicht anderst kommen, bis alle Grundherren-Rechte nach ihrem realen Geldwerth angeschlagen, und den Unterthanen der Weg gebahnet werde, zu ihrem und der Grundherren beyderseitigen Vortheil, und zur Sicherstellung und Festsetzung des Wohlstand des Volks auf Kinder und Kindskinder hinab, ihre Schuldigkeiten durch vernuͤnftigen Gebrauch ihrer Ersparnisse, und durch Kapitalien, die sie aus den- selben zusammen legen koͤnnen, zu entrichten. — Wenn Arner ihm, und dem Dorf, zu diesen helfe, so brauche er dann keines Steins zu seinem Ange- denken, er hoffe, es werde dann sonst bleiben. — Hingegen das Anerbieten, dem Dorf von Seiten der Landsstaͤnden Sicherheit fuͤr diejenigen Sum- men, die sie zu diesem Endzwecke zusammen legen werden, zu verschaffen, nehme er mit hoͤchstem Dank an, und bitte ihn so gar von Seiten des Dorfs fuͤr diese Wohlthat, welche zur Ausfuͤhrung dieses Vorschlags aͤußerst wichtig sey. — §. 63. Er schaft den Galgen ab, bauet ein Spital, und stellt den Henker zufrieden. A rner erkannte die Wahrheit dieses Systems, tra t in alle Gesichtspunkte des Manns, der die Mittel und Wege die Umstaͤnde der niedern Menschen solid zu verbessern durch Erfahrung erkennen gelernt hatte, ein. Er fand seine Begriffe voͤllig uͤberein- stimmend mit der Richtung, welche der Zustand der Welt durch den immer mehr steigenden Geldverkehr der Menschen in allen Klassen und Staͤnden ge- nommen. — Die kleine Erfahrung, die sie in ih- rem Dorf hatten, bestaͤtigte es ihnen auffallend, wie weit die Aufmerksamkeit auf Ersparnisse, so sie mit Hang und Aussichten fuͤr Freyheit und versicher- ten Wohlstand verbanden, auch den niedrigsten Men- schen bringen und emporheben koͤnne. Und der Einwurf, daß das Volk, das mit Geld sich von jeder Kette loskaufen koͤnnte, allen Lastern sich ergeben, und man seiner nicht mehr wuͤrde Meister werden; dieser Einwurf, der so viel gesagt wird — so wenig Menschenkenntniß zeigt — und so wenig Erfahrung voraussezt, wie eine ver- nuͤnftige Stimmung zum Geld ersparen den Men- schen bilde — schien ihnen, wie ers ist, in Tag hineingeredt. — Ein Volk, das sich durch Thaͤtigkeit in gute Umstaͤnde sezt, und den Gesichtspunkt fest hat, seine Kinder und Kindskinder darinn zu erhalten, ist an der besten Kette gegen alle Verbrechen, und vielleicht an der einzig realen; aber so es die Fruͤchte seiner Thaͤtigkeit ohne Aussicht auf wahre Verbesserung seiner Umstaͤnde, und ohne Ruͤcksicht auf die Nach- kommenschaft nur auffrißt, durchbringt, oder sich stehlen laͤßt, so ist es just da, wo man es nicht im Zaum halten, und mit keiner Gewalt dem Ausbruch seiner Verbrechen, mehr als zum Schein, steuern kann. — Die Erfahrung zeigte ihnen in ihrem klei- nen Dorf, daß die Verbrechen in demselben in dem Maaß abnaͤhmen, als darinn die Leute sparen ge- lernt; sie wurden dadurch sichtbar und allgemein minder ansteckend — Und da Arner wußte, daß das untruͤgliche Kennzeichen der Zeit und des Orts, wo und wann die oͤffentliche Gerechtigkeit menschlicher werden koͤnne, dieses sey, wenn die Verbrechen nicht mehr ansteckend sind, so schafte er, so bald er von der sichtbaren Verminderung derselben und ihrer Ansteckung sicher war, den Galgen ab, und erklaͤrte feyerlich an der Gemeinde, so lange kein Blutgericht in Bonnal mehr halten zu lassen, als sich in der Gemeinde nicht 3 Menschen faͤnden, die nach der alten Art die Verbrechen zu behandeln, das Leben verwirkt haͤtten. — Es Es war an eben der Gemeinde, an welcher er den Entschluß ihrer Ersparnisse, zur Befreyung ihres Lands anzuwenden, lobte, und ihnen noch einmal Sicherheit von der Seite der Landsstaͤnden ver- sprach. — Wo die Menschen in eine Ordnung ge- bracht, und in einer Ordnung gehalten werden, daß man nicht alle Augenblicke von ihnen fuͤrchten muß, sie jagen einander das Messer in den Leib, oder sie zuͤnden einander die Haͤuser an, da gehoͤren die Verbrecher nicht mehr an den Galgen, sondern in den Spital, sagte er an eben dieser Gemeinde, und schenkte ihnen und seiner Herrschaft ein altes Jagdschloß mit Wall und Mauer, darinn 15-20 Juchart Land eingeschlossen, zu einem solchen Spi- tal fuͤr die Verbrecher. — Das Thor am Schloß war von den Steinen des abgebrochenen Galgens aufgefuͤhrt, und das Aeußerste des Spitals so schauer- lich und abschreckend gemacht, als das Innere des- selben ordentlich, regelmaͤßig und schonend, die ar- men Leute in eine bessere, vernuͤnftigere, und fuͤr das buͤrgerliche Leben brauchbarere Seelenstimmung zu bringen, geschickt, und mit aͤußerster Sorgfalt, vieler Psychologie, und noch mehrerer Volks- kenntnis dazu angelegt war. Aber er mußte noch mit dem Henker abschaffen, daß er dieses gethan habe. Am Tag darauf stund er ihm vor der Thuͤr, brachte die unterthaͤnige Vorstellung ein, „daß er einmal Henker sey, und B b kein Brod habe, so der edelveste Junker den Gal- gen abschaffe, und auch den Pranger nicht mehr gebrauche, wie es die Zeit her geschehen.“ — Arner dachte wohl, er koͤnnte ihm sagen, er sey noch jung und stark, und koͤnnte noch wohl et- was andens lernen, als Menschen haͤngen und aus- peitschen; aber er wußte, was das in der Welt fuͤr Schwierigkeiten habe, fand es wirklich billig, wenn die Gesellschaft jemanden in ihrem Dienst zu etwas mache, daß er fast nichts mehr anders werden koͤn- ne, so muͤsse sie ihn dann auch erhalten, wie er sey. Er fragte ihn, wie viel ihm sein Dienst eingetragen, da er noch nichts zu klagen gehabt? Und auf seine Antwort, bot er ihm das Doppelte an; und im Heimgehen wuͤnschte dieser herzlich, daß auf diese Weise alle Galgen in der Welt abgiengen. — Aber der Junker mußte noch mit mehrern Leu- ten, als nur mit dem Henker, abschaffen, die durch die gute Ordnung Dienst- und Brodlos wurden. Ich mag sie nicht nennen. — Am Ort, wo der Galgen gestanden, richtete er eine Saͤule auf, mit der Ueberschrift: „Das Hochgericht abgeschaft durch gute Ordnung 1786.“ Run ließ er auch die Urkunden seines Volkfests oͤf- nen, und der Gemeinde vorlesen; bestimmte den Mayen kuͤnftigen Jahrs zur ersten Feyer desselben; und mit diesem Schritt hielt er sein ganzes U nter - nehmen, in Absicht au f dieses Dorf, in allen seinen Theilen nun vollendet, oder damit ich mich richti- ger ausdruͤcke, vollkommen angefangen. — §. 64. Ein Bild der Welt — im Wirrwarr von Irrthum und Trugschluͤssen. I ndessen vernahmen sie in Bonnal die ganze Zeit nichts vom Herzog. Bylifsky schrieb zwar immer an Arner, foderte forthin Nachrichten vom Fort- gang der Sachen, billigte Schritt fuͤr Schritt was sie vornahmen, lobte und ermunterte in jedem Brief den Lieutenant, aber vom Herzog nie keine Sylbe. Arner fand es selber sonderbar, und sagte den ge- raden Weg, es mache ihm Muͤhe. Der Lieutenant hingegen widersprach allemal, wenn davon die Rede war, und behauptete, das aͤndere im Ganzen nichts, und man koͤnne gleich auf ihn zaͤhlen wie Gold, er habe ihm schon in Bonnal den Wink ge- geben, daß es so kommen koͤnnte, da er beym Pfarrhaus die Worte zu ihm gesagt, deren er sich noch gar wohl erinnere: „Er solle vollends han- deln, wie wenn er ihn nicht kennte, und wie wenn er nicht in der Welt waͤre.“ — B b 2 Er hatte Recht; seitdem Bylifsky den Entschluß genommen, den Dickhals in seiner Arbeit, den Her- zog uͤber das Bonnalerwesen erkalten zu machen, nicht zu stoͤren, bis es Zeit sey, konnte er ihnen auch nichts weiters sagen, als er wirklich that. Es war ein Meisterstuͤck der treuen Ehrlichkeit, und der sichergehenden Unschuld gegen den hoͤch- sten Flug des feinsten und schlauesten Gegnermuths. Er ließ Helidor vollkommen siegen. Der ganze Hof sang sein Lied. Der Herzog selber sagte: es sey mit dem Bonnalerwesen ein Traum, und nichts anders; und jedermann glaubte, Bylifsky lasse es gelten, und schaͤme sich izt selber, daß er so viel daraus gemacht. — Niemand als der Dickhals sah was wahr war, daß der Feind sich nur zuruͤck gezogen, und daß er ihn nichts weniger als geschlagen, sondern viel mehr ganz sicher noch einen Kampf mit ihm zu be- stehen haben werde; er fuͤhlte auch, daß die Sie- gerstellung, in der er zu stehen schien, nichts weni- ger als vortheilhaft fuͤr den Angriff, der ihm bevor stehen koͤnnte, sey; aber es war zu spaͤt; der Ton war gegeben, und er konnte izt nichts mehr ma- chen, als die Umstaͤnde abwarten, und Bylifsky beobachten, welches langweilig und schwer war, weil dieser nichts that — (versteht sich in diesem Stuͤck) — und es ist Steintrager-Arbeit, passen und lauren, wo sich nichts regt; und dazu machte er Bylifsky mit seinem Lauren noch Vergnuͤgen: das Bollaug konnte nicht anderst, als sich aufthun, wenn dieser um den Weg war; so sehr sein Meister sonst sein Gesicht und seine Falten in seiner Gewalt hatte, und so gern er gegen jedermann that, als ob er Niemanden achte, so konnte er es izt nicht mehr gegen Bylifsky. — Aber es war lange nicht so; sehr lange glaubte er, er habe das Feld wirklich behauptet; und der Eindruck, den er mit dem Wort, „die Welt ist ein Narrenhaus“, mit seiner Terne und Quaterne, und mit vielem anderm, dießfalls auf den Herzog ge- macht, habe Bylifsky mit seiner Traͤumerprotek- tion gaͤnzlich zum Schweigen gebracht. — Der Herzog war so viel als ganz abgelenkt; es that ihm freylich manchmal noch weh, das schoͤne Ding fuͤr Nichts zu achten, und ganz aus dem Kopf zu schlagen; aber Helidor wußte immer alle seine Launen zufrieden zu stellen, und ihn vergessen zu ma- chen, was er wollte, daß er vergesse. Bylifsky that seine Geschaͤfte, und ließ kein Wort mehr da- von fallen. Ein einzigesmal sagte der Herzog zu ihm: Es ist Schade, daß auch dieses nichts ist, und es thut mir weh; aber es ist wahr, die Menschen sind nicht in der Welt, die darinn seyn muͤßten, wenn man so etwas als eine Staatssache ausfuͤh- B b 3 ren wollte. Ihr Durchlaucht! erwiederte Bylifs- ky, der Mensch ist ein sehr gelehriges Thier Anmerkung . Muß ich auch hier wieder- holen? Ich sage nicht, der Mensch ist ein Thier — ich sage nur, der Minister Bylifsky hat ge- sagt, der Mensch ist ein gelehriges Thier. — , aber man muß ihm alles zeigen, was er nicht kann, und ihn zu allem anfuͤhren, was er seyn muß, und so ist es auch mit diesem, man muß ihn dazu anfuͤhren. — Ach Gott! sagte der Fuͤrst, das ist nicht moͤg- lich, und brach das Gespraͤch ab. Der ganze Hof meynte, er habe alles aus dem Sinn geschlagen; und Sylvia, die auch wieder da war, und ihren Mezgerhund voͤllig wieder vergessen, streckte den Hals wieder wie vor und ehe, und wie sie ihn wie- der streckte, wuchs in ihrem alten lahmen Seelchen der einzige Muth, der darinn Plaz hatte, der Muth, sich zu raͤchen; sie glaubte, es sey izt die rechte Zeit, und erzaͤhlte die Bettlergeschichte des verlo ff enen Lieutenants, und den Brodmangel des armen Manns, der zum Schulmeisterhandwerk gezwun- gen, wo sie konnte und mochte; und so, wie die Karten lagen, gab es Herren und Damen recht viele, die das gern hoͤrten, und was sie nur wußte, und noch mehr dazu, erzaͤhlte sie von diesem Landstrei- cher, der ihren guten Vetter mit seinen Dorfkindern bis in des Herzogs Stuben hieinbringen koͤnnen, wo er izt noch hange, aber vielleicht nicht lange mehr hangen werde, wenigstens unter keinem Titel hin- passe. Das ist wohl wahr, sagte einer, der den Herzog recht gut kannte, und es nimmt mich Wun- der, wenn er ihn nicht einmal verbrennt, oder zum Fenster hinaus wirft — und erzaͤhlte, wie er den Bauernbuben die Haare abschneide, wie er sie schoͤn schreiben und Feldmessen lehre, indessen der blinde arme Vetter seimen eigenen Buben in der groͤßesten Unwissenheit aufwachsen, und zu einem Bauern- toͤlpel werden lasse, daß weit und breit wohl kein groͤßerer herum laufe; vergaß auch die schoͤne Frau nicht, die dem Herr Lieutenant sein Gluͤck gemacht, und ihm die ganze saubere Schulordnung einge- richtet, und was das fuͤr ein Mustermensch sey, und wie es mit seinen Kindern umgehe, wenn etwa ei- nem ein Wort entrinne, das dem Hrn. Lieutenant und Kompagnie nicht anstehe, wenn es schon wahr sey. Das gab dem Muͤßiggaͤngervolk, das vom He- lidor schon auf diesen Ton gestimmt war, Stof, daruͤber sein Gespoͤtt zu treiben; und da sie meyn- ten, der Minister achte es nicht, und dem Liebling sey es Weihrauch, so thats jeder; man spoͤttelte am Spieltisch, man laͤchelte an der Tafel, man bemit- leidete in der Gesellschaft, man hoͤnte laut unter vier Augen; die tiefste Niedertraͤchtigkeit ruͤhmte die Engelseele des Junkers, der sich zu solchen Narr- B b 4 heiten verleiten lasse. En Geistlicher sagte, im Himmel, im Himmel! da sehen wir den heiligen Engeln dann gleich; aber auf Erden, sezte der Priester hinzu, gehoͤrt der Bauer ins Koth, und die Obrigkeit hat das Recht zu fischen und zu jagen. Ein Philosoph meynte, es koͤnnte nicht anderst seyn, es muͤßte kommen wie in der verkehrten Welt, wo der Esel dem Herrn den Bart puzt — Baronen und Grafen, wenn sie luͤmpelen, muͤßten so Bauern werden; und Bauern, die schakkerten, koͤnnten Baronen und Grafen werden, und man koͤnnte dann keine Dienst mehr finden. Es ist dumm, sagte ein anderer, das ist ja, wie wenn das Menschengeschlecht in der Welt zu spinnen und zu weben waͤre, es ist viel zu edel dafuͤr. — Just umgekehrt, sagte ein anderer, wenn das Menschengeschlecht edel waͤr, so koͤnnte man wohl so etwas mit ihm probieren, aber Gott behuͤte uns vor seinem Adel — die Quelle alles dieses Narrenpro- bierens ist just, daß man das glaubt, und das natuͤr- liche Verderben der Menschen nicht erkennen will; aber man gehe nur aufs Dorf, setzte er hinzu, und pro- biere, wer einem danke, wenn man ihm etwas Gu- tes rathen will, ich habe es erfahren, ich habe auch Projekte gemacht, und es gewiß gut gemeynt — aber der Mensch ist im Grund verderbt, und nimmt das Gute nicht einmal an, wenn man ihm es noch so deutlich sagt, und so zu reden, umsonst zeigen will. Selig wer fuͤr sich selber sorgt, sagte ein Rau- cher, und bließ dem andern, der vor ihm zustund, den Knaster ins Gesicht. So war es izt. — Selbst der Fuͤrst hoͤrte hie und da ein Wort von diesem Unfug; aber er zeigte, daß er keinen Gefallen daran habe, und wich es aus mit jemand davon zu reden. Es gab immer noch Augenblicke, da ihm das Wasser in die Augen kam, wenn er vor Arner und seinen Kindern zustund, aber das war ihm auch nicht recht. — Daß ich doch so ein Narr bin, und mich immer mit meinen Traͤumen plagen muß, sagte er einmal, da ihm seine Augen so zur Unzeit daruͤ- ber naß wurden, zu sich selber, sein Herz schlug ihm da ers sagte. — Er blieb noch einen Augenblick vor dem Gemaͤhlde stehen, sah es starr an — sagte dann wie- der — Nein, es ist doch nichts als Traum —! — Und einen Augenblick darauf — es betruͤgt und plagt mich. — Mit dem Wort warf er einen Marmor, der auf seinen Papieren ihm an der Hand lag, ge- gen das Gemaͤhlde hin, der gieng durch, machte mitten durch Arners Kopf einen Riß — wie es ge- woͤhnlich geht, wenn Fuͤrsten einem Menschen im Mißmuth das an Kopf schmeißen, was sie in Haͤn- den haben. Aber der Herzog schaͤmte sich, so bald Arner das Loch im Kopf hatte, und nahm das Gemaͤhlde mit eigener hohen Hand von der Wand herunter, that es hinter den Schluͤssel, wo Niemand so leicht hinkommt, und sah es noch, ehe er die Thuͤr be- schloß, mit einer Art von Wehmuth, die ihn wie- der weinen machte, an; sagte dann zu sich selber — er hat doch das nicht verdient! — Aber es war nun einmal so; es war von der grauen Wand hin- unter, der Dickhals hieng wieder allein da wie vorher, doch wußte kein Mensch wie es gekommen, und der Herzog sagte auch dem Helidor nicht was begegnet; aber das Affenvolk von der Aufwart glaubte es dennoch zu wissen, hielt es fuͤr ein un- truͤgliches Zeichen der allerhoͤchsten Ungnade, und diese Notables des Herzogthums, die in den Ge- maͤchern des Fuͤrsten aus- und eingehen, trieben izt die Unverschaͤmtheit uͤber den Arner und sein Wesen zu reden aufs Aeußerste, so, daß Helidor selber an- fieng zu widersprechen, wenn es zu bunt gieng; es machte ihm wirklich bang, ihr wisset warum, aber er konnte izt nicht mehr helfen; er hatte den Bach anlaufen lassen, und nun war es umsonst, dem Wasser zu sagen, wie weit er gern haͤtte, daß es naß mache. — Der arme General saß bey Hof wie auf Na- deln. Er war gekommen, und meynte sein Vetter waͤr oben am Bret, und der Herzog werde sicher mit ihm von ihm reden — izt war es so, der Her- zog hatte noch kein Wort mit ihm gesprochen. By- lifsky wich ihn aus; und der Hof spottete, wenn von ihm die Rede war. Das einzige liebreiche und billige Wort, das er uͤber den Vetter gehoͤrt, war von Helidor; auch schrieb er ihm in den ersten 8 Tagen folgenden Brief — Armer Vetter! „Du bist betrogen! Der Minister, der dir aufs Dorf hinaus so freundlich schreibt, thut hier, als wenn du nicht in der Welt waͤrest; ich habe ihn so vielmal gesehen, und noch kein einzigesmal gehoͤrt nur deinen Namen aussprechen: es scheint, deine Sachen muͤssen dem Herzog auf einer Seite vorge- stellt worden seyn, daß sie ihm mißfallen. Izt laͤßt es Bylifsky gelten, und schweigt von allem: Auch dein Gemaͤhlde ist, wie ich es mir aber vorher ein- gebildet, aus dem Kabinet fort, und Helidor haͤngt wieder allein darinn. Meine Ehrlichkeit fodert, daß ich dir das alles sage, du hast keinen Menschen hier, der sich deiner annimmt; und so ist doch zulezt alles wahr, was ich dir im Anfang ge- sagt, daß du dich umsonst plagest; du wirst es nicht glauben, aber wenn jemand noch hier ist, der es gut mit dir meynt, so ist es Helidor; es moͤchte mir das Herz zersprengen, daß der andere izt so gegen dich ist, wie ich ihn izt erfahren.“ — So schrieb der General, und meynte, daß das, was er schrieb, so wahr als das Wort Got- tes. — Er hatte ja alles mit seinen Augen gesehen, und mit seinen Ohren gehoͤrt, und es fehlte ihm gar nichts, als die Ursachen und den Zusammen- hang davon. — §. 65. Das Gewaͤsch uͤber Arners Wesen, das in Tag hinein so laut toͤnte, wird denn wohl enden. D er Hof vernahm jeden Schritt, den Arner weiters that. Aber die Nachricht von der Ab- schaffung des Galgens, und vom Zusammenlegen der 40000 Gulden, schien unglaublich; man zog Nach- richten ein; die Sache bestaͤtigte sich; der ganze Hof staunte; und der Herzog sagte auch bey diesem Anlaß, der Traum ist Himmel schoͤn; aber je weiter er ihn treibt, je deutlicher faͤllt es auf, daß die Ausfuͤh- rung im Großen unmoͤglich. — Man hats ja in B** und O** erfahren, daß es mit dem Galgen nicht so angeht, sagte das Hofvolk — Aber es ist doch erstaunlich, daß es ihm angeht, sagten einander einige Weiber — dennoch spottete man izt mehr so; man hielt das Wesen nunmehr fuͤr eine Raritaͤt und fuͤr einen Guckkasten, und es wurden Partheyen abgeredt, auf den kuͤnftigen Sommer das Wesen in Bonnal zu schauen, wie man Partheyen abredt, den Gletscher zu sehen, und vor kurzem auch den Micheli von Langnau. Dieser Gang der Dingen aber gefiel dem Helidor gar nicht, er fieng an daruͤber sehr ernsthaft zu werden; das unabaͤnderliche Schweigen Bylifsky bey seiner eben so ununterbrochenen Aufmerksamkeit auf diesen Ge- genstand lastete ihn, wie ihn noch nichts laͤstete; es ahndete ihn, was ihm bevor stund; und er ver- heelte es sich nicht, es naͤhere ein Sturm, der ihm seinen Sieg entreißen koͤnnte. Dieser Mensch, sagte er zu sich selber, zieht mich durch die Stille, mit der er seinen Karren anhaltend fortschleppt, in Grund. Er wußte, daß Bylifsky seinen Brief- wechsel mit Arnern bestaͤndig unterhielt, und daß er seit ein paar Monat alle Wochen zwey Abende regelmaͤßig mit Endorf, der an der Spitze der Fi- nanz, und Nelkron, der an der Spitze der Justiz stund, ganz allein zubringe; wußte, daß diese zwey alte Diener des Herzogs, seit Anfang seiner Regie- rung, allen Projekten desselben entgegen gewesen, und ohne Widerred, in Absicht auf den Zustand der Verwaltung des Lands und die Quellen seines Wohlstands entscheidende und aͤußerst ausgebreite- te Kenntnisse hatten. Diese beyden Maͤnner schwie- gen izt uͤber Arners Thun, wie Bylifsky; Heli- dor kam nicht dazu, ihnen ein Wort zu entlocken, wie sie daruͤber denken. Er fuͤhlte, daß das Wet- ter von dieser Seite gegen ihn anruͤcke, und war aͤußerst betroffen; da er sonst mit seiner weiten Nase alles schnell roch, hatte er doch dieses lange nicht gerochen, und ließ es sich vor wenigen Wochen nicht von Ferne traͤumen, daß Bylifsky in dieser Sache mit diesen Maͤnnern einstimmig werden wuͤr- de, aber es war nun so — sie hatten es Monate lang uͤberlegt, aber nunmehr sich bestimmt erklaͤrt, die ehemalige Projekte des Herzogs seyen alle dahin aus gelaufen, man solle trauen und geben ; von diesem hingegen bestehe das Wesentliche darinn, zu machen , daß man trauen muͤsse, und vom Geben sey gar keine Rede. — Auch habe man bey den andern Projekten immer alles Gute, das schon da gewesen, wie nichts fortfliegen, und wie die Goldmacher das Gold im Rauch aufgehen lassen. Arner hingegen suche mit der thaͤtigsten Sorgfalt ein jedes auch noch so kleines Gute, das schon da sey, zu erhalten, zu nutz zu ziehen, und hoͤher zu treiben; auch passe er alles Alte seiner Manier an, und er uͤberfluͤgle dadurch diese Freßthiere wie ein Adler eine Fledermaus. Sie erkannten selber, er binde den Faden der Justiz und Finanz da wieder an, wo bis izt alle Weisheit der Kabineter sein Ab- schneiden nicht hindern konnten, und wirke bestimmt auf diejenige Stellen, und nach denjenigen Ge- sichtspunkten, die theoretisch schon laͤngst allgemein als die Hauptstellen und Hauptgesichtspunkte, auf welche, und nach welchen man bey aller wahren Menschenfuͤhrung wirken soll, anerkannt seyen, in- dessen aber niemalen durch praktische Versuche, mit richtiger Uebersicht des Ganzen, also erprobet worden, wie er es gethan. — Sie gestunden, die Finanz, wie sie gegenwaͤr- tig betrieben werde, halte sich fast vollends nur bey der Ausbeute auf; er hingegen steige bis in das Innere des Bergs, und mache bey den Quellen der Ausbeute Ordnung, wo fast noch gar nie eine ge- wesen. Eben so bekannten sie, der wahre Vortheil der Landsgerechtigkeit hange ganz von dieser Sorgfalt fuͤr die Quellen der Finanz ab. Nelkron sagte deutsch, die Finanz des Staats bleibt ein ewiger Meerstrudel, der alles, was sich ihm naͤhert, in seinen Abgrund verschlingt, und nie nichts wieder giebt; und die Gerechtigkeit ist wie die Pest, die oͤffentlich toͤdtet, was sie im Finstern ansteckt, so lange die Menschen nicht zu dem ge- macht werden, was sie seyn sollen, und die Lei- tung, Fuͤhrung und Bildung der Menschen nicht einerseits mit ihren Umstaͤnden uͤberhaupt, ander- seits mit den Beduͤrfnissen der Finanz, und den Foderungen der Gerechtigkeit in Harmonie gebracht werden — und fand einstimmig die gute Bildung des Menschen zur Industrie, das ist, zur Hervor- bringung und zu Rathhaltung des Hervorgebrach- ten, oder zum Verdienst und zur Sorgfalt fuͤr das Erworbene, sey das einzige wahre Mittel, zu die- sem Ziel zu gelangen, und dadurch auch der endli- chen Erreichung der hoͤhern Endzwecken der Staats- gesezgebung entgegen zu ruͤcken, und namentlich die Vereinfachung der Finanzoperationen dahin moͤglich zu machen, daß der Beytrag der einzeln Menschen zu den oͤffentlichen Abgaben zwischen den Belasteten in ein billiges Ebenmaaß gebracht, und ihre Enthebung nicht weiter durch die volksbedruͤ- ckenden Umstaͤnde, mit denen sie begleitet, der Quelle aller Staatsresource ohne Maaß mehr schade, als der Betrag des Beytrags von Seiten der zerruͤtte- ten niedern Staͤnden ihm werth sein kann — an- derseits den Quellen der Verbrechen zu steuern, die so sichtbar und so allgemein von dem Mangel der Bildung der Menschen fuͤr die Befriedigung der in der Welt immer wachsenden Staatsbeduͤrfnisse her- ruͤhren. Sie machten keine Schwierigkeit mit Bylifsky einzutreten, dem Herzog als eine Staatsangelegen- heit vorzutragen, Arners Volksbildung in ihren Grundsaͤtzen genau und mit dem Endzweck zu unter- suchen, den Mitteln nachzuforschen, ihre Ausfuͤhrung allgemein zu machen. Auch Auch fanden sie zum Vorans, dieser so weit gehende Vorsaz fodere keine andere Einmischung des Staats, als erstlich einen oͤffentlichen Lehrstuhl uͤber die Wissenschaft der Volksfuͤhrung nach Arners Grundsaͤtzen, um besonders den jungen Adel auf sein großes Interesse in dieser Sache aufmerksam zu machen: zweytens, die Errichtung einer Staats- kommißion, die mit dem Wesentlichen dieser Grundsaͤtzen, so, wie mit den Lokalbeduͤrfnissen und Lagen der verschiedenen Theilen des Reichs bekannt, mit den einzelnen Personen, die mehr oder weniger auf dies System zu arbeiten sich ent- schließen wuͤrden, in Verbindung treten muͤßte, um sie mit ihrem Rath und ihren Einsichten zu un- terstuͤtzen, mit dem Erfolg sowohl, als mit den Schwierigkeiten aͤhnlicher Versuchen bekannt zu machen, und indessen selbst genaue Tabellen von dem allseitigen Fortgang der Sache aufzunehmen, und sich so des wahren Zustands eines jeden einzel- nen Versuchs in allen seinen Theilen zu versichern haͤtte, um die Mittel zur Hand zu bringen, den allseitigen Fortgang der Sache von Staatswegen zu befoͤrdern, und das bestimmte Maaß des Ein- flusses dieser verschiedenen Versuchen auf das Ganze so richtig beurtheilen als leiten zu koͤnnen; wobey indessen Niemandem im Land zugemuthet wuͤrde, weder mittelbar, noch unmittelbar, mit dieser Staatskommißion in Verbindung zu treten, wenn C c er nicht wollte. — Das war ihr Plan. — Sie rech- neten in demselben gar nicht auf die Tugend der Menschen, sondern blos auf ihre Gierigkeit; aber sie wußten, daß ihre Tugend wie ein Propfreiß auf dem wilden Stamm dieser Gierigkeit kann gezwei- get werden, und auf demselben so feine Fruͤchte zu tragen im Stande ist, als ihre Natur jemals her- vorgebracht hat. — Nelkron sagte, wenn die Ausfuͤhrung dieser Grundsaͤtze sich durch nichts erproben wuͤrde, so fiel sie dadurch auf, daß die ersten Menschenfresser dieser Erde, den Schaafpelz dieser Grundsaͤtze anziehen muͤßten, um dadurch zu ihrem Fraß zu gelangen, wie zu lesen in den Lobpreisungen des Fleißes, der Betriebsamkeit, und der haͤuslichen Gluͤckseligkeit, als den ersten Stuͤtzen des Staats, in Kabinetsor- dern und motivirten Befehlen bestohlner Fuͤrsten an ausgesogene Voͤlker. — Auch das fanden sie, Arner waͤre nicht dahin gekommen, den Galgen abzuschaffen, und in einem Dorf einen Steuerfond entstehen zu sehen, wenn er auf diese bestimmte Endzwecke hin gearbeitet haͤtte; sondern sey eigentlich dadurch dahin gekommen, weil er nichts gesucht, als jeden einzeln Menschen in sei- nem Dorf fuͤr sich selber, und fuͤr das Seinige in Ordnung zu bringen; und die weitern allgemeinen Gesichtspunkte seiner Dorfregierung nicht anderst, und durch keine besondere Anstalten allein betrieben; sondern sie blos als Folgen seiner Aufmerksamkeit auf den Vorschritt seiner Dorfleute in ihrer Pri- vatweisheit, Privatordnung, Privatwohlstand an- gesehen, abgewartet, und benuzt. Und diese Bemerkung schien sie auf eine einfache und sichere Art zu dem Grundsatz zu fuͤhren, daß die groͤßern Gesichtspunkte der Staatsweisheit bey einem Volk auf eben diese Art muͤssen erzielet wer- den, und daß ihre Erreichung ebenfalls darauf ruhe, daß die Regierung in ihren groͤßern Kreisen ihre Aufmerksamkeit und ihren Einfluß eben so dahin lenke, daß ein jedes Glied der Gesellschaft fuͤr sich selbst, und fuͤr das Seinige, in eine gute Ordnung gebracht und darinn erhalten werde; und denn auch das uͤbrige, nemlich die groͤßern Staatsendzwecke, als die Verbesserung der Finanz und Justiz, als na- tuͤrliche Folgen des allgemeinen Vorschritts der Men- schen, in seinen versicherten, und fest auf haͤusliche Weisheit und Ordnung gegruͤndeten Privatwohl- stand ansehe, abwarte, und benutze. Sie betrachteten in diesem Gesichtspunkt einen ganzen Abend den Einfluß der Reformations-Epoche auf Europa, und erstaunten ab der Bemerkung, wie wenig es zur allgemeinen Erheiterung der Regierun- gen, uͤber die aͤchten Grundsaͤtze, die Menschheit weiter zu bringen, beygetragen, daß alle Laͤnder, in denen durch die Reformation die Aufmerksamkeit C e 2 der einzeln Menschen, auf ihre geistliche und zeitli- che Wohlfart und Sicherheit allgemein rege gemacht worden, einen so auffallenden Vorsprung gegen die katholischen Laͤnder, in denen diese Aufmerksamkeit der einzeln Menschen auf ihre Wohlfart und Sicher- heit damals durch Nichts so l e bhaft rege gemacht worden, genommen haben. — Und wie es dann geht, sie kamen in diesem Gespraͤch auf das neue Maͤhrchen, daß Europa eine Religions-Veraͤnderung zugeruͤstet werde. — Nelkron, der alte Feind der Pfaffen und ihres Einflusses, behaupte die einzige Bemerkung von dem auffalenden Unterschied des Finanz-Zustands der re- formirten und der katholischen Laͤnder, in dem zwey Jahrhundert sich beyderseitige Lande, in Ab- sicht auf den Vorschritt, in allen Kraͤften des Staats, und des Vorschritts des Wohlstands der Einwohner noch izt befinden, muͤsse ein jedes Kabinet von Eu- ropa gegen den Gedanken einer solchen Seelenver- einigung der Menschen empoͤren. — Wenn je et- was wahr ist, sezte er hinzu, so ist es dieses: die Staͤrke des Staats ruhet darauf, daß seine Glieder Raum und Spielkraft und Reiz finden, an Leib und Seel fuͤr sich selber zu sorgen, und eine solche Vereinigung wuͤrde diesen Raum und diese Spiel- kraft, und diesen bildenden Reiz im Menschen er- schlaffen, wie weiche Betten die Glieder eines Kaͤm- pfers — und mit Eifer sezte er hinzu, Geschichte und Erfahrung beweisen, daß die Kraͤfte des Men- schen und ganzer Geschlechter von Menschen schwin- den, wenn sie dahin gebracht werden zu glauben, es sorge jemand ohne ihr Zuthun an Leib und Seel vor sie, hieße er dann wie er wolle, Koͤnig oder Priester. — Es ist dann noch ein Unterschied, obs der Koͤ- nig oder Priester gemeynt sey; es sind dem Men- schen fuͤr den Koͤnig seine fuͤnf Sinnen nicht halb so feil als fuͤr den Priester, sagte Bylifsky. Da haben sie recht, erwiederte Endorf, es ist als wenn er seiner Natur nach nicht anderst koͤnnte, als fuͤr die Sache seiner gottesdienstlichen Lehre blind seyn; er ist es sicher nicht den Zehenden so stark und so gern fuͤr das System seines Koͤnigs in der Verwaltung des Lands. — Aber uͤberall und in allem, sezte er hinzu, hoͤrt der Mensch auf die Oh- ren zu spitzen, und die Augen offen zu halten, so bald er sich vereinigt und sicher glaubt; im Gegen- theil macht ihn nichts so Augen und Ohren brau- chen, und auf seiner Huth zu seyn, als das rege Bewußtseyn der Unsicherheit und Trennung; und wenn etwas auffallend wahr ist, so ist es dieses: das Aufgeben dieses regegemachten Gefuͤhls der Un- sicherheit in Religionssachen koͤnnte eine unabseh- bare schaͤdliche Wirkung zur Abschwaͤchung der dem Menschengeschlecht so allgemein und dringend noth- wendigen Vorsichtigkeits- und Sorgfaltskraͤften her- vorbringen. C e 3 Das ist richtig, erwiederte Bylifsky, es koͤnnte unmoͤglich anders seyn, als der Glaube, es sey mit der Religion alles in Ordnung, mußte die Mesch- heit nothwendig uͤber diesen Punkt blind und sorg- los machen; und eben so nothwendig mußten die in seinem Innersten beguͤnstigte Schwaͤche und Sorglosigkeit sich auf das Ganze seines Zustands und seiner Stimmung ausbreiten — und doch waͤre dieser Glauben, es sey dann mit der Religion alles in Ordnung, das oͤffentliche Ziel einer solchen Ver- einigung. — Endorf aber meynte, die Welt sey zu stark vor- geschritten, als daß sie izt noch etwas von einer Schlinge zu befahren haͤtte, die ihr von dieser Seite gelegt werden koͤnnte. Aber Nelkron sagte, der Mensch legt sich mit Leib und Seele so gern auf die faule Haut, und es kommt darauf an, wie weit die Urheber eines sol- chen Vereinigungsplans einen mehr oder minder klugen Gebrauch von dieser Menschenschwaͤche, die unsere Tage dennoch so ganz besonders auszeichnen, machen wuͤrden. — Wenn sie z. Ex. den ersten Be- cher dieses Seelenopiums Fuͤrsten austrinken ma- chen wuͤrden, so bin ich sicher, daß ganze Voͤlker nach ihnen den Hepfen dieses Schlaftranks hinun- terschlucken, wie einen Goͤttertrank. — Der Grad unserer Aufklaͤrung macht das un- moͤglich, meynte Endorf. Schweig doch mit deiner Aufklaͤrung, erwie- derte Nelkron; wenn ich das Wort hoͤre, so faͤllt mir der Stadt-Rathsherr ein, der ob seinem Glau- ben an diese Aufklaͤrung eine Wette mit einem Schauspieler verlor: er behauptete, seine (nemlich des Rathsherrn seine Stadt) sey zu aufgeklaͤrt, als daß sie ein schlechtes Theaterstuͤck nicht auspfeifen wuͤrde. Der Schauspieler erwiederte, die duͤmmste Harliquinade muͤsse der Stadt gut genug seyn, und mehr gefallen, als alles, was sie bisher gesehen. — Der Herr Rathsherr ließ sich in seiner Stadt gegen den Fremden so weit hinab, daß er mit ihm wettete, das sey nicht moͤglich; und dieser, mit der Zuversicht eines Manns, der in seinem Leben schon durch gar viele Thore hineingegangen, nahm des Rathsherrn Wette an, spielte zwey Stuͤck, und die gute Stadt klatschte dem Narrenstuͤck, und gaͤhnte beym Guten — so viel ist sich auf ein solches Raths- herren-Vertrauen auf die Aufklaͤrung ihrer Staͤdten und Landen zu verlassen! — Einen Augenblick dar- auf sagte er noch: die Geschichte der großen Welt, oder vielmehr der großen Staͤdten, beweiset nichts auffallender, als daß dieses Phantom unserer Zeit, so einseitig als sein Vorschritt gelassen wird, so son- derbar als es sich an falsche Begriffe von natuͤrlicher Einheit ankettet, und bey dem sichtbaren Mangel dasselbe auf den wahren Wohlstand des Volks, auf gute, haͤusliche Sitten, und buͤrgerliche Weisheit C c 4 zu bauen, unter diesen Umstaͤnden leicht eine Wen- dung nehmen kann, den Menschen in eine seinem wilden Zustand sich naͤhernde Vervieherung ( abru- tissement ) hinabzustuͤrzen, in welcher die religiose Schwaͤrmerey denn wirklich gegen diese Aufklaͤrung wie ein Himmels Licht, das mitten im Rauch und Dampf eines fuͤrchterlichen Erdbrands leuchtet, er- scheinen koͤnnte. — Gott bewahre uns vor beydem! vor dem Dampf des Erdbrands, und vor der Lufterschei- nung, die mitten im Erdbrand wie ein Himmels Licht leuchtet, sagte Endorf. §. 66. Ein Schurkenversuch, der aber mehr als halb mislingt. A ber was wuͤrden Sie thun, wenn auch Nel- kron und Endorf anbringen wuͤrden, das Rari- taͤten-Dorf in Bonnal verdiene die Aufmerksamkeit der Regierung? — So sagte der Liebling dieser Tagen zum Fuͤrsten, als dieser unter Scherz und Tand mit ihm das Schach zog. Du willt mich das Spiel verlieren machen, mit dieser dummen Frage, sagte der Fuͤrst. — O! ich will ihre Antwort gern erst dann, wenn Sie ihren Zug gethan haben, versezte Helidor. — Da steht er, sagte der Fuͤrst — that den Zug — und wiederholte, eine duͤmmere Frage konntest du nicht wohl erdenken. — Helidor . Aber warum das Ihr Durchlaucht? Fuͤrst . Es sind im Land nicht zwey Maͤnner, vor denen du sicher seyn kannst, daß sie in ihrem Leben nie in kein Projekt hineingehen werden, als diese. — Helidor . Ich glaubte es auch; aber doch nimmt mich Wunder, was Ihr Durchlaucht thun wuͤrden, wenn sie Ihnen izt mit einem kaͤmen. — Fuͤrst . Genau das, was ich thun wuͤrde, wenn der Mond auf die Erde herunter fiel — vorher Nie- mandem kein Wort davon sagen. — Helidor . Sie halten es also fuͤr ganz unmoͤg- lich? Fuͤrst . Ganz sicher — Schach dem Koͤnig — Helidor . Zieht — Fuͤrst . Der war gut — Helidor . Aber es ist sicher nicht unmoͤglich, daß Nelkron und Endorf mit dem Bonnalerwesen, und mit Projekten, die sich darauf gruͤnden, einkom- men werden. Fuͤrst . Hast du deinen Kopf verloren, daß du anfaͤngst also zu traͤumen? Sie haben in ihrem Le- ben noch zu keinem Projekt Ja gesagt, und dadurch in 20 Jahren den Ruhm behalten, sich selber, und mich hierinn nie betrogen zu haben; und diesen werden sie gewiß nicht verlieren wollen. Helidor . Das alles weiß ich; doch halte ich es fuͤr mehr als wahrscheinlich, sie gehen mit By- lifsky in Bonnaler-Projekte. — Fuͤrst . Dieser redt ja selber kein Wort mehr davon. — Helidor . Das wird schon schon kommen; er schweigt genau, um dann desto sicherer mit Erfolg davon zu reden. — Der Fuͤrst lehnt sich hinter sich — hoͤrt auf zu spielen, sagt, was ist das? Was setzest du mir in Kopf? Was weißest du? Helidor . Ihr Durchlaucht! uͤber Jahr und Tag laͤuft eine regelmaͤßige Korrespondenz zwischen ihm und Arner; und bey der Menge seiner Geschaͤf- ten, bey der Vernachlaͤßigung aller seiner uͤbrigen Korrespondenz, sendet er immer Briefe von sichtba- rer Weitlaͤufigkeit und Schwere dahin — empfaͤngt noch gar viel groͤßere, und monatlich ganze Rollen Papiere von dort her — Von allem dem sehen we- der Ihr Durchlaucht, noch kein Mensch am Hof ein Wort; hingegen kommen Nelkron und Endorf, seit Monaten, alle Donstag und Samstag Abends zu- sammen, das weiß ich gewiß; die Papiere von Ar- ner liegen dannzumal auf dem Tisch, und die vorige Woche haben sie alle drey eine Schrift unterzeich- net, die mitten unter Arners Papieren da lag — das ist eins. — Denn ist die Abschaffung des Gal- gens, und das Projekt mit dem Steuerfond, das sind beydes nicht Sachen, von denen man glauben kann, sie seyen ohne Ruͤcksicht auf groͤßere Gesichts- punkte von dem guten Arner blos zum Nutzen und Frommen seines Dorfs ausgeheckt worden. — Er schwieg izt, und sah den Eindruck, den es auf den Herzog machte. — Dieser saß staunend da, stoß- te seine Lippen vorwaͤrts, nahm sie dann wieder zu- ruͤck unter die Zaͤhne, sagte dann — wenn du dich nicht irrest, so ist das die sonderbarste Sache, die mir in meinem Leben begegnet. — Helidor . Ich irre mich gewiß nicht — und auf alle Umstaͤnde, die ich erzaͤhlt, koͤnnen Sie bauen. — Fuͤrst . Bey allem dem scheint mir die Sache noch unglaublich — Helidor . Sie ist aber sicher, und sie werden Ih- nen gewiß mit einem Menschlichkeitsprojekt kommen. Fuͤrst . Ich will sehen was es giebt. — Helidor . Werden Sie ihnen Gehoͤr geben? — Fuͤrst . (Nach einigem Staunen) — Das weiß ich nicht. — Helidor . Aber ich weiß es, Sie werden es thun. — Fuͤrst . Traͤumest du noch einmal in einer Stunde? Helidor . Nein — ich weiß es, Sie werden es thun — die ganze Kraft ihres Lebens vermag nicht, Sie von ihrer Krankheit zu heilen; und Sie werden sich mit der Lufterscheinung ihrer Menschlichkeitsi- dee plagen lassen bis ins Grab. Fuͤrst . Laß mich — izt plagst mich du, und nicht die Menschlichkeitsidee. — Helidor . Es ist wahr — ich bin dem suͤßen Traum entgegen. — Fuͤrst . Laß mich — auch wenn diese kommen, werde ich der Sache nicht geneigt seyn. — Helidor . Aber anhoͤren werden Sie dieselben? Fuͤrst . Und denn — wenn ich sie hoͤre? Helidor . Ihr geneigt werden? — Fuͤrst . Das will ich nicht — ich bin aller Pro- jekten zu sehr muͤde, als daß ich nicht auf meiner Huth seyn werde. Helidor . Sie nicht anzuhoͤren, waͤr die beste Huth, und vielleicht die einzige, die Sie rettet. Fuͤrst . Das koͤnnte ich nicht — Helidor . Warum das? — Fuͤrst . Wenn diese drey einstimmig sind, so wuͤr- de mir mein Kopf und mein Herz voll von dem was sie wollten, wenn ich auch kein Wort mit ihnen redte. — Helidor . Das koͤnnte so kommen, wenn Sie einmal eintreten wuͤrden, aber Sie muͤssen den An- faͤngen huͤten. Fuͤrst . Die Anfaͤnge davon liegen in mir selber — Helidor . Bylifsky wird den Umstand benutzen? Fuͤrst . Das ist moͤglich. — Helidor . Sie sollten sie nicht hoͤren. Fuͤrst . Das kann ich nicht. — Helidor . Soll ich machen, daß Sie es koͤn- nen? — Fuͤrst . Das kannst du nicht. — Helidor . Vielleicht — wenn wir izt nicht mehr davon reden, kann ich doch etwas. Fuͤrst . Nein Helidor, das kann kein Mensch — Du weißst, ich sezte alles darauf, vom Gedanken los zu werden, es sey den Menschen zu helfen, es gieng ein halbes Menschenalter, ehe ich dieser Plage in meinem Innern los wurde. Was mich am meisten dahin brachte Ruhe zu finden, war mein Glaube an Nelkron u n d Endorf, und die Erfahrung, daß sie alle meine Projekte mit Recht vor untauglich erklaͤrten. — Auf sie gestuͤzt, nahm ich den Entschluß, kein Menschlichkeitsprojekt mehr anzuhoͤren, bis sie ein- mal zu einem Ja sagen — und izt, wenn sie kom- men und sagen wuͤrden, Arners Projekt ist gut; urtheile selber, ob du — ob jemand in der Welt mich abhalten koͤnnte, sie anzuhoͤren? — Helidor sah, daß er ihn nicht weiters bringe — lenkte ein, und sagte, wir wollen dann mit einan- der wieder sehen, was es giebt. — §. 67. Arners Trost — und ein Gespraͤch, wel- ches man doch wohl uͤberschreiben duͤrf- te: Siehe, welch ein Fuͤrst! I ndessen war Arner in der groͤsten Verlegenheit, was er endlich dem General antworten wollte, der ihn mit einem Brief um den andern bestuͤrmte, daß er doch einmal aufhoͤre, sich dem Hof und der ganzen Welt zum Gespoͤtt zu machen, und was er dergleichen Zeug mehr sagte. — Therese lag ihm in den Ohren, er muͤsse ihm doch einmal antworten; und er saß eben an einem Brief, den er gerne fer- tig gehabt, und nicht anfangen konnte, als er ploͤz- lich aus dieser Verlegenheit gerissen wurde. — By- lifsky, der anderthalb Jahr nichts mehr geschrieben hatte, woraus man Trostgruͤnde fuͤr den guten al- ten Onkle hernehmen koͤnnte, sandte ihm izt just zu rechter Zeit einen Brief, mit dem er ihn wieder einmal ins Paradies setzen konnte. — Der Mini- ster meldete ihm nemlich, „die Sachen seyen nun einmal dahin reif, daß er sich izt in der Lage sehe, auch das Seinige thun zu koͤnnen, wie sie das Ih- rige bis izt redlich gethan haben; er werde auch innert den naͤchsten zweymal 24 Stunden dem Her- zog es dahin antragen, seine Dorfeinrichtungen in der Absicht untersuchen zu lassen, wie es moͤglich sey, dieselben moͤglich zu machen. Endorf und Nel- kron seyen von der Moͤglichkeit der Ausfuͤhrung der Sache uͤberzeugt wie er, und sie werden ihn in allen Theilen unterstuͤtzen. — Auch zaͤhle er bey seinen weitern Absichten auf seinen Lieutenant und auf sei- nen Vogt, und werde wahrscheinlich beyde mit der Landskommißion, die er vorzuschlagen gedenke, in Verbindung bringen.“ — Wer war so froh als Arner, daß er izt den Onkle wieder zufrieden stellen konnte. — Er dachte beym Anfang des Briefs nicht an das Herzogthum, so froh war er, daß er der Noth seines Briefs los war; und sandte dem Ge- neral, der izt aber auch nicht mehr bey Hof war, den Brief in eben der Stunde, in der er ihn bekam, im Original, mit der einzigen Bitte, izt noch nicht zu viel der Sylvia davon zu sagen. Es war vielleicht um die gleiche Stunde, daß Bylifsky dem Herzog um eine Privataudienz bat, die ihm Derselbe in dem Augenblick gab, in wel- chem er darum anfragen ließ. — Ahndend was er wo llte , und bereitet auf seinen Vortrag, nahm er ihn bey der Hand, sezte sich mit ihm an das Ka- min unten an die leere Stelle, wo vor ein paar Monaten noch Menzows Arner Bylifskys Herz er- quickte. Der Herzog sah sein Auge mit Wehmuth an dieser Stelle vorbey blicken. — In dem Augen- blick, in welchem er anfieng ihn an das Entzuͤcken zu erinnern, das der erste Eindruck von Arners Bemuͤhungen auf ihn gehabt, erzaͤhlte er ihm dann mit Bestimmtheit und Kuͤrze den Gang dieser Sa- chen seit Jahre und Tagen, entwickelte ihm die Natur der Mittel, die Arner gebraucht, zu seinem Endzweck zu gelangen; zeigte, worinn das Wesent- liche ihrer Kraͤfte bestehe, und wie ihre Ueberein- stimmung mit den ersten Beduͤrfnissen der menschli- chen Natur, den Erfolg den sie gehabt, so viel als nothwendig gemacht; und legte dann in ununter- brochenem Fortreden ihm ein richtiges Bild, vom Zustand seines Volks, vor Augen; zeigte mit Deut- lichkeit den Unterschied des Zustands aller seiner Volkseinrichtungen im Großen gegen diejenige die- ses Dorfs im Kleinen; und sagte — die Millionen der Staatseinkuͤnfte fressen sich in der Verwirrung der Verwaltung selber auf — die Quelle der Mil- lionen versiegt im Sumpf des Schadens, den das Volk von der Unordnung nimmt, in der es gelassen wird; und die Landesgerechtigkeit schlaͤgt bey all- gemeiner Verwahrlosung desselben mit dem Weiber- arm ihrer Blindheit auf Gerathewohl aufs Vol k zu und kennet keine Mittelstraße zwischen der Tiran- ney-Gewalt der Ketten, und der noch groͤßern, der Eidsverfaͤnglichkeiten, und der Rechtslangwierig- keiten; selber der anscheinende allgemeine Wohlstand des Lands, und der steigende Verdienst des Volks, und die wachsenden Summen der Finanzeinkuͤnfte, sind sind ein truͤgender Tand, wenn der Quelle derselben nicht Vorsehung gethan, und der Wohlstand der Menschen in den niedern Huͤtten dem Staat nicht durch einen festen Einfluß auf ihre allgemein gute, zweckmaͤßige, und zuverlaͤßige Bildung versichert wird. — Sie wissen, unterbrach ihn der Fuͤrst, Bylifs- ky! wie sehr ich dieses alles fuͤhle; aber eben so sehr bin ich uͤberzeugt, daß es unmoͤglich ist zu helfen. — Bylifsky erwiederte, Ihr Durchlaucht erlau- ben, ich widerspreche nicht, daß schwer ist zu helfen, auch daß der Endzweck zu tausend Abwegen fuͤhrt, die oft schlimmer sind als das Uebel; aber dennoch bin ich izt uͤberzeugt, daß ein Mittel da ist, real zu helfen, und zwar ein einziges — Und dieses waͤre? — sagte der Herzog. Ein bedaͤchtlicher und mit abgemessenen Schrit- ten eingelenkter Regierungs-Einfluß in die Bildung des Volks zur Industrie. Von dieser, sonst von Nichts auf Erden, ist zu erwarten, daß sie es einst den Fuͤrsten moͤglich machen werde, die Finanzope- rationen zu vereinfachen, das Druͤckende ihrer Last zu heben, und die Jammergerechtigkeit des Landes, die in der Lage der Verwirrung in Ewigkeit unrecht thun muß, in Ordnung zu bringen, daß wir, was ihre zahllose Forderungen, mit denen sie ohne alle Seelenkunde das Menschengeschlecht wie einen Laim- D d schollen zu modeln beginnt, auseinander setzen — ausmustern, was auszumustern ist, und das Uebrige der menschlichen Natur angemessen darzustellen — den Reiz der Umstaͤnde, Sitten und Gewohnheiten den Gesezen entgegen zu handeln, zu vermindern, und die Kraͤfte des Volks, ihnen gemaͤß zu handeln, zu erhoͤhen, und den innersten Willen der Menschen selber mit denselben uͤbereinstimmend zu machen. — Fuͤrst . Wie sie traͤumen Bylifsky! — sie brin- gen mich ganz in meine Jugendjahre zuruͤck. — Bylifsky . Ihr Durchlaucht! ich habe diesmal die heitere Erfahrung fuͤr mich, ohne diese wuͤrde ich nicht so reden. Fuͤrst . Auch diese truͤgt, Bylifsky! und oft staͤrker als sonst alles andere, wenn man sich ihrer vollkommenen Richtigkeit und Truglosigkeit nicht ganz versichert. — Nicht wahr —? Sie denken, wenn alle Doͤrfer waͤren wie Arners Bonnal, so waͤre es denn, wie Sie sagen, so, und ich bin mit ihnen vollends einstimmig; aber die große Frage ist, wie's so machen? — Bylifsky . Und auf die Untersuchung dieser Fra- ge ist es, worauf ich bey Eu. Durchlaucht antrage. — Fuͤrst . Es wird nichts herauskommen, By- lifsky! — Die Welt ist ein Narrenhaus. — Bylifsky . Ihr Durchlaucht! in diesem Nar- renhaus sind einige Zimmer besser in Ordnung als andere. — Fuͤrst . Das ist wahr. — Bylifsky . Es ist ein himmelweiter Unterschied zwischen Menschen die wohl versorgt, und denen, die es nicht sind. — Fuͤrst . Auch das ist wahr — Aber es ist ein Loos in der Lotterie, unter Zehntausenden ist hie und da eines so gluͤcklich, und wird wohl besorgt. — Bylifsky . Ihr Durchlaucht! das ist nicht voͤllig so: es sind unter dem Volk fuͤr das, was sie seyn sollen, eine Menge Menschen wohl in der Ordnung — aber es koͤnnten es freylich unendlich mehrere seyn, und eben diese Ueberzeugung ist was mich zwingt, Eur. Durchl. meine Wuͤnsche vorzutragen. Fuͤrst . Ich wollte wohl gern, ich koͤnnte mein Volk in Ordnung bringen; aber sie wissen, wie sehr ich's erfahren, daß nichts zu machen ist. — Sicht- bare Wehmuth war bey diesem Wort im Auge des Fuͤrsten. — Bylifsky schwieg eine Weile; denn sagte der Fuͤrst wieder — reden Sie nur fort! — Nein, Ihr Durchlaucht! fuhr Bylifsky fort, die gute Ordnung unter den Menschen ist kein Loos in der Lotterie, es stehet in der Hand des Staats, durch weisen Einfluß auf seine Bildung ihn wohl zu versorgen, und den ersten Quellen seines Elends mit Erfolg entgegen zu wirken. — D d 2 Fuͤrst . Was wird im Stande seyn, dem Greuel aller Nothhandlungen der Gerechtigkeit, und dem millionenfachen Druck der Finanzbeduͤrfnisse abzu- helfen? Womit werdet ihr selber dem Triebrad der Gewerbsamkeit, auf das ihr so baut, die alles ver- giftende Geldwuth der Menschen im Zaum halten? — Bylifsky . Mit einem festen Einfluß der Re- gierung auf eine unserer Natur und den Umstaͤnden angemessene Stimmung und Bildung des Volks. — Fuͤrst . Ist eine solche moͤglich —? Bylifsky . Das sollte der Erfolg, den Arners Versuche gemacht, wenigstens wahrscheinlich ma- chen. — Fuͤrst . Kann euch der Unterschied zwischen der Regierung eines ganzen Volks, und dem Partikular- Einfluß, den ein Edelmann auf seinem Dorfe hat, entgehen? — Bylifsky . Mir nicht entgehen, wo er wirklich ist; aber eben so wenig soll mir entgehen, daß das Wesentliche der Mitteln, durch welche Arner auf seinem Dorf dahingekommen ist, wo er ist, vollkom- men so sicher und Verhaͤltnismaͤßig fuͤr das Allge- meine mit gleicher Kraft in der Hand Sr. Durch- laucht liegt, als es fuͤr sein Dorf in der Hand mei- nes Freundes lag. Fuͤrst . Ich wollte, Sie koͤnnten mir diese Meynung verbuͤrgen. — Bylifsky . Wer wuͤrde Ihr Durchlaucht gut genug seyn fuͤr diese Buͤrgschaft? — Der Fuͤrst verstund ihn, und sagte halblaͤchelnd Niemand! — Bylifsky merkte aber noch nichts, und sagte, ich daͤchte, wenn Ihnen Niemand fuͤr ein Mensch- lichkeitsprojekt gut seyn duͤrfte, so wuͤrden es Nel- kron und Endorf seyn. — (Der Fuͤrst ihn steif ansehend) Es ist also wahr! — Dann staunte er einen Augenblick — sagte wieder: ich weiß es — schwieg dann wieder — war in sichtbarer Bewegung — und sagte dann — Nein — auch sie sollen mir das lezte Viertel meines Lebens nicht zu Grund richten, wie mir die drey uͤbrigen zu Grund gegangen. Erstaunt und erblaßt sagte Bylifsky, Ihr Durchlaucht! wer sollte das thun? — Fuͤrst . Was wollet ihr denn? Wollet ihr Geld? Bylifsky . Nein — Fuͤrst . Sonderbar, was wollet ihr dann? — Bylifsky . Von Seiten des Staats untersu- chen, wie weit die Grundsaͤtze Arners in seiner Volks- fuͤhrung im Allgemeinen anwendbar sind. — Fuͤrst . Und denn Weiters? — Bylifsky . Sicher nichts versuchen, als was mit Sicherheit zum Wohl des Landes kann ausge- fuͤhrt werden. — D d 3 Fuͤrst . Thut was ihr wollt; aber fordert nicht, daß ich glaube, bis ich sehe. Bylifsky . Also billigen Ihr Durchlaucht un- sern Vorsaz, die Sache zu pruͤfen? — Fuͤrst . Ich werde ihn so gar fodern, nur mein Glaube daran ist was ich mir vorbehalte. Bylifsky . Dieses wird der Untersuchung noch dienlicher seyn. — Fuͤrst . Ich sehe voraus, Bylifsky, die Untersu- chung wird zu einem Plan fuͤhren, der von uner- meßlichem Umfang, aber auch von einer alles Ge- wicht uͤbersteigenden Last seyn wird; und muß auch sagen, es ist mir nicht anderst, als ihr wollet euch gegen den Schutt eines zusammenfallenden Berges stemmen, um darunter begraben zu werden. Bylifsky . Ihr Durchlaucht! wir haben die Sache gepruͤft, und sehen keine andere Last, die dadurch auf den Staat fallen kann, voraus, als die Errichtung eines neuen Lehrstuhls, um ihre Edelleute mit den Grundsaͤtzen einer bessern Volks- fuͤhrung bekannt zu machen, und einer Landeskom- mißion, um jedermann der Neigung zeigte, mehr oder weniger von diesen Grundsaͤtzen auszufuͤhren, mit Rath und Leitung an die Hand zu gehen. Fuͤrst . Sonderbar — sehr sonderbar — braucht ihr kein Geld? keine Gebaͤude? keine An- stalten? Nichts dergleichen? — Bylifsky . Nichts dergleichen; als einige Du- tzend Rechnungsbuͤcher. Fuͤrst . Wozu die? — Bylifsky . Um alles was von den Leuten, die mit dieser Kommißion in Verbindung stehen wuͤr- den, versucht und gethan wuͤrde, so heiter und klar vor Augen zu haben, als ein Kaufmann die Rech- nungen und den Zustand aller deren, mit denen er in Verbindung steht, vor Augen hat. Fuͤrst . So etwas hat mir doch Niemand vor- geschlagen. Bylifsky . Es ist aber das Fundament von allem worinn man solid zu Werk gehen will; es sollte nie jemand einem Fuͤrsten etwas vorschlagen, ohne dasselbe auf dieses Fundament zu gruͤnden. Der Fuͤrst saß izt eine Weile in sich selbst ge- kehrt, wie wenn Niemand bey ihm waͤre; dann sagte er, Bylifsky! der Versuch ihres Freunds riß mich im Anfang hin, wie ein Kind, ich haͤtte sei- nen Schulmeister in den ersten Stunden zum Staats- minister gemacht; nach und nach machte mich die Erinnerung alles dessen, was mir fehl geschlagen, wieder kaͤlter. Indessen sezt mich der Erfolg seiner Sachen in Erstaunen, und noch viel mehr izt die Natur euers Antrags. Ihr wollet das Volk ohne Gewalt, ohne Zudringlichkeit, und ohne anmaßli- che willkuͤhrliche Einmischung, durch den bloßen D d 4 Einfluß einer gutmuͤthigen Leitung, in ihrem haͤus- lichen Gluͤck weiter bringen, blos dadurch das Druͤckende der Finanz und der Justiz, das Gefaͤhrli- che der allgemeinen Geldjagd mindern, und eben dadurch die Wege anbahnen, die Verwaltung des Staats in allen ihren Theilen mit den Beduͤrfnissen der menschlichen Natur in Uebereinstimmung zu brin- gen, das ist ihr Plan —! Was soll ich ihnen sagen, Bylifsky? Ist es moͤglich, ich wollte Steine tragen ihn zu erzielen; ist es aber unmoͤglich, so wollte ich auch die ewige Plage, immer unnuͤz an solche Sa- chen zu denken, haͤtte einmal ein Ende. Ich bin alt, die Sachen fangen an, mich mehr zu belasten als in meinen jungen Tagen, kommen Sie, ich will ihnen etwas zeigen —! Mit diesem Wort stund er auf, oͤfnere einen Schrank, zeigte ihm Ar- ners zerrissenes Gemaͤld — sehen Sie, wie schwach bin ich! wohin mich mein Unmuth bringt? Ich stund, es mag 3 Monat seither seyn, vor ihm zu, es kaͤmpfte noch in mir, ob ich seinen Traͤumen mein Herz geben wolle? aber ich konnte es nicht, und warf im Unmuth da diesen Stein gegen ihn uͤber. — Bylifsky nahm das schoͤne zerrissene Stuͤck mit Waͤrme in seine Hand, und sagte, Gottlob, daß du lieber Arner also von dieser Wand wegge- kommen, und nicht anders! — Der Fuͤrst sag- te, ich darf ihn, wie er ist, nicht wieder hinhaͤn- gen, sonst wuͤrd' ich es thun — aber Sie sind izt auch de einzige Mensch, der weiß, wie er weggekom- men. — Bylifsky . Darf ich eine Gnade bitten, Ihr Durchaucht? Fuͤrst . Nun welche? Bylifsky . Dieses auch Arner sagen zu duͤrfen? Fuͤrst . O ja! schreiben Sie es ihm — aber kommen Sie, wir sind noch nicht fertig. Mit die- sem sez t e er sich, und sagte, ich will, ehe Sie weiter gehen, einer Kommißion auftragen, ihnen die Gruͤn- de vorzulegen, welche die Schwierigkeiten einer all- gemeinen Ausfuͤhrung der Grundsaͤtzen Arners ins Licht setzen, dann werden Sie mir ihre Antwort ein- senden. — Mit diesem entließ er Bylifsky; und da er fort war, nahm er den weitern Entschluß, er mag izt Recht haben oder Unrecht, so will ich un- partheyisch seyn, und Helidor muß mit ihm offen fechten. Mit dem sezte er sich hin, sandte dem Lieb- ling ein Handbillet, des Innhalts: „Er solle, wen er immer tuͤchtig finde, die Unmoͤglichkeit der allgemeinen Ausfuͤhrung der Bonnaler Grundsaͤtzen in behoͤriges Licht zu setzen, von seinetwegen dazu befehlen, und machen, daß diese mit moͤglichster Befoͤrderung so wohl, als mit moͤglicher Deutlich- keit geschehe, Bylifsky werde dannzumal solches zu beantworten haben; er aber selber wolle inzwischen muͤndlich mit Niemand mehr kein Wort daruͤber verlieren.“ — Wie ein Donner in den Bergen rollt, so rollte die Zeile, „er wolle muͤndlich mit Niemand kein Wort mehr daruͤber verlieren“ durch den Schaͤdel des Lieblings; und wann der Feind in das Herz der Linien eingedrungen, ist es einem General nicht so bang, als es izt Helidor war; er sah keinen Aus- weg, als bestimmt zu thun, was der Fuͤrst befoh- len, und eilte zusammen zu treiben, wen er immer konnte, um Einwuͤrfe gegen Arners Grundsaͤtze zu machen. Am dritten Morgen war fertig, was er mit seinen Helfern dagegen zusammen bringen konn- te; sie protestierten aber am Ende, daß die Sache selber sich viel besser in der Natur und auf den Doͤr- fern, als auf dem Papier widerlege. Noch viel geschwinder, blos ein paar Stunden darauf, hatte der Herzog Bylifskys Antwort. Er protestierte aber auch fast mit gleichen Worten, daß die Sache viel besser in der Natur selber, und auf den Doͤrfern sich zeigen und beweisen lasse, als auf dem Papier. — Das Wesentliche dieser beyden Schriften ist mit kurzem dieses — §. 68. Mene Mene Thekel, Uphrasin. Einwuͤrfe. 1. E r streite wider alle Erfahrung, daß man ein Volk in der Welt so weit bringen koͤnne, als man sage, daß Arner sei- ne Bauern in Bonnal bringen wolle. 2. Alle Anstalten fuͤrs Volk, so gut man es mey- ne, und so gut man sie mache, arten immer aus, und werden oft schneller als der Wind wehet, aus Volks-Anstalten blos Pfruͤnde fuͤr die Maͤntel- traͤger und Schattenbil- der der Versorger, die man dem Volk geben wolle. 3. Es mangle den Landedelleuten allgemein: Antworten. 1. D ie Geschichte der Alten zeige we- nigstens, daß man ein Volk weit bringen koͤnne, und zu versorgen sey man es schuldig. 2. Das sey wahr, aber sie wollen zum voraus er- klaͤren, daß sie auf keine Anstalten antragen wer- den, die zu Pfruͤnden fuͤr die Manteltraͤger und Schattenbilder der Volks- versorger ausarten koͤnn- ten. Im Gegentheil sey das Wesen dessen, so sie anzutragen Lust haben, von einer Natur, daß es vielen solchen Manteltraͤ- gern ihre Maͤntel recht schwer machen wuͤrde. 3. Die Edelleute seyen Menschen wie andere; ih- Einwuͤrfe. an derjenigen Betrieb- samkeit, und an demjeni- gen Ton, der hiezu erfo- dert werde, wenn man so etwas von ihnen erwar- ten sollte. Antworten. re Betriebsamkeit und ihr Ton hange von den Um- staͤnden ab, mehr als ein Sohn vom Koͤnig in Eng- land, Georg dem Zwey- ten lerne Seedienste thun; viele Prinzen dienen sogar denen Myne Herren in Holland, es sey aber auch nicht die Rede davon, die Edelleute in ihrem Ton, und in ihrer Unbetrieb- samkeit zu genieren, oder ihnen im geringsten etwas zuzumuthen, das ihren Geschmack stoßen koͤnnte. Alles, was man in Sinn haͤtte, waͤre ihnen ein paar Spiegel zuzuschicken, sie sehen zu machen, wo sie zu Haus sind, und wo sie hinkommen koͤnnten, weñ sie wollten mit voͤlliger Freyheit fuͤr einen jeden sich in nichts rathen, weil geschweigen befehlen zu lassen, bis es eines jeden seiner Gnaden auffallen Einwuͤrfe. 4. Sie seyen zu traͤg, launig und ungeduldig, und haben gar nicht den Geist, und die Stim- mung, die zu so etwas ha- ben muͤssen. 5. Mit den Pfarrern sey es eben das, sie seyen weder aͤußerlich noch in- nerlich, was sie seyn muͤß- ten, wenn man so etwas mit ihnen ausrichten soll- te. 6. Es werde am Volk Antworten. wuͤrde, daß es die andern besser haben, die sich ra- then lassen. 4. Sie werden nicht durch eine Konspiration eben so wenig durch einen ihrem Stand anklebenden Naturfehler traͤg, launig und ungeduldig seyn; und wenn sie diese Fehler nur wie andere Menschen ha- ben, so werden sie auch wie andere Menschen da- von zu heilen seyn. 5. Man wolle das gar nicht widersprechen, aber es sey wieder die gleiche Sache, wie mit den Edel- leuten, auch die Pfarrer werden nicht durch eine Konspiration, und nicht durch besondere ihrem Stand anklebende Na- turfehler ganz anderst ge- stimmt seyn, als sie fuͤr das, was sie sind, seyn sollen. 6. Es fehle am Volk Einwuͤrfe. selber fehlen, daß es sich nicht werde helfen lassen. 7. Man koͤnne auf 100. Stund weit nicht 6. bis 7. Personen zusam- men bringen, wie der Zu- fall Arnern ein halb du- zend Leute zugeschneiet habe, die zu seinem Spiel gut seyen. — Das sey von seinem Schulmeister an bis auf die Frau, die den Kindern die Struͤm- pfe binde, wahr. Antworten. nie, daß es sich nicht hel- fen lasse, wenn man wisse mit ihm umzugehen, es steige ein jeder gern die Leiter hinauf, wenn er sehe, daß er mit Sicher- heit hinaufsteigen koͤnne. 7. Man koͤnne Leute zusammenstellen, wenn sie auch der Zufall nicht zu- sammenschneie. Es sey freylich wahr, um Arners Ordnung im ganzen zu- erst einzurichten, brauche es eine Art Schnee, wie es vielleicht in 100 Jah- ren kaum einen lege, aber nachdem sie einmal einge- richtet, und in der Ord- nung dastehe, so brauche es zum Nachmachen kaum mehr den Zehenden vom Kopf, den es brauchte, es einzurichten; es seyen fuͤr alle Theile dieses Werks Tabellen, Vorschriften, Wegweisungen eingerich- Einwuͤrfe. 8. Mit solchen großen Volks-Aussichten und Staats-Gesichtspunkten mache man die Menschen nur zu politischen Kan- nengießern, und veran- lasse 100. und 100. un- vorhergesehene Anmas- Antworten. tet, daß Edelleute, Schul- meister, Pfarrer, Kauf- leute, Dorfrichter, ein je- der seinen deutlichen und sichern Leitfaden finde, an dem er sich halten kann; und die Hausvaͤter, die Hausmuͤtter, bis auf das Schulkind hinunter, fin- den die Wege gebahnt nach diesen Plan sich wei- ter zu bringen. Uebrigens fall' es auf, daß es so we- nig als beym Soldaten- stand darum zu thun sey, daß die Mittelspersonen das ganze uͤbersehen, son- dern nur, daß sie fuͤr ihre Stelle und fuͤr ihren Po- sten in Ordnung kom̃en. 8. Arners Plan fuͤh- re den Menschen zu sei- nem Heerd, und lenke die ganze Kraft seiner Auf- merksamkeit auf diesen hin, so daß, wenn irgend etwas dem politischen Kannengießer-Geist des E i nwuͤrfe. sungen u n d Unordnun- gen. 9. Ar n er untergrabe den einzi g en Grund, und das einz i ge Fundament aller wah r en buͤrgerlichen Ordnung, die Religions- lehre. — Antworten. Volks, und uͤberhaupt sei- nen Anmaßungen und Un- ordnungen entgegen wir- ken koͤnne, so sey es dieses. 9. Die Religionsleh- re sey so wenig der einzi- ge Grund und das einzi- ge Fundament aller buͤr- gerlichen Ordnung, als sie der einzige Grund, und das einzige Funda- ment des Schneider- und Schuhmachers-Hand- werks sey. Die Religion soll seyn ohne allen Wi- derspruch goͤttlich, und die Furcht Gottes ohne Widerred zu allen Din- gen nutz; aber ihre Lehre gehe durch Menschenhaͤn- de und Menschenmaͤuler, und werde nicht selten unrein. Unrein desnahen muͤsse man das menschli- che der Religionslehre immer wohl von der Re- ligion Einwuͤrfe. 10. Ein solcher Grad von Wohlstand wie Arner ihn traͤume, wuͤrde das Volk frech, und selber die Regierung gefaͤhrlich ma- chen. Antworten. ligion selber soͤndern. Ihr selber, und der Liebe und dem Zutrauen zu Gott, den Dankempfindungen des Menschen gegen sei- nen Schoͤpfer, u. s. w. koͤnne man nicht besser aufhelfen, alswenn man ihre Hausordnung, ihre Faͤhigkeit sich selber und den ihrigen vor aller Ver- wirrung, vor allem Un- gluͤk zu bewahren, und durch Bedaͤchtlichkeit, Sorgfalt, die Kraͤfte ih- rer Hilfsbegierde und ih- rer Neigung ihren Mitge- schoͤpfen wohl zu thun fest gruͤnde, u. sicher mache. 10. Noth, Unsicher- heit, Unordnung, macht den Menschen frech. Kein Volks Wohlstand, der auf Arbeit, Fleiß, und Haus- ordnung ruhet, wird der Regierung gefaͤhrlich. E e Einwuͤrfe. 11. Mit einem Wort, die Sache sey nicht aus- fuͤhrbar. Antworten. 11. Mit einem Wort das sey zu untersuchen. §. 69. Ihr kennet das Spiel — Meine Muͤlli gaht (geht); deine Muͤlli bstaht (steht). D as war der Innhalt von Helidors Einwuͤrfen, und von den Antworten Bylifskys. Der Fuͤrst er- staunte, als er sie las, und sagte zu sich selber, ent- weder muͤssen sie ihre Sachen nicht verstehen, oder Bylifsky ist darinn begruͤndter als ich es vermuthet. — Er las es wieder — und noch einmal — konnte nicht begreifen, daß etwas so Schwaches von Heli- dor an Ihn gelange; doch kam ihm auch zu Sinn, dieser lasse sich in Nichts hinein, das geschrieben wird; aber es staͤrkte den Fuͤrsten um so viel mehr in seinem Vorsaz, unpartheyisch zu seyn, und der Sache ihren natuͤrlichen Gang zu lassen, auf wel- che Seite sie auch hinschlagen werde. Er ließ auch am gleichen Abend Bylifsky zu sich kommen, sagte ihm, wenn er an Ort und Stelle Meister werde, wie er auf dem Papier Meister worden, so werde er in seinen alten Tagen von ihm lernen, was er in seinen jungen Jahren so gern gelernt haͤtte, aber keinen Menschen dazu fand. — Helidor brachte alles in Bewegung, den Streich abzulenken, und ihn noch dahin zu bringen, daß er die Sache liegen lasse. Von allen Seiten stroͤmten Leute zu, die laͤchelten, und von diesem Traͤumer- wesen redten; selber die Religion, die Helidor in sei- nem Leben zu Nichts gebraucht hatte, schien ihm izt gut genug, ihm hierinn einen Dienst zu leisten. Ein Geistlicher, der, ich weiß nicht wie, Zugang zum Fuͤrsten hatte, bog sich vor dem Herzog, wie die Patres von der Aufwart vor ihrem Herrn Abt; und da er nach geduldigem Warten den Augenblick er- sah, da er reden durfte, verunglimpfte er Arnern, und winkte mit bescheidenen Worten, er raube den armen Menschen, die sonst nichts in der Welt ha- ben, als ihren Gott und ihren Jesum, den einzigen Trost ihres Lebens; und wenn es schon hart schiene, so sey es doch wahr: er verschmaͤhe die Erkenntniß Gottes und seines Worts, und sey wahrlich einer aus denen, die den Herrn der Herrlichkeit Gottes verlaͤugnen und kreuzigen. — Das war zu rund — Der Fuͤrst warf den Kopf hinter sich, sah den Pfaff an, und sagte, was ist das? was thut er dann? — Demuͤthig und gebuͤckt, erwiederte der Priester, er meynt= = = = Ich frage nicht, was er meyne? Ich frage, was hat er gethan? E e 2 Die Frage verwirrte den Geistlichen; er wollte von dem reden was er meyne, und nicht von dem was er thue; dennoch erholte er sich, und sagte, Ihr Durchlaucht! er hat die Christenlehre kuͤrzer gemacht. — Fuͤrst . Das mag nicht uͤbel seyn. — Priester . Und sein Pfarrer predigt wenn er will, und wenn er nicht will, so laͤßt er es gelten. Fuͤrst . Nun — wenn er es nur dann gut macht! — Priester . Es ist doch keine Ordnung, Ihr Durchlaucht! so wenig, als daß er waͤhrend der Predigt mit seinen Leuten redt, und sie fragt, ob alles daheim gesund sey? und der Großvater und die Großmutter diese Nacht wohl geschlafen haben? — Der Fuͤrst lachte, und sagte, aber das ist doch nicht den Herrn der Herrlichkeit gekreuziget? — Priester . Ja — ich vergaß mich fast, Ihr Durchlaucht! man hoͤrt die Hauptlehren des Chri- stenthums, und das Wort Jesus und Heiland manch- mal in einer ganzen Predigt, kein einzigesmal aus seinem Munde. — Fuͤrst . Das thut ja nicht er, sondern sein Pfar- rer — und auch das ist nicht den Herrn der Herr- lichkeit gekreuziget. — Hier wollte der Priester desserrieren, aber der Herzog sagte ihm, er solle schweigen, das Ueber- triebene sey bey keiner Klage gut, und mit dem, was er gehoͤrt habe, kreuzige der Pfarrer in Bonnal den lieben Heiland so wenig, als er seine 85 jaͤhrige Tante damit ins Grab gebracht habe, daß er nicht so geschraubet bey seinem A B C Buch habe sitzen koͤnnen, als seine Franzoͤsin es gern gesehen; sie habe ihm freylich wohl hundertmal gesagt, er brin- ge sie mit seinem Nichtstillsitzen ins Grab, dann koͤn- ne sie ihm keine bon bon mehr geben. — Mit diesem mußte der Pfarrer gehen, und es waͤr Helidor fast etwas schlimmes begegnet, als er ihm diese Geschichte erzaͤhlte. Es geschah noch gar viel anders, und wurde noch gar viel mehr geredt in diesen Tagen, aber es wuͤrde mich ab dem Heimweg fuͤhren, wenn ich allem diesem nachlaufen wollte; und es geluͤstet mich wahrlich bald zu Hause zu seyn, wie du mir es wohl ansehen wirst, lieber Leser! — Durch alles hindurch blieb der Fuͤrst bey dem Entschluß, der Untersuchung dieser Sache ihren Lauf zu lassen, und sich durch keine Privateinmischungen weder links noch rechts davon abwendig zu machen, und gab Bylifsky das naͤchstemal, da er ihn sah, folgende Nota in die Hand — — Zu untersuchen ist — 1) Ob Arner wirklich in Absicht auf die F in anz, Justiz und den Erwerb da sey, wo wir izt vor- aussetzen. E e 3 2) Wenn er wirklich in allen diesen Stuͤcken da ist, durch was fuͤr Mittel er dazu gelangt? 3) Ob die Mittel, die er dazu gebraucht, im Gro- ßen eines Reichs anwendbar? Und im ausge- dehntern Gebrauch auf die Finanz, Justiz und den Erwerb, eben die Wirkung hervorbringen werden, die sie in diesem Dorf hervorgebracht? 4) Und endlich, wenn man alles dieses moͤglich finden wuͤrde, auf was Art und Weise man zu diesem Ziel vorschreiten muͤßte? — Bylifsky las diese Nota, uͤberlegte sie, und sagte dann: In Absicht auf den dritten Punkt, kann das Ob nicht entschieden werden, bis untersucht ist, Wie — und es scheint mir, es komme eigent- lich in die Frage: Kann man die Einrichtungen, die Arner auf seinem Dorf gemacht, auf 10, 20 und 100 Doͤrfern auch machen? Und denn, wenn es ge- schehen wuͤrde, sollte es nach dem Verhaͤltniß der Anzahl dieser Doͤrfer nicht auf das Ganze des Reichs, in Absicht auf Finanz, Justiz und Erwerb, den gleichen Einfluß haben, den es in Bonnal hat? — Der Fuͤrst nahm die Nota zuruͤck, aͤnderte den dritten Punkt, strich den vierten durch, sagte dann, weil ich so weit gehe, so will ich keine Seite der Sache unerforscht lassen, und mich gaͤnzlich nicht der Unannehmlichkeit aussetzen, daß hintennach sich Schwierigkeiten zeigen, an die Niemand gedacht; es muͤssen Rechts gelehrte , Beamtete von der Fi- nanz, Herrschaftsherren, Kaufleute, Geistliche, Un- terbeamtete ab dem Land, Schulmeister und Aerzte dabey seyn, und von den meisten Staͤnden will ich noch Frauen dabey haben, um auch mit Weiber- augen der Sache nachzusehen, und sicher zu seyn, daß nichts Romanenhaftes darhinter stecke. Aber nicht wahr, sezte er laͤchelnd hinzu, darvor muß ich lauter Unglaubige zur Untersuchung nehmen? — Nehmen Sie doch, sagte Bylifsky, weder Glau- bige noch Unglaubige, sondern fuͤr jedes Fach den er- fahrensten Mann, den Sie dazu auftreiben koͤnnen — Ich nehme ihrer fuͤr jedes Fach zwey, und wie gesagt, auch noch einige erfahrne Weiber — ihr Her- ren, ihr habt mich schon so manchmal betrogen! — Helidor war aufs Aeußerste getrieben; der Fuͤrst erklaͤrte sich noch einmal, er wolle mit Un- partheylichkeit die Sache erforschen, und auch ihn zur Untersuchung ziehen, aber er solle sich ein Fach waͤhlen, um dasselbe in der Ordnung zu beurthei- len, und dann dem Uebrigen seinen natuͤrlichen Gang lassen. Das behagte dem Liebling nicht; er wollte, ohne fuͤr etwas sich zu bestimmen, mit- kommen und sehen; aber der Fuͤrst sagte ihm be- stimmt, er wolle keine andere Einmischung, als eine regelmaͤßige Untersuchung der Sache; Helidor E e 4 zog es vor, wenn es so sey, lieber dem Spiel in der Ferne zuzusehen; alles was ihm uͤbrig blieb Staub in die Milch zu werfen, war dieses, daß er am Abend, ehe der Herzog verreißte, noch zu ihm sagte, er solle Arner, den Lieutenant und den Pfar- rer waͤhrend der Untersuchung entfernen. — Diese Herren, sagte er, wissen izt, daß Sie kommen, und ihre Uhr ist aufgezogen, daß sie waͤhrend ihrem Daseyn gut gehet; aber so sie die drey ersten Raͤ- der davon eine Weile still stellen, so ist die Stunde vielleicht so gut, daß Sie dahin kommen die Schwaͤ- che des Werks, die mir sicher ist, einzusehen, ohne dieses aber gewiß nicht. — Nun verreißte der Herzog, und das ganze Per- sonale der Untersuchung hatte Befehl, in den ersten Tagen, und so lang bis ein jeder in seinem Fach dem Herzog Bericht abgestattet, kein Urtheil daruͤ- ber zu faͤllen, sich auch gegen Niemand verlauten zu lassen, was ihre wahre Urtheile daruͤber seyen — Das war gut, aber nicht um deswillen warum es der Fuͤrst glaubte — Er meynte nemlich — der erste Eindruck der Sache werde sie einnehmen, daß sie alsobald mit einem Trompetenstoß zum Vortheil davon herausruͤcken, und denn nicht mehr zuruͤck- stimmen koͤnnen. Es war das Gegentheil; da sie das Ganze sahen, schwindelte es den Herren und Frauen, sie meynten nichts anders, als dieses all- gemein auszufuͤhren uͤbersteige alle Menschen Kraͤfte, und sey gaͤnzlich unmoͤglich. Sie haͤtten auch in den ersten Stunden dieses alles mit einem Mund rund heraus gesagt, wenn sie nicht diesen Befehl gehabt haͤtten zu schweigen. Aber als sie an ihre Arbeit mußten, und ein jeder in dem besondern Fach, das er zu beurtheilen hatte, naͤher forschte, was eigentlich da sey, und wie Arner darzu gekommen, den bestimmten Vor- schritt dieses Fachs so hoch hinauf zu treiben als sie ihn sahen, vergieng ihnen nach und nach der Schwindel, der sie beym ersten Anblick dieses blen- denden Werks uͤbernommen, und sie kamen Tag fuͤr Tag mehr dahin, die Mittel, die Arner zu diesem Zweck gebraucht, nichts weniger als un- nachahmlich zu finden; sonder im Gegentheil, sie stimmten am sechsten Tage, da der Herzog ihren ersten Bericht abnahm, einmuͤthig fuͤr die Moͤg- lichkeit der allgemeinern Ausfuͤhrung der Sache im Großen. — §. 70. Der Autor rezensiert sein Buch — Und die Herren von der Kommißion erstat- ten dem Fuͤrsten Bericht. — Die zwey Justizraͤthe urtheilten: 1. E s sey wahr, es seyen bey den Einrichtungen, die Arner gemacht, unter zehn Dorfstreitigkeiten, neune geradezu unmoͤglich; und sein Rechtsgang habe die Fehler der gewohnten Rechtsform, uͤber welche man allenthalben so laut und allgemein kla- ge, gaͤnzlich nicht; er untergrabe die Gutmuͤthig- keit, Billigkeit und Gemuͤthsruhe des Volks nicht; er verderbe den Sinn der Nation weder durch Verfaͤnglichkeit noch Gewaltthaͤtigkeit, und schuͤtze und erhalte uͤbrigens seine Leute auf eine Art bey dem Ihrigen, daß sie nichts sehen, das hierinn mangle. — Im Kriminale sey es das gleiche; bey seinen Einrichtungen seyen wieder unter zehn Kri- minalfaͤllen neune geradezu unmoͤglich; und er sey wirklich vollkommen da, daß er ohne die geringste Bloͤße zu geben, den Galgen mit allen Ehren fuͤr dieses Dorf habe abschaffen koͤnnen, indem die Ver- brechen beym Ganzen seiner Einrichtungen unmoͤg- lich mehr den ansteckenden Reiz haben koͤnnen, um dessentwillen der Gebrauch des Galgens einzig und allein vor Gott und Menschen zu entschuldigen ist. — 2. Die Mittel, durch die er dahin gekommen, seine Gerechtigkeit auf einen so guten Fuß zu setzen, seyen nichts anders, als die Festigkeit eines regel- maͤßigen Einflusses seiner Dorfregierung auf den haͤuslichen Zustand seiner Leute, die ihn sicher stelle, daß ein jeder einzelner Mensch in allen Theilen sei- ner Beduͤrfnissen, und fuͤr alle Ordnungen seines Lebens, Rath, Leitung und Bildung finde. 3. Sie koͤnnen auf der einen Seite nicht finden, warum es nicht einem jeden Edelmann, dem der gute Zustand seiner Dorfleute im Ernst angelegen waͤre, eben so wohl als Arnern moͤglich seyn sollte, in seinen Doͤrfern mehr oder minder eben diejenige Einrichtungen zu machen; aber denn muͤssen sie auf der andern Seite auch sagen, daß eben die- ses, nemlich eine uͤbereinstimmende Bemuͤhung vie- ler Partikularen zu diesem Ziel, der einzige Weg sey, durch welchen die Justizform Arners im Großen ausfuͤhrbar seyn wuͤrde; das aber setze zum Vor- aus, daß sowohl die Kenntnisse der Edelleute, in Absicht auf die Fuͤhrung und Bildung des Volks, als auch ihre Neigung fuͤr den Wohlstand desselben, ihre Thaͤtigkeit zu verwenden, erhoͤhet werden muß. In diesem Fall nemlich, bey fester und allgemeiner Ausbreitung der Kenntnissen von der Volksfuͤhrung bey den Edelleuten, und beym Allgemein bey den- selben rege gemachten Interesse fuͤr diesen Gegen- stand, koͤnnte es nicht anderst seyn, als daß nach Maaßgebung der Ausdehnung solcher Privatein- richtungen, die Justiz des Landes im Ganzen mit den Einrichtungen Arners harmonisch werden muͤßte. Dann bemerkten sie noch, Arners Rechtsgang lasse sich noch mehr vereinfachen, und sagten, er schiene bey der Schwerfaͤlligkeit des Ceremoniels in seinen Rechtsschritten nicht genug Ruͤcksicht auf den Zustand genommen zu haben, in welchen sein Volk durch den fortgesezten Genuß seiner Einrichtungen nothwendig kommen muͤsse. — Im rohen Zustand des Landvolks, und in der dasselbe verwilderten Ver- wirrung in der es lebt, auch noch in den Anfaͤngen ei- ner bessern Fuͤhrung, ist diese druͤckende Schwerfaͤl- ligkeit des Ceremoniels in den Rechtsschritten von wesentlichem Nutzen — aber nach Maaßgebung daß ein Volk seine Rohheit verliert, und in eine ehren- veste sittliche Ordnung gebracht wird, wird auch das schwerfaͤllige Ceremoniel bey der Rechtsform bey ihm uͤberfluͤßig — das wird aber Arner bey der Erfahrung im Augenblick finden. — Die Finanzraͤthe giengen mit dem Bleystift in der Hand in mehr als 15 Haͤuser, ließen sich von den Hausvaͤtern mit eben so viel Genauheit als Umstaͤndlichkeit vorrechnen, was die neuen Ein- richtungen des Dorfs fuͤr einen bestimmten Einfluß auf ihr Hauswesen gehabt, und was fuͤr einen Un- terschied sie sowohl in Absicht auf den Kapitalwerth ihres Eigenthums, als auf den Jahrgenuß ihrer Wirthschaft gezeigt haͤtten. Das Samtliche dieser genau aufgenommenen Untersuchungen bewieß, daß Arners Einrichtungen wirklich sowohl den Kapitalwerth des Eigenthums seiner Bonnaler, als ihren Jahrvorschlag verdop- peln, und ihnen Ersparnisse moͤglich machen, die zu so wichtigen Staatsendzwecken hinfuͤhren koͤnn- ten, als ihr angefangener Steuerfond, wenn er in einer großen Anzahl von Doͤrfern errichtet wuͤrde, erzielen koͤnnte. Sie bemerkten dabey, es waͤre Arner ohne den Baumwollen-Meyer unmoͤglich gewesen, dieses zu leisten; und sagten, der Detail dieser Rechnungen zeige, daß zwey Drittel von einem Vorschlag des Dorfs von der Handarbeit, und kaum ein Drittel vom Abtrag ihrer Landbesitzungen herruͤhre; indessen sey dieser Gewuͤnst (Gewinn) unter der Regierung des alten Arners vollends draufgegangen, ohne daß ein Mensch einen Heller beyseits gelegt, und allent- halben wo die Gewerbsleute fuͤr ihre Arbeiter nicht eine solche Sorgfalt tragen, wie der Baumwollen- Meyer, und von der Regierung weder Aufmunte- rung noch Handbietung hierzu genießen, zeiget die Erfahrung, daß aller dieser Gewinnst verlohren geht, und der Endzweck, das Volk durch die In- dustrie immer mehr zu heben, und es in Lagen zu setzen, einen merklichen Vorschritt in seinem Wohl- stand zu thun, und fuͤr seine Nachkommenschaft auf eine zuverlaͤßige und beruhigende Art zu sorgen, oder so gar Ersparnisse zu machen, um sich von den Beduͤrfnissen der oͤffentlichen Finanz, und dem ver- wirrenden Druck der Landeslasten wie in Bonnal ledig zu machen, setze offenbar voraus, daß die Edelleute den kaufmaͤnnischen Stand auf eine sehr sorgfaͤltige Art in ihr Interesse ziehen — indem der Kaufmann izt die Brodquellen des Volks in sei- nem Porte-Feuille herumtrage, wie ehedem der Edelmann in seinem Stiefel, und gewoͤhnlich von seinem herausfließenden Einfluß auf den Zustand des Volks einer auf seinen wahren Wohlstand eben so wenig aufmerksamen Gebrauch mache, als ehedem die Edelleute von dem Recht ihres Sporrens — der Staat aber koͤnne dieses nicht laͤnger dem Zufall uͤberlassen, und muͤsse, wenn er den Zustand seiner Einwohner nicht gaͤnzlich hindansetzen wolle, un- umgaͤnglich einmal anfangen, jedermann, der mit seiner Gewerbsamkeit Menschen im Land, wenn es auch nur 20 waͤren, beschaͤftige, zu verpflichten, der Regierung Rechenschaft zu geben, wer diese Ar- beiter seyen, was sie woͤchentlich gewinnen, was sie gewinnen koͤnnten, wenn sie ihre Arbeit besser ver- stuͤnden und fleißiger waͤren? Was sie fuͤr einen Gebrauch von ihrem Verdienst machen? Durch was fuͤr Mittel er glaube daß es moͤglich waͤre sie dazuzubringen, sie weiter zu bringen? — Auf diese Art wuͤrde der Staat in allen Faͤ- chern des gemeinen Verdiensts Nachrichten erhal- ten, durch die er von Leuten, die des Details kundig, auf die Spur bringen koͤnnte, durch was fuͤr Mittel das Volk in diesen wichtigen Gesichts- punkten in allen Ecken des Landes weiters zu bringen waͤre? — §. 71. Der Autor weiß zum Voraus, daß der Schlendrian der Geistlichkeit nicht fuͤr ihn stimmt. Anmerkung . Er weiß dieses auch vom Schlendrian anderer Staͤnden, und ist hinge- gen der Beystimmung erleuchteter Geistlicher in vielen Punkten sehr sicher. Da aber die Sache mit den andern Staͤnden durchs Rech- nen muß eroͤrtert werden, so braucht es einer- seits weniger Redens gegen ihren Schlendrian, D ie Herren von der Untersuchungs-Kommißion konnten alle rechnen. Bylifsky bat den Fuͤrsten, daß er keine unordentliche Haushalter, und keine Leu- te, die sich aus dem Rechnen nichts machen, dazu ziehe. Der Fuͤrst konnte ihm dieses nicht abschlagen, und sah bey ihrer Wahl allgemein darauf; bey den Geistlichen allein kam ihm nicht zu Sinn, daß er auch hierauf Ruͤcksicht nehmen sollte. Es gieng nicht gut, da alle andere Staͤnde im Eins mal Eins und in der Erfahrung ihre Handhebe hatten, woran sie sich hielten, so hatten diese Herren keine, und wuß- ten nicht recht was sie sagen wollten. Es war ihnen nicht genug ein wohlversorgtes Volk, mit ruhigem Gemuͤth, voller Kraͤften, zu weiser haͤuslicher Gluͤckseligkeit, und zu wirksamer Menschenliebe gebildet vor ihren Augen zu sehen; nicht genug, bey ihnen ein ernsthaft frohes, be- daͤchtliches Vertrauen auf Gott, und eine Dank- barkeit gegen ihn, die sich durch allgemeine Sorg- falt fuͤr ihre erste Lebenspflichten als real erprobte, und eine Menschenfuͤhrung zu finden, die den Quel- len der groͤßesten und traurigsten Menschenleiden, und den vorzuͤglichsten Reizen zu den meisten Bos- heiten und anderseits ists wirklich zu erwarten, daß ihr Nutzen und Schaden sie allgemein fruͤher zu richtigen Grundsaͤtzen in der Volksfuͤhrung er- heben werde, als daß der große Theil der Geist- lichkeit, unter den Umstaͤnden darinn er lebt, dahin gelangen moͤchte. heiten und Suͤnden mehr und allgemeiner entgegen wirkte, und ihre Gemuͤthsruhe, und jede gute Kraft der Seele weit mehr und allgemeiner befoͤrderte, als sie es noch nie gesehen. Sie meynten dennoch, erstlich: der Pfarrer unterrichte die Leute nicht ge- nug in der Religionslehre; zweytens, er erwaͤrme sie nicht genug mit den Heiligthuͤmern des Glau- bens; drittens, er setze einen zu großen Werth auf irrdische Dinge; und viertens, er binde ihr Ver- trauen auf Gott an das gefaͤhrliche Strohhalm ih- rer eigenen Sorgfalt. Die Antworten des Pfarrers und des Lieute- nants uͤber diese Punkte bestunden darinn — 1. Der wissenschaftliche Unterricht uͤber die Re- ligion sey eine Menschenfoderung, und werde von der Bibel auf keine Weise als ein Bedingniß der Seligkeit gefodert, nicht einmal als ein Mittel zu derselben empfohlen. — Das Volk im Ganzen sey unfaͤhig irgend einen wissenschaftlichen Unterricht anderst zu fassen, als es die armseligsten Blend- werke des trugvollsten Aberglaubens auch fassen wuͤrde. — Die Bibel fodere vom Menschen nicht Religions-Wissenschaft, sondern Religions-Ausuͤ- bung. — Alle Versuche, die Religion zu erklaͤren, bringe das Volk von der einfaͤltigen, geraden, sich in nichts Fremdes, und in nichts das ob der Hand ist mischenden Seelenstimmung ab, und mache es dadurch sehr vieles verlieren. — F f 2. Er erwaͤrme seine Leute nicht mit Religions- Woͤrtern, und nicht mit irgend einem Bild, we- der dessen was daroben ist, noch dessen was auf Erden ist, noch dessen was unter der Erden ist; aber mit einer Seelenstimmung, die der Ausuͤbung der Religionspflichten angemessen. 3. Das Zeitliche und Irrdische sey, seitdem die Erde geschaffen, und die Welt gegruͤndet worden, das reinste, sicherste und untruͤglichste Fundament der wahren Volks-Religion gewesen; die Doͤrner und Disteln, die der Herr des Himmels zur Uebung unserer Kraͤfte auf Erden wachsen laͤßt, seyen noch izt wie vor 6000 Jahren, das was den Menschen am Besten lehre Gott erkennen, und er muͤsse darum recht zum Irrdischen erzogen werden, weil sonst die Reize zu allem Boͤsen ohne Maaß groͤßer, und die Kraͤfte zu allem Guten ohne Maaß kleiner in ihm werden, und er dadurch, daß er zu seinem Stand- punkt nicht wohl erzogen wird, so viel als noth- wendig in Lagen und Verwicklungen kommen muß, darinn das Vernuͤnftige in der Religion keinen Ein- druck mehr auf ihn machen kann, und er nothwen- dig gegen die Gewalt seines leidenschaftlichen Zu- stands, bey einer so leicht zum Unsinn aller Schwaͤr- merey hinfuͤhrenden Anspannung seiner Einbildungs- kraft Hilfe suchen muß. Aber wehe dem, sagte der Lieutenant, der mit Verstand nicht zu Gott kommen kann — und lieber braucht — zur Rettung seiner Seele. — 4. Daß Arners Sorgfalt auf Kind und Kindes- kinder hinunter dem wahren Vertrauen auf Gott schaͤdlich, und das Christenthum einer solchen Sorge fuͤr den morndrigen Tag entgegen — daruͤber sagte der Lieutenant — ist es wahr, daß das Christen- thum der festen genauen Sorgfalt, die die Fuͤrsten fuͤr ihre Succeßion haben, entgegen? Das wollten die Geistlichen nicht behaupten — Also waͤre es diesem Grad von Sorgfalt nur bey ge- gemeinen Leuten entgegen? sagte der Lieutenant. Aber sie wollten ihm das auch nicht gelten las- sen, und sich mit der großen Wichtigkeit der fuͤrstli- chen Succeßion heraus helfen — aber der Lieute- nant sagte ihnen, als Christen muͤssen sie wissen, das Kind des Fuͤrsten sey vor Gott nicht mehr als das Kind seines Knechts, und er brauche zu seiner Vor- sehung uͤber ihns, und uͤber den Staubhaufen sei- nes Reichs so wenig eine uͤberfluͤßige Menschensorg- falt zur Hilfe, als uͤber den Staubhaufen der Bett- lerhuͤtte des andern — Und als Buͤrger muß ich ih- nen sagen, die Sorgfalt fuͤr die Scceßion des Volks ist im Ganzen der Menschheit wichtiger, als die Sorgfalt fuͤr die Succeßion des Fuͤrsten, und viel- leicht das einzige reale Mittel fuͤr die Succeßion des Fuͤrsten zuverlaͤßig zu sorgen. — Der Lieutenant wurde uͤber diesen Punkt leb- haft, und sagte, man koͤnne denselben unmoͤglich F f 2 im Dunkeln lassen, er entscheide gaͤnzlich, ob man links oder rechts mit der Volksfuͤhrung hinlenken muͤsse; ein einziger Schritt auf die unrechte Seite sey hierinn in den Folgen unabsehbar. — Entweder, sagte er, ist das Christenthum fuͤr einen Glauben, bey dem man die natuͤrlichen Mittel der Sorgfalt fuͤr sich und die Seinigen auf Gott hin vernachlaͤßigen darf, ohne dabey fuͤr sich und seine Nachkommen zu gefahren. In diesem Fall sind taͤgliche Wunder unumgaͤnglich noͤthig, oder das Christenthum muͤßte seiner Natur nach das offe- ne Grab des Menschengeschlechts werden; aber die Kraft unserer Natur und des schlichten Menschen- verstands wirket auch hierinn den Verirrungen sei- nes Kunstsystems entgegen, wie sie den Verirrungen aller menschlichen Kunst und Systemen durch Got- tes Vorsehung zur Rettung des Menschengeschlechts entgegen gewirkt hat. Ist es aber nicht, ist das Christenthum fuͤr einen Glauben, bey dem man die natuͤrlichen Mittel der Selbsterhaltung und Sorgfalt fuͤr die Seinigen auf Gott hin vernachlaͤßigen darf, und ist es seine offe- ne, unzweydeutige, und allgemeine Meynung, es sey Gott versucht, die Haͤnde in den Schoos zu le- gen, und die natuͤrlichen Mittel der Selbsterhal- tung und Vorsorge nicht mit aller noͤthigen Auf- merksamkeit, Sorgfalt und Thaͤtigkeit zu gebrau- chen; so kann es auf der andern Seite die Bemuͤ- hungen des Staats, das Volk im Ganzen seiner Bildung, in einem solchen Grad auf das Irrdische aufmerksam zu machen, als es zur Erzielung der Kraͤften, die dem Menschen zur Selbsterhaltung und Vorsorge in seiner bestimmten Lage erforderlich sind, nothwendig ist, nicht mißbilligen. Aber es ist unmoͤ g lich, den Schlendrian der Geistlichkeit uͤber diesem Punkt zu festen, heitern, praktisch sichern Begri ff en empor zu heben. Es lie- gen in ihren Umstaͤnd e n und in ihrer Bildung zu viele Reize, ihre Aufm e rksamkeit von dem Grad der Kraft fuͤr das Irrdische, welche in die innerste Stimmung des Volks muß hineingebracht werden, abzulenken, wenn dasselbe in den ersten Beduͤrfnissen des Lebens, auf deren Befriedigung im Allgemeinen alles andere ruhet, nicht verwahrloset seyn soll. Es war umsonst, der einte Geistliche konnte nicht rechnen, hingegen unendlich reden; er hatte in seinem Leben noch nie nachgegeben, wenn er etwas behauptete, und sagte izt hinter allem diesem noch, eine solche fuͤr das Irrdische aufmerksame Volksstim- mung koͤnnte nicht anderst als der Religion gefaͤhr- lich seyn. Wohlehrwuͤrdiger Herr! erwiederte der Lieute- nant, die Erfahrung zeigt, daß nichts so sehr die Menschen von Gott und allem Guten wegbringt, als wenn sie sich selbst und die Ihrigen nicht versorgen koͤnnen. Ff 3 Das macht nichts, sagte der Geistliche, wenn man die Begriffe der Religion auseinander sezt, so sieht man es deutlich und klar, daß eine solche Volks- stimmung der Religion Gefahr bringen muͤsse. Aber wohlehrwuͤrdiger Herr! erwiederte dieser nochmals, die Erfahrung sezt mir diese Begriffe ge- gen Sie so heiter auseinander, daß mir bey diesem Einwurf ist, ich hoͤre in einer Hungersnoth mitten im Klaggeschrey von Tausenden, die nach Brod ru- fen, einen Menschen behaupten, das Brod sey nicht gesund zu essen. — Das sey nicht geredt, sagte der Geistliche. Und der Lieutenant — man denke bey dem Wort „es sey etwas fuͤr die Religion gefaͤhrlich“ so oft weder an Gott noch an die Menschen, und brauche es unzaͤhlichemal so in Tag hinein. Wie ein benachbarter Pfarrer, der vor etlichen Monaten, da der Stral ein steinern Kreuz am Weg zerschmettert, auch behauptete, es sey der Religion gefaͤhrlich, wenn man die zerschmetterte Stuͤcken Steine dem Volk lang vor den Augen lasse, man muͤsse geschwind wieder ein neues machen — das ist blos laͤcherlich — aber wenn man die Sorgfalt des Staats fuͤr des Volks erste Nothdurft, und fuͤr sein Brod und fuͤr die Nachkommenschaft, die ohne feste Richtung seines Geists auf das Irrdische nie zu- verlaͤßig ist, als der Religion gefaͤhrlich erklaͤren wollte, denn waͤr es etwas — anders, als blos laͤcherlich. — Aber der gleiche Geistliche war dannnoch im Stande, hinter diesem zu sagen, der Lieutenant und der Pfarrer haben weder Physik noch Landbaukennt- niß, die sie in Stand setzen, das Volk real auch nur hierinn weiter zu bringen, sie haben nicht einmal Kenntniß der neuern Hilfsmittel der Volksaufklaͤ- rung. — Herr! antwortete der Lieutenant, ihr kennet das Volk nicht, und versteht nicht, was es heißt, es zu fuͤhren, und was es braucht, es weiters zu bringen; und trat dann in diese Materie hinein, und sagte: es ist gar nicht, daß einer, der das Volk fuͤhren will, in allem den Detail verstehen muͤsse, was er will daß es lerne. Die Kunst ist, daß er es lehre angreifen was es muß, und denken, woruͤber es ihm noͤthig zu denken ist, alles uͤbrige giebt sich dann von selber; wenn man wolle die Bauern da- durch, daß man ihre Sachen im Detail selber stu- diere, und einfaͤltig und deutlich mit ihnen rede, und ihnen Buͤchelchen, die so klar als Brunnenwas- ser seyen, machen koͤnne, weiters bringen, so gehe man an den Waͤnden, man bringe den Bauer nicht weiter, außer man ziehe ihn, daß er des Den- kens gewohnt werde, und bringt seine Vorurtheile nicht aus ihm heraus, außer man bilde seinen Wahrheitssinn mit einer Kraft, die diesen Vorur- Ff 4 theilen angemessen; und einzelne oͤkonomische, phy- sikalische und moralische Wahrheiten, ohne sie auf das Fundament einer solchen Bildung zu gruͤnden, und alle Versuche, die mit Vorbeygang eines festen Einflusses auf das Ganze seiner Stimmung, aller- ley Kunst und Wissenschaften in das Volk werfen wollen, seyen Schloͤsser in die Luft, und Arbeit in den Wind. Ist einer im Stand das Volk ordentlich, an- stellig, bedaͤchtlich und thaͤtig zu machen, so muß er es weder eggen noch pfluͤgen lehren, kann er aber das nicht, so arbeitet er umsonst es eggen und pfluͤ- gen zu lehren; es ist umsonst daß er zum Schwein sage, es solle nicht im Koth wuͤhlen, und zum Bauer, der in seiner innersten Bildung fuͤr Ord- nung und Thaͤtigkeit zuruͤck ist, er soll auf Physik und Arzneykunst gegruͤndete Regeln der Selbster- haltung und des Feldbaues anwenden. Er sagte fort, ich verstehe von allem Bauern- wesen im Detail gar nichts Anmerkung . Das ist bestimmt der Fall des Verfassers, und der Geist des Buchs, es enthaͤltet kein einziges Recept fuͤr irgend einigen Detail-Umstand von den Millionen einzelnen Beduͤrfnissen des Volks, dennoch soll es den Bauern in diesen einzelnen Beduͤrf- nissen dienen koͤnnen, und indem es auf die Richtung ihres Kopfs und ihres Herzens ; aber meine Kinder muͤssen mir den Kleebau dennoch wie die Spitze ma- chen, das Wolleweben wie das Ruͤbenhacken, und wenn es noͤthig ist, das Uhrenmachen so gut als das Mistverzetteln wohl lernen. — Auch desfalls blieb der Geistliche bey seiner Meynung, und behauptete, es wuͤrde doch nichts schaden, wenn das Volk et- was von der Physik und Arzneykunst verstuͤnde. — Als wenn Zerstreuung und Halbwissen, und das Ablenken seines Kopfs von der einfachen Richtung auf das Nothwendigste nicht der groͤßeste Schaden waͤre, den man ihm thun koͤnnte, sagte mit Eifer der Lieutenant — sezte hinzu — Nein, nein, diese Art Aufklaͤrung, die uns Romanenbauern machen koͤnnte, wie wir Romanenbuͤrger haben, ist nichts nutz, und die Fassungskraft des Volks durch festen Einfluß auf seine Berufsbildung zu erweitern, ist das einzige wahre Mittel zu seiner rechten Aufklaͤ- rung. In der Fuͤlle seiner Wissenschaft vergraben, und fuͤr alles, was der andere sagt, immer eine Ant- wort findend, machte endlich den Lieutenant muͤde, daß er schwieg. Den ersten verdroß es, daß der Lieutenant ge- schwiegen, eh die Sache, wie er meynte, waͤre aus- gemacht worden, und ergab sich hernach auch allge- mach. Einfluß hat, sie selber auf die Spur der De- tailrecepten, die sie noͤthig haben, fuͤhren. — Aber hingegen der andere Geistliche, der fast nichts redete, kam wirklich unter diesem Gespraͤch dahin, zu fuͤhlen, daß die aͤußere Form der Chri- stenlehre, in Ruͤcksicht auf den Einfluß, den ihr wissenschaftlicher Zuschnitt auf die Volksstimmung habe, einee allgemeinen Revision beduͤrfe; sondierte nach seiner Art das Volk in Bonnal wie ein Spion, ob es auch wirklich an den Heiland glaube, oder nur diesen Herren anhange — die es im Zeitlichen versorgen? Und fragte, seiner Meynung zum Vor- aus sicher, neben dem Lieutenant zu ein Kind in der Schule, ob ihm der Heiland mehr lieb sey als der Schulmeister? — Ja freylich, sagte das Kind. Warum doch das? sagte der Mann, und meyn- te es koͤnnte nun izt nichts mehr antworten, und waͤre froh gewesen, denn seine Antwort war ihm schon zum Voraus geruͤstet — siehest du, gutes Kind! du weißt nicht so viel vom lieben Heiland als vom Hr. Schulmeister, darum kann er dir auch nicht so lieb seyn, wenn du es schon sagst und es vielleicht meynst. — Aber der Seitensprung zur Ehre des Heilands gerieth ihm nicht. — Das Kind antwortete — Wenn der Herr Schulmeister noch so gut ist, er ließe sich doch keinen Nagel durch die Hand schla- gen um ander Leute willen. — Es war dem Priester leid, daß die Unschuld so wider ihn zeugte — und er glaubte doch nicht. — §. 72. Die andern Staͤnde fahren fort fuͤr ihn zu stimmen, bis zu Ende der Rezen- sion seines Buchs. Anmerkung . Verstehet sich nach seiner Meynung, und eben so daß diese Meynung noch zu untersuchen ist. D ie Kaufleute giengen wie die Finanzraͤthe in die Stuben des Volks, und sahen die Arbeit dieser Leute und ihre Ordnung mit Genauheit, untersuch- ten die Ursachen dieses Vorschritts in ihrem Ver- dienst sowohl, als in ihrer Arbeitsfaͤhigkeit, und erklaͤrten sich, nachdem sie alles dieses genau ge- sehen, bestimmt, die Einrichtungen Arners fuͤh- ren zu einer solchen Totalveraͤnderung in den Um- staͤnden des Volks, und geben ihm einen solchen Grad von Erwerbskraͤften, daß sie, wenn sie all- gemein auf den Doͤrfern eingefuͤhrt wuͤrden, in Absicht der Festgruͤndung und Ausdehnung der Handlung eines Reichs unuͤbersehbar große Fol- gen haben muͤßten. Dieses, den Fuͤrsten heiter zu machen, er- klaͤrten sie. Die Hauptschwierigkeiten, die der Errichtung aller neuen Gewerbsbranches im Weg stehen, sey die Rohheit, Unordnung, Unanstelligkeit des ge- meinen Volks. Alles, was solche Leute in die Hand nehmen, gehe zu Grund, was sie gerad machen sollen, machen sie krumm, und da sie weder Kennt- niß noch Erfahrung im Geldgebrauch haben, so gehe es unter ihren Haͤnden zu grund wie nichts, je mehr sie verdienen, je mehr verthun sie wieder, das erniedrige sie zu falschen, untreuen, gefaͤhr- lichen Menschen, und alle diese Umstaͤnde bringen den meisten Anfaͤngern von neuen Gewerbsbran- chen einen ihnen unerschwinglichen Verlurst, auch sehe man sie alltaͤglich unter solchen Haͤnden dahin schwinden, wie Fruͤhlingsmuͤkken bey einem Win- terfrost. Wenn hingegen der Staat durch solche Dorf- einrichtungen solchen Unternehmern, darinn an die Hand gehen wuͤrde, daß sie seines festen Einflus- ses in die Bildung des Volks zur Anstelligkeit, Reinlichkeit, Ordnungsliebe, Genauheit und Spar- samkeit zum Voraus versichert seyn koͤnnten, so wuͤr- de der erste Stein des Anstosses gehoben seyn, an welchem die nach allen Arten von Handlungsetab- lissements so duͤrstende Gierigkeit aller Reichen so lang anstossen wird, bis ihre Gesetzgeber erken- nen, daß sie in dieser Sache auf Fundamente ar- beiten, und mit Geduld durch vorhergehende Ein- richtungen zur zweckmaͤßigen Bildung des Volks die Moͤglichkeit eines allgemeinen Handlungs und Gewerbsgeists vorbereiten, und abwarten muͤssen, eh sie ihn genießen koͤnnen. Denn, sagten sie, besonders in Ruͤcksicht auf den Zustand Seiner Durchlaucht, wo das Volk wohlfeil Brod habe, da sey die Etablirung einer all- gemeinen Gewerbsamkeit doppelt schwierig, alle In- dustrie gedeihe am besten in duͤrren brodlosen Bergen und auf hartem unfruchtbaren Boden, wo der Druck der Noth den Menschen lehre ihre Kraͤfte anspannen, und so hoch treiben als moͤglich, um Brod zu finden. Im platten Land und in frucht- reichen Thaͤlern koͤnne man das Volk unmoͤglich zur gleichen Anstrengung im Kunstfleiß empor he- ben, wenn man nicht durch festen Einfluß in seine Nationalbildung sie durch die Beweggruͤnde der Ehre, und die Reize sicherer und ungluͤcklicherer Umstaͤnde zu der Thaͤtigkeit erhebt, zu welcher sie die Noth nicht zwingt; aber wenn man dieses thun wuͤrde, und durch Einrichtungen wie in Bonnal bey diesen gluͤcklichern Gegenden, diesem Ziel ent- gegen streben wuͤrde, so wuͤrden dieselben am En- de, denn auch sicher hierinn den Vorzug behaup- ten, den ihnen die Natur allgemein verliehen. — Eben so wuͤrde eine solche Bildung des Volks auf die einzeln Menschen, die bey der Industrie Verdienst finden, eine ganz andere Wirkung her- vor bringen, und auch in der Tiefe des Volks, und beym niedersten Arbeiter die Grundlag solider Umstaͤnden, und eines den Faͤhigkeiten, dem Fleiß, der Anstelligkeit eines jeden Menschen proportionir- ten Vorschritts in seinen Vermoͤgensumstaͤnden moͤglich machen, und dann wuͤrde die ganze Massa dieseserhoͤheten und sicher gestellten Landesverdiensts allgemein auf die Fundamente des menschlichen Wohlstands wirken, und wirken muͤssen, so daß man dannzumal die Wirkungen der Handlung nicht mehr sogar im Pomp truͤglicher Palaͤsten als im Flor eines untruͤglichen allgemeinen Volks Wohl- stands bewundern, und lebhafter als izt erkennen wuͤrde, daß hundert Millionen auf hunderttau- send Menschen vertheilt, dem Staat unendlich mehr Werth sind, als zwey und dreyhundert Millionen auf wenigen Koͤpfen, — und daß es dem Staat weit wichtiger ist, daß der Pfenning in der Hand von hunderttausend Wuchern, als daß Millio- nen in der Hand eines einzigen ohne Ruͤcksicht auf den Pfennig der Hunderttausend, oder gar zu ihrem Ruin sich haͤufen, und durch jede Laune ei- nes schwierigen Erben dem Staat entrissen, und mit seinem Handzug in ein fremdes Land gewor- fen werde. Sie sagten beyde, das erste Kennzeichen wahr- haft solider und den Staat sicher stellenden Hand, lungsgrundsaͤtzen sey dieses, wenn ein Haus in oͤko- nomischen Vorschritt, alle Menschen mit denen es im Verkehr stehet, sein wahres Interesse kennet und findet, wie im Gegentheil es eben so das Kenn- zeichen einer beschraͤnkten, unsichern, dem Land gefaͤhrlichen Handlungsmanier ist, wenn ein Kauf- mann alles braucht, was ihm zur Stund dienet, und im mitten unter sich haͤufenden Menschen E- lend von jedem zieht, was er kann, und noch froh ist, wenn die Menschenhaufen, die er beschaͤftigt, den Verdienst, den er ihnen zuwirft, geschwind wieder zu Grund richten, damit sie ihm immer de- sto wohlfeiler an der Ketten bleiben, und also de- sto leichter ohne viel Muͤhe und Sorgen beym An- schwellen seiner Geldhaufen aufduͤmsen, wie er aufdumset. Es giebt viele Leute in der Welt, sagten sie, die mit allem Geld, das sie besitzen, ihrem Lande nicht den Zehnden von dem Schaden wieder ver- guͤten koͤnnten, den sie ihm durch eine solche Hand- lungsweise gethan haben. Aber davon ist izt nicht die Rede; hingegen muß ich noch sagen, daß die beyde Kaufleute ge- urtheilt haben, Arners Einrichtungen wuͤrden ein jedes Land vor dieser Klippen sicher stellen. Auch seine Edelleute konnten zum Gluͤk rech- nen, und gestunden, wenn sie etwas auf die wah- ren Vortheile ihres Stands aufmerksam machen, und ihnen darin Licht geben koͤnne, so seyen es die Versuche Arners, und ihr Erfolg; sie verheelten nicht in Gegenwart des Fuͤrsten, es sey hohe Zeit, daß sie fuͤr ihren Stand, nach den veraͤnderten Um- staͤnden, ganz neue und diesen gemaͤsse Entschlies- sungen nehmen, und bey dem Einfluß den der im- mer mehr steigende Geldverkehr auf den Zustand der Welt habe, nicht laͤnger Gedankenlos auf ih- rem Heerde sitzen, und mit Vernachlaͤssigungen von Einrichtungen durch die sie ihrer Familie und ih- ren Unterthanen zugleich Vorsehung thun koͤnnen, sich durch dumme Anhaͤnglichkeit an die aͤußere Form abgestorbener Eitelkeitsrechten, bey denen sie und ihre Unterthanen immer mehr zugleich zu kurz kommen, von einem realen Vorschritt in ihren Um- staͤnden zuruͤckbinden lassen. Sie gestunden ohne Zuruͤckhalt, daß Einrich- tungen im Land, die es den Bauern moͤglich ma- chen wuͤrden, den Betrag ihrer Schuldigkeiten durch niedergelegte Kapitalien zu versichern, den Werth ihrer Herrschaften erhoͤhen, ihre Einkuͤnfte solider machen, sie von sehr wichtigen Ausgaben und Risque befreyen, eine Menge Schwierigkei- ten, die das Verhaͤltniß zwischen ihnen und ihren Unterthanen so oft unangenehm und laͤstig machen, aus dem Wege raͤumen, und die Rechte und Ge- niessungen ihres Standes mit dem Wohlstand der Einwohner Einwohner ihrer Doͤrfer, und mit dem allgemei- nen Interesse des Staats in eine fuͤr sich selbst vor- theilhafte Uebereinstimmung bringen wuͤrde. Eben so erklaͤrten sie sich, sie wußten gar nicht warum nicht eine große Anzahl Edelleute mit Freu- den eine Laufbahn ergreifen sollten, die so ehren- voll vor sie, und so vortheilhaft fuͤr ihre Haͤuser seyn muͤßten, wenn der Staat eine solche Lauff- bahn beguͤnstigen wuͤrde. Zwey Aerzte, die den gleichen Weg der freyen Nachforschung giengen, hatten eine Menge Krank- heiten aufgezeichnet, die, seitdem Arner Ordnung ins Dorf gebracht, nachgelassen. Die Ruͤtz (Kraͤ- tze) war allgemein im Dorf, und ist fast voͤllig fort. — Eben so haben sich die Kinderkrankhei- ten fast voͤllig verloren, seitdem man ihnen Rath anthun kann, und Rath anthun muß. — Sie fanden auch, der Fabrikverdienst schade diesen Kin- dern an ihrer Gesundheit gar viel weniger als an- derswo, und der Grund davon sey, weil sie mit Ordnung dazu gezogen, auf ihre Gesundheit selbst aufmerksam gemacht, ihren Verdienst nicht wie hungerige Thiere einen gefundenen Fraß mit wil- dem Unsinn immer nur auf der Stell verschlingen, und ihre Hausarbeit mit einem ihrer Gesundheit sehr vortheilhaften kleinen Feldbau verbinden. — Sie machten auch uͤber den Vorschritt dieser Leute folgende Bemerkung. — Gg Es haben schon mehrere Aeltern ihren Kindern die Blatern einpfropfen lassen. — Der Gebrauch unbekannter Aerzte, und unsi- cherer Arzneyen habe sich beynahe gaͤnzlich verloren, und seitdem gar viele Leute durch eine bessere Ordnung ihre Krankheiten von sich selber verloren, auch das Zutrauen zu den Aerzten selber habe dadurch abgenommen, wovon aber der Schaden um so weniger groß sey, weil eben noch kein recht guter in der Naͤhe wohne. Die Hexerey und Lachsner-Glauben habe weit und breit keinen solchen Stoß erlitten, sie heissen izt dergleichen Sachen nur Hummelsglauben, und das Wort habe mehr Narrensachen aus ihrem Kopf herausgetrieben, als man durch ein halbes Menschenalter durch noch so vernuͤnftige Vorstel- lungen aus dem Kopf heraustreiben konnte. Sie machten bey dem Anlaß die Bemerkung, wie viel man mit einem solchen Wort beym Volk ausrichten koͤnne, wenn man ihm dasselbe zum Spruͤchwort machen koͤnne. Das Urtheil zweyer Dorfschulmeister war dieses. — Sie haben im Anfang geglaubt, sie koͤnnten eher lernen Meß lesen, als die Kinder also lehren, aber es sey ihnen izt nicht mehr so, sie wollen, so bald sie wieder heimkommen, es auch anfangen und probiren, wie weit sie es koͤnnen. — Der Fuͤrst sagte ihnen, das sey brav. — und sie erwiederten, wenn sie duͤrften, so wollen sie es von Ihro Durchlaucht zur Gnade ausbitten, sie noch einen Monat hier zu lassen; — der Herr Lieutenant habe ihnen versprochen, er wolle sie in dieser Zeit voͤllig in der Ordnung seiner Schule unterrichten, und wenn er das thue, und sie es recht begreifen koͤnnen, so wuͤnschten sie Daheim keinen bessern Dienst, als ihren Schuldienst. — Ob das einen Unterschied in ihrem Schuldienst machen wuͤrde, fragte der Fuͤrst? — Es wuͤrde ihnen, antworteten sie, jedermann die Haͤnde unter die Fuͤße legen, wenn sie eine solche Schule einrichten koͤnnten. — Aber auch mehr Lohn geben? fragte der Fuͤrst. — Gewiß so viel sie fodern duͤrften, erwiederten die Maͤnner, und setzten hinzu, wenn sie ihre Kinder so weit bringen koͤnnten, es die hier gebracht, und so alles zum Nutzen; die Aeltern wuͤrden alles auftrei- ben, ihnen fuͤr einen solchen Dienst rechtzu danken. Vielleicht ist das wichtigste Urtheil von allen dasjenige eines sehr alten Landmanns, der naͤm- lich sagte, es seyen vor hundert und mehr Jah- ren, so wie ihn die Alten berichtet, von der Zeit der Reformation an, bis auf seinen Vater selig, beynahe eine gleiche Ordnung gewesen, wie izt Arner eine einfuͤhren wolle; die Pfarrer haben fast Gg 2 auf eben diese Art Roͤdel gehabt, darein sie ge- nau aufgeschrieben, was sie von Haus zu Haus von einem jeden ihrer Pfarrkinder zu wissen noth- wendig gehabt, um mit Rath und That ihnen an die Hand zu gehen. Sie haben nicht, wie es izt uͤblich sey, es blos bey ihrem Predigen, Kin- derlehrhalten, und den Sterbenden vorbeten gel- ten lassen, sondern ihre Sorgfalt fuͤrs Volk viel weiter getrieben, und Jahr fuͤr Jahr, Haus fuͤr Haus nachgesehen, ob sie bey irgend jemand et- was helfen und nuͤtzen koͤnnen, da wo ihre Kan- zelarbeit umsonst sey, auch haben es die Dorfleute bis auf die Schulkinder hinunter alle wohl ge- wußt, daß ihre Pfarrer an dem Zustand ihrer Hausordnung, Kinderzucht, und auch an ihren Feldern und Matten die Probe machen, ob ihr Christenthum und ihr Aufsagen in der Kirche mehr als nichts sey. Es sey uͤberall mehr in der Uebung gewesen, auf die Menschen acht zu geben, sie zu leiten, und an der Hand zu halten, daß sie nicht zu stark verirren, und jedermann habe das fuͤr eine ausgemachte Sache angesehen, daß ein jeder Mensch fuͤr andere Menschen, die ihm anvertraut sind, mehr als fuͤr irgend eine zeitliche Sache auf- richtig und redlich zu sorgen schuldig seyen, so daß wenn einer das nicht gethan, oder gar Ursach gewesen, daß dergleichen ihm anvertraute Leute an Leib und Seel Schaden gelitten, so habe ihm das Volk dieses so gut, als wenn er gestohlen, oder eine Mordthat gethan, zur Suͤnde gerechnet, und so ein Mensch habe darauf zaͤhlen koͤnnen, daß er im Land verachtet, und fuͤr ein Unchrist, und Unmensch gehalten worden sey, habe er dann Jun- ker geheißen, oder Pfarrer, oder Ehegaumer, oder auch nur Hebamme. — Auch nur kein Meister und keine Meisterin habe ihren Knecht, oder ihre Magd wie izt in allem was nicht den Dienst an- betrift, sich selber uͤberlassen, und sich nicht da- rum bekuͤmmert, ob sie an Leib und Seel fuͤr sich selber sorgen oder nicht. — So lang du bey mir bist, und mein Brod issest, so hab ich dich zu ver- antworten. — Wenn du denn nicht mehr bey mir bist, so thue denn in Gottes Namen was du willst, dann gehts mich nichts mehr an, — das sey das Land hinauf, und das Land hinab die Sprache der Meisterleuten gegen ihre Dienste gewesen. — Auch das sey vor gar altem ungefaͤhr so ge- wesen, wie es Arner izt wieder einrichten will, daß die Junkern alle Jahr durch alle Zelgen ge- ritten, und sich vom Herrschaftsweibel einen je- den Acker, der besonders schoͤn, oder besonders schlecht gewesen, aufschreiben lassen; denn hernach im Gemeindhaus mit den Bauern daruͤber geredt, und bey einem jeden den Ursachen nachgefragt, warum er in diesem Zustand sey? Eben so haben die Schulkinder jaͤhrlich zwey Freudentaͤg gehabt, und die Osterbroͤdchen kom- Gg 3 men noch vor diesen Tagen her, aber freylich sey von ihrer Freud dem Volk nichts mehr uͤbrig ge- blieben, als ein Pfund Brod auf den Kopf von einem jeden Kind, wie ich eben gesagt habe, auf die Ostern. So meynte der Mann, im Grund sey alles alt, was der Junker machen wolle, aber es sey nichts desto schlimmer, die Prob sey dann schon da gewesen, daß es gut sey. Sein Urtheil hatte viel aͤhnliches mit dem, was zwo Frauen von Edelleuten und eine Pfar- rersfrau daruͤber sagten, nemlich das zugleich Lernen und Arbeiten sey nichts anders, als was weuigstens in gemeinen Buͤrgershaͤusern vielfaͤltig ausgeuͤbt werde, daß die Muͤtter und Toͤchter miteinander um einen Tisch herumsitzen, in allem Ernst darauf losarbeiten, und doch zugleich etwas auswendig lernen, sich im franzoͤsisch Lesen uͤben, und wirklich auch rechnen; es sey nicht daran zu zweifeln, daß ein Mann wie der Lieutenant eine Ordnung und Einrichtung koͤnne angeben, bey der man diesen alten Hausvortheil bey vielen Toͤch- tern, die nicht gar reich seyen, und doch auch hinkommen moͤchten, noch gar viel weiters treiben koͤnnte. Indessen werde es auch izt schon in vielen Pensions- und Lehranstalten fuͤr die gemei- nen Staͤnde getrieben, daß man den Kindern bey ihrer Arbeit zugleich auch noch den Kopf beschaͤf- tige, und in den Bergen in dem Neuenburgischen sey es bis auf die gemeinste Spitzmacherin herun- ter ein Gewohntes, daß sie bey ihrer Arbeit bey- einander etwas lesen und lernen. — Auch das sagten diese Frauen, die Kinder in Bonnal ha- ben eine voͤllig buͤrgerliche Erziehung, mit der sie das gesunde, gute, und natuͤrliche vom Bauern- stand verbinden; und die zwo ersten sagten, es habe sie noch nie gefreut Herrschaften haben, und die andere eine Pfarrerin zu seyn, wie izt. Die ersten sezten hinzu, sie wollen die groͤßesten Freu- den, die Menschen haben koͤnnen, gewiß nicht mehr uͤber Sachen die wie Kartenhaͤuschen fuͤr Kinder seyen, versaͤumen, und es muͤsse ihnen nicht mehr seyn, daß ihr Staͤlle besser in der Ordnung, als ihre Schul seyen. Und die Frau Pfarrerin sagte, sie seye ihres Obstdoͤrrens, und ihrer Schuͤtte, und ihres Kellers auch gewiß noch nie so muͤde gewesen, und wolle auch nicht mehr fuͤr dieses allein Pfarrerin seyn. — Zwey Vorgesetzte antworteten dem Fuͤrsten auf die Frage, ob sie im Stand seyen die Roͤdel uͤber die Menschen, uͤber ihre Gesundheit, Ordnung, ihren Fleiß, und ihren Verdienst auch zu machen, wie sie in Bonnal gemacht werden? Sie haben dergleichen Roͤdel schon mehrmal uͤber Pferd und Hornvieh, und Schaf machen muͤssen, wenn et Gg 4 u nrechtes unter ihnen gewesen, uͤber die Menschen noch nie, aber sie meynten, sie wuͤrden es eben sowohl lernen, als uͤber das Vieh, wenn es seyn muͤßte, und sie die Formen und Einrichtungen, die der Junker den Vorgesetzten in Bonnal gemacht, auch haͤtten. — §. 73. Das ist wieder langweilig fuͤr Leute, die nicht fuͤrs allgemeine denken, und dieser sind viel. D er Fuͤrst saß wie im Traum da. Was er tief verworren glaubte, fand er unverwikelt vor seinen Augen. Wo er unuͤbersteigliche Schwierig- keiten ahndete, fand er nichts als gemeinen Fleiß, und gemeinen Menschenverstand, wie in allen Sa- chen auf der Welt nothwendig. — In einer Art von Betaͤubung sagte er — aber, wenn izt alles so waͤre, was muͤßte ich denn thun, so geschwind als moͤglich zu diesem Ziel zu kommen? — Er hatte seine Augen auf den Lieutenant geworfen, da er das sagte. — Und dieser, mit dem Feuer des Menschen, der Jahre lang auf den Anlaß gewartet, zu reden, wo er sicher war, es nicht ohne Erfolg zu thun, und mit Bylifsky uͤber die Schritte zu ihrem Ziel zu gehen einig, drang auf einen oͤffentlichen Lehr- stuhl uͤber die Natur der Volksfuͤhrung in allen Theilen, auf die Landskommißion, die ihr kennet. Dann, sagte er zum Fuͤrsten, auch die Wai- sen und Findelhaͤuser, so wie die Gefangenschaft und Zuchthaͤuser sind in ihrer Hand wichtige und weitfuͤhrende Mittel, die Nationalbildung nach den Gesichtspunkten, die Arner auf seinem Dorf hat, zu leiten. Der Fuͤrst wollte, daß er sich uͤber beydes naͤher erlaͤuterte. — Der Lieutenant zeigte um- staͤndlich, wie natuͤrlich und leicht, und sogar mit wenigen Unkosten mit der Auferziehung der Wai- sen und Findelkinder eine vorzuͤglich gute Bildung derselben zu verbinden moͤglich sey, und wie denn diese Kinder in fortdaurender Verbindung mit ih- rem Erziehungshaus, als ein sicherer Saamen zur allgemeinen Volksbildung fuͤr die Industrie koͤnn- ten benutzt werden. Aber der Abschaum der Gefangenen, und der Auswurf der Menschen in den Zuchthaͤusern, — — was soll ich hiezu mit diesen? sagte der Fuͤrst. Erlauben Ihr Durchlaucht! erwiederte der Lieutenant, der Mensch in der Tiefe wird so un- sinnig verwahrloset, und so gewaltsam vertreten, daß die besten Anlagen seiner Natur, das Gefuͤhl seines Werths, die bestimmten Vorzuͤge seiner Kraͤf- ten, und das dringende Beduͤrfniß der Anwen- dung seiner Anlagen ihn in unendlich vielen Faͤl- len fast nothwendig zum Verbrecher machen. Auch findet man in Zuchthaͤusern und Ge- faͤngnissen bestaͤndig eine Menge Menschen, die ein besseres Schicksal verdient haͤtten, und die auch izt noch, was sie unter andern Umstaͤnden weit mehr gewesen waͤren, der menschlichen Gesellschaft von wesentlichem Nutzen seyn koͤnnen, wenn man im Stand ist, sie dazu zu gebrauchen. — Diese Leute besitzen einen solchen Grad von Lokalkenntnissen im Land, und Fertigkeiten sich an Ort und Stelle Einfluß zu verschaffen, — sie kennen so genau den Zustand des Volks, und die naͤchsten Quellen ih- rer Verbrechen, die ersten Hindernisse des Guten, — sie wissen so wie Niemand, was alles dem guten Willen der Regierung in der Tiefe des Volks entgegen stehet, an Ort und Stelle an den Fingern abzuzaͤhlen, und was sie bey der untersten Hefen des Menschengeschlechts im Stand sind auszurich- ten, das bessere Menschen bey ihnen nie ausrich- ten werden. Man lehre sie in ihren Stockhaͤusern eine Branche von Industrie, und setze ihnen ihre Freyheit zum Preiß bey einer Anzahl von Gefan- genen, die zu einer bestimmten Vollkommenheit in einer Erwerbsbranche gebracht. Man gebrau- che ihre Freyheit durch bestaͤndige Verbindung mit dem Gefangenschaftshaus, ihrer Thaͤtigkeit durch Ausbreitung ihrer Arbeitskenntnissen Raum zu ver- schaffen, und man wird finden, daß durch viele von ihnen im Land Sachen erzielet werden koͤnnen, die durch Niemand anders also zu erzielen moͤglich. — Auch das schiene dem Fuͤrsten nicht unwahr- scheinlich. Hingegen fand er im Allgemeinen, eine solche Volksumschaffung zur Industrie wuͤrde zu einer Bevoͤlkerung fuͤhren, die das Verhaͤltniß des Landabtrags bey weitem uͤbersteigen, die Einwoh- ner des Lands ganz von ihrem Handverdienst ab- haͤnglich, und ihren Unterhalt bey theuren Zeiten, und bey Stockung des Gewerbs mißlich machen koͤnnte. — Der Lieutenant antwortete ihm, die dießfaͤl- lige Sicherheit der Menschen ruhe unter diesen Umstaͤnden. 1. Auf ihren Ersparnissen. 2. Auf ihrer Fertigkeit, bey Stockung einer Art von Gewerb, auf eine andere zu lenken. 3. Auf ihrer Uebung im Sparen und Abthei- len, und uͤberhaupt auf ihrer mehr ausge- bildeten Fertigkeiten sich nach den Umstaͤnden zu richten. — Und setzte hinzu, er wuͤnschte, daß Ihr Durchlaucht uͤber diesen Punkt sowohl, als uͤber denjenigen, wie die Waisenkinder zur allgemeinen Ausbreitung der Industrie im Land zu gebrauchen waͤren, mit dem Baumwollen-Meyer reden moͤch- ten. — Und der Herzog gieng mit ihm und Arner und dem Pfarrer in das Haus des Meyers. — Dieser sagte ihm uͤber den ersten Punkt, es sey sehr wichtig, daß die Kinder, deren Brod von ihrem Hausverdienst abhange, in ihrer Jugend gleichsam den Katechismus lernen, wie sie sich einzurichten haben, um bey Stockung der Ge- werbsamkeit, und in theuren Zeiten nicht in Ver- wicklung zu kommen. Das sey ein wesentli- cher Grund, warum eine jede Obrigkeit Rechen- schaft von den Unterthanen uͤber die Anwendung ihres Fabriken-Verdiensts fodere, und sie gewoͤh- nen sollte, von Kindesbeinen auf alles moͤgliche, was sie ersparen koͤnnen, beyseits zu legen. Uebri- gens aber fuͤhre der Gewinnst einer gut geleiteten Gewerbsamkeit so weit, daß einem jeden Dorf , dessen Bevoͤlkerung durch die Gewerbsamkeit also zunehmen wuͤrde, eben dadurch auch so viel Mit- tel zufließen muͤßten, genugsame Einrichtungen zu seiner Sicherheit mit Leichtigkeit zu machen. — Und es komme hierinn nur auf den Gebrauch an, der im Dorf von diesen Umstaͤnden gemacht werde, und auf die Obrigkeit, zu was fuͤr einem Gebrauch ihrer Umstaͤnde sie das Volk fuͤhre und anhalte. — Ueber das andere: Wie die Waisenkinder als eine Pflanzschule die Gewerbsamkeit im Volk all- gemein zu machen, zu gebrauchen waͤr? — sagte er, man muͤsse einen Unterschied machen zwischen bloßen Arbeitern, die nur wieder andere Arbeiter nachzuziehen haͤtten, und denen die in Stand kom- men sollten, irgend eine Art Gewerb an einem Ort selber anzulegen. Fuͤr die erstern erfodere es nichts, als daß sie ihre Handgriffe vollkommen lernen und fleißig seyen — aber die andern muͤs- sen, wenn sie die Handgriffe vollends gelernt, aus einem solchen Erziehungshause weg, und zu Leu- ten gethan werden, die diesen Gewerb selber trei- ben, um ihnen alle Arten Vorsichtigkeitsregeln gelaͤufig zu machen, die es in der Welt braucht, wenn man den Menschen auch noch so wenig an- vertrauen muß; und dann auch zu lernen, sich die Menschen an die Hand zu bringen, und an der Hand zu halten, oder wie man sich unter den Bauern ausdruͤcke, den Maͤusen zu pfeifen. Hin- gegen koͤnnten sie in solchen Erziehungshaͤusern dar- inn einen großen Vortheil genießen, wenn sie in den- selben wohl rechnen, schreiben, und die Hand- lungsbuͤcher fuͤhren lernten, welches alles er aus sich selber habe lernen muͤssen, und also erfahren, wie viel es ihm hinderlich gewesen. — Eben so bestaͤtigte er, daß in den Gefangen- schaften und Zuchthaͤusern zu diesen Endzwecken sehr brauchbare Menschen zu Grund gehen, und daß man wichtige Vortheile von ihnen ziehen koͤn- ne, wenn man die Manier kennen wuͤrde, dieses Geschaͤft recht anzugreifen, und auch das sey si- cher, daß man diese Manier bey Niemand als bey den Zuͤchtlingen selber erforschen muͤsse. Dann sah der Fuͤrst auch noch die Gertrud, und die Kinder des Huͤbel-Rudis, die vor Jahr und Tagen noch im Elend fast verfaulet keine Ar- beit verstunden, und von diesem Weib so in Ord- nung gebracht worden. Der Lieutenant sagte dem Fuͤrsten vor ihr, sie hatte meine Schule in ihrer Stube, ehe ich noch daran dachte, ohne sie haͤtte ich meine Einrichtungen nicht in diese Ordnung gebracht. Denn hat sie viel gethan, sagte der Fuͤrst, sah sie steif an; und bald darauf — ich will noch mehr mit ihr reden — aber izt war er wie in einem Sturm — Gedanken draͤngten sich uͤber Gedan- ken — sein Herz schlug — er fuͤhlte daß seine ganze Stimmung ihn nicht mehr ruhig urtheilen lasse — er entfernte sich einige Augenblick, stund an des Rudis Matten, an der Zaͤunung, gegen die untergehende Sonne, suchte Luft fuͤr sein klop- fendes Herz — Nein — es ist zu viel — sagte er da an des Rudis Zaun — wenn es weniger waͤr, ich wollte ihnen glauben, aber so viel kann und will ich nicht glauben — Eine Weile darauf — er hat recht — ich muß noch die drey Raͤder still stellen, wenn ich die Wahrheit sehen will, mit dem gieng er wieder zu Arner, sagte ihm, und dem Lieutenant und dem Pfarrer und dem Baumwollen- Meyer, der bey ihm stund, ihr muͤsset mir alle 4 nach Sklavenheim, ich will euch da 3 Tage allein lassen, aber am Samstag bin ich auch dort, so lang untersuchet in dieser Zeit an Ort und Stelle, sowohl mit den Waisenkindern als mit den Zuͤchtlingen, was ihr von dem, was ihr saget, ausfuͤhrbar fin- det. Indessen will ich hier noch die Gegenstaͤnde, die ich izt wie in einem Traum sehe, ein wenig kaltbluͤtiger ins Auge zu fassen suchen. — §. 74. Der Lieutenant zeigt noch wie im Flug, was er in einer hoͤhern Sphaͤre seyn wuͤrde. — Und der Autor beschließt sein Werk. S o schickte er sie fort. — Der Lieutenant merk- te es, und sagte, da sie Morgens darauf mit ein- ander im Wagen saßen, er sezt uns fuͤr hie und da auf die Probe: die andern stuzten; er aber sagte, es macht nichts — er will nicht betrogen seyn, und darinn hat er recht. — Wir wollen ihm aber um deswillen doch auch nicht minder zeigen, als was wahr ist. — Dann rief er dem Postknecht, daß er davon jage was immer moͤglich; und sagte zu den Her- ren, diese drey Tage entscheiden izt — bringen wir in Sklavenheim etwas wirkliches zu Stand, so ist er gewonnen; kommen wir ihm nur mit Worten, so sind wir in dieser Sache nicht weiter, als wir vor zwey Jahren waren. Die Herren sagten ihm alle, er solle von ihnen fodern, was er begehre, und wenn sie 3 Tage kein Auge zuthun muͤs- sen, so wollen sie ihm helfen zu thun was moͤg- lich. — lich. — Der Postknecht jagte, sie waren in der halben Zeit dort, und in der ersten Stunde hatte der Lieutenant schon 12 Kinder aus der Waisen- stube ausgesucht, sie einer Spinnerin uͤbergeben, an ihre Raͤder gesezt, und fieng nun an mit einem nach dem andern zu reden, dann mit allen, dann ihnen etwas vorzusprechen, das sie ihm nachsagen mußten. Am gleichen Abend brachte er sie noch dahin, einige Zahlen Reyhen bis auf 50 — zu 3 — und zu 4 — und zu 5 — hoch zuruͤck und vor- waͤrts zu zaͤhlen — und das alles bey ihrem Spin- nen — das aber freylich im Anfang nicht ganz or- dentlich gehen wollte. — In der gleichen Stunde suchte der Baumwollen-Meyer im Zuchthaus 10 Maͤnner aus, von denen er glaubte, sie seyen im Stande weben zu lernen; er fand zwey vollkom- mene Weber, die als Contrebandiers aus dem be- nachbarten Fuͤrstenthum mit verbotener Tuchwaare ergriffen, eingesezt worden; diese beredete er bald, mit ihm Hand ans Werk zu legen, und die zehn Maͤnner, die auf ihren Stuͤhlen vor Hofnung der Erloͤsung zitterten, das Handwerk zu lernen. — Sie fanden im Dorf, und zum Theil im Zucht- haus selber, Stuͤhle, Geschirr, Zettel, und Spuh- ler genug — vor Abend war das alles in Ord- nung. Eben so bald fieng Arner an, die Geschichte der Gefangenen aufzunehmen, und hauptsaͤchlich Hh aufzuzeichnen, was sie gelernt — wodurch sie glaub- ten, ihr Brod verdienen zu koͤnnen — und denn, wodurch sie ungluͤcklich geworden — wie stark ihre Fehler in ihrem Land und in ihrem Dorf eingeris- sen — was und wer daran schuldig — wie sie glaubten, daß diesen Fehlern am Besten gesteuert werden koͤnnte — ob sie glaubten, wenn sie in der Freyheit waͤren, selber etwas dazu beytragen zu koͤnnen — und uͤberhaupt, womit sie im Land et- was nuͤzliches anzufangen sich im Stand glaubten — und endlich, ob sie nicht gern in der Gefan- genschaft selber sich anstrengen, und etwas lernen wollten, das sie in Stand setzen koͤnnte, mit Nutzen fuͤr sich selber und fuͤr ihren Nebenmenschen in der Welt zu leben? Sie fielen fast vor ihm auf die Knie, jammerten, daß sie das Unmoͤgliche thun wollten, diesem Elend zu entkommen. Ihrer viele sagten, sie muͤßten an Leib und Seele fast verfau- len, und die Leute seyen Kinder von Unschuld, wann sie in diese Oerter hineingebracht werden, gegen den Zustand, in welchem sie sich befinden, wann sie wieder herauskommen. Er war am dritten Abend mit der Geschichte und Aussage dieser Leute fertig; eben so der Pfar- rer mit der Beschreibung des Zustands von 70 Kindern, die in diesem Hause an Kraͤtze, Blaͤsse, Dummheit und Unanstelligkeit bewiesen, daß ihre Verwalter Diebe, und die Obern dieser Verwal- ter etwas anders zu thun haben, als nach ihnen zu sehen. — Und auch der Lieutenant war mit seinen Kin- dern so weit, daß sie seine Ordnung kannten wie die in Bonnal; und die Zuͤchtlinge des Meyers kamen in diesen Tagen mit ihrem Weben weiters als man es moͤglich geglaubt haͤtte. Indessen hatte der Herzog mit Luchsaugen ausgespaͤht, ob es in Bonnal einen Unterschied mache, daß er diese drey Raͤder still gestellt — Er fand keinen — vielmehr sagten ihm verschiedene von den Herren seiner Kommißion, die Sache sey so tief gegruͤndet, daß sie, wenn diese saͤmtlichen Anfaͤnger sterben wuͤrden, um deswillen nicht zu Grund gehen muͤsse. — Nunmehr stieg eine ruhige Hofnung, daß doch wenigstens etwas, wo nicht alles, von diesen Ver- suchen ausfuͤhrbar, in dem Herzog empor. Er nahm am vierten Tage Theresen mit sich auf Skla- venheim; aber er ahndete von Fernem nicht, was er da antraf. Er fand Bonnalsschule mit zwoͤlf Waisenkin- dern angefangen. H h 2 Er sah den Vorschritt, den der Meyer mit dem Gebrauch der Zuͤchtlinge in diesen Tagen moͤglich gemacht. Er las in der Geschichte der Gefangenen den Zustand seines Reichs, in der Schilderung der 70 Waisenkinder den Zustand seiner Anstalten fuͤrs Volk. — Staunte uͤber das Werk dreyer Tagen; und ward von einem Geraͤusch unterbrochen. Die Schaar der Gefangenen, und die Menge seiner Kinder lag zu seinen Fuͤßen, sie baten um Vaͤter und Versorger wie diese vier Herren. Stehet auf, sagte er, Gefangene! Stehet auf meine Kinder, euer Schicksal ist in ihrer Hand! — Ich bin uͤberzeugt; er konnte nicht mehr — die Kinder blieben auf den Knien — es umgab ihn eine heilige Stille, und der Ahndungen groͤste hob sich in aller Herzen empor.