Die unsichtbare Loge . Eine Biographie von Jean Paul . Erster Theil . Mit einem Titelkupfer . Mit Churf. Sächs. Privilegio. Berlin , 1793 . in Karl Matzdorffs Buchhandlung . Mumien . Motto . Der Mensch ist der große Gedankenstrich im Buche der Natur. Auswahl aus des Teufels Papieren. Vorredner in Form einer Reisebeschreibung. I ch wollte den Vorredner Anfangs in Sichers¬ reuth — einen Sauerbrunnen bei Wonsiedel — verfertigen, wo ich mich und die Meinigen des Podagra wegen baden mußte, das ich mir bloß durch gegenwaͤrtiges Buch in den Leib geschrie¬ ben. Aber ich habe mir einen Vorredner, auf den ich mich schon seit einem Jahre freue, aus einem recht vernuͤnftigen Grunde bis heute auf¬ gespart. Der recht vernuͤnftige Grund ist der Fichtelberg, auf den ich jetzt fahre. — Ich muß jetzt diese Vorrede schreiben, damit ich unter dem Fahren nicht aus der Schreibtafel und Kut¬ sche hinaussehe, ich meine damit ich die graͤn¬ zenlose Aussicht oben nicht wie einen Fruͤhling nach Kubikruthen, die Stroͤme nach Ellen, die a 2 Waͤlder nach Klaftern, die Berge nach Schiff¬ pfunden, von meinen Pferden zugebroͤckelt be¬ komme, sondern damit ich den großen Zirkus und Paradeplatz der Natur mit allen seinen Stroͤmen und Bergen auf einmal in die aufge¬ schlossene Seele nehme. — Daher kann dieser Vorredner nirgends aufhoͤren als unweit des Ochsenkopfs, auf dem Schneeberg. Das noͤthigt mich aber, unterweges mich in meinem Vorredner an eine Menge Leute ge¬ spraͤchsweise zu wenden, um nur mit ihm bis auf den Ochsenkopf hinauf zu langen; ich muß wenigstens reden mit Rezensenten — Weltleuten — Hollaͤndern — Fuͤrsten — Buchbindern — mit dem Einbein und der Stadt Hof — mit Kunstrichtern und mit schoͤnen Seelen, also mit neun Partheien. Es wird mein Schade nicht seyn, daß ich hier, wie es scheint, in den Kli¬ max meiner Pferde den Klimax der Poeten flechte . . . . Der Wagen stoͤßet den Verfasser dermaßen, daß er mit Nro. I ., den Rezensenten nichts Vernuͤnftiges sprechen, sondern ihnen bloß erzaͤh¬ len will, was sein guter grauer Schwiegervater begeht — naͤmlich alle Tage seinen ordentlichen Mord und Todtschlag. Ich geb' es zu, viele Schwiegervaͤter koͤnnen hektisch seyn, aber weni¬ ge sind dabei in dem Grade offizinel und arse¬ nikalisch als meiner, den ich in meinem Hause — ich habs erst aus Hallers Physiologie T . II. erfahren, daß Schwindsuͤchtige mit ihrem Athem Fliegen toͤdten koͤnnen — statt eines giftigen Fliegenschwamms mit Nutzen verbrauche. Der Hektiker wird nicht klein geschnitten, sondern er giebt sich bloß die kleine Muͤhe, den ganzen Morgen statt einer Seuche in meinen Stuben zu grassiren und mit dem Sirockowind seines phlogistischen Athems aus seiner Lunge der Flie¬ gen ihre anzuwehen: die Rezensenten koͤnnen sich leicht denken, ob so kleine Wesen und Na¬ sen, die sich keinen antimephitischen Respirator vom H. Pilatre de Rozier appliciren koͤnnen, einen solchen abscheulichen Schwaden auszuhalten faͤhig sind. Die Fliegen sterben hin wie — Fliegen und statt der bisherigen Muͤcken-Kotterien hab' ich bloß den guten giftigen Schwiegervater zu be¬ koͤstigen, der mit ihnen auf den Fuß eines Muͤk¬ ken-Freund Hains umgeht. Nun sollen es die Rezensenten selber entscheiden, ob man einem Schwiegervater von so vielem Werth und Gift zu viel schmeichelt, wenn man ihm die Fleuret¬ te sagt, er gleiche ihnen, und wenn man ihn bei der Hand anfaßt und zum Grassiren an¬ feuert durch alles und durch die Frage: »ob er »nicht saͤhe, daß er nicht zu verachten waͤre, »sondern daß er als ein Mann, der mit seinen »Lungenfluͤgeln das feinste Miasma unter die »Fliegen wehte, im Sommerhalbjahre dasselbe »edle Glied in der naturhistorischen Welt vor¬ »stellte, das ein guter Rezensent in der littera¬ »rischen macht, der gleichfals in der ganzen Ge¬ »lehrtenrepublik herumschliche und transzendente »Muͤcken mit seinem aͤtzenden Athem so geschickt »anhauchte, daß sie aͤrger krepirten als Heu¬ »schrecken — und ob er nicht hofte, wollte man »ihn hiemit gefragt haben, daß der Vorredner zu den Mumien sein Lob viel weitlaͤuftiger haͤtte?“ — Er hats aber natuͤrlicherweise viel kuͤrzer, weil ich sonst auf den Ochsenkopf hinauf kaͤme mitten in der Vorrede ohne nur der Weltleute gedacht zu haben, geschweige der andern. Diese wollen nun die zweite Nummer und Sprosse meines Aufklimmers abgeben — Campe wirft nicht ungeschickt durch dieses Wort den Klimax aus seinen und meinen Buͤchern; — allein ich werde wenig mehr bei ihnen anzubrin¬ gen haben als eine Rechtfertigung, daß ich mich in meinem Werke zu oft anstellte, als macht' ich mir aus der Tugend etwas und aus jener Schwaͤrmerei, die so oft den Namen En¬ thusiasmus traͤgt. Ich befahre wahrhaftig nicht, daß vernuͤnftige Leute meine Anstellung etwan fuͤr Ernst ansehen: ich hoffe, wir trauen beide einander zu, daß wir das Laͤcherliche davon empfinden, statt der Namen der Tugenden diese selber haben zu wollen — und heut zu Tage sind die wenigsten von uns zu den tollen Philosophen zu Lagado (in Gullivers Reisen) zu rechnen, die aus Achtung fuͤr ihre Lunge die Dinge selber statt ihrer Be ¬ nennungen gebrauchten und allemal in Ta¬ schen und Saͤcken die Gegenstaͤnde mitbrachten, woruͤber sie sich unterhalten wollten. Aber ob man mir nicht eben das verdenken wird, daß ich Namen so oft brauche, die nicht viel moder¬ ner als die Sache selber sind und deren man sich in Cercles von Ton, so wie der Namen »Gott, Ewigkeit» stets enthaͤlt, daruͤber laͤsset sich dis¬ putiren. Inzwischen seh' ich doch auf der an¬ dern Seite auch, daß es mit der Sprache der Tugend wie mit der lateinischen ist, die man jetzt zwar nicht mehr gesprochen aber doch geschrieben duldet und die deswegen laͤngst aus dem Mund in die Feder zog. Ich berufe mich uͤberhaupt auf einsichtige Rezensenten, ob wir aͤsthetische Autores ohne tugendhafte Gesin¬ nungen, die wir als poetische Maschinen ge¬ brauchen so wie die fabelhafte Mythologie, nur eine Stunde auszukommen vermoͤgen und ob wir nicht zum Schreiben hinlaͤngliche Tugend haben muͤssen als Wagenwinde, Steigeisen, Montgol¬ fiere und Springstab unsrer (gedruckten) Karak¬ tere — widrigenfals gefallen wir keiner Katze; und es ergeht den armen Schauspielern auch nicht anders. Freilich Autores die uͤber Poli¬ tik, Finanzen, Hoͤfe schreiben, interessiren gera¬ de durch die entgegengesetzten Mittel — Eben damit kann sich ein Autor decken, der in seine Karaktere das, was die Poeten und Weiber ihr Herz nennen, eingeheftet: es muß d'rinnen haͤn¬ gen, (nicht nur in geschilderten, auch in leben¬ den Menschen), es mag Waͤrme haben oder nicht; eben so versieht der Buͤchsenmacher die Windbuͤchsen so gut mit einer Zuͤndpfanne wie Feuergeschoß, ob gleich nur mit Wind ge¬ trieben wird .... Es kann wahrlich um den ganzen Fichtelberg kein so kalter pfeifen als ge¬ rade im Holzweg, wo jetzt mein Wagen mitten im August geht .... Mit Nro. 3., den Hollaͤndern wollt' ich mich in meinem Kasten zanken wegen ihres Mangels an poetischem Geschmack: das war alles. Ich wollte ihnen vorwerfen, daß ihrem Herzen ein Ballenbinder naͤher laͤge als ein Psalmist, ein Seelenverkaͤufer naͤher als ein Seelenmaler und daß das ostindische Haus keinem einzigen Poe¬ ten eine Pension auswerfen wuͤrde als bloß dem alten Orpheus, weil seine Verse Fluͤsse ins Stok¬ ken sangen und man also sein Haberrohr und seine Muse anstart der belgischen Daͤmme brau¬ chen koͤnnte. Ich wollte den Niederlaͤndern den merkantilischen Unterschied zwischen Schoͤnheit und Nutzen nehmen und ihnen es hinunterschrei¬ ben, daß Armeen, Fabriken, Haus, Hof, Aek¬ ker, Vieh nur das Schreib- und Arbeitszeug der Seele waͤren, womit sie einige Gefuͤhle, wor¬ auf alle Menschenthaͤtigkeit auslaufe, errege, er¬ hebe und aͤußere, daß den indischen Kompagnien Schiffe und Inseln dazu dienten, wozu den poe¬ tischen Reime und Federn dienten, und daß Phi¬ losophie und Dichtkunst die Fruͤchte und Bluͤten am Baume des Erkenntnisses waͤren, Oekonomie hingegen, Kameral-philologische und aͤhnliche Wissenschaften bloß die einsaugenden Blaͤtter, der Splint, der Wurzeln-Epheu und das unter dem Baume treibende Aas. — Ich wollt' es sagen; ließ es aber bleiben, weil ich besorgte, die deut¬ schen merkten's, daß ich darunter bloß — sie meine: denn wie kaͤm' ich sonst unter die mit Thee ausgelaugten belgischen Schlafroͤcke? — Ich hab' ohnehin wenig mehr zu fahren und viel noch abzufertigen. Ich untersag' es den europaͤischen Landstaͤn¬ den, mein Werk No . IV . einem Fuͤrsten zu ge¬ ben, weil er sonst dabei einschlaͤft ; welches ich — da ein fuͤrstlicher Schlaf nicht halb so spaßet wie ein Homerischer — recht gern geschehen lasse, sobald die europaͤischen Land¬ staͤnde das Gesetz wie ein Arcuecio Das ist ein Gehaͤuse in Florenz — in Kruͤnitz oͤkon. Encykl. 2. B. ists abgebildet — worin die Mutter bei Strafe das Kind unter dem Saͤugen legen muß, um es nicht im Schlum¬ mer zu erquetschen. so uͤber die Landeskinder woͤlben, daß sie der Landesva¬ ter im Schlafe nicht erdruͤcken kann, er mag sich darin werfen wie er will, auf die Seiten, auf den Ruͤcken oder auch auf den Bauch. Da hundert Buchbinder No · V . mich unter den Arm und in die Haͤnde nehmen werden, um mich ganze Wochen fruͤher zu lesen als zu be¬ schneiden und zu pressen — gute Rezensenten thaͤten gewiß das Widerspiel: — so muͤssen die guten Rezensenten auf die Buchbinder warten, die Leser auf die Rezensenten und ich auf die Leser und so darf ein einziger Ungluͤcksvogel uns alle verhetzen und in den Sumpf ziehen; aber wer kanns den Buchbindern verbieten als ich, der ich in diese Nachricht an Buchbinder mein Buch fuͤr dergleichen Binder eigenhaͤndig konfisziere? Mit dem Einbein, der sechsten Nummer, viel zu reden wie ich verhieß, verlohnt der Muͤhe gar nicht, da ich das Ding selber bin und noch uͤberdies der einbeinige Autor heiße. Die Hoͤfer (die Einwohner der Stadt Hof, der 7ten N.) worunter ich hause, musten mich mit diesem anti-epischen Namen belegen, weil mein linkes Bein bekanntlich ansehnlich kuͤrzer ist als das andre und weil noch dazu unten mehr ein Quadrat- als Kubikfuß dran sitzt. Es ist mir bekannt, Menschen, die gleich den ostindischen Hummern eine kurze Scheere neben der langen haben, koͤnnen allerdings sich mit der chaussu¬ re behelfen die ihre Kinder ablegen; aber es ist eben so unlaͤugbar, daß das Zipperlein ei¬ nem solchen Mann dennoch an beiden Fuͤßen kneift und diesen den verdammtesten spanischen Stiefel anschraubt, den je ein Inquisit getra¬ gen. Ich haͤtte gar nicht sagen sollen, daß ich mit meinem lieben Hof in Voigtland schriftlich am Fichtelberge sprechen wollte, da ichs muͤnd¬ lich kann und mein eigner Kerl daraus her ist. Mein Wunsch und Zweck in einem solchen Wer¬ ke wie diesem ist und bleibt bloß der, daß diese betagte und bejahrte Stadt den Schlaf, den ich ihr darin mit den harten Federn einer Gans einfloͤßen will, auf den weichen dieses Thiers genießen moͤge. . . . . — Endlich hab, ich nun den Ochsenkopf. — Diese Zeile ist kein Vers, sondern nur ein Zeichen, daß ich droben war und da viel that: meine Saͤnfte wurde abgeschnallet und ich mit geschlossenen Augen, hineingeschaft, weil ich erst auf dem Schneeberg, der Kuppel des Fich¬ telgebirgs, mich umsehen will . . . Unter dem Aussteigen stroͤmte vor meinem Gesicht eine aͤthe¬ rische Morgenluft voruͤber; sie druͤckte mich nicht mit dem schwuͤlen West eines Trauerfaͤchers, sondern hob mich mit dem Wehen einer Frei¬ heitsfahne . . . Wahrhaftig ich wollte unter ei¬ nem Luftballon ganz andre Epopeen und unter einer Taͤucherglocke ganz andre Feudalrechte schrei¬ ben als die Welt gegenwaͤrtig hat. . . . Ich wuͤnschte, No . VIII. die Kunstrichter wuͤrden in meiner Saͤnfte mitgetragen und ich haͤtte ihre Haͤnde; ich wuͤrde sie druͤcken und sagen: Kunstrichter unterschieden sich von Re¬ zensenten wie Richter von Nachrichtern — Ich wuͤrde ihnen gratulieren zu ihrem Geschmack, daß er wie der eines Genies, dem eines Kos¬ mopoliten gleiche und nicht bloß Einer Schoͤn¬ heit raͤuchere — etwann der Feinheit, der Staͤrke, dem Witze — sondern daß er in sei¬ nem Simultantempel und Pantheon fuͤr die wunderlichsten Heiligen Altaͤre und Kerzen da habe, fuͤr Klopstock und Krebillon und Plato und Hudibras. . . . Gewisse Schoͤnheiten, wie gewisse Wahrheiten — wir Sterbliche halten beide noch fuͤr zweierlei — zu erblicken, muß man das Herz eben so ausgeweitet und ausge¬ reinigt haben wie den Kopf. . . . es haͤngt zwi¬ schen Himmel und Erde ein großer Spiegel von Krystall, in den eine verborgne neue Welt ih¬ re großen Bilder wirft; aber nur ein unbefleck¬ tes Kindes-Auge nimmt sie wahr darin, ein besudeltes Thier-Auge sieht nicht einmal den Spiegel. . . . Nur Einen oͤffentlichen Richter, den mein Herz verehrt, schenke mir dieses Jahr und waͤr er auch wieder mich partheiisch: denn ein partheiischer dieser Art faͤllet ein instruktive¬ res Urtheil als ein unpartheiischer aus der Wo¬ chentags-Kaste. Ueber den Plan eines Romans (aber nicht uͤber die Karaktere ) muß man schon aus dem ersten Bande zu urtheilen Befugniß haben: al¬ le Schoͤnheit und Ruͤnde, mit der die folgen¬ den Baͤnde den Plan aufwickeln, nimmt ja die Fehler und Spruͤnge nicht weg, die er im er¬ sten hatte. Ich wuͤste uͤberhaupt keinen Band und kein Heft worin der Autor Recht haͤtte, den Leser zu aͤrgern. Die Naͤhe des Schneeber¬ ges hindert mich, es zu beweisen, daß die franzoͤsische Art zu erzaͤhlen (z. B. im Kandide) die abscheulichste von der Welt und daß bloß die umstaͤndliche, dem Homer oder Voß oder ge¬ meinen Manne abgesehene Art die interessante¬ ste ist. Ferner kaͤm' ich auf dem Schneeberg an, eh' ichs mir halb hinans bewiesen haͤtte, daß wir Bellettristen (ein abscheulicher Name!) insgesammt zwar den Aristoteles fuͤr unsern ma¬ gister sententiarum und seine Gebote fuͤr unsre 39 Artikel und 50 Dezisionen halten sollten — daß wir aber doch fuͤr nichts von ihm so viele Achtung zu tragen haͤtten, als fuͤr seine drei Ein¬ Einheiten, (die aͤsthetische Regel Detri) gegen die nicht einmal Romane suͤndigen sollten. Der Mensch interessiert sich bloß fuͤr Nachbarschaft und Gegenwart ; der wichtigste Vorfall, der in Zeit oder Raum sich von ihm entfernt, ist ihm gleichguͤltiger als der kleinste neben ihm: so ist er, wenn er die Vorfaͤlle erlebt, und mithin auch so, wenn er sie lieset . Darauf beruht die Einheit der Zeit und des Orts. Al¬ so der Anfang in der Mitte einer Geschichte, um daraus zum anfangenden Anfang zuruͤck zu springen — das anachronistische Ineinanderschuͤt¬ teln der Scenen — Episoden — so wie das Knuͤpfen mehrerer Hauptknoten, ja wie sogar das Reisen in Romanen, das den Maschienen¬ goͤttern ein freies aber uninteressantes Spiel er¬ laubt — — kurz alle Abweichungen vom Tom Jones und der Klarissa sind Sekunden und Septimen im Aristotelischen Dreiklang. Das Genie kann zwar alles Gutmachen: aber Gut¬ machen ist nicht aufs Beste machen und glaͤnzen¬ de verklaͤrte Wundenmaale sind am Ende doch h Loͤcher am verklaͤrten Leibe. Wenn manche Ge¬ nies die Kraft, die sie aufs Gutmachen uͤber¬ tretner Regeln wenden muͤssen, in der Befol¬ gung derselben arbeiten ließen: sie thaͤten mehr Wunder als der H. Martin, der ihrer nicht mehr bewerkstelligte als zweihundert und sechs — G. in seiner Iphigenie und Kl. in seiner Medea thuns vielleicht dem H. Marrin zuvor . . . — — Gegenwaͤrtig traͤgt man das Einbein (mich) uͤber den Fichtelsee und uͤber zwei Stan¬ gen, die statt einer Bruͤcke uͤber diese bemoo¬ ste Wuͤste bringen. Zwei Fehltritte der Gonde¬ lierer, die mich aufgeladen, versenken, wenn sie geschehen, einen Mann in den Fichtelsumpf der drinnen an seinem Vorredner arbeitet und der mit 8 Nummern Menschen gesprochen und dessen Werk zum Gluͤck schon in Berlin ist. . . Berge uͤber Berge werden jezt wie Goͤtter aus der Erde steigen, die Gebirge werden ihre Ar¬ me laͤnger ausstrecken und die Erde wird wie eine Sonne aufgehen und dann wird ihre wei¬ ten Strahlen Ein Menschen-Blick verknuͤpfen und meine Seele wird unter ihrem Fokus gluͤ¬ hen. . . . . Nach wenigen Schritten und Wor¬ ten ist die Vorrede aus, auf die ich mich so lang ge¬ freuet, und der Schneeberg da, auf dem ich mich erst freuen soll. — Es ist gut, wenn ein Mensch seine Lebensfakta so wunderbar verflochten hat, daß er ganz widersprechende Wuͤnsche haben kann, daß naͤmlich der Vorredner dauere und der Schneeberg doch komme. — — In diesen Gegenden ist alles still, wie in erhabnen Menschen. Aber tiefer, in den Thaͤlern, nahe an den Graͤbern der Menschen steht der schwere Dunstkreis der Erde auf der einsinkenden Brust, zu ihnen nieder schleichen Wolken mit großen Tropfen und Blitzen und drunten wohnt der Seufzer und der Schweiß. Ich komme auch wieder hinunter und ich sehne mich zugleich hinab und hinauf . Denn der irre Mensch — die aͤgyptische Gottheit, ein Stuͤckwerk aus Thierkoͤpfen und Menschen-Tor¬ sos — streckt seine Haͤnde nach entgegengesetzten Richtungen aus und nach dem ersten Leben und b2 nach dem zweiten: seinen Geist ziehen Gei ¬ ster und Koͤrper . So wird der Mond von der Sonne und Erde zugleich gezogen, aber die Erde legt ihm ihre Ketten an und die Son¬ ne zwingt ihn bloß zu Ausweichungen. Diesen Widerstreit, den kein Sterblicher beilegt, wirst du, geliebter Leser, auch in diesen Blaͤt¬ tern finden; aber vergieb ihn mir wie ich dir. Und eben so habe fuͤr unverhaͤltnismaͤßige Aus¬ bildung die Nachsicht des Menschenkenners. Ei¬ ne unsichtbare Hand legt den Stimmhammer an den Menschen und seine Kraͤfte — sie uͤber¬ schraubt, sie erschlaft Saiten — oft zersprengt sie die feinsten am ersten — nicht oft nimmt sie einen eilenden Accord aus ihnen — endlich wenn sie alle Kraͤfte auf die Tonleiter der Melodie gehoben: so traͤgt sie die melodische Seele in ein hoͤheres Konzert und diese hat dann hienie¬ den nur wenig getoͤnet. — — — . . . . Ich schrieb jezt eine Stunde nicht: ich bin nun auf dem Schneeberg, aber noch in der Saͤnfte. Erhabne Paradiese liegen um mich ungesehen, wie um den eingemauerten Men¬ schengeist, zwischen dem und dessen hoͤherem Mutterland der dunkle Menschenkoͤrper innen steht; aber ich habe mich so traurig gemacht, daß ich jezt in das schmetternde Trommeten-und Laubhuͤttenfest, das die Natur von einem Ge¬ buͤrge zum andern begeht, nicht hineintreten will: sondern erst wenn die Sonne tiefer in den Himmel gesunken und wenn in ihren Licht¬ strom der Schattenstrom der Erde faͤllt, dann wird unter die stummen Schatten noch ein neuer begluͤckter stiller Schatten gehen. — — Auf¬ richtiger zu sprechen, ich kann bloß von euch — ihr schoͤnern Leser, deren getraͤumte, zuweilen erblickte Gestalten ich wie Genien auf den Hoͤhen des Schoͤnen und großen wandeln und winken sah — nicht Abschied nehmen: ich bleibe noch ein wenig bei euch, wer weiß, wenn, und ob die Augenblicke wo unsre Seelen uͤber einem zerstiebenden Blatte sich die Haͤnde geben, je wiederkommen — vielleicht bin ich hin, vielleicht du, bekannte oder unbekannte theuere Seele, von der der Tod wenn er vorbeigeht und die un¬ ter Koͤrnern und Regentropfen gebuͤckte Aehre erblickt, bemerkt: sie ist schon zeitig. — Und gleich wohl was kann ich jenen Seelen in den Augenblicken des Abschieds, die man so gern mit tausend Worten uͤberladen moͤchte und eben des¬ wegen bloß mit Blicken ausfuͤllt, noch zu sa¬ gen haben oder zu sagen wissen als meine ewi¬ gen Wuͤnsche fuͤr sie: findet auf diesem (von uns Erdball genannten) organischen Kuͤgel¬ gen , das mehr begraset als bebluͤmet ist, die wenigen Blumen im Nebel, der um sie haͤngt — seid mit euren elysisichen Traͤumen zu¬ frieden und begehret ihre Erfuͤllung und Verkoͤr¬ perung (d. h. Verknoͤcherung) nicht: denn auf der Erde ist ein erfuͤllter Traum ohne¬ hin bloß ein wiederholter — von außen seid wie euer Koͤrper, von Erde und bloß in¬ nen beseelt und vom Himmel und haltet es fuͤr schwerer und noͤthiger, die zu lieben, die euch verachten, als die, die euch hassen — und wenn unser Abend da ist, so werfe die Sonne unsers Lebens (wie heute die draußen) die Stra¬ len, die sie vom irdischen Boden weghebt an hohe goldne Wolken und (als wegweisende Ar¬ me) an hoͤhere Sonnen; nach dem muͤden Ta¬ ge des Lebens sei unsre Nacht gestirnt , die heißen Duͤnste desselben schlagen sich nieder, am erkalteten hellen Horizont ziehe sich die Abend ¬ roͤthe langsam um Norden herum und bei Nord - Osten lodere fuͤr unser Herz die neue Morgenroͤthe auf. . . . . . . . . . Nun tritt auch die Erdensonne auf die Erdengebirge und von diesen Felsenstufen in ihr heiliges Grab: die unendliche Erde ruͤckt ih¬ re großen Glieder zum Schlafe zurecht und schlies¬ set ein tausend ihrer Augen ums andre zu. Ach welche Lichter und Schatten, Hoͤhen und Tie¬ fen, Farben und Wolken werden draußen kaͤm¬ pfen und spielen und den Himmel mit der Er¬ de verknuͤpfen — so bald ich hinaustrete (noch Ein Augenblick steht zwischen mir und dem Ely¬ sium,) so stehen alle Berge von der zerschmol¬ zenen Goldstufe, der Sonne uͤberflossen da — Goldadern schwimmen auf den schwarzen Nacht- Schlacken, unter denen Staͤdte und Thaͤler uͤber¬ gossen liegen — Gebirge schauen mit ihren Gi¬ pfeln gen Himmel, legen ihre festen Meilen-Ar¬ me um die bluͤhende Erde und Stroͤme tropfen von ihnen, seit dem sie sich aufgerichtet aus dem Uferlosen Meer — Laͤnder schlafen an Laͤn¬ dern, und unbewegliche Waͤlder an Waͤldern, und uͤber der Schlafstaͤtte der ruhenden Riesen spielet ein gaukelnder Nachtschmetterling und ein huͤpfendes Licht, und rund um die große Scene zieht sich wie um unser Leben ein hoher Nebel — — Ich gehe jezt hinaus und sink' an die sterbende Sonne und an die entschlafende Erde. Ich trat hinaus — — Auf dem Fichtelgebirg, im Erntemond 1792. Jean Paul . Erster Erster Sektor. Verlobungs-Schach — graduirter Rekrut — Kopulations- Katze. M eines Erachtens war der Obristforstmeister von Knoͤr bloß darum so unerhoͤrt aufs Schach erpicht, weil er das ganze Jahr nichts zu thun hatte als Einmal darin der Gast, die Santa Hermandad und der theure Dispensationsbullen-Macher der Wild¬ meister zu seyn. Der Leser wird freilich noch von keiner so unbaͤndigen Liebhaberei gehoͤrt haben, als seine war. Das Wenigste ist, daß er alle seine Bedien¬ te aus dem Dorfe Strehpenik verschrieb, um (nach Kato's Meinung) eben so viele Gegner als Diener zu haben — oder daß er und ein Oberysselscher Edelmann in Zwoll mehr Postgeld verschrieben als verreiseten, weil sie Schach auf 250 Meilen nicht mit Fingern sondern Federn zogen — auch das kann man sich gefallen lassen, daß er und die Kempel'sche Schachmaschine Briefe mit einander wechselten und daß des hoͤlzernen Moslems Konviktorist und Adju¬ A tant, Hr. v. Kempele, ihm in meinem Beiseyn aus der Leipziger Heustraße im Namen des Muselmanns zuruͤckschrieb, dieser rochiere — man wird seine Ge¬ danken daruͤber haben, daß er noch vor 2 Jahren nach Paris abfuhr, um ins Palais Royal und in die Société du Sallon des Echecs zu gehen und sich dar¬ in als Schachgegner niederzusetzen und als Schach¬ sieger wieder aufzuspringen; wiewohl er nachher in einer demokratischen Gasse viel zu sehr gepruͤgelt wurde, da er im Schlafe schrie: gardéz la Reine — bloß frappiren kanns einen und den andern, daß seine Tochter ihm nie einen neuen Hut oder ei¬ ne neue Soubrette, die ihn ansteckte, anders abgewann als zugleich mit einem Schach — — Aber daruͤber wundert und aͤrgert sich alles was mich lieset, Leute von jedem Geschlecht und jedem Alter, daß der Obristforstmeister geschworen hatte, seine Tochter keiner andern Kanaille in der ganzen Ritterschaft zu geben, als einer, die ihr ausser dem Herzen noch ein Schach abgewoͤnne — und zwar in sieben Wochen. Sein Grund und Sorites war der: „ein guter Mathematiker ist ein guter Schachspieler, also die¬ ser jener — ein guter Mathematiker weiß die Dif¬ ferenzialrechnung zehnmal besser als ein elender — und ein guter Differenzialrechenmeister versteht sich so gut als einer aufs Deployren und Schwenken Das wüßt' er nicht, wenn ers nicht aus den neuen Tak¬ tikern, Hrn. Hahn und Hrn. Müller hätte, die den jungen Offizier die Differenzialrechnung lehren, damit es ihm nicht schwer werde, mitten im Treffen beim Deploy¬ ren und Schwenken den Grundwinkel herauszurechnen. — Eben so hab' ich hundertmal ein Buch schreiben und darin die armen visirenden Billardspieler in den Stand setzen wollen, bloß nach einigen Auflösungen aus der Mechanik und höheren Mathesis mit zugemachten Augen zu stoßen. und kann mithin seine Kompagnie (und seine Frau vollends) zu jeder Stunde kommandiren — und warum sollte man einem so geschickten, so erfahr¬ nen Offizier seine einzige Tochter nicht geben?“ — Der Leser haͤtte sich gewiß sogleich ans Schachbrett hingesetzt und gedacht, der Zug einer solchen Quin¬ terne aus dem Brette wie die Tochter eines Obrist¬ forstmeisters ist, sei ja ausserordentlich leicht; aber er ist verdammt schwer, wenn der Vater selbst hin¬ ter dem Stuhle passet und der Tochter jeden Zug angiebt, womit sie ihren Koͤnig und ihre Tugend gegen den Leser decken soll. Wer's hoͤrte, begriff gar nicht warum die Frau Obristforstmeisterin die lange Gesellschaftsdame ei¬ A 2 ner Graͤfin von Ebersdorf gewesen, bei ihrem fei¬ nen Gefuͤhl und ihrer Froͤmmigkeit eine solche Jaͤ¬ gerlaune dulde; sie hatte aber eine Hernhutische durchzusetzen, welche begehrte, daß das erste Kind ihrer Ernestine fuͤr den Himmel sollte groß gezogen werden, naͤmlich, acht Jahre unter der Erde — „meinetwegen achtzig Jahre“ sagte der Alte. Ob man gleich in jedem Falle Teufelsnoth mit einer Tochter hat, man mag Abonnenten an sie an¬ zulocken oder abzutreiben haben: so hatte doch Knoͤr bei der Sache seinen wahren Himmel auf Erden — unter so vielen Schachrittern, die saͤmtlich seine Er¬ nestine bekriegten und verspielten. Denn mit einem Kopfe, in den der Vater Licht, und mit einem Her¬ zen, in das die Mutter Tugend eingefuͤhrt hatte, eroberte sie leichter als sie zu erobern war: daher aͤrgerte und spielte sich an ihr eine ganze Brigade ehelustiger Junker halb todt. Und doch waren un¬ ter ihnen Leute, die auf allen nahen Schloͤssern den Namen suͤßer Herren behaupteten, weil sie kei¬ ne — Matrosensitten hatten, wie man in Ver¬ gleichung mit dem Seewasser unser schales suͤßes nennt. Aber ich und der Leser wollen uͤber die ganze spielende Kompagnie wegspringen und uns neben den Rittmeister von Falkenberg stellen, der bei dem Vater steht und auch heirathen will. Dieser Offizier — ein Mann voll Muth und Gutherzigkeit, ohne alle Grundsaͤtze, als die der Ehre, der um sich nichts hinter seine Ohren zu schreiben, die sonst bei einiger Laͤnge das schwarze Brett und der Kerbstock empfangner Beleidigungen sind, lieber andre Christen hinter die ihrigen schlug, der feiner handelte als er sprach und dessen Kniestuͤck ich nicht zwischen diesen zwei Gedankenstrichen ausbreiten kann — warb in dieser Gegend so lange Rekru¬ ten, bis er selber wollte angeworben seyn von Er¬ nestinen. Er haßte nichts so sehr als Schach und Hernhutismus; indessen sagte Knoͤr zu ihm, „Abends um 12 Uhr fiengen, weil er wollte, die sieben Spiel-Turnierwochen an, und wenn er nach 7 Wo¬ chen um 12 Uhr die Spielerin nicht aus dem Schlachtfelde ins Brautbette hineingeschlagen haͤt¬ te: so thaͤt' es ihm von Herzen leid, und aus der achtjaͤhrigen Erziehung brauchte dann ohnehin nichts zu werden.“ Die ersten 14 Tage wurd' in der That zu nach¬ laͤßig gespielt und — geliebt. Allein damals hatten weder andre gescheute Leute noch ich selber jene hi¬ tzige Romane geschrieben, wodurch wir (wir habens zu verantworten) die jungen Leute in knisternde, wehende Zirkuliroͤfen der Liebe umsetzen, welche daruͤber zerspringen und verkalken und nach der Ko¬ pulation nicht mehr zu heizen sind. Ernestine ge¬ hoͤrte unter die Toͤchter, die bei der Hand sind, wenn man ihnen befiehlt, „kuͤnftigen Sonntag, so Gott will, werde um 4 Uhr in den Herrn A — Z, wenn er koͤmmt — verliebt.“ Der Rittmeister, biß im Artikel der Liebe uͤberhaupt, weder in den gaͤh¬ renden Pumpernickel der physischen — noch in das weisse kraftlose Waizenbrod der parisischen — noch in das Quitten- und Himmelsbrod der platonischen, sondern in einen huͤbschen Schnitt Gesindebrod der ehelichen Liebe: er war 37 Jahre alt. Sechzehn Jahre fruͤher hatt' er sich einen Bissen vom gedachten Pumpernickel abgeschnitten: seine Geliebte und sein Sohn wurden nachher vom ehrlichen Kommerzien-Agenten Roͤper geheirathet. Wir Belletristen hingegen koͤnnens recht sehr bei unsern Romanen brauchen, daß es unserem Ma¬ gen und unserer Magenhaut gut thut, wenn wir in Einem Nachmittage jene vier Brodsortiments auf einmal anfressen; denn wir muͤssen aller Hen¬ ker seyn, um allen Henker zu schildern: wie woll¬ ten wir's sonst machen, wenn wir im naͤmlichen Monat aus dem naͤmlichen Herzen, wie aus dem naͤmlichen Buchladen (ich aͤrgere hier Hr. Adelung durchs Wort „naͤmlichen“) Satiren — Hymnen — Nachtgedanken — Huren- und Sterbelieder liefern sollen, so daß man hinter und vor uns erstaunt uͤbers Pantheon und Pandaͤmonium unter Einem Dache — mehr als uͤber des Galeerensklaven Bazile nachgelassenen Magen, in dem ein Mobiliarvermoͤ¬ gen von 35 Effekten hausete, z. B. Pfeifenkoͤpfe, Leder u. s. w. Wenn die zwei jungen Leute am Schachbrett saßen, das entweder ihre Scheidewand oder ihre Bruͤcke werden sollte: so stand der Vater allemal als Marqueur dabei; es war aber wirklich nicht noͤ¬ thig — nicht bloß weil der Rittmeister so erbaͤrm¬ lich spielte und seine Gegenfuͤßlerin so philidorisch, auch darum nicht, weil ihr die weibliche Kleider¬ ordnung ohnehin verbot, matt oder verliebt zu wer¬ den (denn am Ende kehren Weiber und Ruderknech¬ te allzeit eben den Ruͤcken dem Ufer zu, an das sie anzurudern streben) — sondern aus einem noch sonderbarern Grunde war der Auxiliarforstmeister zu entrathen: die Ernestine wollte nemlich um alles gern schachmatt werden und eben deswegen spiel¬ te sie so gut. Denn aus Rache gegen das zoͤgernde Schicksal arbeitet man gerade Dingen, die von ihm abhaͤngen, absichtlich entgegen und wuͤnschet sie doch. Die zwei kriegenden Maͤchte wurden zwar einander immer lieber, eben weil sie einander ein¬ zubuͤßen fuͤrchteten; gleichwohl stands in den Kraͤf¬ ten der weiblichen nicht, nur Einen Zug zu unter¬ lassen, der gegen ihre doppelseitige Wuͤnsche stritt: in fuͤnf Wochen konnte der Werbeoffizier nicht Ein¬ mal sagen: Schach der Koͤnigin. Die Weiber spie¬ len ohnehin dieses Koͤnigsspiel (wie andre Koͤnigs¬ spiele) recht gut . . . Da aber das eine Digression der Natur zu seyn scheint und doch keine ist: so kann eine schriftstellerische daraus gemacht werden, aber erst im 20sten Sektor; weil ich erst ein Paar Monate geschrieben haben muß, bis ich den Leser so eingesponnen habe, daß ich ihn werfen kann wie ich nur will. Waͤre die Liebe des Rittmeisters von der Art der neuern gigantischen Liebe gewesen, die nicht wie ein herumblaͤtternder Zephyr sondern wie ein schuͤt¬ telnder Sturmwind die armen duͤnnen Bluͤmchen umfasset, die sich in den belletristischen Orkan gar nicht schicken koͤnnen: so waͤre das Wenigste was er haͤtte thun koͤnnen, das gewesen, daß er auf der Stelle des Teufels geworden waͤre; so aber wurd' er bloß — boͤse, nicht uͤber den Vater son¬ dern uͤber die Tochter, und nicht daruͤber daß sie das Schachbrett nicht zum Praͤsentierteller ihrer Hand und ihres Herzens machte oder daß sie gut gegen ihn spielte, sondern daruͤber, daß sie sogar gut spielte. So ist der Mensch! — und ich ersuche den Menschen, meinen Rittmeister nicht auszula¬ chen. Freilich — haͤtt' ich die weiblichen Reize und die Rolle der Ernestine gehabt und haͤtt' ich ihm indeß er seine Kontraapproche aussann, ins betret¬ ne Gesicht geschauet, auf dessen geruͤndetem Mnn¬ de der Schmerz uͤber unverdiente Kraͤnkung stand, der so ruͤhrend an Maͤnnern von Muth aussieht, sobald ihn nicht die Gichtknoten und Hautausschlaͤ¬ ge der Rache verzerren: so waͤr' ich roth geworden und waͤre wahrhaftig gerade zu mit der Koͤnigin (und mir darzu) ins Schach hineingefahren: denn was haͤtt' ich da geliebt als strenge Selbstbuͤßung? Beinahe haͤtte am 16. Junius Ernestine diese Buͤßung geliebt, wie man aus ihrem Briefe so¬ gleich ersehen soll. Denn allerdings ist eine Frau im Stande, zweimal 24 Stunden lang eine und dieselbe Gesinnung gegen einen Mann (aber auch gegen weiter nichts) zu behaupten, sobald sie von diesem Manne nichts vor sich hat als sein Bild in ihrem schoͤnen Koͤpfgen; allein, steht der Mann sel¬ ber unkopirt 6 Fuß hoch vor ihr: so praͤstirt sie es nicht mehr — ihre wie eine besonnete Muͤckenkolon¬ ne spielende Empfindung treibt aus einander, wi¬ der einander und in einander; ein Fingerhut voll Puder am besagten Mann zuviel oder zu wenig — eine Beugung seines Oberleibs — ein zu tief abge¬ schnittener Fingernagel — eine sich abschaͤlende schur¬ fichte Unterlippe — der Puder-Anschrot und Spiel¬ raum des Zopfs hinten auf dem Rock — ein langer Backenbart — alles. Aus hundert Gruͤnden schlag' ich hier vor den Augen des indiskreten Lesers Erne¬ stinens Brief an eine ausgediente Hofdame in der Residenzstadt Scheerau aus einander: sie mußte jede Woche an sie schreiben, weil man sie zu beerben gedachte und weil Ernestine selber einmal so lange bei ihr und in der Stadt gewesen war, daß sie recht gut eilftausend Pfiffe mit wegbringen konnte — drei Wochen naͤmlich. „Die vorige Woche hatt' ich Ihnen wirklich nichts zu schreiben als das alte Lied. Unser Ge¬ spiele ennuirt mich unendlich und es dauert mich nur der Rittmeister; es hilft aber bei meinem Va¬ ter kein Reden, sobald er nur jemand haben kann, den er spielen sieht. Waͤrs nicht besser, der gute Rittmeister ließe seinen Kutscher, der den ganzen Tag in unserer Domestikenstube schnarcht, aufwe¬ cken und anspannen und fuͤhr' ab? Seit dem Sonn¬ tage martern wir uns nun an Einer Parthie her¬ um und ich habe mir schon den Ellenbogen wund gestuͤtzt — Abends soll sie zu Ende. Abends um 12 Uhr. Er verlierts allemal mit seinen Springern und durch meine Koͤnigin. Wenn er einmal geheirathet hat: so will ich ihm seine Fehlgriffe und meine Kunstgriffe zeigen. Ich bin recht verdruͤßlich, gnaͤdige Tante. Den 16. Jun . In vier Tagen bin ich von meinem Spieler und Schachbrett los und ich will dieses nicht zusiegeln bis ich Ihnen schreiben kann, wie er sich gegen seine muͤde und unschuldige Korb¬ flechterin benommen. Heute spielten wir oben im sinesischen Haͤuschen. Da die Abendroͤthe, die ge¬ rade in sein Gesicht hineinfiel, verwirrte Schatten unter die Figuren warf und da mich sein rechter Zeigefinger dauerte, der von einem Saͤbelhiebe ei¬ ne rothe Linie hat und der auf der Schachbande auflag: so kam ich aus Zerstreuung wahrhaftig um meine Koͤnigin und das abscheuliche Kindtaufs¬ gelaͤute des sinesischen Glockenspiels ließ mir fast kein Dessein — zum Gluͤck kam mein Vater wieder und half mir ein wenig ein. Ich fuͤhrte ihn nach¬ her in unsern neuen Anlagen im Waͤldgen herum und er erzaͤhlte mir glaub' ich die Historie seines linierten Fingers: er ist gegen Seines gleichen sehr wild, aber dabei ungemein verbindlich gegen Frau¬ enzimmer. Den 18 . Jun . Seit gestern sind wir alle etwas lustiger. Abends brachten zwei Unteroffizie¬ re fuͤnf Rekruten und da man sagte, es waͤr' ein Mensch darunter, der eine ganze geschlagene Ar¬ mee zum Lachen braͤchte, giengen wir alle mit hin¬ unter. Unten erzaͤhlte der Mensch gerade halb laut einem andern Rekruten ins Ohr, er haͤtte lauter falsche Zaͤhne und falsche Lippen und kapere blos das Handgeld weg. Er schraubte unsertwegen den Hut vom Kopf ab, aber eine weiße Muͤtze, die sich bis uͤber die Augenbraunen hereinsenkte, zerrete er noch tiefer nieder. „zoͤg' er sie ab, sagt' er, so kaͤm' er in seinem Leben nicht zum Regi¬ ment.“ Der eine Unteroffizier fieng an zu lachen und sagte, er thuts blos weil er drei abscheuliche Muttermaͤler darunter hat, weiter nichts — und ein Kamerad streifte ihm heimlich die Muͤtze von hinten herunter. Kaum war zu unseren Erstaunen ein Kopf daraus vorgesprungen, der an beiden Schlaͤfen zwei brennende Muttermaͤler wieß, eine Silhouette mit einem natuͤrlichen Haarzopf und gegen uͤber zwei Iltis-Schwaͤnzgen: so faßte zu unserem noch groͤßerem Erstaunen der Rittmeister den bemalten Kopf an und kuͤßte ihn so heftig wie seinen leiblichen Bruder und wollte sich todt lachen und todt freuen. „Du bist und bleibst doch der Doktor Fenk !“ sagt' er. Er muß sehr vertraut mit dem Rittmeister seyn und kommt unmittelbar von Oberscheerau . Kennen Sie ihn nicht? Der Fuͤrst laͤsset ihn als Botaniker und Gesellschafter mit seinem natuͤrlichen Sohn, dem Kapitain von Ottomar nach der Schweiz und Italien reisen, wie Sie schon wissen werden. Er setzt tolle Strei¬ che durch, wenns wahr ist was er schwoͤrt, daß dieses seine 21ste Verkleidung sei und daß er eben so viele Jahre habe. Er sieht uͤbel aus: er sagt selbst, sein breites Kinn stuͤlpe sich wie ein Biber¬ schwanz empor und der Bader rasier' ihm im Grun¬ de die halbe Wuͤste gratis, so viel wie zwei Baͤr¬ te — seine Lippen sind bis zu den Stockzaͤhnen auf¬ geschnitten und seine kleinen Augen funkeln den ganzen Tag. Er spaßet auch fuͤr Leute, die nicht seines Gleichen sind, viel zu frei“ — — — Ernestine silhouettiert hier den aͤußern Men¬ schen des Doktors, der wie viele indische Baͤume un¬ ter aͤußern Stacheln und dornigtem Laub die weiche kostbare Frucht des menschenfreundlichsten Herzens versteckte. Ich werd' ihn aber eben so gut zeichnen koͤnnen wie die Briefstellerin. Da Humoristen wie er selten schoͤn sind und da mit ihrer Seele auch zu¬ gleich ihr Gesicht sich travestiert: so wuͤrde ja, sagt' er selbst, seine schoͤnste Kleidung keinem Menschen etwas nuͤtzen — am allerwenigsten ihm selber und Schoͤnen — als bloß den Schnitthaͤndlern. Daher waren seine Montierungsstuͤcke in zwei Faͤcher sor¬ tiert, in kostbare (damit die Leute sehen, daß er die elenden nicht aus Armuth truͤge) und in eben diese elende, die er allzeit mit jenen zugleich anhatte. Stachen nicht die Klappen-Segel der schoͤnsten gestick ¬ ten Weste allemal aus einem fuchsbraunen Ueberrock heraus, der fast in seiner Haar-Mauße verschied? Haͤtt' er nicht unter einem Hut fuͤr 2 Ld’or einen schimpflichen Zopf aufgehangen, den er fuͤr nicht mehr erstanden als fuͤr drei hiesige Sechser? Freilich wars halb aus Erbitterung gegen diesen so geschmack¬ vollen schwarzen Krebsschwanz des Kopfes, gegen dieses wie ein Tubus sich verkuͤrzendes und verlaͤnge¬ rendes Nacken-Gehenk an der vierten gedankenvol¬ len Gehirnkammer. Sein Schreib-Service muste schoͤner als sein Eß-Service und sein Papier feiner als seine Waͤsche sein; er konnte nirgends schlechte kleine Federn leiden als blos auf seinem Hute, den sein Bette — und seine den Ehelosen natuͤrliche Un¬ ordnung — so zu sagen in einen adlichen Federhut umbesserte; indessen setzte er seinen Bettfedern in den Haaren gute Seekiele hinter den Ohren an die Seite — der Prinzipalkommissarius haͤtte sie auf dem Reichstag mit Ehren hinter die seinigen stecken koͤn¬ nen! — Um aber keinen Anzugs-Sonderling und Klei¬ der-Separatisten zu machen, ließ er sich von Jahr zu Jahr nach den besten Moden des Narrheits-Jour¬ nals abkonterfeien und schuͤtzte vor, er muͤsse den Leuten doch zeigen, daß er oder sein Kniestuͤck viel¬ leicht gleichen Schritt mit den neuesten Elegants zu halten wuͤsten. — Der untere Saum seines Ueber¬ rocks war gleich dem Menschen oft aus Erde ge macht; allein er drang darauf, man sollt' es ihm sa¬ gen, was es verschluͤge, wenn ers leibhaftig wie der Strnmpfwuͤrker triebe, dessen Historie ich so¬ gleich erzaͤhlen will, um nur nicht ohne alle Mo¬ ral zn schreiben. Der Mann hatte naͤmlich das Gute und Tolle an sich, daß er den kothigen An¬ schroot, womit sich sein Ueberrock besetzte, wenn er seine Struͤmpfe in die Stadt auf seinem Ruͤcken ablieferte, niemals heraus buͤrstete oder ausrieb: sondern er grif f in eine breite Scheere und zwickte damit den jedesmaligen Schmutzkragen und kothi¬ gen Horizont mit Einsicht herunter — je laͤnger es nun regnete, desto kuͤrzer schuͤrzte sich sein Frack hinauf und am kuͤrzesten Tage gieng der Epitoma¬ tor wegen des unerhoͤrten Wetters im kuͤrzesten Ueberrock herum, in einer niedlichen Sedez-Aus¬ gabe gabe der vorigen lang Folio-Ausgabe. Die Mo¬ ral, die ich daraus holen kann, moͤchte die Fra¬ ge seyn: sollte ein gescheuter Staat, der doch gewiß siebzigmal kluͤger ist als alle Strumpfwuͤrker zusammengenommen, die ja selber nur Glieder desselben sind, den eingesaͤumten Strumpfwuͤrker nicht dadurch am besten einholen, daß er auch sei¬ ne schmutzigen Glieder (Diebe, Ehebrecher ꝛc.) statt lange an ihnen zu reiben und zu saubern, mit dem Schwerdte oder sonst frisch herunter schnitte? . . . Der Doktor zerstreuete durch launigten Trost die einsamen Fluͤche die sein Freund statt der Seuf¬ zer that. Er sagte, er hab' an ihr mehr als ein¬ mal uͤber einen besonders guten Zug, den er ge¬ than, kein andres Erschrecken bemerkt als ein freu¬ diges. Er wolle sein Reisegeld daran setzen, daß sie, da sie ihn liebe, einen Pfif in ihrem Kopfe großbruͤte, der die Treppe zum Brautbettezimmern werde — er rieth ihn, sich zerstreuet und achtlos anzustellen, damit er sie nicht im Ausbruͤten des Pfiffes ertappe und wegstoͤhre — er fragte ihn, „kennst Du den kleinen Dienst der Liebe voll¬ kommen?“ Kein Deutscher verstand Metaphern we¬ niger als er. „Ich meine, fuhr er fort, kannst B Du denn nicht der listigste Vokativus von Haus aus seyn? — Kannst Du nicht die Schachfigur, die Du ziehen willst, lang fassen, um Deine Hand lange uͤber Deiner Schachmilitz zu behalten und die Generallissima mit der Hand irre und verliebt zu machen? — Kannst Du nicht Deine Positionen jede Minute gegen diese Feindin wechseln und be¬ sonders Anhoͤhen suchen, weil ein stehender Mann einem sitzenden Weibe schoͤner vorkommt als einem stehenden? Ich und sie sollten Dich bald auf den Stuhl zuruͤckgebogen, bald vorwaͤrts, bald links, bald rechts gerankt, bald im Schatten, bald ih¬ re Hand, bald ihren Mund fixirend erblicken im Spiele. Ja Du solltest drei oder vier Bauern ins Zimmer herunter stoßen, bloß um Dich zum Auf¬ heben nachzubuͤcken, damit etwann Dein schwel¬ lendes Gesicht auf ihr Herz Eindruͤcke machte und damit Du das Blut in Deinen und ihren Kopf auf einmal empor triebest. Lass' deinen Zopf eine Achtels Elle dem Hinterkopfe naͤher oder ferner schnuͤren, falls etwann diese Schnuͤrung und diese Elle sich bisher eurer Ehe entgegengesetzet haͤtte.“ Der arme Rittmeister begrif und that vom ganzen Dienstreglement kein Jota und dem Doktor wars eben so lieb: denn er redete aus Humor in nichts lieber als in den Wind. Ernestine schreibt in ih¬ rem Briefe fort ¬ „Morgen gehen gottlob meine Karwochen zu Ende und es ist ein Gluͤck fuͤr den Rittmeister, der alle Tage empfindlicher wird, daß nur der Doktor da ist, der uͤber jede gezogne Figur einen Einfall weiß.“ Sein Witz, sagt er, beweise, daß er jaͤm¬ merlich spiele, weil gute Spieler uͤber und unter ihrem Spielen niemals ein Bonmot haͤtten. Den 20. Jun . um 3 Uhr. Heute Abends um 12 Uhr werd' ich endlich vom Schach-Fußblocke loßgeschlossen. Er will an der Definitiv-Partie — nennt's Fenk — den ganzen Tag spielen, er laͤsset aber, weil er aus seinen Tags-Kampagnen den Ab¬ lauf der naͤchtlichen erraͤth, zu Nachts den Kut¬ scher mit dem Wagen halten, um sogleich wie ein Leichnam traurig abzufahren. Er sollte mir nur nicht zumuthen, so schlecht zu spielen wie er. Er ist aber in allem so hastig und haͤlt vor allen Vor¬ stellungen die Ohren zu. Um 12 Uhr Nachts . Ich bin außer mir. Wer haͤtt' es von meinem Vater geglaubt? Mein Spiel konnte kaum besser stehen — es war auf B 2 meines Vaters Sekundenuhr, die neben dem Schach¬ brett lag, schon viel uͤber halb zwoͤlf — er hatte nur 3 Offiziere und ich noch alle meine — ohn' ein Wunderwerk war er in 18 Minuten matt — eine fliegende Roͤthe spannte einmal ums andre sein ganzes Gesicht — wir wurden zuletzt ordent¬ lich beklemmt und selbst der Doktor sagte kein lu¬ stiges Wort mehr — blos mein weißes Miezgen marschierte schnurrend auf dem Spieltisch herum — kein Mensch denkt natuͤrlicher Weise auf die Katze und er bietet mir im Spiele das erste Schach — nun mocht' er (oder war ichs, denn ich schlage zu¬ weilen auch solche Pralltriller auf dem Tische) mit den Fingern einen auf der Bande machen — wie der Blitz faͤhrt die Bestie, die es fuͤr eine Maus halten muß, darauf hin und schmeißet uns das ganze Spiel um und da sitzen wir! Stellen Sie sich vor! Ich halb froh, daß ihm diese Mittels¬ person die Beschaͤmung des foͤrmlichen Korbes ab¬ nimmt — Er mit einem Gesicht voll Trostlosigkeit und Zorn — mein Vater mit einem voll Verlegen¬ heit und Zorn — und der Doktor, der in der Stu¬ be mit den 10 Fingern herumschnalzet und schwoͤrt: ”der Rittmeister haͤtt' es gewonnen, so gewiß wie Amen!” Kein Mensch wich mit seiner Fußsohle von der Stelle, der Doktor blieb keine Minute auf der seinigen und warf sich endlich in einem Enthusias¬ mus, den unsre verlegne Stille immer mehr er¬ hob, vor einer weißen Amorbuͤste, vor einem Mi¬ niatuͤrportrait meines Vaters und vor seinem ei¬ gnen Bilde im Spiegel auf die Knie hin und bete¬ te: „Heiliger H. v. Knoͤr! heiliger Amor! heiliger Fenk! bittet fuͤr den Rittmeister und schlagt die Katze todt! Ach wuͤrdet ihr drei Bilder lebendig: so wuͤrde Amor gewiß die Gestallt des D. Fenks annehmen und der lebendig gewordene Amor wuͤr¬ de die Hand des lebendig gewordnen Knoͤrs ergrei¬ fen und ihr die der Spielerin geben — seine gaͤbe ihre dann vielleicht weiter. Ihr Heiligen! bittet doch fuͤr den Rittmeister, der gewonnen haͤtte!“ Das ist nicht wahr und zum Ungluͤck war der Ter¬ min zu einem neuen Spiele zu kurz. . . . Da nun der Iltis Doktor (ich selber erzaͤhle wieder) aufstand und wirklich die Hand von Knoͤr in Ernestinens ihre legte und sagte, er waͤre der Amor — da uͤberhaupt jezt durch die Versicherun¬ gen des Doktors und durch die Unentschiedenheit des Spiels die Ehre des empfindlichen von Men¬ schen und Katzen geneckten Spielers eben so viel zu verlieren hatte als die Liebe desselben. — Da ich in einem ganzen Sektor zeige, daß Falkenberg vom aͤltesten Adel im ganzen Lande war — und da zum Gluͤck im Obristforstmeister die Sitten seiner rohen Erziehung (wie bei mehreren Landedelleuten) halb unter dem Firnis der Sitten seines feinern Umgangs verborgen lagen wie seine alten Meublen unter modischen: so gieng der elektrische Enthusias¬ mus des Doktors in großen Funken in des Vaters Busen uͤber, und Knoͤr legte hingerissen die Hand Ernestinens, die zum Scheine erstaunte, in des Rittmeisters seine, der's im Ernste that — der Braͤutigam draͤngte und warf sich in einem Chok von Dankbarkeit an den Hals des neugebornen Schwiegervaters, eh' er, weil seine Ehre mehr als seine Liebe triumphierte, etwas kaͤlter die ge¬ schickte Hand noch kuͤßte, ihm bisher diesen dop¬ pelten Triumph entzogen. — — — Das verdachte ihm die Inhaberin der Hand; aber ich verdenke wieder ihr's; mit welchem Grund will sie dem Manne, der gar keine Seele, seine eigne kaum und eine weibliche nie errieth, ansin¬ nen, seine Weisheitszaͤhne und seinen Bart soll er so außerordentlich lang gewachsen haben wie der geneigte Leser beide traͤgt, dem's freilich nicht erst jezt vorgedruckt zu werden braucht — er merkt' es schon vor drei guten Stunden — daß hinter der Kopulationskatze etwas stack oder steckte — Ernesti¬ ne naͤmlich selber. Es war so . . . ich brauch' es aber dem Leser gar nicht zu referiren, sondern er hat es schon laͤngst gewußt, daß Ernestine die Kuͤt- und Heft¬ katze vier Abende vorher taͤglich privatisseme auf den Tisch stellte und sie abrichtete, auf die Finger loszufahren, wenn sie trillerten — ich freue mich, daß der Scharfsinn des Lesers kein gewoͤhnlicher ist, wenn er weiter muthmaßet: sie ließ also auch am letzten Abend das glutinans von Thierchen nach, schleichen, versenkte es bis um 11½ Uhr in ihren Schoos und hob endlich mit dem Knie diesen termi¬ nus medius von einer Katze aus dem Schooße auf den Spieltisch und der terminus that nachher das Seinige. — Armer Rittmeister! Nachdenklich ists aber. Denn wenn auf diese Art, Weiber Anordnung fuͤr Zufall und Zufall fuͤr Anordnung auszumuͤnzen wissen — wenn sie schon vor den Sponsalien (folglich nachher noch mehr) in die erste Linie gegen die Maͤnner wie Kambyses gegen die Aegypter, Kambyses eroberte Pelusium mit Sturm, weil er unter seine Soldaten heilige Thiere, Katzen u. s. w. mengte, auf die die ägyptische Garnison nicht zu schießen wagte und an die sie statt der Pfeile Gebete abschickte. Alliancekatzen stellen, die wie Untergoͤtter ex machina das maͤnnliche Spiel einwerfen und das weibliche aufsetzen — wenn un¬ ter hundert Menschen nur fuͤnf Maͤnner sind, die physische und metaphorische Katzen leiden, und nur fuͤnf Weiber die sie hassen koͤnnen — wenn al¬ so ganz offenbar die besten Weiber entsetzliche Buͤn¬ del Maͤnnergarn unter den Armen halten, Hasen¬ garne, Steckgarne, Spiegelgarne, Nacht- und Henggarne: was soll da das Einbein Das Einbein bin ich selbst. Ich habe die Vorrede, die man wird überschlagen haben, und diese Note, die nicht zu überschlagen ist, gemacht, damit es eiumal bekannt werde, daß ich nicht mehr habe als Ein Bein, wenn man das zu kurze weg rechnet und daß sie mich in meiner Ge¬ gend nicht anders nennen als das Einbein oder den einbei¬ nigen Autor, da ich doch Jean Paul heiße. Siehe das Tauf¬ zeugniß und die Vorrede. machen, das am naͤmlichen Tag, wo es einen Roman zu schreiben anfieng, zugleich einen zu spielen anhob und so beide wie auf einem Doppelklavier nebenein¬ ander zu Ende fuͤhren wollte? Am vernuͤnftigsten, seh' ich, mach' ich wenn meine Frau den ganzen Tag am Baͤrenfange steht und Zweige darauf wirft, damit ich hineinstolpern, nur durchaus kei¬ nen — Baͤren wie keinen Affen. Nein! ihr gefuͤgi¬ gen gedraͤngten Geschoͤpfe! ich setze mirs noch ein¬ mal vor und gelob' es einer von euch hier oͤffent¬ lich im Druck. Geschaͤh es doch daß ich euch nach den Flitterwochen quaͤlen wollte: so les' ich blos diesen Sektor hinaus und ruͤhre mich mit dem kommenden Gemaͤhlde eurer ehlichen Pilatusse, das ich deswegen hieher trage — wie der duͤmste Mann sich fuͤr kluͤger haͤlt als die kluͤgste Ehefrau; wie diese vor ihm, der vielleicht außer dem Haus vor einer Goͤttin auf den Knieen liegt, um begluͤckt zu werden, gleich dem Kameele auf die ihrigen sinken muß, um befrachtet zu werden; wie er seine Reichskammergerichts-Erkenntnisse und seine Ple¬ biszita und koͤnigliche Resolutionen nach den sanf¬ testen Gegengruͤnden, nur mit zweifelhafter Stim¬ me wie verloren gewagt, mit nichts versuͤßet als mit einem „wenn ichs nun aber so haben will“; wie eben die Thraͤne, die ihn bezauberte im freien Auge der Braut, ihn entzaubert und ganz toll macht, wenn sie aus dem ankopulirten faͤllt, so wie in den arabischen Maͤhrchen alle Bezauberun¬ gen und Entzauberungen durch Besprengen mit Wasser geschehen — wahrhaftig das einzige Gute ist doch das, daß ihr ihn recht betruͤgt. Ach! und wenn ich mir erst denke, wie weit ein solcher Ehe- Pez gegangen seyn muß, bis ihr so weit gienget, daß ihr euch, um nicht von ihm gefressen zu wer¬ den (wie man es auch bei den Waldbaͤren thut) gar ohnmaͤchtig anstellet und der Petz gieng mit seinen muͤßigen Tatzen um die Scheintodte her¬ um! . . . . „In meinem Alter soll das Einbein anders pfeifen!“ sagte der verheirathete Leser; allein ich bin selber schon 9 Jahr aͤlter als er. Zweiter Sektor oder Ausschnitt, Ahnen-Preiskourant, des Ahnen-Grossirers — der Bescheeler und Adelsbrief. E s giebt in der ganzen entdeckten Welt keine verdammtere Arbeit als einen ersten Sektor zu schreiben; und duͤrft' ich in meinem Leben keine andere Sektors schreiben, keinen zweiten, achten ꝛc. so wollt' ich lieber Logarithmen und publizistische Kreisrelationen und Deduktionen machen als ein Buch mit aͤsthetischen. Hingegen im zweiten Ka¬ pitel und Sektor koͤmmt ein Autor wieder zu sich und weis recht gut im vornehmsten Cercle den es vielleicht giebt, (Knaͤsen sitzen in meinem,) was er mit seinen schreibenden Haͤnden anfangen soll und mit seinem Hute, Kopfe, Witz, Tiefsinn und mit allem. Da ich durch das Ehepaar, von dessen Ver¬ lobung wir saͤmmlich zuruͤckkommen, mir in 9 Monaten den Helden dieses Buches abliefern lasse so muß ich vorher zeigen, daß ich nicht unbeson¬ nen in den Tag hineinkaufe sondern meine Waare (d. i. meinen Helden) aus einem recht guten Hause, um merkantilisch zu reden, oder aus ei¬ nem recht alten , um heraldisch zu reden, aus¬ nehme. Denn der reichsfreien Ritterschaft, den Landsassen und den Patriziern muß es hier oder nirgends gesagt, und bewiesen werden, daß mein Heldenlieferant, H. von Falkenberg, von aͤlterm Adel ist wie sie alle und zwar von unaͤchten. Naͤmlich Anno 1625 war Mariaͤ Empfaͤngnis wo sein Urgrosvater sich ungemein besof und den¬ noch aus dem Gluͤckstopfe die volle Hand mit etwas außerordentlichem herausbrachte, mit einem zwei¬ ten Adelsdiplom. Denn es trank mit ihm, aber siebenmal aͤrger ein gescheuter Roßtaͤuscher aus Westphalen, auch ein Herr von Falkenberg , aber nur ein Namensvetter; ihre beiden Stamm¬ baͤume bestreiften und anastomasirten sich weder in Wurzelfaͤsergen noch in Blaͤttern. Ob nun gleich der Sipschaftsbaum des Westphaͤlingers so alt und lang im Winde und Wetter des Lebens dagestanden war, daß er mit manchem Vetera¬ nen auf den Bergen Libanon und Aetna zugleich aus der Erde vorgeschossen zu seyn schien, kurz ob¬ gleich der Roßhaͤndler 64 schildig war, indeß der Urgrosvater zu seiner groͤsten Schande und zu des¬ sen seiner, der ihn in seinen Roman mit hinein¬ nimmt, wirklich sowohl Zaͤhne als Ahnen mehr nicht hatte als 32 so wars doch noch zu machen. Der alte Westphaͤlinger war nemlich der Stamm¬ halter und die Schlußvignette und das hogartische Schwanzstuͤck seines ganzen historischen Bildersaals; nicht einmal in beiden Indien, wo wir alle unsre Vettern haben und erben, hatt' er noch einen. Darauf fußte der Urgrosvater, der ihm sein Adels¬ diplom abzufluchen und abzubetteln suchte, um es fuͤr sein eignes auszugeben: „Denn wer Teufel weiß es, sagte er, dir hilft es nichts und ich heft' es an meines.“ Ja der Ahnen-Compilator, der Ur¬ grosvater, wollte christlich handeln und bot dem Roß- und Ahnentaͤuscher fuͤr den Brief einen unna¬ tuͤrlich-schoͤnen Bescheeler an, einen solchen Gro߬ sultan und Ehevogt eines benachbarten Roß-Harems wie ich noch wenige gesehen. Aber der Stammhal¬ ter drehte langsam den Kopf hin und her und sagte kalt, ich mag nicht und trank Zerbster Fla¬ schenbier. Da er ein Paar Glaͤser von Quedlinbur¬ ger Gose blos versucht hatte, fieng er schon an, uͤber das Ansinnen zu fluchen und zu wettern; was schon gut war. Da er etwas Koͤnigslutteri¬ schen Duckstein, denk ich, darauf gesetzt hatte (denn Falkenberg hatte einen ganzen Meibomium de cerevisiis , naͤmlich seine Biere, auf dem Lager; so gieng er gar mit einigen Gruͤnden seines Ab¬ schlagens hervor und die Hofnung wuchs sehr. Da er endlich den Breslauer Scheps im Glase oder in seinen Kopfe so schoͤn milchen fand: so be¬ fahl er, das Luder von einem elenden Bescheeler in den Hof zu fuͤhren — — und da er ihn etwan zwei oder dreimal mochte haben springen sehen: so gab er dem Urgrosvater die Hand und die 128 Ah¬ nen darin. Mein Urgrosvater war viel zu dumm zu so etwas, sonst haͤtt' er auch sich und mich gea¬ delt. Da nun der Falkenbergische Urgrosvater das erkaufte Adelspatent, das einige Ahnenfolgen tau¬ sendschildiger Motten fast aufgekaͤuet hatten, mit einem Pflasterspatel, weil es poroͤs, wie ein Schmet¬ terlingssittich war, auf neues Pergament aufstrich und aufpapte, Buchbinderkleister aber vorher: so that, kann man leicht denken, das Pergament sei¬ ner ganzen adelichen Vorwelt den naͤmlichen Dienst der Veredlung, den der Bescheeler in Westphalen der Roßnachwelt leistete und uͤber hundert begrabene Mann, an denen kein Tropfen Blut mehr adelich zu machen war, kamen wenigstens zu adelichen Kno¬ chen. Also brauchen weder ich noch irgend eine Stiftsdame uns zu schaͤmen, daß wir mit dem kuͤnf¬ tigen jungen Falkenberg so viel Verkehr haben als man kuͤnftig finden wird. — Uebrigens moͤcht' ich nicht gern, daß die Anekdote weiter auskaͤme, und einem Lesepublikum von Verstand braucht man das gar nicht zu sagen. — — — Die Hochzeit-Luperkalien setz' ich samt ihrem laͤngsten Tage und ihrer kuͤrzesten Nacht niemals herein — bloß den Einzug darauf wollt' ich beschrei¬ ben. Allein da ich mich gestern zum Ungluͤck mit dem Vorsatze in's Bett legte, heute fruͤh das Schach- und Ehepaar mit drei Federzuͤgen aus dem Brautbette ins Ehebette zu schaffen, das 19 Stun¬ den davon steht, naͤmlich im Falkenbergischen Rit¬ tersitz Auenthal — und da ich ganz natuͤrlich nur mit drei kleinen Winken das Wenige schildern wollte, das wenige Pfeifen, Reiten und Pulver, womit die guten Auenthaler ihre gnaͤdige Neuvermaͤhlten em¬ pfingen: so gieng die ganze Nacht in meinem Kopfe der Traum auf und ab, ich waͤre selber ein heim¬ reisender Reichsgraf und der Reichs-Erb-Kasperl und wuͤrde von meinen Unterthanen, weil sie mich in 15 Jahren mit keinem Auge gesehen, vor Freu¬ den fast erschossen. In meiner Grafschaft wurde natuͤrlicher Weise tausendmal mehr Bewillkom¬ mungslerm und Honneurs gemacht, als im Falken¬ bergischen Feudum; ich will deswegen die Honneurs fuͤr den Rittmeister weglassen und bloß meine brin¬ gen. Er¬ Erstes Extrablatt. Ehrenbezeugungen die mir meine Grafschaft nach meiner Heim¬ kehr von der grand tour anthat. W enn graͤfliche Unterthanen einem Grafen seine sechs nicht natuͤrlichen Dinge Darunter meinen die Aerzte 1) Wachen und Schlafen. 2) Essen und Trinken. 3) Bewegung. 4) Athmen. 5) Aus¬ leerungen. 6) Leidenschaften. nehmen: so weiß ich nicht, wie sie ihn besser empfangen koͤn¬ nen. Nun liessen mir meine, kein einziges nicht na¬ tuͤrliches Ding. Sie nahmen mir das erste unnatuͤrliche Ding ohnehin weg, den Schlaf . Da ich von Chalons nach Strasburg, so watend langsam als waͤr' ich schwanger, gefahren war, um von da aus so don¬ nernd, daß ich mehr huͤpfte als saß, meinen Laͤufer umzufahren: so waͤr' ich um Floͤrzhuͤbel (den ersten Marktflecken in meiner Grafschaft) fuͤr mein Leben gern schlafend (und kam ich im Grunde anders vor¬ bei?) voruͤbergeflogen; allein gerade an der Graͤn¬ ze und einer Bruͤcke, da ich die Augen bergunter auf- und bergauf zumachte, wurd' ich uͤberfallen, C nicht moͤrderisch sondern musikalisch, von 16 Mann besoffnem Ausschuß, der schon seit fruͤh 7 Uhr mit dem musikalischen Geruͤmpel und Ohrenbrechzeug hier aufgepasset hatte, um mich und meine Pferde zu rechter Zeit mit Trommeln und Pfeifen in die Ohren zu blessiren. Gluͤcklicher Weise hatten die kakophonischen Artisten den ganzen Tag zum Spas¬ se oder aus Langerweile vorher mehr getrommelt als aus Ernst und Liebe nachher. Unter dem gan¬ zen Weg, waͤhrend Orchester und Kaserne ne¬ ben meinen Pferden gieng, zankt' ich mich aus, daß ich Floͤrzhuͤbel vor 17 Jahren zu einer Stadt habilitirt und graduirt hatte, — „ich meine nicht „deswegen, sagt' ich zu mir, weil nachher das lan¬ „desherrliche Reskript dem Floͤrzhuͤbel das Stadt¬ „recht und seiner Gens d'Armerie die Monturen „wieder auszog, oder deswegen, weil wir die su¬ „pernumerairen Monturen in Kassel verauktioniren „wollten — sondern weil sie mich jetzt nicht schla¬ , fen lassen, welches doch das erste nicht natuͤrliche „Ding bleibt.“ Essen liessen sie mich gar nicht, weils das zweite unnatuͤrliche Ding eines regierenden Herrn ist. Sann mir nicht der Floͤrzhuͤbelsche Restaura¬ teur, der fuͤr mich das ganze gekochte und gesotte¬ ne Mustheil meiner Grafschaft ans Feuer gese¬ tzet hatte, geradezu am Kutschenfußtritt an, ich sollte anbeissen, und da ich ihn — wir Großen se¬ tzen nicht ungern den Poͤbel durch Verschmaͤhen be¬ neideter Kost in ein hungriges Erstaunen — mit eignem Munde nur um eine Biersuppe ansprach: machte da nicht der Restaurateur eine eitle Mine und sagte: „im ganzen Hotel haͤtt' er keine; und „haͤtt' er sie: so sollten ihm doch die kuͤnftigen Traiteurs „nicht nachsagen, er habe unter so vielen jus und „ buillons seinem gnaͤdigsten Herrn nichts praͤsen¬ „tirt als einen Napf Biersuppe.“ Um das dritte Ding, um die Bewegung und Ruhe zugleich, haͤtte mich bei einem Haare die Ehrenpforte meines Begraͤbnißdorfes gebracht, mas¬ sen sie mich beinahe erschlug, weil sie und die mu¬ sicirende Gallerie auf ihr, hart hinter meinem letz¬ ten Bedienten einpurzelte und zur Freude der Graf¬ schaft keinem Menschen etwas zerbrachen als dem Bader die Glas-Schroͤpfkoͤpfe, die er der Ehren¬ pforte angesetzt und vorgestreckt hatte, damit doch nur etwas daran hienge worein die nicht schlechte Illumination zu stecken waͤre. Ich wollte schon an C 2 und fuͤr sich etwas toll werden uͤber die satyrischen Schroͤpfvasen, die ich fuͤr satyrische Typen und Nach¬ bilder meines graͤflichen Ausschroͤpfens der vollen Allodial- und Fendaladern nehmen wollte und ich fragte den Schuldheiß, ob er daͤchte es fehle mir aͤchter Witz: allein sie thaten saͤmtlich Eide, an Witz waͤre bei der ganzen Ehrenpforte gar nicht ge¬ dacht worden. Luft , das vierte nicht natuͤrliche Ding eines Reichs-Erb-Kasperls, haͤtt' ich schon haben koͤnnen: denn bloß des kurzen Mißbrauchs wegen, den die Instrumente und Lungen meiner Vasallen von einem so herrlichen Elemente machten, haͤtt' ich wahrlich nicht mich und den Luftsektor um mich, so fest in meinen Wagen eingesperrt als ich wirklich that — ich muß das ausdruͤcklich sagen, damit nicht der gu¬ te Kelzheimer Kantor sich einbilde, es habe mir nicht gefallen, daß mir sein musikalisches Feuerrohr oder seine fallopische Trompete doppelt aus dem Schallloch, sowohl seines Kirchthurms als seines Koͤr¬ pers, dermaßen entgegen stach, daß die melodischen Luftwellen aus beiden mir vier Aecker weit entgegen giengen, indeß noch dazu unten im Thurm seine Frau die Glocken melkte, als wuͤrd' ich begraben und nicht sowohl empfangen als verabschiedet — wie gesagt, des musikalischen Ehepaars wegen haͤtt' ich den Wa¬ gen gar nicht zugeschlossen; aber der Todesgefahr wegen; denn ein freudiges Piquet Frohnbauern schoß mir aus 17 Vogelflinten und einem Paar Taschen¬ puffern sowohl Ehrensalven als einige Ladstoͤcke ent¬ gegen. Sitzt ein Graf einmal ohne vier nicht natuͤrli¬ che Dinge da: so darf er an das fuͤnfte gar nicht denken, an Evacuation . Der Sphinkter aller, selbst der groͤßten Poren bleibt samt der Wagen¬ thuͤre zu; es war also kein Wunder, da ich gar kein Hephate zu irgend einem Porus sagen konnte, daß ich auffuhr: „den Henker hab' ich davon von „meinem Sitzen auf der Grafenbank in Regensburg, „wenn ich hier auf dem Kutschkissen hocken muß „und nichts — verrichten kann, nicht einmal....” Aechte Leiden schaft, die das 6te nicht natuͤr¬ liche Ding des Menschen ist, wird von nichts so leicht erstickt als von einem atlassenen Hundekissen, auf dem die Pfarrer, Schuldiener und Amtleute, die ein Reichs-Erb-Kasperl hat, ihm die Carmina uͤberreichen, die sie auf ihn haben fertigen lassen: denn daruͤber ist weder zu lachen, noch zu grei¬ nen noch zu zanken, noch zu loben, noch zu re¬ den. Meine Lehnleute und Hintersassen, die mir so viel von meinen 6 unnaturlichen Dingen abfischten, gaben mir eben dadurch die Haͤlfte des ersten wie¬ der, das Wachen — sie hatten sich aber meinet¬ wegen so in Schweiß gesetzt, daß ich ihrentwegen auch darin lag. Da ich aufwachte: dacht' ich an¬ fangs, es waͤr' ein Traum; aber bei mehreren Aufwachen merkt' ich, daß es, die Namen ausge¬ nommen, die gestohlne Geschichte meiner Nachbar¬ schaft war. Freilich aͤrgert michs so gut als wuͤrde die Illumination und der musikalische Laͤrm meinetwegen gemacht, daß die Unterthanen beide in der boshaften Absicht machen, ihren großen oder kleinen Regenten durch Ekel und Plage wieder auf seine Reise zuruͤck zu jagen: denn sie borgtens klar den orientalischen Karavanen ab, die gleichfalls durch Trommeln und Feuer s chlagen wilde Thiere sich vom Leibe halten. Dritter Sekror oder Ausschnitt. Unterirrdisches Pädagogium — der Hernhuter und Pudel. J etzt geht erst meine Geschichte an; die Szene ist in Auenthal oder vielmehr auf dem Falkenbergischen Bergschlosse, das einige Ackerlaͤngen davon lag. Das erste Kind der Schachamazone und des sterben¬ den Fechters im Schach war Gustav , der nicht der erhabne schwedische Held ist, sondern meiner. Sei gegruͤßet, kleiner Schoͤner! auf dem Schau¬ platz dieses Lumpenpapiers und dieses Lumpenle¬ bens! Ich weiß dein ganzes Leben voraus, darum beweget mich die klagende Stimme deiner ersten Minute so sehr; ich sehe an allen Jahren deines Lebens Thraͤnentropfen stehen, darum erbarmet mich dein Auge so sehr, das noch trocken ist, weil dich bloß dein Koͤrper schmerzet — ohne Laͤcheln koͤmmt der Mensch, ohne Laͤcheln geht er, drei fliegende Minuten lang war er froh. Ich habe daher mit gutem Vorbedacht, lieber Gustav, den frischen Mai deiner Jugend, von dem ich ein Land¬ schaftsstuͤck ins elende Fließpapier hineindruͤcken soll, bis in den Mai des Wetters aufgehoben, um jetzt, da alle Tage Schoͤpfungstage der Natur sind, auch meine Tage dazu zu machen, um jetzt, da jeder Athemzug eine Stahlkur, jeder Schritt vier Zolle weiter und das Auge weniger vom Augenlied ver¬ hangen ist, mit fliegender Hand zu schreiben und mit einer elastischen Brust voll Athem und Blut! — Zum Gluͤck bleibt es vollends vom 2ten bis zum 27sten Mai (laͤnger beschreib' ich nicht daran) recht huͤbsches Wetter: denn ich bin ein wenig ein me¬ teorologischer Clair voyant und mein kurzes Bein und mein langes Gesicht sind die besten Wetterdarm¬ seiten in hiesiger Gegend. Da Erziehung weit weniger am innern Men¬ schen (und weit mehr am aͤussern) aͤndern kann als Hofmeister sich einbilden: so wird man sich wundern, daß bei Gustav gerade das Gegentheil war — sein ganzes Leben klang nach dem Karton seiner uͤberirrdischen, d. h. unterirrdischen Erziehung. Der Leser muß nemlich aus seinem ersten Sektor noch im Kopfe haben, daß es in den Ehepakten klar der Schwiegermutter versprochen wurde, das erste Kind acht Jahre unter der Erde zu lassen, um ihm die Schoͤnheit der Natur und die Haͤßlich¬ keit der Menschen aus gleichen Gruͤnden zu entzie¬ hen. Der Rittmeister stellte seiner Frau vergeblich vor, „die Alte verzoͤg' ihm ja den Soldaten zu „einer Schlafhaube und sie sollte nur warten, bis „ein Maͤdchen kaͤme.” Er ließ auch wie mehrere Maͤnner den Unmuth uͤber die Schwiegermutter ganz am Weibe aus. Aber die Alte hatte schon vor der Taufe einen himmlischschoͤnen Juͤngling aus Barby verschrieben. Der Rittmeister konnte wie alle kraftvolle Leute das Hernhutische Diminuendo nicht ausstehen; am meisten redete er daruͤber, daß sie so wenig redeten; sogar das war nicht nach seinem Sinne, daß die Hernhutische Wirthe ihn nicht sowohl uͤberschnellten als zu sehr uͤberschnellten. Allein der Genius — diesen schoͤnen Namen soll er vorjetzt auf allen Blaͤttern haben — lag nicht an jenen das Herz einschraubenden Kraͤmpfen des Hernhutismus krank und er nahm blos das Sanfte und Einfache von ihm. Ueber seinem schwaͤrmeri¬ schen trunknem Ange glaͤttete sich eine ruhende schuldlose Stirne, die das vierzigste Jahr eben so unrastriert und ungerunzelt ließ, wie das vier¬ zehnte. Er trug ein Herz, welches Laster wie Gif¬ te Edelsteine, zerbrochen haͤtten; schon eine frem¬ de suͤndigende Physiognomie klemmte seine Brust schmerzhaft ein, wie der Saphyr am Finger des Unkeuschen erblasset. Dennoch ist seine vieljaͤhrige Aufopferung fuͤr Gustav schwer und groß; „er habe „aber Motiven dazu, sagt' er, die er niemand sa¬ „gen wuͤrde als einst seinem Gustav selber.“ Feine Leser, die weit denken, werden hoff' ich sich anstel¬ len als faͤnden sie einen solchen paͤdagogischen He¬ roismus recht natuͤrlich. Die Tugend der meisten Menschen ist nnr ein Extrablatt und Gelegenheits¬ gedicht in ihrem Altagsleben; allein zwei, drei Ge¬ nien sind doch vorhanden, in deren epischem Leben die Tugend die Heldin und alles Uebrige Neben¬ partie und Episode ist, und deren Kulmination vom Volk mehr angestaunet als bewundert werden kann. Die ersten dunkeln Jahre lebte Gustav mit sei¬ nem Schutzengel noch in einem uͤberirrdischen Zim¬ mer, er trennte ihn bloß von den schlimmsten Kip¬ perinnen und Wipperinnen der Menschheit, denen wir eben so viele lahme Beine, als lahme Herzen zu danken haben — Maͤgden und Ammen. Ich wollte lieber, diese Bestien erzoͤgen uns im zweiten Jahrzehend als im zweiten Jahr. Der Genius zog darauf mit meinem Gustav unter eine alte ausgemauerte Hoͤhlung im Schlo߬ garten, von der es der Rittmeister bedauerte, daß er sie nicht laͤngst verschuͤtten lassen. Eine Keller¬ treppe fuͤhrte links in den Felsenkeller, und rechts in diese Woͤlbung, wo eine Karthause mit drei Kam¬ mern stand, die man wegen einer alten Sage die Dreibruͤder-Karthause nennte: auf ihrem Fußboden lagen drei steinerne Moͤnche, die die ausgehauenen Haͤnde ewig uͤber einander legten; und vielleicht schliefen unter den Kopien die stummen Originale selber mit ihren untergegangne Seufzern uͤber die vergehende Welt. Hier waltete bloß der schoͤne Ge¬ nius uͤber den Kleinen, und bog jeden knospenden Zweig desselben zur hohen Menschengestalt empor. Elende Umstaͤndlichkeit z. B. uͤber die Lieferan¬ ten der Waͤsche ꝛc. werden mir Frauenzimmer am liebsten erlassen; aber sie werden begieriger seyn, wie der Genius erzog. Recht gut, sag' ich er befahl nicht, sondern gewoͤhnte und erzaͤhlte blos. er wiedersprach weder sich noch dem Kinde, ja er hatte das groͤste Arkanum ihn gut zu machen — er wars selbst. Ohne dieses Arkanum koͤnn¬ te man eben so gut den Teufel zum Informator bingen als sich selbst, wie die Toͤchter schlimmer Muͤtter zeigen. Der Genius glaubte uͤbrigens, beim ersten Sakramente (der Taufe) gienge die Bil¬ dung des Herzens an, beim zweiten (Abendmahl) die des Kopfes. Von guten Menschen hoͤren ist so viel als un¬ ter ihnen leben und Plutarchs Biographien wirken tiefer als die besten Kompendien der Moralphiloso¬ phie zum Gebrauche — akademischer Lehrer. Fuͤr Kinder vollends giebts keine andere Moral als Beispiel, erzaͤhltes oder sichtbares; und es ist paͤ¬ dagogische Narrheit, durch Gruͤnde Kindern nicht diese Gruͤnde sondern den Willen und die Kraft zu geben meinen, diesen Gruͤnden zu folgen. O tau¬ sendmal gluͤcklicher als ich neben meinem Terzius und Konrektor, lagst du auf dem Schooße, an den Armen und unter den Lippen deines theuern Ge¬ nius, wie eine trinkende Alpenblume an der rin¬ nenden Wolke, und fogest Dein Herz an den Er¬ zaͤhlungen von guten Menschen groß, die der Ge¬ nius saͤmmtlich Gustave und Seelige nennten von denen wir bald sehen sollen, warum sie mit Schwabacher gedruckt sind! Da er gut zeichnete; so gab' er ihm, wie Chodowiecky dem Romanen¬ macher, die Zeichnung jeder Geschichte und um¬ bauete den Kleinen mit diesem orbis pictus guter Menschen wie der allmaͤchtige Genius uns mit der großen Natur. Aber er gab ihm die Zeichnung nie vor sondern nach der Beschreibung, weil Kin¬ der das Hoͤren zum Sehen staͤrker zieht als das Sehen zum Hoͤren. Ein anderer haͤtte zu diesem paͤdagogischen Hebebaum statt der Reisfedern den Fidelbogen oder die Klaviertasten gewaͤhlt; aber der Genius thats nicht: das Gefuͤhl fuͤr Malerei entwickelt sich wie der Geschmack sehr spaͤt und be¬ darf also der Nachhuͤlfe der Erziehung. Es ist der fruͤhesten Entwicklung werth, weil es das Gitter wegnimmt, das uns von der schoͤnen Natur ab¬ sondert, weil es die phantasirende Seele wieder unter die aͤußern Dinge hinaustreibt und weil es das deutsche Auge zur schweren Kunst abrichtet, schoͤne Formen zu fassen . Die Musik hingegen trift schon im juͤngsten Herzen (wie bei den wilde¬ sten Voͤlkern) nachtoͤnende Saiten an; ja ihre All¬ macht buͤßet vielmehr durch Uebung und Jahre ein. Gustav lernte deswegen als Taubstummer in seiner taubstummen Hoͤle so gut zeichnen, daß ihm schon in seinem dreizehnten Jahre sein Hofmeister saß. Und so floß beiden ihr Leben sanft in der Ka¬ takombe wie eine Quelle davon: der Kleine war gluͤcklich: denn seine Wuͤnsche langten nicht uͤber seine Kenntnisse hinaus und weder Zank noch Furcht rissen seine stille Seele auseinander. Der Genius war gluͤcklich: denn die Ausfuͤhrung die¬ ses zehnjaͤhrigen Baues wurd' ihm leichter als der Entschluß desselben; der Entschluß draͤngt alle Schwierigkeiten und Entbehrungen auf einmal vor die Seele. die Ausfuͤhrung aber stellet sie weit aus¬ einander und giebt uns erst das Interesse davon durch die sonderbare Freude, ohne die man's bei tausend Dingen nicht ausdauerte — etwas unter seinen Haͤnden taͤglich wachsen sehen. Fuͤr beide Menschen war es gut, daß unten in diesen moralischen Treibhaus ein Schulkamme¬ rad des Gustavs mit wohnte, der zugleich ein hal¬ ber Kollaborator und Adjunktus des Genius war, und der von der ganzen Erziehung wegen gewissen Maͤngeln seines Herzens nur schlechten Vortheil zog, ob er gleich so gut wie Gustav zu den Thieren mit zwei Herzkammern und mit warmen Blute gehoͤrte — wenn ich sage, daß der groͤste Fehler des Vikarius war, daß er keinen Branntewein trinken wollte, so sieht man wohl, daß er klein , wie Gustav groß gezogen werden sollte, weil er der netteste schwaͤrzeste — Pudel war, der je¬ mals uͤber der Erde mit einer weißen Brust herum¬ gesprungen war. Dieser verstaͤndige Hund und Mit¬ arbeiter loͤsete den Oberlehrer oft in Spielen ab; zweitens konnten die meisten Tugenden nicht sowol von als an ihm durch Gustav ausgeuͤbt werden und er hielt dazu die noͤthigen ungleichnami¬ gen Laster bereit — im Schlaf biß der Schulkolle¬ ge leicht um sich nach lebendigen Beinen im Wa¬ chen nach abgezauseten. In diesem unterirrdischen Amerika hatten die drei Antipoden ihren Tag, d. h. es war ein Licht an¬ gezuͤndet, wenns oben bei uns Nacht war — Nacht d. h. Schlaf hatten sie, wenn bei uns die Sonne schien. Der schoͤne Genius hatte des aͤußern Laͤrms und seiner Tagsausfluͤge wegen es so eingerichtet. Der Kleine lag dann unten in seiner Karthause, waͤhrend sein Lehrer Luft und Menschen genoß . mit zugeschnuͤrten Augen, weil dem Zufall und der Kellerthuͤr nicht zu trauen war. Zuweilen trug er den schlafenden verhuͤllten Engel in die fri¬ sche Luft und in die beseelten Sonnenstrahlen her¬ auf, wie Ameisen ihre Puppen den Bruͤtfluͤgeln der Sonne unterlegen. Warlich waͤr' ich der zwei¬ te oder dritte Chodowiecky: so staͤnd' ich jezt auf und staͤche zu meinem eignen Buche die Szene in schwedisches Kupfer, nicht blos wie unser heraus¬ getragner blasrother Liebling unter seiner Binde in einem gegitterten Rosenschatten schlummert und aͤhnlich einem gestorbenen Engel, im unendlichen Tempel der Natur stille mit kleinen Traͤumen sei¬ ner kleinen Hoͤhle vor uns liegt — es giebt noch etwas schoͤners, Du hast Deine Eltern noch, Gu¬ stav, und siehst sie nicht: Deinen Vater, der mit dem von der Liebe verdunkelten Auge neben Dir steht, und sich freuet uͤber den reinern Athen; der die kleine Brust beweget, und daruͤber vergis¬ set, wie Du erzogen wirst — und Deine Mutter, die an Dein Angesicht, dessen Unschuld vielleicht kein anderes w ieder zieht , die liebhungrigen Lippen presset, die ungesaͤttigt bleiben, weil sie nicht reden und nicht schmeicheln duͤrfen . . . Aber sie druͤckt dich aus deinem Schlummer heraus und du must nach einer kurzen Zeit wieder in deine Platos Hoͤle hinunter. Der Der Genius bereitete ihn auf diese Auferste¬ hung aus seinem heiligen Grabe lange vor. Er sag¬ te zu ihm: „wenn du recht gut bist und nicht un¬ geduldig und mich und den Pudel recht lieb hast: so darfst du sterben. Wenn du gestorben bist: so sterb' ich auch mit und wir kommen in den Him¬ mel (womit er die Oberflaͤche der Erde meinte) — da ists recht huͤbsch und praͤchtig. Da brennt man am Tage kein Licht an, sondern eines so groß wie mein Kopf steht in der Luft uͤber dir und geht al¬ le Tage schoͤn um dich herum — die Stubendecke ist blau und so hoch, daß sie kein Mensch erlan¬ gen kann auf tausend Leitern — und der Fußboden ist weich und gruͤn und noch schoͤner, die Pudel sind da so groß wie unsere Stube — im Himmel ist alles voll Seeliger und da sind alle die guten Leute, von denen ich dir so oft erzaͤhlet habe, und deine Eltern, (deren Portraits er ihm lang gegeben hatte) die dich so lieb haben, wie ich und dir alles geben wollen. Aber recht schoͤn muß du seyn.“ — „Ach wenn sterben wir denn einmal?“ sagte der Kleine und seine gluͤhende Phantasie ar¬ beitete in ihm und er lief unter jeden solchen Schilderung zu einem Landschaftsgemaͤlde, wovon er jede Grasspitze betastete und ausfragte. D Auf Kinder wirkt nichts so schwach als eine Dro¬ hung und Hofnung, die nicht noch vor Abends in Erfuͤllung geht — blos so lange man ihnen vom kuͤnftigen Examen, oder von ihrem erwachsenen Al¬ ter vorredet, so lange hilfts; daher manche dieses Vorreden so oft wiederholen, daß es nicht einmal ei¬ nen augenblicklichen Eindruck mehr erzeugt. Der Genius setzte daher den langen Weg zur groͤsten Be¬ lohnung aus kleinern zusammen, die alle den Ein¬ druck und die Gewißheit der großen verstaͤrkten und die im folgenden Sektor stehen. Apropos! Ich muß es nachholen, daß es unter allen Uebeln fuͤr Erziehung und fuͤr Kinder, woge¬ gen das verschrieene Buchstabieren und Wixen golden ist, kein giftigeres, keinen ungesundern Mispickel und keinen mehr zehrenden paͤdagogischen Band¬ wurm giebt als eine — Hausfranzoͤsinn. Vierter Sektor oder Ausschnitt. Lilien — Waldhörner — und eine Aussicht sind die Todes- Anzeigen. A uf allen meinen Gedaͤchtnißfiebern (diesen Denk¬ faͤden und Blaͤttergerippen von so manchem schlech¬ ten Zeug) schlaͤft keine schoͤnere Idee als die aus dem Kloster Korbey — wenn der Todesengel daraus ei¬ nen Geistlichen abzuholen hatte; so legte er ihm als Zeichen seiner Ankunft eine weiße Lilie in seinem Chorstuhl hin. Ich wollt' ich haͤtte diesen Aberglau¬ ben. Unser sanfter Genius ahmte dem Todesengel nach und sagte dem Kleinen „wenn wir eine Lilie finden: so sterben wir bald.“ Wie der Himmelslusti¬ ge, der noch keine gesehen, uͤberall darnach suchte! Einmal da unser Genius ihm den Genius des Uni¬ versums nicht als ein metaphysisches Robinets Ve¬ xierbild sondern als den groͤsten und besten Menschen der Erde geschildert hatte: zog sich ein nie dargewe¬ sener Wohlgeruch um sie herum. Der Kleine fuͤhlt, aber sieht nicht; er tritt zur Klause hinaus und — drei Lilien liegen da. Er kennt sie nicht, diese weis¬ sen Juniuskinder; aber der Genius nimmt sie entzuͤckt von ihm und sagt; „das sind Lilien, die kommen vom D 2 Himmel, nun sterben wir bald.“ Ewig zitterte die Ruͤhrung nach spaͤtern Jahren noch vor jeder Lilie, in Gustavs Herzen fort und gewiß gaukelt einmal in seiner wahren Todesstunde, eine Lilie als das letzte glaͤnzende Viertel der verloͤschenden Mondserde vor ihm. Der Genius hatte vor, ihn am 1 sten Junius sei¬ nem Geburtstage, aus der Erde zu lassen. Aber um seine Phantasie noch hoͤher zu spannen, (vielleicht zu hoch), erschuf er in der letzten Woche noch zwei Szenen, die die vorige uͤbertrafen. Denn da er ihm die Seeligkeiten des Himmels d. h. der Erde mit seiner Zunge und mit seinem Gesichte vorgemalet hatte, besonders die Herrlichkeiten der Himmels- und Sphaͤrenmusik: so beschloß er mit der Nachricht, daß sogar oft zu Sterbenden, die noch nicht oben waͤren, dieses Echo des menschlichen Herzens her¬ unter toͤnte und daß sie denn eher stuͤrben, weil da¬ von das muͤde Herz zerfloͤße. In das Ohr des Klei¬ nen war Musik, diese Poesie der Luft, noch nie gekommen. Sein Lehrer hatte nun ein sogenanntes Sterbelied gemacht, in diesem zog natuͤrlicher Weise Gustav alles, was es vom zweiten Leben sagte, auf das erste und sie lasen es oft, ohne es zu singen. Da aber die gehoͤrige Anstallt uͤber der Hoͤhle ge¬ troffen war: so fieng unten einmal der Genius an, es vorzusingen, indeß mit ihm oben ein be¬ gleitendes Waldhorn anfieng, (das an einem mei¬ sterhaften Munde die Floͤte erreicht) und die zie¬ henden Adagio-Klagen sanken durch die daͤmpfende Erde in ihre Ohren und Herzen wie ein warmer Regen nieder. . . . Gustavs Auge stand in der ersten Freudenthraͤ¬ ne — sein Herz drehte sich um — er glaubte, nun stuͤrb' es an den Toͤnen schon. O Musik! Nachklang aus einer entlegnen har¬ monischen Welt! Seufzer des Engels in uns! Wenn das Wort sprachlos ist, und die Umarmung, und das Auge, und das weinende, und wenn un¬ sre stummen Herzen hinter dem Brust-Gitter ein¬ sam liegen: o so bist nur du es, wodurch sie sich einander zurufen in ihren Kerkern und wo¬ durch sie ihre entfernten Seufzer vereinigen in ih¬ rer Wuͤste! — Wie beim wahren Sterben naͤherte der Genius seinen Zoͤgling bei diesem nachgeahmten, auf der Stufenleiter der fuͤnf Sinne dem Himmel. Er schmuͤckte den scheinbaren Tod zum Vortheil des wahren mit allen Reizen aus und Gustav stirbt einmal entzuͤckter als einer von uns. Anstatt daß andere uns die Hoͤlle offen sehen lassen: verhieß er ihn, er wuͤrde wie Stephanus, an seinem To¬ destage den Himmel offen sehen. — Dies geschah. Ihr unterirrdisches Josaphats Thal hatte außer der erwaͤhnten Kellertreppe noch einen langen wag¬ rechten Kreuzgang, der am Fuße des Bergs ins Thal und ins Doͤrfgen darin offen stand, und den zwei Thuͤren in verschiedenen Zwischenraͤumen ver¬ sperrten. Diese Thuͤren ließ er in der Nacht vor dem ersten Junius, als blos das duͤnne lichte Mondkomma in der blauen Nacht herumflimmerte, mitten in einem Gebete unvermerkt aufziehen — und nun siehst du zum erstenmale in deinem Le¬ ben und auf den Knieen, Gustav, in das weite 9 Millionen Quadratmeilen große Theater des menschlichen Leidens und Thuns hinein, aber nur so wie wir in den naͤchtlichen Kindheitsjahren und unter dem Flor, womit uns die Mutter gegen Muͤcken uͤberhuͤllte, siehest Du in das Nachtmeer hinein, das vor Dir unermeslich hinaus steht mit schwankendem Bluͤthen und schießenden Feuerkaͤ¬ fern, die sich neben den Sternen zu bewegen schei¬ nen und mit dem ganzen Gedraͤnge der Schoͤpfung. — Er sagte hernach, dieses Nachtstuͤck sei noch jezt in seiner Seele wie eine im Meere unterge¬ sunkne gruͤne Insel hinter tiefen Schatten gelagert und sehe ihn sehnend an wie eine laͤngst vergangne frohe Ewigkeit. . . . Allein in wenig Minuten schloß der Genius ihn an sich und verhuͤllte die su¬ chenden Augen mit seinem Busen und unvermerkt liefen die Himmelsthuͤren wieder zu und nahmen ihm den Fruͤhling. In zwoͤlf Stunden steht er drinnen; aber ich werde ordentlich beklemmt, je naͤher ich mich zu dieser großen Auferstehungsszene bringe. Es ruͤhrt nicht blos daher, daß ich nur ein einzigesmal in meinem Leben einen solchen, des Himmels werthen Geburtstag wie Gustavs seinen, in meinem Kopfe auf- und untergehen lassen kann, einen Tag, des¬ sen Feuer ich an meinem Pulse fuͤhle und von dem nur der Widerschein aufs Papier herfaͤllt — auch nicht blos daher koͤmmts, daß nachher der schoͤne Genius ungekannt von Autor und Leser wegziehet — sondern daher am meisten, daß ich meinen Gustav aus der stillen Demantgrube, wo sich der Demant seines Herzens so durchsichtig und so strahlend und so ohne Flecken und Federn zusammensetzte, hinaus¬ werfe in die schmutzige Welt, in der sehr bald Bocks¬ blut auf ihn tropfen wird, aus seiner Meerstille der Leidenschaften heraus in den sogenannten Himmel hinein, wo neben den Seeligen eben so viele Ver¬ dammte gehen. — Aber, da er alsdann doch auch der großen Natur ins Angesicht schauen darf; so ists doch nicht sein Schicksal allein, was mich beklemmt, sondern meines und fremdes, weil ich bedenke, durch wie viel Koth unsere Lehrer unsern innern Menschen wie einen Missethaͤter schleifen, eh' er sich aufrichten darf — ach haͤtte ein Pythagoras, statt des Latei¬ nischen und der syrischen Geschichte, unser Herz zu einer sanft erbebenden Aeolsharfe , auf der die Natur spielet und ihre Empfindung ausdruͤckt, und nicht zu einer laͤrmenden Feuertrommel aller Leidenschaften werden lassen — wie weit — da das Genie, aber nie die Tugend Graͤnzen hat und jeder Reine und Gute noch reiner werden kann — koͤnn¬ ten wir nicht seyn! Wie Gustav eine Nacht wartet: so will ich auch die Schilderung davon um eine verschieben, um sie Morgen mit aller Wollust meiner Seele zu geben. Fuͤnfter Sektor oder Ausschnitt. Auferstehung . V ier Priester stehen im weiten Dom der Natur und beten an Gottes Altaͤren, den Bergen, — der eisgraue Winter, mit dem schneeweissen Chorhemd — der sammelnde Herbst, mit Erndten unter dem Arm, die er Gott auf den Altar legt und die der Mensch nehmen darf — der feurige Juͤngling, der Sommer, der bis zu Nachts arbeitet, um zu op¬ fern — und endlich der kindliche Fruͤhling mit seinem weissen Kirchenschmuck von Lilien und von Bluͤten, der wie ein Kind Blumen und Bluͤtenkelche um den erhabenen Geist herumlegt und an dessen Gebete al¬ les mitbetet was ihn beten hoͤrt. — Und fuͤr Men¬ schenkinder ist ja der Fruͤhling der schoͤnste Priester. Diesen Blumenpriester sah der kleine Gustav zuerst am Altar. Vor Sonnenaufgang am ersten Junius (drunten war's Abend) kniete sich der Ge¬ nius schweigend hin und betete mit den Augen und stummzitternden Lippen ein Gebet fuͤr Gustav, das uͤber sein ganzes gefaͤhrliches Leben die Fluͤgel aus¬ breitete. „In dieser Minute gehen wir aus dem „Grab in den Himmel“ — sagte der tiefgeruͤhrte Genius, da oben eine Floͤte (als Zeichen der auf¬ gesperrten Thuͤren) anfieng, sie mit sanfter Stim¬ me aus dem Grabe zu rufen. Der Kleine bebte vor Freude und Angst. Die Floͤte rufet fort, — sie gehen den Todesgang der Himmelsleiter hinauf, — ihre zwei angstlichen Herzen zerbrechen mit ihren Schlaͤgen beinahe die Brust — der Ge¬ nius stoͤßet die Pforte auf, hinter der die Welt war — und hebt seinen Frennd in die Erde und unter dem Himmel hinaus . . . . . . Nun schlagen die hohen Wogen des lebendigen Meers uͤber ihn zusammen — mit stockendem Athem, mit erdruͤcktem Auge, mit uͤberschuͤtteter Seele steht er vor dem un¬ uͤbersehlichen Angesicht der Natur und haͤlt sich zit¬ ternd fester an seinen Genius — als er aber nach dem ersten Erstarren seinen Geist weit aufgeschlossen hatte fuͤr diese Stroͤme — als er die tausend Arme fuͤhlte, womit ihn die hohe Seele des Weltalls an den Busen druͤckte — als er zu sehen vermochte das gruͤne taumelnde Blumenleben um sich und die ni¬ ckenden Lilien, die lebendiger ihm schienen als seine, und als er die zitternde Blume todt zu treten fuͤrch¬ tete — als sein wieder aufwaͤrts geworfnes Auge im tiefen Himmel, der Oefnung der Unendlichkeit, versank — und als er sich scheuete vor dem Herun¬ terbrechen der herumziehenden schwarzrothen Wol¬ kengebuͤrge und der uͤber seinen Haupt schwimmen¬ den Laͤnder — als er die Berge wie neue Erden auf dieser liegen sah — und als ihn umrang das un¬ endliche Leben, das gefiederte neben der Wolke flie¬ gende Leben, das summende Leben zu seinen Fuͤßen, das goldne kriechende Leben auf allen Blaͤttern die lebendigen auf ihn winkenden Arme und Haͤupter der Riesenbaͤume — und als der Morgenwind ihm der große Athem eines kommenden Genius schien und als die wehende Laube sprach und der Apfel¬ baum seine Wange mit einem kalten Blatt bewarf — als endlich sein belastet gehendes Auge sich auf den weissen Fluͤgeln eines Sommervogels tragen ließ, der ungehoͤrt und einsam uͤber bunte Blu¬ men wogte und sich ans breite gruͤne Blatt wie ei¬ ne Ohrrose versilbernd hing . . . . . : So fieng der Himmel an zu brennen, der entflohenen Nacht lo¬ derte der nachschleifende Saum ihres Mantels weg und auf dem Rand der Erde lag, wie eine vom goͤttlichen Throne niedergesunkene Krone Gottes die Sonne : Gustav rief: „Gott steht dort“ und stuͤrzte mit geblendetem Auge und Geiste und mit dem groͤßten Gebet, das noch ein kindlicher 10jaͤh¬ riger Busen faßte, auf die Blumen hin . . . . . Schlage die Augen nur wieder auf, du Lieber! du siehest nicht mehr in die gluͤhende Lavakugel hin¬ ein; du liegst an der beschattenden Brust deiner Mutter, und ihr liebendes Herz darin ist deine Sonne und dein Gott — zum erstenmal sehe das unnennbar holde, weibliche und muͤtterliche Laͤcheln, zum erstenmale hoͤre die elterliche Stimme; denn die ersten zwei Seligen, die im Himmel dir entge¬ gen gehen, sind deine Eltern. O himmlische Sze¬ ne! die Sonne strahlt, alle Thautropfen fun¬ keln unter ihr, acht Freudenthraͤnen fallen mit dem milderen Sonnenbilde nieder, und vier Men¬ schen stehen selig und geruͤhrt auf einer Erde, die so weit vom Himmel liegt! Verhuͤlltes Schicksal! wird unser Tod seyn wie Gustavs seiner? Verhuͤll¬ tes Schicksal! das hinter unsrer Erde wie hinter einer Larve sitzet und das uns Zeit laͤsset, zu seyn — ach! wenn der Tod uns zerleget und ein großer Genius uns aus der Gruft in den Himmel gehoben hat, wenn dann seine Sonnen und Freuden unsere Seele uͤberwaͤltigen, wirst du uns da auch eine be¬ kannte Menschenbrust geben, an der wir das schwa¬ che Auge aufschlagen? O Schicksal! giebst du uns wieder, was wir niemals hier vergessen koͤnnen? Kein Auge wird sich auf dieses Blatt richten, das hier nichts zu beweinen und nichts dort wiederzufin¬ den hat: ach wird es nach diesem Leben voll Tod¬ ter, keiner bekannten Gestalt begegnen, zu der wir sagen koͤnnen: willkommen?.... Das Schicksal steht stumm hinter der Larve; die menschliche Thraͤne steht truͤbe auf dem Grabe; die Sonne leuchtet nicht in die Thraͤne. Sechster Sektor oder Ausschnitt. Gewaltsame Entführung des schönen Gesichts — wichtiges Portrait. D as Erstaunen Gustavs, zu dem ihn den ganzen Tag ein Gegenstand nach dem andern anstrengte, und die Entbehrung des Schlafs endigten seinen ersten Himmelstag mit meinem Fieberabend, den er verweint haͤtte, auch ohne einen Grund zu ha¬ ben. Aber er hatt' ihn: sein Genius war waͤh¬ rend dem Tumulte im Garten, mit einem sprachlo¬ sen Kusse von dem Liebling fortgezogen. Er hatte der Mutter etwas Sonderbares dagelassen. Er zer¬ schnitt ein Notenblatt in zwei Haͤlften; die eine enthielt die Dissonanzen der Melodie und die Fra¬ gen des Textes dazu, auf der andern standen die Aufloͤsungen und die Antworten. Die dissonirende Haͤlfte sollte sein Gustav bekommen; die andere be¬ hielt er: „ich und mein Freund, sagt er, erken¬ „nen einmal in der wuͤsten Welt einander daran, „daß er Fragen hat zu denen ich Antworten habe.“ Auch den Pudel der immer groͤßer wurde nahm er mit. . . . . Wo werden wir dich wiedersehen, un¬ bekannter schoͤner Schwaͤrmer? Du erfaͤhrst es nicht, wie dein verwaiseter Eleve Abends rufet und schluchzet nach dir, und wie ihm der neue gestirnte Himmel nicht so gefaͤllet, als seine Stubendecke mit dir, und wie ihm die Lichtkerzen jedes Zimmer zur stillen Hoͤhle ummalen, in der er dich geliebt hatte und du ihn. Eben so buͤcken wir uns am Lebens-Abend an alten Graͤbern unsrer fruͤhen Freunde, die niemand bedauert als wir; bis end¬ lich den letzten Greis aus dem liebenden Zirkel ein Juͤngling beerdigt; aber keine einzige Seele erin¬ nert sich der schoͤnen Jugend des letzten Greises! — Am Morgen war er wieder gesund und froh; die Sonne trocknete sein Auge aus, und das Nebel¬ bild seines Genius zog in der Huͤlle der letzten Nacht, sich weit zuruͤck. Es thut mir leid, daß ichs seinen Jahren und seinem Karakter beizumes¬ sen habe, daß er, die Stunden der schmerzlichsten Sehnsucht ausgenommen, ein wenig zu leicht das Bild eines Freundes durch naͤhere Bilder in den Hintergrund zuruͤckschieben ließ. Alle Blumen wa¬ ren jetzt Spielzeug fuͤr ihn, jedes Thier ein Spiel¬ kamerad und jeder Mensch ein Phoͤnix: jede Him¬ melsveraͤnderung, Sonnenuntergang, jede Minute uͤberschuͤttete ihn mit Neuigkeiten. Es war ihm wie vornehmen Kindern, die aufs Land hinaus kommen: alles begucken, betasten, bespringen sie in der neuen Erde und dem neuen Himmel. Denn es ist ein unbeschreibliches Gluͤck fuͤr stiftsfaͤhige Kinder, daß ihre Eltern, die sonst aus der Natur sich wenig machen, sie dennoch zwi¬ schen hohen Zimmern und hohen Haͤusern, die nicht 38 Quadratschuhe vom Himmel sichtbar lassen, wie in Treibgaͤrten mit hohen Mauern erziehen, damit die Natur ihnen so wenig als ihre Eltern unter die Augen komme: dadurch erhaͤlt sich ihr Gefuͤhl fuͤr beide eben so unverhaͤrtet uͤber der Erde als wuͤrden sie wirklich unter ihr erzogen; ja sie sehen den Sonnenaufgang zum erstenmale fast noch spaͤ¬ ter als Gustav, — auf der Postkalesche oder in Karlsbad. — Seine Eltern liessen ihn als einen Neugebohrnen ungern von der Seite, kaum in den Schloßgarten und nicht zum Berg hinunter, wo ihm die Post¬ straße gefaͤhrlich war. Auch hatt' er aus seiner unterirrdischen Schulpforte eine gewisse Verlegen¬ heit mit heraufgebracht, die mittelmaͤßige Men¬ schen schen, und fast sein Vater fuͤr Einfalt nehmen, die aber hoͤhere Menschen, so bald sie in Gesellschaft eines nicht stieren sondern uͤberfuͤllten schwaͤrmeri¬ schen Auges wie bei ihm erscheint, fuͤr das Ordens¬ kreuz ihres Ordensbruders halten. Gleichwohl be¬ reuten es seine Eltern acht Tage darauf, nicht, ihn eingesperrt, sondern ihn hinausgelassen zu haben. Die Obristforstmeisterin von Knoͤr und ein Fas¬ zikel Hernhuter und Hernhuterinnen waren mit ihr gekommen, den Eleven des Grabes zu hoͤren: ein Grummetschober alter Fraͤulein hatte schon vier Wochen vorher eingesprochen, und jetzt wieder, um nur ein solches Wunderkind ansichtig zu werden. Die hernhutischen Bruͤder waren lebhaft und frei mit Anstand; die Schwestern mauerten sich saͤmt¬ lich um eine Standuhr, deren Gehaͤuse mit Engeln als mit Hornisten bordiret war — sie waren von den Hornisten nicht wegzubringen. Beizubringen war ihnen auch nichts; Maul und Augen machten sie auch nicht auf, und der Rittmeister wurde schwarz vor verhaltenem Aerger. Endlich tipte die Lippe Einer Schwester an ein Weinglas, die andern tip¬ ten nach — so viel die eine vom Gebacknen abknick¬ E te, so viel broͤckelten die andern sich zu — Ein Zuck regte die ganze obligate Kompagnie dieser auf zwei Fuͤße gestellter Schaafe. Der Fraͤuleinschober hingegen hieb in alles ein; im Fluͤssigem und Fe¬ stem war er wie Amphibium zu Hause, sie hatten in ihrem kauenden und klappernden Leben nie et¬ was gereget als die Zunge. — Als nun fuͤr so viele Zuschauer das Wunderthier her sollte: war's — weg. Alles wurde ausgestoͤbert, langverlohrne Dinge wurden gefunden, in alles hineingeschrien, in jeden Winkel und Busch — kein Gustav! Der Rittmeister, dessen anfangende Betruͤbniß immer eine Art Zorn war, ließ die ganze sehlustige Kom¬ pagnie sitzen, die Rittmeisterin aber, deren Betruͤb¬ niß noch weichere Theile angrif, setzte sich kosend zu ihnen. Als aber alle aͤngstliche, fragende, lau¬ fende Gesichter immer trostloser zuruͤckkamen und als man gar hinter dem offnen Schloßthor, wo der Kleine abgerißne Blumen in kleine beschattete Bee¬ te steckte, sie noch naß von seinem Begiessen fand: so zerknirschte die Verzweiflung die Gesichter der Eltern, „ach der Engel ist gewiß in den Rhein ge¬ stuͤrzt” sagte sie, er aber sagte nichts dagegen. Zu einer andern Zeit haͤtt' er einen solchen Syl¬ logismus mit den Fuͤßen zerstampft; denn der Rhein floß eine halbe Stunde vom Schlosse; aber hier schloß in beiden die Angst, die weit tollere Spruͤn¬ ge thut als die Hoffnung. Ich rede hier deswegen von einer andern Zeit, weil mir bekannt ist, wie sonst der Rittmeister war: naͤmlich aus Mittlei¬ den aufgebracht gegen den Leidenden selber. Nie¬ mals z. B. fluchten seine Minen mehr gegen seine Frau als wenn sie krank war (und ein einziges schnelles Blutkuͤgelchen stieß sie um) — klagen soll¬ te sie dabei gar nicht — war das, auch nicht seuf¬ zen — war auch das, nur keine leidende Mine ma¬ chen — gehorchte sie, uͤberhaupt gar nicht krank seyn. Er hatte die Thorheit der muͤßigen und vor¬ nehmen Leute, er wollte stets froͤhlich seyn. Hier aber, da einmal sein Gluͤckstopf in Scher¬ ben lag, versuͤßete ein fremder Seufzer seinen eig¬ nen und seinen Zorn uͤber das unachtsame Haus¬ personale und uͤber den duͤrren Schwestern- und Grummetschober. Als das Kind die Nacht ausblieb und den gan¬ zen Vormittag und als man gar im Walde auf der Chaussee sein Huͤtchen antraf: so verwandelten sich die Stiche der Angst in das forteiternde Schmer¬ E 2 zen dieser Stichwunden. Gegen keine Gemuͤthser¬ schuͤtterung ist ein guter Gegenbeweis so schwer zu fuͤhren als gegen die Angst; ich fuͤhre daher gar keinen seit Jahr und Tag, sondern ich gebe ihr das Aergste, was sie behauptet, sofort gerne zu, und falle dann bloß die andere Gemuͤthsbewegung, die aus dem besorgten Aergsten kommen kann, mit der Frage an: „und wenn's waͤr?“ Jeder Fliegenschwamm im Walde wurde breit getreten und jeder Baumspecht aufgejagt, um den Kopf zum Hut zu finden — aber vergeblich — und am dritten Tage gieng der Rittmeister, dessen Ge¬ sicht eine Aezplatte des Schmerzes war, ohne Ab¬ sicht zu suchen so vertieft im Walde herum, daß er einen mit Koffern und Bedienten, ausgelegten Rei¬ sewagen durchs Gebuͤsch schwerlich haͤtte fliegen sehen, wenn nicht daraus wie ein Freuden-Donnerschlag die Stimme seines verlohrenen Sohnes ihn erschuͤt¬ tert haͤtte. Er rennt nach, der Wagen schießet vor¬ aus und im Freien sieht er ihn schon hinter seinem Schlosse staͤuben. Außer sich kommt er in Schloshof angestuͤrmt, um nachzusprengen und um es — blei¬ ben zu lassen. Denn oben an der Hausthuͤre stand die in einen Globus zusammengelaufne Schlos-Ge¬ nossenschaft schon um den Gustav, die Schloshunde bellten ohne einen gescheuten Grund zu haben, und alles sprach und fragte so, daß man gar keine Ant¬ wort des Kleinen vernahm. Der vorbeifliegende Wagen hatte ihn ausgesetzt. Am Halse hieng in ei¬ nem schwarzen Bande sein Portrait. Seine Augen waren roth und feucht von den Quaalen der Heim¬ sucht. Er erzaͤhlte von langen langen Haͤusern, wofuͤr er Gassen hielt, und von seinem Schwesterchen, das mit ihm gespielet, und vom neuen Hute; es waͤr' aber keine Seele daraus gescheut geworden, haͤtte nicht der Koch eine entfallne Karte zu seinen Fuͤßen erblickt: diese las der Rittmeister und sah, daß er sie nicht lesen sollte sondern seine Frau. Er vertiert' es aus dem mit weiblicher Hand geschriebenen Ita¬ lienischen so: „Kann sich denn eine Mutter bei einer Mutter entschuldigen, daß sie ihr ihr Kind so lang entzo¬ gen? Wenn sie mir auch meinen Fehler nicht verge¬ ben: ich kann ihn doch nicht bereuen. Ich traf Ih¬ ren lieben Kleinen vor drei Tagen im Walde irrend an, wo ich ihn in meinen Wagen stahl, um ihn vor schlimmern Dieben zu bewahren und um seine El¬ tern auszufinden. — Ach ich will es Ihnen nur sagen: ich haͤtt' ihn auch mitgenommen, wenn auch beides nicht gewesen waͤre. O nicht weil er so himmlisch schoͤn, sondern weil er so ganz, so¬ gar bis auf die Haare wie mein theuerer verlohr¬ ner Guido aussieht, kann ich ihn kaum lassen. Ach es sind schon viele Jahre, daß mir das Schick¬ sal auf ein sonderbare Art mein liebstes Kind le¬ bendig aus dem Schoos genommen. Ihres koͤmmt heute wieder, meines vielleicht nie! — Das Hals- Gehenk vergeben Sie: das Portrait werden Sie fuͤr seines halten, so aͤhnlich ist er meinem Sohn; aber es ist das meines Guido. Sein eignes ließ ich mir auch mahlen und behalt' es, um das Ebenbild meines Guten doppelt zu haben. Sollt' ich einmal Ihren Gustav aufgebluͤht zu Gesicht be¬ kommen: so wuͤrd' ich ihn lange ansehen, ich wuͤr¬ de denken, so muß mein Guido jezt auch ausse¬ hen, so viel Unschuld wird er auch im Auge ha¬ ben, so sehr wird er auch gefallen.“ — Ach meine Kleine weint, daß ihr Spielgenosse wie¬ der wegfahren soll — und ich thu' es auch; sie giebt nur einen Bruder, aber ich, einen Sohn zuruͤck. Moͤgen Sie und er gluͤcklicher seyn! — Meinen Namen schenken Sie mir.“ Sie riethen alle uͤber die Verfasserin. Der Rittmeister allein sagte traurig nichts; ich weiß nicht ob aus Kummer uͤber die Erinnerungen an seinen ersten verlornen Sohn, oder weil er gar wie ich uͤber die ganze Sache dachte. Ich vermu¬ the naͤmlich, der verlohrne Guido ist eben sein ei¬ gnes Kind; und die Briefstellerin ist die Geliebte, die ihm der Kommerzien-Agent Roͤper aus den Haͤnden gewunden hatte. Ich werde erst nachher sagen warum. Gustavs Schoͤnheit kann man erstlich aus der Vernunft oder von vornen darthun, zweitens von hinten. Sein Treibhaus, das ihn auferzog und zudeckte, bleichte ganz natuͤrlich seine Lilienhaut zu einem weißen Grund, auf den zwei blasse Wan¬ genrosen oder nur ihr Wiederschein und die dunk¬ lere feste Rosenknospe der Oberlippe geblasen wa¬ ren. Sein Auge war der ofne Himmel, den ihr in tausend fuͤnfjaͤhrigen und nur in zehn funfzig¬ zaͤhrigen Augen antrift: dieses Auge wurde noch dazu von langen Augenwimpern und von etwas Schwaͤrmerischen verschleiert oder verschoͤnert. End¬ lich hatten weder Anstrengung noch Leidenschaften ihren Waldhammer und die scharfen Lettern dessel¬ ben in dieses schoͤne Gewaͤchs geschlagen und ihm war noch kein Todesurtheil, das seinen Fall be¬ zeichnet, in seine Rinde eingeschnitten. Alles Schoͤne aber ist sanft; daher sind die schoͤnsten Voͤlker die ruhigsten, daher verzerret heftige Ar¬ beit arme Kinder und arme Voͤlker. Es ist aber noch kein Jahr, daß ich Gustavs Schoͤnheit von hinten beweisen kann. Denn da der Auktionsproklamator damals mein intimster Freund war: so begieng er mir zu Gefallen den kleinen Schelmenstreich; daß er die Gemaͤlde und Kupfer¬ stiche gerade an einem Tage versteigerte, wo der Redute wegen kein Mensch von der großen Welt aus Unterscheerau in die Auktion kam als ich — ich erstand fuͤr Suͤndengeld tausend Dinge. Die ganze Stadt und Vorstadt hatte zu diesem Schut¬ haufen von Meublen zugetragen und war Verkaͤu¬ ferin und Kaͤuferin zugleich. In dieser Auktion erschienen alle europaͤische Potentaten, aber elend gezeichnet und kolorirt; und ein Edelmann von bon sens hielt seine beiden Eltern feil und wollte sie als gute Kniestuͤcke verstechen — in Rom ver¬ handelten umgekehrt die Eltern die Kinder, aber in natura . Der Edelmann hofte, ich wuͤrde auf seinen Papa und seine Mama bieten; aber ich war bei nichts der Plus Lizitans als bei Gustavs Por¬ trait, das er auch losschlug. Der Edelmann hieß — Roͤper, von dem ich oben gesagt, daß er an Einem Tage Ehemann und Stiefvater geworden. Und hier haͤngst du ja, Gustav, mir und mei¬ nem Schreibtisch gegenuͤber und wenn ich uͤber et¬ was sinne, so stoͤßet mein Auge immer auf dich. Viele tadeln mich, mein kleiner Held, daß ich dich hier zwischen Shakespear und Winkelmann (von Bause) aufgenagelt; aber hast du nicht — das bedenken zu wenige — einen Nasen-Schwibbo¬ gen, auf dem schwere und hohe Gedanken ruhen und der oft unter der Hand des Todes sich noch schoͤner woͤlbt, und hast du nicht unter dem Kno¬ chen-Architrab ein weites Auge, durch das die Natur wie durch eine Ehrenpforte in die Seele zieht, und ein gewoͤlbtes Haus des Geistes und alles, womit du deine in Kupfer gestochne Nach¬ barschaft verdienest und aushaͤltst? Der Leser sollte jezt wissen (es geschieht aber weiter hinten) was mich jezt noͤthigt, meinen Sek¬ tor ploͤtzlich auszumachen und einzusperren. . . . Zweites Extrablatt . Strohkranzrede eines Konsistorial-Sekretairs, worin er und sie beweisen, daß Ehebruch und Ehescheidung zuzulassen sind. I ch gesteh' es hier, unser aufgeklaͤrtes Jahrhun¬ dert sollte man das ehebrechende nennen. Ich sag¬ te allerdings einmal auf den Marktplatz zu Mar¬ seille, ich hielt den Bettel fuͤr recht, den Ehe¬ bruch — weit hinter Muͤnchen sagt' ich, man soll¬ te an der Mutterkirche des Ehebettes noch ein Ehe¬ filial stoßen — im Obersaͤchsischen sagt' ich, wenn jene Graͤfin ein ganzes Jahr fortgebahr, jeden Tag etwas: so waͤre noch jezt bei Graͤfinnen we¬ nigstens das vorhergegangene Jahr zu ha¬ ben — in den 10 deutschen Kreisen druͤckt' ich mich gewiß auf 10 verschiedene Arten aus: — — aber es war damals nirgends der Ort, die Sache klar aus der Physiologie darzuthun, als blos hier. Sanktorius wars, In Hallers großer Physiologie steht es, daß der Mensch nach Sanktorius alle 11 Jahre den alten Körper fah¬ ren lasse — nach Bernoulli und Blumenbach , alle 3 Jahre — nach dem Anatomiker Keil jedes Jahr. der sich auf einen del¬ phischen Nachtstuhl sezte und da die Wahrheit aus¬ sas, daß der Mensch alle 11 Jahre einen neuen Koͤr¬ per umbekomme — der alte wird wie das deutsche Reichs Corpus stuͤckweise fluͤchtig und es bleibet von der ganzen Mumie nicht so viel sitzen als ein Apo¬ theker klein geschabt in einem Theeloͤffel eingeben will. Bernoulli widersprach gar diesem ganz und rechnet' uns vor, es hinke, nicht in 11, son¬ dern in 3 Jahren dampfe der eine Zwillings-Bru¬ der weg und schieße der andere an. Kurz Russen und Franzosen wechseln den Koͤrper oͤfter als das Hemd des Koͤrpers, und eine Provinz bekoͤmmt allzeit neue Leiber und einen neuen Provinzial mit einander, in 3 Jahren wie gesagt. Die Sache ist gar nicht gleichguͤltig. Denn es ist demnach unmoͤglich, daß ein Kahlkopf, der sein Ehejubilaͤum begeht, an seinem ganzen Leibe auf ein Stuͤckgen Haut Hellers groß hinweise und an¬ merke: „mit diesem Laͤpchen Haut stand ich vor 25 Jahren auch am Altar und wurde sammt dem uͤbrigen an meine jubilirende Frau hinan kopuliert.“ Das kann der Jubelkoͤnig unmoͤglich. Der Ehering ist zwar nicht herunter, aber der Ringfinger laͤngst, um welchen er sas. Im Grunde ists ein Streich uͤber alle Streiche und ich berufe mich auf andre Konsistorial-Sekretairs. Denn die arme Braut steigt freudig mit der Statua curulis von ei¬ nem Braͤutigamskoͤrper unter den Bethimmel und denkt, — was weiß sie von guter Physiologie, — am Koͤrper habe sie etwas Solides, ein eisernes Stuͤck, ein Immobiliargut, kurz einen Kopf mit Haaren, von denen sie einmal sagen koͤnne, an meinen und an meiner Haube sind sie grau gewor¬ den! das hoft sie: indes schaft unter ihrem Hof¬ fen der Schelm von einem Koͤrper seine saͤmmtliche Glieder wie ein Student sein verschuldetes Stu . dentengut, nach 3 Jahren infinitesimaltheilgenweise bei Nacht und Nebel fort — wendet sie sich am Neujahrsabend um: so liegt im Ehebette blos ein Gipsabguß und Nachdruck neben ihr, den der vorige Koͤrper von sich darin gelassen und in dem kein altes Blatt der alten Ausgabe mehr ist. Was soll nun eine Frau, wenn der Kubik-Inhalt des Brautbettes und der des Ehebettes so verschieden ist, von der Sache denken? — ich meine, wenn z. B. ein ganzes weibliches Konsistorium (z. B. die Frau Konssstorialpraͤsidentin , die Vicepraͤsidentin, die Konsistorialsekretairin) nach 3 Jahren auf dem Kopfkissen ein ganz anders maͤnnliches Konsistorium antrift als das Dissolvierte war, das die Ehe ver¬ sprach: was soll eine Frau da anstellen, die wenns eine Konsistorial-Haͤlfte ist, recht gut weiß quid juris ? Sie, sag' ich, die es hundertmal uͤber dem Essen gehoͤrt haben muß, daß eine solche Ent¬ weichung des maͤnnlichen Koͤrpers, eine verfluchte boͤsliche Verlassung oder desertio malitiosa ist, die sie von ihren Ehepflichten ganz losknuͤpfet — es kann vollends eine solche Strohwittwe gar Lu¬ therum de causis matrimonii gelesen haben und sich daraus entsinnen, daß er einer boͤslich Verlassenen nach einem oder einem halben Jahre eine neue Ehe nicht verbeut. . . . . Sich in besagte neue Ehe zu be¬ geben, wird offenbar die erste Pflicht und Absicht einer solchen Verlassenen sein; da aber der neue re¬ stirende Ehemannskoͤrper nichts fuͤr den fortgeduͤnste¬ ten kann: so wird sie es, um ihn nicht zu kraͤnken, oh¬ ne sein Wissen und ohne Rachsucht thun, wenn er et¬ wann auf der Boͤrse ist — oder auf dem Katheder — oder auf der Messe — oder zu Schiffe — oder hin¬ ter dem Sessionstisch oder sonst aus. Inzwischen ist der Mann kein Narr, sondern soviel hat er von der Physiologie allemal innen, daß auch die Frau ihren Koͤrper eben so oft als ihre Maͤgde tausche: mithin braucht er auf nichts zu passen. Nov . 22. c . 25 reicht ihm das Recht der Ehescheidung schon, wenn sie auf eine Nacht von ihm gelaufen; hier aber ist die Konsistorialraͤ¬ thin gar auf immer weg geduͤnstet und repetirt noch dazu in jedem Triennio diese Wegduͤnstung, — sie die doch nach „Langens geistlichen Recht“ mit dem Konsistorialrath, der's selber in seiner Buͤ¬ chersammlung hat, ziehen muͤßte, wenn er Landes¬ verwiesen wuͤrde, gesetzt sogar, in den Ehepakten haͤtte sie sich ausbedungen, zu Hause zu bleiben. So redet Lange mit den Maͤnnern aus der Sa¬ che. In der großen Welt, wo aͤchte Keuschheit und Polyhistorie und also auch Physiologie zu Hause ist, traktirte man den Punkt laͤngst mit Anstand und Verstand und trieb Gewissenhaftigkeit weit. Denn da ein Mann allda an seiner Gemahlin 3 Jahre nach dem Vermaͤhlungsfest nicht ein Apothekerloth Blut, nicht eine duͤnne Vene, worin's ist, mehr von der alten auszuspuͤren hofft, da er mithin die weggewanderten Theile seiner guten Gemahlin an jeder andern eher und sicherer wiederzufinden glaubt als an ihr selbst, da er also vielmehr Liebe zur an¬ kopulirten fuͤr eigentlichen Ehebruch an ihr und mit ihr halten muß — und genau genommen, ists schon so —: so ists ihm jetzt hauptsaͤchlich um rei¬ ne Sitten zu thun; er laͤsset also zwar derjenigen Sammlung von Arterien, Nervenknoten, Haaren, und edlern Theilen, die man insgemein seine Frau benennt, seinen Namen, seinen halben Kredit, und seine halben Kinder, weil man uͤberhaupt in der gro¬ ßen Welt ungern oͤffentliche Verbindungen oͤffentlich aufhebt und lieber am Ende an tausend von Luft geflochtenen Ketten geht: aber das gestattet ihm seine Achtung fuͤr Moral und Publikum nicht, eine und dieselbe Wohnung — Tafel — Gesellschaft mit einer Frau zu haben, die einen andern Koͤrper hat; er erscheint sogar (welches vielleicht zu skrupuloͤs ist) ungern mit ihr oͤffentlich und enthaͤlt sich we¬ nigstens in seinem Hause alles dessen, wozu er oder Origenes sich unfaͤhig machten. Es sind schlechte abgefaͤrbte Katheder, die mir den Einwurf machen koͤnnen, die verehelichten See¬ len blieben ja doch wenn die Leiber verrauchten. Denn mit der Seele, (also mit dem Gedaͤchtniß, Abstraktionsvermoͤgen ꝛc.) laͤsset man sich heut zu Tage wenig oder nicht kopuliren, sondern mit dem was d'rum rum ist. Zweitens ists ja bei jedem Materialisten auf der philosophischen Boͤrse zu er¬ fahren, daß die Seele nichts ist als ein Fechser und Absenker des Koͤrpers, der also bei Mann und Fran mit dem Leib zugleich weggeht. Man brauchts aber gar nicht, sondern man darf nur Humen beifal¬ len, der schreibt, die Seele waͤre gar nichts, son¬ dern bloße Gedanken leimten sich wie Kroͤtenlaich an einander und kroͤchen so durch den Kopf und daͤchten sich selbst: bei solchen Umstaͤnden kann das Brautpaar Gott danken, wenn sein Paar kopulir¬ ter Seelen nur so lange halten will wie die zwei Paar Tanz-Handschuhe des Hochzeitballs: man siehts auch am Vormittag nach den Flitterwochen. Also, wie gesagt, alle Kanonisten koͤnnen die Woche, wo Mann und Frau zum Ehebrechen schrei¬ ten darf, nicht weiter hinausschieben als ins vierte Jahr nach der Verlobung; allein fuͤr Leute von Welt und von Stand ist das hart und zu rigoroͤs, zumal wenn sie aus ihrem „ Keil “ (dem Anato¬ miker) wissen, daß schon in Einem Jahre. Der ganze alte Koͤrper wegthauet, — bloß elende 16 Pfund Fleischgewicht ausgenommen. Daher wa¬ ren's oft meine Gedanken, daß ich, wenn ich mei¬ nen Ehebruch schon ins erste Jahr verlegte (wie's viele viele thun), wirklich nur sehr wenigen Pfunden meiner Gattin, die 107 hat, untreu wuͤrde, den 16 Pfund naͤmlich, die noch restirten. Auf den naͤmlichen Koͤrpertausch, worauf man seinen Ehebruch gruͤndet, muß das Konsistorium sei¬ ne Scheidung gruͤnden. Denn wenn Leute oft 9, 18 Jahre nach der Kopulation offenbar noch in der Ehe beisammen bleiben, indeß alle Physiologen wis¬ sen, daß zwei Ehekoͤrper neu und ohne priesterliche Einsegnung beisammen sind: so ist jetzt das Konsi¬ storium verbunden, drein zu sehen und drein zu schlagen und die zwei fremden Leiber zu scheiden, durch ein Paar Dekrete. Daher wird man auch niemals hoͤren, daß ein gewissenhaftes Konsistorium Schwierigkeiten macht, Christen, die schon in der Ehe sind, zu trennen; man wird aber auch von der andern Seite eben so wenig hoͤren, daß es sol¬ che, die sich die Ehe bloß versprochen, ohne die groͤ߬ ten Schwierigkeiten scheide —: ganz natuͤrlich; denn dort bei ber langen Ehe ist wahrer Ehebruch durch die Scheidungsbulle abzuwenden, weil unko¬ pulirte Leiber da sind; hier aber bei der Verlo¬ bung sind die Koͤrper, die den Kontrakt gemacht, noch voͤllig da, und sie muͤssen erst lange in der F Ehe leben bevor sie zur Scheidung taugen. Das ist die wahre Aufloͤsung eines Scheinwiderspruchs, der so viele Dumme schon verleitet hat, uns saͤmt¬ lich im Konsistorio fuͤr sportultuͤchtig, mich fuͤr den Marqueur und unsre gruͤne Sessionstische fuͤr gruͤ¬ ne Billards zu halten, um welche sich Praͤsident und Raͤthe mit langen Quees herumtreiben um die Parthien auszuspielen: ein Konsistorialsekretair schneidet ohnehin mehr Federn als Geld. Warum wird uns uͤberhaupt nicht von den Pa¬ storen jedes eingepfarrte Ehepaar, das uͤber 3 Jah¬ re beisammen geschlafen, einberichtet, damit man's scheide zu rechter Zeit? Eine solche Scheidung, wo¬ zu man keine weitern Gruͤnde braucht als den, daß die zwei Leute lange beisammen waren, hat in al¬ len Laͤndern ja keine andere Absicht als die, daß sie nachher sich wieder ordentlich kopuliren lassen mit den erneuerten Leibern. Das Konsistorium und ich sind dabei am fatalsten dran, falls die Sache sich nicht bessert wenn der neue Minister den Thron be¬ steigt. Warlich ein solches hohes Landeskollegium legte oft die lange Saͤge an und zersaͤgte Ehebloͤ¬ cher oder Betten, in denen Ehepaare 21 Jahre lang gehauset hatten, die in so langer Zeit wenigstens 7mal (alle drei Jahre sind Ehebruch und Eheschei¬ dung faͤllig) waͤren zu scheiden und zu kopuliren ge¬ wesen: was fuͤr Sportulneinbuße, da wir die Schei¬ dungskosten, die wir haͤtten versiebenfachen koͤnnen, vervierfachen mußten! Es ist ohnehin an einer sol¬ chen Scheidungsliquidation wenig, weil sie bekannt¬ lich moderirt wird und zwar vom Konsistorio selbst. Man braucht noch dazu im Konsistorialzimmer die Vor- und Nachsicht, daß ich allemal den Sportuln¬ zettel, wenn ihn das geschiedne Paar abgezahlt hat, nach 15, 20 Jahren wieder extrahire und dem Kon¬ sistorialboten und Pfennigmeister von neuem mitge¬ be, nicht sowohl um die Sportuln zweimal einzu¬ kriegen (welches Nebensache ist) als um zweimal daruͤber zu quittiren, falls das getrennte Paar die erste Quittung verloren haͤtte, und auch, um es vor einer dritten Zahlung sicher zu stellen. Man will dem Paare alles leicht machen, wenn man es in mehrerern und so großen Terminen zahlen laͤsset. . . . . Und heute vor drei Jahren kopulirte man mich meines Orts auch. . . . aber die damalige Strohkranzrede war zu schlecht. . . . F 2 Siebenter Sektor oder Ausschnitt . Robisch — der Staar — Lamm statt der obigen Katze. N ach dieser Entfuͤhrung schraͤnkte man Gustavs Spieltheater und Lustlager auf den Wall des Schlos¬ ses ein: in die wogende Flur und ins Doͤrfchen Auenthal, das wohl eine \frac{1}{17} deutsche Meile davon ablag; durft er nur hinein — sehen. Dieses blu¬ michte Empor-Eiland umkreisete er den ganzen Tag, um jeden rothen Kaͤfer niederzuschlagen, je¬ des marmorirte Schneckenhaͤuschen von seinem Blat¬ te abzudrehen und uͤberhaupt alles was auf sechs Fuͤßen zappelte, zu inhaftiren, wie ers selber war. Auf Kosten seiner unerfahrnen Finger wollte er an¬ fangs auch die Biene aus ihrem Freudenkelche zie¬ hen. Diese bunten Arrestanten draͤngte er — wie Fuͤrsten alle Menschensorten in Eine Hauptstadt — saͤmtlich in einen schoͤnen Salomons-Tempel oder in eine Silberschlag -Noachitische Arche von Pap¬ pendeckel mit mehr Fenstern als Mauer, zusammen. Der Architekt dieses vierten salomonischen Tem¬ pels war nicht wie beim ersten der Teufel oder der Wurm Lis Nach den Rabbinen half der Teufel den Tempel mit bauen, und der Wurm nagte die Steine zurecht. , sondern ein Mensch der beiden glich, der sogenannte Kammerjaͤger Robisch . Dieser Hin¬ tersasse des Rittmeisters besuchte jaͤhrlich die besten Zimmer und Gaͤrten des ganzen Landes, um beide nicht sowohl von ihren schlimmsten als von ih¬ ren kleinsten Bewohnern zu saͤubern von Maͤu¬ sen und Maulwuͤrfen. Ich will die Gelehrten-Re¬ publik eben nicht bereden, daß dieser Maͤuseschaͤch¬ ter so viele physische Maulwuͤrfe aus der Welt fort¬ schickte, als jaͤhrlich moralische hereinkommen, um sich auf die Hinterfuͤße zu setzen und dann mit den Vorderfuͤßen, die an beiden Maulwurfsarten Men¬ schenhaͤnden gleichen, den — Meßkatalog und die Buchlaͤden vollzuarbeiten; aber bezahlt wurde Ro¬ bisch gerade so als haͤtt' er's gethan: denn die Leute glaubten, wenn man diesen Kelchvergifter der Nagethiere erboßete und nicht bezahlte: so machte er Moses Wunder nach und verdoppelte durch dagelassene Kolonien das Ungeziefer, das man seinem Koͤnigs- und Blutbann entzoͤge. Ich will von dieser morastigen Seele, die sich nie meinem Gustav naͤher waͤlzen moͤge, mich wieder wegbege¬ ben, wenn ich geschrieben habe, daß er oft im Fal¬ kenbergischen Hause war, daß er wenn Fremde da waren, den Extra- und Kasualbedienten und wenn Rekrutenwildpret zu fangen war, den Leithund machte, und daß er sich verdaͤchtig an den kleinen Gustav mit seinen Fabrikaten draͤngte. Ein solches Anhaͤkeln an Kinder ist immer zweideutig. Kinder lieben Bediente besonders; und vollends Gustav, der schlechterdings auch spaͤter nicht vermochte je¬ mand zu hassen, den er in seiner Kindheit lieb ge¬ habt. Von allen Unthaten, die Robisch an ihm veruͤbt haͤtte, waͤre gleichwohl das Band der Dank¬ barkeit fuͤr das elende Insektenstockhaus, das den Wall entvoͤlkerte, nicht entzwei gegangen. Was in der salomonischen Schloßkirche war, sollte Zucker fressen, weil Kinder ihn fuͤr das Uni¬ versalessen ansehen; und es waͤren die schoͤnsten Inhaftaten verhungert, wenn nicht ihr Frohnvogt, Gustav, vom Kammerjaͤger noch einen Staarmatz zum Geschenk bekommen haͤtte: denn den Matz ließ er auch in das Pantheon hineinspringen und der fraß alles was nichts zu fressen hatte.... Wenn ich hier unter die Fluͤgeldecken der Insekten und in die Kehle des Matzens die richtigsten Reflexionen und die kuͤhnsten Winke versteckt habe: so hoff' ich man finde sich in dergleichen schoͤn. Ausser mir hatte wohl niemand Gustavs Na¬ men so oft im Schnabel als der Staar, der gleich Hofleuten nichts weiter im Kopfe hatte, als ein nomen proprium . Der Kleine dachte, der Staar daͤchte und waͤre so gut ein Mensch wie Robisch und liebte ihn fuͤr alles; daher konnt' er sich nicht satt daran hoͤren und lieben. Er konnte sich an nichts satt lieben und satt umarmen. Bloß leben¬ dige Geschoͤpfe waren sein Spielzeug. Der Pachter hatte dazu noch ein schwarzes Lamm gethan, das er mit einem rothen Band und mit Brod¬ rinden um den Wall herumlockte. Das Lamm mußte wie ein Dorfkomoͤdiant alle Rollen machen, bald mußt' es der Genius, bald der Pudel, bald Gustav, bald Robisch seyn. So spielte also unser Freund seine ersten Erdenrollen Solo und war zu¬ gleich Regisseur, Soufleur und Theaterdichter. Sol¬ che Komoͤdien, die sich Kinder machen , sind tau¬ sendmal nuͤtzlicher als die, die sie spielen , und waͤ¬ ren sie aus Weiße's Schreibetisch: in unsern Ta¬ gen, wo ohnehin der ganze Mensch-figurant , seine Tugend Gastrolle und seine Empfindung lyrisches Gedicht wird, ist diese Verrenkung der armen Kin¬ derseelen vollends toll. Indeß ists zuweilen auch nicht wahr: denn ich machte den vollstaͤndigen Fi¬ lou bloß 1 2 oder 3mal in meinen Leben, aber wirklich noch eh' ich zum erstenmale gebeicht hatte. Das Reglement, das ihn nicht vom Schloßberg herunterließ, unterschied sich von den Reglements unserer transzendenten Eltern, der Obrigkeit, da¬ durch ruͤhmlich, daß es erstlich der Parthei promul¬ giert und zweitens daß es wenigstens 14 Tage lang gehalten wurde. Gustav haͤtte fuͤr sein Leben gern sich und das Lamm vom Walle herab an den Fuß des Berges getrieben — da also der Rittmeister aus Quistorps peinlichen Beitraͤgen wußte, daß man an die Stelle der Verstrickung oder Konfi¬ nation (Einsperrung auf den Wall) die Distrikts¬ oder Gebietsraͤumung setzen kann: so diktirte er die letztere Strafe statt der erstern und sagte: „kann „man denn nicht das Lamm der Pachters Regel „(Regina) mitgeben, so lang sie da am Berge „weidet? Meinetwegen kann der Junge mittrei¬ „ben, wenn ich ihn nur immer im Gesicht behalte.“ Ich muß es noch abwarten, was die Reichsritter¬ schaft dazu sagen oder schreiben wird, daß ein Eh¬ renmitglied derselben, mein Held, Nachmittags um 4 Uhr sich allemal eine lange Haselgerte abdrehte und damit ein Ochsenjunge wurde und neben der eilfjaͤhrigen Stroͤßners Regina die Schaaf- und Rindsheerde und das Lamm am Band mit solchem Stolze und mit solchen Jupiters Augenbraunen austrieb, daß er leicht andeutete, er lenke den ganzen Stall und die Reichsritterschaft solle ihm nur jezt kommen. Nur im tausendjaͤhrigen Reiche giebts solche Nachmittage wie Gustav an der Anhoͤhe gleichsam auf dem Schooße der Erde hatte. Mein Vater haͤtte mich in die Zeichenschule senden sollen: koͤnnt' ich nicht jezt die ganze Landschaft in meinem Far¬ benstrom statt im Dintenstrom auffangen und hin¬ ausspiegeln? Wahrhaftig ich koͤnnte jedes Ge¬ buͤsch mit dem hineinschluͤpfenden Vogel dem Leser in die Augen reflektiren, jede lippenfarbige Roth¬ beere der Felsen-Abdachung jedes von Anflug uͤber¬ wachsene Schaaf und jeden Baum den das Eich¬ hoͤrngen mit zerbroͤckelten Tanzapfen umsaͤete. In¬ zwischen giebts Dinge an denen wieder die Iltis- Haare des Pinsels vergeblich buͤrsten, die aber schoͤn aus meinem Kiele rinnen — das auf Genuͤs¬ sen schwimmende Auge Gustavs, schießet sanft hinuͤber und heruͤber zwischen dem Lamme, dem hellen Blumengrund mit der Schatten-Landspitze und zwischen dem magischen Gesichte der Regina und braucht nirgends wegzublicken. Warum sagt' ich ein magisches Gesicht, da es ein altaͤgliches war? — weil mein kleiner Apollo und Schaafhirt mit trinkenden Augen auf dieses Gesicht wie auf eine Blume flog. Unter einer Hirnschaale wie seiner, zu der den ganzen Tag die weiße Flamme der Phantasie, und kein blaues Brandtewein-Flaͤmmgen des Phlegma, auffackelte, muste jedes weibliche Gesicht mit verguͤldeten Rei¬ zen in Goͤtterfarbe und nicht in Todtenfarbe da¬ stehen. Alle Schoͤnen hatten bei ihm den Vortheil noch, daß er sie nicht seit 10 Jahren sondern seit 10 Tagen sah. Indessen ist das nicht seine erste Liebe, sondern nur ein Praͤliminar-Rezeß, eine Ouverture, ein Protevangelium irgend einer er¬ sten Liebe, mehr nicht. Zwei ganze Wochen trieb er sein Lamm auf die Weide, eh' sein Muth so weit stieg, daß er — nicht sich neben ihr Strickzeug hinsetzte, das uͤberstieg Menschenkraͤfte, sondern nur daß er — das Schaaf an seinem postillon d'amour fest hielt, nicht um es zu Reginen hinzuziehen sondern um von ihm hingezogen zu werden: denn die beste Liebe ist am bloͤdesten, und die schlimmste am kuͤhn¬ sten. Wie ein stillender Mond legte sich alsdann, wenn sie mehr in seinen Gedanken als in seinen Augen war, ihr Bild an seine traͤumende Seele und so viel war ihm genug. — Sein zweites Mit¬ tel, ihr Akzessist zu werden, war der runde Schat¬ ten eines tiefer unten schwankenden Lindenbaums, hinter dem die Abendsonne wie hinter einem Ja¬ lousieladen sich zersplitterte. Mit diesem Schatten rutscht' er nun der Regina immer naͤher; unter dem Vorwand als mied' er die eine Sonne, ruͤckte er einer andern roͤthern zu. Von solchen kleinen Spitzbuͤbereien laͤuft die Liebe uͤber; sie werden aber alle erroͤthen und alle verziehen; und sie wer¬ den oft mehr vom Instinkt als vom Bewustseyn in¬ spirirt. Wenn freilich der Abend langsam aus dem Thal sich in die Hoͤhe richtete — wenn die ein¬ schlummernde Natur in abgebrochenen Lauten des zu Bette gegangnen Vogels gleichsam noch ein Paar Worte im halben Schlafe sagte — wenn das Glockenspiel am Halse der Heerde, die unschuldige Blumen der Freude aus — Wiesen pfluͤckte, und der unisone Guckguck und das verwirrte Abendge¬ raͤusch die Tasten der verborgensten Saiten ge¬ druͤckt hatten: so nahm sein Muth und seine Lie¬ be um ein Namhaftes und nicht selten in dem Grade zu, daß er den Kuchen, den er fuͤr sie ein¬ gesteckt, oͤffentlich aus der Tasche holte und ohne Bedenken — ins Gras legte, um ihr wirklich den Antrag dieses Backwerks zu machen, sobald sie in der Daͤmmerung beim — Schlosthor auseinander musten: hier stieß er ihr die Schenkung mit hasti¬ ger Verwirrung zu und sprang mit freudiger Be¬ schaͤmung davon. Gelang es ihm, ihr dieses Abend¬ opfer zu insinuiren: so war jede Pulsader seines Arteriensystems ein entzuͤckt klopfendes Herz (denn die Sprache und Freude seiner Liebe war Geben) und unter seiner Bettdecke pflanzte er die ganze Nacht kuͤhne Plane auf Morgen, die der Nach¬ mittags Glockenhammer mit vier Schlaͤgen saͤmmt¬ lich — bis auf ihre Herz-Wurzel — in die Erde schlug. Sie that immer das breite Halstuch ihrer Mutter um; daraus muß es ein Philosoph von Verstand ableiten, daß ihm spaͤter die großen Hals¬ tuͤcher der Damen gefielen, die ich selber den vo¬ rigen Taͤndelschuͤrzen des Halses vorziehe; aus dem naͤmlichen Grunde gefielen ihm und mir auch breite Kopfbinden und breite Schuͤrzen. Ich habe schon mit Philosophen l'Hombre gespielt, die es um¬ wandten und behaupteten, alles das gefalle ihm, nicht weil das Zeug an der Schoͤnheit (Reginens) war sondern weil die Schoͤnheit am Zeuge war. Im Grund schaͤm' ich mich, daß ich hier, waͤh¬ rend die zerrissendsten Backalaureen eintunken und den uͤbrigen Backalaureen die feinsten Sponsalien von Koͤniginnen und Marquisinnen ausmalen, mei¬ ne Schreibmaterialien auf das Weiden und Verlie¬ ben zweier Kinder verwende. Beides lief bis in den Herbst hinein fort und ich moͤchte es abschildern; aber wie gesagt die Schaam vor den Backalaureen! — Und doch goͤnn' ich dir, winziger Traͤumer, so sehr diese weiße Sonnenseite deines Lebens an dei¬ nem Berge und dein Lamm und dein Auge! Und ich moͤchte so gern die Tage, die vor dir voruͤber¬ laufen und deinen kleinen Schoos mit Blumen uͤberlegen, zum Stehen bringen, damit der Lei¬ chenzug der grimmigen Tage hinten halten muͤste, die deinen Schoos entlauben werden — dein Lust¬ hoͤlzgen lichten — dein Lamm stechen — deiner Re¬ gina Dienstgeld zur Magd geben! Aber im Oktober faͤhrt alles nach Unterschee¬ rau; und die Kinder wissen noch nicht einmal, daß es Lippen und Kuͤsse giebt! O Wochen der vorersten Liebe! warum ver¬ achten wir euch mehr als unsre spaͤtern Narrhei¬ ten? Ach an allen eueren sieben Tagen, die an euch wie sieben Minuten aussehen, waren wir un¬ schuldig, uneigennuͤtzig und voll Liebe: Ihr schoͤ¬ nen Wochen! ihr seid Schmetterlinge, die aus ei¬ nem unbekannten Jahre Die Schmetterlinge im Frühling haben sich (im Zölibat) aus dem vorigen Jahre hergefristet; die im Herbst sind Kinder des gegenwärtigen Jahres. heruͤber lebten, um un¬ serem Lebens-Fruͤhlinge vorzuflattern! Ich wollte, ich daͤchte von euch noch so enthusiastisch wie sonst, von euch, wo weder Genuß nach Hofnung an Graͤnzen stockten! — du armer Mensch! wenn der zarte weiße die ganze Natur uͤberzaubernde Nebel deiner Kinderjahre herunter ist: so bleibst du doch nichl lange in deinem Sonnenlichte, sondern der gefallene Nebel kriecht wieder als dichtere Gewitterwolke unten rings am Blauen herauf und am Juͤnglings-Mittage stehest du unter den Blitzen und Schlaͤgen deiner Leidenschaften! — Und Abends regnet dein zerschlitzter Himmel noch fort! — Achter Sektor . Abreise — weibliche Launen — zerschnittene Augen. D a die Edelleute und Waldratten im Sommer das Land, im Winter die Stadt bewohnen: so thats der Rittmeister auch; denn die schoͤne Na¬ tur (meint' er und sein Gerichtshalter) laͤuft am Ende auf nichts als auf ein Inventarium von Bauern hinaus, deren Ellbogen und Schenkel in einer Scheide halb von Zwillich halb von aufge¬ flicktem Leder stecken, auf Sumpfwiesen, auf Brach¬ felder und auf Schweinvieh, und es giebt da nichts zu empfinden als Gestank — in der Stadt hinge¬ gen ist doch ein Stuͤck Fleisch zu haben, ein Spiel fraͤnzoͤsischer Karten, einiger wahrer Spas und ein Mensch. Es ist jugendliche Intoleranz, einem, der kein Gefuͤhl fuͤr Musik und Gegenden hat, auch das fuͤr fremde Noth und Ehre abzusprechen, be¬ sonders dem Rittmeister. Noch viel wichtigere Gruͤnde trieben ihn nach Scheerau; er suchte da 13000 Rthlr. eine Menge Rekruten und einen Hofmeister. — Den letzten zuerst: seine Frau sagte: „Gustav muß jemand haben, es fehlt ihm noch an Lebensart!“ aber Hofmeistern fehlts nicht daran — die Infanten aus dem Alumneum, die nichts hebt als eine Kanzel¬ treppe, die so lange die Seelenhirten des jungen Edelmanns sind, bis sie die Seelenhirten der Ge¬ meinde werden, welche ihr Eleve regiert, diese paͤdagogischen Poussierer sind im Stande nicht bloß den Kopf des Junkers — wie der Vater hoft — sondern auch den Rumpf desselben — wie die Mut¬ ter hoft — recht gut zu formen und zu glaͤtten erstlich ohne eigne Glaͤtte, zweitens in Lehrstun¬ den, drittens mit Worten, viertens ohne Wei¬ ber, fuͤnftens auf eine sechste Art, dadurch, daß der Hofmeister das weiteste Loͤwenherz zu ei¬ nem schlaͤfrigen Dachsherzen einkrempt. Der zweite metallische Sporn, der ihn nach der Stadt forttrieb, war das Geld. Niemand kam so leicht in den Fall, ein Glaͤubiger sowohl als ein Schuldner zu werden als er: die halbe Nachbarschaft hatt' er, weil er weder sich noch andern etwas abschlug, zuletzt in seine Gaͤste und seine Schuldner verwandelt; aber jezt verwan¬ delte er daruͤber sich beinahe selber in beides, wenn nicht der Landesherr seinen zerrollenden Geldhau¬ fen fen wieder aufbauete. Er muste also nach Ober¬ scheerau, der Residenz, die mißliche Bitte mit¬ bringen, daß ihm dieser 13000 Rthlr. nicht sowohl schenken oder leihen — das waͤre zu machen gewe¬ sen — als bezahlen moͤchte, als ein Kapital von 7 Jahren. Der Scheerauische Sophi hatte naͤmlich die Gewohnheit, keine Geliebte abzudan¬ ken ohne ihr ein Landgut, oder ein Regiment, oder einen gestirnten Mann mitzugeben — er ließ von einer Maitresse allzeit noch so viel uͤbrig, daß noch eine Ehefrau fuͤr einen Ehetropfen daraus zu machen war, wie der Adler und Loͤwe, (auch Fuͤrsten der Thiere,) allemal ein Stuͤck vom Rau¬ be unverzehrt fuͤr anderes Vieh liegen lassen. Mit¬ hin trennte er sich auch von der Mutter seines na¬ tuͤrlichen Sohnes — des Kapitain von Ottomar — auf dem Rittergut Ruhestadt , das er an einem Tage (mit Falkenbergs Gelde) kaufte und ver¬ schenkte. Drittens wollte der Rittmeister in Scheerau seinen Unteroffizieren, die meistens da lagen, ein Paar Schritte ersparen: denn er schlug zwar mit dem Stock so leicht wie eine Dame mit dem Faͤ¬ cher zu, aber er brach nicht gern einer Heuschrek¬ G ke das sechste Bein aus und daher schonte er die seiner Leute, die viere weniger hatten, um so mehr. Endlich packen sie ein, die Falkenbergischen: wir wollen dabei seyn. Da deine Seele wie Uh¬ ren und Pferde nur unter dem Reisen nicht stockte: so war er am Abzugsmorgen am frohesten und ra¬ schesten; liebte keine Fortschreitung durch Sekun¬ den, sondern durch Nonnen ; fluchte uͤber saͤmmt¬ liche Haͤnde und Fuͤße im Schloß, weil sie nicht flogen; druͤckte und stauchte das weibliche Schif und Geschirr mit ehernen Haͤnden in die naͤchste Schachtel hinein; und hatte keine andere absuͤh¬ rende Haarseile seiner ungeduldigen Langweile als seine Fuͤße, die stampften, und seine Haͤnde, mit denen er theils den Kutscher aus solchen Gruͤnden wie dieser die Pferde, auswirte, theils die Re¬ stanten im Schlosse saͤmmtlich recht gut beschenkte. Die Rittmeisterin aber weiß alles so komplett und vernuͤnftig zu thun, daß sie mit nichts fertig wird. Haͤtte sie drei Spruͤnge zu thun, um dem herunterplumpenden Monde auszuweichen: so streif¬ te sie doch, eh' sie spraͤnge, noch eine Falte aus der Fenstergardine heraus — beim Plaͤtten waͤr's noch aͤrger. Gleich Gelehrten liegt sie neben dem Brodtstudium noch einem Nebenstudium und Bei¬ werk ob und thut mit jeder Sache die benachbar¬ ten mit. „Ich kann nun einmal nicht so luͤderlich seyn wie andre Weiber“ sagte sie jezt zum knir¬ schenden Ehemann, der acht stumme Minuten ihr zusah. „Ich wollt' ins Teufels Namen lieber, Du waͤrest die luͤderlichste in der ganzen schriftfassigen Ritterschaft“ — sagt' er. Da sie nun so oft sie Sturm und Unrecht hatte, bloß auf den zornigen Hyperbeln des andern ankerte, wie ich als appel¬ latischer Sachwalter haͤufig muß: so bewieß sie auch dasmal geschickt, daß an luͤderlichen Frauen wenig waͤre — und da einen hitzigen Rittmeister nichts noch mehr aufbringt als ein stolzer Beweiß dessen, was er gar nicht laͤugnet: so giengs wie allemal loß — die Zungen-Streitflegel bewegten sich — seine Speicheldruͤse, ihre Thraͤnendruͤse, und beider Gallenblasen sezernirten so viel als in christ¬ lichen Ehestunden sezerniret werden muß — aber 15 Minuten und 15 Packereien sogen wie Venen alle diese ehelichen Absonderungen wieder ein. Beim Abreisen hat kein Mensch Zeit, sich zu erboßen. G 2 — Sie war auf meine Ehre eine recht gute Frau, aber nur nicht allemal, z. B. beim Abrei¬ sen am wenigsten: sie wollte erstlich dableiben und keifte in alle hoͤrende Wesen hinein, zweitens woll¬ te sie fort. Niemals, wenn ihr Mann am Mor¬ gen sich und seinem Hunde den Halsschmuck um¬ legte, um Visiten zu machen, begehrte sie mit (sie muͤste denn die voͤllige Unmoͤglichkeit mitzukom¬ men vorausgesehen haben:) sondern wenn er am zweiten Tage nur ein Wort von einer Dame, die mit da gewesen, schießen ließ, so klagte sie ihm ihre Noth: „unser eine riecht nun den ganzen Sommer nicht aus dem Hause hinaus.“ Wollt' er sie das naͤchste Mal mitzwingen: so war entsetzlich zu thun, es war zu bleichen, zu jaͤten, Fleisch¬ faͤsser und Serviettenpressen zuzuschrauben Waͤsch¬ zettel und alles zu machen, oder das vorzuschuͤtzen: „ich bin am liebsten bei meinem Kleinen.“ Allein ihre Absicht, die wenige erriethen, war bloß, an zwei Orten auf einmal zu seyn, in und außer dem Hause — und es ist fuͤr unsre Weiber schlimm, wenn unsre Philosophen und Maͤnner nicht so viel einsehen wie die katholischen Philosophen und Maͤn¬ ner, die kombrischen, Ariaga, Bekanus laͤngst einsahen, Affirmant idem corpus existens in duobus locis habere posse ntrobique formas absolutas non dependentes — ita ut hie moveatur locatiter, illic non, hic calidum sit, illic frigi¬ dum. etc. hic morlatur, illic vivat, hic eliceret actus vita¬ les tum sensitivos tum intellectivos, illic non Voetii disp. theol. T. I. p. 632. Bekanus schränket es mit philosophi¬ schem Scharfsinn so weit ein, daß ein solcher Körper — also eine Frau — nicht am einen Orte Frau und zugleich am andern gottlos seyn könne; dieses leuchtet mir auch ein. daß der naͤmliche Koͤrper leicht zur naͤmlichen Sekunde an zwei Orten, oder mehre¬ rern nicht nur auf einmal sitzen, reden, wachsen, sondern auch in der einen Stadt empfinden koͤnne, in dem er in der andern denkt, — zu gleicher Zeit in der Kirche lachen und in dem Theater weinen koͤnne. — — Extrablaͤttchen. Sind die Weiber Päbstinnen? A lle Fragen dieses Blaͤttgen that ich an eine Aeb¬ tissin, die lieber Muͤnzen als Fromme machen ließ. Ist nicht die dreifache Krone des Pabstes jezt auf den weiblichen Koͤpfen als eine vier-fuͤnffache da und schossen nicht ihre Huͤthe in die Hoͤhe wie Sal¬ lat in den Hundstagen? — Ists nicht den Weibern selber schon bekannt, daß sie so untruͤglich sind wie der Pabst, und wenn dieser es mehr in dog¬ matischen als in historischen Dingen ist wie die Jansenisten glauben, ists bei den Paͤbstinnen nicht umgekehrt? — Und wer hat den Muth eine zu widerlegen, die er nicht geheirathet? Der Pabst ist Gottes Vicekoͤnig oder gar Gott selbst, wenn dem Felinus Wolfii lect. memorab. Cent. XVI. p. 994 . etc. zu glauben: sind aber die Paͤb¬ stinnen nicht bekannte Goͤttinnen? — Allerdings sagt ein Pabst selbst, Klemens VI . daß er Engeln befehlen koͤnne, jeden Kerl aus dem Fegefeuer in den Himmel zu spediren; Wolfii lect . memorab . Cent , XVI . p . 994 etc . brauchen aber unsre Paͤbstinnen Engel dazu? Blos eine Woche brauchen sie um uns ins Fegefeuer, und eine Stunde, um uns zuruͤck in den Himmel zu werfen — Maria¬ nus Soccinus, der behauptet, loco cit . daß ein Pabst aus Nichts Etwas; aus Unrecht Recht und aus allem Henker allen Henker machen koͤnne, muß nur nicht glauben, daß unsre Paͤbstinnen es nicht auch vermoͤgen und sind ihm ihre Ohrenbeichten nicht erinnerlich? — Wer exkommuniziert seine Ke¬ tzer: oder dispensiret seine Rechtglaͤubigen oͤfter, Paͤbste oder Paͤbstinnen? — Und wer macht heut zu tage, durchlauchtige Aebtissin? allmaͤchtigere Augenbreven und Lippenbullen, wer kreiret mehr Heilige, mehr Seelige, und mehr Nunzien a und de latere ? Petri Nachfolger oder Petri Nachfolge¬ rinnen? — Paͤbste sollen sonst immerhin Koͤnigrei¬ che weggeschenkt oder abgenommen haben: beherr¬ schen nicht Paͤbstinnen diese Koͤnigreiche? — Paͤbste konnten von Amerika nichts verschenken als den Namen: ist aber nicht das, was einige Paͤbstin¬ nen von diesem Lande uns mittheilen, etwas viel reelleres ? — Koͤnige, die sonst von Paͤbsten ge¬ quaͤlt wurden, werden jezt von Paͤbstinnen begluͤckt; und wenn jene hoͤchstens einen oder ein Paar Koͤnige schufen, werden nicht die Koͤnige unter den meisten europaͤischen Thronhimmeln von Paͤbstinnen formirt, und zwar in niedlichem Taschenformat bis sie aus der Laufschuͤssel nach und nach heranwachsen, daß sie so lang sind wie ich oder ihr Thron? — Kuͤssen wir ih¬ nen nicht den Pantoffel oͤfter als dem seeligsten Va¬ ter, maßen die zwei Arme vom Professor Moskati zu Padua laͤngst, als zwei Vorderfuͤße befunden wor¬ den, auf deren lederne oder seidne Schuhe wir alle Wochen unsre Lippen druͤcken? — Legen nicht Pabst und Paͤbstin den alten Namen ab, wenn sie den Thron beschreiten, den der eine durch Alter, die an¬ dre durch Jugend behauptet? — Und wenns wahr waͤre, daß Pabst und Paͤbstin urspruͤnglich nur Bi¬ schoͤffe einer Provinz (eines Mannes) seyn sollen und daß es weiter keine Paͤbstin giebt als die gute Jo¬ hanna ; wuͤrd' ich wohl gerade das Gegentheil oͤf¬ fentlich in einem Extrablaͤttgen oder heimlich zu Ih¬ nen zu sagen wagen, durchlauchtige Aebtissin? — Ende des Extrablatts. Fortsetzung des vorigen Sektors. W aͤhrend ich die Aebtissin befragte: kam ich von der humoristischen Rittmeisterin weg. Ich will se¬ tzen, ich oder der Leser haͤtten sie geheirathet: so wuͤrden wir zwar dem Himmel danken, an ihren Ringfinger unsern brillantirten Ring geschraubt zu haben — aber doch wuͤrden wir uns taͤglich wie man sieht, mit ihr herum zu beissen haben: so ge¬ wiß bleibts, daß nicht die weiblichen Laster, sondern die weiblichen Launen so viel Pferdestaub und Dor¬ nen in das Ehelager saͤen, daß oft der Satan dar¬ auf liegen moͤchte. — Ohne Gustav, der soviel zuschleppt, kaͤmen wir vor zehn Minuten nicht aus dem Schlosse. Mein Leser malt sich ihn wider meine Erwartung ganz falsch vor, traurig naͤmlich, weil er aus seiner Kind¬ heits-Erdenwiege, aus seinem Adamsgarten und von seinem Abendberge weichen soll. So falsch! — Ein anderer Leser wuͤrde sich ihn freudig denken, weil fuͤr Kinder, denen noch jede andre Szene eine neue ist, Reisen die Schoͤpfung eines neuen Him¬ mels und einer neuen Erde ist und weil die Phan¬ tasien eines Kindes noch keine kummerhaften sind. Scheerau mußte in seinen Vermuthungen durchaus die Stadt mit langen Haͤusern sein, worin, er mit seiner Schwester gespielt. Noch dazu wurde — was allen Kindern eine Naturalisationsakte ist — sein Spielmagazin eingeschifft; sogar den Staarmatz, der als geschuͤttelter Hierarch in der salomonischen Filialkirche auf und absprang, hielt er auf den stau¬ chenden Knien. Jeden Winkel des Schlosses bedau¬ erte er samt dem was drinnen war, daß es nicht mit einsteigen duͤrfte: dieses ganze Konchylienge¬ haͤus kam ihm so eng, so abgegriffen, so abgeschos¬ sen vor! Leute die wenig gereiset, schauen ihre Stube in den Augenblicken der Abreise — der An¬ kunft — und in den uͤbrigen mit drei verschiedenen Gefuͤhlen an: fuͤr Zugheuschrecken und Zuggefluͤgel sind die Chausseen und Gassen nur die Korridore zwischen den Zimmern. Schon eine halbe Stunde saß er auf den nack¬ ten Kutschenkasten voraus, mit den Beinen in Ge¬ paͤck eingekeilt und in zappelnder Erwartung wenn die Pferde den ersten Riß thaͤten. Endlich wurde die Wagenthuͤre zugeworfen und alles rollte dahin, den Berg hinab, den Gemeindeanger hinuͤber, auf welchem der weißgeschaͤlte Baum, der zur Kirch¬ weih sich mit geroͤthelter Fahne und Baͤnderwim¬ peln noch einmal in die Erde bohren sollte, unse¬ rem Gustav ganz veraͤchtlich wurde, der jetzt in Scheerau hundert schoͤnern Maienbaͤumen und Kirch¬ weihen entgegenfuhr. — Aber als er von der an Freuden fruchtbaren Region seines Berges vor¬ uͤbergieng: so zog er vom Trauergeruͤste der ge¬ storbnen Nachmittage, vom klingelnden Vieh das jetzt am Gipfel grasete, von einem Weidekollabora¬ tor, der ihm schlecht gefiel, vom zusammengetra¬ genen Steinpferch, in den er sein Laͤmmchen gestellt, das nun ohne Band und ohne Liebe droben stand, und endlich vom Markstein, auf dem sonst seine Traute, seine Schoͤne strickte, davon freilich zog er die zuruͤckgewandten Blicke sehnend langsam weg. „Ach, dacht' er, wer wird dir Zitronenkuchen ge¬ „ben und meinem Laͤmmchen Brodrinden? Ich will „euch aber schon alle Tage recht viel herschicken!” Es war ein reiner Oktobermorgen, der Nebel lag zusammengefaltet dem Himmel zu Fuͤßen, der wegfliegende Sommer schwebte mit seinen blauen Schwingen noch hoch uͤber den Aesten und Blumen, die ihn getragen und schauete mit dem weiten Stil erwaͤrmenden Sonnenauge den Menschen an, von dem er Abschied nahm. Gustav wollte aus dem Wagen, um den bethaueten fliegenden Sommer der zartgesponnen wie ein Menschenleben die Erde uͤberzog, zusammen zu wickeln und mitzunehmen. Aber du Mensch! haͤngst so oft als stinkende Pest- und Nebelwolke in die reine Natur herein! Denn sie mochten kaum eine Stunde gefahren seyn, nach der er schon jedes Dorf fuͤr Scheerau hielt . . . . Ich will aber erst angeben, wo's war. Bei Issig schrie der Kleine im Wald „o! jetzt wird „der schwarze Arm hereinlangen und mich hinaus¬ „ziehen!“ Als sich der Alte noch daruͤber wunder¬ te, woher der Kleine wuͤßte, daß jetzt eine Arm¬ saͤule kaͤme, die wirklich aus den Baͤumen heraus¬ wies: so fiengs auf einmal darhinter an zu schreien: „ach meine Augen, meine Augen!“ Den Kleinen und die Mutter petrificirte der Schrecken; aber der Rittmeister stuͤrzte sich aus, oder durch den Wagen, zerstieß die Glaͤser und prallte in den Wald hinein — und an ein kniendes feines Kind hinan, aus dessen zerschnittenen Augen Thraͤnen und Wasser liefen. „Ach thu mir nichts, ich kann „nimmer sehen!“ sagt' es und griff mit den Haͤnd¬ chen um sich, um die Lanzette wegzuschlagen, die zu seinen Knien lag. „Wer hat dir denn gethan?“ sagt' er mit der sanftesten vom heftigsten Mitleid brechenden Stimme; aber eh' es sprach, kam ein altes verwuͤstetes Bettelweib naͤher und sagte, im Gebuͤsch waͤr' ein Bettler hingeschossen, der's Kind blenden haͤtte wollen, um darauf zu betteln. Al¬ lein das Kind kruͤmmte sich mit groͤßern Konvulsio¬ nen an seine Hand und sagte: „o! sie will mich „wieder schneiden.“ Der Rittmeister errieth die Spitzbuͤberei, schlitzte den naͤchsten Ast herab, peitsch¬ te die Elende mit verfehlender Wuth ins Angesicht und lief mit dem Blinden auf dem Arm dem furcht¬ samen Wagen zu. Es war ein herzerdruͤckender Anblick, der unschuldige Wurm mit feinen Zuͤgen und Bewegungen in Lumpen und mit roth einge¬ runzelten Augen! — Neunter Sektor. Eingeweide ohne Leib — Scheerau. N icht blos Luͤgner und L'hombrespieler, sondern auch Romanenleser muͤssen ein gutes Gedaͤchtniß ha¬ ben, um die ersten 10 oder 12 Sektores gleichsam als Deklinationen und Konjugationen auswendig zu lernen, weil sie ohne diese nicht im Exponiren fortkommen. Bei mir steht kein Zug umsonst da in meinem Buche und in meinem Leib haͤngen Stuͤcke Milz; aber der Nutzen dieses Eingeweides wird schon noch herausgebracht. — Da ein Roman¬ schreiber wie ein Hofmann blos darauf hinarbeiten muß, daß er seinen Freund und Helden stuͤrze und in geladen Gewitter fuͤhre: so formire ich seit ei¬ nem Quartale am Himmel hie ein graues Woͤlk¬ chen das schwindet, dort eines, das zerlaͤuft; aber wenn ich endlich alle Zellen des Horizonts unsicht¬ bar elektrisirt habe: fass' ich den ganzen Teufel in ein Donnerwetter zusammen — nach dem Abdruck von 14 Bogen kann der Setzer das Krachen schon hoͤren und setzen. — — Im Grunde ist freilich kein Wort wahr; aber da andre Autoren ihre Ro¬ mane gern fuͤr Biographien ausgeben: so wird es mir verstattet seyn, zuweilen meiner Biographie den Schein eines Romans anzustreichen. Das Kind gab statt seiner Geschichte blos die Klagen uͤber seine Geschichte. Es schien uͤber sie¬ ben Jahre alt, akzentuirte das Deutsche italienisch und sein kraͤnklich zarter, blaßrother Koͤrper legte sich um seine Seele wie ein bleiches Rosenblatt um das Wuͤrmchen darin. Sein Vater hieß Doktor Zoppo, kam aus Pavia, botanisirte sich aus Ita¬ lien nach Deutschland, ließ die Kleinen unterwegs gelbe Blumen reissen. Der blinde Amandus wollte in diesem Walde auch Kraͤuter pfluͤcken; aber die teuflische Okulissin traf ihn, half ihm gelbe Blumen finden, und lokte ihn damit so tief in den Wald hinein, daß sie ihm Kleider und Augen rauben konnte. Gustav fragte ihn jede Minute, ob er noch nicht saͤhe, schenkte ihm sein Dejeuner, damit er nicht mehr weinen sollte und konnte seine Blindheit, da seine Au¬ gen so offen waren, nicht fassen. Im naͤchsten Land¬ staͤdtchen ließ sich Falkenberg rasiren und den Amandus verbinden. Ich sah einmal auf der letzten Station vor Leipzig eine so reizende Queerbinde uͤber der Stirn und dem Auge eines Maͤdchens, daß ich wuͤnschte, meine Frau wuͤrde von Zeit zu Zeit dort¬ hin laͤdirt, weils nett ausfaͤllt: hingegen Amandus Bandage uͤber zwei Augen machte ihn zu einem Kin¬ de des Jammers. Da Amandus in besserer Einkleidung und mit der traurigen Binde im Wagen saß: konnte Gustav gar nicht zu weinen aufhoͤren und wollte ihm seinen Matz herauslangen und schenken: denn nicht die Groͤ¬ ße, sondern die Gestalt des Leidens bestimmt das Mit¬ leiden. Wenige Menschen, die nach Scheerau fahren, werden das naͤrrische Gluͤck haben, daß ihnen zwei Stunden davor ein insolirter Magen ohne den Per¬ tinenz-Menschen aufstoͤßet: Falkenberg und seine Leu¬ te und Pferde hatten dieses Gluͤck. Es kam angefah¬ ren der Magen, das duͤnne und dicke Gedaͤrm, die Leber, worin die Fuͤrsten ihre Galle sieden, die Lun¬ ge deren Luftblaͤschen die fuͤrstliche Gallenblase sind wie die Luftroͤhre der Gallengang derselben ist, und das Herz; aber kein Leichnam kam mit: denn der Leichnam, der regierender Herr von Scheerau war, lag schon in der Erbgruft. Dieser Magen verdaute soviel soviel wie sein Gewissen, naͤmlich ganze Hufen Lan¬ des; und besser als sein duͤnner Kopf, dem Wahr¬ heiten und Gravamina eine schwere Speise waren; die papinianische Magenmaschine wirkte noch im Alter, als schon alles andre kindisch war. Er ritt, kurz vor seinem Tode, Stundenlang einen — Kam¬ merherrn, den er wohl leiden konnte: gleichwol schob er den Teller und das Glas weg, wenn nicht der alte Inhalt in beiden war. Hinter dem Intesti¬ nensarge — dem Reliquienkaͤstchen des Unterleibes — fuhren der Obristkuͤchenmeister, einige Beikoͤche, der Hofkellereiadjunkt und noch groͤßere Glieder des Hofetats — z. B. der Medizinalrath Fenk . Die¬ ser und Falkenberg bemerkten einander nicht: der letztere stieß heute auf lauter Seltenheiten, den Doktor, den er in Italien, und den Fuͤrsten, den er noch auf der Erde suchte. Die gekroͤnten insolventen Eingeweide, die ihn so das Geld nicht zahlten, verwickelten ihn nun mit dem Kronerben in ein Kreditorengefecht. Der Leichenzug des fuͤrstlichen Gedaͤrms gieng in der Abtei Hopf , wo das Erbbeggraͤbniß derer fuͤrstlichen Glieder war, die — wenn dem Plato ein Wort zu glauben ist — wahres Vieh sind und H mit denen der Mensch, er uͤberschnuͤre sie mit Or¬ densbaͤndern oder Tragriemen, allemal seine Hoͤl¬ lennoth hat. Ich will der Intestinenkapsel nur drei Schritte nachziehen, weil der Medizinalrath jetzt — nach seiner humoristischen Sitte, an allen Or¬ ten, in Theater- und Kirchenlogen und Gasthoͤfen, nur in seinem Museum nicht, zu schreiben — in der Begraͤbnißkirche der Intestinen seine Schreibta¬ fel aufwickelte und Sachen hineinschrieb die wahr¬ haftig so lauten: „Da Fuͤrsten sich an mehrerern „Orten auf einmal beerdigen lassen, wie sie auch „so leben, so moͤcht' ichs auch — allein nicht an¬ „ders als so: mein Magen muͤßte in die Episkopal¬ „kirche beigesetzt werden — meine Leber mit ihrer „bittern Blase in eine Hofkapelle — das dicke Ge¬ „daͤrm in ein juͤdisches Bethaus — die Lunge in „die Universitaͤtskirche — das Herz in die triumphi¬ „rende, und die Milz in ein Filial. Wenn ich „aber erster Leichenprediger eines gekroͤnten Un¬ „terleibes waͤre: so haͤtt' ich einen andern Gang; „ich naͤhm' den Schlund zum Eingange des — Ser¬ „mons, und den Blinddarm zum Beschluß! Koͤnnt' „ich nicht in den edlern Theilen der Predigt die ed¬ „lern Theile durchgehen und die Galle hinein brin¬ gen? — So scherzt man hienieden.“ Es giebt einen poetischen Wahnsinn, aber auch einen humo¬ ristischen, den Sterne hatte; aber nur Leser von vollendetem Geschmack halten hoͤchste Anspannung nicht fuͤr Ueberspannung. Der Falkenbergische Reisezug kam in Scheerau Abends an, Abends der schoͤnsten Zeit um anzulan¬ gen, daher so viele Abends in der andern Welt an¬ langen. Gustav schien schon da gewesen zu seyn, waͤhrend seiner Entfuͤhrung: da aber von meinen Lesern die wenigsten der Schoͤnheit wegen nach Scheerau sind entfuͤhret worden und sie also die Stadt nicht kennen: so soll sie ihnen der zehnte Sektor zeigen. H 2 Zehnter Sektor . Ober- Unterscheerau — Hoppedizel — Kräuterbuch — Visiten¬ bräune — Fürstenfeder. E s ist noch keinem Geographen und Oberkonsisto¬ rialrath das Ungluͤck begegnet, das H . Buͤsching hatte, daß er in seinem topographischen Atlas ein ganzes gutes Fuͤstenthum ausließ, das auf der Wet¬ terauischen Grafenbank mit sitzt und Scheerau heis¬ set — das nach dem Reichsmatrikularanschlag \frac{8}{9} zu Roß und 9⅔ zu Fuße und zum Kammerzieler 21 fl. \frac{1}{19} Xr. giebt — das unter Karl den IV . gefuͤrstet wurde — das seine fuͤnf huͤbschen Landesstaͤnde hat, die allerhand zu sagen aber nichts zu thun haben, naͤmlich den Kommenthur des deutschen Ordens, die Universitaͤt, die Ritterschaft, die Staͤdte und die Doͤrfer — und das unter andern Einwohnern auch mich hat. Ich moͤchte nicht an der Stelle ei¬ nes solchen topograpbischen Mannes seyn, der sonst in jede Sackgasse mit seinem geographischen Spiegel kriecht, um sie zuruͤckzuspiegeln und der jetzt ein ganzes Fuͤrstenthum samt seinen fuͤnf para¬ lytischen Landstaͤnden rein uͤbersprungen hat: ich weiß, wie es ihn kraͤnkt, aber nun, da ich mit der Welt daruͤber gesprochen, ist ihm nicht mehr zu helfen. Die Hauptstadt Scheerau besteht eigentlich aus zwei Staͤdten, aus Neu- oder Oberscheerau, wo der Fuͤrst residirt, und aus Alt- oder Unterschee ¬ rau, wo der Rittmeister logirt. Ich meines Orts bin laͤngst uͤberzeugt, daß die Sachsenhaͤuser nicht halb so weit von den Frankfurthern abstehen als die Altscheerauer von den Neuscheerauern, im Ton, Gesicht, Kost und allem. Der Neuscheerauer hat zu viel Hofton, um nicht Anstand und Schulden und Wuth zu ausserhaͤuslichen Freuden zu haben, und doch wieder zuviel Kurialton (weil alle hoͤchste Landeskollegien da sind), um nicht uͤberall steife Subordination entweder anzuerkennen oder abzufo¬ dern und um nicht aus dem Kammerherrn in den Kanzelisten und Rechnungsrevisor zuruͤckzufallen. Das sieht nun der Altscheerauer ein. Der Neu¬ scheerauer hingegan sieht ein, daß jener folgende Zuͤge hat: wenn in Sina die Maͤuler der Tisch¬ genossenschaft sich wie ein Doppelklavier zu gleicher Zeit bewegen muͤssen; wenn in Monomotapa das Land dem Kaiser nachzuniesen pflegt: so gehe man nach Altscheerau, wo es noch viel besser ist; um die naͤmliche Minute muͤssen alle Gassen weinen, husten, beten, laxiren, hassen und pissen — ihre Konduitenliste sieht wie eine Partitur aus, aus der alle das naͤmliche Stuͤck, nur mit verschiednen In¬ strumenten und Stimmen spielen — blos in der Musik regiert sie einiger wahre Freiheitsgeist und keiner bindet seinen Ellen- oder Fidelbogen oder Tangenten sklavisch an seines Nachbars seinen — sie hassen schoͤne Wissenschaften so sehr wie sich un¬ ter einander — unfaͤhig, gesellschaftliches Vergnuͤ¬ gen zu entbehren, zu veranstalten, zu geniessen, unfaͤhig zu wagen, einander offen zu hassen und zu lieben und zu ertragen, bohren sie sich in ihre Geldhuͤgel und achten oͤffentlich den Reichsten und geheim den Verwandten oder gar niemand — ohne Geschmack und ohne Patriotismus und ohne Lek¬ tuͤre . . . . Ich mach' es aber gar zu toll: kein Leser wird hinter dem Rittmeister einen Fuß nach Unterschee¬ rau setzen wollen. Ihr groͤßter Fehler ist, daß sie nichts taugen; aber sonst sind sie fleißig, voll lau¬ ter Kaufleute, frugal und fegen die Gassen und Gesichter huͤbsch. Residenzstaͤdte haben wie Hoͤfe Familienaͤhnlichkeit; aber Landstaͤdte haben — je nachdem mehr merkantilische, militairische, juristi¬ sche, bergmaͤnnnische, seemaͤnnische (die schlimmsten) Saͤfte in ihnen rinnen — ein verschiednes Vollge¬ sicht und Halbgesicht. Vor der uͤberblechten Hausthuͤr des Professor Hoppedizels stieg die Falkenbergische Schifge¬ sellschaft aus ihrer fahrenden Arche: sie hielt in des Professors zweitem Stockwerk gewoͤhnlich ihr Winterquartier. Gleich hinter der Hausthuͤre stieß der Rittmeister auf ein tolles Melodrama. Naͤm¬ lich der Floͤßinspektor Peuschel lehnte sich an die Wand und vomirte und schimpfte; und wechselte damit regelmaͤßig, wie mit Pentameter und Hexa¬ meter — Der Professor der Moral schrieb mit ei¬ nem uneingetunkten Finger ruhig die Zuͤge folgen¬ der Worte an die Wand, die er unaufhoͤrlich ab¬ las: „ekelhaft war's wohl, verteufelt ekelhaft!“ — Aus jedem andern haͤtte ein eintretender alter Freund wie Falkenberg sogleich die ganze Szene weggewiesen; aber der Professor war nicht aus sei¬ nem Spas zu ziehen sondern hob seine Umhalsung in unveraͤndertem Tone mit dem Rapport des gegenwaͤrtigen Kasus an: „gegenwaͤrtiger H. Floͤ߬ „inspektor Peuschel zeche gern, Wein aber — es „habe nichts verfangen, daß die Frau Inspektorin „(— denn schonende Diskretion war nie auf Hop¬ „pedizels Lippen —) ihn habe umbessern wollen „durch einen lebendigen Frosch, den sie in seinem „Wein krepiren lassen. Er selber habe daher heute „Hand angelegt, ihm das Nippen zu verleiden. „Denn er habe zum Gluͤck einen Blasenstein — so „dick wie eine Muskatellerbirn — aus dem Univer¬ „sitaͤtskadaver geschnitten: den hab' er zu einer „Trinkurne ausgebohret und Hr. Peuscheln wei߬ „gemacht, aus Lawa sei sie — heute habe er sei¬ „nen vomirenden Freund aͤchten ungarischen Aus¬ „bruch daraus saugen lassen — damit es ihn nun „geekelt und zu einem andern Ausbruch genoͤthigt „haͤtte, hab’ er’s vor einem Paar Minuten dem „Patienten dargethan, daß das vulkanische Spitz¬ „glas wahrer Harn oder Nierenstein gewesen. Und „er hoffe, sein Freund schlage sich das urinoͤse Stein¬ „gut eine Zeitlang nicht aus dem Kopf.“ Der Professor gieng den Inspektor an, ihm den Gefal¬ len zu thun, und, sobald der Ekel nachliesse, heute Abends in der Gesellschaft des Hrn. Rittmeisters zu einem Loͤffel voll Suppe da zu bleiben. Man komme noch so oft in gewisse Haͤuser, so erblickt man alles revidirt und umgesetzt und um¬ gestuͤrzt; im Hoppedizelschen am meisten — des Rittmeisters Winterlager sah stets aus wie ein Gar¬ tenhaus im Winter. Menschen von feinem Gefuͤhl bezaubern durch eine gewisse zaͤrtliche Aufmerksam¬ keit auf kleine Beduͤrfnisse des andern, durch ein Errath seiner leisesten Wuͤnsche, durch eine stete Aufopferung ihrer eignen, durch Gefaͤlligkeiten, de¬ ren seidenes Geflecht sich fester und sanfter um un¬ ser Herz herumlegt als das schneidende Liebesseil ei¬ ner großen Wohlthat. — Hoppedizel bediente sich weder des Flechtens noch Seiles und fragte nach Nichts. Es war nicht Abwesenheit des feinen Ge¬ fuͤhls sondern Ungehorsam gegen dasselbe, daß er — wenn der Rittmeister die erste Woche Logis und Kommodator verfluchte — dazu lachte. Der zarte Amandus bewohnte den ganzen Abend das Siechbett und Gustav kroch an seine Seite, um mit ihm zu spielen. Wie heitern uns im steinigten Arabien der hassenden Welt Kinder wieder auf, die einander lieben und deren gute kleine Augen und kleine Lippen und kleine Haͤnde noch keine Masken sind! Am andern Tage nahm sie ein sonderbarer Zu¬ fall wieder auseinander. Der Rittmeister fuͤhrte sie durch alle Gassen der Stadt wie durch eine Bil¬ dergallerie und hielt endlich mit den zwei Herzens¬ milchbruͤdern vor seines Freundes, des D . Fenks Hause still, und sah sehnend das Gemaͤhlde dessel¬ ben an — es bildete eine Doktors Kutsche vor mit einem Arzt innen, mit dem Tode vorn, der in die Gabel eingespannt war, und mit dem Teufel oben, der auf dem Bock saß. — „Der gute Narr, dacht' er, koͤnnt' auch einmal aus seinem Italien abziehen und seinen Freunden eine Freude machen!” Denn er wuste von seiner Ankunft nichts. „Man¬ dus! Mandus! lauf' rauf!” schrie ploͤtzlich ein zappelndes Maͤdgen oben und kam selber gesprun¬ gen und zerrte und guckte am Kleinen. Der gut¬ muͤthige Rittmeister wanderte gern aus dem gros¬ sen Parterre den Kindern nach ins vertraute Haus und seine Verwunderung uͤber alle Zeichen der Ruͤckkehr Fenks endigte nichts als der hereinbre¬ chende Doktor selbst. Dieser prallte vom halben Wege zu seiner Umarmung auf den kleinen Blin¬ den zuruͤck und riß unter Thraͤnen und Kuͤssen die Bandage auf — besah sie lange am Fenster — und sagte nach einem tiefen Athemzug: „Gott Lob und Dank! er wird nicht blind!“ Erst jezt schlug der Doktor seine Arme mit doppelter Waͤrme um den Freund: „verzeih's: es ist mein Kind!“ Gleich¬ wohl nahm er Amandus wieder ans Licht und be¬ schauete ihn noch laͤnger und sagte mit hinaufge¬ zognen Augenbraunen: „Bloß die Selerotica scheint laͤdiert; die Okulistin zapfte die waͤsserige Feuchtig¬ keit heraus. In Pavia sah ichs alle Wochen an Hunden, denen die Zahnaͤrzte (unsre medizini¬ schen Lehnsvettern) die Augen aufschnitten und ei¬ ne dumme Salbe darauf strichen. Wenn nachher die Feuchtigkeit und das Gesicht von selber wieder kam: so hatt' es die Salbe gethan.“ Ich uͤbergehe jezt den Strom von gespraͤchiger und freudiger Ergießung, vor dem sie kaum mehr hoͤrten und sahen, am wenigsten die Uhr — „ach sie kommen!“ sagte Fenk, naͤmlich die Gaͤ¬ ste. — Da meine Leser Verstand genug haben: so koͤnnen sie mich hoff' ich auserzaͤhlen lassen, eh' sie ihre Zornruthe gegen den bildlichen Steis des Doktors hinter dem Spiegel vorholen. — Niemand als er haßte so brennend das Enge; das Intolerante und Kleinstaͤdtsche der Unterschee¬ rauer, womit sie sich ein so kurzes Leben verkuͤrz¬ ten und ein so saueres versaͤuerten —, ‚mich eckelts von ihnen gelobt zu werden', sagt' er nicht bloß sondern er erboste auch gern mit dem schlimmsten Anstrich seiner reinsten Sitten alles von eimem Thore zum andern: indeß vermocht' er aus Her¬ zens Weichheit mehr nicht zu aͤrgern als die ganze Stadt in grosso, einen allein nie. Deswegen grassierte er am zweiten Morgen seiner Ankunft wie eine Influenza von einem Hause zum andern und bat alle Muhmen, Basen, Bluts feinde , Leute die ihn nichts angiengen als die liebe Chri¬ stenheit, z. B. den Floͤß-Inspector Peuschel, den Lotto-Direktor Eckert mit seinen vier Spaͤtbirnen, von Toͤchtern und was, nur Unterscheerauschen Athem hatte, das bat er saͤmmtlich zusammen auf den Nachmittag, auf eine Reiseseltenheit naͤmlich auf ein herbarium vivum , das er zeigen werde: „es sei kein lebendiges Kraͤuterbuch sondern etwas ganz besondres und von den Gletschern waͤr's meiste her.“ Diese kamen eben jezt alle — nicht weil sie das geringste nach einem Kraͤuterbuch fragten, son¬ dern weil sie es doch sehen wollten und die Haus¬ haltung des unbeweibten Doktors nebenbei. Ich muß den europaͤischen Hoͤfen so viel gestehen, daß sich die Landsmannschaft und Basenschaft mit Grazie hineinhustete, hineinfegte und raͤusperte; und den vier Spaͤtbirnen fehlt' es nicht an Welt sondern sie machten statt der Verbeugung eine Vertiefung und bewegten sich vertikal statt horizontal. Der Haus¬ wirth trug jezt zwei lange Kraͤuterfolianten herein und sagte freundlich, er wolle gern alles herwei¬ sen — nun zuͤndete er die Hoͤlle an; in die er die Gesellschaft warf — er kroch mit Raupenfuͤßen und Schneckenschleim von Blatt zu Blatt des Buches so wohl als des Krautes — er zeigte nichts ober¬ flaͤchlich — er gieng die Pistillen, die Stigmen, die Antheren eines jeden Gewaͤchses genau durch — er sagte, er wuͤrde sie ermuͤden, wenn er weit¬ laͤuftiger waͤre und beschrieb also Namen, Land, Naturgeschichte eines jeden Grases ganz kurz — — alle Gesichter brannten, alle Ruͤcken bruͤhten sich, alle Fußzehen zuckten — vergeblich versuchte eine Base dem blinden Amandus mit den Augen nach¬ zulaufen, um nur etwas Animalisches zu ersehen, der Botaniker befestigte sie an einen neuen Staub¬ beutel, den er gerade anprieß — schon bis an die Pentandria hatte er seinen Klub geschleift als er sagte: „ De r heutige Abend solt uns nahe um die dodecandr i a finden; aber Schweiß und Fleiß ko¬ stets“ — er wurde beim allgemeinen Jammer uͤber eine solchen Fegfeuer-Nachmittag, dergleichen noch kein Scheerauer erlebt hatte, immer vergnuͤgter und sagte, ihre Aufmerksamkeit feuer am meisten ihn an — gleichwohl ließen sich die botanischen Magistranden aus einem Blatte ins andere mar¬ tern und wolten verbindlich bleiben: — bis der Rittmeister, ob er gleich den Scherz errieth, teu¬ felstoll wurde und fortwollte. Der Dokor sagte „den zweiten Folianten muͤst' er ohnehin fuͤr eine andre Stunde versparen; aber er wuͤnschte, sie kaͤmen bald wieder, das soll' ihm erst ein Beweiß seyn, daß es ihnen heute gefallen.“ Der bloße Gedanke an den zweiten Torturfolianten — woge¬ gen der Theresianische Kodex mit seinen Folter- Projektionen nur ein Taschenkalender mit Monats¬ kupfern ist — fuͤhrte etwas von einem Fieberschau¬ er bei sich. So hatten sie also einen ganzen hal¬ ben Tag schaͤndlich ohne eine Verlaͤumdung, ohne eine Erzaͤhlung verloren, die haͤtte nach Haus koͤnnen mitgebracht oder von Haus mitgenommen werden. Die aͤltern Damen besuchten Konzerte und Baͤlle gewoͤhnlich nur, um zu sehen, nicht um gesehen zu werden und um darin physiognomi¬ sche Fragmente zur Befoͤrderung der Menschen¬ kenntniß , aber nicht der Menschenliebe auszuarbeiten — ja sie besuchten ihre erklaͤrten Feindinnen, um uͤber eine abwesende Feindin lo߬ zufallen, wie Woͤlfe einander fliehen außer wenn sie sich zum Tode eines andern Wolfs verbinden. Ich habe immer gern bemerkt, daß ein Paar Scheerauerinnen sich einander am herzlichsten und mit reiner Freundschaft bloß dann mittheilen, wenn sie gerade das geheimste Schlimme von einer drit¬ ten auszupacken haben: wenn zwei auf dem Ka¬ napee nicht mehr nebeneinander sitzen sondern sich die Gesichter statt der Huͤften zuwenden, so mag ich der nicht seyn, den sie gerade handhaben. Extrazeilen uͤber die Visitenbraͤune, die alle Scheerauerinnen befaͤllt beim Anblick einer fremden Dame. Maͤnnern schadet da der Anblick einer fremden Da¬ me wenig; bloß alle Friseurs und Barbiere kom¬ men spaͤter als sonst, auf dem Billard zeichnen die Quees oder die Tabackspfeifen ihre Gestallt in die Luft, und die Lehrer des loͤblichen Gymnasiums hoͤren gar nicht darauf — hingegen die Weiber! — Auf der Insel S . Hilda So gar Kinder im Mutterleibe. S. Allg. deutsche Bibl. B. 67. S. 138. geschieht, wenn ein Fremder da aus dem Schif aussteigt, ein Un¬ gluͤck, das noch kein Philosoph erklaͤren konnte — das ganze Land hustet seinetwegen. Alle Doͤrfer, alle Korporationen, alle Alter husten — kauft sich der Passagier etwas ein, so umhustet ihn der Naͤhrstand — unter dem Thor thuts der Wehrstand: und der Lehrstand hustet in seine Lehren hinein. Es hilft gar nichts, zum Arzt zu gehen — der bilt bilt selber aͤrger als seine Kunden und ist sein ei¬ gner Kunde. . . . In Unterscheerau ist das naͤmliche Ungluͤck aber groͤßer. Eine fremde Dame setze ihren netten Fuß in das Posthaus, in den Konzert- oder Tanzsaal, in irgend ein Visitenzimmer: sogleich sind alle Scheerauerinnen genoͤthigt zu husten und — was allzeit vom boͤsen Hals herkoͤmmt — leiser zu re¬ den — allen fliegt die Braͤune an, d. h. die angi¬ na vera . An den armen Damen erscheinten alle Zeichen der giftigsten Halsentzuͤndung, Hitze (da¬ her das Faͤchern) Schauer, Fieber, schweres Athem¬ holen, Phantasien , aufgeblaͤhte Nasenfluͤgel, steigender Busen. Kuͤhlende Mittel, Wasser, Entledigung der Luftroͤhren thun den Patien¬ tinnen noch die besten Dienste. Ist aber (welches der Himmel abkehre) die eintretende Fremde die schoͤnste — die bescheidenste — die reichste — die ge¬ ehrteste — die am meisten fetierte — die geschmack¬ volleste — so wird keine einzige Patientin im Kran¬ kensaale kuriert; ein solcher Engel ist ein wahrer Todesengel und man sollte am Thor gar keine Fremde von Verdienst einpassiren lassen. I Die Visitenbraͤune grassiert wie jede andre am meisten im Herbste und Winter unter den Win¬ terlustbarkeiten und Wintergaͤsten. — Die Vi¬ sitenbraͤune schreibt der Witz zwei Gruͤnden zu: erstlich den aͤußern Schaalverdiensten (innern nie) so glaubt auch Unzer , daß Schaalthiere auf den Hals am meisten wirken, daher z. B. Austern schweres Schlucken, kalzinierte Krebse gegen Was¬ serscheu, Dunst von Krebsen Stummheit, Skor¬ pion Zungenlaͤhmung wirken. — Der zweite Grund ist, daß Damen in einer Stadt wie auf einem Isolatorium wohnen und daß wenn eine Fremde, die mit ihnen sich nicht in Rapport gesetzt, die manipulierten Klairvoyanten beruͤhrt, oder nur in der Ferne von ihnen bleibt, diese lauter haͤßliche Empfindungen in allen Gliedern spuͤren. Ende der Extrazeilen. Beim Weggehen merkte Fenk im Vorbeigehen an: „die zwei Kinder haͤtten den Reisewagen zur Wiege gehabt — er sei Pestilenziarius und Medizi¬ nalrath geworden und kurire nur Weiber und ehe¬ liche mit der Zeit eines.“ Wenn die Unterscheerauer etwas, das suͤß, sauer und toll zugleich scheint, vorbekommen: so horchen sie erstlich auf — dann laͤcheln sie an — dann sinnen sie nach — dann sehen sie es nicht ein — dann muthmaßen sie drei Tage darnach nichts Gutes — und endlich werden sie daruͤber recht auf¬ gebracht. Fenk fragte nichts darnach und sagte von Zeit zu Zeit etwas, was sie nicht verstanden oder er selber nicht. Er erklaͤrte alsdann dem Rittmeister, und ich dem Leser, alles. Die aufgeklebten Kraͤuter, sagt' er, hielten jezt alle Basen, und Tropfen und Visitenameisen von seiner Stube ab, wie um¬ zaͤunender Hanf die Raupen vom Krautfeld. — — Seine Reisegeschichte und ein Paar Raͤthsel daraus zeig' er nur halb, weil man sich fuͤr die Menschen am meisten interessire, an denen man noch etwas zu errathen suche und die neugierigen Patientinnen wuͤrden die seinigen seyn. — Ob er verheirathet sei, wiss' er selber nicht; und andere solltens auch nicht wissen, weil man ihn in alle Haͤuser, wo ein Waarenlaager von Toͤchtern steht, als Arzt hineinrufen wuͤrde, damit er als Braͤutigam wie¬ der herausgehe. — — Endlich nehm' er nur weibliche Patienten an, weil das die haͤufigsten waͤren; weil man zu ihm fuͤr diese ausschließende J 2 Praxis ein besonderes Zutrauen fassen wuͤrde; weil dieses Zutrauen das ganze Dispensatorium eines Weiberdoktors sei; weil die meisten Krankheiten der Weiber bloß in schwachen Nerven und deren ganze Kur in Enthaltung von — Arzeneien bestaͤnde; weil Apotheken nur fuͤr Maͤnner, nicht fuͤr Weiber waͤren und weil er sie eben so gern anbetete als kurierte. Ein anderer Punkt war der, wienach er so geschwind nach Scheerau und so geschwind zum Medizinalrath gekommen. Es ist so: der Erb¬ prinz der jezt auf dem hohen Thronkutscher¬ sitz mit dem Staatswagen zum Teufel fahren wird, liebt niemand; auf seiner Reise spottete er uͤber seine Maitressen; seine Freundschaft ist nur ein geringe¬ rer Grad von Haß, seine Gleichguͤltigkeit ist ein groͤs¬ serer; den groͤsten aber, der ihn wie Sodbrennen beißet, hegt er gegen seinen unehelichen Bruder, den Kapitain von Ottomar , Fenks Freund, der in Rom in der schoͤnsten natuͤrlichen Natur so¬ wohl als artistischen geblieben war, um im Ge ¬ nuß und Nachahmen der roͤmischen Gegenden und Antiken zu schwelgen. Ottomar ist ein Ge¬ nie im guten Sinne und im boͤsen auch. Er und der Erbprinz ertrugen einander kaum in Vorzimmern und waren dem’ Duelle oft nahe. Nun hasset der Scheerauische Großfuͤrst auch den armen Fenk, erst¬ lich weil der ein Freund seines Feindes ist, zweitens weil er dem dritten Bruder des Erbregenten einmal das Leben und mithin die Apanagengelder wieder gab, drittens weil der Fuͤrst weit weniger (oder gar keine) Gruͤnde brauchte um jemand zu hassen als um zu lieben. — Nun waͤre der Doktor schon unter der vorigen Regierung, deren Magen uns entgegen fuhr, gern Medizinalrath geworden; unter der kuͤnftigen Re¬ gierung, deren Magen sich noch in Italien fuͤllte, war wenig zu machen. Der Doktor suchte also sein Gluͤck noch ein paar Wochen vor der neuen Kroͤnung festzupflanzen. Er fand den alten Minister noch, der sein Goͤnner war und dessen Goͤnner der Erbprinz aus dem Grunde wenig war, aus welchem Erbprin¬ zen gewoͤhnlich glauben, daß sie die Kreaturen des verstorbenen Vaters eben so wohl, nur delikater und langsamer unter die Erde bringen muͤssen als wilde Voͤlker, die auf den Scheiterhaufen des Koͤnigs auch seine Lieblinge und Diener legen. Als Fenk kam: machte ihn der verstorbene Regent zu allem was er werden wollte; denn es war so: Da der seelige Landesvater ein Landeskind im physiologischen Sinne geworden war, d. h. so alt als er war, da man ihm das erste Ordensband statt ei¬ nes Laufbandes umflocht, naͤmlich 6½ Jahr: so wur¬ de dem Fuͤrsten das ewige Unterschreiben seiner Kabi¬ netsdekrete viel zu sauer und zuletzt unmoͤglich — da er indessen doch noch regieren konnte, als er nicht mehr schreiben konnte: so stach der Hofpettschierste¬ cher seinen dekretirenden Namen so gut in Stein aus, daß er den Stempel bloß einzutunken und naß unters Edikt zu stoßen brauchte: so hatt' er sein Edikt. So regierte er um 15 Prozent leichter — der Minister um 100 Prozent. Denn der muß doch Mit¬ tel gefunden haben, ein Pettschaft, das er Michel Angelo's seinem vorzog, einzutunken, weil der alte Herr ein Paar Tage nach seinem eignen Tode verschiedene Vokationen und Reskripte unterschrieben hatte — dieser Poussiergriffel und Praͤgstock der Menschen war der Legestachel und Vater der besten Regierungsbeamten und laichte zuletzt den Pesti¬ lenziarius Extragedanken uͤber Regentendaumen. N icht die Krone sondern das Dintenfaß druͤckt Fuͤr¬ sten, . Großmeister und Kommenthuren; nicht den Szepter sondern die Feder fuͤhren sie mit so viel Be¬ schwerde, weil sie mit jenem bloß befehlen aber mit dieser das Befohlne unterschreiben muͤssen. Ein Ka¬ binetsrath wuͤrde sich nicht wundern, wenn ein ge¬ quaͤlter gekroͤnter Skribent sich wie roͤmische Rekru¬ ten den Daumen amputierte, um nur vom ewigen Namen Malen, wie diese vom Kriege loßzukommen. Aber die regierenden und schreibenden Haͤupter be¬ halten den Daumen; sie sehen ein, daß das Landes¬ wohl ihr Eintunken begehrt, — das wenige Unleser¬ liche auf Kabinetsordern, was man ihren Namen nennt, macht wie eine Zauberformel Geldkaͤsten, Her¬ zen, Thore, Kauflaͤden, Haͤfen auf und zu; der schwarze Tropfe ihrer Feder duͤnget und treibet oder zerbaizet ganze Fluren. Der Professor Hoppedizel hatte, da er erster Lehrer der Moral beim Schee¬ rauischen Infanten war, einen guten Gedanken, aber erst im letzten Monat: koͤnnte der Oberhofmei¬ ster nicht dem Unterhofmeister befehlen, daß er den Kronabcschuͤtzen, der doch einmal schreiben lernen muͤste, statt unnuͤtzer Lehnbriefe lieber mitten auf jedem leeren Bogen seinen Namen schmieren ließe? — das Kind schriebe ohne Eckel seine Unterschrift auf so viele Bogen als es in seiner ganzen Regierung nur beduͤrfe — die Bogen legte man bis zur Kroͤ¬ nung des Kindes zuruͤck — und dann, fuhr er fort, wenn es genau uͤberschlagen waͤre, wie oft ein Kol¬ legium seinen Namenszug jaͤhrlich haben muͤste, wenn folglich am Neujahrstag die noͤthig Zahl sig¬ nirter Ries Papier zum Gebrauche aufs ganze Jahr den Kollegien zugetheilt wuͤrde: was haͤtte nachher das Kind unter seiner Regierung fuͤr Noth? Ende der Extragedanken. Noch ein Wort: nach 9 Wochen that dem Dok¬ tor die Rache mit dem Kraͤuterbuche, wie jedem gu¬ ten Menschen die kleinste, wieder wehe. „Das Her¬ barium, sagte er, aͤrgert mich, so oft ich hineinklebe; aber es ist gewiß wahr, ein Mann sei immerhin durch alle Residenzstaͤdte bescheiden passiert; unter dem Thor seiner Vaterstadt faͤhrt der Hochmuthsteufel in ihn und macht mit ihm die ersten Visiten — seine gu¬ ten Landsleute, will er haben, sollen waͤhrend seiner Reise vernuͤnftig geworden seyn.“ Eilfter Sektor. Amandus Augen — das Blindekuhspiel. D ie Sympathie, die Erwachsene in der ersten Viertelstunde ablaktirt , fuͤgt auch oft Kinder an einander. Unser Paar lief einander taͤglich uͤber 40mal in die Arme und herzte sich. Ihr guten Kinder! seid froh, daß ihr eure Liebe noch staͤrker ausdruͤcken duͤrfet als durch Briefe. Denn die Kul¬ tur schneidet dem Ausdruck der Liebe das Gebiet des Koͤrpers immer kleiner vor — diese hagere Gouver¬ nante nahm uns erstlich den ganzen Koͤrper dessen weg, den wir lieben — dann die Hand, die wir nicht mehr druͤcken duͤrfen — dann die Knoͤpfe und die Achseln, die wir nicht mehr beruͤhren duͤrfen — und von einer ganzen Frau gab sie uns nichts zum Kuͤssen zuruͤck als (wie ein Gewoͤlle ) den Hand¬ schuh: — wir manipuliren einander jetzt alle von ferne. — Amandus hieng mit seinem mehr weibli¬ chen Herzen an Gustavs mehr maͤnnlichem mit al¬ ler der Liebe, die der Schwaͤchere dem Staͤrkern reichlicher giebt als er sie ihm abgewinnt. Daher liebt die Frau den Mann reiner; sie liebt in ihm den gegenwaͤrtigen Gegenstand ihres Herzens, er in ihr oͤfter das Gebilde seiner Phantasie; daher sein Wanken koͤmmt. Dieses Vorredchen soll nur eine Anfurth zu einer kleinen Schlaͤgerei zwi¬ schen unserem kleinen Kastor und Pollux seyn. Sie waren naͤmlich ungern so lange aus einan¬ ber als die Augen auf- und zugebunden wurden. So oft der Verband wegkam, stellte sich Gustav vor ihn und verlangte durchaus, er sollte ihn sehen und that seinen Finger sich an die Nase und sagte: „wo tipp' ich jetzt hin?“ aber er examinirte den Blinden nicht sehend. Nach einer woͤchentlichen Ab¬ wesenheit fuhr Amandus auf ihn zu: „schieb mein „Band auf, sagte er, ich kann dich gewiß auch se¬ „hen wie meinen Katzenheinz;“ da Gustav es auf¬ geluͤftet hatte und da er wirklich in das Auge des operirten Freundes eingieng ganz wie er war, mit allem, mit Rock, Schuhen und Struͤmpfen: so war er froher als ein Patriot, dessen Fuͤrst die Au¬ gen oder den Verband aufmacht und ihn sieht. Er inventirte sein ganzes Bilderkabinet vor seinen Au¬ gen mit einem ewigen „Guck!“ bei jedem Stuͤck. Aber weiter! Die Welt wird wenig davon wissen — die kleinen Partikelchen derselben ausgenommen, die Kinder, von denen eben ich reden will, — daß diese bei Hoppedizel Blindekuh gespielet. Ein fata¬ les Spiel! wenn Maͤdchen dabei sind wie hier war, zumal so schlimme wie des Professors seine! Aman¬ dus ließ sich in das Spiel ein und rannte hinter seinem Schnupftuch, das weibliche Pfiffigkeit uͤber seine Augen gefaltet hatte, im Zimmer umher, nichts fangend als entkoͤrperte Kleider. Zum Un¬ gluͤck stiessen die Maͤdchen unter dem Ofen, worun¬ ter sie gegen alle gute Spielordnung geschlichen wa¬ ren, auf die volle Milchschuͤssel des Spitzhundes. Da sie nun damals zu wenige Moralphilosophen ge¬ lesen obgleich genug gesehen hatten: so schoben sie, aus Mangel an reiner praktischer Vernunft, die Schuͤssel so weit leise vor, daß der greifende Haͤ¬ scher ohne Muͤhe hineintrampelte und druͤberschlug. Gustav mußte als Kind ein wenig lachen. Auf ihn schoben es die Inkulpatinnen und riefen: „o du! „wenn nun Amandus ein Ungluͤck genommen haͤt¬ „te!“ Er riß sich von den nassen Scherben auf und puffte dem Gustav, der ihn troͤstend bei den Haͤnden faßte, ein wenig hinten ans Schulterblatt, da, wo nach den Kompendien der Milchsaft mit dem Blut zusammenrinnt. „Ich hab's doch nicht „hingestellt“ sagt' er — „ja ja! und hast mir nichts „gesagt“ versetzte der Blinde und stieß ihn wieder, aber heftiger und doch weniger zornig — „schlag „immer, ich hab' dir nichts gethan“ und die Stim¬ me brach meinem guten Helden — jener schlug wieder nach und sagte: „ich bin dir auch gar nim¬ „mer gut,“ aber so, als wuͤrd' er sogleich zu wei¬ nen anfangen, — „ach du hast dir gewiß was nein¬ „gefallen“ fragte Gustav mit der mitleidigsten Stimme — mitten im Versuch zu einem neuen Stoße glitt die duͤnne Eisrinde vom erwaͤrmten Her¬ zen Amandus herunter, er umfaßte den Unschuldi¬ gen und sagte unter hellen Zaͤhren: „du hast's ja nicht gethan und ich geb' dir all' meine Spielwaa¬ re: schlag mich doch recht“ und schlug sich selbst. — — Blos die Empfindung der Liebe kaͤmpft mit solchen bittersuͤßen Sonderbarkeiten: Amandus ge¬ stand oft, noch jetzt wandle ihn, wenn er einen Unrecht gethan, mitten in seiner Kraͤnkung daruͤ¬ ber die Neigung an, fort zu beleidigen, um sich selber so weit fort zu kraͤnken, daß er endlich vor Schmerz sich mit der heissesten Liebe ans versehrte fremde Herz werfen muͤßte. Aber o lieber Aman¬ dus! wenn gerade ein Paͤdagog in Gestalt einer Moral die Thuͤr aufgemacht haͤtte! — Man muß niemals glauben, als wollt' ich hier persoͤnlichen Groll an saͤmtliche Hofmeister auslas¬ sen: denn erstlich hatt' ich gar niemals einen Hof¬ meister, zweitens war ich selber einer und ein rechter. Zwoͤlfter Sektor. Konzert — der Held bekommt einen Hofmeister von Ton. I ch habe mich in einen neuen Sektor begeben, weil ich darin dem Leser eine neue Person zu praͤ¬ sentiren habe — den Hofmeister meines Helden. Ich brauche keinen Menschen daran zu erin¬ nern, daß der Rittmeister ein so naͤrrisches bald zu gefuͤgiges bald zu sproͤdes moralisirendes muthloses Ding als ein Informator ist in Scheerau suchte, damit sein Kind zu gleicher Zeit mit dem Lande ei¬ nen Regenten bekaͤme. Nun hatt' er eine Pathe da, welche advozirte, musizirte, badinirte, lorgnir¬ te und Welt hatte; aber er hatte nicht den Muth, ihr in einem Paͤdagogium, dessen Schuljugend auf einem Mann belief, die Lehrstelle anzutragen. Ich will es nur heraussagen, daß ich selber diese Pathe und diese neue Person bin; aber es wird meiner Bescheidenheit mehr zu statten kommen, wenn ich mich in einem Sektor, wo ich soviel zu meinem Lo¬ be vorbringen muß, aus der ersten Person in die drit¬ te umsetze und statt ich blos sage Pathe. Diese Pathe blies im Unterscheerauer-Konzert, um mit der Floͤte in die Sphaͤrenstimme eines sehr jungen Fraͤuleins von Roͤper zu spielen, dessen Keh¬ le sich oft kaum von der Floͤte scheiden ließ. Die ganze Seele dieses Maͤdgens ist ein Nachtigallton unter Bluͤtenuͤberhang; der Leib desselben ist eine fallende himmelreine Schneeflocke, die nur im Aether dauert und auf dem Koth des Bodens zerlaͤuft. Dem Floͤtenisten fiel waͤhrend den Pausen ein schoͤnes in phantasirende Aufmerksamkeit verlornes Kind in die Augen und auf das Herz: Gustav wars. Der erste Blick nach dem Akkompagnement war auf die Nach¬ barschaft des Kindes, um den Eigner desselben zu finden — der erste Schritt, den die Pathe that, war zur andern Pathe, zum Rittmeister, dessen Freundschaft mit mir bekannt genug ist. Das maͤnn¬ liche Geschlecht ist gluͤcklicher und neidloser als das weibliche, weil jenes im Stande ist, zweierlei Schoͤnheiten mit ganzer Seele zu fassen, maͤnnliche und weibliche; hingegen die Weiber lieben nur die eines fremden Geschlechts. Ich hab' aber vielleicht zu viel Enthusiasmus fuͤr die erhabne maͤnnliche Schoͤnheit, so wie fuͤr poetische Schwaͤrmerei, un¬ geachtet ich wenigstens die letztere selber nicht habe. Aus Gustav wirkte die doppelte Zauberei auf mich, ich vergaß alle Zauberinnen des Konzerts uͤber den Zauberer; aber ich ward am Ende traurig, daß ich dem Schoͤnen mehr Blicke als Worte abzuschmei¬ cheln vermochte. Auf das Konzert gab' ich gleich an¬ dern Zuhoͤrern ohnehin nur so lange Acht als ich selbst ein Mitarbeiter war oder als eine meiner Schuͤlerin¬ nen svielte : denn die Scheerauer Konzerte sind blos in Musik gesetzte Stadtgespraͤche und prosaische Me¬ lodramen, worin die Sesselreden der Zuhoͤrer wie ge¬ druckter Text unter der Komposition hinspringen. Uebrigens subskribiren wir auf unsere Konzerte mehr unserer Kinder als unserer selber wegen: die musika¬ lische Schuljugend bekoͤmmt darin einen Tanz- und Tummelplatz ihrer Finger und von meinen artisti¬ schen Katechumenen kantschuet woͤchentlich wenigstens einer den Fluͤgel. Ich frische die Eltern dazu an und sage, in einem solchen Konzertsaal lernen die Klei¬ nen Takt, weil da nicht nur genug sondern auch uͤberfluͤßig Takt ist, indem jeder dasige Musikoffiziant seinen eignen originellen pfeift, hackt, streicht, stampft, den erstlich kein anderer neben ihm pfeift, hackt, streicht, stampft und den er zweitens selber von Minute zu Minute umbessert. „Und wenn auch das das nicht waͤre, sag' ich, so ist doch da wahrer musikalischer Ausdruck im Ueberfluß: jeder druͤckt darin seine Empfindungen, die der Verlegenheit, des Erstarrens auf seinem Instrumente aus; und Bachs Regel, Dissonanzen stark und Konsonan¬ zen schwach vorzutragen, weiß in einem Saale je¬ der, wo die Konsonanzen so sanft eingeschmolzen werden, daß man keinen hoͤrt und nur die Disso¬ nanzen zu vernehmen meint. Am andern Morgen flog ich unfrisirt zum Ritt¬ meister und — da ich den guten Kleinen um keinen niedern Preiß erhalten konnte — brachte ihn ganz ans erste Ziel seiner Reise hinan, naͤmlich das, einen Hofmeister mitzubekommen. Man muß nicht den¬ ken, daß ich Informator geworden, um Biograph zu werden, d. h. um pfiffiger Weise in meinen Gu¬ stav alles hinein zu erziehen was ich aus ihm wie¬ der ins Buch herauszuschreiben trachtete: denn ich brauchte es erstlich ja nur wie ein Romanen-Ma¬ nufakturist mir blos zu ersinnen und andern vorzu¬ luͤgen; aber zweitens damals wurde an keine Bio¬ graphie gar nicht gedacht. Mir ist weit weniger daran gelegen, meine Scheerauischen Verhaͤltnisse bekannt zu sehen, als K der Welt: denn ich kenne sie schon, aber die Welt nicht. Ich formirte eine Dreieinigkeit von Perso¬ nen da: ich war Klaviermeister, Rechtskonsulent und Weltmann. Drei naͤrrische Rollen! — Ich stu¬ dirte in der Stadt, die sonst die groͤßten Juri¬ sten und jetzt die kleinsten Hunde liefert, in Bo¬ logna, zwei ganz entgegengesetzte Speditionen, wie Paris sonst die Universitaͤt aller europaͤischen Theologen war, jetzt der Philosophen . In Paris war ich auch, haͤtte auch da ein geschickter Parlementsadvokat werden koͤnnen; ich wollt' aber nicht und nahm nichts daraus mit (so wie aus Bo¬ logna und aus einigen deutschen Reichsstaͤdten) als die schwarze juristische Kleidung, die ihren Grund hat: denn da unsere Klienten uns ernaͤhren und bezahlen und mehr Recht und Noth als Geld be¬ halten: so trauern wir Patronen um sie schwarz; hingegen bei den Roͤmern legten die Klienten, die mehr bekamen als gaben, fuͤr den Patro¬ nus, wenn es ihm schlimm ergieng, Trauerkleider an. Zweitens war ich Klaviermeister, aber vielleicht kein gesetzter: denn ich verliebte mich im ersten Quartal in alle meine Schuͤlerinnen (fuͤr Schuͤler dankte ich) und richtete mich nach meinen Stun¬ den mit meinem Herzen. Ich hegte wahre Zaͤrt ¬ lichkeit, erstlich gegen eine Dame von Rang, die ich nie kompromittiren werde — zweitens gegen ih¬ re Schwester eine Aebtissin, weil sie Generalbaß bei mir lernte — drittens gegen *** — viertens gegen die Hofkaplanin, die zwar hektisch aber ge¬ schmackvoll ist und die eher zu viel als zu wenig Zierrathen an (nicht auf) dem Klaviere liebte und es auf das schoͤnste fournirte, uͤberzog, und auf¬ stellte — fuͤnftens in die Residentin von Vouse, die gar nicht einmal die Sache weiß und an deren Huͤften und Reizen ich ordentlich vor Bewunderung dumm wurde, bis ich zum Gluͤck ihre allgemeine Koketterie und ihre Untreue gegen ihren Inkogni¬ to-Liebhaber verspuͤrte — sechstens in den ganzen Scheerauer Hof, wo ich nach dem Recht der tod ¬ ten Hand den Empfang einer lebendigen Hand, die eine Schuͤlerin der meinigen werden wollte, fuͤr eine Investitur zum ganzen Herzen und Vermoͤgen ansah — siebentens sogar in ein wahres Kind, in Beata (die obgedachte Tochter von Roͤper ) fuͤr die ich alle Wochen einmal bei schlechtem Wetter und eben so schlechtem Honorar aufs Land lief und K 2 bei der an gar nichts anders zu denken war als an Liebe — kurz in alles, in Laubknospen, Bluͤtknos¬ pen, Bluͤten und Fruͤchte verschiesset sich ein Mensch, der ein Klaviermeister ist. Nun koͤmmt der Weltmann. Ich kann mich zwar meinen Lesern (wovon ich mir die Volksmen¬ ge und richtigere Tabellen wuͤnschte) nicht persoͤn¬ lich zeigen; aber die Scheerauer, denen dieses Blatt vorkoͤmmt, werden hier aufgefordert, ihre Ge¬ danken zu sagen und abzuurtheln, ob ein Mann, der der großen Welt taͤglich drei Klavierstunden giebt, mehr ihr Lehrer als ihr Schuͤler ist. An¬ stand, Gang, geschmackvoller Anzug, Attituͤden, perpendikulare, horizontale und Diagonale sind zwar nicht die gefoderten Vorzuͤge des Autors, ob¬ wohl des feinen Gesellschafters; und koͤnnen nicht gedruckt werden; aber ich verfechte nur so viel, blos an einem Hofe lernt man's, zumal bei eini¬ gem Einfluß und wenn man mitspielt, es sei am l'Hombretisch oder am Klaviertisch Ich meine ein in die Gestalt eines Tisches verstecktes Kla¬ vier. , der wie man¬ che Brust am Hofe, unter der stummen Holzplat¬ te ein holdes Saitenspiel verbirgt. Wenn man frei¬ lich wieder in seinem Museum auf und abgeht, un¬ ter großen Buͤchern und großen Maͤnnern, beglei¬ tet von der ganzen republikanischen Vergangenheit, emporgerichtet zur tiefen Perspektive der unendli¬ chen Welt hinter dem Grabe: so verachtet selber der Inhaber seine Konchylien-Vorzuͤge; er fragt sich, giebt es nichts bessers als uͤber seinen Koͤrper (statt uͤber Leidenschaften) Herr zu seyn und ihn so leicht zu tragen wie nach den drei ersten Glaͤsern Champagner — seinen Ton in den allgemeinen Ton hineinzustimmen, weil an Hoͤfen und Klavieren keine Taste uͤber die andre hinausklingen darf — auf dem duͤnnen schaukelnden Brette der weiblichen Launen so fliegend wegzueilen, daß unsere Tritte die Schwankungen blos begleiten — schoͤn zu tan¬ zen und zu gehen so weit es mit Einem langen Bein thulich ist (denn freilich wenn ein Klaviermei¬ ster mit einem Miniatuͤrbein zu kaͤmpfen hat: so mag der Henker auf beiden so zierlich aufstehen wie der Prinz von Artois) — kurz allen Verstand zu Narrheit zu sublimiren, alle Wahrheiten zu Ein¬ faͤllen, alle Kraftgefuͤhle zu pantomimischen Nach¬ aͤffungen? — — Nichts bessers, fragt der Laͤufer im Museo, giebts? — Etwas viel bessers giebts: ein Informa¬ tor zu werden in Auenthal bei so einem Himmels- Kinde wie Gustav ist und den ganzen Spuk druk¬ ken zu lassen. — Dreizehnter Sektor . Landestrauer der Spitzbuben — Scheerauer Fürst — fürstliche Schuld. D er Kronprinz, auf dessen Zahlen der Rittmei¬ ster wartete, war noch auf der Chaussee, von der er auf den Thron wie auf einen Thurm hinauffuhr. Drei arme Spitzbuben hielten ihren Einzug noch fruͤ¬ her als er. Es kann erzaͤhlet werden: Seit dem Tode des Hoͤchstseligen — der Pabst ist der Allerseligste — wurde eine Kirche um die andre im Scheerautschen nicht ausgestohlen sondern ausgekleidet; die Kir¬ chendiebe schaͤlten blos das Landtrauertuch, das unsere Kanzeln und Altaͤre anhatten, wieder ab. Die Kirchner und Kantores fanden alle Morgen skalpir¬ te H. Staͤten und die Pfarrer mußten darin ste¬ hen, in dem Fruͤhgottesdienst. Nun hatte neu¬ lich der Geldgreifgeier Roͤper in der Maussenbacher Kirche Altar und Kanzel am Bustage mit einem Frack von schwarzem Tuch — buntes war ihm nicht heilig und wohlfeil genug — uͤbersohlen lassen. Die¬ se schwarze Emballage blieb daran als Landtrauer. Der alte Roͤper hatte mithin wenig Schlaf mehr, weil er besorgte, die Kirchen Greifgeier zoͤgen dem Maussenbacher Altar das Ehrenkleid aus und naͤh¬ men den mit silbernen und seidnen Lettern aufs Tuch genaͤhten Schuldschein mit, der besagt, wer's hergeschenkt. Sein Justitiarius Kolb , dem ein Diebsfang Zobelfang und Perlenfischerei ist, um¬ gab daher die Kirche mit allerlei Falkenaugen; es waͤre aber nichts gewesen, wenn nicht der Falken¬ bergische Bediente Robisch am Sonntage Abends sobald die Kirche zugeschlossen war, zum Schulmei¬ ster gesagt haͤtte, „er solle sie so lassen, er haͤtte die Kirchleute gezaͤhlet und drei waͤren nicht mit heraus.“ Kurz man blockirte den Tempel bis Nachts und — zog gluͤcklicher Weise drei versteckte Tuchkorsaren aus dem Andachtsorte heraus. Am Morgen erstaunt alles, die drei Kirchgaͤnger fahren auf einen Leiterwagen zum Scheerauer Thor hin¬ ein und haben saͤmtlich schwarze Roͤcke und Un¬ terkleider an — Abends sind sie verschwunden. Fuͤr den Hof (wenn er uicht noch geschlafen haͤtte) war's ein haͤßlicher Prospekt, daß eine Raͤuberbande so gut wie er Hoftrauer angelegt und sich deswegen die Trauergarderobe aus Kirchen gestohlen hatte. „Henken sollte man dich, sagte der Rittmeister zu seinem Kerl — arme Diebe ins Ungluͤck zu brin¬ gen, die keinem Menschen etwas nehmen sondern nur Kirchen.“ — „Aber fuͤr solche Schuften (sagt' ich) gehoͤrt doch auch keine Hoftrauer, des Auf¬ wands wegen. Warum darf man uͤberhaupt nicht seinen leiblichen Vater, aber wohl den Landesvater betrauern? — Oder warum verstattet die Kammer den Landeskindern noch das Weinen, da doch das die Thraͤnendruͤsen des Staats erschoͤpft und da die Thraͤnen noch steuerfrei sind?“ — „Sie greifen zu weit, sagte der Rittmeister; gerade so wie bisher muß die zeitige Regierung bleiben, wenn sie sich von allen vorigen durch die Sorgfalt auszeichnen soll, womit sie uͤber unsern Flor, uͤber alle unsere Pfennige und Pulsschlaͤge wacht.“ „Die Negermarketender (sagte der Doktor, aber unpassend genug) wachen noch mehr; einen Skla¬ venhandelsmann kuͤmmert die Unpaͤßlichkeit seines solchen Stuͤck — Menschen oder Sklaven mehr als seine Frau ihre. Sogar Motion und Tanz soll sein menschlicher Viehstand haben und er pruͤgelt ihn dazu.“ „Ackerbau (fuhr er fort,) Handel, Fabriken Volksreichthum und Volkswohlleben sogar, kurz die Koͤrper der Unterthanen kann der schlimmste Despot erheben und naͤhren — aber fuͤr ihre See¬ len kann er nichts thun, ohne alles wider seine zu thun,“ Ich bin oft auf den Gedanken gefallen, ob nicht die Trauerordnungen oder Abordnungen ha¬ ben wollen, daß der pfiffige und traurige Staats¬ buͤrger die Erlaubniß der Landtrauer benuͤtze und seine Haustrauer mit ihr zusammenwerfe? Koͤnnt' er nicht seinen Partialkummer uͤber die Sterblich¬ keit seiner Tanten, seiner Vettern, aufheben bis ein universaler einfiele, und so, wenn das Land den Kondolenzflor um Arm und Degen gewickelt haͤtte, alles in Pausch und Bogen wegtrauern und sich hinter dem naͤmlichen Flor uͤber eine Landsmutter und eine Stiefmutter betruͤben? Hoͤ¬ fen waͤrs leicht. Ja koͤnnten diese nicht in der Landestrauer ihre Sipschaft gar voraus betrauern? koͤnnte man uͤberhaupt nicht die ganze Narrheit bleiben lassen? — Mein neuer Landesherr stieg endlich aus dem Reisewagen auf den Thron und verwechselte den Kutschenhimmel mit dem Thronhimmel. Der Ritt¬ meister hielt vor der Kroͤnung eine Supplik bereit, worin er so trotzig wie ein Sattler sein Geld ver¬ langte; nach der Kroͤnung hatte der Fuͤrst wie ein Demant so viel Feuerglanz aus seiner Krone und seinem Szepter eingeschluckt, daß sein Glaͤubiger vom Gerichtshalter ein neues Memoriale machen ließ und bloß um die Interessen anhielt. Da er nichts bekam, nicht einmal eine Resolution: so wollt' er mehr fordern. Denn er bedachte nicht, daß unsere regierende Brodtherrn in Scheerau sel¬ ten Geld haben. Wenn wir außerordentliche Ge¬ sandschaften bekommen oder senden, wenn wir tau¬ fen oder begraben lassen, der Kriege gar nicht zu erwaͤhnen: so haben wir wenig oder nichts als — Extrasteuern, diese metallischen Stuͤtzen und Klam¬ mern des muͤrben Thrones. In dem Kammerbeu¬ lel deuten wir wie in der Heraldik das Silber durch leeren Raum an. Aber dem Schuldner und Glaͤubiger war bald geholfen. Letzterer der Rittmeister, marschierte als Zizerone mit seinem Gustav durch das Kadetten¬ haus und zeigte ihm alles, um ihm alles zu lo¬ ben, weil er mit seinem Kopf einmal in einen Ringkragen hinein sollte — als der junge Fuͤrst auch ankam und auch alle Gemaͤcher besah, nicht um alles wieder auf dem naͤchsten Sattel zu ver¬ gessen sondern um gar nichts zu bemerken. Es that mir leid — denn ich war auch mitgekommen — daß ieder Professor sich darauf verließ, der Re¬ gent zaͤhle wenn nicht jedes Haar auf seinem Haupte, doch jede Locke an seiner Peruͤcke: denn er wurde nicht einmal meiner und meines Anstan¬ des ansichtig; aber ganz natuͤrlich, da ihm ein solcher Anstand in den feinsten Saͤlen aller Laͤnder schon etwas Altes geworden war. Er trug — denn wie lang' war er vom Reisen heim? — den Fuͤr¬ stenhut mit der Ungezwungenheit eines Damenhu¬ tes; keine lange Regierung hatte noch die Krone finster hereingedruͤckt und die geraden Menschen brachen sich in den Medien, Feuchtigkeiten und Haͤuten seines Auges noch nicht zu krummen Baugefangnen. Seine Worte bot er mit der Frei¬ gebigkeit eines Weltmanns noch wie Schnupftaback herum. Endlich erhielt auch Falkenberg eine Prise. Ich sehe meine zwei Prinzipale noch gegen einan¬ der stehen — meinen adelichen und verborgenden Prinzipal mit dem festen, aber subordinirten An¬ stande eines Soldaten, in Embonpoint und auf¬ quellende Muskeln gedruͤckt, und mit dem leicht¬ glaͤubigen Wohlwollen, das gutmuͤthige Menschen fuͤr jeden hegen, der gerade mit ihnen spricht — den gekroͤnten und insolventen Prinzipal aber mit dem mahlerischen Anstand, worin jedes Glied sich in den andern hinein verbeugt und worin selbst die Stellung eine fortdauernde Schmeichelei ist, mit einem vielblaͤtterigen Faltenwurf im lahmge¬ spannten Gesicht, mit einer Gefaͤlligkeit die weder verweigert noch haͤlt. Meine Pathe sah die allge¬ meine Gefaͤlligkeit des Krontraͤgers fuͤr eine aus¬ schließende gegen sich an; sie dachte, er thue sei¬ ne Fragen, um eine Antwort zu haben; und als vollends mein gnaͤdigster Fuͤrst und Landesherr ge¬ aͤußert hatten, „Der kleine Gustav sei hier an seiner Stelle, er interessire durch sein air de reveur staͤrker als man sich selber die Rechenschaft zu ge¬ ben wisse, und man wuͤrde ihn, sobald er fuͤr diese Zimmer groß genug waͤre, dem Vater mit 13000 Rthlr Handgeld abkaufen:“ so war der Rittmei¬ ster außer sich, oder vielmehr aus seiner Bitte; seine Suppliken wurden Dankadressen; sein Wunsch war, daß ich schon 8 Jahre Hofmeister bei ihm gewesen waͤre: seine Hofnung war, das Geld kaͤme nach; und der wahre Vortheil war, daß der Sohn ins beste deutsche Kadettenhaus kaͤme. Man thut mir keinen Gefallen, wenn man ihn auslacht. Freilich schwur er auf seinem Schlos¬ se, „Hofleuten traue er keine Hand breit und die ganze Nation stink' ihn an;“ hingegen solchen Hof¬ leuten, mit denen er gerade zu thun hatte, traut' er mehr — allein militairische Unwissenheit der Rechte ist bei ihm an vielen Schuld: wie soll er als Soldat wissen, daß ein Fuͤrst zu keiner Bezah¬ lung verbunden ist? — vielleicht ists nicht einmal allen Lesern so bekannt als sie vorgeben werden. Ein Regent braucht aus drei Gruͤnden nicht einen Hel¬ ler zu bezahlen, den er seinen Landeskindern ab¬ geliehen (thats sein Herr Vater: so weiß mans so) Erstlich: ein Gesandter, er sei vom ersten oder dritten Rang, stieße die aͤltesten Publizisten vor den Kopf, wenn er seine Schulden abtruͤge; nun kann er, der ja der bloße Repraͤsentant und die abgedruͤckte Schwefelpaste des Regenten ist, un¬ moͤglich Rechte haben, die dem Original abgehen, folglich ꝛc. Zweitens: der Fuͤrst ist — oder wir duͤrfen unsern akademischen Nachmittagsstunden kein Wort mehr glauben — der wahre summari¬ sche Inbegrif und Repraͤsentant des Staates (wie wieder der Envoyé ein Repraͤsentant des Repraͤsen¬ tanten ist oder ein tragbarer Staat im Klei¬ nen) und stellet folglich jedes Staatsglied, das ihm einen Kreuzer leihet, so vor als wenn ers selber waͤre; mithin leihet er sich im Grunde selbst, wenn ein solches zu seinem repraͤsentirenden Ich ge¬ hoͤriges Glied ihm leihet. Gut! man gestehts; aber dann gestehe man auch, daß ein Fuͤrst sich so laͤ¬ cherlich machen wuͤrde wenn er seinen eignen Lan¬ deskindern wieder bezahlen wollte, als sich der Vater des Generals Sobouroff machte, der die Kapitalien, die er sich selber vorstreckte, sich ehr¬ lich mit den landesuͤblichen Interessen heimzahlte und sich nach dem Wechselrecht bestrafte. Woher kaͤm' es denn als aus der Verwandschaft mit dem Throne und dessen Rechten, daß sogar Große im Verhaͤltniß ihres Standes und ihrer Debitmasse falliren duͤrfen? Warum ist ein gerichtliches Kon¬ sens- oder Hypothekenbuch der richtigste Hofadres¬ kalender oder almanac royal ? — Drittens: der geflickteste Unterthan kann von sich von seinem Fuͤrsten Anstandsbriefe oder Mora¬ torien verschaffen; wer soll sie aber dem Fuͤrsten geben, wenn ers nicht selber thut? Und thut ers Gewissenshalber nicht: so kann er sich doch wenig¬ stens alle 5 Jahre ein erneuertes Quinquennel bewilligen. Einen vierten Grund wuͤst' ich aber nicht. Vier¬ Vierzehnter Sektor. Eheliche Ordalien — fünf betrogne Betrüger. E inen Hofmeister hatte Falkenberg also jezt, die Hofnung der 13000 Rthlr. eine Kadettenstelle fuͤr seinen Sohn — Rekruten braucht' er nur noch. Auch diese fuͤhrte ihm und seinen Unteroffizieren der Maulwurfs-Moloch Robisch reichlich zu; ich weiß aber nicht, was die Kerl wollten daß sie wenn Ro¬ bisch seinen Kuppelpelz und sie ihr militairisches Pathengeld hatten — mit letzterem meistens davon giengen. Im Maussenbacher Wald fielen Diebe den Transport an und nach dem Ende der Schlacht war Feind und Transport vom Schlachtfelde geflo¬ hen. Den Rittmeister druͤckt' es sehr, weil er, der fuͤr sich und seine Familie nicht die nuͤtzlichste Un¬ gerechtigkeit begieng, zuweilen auf dem Werbplatz kleine verstattete. Dem stillen Gustav machte der laute Stadt¬ winter die laͤngsten Stunden. Er sah keine weiße Kopfbinde und kein schwarzes Lamm vorbeitragen, ohne auf einem Seufzer hinuͤber zu seinem zaube¬ L rischen Wall und unter seine Sommerfreuden zu¬ ruͤck zu fliegen. Wenn ihn die ungezogne Nach¬ kommenschaft Hoppedizels fuͤr dumm hielt, weil er nicht listig, fuͤr stolz, weil er nicht laut war: so stillte er das Bluten seines Innern, das ver¬ lacht und geneckt wurde, mit dem Gedanken an die Menschen, die ihn geliebt hatten, an seinen Genius und an seine Schaͤferin. Um seinen Aman¬ dus haͤtt' er so gern eine andere als hoppedizelische Nachbarschaft gehabt, so gern die Fluren und den freien Himmel seiner Heimath! — Er liebte das Stille und Enge neben sich und das Unermeßliche in der Natur. O wenn du bei mir bist, Trau¬ ter, wie will ich dich schonen und lieben! dein Auge soll nie truͤbe neben meinem Lehrstuhle wer¬ den, dein Herz nie schwer! du zarte Pflanze sollst nicht mit einschneidenden Bindfaden um mich als eine richtende Hopfenstange geschnuͤret seyn, sondern mit lebendigen Epheuwurzeln sollst du selber mich als etwas lebendiges umfassen! Ueberhaupt hatte man im Hoppedizelischen Hause ein verdammtes Hundsleben, wie ich selber oft sah wenn ich und der Hausherr einander uͤber die ersten Prinzipien der Moral bloß moralisch bei den Haaren hatten: denn alles hatte da einander dabei, aber physisch, ein Hund den andern — die Knaben die Maͤdgen — die Dienerschaft einan¬ der — die Herrschaft die Dienerschaft — der Pro¬ fessor die Professorin, wovon ein merkwuͤrdiges Faktum abgedruckt werden soll — und alle diese einander wechselseitig nach der Vermischungsrech¬ nung. — Zum Ungluͤck hatte Hoppedizel nie Ach¬ tung fuͤr irgend einen Menschen (mithin Verach¬ tung auch nicht:) er borgte alles, besudelte alles, kompromittirte jeden, verzieh jedem und zuerst sich. Im Winterquartier des Rittmeisters waren die oͤhlfarbigten Tapeten (Elle zu 24 Gr.) eine spa¬ nische Wand zwischen des Rittmeisters leeren Raum und zwischen der Wanzen Wandspalten; der Ofen war gut, aber wie der babylonische Thurm ohne Kuppel; die Zimmerdecke drohte (wie wohl gleich gewissem Thronhimmel schon lange ohne Schaden) hereinzubrechen und den groͤsten Philoso¬ phen die Koͤpfe einzuschlagen, die von Stein auf dem Spiegeltische standen. Er hatte oft darum wenig Delikatesse fuͤr die Leute, weil er sich dar¬ auf verließ, daß sie deren zu viele haͤtten, um die Unsichtbarkeit der seinigen zu ruͤgen — in Un¬ L 2 terscheerau machen wirs nicht anders. Aber jezt koͤmmt der Zufall, der uns alle eher daraus weg¬ trieb. Der Professor hatte naͤmlich wie die meisten Leute keinen Geschmack in Meublen; am liebsten stellte er die besten unter die elendesten, die fein¬ ste Pißwase unter ein Großvatersbett und gegen¬ uͤber einem sandigen Waschgefaͤß, eine geputzte Livree seines Bedienten hinter versaͤumtem Anzug seiner Kinder u. s. w. Nun begieng er allemal ei¬ nen Friedensbruch an seiner Frau dadurch, daß er nie leer heim kam; er hatte immer etwas erhan¬ delt, das nichts taugte: er hatte die Schwachheit unzaͤhliger Maͤnner sich weiß zu machen, er ver¬ staͤnde die Hauhaltungskunst so gut wie die Frau, wenn er nur anfangen wollte — Sachen, die man lange treiben sieht, glanbt man zuletzt selber trei¬ ben zu koͤnnen — Sie hatte die Schwachheit un¬ zaͤhliger Weiber, sich vorzuschmeicheln, der Ehe¬ herr sei ein wahrer Ignorant im Haushalten und koͤnn' es nicht einmal erlernen wenn er auch woll¬ te. „Red' ich in deine Buͤchersachen auch?” fragte die sehr grob verkoͤrperte Professorin. Man konnt' es also bei jeder Meublenauktion oder auf jeden Jahrmarkt in einer Kalenderpraktika neben der Kriege der großen Herrn prophezeien, daß da ein kleiner zwischen dem Ehepotentaten und der andern feindlichen Macht ausbrechen werde; weil diese sei¬ nen Kommerzientraktat nicht leiden konnte: das Ehepaar feierte dann seine olympischen Spiele der Zunge und Haͤnde und konnte die Zeitrechnung der Ehe nach diesen Olympiaden abtheilen. Weiter! Unser neue Regent ließ — da das Volk in Italien den Pallast des verstorbnen Pab¬ stes und Doge gratis erhaͤlt — die Meublen seines Herrn Vaters um Weniges versteigern: er thats wie alle Kronprinzen aus Achtung gegen ihn, da¬ mit das Volk ein Andenken vom Seeligen, wie das Roͤmische die Gaͤrten von Zaͤsar, erben koͤnn¬ te. Der Professor wollte auch erben und erstehen. Er bot also zum Besten des Rittmeisters, in des¬ sen Zimmer die Kommode, der Spiegel und die Sessel jaͤmmerlich waren, nicht auf diese drei Din¬ ge, sondern auf drei benachbarte — auf zwei schoͤne Bronze-Vasen mit Ziegenkoͤpfen und Myr¬ tenblaͤttern fuͤr die elende Kommode, auf seinen gerad – und spitzbeinigen Spiegeltisch unter den elenden Spiegel, auf eine praͤchtige Bergere zwi¬ schen die elenden Sessel. Es wurd' ihm zugeschla¬ gen. Sein erstes Wort, als er aus dem Auk¬ tionszimmer in seines trat, war an seine Frau: „ist der Rittmeister droben? — Ich hab' schoͤne Dinge fuͤr ihn erstanden.“ Jezt sang sie schon den ersten Vers ihres Kriegsliedes, ohne ein Kaufstuͤck noch zu wissen. Er sagt' ihr keines: denn er hat¬ te das groͤste Ungluͤck eines Ehemannes, naͤmlich Verachtung gegen seine Frau, so wie sie hingegen ihm gegen alle Menschen, sogar gegen die besten beitrat, außer gegen sich nicht. Unter dem Abholen der Kaufstuͤcke antwortete er auf den ersten Vers des Krieggesanges und nannte doch keines; und so an¬ tiphonirten sie bloß. Endlich wurden die Ziegenkoͤ¬ pfe und Spitzbeine ins Haus gesetzt. Jezt gieng das Kriegsgeschrei loß: „Das ist dumm, dumm, dumm! Ei du dummer Mann du! das Zeug! den Bettel! wo waren heute deine fuͤnf Sinne? Ich bezahl keinen Deut (sie war ohnehin nie Kas¬ sirer.) Und so theuer! aber wenn man Kinder und Narren zu Markt ꝛc.“ Er sagt ganz kalt. „lasse nur nichts hinan kommen und schafs hinauf zum Rittmeister, mein Schatz!“ sonderbar! sie gehorchte den Augenblick; gieng aber in seine Stu¬ be und oͤfnete alle Schleusen ihres rauschenden Zorns. Spaͤt unter diesem Rauschen sagt' er end¬ lich drohend: „du weißt, Frau . . .“ Nun wur¬ de in ihrem Mund' aus dem Wind ein Sturm. Er war kein Mann, den Zorn oder irgend eine Leidenschaft fortrissen, sondern ein aͤchter Stoi¬ ker war er und stets bei sich; daraus laͤßet sichs erklaͤren, warum er, da Epiktet und Seneka Stoi¬ kern den verbotnen innern Zorn durch den aͤußern Schein desselben zu ersetzen rathen, um die Leute zu baͤndigen, sich sogar dieses zornigen Scheins befliß und gelassen seine Faust petrifizierte und die¬ sen Knauf als eine Leuchtkugel auf diejenigen Gliedmaßen seiner Gattin warf, die ohne Licht in der Sache waren. Dieser stumpfe Wilson'sche Knopfableiter ihres Zorns zog erst die groͤsten be¬ redten Funken aus ihr hervor; und in der That ists in der Ehe wie in den alten Republiken, die (nach Homer's Bemerkung) nie groͤßere Redner trugen als in stuͤrmeuden kriegerischen Zeiten. Er machte das Sinnliche bloß zum Vehikel des Geisti¬ gen und begleitete seine Hand mit ausgewaͤhlten Bruchstuͤcken aus Epiktets Handbuch: „ich bin war¬ lich ganz bei mir (sagt' er;) aber du schreiest gar zu sehr, wenn ich mich nicht drein schlage.“ Sein weltlicher Arm bewegte sich auf ihr fort. „Ich fah¬ re immer fort (fuhr er fort) — inzwischen danke Gott, daß dein Mann so viel Gelassenheit hat, daß er alles abwaͤgen kann, was er thut.“ Sie wur¬ de nicht eher kalt als bis er hitzig wurde; dieses merkte sie daraus wenn er wie Sokrates stumm wurde und seine Hand mit seiner herabgerissenen Schlafmuͤtze bewafnete und befluͤgelte. So heiß ihr vor seinem einschlagenden Gewitter seine ste¬ chende Sonnenfreundlichkeit vorkam: so unange¬ nehm kalt war ihr nach demselben sein Gewoͤlke; kurz beide spielten vor und nach dem Kampfe um¬ gekehrte Rollen. Diesesmal traf ihr Zorn eine Wetterscheide an und zog sich ganz uͤber den, der unter den ziegenkoͤpfigen Wasen auf der Bergere saß, auf den Rittmeister. Dieser ließ auf die er¬ ste Zeitung dieses eckelhaften Krieges sein Winter¬ geraͤthe in Scheerau einpacken und das Sommerge¬ raͤthe in Auenthal auspacken, und gieng — zwar. Aber er waͤre beinahe geblieben. Beilaͤufig! so widrige Minuten mir die Erzaͤh¬ lung einer solchen empoͤrenden Handlung jezt ge¬ macht hat; und so sehr jeder der feinern Ehewel t gratulieren wird, daß sie sich niemals auspruͤgelt: so thu' ichs doch nicht sonderlich; denn warlich die aͤtzenden Giftworte, die das raffinirte Ehepaar ein¬ ander zutroͤpfelt, das verhaltene wie ein Vesikato¬ rium ziehende Kraͤnken, womit sie einander wund und heil machen wollen, reißet die Wunde bloß tiefer unter der Haut und macht zwar nicht den Chirur¬ gus, aber wohl den Doktor noͤthig. Jezt will ich berichten warum der Rittmeister beinahe geblieben waͤre. Hoppedizel hatte außer ihm an einem Nachmit¬ tag fuͤnf Leute bei sich, den Gerichtshalter Kolb, den Floͤßinspektor Peuschel, einen alten Karmenma¬ cher, einen Hofzimmerfrotteur und einen Hofjun¬ ker: denn was wird der Leser nach Zunamen dieses Volks fragen? Er zog erstlich den Gerichtshalter bei Seite und sagte zu ihm: „Heut' sollt' er einen Spaß machen und den vier andern Herren mit ge¬ faͤrbtem Wasser, das sie fuͤr Wein hielten zutrinken, damit diese sich in wahrem Wein besoͤffen.“ — — „Recht gut! sagte der Gerichtshalter, sie sollen alle an den Gerichtshalter gedenken.“ Das naͤmliche sag¬ te der Professor dem Floͤßinspektor, dem Karmen¬ macher u. s. w.; alle antworteten: „Recht gut! sie sollen alle an den Floͤßinspektor, an dem Karmenma¬ cher u. s. w. gedenken.“ Jeder wollte vier Mann zum Narren haben; der Professer wollte fuͤnf Mann dazu haben — allen gelang es. Abends wurden fuͤnf Feuillets illuminirtes Was¬ ser ins Zimmer getragen; jeder ruͤckte hinter sein Schenktischgen und schraubte den Korkstoͤpsel vom Quasi-Wein ab. Die ersten Flaschen Bouteillenwas¬ ser wurden still von der Gesellschaft eingesogen: wahre Pfiffigkeit mußte der Luft- und Wasserpar¬ thie diesen Schein stufenweiser Berauschung vor¬ schreiben. Nun aber hob das Sonnensystem sein Wasser¬ ziehen an. „Der Wein koͤnnte staͤrker seyn“ sag¬ te jeder, und wollte jeden betruͤgen. Der Gerichts¬ halter mit rosenrother Nasenknospe spritzte seinen Kadaver statt des Spiritus mit mehr Wasser aus als er in seiner ganzen Ewigkeit a parte ante selbst getrunken oder gep...ss..t, oder aus fremden Augen gedruͤckt. Ein Mensch, der so wasserhaltig wie er wird, daß er sich schwer aufrecht erhaͤlt vor Nuͤchternheit, macht andern Konfoͤderirten leicht glaublich, es sei vor Betrunkenheit: und alle laͤ¬ chelten sehr, da er lachte. Der Floͤßinspektor Peuschel leitete einen ganzen Wasserschatz in den Magen und machte seine Blut¬ adern zu Wasseradern; aber er aͤrgerte sich halb, daß er die andern mit seinen optischen Gesoͤff be¬ truͤgen mußte und sehnte sich heimlich statt der ver¬ stellten Besoffenheit nach aͤchter. Der Zimmerfrotteur mazerirte und laugte sich im Grunde durch das taͤttowirte Wasser aus und ersaͤufte beinahe sein gallisches Uebel — so schluckte der Schadenfroh. Dem Hofjunker, der sich fast den Magen ent¬ zwei sof, schlugs schlechter zu: drei Tage schmolz er an einer incontinentia urinae hin. — Blos durch den zelluloͤsen Karmenmacher fuhr eine ganze kou¬ leurte Suͤndfluth ohne Schaden glatt hinein und hinaus; er sah aber munter und satyrisch herum und lauerte darauf, wenn sein Naͤchster hinter den vier Tischen besoffen waͤre. Etwan eine flammende Scheune waͤre mit ih¬ ren Walfisch-Bescheiden zu retten gewesen . . . . Jezt kam die Zeit, da jeder betrunken scheinen mußte, wer Spas verstand — sie diskourirten wi¬ der einander mit uͤberschweppender baͤumender Zun¬ ge — der Junker und Frotteur streckten sich gar in die Stube als zwei Lagerbaͤume hin und ihre bauschenden Unterleiber (sollte die Welt denken) laͤgen als Weinschlaͤuche auf den Baͤumen — der Amtmann machte die Augen zu, das Maul auf — der Karmenmacher stellte sich vor, am tollsten und plausibelsten wuͤrd' ers machen, wenn er erstlich gleich wahren Betrunknen vorschwuͤre, er waͤre nuͤchtern, und zweitens wenn er so gegen die Bettpfoste umsaͤnke, daß er ein wahres Loͤchelchen kriegte. Er hatte sich auch gluͤcklicher Weise eine Wunde fabrizirt, die groͤßer war als seine Trun¬ kenheit und wollte aus Rache damit vorbrechen, er haͤtte die Tetrarchie zum Narren und blos Wasser gehabt — der Professor wollt' auch alles heraussa¬ gen — wie alles und der Wein waͤre — die andern wolltens auch und lachten schon saͤmtlich voraus; als zum Ungluͤck der laͤngst saturirte Floͤßinspektor sich zum Frotteur abgeschlichen und diebisch statt eines Gegengiftes und Konfortativs gegen seinen nachgedruckten Wein die vorgebliche Originalaus¬ gabe desselben gekredenzt hatte, aus des Frotteurs oder Reibers Kelch . . . . es war auch Wasser darin wie in seinem — blitzschnell und halbnaͤrrisch kre¬ denzte er die Kelche aller Wassergoͤtter — in allen war Wasser — er fuhr mit allem heraus — die ganze Marine kredenzte fliegend herum und jeder sollt' es im Ernste sagen, ob er toll und voll waͤ¬ re. — Leider war die ganze satyrische Union nuͤch¬ tern. Der Rittmeister, dem solche Scherze lieber waren als Fastnachtshuͤhner, verwandelte aus Liebe zur Moral die allgemeine Verstellung der Betrun¬ kenheit in wahre Aufrichtigkeit und vollfuͤhrte es durch aͤchten Wein. Als nachher das Fuͤnfeck nach Hause huͤpfte und diese fuͤnf thoͤrigte Jungfrauen als fuͤnf kluge, wiewol mit der Wasser-Plethora, heimzogen: so sagt' er: „Bei meiner Seele! so etwas sollte man drucken lassen.“ — — Und wahr¬ haftig, hier laͤsset man es ja drucken. — Ich moͤchte gern von diesem Hoppedizel, eh ich und der Leser aus seinem Hause ziehen, ein Me¬ daillon, eine Abschattung zum Andenken mit uns nehmen; aber es grauet mir vor der Arbeit — lie¬ ber bossir' ich alle Karaktere dieses Werkchens in Papier oder Wachs als diesen Mann. Sein Karak¬ ter besteht aus hundert kompilirten Karaktern, sei¬ ne Kenntnisse aus allen Kenntnissen, sein Scharf¬ sinn aus Skeptizismus, seine Laster aus Stoizis¬ mus, seine Tugend aus einem System uͤber die Tugend und seine Handlungen aus Schnurren, Schnacken und Karakterzuͤgen. Dennoch oder demnach liebte ihn der Rittmei¬ ster, weil er ihn oft sah (er war fast jedem gram, der ihn nicht besuchte) und weil beide lustig waren und weil hundertmal Menschen einander lieben oh¬ ne daß ein Henker weiß warum. Falkenberg haͤtte sich fuͤr jeden Freund, selbst fuͤr den, der ihn erst beruͤckt haͤtte, mit dem Behemoth selber geschossen — aus Ehre und Gutherzigkeit; der Professor hin¬ gegen zog reine Moral und reine Mathematik der an¬ gewandten weit vor und handelte selten: was that er einmal in Auenthal, da zu Nacht um 12 Uhr statt des Rittmeisters aus dem aufgethuͤrmten Schnee blos sein leerer Gaul heimkam? — Ein an¬ drer, z. B. der Rittmeister selbst waͤre auf dem¬ selben Gaule aufgesessen und hinausgeritten, um den Restanten zu retten; allein der Professor schnaͤutzte nett das Talglicht und setzte sich hart an die jammernde Ehefrau, die sich jede Nacht ab¬ aͤngstigte und sich jeden Morgen daruͤber tadelte, und sagte gefaßt zu ihr: „ein Paar Thraͤnen ver¬ boͤt' er ihr nicht zu weinen: sie wuͤschen uͤberhaupt den Augapfel ab und braͤchen zu heftiges Licht; aber die uͤbrigen und meisten muͤßten durch die Na¬ senhoͤle in den Schlund und Magen sikern und sich ins Verdauen mischen. Das Schlimmste, was ih¬ rem Manne zugestoßen seyn koͤnnte, waͤre ohnehin nur, daß er erfroren waͤre; er kenne aber halb aus Erfahrung kein sanfteres Sterben als das aus Kaͤlte — es sey im Grunde so viel als wuͤrde man gehenkt oder ersaͤuft: denn man sterbe am Schlag¬ fluß.“ Wie gesagt, der Rittmeister liebte und verließ ihn doch. Funfzehnter Sektor. Der funfzehnte Sektor. V or der Abreise gab ich allen, besonders der Re¬ sidentin von Bouse die geborgten Musikalien zu¬ ruͤck; und dieser, die mir so viel aus Italien ge¬ liehen, lieh' ich noch etwas bessers aus Deutsch¬ land, meine Schwester Philippine naͤmlich: diese soll da die kleine Tochter der Residentin bilden hel¬ fen, aber sie wird unter den zarten Fingern einer solchen talentvollen Dame selber mehr gebildet wer¬ den als sie bildet. Moͤge sie da nur nie ihr rasches, vibrirendes, scherzendes und doch fuͤhlendes Herz zu einem koketten umsetzen! Moͤge sie da ihrer Laura (eben der Tochter) das Joch der koketten Erziehung luͤften, da das arme Kind bestaͤndig un¬ ter der Glasglocke des Fensters schmachtet, den Leib unter der Bettdecke in 4 Loth Fischbein ein¬ keilt, die Haͤndchen auch wieder zu Nachts in der Handschuh-Huͤlsen sperret, das Koͤpfchen mit einem Blei an Haaren ruͤckwaͤrts gewoͤhnt. Bekanntlich lebt die Mutter eine halbe Stunde von der Stadt zu Marienhof, im sogenannten neuen Schloß, das mit mit einem alten zusammenstoͤßet, welches glaub' ich vermiethet ist. . . . . . Aber zu meinem Gefolge in dieser Bio¬ graphie stoßen mit jedem Bogen mehr Leute und machen mir das Lenken und Schwenken sauerer. Ich wollte lieber, ich waͤr' ein Reichsstand und haͤtte Millionen zu regieren — und einzunehmen — als hier dieses fatale Menschen-Siebeneck, das mit Muͤhe in die rechten Sektores zu treiben ist und worunter ich selber der widerhaarigste bin. Denn mir als bloßen Biographen steht weder Reichskam¬ mergericht noch Exekutionstruppen wider mein Sie¬ beneck bei; aber als einem Reichsstand thaͤten sie mir's schon. Unsern Abschiedswagen in Scheerau umgab die fatale Kaͤlte des Professors — das arbeitsame Ge¬ schrei der Stoikerin — das zaͤrtliche Laͤcheln des Pe¬ stilenziarii und dessen Iltisschwaͤnze — das gute Herz seines Soͤhnchens, das kaum mit Luͤgen von Gustav abzuschneiden war — und meine dankbaren Erinnerungen an unsichtbare Stunden, an geliebte Menschen und an alle meine Schuͤlerinnen — — O daß doch der Mensch hier so viel vergehen sieht, eh' er selber vergeht. M Unterweges weinte Gustav immerfort in unsere Stille hinein: der Alte, dem doch selber das Herz so leicht zerlaͤuft, wurde endlich toll und bat mich: „der Hernhuter (der Genius) hat mir ihn voͤllig verhunzt! Und wenn Sie ihm Hr. Pathe, nicht ein wenig flu¬ chen anlernen: so wird ein Soldat aus ihm werden, daß den Himmel erbarm'.“ Den Hernhuter bracht' er im Kopfe nach dem Staͤdtchen Issich, als der Monolog vor unserem Wagen vorbeigieng: „ich bin ein Esel, ein Filou, ich bin ein Schlingel. O ich Racker und bekannter Schelm! Man sollte mich gar entzweihacken und ko¬ chen, mich Satan, mich Matz!“ sagte ein Schulkna¬ be, den alle Schulkameraden umliefen und beklatsch¬ ten.“ Er redet, sagte mein Prinzipal, wie eine Hernhutische Bestie, die sich heruntersetzt, um jeden andern noch mehr herabzusetzen.“ Aber nicht im Geringsten: ein armer Teufel war's, der Hunger hat¬ te und Humor und fuͤr den die ganze Schule Kaͤse und Aepfel und Kiele zusammengeschossen hatte, wenn er ihr den Gefallen thaͤte und auf sich entsetzlich schimpfte. . . . — — Schoͤnes Auenthal! dein Schnee ist schon weg? — Sechzehnter Sektor. Erziehungsreglement. D a ich meine Pretiosen (Manuskripte waren's) und meine Effekten (das Guͤterbuch derselben war nicht uͤber dreißig Zeilen dick) und mein Vaͤterli¬ ches und Muͤtterliches (das war ich selbst) in mei¬ ner Wohn- und Schulstube herumgestellet hatte; da ich schon vorher mit drei langen Schritten an meine Aussicht und Fenster getreten war, die in einer Windmuͤhle, in der Abendsonne und einem Staarenhaͤuschen an einer Birke bestand: so koͤnnt' ich sogleich ein ausgemachter Hofmeister seyn, und ich durfte nur anfangen — ich konnte jezt die gan¬ ze Woche ernsthaft aussehen und meinen Eleven auch dazu zwingen — alle meine Worte konnten Reglements, alle meine Minen Wochenpredigten seyn — ich hatte sogar zwei Wege vor mir, ein Narr zu seyn — ich konnte eine unsterbliche Seele sich halbtodt konjugiren, memoriren und analysi¬ ren lassen — ich konnte aber auch seine junge Zirbel¬ druͤse in hoͤhere Wissenschaften eintunken und ver¬ M2 senken, so sehr, daß sie ganz aufschwoͤlle und sich groß anschluckte von Logik, Politik und Statistik — ich konnte mithin (wer wehrt' es) die Bein¬ waͤnde seines Kopfes zu einem duͤrren Buͤcherbrett aushobeln, den lebendigen Kopf zu einem Silhou¬ ettenbrett, an dem sich gelehrte Koͤpfe abschatten, entzweidruͤcken, sein Herz hingegen war zu verar¬ beiten, aus einem Hochaltar der Natur zu einem Drathgestell des A. Testaments, aus einer Him¬ melskugel zu einem engen Paternosterkuͤgelchen der Froͤmmelei, oder gar zu einer Schwimmblase der Intrigue — wahrhaftig ich konnte ein Tropf seyn und ihn zu einen noch groͤßern machen. . . . Dich Trauten! Dich Arglosen, Freundlichen, der du dich mit deinem ganzen Schicksal, mit dei¬ ner ganzen Zukunft in meine Arme warfst! — O es thut mir schon wehe, daß so viel von mir ab¬ haͤngt! — Da aber vom Hofmeister meiner kuͤnftigen Kin¬ der eben so viel abhaͤngt: so will ich fuͤr ihn hier folgendes paͤdagogische Regulativ drucken lassen, das er nicht uͤbel nehmen kann, weil ich den guten Mann ja noch nicht kenne und nicht meine. „Mein lieber Hr. Hofmeister! „Waͤr' ich der Ihrige: so setzten Sie sich ge¬ wißlich nieder und schrieben mir folgende recht gu¬ te Regeln auf:“ „Die Naturgeschichte sei das Zuckerbrod, das der Schulmeister dem Kinde in der ersten Stunde in die Tasche steckt, um es anzukoͤdern — so auch Geschichten aus der Geschichte. — Aber nur nicht die Geschichte selbst! Was koͤnnte nicht diese hohe Goͤttin deren Tempel auf lauter Graͤbern steht, aus uns machen, wenn sie uns zum erstenmale dann anre¬ dete, wo unser Kopf und Herz schon offen waͤre und beide die großen Woͤrter ihrer Ewigkeitssprache — Vaterland, Volk, Regierungsform, Gesetze, Rom, Athen — verstaͤnden? — Was Hr. Schroͤth an¬ langt, der noch ehrliche Gelehrtenhistorie und rei¬ ne Waisenhaus-Moral mit beigeschaltet, so schnei¬ den Sie mir, Hr. Hofmeister, nur nicht die Kup¬ ferblaͤtter mit heraus und am englischen Einband ist mir auch gelegen.“ „Geographie ist ein gesundes Voressen der kind¬ lichen Seele; auch Rechnen und Geometrie gehoͤrt zum fruͤhen wissenschaftlichen Imbiß: nicht weil sie denken lehren, sondern weil sie es nicht lehren (die groͤßten Rechenmeister, und Differenzialisten und Mechaniker sind oft die seichtesten Philosophen) und weil die Anstrengung dabei die Nerven nicht schwaͤcht, wie Rechnungsrevisoren und Algebraisten beweisen. „Philosophie aber, oder Anspannung des Tief¬ sinns ist Kindern toͤdlich oder knickt die zu duͤnne Spitze des Tiefsinns auf immer ab. Tugend und Religion in ihre ersten Grundsaͤtze bei Kindern zu¬ ruͤckzerspalten, heisset, einem Menschen die Brust abheben und das Herz seziren, um ihm zu zeigen wie es schlaͤgt. — Philosophie ist kein Brodstudium sondern geistiges Brod selber und Beduͤrfniß; und man kann weder sie noch Liebe lehren; beide zu¬ fruͤh, entmannen Leib und Seele.” „Es gefaͤllet mir, daß Sie selber erklaͤrten, Sie wuͤrden das Franzoͤsische dem Lateinischen, das Sprechen den grammatikalischen Regeln (d. h. den Laufwagen den Theorien von der Muskelbewegung) vorausschicken und die Sprachen spaͤter nehmen, weil sie mehr durch den Verstand als durch das Gedaͤchtniß gefasset werden. Lateinisch ist mit darum so schwierig, weil es so fruͤhzeitig vor¬ koͤmmt: im 15. Jahre thut man darin mit einem Finger wozu man fruͤher die Hand brauchte. „Abscheulich ists, daß auch schon unsere Kin¬ der lesen und sitzen und den Steis zur Unterlage und Basis ihrer Bildung machen sollen. Das be ¬ lehrende Buch ersetzt ihnen den Lehrer nicht, das belustigende das gesuͤndere Spielen nicht; die Poesie ist fuͤr ein unbaͤrtiges Alter noch zu un¬ verstaͤndlich und ungesund; der Lehrer, der vor¬ lieset , muß erbaͤrmlich seyn, wenn er nicht weit nachdruͤcklicher spricht . Kurz keine Kinderbuͤ¬ cher!“ „In ein paͤdagogisches Stammbuch wuͤrden wir beide schreiben: Vergeblich tadeln ist schlimmer als gar nicht tadeln — Fehler, die das Alter nimmt, nehme der Lehrer nicht, der dauerhaftere zu be¬ kaͤmpfen hat, u. s. w. Ihr Katechismus sei Plu¬ tarch und Feddersen (aber ohne seinen elenden Styl); d. h. keine Moralen, sondern Erzaͤhlun¬ gen darnach — und noch dazu in keiner besondern Stunde, sondern zur rechten, damit der Kopf meiner Kinder nicht ein Vokabelnsaal von Mo¬ ralen, sondern ihr Herz eine durchgluͤhte Rotun ¬ da der Tugend werde.“ „Da der bloͤde, enge, aͤngstliche Anstand der duͤmmste und unnatuͤrlichste ist: so lehren Sie die Kinder den besten, wenn Sie ihnen keinen befeh¬ len ; von Natur achten sie weder silberne Ster¬ ne noch silberne Koͤpfe — gewoͤhnen Sie ihnen's nicht ab.“ „Meine groͤßte Bitte ist — die ich viele Jahre vorher drucken lassen, — daß Sie der spashafteste Mann in meinem Hause sind: Lustigkeit macht Kleinen alle wissenschaftliche Felder zu Zuckerfeldern. Meine muͤssen bei Ihnen durchaus nach ihrem Wohl¬ gefallen scherzen, reden, sitzen duͤrfen. Wir Er¬ wachsene staͤnden den abscheulichen Schulzwang un¬ serer Deszendenz keine Woche aus, so vernuͤnftig wir sind: gleichwohl muthen wirs ihren mit Amei¬ sen gefuͤllten Adern zu. Ueberhaupt: ist denn die Kindheit nur der muͤhselige Ruͤsttag zum genies¬ senden Sonntag des spaͤtern Alters, oder ist sie nicht vielmehr selber eine Vigilie dazu, die ihre eigne Freuden hat? Ach wenn wir in diesem lee¬ ren niederregnenden Leben nicht jedes Mittel fuͤr den naͤhern Zweck (wie jeden Zweck fuͤr ein entferntes Mittel) ansehen: was finden wir denn hienieden? — Ihr Prinzipal (ein abscheuliches Wort!) hat sich auf seine Verlobung eben so sehr gefreuet als auf seine Hochzeit.“ „Spielender Unterricht heisset nicht, dem Kin¬ de Anstrengungen ersparen und abnehmen, sondern eine Leidenschaft in ihm erwecken, die ihm die staͤrksten aufnoͤthigt und leichter macht. Nun tau¬ gen dazu durchaus keine unlustige Leidenschaften — Furcht vor Tadel, vor Strafe ꝛc. — sondern freu¬ dige: spielend erlernten alle Maͤdchen von Schee¬ rau das Arabische, wenn ihre Liebhaber in keiner andern Sprache an sie schrieben als in dieser syno¬ nimischen. Hoffnung des Lob's ist's, das Kindern (das Lob aͤusserer Vorzuͤge ausgenommen) weit we¬ niger schadet als Tadel und gegen das sich keines, am wenigsten das beste verstocken kann. Ich will Ihnen sagen, was mein Hofmeister fuͤr paͤdagogi¬ sche Raͤnke anwandte: er naͤhte sich ein Ziffern¬ buch; in diesem gab er jedem Glied seines Ly¬ zeums (19 waren) fuͤr jede Arbeit eine große oder kleine Zahl; diese Zahlen erwarben, wenn sie auf eine gewisse festgesetzte Summe gestiegen waren, einen Adels- und Fleißbrief, worauf man sein Lob mit nach Hause nahm. Da Belohnungen kraftlos werden, die zu oft oder erst von weitem kom¬ men: so setzte er auf diese geschickte Art den Weg zur entfernten Belohnung aus taͤglichen kleinen zusammen. Wir konnten ferner unsere Zahlen zu¬ sammensparen; und Kinder heftet nichts so sehr an Fleiß als ein wachsendes Eigenthum (von Ziffern oder von Schreibbuͤchern.) Solche Zahlen wegstreichen war Strafe. Er machte uns alle da¬ durch so fleißig, besonders mich, daß ich wenige Jahre darauf im Stande war, eine Biographie zu schreiben, die noch jetzt gelesen wird.” „Reden Sie mit meinen Lieben nie kurz, nie allgemein, sondern sinnlich und erzaͤhlen Sie ganz wie Voß seine Idyllen .” „So hab' ich die Poussiergriffel und Formzeuge an meinem Gustav gebraucht, wahrhaftig nicht um ihn seiner Biographie, die ich verfaste, son¬ dern dem Leben anzupassen; ich wollt' aber, der Henker holte das Menschenherz, das fuͤr eigne Kinder nicht thun will, was es fuͤr ein fremdes that.” „Meine Toͤchter hingegen, werther Herr Haus¬ lehrer, die aͤltern sowohl als die juͤngern geb' ich Ihnen nicht in die naͤmliche Schulstunde — Maͤd¬ gen koͤnnten mit Knaben eben so gut Schlafzimmer als Schulstube theilen — und in gar keine. Ein Hofmeister, der Maͤdgen zu erziehen wuͤste (und Sie koͤnnens) muͤste so viel Welt, so viel Weiber¬ kenntnis, so viel Witz, so viel launigte Gewandt¬ heit bei eben so vieler Festigkeit besitzen — inzwi¬ schen erzieht eine recht gescheute Gouvernante die meinigen — haͤusliche Arbeit unter dem Auge einer gebildeten Mutter.“ „Ehe ich diese Instruktion beschließe, merk' ich noch an, daß sie ganz unnuͤtz ist — erstlich fuͤr Sie weil ein Mann von Genie auch mit jeder an¬ dern Methode allmaͤchtig bleibt, zweitens fuͤr den lahmen Kopf, weil er Kindern die Geisteskraͤfte, er mags machen wie er will, wie ein alter Schlaf¬ genoß einem jungen die koͤrperlichen, stets aus¬ zehren wird. Ich habe uͤberhaupt diesen paͤdagogi¬ schen Schwabenspiegel lange vor meinen Kindern in die Welt vorausgeschickt — mithin gar nicht fuͤr Sie, sondern fuͤr ein Bnch .“ — Naͤmlich fuͤr dieses. Um meinem Prinzipal zu zeigen, was ich in der Paͤdagogik gethan haͤtte, sagt' ich so: Der Superintendent in Oberscheerau hat einen Wach¬ telhund, Hetz genannt, den er fuͤr keine Mena¬ gerie Schooshunde weggiebt. Nun sollte man den¬ ken, der Mann, da er Beichtkinder, natuͤrliche Kinder und Weine und indianische Huͤhner genug hat, waͤre gut daran; aber falsch: Hetz leidets nicht. Denn sobald die Suppe auf dem Tische raucht: so umschift Hetz den Tisch, springt in die Hoͤhe, — seine Schnauze liegt dann wasserpaß in einer Ebene mit der Rehkeule — und bilt und sto¬ chert mit dem Kopfe an jedes Knie so sehr, beson¬ ders ans ordinirte, daß der Mann seines Orts wie in einem Fegefeuer fortschlucket und haͤufig nicht weiß, kaͤuet er Salz oder Zucker. Es rette¬ te ihn nicht, daß er oft den Hund selber anboll: die Radikalkur dagegen waͤre bloß die, Hetzen nie einen Bissen zu geben. Er hielts auch oft Tage¬ lang; aber in der naͤchsten Mahlzeit bewarf er aus Vergessen oder Unwillen den Plagegeist mit einem Knochen. Dieser einzige Knochen verhunzte den ganzen Hund: dem Seelenhirten ist besorg' ich so lange nicht zu helfen bis Hetz, der von selbst sich nicht aͤndert, etwann verreckt. Mir hin¬ gegen begegnet Hetz mit Vernunft und Schonung: warum? — so lang ich an jenem Tische aß: schenkt' ich Hetzen keine Faser, ohne Ausnahme. Auf Hetze und Menschen wirkt Festigkeit allmaͤchtig. Wer keinen Hund erziehen kann, Herr Rittmeister, kann auch kein Kind erziehen, ich wuͤrde Informatores die in mein Brodt wollten, an keinen Probierstein strei¬ chen als an den daß sie mir Eichhoͤrngen oder Maͤu¬ se zaͤhmen muͤsten: wers am besten verstaͤnde, zoͤg ein, z. B. Wildau wegen seiner Bienen. — — Aber meine gnaͤdige Pathe lachte nie herzhaft uͤber meine oder Fenkische Scherze; hingegen uͤber einen Hoppedizelschen lachte sie sehr und doch hat sie uns beide lieber. Wenn ich noch zwei paͤdagogische Idiotismen — wovon der eine ist, daß ich den Witz meines Eleven staͤrker als seinen Verstand uͤbte, der zwei¬ te, daß ich lauter Autores aus Zeitaltern von un¬ edlen Metallen mit ihm traktierte — in einem Er¬ trablatt werde gerettet haben: so gehen wir wei¬ ter in sein Leben hinein. Extrablatt. Warum ich meinem Gustav Witz und verdorbne Autores zu¬ lasse und klassische verbiete, ich meine griechische und römische? I ch muß vorher mit drei Worten oder Seiten be¬ weisen, daß und warum das Studium der Alten niedersinke und daß es zweitens wenig verschlage. Wir sind bekanntlich jezt aus den Linguisten- Jahrhunderten heraus, wo nichts als die lateini¬ sche Sprache an Altaͤren, auf Kanzeln, auf dem Papier und im Kopfe war und wo sie alle gelehrte Schlafroͤcke und Schlafmuͤtzen von Ireland bis Si¬ zilien in einen Bund zusammenknuͤpfte, wo sie die Staatssprache und oft die Konversationssprache der Großen war, wo man kein Gelehrter seyn konnte ohne einen Auktionskatalog alles roͤmischen und griechischen Hausraths und einen Kuͤchen- und Waschzettel dieser klassischen Leute im Kopfe zu fuͤh¬ ren. Jezt ist unser Latein deutsch gegen das eines Camerarius , ders also nicht noͤthig gehabt haͤtte, seinen schmalkaldischen Krieg griechisch abzu¬ fassen; jezt wird selten eine Predigt lateinisch, ge¬ schweige wie sonst griechisch geschrieben und kann also nicht wie sonst ins lateinische sondern bloß ins Deutsche uͤbersetzt werden. In unsern Tagen draͤngt keine Frau mehr ihren eingepuderten infu¬ lierten Kopf durch das klassische enge Kummet, wenns nicht Hermes Toͤchter thun. Dieses war meinem Leser noch eher bekannt als mir, weil ich juͤnger bin — so wie uns beiden auch das jezige bessere Kommentiren, Ediren und Uebersetzen der Alten bekannt genug ist. Nur wuchs mit dem Werthe ihrer Verehrer nicht die Zahl dieser Ver¬ ehrer; alle andre Wissenschaften theilen sich jezt in eine Universalmonarchie uͤber alle Leser; aber die Alten sitzen mit ihren wenigen Edukations-Lehnleu¬ ten einsam auf einem S. Marino-Felsen. Es giebt jezt nichts als Polyhistors, die alles gelesen ha¬ ben, bloß die Alten nicht. Der Geschmack am Geiste der Alten muß sich so gut abstumpfen als der an ihrer Sprache . Ich behaupte nicht, daß man in den klassischen Papageyen ' Saͤkuln diesen Geist besser fuͤhlte als jezt: denn Vossius hieng am Lukan, Lipsius am Seneka, Kasaubon am Persius; ich sage nicht, daß damals ein Tasso, eine Messiade, ein Damo¬ kles geschrieben wurden wie jezt. Allein ich rede vom jezigen Geschmack des Volks, nicht des Genies. Wenn der Geist der Alten in ihrem geraden festen Gang zum Zweck bestand, in ihrem Hasse des doppelten dreifachen Manschetten-Schmucks, in einer gewissen kindlichen Aufrichtigkeit: so muß es uns immer leichter werden, diesen Geist zu fuͤh¬ len, und immer schwerer, ihn in unsre Werke zu hauchen: mit jedem Jahrhundert muͤssen in unserem Style die Ein- Ueber- und Ruͤcksichten mit unserm Lernen schimmernd wachsen; die Fuͤlle unserer Komposition muß ihre Ruͤnde verwehren; wir putzen den Putz an, binden den Einband ein und ziehen ein Ueberkleid uͤber das Ueberkleid; wir muͤssen den weißen Sonnenstrahl der Wahrheit, da er uns nicht mehr zum erstenmale trift, in Far¬ ben zersetzen und anstatt daß die Alten mit Wor¬ ten und Gedanken freigebig waren, sind wir mit beiden sparsam. Gleichwohl ists besser ein Instrument von 6 Oktaven zu seyn, dessen Toͤne leicht unrein und in einander klingen, als ein Mo¬ nochord, dessen einzige Saite sich schwerer ver¬ stimmt: und es waͤre eben so schlimm, wenn je¬ der als wenn niemand wie Monboddo schriebe. Mit unserer Unfruchtbarkeit an Werken im al¬ ten Styl nimmt zugleich der Geschmack fuͤr diese Werke zu . Die Alten fuͤhlten den Werth der Al¬ ten — nicht; und ihre Simplizitaͤt, wird bloß von denen genossen, von denen sie nicht erreicht wer¬ den, von uns. Ich denke, aus diesem Grunde: die griechische Einfachheit ist von der Einfachheit der Morgenlaͤnder, Wilden und Kinder In der Erzählung des Kindes ist die nämliche Verschmä¬ hung des Putzes, der Seitenblicke und der Kürze, die nämliche Naivetät, die uns oft Laune zu seyn scheint und keine ist und das nämliche Vergessen des Erzählers über die Erzählung, wie in den Erzählungen der Biebel, der älter Griechen ꝛc. nur im Genie verschieden, womit das heitere griechische Klima jene Simplizitaͤt auszeichnete. Das ist die angeborne , nicht erworbene; Die kuͤnstliche erworbene Einfachheit ist eine Wirkung der Kultur und des Geschmacks: die Menschen des 18. Jahr¬ hunderts waten erst durch Suͤmpfe und Gießbaͤche zu dieser Alpen-Quelle hinauf; wer aber droben bei ihr ist, verlaͤsset sie nie mehr und nur Voͤlker, nicht Individuen koͤnnen von Monboddo's Geschmack zu Balzac's seinem herabfallen. Dieser erworbne N Geschmack, den das junge Genie immer antastet und das bejahrte meistens bekennt, muß von Mes¬ se zu Messe durch die Uebung an allem Schoͤnen, bei Individuen empfindlicher und schaͤrfer werden: die Voͤlker selber aber verlieren sich jedes Jahrhun¬ dert weiter von den Grazien weg, die sich wie die homerischen Goͤtter, in Wolken verstecken. Die Alten kounten mithin die natuͤrliche Simplizitaͤt ihrer Produkte so wenig empfinden als das Kind oder der Wilde die der seinigen. Die reinen einfa¬ chen Sitten und Wendungen eines Aelplers oder Tyrolers bewundert weder der eigne Besitzer noch sein Landsmann, sondern der gebildete Hof, der sie nicht erreichen kann! und wenn die roͤmischen Großen sich am Spielen nackter Kinder labten, mit denen sie ihre Zimmer putzten: so hatten die Großen, aber nicht die Kinder, die Labung und den Geschmack. Die Alten schrieben also mit einem unwillkuͤhrlichen Geschmack, ohne damit zu lesen — wie die jezigen genievollen Autoren, z. B. Ha¬ mann, mit weit mehr Geschmack lesen als schrei¬ ben — daher jene Speckgeschwuͤlste und Hitzblat¬ tern an den sonst gesunden Kindern eines Plato, Aeschylus, Cicero; daher beklatschten die Athener keine Redner mehr als die Anthitesen-Bossierer, und die Roͤmer die Wortspieler. Zur uͤbermaͤßigen Bewunderung Shakespears fehlte ihnen nichts als Shakespear selber. Eben deswegen konnten diese Voͤlker wie das Kind, von der natuͤrlichen Ein¬ fachheit zum gleissenden, lackirten Witzeln herun¬ tergehen. Zweitens versprach ich auf drei Seiten zu be¬ haupten, daß die Vernachlaͤßigung der Alten we¬ nig schade. Denn was nutzet denn ihre Bearbei¬ tung? Sie werden wie die Tugend weit weniger gefuͤhlt und genossen als man sagt. Was die Neuern im Geschmack der Alten schreiben, wird wenig verstanden; und die Alten selber sollen so häufig verstanden werden? Das Ver¬ gnuͤgen an ihnen ist die richtigste Neuner-Probe des besten Geschmacks; aber dieser beste Geschmack setzt eine solche geistige Aufschließung fuͤr alle Ar¬ ten von Schoͤnheiten, eine solche Eurythmie und Mensur aller innern Kraͤfte voraus, daß nicht blos Home Geschmack unvereinbar mit einem boͤsen Herzen findet, sondern auch daß ich naͤchst dem Genie, das ihn nach Entladung seiner Spiritus¬ N 2 Plethora, immer bekoͤmmt, nichts seltners kenne als ihn, den vollendeten Geschmack. O ihr Kon¬ rektores und Gymnasiarchen, die ihr uͤber die De¬ valvation der Alten winselt und greint! wenn sie noch Augen haͤtten, sie wuͤrden uͤber euere Val¬ vation weinen — o es gehoͤren andre Herzen und Seelenfluͤgel (nicht solche Lungenfluͤgel) dazu als in euren paͤdagogischen Suͤmpfen stecken, um einzuse¬ hen, warum die Alten Plato den Goͤttlichen nann¬ ten, warum Xenophon groß und die Anthologen edel sind! die Alten waren Menschen, keine Ge¬ lehrten; was seid ihr? und was holt ihr aus ihnen? . . . Copiam vocabulorum — In mittlern Jahrhun¬ derten war auch jeder kleine Nutzen der Alten ein großer; aber jezt im 18ten, wo alle Voͤlker gradus ad parnassum in den Musen- Gra eingehauen, koͤmmt es auf 2 Treppen mehr oder weniger nicht an. Haben denn die jezigen Nationen nichts im alten Geschmacke geschrieben? — Waͤr' es so: so wuͤrden ohnehin Muster, die sich in keinen Eben¬ bildern vervielfaͤltigt haben, leicht zu entrathen seyn; es ist aber nicht einmal so und die Omar'¬ sche Verbrennung aller Alten koͤnnte uns nur ein wenig mehr entreißen als wenn man den ganzen noch stehenden Herbstflor von einigen griechischen Tempeln und andern Ruinen umbraͤche: wir wuͤrden doch noch Haͤuser im griechischen Geschmack bekom¬ men. Die Muster haben ja selber ohne Muster ge¬ schrieben und Polyklets Bildsaͤule wurde nach keiner Polyklets Bildsaͤule geregelt. Trotz dem Studium der geschriebnen Antiken lag sonst in Deutschland und liegt noch in Italien die dichtende Schoͤpfer¬ kraft auf dem Siechbett. Wer wie Heyne die alten Sprachen zur for¬ malen Ausbildung der Seele dingen will: der vergisset, daß jede Sprache es kann; und daß eine unaͤhnlichere wie die orientalischen es noch bes¬ ser kann und daß diese Ausbildung uns so theuer zu stehen koͤmmt als manchem Baron sein franzoͤsi¬ sches. Die Griechen und Roͤmer wurden Griechen und Roͤmer ohne die formale Bildung von griechi¬ schen und lateinischen Autoren — sie wurdens durch Regierungsform und Klima. Es ist ein Ungluͤck fuͤr das Schoͤnste, was der menschliche Geist geboren hat, daß dieses Schoͤn¬ ste unter den Haͤnden der Primaner, Sekundaner und Tertianer zerrieben wird — daß das Scholar¬ chat glauben kann, die bessere Edition oder die bessere Nominal- und Real-Erklaͤrungen setzen die jungen Gymnasiasten, mehr in Stand, die erhabe¬ nen klassischen Ruinen zu fassen, als eine bessere von Erratis gesauberte Edition des Shakespears und die beigefuͤgten Novellen nebst den Noten einem Schul¬ man in Stand setzen wuͤrden, die Augen vor diesem englischen Genius aufzuschließen — daß sonach das Scholarchat sich in den Kopf setzet, einen Haͤmling oder Taͤufling erhalte nichts kalt gegen die Reize ei¬ ner Kleopatra als die Huͤllen dieser Reize — und daß die Scholarchate nicht mir und der Natur nach¬ gehen. — — Die Natur erzieht naͤmlich unsern Geschmack durch vorragende Schoͤnheiten fuͤr feinere; der Juͤngling zieht den Witz der Empfindung vor, den Bombast dem Verstand, den Lukan dem Virgil, die Franzosen den Alten. Im Grunde hat dieser mino¬ renne Geschmack nicht darin Unrecht, daß er gewisse niedere Schoͤnheiten staͤrker empfindet als wir son¬ dern daß er die damit verbundnen Flecken und hoͤhe¬ Fühlen denn alle Deutsche die Messiade, der der deutschen Sprache und biblischen Geschichte kundig sind? re Reize schwaͤcher empfindet als wir alle; denn wir wuͤrden nur desto vollkommner seyn, wenn wir zu¬ gleich mit dem jezigen Gefuͤhl fuͤr das griechische Epi¬ gram das verlorne Jugend-Entzuͤcken uͤber das fran¬ zoͤsische verknuͤpfen koͤnnten. Man sollte also den Juͤngling sich an diesen Leckereien wie der Zuckerbaͤ¬ cker seinen Lehrjungen an andern, so lange saͤttigen lassen bis er sich daran uͤberdruͤßig und fuͤr hoͤhere Kost hungrig genossen haͤtte — jezt aber exponirt er sich umgekehrt an den Alten satt und bildet und rei¬ zet damit seinen Geschmack fuͤr die Neuern. In un¬ serer Autoren-Welt erscheinen die traurigen Folgen davon, daß Scholarchate den Anfang mit dem Ende machen und von Autoren, die bloß dem zartesten besten Geschmacke die letzte Ruͤnde geben, den gym¬ nasiastischen aus dem Groben wollen hauen lassen und so weder der Natur folgen noch mir. Die Scholarchate besorgen freilich, „dadurch kaͤme unter die jungen Leute mehr Witz als schicklich ist, wenn man den Seneka, Epigrammen und ver¬ dorbne Autores lese.“ Meine erste Antwort ist, daß die Konstitution des Deutschen robust und gesund ge¬ nug ist, um dem Fleckfieber des Witzes weniger aus¬ gesetzt zu seyn als andre Voͤlker. Z. B. das witzige Buch „uͤber die Ehe“ oder Hamanns Schriften ma¬ chen wir durch tausend reine Werke wieder gut, wo der Witz nicht darin ist. Ich habe daher oft gedacht, so wie der Deutsche von seinen Vorzuͤgen wenig weiß, so weiß er auch von dem nichts, daß er nicht uͤberfluͤs¬ sigen Witz hat, ob gleich die Rezensenten mir und den Verfassern der Romane diesen Ueberfluß oft ge¬ nug vorwerfen; ich und diese Verfasser verlangen unpartheiische Richter hieruͤber; sogar diese sonst un¬ bedeutenden Rezensenten sind hierin einem Seneka und Rousseau, die beide den witzigen Styl verdamm¬ ten, bekaͤmpften und doch haschten, zu ihrem Ruhm so wenig aͤhnlich, daß sie den Fehler des Witzes strenge an andern ruͤgen und gluͤcklich selber ver¬ meiden. Meine zweite Antwort ist ernsthafter: eh der Koͤrper des Menschen entwickelt ist, schadet ihm jede kuͤnstliche Entwicklung der Seele; philosophische An¬ strengung des Verstandes, dichterische der Phantasie zerruͤtten die junge Kraft selber und andre dazu. Bloß die Entwicklung des Witzes, an die man bei Kindern so selten denkt, ist die unschaͤdlichste — weil er nur in leichten fluͤchtigen Anstrengungen arbei¬ tet; — die nuͤtzlichste — weil er das neue Ideen¬ Raͤderwerk immer schneller zu gehen zwingt — weil er durch Erfinden Liebe und Herrschaft uͤber die Ideen giebt — weil fremder und eigner uns in diesen fruͤhen Jahren am meisten mit seinem Glanze ent¬ zuͤckt. Warum haben wir so wenig Erfinder und so viele Gelehrte, in deren Kopfe lauter unbewegli¬ che Guͤter liegen, in denen die Begriffe jeder Wis¬ senschaft Klubweise auseinander gesperrt in Karthau¬ se wohnen so daß wenn der Mann uͤber eine Wissen¬ schaft schreibt, er sich auf nichts besinnt, was er in der andern weiß? — bloß weil man die Kinder mehr Ideen als die Handhabung der Ideen lehrt und weil ihre Gedanken in der Schule so unbeweglich fixirt seyn sollen wie ihr Steis. Man sollte Schloͤtzers Hand in der Geschichte auch in andern Wissenschaften nachahmen. Ich ge¬ woͤhnte meinen Gustav an, die Aehnlichkeiten aus entlegnen Wissenschaften anzuhoͤren, zu verstehen und dadurch — selber zu erfinden. Z. B. alles Große oder Wichtige bewegt sich langsam: also gehen gar nicht die orientalischen Fuͤrsten — der Dalai Lama — die Sonne — der Seekrabben; weise Griechen giengin (nach Winkelmann) langsam, ferner das Stundenrad, der Ozean, die Wolken bei schoͤnem Wetter. — Oder: im Winter gehen Menschen, die Erde, und Pendule schneller. — Oder: verhehlt wurde der Name Jehova's der orientalischen Fuͤrsten, Roms und seines Schutzgottes, die sibillinischen Buͤ¬ cher, die erste altchristliche Bibel, die katholische, der Vedam ꝛc. Es ist unbeschreiblich, welche Gelenkig¬ keit aller Ideen dadurch in die Kinderkoͤpfe koͤmmt. Freilich muͤssen die Kenntnisse schon vorher da seyn, die man mischen will. Aber genug! der Pedant ver¬ steht und billigt mich nicht; und der bessere Lehrer sagt eben: genug! Siebzehnter Sektor. Abendmahl — darauf Liebesmahl und Liebeskuß. O geliebter Gustav! die ausgewinterten Tage un¬ serer Liebe schlagen in meinem Dintenfasse wieder in Bluͤten aus, indem ich sie verzeichne! Hast du, Leser, irgend einen Fruͤhling deines Lebens gehabt, und haͤngt noch sein Bild in dir: so leg' es im Wintermonat des Lebens an deinen warmen Bu¬ sen und gieb seinen Farben Leben, wie Erwaͤr¬ mung das unsichtbare Fruͤhlingsgemaͤlde des Ofens enthuͤllt und belebt — denk' dir alsdann deine Blu¬ mentage, wenn ich unsere zeichne . . . . . Unsere vier kleinen Waͤnde waren die Staketen eines rei¬ chern Paradieses als sich durch einen Augarten aus¬ streckt, unser Kirschbaum am Fenster war unser Dessauisches Philantropinwaͤldchen und zwei Men¬ schen waren gluͤcklich, ob sie gleich befahlen und gehorchten. Das Maschinenwerk des Lobes, daß ich in dem Regulativ meinem Informator so sehr anpries, legt' ich bei Seite, weil es nicht an ei¬ nen, sondern an eine ganze Schule anzusetzen ist: mein Paternosterwerk war seine Liebe zu mir; Kin¬ der lieben so leicht, so innig; wie schlimm muß der's treiben, den sie hassen! Auch der Skala mei¬ ner Strafen-Karolina oder Theresiana standen — statt der paͤdagogischen Ehren- und Leibesstrafen — Kaͤlte, ein trauernder Blick, ein traurender Ver¬ weis und die hoͤchste, das Drohen fortzugehen. Kinder von zartem Herzen und von einer immer durch den Wind aufgehobnen Phantasie wie Gu¬ stav sind am leichtesten zu wenden und zu drehen; aber auch ein einziger falscher Riß des Lenkseils verwirrt und verstockt sie auf immer. Besonders sind die Flitterwochen einer solchen Erziehung so gefaͤhrlich wie die in der Ehe mit einer feinfuͤhlen¬ den Frau, bei der ein einziger kakochymischer Nach¬ mittag durch keine kuͤnftigen Jahrs- und Tags¬ zeiten wieder auszutilgen ist. Ich wills nur be¬ kennen: eben einer solchen sensitiven Frau wegen bin ich Informator geworden. Da die Weiber (hieß es in mir) in einem frappanten Grade alle Vollkommenheiten der Kinder haben — die Fehler derselben schon weniger: — so kann ein Mensch, der an den so weit auseinander stehenden Aesten der Kinder sein Gespinnste anzukleben und anzuzie¬ hen weiß, d. h. der sich in Kinder schicken kann, so sehr schlimm unmoͤglich fahren als andre, wenn er — heirathet. Da der Tadel allezeit das Ehrgefuͤhl des Kin¬ des versehrt: so unterdruͤckt' ich ihn, um meine Kollegen in der Runde durch das Beispiel zu leh¬ ren, daß das Ehrgefuͤhl, das unsere Tage nicht genug erziehen, das Beste im Menschen sei — daß alle andre Gefuͤhle, selbst die edelsten, ihn in Stun¬ den aus ihren Armen fallen lassen, wo ihn das Ehrgefuͤhl in seinen emporhaͤlt — daß unter den Menschen, deren Grundsaͤtze schweigen und deren Leidenschaften in einander schreien, bloß ihr Ehrge¬ fuͤhl dem Freunde, dem Glaͤubiger und der Gelieb¬ ten eine eiserne Sicherheit verleihe. Sieben Tage fruͤher als recht war, kommuni¬ cirte mein Gustav: denn das Konsistorium — die Nehme der Pfarrherrn, die Poͤnitenziaria der Ge¬ meinden und die Widerlage der Regierung — schick¬ te uns mit Vergnuͤgen als eine geistige Fastendis¬ pensation oder venia aetatis diese sieben Tage, um die sein Kommunion-Alter zu leicht war, fuͤr eben so viel Gulden geschenkt aufs Schloß heraus. Mein Eleve mußte also — der geschickteste Religionsleh¬ rer saß vergeblich zu Hause — woͤchentlich zweimal zum dummen Senior Sezmann zu Auenthal ab¬ marschiren, der zum Gluͤck kein Jurist, wie ich war und in dessen Pfarrwohnung ein Rudel Kate¬ chumenen die Schnauzen in geronnene Katechismus- Milch stecken mußten — Gustav brachte statt des Thier-Ruͤssels einen zu kurzen Mund mit. Gleichwohl war der Senior Sezmann nicht uͤbel: auf einen Parliaments-Wollensack haͤtt' er sich zu einem Redner gesessen, d. h. zu einem Ding, das unter den Personen, die ihm Anfangs nicht glauben, zuerst seine eigne uͤberredet — Ein Red¬ ner ist so leicht zu uͤberreden als er uͤberredet — Der Senior war jeden Sonntag in den ersten Stun¬ den nach der Predigt fromm genug: er kann zwar verdammt werden, aber bloß Mangel an Predig¬ ten wuͤrd' es thun und der an Bier. Eine ver¬ nuͤnftige Betrunkenheit koͤmmt beides dem asceti ¬ schen und dem poetischen Enthusiasmus un¬ glaublich zu statten. Die Leser sind meine Freun¬ de nicht, welche sagen, aus bloßer Aergerniß — daß mein Gustav seine Stunden hoͤrte — schrieb' ichs hier der Welt hin, daß der Keller die Pauls- und Peterskirche des Seniors war — daß seine Seele wie gefluͤgelte Fische, nur so lange empor flog als die Schwingen eingeoͤhlet waren — daß er immer betrunken und geruͤhrt zugleich war und eher nicht in den Himmel hineinbegehrte als bis er ihn nicht mehr sehen konnte. Hermes und Oem¬ ler sagen, ich wuͤrde Aergerniß vermeiden — ob¬ gleich das Beispiel Sezmanns ein groͤsseres ge¬ ben muß als der Spas daruͤber — wenn ichs la¬ teinisch vortruͤge, daß die aquae supra coelestes sei¬ ner Augen allemal seine zwei Schuh tiefern humo¬ res peccantes begleiteten. Gustav gieng an wehenden Fruͤhlingsnachmit¬ tagen auf jungem Grase zu ihm und freuete sich unterwegs auf zwei huͤbsche Dinge — Erstlich auf diesen Missionar der heidnischen Dorfjugend selber, dessen schwaͤrmerischer Athem Gustavs Ideen, de¬ ren jede ein Segel war, wie ein Sturmwind be¬ wegte und der besonders in der letzten sechsten Wo¬ che, wo er die jungen Sechswoͤchner uͤber den Leisten des sechsten Hauptstuͤcks schlug, mei¬ nes Gustavs Ohren so verlaͤngerte , daß zwei Fluͤgel daraus wurden, die mit seinem Koͤpfchen davon giengen. — Zweitens spitzt' er sich auf eine breite Binde uͤber einem breiten Halstuch und dergleichen Schuͤrze, welches alles noch dazu so bluͤtenweiß war wie ich und am schoͤnsten Leibe in der ganzen Pfarrei saß — an Reginens ihrem, die oder der darin sich auf das zweite Kommunizi¬ ren vorbereitete. So etwas, mein Gustav, mach¬ te dich ganz natuͤrlich aufmerksamer als zerstreuet; und wenn mir das Scholarchat nur eine halbe sol¬ che Muse statt des Bauchkuͤssens meines leken Kon¬ rektors auf den Katheder entgegengestellt haͤtte: ich wuͤrde gelernt haben, ferner analysirt, for¬ mirt, konstruirt! — Deswegen wars zweitens kei¬ ne Hexerei, Gustav — da bloß dein Ohr der Wind ¬ seite vom Pastor entgegenlag, das Aug' aber der Sonnenseite von Reginen — daß dn wenig dir aus der halben Stunde machtest, die der Senior druͤber gab, um sein Gewissen zum Narren zu haben. Er hielt, um diesen Frais- und Zentherrn und Reimer im Herzen, das Gewissen, stille zu machen, seine Kinderlehren eine halbe und seine Predigten dreiviertel Stunden laͤnger als die ganze Dioͤzes. Der Mensch thut lieber mehr wie seine Pflicht als seine Pflicht. Da er nicht wußte, daß Maͤdchen nichts uͤberse¬ hen und alles uͤberhoͤren: so war ihm der ganze Ka¬ techismus techismus ein Liebesbrief, in dem er sich mit ihr un¬ terredete. Wenn sie dem Senior zu antworten hatte: wurd' er roth, „der Senior, dacht' er, kann sein Fragen und Quaͤlen nicht verantworten“ und sein Sehnerve ruhte tief auf ihrem Gesichte. Da die Falkenbergischen kein besonderes Kommu¬ nizirzimmer mit sammtnen Dielen hatten: so gieng meine Pathean der Spitze ihrer Lehnleute um den Altar; also auch Gustav. Am Beichtsonnabend — O ihr stillen Tage mei¬ ner Religionsschwaͤrmerei geht wieder vor mir vor¬ uͤber und gebt mir euere Kinderhand, damit ich euch schoͤn und sanft beschreibe. — Am Sonnabend gieng Gustav nach dem Essen — schon unter demselben konnt' er vor Liebe und Ruͤhrung seine Eltern nicht ansehen — die Treppe hinauf, um nach einer so schoͤ¬ nen Sitte den Seinigen seine Fehler abzubitten. Der Mensch ist nie so schoͤn als wenn er Verzeihung bit¬ tet oder selber verzeiht. Er gieng langsam hinauf, damit seine Augen trocken und seine Stimme fester wuͤrde; aber als er vor die elterlichen kam, brach ihm alles wieder, er hielt lange in seiner gluͤhenden Hand die vaͤterliche, um etwas zu sagen, um nur die drei Worte zu sagen: „Vater vergieb mir;“ aber er fand O keine Stimme, und Eltern und Kind verwandelten die Worte in stille Umarmungen. Er kam auch zu mir . . . in gewissen Verfassungen ist man froh, daß der andre in der naͤmlichen ist und also unsre vergiebt. . . Ich wollt', Gustav, ich haͤtte dich jetzt in meiner Stube. — Wenn Kinder sich Gott — nicht wie Er¬ wachsene, als ihres Gleichen, als ein Kind, sondern — als einen Menschen denken: so ist das fuͤr ihr klei¬ nes Herz genug. Gustav gieng nach diesen Abbitten wankend, zitternd, betaͤubt, wie wenn er das saͤhe was er dachte — Gott, — in die verlassene Kind¬ heitshoͤhle hinab, wo er unter der Erdrinde erzogen wurde und wo seine ersten Tage und ersten Spiele und Wuͤnsche begraben lagen. Hier wollt' er knien und in dieser zerbrochnen Andachtsstellung, worin der Genius der Sonnen und Erden in jener vielleicht froͤmmsten Zeit unsers Lebens alle gefuͤhlvolle Kin¬ der erblickt, seine ganze Seele in einen einzigen Laut, in einen einzigen Seufzer verwandeln und sie opfern auf dem Dankaltar; aber dieser groͤßte mensch¬ liche Gedanke riß sich wie eine neue Seele von sei¬ ner los und uͤberwaͤltigt sie — Gustav lag und so¬ gar seine Gedanken verstummten . . . Aber die Stim¬ me wird gehoͤrt, die in der Brust bleibt, und der Gedanke gesehen, der zuruͤcksinkt unter den Stra¬ len des Genius; und in der andern Welt betet der Mensch seine hiesigen verstummten Gebete hin¬ aus. — — — Am Abend dieses schwaͤrmerischen Tages trug eine wiegende Ruhe auf ihren festen Haͤnden sein uͤberspanntes Herz; er schlug nicht gewaltsam die kurzen Kinder- und Menschen-Arme um die Freu¬ de, sondern diese schloß die Mutterarme leis' um ihn. Dieser Zephyr der Ruhe spielte — anstatt daß der Orkan des Jauchzens den Menschen durch und wider alles reisset — noch am Pfingsttage mit seinen Ideen und erlag darauf wie auf einer Wol¬ ke, da er heiter in die Pfingstsonne trat; aber als der Blumengeruch der geschmuͤckten Brust, daß Ge¬ fuͤhl des pressenden, rauschenden Anzugs, das Glok¬ kengelaͤute, dessen fortlaufende Toͤne wie goldne Faͤden um alle einzelne Auftritte liefen nnd sie in Einem verbanden, der Birkenduft und das gruͤne Helldunkel der Kirche, sogar das Fasten, als alles das seine Ideen und seine Blutkuͤgelchen in fliegende Kreise warf: so stand in seiner Brust eine an¬ gezuͤndete Sonne; das Bild eines tugendhaf¬ ten Menschen brannte nie in so großen uͤber O 2 die Wolken hinaustretenden Umrissen vor ihm als da! — — Aber der Abend! — Die kleinen Kommunikan¬ ten spatzierten da mit leichterem Herzen und volle¬ rem Magen in sittsamen Gruppen herum und fuͤhl¬ ten Essen und Putz. Gustav — von dessen Flammen das Abendessen vieles uͤberleget hatte, wie eine her¬ abgeworfne Gans den brennenden Schorstein erstickt; wiewohl sich noch eine sanfte Glut verhielt — wan¬ delte seinen Garten jetzt, da sein Kopf kein Tanzplatz sondern eine Moosbank entzuͤckter Ideen war, lang¬ sam auf und ab und zog die eingeschlafnen Tulpen¬ blaͤtter auseinander, um aus diesem Blumenkarzer manches verspaͤtete Bienchen zu befreien. Endlich lehnt' er sich an den Thuͤrstock des hintern Garten¬ thuͤrchens und sah sehnend uͤber die Wiesen ins Doͤrf¬ chen hinab, wo die gruppirten Eltern zusammen plauderten und den Kindern eitel nachschaueten, die heute zum ersten- und wohl zum letztenmale spatzie¬ ren giengen, weil Bauern und Morgenlaͤnder nur Sitzen lieben. Ein Kinderpiquet ruͤckte um die Gar¬ tenmauer herum, vielleicht weil es seinen Staar¬ matz, der heute in die frische Luft mit seinem Bauer gehangen war, satyrisiren hoͤrte. Kinder sind in fremden Kleidern und Orten sich fremd. Gustav kannte keinen andern Leitton, mit Kindern ins Ge¬ spraͤch uͤberzugehen, als den, in eines mit dem Staarmatz zu gerathen. Die redenden Kuͤnste des befiederten Linguisten machten bald die Konversazion allgemein. Gustav fieng an Geschichtchen zu erzaͤh¬ len, aber vor einem juͤngern und billigern Publikum als ich: seine Geschichtchen erdachte und erzaͤhlte er im naͤmlichen Augenblick und seine Phantasie stieß mit ihren Fluͤgeln im unermeßlichen Tummelplatz an nichts. Ueberhaupt erfindet man gescheutere Contes unter dem Sprechen als Schreiben und die Madame d'Annoy, die ich lieber heirathen als lesen moͤchte, wuͤrde uns großen Kindern bessere Feenmaͤhrchen ge¬ geben haben, wenn sie sie vor den Ohren kleiner er¬ funden haͤtte. Unter dem Vorwande des Niedersetzens invitirte er sein ganzes Publikum auf einen Altan, der um einen Lindenbaum im Garten samt einer Treppe ge¬ flochten und gewoͤlbet war . . . . Ich lasse so bald meine Leser nicht herunter: denn Bienen, Bild¬ schnitzer und Ich lieben Linden sehr, jene des Honigs, diese des weichen Holzes und ich des weichen Namens und des Geruches wegen. Aber hier ist noch was ganz anders zu lieben — Drei Kommunikantinnen horchten zur offnen Gartenthuͤr herein und verdoppelten von weitem das Auditorium: mit Einem Worte, Regina war darunter und ihr Bruder mit droben; die Gallerie oder Logen mußten endlich — da das heraufrufen nichts half — das weibliche Parterre heraufzerren. Ich erzaͤhle jetzt feuriger nach; kein Wunder, daß ers that. Regina setzte sich am weitesten von ihm, aber ihm gegenuͤber. Er fieng eine ganz neue Hi¬ storie an, weil das bureau d'esprit staͤrker gewor¬ den. Ein elendes Maͤdchen — Kinder wollen in der Geschichte bloß Kinder — malt' er vor, ohne Abend¬ brod, ohne Eltern, ohne Bett, ohne Haube und ohne Fehler die aber allemal so oft ein Stern sich putzte, unten einen huͤbschen Thaler fand u. s. w. Welche Flamme schlug aus seinen Worten heraus, aus seinen Augen und Gestus, in seine Zuhoͤrer¬ schaft hinein. Noch dazu stickte der Mond die Lin¬ dennacht auf dem Fußboden mit wankenden Silber- Punkten — eine verspaͤtete Biene kreutzte durch den gluͤhenden Kreis und ein schnurrender Daͤmmerungs¬ vogel um einen weissen Kopf — auf dem Doppel- Grund von Lindengruͤn und Himmelsblau zitterten Blaͤtter neben den Sternen — der Nachtwind wieg¬ te sich auf duͤnnem Laube und auf Goldflittern der geputzten Regina und bespuͤhlt mit kuͤhlen Wellen ihre Feuerwange und Gustavs Flammenathem. . . . Aber wahrhaftig ich behaupte, den Katheder brauch¬ te er nicht einmal, so herrlich waren Katheder und Redner. Wie konnt' ihm dieser noͤthig seyn, da er der Braut Christi und seiner eignen erzaͤhlte; da der ganze heutige Tag mit seinem blendenden Nimbus wieder aufstand; da er das Mitleid in die Brust der unbefangnen Kinder einfuͤhrte und aus ihren Auge es wieder vorpreßte; und da er gewisse weibliche sich benetzen sah. . . . Seine eig¬ ne zergiengen in Wonne und er dehnte sein Laͤcheln immer weiter auseinander, um damit sein Auge zu bedecken, das sich schon schoͤner bedecket hatte. — — „Gustav!” hatt' es schon zweimal vom Schlosse gerufen, aber in dieser seligen Stunde hoͤrt' es keiner: bis zum drittenmale die Stimme nahe unten im Garten ertoͤnte. Die betaͤubte ge¬ heime Gesellschaft rollte die Treppe hinab — neben ihm verweilte noch Regina unter der magischen Lau¬ be, um mit ihrer Schuͤrze die Spuren der Erzaͤh¬ lung aus den Augen zu bringen und mit einer Na¬ del sich etwas hinaufzustecken — er stand am Ge¬ sichte, auf dem so viele schoͤne Abendroͤthen seines Lebens untergegangen waren, so nahe, und so stumm und hielt sie ein wenig als sie nachwollte — waͤre sie stille gestanden, so haͤtt' er sie nicht hal¬ ten koͤnnen; aber da sie riß: so umfaßte er sie fester und im groͤßern Bogen — ihr Ringen verei¬ nigte beide, aber seiner trunknen Seele ersetzte die Naͤhe den Kuß — das Straͤuben fuͤhrte seine zuk¬ kende Lippen an ihre — aber doch erst als sie seine Brust von ihrer wegstemmte und seine mit der Na¬ del zerritzte, dann erst strickte er sie mit unaus¬ sprechlicher vom eignen Blute berauschter Liebe an sich und wollte ihren Lippen ihre Seele aussaugen und seine ganze eingiessen — sie standen auf zwei entfernten Himmeln, zu einander uͤber den Ab¬ grund heruͤbergelehnt und einander auf dem zittern¬ den Boden umklammernd, um nicht loslassend zwischen die Himmel hinunter zu stuͤrzen . . . . . . . . Koͤnnt' ich seinen ersten Kuß tausendmal brennender koloriren: ich thaͤt's; denn er gehoͤrt unter die ersten Abdruͤcke der Seele, unter die Maiblumen der Liebe, er ist die beste mir bekann¬ te Dephlegmation des erdigten Menschen. Nur ist's in diesem deutschen und belgischen Leben nicht moͤglich zu machen, daß der Mensch uͤber 5 oder 6male zum erstenmale kuͤsse. Spaͤter sieht er alle¬ zeit in seine Sachdefinition, die er von einem Kusse im Kopfe hat, ordentlich hinein und zitirt den Paragraphen wo's steht; der ganze Inhalt des dummen Paragraphen ist aber der, das ganze Ding sei ein Zusammenplaͤtten rother Haͤute. Warlich ein sentimentalischer Autor kann sich nicht nieder¬ setzen und bedenken, daß ein Kuß eines von den wenigen Dingen ist, die nur genossen werden wenn unter dem Geistigen das Koͤrperliche nicht vorschmeckt — ohne daß ein solcher sentimentalischer Autor (es ist niemand als ich) die ausfilzet, die nicht soviel Ver¬ stand haben wie er — er filzet nicht bloß die Her¬ ren Veit Weber und Kotzebue , in deren Schriften zuviele Kuͤsse stehen, sondern auch andre Leute aus, in deren Leben zuviele sind, nament¬ lich ganze Pickenicks, die einander nach dem Tisch¬ gebet die Wangen mit den Lippen abbuͤrsten und anschroͤpfen. Koͤmmts gar so weit, daß diese schoͤ¬ ne Lippenbluͤte unsers Gesichts sich an Haͤuten von Schaafen und von Seidenraupen, an Handsanda¬ len zerknuͤllen muß: so will ein Autor von so viel Empfindung der passiven Parthei die Haͤnde und der aktiven die Lippen wegschneiden. . . . Ich begiesse den vom letzten Kusse erhitzten Le¬ ser mit dieser kalten Bruͤhe wirklich nicht . Deswe¬ gen , um mit ihm so umzuspringen wie das Schick¬ sal mit mir: dieses hat sichs einmal zum Gesetz gemacht, jedesmal wenn ich mitten im Freuden ¬ oͤhl solcher Auftritte wie der Gustavische — oder auch nur der Beschreibung solcher Auftritte — ste¬ he, mich sogleich in Bitterwasser und Schweerschen Essenzen und saure Extrakte unter zu tauchen. Son¬ dern ich wollte gerade umgekehrt die haͤßliche Em¬ pfindung uͤber den Tausch entgegengesetzter Szenen dem Leser halbiren, die der arme Gustav ganz hat¬ te, als es unten rief: „Wollt ihr gleich!“ Die Rittmeisterin legte in den Ton mehr Beleidigendes, als mein unschul¬ diger Eleve noch zu fuͤhlen verstand. Die Liebha¬ berin verliert in solchen Ueberraschungen den Muth, den der Liebhaber bekoͤmmt. Die ersten Versikel des abgefluchten Strafpsalms durchloͤcherten das Ohr der schuldlosen Regina, die stumm und wei¬ nend aus dem Garten schlich und den freudigen Tag truͤbe beschloß. Die sanftern Verse erfaßten den Historiographen, der seine Contes moraux aͤst¬ hetisch und mit Pathos Gustavs Muth zum Kuß ist natürlich. Unser Geschlecht durchläuft drei Perioden des Muths gegen das Schöne — die erste ist die kindliche, wo man beim weiblichen Ge¬ schlecht noch aus Mangel an Gefühl ꝛc. wagt — die zweite ist die schwärmerische, wo man dichtet aber nicht wagt — die dritte ist die letzte, wo man Welt genug hat, um frei¬ müthig zu seyn, und Gefühl genug, um das Geschlecht zu schonen und zu achten. Gustav küßte in der ersten Periode. auszumachen vorhatte und nun selber von einem fremden Pathos erwischt wurde. Ernestinens Herz, Lippen und Ohren wa¬ ren hinter den strengsten Gittern erzogen; daher wich ihre so melodische Seele (bei einem bloßen Kuß) in eine fremde harte Tonart aus; sie gab vom schoͤnsten Maͤdchen nichts zu, als: „ein gutes Maͤdchen ists.“ Ueberhaupt ist nur die Frau, die gewisse Fehltritte einer andern schonend beurtheilt, mit ihrer Toleranz verdaͤchtig; eine ganz reine weibliche Seele erzwingt an sich hoͤchstens die Mine dieser Toleranz fuͤr eine weniger reine. Auf jene Lippen druͤckte Gustav den ersten und letzten Kuß: denn in der Pfingstwoche zog die Schaͤ¬ ferin nach Maussenbach als Schloß-Dienstbote. Wir werden nichts mehr von ihr hoͤren. — So wirds durch das ganze Buch gehen, das wie das Leben voll Szenen ist, die nicht wieder kommen. Nun tritt schon die Sonne hoͤher an Gustavs Lebensta¬ ge und faͤngt an zu stechen — eine Blume der Freude um die andre buͤckt sich schon Vormittags zum Schlummer nieder, bis Nachts um 10 Uhr der gesenkte Flor mit verschwundnen Bluͤten schlaͤft. . . . Achtzehnter Sektor. Scheerauische Molucken — Röper — Beata — offizielle Wei¬ berkleider — Oefel — I ch wuͤrde naͤrrisch handeln und schreiben, wenn ich — da uns alle, Leser sowohl als Einwohner dieser Biographie, Scheerau so nahe angeht, da Gustav, der Held dahin als Kadet koͤmmt, da ich, der Hofmeister, daraus komme, da Fenk, der Dok¬ tor, noch da ist und da Fenk in dieser Historie noch wichtig werden kann — drei Papiere von D . Fenk trotz aller dieser Gruͤnde nicht einruͤckte. Die Rede ist von zwei Zeitungsartikeln und Einem Brief, die der Pestilenziar geschrieben. Ich weiß gewiß, daß es einigen hohen Frem¬ den, die durch die Scheerauischen hoͤhern Zirkel ge¬ reiset, bekannt ist, daß der Doktor eine Zeitung schreibt, die nicht gedruckt wird, naͤmlich eine ge¬ schriebne Gazette oder nouvelles à la main wie alle Residenzstaͤdte sie haben. Doͤrfer haben gedruckte Neuigkeiten, kleine Staͤdte muͤndliche, Residenz¬ staͤdte schriftliche. Das Papier ist sein Marforio und Pasquino, der seine satyrischen Arzneien aus¬ theilt. Seinen ersten Zeitungsartikel flecht' ich ein, schon bloß des Journals fuͤr Deutschland wegen. Dieses so platte und so wortreiche Journal — denn sonst waͤr es weder von noch fuͤr Deutschland ge¬ schrieben — ruͤckte eine gute Abhandlung von mir nicht ein, die ich uͤber den ausserordentlichen Handels¬ flor in Scheerau eingeschickt, weil vielleicht keine Re¬ gierung in Deutschland weniger bekannt ist als die Scheerauische. Wahrhaftig man sollte denken, die¬ ses Fuͤrstenthum verstecke sich unter die Eisrinde der Polarmeere, so unbekannt sind die wichtigern Nach¬ richten von ihm, z. B. solche, wie die, daß wir Scheerauer seit der neuen Regierung den ganzen ost¬ indischen Handel und die Molucken an uns gezogen, von denen wir jetzt unsere Gewuͤrze selber holen, die die Regierung eigenhaͤndig dazu aus Amsterdam ver¬ schreibt. — — Aber das steht ja eben im ersten Zei¬ tungsartilel. No. 16. Gewürzinseln und Molucken in Scheerau . D er Brandenburger Weiher bei Baireuth ist ein ausgegrabner Landsee von 500 Tagwerken und vor einigen Monaten saß ich eine Stunde darin: denn man trocknet ihn jezt zum Besten seiner bleichen Kuͤstenbewohner aus. Der Scheerauische Weiher an dem vier Regenten weiter graben ließen, hat 129 Tagwerke mehr und ist fuͤr Deutschland wichtig: denn durch seine aͤrostatischen Duͤnste wird er so gut wie das mittellaͤndische Meer, das Wetter in Deutschland aͤndern, sobald der Wind uͤber beide geht. Die Ebbe und Fluth muß geuau genommen auf einer Thraͤner , oder im Saufnaͤpfgen eines Zeissigs statt finden, wie viel mehr auf einem sol¬ chen Wasser: — die Dioͤzes von Insel, die diesen Teich so putzt und fournirt, z. B. Banda, Su¬ matra, Zeylon, und das schoͤne Amboina, die großen und kleinen Molucken traten erst unter der jezigen Regierung aus dem Wasser — oder viel¬ mehr ins wasser . Herr Buͤffon wenn er noch lebte und andre Naturforscher muͤst' es frappiren, daß die Inseln auf dem Scheerauischen Ozean nicht durch Aufthuͤrmungen von Korallen entstanden — auch nicht durch Erdbeben, die den Dromedar-Ruͤ¬ cken des Meersgrundes aus dem Wasser aufkruͤmm¬ ten — selber durch keinen Vulkan in der Naͤhe, der diese Berge ins Wasser hineingesaͤet haͤtte: denn Summatra, die großen und die kleinen Mo¬ lucken wurden bloß in kleinen Partien auf unzaͤh¬ ligen Schubkarren und Leiterwagen an die Kuͤsten herbei geschoben, — und weil auf den Karren Steine, Sand, Erde und alle Ingredienzien ei¬ ner huͤbschen Insel waren: so brachten die Frohn¬ bauern, landesherrliche so wohl als ritterschaftli¬ che, die eben so viele (Taback-) rauchende und In¬ seln bildende Vulkane waren, in kurzem die Mo¬ lucken fertig, indeß die ritterschaftlichen Bruͤcken uͤber landesherrliche Wasser noch nicht angefangen sind. Die Absicht des Landesherrn ist, den gan¬ zen ostindischen Handel bei Asien in Scheerau so bei der Hand zu haben wie eine Kappeemuͤhle — und ich denke, wir haben ihn: nur mit dem Un¬ terschiede, daß die Scheerauischen Gewuͤrzinseln noch besser sind als die hollaͤndischen. Auf den letz¬ tern muß man erst das Reifen des Pfeffers, der Muska¬ Muskatnuͤsse ꝛc. abpassen; aber auf unsern liegt schon alles reif und trocken da und man darfs nur ans Essen reiben: das macht, weil wir alle diese Fruͤchte schon ganz zeitig aus — Amsterdam ver¬ schreiben. Es ist naͤmlich so: Entweder alles oder nichts ist ein Regale. Der Rechtskundige kann es nicht billigen, daß die Fuͤr¬ sten, wie wohl sie die kostbarsten, aber seltensten Produkte zu ihren Regalien erheben, gleichwohl die gemeinen, aber desto ergiebern in den Haͤnden der Landeskinder lassen und dadurch den Fiskus schwaͤchen. Der Jurist findet bei den suͤd-asiati¬ schen Fuͤrsten, so despotisch sie sonst sind, mehreren Konsequenz, welche nicht das Wild, oder Salz, oder Bernstein oder Perlen sondern das ganze Land und den ganzen Handel nehmen und beide bloß jaͤhrlich verpachten. Die deutschen Fuͤrsten haben hiezu mehrere Befugniß als alle andre: denn alle europaͤische Reiche haben indische Besitzungen, haben ein Neu-England, Neu-Frankreich, Neu-Hol¬ land, aber ein Neu-Deutschland hat das Alt- Deutschland nicht und das einzige Land, was ein Fuͤrst noch wegzunehmen hat, ist sein eignes, man muͤste denn aus Pohlen, oder der Tuͤrkei ein P Neu-Oesterreich, Neu-Preußen ꝛc. zu machen wissen. Allein dieses sah bisher kein Regent als der Scheerauische ein, der diese Grundsaͤtze seinem ge¬ heimen Kabinette vorlegte, aber schon vor dem Votiren seinen Entschluß gefasset hatte: daß nun die Leute alles Gewuͤrz bei ihm nehmen sollten. Er selber schaft nun gleich der Natur, auf seinen Molucken die Gewuͤrze, die sein Land isset, indem er durch den Kommerzien-Agenten von Roͤper den Saamen dieser Gewuͤrze — Pfeffer-Koͤrner, Nuͤs¬ se ꝛc. aber nicht zum Pflanzen sondern zum Kochen aus Amsterdam spediren laͤsset. Daher umschnuͤret (weil die Molucken bei der Gewuͤrz-Defraudation litten) ein Pfeffer- und Zimmt-Kordon von Ka¬ detten und Husaren das Land: niemand koͤnnte eine Muskatnuß einschwaͤrzen als die Muskattaube in ihrem duͤnnen Gedaͤrm. Alles was meine schee¬ rauische Leser aus den Laͤden nehmen, der Kauf¬ laden mag einem großen Hause gehoͤren, das mehr Schiffe und Reisediener, auf den Beinen erhaͤlt als ich Setzer, oder er mag von einem armen Hoͤcker gemiethet seyn, dessen Schilderung mich schon dauert, dessen Stratza eine Schiefertafel und dessen Kapitalbuch eine schmierige Stubenthuͤr und dessen Kaufmannsguͤter nicht zu Schiffe son¬ dern als Landfracht unter dem Arme, oder auf der Achse, d. h. an einem Stocke auf der Achsel gebracht werden — in beiden Faͤllen kaͤuet der scheerauische Leser Produkte aus Molucken, die vor seiner Nase sind. — Einer, der das beurtheilen kann, faͤllet nach¬ her dem Gewuͤrz-Inspektor von Herzen bei, der im scheerauischen Intelligenzblatt schreibt, 1) das jezt das Land Pfeffer und Ingwer um niedrigern Preiß erhalten koͤnnte, weil bloß der Fiskus im Stande waͤre, sie in groͤssern, mithin in wohlfei¬ lern Parthien zu beziehen — 2) daß der Regent jezt vermoͤgend waͤre, diese Leckereien, die unsern Beutel uͤber Indien leeren, unter allen Deutschen zuerst den Scheerauern abzugewoͤhnen, indem er bloß den Preiß enorm zu steigern brauchte — 3) daß eine neue Dienerschaft jezt ihr Brodt haͤtte. Ich brauch' es nicht zu vertheidigen, daß un¬ ser Fuͤrst — da die Russische Kaiserin Doͤrfern das Stadtrecht giebt — Schutt-Huͤgeln das Inselnrecht ertheilt, oder daß er ihnen ostindische Namen schenkt, da jeder Tropf von Schiffer bei der groͤs¬ P 2 ten Insel, die er noch dazu mehr entdeckt als macht, Pathenstelle vertreten darf. Unser Sum¬ matra ist uͤber ½ Quadratviertelstunde groß und hat hauptsaͤchlich Pfeffer — die Insel Java ist noch groͤßer aber noch nicht fertig — auf Banda, das dreimal so groß als der Konzertsaal ist, liefert die Natur Muskatnuͤsse, auf Amboina Gewuͤrznelken — auf Teidor steht ein artiges Landhaus eines be¬ kannten Scheerauers (des Doktors hier selber) — die kleinen Molucken, die in den Weiher hinein¬ punktirt sind, kann ich sammt ihren Produkten in die Westentasche stecken, sie haben aber ihr Gu¬ tes. — Wer noch in keiner Seestadt, in keinem Hafen war: der kann hieher in den Scheerauer reisen und selber Nachmittags ein Zeuge davon werden, was in unsern Tagen der Handel ist, den die verbundnen Haͤnde aller Voͤlker heben — hier kann er sich einen Begrif von Kauffartheiflotten machen, von denen er so viel aber dumm gelesen und die er hier uͤber unsern Teich seegeln sieht — bald kann er die sogenannte Gewuͤrz-Flotte des H. Kommerzien-Agenten von Roͤper sehen, die gleich einem hitzigen Klima die noͤthigen Gewuͤrze, die er verschrieben, unter alle Inseln austheilt — er kann auch auf arme Teufel stoßen, die auf ein wenig Floßholz sich aus Ostindien die wenigen Kaufmannsguͤter abholen, die sie kreuzerweise ab¬ setzen — am Hafen und Ufer, wo er selber steht, kann er bemerken was der Kuͤstenhandel ist, den da sogenannte Fratschler-Weiber mit Pfeffer- und Welschen-Nuͤssen im Kleinen treiben.“ Ende von No . 16. Das zweite Stuͤck des Fenkischen Zeitungs- Manuskriptes ist eine Schilderung eben dieses Kom¬ merzien-Agenten von Roͤper ohne seinen Namen. Wenn der Leser diese Digression gelesen hat: so wird er sagen, es war gar keine. No . 21. Unvollkommner Karakter, so für Romanenschreiber im Zei¬ tungskomptoir zu verkaufen steht , I m Roman gefallen wie in der Welt keine voll¬ kommen-gute Menschen: aber auch auf der an¬ dern Seite wird einer weder Lesern noch Neben- Menschen gefallen, der ganz und gar ein Schelm ist — bloß halb, oder dreiviertel muß ers seyn wie alles in der großen Welt, Lob und Zote und Wahrheit und Luͤge. Im Zeitungskomptoir steht ein halber Schelm und wird allen Romanschreibern im Scheerauischen um das Wenige, was sie dafuͤr geben koͤunen , verkaͤuflich erlassen. Ich versichere die H. Schrei¬ ber, daß ich etwann nicht die Unvollkommenhei¬ ten dieses Schelms uͤbertreibe, um ihn theuerer abzusetzen: der Innhaber nimmt den Schelm wie¬ der zuruͤck, wenn er nicht Bosheit genug hat. Dieser unvollkommne Karakter wurde im Kir¬ chenstaat gezeugt und an der Graͤnze von Unter- Italien geboren; und kaufte sich, nach seiner Taufe und Muͤndigkeit, Hecheln und Mausefallen. Die wenigsten Deutschen wissen, daß sie die Italiener bei denen dieser Handelszweig bluͤhet, reich aus¬ kaufen. Dieser Karakter schwang sich bald von ei¬ nem Hecheln-Kommissionair zu einem Hecheln-Asso¬ ci é empor: er verfertigte die Maͤusefallen, die er aus Italien bezog, in Deutschland und die Maus¬ loͤcher waren sein Ophir und die Flachsfelder seine Muͤnzstaͤdte. Die Hechel, die er vor dem Einkauf seines Adelsdiplom an gegenwaͤrtigen Thiermahler verkaufte, schlug er ihm fuͤr seckstehalb Gulden loß. Er muß schon vor seiner Geburt in der andern Welt in einem großen Hause gehandelt haben: denn er brachte eine merkantilische Seele schon fer¬ tig mit. Es ist naͤmlich dumm von mir, daß ichs nicht eher erzaͤhlet habe, daß er als Knabe von 9 Jahren in seiner Blatterkrankheit einen kleinen Kaufladen aufsperrte — wenn man naͤmlich Pocken von ihm zum Inokuliren nahm, litt' ers nicht, sondern sagte: „ja! um Geld und gute Worte! er waͤre ein Pocken-Saͤmereihaͤndler und noch ein junger Anfaͤnger.“ Diesen Handel mit eigner Manufaktur legt' ihm bald der Arzt und die Natur und der Doktor sagte, er sei so theuer wie ein Apotheker. Daher wollt' er gar einer werden. Er wurd' auch einer, aber nach dem Mecklen¬ burgischen Idiodikon: denn in diesem heißet jeder Materialladen eine Apotheke. Naͤmlich in Unter¬ scheerau aͤnderte er die Religion und den Nah¬ rungszweig und bauete sich einen Laden, der bloß fuͤr Kaͤufer Hechel und Mausefalle war. Hier hielt er sich einen Ladenjungen, ein Kuͤchenmensch, ei¬ nen Friseur, einen Barbier und einen Vorleser des Morgenseegens — alle diese Personen machten nur Eine Person aus, seine eigne, diese war und that wie ein Ensoph alles. Da bei unserem Schelm als einem unvollkom¬ nen Karakter Tugenden in Fehler vererzt seyn muͤssen — ich wuͤrd' ihn sonst keinem Roman-Bau¬ herrn antragen: — so nehme man mirs nicht uͤbel, daß ich auch seine weisse Seite neben seine schwar¬ ze bringe, wie man auf Boͤheimischen Tafeln im¬ mer weisse und schwarze Gerichte neben einander stellet. Er gieng damals Sonntags aus seinem Laden bei aller erlaubter Sparsamkeit doch gut gekleidet heraus. Seinen Hut, seine Ringfinger und seine Weste bordirte aͤchtes Gold; seinen Magen und seine Waden spann der Seidenwurm ein und seinen Ruͤcken das englische Schaaf. Es ist ganz der menschlichen Bosheit gemaͤß, das Verschwendung zu nennen, was hier wahre verheimlichte Wohl¬ thaͤtigkeit war: denn alles was der unvollkomm¬ ne Karakter anhatte waren — Pfaͤnder; um die Leute vom Verpfaͤnden abzubringen, drohte er je¬ dem, jedes Pfand worauf er leihe, wuͤrd' er so lange anziehen als es bei ihm staͤnde. Auf diese Art hielt er manchen ab und die Kleidung dessen, bei dem menschenfreundliche Warnung nichts ver¬ fing, legte er wirklich Sonntags nach dem Essen an. Es war daher weniger Mangel an Geschmack als an Geiz und Haͤrte, daß er, so wie mehrere Personen, so auch mehrere Kleider vereinigte und so bunt aufschritt wie eine Kleidermotte, wie eine Farben-Pyramide von Lambert, oder wie ein Far¬ ben-Klavier. Da ich so gewiß weiß, daß Verschwendung ihn nicht verunzierte, so sehr es den Anschein hat; so will ich allen Anschein durch die Nachricht wegnehmen, daß er jeden Sonnabend sein Pfund Fleisch im Zoͤlibat kaufte — und — denn das be¬ wiese noch nichts — auch nicht aß. Er aß aller¬ dings eines und mit dem Loͤffel; aber es war vom vorigem Sonnabend. Der unvollkommne Karakter holte naͤmlich jeden Sonnabend sein Andachtsfleisch aus der Bank und meliorierte und dekorierte damit sein Sonntags-Gemuͤß. Aber er nahm nichts zu sich als den vegetabilischen Vars. Am Montag hatt' er den animalischen noch und wuͤrzte mit ihm ein zweites Gemuͤß — am Dienstag kochte das an¬ tike Fleisch wie ein Kraftgenie in einer neuen Ein¬ fassung — am Mittwoch war es wieder eine Fet- Broderie — kurz erst am Sonntag staͤrkte er sich selber oder sein Blut statt der Fleischbruͤhe und aß das verdienstvolle Pfund. Eben so kann man mit einem Pfund Leibnitzischer, Rousseauischer, Jako¬ biischer Friederich Jakobi in Düsseldorf. Wer seinen Woldemar — das Beste was noch über und gegen die Encyklopädie geschrieben worden — oder seinen Allwill — wodurch er die Stürme des Gefühls mit dem Sonnenschein der Prin¬ zipien ausgleichet — oder seinen Spinoza und Hume — das Beste, womit die Kantische Philosophie zu rechtferti¬ gen und zu ertragen ist — nichts bewundert als die zu große Gedrungenheit (die Wirkung der ältesten Bekannt¬ schaft mit allen Systemen) oder den Tiefsinn oder die Gedanken ganze Schifskessel voll schrift¬ stellerischen Blaͤtterwerks kraͤftig kochen. Diese Sparsamkeit legierte der unvollkommne Karakter noch mit einigem Betrug. Er interpo¬ lierte die Guͤter, die er gut bekam und schrieb zu¬ ruͤck, er haͤtte sie schlecht bekommen, sie waͤren so und so und koͤnnte sie nur um den halben Preiß brauchen. Ein Drittel des Preises spielt' er dann meistens dem Kaufmann aus der entfernten Ta¬ sche. Waaren, Faͤsser, Saͤcke, die in seinem Hause nur ein Absteig-Quartier hatten und weiter musten, gaben ihm den Transito, und Rheinzoll durch ein kleines Loch heraus, das er in sie hin¬ einmachte, um das Wenige daraus sich zu entrich¬ ten, was dem Fuhrmann aufgebuͤrdet werden konnte wenns fehlte. — Er legte ein Muͤnzkabi¬ net oder Hospital fuͤr arme invalide amputierte Goldstuͤcke an; diesen gab er den ehrlichen Namen, den sie verloren, wieder, und zwang seine Spinner und Faktore, sie als legitimiert anzunehmen: ein Phantasie oder gewisse Züge, die gewisse seltnere Men¬ schen heben: der versäumt noch etwas größeres zu be¬ wundern — die Kälte, womit das deutsche Publikum al¬ le Werke schätzt, die man mehr als einmal lesen muß. Armer Hamann in Königsberg; deine Mardochais ha¬ ben dich nicht gehenkt, sondern (was noch schlimmer in den deutschen Kreisen ist) gelesen. Goldstuͤck mochte noch so schlecht in sein Haus ge¬ kommen seyn, er dankte es wie einen Offizier nie ohne Avancement ab. So decken ganz edle See¬ len sogar die Maͤngel des Geldes mit dem Mantel der Liebe zu. Auf diese Art breiteten sich seine Kaufmanns- und Feldguͤter immer mehr aus, und in seinem von der freundschaftlichen Waͤrme des Publikums angebruͤte¬ ten Herzen regte sich wie ein Ei-Infusionsthierchen ein federloses durchsichtiges mattes Ding, das er Ehre nannte. Der unvollkommne Karakter ließ sich also einen Karakter als Kommerzienrath kommen. Jetzt da er die Ehre recht fest und aufs Papier fixirt hatte: so konnt' er sie eher beleidigen als vor¬ her da er sie noch nicht unter seinen Papieren hatte. Er machte also seine Liebeserklaͤrung dem reichsten und geitzigsten Vater einer schoͤnen Tochter, die die Liebe gegen einen Offizier zum letzten Schritte hinge¬ rissen hatte: die Tochter haßte seine Liebeserklaͤrung; aber der Karakter und der Vater bemaͤchtigten sich ihrer straͤubenden Hand, zogen sie daran zum Al¬ tar, schraubten den Ring ihr an und pfaͤhlten ihre Hand in seine. Ihr zweites Kind war sein erstes. Da indessen seine Ehre sich nach diesem Blut¬ verlust und diesen Ausleerungen schlecht auf den Fuͤßen erhalten konnte: so mußt' er daran denken, ihr ein recht staͤrkendes Amulet, ein Ignatius- Blech, einen Lukas- und Agathazettel umzuhaͤn¬ gen — ein Adelsdiplom . Sie wurde aus der Reichshofraths-Kanzlei von Wien aus gluͤcklich kurirt. Da er nicht mit seiner Frau, sondern nur mit seinen Glaͤubigern Guͤter Gemeinschaft hatte: beurlaubte er sich vom Kaufmannsstande mit einem unschuldigen Falliment und rettete sich und sein rei¬ nes Gewissen und die Guͤter seiner Frau und seine eigne auf seinen Landguͤtern, um da seinem Gott zu dienen. Ich meine seinen Goͤttern. — Freunde hatte uͤbrigens der unvollkommne Karakter nicht. Sei¬ ne Begriffe von Freundschaft waren edel und hoch und verlangten die reinste uneigennuͤtzigste Liebe und Aufopferung vom Freunde; daher ekelten ihn die niedrigen Tropfen um ihn an, die nicht sein Herz sondern seinen Beutel verlangten und die ihn bloß an sich druͤckten, um etwas aus ihm heraus¬ zu druͤcken. Er konnte einen solchen Eigennutz nicht einmal vor sich sehen und sein Haus litt daher wie die menschliche Luftroͤhre oder wie Sparta nichts Fremdes in sich. Er glaubte mit Montaigne , man koͤnne nicht mehr als Einen Freund, so wie Eine Geliebte, recht lieben; daher schenkt' er sein Herz einer einzigen Person, die er unter allen am hoͤchsten schaͤtzte — seiner eignen naͤmlich — diese hatt' er gepruͤft; ihre uneigennuͤtzige Liebe gegen ihn vermochte ihn, daß er Cicero's Ideal er¬ reichte, welcher schrieb, daß man fuͤr den Freund alles, sogar das Schlimme thun koͤnne, was man fuͤr sich nicht thaͤte. Er ist der groͤßte Stoiker im Scheerauischen; er sagt nicht bloß, an allen Vergnuͤgungen sey nichts: sondern er verachtet auch alle zeitliche Guͤ¬ ter, weil sie ihn nicht gluͤcklich machen koͤnnen. Diese Verachtung derselben ist vom heftigsten Be¬ streben nach ihnen wohl nicht zu trennen, weil ein Weiser wie die Stoiker in der Note Si ad illam quae cum virtute degatur, ampulla aut stri¬ gilis accedat, sumturum sapientem eam vitam potius qua haec adjecta sint nec beatiorem tamen ob eam causam fore. Cis. de finib. bonor. et mal. Lib. IV. sagen, ein Leben, in dessen Mobiliarvermoͤgen nur eine Kratz¬ buͤrste oder ein Stallbesen druͤber ist, einem Leben, dem bloß dieses Wenige fehlte, vorziehen wird, ob ergleich nicht durch jenes gluͤcklicher wird. Da¬ her legt der unvollkommne Karakter auf die klein¬ sten Effekten wie Schandy auf die kleinsten Wahr¬ heiten einen so großen Werth wie auf die groͤßten, daher muß er mit den Nußschalen heizen, mit ab¬ geloͤseten Siegeln siegeln, auf fremde leere Brief¬ spatia eigne Briefe schreiben ꝛc. Der unvollkomm¬ ne Karakter hat hierin Aehnlichkeit mit dem Geizi¬ gen, der mit aͤhnlichen Kleinigkeiten wuchert und den keine Gruͤnde widerlegen koͤnnen: denn wenn ich einen Groschen nicht wegwerfen darf, so darf ich auch keinen Pfennig, keinen halben Pfennig, keinen \frac{1}{10000} Pfennig: die Gruͤnde sind die naͤm¬ lichen. Im Menschen liegt ein entsetzlicher Hang zum Geiz: den groͤßten Verschwender koͤnnte man zu noch etwas schlimmern, zum groͤßten Knicker ma¬ chen, wenn man ihm so viel gaͤbe, daß er es fuͤr viel und der Vermehrung werth hielte: und um¬ gekehrt. So will der Wassersuͤchtige desto mehr Wasser, je hoͤher er davon geschwollen ist; mit seinem Wasser faͤllet zugleich der Durst darnach. Der unvollkommne Karakter dankt dem Him¬ mel fuͤr zweierlei, erstlich daß er in keinen Geiz, zweitens in keine Verschwendung gefallen ist — daß er seiner Frau und seinem Kinde nichts versagt, alles giebt und bloß dummen Leuten, die Stof zur Verschwendung behalten wollen, diesen Stof aus den Haͤnden nimmt, wie die alten Deutschen, Ara¬ ber und Otaheiter nur Fremde, nie aber Inlaͤnder bestehlen — daß er keusch ist und lieber die Geld¬ katze eines Kaufmanns als den Guͤrtel der Venus loͤset — daß er Armen ganz anders beispringen wollte, wenn er so viel Pfennige haͤtte wie der und der — daß er aber gleichwohl sein Bischen sich so wenig wie der Traurige seinen Kummer nehmen lasse und daß er einmal am juͤngsten Tage werde befragt werden, ob er mit seinen Pfunden (Ster¬ ling) gewuchert. — — Dieser verkaͤufliche Karakter im Zeitungskom¬ toir ist wie ein englischer Missethaͤter Waare und Verkaͤufer zugleich und will vom Romanschreiber nichts fuͤr sein ganzes Wesen haben als gratis den Roman, in den er geworfen wird.“ So weit Fenk, der alle Menschen trug, aber keinen Unmenschen, keinen Filz. Ich habe diesen unvoll¬ unvollkommnen Karakter fuͤr meine Biographie an mich gehandelt (denn er selber existirt auch biogra¬ phisch unter dem Namen Roͤper): es fehlet ihr ohnehin an aͤchten Schelmen merklich; ja wenn ich auch Roͤpern mit den Teufeln der epischen Dichtern vergleiche und mich mit den Dichtern selber: so sind wir alle beide doch nicht sehr groß. Wenn die Leser einen Brief vom Doktor Fenk haͤtten der seine vorige Haͤrte entschuldigte — der uns an Scheerau, an den Doktor und an eine mir so liebe Person erinnerte und der zum Ganzen recht paßte: so wuͤrden sie den Brief in die Bio¬ graphie mit einknuͤpfen. Ich habe den naͤmlichen Brief und das naͤmliche Recht; und schicht' ihn hier ein. Fenk an mich . „Nimm den armen Ueberbringer dieses zum Klienten an: der Maussenbacher hat seine Saug- und Schoͤpfwerke dem armen Teufel eingeschraubt und zieht. Die saͤmtlichen Spitzbuben von Advoka¬ ten in Scheerau dienen ihm gegen keinen reichen Edelmann zu Patronen, den sie einmal zu ihrem eignen zu bekommen wuͤnschen. Q Ich bin zwar selber taͤglich in Maussenbach und advozire; aber der Knicker nimmt keine uneigen¬ nuͤtzige Gruͤnde an: und sonst hat Roͤper fuͤr al¬ les andre Gefuͤhl und Vernunft. Es wird einmal eine Zeit kommen, wo man unsre vergangne Dumm¬ heit so wenig begreifen wird als wir kuͤnftige Weis¬ heit, ich meine wo man nicht bloß wie jetzt keine Bettler sondern auch keine Reichen dulden wird. Vom Vater einer schoͤnen Tochter zwingt man sich gut zu denken. Ich noͤthige mich auch: an deiner Klavierschuͤlerin Beata sahest du nur die gruͤ¬ nen Blaͤtter unter der Knospe; jetzt koͤnntest du die aufbrechenden Rosenblaͤtter selber sehen und den Duft-Nimbus darum. Eine solche Tochter eines solchen Vaters! d. h. die Rose bluͤht auf einem schwarzen stechenden den Schmutz aussaugenden Stengel. Ich bin dort, sie zu heilen, der Alte will fuͤr sein Geld was haben; aber in Maussenbach bedenkt kein Mensch, daß der Abt Galliani, den man vier Tage vor meiner Abreise begrub, gesagt hat, daß die Weiber ewige Kranke sind. Aber bloß an Nerven: die Gefuͤhlvollsten sind die Kraͤnklichsten; die Vernuͤnftigsten oder Kaͤltesten sind die Gesuͤnde¬ sten. Wenn ich ein Fuͤrst waͤre: ich resolvirte fuͤrst¬ lich und setzte in einem allerhoͤchsten Reskript Haus¬ arrest darauf, wenn eine Frau einen Loͤffel voll einnaͤhme. Ihr armen gequaͤlten Geschoͤpfe, war¬ um habt ihr so viel Zutrauen zu den Maͤnnern, warum leidet ihr's, daß man den ganzen thera¬ pevtischen Cursus an euch repetirt und fuͤr euch ein Arzneiglas ums andre, als haͤtten die Glaͤser eine Reiheschank , verzapft? Die einzigen Arzneien, die ihnen mehr nuͤtzen als schaden, sind Kleider. Nach vielen Naturfor¬ schern verlaͤngert das Mausern das Leben der Voͤ¬ gel; aber auch der Weiber glaub' ich, die alle¬ mal so lange siechen bis sie wieder ein neues Gefie¬ der anhaben. Aus der Therapevtik laͤsset sichs schlecht erklaͤren; aber wahr ists; und je vornehmer eine ist, mithin je kraͤnklicher, desto oͤfter muß sie sich mausern, wie auch der Sumpfsalamander sich alle fuͤnf Tage haͤutet. Ein weiblicher Krebs, der auf eine neue Schale wartet, hockt erbaͤrmlich in sei¬ nem Loche. Jeder Gift kann ein Gegengift werden; und da gewiß ist, daß Kleider Krankheiten geben koͤnnen, z. B. Hektik, Pest ꝛc.; so muͤssen sie un¬ ter Anleitung eines vernuͤnftigen Arztes auch wel¬ O 2 che heben koͤnnen. Ein aufgeklaͤrter Medikus wird meines Beduͤnkens, wenn die Haͤllische Hausapo¬ theke, d. i. die Kleiderkommode nichts hilft, aus keiner Apotheke als aus dem Auerbachischen Hofe ꝛc. receptiren. Da du mancher Preßhasten damit bei¬ springen kannst: so will ich dir aus meiner weibli¬ chen materia medica folgende offizinelle Halstuͤcher, Kleider ꝛc. hersetzen: Stahlarzneien sind Stahlrosetten und Stahl¬ ketten. Der Stahl- und Magenschild des atlasse¬ nen Guͤrtels erwaͤrmt den Magen und andre inte¬ stina sehr. Die Edelsteine, die sonst aus Apotheken gege¬ ben wurden, sind noch jetzt nicht zu verachten. Blumenbouquets, sobald sie von Seide sind, sind probate Arzneipflanzen und staͤrken durch den Geruch das Gehirn. Schauls sind Brustarzneien und nicht ein rother Faden (welches Aberglaube ist) sondern ein Hals¬ band mit einem Medaillon ist nach neuern Aerzten boͤsen Haͤlsen dienlich. Mit der peruvianischen Rinde wird viel betrogen, aber aͤchte ist ein Rock à la peruvienne . Da alle Wunden nach der neuern Chirurgie durch bloße Bedeckung geheilet werden: so thut statt des englischen Taftpflasters bloßer Taft an Leibe die naͤmlichen Dienste. Ein neuer Visitenfaͤcher ist bei starken Ohn¬ machten unentbehrlich; ob aber ein Muff unter die erweichenden Mittel, falsche Touren unter die Haarseite, und ein Sonnenschirm unter die kuͤhlenden Mittel und eine Schuͤrzenfrisur unter die Diuretica gehoͤre — das koͤnnen ein oder dreihun¬ dert Beispiele noch nicht erweisen. Wir halten uns lieber daran, daß ein Fri¬ sierkamm ein Trepan gegen Kopfuͤbel, eine Repe¬ tiruhr gegen intermittirenden Puls und ein Ball¬ kleid ein Universale gegen alles sei. So ist also scherzhaft zu reden der Damen¬ schneider ein Operateur, sein Naͤhfinger ein Arz¬ neifinger, sein Fingerhut ein Doktorhut . . . . . . . Warum vergaß ich dich, edle Beata? Dich heilt eine Paruͤre nicht und wenn kuͤnftig einmal dein schoͤnes Herz erkrankte: so wuͤrde nichts es heilen als das beste Herz, oder es stuͤrbe. — — Wundere dich uͤber meinen Enthusiasmus nicht . Ich komme gerade von ihr und vergesse alle Fehler, die ich vor 14 Tagen noch von ihr wußte. Maͤd¬ chen, die oft krank sind, gewoͤhnen sich eine Mi¬ ne von geduldigem Ergeben an, die „ zum Ster ¬ ben schoͤn ” ist. Ich habe ihren Lieblingsaus¬ druck unterstrichen, aber nur von ihrer Zunge kann er im schoͤnsten sterbenden sinkenden Laute fliessen. Diese Geduld gewoͤhnet ihr ausser ihren ewigen Kopfschmerzen auch ihr Vat er an, der sie gleich sehr quaͤlt und liebt und de r ihr zu Gefallen (nach dem Egoismus des Geizes) eine Welt abschlachtete. Wenn die Seele mancher Menschen (sicher auch diese) zu zart und fein fuͤr diese Morast-Erde ist: so ists auch oft der Koͤrper mancher Menschen, der nur in Kolibri-Wetter und in Tempe-Thaͤlern und in Zephyrn ausdauert. Ein zarter Koͤrper und ein zarter Geist reiben einander auf. Beata haͤngt wie alle von dieser Krystallisation, ein wenig zur Schwaͤrmerei, Empfindsamkeit und Dichtkunst hin; aber was sie in meinen Augen hoch hinauf stellt ist ein Ehrgefuͤhl, eine demuͤthige Selbstach¬ tung, die (meinen wenigen Bemerkungen nach) ein Erbtheil nicht der Erziehung sondern des guͤtig¬ sten Schicksals ist. Diese Wuͤrde sichert ohne pruͤde Aengstlichkeit die weibliche Tugend: wenn man aber dieses weibliche point d'honneur erst einerzie¬ hen, einpredigen muß — ach wie leicht ist nicht eine Predigt besiegt! — Frauenzimmer, die sich selber achten, umringt eine so volle Harmonie al¬ ler ihrer Bewegungen, Worte, Blicke.... Ich kann sie nicht schildern, aber die sind zu schildern, die der Rose gleichen, welche unten wo man sie nicht bricht, die laͤngsten und haͤrtesten Dornen hat, aber oben wo man sie geniesset, sich nur mit weichen und umgekruͤmmten verpanzert. Ich weiß nicht ob's dir etwas Altes ist, daß Toͤchter ihre Muͤtter lieben, ihr die Wahrheit und alle Geheimnisse sagen; mir ist's etwas Neues und nur die beste Tochter wie diese kann es. Vor vierzehn Tagen erinnerte ich mich eines Fehlers von ihr nicht so schwach als heute, wel¬ cher der ist, daß sie zu wenig Freude an der — Freude und zuviele an traurigen Phantasien hat. Es giebt zu weiche Seelen, die sich nie freuen koͤnnen (so wie beleidigt fuͤhlen) ohne zu weinen und die ein großes Gluͤck, eine große Guͤte mit ei¬ nem seufzenden Busen empfangen; wenn aber diese vor rohern Seelen stehen, die den verborgnen Dank und die stumme Freude nicht errathen koͤn¬ nen: so werden sie gezwungen, nicht Empfindung aber den Ausdruck derselben vorzuheucheln. Ihr Vater will fuͤr jedes seiner Geschenke, deren Werth er bis zu Apothekergranen auswiegt, eine sprin¬ gende Freude; sie hingegen fuͤhlt hoͤchstens spaͤter eine: aber die Erscheinung irgend eines Gluͤcks sel¬ ber erhellet ihr auf einmal alle traurige Tage, die wie Graͤber in ihrer Erinnerung liegen. Auch an dieser Beata seh' ichs wieder, daß der weibliche Leib und Geist zu zart und zu wallend, zu fein und zu feurig fuͤr geistige Anstrengung und fuͤr Lek¬ tuͤre sind und daß beide sich nur durch die immer¬ waͤhrende Zerstreuung der haͤuslichen Arbeit erhal¬ ten: die hoͤhern Weiber erkranken weniger an ih¬ rer Diaͤt als an ihren exzentrischen Empfindungen, die ihre Nerven wie den Silberdrath durch immer engere Loͤcher treiben und sie aus Fadennudeln in geometrische Linien zerdehnen. Eine Frau, wenn sie Klingers Genie haͤtte, stuͤrbe wenn sie da¬ mit eines seiner Stuͤcke machte, im fuͤnften Akte selber mit nach. Ich verstehe deine verliebte Fragartikel recht gut: freilich steigt der geheime Legationsrath von Oefel hier oft aus. Er scheint zwar keine zaͤrtli¬ chern Geschaͤfte hier zu haben als merkantilische und vom Kommerzien-Agenten nichts verschrieben zu fodern als Pfeffer fuͤr Zeylon und Muskatnuͤsse fuͤr Summatra, seine Tochter also und ihre Guͤ¬ ter am allerwenigsten — ferner die Ministerin , dieser Zoll- und Almosenstock voll maͤnlicher Herzen, ist zwar mit da und hat Oefels angeoͤhrtes oder gehenkeltes schon an ihren Reizen hangen; aber der Teufel trau geheimen Legationsraͤthen, zumal Oefeln. Ich sage dir, er mag Beaten kapern oder nicht, so wundert mich jedes. Du wirst Dich freilich damit troͤsten, lieber Jean Paul , daß Du erstlich groͤßere Reize hast als er und zweitens gar nicht weist, daß du die Reize hast, welches in der Konversation viel thut. Es ist wohl etwas daran: Oefel will nicht sowohl gefallen als bloß zeigen, daß er gefallen koͤnnte wenn er nur wollte und er erlaubt sich daher alle Launen, bloß damit man etwas zu tadeln und zu vergeben und er gut zu machen habe: er ist auch — weil ein Hofmann und ein Demant außer der Haͤrte noch reine Far¬ benlosigkeit haben muͤssen, um fremde Farben treu¬ er nachzustrahlen — sogar zu einem Hofmann zu eitel und kauft sich mit fremder Gunst nur seine eigne. Ich will Dich mit noch mehr „Zwar's“ troͤ¬ sten, bis ich meine Aber hole. Beata sieht zwar aus als ob sie sich alle Minuten frage, warum bewunder' ich ihn nicht; die Ministerin sieht aus als ob sie jene alle Minuten frage, „warum be¬ neidest Du mich nicht, da mein Lehnmann ein For¬ te Piano mit hundert Zuͤgen und Tritten ist wie ich selber“ — denn er behaͤlt keine Stellung und kann sich in jede wagen; jede Bewegung scheint aus der andern herzufließen; seine Seele aͤndert eben so spielend wie der Koͤrper die Positionen und biegt sich wie eine Kaskade in die entlegensten Ma¬ terien heruͤber; ihn macht nichts irre, er jeden; er weiß hundert Exordien zu einer Predigt, faͤngt an, um anzufangen, bricht ab um abzubrechen und weiß selber nicht eher als seine Zuhoͤrer was er will — — kurz es ist ein Nebenbuhler, lieber Paul! — Ich kann jezt das versprochene Aber nicht recht hereinbringen. Aber ob gleich meine schoͤne Patientin ihn so kalt uͤberblickt wie einen der uns ein Kleid anpro¬ biert, so setzt er doch das Gegentheil voraus und wirft Dampfkugeln und Pechkraͤnze in sie und schlaͤgt in Gedanken schon Eroberungs-Muͤnzen. Mannspersonen wie Oefel haben einen solchen Ue¬ berfluß von Treue, daß sie ihn nicht Einer, son¬ dern unter tausend Weibern vertheilen muͤssen; Oefel will ein ganzes weibliches Sklavenschif kom¬ mandieren: er f ra gt dabei nach Dir so wenig wie nach der Ministerin, die ihn liebt weil es ihr letz¬ ter Liebhaber ist, und die er erstlich liebt weil er an ihrem Triumphwagen, vor den sonst mehrere Tropfen eingespannt waren, gern als Gabelpferd allein ziehen will, zweitens weil sie mehr List und weniger Empfindung als er besitzt und ihn beredet, es sei gerade umgekehrt. Damit ich nun die Beata, die Du gern in Dein Leben und in Dein Buch hinein haben moͤch¬ test, in das Leben und das Buch des Oefels (er ist auch uͤber einem) verflechte, so hab' ich, trau¬ ter Paul, dem alten Roͤper so viele Kabinets-Pre¬ digten daruͤber gehalten, daß die Kraͤnklichkeit sei¬ ner Tochter nicht durch Einen, sondern durch ein Paar hundert Aerzte zu besiegen sei, d. h. durch Gesellschaft — daß der Alte ihr eine oder vielmehr sie einer geben will, ohne selber fuͤr eine die Ali¬ mentengelder auszugeben. Er will sie auf irgend ein Beet des Hofgartens verpflanzen: „sie soll auch Welt mit kriegen“ sagt er und hat selber keine. Er wuͤrde wenn er duͤrfte die ganze weibliche Welt von ihren Bergeren und Altaͤren und Postamenten auf Werk- und Melkstuͤhle herunterdruͤcken; gleich¬ wohl sollen seiner Tochter durch Juden und Dia¬ manten-Pulver Facetten angeschliffen werden, die er selber hasset. Ist sie am Hofe, so sieht sie nachher der Legationsrath alle Tage — und Jean Paul hat nichts. Dieser Jean fragte mich auch pfiffiger Weise, ob er nicht Gerichtshalter beim Vater der besag¬ ten Tochter werden koͤnne, weil er der Jean , vom Abdanken des jezigen gehoͤrt habe — Herr Kolb (eben der Gerichtshalter) ist aber noch da, zankt sich noch, sagt jede Woche „wenn jeder die Strei¬ che von Roͤper wuͤst', die ich,“ Roͤper sagt jede Woche „wenn jeder die Streiche von Kolb wuͤste, die ich“ und so sind sie an einander durch wechsel¬ seitige Besorgnisse geleimt — — Jezt ist ohnehin nicht daran zu denken: denn in 14 Tagen laͤsset sich der alte Roͤper von seinem Rittergute huldi¬ gen. Ein Geiziger scheuet sich, zu aͤndern und zu wagen. „Warum laͤssest Du Deine gute Schwester so „lange im giftigen Huͤttenrauch des Hofes stehen? „Ist das, was sie dort gewinnen kann, wohl so „viel werth wie das, was sie mitbringt und dort „verlieren kann, ihr reines, weiches obgleich „fluͤchtiges Herz? Auf meinen Reisen dacht' ich „anders, aber jezt in der Einsamkeit ist mir ein „kokettes Insekt, eine kokette Krebsin, die bald „vor-bald ruͤckwaͤrts kriecht, die ihre große und „kleine Scheeren immer aufsperrt und sie immer „regeneriert, wenn man sie abgerissen, die in der „Brust statt des Herzens einen Magen traͤgt und „doch kaltbluͤtig ist wie alle Insekten, eine solche „inkrustirte Krebsin ist mir widerlicher als eine „schaalenlose in der Mauße der Empfindsamkeit, „die zu weich ist und aus der ein Autor die em¬ „pfindsame Krebsbutter macht. Empfindelei bessert sich „mit den Jahren, Koketterie verschlimmert sich mit den „Jahren. — Warum schafst Du Deine Philippine „nicht nach Haus?“ Auf diese Fragen hat mir Jean Paul nicht geantwortet; ich aber auf seine: denn ich raͤche mich nicht; ich wuͤnschte vielmehr besagter Paul druͤckte Beatens Finger heute an unrechte Finger mehr als auf die rechten Tasten und jezt im Lenz-Alter sahe sie sich neben dem Klavier fragend nach Paulo um und uͤberleuchtete ihn mit dem blauen Himmel ihres weiten saphyr¬ nen Auges: der arme Teufel, eben der Paul , wuͤrde sich nicht mehr kennen und dann sagen: „ohn' ein schoͤnes Auge geb' ich fuͤr alles andre Schoͤne nicht einen Deut, geschweige mich; aber uͤber ein Himmels-Augenpaar vergess' ich alle be¬ nachbarte Reize und alle benachbarte Fehler und den ganzen Bach und Benda wie er ist und meine Mordanten und die falschen Quinten und weit mehr.“ Leb wohl, Vergeßlicher! D . Fenk. Wir verstehen uns, herzlicher Freund; wer selber einmal Satiren geschrieben hat, vergiebt alle Satiren auf sich, zumal die boßhaftesten, bloß die dummen nicht. Aber, obs der D . gleich im Scherze verfochten hat, so muß ich doch solche Le¬ ser, die weit von Scheerau wohnen, ohne Ruͤck¬ sicht auf mich benachrichtigen, daß der besagte Legationsrath die unbedeutendste Haut ist, die wir beide nur kennen, wie er denn bloß unter Wei¬ bern nicht, aber unter Maͤnnern allzeit verlegen ist und im kleinen Zirkel vielmehr als im großen, zu geschweigen daß er immer die Aufmerksamkeit aufsucht und auch erjagt, die bescheidne Leute ge¬ schickt vermeiden, die allgemeine naͤmlich: Wenn ihm diese uͤberall gelingt: so soll er sie doch nicht in meinem Buche haben. . . Die folgende Sache ist freilich unmoͤglich — zumal meines verdammten lang- und kurzbeinigen oder spondaͤischen Stel¬ lage und Konsole wegen, auf die mein uͤbrigens von Kennern beurtheilter Torso gelagert ist — — aber ausmahlen kann sich doch ein Mensch die un¬ moͤgliche Sache, welche diese ist, daß ich mich einmal Veaten mit einer Liebeserklaͤrung zeigte und so — wider eigne Erwartung — selber der Held dieser Biographie und sie die Heldin wuͤrde — — ich bin ordentlich verdutzt, denn ich wollte wahrhaftig nur sagen und setzen, daß ich bei Roͤ¬ per Gerichtshalter wuͤrde und hernach im Grunde — weil ich jeden Gerichtstag zaͤrtlich waͤre, oder eine zaͤrtliche Bestie, wie eine Frau sich ausdruͤckt, die mehr zum schoͤnen als schwachen Geschlecht gehoͤrt — gar sein Schwiegersohn — Mit Freuden wollt, ich dem so guten Leser, der Mitfreude fuͤhlt, alles biographisch beschreiben und ihn er¬ goͤtzen. . . . . Aber wie gesagt, die Sache ist fa¬ taler Weise wohl unmoͤglich, so viel ich in die Zu¬ kunft schauen kann; und das bloß eines verdamm¬ ten unsymmetrischen Drathgestelles wegen, das doch der, den sein Ungluͤck darauf geheftet, durch tausend Glasuren und Rasuren wieder gut machen will und auf dem ja Epiktet gleichfalls lange stand. Im Feuer bin ich ganz aus meinem biographi¬ schen Plan heraus gegangen: es sollte bisher der Lesewelt geschickt verhalten werden (und gluͤckte auch,) daß alle diese Avantuͤren noch nicht alt sind und daß in Kurzem das Leben dieser Personen mit meiner Lebensbeschreibung davon Hand in Hand gleich zeitig gehen werde — — Jezt aber hab' ich alles loßgezuͤndet — Es muß nur uͤberhaupt ein neuer Sektor angefangen, werden, worin Ver¬ nunft ist. . . Neun¬ Neunzehnter Sektor. Erbhuldigung — Ich, Beata, Oefel — V ierzehn Tage nach Fenks Brief. . . . Ist aber auf Leser zu bauen? — Ich weiß nicht, wohers beim deutschen Publikum koͤmmt, ob von einem Splitter im Gehirn oder von ergossener Lympha oder von toͤdtlichen Entkraͤftungen, daß es alles vergisset was der Autor gesagt hat — oder es kann auch von Infarktus oder von versetzten Ausleerun¬ gen herruͤhren: genug der Autor hat davon die Plackerei. So hab' ichs schon auf einer Menge Bo¬ gen dem Publikum durch Setzer und Drucker sagen lassen (es hilft aber nichts,) daß wir 13000 Thaler beim Fuͤrsten stehen haben, die kommen sollen — daß ich zwar keine Jura studiert, aber doch waͤh¬ rend ich mich zum Advokaten examiniren lassen, manchen huͤbschen juristischen Brocken weggefangen, der mir jezt wohl thut — daß Gustav Kadet wer¬ den soll und ich Gerichtshalter werden will — daß Ottomar unsichtbar und sogar unhoͤrbar ist — und daß mein Prinzipal zu viel verthut! — — R Leider freilich: denn so lang' er noch ein Zimmer oder einen Pferdestand ohne animalischen Kubik-In¬ halt weiß: so haͤngt er seine Angelruthe nach Gaͤ¬ sten ein. Er ist wie die jezigen Weiber nirgends gesund als im gesellschaftlichen Orkan und Visiten- Dickigt — er und diese Weiber steigen aus einem solchen lebendigen Menschen-Bad so verjuͤngt und neugeboren wie aus einem Ameisen - und Schnecken-Bad . Er kann sich nie schmeicheln, hier nur die geringste Aehnlichkeit, (geschweige mehr) mit dem Kommerzien-Agenten Roͤper zu haben, der in der Einsamkeit eines Weisen und Rentierers stille denkt uͤber Hausprozesse und ruͤck¬ staͤndige Zinsen und der es weiß, daß sein Schloß nur Schenk- und Kruggerechtigkeit besitzt und also niemand uͤber Nacht beherbergen darf. — Falken¬ berg! hoͤr' auf den Biographen! ziehe Deinen Beutel, Dein Schloßthor und Dein Herz zuwei¬ len zu! glaube mir, das Schicksal wird Deine großmuͤthige Seele nicht schonen, das rennende Gluͤck wird Dein weiches Herz mit seinem Rade uͤberfahren und zerschneiden, um sein Lottorad hinter seiner Binde vor einem Roͤper auszuladen! O Freund! es wird Dir alles nehmen was Du dem fremden Elend' oder der eignen Freude geben willst, nicht einmal den Muth wird es Dir lassen, Dein beschaͤmtes Herz mit seinen Wunden an einem Freunde zu verbergen! — und wie soll es dann Deinem Sohn ergehen? — Und doch! — ich tadle Dich nur vorher ; aber nachher wenn Du Dich einmal ungluͤcklich ge¬ macht hast durch Gluͤcklich-Machen: so findest Du Achtung in jedem guten Auge, Liebe an je¬ der guten Brust! . . . Also 14 Tage nach Fenks Briefe, als mein Eleve schon achtzehn Jahre, aber noch ohne die Kadettenstelle war, saß bei meinem Prinzipal ein bureau d'esprit boͤheimischer Edelleute und hat¬ te feurige Pfingst-Zungen und Maͤrz-Bier. Ich hatte nichts, war aber mit d'runter: ich konnt' es meinem guten Rittmeister nie abschlagen, son¬ dern vermehrte wenn nicht die Gesellschafter — — man schaͤtzet Menschen von einer gewissen zu großen Feinheit erst dann am meisten, wenn man von ihnen weg ist unter Menschen von einer gewissen Grobheit — doch die Leute. Manche Menschen sind wie er Visiten-Preßknechte und koͤnnen nicht genug Leute zusammenbitten, ohne zu wissen wes¬ R 2 wegen, ohne sie zu lieben: Taubstumme lude Falkenberg ein. Es hat fuͤr die Leser Folgen, daß ich sagte „heute laͤsset sich Roͤper huldigen.“ Fal¬ kenberg, der gern Boͤses von andern sprach und ihnen nichts als Gutes that und der seinen abwe¬ senden Erbfeinden, z. B. d. h. Geizigen gern Erb¬ sen auf den Weg streuete und diese doch wieder wegfegte wenn jene fallen wollten, dieser war froh uͤber meinen Gedanken und uͤber seinen: „Wir sollten, sagt' er, ihm (Roͤper) zur Aergerniß heute alle hinreiten.“ — In sechs Minuten saß das trinkende bureau d'esprit und der Hofmeister auf den Gaͤulen; Gustav nicht: er war fuͤr ein schoͤ¬ neres Schwaͤrmen gemacht als fuͤr ein lautes. Da¬ her verwickelte Gustavs inneres Leben mich oft bei seinem Vater, der aͤußeres foderte, in den verdruͤßlichen und vergeblichen Versuch, daß ich ihm beibringen wollte, worin eigentlich der hohe Werth seines Sohnes laͤge — fuͤr einen Hofmeister, der auf Ehre haͤlt, ist dergleichen zu fatal. Wir sahen auf unsern Pferden Maußenbach , das vor seinem adelichen Chan stand und ihm die Feudal-Krone auf seinen italienischen Kopf setzte. Neben dem gehuldigten Potiphar stand sein Justitz¬ Departement, sein Accis-Kollegium, seine geheime Landesregierung, sein Departement der auswaͤrti¬ gen Angelegenheiten — naͤmlich H . Kolb , der Ge¬ richtshalter, der alle diese Kollegen vorstellte. Die¬ ses Miniatuͤr-Ministerium des Miniatuͤr-Souve¬ rains hatte auf einer Wiese — das konnten wir von weitem sehen — einen langen Brief in der Hand, woraus es den Leuten alles vorlas was zu beschwoͤren war: die hundert Haͤnde der Eidgenossenschaft zogen sich dann durch die Haͤrtenden zwei Haͤnde Roͤpers und Kolbes hindurch uno versprachen dem Edelmann gern zu gehorchen, falls er seines Orts versprechen wollte, zu befehlen. Aber nach Freud' koͤmmt Leid, nach Erbhul¬ digung ein bureau d'esprit . . . Im achtzehnten Jahr¬ hundert sind allerdings viele Menschen erschrocken und sehr, z. B. die Jesuiten, die Aristokraten, auch Voltaire und andre große Autores erschrecken ziem¬ lich — aber es erschrack doch keiner im ganzen aufge¬ hellten Saͤkul so als der Kommerzien-Agent, da er sah was kam; da er sah 15 Menschenkoͤpfe und 15 Roßkoͤpfe zwischen einem Artillerietrain von Hunden oben uͤber den Berg herunterziehen, die saͤmmtlich in seinem Schlosse nichts zu suchen hatten aber zu finden genug. Da aber auch zweitens niemand im achtzehnten Jahrhundert seltner zu Hause war als er — er wars wohl, hockte aber hinter Spiegelglaß- Fenstern wie hinter Brandtmauer und Schanzkorb, weil sie ihm wie ein Gyges-Ring die Sichtbarkeit be¬ nehmen — so haͤtt' er sich helfen und fuͤr so viele Saͤugthiere eben so viele Meilen entfernt seyn koͤn¬ nen; aber auf der Wiese wars nicht zu machen. Ein froͤhliger Mensch, und waͤrs ein Geiziger, will Froͤh¬ lige machen: Roͤper erschrack — erstaunte — resig¬ nirte — und empfieng uns freudiger als wir errie¬ then. Er blieb im Geben heute, weil er einmal im Geben war. Denn seine Lehnleute, die heute den Verstand verschworen hatten, sollten ihn auch vertrinken, denn einige sauer erworbene und eben so sauer schme¬ ckende zwei Eimer hatt' er als Gefangne aus ihrem Souterain am Kroͤnungstage loßgelassen — er hatte die Faͤsser ihnen mit doppelter Kreide weniger an¬ geschrieben als getuͤnchet und leuteriert und Fleckkugeln von Kreidenerde so lange in Haͤngbett¬ gen darein eingesenkt gehabt, daß das Gesoͤf fast am Ende zu gut war, um verschenkt zu werden. Der Filz sucht zu ersparen, sogar in dem er ver¬ schenkt. Uebrigens sprang er mit seinen Lehn-Un¬ terthanen zutraulicher und freigebiger um als mit uns geadelten Gaͤsten — „so handelt ein Mann stets, der keinen Adelstolz besitzt“ sagt der Rezen¬ sent; „aber so handelt der Knicker stets, dem ge¬ ringere aber silberhaltige Leute lieber sind als standsmaͤßige nehmende Gaͤste und der einen eignen Bedienten uͤber einen fremden Freund und uͤber den Stand die Nutzbarkeit hinaufsetzt“ sag' ich. — Die Kommerzien-Agentin von Roͤper legte jeder Bier-Arche ihres Mannes noch eine kleine Chaloup¬ pe zu; seine Geschenke waren ihr allemal ein Vor¬ wand, geheime Zusaͤtze dazu machen. Nur befahl sie dem Dorfrichter, ein waches Auge darauf zu haben, daß ihr von der Bierhefe nichts verloren gehe. Die Natur hatte ihr eine freie liebende Seele gegeben; aber eben diese Liebe fuͤr ihren Mann gab ihr von seinen Fehler wenigstens den Schein. Du treues Herz! lass' mich einige Zeilen bei deiner ehelichen Uneigennuͤtzigkeit verweilen, die alle eigne Wuͤnsche fuͤr Suͤnden und alle Wuͤnsche ihres Mannes fuͤr Tugenden haͤlt, der kein Lob gefaͤllet als eines auf den, den du uͤbertrifst! Warum bist du' nicht einer Seele zugefallen, die dich nachahmt und kennt und belohnt? warum wa¬ ren dir fuͤr deine Aufopferungen, fuͤr deine Her¬ zensrisse hienieden keine schmerzstillenden Tropfen als die beschieden, die deinetwegen aus den schoͤ¬ nen Augen deiner Tochter fallen? — ach du erin¬ nerst mich an alle deine Leidens-Mitschwestern — ich weiß es zwar aus meiner Psychologie recht gut, ihr armen Weiber daß euere Leiden nicht so groß sind als ich mir sie denke, eben weil ich sie denke und nicht fuͤhle, da der Blitz, der in der Ferne der Vorstellung zu einer Flammen-Schlange wird, in der Wirklichkeit nur ein Funke ist, der durch mehrere Augenblicke schießet; aber kann sich ein Mann, ihr weiblichen Wesen, die Seelen-Kon¬ tusionen und Frakturen denken, die sein grober von Waffen gehaͤrteter Finger in euere weiche Ner¬ ven druͤcken muß, da er nicht einmal so sanft mit euch umgeht wie ihr mit ihm oder er selber mit saftvollen glatten Raupen, die er nur mit dem ganzen Blatte worauf sie liegen, wegzutragen wagt?. . . Und vollends eine Louise und eine Bea¬ ta! — Aber waͤre Jean Paul nur euer Gerichtshal¬ ter, wie ihm der Alte zugesagt, er wollt' euch, troͤsten genug. . . . Es ist aber auf den Alten schlecht zu bauen: schleicht er nicht in ganz Unterfcheerau umher und voziert im Voraus alle Advokaten zu seiner Ge¬ richtshalterei, um uns Rechtsfreunde durch die Hofnung unter ihm zu dienen, vom Entschlusse wegzubringen, gegen ihn zu dienen? — Inzwi¬ schen muß ers doch mit Einem ehrlich meinen, der ich wohl bin. Als die boͤheimische Ritterschaft und ich von der Wiese ins Schloß eintraten: so stieß sie und ich auf etwas sehr Schoͤnes und auf etwas sehr Tolles. Das Tolle saß beim Schoͤnen. Das Tolle hieß Oefel, das Schoͤne hieß Beata. Der Him¬ mel sollte einem Autor eine Zeit geben, sie zu schildern, und eine Ewigkeit , sie zu lieben; Oefeln kann ich in drei Tertien ausmalen und aus¬ lieben. Es gereichte mir und ihr zur Ehre, daß sie in ihrem alten Klavier-Dozenten sogleich den Bekannten fand; aber es gereichte mir zu keiner Freude, daß sie am Bekannten nichts Unbekann¬ tes entdeckte und daß sie bei meinem Anblick sich nicht erinnerte, aus einem Kind ein Frauenzimmer geworden zu seyn. — Es giebt ein Alter, wo man Schoͤnen doch verzeiht, wenn sie uns auch nicht bemerken und nicht annehmen. O ich verzieh dir alles, und der groͤßte Beweis ist der, daß ich da¬ von spreche. — Der junge Juͤngling bewundert und begehrt zugleich, der aͤltere Juͤngling ist faͤ¬ hig, bloß zu bewundern. Beatens Empfindungen und Worte sind noch der blendendweisse und reine frische Schnee, wie sie vom Himmel gefallen sind: noch kein Fußtritt und kein Alter hat diesen Glanz beschmutzt. Sie wurde noch schoͤner, weil sie heu¬ te thaͤtiger war als sonst und ihre schoͤnen Schul¬ tern der Last der Mutter lieh: die blasse Monds - Aurora , die sonst auf ihren Wangen den ganzen Himmel weiß ließ, uͤberfloß ihn mit einem Rosen- Widerschein: auch die fremde Freude, fuͤr die sie heute thaͤtig war, gab ihr das erhoͤhte Kolorit, das sie sonst durch eigne verlor. — Die Maͤdchen wissen nicht, wie sehr sie Geschaͤftigkeit verschoͤne¬ re, wie sehr an ihnen und den Taubenhaͤlsen das Gefieder nur schillere und spiele, wenn sie sich be¬ wegen und wie sehr wir Maͤnner den Raubthieren gleichen, die keine Beute haben wollen die stille ruht. Ihre Mutter sagte mir freudig die Ursache, weswegen der Legationsrath da saͤße: er hatte Bea¬ ten eine Invitation von der Residentin von Bouse gebracht, auf ihr Landgut zu kommen, wo mei¬ ne Schwester auch ist. Das neue Schloß Marien¬ hof liegt eine halbe Stunde von der Stadt; am neuen hat Oefel das alte, das vielleicht durch ge¬ heime Thuͤren mit jenem kommunicirt. Er gab un¬ hoͤflicher Weise zu errathen, ohne sein feines In¬ triguiren — d. h. er machte wie die Advokaten, uͤber den schmalsten Bach eine Bruͤcke statt eines Sprunges — waͤr' es hinkend gegangen. Unmoͤg¬ lich kann ein solcher eitler Narr von seinem Herzen einen Schiefer-Abdruck in einen so edlen Stein als Beata ist auspraͤgen: wenn sie auch der Faselhans kuͤnftig alle Nachmittage im neuen Schlosse um¬ lagert, wie er thun wird: so kann ich mich doch darauf verlassen — ja ich wollte dafuͤr schwoͤren. Ein Haselant seiner Groͤße kann zwar ein Paar eckige begrasete Landfraͤulein (wie heute geschah) zu einem verliebten Erstaunen uͤber seine Glocken¬ polypen-Drehungen, uͤber seinen Muth, uͤber sei¬ nen Verstand (d. h. Witz) und seine Unverschaͤmt¬ heit zwingen, statt Damen und Schoͤnen bloß zu sagen Weiber: das kann er und mehr, sag' ich; aber von Beatens Herz werden ihn ewig alle ihre Tugenden trennen: sie wird neben seiner Liebe zur Ministerin seine zu ihr selber gar nicht sehen und nicht glauben; sie wird ihrer Seele keinen Oefel¬ schen sentimentalischen Floskeln oͤffnen, die wie das falsche Geld bald zu groß bald zu klein sind — Sie wird vielmehr finden, an einem ehrlichen Jean Paul ist mehr dran; sie wird hoff' ich besagtem Paul die Aehnlichkeit, die er mit Oefel in einigen Vorzuͤ¬ gen haben mag, gern verzeihen, weil er ohne seine Fehler ist, und mit einem treuen bescheide¬ nen Herzen vor ihr steht, das kaum den Muth hat, ihr das feinste Goldblatt des Lobes leise aufzuhau¬ chen und welches schweigt auch mißverstanden und resignirt auch ohne versucht zu haben..... Sie wird in ihrem Urtheile gerade so von den alten Landfraͤulein abweichen wie ich von den jungen Land¬ junkern, die mit da saßen. Denn Oefels Erschei¬ nung nahm ihnen allen vorigen Witz und Verstand und sein quecksilberner Anstand goß alle ihre Glie¬ der mit Blei aus; sie zogen in einer Falkenbaize, wo ein solcher Vogel die weiblichen Herzen stieß, ihre plumpen Schwingen an sich und bewunderten vermoͤge der maͤnnlichen Aufrichtigkeit statt der weib¬ liche Reize seine — Hingegen Jean Paul blieb wie er war und ließ sich nichts anhaben. Ich wuͤrde manchen deutschen Kreis auf die Vermuthung einer heimlichen Eifersucht bringen, wenn ich gar nichts zum Lobe Oefels sagte: er ver¬ sprach am naͤmlichen Nachmittag meinem Eleven ei¬ nen großen Dienst. Er hielt sich naͤmlich, ob er gleich das alte Schloß neben der Residentin zur Miethe hatte, nicht darin sondern im Scheerauer Kadettenhause auf und ruͤckte von Zimmer zu Zim¬ mer, um — da ihm sein hoher Stand verbot, sich sonderbar zu kleiden — wenigstens sonderbar zu han¬ deln: er wollte da Menschen studiren, um sie in Kup¬ fer stechen zu lassen. Er setzte naͤmlich einen Ro¬ man als eine kurze Encyklopaͤdie fuͤr Erbprinzen und Kronhofmeister auf und schrieb auf den Titel „der Großsultan” — dieser Fenelon machte den Haram seines Telemachs zu einem Spiegelzimmer, das den ganzen weiblichen Scheerauer Hof reflektir¬ te, sein Werk war ein Herbarium vivum , eine Flora von allem was auf und am Scheerauer Thro¬ ne waͤchset, vom Fuͤrsten an, bis, wenn er sich noch erinnert, zu mir. Wenn's erscheint, ver¬ schlingen wirs alle, weil er uns selber darin ver¬ verschlungen; die Rezensenten werden nichts darin fin¬ den und sagen laͤngst, „triviales Zeug!” — da er nichts that was er nicht vorher und nachher aller Welt promulgirte: so hatt' es sogar mein Rittmeister gehoͤrt, daß er beim Kadettengeneral so lange und so fein intriguirt hatte bis er statt eines aufsehen¬ den Offiziers die Zimmer des Kadettenpaͤdagogiums bewohnen und verwechseln durfte; und so kam un¬ ser Fuͤrst diesem Menschen-Naturforscher eben so mit einer menschlichen Menagerie zu Huͤlfe, wie Alexander dem Aristoteles mit einer thierischen. Der Rittmeister trat also mit seiner siegenden Men¬ schenfreundlichkeit zu ihm und bat ihn, sich fuͤr un¬ sern Gustav beim Kadettengeneral geschickt zu ver¬ wenden, damit er einmal unter dessen Fahne kaͤ¬ me. Der Protektor Oefel sagte, nunmehr sey es schon so gut als richtig; er enzuͤckte sich selber mit der Vorstellung, einen unter der Erde erzognen Sonderling zum Stubenkameraden und zum sitzen¬ den Original zu bekommen. Die Stralenbrechung zeigt Schiffern das Land allezeit um etliche Hundert Meilen naͤher als es liegt und staͤrkt durch so einen unschuldigen Betrug sie mit Hoffnung und Genuß. Aber auch in der moralischen Welt ist die wohlthaͤtige Einrichtung, daß Fuͤrsten und ihre Ministerien uns Bittsteller (so will Campe statt Supplikant hoͤren) dadurch froh und munter erhalten, daß sie uns durch eine optische Taͤuschung die Hofstellen, Aemter, Char¬ gen, die wir haben wollen, allzeit um einige Hun¬ dert Meilen oder Monate naͤher — wir koͤnnen sie erlangen, denken wir — sehen lassen als sie wirk¬ lich sind. Diese Taͤuschung der Approximation ist auch alsdann nuͤtzlich und gewoͤhnlich, wenn die geistliche oder weltliche Bank, die den Sitzern auf der langen Expektantenbank naͤher gewiesen wird, am Ende gar bloß eine — Nebelbank ist. „Der Kommerzien-Agent, sagte unterwegs der Rittmeister zu mir, ist doch kein so uͤbler Mann als sie ihn machen — und der Legationsrath muß nur in die Jahre kommen.“ — Zwanzigster Sektor. Das zweite Lebens-Jahrzehend — Gespenstergeschichte — Nacht-Szene — Lebensregeln. O efel hielt Wort. Vierzehn Tage darauf schrieb uns der Professor Hoppedizel, er werde den neuen Kadetten abholen. — — Nun wurde unser bishe¬ riger Wunsch unsre Pein. Gustavs und mein Bund sollte auseinander gedehnt und verrenkt werden: jedes Buch das wir nun zusammenlasen, kraͤnkte uns mit dem Gedanken, daß es jeder allein zu Ende bringen wuͤrde; ich wollte meinen Gustav kaum etwas mehr lehren, dessen Ausbau ich an fremde Architekten uͤbergeben mußte und jeder schoͤ¬ ne Blumenplatz war uns die Gartenthuͤr des Edens, die ein armirter Cherub abschloß. Die Sturmmo¬ nate seines Herzens ruͤckten nun auch naͤher. Ich hatte ohnehin den Fluͤgeln seiner Phantasie nicht Federn genug ausgerissen und ihn aus seiner Ein¬ samkeit nicht oft genug verjagt. In dieser trieb seine Phantasie ihre Wurzeln in alle Fibern seiner Natur hinein und verhieng mit den Bluͤten, die seinen seinen Kopf auslaubten, die Eingaͤnge des aͤussern Lichts. — Wahrhaftig weder der klappernde Mentor noch seine Buͤcher, d. h. weder die Gartenscheere noch die Gießkanne saͤttigen und faͤrben die Blume, son¬ dern der Himmel und die Erde, zwischen denen sie steht — d. h. die Einsamkeit oder Gesellschaft in der das Kind seine ersten Knospen-Minuten durch¬ waͤchset. Gesellschaft treibt das Alltagskind, das seine Funken nur an fremden Stoͤßen giebt. Aber Einsamkeit zieht sich am besten uͤber die erhabnere Seele, wie ein oͤder Platz einen Pallast erhebt: hier erzieht sie sich unter befreundeten Bildern und Traͤumen symmetrischer als unter ungleichartigen Nutzanwendungen. Um so mehr haben Generalac¬ ciskollegien darauf zu sehen, daß große poetische Genies — im Grunde taugt keines zu einem ge¬ scheuten Kammer- oder Kanzleiverwandten — vom 10ten Jahre bis zum 35sten in lauter Visiten- Schreib- und Votierzimmern herumgehetzet werden, ohne in eine stille Minute zu kommen; sonst ist keines in einen Archivar, oder Registrator umzu¬ setzen. Daher haͤlt auch das Marktgetoͤse der gros¬ sen Welt allen Wuchs der Phantasie so gluͤcklich am Boden. S Daran dacht' ich oft und warf mir manches vor. Wuͤrde nicht, (hielt ich mir vor) ein gruͤnd¬ licherer Schulkollege deinen Gustav, wenn er mit dem Ruͤcken auf dem Grase liegt und in den blauen Himmelskrater hinaufzusinken oder auf Fluͤgeln an den Schulterblaͤttern durch das Universum zu schwim¬ men traͤumt, mit dem Spazierstock an ein Buch von Nutzen treiben? Und, sagt' ich, wenn ich zum gruͤndlichern Kollegen sagte, es sei einerlei, woran eine kindliche Phantasie sich aufwinde, ob an einem lackierten Staͤbchen, oder an einer le¬ bendigen Ulme, oder an einem schwarzen Raͤucher¬ stecken: wuͤrde der Kollege nicht witzig versetzen, eben also, es sei also einerlei? — Inzwischen besaͤß' ich meines Orts auch Witz: ich wuͤrde auf die Replik verfallen: „glauben Sie denn, Hr. Konfrater, daß unter dem groͤßten Spitzbuben und dem groͤßten komischen Dichter, den sie vertiren, ein Unterschied ist? — Allerdings: ein guter Plan des Kartouche ist von einem guten Plan des Dichters Goldoni darin verschieden, daß der erstere die Komoͤdie selber ausfuͤhret, die der letztere von Schauspielern ausfuͤhren laͤsset.“ Gustav war jetzt in der Mitte des schoͤnsten und wichtigsten Jahrzehends der menschlichen Flucht ins Grab, im zweiten naͤmlich. Dieses Jahrzehend des Lebens besteht aus den laͤngsten und heissesten Tagen; und — wie die heisse Zone zugleich die Groͤße und den Gift der Thiere mehrt — so kocht sich an der Juͤnglingsglut zwar die Liebe reif, die Freund¬ schaft, der Wahrheits-Eifer , der Dichtergeist, aber auch die Leidenschaften mit ihren Giftzaͤhnen und Giftblasen. In diesem Jahrzehend schleicht das Maͤdchen aus ihren durchlachten Jahren weg und ver¬ birgt das truͤbere Auge unter derselben haͤngenden Trauerweide, worunter der stille Juͤngling seine Brust und ihre Seufzer kuͤhlt, die fuͤr etwas naͤhers steigen als fuͤr Mond und Nachtigal. Gluͤcklicher Juͤngling! in dieser Minute nehmen alle Grazien deine Hand, die dichterischen, die weiblichen und die Natur selbst und legen ihre Unsichtbarkeit ab und schliessen dich in einen Zauberkreis von Engeln ein. Ich sagte, selbst die Natur: denn auf ihr gluͤhen noch hoͤhere Reize als die malerischen; und der Mensch, fuͤr des¬ sen Auge sie ein meilenlanges Kniestuͤck voll Zaube¬ reien war, kann ihr ein Herz mitbringen, das aus ihr ein Pygmalions-Gebilde macht, welches tausend S 2 Seelen hat und mit allen eine umschlingt . . . . O sie kehrt niemals, niemals wieder, die zweite Dekade des armen Lebens, die mehr hat als drei hohe Fest¬ tage: ist sie voruͤber, o so hat eine Todeshand unsre Brust und unser Auge beruͤhrt; was noch in diese dringt, was noch aus ihnen dringt, hat den ersten Morgenzauber verloren und das Auge des alten Men¬ schen oͤfnet sich dann bloß gegen eine hoͤhere Welt, wo er vielleicht wieder Juͤngling wird! Drei Tage, eh der Professor kam, war Gespen¬ sterlaͤrm im Schloß; zwei Tage vorher waͤhrte er noch fort; einen Tag zuvor machte der Rittmeister Anstal¬ ten zur Entdeckung der Schelmerei. Er hatte einen Wasserscheu vor Gespenstergeschichten und gab jedem Bedienten, der eine wie Bokaz erzaͤhlte, als ein Ho¬ norar seiner Novelle nach der Bogenzahl Pruͤgel. Die Rittmeisterin aͤrgerte ihn durch ihren Leichtglau¬ ben und sie bekam oft den Blick von ihm, den Maͤn¬ ner werfen, wenn die Hoffnungen oder Befuͤrchtun¬ gen ihrer Weiber Hasenspruͤnge wie Erdhalbmesser thun. — Sie hatte zu Nachts ein dreifuͤßiges Gehen durch den Korridor gehoͤrt, ein Blitz war durch ihr Schluͤsselloch gefahren und eine andre Taschenuhr als ihre hatte 12 geschlagen und alles war verflogen. Er lud also seine Doppelpistolen, um dem Teu¬ fel mit dem Pulver, das er nach Milton fruͤher als die Sineser erfunden, anzufallen; sein Gustav mußte mit dabei seyn, um muthig zu werden. Die Schlo߬ uhr schlug 11, es kam nichts — sie schlug 12, wie¬ der nichts — sie schlug 12 noch einmal ohne Huͤlfe des Uhrwerks: jetzt wickelte sich auf dem Schloßbo¬ den ein hieroglyphisches Gepolter heran, drei Fuͤße traten die vielen Treppen herab und erschuͤttern den Korridor. Er, der selten in Leiden , aber immer in Gefahren muthig war, gieng langsam aus dem Zimmer und sah im langen Gange nichts als die ausgeblasene Hauslaterne an der Haupttreppe: et¬ was gieng im Finstern auf ihn zu — und indem er auf das stumme Wesen feuern wollte, rief er: wer da? Ploͤtzlich blitzte fuͤnf Schritte von ihm — und hier faßte der Tetanus der Angst Gustavs Ner¬ ven — das Licht einer Blendlaterne auf ein Ge¬ sicht, das in der Luft hieng und das sagte: „Hop¬ pedizel!” Der wars; warf sein Stiefelholz und andern Apperat dieser Farze weg und niemand hat¬ te etwas darwider als der Rittmeister, weil er sei¬ nen Muth nicht beweisen konnte, und die Ritt¬ meisterin, weil sie keinen bewiesen hatte. — Aber in Gustavs Gehirn riß dieses in der Luft hangende Gesicht mit der Aeznadel ein ver¬ zerrtes Bild hinein, das seine Fieberphantasien ihm einmal wieder unter die sterbenden Augen halten werden. Bloß heftige Phantasie, nicht Mangel an Muth, schaft die Geisterfurcht; und wer jene ein¬ mal in einem Kinde zum Erschrecken aufwiegelte, gewinnt nichts, wenn er sie nachher widerlegt und sie belehrt „es war natuͤrlich.“ Daher fuͤrchten sich in der naͤmlichen Familie nur einige Kinder, d. h. die mit gefluͤgelter Phantasie — daher zieht Shakes¬ pear in seinen Geisterszenen die Haare des Freiden¬ kers in der Frontloge zu Berge, offenbar vermittelst seiner aufgewiegelten Phantasie. — Die Geisterfurcht ist ein ausserordentliches Meteor unserer Natur: erst¬ lich wegen ihrer Herrschaft uͤber alle Voͤlker; zwei¬ tens weil sie nicht von der Erziehung koͤmmt; denn in der Kindheit schauert man zugleich vor dem gros¬ sen Baͤren an der Thuͤre und vor einem Geiste zu¬ sammen, aber die eine Furcht vergeht, warum bleibt die andre? — Drittens: des Gegenstandes wegen: der Geisterfurchtsame erstarret nicht vor Schmerz oder Tod, sondern vor der bloßen Gegenwart eines ganz fremdartigen Wesens; er wuͤrde einen Mond- Insassen, einen Fixstern-Residenten so leicht wie ein neues Thier erblicken koͤnnen, aber in den Menschen wohnt ein Schauer gleichsam vor Uebeln, die die Erde nicht kennt, vor einer ganz andern Welt als um irgend eine Sonne haͤngt, vor Dingen, die an unser Ich naͤher graͤnzen . . . . Ich mußte den einfaͤltigen Professor-Spas auf¬ schreiben, weil er nach zwei Tagen um den flie¬ genden Gustav folgende Szene erzeugte, die ihm eben so gut das Herz zerquetschen als erheben konnte. In der Frist vor seiner Abreise trug er sein schweres Herz und schweres Auge an alle Orte, die er liebte und verließ, in das H. Grab seiner Kin¬ derjahre, unter jeden Baum, der ihm die Son¬ ne genommen, auf jeden Huͤgel, der sie ihm ge¬ zeigt hatte — er gieng zwischen lauter Ruinen des sanften Kinderlebens hindurch: uͤber seinem gan¬ zen Jugendparadies lag die Vergangenheit wie ei¬ ne Fluth; vor ihm, hinter ihm zog sich das Marsch- und Ackerland, worein das Schicksal so bald den Menschen treibt . . . . Das war die Minute, wo ich vor der Sonne, die wie er von dannen gieng und vor der ganzen großen Natur, die mit un¬ sichtbaren Haͤnden den blinden Menschen in weite, reine, unbekannte Regionen hebt, meinem gelieb¬ ten Schuͤler das Bild seines Guido Das Bild des verlornen Kleinen, das er an seinem Hal¬ se von der Entführerin mitbrachte, und das ihm so ähn¬ lich sah. , das ich ihm bisher entzog, ans Herz druͤckte; in sol¬ chen Minuten sind Worte nicht noͤthig, aber je¬ des, das man spricht, hat eine allmaͤchtige Hand: „Hier, Gustav, (sagt' ich) hier vor dem Himmel und der Erde, und vor allem Unsichtbaren um den Menschen, hier uͤbergeb' ich dir aus meinen be¬ wahrenden Haͤnden fuͤnf große Dinge in deine, — ich uͤbergebe dir dein unschuldiges Herz — ich uͤber¬ gebe dir deine Ehre — den Gedanken an das Un¬ endliche — dein Schicksal — und deine Gestalt, die auch um Guido's Seele liegt. Die großen Stun¬ den stehen nicht auf der Erde, die dich fragen wer¬ den, ob du diese fuͤnf großen Dinge erhalten oder verloren hast — aber sie werden einmal deine kuͤnf¬ tige Seele mit deiner jetzigen vergleichen — — ach! laß mich an mich nicht denken, wenn du al¬ les verloren hast! . . . Ich gieng und umarmte ihn nicht: die besten Gefuͤhle haften staͤrker, wenn man ihnen nicht er¬ laubt, sich auszudruͤcken. Er blieb und seine Ge¬ fuͤhle wendeten sich an Guido's Bild; aber das konnte ihn nicht an seine eigne Gestalt erinnern — denn eine Mannsperson kann 20 Jahre alt wer¬ den, ohne ihre Zaͤhne, und 25 Jahre, ohne ih¬ re Augen-Wimpern zu kennen, indeß ein Maͤd¬ chen dahinter koͤmmt vor der Firmelung — Son¬ dern das Bild regte alles was in ihm vom Anden¬ ken und von der Liebe gegen seinen Genuß schlum¬ merte, wieder auf; ja er fand am Portrait lau¬ ter Aehnlichkeiten mit seinem weggeflohenen Freun¬ de aus und sah dessen Gestallt im gemalten Nichts wie in einem Holspiegel. Sein Gehirn brannte wie eine glimmende Steinkohlenmine im Traume auf dem Kopfkissen fort. Ihm kams darin vor als zerlief' er in einen reinen Thautropfen und ein blauer Blumenkelch soͤg' ihn ein — dann streckte sich die schwankende Blume mit ihm hoch empor und hoͤb' ihn in ein hohes hohes Zimmer, wo sein Freund der Genius oder Guido mit dessen Schwester spielte, dem der Arm, so oft er ihn nach Gustav herausstreckte, abfiel und dem die Schwester ihn wieder reichte. Auf einmal knickte die Blume zusammen und nie¬ derfallend sah er drei weiße Mondsstrahlen seinen Freund in den Himmel ziehen, der die Blicke ab¬ waͤrts gegen den Gefallnen drehte. Er erwachte — außer dem Bette am ofnen Fenster lehnend, das uͤber den Garten ins schlafende Auenthal sah. Der Himmel sank in einem stummen Strahlen-Regen nieder — am leuchtenden Universum regte sich nichts als die Strahlen-spitzen der Fixsterne — die Haͤuser standen wie Grabmaͤhler, in denen die Sterblichen ausschließen — die Traͤume giengen in den geschlossenen Sinnen der Sterblichen aus und ein und der Tod trat zuweilen ein Haupt und den Traum darin entzwei. Der Himmel schien Gustaven an sein Fenster gesunken. „O kehr' um, komm' wieder, Geliebter! — (rief er, durch Traum und Gegenwart dahin gerissen) o du warst da, du suchest mich! Erscheine mir, toͤdte mich! — Ach du tausendfach Geliebter! sende mir von deinem Himmel wenigstens deine Stimme!“ — Unverse¬ hends schnitt etwas vor dem Fenster die Luft ent¬ zwei und rief „Gustav“ und im fernen Weiterflie¬ gen riefs zweimal hoͤher herab „Gustav Gustav.“ Ein Eisberg fiel auf seine starrende Haut in der ersten Sekunde; aber in der zweiten gluͤhte er wieder an, gab seine Arme dem Tode und dem Freunde und schlug das Auge an Einer Luftstelle unter dem Monds-Blenden ein, um etwas zu sehen. — Die zwei Welten waren nun fuͤr ihn in eine zusammengefallen; gefast erwartete er den Freund aus der Welt hinter den Sonnen und woll¬ te an seine Aetherbrust stuͤrzen mit einer von Erde. Er gluͤhte sich ab und gieng endlich mit dem Schau¬ dern der Seele und der Haut ins Bett zuruͤck. Aber lange werden von dieser Stunde her, wie von der Gegend eines Gewitters die Winde, die Bewegungen seiner Seele wehen. — — Der Staarmatz thats vermuthlich, der so viel ich weiß aus dem Bauer entkommen war. Gustav erfuhrs nicht. Ob eine Seele Wellen gleich einem Setzteich, so hoch wie Hemd-Jabots, oder gleich dem Ozean solche wie Alpen schlage, das ist zweierlei; ob diese hohen Bewegungen ein Staar erregt oder ein Seeliger, das ist einerlei. Der Professor lehrte ihn unter meinen Ohren guͤldne Brokardika der Menschenkenntniß, die er durch das Lehren selber uͤbertrat — z. B. Nicht bloß die Liebe, sondern auch der Haß der Men¬ schen ist veraͤnderlich und beide sterben, wenn sie nicht wachsen — Die meisten reden bloß gegen die Laster, die sie selber haben — je groͤßer das Ge¬ nie, je schoͤner der Koͤrper ist, desto mehr ver¬ zeiht ihnen die Welt; je groͤßer die Tugend ist, desto weniger verzeiht sie ihr — Jeder Juͤngling denkt, keiner gleiche ihm in Gefuͤhlen ꝛc. aber alle Juͤnglinge gleichen sich — Man muß sich nie ent¬ schuldigen; denn nicht die Vernunft, sondern die Leidenschaft des andern zuͤrnt auf uns und gegen diese giebts keinen Grund als die Zeit — die Men¬ schen lieben ihre Freuden mehr als ihr Gluͤck, ei¬ nen guten Gesellschafter mehr als den Wohlthaͤ¬ ter, Papagaien, Schooßhunde, Affen mehr als nuͤtzliche Lastthiere — Man erraͤth die Menschen, wenn man ihnen keine Grundsaͤtze zutraut; und der Argwoͤhnische hat allemal Recht, er erraͤth wenn nicht die Handlungen des andern doch seine Ge¬ danken ; die Niederlagen des Schlimmen und die Versuchungen des Guten — die Suͤnde ge¬ gen den H. Geist, die dir keiner vergiebt, ist die gegen seinen Geist, d.h. gegen seine Eitelkeit; und der Schmeichler gefaͤllet wenn nicht durch seine Ue¬ berzeugung doch durch seine Erniedrigung ꝛc. Es giebt gewisse Regeln und Mittel der Men¬ schenkenntniß, die der bessere hoͤhere Mensch ver¬ schmaͤht und verdammt, und die gerade diesen nicht errathen helfen und die ihn weder belehren noch er¬ forschen. — Der Professor rieth noch meinem Gu¬ stav, sein Gesicht zu formen, Tugend auf demselben zu silhouettiren, es vor dem Spiegel auszuplaͤtten und es mit keinen heftigen Regungen zu zerknuͤllen. Ich weiß es selber, fuͤr Weltleute ist der Spiegel noch das einzige Gewissen, das ihnen ihre Fehler vor¬ haͤlt und das man wie das Gehirn ins große und klei¬ ne eintheilen muß: das große Gewissen sind Wand- und Pfeilerspiegel, das kleine steckt in Etuis und wird als Taschenspiegel herausgezogen; fuͤr die Welt¬ leute; aber fuͤr dich, Gustav? — du, der du den obigen Dekalogus fuͤr Spitzbuben nicht annehmen, nicht einmal verstehen oder nuͤtzen kannst — denn man nuͤtzt und versteht nur solche Lebensregeln, von denen man die Erfahrungen, worauf sie ruhen, so durchgemacht, daß man die Regeln haͤtte selber ge¬ ben koͤnnen — du, den ich gelehrt, daß Tugend nichts sei als Achtung fuͤr das fremde und fuͤr un¬ ser Ich, daß es besser sei an keine Laster als an keine Tugend zu glauben, daß die Schlimmsten nur ihre eigne Kaste und die Besten noch eine mehr kennen... Wenn Gustav nicht gegen jene Lehren, die meistens Wahrheiten sind, und gegen den Lehrer aufgefahren waͤre; wenn er nicht geschworen haͤtte ' daß diese eckelhafte Kanker-Philosophie nie uͤber eine Ecke sei¬ nes Herzens sich spinnen und kleben sollte: so haͤtt' ich von ihm nicht einmal so gut gedacht als von der Residentin von Bouse, der das System des Helve¬ tius so schoͤn wie sein Gesicht vorkoͤmmt; denn in ihrem Stande hat oft das beste Herz die schlimmste Philosophie. Es wird kaum die Muͤhe verlohnen, daß ichs hersetze, daß der Spitzbube Robisch zum Henker gejagt wurde, weil er einen entwischten Rekruten fuͤr einen neuen ausgab und verrechnete. Wenn ich sagte, zum Henker gejagt: so satirisiert' ich, zum H. v. Roͤper wars, der keine Bediente an¬ nimmt als die welche Livr é -Polyhistors wie Ro¬ bisch sind, d. h. zugleich Jaͤger, Gaͤrtner, Schrei¬ ber, Bauern und Bediente. — Ein und zwanzigster oder Michaelis-Sektor. Neues Paktum zwischen dem Leser und Biographen — Gu¬ stavs Brief. Z iehe hin, Geliebter, (sagt' ich,) den das Welt- Meer nimmt; das Sonnenbild deines verborgen fuͤh¬ lenden Herzens laͤchle aus dem Meersgrund und schwimme mit dir! dein junges Herz bringest du nicht mehr nach Auenthal! — o daß doch die Fruͤchte am Menschen ein andres Wetter haben muͤssen als seine Bluͤthen — statt des Hauches des Lenzes den Stich des Augusts und den Sturm des Herbstes!“ Ich dacht' es, so lange sein Wagen in meinen Augen blieb; nachher gieng ich in die Gartenhoͤle hinunter zu den zwei Moͤnchen, und als ich dachte: in euerer kalten Stein-Brust wohnt kein Wunsch, kein Seh¬ nen, kein Schmerz, kein — Herz: „eben darum.“ sagt' ich in anderem Sinn. Heute ist Michaelis und heute — ich kann mich nicht laͤnger verstellen — bejaͤhrt sich seine Abreise. Heute faͤngt zwischen mir und dem Leser ein ganz neues Leben an und wir wollen ruhig alles mit ein¬ ander vorher ausmachen. Erstlich bin ich zwar Ein Jahr hinter Gustavs Leben zuruͤck; aber in acht Wochen gedenk' ich solches erschrieben zu haben. Ich dachte freilich schon vor einem halben Jahre; jezt kaͤm' ich ihm nach; aber ein Leben ist leichter zu fuͤhren als zu schildern zumal gut stylisirt. Ueberhaupt kann ein Autor — ein gu¬ ter — leichter die Sterne des Himmels zaͤhlen als seine zukuͤnftigen Bogen, die auch Sterne sind. Schluͤßlich erwartet man, daß die Litteratur-Zei¬ tung wenigstens so viel bedenke, daß ich ein Rechts¬ freund bin und unmoͤglich fuͤr sie so viel zu schreiben vermag wie fuͤr ganze Kollegien, Fakultaͤten und hoͤchste Reichsgerichte. Kennt die Litteratur-Zei¬ tung meine entsetzlichen Arbeiten? man muß meinen Speiseschrank voll Manualakten gesehen haben, in denen noch dazu kein Wort steht weil ich sie erst aus der Papiermuͤhle holen ließ, oder man muß in mei¬ ner Gerichtshalterei in Schwenz, worin die 12 Un¬ terthanen und der Lehn- und Gerichtsherr selber Bauern sind, gewesen seyn, um von mir nicht mehr zu fordern als jaͤhrlich ein Buch. Wer ist um ganz Scheerau derjenige Sachwalter, der in einem Pro¬ zesse dient, welcher mit Naͤchstem — der Teufel muͤ¬ ste sein Spiel haben — zum Wetzlaer Thor unter die Sessions¬ Sessionstische des Reichskammergerichts, das von gutem Styl weiß, duͤrfte hingetrieben werden? Und doch diente der Prozeß wie Peter der Große von un¬ ten auf und bestieg wie die Styliten-Sekte immer hoͤhere Stuͤhle. Zweitens — oder das ist noch erstlich: ich kann folglich gleich den Juden nur am Sabbat oder Sonn¬ tag auf die Plastik meines Seelen-Foͤtus denken: an Wochentagen wird nichts geschrieben — als zwar auch Biographien, aber nur von Schelmen, man meint Protokolle und Klaglibelle. Zweitens oder drittens bin ich der Insaß eines Schulmeisterthums. — Der gute Rittmeister wollte mich, da sein Sohn zur Thuͤr hinaus war, mit Per¬ sonalarrest belegen, der bei mir zugleich Realarrest ist, weil mein Mobiliar-Vermoͤgen in meinem Koͤrper und mein Immobiliar-Vermoͤgen in meiner Seele be¬ steht; ich sollte auf seinem Schlosse so lange advo¬ ziren und satirisiren als ich wollte. Es waͤre zu wuͤn¬ schen, sein alter Gerichtshalter verbliche: so wuͤrd' ichs: denn abdanken kann sein gutes Herz — dem doch mein spitzbuͤbisches an Hoffeinheiten verwoͤhntes den Mangel der letztern nicht allemal vergeben mag — keinen Menschen. Behalte deinen gesunden Nord T Ost-Athem, behalte deine Haͤnde mit dem pruͤ¬ gelnden Stab Wehe und deine Zunge mit ihrem Paar Donnerwettern und tausend Teufeln, mein Falkenberg! Ich blieb auch bei ihm im Winter; aber heuer im Fruͤhjahr zog ich an den Ort herab, wo ich dieses schreibe — in die obere Stube des Auentha¬ ler Schulmeister Sebastian Wuz . Den ganzen Lebenslauf seines Vaters, Maria Wuz hab' ich dem Ende dieses Buchs beigegeben. Allein ob er gleich eine Episode ist, die mit dem ganzen Werke durch nichts zusammen zu hängen ist als durch die Heftnadel und den Kleister des Buchbinders: so sollte mir doch die Welt den Gefallen erweisen und ihn sogleich lesen, nach die¬ ser Note. Ich hatte vielleicht die drei vernuͤnftigsten Gruͤnde von der Welt dazu; ich schwind' erstlich nirgends mehr ein als in einem Vatikan voll oͤder Kluͤfte, in Sara Wuͤsten von leeren Zimmern, ein Essaal mit sei¬ ner Meublen-Armuth ist fuͤr mich ein Pathmos und bloß in kleinen Stuͤbgen wird man groͤßer: der Mensch sollte von Jahr zu Jahr in immer klei¬ nere Zellen kriechen bis er in die kleinste schluͤpfte, d. h. ins engste Loch dieses gequetschten Silber¬ draths. — Der zweite Grund war H. Fortins (in Morhof . Polyhist . L. II. c. 8.) welcher Gelehr¬ ten anraͤth, alle halbe Jahre die Staͤdte zu wech¬ seln, damit sie besser schrieben — und in der That schreibt man besser nach jeder Veraͤnderung und waͤrs die des Schreibepults. Ohne solche auf¬ frischende Luft schreibt sich die Seele so tief in ih¬ ren Holweg hinein, daß sie drinnen steckt ohne Himmel und Erde zu sehen. Aus gegenwaͤrtigem Werke koͤnnte vielleicht etwas werden; aber jeden Monat und jeden Sektor muß ich in einer andern Kajuͤte schreiben. — Der dritte und vernuͤnftigste Grund ist meine Schwester: sie ist wieder von der Residentin von Bouse zuruͤck, erstlich meil sie ihre Stelle einer schoͤnen Buͤcherpatientin leer zu machen hatte der guten Beata naͤmlich, die der Vater, der Dok¬ tor, der Liebhaber — der dumme Oefel, er wird aber gar nicht beguͤnstigt — endlich mitten in diese Kulmination aller Freuden und Visiten hinberede¬ ten — zweitens (ist meine Schwester da,) weil ichs wollte: aber Schwester, Schwester, warum hab' ich dich nicht eher aus diesem inkrustirenden Mine¬ ral-Strudel gerissen? warum hast du dich so ver T 2 aͤndert? wer kann dich zuruͤck veraͤndern? wer will dir aus dem Herzen scheuern deine Gedanken an fremde Blicke, deine Gier, bewundert, aber nicht geliebt zu werden, deine Koketterie, wel¬ che Liebe nur erregen nicht erwiedern will, und alles das was dein Herz unterscheidet von deinem vorigen Herzen und von Beatens ewigen? — — mit meiner Schwester wollt' ich also nicht gern das Schloß verengern, auf dem sie uͤbrigens alle Tage ein Paar Stunden versitzet. Jezt hab' ich dem Leser beigebracht, woran er ist: wir wenden uns wieder zu Gustavs Wagen und sind alle zufrieden, Leser, Setzer und Schreiber. Gustav fuhr in einer Trunkenheit des Schmer¬ zes, die der schoͤne Himmel in Thraͤnen anfloͤsete , nach Scheerau und hielt jede Schwalbe und Biene, die unserem Schlosse zuflogen, fuͤr gluͤcklich, die naͤchsten zehn Jahre hiengen als zehn Vorhaͤnge vor ihm duͤster nieder „und liegen, fragt' er sich, Todtengerippe, Raubthiere oder Paradiese hinter den Vorhaͤngen?“ — was ohne Vorhang vor ihm saß und dozierte, sah er auch nicht, den Profes¬ sor. Zwei Stunden vor Scheerau schrieb er mir mit jener flammenden Dankbarkeit, die aus dem Menschen nur in seinem zweiten Jahrzehend so strahlend bricht. Wie bei allen Seelen, die sich mehr von innen heraus als von außen hineinver¬ aͤndern, stand in ihm der Barometer seines Her¬ zens oft unbeweglich auf demselben Grade. Die Regenwolken und den Regenbogen an seinem in¬ nern Himmel bracht' er nach Scheerau mit: er trug sein uͤberhuͤltes Herz in das weite wiederhallende Kadettenhaus und in dessen Jahrmarkslaͤrm auf den Treppen und in das Kadetten-Feldgeschrei wie unter die Schlaͤge einer Kupferschmiede und Walk¬ muͤhle hinein — er wurde noch trauriger, aber mit mehr Schmerzen. Das merkwuͤrdige im Zimmer, das er betrat und bewohnte, waren nicht drei Kadetten — denn sie waren Kurrent-Menschen, Scheidemuͤnze und prosaische Seelen, d. h. lustig, witzig, ohne Ge¬ fuͤhl, ohne Interesse fuͤr hoͤhere Beduͤrfnisse und von maͤßigen Leidenschaften — sondern der Stuben- Ephorus, H. v. Oefel, der mit dem Degen wie eine gespießte Fliege mit der Nadel lief. Oefel fieng ihn sogleich zu beobachten an, um ihn abends zu beschreiben — in Gesellschaften beobachtete er jeden, nicht um fremde Pfiffe zu erlauschen, sondern um seine vorzuweisen. So lobte er auch ohne zu achten, und medisirte ohne zu hassen: brilliren wollt' er bloß. Unter diesem Sehnen, eh Gustav den schwe¬ ren Gang uͤber Schmerzen zu Geschaͤften that, kam der Trost in der Gestallt der Erinnerung zu ihm und Gustav sah was er nicht haͤtte vergessen sollen — seinen Amandus , seinen Kindheits¬ freund. Aber der gute Juͤngling trat vor ihn nicht in der ersten Gestalt eines Blinden, sondern in der letzten eines Sterbenden; er hatte die Ner¬ venschwindsucht, die alles sein Mark aus der noch stehenden Rinde ausgezogen hatte — an der Rinde gruͤnte nichts mehr als haͤngende Zweige mit fah¬ lem gesenktem Laub. Er bereitete sich auf kein Amt und kein Leben vor, sondern er wartete und wollte empfangen an der Schwelle des Erbbegraͤb¬ nisses den Tod, der die Treppe herauf, stieg. — Aber daß seine Seele in einer lebendigen Wunde lag, daran kann uns nichts wundern als das Ge ¬ schlecht : denn die armen weiblichen Seelen woh¬ nen selten anders; aber die Maͤnner schonen diese Wunde nicht; es erweicht sie gegen ein so wei¬ ches Geschlecht der Anblick nicht, daß die meisten nicht von einem Tage zum andern sondern von ei¬ nem Schmerze zum andern leben und von einer Thraͤne zur andern. . . . In Gustav wohnte das zweite Ich (der Freund) fast mit dem ersten unter Einem Dache, unter der Hirnschaal und Hirnhaut: ich meine, er liebte am andern weniger was er sah als was er sich dachte; seine Gefuͤhle waren uͤberhaupt naͤher und dichter um seine Ideen als um seine Sinne: daher wurde oft die Freundschafts-Flamme, die so hoch vor dem Bilde des Freundes empor gieng, durch den Koͤrper desselben gebogen und abgetrieben. Da¬ her empfieng er seinen Amandus, weil uͤberhaupt eine Ankunft weniger erwaͤrmt als ein Abschied, mit einer Waͤrme, die aus seinem Innern nicht voͤllig bis zu seinem Aeußern reichte — aber Oefel der beobachtete, hatte mit sechs Blicken heraus, der neue Kadet sei adelstolz . Unter allen Kriegs-Katechumenen hatte Gu¬ stav die meiste Noth. Aus einer stillen Karthause war er in ein Polter-Zimmer verbannt, wo die drei Kadetten ihm den ganzen Tag die Ohren mit Rapierstoͤßen, Kartenschlaͤgen und Fluͤchen beschos¬ sen — aus einer Dorfburg war er in ein Louvre geworfen, wo die Trommel das Sprachorgan und die Sprachmaschine war, wodurch das Scholar¬ chat mit den Eleven sprach, wie die Heuschrecke allen ihren Laͤrm mit einer angebornen Trommel am Bauche macht: Zum Essen, zum Schlafen, zum Wachen wurden sie wie das Parterre eines Dorf¬ kommoͤdianten zusammen getrommelt. Im Marsch¬ schritt und hinter dem Kommandowort erstieg diese Miliz den Speisesaal als ihren Wall und nahm von der Festung nichts weg als die Portion auf ei¬ nen halben Tag; der Kommandozuck riß sie von ihren Stuͤhlen auf und lenkte sie zur Zitadell wie¬ der hinaus. Man konnte zu Nachts die Schritte eines einzigen Kadetten zaͤhlen und man wuste die aller uͤbrigen, weil der kommandirende Luftstoß diese Raͤder auf einmal trieb. — Eben deswegen, ich meine weil der Dank vor dem Essen ordentlich kommandiert wurde, hatte das ganze Korps die gleiche Andacht, keine Sekunde sprach einer laͤn¬ ger mit Art als der andre. Ich weiß nicht, in welchem Scheerauischen Regimente der Kerl stand, der einmal bei der Kirchenparade, wo der Officier die Seelen einmal zu Gott kommandierte, die er sonst zum Teufel gehen hieß, so sehr wider ver nuͤnftige Subordination verstieß, daß er wenig¬ stens vier Minuten laͤnger dem Himmel auf seinem frommen Knie dankte als der Fluͤgelmann — ich sag' es deswegen, weil ich nachher, als der Be¬ ter daruͤber Fuchtel bekam, oͤffentlich die Frage that, ob nicht eben auf diese Weise den Kompag¬ nien die Logik beizubringen waͤre, die ihnen so noͤ¬ thig ist wie die Schnurbaͤrte und nuͤtzlicher, da man diese, aber nicht jene zu wichsen braucht. Koͤnnte man nicht kommandieren und das Woͤrt¬ gen „macht“ weglassen: „macht den Vordersatz — macht den Hintersatz — macht den Schluß. So waͤr' ich nicht zu tadeln, wenn ich mir eine Kom¬ pagnie kaufte und sie die drei Theile der Buße et¬ wann so durchmachen ließe: bereuet — glaubt — bessert — naͤmlich euch, oder sonst soll das liebe... in euch fahren, wie juͤngere Officiere beisetzen. Der oͤsterreichsche Soldat hatte bis Anno 1756 zwei und siebzig Handgriffe zu lernen, nicht um damit den Feind zu schlagen sondern den — Satan. In dieser Stimmung, worin Gustav gegen Krieg und seine Kameraden war, schrieb er mir einen Brief, dessen Anfang hier wegbleibt, weil unser Briefsteller dabei allemal so kalt wie beim Empfang zu seyn pflegte. „— — — Das Exerziren und Studiren ma¬ chen mich zu einem ganz andern Menschen, aber zu keinem gluͤcklichern. Ich aͤrgere mich oft selbst uͤber meine Weichheit, uͤber meine Augen, aus denen ich die Spuren in Geheim wegzuwaschen suche, und uͤber mein Herz, das bei Beleidigun¬ gen, die ich jetzt sehr haͤufig habe, nicht auf¬ schwillt sondern sich zusammenpreßt und in das Au¬ ge ergießet. Meine Stubenkameraden, unter de¬ nen ich nichts hoͤre als Rappiere und Fluͤche, la¬ chen mich uͤber alles aus. Sogar dieses Blatt schreib' ich nicht unter ihnen, sondern unter freiem Himmel im stillen Lande So hieß der englische Garten um Marienhof, den die Ge¬ mahlin des verstorbnen Fürsten mit einem romantischen, gefühlvollen, uͤber Kunstregeln hinausreichenden Geiste angelegt. Der Kummer gab ihr den Namen und die An¬ lage des stillen Landes ein. Jetzt ist ihrer sterbenden Seele selbst dieses Land zu laut und sie lebt verschlossen. Diejeni¬ gen Leser, die nicht da waren, will ich mir durch eine Beschreibung des Gartens verbinden. zu den Fuͤßen und auf dem Postement einer Blumengoͤttin, von der Arm und Blumenkorb abgebrochen sind. Der gute Hr. von Oefel ist unterdessen im alten Schlosse bei der Residentin. Sobald ich nicht arbeite, druͤckt jedes Zimmer, jedes Haus, jedes Gesicht auf mich herein — Und doch, wenn ichs wieder thue — zwar wenn truͤbes Wetter ist wie vorige Woche, mach' ich mein ma¬ thematisches Reißzeug so gern wie ein Schmuckkaͤst¬ chen auf; aber wenn ein Flammenmorgen unter dem Geschrei aller Voͤgel, sogar der gefangnen , von den Daͤchern in unsere Gassen niedersinkt, wenn der Postillon mich mit seinem Horn erinnert, daß er aus den eckigen, spitzigen, verwitternden, unorganisch zusammengeleimten Schutthaufen der getoͤdteten Natur, die eine Stadt heissen, jetzt hinauskomme in das pulsirende, draͤngende, knos¬ pende Gewuͤhl der nicht ermordeten Natur, wo ei¬ ne Wurzel die andre umklammert, wo alles mit und in einander waͤchset und alle kleinere Leben sich zu Einem großen unendlichen Leben in einander schlingen: so tritt jeder Blutstropfen meines Her¬ zens zuruͤck vor den Pechkraͤnzen, Trancheekatzen und vor den Wischkolben, womit die Artillerie un¬ sere blauen Morgenstunden ausstopfet — dennoch vergess' ich die gruͤnende Natur und die Kontrami¬ nen, womit wir sie in die Luft aufschleudern ler¬ nen und sehe bloß die langen Floͤre, die an den Stangen aus dem Hause eines Faͤrbers gegenuͤber in die Hoͤhe fliegen, schon wie Naͤchte uͤber den Gesichtern armer Muͤtter haͤngen, damit der Thau des Jammers im Dunkeln hinter den Leichen falle, die wir am Morgen machen lernen. — — Ach! seitdem es keinen Tod mehr fuͤr , sondern nur wi ¬ der das Vaterland giebt, seitdem ich, wenn ich mein Leben preiß gebe, keines errette sondern nur eines binde, seitdem muß ich wuͤnschen, daß man mir, wenn mich der Krieg einmal ins Toͤdten hin¬ eintrommelt, vorher die Augen mit Pulver blind¬ brenne, damit ich in die Brust nicht steche, die ich sehe, und die schoͤne Gestalt nicht bedaure, die ich zerschnitze und nur sterbe aber nicht toͤdte. . . . O da ich noch aus Karthausen, noch aus Ihrem Studierzimmer in die Welt hinaussah, da breite¬ te sie sich vor mir schoͤner und groͤßer aus mit wo¬ genden Waͤldern und flammenden Seen und tau¬ sendfach kolorirten Auen — jetzt steh' ich daran und sehe das kahle Nadelholz mit kothigen Wurzeln, den schwarzen Teich voll Sumpf und die einmaͤh¬ tige Wiese voll gelbes Gras und Abzugsgraͤ¬ ben. — — Vielleicht koͤnnt' ich aber doch meine Traͤume, den Menschen zu nutzen, mehr realisiren, wenn ich eine andre Laufbahn gienge und statt des Schlachtfeldes den Sessionstisch waͤhlen und den Zweck der Aufopferung veredeln duͤrfte Ich kann nichts dafür, daß mein Held so dumm ist und zu nützen hoft. Ich bins nicht, sondern ich werde unten zeigen, daß das Mediziniren eines kakochymischen Staats¬ körpers (z. B. bessere Polizei- Schulanstalten, einzelne De¬ krete ꝛc.) dem Mediziniren des Nerven-Schwächlings gleicht, der gegen die Symptome , und nicht gegen die Krankheitsmaterie arbeitet und sein Uebel bald wegschwitzen, bald wegklystiren, weglaxiren, wegtrepaniren will. . . . . Die rothe Sonne steht vor meiner Feder und be¬ wirft mein Papier mit laufenden Schatten: o du wirkst stehend, Himmelsdiamant, und machst licht wie der Blitz ohne seinen moͤrderischen Knall! Die ganze Natur ist stumm wenn sie erschafft, und laut, wenn sie zerreisset. Große, im Abendfeuer stehen¬ de Natur! der Mensch sollte nur deine Stille nach¬ ahmen und bloß dein schwaches Kind seyn, das deine Wohlthaten dem Armen hinaustraͤgt! Wenn Sie jetzt von Auenthal zu den im Son¬ nengolde wogenden Fenstern unsers Schlosses auf¬ sehen: so schauet jetzt meine Seele auch hinuͤber, aber mit einem Seufzer mehr.“ ꝛc. Die Offiziere sehen, daß Gustav keiner werden will; aber er hat seinen ganzen Vater wider sich, der bloß den stuͤrmenden Krieger liebt und ruhigere Geschaͤftsmaͤnner eben so verachtet, wie diese den noch ruhigern geschaͤftslosen Gelehrten verachten. — Zwey u. zwanzigster od. XVIIII. Trinitatis-Sekt. Der ächte Kriminalist — meine Gerichtshalterei — ein Ge¬ burtstag und eine Korn-Defraudazion. A ls ich am Donnerstag darauf meinen Gustav be¬ suchen und ein wenig belehren will: hat ihn Hr. von Oefel aus einer Ursache, die bloß ein ganzer Sektor verwickeln kann, mit einigen Husaren an die Graͤnze verschickt, wo sie einen Frucht-Kordon formirten, der kein Korn hinaus und keinen Pfef¬ fer herein ließ. Da die meisten Bewegungen des Volks sich mit und von peristaltischen anfan¬ gen: so wolltens manche feine Leute gerochen ha¬ ben, der Landesvater thaͤt' es, damit seine Lands¬ kinder etwas zu brocken und zu beissen haͤtten. Ich bekam aber am Ende die groͤßte Teufelei damit und man soll es jetzt hoͤren, aber nur von vornen an. Naͤmlich so: das große Rittergut Maussen ¬ bach hat wie bekannt die Obergerichtsbarkeit, ob gleich ich und der Rittergutsbesitzer, Hr. Kommer¬ zienagent von Roͤper, daruͤber aus entgegengesetz¬ ten Gruͤnden aͤrgerlich sind. Ich bin aͤrgerlich, weil ich das Leben, wenigstens die Ehre von einigen hundert Menschen nicht in den Haͤnden eines gan¬ zen roͤmischen Volks sondern eines Amtmanns ꝛc. sehe — der Erb- Lehn- und Gerichtsherr ist aͤrger¬ lich, weil der Blutbann nichts eintraͤgt, da es mehr kostet das Richtschwerdt schleifen zu lassen als alles abwirft, was damit in den Beutel her¬ einzumaͤhen ist. „Ehebruch ist fuͤr eine malefizische Obrigkeit noch das einzige!” sagt der Erbherr. — Ganz das Gegentheil sagte sein Gerichtshalter Kolb : hohe Frais war seine hohe Oper, peinliche Akten waren ihm Klopstocks Gesaͤnge und ein Scherge sein Orest und Sancho Pansa — er haͤtte die Welt in zwei Reihen zertheilet, in die aufhaͤngende und in die aufgehangne Reihe und er waͤre Kriminalist ge¬ blieben — ein unrasirter Malefikant im Karzer war ihm ein sinesisches Goldfischchen in einer glaͤsernen Bowle, beide wurden Gaͤsten produzirt — freie Spitzbuben-Puͤrsch nur in einem Paar Welttheilen waͤre seine Sache und Lust — mich haßte er auf den Tod, weil ich ihm einmal einen vom Tode ins Zuchthaus wegdefendiret hatte — er besaß die Mortalitaͤtslisten aller Justifizirten und eine Matri¬ kul kul oder ein genealogisches Saatregister aller Raͤu¬ ber (Ehrenraͤuber ausgenommen), die in allen zehn Kreisen zu erndten standen und wahre Spitzbuben waren fuͤr ihn was fuͤr Feddersen gutgesinnte Men¬ schen sind. Kurz er war ein aͤchter Kriminalist, ganz wie ihn die alten Deutschen oder neuen eng¬ lischen Gesetze haben wollen: denn nach beiden soll jeder bloß von seines Gleichen gerichtet und ver¬ dammt werden; Kolben aber mußte jeder Spitz¬ bube und Moͤrder fuͤr einen eben so großen halten und Inkulpat konnte mithin sagen, daß er die Rechtswohlthat genoͤsse, von einem seines Gleichen gerichtet zu werden. Ich kenne nicht viele ebenbuͤr¬ tige Malefizraͤthe und Fakultisten, auf die dieses anzuwenden waͤre. Das verdroß Roͤpern ungemein: denn sein Ma¬ lefizrath zog ihm alle Monate einen kostensplitteri¬ gen Fraisfall zu; und hohen Frais-Gerichtsherrn ist doch nicht so wohl mit der Einfangung als Be¬ erbung der Inquisiten gedient. Kurz als der Amt¬ mann eine neue Galgenrekruten-Aushebung im Maussenbacher Walde vorzunehmen gedachte — wor¬ an vielleicht Robisch schuld war: — so stellte Hr. v. Roͤper diese Diebe-Preßgaͤnge dadurch ab, U daß er seinem Malefizrath so viel Grobheiten an¬ that als dazu vonnoͤthen waren, daß der Amtmann nichts thun konnte als abdanken. Er that doch noch etwas, der Schelm, er malte meine Wenigkeit ab: da er mein Defenso ¬ rat nicht vergessen konnte, so verwaltete er das Fiskalat und sagte zu Roͤpern, ich taugte nichts, ich waͤre ein Mensch, der ihn und mehrere Edel¬ leute haßte und der den feinsten Hofton haͤtte, Paul naͤhme jeden Prozeß von Unterthanen gegen ihre Lehnherrn an und haͤtte selber einmal gegen den H. Kommerzienagenten die Feder gefuͤhret. — Du elender Kolb! warum sollen Einbeine das nicht thun? — Meine wichtigsten Prozesse sind noch heute keine andern. — Und warum soll nicht gar ein Vorschlag wirklich werden, den ich sogleich thun will? der daß man nach dem Muster der Ar¬ men-Advokaten Unterthanen-Advokaten einfuͤhrt, die bloß gegen Patrimonialgerichte wie die Mal¬ theserritter gegen Unglaͤubige fechten. — Roͤper erzaͤhlte mirs aus seinem eignen Mun¬ de: denn kurz er installirte mich doch zum Maus¬ senbacher — Amtmann, die Advozir- und Lesewelt erstaune wie sie will. Die Kolbischen Invektiven waren eben meine Wendeltreppe zu diesem Gericht¬ stuhl: mein Gerichtsprinzipal muß zu seinen ewi¬ gen Kaͤmpfen mit allen Instanzen und Edelleuten einen juristischen Taureador, einen hitzigen Feder¬ messer-Harpunirer haben; Kolb sagte aber, ich waͤre einer. Zweitens praͤsentirte mir Hr. v. Roͤ¬ per den Gerichtsstuhl, weil ich weder ritt (des kur¬ zen Beines wegen) noch fuhr (des seekranken Ma¬ gens wegen) und mithin zur Justitzpflege ohne den Pferde-Nachtrab, den sein Stall bisher zu appa¬ nagiren hatte, gegangen kam. Fuͤr Rezensenten und deren Redakteurs wird der Wink kein Schade seyn, daß sie bedenken moͤgen, daß sie von nun an Papier nehmen und einen Mann rezensiren, der nicht etwan wie sie Nichts ist, sondern einen der so gut richtet wie sie, aber uͤber ein reelleres Le¬ ben als das litterarische und der solche Rezensenten selber henken kann, wenn sie in seinem Gerichts¬ sprengel etwas anders stehlen als Ehre. Jetzt koͤmmt die Hauptsache. Ich war zum er¬ stenmal als Praͤtor in Maussenbach und trat mei¬ ne Amtmannschaft an. Es gieng alles recht gut, ich und Unterthanen wurden einander praͤsentiret und ich hatte an diesem Tage uͤber tausend Haͤnde U 2 in meiner: freilich muß ich noch manches saure Gesicht wegscheuern, das sie mir mit machen, weil sie es meinem weniggeliebten Prinzipal machen: denn Volk und Adel lagen nicht bloß in Rom, son¬ dern auch in heutigen Doͤrfern stets einander in Haaren und Zoͤpfen und fechten uͤber Schuldensa¬ chen. Ausser meiner Gerichtshalterei feierte heute noch etwas seinen Geburtstag — der Verleiher derselben, Roͤper; wir aßen also recht gut zweier¬ lei Dingen zu Ehren, erstlich weil das von ihm dissolvirte Parlament in mir heute wieder zusam¬ menberufen und zweitens weil der Berufer vor vie¬ len Jahren geboren worden. Ich kann sagen, mir war wohl dabei trotz meiner Verschiedenheit vom Wiedergebornen — von dir ist gar nicht die Rede, Louise und Gerichtsprinzipalin! welches lahme Herz schluͤge nicht mit deinem in sympathetischer Harmonie zusammen, wenn es dein Auge uͤber das Vergnuͤgen deines Mannes und von Wuͤnschen fuͤr sein Leben glaͤnzen sieht — sondern von deinem Eheherrn selbst red' ich: er sei nun wie er will, mir ists unmoͤglich, von einem Manne, mit dem ich unter Einer Stubendecke sitze, das Schlimme zu denken das ich bisher von ihm gehoͤrt oder auch geglaubt und es ist warlich nicht einerlei ob uns ein Tisch oder eine Chaussee trennt — wenn du ei¬ nen von Hoͤrensagen hassest: so gehe in sein Haus und sehe zu ob du, wenn du in seinen Gespraͤchen so manchen schoͤnen Zug, in seinem Betragen ge¬ gen das Kind oder Weib das er liebt, so manches Zeichen der Liebe aufgefunden hast, ob du da mit dem hereingebrachten Hasse wieder hinausgehest. War gegenwaͤrtiger Verfasser in seinem Leben ge¬ gen etwas eingenommen, so warens die Großen; seitdem er aber in seinen Klavierstunden zu Schee¬ rau Gelegenheit gehabt, mit manchem Großen unter einem Deckengemaͤlde zu stehen, seitdem er selbst unter diesen Riesen mit herumspringt: so sieht er, daß ein Minister, der ein Volk druͤckt, seine Kinder lieben und daß der Menschenfeind am Sessionstisch, ein Menschenfreund am Naͤhpult sei¬ nes Weibes seyn kann. So haben die Alpenspitzen in der Ferne ein kahles steiles Ansehen, in der Naͤhe aber Platz und gute Kraͤuter genug. Ich gesteh' es also, da nach altvaͤterischer Sit¬ te (an Geburtstagen bei Hofe speist' ich dergleichen nie) eine Biscuit-Torte aufgetragen wurde, auf der das Vivat und der Name Roͤper mit Typen von Mandeln aufgesaͤet zu lesen und zu essen war — da ferner der Inhaber des Namens zwar sagte: „solche dumme Streiche machst du nun“, aber so¬ gleich das Auge voll bekam und beifuͤgte: „schneid' unsern Leuten draussen auch einen Bissen“ — ich gestehe sagt' ich, ich wuͤnschte alsdann manche Sa¬ ge von ihm aus meinem Gedaͤchtniß, die sich mit dem lapidarischen Mandelstyl nicht wohl vertrug und ich haͤtte besonders etwas darum gegeben, die Krebse am allerliebsten, wenn er, weniger um das Steingut derselben besorgt, seine Louise nicht angebrummt haͤtte, die in der Freude einige Bei¬ traͤge zu seiner Krebs-Daktyliothek verschuͤttet hat¬ te. — Ich will nur aufrichtig seyn: der Henker haͤtte mich holen muͤssen, wenn ich hart wie ein Krebsauge haͤtte bleiben wollen, da du, meine Musik-Elevin, geliebte Beata! die du aus der Hofluft Der Leser muß sich erinnern, daß sie von der Residen¬ tiun von Bouse blos zur Feyer des väterlichen Geburts¬ tags hergereiset war. wie andre Blumen aus der mephitischen nichts einzogest als zaͤrtere Reize und hoͤhern Schmelz, da du, holde Schuͤlerin, mit dem weiblichen Ge¬ fuͤhl des vaͤterlichen Ansehens hingiengest und dem Vater, mit dem Munde auf seiner Hand die auf¬ richtigsten Wuͤnsche brachtest und da du erst am Halse deiner Mutter, die euch beide mit Blicken der Liebe uͤberschuͤttete, dein Herz in ein naͤheres uͤbergossest . . . . Erst jetzt koͤmmt die versprochne Hauptsache — naͤmlich mein Gustav. Ich wollt', er waͤr' ausge¬ blieben. Er ritt vor zwei Husaren voraus, die ei¬ nen Kornwagen eskortirten. Der Wagen wollte sich uͤber der Graͤnze — das Fuͤrstenthum Scheerau stoͤßet wie der menschliche Verstand uͤberall auf Graͤn¬ zen — abladen; die zwei Husaren wollten sich be¬ stechen lassen, es war alles gut: aber Gustav war's nicht; der Kondukteur, der Pachter hatte die Kon¬ trebande fuͤr Roͤperisches Gut ausgegeben — und von Roͤper straͤubte sich der ganze Gustav vom Va¬ ter her zuruͤck; zweitens lebte er jetzt mit der Tu¬ gend im Brautstand, und in den Flitterwochen, wo man gute Werke und moralische hors d'oeuvre fuͤr einerlei nimmt und wo zugleich der Styl und die Tugend zuviel Feuer hat. Kurz der Pachter und Wagen mußten zuruͤck; und der Kadet war ins Geburtstagszimmer getreten, um es mit uͤber¬ wallendem Hasse gegen Roͤperische Betruͤgereien an¬ zusagen. — Aber konnt' ers, als er mich nach vie¬ len Wochen und meine Elevin zum erstenmale sah und unter die froͤhlich geroͤtheten Gesichter trat, aus denen er auf einmal Blut und Freude jagen wollte? — Er konnte nichts als mich bei Seite ziehen und mirs entdecken; aber das Belauschen und das anfahrende corpus delicti entdeckten dem Kommerzienagenten das naͤmliche und brachten und erhielten ihn in seiner schimpfenden Wuth gegen den Kadetten den die Sache, sagt' er, nichts an¬ gienge, so lange bis ihm ein Medikament gegen den ganzen Handel beifiel: ich mußte mit Roͤper vor die Hausthuͤre hinaus und er sagte mir, ich wuͤrde als sein Amtmann leicht einsehen, daß man das Getreide fuͤr das Getreide seiner Paͤchter ausge¬ ben muͤßte, weil der Fuͤrst mit einem Beamten kein Schonen haͤtte. Das letztere sah ich als sein neuer Amtmann ein, daß der geizige Arsenikkoͤnig, der den Aemter-Handel, Justitz-Unfug ꝛc. duldete, doch auf Ungehorsame gegen ihn, wie ein giftiger Wind zufaͤhret; aber das sah ich nicht ein, daß eine zweite Betruͤgerei der Verhack und Advokat der ersten seyn muͤsse. Zu unserem Gebalge stieß endlich der Gegenstand desselben, der Pachter selbst, der mit zerruͤttetem Gesicht und mit der stottern¬ den Bitte zulief, „Ihro Gnaden sollten es nicht ungnaͤdig vermerken, daß er in der Angst sein Korn fuͤr Ihro Gnaden Ihres ausgegeben haͤtte.“ Nun war der Knoten auseinder: mein Prinzipal hatte bisher bloß seine gluͤcklich uͤber die Graͤnze spedirte Konterbande mit der ertappten fremden ver¬ mengt. Dem Pachter hielt er als gesunder Mora¬ list die Bosheit vor, auf einmal ihn, das Land und den Fuͤrsten zubetruͤgen „und er wuͤnschte, er braͤche jetzt das Bestallungsschreiben auf, er wuͤr¬ de ihn heute ausliefern.“ Zu meinem Gustav eilt' er hinein und warf ihm mit der Hitze der verkannten Unschuld so viel Grobheiten entgegen als man von ei¬ nem beleidigten Millionaͤr erwarten kann, da Besi¬ tzer des Goldes, wie Saiten von Gold am aller¬ groͤbsten klingen. Mich dauerte mein lieber Gu¬ stav mit seiner Tugend-Plethora; ihn dauerte das Ungluͤck des armen Pachters; und Beaten dauerte unsere allseitige Beschaͤmung. Mit reissenden Gefuͤh¬ len floh Gustav aus einem stummen Zimmer, wo er vom weichsten Herzen, daß noch unter einem schoͤ¬ nen Gesicht gezittert, von Beatens ihrem die Blu¬ men kindlicher Freude weggebrochen und herunter geschlagen hatte. Im Grund gieng jetzt der Henker erst los — naͤmlich das Roͤperische Gebelle gegen das Falken¬ bergische Haus und dessen verdammte Verschwen¬ dung und gegen den Kadetten. Beata schwieg; aber ich nicht: ich waͤre ein Schelm gewesen (ein groͤßerer mein' ich), wenn ich dem Rittmeister die Verschwendung in dem Sinne, worins der Geg¬ ner nahm, haͤtte beimessen lassen — ich waͤre auch dumm (oder duͤmmer) gewesen, wenn ich nicht in meinem ersten Amtmanns-Aktus meinen Prinzipal an Widerstand zu gewoͤhnen getrachtet haͤtte, son¬ dern erst im zehnten, zwanzigsten. — — — Aber das Oel, das ich herumfliessen ließ, um seine Wellen zu glaͤtten, tropfte statt ins Wasser ins Feuer. Es half uns beide wenig, daß uns meine Elevin mit den silberhaltigsten Passagen aus Ben¬ da's Romeo anspielte — der alte Spas war nim¬ mer zuruͤck zu bringen — wir zuckten und lenkten vergeblich an unsern Gesichtern, Roͤper sah wie ein indianischer Hahn aus und ich wie ein euro¬ paͤischer — ich hatte vorgehabt, gegen Abend nach Monds Aufgang etwas sentimentalisch zu seyn in Beiseyn von Beaten, da sie mir ohne¬ hin der Hof entriß; ich weiß gewiß, ich haͤtte hinlaͤnglich empfunden und gefuͤhlt; ich wuͤrde un¬ ter einem Schatten oder Baum mein Herz her¬ vorgenommen und gesagt haben, prenés ; ja ich schien sogar heute Beaten mir weit naͤher heran¬ zuziehen als sonst, welches bei allen Maͤdchen ge¬ lingt, mit deren Eltern man die Geschaͤfte theilt, — — Das war jetzt saͤmmtlich zum Teufel; ich mußte kalt und zaͤhe davon gehen wie ein Kam¬ mergerichtsbote und empfand schlecht. War der neue Amtmann verdruͤßlich, den man in sein Amt hineingeaͤrgert hatte, so war's sein Prinzipal noch mehr, der in sein Jahr hineingezankt wurde. So hinkt' ich davon und sagte unter dem ganzen Weg zu mir: „so und mit dem Gesicht und Ausse¬ „hen ziehest du also, gluͤcklicher Paul , von deiner „Maussenbachischen Gerichtshalterei heim, von der „du schon in deinen Sektoren voraus geplaudert „— — Du brauchst meinetwegen nicht aufzuge¬ „hen, Mond, ich brauche dein Puder-Gesicht ‚ heute nicht — der einzige verdammte Korn-Kar¬ , ren! und der Fuͤrst! der Filz dazu! und auch „die Juͤnglingstugend! — ich wollt' daß ihr alle „. . . . Waͤr' ich aber nur so gescheut gewesen und „haͤtte gleich Vormittags gefuͤhlt und haͤtte vor dem „Essen etwas von meinem Herzen vorgezeigt, nur „ein Ohr, nur eine Faser.” „Ei! Herr Amtmann! (fuhr mir mein Wuz entgegen) wieder da? Hat's huͤbsche Ehebruͤche ge¬ geben, Hurenfaͤlle, Raufereien, Injurien?” „Bloß einige Injurien,” sagt’ ich. Drey und zwanzigster oder XX . Trinitatis Sekt. Anderer Zank — das stille Land — Beatens Brief — die Aus¬ söhnung — das Portrait Guidos. N och am heutigen Sonntag hab' ichs nicht her¬ aus warum Gustav fuͤnf Tage spaͤter in Scheerau eintraf als er konnte: er wich sogar meinen Er¬ kundigungen aͤngstlicher als listig aus. Oefel ließ sich alles rapportiren und machte ein Paar Sekto¬ res in seinem Roman daraus, den ich und der Leser hoffentlich noch zu sehen bekommen: ich woll¬ te, keiner kaͤme eher als meiner heraus, so koͤnnt' ich den Leser darauf verweisen oder vielleicht einige Anekdoten daraus nehmen. Gustav schien ein gei¬ stiges Wundfieber zu haben. Er trug sein vom bisherigen Bluten erkaltetes Herz zu Amandus, um es an des Freundes heißer Brust wieder auszuwaͤr¬ men und anzubruͤten und um die Achtung gegen sich selbst, die er nicht aus der ersten Hand be¬ kommen konnte, aus der zweiten zu erhalten. Und dort erhielt er sie stets — aus einem sonder¬ baren Grunde: in seinem Karakter war ein Zug, der ihn, wenn er unter einer Bruͤdergemeinde waͤre, laͤngst als Wildenbekehrer aus ihr nach A¬ merika hinabgerollet haͤtte: er predigte gern. Ich kann es anders sagen: seine quellende Seele muste entweder stroͤmen oder stocken, aber tropfen konn¬ te sie nicht — und wenn sich ihr denn ein freund¬ schaftliches Ohr aufthat: so regnete sie nieder im Enthusiasmus uͤber Tugend, Natur und Zukunft. — Dann wehte eine heitere frische Luft durch seine Ideenwelt — die niedergestuͤrzten Ergießungen deck¬ ten den schoͤnen lichten tiefblauen Himmel seines Innern auf und Amandus stand unter dem ofnen Himmel entzuͤckt. Dieser, dem die Superioritaͤt seines herzlich Geliebten ein Postement war, das ihn nicht belastete sondern emporhob, genoß im fremden Werth seinen eignen; ja in seinem min¬ der ausgelichteten Kopf entstand noch groͤßere Waͤrme als im redenden war, wie etwann dun ¬ kles Wasser sich unter der Sonne staͤrker als hel ¬ les erwaͤrmt. Gustav erzaͤhlte ihm die Avantuͤre und sprach mit ihm so lange uͤber ihre Moralitaͤt bis der Schmerz daruͤber weggesprochen war: das ist das freundschaftliche Besprechen des innern Schadenfeuers. Bloß Liebe und ein wenig Schwaͤ¬ che wars, daß Amandus mit groͤßerer Theilnahme eine heraus geweinte als eine hervorgelachte Thraͤ¬ ne aus dem geliebten fremden Auge wischte: er kam deswegen, um sich das Interesse an fremden Kummer zu verlaͤngern, noch einmal auf die Sa¬ che und that die zufaͤllige Frage, wo mein Held die uͤbrigen fuͤnf Tage war. Gustav uͤberhoͤrt' es aͤngstlich und roth — jener drang heftiger an — dieser umfaßte ihn noch heftiger und sagte: „fra¬ ge mich nicht, du quaͤlest dich nur“ — Amandus, dessen hysterisches Gefuͤhl nicht so fein als konvulsi¬ visch war, feuerte sich erst damit an — Gustavs Herz war innigst bewegt und daraus kamen die Worte: „o! Lieber, du kannst es nie erfahren, von mir nie“ — Amandus war wie alle Schwache leicht zur Eifersucht in Freundschaft und Liebe ge¬ neigt und stellte sich beleidigt ans Fenster — Gu¬ stav, heute nachgiebiger und waͤrmer durch das Bewustseyn seiner neuesten Vergehung in der Korn- Anklage, gieng hin zu ihm und sagte mit nassen Augen:“ haͤtt, ich nur keinen Eid gethan, „nichts zu sagen“ — Aber an Amandus Seele waren nicht alle Stellen mit jenem feinen Ehrgefuͤhl bekleidet, an dem Wort- und Eidbruch fressender Hoͤllenstein ist; ferner setzten in ihm wie in allen Schwachen die Bewegungen seiner Seele! auch wenn die Ur¬ sache dazu gehoben war, wie die Wellen des Meers, wenn auf den langen Wind ein entgegen¬ blasender folgt, noch die alte Richtung fort. — — Er sah also weiter durchs Fenster und wollte vergeben, must' aber die mechanisch aufspringen¬ den Wellen allmaͤhlig zusammenfallen lassen. Haͤt¬ te Gustav sich weniger um seine Vergebung bewor¬ ben: so haͤtt' er sie fruͤher bekommen; beide schwiegen und blieben; „Amandus!“ rief er end¬ lich im zaͤrtlichsten Ton. Keine Antwort und kein Umkehren; auf einmal zog der einsame Gequaͤlte das Portrait des verlohrnen und aͤhnlichen Guido, das in seinen schoͤnen Kindheitstagen uͤber seine Brust gehangen worden und das er ihm heute zu zeigen willens gewesen, vom Schmerze uͤbermannt hervor und sagte mit zerschmelzendem Herzen: „o du gemahlter Freund, du geliebtes Farben-Nichts, du traͤgst unter deiner gemahlten Brust kein Herz, du kennst mich nicht, du vergiltst mir nichts, — und doch lieb' ich dich so sehr. — Und meinem Amandus waͤr' ich nicht treu?“ — — Er sah ploͤtz¬ lich im Glase dieses Portraits sein eignes mit sei¬ nem nen Trauerzuͤgen nachgespiegelt: „o blicke her (sag¬ te er in einem andern Tone;) ich soll diesem ge¬ mahlten Fremden so aͤhnlich sehen, sein Gesicht laͤchelt in Einem fort, schau aber in meines!“ — und er richtete es auf und weit ofne aber in Thraͤ¬ nen schwimmende Augen und zuckende Lippen wa¬ ren darauf. — — Die Fluth der Liebe nahm bei¬ de in fester Umfassung hinweg und hob sie — und als Amandus erst darnach seine halbeifersuͤchtige Frage: „er habe geglaubt, das Portrait sei Gu¬ stavs“ mit Nein und mit der ganzen Geschichte be¬ antwortet erhielt; wars ohne allen Schaden: denn die Bewegungen seiner zogen schon wieder im Bet¬ te der Freundschaft hin. Nach solchen Erweiterungen der Seele bietet eine Stube keine angemessene Gegenstaͤnde an; sie suchten sie also unter dem Deckengemaͤhlde, von dem nicht ein gemahlter sondern ein lebendiger Himmel, nicht Farbenkoͤrner sondern brennende und verkohlte Welten niederhaͤngen und giengen hinaus ins stille Land , das keine halbe Stunde von Scheerau liegt. Ach sie haͤttens nicht thun sollen, wenn sie ausgesoͤhnet bleiben wolten! X Willst du hier beschrieben seyn, du stilles Land, uͤber das jezt meine Phantasie so hoch vom Boden und mit solchem Sehnen hinuͤber fliegt — oder du stille Seele, die du es noch in der Deinigen be¬ wachst und nur ein irrdisches Bild davon auf die Erde geworfen hast? — keines von beiden kann ich; aber den Weg will ich nachzeichnen, den unsre Freunde dadurch nahmen und vorher theil ich noch etwas mit, das den sonderbaren Ausgang ih¬ res Spatziergangs gebar. Ich wuste ohnehin nicht recht, wohin ich den Brief thun sollte, dem Beata sogleich nach meiner und ihrer Ruͤckkehr von Maussenbach an meine Schwester schrieb. Sie war in den wenigen Tagen, die sie mit meiner Philippine bei der Residentin zubrachte; ihre Freundin geworden. Die Freund¬ schaft der Maͤdgen besteht oft darin, daß sie ein¬ ander die Haͤnde halten oder einerlei Kleiderfar¬ ben tragen; aber diese hatten lieber einerlei freundschaftliche Gesinnungen: es war ein Gluͤck fuͤr meine Schwester, daß jene keine Gelegenheit hatte, ihrem sie halb bestreiffenden Wiederschein von Koketterie zu begegnen; denn Maͤdgen erra¬ then nichts leichter als Koketterie und Eitelkeit, zumal an ihrem Geschlecht. Liebe Philippine, Ich habe bisher immer gezoͤgert, um Ihnen einen recht muntern Brief zu schreiben — Aber Philippine, hier mach' ich keinen. Mein Herz liegt in meiner Brust wie in einer Eisgrube und zittert den ganzen Tag; und doch waren Sie hier so freudig und nirgends betruͤbt als bei unserem Abschiede, der fast so lange waͤhrte wie unser Beisammensein: ich bin wohl selber Schuld? Ich glaub' es manchmal, wenn ich die lachenden Ge¬ sichter um die Residentin sehe oder wenn sie selber spricht und ich mir in ihrer Stelle denke, was ich ihr mit meinem Schweigen und Reden scheinen muß. Ich darf nicht mehr an die Hofnungen mei¬ ner Einsamkeit denken, so sehr werd' ich von den Vorzuͤgen fremder Gesellschaft beschaͤmt — Und wenn mich eine Rolle, die fuͤr mich zu groß ist, freilich niederdruͤckt: so weiß ich mit nichts mich aufzurichten als daß ich ins stille Land wegschleiche — da hab' ich suͤßere Minuten und mir gehen oft die Augen ploͤtzlich uͤber, weil mich da alles zu lie¬ ben scheint und weil da die sanfte Blume und der schuldlose Vogel mich nicht demuͤthigen sondern meine Liebe achten — dann seh' ich den Geist der X 2 trauernden Fuͤrstin einsam durch seine Werke wan¬ deln und ich gehe mit ihm und fuͤhle was er fuͤh¬ let und ich weine noch eher als er. — Wenn ich unter dem schoͤnsten blauesten Tage stehe: so schau' ich sehnend auf zur Sonne und nachher rings um den Horizont herum und denke: „ach wenn du deinen Bogen herunter gezogen bist, so hast du doch auf keine Stelle der Erde geschienen, auf der ich ganz gluͤcklich seyn koͤnnte bis zu deinem Abend¬ roth; — wenn die Sonne hinunter und der Mond herauf ist: so findet er, daß sie mir nicht viel gegeben.“ . . . Theure Freundin! veruͤbeln Sie mir diesen Ton nicht; schreiben Sie ihn einer Krankheit zu, die mich allemal hinter diesem Vor¬ bothen anwandelt. O koͤnnt' ich Sie mit meinem Arme an mich ketten: so waͤr' ich vielleicht auch nicht so. Gluͤckliche Philippine! aus deren Munde schon wieder der Witz laͤchelnd flattert, wenn noch uͤber ihm das Aug' voll Wasser steht, wie die ein¬ zige Balsampappel in unserem Park Gewuͤrzduͤfte ausathmet, indeß noch die warmen Regentro¬ pfen von ihr fallen. — Alles ziehet von mir weg, Bilder sogar; ein todtes stummes Farbenbild hin¬ ter einer Glaßthuͤr war der ganze Bruder, den ich zu lieben hatte — Sie koͤnnen nicht fuͤhlen was Sie haben oder ich entbehre — jezt scheidet sogar sein Wiederschein von mir und ich habe nichts mehr vom geliebten Bruder, keine Hofnung, keinen Brief, kein Bild. — Ich vermisse dieses Portrait zwar seit meiner Ruͤckkehr von Maussenbach; aber vielleicht ists schon laͤnger weg, denn ich hatte mich bisher bloß einzurichten; vielleicht hab ichs selber mit unter die Buͤcher, die ich Ihnen gab, ver¬ packt — Sie werden mich benachrichtigen. Ich weiß gewiß, in unserem Hause war noch ein zwei¬ tes etwas unaͤhlicheres Portrait meines Bruders; aber seit langem ists nicht mehr da.“ ꝛc. Natuͤrlich! denn der alte Roͤper hatt' es pu¬ blice versteigert, weil es das von Gustav war. — Aber wir wollen wieder ins stille Land unsern beiden Freunden nach. Sie musten vor dem alten Schlosse vorbei, das wie eine Adams Rippe das neue ausgeheckt, das seinerseits wieder neue Wasseraͤste, ein sinesisches Haͤusgen, ein Badhaus, einen Gartensaal, ein Billard u. s. w. hervorgetrieben hatte. Im neuen Schlosse wohnte die Residentin von Bouse, die die¬ se architektonische Foͤtusse das ganze Jahr nicht zweimal bewunderte. Hinter dem zweiten Ruͤcken des Schlosses fieng sich der englische Garten mit ei¬ nem franzoͤsischen an, den die Fuͤrstin stehen lassen, um den Kontrast zu nuͤtzen oder um den zu ver¬ meiden, in dem sich ein taͤttowirter brillantirter dekorirter Pallast neben die patriarchalische Natur im Schaͤferkleide postirt. Wer nicht vor den beiden Schloͤssern vorbei wollte: konnte durch ein Fichten¬ waͤldgen in den Park gelangen und vorher in eine Klausnerei, deren Vaͤter der alte Fuͤrst und sein Favorit-Kammerherr gewesen waren. Beide wa¬ ren in ihrem Leben nicht einen halben Tag allein gewesen, außer wenn sie sich auf einer Jagd oder sonst verirrten — daher wollten sie doch allein seyn und setzten deswegen (was fragten sie dar¬ nach, daß sie ein Plagiat und einen Nachdruck der Bayreuthischen Eremitage veranstallteten?) neun Haͤusergen aufs Papier, nachher auf den Tisch und endlich auf die Erde, oder vielmehr neun bemooste Klafter Holz: in diesen ausgehoͤlten Vexier-Klaftern steckte sinesisches Ameublement, Gold und ein lebendiger Hofmann, wie man et¬ wann in lebendigen Baumstaͤmmen mit dem groͤsten Erstaunen auf eine lebendige Kroͤte stoͤßet, weil man nicht sieht wo ihr Loch ist. Die Klafter um¬ rangen eine Klause, die man — weil am ganzen Hof keine Seele zu einem lebendigen Einsiedler Ansatz hatte — einem hoͤlzernen anvertrauete, der still und mit Verstand drinnen saß und so viel me¬ ditirte als einem solchen Manne moͤglich ist: man hatte den Anachoreten aus der Scheerauischen Schulbibliothek mit einigen aszetischen Werken ver¬ sehen, die fuͤr ihn pasten und ihn zu einer Abtoͤd¬ tung des Fleisches ermahnten, die er schon hatte. Die Großen werden entweder repraͤsentirt oder re¬ praͤsentiren selber, aber sie sind nie etwas: Frem¬ de muͤssen fuͤr sie essen, schreiben, genießen, lie¬ ben, siegen und sie selber thuns wieder fuͤr andre; daher ists ein Gluͤck daß sie, da sie zum Genuß einer Eremitage keine eigne Seele haben und keine fremde finden, doch hoͤlzerne Chargés d'affaire , die die Einsiedelei fuͤr sie geniessen, auftreiben und ich wuͤnschte, sie ließen auch vor ihre Parks und vor ihre Orchester, wozu sie fuͤnf Sinne zu wenig ha¬ ben, solche unbelebte Genuß-Plenipotentiare und Plaisirs-Kuratores machen und stillen. — In die Decke der Klause sollte (wie in die De¬ cke der Grotte beim Kloster S. Felicita) hinlaͤngli¬ che Baufaͤlligkeit, sechs Ritzen und ein Paar Ei¬ dexen, die daraus fallen, eingemahlet werden: Der Mahler war auch schon auf Reisen, blieb aber so lange darauf und aus, daß sich die Sache zu¬ letzt selber hinauf mahlte und gleich ofnen Men¬ schen nichts war als was sie schien. Allein da die kuͤnstliche Einsiedelei sich zu einer natuͤrlichen ver¬ edlet hatte: war sie laͤngst von allen vergessen. Ich halt' es daher mehr fuͤr Persiflage als fuͤr reine Wahrheit, daß der Kammerherr — wie so viele Oberscheerauer sagten — Holzwuͤrmer haͤtte zusam¬ men fangen und in den Stuhl des Eremiten im¬ pfen lassen, damit die Thiere statt der Haarsaͤgen und Trennmesser daran arbeiteten und den Sessel fruͤher antik machten — wahrhaftig das Gewuͤrm beißet jezt Stuhl und Moͤnch um! Noch laͤcherli¬ cher ists, wenn man einem vernuͤnftigen Mann weiß machen will, anfangs haͤtte der architekto¬ nische Kammerherr ein kuͤnstlich laufendes Raͤder¬ werk mit einem Mausfell kouvertiert und papillot¬ tirt, damit die Kunst–Eidexe oben eine Korrespon¬ denz – Maus unten haͤtte und so fuͤr Symmetrie hin¬ ten und vorn gesorgt waͤre, hernach haͤtte der Herr sich der Natur genaͤhert und uͤber eine lebendige rennende Maus ein kuͤnstliches zweites Mausfell als Ueberrock und Frak gezogen, damit Natur und Kunst in einander stecken — laͤcherlich! Maͤu¬ se fahren zwar jezt um den Einsiedler herum, aber sicher nur in Einer Unterzieh-Haut. . . . Unsere zwei Freunde sind weit von uns und schon im sogenannten langen Abendthal des Parks, durch welches aus der untergehenden Sonne ein schwebender Gold-Strom fiel. Am westlichen sanft erhoͤhten Ende des Thales schienen die zerstreuten Baͤume auf der zerrinnenden Sonne zu gruͤnen; am oͤstlichen sah man uͤber die Fortsetzung des Parks hinuͤber bis ans gluͤhende Schloß, auf dessen Scheiben sich die Sonne und das Abend-Feuer¬ werk verdoppelten. Hier sah die Fuͤrstin allemal den ersten Untergang der Sonne; dann hob sie ein sanft aufgewundner Weg auf das hohe Gestade dieses Thals, wo der Tag noch in seinem Sterben war und noch einmal mit dem brechenden Sonnen- Auge vaͤterlich den großen Kinderkreis anblickte bis ihm seine Nacht das Auge zudruͤckte und sie in ih¬ ren muͤtterlichen Schooß die verlassene Erde nahm. Gustav und Amandus! hier versoͤhnet euch noch einmal — der rothe Sonnenrand steht schon auf dem Rande der Erde — das Wasser und das Leben rinnen fort und stocken unten im Grabe — nehmet euch an den Haͤnden, wenn ihr auf das zerstoͤhrte Ruhestatt Diese wenigen Partien beschreib' ich nur kurz: Ruhe¬ statt ist ein abgebranntes Dorf mit stehender Kirche, die beide bleiben mußten wie sie waren nachdem die Fürstin den Einwohnern Platz und alles, eine Viertelstunde da¬ von mit den größten Kosten und durch Hülfe des H. v. O t tomars, dems gehört und der noch nicht da ist, ver¬ gütet hatte. — Die Blumeninseln sind einzelne abge¬ sonderte Rasenerhöhungen in einem Teiche, jede mit Ei¬ ner andern Blume geputzt. — Dies Schattenreich besteht in unendlich verschiednen Schatten-Gegitter und Geniste, durch großes und kleines Laubwerk, durch Aeste nnd Gitterwerk, durch Büsche und Bäume verschieden auf den Grund von Kieß, Graß oder Wasser gemahlt; sie hatte die tiefsten und die hellsten Schattenparthien an¬ gelegt, einige für den abnehmenden Mond, andre für das Abendroth. — Das stumme Kabinet war ein schlechtes Häusgen mit zwei entgegengesetzten Thüren, über deren jeder ein Flohr hieng und die durchaus keine Hand aufschließen durfte als die der Fürstin. Noch jezt weiß man nicht, was darin ist, aber die Flöhre sind zerstöhrt. hinuͤberschauet und auf seine stehende Kirche, das Bild der ungluͤcklichen Tugend — oder wenn ihr auf die Blumenin¬ seln blickt, wo jede Blume auf ihrem gruͤnen Welttheilgen einsam zittert und ihr kein Verwand¬ ter entgegen schwankt als ihr gemahlter Schatten im Wasser — druͤckt euch die Haͤnde, wenn euere Augen fallen auf das Schattenreich , wo heu¬ te Licht und Schatten wie Leben und Schlafen ne¬ ben einander und in einander zitternd flatterten bis die schwarze Schattenfluth jezt uͤber allem was an der Erde blinket steht und den Tod nachspielt — und wenn ihr an des stummen Kabinets dreifachen Gitter Alphoͤrner und Aeolsharfen lehnen sehet: so muͤssen euere Seelen die Harmonien im Einklang nachbeben. . . . Es ist eine elende rheto¬ rische Figur, die ich aufstelle, daß ich hier so lan¬ ge an- und zugeredet habe: sind denn nicht die zwei Freunde in einem groͤßern Enthusiasmus als ich selbst? ist nicht Amandus uͤber freundschaftliche Eifersucht emporgehoben und haͤlt eigenhaͤndig das heutige angeredete Portrait des unbekannten Gu¬ stavischen Freundes vor sich hin und sagt: „Du koͤnntest der Dritte seyn? ja legt er nicht in der Begeisterung das Portrait ins Graß, um mit der linken Hand Gustaven zu fassen und mit der rech¬ ten auf ein Zimmer des neuen Schlosses zu deuten und gesteht er nicht, „haͤtt' ich auch in der rech¬ ten das was ich liebe: so waͤren meine Haͤnde, mein Herz, und mein Himmel wohl und ich wol¬ te sterben?“ und da man nur in der groͤsten Lie¬ be gegen einen Zweiten von der gegen einen Drit¬ ten sprechen kann: koͤnnen wir unserem Amandus mehr ansinnen, der hier auf dem Berge seine Ver¬ liebung in Beaten bekennt? — — Das Ungluͤck war, das sie jezt selber herauf¬ stieg, um am Sterbebette der Sonne zu stehen — unendlich schoͤner als die, die ihre Augenlust war — schwaͤrmerisch, unregelmaͤßig gehend — mit einem Auge, das erst sah nachdem sie es einigemal schnell auf- und zugezuckt — kein lebender europaͤischer Autor koͤnnte Amandi Entzuͤckung vormahlen, wenn es dabei geblieben waͤre' — aber ihr Erstaunen uͤber die zwei Gaͤste des Berges floß ploͤtzlich in das uͤber den dritten auf dem Grase uͤber: eine konvulsivische Bewegung gab ihr das bruͤderliche Bild und sie sagte, mechanisch zu Amandus gekehrt, „meines Bruders Portrait! endlich find' ichs!“ — sie konn¬ te nicht vorbeigehen ohne aus jenem weiblichen fei¬ nen Gefuͤhl, das in solchen Manual-Akten zehn Bogen durch hat eh' unsers das erste Blatt gelesen zu beiden zu sagen: Sie dankte Ihnen, wenn Sie das Bild gefunden haͤtten“ — Amandus buͤck¬ te sich tief und erboßet, Gustav war weg als staͤn¬ de sein Geist auf dem Berg Horeb und hier bloß der Leib — sie wandelte, als war's ihre Absicht gewesen, gerade uͤber den Berg hinuͤber, mit den eignen Augen auf dem Bilde und mit den vier fremden auf ihrem Ruͤcken. . . „Jezt sind ja deine fuͤnf Tage heraus, und oh¬ ne deinen Meineid“ sagte Amandus erzuͤrnet und die hohe Oper des Sonnen-Untergangs ruͤhrte ihn nicht mehr; Gustaven ruͤhrte sie noch staͤrker: denn das Gefuͤhl, Unrecht zu leiden, floß mit dem falschen Ge¬ fuͤhl, Unrecht angethan zu haben — feine Seelen geben in solchen Faͤllen dem andern allzeit mehr Recht als sich — in Eine bittere Thraͤne zusammen und er konnte kein Wort sagen. Amandus, der sich jezt uͤber seine Versoͤhnung aͤrgerte, wurd' in seinem eifersuͤchtigen Verdacht noch dadurch befestigt, daß Gustav in der pragmatischen Relation, die er ihm von der Maussenbacher Avantuͤre gemacht, Beaten voͤllig ausgelassen; allein diese Elision hatte Gustav angebracht, weil ihn beim ganzen Vorfall gerade Beatens Gegenwart am meisten schmerzte und weil vielleicht in seinem waͤrmsten Innersten eine Achtung fuͤr sie keimte, die zu zart und heilig war, in der freien harten Luft des Gespraͤchs auszudauern. „Und sie war natuͤrlich neulich mit in Maussenbach?“ sagte der Eifersuͤchtige im fatalsten Tone — „Ja!“ aber so viel vermochte Gustav nicht beizufuͤgen, daß sie da kein Wort mit ihm gesprochen. Dieses dennoch un¬ erwartete Ja zerstuͤckte auf einmal des Fragers Ge¬ sicht, der seinen Stumpf in die Hoͤhe gehalten (falls die Hand waͤre abgeschossen gewesen) und ge¬ schworen haͤtte, „es brauche weiter keines Beweises — Gustav halte Beaten sichtlich in seinem magneti¬ schen Wirbel — schweig' er nicht jezt? ließ er ihr das Bildniß nicht so gleich? wird sie, da sie die Ko¬ pien verwechselte, nicht auch die Originale verwech¬ seln, da sie sich alle vier so gleichen u. s. w.“ Amandus liebte sie und dachte, man lieb ihn auch, und man merke wo er hinaus wolle. Er hatte Delikatesse genug in seinen eignen Handlungen , aber nicht genug in den Vermuthungen , die er von fremden hegte. Er hatte Beaten naͤmlich oft an der medizinischen Seite seines Vaters als Patientin in Maussenbach besucht; er hatte von ihr jene frei¬ muͤthige Zutraulichkeit erfahren, die viele Maͤdgen in siechen Tagen immer aͤußern oder in gesunden ge¬ gen Juͤnglinge, die ihnen tugendhaft und gleichguͤl¬ tig auf einmal vorkommen: das gute Partizipium in dus, Amandus, muthmaßte daher nach einigen Nachdenken, daß der Brief, den Beata als ein Spe¬ zimen aus Rousseaus Heloise auf feinem Papier — auf blaues schreibt keine — verdollmetschet hatte und der an den seeligen S. Preux geschrieben war, an das Partizipium gerichtet waͤre. Maͤdgen sollten daher nichts vertiren: Amandus war in einen Lieb¬ haber vertirt. In Gustavs wogendem Kopf brach jezt die Nacht an, die außer ihm vortrat: Stuͤrme und Mondschein waren in seiner Nacht neben einander, Freude und Trauer, er dachte an einen unschuldigen vom Verdacht angefressenen Freund, an das einge¬ buͤste Portrait, an die Schwester, mit der er einmal in seiner Kindheit gespielt hatte, an den unbekann¬ ten portraitirten Freund, der also der Bruder dieses schoͤnen Wesens sei u . s . w . — Amandus brach ein¬ seitig auf; Gustav folgte ihm ungebeten weil er heu¬ te nichts als verzeihen konnte — noch unter dem Hinuntergehen rangen Haß und Freundschaft mit gleichen Kraͤften in Amandus und erst ein Zufall war einem von beiden zum Siege vonnoͤthen — der Haß errang ihn und der Auxiliar-Zufall war, daß Gustav parallel an Amandus Seite gieng — er haͤtte voraus- (oder hoͤchstens hintennach) schlei¬ chen sollen, zumal mit seiner freundschaftlich ge¬ beugten Seele: so haͤtte die Freundschaft vermit¬ telst seines Ruͤckens gesiegt, weil ein Menschenruͤk¬ ken durch den Schein von Abwesenheit mehr Mit¬ leiden und weniger Haß mittheilt als Gesicht, Brust und Bauch.... Man kann die Menschen gar nicht oft genug von hinten sehen... Ihr Buͤcherleser! keift nicht mit den armen Amandus, der sein morsches Leben verkeift: ihr solltet nur sehen, wie in einem Nervenfabrikanten der Sitz der Seele ist, verteufelt hart, ausgepol¬ stert mit keinen drei Rindshaaren, einschneidend wie eine Schlittenpritsche, kurz alle mir bekannte Ichs sitzen weicher — — dennoch wird mein Mit¬ leiden gegen den wunden Schelm durch ganz andre Dinge als durch seine harte steinigte Zirbeldruͤse der Seele erregt: es sind Dinge die den Leser weich machen wuͤrden und zu denen ich mich trotz meines Austunkens nur leider noch nicht habe hin¬ zuschreiben vermocht! — Ueber¬ Ueberhaupt versteck' ichs vergeblich, wie sehr es meiner Historie noch mangelt an wahrem Mord und Todtschlag, Pestilenz und theuerer Zeit und an der Pathologie der Litanei: ich und der Buͤ¬ cherverleiher finden hier das ganze weiche Publikum im Laden, das aufpasset und schon das weisse Schnupftuch — dieses sentimentalische Haarseil — heraus hat und das Seinige beweinen will und ab¬ wischen. . . und doch bringt keiner von uns viel Ruͤhrendes und Todtes. . . . Von der andern Sei¬ te bleibt mir wieder die Schererei, daß das deut¬ sche Publikum seinen Kopf aufsetzt und sich nicht von mir aͤngstigen lassen will: denn es bauet dar¬ auf, ich koͤnne als bloßer platter Biograph es zu keinem Morde treiben, ohne den doch nichts zu thun ist. — Aber ist denn nur der Romanen-Fa¬ brikant mit dem Blut- und Koͤnigsbann beliehen und ist nur sein Druckpapier ein Greveplatz? — Wahrhaftig Zeitungsschreiber, die keine Romane schreiben, haben doch von jeher eingetunkt und niedergemacht was sie wollten und mehr als rekru¬ tiret war — Geschichtschreiber ferner, diese Gro߬ kreuze unter den gedachten Kleinkreuzen (denn aus 100 Zeitungs-Annalisten extrahir' ich nie mehr als Y einen Geschichtschreiber wie Absud) sind fortgefahren und haben so viel umgebracht als der Plan ihrer historischen Einleitung, ihrer Abrégés , ihrer Es¬ sais durchaus erfoderte.... Kurz ich bin nicht zu entschuldigen, wenn ich hier gar nichts todt und interessant mache; und ich erschlage am Ende aus Noth einen oder ein Par Lakaien, die noch dazu ausser Scheerau kein Hund kennt. Ich fahre aber in meiner Geschichte fort und ruͤcke aus des Pestilenziarius Nouvelle à la main folgenden Artikel in meine fuͤr mehrere Welttheile geschriebene nouvelle à la main herein: „Es bestaͤtigt sich aus Maussenbach, daß der „dasige Bediente Robisch Todes verfahren ist wie „seine Maͤuse: sein Tod hat zwei medizinische Schu¬ „len gestiftet, wovon die eine verficht, sein stif¬ „tender Tod kaͤme von zu vielen Pruͤgeln, und „andre, vielmehr von zu wenigem Essen.“ Es ist nicht ein Wort daran wahr: der Mensch hat zwar Striemen und Appetit, lebt aber noch Dato und der Zeitungsartikel ist erst seit einer Mi¬ nute von mir selber gemacht worden; das kuͤhne Publikum ziehe sich aber daraus auf immer die Wi¬ tzigung, daß es keinem Biographen reize und auf¬ bringe, weil auch der durch die Kelchvergiftung seines Dintenfasses und durch das Rattenpulver sei¬ ner Streusandbuͤchse Robische und Fuͤrsten und je¬ den umwerfen und auf den Gottesacker treiben koͤnne; es lerne daraus, daß ein rechtschaffenes Publikum stets unter dem Lesen beben und fragen muͤsse: „wie wirds dem armen Narren (oder der armen Naͤrrin) ergehen im naͤchsten Sektor?“ — — Y 2 Vier u. zwanzigster oder XXI . Trinitatis-Sekt. Oefels Intriguen — die Infammachung — der Abschied. S chlecht genug ergehts ihm, wenn das fragende Deutschland anders unsern Gustav meint. Oefel thuts. Ich will aber dem erschrocknen Deutschland alles eroͤfnen: die wenigsten darin wissen, war¬ um dieser ein Romanschreiber und ein Legations¬ rath ist. Kein empfindsamer Offizier — im Kadetten¬ hause trug er Uniform — hat weniger Kugeln und mehr Hemden und Briefe gewechselt als Oefel. Letztere wollt' er an alle Leute schreiben: denn sei¬ ne Briefe liessen sich lesen, weil er selber las und zwar belletristische Sachen, die er noch dazu nach¬ machte. Er war naͤmlich ein schoͤner Geist, hatte aber keinen. Saͤmtliche franzoͤsische Buchhaͤndler sollten eine naͤrrische Dankadresse an ihn erlassen, weil er ihr saͤmtliches Zeug einkaufte — selbst ge¬ genwaͤrtige Biographie, worin er selbst steht, wird einmal wieder bei ihm stehen, wenn er von ihrer Edition und von ihrer Uebersetzung ins Franzoͤsische hoͤrt. Sich selber, Leib und Seele naͤmlich hatt' er schon in alle Sprachen uͤbersetzt aus seinem fran¬ zoͤsischen Mutter- Patois . Die schoͤnen Geister in Scheerau (vielleicht auch mich) und in Branden¬ burg verachtete der Narr, nicht bloß weil er aus Wien war, wo zwar kein Erdbeben einen Parnas aber doch die Maulwurfs-Schnaͤutzchen von hun¬ dert Broschuͤristen Duodez-Parnaͤschen aufstiessen und wo die daraufstehenden Wiener Buͤrger denken, der Neid blicke hinauf, weil der Hochmuth herun¬ terguckt — sondern er verachtete uns saͤmtlich, weil er Geld, Welt, Verbindungen und Hofgeschmack hatte. Der Fuͤrst Kauniz zog ihn einmal (wenn's wahr ist) zu einem Souper und Bail, wo es so zahlreich und brillant zugieng, daß der Greis gar nicht wußte, daß Oefel bei ihm gespeiset und ge¬ tanzt. Da sein Bruder Oberhofmarschall und er sel¬ ber sehr reich war: so hatte niemand in ganz Schee¬ rau Geschmack genug, seine Verse zu lesen als der Hof; fuͤr den waren sie, der konnte solche Verse wie die Grasparthien des Parks, ungehindert durch¬ laufen, so klein, weich und beschoren war ihr Wuchs — zweitens gab er sie nicht auf Druck¬ papier sondern auf seidnen Baͤndern, Strumpf¬ baͤndern, Bracelets, Visitenkarten und Ringen heraus. Unter andern Floͤhen, die auf dem Oh¬ rentrommelfell des Publikums auf- und abspringen und sich hoͤren lassen, bin auch ich und donnere mit; aber Oefel ahmte keinen von uns nach und verachtete dich sehr mein Publikum und setzte dich Hoͤfen nach: „mich, sagt' er, soll niemand le¬ sen, wenn er nicht jaͤhrlich uͤber 70,000 Livres zu verzehren hat.” Kuͤnftigen Sommer reiset er als Envoyé an den **schen Hof ab, um die Unterhandlungen we¬ gen der Braut des Fuͤrsten, die schon neben ihrer Wiege angesponnen und abgerissen wurden, neben ihrem D. Grahams Bette wieder anzuknuͤpfen: der Fuͤrst mußte sich im Grunde mit ihr vermaͤhlen, weil ein gewisser dritter Hof der nicht genennt wer¬ den darf, sie dadurch einem vierten, den ich gern nennen moͤchte, entziehen wollte. Man glaube mir aber, es glaubt kein Mensch am ganzen Hofe des Braͤutigams, daß er an den Hof der Braut verschickt werde, weil dort etwar schoͤne Geister und schoͤne Koͤrper gesuchte Waare sind: wahrhaftig in beiden Schoͤnheiten war er von jedem zu uͤber¬ bieten; aber in einer dritten Schoͤnheit war ers nur leider nicht, die einem Envoyé noch noͤthiger und lieber als die moralische ist — im Geld. An einem insolventen Hof hat der Fuͤrst die erste, und der Millionaͤr die zweite Krone. Ich habe oft den verdammten Erbschaden des scheerauischen Fuͤrsten¬ thums verflucht und besehen, daß selten genug da ist: und wir haͤlfen uns gern durch einen Natio¬ nalbankerut, wenn wir nur vorher Nationalkredit bekaͤmen. Aber ausser diesem Fuͤrstenthum hab' ich auf meinen Reisen folgende vier Regionen nirgends angetroffen als am Aetna selber: erstlich die frucht¬ bare und zweitens die waldige Region unten am Throne wo Produkte und grasendes und jagd¬ bares Poͤbelwild zu haben ist, drittens die Eis¬ region des Hofes, die nichts giebt als Schim¬ mer, viertens die Feuerregion der Thronspitze, wo ausser dem Krater wenig da ist. Ein Thron- Krater kann selber Goldberge einschlucken, verkal¬ ken, auswerfen als Lava. Zum Ungluͤck gefiel ihm Gustav, weil er seine jugendliche Menschenfreundlichkeit fuͤr ausschliessen¬ de Anhaͤnglichkeit an ihm ansah, seine Bescheiden¬ heit fuͤr Demuͤthigung vor Oefelscher Groͤße, seine Tugenden fuͤr Schwachheiten. Er gefiel ihm, weil Gustav fuͤr die Poesie Geschmack, und folglich, schloß er, fuͤr die seinige den groͤßten hatte: denn Oefels adeliches Blut lief wider die Natur in einer duͤnnen poetischen Ader , und in einer satyrischen dazu, dacht' er. Vielleicht fand auch Gustav in seinen Jahren des Geschmacks, wo einen die poetischen kleinern Schoͤnheiten und Fehler ent¬ zuͤcken, zuweilen die Oefelschen gut. Wie nun schon Rousseau sagt, er koͤnne nur den zum Freund erwaͤhlen, dem seine Heloise gefalle: so koͤnnen Belletristen nur solchen Leuten ihr Herz verschen¬ ken, die mit ihnen Aehnlichkeit des Herzens, Gei¬ stes und folglich des Geschmackes haben und die mit¬ hin die Schoͤnheiten ihrer Produkte so lebhaft em pfinden als sie selber. Was indessen Oefel an Gustav am hoͤchten schaͤtzte, war, daß er in seinen Roman zu pflan¬ zen war. Er hatte in der Kadetten-Arche sieben und sechzig Exemplare studiert, aber er konnte da¬ von keines zum Helden seines Buchs erheben, zum Großsultan , als das acht und sechzigste, Gu¬ stav. Und der ist gerade mein Held auch. Das kann aber unerhoͤrten Spas mit der Zeit geben, und ich ich wollt', ich laͤse meine Sachen und ein andrer schriebe sie. Er wollte meinen Gustav zum kuͤnftigen Erben des ottomannischen Throns ausbilden, ihm aber kein Wort davon sagen, daß er Großherr wuͤrde — weder im Roman noch im Leben: — er wollte alle Wirkungen seines paͤdagogischen Lenkseils protokol¬ liren und uͤbertragen aus dem lebendigen Gustav in den abgedruckten. Aber jetzt setzte sich dem Bi' leam und seiner Eselin ein verdammter Engel ent¬ gegen, Gustav naͤmlich. Oefel wollte und mußte aus dem Kadettenhause, wo seine Zwecke befrie¬ digt waren, ins alte Schloß zuruͤck, wo neue sei¬ ner warteten: erstlich aus dem alten Schloß konnt' er leichter in die kartesianischen Wirbel des neuen, der Visiten und Freuden springen und sich von ih¬ nen drehen lassen — zweitens konnt' er da mit sei¬ ner Geliebten, der Ministerin , besser zusam¬ men leben, die alle Tage hinkam und die die Tu¬ gend der Liebe und die Liebe der Assembleen-Manie aufopferte — drittens ist die zweite Ursache nicht wahr, sondern er machte sie der Ministerin nur weiß, weil er noch eine dritte hatte, welche Beata war, die er in ihrem Schlosse aus dem seinigen zu be¬ zu beschiessen, wenigstens zu blokiren vorhatte. — — Fort mußt' er also; aber Gustav sollte auch mit. „Das ist den Augenblick zu machen“ (dachte Oefel) „er soll mich am Ende selber um das bitten, um was ich ihn bitte.“ Ihm war nichts lieber als eine Gelegenheit, jemand zu seinem Zweck zu lenken — das Lenken war ihm noch lieber als das Ziel, wie er in der Liebe die Kriegsoperationen der Beute vorzog. Er haͤtte als Gesandter aus Krieg Frieden und aus Frieden Krieg gemacht, um nur zu unterhandeln. — Er zog, um Gustaven nahe zu kommen, seine erste Parallele: d. h. er stach ihm mit seiner spitzen Zunge ein schoͤnes Bild der Hoͤfe aus — daß sie allein das savoir vivre leh¬ ren, und das Sprechen (wie denn auch die Hun¬ de, je kultivirter sie sind, desto mehr bellen, der Schooßhund mehr als der Hirtenhund, der wilde gar nicht) und alles — daß durch sie ein Paradie¬ ses-Strom von Freuden brause — daß man da an der Quelle seines Gluͤcks, am Ohre des Fuͤrsten und am Knoten der groͤßten Verbindungen stehe — daß man intriguiren, erobern ꝛc. koͤnne. Es war in Oefels Plan; dem kleinen Großsultan nicht ein¬ mal die Moͤglichkeit, mit ins alte Schloß zu kom¬ men, zu verrathen: „um so mehr reiz' ich ihn“ sagt' er. Es war aber nichts mit dem Rei¬ zen, weil Gustav noch nicht aus den poetischen Idyllen-Jahren, wo der aufrichtige Juͤngling Hoͤ¬ fe und Verstellung hasset, in die abgekuͤhlten hin¬ uͤber war, wo er sie sucht. Oefel studierte, wie Hofleute und Weiber, nur Individuen, nicht den Menschen. Jetzt wurde die zweite Parallele gezogen und der Festung schon naͤher geruͤckt. Er gieng einmal an einem Vormittage mit ihm in den Park spatzieren, da er gerade die Residentin darin wußte. Waͤh¬ rend er sie unterhielt, beobachtete er Gustavs Be¬ obachten oder erroͤthendes Staunen, der noch in seinem Leben vor keiner solchen Frau gestanden war, um die sich alle Reize herumschlangen, verdoppel¬ ten, einander verloren wie dreifache Regenboͤgen um den Himmel. Und du, Blumen-Seele, Bea¬ ta, deren Wurzeln auf dem irdischen Sandboden so selten die rechte Blumenerde finden, standest auch dabei, mit einer Aufmerksamkeit auf die Re¬ sidentin, die eine unschuldige Maske deiner kleinen Verwirrung seyn sollte. — Gustav brachte fuͤr sei¬ ne große keine Maske zu Stande. Oefel schrieb die¬ se gegenseitige Verwirrung nicht wie ich, der ge¬ genseitigen Erinnerung an die Portrait-Affaire, sondern die Gustavische der Residentin, und die weibliche sich selber zu. „Jetzt hab' ich ihn, wo ich ihn haben will!“ sagt' er und ließ sich von ihm bis ins alte Schloß begleiten. „Wenn wir nun beide da blieben!“ sagt' er. Die aus andern Gruͤnden herausgeseufzete Ant¬ wort der Unmoͤglichkeit war was er begehrte. „Gleich wohl! Sie werden mein Legationssekretair!“ fuhr er mit einem seinen auf Ueberraschung lauern¬ den Blicke fort. Es fiel anders aus: Gustav mochte gar nicht — aus Furcht vor Hoͤfen, vor seinem Vater, aus Schaam der Veraͤnderung, aus Liebe der Stille. — Oefel stand dumm vor sich selber da und sah den schwimmenden Truͤmmern seines gescheiterten Plans noch. Es ist wahr, es blieb ihm allemal der Nutzen daraus, daß er den ganzen Schifbruch in seinen Roman thun konnte — aber der Sekre¬ tair war weg! — Er hatte ihn nicht unvernuͤnf¬ tig schon im voraus zum Legations-Sekretariat voziert: denn an den Scheerauer Thron ist eine Leiter mit den tiefsten und hoͤchsten Ehrensprossen angelehnt, aber die Staffeln stehen sich so nahe, daß man mit dem linken Beine auf die unterste treten und doch die hoͤchsten noch mit dem rechten erspannen kann — wir haͤtten ja beinahe einmal einen Oberfeldmarschall kreiert. Zweitens haͤngt und picht an Hoͤfen wie in der Natur alles zu¬ sammen und Professores solltens den kosmologischen Nexus nennen, jeder ist Last und Traͤger zugleich: so klebt am Magnet das eiserne Lineal an diesem ein Linealgen, an diesem eine Nadel, an dieser Feilstaub. Hoͤchstens was auf dem Throne oben sitzt und was unter ihm unten liegt, hat nicht Nexus genug mit der wirksamen Kompagnie: so werden in der franzoͤsischen Oper nur die fliegenden Goͤtter und schiebenden Thiere von Savoyarden gemacht, alles uͤbrige von der ordentlichen Truppe. Also muste Oefel die dritte Parallele ziehen und daraus auf den Kadetten schießen. Er machte ihm naͤmlich seine Uniform taͤglich um einen Dau¬ men spannender und knapper, um ihn aus ihr hinaus zu aͤngstigen. Er hatte ihn schon neulich aus dieser Absicht zum Getraider-Kordon versen¬ den helfen, wie wohl ers mehr that, weil der ver¬ sendete Großsultan in einer gewissen Scene im Buch zu agiren hatte — aber jezt zerbrachen die militairischen Uebungen beinahe seinen porzellainen Leib und der Romancier schlepte ihn in die Gesell¬ schaft des Vaters aller Friedenstraktaten, naͤmlich des Kriegs. Vor Gustav stand, seit seinem Zerfallen mit seinem sterbenden Liebling, jener Trauerabend mit seinen Thraͤnen und wich nicht — auf sein verlassenes Herz schimmerte noch die blutrothe Son¬ ne und gieng nicht unter. — Der stumme Abschied des Amandus, der ihn und andre Wuͤnsche ver¬ lohr, die abnehmenden Decembertage seines Lebens und die vorige Liebe druͤckten sein Auge und Herz zum Trauern zusammen. Die Freundschaft duldet Mißhelligkeiten weniger als die Liebe; diese kitzelt damit daß Herz, jene spaltet es damit. Aman¬ dus, der ihn so mißverstanden und betruͤbet und doch dessen innigste Liebe nicht verlohren hatte, ver¬ zieh ihm alles bis abends um 5 Uhr — dann hoͤrt' er (oder es war ihm genug, wenn er sichs nur dachte) daß Gastav den Park (und mithin die Spatziergaͤn¬ gerin) besucht hatte — denn nahm er seine Versoͤh¬ nung bis auf 11 Uhr abends zuruͤck — dann legte die Nacht und der Traum wieder einen Mantel auf alle Fehler der Menschen und auf diesen. Abends um 5 Uhr fiengs von vornen an. Lacht ihn aus, aber ohne Stolz und mich und euch auch, denn alle unsre Empfin¬ dungen sind, — ohne ihre Loͤwen- und Narrenwaͤrte¬ rin, die Vernunft — eben so toll, wenn nicht in unserem Leben, doch in unserem Herzen! — aber endlich hatte er seine Verzeihung so oft zuruͤckgenommen, daß ers bleiben lassen wollte, falls nur Gustav anklopfte und von ihm alle die Beschuldigungen anhoͤrte die er ihm zu verzeihen vorhatte. Man schiebt oft das Verge¬ ben auf, weil man das Keifen aufzuschieben gezwun¬ gen ist — Aber, trauter Amandus, konnt' er denn kommen, Gustav und ließ ihn der Romancier ? — Letzterer triebs noch weiter und intriguirte es, daß Gustav, dieser Großsultan, dieser Held zweier gut geschriebner Buͤcher, an einem Abend wo der Kadettengeneral großes Soupee gab, vor dessen Haus kam als — Schildwache. Beim Henker! wenn die schoͤnsten Damen vorfahren, die bekannte Residen¬ tin — die mit einem zufaͤlligen Blick unsre gute Schildwache ausbaͤlgte und ausgestopft unter ihrer Hirnschaale aufstellte — und ihr Gesellschaftsfraͤulein Beata und wenn man vor solchen Gesichtern das Ge¬ wehr praͤsentiren muß: so will mans viel lieber strek¬ ken und uͤberhaupt statt stehen knien, um nicht so¬ wohl den Feind zu verwunden als die Freundin. . . . Beim Henker! ich werde hier mehr Witz gehabt ha¬ ben als wohl gern erlaubt wird; aber es versuch' es einmal ein gescheuter Mann und schreib' uͤber die Liebe und entschlage sich des Witzes! — es geht gar nicht. — Ich behaupt' es nicht und wiederleg' es nicht, daß Oefel vielleicht aus den Traͤumen Gustavs, die immer sprechend und oft nach den Erwachen agi¬ rend waren, die Namen der gedachten weiblichen Schoͤnheits-Ambe mag vernommen haben. Der Ro¬ mancier hat also einen Vortheil vor dem Biographen (ich bins) voraus: er schlaͤft neben seinem Helden. Er aͤnstigte seinen und unsern Helden, ders aber nur im aͤsthetischen, nicht im militairischen Sinne war, mit der Herbstrevuͤe; denn jeder kleine Fuͤrst spielt dem großen Soldatens auf der Gasse nach ne¬ ben noch kleinern Kindern; daher haben wir Schee¬ rauer eine niedliche Taschen-Landmacht, eine trag¬ bare Artillerie und eine verjuͤngte Kavallerie. Jezt macht ein Landesherr ohnehin einen Spaß, wenn er einen Menschen zu einem Rekruten macht: es wider¬ faͤhrt dem Kerl nichts, sondern nur Motion soll er haben, haben, weil jezt unsre wichtigern Kriege wie sonst die italiaͤnischen in nichts bestehen als in Marschie¬ ren, aus Laͤndern in Laͤnder. So bestehen auch die Kampagnen auf dem Theater bloß in wieder¬ holten Maͤrschen um das Theater, aber in kuͤr¬ zern. Ich gieng vor einem Jahre zum Spaße eine ½ Stunde neben einem Regimente her und machte mir weiß: „jezt thuest du im Grunde einen halb¬ stuͤndigen Feldzug gegen den Feind mit; aber die Zeitungen gedenken deiner schwerlich, ob du und das Regiment gleich durch diese kriegerische Vexier- Prozession eben so viel Landplagen abwenden als die Klerisei durch geistliche singende Prozessionen.“ Er aͤngstigte ihn, sagt' ich: er schilderte die Revúe naͤmlich: „Friedrich II . that kleinere Wun¬ der als man da vom Kadetten-Korps fodern wird! mehr Blessierte als Blessierende wird es geben! unter allen Zelten und Kasernen wird man reden von der letzten Scheerauer Revúe!“ Gustav hatt' es im kleinen Dienst laͤngst so weit gebracht, daß er im Stande war, mit der Fortifikation seines Leibes wenigstens Einen zu Blessieren, diesen Leib selber. — Ich werde die Angst' des Publikums si¬ cher nicht vermindern, wenn ich noch erzaͤhle, daß Z Gustav regelmaͤssig alle sieben Wochen auf fuͤnf Tage verreiset, woraus seine Freunde und der Biograph selber gerade so klug werden als die aͤlte¬ sten Leser — daß Oefel ihm durch geheimes Intri¬ guiren seinen Urlaub so sauer machte, daß er ihn um diesen Preiß kein zweitesmal begehren konn¬ te — daß Gustav vom letzten Verreisen an den D . Fenk einen Brief von Ottomar heimbrachte, den man zwar dem Leser nicht vorenthalten wird, von dessen Ueberkommung man ihm aber nichts entdek¬ ken kann, weil man selber nichts davon weiß. Aus allen diesen Dornen und aus der blessie¬ renden Revuͤe rettete unsern Gustav eine fremde In¬ famie. Nach der gedachten Ruͤckkehr wurde in Oberscheerau ein Officier, dessen Namen und Re¬ giment man hier aus Schonung seiner vornehmen Familie unterdruͤcken will, fuͤr infam erklaͤrt, weil er mit Spitzbuben glaub' ich Verbindung gehabt. Als der Profos ihm in der Mitte des Regiments, das er entehret hatte, den Degen und das Wap¬ pen zerknickte und die Uniform abriß und ihm al¬ les nahm was den gebuͤckten Menschen noch in die Hoͤhe richtet im Ungluͤck: so stuͤrzte Gustav, des¬ sen Ehrgefuͤhl sogar aus den Wunden eines frem¬ ben blutet und der noch nie den schwarzen Anblick einer oͤffentlichen Bestrafung erlebt hatte, in Ohn' macht zusammen: sein erster Laut nach der Bele¬ bung war: „Soldat gewesen auf ewig! — Wenn der arme Officier unschuldig war oder wenn er bes¬ ser wird: wer giebt ihm die ermordete Ehre wie¬ der? — Nur der untruͤgliche Gott kann sie neh¬ men; aber der Kriegsrath sollte nichts nehmen als das Leben! — die Bleikugel aber nicht die In¬ famie!“ beschloß er mit einem konvulsivischen Blick. Ich denke, er hat Recht. Zwei Tage war er krank und seine Phantasien schleiften ihn in die Raͤuber-Katakomben des Infamierten hinein — — zum neuen Beweis, daß die Fieberbilder der Ar¬ men aus dem Krankenbette ins Grab hineingefol¬ terten Menschen nicht immer die Steckbriefe und Denuntianten ihres Innern sind! gemarterte Bruͤ¬ der! wie lieb' ich euch jezt und den sanften Gu¬ stav in dieser Minute, wo meine Phantasie unter euch alle hineinblickt, wie ihr vom Zickzack des Schicksals herumgetrieben, mit eueren Wunden, und Thraͤnen muͤde nebeneinander stehet, einander umfasset, einander beklagt und einander — be¬ grabet! — Z 3 So lang' er krank war und phantasierte: hieng Amandus an seinen gluͤhenden Augen und litt eben so viel und vergab ihm alles — als der Doktor sagte, fruͤh sei er wieder auf: so kam Amandus fruͤh nicht und wollte wieder hartherzig sein. Oefel genoß jezt den Sieg seines Plans. Er trug sich selber die Einlenkung des alten Falken¬ bergs auf und schrieb eigenhaͤndig an den Mann. Da er mit Dinte den guten Vater auf den mosai¬ schen Berg stellete, hinter dem Berg den Prospekt des gelobten Landes der Gesandschaft, und mitten ins Kanaan den jungen Legationssekretair: so hatte der gute Mann die Freude vieler Eltern, die ihre Kinder gern das werden sehen was sie selber zu werden hasseten oder nicht vermochten. Er kam zu mir mit dem Brief selber und ritt unter mein Fenster. — Alles was Gustav noch innerlich gegen seine Versetzung ins alte Schloß zu sagen hatte, war daß die schoͤne Beata im neuen wohnte, das vom alten bloß durch eine halbierte Mauer abge¬ schieden war und daß er Amandus Verdacht be¬ waͤhrte. Aber zum Gluͤck verfiel er nach dem Ent¬ schlusse auf das eigentliche Motiv, das ihm densel¬ ben eingegeben hatte und das Veredlung und Er¬ weiterung seines Wirkungskreises war: „er konnte nach der Abloͤsung vom Gesandschaftsposten in einem Kollegium angestellet werden und da dem liegenden Lande aufhelfen u. s. w.“ Kurz die groͤste Schoͤnheit Beatens haͤtt' ihn nun nicht dahin bringen koͤnnen, sie zu — meiden. Ueberhaupt schaͤlte ihn der Romanschreiber so eif¬ rig aus seiner militairischen Huͤlse, daß man da er, wie Ehemaͤnner und Fuͤrsten, den Zuͤgel oͤfter im passiven Munde als in den aktiven Haͤnden hatte — haͤtte denken sollen, er werde gelenkt, um zu len¬ ken; aber ich denk' es nicht. Gustav legte die Abschiedsvisite bei Amandus ab. Ein gutes Mittel, dem zu vergeben, den eine eingebildete Beleidigung auf uns erbitterte, ist ihm eine wahre anzuthun — Gustav dachte in den freiwil¬ ligen Umwegen von Gassen, durch die er zu seinem gekraͤnkten Amandus gieng, an die Beata, die jezt seine Wandnachbarin wurde, an die Liebe und den Verdacht seines Freundes, an die Unmoͤglichkeit, den Verdacht zu heben; und da gerade um 6 Uhr vom ei¬ sernen Orchester um dem Stephans Thurm die abend¬ liche Sphaͤrenmusik in die Gassen niederfloß: so sank sein Herz in die Musik hinein und er brachte seinem seinem Freunde das weichste mit, das es außer der Brust Beatens gab. Ich und der Leser haben hier¬ uͤber unsre Gedanken: eben diese versoͤhnliche Weich¬ heit schrieb sich bloß vom versteckten Bewustsein her, daß er halb den Verdacht der Nebenbuhlerei verdie¬ ne; denn sonst haͤtt' er, von Stolz gehoben, dem andern zwar auch vergeben, aber ihn darum nicht staͤrker geliebt. — Er fand ihn in der schlimmsten Stimmung fuͤr seine Absicht — in der freundschaft¬ lichsten naͤmlich: denn in Zaͤrtlich-Kranken ist jede Empfindung ein gewisser Vorbothe der entgegenge¬ setzten und alle haben alternierende Stimmen. Amandus war im Anatomier-Zimmer seines Vaters — der Sonnenstrahl fiel vor seinem Untergang in die leere Augenhoͤle eines Todtenschaͤdels — in Phio¬ len hiengen Menschen-Bluͤthen, kleine Grundstri¬ che, nach denen das Schicksal den Menschen gar aus¬ ziehen wollte, Menschgen mit vorhaͤngendem großen Kopf und großen Herzen, aber mit einem großen Kopfe ohne einen Irrthum und einem großen Her¬ zen ohne einen Schmerz — auf einer Tafel lag eine schwarze Faͤrbers Hand, an deren Farbe der Doktor Proben machen wollte. ... Welche Nachbarschaft fuͤr eine Aussoͤhnung und einen Abschied ; drei Blicke machten und versiegelten jene — schon Blicke reden in dieser nackten Entkoͤrperung der See¬ len eine zu schreiende Sprache — aber als Gustav diesen , vom schoͤnsten Enthusiasmus uͤber Verdacht und Furcht hinuͤbergehoben, seinem Freunde ansag¬ te; als er ihm, der noch nichts davon begrif, sei¬ ne neue Wandnachbarschaft und den Verlust der alten kund that: — zerflogen war der Freund und ein schwarzer Feind sprang aus seiner Asche heraus — diese Minute benuͤtzte der Tod und schlug die letzten Wurzelfaser seines wankenden Lebens gar entzwei. . . . Gustav stand zu hoch, um zu zuͤr¬ nen — aber er muste sich noch hoͤher stellen — er fiel um ihn und sagte mit entschlossener reiner Stimme: „zuͤrne und hasse, aber ich muß dir ver¬ geben und dich lieben — mein ganzes Herz mit al¬ lem seinem Blut bleibet deinem getreu und sucht es auf in deiner Brust — und wenn du mich auch kuͤnftig verkennest: so will ich doch alle Wochen kommen, ich will dich ansehen, ich will dir zuhoͤ¬ ren, wenn du mit einem Fremden redest und wenn du mich dann mit Haß anblickst: so will ich mit einem Seufzer gehen, aber dich doch lieben — ach ich werde alsdann daran denken daß deine Augen, da sie noch zerschnitten waren, mich schoͤner an¬ blickten und besser erkannten . . . . . o stoße mich nicht so weg von dir gieb mir nur deine Hand und blicke weg.“ — „Da!“ sagte der zertruͤmmerte Amandus und gab ihm die kalte schwarze — Faͤrbers Faust . . . Der Haß uͤberlief wie ein Schauer das liebreichste Herz, das sich noch in einer menschlichen Brust verblutete — Gustav zerstampfte auf der Erde sei¬ ne Liebe und seinen Haß und gieng verstummt mit erstickten Empfindungen aus dem Hause und am andern Tage aus Oberscheerau. Kaum hatte Amandus den gemißhandelten Ju¬ gendfreund uͤber die Gasse zittern sehen: so gieng er in sein Zimmer, huͤlte sich mit dem Kopfkuͤssen zu und ließ, ohne sich anzuklagen oder zu ent¬ schuldigen, seine Augen so viel weinen als sie konn¬ ten. Wir werden es hoͤren, ob er sein krankes Haupt wieder vom Kopfkuͤssen erhob und wenn er wieder von Gustav ins stille Land begleitet wur¬ de, aus dem er ihn zuruͤck zu stoßen suchte. Ach der Mensch! — warum will dein sobald in Salz, Wasser und Erde zerbroͤckelndes Herz ein anderes zerbroͤckelndes Herz zerschlagen — ach eh' du mit deiner aufgehobnen Todtenhand zu schlaͤgst: faͤllt sie ab in den Gottesacker hin — ach eh' du dem feindlichen Busen die Wunde gegeben, liegt er um und fuͤhlt sie nicht und dein Haß ist tod oder auch du. Fuͤnf u. zwanzigster oder XXII . Trinitatis-Sekt. Ottomars Brief. W enn wir Ottomars Brief gelesen: so wollen wir uns an Gustavs neues Theater stellen und ihm zu¬ schauen. Im folgenden Briefe herrscht und tobt ein Geist, der wie ein Alp, alle Menschen hoͤhe¬ rer und edler Art druͤckt und oft bewohnt und den bloß — so viel er auch hollaͤndische Geister uͤberwie¬ ge — ein hoͤherer Geist uͤbertrift und hinaus¬ draͤngt: viele Menschen leben in der Erdnaͤhe , einige in der Erdferne , wenige in der Sonnen ¬ naͤhe . — Fenk sehnte sich so oft nach seinem Ot¬ tomar, zumal nach seinem Stillschweigen von ei¬ nigen Jahren, und er sprach so oft von ihm ge¬ gen Gustav, daß es gut war, daß die Adresse des Briefes von fremder Hand und an Doktor Zoppo in Pavia war: sonst haͤtt' er sogleich gegen die er¬ ste Zeile des Briefes gesuͤndigt. „Nenne, ewiger Freund, meinen Namen dem Ueberbringer nicht: ich muß es thun. Auf mei¬ nem letzten Lebensjahre liegt ein großes schwarzes Siegel; zerbrich' es nicht, halte die Vergangen¬ heit fuͤr die Zukunft — ich mache sie zur Gegen¬ wart fuͤr dich, aber noch nicht — und wenn ich stuͤrbe, ich traͤte vor dir und sagte dir mein letz¬ tes Geheimniß der Erde. Ich schreibe dir, damit du nur weißt, daß ich lebe und daß ich im Herbste komme. Mein Reise¬ durst ist mit Alpen-Eis und Seewasser geloͤscht; ich ziehe nun heim in meine Ruhestatt und wenn mich dann unter meiner Hausthuͤre wieder uͤber die Berge hinuͤberverlangt: so denk' ich: in den Gua¬ diana- und in den Wolgastrom sieht das naͤmliche lechzende Menschenherz hinein, das in dir neben dem Rheine seufzet, und was auf die Alpen und auf den Kaukasus steigt, ist was du bist und wen¬ det ein sehnendes Auge nach deiner Hausthuͤre her¬ uͤber. Wenn ich aber hier sitze und alle Morgen auf den Nachtstuhl gehe und froh bin, daß ich hungrig und nachher daß ich satt werde und wenn ich alle Tage Hosen und Haarnadeln ausziehe und anstecke: ach! was ists denn da am Ende? Was wollt' ich denn haben, wenn ich in meiner Kindheit auf dem Stein meines Thorwegs saß und sehnend dem Zug der langen Straße nachsah und dachte, wie sie fortliefe, uͤber Berge schoͤsse, immer immer¬ fort . . .? und endlich?. . . . ach alle Straßen fuͤh¬ ren zu nichts und wo sie abreissen, steht wieder einer der sich ruͤckwaͤrts heruͤber sehnt. — Was wollt' ich denn haben, wenn mein kleines Auge sonst auf dem Rhein mit schwamm, damit er mich hinnaͤhme in ein gelobtes Land, in das alle Stroͤ¬ me dacht' ich zoͤgen, ach sonst wo ich nicht wußte, daß er wenn er manches schwere Herz getragen, ne¬ ben mancher zerquetschten Gestalt vorbeigebrauset, die er ach! von ihren Qualen erloͤsen mußte, daß er dann wie der Mensch sich zersplittere und zer¬ truͤmmert einsikere in hollaͤndische Erde? — Morgenland, Morgenland! auch nach deinen Auen neigte sich sonst meine Seele wie Baͤume nach Osten — „ach wie muß es da seyn, wo die Son¬ ne aufgeht!“ dacht' ich; und als ich mit meiner Mutter nach Pohlen reiste und endlich in das nach Morgen liegende Land und unter seine Edelleute, Juden und Sklaven trat. . . . . Weiter giebts aber auf dieser optischen Kugel kein Morgen-Sonnen¬ land als das, das alle unsere Schritte weder ent ¬ fernen noch erreichen . Ach ihr Freuden der Erde alle, ihr saͤttigt die Brust bloß mit Seufzern und das Auge mit Wasser und in das arme Herz, das sich vor euerem Himmel aufthut, giesset ihr eine Blutwelle mehr! Und doch laͤhmen uns diese Paar elenden Freuden, wie Giftblumen Kindern, die damit spielen, Arm' und Beine. Nur keine Musik, diese Spoͤtterin unserer Wuͤnsche, sollt' es geben: fliessen nicht auf ihren Ruf, alle Fi¬ bern meines Herzens auseinander und strecken sich als so viele saugende Polypenarme aus und zittern vor Sehnsucht und wollen umschlingen wen? was?... ein ungesehenes in andern Welten stehendes Etwas. Oft denk’ ich, vielleicht ists gar Nichts, vielleicht gehts nach dem Tode wieder so und du wirst dich aus einem Himmel in den andern sehnen — und dann zerdruͤcke ich unter diesem phantastischen Un¬ sinn die Klaviersaiten als wollt' ich aus ihnen eine Quelle auspressen, als waͤr' es nicht genug, daß der Druck dieses Sehnens die duͤnnen Saiten meines innern Tonsystems verstimmt und absprengt.... In Rom wohnte ein Maler, der Kirche von S. Adriano gegenuͤber, der unter dem Regen sich allemal unter die Dachrinnen stellte und sich toll lachte: der sagte oft zu mir: „keinen Hundstod giebts nicht, aber ein Hundsleben.“ Fenk! nimm wenigstens was der Mensch wird oder thut: so gar gar wenig! Welche Kraft wird denn an uns ganz ausgebildet, oder in Harmonie mit den andern? Ist's nicht schon ein Gluͤck, wenn nur Eine Kraft wie ein Ast ins Treibhaus eines Hoͤr- oder andern Saals hineingezogen und mit partialer Waͤrme zu Bluͤthen genoͤthigt wird, indeß der ganze Baum draussen im Schnee mit schwarzen harten Zweigen steht? Der Himmel schneiet ein Paar Flocken zu unserem innern Schneemann zusammen, den wir unsre Bildung nennen, die Erde schmiltzt oder be¬ sudelt ein Viertel davon, der Wind wehet dem Schneemann den Kopf weg — das ist unser gebil¬ deter innerer Mensch, so ein abscheuliches Flickwerk in allen unserem Wissen und Wollen! Vom Indi¬ viduum auf die ganze Menschheit mag ich gar nicht uͤbergehen: ich mag nicht daran denken wie ein Jahrhundert untergeegget und untergeackert wird, zur Duͤngung des naͤchsten — wie nichts sich zu et¬ was runden will, wie das ewige Buͤcherschreiben und Aufschlichten des Scibile kein Ziel, kein Ende hat und alle nach entgegengesetzten Richtungen gra¬ ben und laufen! — Was thut der Mensch? Noch weniger als er weiß und wird. Sage mir, was verrichten denn vor dem fuͤrstlichen Portrait uͤber dem Praͤsidentenstuhl oder gar vor einem verschnit¬ tenen regierenden Gesicht selbst, dein Scharfsinn, dein Herz, deine Energie? Die zuruͤckgepreßten in einander sich kruͤmmenden Zweige druͤcken das Fenster des Winterhauses, der Regent laͤsset in der compotiére ihre Frucht vor seinem Teller vor¬ uͤbergehen, der blaue Himmel fehlet ihnen, das Gescheuteste ist noch daß sie verfaulen! — Was thun denn die edelsten Kraͤfte in dir, wenn Wo¬ chen und Monate verstroͤmen, die sie nicht brau¬ chen, nicht rufen, nicht uͤben? Wenn ich oft so der Unmoͤglichkeit zusah, in allen unsern monarchischen Aemtern ein ganzer, ein edel thaͤtiger, ein all¬ gemein-nuͤtzlicher Mensch zu sein — selbst der Mo¬ narch kann nicht mit denen unendlich vielen schwar¬ zen subalternen Klauen und Haͤnden, die er erst als Finger oder Griffe an seine Haͤnde anschienen muß, etwas vollendet Gutes thun — so oft ich so zusah, so wuͤnscht' ich, ich wuͤrde gehenkt mit meinen Raͤubern, waͤr' aber vorher ihr Haupt¬ mann und rennte mit ihnen die alte Konstitution nieder! . . . . Geliebter Fenk! dein Herz reisset mir niemand aus meiner Brust, es treibet mein bestes Blut und nie kannst du mich verkennen, ich sei so unkenntlich als ich wolle! Aber o Freund, es kommen Zeiten heran, wo dir dieses Verken¬ nen doch leichter werden kann! Verhuͤllter Genius unserer verschatteten Kugel! ach waͤr' ich nur etwas gewesen, haͤtte meine Ge¬ hirnkugel und mein Herz nur wie Luther mit ir¬ gend einer dauerhaften weit wurzelnden That das Blut abverdient, das sie roͤthet und naͤhrt: dann wuͤrde mein hungriger Stolz satte Demuth , vier niedrige Waͤnde waͤren fuͤr mich groß genug, ich sehnte mich nach nichts Großem mehr als nach dem Tode und vorher nach dem Herbst des Le¬ bens und Alters, wo der Mensch, wenn die Ju¬ gend-Voͤgel verstummen, wenn uͤber der Erde Nebel und fliegender Faden-Sommer liegt, wenn der Himmel ausgeheitert, aber nicht brennend uͤber allem steht, sich sterbend auf die welken Blaͤt¬ ter legt. — — — Leb' wohl, mein Freund, auf einer Erde, wo man weiter nichts Gutes thun kann als in ihr liegen; im naͤchsten Herbst sind wir an einander!“ Zu Zu diesem Briefe, der meine ganze Seele nimmt und meine Irthuͤmer sowohl als meine Wuͤnsche erneuert, kann ich nichts mehr sagen als daß heu¬ te der erste Mensch in dieser Geschichte auf einem Berg begraben worden ist. Wenn ich nach vier oder fuͤnf Sektoren von seinem abendroͤthlichen Tode re¬ de: so werden schon die Zuͤge seiner Gestalt blei¬ cher und zerrissen seyn, sowohl im Sarge als im Herzen der Freunde! A a Extrablatt . Von hohen Menschen — und Beweis daß die Leidenschaften ins zweite Leben und Stoizismus in dieses gehören. G ewisse Menschen nenn' ich hohe oder Festtags¬ menschen und in meiner Geschichte gehoͤren Otto¬ mar, Gustav, der Genius, der Doktor darunter, weiter niemand. Unter einem hohen Menschen mein' ich nicht den geraden ehrlichen festen Mann, der wie ein Weltkoͤrper seine Bahn ohne andere Aberrationen geht als scheinbare — noch mein' ich die feine See¬ le, die mit weissagendem Gefuͤhl alles glaͤttet, je¬ den schont, jeden vergnuͤgt und sich aufopfert aber nicht wegwirft — noch den Mann von Ehre, des¬ sen Wort ein Fels ist und in dessen von der Zen¬ tralsonne Ehre der brennenden und bewegten Brust keine anderen Gedanken und Absichten sind als Tha¬ ten ausser ihr — und endlich weder den kalten von Grundsaͤtzen gelenkten Tugendhaften noch den Ge¬ fuͤhlvollen, dessen Fuͤhlfaͤden sich um alle Wesen wickeln und in der fremden Wunde zucken und der die Tugend und eine Schoͤne mit gleichem Feuer umfasset — auch den bloßen großen Menschen von Genie mein' ich nicht unter dem hohen und schon die Metapher deutet dort horizontale und hier perpendikulare Ausdehnung an. Sondern den mein' ich, der zum groͤßern oder geringern Grade aller dieser Vorzuͤge noch etwas setzt, was die Erde so selten hat — die Erhebung uͤber die Erde, das Gefuͤhl der Geringfuͤgigkeit alles irdischen Thuns und der Unfoͤrmlichkeit zwi¬ schen unserem Herzen und unserem Orte, das uͤber das verwirrende Gebuͤsch und den ekelhaften Koͤder unsers Fußbodens aufgerichtete Angesicht, den Wunsch des Todes und den Blick uͤber die Wolken. Wenn ein Engel sich uͤber unsere Atmosphaͤre stellte und durch dieses truͤbe mit Wolkenschaum und schwimmendem Koth verfinsterte Meer hernieder saͤhe auf den Meeresgrund, auf dem wir liegen und kleben — wenn er die tausend Augen und Haͤnden saͤhe, die gerade aus horizontal nach dem Inhalt der Luft nach Gepraͤnge, fangen und starren, wenn er die schlimmern saͤhe, die schief niedergebuͤckt werden gegen den Fraß und Gold¬ glimmer im morastigen Boden, und endlich die A a 2 schlimmsten, die liegend das edle Menschengesicht durch den Koth durchziehen, wenn er aber unter diesen Seethieren einige aufrecht gehende hohe Men¬ schen zu ihm aufblicken saͤhe — wenn er saͤhe, wie sie, gedruͤckt von der Wassersaͤule uͤber ihrem Haup¬ te, umstrickt vom Geniste und Schlamm ihres Fu߬ bodens, sich durch die Wellen draͤngten und lechze¬ ten nach einem Athemzuge aus dem weiten Aether uͤber ihnen, wie sie mehr liebten als geliebt wuͤr¬ den, das Leben mehr ertruͤgen als genoͤssen, gleich fern von stehendem Emporstaunen und rennender Geschaͤftsleben Haͤnde und Fuͤße dem Meeresboden und das aufwaͤrts steigende Herz und Haupt dem Aether ausser dem Meere gaͤben und auf nichts saͤ¬ hen als auf die Hand, die das Gewicht des Koͤr¬ pers, das den Taͤucher mit den Boden verbindet, von ihm trennt und ihn aufsteigen laͤsset in sein Ele¬ ment . . . . o dieser Engel koͤnnte diese Menschen fuͤr untergesunkne Engel halten und ihre Tiefe bedauern und ihre Thraͤnen im Meer . . . . Koͤnnte man die Graͤber eines Pythagoras (der schoͤnsten Seele un¬ ter den Alten) — Plato's — Sokrates — Anto¬ nins (aber nicht so gut des großen Kato oder Epik¬ tets) — Shakespears (wenn sein Leben wie sein Schreiben war) — J. J. Rousseau's ꝛc. in Einen Gottesacker zusammenruͤcken: so haͤtte man die wahre Fuͤrstenbank des hohen Adels der Mensch¬ heit, die geweihte Erde unserer Kugel, Gottes Blumengarten im tiefen Norden. — — Aber war¬ um nehm' ich mein weisses Papier und durchstech' es und bestreu' es mit Kohlenstaub oder Din¬ tenpulver, um das Bild eines hohen Menschen hineinzustaͤuben; indeß vom Himmel herab das große nie erblassende Gemaͤlde herunterhaͤngt, das Plato in seiner Republik vom tugendhaften Manne aus seinem Herzen auf die Leinwand trug. Die groͤßten Boͤsewichter sind einander am un¬ kenntlichsten! hohe Menschen einander in der er¬ sten Stunde kenntlich. Schriftsteller, die darun¬ ter gehoͤren, werden am meisten getadelt und am wenigsten gelesen, z. B. der seel. Haman. Eng¬ laͤnder und Morgenlaͤnder haben diesen Sonnen¬ Stern oͤfter auf ihrer Brust als andre Nationen. Ottomar fuͤhrte mich auf die Leidenschaften: ich weiß, daß er, wenigstens sonst, nichts so haßte als Koͤpfe und Herzen, die von der stoischen Stein- Rinde inkrustiert waren — daß er in seine Arte¬ rien Katarakten hinein wuͤnschte und in seine Lun¬ genfluͤgel Stuͤrme — daß er sagte, ein Mensch ohne Leidenschaft waͤre noch ein groͤßerer Egoist als einer mit heftigen; einen den das nahe Feuer der sinnlichen Welt nicht entzuͤnde, stamme das weite Fixsternlicht der intellektuellen noch viel weniger an; der Stoiker unterscheide sich vom abgenuͤtzten Hof¬ mann nur darin, daß die Erkaͤltung des erstern von innen nach aussen fortgehe, die des andern aber von aussen nach innen . . . . Ich weiß nicht obs bei dem innen brennenden, aussen glatteisen¬ den Hofmann so ist; aber beim Glase ists so, daß es wenn es von aussen und nach dem gluͤhenden Kern zu erkaltet, hol und zerbrechlich wird: es muß umgekehrt seyn . . . Alle Leidenschaften taͤuschen sich nicht uͤber die Art , oder den Grad , sondern uͤber den Gegen¬ stand der Empfindung; naͤmlich so: Darin irren unsere Leidenschaften nicht, daß sie irgend einen Menschen hassen oder lieben: — den sonst verfiele alle moralische Haͤßlichkeit und Schoͤnheit; — auch darin nicht, daß sie uͤber et¬ was jammern oder frolocken — denn sonst waͤr' auch die kleinste Freuden- oder Kummerthraͤne uͤber Gluͤck und Ungluͤck unerlaubt und wir duͤrften nichts mehr wuͤnschen, nicht einmal wollen, nicht einmal die Tugend. — Auch irren die Leidenschaften uͤber den Grad dieser Ab- und Zuneigung, dieses Freuens und Betruͤbens nicht: denn sobald ihnen die Sin¬ ne und die Phantasie den Gegenstand mit tausend¬ mal groͤßeren moralischen oder physischen Reizen oder Flecken vorlegen als sie andre sehen: so muß doch das Lieben und Hassen nach Verhaͤltniß des aͤussern Anlasses zunehmen, und sobald irgend ein aͤusserer Reiz den geringsten Grad von Liebe und Haß rechtfertigt: so muß auch der vergroͤßerte Reiz den vergroͤßerten Grad der Leidenschaft rechtfertigen. Die meisten Gruͤnde gegen den Zorn beweisen nur, daß die vermeintliche moralische Haͤßlichkeit des Fein¬ des mangle, nicht, daß sie da und er doch zu lie¬ ben sei — die meisten Gruͤnde gegen unsre Liebe beweisen nur, daß unsre Liebe weniger den Grad als den Gegenstand verfehle u. s. w. Nicht bloß ein maͤßiger, sondern der hoͤchste Grad der Leiden¬ schaften wuͤrde zulaͤssig seyn, sobald sich ihr Ge¬ genstand vorfaͤnde, z. B. die hoͤchste Liebe gegen das hoͤchste gute Wesen, den hoͤchsten Haß gegen das hoͤchste Boͤse. Da aber alle Gegenstaͤnde dieser Erde die Beschaffenheit nicht haben, die sol¬ che Seelenstuͤrme in uns verdienen kann; da al¬ so das Groͤßte, was uns zu sich reissen, oder von sich stoßen kann, in andern Welten stehen muß: so sieht man, daß die groͤßten Bewegun¬ gen unsers Ichs nur vielleicht ausserhalb des Koͤrpers ihren vergoͤnnten geraͤumigern Spielraum antreffen. Ueberhaupt ist Leidenschaft subjektiv und re¬ lativ: die naͤmliche Willensbewegung ist in der staͤrkern Seele unter groͤßern Wellen nur ein Wollen und in der schwaͤchern auf der glattern Flaͤche ein innerer Sturm. Unser ewiges Wollen fliesset immerfort durch uns und in uns, wie ein Strom und die Leidenschaften sind nur die Was¬ serfaͤlle und Kaskaden dieses Stroms; sind wir aber zur Verdammung derselben bloß durch ihre Seltenheit befugt? Ist nicht dem kleinen Bach das Kaskade, was dem Strom nur Welle ist? — Und wenn wir im Enthusiasmus unsre Kaͤlte und in der Kaͤlte unsern Enthusiasmus schelten: wo haben wir Recht? und giebt die Dauer des Scheltens das Recht? — Ich fuͤhle Einwuͤrfe und Schwierigkeiten vor¬ aus, ja ich weiß es und fuͤhle, daß auf die¬ ser umwoͤlkten Regen-Kugel uns nichts gegen die aͤussern Stuͤrme einbauen und bedecken kann, als das Besaͤnftigen der innern — gleichwohl fuͤhl' ich auch, daß alles vorige wahr ist. Sechs und zwanzigster oder XX . Trinitatis Sekt. Diner beim Schulmeister. W enn ein Autor wie ich so viele Wochen hinter seiner Geschichte zuruͤckgeblieben: so denkt er, mag der Henker den heutigen Post-Trinitatis auch gar holen — ich will also davon von nichts reden als vom heutigen Post-Trinitatis von meiner Schwe¬ ster, meiner Stube und von mir. Wenige Ge¬ schichtschreiber werden heute hinter ihren Dinten¬ faͤssern einen solchen guten Tag haben wie ihr Zunftgenoß. Ich sitze jezt hier in des Schulmeister Wuzens Empor-Stube und halte seit einem Vierteljahr meinen Arm als Armleuchter zum Fenster hinaus mit einem langen Licht, um in die zehn deutschen Kreise hinein zu leuchten. Ich werde in jedem Herbst und Winter alle meine Sektores wie den heutigen fruͤh um 4½ Uhr beim Licht zu machen anfangen; denn wie die erhabne Finsterniß vor Mitternacht, den Menschen uͤber die Erde und ihre Wolken hinaus hebt: so legt uns die nach Mitternacht, wieder in unser Erd-Nest herein — schon nach 12 Uhr Nachts fuͤhl' ich neue Lebens¬ lust, die so zunimmt wie das heruͤber gegossene Morgenlicht die Finsterniß verduͤnt und durchsichtig macht. Gerade die feinsten und unsichtbarsten Fuͤhlfaͤden unserer Seele laufen wie Wurzeln, un¬ ter der groben Sinnenwelt fort und werden von der entferntesten Erschuͤtterung gestoßen. Z. B. wenn der Himmel gegen Osten licht- und wolken¬ loß, gegen Westen mit Wolkenschlaͤuchen verhan¬ gen ist: so kehr' ich mich scherzhafter Weise mehr als zehnmal um — steh' ich gegen Osten, so flie¬ gen alle psychologischen Wolken aus meinem Geiste weg — fahr' ich gegen Westen, so haͤngen sie sich wieder um ihn herum — und auf diese Art zwing' ich durch schnelles Umdrehen die entgegengesetztesten Empfindungen, vor mir ab- und zuzulaufen. An logische Ordnung ist in diesem Luft-Sektor gar nicht zu gedenken; einige chronologische soll zu finden seyn. Nur wird mancher Gedanke mit tausend Facetten von meiner Lichtscheere erdruͤckt werden, wenn ich das Licht schneuze, oder in mei¬ ner Tasse ersaufen, wenn ich gestrigen Kaffee dar¬ aus trinken. Dem Publikum ist letzterer mehr an¬ zurathen: unter allen warmen Getraͤnken ist kalter Kaffee zwar vom abscheulichsten Geschmack aber doch von der geringsten Wirkung. Der schlafende Tag wird schon wie eine schlafende Schoͤne, in der die Morgentraͤume gluͤhen, roth und muß bald das Aug' aufschlagen. Sein erstes wird — poetisch zu reden — seyn, daß er meine Schwester weckt und mit ihr als Schlafgenoß in meine Stube tritt. Ich sollte wie ein maͤhrischer Bruder ein Paar tau¬ send Schwestern haben, so lieb' ich sie uͤberhaupt alle. Wahrlich manchmal will ich mit den stoͤßigen Satyrs-Bocksfuͤßen gegen das gute weibliche Ge¬ schlecht ausschlagen und laß' es bleiben, weil ich neben mir die kleinen Kirchenschuhe meiner Philip¬ pine sehe und mir die schmalen weiblichen Fuͤße hinein denke, die in so manchem Dornenspeer und Wasser stehen, weil beide durch ihre duͤnne Da¬ men– Lafetten so leicht dringen. Die leeren Klei¬ der eines Menschen, zumal der Kinder, floͤßen mir Wohlwollen und Trauern ein, weil sie an die Leiden erinnern, die das arme Inserat darin schon muß ausgestanden haben; und ich haͤtte mich einmal in Karlsbad leicht mit einer Boͤhmin aus¬ gesoͤhnet, wenn sie mich ihre Paruͤre, ohne daß sie d'rinnen war, haͤtte beschauen lassen.. ¬ Diese Punkte stellen verrollte Zeitpunkte vor. Jezt sind die Blinden heil, die Lahmen gehen, die Tauben hoͤren — wach ist naͤmlich alles: un¬ ter meinen Fuͤßen zerhaͤmmert der Schuhldiener schon den Sonntagszucker, meine Schwester hat mich schon viermal ausgelacht, der Senior Setz¬ mann hat schon aus seinem Fenster meinem Haus¬ herrn die noͤthigsten heutigen Religionsedikte zu¬ gepfiffen, die Uhr ist wie Hiskias Sonnenuhr, von der Wunderkraft des dekretirenden Pfeifens eine Stunde zuruͤckgegangen und ich kann eine laͤnger schreiben, bin aber dadurch mit meinem Pinsel aus meinem Morgen-Gemaͤhlde gekommen. Die Sonne steht meinem Gesichte gegenuͤber und macht mein biographisches Papier zu einem blanken Mo¬ sis Angesicht; daher ists mein Gluͤck, daß ich ein Federmesser und Baiern oder Spanien oder das Je¬ suiter-Deutschland nehme — naͤmlich Homanni¬ sche Karten davon — und mit dem Messer diese Laͤnder uͤber meinem Fenster aufnagele und ein¬ pfaͤhle: ein solches Land haͤlt allemal die Mor¬ gensonne so gnt ab und wirft so viel Schat¬ ten heruͤber als haͤtt' ich die Taͤndelschuͤrze oder das Pallium eines Fenstervorhangs d'ran. Meine Feder faͤhrt jezt im Erdschatten des Globus so fort: Wuz fuͤhrt in seinem Hause nicht drei gescheuete Stuͤhle, keine Fenstervorhaͤnge und Hautelisse-Tapeten. Indeß mein zu prunkendes Ammeublement in Scheerau steht: letz' ich mich hier an dem jaͤmmerlichsten und sage, ein Fuͤrst weiset kaum in einer artistischen Einsiedelei ein elenderes vor. Sogar den Kalender schreiben wir uns, ich und mein Hausherr, eigenhaͤndig wie Mitglieder der Berliner Akademie — aber mit Kreide und an die Stubenthuͤre; jede Woche ediren wir ein Heft oder eine Woche von unserem Almanach und wischen die Vergangenheit aus. Auf dem vierschroͤtigen Ofen koͤnnen drei Paare tanzen, die er wie die jezigen Tragoͤdien trotz dem unfoͤrmlichen Apparate schlecht erwaͤrmen kann: es muß noch zu Hand- und Ta¬ schenoͤfen kommen, wenn man einmal aus den Berg¬ werken statt der Metalle das Holz, womit man sie jezt ausfuͤttert, wird holen muͤssen. . . . Ein Schoͤps wird entsetzlich gepruͤgelt, naͤmlich sein todter Schenkel — die zinnernen Pathenteller der zwei Wuzischen Kinder werden abgestaͤubt — — mein Silber-Besteck wird abgeborgt — das Feuer knackt — die Wuzin rennt — ihre Kinder und Voͤ¬ gel schreien. — — Alle diese Zuruͤstungen zu einem viel zu großen Diner , das heute unten gegeben wird, hoͤr' ich in mein Museum herauf: vielleicht sind diese Zuruͤstungen dem Range der zwei Gaͤste, die das Traktement annehmen sollen, angemessener als dem Stande der beiden Schulleute, die es geben. Ge¬ genwaͤrtigen Geschichtschreiber und seine Schwester speisen sie naͤmlich. Der Schuhldiener hatte sich nebst seinem Ammeublement einige Wochen in meine Stube eingepfarret, weil die seinige gleich der un¬ sichtbaren Kirche reformieret wurde — das Konsisto¬ rium sieht beides Reparaturen der unsichtbaren und der unsichtbaren Kirche ungern; — daher invitirte er mich (aus Hofton) zum Dinieren . — Ich werde den Sektor erst abends ausschreiben, theils um mir nicht den Appetit weg zu denken, theils um mir draußen noch einigen zu erhinken, wo ich noch dazu ein Paar Emmerlinge und die Kir¬ chenleute singen hoͤren kann. Ueberhaupt, ist der Nachsommer, der heute mit seinem schoͤnsten him¬ melblauen Kleide und der Ordens-Sonne darauf, auf den Feldern draußen steht, ein stiller Charfrei¬ tag der Natur und wenn wir Menschen hoͤfliche Leute waͤren: so giengen wir da oͤfter ins freie und begleiteten den verreisenden Sommer hoͤflich bis an die Thuͤre. Ich seh' es voraus, ich wuͤrde mich heute an der milden Sonne die ein sanft um uns schleichender Mond geworden ist, und die im Nachsommer den weiblichen Artikel verdient, nicht satt sehen koͤnnen, wenn ich nicht mein Auge nach Scheerau's Berge richten muͤste, wo meine Guten wohnen und von wannen heute mein Doktor mich besuchen wird. — — Unter die Erde ist der Tag und seine Sonne. Komme gluͤcklich heim, geliebter Freund! auf den Silber-Grund, den der Mond auf deinem Weg anlegt, mahle deine Seele das verlohrne Eden der Jugend und der schwarze Schatten, den du und dein scheues Roß auf den Strahlenboden werfen, muͤsse euch nachschwimmen, aber nicht voraus! — Warum sind die meisten Einwohner dieses Buchs gerade Fenks Freunde? — aus zwei recht vernuͤnftigen Gruͤnden. Erstlich verquickt sich das humoristische Quecksilber, das aus ihm neben der Waͤrme des Herzens glaͤnzt, mit allen Karakte¬ ren am leichtesten. Zweitens ist er ein morali¬ scher Optimist . Zehn metaphysische Optimisten wuͤrd' ich fuͤr einen moralischen auszahlen, der nicht nicht ein Kraut wie die Raupe sondern einen gan¬ zen Blumenflor von Freuden wie der Mensch zu genießen weiß — der nicht fuͤnf Sinnen sondern tausend hat fuͤr alles, fuͤr Weiber und Helden, fuͤr Wissenschaften und Lustparthien, fuͤr Trauer- und Lustspiele, fuͤr Natur und fuͤr Hoͤfe. — — Es giebt eine gewisse hoͤhere Toleranz, die nicht die Frucht des westphaͤlischen Friedens noch des Ver¬ gleichs von 1705 sondern die eines durch viele Jah¬ re und Besserungen gesichteten Lebens ist — diese Toleranz findet an jeder Meinung das Wahre, an jeder Gattung des Schoͤnen das Schoͤne, an jeder Laune das Komische und haͤlt an Menschen, Voͤl¬ kern und Buͤchern die Verschiedenheit und Indivi¬ dualitaͤt der Vollkommenheiten nicht fuͤr die Ab¬ wesenheit derselben. Nicht bloß das Beste muß uns gefallen: auch das Gute und Alles. — Als die Leute aus der kleinen und ich aus der großen Kirche zuruͤck waren: fieng man im Wuzi¬ schen Hause das Dinieren an. Unser Brodtherr empfieng das Gast-Paar mit seiner gewoͤhnlichen Freundlichkeit und mit einer ungewoͤhnlichen dazu: denn er hatte heute aus seiner Kirchenkollekte — er kroch nach dem Gottesdienst in alle Stuͤhle und B h zog alle unter dem Einlegen niedergefallnen Pfen¬ nige magnetisch an sich — eine ansehnliche Silber¬ flotte von 18 Pfennigen mitgebracht. Die Pracht des Mahls erdruͤckte in dieser Stube das Vergnuͤ¬ gen nicht: Messer und Gabel waren wie schon ge¬ sagt von Silber und von mir; aber wer sollte nicht damit mit Vergnuͤgen an einer Tafel agiren, wo der Braten und die Sauce aus Einer — Pfan¬ ne gespeiset werden? — Unsere plats de menage waren vielleicht fuͤr einen Kurfuͤrsten zu kostbar: denn sie bestanden nicht etwan aus Porzellain, Wachs oder aus Alabaster-Saͤmereien auf Spie¬ gelplatten und waren nicht etwan bloß wenige Pfund schwer: sondern die beiden Schaugerichte wogen sechzig und waren vom naͤmlichen Meister und von der naͤmlichen Materie wie die Churfuͤr¬ stenbank, von Fleisch und Blut, Wuzens Kin¬ der. Ein geistlicher Churfuͤrst wuͤrde vor Vergnuͤ¬ gen keinen Bissen essen koͤnnen, wenn er wie wir neben seiner Riesentafel ein Zwerg-Taͤfelgen mit seinen Kleinen darum, stehen haͤtte. Ihr Tisch war nicht viel groͤßer als eine Heeringschuͤssel; sie sahen aber auf Verhaͤltniß und speiseten auf dem lilliputischen Tafel-Service, wovon sie seit Weih¬ nachten mehr spielenden als ernsthaften Gebrauch gemacht hatten. Die Kleinen waren außer sich, ihr Fleisch auf Oblaten von Tellern und mit Haarsaͤ¬ gen von Messern zu trenchieren — Spiel und Ernst flossen hier wie bei essenden Akteurs in einander und am Ende sah' ich, daß es bei mir auch so war und daß mein Vergnuͤgen von erkuͤnstelter Kleinheit und Armseligkeit kaͤmen. An der großen Tafel gieng — andere Tafeln kehren es um — das individuelle Gespraͤch bald ins allgemeine uͤber; ich und der Kantor sagten jeden Augenblick, der Preuße, der Russe, der Tuͤrk und verstanden (gleich dem Premierminister) unter der Nation den Regenten derselben. — Ich hatte heute eine solche besondre Freude an erbaͤrmlichen Sitten, daß ich mir jeden Bissen hinein predigen ließ und daß ich uͤber zwanzig Gesundheiten trank. Frauenzimmer von Stande koͤnnen sonst nicht so leicht wie Maͤnner, sich zu unfrisierten Leuten her¬ unterbuͤcken, am wenigsten zu denen von weibli¬ chen Geschlecht; aber meine Schwester verdienet, daß ihr Bruder ihr in seinem Buche das Lob der schoͤnsten liebreichsten Herablassung ertheilt. Je weiblicher eine Frau ist, desto uneigennuͤtziger und B b 2 menschenfreundlicher ist sie; und die Maͤdgen be¬ sonders, die das halbe menschliche Geschlecht lie¬ ben, lieben das ganze von Herzen. Z. B. von der Residentin von Bouse weiß man nicht, schenkt sie Armen oder Maͤnnern mehr. Alte Jungfern sind geizig und hart. — Mein Doktor und eine Bouteille Wein kamen als Desert. Da er im ge¬ genwaͤrtigen Buche alle Wochen lieset: so will ich ihn darin lieber schelten als preisen. Am besten ists, ich webe hier ein Zwitterding, was ihn bei man¬ chen weder lobt noch tadelt, ein — seine herzliche Zuneigung gegen das weibliche Geschlecht, die zwi¬ schen gefuͤhlloser Galanterie und Feuer-Liebe mit¬ ten innen steht. Diese naͤmliche Zuneigung stehet unserem Geschlechte gut, aber dem weiblichen nicht und meine Schwester ist doch von diesem. Die Sa¬ che kam bloß von ihrem linken Ohre her. Das Ohrgehenk hatte sich durch das Ohrlaͤpgen durchge¬ rissen; sie haͤtte aber fuͤglich bis auf den Montag warten koͤnnen, wo ihr Bruder es ihr wie einem juͤdischen Knecht auf die geschickteste Weise wuͤrde durchloͤchert haben. Allein heute must' es seyn und sein Doktorhut war der Betschirm ihrer Absicht. Es haͤtte gemahlet werden sollen, wie der arme Pestilenziarius das Ohrlaͤpgen zwischen den drei Vorderfingern scheuerte und rieb — wie ein offizi¬ nelles Blatt, an das man riechen will, — um es geschwollen und unempfindlich zu machen. Nichts ist mir und dem Medizinalrath gefaͤhrlicher, als wenn wir nur mit zwei, drei Fingern an ein Frauenzimmer picken und anstreichen — mit dem ganzen Arm hinan zu kommen, ist fuͤr uns ohne alle Gefahr; so wie etwann die Nesseln weit mehr brennen, leise bestreift als hart gefasset. Vielleicht ists mit diesem Feuer wie mit dem elektrischen, das durch die Fingerspitzen mit groͤßerem Strome in den Menschen faͤhrt als durch eine große Flaͤche. — Meine Schwester gieng weiter und brachte einen Apfel; der Doktor muste mit seinen Pulsfingern das rothe Ohrlaͤpgen an den Apfel pressen und dann eine Zitternadel oder was es war durch die¬ ses Organ, das die Maͤdgen weit seltner als das naͤchste spitzen, druͤcken — nun konnte hinange¬ schnallet und hineingeknoͤpfet werden was dazu paßt. Der Stahl kettete beinahe den Operateur selber an ihr Ohr: „mit nichts strickt eine Schoͤne uns mehr an sich als wenn sie uns Anlaß giebt, ihr eine Gefaͤlligkeit zu thun” sagte der Doktor selber und erfuhr es selber. Daher klagte der Ope¬ rateur und Ohren-Magnetiseur, es sei schwer, eine Schoͤne zu kurieren und doch nicht zu lieben und seine erste Patientin hab' ihn beinahe zu ei¬ nem Patienten gemacht. Gegen den Doktor hab' ich nichts; er sei immer ein Kosmopolit in der Liebe — aber, Schwester, ich wollte, du waͤrest schon zu Bette, weil ich keine Minute, in der ich nur drei Schritte auf- und abthue, sicher bin, daß du nicht in mein Manuskript schielest und lie¬ sest was ich an dir tadle? — ach ich tadle weni¬ ger als ich bedauere deine so niedlich um fremden und eignen Kummer spielende Laune und dein aus den weichsten Fiebern gesponnenes Herz, daß die blanke Krone scheuer Weiblichkei t, die alle diese Vorzuͤge erst putzt und hebt, in den volkrei¬ chen Zimmern der Residentin ein wenig schwaͤrzlich angelaufen ist wie Silber im sumpfigen Holland und daß deiner Tugend, der nichts fehlet, die Gestallt der Tugend fehlt! — o Eltern! euere Jungen machen sich in der Hoͤlle kaum schwarz; aber fuͤr euere Toͤchter und ihren schneeweißen Anzug ist kaum der Himmel gescheuert und sauber genug! Sie sind selten schlechter als ihre Gesellschaft, aber auch selten besser. Dieser geistige Wein zieht den Obstgeschmack, der Eva's und Paris-Aepfel, die um ihn liegen, ein; er schmeckt alsdann noch gut, aber nur wie Wein nicht. Der Doktor gab mir uͤber Gustavs Lage viel Licht, das zu seiner Zeit den Lesern wieder gege¬ ben werden soll. — Eine gewisse Person, die fast alle 14 Tage nachlieset was ich geschrieben, ist satirisch und fragt mich auf welchem Bogen, ob auf dem Bogen Aaa oder Zzz, der fernere Liebeshandel zwischen Paul und Beata bearbeitet werde — sie fragt ferner, obs dem Leser schon erzaͤhlt ist, daß der kokettiren¬ de Paul Verse, Silhuetten, Bouquets und Ada¬ gios seitdem gemacht, um sein Herz auf diesen Deserttellern, auf diesen durchbrochnen Compotie¬ ren, in diesen Konfektkoͤrbgen zu bringen und zu praͤsentiren — diese fatale mokante Personage fraͤgt endlich, obs der Welt schon berichtet ist, daß aber Beata sich nichts ausgebeten als das leere Koͤrb¬ chen und den leeren Desertteller. . . . Im Grund' aͤrgert mich diese Maliz niemals; aber der Doktor Fenk und der Leser haben offenbar die boshafteste Geschicklichkeit, Herzens-Sachen falsch zu stellen und zu sehen — Wahrhaftig es war bisher lauter Scherz, meine vorgegebene Liebe; und wenn sie keiner war: so muͤste sie einer werden, weil ich einen so schoͤnen und so verdienstvollen Nebenbuh¬ ler als ich wie es scheint an Gustav bekommen soll, nicht einmal uͤberfluͤgeln und verdunkeln moͤchte, wenn ich auch koͤnnte oder duͤrfte, wie doch hof¬ fentlich nicht ist. . . . Ende des ersten Theils. Druckfehler. Erster Theil. Seite Zeile. III 8 lies meinen statt einen XI 7 von unten l. Arcuccio st. Arueoio 10 14 l. einander ein st. einander; ein 22 7 von unten l. nachkuͤßte st. noch kuͤßte 31 6 l. nicht gern st. gern 40 6 von unten l. Korton st. Karton 48 6 von unten l. wieder st. nieder 80 5 von unten. l. Jahre der st. Jahre. De r 87 4 von unten l. Figurant st. figurant 89 letzte Zeile l. fließet st. schießet 91 10 von unten l. errathen st. erroͤthen 98 9 l . Nonen st. Nonnen 101 3 von unten l. fromm st. Frau 112 15 l. isolierter st. insolirter 129 9 l. anguina st. angina 145 8 l. keine st. keinen 163 10 l. borgte st. berate 196 8 l. Ruͤmpfe st. Suͤmpfe — 17 l. Granit st. Grammt 197 6 l. keiner st. einer 208 7 von unten l. Veimer st. Reimer 218 4 l. nicht deswegen st. nicht. Deswegen, 219 9 l. mir st. nur 224 5 von unten l. Rappeemuͤhle st. Kapper¬ muͤhle 252 6 l. Facetten st. Jacetten 261 4 l. Kollegien st. Kollegen 281 11 l. Genius st. Genuß 296 4 von unten l. Gott st. Art 317 11 l. seiner st. keiner 342 6 von unten l. mir aber, es st. mir, aber es 370 6 von unten l. der Ehre st. Ehre der 374 12 l. und st. um 383 12 l. sichtbaren st. unsichtbaren D ie Ruinen und Truͤmmer vom genialischen Geiste und Karakter des einen jener hingeschied¬ nen Menschen, (Hermann) werd' ich naͤchstens dem Publikum uͤbergeben.