Ueber die bildende Nachahmung des Schönen. von Karl Philipp Moritz. Braunschweig 1788 . In der Schul-Buch h andlung . W enn der griechische Schauspieler, in der Komö¬ die des Aristophanes dem Sokrates auf dem Schauplatze, und der Weise ihm im Leben nachahmt: so ist das Nachahmen von beiden so sehr verschieden, dass es nicht wohl mehr unter einer und eben derselben Be¬ nennung begriffen werden kann: wir sagen daher der Schauspieler parodierte den Sokrates, und der Weise ahmt ihm nach. Dem Schauspieler war es freilich nicht darum zu thun, dem Sokrates im Ernst nachzuahmen, sondern vielmehr nur, das Eigenthümliche desselben, oder seine Individualität in Gang, Miene, Stellung und Gebehrden, auf eine gewisse übertriebne Art, wo¬ durch sie bei dem Zuschauer lächerlich werden sollte, nachzubilden. Weil diess nun der Schauspieler mit Bewusstseyn, und gleichsam im Scherz that, so sagen wir: er parodierte den Sokrates. Wäre A 2 Wäre aber der Schauspieler, den wir hier vor uns sehen, nicht Schauspieler, sondern irgend einer aus dem Volke, der dem Sokrates, welchem er sich in¬ nerlich schon ähnlich dünckte, nun auch im Aeusfern, in Gang, Stellung und Gebehrden, im Ernst nach¬ zuahmen suchte; so würden wir von diesem Thoren sagen: er äfft dem Sokrates nach; oder, er verhält sich zum Sokrates ohngefähr so, wie der Affe, in sei¬ nen possierlichen Stellungen und Gebehrden, sich zum Menschen verhält. Der Schauspieler also schliesst den Weisen aus, und parodiert nur den Sokrates; denn die Weisheit lässt sich nicht parodieren: der Weise schliesst in sei¬ ner Nachahmung den Sokrates aus, und ahmt in ihm nur den Weisen nach; denn die Individualität des So¬ krates kann wohl parodiert und nachgeäfft, aber nie nachgeahmt werden. Der Thor hat keinen Sinn für die Weisheit und hat doch Nachahmungstrieb: er er¬ greift also, was ihm am nächsten liegt; äfft nach, um nicht nachahmen zu dürfen; trägt die ganze Oberflä¬ che einer fremden Individualität auf die seinige über, und die Basis oder das Selbstgefühl dazu legt ihm seine Thorheit unter. Wir sehen also aus dem Sprachgebrauch, dass Nach¬ ahmen, im edlern moralischen Sinn, mit den Begrif¬ fen von nachstreben und wetteifern fast gleichbedeu¬ tend wird; weil die Tugend, welche ich z. B. in ei¬ nem gewissen Vorbilde nachahme, etwas Allgemein¬ nes, über die Individualität Erhabnes ist, das von jeder¬ mann, mann, der darnach strebt, und also auch von mir so¬ wohl, als von meinem Vorbilde, mit dem ich zu wetteifern suche, erreicht werden kann. Weil ich aber diesem Vorbilde doch einmal nachstehe, und ein gewisser Grad von edler Gesinnung und Handlungs¬ weise mir ohne dasselbe vielleicht nicht so bald, oder gar nie denkbar geworden wäre: so nenne ich mein Streben nach einem gemeinschaftlichen Gute, dass auch von meinem Vorbilde erst musste errungen werden, eine Nachahmung dieses Vorbildes. Ich ahme meinem Vorbilde nach; ich strebe ihm nach; ich suche mit ihm zu wetteifern. — Durch mein Vorbild ist mir bloss das Ziel höher, als von mir selbst, hinaufgesteckt. Nach diesem Ziele muss ich nun, nach meinen Kräften, auf meine Weise, streben; zu¬ letzt mein Vorbild selbst vergessen, und suchen, wenn es möglich wäre, das Ziel noch weiter hinaus zu stecken. Durch diese Gesinnung muss das Nachahmen im edlern moralischen Sinn erst seinen eigentlichen Werth erhalten. — Und es frägt sich nun: wie von diesem Nachahmen im moralischen Sinn, das Nachahmen in den schönen Künsten, oder von der Nachahmung des Guten und Edlen, die Nachahmung des Schönen un¬ terschieden sey? — Diese Frage muss sich alsdann von selbst beantwor¬ ten, wenn wir die Begriffe von Schön und Gut, wie¬ derum nach dem Sprachgebrauch, gehörig unterschei¬ den: denn dass dieser sie oft verwechselt, darf uns A 3 hier hier nicht kümmern, wo es beym Nachdenken über die Sache bloss aufs Unterscheiden ankömmt; und nothwendig, so wie auf dem Globus, gewisse feste Grenzlinien, die in der Natur selbst nicht Statt finden, gezogen werden müssen, wenn die Begriffe sich nicht wiederum eben so, wie ihre Gegenstände, unmerklich in einander verlieren und verschwimmen sollen: ein getreuerer Abdruck der Natur können sie in diesem letztern Falle seyn, aber das eigentliche Denken, wel¬ ches nun einmal im Unterscheiden besteht, hört auf. Nun schliesst sich aber im Sprachgebrauch das Gute und Nützliche, so wie das Edle und Schöne, natürlich aneinander; und diese vier verschiednen Aus¬ drücke bezeichnen eine so feine Abstufung der Begriffe, und bilden ein so zartes Ideenspiel, dass es dem Nach¬ denken schwer werden muss, das immer ineinander sich unmerklich wieder Verlierende gehörig auseinan¬ der zu halten, und es einzeln und abgesondert zu be¬ trachten. So viel fällt demohngeachtet deutlich in die Augen, dass das bloss Nützliche dem Schönen und Edlen, mehr als das Gute, entgegenstehe; weil durch das Gute vom bloss Nützlichen zum Schönen und Ed¬ len schon der Uebergang gemacht wird. Wir denken uns z. B. unter einem nützlichen Men¬ schen einen solchen, der nicht sowohl an und für sich selbst, als vielmehr nur in Beziehung auf irgend einen Zusammenhang von Dingen ausser ihm, unsre Auf¬ merksamkeit verdienet: der gute Mensch hingegen fängt schon an und für sich selbft betrachtet, an, un¬ fre sre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und unsre Liebe zu gewinnen; in so fern wir uns nehmlich denken, dass er, seinem innern Fond von Güte nach, uns nie durch Eigennutz und Selbstsucht schaden, in den Zu¬ sammenhang von Dingen, worinn wir uns befinden, nicht leicht disharmonisch eingreifen, kurz, unsern Frieden nicht stören wird. — Der edle Mensch aber, zieht, für sich ganz allein, unsre ganze Aufmerk¬ samkeit und Bewundrung auf sich; ohne alle Rücksicht auf irgend etwas ausser ihm, oder auf irgend einen Vortheil, der uns für unsre eigne Person aus seinem Daseyn erwachsen könnte. Und weil nun der edle Mensch, um edel zu seyn, der körperlichen Schönheit nicht bedarf, so scheiden sich hier wiederum die Begriffe von Schön und Edel, indem durch das letztre die innre Seelenschönheit, im Gegensatz gegen die Schönheit auf der Oberfläche, be¬ zeichnet wird. In so fern nun aber die äussre Schön¬ heit zugleich mit ein Abdruck der innern Seelenschön¬ heit ist, fasst sie auch das Edle in sich, und sollte es, ihrer Natur nach, eigentlich stets in sich fassen. Hie¬ durch hebt sich aber demohngeachtet der Unterschied zwischen schön und edel nicht wieder auf. Denn un¬ ter einer edlen Stellung denken wir uns z. B. eine solche, die zugleich eine gewisse innere Seelenwürde bezeichnet: irgend eine leidenschaftliche Stellung aber kann demohngeachtet immer noch eine schöne Stellung seyn, wenn gleich nicht eine solche innere Seelenwür¬ de A 4 de ausdrücklich dadurch bezeichnet wird; nur darf sie einem gewissen Grade von innerer Würde nie geradezu widersprechen; sie darf nie unedel seyn. Hieraus erklärt sich nun zugleich beiläufig der Be¬ griff vom edlen Stil in Kunstwerken jeder Art, wel¬ cher kein andrer ist, als derjenige, der zugleich mit eine innre Seelenwürde des hervorbringenden Genies bezeichnet. Ob nun gleich dieser edle Stil die andern untergeordneten Arten des Schönen nicht vom Gebiet des Schönen ausschliesst, so schneidet er doch alles, was ihm geradezu entgegensteht, davon ab; er schliesst das Unedle aus. In so fern nun unter dem Edlen, im Gegensatz gegen das äussre Schöne, bloss die innre Seelenschön¬ heit verstanden wird, können wir es auch, so wie das Gute, in uns selbst nachbilden. — Das Schöne aber, in so fern es sich dadurch vom Edlen unterscheidet, dass, im Gegensatz gegen das Innre, bloss das äussre Schöne darunter verstanden wird, kann durch die Nach¬ ahmung nicht in uns herein, muss, wenn es von uns nachgeahmt werden soll, nothwendig wieder aus uns herausgebildet werden. Der bildende Künstler kann z. B. die innre See¬ lenschönheit eines Mannes, den er sich in seinem Wan¬ del zum Vorbilde nimmt, ihm nachahmend in sich übertragen. Wenn aber eben dieser Künstler sich ge¬ drungen fühlte, die innre Seelenschönheit seines Vor¬ bildes, in so fern sie sich in dessen Gesichtszügen ab¬ drückt, nachzuahmen: so müsste er seinen Begriff da¬ von von nothwendig aus sich herauszubilden und ausser sich darzustellen suchen; indem er nehmlich diese Ge¬ sichtszüge nicht geradezu nachbildete, sondern sie gleichsam nur zu Hülfe nähme, um die in sich em¬ pfundne Seelenschönheit eines fremden Wesens auch ausser sich wieder darzustellen. Die eigentliche Nachahmung des Schönen unter¬ scheidet sich also zuerst von der moralischen Nachah¬ mung des Guten und Edlen dadurch, dass sie, ihrer Natur nach, streben muss, nicht, wie diese, in sich hinein, sondern aus sich heraus zu bilden. Wenden wir nun die Begriffe von Gut, Schön und Edel wiederum auf den Begriff von Handlung an; so denken wir uns unter einer guten Handlung eine solche, die nicht allein um ihrer Folgen, sondern zu¬ gleich um ihrer Beweggründe willen, unsre Aufmerk¬ samkeit erregen, und unsern Beifall verdienen kann: bei der Schätzung einer edlen Handlung vegessen wir ganz die Folge, und sie scheinet uns allein schon um ihrer Beweggründe, das ist, um ihrer selbst willen, unsrer Bewundrung werth. Betrachten wir nun eine solche Handlung nach ihrer Oberfläche, von der sie einen sanften Schein in unsre Seele wirft, oder nach der angenehmen Empfindung, die ihre blosse Betrach¬ tung in uns erweckt; so nennen wir sie eine schöne Handlung: wollen wir aber ihren innern Werth aus¬ drücken, so nennen wir sie edel. Jede schöne Hand¬ lung aber muss nothwendig auch edel seyn: das Edle ist bei ihr die Basis oder der Fond des Schönen, durch A 5 wel¬ welches sie in unser Auge leuchtet. Durch den Mittel¬ begriff des Edeln also wird der Begriff des Schönen wieder zum Moralischen hinübergezogen und gleichsam daran festgekettet. Wenigstens werden dem Schönen dadurch die Grenzen vorgeschrieben, die es nicht über¬ schreiten darf. Da wir nun einmal genöthigt sind, uns den Be¬ griff von der Nachahmung des eigentlichen Schönen, den wir nicht haben, aus dem Begriff von der mora¬ lischen Nachahmung des Guten und Edlen, den wir haben, zu entwickeln; und, da wir uns die eigent¬ liche Nachahmung des Schönen, ausser dem Genuss der Werke selbst, die dadurch entstanden sind, gar nicht anders denken können, als in so fern sie sich von der bloss moralischen Nachahmung des Guten und Edlen unterscheidet: so müssen wir nun schon die Be¬ griffe von nützlich, gut, schön, und edel, noch wei¬ ter in ihre feinern Abstufungen zu verfolgen suchen. Dadurch also, dass z. B. die That des Mutius Scae¬ vola erwünschte Folgen hatte, wurde sie nicht im ge¬ ringsten edler, als sie war; und würde auch, ohne den Erfolg, von ihrem innern Werth nichts verlohren haben: sie brauchte nicht nützlich zu seyn, um edel zu seyn; bedurfte des Erfolges nicht, eben weil sie ihren innern Werth in sich selber hatte: und wodurch anders hatte sie diesen Werth, als durch sich selbst, durch ihr Daseyn? Das Edle und Grosse der Handlung lag ja eben darinn, dass der junge Held, auf jeden Erfolg gefasst. das das alleräusserste wagte, und, da es ihm misslang, ohne Bedenken seine Hand in die lodernde Flamme streckte, ohne noch zu wissen, was sein Feind, in des¬ sen Gewalt er war, über ihn verhängen würde. — So kann nur der handeln, welcher eine grosse That, deren Erfolg so äusserst ungewiss ist, um dieser That selbst willen unternimmt, wovon allein schon das grosse Bewusstseyn ihn für jeden misslungnen Versuch schadlos hält. Wäre Mutius, unter andern Umständen, bloss das Werkzeug eines Andern, dem er aus Pflicht gehorchte, zu einer ähnlichen That gewesen, und hätte sie, mir Beistimmung seines Herzens, vortreflich, und so wie er sollte, ausgeführt: so hätte er zwar noch nicht edel, aber gut gehandelt: denn obgleich seine Hand¬ lung auch schon vielen Werth in sich selber hat, so wird doch immer ihre Güte zugleich mit durch den Er¬ folg bestimmt. Hätte aber eben dieser Mutius den Angriff auf den Feind seines Vaterlandes, meuchelmörderischer Weise, aus Privatrache und persönlichem Hass gethan, und sie wäre ihm nicht misslungen: so hätte sie seinem Vater¬ lande, ohne gut und edel zu seyn, dennoch genützt, und hätte, ohne den mindesten innern Werth zu ha¬ ben, dennoch durch den Erfolg, eine Art von äus¬ srem Werth erhalten. Wie nun das Gute zum Edlen, eben so muss das Schlechte zum Unedlen sich verhalten: das Unedle ist der Anfang des Schlechten, so wie das Gute der An¬ fang fang des Schönen und Edlen ist; und so wie eine bloss gute, noch keine edle, so ist eine bloss unedle des¬ wegen noch keine schlechte Handlung. Und wie das Nützliche zum Guten, eben so verhält wiederum das Unnütze sich zum Schlechten; das Schlechte ist gleich¬ sam der Anfang des Unnützen, so wie das Nützliche schon der Anfang des Guten ist. Wie das bloss Nütz¬ liche deswegen noch nicht gut ist, so ist auch das bloss Schlechte deswegen noch nicht unnütz. Nun steigen die Begriffe von unedel, schlecht, und unnütz, eben so herab, wie die Begriffe von nützlich, gut, und schön heraufsteigen. Von den heraufstei¬ genden Begriffen steht das Edle und Schöne auf der niedrigsten Stufe. Von allen diesen Begriffen nun, stehen der vom Schönen, und der vom Unnützen am weitesten voneinander ab, und scheinen sich am stärk¬ sten entgegengesetzt zu seyn; da wir doch vorher ge¬ sehen haben, dass das Schöne und Edle sich eben dadurch vom Guten unterscheidet, dass es nicht nütz¬ lich seyn darf, um schön zu seyn, und also der Be¬ griff vom Schönen mit dem Begriff vom Unnützen oder nicht Nützlichen sehr wohl müsste zusammen bestehen können. Hier zeigt es sich nun, wie ein Zirkel von Be¬ griffen zuletzt sich wieder in sich selbst verliert, in¬ dem seine beiden äussersten Enden gerade da wie¬ der zusammenstossen, wo, wenn sie nicht zusammen¬ stiessen, von einem zum andern der weiteste Weg seyn würde. Der Der Begriff vom Unnützen nehmlich, in so fern es gar keinen Zweck, keine Absicht ausser sich hat, war¬ um es da ist, schliesst sich am willigsten und nächsten an den Begriff des Schönen an, in so fern dasselbe auch keines Endzwecks, keiner Absicht, warum es da ist, ausser sich bedarf, sondern seinen ganzen Werth, und den Endzweck seines Daseyns in sich selber hat. In so fern aber nun das Unnütze nicht zugleich auch schön ist, fällt es auf einmal wieder am aller¬ weitesten vom Begriff des Schönen bis unter das Schlechte hinab, weil es nun weder in sich noch ausser sich, eine Absicht hat, warum es da ist, und sich also gleichsam selbst aufhebt. Ist aber das Unnütze, oder dasjenige, was ausser sich keinen Endzweck seines Daseyns hat, zugleich auch schön, so steigt es plötzlich auf die höchste Stufe der Begriffe bis über das Nütz¬ liche und Gute empor, indem es eben deswegen kei¬ nes Endzwecks ausser sich bedarf, weil es in sich so vollkommen ist, dass es den ganzen Endzweck seines Daseyns in sich selbst hat. Die drei aufsteigenden Begriffe von nützlich, gut und schön, und die drei absteigenden von unedel, schlecht und unnütz, bilden also aus dem Grunde ei¬ nen Zirkel, weil die beiden äussersten Begriffe vom Unnützen und vom Schönen sich gerade am wenigsten einander ausschliessen; und der Begriff des Unnützen von dem einen, für den Begriff des Schönen vor dem an¬ andern Ende, gleichsam die Fuge wird, in die es sich am leichtesten hineinstehlen, und unmerklich sich darin verlieren kann. Steigen wir nun die Leiter der Begriffe herab, so verträgt sich schön und edel zwar mit unnütz, aber nicht mit schlecht und unedel; gut verträgt sich mit unedel, aber nicht mit schlecht und unnütz; nützlich mit schlecht und unedel, aber nicht mit unnütz; unedel mit gut und nützlich, aber nicht mit schön; schlecht mit nützlich, aber nicht mit schön und gut; unnütz mit schön, aber nicht mit gut und nützlich. — Die Begriffe müssen sich immer gerade da wieder entgegen kommen, wo sie am weitesten von einander abzuwei¬ chen, und sich zu verlassen scheinen. Allein wir dürfen itzt diess Ideenspiel nur so weit verfolgen, als es unserm Zweck uns näher führt, Unsre Vorstellung von der Nachahmung des Schönen, durch den Begriff des Schönen aufzuhellen. Nun kann aber nur die Vorstellung von dem, was das Schöne nicht zu seyn braucht, um schön zu seyn, und was als überflüssig davon betrachtet werden muss, uns auf einen nicht unrichtigen Begriff des Schönen führen, in¬ dem wir uns alles, was nicht dazu gehört, um das¬ selbe her hinweg, und also wenigstens den wahren Umriss des leeren Raumes denken, wohinein das von uns Gesuchte, wenn es positiv von uns gedacht wer¬ den könnte, nothwendig passen müsste. Da nun aus der vorhergegangenen Nebeneinander¬ stellung klar ist, dass die Begriffe von schön und un¬ nütz nütz nicht nur einander nicht ausschliessen, sondern sogar sich willig ineinander fügen: so muss das Nütz¬ liche offenbar an dem Schönen als überflüssig, und wenn es sich daran befindet, doch als zufällig, und als nicht dazu gehörig betrachtet werden, weil die wahre Schönheit, eben so wie das Edle in der Handlung, durch das Nützliche dabei weder vermehrt, noch durch den Mangel desselben auf irgend eine Weise vermin¬ dert werden kann. Wir können also das Schöne im Allgemeinen auf keine andre Weise erkennen, als in so fern wir es dem Nützlichen entgegenstellen, und es davon so scharf wie möglich unterscheiden. Eine Sache wird nehm¬ lich dadurch noch nicht schön, dass sie nicht nützlich ist, sondern dadurch, dass sie nicht nützlich zu seyn braucht. Um nun aber die Frage zu beantworten, wie denn eine Sache beschaffen seyn müsse, damit sie nicht nützlich zu seyn brauche, müssen wir wieder¬ um erst den Begriff des Nützlichen noch mehr zu ent¬ wickeln suchen. Unter Nutzen denken wir nns nehmlich die Be¬ ziehung eines Dinges, als Theil betrachtet, auf einen Zusammenhang von Dingen, den wir uns als ein Gan¬ zes denken. Diese Beziehung muss nehmlich von der Art seyn, dass der Zusammenhang des Ganzen bestän¬ dig dadurch gewinnt und erhalten wird: je mehrere solcher Beziehungen nun eine Sache auf den Zusam¬ menhang, worinn sie sich befindet, hat, um desto nütz¬ licher ist dieselbe. Jeder Jeder Theil eines Ganzen muss auf die Weise mehr oder weniger Beziehung auf das Ganze selbst haben: das Ganze, als Ganzes betrachtet, hingegen, braucht weiter keine Beziehung auf irgend etwas ausser sich zu haben. So muss jeder Bürger eines Staats eine ge¬ wisse Beziehung auf den Staat haben, oder dem Staate nützlich seyn; der Staat selbst aber braucht in so fern er in sich allein ein Ganzes bildet, weiter keine Be¬ ziehung auf irgend etwas ausser sich zu haben, und braucht also auch nicht weiter nützlich zu seyn. Hieraus sehen wir also, dass eine Sache, um nicht nützlich seyn zu dürfen, nothwendig ein für sich be¬ stehendes Ganze seyn müsse, und dass also mit dem Be¬ griff des Schönen der Begriff von einem für sich beste¬ henden Ganzen unzertrennlich verknüpft ist. — Dass aber diess demohngeachtet noch nicht zum Begriff des Schönen hinreicht, sehen wir daraus, weil wir z. B. mit dem Begriff vom Staat, ob derselbe gleich ein für sich bestehendes Ganze ist, dennoch den Begriff der Schönheit nicht wohl verknüpfen können, in¬ dem derselbe in seinem ganzen Umfange, weder in unsern äussern Sinn fällt, noch von der Einbildungs¬ kraft umfasst, sondern bloss von unserm Verstande ge¬ dacht werden kann. Aus eben dem Grunde können wir auch mit dem ganzen Zusammenhange der Dinge den Begriff von Schönheit nicht eigentlich verknüpfen, eben weil dieser Zusammenhang, in seinem ganzen Umfange, weder in unsre Sinnen fällt, noch von unsrer Einbildungs¬ kraft kraft umfasst werden kann, gesetzt dass er auch von unserm Verstande gedacht werden könnte. Zu dem Begriff des Schönen, welches uns daraus entsprungen ist, dass es nicht nützlich zu seyn braucht, gehört also noch, dass es nicht nur oder nicht sowohl, ein für sich bestehendes Ganze wirklich sey, als viel¬ mehr nur wie ein für sich bestehendes Ganze, in unsre Sinne fallen, oder von unsrer Einbildungs¬ kraft umfasst werden könne. Und so wie nun das Nützliche seine Grade hat, eben so muss sie auch das Schöne haben: je mehr Zu¬ sammenhang beförndernde Beziehungen nämlich eine nützliche Sache auf den Zusammenhang, worinn sie sich befindet, hat, um desto nützlicher ist sie; und je mehrere solcher Beziehungen eine schöne Sache von ihren einzelnen Theilen zu ihrem Zusammenhange, das ist, zu sich selber, hat, um desto schöner ist sie. So wie nun das Schöne, unbeschadet seiner Schön¬ heit auch nützen kann, ob es gleich nicht um zu nützen da ist; so kann das Nützliche auch, unbescha¬ det seines Nutzens, in einem gewissen Grade schön seyn, ob es gleich nur um zu nutzen da ist. Allein es darf die Linie um kein Haarbreit über¬ schreiten; so bald der Zweck des Nützlichen, wozu es da ist, unter der angemassten Schönheit leidet, bleibt es weder schön noch nützlich mehr, sinkt unter sich selbst herab, und hebt sich selber auf. Wenn das Schöne sich an dem Nützlichen be¬ findet, muss es sich auch dem Nützlichen unterordnen B — es — es ist nicht um sein selbst willen da — es dient das Nützliche aufzuschmücken — steigt also selbst zum Nützlichen herab, und fliesst mit ihm zusammen — Es giebt seine Ansprüche mit seinem Nahmen auf; tritt in gemessene Schranken; wird zur bescheidnen Zierde, zur simplen Eleganz. Aus der höchsten Mischung des Schönen mit dem Edlen, da wo das äussere Schöne ganz in Ausdruck innrer Würde und Hohheit übergeht, erwächst der Begriff des Majestätischen — Denken wir uns das Majestätische belebt, so muss es die Welt beherrschen, der Dinge Zusammenhang in sich fassen; der Erdkreis muss vor ihm sich beugen. Wenn wir das Edle in Handlung und Gesinnung; mit dem Unedlen messen, so nennen wir das Edle gross, das Unedle klein. — Und messen wir wie¬ der das Grosse, Edle und Schöne nach der Höhe, in der es über uns, unsrer Fassungskraft kaum noch erreich¬ bar ist, so geht der Begriff des Schönen in den Begriff des Erhabnen über. In so fern aber nun in einem schönen Werke die mannichfaltigen Beziehungen der einzelnen Theile zum Ganzen, nicht nur oder nicht sowohl von un¬ serm Verstande gedacht werden, als vielmehr nur in unsern äussren Sinn fallen, oder von unsrer Einbil¬ dungskraft umfasst Werden müssen, in so fern schrei¬ ben unsre Empfindungswerkzeuge dem Schönen wie¬ der sein Maass vor. Sonst Sonst würde freilich der Zusammenhang der gan¬ zen Natur, welcher zu sich selber, als zu dem gröss¬ ten uns denkbaren Ganzen, die meisten Beziehungen in sich fasst, auch für uns das höchste Schöne seyn, wenn derselbe nur einen Augenblick von unsrer Ein¬ bildungskraft umfasst werden könnte. Denn dieser grosse Zusammenhang der Dinge ist doch eigentlich das einzige, wahre Ganze; jedes ein¬ zelne Ganze in ihm, ist, wegen der unauflösslichen Verkettung der Dinge, nur eingebildet — aber auch selbst dies Eingebildete muss sich dennoch, als Gan¬ zes betrachtet, jenem grossen Ganzen in unsrer Vor¬ stellung ähnlich, und nach eben den ewigen, festen Regeln bilden, nach welchen dieses sich von allen Sei¬ ten auf seinen Mittelpunkt stützt, und auf seinem eig¬ nen Daseyn ruht. Jedes schöne Ganze aus der Hand des bildenden Künstlers, ist daher im Kleinen ein Abdruck des höch¬ sten Schönen im grossen Ganzen der Natur; welche das noch mittelbar durch die bildendende Hand des Künstlers nacherschafft, was unmittelbar nicht in ih¬ ren grossen Plan gehörte. Wem also von der Natur selbst, der Sinn für ihre Schöpfungskraft in sein ganzes Wesen, und das Maass des Schönen in Aug' und Seele gedrückt ward, der begnügt sich nicht, sie anzuschauen; er muss ihr nachahmen, ihr nachstreben, in ihrer geheimen Werk¬ statt sie belauschen, und mit der lodernden Flamm' im Busen bilden und schaffen, so wie sie: — In¬ B 2 Indem seine glühende Spähungskraft in das Innre der Wesen dringt, bis auf den Quell der Schönheit selbst, die feinsten Fugen löset; und auf der Oberfläche sie schöner wieder fügend, ihre edle Spur in weichen Ton eindrückt, in harten Stein sie bildet; oder auf flachem Grunde, mit trennender Spitze die Gestalt aus ihren Umgebungen sondert; durch kühnen Farbenan¬ strich die Masse selbst nachahmt; und durch Mischung von Licht und Schatten die Fläche dem Auge entge¬ gen rückt. Die Realität muss unter der Hand des bildenden Künstlers zur Erscheinung werden; indem seine durch den Stoff gehemmte Bildungskraft von innen, und seine bildende Hand von aussen, auf der Oberfläche der leblosen Masse zusammentreffen, und auf diese Ober¬ fläche nun alles das hinübertragen, was sonst gröss¬ tentheils vor unsern Augen sich in die Hülle der Exi¬ stenz verbirgt, die durch sich selbst schon jede Er¬ scheinung aufwiegt. Von dem reellen und vollendeten Schönen also, was unmittelbar sich selten entwickeln kann, schuf die Na¬ tur doch mittelbar den Wiederschein durch Wesen in denen sich ihr Bild so lebhaft abdrückte, dass es sich ihr selber in ihre eigene Schöpfung wieder entgegen¬ warf. — Und so brachte sie, durch diesen verdop¬ pelten Wiederschein sich in sich selber spiegelnd, über ihrer Realität schwebend und gauckelnd, ein Blend¬ werk hervor, das für ein sterbliches Auge noch rei¬ zender, als sie selber ist. Und Und obgleich auch der Mensch an seinem Platze in der Reihe der Dinge so beschränkt wie möglich ist, damit über ihm und unter ihm sich noch so viele ver¬ schiedne Arten des Daseyns, wie nur möglich sind, drängen mögen; so gab ihm dennoch die Natur, da¬ mit er in seiner Art so vollkommen wie möglich sey, ausser dem Genuss noch Bildungskraft; liess ihn mit sich selbst wetteifern, und sich von ihm, damit keine Kraft in ihm unentwickelt bliebe, sogar dem Scheine nach, übertreffen. Der Sinn aber für das höchste Schöne in dem har¬ monischen Bau des Ganzen, das die vorstellende Kraft des Menschen nicht umfasst, liegt unmittelbar in der Thatkraft selbst, die nicht ehr ruhen kann, bis sie das, was in ihr schlummert, wenigstens irgend einer der vorstellenden Kräfte genähert hat. — Sie greift daher in der Dinge Zusammenhang, und was sie fasst, will sie der Natur selbst ähnlich, zu einem eigenmäch¬ tig für sich bestehenden Ganzen bilden. — Die Rea¬ lität der Dinge, deren Wesen und Wirklichkeit eben in ihrer Einzelnheit besteht, wiederstrebt ihr lange, bis sie das innre Wesen, in die Erscheinung aufgelöst, sich zu eigen macht, und eine eigne Welt sich schafft, worin gar nichts Einzelnes mehr statt findet, sondern jedes Ding in seiner Art ein für sich bestehendes Gan¬ ze ist. Die Natur konnte aber den Sinn für das höchste Schöne nur in die Thatkraft pflanzen, und durch die¬ selbe erst mittelbar einen Abdruck dieses höchsten Shö¬ nen B 3 nen der Einbildungskraft fassbar, dem Auge sichtbar, dem Ohre hörbar, machen; weil der Horizont der Thatkraft mehr umfasst, als der äussre Sinn, und Ein¬ bildungs- und Denkkraft fassen kann. In der Thatkraft liegen nämlich stets die Anlässe und Anfänge zu so vielen Begriffen, als die Denkkraft nicht auf einmal einander unterordnen; die Einbil¬ dungskraft nicht auf einmal neben einander stellen, und der äussre Sinn noch weniger auf einmal in der Wirklichkeit ausser sich fassen kann. Die Denkkraft muss sich, um dem, was die thätige Kraft in dunkler Ahndung auf einmal fasst, nachzu¬ kommen, so oft wiederholen, bis sie den ganzen Fonds von Anfängen und Anlässen zu Begriffen, der in der Thatkraft ihr unterliegt, erschöpft hat, und alsdann den Kreislauf von neuem beginnen kann. — Die Ein¬ bildungskraft muss noch weit öfter sich wiederholen, weil sie nicht in einander- sondern nebeneinanderstel¬ lend, jedesmal um so weniger fassen kann. — Der äussre Sinn ist ein immerwährendes Wiederholen sei¬ ner selbst, weil er jedesmal nur so viel fasst, als in dem Horizonte, der undurchdringlich ihn umschliesst, wirklich neben einander steht. — So wenig fasst der äussre Sinn, dass, um dem reichen Fonds von Anläs¬ sen zu Begriffen, die in der Thatkraft schlummern, nachzukommen, und alle zum Anschaun und zur Wirk¬ lichkeit zu bringen, kein Leben hinreicht, und so lange wir athmen, das Auge sich nimmer satt sieht, das Ohr sich nimmer satt hört. Je Je lebhafter spiegelnd nun das Organ von der dun¬ kelahndenden Thatkraft, durch die unterscheiden¬ de Denkkraft, bis zu dem hellsehenden Auge, und deutlich vernehmenden Ohre, wird; um desto vollständiger und lebendiger werden zwar die Begriffe, aber um destomehr verdrängen sie sich auch, und schliessen einander aus. — Wo sie sich also am wenigsten einander ausschliessen, und ihrer am mei¬ sten neben einander bestehen können, das kann nur da seyn, wo sie am unvollständigsten sind, wo bloss ihre Anfänge oder ersten Anlässe zusammentreffen, die eben durch ihr Mangelhaftes und Unvollständiges, in sich selber den immerwährenden, unwiderstehli¬ chen Reiz bilden, der sie zur vollständigen Wirklich¬ keit bringt. Der Horizont der thätigen Kraft aber muss bei dem bildenden Genie so weit, wie die Natur selber, seyn: das heisst, die Organisation muss so fein ge¬ webt seyn, und so unendlich viele Berührungs¬ punkte der allumströmenden Natur darbieten, dass gleichsam die äussersten Enden von allen Verhältnis¬ sen der Natur im Grossen, hier im Kleinen sich ne¬ beneinander stellend, Raum genug haben, um sich einander nicht verdrängen zu dürfen. Wenn nun eine Organisation von diesem feinern Gewebe, bei ihrer völligen Entwicklung, auf einmal in der dunklen Ahndung ihrer thätigen Kraft, ein Ganzes fasst, das weder in ihr Auge noch in ihr Ohr, weder in ihre Einbildungskraft noch in ihre Gedanken kam; B 4 kam; so muss nothwendig eine Unruhe, ein Missver¬ hältniss zwischen den sich wägenden Kräften so lange entstehen, bis sie wieder in ihr Gleichgewicht kommen. Bei einer Seele, deren bloss thätige Kraft schon das edle, grosse Ganze der Natur in dunkler Ahn¬ dung fasst, kann die deutlich erkennende Denkkraft, die noch lebhafter darstellende Einbildungskraft, und der am hellsten spiegelnde äussre Sinn, mit der Be¬ trachtung des Einzelnen im Zusammenhange der Na¬ tur, sich nicht mehr begnügen. Alle die in der thätigen Kraft bloss dunkel geahn¬ deten Verhältnisse jenes grossen Ganzen, müssen nothwendig auf irgend eine Weise entweder sichtbar, hörbar, oder doch der Einbildungskraft fassbar wer¬ den: und um diess zu werden, muss die Thatkraft, worinn sie schlummern, sie nach sich selber, aus sich selber bilden. — Sie muss alle jenen Verhält¬ nisse des grossen Ganzen, und in ihnen das höchste Schöne, wie an den Spitzen seiner Strahlen, in einen Brennpunkt fassen. — Aus diesem Brennpunkte muss sich, nach des Auges gemessener Weite, ein zartes und doch getreues Bild des höchsten Schönen ründen, das die vollkommensten Verhältnisse des grossen Gan¬ zen der Natur, eben so wahr und richtig, wie sie selbst, in seinen kleinen Umfang fasst. Weil nun aber dieser Abdruck des höchsten Schö¬ nen nothwendig an etwas haften muss, so wählt die bildende Kraft, durch ihre Individualität bestimmt, irgend einen sichtbaren, hörbaren, oder doch der Ein¬ bil¬ bildungskraft fassbaren Gegenstand, auf den sie den Abglanz des höchsten Schönen im verjüngenden Maasstabe überträgt. — Und weil dieser Gegen¬ stand wiederum, wenn er wirklich, was er darstellt, wäre, mit dem Zusammenhange der Natur, die aus¬ ser sich selber kein wirklich eigemächtiges Ganze dul¬ det, nicht ferner bestehen könnte: so führet uns dies auf den Punkt, wo wir schon einmal waren: dass je¬ desmal das innre Wesen erst in die Erscheinung sich verwandeln müsse, ehe es, durch die Kunst, zu ei¬ nem für sich bestehenden Ganzen gebildet werden, und ungehindert die Verhältnisse des grossen Ganzen der Natur, in ihrem völligen Umfange spiegeln kann. Da nun aber jene grossen Verhältnisse, in deren völligen Umfange eben das Schöne liegt, nicht mehr unter das Gebiet der Denkkraft fallen; so kann auch der lebendige Begriff von der bildenden Nachahmung des Schönen, nur im Gefühl der thätigen Kraft, die es hervorbringt, im ersten Augenblick der Entstehung statt finden, wo das Werk, als schon vollendet, durch alle Grade seines allmähligen Werdens, in dunkler Ahndung, auf einmal vor die Seele tritt, und in die¬ sem Moment der ersten Erzeugung gleichsam vor seinem wirklichen Daseyn, da ist; wodurch alsdann auch jener unnennbare Reiz entsteht, welcher das schaffen¬ de Genie zur immerwährenden Bildung treibt. Durch unser Nachdenken über die bildende Nach¬ ahmung des Schönen, mit dem reinen Genuss der schö¬ nen Kunstwerke selbst, vereint, kann zwar etwas je¬ B 5 nem nem lebendigen Begriff näherkommendes in uns ent¬ stehn, das den Genuss der schönen Kunstwerke uns erhöht. — Allein da unser höchster Genuss des Schö¬ nen dennoch sein werden aus unsrer eignen Kraft unmöglich mit in sich fassen kann — so bleibt der einzige höchste Genuss desselben immer dem schaffen¬ den Genie, das es hervorbringt, selber; und das Schöne hat daher seinen höchsten Zweck, in seiner Entste¬ hung, in seinem Werden schon erreicht: unser Nach¬ genuss desselben ist nur eine Folge seines Daseyns — Und das bildende Genie ist daher im grossen Plane der Natur, zuerst um sein selbst, und dann erst um un¬ sertwillen da; weil es nun einmal ausser ihm noch Wesen giebt, die selbst nicht schaffen und bilden, aber doch das Gebildete, wenn es einmal hervorgebracht ist, mit ihrer Einbildungskraft umfassen können. Die Natur des Schönen besteht ja eben darinn, dass sein innres Wesen ausser den Grenzen der Denk¬ kraft, in seiner Entstehung in seinem eignen Werden liegt. Eben darum, weil die Denkkraft beim Schö¬ nen nicht mehr fragen kann, warum es schön sey? ist es schön. — Denn es mangelt ja der Denkkraft völlig an einem Vergleichungspunkte, wornach sie das Schöne beurtheilen, und betrachten könnte. Was giebt es noch für einen Vergleichungspunkt für das ächte Schöne, als mit dem Inbegriff aller harmonischen Verhältnisse des grossen Ganzen der Natur, die keine Denkkraft umfassen kann? Alles einzelne hin und her in der Natur zerstreute Schöne, ist ja nur in so fern fern schön, als sich dieser Inbegriff aller Verhältnisse jenes grossen Ganzen mehr oder weniger darinn offen¬ bahrt. — Es kann also nie zum Vergleichungspunkte für das Schöne der bildenden Künste, eben so wenig als der wahren Nachahmung des Schönen zum Vor¬ bilde dienen; weil das höchste Schöne im Einzelnen der Natur immer noch nicht schön genug für die stolze Nachahmung der grossen und majestätischen Verhältnisse des allumfassenden Ganzen der Natur ist. — Das Schöne kann daher nicht erkannt, es muss hervorgebracht — oder empfunden werden. Denn weil in gänzlicher Ermanglung eines Ver¬ gleichungspunktes, einmal das Schöne kein Gegen¬ stand der Denkkraft ist, so würden wir, in so fern wir es nicht selbst hervorbringen können, auch seines Genusses ganz entbehren müssen, indem wir uns nie an etwas halten könnten, dem das Schöne näher kä¬ me, als das Minderschöne — wenn nicht etwas die Stelle der hervorbringenden Kraft in uns ersetzte, das ihr so nahe wie möglich kömmt, ohne doch sie selbst zu seyn: — diess ist nun, was wir Geschmack oder Empfindungsfähigkeit für das Schöne nennen, die, wenn sie in ihren Grenzen bleibt, den Mangel des hö¬ hern Genusses bei der Hervorbringung des Schönen, durch die ungestörte Ruhe der stillen Betrachtung er¬ setzen kann. Wenn nämlich das Organ nicht fein genug ge¬ webt ist, um dem einströmenden Ganzen der Natur so viele Berührungspunkte darzubieten, als nöthig sind, um um alle ihre grossen Verhältnisse vollständig im Klei¬ nen abzuspiegeln, und uns noch ein Punkt zum völli¬ gen Schluss des Zirkels fehlt; so können wir statt der Bildungskraft nur Empfindungsfähigkeit für das Schö¬ ne, haben: jeder Versuch, es ausser uns wieder dar¬ zustellen, würde uns misslingen, und uns desto un¬ zufriedner mit uns selber machen, je näher unser Em¬ pfindungsvermögen für das Schöne an das uns man¬ gelnde Bildungsvermögen grenzt. Weil nämlich das Wesen des Schönen eben in sei¬ ner Vollendung in sich selbst besteht, so schadet ihm der letzte fehlende Punkt, so viel als tausend, denn er verrückt alle übrigen Punkte aus der Stelle, in wel¬ che sie gehören. — Und ist dieser Vollendungs¬ punkt einmal verfehlt, so verlohnt ein Werk der Kunst der Mühe des Anfangs und der Zeit seines Wer¬ dens nicht; es fällt unter das schlechte bis zum Un¬ nützen herab, und sein Daseyn muss nothwendig durch die Vergessenheit, worinn es sinkt, sich wieder auf¬ heben. Eben so schadet auch dem in das feinere Gewebe der Organisation gepflanzten Bildungsvermögen, der letzte zu seiner Vollständigkeit fehlende Punkt, soviel als tausend. — Den höchsten Werth, den es als Empfindungsvermögen haben könnte, kömmt bei ihm, als Bildungskraft, eben so wenig wie der geringste, in Betrachtung. Auf dem Punkte, wo das Empfin¬ dungsvermögen seine Grenzen überschreitet, muss es noth¬ nothwendig unter sich selber sinken, sich aufheben, und vernichten. Je vollkommner das Empfindungsvermögen für eine gewisse Gattung des Schönen ist, um desto mehr ist es in Gefahr sich zu täuschen, sich selbst für Bildungs¬ kraft zu nehmen, und auf die Weise durch tausend misslungne Versuche, seinen Frieden mit sich selbst zu stören. Es blickt z. B. beim Genuss des Schönen in irgend einem Werke der Kunst zugleich durch das Werden desselben, in die bildende Kraft, die es schuf, hin¬ durch; und ahndet dunkel den höhern Grad des Ge¬ nusses eben dieses Schönen, im Gefühl der Kraft, die mächtig genug war, es aus sich selbst hervorzu¬ bringen. Um sich nun diesen höhern Grad des Genusses, welchen sie an einem Werke, das einmal schon da ist, unmöglich haben kann, auch zu verschaffen; strebt die einmal zu lebhaft gerührte Empfindung vergebens etwas Aehnliches, aus sich selbst hervorzubringen; hasst ihr eignes Werk, verwirft es, und verleidet sich zugleich den Genuss alle des Schönen, das ausser ihr schon da ist, und woran sie nun eben deswegen, weil es ohne ihr Zuthun da ist, keine Freude findet. — Ihr einziger Wunsch und Streben ist, des ihr ver¬ sagten, höhern Genusses, den sie nur dunkel ahndet, theilhaftig zu werden: in einem schönen Werke, das ihr sein Daseyn dankt, mit dem Bewusstseyn von eig¬ ner Bildungskraft, sich selbst zu spiegeln. — Al¬ Allein sie wird ihres Wunsches ewig nicht gewährt, weil Eigennutz ihn erzeugte; und das Schöne sich nur um sein selbst willen von der Hand des Künstlers greifen, und willig und folgsam von ihm sich bil¬ den lässt. Wo sich nun in den schaffenwollenden Bildungs¬ trieb, sogleich die Vorstellung vom Genuss des Schö¬ nen mischt, den es, wenn es vollendet ist, gewäh¬ ren soll; und wo diese Vorstellung der erste und stärk¬ ste Antrieb unsrer Thatkraft wird, die sich zu dem, was sie beginnt, nicht in und durch sich selbst ge¬ drungen fühlt; da ist der Bildungstrieb gewiss nicht rein: der Brennpunkt oder Vollendungspunkt des Schö¬ nen fällt in die Wirkung über das Werk hinaus; die Strahlen gehen auseinander; das Werk kann sich nicht in sich selber ründen. Dem höchsten Genuss des aus sich selbst hervorge¬ brachten Schönen sich so nah zu dünken, und doch darauf Verzicht zu thun, scheint freilich ein harter Kampf — der dennoch äusserst leicht wird; wenn wir aus diesem Bildungstriebe, den wir uns einmal zu besitzen schmeicheln, um doch sein Wesen zu ver¬ edeln, jede Spur des Eigennutzes, die wir noch fin¬ den, tilgen; und jede Vorstellung des Genusses, den uns das Schöne, das wir hervorbringen wollen, wenn es nun da seyn wird, durch das Gefühl von unsrer eignen Kraft, gewähren soll, so viel wie möglich, zu verbannen suchen: so dass, wenn wir auch mit dem dem letzten Athemzuge es erst vollenden könnten, es dennoch zu vollenden strebten. — Behält alsdann das Schöne, das wir ahnden, bloss an und für sich selbst, in seiner Hervorbringung, noch Reiz genug unsre Thatkraft zu bewegen; so dürfen wir getrost unserm Bildungstriebe folgen, weil er ächt und rein ist. — Verliert sich aber, mit der gänzlichen Hin¬ wegdenkung des Genusses und der Wirkung, auch der Reiz — so bedarf es ja keines Kampfes weiter — der Frieden in uns ist hergestellt — und das nun wieder in seine Rechte getretne Empfindungs¬ vermögen eröfnet sich, zum Lohne für sein bescheid¬ nes Zurücktreten in seine Grenzen, dem reinsten Ge¬ nuss des Schönen, der mit der Natur seines Wesens bestehen kann. Freilich kann nun der Punkt, wo Bildungs- und Empfindungskraft sich schneidet, so äusserst leicht ver¬ fehlt und überschritten werden, dass es gar nicht zu verwundern ist, wenn immer tausend falsche, ange¬ maasste Abdrücke des höchsten Schönen, gegen einen ächten, durch den falschen Bildungstrieb, in den Wer¬ ken der Kunst entstehen. Denn da die ächte Bildungskraft, sogleich bei der ersten Entstehung ihres Werks, auch schon den ersten, höhsten Genuss desselben, als ihren sichern Lohn, in sich selber trägt; und sich nur dadurch von dem fal¬ schen Bildungstriebe unterscheidet, dass sie den aller¬ ersten Moment ihres Anstosses durch sich selber, und nicht nicht durch die Ahndung des Genusses von ihrem Werke, erhält; und weil in diesem Moment der Lei¬ denschaft die Denkkraft selbst kein richtiges Urtheil fällen kann, so ist es fast unmöglich, ohne eine An¬ zahl mislungner Versuche, dieser Selbsttäuschung zu entkommen. Und selbst auch diese misslungnen Versuche sind noch nicht immer ein Beweiss von Mangel an Bildungs¬ kraft, weil diese selbst da, wo sie ächt ist, oft eine ganz falsche Richtung nimmt, indem sie vor ihre Ein¬ bildungskraft stellen will, was vor ihr Auge, oder vor ihr Auge, was vor ihr Ohr gehört. Eben weil die Natur die inwohnende Bildungs¬ kraft nicht immer zur völligen Reife und Entwicklung kommen oder sie einen falschen Weg einschlagen lässt, auf dem sie sich nie entwickeln kann; so bleibt das ächte schöne selten. Und weil sie auch aus dem angemassten Bildungs¬ triebe das Gemeine und Schlechte ungehindert entste¬ hen lässt, so unterscheidet sich eben dadurch das ächte Schöne und Edle, durch seinen seltnen Werth, vom Schlechten und Gemeinen. — In dem Empfindungsvermögen bleibt also stets die Lücke, welche nur durch das Resultat der Bildungs¬ kraft sich ausfüllt. — Bildungskraft und Empfindungs¬ fähigkeit verhalten sich zu einander, wie Mann und Weib. Denn auch die Bildungskraft ist bei der ersten Entstehung ihres Werks, im Moment des höchsten Ge¬ nusses, zugleich Empfindungsfähigkeit, und erzeugt, wie wie die Natur, den Abdruck ihres Wesens aus sich selber. Empfindungsvermögen sowohl als Bildungskraft sind also in den feinern Gewebe der Organisation ge¬ gründet, inso fern dieselbe in allen ihren Berührungs¬ punkten von den Verhältnissen des grossen Ganzen der Natur ein vollständiger oder doch fast vollständiger Abdruck ist. Empfindungskraft sowohl als Bildungskraft um¬ fassen mehr als Denkkraft, und die thätige Kraft, worinn sich beide gründen, fasst zugleich auch alles was die Denkkraft fasst, weil sie von allen Begriffen, die wir je haben können, die ersten Anlässe, stets sie aus sich herausspinnend, in sich trägt, In sofern nun diese thätige Kraft alles, was nicht unter das Gebiet der Denkkraft fällt, hervor dringend in sich fasst, heisset sie Bildungskraft: und in sofern sie das, was ausser den Grenzen der Denkkraft liegt, der Hervorbringung sich entgegen neigend in sich begreift, heisst sie Empfindungskraft. Bildungskraft kann nicht ohne Empfindung und thätige Kraft, die bloss thätige Kraft hingegen kann ohne eigentliche Empfindungs- und Bildungskraft, wo¬ von sie nur die Grundlage ist, für sich allein statt finden. In sofern nun diese bloss thätige Kraft ebenfalls in dem feinern Gewebe der Organisation sich gründet, darf das Organ nur überhaupt in alle seinen Berüh¬ rungspunkten ein Abdruck der Verhältnisse des grossen Ganzen seyn, ohne dass eben der Grad der Vollstän¬ C dig¬ digkeit erfordert würde, welche die Empfindungs- und Bildungskraft voraussetzt. Von den Verhältnissen des grossen Ganzen, das uns umgiebt, treffen nämlich immer so viele in allen Berührungspunkten unsres Organs zusammen; dass wir dies grosse Ganze dunkel in uns fühlen, ohne es doch selbst zu seyn: die in unser Wesen hineingesponnenen Verhältnisse jenes Ganzen streben, sich nach allen Sei¬ ten wieder auszudehnen: das Organ wünscht, sich nach allen Seiten bis ins Unendliche fortzusetzen. Es will das umgebende Ganze nicht nur in sich spiegeln, sondern so weit es kann, selbst dies umgebende Ganze seyn. Daher ergreift jede höhere Organisation, ihrer Natur nach, die ihr untergeordnete, und trägt sie in ihr Wesen über. Die Pflanze den unorganisierten Stoff, durch bloses Werden und Wachsen — das Thier die Pflanzen durch Werden, Wachsen und Genuss — der Mensch verwandelt nicht nur Thier und Pflanze, durch Werden Wachsen und Genuss in sein innres We¬ sen; sondern fasst zugleich alles, was seiner Organi¬ sation sich unterordnet, durch die unter allen am hell¬ sten geschliffne, spiegelnde Oberfläche seines Wesens, in den Umfang seines Daseyns auf, und stellt es, wenn sein Organ sich bildend in sich selbst vollendet, ver¬ schönert ausser sich wieder dar. Wo nicht, so muss er das, was um ihn her ist, durch Zerstöhrung in den Umfang seines wirklichen Daseyns ziehn, und verheerend um sich greifen, so weit weit er kann; da einmal die reine unschuldige Be¬ schauung seinen Durst nach ausgedehntem wirklichen Daseyn nicht ersetzen kann. Mit dem sich angeschliffnen Stahle seines einge¬ schränkten Daseyns nicht mehr froh, strebt er, ausser sich selber, ein grösseres Ganze, als er selbst, zu seyn; stellt sich, zu einem Volk, zu einem Staat sich bildend, mit Wesen seiner Art zusammen, um Wesen seines gleichen, die sich ihm unterordnend ihm nicht dienen, mit ihm nicht eins seyn wollen, zu zerstören. — Er steht auf dem höchsten Punkte seiner Wirk¬ samkeit; der Krieg, die Wuth, das Feldgeschrei, das höchste Leben, ist nah an den Grenzen seiner Zer¬ störung da. — Kommen dann endlich die strebende Kräfte wieder in ein glückliches Gleichgewicht; und macht die un¬ ruhige Wirksamkeit der stillen Beschauung Platz: so muss nothwendig in dem zum erstenmal in sich ver¬ sunknen Menschen der Sinn für die umgebende Natur erwachen, die nie zerstört, als wo sie muss, und scho¬ net, wo sie kann. — Er lernt allmälig das Einzelne im Ganzen, und in Beziehung auf das Ganze, sehen; fängt die grossen Verhältnisse dunkel an zu ahnden, nach welchen unzählige Wesen auf und ab, so wenig wie möglich sich verdrängen, und doch so nah wie mög¬ lich an einanderstossen. — Dann steigt in seinen ruhigsten Momenten die Ge¬ schichte der Vorwelt, das ganze wunderbare Gewebe des Menschenlebens in alle seinen Zweigen vor ihm C 2 auf. — auf. — In allen, was seine ruhige Einbildungskraft ihm spiegelt, sondert sich das Grosse und Edle vom Gemeinen, nach einem dunkelempfundnen Maassstabe in ihm selber ab, und strebt aus ihm heraus. — So geht die um sich greifende, zerstörende That¬ kraft, sich auf sich selber stützend, in die sanfte schaffende Bildungskraft, durch ruhiges Selbstgefühl, hinüber, und ergreift den leblosen Stoff, und haucht ihm Leben ein. Auf die Weise bildete unter jedem Himmelsstrich die Natur das Schöne, sich in den reinsten Seelen in ihren ruhigsten Momenten spiegelnd. — Sie allein führt an ihrer Hand den bildenden Künst¬ ler, den Dichter, in ihr innerstes Heiligthum, wo sie dem sich neu entwickelnden Bildungstriebe, schon seit Jahrhunderten vorgearbeitet, und seine Bahn ihm vorgezeichnet hat. Denn alles, was die Vorwelt erfunden, ist ja in den Umfang der Natur zurücktretend, mit ihr eins geworden, und soll mit ihr vereint, harmonisch auf uns wirken. — — Das Schöne der bildenden Künste steht, sobald es einmal da ist, mit auf ihrer grossen Stufenleiter, und will nicht mit ihr in ihren einzelnen Theilen verglichen, sondern in ihrem ganzen Unfange, als zu ihr gehörend, mitgedacht und empfunden seyn. Unser Naturgenuss soll durch die Betrachtung des Schönen in der Kunst, verfeinert; und unser Gefühl für das Schöne in der Kunst soll wechselseitig durch den den Genuss der schönen Natur gestärkt, und zugleich seine Grenzen ihm vorgezeichnet werden. Strömt dann das Maass der Empfindung über, und wird zur Bildungskraft, so ahmt es in jedem Einzel¬ nen der Natur nicht mehr das Einzelne, und in dem höchsten Kunstwerke, nicht das Kunstwerk, sondern die grosse Harmonie des mitempfundnen Ganzen nach, das sich in beiden abdrückt. Der einmal aufgeweckte, ächte Bildungstrieb fin¬ det nichts Einzelnes in der Natur, das ganz ihm gnügte; auch selber das höchste Kunstwerk nicht, das, als der erste Abdruck des höchsten Schönen, doch immer nur Abdruck bleibt. Das bildende Genie will, wo möglich, alle die in ihm schlummerden Verhältnisse jener grossen Harmonie, deren Umfang grösser, als seine eigne Individualität ist, selbst umfassen: das kann es nun nicht anders, als in verschiednen Momenten, schaffend, bildend, aus seiner eignen eingeschränkten Individualität gleich¬ sam heraus, in ein Werk, das ausser ihm sich dar¬ stellt, hinüberschreitend, und mit diesem Werke nun das umfassend, was seine Ichheit selber vorher nicht fassen konnte. Allein der Anblick von dem reinsten Abdruck des höchsten Schönen in dem vollkommensten Kunstwerke, musste dem Bildungstriebe den ersten Anstoss geben, bloss durch Gefühl der Möglichkeit, sich in einem Kunstwerke ausser sich selbst zu stellen, und das in einer Folge von Momenten bildend und schaffend zu C 3 um¬ umfassen, was keine Empfindung auffasst, wofür das Selbstgefühl zu beschränkt ist, und die Ichheit keinen Raum hat. Und jeder Stoff, den dann die Bildungskraft er¬ greift, wird jeden nachfolgenden Versuch vereiteln, denselben Stoff zu einem neuen Werke noch einmal eben so schön zu bilden. Je mehrere Reize der Stoff an sich hat, um de¬ stomehr wird es den nachfolgenden Bildungstrieb in Verzweiflung setzen. Der falsche Bildungstrieb wird am ersten darnach haschen; Anfang, Mittel, und Ende tauschen; und diess verzerrte, entstellte Ganze, das unverzerrt und unentstellt vor ihm schon da war, als sein eignes Werk betrachten, das ihm sein Daseyn dankt. Dergleichen Nachäffungen des ächten Schönen könnten nie Beifall finden, wenn Empfindungsfähig¬ keit und Bildungskraft bei ihrer Entwicklung immer gleichen Schritt hielten, und nicht eins der andern ängstlich nach oder vorzukommen strebte: denn da das Empfindungsvermögen, seiner Natur nach, so nah an die Bildungskraft grenzt, dass diese nur gleichsam die letzte Lücke ausfüllt, deren Ausfüllung dem Ge¬ schmack zur eignen Hervorbringung des Schönen aus sich selber fehlt; so muss auch die Empfindungsfähig¬ keit selbst schon den Sinn für das Schöne haben, das die Bildungskraft hervorbringen soll; sie muss sich mit dieser zugleich, in ihrem Maasse, auf gleiche Art entwickeln. Das Das Schöne will eben sowohl bloss um sein selbst willen betrachtet und empfunden, als hervorgebracht seyn. — Wir betrachten es, weil es da ist, und mit in der Reihe der Dinge steht; und weil wir ein¬ mal betrachtende Wesen sind, bei denen die unruhige Wirksamkeit auf Momente der stillen Beschauung Platz macht. Betrachten wir das Schöne nicht um sein selbst willen, sondern um erst unsern Geschmack dafür zu bilden, so bekömmt ja eben dadurch unsre Betrach¬ tung schon eine eigennützige Richtung. Unser Ur¬ theil ist uns alsdann mehr werth, als die Sache, wor¬ über wir urtheilen: und statt dass also unsre Beurthei¬ lungskraft, durch ruhige Betrachtung, sich erweitern sollte, wird vielmehr der Gesichtspunkt für das Schöne nach den zu engen Grenzen unsrer Fassungskraft sich verschieben müssen. Der Geschmack, oder die Beurtheilung des Schö¬ nen, gehört ja eben so, wie das Schöne selbst, zu den Sachen, die wir nicht brauchen, sobald wir sie nicht kennen, und nicht entbehren, sobald wir sie nicht haben; deren Bedürfniss erst durch den Besitz entsteht, wo es sich durch sich selbst befriedigt: geht also das Bedürfniss vor dem Besitz vorher, so kann es nicht anders als eingebildet und erkünstelt seyn. Was uns daher allein zum wahren Genuss des Schönen bilden kann, ist das, wodurch das Schöne selbst entstand; vorhergegangne ruhige Betrach¬ tung der Natur und Kunst, als eines einzigen C 4 gros¬ grossen Ganzen, das in allen seinen Theilen sich in sich selber spiegelnd, da den reinsten Abdruck lässt, wo alle Beziehung aufhört, in dem ächten Kunstwerke, das, so wie sie, in sich selbst vollendet, den Endzweck und die Absicht seines Daseyns in sich selber hat. — Auf die Weise entstand, ohne alle Rücksicht auf Nutzen oder Schaden, den es stiften könnte, das Schöne der bildenden Künste in jeder Art, bloss um sein selbst und seiner Schönheit willen; und konnte auf keine andere Weise entstehen, weil der Begriff der Schönheit selbst schon jede Rücksicht auf Nutzen oder Schaden, seiner Natur nach, ausschliesst; und der Begriff des Schädlichen auch bei der wirklichen Hervorbringung des Schönen sich von selbst aufhebt. Denn suchen wir uns nun noch zuletzt den Be¬ griff des Schädlichen näher zu entwickeln, so ist nur jede unvollkommnere Sache in sofern schädlich, als eine vollkommnere darunter leidet. — Das wirklich Vollkommnere kann daher nie dem Unvollkommnern; dem weniger Organisirten nie das höher Organisirte schaden. Wir sagen: es ist schade um den Theil der Pflan¬ zenwelt, den die hereinbrechende Fluth verschlingt; aber nicht um den, der, von der lebenden Welt zer¬ stöhrt, in eine höhere Organisation hinüber geht: denn weit mehr Schade, als um die Pflanzenwelt, wäre es um die lebende Welt, wenn sie deswegen aufhören sollte, damit die ganze Pflanzenwelt unbeschädigt bliebe. — Und Und weit mehr Schade, als um die unterjochte Thierwelt, wäre es wieder um die Menschenwelt, wenn diese desswegen nicht statt finden sollte, damit alles übrige in dem Zustande seiner natürlichen Frei¬ heit bliebe. — So liesse sich nun weiter schliessen, dass es in der Menschenwelt auch mehr Schade um die überwie¬ gende Stärke wäre, wenn diese deswegen nicht statt finden sollte, damit die Schwäche ihre Schwachheit nicht gewahr werde; als es um den schwächern Theil der Menschen schade ist, dass sie der Obermacht des Stärkern weichen, und ihre Schwäche empfinden müssen. — Und dass es folglich auch wieder um das Schöne, welches am meisten um sein selbst willen da ist, weit mehr Schade wäre, wenn es deswegen vertilgt seyn sollte, damit keine unbefriedigte Sehnsucht dadurch entstehn, und keine thätige Kraft darunter erliegen könne; als es um die thätige Kraft schade ist, die unter der unbefriedigten Sehnsucht endlich erliegen muss; — Da überdem das Schöne mit dem Leiden, das sein versagter Genuss erweckt, zusammengenommen, in unsrer Vorstellung erst seinen höchsten Reiz erhält, dem durch kein schöneres Opfer, als dieses, kann ge¬ huldigt werden. — C 5 Denn Denn so wie die Liebe die höchste Vollendung unsres empfindenden Wesens ist, so ist die Hervor¬ bringung des Schönen die höchste Vollendung unsrer thätigen Kraft — und die höchste Liebe muss wie¬ der in Hervorbringung, in Zeugung, wo nicht in die süsseste Auflösung des liebenden Wesens hinüber gehn. — Nun sind freilich die Begriffe von Aufopferung, Liebe und Sehnsucht selber viel zu süss, als dass wir sie wieder entbehren könnten, sobald wir sie einmal haben, oder ihr Daseyn nicht wünschen sollten, so¬ bald wir sie einmal kennen. — Es scheint nichts Höheres zu geben, dem die Aufopferung selbst wieder müsste aufgeopfert wer¬ den. — Und das Schöne hinwegwünschen, weil unter ihm die Stärke erliegt, hiesse auch, die Stärke hinweg wünschen, weil unter ihm die Schwäche er¬ liegt; den Menschen, weil er mit zerstöhrender Hand die freie Thierwelt sich unterjocht; die ganze lebende Welt, weil sie unaufhörlich die unschuldige Pflanzen¬ welt zerstöhrt; und zuletzt auch die leblose Pflanzen¬ welt, weil sie die unzerstöhrbaren Theile des organi¬ sirten Stoffs, aus ihrer natürlichen Gleichheit reisst, und sie, durch die trügerische Bildung und Form zum erstenmale der Zerstöhrung unterwirft. Das einfachste Pflanzengewebe muss für seinen Raub an den noch einfachern Elementen, schon durch Auf¬ Auflösung und Verwelkung; das geringste Lebende für seinen Raub an dem Organisirten, mit körperli¬ chen Schmerzen und dem Tode; und die Menschheit für den Raub ihres höhern Daseyns, an der ganzen umgebenden Natur, mit den Leiden der Seele büs¬ sen. — Und das Individuum, muss dulden, wenn die Gattung sich erheben soll. Die Menschengattung aber muss sich heben, weil sie den Endzweck ihres Daseyns nicht mehr ausser sich, sondern in sich hat; und also auch durch die Entwicklung aller in ihr schlummernden Kräfte, bis zur Empfindung und Hervorbringung des Schönen, sich in sich selber vollenden muss. — Zu dieser Vollendung aber gehört das duldende Individuum sel¬ ber mit; dessen Duldung eben, wenn sie vorüber ist, durch die Darstellung zugleich in den höchsten Vol¬ lendungspunkt des Schönen mit hinüber geht. — So lösst sich die Duldung in die Erscheinung auf, indem sie da, wo sie wirklich geduldet ward, nicht mehr empfunden, nicht mehr geduldet wird. — Das individuelle Leiden in der Darstellung, geht in das erhabnere Mitleiden über, wodurch eben das Individuum aus sich selbst gezogen, und die Gattung wieder in sich selber vollendet wird. Höher aber kann die Menschheit sich nicht heben, als bis auf den Punkt hin, wo sie durch das Edle in der der Handlung, und das Schöne in der Betrachtung, das Individuum selbst aus seiner Individualität heraus¬ ziehend, in den schönen Seelen sich vollendet, die fä¬ hig sind, aus ihrer eingeschränkten Ichheit, in das Interesse der Menschheit hinüber schreitend, sich in die Gattung zu verlieren. Ehe sie aber bis dahin sich erhebt, muss die Dul¬ dung des Einzelnen vorhergehn. — Die Gattung ist mit dem Individuum, die Erscheinung mit der Wirk¬ lichkeit im ewigen Kampfe. — Sobald die Erscheinung in der Gattung, über die Wirklichkeit in dem Individuum gesiegt hat, geht das bitterste Leiden, durch das über die Individualität er¬ habne Mitleid, in die süsseste Wehmuth über; und der Begriff des höchsten Schädlichen in der Wirklich¬ keit, lösst sich in den Begriff des höchsten Schönen in der Erscheinung, auf. Und so wie jedes Schöne in der Erscheinung nur in dem Maasse schön ist, als es nicht nützlich zu seyn braucht, so ist es auch nur in dem Maasse schön, als es, wenn es wirklich wäre, schädlich seyn wür¬ de; und doch auch wieder nicht schädlich seyn würde — in sofern das Wort schädlich von untergeordneten, selbst der Schönheit huldigenden Wesen ausgesprochen wird, die nicht wünschen können, dass das Schöne vertilgt seyn mögte, damit es keine Zerstöhrung an¬ rich¬ richte; sondern die Schuld der Zerstöhrung von der Schönheit ab, auf die Nothwendigkeit der Dinge, oder höhere Mächte wälzen: wie der Greis Priamus beim Homer, der die erhabne, selbst über den durch sie gestifteten Jammer weinende Schönheit, mit sanf¬ ten Worten tröstet: Tochter, du bist nicht, die unsterblichen Götter sind schuldig, Welche den traurigen Krieg mir mit Achaja erregten. Und die zürnenden Trojaner, welche die ver¬ derbliche Ursach des Krieges laut verwünschen, kön¬ nen sich nicht enthalten, bei der Ankunft des göttli¬ chen Weibes, sich ins Ohr zu flüstern: Wahrlich, sie sind nicht zu schelten, die schön gestiefelten Griechen, Und die Trojaner, um solch ein Weib so vieles zu dulden: Denn den Unsterblichen gleicht sie an Wuchs und schöner Gebehrde. Der Kampf muss also durchgekämpft, das grosse Opfer muss dargebracht werden. — Das Geklirr der Waffen, und das Geschrei der Sterbenden muss gen Himmel tönen — Hektor muss fallen, und He¬ kuba ihr Haar zerraufen. — Hat dann die Zeit über die Zerstöhrung ihre Fur¬ che hingezogen; so nimmt die Nachwelt den Jammer der Vorwelt in ihren Busen auf, und macht ihn, wie ein köstliches Kleinod, sich zu eigen, durch welches der Menschheit ihr dauernder Werth gesichert, und ihre edelste zarteste Bildung vollendet wird. Denn Denn in der Duldung liegt der Kern zu jeder hö¬ hern Entwicklung; und die Freude selbst nimmt, wo sie am höchsten steigt, von der jungfräulichen Hoff¬ nung und dem geliebten Kummer, mit süssen Thränen, Abschied. — Der freudige Stoff der Dichtkunst lösst sich in sich selber, der tragische in der Veredlung un¬ sres Wesens durch das Mitleid, auf. Je weniger wir nämlich das schadende und ver¬ nichtende selbst vertilgt wünschen, und uns dennoch nicht enthalten können, vor der nahen, unvermeidlichen Vernichtung eines Wesens unsrer Art, zu zittern, um desto edler und reiner muss unser Mitleid werden, weil es mit keiner Bitterkeit und keinem Hass gegen die zerstöhrende Obermacht mehr vermischt ist, sondern ganz in sich selbst versunken, sich zu der unaufhalt¬ baren Thräne ründet, worinn unser ganzes mitleiden¬ des Wesen, aus seinem zartesten Vollendungspunkte, sich aufzulösen und zu zerfliessen strebt. Wir können aber das vernichtende Vollkommnere in sofern nicht vertilgt wünschen, als wir uns zugleich selbst in ihm doppelt vernichtet fühlen würden. — Denn in sofern das Schöne alles Mangelhafte von sich ausschliesst, begreift es auch alles Wirkliche in sich, das bloss durch sein Mangelhaftes sich von dem Schönen unterscheidet, und eben deswegen sich un¬ widerstehlich von ihm angezogen fühlt, und mit ihm eins eins zu seyn strebt, weil es in dem Schönen das Ganze erkennt, von dem es selber nur ein Theil ist. Indem nun aber das Schöne alles Mangelhafte von sich ausschliesst, und alles Wirkliche in sich begreift, ohne doch alles Wirkliche selbst zu seyn, findet es, selbst da, wo es wirklich ist, für jedes Individuum, das mit ihm nicht eins werden kann, immer nur in der Erscheinung statt. Wenn nun bei diesem Individuum die Empfindung die Thatkraft überwiegt, und also die Thatkraft durch Zerstöhrung sich nicht rächen kann; so muss das Indivi¬ duum für den Raub, den es durch die Erkenntniss des ihm unerreichbaren Schönen, an seiner Individua¬ lität begangen hat, mit Höllenquaalen büssen. Sysiphus wälzt den Stein — Tantalus lechzt nach der von seinen Lippen ewig weichenden Fluth. — Allein die Qualen sind nur dem Individuum schreck¬ lich, und werden in der Gattung schön sobald daher die Gattung in dem Individuum sich vollendet, lösst sein Leiden sich von ihm ab, und geht in die Er¬ scheinung, die Empfindung geht in die Bildung über — was von dem bildenden Wesen sich zerstöhrt, ist sein Phantom — das veredelte Daseyn bleibt zurück. Eben Eben diese Erscheinung aber fasst das alles in sich, was die Wirklichkeit hätte zerstöhren müssen, wenn sie nicht die Macht gehabt hätte, es von sich abzulö¬ sen, und bildend ausser sich darzustellen. — So wie jedes vollkommne Kunstwerk seinen Urheber, oder was ihn umgiebt, würde zernichtet haben, wenn es sich aus seiner Kraft nicht hätte entwickeln können. In diesem Punkte treffen also Zerstöhrung und Bil¬ dung in eins zusammen — Denn das höchste Schöne der bildenden Künste, fasst dieselbe Summe der Zer¬ stöhrung, in einander gehüllt, auf einmal in sich, welche die erhabenste Dichtkunst, nach dem Maass des Schönen, auseinander gehüllt, in furchtbarer Folge uns vor Augen legt. Ist es nicht die immerwährende Zerstöhrung des Einzelnen, wodurch die Gattung in ewiger Jugend und Schönheit sich erhält? Und ist es nicht die durch die reinste Imagination zum Gott verkörperte Jugend und Schönheit selbst, welche mit sanftem Geschoss die Menschen tödtet; oder mit Köcher und Bogen zürnend einher tritt, düster und furchtbar, wie Schrecken der Nächte — den silbernen Bogen spannt — und die verderbenden Pfeile in das Lager der Griechen sendet? — Sobald nämlich in der vollendeten Schönheit die Gattung sich selbst erblickt, kann sie das, worinn sie eigent¬ eigentlich erst sich selbst besitzt, nicht anders, als für das grösste Kleinod halten, welches in sofern es nicht als Erscheinung, sondern als wirklich betrachtet wird, alles Einzelne aufwiegt. Weil es nun von jedem als wirklich betrachtet wer¬ den kann, so wird das Einzelne dadurch gezwungen, sich wieder unter einander aufzuwiegen, damit sein verhältnissmässiger Werth gegen das Schöne sichtbar werde, der sich nicht anders, als durch die Zerstöh¬ rung des Schwächern durch das Stärkre, und des Un¬ vollkommnern, durch das Vollkommnere, zeigen kann. Auf die Weise schreibt die Schönheit der Zerstöh¬ rung selbst ihr edles Maass vor — wo nicht, so regen die Zähne des Drachen sich in der lockern Erde — die Saat des Kadmus keimt in geharnischten Männern auf, die ihre Schwerdter gegen einander kehren, und ehe vom Streit nicht ruhn, bis ihre Leiber wieder den Bo¬ den küssen. — Weil nun durch die Erscheinung der individuellen Schönheit dieselbe Summe der Zerstöhrung des Einzel¬ nen, in einem kürzern Zeitraume, sichtbar wird, wel¬ che zur Erhaltung der immerwährenden Jugend und Schönheit, in der Gattung überhaupt, durch Alter und Krankheit, fast unmerklich ihren Fortschritt hält: D Und Und weil wir diese Zerstöhrung mit der individuel¬ len Schönheit, durch welche sie unmittelbar bewirkt wird, uns zusammen denken: So giebt das Schöne, in welches die Zerstöhrung selbst sich wieder auflösst, uns gleichsam ein Vorge¬ fühl von jener grossen Harmonie, in welche Bildung und Zerstöhrung einst Hand in Hand, hinüber gehn. Und die immerwährende Zerstöhrung des Schwä¬ chern durch das Stärkre, und des Unvollkommnern durch das Vollkommnere, scheint uns in eben dem Maasse, wie die unaufhörliche Bildung des Unvoll¬ kommnern zum Vollkommern, dem ewigen Schönen nachzuahmen, das, über Zerstöhrung und Bildung selbst erhaben, in der Himmelswölbung und auf der stillen Meeresfläche ruhend, sich uns am reinsten dar¬ stellt. — Allein unser Begriff des Schönen verliert sich zu¬ letzt doch immer wieder in den Begriff der Nachah¬ mung von etwas, worinn das Vollendete sich wieder zu vollenden, und unser eignes Wesen, in jeder Aeuss¬ rung seines Daseyns, uns unbewusst, sich aufzulösen strebt. Wo nun die Auflösung eines Wesens unsrer Art, an unmittelbarsten durch die schönen Verhältnisse des Ganzen selbst bewirkt wird, und in der edelsten Bil¬ dung dung dieses Wesens selbst sich gründet, da scheinet in der Darstellung seiner Leiden, die immerwährende Auflösung unsres eignen Wesens, auf einige Augen¬ blicke, uns bewusst zu werden, indem uns dünkt, als ob, im schönen Wiederschein herbeigezaubert, ein Stück aus jenem grossen Zirkel vor uns schwebte, in welchen unsre kleinere Laufbahn sich einst verlieren wird. — So vollendet die Liebe unser Wesen — das erhab¬ nere Mitleid aber blickt thränend auf die Vollendung selbst herab — Weil es Aufhören und Werden, Zer¬ stöhrung und Bildung in eins zusammenfasst. Und wenn jemals ein schwacher Schimmer des über Zerstöhrung und Bildung erhabnen Schönen sich uns zeigen kann, so muss es auf dem Punkte seyn, wo es aus der über unserm Haupte schwebenden Zerstöh¬ rung selbst uns wieder entgegen lächelt. — Das Auge blickt dann, sich selber spiegelnd, aus der Fülle des Daseyns auf. — Die Erscheinung ist mit der Wirklichkeit, die Gat¬ tung mit dem Individuum eins geworden. — Tod und Zerstöhrung selbst verlieren sich in den Begriff der ewig bildenden Nachahmung des über die D 2 die Bildung selbst erhabnen Schönen, dem nicht anders als, durch immerwährend sich verjüngen¬ des Daseyn, nachgeahmt werden kann. Durch diess sich stets verjüngende Daseyn, sind wir selber. Dass wir selber sind, ist unser höchster und edel¬ ster Gedanke. — Und von sterblichen Lippen, lässt sich kein erhab¬ neres Wort vom Schönen sagen, als: es ist!