Erste Abtheilung : Die Poeten . Erster Band . Das junge Europa . Novelle von Heinrich Laube . Erster Band . Leipzig , 1833 . Bei Otto Wigand . Inhalt . Seite 1. Constantin an Valerius 3 Constantin an Hyppolit 5 2. Constantin an Valerius 12 Constantin an Hyppolit 14 3. Constantin an Hyppolit 22 4. Valerius an William 28 William an Valerius 30 Valerius an William 35 5. Leopold an Valerius 42 6. Constantin an Valerius 49 7. Valerius an Constantin 52 8. Constantin an Valerius 71 9. Camilla an Julia 75 10. Constantin an Valerius 89 11. Hyppolit an Constantin 95 Seite 12. Constantin an Hyppolit 106 13. Hyppolit an Constantin 113 14. Camilla an Julia 151 15. Constantin an Hyppolit und Valerius 159 16. Julia an Camilla 169 17. Constantin an Hyppolit 171 1. Constantin an Valerius. Den 20. März 1830. D ie Sehnsucht, wieder einmal mit Menschen um¬ zugehen, läßt mich schreiben — mit Menschen, denn hier giebt es nur Oberpräsidenten, Unterofficiere, Lieu¬ tenants, Regierungsräthe ꝛc. — so wenig Ihr — ich hoffe, Du wirst mein Sendschreiben unserm erlauchten Kreise mittheilen — nach diesem Eingange von meinem hiesigen Nichtleben erwarten mögt, so fange ich doch damit an, und gehe erst später zu Angenehmerem. Wenn zur Glückseligkeit weiter nichts erforderlich ist als gutes Essen und Trinken, Tabak, Whist, Piquet, Patent-Visiten, Gesellschaften, reine Wäschen nd ein gu¬ tes Bett, so bin ich jetzt überaus glücklich. Doch ist mir's, als fehlten mir noch einige Kleinigkeiten. Man lebt hier ein thrakisches (böotisch ist durch uns nobilitirt) und selbst für mich, der ich doch kein Kostverächter bin, tragisches Leben. Ich lebe wie mit 1 * zugeschnürter Kehle, und denke an die Poesie wie an eine verbotne Frucht. Neben der pupillarischen Sub¬ stitution, der Intestat-Erbfolge und der querela inoffi ¬ ciosi testamenti geht mir der Bernhard von Weimar sporenklirrend im Kopf herum, nur seh ich zu viel Schwierigkeiten, den Mann dramatisch zu besiegen. Giebt's im poetischen Vereine viel Neues? Ich habe sehr wenig gemacht und bin nur einmal aus diesem Sibirien nach Spanien gegangen. Uhland scheint wieder zu erwachen; ich habe schon hin und wieder Kleinigkeiten von ihm gelesen — das wäre für mich von großer Wichtigkeit, deuu er veredelt und erhebt mich immer sehr: mein demokratisches Trei¬ ben grinset mich zuweilen ein Wenig an, nur in ihm ist es ewig schön, ja ist es das Urschöne. Dem Fähndrich Pistol, meinem lüderlichen Hyppo¬ lit gieb die Beilage, grüß den William und die böoti¬ ichen Brüder und lebe wohl — hörst Du, lebe wohl! — A propos , ich verweise Dich auf das Abenteuer, was Du am Schluß des beiliegenden Briefes findest; ich sehe Dein Stirnrunzeln und Deine drohende Unter¬ lippe und höre des finstern William grollende Worte: „Es ist und bleibt ein rohes Volk.“ — ich hoffe, Du sprichst als ächter Tragöde jeßt nur in Jamben. „Auf Donnerstag, mein Graf? — Die Frist ist kurz!“ Ade, du dunkelfarbiger Romeo! — Constantin an Hyppolit. Ein Lied nüchtern zu singen. 1) Und es war ein Mann zu Bahri, der hieß Se¬ majah, der blies die Posaune und sprach: 2) Was trotzest Du also und freust Dich Deiner Schande? 3) Deine Zunge trachtet nach Schaden, und schneidet mit Lügen wie ein scharfes Scheermesser. 4) Du redest lieber Böses denn Gutes, und falsch denn recht. Sela. 5) Du redest gern Alles, was zum Verderben dient mit falscher Zunge. Sela. 6) Darum wird Dich auch Gott ganz und gar zerstö¬ ren nnd aus Deiner Hütte reißen und aus dem Lande der Lebendigen Dich ausrotten. Sela. 7) Ich aber werde bleiben wie ein grüner Oelbaum im Hause Gottes ꝛc. Ich hoffe mein Hyppolit, Du hast das sorgfältig gelesen, und bist jetzt in einem gesammelteren Zustande. Ach, Dein Brief duftete wieder so kräftig nach Sekt, daß ich auch ohne die Handschrift zu kennen, und ohne Unterschrift den Autor sogleich würde errathen haben. Sage mir, lieber Junge, kommt es wohl noch vor, daß Du Dich in einer ganz nüchternen Stimmung be¬ findest? O pfui! und Du hattest doch so schöne Vor¬ bilder: ich sah Dich früher oft in Gesellschaft eines wohl¬ beleibten Mannes mit einem heitern Blick und sittigen Betragen, hat der all seinen Einfluß auf Dich verloren? Ich will es nicht hoffen, mein Fähndrich! Der heitere Mann hat ein kleines Fläschlein zarten Ausbrnchs vor sich stehen, er trinkt Dir ein mäßiges Gläschen zu, thu' ihm Bescheid und befolg' seine Lehren. In Deiner wilden Unbändigkeit rennst Du also jetzt nach einem Epos? Wunderlich, als stiege die epische Lust aus glei¬ chem Stoff — ich suche eben auch. Ich sehe Dich des Vormittags bei verhangenen Fenstern wirthschaften, die Helden abschlachten, und dein wildes Haupt stolz in den Nacken werfen. Ich hoffe wenigstens, daß Du aus Dankbarkeit teutsch schreibst; denn wahrlich, die ge¬ ringe Civilisation welche Du besitzest, hast Du doch le¬ diglich uns zu danken, nicht viel anders als der schwarze Falke vom Lorenzstrome kamst Du in unsere erlauchte Gesellschaft. Fähndrich, thu' mir die Freundschaft an, schreib teutsch, es ist die schönste Sprache. Nur bei schwerem Sekt, du kennst das edle Gewächs, was eben vor meinen Blicken goldglühend wächst — nur bei schwe¬ rem Sekt ließ sich Pistols und Sir Johns zungenschwe¬ res, lallendes Englisch verbrauchen. Schreib teutsch Pi¬ stol! Es ist eine Universalsprache, selbst wenn Dir die duftigen Träume des Guadalquivir wiederkommen, wie sie Dich manchmal in sternenheller oder morgenfrüher Seligkeit des Julius an den Boden warfen, selbst wenn Deine spanische Jugend die weichen weißen Arme um Dich schlägt — hat die teutsche Sprache auch nicht Deine wollüstigen spanischen Liebestöne, so hat sie doch eine göttliche Zärtlichkeit die mich selbst oft vor ihr er¬ röthen macht. Schreib teutsch, Hyppolit! Ich habe noch neulich Tasso's Jerusalem gelesen! Ja, aus jener Zeit ist es schön ꝛc. aus den dunkeln Lagunen, wo die romantische Verborgenheit und unergründliche Tiefe der Sehnsucht, wo das tiefblaue Dunkel des zurückgestrahlten Himmels die Sinne umstrickt, daher mögen sie auch noch jetzt bezaubernd klingen, denn die unergründliche Zukunft, welche aus den weiten Falten schöner Natur zauberisch heraufschaut, nimmt sich am besten aus, wenn die däm¬ merige Vergangenheit an ihrem Herzen ruht — aber ich würde es für keinen Gewinn halten, wenn wir heutzutage mit dergleichen beschenkt würden. Ich bin sehr beschäftigt, und zwar mit den ver¬ schiedenartigsten Dingen. Es besucht mich fast Niemand und ich gehe nur wöchentlich zweimal zu einem Be¬ kannten, mit dem ich Schach spiele, lese, und dessen Flügel ich benutze. Die Musik kommt mir seit langer Zeit vornehm, fremd vor, es ist mir, als ob sie mich über die Achseln ansähe — so war's doch früher nicht, und ich begreife durchaus nicht, was der Dame ein¬ fällt — ich glaube, sie liebt den Sekt nicht. Auch bringt sie mich stets ein Wenig aus dem Gleise, es wird mir, als säß ich einer früheren Geliebten gegenüber, der ich untreu geworden, Jünglingserinnerungen klopfen mich unsanft wie Fächerschläge auf die Wangen — es ist wunderlich, aber ich kann das Klavierspiel nicht lassen, es ist eine schmerzliche Lust, mit allen Geliebten zu plau¬ dern. Außerdem ist das Theater meine einzige Erho¬ lung. Ich bin wirklich, so sehr ich mir Mühe gebe, auch wenn ich ausgestreckt auf dem Sopha liege, nicht ganz ruhig. Ich schreibe dies und das, reiße mich aber mit Gewalt wieder los, denn ich will einige Zeit wieder etwas lernen. Ich weiß nicht was das Volk in mir für eine Wirthschaft treibt, es geberdet sich manchmal wie eine mit der Regierung unzufriedne Nation. Ich hoffe, das Studiren wird sie beschwichtigen. Ich gäbe viel darum, wenn ich jetzt unseres kleinen Cupido Chro¬ nik hier hätte. Wenn einmal Jemand mit einem zu leichten Wagen hieher fährt, so pack' ihm doch das Ding auf. Was macht Kupido? Sitzt er noch in den Ber¬ gen bei seiner idyllischen Landschöne? Sein letzter Brief war wie die Sage eines wandernden Minstrels; der Junge lauft im Lande umher, schöne Mädchen zu suchen. Ich fürchte er wird nächstens einmal der Polizei in die Hände fallen, und uns Schande machen, was man so Schande nennt. Heute wäre so ein rechter Phantasietag, wenn wir beisammen wären; es regnet und stürmt und dunkel¬ glühende Grogschatten ziehen vorüber. Aber ich will dem Salamander abschwören, er stört mich jetzt, denn ich bin mitten in einer Liebesintrigue. Höre wie das kam! Ich saß vorn im Sperrsitz des Theaters und sah der Gaukelei zu. Ein junges Soubrettchen machte mir Spaß, sie war so nett und fix und rund und drall: Du weißt, das lieb ich. Bald darauf kam sie im Bal¬ let wieder zum Vorschein. Hochgeschürzt entwickelte sie einen behenden, makellosen Wuchs, eine geregelte mun¬ tere Formenschönheit schoß aus Fuß- und Handspitzen blitzende Funken in mich. Mein Nachbar meinte, es sei ein unternehmendes Kind, und Dein Sir John ver¬ fügte sich alsbald hinter das Geheimniß der schützenden Coulissen. Glühend sprang sie eben aus der Scene he¬ rein in die dunkle Verborgenheit, als wollte sie heiß dem Korydon in die Arme fliegen. Der Korydon war da und stellte sich ihr sehr lebhaft vor, eine kurze Topo¬ graphie seines inneren neuentdeckten Terrains entwer¬ fend, die üppige Vegetation seiner Triften beschreibend. Das muntere Ding nahm es harmlos auf und im raschen Flusse der Worte und Begebenheiten — denn die phantastische Welt des Ballets spielte im Köpfchen noch weiter, überließ sie sich nach geringem Sträuben der Woge meines Anerbietens, sie nach Hause zu gelei¬ ten. Ich schwor bei Pistols Sekt und Fallstaffs Schwert — sie hatte Heinrich IV . wahrscheinlich noch nicht gesehen — ich würde die Stadt anzünden, wenn sie nicht in die¬ sem reizenden Kostüme bliebe, sie gewährte, warf den Mantel um und wir gingen. Dabei, lieber Hyppolit, muß ich im Vorbeigehen dem Valerius Recht geben, und ihm Dank sageu : er behauptete oft, wenn von dem Reiz der Schauspielerinnen die Rede war, daß man mit diesen Damen nur ver¬ kehren müßte, wenn sie noch in selbigem Anzuge seien, der sie auf der Bühne geschmückt, mit dem Gewande schwinde die Illusion, und man bekäme ein Gedicht in schleppende Prosa übersetzt. Wahrhaftig, die Welt der Täuschung ist ja das Einzige, was am Leben erfreut, ein Narr, der einen Fetzen davon aufgiebt. Das Gepränge der Täuschung macht die Schauspielerinnen gefährlich, — wer möchte in die Gefahr eingehen und den Glanz wegwerfen. Eine Bajadere in ein Kattunkleid gesteckt, was zwei Ellen lang, lieben wollen, heißt sich an einer Statue er¬ götzen, die gegen die Witterung in Leinwand gehüllt ist. Kurz, ich führte meine Bajadere nach Hause und sprach geflügelte Worte mit ihr. Aber das Erzählen ist träg — ein andermal von Euern Thaten, Sir John — Ade, mein Fähndrich! — 2. Constantin an Valerius. Ich lebe hier noch eben so einförmig, wie ich Dir's geschildert habe: äußerst selten ein poetischer Au¬ genblick — ein nüchternes Vegetiren. Es weiß der Himmel, woran das liegt. Ich gebe mir alle ersinn¬ liche Mühe, das zu ändern — Du wirst dies aus mei¬ nen philanthropischen Bestrebungen im Briefe an Hyp¬ polit erkennen. Ich suche tastend nach allen Spitzen meiner Gemüthsnerven: es geht nicht: wenn ich neben Rosa sitzend einen an seinem Endpunkte erreicht habe, so schnellt er mir immer wieder davon. Es ist sehr ärgerlich. — Durch Göthe hab' ich sehr große Begier nach Italien bekommen, — ich will es indessen ver¬ suchen, hier seine Elegieen nachzuleben. Aber ich glaube, es ist italische Sonne und italischer Himmel nöthig, denn ich schaffe alle Ingredienzien seiner Poesie herbei, aber ich kann das Getränk nicht zu Stande bringen. Du glaubst nicht, Valerius, was ich mir für Mühe gebe, poetisch zu genießen. Es weiß der Kukuk, war¬ um es nicht gehen will. Da ich hier nichts vernünftiges Neues und Teut¬ sches auftreiben kann, so hab' ich mich an ältere fran¬ zösische und englische Schriftsteller gemacht, wie le Sage, Lorenz Sterne ꝛc. Es ist merkwürdig, wie ihre Satire beinahe ganz noch auf unsere Zeit paßt. Die Menschheit muß doch viel stehende Gebrechen haben. Ihr schreibt so dürftig wie für einen Bettelmann. Gebt mir doch nicht so karge Tropfen, Ihr wißt ja, wie ich die vollen Gläser liebe. Vom Kupido gar nichts, und doch will und muß ich mit dem Kleinen in Ver¬ bindung bleiben. Bessert Euch! — Ade. Ich habe hier Schröders Hamlet gesehen. Früher glaubte ich, dies sei eine Bearbeitung des Shakespear¬ schen, nun weiß ich aber, daß es ein Schrödersches Original-Trauerspiel oder Schau- oder Lustspiel oder weiß Gott, was für ein Spiel ist, in welchem nur ei¬ nige Stellen vorkommen, welche auf eine Verwandt¬ schaft mit Shakespeare hindeuten. Laertes sagt ein¬ mal: Als Sohn und Bruder hab' ich genug, aber als Edelmann noch nicht! — Nun ich habe in jeder Hin¬ sicht genug — Nochmals Ade. Constantin an Hyppolit. Fähndrich, auf ein Wort! Ihr müßt bis tief in die Nacht bei der ehrsamen Wittwe von Ephesus im Promenadengäßchen gesessen haben, daß Ihr nicht dazu gekommen seid, meine Epistel zu beantworten. Ich will nicht hoffen, Pistol, daß meine Intrigue so wenig Interesse für Dich gehabt hat, ich sollte doch mei¬ nen, sie müßte Deinem abenteuerlichen Sinne zusagen. Wem soll ich sie denn erzählen, wenn Du nicht hören willst. Vor Valerius hab' ich in dieser Rücksicht eine unüberwindliche Scheu — wäre er prüde und fromm wie William, und sagte er mir wie dieser: du bist ein unmoralischer Mensch, so würde ich lachen, und es würde mich nicht berühren: Du weißt wie ich über ob¬ jektive Moral denke. Aber ich sehe seine großen klaren Augen dabei centnerschwer auf mich fallen und mit er¬ drückender Wehmuth auf mir verweilen — das ertrag' ich nicht. Ich weiß, er gestattet eine rein subjective Sittlichkeit, aber sein wenn auch wohlwollender Blick dringt so schonungslos in alle Ritze meines Wesens, daß ich immer zu fühlen glaube, es beginne ein mur¬ melndes Bröckeln und Lösen meiner innern Wände. Er richtete, als ich ihm einst ein ähnliches Abenteuer er¬ zählte, nur drei fragende Worte an mich: „Bist du froh ?“ und meine phantastische Welt war auseinan¬ dergejagt, wie Kosakenschwärme durch einen Kanonen¬ schuß. Ich mag es mir nicht gern gestehen und doch ist es so: er ist mir unbequem bei derlei Dingen. Ich halte mich dabei lieber an Dich wilden Burschen und den leichtbesohlten Kupido. Meine Schöne heißt Rosa und ist wirklich char¬ mant. Sie ist von der Größe, die nicht auffällt, wo¬ bei man nicht an die Größe denkt, aber in den schön¬ sten Wellenlinien gewachsen. Die Taille schneidet sich so kühn ein, daß man daran zweifelt, und gedrängt wird, sie zu umfassen. Zu meinem großen Vergnügen ist sie frei von dem mir so verhaßten Wuchs der Weiber, wel¬ cher von der Hüfte an in einem plumpen, krummen Beine alle Leichtigkeit, Eleganz, Grazie des Ganges und der Erscheinung vernichtet. Solche Weiber sind wie die Chinesen nur zum Sitzen da, ihr Gang ist ein ste¬ tes Besiegen von Hindernissen, jeder Tritt muß erkämpft werden, — das ist mir entsetzlich lästig; während die wohlige Freiheit in Rosa's Bewegungen mich hebt und entzückt. Man findet in Abildungen aus alter Zeit niemals eine Annäherung an jenen Knieholzwuchs des weiblichen Unterkörpers; es scheint eine neuere schlechte Mode zu sein, die vielleicht von irgend einer übeln An¬ gewohnheit oder Beschäftigung der Mütter herrührt. Dergleichen Dingen sollte die Medizin nachforschen, und die Polizei sollte ihr dann an die Hand gehen — es ist eine der größten gesellschaftlichen Sünden, fehlerhaft häßlich zu sein (eine regelmäßige Häßlichkeit ist auszu¬ nehmen) — ich wäre überhaupt dafür, alles mangel¬ haft Geborene sogleich dem Chaos wiederzugeben, wie der Metallkünstler das Verunglückte wieder in die Masse wirft, und es zu ersäufen. Ich hoffe, Du weißt, Fähndrich, was ein schö¬ nes Bein ist — es ist ein Hauptvorzug der Spanierin¬ nen, und ich gebe außerordentlich viel darauf, es ist das Motiv der Erscheinung. Rosa geht wie ein flüßi¬ ger Dactylenvers. Von der Hüfte an nämlich strebt in schönstem Schwunge die runde volle Form immer sanft nach außen, dem Schauenden sich entgegendrängend, man sieht in den sanften Linien das Weiche und Elasti¬ sche ausgedrückt und ergötzt sich doch an der springenden Kühnheit des Grundzuges, welcher da, wo das Bein in die Nähe des Fußes kommt, durch den liebenswür¬ digsten kleinen Bogensprung die genialste Verbindung mit diesem bewerkstelligt. Zu oben gerügtem schlechten Wuchse des Unterkörpers gehört nämlich auch, daß das Bein perpendiculär auf einen horizontalen Fuß sich auf¬ setzt und beide zusammen das fatalste Dreieck bilden. Bein und Fuß sondern sich wie Staatsgewalten — das ist widerwärtig platt. Bei Rosa hüpft das Bein im gerundetem hohem Spann auf den Fuß, und dadurch er¬ hält der ganze Körper jene schaukelnde über Alles bestech¬ ende Grazie, welche der fliegende Poet vor dem schwer¬ fälligen Philosophen voraus hat. Nun hat Rosa nicht die unangenehme Manier so vieler leicht und rasch gewachsenen Mädchen, daß sie in ihrem Gange tänzelte und hüpfte, eine Manier, die so unschön ist wie das Zappeln mit den Fingern — nein, sie geht, aber schön und leicht wie ein anmuthiger Ge¬ danke. Wie wenig unsrer eleganten Damen wissen zu gehen. Es muß eine Selbstständigkeit, eine Unabhäng¬ gikeit im Gange sein, die ein wohlthätiges Gefühl von sichrer Freiheit erweckt, der Gang muß das Zeichen des Sieges über die träge Erde sein — bei den meisten Weibern ist er das Zeichen des Kampfes . Die Straff¬ heit der Muskeln spielt mit dem schwerfälligen Boden, wenn die Dame schön geht, sie ringt mit ihm, wenn unschön. Daher ist es so gräulich, wenn plump Ge¬ wachsene einen sogenannten Anlauf nehmen — es wird mir so unbehaglich dabei, als wenn ich schwere Gänse zum Fliegen ansetzen sehe. Es ist dann ein Rücken, Ziehen und Heben der Schultern und Hüften, ein Len¬ ken und Renken mit den Armen — das schönste Mädchen könnte durch solchen Gang meine Illusion zerstören. Rosa's Leichtigkeit hält mein Wünschen in stetem Schwe¬ ben, sie erzeugt eine ästhetische Behaglichkeit, wie ich sie über Alles liebe. Auch ihr Kopf, Hals, Nacken, ihre Schultern — alles athmet in einer rasch geboge¬ nen Wellenlinie so viel Leichtigkeit, daß mein Auge auf diesen geflügelten Formen mit einer Wonne herumhüpft, wie die heiterste Sehnsucht nach Lust in warmer Som¬ mernacht auf den spielenden, lauen Lüftchen. Nichts an allen diesen Formen ist starrer Stillstand, wie plätschernde Wellen nickt und wiegt Alles. Ein reiches, nußbrau¬ nes Haar trägt sie auf griechische Weise leicht hinter den Scheitel zusammengenestelt; wie herausfordernde lose Schalke fliegen die kleinen zierlichen Löckchen vom Hin¬ terkopf herunter, als wollten sie erinnern, man müßte die vorüberfliegende Schönheit der Nymphe fassen. Glatt lie t vorn das Haar an der weißen runden Stirn und nichts von dem vielfachen Unrath des Kopfputzes unse¬ rer Modedamen stört das lachende Oval des ganzen Köpfchens. Zierlich schwingen sich die schmalen dunk¬ len Augenbraunen über das weite lachende Auge hin, eine leicht gebogene Nase deutet auf fröhlichen Unter¬ nehmungsgeist, ein kleiner Mund mit schmalen Lippen auf verschwiegene Lust, das ganze zurückgeworfene Köpf¬ chen, was sich auf einem länglichen schneeweißen Halse wiegt, auf Uebermuth. Die blendenden Schultern sind, harmonisch mit dem Bau der Hüfte, so überraschend schön nach dem Arme geschweift, daß der Blick in un¬ beschreiblicher Lust heruntergleitet zu dem vollen Händ¬ chen der rosenfingrigen Eos. Dies ist Rosa. Ich hoffe Clauren malt sie Dir nicht deutlicher. Sie wohnt drei Treppen hoch, einfach aber nied¬ lich. Eine alte Frau, die sie ihre Pflegemutter nennt, wohnt in einem kleinen Zimmer neben ihr — sie war nicht zu Hause, als wir aus dem Theater ankamen, und ist mir jetzt schon sehr im Wege; solche alte Weiber sind bei Liebeshändeln die fatalste Grammatik, das auswendig zu lernende Vokabelbuch, ohne was man nicht zur ru¬ higen Lectüre des Poeten kommt, der in einer uns noch fremden Sprache geschrieben. Das ist ein Gucken und Schnüffeln und Fragen — der Mantel wird gestrichen, um aus der Qualität des Tuches Schlüsse auf die Quali¬ tät des Besitzers zu ziehen, nach der Uhr wird gelugt, ob sie von Gold oder Silber, das Taschentuch wird beäu¬ gelt, ob es vou doppelter oder einfacher Seide ist — diese alten Weiber sind die Zollbeamten in den Liebes¬ staaten, und Zölle habe ich nie leiden mögen. Ich stehe mit dieser auch schon auf einem ärgerlichen Fuße. Darin ist doch nur die Jugend liebenswürdig: sie kennt den Umfang ihrer Kräfte, also auch ihr Ende noch nicht, und fragt drum nie, wie weit oder kurz der Weg, es steht ihr noch Alles offen, drum nimmt sie jeden Nahenden nur als einen kleinen Theil des All's, und fragt und forscht nicht ängstlich nach ihm — sie rechnet nicht, weil sie ungekünstelt, und das Rechnen die größte Künstelei ist — sie schiebt die Summe der Theilnahme welche man ihr schenkt, ungezählt in die Tasche, weil sie noch unzählige Summen erwartet. Ein alter Drache aber besieht jeden Pfennig, weil er berech¬ nen kann, wie viel ihm noch abfallen werden. Das hat mich am meisten für Rosa gewonnen, daß sie sich um mein Aushängeschild gar nicht bekümmerte. Das ist die Poesie des Liebens, daß sie hundert Augen für den Liebenden und nicht einen Blick für den Bürger hat. Man redet sich's wenistens vor, und weil man Täuschung sucht, findet man sie, es ist ja all' dies Lie¬ beswesen nur ein künstlich Gestell, ein ungeschickter Stoß und es kracht zusammen — die Leute, welche sich selbst und gegenseitig am geschicktesten zu täuschen verstehen, lieben am glücklichsten. Rosa konnte an Deinem wohl¬ gebildeten und wie immer sehr elegant ausstaffirten Sir John leicht erkennen, daß er eine respectable Stelle in der bürgerlichen Gesellschaft einnehme — aber es freute mich doch, daß sie nicht fragte. Die kleine Bajadere bereitete auf das Zierlichste Thee und ich improvisirte ihr unterdeß das Sujet eines phantastischen Ballets. Sie lachte und klatschte mitunter in die Hände dazu, machte rasch eine Pantomine mei¬ nes Ballets, und setzte sich endlich behaglich zu mir aufs Sopha, sah mir lächelnd in die Augen, schlürfte Thee, und versicherte mich, daß ich recht hübsch zu schwätzen wüsse. Ich nahm ihre Hand und küßte sie, und behielt sie, und betrachtete mit Wonne den schönen weißen Arm, den sie im leichten Gewande bis dicht an die Schulter aufgeschürtzt trug. Sie ließ mich einen Augenblick ge¬ währen, dann zog sie die Hand zurück, ward still, sah mich sinnend an, lächelte endlich in sich hinein und nickte mit dem Köpfchen — ich fragte — — Genug für heut'; morgen mehr. 3. Constantin an Hyppolit. Ich habe sehr schöne Gedanken und Reflexionen im Kopfe, aber ich weiß ja, was Du dazu sagst, wenn man sie zwischen Handeln und That spreut. „Handle, lebe,“ pflegtest Du zu sagen — „von den sieben Wei¬ sen Griechenlands herunter haben die Leute philosophirt, systematisirt, schematisirt und doch nichts gelernt, sie haben alles in Formeln gebracht und darüber die schöne Zeit verloren, während welcher sie glücklich sein konnten. Lebe , sagtest Du mir beim Abschiede, und da Du ja auch ein Federheld bist, schreib mir's, wie und was Du lebst, aber ohne Beisatz, Beigeschmack und Brimborium; schick' mir das nackte Leben, ich werd' mir's schon selbst ankleiden. Durch Eure Art von Schreiben wird noch der letzte Schimmer von Objectivität vernichtet, den wir haben können. Ihr seid im Stande, einem die Entdeckung von Amerika in Gestalt des Hrn. Constantin, Valerius ꝛc. zuzuschicken. Am Aergsten treibt es Kupido, aber da er es sogleich bis zur völlig unkenntlichen Lüge treibt, und da er Alles aus einem klingenden, romantischen Fond schüttelt, so entschädigt seine Erzählung durch eine Art von Poesie.“ Sieh, ich weiß das alles noch, aber wir sind ein¬ mal raisonnirende Thiere, wir müssen beim Wiederkäuen des fremden Stoffes eignes Material dazu bringen — es ist wahr, wir können nicht die einfachste Sache rich¬ tig erzählen, wir erzählen uns mit hinein. Ich möcht' es nicht Egoismus nennen, aber Eitelteit des Jahrhun¬ derts ist es gewiß. Der Egoismus ist ja — so sagt Valerius — der Feind, gegen welchen die ganze neue Bewegung sich richtet; aber die Welt ist erst tugendhaft wie ein Jüngling, daß heißt, eitel tugendhaft, sie spen¬ det die Wohlthat an den Straßenecken. Und dieser so¬ genannte Geist der Zeit ist allerdings eiue Art Miasma, er dringt überall hin, durch alle Kontumazen und Bar¬ rieren — ich wehre mich der Bequemlichkeit halber hef¬ tig gegen ihn, einen Fetzen seiner Eitelkeitslivree merk' ich doch bald hie, bald da an mir. Das ist nun des konsequenten Valerius Freude, der da meint, der wil¬ deste Ultra werde allmählig zum Mittelpunkte gedrängt, er möge sich sträuben, so sehr er wolle. Das nennt er die Bewegung der Erde und der Civilsation . Auf dem unbemerkt fortgleitenden Schiffe stehe der Stabilitätsmann, zeige auf die Ufer, welche sich scheinbar bewegen und perorire, dort sei die einzige Bewegung, welche Noth thue — und erst über Nacht, wenn er kein Ufer mehr sähe, dämmre ihm die Einsicht, er bewege sich auch, da beginne der Schlimme zu toben und zu reagiren — umsonst, er verhungere auf ödem Meer, wenn er ge¬ schickt und fest zu ankern verstehe; die Nothwendigkeit dränge ihn weiter. Sieh, wohin ich komme, schilt mich — Valerius ist der gefährlichste Mensch für mich; ich weise seine Theorieen von mir, und verlier' und verstricke mich so leicht und gern in ihnen. Was soll das, ich will mit Dir das Reelle. Rosa gehört zu den wunderlichen Geschöpfen, welche die ersten Schritte der Bekanntschaft, wie Du gesehen, am Auffallendsten erleichtern — das kommt von der Bühne. Die dramatischen Dichter machen sich das immer unglaub¬ lich leicht: die Personen sehen sich und merken alsobald beide, daß sie viel mit einander zu thun haben müssen, sie bombardiren sich ohne Weiteres mit Sentiments, und wenn man ihnen nach einer viertelstündigen Bekannt¬ schaft im ersten Akte viel zu schaffen macht, so gehn sie ohne Weiteres im zweiten Akte mit einander durch — Pässe brauchen sie nie und Geld findet sich immer. Ich 2 lasse mir das im höhern Schauspiele gefallen, w o die modernen bürgerlichen Verhältnisse in ihrer Kleinheit ver¬ schwinden in der künstlerischen Höhe der Gedanken und Gefühle, aber im Lustspiele bleibts doch immer sehr drol¬ lig. Drum bin ich noch immer der Meinung, nur ein Mann von Welt wisse ein feines modernes Lustspiel zu schreiben. Es müßte denn wie in Williams Lustspiele das bunte Zelt phantastischer P oësis zum Ort der Hand¬ lung aufgeschlagen werden. Rosa fand unsere schnelle Bekanntschaft ganz in der Ordnung, alle die kleinen Nebenwege der gewöhn¬ lichen Liebschaften sind ihr durch die Bühne abgeschlossen worden, sie fängt auf dem Punkte an, wo andere Mädchen nach mannigfachen telegraphischen Depeschen, verhüllten Andeutungen, Pfänderspielen, gegenseitigen Träumen, schüchternen Worten, geflügelten Sonetten, Notenaustausch ꝛc. anlangen. Ich gestehe, das ist Mangel eines romantischen Reizes, das ist selbst mir zu modern, obwohl sehr bequem. Auf jenem Punkte bleibt sie nun aber stehen; das ist ein Mißverhältniß in den einzelnen Theilen, reizt mich zwar ein wenig, ist mir aber unbehaglich. Man läuft gern lang nach einer goldnen Frucht, aber am Baume angekommen streckt man nicht gern die Hand tagelang aus. Sie duldet meinen Kuß auf den Arm, auf die Schulter, aber wenn ich sie umfasse und auf den Mund küssen will, so hält sie mir den Mund zu, und wehrt mich entschieden ab. Das würde mir bald langweilig werden, wäre sie nicht gar so hübsch. Die alte Pflegemutter hatte zu Muhmen und Ba¬ sen geschwatzt, ich wolle Rosa heirathen — meinen Na¬ men hatte sie schon am andern Tage erfahren — das hat sich bald verbreitet, und heut fragt mich meine Schwe¬ ster darnach. Das ist mir sehr fatal und verleidet mir die Sache. Das Ganze wird dadurch so platt bürgerlich. Was einem das dumme Volk das Leben erschwert! Das Mährchen konnte so duftig einsam abgesungen wer¬ den, wie in einem dunkeln Kiosk im Morgenlande. Ich werde an Rosa schreiben, und versuchen, der Sache einen andern Schwung, eine andere Wendung zu geben. Ade! 2 * 4. Valerius an William. Breslau, am Himmelfahrtstage 1830. Ich hätte früher an Dich geschrieben, Freund, wär' ich nicht gar zu sehr beschäftigt gewesen; ich würde Dir mehr schreiben, wäre ich's nicht noch. Womit aber? frägst Du barsch. Mit mir selbst. Später ein paar Worte darüber, jetzt zu der Besorgniß, die mich in diesem Augenblicke drängt. Ich habe eben von Con¬ stantins Schwester einen Brief erhalten, worin sie mich beschwört, Alles aufzubieten, um den Aufenthalt ihres Bruders zu entdecken, der seit mehreren Tagen verschwun¬ den ist. Man hat seine Abwesenheit während der er¬ sten Nacht und des nächsten Tages unbeachtet gelassen, da dergleichen — Du hast ja oft genug dagegen ge¬ scholten — zuweilen bei ihm vorkam, namentlich wenn er mit Hyppolit den Shakespeare paraphrasirte. Nach der zweiten Nacht hat man suchen lassen — umsonst. Man hat zu Rosa geschickt — dies ist eine junge schöne Dame, mit der er ein Liebesverhältniß entrirt hat — sie hat schnippisch geantwortet, man solle verloren ge¬ gangene junge Suitiers nicht bei ihr suchen. Des Tags darauf hat das schnippische Dämchen auch gefehlt und das Repertoir in Unordnung gebracht. Ihre Pflege¬ mutter, die, Gott weiß, ob unterrichtet oder nicht, zu¬ rückgeblieben, ist heulend und weinend zu Constantins Schwester gekommen. Diese Frau Martha, denn so scheint sie mir auszusehen, hat auf Berlin gedeutet — Du hast ja lebhafte Verbindungen dahin, thu doch rasch Alles Mögliche, um mir Klarheit für die arme Schwe¬ ster zu verschaffen. Du begreifst, daß ich in meiner einsamen Wohnung, fern vom Getümmel des Stadtver¬ kehrs, mürrisch mit den bleichen Worten der Theologen redend, und in tiefschattigen Schmerzen vergangener Herrlichkeit herumwandelnd weniger geeignet bin, einen Flüchtling zu entdecken. Doch möchte ich so gern die Schwester beruhigen. Es ist so hart vom schlimmen Constantin, ein so weiches Herz mit rauhen Händen anzufassen. Er hat sie so oft verletzt durch seine ab¬ scheuliche Opposition gegen die Gesetze des Herkömmli¬ chen, die seinem barocken Sinn nicht behagen. Den¬ noch liebt sie ihn mit einer Fürsorge, warm wie Maiensonne. O das Herz des Weibes ist reicher denn alle Welt, welche hineingeht, denn es liebt mit dieser Welt noch eine andere — die besten von uns lieben kaum etwas von dieser. Gehab Dich wohl und antworte! Hyppolit tritt eben ein, hört stumm und lächelnd die Geschichte an, und läßt Constantin ersuchen, wenn ihn Deine Kundschafter finden, ihm von Berlin ein Exemplar der Lusiade zu besorgen, weil er hier keins auffinde. Uebrigens meinte er, sei es unnütz, den Constantin zu beunruhigen — man solle die Schwester durch irgend eine Nachricht zufrieden stellen und jenen ungestört lassen bis er sich selbst melde. Thu' aber nur wie ich Dich gebeten! William an Valerius. Freund! Ich habe der verdrießlichen Geschichte halber nach Berlin geschrieben, und denke Dir bald Bescheid geben zu können. Ich mische mich übrigens, sehr ungern in derlei Skandal, und nur die alten Freundschaftsverhält¬ nisse aus unserm poetischen Vereine bewogen mich, der Polizei ins Handwerk zu greifen. Das sind die Folgen jener grauenhaften Lebensansichten, denen Du selbst nicht ganz fremd bist. Was ist Euer Bodensatz? Die em¬ pörendste Eigenliebe. Das Ich allein soll sich auf jede Weise wohl befinden: mag nun um Euch herum Alles darüber zu Grunde gehen. Es ist die unchristlichste Subjectivität, die nur ersonnen werden konnte, und dabei wollen sich einige von Euch noch in die Mitte der demokratischen Zeitbewegung stellen, wollen sie lo¬ ben und führen. Heißt das nicht den Bock zum Gärt¬ ner setzen! Das Wesen dieser demokratischen Richtung ist Allgemeinheit, Zurückdrängen des individuellen In¬ teresses, um das der Gesammtheit auf den Thron zu setzen. Geberdet Ihr Euch nicht wie kleine Despoten, wenigstens Autokraten, die sich eben nur selbst Gesetz sind, die all ihren Launen den Zügel schießen lassen? Und unsern Vereinigungspunkt, die Poesie anlan¬ gend, was hat uns da diese Richtung gebracht? Eine schaamlose Enthüllung des eigenen Körpers, mit dem die Poeten feilen Dirnen gleich kokettiren. Sie haben keinen andern Mittelpunkt mehr, als das persönliche, meist materielle Vergnügen, und je nachdem das nun groß oder klein oder gar nicht da ist, wird das Gedicht fri¬ vol oder abgeschmackt oder gottlos. Sie haben sich selbst auf den Thron des Höchsten gesetzt, darum haben sie eine so arme Welt, eine so jämmerliche Regierung derselben, einen so sündhaften schwachen Gott. Mit wie viel Heineschen Gedichten könnte ich Dir das bele¬ gen, und wie klar liegt der Ursprung alles dessen vor Augen. Unfähig sich durch großartige Zusammendrängung der neu entdeckten Gefühle und Gedankenkreise auszu¬ zeichnen, etwas die allgemeine Aufmerksamkeit Ueberwäl¬ tigendes zu liefern, aber doch gedrängt und gestachelt durch weibische Eitelkeit, enthüllten sie wie jener Nann in der Bibel die eigne Schaam, brachten sie die ganze Rumpelkammer der früheren Poesie, die Hobelspäne der früheren Werke hervor, putzten sie mit modernen Klei¬ dern auf, und gaben sie hin für Gedichte. Die faule Welt, die so viel Sociales zu thun hatte, daß ihr keine Zeit blieb für die Räume des besten inneren Menschen, nahm die Wechselbälge wohlgefällig hin, weil sie in ihrer bunten Tracht nur eines flüchtigen Blicks bedurften und kein sorgfältiges Beschauen, keine Zeit, keine Thätigkeit in Anspruch nahmen. Das einmal Gebilligte war Re¬ gel geworden und nächstens erwarte ich das Unanstän¬ digste, weil die heutige Welt doch erst auf der Spitze des Berges umkehren wird. Es ist wie mit dem Ver¬ dauungsprozeß — das isi ein Bild aus Eurer Schule — der kranke Magen fördert die halbrohen Speisen weiter, der gesunde zertheilt, zerlegt sie bis in die kleinsten Atome: Eure Poeten packen die Situation, schleudern sie durch einige Verse und das Gedicht ist fertig, der wahre Poet läutert sie bis in die geheimsten Motive, und das Gei¬ stige daraus giebt er wieder in Tönen. Der wahre Poet fühlt die Situation durch bis an die Spitzen der Wurzeln und sein Gefühl davon ist die Poesie — der Eure flattert mit seinen Blicken durch das Laub, und was er gesehn, ist sein Gedicht. Es ist eine traurige Oberfläche und ich weiß nicht, wo das hinaus soll, wenn die Opposition nicht lebhafter wird. Das Gedicht muß aus der Knospe des innersten Menschen brechen. Ihr pflückt es von den blinzenden Augenwimpern, dem zuckenden Munde. Was soll man zu diesen kleinen Darstellungen Heines sagen, die Du so verehrest, wo nichts beschrieben wird als ein Knabe, der im Kahne angelt und dazu pfeift, wo ein Mädchen im Lehn stuhl sitzt und schläft. Das ist ein Buhlen mit fremden Künsten, das gehört der Malerei und ins Ge¬ biet der Fläche, die Poesie hat aber mehr Dimensionen und die Höhe und Tiefe ist ihr Wesentliches. Ich entferne mich immer mehr von Euch — ich weiß nicht, was Euch halten soll, wenn Eure physische Spannkraft Euch verläßt, Ihr besteht ja doch nur wie künstliche Maschinen; wenn Eure künstliche Thätigkeit aufhört, so fallt ihr zusammen. Ihr seid isolirt von der Verbindungsstange der höhern Elektricität, Ihr seid ohne Bezug zur Gottheit — eine Krankheit, die Eure geringe geistige Kommunication mit ihr aufhebt, weil sie Eure geistige Thätigkeit aufhebt, wirft Euch zu den Thie¬ ren. Meine Religion ist die unzertrennbare Einigung mit dem Höchsten, sie besteht wie die Atmosphäre, auch wenn ich selbst unfähig bin, die geistigen Anknüpfungs¬ punkte fest zu halten. Was soll ich zu Deinem theolo¬ gischen Treiben sagen, was unsere Urkunden und die Worte der alten Glaubenshelden nur mit dem zersetzen¬ den kritischen Auge ansieht und fertig zu sein hofft, wenn Alles in Wasser aufgelöst ist. Ich bedaure Euch und gäbe viel drum, wärt Ihr anders. Ade. — Nachschrift. Eben erhalte ich Briefe von Berlin. Constantin ist dort angekommen, hat ein Logis von mehreren Ge¬ mächern gemiethet, ist wieder abgereist und hat seine Rückehr mit einer Dame angekündigt. Die Adresse fin¬ dest Du beigelegt, erlasse mir die Erforschung des Details dieser skandalösen Geschichte. Leb wohl! — Valerius an William. Daß Du nicht in der Nähe des Walter Scott gelebt, als er seine „Schwärmer“ schrieb, bedaure ich lebhaft; Du hättest ihm ja das beste Bild eines hartnäckigen und hartmäuligen Presbyterianers gege¬ ben. O über Euch schlimme Menschen! Weil Ihr nun einen Käfig zusammengesetzt, in dem Ihr Euch wohl befindet, verlangt Ihr denn nun ungezogen tyran¬ nisch, es solle alle Welt in diesen Käfig kriechen. Ihr habt Euerm innern und äußern Menschen ein Kleid zu¬ geschnitten, und alle Welt soll nun hineinkriechen, es mag ihr zu eng oder zu weit sein. Erinnere Dich, Freund, daß ich Dich nie Deines Systems halber getadelt habe, wenn auch das System nicht das meine ist — ich bin ein Mann der Freiheit, und sitze zur Seite ihres holden Töchterleins mit den lieben, klaren Augen, der Toleranz. Du sprichst aber despotische Worte und klagst doch wunderlich genug uns Leute der leichteren Moral, des Despotismus an. Du berufst Dich zuerst auf die demokratische Ten¬ denz unsrer Zeit, der wir huldigen, und verlangst Zu¬ rückdrängen des Einzelnen, damit die Allgemeinheit ge¬ deihe. Das hat seine vollkommne Richtigkeit und es ist Niemand so sehr dafür als ich — ich hasse wie Du den Egoismus des Staates in Bevorzugung Einzelner. Aber Freund, Du siehst die Sache schielend an, und das Endziel aller Bestrebungen — die Freiheit — entgeht Dir. Die Einzelnen sollen nicht bevorzugt, aber jeder Einzelne soll frei werden. Damit dies nun aber auf eine der Allgemeinheit ersprießliche Weise geschehe, predi¬ gen wir als höchste Blüthe der Bildung: Abstreifen je¬ der Art von Egoismus, Humanität. Das sind nicht Gegensätze, wie Du zeichnest, sondern Stufen. Der Freiheit widerspricht aber jede Art von For¬ mel, sie betreffe Moral oder sonst etwas — erreichten wir selbst durch solche Formeln das allgemeine Wohl, so bezahlten wir dies doch mit dem allgemeinen Wohl, d. h. mit dem Wohle der Einzelnen, die von außen her nur gezwungen lebten, und nur in trostloser Gleichgewichts¬ theorie den allgemeinen Fall vermieden. So werden die Menschen beklagenswerthe Negationen und die Haupttu¬ gend wird wie in manchem melancholischen Christenthume die Unterlassung, die Demuth. Es ist aber ein größe¬ res Ziel unserer Richtung, die Menschen selbstständig zu veredeln, und die Veredelten Selbstherrscher werden zu lassen. — Die Millionen Selbstherrscher sind das äußer¬ ste Ziel der Civilisation. Dieses Ende verschließt Deine Auctoritätstheorie für immer, Dein Schluß muß eine starre Monarchie sein, der meine ist die fröhlichste, un¬ gebundenste Allherrschaft, wo jede Individualität gilt, weil jede in sich gesetzmäßig ist und in ihrer Veredlung das neben ihr wandelnde Gesetz nicht stört. Zu diesem Ziele ist das Zurückdrängen des Individuums Weg , — bei Dir aber leider Endpunkt. Darum tadle auch ich es, wenn Constantin jetzt, wo die große Epoche des Demo¬ kratismus erst beginnt, ihre Vollendung für sich antici¬ pirt, und nur sein persönliches Wohlsein im Auge habend, Unheil anrichtet. Er betrügt seine Umgebungen, die noch auf einer tiefern Stufe der Entwickelung stehen und in anderer Münze Zahlung erwarten, als er gewähren will. Unsere Ansichten verhalten sich zu einander wie zur Vereinigung zusammenlaufende und in endlose Weite auseinandergehende Linien. Du willst die Menschheit zu einer willenlosen Masse, zu einem Punkte zusammen¬ drängen, ich will sie aus dem engen Raume der For¬ mel ausbreiten in das unedliche Gebiet des unermesse¬ nen inneren Menschen. Drum bist Du Monarchist, ich Republikaner und mehr denn dies. Ich weiß, daß tausend solche Opfer wie Constan¬ tin eins vorbereitet, fallen müssen, eh der Tag siegreich Alles erhellt; in der unsichern Beleuchtung des dämmern¬ den Morgens stolpern die Meisten, — aber ich weiß auch, daß dieser einleitende Nachtheil Eurer großen Skla¬ verei vorzuziehen ist, welche den Menschen der Mensch¬ heit opfert. Mir ist der Staat des Einzelnen wegen da, Dir der Einzelne des Staats wegen. Darin ruht der große Unterschied. Ich opfere Einzelne für den künftigen allgemeinen Gewinn, Du opferst Alle für eine regelmäßige Maschine. Das Individuum soll allerdings mit seiner Persönlichkeit zurücktreten, um die Allgemein¬ heit zu fördern, aber dies soll das Ergebniß der Bil¬ dung, der überzeugten Resignation sein, ein Akt der Freiheit, und so rettet das Individuum seine Freiheit durch seine Opfer. Das Opfer wird aber von Tage zu Tage geringer, da die Zahl der selbstständigen Indivi¬ duen größer wird, und am Ende keines dem andern mehr in den Weg tritt — so wird endlich der Einzelne und die Allgemeinheit frei: Dein Einzelner bleibt aber ewig Sklav. Darum tadle ich es nicht einmal, wenn sich das Individuum glänzend geltend macht, ich tadle es nur, wenn ein andres darunter leidet. Nicht viel anders ist es nun auch mit Deinen An¬ sichten über die Poesie. Sie ist bei Dir auch nicht viel mehr als die Kunst der abstrakten Formeln. Wenn das Individuum selbstständig werden soll, so muß es sich erst verschönern, geltend machen. Daß nun die neu¬ ere Poesie, an deren Spitze sich Heine gestellt, die ein¬ zelne Figur mit Vorliebe heraushebt, und spielend an ihr herumgleitend, erst tändelnd an ihr hinabgleitend, mit einem schnellen Sprunge in dem oder jenem Ge¬ danken sich begräbt — das Alles ist Dir ein Gräuel. Du willst keine Figur, willst nur die aus ihr abgezogene Formel, willst Sentenzen, Sätze ꝛc. Aus der Zerfah¬ renheit, aus dem blutlosen Geisterantlitz, aus dem Ne¬ bel Eurer Verse führt allein dieser plastische Weg zur markigen poetischen Empfindung. Das Einzelne verlangt Selbstständigkeit, von der materiellen Natur werden wir erst auf richtigem Wege zu den geistigen Schichten des Lebens geführt, das Reale ist allein das Fundament, worauf wir unsre Häuser des Fühlens, Hoffens, Glau¬ bens, Ahnens ꝛc. errichten können. Die erkannte Unzu¬ länglichkeit des forschenden innern Menschen hat uns zur Naturphilosophie und zu dieser Art von Poesie ge¬ drängt. Ihr könnt Euer bequemes Schwimmen nicht vergessen. Darum verstehst Du auch die poetische Na¬ turanschauung Heine's nicht — es ist eine streng demo¬ kratische: er läßt nichts unbeachtet liegen, was einmal da ist; Ihr esoterischen Sublimritter habt aber ein ge¬ wisses Register poetischer Gegenstände. Es ist Alles poe¬ tisch oder nichts — es kommt nur auf das Glas an, womit man's betrachtet. Euch ist es unerhört, daß ein Knabe im Gedicht „angeln und pfeifen“ kann; Ihr habt eine prüde Poesie. Natürlich könnt Ihr auch die kleinen poetischen Gemälde nicht verstehen, weil Ihr keine Bilder ohne Unterschrift wollt. Consequent setzt Ihr auch die schönen Uhlandschen Balladen und Romanzen den breit erklärenden Schillerschen nach. Ich thu na¬ türlich das Gegentheil. Daß das Gedicht mitten im Klange aufhören und darum den höchsten Werth haben könne, wenn es auf eine schöne Weise die Saiten des Lesers tönend angeschlagen habe, begreift Ihr nicht. Wie es bebt und rauscht und klingt, nachdem Ihr das Gedicht zu End gelesen und seinen Flügelschlägen nach¬ lauscht — das ist Euch zu unbefriedigend, Ihr wollt die Flügel so lange sehn, bis sie am Boden liegen. Ihr seid Philister. Alles Ende ist prosaisch — ein Ge¬ dicht, dessen Schluß den Raum des Gedichts offen läßt, entfaltet die meiste Poesie. Ihr platten Leute wollt eine tranchirende Sentenz am Ende, damit Euerm ängstlichen Gewissen geholfen werde, sonst werdet Ihr unruhig, unbehaglich, weil Ihr die peinliche Abgeschlossenheit liebt. Geht, geht, Ihr seid Rechenexempel. Von Constantin hab' ich Nachricht, will Dich aber nicht damit behelligen. — 5. Leopold an Valerius. Cupido schreibt seinem lieben Zuverlässigen. Ich sehe Dich lächeln, Du ernster Gesell, denn Du vermuthest sogleich ein Anliegen, ein Geschäft, sonst — meinst Du — kommt der Schmetterling nicht zum Schreiben. Ich werde Dich nächstens hassen, weil Du mir gegenüber immer Recht hast. Du bist wirklich ein fataler Mensch mit Deiner Ruhe: wärst Du wenigstens ein Pedant wie William, so könnte man doch über Dich lachen, aber so wie Du bist, bist Du doch eigentlich gar nicht amüsant. Da ich einmal schreibe, so könnte es sich begeben, daß ich im Schusse die eigentliche Veranlassung ver¬ gäße — lächle nicht wieder, lieber Valerius, ich bitte Dich, es ist mir unbequem — ich will also gleich da¬ mit anfangen. Ich wohne hier auf einer reizenden Villa bei äußerst lieben Leuten; der Graf Topf ist zwar, wie Du's nennst, ein eingefleischter Aristokrat, indessen weißt Du, daß mich das wenig kümmert; er ist ein poetisches Gemüth. Wäre es nicht Dir gegenüber, so würde ich sagen, das sei mehr werth als alles Andere. Still doch — ich hab' es ja nicht gesagt, hinweg mit der Stirnrunzel! Ein klein wenig Eitelkeit — mein Gott, wer ist nicht eitel — mag wohl auch Theil dabei haben; er spielt gern den Mäcen und da ich ihm von unserm poetischen Vereine erzählte, so besteht er darauf, die Mitglieder alle hier auf seinem Schlosse zu sehn und zu bewirthen. Ich habe Dich kühlen Mann als einziges wahrschein¬ liches Hinderniß genannt, deshalb that er das Un¬ erhörte, schrieb eine verbindliche Einladung an Dich, Du hältst sie als rosenfarbene Beilage meines Briefs in der Hand. Sei freundlich, theile die Aufforderung den Andern mit, und kommt her in das Reich der Düfte und Töne, der süßeste Rausch wird über Euch kommen, ich lebe wie ein kleiner Liebesgott und habe Euren Bei¬ namen nie besser verdient. Ich wiege mich von einer Seite der klingenden Tiekschen Gedichte auf die andre, ich schwebe auf Akkorden, ich bin wie entpuppt und säus'le wie Psyche körperlos durch die Lüfte. Mein gan¬ zes Wesen ist der liebenswürdigste Argus mit hundert Augen für eitel Schönheit, der alte kleine Leopold be¬ gegnet mir nur zuweilen, und überrascht mich wie ein wiedergefundener Bekannter, ich bin durch und durch ein neuer Gedanke von Glück und Liebe. — Wie Du sanft lächelst ob meiner Ueberschweng¬ lichkeit, nicht wie ein Mephisto, aber wie ein Weiser der kühlen Stoa — sieh, das macht Dich mir so lie¬ benswerth, daß ich immer wieder meine heiße Brust an Dein kühles Haupt lege: Du gewährst ja der Persön¬ lichkeit ihr Recht. Ich lasse mich nur von Dir gern schelten. William dagegen erbittert mich. Nun horch, was mich hier so unsäglich beglückt. Der Graf hat eine Tochter, Alberta , schön wie Diana, spröde wie Diana, göttlich wie Diana — jeder Gedanke in mir liebt sie, und jeder Gedanke an sie ist Poesie. Ihr Kopf ist der einer Madonna, die ihre Verklärung ahnt, die noch nicht geliebt hat, aber auf den Lippen, auf den Augenwimpern die schalkhaften Liebesgötter hebt und wiegt, die ihr zuflüstern, daß sie unendlich lieben werde. Der Ausdruck ihrer Züge ist ein seliges, träume¬ risches Aufwachen, ihr wie ein Blumenkelch sich auf¬ schließendes Ganze lispelt zauberisch: ich fühl's, ich werde lieben. Wie über der Blume schimmert der Thau der Sehnsucht, der frische Morgen — ach es ist ein un¬ beschreiblich liebes Mädchenbild und ich muß mir die Augen zuhalten, um ungestört mit ihr kosen zu können. Sie ist fein, aber rund und voll gewachsen. Trotz ihrer sonstigen Sanftmuth trägt sie den Kopf keck und stolz, und geht in einer sehr vornehmen Haltung einher. Ihr Haar ist rabenschwarz, sie trägt es glatt und ungelockt, meist verhüllt durch eine Art leichten Turbans, den sie mit großer Geschicklichkeit zu drappiren weiß, so daß er wie ein keckes Bürschchen herunterschaut. Die Stirn ist schön wie ein Marmortempel, die Augen — ach wenn ich Dir sagen könnte, was es mit diesen Au¬ gen, mit diesen lispelnden Mundwinkeln für eine Beschaffenheit hätte! In den Augen und auf dem Munde ruht jene Sehnsucht des bethauten Blumenkelchs. Das Auge ist groß und schwarz, aber nicht stechend schwarz, nein, weich wie Sammet und Seide, weich wie die Nachtluft im heißen Sommer, glänzend wie ein dunkler Wasserspiegel, der in ungestörter Ruhe zwi¬ schen den hohen Bergen Tyrols lagert. In seinen Tie¬ fen glaubt man bezauberndes Glockengeläut zu hören, Städte von fabelhafter Pracht und Herrlichkeit liegen zu sehn. Albertas Auge ist das Mährchen von tausend und einer Nacht und die langen dunkeln Wimpern be¬ schatten es wie die träumerische Palme Arabiens zur Zeit der Dämmerung; fein und schlank, fast unmerk¬ lich gebogen ist die Nase, aber die zarten Flügel zittern mitunter wie Lotosblätter, die Brahma's Odem durchbebt, und dann hebt sich so herausfordernd der kleine Mund mit seinen vollen Lippen, und um seine spielenden Win¬ kel hüpfen kleine üppige Tänzerinnen. Sie geht immer schneeweiß gekleidet — Himmel, da kommt sie mit ihrer Freundin Camilla, ich schreibe im Pavillon, kann nicht entrinnen und Camillens zügelloser Neugier könnt' es leicht einfallen, mir meinen Brief wegzunehmen, ich will — — Später. Wie ich befürchtete, geschah's. Eh' ich meine Schreiberei verbergen konnte, waren sie bei mir. „Was schreiben Sie?“ „„Den Einladungsbrief an Valerius„„ schütte ich in meiner dummen Bestürztheit heraus. — „Sonst nichts?“ Und nun half kein Sträuben. Die leichtsinnige Camilla bemächtigte sich des Briefes und las ihn in Albertas Gegenwart vor. Ich war einen Augenblick in großer Verlegenheit, indeß Du kennst mich ja, und hast diese Art meiner Dreistigkeit oft besprochen: ich faßte mich schnell, die Schönheit, der Zauber des Gegenstandes entflammte mich; ich las den Brief selbst zu Ende. Mit dem Erfolge hab' ich indeß sehr wenig Ursache zufrieden zu sein: die thörichte Camilla trieb nichts als Spott mit meinen sehr ernsthaften Dingen, und Alberta — ja Alberta sah so wunderlich drein, daß ich gar nicht aus ihr klug geworden bin. Ach, Valerius, wo ist das Thor, das zu diesem Paradiese führt. Ich flattre an dem Gitterwerk herum und nasche, wie Du's nennst, von den herüberhangenden Zweigen, und träume im bloßen Anblick taumelnd umher; — wär' ich ein Anderer, so wär' ich unglücklich, da ich aber Ich bin, so bin ich trotz dem munter, und bis Ihr auf Grünschloß, des Grafen Gute, eingetroffen, hab' ich alle Belagerungskunst erschöpft und empfange Euch als Herr und Meister der Festung. Die prosaische Camilla ist mir sehr im Wege, sie besprüht meine Ra¬ keten stets mit kaltem spöttischen Wasser, und scheint doch neben diesem fatal platten Wesen eine Innigkeit zu be¬ sitzen, mit der sie Alberten unauflöslich fesselt, und die ich durchaus nicht verstehe, für die mir der Zugang zu fehlen scheint. Sie ist nicht schön, aber hübsch und bewundernswerth gewachsen. Ich glaube, sie wird Dir behagen. Eben erhalte ich zwei Briefe von zwei früheren Gelliebten, die in dem goldnen Wahne sind, ich hätte seit der Zeit meiner Abreise von ihnen nichts zu lieben gehabt, als sie; ich hätte ins Thränentüchlein geseufzt. Ich bin nur ein Siegwart des Augenblicks, ich liebe das Leben und nicht den Tod, Ferne und Vergangenheit sind aber Tod. Ich werde zwei Briefe an Alberten schreiben und sie den beiden guten Kindern schicken, ich hoffe, sie werden zufrieden sein. Meine Poesie fließt lustig, ich singe Tag und Nacht wie der Vogel, und in der Musik bade ich mich wie ein sommerheißer Schwan. Komm zu uns, komm und hilf uns glücklich sein — der Himmel ist blau, die Welt ist schön, man kann so unendlich viel lieben! 6. Constantin an Valerius. Berlin, den 2. Mai 1830. Was hilft das Klagen? Was soll das Zagen? Nur keckes Wagen Macht uns gesund! Ich bin da, sie ist auch da — das weißt Du aus meinem letzten Billet — aber ich bin noch nicht da, wo ich sein möchte. Mit aller Kraft meiner Suada beweg ich Rosa, sich hieher entführen zu lassen. Ich weiß selbst nicht, warum sie's eigentlich that, denn ihre Neigung zu mir scheint nicht eben groß zu sein; ich glaube, sie wollte die alte Martha los werden und die Welt sehn. Ich hatte uns hier eine angenehme Wohnung gemiethet, warm und bequem wie römische Thermen, sie schlug es bestimmt aus, mit mir zu woh¬ nen, sie affectirt noch viel von Ruf und dergleichen; schwache Weiber klammern sich an den Ruf wie Greise an den Stock — jedes Kind schlägt ihn weg. Ich mußte vorausreisen, und als ich ihr dann von hier aus entgegenfuhr, durft' ich sie nur einige Stationen beglei¬ 3 ten, sie wollte allein hier ankommen, hat sich in einem ganz anderen Stadtviertel eingemiethet und bewirbt sich um ein Engagement an der Bühne. Sie ist freundlich, liebenswürdig, gut, lieb gegen mich, aber ich komme nicht von der Stelle; es ist lächerlich, ich habe ihr erst einige Küsse gestohlen, aber noch nicht einen erhalten. Es ist eine großartige Koquetterie, wenn es eine ist. Apoll senkt sein Gespann zum Schatten eines sü¬ ßen Maiabends; ich habe mehrere Tage mit Rosa ge¬ schmollt; jetzt will ich zu ihr gehn, und küßt sie mich heut' nicht, so küßt sie mich nie. Lustig ist's im Monat Mai, Weil sich die Erde kleidet neu; Lustig ist's dann in Walladmor's Haus, Weil die bösen Geister weichen hinaus. Den 3. Mai. Der Teufel hole den Mai! Wer gut erzählen will, muß Hindernisse bringen — der Teufel hole die guten Erzählungen. Rosa war nicht zu Hause, oder was noch schlimmer wäre, ließ sich verläugnen. Ein Gardeoffizier ging in weiter Entfernung vor mir her und in das Haus hinein, ein Gardeoffizier machte seiner Lorgnette, meiner Rosa und mir neulich im Theater viel zu schaffen, ein Gardeoffizier folgte uns beim Nachhausegehn wie ein Schatten — der Teufel hole die Gardeoffiziere. Rosa, das koquette Mädchen, gestattet meine Begleitung stets nur bis an die Hausthür, der Aff' meint, es schicke sich nicht, so spät noch Besuche anzunehmen, wenn man allein wohne — ach ich bin so bös', die Geschichte ist so garstig verfahren, und das dumme Zeug bringt mich so aus dem Gleichgewicht und verdient doch so wenig Aufmerksamkeit. Ich werde ganz bös' wer¬ den, und morgen mich hinter die Bücher setzen und die Wirthschaft ganz liegen lassen. Wahrhaftig das werd' ich. — Ob sie wirklich so schnell hätte intriguiren kön¬ nen? Valer, was meinst Du, Du kennst ja die Wei¬ ber; ist ihr Theilnahmsgedächtniß wirklich solch Enten¬ gedärm? — 3 * 7. Valerius an Constantin. Grünschloß, Anfang Juni. Du wirst Dich wundern, wie ich aus meiner stillen Zelle plötzlich hierher gekommen bin, was mit mir vor¬ gegangen ist. Ich gestehe Dir, daß mich die letzten Tage etwas übereilt und verwirrt haben, ihre Bewegung hat an meinem ruhigen Gleichgewichte gerüttelt, es ist mir Erholung, Bedürfniß, mich ausführlich auszusprechen, mich selbst auf's Reine zu bringen. Wie einen ungeübten Novellenschreiber beunruhigt mich der Faktenstoff, der in der Hand herumspringt und Ort und Stelle und Ordnung erheischt. Wirst Du aber auch Zeit dazu ha¬ ben, mein lieber Freund? Du hast einen leichten Ro¬ man angesponnen und hast Dir die Kraft zugetraut, Held und Dichter und Publikum zugleich zu sein, Du hast versucht Dir einen kleinen Freudenplaneten zu schaf¬ fen, in ihm zu genießen, und von außen her ihn zu bewegen, zu regieren. Nach Deinem letzten Briefe ist Dir der Scepter schon klirrend an den Boden gefallen, der falsche griechische Kaiser hat nur seinen Ornat noch behalten, aber das Ansehen und die Macht verloren; Dichter und Publikum sind lachend davon gegangen und der Held des Romans, der passive, steht in den Mantel gehüllt tief in der Nacht vor des Mädchens Haus und schaut grollend und sehnsüchtig nach den Fenstern. Ja Freund, die Neigungen des Menschen sehen immer an¬ fänglich wie kleine harmlose Mädchen aus, bei denen man einen Augenblick scherzend stehen bleibt, mit denen man spielt; und unter den Spielen wachsen sie wun¬ derbar schnell in die Höhe und sie werden wunderbar schön, und das kleine Händchen ist eine weiche warme Hand geworden, die uns mit wunderbarem Zauber fest¬ hält. Dies geisterartige Wachsen der Neigung hätte et¬ was Unheimliches, wären nicht eben Blut und Wärme ihre Waffen, die da aufreizen, statt abzuschrecken. Schreibe mir, wie es Dir ergeht. Rathschläge sind lächerlich; es sind friedliche Landesgesetze für eine eben vom Feinde eroberte Stadt, die unter dem Mar¬ tialgesetz seufzt, — ich gebe Dir keine, Du kannst keine brauchen. Leopold schwärmte seit längerer Zeit hier auf Grün¬ schloß, er hat den William und mich hieher gebracht. Ich hielt es für nöthig, die Vorhänge meiner Einsam¬ keit endlich aufzurollen und mich einmal nach der Sonne umzusehen. Wie ein bleicher Mann trat ich hervor aus langer Kerkernacht in die bewegte Erde — was Wun¬ der, daß ich ein wenig bestürzt war. Beinahe ein hal¬ bes Jahr ist es her, daß ich einsam auf meinem Gar¬ tenhause lebte, nur Euch sah ich zuweilen bei mir, nur der Abend sah mich manchmal bei Euch, sonst hat mich Niemand, sonst hab' ich Niemand gesehen. Ihr hattet mich immer nur zurückgezogen gekannt; so lange wir zusam¬ men lebten, war ich völlig aus dem Getümmel der Welt getreten. Ein Unterschied nur mußte Euch auffallen. Früher suchtet Ihr mich oft vergebens in meiner Behau¬ sung; ich war oft nicht daheim. Ob Ihr es wißt, wo ich war, was mich beschäftigte, weiß ich nicht; ich bin Euern Fragen ausgewichen, ich habe nie geforscht, ob Ihr geforscht. Wahrscheinlich indeß ists Dir nicht neu. Ich liebte, Freund, und war bei ihr, die mich wieder liebte. Nenn' es eine Schwäche oder wie Du willst: das grelle Licht der Oeffentlichkeit blendet meine Augen, wenn ich sie hineinsenken kann in das Auge der Liebe. All mein Thun gehört der offnen Welt, aber meine Liebe trag' ich scheu in den dunkelsten Hain; mein Herz er¬ schrickt, wenn es plötzlich vor aller Welt erscheinen soll mit seiner großen Sehnsucht nach einem Weibe. Dazu kam, daß es eine glückliche Unglücksliebe war; wir lieb¬ ten uns über offnen Gräbern, wir wußten unsern To¬ destag, und da wollten wir keine Minute verlieren, und die Welt sollte uns mit ihrer Störung keinen Mo¬ ment rauben. O meine süße Clara! wie redlich haben wir mit der Zeit gegeizt! Wie oft hab' ich Euch bis an's Thor begleitet, wo Ihr nach Euerm Sammelplatze, je¬ nem classisch gewordenen Kaffeegarten, steuertet, und wenn Ihr mich drängtet mitzukommen, und ich den Kopf schüt¬ telte und traurig lächelnd von Euch ging, um in die Felder hinauszustreifen, da harrte sie meiner schon in jener dichtbewachsenen Laube, wo uns Niemand störte, da ging ich zu ihr, und saß Stunden lang zu ihren Füßen. Ach, die Welt ging da gemessen und harmo¬ nisch, es war Alles so schön, denn ich liebte kindlich und kindisch wie ein funfzehnjähriger Knabe. Mein demokratisches Glaubensbekenntniß sagt mir heut', daß man besser lieben könne, weiter, breiter, universeller — ich konnte in jener Laube einsam mit ihr sitzen, aber ich konnte die Welt mitbringen, die Welt der Ideen. Ich glaub' es auch, ich würde heut' reicher lieben. Aber damals war die Welt so arm, sie hatte noch keine Ideen, ich wußte wenigstens nichts davon, und meine modrige Wissenschaft paßte nicht dazu. Auf ihrem Schooße schrieb ich jene Lieder, die ich Euch im Vereine las, und weil wir im täglichen Abschiednehmen lebten, so waren sie im höchsten Glück so tragisch, ein schlagendes Herz, mit¬ ten durchschossen vom tödtlichen Pfeil. Clara's Schicksal war unwiderruflich bestimmt und entschieden durch ihren Vater. Wie einen Gott liebte sie diesen Vater; sie wollte für mich sterben, aber nie mein Glück mit ihr in feind¬ licher Opposition gegen diesen Vater durchsetzen. Jeder Versuch, das Geschick zu wenden, scheiterte an ihrer eisernen Festigkeit. Es hat mich diese Festigkeit viel Schmerz gekostet. Ich sah sie vernichtet zusammenbrechen, als diese vorgeschriebne Bestimmung erfüllt werden mußte; ich sah sie zerbrochen und leblos vor mir; — aber nicht das leiseste Wort eines Aenderungsversuchs ist je über ihre Lippen gekommen. Der Zufall hatte mich mit ihr zusammengeführt; sie fürchtete sich anfänglich vor mir. Ich war bestürzt über ihre Anmuth, es war eine rührende Schönheit, die meinen ganzen Menschen erweichte. Ich sah sie eine Woche lang täglich und wir wußten beide nicht, was wir wollten. Ihre Furcht hatte bald dem Extreme, ei¬ nem grenzenlosen Vertrauen, Platz gemacht, und — an einem melancholischen Abende hing sie mir plötzlich wei¬ nend am Halse, und auch ich weinte Thränen der Liebe. Wir haben überhaupt viel mit einander geweint, aber uns geliebt wie die Engel. Aber Weib war sie durch und durch; zu einer Art von männlichem Kosmopolitis¬ mus in der Liebe habe ich sie nie bewegen können, sie wehrte mich hastig mit den Händen ab, sie hielt mir den Mund zu, sie schlug mich, wenn ich ihr sagte, die Liebe sei etwas Größeres als die Neigung zu dieser oder jener einzelnen Person, man könne der Liebe treu sein, während man der Geliebten untreu werde. Darin war sie einseitig und leidenschaftlich. Und damit hat sie mich gelähmt für mein ganzes Leben. Es war eine warme, weiche, mondhelle Nacht, als Ihr einst von mir gingt, Balladen und Lieder küßten sich in mir, es war Ball in meinem Herzen, und zau¬ berische Musik trieb mir Alles im Kreise herum. Aus dem Fenster sah ich Euch nach, mein ganzer Mensch war liebedurstig wie ein wohlthuend ermüdeter Wanderer; ich ging Euch nach, bald fand ich mich vor dem Gar¬ temzaun, der meiner Liebsten Haus umgab. Der Hof¬ hund kam brüllend herbei; meine, eines alten Bekann¬ ten, leise Schmeichelworte beschwichtigten ihn bald, ich stieg über den Zaun. Clara hatte Besuch von ihrem Bruder. Von unserm Verhältnisse dürfte er nichts ahnen; er war ein leidenschaftlicher Mensch, der in Italien ge¬ boren und erzogen war; entdeckte er mich bei meinem Vorhaben, er schoß mich wie einen Strauchdieb nieder. Ich aber war liebelustig und verachtete alle Rücksichten; in den hohen Affekten kennen wir keine künstlichen bür¬ gerlichen Formen, man hütet mit König Ren é Schaafe, und reitet mit Hüon nach Bagdad. Jener Besuch hatte mich seit mehreren Tagen von Clara getrennt, ich lechzte nach ihrem Auge, wie nach Licht — er war noch da, das wußte ich, aber ich wußte auch, daß Clara wie ein Vogel schlief, der bei dem leisesten Geräusch die Schwingen hebt; ich wußte, daß ein hoher, breitästiger Kastanienbaum dicht unter ihrem Fenster stand. Ich schlüpfte entschlossen durch die dunkeln Gänge des Gar¬ tens dem Hause zu. Clara's Fenster waren offen, wahr¬ scheinlich war sie noch wach — aber die Fenster des Bruders waren hell, eines sogar war geöffnet, das kleinste Geräusch konnte mich verrathen. Du weißt, daß ich im Sommer immer leichte Tanzstiefeln trage, dies kam mir zu Statten; ohne Geräusch kam ich bis an den Stamm des Baumes, die alte Turngeschicklichkeit brachte mich bald hinauf, wie staunend sah mir unten der Hund nach. Der Mond schien geisterhaft, ich stand im Dunkel der Aeste und übersah mein Terrain. Clara lag halb entkleidet auf dem Sopha, ihr dunkelbraunes Haar war zur Hälfte aufgelöst und schmiegte sich schmei¬ chelnd wie ein sehnsüchtiger Trieb, dem man Gewährung gestattet, um Hals und Busen, ihre weiße Hand und der schöne, zur Hälfte entblößte Arm spielten damit. Sie sah träumend vor sich hin — ich habe nie etwas Reizenderes gesehen. Sie trug sonst immer ein weites faltiges schwarz seidnes oder sammtnes Kleid, es schmiegte sich dies zwar liebend an die schönen Formen, aber das warme Leben war immer verhüllt — zum ersten Mal sah ich's entfesselt und eine göttliche Sinnlichkeit, die sich mir selbst in ihrem Arm nie so klar angekündigt, kam über mich. Ich hätte zu ihr gemußt und hätte es mich tausend Leben gekostet. Wie Käthchen unter dem Hollunderbaum mit dem Mondschein buhlend lag sie da, der kleine Fuß, des Schuhes ledig, spielte tän¬ delnd in der Luft, der auf den Busen vorgebeugte Kopf trug den Ausdruck einer glückseligen, heimlichen Erwar¬ tung. Eben wollte ich auf ihren Fensterbogen treten, da öffnete der Bruder, dessen Zimmer daneben war und den ich auf und nieder gehen gesehen hatte, den zwei¬ ten Fensterflügel, und sah in den Mondschein heraus. Ich blieb regungslos stehen, der verzweifelte Hund fing an zu knurren, heraufsehend nach Baum und Fenster, ich konnte leichtlich dadurch verrathen werden. — Clara träumte und tändelte ungestört fort. Eine peinliche Mi¬ nute verging, der Bruder schien nach mir herzusehen, ich hielt den Athem an, plötzlich brach ein kleiner Ast, auf den ich im Rückzuge mit dem rechten Fuße getre¬ ten war; die Grabesstille der Nacht machte ein auffal¬ lendes Geräusch daraus, der Bruder fuhr blitzschnell mit dem Kopf aus dem Fenster. Clara hob sich ein wenig in die Höhe und horchte, der Hund knurrte lauter, ich hielt mich mit dem Arm fest an einen Ast und wagte nicht eine neue Stütze für meinen rechten Fuß zu su¬ chen, aus Besorgniß; neues Geräusch zu machen. Der Vetter aller Liebenden, Freund Mond, bemerkte zu rech¬ ter Zeit meine Noth, er trat hinter eine Wolke; schwer¬ lich wäre sonst des Bruders unabläßigem Hinstarren nach dem Baume meine leuchtende weiße Hose entgangen. Tödtliche fünf Minuten schwebte ich so auf der Folter, da gab er endlich die Sache auf, warf das Fenster zu und ging in die Tiefe des Zimmers. Ich trat jetzt keck auf den Fensterbogen und sprang behend ins Zimmer. Ein unterdrücktes „Ach!“ Clara's bedeckte ich vollends mit Küssen. Die furchtsamsten Weiber, wenn sie lieben, werden nie durch eine Aeußerung der Furcht etwas ver¬ rathen, sie haben den Liebhaber und die Liebe zu im¬ merwährenden Begleitern bei sich, und wenn etwas vor¬ fällt, so sehen sie sich immer erst nach diesen um und horchen, was diese dazu sagen. Der glühendste Mann liebt mit Geschäftspausen, er vergißt des Tags über wenigstens zehnmal die Geliebte und erinnert sich hun¬ dertmal ihrer. Das Weib erinnert sich des geliebten Mannes gar nicht, denn sie hat ihn immerwährend bei sich, er ist in ihr und verläßt sie nie; er ist nicht nur ihr Gedanke, denn der kann wechseln, er ist ihr Denken, ihre Phantasie, ja ihr Verstand. Clara hatte auch mit mir gedacht. Sie schalt meine Dreistigkeit und küßte mich und war so weich und warm und lieb wie ein Son¬ nenstrahl. Sie wollte ihr Neglig é verbergen und schmiegte sich tiefer in meine Arme, damit ich sie nicht sehen sollte; sie war sanft wie ein spielend Kind, sie war wie eine seltne Blume, die in schweigsamer Mondnacht ihren vol¬ len warmen Kelch aufschließt und Wärme und Sehn¬ sucht haucht in die Nacht hinein, sie war unbeschreib¬ lich liebenswürdig. Und doch war sie neben jener Weich¬ heit so entschlossen stark, kühn wie eine Göttin. Sie beherrschte mich in jener Nacht mit allen Waffen. Clara zog mich aufs Sopha, drängte mir den Kopf nieder in ihren Schooß und sprach mir dann leise ins Ohr: „Valer, ich will Dir angehören, wenn Du mir schwörst“ — Ich erhob den Kopf und erwiderte leise: „„Ich schwö¬ re““ — „Narr, Bösewicht“ — lachte sie — „Du weißt ja nicht, was.“ Und nun gab's ein neues aus¬ gelaß'nes Treiben übersprudelnder Wonne, wir lachten einander in die Augen, wir küßten den Stern und die Seele darin; ich suchte ihr Herz und drückte mein bren¬ nend Gesicht daran, wir jubelten wie losgelassene Ge¬ fangene. Plötzlich begann sie wieder die vorige Scene, ward ernst, weinte, beugte sich küssend zu mir, bat mich um Verzeihung und betheuerte, sie könne nicht anders — „Schwöre mir, Valer, nie einer Andern zu gehören, schwöre mir's — still, Freund, ich bin Dein, Dein mit Seele und Leib auch ohne den Schwur — aber Du erfreust, Du erquickst meine Seele durch ihn; willst Du?“ Ermiß, ob ich wollte, ob ich's that. Ich wußte es fast in dem Augenblick, daß ich falsch schwor, da ich ganz gewiß wußte, Clara werde mir entrissen — ach, Freund, die Erinnerung steigt mir in das Herz, in die A u gen, ich drücke den Kopf in die Hand — ich kann nicht schreiben, ich will meine geschlossenen Augen in die Sophakissen pressen und Seele und Leib dem wir¬ belnden Gewitter der Erinnerung hingeben. — Später. Es ist unterdeß Abend geworden; ich weiß nicht, habe ich geschlummert, geschwelgt, geweint oder Schmer¬ zen gelitten — ich fühle mich so hoch gehoben, die Welt schwingt sich so tief unter mir; es ist die Stim¬ mung einen Thron auszuschlagen — die Phönixflamme ist uns genommen, aber die reinigende verjüngende Thräne ist uns geblieben. Draußen ist ein Gewitter drohend und sprühend vorübergegangen, ich habe es donnern gehört, ich sehe wie frisch die Erde ihre tausend Augen aufgeschlossen, außen und innen steigt eine Welt frisch aus dem Bade — die Welt ist schön, denn sie wechselt, sie ist eine Geliebte, die sich zu verjüngen weiß. Ich wohne sehr angenehm. Das Schloß lehnt sich an einen Hügel, der zu einer Terasse abgeplattet ist; da¬ hin führt meine offne Fensterthür. So hab' ich nicht das lähmende Parterre, das umsonst mit den Schwin¬ gen nach Aussicht flattert und nicht die abgesonderte Höhe, die umsonst Bewegung und Ausdehnung sucht. Die Terasse stuft sich zu einem spiegelglatten Weiher ab, über welchen Brücken in Park und Garten führen. Ich sitze an der offnen Thür und sehe durch die offnen Partien in die fernen blauen Berge und in die durch¬ sichtige, in der Abendsonne mit Thränenstäubchen spie¬ lende Luft. Das Geräusch der Bewohner kommt selten hieher, sie schwärmen vorn unter den Citronen- und Mandelbäumen, die in den breiten Vorhallen des Schlos¬ ses stehen. Ich habe mich unwohl melden lassen; so denk' ich, wird mich Niemand stören, wenn ich Dir weiter erzähle von meines Lebens größtem Glück und Leid. — — Sie zog mich fort vom Sopha, weil sie befürch¬ tete, ihr Bruder könne Geräusch hören, ging in ihr Schlafzimmer und setzte sich aufs Bett; ich kniete vor ihr. Es war keine platte Sinnlichkeit, die Poesie beug¬ te sich lauschend wie ein rosenrothes Kind zwischen uns, der Mond schien in Claras Gesicht, sie sah wie eine Heilige aus, die zurückgekommen ist auf die Erde, um ihre thörichte Verhöhnung der Natur lächelnd und küs¬ sen abzubüßen. Clara küßte einen heißen Kuß auf men Auge, ihre runden weichen Arme schlossen sich wie elektrische Bande der Seligkeit um meinen Nacken, eine glihende Thräne fiel auf mein Angesicht — „Valer, unaussprechlich geliebter Mann, willst Du mein sein für Zeit und Ewigkeit, mein und nur mein, daß nie ein Lichtstrahl zwischen unsere Herzen sich dränge, daß ich fern von Dir“ — sie drückte ihr thränenheißes Ge¬ sicht in wollüstigem Schmerz in das meine — „fern von Dir, gewiß bin, sterben kann auf die Gewißheit, Du seist mein unberührtes Eigenthum?“ Ach ich war aufgelöst, die Seele des schönen Weibes schien wie Maisonne in die geheimsten Winkel meines Innern, alles was gut, was edel in mir ist, that sich auf wie die kleinen Blümlein im Frühling, Schluchzen erstickte meine Stimme, der Drang nach Seligkeit, die Fülle von Seligkeit, das ganze innere beste Leben solch ei¬ nes Weibes zu besitzen, wollte mir Brust und Hals zersprengen — der flammendste Liebesschwur, unbändig wie das Kreisen der neuen Welten in meiner Seele, unbändig, daß selbst Clara davor zusammenschrack, rang sich los aus meiner Brust — ich halte nichts von Schwüren, aber ich glaube, wir würden Beide inner¬ lich zusammenbrechen, wenn wir einander gegenüberstän¬ den mit treulosen Armen. Ich meinte, wir tödteten, wir erwürgten uns damals in glückseliger Gewißheit gegenseitiger riesengroßer Liebe; es war ein Umarmen, ein Küssen und Lachen, als ob die Engel trunken um die Herrlichkeit der Sonne herumsprängen und es war die Nacht unserer Liebe. Jene Nacht ist der schönste Gedanke meines Lebens, aber sie ward auch die schönste Fessel meiner äußern Freiheit — ich weiß es, Clara verginge wie das grüne Blatt des spanischen Feigen¬ baums, über welches der giftige Solano hinstreicht, wenn ans Licht des Tages und vor ihr erschrocknes Auge die Nachricht träte „Valer liebt eine andre.“ — — Nicht der Schwur, Freund, bindet mich, aber das Schwören. O hättest Du sie gesehen, als sie mich von sich trieb! Einen dunkelgrünen Ueberrock von leichter Seide hatte sie übergeworfen, das Gesicht war verklärt wie Seligkeitstraum, das Haar schlang sich lüstern in den offnen Busen, das weiße Unterkleid lachte schelmisch triumphirend ob seines Mitwissens; so beugte sie sich über mich, der ich selig träumend auf dem Lager ruhte, und mit offnen weiten Augen in den dämmernden Mor¬ genhimmel sah. „Valer, mein, mein, mein, o und nur mein Valer, geh' — geh' mein Tag, eh' der Menschen Tag kommt und uns verräth.“ — Noch heute fühle ich die keusche Thräne, die da auf meine Wange fiel, weil sie ein Tropfen aus hei¬ ßem Herzen kam, ein Thautropfen ihrer Seele, den die Liebe entzündet hatte! O wenn mein Mund jenen Scheidekuß vergeßen könnte! So küßt die Sonne die Erde, wenn sie sich im Abendroth scheiden und der rothe Liebesschein den Abschied einhüllt in Purpurwol¬ ken; es wird still auf der Erde und der letzte Son¬ nenhauch bringt in leisen Abendlüften die stille Versiche¬ rung, daß neuer Tag und neue Liebe anbrechen werde. Köunt' ich jenen Abschied vergessen, es läge endlose Nacht vor mir, ich hätte keinen Morgen zu erwarten. Sie strich mir mit weichen Händen das Haar von Stirn und Schläfen und drückte sich wie eine aufgeschloßne Blume in mein Gesicht. Ich weinte Freudenthränen und hob sie hoch in die Höhe. „Und der Franzos hat Recht“ — sagte sie und legte das Haupt auf meine Schultern und sah herauf in meine Augen — „nicht wenn er zärtlich kommt , nein, wenn er zärtlich geht , ist der Geliebte edel.“ — „Aber der Morgen kommt — Ade, — Ade.“ — Ich kehrte auf dem alten Wege zurück, und ging hinein ins erwachende Land und sang mit den Lerchen die Schönheit der Welt — das Gedächtniß und die Erin¬ nerung, so oft die Gefängnißwärter unserer Leiden, sind rosenrothe Bänder, die um Schläfe und Augen flattern, wenn wir Freuden gesehn. — — In der Nacht. — Ich ward auf eine wunderliche Weise gestört: die Wogen der Vergangenheit bedeckten mein Gesicht und Auge, ich sah über die Terasse hinaus in die Wolken hinein und war weitsichtig; denn ich bemerkte es nicht, daß die beiden jungen Damen von hier, Alberta und Camilla, schon lang an meiner Glasthür standen und mich lächend ansahen. Einen Augenblick war ich in Verlegenheit, als sie mich scherzend aufschreckten, weil ich nicht wußte, ob ich meine Wolkenschrift laut gelesen hätte oder nicht. Und doch that es mir unendlich wohl, Weiber um mich zu haben — das Weib empfindet Liebesleid um so viel besser als der Mann, wie der Mann die Kriegsgeschichten besser lies't als das Weib. Die Liebe ist der Frauen Brotwissenschaft und sie haben den Vor¬ theil vor den Studenten voraus, daß sie selbige immer mit Leidenschaft treiben. Liebe und Liebestrost ist das Amt der Frauen, in ihrer Nähe fühlt sich der unglück¬ lichste Liebhaber in weicherer Luft. Der Begriff von Untreue existirt zudem bei mir nicht. Das ist der tra¬ gische Widerspruch mit meinem Versprechen an Clara, welcher den letzten Akt meiner Tragödie im Schooße trägt. Ich bin der Liebe treu, nicht aber der Geliebten. Weil ich eben die Liebe liebte, so liebte ich die schöne Alberta, die muntre, geistreiche Camilla. Meine Weh¬ muth schüttelte den düstern Morgennebel von den Schwin¬ gen, flatterte wie ein erwachtes Vöglein mit den Mäd¬ chen hinaus in den Garten und Abend. Sie waren freundlicher, inniger denn je gegen mich, weil sie mein¬ ten, ich sei es; der warme Gewitterregen müßte mein Herz befruchtet haben, das sonst ohne Grün und Blät¬ ter nur kühle Worte zu sprechen pflege. Leopold hüpfte herum wie ein kleiner Flamingo, der seine Farbenpracht in wehenden Flügeln schillern läßt. Wenn mein Gefühl Feiertag hält, reich' ich ihm gern dieses kleine duftende Riechfläschchen, und wenn der Herbst einen sonnigen war¬ men Tag bringt, da werden die Menschen alle wärmer und poetischer als im stets heißen Juni, denn die Ueber¬ raschung befängt sie in goldnen Netzen, und die Ueber¬ raschung ertappt das Beste im Menschen. Wir ließen uns alle auf Empfindungswogen schaukeln, und die Uebrigen meinten, ich sei Schuld daran, weil ich endlich einmal meinen Rock aufgeknöpft habe. — Camilla, mit der ich sonst nur in blitzenden Ge¬ fechten spiele, war weniger widersprechend, mehr ergeben, liebenswürdig, Alberta, ein südlicher Liebesgedanke, zit¬ terte wie ein arabisch Lied in weicher Nachtluft, Wil¬ liam war still und sanft. Wir setzten uns in eine Laube, und sprachen von Sternen und Gott und Liebe. Der Graf ritt unweit von uns am Gartenzaune vorüber, er kam aus der Stadt; William ging, ihn zu begrüßen, Leopold ward bald darauf vom Reitknecht abberufen, der ihm Briefe mitgebracht. Ich war allein mit den in Empfindung schauernden Mädchen, das Herz drängte sich in mei¬ nen Kopf, ich sprach — das nächste Mal, Freund, ich sprach zu viel für unbefangene Mädchen. 8. Constantin an Valerius. Berlin, den 6. Juni. Symb . Der nur ist ein großer Mann, Der vom Himmel nichts erbittet Außer was man essen kann. — Der inliegende Wisch — man hört aus allem nur das bittre Nein — ist von einem Vater an seinen Sohn, worin er ihm verkündet, daß er die väterliche Hand abziehe von dem Heidensohne. Ich lege Dir ihn bei, weil Du ihn vielleicht für eine bürgerliche Tragödie oder einen civilisirten Roman brauchen kannst. Mein Vater schreibt einen lehrreichen, deutlichen Styl; das Aktenstück kann klassisch werden „Bardolph eine andere Farbe, aber halte sie nicht zu hoch an Deine glühende Nase.“ „Ryms. Das ist eben der Humor davon.“ Ich habe hier einige sehr gescheide Leute kennen gelernt und manche Andre. Die Mäßigkeit ist eine schöne, aber seltne Tugend — In meines Vaters Briefe ohne Datum befinden sich ei¬ nige Grobheiten, die mit dieser Erwähnung abgefertigt sein sollen. Meine Schwester, das gute Ding, schickt mir unter der Hand einiges Papiergeld — wenn ich nur gutes Wasser habe, so lasse ich alles Bier stehen und trinke Wein. Ich werde ein Dutzend fade Lust¬ spiele schreiben — wofür bin ich fade und lustig? und darüber setzen „aus dem Französischen des X. Y. Z. “ — Nur eine ausländische Firma hat Credit und wird auch den Vater vergessen lehren. Töpfer macht es freilich umgekehrt, er übersetzt ein Lustspiel von Planch é aus dem Englischen und schreibt ausdrücklich „Originallust¬ spiel von Töpfer.“ — Es freut mich immer, wenn ich irgend einem Men¬ schen begegne: Du schriebst mir neulich „man weiß noch zu wenig“ und dieses Bewußtsein des Nichtwissens er¬ füllt mich jetzt ganz und gar. Hast Du Börne's Schrif¬ ten noch nicht gelesen, so rathe ich Dir, sie schleunigst vorzunehmen: das ist ein capitaler Kerl. Gestern hab' ich drei Festspiele geschrieben, weil ich heute essen wollte. Morgen werde ich eine Novelle schreiben in biblischem Style „Wie der ungerathne Sohn nach Berlin reis't und sich betrügen läßt.“ Weil ich jetzt ediren will, lobe ich des alten Claudius Alphabet: V. Vor Kritikastern hüte Dich, W. Wer Pech angreift, besudelt sich. W. Wer Pech angreift, besudelt sich, V. Vor Kritikastern hüte Dich. Vor allen Dingen aber empfehle ich Dir dringend: halte Deine Pflegbefohlnen fern von aller producirenden Poesie! Du weißt selbst, daß sie zwar schöne Stunden schafft, weißt aber auch, daß Poeten (nach wiederholten Bescheiden des Kammergerichts) immer noch mit Seil¬ tänzern, lüderlichen Dirnen und sonstigem Gesindel von der „feinen Welt“ auf eine Stufe gestellt werden. Fer¬ ner erzeugt die Poesie Mangel an Selbstdenken, raubt die höheren Gesichtspunkte ꝛc. — welches Alles zur in¬ struktionsmäßigen Verwaltung vieler Aemter so unum¬ gänglich nothwendig ist, kurz, sie macht uns zu rohen, unbrauchbaren Menschen. Wir sind nun einmal von diesem Gifte angesteckt und werden es wohl nie wieder ganz los werden. Das müssen wir ertragen; aber ver¬ hindern wollen wir doch, daß unsere heranwachsende Ju¬ gend mehr davon erschnappe, als zur Führung eines geistrei¬ chen Gesprächs in einer Theegesellschaft nöthig ist. Dixi . — Wir wollen doch die Recensionen abwarten, die sich im Jahre 18 — 19 — in irgend einem Literaturblatte verbreiten werden über „ pp . sämmtliche 4 Werke, zum erstenmale gesammelt und zum Besten der Familie des zu früh Verblichenen von ppp .“ — Ich verbleiche schon sehr. Was Rosa macht? O sie ist sehr munter, ich sah sie gestern in der Oper. Die Heinefetter sang vortrefflich und Rosa schien sehr erfreut davon, wenigstens geberdete sie sich sehr heiter und lustig mit ihren Nachbarn — ich kann's nicht verbürgen, denn ich war weit davon im Parterre, und Röschen blühte in einer Loge, und mein Glas war nicht recht durchsichtig. Uebrigens lebe wohl, mein lieber Junge! Ueber der ganzen Welt scheint ein unendlicher Katzenjammer zu hangen, und selbst der Muthigste erfreut sich höchstens dessen, was Tieck in Bezug auf Kleist „eine herbe Frische“ nennt. Die Welt ist krank und die Zeit der Schäfer¬ spiele, Idyllen und des kindlichen Frohsinnes ist aus der Poesie und dem Leben entschwunden. Könige und Dey's werden ab- und aufgesetzt wie ein Hut, und ich studire Kriminalrecht, gegenwärtig fleischliche Verbrechen. Schade, daß es keine Klöster mehr giebt in unsrer nüchternen Protestanterei; ich möchte auf einige Zeit Mönch oder Nonne werden. Ade! — 9. Camilla an Julia. Grünschloß im Juni. Ich bin so glücklich, meine Liebe, Süße, Beste, daß ich Ihnen mittheilen muß von unsrem Ueberfluße. Wor¬ in unser Glück besteht? — Ja, das kann ich Ihnen nicht auseinandersetzen, das Auseinandersetzen ist über¬ haupt meine Sache nicht. Die Welt ist schön, der Frühling grün, die Menschen sind gut. An den Menschen, ja, daran mag's wohl größtentheils liegen, wir haben meist neue um uns, lauter neue Welttheile mit neuen Pflanzen und Bäumen, und das unterhält. Wunder¬ liche Leute sind's, aber lieb, gut meist, charmant alle. Alberta hat Ihnen schon davon geschrieben, ich darf wohl nur ergänzen. Es behagt auch meiner Hastigkeit nicht, breit und tief zu schreiben. Kurz und spitz, das ist mir lieber. Eins ist dabei wunderlich — der Graf. Wie der zu dem Gedanken kommt, uns mit so junger, größtentheils bürgerlicher Gesellschaft zu umgeben, das weiß ich nicht. Ich glaube, er experimentirt. Die Leute sind artig und was dem Einen oder dem Andern an gutem Ton, feinen Manieren abgeht, das ersetzt viel¬ 4 * leicht für die Privatgesellschaft ein gewisser Adel des Geistes und Gemüths. Viel gelernt haben Alle, zu reden wissen sie Alle, wie die Bücher, Poeten sind sie auch Al¬ le, und meine schnurrige Gouvernante pflegte zu sagen, die Poeten wären alle vom Adel. Unsere Gespräche sind jetzt auch ganz andrer Art als früher, manchmal sind sie mir sogar zu hochtrabend: über Völker, Länder, Sitten, Religion, Staat, Stände, Poesie, Geschichte und was dergleichen hochbeinige Dinge mehr sind. Gar nichts mehr über unsere Nachbarschaft, kein Raisonniren, Mo¬ quiren mehr, und wenn mich manchmal der Schalk treibt, ein wenig über diese oder jene zu lästern, so sieht mich Herr Valerius mit seinem wunderlich vornehmen Lächeln an, spricht „immer frisch — 's ist noch zu wenig“ u. dergl., daß ich still werde und mich schäme. Das ist überhaupt der sonderbarste von Allen, Herr Valerius: er kommt mir wie der gelehrte Napoleon vor, er herrscht über uns Alle. Wenn ich Ihnen aber sagen soll, wie er das an¬ fängt, so bin ich wieder in Verlegenheit. Ich weiß es nicht. Er ist einfach in Manier und Rede; er befiehlt nicht etwa, Gott bewahre, er spricht oft nur ein paar Worte, aber darin ruhen Napoleons Kanonen; er sieht dabei mit seinen klaren bis ins Mark dringenden Blicken hinein: darin, ja, ja, ich glaube, darin ruht die Herr¬ schermacht und man streckt die Waffen. Er scheint unglücklich zu sein, es dämmert solch eine melancholische Racht um das große graue Auge, und wenn er etwas Wehmüthiges spricht, so ist es unbeschreiblich rührend. Er ist gar nicht hübsch, und als er das erste Mal in unsern Gesellschaftssaal trat mit seinen kurzen leichten Schritten, seinen kurzen Begrüßungsworten, seinen spar¬ samen Verbeugungen, die man kaum angedeutete nen¬ nen möchte, hatte er etwas Schreckhaftes für mich und Alberta. Erst allmählig wurden wir frei in seiner Ge¬ genwart; aber dann war es auch, als sei es etwas beson¬ ders Edles, womit wir uns beschäftigten, als wir das von ihm eingeleitete Gespräch fortführen halfen. Und wenn er spricht, so fühlt man sich in einer so wohligen, sichern Befriedigung, er hat ein sehr angenehmes, fest männliches Baritonorgan. Uebrigens schweigt er sehr viel, aber es ist als ob er im Zuhören redete. Er ist von mittler Größe, fest und sicher gewachsen und eben so fest und sicher in seinen Bewegungen, ich möchte sa¬ gen ernst, aber doch keinesweges schwerfällig oder gar plump. An seinem Gesichte ist gar nichts Besonderes, es ist blaß, fast krank, doch hat der Mund etwas äu¬ ßerst Wohlwollendes, wenn er in seiner sanften Stim¬ mung ist, etwas tief Verächtliches, wenn er zürnt. Sein Anzug ist immer ganz schwarz und modern; er trägt meist einen schwarzen leichten Rock, der ihn sehr gut kleidet; im Frack gefällt er mir nicht, man sieht ihn auch selten darin. Seine Wäsche ist immer blendend weiß, und das find' ich allerliebst am Manne. Ich glaube, er hat Theologie studirt, aber die Wissenschaft gefällt ihm nicht mehr. Er soll arm sein, das würde mir sehr leid thun. An ihm selbst bemerkt man aber nicht das Mindeste der Art. Ich glaub's auch nicht, denn er ist in allen den freien Künsten, welche die höhern Stände auszeichnen, sehr wohl erfahren: er reitet, ficht, tanzt gut, ist musikalisch, spricht die fremden neuen Sprachen und das Geld erscheint in seinen Reden nie. Er ist mir überhaupt zu vornehm für einen Armen. Mit dem Grafen spricht er am sichersten, wenn auch nicht soviel wie Herr William. Aeußerst selten ist er gleicher Mei¬ nung mit jenem, aber er streitet, obwohl streng, doch nie zänkisch, leidenschaftlich ungezogen wie so viele. Aber mein Gott, ich schreibe Ihnen ja nur über den Mann, und doch wollt' ich Ihnen über uns alle referiren. Doch jetzt habe ich das Federfechten satt, wir wol¬ len Federball spielen — morgen weiter; ich habe ein¬ mal den Befehl vom Grafen und Alberten, Sie von unserm Leben im Detail zu unterrichten und Sie dann schönstens zu bitten, es recht bald selbst bei uns anzu¬ sehen. Adieu, meine Liebe, für heut. Später. Ich bin so viel herumgesprungen, daß ich ganz müde bin. Nie hätte ich geglaubt, daß unsere ernsten jungen Herren so beweglich sein könnten, den kleinen Leopoldus ausgenommen, an dessen Quecksilbernatur ich nie gezweifelt. Aber auch der ernste William, der ru¬ hige Valer — ich habe zu meinem Staunen erfahren, daß sie alle Turner gewesen sind; sie haben in der Stadt einen poetischen Verein gehabt, da ist immer zuerst eine Stunde gedichtet, gelesen und kritisirt, die nächste Stunde gefochten oder geturnt worden. Ich erinnere mich, als kleines Mädchen noch einige Nachzügler jener Turnzeit gesehen zu haben, und gestehe, daß mir diese leinwand¬ nen Burschen wenig behagten. Unsre jungen Herren fas¬ sen dies wie Alles romantischer auf: Hr. William sprach dabei von Teutschland, Einheit und Vaterland und ge¬ rieth sehr in Extase, Valer lächelte ernsthaft und sagte mir, Teutschland sei einst von edlem Weine trunken ge¬ wesen, und habe das edle Herz auf der Zunge, den Verstand in der Tasche getragen und dumme Streiche gemacht. Es habe eine lang verlorne schöne Geliebte gesucht, und mit schwimmenden Augen ihren Schatten dafür angesehen und ihn brünstig umarmt. Verstehen Sie das? — „Herr, dunkel war der Rede Sinn.“ — Ich muß ihn beim Thee bitten, mir's deutlicher zu ma¬ chen; des Abends ist er immer am zugänglichsten: da tritt er mit mir in den Fensterbogen, und spricht aller¬ liebst über lauter kleine unbedeutende Dinge, aber er sieht alles so eigen, ich mochte sagen so groß an, daß man lauter Neuigkeiten hört. Fatal ist's mir, daß man uns nie lange allein läßt; denn allein schwatzt er viel zutraulicher. Namentlich ist Hr. William immer gleich bei der Hand. Irre ich mich nicht ganz, so macht mir dieser lebhaft den Hof. — Was sagen Sie dazu, und was wird er sagen, den Sie kennen? Ich glaube kaum, daß William auch unter andern Verhältnissen Glück bei mir machen könnte. Sein Aeußeres ist im Grunde gar nicht übel: er ist hoch und schlank gewachsen, in¬ dessen fehlt dem Wuchse die eigentliche Konsistenz, er ist gertenartig. Dunkelblonde, schief gescheitelte Haare legen sich schlicht an einen ziemlich kleinen Kopf, der durch ein schönes blaues Auge interessant wird. Sein Anzug ist von Weitem angesehen modern; guckt man aber in der Nähe darnach hin, so sieht man, daß er nach der vorletzten Mode, gewissermaaßen schon altfränkisch ist. Das kann ich an einem jungen Manne durchaus nicht leiden: Halstuch, Halskragen, Jabot, Weste, — das Alles, obwohl vom feinsten Stoffe, sitzt so verwirrt und unordentlich durcheinander, daß man kaum eines aus dem andern herausfindet. Er ist sehr rigoristisch und von äußerst strenger Moral; das macht mir Todes¬ angst; ich liebe den Leichtsinn und die leichteste Beur¬ theilung über Alles. Uebrigens besitzt er unleugbare und große Vorzüge: er spricht schön und geordnet, ist äußerst unterrichtet, selbst nach Valers Zeugnisse sehr verständig, dichtet reizend, spielt die meisten musikali¬ schen Instrumente vortrefflich, er ist mitunter sogar äu¬ ßerst liebenswürdig, besonders wenn er lacht. Seine Manieren sind hart wie seine Moral, aber bestimmt, fest, ohne Verlegenheit. Denken Sie sich ihn stets im blauen Frack. Der kleine Leopold ist sein Pol. Sie wissen, daß dieser schon früher hier war und uns wörtlich die Zeit vertrieb. Der Graf hatte ihn im Theater in einer Ecke der Loge gefunden, wo er zusammengekauert wie ein kleiner Gnom sitzend auf die Ouvertüre der dame blanche gehorcht hatte. Plötzlich war er lebendig ge¬ worden, hatte wie ein Regenwurm gezappelt, wenn eine schöne Stelle darangekommen, und war bald darauf ohne weitere Einleitung mit dem Grafen in ein Gespräch über Oper und Musik gerathen. Mit Alberta, die auch da war, machte er sich alsbald bekannt, ist beweglich, ge¬ fällig, redselig, liebenswürdig, daß ihn der Graf zum Souper bittet und binnen achtundvierzig Stunden ist er mit hieher nach Grünschloß gefahren, hat tausend Geschichten erzählt, zehn Souette gemacht, ist häuslich eingerichtet und wie ein Glied der Familie, wie ein gern gesehener bunter Papagai, dem man Zucker schenkt. Es ist ein pudelnärrisch Kerlchen, romantisch vom Scheitel bis zur Sohle, gewandt und beweglich wie ein Püppchen, ver¬ liebt und hübsch wie eine Amorette. Er ist klein und zierlich gewachsen, ein schwarzer Krauskopf, hat schwarze, muntere Augen, ein charmantes ovales italienisches Ge¬ sichtchen, ein weiches angenehmes Organ und den schön¬ sten deutschen Accent, den nur Valers an Richtigkeit, nicht aber an Schönheit übertrifft. Es ist nicht das schneidend scharfe Norddeutsche, sondern die südliche Weiche hat sich sanft um die nordische Schärfe gelegt, so daß man sie nur zuweilen ahnt, aber nie unange¬ nehm empfindet. In Valer's Accent tritt sie schon mehr hervor. Dazu kommt, daß Leopoldus, der Proven ç ale, wie er meist genannt wird, fortwährend in poetischer Schwebelei zappelt und von Blumen und Düften redet; Valer aber nur selten eine lodernde Fackel aus seinem Gemüthe holt. Sie sehen, es stekt an, ich schreibe auch sogleich emphatisch. Uebrigens ist der Kleine nicht so unangenehm in dieser steten Verzückung als man glau¬ ben sollte: er besitzt viel Geist und ist keineswegs ein gewöhnlicher Wortklimprer. Was mir an William so sehr mißfällt, ist, daß er ihn unglaublich wegwerfend behandelt, ungefähr wie ein Rechtgläubiger einen Ketzer. Leopold mag freilich im Gegensatze zu ihm eine sehr ge¬ duldige, nachgiebige Moral haben — aber es bleibt doch immer garstig und ist so sehr hübsch und gut von Valer, daß er ihn wie einen flatternden lieben Knaben hält, dem er lächelnd zusieht, den er oft streichelt, zuweilen aber auch mit ein paar ernsten Worten zurechtweist. Diese Art von Liebe fühlt auch Leopold sehr, er unter¬ wirft sich ihm leicht und sogleich und liebkos't ihn oft, wie ein Mädchen ihrem Liebsten thun mag. Da ich zufällig wie ein Pfäfflein schon zweimal von moralischer Beschaffenheit gesprochen habe, so muß ich auch der Mo¬ ral Valers gedenken. Aber wie fang' ich das an? Ich habe das Wort nie von ihm gehört. Nach manchen leichten Aeußerungen, die er immer wieder in andern für mich schwer verständlichen Worten verbarg, scheint er ein schlechter Christ zu sein. Als ich ihn neulich des Abends, wie die Gesellschaft auseinanderging, fragte, ob er denn auch betete, da schüttelte der freche Mensch lächelnd den Kopf, und sagte: „Nein — ich sehe viel in die Nacht, in Mond und Sterne hinein, und frage sie, wer sie so schön gemacht — aber was Sie beten nennen, meine Holde“ — und dabei küßte er mir zum ersten Male schelmisch die Hand — „das hab' ich nur als kleiner Bub' gethan, weil es die Mutter so wollte.“ — Ich war so verlegen und verwirrt von dem Handküssen; ich kam mir dem klugen Manne gegen¬ über, der Alles in Entfernung von sich hält, dessen so unwürdig vor, daß ich nichts zu sagen wußte. Später. — Ich stand vom Schreiben auf und eilte an's Fenster, weil ich Reiter und viel Geräusch hörte. Von der einen Seite kam Graf Fips, von der andern ein Fremder geritten, um den sich unsere jungen Gäste bald stürmisch drängten, den sie umarmten und jubelnd be¬ grüßten. Also wahrscheinlich ein neuer Zuwachs zu unsern Poeten. Sollten Sie sich des Grafen Fips nicht erinnern? Es ist die sogenannte „ elegante Figur ,“ die immer auf den Bällen zu sehen ist. Ziemlich groß, schmal und schmächtig gewachsen, mit einem jener trau¬ rig regelmäßigen Gesichter, die man sich nicht behalten kann. Diesen erkenn' ich nur immer an der unanständig gesunden Röthe wieder, die sich bis an die Ohren zieht, unweit der Nase erschreckt aufhört und sich in mädchen¬ hafter Weiße verliert. Außerdem hat er die unange¬ nehme Manier, blonde Augenwimpern zu tragen, und dadurch wie ein malitiöses Gewissen auszusehen, was fortwährend zu Lästerungen stachelt. Auch hoffe ich sehr, die zierlichen dunkelblonden Haare sind ganz das Werk seines Friseurs, darum denke ich mir ihn immer kahl¬ köpfig und er erscheint mir nie anders als wie ein Mischling von Türke und englischem Lord, ein europäischer Kreole, der innerlich halb bestialisch und nur äußerlich modernisirt ist. Mein Gott, was ist das für Zeug! Er gilt allgemein für einen schönen Mann und im vo¬ rigen Winter haben mich mehrere Damen sogar ver¬ sichert, er sei witzig, wenigstens scharf. Ein Kunststück versteht er gewiß: er näselt schnarrend; ich verziehe mein ganzes Gesicht, wenn ich's ihm nachmachen will. Seit einem Jahre schon ist er käuflich, das heißt, er sucht eine Frau; ich fürchte, er hat sein schillerndes blinzelndes Auge auf meine liebe Alberta geworfen. Das wäre sehr schlimm, denn es will mich bedünken, der Graf, ihr Vater, suche eiligst einen Schwiegersohn. Gott weiß, was er für Pläne hat, Gott weiß, was für ungewöhn¬ liche, denn gewöhnlich ist nichts an ihm. Arme Alberta! Graf Fips ist übrigens ein gewandter Cavalier, der viel Glück bei den Damen hat. Ich erinnere mich kei¬ ner einzigen, die in mein Lästergeschwätz über ihn ein¬ gestimmt hätte. Kolossal — kolossal, würde er sagen, läs' er das. Aber meine Liebe, Sie begreifen leicht, daß mich meine Neugierde nicht länger am Schreibtisch duldet — ich muß recognosciren. — Adieu und nochmals Adieu und herzliche Küsse auf ihren lieben Mund von Ihrer Camilla . P. S. Ich war schon aufgesprungen, und komme noch einmal zurück, weil ich mich eines Auftrags von Hrn. Valer zu entledigen habe. Ich erzählte ihm von Ihnen, daß Sie unsere Freundin seien und daß ich an Sie schriebe, daß Sie sehr schön und liebenswür¬ dig ꝛc. — er schien nur mit halbem Ohr hinzuhören. Vor einigen Tagen suchte er mich auf — ich glaube, der Postbote war eben bei ihm gewesen, und erkundigte sich nach Ihnen und ob man sie wohl um Folgendes bitten dürfte: Ein Freund von ihm, Constantin Müller, lebt in Berlin in einem äußerlich und innerlich sehr aufgelösten Zustande — die Adresse ist am Schluß meines Briefes angegeben; ich muß Valer noch einmal darnach fragen. Dieser fürchtet, Constantin verschweige mehr als er sage von seinem Unglück; er weiß nicht, wie er ihm zu Hülfe kommen kann. Ob es nicht an¬ geht, dem Herrn Müller in Ihrem Hause Zutritt zu verschaffen. Valer erlaube sich, dies einleitend, einige Zeilen an Constantin meinem Briefe beizulegen, die Sie ihm zuschickten u. s. w. — die Ihrigen machen ja ein großes Haus, das ist ja eine Kleinigkeit. Zur Cour¬ fähigkeit bei Ihrem Vater dient Valers malitiöse No¬ tiz, daß der junge Mann von Adel sei, sich aber aus Oppositionsgeist nie so nenne. Die Sache interessirt uns nach dem Wenigen, was wir über jenen Constantin wissen, außerordentlich, und Sie verbinden uns Alle, wenn Sie sich der Angelegenheit annehmen. Gott, Gott, so viel Worte! Adieu, Adieu — ich küsse Sie von Herzen — der Graf legt einen Brief bei, worin er Sie gewiß sehr bittet, zu uns zu kommen. O, wir bitten Alle recht, recht schön, kommen Sie bald zu Ihrer Camilla. 10. Constantin an Valerius. Es ist eine Schwäche, daß ich meine Rhapsodien wieder an Dich beginne, aber ich will schwach sein. Laß mir die Freude oder das Leid. Ich bin sehr allein. Geehrtes Volk der Myrmidonen, ich danke Euch für Eure gute Meinung, die mir William in ein paar albernen Zeilen kund giebt, daß ich ruinirt sei. Und wenn ich eben an den Galgen hinaufgezogen werden sollte, ich würde dem hyperboräischen, frommen Manne sagen, er sei ein Schwachkopf — der Mensch hat mich in Harnisch gesetzt mit seinen biblischen Auszügen — man soll sich aber nicht in Harnisch bringen lassen, vielmehr sich einer gewissen innern Ruhe befleißigen, nicht zu schwere Weine trinken, in's Kloster gehn. Wir sind alle mehr oder weniger Ophelien. O Hamlet, Welt, warum warst du so kühl gegen mich! Pfui doch! — O lieber Valer, thu mir die Freundschaft und tritt recht derb in den Dreck der Dir verhaßten Welt — ja so, Dir ist sie ja nicht verhaßt — wenn Du dann die Füße nicht mehr regen kannst, so bildest Du Dir ein, fest zu stehen. Brust heraus, Kopf in die Höhe! Und nun laß sausen und brausen — Muth, klare Augen! Indem ich dies schreibe, thun mir meine Augen sehr weh. Ich habe die Dinger in den romantischen Jahren der heim¬ lichen Gymnasiastenlektüre gar zu sehr angestrengt, und büße jetzt für die Klein-Druck-Sünden des Zwickauer Walter Scott. Noch immer wate ich getrost in der trostlosen Pfütze unsrer Jurisprudenz; warum ich das thu', ist leicht be¬ greiflich: hungern ist immer besser als verhungern. Wenn ich mehr Muth hätte, that' ich's vielleicht nicht. Muth, Muth! der fehlt uns und ganz Europa, sonst läg' es nicht so im Argen. Nicht der Muth, Gens¬ d'armes zum Einhauen zu kommandiren, wohl aber der, Lächerlichkeiten ruhig anzusehen oder Ernstes genau und unbefangen zu prüfen. Die Welt will jetzt nicht nach Gesetzen leben, die da sind, weil sie da sind, sondern nach Gesetzen, die aus der Zeit und dem Bedürfnisse hervorgehen, von denen sie weiß, warum sie da sind. Gebt gutwillig, was man Euch später nimmt, und Ihr könnt für willenlose Puppen Menschen einhandeln, meines Erachtens ein schöner Tausch. Ich bin kein Narr, der den Staat für ein Rechenexempel ansieht, was in einer Stunde zu Stande gebracht ist, aber ich bin auch kein Esel, der sich beruhigt, wenn er Disteln hat. O, ich sage mit Kaiser Max: „Wenn sich Gott nicht der Sache erbarmt, ich armer Kaiser und der versoffne Julius werden's nicht besser machen.“ Steht auf aus Euren Gräbern, die ihr sie zuge¬ schnitten habt jene rothe Mütze, welche jetzt am Horne des Mondes hängt, vor Allen Du, Rousseau! Wirf noch einmal Dein heiß- und vollblütiges Herz über den Erdkreis, daß ihnen der Blutregen die Augen füllt statt der vergoßnen Thränen. Wenn ich oft knirschend am Boden meines Zimmers liege, da richtet mich der Ge¬ danke an jene metallnen, mit Blut bespritzten Helden der Franzosenjugend auf, der Gedanke an den brüllen¬ den Danton mit der Athletenfigur, dem von Pocken zerrißnen Gesichte, wie er einen Vulkan des zertretnen Menschenrechts nach dem andern aus der wogenden Brust herausschleudert; an den blitzenden Desmoulins mit dem garstigen schwarzen Antlitz, der schönen Frau im Arm und die tödtliche Gerechtigkeit auf der spru¬ delnden Lippe; an den rigoristischen frommen heuchleri¬ schen Narren Robespierre und die Helden des Ultrais¬ mus Sanct Just's, welche die neue schöne Lehre von der Freiheit mit dem stockigen Gifte enthaltsamer Tugend versetzten — wahrhaftig, Du hattest Recht, als Du mir sagtest, alles andre Studium sei heut' todter Kram, die französische Revolutionsgeschichte enthalte alle Fu߬ tapfen unserer kommenden Jahre, man solle sie studiren, und den Teutschen endlich eine schreiben, denn sie ha¬ ben noch keine und nur die Henkerlisten davon, und dann sollten sie die Schulbuben auswendig lernen. Baler, das war Dein größter Gedanke — o rothe Frei¬ heitsmütze, wann sieht dich Europas bleiche Sonne wie¬ der! Mein krankes Auge dürstet nach deinem Anblick. — Es ist gut, wenn man an Jemand hängt, es ist eine Art Stütze. Wenn man auch im Wasser ist, und sieht nur von fern Land, so hofft man auch wieder. — Warum bist Du nicht bei mir; wie ein verliebtes, schwind¬ süchtiges Mädchen schmacht' ich nach Dir — selbst Hyp¬ polit wäre jetzt nicht für mich, in einiger Zeit ja, denn ich weiß es, in einiger Zeit werd' ich sehr munter leben, wenn ich wissen werde, wo ich die Million stehle, die ich in die Lüfte und Spelunken streuen will. Kro¬ nen und Millionen stiehlt man ungestraft, nur die kleinen Diebe hängt man, nur die kleinen Sünder beich¬ ten und büßen. Alles kommt auf die Quantität, die Masse an — mit Millionen von Goldstücken, oder von Liebe, oder von Ehre, oder Lust ist Jedermann zu be¬ stechen. Ich schwör' es, Jedermann. O, will mich Niemand bestechen! Um mich verrückt zu machen, fehlt weiter nichts als die Liebe — wenn ich nicht so sehr liebte, wär' ich längst verrückt. Es giebt keinen liebevolleren Men¬ schen als mich. Die winselnden Lyrika scheinen uns verlassen zu haben und das ist gut, ich halte sie nur für eine Uebergangsstufe. Der Dichter soll und muß über der Empfindung stehen. Der Gedanke bringt die Empfindung, aber die Ausführung gehört ins Geistig- Materielle und nun wird der Dichter Künstler, der Handwerkszeug und Handgriffe nothwendig hat, und darauf achten muß, daß Aller Augen den rechten Ge¬ sichtspunkt bekommen. Wäre das nicht, so brauchte man sich nicht zu geniren, wo aber Jeder anders sieht, muß man etwas aufstellen, was eine gewisse Allge¬ meinheit an sich trägt. Ich weiß nicht, ob ich klar ge¬ sprochen habe, weiß ich doch kaum, ob ich klar denke. Lies doch den Börne und schreibe mir über ihn. Ach, und doch wären mir einige lyrische Gedichte nothwendig und erleichternd, wie Thränen. Ich habe Beides nicht. Frag' nicht nach dem Mädchen, denn ich hasse es. Deine nächsten Briefe schicke frankirt. — Ade! 11. Hyppolit an Constantin. Grünschloß, den 20 Juni. Mein gehaltreicher Sir John, was hör' ich für Dinge von Euch, Ihr gebt Euch einer wüsten innern Unordnung hin — was soll das? Befolge eiligst Valers Rath, und komm hieher, die Luft der Kuhställe wird Dich heilen. Ein Mann wie Du wird sich doch nicht den Grillen ergeben! Du siehst, ich habe mich auch hier eingefunden, um meinen Geist zu sammeln vom wirren Stadtleben, und ihn vorzubereiten auf größere Wirren, denen ich in Europas Hauptstädten entgegengehen will. Das ist nämlich der Plan zu meinem neuen Epos: zur Physignomie jeder Hauptstadt will ich einen ent¬ sprechenden Körper schaffen, dann will ich sie durchein¬ ander werfen und Situationen erzeugen, und wer die Civilisation und die Schönheit heirathet, der ist der Held. Komm und beschreib' mir Berlin mit der langweiligen Regelmäßigkeit und der kurzweiligen Soldatenspielerei — romantisch darf ich jene dürre Stadt schwerlich anziehn, dazu ist sie zu gesetzt, zu altklug, zu hegelisch; komm, hilf mir den grauen Magisterrock zuschneiden. Und das Herkommen lohnt wirklich der Mühe: der Ort liegt schön, der Graf ist gastfrei, der Ton fessellos, die Da¬ men sind schön, Stoff zur Gallenabsonderung, besonders für Valer ist auch da: ein junger adliger Laffe, Graf Fips, kam nämlich mit mir an und krächzt den Lieb¬ haber und Aristokraten — was willst Du mehr? Du hast Dich wahrscheinlich gewundert, warum ich die Stadt so schnell verlassen habe, der Du mich dort in schönen Fesseln wußtest. Hast Du Dich wirklich gewundert? Ei, Mylord, wie kennt Ihr mich mangelhaft! Ich dulde keine Fessel, auch nicht die schönste. Wie denken wir doch alle so verschieden über die Liebe. Willst Du wis¬ sen wie? Höre! Du liebst den Genuß der Liebe, Leopold liebt die Weiber; Valer, der immer was Besonderes haben muß, liebt die Liebe, William, der Narr, liebt die Gottheit in ihr und weil er ein christlicher Pedant ist, schwört er zum Monotheismus und verdammt alles Andere — ich — ich liebe das Leben. Was mir nicht mehr am Leben ist, werfe ich weg, gleichgültig darüber, ob ich nach der Definition Anderer morde. Ich kenne drum auch nicht Valers Pietät gegen das, was er ge¬ liebt, alles Todte ist für mich nicht da; ich kenne Leo¬ polds Zärtlichkeit, Ueberschwenglichkeit nicht, weil ich nur Leben geben will für Leben. Ich schwöre keinem Mädchen Liebe, ich liebe nur. Insofern nähere ich mich Dir zumeist, nur mit dem Unterschiede, daß ich nie mit sterbe, wenn meine zeitige Liebe stirbt, mit platten Wor¬ ten, wenn eine Liebschaft aus ist, wie es Dir Stüm¬ per begegnet. Dem William mit seinem armen Glau¬ ben gleiche ich in nichts, als daß ich meinen Mono¬ theismus so sehr erweitert habe, daß die ganze Welt hineingeht, während er bei jenem nur zwei Schuh hoch ist, gerade so hoch nämlich, daß ein Mädchen hinein¬ geht. Valer kann allerdings Recht haben, wenn er mich den Kriegsgott der Liebe, wenn er mich den gefähr¬ lichsten nennt, der wie der Samum entzünde und tödte. Wenn Du dies Glaubensbekenntniß betrachtest, so kön¬ nen Dich meine letzten Ereignisse nicht überraschen. Mein Akt mit der jungen Fürstin, von der ich Dir neulich schrieb, entspann sich folgendermaaßen. Ich trat im Theater in die Loge, wo sie saß, ohne sie zu bemerken. Man gab Shakespeares Othello, die Desdemona war ein schönes, liebes Weib, die Tragödie saß mit verschränk¬ ten Armen in ihren Augenwinkeln, der Reiz des Un¬ glücks lächelte weinend um ihren Mund. Sie sah mir 5 wie ein schönes Opfer des Lebens aus, wie eine indi¬ sche Witwe, die mit Wollust im Scheiterhaufen verkoh¬ len will. Fast unverwandt sah sie nach unsrer Loge und wie es schien, auf mich. Plötzlich fiel mir ein, daß ich sie schon gesehn. Auf einem einsamen Wege kam ich neulich zur Stadt geritten, mein Pferd war scheu und unstät, es ging sehr unruhig, ich lasse ihm die Zügel schießen, um seinen Drang nach Freiheit zu stillen. Wie ein rasselndes Gewitter braus't es die Straße einher, eine kleine Strecke vor mir seh' ich plötzlich ein Kind in den Weg hereinspringen, eine Dame mit durch¬ dringendem Geschrei ihm nach, sie will es von der Straße reißen, das Kind sträubt sich, mein Pferd ist schon dicht vor ihnen. War das Kind allein, so setzte ich darüber hinweg, mein Rappe versteht das, und beschädigt Nie¬ mand. Aber die Dame richtet sich auf, ich parire mit aller Kraft, die mir zu Gebote steht, das Pferd und setze es so fest in den Boden, daß mich der Stoß über den Kopf des Thieres schleudert. Ich stand neben der Dame, die mich mit unbeschreiblich schmerzhaftem Aus¬ drucke in ihrem schönen Gesichte ansah, sie war wieder halb zusammengekauert und drückte wie schützend das kleine Mädchen in ihren Schooß. Ich hob das liebe Kind, welches sorglos lächelte, in die Höhe, küßte es und gab es der schönen Mutter in die Arme. Sie war außer sich vor Bewegung, sah mich mit weiten Augen wie ein durstiger Himmel an, griff hastig nach meiner Hand und bedeckte sie mit Küssen. Ich erwehrte mich dessen kaum — das heiße Wasser stand in ihren Augen; erregt stieg ich wieder auf mein Roß, winkte ihr Lebe¬ wohl und flog davon. Dieselbe Dame — ich erkannte sie jetzt genau — war die Desdemona. Ich sah unverwandt hin und bemerkte es nicht, daß mich die Fürstin fortwährend fixirte, daß ihr Bru¬ der, den ich einige Male an der Pharobank und in lü¬ derlichen Häusern gefunden, mich zu begrüßen versuchte. Als ich dessen inne ward, fertigte ich ihn kurz ab, und verwies ihn auf das schöne Spiel der schönen Schau¬ spielerin. Seine Schwester winkte ihm und nach dem ersten Akte stellte er mich ihr vor. Ich war zerstreut und sprach wie eine Seite der Abendzeitung in lang¬ weiligen Aphorismen, die Blicke immer auf den Vor¬ hang heftend. Sie fragte boshaft, ob ich so sehnsüch¬ tig auf die Desdemona wartete. Ich sah sie lange freundlich an und sagte lächelnd: „Ja.“ Es zuckte et¬ was über ihr Gesicht und sie wendete den Kopf hinweg. 5 * Jetzt erst fiel mir ein, daß ich doch wohl etwas unar¬ tig sei. — Das Profil der Fürstin betrachtend versank ich aber doch wieder in ein behagliches Träumen. Sie ist blond und hat die schönste weißeste Haut, die ich je gesehen. Das Gesicht ist vornehm und edel, braune Augenbrauen und lange gleichfarbige Wimpern beschat¬ ten ein dunkles verlangendes blaues Auge, was in sei¬ ner heißzonigen Art wunderlich heißzonig absticht ge¬ gen das Nördliche, Unschuldsvolle des übrigen Gesichts, dessen feine, fast unmerklich aufgestutzte Nase keck und leichtsinnig aussieht. Der kleine Mund ist zum Küssen herausfordernd mit seinen quellenden Lippen, der Kör¬ per ist voll und üppig. Sie trug einen blausammt¬ nen Reitrock, der am Busen geöffnet war und unter weißer Chemisette, dessen erster Knopf sich gelöst hatte, zeigte sich eine schneeweiße, kühn und gesund gewölbte Brust zum Theil ohne Hülle dem fragenden Blicke. Ihre Gedanken schienen sich zu erhitzen, sie ward roth und die Brust ward rascher. Plötzlich wendete sie sich zu mir und fragte mich, warum ich sie unverwandten Blickes ansehe. Ich lachte und versicherte ihr, ich sei ein Phy¬ siognomiker, der Charaktere studire und bei den interes¬ santesten natürlich an längsten verweile. Ich war zwischen ein doppeltes Leben eingedrängt. Desdemona kam wieder und sendete mir befruchtende Lichtstrahlen, die Fürstin erwärmte wie Maiensonne. Ich habe lange nicht so viel gelebt als an jenem Abende. Der Fürst kam dazu, und wollte meine Familie und ih¬ ren Stammbaum in Spanien kennen, er schwatzte viel unnützes, genealogisches Zeug; ich versicherte ihm, daß ich ein Bastard von einer armen Baskin geboren, und nur aus Mitleid angenommen und mit meinem jetzigen Namen beschenkt sei. Er lächelte, meinte, ich sei ein schnurriger Kauz, und ich solle ihm meine Aufwartung machen. Die Fürstin warf dazwischen, ich würde wohl keine Zeit haben; der Fürst fragte, womit ich mich be¬ schäftige. Ich dichte, antwortete ich. Sonst— fuhr er fort — sonst, nahm ich seine Rede auf, studir' ich die chinesische Geschichte, wegen der schwierigen Stammta¬ feln. Sie sind Historiker? — Nur mit dem interessan¬ testen Theile der Geschichte, mit der Genealogie und He¬ raldik, beschäftige ich mich. Jetzt schien er's zu glau¬ ben, nur die Fürstin schüttelte leicht das Köpfchen und lächelte. Ich weiß alle guten Familien von Re¬ bucadnezar herunter — fuhr ich fort. „Hatten denn die Alten auch Wappen?„ — O ja, sie trugen sie an den Schwertknöpfen und die Urvölker an den Häup¬ tern, über welche sie Thierhäupter zogen. „Was halten Sie von Shakespeare und dem Othello?“ warf die Fürstin dazwischen. Wenn ich eine Frau wäre, ent¬ gegnete ich, würde mir die Desdemona nicht gefallen, weil sie der ausgeprägteste Typus von weiblicher Erge¬ benheit ist, und ich hasse als Mann die Ergebenheit; sie ist wie ein rührendes Lied; man muß das Lied lieben, ich liebe aber auch gern den Dichter des Liedes. Vom Dichten ist aber nichts an ihr, sie ist nur gedich¬ tet, sie ist durch und durch Passivum — sie ist nur Thräne, darum ein reizendes Weib; der Mann liebt aber den Schmerz mehr als die Thräne. Sie ist zum Sterben, zum Vergehen liebenswürdig, der Mann braucht aber weniger Todesmuth als Lebensmuth; Sterben ist leichter als Leben. Aber sie ist so verführerisch weiblich liebenswürdig, daß man mit ihr sterben möchte, und dies ist ihr einziges Unrecht. Ihr Vater, Shakespeare, aber ist ein braver Mann. — „Ein wenig roh,“ setzte der Fürst hinzu. — Beefsteak, Durchlaucht, Beefsteak — und die Natur ist nicht für Alle anständig, der Herr¬ gott hat die Etikette nicht erfunden. Der Mann mit den Sternen auf der Brust schwatzte noch viel albernes Zeug, ich sagte ihm noch dreimal, daß er Recht habe, dann schwieg ich, legte mich an den Pfeiler und litt mit des Mohren Weibe. Zwei Striche für Jago und er ist der stärkste Engel. Shakespeare hätte den Raphael über¬ treffen können, der mit zwei Strichen Weinen in Lachen verwandelte. Es ist die fürchterlichste Potenz von mensch¬ licher Kraft in diesem Jago — Shakespeare muß ein starker Mensch gewesen sein, sonst hätte er nie einen Jago zeichnen können. Es ist die verzeihlichste Schwäche, ei¬ nen großen Menschen anzubeten, ich verzeihe drum gern der Welt die Tändeleien mit dem dogmatischen Christen¬ thume — wenn mich Shakespeare nicht umarmen wollte, so würde ich seine Füße küssen. O Gesundheit! du Seele der Welt, warum hast du die Poeten verlassen? Ich danke der Geschichte nur für zwei Bücher, die sie gerettet, für den gesunden Homer und den gesunden, strotzend gesunden Shakespeare. Alles war todt; ich vergaß das Fortgehen. „Ich hoffe Sie mehr zu sprechen“ — hörte ich neben mir und gewann kaum Zeit, der fortrauschenden Fürstin mich zu empfehlen. Die Nacht und den andern Tag hatte ich für Niemand Zeit. Shakespeare war bei mir, ich hielt Thür und Fenster verschlossen. An Desdemona hatte ich viel geschrieben. Am zweiten Morgen hatte ich die schönsten Antworten. So hatte ich mir das reizende Weib gedacht, jede Zeile war Poesie, war Herzblut. Aber ein resignirendes Opfergeschöpf war sie und blieb sie wie Othello's Weib. Ihre Liebe versprach, eine grausame Wollust zu sein. Die Keime des Todes streck¬ ten ihre Spitzen aus jedem Gedanken. Ich fühlte ein inniges Erbarmen mit ihr, und konnte sie nicht sehen, sie verlangte es auch nicht, aber wir schrieben uns flei¬ ßig. Ihr Mädchen, das mir die Briefe brachte, hatte einmal auch das kleine liebe Kind mit sich, ich spielte einen ganzen Vormittag im Sonnenscheine meines Zim¬ mers mit dem kleinen Dinge. „Du bist wohl ein gro¬ ßer Herr, meine Mutter erzählt mir, daß Du mit der Prinzessin sprichst,“ lallte das kleine harmlose Geschöpf und erinnerte mich zu ihrer Mutter Nachtheil, daß ich noch nicht bei der Fürstin gewesen. Ich fuhr hin, das schöne Weib that anfänglich stolz, sie war verletzt durch meine Nichtachtung, Unge¬ zogenheit. Sie ist klug und sehr unterrichtet. Wir sprachen über unsere Literatur. Das Gespräch wurde warm, ja, es ward üppig, als wir auf Göthes Ele¬ gien kamen. Es überraschte mich äußerst angenehm, ein Weib so ganz ohne Prüderie zu finden; sie sprach keck wie eine Griechin von ihrem Entzücken über die Darstellung jener italischen Scenen. — — Eben empfange ich Deinen Brief, erlaube, daß ich ihn erst lese, ehe ich weiter schreibe. 12. Constantin an Hyppolit. Frag' doch einmal den Valerius, welche Bewand¬ niß es mit seinem letzten Billet habe, das mir aus ei¬ nem bedeutenden Gesandtschaftshotel zugeschickt worden ist und in dessen Begleitung ich eine zierliche Einladungs¬ karte in jenes Hotel erhielt. Ich war eben mit einer Auktion meiner letzten reputirlichen Kleider beschäftigt, der gallonirte Bediente nahm sich schnurrig unter mei¬ nen Juden aus. Es war der letzte Tag meiner äußer¬ lichen Anständigkeit, im himmelhohen Dachstübchen mei¬ ner jetzigen Höhe soll der geputzte Lakai mich schwer¬ lich wiederfinden. Ich sehe hoch herab auf den steifen berliner Jammer. Thut mir nur den Gefallen, in Euren etwaigen Novellen keine miserablen Kerls mit prächtigen Ansich¬ ten auszustaffiren, sondern die Gestalten möglichst be¬ deutend zu machen — etwa von meiner Figur. Diese genialen Kerls, die blos deshalb unglücklich sind, weil ihnen eine beträchtliche Dosis Menschenverstand fehlt und weil sie auf der Welt nicht wie auf dem Dudelsacke spie¬ len können, sind mir im höchsten Grade zuwider. — Ich gebe mir alle ersinnliche Mühe, um glücklich zu sein, wenn ich früh mit der Morgensonne die todte Stadt betrachte und den lustigen Rauch aus den Schorn¬ steinen steigen sehe, da will mich oft eine Thräne be¬ schleichen und eine wimmernde Elegie zerbröckelt sich auf der Zunge, aber ich jage das dumme Zeug fort und nehme meinen alten Moniteur von 1793 zur Hand, und lese ihn mit starker Stimme in die Morgenluft hinaus. Da kommt mir bald der Zorn gegen die jäm¬ merliche Welt, die ihren Geburtstag vergessen hat, und wenn der Zorn erst kommt, da ist Alles gut. Nach der Liebe ist er die edelste Leidenschaft. Ich gehe oft einen ganzen Tag lang zürnend auf meiner kleinen Stube hin und her; denn der einzige Rest meiner Ci¬ vilisation, der mir geblieben, mein Mantel von Marengo, der mich Tag und Nacht schützt, erlaubt mir nicht, am Tage auszugehen. — Die Zukunft kümmert mich nicht; wären wir nicht Alle zukunftskrank, so würden wir ei¬ ne stärkere Gegenwart haben. Mache Dir alles Ange¬ nehme recht anschaulich und betrachte das Unangenehme als ein nothwendiges Uebel — hätte ich nicht für mich selbst diese Registratur der nothwendigen Uebel errichtet, beschäftigte ich mich nicht mit allem Unangenehmen, bis es mir wenigstens interessant und für eine Novelle brauch¬ bar erscheint, ich würde wahrlich nicht so gutes Muthes sein. Ich lache doch alle Wochen wenigstens einmal. Auch les' ich jetzt fleißig in der Bibel; ich will doch mit Vernunft über den Unsinn raisonniren, nach 1800 Jahren noch immer ungestört von einem Buch sich gän¬ geln zu lassen, was unwissende Schüler einem großen Meister nachlallten. Die „Menschenrechte“ daneben ge¬ ben die Glossen dazu. Die weibliche Nachbarschaft mit ihren Gewissens¬ fragen in Grünschloß amüsiret mich sehr. Die Weiber sind noch heute wie die Helden in den alten Novellen, die sich beim ersten Begegnen ihre Lebensgeschichten ab¬ fragen. Macht Ihr noch keine Sonette? Diese Dich¬ tungsart ist ja wie für Eure Lage erfunden. Man muß beim Sonett nur immer die Form in größter Vollkommenheit voraussetzen und so wie die Fär¬ bung beim Gemälde, der Stein bei der Bildsäule Bestandtheile der Schönheit sein können, wenn auch der Gedanke die Hauptsache bleibt, so ist's auch beim Sonett. Das äußerlich Glänzende vertheidigt Niemand weniger als ich, aber beim Sonett darfs nicht blos dieses sein: den äußern Glanz muß eben die innere Harmonie geben. William sagt gut: „Es ist eine Säulenordnung, wo jede Säule zur andern und alle zum Ganzen in schöner Beziehung, klarem Verhältniß stehen müssen.“ Man mache hie und da, wenn es eben recht aufgeräumt im Kopfe ist, ein Sonett, und sende es der Liebsten. — Das Sonett ist ein Weib, dies wird sich dessen freuen, es ist ihr ein Spiegel eigner schöner Zu¬ sammenstimmung, wenn das Weib anders eben Musik in sich hat. Ein Dichter, der nur Sonette macht, ist ein weibischer Mann aus unserer Theetassenzeit. So¬ nette können schon wegen der Schwierigkeiten nichts als der Schaum unsrer innern Wogen sein, das Eigent¬ liche liegt auf dem Grunde, und wenn es heraufkommt, so ist es das Einfache, der Urvers, der sich in der poetischen Prosa oder dem klaren Jambus ꝛc. ausspricht. Daß ich nicht ins Theater gehen kann, thut mir leid. Bei dieser schalen magern Welt seh' ich gern die phantastische Thätigkeit des Traums. Was mir Vale¬ rius einst über Nationalität als Hebel der — na¬ mentlich dramatischen Poesie sagte, stimmte mit meinen Ansichten überein. Ich glaube aber, daß alle Nationa¬ lität nach und nach verschwinden wird und daß dies ganz nothwendig im Gange der Weltgeschichte liegt. Ich glaube nämlich an eine dereinstige Universalrepublik so fest wie an meine Fähigkeit, ein Glas an den Mund zu führen. Es wird und muß sich eine neue Zeit bil¬ den, wir leben freilich in keiner, sondern in dem Zwi¬ schenraume auf der Brücke zweier Zeiten. Individuali¬ täten, plastische Figuren, mit einem Worte, Helden verschwinden und an die Stelle der Helden tritt die Meinung . Wir bereiten den Stoff zu einer neuen Aera der Poesie, welcher der voreilende Jean Paul theilweise schon angehört. In dieser neuen Weise kön¬ nen wir noch nicht schreiten, weil sie erst die Hälfte ihres Körpers aus dem Mutterleibe der kreisenden Welt¬ geschichte hervorstreckt; die alte Weise kann uns aber nicht mehr genügen, eben weil die Ahnung der neuen schon in uns vorhanden ist. Daher finden wir von allen Arten der Poesie die meiste Befriedigung in der Musik, weil sie der Ausdruck halbbewußter Gefühle ist. — Nenne dies „Fieberphantasie eines tauben Musikers.“ Dieser Schuft von Diener aus der Gesandtschaft hat eine Spürnase wie ein Jagdhund, und mich wirk¬ lich ausgeschnüffelt — keuchend kam er eben auf mei¬ ner Höhe an, und brachte mir die verbindlichste und dringendste Einladung. Man habe mir Vielerlei mitzu¬ theilen. Mantel, schütze mich vor Blößen! „Men¬ schenrecht.“ wahre meine Freiheit — in dies dum¬ me Zeug hat mich Valers besorgliche Gutmüthigkeit wahrscheinlich gestürzt. Bitte ihn doch, daß er die Leu¬ te unterrichten läßt, ich sei ein Taugenichts. Dann lassen sie mich hoffentlich in Ruhe. Ich räusperte mich, und hielt dem Diener eine jakobinische Standrede. Er¬ stens bedeutete ich ihn, daß mein Name Müller, ein¬ fach Müller, Stadtmusikus Müller sei, mein Vater heiße von Müller, ich aber nicht — das von sei überhaupt nicht mehr Mode und die Mode sei die Hauptsache. Zweitens paßte mein Aeußeres und In¬ neres nicht in ein Gesandtschaftshotel, drittens gehörte ich zu den Sanscülotten, viertens würde ich ihm den Hals brechen, wenn er sich noch einmal bei mir sehen lasse. — Ich hoffe, er hat genug. Gestern habe ich in der Zeitung gelesen, daß meine gute Schwester gestorben ist, es war, als ob eine alte Saite in mir spränge, es schwirrte eine ganze Weile. Ach, Sterben ist keine Kunst; — nur weil die Leute das nicht wissen, erschrecken sie so unmäßig vor der französischen Schreckenszeit. — Ade — freue Dich, denn dies ist der Punkt, um den sich alle Sonnen und Monde drehen — Epikuräer ist auch der Stoiker, denn was anders als Freude in sich will er durch Stoicismus gewinnen? Um zum Vergnügen zu kommen, sei mäßig, nur nicht in der Liebe zu mir; ich denke Dir mit Wucher zu zahlen. 13. Hyppolit an Constantin . Lieber Freund, Valerius, der eben zu mir kommt und mir den ähnlichen Brief von Dir mittheilt, ist mit mir gleicher Meinung: das muß anders mit Dir werden. Beiliegende Summe wirst Du zu Deiner Ak¬ klimatisirung anwenden, oder es trifft Dich das Ana¬ them der Böotier. Sobald Du Dir einen Frack ge¬ kauft, folge jener Einladung; nach Allem was ich ge¬ hört, findest Du ein reizendes Mädchen. Jetzt höre zu, ich erzähle weiter. Die Fürstin bedauerte, daß Göthe nicht auch dergleichen Scenen aus reicheren, vornehmeren Umgebungen geschriebeu , die Weiber seien zu sehr Landschaft, ich solle ihr Elegien schreiben, wo die Frauen mitsprächen. Jenes Behag¬ liche, Reiche — entgegnete ich ihr, — was sie ver¬ misse, ersetze der Schauplatz Italien, aber es sei aller¬ dings ärgerlich, daß unsre übrigen Poeten noch immer so wenig Courage hätten, dergleichen zu schreiben. Ein¬ mal, sagte ich, liegt es an unsrer bürgerlichen Ein¬ richtung, die in so vielfache kleine bürgerliche Fächer abgetheilt und durch Mauern und Hecken abgetrennt ist, die so sehr der Freiheit ermangelt, daß die meisten Menschen nach dem Rechenbuche leben müssen, in die nassen Felder hinausrennen, um sich Luft zu machen, da empfängt sie unser schlechtes Klima und sie holen sich den Schnupfen. Zweitens werden den Meisten jene Fächer ins Herz hinein erzogen, sie prallen vor jeder papiernen Wand zurück, weil ihnen das leidige Herkommen zum unerschütterlichen Naturgesetz geworden ist. Sie zweifeln eher an der Richtigkeit und Gesund¬ heit ihrer Gefühle, als an der der Verhältnisse. Der ist schon ein bürgerlicher Held, der als Kanzlist der Tochter oder Schwester des Regierungsraths seine Liebe anzubie¬ ten wagt. Drittens sind unsre allgemeinen politischen Verhältnisse noch immer die der Herren und Sclaven und der großen Masse von Sklaven fehle es an Muth zu lieben, wenigstens an Muth, Gegenliebe zu verlangen. „Das sind wunderliche Dinge“ — entgegnete die Fürstin — „ich glaube aber nicht, daß Sie zu den Sklaven gehören.“ — Dabei reichte sie mir die schön¬ ste Hand, welche ich je gesehen, zum Kuße. Ich küßte sie ihr lachend mit warmen Lippen und da sie mit dem Zurückziehen nicht eilte, so eilte ich nicht mit dem Zu¬ rücklassen. Ich sprach noch viel mit erhöhter Wärme über Poesie und Weiber. Meine Dame ward auch be¬ wegter, zog einmal ihre Hand weg, nannte meine Theo¬ rieen männerfrech, ließ mich später die Fingerspitzen wie¬ der ergreifen, schwieg lange, sah mich forschend, durch¬ dringend an, stand dann plötzlich auf, strich mir wie Adelheid in Göthen's Götz dem Franz über das Gesicht und erlaubte mir den andern Tag wieder zu kommen, und ihr Gedichte mitzubringen. Ich war in einer Art Sinnlichkeitsrausch. Wenn Du Dich darüber wunderst, so hab' ich Dir nicht ge¬ nug von der Schönheit des Weibes, nicht genug von dem stolz einhergehenden und doch von Bewegung im¬ mer in die Knie sinkenden Trotze ihres Wesens gesagt, was unwiderstehlich reizte. Eine stolze Blume, die sich des feuchten Thau's nicht erwehren kann, der ihre Blätter, die Augenlieder, erweicht und das Haupt beugt. Rechne dazu die reizendste, reichste Umgebung, welche der trägsten Phantasie schwellende Polster unterschob. Glaube ja nicht, daß die äußeren Umstände ohne gro¬ ßen Einfluß seien. Wer unter den gewöhnlichen engen bürgerlichen Verhältnissen, wo das Philisterhafte der Frau Mutter oder Frau Muhme mit beobachtet sein will, frei, mild, stark lieben will, muß einen viel grö¬ ßeren Grad von Freiheit und Stärke entwickeln, als wer eine Fürstin in goldnen Zimmern findet, wo auch die leiseste Störung scheu nicht in die Nähe zu treten wagt. Nur die sentimentale, eine Jugendliebe, die Raserei der Liebe wächst unter erschwerenden Umgebun¬ gen — die Romanschreiber, die den Satz überall gel¬ ten lassen, verstehen nichts davon. Wie käme jeder arme Novellist in seiner kleinen Bürgerstadt mit seinen paar Papierthalern Honorar in Kreise, wo die Spi¬ rallinien des Wunsches in weiten freien Bogen springen! Daß so Wenige von den äußerlich Begünstigten Ro¬ mane schrieben, daß diese freiste schönste Dichtungsart so fast lediglich den armen Teufeln überlassen ist, bringt so viel Jämmerlichkeit, zusammengeschnürte Herzen in unsre Poesie. — Es ist ein ander Ding, daß die Liebe durch Hindernisse wachse — wer möchte das leugnen, aber der Feind muß des Kampfes werth, der Feind muß gewaltig die höheren Thätigkeiten aufregend sein, — wer und was ist denn aber der gewöhnliche Feind Eurer Liebschaften? Ein kleines Kastenherz, was die leben¬ digsten Pulsschläge als zu kühn und illegitim fürchtet, jämmerliche Furcht vor einigen herkömmlichen Rücksichten, die nicht erlaubt glücklich zu sein, weil's tausend andre Hasen nicht gewesen sind, altes Weibergeschwätz, der sogenannte Ruf, d. h. das Klatschthema aller mittel¬ mäßigen Menschen. Solch ein Feind stärkt nicht, aber er lähmt. Man kämpft gegen einen ausgestopften Wanst, in welchem das Schwert stecken bleibt, was den Arm ermüdet, das muthige Herz aber mit Ekel erfüllt. Ich erinnere mich eines Universitätsbekannten, der den Umgang mit einem liebenswürdigen Mädchen aus lauter bürgerlicher Verzweiflung aufgab; so wie er bei ihr saß, kam die Frau Muhme und die Frau Base und die Frau Nachbarin, und wenn er die losgewor¬ den war, der Herr Gevatter und der Herr Bruder Handschuhmacher und der Papa und die ältere unver¬ sorgte Schwester und sprachen von den Stunden der Andacht, von den schlechten Zeiten, von der Sittenver¬ derbtheit und noch einmal von schlechten Zeiten, daß der Mensch immer zum Tode abgemattet von seinem Liebchen kam und ein Ende machte, um nicht vor Aer¬ ger, Langerweile, unbefriedigtem Sehnen, verplatteter Empfindung aufgerieben zu werden. Der Gegegensatz von all den Dingen zeitigte aller¬ dings wie klarer Sonnenschein meine Neigung zur Für¬ stin. Ihr sogenannter Gemahl zählte gar nicht: ein¬ mal gehorchte er seiner Frau unbedingt und war ein kläglicher Pantoffelritter, zweitens war er ein abgestumpfter Mensch, der ein ordinär lüderliches Leben geführt hatte; ferner beschäftigte ihn eine kindische Eitelkeit mit so viel andern Gegenständen, daß er keine Zeit und keinen Zugang für den Gedanken hatte, seiner Frau könne ein andrer Mann gefallen, endlich, war er meist ver¬ reis't. Während ich bei seiner Frau saß, ließ er sein nobles Pharospiel bewundern, seine schönen Pferde prei¬ sen, sein vielwisserisches fades Gespräch geistreich schel¬ ten. Der Bruder der Fürstin war sein Genoß und störte uns eben so wenig. Aber des Fürsten Bruder war ein kräftiger Feind, denn er liebte seine Schwä¬ gerin mit Leidenschaft. Doch davon später. Ich wollte Dir nur darthun, wie das Behagliche aller Umgebun¬ gen mich hineinlockte in das Zauberschloß zur schönen Fee, wie ich so lange einen Engel wie Desdemona ihr nachsetzen konnte. Sie hatte mich das erste Mal in einem großen Gesellschaftszimmer empfangen; als ich den andern Tag wiederkam, fand ich sie in einem kleinen lauschigen Gemache. Schwere grünseidne Gardinen mit glän¬ zenden Goldtroddeln verhüllten zwei hohe Fenster, der Fußboden war ein bunter Blumenteppich, an der einen Wand hingen zwei große Oelgemälde, Joseph, eh' er zu dem einfältigen Entschlusse kommt, sich der Potiphara zu entreißen, und Leda, als sie brünstig ihren Schwan küßt; an der Wand gegenüber stand ein rothseidner Divan, über welchem ein vortrefflicher Kupferstich hing, Jupiter darstellend, wie er in goldnen Regenstrahlen zur Danaë kommt. Das Zimmer war sonst fast leer, ein breiter Spiegel strahlte den Divan zurück und um¬ armte strahlend den keuschen Israeliten und die begehr¬ liche Leda, ein reicher kleiner Tisch mit Erfrischungen bedeckt stand neben dem Sopha. Es war die leichte heitre griechische Freiheit, die über das ganze Zimmer gegossen war; ich hasse nichts so, als die mit Herrlich¬ keiten überladenen Gemächer, wo man bei jedem Schritt befürchten muß, etwas zu zertreten. Die Fürstin stand vor dem Spiegel und rollte eine Locke an den Fingern auf. Ich habe nie etwas Schö¬ neres gesehn, als dies Weib in jenem Augenblicke an jenem Abende. Sie trug einen leicht seidnen weißen Rock, hoch geschürzt mit einem Florüberwurf, nach Art der sarmatischen Ueberkleider geschnitten. Beide waren natürlich vorn offen und schlugen sich, wenn sie ging, zurück, so daß man das weiße Unterkleid und die sich rund hervordrängenden Umrisse des Schenkels und Bei¬ nes sah. Schultern, Hals und Arme waren frei, die kurzen herunterhängenden polnischen Florärmel fielen zu¬ rück, wenn sie den Arm hob. Titian hat nie ein schö¬ neres Fleisch gemalt. Sie war ungeschnürt und der volle Busen drängte die schwache Seide wie ein volles Herz die kleinen gesellschaftlichen Rücksichten. Ihr rei¬ ches blondes Haar fiel in reichen Locken um das Haupt. Der gewöhnliche scharfe Ernst ihrer Züge war gemildert, und sie ging anfänglich in launigen Gesprächen wohl eine Viertelstunde lang im Zimmer auf und ab. Es mochte wohl Eitelkeit sein, ihre in Schönheitslinen sich schaukelnde Figur zu zeigen. Aber ich liebe diese Eitelkeit und die stets sitzenden Frauen kommen mir wie fette Türkinnen vor, die mich nie reizen könnten. Das freieste Wort, die freieste Sprache des Körpers ist der Gang. Diese vornehme Keckheit, mit der sie ihre Rei¬ ze offnen Auges, offner Stirn auftreten läßt, erfreut und stärkt meine Sinne. Es ist eine kühne Gesund¬ heit darin. Jenes verdeckte, versteckte Kokettiren mit nackten Eckchen und Zipfelchen ist der baare Gegensatz davon und mir in der Seele zuwider. Parallel damit geht auch die krankhafte Beschreibung solcher hysterischen Schön¬ heiten, wie sie in den sogenannten schlüpfrigen Ro¬ manen zu finden. Beides schwächt die Sinne. Die Natur in ihrer ungeschminkten Schönheit, in ihrer Nackt¬ heit ist immer edel und schön, ihre Verkünstelung ist krankhaft. Weil der Novellist nicht den Muth hat, die unverhüllte Form zu zeigen, so hat er auch nicht den Muth, sie zu bewundern, und er giebt Dekokte für die baare Schönheit. Darin besteht ja die Fülle von Vollkommenheit in der Poesie, daß ihr alle Künste zu Gebote stehen, und wer die plastische verdirbt und einen löchrigen Mantel über die nackte Statue wirft, be¬ stiehlt den Roman. Was gäbe ich darum, schrieben unsre Bildhauer Novellen: das könnte eine stärkende Kur werden; was gäbe ich darum, lebten noch zwei Heinse, die einfachen Homöopathen der Beschreibung. Das ist es, worin ich ganz mit Valer übereinstimme, nur, daß er mit größerer Vorliebe den weichen Formen des Praxiteles nachgeht, ich die dreisten Linien des Phidias vorziehe. William hat gar kein Verständniß dafür und ich fürchte, der kleine Proven ç ale nimmt mehr das Lüsterne heraus, was ich ganz verwerfe, weil es entnervt. 6 Die Fürstin sprach von den Männern; ich mußte ihr von Weibern erzählen. Sie hatte viele von unsern einbalsamirten Herrn kennen gelernt, deren Gestalt nur hier herumläuft und deren Geist in Erziehung, Lüderlich¬ keit oder Furcht verflüchtigt ist. Wenn das Gegentheilige ihr begegnet war, so hatte es aus jener materiellen, rohen, ich möchte sagen, bestialischen Soldatenkraft be¬ standen, die schon seit vielen Jahrhunderten unsre hö¬ her gestellten Stände für ein Axiom der Bildung an¬ sehen. Es ist diese Barbarei ein Kindlein des Mittel¬ alters und eigentlich ein diplomatischer Streich des Adels. Als das Ritterthum verschwand, pachteten sie die vor¬ nehme Soldaterei und Jagd; sie ahnten etwas vom Kriegerstande der Aegyptier und Inder und wollten die herrschende Parthei, welche mit des Schwerdtes Kraft das Land erobert hat, fortspielen. Unterdeß ist die Welt mit ihrer Civilisation weit über jene behelmten Häupter hinausgewachsen, darum sehen wir jetzt unter den sogenannten höheren Ständen eine solche Menge barbarischer Fratzen mit lächerlichen Schnurrbärten von einem Ohr bis zum andern, die noch immer der ernst¬ lichen Meinung sind, sie hätten das Privilegium der Courage. Gemüthern, die alle civilisirten Anlagen zum Herrschen besitzen, also ein Wort aus Erfah¬ rung darüber reden können, muß dieser Vandalis¬ mus gräulich sein. Das klagte die Fürstin, und es beschlich sie, nachdem die Schärfe des Worts lange ge¬ nug gemäht hatte, eine leise Wehmuth, die ihr sonst gar nicht eigen, darum aber doppelt verführerisch an ihr war. Männersehnsucht, Männertrauer, Thränen nach Männern sind die schärfsten Waffen eines stolzen Weibes. Sie erobert, indem sie um Gnade bittet. Ich fühlte die reiche Armuth des einsamen, hochgestell¬ ten Weibes, ich fühlte meine Kraft sie zu halten und zu beglücken. „Arme reiche Frau“ — sprach ich, blieb vor ihr stehen, faßte ihre beiden Hände, führte sie an meine Lippen, und sah ihr drängend tief in die Au¬ gen hinein. Sie legte ihre Arme auf meine Schultern und gab mir die Blicke feucht und redlich zurück. Aber es war, als kämen sie aus einer weiten, fernen Däm¬ merung, als wären sie Träume von reizenden Stern¬ bildern; sie schauten wie aus den Wogen tiefer Ge¬ danken, sie sahen träumerisch, aber unendlich glücklich aus, diese Blicke. Es war, als bückte sich die Seele des hohen Weibes tief vor ihnen. Die starren Kräfte des kalten schönen Gesichts waren gebrochen, die Züge 6 * sanken in die Knie zu zauberhafter Milde, wehmüthi¬ ger Freundlichkeit. Venus stieg aus dem Meeresschaum, und die schäumenden Wellen fielen plätschernd von ihr, und sie ward ganz das warme Weib. Lange sahen wir uns so in die Augen, näher und näher sie aneinan¬ der drängend. Keines sprach. Wenn sich die Seele unter Schmerz und Lust und Thränen nackt an den Tag drängt, da staucht und hemmt sie erst das ver¬ laute Wort, die dreiste Kehle, wie man ein Wehr hemmt, wenn man die Tiefe des Wassers trocken und nackt sehen will. Endlich lispelte die Fürstin leise, so leise, daß es nur mit Mühe mein innerster Mensch er¬ lauschte: „Du bist ein Mann“ und ich fühlte einen brennend heißen Kuß auf meinem Munde. Sie schlug die schönen Arme um mich, ich hob sie dicht zu mir und hielt sie, die halb schwebende, die ihre brennende Wange an mein Auge drückte und so eine Minute in meiner Umarmung verweilte. Dann hob sie den Kopf, drückte mein Gesicht in ihre Hände und küßte mich ei¬ nige Male heftig, machte sich bald los von mir, warf Haupt und Locken in den Nacken zurück und mich mit halbgeschlossenen Augen betrachtend lächelte sie und nickte leise mit dem Kopfe. „Komm, Mann,“ sprach sie, legte den Arm auf meine Schultern und ging mit mir einige Male im Zimmer auf und ab, hie und da blieben wir stehen und küßten uns inbrünstig, und meine passive, mir so ungewohnte Rolle von mir werfend, drückte ich die vollen straffen Glieder des schönen Weibes an mich, und schleuderte die lodernden Funken der Sinnlichkeit verschwenderisch um uns herum, umschlang sie wie ein Löwe sein Weib, überließ mich ganz der heiteren Kraft meines Wesens, und küßte sie bis sie weich und er¬ schöpft in meinen Armen zusammenbrach da hob ich sie, einen Arm um ihren Leib schlagend, die Hand an ihren Busen drängend, an meine Seite und ging, sie halb tragend, mit ihr durchs Zimmer. Vor dem Spiegel blieb ich stehen und zeigte ihr unser Bild. Sie wollte den Stolz ihres Wesens aufrichten, aber es gelang ihr nicht, sie ließ das Haupt nach vornhin ge¬ beugt sinken und sah mit einem lächelnd naiven Ausdrucke, dessen ich sie gar nicht fähig gehalten hätte, auf unsere Gruppe im Spiegel. — — Die Stunden waren geflogen, wir saßen auf dem Divan und ich mußte ihr Liebesgeschichten erzählen. Sie meinte, eifersüchtig sei sie nicht auf die Vergangen¬ heit. Dennoch konnte ich keine Geschichte zu Ende brin¬ gen, ohne daß sie mich da, wo sie anfing interessant zu werden, auf den Mund schlug, still schweigen hieß, aufstand, einen Gang durchs Zimmer machte, dann vor mir stehen blieb, zausend in meine Haare griff und halb zornig, halb lachend sagte: Du hättest wohl auf mich warten können mit Deinem Lieben, dreister Mensch. Ich lachte und zog sie an meine Brust, und drückte die Hand in ihren Busen, um den Pulsschlag ihres Herzens zu fühlen, und als ich ihr sagte, sie hätte ja kein Herz, da schlug sie mich ins Gesicht und ging hin¬ weg. Ich sprang ihr nach — „still,“ sagte sie — „Du mußt jetzt fort, es wird zu spät, meine Diener¬ schaft kümmert mich zwar nicht; aber es reizt mich, nichts vor dem besorgten Bürgerweibe voraus zu haben — man soll Dich fortgehen sehn. Dieser Schlüssel — sie nahm ihn von jenem kleinen Tische am Divan — schließt die westliche Gartenpforte, ich habe ihn selbst heut Mit¬ tag für Dich abgezogen, Du Schuft; in einer Stunde kannst Du zurückkehren. Schwing' Dich auf den nie¬ drigen Balkon an der Ostseite des Hauses, die mitt¬ lere Flügelthüre findest Du offen, geh dann durch die nächsten drei Gemächer bis in das Bibliothekzimmer, dort erwarte mich. Adieu, Mann meiner Liebe! — — — Das Palais liegt, wie Du weißt, halb im Freien; ich wollte in frischer Luft und Nacht die Stunde ver¬ bringen und schlenderte auf die Promenade und auf die Wege, die zu den umliegenden Gärten führen. Aus einem etwas seitab liegenden Gartenhause hör' ich Mu¬ sik, eine Singstimme zum Clavier und zwar Juliens Arie aus der Vestalin, die ich liebe. Ich gehe hinan und aus einem hohen Parterrezimmer klingt die schöne volle Frauenstimme. Ein Gartenschemel, der in der Nähe steht, soll mir die Aussicht ins Zimmer gewähren, er wird unters Fenster getragen, ich steige hinauf und sehe eine Dame im schwarzseidnen Ueberrocke, mir den Rücken zukehrend, am Klavier sitzen. Die Arie ist zu Ende, sie läßt die Hände in den Schooß, den Kopf nach vorn nieder sinken. Ich rege mich nicht. Sie hebt eine Hand und fährt leise mit ihr auf den Tasten herum. Dabei bewegt sie den Kopf ein wenig nach der Seite, ich sehe das Profil, es ist — Desdemona. „Guten Abend Desdemona!“ — Sie fährt auf, sieht, erkennt mich, springt ans Fenster, greift nach meiner Hand, bedeckt sie mit Küssen und spricht: „Mein lieb¬ ster Hyppolit.“ Sie fragt nach nichts, sie schilt nicht, sie gießt nur ihre Seele aus dem Auge in das meine; wir schwatzen kosend wie zwei Vögel, die auf zwei Aesten sitzen, da schlägt es elf. „Einen Kuß, Desde¬ mona, ich gehe.“ Und das liebe Weib biegt sich weit heraus und bietet mir ihr Auge hin. „Gut' Nacht Hyppolit,“ sagt sie — Gut' Nacht Desdemona, und die Vöglein flattern von einander. In wenig Minuten war ich an der Gartenthür, auf dem Balkon, im Bibliothekzimmer, ich suchte mir Heinses Ardinghello, streckte mich aufs Sopha, und las beim Schein der Astrallampen, die den weiten Raum erhellten. Wie amüsiren mich Eure langen Gesichter, wenn Ihr von dieser Impietät hört, wie man in voller Gluth von einem Weibe zum andern laufen, jetzt diese, eine Viertelstunde später jene umarmen könne. O ihr ar¬ men Leute! Wie können die Bettler den reichen Mann begreifen, der links und rechts ohne Noth Gold spen¬ det? Ich habe Leben für eine Million, komme Mil¬ lion und liebe mich! Wie sollt' ich geizen? Euer ge¬ wöhnlicher Don Juan ist ein lüderlicher sinnlicher Wicht. Aber weil Ihr einmal wißt, daß den der Teufel holt, so haltet Ihr Jeden für des Teufels Beute, der nur zufällig ein ähnliches Wamms trägt wie Euer Opern¬ held getragen. Ich wollt' es dem armen Teufel nicht rathen, sich an mich zu wagen; der Teufel ist der Tod, ich erdrücke ihn in der Fülle meiner Lebenskraft. — Genug, ich will zu Ende. Die schöne Fürstin war so leise eingetreten, daß ich sie nicht bemerkt hatte, ich phantasirte über die For¬ menschönheit mit Ardinghello — wie eine heiße Sonne trat sie plötzlich vor mein Lampenlicht. Eine Million lebte eben in mir, ich riß sie in ihrem weichen Nacht¬ kleide zu mir nieder, ich erwürgte sie fast. „Laß mich einen Augenblick los“ — flehte sie. Als sie frei war, sprang sie durch die Thür, ich ihr nach. Sie war verschwunden. Mitten im nächsten Zimmer sah ich mich um, sie schloß eben sorglich die Thür, hinter deren Flügel sie sich einen Augenblick versteckt hatte. „Der Fürst könnte zurückkehren,“ — sagte sie — „und es fällt ihm zuweilen, meinem Schwager aber oft ein, sich selbst ein Buch suchen zu wollen.“ Wir gingen in ihr Schlafzimmer, es ist verführerisch wie ein anakreon¬ tisches Gedicht. Eine nur angelehnte Thür führte zu einem Badezimmer; ich küßte einen Augenblick Abschied auf Mund und Busen meiner Constantie, warf die leichten Kleider von mir und tränkte meine durstigen Glieder mit der weichen Welle. Es ist dies etwas, was ihr Teutschen durchaus nicht lernen wollt, daß das viele Baden etwas Reizendes sei. Ihr rauhen Bären Germaniens, die Ihr vom Urzustande doch übri¬ gens nichts als das rauhe Fell behalten habt, wo drei Schläge auf einen Fleck fallen müssen, ehe Ihr einen fühlt, begreift's nicht. Das teutsche Weib, ja selbst der teutsche Jüngling weint sich windelweich, weint sich aus, wenn er einen neuen Menschen anziehen will, der südliche badet, und erfrischt, geschmeidig, geläutert tritt er an die Luft, für deren Balsam er tausend neue Organe geöffnet hat. Das Bad ist ein Hauptakt der körperli¬ chen Civilisation; schon in Frankreich findest Du in jedem einfach eingerichteten Hauswesen ein Badezimmer, in Teutschland keines in dem best eingerichteten. Ich verlange nicht den Reichthum des Südens darin, denn natürlich drängt dort das Klima mehr dazu; ich ver¬ lange nur das Aneignen des reinigenden Elements. Die üppigen Thermen der Griechen und Römer bekun¬ den heut noch in ihren Trümmern, welchen Werth man auf diese Sitte gelegt. Geist und Gemüth entfalten sich behaglicher in einem Leibe, der aus dem Bade steigt, eine reinere frischere Sinnlichkeit hüpft durch die erreg¬ ten Adern — aus dem Meere hoben die Griechen ihre Liebesgöttin, die strahlende Aphrodite. Das Wasser ist ein geistigeres Element als die Erde, man fühlt sich höher, edler, wenn man die Glieder aus den Fluthen hebt. Drum lob' ich die mehr und mehr überhandneh¬ menden Schwimmanstalten in Teutschland. Die Poli¬ zei sollte an den Thoren darauf sehen, daß die Ein¬ passirenden erst in den Fluß gingen, ehe sie in die Stadt kämen; statt die im Zimmer verkümmernden teutschen Bürger allsonntäglich wie die Heerde zum nutzlosen Ge¬ schwätz eines Pfaffen zu schicken, würd' ich sie ins Was¬ ser jagen, damit sie die trägen Flügel schütteln lernten wie die Vögel, die sich auch baden, obwohl sie in rei¬ nerem Eelmente verkehren als wir. Teutschland hat die gründlichste Aesthetik edirt und die Aesthetiker holen die Regeln aus dem Bücherstaube und schreiben ungewaschen über Schönheit. Es hat mir den Anblick manches zärt¬ lichen Liebespaares verleidet, wenn ich daran dachte, daß Beide vom Baden nichts wüßten. Man soll den Körper pflegen wie die Frucht, deren Saft unsere physischen und geistigen Theile stärkt und nährt. Man schmeidige und stähle die Nerven, dann weiß man muthiger zu lieben, zu denken, zu leben. Natürliche Gesundheit thut Euch am meisten Noth, denn Eure künstliche ist Krankheit. Der Natur mit ihren ewigen Quellen nährt Euch mehr; werft Euer schmutziges künstliches Kostüm, was nicht Luft noch Welle zu Euch läßt, hinweg. Werdet Menschen, die sublimsten von Euch wollen kothige Kopieen kleiner Götterchen sein und das gelingt ihnen so jämmerlich, daß sie am Mi¬ serere sterben. Teutschland geh' ins Bad. In der Mitte des Juli. Das Papier ist gelb geworden; ich habe das Schrei¬ ben lang liegen lassen. Du weißt, daß ich immer das künstliche Leben dem natürlichen nachsetze. Es giebt aber hier viel zu leben. Davon will ich Dir später erzählen; erst rasch meine Geschichte bis zur Ankunft auf Grün¬ schloß beendigen. Wenn ich auch an den Bildern mehre¬ rer Jahre vorübergehe, Constantie bleibt das schönste Weib was ich gesehen. Linie, Muskel, Form, Auge, Wort, Geist, Gefühl — Alles ist straff an ihr; sie ist der Gedanke eines Mannes, der weibliche Form gefun¬ den. Es hat mich nie ein Weib mit solcher Energie umarmt und geliebt als Constantie in jener Nacht. Ich liebe diese Kraft am Weibe über Alles; das Weiche, Vergehende, Ergebene gewährt mir zu wenig Widerstand. Ich gehe noch einen Schritt weiter als Valerius, der ebenfalls Kraft und Stärke des Weibes bevorzugt, ich liebe sogar die Strenge der Form, des Geistes und des Gemüths. Vielleicht sind solche Weiber der Ueber¬ gang zur griechischen Knabenliebe. Als Constantie des Morgens erwachte, war nichts von jener Schaam, wel¬ che der Tag so oft über die Freuden solcher Nächte gießt, an ihr zu entdecken; sie umarmte mich beim Tageslichte so glühend wie sie beim Lampenschein gethan. Ich mußte den Tag über in jenen Gemächern bis zum Balkon blei¬ ben, weil ich nicht leicht unbemerkt fortkommen konnte. Constantie war für die Welt krank und speiste auf ih¬ rem Zimmer. Wir lebten wie goldne Vöglein im Käfig. Als die zweite Nacht zu schwinden begann, verließ ich sie erst — ein großer Thränentropfen der Wollust und des Schmerzes, der einzige, den ich je in den stolzen südlichen Augen gesehen, erweichte ihren Blick, als sie an der letzten Thür von mir schied. Wir hatten ver¬ abredet, daß ich ihre Salons fleißig besuchen sollte. Wenn sie mich italienisch fragte, „wie leben die Poeten?“ so war dies ein Zeichen, daß mein Schlüssel gefahrlos zu ihr führte. Daheim fand ich einen Brief Desdemona's, ein duftender Zweig aus einem indischen Walde. Ich schrieb ihr innig zurück und ritt dann in das duftende Land hinaus. Es hüpfte ein karger Frühling über die teut¬ schen Felder, aber es war doch ein grüner Junge mit frischem Athem; ich vergaß die springende Jugend Spa¬ niens und ritt immer weiter und weiter. Erst nach mehreren Tagen kam ich zurück. Wieder lag ein Stück Himmel Desdemona's auf meinem Tische, daneben eine trockne Einladung zur Soir é e beim Fürsten. Ich ging hin, aller sogenannte Adel der Stadt und Umgegend hatte sich geputzt eingefunden sie machten Alle ernst¬ haft ihre Kapriolen und spielten ihre Puppenkomödie aufs Beste, d. h. ohne allen Geist Wie sie sich ge¬ freut haben mögen, als sie nach Haus gekommen sind, jeder auf seine Weise, der Eine, daß er sich keines Schnitzers im Französischplappern erinnerte, der Andre, daß der Fürst ihn auf die Schulter geklopft und ver¬ sichert habe, er sei noch ganz derselbe wie 1806, der Dritte, daß er Niemand auf die Füße getreten, auch nicht gefallen sei, die Erste, daß sie das zweite Paar im Cotillon ꝛc. und was dies Geschmeiß der Civilisation dergleichen schwatzt. Der Adel als Begriff und Masse ist wirklich in heutiger Zeit, wie Valerius sagt, ein In¬ dianerstamm, dessen Farbe europäisch geworden, dessen Cha¬ rakter aber wild geblieben ist. Die spätern Historiker werden unsern Adel als naturhistorische Merkwürdigkeit aufführen. Die Fürstin war so umlagert, daß ich nicht zu ihr konnte. Aber wo wäre ein Mann so klug wie ein Weib. Beim Contretanz stand sie plötzlich mit ihrem Tänzer neben mir und ich hatte es kaum gesehen, als ich auch schon die Frage nach den Poeten beantworten mußte. Sie tanzte mit ihrem Schwager. Er sah sehr ernsthaft aus und maaß mich mit stolzen Blicken. Meine lange Gestalt machte ihm viel zu schaffen, er schien nicht einig zu werden über das Maaß und fing immer wieder von Neuem an. Da ich dort nichts übelnehmen konnte, so lachte ich, das machte ihn noch ernsthafter. Constantie ignorirte mich — Alles flüsterte, sie sei nie so schön gewesen. Ein Weib kann noch so schön sein, die Liebe macht sie doch erst reizend. Die Nacht kam und ging, ich mit ihr. Diesel¬ ben Scenen wiederholten sich; Constantie, die früher nur auflodernd heiß gegen mich war, wurde von Tag zu Tage wärmer, der männliche Thau schien mehr und mehr von ihr abgestreift zu sein, das Weib war durch und durch erweicht, sie ward mit Blicken und sanften, lind schmeichelnden Worten freigebiger und unvorsichtiger gegen mich. Die Eifersucht aber ist das Bild des al¬ ten Argus, sie sieht das Meiste. Ihr Schwager ging wie ein Tiger umher; das hätte dem hypochondrischen teutschen Jünglinge die Freude verdorben, die meine er¬ höhte es. Die Poeten waren des Abends dran gewe¬ sen, ich stand gegen Mitternacht auf dem Balkon. Als ich eintrat, fand ich Constantien nachdenklich, den Kopf auf den weißen Arm gestützt im Lehnstuhl sitzend. Sie trug noch das himmelblaue Sammetkleid, womit sie im Salon gewesen, hatte nur allen andern Kram von sich geworfen und die Fesseln des Kleides gelöst. Ich blieb in einiger Entfernung von ihr stehen und betrach¬ tete im Spiegel unser eingerahmts Bild, Du weißt, wie ich das Schaffen von Bildern liebe. Wir schwie¬ gen Beide. Endlich hub sie an: — „Hast Du wohl verschlossen, Hyppolit? „„Ich habe““ — „Mein Schwager sinnt ohne Zweifel Arges und ich will lieber sterben als dem Menschen die kleinste Rache gegen mich gelingen lassen.“ Dabei stand sie auf, kam zu mir, legte die Arme und das Haupt an meine Brust und sprach nichts mehr. Plötzlich ging sie und schloß auch die Thür ihres Schlafgemachs, was sonst nicht geschah, da die Bibliothek von uns aus verschlossen war, und von dieser Seite keine andere Thür zu uns führte. Ich lachte und küßte sie. Nach Verlauf einer halben Stunde schrak sie in meinem Arm auf, hielt mir den Mund zu und lauschte. „Es ist Geräusch in der Bi¬ bliothek — man schlägt drüben an die Thür.“ — Wir horchten Beide— es war so. „Auf, Hyppolit!“ Ich schickte mich eiligst zur Abreise an und fragte lachend: „Wohinaus?“ Sie führte mich hastig ins Badezimmer und deutete auf ein an der obern Wand in tiefer Ni¬ sche angebrachtes rundes Fenster mit bunten Gläsern. „Kannst Du?“ — fragte sie. „„Ich muß““ — Ein Stuhl ward herbei gebracht, ich sprang an ihm in die Höhe und klammerte mich in der Nische fest, wo ich zusammengekrümmt mit entsetzlicher Mühe das Fenster aus seinen Angeln brach, denn es war nicht zum Oeff¬ nen eingerichtet. Ich reichte es Constantien hinunter, sonst hätte ich's beim Hinunterspringen in den Hof mit hinabgerissen, da der Raum zu eng war. Was sie da¬ mit gemacht hat, weiß ich nicht, sie wollte nur mich entfernt haben, alles Uebrige aber ohne Mühe dann vertreten. „Es stürmt heftig,“ gab ich ihr noch als Notiz in die Hand sie warf mir den letzten Kuß zu, ich sprang hinunter. Der Sprung war ein mäßiges Stockwerk hoch und führte in einen Seitenhof, wo glück¬ licherweise statt der Steinplatten Rasen war. Es krach¬ ten alle Knochen in den Gelenken, jedoch die Elasticität meiner gesunden Glieder spottete der Erschütterung. Das Geräusch hatte aber den großen Hund des Pallastwächters herbeigelockt, ich stand kaum auf den Beinen, so kam er brüllend auf mich eingesprungen, setzte an mir in die Höhe und schlug Schnauze und Rachen an meine Brust. Ich hatte Eile, spannte all' meine Muskeln, würgte ihm den Hals zusammen, daß ihm der Athem benommen ward und stieß seine Schnauze so heftig als ich konnte, an die Mauer. Das Ringen seiner Glie¬ der hörte auf, schlaff streckten sich die Pfoten, er war halb erdrosselt, das Blut schoß aus dem Rachen. Da hört' ich das kommende Nahen des Wächters — ich mußte fort, den Hund drückte ich auf die Erde, ließ ihn einen Augenblick los und trat ihn, der fast regungs¬ los war, den Fuß mit dem ganzen Gewicht des Kör¬ pers auf den Kopf. Das Terrain kannte ich, über eine kleine Mauer springend, gelangte ich in den Garten, und jagte unter den Bäumen hin nach meinem Pförtchen. Doch konnte ich meine Neugier nicht bezwingen: ich mußte mich nach dem Balkon und dem Eingange, der zur Bibliothek führte, umsehn. Die Thür war offen, man irrte mit Lichtern in den Zimmern umher — es hatte das Ansehn, als suche man einen Spitzbuben. So war ich, mit dem Gesicht nach dem Palais zu gekehrt, in die Nähe des Pförtchens gekommen, jetzt kehrte ich mich nach diesem um und ward nicht wenig überrascht als ich eine Gestalt vor der Thür auf und abgehen sah und hörte. Es war sehr dunkel, man konnte nichts genau erkennen — „Wer da?“ riefs— ich meinte Livr é estrei¬ fen am Kragen des Wächters zu sehen und wagte es auf gut Glück, die Stimme des Schwagers vom Für¬ sten, rauhe tiefe Baßtöne, nachzuahmen, dem wach¬ stehenden Manne zuzurufen: „Du kannst gehn — es es ist vorbei,“ und mich wieder einige Schritte nach rückwärts zu wenden, als kehrt' ich zum Palais zurück. Es glückte wirklich, der Mensch murmelte etwas Unter¬ würfiges in den Bart, und fragte, ob er das Pförtchen schließen solle. In diesem Augenblicke kamen Menschen vom Balkon her — „Nein,“ herrschte ich ihm zu. Der Narr zögerte noch immer, ich mußte fort und konnte nicht an ihm vorüber ohne erkannt zu werden, die Leute ka¬ men direct auf uns zu. „Pack Dich,“ gurgelte ich endlich nach dem Lästigen hin; er ging, ich kam hinaus. Kaum drei Schritte entfernt, hörte ich den Ruf der richtigen Baßstimme: „Andreas“ — aus der Ferne giebt der Diener Antwort und kommt zurückgeeilt. Ich aber springe nun auf den Zehen eiligst von dannen, bis ich die Pro¬ menade erreiche. Da schüttle ich die Ereignisse von mir und schlendre auf einem weiten Umwege nach meiner Wohnung. Es schlug Eins. Eben wollte ich aus der Vorstadt in die Hauptstraße, wo ich wohnte, einbiegen, als ein Mann aus dem Schatten einer Hausthür vor¬ springend mit blankem Degen mich anfällt. Ich springe rasch auf die Seite, der mit aller Wucht des Körpers geführte Stoß fährt vorbei, und eh' der Bewaffnete Zeit gewinnt, von Neuem auszufallen, bin ich ihm am Leibe und dränge meinen Arm in die neu ausgeholte Degen¬ bewegung. Der Degen schneidet zwar in meinen Arm, aber die Waffe ist doch zur Hälfte gelähmt, und mit aller Kraft seinen Arm in die Höhe drängend gelingt es mir, ihm den Degen durch einen heftigen Stoß bis ins eigne Gesicht zurückzuschlagen, und da er mit dem Kopfe zurückfährt, ihm selbigen in diesem Augenblicke seiner Bestürzung und rückwärts gebeugten Haltung zu entringen. Bei diesem Ringen entfällt ihm der Mantel, ich erkenne Constantiens Schwager. Eine Berserkerwuth kam über mich, einen Augenblick wollte ich ihm mit der eignen Klinge den Wanst durchrennen. Er drängte sich aber schnell genug an mich, als ob er sich solch eines Aktes versehe, und verhinderte mich dadurch. Ich sprang einen Schritt zurück und hieb ihm die schmale Klinge durch's Gesicht. Vielleicht war der Hieb über ein Auge gegangen: er taumelte rückwärts. Ich stieß ihn mit der Faust vor die Brust, daß er klirrend und dröhnend rücklings auf das Pflaster schlug. Den Degen bog ich heftig gegen die Steine, daß die Klinge sprang, das Gefäß mit dem Stumpf warf ich weit in die Straße, und ging zurück hinaus in die Vorstadt, da ich die Nachtwächter kommen hörte. Es war kein Wort ge¬ sprochen worden, im Dunkeln, lautlos vergossen wir un¬ ser Blut. Ich war wieder jenseits der Promenade in die Gartenstraßen gerathen, mein Arm erstarrte und schmerzte, ich hatte mir auswendig über den durchschnitt¬ nen Aermel das Taschentuch festgebunden, um das Blut zu hemmen. Desdemona's Haus war in der Nähe; ich sprang über den niedrigen Gartenzaun und klopfte an das Fenster ihres Schlafzimmers. Ich hatte damals durch die offne Thür gesehen, daß sie neben jenem Zim¬ mer schlief, wo sie Clavier spielte. Durch den Fenster¬ laden hörte ich Geräusch. Um ihre Angst vor Dieben und dergleichen zu verscheuchen, sprach ich meinen Na¬ men durch die Ritzen hinein. Ein leiser Schrei und es ward geöffnet. Desdemona war im bunten türkischen Schlafrocke mit aufgelöstem Haar. Sie hatte diesen Abend die Lady Makbeth gespielt, noch erhitzt davon hatte sie keinen Schlaf gefunden, und im Shakespeare und meinen Briefen gelesen. Sie legte ihre Hände auf meine Arme und fragte mild: „Willst Du herein?“ Entsetzt fuhr sie zurück, sie hatte in das kalte Blut ge¬ griffen, was auf meinem Aermel lag, und ich parodirte pathetisch die Lady: „ All the parfums of Arabia shall not sweeten this little hand .“ — Desdemona ver¬ ging fast vor Schmerz über mein Blut; ich mußte ei¬ len hineinzusteigen, um sie zu beruhigen. Sie war auf¬ gelös't und weinte unaufhörlich. Es war, als ob ein nächtlicher Sommerhimmel warm regne. „Unglücklicher, was ist Dir geschehn?“ Mein Lachen tröstete sie noch immer nicht. Ich riß mit einigem Schmerz den Rock herunter, wir wuschen das Blut ab und es zeigte sich zu meiner Freude und ihrem Entsetzen eine tiefe lange Fleischwunde. Ich beruhigte sie mit Mühe, daß das gar nichts zu sagen habe und nichts als eine kleine Narbe bringe. Ihre Thränen fielen heiß darauf und kaum hielt ich sie vom fortwährenden Küssen der Wunde ab. Sie riß alle Schübe auf, und brachte Linnen und allerlei Verbandzeug. Unter immerwährenden Fragen, „ach, es schmerzt Dich wohl sehr?“ „Ach mein armer Hyppolit!“ verband sie den Arm, und wollte gar nicht daran glauben, daß ich wohl und munter sei. Ein wenig erschöpft war ich doch und streckte mich aufs Sopha, Desdemona kniete vor mir, und strich mir die verwirrten Locken von der Stirn und den wirren Bart vom Munde, und küßte mich sanft wie ein warmer schmeichelnder Luft¬ zug. Sie sah rührend aus. Der bunte Rock stach so wunderlich ab von der stillen Trauer, die über ihr gan¬ zes Wesen gegossen war, von dem schneeweißen Halse und der Brust, die wie stets gleichmäßige Ruhe unter den Freuden der bunten Blumen des Rockes lag. Das glänzend schwarze, geringelte Haar schaukelte sich wie eine Nacht der Poesie auf den schimmernden Bäumen des Südens. Das blasse Gesicht mit den weichen Zü¬ gen, die schmerzlichste, rührendste, tragische Maske, die je ein Maler gebildet, worauf die bezauberndste Trauer ruhte, sah so durchweichend theilgebend in mein Antlitz, daß alles sinnliche Leben zum ersten Male diesem Weibe gegenüber aus meinen Adern wich. Die kleine weiße Hand tändelte wie arabischer Wohlgeruch auf meinen Zügen herum. Desdemona war das Weib des reizend¬ sten Sterbens, und da ich ein Mann des Lebens bin, so ward unsere Vereinigung darum vielleicht so wunder¬ lich, so tödtlich — ich weiß es, Desdemona wird nie einen Mann nach mir lieben. Sie legte sich wie ein süß schmerzlicher Traum in meine Arme, der flehend bat, ihn nicht zu verscheuchen. Ich sollte ihr erzählen, was mir begegnet sei. Die kleinlichen Winkelzüge der platten Glücksritter hasse ich; dieser Seele gegenüber, die mit offenem blutenden Herzen immer wahr vor mir lag, hätte ich das Schrecklichste nicht verschwiegen: ich erzählte ihr lächelnd mit Weglassung der Namen — Alles. Das Zuhören dieses Weibes bekundete eine Liebe, wie ich sie auf dieser Welt noch nicht gesehen. Nicht die flüchtigste Entrüstung flog über das schöne Gesicht, ja sie lächelte mit, wenn ich in meiner Erzählung mich freute, und als ich zu End' war, hielt sie mir die Augen zu und sagte: „Es kann mir doch Niemand wehren Dich zu lieben.“ — Das überwältigte meinen harten Menschen. Das Wasser trat mir in die Augen, zum ersten Male, seit ich vor zehn Jahren in Valencia von meiner Mut¬ ter schied; ich schlug meinen gesunden Arm in ihr offnes Kleid und preßte ihre Schulter zu mir und hob mit dem andern Arme ihr Gesicht an das meine, und küßte sie, daß wir Beide zitterten. „Hyppolit“ — stöhnte sie — „mein Engel, Dein Arm, Dein Arm!“ Und als ich ihre Schulter leiser faßte, da sank sie mit dem Haupt an meine Brust und sah zu mir auf und lächelte wie ein sterbender Engel und sagte: „Das ist der Himmel, Du meine Seele.“ — — Laß mich aufhören, Freund, dies ist die einzige Lie¬ besgeschichte, die ich mit Schmerz, wenn auch mit süßem Schmerz, erzähle. Sie hat mein innerstes Herz erweicht. Viele Tage und Nächte gingen vorüber, ich war auf jenem Gartenhause und saß vor ihr am Boden, und legte das Haupt in ihren Schooß, und sah in den her¬ abschauenden Himmel ihrer Augen. Was der Kokette¬ rie, der Kraft, Größe, Schönheit nie gelungen war, das gelang der Seele dieses Weibes: ich liebte wie ein Knabe, wie ein hüpfender Jüngling. Erst ei¬ 7 nes Abends, wo sie spielen mußte, und einen Akt lang nichts zu thun hatte, kam ich in meine Behausung. Mehrere Einladungen zum Fürsten lagen da. Ich ging zurück ins Theater, ich sah nichts als jenes schwarzblaue Auge, von schweren Wimpern beschattet, was seine Mil¬ lionen von den Brettern her auf meinen Mund, in meine Arme legte. Und wenn ich sie heimbrachte nach der Vorstellung, und jede Fiber an ihr doppelt lebte und ich heut für den und morgen für den geliebten Helden ihre verschwenderische Liebe erhielt, o Freund, da war ich glücklicher denn König R é n é : mein Idyll kam mir vom Himmel, ich durfte mir nicht erst bunte Kleider dazu anziehn. Eines Tages — in unserm Bürgerleben war es Mittag und unsre kleine Mahlzeit wurde schon aufge¬ tragen — stand ich mit Desdemona am offnen Fenster, das auf die Straße sah, nur wenige Weinranken ver¬ hinderten von außen das Hereinsehen. Ich hatte mei¬ nen Arm um ihren Nacken geschlungen und meine Hand ruhte auf ihren Schultern — wir sahen hinaus in die grünen Gärten. Da nahten sich Reiter, eine Dame zu Pferd sah nach uns herüber — es war die Fürstin. Sie schien ihren Augen nicht zu trauen und hielt einen Augenblick ihr Pferd an. Nur einen Augenblick, dann hieb sie's mit der Gerte über den Kopf, daß es wild davon braus'te. — Um diese Zeit traf mich die Einla¬ dung hier her nach Grünschloß; Du kannst denken, daß ich wenig Lust dazu hatte. Ich ging noch einmal in die Gesellschaft zum Fürsten; durch unbefangnes Fragen bracht' ich heraus, daß der Schwager des Fürsten mit dem Pferde gestürzt sei, und krank darnieder liege, daß in einer stürmischen Nacht Diebe versucht hätten in den Pallast einzudringen ꝛc. — Die Fürstin war nicht da, man meinte, sie sei schon seit einigen Tagen unwohl und werde wohl schwerlich in der Gesellschaft erscheinen. Doch kam sie noch später. Sie sah wirklich krank und angegriffen aus. Mich behandelte sie natürlich sehr vor¬ nehm, doch entging es mir nicht, daß ihr Auge oft schwermüthig auf mir ruhte, oft hastig blitzend mich suchte. Ich trat in ihre Nähe, sie war sehr zerstreut. Ich war sehr munter und aufgeräumt, und tändelte mit einem kleinen flinken Dämchen, was sich gar nicht zu gut ge¬ ben konnte über das pretentiöse Wesen unserer jungen Gelehrten und Schriftsteller, die in die Gesellschaften kä¬ men um auszuruhen, nicht um die Damen zu unter¬ halten. Als ich sie fragte, womit sie sich den Tag über 7 beschäftigt habe, sah sie mich fragend an, wo ich hin¬ aus wollte und erwiderte naiv: mit Vielerlei, früh bin ich spaziren gegangen, Nachmittags gefahren, und eh' ich hierher kam, hab' ich einen Akt in der Oper gesehn . Nun bedenken Sie, mein Fräulein, ob der Mann dort im Winkel mit dem jungen leidenden Gesicht Recht hat: ich habe eben mit ihm gesprochen und weiß, daß er heute den ganzen Tag alle alten Rechtsgelehrten in allen Spra¬ chen studirt hat, wie und unter welchen Verhältnissen Revolutionen erlaubt seien — daß er einen Artikel über Abschaffung der Todesstrafe geschrieben hat, aber freilich nicht spazieren gefahren und nicht in der Oper gewesen ist. Wollen Sie ihm nun nicht erlauben — — Sie meinte, er hätte was Besseres thun können, und — ward von der Fürstin abgerufen, und mit ei¬ nem Geschäft entfernt. So ging mir's mit einer zwei¬ den, einer dritten, bis ich mich selbst entfernte. — Desdemona, deren tiefes Spiel, deren blutende Seele nur von den besseren Zuschauern im Theater er¬ kannt wurde, und deren giebts in den deutschen Theatern sehr wenige, ward meisthin wenig applaudirt, das hohle dreschende Volk neben ihr mit dem bestialischen Spekta¬ kel galt immer mehr; — das war sie gewohnt und es kümmerte sie nicht. Plötzlich zeigte sich eine heftige Op¬ position gegen ihre Verehrer, man zischte und lärmte, wenn sie applaudirt wurde. Die Anzettelung war nicht zu verkennen, aber Desdemona litt unsäglich dabei: end¬ lich erklärte sie, es sei ihr unmöglich vor einem Publi¬ kum zu spielen, was sie nicht wolle, ihr Gefühl erstarre zu Eis, sie sterbe darüber. Der Director des Theaters, ein Einfaltspinsel, der seine Kasse gefährdet glaubte, willigte in ihre Kündigung. Desdemona ward frei; aber mit Entsetzen sah ich, wie sie verging in der neuen Un¬ thätigkeit — sie gestand mir weinend, daß sie stürbe, wenn sie nicht spielen könne. Aber sie könne nicht von mir gehen, um ein andres Engagement, was man ihr geboten, anzunehmen. Was blieb mir übrig? Sollt' ich das schöne innige Weib sich verzehren sehn, dessen Lebensodem die Kunst war? Ich küßte eines Abends den Abschied auf ihr weiches Antlitz, der Mond schien zitternd durch die Blätter der Bäume, unter denen wir standen, ihr Kopf lag wie ein verbleichender Stern an meiner Brust, sie schluchzte leise, obwohl ich ihr nichts gesagt, daß es ein langer Abschied sei. Ihre zartgespon¬ nene Seele fühlte fein wie die Mimosa, sie ging mit mir bis an die Gartenthür, ihr ganzer Körper schauerte, sie war heiß wie eine Fieberkranke. Ich wollte gehn und war schon einen Schritt fort, ihre kleinen Hände hielten mich noch, sie preßte sie krampfhaft in die meine und flehte innig — „Noch einmal, Hyppolit, noch ein¬ mal küsse mich!“ Ich umschlang das liebe Wesen, sie brach in die Knie zusammen wie eine gebrochene Blume. Ich mußte sie in's Haus tragen und auf's Sopha le¬ gen. Dort lächelte sie sanft und winkte mir mit der Hand zum Gehen. Am andern Morgen ritt ich hieher nach Grünschloß — erlaß mir heute das Weitere. Ich bin nicht der Mann der Sentimentalität, aber ich bin ein Mensch — schickt mir, was ein Mensch tragen kann, ich will's tragen, ich hab's getragen. Leb wohl! 14. Camilla an Julia. Den 30. Juli. Und Sie kommen nicht und kommen nicht, Sie Schlimme, und lassen uns immer vergebens warten. Wenn Sie noch lange zögern, so werden Sie das Leben hier sehr verwirrt finden. Die Fäden gehen so zickzack in einander hinein, daß ich wirklich nicht weiß, was für ein Muster aus dem Gespinnst werden wird. Mit jenem Fremden, der mit Graf Fips ankam, ist ein gewaltiger Unruhstifter in unser Schloß gezogen. Er heißt Hyppolit, und hat uns allen die Köpfe verrückt, und Alles aus dem Gleise geworfen; unsre ruhig se¬ gelnde Flotte ist wie durch einen Sturm auseinander¬ geblasen, und hier irrt ein schwankendes Schiffchen, dort irrt eins. Sie sollten aber auch diesen Hyppolit sehen! Jeder Zoll ein Mann, ein moderner Herkules — ein strahlender Halbgott, sagt Alberta. Denken Sie sich ei¬ nen hoch, kräftig und doch geschmeidig gewachsenen jun¬ gen Mann, der wie ein geborner König einhergeht. Ich äußerte unverholen gegen Valerius mein Erstaunen über die glänzende Erscheinung. Dieser stand mit ver¬ schränkten Armen im Fensterbogen, und sah lächelnd dem Aufruhr zu, den Hyppolit erregte. „Ich will Ihnen einen Brief mittheilen,“ sagte er, „worin ich den Hyp¬ polit einem Freunde schilderte, als ich ihn vor einiger Zeit in Straßburg zum ersten Male traf.“ Er that's, hier haben Sie einen Auszug davon. „Ein Mädchen, wahrscheinlich eine leichte, über die Oberfläche hinflatternde Libelle beschäftigt aber meinen neuen Freund, der bisher saugend am tiefsten Borne der Menschheit lag, den des Wissens Trieb bis an die Mauern von Lahore drängt, der gebräunt von Luft und Sonne, erwärmt vom Feuer des Forschens wie ein Ath¬ let erst vor Kurzem nach Europa zurückkehrte. In Stra߬ burg lernte ich ihn kennen, wo er in historische Studien versunken täglich auf der Plattform des Münsters zu fin¬ den war, eine Viertelstunde las, dann sinnend in die vor ihm wie eine Karte ausgebreitete Welt sah — die teutsche Dichtkunst, Göthe, Tieck, ging an ihm vorüber, er ahnte, bemerkte es kaum; die Kosmogonie, der Ur¬ sitz der Menschen, der Ursitz der Bildung beschäftigte ihn. Du weißt, wie auch ich seit längerer Zeit nach den Fußtapfen der menschheitlichen Entwicklung jage, Heeren, Herder, Schlegel, Champollion studire — wir sprachen über Indien, Aegypten, die Wiegen des Menschenge¬ schlechts, wir wurden schnell mit einander bekannt. Er war dabei ein fröhliches, lustiges Gemüth; wir zogen zu¬ sammen nach Paris, er studirte und lebte, mit den schwerfälligen Sätzen der Professoren spielte er wie mit bekannten Bällen, mit der Gelehrsamkeit des alten Abb é Remusat sprang er wie mit einem leichtfüßigen Mädchen herum, mit den Mädchen tändelte er wie mit Buchsta¬ ben, wie mit längst gelös'ten Hieroglyphen; er fand den Schlüssel zur stolzesten Pyramidenschrift. Des Abends fanden wir uns im Theater, und von da durchstrichen wir die Salons, und rasteten in manchem stillen ver¬ führerischen Gemache. Wo er auftrat, der Sohn des Prometheus mit dem leuchtenden Siegel der Gottheit auf der stolzen Stirn, zog er die Blicke auf sich. Sein Körper ist ein Meisterstück der Natur und Tausende, die ihn sehen, werden zu gerechten Anklagen der launischen Göttin bewogen. Als ich den Cornel las, dachte ich mir den Alcibiades so. Ein hoher Wuchs, leicht wie ein Gedanke, kräftig wie ein fester Gedanke, getragen durch die Wellen der Hüften und Schultern, dunkles, kühn um die Schläfe fallendes, an den Spitzen gelocktes reiches Haar, ein dunkelblaues Auge, am Tage tiefblau wie südlicher Himmel, in den man ohne Unterlaß sehen muß, als werde aus der zaubrisch düstern Ferne eine neue Welt heraustreten, des Abends schwarz wie eine glän¬ zende Sternennacht. Die Form der Augen ist schön, eine voll ausgeschnittene längliche; der Glanz zur Zeit der Ruhe mild, angenehm, beruhigend, tröstlich, bestechend; im Affekt aber und zwar im kleinsten drängt sich alles geistige Leben in ihnen zusammen, und nur der Mu¬ thige, der das gegenüberstehende Leben nicht fürchtet, sieht sie dann gern. Weiber blicken sie dann nur seit¬ wärts an, wie sie tapfere Thaten, wo anders Lebendi¬ ges mit im Spiel ist, nur seitwärts, nie geradhin an¬ sehen. Aber das Weib ehrt und liebt am meisten, was es vorher gescheut, sowie der Mensch den Löwen, wenn er gezähmt ist, am höchsten hält, daher Hyppolits fabel¬ haftes Glück, bei den Weibern. Die Nase ist streng griechisch und um ihre feinen Flügel haucht ein thaten¬ dürstiger Sinn, schreckender Muth, aber auch eine fast frivole Sinnlichkeit, die im Affekt einer mit Mühe be¬ zähmten Bestialität nicht unähnlich sieht. Kräftige Män¬ ner haben alle in der Leidenschaft ein Etwas, was zwi¬ schen dem griechischen Gotte und der Bestie steht; etwas Aehnliches bezeichnet das Wort „Halbgott!“ Daher geht jedes Weib den eigentlich kräftigen Männern lang¬ sam nahe, wenn sie je einen Ausbruch irgend eines Af¬ fekts, vielleicht nur den des Zornes an ihnen gesehen, und nur die Phryne, die das wild Materielle sucht, stürzt sich in ihre Umarmung. Aber der Mund versöhnt durch unwiderstehliche Anmuth.“ — — So weit der Brief; ich verstehe manches darin nicht, vielleicht wird's Ihnen klarer; aber ich fühle, daß das Bild richtig ist. Als er bei uns eintrat mit dieser ho¬ hen, imponirenden Freiheit, dieser leichten ungezwungnen Tournüre, war selbst der Graf überrascht, und Graf Fips wurde unruhig und unstät. Alberta wurde roth, ich selbst verlegen, nur das sarkastische Lächeln Valers, mit dem er ihn vorstellte, gab mir schnell meine Fassung wie¬ der; es ärgerte mich. Aber es war wirklich, als ob der Herrscher ins Zimmer trete. Er war modern gekleidet und doch lag etwas Ausländisches in der Erscheinung. Der leichte blaue Sammetrock, der kurz und mit Schnü¬ ren und Stickereien besäet war, mochte wohl schuld da¬ ran sein. Alles Uebrige an ihm war schwarz bis auf den ans Kinn quellenden vollen Backenbart und den über¬ müthigen Schnurrbart und Henri quatre . Er war in den ersten Tagen sehr sanft und mild, von Tag zu Tage ist er aber ausgelassener und wilder geworden. Am mei¬ sten verkehrt er mit Valerius; sie reiten auch täglich zu¬ sammen aus, und gehen so sicher männlich mit einan¬ der um, daß einem stark und wohlig zu Muth wird, wenn man sie zusammen sieht. Alberta ist seit Hyppolit's An¬ kunft ganz verändert, unruhig, heftig, bewegt, ausgelas¬ sen, still, lauter Dinge, die zu ihrem früheren Gleich¬ maaß gar nicht stimmen. Ich selbst erwehre mich einer gewissen Unruhe und Bangigkeit nicht, wenn ich bei ihm stehe und nur, wenn Valer hinzutritt, wird es be¬ ruhigter in mir. Weiß Gott, es ist als ob ein Raub¬ vogel ins Taubenhaus gekommen wäre, Alles ist be¬ stürzt — und doch ist der Raubvogel so zauberhaft schön. William hat sich auch ganz zurückgezogen, er lacht gar nicht mehr, und spricht fast nie mit Hyp¬ polit; Leopold springt wohl an ihm herum, aber er scheint auch nicht die rechte Courage gegen ihn zu ha¬ ben, und wird oft verlegen, wenn ihn Jener zum Besten hat. Graf Fips spricht von seiner Abreise, der Graf ist sehr aufmerksam gegen Hyppolit und Valerius, aber er scheint auch nicht ganz sicher zu sein. Alberta grüßt Sie aus der Fülle des Herzens, und bittet Sie, doch ja recht bald hieher zu kommen. Adieu! Adieu! Man ruft mich zu Tisch und unsre Mahlzeiten sind jetzt immer diplomatische Mittagsessen; der Graf bringt lauter schwerfällige Gegenstände aufs Tapet, und es entsteht immer ein so klirrendes Gefecht, daß man das Essen ganz vergißt. Ich glaube, es würde oft Blut fließen, wenn nicht Valer immer die zürnenden Parteien vom Schlachtfelde wegführte. Meine Herren, pflegt er dann zu sagen, ich bitte, mir auf ein höher gelegenes Terrain zu folgen, und dann rückt er die Streitfrage der Parteien auf ein sogenanntes histo¬ risches Entwickelungs-Feld; stellt zuerst den blutig um sich hauenden Hyppolit zur Ruhe; ihm folgt der Graf mit einigen leichten Einwendungen, die bald beseitigt sind, und Graf Fips ist dann immer sogleich still; ich glaube, er versteht nicht viel mehr davon als ich. Doch hab' ich mich schon sehr in des Valerius Gelehrsamkeit eingerichtet; anfänglich kam sie mir stets wie ein Berg¬ sturz vor, der mich verschüttete, jetzt hat er mich mit ein paar klaren einfachen Worten von dem Hauptgange seiner Ideen unterrichtet, und nun folg' ich ihm mit Leichtigkeit, und es thut mir unbeschreiblich wohl, wenn er die Rede an mich richtet über die wichtigsten Dinge. Wenn man ihn erst ein wenig kennt, sieht man, wie äußerst einfach er redet, wie alles so schwer golden ist, was er bringt, wie er es dem Zuhörer so gutmüthig zu¬ schneidet und anpaßt. Ich antworte gewiß oft sehr ein¬ fältig darauf, aber wenn er meine Antwort in seiner Sprache wiedergiebt, wenn er mit leisen Fingern die Wurzeln der Gedanken aufdeckt, so erscheint alles so eng verzweigt mit großen allgemeinen Ansichten, daß ich mich oft kindisch freue über meine Gelehrsamkeit, in die Hände klatsche und —ja, denken Sie, neulich hab' ich den klugen lieben Mann wegen einer so schönen Auslegung meiner Worte beim Kopf genommen und ihm rasch einen Kuß gegeben. Ich schämte mich hin¬ terdrein und Alle lachten, aber Valer sah mich so freund¬ lich lächelnd an, daß es mir nicht leid that. Ach, nicht wahr, ich schwatz' recht dummes Zeug — Adieu — Adieu! 15. Constantin an Hyppolit und Valerius. Ich danke Euch, meine Freunde, meine Freunde, ich danke Euch! Wir wollen unsern Zug nach West¬ minster antreten, besorgt ein paar hübsche Jungen für meine Schleppe. Ihr edlen Pairs meines Königreichs habt mir Geld geschickt, das war brav von Euch — mit dem Gelde hab' ich gespielt, um rothe Dukaten ge¬ spielt, und ich mußte mir einen neuen Rock machen las¬ sen, weil ich nicht genug Taschen für den Gewinnst hatte. Spiel und Soff sind zwei Laster; aber beim heil'¬ gen Georg von England! schöne Laster. Ich habe alle Tage einige Zeilen an Euch ge¬ schrieben; hier folgen sie; wundert Euch nicht, daß sie aphoristisch sind, ich bin selbst ein abgerißner Fetzen der Welt, wer hält mich fest? Der nächste Sturmwind führt mich fort — die ganze Welt ist aphoristisch, es ist kein Zusammenhang darin als die Luft, will sagen, der Wind. „Die Welt ist lauter Wind, Juchhe!“ — Vaterland! Wie viel abgerundeter und einiger würde ich sein, wenn ich mit dem Worte das verbände, was viele Leute dabei zu fühlen scheinen. Ganz Teutsch. land danke ich die teutsche Sprache; für dies Geschenk bin ich um so dankbarer als ich keiner andern mächtig bin. So bin ich sehr erklärlich — ein Teutscher, denn wenn man zu keiner andern Nation gehört, so muß man ein Teutscher sein. Uebrigens bin ich es aus Gewohnheit, Temperament ꝛc. — der Patriotismus ist einseitig, klein, aber er ist praktisch nützlich, beglückend, beruhigend ꝛc.; der Kosmopolitismus ist herrlich, groß, aber für einen Menschen fast zu groß, der Gedanke ist schön, aber das Resultat für dies Leben ist innre Zerrissenheit, Humor. Eine gute Tragödie muß jetzt mindestens zum fünften Theil humoristisch sein. Donnerwetter, was ist das für patriotisch albernes Zeug, ich reise doch morgen nach Paris und werde Franzos. Ja so, das wißt Ihr noch nicht, daß dies mein letzter Brief aus Berlin ist. Holla, ins moderne Babel reis' ich morgen! Was soll ich mit dem vielen Gelde machen? Es giebt hier gar keine Gelegenheit, dafür munter zu sein unter dem steifem Volk, unter freien fröhlichen Parisern will ich leben und gegen den dummen Polignac will ich schreiben — dort knirscht der Minister mit den Zähnen gegen die frechen Wahr¬ heiten, aber dort brauchen die Pässe der Wahrheit keine Unterschrift, er kann knirschen, sonst kann er nichte — und morgen geh' ich nach Paris. Raupachs hohenstaufischen Philipp, eine Silhouetts des Herrn von Raumer, hab' ich gesehn. Die drei ersten Akte sind erträglich. Poesie verlange ich von Raupach nicht mehr, aber wenigstens dramatischen Ver¬ stand. Doch auch von diesem ist in den letzten zwei Akten keine Spur. Eine Liebesgeschichte kommt darin vor, die blos dazu da ist, damit 1) der Kaiser seinen Consens giebt, 2) schlechte Vergleiche zwischen dieser und seiner Heirath macht, 3) eine feierliche Hochzeit ver¬ anstaltet, zu der 4) das ganze Hofgesinde in die Kir¬ che geht, so daß 5) der kranke Kaiser mutterseelenallein in seinem Pallast bleibt, und 6) in aller Ruhe und Bequemlichkeit ungestört vom Wittelsbach todtgeschlagen wird. Kinderscenen, alle Sorten von Kindereien, Trom¬ petenmärsche, Jammer aller Art, unwürdiger, nichts¬ würdiger Schluß — wär' ich Recensent, wie wollt' ich Dich, o Philippus Raupach — — Und unsre Kritik „ach glücklich sind Widersacher, die einander prügeln können.“ Diesmal war ich in der Loge, und Rosa saß demüthig im Parterre, und sah sehr blaß, ich aber sehr roth aus. Ja, mein Kind, das Leben ist aphoristisch. Ich ließ mein weiches Herz gewähren und ging zu ihr, und fragte sie was ihr fehle. Sie wollte nicht mit der Sprache heraus, und war ver¬ legen. Ich ging mit ihr nach Hause; heut' ließ sie's ruhig zu — es sah etwas windig und leer in ihrer Stube aus, und das Mädchen war auch etwas saloppe gekleidet. Ich machte sie darauf aufmerksam — da weinte sie. Ich fragte, wie es um ihr Engagement stünde, sie meinte, erst mit dem ersten August könnte sie eintreten. Es ward mir unheimlich; ich fragte nicht nach ihrem Gardeofficier, sondern nur, wie viel sie des Monats brauche. Sie wollte mir schluchzend vor Rüh¬ rung um den Hals fallen, und mich einen edlen Men¬ schen nennen — ich ließ sie aber nicht dazu kommen. Das Mädchen konnte nicht dafür, daß ihr ein Andrer besser gefallen hatte; ich konnte aber auch nicht dafür, daß ich nicht mehr eine Fingerspitze von ihr hätte be¬ rühren mögen. Hübsch war sie noch, aber ich ging in innerer Unbehaglichkeit fort und trank eine Flasche Cham¬ pagner, um mich auf andre Gedanken zu bringen. Wie kam denn das Alles? „Warum wollt Ihr denn Alles gleich ergründen? Wenn der Schnee schmilzt, wird sichs finden.“ Was ist das für eine Figur? Mit Gott und der Welt ist sie zerfallen, vom Vater verstoßen, mit dem Theater unzufrieden, von der Geliebten betrogen, voll Durst nach Wein und Liebe, immer noch wohlgenährt aussehend, ohne einen einzigen Vers im Kopfe, geklei¬ det nach der letzten Mode, unschlüßig, ob er Theologe oder Theaterlampenputzer werden soll, voll Gährung und doch ruhig, oft im Begriff, sich nach classischen Mustern den Hals abzuschneiden und doch wieder zu vernünftig dazu — kein Held, kein Held und doch manch Handwerkszeug dazu — keine Geduld, kein ge¬ nügender Leichtsinn, keine Festigkeit, ein genialischer Charakter, auf der Bühne kalt lassend, im Roman sündhaft, — meine Freunde, das ist eine Novellenfigur. Die Novelle ist die moderne Brücke von der früheren Zeit zu den jetzigen Begriffen, sie ist der Uebergang, die Form des Entstehens, Werdens, nicht des starren Seins. Jene Figur ist eine Novellenfigur, auf mein Wort. Niemand, ich sage Niemand soll mir widersprechen. Auch dies gehört dazu, daß mich jetzt sogar die Ortho¬ graphie peinigt, ich weiß nicht, ob ich Niemand, et¬ was ꝛc. groß oder klein schreiben soll — am liebsten schreib' ich Alles klein. Nun denkt Euch einen geist¬ reichen Schriftsteller, der mit der Orthographie noch nicht im Reinen ist! Und hab' ich nicht Recht, daß die Novellenfigur der eklektische Skeptizismus ist — hab' ich's nicht? O bleibt bei mir, geht nicht von mir, Freunde, auch wenn ich nach Paris gehe! Es kümmert sich ja keine Seele um mich, ich lebe und sterbe unbeweint. Wollt Ihr nicht, o ich bitt' Euch schön. — — So eben habe ich Werners Martin Luther gele¬ sen. Es ist wirklich schade, daß die unglückselige Kar¬ funkelschwärmerei Zachariam so sehr beherrschte. Was hätte dieser Prachtmann der teutschen Tragödie werden können. Aber da er einmal ein Teutscher war, so mußte er gleich auf die kräftigen Arme irgend ein Wik¬ kelkindchen nehmen. Neben den konfusen, verzeichneten Figuren: welche Gestalten! so fest und bestimmt, so lebenskräftig und wahr und mitunter eine so einfach herzliche Lyrik. „Dann schau, Gevatter, wenn ich auch nicht singe, So ist mir's doch, als säng' mir was im Herzen, Als ob mir, Gott verzeih's, der liebe Herrgott Die Liedlein selber spiel' in meiner Brust.“ Der Mann hat doch Poesie und selbst seine Fehler haben einen unläugbar poetischen Ursprung; aber er ist so gut wie begraben, während flache Prosa als bühnen¬ gerechte Erbärmlichkeit florirt. Ach ich wollte manchmal, ich wäre Werners Herz mit dem Sehnen und deu Thrä¬ nen nach dem Jenseits, mit der Zerknirschung vor Gott ꝛc. — ich, der ich mich nach Niemand, auch nicht nach dem Himmel sehne, der ich mich vor Niemand fürchte, auch nicht vor Gott, komme mir manchmal ärmer vor als Zacharias mit seinem Wahn. Ich kann es jetzt Keinem verdenken, wenn er wie Grabbe das Theater verläßt und nun wild drauf los schreibt — wer wird Mumien heirathen wollen? Was bringt dieser junge poetische Artillerist bei unend¬ licher Trivialität, glänzender Verrücktheit und beinah gänzlich fehlendem poetischen Takt doch mitunteer für schlagende Urblitze. Wer nicht trivial sein kann, kann nie erhaben sein; wenigstens in der Auffassung, wenn auch nicht in der Ausführung der Idee, legt er eine riesige Kraft an den Tag. Aber in meinem jetzigen Zustande hilft mir ein toller Poet nicht, ich bin selbst toll genug, ich werde den frommen Novalis lesen. Später. Gegen Abend geht ein Bekannter von mir als Courier nach Paris, ich mit ihm. Meine Habseligkeiten liegen gepackt neben mir, ich schreibe wie Scipio auf den Trümmern Carthagos, den Weg nach Rom an den Fußspitzen. Den Rest von Papier und Tinte werf' ich dann zum Fenster hinaus, und Salz streu' ich auf die Stelle, wo ich gewohnt. Wir haben einen sehr be¬ quemen Wagen und werden den ganzen Weg über schlafen. Das ist mir recht, so wird's ein Sprung von Berlin nach Paris, und ich habe mich nicht so lange durch Teutschland hindurch zu ärgern. Ich liebe überhaupt die Sprünge, und mein Unglück besteht eben darin, daß die Weltgeschichte keine macht. Uebrigens bin ich beim Gesandten gewesen und habe die schöne Julia mehrmals gesehen und gesprochen. Im Vertrauen gesagt, Ihr Herren, wenn ich nichts Besseres thun könnte als lieben, ich bliebe hier. Diese Augen, dunkel wie die Nacht mit auf- und abwehenden weichen Lüf¬ ten, diese feine Nase, empfindsam wie aus Blättern des Lotos; dieser kleine gewölbte Mund und das Ganze wie aus dem Thau gezogen, nicht üppig söm¬ merlich, aber duftend frühlingsartig, zart durchsichtig, nördlich und doch voll Reiz — ich schwör' es Euch, das Weib kann einen Poeten, dem noch etwas Herz geblieben, grenzenlos glücklich und sehr unglücklich machen. Aber ich bin selbst so nördlich geworden, daß mein Wohlwollen, was ich an solcher Schönheit empfand, nichts als ein paar Minuten sehen, ein paar Worte sprechen wollte, um den Gang des Ausdrucks zu be¬ obachten, aber nicht einmal im Leisesten afficirt wurde, als ich scheiden mußte. Ich bin reif zum Künstler. Aber wenn ich einmal wieder poetisch werde, so wird der schmeichelnde Effect dieser reizenden Figur viel Einfluß gehabt haben. Ich werde sie noch lange sehen im kurzen weißseidenen Gewande, das Haar verführerisch natürlich und doch so kunstreich modern aufgelöst, ihre schwarzen Locken dem Anschein nach mühsam von einer einzigen blendenden Kamelie zusammengehalten, hinab¬ fallend auf den stolzen weißen Nacken. Ich vergesse sie nimmer diese Figur, leicht sich wiegend und geschmei¬ dig wie eine verführerische Melodie und doch stolz und hoch wie eine hohe Kunstidee — hinter den breiten Augenliedern, den langen schattigen Wimpern lag eine südliche Nacht mit allem Verlangen und allem Reiz, mit Schalkheit und Tönen — sie will nächstens nach Paris kommen. Auf Wiedersehn, mein schönes Kind! Aber ächt teutsch schreib' ich die letzte Stunde her¬ an — wir sind Federvieh. Jetzt Ade, du Land der Hofräthe und der langen Weile — ade ihr Freunde, schickt Eure nächsten Briefe poste restante nach Paris. 16. Julia an Camilla. Nur drei Zeilen, meine Liebste. Hoffentlich bin ich in nächster Woche bei Ihnen — mein Papa muß schleunigst nach Paris, dort soll es sehr unruhig her¬ gehen; ich soll beim Grafen aufgehoben werden. Ich freue mich kindisch auf Grünschloß, auf meine liebens¬ würdige Camilla, meine duftende Blume Alberta und Eure bunte Gesellschaft. Ich sehne mich ordentlich nach Poeten, Berlin ist sehr trocken und der Herr Constan¬ tin war eine auffallende, interessante Erscheinung in unserm Salon. Die Leute wußten nichts Rechtes über ihu, das machte ihn mystisch, er sprach so abgebrochen, aber so bunt originell, das machte ihn piquant. Und dabei hat er ein vornehmes, sehr einnehmendes Aeußere. Ich weiß nicht, ob das gestört oder erhöht wird durch einen wegwerfenden Zug von Frivoliät, Leichtsinn, der oft wie Verachtung aussieht und über das ganze Ge¬ sicht streift. Er verzieht einen fein geschnittnen Mund zu einem nicht recht heimlichen Lächeln, und drückt die Mundwinkel nach unten. Die großen hellblauen Au¬ gen sind etwas unstät, das lichtbraune Haar ist aus 8 Stirn und Schläfen gestrichen und fliegt ein wenig wild, das Gesicht ist voll, aber es scheint mehr das zu sein, was man mit den fatalen Ausdrücken aufgedunsen, schwammig, bezeichnet. Es ist von feiner Haut und schwach geröthet, meine Gouvernante nannte ihn einen unbärtigen Apollokopf. Ausdruck und Haltung des Kopfes und der vollen hohen Figur ist sehr vornehm, ich hab's wohl schon einmal gesagt; verlangen Sie nichts Geordnetes von mir. Sie wollten eine Beschrei¬ bung, ich gebe sie, wie ich in meiner Eile und Zer¬ fahrenheit eben kann. Er war beide Male, wo ich ihn sah, braun gekleidet, trug um den vollen Hals ein leicht fliegendes Tuch, keine Kravatte und keinen steifen Vatermörder, sondern einen weichen nachgiebigen Hemd¬ kragen. Sie sehen, wie ich Ihren Regeln nachzukommen trachte und ins Detail beschreibe, um Ihnen die Figur deutlich zu machen. Ich muß mich im Beschreiben von Per¬ sonen üben, dies Zeichnen mit Worten macht mir Vergnü¬ gen. Bitte, lassen Sie mir wieder mein altes Zimmer ein¬ richten was auf die Terasse sieht, es ist gar zu hübsch. Ich kann Ihnen nicht beschreiben, wie ich mich auf Grün¬ schloß freue; ich bin hier so sommertrocken, und suche Kühle und Grün. Adieu, meine Liebe, tausendmal Adieu. 17. Constantin an Hyppolit. Paris, den 29. Juli. Ich hoffe nicht, daß mir die Zeitungen voraus¬ fliegen; wenigstens werden sie Euch nicht sagen können, wie gut mir's in der hiesigen Schlacht geht. Sattle Dein Roß und fliege her, wir machen Freiheit hier. Vorgestern ist er losgegangen in den Straßen von Paris, der hochrothe blutige Kampf eines Volkes um sein Recht, die dunkeln Schatten der Jacobiner schreiten vor der neuen Jugend einher, die alten Freiheitslieder flattern wie Sturmvögel über den Plätzen, mein Herz ist fast zer¬ sprungen vor Freude, so zur rechten Zeit gekommen zu sein, und meinen grimmigen Haß gegen alles weltgeschichtliche Unrecht ausbaden zu können in schlechtem Söldnerblute. Ich habe gefochten wie ein Rasender. Gestern stand ich am Fenster des Zimmers, wo die Deputirten zu¬ sammenkamen — der alte Student der Revolutionen, das bemooste Haupt auf dem Fechtboden der Völker, La¬ fayette, sagte uns, was wir thaten. Die Deputirten spra¬ chen verwirrt von Ementen, Revolten ꝛc. — Da stand der unsterbliche alte Knabe, dessen Herz noch im Sarge schla¬ 8 * gen wird, auf, und sagte mit seinem gewöhnlichen welthi¬ storischen Lächeln: Meine Herren, das ist keine Revolte, das ist eine Revolution. — Wie ein Kanonenschuß don¬ nerte das Wort durch Paris; er, der alle Vorlesungen der revolutionären Professoren besucht hatte, er mußte es wissen, wie das Collegium hieß. Nun ist der Name da und nun läßt sich Paris todtschlagen, bis dieser Na¬ me von allen Thürmen flaggt. Heiß brennt die Juli¬ sonne und saugt gierig das Blut auf, heiß schlagen die die Herzen, wir haben eben das Stadthaus wieder ge¬ wonnen, das Haus, wo die ehernen Männer der neun¬ ziger Jahre saßen; in einem Winkel desselben schreib' ich Dir; an dem Fenster, wo ich sitze, stürzten sich einst die Männer des Thermidor hinunter. Hurrah, Freund, von hier geh' ich, um die letzten Schergen des dummen Herrschers aus dem Louvre vertreiben zu helfen, neben mir regiert Lafayette, und seine Arme, die Hundert¬ tausende des Volks, geben dem alten morschen Thron der Bourbonen, dem Thron der herkömmlichen Bevor¬ zugung, den letzten Stoß; morgen machen wir eine Re¬ gierung, eine lustige Republik. — O großer Gott, seit Jahren dank' ich dir heut' zum ersten Male für deine Welt, ja sie ist schön; der alte Unflath wird unter die Füße getreten, die Menschenrechte schreien durch die Gassen, und alle Welt hört sie; das Herrschen und Be¬ herrschtwerden hört auf — frage den Valer, ob er Präsident werden will, ich werd' ihm meine Stimme geben. Du taugst nichts dazu, Du bist zu monarchisch gewachsen und geartet. Schreibt mir, schreibt mir was das erschrockne Schlesien sagt — könnt' ich die zertretnen dummen Fratzen Eurer Aristokratie in diesem Augenblicke sehen, mein Glück reichte bis an den Him¬ mel. Eine Schmarre in der Wange ausgenommen bin ich noch heiler Haut — hätt' ich tausend Leben, ich stürbe tausendmal für die Freiheit. Holla die Trom¬ meln — die Trommeln, es geht zum Louvre gegen die Schweizer. Gott behüte Euch; fall' ich, so beneidet mich, ich bin im Rausche gefallen. —