Der Achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. Von Karl Marx. Zweite Ausgabe . Hamburg Otto Meißner . 1869. Vorwort. Mein zu früh verstorbener Freund Joseph Weydemeyer Während des amerikanischen Bürgerkriegs Militärkommandant des Distrikts von St. Louis. beabsichtigte vom 1 . Januar 1852 an eine polit sche Wochen¬ schrift in New–York herauszugeben. Er forderte mich auf, für dieselbe die Geschichte des coup d'état zu liefern. Ich sch ieb ihm daher wöchentlich bis Mitte Februar Artikel unter dem Titel: „Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte“. Unterdeß war Weydemeyer's ursprünglicher Plan gescheitert. Dagegen veröffent¬ lichte er im Frühling 1852 eine Monatsschrift: „ Die Revo¬ lution “, deren zweites Heft aus meinem „Achtzehnten Brumaire“ besteht. Einige hundert Exemplare davon fanden damals den Weg nach Deutschland, ohne jedoch in den eigentlichen Buch¬ handel zu kommen. Ein äußerst radikal thuender deutscher Buchhändler, dem ich den Vertrieb anbot, antwortete mit wahr¬ haft sittlichem Entsetzen über solch „zeitwidrige Zumuthung“. Man ersieht aus diesen Angabe, daß die vorliegende Schrift unter dem unmittelbaren Druck der Ereignisse entstand und ihr historisches Material nicht über den Monat Februar (1852) hinaus¬ reicht. Ihre jetzige Wiederveröffentlichung ist theils buchhändle¬ rifcher Nachfrage, theils dem Andringen meiner Freunde in Deutschland geschuldet. Von den Schriften, welche ungefähr gleichzeitig mit der meinigen denselben Gegenstand behandelten, sind nur zwei bemerkenswerth: Victor Hugo 's: „ Napoléon le Petit “ und Proudhon 's: „ Coup d'État “. Victor Hugo beschränkt sich auf bittere und geistreiche Invek¬ tive gegen den verantwortlichen Herausgeber des Staatsstreichs. Das Ereigniß selbst erscheint bei ihm wie ein Blitz aus heitrer Luft. Er sieht darin nur die Gewaltthat eines einzelnen Indivi¬ duums. Er merkt nicht, daß er dies Individuum groß statt klein macht, indem er ihm eine persönliche Gewalt der Initiative zu¬ schreibt, wie sie beispiellos in der Weltgeschichte dastehen würde. Proudhon seinerseits sucht den Staatsstreich als Resultat einer vorhergegangenen geschichtlichen Entwicklung darzustellen. Unter der Hand verwandelt sich ihm jedoch die geschichtliche Konstruktion des Staatsstreichs in eine geschichtliche Apologie des Staatsstreichs¬ helden. Er verfällt so in den Fehler unserer sogenannten objek ¬ tiven Geschichtsschreiber. Ich weise dagegen nach, wie der Klassenkampf in Frankreich Umstände und Verhältnisse schuf, welche einer mittelmäßigen und grotesken Personage das Spiel der Heldenrolle ermöglichten. Eine Umarbeitung der vorliegenden Schrift hätte sie ihrer eigenthümlichen Färbung beraubt. Ich habe mich daher auf bloße Korrektur von Druckfehlern beschränkt und auf Wegstreichung jetzt nicht mehr verständlicher Anspielungen. Der Schlußsatz meiner Schrift: „Aber wenn der Kaiser¬ mantel endlich auf die Schultern Louis Bonaparte's fällt, wird das eherne Standbild Napoleon's von der Höhe der Bend ô mesäule herabstürzen“, hat sich bereits erfüllt. Oberst Charras eröffnete den Angriff auf den Napoleon- Kultus in seinem Werke über den Feldzug von 1815 . Seitdem, und namentlich in den letzten Jahren, hat die französische Literatur mit den Waffen der Geschichtsforschung, der Kritik, der Satyre und des Witzes der Napoleon-Legende den Garaus gemacht. Außerhalb Frankreichs ward dieser gewaltsame Bruch mit dem traditionellen Volksglauben, diese ungeheure geistige Revolution, wenig beachtet und noch weniger begriffen. Schließlich hoffe ich, daß meine Schrift zur Beseitigung der jetzt namentlich in Deutschland landläufigen Schulphrase vom sogenannten Cäsarismus beitragen wird. Bei dieser oberfläch¬ lichen geschichtlichen Analogie vergißt man die Hauptsache, daß nämlich im alten Rom der Klassenkampf nur innerhalb einer privilegirten Minorität spielte, zwischen den freien Reichen und den freien Armen, während die große produktive Masse der Bevölkerung, die Sklaven, das blos passive Piedestal für jene Kämpfer bildete. Man vergißt Sismondi's bedeutenden Ausspruch: Das römische Proletariat lebte auf Kosten der Gesellschaft, während die moderne Gesellschaft auf Kosten des Proletariats lebt. Bei so gänzlicher Verschiedenheit zwischen den materiellen, ökonomischen Bedingungen des antiken und des modernen Klassenkampfs können auch seine politischen Ausgeburten nicht mehr mit einander gemein haben als der Erzbischof von Canterbury mit dem Hohenpriester Samuel. London , 23 . Juni 1869 . Karl Marx . Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte. I . Hegel bemerkt irgendwo, daß alle großen weltgeschichtlichen Thatsachen und Personen sich so zu sagen zweimal ereignen. Er hat vergessen hinzuzu¬ fügen: das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Caussidiere für Danton, Louis Blanc für Robespierre, die Montagne von 1848–51 für die Montagne von 1793–95, der Neffe für den Onkel. Und dieselbe Karrikatur in den Umständen, unter denen die zweite Auflage des achtzehnten Brumaire herausgegeben wird! Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller todten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehr¬ würdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neue Weltge¬ schichtsscene aufzuführen. So maskirte sich Luther als Apostel Paulus, die Revolution von 1789–1814 drapirte sich abwechselnd als römische Re¬ publik und als römisches Kaiserthum, und die Revolution von 1848 wußte nichts Besseres zu thun, als hier 1789, dort die revolutionäre Ueberlieferung von 1793–95 zu parodiren. So übersetzt der Anfänger, der eine neue Sprache erlernt hat, sie immer zurück in seine Muttersprache, aber den Geist 1 der neuen Sprache hat er sich nur angeeignet und frei in ihr zu produziren vermag er nur, sobald er sich ohne Rückerinnerung in ihr bewegt und die ihm angestammte Sprache in ihr vergißt. Bei Betrachtung jener weltgeschichtlichen Todtenbeschwörungen zeigt sich sofort ein springender Unterschied. Camille Desmoulins, Danton, Robespierre, St. Just, Napoleon, die Heroen, wie die Parteien und die Masse der alten französischen Revolution, vollbrachten in dem römischen Kostüme und mit römischen Phrasen die Aufgabe ihrer Zeit, die Entfesselung und Herstellung der modernen bürgerlichen Gesellschaft. Die Einen schlugen den feudalen Boden in Stücke und mähten die feudalen Köpfe ab, die darauf gewachsen waren. Der Andere schuf im Innern von Frankreich die Bedingungen, worunter erst die freie Konkurrenz entwickelt, das parzellirte Grundeigenthum ausgebeutet, die entfesselte industrielle Produktivkraft der Nation verwandt werden konnte, und jenseits der französischen Grenzen fegte er überall die feudalen Gestaltungen weg, so weit es nöthig war, um der bürgerlichen Gesell¬ schaft in Frankreich eine entsprechende, zeitgemäße Umgebung auf dem euro¬ päischen Kontinent zu verschaffen. Die neue Gesellschaftsformation einmal hergestellt, verschwanden die vorsündfluthlichen Kolosse und mit ihnen das wieder auferstandene Römerthum — die Brutusse, Gracchusse, Publicolas, die Tribunen, die Senatoren und Cäsar selbst. Die bürgerliche Gesellschaft in ihrer nüchternen Wirklichkeit hatte sich ihre wahren Dolmetscher und Sprachführer erzeugt in den Says, Cousins, Royer-Collards, Benjamin Constants und Guizots, ihre wirklichen Heerführer saßen hinter dem Comp¬ toirtisch und der Speckkopf Ludwig's XVIII . war ihr politisches Haupt. Ganz absorbirt in die Produktion des Reichthums und in den friedlichen Kampf der Konkurrenz begriff sie nicht mehr, daß die Gespenster der Römerzeit ihre Wiege gehütet hatten. Aber unheroisch, wie die bürgerliche Gesellschaft ist, hatte es jedoch des Heroismus bedurft, der Aufopferung, des Schreckens, des Bürgerkriegs und der Völkerschlachten, um sie auf die Welt zu setzen. Und ihre Gladiatoren fanden in den klassisch strengen Ueberlieferungen der römischen Republik die Ideale und die Kunstformen, die Selbsttäuschungen, deren sie bedurften, um den bürgerlich beschränkten Inhalt ihrer Kämpfe sich selbst zu verbergen und ihre Leidenschaft auf der Höhe der großen geschichtlichen Tragö¬ die zu halten. So hatten auf einer andern Entwicklungsstufe, ein Jahr¬ hundert früher, Cromwell und das englische Volk dem alten Testament Sprache, Leidenschaften und Illusionen für ihre bürgerliche Revolution ent¬ lehnt. Als das wirkliche Ziel erreicht, als die bürgerliche Umgestaltung der englischen Gesellschaft vollbracht war, verdrängte Locke den Habakuk. Die Todtenerweckung in jenen Revolutionen diente also dazu, die neuen Kämpfe zu verherrlichen, nicht die alten zu parodiren, die gegebene Aufgabe in der Phantasie zu übertreiben, nicht vor ihrer Lösung in der Wirklichkeit zurückzuflüchten, den Geist der Revolution wieder zu finden, nicht ihr Ge¬ spenst wieder umgehen zu machen. 1848 – 1851 ging nur das Gespenst der alten Revolution um, von Marrast, dem Républicain en gants jaunes , der sich in den alten Bailly ver¬ kleidete, bis auf den Abenteurer, der seine trivial-widrigen Züge unter der eisernen Todtenlarve Napoleons versteckt. Ein ganzes Volk, das sich durch eine Revolution eine beschleunigte Bewegungskraft gegeben zu haben glaubt, findet sich plötzlich in eine verstorbene Epoche zurückversetzt, und damit keine Täuschung über den Rückfall möglich ist, stehn die alten Data wieder auf, die alte Zeitrechnung, die alten Namen, die alten Edikte, die längst der an¬ tiquarischen Gelehrsamkeit verfallen, und die alten Schergen, die längst verfault schienen. Die Nation kömmt sich vor, wie jener närrische Engländer in Bed¬ lam, der zur Zeit der alten Pharaonen zu leben meint und täglich über die harten Dienste jammert, die er in den äthiopischen Bergwerken als Gold¬ gräber verrichten muß, eingemauert in dies unterirdische Gefängniß, eine spär¬ lich leuchtende Lampe auf dem eigenen Kopfe befestigt, hinter ihm der Sclaven¬ aufseher mit langer Peitsche und an den Ausgängen ein Gewirr von bar¬ barischen Kriegsknechten, die weder die Zwangsarbeiter in den Bergwerken, noch sich unter einander verstehn, weil sie keine gemeinsame Sprache reden. „Und dies Alles wird mir,“ — seufzt der närrische Engländer — „mir dem freigebornen Briten zugemuthet, um Gold für die alten Pharaonen zu machen.“ „Um die Schulden der Familie Bonaparte zu zahlen,“ — seufzt die französische Nation. Der Engländer, so lange er bei Verstand war, konnte die fixe Idee des Goldmachens nicht los werden. Die Franzosen, so lange sie revolutionirten, nicht die napoleonische Erinnerung, wie die Wahl vom 10. Dezember bewies. Sie sehnten sich aus den Gefahren der Revo¬ lution zurück nach den Fleischtöpfen Aegyptens, und der 2 . Dezember 1851 war die Antwort. Sie haben nicht nur die Karrikatur des alten Napoleon, sie haben den alten Napoleon selbst, karrikirt wie er sich ausnehmen muß in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. Die soziale Revolution des neunzehnten Jahrhunderts kann ihre Poesie 1* nicht aus der Vergangenheit schöpfen, sondern nur aus der Zukunft. Sie kann nicht mit sich selbst beginnen, bevor sie allen Aberglauben an die Ver¬ gangenheit abgestreift hat. Die früheren Revolutionen bedurften der weltge¬ schichtlichen Rückerinnerungen, um sich über ihren eigenen Inhalt zu betäuben. Die Revolution des neunzehnten Jahrhunderts muß die Todten ihre Todten begraben lassen, um bei ihrem eignen Inhalt anzukommen. Dort ging die Phrase über den Inhalt, hier geht der Inhalt über die Phrase hinaus. Die Februarrevolution war eine Ueberrumpelung, eine Ueber¬ raschung der alten Gesellschaft, und das Volk proklamirte diesen unver¬ hofften Handstreich als eine weltgeschichtliche That, womit die neue Epoche eröffnet sei. Am 2 . Dezember wird die Februarrevolution eskamotirt durch die Volte eines falschen Spielers, und was umgeworfen scheint, ist nicht mehr die Monarchie, es sind die liberalen Konzessionen, die ihr durch Jahr¬ hundert lange Kämpfe abgetrotzt waren. Statt daß die Gesellschaft selbst sich einen neuen Inhalt erobert hätte, scheint nur der Staat zu seiner ältesten Form zurückgekehrt, zur unverschämt einfachen Herrschaft von Säbel und von Kutte. So antwortet auf den coup de main vom Februar 1848 der coup de tête vom Dezember 1851 . Wie gewonnen, so zerronnen. Un¬ terdessen ist die Zwischenzeit nicht unbenutzt vorübergegangen. Die fran¬ zösische Gesellschaft hat während der Jahre 1848 — 1851 die Studien und Erfahrungen nachgeholt, und zwar in einer abkürzenden, weil revolutionären Methode, die bei regelmäßiger, so zu sagen schulgerechter Entwickelung der Februarrevolution hätten vorhergehn müssen, sollte sie mehr als eine Er¬ schütterung der Oberfläche sein. Die Gesellschaft scheint jetzt hinter ihren Ausgangspunkt zurückgetreten; in Wahrheit hat sie sich erst den revolutio¬ nären Ausgangspunkt zu schaffen, die Situation, die Verhältnisse, die Be¬ dingungen, unter denen allein die moderne Revolution ernsthaft wird. Bürgerliche Revolutionen, wie die des achtzehnten Jahrhunderts, stür¬ men rascher von Erfolg zu Erfolg, ihre dramatischen Effekte überbieten sich, Menschen und Dinge scheinen in Feuerbrillanten gefaßt, die Extase ist der Geist jedes Tages; aber sie sind kurzlebig, bald haben sie ihren Höhepunkt erreicht und ein langer Katzenjammer erfaßt die Gesellschaft, ehe sie die Resul¬ tate ihrer Drang- und Sturmperiode nüchtern sich aneignen lernt. Proleta¬ rische Revolutionen dagegen, wie die des neunzehnten Jahrhunderts, kritisiren beständig sich selbst, unterbrechen sich fortwährend in ihrem eignen Lauf, kommen auf das scheinbar Vollbrachte zurück, um es wieder von Neuem anzu¬ fangen, verhöhnen grausam-gründlich die Halbheiten, Schwächen und Erbärm¬ lichkeiten ihrer ersten Versuche, scheinen ihren Gegner nur niederzuwerfen, damit er neue Kräfte aus der Erde sauge und sich riesenhafter ihnen gegen¬ über wieder aufrichte, schrecken stets von Neuem zurück vor der unbestimmten Ungeheuerlichkeit ihrer eignen Zwecke, bis die Situation geschaffen ist, die jede Umkehr unmöglich macht, und die Verhältnisse selbst rufen: Hic Rhodus, hic salta! Hier ist die Rose, hier tanze! Jeder erträgliche Beobachter übrigens, selbst wenn er nicht Schritt vor Schritt dem Gang der französischen Entwicklung gefolgt war, mußte ahnen, daß der Revolution eine unerhörte Blamage bevorstehe. Es genügte das selbstgefällige Siegsgekläffe zu hören, womit die Herren Demokraten sich wech¬ selweis zu den Gnadenwirkungen des 2 . Mai 1852 beglückwünschten. Der 2 . Mai 1852 war in ihren Köpfen zur fixen Idee geworden, zum Dogma, wie der Tag, an dem Christus wiedererscheinen und das tausendjährige Reich beginnen sollte, in den Köpfen der Chiliasten. Die Schwäche hatte sich wie immer in den Wunderglauben gerettet, glaubte den Feind überwunden, wenn sie ihn in der Phantasie weghexte, und verlor alles Verständniß der Gegen¬ wart über der thatlosen Verhimmelung der Zukunft, die ihr bevorstehe, und der Thaten, die sie in petto habe, aber nur noch nicht an den Mann bringen wolle. Jene Helden, die ihre bewiesene Unfähigkeit dadurch zu widerlegen suchen, daß sie sich wechselseitig ihr Mitleiden schenken und sich zu einem Haufen zusammenthun, hatten ihre Bündel geschnürt, strichen ihre Lorbeer¬ kronen auf Vorschuß ein und waren eben damit beschäftigt, auf dem Wechsel¬ markt die Republiken in partibus diskontiren zu lassen, für die sie bereits in aller Stille ihres anspruchslosen Gemüths das Regierungspersonal vorsorg¬ lich organisirt hatten. Der 2 . Dezember traf sie wie ein Blitzstrahl aus heiterm Himmel, und die Völker, die in Epochen kleinmüthiger Verstimmung sich gern ihre innere Angst von den lautesten Schreiern übertäuben lassen, werden sich vielleicht überzeugt haben, daß die Zeiten vorüber sind, wo das Geschnatter von Gänsen das Kapitol retten konnte. Die Konstitution, die Nationalversammlung, die dynastischen Partheien, die blauen und die rothen Republikaner, die Helden von Afrika, der Donner der Tribüne, das Wetterleuchten der Tagespresse, die gesammte Literatur, die politischen Namen und die geistigen Renomm é en, das bürgerliche Gesetz und das peinliche Recht, die liberté, égalité, fraternité und der 2 . Mai 1852 — Alles ist verschwunden wie eine Phantasmagorie vor der Bannformel eines Mannes, den seine Feinde selbst für keinen Hexenmeister ausgeben. Das allgemeine Wahlrecht scheint nur einen Augenblick überlebt zu haben, damit es eigenhändig vor den Augen aller Welt sein Testament mache und im Namen des Volkes selbst erkläre: Alles was besteht, ist werth, daß es zu Grunde geht. Es genügt nicht zu sagen, wie die Franzosen thun, daß ihre Nation überrascht worden sei. Einer Nation und einer Frau wird die unbewachte Stunde nicht verziehen, worin der erste beste Abenteurer ihnen Gewalt anthun konnte. Das Räthsel wird durch dergleichen Wendungen nicht gelöst, sondern nur anders formulirt. Es bliebe zu erklären, wie eine Nation von 36 Millio¬ nen durch drei Industrieritter überrascht und widerstandslos in die Gefan¬ genschaft abgeführt werden kann. Rekapituliren wir in allgemeinen Zügen die Phasen, die die franzö¬ sische Revolution vom 24. Februar 1848 bis zum Dezember 1851 durch¬ laufen hat. Drei Hauptperioden sind unverkennbar: die Februarperiode ; 4. Mai 1848 bis zum 29. Mai 1849: Periode der Konstituirung der Republik oder der konstituirenden Nationalversamm¬ lung ; 29. Mai 1849 bis zum 2. Dezember 1851. Periode kon¬ stitutionellen Republik oder der legislativen Nationalver¬ sammlung . Die erste Periode vom 24. Februar oder dem Sturze Louis Philipps bis zum 4. Mai 1848, dem Zusammentritt der konstituirenden Ver¬ sammlung, die eigentliche Februarperiode , kann als der Prolog der Revolution bezeichnet werden. Ihr Charakter sprach sich offiziell darin aus, daß die von ihr improvisirte Regierung sich selbst für provisorisch erklärte, und wie die Regierung gab Alles, was in dieser Periode angeregt, versucht, ausgesprochen wurde, sich für nur provisorisch aus. Niemand und Nichts wagte das Recht des Bestehens und der wirklichen That für sich in Anspruch zu nehmen. Alle Elemente, die die Revolution vorbereitet oder bestimmt hatten, dynastische Opposition, republikanische Bourgeoisie, demokratisch¬ republikanisches Kleinbürgerthum, sozial-demokratisches Arbeiterthum fanden provisorisch ihren Platz in der Februar- Regierung . Es konnte nicht anders sein. Die Februartage bezweckten ursprünglich eine Wahlreform, wodurch der Kreis der politisch Privilegirten unter der besitzenden Klasse selbst erweitert, und die ausschließliche Herrschaft der Finanzaristokratie gestürzt werden sollte. Als es aber zum wirklichen Konflikt kam, das Volk auf die Barrikaden stieg, die Nationalgarde sich passiv verhielt, die Armee keinen ernstlichen Widerstand leistete und das Königthum davonlief, schien sich die Republik von selbst zu verstehn. Jede Partei deutete sie in ihrem Sinn. Von dem Proletariat die Waffen in der Hand ertrotzt, prägte es ihr seinen Stempel auf und proklamirte sie als soziale Republik . So wurde der allgemeine Inhalt der modernen Revolution angedeutet, der in sonderbarstem Widerspruch stand zu Allem, was mit dem vorliegenden Material, mit der erreichten Bildungsstufe der Masse, unter den gegebenen Umständen und Verhältnissen zunächst unmittelbar in's Werk gesetzt werden konnte. Andrerseits wurde der Anspruch aller übrigen Elemente, die zur Februarrevolution mitgewirkt hatten, anerkannt in dem Löwenantheil, den sie an der Regierung erhielten. In keiner Periode finden wir daher ein bunte¬ res Gemisch von überfliegenden Phrasen und thatsächlicher Unsicherheit und Unbeholfenheit, von enthusiastischerem Neuerungsstreben und von gründliche¬ rer Herrschaft der alten Routine, von mehr scheinbarer Harmonie der ganzen Gesellschaft und von tieferer Entfremdung ihrer Elemente. Während das Pariser Proletariat noch in dem Anblick der großen Perspektive, die sich ihm eröffnet hatte, schwelgte und sich in ernstgemeinte Diskussionen über die sozialen Probleme erging, hatten sich die alten Mächte der Gesellschaft grup¬ pirt, gesammelt, besonnen und fänden eine unerwartete Stütze an der Masse der Nation, den Bauern und Kleinbürgern, die alle auf einmal auf die politische Bühne stürzten, nachdem die Barrieren der Julimonarchie ge¬ fallen waren. Die zweite Periode vom 4 . Mai 1848 bis Ende Mai 1849 ist die Periode der Konstituirung , der Begründung der bürger¬ lichen Republik . Unmittelbar nach den Februartagen war nicht nur die dynastische Opposition überrascht worden durch die Republikaner, die Re¬ publikaner durch die Sozialisten, sondern ganz Frankreich durch Paris. Die Nationalversammlung, die am 4 . Mai 1848 zusammentrat, aus den Wahlen der Nation hervorgegangen, repräsentirte die Nation. Sie war ein leben¬ diger Protest gegen die Zumuthungen der Februartage und sollte die Resul¬ tate der Revolution auf den bürgerlichen Maßstab zurückführen. Vergebens versuchte das Pariser Proletariat, das den Charakter dieser Nationalver¬ sammlung sofort begriff, wenige Tage nach ihrem Zusammentritt, am 15. Mai, ihre Existenz, gewaltsam wegzuleugnen, sie aufzulösen, die organische Gestalt, worin der reagirende Geist der Nation es bedrohte, wieder in ihre einzelnen Bestandtheile zu zerstreuen. Der 15. Mai hatte bekanntlich kein anderes Re¬ sultat, als Blanqui und Genossen, d. h. die wirklichen Führer der proleta¬ rischen Partei, für die ganze Dauer des Cyklus, den wir betrachten, vom öffentlichen Schauplatz zu entfernen. Auf die bürgerliche Monarchie Louis Philipps kann nur die bürgerliche Republik folgen, d.h. wenn unter dem Namen des Königs ein beschränkter Theil der Bourgeoisie geherrscht hat, so wird jetzt im Namen des Volks die Gesammtheit der Bourgeoisie herrschen. Die Forderungen des Pariser Proletariats sind utopistische Flausen, womit geendet werden muß. Auf diese Erklärung der konstituirenden Nationalversammlung antwortete das Pariser Proletariat mit der Juni-Insurrektion , dem kolossalsten Ereigniß in der Geschichte der europäischen Bürgerkriege. Die bürgerliche Republik siegte. Auf ihrer Seite stand die Finanzaristokratie, die industrielle Bourgeoisie, der Mittelstand, die Kleinbürger, die Armee, das als Mobil¬ garde organisirte Lumpenproletariat, die geistigen Kapacitäten, die Pfaffen und die Landbevölkerung. Auf der Seite des Pariser Proletariats stand Niemand als es selbst. Ueber 3000 Insurgenten wurden niedergemetzelt nach dem Siege, 15000 ohne Urtheil transportirt. Mit dieser Niederlage tritt das Proletariat in den Hintergrund der revolutionären Bühne. Es versucht sich jedesmal wieder vorzudrängen, sobald die Bewegung einen neuen Anlauf zu nehmen scheint, aber mit immer schwächerem Kraftaufwand und stets geringerem Resultat. Sobald eine der höher über ihm liegenden Gesellschaftsschichten in revolutionäre Gährung geräth, geht es eine Verbin¬ dung mit ihr ein und theilt so alle Niederlagen, die die verschiedenen Par¬ teien nach einander erleiden. Aber diese nachträglichen Schläge schwächen sich immer mehr ab, je mehr sie sich auf die ganze Oberfläche der Gesellschaft vertheilen. Seine bedeutenderen Führer in der Versammlung und in der Presse fallen der Reihe nach den Gerichten als Opfer und immer zweideutigere Figuren treten an seine Spitze. Zum Theil wirft es sich auf doktrinäre Experimente , Tauschbanken und Arbeiter-Assoziationen , also in eine Bewegung , worin es darauf verzichtet , die alte Welt mit ihren eigenen großen Gesammtmitteln um¬ zuwälzen , vielmehr hinter dem Rücken der Gesellschaft , auf Privatweise , innerhalb seiner beschränkten Existenz¬ bedingungen , seine Erlösung zu vollbringen sucht , also nothwendig scheitert . Es scheint weder in sich selbst die revolutionäre Größe wiederfinden, noch aus den neu eingegangenen Verbindungen neue Energie gewinnen zu können, bis alle Klassen , womit es im Juni ge¬ kämpft, neben ihm selbst platt darniederliegen. Aber wenigstens erliegt es mit den Ehren des großen weltgeschichtlichen Kampfes; nicht nur Frankreich, ganz Europa zittert vor dem Junierdbeben, während die nachfolgenden Nieder¬ lagen der höhern Klassen so wohlfeil erkauft werden, daß sie der frechen Uebertreibung von Seiten der siegenden Partei bedürfen, um überhaupt als Ereignisse passiren zu können, und um so schmachvoller werden, je weiter die unterliegende Partei von der proletarischen entfernt ist. Die Niederlage der Juniinsurgenten hatte nun allerdings das Terrain vorbereitet, geebnet, worauf die bürgerliche Republik begründet, aufgeführt werden konnte; aber sie hatte zugleich gezeigt, daß es sich in Europa um andre Fragen handelt, als „um Republik oder Monarchie.“ Sie hatte offen¬ bart, daß bürgerliche Republik hier die uneingeschränkte Despotie einer Klasse über andre Klassen bedeute. Sie hatte bewiesen, daß in alt¬ zivilisirten Ländern mit entwickelter Klassenbildung, mit modernen Produktions¬ bedingungen und mit einem geistigen Bewußtsein, worin alle überlieferten Ideen durch Jahrhundert lange Arbeit aufgelös't sind, die Republik über¬ haupt nur die politische Umwälzungsform der bürger¬ lichen Gesellschaft bedeutet und nicht ihre konservative Lebens¬ form , wie z. B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo zwar schon Klassen bestehn, aber sich noch nicht fixrirt haben, sondern in beständigem Flusse fortwährend ihre Bestandtheile wechseln und an einander abtreten, wo die modernen Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Uebervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen ersetzen, und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegen¬ heit ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen. Alle Klassen und Parteien hatten sich während der Junitage zur Par¬ tei der Ordnung vereint gegenüber der proletarischen Klasse, als der Partei der Anarchie , des Sozialismus, des Kommunismus. Sie hatten die Gesellschaft „gerettet“ gegen „ die Feinde der Gesell¬ schaft .“ Sie hatten die Stichworte der alten Gesellschaft, „ Eigenthum , Familie , Religion , Ordnung ,“ als Parole unter ihr Heer ausge¬ theilt und der kontrerevolutionären Kreuzfahrt zugerufen: „Unter diesem Zeichen wirst du siegen!“ Von diesem Augenblick, sobald eine der zahlreichen Parteien, die sich unter diesem Zeichen gegen die Juniinsurgenten geschaart hatten, in ihrem eigenen Klasseninteresse den revolutionären Kampfplatz zu behaupten sucht, unterliegt sie vor dem Rufe: „Eigenthum, Familie, Religion, Ordnung.“ Die Gesellschaft wird eben so oft gerettet, als sich der Kreis ihrer Herrscher verengt, als ein exklusiveres Interesse dem weiteren gegenüber behauptet wird. Jede Forderung der einfachsten bürgerlichen Finanzreform, des ordinärsten Liberalismus, des formalsten Republikanerthums, der platte¬ sten Demokratie, wird gleichzeitig als „Attentat auf die Gesellschaft“ bestraft und als „Sozialismus“ gebrandmarkt. Und schließlich werden die Hohen¬ priester der „Religion und Ordnung“ selbst mit Fußtritten von ihren Pythia¬ stühlen verjagt, bei Nacht und Nebel aus ihren Betten geholt, in Zellenwagen gesteckt, in Kerker geworfen oder in's Exil geschickt, ihr Tempel wird der Erde gleich gemacht, ihr Mund wird versiegelt, ihre Feder zerbrochen, ihr Gesetz zerrissen, im Namen der Religion, des Eigenthums, der Familie, der Ordnung. Ordnungsfanatische Bourgeois auf ihren Balkonen werden von besoffenen Sol¬ datenhaufen zusammengeschossen, ihr Familienheiligthum wird entweiht, ihre Häuser werden zum Zeitvertreib bombardirt — im Namen des Eigenthums, der Familie, der Religion und der Ordnung. Der Auswurf der bürgerlichen Gesellschaft bildet schließlich die heilige Phalanx der Ordnung und Held Crapülinsky zieht in die Tuilerien ein als „ Retter der Gesell¬ schaft .“ II . Nehmen wir den Faden der Entwicklung wieder auf. Die Geschichte der konstituirenden Nationalversammlung seit den Junitagen ist die Geschichte der Herrschaft und der Auf¬ lösung der republikanischen Bourgeois-Fraktion , jener Fraktion, die man unter dem Namen trikolore Republikaner, reine Republi¬ kaner, politische Republikaner, formalistische Republikaner u. s. w. kennt. Sie hatte unter der bürgerlichen Monarchie Louis Philipps die offi¬ zielle republikanische Opposition und daher einen anerkannten Be¬ standtheil der damaligen politischen Welt gebildet. Sie besaß ihre Vertreter in den Kammern und in der Presse einen bedeutenden Wirkungskreis. Ihr Pariser Organ, der “ National ”, galt in seiner Weise für ebenso respektabel als das „ Journal des Débats “. Dieser Stellung unter der konstitutionellen Monarchie entsprach ihr Charakter. Es war dies keine durch große gemein¬ same Interessen zusammengehaltene und durch eigenthümliche Produktionsbe¬ dingungen abgegrenzte Fraktion der Bourgeoisie. Es war eine Koterie von republikanisch gesinnten Bourgeois, Schriftstellern, Advokaten, Offi¬ zieren und Beamten, deren Einfluß auf den persönlichen Antipathien des Landes gegen Louis Philipp, auf Erinnerungen an die alte Republik, auf dem republikanischen Glauben einer Anzahl von Schwärmern, vor Allem aber auf dem französischen Nationalismus beruhte, dessen Haß gegen die Wiener Verträge und gegen die Allianz mit England sie fortwährend wach hielt. Einen großen Theil des Anhangs, den der „ National “ unter Louis Philipp besaß, schuldete er diesem versteckten Imperialismus, der ihm daher später unter der Republik als ein vernichtender Konkurrent in der Person Louis Bonaparte's gegenüber treten konnte. Die Finanzaristokratie bekämpfte er, wie die ganze übrige bürgerliche Opposition es that. Die Polemik gegen das Budget, die in Frankreich genau mit der Bekämpfung der Finanzaristo¬ kratie zusammenhing, verschaffte eine zu wohlfeile Popularität und zu reich¬ haltigen Stoff zu puritanischen leading articles , um nicht ausgebeutet zu werden. Die industrielle Bourgeoisie war ihm dankbar für seine sklavische Vertheidigung des französischen Schutzzollsystems, das er indeß auf mehr nationale als nationalökonomische Gründe hin aufnahm, die Gesammt¬ bourgeoisie für seine gehässigen Denunciationen des Kommunismus und Sozialismus. Im Uebrigen war die Partei des „ National “ rein republi¬ kanisch , d. h. sie verlangte eine republikanische statt einer monarchischen Form der Bourgeois–Herrschaft und vor Allem ihren Löwenantheil an dieser Herrschaft. Ueber die Bedingungen dieser Umwandlung war sie sich durch¬ aus nicht klar. Was ihr dagegen sonnenklar war und auf den Reform-Ban¬ ketten in der letzten Zeit Louis Philipps öffentlich erklärt wurde, war ihre Unpopularität bei den demokratischen Kleinbürgern und insbesondere bei dem revolutionären Proletariat. Diese reinen Republikaner, wie reine Republi¬ kaner denn sind, standen auch schon auf dem Sprunge, sich zunächst mit einer Regentschaft der Herzogin von Orleans zu begnügen, als die Februarrevo¬ lution ausbrach und ihren bekanntesten Vertretern einen Platz in der provi¬ sorischen Regierung anwies. Sie besaßen natürlich von vornherein das Ver¬ trauen der Bourgeoisie und die Majorität der konstituirenden Nationalver¬ sammlung. Aus der Exekutiv–Commission, welche die Nationalversammlung bei ihrem Zusammentritt bildete, wurden sofort die sozialistischen Elemente der provisorischen Regierung ausgeschlossen und die Partei des “ National ” benutzte den Ausbruch der Juniinsurrektion, um auch die Exekutiv-Com ¬ mission abzudanken und damit ihre nächsten Rivalen, die kleinbürger ¬ lichen oder demokratischen Republikaner (Ledru-Rollin u. s. w.) los zu werden. Cavaignac, der General der bourgeois-republikanischen Par¬ tei, der die Junischlacht kommandirte, trat an die Stelle der Exekutiv-Com¬ mission mit einer Art diktatorischer Gewalt. Marrast, ehemaliger Redakteur en chef des “ National “, wurde der perpetuirliche Präsident der konstituirenden Nationalversammlung und die Ministerien, wie sämmtliche übrigen bedeuten¬ den Posten, fielen den reinen Republikanern anheim. Die republikanische Bourgeois-Fraktion, die sich seit lange als legitime Erbin der Julimonarchie betrachtet hatte, fand sich so in ihrem Ideal über¬ troffen, aber sie gelangte zur Herrschaft, nicht wie sie unter Louis Philipp geträumt hatte, durch eine liberale Revolte der Bourgeoisie gegen den Thron, sondern durch eine niederkartätschte Emeute des Proletariats gegen das Kapi¬ tal. Was sie als das revolutionärste Ereigniß sich vorgestellt hatte, trug sich in der Wirklichkeit zu als das kontrerevolutionärste . Die Frucht fiel ihr in den Schooß, aber sie fiel vom Baum der Erkenntniß, nicht vom Baum des Lebens. Die ausschließliche Herrschaft der Bourgeois-Republika ¬ ner währte nur vom 24. Juni bis zum 10. Dezember 1848. Sie resü¬ mirt sich in der Abfassung einer republikanischen Konstitution und im Belagerungszustand von Paris . Die neue Konstitution war im Grunde nur die republikanisirte Ausgabe der konstitutionellen Charte von 1830. Der enge Wahlcensus der Julimonarchie, der selbst einen großen Theil der Bourgeoisie von der poli¬ tischen Herrschaft ausschloß, war unvereinbar mit der Existenz der bürger¬ lichen Republik. Die Februarrevolution hatte sofort an der Stelle dieses Census das direkte allgemeine Wahlrecht proklamirt. Die Bourgeois-Re¬ publikaner konnten dieses Ereigniß nicht ungeschehn machen. Sie mußten sich damit begnügen, die beschränkende Bestimmung eines sechsmonatlichen Domi¬ zils am Wahlorte hinzuzufügen. Die alte Organisation der Verwaltung, des Gemeindewesens, der Rechtspflege, der Armee u. s. w. blieb unversehrt bestehen, oder wo die Konstitution sie änderte, betraf die Aenderung das In¬ haltsregister, nicht den Inhalt, den Namen, nicht die Sache. Der unvermeidliche Generalstab der Freiheiten von 1848, persönliche Freiheit, Preß-, Rede-, Assoziations-, Versammlungs-, Lehr- und Religions- Freiheit u. s. w., erhielt eine konstitutionelle Uniform, die sie unverwundbar machte. Jede dieser Freiheiten wird nämlich als das unbedingte Recht des französischen Citoyen proklamirt, aber mit der beständigen Randglosse, daß sie schrankenlos sei, so weit sie nicht durch die „ gleichen Rechte An¬ derer und die öffentliche Sicherheit “ beschränkt werde, oder durch „Gesetze“, die eben diese Harmonie der individuellen Freiheiten unter einan¬ der und mit der öffentlichen Sicherheit vermitteln sollen. Z. B.: „die Bür¬ ger haben das Recht sich zu assoziren, sich friedlich und unbewaffnet zu ver¬ sammeln, zu petitioniren und ihre Meinungen durch die Presse oder wie sonst immer auszudrücken. Der Genuß dieser Rechte hat keine an¬ dere Schranke , als die gleichen Rechte Andrer und die öffentliche Sicherheit .“ (Kap. II . der französischen Konstitution, §. 8.) — „Der Unterricht ist frei. Die Freiheit des Unterrichts soll genossen werden unter den vom Gesetze fixirten Bedingungen und unter der Oberauf¬ sicht des Staats.“ (A. a. O. §. 9.) — „Die Wohnung jedes Bürgers ist unverletzlich außer in den vom Gesetz vorgeschriebenen Formen.“ (Kap. I . §. 3.) U. s. w., u. s. w. — Die Konstitution weist daher beständig auf zukünftige organische Gesetze hin, die jene Randglossen ausführen und den Genuß dieser unbeschränkten Freiheiten so reguliren sollen, daß sie weder unter einander, noch mit der öffentlichen Sicherheit anstoßen. Und später sind diese organischen Gesetze von den Ordnungsfreunden in's Leben gerufen und alle jene Freiheiten so regulirt worden, daß die Bourgeoisie in deren Genuß an den gleichen Rechten der andern Klassen keinen Anstoß findet. Wo sie „den Andern“ diese Freiheiten ganz untersagt oder ihren Genuß un¬ ter Bedingungen erlaubt, die eben so viele Polizei-Fallstricke sind, geschah dies immer nur im Interesse der „ öffentlichen Sicherheit ,“ d. h. der Sicherheit der Bourgeoisie, wie die Konstitution vorschreibt. Beide Seiten berufen sich daher in der Folge mit vollem Recht auf die Konstitution, sowohl die Ordnungsfreunde, die alle jene Freiheiten aufhoben, wie die Demokraten, die sie alle heraus verlangten. Jeder Paragraph der Konstitution enthält nämlich seine eigene Antithese, sein eignes Ober- und Unterhaus in sich, näm¬ lich in der allgemeinen Phrase die Freiheit, in der Randglosse die Aufhebung der Freiheit. So lange also der Name der Freiheit respektirt und nur die wirkliche Ausführung derselben verhindert wurde, auf gesetzlichem Wege versteht sich, blieb das konstitutionelle Dasein der Freiheit unversehrt, unangetastet, mochte ihr gemeines Dasein noch so sehr todtgeschlagen sein. Diese auf so sinnige Weise unverletzlich gemachte Konstitution war indeß wie Achilles an einem Punkte verwundbar, nicht an der Ferse, aber am Kopfe oder vielmehr an den zwei Köpfen, worin sie sich verlief, — gesetz ¬ gebende Versammlung einerseits, Präsident andrerseits. Man durchfliege die Konstitution, und man wird finden, daß nur die Paragraphen, worin das Verhältniß des Präsidenten zur gesetzgebenden Versammlung be¬ stimmt wird, absolut, positiv, widerspruchslos, unverdrehbar sind. Hier galt es nämlich für die Bourgeois-Republikaner, sich selbst sicher zu stellen. §§. 45 – 70 der Konstitution sind so abgefaßt, daß die Nationalversammlung den Präsidenten konstitutionell, der Präsident die Nationalversammlung nur inkonstitutionell beseitigen kann, nur indem er die Konstitution selbst beseitigt. Hier fordert sie also ihre gewaltsame Vernichtung heraus. Sie heiligt nicht nur wie die Charte von 1830 die Theilung der Gewalten, sie erweitert sie bis zum unerträglichen Widerspruch. Das Spiel der konstitutionel¬ len Gewalten , wie Guizot den parlamentarischen Krakehl zwischen gesetz¬ gebender und vollziehender Gewalt nannte, spielt in der Konstitution von 1848 beständig va banque . Auf der einen Seite 750 durch allgemeines Stimmrecht gewählte und wieder wählbare Volksrepräsentanten, die eine un¬ kontrollirbare, unauflösbare, untheilbare Nationalversammlung bilden, eine Nationalversammlung, welche gesetzgeberische Allmacht genießt, über Krieg, Frieden und Handelsverträge in letzter Instanz entscheidet, allein das Recht der Amnestie besitzt, und durch ihre Permanenz unaufhörlich den Vordergrund der Bühne behauptet. Andrerseits der Präsident, mit allen Attributen der könig¬ lichen Macht, mit der Befugniß, seine Minister unabhängig von der Nationalversammlung ein- und abzusetzen, mit allen Mitteln der exekutiven Gewalt in seinen Händen, alle Stellen vergebend und d. h. in Frankreich wenigstens über 1½ Millionen Existenzen entscheidend, denn so viel hängen an den 500,000 Beamten und an den Offizieren aller Grade. Er hat die ganze bewaffnete Macht hinter sich. Er genießt das Privilegium, einzelne Verbrecher zu begnadigen, Nationalgarden zu suspendiren, die von den Bür¬ gern selbst erwählten General–, Kantonal– und Gemeinderäthe im Ein¬ verständniß mit dem Staatsrath abzusetzen. Initiative und Leitung aller Ver¬ träge mit dem Ausland sind ihm vorbehalten. Während die Versammlung beständig auf den Brettern spielt und dem kritisch gemeinen Tageslicht ausgesetzt ist, führt er ein verborgenes Leben in den elyseischen Gefilden und zwar mit Artikel 45 der Konstitution vor Augen und im Herzen, der ihm täglich zuruft: “frère, il faut mourir!” Deine Macht hört auf am zweiten Sonntag des schönen Monats Mai im vierten Jahr deiner Wahl! Dann ist die Herrlichkeit am Ende, das Stück spielt nicht zweimal, und wenn du Schulden hast, siehe bei Zeiten zu, daß du sie mit den dir von der Kon¬ stitution ausgeworfenen 600,000 Franken abzahlst, ziehst du nicht etwa vor, am zweiten Montag des schönen Monats Mai nach Clichy zu wandern! — Wenn die Konstitution so dem Präsidenten die faktische Gewalt beilegt, sucht sie der Nationalversammlung die moralische Macht zu sichern. Abgesehn davon, daß es unmöglich ist, durch Gesetzesparagraphen eine moralische Macht zu schaffen, hebt die Konstitution sich hierin wieder selbst auf, indem sie den Präsidenten von allen Franzosen durch direktes Stimmrecht wählen läßt. Während die Stimmen Frankreichs sich auf die 750 Mitglieder der National¬ versammlung zersplittern, konzentriren sie sich dagegen hier auf Ein Indivi¬ duum. Während jeder einzelne Volksrepräsentant nur diese oder jene Partei, diese oder jene Stadt, diesen oder jenen Brückenkopf oder auch nur die Noth¬ wendigkeit vertritt, einen beliebigen Siebenhundertundfünfzigsten zu wählen, bei dem man sich weder die Sache noch den Mann so genau ansieht, ist Er der Erwählte der Nation und der Akt seiner Wahl ist der große Trumpf, den das souveräne Volk alle 4 Jahre einmal ausspielt. Die erwählte National¬ versammlung steht in einem metaphysischen, aber der erwählte Präsident in einem persönlichen Verhältniß zur Nation. Die Nationalversammlung stellt wohl in ihren einzelnen Repräsentanten die mannigfaltigen Seiten des Nationalgeistes dar, aber in dem Präsidenten inkarnirt er sich. Er besitzt ihr gegenüber eine Art von göttlichem Recht, er ist von Volkesgnaden. Thetis, die Meergöttin, hatte dem Achilles prophezeit, daß er in der Blüthe der Jugend sterben werde. Die Konstitution, die ihren faulen Fleck hat, wie Achilles, hatte auch ihre Ahnung, wie Achilles, daß sie frühen Todes abgehn müsse. Es genügte den konstituirenden reinen Republikanern, einen Blick aus dem Wolkenhimmel ihrer idealen Republik auf die profane Welt zu werfen, um zu erkennen, wie der Uebermuth der Royalisten, der Bonapar¬ tisten, der Demokraten, der Kommunisten, und ihr eigner Mißkredit täglich stiegen, in demselben Maße, als sie sich der Vollendung ihres großen gesetz¬ geberischen Kunstwerks näherten, ohne daß Thetis deshalb das Meer zu ver¬ lassen und ihnen das Geheimniß mitzutheilen brauchte. Sie suchten das Ver¬ hängniß konstitutionell-pfiffig zu überlisten durch §. 111 der Konstitution, wonach jeder Vorschlag zur Revision der Verfassung in drei succes¬ siven Debatten, zwischen denen immer ein ganzer Monat zu liegen hat, von wenigstens ¾ der Stimmen votirt werden muß, vorausgesetzt noch, daß nicht weniger als 500 Mitglieder der Nationalversammlung stimmen. Sie machten damit nur den ohnmächtigen Versuch, noch als parlamentarische Minorität, als welche sie sich schon prophetisch im Geiste erblickten, eine Macht auszu¬ üben, die in diesem Augenblicke, wo sie über die parlamentarische Majorität verfügten und über alle Mittel der Regierungsgewalt, täglich mehr ihren schwachen Händen entschlüpfte. Endlich vertraut die Konstitution, in einem melodramatischen Para¬ graphen, sich selbst „der Wachsamkeit und dem Patriotismus des ganzen französischen Volkes wie jedes einzelnen Franzosen“ an, nachdem sie vorher schon in einem andern Paragraphen die „Wachsamen“ und „Patriotischen“ der zarten, hochnothpeinlichen Aufmerksamkeit des eigens von ihr erfundenen Hochgerichts, „ haute cour “, anvertraut hatte. Das war die Konstitution von 1848 , die am 2 . Dezember 1851 nicht von einem Kopfe umgeworfen wurde, sondern vor der Berührung mit einem bloßen Hute umfiel; allerdings war dieser Hut ein dreieckiger Napo¬ leonshut. Während die Bourgeois-Republikaner in der Versammlung damit be¬ schäftigt waren, diese Konstitution auszuspintisiren, zu diskutiren und zu votiren, hielt Cavaignac außerhalb der Versammlung den Belagerungs¬ zustand von Paris aufrecht. Der Belagerungszustand von Paris war der Geburtshelfer der Konstituante bei ihren republikanischen Schöpfungs¬ wehen. Wenn die Konstitution später durch Bajonette aus der Welt geschafft wird, so darf man nicht vergessen, daß sie ebenfalls durch Bajonette, und zwar gegen das Volk gekehrte, schon im Mutterleibe beschützt und durch Bajo¬ nette auf die Welt gesetzt werden mußte. Die Vorfahren der „honetten Re¬ publikaner“ hatten ihr Symbol, die Trikolore, die Tour durch Europa machen lassen. Sie ihrerseits machten auch eine Erfindung, die von selbst den Weg über den ganzen Kontinent fand, aber mit immer erneuter Liebe nach Frank¬ reich zurückkehrte, bis sie jetzt in der Hälfte seiner Departements Bürgerrecht erworben hat — den Belagerungszustand . Treffliche Erfindung, periodisch angewandt in jeder nachfolgenden Krise, im Laufe der französischen Revolution. Aber Kaserne und Bivouak, die man so der französischen Gesellschaft periodisch auf den Kopf legte, um ihr das Hirn zusammenzupressen und sie zum stillen Mann zu machen; Säbel und Muskete, die man periodisch richten und verwalten, bevormunden und censiren, Polizei üben und Nacht¬ wächterdienst verrichten ließ; Schnurrbart und Kommißrock, die man periodisch als höchste Weisheit der Gesellschaft und als Rektor der Gesellschaft aus¬ posaunte; — mußten Kaserne und Bivouak, Säbel und Muskete, Schnurr¬ bart und Kommißrock nicht schließlich auf den Einfall kommen, lieber ein für allemal die Gesellschaft zu retten, indem sie ihr eignes régime als das oberste ausriefen und die bürgerliche Gesellschaft ganz von der Sorge befreiten, sich selbst zu regieren? Kaserne und Bivouak, Säbel und Muskete, Schurrbart und Kommißrock mußten um so mehr auf diesen Einfall kommen, als sie dann auch bessere baare Zahlung für ihr erhöhtes Verdienst erwarten konnten, wäh¬ rend bei dem blos periodischen Belagerungszustand und den vorübergehenden Gesellschaftsrettungen im Geheiß dieser oder jener Bourgeois-Fraktion wenig Solides abfiel außer einigen Todten und Verwundeten und einigen freund¬ lichen Bürgergrimassen. Sollte das Militär nicht endlich auch einmal in seinem eignen Interesse und für sein eignes Interesse Belagerungszustand spielen und zugleich die bürgerlichen Börsen belagern? Man vergesse übrigens nicht, im Vorbeigehn sei es bemerkt, daß Oberst Bernard , derselbe Militärkommissions-Präsident, der unter Cavaignac 15,000 Insurgenten zur Deportation ohne Urtheil verhalf, sich in diesem Augenblick wieder an der Spitze der in Paris thätigen Militärkommissionen bewegt. Wenn die honetten, die reinen Republikaner mit dem Belagerungszu¬ stand in Paris die Pflanzschule angelegt, worin die Prätorianer des 2 . De¬ zember 1851 groß wachsen sollten, verdienen sie dagegen das Lob, daß sie, statt wie unter Louis Philipp das Nationalgefühl zu übertreiben, jetzt, wo sie über die nationale Macht geboten, vor dem Auslande kriechen und statt Italien frei zu machen, es von Oesterreichern und Neapolitanern wieder¬ erobern lassen. Louis Bonaparte's Wahl zum Präsidenten am 10. Dezem¬ ber 1848 machte der Diktatur Cavaignac's und der Konstituante ein Ende. In §. 44 der Konstitution heißt es: „der Präsident der französischen Republik darf nie seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren haben.“ Der erste Präsident der französischen Republik, L. N. Bonaparte, hatte nicht allein seine Eigenschaft als französischer Bürger verloren, war nicht nur englischer Spezial-Konstabler gewesen, er war sogar ein naturalisirter Schweizer. 2 Ich habe an einem andern Orte die Bedeutung der Wahl vom 10 . De¬ zember entwickelt. Ich komme hier nicht darauf zurück. Es genügt hier zu bemerken, daß sie eine Reaktion der Bauern , die die Kosten der Februarrevolution hatten zahlen müssen, gegen die übrigen Klassen der Nation, eine Reaktion des Landes gegen die Stadt war. Sie fand großen Anklang in der Armee, der die Republikaner des „ National “ keinen Ruhm verschafft hatten, noch Zulage, unter der großen Bourgeoisie, die den Bonaparte als Brücke zur Monarchie, unter den Proletariern und Kleinbürgern, die ihn als Geißel für Cavaignac begrüßten. Ich werde später Gelegenheit finden, auf das Verhältniß der Bauern zur französischen Revolution näher einzugehn. Die Epoche vom 20. Dezember 1848 bis zur Auflösung der Konstitu¬ ante im Mai 1849 umfaßt die Geschichte des Untergangs der Bourgeois- Republikaner. Nachdem sie eine Republik für die Bourgeoisie gegründet, das revolutionäre Proletariat von dem Terrain vertrieben und das demo¬ kratische Kleinbürgerthum einstweilen zum Schweigen gebracht haben, werden sie selbst von der Masse der Bourgeoisie bei Seite geschoben, die diese Re¬ publik mit Recht als ihr Eigenthum mit Beschlag belegt. Diese Bourgeois–Masse war aber royalistisch . Ein Theil derselben, die großen Grundeigenthümer, hatte unter der Restauration geherrscht und war daher legitimistisch . Der andre, die Finanzaristokraten und großen Industriellen, hatte unter der Julimonarchie geherrscht und war daher orlea¬ nistisch . Die Großwürdenträger der Armee, der Universität, der Kirche, des Barreau's, der Akademie und der Presse vertheilten sich auf beide Seiten, wenn auch in verschiedener Proportion. Hier in der bürgerlichen Republik, die weder den Namen Bourbon noch den Namen Orleans trug, sondern den Namen Kapital , hatten sie die Staatsform gefunden, worunter sie gemein¬ sam herrschen konnten. Schon die Juniinsurrektion hatte sie zur „Partei der Ordnung“ vereinigt. Jetzt galt es zunächst, die Koterie der Bourgeois-Re¬ publikaner zu beseitigen, die noch die Sitze der Nationalversammlung inne hielt. Eben so brutal, wie diese reinen Republikaner dem Volke gegenüber die physische Gewalt mißbraucht hatten, ebenso feig, kleinlaut, muthlos, gebrochen, kampfunfähig wichen sie jetzt zurück, wo es galt, der exekutiven Gewalt und den Royalisten gegenüber ihr Republikanerthum und ihr gesetz¬ geberisches Recht zu behaupten. Ich habe hier nicht die schmähliche Geschichte ihrer Auflösung zu erzählen. Es war ein Vergehen, kein Untergehen. Ihre Geschichte hat für immer ausgespielt und in der folgenden Periode figuriren sie, sei es innerhalb; sei es außerhalb der Versammlung, nur noch als Erin¬ nerungen, Erinnerungen, die wieder lebendig zu werden scheinen, sobald es sich wieder um den bloßen Namen Republik handelt und so oft der revolutio¬ näre Konflikt auf das niedrigste Niveau herabzusinken droht. Ich bemerke im Vorbeigehn, daß das Journal, welches dieser Partei ihren Namen gab, der “ National ”, sich in der folgenden Periode zum Sozialismus bekehrt. Ehe wir mit dieser Periode abschließen, müssen wir noch einen Rückblick auf die beiden Mächte werfen, von denen die eine die andre am 2. Dezember 1851 vernichtet, während sie vom 20. Dezember 1848 bis zum Abtritt der Konstituante in ehelichem Verhältnisse lebten. Wir meinen Louis Bonaparte einerseits und die Partei der koalisirten Royalisten, der Ordnung, der großen Bourgeoisie andrerseits. Beim Antritt seiner Präsidentschaft bildete Bonaparte sofort ein Ministerium der Partei der Ordnung, an dessen Spitze er Odilon Bar¬ rot stellte, nota bene den alten Führer der liberalsten Fraktion der parlamen¬ tarischen Bourgeoisie. Herr Barrot hatte endlich das Ministerium erjagt, dessen Gespenst ihn seit 1830 verfolgte, und noch mehr, die Präsidentschaft in diesem Ministerium; aber nicht, wie er sich unter Louis Philipp einge¬ bildet, als der avancirteste Chef der parlamentarischen Opposition, son¬ dern mit der Aufgabe ein Parlament todt zu machen, und als Verbündeter mit allen seinen Erzfeinden, Jesuiten und Legitimisten. Er führt endlich die Braut heim, aber erst nachdem sie prostituirt war. Bonaparte selbst eklipsirte sich scheinbar vollständig. Jene Partei handelte für ihn. Gleich im ersten Ministerkonseil wurde die Expedition nach Rom be¬ schlossen, die man hinter dem Rücken der Nationalversammlung auszuführen und wofür man ihr die Mittel unter falschem Vorwande zu entreißen über¬ einkam. So wurde begonnen mit einer Prellerei der Nationalversammlung und einer heimlichen Konspiration mit den absoluten Mächten des Auslandes gegen die revolutionäre römische Republik. Bonaparte bereitete auf dieselbe Weise und durch dieselben Manöver seinen Coup vom 2. Dezember gegen die roya¬ listische Legislative und ihre konstitutionelle Republik vor. Vergessen wir nicht, daß dieselbe Partei, die am 20. Dezember 1848 Bonaparte's Ministerium, am 2. Dezember 1851 die Majorität der legislativen Nationalversammlung bildete. Die Konstituante hatte im August beschlossen, sich erst aufzulösen, nachdem sie eine ganze Reihe organischer Gesetze, die die Konstitution ergänzen sollten, ausgearbeitet und promulgirt habe. Die Ordnungspartei 2* ließ ihr durch den Repräsentanten Rateau am 6. Januar 1849 vorschlagen, die organischen Gesetze laufen zu lassen und vielmehr ihre eigene Auf ¬ lösung zu beschließen. Nicht nur das Ministerium, Herr Odilon Barrot an der Spitze, sämmtliche royalistische Mitglieder der Nationalversammlung herrschten ihr in diesem Augenblicke zu, ihre Auflösung sei nothwendig zur Herstellung des Kredits, zur Konsolidirung der Ordnung, um dem unbe¬ stimmten Provisorium ein Ende zu machen und einen definitiven Zustand zu gründen, sie hindre die Produktivität der neuen Regierung und suche ihr Dasein blos aus Rancune zu fristen, das Land sei ihrer müde. Bonaparte merkte sich alle diese Invektiven gegen die gesetzgebende Gewalt, lernte sie auswendig und bewies den parlamentarischen Royalisten am 2. Dezember 1851, daß er von ihnen gelernt habe. Er wiederholte ihre eignen Stich¬ worte gegen sie. Das Ministerium Barrot und die Ordnungspartei gingen weiter. Sie riefen Petitionen an die Nationalversammlung in ganz Frankreich hervor, worin diese freundlichst gebeten wurde zu verschwinden. So führten sie gegen die Nationalversammlung, den konstitutionell organisir¬ ten Ausdruck des Volkes, seine unorganischen Massen ins Feuer. Sie lehr¬ ten Bonaparte von den parlamentarischen Versammlungen an das Volk appelliren. Endlich am 29. Januar 1849 war der Tag gekommen, an dem die Konstituante über ihre eigne Auflösung beschließen sollte. Die Nationalver¬ sammlung fand ihr Sitzungsgebäude militärisch besetzt; Changarnier, der General der Ordnungspartei, in dessen Händen der Oberbefehl über National¬ garde und Linientruppen vereinigt war, hielt große Truppenschau in Paris, als wenn eine Schlacht bevorstehe, und die koalisirten Royalisten erklärten der Konstituante drohend, daß man Gewalt anwenden werde, wenn sie nicht willig sei. Sie war willig und marktete sich nur noch eine ganz kurze Lebens¬ frist aus. Was war der 29. Januar anders, als der Coup d'état vom 2. Dezember 1851, nur mit Bonaparte von den Royalisten gegen die republikanische Nationalversammlung ausgeführt? Die Herren bemerkten nicht oder wollten nicht merken, daß Bonaparte den 29. Januar 1849 be¬ nutzte, um einen Theil der Truppen vor den Tuilerien an sich vorbeidesiliren zu lassen und gerade dies erste öffentliche Aufgebot der Militärmacht gegen die parlamentarische Macht begierig aufgriff, um den Caligula anzudeuten. Sie sahen allerdings nur ihren Changainier. Ein Motiv, das die Partei der Ordnung noch insbesondere bewog, die Lebensdauer der Konstituante gewaltsam abzukürzen, waren die organischen , die Konstitution ergänzenden Gesetze, wie das Unterrichtsgesetz, Kultusge¬ setz u. f. w. Den koalisirten Royalisten lag alles daran, diese Gesetze selbst zu machen und nicht von den mißtrauisch gewordenen Republikanern machen zu lassen. Unter diesen organischen Gesetzen befand sich indeß auch ein Ge¬ setz über die Verantwortlichkeit des Präsidenten der Republik. 1851 war die legislative Versammlung eben mit Abfassung eines solchen Gesetzes beschäf¬ tigt, als Bonaparte diesem Coup durch den Coup vom 2. Dezember zuvorkam. Was hätten die koalisirten Royalisten in ihrem parlamentarischen Winter¬ feldzug von 1851 darum gegeben, wenn sie das Verantwortlichkeitsgesetz fertig vorgefunden und zwar verfaßt von einer mißtrauischen, gehässigen, republikanischen Versammlung! Nachdem am 29. Januar 1849 die Konstituante ihre letzte Waffe selbst zerbrochen hatte, hetzten das Ministerium Barrot und die Ordnungsfreunde sie zu Tode, ließen Nichts ungeschehn, was sie demüthigen konnte, und trotz¬ ten ihrer an sich selbst verzweifelnden Schwäche Gesetze ab, die sie den letzten Rest von Achtung bei dem Publikum kosteten. Bonaparte, mit seiner fixen napoleonischen Idee beschäftigt, war keck genug, diese Herabwürdigung der parlamentarischen Macht öffentlich zu exploitiren. Als nämlich die National¬ versammlung am 8. Mai 1849 dem Ministerium ein Tadelsvotum wegen der Besetzung Civita-Vecchia's durch Oudinot ertheilte und die römische Expedition zu ihrem angeblichen Zweck zurückzuführen befahl, publizirte Bonaparte denselben Abend im Moniteur einen Brief an Oudinot, worin er ihm zu seinen Heldenthaten Glück wünscht und sich schon im Gegensatz zu den federfuchsenden Parlamentären als den großmüthigen Protecteur der Armee geberdet. Die Royalisten lächelten dazu. Sie hielten ihn einfach für ihren Dupe. Endlich als Marrast, der Präsident der Konstituante, einen Augenblick die Sicherheit der Nationalversammlung gefährdet glaubte und auf die Konstitution gestützt einen Oberst mit seinem Regimente requirirte, weigerte sich der Oberst, bezog sich auf die Disziplin und verwies Marrast an Changarnier, der ihn höhnisch abwies mit der Bemerkung, er liebe nicht die bayonettes intelligentes . November 1851, als die koalisirten Royalisten den entscheidenden Kampf mit Bonaparte beginnen wollten, suchten sie in ihrer berüchtigten Quästorenbill das Prinzip der direkten Requisition der Truppen durch den Präsidenten der Nationalversammlung durchzusetzen. Einer ihrer Generale, Lefl ô , hatte den Gesetzvorschlag unterzeichnet. Ver¬ gebens stimmte Changarnier für den Vorschlag und huldigte Thiers der um¬ sichtigen Weisheit der ehemaligen Konstituante. Der Kriegsminister St . Arnaud antwortete ihm, wie dem Marrast Changarnier geantwortet hatte, und — unter dem Beifallsruf der Montagne! So hatte die Partei der Ordnung selbst, als sie noch nicht Nationalversammlung, als sie nur noch Ministerium war, das parlamen¬ tarische Regime gebrandmarkt. Und sie schreit auf, als der 2. Dezem¬ ber 1851 es aus Frankreich verbannt! Wir wünschen ihm glückliche Reise. III . Am 29. Mai 1849 trat die gesetzgebende Nationalversammlung zusammen. Am 2. Dezember 1851 ward sie gesprengt. Diese Periode umfaßt die Lebens¬ dauer der konstitutionellen oder parlamentarischen Republik . In der ersten französischen Revolution folgt auf die Herrschaft der Konstitutionellen die Herrschaft der Girondins und auf die Herr¬ schaft der Girondins die Herrschaft der Jakobiner . Jede dieser Par¬ teien stützt sich auf die fortgeschrittenere. Sobald sie die Revolution weit genug geführt hat, um ihr nicht mehr folgen, noch weniger ihr vorangehn zu können, wird sie von dem kühnern Verbündeten, der hinter ihr steht, bei Seite geschoben, und auf die Guillotine geschickt. Die Revolution bewegt sich so in aufsteigender Linie. Umgekehrt die Revolution von 1848. Die proletarische Partei erscheint als Anhang der kleinbürgerlich-demokratischen. Sie wird von ihr verrathen und fallen gelassen am 16. April, am 15. Mai und in den Junitagen. Die demokratische Partei ihrerseits lehnt sich auf die Schultern der bourgeois¬ republikanischen. Die Bourgeois-Republikaner glauben kaum festzustehn, als sie den lästigen Kameraden abschütteln und sich selbst auf die Schultern der Ordnungspartei stützen. Die Ordnungspartei zieht ihre Schultern ein, läßt die Bourgeois-Republikaner purzeln und wirft sich auf die Schultern der bewaffneten Gewalt. Sie glaubt noch auf ihren Schultern zu sitzen, als sie an einem schönen Morgen bemerkt, daß sich die Schultern in Bajonette ver¬ wandelt haben. Jede Partei schlägt von hinten aus nach der weiterdrängen¬ den, und lehnt sich von vorn über auf die zurückdrängende. Kein Wunder, daß sie in dieser lächerlichen Positur das Gleichgewicht verliert, und, nachdem sie die unvermeidlichen Grimassen geschnitten, unter seltsamen Kapriolen zusammenstürzt. Die Revolution bewegt sich so in absteigender Linie. Sie befindet sich in dieser rückgängigen Bewegung, ehe die letzte Februar-Bar¬ rikade weggeräumt und die erste Revolutionsbehörde constituirt ist. Die Periode die wir vor uns haben, umfaßt das bunteste Gemisch schreiender Widersprüche: Konstitutionelle, die offen gegen die Konstitution konspiriren, Revolutionäre, die eingestandener Maßen konstitutionell sind, eine Nationalversammlung, die allmächtig sein will und stets parlamen¬ tarisch bleibt; eine Montagne, die im Dulden ihren Beruf findet und durch die Prophezeihung künftiger Siege ihre gegenwärtigen Niederlagen parirt; Royalisten, die die patres conscripti der Republik bilden, und durch die Situation gezwungen werden, die feindlichen Königshäuser, denen sie an¬ hängen, im Auslande, und die Republik, die sie hassen, in Frankreich zu halten; eine Exekutivgewalt, die in ihrer Schwäche selbst ihre Kraft und in der Verachtung, die sie einflößt, ihre Respektabilität findet; eine Republik, die nichts anders ist, als die zusammengesetzte Infamie zweier Monarchien, der Restauration und der Julimonarchie, mit einer imperialistischen Etiquette, — Verbindungen, deren erste Klausel die Trennung, Kämpfe, deren erstes Gesetz die Entscheidungslosigkeit ist, im Namen der Ruhe müste, inhaltslose Agitation, im Namen der Revolution feierlichstes Predigen der Ruhe, Leidenschaften ohne Wahrheit, Wahrheiten ohne Leiden¬ schaft, Helden ohne Heldenthaten, Geschichte ohne Ereignisse; Entwickelung, deren einzige Triebkraft der Kalender scheint, durch beständige Wiederholung derselben Spannungen und Abspannungen ermüdend; Gegensätze, die sich selbst periodisch nur auf die Höhe zu treiben scheinen, um sich abzustumpfen und zusammenzufallen, ohne sich auflösen zu können; prätentiös zur Schau getragene Anstrengungen und bürgerliche Schrecken vor der Gefahr des Welt¬ unterganges, und von den Weltrettern gleichzeitig die kleinlichsten Intriguen und Hofkomödien gespielt, die in ihrem laisser aller weniger an den jüngsten Tag als an die Zeiten der Fronde erinnern, — das offizielle Gesammtgenie Frankreichs von der pfiffigen Dummheit eines einzelnen Individuums zu Schanden gemacht; der Gesammtwille der Nation, so oft er im allgemeinen Wahlrecht spricht, in den verjährten Feinden der Masseninteressen seinen ent¬ sprechenden Ausdruck suchend, bis er ihn endlich in dem Eigenwillen eines Flibustiers findet. Wenn irgend ein Geschichtsausschnitt grau in grau gemalt ist, so ist es dieser. Menschen und Ereignisse erscheinen als umge¬ kehrte Schlemihle, als Schatten, denen der Körper abhanden gekommen ist. Die Revolution selbst paralysirt ihre eigenen Träger und stattet nur ihre Gegner mit leidenschaftlicher Gewaltsamkeit aus. Wenn das „rothe Ge¬ spenst“, von den Kontrerevolutionären beständig heraufbeschworen und gebannt, endlich erscheint, so erscheint es nicht mit anarchischer Phrygier¬ mütze auf dem Kopfe, sondern in der Uniform der Ordnung, in rothen Plumphosen . Wir haben gesehn: das Ministerium, das Bonaparte am 20. Dezem¬ ber 1848, am Tage seiner Himmelfahrt installirte, war ein Ministerium der Ordnungspartei, der legitimistischen und orleanistischen Koalition. Dies Ministerium Barrot-Falloux hatte die republikanische Konstituante, deren Lebensdauer es mehr oder minder gewaltsam abkürzte, überwintert und befand sich noch am Ruder. Changarnier, der General der verbündeten Royalisten, vereinigte fortwährend in seiner Person das Generalkommando der ersten Militärdivision und der Pariser Nationalgarde. Die allgemeinen Wahlen endlich hatten der Ordnungspartei die große Majorität in der Nationalver¬ sammlung gesichert. Hier begegneten die Deputirten und Pairs Louis Philipp's einer heiligen Schaar von Legitimisten, für welche zahlreiche Wahlzettel der Nation sich in Eintrittskarten auf die politische Bühne verwandelt hatten. Die bonapartistischen Volksrepräsentanten waren zu dünn gesät, um eine selbstständige parlamentarische Partei bilden zu können. Sie erschienen nur als mauvaise queue der Ordnungspartei. So war die Ordnungspartei im Besitz der Regierungsgewalt, der Armee und des gesetzgebenden Körpers, kurz der Gesammtmacht des Staats, moralisch gekräftigt durch die allgemeinen Wahlen, die ihre Herrschaft als den Willen des Volkes erscheinen ließen, und durch den gleichzeitigen Sieg der Kontrerevolution auf dem gesammten euro¬ päischen Kontinent. Nie eröffnete eine Partei mit größern Mitteln und unter günstigern Auspicien ihren Feldzug. Die schiffbrüchigen reinen Republikaner fanden sich in der gesetzgebenden Nationalversammlung auf eine Klique von ungefähr 50 Mann zusammengeschmolzen, an ihrer Spitze die afrikanischen Generale Cavaignac, Lamorici è re, Bedeau. Die große Oppositionspartei aber wurde gebildet durch die Montagne . Diesen parlamentarischen Taufnamen hatte sich die sozial-demokratische Partei gegeben. Sie verfügte über mehr als 200 von den 750 Stimmen der Nationalversammlung und war daher wenigstens eben so mächtig als irgend eine der drei Fraktionen der Ordnungspartei für sich genommen. Ihre relative Minorität gegen die ge¬ sammte royalistische Koalition schien durch besondere Umstände aufgewogen. Nicht nur zeigten die Departementswahlen, daß sie einen bedeutenden Anhang unter der Landbevölkerung gewonnen hatte. Sie zählte beinahe alle Depu¬ tirten von Paris unter sich, die Armee hatte durch die Wahl von drei Unter¬ offizieren ein demokratisches Glaubensbekenntniß abgelegt und der Chef der Montagne, Ledru-Rollin, war im Unterschiede von allen Repräsentanten der Ordnungspartei in den parlamentarischen Adelstand erhoben worden durch fünf Departements, die ihre Stimmen auf ihn vereinigt. Die Montagne schien also am 29. Mai 1849, bei den unvermeidlichen Kollisionen der Roya¬ listen unter sich und der gesammten Ordnungspartei mit Bonaparte, alle Elemente des Erfolgs vor sich zu haben. Vierzehn Tage später hatte sie Alles verloren, die Ehre eingerechnet. Ehe wir der parlamentarischen Geschichte weiter folgen, sind einige Be¬ merkungen nöthig, um gewöhnliche Täuschungen über den ganzen Charakter der Epoche, die uns vorliegt, zu vermeiden. In der demokratischen Manier zu sehn, handelt es sich während der Periode der gesetzgebenden National¬ versammlung, um was es sich in der Periode der konstituirenden handelte, um den einfachen Kampf zwischen Republikanern und Royalisten. Die Be¬ wegung selbst aber fassen sie in Ein Stichwort zusammen: „ Reaktion “, Nacht, worin alle Katzen grau sind, und die ihnen erlaubt, ihre nachtwächter¬ lichen Gemeinplätze abzuleiern. Und allerdings, auf den ersten Blick zeigt die Ordnungspartei einen Knäuel von verschiedenen royalistischen Fraktionen, die nicht nur gegen einander intriguiren, um jede ihren eignen Prätendenten auf den Thron zu erheben und den Prätendenten der Gegenpartei auszu¬ schließen, sondern auch sich alle vereinigen in gemeinschaftlichem Haß und ge¬ meinschaftlichen Angriffen gegen die „Republik“. Die Montagne ihrerseits erscheint im Gegensatze zu dieser royalistischen Konspiration als Vertreterin der „Republik“. Die Ordnungspartei erscheint beständig beschäftigt mit einer „Reaktion“, die sich nicht mehr nicht minder als in Preußen gegen Presse, Assoziation u. dgl. richtet, und in brutalen Polizeieinmischungen der Bureaukratie, der Gensdarmerie und der Parkette sich vollstreckt wie in Preußen. Die „Montagne“ ihrerseits wieder ist ebenso fortwährend be¬ schäftigt, diese Angriffe abzuwehren und so die „ewigen Menschenrechte“ zu vertheidigen, wie jede sogenannte Volkspartei mehr oder minder seit anderthalb Jahrhunderten gethan hat. Vor einer nähern Betrachtung der Situation und der Parteien verschwindet indeß dieser oberflächliche Schein, der den Klassen¬ kampf und die eigenthümliche Physiognomie dieser Periode verschleiert. Legitimisten und Orleanisten bildeten, wie gesagt, die zwei großen Fraktionen der Ordnungspartei. Was diese Fraktionen an ihren Präten¬ denten festhielt, und sie wechselseitig auseinander hielt, war es nichts Andres, als Lilie und Trikolore, Haus Bourbon und Haus Orleans, verschiedene Schattirungen des Royalismus, war es überhaupt das Glaubensbekenntniß des Royalismus? Unter den Bourbonen hatte das große Grundeigen¬ thum regiert mit seinen Pfaffen und Lakaien, unter den Orleans die hohe Finanz, die große Industrie, der große Handel, d. h. das Kapital mit seinem Gefolge von Advokaten, Professoren und Schönrednern. Das legitime Königthum war blos der politische Ausdruck für die angestammte Herrschaft der Herren von Grund und Boden, wie die Julimonarchie nur der politische Ausdruck für die usurpirte Herrschaft der bürgerlichen Parvenüs. Was also diese Fraktionen auseinander hielt, es waren keine sogenannten Prinzipien, es waren ihre materiellen Existenzbedingungen, zwei verschiedene Arten des Eigen¬ thums, es war der alte Gegensatz von Stadt und Land, die Rivalität zwischen Kapital und Grundeigenthum. Daß gleichzeitig alte Erinnerungen, persön¬ liche Feindschaften, Befürchtungen und Hoffnungen, Vorurtheile und Illusionen, Sympathien und Antipathien, Ueberzeugungen, Glaubensartikel und Prin¬ zipien sie an das eine oder das andere Königshaus banden, wer leugnet es? Auf den verschiedenen Formen des Eigenthums, auf den sozialen Existenzbe¬ dingungen, erhebt sich ein ganzer Ueberbau verschiedener und eigenthümlich gestalteter Empfindungen, Illusionen, Denkweisen und Lebensanschauungen. Die ganze Klasse schafft und gestaltet sie aus ihren materiellen Grundlagen heraus und aus den entsprechenden gesellschaftlichen Verhältnissen. Das einzelne Individuum, dem sie durch Tradition und Erziehung zufließen, kann sich einbilden, daß sie die eigentlichen Bestimmungsgründe und den Ausgangspunkt seines Handelns bilden. Wenn Orleanisten, Legitimisten, jede Fraktion sich selbst und der andern vorzureden suchte, daß die Anhäng¬ lichkeit an ihre zwei Königshäuser sie trenne, bewies später die Thatsache, daß vielmehr ihr gespaltenes Interesse die Vereinigung der zwei Königshäuser verbot. Und wie man im Privatleben unterscheidet zwischen dem, was ein Mensch von sich meint und sagt, und dem, was er wirklich ist und thut, so muß man noch mehr in geschichtlichen Kämpfen die Phrasen und Einbildungen der Parteien von ihrem wirklichen Organismus und ihren wirklichen In¬ teressen, ihre Vorstellung von ihrer Realität unterscheiden. Orleanisten und Legitimisten fanden sich in der Republik neben einander mit gleichen An¬ sprüchen. Wenn jede Seite gegen die andre die Restauration ihres eignen Königshauses durchsetzen wollte, so hieß das nichts Andres, als daß die zwei großen Interessen , worin die Bourgeoisie sich spaltet — Grundeigenthum und Kapital — jedes seine eigne Suprematie und die Unterordnung des andern zu restauriren suchte. Wir sprechen von zwei Interessen der Bourgeoisie, denn das große Grundeigenthum, trotz seiner feudalen Koketterie und seines Racenstolzes, war durch die Entwicklung der modernen Gesellschaft vollständig verbürgerlicht. So haben die Tories in England sich lange eingebildet, daß sie für das Königthum, die Kirche und die Schönheiten der altenglischen Verfassung schwärmten, bis der Tag der Gefahr ihnen das Geständniß entriß, daß sie nur für die Grundrente schwärmen. Die koalisirten Royalisten spielten ihre Intrigue gegen einander in der Presse, in Ems, in Claremont, außerhalb des Parlaments. Hinter den Coulissen zogen sie ihre alten orleanistischen und legitimistischen Livreen wieder an und führten ihre alten Turniere wieder auf. Aber auf der öffent¬ lichen Bühne, in ihren Haupt- und Staatsaktionen, als große parlamenta¬ rische Partei, fertigen sie ihre respektiven Königshäuser mit bloßen Reveren¬ zen ab und vertagen die Restauration der Monarchie in infinitum . Sie ver¬ richten ihr wirkliches Geschäft als Partei der Ordnung , d. h. unter einem gesellschaftlichen , nicht unter einem politischen Titel, als Vertreter der bürgerlichen Weltordnung, nicht als Ritter fahrender Prin¬ zessinnen, als Bourgeoisklasse gegenüber andern Klassen, nicht als Royalisten gegenüber den Republikanern. Und als Partei der Ordnung haben sie eine unumschränktere und härtere Herrschaft über die andern Klassen der Gesell¬ schaft ausgeübt, als je zuvor unter der Restauration oder unter der Juli¬ monarchie, wie sie überhaupt nur unter der Form der parlamentarischen Republik möglich war, denn nur unter dieser Form konnten die zwei großen Abtheilungen der französischen Bourgeoisie sich vereinigen, also die Herrschaft ihrer Klasse statt des Regimes einer privilegirten Fraktion dersel¬ ben auf die Tagesordnung setzen. Wenn sie trotzdem auch als Partei der Ordnung die Republik insultiren und ihren Widerwillen gegen sie aussprechen, so geschah das nicht nur aus royalistischer Erinnerung. Es lehrte sie der Instinkt, daß die Republik zwar ihre politische Herrschaft vollen¬ det, aber zugleich deren gesellschaftliche Grundlage unterwühlt, indem sie nun ohne Vermittlung, ohne den Versteck der Krone, ohne das nationale In¬ teresse durch ihre untergeordneten Kämpfe unter einander und mit dem König¬ thum ableiten zu können, den unterjochten Klassen gegenüberstehn und mit ihnen ringen müssen. Es war Gefühl der Schwäche, das sie vor den reinen Bedingungen ihrer eignen Klassenherrschaft zurückbeben und sich nach den unvollständigern, unentwickelteren und eben darum gefahrloseren Formen derselben zurücksehnen ließ. So oft die koalisirten Royalisten dagegen in Konflikt mit dem Prätendenten gerathen, der ihnen gegenübersteht, mit Bonaparte, so oft sie ihre parlamentarische Allmacht von der Exekutivgewalt gefährdet glauben, so oft sie also den politischen Titel ihrer Herrschaft heraus¬ kehren müssen, treten sie als Republikaner auf und nicht als Roya¬ listen , von dem Orleanisten Thiers, der die Nationalversammlung warnt, daß die Republik sie am wenigsten trenne, bis auf den Legitimisten Berryer, der am 2 . Dezember 1851 die dreifarbige Schärpe umgewunden, das vor dem Mairiegebäude des zehnten Arrondissements versammelte Volk als Tribun im Namen der Republik haranguirt. Allerdings ruft ihm das Echo spottend zurück: Henri V .! Henri V .! Der koalisirten Bourgeoisie gegenüber hatte sich eine Koalition zwischen Kleinbürgern und Arbeitern gebildet, die sogenannte sozial-demokra¬ tische Partei. Die Kleinbürger sahen sich nach den Junitagen 1848 schlecht belohnt, ihre materiellen Interessen gefährdet und die demokratischen Garan¬ tien, die ihnen die Geltendmachung dieser Interessen sichern sollten, von der Kontrerevolution in Frage gestellt. Sie näherten sich daher den Arbeitern. Ihre parlamentarische Repräsentation andrerseits die Montagne , wäh¬ rend der Diktatur der Bourgeois–Republikaner bei Seite geschoben, hatte in der letzten Lebenshälfte der Konstituante durch den Kampf mit Bonaparte und den royalistischen Ministern ihre verlorene Popularität wiedererobert. Sie hatte mit den sozialistischen Führern eine Allianz geschlossen. Februar 1849 wurden Versöhnungs–Bankette gefeiert. Ein gemeinschaftliches Programm wurde entworfen, gemeinschaftliche Wahlkomit é s wurden gestiftet und gemeinschaftliche Kandidaten aufgestellt. Den sozialen Forderungen des Proletariats ward die revolutionäre Pointe abgebrochen und eine demokra¬ tische Wendung gegeben, den demokratischen Ansprüchen des Kleinbürger¬ thums die blos politische Form abgestreift und ihre sozialistische Pointe herausgekehrt. So entstand die Sozial-Demokratie . Die neue Mon¬ tagne , das Ergebniß dieser Kombination, enthielt, einige Figuranten aus der Arbeiterklasse und einige sozialistische Sektirer abgerechnet, dieselben Ele¬ mente wie die alte Montagne, nur numerisch stärker. Aber im Laufe der Ent¬ wicklung hatte sie sich verändert mit der Klasse, die sie vertrat. Der eigen¬ thümliche Charakter der Sozial-Demokratie faßt sich dahin zusammen, daß demokratisch-republikanische Institutionen als Mittel verlangt werden, nicht um zwei Extreme, Kapital und Lohnarbeit, beide aufzuheben, sondern um ihren Gegensatz abzuschwächen und in Harmonie zu verwandeln. Wie ver¬ schiedene Maßregeln zur Erreichung dieses Zweckes vorgeschlagen werden mögen, wie sehr er mit mehr oder minder revolutionären Vorstellungen sich verbrämen mag, der Inhalt bleibt derselbe. Dieser Inhalt ist die Umände¬ rung der Gesellschaft auf demokratischem Wege, aber eine Umänderung inner¬ halb der Grenzen des Kleinbürgerthums. Man muß sich nur nicht die bornirte Vorstellung machen, als wenn das Kleinbürgerthum prinzipiell ein egoistisches Klasseninteresse durchsetzen wolle. Es glaubt vielmehr, daß die besondern Bedingungen seiner Befreiung die allgemeinen Beding¬ ungen sind, innerhalb deren allein die moderne Gesellschaft gerettet und der Klassenkampf vermieden werden kann. Man muß sich ebensowenig vorstellen, daß die demokratischen Repräsentanten nun alle shopkeepers sind oder für dieselben schwärmen. Sie können ihrer Bildung und ihrer individuellen Lage nach himmelweit von ihnen getrennt sein. Was sie zu Vertretern des Klein¬ bürgers macht, ist, daß sie im Kopfe nicht über die Schranken hinauskommen, worüber jener nicht im Leben hinauskommt, daß sie daher zu denselben Auf¬ gaben und Lösungen theoretisch getrieben werden, wohin jenen das materielle Interesse und die gesellschaftliche Lage praktisch treiben. Dies ist überhaupt das Verhältniß der politischen und literarischen Vertreter einer Klasse zu der Klasse, die sie vertreten. Nach der gegebenen Auseinandersetzung versteht sich von selbst, daß, wenn die Montagne mit der Ordnungspartei fortwährend um die Republik und die sogenannten Menschenrechte ringt, weder die Republik noch die Menschenrechte ihr letzter Zweck sind, so wenig wie eine Armee, die man ihrer Waffen berauben will und die sich zur Wehr setzt, auf den Kampfplatz getreten ist, um im Besitz ihrer eignen Waffen zu bleiben. Die Partei der Ordnung provozirte gleich beim Zusammentritt der Na¬ tionalversammlung die Montagne. Die Bourgeoisie fühlte jetzt die Nothwen¬ digkeit, mit den demokratischen Kleinbürgern fertig zu werden, wie sie ein Jahr vorher die Nothwendigkeit begriffen hatte, mit dem revolutionären Proletariat zu enden. Nur war die Situation des Gegners eine verschiedene. Die Stärke der proletarischen Partei war auf der Straße, die der Kleinbürger in der Na¬ tionalversammlung selbst. Es galt also, sie aus der Nationalversammlung auf die Straße zu locken und sie selbst ihre parlamentarische Macht zerbrechen zu lassen, ehe Zeit und Gelegenheit sie konsolidiren konnten. Die Montagne sprengte mit verhängtem Zügel in die Falle. Das Bombardement Rom's durch die französischen Truppen war der Köder, der ihr hingeworfen wurde. Es verletzte Artikel V . der Konstitution, der der französischen Republik untersagt, ihre Streitkräfte gegen die Freiheiten eines andern Volks zu verwenden. Zudem verbot auch Art. IV jede Kriegs¬ erklärung von Seiten der Exekutivgewalt ohne Zustimmung der Nationalver¬ sammlung, und die Konstituante hatte durch ihren Beschluß vom 8. Mai die römische Expedition mißbilligt. Auf diese Gründe hin deponirte Ledru-Rollin am 11. Juni 1849 einen Anklageakt gegen Bonaparte und seine Minister. Durch die Wespenstiche von Thiers aufgereizt, ließ er sich sogar zu der Dro¬ hung fortreißen, die Konstitution mit allen Mitteln vertheidigen zu wollen, selbst mit den Waffen in der Hand. Die Montagne erhob sich wie Ein Mann und wiederholte diesen Waffenruf. Am 12. Juni verwarf die Nationalversamm¬ lung den Anklageakt und die Montagne verließ das Parlament. Die Ereig¬ nisse des 13. Juni sind bekannt: die Proklamation eines Theils der Montagne, wodurch Bonaparte und seine Minister „außerhalb der Konstitution“ erklärt wurden; die Straßenprozession der demokratischen Nationalgarden, die waffen¬ los, wie sie waren, bei dem Zusammentreffen mit den Truppen Changarnier's auseinanderstoben u. s. w. u. s. w. Ein Theil der Montagne flüchtete in's Ausland, ein anderer wurde dem Hochgericht in Bourges überwiesen, und ein parlamentarisches Reglement unterwarf den Rest der schulmeisterlichen Aufsicht des Präsidenten der Nationalversammlung. Paris wurde wieder in Belage¬ rungszustand versetzt und der demokratische Theil seiner Nationalgarde aufge¬ löst. So war der Einfluß der Montagne im Parlament und die Macht der Kleinbürger in Paris gebrochen. Lyon, wo der 13. Juni das Signal zu einem blutigen Arbeiteraufstand gegeben hatte, wurde mit den fünf umliegenden Departements ebenfalls in Belagerungszustand erklärt, ein Zustand, der bis auf diesen Augenblick fort¬ dauert. Das Gros der Montagne hatte seine Avantgarde im Stiche gelassen, in¬ dem es ihrer Proklamation die Unterschriften verweigerte. Die Presse war desertirt, indem nur zwei Journale das Pronunziamento zu veröffentlichen wagten. Die Kleinbürger verriethen ihre Repräsentanten, indem die Natio¬ nalgarden ausblieben oder wo sie erschienen, den Barrikadenbau verhinderten. Die Repräsentanten hatten die Kleinbürger dupirt, indem die angeblichen Affiliirten von der Armee nirgends zu erblicken waren. Endlich, statt von ihm Kraftzuschuß zu gewinnen, hatte die demokratische Partei das Proleta¬ riat mit ihrer eignen Schwäche angesteckt, und, wie gewöhnlich bei demokra¬ tischen Hochthaten, hatten die Führer die Genugthuung, ihr „Volk“ der De¬ sertion und das Volk die Genugthuung, seine Führer der Prellerei beschuldigen zu können. Selten war eine Aktion mit größerem Geräusch verkündet worden, als der bevorstehende Feldzug der Montagne, selten ein Ereigniß mit mehr Sicher¬ heit und länger vorher austrompetet, als der unvermeidliche Sieg der Demo¬ kratie. Ganz gewiß: die Demokraten glauben an die Posaunen, vor deren Stößen die Mauern Jericho's einstürzten. Und so oft sie den Wällen des Despotismus gegenüberstehn, suchen sie das Wunder nachzumachen. Wenn die Montagne im Parlamente siegen wollte, durfte sie nicht zu den Waffen rufen. Wenn sie im Parlamente zu den Waffen rief, durfte sie sich auf der Straße nicht parlamentarisch verhalten. Wenn die friedliche Demonstration ernst gemeint war, so war es albern, nicht vorherzusehn, daß sie kriegerisch empfangen werden würde. Wenn es auf den wirklichen Kampf abgesehn war, so war es originell, die Waffen abzulegen, mit denen er geführt werden mußte. Aber die revolutionären Drohungen der Kleinbürger und ihrer demokratischen Vertreter sind bloße Einschüchterungsversuche des Gegners. Und wenn sie sich in eine Sackgasse verrannt, wenn sie sich hinlänglich kompromittirt haben, um zur Ausführung ihrer Drohungen gezwungen zu sein, so geschieht es in einer zweideutigen Weise, die nichts mehr vermeidet als die Mittel zum Zwecke und nach Vorwänden zum Unterliegen hascht. Die schmetternde Ouverture, die den Kampf verkündete, verliert sich in ein kleinlautes Knurren, sobald er beginnen soll, die Schauspieler hören auf sich au sérieux zu nehmen und die Handlung fällt platt zusammen, wie ein luftgefüllter Ballon, den man mit einer Nadel pickt. Keine Partei übertreibt sich mehr ihre Mittel, als die demokratische, keine täuscht sich leichtsinniger über die Situation. Wenn ein Theil der Armee für sie gestimmt hatte, war die Montagne nun auch überzeugt, daß die Armee für sie revoltiren werde. Und bei welchem Anlasse? Bei einem Anlasse, der vom Standpunkt der Truppen keinen andern Sinn hatte, als daß die Revolutio¬ näre für die römischen Soldaten gegen die französischen Soldaten Partei er¬ griffen. Andrerseits waren die Erinnerungen an den Juni 1848 noch zu frisch, als daß nicht eine tiefe Abneigung des Proletariats gegen die National¬ garde und ein durchgreifendes Mißtrauen der Chefs der geheimen Gesell¬ schaften gegen die demokratischen Chefs existiren mußten. Um diese Differenzen auszugleichen, dazu bedurfte es großer gemeinschaftlicher Interessen, die auf dem Spiele standen. Die Verletzung eines abstrakten Verfassungsparagraphen konnte das Interesse nicht bieten. War die Verfassung nicht schon wiederholt verletzt worden nach der Versicherung der Demokraten selbst? Hatten die populärsten Journale sie nicht als ein kontrerevolutionäres Machwerk gebrand¬ markt? Aber der Demokrat, weil er das Kleinbürgerthum vertritt, also eine Uebergangsklasse , worin die Interessen zweier Klassen sich zugleich ab¬ stumpfen, dünkt sich über den Klassengegensatz überhaupt erhaben. Die De¬ mokraten geben zu, daß eine privilegirte Klasse ihnen gegenübersteht, aber sie mit der ganzen übrigen Umgebung der Nation bilden das Volk . Was sie vertreten, ist das Volksrecht ; was sie interessirt, ist das Volksinter¬ esse . Sie brauchen daher bei einem bevorstehenden Kampfe die Interessen und Stellungen der verschiedenen Klassen nicht zu prüfen. Sie brauchen ihre eigenen Mittel nicht allzu bedenklich abzuwägen. Sie haben eben nur das Signal zu geben, damit das Volk mit allen seinen unerschöpflichen Ressourcen über die Dränger herfalle. Stellen sich nun in der Ausführung ihre In¬ teressen als uninteressant und ihre Macht als Ohnmacht heraus, so liegt das entweder an verderblichen Sophisten, die das untheilbare Volk in ver¬ schiedene feindliche Lager spalten, oder die Armee war zu verthiert und zu ver¬ blendet, um die reinen Zwecke der Demokratie als ihr eignes Beste zu be¬ greifen, oder an einem Detail der Ausführung ist das Ganze gescheitert, oder aber ein unvorhergesehener Zufall hat für diesmal die Partie vereitelt. Jeden¬ falls geht der Demokrat eben so makellos aus der schmählichsten Niederlage heraus, wie er unschuldig in sie hineingegangen ist, mit der neugewonnenen Ueberzeugung, daß er siegen muß, nicht daß er selbst und seine Partei den alten Standpunkt aufzugeben, sondern umgekehrt, daß die Verhältnisse ihm entgegenzureifen haben. Man muß sich daher die dezimirte, gebrochene und durch das neue par¬ lamentarische Reglement gedemüthigte Montagne nicht gar zu unglücklich vor¬ stellen. Wenn der 13 . Juni ihre Chefs beseitigt hatte, so macht er andrer¬ seits untergeordneteren Kapazitäten Platz, denen diese neue Stellung schmeichelt. Wenn ihre Machtlosigkeit im Parlamente nicht mehr bezweifelt werden konnte, so waren sie nun auch berechtigt, ihre That auf Ausbrüche sitt¬ licher Entrüstung und polternde Deklamation zu beschränken. Wenn die Ord¬ nungspartei in ihnen als den letzten offiziellen Repräsentanten der Revolution alle Schrecken der Anarchie verkörpert zu sehn vorgab, so konnten sie in der Wirklichkeit desto platter und bescheidener sein. Ueber den 13 . Juni aber ver¬ trösteten sie sich mit der tiefen Wendung: Aber wenn man das allgemeine Wahlrecht anzugreifen wagt, aber dann! Dann werden wir zeigen, wer wir sind. Nous verrons . Was die in's Ausland geflüchteten Montagnards betrifft, so genügt es hier zu bemerken, daß Ledru-Rollin, weil es ihm gelungen war, in kaum zwei Wochen die mächtige Partei, an deren Spitze er stand, rettungslos zu ruiniren, sich nun berufen fand, eine französische Regierung in partibus zu bilden; daß seine Figur, in der Ferne, vom Boden der Aktion weggehoben, im Maßstab als das Niveau der Revolution sank und die offiziellen Größen des offiziellen Frankreichs zwerghafter wurden, an Größe zu wachsen schien; daß er als repu¬ blikanischer Prätendent für 1852 figuriren konnte, daß er periodische Rund¬ schreiben an die Walachen und andere Völker erließ, worin den Despoten des Kontinents mit seinen und seiner Verbündeten Thaten gedroht wird. Hatte Proudhon ganz Unrecht, wenn er diesen Herren zurief: „ Vous n'êtes que des blagueurs ?“ Die Ordnungspartei hatte am 13 . Juni nicht nur die Montagne ge¬ brochen, sie hatte die Unterordnung der Konstitution unter die Majoritätsbeschlüsse der Nationalversammlung durchgesetzt. Und so verstand sie die Republik. Daß die Bourgeoisie hier in parlamenta¬ rischen Formen herrsche, ohne wie in der Monarchie an dem Veto der Exeku¬ tivgewalt oder an der Auflösbarkeit des Parlaments eine Schranke zu finden. Das war die parlamentarische Republik , wie Thiers sie nannte. Aber wenn die Bourgeoisie am 13 . Juni ihre Allmacht innerhalb des Parla¬ mentsgebäudes sicherte, schlug sie nicht das Parlament selbst, der Exekutivgewalt und dem Volke gegenüber, mit unheilbarer Schwäche, indem sie den populärsten Theil desselben ausstieß? Indem sie zahlreiche Deputirte ohne weitere Cere¬ monien der Requisition der Parkette preisgab, hob sie ihre eigne parlamen¬ 3 tarische Unverletzlichkeit auf. Das demüthigende Reglement, dem sie die Montagne unterwarf, erhöht in demselben Maße den Präsidenten der Repu¬ blik, als es den einzelnen Repräsentanten des Volks herabdrückt. Indem sie die Insurrektion zum Schutz der konstitutionellen Verfassung als anarchische, auf den Umsturz der Gesellschaft abzweckende That brandmarkt, verbot sie sich selbst den Appell an die Insurrektion, sobald die Exekutivgewalt ihr gegenüber die Verfassung verletzen würde. Und die Ironie der Geschichte will, daß der General, der im Auftrage Bonaparte's Rom bombardirt und so den unmittel¬ baren Anlaß zu der konstitutionellen Emeute vom 13. Juni gegeben hat, daß Oudinot am 2. Dezember 1851 dem Volke von der Ordnungspartei flehentlich und vergeblich als General der Konstitution gegen Bonaparte an¬ geboten werden muß. Ein anderer Held des 13. Juni, Bieyra , der von der Tribüne der Nationalversammlung Lob einerntet für die Brutalitäten, die er in demokratischen Zeitungslokalen an der Spitze einer der hohen Finanz angehörigen Rotte von Nationalgarden verübt hatte, dieser selbe Bieyra war in die Verschwörung Bonaparte's eingeweiht und trug wesentlich dazu bei, in ihrer Todesstunde der Nationalversammlung jeden Schutz von Seiten der Nationalgarde abzuschneiden. Der 13. Juni hatte noch einen andern Sinn. Die Montagne hatte Bonaparte's Versetzung in Anklagezustand ertrotzen wollen. Ihre Niederlage war also ein direkter Sieg Bonaparte's, sein persönlicher Triumph über seine demokratischen Feinde. Die Partei der Ordnung erfocht den Sieg, Bona¬ parte hatte ihn nur einzukassiren. Er that es. Am 14. Juni war eine Proklamation an den Mauern von Paris zu lesen, worin der Präsident, gleich¬ sam ohne sein Zuthun, widerstrebend, durch die bloße Macht der Ereignisse gezwungen, aus seiner klösterlichen Abgeschiedenheit hervortritt, als verkannte Tugend über die Verläumdungen seiner Widersacher klagt und während er seine Person mit der Sache der Ordnung zu identifiziren scheint, vielmehr die Sache der Ordnung mit seiner Person identifizirt. Zudem hatte die Nationalver¬ sammlung die Expedition gegen Rom zwar nachträglich gebilligt, aber Bona¬ parte hatte die Initiative dazu ergriffen. Nachdem er den Hohepriester Samuel in den Vatikan wieder eingeführt, konnte er hoffen, als König David die Tui¬ lerien zu beziehen. Er hatte die Pfaffen gewonnen. Die Emeute vom 13. Juni beschränkte sich, wie wir gesehn, auf eine friedliche Straßenprozession. Es waren also keine kriegerischen Lorbeeren gegen sie zu gewinnen. Nichts desto weniger, in dieser helden- und ereigni߬ armen Zeit verwandelte die Ordnungspartei diese Schlacht ohne Blutvergießen in ein zweites Austerlitz. Tribüne und Presse priesen die Armee als die Macht der Ordnung gegenüber den Volksmassen als der Ohnmacht der Anarchie, und den Changarnier als das „Bollwerk der Gesellschaft“. Mystifikation, an die er schließlich selbst glaubte. Unter der Hand aber wurden die Korps, die zwei¬ deutig schienen, aus Paris verlegt, die Regimenter, deren Wahlen am demo¬ kratischsten ausgefallen waren, aus Frankreich nach Algier verbannt, die un¬ ruhigen Köpfe unter den Truppen in Strafabtheilungen verwiesen, endlich die Absperrung der Presse von der Kaserne und der Kaserne von der bürgerlichen Gesellschaft systematisch durchgeführt. Wir sind hier bei dem entscheidenden Wendepunkt in der Geschichte der französischen Nationalgarde angelangt. 1830 hatte sie den Sturz der Re¬ stauration entschieden. Unter Louis Philipp mißglückte jede Emeute, worin die Nationalgarde auf Seite der Truppen stand. Als sie in den Februar¬ tagen 1848 sich passiv gegen den Aufstand und zweideutig gegen Louis Phi¬ lipp zeigte, gab er sich verloren und war er verloren. So schlug die Ueber¬ zeugung Wurzel, daß die Revolution nicht ohne , und die Armee nicht gegen die Nationalgarde siegen könne. Es war dies der Aberglaube der Armee an die bürgerliche Allmacht. Die Junitage 1848, wo die gesammte National¬ garde mit den Linientruppen die Insurrektion niederwarf, hatten den Aber¬ glauben befestigt. Nach Bonaparte's Regierungsantritt sank die Stellung der Nationalgarde einigermaßen durch die konstitutionswidrige Vereinigung ihres Kommandos mit dem Kommando der ersten Militärdivision in der Person Changarnier's. Wie das Commando über die Nationalgarde hier als ein Attribut des militärischen Oberbefehlshabers erschien, so sie selbst nur noch als Anhang der Linientruppen. Am 13. Juni endlich wurde sie gebrochen: nicht nur durch ihre theilweise Auflösung, die sich seit dieser Zeit periodisch an allen Punkten Frank¬ reichs wiederholte und nur Trümmer von ihr zurückließ. Die Demonstration des 13. Juni war vor Allem eine Demonstration der demokratischen National¬ garden. Sie hatten zwar nicht ihre Waffen, wohl aber ihre Uniformen der Armee gegenübergeführt, aber gerade in dieser Uniform saß der Talisman. Die Armee überzeugte sich, daß diese Uniform ein wollener Lappen wie ein andrer war. Der Zauber ging verloren. In den Junitagen 1848 waren Bourgeoisie und Kleinbürgerthum als Nationalgarde mit der Armee gegen das Proletariat vereinigt, am 13. Juni 1849 ließ die Bourgeoisie die klein¬ 3* bürgerliche Nationalgarde durch die Armee auseinander sprengen, am 2. De¬ zember 1851 war die Nationalgarde der Bourgeoisie selbst verschwunden und Bonaparte konstatirte nur dies Faktum, als er nachträglich ihr Auf¬ lösungsdekret unterschrieb. So hatte die Bourgeoisie selbst ihre letzte Waffe gegen die Armee zerbrochen, aber sie mußte sie zerbrechen von dem Augen¬ blicke, wo das Kleinbürgertum nicht mehr als Vasall hinter, sondern als Rebell vor ihr stand, wie sie überhaupt alle ihre Vertheidigungsmittel gegen den Absolu¬ tismus mit eigner Hand zerstören mußte, sobald sie selbst absolut geworden war. Die Ordnungspartei feierte unterdeß die Wiedereroberung einer Macht, die 1848 nur verloren schien, um 1849 von ihren Schranken be¬ freit wiedergefunden zu werden, durch Invektiven gegen die Republik und die Konstitution, durch Verfluchung aller zukünftigen, gegenwärtigen und vergangenen Revolutionen, die eingerechnet, welche ihre eignen Füh¬ rer gemacht hatten, und in Gesetzen, wodurch die Presse geknebelt, die Assoziation vernichtet und der Belagerungszustand als organisches Institut regulirt wurde. Die Nationalversammlung vertagte sich dann von Mitte August bis Mitte October, nachdem sie eine Permanenzkommission für die Zeit ihrer Abwesenheit ernannt hatte. Während dieser Ferien intriguirten die Legitimisten mit Ems, die Orleanisten mit Claremont, Bonaparte durch prinzliche Rundreisen, und die Departementalräthe in Berathungen über die Revision der Verfassung, — Vorfälle, die in den periodischen Ferien der Nationalversammlung regelmäßig wiederkehren und auf die ich erst eingehn will, sobald sie zu Ereignissen werden. Hier sei nur noch bemerkt, daß die Nationalversammlung unpolitisch handelte, als sie für längere Intervalle von der Bühne verschwand und auf der Spitze der Republik nur noch Eine, wenn auch klägliche Gestalt erblicken ließ, die Louis Bonaparte's, während die Partei der Ordnung zum Skandale des Publikums in ihre royalistischen Bestand¬ theile auseinander und ihren sich widerstreitenden Restaurationsgelüsten nach¬ ging. So oft während dieser Ferien der verwirrende Lärm des Parlaments verstummte und sein Körper sich in die Nation auflöste, zeigte sich unver¬ kennbar, daß nur noch Eins fehle, um die wahre Gestalt dieser Republik zu vollenden: seine Ferien permanent machen und ihre Aufschrift: Liberté , égalité , fraternité , ersetzen durch die unzweideutigen Worte: Infanterie, Cavalerie, Artillerie ! IV . Mitte Oktober 1849 trat die Nationalversammlung wieder zusammen. Am 1 . November überraschte Bonaparte sie mit einer Botschaft, worin er die Entlassung des Ministeriums Barrot–Falloux und die Bildung eines neuen Ministeriums anzeigte. Man hat Lakaien nie mit weniger Ceremonien aus dem Dienste gejagt, als Bonaparte seine Minister. Die Fußtritte, die der Nationalversammlung bestimmt waren, erhielt vorläufig Barrot u. Comp. Das Ministerium Barrot war, wie wir gesehen haben, aus Legitimisten und Orleanisten zusammengesetzt, ein Ministerium der Ordnungspartei. Bo¬ naparte hatte desselben bedurft, um die republikanische Konstituante aufzulösen, die Expedition gegen Rom zu bewerkstelligen und die demokratische Partei zu brechen. Hinter diesem Ministerium hatte er sich scheinbar eklipsirt, die Re¬ gierungsgewalt in die Hände der Ordnungspartei abgetreten und die bescheidene Charaktermaske angelegt, die unter Louis Philipp der verantwortliche Ge¬ rant der Zeitungspresse trug, die Maske des homme de paille . Jetzt warf er eine Larve weg, die nicht mehr der leichte Vorhang war, worunter er seine Physiognomie verstecken konnte, sondern die eiserne Maske, die ihn verhinderte, eine eigne Physiognomie zu zeigen. Er hatte das Ministerium Barrot eingesetzt, um im Namen der Ordnungspartei die republikanische Nationalversammlung zu sprengen; er entließ es, um seinen eignen Namen von der Nationalversammlung der Ordnungspartei unabhängig zu erklären. An plausiblen Vorwänden zu dieser Entlassung fehlte es nicht. Das Ministerium Barrot vernachlässigte selbst die Anstandsformen, die den Präsi¬ denten der Republik als eine Macht neben der Nationalversammlung hätten erscheinen lassen. Während der Ferien der Nationalversammlung veröffent¬ lichte Bonaparte einen Brief an Edgar Ney, worin er das illiberale Auftreten des Pabstes zu mißbilligen schien, wie er im Gegensatz zur Konstituante einen Brief veröffentlicht hatte, worin er Oudinot für den Angriff auf die römische Republik belobte. Als nun die Nationalversammlung das Budget für die römische Expedition votirte, brachte Victor Hugo aus angeblichem Liberalis¬ mus jenen Brief zur Sprache. Die Ordnungspartei erstickte den Einfall, als ob Bonaparte's Einfälle irgend ein politisches Gewicht haben könnten, unter verächtlich ungläubigen Ausrufungen. Keiner der Minister nahm den Handschuh für ihn auf. Bei einer andern Gelegenheit ließ Barrot mit seinem bekannten hohlen Pathos Worte der Entrüstung von der Rednerbühne auf die „abominablen Umtriebe“ fallen, die nach seiner Aussage in der nächsten Umgebung des Präsidenten vorgingen. Endlich verweigerte das Ministerium, während es der Herzogin von Orleans einen Witwengehalt von der Nationalversammlung erwirkte, jeden Antrag auf Erhöhung der präsidentiellen Civilliste. Und in Bonaparte verschmolz der kaiserliche Prä¬ tendent so innig mit dem heruntergekommenen Glücksritter, daß die Eine große Idee, er sei berufen, das Kaiserthum zu restauriren, stets von der andern ergänzt ward, das französische Volk sei berufen, seine Schulden zu zahlen. Das Ministerium Barrot-Falloux war das erste und letzte parlamen¬ tarische Ministerium , das Bonaparte in's Leben rief. Die Entlassung desselben bildet daher einen entscheidenden Wendepunkt. Mit ihm verlor die Ordnungspartei, um ihn nie wieder zu erobern, einen unentbehrlichen Posten für die Behauptung des parlamentarischen Regimes, die Handhabe der Exe¬ kutivgewalt. Man begreift sogleich, daß in einem Lande wie Frankreich, wo die Exekutivgewalt über ein Beamtenheer von mehr als einer halben Million von Individuen verfügt, also eine ungeheure Masse von Interessen und Exi¬ stenzen beständig in der unbedingtesten Abhängigkeit erhält, wo der Staat die bürgerliche Gesellschaft von ihren umfassendsten Lebensäußerungen bis zu ihren unbedeutendsten Regungen hinab, von ihren allgemeinsten Daseins¬ weisen bis zur Privatexistenz der Individuen umstrickt, kontrollirt, maßregelt, überwacht und bevormundet, wo dieser Parasitenkörper durch die außerordent¬ lichste Centralisation eine Allgegenwart, Allwissenheit, eine beschleunigte Be¬ wegungsfähigkeit und Schnellkraft gewinnt, die nur in der hülflosen Unselbst¬ ständigkeit, in der zerfahrenen Unförmlichkeit des wirklichen Gesellschaftskör¬ pers ein Analogon finden, daß in einem solchen Lande die Nationalversamm¬ lung mit der Verfügung über die Ministerstellen jeden wirklichen Einfluß ver¬ loren gab, wenn sie nicht gleichzeitig die Staatsverwaltung vereinfachte, das Beamtenheer möglichst verringerte, endlich die bürgerliche Gesellschaft und die öffentliche Meinung ihre eignen von der Regierungsgewalt unabhängigen Organe erschaffen ließ. Aber das materielle Interesse der franzö¬ sischen Bourgeoisie ist gerade auf das Innigste mit der Erhaltung jener breiten und vielverzweigten Staatsmaschine verwebt. Hier bringt sie ihre überschüssige Bevölkerung unter und ergänzt in der Form von Staatsgehalten, was sie nicht in der Form von Profiten, Zinsen, Renten und Honoraren einstecken kann. Andrerseits zwang ihr politisches Interesse sie, die Repression, also die Mittel und das Personal der Staatsgewalt täglich zu vermehren, während sie gleichzeitig einen ununterbrochenen Krieg gegen die öffentliche Meinung führen und die selbstständigen Bewegungsorgane der Gesellschaft mißtrauisch verstümmeln, lähmen mußte, wo es ihr nicht gelang, sie gänzlich zu amputiren. So war die französische Bourgeoisie durch ihre Klassenstellung gezwungen, einerseits die Lebensbedingungen einer jeden, also auch ihrer eig¬ nen parlamentarischen Gewalt zu vernichten, andrerseits die ihr feindliche Exekutivgewalt unwiderstehlich zu machen. Das neue Ministerium hieß das Ministerium d'Hautpoul. Nicht als hätte General d'Hautpoul den Rang eines Ministerpräsidenten erhalten. Mit Barrot schaffte Bonaparte vielmehr zugleich diese Würde ab, die den Präsidenten der Republik allerdings zur legalen Nichtigkeit eines konstitu¬ tionellen Königs verdammte, aber eines konstitutionellen Königs ohne Thron und ohne Krone, ohne Scepter und ohne Schwert, ohne Unverantwortlich¬ keit, ohne den unverjährbaren Besitz der höchsten Staatswürde, und was das Fatalste war, ohne Civilliste. Das Ministerium d'Hautpoul besaß nur einen Mann von parlamentarischem Rufe, den Juden Fould , eins der berüchtigtsten Glieder der hohen Finanz. Ihm fiel das Finanzministerium anheim. Man schlage die Pariser Börsennotationen nach und man wird finden, daß vom 1. November 1849 an die französischen Fonds steigen und fallen mit dem Fallen und Steigen der bonapartistischen Aktien. Wäh¬ rend Bonaparte so seinen Affiliirten in der Börse gefunden hatte, bemäch¬ tigte er sich zugleich der Polizei durch Carlier's Ernennung zum Polizei¬ präfekten von Paris. Indeß konnten sich die Folgen des Ministerwechsels erst im Laufe der Entwicklung herausstellen. Zunächst hatte Bonaparte nur einen Schritt vor¬ wärts gethan, um desto augenfälliger rückwärts getrieben zu werden. Seiner barschen Botschaft folgte die servilste Unterthänigkeitserklärung an die Natio¬ nalversammlung. So oft die Minister den schüchternen Versuch wagten, seine persönlichen Marotten als Gesetzesvorschläge einzubringen, schienen sie selbst nur widerwillig und durch ihre Stellung gezwungen die komischen Auf¬ träge zu erfüllen, von deren Erfolglosigkeit sie im voraus überzeugt waren. So oft Bonaparte im Rücken der Minister seine Absichten ausplauderte und mit seinen „ idées napoléoniennes “ spielte, desavouirten ihn die eignen Minister von der Tribüne der Nationalversammlung herab. Seine Usurpationsgelüste, schienen nur laut zu werden, damit das schadenfrohe Gelächter seiner Gegner nicht verstumme. Er gebärdete sich als ein verkanntes Genie, das alle Welt für einen Simpel ausgibt. Nie genoß er in vollerem Maße die Verachtung aller Klassen, als während dieser Periode. Nie herrschte die Bourgeoisie unbedingter, nie trug sie prahlerischer die Insignien der Herr¬ schaft zur Schau. Ich habe hier nicht die Geschichte ihrer gesetzgeberischen Thätigkeit zu schreiben, die sich während dieser Periode in zwei Gesetzen resümirt: in dem Gesetze, das die Weinsteuer wiederherstellt, in dem Unterrichtsge ¬ setze , das den Unglauben abschafft. Wenn den Franzosen das Weintrinken erschwert, ward ihnen desto reichlicher vom Wasser des wahren Lebens ge¬ schenkt. Wenn die Bourgeoisie in dem Gesetze über die Weinsteuer das alte gehässige französische Steuersystem für unantastbar erklärt, suchte sie durch das Unterrichtsgesetz den alten Gemüthszustand der Massen zu sichern, der es ertragen ließ. Man ist erstaunt, die Orleanisten, die liberalen Bourgeois, diese alten Apostel des Voltairianismus und der eklektischen Philosophie, ihren Stammfeinden, den Jesuiten, die Verwaltung des französischen Geistes an¬ vertrauen zu sehn. Aber Orleanisten und Legitimisten konnten in Be¬ ziehung auf den Kronprätendenten auseinandergehn, sie begriffen, daß ihre vereinte Herrschaft die Unterdrückungsmittel zweier Epochen zu vereinigen gebot, daß die Unterjochungsmittel der Julimonarchie durch die Unterjochungs¬ mittel der Restauration ergänzt und verstärkt werden mußten. Die Bauern, in allen ihren Hoffnungen getäuscht, durch den niedrigen Stand der Getreidepreise einerseits, durch die wachsende Steuerlast und Hypothekenschuld andrerseits mehr als je erdrückt, begannen sich in den Depar¬ tements zu regen. Man antwortete ihnen durch eine Hetzjagd auf die Schul¬ meister, die den Geistlichen, durch eine Hetzjagd auf die Maires, die den Präfekten, und durch ein System der Spionage, dem Alle unterworfen wur¬ den. In Paris und den großen Städten trägt die Reaktion selbst die Physiognomie ihrer Epoche und fordert mehr heraus, als sie niederschlägt. Auf dem Lande wird sie platt, gemein, kleinlich, ermüdend, plackend, mit einem Worte Gensdarm. Man begreift, wie drei Jahre vom Regime des Gensdarmen, eingesegnet durch das Regime des Pfaffen, unreife Massen demoralisiren mußten. Welche Summe von Leidenschaft und Deklamation die Ordnungspartei von der Tribüne der Nationalversammlung herab gegen die Minorität auf¬ wenden mochte, ihre Rede blieb einsylbig, wie die des Christen, dessen Worte sein sollen: Ja, ja, nein, nein! Einsylbig von der Tribüne herab, wie in der Presse. Fad wie ein Räthsel, dessen Lösung im voraus bekannt ist. Handelte es sich um Petitionsrecht oder um Weinsteuer, um Preßfreiheit oder um Freihandel, um Klubs oder um Munizipalverfassung, um Schutz der per¬ sönlichen Freiheit oder um Regelung des Staatshaushaltes, das Losungswort kehrt immer wieder, das Thema bleibt immer dasselbe, der Urtheilsspruch ist immer fertig und lautet unveränderlich: „ Sozialismus !“ Für sozia¬ listisch wird selbst der bürgerliche Liberalismus erklärt, für sozialistisch die bürgerliche Aufklärung, für sozialistisch die bürgerliche Finanzreform. Es war sozialistisch, eine Eisenbahn zu bauen, wo schon ein Kanal vorhanden war, und es war sozialistisch, sich mit dem Stocke zu vertheidigen, wenn man mit dem Degen angegriffen wurde. Es war dies nicht bloße Redeform, Mode, Parteitaktik. Die Bourgeoisie hatte die richtige Einsicht, daß alle Waffen, die sie gegen den Feudalismus geschmiedet, ihre Spitze gegen sie selbst kehrten, daß alle Bildungsmittel, die sie erzeugt, gegen ihre eigne Civilisation rebellirten, daß alle Götter, die sie geschaffen, von ihr abgefallen waren. Sie begriff, daß alle sogenannten bürger¬ lichen Freiheiten und Fortschrittsorgane ihre Klassenherrschaft zugleich an der gesellschaftlichen Grundlage und an der politischen Spitze angriffen und bedrohten, also „ sozialistisch “ geworden waren. In dieser Drohung und in diesem Angriffe fand sie mit Recht das Geheimniß des Sozialismus, dessen Sinn und Tendenz sie richtiger beurtheilt, als der sogenannte Sozialis¬ mus sich selbst zu beurtheilen weiß, der daher nicht begreifen kann, wie die Bourgeoisie sich verstockt gegen ihn verschließt, mag er nun sentimental über die Leiden der Menschheit winseln, oder christlich das tausendjährige Reich und die allgemeine Bruderliebe verkünden, oder humanistisch von Geist, Bil¬ dung, Freiheit faseln, oder doktrinär ein System der Vermittlung und der Wohlfahrt aller Klassen aushecken. Was sie aber nicht begriff, war die Konsequenz, daß ihr eignes parlamentarisches Regime , daß ihre politische Herrschaft überhaupt nun auch als sozialistisch dem allgemeinen Verdammungsurtheil verfallen mußte. So lange die Herr¬ schaft der Bourgeoisklasse sich nicht vollständig organisirt, nicht ihren reinen politischen Ausdruck gewonnen hatte, konnte auch der Gegensatz der andern Klassen nicht rein hervortreten, und wo er hervortrat, nicht die gefährliche Wendung nehmen, die jeden Kampf gegen die Staatsgewalt in einen Kampf gegen das Kapital verwandelt. Wenn sie in jeder Lebensregung der Gesell¬ schaft die „Ruhe“ gefährdet sah, wie konnte sie an der Spitze der Gesell¬ schaft das Regime der Unruhe , ihr eignes Regime, das parlamen¬ tarische Regime behaupten wollen, dieses Regime, das nach dem Aus¬ drucke eines ihrer Redner im Kampfe und durch den Kampf lebt? Das par¬ lamentarische Regime lebt von der Diskussion, wie soll es die Diskussion verbieten? Jedes Interesse, jede gesellschaftliche Einrichtung wird hier in allge¬ meine Gedanken verwandelt, als Gedanken verhandelt, wie soll irgend ein Inter¬ esse, eine Einrichtung sich über dem Denken behaupten und als Glaubensartikel imponiren? Der Rednerkampf auf der Tribüne ruft den Kampf der Pre߬ bengel hervor, der debattirende Klub im Parlament ergänzt sich nothwendig durch debattirende Klubs in den Salons und in den Kneipen, die Repräsen¬ tanten, die beständig an die Volksmeinung appelliren, berechtigen die Volks¬ meinung, in Petitionen ihre wirkliche Meinung zu sagen. Das parlamen¬ tarische Regime überläßt Alles der Entscheidung der Majoritäten, wie sollen die großen Majoritäten jenseits des Parlaments nicht entscheiden wollen? Wenn ihr auf dem Gipfel des Staates die Geige streicht, was Andres erwar¬ ten, als daß die drunten tanzen? Indem also die Bourgeoisie, was sie früher als „ liberal “ gefeiert, jetzt als „ sozialistisch “ verketzert, gesteht sie ein, daß ihr eignes Interesse gebietet, sie der Gefahr des Selbstregierens zu überheben, daß um die Ruhe im Lande herzustellen, vor Allem ihr Bourgeois-Parlament zur Ruhe gebracht, um ihre gesellschaftliche Macht unversehrt zu erhalten, ihre politische Macht gebrochen werden müsse, daß die Privatbourgeois nur fortfahren können, die andern Klassen zu exploitiren und sich ungetrübt des Eigenthums, der Familie, der Religion und der Ordnung zu erfreuen, unter der Bedingung, daß ihre Klasse neben den andern Klassen zu gleicher politischer Nichtigkeit verdammt werde, daß um ihren Beutel zu retten, die Krone ihr abgeschlagen und das Schwert, das sie beschützen solle, zugleich als Damoklesschwert über ihr eignes Haupt gehängt werden müsse. In dem Bereiche der allgemeinen bürgerlichen Interessen zeigte sich die Nationalversammlung so unproduktiv, daß z. B. die Verhandlungen über die Paris-Avignoner Eisenbahn, die im Winter 1850 begannen, am 2 . Dezem¬ ber 1851 noch nicht zum Schluß reif waren. Wo sie nicht unterdrückte, reagirte, war sie mit unheilbarer Unfruchtbarkeit geschlagen. Während Bonaparte's Ministerium theils die Initiative zu Gesetzen im Geiste der Ordnungspartei ergriff; theils ihre Härte in der Ausführung und Handhabung noch übertrieb, suchte er andrerseits durch kindisch alberne Vor¬ schläge Popularität zu erobern, seinen Gegensatz zur Nationalversammlung zu konstatiren und auf einen geheimen Hinterhalt hinzudeuten, der nur durch die Verhältnisse einstweilen verhindert werde, dem französischen Volke seine verborgenen Schätze zu erschließen. So der Vorschlag, den Unteroffizieren eine tägliche Zulage von vier Sous zu dekretiren. So der Vorschlag einer Ehrenleihbank für die Arbeiter. Geld geschenkt und Geld gepumpt zu erhalten, das war die Perspektive, womit er die Massen zu ködern hoffte. Schenken und Pumpen, darauf beschränkt sich die Finanzwissenschaft des Lumpenprole¬ tariats, des vornehmen und des gemeinen. Darauf beschränkten sich die Springfedern, die Bonaparte in Bewegung zu setzen wußte. Nie hat ein Prätendent platter auf die Plattheit der Massen spekulirt. Die Nationalversammlung brauste wiederholt auf bei diesen unverkenn¬ baren Versuchen auf ihre Kosten Popularität zu erwerben, bei der wachsenden Gefahr, daß dieser Abenteurer, den die Schulden voranpeitschten und kein erworbener Ruf zurückhielt, einen verzweifelten Streich wagen werde. Die Verstimmung zwischen der Ordnungspartei und dem Präsidenten hatte einen drohenden Charakter angenommen, als ein unerwartetes Ereigniß ihn reuig in ihre Arme zurückwarf. Wir meinen die Nachwahlen vom 10 . März 1850 . Diese Wahlen fanden statt, um die Repräsentantenstellen, die nach dem 13. Juni durch das Gefängniß oder das Exil erledigt worden waren, wieder zu besetzen. Paris wählte nur sozial-demokratische Kandidaten. Es vereinte sogar die meisten Stimmen auf einen Insurgenten des Juni 1848, auf Deflotte. So rächte sich das mit dem Proletariat alliirte Pariser Klein¬ bürgerthum für seine Niederlage am 13. Juni 1849. Es schien im Augen¬ blick der Gefahr nur vom Kampfplatz verschwunden zu sein, um ihn bei günstiger Gelegenheit mit massenhafteren Streitkräften und mit einer kühnern Kampfparole wieder zu betreten. Ein Umstand schien die Gefahr dieses Wahlsieges zu erhöhen. Die Armee stimmte in Paris für den Juniinsurgen¬ ten gegen Lahitte, einen Minister Bonaparte's, und in den Departements zum großen Theil für die Montagnards, die auch hier, zwar nicht so ent¬ schieden wie in Paris, das Uebergewicht über ihre Gegner behaupteten. Bonaparte sah sich plötzlich wieder die Revolution gegenüber stehen. Wie am 29. Januar 1849, wie am 13. Juni 1849, verschwand er, am 10. März 1850 hinter der Partei der Ordnung. Er beugte sich, er that kleinmüthig Abbitte, er erbot sich auf Befehl der parlamentarischen Majori¬ tät jedes beliebige Ministerium zu ernennen, er flehte sogar die orleanistischen und legitimistischen Parteiführer, die Thiers, die Berryer, die Broglio, die Mole, kurz die sogenannten Burggrafen, das Staatsruder in eigner Person zu ergreifen. Die Partei der Ordnung wußte diesen unwiederbringlichen Augenblick nicht zu benutzen. Statt sich kühn der angebotenen Gewalt zu be¬ mächtigen, zwang sie Bonaparte nicht einmal, das am 1. November entlassene Ministerium wieder einzusetzen; sie begnügte sich, ihn durch die Verzeihung zu demüthigen und dem Ministerium d'Hautpoul Herrn Baroche beizuge¬ sellen. Dieser Baroche hatte als öffentlicher Ankläger, das eine Mal gegen die Revolutionäre vom 15. Mai, das andere Mal gegen die Demokraten des 13. Juni vor dem Hochgerichte zu Bourges gewüthet, beide Male wegen Attentat auf die Nationalversammlung. Keiner der Minister Bonaparte's trug später mehr dazu bei, die Nationalversammlung herabzuwürdigen, und nach dem 2. Dezember 1851 finden wir ihn wieder als wohlbestallten und theuer bezahlten Vizepräsidenten des Senats. Er hatte den Revolutionären in die Suppe gespuckt, damit Bonaparte sie aufesse. Die sozial-demokratische Partei ihrerseits schien nur nach Vorwänden zu haschen, um ihren eignen Sieg wieder in Frage zu stellen und ihm die Pointe abzubrechen. Vidal, einer der neu erwählten Pariser Repräsentanten war gleichzeitig in Straßburg gewählt worden. Man bewog ihn, die Wahl für Paris abzulehnen und die für Straßburg anzunehmen. Statt also ihrem Siege auf dem Wahlplatze einen definitiven Charakter zu geben und dadurch die Ordnungspartei zu zwingen, ihn sofort im Parlamente streitig zu machen, statt so den Gegner im Augenblick des Volksenthusiasmus und der günstigen Stimmung der Armee zum Kampfe zu treiben, ermüdete die demokratische Partei Paris während der Monate März und April mit einer neuen Wahlagitation, ließ die aufgeregten Volksleidenschaften in diesem aber¬ maligen provisorischen Stimmenspiel sich aufreiben, die revolutionäre That¬ kraft in konstitutionellen Erfolgen sich sättigen, in kleinen Intriguen, hohlen Deklamationen und Scheinbewegungen verpuffen, die Bourgeoisie sich sam¬ meln und ihre Vorkehrungen treffen, endlich die Bedeutung der Märzwahlen in der nachträglichen Aprilwahl, in der Wahl Eugen Sue's, einen sentimental abschwächenden Kommentar finden. Mit einem Worte, sie schickte den 10. März in den April. Die parlamentarische Majorität begriff die Schwäche ihres Gegners. Ihre siebzehn Burggrafen, denn Bonaparte hatte ihr die Leitung und die Verantwortlichkeit des Angriffs überlassen, arbeiteten ein neues Wahlgesetz aus, dessen Vorlage dem Herrn Faucher, der sich diese Ehre ausbat, anver¬ traut wurde. Am 8 . Mai brachte er das Gesetz ein, wodurch das allgemeine Wahlrecht abgeschafft, ein dreijähriges Domizil an dem Orte der Wahl den Wählern als Bedingung auferlegt, endlich der Nachweis dieses Domizils für die Arbeiter von dem Zeugnisse ihrer Arbeitgeber abhängig gemacht wurde. Wie revolutionär die Demokraten während des konstitutionellen Wahl¬ kampfes aufgeregt und getobt hatten, so konstitutionell predigten sie jetzt, wo es galt, mit den Waffen in der Hand den Ernst jener Wahlsiege zu beweisen, Ordnung, majestätische Ruhe ( calme majestueux ), gesetzliche Haltung, d. h. blinde Unterwerfung unter den Willen der Kontrerevolution, der sich als Ge¬ setz breit machte. Während der Debatte beschämte der Berg die Partei der Ordnung, indem er gegen ihre revolutionäre Leidenschaftlichkeit die leidenschaftslose Haltung des Biedermanns geltend machte, der den Rechts¬ boden behauptet, und indem er sie mit dem furchtbaren Vorwurfe zu Boden schlug, daß sie revolutionär verfahre. Selbst die neugewählten Deputirten bemühten sich durch anständiges und besonnenes Auftreten zu beweisen, welche Verkennung es war, sie als Anarchisten zu verschreien und ihre Wahl als einen Sieg der Revolution auszulegen. Am 31 . Mai ging das neue Wahl¬ gesetz durch. Die Montagne begnügte sich damit, dem Präsidenten einen Protest in die Tasche zu schmuggeln. Dem Wahlgesetz folgte ein neues Preßgesetz, wodurch die revolutionäre Zeitungspresse vollständig beseitigt wurde. Sie hatte ihr Schicksal verdient. „ National “ und „ la Presse “, zwei bürgerliche Organe, blieben nach dieser Sündfluth als äußerste Vorposten der Revolution zurück. Wir haben gesehn, wie die demokratischen Führer während März und April Alles gethan hatten, um das Volk von Paris in einen Scheinkampf zu verwickeln, wie sie nach dem 8 . Mai Alles thaten, um es vom wirklichen Kampf abzuhalten. Wir dürfen zudem nicht vergessen, daß das Jahr 1850 eines der glänzendsten Jahre industrieller und kommerzieller Prosperität, also das Pariser Proletariat vollständig beschäftigt war. Allein das Wahlgesetz vom 31 . Mai 1850 schloß es von aller Theilnahme an der politischen Ge¬ walt aus. Es schnitt ihm das Kampfterrain selbst ab. Es warf die Ar¬ beiter in die Pariastellung zurück, die sie vor der Februarrevolution einge¬ nommen hatten. Indem sie einem solchen Ereignisse gegenüber sich von den Demokraten lenken lassen und das revolutionäre Interesse ihrer Klasse über einem augenblicklichen Wohlbehagen vergessen konnten, verzichteten sie auf die Ehre eine erobernde Macht zu sein, unterwarfen sich ihrem Schicksale, be¬ wiesen daß die Niederlage vom Juni 1848 sie für Jahre kampfunfähig ge¬ macht und daß der geschichtliche Prozeß zunächst wieder über ihren Köpfen vor sich gehen müsse. Was die kleinbürgerliche Demokratie betrifft, die am 13 . Juni geschrien hatte, „aber wenn erst das allgemeine Wahlrecht angetastet wird, aber dann!“ — so tröstete sie sich jetzt damit, daß der kontre¬ revolutionäre Schlag, der sie getroffen, kein Schlag und das Gesetz vom 31 . Mai kein Gesetz sei. Am 2 . Mai 1852 erscheint jeder Franzose auf dem Wahlplatze, in der einen Hand den Stimmzettel, in der andern das Schwert. Mit dieser Prophezeihung that sie sich selbst Genüge. Die Armee endlich wurde, wie für die Wahlen vom 29 . Mai 1849 , so für die vom März und April 1850 von ihren Vorgesetzten gezüchtigt. Diesmal sagte sie sich aber entschieden: „die Revolution prellt uns nicht zum dritten Mal.“ Das Gesetz vom 31 . Mai 1850 war der coup d'état der Bourgeoisie. Alle ihre bisherigen Eroberungen über die Revolution hatten einen nur provisorischen Charakter. Sie waren in Frage gestellt, sobald die jetzige Nationalversammlung von der Bühne abtrat. Sie hingen von dem Zufall einer neuen allgemeinen Wahl ab und die Geschichte der Wahlen seit 1848 bewies unwiderleglich, daß in demselben Maße wie die faktische Herrschaft der Bourgeoisie sich entwickelte, ihre moralische Herrschaft über die Volks¬ massen verloren ging. Das allgemeine Wahlrecht erklärte sich am 10 . März direkt gegen die Herrschaft der Bourgeoisie, die Bourgeoisie antwortete mit der Aechtung des allgemeinen Wahlrechts. Das Gesetz vom 31 . Mai war also eine der Nothwendigkeiten des Klassenkampfes. Andrerseits erheischte die Konstitution, damit die Wahl des Präsidenten der Republik gültig sei, ein Minimum von zwei Millionen Stimmen. Erhielt keiner der Präsidentschafts¬ kandidaten dies Minimum, so sollte die Nationalversammlung unter den drei Kandidaten, denen die meisten Stimmen zufallen würden, den Präsidenten wählen. Zur Zeit, wo die Konstituante dies Gesetz machte, waren zehn Millionen Wähler auf den Stimmlisten eingeschrieben. In ihrem Sinne reichte also ein Fünftel der Wahlberechtigten hin, um die Präsidentschaftswahl gültig zu machen. Das Gesetz vom 31 . Mai strich wenigstens drei Millio¬ nen Stimmen von den Wahllisten, reduzirte die Zahl der Wahlberechtigten auf sieben Millionen und behielt nichts desto weniger das gesetzliche Minimum von zwei Millionen für die Präsidentschaftswahl bei. Es erhöhte also das gesetzliche Minimum von ein Fünftel auf beinahe ein Drittel der wahlfähigen Stimmen, d. h. es that Alles, um die Präsidentenwahl aus den Händen des Volkes n die Hände der Nationalversammlung hinüberzuschmuggeln. So schien ie Partei der Ordnung durch das Wahlgesetz vom 31. Mai ihre Herrschft doppelt befestigt zu haben, indem sie die Wahl der Nationalver¬ samml ng und die des Präsidenten der Republik dem stationären Theil der Geselchaft anheimgab. V . Der Kampf brach sofort wieder aus zwischen der Nationalversammlung nd Bonaparte, sobald die revolutionäre Krise überdauert und das allgemeine Wahlrecht abgeschafft war. Die Konstitution hatte das Gehalt Bonaparte's auf 600,000 Francs festgesetzt. Kaum ein halbes Jahr nach seiner Installirung gelang es ihm, diese Summe auf das Doppelte zu erhöhn. Odilon Barrot ertrotzte nämlich von der konstituirenden Nationalversammlung einen jährlichen Zuschuß von 600,000 Francs für sogenannte Repräsentationsgelder. Nach dem 13. Juni hatte Bonaparte ähnliche Anliegen verlauten lassen, ohne diesmal bei Barrot Gehör zu finden. Jetzt nach dem 31. Mai benutzte er sofort den günstigen Augenblick und ließ seine Minister eine Civilliste von drei Millionen in der Nationalversammlung beantragen. Ein langes abenteuerndes Vagabunden¬ leben hatte ihn mit den entwickeltsten Fühlhörnern begabt, um die schwachen Momente herauszutasten, wo er seinem Bourgeois Geld abpressen durfte. Er trieb förmliche Chantage . Die Nationalversammlung hatte die Volks¬ souveränitat mit seiner Mithülfe und seinem Mitwissen geschändet. Er drohte ihr Verbrechen dem Volksgericht zu denunziren, falls sie nicht den Beutel ziehe und sein Stillschweigen mit drei Millionen jährlich erkaufe. Sie hatte Millionen Franzosen ihres Stimmrechts beraubt. Er verlangte für jeden Cours gesetzten Franzosen einen Cours habenden Franken, genaudrei onen Francs. Er, der Erwählte von sechs Millionen, fordert Schaden¬ für die Stimmen, um die man ihn nachträglich geprellt habe. mission der Nationalversammlung wies den Zudringlichen ab. partistische Presse drohte. Konnte die Nationalversammlung n identen der Republik brechen in einem Augenblicke, wo sieprinzi itiv mit der Masse der Nation gebrochen hatte? Sie verwa jährliche Civilliste, aber sie bewilligte einen einmaligen Zuschuß von 2,60,000 Francs. Sie machte sich so der doppelten Schwäche schuldig, das Geld zu bewilligen und zugleich durch ihren Aerger zu zeigen, daß sie es nur wider¬ willig bewillige. Wir werden später sehen, wozu Bonaparte das Geld brauchte. Nach diesem ärgerlichen Nachspiel, das der Abschaffung des allge¬ meinen Stimmrechts auf dem Fuße folgte, und worin Bonaparte seine, demü¬ thige Haltung während der Krise des März und April mit herausfordernder Unverschämtheit gegen das usurpatorische Parlament vertauschte, vertagt sich die Nationalversammlung für drei Monate, vom 11. August bis 11. No¬ vember. Sie ließ an ihrer Stelle eine Permanenzkommission von 18 Mit¬ gliedern zurück, die keinen Bonapartisten enthielt, wohl aber einige gemäßigte Republikaner. Die Permanenzkommission vom Jahre 1849 hatte nur Männer der Ordnung und Bonapartisten gezählt. Aber damals erklärte, sich die Partei der Ordnung in Permanenz gegen die Revolution. Diesmal erklärte sich die parlamentarische Republik in Permanenz gegen den Präsidenten. Nach dem Gesetze vom 31. Mai stand der Partei der Ordnung nur noch dieser Rival gegenüber. Als die Nationalversammlung im November 1850 wieder zusammentrat, schien statt ihrer bisherigen kleinlichen Plänkeleien mit dem Präsidenten ein großer rücksichtsloser Kampf, ein Kampf der beiden Gewalten auf Leben und Tod unvermeidlich geworden zu sein. Wie im Jahre 1849 war die Partei der Ordnung während der dies¬ jährigen Parlamentsferien in ihre einzelnen Fraktionen aus einander ge¬ gangen, jede beschäftigt mit ihren eignen Restaurationsintriguen, die durch den Tod Louis Philipp's neue Nahrung erhalten hatten. Der Legitimisten¬ könig Heinrich V . hatte sogar ein förmliches Ministerium ernannt, das zu Paris residirte und worin Mitglieder der Permanenzkommission saßen. Bonaparte war also berechtigt, seinerseits Rundreisen durch die französischen Departements zu machen und je nach der Stimmung der Stadt, die e mit seiner Gegenwart beglückte, bald versteckter, bald offener seine eignen R rationspläne auszuplaudern und Stimmen für sich zu werben. Auf diesen Zügen, die der große offizielle Moniteur und die kleinen Privatmoniteure Bonaparte's natürlich als Triumphzüge feiern mußten, war er fortwährend begleitet von Affiliirten der Gesellschaft des 10. Dezember . Diese Gesellschaft datirt vom Jahre 1849. Unter dem Vorwande eine Wohl¬ tätigkeitsgesellschaft zu stiften, war das Pariser Lumpenproletariat ingeheime Sektionen organisirt worden, jede Sektion von bonapartistischen Agenten ge¬ leitet, an der Spitze des Ganzen ein bonapartistischer General. Neben zer¬ rütteten Rou é s mit zweideutigen Subsistenzmitteln und von zweideutiger Her¬ kunft, neben verkommenen und abenteuernden Ablegern der Bourgeoisie, Vagabunden, entlassene Soldaten, entlassene Zuchthaussträflinge, entlaufene Galeerensklaven, Gauner, Gaukler, Lazzaroni, Taschendiebe, Taschenspieler, Spieler, Maquereaus, Bordellhalter, Lastträger, Literaten, Orgeldreher, Lumpensammler, Scherenschleifer, Kesselflicker, Bettler, kurz die ganze unbe¬ stimmte, aufgelöste, hin- und hergeworfene Masse, die die la Bohème nennen; mit diesem ihm verwandten Elemente bildete Bonaparte den Stock der Gesellschaft vom 10. Dezember. „Wohlthätigkeitsgesellschaft“ — in sofern alle Mitglieder gleich Bonaparte das Bedürfniß fühlten, sich auf Kosten der arbeitenden Nation wohlzuthun. Dieser Bonaparte, der sich als Chef des Lumpenproletariats konstituirt, der hier allein in massenhafter Form die Interessen wiederfindet, die er persönlich verfolgt, der in diesem Auswurfe, Abfall, Abhub aller Klassen die einzige Klasse erkennt, auf die er sich unbedingt stützen kann, er ist der wirkliche Bonaparte, der Bonaparte sans phrase . Alter durchtriebener Rou é faßt er das geschichtliche Leben der Völker und die Haupt– und Staatsaktionen derselben als Komödie im ordi¬ närsten Sinne auf, als eine Maskerade, wo die großen Kostüme, Worte und Posituren nur der kleinlichsten Lumperei zur Maske dienen. So bei seinem Zuge nach Straßburg, wo ein eingeschulter Schweizer Geier den napoleonischen Adler vorstellt. Für seinen Einfall in Boulogne steckt er einige Londoner Lakaien in französische Uniform. Sie stellen die Armee vor. In seiner Ge¬ sellschaft vom 10 . Dezember sammelt er 10,000 Lumpenkerls, die das Volk vorstellen müssen, wie Klaus Zettel den Löwen. In einem Augenblicke, wo die Bourgeoisie selbst die vollständigste Komödie spielte, aber in der ernst¬ haftesten Weise von der Welt, ohne irgend eine der pedantischen Bedingungen der französischen dramatischen Etiquette zu verletzen, und selbst halb geprellt, halb überzeugt von der Feierlichkeit ihrer eignen Haupt– und Staatsaktionen, mußte der Abenteurer siegen, der die Komödie platt als Komödie nahm. Erst wenn er seinen feierlichen Gegner beseitigt hat, wenn er nun selbst seine kaiser¬ liche Rolle im Ernste nimmt und mit der napoleonischen Maske den wirklichen Napoleon vorzustellen meint, wird er das Opfer seiner eignen Weltanschauung, der ernsthafte Hanswurst, der nicht mehr die Weltgeschichte als eine Komödie, sondern seine Komödie als Weltgeschichte nimmt. Was für die sozialistischen 4 Arbeiter die Nationalateliers, was für die Bourgeois–Republikaner die Gardes ¬ mobiles , das war für Bonaparte die Gesellschaft vom 10. Dezember, die ihnr eigenthümliche Parteistreitkraft. Auf seinen Reisen mußten die auf der Eisen¬ bahn verpackten Abtheilungen derselben ihm ein Publikum improvisiren, den öffentlichen Enthusiasmus aufführen, vive l'Emperenr heulen, die Republi¬ kaner insultiren und durchprügeln, natürlich unter dem Schutze der Polizei. Auf seinen Rückfahrten nach Paris mußten sie die Avantgarde bilden, Gegen¬ demonstrationen zuvorkommen oder sie auseinanderjagen. Die Gesellschaft vom 10 . Dezember gehörte ihm, sie war sein Wert, sein eigenster Gedanke. Was er sich sonst aneignet, gibt ihm die Macht der Verhältnisse anheim, was er sonst thut, thun die Verhältnisse für ihn oder begnügt er sich von den Thaten Andrer zu kopiren; aber er, mit den offiziellen Redensarten der Ord¬ nung, der Religion, der Familie, des Eigenthums öffentlich vor den Bürgern, hinter ihm die geheime Gesellschaft der Schufterles und der Spiegelbergs, die Gesellschaft der Unordnung, der Prostitution und des Diebstahls, das ist Bo¬ naparte selbst als Originalautor und die Geschichte der Gesellschaft des 10 . Dezember ist seine eigne Geschichte. Es hatte sich nun ausnahmsweise ereignet, daß der Ordnungspartei angehörige Volksrepräsentanten unter die Stöcke der Dezembristen geriethen. Noch mehr. Der der Nationalver¬ sammlung zugewiesene, mit der Bewachung ihrer Sicherheit beauftragte Po¬ lizeikommissär Yon zeigte auf die Aussage eines gewissen Alais hin der Per¬ manenzkommission an, eine Sektion der Dezembristen habe die Ermor¬ dung des Generals Changarnier und Dupin's, des Präsidenten der National¬ versammlung, beschlossen und zu deren Vollstreckung schon die Individuen bestimmt. Man begreift den Schreck des Herrn Dupin. Eine parlamentarische Enqu ê te über die Gesellschaft vom 10 . Dezember, d. h. die Profanirung der bonaparte'schen Geheimwelt, schien unvermeidlich. Grade vor dem Zusammen¬ tritt der Nationalversammlung löste Bonaparte vorsorglich seine Gesellschaft auf, natürlich nur auf dem Papiere, denn noch Ende 1851 suchte der Polizeipräfect Carlier in einem ausführlichen Memoire ihn vergeblich zur wirklichen Aus¬ einanderjagung der Dezembristen zu bewegen. Die Gesellschaft vom 10 . Dezember sollte so lange die Privatarmee Bonaparte's bleiben, bis es ihm gelang, die öffentliche Armee in eine Gesell¬ schaft vom 10 . Dezember zu verwandeln. Bonaparte machte hierzu den ersten Versuch kurz nach Vertagung der Nationalversammlung, und zwar mit dem eben ihr abgetrotzten Gelde. Als Fatalist lebt er der Ueberzeugung, daß es gewisse höhere Mächte gibt, denen der Mensch und insbesondere der Soldat nicht widerstehen kann. Unter diese Mächte zählt er in erster Linie Cigarre und Champagner, kaltes Geflügel und Knoblauchswurst. Er traktirte daher in den Gemächern des Elys é e zunächst Offiziere und Unteroffiziere mit Cigarre und Champagner, mit kaltem Geflügel und Knoblauchswurst. Am 3. Oktober wiederholt er dieses Manöver mit den Truppenmassen bei der Revue von St. Maur und am 10. October dasselbe Manöver auf noch größerer Stufen¬ leiter bei der Armeeschau von Satory. Der Onkel erinnerte sich der Feld¬ züge Alexander's in Asien, der Neffe der Eroberungszüge des Bacchus in dem¬ selben Lande. Alexander war allerdings ein Halbgott, aber Bacchus war ein Gott und dazu der Schutzgott der Gesellschaft vom 10. Dezember. Nach der Revue vom 3. Oktober lud die Permanenzkommission den Kriegsminister d'Hautpoul vor sich. Er versprach, jene Disziplinarwidrig¬ keiten sollten sich nicht wiederholen. Man weiß, wie Bonaparte am 10. Ok¬ tober d'Hautpoul's Wort hielt. In beiden Revuen hatte Changarnier kom¬ mandirt als Oberbefehlshaber der Armee von Paris. Er, zugleich Mitglied der Permanenzkommission, Chef der Nationalgarde, „Retter“ vom 29. Ja¬ nuar und 13. Juni, „Bollwerk der Gesellschaft,“ Candidat der Ordnungs¬ partei für die Präsidentenwürde, der geahnte Monk zweier Monarchien, hatte bisher nie seine Unterordnung unter den Kriegsminister anerkannt, die repu¬ blikanische Konstitution stets offen verhöhnt, Bonaparte mit einer zweideutig vornehmen Protektion verfolgt. Jetzt eiferte er für die Disziplin gegen den Kriegsminister und für die Konstitution gegen Bonaparte. Während am 10. Oktober ein Theil der Kavallerie den Ruf „ vive Napoleon! vivent les sau¬ cissons! “ ertönen ließ, veranstaltete Changarnier, daß wenigstens die unter dem Kommando seines Freundes Neumeyer vorbeidefilirende Infanterie ein eisiges Stillschweigen beobachtete. Zur Strafe entsetzte der Kriegsminister auf Bonaparte's Antrieb den General Neumeyer seines Postens in Paris, unter dem Vorwand, ihn als Obergeneral der 14. und 15. Militärdivision zu bestallen, Neumeyer schlug diesen Stellenwechsel aus und mußte so seine Entlassung nehmen. Changarnier seinerseits veröffentlichte am 2. November eine Tagesordnung, worin er den Truppen verbot, politische Ausrufungen und Demonstrationen irgend einer Art sich unter den Waffen zu erlauben. Die elyseischen Blätter griffen Changarnier an, die Blätter der Ordnungs¬ partei Bonaparte, die Permanenzkommission wiederholte geheime Sitzungen, worin wiederholt beantragt wurde, das Vaterland in Gefahr zu erklären, die 4* Armee schien in zwei feindliche Lager getheilt mit zwei feindlichen General¬ stäben, der eine im Elys é e, wo Bonaparte, der andere in den Tuilerien, wo Changarnier hauste. Es schien nur des Zusammentritts der Nationalver¬ sammlung zu bedürfen, damit das Signal zum Kampfe erschalle. Das fran¬ zösische Publikum beurtheilte diese Reibungen zwischen Bonaparte und Chan¬ garnier wie jener englische Journalist, der sie mit folgenden Worten charak¬ terisirt hat: „Die politischen Hausmägde Frankreichs kehren die glühende Lava der Revolution mit alten Besen weg, und keifen sich aus, während sie ihre Arbeit verrichten.“ Unterdeß beeilte sich Bonaparte, den Kriegsminister d'Hautpoul zu ent¬ setzen, ihn Hals über Kopf nach Algier zu spediren und an seine Stelle General Schramm zum Kriegsminister zu ernennen. Am 12. November sandte er der Nationalversammlung eine Botschaft von amerikanischer Weitläufigkeit, überladen mit Details, ordnungsduftend, versöhnungslüstern, konstitutionell¬ resignirt, von Allem und Jedem handelnd, nur nicht von den questions brûlantes des Augenblickes. Wie im Vorbeigehen ließ er die Worte fallen, daß den ausdrücklichen Bestimmungen der Konstitution gemäß der Präsident allein über die Armee verfüge. Die Botschaft schloß mit folgenden hochbe¬ theuernden Worten: „ Frankreich verlangt vor allem Andern Ruhe . . . . Allein durch einen Eid gebunden , werde ich mich inner¬ halb der engen Grenzen halten , die er mir gezogen hat . . . . Was mich betrifft, vom Volke erwählt, und ihm allein meine Macht schuldend, ich werde mich stets seinem gesetzlich ausgedrückten Willen fügen. Beschließt Ihr in dieser Sitzung die Revision der Konstitution, so wird eine konstituirende Versammlung die Stellung der Exekutivgewalt regeln. Wo nicht, so wird das Volk 1852 feierlich seinen Entschluß verkünden. Was aber immer die Lösungen der Zukunft sein mögen, laßt uns zu einem Verständniß kommen, damit niemals Leidenschaft, Ueberraschung oder Gewalt über das Schicksal einer großen Nation entscheiden . . . . Was vor Allem meine Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, ist nicht, zu wissen, wer 1852 über Frankreich regieren wird, sondern die Zeit, die zu meiner Verfügung steht, so zu verwenden, daß die Zwischenperiode ohne Agitation und Störung vorübergehe. Ich habe mit Aufrichtigkeit mein Herz vor Euch eröffnet, Ihr werdet meiner Offenheit mit Eurem Vertrauen antworten, meinem guten Streben durch Eure Mitwirkung, und Gott wird das Uebrige thun.“ Die honette, heuchlerisch gemäßigte, tugendhaft gemeinplätzliche Sprache der Bourgeoisie offenbart ihren tiefsten Sinn im Munde des Selbstherrschers der Gesellschaft vom 10. Dezember und des Piknikhelden von St. Maur und Satory. Die Burggrafen der Ordnungspartei täuschten sich keinen Augenblick über das Vertrauen, das diese Herzenseröffnung verdiene. Ueber Eide waren sie längst blasirt, sie zählten Veteranen, Virtuosen des politischen Meineids in ihrer Mitte, sie hatten die Stelle über die Armee nicht überhört. Sie bemerkten mit Unwillen, daß die Botschaft in der weitschweifigen Aufzählung der jüngst erlassenen Gesetze das wichtigste Gesetz, das Wahlgesetz, mit affek¬ tirtem Stillschweigen überging und vielmehr im Falle der Nichtrevision der Verfassung die Wahl des Präsidenten für 1852 dem Volke anheimstellte. Das Wahlgesetz war die Bleikugel an den Füßen der Ordnungspartei, die sie am Gehen verhinderte und nun gar am Stürmen! Zudem hatte Bona¬ parte durch die amtliche Auflösung der Gesellschaft vom 10. Dezember und die Entlassung des Kriegsministers d'Hautpoul die Sündenböcke mit eigener Hand auf dem Altar des Vaterlandes geopfert. Er hatte der erwarteten Kollision die Spitze abgebrochen. Endlich suchte die Ordnungspartei selbst ängstlich jeden entscheidenden Conflikt mit der Exekutivgewalt zu umgehen, abzuschwächen, zu vertuschen. Aus Furcht, die Eroberungen über die Revo¬ lution zu verlieren, ließen sie ihren Rivalen die Früchte derselben gewinnen. „Frankreich verlangt vor allem Andern Ruhe.“ So rief die Ordnungspartei der Revolution seit Februar zu, so rief Bonaparte's Botschaft der Ordnungs¬ partei zu. „Frankreich verlangt vor Allem Ruhe.“ Bonaparte beging Hand¬ lungen, die auf Usurpation hinzielten, aber die Ordnungspartei beging die „Unruhe“ wenn sie Lärm über diese Handlungen schlug und sie hypochon¬ drisch auslegte. Die Würste von Satory waren mausstill, wenn Niemand von ihnen sprach. „Frankreich verlangt vor Allem Ruhe.“ Also verlangte Bonaparte, daß man ihn ruhig gewähren lasse, und die parlamentarische Par¬ tei war von doppelter Furcht gelähmt, von der Furcht die revolutionäre Un¬ ruhe wieder heraufzubeschwören, von der Furcht selbst als der Unruhstifter in den Augen ihrer eignen Klasse, in den Augen der Bourgeoisie zu erscheinen. Da Frankreich also vor allem Andern Ruhe verlangte, wagte die Ordnungs¬ partei nicht, nachdem Bonaparte in seiner Botschaft „Frieden“ gesprochen hatte, „Krieg“ zu antworten. Das Publikum, das sich mit großen Skandal¬ scenen bei Eröffnung der Nationalversammlung geschmeichelt hatte, wurde in seinen Erwartungen geprellt. Die Oppositionsdeputirten, welche Vorlage der Protokolle der Permanenzkommission über die Oktoberereignisse verlangten, wurden von der Majorität überstimmt. Man floh prinzipiell alle Debatte, die aufregen konnte. Die Arbeiten der Nationalversammlung während No¬ vember und Dezember 1850 waren ohne Interesse. Endlich gegen Ende Dezember begann der Guerillakrieg um einzelne Prärogativen des Parlaments. In kleinlichen Chikanen um die Präroga¬ tive der beiden Gewalten versumpfte die Bewegung, seitdem die Bourgeoisie mit der Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts den Klassenkampf zunächst abgemacht hatte. Gegen Mauguin, einen der Volksrepräsentanten, war Schulden halber ein gerichtliches Urtheil erwirkt worden. Auf Anfrage des Gerichtspräsidenten erklärte der Justizminister Rouher, es sei ohne weitere Umstände ein Verhafts¬ befehl gegen den Schuldner auszufertigen. Mauguin wurde also in den Schuldthurm geworfen. Die Nationalversammlung brauste auf, als sie das Attentat erfuhr. Sie verordnete nicht nur seine sofortige Freilassung, son¬ dern ließ ihn auch noch denselben Abend von ihrem Greffier gewaltsam aus Clichy herausholen. Um jedoch ihren Glauben an die Heiligkeit des Privat¬ eigenthums zu bewähren, und mit dem Hintergedanken, im Nothfall ein Asyl für lästig gewordene Montagnards zu eröffnen, erklärte sie die Schuldhaft von Volksrepräsentanten nach vorheriger Einholung ihrer Erlaubniß für zulässig. Sie vergaß zu dekretiren, daß auch der Präsident Schulden halber eingesperrt werden könne. Sie vernichtete den letzten Schein von Unverletzlichkeit, der die Glieder ihres eigenen Körpers umgab. Man erinnert sich, daß der Polizeikommissär Yon eine Sektion der De¬ zembristen auf Aussage eines gewissen Alais hin wegen Mordplans auf Du¬ pin und Changarnier denunzirt hatte. Gleich in der ersten Sitzung machten die Quästoren mit Bezug hierauf den Vorschlag, eine eigne parlamentarische Polizei zu bilden, besoldet aus dem Privatbudget der Nationalversammlung und durchaus unabhängig von dem Polizeipräfekten. Der Minister des Innern, Baroche, hatte gegen diesen Eingriff in sein Ressort protestirt. Man schloß darauf einen elenden Kompromiß, wonach der Polizeikommissär der Versammlung zwar aus ihrem Privatbudget besoldet und von ihren Quästoren ein- und abgesetzt werden solle, aber nach vorheriger Verständigung mit dem Minister des Innern. Unterdessen war Alais gerichtlich von der Regierung verfolgt worden und hier war es leicht, seine Aussagen als eine Mystifikation darzustellen und durch den Mund des öffentlichen Anklägers einen lächerlichen Schein auf Dupin, Changarnier, Yon und die ganze Nationalversammlung zu werfen. Jetzt, am 29. Dezember, schreibt der Minister Baroche einen Brief an Dupin, worin er die Entlassung Yon's verlangt. Das Bureau der Nationalversammlung beschließt Yon in seiner Stelle zu erhalten, aber die Nationalversammlung, über ihre Gewaltsamkeit in Mauguin's Angelegenheit erschreckt, und gewohnt, wenn sie einen Schlag gegen die Exekutivgewalt ge¬ wagt hat, zwei Schläge von ihr in Austausch zurückzuerhalten, sanktionirt diesen Beschluß nicht. Sie entläßt Yon zur Belohnung seines Diensteifers und beraubt sich einer parlamentarischen Prärogative, unerläßlich gegen einen Menschen, der nicht in der Nacht beschließt, um bei Tage auszuführen, son¬ dern bei Tage beschließt und in der Nacht ausführt. Wir haben gesehn, wie die Nationalversammlung während der Monate November und Dezember bei großen schlagenden Veranlassungen den Kampf mit der Exekutivgewalt umging, niederschlug. Jetzt sehen wir sie gezwungen, ihn bei den kleinlichsten Anlässen aufzunehmen. In der Ange¬ legenheit Mauguin's bestätigt sie dem Prinzipe nach die Schuldhaft der Volks¬ repräsentanten, behält sich aber vor, es nur auf ihr mißliebige Repräsentanten anwenden zu lassen, und um dieses infame Privilegium hadert sie mit dem Justizminister. Statt den angeblichen Mordplan zu benutzen, um eine En¬ qu ê te über die Gesellschaft vom 10. Dezember zu verhängen und Bonaparte in seiner wahren Gestalt als das Haupt des Pariser Lumpenproletariats vor Frankreich und Europa rettungslos bloszustellen, läßt sie die Kollision auf einen Punkt herabsinken, wo es sich zwischen ihr und dem Minister des Innern nur noch darum handelt, zu wessen Kompetenz die Ein- und Absetzung eines Polizeikommissärs gehört. So sehn wir die Partei der Ordnung während dieser ganzen Periode durch ihre zweideutige Stellung gezwungen, ihren Kampf mit der Exekutivgewalt in kleinliche Kompetenzzwiste, Chikanen, Rabulistereien, Grenzstreitigkeiten zu verpuffen, zu verbröckeln und die abgeschmacktesten Form¬ fragen zum Inhalt ihrer Thätigkeit zu machen. Sie wagt die Kollision nicht aufzunehmen in dem Augenblicke, wo sie eine prinzipielle Bedeutung hat, wo die Exekutivgewalt sich wirklich blosgestellt hat und die Sache der Nationalversammlung die nationale Sache wäre. Sie würde dadurch der Nation eine Marschordre ausstellen und sie fürchtet nichts mehr, als daß sich die Nation bewege. Bei solchen Gelegenheiten weist sie daher die Anträge der Montagne zurück und geht zur Tagesordnung über. Nachdem die Streit¬ frage so in ihren großen Dimensionen aufgegeben ist, wartet die Exekutivge¬ walt ruhig den Zeitpunkt ab, wo sie dieselbe bei kleinlich unbedeutenden An¬ lässen wieder aufnehmen kann, wo sie so zu sagen nur noch ein parlamenta¬ risches Lokalinteresse bietet. Dann bricht die verhaltene Wuth der Ordnungs¬ partei aus, dann reißt sie den Vorhang von den Coulissen, dann denunzirt sie den Präsidenten, dann erklärt sie die Republik in Gefahr, aber dann er¬ scheint auch ihr Pathos abgeschmackt und der Anlaß des Kampfes als heuch¬ lerischer Vorwand oder überhaupt des Kampfes nicht werth. Der parlamen¬ tarische Sturm wird zu einem Sturm in einem Glase Wasser, der Kampf zur Intrigue, die Kollision zum Skandal. Während die Schadenfreude der revo¬ lutionären Klassen sich an der Demüthigung der Nationalversammlung weidet, denn sie schwärmen eben so sehr für die parlamentarischen Prärogativen der¬ selben, wie jene Versammlung für die öffentlichen Freiheiten, begreift die Bourgeoisie außerhalb des Parlaments nicht, wie die Bourgeoisie innerhalb des Parlaments ihre Zeit mit so kleinlichen Zänkereien vergeuden und die Ruhe durch so elende Rivalitäten mit dem Präsidenten blosstellen kann. Sie wird verwirrt über eine Strategie, die in dem Augenblicke Frieden schließt, wo alle Welt Schlachten erwartet, und in dem Augenblicke angreift, wo alle Welt den Frieden geschlossen glaubt. Am 20. Dezember interpellirte Pascal Duprat den Minister des Innern über die Goldbarren-Lotterie. Diese Lotterie war eine „Tochter aus Elysium,“ Bonaparte hatte sie mit seinen Getreuen auf die Welt gesetzt und der Polizei¬ präfekt Carlier sie unter seine offizielle Protektion gestellt, obgleich das fran¬ zösische Gesetz alle Lotterien mit Ausnahme der Verloosung zu wohlthä¬ tigen Zwecken untersagt. Sieben Millionen Loose, Stück für Stück ein Frank, der Gewinn angeblich bestimmt zur Verschiffung von Pariser Vaga¬ bunden nach Kalifornien. Einerseits sollten goldene Träume die sozialistischen Träume des Pariser Proletariats verdrängen, die verführerische Aussicht auf das große Loos das doktrinäre Recht auf Arbeit. Die Pariser Arbeiter er¬ kannten natürlich in dem Glanze der kalifornischen Goldbarren die unschein¬ baren Franken nicht wieder, die man ihnen aus der Tasche lockte. In der Hauptsache aber handelte es sich um eine direkte Prellerei. Die Vagabunden, die kalifornische Goldminen eröffnen wollten, ohne sich aus Paris wegzube¬ mühn, waren Bonaparte selbst und seine schuldenzerrüttete Tafelrunde. Die von der Nationalversammlung bewilligten drei Millionen waren verjubelt, die Kasse mußte auf eine oder die andre Weise wieder gefüllt werden, Ver¬ gebens hatte Bonaparte zur Errichtung von sogenannten cites ouvrières eine Nationalsubscription eröffnet, an deren Spitze er selbst mit einer bedeutenden Summe figurirte. Die hartherzigen Bourgeois warteten mißtrauisch die Ein¬ zahlung seiner Aktie ab, und da diese natürlich nicht erfolgte, fiel die Speku¬ lation auf die sozialistischen Luftschlösser platt zu Boden. Die Goldbarren zogen besser. Bonaparte und Genossen begnügten sich nicht damit, den Ueber¬ schuß der sieben Millionen über die auszuspielenden Barren theilweise in die Tasche zu stecken, sie fabrizirten falsche Loose, sie gaben auf dieselbe Nummer 10, funfzehn bis zwanzig Loose aus, Finanzoperation im Geiste der Gesell¬ schaft vom 10 . Dezember! Hier hatte die Nationalversammlung nicht den fiktiven Präsidenten der Republik sich gegenüber, sondern den Bonaparte in Fleisch und Blut. Hier konnte sie ihn auf der That ertappen im Konflikte nicht mit der Konstitution, sondern mit dem Code pénal . Wenn sie auf Duprat's Interpellation zur Tagesordnung überging, geschah es nicht nur, weil Girardin's Antrag sich für „ satisfait “ zu erklären, der Ordnungspartei ihre systematische Korruption in's Gedächtniß rief. Der Bourgeois, und vor Allem der zum Staatsmann aufgeblähte Bourgeois ergänzt seine praktische Gemeinheit durch eine theoretische Ueberschwenglichkeit. Als Staatsmann wird er wie die Staatsgewalt, die ihm gegenübersteht, ein höheres Wesen, das nur in höherer, geweihter Weise bekämpft werden kann. Bonaparte, der eben als Bohémien , als prinzlicher Lumpenproletarier den Vorzug vor dem schuftigen Bourgeois hatte, daß er den Kampf gemein führen konnte, sah nun, nachdem die Versammlung selbst ihn über den schlüpf¬ rigen Boden der Militärbanquets, der Revuen, der Gesellschaft vom 10. De¬ zember und endlich des Code pénal mit eigner Hand hinübergeleitet hatte, den Augenblick gekommen, wo er aus der scheinbaren Defensive in die Offen¬ sive übergehn konnte. Wenig genirten ihn die mitten durch spielenden kleinen Niederlagen des Justizministers, des Kriegsministers, des Marineministers, des Finanzministers, wodurch die Nationalversammlung ihr knurriges Mi߬ vergnügen kundgab. Er verhinderte nicht nur die Minister abzutreten und so die Unterwerfung der Exekutivgewalt unter das Parlament anzuerkennen. Er konnte nun vollbringen, womit er während der Ferien der Nationalver¬ sammlung begonnen hatte, die Losreißung der Mililärgewalt vom Parlamente, die Absetzung Changarnier's . Ein elyseisches Blatt veröffentlichte einen Tagesbefehl, während des Monats Mai angeblich an die erste Militärdivision gerichtet, also von Chan¬ garnier ausgehend, worin den Offizieren empfohlen wurde, im Falle einer Empörung den Verräthern in ihren eignen Reihen kein Quartier zu geben, sie sofort zu erschießen und der Nationalversammlung die Truppen zu ver¬ weigern, wenn sie dieselben requiriren sollte. Am 3. Januar 1851 wurde das Kabinet über diesen Tagesbefehl interpellirt. Es verlangt zur Prüfung dieser Angelegenheit erst drei Monate, dann eine Woche, endlich nur vier und zwanzig Stunden Bedenkzeit. Die Versammlung besteht auf sofortigem Auf¬ schlusse. Changarnier erhebt sich und erklärt, daß dieser Tagesbefehl nie existirt habe. Er fügt hinzu, daß er sich stets beeilen werde, den Aufforde¬ rungen der Nationalversammlung nachzukommen, und daß sie in einem Kolli¬ sionsfalle auf ihn rechnen könne. Sie empfängt seine Erklärung mit unaus¬ sprechlichem Applaus und dekretirt ihm ein Vertrauensvotum. Sie dankt ab, sie dekretirt ihre eigne Machtlosigkeit und die Allmacht der Armee, indem sie sich unter die Privatprotektion eines Generals begibt, aber der General täuscht sich, wenn er ihr gegen Bonaparte eine Macht zu Gebot stellt, die er nur als Lehen von demselben Bonaparte hält, wenn er seinerseits Schutz von diesem Parlamente, von seinem schutzbedürftigen Schützlinge erwartet. Aber Chan¬ garnier glaubt an die mysteriöse Macht, womit ihn die Bourgeoisie seit dem 29. Januar 1849 ausgestattet. Er hält sich für die dritte Gewalt neben den beiden übrigen Staatsgewalten. Er theilt das Schicksal der übrigen Helden oder vielmehr Heiligen dieser Epoche, deren Größe eben in der inter¬ essirten großen Meinung besteht, die ihre Partei von ihnen aufbringt, und die in Alltagsfiguren zusammenfallen, sobald die Verhältnisse sie einladen Wunder zu verrichten. Der Unglaube ist überhaupt der tödtliche Feind dieser vermeinten Helden und wirklichen Heiligen. Daher ihre würdevoll-sittliche Entrüstung über die enthusiasmusarmen Witzlinge und Spötter. An demselben Abende wurden die Minister nach dem Elys é e beschieden, Bonaparte dringt auf die Absetzung Changarnier's, fünf Minister weigern sich sie zu zeichnen, der Moniteur kündigt eine Ministerkrise an und die Ord¬ nungspresse droht mit der Bildung einer parlamentarischen Armee unter dem Kommando Changarnier's. Die Partei der Ordnung hatte die konstitutio¬ nelle Befugniß zu diesem Schritte. Sie brauchte blos Changarnier zum Präsi¬ denten der Nationalversammlung zu ernennen und eine beliebige Truppen¬ masse zu ihrer Sicherheit zu requiriren. Sie konnte es um so sicherer, als Changarnier noch wirklich an der Spitze der Armee und der Pariser National¬ garde stand, und nur darauf lauerte, mitsammt der Armee requirirt zu wer¬ den. Die bonapartistische Presse wagte noch nicht einmal das Recht der Nationalversammlung zu direkter Requisition der Truppen in Frage zu stellen, ein juristischer Skrupel, der unter den gegebenen Verhältnissen keinen Erfolg versprach. Daß die Armee dem Befehle der Nationalversammlung gehorcht hätte, ist wahrscheinlich, wenn man erwägt, daß Bonaparte acht Tage in ganz Paris suchen mußte, um endlich zwei Generale zu finden — Baraguay d'Hil¬ liers und St. Jean d'Angely —, die sich bereit erklärten, die Absetzung Changarnier's zu kontrasigniren. Daß die Ordnungspartei in ihren eignen Reihen und im Parlamente die zu einem solchen Beschlusse nöthige Stimmen¬ zahl gefunden hätte, ist mehr als zweifelhaft, wenn man bedenkt, daß acht Tage später 286 Stimmen sich von ihr trennten, und daß die Montagne einen ähnlichen Vorschlag noch im Dezember 1851, in der letzten Stunde der Entscheidung, verwarf. Indessen wäre es vielleicht den Burggrafen jetzt noch gelungen, die Masse ihrer Partei zu einem Heroismus hinzureißen, der darin bestand, sich hinter einem Walde von Bajonnetten sicher zu fühlen und den Dienst einer Armee anzunehmen, die in ihr Lager desertirt war. Statt dessen begaben sich die Herren Burggrafen am Abende des 6. Januar in's Elys é e, um durch staatskluge Wendungen und Bedenken Bonaparte von der Absetzung Changarnier's abstehn zu machen. Wen man zu überreden sucht, den erkennt man als den Meister der Situation an. Bonaparte, durch diesen Schritt sicher gemacht, ernennt am 12. Januar ein neues Ministerium, worin die Führer des alten, Fould und Baroche, verbleiben. St. Jean d'Angely wird Kriegsminister, der Moniteur bringt das Absetzungsdekret Changarnier's, sein Kommando wird getheilt unter Baraguay d'Hilliers, der die erste Militär¬ division, und Perrot, der die Nationalgarde erhält. Das Bollwerk der Ge¬ sellschaft ist abgedankt, und wenn kein Stein darüber vom Dache fällt, steigen dagegen die Börsenkurse. Indem sie die Armee, die sich ihr in Changarnier's Person zur Ver¬ fügung stellt, zurückstößt und so unwiderruflich dem Präsidenten überant¬ wortet, erklärt die Ordnungspartei, daß die Bourgeoisie den Beruf zum Herrschen verloren hat. Es existirte bereits kein parlamentarisches Ministe¬ rium mehr. Indem sie nun noch die Handhabe der Armee und Nationalgarde verlor, welches Gewaltmittel blieb ihr, um gleichzeitig die usurpirte Gewalt des Parlaments über das Volk und seine konstitutionelle Gewalt gegen den Präsidenten zu behaupten? Keins. Es blieb ihr nur noch der Appell an gewaltlose Prinzipien, die sie selbst stets nur als allgemeine Regeln ausgelegt hatte, die man Dritten vorschreibt, um sich selbst desto freier bewegen zu können. Mit der Absetzung Changarnier's, mit dem Anheimfall der Mi¬ litärgewalt an Bonaparte, schließt der erste Abschnitt der Periode, die wir betrachten, der Periode des Kampfes zwischen der Ordnungspartei und der Exekutivgewalt. Der Krieg zwischen den beiden Gewalten ist jetzt offen erklärt, wird offen geführt, aber erst nachdem die Ordnungspartei Waffen und Sol¬ daten verloren hat. Ohne Ministerium, ohne Armee, ohne Volk, ohne öffent¬ liche Meinung, seit ihrem Wahlgesetz vom 31 . Mai nicht mehr die Repräsen¬ tantin der souveränen Nation, ohn' Aug, ohn' Ohr, ohn' Zahn, ohn' Alles, hatte sich die Nationalversammlung allgemach in ein altfranzösisches Parlament verwandelt, das die Aktion der Regierung überlassen und sich selbst mit knurrenden Remonstrationen post festum begnügen muß. Die Ordnungspartei empfängt das neue Ministerium mit einem Sturme der Entrüstung. General Bedeau ruft die Milde der Permanenzkommission während der Ferien in's Gedächtniß zurück und die übergroße Rücksicht, wo¬ mit sie auf die Veröffentlichung ihrer Protokolle verzichtet habe. Der Minister des Innern besteht nun selbst auf Veröffentlichung dieser Protokolle, die jetzt natürlich schaal wie abgestandenes Wasser geworden sind, keine neue Thatsache enthüllen und ohne die geringste Wirkung in das blasirte Publikum fallen. Auf Remusat's Vorschlag zieht sich die Nationalversammlung in ihre Bureaux zurück und ernennt ein „Komit é außerordentlicher Maßregeln.“ Paris tritt um so weniger aus dem Geleise seiner alltäglichen Ordnung, als der Handel in diesem Augenblicke prosperirt, die Manufakturen beschäftigt sind, die Ge¬ treidepreise niedrig stehn, die Lebensmittel überfließen, die Sparkassen täglich neue Depositen erhalten. Die „anßerordentlichen Maßregeln,“ die das Par¬ lament so geräuschvoll angekündigt hat, verpuffen am 18 . Januar in ein Mißtrauensvotum gegen die Minister, ohne daß General Changarnier auch nur erwähnt wurde. Die Ordnungspartei war zu dieser Fassung ihres Vo¬ tums gezwungen, um sich die Stimmen der Republikaner zu sichern, da diese von allen Maßregeln des Ministeriums gerade nur die Absetzung Changar¬ nier's billigen, während die Ordnungspartei in der That die übrigen ministe¬ riellen Akte nicht tadeln kann, die sie selbst diktirt hatte. Für das Mißtrauensvotum vom 18 . Januar entschieden 415 gegen 286 Stimmen. Es wurde also nur durchgesetzt durch eine Koalition der entschiedenen Legitimisten und Orleanisten mit den reinen Republikanern und der Montagne. Es bewies also, daß die Partei der Ordnung nicht nur das Ministerium, nicht nur die Armee, sondern in Konflikten mit Bonaparte auch ihre selbstständige parlamentarische Majorität verloren hatte, daß ein Trupp von Repräsentanten aus ihrem Lager desertirt war, aus Vermittlungsfana¬ tismus, aus Furcht vor dem Kampfe, aus Abspannung, aus Familienrücksicht für blutverwandte Staatsgehalte, aus Spekulation auf frei werdende Minister¬ posten (Odilon Barrot), aus dem platten Egoismus, womit der gewöhnliche Bourgeois stets geneigt ist, das Gesammtinteresse seiner Klasse diesem oder jenem Privatmotive zu opfern. Die bonapartistischen Repräsentanten gehörten von vornherein der Ordnungspartei nur im Kampfe gegen die Revolution. Der Chef der katholischen Partei, Montalembert, warf seinen Einfluß schon damals in die Wagschale Bonaparte's, da er an der Lebensfähigkeit der par¬ lamentarischen Partei verzweifelte. Die Führer dieser Partei endlich, Thiers und Berryer, der Orleanist und Legitimist, waren gezwungen, sich offen als Republikaner zu proklamiren, zu bekennen, daß ihr Herz königlich, aber ihr Kopf republikanisch gesinnt, daß die parlamentarische Republik die einzig mög¬ liche Form für die Herrschaft der Gesammtbourgeoisie sei. Sie waren so gezwungen, die Restaurationspläne, die sie unverdrossen hinter dem Rücken des Parlaments weiter verfolgten, vor den Augen der Bourgeoisklasse selbst als eine eben so gefahrvolle wie kopflose Intrigue zu brandmarken. Das Mißtrauensvotum vom 18. Januar traf die Minister und nicht den Präsidenten. Aber nicht das Ministerium, der Präsident hatte Changarnier abgesetzt. Sollte die Ordnungspartei Bonaparte selbst in Anklagezustand versetzen? Wegen seiner Restaurationsgelüste? Sie ergänzten nur ihre eignen. Wegen seiner Konspiration in den Militärrevuen und der Gesellschaft vom 10. Dezember? Sie hatten diese Themata längst unter einfachen Tages¬ ordnungen begraben. Wegen der Absetzung des Helden vom 29. Januar und vom 13. Juni, des Mannes, der Mai 1850 im Falle einer Emeute Paris an allen vier Ecken in Brand zu stecken drohte? Ihre Alliirten von der Montagne und Cavaignac erlaubten ihnen nicht einmal, das gefallene Bollwerk der Gesellschaft durch eine offizielle Beileidsbezeugung aufzurichten. Sie selbst konnten dem Präsidenten die konstitutionelle Befugniß einen Ge¬ neral abzusetzen nicht bestreiten. Sie tobten nur, weil er von seinem konsti¬ tutionellen Rechte einen unparlamentarischen Gebrauch machte. Hatten sie von ihrer parlamentarischen Prärogative nicht fortwährend einen unkonstitu¬ tionellen Gebrauch gemacht und namentlich bei der Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts? Sie waren also darauf angewiesen, sich genau innerhalb der parlamentarischen Schranken zu bewegen. Und es gehörte jene eigenthümliche Krankheit dazu, die seit 1848 auf dem ganzen Kontinent grassirt hat, der parlamentarische Kretinismus , der die Angesteckten in eine einge¬ bildete Welt festbannt und ihnen allen Sinn, alle Erinnerung, alles Ver¬ ständniß für die rauhe Außenwelt raubt, dieser parlamentarische Kretinismus gehörte dazu, wenn sie, die alle Bedingungen der parlamentarischen Macht mit eignen Händen zerstört hatten und in ihrem Kampfe mit den andern Klassen zerstören mußten, ihre parlamentarischen Siege noch für Siege hielten und den Präsidenten zu treffen glaubten, indem sie auf seine Minister schlugen. Sie gaben ihm nur Gelegenheit, die Nationalversammlung von Neuem in den Augen der Nation zu demüthigen. Am 20. Januar meldete der Moni¬ teur, daß die Entlassung des Gesammtministeriums angenommen sei. Unter dem Vorwande, daß keine parlamentarische Partei mehr die Majorität besitze, wie das Votum vom 18. Januar, diese Frucht der Koalition zwischen Mon¬ tagne und Royalisten beweise, und um die Neubildung einer Majorität abzu¬ warten, ernannte Bonaparte ein sogenanntes Uebergangsministerium, wovon kein Mitglied dem Parlamente angehörte, lauter durchaus unbekannte und bedeutungslose Individuen, ein Ministerium von bloßen Kommis und Schrei¬ bern. Die Ordnungspartei konnte sich jetzt im Spiele mit diesen Marionetten abarbeiten, die Exekutivgewalt hielt es nicht mehr der Mühe werth, ernsthaft in der Nationalversammlung vertreten zu sein. Bonaparte konzentrirte um so sichtbarer die ganze Exekutivgewalt in seiner Person, er hatte um so freiern Spielraum, sie zu seinen Zwecken auszubeuten, je mehr seine Minister reine Statisten waren. Die mit der Montagne koalisirte Ordnungspartei rächte sich, indem sie die präsidentielle Dotation von 1,800,000 Frcs. verwarf, zu deren Vorlage das Haupt der Gesellschaft vom 10. Dezember seine ministeriellen Kommis gezwungen hatte. Diesmal entschied eine Majorität von nur 102 Stimmen, es waren also seit dem 18. Januar neuerdings 27 Stimmen abgefallen, die Auflösung der Ordnungspartei ging voran. Damit man sich keinen Augen¬ blick über den Sinn ihrer Koalition mit der Montagne täusche, verschmähte sie gleichzeitig einen von 189 Mitgliedern der Montagne unterzeichneten An¬ trag auf allgemeine Amnestie der politischen Verbrecher auch nur in Betracht zu ziehen. Es genügte, daß der Minister des Innern, ein gewisser Baiss é , erklärte, die Ruhe sei nur scheinbar, im Geheimen herrsche große Agitation, im Geheimen organisirten sich allgegenwärtige Gesellschaften, die demokratischen Blätter machten Anstalten um wieder zu erscheinen, die Berichte aus den De¬ partements lauteten ungünstig, die Flüchtlinge von Genf leiteten eine Ver¬ schwörung über Lyon durch ganz Südfrankreich, Frankreich stehe am Rande einer industriellen und kommerziellen Krise, die Fabrikanten von Roubaix hätten die Arbeitszeit vermindert, die Gefangenen von Belle Isle sich empört — es genügte, daß selbst nur ein Vaiss é das rothe Gespenst heraufbeschwor, damit die Partei der Ordnung ohne Diskussion einen Antrag verwarf, der der Nationalversammlung eine ungeheure Popularität erobern und Bonaparte in ihre Arme zurückwerfen mußte. Statt sich von der Exekutivgewalt durch die Perspektive neuer Unruhen einschüchtern zu lassen, hätte sie vielmehr dem Klassenkampf einen kleinen Spielraum gewähren müssen, um die Exekutive von sich abhängig zu erhalten. Aber sie fühlte sich nicht der Aufgabe gewachsen, mit dem Feuer zu spielen. Unterdessen vegetirte das sogenannte Uebergangsministerium bis Mitte April fort. Bonaparte ermüdete, foppte die Nationalversammlung mit be¬ ständig neuen Ministerkombinationen. Bald schien er ein republikanisches Ministerium bilden zu wollen mit Lamartine und Billault, bald ein parla¬ mentarisches mit dem unvermeidlichen Odilon Barrot, dessen Name nie fehlen darf, wenn ein Dupe nothwendig ist, bald ein legitimistisches mit Vatismenil und Benoist d'Azy, bald ein orleanistisches mit Malleville. Während er so die verschiedenen Fraktionen der Ordnungspartei in Spannung gegen ein¬ ander erhält und sie insgesammt mit der Aussicht auf ein republikanisches Ministerium und die dann unvermeidlich gewordene Herstellung des allge¬ meinen Wahlrechts ängstet, bringt er gleichzeitig bei der Bourgeoisie die Ueber¬ zeugung hervor, daß seine aufrichtigen Bemühungen um ein parlamentarisches Ministerium an der Unversöhnlichkeit der royalistischen Fraktionen scheitern. Die Bourgeoisie schrie aber um so lauter nach einer „starken Regierung,“ sie fand es um so unverzeihlicher, Frankreich „ohne Administration“ zu lassen, jemehr eine allgemeine Handelskrise nun im Anmarsche schien und in den Städten für den Sozialismus warb, wie der ruinirend niedrige Preis des Getreides auf dem Lande. Der Handel wurde täglich flauer, die unbeschäf¬ tigten Hände vermehrten sich zusehends, in Paris waren wenigstens 10,000 Arbeiter brodlos, in Rouen, Mühlhausen, Lyon, Roubaix, Tourcoing, St. Etienne, Elbeuf u. s. w. standen zahllose Fabriken still. Unter diesen Um¬ ständen konnte Bonaparte es wagen, am 11 . April das Ministerium vom 18 . Januar zu restauriren. Die Herren Rouher, Fould, Baroche ꝛc. verstärkt durch Herrn L é on Faucher, den die constituirende Versammlung während ihrer letzten Tage einstimmig mit Ausnahme von fünf Ministerstimmen wegen Verbreitung falscher telegraphischer Depeschen mit einem Mißtrauensvotum gebrandmarkt hatte. Die Nationalversammlung hatte also am 18. Januar einen Sieg über das Ministerium davongetragen, sie hatte während drei Monaten mit Bonaparte gekämpft, damit am 11. April Fould und Baroche den Puritaner Faucher als Dritten in ihren ministeriellen Bund auf¬ nehmen konnten. November 1849 hatte sich Bonaparte mit einem unparlamen¬ tarischen Ministerium begnügt, Januar 1851 mit einem außerpar¬ lamentarischen , am 11. April fühlte er sich stark genug, ein anti¬ parlamentarisches Ministerium zu bilden, das die Mißtrauensvota beider Versammlungen, der Konstituante und der Legislativen, der republi¬ kanischen und der royalistischen, harmonisch in sich vereinigte. Diese Stufen¬ leiter von Ministerien war der Thermometer, woran das Parlament die Abnahme der eignen Lebenswärme messen konnte. Diese war Ende April so tief genug gesunken, daß Persigny den Changarnier in einer persönlichen Zu¬ sammenkunft auffordern konnte, in das Lager des Präsidenten überzugehn, Bonaparte, versicherte er ihm, betrachte den Einfluß der Nationalversamm¬ lung als vollständig vernichtet und schon liege die Proklamation bereit, die nach dem beständig beabsichtigten, aber zufällig wieder aufgeschobenen coup d'état veröffentlicht werden solle. Changarnier theilte den Führern der Ordnungspartei die Todesanzeige mit, aber wer glaubt, daß der Biß von Wanzen tödte? Und das Parlament, so geschlagen, so aufgelöst, so sterbefaul es war, konnte sich nicht überwinden, in dem Duelle mit dem grotesken Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember etwas Andres zu sehen, als das Duell mit einer Wanze. Aber Bonaparte antwortete der Partei der Ordnung wie Agesilaus dem Könige Agis: „ Ich scheine Dir Ameise , aber ich werde einmal Löwe sein .“ VI. Die Koalition mit der Montagne und den reinen Republikanern, wozu die Ordnungspartei in ihren vergeblichen Anstrengungen den Besitz der Militärgewalt zu behaupten und die oberste Leitung der Exekutivgewalt wie¬ der zu erobern, sich verurtheilt sah, bewies unwidersprechlich, daß sie die selbst¬ ständige parlamentarische Majorität eingebüßt hatte. Die bloße Macht des Kalenders, der Stundenzeiger gab am 29. Mai das Signal ihrer völligen Auflösung. Mit dem 29. Mai begann das letzte Lebensjahr der Nationalversammlung. Sie mußte sich nun entscheiden für unveränderte Fortdauer oder für Revision der Verfassung. Aber Revision der Verfassung, das hieß nicht nur Herrschaft der Bourgeoisie oder der kleinbürgerlichen Demokratie, Demokratie oder proletarische Anarchie, parlamentarische Repu¬ blik oder Bonaparte, das hieß zugleich Orleans oder Bourbon! So fiel mit¬ ten in das Parlament der Erisapfel, an dem sich der Widerstreit der In¬ teressen, welche die Ordnungspartei in feindliche Fraktionen sonderten, offen entzünden mußte. Die Ordnungspartei war eine Verbindung von hetero¬ genen gesellschaftlichen Substanzen. Die Revisionsfrage erzeugte eine politische Temperatur, worin das Produkt wieder in seine ursprünglichen Bestandtheile zerfiel. Das Interesse der Bonapartisten an der Revision war einfach. Für sie handelte es sich vor Allem um Abschaffung des Art. 45, der Bonaparte's Wiederwahl untersagte und die Prorogation seiner Gewalt. Nicht minder einfach schien die Stellung der Republikaner. Sie verwarfen unbedingt jede Revision, sie sahen in ihr eine allseitige Verschwörung gegen die Republik. Da sie über mehr als ein Viertel der Stimmen in der National¬ versammlung verfügten, und verfassungsmäßig drei Viertel der Stimmen zum rechtsgültigen Beschlusse der Revision und zur Einberufung einer revi¬ direnden Versammlung erfordert waren, brauchten sie nur ihre Stim¬ men zu zählen, um des Sieges sicher zu sein. Und sie waren des Sieges sicher. Diesen klaren Stellungen gegenüber befand sich die Partei der Ord¬ nung in unentwirrbaren Widersprüchen. Verwarf sie die Revision, so ge¬ fährdete sie den Statusquo, indem sie Bonaparte nur noch einen Ausweg übrig ließ, den der Gewalt, indem sie Frankreich am 2. Mai 1852, im Augenblicke der Entscheidung, der revolutionären Anarchie preisgab, mit einem Präsidenten, der seine Autorität verlor, mit einem Parlamente, das sie längst nicht mehr besaß, und mit einem Volke, das sie wieder zu erobern dachte. Stimmte sie für die verfassungsmäßige Revision, so wußte sie, daß 5 sie umsonst stimmte und am Veto der Republikaner verfassungsmäßig scheitern müsse. Erklärte sie verfassungswidrig die einfache Stimmenmajorität für bindend, so konnte sie die Revolution nur zu beherrschen hoffen, wenn sie sich unbedingt der Botmäßigkeit der Exekutivgewalt unterwarf, so machte sie Bonaparte zum Meister über die Verfassung, über die Revision und über sich selbst. Eine nur theilweise Revision, welche die Gewalt des Präsidenten ver¬ längerte, bahnte der imperialistischen Usurpation den Weg. Eine allgemeine Revision, welche die Existenz der Republik abkürzte, brachte die dynastischen Ansprüche in unvermeidlichen Konflikt, denn die Bedingungen für eine bourbonische und die Bedingungen für eine orleanistische Restauration waren nicht nur verschieden, sie schlossen sich wechselseitig aus. Die parlamentarische Republik war mehr als das neutrale Gebiet, worin die zwei Fraktionen der französischen Bourgeoisie, Legitimisten und Orleanisten, großes Grundeigenthum und Industrie, gleichberechtigt nebeneinander hausen konnten. Sie war die unumgängliche Bedingung ihrer gemeinsamen Herrschaft, die einzige Staatsform, worin ihr allgemeines Klasseninteresse sich zugleich die Ansprüche ihrer besondern Frak¬ tionen wie alle übrigen Klassen der Gesellschaft unterwarf. Als Royalisten fielen sie in ihren alten Gegensatz zurück, in den Kampf um die Suprematie des Grundeigenthums oder des Geldes, und der höchste Ausdruck dieses Gegensatzes, die Personifikation desselben, waren ihre Könige selbst, ihre Dynastien. Daher das Sträuben der Ordnungspartei gegen die Rückbe ¬ rufung der Bourbonen . Der Orleanist und Volksrepräsentant Creton hatte 1849, 1850 und 1851 periodisch den Antrag gestellt, das Verbannungsdekret gegen die königlichen Familien aufzuheben. Das Parlament bot eben so periodisch das Schauspiel einer Versammlung von Royalisten, welche ihren verbannten Königen hartnäckig die Thore verschließt, durch die sie heimkehren könnten. Richard III . hatte Heinrich VI . ermordet mit dem Bemerken, daß er zu gut für diese Welt sei und in den Himmel gehöre. Sie erklärten Frankreich für zu schlecht, seine Könige wieder zu besitzen. Durch die Macht der Verhältnisse gezwungen waren sie Republikaner geworden und sanktionirten wiederholt den Volksbeschluß, der ihre Könige aus Frankreich verwies. Die Revision der Verfassung — und sie in Betracht zu ziehen zwangen die Umstände — stellte mit der Republik zugleich die gemeinsame Herrschaft der beiden Bourgeois–Fraktionen in Frage und rief, mit der Möglichkeit der Monarchie, die Rivalität der Interessen, die sie abwechselnd vorzugsweise ver¬ treten hatte, in's Leben zurück, den Kampf um die Suprematie der einen Frak¬ tion über die andre. Die Diplomaten der Ordnungspartei glaubten den Kampf schlichten zu können durch eine Verschmelzung beider Dynastien, durch eine so¬ genannte Fusion der royalistischen Parteien und ihrer Königshäuser. Die wirkliche Fusion der Restauration und der Julimonarchie war die parlamentari¬ sche Republik, worin orleanistische und legitimistische Farben ausgelöscht wurden und die Bourgeois-Arten in dem Bourgeois schlechtweg, in der Bourgeois- Gattung verschwanden. Jetzt aber sollte der Orleanist Legitimist, der Legi¬ timist Orleanist werden. Das Königthum, worin sich ihr Gegensatz personi¬ fizirte, sollte ihre Einheit verkörpern, der Ausdruck ihrer ausschließlichen Fraktionsinteressen zum Ausdruck ihres gemeinsamen Klasseninteresses werden, die Monarchie das leisten, was nur die Aufhebung zweier Monarchien, die Republik leisten konnte und geleistet hatte. Es war dies der Stein des Weisen, an dessen Herstellung sich die Doktoren der Ordnungspartei die Köpfe zerbrachen. Als könnte die legitime Monarchie jemals die Monarchie der industriellen Bourgeois oder das Bürgerkönigthum jemals das König¬ thum der angestammten Grundaristokratie werden. Als könnten Grund¬ eigenthum und Industrie sich unter einer Krone verbrüdern, wo die Krone nur auf ein Haupt fallen konnte, auf das Haupt des ältern Bruders oder des jüngern. Als könnte die Industrie sich überhaupt mit dem Grundei¬ genthum ausgleichen, so lange das Grundeigenthum sich nicht entschließt, selbst industriell zu werden. Wenn Henri V . morgen stürbe, der Graf von Paris würde darum nicht der König der Legitimisten, es sei denn, daß er aufhörte, der König der Orleanisten zu sein. Die Philosophen der Fusion jedoch, die sich in dem Maße breit machten, als die Revisionsfrage in den Vor¬ dergrund trat, die sich in der “ Assemblée nationale ” ein offizielles Tages¬ organ geschaffen hatten, die sogar in diesem Augenblicke (Februar 1852) wieder am Werke sind, erklärten sich die ganze Schwierigkeit aus dem Widerstreben und der Rivalität der beiden Dynastien. Die Versuche, die Familie Orleans mit Heinrich V . zu versöhnen, seit dem Tode Louis Philipp's begonnen, aber wie die dynastischen Intriguen überhaupt nur während der Ferien der Nationalversammlung, in den Zwischenakten, hinter den Coulissen gespielt, mehr sentimentale Koquetterie mit dem alten Aber¬ glauben als ernstgemeintes Geschäft, wurden nun zu Haupt- und Staats¬ aktionen und von der Ordnungspartei auf der öffentlichen Bühne aufgeführt, 5* statt wie bisher auf dem Liebhabertheater. Die Kuriere flogen von Paris nach Venedig, von Venedig nach Claremont, von Claremont nach Paris. Der Graf von Chambord erläßt ein Manifest, worin er „mit Hülfe aller Glieder seiner Familie“ nicht seine, sondern die „nationale“ Restauration anzeigt. Der Orleanist Salvandy wirft sich Heinrich V . zu Füßen. Die Legitimisten¬ chefs Berryer, Benoit d'Azy, St. Priest, wandern nach Claremont, um die Orleans zu überreden, aber vergeblich. Die Fusionisten gewahren zu spät, daß die Interessen der beiden Bourgeois-Fraktionen weder an Ausschließlich¬ keit verlieren, noch an Nachgiebigkeit gewinnen, wo sie in der Form von Familieninteressen, von Interessen zweier Königshäuser sich zuspitzen. Wenn Heinrich V . den Grafen von Paris als Nachfolger anerkannte — der einzige Erfolg, den die Fusion im besten Fall erzielen konnte —, so gewann das Haus Orleans keinen Anspruch, den ihm die Kinderlosigkeit Heinrichs V . nicht schon gesichert hätte, aber es verlor alle Ansprüche, die es durch die Juli¬ revolution erobert hatte. Es verzichtete auf seine Originalansprüche, auf alle Titel, die es in einem beinahe hundertjährigen Kampfe dem ältern Zweige der Bourbonen abgerungen, es tauschte seine historische Prärogative, die Prärogative des modernen Königthums, gegen die Prärogative seines Stammbaums aus. Die Fusion war also nichts, als eine freiwillige Abdankung des Hauses Orleans, die legitimistische Resignation desselben, der reuige Rücktritt aus der protestantischen Staatskirche in die katholische. Ein Rücktritt, der es dazu nicht einmal auf den Thron, den es verloren hatte, sondern auf die Stufe des Throns brachte, auf der es geboren war. Die alten orleanistischen Minister Guizot, Duchatel ꝛc., die ebenfalls nach Claremont eilten, um die Fusion zu bevorworten, vertraten in der That nur den Katzenjammer über die Julirevolution, die Verzweiflung am Bürger¬ königthum und am Königthum der Bürger, den Aberglauben an die Legiti¬ mität als das letzte Amulet gegen die Anarchie. In ihrer Einbildung Ver¬ mittler zwischen Orleans und Bourbon waren sie in der Wirklichkeit nur noch abgefallene Orleanisten, und als solche empfing sie der Prinz v. Join¬ ville. Der lebensfähige, kriegerische Theil der Orleanisten dagegen, Thiers, Baze u. s. w., überzeugten die Familie Louis Philipp's um so leichter, daß wenn jede unmittelbar monarchische Restauration die Fusion der beiden Dynastien, jede solche Fusion aber die Abdankung des Hauses Orleans voraussetze, es dagegen ganz der Tradition ihrer Vorfahren entspreche, vorläufig die Republik anzuerkennen und abzuwarten, bis die Ereignisse er¬ laubten, den Präsidentenstuhl in einen Thron zu verwandeln. Joinville's Kandidatur wurde gerüchtsweise ausgesprengt, die öffentliche Neugier in der Schwebe erhalten, und einige Monate später, nach Verwerfung der Revision, im September öffentlich proklamirt. Der Versuch einer royalistischen Fusion zwischen Orleanisten und Le¬ gitimisten war so nicht nur gescheitert, er hatte ihre parlamentarische Fusion , ihre republikanische Gemeinform gebrochen und die Ordnungs¬ partei wieder in ihre ursprünglichen Bestandtheile zersetzt; aber je mehr die Entfremdung zwischen Claremont und Venedig wuchs, ihre Ausgleichung sich zerschlug, die Joinville-Agitation um sich griff, desto eifriger, ernster wurden die Verhandlungen zwischen Faucher, dem Minister Bonaparte's, und den Legitimisten. Die Auflösung der Ordnungspartei blieb nicht bei ihren ursprünglichen Elementen stehen. Jede der beiden großen Fraktionen zersetzte sich ihrerseits von Neuem. Es war, als wenn alle die alten Nuancen, die sich früher innerhalb jedes der beiden Kreise, sei es des legitimen, sei es des orleani¬ stischen, bekämpft und gedrängt hatten, wieder aufgethaut wären, wie ver¬ trocknete Infusorien bei Berührung mit Wasser, als wenn sie von Neuem Lebenskraft genug gewonnen hätten, um eigne Gruppen und selbständige Gegensätze zu bilden. Die Legitimisten träumten sich zurück in die Streit¬ fragen zwischen den Tuilerien und dem Pavillon Marsan, zwischen Vill è le und Polignac. Die Orleanisten durchlebten von Neuem die goldene Zeit der Turniere zwischen Guizot, Mol é , Broglio, Thiers und Odilon Barrot. Der revisionslustige, aber über die Grenzen der Revision wieder uneinige Theil der Ordnungspartei, zusammengesetzt aus den Legitimisten unter Berryer und Falloux einerseits, unter Larochejaquelin andrerseits, und den kampfmüden Orleanisten unter Mole, Broglio, Montalembert und Odilon Barrot, vereinbarte sich mit den bonapartistischen Repräsentanten zu folgendem unbestimmten und weitgefaßten Antrage: „Die unterzeichneten Repräsentanten, mit dem Zwecke, der Nation die volle Ausübung ihrer Souveränität wiederzugeben, stellen die Motion, daß die Verfassung revidirt werde.“ Gleichzeitig aber erklären sie einstimmig durch ihren Be¬ richterstatter Tocqueville, die Nationalversammlung habe nicht das Recht, die Abschaffung der Republik zu beantragen, dies Recht stehe nur der Revisionskammer zu. Uebrigens könne die Verfassung nur auf „ legale “ Weise revidirt werden, also nur, wenn das verfassungsmäßig vorgeschrie¬ bene Dreiviertel der Stimmenzahl für Revision entscheide. Nach sechstä¬ gigen stürmischen Debatten, am 19. Juli, wurde die Revision, wie vorher¬ zusehn, verworfen. Es stimmten 446 dafür, aber 278 dagegen. Die entschiedenen Orleanisten Thiers, Changarnier ꝛc. stimmten mit den Repu¬ blikanern und der Montagne. Die Majorität des Parlaments erklärte sich so gegen die Verfassung, aber diese Verfassung selbst erklärte sich für die Minorität, und ihren Beschluß für bindend. Hatte aber die Ordnungspartei nicht am 31. Mai 1850, nicht am 13. Juni 1849 die Verfassung der parlamentarischen Ma¬ jorität untergeordnet? Beruhte ihre ganze bisherige Politik nicht auf der Unterordnung der Verfassungsparagraphen unter die parlamentarischen Majoritätsbeschlüsse? Hatte sie den alttestamentarischen Aberglauben an den Buchstaben des Gesetzes nicht den Demokraten überlassen und an den De¬ mokraten gezüchtigt? In diesem Augenblicke aber hieß Revision der Ver¬ fassung nichts Andres, als Fortdauer der präsidentiellen Gewalt, wie Fort¬ dauer der Verfassung nichts Andres hieß als Absetzung Bonaparte's. Das Parlament hatte sich für ihn erklärt, aber die Verfassung erklärte sich gegen das Parlament. Er handelte also im Sinne des Parlaments, wenn er die Verfassung zerriß, und er handelte im Sinne der Verfassung, wenn er das Parlament auseinanderjagte. Das Parlament hatte die Verfassung und mit ihr seine eigene Herrschaft „außerhalb der Majorität“ erklärt, es hatte durch seinen Beschluß die Ver¬ fassung aufgehoben und die präsidentielle Gewalt verlängert und zugleich er¬ klärt, daß weder die eine sterben noch die andre leben könne, so lange es selbst fortbestehe. Die Füße derer, die es begraben sollten, standen vor der Thüre. Während es die Revision debattirte, entfernte Bonaparte den General Baraguay d'Hilliers, der sich unschlüssig zeigte, von dem Kommando der ersten Militärdivision und ernannte an seine Stelle den General Magnan, den Sieger von Lyon, den Helden der Dezembertage, eine seiner Kreaturen, die sich schon unter Louis Philipp bei Gelegenheit der Expedition von Bou¬ logne mehr oder minder für ihn kompromittirt hatte. Die Ordnungspartei bewies durch ihren Beschluß über die Revision, daß sie weder zu herrschen noch zu dienen, weder zu leben noch zu sterben, weder die Republik zu ertragen noch sie umzustürzen, weder die Verfassung aufrecht zu erhalten noch sie über den Haufen zu werfen, weder mit dem Präsidenten zusammenzuwirken noch mit ihm zu brechen verstand. Von wem erwartete sie denn die Lösung aller Widersprüche? Von dem Kalender, von dem Gang der Ereignisse. Sie hörte auf, sich die Gewalt über die Ereig¬ nisse anzumaßen. Sie forderte also die Ereignisse heraus, ihr Gewalt anzuthun, und damit die Macht, woran sie im Kampfe mit dem Volke ein Attribut nach dem andern abgetreten hatte, bis sie selbst ihr gewaltlos gegenüberstand. Damit der Chef der Exekutivgewalt desto ungestörter den Kampfplan gegen sie entwerfen, seine Angriffsmittel verstärken, seine Werk¬ zeuge auswählen, seine Positionen befestigen könne, beschloß sie mitten in diesem kritischen Augenblicke von der Bühne abzutreten und sich auf drei Monate zu vertagen, vom 10. August bis 4. November. Die parlamentarische Partei war nicht nur in ihre zwei großen Frak¬ tionen, jede dieser Fraktionen war nicht nur innerhalb ihrer selbst aufgelöst, sondern die Ordnungspartei im Parlamente war mit der Ordnungspartei außerhalb des Parlaments zerfallen. Die Wortführer und die Schrift¬ gelehrten der Bourgeoisie, ihre Tribüne und ihre Presse, kurz die Ideologen der Bourgeoisie und die Bourgeoisie selbst, die Repräsentanten und die Repräsentirten, standen sich entfremdet gegenüber und verstanden sich nicht mehr. Die Legitimisten in den Provinzen, mit ihrem beschränkten Horizont und ihrem unbeschränkten Enthusiasmus, bezüchtigten ihre parlamentarischen Führer, Berryer und Falloux, der Desertion in's bonapartistische Lager und des Abfalls von Heinrich V . Ihr Lilienverstand glaubte an den Sündenfall, aber nicht an die Diplomatie. Ungleich verhängnißvoller und entscheidender war der Bruch der kom¬ merziellen Bourgeoisie mit ihren Politikern. Sie warf ihnen vor, nicht wie die Legitimisten den ihren, von dem Prinzip abgefallen zu sein, sondern um¬ gekehrt, an unnütz gewordenen Prinzipien festzuhalten. Ich habe schon früher angedeutet, daß seit dem Eintritt Fould's in's Ministerium der Theil der kommerziellen Bourgeoisie, der den Löwenantheil an Louis Philipp's Herrschaft besessen hatte, daß die Finanzaristokratie bonapartistisch geworden war. Fould vertrat nicht nur Bonaparte's Interesse an der Börse, er vertrat zugleich das Interesse der Börse bei Bonaparte. Die Stellung der Finanzaristokratie schildert am schlagendsten ein Citat aus ihrem europäischen Organ, dem Londoner Oekonomist . In seiner Num¬ mer vom 1. Februar 1851 läßt er sich aus Paris schreiben: „Nun haben wir es konstatirt von allen Seiten her, daß Frankreich vor Allem nach Ruhe verlangt. Der Präsident erklärt es in seiner Botschaft an die legislative Versammlung, es tönt als Echo zurück von der nationalen Rednertribüne, es wird betheuert von den Zeitungen, es wird verkündet von der Kanzel, es wird bewiesen durch die Empfindlichkeit der Staats¬ papiere bei der geringsten Aussicht auf Störung , durch ihre Festigkeit , so oft die Exekutivgewalt siegt .“ In seiner Nummer vom 29. November 1851 erklärt der Oekono¬ mist in seinem eignen Namen: „ Auf allen Börsen von Europa ist der Präsident nun als die Schildwache der Ordnung anerkannt .“ Die Finanzaristokratie verdammte also den parlamentarischen Kampf der Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt als eine Störung der Ordnung , und feierte jeden Sieg des Präsidenten über ihre angeblichen Repräsentanten als einen Sieg der Ordnung . Man muß hier unter der Finanzaristokratie nicht nur die großen Anleihunternehmer und Spekulanten in Staatspapieren verstehn, von denen es sich sofort begreift, daß ihr Interesse mit dem Interesse der Staatsgewalt zusammenfällt. Das ganze moderne Geld¬ geschäft, die ganze Bankwirthschaft ist auf das Innigste mit dem öffentlichen Kredit verwebt. Ein Theil ihres Geschäftskapitals wird nothwendig in schnell konvertiblen Staatspapieren angelegt und verzinst. Ihre Depositen, das ihnen zur Verfügung gestellte und von ihnen unter Kaufleute und Industrielle ver¬ theilte Kapital strömt theilweis aus den Dividenden der Staatsrentner her. Der ganze Geldmarkt und die Priester dieses Geldmarkts, wenn zu jeder Epoche die Stabilität der Staatsgewalt Moses und die Propheten für sie bedeutet hat, wie nicht erst heute, wo jede Sündfluth mit den alten Staaten die alten Staatsschulden wegzuschwemmen droht? Auch die industrielle Bourgeoisie ärgerte sich in ihrem Ord¬ nungsfanatismus über die Zänkereien der parlamentarischen Ordnungspartei mit der Exekutivgewalt. Thiers, Angles, Saint Beuve u. s. w. erhielten nach ihrem Votum vom 18. Januar, bei Gelegenheit der Absetzung Chan¬ garnier's, von ihren Mandatgebern gerade aus den industriellen Bezirken öffentliche Zurechtweisungen, worin namentlich ihre Koalition mit der Montagne als Hochverrath an der Ordnung gegeißelt wurde. Wenn wir gesehn haben, daß die prahlerischen Neckereien, die kleinlichen Intriguen, worin sich der Kampf der Ordnungspartei mit dem Präsidenten kundgab, keine bessere Auf¬ nahme verdienten, so war andererseits diese Bourgeoispartei, die von ihren Vertretern verlangt, die Militärgewalt aus den Händen ihres eignen Parla¬ ments widerstandslos in die eines abenteuernden Prätendenten übergehn zu lassen, nicht einmal der Intriguen werth, die in ihrem Interesse verschwendet wurden. Sie bewies, daß der Kampf um die Behauptung ihres öffent¬ lichen Interesses, ihres eignen Klasseninteresses , ihrer poli¬ tischen Macht , sie als Störung des Privatgeschäfts nur belästige und verstimme. Die bürgerlichen Honoratioren der Departementalstädte, die Magistrate, Handelsrichter u. s. w. empfingen mit kaum einer Ausnahme Bonaparte überall auf seinen Rundreisen in der servilsten Weise, selbst wenn er wie in Dijon die Nationalversammlung und speziell die Ordnungspartei rückhaltlos angriff. Wenn der Handel gut ging, wie noch Anfang 1851 , tobte die kommer¬ zielle Bourgeoisie gegen jeden parlamentarischen Kampf, damit dem Handel ja nicht der Humor ausgehe. Wenn der Handel schlecht ging, wie fort¬ dauernd seit Ende Februar 1851 , klagte sie die parlamentarischen Kämpfe als Ursache der Stockung an und schrie nach ihrem Verstummen, damit der Han¬ del wieder laut werde. Die Revisionsdebatten fielen gerade in diese schlechte Zeit. Da es sich hier um Sein oder Nichtsein der bestehenden Staatsform handelte, fühlte sich die Bourgeoisie um so berechtigter, von ihren Repräsen¬ tanten das Ende dieses folternden Provisoriums und zugleich die Erhaltung des Statusquo zu verlangen. Es war dies kein Widerspruch. Unter dem Ende des Provisoriums verstand sie gerade seine Fortdauer, das Hinaus¬ schieben des Augenblicks, wo es zu einer Entscheidung kommen mußte, in eine blaue Ferne. Der Statusquo konnte nur auf zwei Wegen erhalten werden Verlängerung der Gewalt Bonaparte's oder verfassungsmäßiger Abtritt desselben und Wahl Cavaignac's. Ein Theil der Bourgeoisie wünschte die letztere Lösung und wußte seinen Repräsentanten keinen bessern Rath zu geben, als zu schweigen, den brennenden Punkt unberührt zu lassen. Wenn ihre Repräsentanten nicht sprächen, meinten sie, werde Bonaparte nicht handeln. Sie wünschten sich ein Straußenparlament, das seinen Kopf verstecke, um ungesehn zu bleiben. Ein andrer Theil der Bourgeoisie wünschte Bonaparte, weil er einmal auf dem Präsidentenstuhl saß, auf dem Präsidentenstuhl sitzen zu lassen, damit Alles im alten Geleise bleibe. Es empörte sie, daß ihr Parlament nicht offen die Konstitution brach und ohne Umstände abdankte. Die Generalräthe der Departements, diese Provinzialvertretungen der großen Bourgeoisie, die während der Ferien der Nationalversammlung vom 25. August an tagten, erklärten sich fast einstimmig für die Revision, also gegen das Parlament und für Bonaparte. Noch unzweideutiger als den Zerfall mit ihren parlamentarischen Repräsentanten , legte die Bourgeoisie ihre Wuth über ihre literarischen Vertreter, über ihre eigne Presse, an den Tag. Die Verurtheilungen zu unerschwinglichen Geldsummen und zu schamlosen Gefängnißstrafen durch die Bourgeois-Jurys für jeden Angriff der Bourgeois-Journalisten auf die Usur¬ pationsgelüste Bonaparte's, für jeden Versuch der Presse, die politischen Rechte der Bourgeoisie gegen die Exekutivgewalt zu vertheidigen, setzten nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa in Erstaunen. Wenn die parlamentarische Ordungspartei , wie ich ge¬ zeigt habe, durch ihr Schreien nach Ruhe sich selbst zur Ruhe verwies, wenn sie die politische Herrschaft der Bourgeoisie für unverträglich mit der Sicherheit und dem Bestand der Bourgeoisie erklärte, indem sie im Kampfe gegen die andern Klassen der Gesellschaft alle Bedingungen ihres eignen Regimes, des parlamentarischen Regimes, mit eigner Hand vernichtete; so forderte dagegen die außerparlamentarische Masse der Bourgeoisie durch ihre Servilität gegen den Präsidenten, durch ihre Schmähungen gegen das Parlament, durch die brutale Mißhandlung der eignen Presse Bonaparte auf, ihren sprechenden und schreibenden Theil, ihre Politiker und ihre Literaten, ihre Rednertribüne und ihre Presse zu unterdrücken, zu vernichten, damit sie nun vertrauensvoll unter dem Schutze einer starken und uneingeschränkten Regierung ihren Privatgeschäften nachgehen könne. Sie erklärte unzwei¬ deutig, daß sie ihre eigne politische Herrschaft loszuwerden schmachte, um die Mühen und Gefahren der Herrschaft loszuwerden. Und sie, die sich schon gegen den blos parlamentarischen und literarischen Kampf für die Herrschaft ihrer eignen Klasse empört und die Führer dieses Kampfes verrathen hatte, sie wagt jetzt nachträglich das Proletariat anzu¬ klagen, daß es nicht zum blutigen Kampfe, zum Kampfe auf Leben und Tod für sie aufgestanden sei! Sie, die jeden Augenblick ihr allgemeines Klassen¬ interesse, d. h. ihr politisches Interesse dem bornirtesten, schmutzigsten Privat¬ interesse aufopferte und an ihre Vertreter die Zumuthung eines ähnlichen Opfers stellte, sie jammert jetzt, das Proletariat habe seinen materiellen In¬ teressen ihre idealen politischen Interessen geopfert. Sie gebahrt sich als schöne Seele, die von dem durch Sozialisten irregeleiteten Proletariat ver¬ kannt und im entscheidenden Augenblicke verlassen worden sei. Und sie findet ein allgemeines Echo in der bürgerlichen Welt. Ich spreche natürlich hier nicht von deutschen Winkelpolitikern und Gesinnungslümmeln. Ich verweise z. B. auf denselben Oekonomist , der noch am 29. November 1851, also vier Tage vor dem Staatsstreich, Bonaparte für die „Schildwache der Ordnung“, die Thiers und Berryer aber für „Anarchisten“ erklärt hatte und schon am 27. Dezember 1851, nachdem Bonaparte jene Anarchisten zur Ruhe gebracht hat, über den Verrath schreit, den „ignorante, unerzogne, stupide Proletariermassen an dem Geschick, der Kenntniß, der Disziplin, dem geistigen Einfluß, den intellektuellen Hülfsquellen und dem moralischen Gewicht der mittleren und höheren Gesellschaftsränge“ verübt hätten. Die stupide, ignorante und gemeine Masse war Niemand anders, als die Bourgeois¬ masse selbst. Frankreich hatte allerdings im Jahre 1851 eine Art von kleiner Han¬ delskrisis erlebt. Ende Februar zeigte sich Verminderung des Exports gegen 1850, im März litt der Handel und schlossen sich die Fabriken, im April schien der Stand der industriellen Departements so verzweifelt wie nach den Februartagen, im Mai war das Geschäft noch nicht wieder aufgelebt, noch am 28. Juni zeigte das Portefeuille der Bank von Frankreich durch ein unge¬ heures Wachsen der Depositen und eine ebenso große Abnahme der Vorschüsse auf Wechsel den Stillstand der Produktion, und erst Mitte Oktober trat wieder eine progressive Besserung des Geschäfts ein. Die französische Bourgeoisie erklärte sich diese Handelsstockung aus rein politischen Gründen, aus dem Kampfe zwischen dem Parlamente und der Exekutivgewalt, aus der Unsicherheit einer nur provisorischen Staatsform, aus der Schreckensaussicht auf den 2. Mai 1852. Ich will nicht läugnen, daß alle diese Umstände einige Industriezweige in Paris und in den Departements herabdrückten. Jedenfalls war aber diese Einwirkung der politischen Verhältnisse nur lokal und unerheblich. Bedarf es eines andern Beweises, als daß die Besserung des Han¬ dels gerade in dem Augenblicke eintrat, wo sich der politische Zustand verschlech¬ terte, der politische Horizont verdunkelte und jeden Augenblick ein Blitzstrahl aus dem Elysium erwartet wurde, gegen Mitte Oktober? Der französische Bourgeois, dessen „Geschick, Kenntniß, geistige Einsicht und intellektuelle Hülfsquellen“ nicht weiter reichen als seine Nase, konnte übrigens während der ganzen Dauer der Industrieausstellung in London mit der Nase auf die Ursache seiner Handels¬ mis è re stoßen. Während in Frankreich die Fabriken geschlossen wurden, brachen in England kommerzielle Bankerutte aus. Während der industrielle Panic im April und Mai einen Höhepunkt in Frankreich erreichte, erreichte der kommerzielle Panic April und Mai einen Höhepunkt in England. Wie die französische litt die englische Wollindustrie, wie die französische die eng¬ lische Seidenmanufaktur. Wenn die englischen Baumwollfabriken weiter arbeiteten, geschah es nicht mehr mit demselben Profit, wie 1849 und 1850 . Der Unterschied war nur der, daß die Krise in Frankreich industriell, in England kommerziell, daß während in Frankreich die Fabriken stillsetzten, sie sich in England ausdehnten, aber unter ungünstigeren Bedingungen als in den vorhergehenden Jahren, daß in Frankreich der Export, in England der Import die Hauptschläge erhielt. Die gemeinsame Ursache, die natürlich nicht innerhalb der Grenzen des französisch-politischen Horizonts zu suchen ist, war augenscheinlich. 1849 und 1850 waren Jahre der größten materiellen Prosperität und einer Ueberproduktion, die erst 1851 als solche hervortrat. Sie wurde im Anfang dieses Jahres durch die Aussicht auf die Industrie¬ ausstellung noch besonders befördert. Als eigenthümliche Umstände kamen hinzu: erst der Mißwachs der Baumwollenernte von 1850 und 1851 , dann die Sicherheit einer größern Baumwollenernte als erwartet war, erst das Steigen, dann das plötzliche Fallen, kurz die Schwankungen der Baum¬ wollenpreise. Die Rohseidenernte war wenigstens in Frankreich noch unter dem Durchschnittsertrag ausgefallen. Die Wollenmanufaktur endlich hatte sich seit 1848 so sehr ausgedehnt, daß die Wollproduktion ihr nicht nach¬ folgen konnte und der Preis der Rohwolle in einem großen Mißverhältnisse zu dem Preise der Wollfabrikate stieg. Hier haben wir also in dem Roh¬ material von drei Weltmarktsindustrien schon dreifaches Material zu einer Handelsstockung. Von diesen besondern Umständen abgesehn war die schein¬ bare Krise des Jahres 1851 nichts Anders als der Halt, den Ueberproduk¬ tion und Ueberspekulation jedes Mal in der Beschreibung des industriellen Kreislaufes macht, bevor sie alle ihre Kraftmittel zusammenrafft, um fieberhaft den letzten Kreisabschnitt zu durchjagen und bei ihrem Aus¬ gangspunkt, der allgemeinen Handelskrise , wieder anzulangen. In solchen Intervallen der Handelsgeschichte brechen in England kommerzielle Bankerutte aus, während in Frankreich die Industrie selbst stillgesetzt wird, theils durch die gerade dann unerträglich werdende Konkurrenz der Engländer auf allen Märkten zum Rückzug gezwungen, theils als Luxusindustrie vorzugsweise von jeder Geschäftsstockung angegriffen. So macht Frankreich außer den allgemeinen Krisen seine eignen nationalen Handelskrisen durch, die jedoch weit mehr durch den allgemeinen Stand des Weltmarkts als durch französische Lokaleinflüsse bestimmt und bedingt werden. Es wird nicht ohne Interesse sein, dem Vorurtheil des französischen Bourgeois das Urtheil des englischen Bourgeois gegenüber zu stellen. Eins der größten Liverpooler Häuser schreibt in seinem Jahres-Handelsberichte für 1851: „Wenige Jahre haben die bei ihrem Beginn gehegten Anticipationen mehr getäuscht, als das eben abgelaufene; statt der großen Prosperität, der man einstimmig entgegensah, bewies es sich als eins der entmuthigendsten Jahre seit einem Vierteljahrhundert. Es gilt dies natürlich nur von den merkantilen, nicht von den industriellen Klassen. Und doch waren sicherlich Gründe vorhanden, beim Beginne des Jahres auf das Gegentheil zu schließen, die Produktenvor¬ räthe waren spärlich, Kapital überflüssig, Nahrungsmittel wohlfeil, ein reicher Herbst war gesichert; ungebrochner Friede auf dem Kontinent und keine poli¬ tischen oder finanziellen Störungen zu Hause; in der That, die Flügel des Handels waren nie fesselloser . . . Wem dies ungünstige Resultat zuschreiben? Wir glauben dem Ueberhandel sowohl in Importen als Exporten. Wenn unsere Kaufleute nicht selbst ihrer Thätigkeit engere Grenzen ziehen, kann uns Nichts im Gleise halten, als alle drei Jahr ein Panic.“ Man stelle sich nun den französischen Bourgeois vor, wie mitten in diesem Geschäftspanic sein handelskrankes Gehirn gefoltert, umschwirrt, betäubt wird von Gerüchten über Staatsstreiche und Herstellung des allge¬ meinen Wahlrechts, von dem Kampfe zwischen Parlament und Exekutivgewalt, von dem Frondekrieg der Orleanisten und Legitimisten, von kommunistischen Konspirationen in Südfrankreich, von angeblichen Jacquerien in den Ni è vre- und Cher-Departements, von den Reklamen der verschiedenen Präsident¬ schaftskandidaten, von den marktschreierischen Lösungen der Journale, von den Drohungen der Republikaner, mit den Waffen in der Hand die Konstitution und das allgemeine Stimmrecht behaupten zu wollen, von den Evangelien der emigrirten Helden in partibus , die den Weltuntergang für den 2. Mai 1852 anzeigten, und man begreift, daß der Bourgeois in dieser unsäglichen, geräuschvollen Konfusion von Fusion, Revision, Prorogation, Konstitution, Konspiration, Koalition, Emigration, Usurpation und Revolution seiner parlamentarischen Republik toll zuschnaubt: „ Lieber ein Ende mit Schrecken , als ein Schrecken ohn' Ende !“ Bonaparte verstand diesen Schrei. Sein Begriffsvermögen wurde ge¬ schärft durch den wachsenden Ungestüm von Gläubigern, die mit jedem Son¬ nenuntergang, der den Verfalltag, den 2. Mai 1852 näher rückte, einen Protest der Gestirnbewegung gegen ihre irdischen Wechsel erblickten. Sie waren zu wahren Astrologen geworden. Die Nationalversammlung hatte Bonaparte die Hoffnung auf konstitutionelle Prorogation seiner Gewalt ab¬ geschnitten, die Kandidatur des Prinzen von Joinville gestattete kein längeres Schwanken. Wenn je ein Ereigniß lange vor seinem Eintritt seinen Schatten vor sich hergeworfen hat, so war es Bonaparte's Staatsstreich. Schon am 29. Januar 1849, kaum einen Monat nach seiner Wahl; hatte er den Vorschlag dazu dem Changarnier gemacht. Sein eigner Premierminister Odilon Barrot hatte im Sommer 1849 verhüllt, Thiers im Winter 1850 offen die Politik der Staatsstreiche denunzirt. Persigny hatte im Mai 1851 Chan¬ garnier noch einmal für den Coup zu gewinnen gesucht, der „ Messager de l'Assemblée “ hatte diese Unterhandlung veröffentlicht. Die bonapartistischen Journale drohten bei jedem parlamentarischen Sturme mit einem Staats¬ streich, und je näher die Krise rückte, desto lauter wurde ihr Ton. In den Orgien, die Bonaparte jede Nacht mit männlichem und weiblichem swell mob feierte, so oft die Mitternachtsstunde heranrückte und reichliche Liba¬ tionen die Zunge gelöst und die Phantasie erhitzt hatten, wurde der Staats¬ streich für den folgenden Morgen beschlossen. Die Schwerter wurden ge¬ zogen, die Gläser klirrten, die Repräsentanten flogen zum Fenster hinaus, der Kaisermantel fiel auf die Schultern Bonaparte's, bis der nächste Morgen wieder den Spuk vertrieb und das erstaunte Paris von wenig verschlossenen Bestalinen und indiskreten Paladinen die Gefahr erfuhr, der es noch einmal entwischt war. In den Monaten September und Oktober über¬ stürzten sich die Gerüchte von einem Coup d'état . Der Schatten nahm zu¬ gleich Farbe an, wie ein buntes Daguerreotyp. Man schlage die Monats¬ gänge für September und Oktober in den Organen der europäischen Tages¬ presse nach und man wird wörtlich Andeutungen wie folgende finden: „ Staasstreich-Gerüchte erfüllen Paris. Die Hauptstadt soll während der Nacht mit Truppen gefüllt werden und der andre Morgen Dekrete bringen, die die Nationalversammlung auflösen, das Departement der Seine in Be¬ lagerungszustand versetzen, das allgemeine Wahlrecht wiederherstellen, an's Volk appelliren. Bonaparte soll Minister für die Ausführung dieser illegalen Dekrete suchen.“ Die Korrespondenzen, die diese Nachrichten bringen, enden stets verhängnißvoll mit „ aufgeschoben “. Der Staatsstreich war stets die fixe Idee Bonaparte's. Mit dieser Idee hatte er den franzö¬ sischen Boden wieder betreten. Sie besaß ihn so sehr, daß er sie forwährend verrieth und ausplauderte. Er war so schwach, daß er sie ebenso fortwährend wieder aufgab. Der Schatten des Staatsstreiches war den Parisern als Gespenst so familiär geworden, daß sie nicht an ihn glauben wollten, als er endlich in Fleisch und Blut erschien. Es war also weder die verschlossene Zurückhaltung des Chefs der Gesellschaft vom 10. Dezember, noch eine un¬ geahnte Ueberrumpelung von Seiten der Nationalversammlung, was den Staatsstreich gelingen ließ. Wenn er gelang, gelang er trotz seiner In¬ diskretion und mit ihrem Vorwissen, ein nothwendiges, unvermeidliches Resultat der vorhergegangenen Entwickelung. Am 10. Oktober kündete Bonaparte seinen Ministern den Entschluß an, das allgemeine Wahlrecht wieder herstellen zu wollen, am 16. gaben sie ihre Entlassung, am 26. erfuhr Paris die Bildung des Ministeriums Thorigny. Der Polizeipräfekt Cartier wurde gleichzeitig durch Maupas ersetzt, der Chef der ersten Militärdivision, Magnan, zog die zuverlässigsten Regimenter der Hauptstadt zusammen. Am 4. November eröffnete die Nationalversammlung wieder ihre Sitzungen. Sie hatte nichts mehr zu thun, als in einem kurzen bündigen Repetitorium den Cursus, den sie durch¬ gemacht hatte, zu wiederholen und zu beweisen, daß sie erst begraben wurde, nachdem sie gestorben war. Der erste Posten, den sie im Kampfe mit der Exekutivgewalt eingebüßt hatte, war das Ministerium. Sie mußte diesen Verlust feierlich eingestehn, indem sie das Ministerium Thorigny, ein bloßes Scheinministerium, als voll hinnahm. Die Permanenzkommission hatte Herrn Giraud mit Lachen empfangen, als er sich im Namen der neuen Minister vorstellte. Ein so schwaches Ministerium für so starke Maßregeln, wie die Wiederherstellung des allgemeinen Wahlrechts! Aber handelte sich eben darum, Nichts im Parlament, Alles gegen das Parlament durchzusetzen. Gleich am ersten Tage ihrer Wiedereröffnung erhielt die Nationalver¬ sammlung die Botschaft Bonaparte's, worin er Wiederherstellung des allge¬ meinen Wahlrechts und Abschaffung des Gesetzes vom 31. Mai 1850 ver¬ langte. Seine Minister brachten an demselben Tage ein Dekret in diesem Sinne ein. Die Versammlung verwarf den Dringlichkeitsantrag der Mini¬ ster sofort und das Gesetz selbst am 13. November, mit 355 gegen 348 Stimmen. Sie zerriß so noch einmal ihr Mandat, sie bestätigte noch ein¬ mal, daß sie sich aus der freigewählten Repräsentation des Volkes in das usurpatorische Parlament einer Klasse verwandelt, sie bekannte noch einmal, daß sie selbst die Muskeln entzweigeschnitten hatte, die den parlamentarischen Kopf mit dem Körper der Nation verbanden. Wenn die Exekutivgewalt durch ihren Antrag auf Wiederherstellung des allgemeinen Wahlrechts von der Nationalversammlung an das Volk, appellirte die gesetzgebende Gewalt durch ihre Quästorenbill von dem Volke an die Armee. Diese Quästorenbill sollte ihr Recht auf unmittelbare Requi¬ sition der Truppen, auf Bildung einer parlamentarischen Armee festsetzen. Wenn sie so die Armee zum Schiedsrichter zwischen sich und dem Volke, zwischen sich und Bonaparte ernannte, wenn sie die Armee als entscheidende Staatsgewalt anerkannte, mußte sie andrerseits bestätigen, daß sie längst den Anspruch auf Herrschaft über dieselbe aufgegeben habe. Indem sie, statt sofort Truppen zu requiriren, das Recht der Requisition debattirte, verrieth sie den Zweifel an ihrer eignen Macht. Indem sie die Quästorenbill ver¬ warf, gestand sie offen ihre Ohnmacht. Diese Bill fiel durch mit einer Minorität von 108 Stimmen, die Montagne hatte so den Ausschlag ge¬ geben. Sie befand sich in der Lage von Buridan's Esel, zwar nicht zwischen zwei Säcken Heu, um zu entscheiden, welcher der anziehendere, wohl aber zwischen zwei Trachten Prügel, um zu entscheiden, welche die härtere sei. Auf der einen Seite die Furcht vor Changarnier, auf der andern die Furcht vor Bonaparte. Man muß gestehn, daß die Lage keine heroische war. Am 18. November wurde zu dem von der Ordnungspartei eingebrach¬ ten Gesetze über die Kommunalwahlen das Amendement gestellt, daß statt drei Jahren ein Jahr Domizil für die Kommunalwähler genügen solle. Das Amendement fiel mit einer einzigen Stimme durch, aber diese eine Stimme stellte sich sofort als ein Irrthum heraus. Die Ordnungspartei hatte durch Zersplitterung in ihre feindlichen Fraktionen längst ihre selbstständig-parlamentarische Majorität eingebüßt. Sie zeigte jetzt, daß überhaupt keine Majorität im Parlament mehr vorhanden war. Die Nationalversammlung war beschlußunfähig geworden. Ihre ato¬ mistischen Bestandtheile hingen durch keine Kohäsionskraft mehr zusammen, sie hatte ihren letzten Lebensathem verbraucht, sie war todt. Die außerparlamentarische Masse der Bourgeoisie endlich sollte ihren Bruch mit der Bourgeoisie im Parlamente noch einmal einige Tage vor der Katastrophe feierlich bestätigen. Thiers, als parlamentarischer Held vorzugs¬ weise von der unheilbaren Krankheit des parlamentarischen Kretinismus angesteckt, hatte nach dem Tode des Parlaments eine neue parlamentarische Intrigue mit dem Staatsrathe ausgeheckt, ein Verantwortlichkeitsgesetz, das den Präsidenten in die Schranken der Verfassung festbannen sollte. Wie Bonaparte am 15. September bei Grundlegung zu den neuen Markthallen von Paris die dames des halles , die Fischweiber, als zweiter Masaniello bezaubert hatte — allerdings wog ein Fischweib an realer Gewalt 17 Burg¬ grafen auf —, wie er nach Vorlegung der Quästorenbill die in dem Elysee traktirten Lieutenants begeisterte, so riß er jetzt am 25. November die indu¬ strielle Bourgeoisie mit sich fort, die im Circus versammelt war, um aus seiner Hand Preismedaillen für die Londoner Industrieausstellung ent¬ gegenzunehmen. Ich gebe den bezeichnenden Theil seiner Rede nach dem „ Journal des Débats :“ „Mit solch' unverhofften Erfolgen bin ich berechtigt zu wiederholen, wie groß die französische Republik sein würde, wenn es ihr gestattet wäre, ihre realen Interessen zu verfolgen und ihre Institutionen zu reformiren, statt beständig gestört zu werden einerseits durch die Demagogen, andrerseits durch die monarchischen Hallucinationen. (Lauter, stürmischer und wiederholter Applaus von jedem Theile des Amphitheaters.) Die monarchischen Hallucinationen verhindern allen Fortschritt und alle ernsten Industriezweige. Statt des Fortschritts nur Kampf. Man sieht Männer, die früher die eifrigsten Stützen der königlichen Autorität und Prärogative waren, Parteigänger eines Konvents werden, blos um die Autorität zu schwächen, die aus dem allgemeinen Stimmrecht entsprungen ist. (Lauter und wiederholter Applaus.) Wir sehen Männer, die am meisten von der Revolution gelitten und sie am meisten bejammert haben, eine neue provo¬ ziren, und nur um den Willen der Nation zu fesseln . . . . . . . . Ich ver¬ spreche Euch Ruhe für die Zukunft ꝛc. ꝛc. (Bravo, Bravo, stürmisches Bravo.)“ — So klatscht die industrielle Bourgeoisie dem Staatsstreiche vom 2. Dezem¬ ber, der Vernichtung des Parlaments, dem Untergang ihrer eignen Herr¬ schaft, der Diktatur Bonaparte's ihr serviles Bravo zu. Der Beifalls¬ donner vom 25. November erhielt seine Antwort in dem Kanonendonner vom 4. Dezember, und das Haus des Herrn Sallandrouze, der die meisten Bravos geklatscht hatte, wurde von den meisten Bomben zerklatscht. Cromwell, als er das lange Parlament auflöste, begab sich allein in 6 die Mitte desselben, zog seine Uhr heraus, damit es keine Minute über die von ihm festgesetzte Frist fortexistire und verjagte jedes einzelne Parlaments¬ glied mit heiter humoristischen Schmähungen. Napoleon, kleiner als sein Vorbild, begab sich am 18 . Brumaire wenigstens in den gesetzgebenden Körper und verlas ihm, wenn auch mit beklommener Stimme, sein Todesurtheil. Der zweite Bonaparte, der sich übrigens im Besitz einer ganz andern Exekutivgewalt befand, als Cromwell oder Napoleon, suchte sein Vorbild nicht in den Annalen der Weltgeschichte, sondern in den Annalen der Gesellschaft vom 10 . Dezember, in den Annalen der Kriminalgerichts¬ barkeit. Er bestiehlt die Bank von Frankreich um 25 Millionen Franks, kauft den General Magnan mit einer Million, die Soldaten Stück für Stück mit 15 Franks und mit Schnaps, findet sich wie ein Dieb in der Nacht mit seinen Spießgesellen heimlich zusammen, läßt in die Häuser der gefährlichsten Parlamentsführer einbrechen und Cavaignac, Lamorici è re, Lefl ô , Changar¬ nier, Charras, Thiers, Baze ꝛc. aus ihren Betten entführen, die Haupt¬ plätze von Paris sowie das Parlamentsgebäude mit Truppen besetzen und früh am Morgen marktschreierische Plakate an allen Mauern anschlagen, worin die Auflösung der Nationalversammlung und des Staatsraths, die Wieder¬ herstellung des allgemeinen Wahlrechts und die Versetzung des Seinedepar¬ tements in Belagerungszustand verkündet werden. So rückt er kurz nachher ein falsches Dokument in den Moniteur ein, wonach einflußreiche parlamen¬ tarische Namen sich in einer Staatskonsulta um ihn gruppirt hätten. Das im Mairiegebäude des 10 . Arrondissements versammelte Rumpf¬ parlament, hauptsächlich aus Legitimisten und Orleanisten bestehend, be¬ schließt unter dem wiederholten Rufe, „es lebe die Republik,“ die Absetzung Bonaparte's, haranguirt umsonst die vor dem Gebäude gaffende Masse und wird endlich unter dem Geleite afrikanischer Scharfschützen erst in die Kaserne d'Orsay geschleppt, später in Zellenwagen verpackt und nach den Gefäng¬ nissen von Mazas, Ham und Vincennes transportirt. So endete die Ord¬ nungspartei, die legislative Versammlung und die Februarrevolution. Ehe wir zum Schluß eilen, kurz das Schema ihrer Geschichte: I . Erste Periode . Vom 24 . Februar bis 4 . Mai 1848 . Februar¬ periode. Prolog. Allgemeiner Verbrüderungsschwindel. II . Zweite Periode . Periode der Konstituirung der Republik und der konstituirenden Nationalversammlung. 1) 4 . Mai bis 25 . Juni 1848 . Kampf sämmtlicher Klassen gegen das Proletariat. Niederlage des Proletariats in den Juni¬ tagen. 2) 25 . Juni bis 10 . Dezember 1848 . Diktatur der reinen Bourgeois- Republikaner. Entwerfung der Konstitution. Verhängung des Belagerungszustandes über Paris. Die Bourgeois-Diktatur am 10. Dezember beseitigt durch die Wahl Bonaparte's zum Präsidenten. 3) 20 . Dezember 1848 bis 29 . Mai 1849 . Kampf der Konstitu¬ ante mit Bonaparte und der mit ihm vereinigten Ordnungs¬ partei. Untergang der Konstituante. Fall der republikanischen Bourgeoisie. III. Dritte Periode . Periode der konstitutionellen Re¬ publik und der legislativen Nationalversammlung . 1) 29 . Mai 1849 bis 13 . Juni 1849 . Kampf der Kleinbürger mit der Bourgeoisie und mit Bonaparte. Niederlage der kleinbürger¬ lichen Demokratie. 2) 13 . Juni 1849 bis 31 . Mai 1850 . Parlamentarische Diktatur der Ordnungspartei. Vollendet ihre Herrschaft durch Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts, verliert aber das parlamentarische Ministerium. 3) 31 . Mai 1850 bis 2 . Dezember 1851 . Kampf zwischen der par¬ lamenlarischen Bourgeoisie und Bonaparte. a) 31 . Mai 1850 bis 12 . Januar 1851 . Das Parlameut ver¬ liert den Oberbefehl über die Armee. b) 12 . Januar bis 11 . April 1851 . Es unterliegt in den Ver¬ suchen sich der Administrativgewalt wieder zu bemächtigen. Die Ordnungspartei verliert die selbstständige parlamentarische Majorität. Ihre Koalition mit den Republikanern und der Montagne. c) 11 . April 1851 bis 9 . Oktober 1851 . Revisions-, Fusions-, Prorogations-Versuche. Die Ordnungspartei löst sich in ihre einzelnen Bestandtheile auf. Der Bruch des Bourgeoispar¬ laments und der Bourgeoispresse mit der Bourgeoismasse kon¬ solidirt sich. 6 * d) 9. Oktober bis 2. Dezember 1851. Offner Bruch zwischen dem Parlament und der Exekutivgewalt. Es vollzieht seinen Sterbeakt und unterliegt, von seiner eigenen Klasse, von der Armee, von allen übrigen Klassen im Stiche gelassen. Untergang des parlamentarischen Regimes und der Bourgeoisherrschaft. Sieg Bonaparte's, Imperialistische Restaurationsparodie. VII . Die soziale Republik erschien als Phrase, als Prophezeihung an der Schwelle der Februarrevolution. In den Junitagen 1848 wurde sie im Blute des Pariser Proletariats erstickt, aber sie geht in den fol¬ genden Akten des Dramas als Gespenst um. Die demokratische Re¬ publik kündigt sich an. Sie verpufft am 13. Juni 1849 mit ihren davon¬ gelaufenen Kleinbürgern , aber im Fliehen wirft sie doppelt renommi¬ rende Reklamen hinter sich. Die parlamentarische Republik mit der Bourgeoisie bemächtigt sich der ganzen Bühne, sie lebt sich aus in der vollen Breite ihrer Existenz, aber der 2. Dezember 1851 begräbt sie unter dem Angstschrei der koalisirten Royalisten: „Es lebe, die Republik!“ Die französische Bourgeoisie bäumte sich gegen die Herrschaft des ar¬ beitenden Proletariats, sie hat das Lumpenproletariat zur Herrschaft gebracht, an der Spitze den Chef der Gesellschaft vom 10. Dezember. Die Bourgeoisie hielt Frankreich in athemloser Furcht vor den zukünftigen Schrecken der rothen Anarchie; Bonaparte escomptirte ihr diese Zukunft, als er am 4. Dezember die vornehmen Bürger des Boulevard Montmartre und des Boulevard des Italiens durch die schnapsbegeisterte Armee der Ordnung von ihren Fenstern herabschießen ließ. Sie apotheosirte den Säbel; der Säbel beherrscht sie. Sie vernichtete die revolutionäre Presse; ihre eigne Presse ist vernichtet. Sie stellte die Volksversammlungen unter Polizeiaufsicht; ihre Salons stehn unter der Aufsicht der Polizei. Sie löste die demokratischen Nationalgarden auf; ihre eigne Nationalgarde ist aufgelöst. Sie verhing den Belagerungs¬ zustand; der Belagerungszustand ist über sie verhängt. Sie verdrängte die Jurys durch Militärkommissionen; ihre Jurys sind durch Militärkommissionen verdrängt. Sie unterwarf den Volksunterricht den Pfaffen; die Pfaffen unterwerfen sie ihrem eignen Unterricht. Sie transportirte ohne Urtheil; sie wird ohne Urtheil transportirt. Sie unterdrückte jede Regung der Gesell¬ schaft durch die Staatsmacht; jede Regung ihrer Gesellschaft wird durch die Staatsmacht erdrückt. Sie rebellirte aus Begeisterung für ihren Geldbeutel, gegen ihre eignen Politiker und Literaten; ihre Politiker und Literaten sind beseitigt, aber ihr Geldbeutel wird geplündert, nachdem sein Mund geknebelt und seine Feder zerbrochen ist. Die Bourgeoisie rief der Revolution uner¬ müdlich zu, wie der heilige Arsenius den Christen: „ Fuge , Tace , Quiesce ! Fliehe, Schweige, Ruhe!“ Bonaparte ruft der Bourgeoisie zu: „Fuge, Tace, Quiesce! Fliehe, Schweige, Ruhe!“ Die französische Bourgeoisie hatte längst das Dilemma Napoleon's gelöst: „ Dans cinquante ans l'Europe sera républicaine ou cosaque. “ Sie hatte es gelöst in der „ république cosaque. “ Keine Circe hat das Kunstwerk der bürgerlichen Republik durch bösen Zauber in eine Ungestalt verzerrt. Jene Republik hat nichts verloren als den Schein der Respektabi¬ lität. Das jetzige Frankreich war fertig in der parlamentarischen Republik enthalten. Es bedürfte nur eines Bajonnetstichs, damit die Blase platze und das Ungeheuer in die Augen springe. Warum hat sich das Pariser Proletariat nicht nach dem 2 . Dezember erhoben? Noch war der Sturz der Bourgeoisie erst dekretirt, das Dekret war nicht vollzogen. Jeder ernste Aufstand des Proletariats hätte sie sofort neu belebt, mit der Armee ausgesöhnt und den Arbeitern eine zweite Juninieder¬ lage gesichert. Am 4 . Dezember wurde das Proletariat von Bourgeois und Epicier zum Kampfe aufgestachelt. Am Abende dieses Tages versprachen mehrere Legionen der Nationalgarde bewaffnet und uniformirt auf dem Kampfplatze zu erscheinen. Bourgeois und Epicier waren nämlich dahinter gekommen, daß Bonaparte in einem seiner Dekrete vom 2 . Dezember das geheime Votum abschaffte und ihnen anbefahl, in den offiziellen, Registern hinter ihren Namen ihr Ja oder Nein einzutragen. Der Widerstand vom 4 . Dezember schüchterte Bonaparte ein. Während der Nacht ließ er an allen Straßen¬ ecken von Paris Plakate anschlagen, welche die Wiederherstellung des geheimen Votums verkündeten. Bourgeois und Epicier glaubten ihren Zweck erreicht zu haben. Wer nicht am andern Morgen erschien, waren Epicier und Bourgeois. Das Pariser Proletariat war durch einen Handstreich Bonaparte's wäh¬ rend der Nacht vom 1. auf den 2. Dezember seiner Führer, der Barrikaden¬ chefs, beraubt worden. Eine Armee ohne Offiziere, durch die Erinnerungen vom Juni 1848 und 1849 und vom Mai 1850 abgeneigt unter dem Banner der Montagnards zu kämpfen, überließ es seiner Avantgarde, den geheimen Gesellschaften, die Rettung der insurrektionellen Ehre von Paris, welche die Bourgeoisie so widerstandslos der Soldateska preisgab, daß Bona¬ parte später die Nationalgarde mit dem höhnischen Motive entwaffnen konnte: er fürchte, daß ihre Waffen gegen sie selbst von den Anarchisten mi߬ braucht werden würden! „ C'est le triomphe complet et définitif du Socia ¬ lisme !“ So charakterisirte Guizot den 2. Dezember. Aber wenn der Sturz der parlamentarischen Republik dem Keime nach den Triumph der proletarischen Revolution in sich enthält, so war ihr nächstes handgreifliches Resultat der Sieg Bonaparte's über das Parlament , der Exekutivgewalt über die Legislativgewalt , der Gewalt ohne Phrase über die Gewalt der Phrase . In dem Parla¬ mente erhob die Nation ihren allgemeinen Willen zum Gesetze, d. h. das Gesetz der herrschenden Klasse zu ihrem allgemeinen Willen. Vor der Exekutivgewalt dankt sie jeden eignen Willen ab und unterwirft sich dem Machtgebot des fremden, der Autorität. Die Exekutivgewalt im Gegensatz zur Legislativen drückt die Heteronomie der Nation im Gegensatz zu ihrer Autonomie aus. Frankreich scheint also nur der Despotie einer Klasse ent¬ laufen, um unter die Despotie eines Individuums zurückzufallen und zwar unter die Autorität eines Individuums ohne Autorität. Der Kampf scheint so geschlichtet, daß alle Klassen gleich machtlos und gleich lautlos vor dem Kolben niederknien. Aber die Revolution ist gründlich. Sie ist noch auf der Reise durch das Fegefeuer begriffen. Sie vollbringt ihr Geschäft mit Methode. Bis zum 2. Dezember 1851 hatte sie die eine Hälfte ihrer Vorbereitung ab¬ solvirt, sie absolvirt jetzt die andre. Sie vollendete erst die parlamentarische Gewalt, um sie stürzen zu können. Jetzt, wo sie dies erreicht, vollendet sie die Exekutivgewalt , reduzirt sie auf ihren reinsten Ausdruck, isolirt sie, stellt sie sich als einzigen Vorwurf gegenüber, um alle ihre Kräfte der Zer¬ störung gegen sie zu konzentriren. Und wenn sie diese zweite Hälfte ihrer Vorarbeit vollbracht hat, wird Europa von seinem Sitze aufspringen und jubeln: Brav gewühlt, alter Maulwurf! Diese Exekutivgewalt mit ihrer ungeheuern bureaukratischen und mili¬ tärischen Organisation, mit ihrer weitschichtigen und künstlichen Staats¬ maschinerie, ein Beamtenheer von einer halben Million neben einer Armee von einer andern halben Million, dieser fürchterliche Parasitenkörper, der sich wie eine Netzhaut um den Leib der französischen Gesellschaft schlingt und ihr alle Poren verstopft, entstand in der Zeit der absoluten Monarchie, beim Verfall des Feudalwesens, den er beschleunigen half. Die herrschaftlichen Privilegien der Grundeigenthümer und Städte verwandelten sich in eben so viele Attribute der Staatsgewalt, die feudalen Würdenträger in bezahlte Beamte und die bunte Mustercharte der widerstreitenden mittelalterlichen Machtvollkommenheiten in den geregelten Plan einer Staatsmacht, deren Arbeit fabrikmäßig getheilt und zentralisirt ist. Die erste französische Revo¬ lution mit ihrer Aufgabe, alle lokalen, territorialen, städtischen und provin¬ ziellen Sondergewalten zu brechen, um die bürgerliche Einheit der Nation zu schaffen, mußte entwickeln, was die absolute Monarchie begonnen hatte, die Centralisation, aber zugleich den Umfang, die Attribute und die Handlanger der Regierungsgewalt. Napoleon vollendete diese Staatsmaschinerie. Die legitime Monarchie und die Julimonarchie fügten nichts hinzu, als eine größere Theilung der Arbeit, in demselben Maße wachsend, als die Thei¬ lung der Arbeit innerhalb der bürgerlichen Gesellschaft neue Gruppen von Interessen schuf, also neues Material für die Staatsverwaltung. Jedes gemeinsame Interesse wurde sofort von der Gesellschaft losgelöst, als höheres, allgemeines Interesse ihr gegenübergestellt, der Selbstthätigkeit der Gesellschaftsglieder entrissen und zum Gegenstand der Regierungs¬ thätigkeit gemacht, von der Brücke, dem Schulhaus und dem Kommunal¬ vermögen einer Dorfgemeinde bis zu den Eisenbahnen, dem Nationalver¬ mögen und der Landesuniversität Frankreichs. Die parlamentarische Republik endlich sah sich in ihrem Kampfe wider die Revolution gezwungen, mit den Repressivmaßregeln die Mittel und die Centralisation der Regie¬ rungsgewalt zu verstärken. Alle Umwälzungen vervollkommneten diese Maschine statt sie zu brechen. Die Parteien, die abwechselnd um die Herr¬ schaft rangen, betrachteten die Besitznahme dieses ungeheueren Staatsgebäudes als die Hauptbeute des Siegers. Aber unter der absoluten Monarchie, während der ersten Revolution, unter Napoleon, war die Bureaukratie nur das Mittel, die Klassenherrschaft der Bourgeoisie vorzubereiten. Unter der Restauration, unter Louis Philipp, unter der parlamentarischen Republik war sie das Instrument der herrschen¬ den Klasse, so sehr sie auch nach Eigenmacht strebte. Erst unter dem zweiten Bonaparte scheint sich der Staat völlig ver¬ selbstständigt zu haben. Die Staatsmaschine hat sich der bürgerlichen Gesell¬ schaft gegenüber so befestigt, daß an ihrer Spitze der Chef der Gesell¬ schaft vom 10. Dezember genügt, ein aus der Fremde herbeigelaufener Glücksritter, auf das Schild gehoben von einer trunkenen Soldateska, die er durch Schnaps und Würste erkauft hat, nach der er stets von Neuem mit der Wurst werfen muß. Daher die kleinlaute Verzweiflung, das Gefühl der ungeheuersten Demüthigung, Herabwürdigung, das die Brust Frankreichs beklemmt und seinen Athem stocken macht. Es fühlt sich wie entehrt. Und dennoch schwebt die Staatsgewalt nicht in der Luft. Bonaparte vertritt eine Klasse und zwar die zahlreichste Klasse der französischen Gesell¬ schaft, die Parzellenbauern . Wie die Bourbons die Dynastie des großen Grundeigenthums, wie die Orleans die Dynastie des Geldes, so sind die Bonapartes die Dynastie der Bauern, d. h. der französischen Volksmasse. Nicht der Bonaparte, der sich dem Bourgeoisparlamente unterwarf, sondern der Bonaparte, der das Bourgeoisparlament auseinanderjagte, ist der Auserwählte der Bauern. Drei Jahre war es den Städten gelungen, den Sinn der Wahl vom 10. Dezember zu verfälschen und die Bauern um die Wiederherstellung des Kaiser¬ reichs zu prellen. Die Wahl vom 10. Dezember 1848 ist erst erfüllt worden durch den coup d'état vom 2. Dezember 1851. Die Parzellenbauern bilden eine ungeheure Masse, deren Glieder in gleicher Situation leben, aber ohne in mannichfache Beziehung zu einander zu treten. Ihre Produktionsweise isolirt sie von einander, statt sie in wechselseitigen Verkehr zu bringen. Die Isolirung wird gefördert durch die schlechten französischen Kommunikationsmittel und die Armuth der Bauern. Ihr Produktionsfeld, die Parzelle, läßt in seiner Kultur keine Theilung der Arbeit zu, keine Anwendung der Wissenschaft, also keine Mannichfaltigkeit der Entwickelung, keine Verschiedenheit der Talente, keinen Reichthum der gesellschaftlichen Verhältnisse. Jede einzelne Bauernfamilie genügt beinahe sich selbst, produzirt unmittelbar selbst den größten Theil ihres Konsums und gewinnt so ihr Lebensmaterial mehr im Austausche mit der Natur, als im Verkehr mit der Gesellschaft. Die Parzelle, der Bauer und die Familie; daneben eine andre Parzelle, ein andrer Bauer und eine andre Familie. Ein Schock davon macht ein Dorf und ein Schock von Dörfern macht ein Departement. So wird die große Masse der französischen Nation gebildet durch einfache Addition gleichnamiger Größen, wie etwa ein Sack von Kar¬ toffeln einen Kartoffelsack bildet. Insofern Millionen von Familien unter ökonomischen Existenzbedingungen leben, die ihre Lebensweise, ihre Interessen und ihre Bildung von denen der andern Klassen trennen und ihnen feindlich gegenüberstellen, bilden sie eine Klasse. Insofern ein nur lokaler Zusammen¬ hang unter den Parzellenbauern besteht, die Dieselbigkeit ihrer Interessen keine Gemeinsamkeit, keine nationale Verbindung und keine politische Orga¬ nisation unter ihnen erzeugt, bilden sie keine Klasse. Sie sind daher unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen, sei es durch ein Parlament, sei es durch einen Konvent geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen ver¬ treten werden. Ihr Vertreter muß zugleich als ihr Herr, als eine Autorität über ihnen erscheinen, als eine unumschränkte Regierungsgewalt, die sie vor den andern Klassen beschützt und ihnen von oben Regen und Sonnenschein schickt. Der politische Einfluß der Parzellenbauern findet also darin seinen letzten Ausdruck, daß die Exekutivgewalt sich die Gesellschaft unterordnet. Durch die geschichtliche Tradition ist der Wunderglaube der französischen Bauern entstanden, daß ein Mann Namens Napoleon ihnen alle Herrlichkeit wiederbringen werde. Und es fand sich ein Individuum, das sich für diesen Mann ausgibt, weil es den Namen Napoleon trägt, in Folge des Code Napoléon , der anbefiehlt: La recherche de la paternité est interdite . Nach zwanzigjähriger Vagabundage und einer Reihe von grotesken Aben¬ teuern erfüllt sich die Sage und der Mann wird Kaiser der Franzosen. Die fixe Idee des Neffen verwirklichte sich, weil sie mit der fixen Idee der zahl¬ reichsten Klasse der Franzosen zusammenfiel. Aber, wird man mir einwerfen, die Bauernaufstände in halb Frank¬ reich, die Treibjagden der Armee auf die Bauern, die massenhafte Einker¬ kerung und Transportation der Bauern? Seit Ludwig XIV . hat Frankreich keine ähnliche Verfolgung der Bauern „wegen demagogischer Umtriebe“ erlebt. Aber man verstehe wohl. Die Dynastie Bonaparte repräsentirt nicht den revolutionären, sondern den konservativen Bauer, nicht den Bauer, der über seine soziale Existenzbedingung, die Parzelle hinausdrängt, sondern der sie vielmehr befestigen will, nicht das Landvolk, das durch eigne Energie im Anschluß an die Städte die alte Ordnung umstürzen, sondern umgekehrt dumpf verschlossen in dieser alten Ordnung sich mitsammt seiner Parzelle von dem Gespenste des Kaiserthums gerettet und bevorzugt sehen will. Sie repräsentirt nicht die Aufklärung, sondern den Aberglauben des Bauern, nicht sein Urtheil, sondern sein Vorurtheil, nicht seine Zukunft, sondern seine Vergangenheit, nicht seine modernen Cevennen, sondern seine moderne Vendee. Die dreijährige harte Herrschaft der parlamentarischen Republik hatte einen Theil der französischen Bauern von der napoleonischen Illusion befreit und wenn auch nur noch oberflächlich revolutionirt, aber die Bourgeoisie warf sie gewaltsam zurück, so oft sie sich in Bewegung setzten. Unter der parla¬ mentarischen Republik rang das moderne mit dem traditionellen Bewußtsein der französischen Bauern. Der Prozeß ging vor sich in der Form eines un¬ aufhörlichen Kampfes zwischen den Schulmeistern und den Pfaffen. Die Bourgeoisie schlug die Schulmeister nieder. Die Bauern machten zum ersten Mal Anstrengungen, der Regierungsthätigkeit gegenüber sich selbstständig zu verhalten. Es erschien dies in dem fortgesetzten Konflikte der Maires mit den Präfekten. Die Bourgeoisie setzte die Maires ab. Endlich erhoben sich die Bauern verschiedener Orte während der Periode, der parlamentarischen Republik gegen ihre eigne Ausgeburt, die Armee. Die Bourgeoisie bestrafte sie mit Belagerungszuständen und Exekutionen. Und dieselbe Bourgeoisie schreit jetzt über die Stupidität der Massen, der vile multitude , die sie an Bo¬ naparte verrathen habe. Sie selbst hat den Imperialismus der Bauernklasse gewaltsam befestigt, sie hielt die Zustände fest, die die Geburtsstätte dieser Bauernreligion bilden. Allerdings muß die Bourgeoisie die Dummheit der Massen fürchten, so lange sie konservativ bleiben, und die Einsicht der Massen, sobald sie revolutionär werden. In den Aufständen nach dem coup d'état protestirte ein Theil der französischen Bauern mit den Waffen in der Hand gegen sein eignes Votum vom 10 . Dezember 1848 . Die Schule seit 1848 hatte sie gewitzigt. Allein sie hatten sich der geschichtlichen Unterwelt verschrieben, die Geschichte hielt sie beim Worte und noch war die Mehrzahl so befangen, daß gerade in den rothesten Departements die Bauernbevölkerung öffentlich für Bonaparte stimmte. Die Nationalversammlung hatte ihn nach ihrer Ansicht am Gehn verhindert. Er halte jetzt nur die Fessel gebrochen, die die Städte dem Willen des Landes angelegt. Sie trugen sich stellenweise sogar mit der grotesken Vorstellung : neben einem Napoleon ein Konvent. Nachdem die erste Revolution die halbhörigen Bauern in freie Grund¬ eigenthümer verwandelt hatte, befestigte und regelte Napoleon die Bedingun¬ gen, worin sie ungestört den eben erst ihnen anheim gefallenen Boden Frankreichs ausbeuten und die jugendliche Lust am Eigenthum büßen konnten. Aber woran der französische Bauer jetzt untergeht, es ist seine Parzelle selbst, die Theilung des Grund und Bodens, die Eigenthumsform, die Napoleon in Frankreich konsolidirte. Es sind eben die materiellen Bedingungen, die den französischen Feudalbauer zum Parzellenbauer und Napoleon zum Kaiser machten. Zwei Generationen haben hingereicht, um das unvermeidliche Resultat zu erzeugen : progressive Verschlechterung des Ackerbaues, progressive Verschuldung des Ackerbauers. Die „Napoleonische“ Eigenthumsform, die im Anfange des neunzehnten Jahrhunderts die Bedingung für die Befreiung und die Bereicherung des französischen Landvolkes war, hat sich im Laufe dieses Jahrhunderts als das Gesetz ihrer Sklaverei und ihres Pauperismus entwickelt. Und eben dies Gesetz ist die erste der „ idées napoléoniennes ,“ die der zweite Bonaparte zu behaupten hat. Wenn er mit den Bauern noch die Illusion theilt, nicht im Parzelleneigenthum selbst, sondern außerhalb im Einflusse sekundärer Umstände die Ursache ihres Ruins zu suchen, so werden seine Experimente wie Seifenblasen an den Produktionsverhältnissen zerschellen. Die ökonomische Entwickelung des Parzelleneigenthums hat das Ver¬ hältniß der Bauern zu den übrigen Gesellschaftsklassen von Grund aus verkehrt. Unter Napoleon ergänzte die Parzellirung des Grund und Bodens auf dem Lande die freie Konkurrenz und die beginnende große Industrie in den Städten. Die Bauernklasse war der allgegenwärtige Protest gegen die eben erst gestürzte Grundaristokratie. Die Wurzeln, die das Parzellen¬ eigenthum in dem französischen Grund und Boden schlug, entzogen dem Feudalismus jeden Nahrungsstoff. Seine Grenzpfähle bildeten das natürliche Befestigungswert der Bourgeoisie gegen jeden Handstreich ihrer alten Ober¬ herren. Aber im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts trat an die Stelle des Feudalen der städtische Wucherer, an die Stelle der Feudalpflichtigkeit des Bodens die Hypothek, an die Stelle des aristokratischen Grundeigenthums das bürgerliche Kapital. Die Parzelle des Bauern ist nur noch der Vorwand, der dem Kapitalisten erlaubt, Prosit, Zinsen und Rente von dem Acker zu ziehn und den Ackerbauer selbst zusehn zu lassen, wie er seinen Ar¬ beitslohn herausschlägt. Die auf dem französischen Boden lastende Hypo¬ thekarschuld legt der französischen Bauernschaft einen Zins auf, so groß wie der Jahreszins der gesammten britischen Nationalschuld. Das Parzellen¬ eigenthum in dieser Sklaverei vom Kapital, wozu seine Entwicklung unver¬ meidlich hindrängt, hat die Masse der französischen Nation in Troglodyten verwandelt. Sechszehn Millionen Bauern (Frauen und Kinder eingerechnet) hausen in Höhlen, wovon ein großer Theil nur eine Oeffnung, der andre nur zwei, und der bevorzugteste nur drei Oeffnungen hat. Die Fenster sind an einem Haus, was die fünf Sinne für den Kopf sind. Die bürgerliche Ordnung, die im Anfange des Jahrhunderts den Staat als Schildwache vor die neu entstandene Parzelle stellte und sie mit Lorbeeren düngte, ist zum Vam¬ pyr geworden, der ihr Herzblut und Hirnmark aussaugt und sie in den Alchymistenkessel des Kapitals wirft. Der Code Napoléon ist nur noch der Code der Exekution, der Subhastation und der Zwangsversteigerung. Zu den vier Millionen (Kinder u. s. w. eingerechnet) offizieller Paupers, Vaga¬ bunden, Verbrecher und Prostituirten, die Frankreich zählt, kommen fünf Millionen hinzu, die an dem Abgrunde der Existenz schweben und entweder auf dem Lande selbst hausen oder beständig mit ihren Lumpen und ihren Kindern von dem Lande in die Städte und von den Städten auf das Land desertiren. Das Interesse der Bauern befindet sich also nicht mehr, wie unter Napoleon, im Einklange, sondern im Gegensatze mit den Interessen der Bourgeoisie, mit dem Kapital. Sie finden also ihren natürlichen Verbün¬ deten und Führer in dem städtischen Proletariat , dessen Aufgabe der Umsturz der bürgerlichen Ordnung ist. Aber die starke und unum¬ schränkte Regierung , — und dies ist die zweite „ idée napoléoni ¬ enne ,“ die, der zweite Napoleon auszuführen hat, ist zur gewaltsamen Ver¬ theidigung dieser „materiellen“ Ordnung berufen. Auch gibt dieser „ ordre matériel “ in allen Proklamationen Bonaparte's gegen die aufrührischen Bauern das Stichwort ab. Neben, der Hypothek, die das Kapital ihr auferlegt, lastet auf der Par¬ zelle die Steuer . Die Steuer ist die Lebensquelle der Bureaukratie, der Armee, der Pfaffen und des Hofes, kurz des ganzen Apparats der Exekutiv¬ gewalt. Starke Regierung und starke Steuer sind identisch. Das Parzel¬ leneigenthum eignet sich seiner Natur nach zur Grundlage einer allgewal¬ tigen und zahllosen Bureaukratie. Es schafft ein gleichmäßiges Niveau der Verhältnisse und der Personen über der ganzen Oberfläche des Landes. Es erlaubt also auch die gleichmäßige Einwirkung nach allen Punkten dieser gleichmäßigen Masse von einem obersten Centrum aus. Es vernichtet die aristokratischen Mittelstufen zwischen der Volksmasse und der Staatsgewalt, Es ruft also von allen Seiten das direkte Eingreifen dieser Staatsgewalt und das Zwischenschieben ihrer unmittelbaren Organe hervor. Es erzeugt endlich eine unbeschäftigte Ueberbevölkerung, die weder auf dem Lande noch in den Städten Platz findet und daher nach den Staatsämtern als einer Art von respektablem Almosen greift und die Schöpfung von Staatsämtern provozirt. Napoleon gab in den neuen Märkten, die er mit dem Bajonnette eröffnete, in der Plünderung des Kontinents, die Zwangssteuer mit Zinsen zurück. Sie war ein Stachel für die Industrie des Bauern, während sie jetzt seine Industrie der letzten Hülfsquellen beraubt, seine Widerstandslosigkeit gegen den Pauperismus vollendet. Und eine enorme Bureaukratie, wohl¬ galonirt und wohlgenährt, ist die „ idée napoléonienne ,“ die dem zweiten Bonaparte von allen am meisten zusagt. Wie sollte sie nicht, da er ge¬ zwungen ist, neben den wirklichen Klassen der Gesellschaft eine künstliche Kaste zu schaffen, für welche die Erhaltung seines Regimes zur Messer- und Gabel¬ frage wird. Eine seiner ersten Finanzoperationen war, daher auch die Wiedererhöhung der Beamtengehalte auf ihren alten Betrag und Schöpfung neuer Sinekuren. Eine andre „ idée napoléonienne “ ist die Herrschaft der Pfaffen als Regierungsmittel. Aber wenn die neu entstandene Parzelle in ihrem Ein¬ klang mit der Gesellschaft, in ihrer Abhängigkeit von den Naturgewalten und ihrer Unterwerfung unter die Autorität, die sie von oben beschützte, natürlich religiös war, wird die schuldzerrüttete, mit der Gesellschaft und der Autorität zerfallene, über ihre eigne Beschränktheit hinausgetriebene Parzelle natürlich irreligiös. Der Himmel war eine ganz schöne Zugabe zu dem eben gewon¬ nenen schmalen Erdstrich, zumal da er das Wetter macht; er wird zum Insult, sobald er als Ersatz für die Parzelle aufgedrängt wird. Der Pfaffe erscheint, dann nur noch als der gesalbte Spürhund der irdischen Polizei, — eine andre „ idée napoléonienne .“ — Die Expedition gegen Rom wird das nächste Mal in Frankreich selbst stattfinden, aber im umgekehrten Sinne des Herrn v. Montalembert. Der Kulminirpunkt der „ idées napoléoniennes “ endlich ist das Ueber¬ gewicht der Armee . Die Armee war der point d'honneur der Parzellen¬ bauern, sie selbst in Heroen verwandelt, nach außen hin den neuen Besitz vertheidigend, ihre eben erst errungene Nationalität verherrlichend, die Welt plündernd und revolutionirend. Die Uniform war ihr eignes Staatskostüm, der Krieg ihre Poesie, die in der Phantasie verlängerte und abgerundete Parzelle das Vaterland und der Patriotismus die ideale Form des Eigen¬ thumssinnes. Aber die Feinde, wogegen der französische Bauer jetzt sein Eigenthum zu vertheidigen hat, es sind nicht die Kosacken, es sind die Huissiers und Steuerexekutoren. Die Parzelle liegt nicht mehr im sogenannten Vaterland, sondern im Hypothekenbuch. Die Armee selbst ist nicht mehr die Blüthe der Bauernjugend, sie ist die Sumpfblume des bäuerlichen Lum¬ penproletariats. Sie besteht großentheils aus Remplacants, aus Ersatz¬ männern, wie der zweite Bonaparte selbst nur Remplacant, der Ersatzmann für Napoleon ist. Ihre Heldenthaten verrichtet sie jetzt in den Gems- und Treibjagden auf die Bauern, im Gendarmendienst, und wenn die innern Widersprüche seines Systems den Chef der Gesellschaft des 10. Dezember über die französische Grenze jagen, wird sie nach einigen Banditenstreichen keine Lorbeeren, sondern Prügel ernten. Man sieht: Alle „ idées napoléoniennes “ sind Ideen der un¬ entwickelten , jugendfrischen Parzelle , sie sind ein Widersinn für die überlebte Parzelle. Sie sind nur die Hallucinationen ihres Todeskampfes, Worte, die in Phrasen, Geister, die in Gespenster verwandelt. Aber die Parodie des Imperialismus war nothwendig, um die Masse der französischen Nation von der Wucht der Tradition zu befreien und den Gegensatz der Staatsgewalt zur Gesellschaft rein herauszuarbeiten. Mit der fortschrei¬ tenden Zerrüttung des Parzelleneigenthums bricht das aus ihm aufgeführte Staatsgebäude zusammen. Die staatliche Centralisation, deren die moderne Gesellschaft bedarf, erhebt sich mir auf den Trümmern der militärisch¬ büreaukratischen Regierungsmaschinerie, die im Gegensatz zum Feudalismus geschmiedet ward. Die französischen Bauernverhältnisse enthüllen uns das Räthsel der allgemeinen Wahlen vom 20 . und 21 . Dezember , die den zweiten Bonaparte auf den Berg Sinai führten, nicht um Gesetze zu er¬ halten, sondern um sie zu geben. Die Bourgeoisie hatte jetzt offenbar keine andere Wahl, als Bonaparte zu wählen. Als die Puritaner auf dem Konzile von Konstanz über das lasterhafte Leben der Päpste klagten und über die Nothwendigkeit der Sitten¬ reform jammerten, donnerte der Kardinal Pierre d'Ailly ihnen zu: „Nur noch der Teufel in eigner Person kann die katholische Kirche retten und Ihr verlangt Engel.“ So rief die französische Bourgeoisie nach dem coup d’état : Nur noch der Chef der Gesellschaft vom 10 . Dezember kann die bür¬ gerliche Gesellschaft retten! Nur noch der Diebstahl das Eigenthum, der Meineid die Religion, das Bastardthum die Familie, die Unordnung die Ordnung! Bonaparte als die verselbstständigte Macht der Exekutivgewalt fühlt seinen Beruf, die „bürgerliche Ordnung“ sicher zu stellen. Aber die Stärke dieser bürgerlichen Ordnung ist die Mittelklasse. Er weiß sich daher als Repräsentant der Mittelklasse und erläßt Dekrete in diesem Sinne. Er ist jedoch nur dadurch etwas, daß er die politische Macht dieser Mittelklasse ge¬ brochen hat und täglich von Neuem bricht. Er weiß sich daher als Gegner der politischen und literarischen Macht der Mittelklasse. Aber indem er ihre materielle Macht beschützt, erzeugt er von Neuem ihre politische Macht. Die Ursache muß daher am Leben erhalten, aber die Wirkung, wo sie sich zeigt, aus der Welt geschafft werden. Aber ohne kleine Verwechselungen von Ursache und Wirkung kann dies nicht abgehn, da beide in der Wechsel¬ wirkung ihre Unterscheidungsmerkmale verlieren. Neue Dekrete, die die Grenzlinie verwischen. Bonaparte weiß sich zugleich gegen die Bourgeoisie als Vertreter der Bauern und des Volkes überhaupt, der innerhalb der bür¬ gerlichen Gesellschaft die untern Vollsklassen beglücken will. Neue Dekrete, die die „wahren Sozialisten“ im voraus um ihre Regierungsweisheit prellen. Aber Bonaparte weiß sich vor Allem als Chef der Gesellschaft vom 10 . De¬ zember, als Repräsentanten des Lumpenproletariats, dem er selbst, seine entourage , seine Regierung und seine Armee angehören, und für das es sich vor Allem, darum handelt, sich wohlzuthun und kalifornische Loose aus dem Staatsschatze zu ziehn. Und er bestätigt sich als Chef der Gesellschaft vom 10.Dezember mit Dekreten, ohne Dekrete und trotz der Dekrete. Diese widerspruchsvolle Aufgabe des Mannes erklärt die Widersprüche seiner Regierung, das unklare Hin- und Hertappen, das bald diese, bald jene Klasse bald zu gewinnen, bald zu demüthigen sucht und alle gleichmäßig gegen sich aufbringt, dessen praktische Unsicherheit einen hochkomischen Kon¬ trast bildet zu dem gebieterischen, kategorischen Style der Regierungsakte, der dem Onkel folgsam nachkopirt wird. Industrie und Handel, also die Geschäfte der Mittelklasse sollen unter der starken Regierung treibhausmäßig aufblühn. Verleihen einer Unzahl von Eisenbahnkonzessionen. Aber das bonapartistische Lumpenproletariat soll sich bereichern. Tripotage mit den Eisenbahntonzessionen auf der Börse von den vorher Eingeweihten. Aber es zeigt sich kein Kapital für die Eisenbah¬ nen. Verpflichtung der Bank, auf Eisenbahnaktien vorzuschießen. Aber die Bank soll zugleich persönlich exploitirt und daher cajolirt werden. Entbin¬ dung der Bank von der Pflicht, ihren Bericht wöchentlich zu veröffentlichen. Leoninischer Vertrag der Bank mit der Regierung. Das Volk soll be¬ schäftigt werden. Anordnungen von Staatsbauten. Aber die Staatsbauten erhöhen die Steuerpflichten des Volkes. Also Herabsetzung der Steuern durch Angriff auf die Rentiers, durch Konvertirung der fünfprozentigen Renten in 4 ½ prozentige. Aber der Mittelstand muß wieder ein Douceur erhalten. Also Verdoppelung der Weinsteuer für das Volk, das ihn en détail kauft und Herabsetzung um die Hälfte für den Mittelstand, der ihn en gros trinkt. Auflösung der wirklichen Arbeiterassoziationen, aber Ver¬ heißung von künftigen Assoziationswundern. Den Bauern soll geholfen werden. Hypothekenbanken, die ihre Verschuldung und die Conzentration des Eigenthums beschleunigen. Aber diese Banken sollen benutzt werden, um Geld aus den konfiszirten Gütern des Hauses Orleans herauszuschlagen. Kein Kapitalist will sich zu dieser Bedingung verstehn, die nicht in dem Dekrete steht, und die Hypothekenbank bleibt ein bloßes Dekret, u. s. w. u. s. w. Bonaparte möchte als der patriarchalische Wohlthäter aller Klassen er¬ scheinen. Aber er kann keiner geben, ohne der andern zu nehmen. Wie man zur Zeit der Fronde vom Herzog von Guise sagte, daß er der oblige¬ anteste Mann von Frankreich sei, weil er alle seine Güter in Obligationen seiner Partisanen gegen sich verwandelt habe, so möchte Bonaparte der obli¬ geanteste Mann von Frankreich sein und alles Eigenthum, alle Arbeit Frank¬ reichs in eine persönliche Obligation gegen sich verwandeln. Er möchte ganz Frankreich stehlen, um es an Frankreich verschenken, oder vielmehr um Frankreich mit französischem Gelde wiederkaufen zu können, denn als Chef der Gesellschaft vom 10 . Dezember muß er kaufen, was ihm gehören soll. Und zu dem Institute des Kaufens werden alle Staatsinstitute, der Senat, der Staatsrath, der gesetzgebende Körper, die Ehrenlegion, die Soldaten¬ medaille, die Waschhäuser, die Staatsbauten, die Eisenbahnen, der état major der Nationalgarde ohne Gemeine, die konfiszirten Güter des Hauses Orleans. Zum Kaufmittel wird jeder Platz in der Armee und der Re¬ gierungsmaschine. Das Wichtigste aber bei diesem Prozesse, wo Frankreich genommen wird, um ihm zu geben, sind die Prozente, die während des Um¬ satzes für das Haupt und die Glieder der Gesellschaft vom 10. Dezember abfallen. Das Witzwort, womit die Gräfin L., die Maitresse des Herrn de Morny, die Konfiskation der orleans'schen Güter charakterisirte: „ C'est le premier vol de l'aigle ,“ Vol heißt Flug und Diebstahl. paßt auf jeden Flug dieses Adlers , der mehr Rabe ist. Er selbst und seine Anhänger rufen sich täglich zu, wie jener italienische Karthäuser dem Geizhals, der prunkend die Güter aufzählte, an denen er noch für Jahre zu zehren habe: „ Tu fai conto sopra i beni, bisogna prima far il conto sopra gli anni .“ Du berechnest deine Güter, du solltest vorher deine Jahre berechnen. Um sich in den Jahren nicht zu verrechnen, zählen sie nach Minuten. An den Hof, in die Ministerien, an die Spitze der Verwaltung und der Armee drängt sich ein Haufe von Kerlen, von deren Bestem zu sagen ist, daß man nicht weiß, von wannen er kommt, eine geräuschvolle, anrüchige, plünderungslustige Bohème , die mit derselben grotesken Würde in gallonirte Röcke kriecht, wie Soulouque's Großwürdenträger. Man kann diese höhere Schichte der Gesellschaft vom 10. Dezember sich anschaulich machen, wenn man erwägt, daß V é ron - Crevel Balzac in der Cousine Bette stellt in Crevel, den er nach Dr. V é ron, dem Eigenthümer des Constitutionnel, entwarf, den grundliderlichen Pariser Philister dar. ihr Sittenprediger ist und Granier de Cassagnac ihr Denker. Als Guizot zur Zeit seines Ministeriums diesen Granier in einem Winkelblatte gegen die dynastische Opposition verwandte, pflegte er ihn mit der Wendung zu rühmen: „ C'est le roi des drôles ,“ „ das ist der Narren¬ könig.“ Man hätte Unrecht, bei dem Hofe und der Sippe Louis Bonaparte's an die Regentschaft oder Ludwig XV . zu erinnern. Denn „oft schon hat Frankreich eine Maitressenregierung erlebt, aber noch nie eine Regierung von hommes entretenus .“ Worte der Frau von Girardin. Von den widersprechenden Forderungen seiner Situation gejagt, zu¬ gleich wie ein Taschenspieler in der Nothwendigkeit, durch beständige Ueber¬ raschung die Augen des Publikums auf sich als den Ersatzmann Napoleon's gerichtet zu halten, also jeden Tag einen Staatsstreich en miniature zu ver¬ richten, bringt Bonaparte die ganze bürgerliche Wirthschaft in Wirrwarr, 7 tastet Alles an, was der Revolution von 1848 unantastbar schien, macht die Einen revolutionsgeduldig, die Andern revolutionslustig und erzeugt die Anarchie selbst im Namen der Ordnung, während er zugleich der ganzen Staatsmaschine den Heiligenschein abstreift, sie profanirt, sie zugleich ekelhaft und lächerlich macht. Den Kultus des heiligen Rocks zu Trier wiederholt er zu Paris im Kultus des napoleonischen Kaisermantels. Aber wenn der Kaisermantel endlich auf die Schultern des Louis Bonaparte fällt, wird das eherne Standbild Napoleon's von der Höhe der Bend ô mesäule herabstürzen. Druck von Otto Wigand in Leipzig.