Ein Lehrgedicht von Friedrich Rückert . Die Weisheit des Brahmanen, ein Lehrgedicht in Bruchstücken. Von Friedrich Rückert . Fünftes Bändchen. Leipzig , Weidmann'sche Buchhandlung . 1839. XII. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 1 1. D u fassest selbst nur halb, was du im Herzen sagst; Und wenn du in ein Wort es nun zu fassen wagst, Wird es nur wieder halb darin sich fassen lassen; Wie soll der Hoͤrer ganz dies halbe Halbe fassen? Er faßt soviel er mag, und macht es ganz in sich, Faßt dies auch halb, und glaubt nun ganz zu fassen dich. 2. Im Meer der Schoͤpfung schwamm zuerst die Lotosblume, Die woͤlbte ihren Kelch gleich einem Heiligthume. Im Heiligthume lag der Geist wie unter Zelten, Und laͤchelte im Traum, er traͤumte kuͤnft'ge Welten. 1* Als sich entfaltete darob die Blum' in Wonne, Ging aus der Blum' ein Glanz, und ward das Licht der Sonne. Aufstieg ein Duft, ein Hauch, und ward zu Aetherrauch, Ward feuchte Fruͤhlingsluft und Wolkenhimmel auch. Ein Blaͤttchen riß sich los als Schmetterling-Cicade, Und flog der Lebenswelt noch unbekannte Pfade. Im Kelche bruͤtend saß ein vogelgleich Gebild. Die Fluͤgel hobs und schwang sich in des Seyns Gefild, Sie kaͤmpften in der Luft, und bunt stob manche Feder, Ein eigenes Geschlecht Luftgaͤnger ward aus jeder. Doch außen an dem Kelch die Schuppe wasserfrisch Abtrennte sich und ward halb Krokodil, halb Fisch. Der Fisch entschwomm zum Strand der Zukunft voll Begier, Und stieg dort halb ans Land, ganz als vierfuͤß'ges Thier. Die Lotoswiege schwankt, es gaͤhrt der Wasserschaum, Der Geist erwacht und sieht die Schoͤpfung, seinen Traum. Er sprach: Ich traͤumte das, doch nun will ich im Wachen Der Traumwelt wachen Herrn, den Menschen selber machen. 3. Gott ist, drum denkt er; denkt, drum spricht er, und ein Wort, Wie er es denkt und spricht, so stehts geschaffen dort. Du bist und denkest auch, du denkst und sprichst, allein Kein Wesen ist das Wort, es ist ein Bild und Schein. Das macht: du sprichst nur nach, du denkst nur nach, du bist Nur nach dem Ersten, der dir vorspricht, denkt und ist. 4. Der neugeborne Gott schlief an der Erde Grund; Neugierig oͤffnete die Mutter seinen Mund. Die Mutter wußte nicht vor Lust wie ihr geschah, Als sie im Kindesmund den Glanz der Welten sah. Die sieben Himmel und acht Paradiese sah Sie im gewoͤlbten Mund, fern waren sie und nah. Wie kommt die Herrlichkeit in einen Kindesmund? Da that es ihr der Geist, der uͤberm Kind war, kund: Im Mund beschlossen sind Himmel und Paradiese; Entfalten wird das Kind in seiner Lehre diese. 5. Vom Gaͤrtner kauft' ich mir ein schoͤnes Blumenstoͤckchen, So reich an Hoffnungen in halberschlossnen Gloͤckchen. Ich wandte meine Muͤh und meine Zeit darauf; Die Gloͤckchen bluͤhten zu, doch bluͤhten sie nicht auf. Sie bluͤhten immer zu, bis sie unaufgebluͤht Abwelkten, und betruͤbt darob ward mein Gemuͤt. Hat dich der Gaͤrtner, hat die Hoffnung dich betrogen? Sie waͤren aufgebluͤht, vom Gaͤrtner selbst gezogen. Die Freude bluͤhet auf nur in des Gaͤrtners Hand, Bei dir zu knospen ist die Hoffnung nur im Stand. 6. Mein Sohn! die Wahrheit ist in Wahrheit ganz nur Eine, Bei Gott ist sie an sich, beim Menschen nur im Scheine. Und wenn der Mensch in sich will Gottes Wahrheit spiegeln, So muß er einen Schein mit ihrem Bild besiegeln. Sieh einen Wahrheitsglanz in jedem Schoͤnheitsschein, Nur bild' als Wahrheit ganz dir nie ein Einzles ein. Mit diesem Blick sieh an die Welt und dieses Buch; In diesem Sinne loͤst sich jeder Widerspruch. 7. Des Ganzen Theile sind als Theile nicht vorhanden, Deswegen, weil sie ja zum Ganzen sich verbanden. Grenzpfaͤhle steckest du, um ein Gebiet zu messen; Doch daß du sie nur steckst, das sollst du nicht vergessen. Der grade Gegensatz setzt grad die Wahrheit schief, Weil stets in Wahrheit eins ins andre sich verlief. 8. Den ew'gen Faden zieht die Spinn' aus ihrem Leibe; Die Sammlerbiene fuͤllt mit fremdem Seim die Scheibe. Spinnweb' ist Fliegengrab und keines Lebens Labe, Die Suͤßigkeit der Welt ist in der Honigwabe. Fleug, suͤße Poesie, auf Bienenraub von hinnen, Und laß Philosophie im grauen Netz der Spinnen. Ob die Philosophie die Spinn' im Netze sei, Ob selbst die Fliege drin, das ist nur einerlei. In keinem Falle wird sie fett bei diesem Schmaus, Ob ausgesogne Flieg', ob Fliegen saugend aus. 9. Hier schwanken siehest du im Bach der Sonne Bild, Doch unbeweglich dort steht fest ihr goldner Schild. Am Abend siehst du dann sie scheinbar untergehn, Indes der Erdball nur sich abdreht ihrem Stehn. Doch, steht sie wirklich fest? sie dreht sich auch bestimmt Um einen Mittelpunkt, den man nur wahr nicht nimmt. Und so, was die Vernunft sich muͤhet zu vernehmen, Hat richtig dein Gefuͤhl erkannt im Schein und Schemen. 10. Wie du verschieden hast den Gott in dir empfunden, Verschieden findest du ihn auch in Schrifturkunden. Ist er in dir darum dir wen'ger offenbar, Die Offenbarung dort deswegen minder wahr? Er zeigt dir dieses bald, bald jenes Angesicht, Doch immer ist es klar und schoͤn und hold und licht. Die Urkund' ist von ihm in Herz und Buch gesenkt, Wie goldner Lebenswein in buntes Glas geschenkt. Als fluͤssigen Smaragd, als thauenden Rubin, Als schmelzenden Sapphir, doch immer trinkst du ihn. 11. Du brauchst dein eignes Volk deswegen nicht zu schelten, Wenn du nach ihrem Werth auch andre laͤssest gelten. So, wer in Ehren haͤlt die Formen fremder Goͤtter, Ist noch deswegen nicht der eignen Laren Spoͤtter. Dein eigen Gut und Haus und Volk und Land und Leben, Das ist dein eigner Gott, und drum nicht aufzugeben. Doch wie jetzt Reisende von einem Stamm zum andern, Zeit ists, daß endlich auch die Gottideen wandern. Daß sich verstaͤndige die menschliche Gemeine, Alles sei Allen gleich, und Jedem sein das Seine. 12. Du mußt nur Alles nicht verlangen gleich von allen, So wird in seiner Art dir alles wohlgefallen. Wenn eine duftig riecht, die andre farbig glaͤnzt, Ist von der einen schoͤn die andre Blum' ergaͤnzt. Und ist die eine gar geruch- und farbenreich, Verlange nicht, sie sei auch suͤße Frucht zugleich. Die schoͤnste Blum' ist, in den Mund genommen, bitter; Denn heimlich ist ein Gift in jedem Sinnenflitter. 13. Der Pflanzenkund'ge, der die Pflanzen will erklaͤren, Weiß doch nicht, wie ein Dorn kann Rosenglut gebaͤren. Das weiß ein Dichter nur, der stille sein Gemuͤt Belauschet, wenn aus ihm ein neues Lied erbluͤht. 14. Die heil'ge Brahmastadt, gleich einer Lotosbluͤte, In welcher Brahma wohnt, o Mensch, ist dein Gemuͤte. Fuͤnf Thore hat die Stadt an ihren Außenwerken, Das sind die Sinne, die die Welt von außen merken. Die Faͤden des Geruchs, die Fasern der Empfindung Erhalten mit der Welt den Lotos in Verbindung. Im Richtweg des Geschmacks, im Schneckengang des Ohres, Die Brahmamitte bleibt bewußt des offnen Thores. Am liebsten aber steigt auf seinem Lotosglanz Der Gott ins Aug' empor und schaut die Schoͤpfung ganz. Da wird die Schoͤpfung hell, vom Lotosglanz bethaut, Und fuͤhlet freudig, daß ihr Schoͤpfer sie beschaut. Solang' er innen wacht, wacht außen Welt in Wonne; Was hier die Sinnen macht, das machet dort die Sonne. Und hat durchs Aug' er sich die Welt beschaut mit Ruh, Steigt er ins Herz hinab, und macht die Fenster zu. Die Lotosbluͤte schließt sich dann als Schlummermohn, Und draußen traͤumt der Mond, und ist benannt davon. Doch tief im Lotoskelch wird nun vom Schlummer frei, Die muͤd' am Tage schlief, die Biene Schwaͤrmerei. Die schwaͤrmt, den Nektarkelch des Lotos auszukosten, Und traͤnk' ihn leer, wenn nicht Besinnung tagt' im Osten. Und wieder wacht empor der Sinne Staͤdterchor, Und Lebensnahrung fuͤhrt er ein durchs offne Thor. Du schaust dem Treiben zu, und fuͤhlst in stiller Lust Den, der dies Alles lenkt, den Gott in deiner Brust. Im Bilde zeigt er dir sein ew'ges Wohngefild, Weil du ihn anders nicht kannst fassen als im Bild. 15. Des Baumes Bluͤt' erfreut, des Baumes Schatten beut Ein Dach dir, und ein Mahl die Frucht, die er verstreut. Was brauchst du noch? ein Kleid? nimm es von seinem Bast; Mach' auch ein Buch daraus, wenn du es noͤthig hast. Und brauchst du dann ein Grab, er wird dich auch begraben, Mag Ruh im kuͤhlen Grund, mag Feuertod dich laben. Den Scheiterhaufen baut er hier, und dort den Sarg, Bis deinen Rest im Schirm er seiner Wurzeln barg. Was keucht durch fernen Raum der Hunger fremden Brodes, Wenn dich begnuͤgt ein Baum des Lebens und des Todes? Als Vogel schwinge sich dein Geist, vom Leib geschieden, Dem hoͤchsten Wipfel zu, der nicht mehr ist hienieden; Und singe von dem Baum des Todes und des Lebens Herab zum Erdenraum den Frieden nicht vergebens. 16. Wie einem Thiere mag zu Muth seyn, kann ich doch Begreifen, weil ich selbst als Kind auf Vieren kroch. Wie einem Vogel sei zu Sinn, begreif' ich nicht, Weil stets die Schwinge mir gebrach, und noch gebricht. Was alles da so leicht fliegt unterm Himmelsbogen, Aus einer andern Welt scheint es hereingeflogen; Aus einer andern Zeit. Es ging die große Flut Nur uͤber Thiertrotz weg, nicht uͤber Vogelmut. Sie schwebten, wie zuerst der Geist auf Wassern schwebte, Und sahen zu, wie sich die Schoͤpfung neu belebte. Und wie ein Vogel jetzt, wenn ab in einem Kreise Der Welt ein Fruͤhling stirbt, zum andern macht die Reise; So fliegt, wann diesen Stern, ob fremd' ob eigne, Glut Verzehrt, ein Vogel fern zu andern wohlgemut. Ihr Voͤgel, seid gegruͤßt, und gruͤßt mir alle Fernen, Von denen ich gelernt, und die von mir einst lernen. Ihr habt mir manchen Gruß gebracht aus fremden Land, Und manchen, den ich als vom Himmel her verstand. 17. Alswie der Fruͤhling, seit er erst der Welt entflohn, Nie wiederkehrt, nur oft ein schoͤnes Bild davon; Doch ein so schoͤnes Bild, das statt der Sache gnuͤgt, Daß sich, solang sie's hat, die Erde gern betruͤgt: So kam der Jugend Traum mit zartem Fruͤhlingstriebe Im Traume mir, ein Traum kam mir vom Traum der Liebe. Die hoͤchste Liebe war's, die ich im Traum empfand, Und die mich liebte, war ein Weib von hoͤchstem Stand. 18. Zwoͤlf Jahre war ich alt, da hatt' ich ohne Fleiß Fast alles und noch mehr gelernt, als ich nun weiß. Ich hatte schon die Frucht, wovon den Ruhm nun haben Manch andre, die zuerst ans Licht der Welt sie gaben. Und ruͤhm' ich dessen mich? Ich ruͤhme nur die Zeit, Durch deren neuen Trieb das Neu' allein gedeiht. Gedanken kommen wie des Fruͤhlings goldner Duft, Sie sind nicht mein noch dein, sie schwimmen in der Luft. Sei dankbar, daß die Welt so reich dir dargeboten Des besten Wissens Schatz von Lebenden und Todten. Du hast ihn nicht gesucht, du hast ihn nur gefunden; Nun spend' ihn liebend aus und sei der Welt verbunden. 19. Das Feuer war in Furcht, daß es das Wasser hasche, Und heimlich glimmend barg es sich im Haufen Asche. Das Wasser kam und goß den Aschenhaufen aus, Und suchen mußte sich das Feur ein andres Haus. Das Feuer barg im Wald sich in das gruͤne Holz, Das Wasser merkt' es nicht, da ward das Feuer stolz. Und als der Sommerwind die Ranken schlug zusammen, Das Feuer kam hervor, da stand der Wald in Flammen. Da kam der Wolkenbruch und goß den Waldbrand aus, Und wieder suchen muß das Feur ein andres Haus. Das Feuer fluͤchtete sich in den Kieselstein, Und warf sich in den Bach, ins Wasser selbst hinein. Das Wasser sucht' es rings und merkte nicht die List, Wie sicher oft der Feind im Haus des Feindes ist. Und ruht am Mittag einst das Wasser schlummertrunken, Dann aus dem Kiesel springt das Feuer als ein Funken. 20. Der Knabe steht am Berg und lauscht in stiller Wonne, Weil gegenuͤber ihm aufgehen will die Sonne. Die hoͤchsten Spitzen sieht von Hoffnung er geroͤthet, Und hoͤrt von Lerchenlied den Sieg des Lichts gefloͤtet. Doch immer will sie selbst noch kommen nicht empor, Und seiner Sehnsucht schiebt sich eine Wolke vor. Da faßt ihn Ungeduld: wie lange will sie saͤumen? Der Sonn' entgegen geht er vorwerts in den Raͤumen. Er geht den Berg hinab, er stand am Bergabhange, Entgegen berghinab geht er dem Sonnaufgange. Und immer schwaͤcher wird um ihn der Morgenschein, Wie tiefer in die Nacht des Thals er geht hinein. Und aus der Schlucht, wo ihm der letzte Schein verglimmt, Sieht er zuruͤck, wie rings in Glanz die Schoͤpfung schwimmt; Und sieht denselben Platz, von dem er ausgegangen, Vom hellsten Sonnenstral, den er ersehnt, umfangen. 21. Ihr naͤrr'schen Dichter, die ihr scheltet die Natur, Und sie zu schelten nehmt aus ihr die Bilder nur! Wenn Musen sonst aus Laͤrm die Einsamkeit gesucht, Nehmt ihr vom Land zur Stadt die umgekehrte Flucht; Haͤngt um die Poesie des Staates Flitterstaat, Statt jener Unschuld, die im Paradies auftrat. Seht dort nur hin, wo laͤngst schon steht das Ideal, Das ihr hier bauen wollt; sprecht: wo ist Lust? wo Qual? Ist hier die Wiese kahl? ist hier der Bach nur schmal? Sie glaͤnzen doch, sei's nun von Fruͤh- von Abendstral. Wenns hier ist kahl und schmal, so ists dort schal und fahl, Dort wo ihr jetzt noch seht nur hoͤchstes Ideal. Geht hin zur Stadt im Sumpf, zur Stadt im Kohlendampf, Und kaͤmpft fuͤr Erdenheil, fuͤr Erdlicht euern Kampf! Hier laßt die heitre Lust fuͤr Weltheil, Gottlicht kaͤmpfen; Die Heiterkeit sollt ihr mit Koth und Dampf nicht daͤmpfen. 22. Die ihr die Erd' entehrt, zu geben Gott die Ehre! Ein schlechtes Zeugnis gebt ihr selber eurer Lehre. Gott selbst in Ehren will die Welt gehalten wissen, Sonst haͤtte sie sein Wort um Nichts dem Nichts entrissen. Er hat sie hell gemacht, ihr wollt sie finster machen; Er hat an Menschen Lust, an Wuͤrmern ihr und Drachen. Halb Drachen feuerspeind, halb angstgewundne Wuͤrmer, Des ird'schen Heiligthums der Dichtkunst Bilderstuͤrmer! O Zeit! daß scheulos sich ans Tagslicht wagen Eulen, Und siegreich Nachtigall-Gesaͤnge niederheulen! Die sehn in Rafaels Verklaͤrung Teufelsfratzen, Und, Bilder vom Scheol im Herzen, Liebe schwatzen! Macht euch zur Lust nur Qual, und schwelgt im Jammerthal, Und nie licht' eure Nacht ein Gottes Freudenstral! Die Lehre, die nicht rein das Herz wie Sonnenschein Erfuͤllt, erfreut, erhebt, kann nicht vom Himmel seyn. 23. Ein Drittel bist du selbst, ein Drittel ist die Welt, Das dritte Drittel ist die Liebe, die euch haͤlt. Du bleibst der Welt, sie bleibt dir ohne Lieb' ein Bruch, Den ohne Lieb' ausgleicht kein rechnender Versuch. 24. Ich hang' an einem Haar noch mit der Welt zusammen, Und unzerreißbar war den Stuͤrmen es, den Flammen. An einem Haare zieht die Welt mich, die ich ziehe; Ihr folg' ich, die mich flieht, sie folgt mir, die ich fliehe. Mir folgt ihr Bildertanz, ihr folgt mein Liederchor, Wir ziehn uns ab und an; und ziehn uns beid' empor. Wo sie empor nicht zog, waͤr' ich in mir versunken; Wo ich nicht ihr entflog, waͤr' ich nicht liebetrunken. So hat der Liebe Hand das leise Band gewebt, Die Lieb', an deren Band ewig das Ew'ge schwebt. 25. Wer in den Spiegel sieht, und sieht sich schoͤn darin, Der spreche: Mache Gott mich gut, wie schoͤn ich bin. Und wer den Spiegel sieht und sieht darin sich haͤßlich, Der denke, Guͤte sei ihm doppelt unerlaͤßlich. Die hoͤchste Schoͤnheit ist, die aus der Guͤt' entstand, In der der Gegensatz von Gut' und Schoͤnem schwand. Der Baum ists, der zugleich die Frucht traͤgt und die Bluͤte, Wo Schoͤnheit auch die Frucht, und schon die Bluͤt' ist Guͤte. Das Gute hoffe nicht des Schoͤnen zu entbehren; Nur schoͤn geschliffen kann der Spiegel Licht gewaͤhren. Des Guten hoffe nicht das Schoͤne zu entbehren; Aus reinem Grund nur kann sich rein der Spiegel klaͤren. Das Schoͤne gebe dir zum Guten Gott vereint, Der gut im Guten ist, und schoͤn im Schoͤnen scheint. 26. Nimm, Brahma's Juͤnger, was ich vom Araber nahm; Sieh auf den Kern, und uͤbersieh den Wortspielkram! Dein Bruder, o mein Sohn, ist auch der Muselman; Von ihm auch lerne gern, was er dich lehren kan. Arabersprichwort sagt: dir hilft in der Gefahr Ein Bruder oft, den nicht die Mutter dir gebar. Verwandtschaft kann, mein Sohn, der Liebe nicht mit Ehren, Doch der Verwandtschaft kann die Liebe wohl entbehren. Wer fuͤr mein Bestes sich mit Rath und That verwandt, Nur der Verwandte ist mir in der That verwandt. Wer fuͤr mein Bestes selbst hat Gut und Blut verwandt, Wie fremd er sei, der ist mir wahrhaft blutverwandt. Nicht der so lieber selbst sein letztes Blut verwendet, Daß Blutverwandten er ihr letztes Gut entwendet. Der ist alswie ein Wolf, der nicht kann Blut entdecken Am wunden Bruder, ohn' es gierig selbst zu lecken. Wer besser sei zum Feind zu haben als zum Freunde? Der, scheulos vor dem Freund, sich nur vorm Feinde scheu'nde. Der dem Gewognen in den Weg tritt als Verwegner, Und aus dem Weg, wo ihm entgegen tritt ein Gegner. Der kuͤhn den Loͤwen spielt in seinem Jagdreviere, Und schmeichlerisch den Fuchs im Kreis vornehmer Thiere. Der staͤrkst' in gutem Rath, zu guter That der schwaͤchste, Der, wenn sein Nachbar ruft, sagt: ich bin mir der naͤchste. Ruft er den Nachbar einst, vergelt' ihm der die List, Und sage: hilf dir selbst, weil du dein Naͤchster bist. 27. Du schaͤme dich vor Gott und dir in deinen Zellen, Wie in Gesellschaft du dich schaͤmest vor Gesellen. Der unverschaͤmte sagt: da Gott es sieht in mir; Scheut' ich dich mehr als ihn, um es zu bergen dir? Doch der beschaͤmte sagt: da Gott in mir es schaut, Und es verzeiht, sei dir's auch zum Verzeihn vertraut. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 2 28. Du sagest: Falsch war dein Orakel, wie es pflegt. Sag das nicht, sondern sag: Falsch hab' ichs ausgelegt. Stets deutlich ist, doch stets vieldeutig Profezeiung, Und immer schuͤtzt sich selbst die Weihe vor Entweihung. 29. Der ist ein schlechter Herr, wie glaͤnzend auch er thront, Der besser muͤssigem als fleiß'gem Diener lohnt; Der, wie die Sonne, sticht den der im Feld arbeitet, Und freundlich scheinet dem, der sich im Schatten breitet. 30. Wenn du mich fragst: auf wen darf ich in Treuen baun? Ich sage dir: auf die, die selber andern traun. Und fragst du aber, wem zu traun dir nicht gebuͤhrt? Nur dem nicht, der im Mund stets Treu und Glauben fuͤhrt. 31. Der Farbenbogen der Empfindungen erscheint, Wenn hier die Sonne lacht, und dort die Wolke weint. Wie Goͤtter wandeln auf besonnter Wolkenbruͤcke, So wandeln drunterhin wir zwischen Leid und Gluͤcke. Du sagst: die Sonne lacht; du sagst: die Wolke weint; Weil die zu lachen dir und die zu weinen scheint. Du tauchest die Natur in deines Innern Farben, Die leben, wenn es lebt, und wenn es starb, erstarben. Dir gebe Gott in dir das ewige Lebendige, Im Unbestand der Welt das einzige Bestaͤndige. Dir gebe Gott in dir das heitere Verstaͤndige, Daß mit dem Geist der Welt sich klar dein Geist verstaͤndige. Dein Weinen moͤge dir zum Laͤcheln, nie zum Lachen, Nie dir dein Lachen Gott zum Quell der Thraͤnen machen. Des Menschen Aug' allein kann lachen und kann weinen, Und nur die Schoͤnheit kann die beiden schoͤn vereinen. 2* Mit einem Auge lacht die Lieb', ihr andres weint; Was meinest du, daß sie mit Lachen-Weinen meint? Sie laͤchelt, wenn die Welt sie um die Welt sieht weinen, Und weint, wenn sie sich sieht verlachen und verneinen. 32. Der Koͤnig zaͤhlt sein Heer, ihm geht ein Mann vorbei, So haͤßlich, daß ihm scheint, daß er zu haͤßlich sei. Erst blickt der Koͤnig ab, dann redet er ihn an, Und ungefuͤges spricht der ungefuͤge Mann. Der Koͤnig denkt: Mir dient im Heere mancherlei, Doch keiner diene, dem nicht wohnt ein Gutes bei. Waͤr' ihm es aͤußerlich, so waͤr's in seinen Mienen, Wenn innerlich, so waͤr's in seiner Red' erschienen, Drum soll man diesen Mann aus meinen Reihen stoßen; Denn weder gut noch schoͤn dient weder klein noch großen. 33. Wie einst des Geiz'gen Aug' erschlossen Zaubersalben, Daß ihm verborgne Schaͤtz' erschienen allenthalben; Die ganze Welt gewebt aus Gold und Edelstein; Und nur zu schaͤrfen dient es ihm der Habsucht Pein. So ward erschlossen auch mein Blick von Wundersalben, Und ungeahnte Schaͤtz' erblick' ich allenthalben; Die ganze Welt gewebt aus Sonn- und Blumenschein; Und zur Befriedigung gereicht es mir allein. Zufrieden seh' ich, daß ich niemals kann ausbeuten Der Schoͤpfung Schacht, und nie ihr Raͤthselspiel ausdeuten. Der Schacht, in dem das Erz nachwaͤchst aus innrer Kraft; Das Raͤthsel, das, geloͤs't, wird doppelt raͤthselhaft. Und loͤsen wir mit Gluͤck, was wir zur Zeit aufhaben, Schon aufgegeben sind der Folgezeit Aufgaben. Und was zu loͤsen wir die Hoffnung jetzt aufgaben, Das loͤsen leicht einst, die zu loͤsen das aufhaben. Ich aber freue mich, nach Lust hervorzuholen, Und fuͤrchte nicht, zuletzt zu finden taube Kohlen. Und was ich selber Lust nicht hab' hervorzuholen, Sei einem lustigern Geschlecht von mir empfohlen. Noch lange wird die Axt den Urwald nicht ausreuten, Noch lange Bienenfleiß den Fruͤhling nicht ausbeuten: Solang in Gott und Welt sich Herzen still ausfreuten, Und Maienglocken sacht des Lenzes Sieg ausbeuten: Solang wird frohe Kunst die Wunder nur ausdeuten, Die eines Kuͤnstlers Haͤnd' auf die Natur ausstreuten. Er gebe Leben mir, Gesundheit, innre Lust! Denn noch zur Haͤlft' ist nicht der Schatz in meiner Brust. Nicht laͤngstes Leben reicht ihn vollends auszubeuten, Ob Tochtertoͤchter ich ausstattete zu Braͤuten. Weh, Reim, du hast im Klang ein Bild mir aufgedrungen, Durch dessen Weh sind hier die Saiten abgesprungen. 34. Ich sprach: „Der Liebe Rausch verstehn nur trunkne Sinne;“ Und daß ich recht es sprach, werd' ich mit Freuden inne. Ich freu' mich, daß mich nicht die Nuͤchternen verstehn, Und nur die Trunknen sich mit mir im Reigen drehn. 35. Du unterscheidest hier Vernunft und dort Verstand, Und zwischen beiden denkst du eine Scheidewand. Doch ohne Anstoß an den nur gedachten Schranken, Her und hinuͤber gehn die spielenden Gedanken. So unterscheidest du den Geist auch vom Gemuͤte, Wie am Basilikum vom duft'gen Blatt die Bluͤte. So unterscheidest du die Seele von dem Leib, Als seyen beide so getrennt wie Mann und Weib. Doch wie nicht Mann und Weib getrennt sind im Erkennen, So kann auch Seel' und Leib nicht die Erkenntnis trennen. Und das nur macht dein Ich, daß ungetrennt sie sind, Wie ungetrennt sich Mann und Weib erkennt im Kind. So unterscheidest du den Gott von der Natur, Und von den beiden Dich, und Eins die drei sind nur. Den Vater magst du ihn, und sie die Mutter nennen, O Kind, doch ungetrennt von beiden dich erkennen. In deiner Liebe wirst du sie als Eins erkennen, Mit Liebesnamen unterscheiden und nicht trennen. Nie laß dir dies Gefuͤhl, es sei dein heil'ger Glauben, Von Unterschiedenem und Ungeschiednem rauben. 36. Du bist ein Muttersohn, und von der Mutterbrust Noch nicht entwoͤhnt, sie ist noch immer deine Lust. Du bist ein Muttersohn, doch an der Mutterbrust Hast du den Vater selbst geahnt in stiller Lust. Du bist ein Muttersohn, doch auch des Vaters Kind, Der auch die Kinder liebt, die lieb der Mutter sind. 37. Wer etwas lernen will, der muß dazu drei Gaben, Von obenher, aus sich, und auch von außen haben. Die Faͤhigkeit, die Lust und die Gelegenheit; Die drei wo fehlen, kommt ein Lernender nicht weit. Zum Lernen Faͤhigkeit muß Gott dir selbst verleihen, Weil in fruchtbarem Grund Fruchtbaͤume nur gedeihen. Die Faͤhigkeit ist todt, wo sie nicht wird zum Triebe; Zum Lernen treiben muß dich eigne Lust und Liebe. Dann muß Gelegenheit von außen zum Besuch Dir kommen in Gestalt von Lehrer oder Buch. Fehlt in der Naͤhe dir Gelegenheit zu lernen, Der Trieb zu lernen wird dich treiben in die Fernen. Und jede Faͤhigkeit ist selbst ihr eigner Trieb; Und also sind sie Eins, die ich als drei beschrieb. 38. Der ist der schlechteste des menschlichen Geschlechtes, Wer selbst nichts rechtes weiß, noch lernen will was rechtes. Wer ist der beste? der hervor das Gute bringt Aus eigner Kraft, und nicht von außen es erringt. Doch ist zu loben, wer, was er nicht selbst vermag Zu tragen, das erwirbt von fremdem Fruchtertrag. Es steht ein Baum im Wald und traͤgt die eigne Frucht, Die so ihm gnuͤgt, daß er nach keiner fremden sucht. Daneben steht ein Baum, der ist nicht eigenfruͤchtig; Der reiche Nachbar macht den armen eifersuͤchtig. Soll er die Frucht von ihm zu sich heruͤber nehmen? Wenn ers auch koͤnnte, muͤßt' er sich des Diebstals schaͤmen. Die Glut der Eifersucht brennt ihm sein Innres hol, Und desto minder traͤgt er aus sich Frucht nun wol. Seht, wie zu nutzen er den Schaden selber weiß, Er laͤdt in seine Kluft des Bienenschwarmes Fleiß. Sein Innres raͤumet er zur Wohnung willig ihnen, Und freudig lohnen's ihm die arbeitsamen Bienen. Sie tragen Honig her, und nicht vom Nachbar nur, Sie tragen rings ihn bei aus Berg und Wald und Flur. Des goldnen Seimes voll wird jeder leere Raum, Und immer fruchtbar ist der unfruchtbare Baum. 39. Zu geben Groͤstes gern mag Großmuth sich bequemen, Doch ungern laͤßt sie sich das Allerkleinste nehmen. Dem Geber gibt man nur, vorm Nehmer nimmt mans fort; Willst du ein Gut, so gib dafuͤr ein gutes Wort. Man gibt ein gutes Wort, um etwas zu erlangen, Und dann ein zweites noch als Dank, wenn mans empfangen. Der Dank fuͤr eine Gab' ist selber eine Gabe, Willkommen dem, der reich schon ist an andrer Habe. 40. Der alte Hauswirth, in der Wirthschaft wohl erfahren, Hat dich gelehrt, wo du, wo nicht du sollest sparen. Voll schoͤpf' aus vollem Faß, das leere leere schnell, Doch zwischen voll und leer, da halte Haus, Gesell! Voll schoͤpf aus vollem Faß, und in der Mitte spar; Die Neige sparen ist unnuͤtz und undankbar. Warum? kein Sparen frommt, daß neu Erschoͤpftes steige, Und schal am Ende wird dir nur die schmale Neige. Des Fasses Anbruch sei ein Fest, ein Fest sein Ende; Haustrunk ist Mittleres, das Aeußre Goͤtterspende. Der Anfang und das End' ist unklar, oben Schaum, Hef' unten, klarer Wein ist in dem Mittelraum. 41. Der Koͤnig Adler hat das weitste Koͤnigreich, Von allen Koͤnigen ist ihm kein andrer gleich. Den weiten Himmelsraum mißt er mit seinen Schwingen, Und laͤßt aus seiner Hoͤh den Blick zur Erde dringen. Er hat die Sonn' im Aug' und sieht die Erde doch, Das tiefste sieht er klar, er schwebe noch so hoch. Und was am Erdengrund zur Beut' ihm mag gefallen, Er kommt, er faßts und traͤgts empor in seinen Krallen. Auf seinem Baume sitzt der Weih und lauert still, Was ihm zum Raube da voruͤber kommen will. Der Adler aber fliegt, es steht die Wahl ihm frei, Nicht was vorbei ihm kommt, er holt es selbst herbei. Der Eule ist die Nacht zur Jagdzeit angewiesen, Der Mondschein ist ihr Freund, sie jagt nicht ohne diesen. Die Bloͤde sieht bei Nacht, doch gar nicht hell genung, Und recht im Zwielicht nur zweideut'ger Daͤmmerung. Drum wenn der Mond nicht scheint, kann sie bei Nacht nicht jagen, Und jagt zwei Stuͤndchen nur im Spaͤtlicht und vorm Tagen. Der Adler aber schwingt sich mit der Sonnen auf, Und stellt auch seinen Flug nur ein mit ihrem Lauf. Fruͤh schaut er droben sie, noch eh die Welt sie sah, Und schwand sie dieser laͤngst, ist noch ihr Glanz ihm nah. Und sieht er ihren Glanz dann hinterm fernsten Forst Sich senken, senkt er sich und suchet seinen Horst. Er hat zum Horst gewaͤhlt den allerfreisten Raum, Auf allerhoͤchstem Berg den allerhoͤchsten Baum. Dort sitzt sein Adlerweib und bruͤtet nur zwei Eier, Und sie verstoͤren darf kein Flatterer und Schreier. Denn keine Nachbarschaft von Vogel, Mensch und Thier Vertraͤgt der Adler, wo er hat sein Nachtquartier. Er weiß aus seiner Naͤh die Gaͤst' hinwegzutreiben, Und diese haben selbst schon keine Lust zu bleiben. So wohnt er ungestoͤrt in seiner Einsamkeit, Sieht von der Erde nichts und nur den Himmel weit. Die Kraͤhe mit Gedoͤrn deckt oben ihr Gemach, Doch nur der Himmel ist des Adlernestes Dach. Er laͤßt den Sturm der Nacht an sich voruͤber brausen, Stark wird sein straͤubendes Gefieder von dem Grausen. Und wenn der Sturm davon ihm eine Feder weht, Ein Jaͤger findet sie, der fruͤh zur Jagd ausgeht. Er darf die Feder nicht zu andern Federn legen, Weil Adlerfedern selbst den Trieb des Adlers hegen; Und, wie der Aar hinweg die Voͤgel wehrt und treibt, Auch ihre Federn sein Gefieder zehrt und reibt. Der Jaͤger macht daraus des Pfeiles Federspiel; Dem aarbeschwingten Schaft waͤhlt er den Aar zum Ziel. Der Adler in der Luft vom Pfeil getroffen spricht: Nahmst du nicht von mir selbst die Kraft, du trafst mich nicht. Der Adler schuͤttelt aus der Brust den Pfeil, und schaut Hinunter, wo fuͤr ihn gepflanzt ist Adlerkraut. Vom Adlerkraute heilt alsbald die Adlerwunde, Und in die Luͤfte schwingt sich wieder der Gesunde. Und wenn er einen Kreis hat um die Welt geschwungen, So laͤßt er sich aufs Nest herab zu seinen Jungen. Den beiden schaut er scharf ins Auge bis ins Mark, Pruͤft ihre Krall' und Schwing', und findet beide stark. Sie halten sich am Nest mit scharfen Krallen fest, Doch ohne Schonung stoͤßt der Alte sie vom Nest. Denn fliegen lernt nur, wer zum Fliegen ist gezwungen, Wenn er zum Fliegen Kraft auch hat gleich Adlerjungen. Ein Junges sinkt hinab, alsob's kein Adler sei, Das wird ein Jagdgenoß fuͤr Eule dort und Weih. Das andre schwebet nach dem Vater voll Vertraun, Der reißts mit sich empor und lehrts die Sonne schaun. 42. Du machest manches mit, weil man dir's vorgemacht, Und bringst es weiter so, wie es ist hergebracht. Mit Messern schneidest du des Brotes weiche Rinde, Und beißest mit dem Zahn die Nuß, die ungelinde. So ists einmal dein Brauch, doch brauchtest du viel besser, Mich duͤnkt, den Zahn fuͤrs Brot und fuͤr die Nuß das Messer. 43. Am Rand des Stromes sitzt ein Angler um zu angeln, Und laͤßts an keiner Kunst, den Fisch zu locken, mangeln. Die Lockung laͤsset er am feinsten Faden schweben, Die Ruth' ist stark genug den schwersten Fang zu heben. Doch munter spielt der Fisch in seinem Element, Und achtets seinen Tod, wenn man davon ihn trennt. So uͤberm Sinnenmeer, in das versenkt wir sind, Sitzt dort ein Angler auch und lockt das Menschenkind. Der Angel Nektar schwebt an goldnem Sonnenfaden, Uns aus der bittern Flut zur suͤßen Kost zu laden. Doch wollen sie nicht recht der Himmelsladung achten, Sie fuͤrchten wie der Fisch im Aether zu verschmachten. Doch jeder ist zuletzt gefangen unwillkuͤhrlich; Komm, stirb der Welt im Geist, eh du ihr stirbst natuͤrlich! Der Mensch, solang er lebt, ist meist ein Doppelleber, Nur wen'ge sind ganz Fisch, noch wen'ger Himmelschweber. 44. Man sagt, geboren hat die Viper nicht die Jungen, Die Mutter toͤdtend sind sie ihrem Leib entsprungen. Man sagt, sie thuen dies auf ein Naturgebot, An ihrer Mutter so raͤchend des Vaters Tod. Denn wenn der Schlangenmann sein Weib will zuͤngelnd kuͤssen, Nimmt in den Mund sie ihn und schwelgt in den Genuͤssen. Und, obs die Saͤttigung, obs ihr die Lust eingab, Wie sie empfangen hat, beißt sie das Haupt ihm ab. Die Kinder fuͤhlen wol aus welcherlei Verderben Sie stammen, und gehn hin den gleichen Tod zu sterben. Die Schlangenmaͤnnchen gehn sich mit den Weibchen gatten, Um fuͤr der Mutter Tod die Suͤhnung zu erstatten; Zu saͤttigen die Lust, die niemals kann ersatten; Kann solche Unnatur in der Natur auch seyn? Traͤgst du, o Mensch, sie nur in die Natur hinein? Der lautern Fantasie ist sie die Mutter mild, Und der verstoͤrten das verzerrte Schlangenbild. 45. Es kam ein Wanderer durch einen oͤden Raum An einen gruͤnen Fleck, da stand ein schoͤner Baum. Und an des Baumes Fuß ergoß sich eine Quelle, Und eine Blume sah sich in der klaren Welle. Auch auf dem Baume saß ein Vogel hoch und sang: Der Wandrer ruhte froh sich aus von seinem Gang. Und sprach: wie Schad' um euch, daß ihr hier beide singt Und bluͤht, wo keinem Aug' und Ohre Lust es bringt. Da sprach die Gottheit, die im Baume wohnte, leise: O Wandrer, den zu mir gefuͤhret hat die Reise! Sie bluͤhen nicht umsonst, sie bluͤhn und singen mir, Und weil du bei mir ruhst, bluͤhn sie und singen dir. 46. Ein altes Sprichwort sagt: Im Truͤben ist gut fischen. Ein andres: gut ists auch im Truͤben zu entwischen. Dort ists der Fischer selbst der seinen Tuͤmpfel truͤbt, Und am bethoͤrten Fisch mit Gluͤck sein Handwerk uͤbt. Und also truͤbt die Flut um sich der Kraken auch, Daß blinde Heringsbrut sich draͤng' in seinen Bauch. Doch hier ein Fischlein ists, das keine andre Kraft Zu seiner Nothwehr hat als seinen braunen Saft. Der braune Saft, um den die Menschen selbst es fangen, Derselbe ists, durch den es ihnen ist entgangen. Spritz, arme Sepie, wehrloser Tintenfisch, Die Tinte nach dem Feind, und in der Truͤb' entwisch! 47. Vernimm die Fabeln, die ich nicht gefabelt habe; Als Mann erzaͤhl' ich dir, was ich gehoͤrt als Knabe. Die zahme Ente schwamm auf ihrem Pfuhl zufrieden, Wo von dem Hausherrn ihr das Futter war beschieden. Die wilde Ente flog vorbei mit Lustgeschrei; Die zahme blickt hinauf, verwundert, was es sei? „Mein wilder Vetter, ei, wohin?“ — Zur Quellenflut Auf Bergen, weil das Land versengt hat Sommerglut. „Zu Quellen? ei! kennst du die Quellen, warst du dort?“ Ich nicht, die Mutter wars, und nach ihr zieht michs fort. „Und weißt du denn den Weg?“ Ich weiß ihn nicht, ich fuͤhle Den Trieb nur und den Zug entgegen jener Kuͤhle. Die zahme spricht: Bin ich nicht auch von deinem Stamm, Und fuͤhle keinen Trieb und Zug aus meinem Schlamm. Die wilde spricht: du hast, von der Natur entfernt, Den angestammten Trieb der Freiheit nur verlernt. Ich aber fuͤhle michs durchzittern und durchwittern; Leb wol! dort reicht man dir dein Futter aus den Gittern. 48. Die Blumen standen frisch erquickt auf duͤrrer Au, Denn jede hatt' im Mund ihr Troͤpflein Morgenthau. Das hatten sie bei Nacht zur Tageskost empfangen. Sie sprachen: Schwestern, laßt uns nun mit Wen'gem langen! Lang ist der heiße Tag, der uns versengt die Glieder, Und erst der Abend bringt uns eine Labung wieder. Sie wachten hin den Tag so still alsob sie schliefen, Durchschliefen kuͤhl die Nacht, erwachten fruͤh und riefen: Wir armen Schwestern, ach, heut muͤssen wir verschmachten, Da die gewohnte Lab' uns nicht die Stunden brachten. Wir armen Schwestern, ach! die goldne Morgenstunde Kam selber ohn' ihr Gold, ohn' ihren Thau im Munde. Doch eine rief im Kreis: Still! junge Jahrespflanzen, Ihr kennt die Stunde nur, und nicht die Zeit im Ganzen. Ihr bluͤht am Boden hin, geweckt vom Fruͤhlingshauch, Den Sommer durch zum Herbst; ich aber bluͤh' am Strauch. Jung wie ihr selbst, hab' ich vor euch des Strauchs Bejahrung Voraus, und so vernehmt die Stimme der Erfahrung: Weil heut, auf den ihr hofft, der Thau nicht eingetroffen, Deswegen grade duͤrft ihr nun auf Regen hoffen. Die Mutter, deren Brust ihr bluͤhet eingesenkt, Die bald von unten euch und bald von oben traͤnkt; Sie weiß am besten wol, wodurch ihr Kind gedeiht, Doch das verschiedne gibt sie nicht zu gleicher Zeit. Wenn, eh zur Luft sie steigt, Erdfeuchtigkeit zur Erden Herabfaͤllt, wird sie Thau, und kann nicht Wolke werden. Wenn hoͤher steigt der Dunst, euch nicht als Thau erquickt, Dann wird fuͤr euch im Blau der Mantel grau gestrickt. Denn wenn die Mutter eins entzieht, gibt sie dagegen Das andre; da ihr Thau nicht kam, so kommt ihr Regen. — Die Blumen lauschten noch, da hoͤrten sie es rauschen, Und hoffnungsvoller noch begannen sie zu lauschen. Und als hernieder nun der Regenguß gerauscht, Da senkten sie beschaͤmt die Haͤupter suͤßberauscht. 49. Warum der Vogel steht im Schlaf auf Einem Bein? Daß ihm die Schlange koͤnn' umschlingen eins allein. Sie schlingt ums Eine sich; doch mit dem andern Fange, Und mit dem Schnabel dann, entringt er sich der Schlange. Warum der Vogel schlaͤft, den Kopf in Fluͤgeln schmiegend? Daß den die Eule nicht abreiße, naͤchtlich fliegend. Hinfahrend uͤber ihn, erwischt sie einen Schopf; Den laͤßt er ihr und fliegt davon mit seinem Kopf. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 3 50. Sie haben ihr Vertraun auf dich gesetzt, und baun Auf dich; so setze du auf Gott auch dein Vertraun. Wie sie vertrauenvoll auf dich schaun als Berather, So schau mit doppeltem Vertraun auf deinen Vater. Und darum schon allein wird er dich nicht verlassen, Daß nicht verlassen seyn, die sich auf dich verlassen. 51. In einem Hause wohnt' ein armes Hausgesind, Das Huͤndlein und der Knecht, der Vater und das Kind. Der Herr des Lebens kam zu schaun der Menschen Noth, Als Bettler pruͤft' er sie und forderte ein Brot. Der Herr sprach: Gib ihm eins! der Knecht sprach: dir ist kund, Vier Brote sind im Haus, je eins fuͤr einen Mund. Der Herr sprach: Gib ihm, das gespart war meinem Mund, Und aufbewahrt sei das fuͤr dich, fuͤr Kind und Hund. Der Knecht mit Zoͤgern gabs; er nahm's und kam zuruͤck, Ein zweites fordert' er. „Gib ihm ein zweites Stuͤck. Recht muß dem Diener seyn, was seinem Herrn ist recht; Laß das fuͤr Kind und Hund, und gib ihm deins, mein Knecht.“ Der Knecht mit Freuden gabs; er nahm's und kam zuruͤck, Ein drittes fordert' er. „Gib ihm das dritte Stuͤck. Daß es Enthaltsamkeit von seinem Vater lerne, Gib hin des Kindes Stuͤck!“ Der Diener gabs nicht gerne. Das Kindlein lacht' und gabs; er nahm's und kam zuruͤck, Ein viertes fordert' er. „So gib das letzte Stuͤck! Hab' ichs dem Knecht, dem Kind und meinem eignen Munde Entzogen, darf ichs wol entziehn auch meinem Hunde.“ Geduldig gabs der Knecht; er nahm's und kam nicht wieder, Doch draußen in der Luft rauscht' es wie Lenzgefieder. Ein goldner Regen floß herab vom Himmelsraum, Wo er die Flur begoß, da wuchs empor ein Baum. 3* Der Herr des Lebens saß im Wipfelzelt und sprach Mit sanftem Rauschen: Gern gabt ihr, was euch gebrach. Drum soll des Lebens Brot hinfort euch nie gebrechen, Und gern gebt allen es, die meinen Namen sprechen. Ihr sollt den Acker drum nicht pfluͤgen oder hacken, Saͤ'n, schneiden oder maͤhn, dann dreschen, mahlen, backen. Von selbst ein mehl'ger Kern, gebacken und gewuͤrzt, Waͤchst euch das Brot am Baum, in Fruchtgestalt geschuͤrzt. Vier Brote traͤgt der Baum, und jedes fuͤllt im Raum Des Jahres seinen Mund; das ist der Brotfruchtbaum. 52. Der Knabe sitzt am See, und taucht die Ruthe drein; Die außen grade war, scheint innen krumm zu seyn. Er zieht die Ruth' hervor, da ist sie wieder grade, Taucht neu sie drein, und krumm ist sie im Wellenbade. So oft er ein sie taucht, ist sie auch wieder krumm, Und grade, wenn er sie hervorholt wiederum. Der Knabe spricht: du scheinst so lauter, es ist Schade, Daß du so falsch doch bist, dein Sinn ist nicht gerade. Das Grade machst du krumm; geh weg, du bist ein Wicht. Da hoͤrt der Knabe, wie der See mit Rauschen spricht: Daß ohne Falsch ich bin und lauter bis zum Grund, Thut dir dein eignes Bild und das der Sonne kund. Denk, eh du schlimmes denkst, dein Aug' ist nur nicht fein Genug, das Grade recht zu sehn im schiefen Schein. 53. Von menschlichem Geschlecht verlassen stand ein Haus, Vertrieben waren sie daraus von Ratt' und Maus. Da richteten sich ein die Maͤuse und die Ratten, Und machten Alles fein, wie sie's am liebsten hatten. Sie saßen lange Zeit und fuͤhlten stark ihr Recht, Da draͤngte sich herein ein anderes Geschlecht. Im Sparrwerk nistete sich ein Volk von Eulen; Mit Pfeifen klagts die Maus dem Schicksal, wie sie heulen. Das Heulen war ein Vorspiel nur zum Trauerspiel, Bald fraß der Eulenchor die Maus mit Stumpf und Stiel. Behaglich hausten nun im alten Schloß die Eulen, Da kamen Menschen her und setzten neu die Saͤulen. Die Eulen sahen sich aus dem Besitz gesetzt, Und klagen jaͤmmerlich, es sei ihr Recht verletzt. Der Mensch macht sich nichts draus, und wohnt in seinem Haus, Bis wieder ihn daraus wird treiben Ratt' und Maus. 54. Das groͤste Hinderniß ist oft dem Muthe keines, Den doch erliegen macht zuletzt ein winzig kleines. Die Felsenberge haͤtt' ein Wandrer uͤberstiegen, Haͤtt' er ein Steinchen nicht in seinem Schuhe liegen. Wer wandern will mit Gluͤck durchs Leben, sehe zu, Daß innen ihn nicht druͤck' ein Steinchen in dem Schuh. 55. Wo naht der suͤße Strom dem bittern Flutenschooße, Begegnen sich zwei Fisch', ein kleiner und der große. Entgegen schwimmen sie sich so auf ihrer Bahn, Alswie von hier und dort ein Meerschiff und ein Kahn. Und waͤhrend um ihr Haupt die Wasserorgeln summen, Begruͤßen in der Flut sich laut die beiden Stummen. Mein Vetter, ei, wohin? Mein Bruder, ei, woher? Ich aus dem Meer ins Land. Ich aus dem Land ins Meer. Was fuͤhret dich so fern? Was treibet dich so weit? Der Hoffnung bessrer Stern. Die Unzufriedenheit. Ich will ins stille Land aus Wogenaufruhr steuern, Um zu entgehn des Meers gefraͤß'gen Ungeheuern. Ich will mich aus der Eng' hinaus ins Weite fristen, Entgehn des Menschenvolks Nachstellungen und Listen. Das trieb dich, Vetter? Das hat, Bruder, dich gezogen? Die Hoffnung taͤuschte dich. Du hast dich selbst betrogen. Du steuerst in dein Grab. Du segelst in den Tod. Hinaus, hinein, hinab, hinauf ist gleich die Noth. Und stehn wir in der Mitt' unschluͤssig still deswegen, Da die Natur uns gab die Flossen, uns zu regen? Und da gerade hier sich im Zusammenfluß Des Landes und des Meers Gefahr begegnen muß? So folge deinem Zug! Gehorche deinem Triebe! Was weiter hat ein Fisch als seine Lust und Liebe? Du gruͤße mir das Land! Du gruͤß mir schoͤn das Meer! Leb wohl, auf Wiedersehn! Wir sehn uns nimmermehr. Ein Fischer horcht' erstaunt, der beide wollte fangen; Und uͤber'm Staunen sind sie diesmal ihm entgangen. 56. Wer viele Buͤcher hat, und keines recht gelesen, Ist wie ein Geiziger mit seinem Schatz gewesen. Er nutzet nicht sein Gut und vorenthaͤlts der Welt; Denn nur im Umlauf nuͤtzt die Weisheit und das Geld. Wie mancher koͤnnte sich vom Abfall dessen maͤsten, Was solch ein Magrer hat in Geld- und Buͤcherkaͤsten. Doch Weisheit statt vom Buch kann man vom Leben kaufen, Und Lebensweisheit gar vermißt nicht Goldes Haufen. 57. Die heil'ge Lampe brennt in deines Busens Raͤumen, Sie ist dir angesteckt zum Wachen, nicht zum Traͤumen. Zum Wachen uͤber'm Buch, zum Wachen im Gesang, Zum Wachen selbst im Traum, in sel'gen Gluͤcks Umfang. 58. Das Rohr im Winde seufzt aus Sehnsucht nach dem Schoͤnen, Daß es als Floͤte moͤg' am Mund des Menschen toͤnen. So seufzet die Natur in jeder Fruͤhlingsbluͤte, Daß sie vom Menschen moͤg' empfangen ihr Gemuͤte. Die schoͤnste Landschaft seufzt, alsob ihr etwas fehle, Daß der beseelte Blick der Liebe sie beseele. 59. Der Kuͤnstler, wenn ein Werk er hat gemacht fuͤr alle, Befragt Verschiedene, wie jedem es gefalle. Es kann nicht jedem gleich gefallen, doch zufrieden Ist es, wenn es gefaͤllt Verschiedenen verschieden. 60. Wer etwas Gutes schafft, der halt' es nur fuͤrs Beste, Daß er sich ganz darin bestaͤrke und befeste. Er mag, was Gutes sonst, was Bessres sei, vergessen, Und das aufs beste thun, was ihm ist angemessen. Doch gut ists auch, daß ers erkenn' als mangelhaft, Einseitig, und beschraͤnkt nach seiner Eigenschaft. Nicht schelten wird er dann den andern, der ihn schilt, Weil das nicht gelten kann der Welt, was dir nur gilt. 61. Du laͤssest billig dir dein eignes Gut gefallen, Doch nicht ruhmredig mußt du es anpreisen allen. So lob' im Stillen dir dein Weib auch, das ist gut, Nicht andern! es ist auch ein Stuͤck von deinem Gut. Ein Hauptstuͤck deines Guts, dein hoͤchstes Gut mit Recht; Des freue dich als Mann, und bet's nicht an als Knecht! 62. Wenn du das Ziel nur kennst, und bist auf rechten Wegen, Gleichviel ists wie du rennst den Weg dem Ziel entgegen. Du magst zu Fuße gehn, du magst auch reiten, fahren, Dein Ziel nur mußt du sehn, und deines Weges wahren. Nur vorwerts, nie zuruͤck! kein muͤßiges Bedenken! Das Einzle muß das Gluͤck, Gott muß das Ganze lenken. Schmal ist der rechte Weg, doch ist er nicht so schmal, Daß rechts und links zu gehn dir bliebe nicht die Wahl. Auch eben ist der Weg, doch ist er nicht so eben, Daß fortzukommen du den Fuß nicht muͤßest heben. Drum geh rechts oder links, wie's in den Sinn dir kommt, Und hebe so den Fuß im Takte wie es frommt. Im Wege magst du dich nach einer Blume buͤcken, Nicht biegen aus dem Weg, um Blumen nur zu pfluͤcken. Stets eilen mußt du dich, doch nie dich uͤbereilen, Nie weilen ohne Noth, doch gern wo's Noth thut, weilen. Nie ruͤckwerts, wie gesagt, nur vorwerts mußt du gehn, Und denken; doch erlaubt ist dir ein Ruͤckwertssehn. Zum Vorwertskommen selbst mag das die Kraft dir staͤrken, Wie weit du vorwerts schon gekommen bist, zu merken. So schreitest du von Schritt zu Schritt mit fester Ferse, Alswie ein Dichter ruͤckt vom Verse fort zum Verse. Der auch nicht saͤumen darf im steten Vorwertsdrang; Und im Bewußtseyn geht, ein Gott lenk' ihm den Gang. 63. Wer mit Besonnenheit vereint Begeisterung, Kommt sicher schnell und weit, und haͤlt das Maß im Schwung, Wenn so der Geist dich treibt, daß er dir niemals raube Besinnung, aber nie Besinnen dir erlaube. 64. Was uranfaͤnglich ist, das ist auch unanfaͤnglich, Und unanfaͤngliches nothwendig unvergaͤnglich. Was irgend wo und wann hat selber angefangen, Kann nicht der Anfang seyn, und muß ein End' erlangen. Der Anfang nur allein kann nie zu Ende gehn, Weil er aus Nichts entstand, Nichts ohn' ihn kann entstehn. Worin die Welt entsteht, besteht, und untergeht, Und neu entsteht, ist das, was in sich selber steht; Was in sich selber kreist, und Alles kreisen macht, Sich selbst bewegend, Allbewegung hat gebracht. Und ein Bewegtes, das als Hebel der Bewegung In sich den Anfang fuͤhlt, ist selbst Uranfangsregung. Drum wenn du fuͤhlst in dir ein Uranfaͤngliches, In dem Gefuͤhl hast du dein Unvergaͤngliches. 65. Ein hohes Raͤthsel ists, wie alle sind berufen Zum Hoͤchsten, keiner doch ersteiget alle Stufen; Wie mancher auch vorlieb mit einer untern nimmt, Und unbescheiden den wol nennt, der hoͤher klimmt. Doch weislich hats gefuͤgt, der hoͤher sitzt als alle, Daß jeder, wo er steht und stehn kann, sich gefalle; Daß jeder gleich entfernt von sich das Hoͤchste sieht, Und es in seiner Weis' heran, herunter, zieht. Und wen hinan es zieht, der zieht ihm nach, und sieht, Je hoͤher hin er folgt, je hoͤher hin es flieht. Hoch hebe deinen Geist zum Ew'gen ein Verlangen, Doch fuͤhle dich mit Lust von Endlichkeit umfangen. Alles ist gar zu viel, und gar zu wenig Nichts; Die Malerei bedarf der Schatten und des Lichts. 66. Das irdische an dir, Geschoͤpf, sind deine Glieder, Vom Himmel hast du, sollst du haben dein Gefieder. Dein Vorbild sei, o Mensch, so lang du Raupe bist, Der Schmetterling, der ganz Fluͤgel geworden ist. Die edle Pflanze hat ein Baum sich ausgegliedert, Und oben schwebt das Blatt im Sonnenschein gefiedert. Sei von des Himmels Thau, der Pflanze gleich, begossen, Daß wie an ihr das Blatt, an dir die Fluͤgel sprossen! Ums Haupt der Schoͤnheit wallt dem Laube gleich die Locke, Das Himmelsluͤfte sie zum Spiel herniederlocke. Und wenn dich selbst es lockt zu spielen mit dem Duft Der Locken, spiele fein mit ihm wie Himmelsluft. Der Lock' ermangelt ein behaarter Thieretroß; Bemaͤhnt ist edel nur der Leu und stolz das Roß. Den Voͤgeln aber sind die Fluͤgel angeboren, Die Voͤgel haben sie behalten, wir verloren. Daß du sie hattest, mahnt gefluͤgelt dich der Traum, Beschwingten Goͤttern gleich dich fluͤgelnd uͤbern Raum. Nicht ehr behalten dort dich Goͤtter zum Genossen, Aus innrer Goͤttlichkeit bis dir die Fluͤgel sprossen; Bis — also kreist in sich mein Lied — ins Morgenroth Entschwebt der Schmetterling, dem Eins ist Lieb' und Tod. 67. An jedem Morgen haͤlt der sel'gen Goͤtter Chor Die Umfahrt um die Welt aus offnem Himmelsthor. Und die verhuͤllte nur, die Gottheit bleibt zuruͤck, Am Herde ruhend, wie der Hausfrau stilles Gluͤck. Die Geister aber, die vom Stamm der Goͤtter wohnen Auf Erden, fahren auch empor aus allen Zonen. Den Goͤttern folgen sie nacheifernd Roß und Mann, Doch haben Goͤtter nicht und Menschen gleich Gespann. Ganz goͤttlich sind die Ross' auch die die Goͤtter tragen, Gemischter Art sind die am Menschenseelenwagen. Das eine zieht hinauf, das andre zieht hinab, Daß schwer der Lenker sie erhaͤlt in gleichem Trab. Mit Muͤhe geht es schon die ebnern Himmelsbahnen, Doch an der Steile stockt das Roß von schlechten Ahnen. Und wen der Zuruf nicht reißt eines Gotts empor, Bleibt auf der Haͤlft' und folgt nicht ganz dem sel'gen Chor. Die Goͤtter fahren hin am Rand von Raum und Zeit, Und blicken froh hinaus in die Unendlichkeit. Dort wo das Ew'ge steht, das Wahre, Gute, Schoͤne, An dessen Anblick sich erquicken Goͤttersoͤhne. Und wem's der Geister gluͤckt zu folgen Goͤtterspur, Der sieht dasselb' entzuͤckt, doch sieht er halb es nur. Dem einen, wenn ers sieht, so schwindeln ihm die Sinnen, Den andern traͤgt zu schnell der Rosse Braus von hinnen. Dem dritten baͤumen sich die Rosse so und straͤuben, Daß er das Wahre nicht gewahret vor Betaͤuben. Was aber jeder dort der Geister hat gesehn, Das tragen sie mit fort, wann sie zur Erde gehn. Dem wahren Seyn, das sie geschaut in jenen Raͤumen, Sinnen sie unten nach, und scheinen euch zu traͤumen; Euch andern, die zum Licht empor nicht mochtet dringen, Weil euern Rossen nicht gewachsen so die Schwingen. Ihr habt indessen euch, vom Steigen angeregt Der Goͤtter auch, doch nur im niedern Kreis bewegt; Wo ein Getuͤmmel ward, ein laͤrmendes Gedraͤnge, Ein sinnverwirrendes verwirrtes Schaugepraͤnge; Wo jeder andres sucht, und alle gleiches Ziel Im unaufhoͤrlichen Weltwettlaufrennespiel. Wo jeder jedem vor sich draͤngt auf engen Pfaden, Nimmt mancher bald am Roß und bald am Wagen Schaden. Und stellen sie dann ein, und haben nicht das Seyn Gefunden, scheinen sie zufrieden mit dem Schein. 68. Ich sprach am Abend, als ich meinen Stock begoß: Sag' an, warum sich heut nicht diese Bluͤt' erschloß? Geroͤthet hat ihr Mund der Sonne Kuß empfangen, Ihr Busen schwoll; warum ist sie nicht aufgegangen? Da wiegte sanft der Stock sein Haupt im Abendwinde, Und sprach: Ich hab' es selbst gerathen meinem Kinde. Sie waͤre heut nur unvollkommen aufgebluͤht, Denn viele schloß ich auf, und meine Kraft ist muͤd. Wir wollen sammeln ihr im Schlummer frischen Duft, Und morgen wuͤrzen soll ihr Hauch die Morgenluft. So sprach der Strauch; ich gieng und hielt in mir zum Gluͤck Ein halberschlossnes Lied auf morgen auch zuruͤck. 69. Das Ewige, das ganz genoßen Goͤttersoͤhne, Ward Menschen dreigetheilt das Wahre, Gute, Schoͤne. Denn kaͤm' es ungetheilt, des Menschen schwache Sinnen Riss' uͤberwaͤltigend das Ew'ge ganz von hinnen. Drum hat es sich getheilt, nur in verschiedner Weise Den Sinn zum Ewigen vorzubereiten leise. Das Wahre wird gewahrt vom geist'gen Sinn, dem Sinnen; Das Gute wohnt verhuͤllt dem Sinn des Guten innen. Nur zu erscheinen hat das Schoͤne sich getraut Dem aͤußern Sinne selbst, das Schoͤne wird geschaut. Die beiden wollten auch durchs dritte sichtbar werden, Zum Schoͤnen sprachen sie mit flehenden Geberden: Versprich uns, nie zu gehn ins Menschenaug' allein, Ohn' uns in Geist und Herz zu fuͤhren mit hinein. Sonst wird der bloͤde Geist das Wahre kaum gewahr, Und nicht dem Herzen wird das Gute goͤttlich klar. Du sollst das Wahre ihm bewaͤhren, ja gewaͤhren, Das Gute sollst du ihm verklaͤren, ja verklaͤren. Und dir, o Schoͤnes, ist der Vorzug mit geschenkt, Daß er als Gutes selbst dich fuͤhlt, als Wahres denkt. Nur wenn wir so in ihm ergaͤnzend uns vereinen, Wird ganz das Ewige im Endlichen erscheinen. 70. Dem Weisheitdurstenden hat nie so recht von Grund Den Durst gestillt ein Buch, wie eines Lehrers Mund. Lebendig ist der Trieb nur des gesprochnen Wortes, Und das beschriebne Blatt vom Baum ist ein verdorrtes. Selbst jenes Wort, das Erd' erschuf und Himmel dort, War ein gesprochenes, nicht ein geschriebnes Wort. Und dem gesprochnen Wort verblieb der Lehrberuf, Zu schaffen immerfort, wie es zuerst erschuf. Und selber Gottes Schrift in Schrift und in Natur, Wird immer neu belebt durch Schriftauslegung nur. Geschriebnes Wort, dem Buch vertraut, ist halb verlassen Vom Geist, und halb nur kann der Menschengeist es fassen. Es geht von Hand zu Hand, es kommt von Land zu Land, Und findet, wie sichs trifft, Verstand und Misverstand. Gesprochnes gehet durch erwaͤhlter Hoͤrer Runde, Und immer neu belebt geht es von Mund zu Munde. Doch bildet es sich um, je weiter um es geht, Verwandelt sich und schwankt, nur das geschriebne steht. Ja, haͤtte nicht die Schrift den Zauberkreis gezogen, Viel Gold der Vorzeit waͤr' im Wind wie Spreu verflogen. Nicht minder drum dem Mund lerndurst'ger Menschenkinder Als Spracherfinder sei geehrt der Schrifterfinder. Wer ists? Gott, dessen Stift an Erd- und Himmelstrift Geschrieben seinen Ruhm in Blum- und Sternenschrift. Auf Tafeln von Lazur und auf smaragdner Flur, Wie im Rubin der Brust, lies seine Namen nur. 71. Der Vorzeit Sprache sei dir heil'ge Hieroglyphe, Die du bewahren mußt stumm in des Busens Tiefe. Sie lebet nicht im Ohr, sie schwebet nicht vom Munde; Sie dringt vom Grab hervor, und klingt im Herzensgrunde. Die Juͤnger muͤhen sich mit nicht'ger Eitelkeit Zu haschen einen Klang, den laͤngst verweht die Zeit. Sie suchen ihren Mund recht naͤrrisch zu verrenken, Um mit erzwungnem Laut Buchstaben zu beschenken. Sie denken, so den Geist des Lebens einzusenken Dem Buchstab, den sie sich als einen todten denken. Was werden sie mit der Beschwoͤrungskunst erreichen, Wenn zu Scheinleben sie erwecken Woͤrterleichen? Das geist'ge Bild entsetzt sich vor der Koͤrperfratze, Und selbst erkennt sich nicht die Sprach' in dem Geschwatze. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 4 Du danks dem Geiste, der, weil eben mußt' entweichen Der Stimme Klang, sich selbst befestigt hat im Zeichen. Den Vaͤtern dank' es, die vernehmlich ihren Soͤhnen Sich uͤber Zeit und Raum kund thun, doch nicht in Toͤnen. Wie einst die Toͤne selbst in ihrem Sinn erklungen, Das bild' in deinem Sinn, nicht mit dem Spiel der Zungen. Den Kindern laß das Spiel, du hoͤre mit dem Geist, Und wisse, daß du nur durch Geist den Geist befreist. Der Urwelt Sprache thut dir kund mit Geisterhauch Nicht nur den innern Sinn, den innern Wohllaut auch. 72. Gleichguͤltig findet mich der Lenz zum erstenmal, Alsob ich aͤlter sei als Wald und Berg und Thal. Da Wald und Berg und Thal, die alten, sich erneun, Wie sollte sich nicht neu das alte Herz auch freun? Ein halb Jahrhundert lang freut' ich mich Jahr um Jahr, Und wardst du nun so alt in diesem einz'gen gar? Nein! sondern weil ein Bild des Fruͤhlings in mir steht, Vor welchem das zu Nichts, das draußen steht, vergeht. 73. Wenn eingetroffen ist ein unverhofftes Hoffen; Eh er begluͤckt sich fuͤhlt, fuͤhlt sich der Geist betroffen; Wie, wer vom Schlaf erwacht, sich fuͤhlet erst betaͤubt, Dann der Aurikel gleich von frischem Duft bestaͤubt; Und wie die Blume selbst, wann Regen kommt, erschrickt Vor der Erquickung, eh sie still sich fuͤhlt erquickt. 4* 74. Gewohnheit ist so stark, daß selber die Natur Zu thun scheint, was sie thut, oft aus Gewohnheit nur; Daß die gewohnte Zeit dich hungrig scheint zu machen, Und durstig, schlaͤfrig auch, und selbst vom Schlaf erwachen. Wenn zu gewohnter Zeit sich Hunger eingefunden Und Durst, und Schlaͤfrigkeit, zaͤhlst du villeicht die Stunden. Wer aber zaͤhlte sie, wann ich im Schlummer lag, Erwach' und hoͤre den gewohnten Glockenschlag? Drum ist Gewohnheit nicht ein Aeußerliches nur, Wie unser Sprichwort spricht: die andere Natur. Mach von der einen Joch dich durch die andre frei, Nicht mache, daß sie selbst ein zweites Joch dir sei. 75. Im Weg begegnen sich die Bien' und die Ameise, Die singend in der Luft, und die am Boden leise. Sie haben keine Zeit einander zu begruͤßen, Sie treibt der rege Fleiß auf Fluͤgeln fort und Fuͤßen. Fort treibt sie reger Fleiß auf Fluͤgeln und auf Fuͤßen, Zu buͤßen ihre Lust am bittern Werk und suͤßen. Die Bien' am suͤßen Werk, die Ameis' an dem bittern, Zu riechen Honigduft und Weihrauchkorn zu wittern. Die Aems' am bittern Werk, die Bien' an ihrem suͤßen, Arbeiten stets mit Lust, die Arbeitslust zu buͤßen. Und fuͤrchteten die Zeit zur Arbeit einzubuͤßen, Naͤhmen sie sich die Zeit einander zu begruͤßen. Sie tummeln sich vorbei, und werden nicht gewahr, Wie gleich und ungleich sie zusammen sind ein Paar. Die Imm' ist im Geschaͤft bestaͤndig immer kraͤftig, Die Aems' in Aemsigkeit nach Kraͤften stets geschaͤftig. Den Vorrath schaffen sie nicht aus selbeignem Rath, Sie wirken fuͤr ein Volk, und leben einem Staat. Das Volk der Bienen waͤhlt sich eine Koͤniginn, Ameisen haͤlt zusamm nur der gemeine Sinn. Darum im Bienenschloß auch wohnen faule Dronen, Da im Ameisenhaus allein Arbeiter wohnen. Darum die Bien' ihr Nest im Wipfel sucht gefluͤgelt, Und sich Ameisenbau vom Boden aufwerts huͤgelt. Im weiten Weg der Luft geht Bienenschwarm nicht irr, Noch, Ameis', in der Kluft dein wimmelndes Gewirr. Doch Bienen sind gewohnt zu ruhn auf hoͤchsten Spitzen Der Pflanzen, weil am Stamm hinauf Ameisen sitzen. Die Biene weidet sich an lichter Bluͤte Blitzen, Die Ameis' an dem Harz, das zaͤhe Rinden schwitzen. Zart weiß den Nektarkelch ein Bienenmund zu schlitzen, Scharf ein Ameisenzahn die sproͤde Haut zu ritzen. Die Biene wehret sich mit scharfen Stachels Witzen, Und die Ameise mit des gift'gen Saftes Spritzen. Und aus der Biene Fleiß wird solch ein suͤßer Most, Aus der Ameise Schweiß solch eine bittre Kost. Verschiedentlich geschoͤpft ist aus demselben Born Honig kristallisirt, geronnen Weihrauchkorn. Und endlich kommen die verschiednen auch zusammen, Wie Alles Lebende, in Goͤtteropferflammen; Wo Bienennektar traͤuft aus goldnem Spendgeschirre, Und um die Glut gehaͤuft verdampft Ameisen-Mirre. Die Mirre schwimmt empor, der Nektar rinnt herab, Alswie die Biene selbst am Ende geht ins Grab, Und wie die Ameis' auch vom Erdwall, den sie huͤgelt, Wann sie zum Tod ist reif, steigt in die Luft gefluͤgelt. 76. Der kluge Jaͤger sprach zu seinem treuen Hunde: Du fange mir, was du erlaufen kannst am Grunde. Nur eines fang mir nicht, wenn du's auch koͤnntest fangen, Den Falken, der an mir will auch mit Treue hangen. Denn aus der Luft, in die du dich nicht auf kannst schwingen, Da dient der Falke mir den Fang herabzubringen. Der kluge Jaͤger sprach zum treuen Falken dann: Hol aus den Luͤften mir, was du vermagst, mein Mann. Nur eines sollst du dort nicht holen, kuͤhner Steiger, Den Reiger, deinen Feind; mein Freund ist auch der Reiger. Denn aus der Flut, in die du nicht hinab kannst dringen, Da dient der Reiger mir den Fang heraufzubringen. Der kluge Jaͤger sprach sodann zum treuen Reiher: Du hole was du kannst mir aus dem vollen Weiher. Nur eines huͤte dich zu holen, einen Fisch, Den goldnen, der nicht ist bestimmt fuͤr unsern Tisch. Er ist bestimmt, zum Grund des Meers hinab zu dringen, Und eine Perle draus mir jeden Tag zu bringen. Die Perlen reih' ich all' an eine feine Schnur, Bis voll ein Halsband wird, und wenig fehlet nur. Das Halsband dann bekommt, wer mein getreuster Schalk Wird von euch dreien seyn, Hund, Reiher oder Falk. 77. Der Erde dankt man nicht den Schatz, den man gegraben, Dem Reichen nicht, was wir ihm abgewonnen haben. Man dankt auch nicht dem Meer die Perlensaat am Strand, Noch der Freigebigkeit die Gab' aus ihrer Hand. Dort wird sich mit der Muͤh und Schwierigkeit entschuldigen Der Undank, leichter hier selbst mit der Huld des Huldigen. Dort rechnet zum Verdienst er sichs, daß dirs nicht roste; Hier gilt ihm wenig, was er sieht daß nichts dir koste. Drum rechne nie auf Dank, du magst nun deine Gaben Dem Meere gleich verstreun, der Erde gleich vergraben. Doch freue dich, zu sehn, daß sich der Finder freut, Du habest aufgespart nun oder ausgestreut. 78. Vernimm, der ewigen Natur vier Elemente, Wie in dir selbst sie sind als vier Temperamente. Das erste Element, die Luft, lind-ungelind, Bald sanfter Hauch in dir, bald ungestuͤmer Wind. Das zweite Element, das Wasser, ist geboren Bald fluͤssiger Kristall in dir, bald Eis gefroren. Das dritte Element, das Licht und Feuer heißt, Ist ebenso in dir Licht- oder Feuergeist. Das vierte Element, der andern Grund, die Erde, Will daß sie Schwerkraft bald in dir, bald Traͤgheit werde. Wie die vier Element' in sich zwiefaltig sind, So sind sie auch in dir zwiespaltig, Menschenkind. Und wie der viere keins in der Natur vorhanden Allein ist, ohne daß die drei sich ihm verbanden; So deine innren Luͤft' und Fluten, Erd' und Flammen, Sind Lebensmischung nur, wo alle sind beisammen. Die Wesen aber, die Ein Element in freister Bewegung haben, sind elementarische Geister. Luftgeister wie die Luft ein Wallen nur und Weben, Flutgeister wie die Flut ein Schwanken und ein Schweben. Glutgeister wie die Glut ein Leuchten oder Spruͤhn, Erdgeister wie die Erd' ein Starren oder Bluͤhn. Doch du, o Mensch, bist kein elementarisch Wesen, Bist, oder kannst doch seyn, vom Sturm zur Ruh genesen. Du bists, sind erst in dir die vier in rechter Mischung, Dann wechselwirkend stets einander zur Erfrischung. Daß keines ohn' und durch das andre nehme Schaden, Liegt halb, o Mensch, an dir, und halb an Gottes Gnaden. Die große Haͤlfte ist des Himmels, dein die kleine; Er thut das Ganze, doch du thust dazu das deine. Sei heiter wie die Luft, wie Feuer ohne Scheu, Wie Wasser still und tief, wie Erde fest und treu. Wo Elemente so geeint sind und geviert, Solch ein Temperament ist wirklich temperiert. 79. Das weiße Licht ist leicht, das dunkle Schwarz ist schwer; In Schwer' und Leichte wiegt sich alles Wesenheer; Wie zwischen Weiß und Schwarz schwankt alle Schaar der Farben, Die so Geburt als Tod von beiden stets erwarben. Das Licht ist Leben nicht allein, auch Todeshauch, Die Nacht nicht Tod allein, ist Lebensmutter auch. Der Vater ist das Licht, der stets erzeugt die Farben, Der Todesengel dann, von dessen Kuß sie starben. Die Mutter ist die Nacht, die stets gebirt die Farben, Und dann ist sie das Grab, in der sie Ruh erwarben. Was von der Mutter kam, kehrt in der Mutter Schoß, Weil, was den Ursprung nahm vom Vater, zu ihm floß. 80. Zweideutig ist, o Mensch, vernimm auch diese Lehre, Dein Wesen, wie der Sinn von Leichtigkeit und Schwere. Denn wo das Schwere sich macht gelten als das Wichtige, Erscheint das Leichte nur dagegen als das Nichtige. Doch ist das Leichte dann das Himmelstrebende, So ist das Schwere das am Boden klebende. Wo Schwerkraft fehlt, da ists ein Leichtes aufwertsfliegen, Doch schwer ists ohne sie im Gleichgewicht sich wiegen. Doch wo die Schnellkraft fehlt, der Schwung der Leidenschaft, Da ist zum Guten nicht, noch auch zum Boͤsen Kraft. Das Gute selber ist schwer anfangs, leicht zuletzt, Seit Goͤtter Schwierigkeit der Tugend vorgesetzt. Wer sich das Leichte waͤhlt, erreicht es leicht villeicht, Doch schwerlich neidet ihn, wer Schweres schwer erreicht. Wol leichter fertig ist nichts als Leichtfertigkeit, Doch schwer ist leichter Muth in Widerwaͤrtigkeit. Dir gebe Gott, daß nie dein Leichtes werde fluͤchtig, Und daß ein Schweres stets gehaltig sei und tuͤchtig. Wer weder scheinen will schwerfaͤllig noch leichtsinnig, Der zeige sich zugleich gefaͤllig und herzinnig. 81. Wer alles Gute liebt, wo er's nur aufgetrieben, Darf auch das Gute, das er an sich selbst fand, lieben; Wie einem Kinderfreund, dem lieb die fremden sind, Erlaubt ist, daß ihm lieb auch sei sein eignes Kind. Doch wie ein Vater streng das Kind zieht, das er liebt, Und wie sein gutes Korn ein Hauswirth fleißig siebt; Nicht minder lieb ist ihm das Kindlein, das er zuͤchtigt, Nicht minder werth das Korn, wenn er die Spreu verfluͤchtigt: So liebe Gutes nur an dir, um es zu bessern, Und laß den schlechten Wein den schlechten Schenkwirth waͤssern. 82. Stets loͤblich ist es, sich mit andern zu vergleichen, Mag es zum Vortheil, mags zum Nachtheil dir gereichen. Wo du den Vorzug hast, nie tracht' ihn zu verlieren; Und sieh was dir noch fehlt, um dich damit zu zieren. Doch wie du deinen hast, hat seinen Vorzug jeder; Mit eigner schmuͤcke dich, und nicht mit fremder Feder. 83. Der Liebe Blick ist gut, boͤs ist der Blick des Neides, Der Liebe Blick thut wohl, der Blick des Neids thut Leides. Der Blick des Neides reißt das Haus des Nachbarn ein, Der Blick der Liebe faͤllt hinein wie Sonnenschein. Der Blick des Neides zehrt wie Sommerglut die Bronnen, Der Blick der Liebe schwellt das Herz wie Fruͤhlingswonnen. Dem Blick der Liebe blickt entgegen Lieb' aus allen, Des Neides Wohlthun ist aufs eigne Herz gefallen. Der Blick des Neides sieht zu seiner eignen Pein Nur alles fremde groß und alles eigne klein. Der Blick der Liebe sieht gern alle gut und reich; Denn nur die Liebe macht dem Eignen Fremdes gleich. 84. Versammelt sah ich juͤngst in sommerlicher Stille Graspferdchen und Cicad', ein Heimchen und die Grille. Mir schienen alle vier sehr aͤhnlich, doch nicht gleich, Und jedes ruͤhmte sich der Lust in seinem Reich. Graspferdchen, daß es frei koͤnn' uͤber Graͤser springen, Cicade, daß sie hoch vom Baume koͤnne singen. Das Heimchen, daß daheim es sei am trauten Herde, Und Grille, daß geheim sie wohn' im Spalt der Erde. Ich sprach: O daß, wie die in Gras und Laubeskronen, Im Haus und Feld, vergnuͤgt so Menschen koͤnnten wohnen! Dann dacht' ich, daß sie sind so friedlicher Geberde, Macht, daß sie einzeln sind, nicht eine ganze Herde. Graspferd, Cicade, Grill' und Heimchen, ohne Harm Jedwedes, dichtgedraͤngt sind sie ein Heuschreckschwarm. 85. Gott, der den Frieden gibt Friedfert'gen zum Geleit, In jedem Sinne geb' er dir Harmlosigkeit. Harmlosigkeit im Ohr hoͤrt uͤberall Musik, Und Schoͤnes uͤberall sieht ein harmloser Blick. Harmlosigkeit im Mund macht niemals Herzen wund, Und ein harmloses Herz ist selbst im Weh gesund. Der Mann ist harmlos, der macht andern keinen Harm, Und selber sich nicht haͤrmt, er sei reich oder arm. 86. Dem Storch ward lang das Bein, um durch den Sumpf zu waten; Die es zum Schwimmen braucht, der Gans ists kurz gerathen. Sie braucht das Ruder, um die Flaͤche zu durchgleiten, Die Stelze nicht, um wo sie schwimmen kann, zu schreiten. Verschiednes Werkzeug wohnt Verschiednen dazu bei, Daß manichfaches Spiel im einen Spielraum sei. 87. Weißt, wie der alte Pfau lehrt fliegen seine Jungen? Wie er dem Vater auch sich selbst einst nachgeschwungen. Am Tage schreitet er mit Lust im gruͤnen Raum, Am Abend waͤhlt er sich zur Rast den hoͤchsten Baum. Und weil den Jungen kann so hoher Flug nicht gluͤcken, So traͤgt er einzeln sie hinauf auf seinem Ruͤcken. Da ruhn sie nun die Nacht, bis sie der Morgen weckt, Da fliegt der Alte weg, die Jungen sehns erschreckt. Er wandelt unten froh im Gruͤnen hin und wieder; Er trug sie nur hinauf, und holt sie nicht hernieder. Er blicket nur hinauf, um sie herab zu locken, Da wagen sie den Flug, und sind vor Lust erschrocken, Zu fuͤhlen, daß im Wind von selbst die Federn wallen, Und daß sie halb schon sind geflogen, halb gefallen. 88. Die dumme Fabel sagt, des Pfauen stolz Gefieder, Sieht er auf seinen Fuß, sink' ihm vor Scham danieder. Wer aber hat das Rad des Pfauen je gesehn, Und auf den Fuß gemerkt, worauf es mochte stehn? Wenn die Bewundrung nun er sieht sein Rad betrachten Und uͤbersehn den Fuß, sollt' er ihn selbst beachten? Die Sonne, die mit Lust vom Farbenbild betrogen, Sich sieht im Pfauenrad alswie im Regenbogen, Merkt nicht, daß hier im Koth der schoͤne Vogel geht, Wie dort auf Erdengrund der Himmelsbogen steht. 89. Viel sind der Tugenden, doch jede ist die ganze, Wenn aͤcht, so wie ein Bild vom Fruͤhling jede Pflanze. Wo eine Blume bluͤht, da muß der Fruͤhling seyn, Und wo der Fruͤhling ist, da bluͤht bald groß und klein. So gleich einander all und jede so verschieden, So wohnen Blumen-gleich die Tugenden in Frieden. Sie wohnen in der Brust, wie Blumen auf der Flur, Und eine Himmelslust ist solch ein Anblick nur. 90. Nicht unter Gleichen ist die Freundschaft, noch Ungleichen, Nur zwischen Aehnlichen, die sich Verschiednes reichen. Wer etwas geben soll, muß eine Fuͤll' an Gaben, Und wer empfangen will, muß einen Mangel haben. Und eines Mangel muß des andern Fuͤlle seyn, Sonst ist es nicht ein Tausch, nur einer Taͤuschung Schein, Wenn du nicht geben kannst, was ich empfangen kann; Das Wasser nimmt kein Oel, und auch kein Feuer an. Doch hast du geist'ges Oel, und du hast geist'ge Flammen, So traget ins Gefaͤß der Freundschaft sie zusammen. Der Glutdocht wird im Oel, das Oel am Glutdocht brennen, Und hell im Lampenschein zwei Geister sich erkennen. 91. Ein Geist, der schoͤpferisch den meinen angehaucht, In dessen Glanz ich mich mit Sehnsucht eingetaucht; Ich habe doch von ihm nichts als die Form genommen, Und aller Stoff ist mir von andern hergekommen. Die Welt ist lauter Stoff; du nimmst von denen eben Den Stoff, nimmst sie als Stoff, die sonst nichts koͤnnen geben. Und nur dem Geiste selbst, der dir das Hoͤchste gab, Das geistige Gepraͤg, nimmst du nichts Ird'sches ab. So hat die Sonnenblum' ihr Himmelsbild in Augen, Und laͤßt die Wurzel rings im Boden Nahrung saugen. 92. Was ragen himmelan die kalten dort und stolzen Bergriesen, denen nie ist Schnee und Eis geschmolzen? Die Sonn' im Aufgang scheint sich uͤber sie zu waͤlzen, Doch kann ihr Lebenstral den Todesfrost nicht schmelzen. Und nur wo tiefer dringt herab ins niedre Thal, Weckt Erdenlebenslust der Himmelslebenstral. Was ists? waͤr' etwa kalt die Sonn' in ihrer Naͤhe, Und schiene waͤrmer dem, der sie vom weiten saͤhe? Nein, sondern ob der Welt so hoch ist Sonnenmacht, Daß keinen Unterschied die Spanne hoͤher macht. Die stolzen haben sich der Erden uͤberhoben, Und kamen naͤher nicht darum dem Himmel droben. Die Himmelssonne nun, zu der Bescheidnen Trost, Gibt diesen Lebenswaͤrm' und jenen Todesfrost. 93. Es geht ein schmaler Weg hin zwischen Strom und Klippe, Ein Wandrer mittendurch geht mit verlechzter Lippe. Den Durst zu loͤschen, koͤnnt' er hier am Strome nippen, Und an den Beeren dort, die wachsen auf den Klippen. Doch doppelte Gefahr droht her von Strom und Klippe, Und lieber weiter geht er mit verlechzter Lippe. Denn unten lauscht im Schilf des Stroms ein Krokodill, Und oben im Gebuͤsch der Klipp' ein Tieger still. Und wenn der Wandrer still und schnell nicht geht die Bahn, So faͤllt hier Krokodill und dort ihn Tieger an. Er denkt: waͤr' ich der Hund, der gleiche Sorge fuͤhlt Mit gleichem Durst, und ihn am Strom im Laufen kuͤhlt. Waͤr' ich das Voͤgelein, das auf der Klippe nascht, Ohn' Aengste, daß nach ihm der große Wuͤrger hascht. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 5 Waͤr ich der Gott des Orts! den Wanderern zum Segen Fuͤhrt' ich das Krokodill dem Tieger selbst entgegen; Daß aneinander selbst sie stumpften ihren Zahn, Und sicher kuͤnftig gieng' ein Wandrer diese Bahn. 94. Dem staͤrkern Feind entgeht der schwache mit der Hilfe Des schwachen, wie der Frosch dem Krokodill im Schilfe. Wenn der Verschlinger droht im Strom dem armen Frosche, Nimmt der ein breites Schilf geschwind in seine Gosche. Das quere Schilfrohr geht nicht in den weiten Rachen, Und ungefaͤrdet laͤßt das Ungethuͤm den schwachen. Nun sitzt der Quaker dort und klagt sein Leid im Schilfe, Daß man in solchem Strom hat noͤthig solche Hilfe. Gelungen ists, ich bin dem Schlinger nun entsprungen, Doch so dem Schlingen nah ist schlimmer als verschlungen. 95. So nebneinander gehn durchs Leben Menschen hin Daß keiner weiß noch fragt, wie ich gesinnt ihm bin. Wol mancher ist dein Feind, und will es nur nicht zeigen, Wol mancher auch dein Freund, und will es nur verschweigen. Verschweigen moͤchten sie die Feindschaft, die sie hegen; Doch auch die Freundlichkeit verschweigt ihr mir weswegen? 96. Ihr habt euch nun einmal verliebt ins Haͤßliche, Und zur Bewunderung braucht ihr das Graͤßliche. Ich aber will mit Gott das Schoͤne lieb behalten, Und siegreich seinen Glanz auch noch der Welt entfalten. 5* 97. Wie gegen Morgen, wann die Nacht die Macht verlor, Allmaͤhlich duͤnner um die Sinne wird der Flor Des Schlummers, der dir hat die Außenwelt verhaͤngt, Daß sie nun ein zu dir sich durch die Ritzen draͤngt; Und heller hinterm Flor schon das Bewußtseyn daͤmmert Von dem was gegen Ohr und Auge dumpf dir haͤmmert; Des Wachens Bildertanz dem Traumgestaltenchor Sich mischt, bis dieser ganz in jenem sich verlor: So gegen's Ende, wann die Macht verliert das Leben, Und sich der Schleier will von einem Jenseits heben, Tritt in dies Traumgewirr, das schon verworrner kreist, Von hoͤhrem Wachen auch ein halbverhuͤllter Geist; Daß mit dem Seelenaug' und mit dem Herzensohr Du siehest, hoͤrst, was du nicht hoͤrtest, sahst zuvor. Dann uͤberhoͤre nicht die leisen Ahnungen, Von reinerm Ton und Licht die fernen Mahnungen; Von einem Licht, das sich mit diesem nicht vertraͤgt, Von einem Hauch, wodurch sich dieser Rauch zerschlaͤgt; Von Morgenluft, die macht den Duft der Nacht zerrinnen, Vom Gruß, daß nun Verdruß muß und Genuß vonhinnen. Dann traͤum noch aus geschwind den Traum, der dich ergetzt, Froh, daß er so gelind sich um ins Wachen setzt. 98. Blick her, o Welt, was soll von dir die Nachwelt denken, Wenn deine Maler ihr von dir dies Zerrbild schenken? In jedem Zuge Streit und Unzufriedenheit, Krampf, Spannung, Unnatur und Uebertriebenheit! Und willst du Beifall wol dafuͤr den Pfuschern schenken, Die die Geberden dir verzerren und verrenken? Dir selbst gefallen gar in den entstellten Mienen, Und werden gleich dem Bild, in dem du dir erschienen? Blick her, o Welt, ich will ein schoͤnres Bild dir zeigen, Und bist du selbst es nicht, so mach' es dir zu eigen. Sieh, daß du heiter seyn, daß du auch laͤcheln kannst! Und habe lieb das Bild, bis du dich lieb gewannst. Wir wollen dieses Bild von dir der Nachwelt schenken, Und in Vergessenheit die Schreckzerrbilder senken. Wir wollen dieses Bild von dir der Nachwelt schenken, Daß ohne Schaudern sie moͤg' ihrer Ahnfrau denken. 99. Was wirklich satt dich macht, das wirst du niemals satt, Wie Brot, das immer Reiz fuͤr neuen Hunger hat. Dagegen die Gewuͤrz' und alle leckern Sachen, Die wirst du satt so bald, weil sie nie satt dich machen. 100. Jemehr du aus ihm nimmst, je groͤßer wird der Graben; Freigebigkeit, das ist ein Bild von deinen Gaben. Dem edlen Sinn ist kein geringes Bild zu klein, Er macht es sich zurecht, und legt sich selbst hinein. Sei du der Schoͤpfbrunn, der gern allen Nachbarn borgt, Und vor Erschoͤpfung ist am wenigsten besorgt. Er hat stets frische Fuͤll', erhaͤlt man ihn im Zug; Wo nicht, so uͤberzieht ihn Schimmel bald genug. Sei du das Licht im Haus, vom Scheffel unverdeckt, Das glaͤnzt, wenn an ihm wird ein andres angesteckt. Es geht davon nicht aus, und seinen Widerschein Sieht es im Nachbarhaus, kein Stern glaͤnzt gern allein. Wir alle sind nur Stern' in einer Erdennacht, Gehn aus wie Lampen gern, wann unser Tag erwacht. 101. Der Angler sitzt am Strom und angelt ohne Zahl Was er erangeln kann von Fischen breit und schmal. Er angelt sie heraus und zittert nicht einmal, Wenn er sie zappeln sieht am Land im Sonnenstral. Da zittert in der Hand die Ruth' ihm doch einmal, Weil angebissen hat am Fang ein Zitteraal. Er ruft: du willst umsonst das Handwerk mir verbittern, O Zitterer, du mußt heraus trotz allem Zittern. Das Sprichwort sagt: Es hilft kein Zittern vor dem Frost, Und dir, o Zittrer, hilft kein Zittern vor dem Rost. 102. In Luͤften schwebt die Lerch' und uͤber ihr der Aar, Nicht ahnt die Saͤngerinn die schweigende Gefahr. Nicht ihr droht die Gefahr, der fruͤhwach aufgeschwungnen, Sie droht den unten tief vom Schlummer noch umschlungnen, Den jetzt vom Lerchenschall erst aufgesungenen, Dann von der Adlerkrall' im Nu bezwungenen. 103. Entraffe dich dem Schlaf, er wirket nichts als Traͤume, Du bist berufen wach zu wirken durch die Raͤume. Der große Koͤnig, der den Orient bezwungen, Hielt schlummernd mit der Hand die Kugel stets umschlungen. Die Erde selbst, um die das Kriegspiel er gespielt, Stellt jene Kugel vor, die in der Hand er hielt. Und drunten unter Hand und Kugel stand ein Becken, Das, wenn die Kugel fiel, mit Klang ihn mußte wecken. Sie faͤllt, der Erzklang weckt, der Koͤnig wacht und sieht Erschrocken, wie im Traum die Welt der Hand entflieht. 104. Zween Bruͤder waren einst, der groß und jener klein, Der eine war zu grob, der andre war zu fein. Und zwischen beiden stand ein dritter in der Mitte, Der wie ein Fremdling war zu sehn an Wuchs und Sitte. Ein Wagenmacher hieß all dieser dreie Vater, Sie alle seine Kunst zu lehren alles that er. Und mit des Himmels Gunst, da keine Muͤh er spart, Lernen sie all die Kunst, jeder nach seiner Art. Der große grobe macht den Wagen groß und grob; Wenn er nur tuͤchtig ist, verdient er auch sein Lob. Der Wagen ist nicht schoͤn, doch derb und fest, ihn soll Zugochsenvorspann ziehn der schwersten Garben voll. Der kleine feine macht den Wagen klein und fein, Zur Arbeit taugt er nicht, zum Spielwerk nur allein. Die Arbeit ist so fein, daß sie nicht ganz erschien Dem bloßen Aug', ihn soll ein Joch von Muͤcken ziehn. Schon fertig sind die zwei, noch ist zuruͤck der dritte, Er steht in ihrer Mitt' und hielte gern die Mitte. Das Beste von den zwein nimmt er zusammen bloß, Er macht den Wagen fein und macht den Wagen groß. Vollendet ist die Kunst, und auf dem Wagen sann Er stehend, was davor sich zieme zum Gespann. Da kamen aus der Luft herunter Fluͤgelpferde, Und ziehn den Wagen an zum Himmel von der Erde. 105. Der Bauer hat ein Hun und eine Kuh dazu; Die Schuldigkeit will thun doch weder Hun noch Kuh. Er hofft, ihm soll ein Ei vom Hun ein Mahl bereiten, Und von der Kuh dabei die Milch den Trunk bestreiten. Er hofft, es soll ein Ei ein Kuͤchlein auch gebaͤren, Und daß die Kuh ihm sei bereit ein Kalb zu naͤhren. Es fressen ihm die zwei umsonst nur Korn und Kraͤuter; Das Hun frißt selbst sein Ei, die Kuh trinkt selbst ihr Euter. O schlimme Eigenschaft, sich selbst nur zu beachten, Weder Nachkommenschaft noch Haushalt zu betrachten! Was kann im Haus der Bund von Hun und Kuh dir taugen, Die ihre Eier und ihr Euter selbst aussaugen? Drum sollst du in das Haus so Kuh als Henne schlachten, Und neue kaufen aus dem Geld, das sie dir brachten. 106. Oft geh' ich durch die Flur, mein Auge still zu weiden, Alswie ein Hirt sein Lamm auf uͤberbluͤmten Heiden. Dann frag' ich mich, was ich die Blumen sonst gefragt, Und sage mir, was sonst die Blumen mir gesagt. Von der ich einen Gruß empfangen hab' im Winde, Ihr Blumen saget mir, wo ich die Liebe finde. Geh suche nur! sie ist wie Kindes Festbescherung Von Mutter auf der Flur versteckt in Blumumwehrung. Neugierig schaut' ich da in alle Blumenwiegen, Und glaubte sie wie Thau in jedem Kelche liegen. Und da wo ich sie fand, da stellten sich im Kreise Die Blumenchoͤre auf, mit mir zu beten leise. Die Blumen frag' ich nun: wo ist sie hingekommen? Und leise sagen sie: den Strom hinabgeschwommen. So schwimme nur den Strom auch du, o Thraͤn', hinab, Und wo du treibst ans Land, dort ist der Liebe Grab. Dort melde mich der Lieb' und sage: Bald wird kommen Die muͤde Sehnsucht auch, und sei hier aufgenommen. Und wo die Sehnsucht ruht, da stellet euch im Kreise, Ihr Blumenchoͤre, auf, und betet ob ihr leise. 107. Du sagst, dir sei zu weit die dreißigstuͤnd'ge Reise, Und drehest jeden Tag dich stundenlang im Kreise. Die Stunde dehnest du, alswie ein muͤß'ger Reiter, Vom Haus zuruͤck zum Haus, und ruͤckst dabei nicht weiter. Setz' einen Monat lang zusammen nur die Stunden In grader Linie zum Ziel, so ists gefunden. Mit solchem Kunststuͤck kommt die Schnecke selbst zum Zwecke, Und ohne solches auch das Rennthier nicht vom Flecke. 108. Die Leier immer haͤngt gestimmt in meiner Klause, Und wartet, welch ein Sturm durch ihre Saiten brause. Bald ists des Himmels Sturm, der die Akkorde greift, Und bald des Dichters Geist, der sie im Fluge streift. Wenn du, o Sturm der Nacht, aufspielest, hoͤr' ich zu; Und bist du muͤd', und ich will spielen, hoͤre du! Geheimnisse der Nacht hast du mir vorgesungen, Nun hoͤr' ein Lied aus Menschenbusensdaͤmmerungen. 109. Wer mit geschickter Hand die heilge Schrift abschreibt, Kein Zweifel ist daß er ein fromm Geschaͤft betreibt. Denn an der Abschrift kann ein Frommer sich erbaun, Sich freuen Gottes Wort so klar vor sich zu schaun. Doch wenn der Schreiber selbst nichts weiter thut wan schreiben, So wird, was andern frommt, ihm selbst unfruchtbar bleiben. Und also, wenn du machst dein eignes Seyn und Leben Zu einem schoͤnen Buch, um es der Welt zu geben; Wenn es auch alle Welt mit Lust und Andacht schaut, Was nuͤtzt es dir, wenn es dich selber nicht erbaut? XIII. 1. D er heilige Kebir sah eine Muͤhle drehn, Und weinte, daß kein Korn da ganz hindurch kann gehn. Er weint' ums Koͤrnlein nicht, er weint' ums Weltgeschick, Das tausend Leben so malmt jeden Augenblick. 2. Die Leiter unterm Baum liegt umgestuͤrzt im Graben, An der heut auf und ab geklettert unsre Knaben, Der Jakobsleiter gleich, auf welcher Engel stiegen, Von der, ich weiß nicht wo, bewahrt die Sprossen liegen. Die Engel stiegen dort herab vom Himmelsraum, Die Bengel stiegen hier hinauf zum Apfelbaum; Hier schoͤne Wirklichkeit, und dort ein schoͤner Traum. 3. O Muͤcke, die du lebst und stirbst im Sonnenstral, Heb hoͤher deinen Tanz! die Sonne schwand vom Thal. Sie scheint noch in der Hoͤh; hinauf! ihr Licht zu trinken, Dann in dein naͤcht'ges Grab, bethautes Gras, zu sinken. 4. Zufrieden mit mir selbst, mit Gott und mit der Welt, Hab' ich das Gute nur zu thun, das mir gefaͤllt. Nicht als sei Gutes mir durchaus zu thun beschieden; Doch wollt' ichs gern nicht thun, wie waͤr' ich denn zufrieden? 5. Der Ehre kannst du wol von andern leicht entbehren, Wenn du dich selber nur zu halten weißt in Ehren. Doch will dir Unverstand versagen die Gebuͤhren, Laß ihn nicht deinethalb, laß es ihn seinthalb spuͤren. Denn jedem Manne ziemt vorm andern, und dem Knaben Ziemt zwiefach Achtung wol vor einem Mann zu haben. Die Lehre sollst du ihm, weil sie ist heilsam, geben; Gib sie ihm so alsob es dich nicht angieng' eben. 6. Das Wasser traͤgt den Mann, wenn er zu schwimmen weiß; So naͤhrt das Land ihn, wenn er brauchet seinen Fleiß. Wer Bein' und Arme nicht lernt in die rechte Lage Zu bringen, hoffe nicht daß ihn das Wasser trage. Und also wer geschickt nicht reget Fuß und Hand, Schreib' es sich selber zu, wenn ihn nicht traͤgt das Land. Gleichschwer von Leib sind zwei, der eine regt die Glieder Und schwimmt, der andre sinkt wie ein Bleiklumpen nieder. So sind auch zwei gleichstark, der eine braucht die Kraft Und lebt, der andere lebt auch, doch kummerhaft. 7. Wenn etwas scheinet mehr als einen Grund zu haben, So denke nur, du hast noch recht nicht nachgegraben. Wenn du recht auf den Grund nachgrubest, wird dir kund: Nicht viele Gruͤnde sinds, es ist ein einz'ger Grund. 8. Dich lehrt ein Sprichwort: Nie trink aus zersprungnem Glase! Dein junges Leben welkt sonst hin gleich muͤrbem Grase. Ich aber lehre dich: Nicht deinen Leib zerruͤtten Wird das zerruͤttete, doch deine Lust verschuͤtten. Denn wenn beim frohen Fest du willst mit ihm anklingen, So wird es klappen und dir in der Hand zerspringen. So gieß auch dein Vertraun, dein Lieben rein und jung, Nie in ein schadhaft Herz, das Riß hat oder Sprung. Du hoffst es werde rein mit dir zusammenklingen, Da wirds den Herzenswein verschuͤtten und zerspringen. 9. Die Menschen muͤssen dir von Zeit zu Zeit es sagen, Daß was fuͤr sie du thust, moͤg' ihren Beifall tragen. Und sagen sie es nicht, so muß in deiner Brust Die Stimm' es sagen, daß du nicht Unnuͤtzes thust. Ohn' einen Zuruf so von außen oder innen, Bleibt ohne Lust, und ohn' Erfolg auch, dein Beginnen. 10. Wenn dich am fruͤhen Tag ein frommer Vorsatz hebet, Dein froher Herzenschlag dem dankt durch den er lebet; Als kuͤhler Sommerhut wird dies Gefuͤhl dir schatten, Und an des Mittags Glut nicht deine Seel' ermatten. Dann wenn du dir zur Nacht das Zeugnis geben kannst, Daß etwas du vollbracht, dir etwas angewannst; So wird bei Nacht ein Traum der Seele Kraft dir staͤrken, Daß morgens sie im Raum erwacht zu neuen Werken. 11. Wenn du die Pflanze wirst mit kuͤhler Flut besprengen; Die Tropfen dunsten weg, die an den Blaͤttern haͤngen. Nur was zu Fuße fließt und bis zur Wurzel nieder, Durchdringt als Lebenssaft von dort der Pflanze Glieder. So was von außen sich mit Lust an dich mag draͤngen, Die Reize schwinden weg, die an den Sinnen haͤngen. Nur was zur Wurzel dringt und bis zum Herzen nieder, Erfrischt als Nahrungssaft von dort des Lebens Glieder. 12. Der Kieß der Reue wird ein Edelstein genannt, Der schoͤnres Namens dir ist als Smaragd bekannt. Ich sage dir, warum er heiße Kieß der Reue; Daß sich an ird'schem Glanz kein Herz vollkommen freue! Als Alexander zog der Held ohn' Hindernis Von West zu Ost, und kam ins Land der Finsternis, Wo er des Lebens Brunn gesucht, den er nicht fand, Drang er mit seinem Heer tief in die Felsenwand. Da hoͤrten sie von fern den Brunn des Lebens rauschen; Doch wo er fließ' und wie, das war nicht zu erlauschen. Vor ihren Augen schwebt' ein falscher Wasserschein, Der fuͤhrt' itzt durstig sie heraus, wie erst hinein. Da sahen sie den Grund mit gruͤnem Kieß bestreut; Die davon nahmen, und die nicht, hats gleich gereut. Smaragde waren es, da sie ans Licht gekommen, Und alle reut' es, die davon nichts mitgenommen. Mehr aber reut' es die was mitgenommen hatten, Weil sie das beste doch gelassen in den Schatten. Denn wer die Gnuͤge nicht geschoͤpft im Lebensbronnen, Der findet, o mein Sohn, nur Reue selbst in Wonnen. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 6 13. Des Silbers reiner Glanz laͤßt Flecken am Gewand, Das es bestreift, und Schmutz an der beruͤhrten Hand. Nicht das gemeine nur, das Geld, das im Gedraͤnge Der Maͤrkte kreist, es thut's auch edles Kunstgespaͤnge. Ein Zeichen sei es dir, daß du nie kannst benutzen Weltguͤter, ohne dich mit ihnen zu beschmutzen. 14. Wie fern der Wirklichkeit, wie fern der Ahnung liegt Der Unschuld Friedenswelt, wonach die Sehnsucht fliegt! Wo mit dem Aeußern nicht im Streit das Innre war, Dem Geiste klar die Welt, und er sich selber klar. Wo rein im Wunschgenuß war Wunschbefriedigung, Von Erdenschwere nicht behindert Himmelschwung. Wir wuͤnschen, Kindern gleich, nun Fest um Fest heran; Und wie es ist erreicht, so ist es abgethan. In naͤchster Zukunft scheint das goldne Gluͤck zu liegen, Und wird sie Gegenwart, so sehn wirs weiter fliegen. Dein ganzes Leben ist verfallen dem Geschick, Gewinnen mußt du's neu in jedem Augenblick. Aus jedem Plaͤtzchen laͤßt ein Paradies sich machen, Und neugeschaffen fuͤhlt sich taͤglich dein Erwachen. Und neugeboren schlaͤft die Welt in jedem Kinde, Ihr Alter fuͤhlt sich jung in jedem Fruͤhlingswinde. Das Alles ist ein Hauch, ein Schatten und ein Traum, Doch kann das Ewige nicht anders stehn im Raum. 15. Nicht Pyramiden, die Jahrtausenden getrotzt, Daran die Gegenwart wie Moos am Stamm schmarotzt; Von Elefante nicht die Wunder noch Ellore, Und nicht am Kaukasus Alanen-Hunnenthore; Noch eine Mauer, die ein Weltreich weit umzirkte, Spricht so vom Riesengeist, womit die Urzeit wirkte, 6* Alswie die Sprache, die auf einmal sie ersann, Der nicht ein neues Wort der Geist zusetzen kann: Der Thurm von Babel, den zum Himmel sie gebaut, Von dessen Zinnen sie vernahmen Goͤtterlaut. Der Thurm ist umgestuͤrzt, der Himmel unerstiegen, Davon die Sprachen nun als Truͤmmerhaufen liegen, Wovon mit einem je sich je ein Volk begnuͤgt, Und seinen Geistesbau daraus nothduͤrftig fuͤgt. Der umgebaute Schutt, verwitternd Jahr um Jahr, Zeugt im Verfall noch klar, wie stark der Urbau war. Nun sucht die Wissenschaft mit kuͤnstlicher Verkuͤttung Der Reste muͤhsam herzustellen die Zerruͤttung. Doch nur die Kunst besiegt die Stoffverkuͤmmerung, Die Uranfaͤnglichs schafft auch aus Zertruͤmmerung. 16. Wenn du die Menschen siehst, mein Sohn, an einem Platze Versammelt, und sich freun wie an gefundnem Schatze; So frage nicht: worin mag dieser Schatz bestehn? Sie freuen sich, daß sie einander freun sich sehn. So magst du immer auch dich freun, daß sie sich freuen; Und laß dich das gesehn zu haben nicht gereuen. 17. Du kannst aufs Feld nicht gehn, ohn' irgend eine Blume Zu finden, welche sagt von ihres Schoͤpfers Ruhme. Nicht in Gesellschaft kannst du gehn, ohn' ein Gesicht Zu sehn, das deinem Bild vom Menschen widerspricht. Drum unter Blumen bleib, und lerne Menschen meiden! Die Menschen koͤnnten dir die Blumen selbst verleiden. Doch lieben lernest du, wo du bei Blumen bist, Den Menschen selber, der unliebenswurdig ist. 18. Der Sturm der Menschenwelt bewegt dich wenig nur, Vielmehr verstoͤrt dich noch das Schwanken der Natur. Als kuͤmmerte dich gar vom Menschen nicht das Beste, Wenn nur der Schoͤpfung Gang dir bliebe staͤt und feste. Doch wie du still dich kannst bei Schicksalswechsel fassen, So mußt du endlich auch die Wetterlaunen lassen; Und merken, daß am Band der Ordnung eine Hand Haͤlt Menschenwankelmut und Wetterunbestand. Und wie zur Weltgeschicht' Unheil und Voͤlkerplage, So zum Kalender auch gehoͤren schlechte Tage. Drum wirke, dichte nur am angefangnen weiter, Wenn truͤb der Himmel ist, bis er wird wieder heiter. Der Frosch allein verstummt bei kuͤhler Nacht im Sumpf; Die Nachtigall singt fort, wenn auch ein wenig dumpf. 19. Soviel ist auf der Welt, was Herzen trennt und einet, Daß kein Verband und kein Zerspalt unmoͤglich scheinet. Das unzertrennlich schien und unveruneinbar, Nun unvereinbar scheint sich das getrennte Paar. Und wieder wenn es sich verbunden wird erkennen, Ists unbegreiflich ihm, wie es sich konnte trennen. Was Wunder, wenn sich hier so viel bald stoͤßt bald zieht, Wo Tod und Leben selbst sich ewig sucht und flieht! 20. Viel lieber ist das Dach der Huͤtte, das bemoste, Und dran das Gaͤrtchen mir, das kleine doch beroste, Als ein Palast, von Gold und Siber eingelegt, Und Machtbesitz, von Furcht und Sorgen eingehegt. 21. In jedem Augenblick, wo ich von meiner Seite Ließ gehn ein liebes Kind in seines Gluͤcks Geleite, Bis zu dem Augenblick, wo ich es wieder finde; Wie mancher Unfall gieng voruͤber meinem Kinde! Wie vielmal mir zuruͤck geschenkt hab' ichs erhalten Von thaͤtig ihm zum Schutz gewesenen Gewalten! Nur vielfach ließen sie das Schutzgeld auch in Qualen Mich mit vergeblichen Besorgnissen bezahlen. 22. Den Schmelz der Wiesen traͤnkt das Wasserrad nicht nur, Es ist auch, fern gesehn, ein reger Schmuck der Flur. Doch wenn du naͤher koͤmmst, hoͤrst du es traurig stoͤhnen: So schwer ist Nuͤtzliches vereinigen dem Schoͤnen. 23. Weil das Vergnuͤgen, das man bannen will, entweicht, Und oft die Lustpartie dir keinen Lustpart reicht; So geh nur dran, wie an ein andres Tagsgeschaͤfte, An das du eben heut willst setzen Zeit und Kraͤfte. Und war's nun ein Geschaͤft, so hast du's abgethan; Und war die Lust dabei, so schreib zu Dank sie an. 24. Von Lebern aller Art moͤcht' ich Jahraus Jahrein Am allerwenigsten ein Wirthshausleber seyn; Und noch viel weniger nur eins: ein Wirthshauswirth, Der schlechter selbst mir scheint als fremder Herden Hirt. Er hat das ganze Jahr der Gaͤste Bauch zu weiden, Die herzlos fuͤr ihr Geld fordern, und danklos scheiden. 25. Ich wollte, waͤr' ich reich, viel lieber als den Streit Um nichts wan nicht'ges Gut zu hoͤren weit und breit, Mein eignes geben hin und sagen: Nehmt und theilt! Doch wuͤrde so der Streit gemehrt nur, nicht geheilt. 26. Wie dir auf naͤcht'ger Fahrt die naͤchste Reih der Baͤume Am Weg voruͤber eilt, als waͤren's deine Traͤume, Dahinter langsamer dahin die Bergflur schreitet, Und hinter ihr der Mond nur deinen Lauf begleitet; So fliehn am schnellsten auch auf deines Lebens Fahrt Dir die Erscheinungen vorbei der Gegenwart, Langsam die groͤßeren Gestalten ferner Zeiten, Und nur die Ewigkeit bleibt ewig dir zur Seiten. 27. Nicht hemme du im Gang die sinnlichen Genuͤsse, Die Leibeshaushalt braucht als Zufluͤss' und Abfluͤsse. Der Schaffner schaffe nur im Kreis, der ihm gehoͤrt, Damit die Herrin herrsch' im Innern ungestoͤrt. 28. Alswie ein Thor, der wohnt im Haus mit einem Weisen, Der Weisheit Einfluß fuͤhlt in seiner Thorheit Kreisen, Und sich vorm Nachbar schaͤmt, was dem misfaͤllt, zu thun; So wohnt auch ja dein Leib so nah dem Geiste nun. Der Thor wird zwar ein Thor vorm Weisen immer bleiben, Doch ihm zum Aergernis sein Thorenspiel nicht treiben. 29. Wer noch im Schlafe liegt, sei daraus aufgeweckt, Und liegt er fest darin, so sei er aufgeschreckt. Wer aber schon erwacht, doch noch nicht aufgebrochen Zur Reise, sei dazu gespornt und angestochen. Wer vom Verlangen schon gespornt ist, doch den Weg Dahin nicht kennt, dem sei gezeiget Weg und Steg. Wer aber kennt den Weg, und ihn nicht gehen mag, Der hat auf immer nun versaͤumt den Reisetag; Und wieder leg' er sich zum Schlaf hin, wie er lag! 30. Gewoͤhnen will dich, was du siehest hier vom Schoͤnen, Gewoͤhnen, was du hoͤrst vom Schoͤnen hier in Toͤnen, Gewoͤhnen deinen Sinn, stets hoͤher sich zu lenken, Das hoͤchste Schoͤne selbst zu fuͤhlen und zu denken, Das, ungesehn dem Aug', und ungehoͤrt den Ohren, Ist fuͤr den Weisen da, und nicht da fuͤr den Thoren. 31. Welch eine Kunst du lernst, solang du lernend bist, Wird halbgelungnes selbst dich freuen lange Frist. Jemehr dann Meisterschaft sich wird dem Werk verbinden, Je kuͤrzer wird die Lust daran zusammenschwinden. Was erst auf Wochen hielt, haͤlt bald nur noch auf Tage, Bald, was auf Tage, kaum noch Stunden in der Wage. Am Ende fuͤhlest du ein Gluͤck das so entspringt, Nur noch im Augenblick, wo dir das Werk gelingt. Dann bleibt kein andrer Rath, als Arbeit fruͤh und spat, Weil nur das Thun dich freut, nicht die gethane That. Darum nicht klage du, und schaff nur immer zu! Die Schoͤpfung selber schafft deswegen spat und fruh. 32. Die Seele traͤgt ein Maß des Schoͤnen selbst in sich, Daher dem Menschen stets auch seine Liebe glich. Dein schwarzer Bruder denkt sich schwaͤrzlich seine Schoͤne, Der Zwerg als Zwergin, und als Riesin Riesensoͤhne. Und der vollkommne Mensch setzt in den Aufenthalt Des hoͤchsten Himmels selbst die menschliche Gestalt. Es will der Menschengeist in andern Gotteswelten Kein anderes Vernunftgeschoͤpfe lassen gelten. Er will der Mittelpunkt der Schoͤpfungskreise seyn, Des Schoͤpfers Ebenbild und Schoͤpfungszweck allein. Doch andre Wesen sind noch denkbar außer dir, In ihren Kreisen das, was du in deinem hier. Du hast fuͤr sie kein Maß, sie keins villeicht fuͤr dich, Und halten, so wie du dich haͤltst, fuͤr einzig sich. Doch wenn sie hoͤher stehn als du und heller sehn, Begreifen sie wol dich, die du nicht kannst verstehn. Jemehr du aber dich enthebst den engen Schranken, Erweiterst du die Welt mit liebenden Gedanken. Du freuest dich, daß auch in andern Sfaͤren walten Vernunftweltordnungen und Glaubensheilanstalten. In jedem Himmelskreis, in allen Erdenkreisen, Laß nur auf ihre Weis' ihr Hoͤchstes alle preisen. Den eignen Glauben sollst du dir nicht lassen rauben, Allein auch rauben sollst du keinem seinen Glauben. Und eiferig bekaͤmpf' an dir und andern kuͤnftig Nur was unmenschlich ist, unschoͤn und unvernuͤnftig. 33. Die Seele, die herab ist in den Leib gestiegen, Hat halb, dem Vogel gleich im Baur, verlernt das Fliegen; Nahm Schwere an und gab dem Leib des Schwunges Kraft, Daß sie halb leibhaft ward, der Leib halb seelenhaft. Sie hat ein dunkles Haus mit ihrem Licht erhellt, Deswegen aber selbst ins Dunkle sich gestellt. Sie hat dem todten Leib sein Leben eingegeben, Aufgebend selbst um Tod ein Theil von ihrem Leben. Die Liebe wars, die sie zu ihm herniederzog, Mit ihm in Staub zu gehn, die ohn' ihn droben flog. Sowie dem Glauben auch herab sich hat gelassen Die Gottheit menschlich, daß sie Menschenherzen fassen. Und wie ein Weiser aus der Weisheit hellen Sfaͤren Herabsteigt, um die Nacht der Bloͤdheit aufzuklaͤren. Er will sich eines Theils der Weisheit gern begeben, Um die Unwissenheit zum Wissen zu erheben. In jeder Lebenssfaͤr', in jedem Wirkungskreise, Laͤßt sich der hoͤhre Geist herab auf solche Weise. Mit Demut, Dienstbarkeit, Lieb' und Aufopferung, Sucht er das Niedre stets, und gibt ihm hoͤhern Schwung. Mit Tugend, Kraft und That, mit Anmut, Scherz und Witz, Wie Sonnenschein und Thau, wie Regensturm und Blitz; So manichfaltig steigt der Himmel stets zur Erde, Damit das Irdische des Himmels theilhaft werde; Damit das Leben so sich mit dem Tod versoͤhne, Und aus dem Staub erbluͤh die Luft der Welt, das Schoͤne. 34. Die Seelen waren in der Weltseel' einst beisammen, Wie Tropfen in dem Meer, alswie im Feuer Flammen. Den Weltleib halfen sie beseelen und beleben, Von ihnen keiner war ein eigner Leib gegeben. Sie aber wuͤnschten nun ein eigenes Gebiet, Darin zu herrschen, wie der eigne Trieb es rieth. Und abgegrenzet ward ein Weichbild so fuͤr jede, Daß zwischen ihnen nicht Verwirrung werd' und Fehde. Nun wirkt gesondert jed' in ihrem eignen Leibe, Wie mit der Weltseel' einst in Sonn- und Mondenscheibe. Die Sonn- und Mondenscheib' ist nicht dadurch verglommen, Doch schoͤne Glieder sind zum Vorschein hier gekommen. Darum gesegnet sei der Seele Trieb, zu walten In einem Leib, und schoͤn des Ird'sche zu gestalten. Sie moͤge siegreich nun ihr kleines All verklaͤren, In Einklang haltend es mit Sonn- und Mondensfaͤren. 35. Der Himmel, wenn er lang nicht hat geregnet mehr, Bis wieder ordentlich er dazu kommt, haͤlts schwer. Es scheint ihm rechte Muͤh'n zu kosten, bis den Wolken Er gleich versiegten Kuͤh'n ein Troͤpflein erst entmolken. Dem Troͤpfeln folgt die Trauf', und ist es erst im Zug, Gehts immer leichter ab, und mehr oft als genug. So wie ein staͤt'scher Gaul bocksteif ist eine Frist, Und erst gelenk wird, wann er warm geworden ist. Und wie ein Dichter, der zulang an sich gehalten, Anstrengung braucht, um neu die Fluͤgel zu entfalten. Darum in jedem Werk, bist du einmal im Zug, Treib zu und schaffe fort, doch mehr nicht als genug 36. Ein jeder ist sich selbst der naͤchste. Zeugen sind Von dieser Lehr' am Baum die Blaͤtter, liebes Kind. Die saugen oben ein begierig allen Regen, Daß nichts zum Boden kommt, der trocken bleibt deswegen. Wann aber sie sich satt getrunken, schuͤtteln sie Den Ueberfluß zur Erd', und nun kommts auch an die. Was oft sie vom Palast hinaus zum Fenster schuͤtten, O kaͤm' es ebenso auch an die armen Huͤtten! 37. Das Seelchen kam so fruͤh vom Himmel schon hinaus, Daß es vergessen hat sein elterliches Haus, Sein elterliches Haus vergessen, davon kaum Ihm die Erinnerung noch manchmal kommt im Traum. Das Kind kam in der Fremd' an eine fremde Amme, Ein Pflegevater auch ward ihm von fremdem Stamme. Sie nannt' es Mutter, weil es ihre Bruͤste sog, Ihn nannt' es Vater, weil er mit der Ruth' es zog. Doch ein Gefuͤhl erwacht ihm in der Brust und spricht: Der rechte Vater ists, die rechte Mutter, nicht. Ein bessrer Vater muß es seyn, den ich verloren, Und eine schoͤnere Mutter, die mich geboren. Und seine Sehnsucht waͤchst, und Ruhe hat es nicht, Bis es des Vaters sieht, der Mutter Angesicht. 38. Du siehst mit Augen nur und hoͤrest nur mit Ohren; Geht Sehn und Hoͤren drum mit Aug' und Ohr verloren? Nein, nur die Art zu sehn, zu hoͤren, nicht die Kraft Zu sehn, zu hoͤren, die der Seel' ist wesenhaft; Die Kraft, in der sie schwebt, in der sie ruht und fließt, Sich ausgießt, in sich selbst sich schließt und sich genießt; Die Kraft, die denkt im Haupt und dir im Herzen fuͤhlt, Die auch mit Hirn und Blut nicht ist hinweggespuͤlt; Die, ist ihr jeder Weg der Aeußrung abgeschnitten, Ganz in sich selber ruht in ihrer eignen Mitten; Und eben, wann sie sich nicht außen thaͤtig zeigt, In sich hinein, hinab, hinauf zur Gottheit steigt. Wie wann die Blume Nachts sich schließt, sie nun in sich Gesammelt hat den Duft, der Tags im Wind entwich. Wie der entlaubte Baum im Winter seinen Saft Zuruͤck aus Stamm und Zweig zog in den Wurzelschaft. So seiner Sinne Zweig' entfaltet in den Raum, Und seine Wurzel birgt in Gott des Lebens Baum. O laß die Sinne nicht sich in die Welt verirren, Um ihre Mutter, die Besinnung, zu verwirren! Vor lauter Sehen siehst du sonst nur Nebelflor, Vor lauter Hoͤren hoͤrst du nur den Lerm vom Chor. Doch wie der Astronom im Nebel nur den Stern, So in den Huͤllen der Erscheinung sieh den Kern. Wie ein Tonkundiger den Grundton aus dem Braus Der Stimmen, hoͤre du ihn aus der Welt heraus. Alswie ein Liebender erklaͤrt fuͤr eine Luͤge Ein Bild, an dem er nicht erblickt geliebte Zuͤge; Denn sehenswerth ist nur am ganzen Weltgetriebe Allein der Liebe Spur, gesehn vom Blick der Liebe. Und wie der Freund dem Ruf des fernen Freundes lauscht, Ob auch des lauten Markts Getoͤs dazwischen rauscht; Vom Meer, worin es schwimmt, wird er das Troͤpfchen trennen, Wird seines Freundes Stimm' als Perl' im Ohr erkennen. Im Ton ist nah der Freund, von dem du bist geschieden; Und wenn du treu ihm bist, so hoͤrst du ihn zufrieden. Im Herzen habe stets den Freund vor Angesicht, Daß nie dich schrecke, was er in der Seele spricht. 39. Die Blumen in dem Korn, sie koͤnnen dich nicht naͤhren; Am Orte wo sie bluͤhn, da koͤnnten wachsen Aehren. Die andern Aehren auch, die wachsenden daneben, Zertreten Knaben dir, die nach den Blumen streben. Dem Nachbar sind verschont die blumenlosen Saaten; So uͤbel hat dich Gott mit diesem Schmuck berathen. 40. Der Menschheit Geister sind zum Hoͤchsten gleich berufen, Doch Juͤngling, Greis und Kind steht nicht auf gleichen Stufen. Alswie ein Vogel fliegt, indes ein andrer flattert; Alswie ein Vogel singt, indes ein andrer schnattert. Auf, wenn du Schwingen hast, zu Gott dich aufzuschwingen! Auf, wenn du singen kannst, in Gott dich auszusingen! 41. Was wird nun dieser Tag, der heutige, dir bringen? Was wird er lassen dir gelingen und mislingen? Was wirst du Schoͤnes sehn, was wirst du Wahres denken? Wohin wird Geist und Sinn sich heben und sich senken? Was er auch bringen mag, du sammle den Ertrag! Ein jeder Tag ist fuͤr den Geist ein Erntetag. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 7 42. Die meisten Voͤgel bau'n fuͤr sich allein kein Nest, Fuͤr ihre Jungen nur bau'n sie's bequem und fest. So viele Menschen auch, sie wuͤrden ihre Kraft Nicht nutzen, thaͤten sie's nicht fuͤr Nachkommenschaft. 43. Des Kindes erster Trieb ist sinnliches Beduͤrfen, Und spaͤter waͤchst die Kraft zu geistigen Entwuͤrfen. Wie alle Menschen nun von Anfang Kinder sind; Die Menschheit selber, war sie Anfangs auch ein Kind? Sie war's in einem Sinn, im andern Sinne nicht; Die Menschheit war ein Kind wie neugebornes Licht. Wie neugebornes Licht, im Osten angeglommen, Nicht gleich dem Mittag ist, doch ebenso vollkommen; Am Licht des Tages wird zur Bluͤte sich entfalten Nur was im Morgenthau der Knospe war enthalten: So nur entfaltet sich am großen Menschheitstag Was eingewickelt in der Kindheit Wiege lag. Die Menschheit, Gottes Kind, ist niemals mehr noch minder, Nur mehr und minder sind die Menschen Gottes Kinder: Wie mehr und minder ganz ist einer Blume Glanz, Doch ist ein ganzer Glanz der volle Blumenkranz. Wie aber eine Blum' ins große Kranzgeflecht, So tritt der Einzelmensch ins menschliche Geschlecht. Die Blume weiß nicht, wie sie an die Stelle kam, Und nicht der Mensch, wozu er seinen Ort einnahm. An seinem Orte macht er seine Kraͤfte gelten, Beherrscht die Welt, und dient nur dem Gesetz der Welten. Das echte Herrscherbild ist aber da gepraͤgt, Wo menschliches Gemuͤt die volle Menschheit traͤgt. 7* 44. So sprach des Loͤwen Muth zu seinem eignen Rachen, Als er in ihrem Nest fand eine Brut von Drachen: Friß du zum Fruͤhstuͤck sie oder zum Mittagsessen, Eh sie zur Vesper dich oder zur Nachtkost fressen. 45. So sprach ein Wandersmann zu seinem Weggesellen, Dem eingebildeten die Augen aufzuhellen: Weil jeder Wandrer traͤgt die Buͤrd' auf seinem Ruͤcken, Siehst du die Uebel leicht, die deinen Vormann druͤcken, Bedenkest aber nicht, daß nach dir andre gehn, Die ebenso die Last auf deinem Ruͤcken sehn. 46. Wenn du mit deinem Schatz willst einen Bretterkasten, Und mit Geheimnissen ein Frauenherz belasten; Besorge, daß ein Dieb den Kasten dir erbreche, Befuͤrchte, daß dein Lieb das Schweigen brech' und spreche. Drum trage deinen Schatz bei dir in deinem Seckel, Und deine Heimlichkeit bewahrt vom Busendeckel. Ein Schatz ist sicher auch im Seckel nicht zu tragen, Doch immer sicher ein Geheimnis nicht zu sagen. 47. Die Seelen alle sind umher gestellt im Kreise, In dessen Mitte ruht die Gottheit wirkend leise. Die Punkte, die da sind die Seelen, all in Regung, Sind um den Mittelpunkt in ewiger Bewegung. Sie koͤnnen, wie sie nah sich aneinander schließen, Sich doch beruͤhren nicht, noch ineinander fließen. Von jedem Punkte ist zur Mitt' hineingefuͤhrt Die Linie, womit an Gott die Seele ruͤhrt. Der umgekehrte Stral, der, wie er ausgegangen Vom Mittelpunkt, dahin zuruͤck traͤgt ein Verlangen. Die Stralen stralen all im Mittelpunkt zusammen, Und werden eins in dem, aus dem sie alle stammen. Die Seelen all in Streit und unter sich entzweit, In Gott nur haben sie Einheit und Einigkeit. Nur die Beruͤhrung, die sie in der Gottheit finden, Kann die getrennten im Gefuͤhl der Liebe binden. Und welche Seele nicht zur andern Liebe spuͤrt, Der fehlt die Linie, die an die Gottheit ruͤhrt. 48. Sieh wie das Aehrenfeld vom goldnen Abendduft Befriedigt schweigt, und tief heraus die Wachtel ruft. Sie ruft: So lange hab' ich euer Feld gehuͤtet, Nun huͤt' ich's euch nicht mehr, denn ich hab' ausgebruͤtet. Habt Dank, daß ihr geschont, solang ich hier gewohnt; Kommt, erntet nun, und seid von Segen reich belohnt! Die Aehren nicken drein im letzten Abendschein, Geerntet wollen sie am naͤchsten Morgen seyn. Vor einem andern Klang verstummt der Wachtel Sang, Die Sicheln haͤmmert man das stille Dorf entlang. O koͤnnten wir es froh erwarten wie die reifen, Wenn uͤber Nacht man so wird uns die Sichel schleifen. 49. Sieh, mit den Fuͤßen steht der Reis im Wasserbade, Daß auf dem Haupte nicht der Sonnenbrand ihm schade. Wenn du Besinnung kuͤhl mit Glutgefuͤhl vereinst, Auch reife Segensfrucht traͤgst du villeicht dereinst. 50. Schenk' in dein Glas nicht mehr, als auf einmal zu trinken! Gestandnes stehet ab und wird im Preise sinken. Kein andrer wird von dir die Neige trinken wollen; Laß jeden trinken und trink immer selbst vom vollen! 51. Ich habe doch genug des Schoͤnen aller Art Auf dieser eiligen Voruͤberfahrt gewahrt, Auf dieser eiligen Voruͤberfahrt durchs Leben, Genug, den Menschengeist uͤber die Welt zu heben; Genug des Goͤttlichen im Menschenangesicht, Im Spiegel der Natur und Dichtung Zauberlicht. Und wenn es mehr nicht war, so war es meine Schuld; Und daß es soviel war, ist Gottes große Huld; Die Stralen jener Huld, die selbst das Aug' erschließen, Das eigensinnig sich dem Lichte will verschließen; Den Augendeckel ruͤhrt der Himmelskuß gelind: Sieh, das ist Gottes Welt, und du bist Gottes Kind. 52. Gewoͤhne Schoͤnes dich zu sinnen und zu denken, Und lerne jeden Sinn aufs Schoͤne hinzulenken, Und strebe jeden Sinn ins Schoͤne einzusenken, Und Schoͤnes moͤge hold dir jede Stunde schenken, In Schoͤnes huͤllen dich, dein Herz mit Schoͤnem traͤnken, Und mit dem Anblick nie dich des Unschoͤnen kraͤnken. Wer mit entschlossnem Blick das Schoͤne liebt und sucht, Vor dessen Auge nimmt das Haͤßliche die Flucht. Der Goͤtter hoͤchste Gunst ist aber dem bewahrt, Der im Unschoͤnen selbst das Schoͤne nur gewahrt; Sei's auch, Unschoͤnes nur, das seyn will, zu vernichten, Und Schoͤnes an der Statt, das seyn sollt', aufzurichten. Ein zartes Auge wird beleidigt vom Unschoͤnen, Alswie ein feines Ohr verletzt von falschen Toͤnen. Feinzarter Sinn ist gut, nicht gut der zaͤrtlich schwache; Du haͤrte deinen so daß es nicht stumpf ihn mache. 53. Solange du nur denkst, ohn' es in dir zu fuͤhlen, Wird ein Gedanke nur den andern weiter spuͤlen. Nicht wahr ist was du denkst, nur was du fuͤhlst ist wahr; Durchs Denken machst du dir nur das Gefuͤhlte klar. Was du Gefuͤhltes denkst, das wirst du auch behalten, Und im Gedaͤchtnis wird dirs ewig nicht veralten. Das seinen Namen zwar vom Denken hat empfangen, Doch nur Gefuͤhltes bleibt im Angedenken hangen. 54. Weil du der ganzen Welt nicht kannst als Herrscher walten, Gib ganz sie auf! schlimm ist von ihr ein Theil behalten. Im Tode mußt du es, thu's, weil du kannst, im Leben; Gib auf die falsche Welt, eh sie dich auf wird geben. Statt der Demuͤthigung gezwungener Entsagung Sei dein das Hochgefuͤhl freiwilliger Entschlagung. 55. O seht die Taube, wenn ihr ihre Jungen schlachtet, Den Schlag verlaͤßt sie nicht, wo ihr das Nest ihr machtet. Sie wehrt sich nicht, noch klagt, wenn man ihr Liebstes raubt, Zufrieden, wenn man nur das Daseyn ihr erlaubt. Ich weiß nicht, ob ein Bild der vollen Sklaverei, Ob der Ergebung sie vollkommnes Muster sei. 56. Will deine Heiterkeit truͤben ein Tag ein truͤber, So denk: Am Abend ist der ganze Tag voruͤber. Und wenn so truͤb' ist auch dein Leben, denk, es sei Ein Tag, ein laͤngerer, und doch sobald vorbei. 57. Vorgestern Hoffnungen, in Knospen eingeschlossen; Und gestern Bluͤtenfuͤll', in Duft und Glanz ergossen; Am Boden liegen welk die Rosenblaͤtter heut: Das ist dein Gluͤck, o Welt, und was ein Herz erfreut! 58. Im trocknen Sommer bringt der Westwind keinen Regen, Im nassen regnet selbst der trockne Ost; weswegen? Des Jahres Schicksal steht auf trocken oder feucht, Dagegen hilft nun nichts was einer kaͤmpft und keucht. 59. Der Esel, den mit Salz sie uͤberladen hatten, Im Flusse legt' er sich, und das kam ihm zu Statten. Er widerholt es dann, da kam es ihm zu Schaden, Weil er nun, statt mit Salz, mit Wolle war beladen. Das Salz im Wasser schmolz, die Woll' im Wasser schwoll; Dort gieng er leicht davon und schwerer hier mit Groll. Er grollte dem, der ihm gegeben diesen Rath, Da doch der Esel sich es zuzuschreiben hat. Nur einmal gilt ein Rath, nur einmal eine List; Gelernt vom Esel hat dies, wer da weiser ist. 60. Der Baum merkt nicht die Last, haͤlt drauf ein Vogel Rast; Doch fliegt der Vogel weg, so schwankt davon der Ast. So fuͤhlst du nicht die Lust, die wohnt in deiner Brust; Doch wenn sie dir entfliegt, so fuͤhlst du den Verlust. So merkt, was einer strebt, die Welt nicht, weil er lebt; Sie merkt es dann villeicht, wenn man den Mann begraͤbt. Der Zweig erschuͤttert bebt dem Vogel, der entschwebt; Fest steht der Stamm, indes ein Zweig sich senkt und hebt. 61. Aus dem Talmud. 1. Wer sagt: ich suchte doch ich fand nicht; glaub, er luͤgt. Wer sagt: ich suchte nicht und fand; glaub, er betruͤgt. Wer sagt: ich sucht' und fand; dem glaub, er redet wahr; Anstrengung und Erfolg sind ungetrennt ein Paar. 2. Verschwende nicht dein Wort, wo man es nicht wird sparen; Und spar' es nicht, wo man es sparend wird bewahren. 3. Wirf in den Brunnen, wo du trankest, keinen Stein; Sag Uebles dem nicht nach, bei dem du kehrtest ein. 4. Ein Spinnenfaͤdchen ist dein Boͤses im Anfange, Am Ende wird es dir zu einem Wagenstrange. 5. Der Schatten laͤuft dem Leib, der Tiefe laͤuft der Bach, Dem Wild der Jaͤger und die Noth dem Armen nach. 6. Wohlthaten sind wol gut, und wohl dem der sie thut! Wohlwollen aber ist viel besser noch als gut. Wohlthat wird Armen nur und Lebenden entboten, Wohlwollen arm und reich den Lebenden und Todten. 7. Wenn du nicht kaufen willst, so steh nicht an dem Laden; Du draͤngst die Kaͤufer weg und bringst dem Kraͤmer Schaden. 8. Sprich Keinem Trost zu, wenn sein Todter vor ihm liegt, Und keinem Zornigen, eh ihm der Zorn verfliegt. 9. Da wo das rechte Werk kam an den rechten Mann, Kommt einer weit, so weit ein Mensch nur kommen kann. 10. Des Knaben Pfennig klingt im blechnen Buͤchslein hohl, Im Lederbeutel schweigt das Gold des Mannes wohl. 11. Wo man dich kennt, da brauchst du nicht zu gehn in Seide; Doch wo man nicht dich kennt, trit auf im Ehrenkleide. 12. Die Liebe stoͤrt alswie der Haß das Gleichgewicht Der Seele, das der Welt stoͤren sie beide nicht. 13. Weh mir, folg' ich der Pflicht! weh mir, folg' ich dem Triebe! Der Trieb hat keine Ruh, die Pflicht hat keine Liebe. 14. Weh dir wenn du es sagst, weh dir wenn du's verschweigest, Wohl dir wenn, was du weißt, du halb im Schleier zeigest. 15. Mit einem Theil des Lob's sollst du den Freund nur schmuͤcken Ins Antlitz, einen Theil sag hinter seinem Ruͤcken. 16. Verderber sind der Welt nothwendig wie Erwerber; Sei ein Erwerber du, es gibt genug Verderber. 17. Die Welt gieng ohne Weib und ohne Mann bald aus; Wohl dem der ist ein Mann und hat ein Weib im Haus. 62. Gleich gut in guter Zeit gehts Dummen wie Gescheiten, Weit besser diesen doch, wann kommen boͤse Zeiten. Solang' im Tuͤmpfel frisch das Wasser war, da schluͤpfte So froh darin der Fisch, alswie der Frosch drin huͤpfte. Doch als verraͤtherisch in Sommerglut erlosch Die Flut, kam um der Fisch, und weiter sprang der Frosch. Drum klage nicht ein Mann, wenn Nahrungsquellen schwinden, Der leicht wo anders kann ein Unterkommen finden. 63. Von einer Seele traͤumt' ich, einer fernen lieben, An die ich lange nicht gedacht und nicht geschrieben. In der Erinnerung war mir das Angesicht Erblichen, und nun zeigt' ein Traum es mir ganz licht. Ich sprach im Traum: Wer sagt mir, was der Traum bedeute, Daß ich dich schleierlos erblick' im Glanz der Braͤute? Des andern Tages kam die Botschaft mir, es sei Die liebe Seele hingegangen koͤrperfrei. Das hat der Traum gemeint, daß sie nicht ist gestorben, Daß sie den rechten Glanz des Daseyns nun erworben. 64. Mag meine Seele, die im Wachen aufwerts steigt Zum Himmel, und sich nie im Traum zur Erde neigt, Mag meine Seele rein ein Licht aus jenem Licht, Mit ihm vereinigt seyn in froher Zuversicht! Mag meine Seele, die des Leibes Opferschale Fuͤllt, bis ergossen sie wird seyn zum Opfermale, Mag meine Seele rein aus jenem Thau ein Thauen, Mit ihm vereinigt seyn in Sehnsucht und Vertrauen! Mag meine Seele, die das Spiel der Kraͤfte treibt Planeten gleich, und wie die Sonn' in Ruhe bleibt, Mag meine Seele rein ein Trieb von jenem Triebe, Mit ihm vereinigt seyn in Seligkeit und Liebe! Mag meine Seele, die bewußtvoll haͤlt umfangen, Was gegenwaͤrtig hie, was kuͤnftig und vergangen, Mag meine Seele rein, dem Ew'gen nicht zu rauben, Mit ihm vereinigt seyn in Ewigkeit, im Glauben! Mag meine Seele, die sich wie mit Flammendochten Mit lichter Harmonie des Weltalls hat durchflochten, Mag meine Seele, rein durchtoͤnt vom Schoͤpfungswort, Mit ihm vereinigt seyn in Andacht fort und fort! 65. Wer Alles mag in Gott, in Allem Gott betrachten, Hat keinen Grund ein Ding groß oder klein zu achten. Wie sollte scheinen ihm ein Allergroͤstes groß, Da es ein Kleinstes ist vorm Einziggroßen bloß? Wie duͤrfte gelten ihm das Allerkleinste klein, Da mit dem Groͤsten es hat Gottes Geist gemein? Nach deiner Einsicht nur erhebest du zumeist Das, was am klarsten dir abspiegelt Gottes Geist. Je hoͤher aber selbst wird deine Einsicht steigen, Je klarer wird der Geist in Allem dir sich zeigen. Des Boͤsen Schein ists, was des Guten Glanz verhaͤlt; Zerstoͤr das Boͤs' in dir, so siehst du gut die Welt. 66. Solang des Schoͤnen Hauch nicht so dich auch durchwittert, Daß jede Saite rein in seiner Ahnung zittert; Daß allen Erdentand sein Himmelsglanz entflittert, Und jedes Goͤtzenbild sein Gottesblitz zersplittert; Unheil'ges all ausschließt, Allheiligstes entgittert, Den Rausch der Lust entsuͤßt, des Todes Kelch entbittert: Solang hast du die Hoͤhn des Schoͤnen nicht gekannt, So lange hast du schoͤn ein Schattenbild genannt. Das Schoͤne muß dich ganz durchleuchten und durchtoͤnen, Durchhauchen und durchbluͤhn, durchscheinen und durchschoͤnen; Durchstroͤmen und durchwehn, durchrauschen und durchdroͤhnen, Und machen lieblich schoͤn dein Jauchzen und dein Stoͤhnen: Dann hast du hoch und hehr des Schoͤnen Spur erkannt, Dann hast du schoͤn nicht mehr sein Scheinbild nur genannt. Komm, laß erst unsern Rauch in seinem Hauch verklaͤren; Dann seine lichte Macht der blinden Nacht erklaͤren; Laß als ein Wahres erst das Schoͤn' an uns bewaͤhren, Dann das Gewahrte auch der Welt zum Schaun gewaͤhren! Du sollst in seinem Dienst, ein Priester jungalt, Aehren Und Bluͤten streuend, weihn viel Herzen zu Altaͤren; Damit die Welt erkennt, du habest es erkannt, Und nicht, was sie so nennt, ein Wahnbild schoͤn genannt. 67. Die Lehrer sind im Streit, womit hier auf der Erde Am wuͤrdigsten gesucht das Antlitz Gottes werde. Die einen: Ehren soll man Gott mit Opfergaben, Im Dienste, welchen wir von unsern Vaͤtern haben. Die andern: Loben soll man ihn mit guter That, Wozu er Kraft verliehn und Trieb zum Guten hat. Die dritten: suchet ihn in heiliger Gesinnung, Gesammelten Gemuͤts Weltsinnenlustentrinnung. Die vierten sagen: Gott hat nur, wer ihn erkennt; Die Wissenschaft allein ist Gotteselement. Ich aber sage dir: Mit jedem von den vieren Magst du ihn suchen hier, und wirst ihn nicht verlieren. Wer ihm die Gaben weiht, genießet seiner Gaben; Wer durch ihn Gutes thut, wird im Gemuͤt ihn haben. Mit ihm ist ungestoͤrt, wer von der Welt sich trennt, Und Eines ist mit ihm, wer ihn als Eins erkennt. 68. Zu lernen halte nur dich nie zu alt, und lerne Von denen, die von dir gelernt, nun wieder gerne. Sie haben manches wol, was dir aus schlaffern Falten Indes entfallen, fest in strafferen gehalten; Gebildet manches aus, was du nur angelegt, Zu Bluͤt' und Frucht gebracht, was du nur angeregt. Nimmst du von ihnen nun, was sie von dir genommen, So hast du schoͤner dich verjuͤngt zuruͤck bekommen. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 8 69. Wenn du den Augen haͤltst das Buch so nahe vor, Schwimmt die verwirrte Schrift in einem Daͤmmerflor. Und wieder wenn du haͤltst den Augen es so fern, Wird jeder Buchstab ein unklarer Nebelstern. Und unzufrieden wirst du leicht mit deinem Auge, Daß weder fern noch nah es recht zu sehen tauge. Doch halte nicht zu nah und nicht zu fern das Buch, Und leserlich nach Wunsch erscheint dir jeder Spruch. Nur zwischen deinem Ziel und dir mußt du dem Licht Raum lassen grad soviel, als taugt fuͤr dein Gesicht. Und also siehst du auch die Welt und die Natur In rechter Deutlichkeit bei rechtem Abstand nur; Wenn zwischen ihr und dir du laͤssest eine Weite, Daß klar im Zwischenraum sich Gottes Licht verbreite. Die Weite doch ist gleich fuͤr jedes Auge nicht, Wie ihm beschieden ist Fern- oder Nahgesicht. Die Weite wechselt selbst mit jeder Lebenszeit, Wie eben wechseln mag Fern- und Nahsichtigkeit. Das wechsle nun wie's mag, wenn du nur nicht erblindest, Noch in Verblendung dir die Augen selbst verbindest. Gebrauch dein Auge nur, wie es ist Gottes Wille Und der Natur, und nie beduͤrfe mir der Brille! 70. Viel schlimmer, als wenn dich die andern hintergehn, Ist dieses, von dir selbst dich hintergangen sehn. Gefaͤhrlich ist vom Feind des Hinterhaltes Lauer Im Feld, gefaͤhrlicher in deines Hauses Mauer. Die aͤußre Hinterlist kannst du noch hintertreiben; Die hinter'm Herzen ist, die wird dahinter bleiben. 8* 71. Der Affe hat gehoͤrt, daß suͤß der Nußkern schmecke, Und Nuͤsse nahm er vor mitsamt der gruͤnen Decke. Die wegzuraͤumen sollt' er brauchen seine Pfote, Doch nimmt er sie ins Maul gleich einem suͤßen Brote. Und ruft, wenn ihm den Mund verbitterte die Schale: Betrogen hat mich, wer dich mir empfahl zum Male. Noch eine Weile faͤhrt er fort hineinzukaun, Und immer will es nicht dem Gaumen suͤßer thaun. Eh er den Kern geschmeckt, hat er den Ueberdruß Gefressen an der Schal', und wirft hinweg die Nuß. So sah ich manchen, den man keinen Affen hieß, Der, von der Schale satt, den Nußkern fallen ließ. 72. Nur wer daheim ist, mag wol einen Gast empfangen, Nicht wer auf Reisen selbst ist in die Welt gegangen. Nur wer allein ist, mag empfangen wohl den Gast, Nicht wenn das ganze Haus du schon voll Gaͤste hast. Sei immer nur daheim, allein und unbeklommen; Dir wird der Himmelsgast, den du erwartest, kommen. 73. Vor allem lerne nur, dich selber zu belehren; So werden andre dich als ihren Lehrer ehren. Vor allem bilde nur, dich selber zu erfreun; So wird sich Lust der Welt an deinem Bild erneun. Vor allem bleibe dir der Friede nur beschieden So wirst du rings um dich verbreiten Gottes Frieden. 74. Das hoͤchste Liebeswerk, das Menschen ist verliehn Zu thun, ist andere zur hoͤchsten Liebe ziehn. 75. Zwar geben kann nur, wer empfangen hat die Gaben, Und um zu lehren, muß man erst gelernet haben. Doch wer ein Licht mittheilt, wie es ihm aufgegangen, Wird wuͤrdig selbst dadurch zu Lichterm zu gelangen. 76. So wie dein Auge schaut mit Lust das gruͤne Laub, Doch weh thut wenn darein gefallen ist der Staub; So moͤgest du die Welt mit klarem Sinn genießen, Doch vor Befleckungen des Staubs dein Herz verschließen. 77. Einst sprach ein frommer Mann, der stets im Geiste lebte, Der in der Nacht bald rang und bald im Lichte schwebte: Herr, wenn dir immer so, wie mir zuweilen, ist, Wenn in dir selber du so suͤß als in mir bist; So fuͤhrest du ein alzuwonnigliches Leben. Darauf hat Gott in ihm die Antwort ihm gegeben: Waͤrst du im Kampfe nicht, du schmecktest nicht den Frieden, Noch Suͤßes, waͤre nicht auch Bittres dir beschieden. Ich bin die Seligkeit, und fuͤhlte selbst in mir Die Seligwerdung nicht, fuͤhlt' ich sie nicht in dir. 78. Das heilige Sanskrit, das vorlaͤngst sich verloren Vom Menschenmunde, nennt drei Dinge zweigeboren. Zuerst den Vogel, der als Ei zum erstenmale Geboren ist, sodann zum andern aus der Schale. Dann nennt es so den Zahn, der in des Menschen Munde Erst schwaͤcher einmal waͤchst, und dann auf festerm Grunde. Zum dritten nennt es so den Weisen, den zumeist Die Mutter erst gebar, und wieder dann der Geist. Der Vogel, zweimal nicht geboren, bleibt im Nest, Und zweimal nicht der Zahn geboren steht nicht fest. Der Weise wird nicht fest in Weisheit stehn noch fliegen, Wenn er der anderen Geburt nicht ist entstiegen. 79. Zur Huͤlle diene dir das Kleid, wol auch zum Schmucke, Nie zur Behinderung der Glieder, noch zum Drucke. So nuͤtze dir zum Schutz das Wissen, auch zum Putz; Nur Wissen, das den Geist beschweret, ist nichts nutz. 80. Dem unbeschriebnen Blatt des Geistes in dem Kinde Schreib unbedaͤchtig nicht zu viel ein zu geschwinde. Zwar wird nie voll das Blatt, stets neu zu uͤberschreiben, Doch keine Schrift so fest wird als die erste bleiben. Ja keine Kunst vermag sie voͤllig wegzuwischen; Was man auch druͤber schreibt, sie schimmert durch dazwischen. Und manchen Forscher freuts, den Neues wenig freut, Wenn rathend er die halb sichtbare Schrift erneut. Du selber moͤgest einst, wann spaͤtre Schriften schwinden, Erloschne Kinderzuͤg' im Herzen wieder finden. 81. Der Wurzelschoͤßling waͤchst nach seinem Vaterstamm; Und wie die Mutter thut, geberdet sich das Lamm. Fest von der Schoͤpfung Band ist das Geschoͤpf umwoben, Doch in die Schranken kommt des Menschen Geist von oben. Zum Himmel wendet ihn das Vorbild edler Vaͤter; Doch kriechen sie am Staub, ihn spornt es doch zum Aether. Denn jede Seele steigt neu von den hoͤchsten Stufen Hernieder, und ist neu zum Hoͤchsten stets berufen. Zum Hoͤchsten kommt sie nicht, solang im Leib sie bleibt, Doch bleibt der Trieb in ihr, der sie zum Hoͤchsten treibt. Wer diesem Triebe folgt, fuͤhlt sich in Einigkeit, Und wer ihn unterdruͤckt, ist mit sich selbst entzweit. 82. Was gut ist und was schlecht, ist schwer nicht zu entscheiden; Doch unentschieden schwankt viel andres zwischen beiden. Das Gute zieht mich an, das Schlechte widerwaͤrtig Stoͤßt schnell mich ab, und leicht bin ich mit beiden fertig. Das Zweifelhafte nur macht langes Kopfzerbrechen, Bis man zu Stande kommt ein Urtheil ihm zu sprechen, Das ich nach meinem Recht am Ende so entscheide: Was weder gut noch schlecht, ist schlechter mir als beide. 83. Der du im Lichte bist, und bist in mir das Licht, Ich nehme was du gibst, und andres will ich nicht. Du gabest mir den Drang, so klar dein Lob zu sagen, Als Mund und Ohr von mir und Welt es konnt' ertragen. Du gabest mir die Kunst, nicht schoͤner uns zu luͤgen, Als, Welt und ich, wir sind, doch schoͤner uns zu fuͤgen. Das bleibe mir bewußt: Nur Gottes Macht besiegeln Wollt' ich in der Natur, nicht drin mich goͤttlich spiegeln. Und darum dank' ich dir fuͤr jeden hellen Blick, Den du mich ließest thun in Leben-Tod-Geschick. Ich danke dir, daß du die Augen mir erschlossen, Durch die von außen auch dein Glanz in mich geflossen. Ich will, solange mir zum Sehn die Augen taugen, Nur deinen Glanz aus Stern- und Blumenaugen saugen. Und soll dem Auge nun das aͤußre Licht erblinden, So laß als innres dich in meiner Seele finden. Ich habe gnug gesehn, um lebenslang zu malen Ein Bild, wie dein Geschoͤpf nicht stralt, doch sollte stralen. 84. Dort in der Sonne steht, dir ungesehn, ein Geist, Von dessen Blick gelenkt, um ihn die Schoͤpfung kreist. Du fuͤhlest seinen Blick, der dir das Auge fuͤllt! Ihn siehst du nicht, den dir sein eigner Glanz verhuͤllt. Du sehnest dich empor in seinem Glanz zu gehn, Mit ihm vereinigt dort im Mittelpunkt zu stehn. Vom Mittelpunkte dort zu schauen frohbewußt Mit gradem Blick, was hier du schaun mit schiefem mußt. Des wohlgeordneten Planetentanzes Spiel, In dem der Sonnengeist wirkt und erkennt sein Ziel. Er stralt von Wonn' und ist von Schoͤpferlust bewegt, Wie er mit seinem Blick sein Weltgetrieb erregt. Doch sieh, nun blicket er aus seinem Dienerchor Vom Umkreis hoͤher auf, wie du zu ihm empor. Und selber sieht er sich an hoͤherm Sonnenband, Fuͤhlt sich, dem Mittelpunkt entruͤckt, wie du, am Rand. Das aber laͤhmt ihn nicht, und truͤbt nicht seinen Glanz; Erst als des Ganzen Glied fuͤhlt er sich selber ganz. In seinem Kreis mit Lust wirkt er durch hoͤh're Kraft; Und also wirke du in deinem sonnenhaft. Wo du in Gott dich fuͤhlst, stehst du im Mittelpunkt; Und wo du ihn verlierst, bist du ins All zerfunkt. 85. Wenn jener Funke Licht in dir vom hoͤchsten Licht Vergisset seiner Pflicht und seines Ursprungs nicht; Wenn er das dunkle Haus, das er bewohnen soll, In stiller Freudigkeit macht Himmelsglanzes voll; Wenn seine Spitze treu er stets zur Hoͤhe lenkt, Und eigenwillig nicht sich in die Tiefe senkt; Nicht gleich der Pflanze will im Boden Wurzel schlagen, Noch gleich dem Thier am Staub nach niederm Raube jagen; Nein, wie die Blume sich dem Licht eroͤffnet gern, Und immer aufzugehn bereit ist wie ein Stern; Ja Zeugnis, daß im Licht er lebt in dunklen Schranken, Stets gibt mit lichter That, Lichtwort und Lichtgedanken: Dann wird von oben gern das Licht mit ihm verkehren, Und im gesunknen Stern den hohen Ursprung ehren; Ihm helfen, wenn er sicht, bis er die Schranke bricht, Und aus der Scheitel tritt ein Licht hervor ins Licht: Dann wird ein Sonnenstral, und waͤr' es in der Nacht, So wird ein Mondenstral, beliehn mit Sonnenmacht, Sich unterbreiten ihm, und heben ihn und tragen Ins Lichtreich sicher, daß kein Sturm ihn kann verschlagen, Vorbei dem Wirbel, der die schwerern Geister zieht, Der Tiefe, die er floh, und der er jetzt entflieht. 86. Mein Licht! du bist nicht warm, die Sonne steht zu schief; Du streifest nur mein Aug' und dringst ins Herz nicht tief. Die Blume will nicht bluͤhn, der Anger wird nicht gruͤn; Weltsehnsucht ist umsonst, umsonst dein Liebesmuͤhn. O hebe dich, mein Licht, aus winterlicher Schiefe Zur Sommerhoͤh', und geuß Erregung in die Tiefe! 87. Laß einen Heilversuch dir meines Auges sagen, Des aͤußern, den du magst aufs Innre uͤbertragen. Mein Auge sah sich selbst von einem Flor umhangen, Von einem Wirrgeweb aus Punkten, Flecken, Schlangen. Ein Netz der Taͤuschung, das die Sehkraft selbst sich wob, Das mit dem Blick sich senkt' und mit dem Blick sich hob. Ein Schatten, welcher nie vom Lichte sich verlor, Der, aus dem Aug' erzeugt, schwebt' uͤberall ihm vor; Nur um so naͤchtlicher, als heller war der Tag, Wie vor der Unschuld wol die Schuld sich fuͤhlen mag. Mir war davon die Lust an Gottes Welt benommen, Daß rein ihr Schoͤnes nicht mir sollt' ins Auge kommen; Getruͤbt der Glanz der Flur, des Menschen Angesicht, Und jede Schrift, durch die der Geist zum Auge spricht. Den himmlischen Genuß des Lichtes wollt' ich missen Ehr als ihn haben so versetzt mit Finsternissen. Heilwasser heilen nicht, einfache noch zusammen Gesetzte, weil sie rein dem Lichte nicht entstammen. Sollt' ich die ird'sche Kunst des Augenarztes brauchen? Ich will mich in den Quell des Lichtes selber tauchen. Die Luͤfte waren blau, die Fluren waren gruͤn, Und meinen Blick erhob zur Sonn' ich adlerkuͤhn. Entweder soll die Welt in dir mir untergehn Auf immer, oder ich will rein wie du sie sehn. Die Feuerwirbel ließ ich mir im Auge wallen, Wie sie mich blendeten fuͤhlt' ich mit Wohlgefallen. Solange duldet' ich den Einstrom, bis zusammen Die krausen Schlanggewind' in eine Masse schwammen. Vom Himmel blickt' ich dann zuruͤck zur Erdenflur, Und statt der Schlangen sah ich Sonnenblendung nur. Die lichte Finsternis zerfloß dann, und o Gluͤck, Die Schlangen kehrten nicht, die sie verschlang, zuruͤck. Und sollten doch einmal sie mir im Auge kehren, So soll ein neuer Stral der Sonne sie verzehren. 88. Ein Tempel Gottes hat sich die Natur gebaut, Worin er tausendfach geahnt wird und geschaut. Als Tempeldiener gehn hindurch die Jahreszeiten, Die bunten Teppiche am Boden hinzubreiten. Stralend im hoͤchsten Chor lobsingen Sonn' und Sterne, Der Abgrund und das Meer antworten aus der Ferne. Das Mittelfeuer gluͤht am ew'gen Opferherde, Und alles Leben naht, daß es das Opfer werde. Als Opferpriester kniet der Geist an viel Altaͤren, Die er mit Bildern schmuͤckt, und sucht sie zu erklaͤren. In viele Huͤllen hat die Fuͤlle sich verhuͤllt, Doch von der Fuͤlle nur ist jede Huͤll' erfuͤllt. Und wo der Geist vermag hinweg der Selbsucht Schleier Zu heben, sieht er hell darunter Gottes Feier. Und Gottes Athem geht ein Morgenhauch durchs Schiff, Einsammelnd jeglicher Verehrung Inbegriff. Sein Laͤcheln streuet Duft in truͤber Inbrunst Glimmen, Sein Saͤuseln Einigung in widerstreit'ge Stimmen, Aus jedem Opferrauch nimmt er das feinste Korn, Den reinsten Tropfen auch aus jedem Andachtsborn; Aus jedem Wortgebet den ihm bewußten Sinn; Er selbst legt ihn hinein, und findet ihn darinn. Dann will er auch den Sinn der Sinnenden entfalten, Daß immer wuͤrdiger sie ihm die Feier halten; Daß die gebundnen frei zu hoͤhrer Wonn' aufgehn; Denn das ist seine Lust, der Schoͤpfung Lust zu sehn. 89. Wenn nichts vom Erdenstaub mehr abzuschuͤtteln bleibt, Kann sich der freie Geist entschwingen lichtgeleibt. Solang er sich bestrickt fuͤhlt vom Unreinen Boͤsen, Muß er des Lebens Kampf fortkaͤmpfen, sich zu loͤsen. Weh aber ihm, wenn er muß aus dem Kampfe weichen, Eh er des Lichtes Sieg konnt' an der Nacht erreichen. Er huͤllt sich ins Gefuͤhl der Niederlage ein, Und dies wird seine Pein, wo er auch seyn mag, seyn. Darum begluͤckt seid ihr, die ihr hinuͤberschwebtet Fruͤh, eh ihr tiefer euch hinein ins Leben lebtet. Den Fruͤhlingsblumen gleich, im Morgenthau gepfluͤckt, Womit am Festtag man den Tempel Gottes schmuͤckt. Doch was am Stengel bleibt und soll zu Fruͤchten reifen, Mit Schmerzen lass' es sich von Sonn' und Wind ergreifen. Auch die unreife Frucht wird abgeschuͤttelt werden, Zum Festmahl kommt sie nicht, sie faͤllt mit Schmach zur Erden. 90. Horch, das Gewitter braust, des Donners Scheltwort rollt Dem rothen Blitz nach, der ein Blick des Zornes grollt. So fruͤh im Jahr, eh neu zum Leben sich verbuͤndet Der Elemente Kraft, ist schon ihr Kampf entzuͤndet. Was in der Gaͤhrung sonst der Sommerglut erwacht, Ist nun im schwellenden Lenzaͤther angefacht. Voruͤber fahren sie vor deinem Aug' und Ohr, Das sie erschreckt vernahm, dann spurlos sie verlor. Und also meinst du wol, daß sie auch ohne Spur Voruͤberfahren der erwachenden Natur. Doch eine Spur davon, und ich will sie dir deuten, Wird bleiben, die bemerkt nicht wird von vielen Leuten. Der Kukuk, der den Sang jetzt ruͤstet, um zu locken Die Blaͤtter aus dem Wald, hoͤrt und verstummt erschrocken. Und der Verstoͤrung wird er diesen Lenz nicht frei, Und seines vollen Klangs entbehrt der bluͤh'nde Mai. Doch die Kastanie, die eben sich erkeckte, Und eine Bluͤtenkerz' auf ihren Leuchter steckte, In der verschmolzen bluͤhn soll Weiß und Gelb und Roth, Erblaßt vor Furcht, wie sie der rothe Blitz umloht. Wenn nun die Kerz' erbluͤht, so scheint sie dir dieselbe, Ich aber seh', es fehlt das Roth im Weiß und Gelbe. 91. Wie legst du so vergnuͤgt zur Ruh dich Abends nieder, In Hoffnung aufzustehn verjuͤngt am Morgen wieder. So kannst du auch vergnuͤgt im Grab zur Ruhe gehn, In Hoffnung auch verjuͤngt am Morgen aufzustehn. 92. Gebrauche deine Kraft nur Guͤter zu erwerben, Die du gebrauchen kannst zum Leben und zum Sterben. Nuͤtzt irdischer Erwerb zum einen nur allein, So ist der geistige gleich nuͤtz zu allen zwein. Denn wie der Leib bestehn nicht ohne Speise kann, So ohne Wissen nicht, wer einen Geist gewann. Den irdischen Besitz vererbest du beim Sterben; O such den geist'gen auch beim Scheiden zu vererben. Du laͤssest irgendwie der Welt ihn eingepraͤgt, Als Korn, das Wurzel schlaͤgt, als Zweig, der Fruͤchte traͤgt. Dir selbst ist dort villeicht, wie was du hier besessen, Auch was du hier gewußt, verloren und vergessen. Allein die Kraft, die es erwarb, ist nicht verloren; Zu hoͤherem Erwerb ist sie dir neu geboren. Drum auf Erwerben uͤb' im Ernst der Kraͤfte Spiel; Nicht der Erwerb ist hier, die Uebung ist das Ziel. Wie eines Knaben Fleiß bald bunte Steinchen sammelt, Bald Woͤrter ohne Sinn' in fremder Sprache stammelt; Was hat der Mann dereinst vom Steinchen und vom Wort? Er hat nun Lust und Kraft zu sammeln andern Hort. 93. Die besten Fechter sind im Kampf gefallen immer, So wie ertrunken meist im Strom die besten Schwimmer. Warum? weil in den Strom sich nur ein Schwimmer wagt, Und nur ein Fechter nicht vorm Spiel der Waffen zagt. So reizend ist Gefahr, daß, wer nur halb sie kennt, Sich gleich in sie verliebt, und zu mit Lust ihr rennt; Wer aber nicht sie kennt, und nie sie hat versucht, Sie scheuet und sich ihr entzieht mit feiger Flucht; Und nur die Weisesten die rechte Mitt' erzielen, Weder Gefahr zu scheun, noch mit Gefahr zu spielen. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 9 94. Gar viele Geister gehn beim Menschen aus und ein, Und selber weiß er nicht, ob boͤs' ob gut sie seyn. Er merkt es nicht, bis sie zuletzt sich selbst verrathen, Ausbruͤtend im Gemuͤt gut' oder boͤse Thaten. Es war ein Nest gebaut an meines Hauses Wand Im tiefen Mauerritz hart unterm Fensterrand. Vom Boden auf zu hoch, zu tief vom Fenster oben; Was in dem Neste sei, ich konnt' es nicht erproben. Im ersten Morgengraun, im letzten Abendschimmer, Flog etwas aus und ein mir unter'n Augen immer. Doch eh ich mich besann, so war es schon vorbei, Ob es der Zwietracht Spatz, des Friedens Schwalbe sei. So bis zum Fruͤhlingsend' erhielt sichs still im Neste, Doch um die Sommerwend' erwachten laute Gaͤste. Sie flogen, flatterten und schwirrten allenthalben, Und froh erkannt' ich erst, es waren junge Schwalben. 95. Ich sage dir, mein Sohn, von welchen Lehrern lernen Du sollst soviel du kannst, von welchem dich entfernen. Einer bescheiden ist des Stoffes treu beflissen, Des andern hoͤhrer Sinn erhebt den Stoff ins Wissen. Der dritte duͤnkelhaft will nicht die ew'gen Sachen So nehmen wie sie sind, will wie er denkt sie machen. Der eine wird mit Fleiß das Einzle weiter bringen, Der andre sucht mit Geist das Ganze zu durchdringen. Der dritte duͤnkelhaft will ein System nur baun, Um wohlgefaͤllig sich als Schoͤpfer zu beschaun. Vom einen kannst du viel, vom andern alles lernen, Vom dritten nichts; von dem sollst du dich, Sohn, entfernen. Beim ersten magst du Fuß auf festem Grunde fassen, Vom andern dir zum Flug die Richte geben lassen. Vorm dritten huͤte dich! es ist um dich gethan, Fuͤllt er mit Duͤnkel dich und leerem Fachwerk an. 9* 96. Aus Hitopadesa. Der groͤste Kummer ist im kummervollen Leben, Daß man das Gluͤck erreicht nur das man aufgegeben. Wo die Begierd' erlischt, ist auch der Arme reich, Und wo sie herrscht, da ist der Fuͤrst dem Sklaven gleich. Wieviel du wuͤnschen magst, der Wunsch wird weiter gehn, Und Gluͤck ist da nur wo die Wuͤnsche stille stehn. 97. Du waͤrest gerne reich, umhaͤuft von Ueberfluß, Und gern auch arm zugleich, zufrieden im Genuß. Du waͤrest gern beruͤhmt, von aller Welt genannt, Und gern auch ungestoͤrt, von Niemand gar gekannt. Du haͤttest gern zugleich den Himmel und die Erde; Ich fuͤrchte, daß dir so von beiden keines werde. 98. Sieh diesen Mann! wie steht ihm felsenfest sein Glauben! Der Zweifel kann daran ihm nicht ein Iota rauben. Und was er glaubt, erhebt er auch zur Wissenschaft; Wie braucht er so geschickt dazu des Geistes Kraft! Nicht daß sein Glauben selbst beduͤrfte der Vernunft; Doch schlagen will er so auch der Unglaͤub'gen Zunft. Was aber glaubt er denn, und was beweist er sich? Was ganz ist abgeschmackt und voͤllig laͤcherlich. So weit ist Glauben und Menschenverstand geschieden, So schwer ist Aberwitz von Weisheit selbst vermieden. Wo aber beide blind den Liebesbund beschworen, Da ist ein Spottgebild der Wahrheit ausgeboren. Wer keck nur vorwerts schließt und eins ans andre haͤngt, Hat eine Kette bald, die alle Welt umfaͤngt. Nur daß er eins vergaß, und eines nicht besaß, Wodurch im Gleichgewicht die Welt sich haͤlt, das Maß. Das Maß hielt Gottes Geist, als er erschuf die Welt, Dadurch erhaͤlt er sie, daß er ihr Maß erhaͤlt. Wo dieses Aeußre nicht das Innre haͤlt in Schranken, Versteigen sich ins Blau die schwindelnden Gedanken. Das Maß fuͤrs Aeußere gilt auch fuͤr das Abstrakte: Das Krumme ist nicht grad, nicht wahr das Abgeschmackte. Dies Richtmaß halte fest! der Glaube wird zum Thoren, Zum Narr'n die Wissenschaft, wo sie das Maß verloren. 99. Man pflanzet einen Baum, damit er Fruͤchte trage, Und rennet einen Weg, daß man ein Ziel erjage. Und alle Segel wehn entgegen ihrem Port, Und alle Stroͤme gehn zum Ozeane fort. Wir aber wissen nicht, wozu wir thun die Thaten, Was wir bezwecken, kaum, nie, wie es wird gerathen. Das will mit Zweifeln uns bestricken und verwirren, Die Thatkraft laͤhmen, und im Werkberuf uns irren. Wir aber wollen froh uns fuͤhlen im Beruf, Zu wirken das wozu Gott Lust und Kraft uns schuf. Wer handelt oder denkt, wer herrschet oder schreibt, Der thue nur mit Gott, wozu der Geist ihn treibt. Wen aber keiner treibt, mag wie er will es treiben, Die Welt mit Gottes Geist wird doch im Gange bleiben. 100. Drei Stufen sind es die der Mensch empor muß streben, Um sich vom dunklen Ich zum lichten zu erheben. Zuerst trit aus dir selbst ins Leben rings um dich, Und freue dich daran, wie alles freuet sich. Dann gib den Kummer auf, daß Alles rings verfaͤllt, Und freu dich, daß sich jung die Welt im Ganzen haͤlt. Dann laß dies Ganze selbst zuruͤck ins Ew'ge schwinden, Dort erst wirst du dich ganz im großen Ich empfinden. 101. Von ferne kannst du nicht die Trommel hoͤren schlagen, Ohn' unvermerkt im Takt darnach den Schritt zu tragen. O hoͤrtest du auch so die Sternentrommel nur, Wonach das lichte Heer dort aufzieht im Azur. Gib Acht! du kannst den Ton vernehmen allerwegen In dir, um jeden Tritt harmonisch mit zu regen. 102. Solang du jung bist, mag es dir villeicht behagen, Um eines Hauptes Laͤng' ob andern aufzuragen. Doch wenn du aͤlter wirst, dein Auge bloͤd' und schwach, Erscheint der Vorzug dir villeicht als Ungemach. Denn nicht den Sternen wirst du darum naͤher gehn, Doch minder deutlich wol am Weg die Graͤser sehn. Dann um so tiefer wird dein Haupt sich auf die Brust Absenken, um zu sehn der Erde gruͤne Lust; Wie jeder Greis es senkt, um noch einmal zu gruͤßen Die Blumen, die nun bald das Grab ihm huͤten muͤßen. 103. Laß uns besonnen seyn! Wir waren unbesonnen, Daruͤber ist die Frist des Lebens fast verronnen. Bedenken wir es recht! wir sannen Eitlem nach, Das gab dem kranken Sinn kein Heil, das ihm gebrach. Laß uns bescheiden seyn! Wir waren unbescheiden, Und wollten neben uns nicht gleichen Anspruch leiden. Bedenken wir es recht, bescheiden uns damit, Daß selber neben sich manch besserer uns litt. Laß uns zufrieden seyn! Wir waren unzufrieden, Daß uns nicht mehr, als wir verdienten, war beschieden. Bedenken wir es recht! Man raͤumt noch mehr uns ein, Als uns gebuͤhrt, und gnug, zufrieden auch zu seyn. 104. Aus Kalila wa Dimna. Ist dir ein Freund verstimmt, so sieh aus welchem Grunde; Und findest du den Grund, so ists zur guten Stunde. Du brauchest nur den Grund hinwegzuraͤumen eben, Und die Verstimmung wird von selbst sich wieder heben. Doch wenn du keinen Grund im Stand zu finden bist, Das eben ist ein Grund, der nicht zu heben ist. 105. In langem Umgang kann vermeiden ganz kein Mann, Zu kraͤnken und gekraͤnkt zu werden dann und wann. Wer aber weis' ist, sucht des Freunds Entschuldigung In sich, und wer da sucht, der findet bald genung, Sieht, ob er kann verzeihn mit Ehren und Gewissen, Und will um Eitelkeit ein Menschenherz nicht missen. 106. Eh du ein Werk beginnst, sieh zu, ob auch die Krone, Die es verheißt, der Muͤh, die es erfordert, lohne. Bist du erst mitten drinn, und nimmst es dann zu Sinn, Zu spaͤt, was du auch thust, ist dann nur Ungewinn. Denn wenn du abstehst, hast du dich umsonst geplagt; Und setzest du es fort, so ist noch mehr gewagt. 107. Wohl wuͤrde sich ein Mann in seine Lage finden, Wenn den Begriff von sich er nie sich ließ' entschwinden. Darum zufrieden ist er nie mit seiner Lage, Weil er sich anders fuͤhlt an jedem andern Tage. 108. Wol lebt des Mannes Geist im großen Allgemeinen, Doch leben will auch sein Gemuͤt im eignen Kleinen. Wol will er fuͤr die Welt des Schoͤn' und Guten warten, Doch es auch bluͤhen sehn in seinem Haus und Garten. 109. Von allem was ein Mann an Gut der Welt gewann, Hat er nur soviel selbst, als er genießen kann. Das andre hat er nicht, das er nur wird verschließen; Doch wem ers gibt, mit dem wird er auch das genießen. 110. Was dir mislang, wirf weg, wenn du ein Meister bist; Und wenn dich's reut, so laß es gut seyn wie es ist. Nur muͤh dich nicht umsonst es bessernd umzuschaffen; Denn waͤhrend hier du fugst, wird es dort wieder klaffen. 111. Solang hast du gesaͤumt an manchem guten Tage Das Werk zu thun, und nun fuͤhrst du am schlechten Klage. Solange gab dir Frist der Himmel es zu thun, Da hast du ruhn gewollt, nun heut heißt er dich ruhn. 112. Wenn dein Gemuͤt ist frisch vom Thau der Nacht befeuchtet, Und deine Seele klar vom Morgenglanz durchleuchtet; So schwinge mit Vertraun in Andacht dich empor, Und trage dein Gebet dem Herrn der Schoͤpfung vor! Ein Vaterauge schaut, es hoͤrt ein Vaterohr; Ihm trage dein Gebet mit aller Schoͤpfung vor! Zum Himmel aufwerts blickt und ruft der Wesen Chor; Nun trage dein Gebet mit Blick und Worten vor! Den Wuͤnschen aufgethan ist der Erhoͤrung Thor; O trage dein Gebet in frommen Wuͤnschen vor! 113. Wer mit Erholung recht weiß Arbeit auszugleichen, Mag ohn' Ermuͤdung wol ein schoͤnes Ziel erreichen. Ein Thor ist, wer, anstatt Erholung seiner Kraͤfte Zu suchen, selber macht Erholung zum Geschaͤfte. Ein Weiser ist, wer Scherz und Ernst zu sondern weiß, Und sich an heiterm Spiel neu staͤrkt zu strengem Fleiß. Noch weiser doch ist, wer sich solch ein Spielwerk macht, Wodurch sein Tagewerk selbst weiter wird gebracht. Der erste kann zu nichts, der andre weit es bringen, Doch nur dem dritten wird Vorzuͤgliches gelingen. 114. Bedenke, wenn du gehst, daß nichts von dir hier bleibt, Als was ein Wort, ein Werk von dir in Herzen schreibt. Bedenke, wenn du gehst, daß du nichts nimmst von hier, Als was von dort war und nach dort gestrebt in dir. O Heil dir, wenn du gehst und beides dies empfindest, Daß du hier bleibest und dich druͤben wieder findest. XIV. 1. A ls das Kamel von Gott sich Hoͤrner wollt' erbitten, Wurden ihm noch dazu die Ohren abgeschnitten; Wie seines eignen Schmucks Beraubung mancher litt, Weil ungenuͤgsam er um fremden Vorzug stritt. Sieh deines Thieres Kopf, o Treiber des Kamehles! Beim Ohre das ihm fehlt, gedenke deines Fehles! 2. Du ruhst, mit deiner Lust am Stande der Natur, Doch nicht auf diesem Stand, doch auf dem Staate nur. Du wuͤrdest, einsam wie du bist, mit allen Listen, Mit allen Kraͤften, nicht dein nacktes Daseyn fristen. Dich in Gedanken gar des Himmels zu ergehn, Das wuͤrd' im ew'gen Furcht- und Nothstand dir vergehn. Drum danke Gott, daß so die Welt ist eingerichtet, Daß sie zu Gute kommt auch dem der drauf verzichtet; Daß der Beduͤrfnisse Verband nur laͤßt entsprießen Beduͤrfnislosigkeit und goͤttliches Genießen. 3. Die Eigenheit, die dir am fremden oft gereicht Zum Aergernisse, freut am Freunde dich villeicht. Drum suche Freunde nur aus Fremden zu gewinnen, Damit die Aergerniss' in Freuden dir zerrinnen. 4. Wer unbedingt dich lobt, der lobt dich wirklich nicht, Weil, wo Begraͤnzung fehlt, auch der Gehalt gebricht. Der lobt dich, wer bedingt dich lobt im Gegensatz, Anweisend unter viel Gelobten deinen Platz. 5. Entweder uͤberstreng an andern magst du schelten Den Flecken, um dadurch nur selber rein zu gelten; Oder entschuldigen zu nachsichtvoll die Schwaͤchen Der andern, daß sie nur dir selbst den Stab nicht brechen: Du hast in jedem Fall zum Fehler dich bekannt, Dort weil du ihn zu groß, hier weil zu klein genannt. Magst du ihn schweigend dort ableugnen, hier einraͤumen, In jedem Fall wirst du zu bessern ihn versaͤumen. 6. Aufs Ungluͤck sei gefaßt, denn morgen kann es kommen, Gefaßt wie auf den Gast, der seyn will aufgenommen. Doch wie es kommen kann, so kanns auch außenbleiben, Und niemal sollst du selbst dein Ungemach betreiben. Sei nur darauf gefaßt, nie sei darum beklommen, Mag nun der leid'ge Gast ausbleiben oder kommen. 7. Aus dem Talmud. 1. Des Menschen Sprecher sind sein Beutel und sein Becher; Der spricht: mild oder karg, der: nuͤchtern oder Zecher. Der kleine Becher zeugt von großer Maͤßigkeit, Der enge Beutel sagt: das Sparen geht zu weit. 2. Sieh, welchen Weg du gehst! Zwei Wege stehn dir offen; Im guten kannst du auf des Himmels Beistand hoffen. Im Boͤsen stellt er dir kein Hindernis entgegen, Doch fragt von Zeit zu Zeit: Gehst du auf guten Wegen? 3. Von Gott kommt alles dir, Mensch, nur die Liebe nicht, Die aus dir selber kommt und sucht sein Angesicht. 4. Wer seinen Freund beschaͤmt, hat Menschenblut vergossen, Das Blut, das sein Gesicht schamroͤthend uͤberflossen. 5. Wer das fuͤr andere von Gott erfleht, was er Selbst noͤthig hat, dem gibt Gott selber es vorher. 6. Was du versprichst, das halt! Gebrochenes Versprechen Ist kein gethan's, doch ein gesprochenes Verbrechen. 7. Der Reisevorrath ist gering und weit die Reise; Sprach, als er sich zum Tod bereitete, der Weise, Und fand, daß Alles was er hier gestrebt im Leben, Ihm wenig Foͤrderung fuͤr Jenseits konnte geben. 8. Der erst auf vieren gieng, bis er gelernt auf zweien Zu gehn, und gieng darauf, bis gehn er mußt' auf dreien. Dem alten Raͤthsel fuͤg' ich dieses bei: die zwei Gehn besser als die vier, viel besser als die drei. 9. Wo leer zur Essenszeit im Hause sind die Toͤpfe, Die werfen Mann und Frau einander an die Koͤpfe. Zum Vorwurf macht sie Mann der Frau, und Frau dem Mann; Mit Hader sind gefuͤllt die leeren Toͤpfe dann. 10. Drei Menschen auf einmal verdirbt Verlaͤumdungs-Gift! Den der sie spricht, den der sie hoͤrt, den so sie trifft. 11. Auf gleicher Stufe wer nicht freien kann, frei' immer Um eine tiefer nur, um eine hoͤher nimmer. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 10 12. Was du hier Gutes thust, das ist dort angelegt Als Kapital, das hier dir nur die Zinsen traͤgt. Und sollt' es Zinsen dir in einer Zeit nicht tragen, So werden sie dir nur zum Kapital geschlagen. 13. Wenn du dem Boͤsen Rast einmal gegeben hast, Am Ende wirft den Wirth zum Haus hinaus der Gast. 14. Das Feuer brennt nicht hell an einem Scheit allein; Lerneifer zuͤndet erst sich an durch Lernverein. Jemehr das Kaͤlbchen saugt, jemehr das Euter quillt; Je groͤßre Lernbegier, je lieber man sie stillt. Vom Lehrer fieng ich an, vom Mitgelehrten fuhr Ich fort zu lernen, aus lernt' ich vom Lehrling nur. 15. Einst sprach ein harter Mann, von Widerwaͤrtigkeiten Gehaͤrtet, diesen Spruch von zehen Haͤrtigkeiten: Hart ist der Berg, doch wird das Eisen ihn durchschneiden; Hart ist das Eisen, doch das Feuer wird's geschmeiden. Hart ist das Feur, doch wird es Wasser niederschlagen; Hart ist das Wasser, doch die Wolke wird es tragen. Hart ist die Wolke, doch der Wind wird sie zerstreuen; Hart ist der Wind, doch wird der Koͤrper ihn nicht scheuen. Hart ist der Koͤrper, doch wird Kummer ihn zertruͤmmern; Hart ist der Kummer, doch der Wein wird ihn entkuͤmmern. Hart ist der Wein, es wird ihn doch der Schlaf begraben; O harter Schlaf, den wir hier auszuschlafen haben! 10* 16. Zu großes Lob gereicht wol oft zu groͤßtem Tadel, Wie jenem Knecht, an dem man ruͤhmte Wuͤrd' und Adel. Ich haͤtt' ihn, sprach der Herr, in meinen Dienst genommen, Allein zu einem Knecht ist er mir zu vollkommen. 17. Ein Reisender ist stets vor Raͤubern in Gefahr, Leicht unter sich in Streit von Reisenden ein Paar. Ein Kleeblatt Reisender hat Gluͤck auf jedem Schritte; Wo uneins zweie sind, den Ausschlag gibt der dritte. 18. Auf alle Muͤnzen, die in seinem Lande schlaͤgt Ein Fuͤrst, ist immer nur das gleiche Bild gepraͤgt. Dagegen Gottes Kunst ist viel erfindungsreicher, Verschieden alle praͤgt sein Stempel aus sein gleicher. Du nimmst die Muͤnze, wie der Fuͤrst sie hat gepraͤgt; Nimm auch den Menschen an, der Gottes Bildnis traͤgt! Du nimmst die Muͤnze noch, wenn ihr Gepraͤg erlischt; Nimm auch den Menschen, wenn das Bild ist halb verwischt! 19. Zu einem Manne, dem sein Kind gestorben war, An dem mit Trost umsonst sich muͤhte Freundeschaar, Sprach einer so zuletzt: Ein Koͤnig hatte, laut Glaubwuͤrd'ger Kunde, zur Verwahrung anvertraut Ein Kleinod einem Mann, und ihm fuͤr alle Stunden Aufmerksamkeit darauf die strengste eingebunden; Daß es verdorben ihm nicht werde noch beschaͤdigt, Bis der Verantwortung die Ruͤckgab' ihn erledigt. Da hatte vor Verlust, vor Schaden und Gefahren Er Sorgen Tag und Nacht das Kleinod zu bewahren. Und als der Eigner kam, und fordert' es zuruͤck, Gab er mit Freuden es und hielt es fuͤr ein Gluͤck. So bist gewesen du auch eines Kindes Huͤter, Des theuersten von Gott uns anvertrauter Guͤter. Und daß du unversehrt das Gut nun gabst zuruͤck, Halt es fuͤr Ungluͤck nicht, haͤltst du's auch nicht fuͤr Gluͤck. 20. Nachrede boͤse mag leicht Freundesbund vergiften, Zurede gute schwer Feindesversoͤhnung stiften. Dort brauchst du einem nur vom andern zuzutragen, Was er, wenn nicht gesagt, doch haͤtte koͤnnen sagen. Hier wechselweise mußt du jeden jedem zeigen Geneigt zum Frieden, um zum Frieden ihn zu neigen. So haͤufig jen's und leicht, so schwer ist dies und selten, Doch auch verdienstlicher ist nichts in beiden Welten. 21. Enterbe keinen Sohn, weil er gerathen minder; Gerathen siehst du doch von ihm villeicht die Kinder. 22. Warum hat Gott gemacht so ungleich arm und reich? Daß Gab' und Dank erst recht sie mach' einander gleich. 23. Wie nur im eignen Hof ein Hund zu bellen wagt, So in der Fremde schweigt ein trotz'ger Mann verzagt. Macht es zu Haus dich stolz, daß man dich ehrend nennt; Geh in die Fremde nur, und sieh wer dort dich kennt! 24. Die Jugend lernet leicht, und schwer das Alter, beten; Mit Wasser heiß, nicht kalt, ist gut der Teig zu kneten. 25. Wer nur fuͤr andre weiß, dem nuͤtzet nicht sein Fleiß, Und nicht den andern nuͤtzt, wer fuͤr sich selbst nur weiß. Drum sei du beides fein zu gleicher Zeit beflissen, Fuͤr dich zu wissen und zu theilen mit dein Wissen. 26. Leicht ist spaͤt schlafen gehn, und schwer ist fruͤh aufstehn; Das kann nach Lust, dies nach Gewoͤhnung nur geschehn. 27. Den Silberbecher nahm der Dieb aus einer Zelle, Doch einen goldenen stellt' er an dessen Stelle. So kehrt das Schicksal ein und raubet dir ein Gluͤck, Und laͤßt ein groͤßeres, Ergebung, dir zuruͤck. Der Silberbecher hat ins Auge Lust gefunkelt, Vom goldnen aber wird der Sonne Glanz verdunkelt. 28. Es war ein reicher Mann, der in der Wuͤste Mitten Ein Labehaus gebaut fuͤr die des Weges schritten. Und ein Verwalter war von ihm darein gesetzt, Der jeden Durstigen mit frischem Trunke letzt. Und von den Wanderern die meisten dankbar priesen Den Schenker, nicht den Herrn, ders eingeschenkt durch diesen. Kaum einer dachte, was er jenem schuldig sei, Und dacht' ers, so vergaß er diesen dann dabei. Die schlimmsten waren doch, die ihren Trunk empfiengen, Und ohne Dank fuͤr den und jenen weiter giengen. Doch nicht der Reiche noch sein Gutsverwalter ließen Danklose Durstige zu laben sich verdrießen. Wer ist der reiche Mann? dort Gott der ewige, Und sein Verwalter hier jeder Freigebige. 8. „Nicht aͤndern kannst du es, ergib dich in Geduld!“ So ehrst du Gottes Macht, nicht ehrst du seine Huld. Sprich ob du dich, wenn du es koͤnntest aͤndern eben, Ergeben wuͤrdest auch? das waͤr' ein recht Ergeben. Doch nun ist halb das Wort um seinen Sinn gekommen; Denn halb nur gabest du, halb ward es dir genommen. 9. Oft durch ein Ungluͤck wird ein großes Gluͤck zu Theil, Allein das Ungluͤck selbst wird durch das Gluͤck nicht heil. Wie jenes Bauern Kuh das Bein beim Ackern brach In einem Loch, darin er fand den Schatz hernach. Da sprach die Kuh im Loch: An ist fuͤr dich gebrochen Der Tag des Gluͤckes, doch mein Bein hab' ich gebrochen. 10. Wer hier ein Uebel thut, der thut es sich allein, Denn fuͤr das Ganze kann es nur ein Gutes seyn. Und nicht fuͤrs Ganze nur ist es nothwendig gut, Fuͤr den auch dem's geschieht, nur nicht fuͤr den der's thut. 11. Wenn dich ein Uebel trifft, so denk: es ist ein kleines, Das Opfer das du bringst fuͤr Großes Allgemeines. Denn so gewoben ist der Welt Zusammenhang, Geordnet so des Tongewirrs Zusammenklang. Die Webe waͤchst nur, wo der Faden wird geschlagen; Der volle Wollaut schwillt, wo einzle Floͤten klagen. Heil, wenn ein Faden nur, ein Floͤtenton du bist Im großen Harmoniegeweb das ewig ist. 12. Die Seele haͤtte nicht des Leibs bedurft, sie haͤtte Zufrieden koͤnnen seyn mit freier Aetherstaͤtte. Allein der Seele hat bedurft der Leib zu leben; Wie ohne Seele konnt' er sich vom Staub erheben? Weil nun der Leib, beseelt von einer Seel', ist schoͤn, Dank sei der Seele, die herabkam von den Hoͤhn! Und moͤg' ein Weilchen hier zu wohnen ihr gefallen, Bis lieber koͤrperlos sie will im Aether wallen. 13. Das Menschlichste an uns, das Sprechen und das Denken, Laß es entschlossen uns ins Goͤttliche versenken. Die Seel' hat nicht zuvor gesprochen und gedacht, Eh dies Beduͤrfnis ihr die Leiblichkeit gebracht. Und mit der Leiblichkeit wird sie entgehn den Schranken Verworrner Worte und verworrnerer Gedanken. Sie wird die Wesenheit der Ding' in Gott erkennen, Nicht mit zweideutigen Bezeichnungen benennen. Das Denken bleibt ihr, das das Ganze ganz erkennt, Nicht das Gestuͤckte, das zusammensetzt und trennt. Schon jeden Augenblick, wo du dich hier versenkest Ins Hoͤchste, fuͤhlst du daß du hoͤh'res thust als denkest. 14. Ein Regen fiel die Nacht, doch war er nicht einweichend, Fuͤr der verlechzten Flur Beduͤrfnis unzureichend. Des Wassers waͤre gnug gewesen, wenn geflossen Es waͤre dahin nur, wo etwas sollte sprossen. Allein es floß sogut auf Stein und Straßenstaub, Auf Zaun und Mauer, als auf Garten, Gras und Laub. Und, wenn ohn' Unterschied der Himmel also segnen Eins wie das andre will, muß er noch einmal regnen. 15. Wer Seele mehr nicht hat, als braucht zum eignen Leben Sein Leib, der wird davon nach außen keine geben. Wer aber Ueberfluß und mehr hat als er braucht, Der ists, der Seele wie die Rose Duft verhaucht. Drum seelespendender als starke sind die schwachen An Leib, die Seligen, die frei vom Leib sich machen. 16. Die Sonne selber siehst du nur durch Sonnenlicht, So schaust du Gott durch Gott, durch andres Mittel nicht. Die Sonne, die das Licht die Welt zu sehn, dir spendet, Siehst du ihr Angesicht, bist du davon geblendet. Und so im Menschengeist erlischt was in ihm denkt, Wenn er sein Denken dreist im hoͤchsten Geist versenkt. Mußt du die Sonne sehn? sieh Fluren sonnerhellt; Und willst du Gott sehn, sieh die gotterfuͤllte Welt. Der Sonne echte Kraft siehst du im Schmelz der Flur, Und Gott, den du nicht siehst, in seinen Werken nur. 17. Du fuͤhlest, daß du hast auf Erden keine Rast, Wo nichts in Ruhe bleibt, sich alles treibt in Hast; Wo nichts in Ruhe bleibt, in Hast sich alles treibt; Wer ist, der hier ein Heil dem kranken Trieb verschreibt? Ein Heil, dem Heilung dankt das Herz, wenn es erkrankt Vom Schwanken dieser Welt, und mit ihr schwankt und wankt? Ein Heil, das Unruh heilt, und das die Ruh ertheilt, Die in sich selber ruht, wo alles, alles eilt! Die Ruhe suchest du! wo findest du die Ruh? Wenn du dem Sturm dich ab, dich jenem kehrest zu, Von dessen Hauch bewegt, der Sturm ist angeregt Des Lebensmeeres, das sich nur im Hafen legt; Der Steuer auch und Mast, und Hafen ist und Rast; Die Ruhe hast du, wo du ihn gefunden hast. Wie dich der Wirbel traͤgt, wohin er dich verschlaͤgt, Du fuͤhlest ruhig dich im Gleichgewicht gewaͤgt. Du siehst in jedem Ding, ob wichtig ob gering, Nur das wodurch auch es ist von der Kett' ein Ring. Dann siehst du kleines groß, und stolzes nackt und bloß, Und alle Kinder gleich im Einen Mutterschoß. Willst du im Einen seyn, kehr in dir Einem ein; Das Ein und All ist wo allein du bist allein. Das wirrt nur und zerstreut, was Zeit und Raum dir beut; Nur das erfreut, was sich als ew'ges Heut erneut. 18. O ew'ger Mittelpunkt des Seyns und der Gedanken, Um den sie kreisen, und ihm koͤnnen nicht entwanken! Anweisen wollen sie dir einen Raum und Ort, Doch du bist dort und hie, und bist nicht hie noch dort. Du bist der Punkt, aus dem sich Kreis auf Kreis ergießt, Du bist der Punkt, der in sich alle Kreise schließt. Was ist der Kreis? ein Punkt der aus sich selber trat. Was ist der Punkt? ein Kreis der keinen Umfang hat. Darum bist du der Punkt, denn du bist umfanglos, Und bist der Kreis, denn du umfaͤngest Klein und Groß. Du bist der Punkt im All, und bist der Punkt in allen, Der Lebenspunkt, der Licht- und Schwerpunkt unserm Wallen. Du bist in allen und die alle sind in dir, In allen fuͤhl' ich dich, dich fuͤhl' ich auch in mir. Laß meinen Lebenspunkt nicht stocken, nicht erkranken Der Seele Lichtpunkt, noch des Herzens Schwerpunkt wanken! 19. Je Hoͤheres du aus vom Hoͤchsten sagen magst, Je tiefer fuͤhlst du daß du nichts im Grunde sagst. Magst du's mit reichstem Schmuck der Fantasie umkleiden, Mit feinster Sondrung auch vom Irdischen ausscheiden; Dort machst du Geistiges zu leiblicher Erscheinung, Und hier das vollste Ja zur leeresten Verneinung. Was anders also kannst du thun als dich bequemen, Jetzt dies zu setzen und es dann zuruͤckzunehmen? Was alles du von ihm magst sagen, daß es sei, Es ist nicht was du sagst, doch was du fuͤhlst dabei. 20. Solang du lebend bist, komm halte dich ans Leben, Und laß die Todten sich ab mit den Todten geben. Wieviele starben, doch des Lebens bleibt genug; Wie einer abtritt, folgt ein andrer Maskenzug. Und tritst du selber ab, so thu's mit Lust, zufrieden, Daß du gelebt und nicht mehr leben mußt hienieden. 21. Die Tage nach dem Tag, wo du gepflanzt den Baum, An dem du bluͤhen siehst der Zukunft goldnen Traum, Die Tage wuͤnschest du, daß sie gefluͤgelt seien, Um nur mit einemmal zu sehn des Baums Gedeihen. Doch geben kann dein Wunsch den Tagen keine Fluͤgel; Die starke Hand der Zeit fuͤhrt sie am festen Zuͤgel. Und desto langsamer siehst du dahin sie schreiten, Je ungeduldiger du wuͤnschest ihr Entgleiten. O wuͤnsche nichts vorbei, und wuͤnsche nichts zuruͤck! Nur ruhiges Gefuͤhl der Gegenwart ist Gluͤck. Die Zukunft kommt von selbst, beeile nicht die Fahrt! Sogleich Vergangenheit ist jede Gegenwart. Du aber pflanz' ein Kraut an jedem Tag im Garten, So kannst du jeden Tag auch eine Bluͤt' erwarten. 22. Den Leib, haͤtt' ich den Leib geliebt, mich macht' es grauen, Den von der Seele nun verlassnen Leib zu schauen. Die Seele liebten wir, doch weil im Leib wir blieben, So konnten wir auch nur geleibte Seelen lieben. Geliebte Seelen, die ihr eurem Leib entschwebtet, Ihr lebt mir, doch ihr lebt mir anders als ihr lebtet. Daß ich euch lieben koͤnn', o kommt mich zu umwalten, Ihr koͤnnt's, in lieblichen und leiblichen Gestalten. Laßt mich vergessen, daß ich je sah Todtenzuͤge! Des Lebens Schein ist wahr, der Tod ist eine Luͤge. Was anders kann der Tod als gleich der Luͤg' erblassen, Weil von der Wahrheit er, vom Leben, ist verlassen! 23. Woher du kamest nicht, und nicht wohin du gehst, Die Stelle kennst du nur zur Noth, wo nun du stehst. So kennst du von der Welt, vom allgemeinen Leben, Auch End' und Anfang nicht, nur kaum der Mitte Schweben. Sie geht nach einem Ziel, doch scheint es zu entweichen, Du gehst nach einem auch, doch wirst du's nie erreichen. Je hoͤher auf du klimmst, je hoͤher steigt die Leiter; Je weiter spielt die Zeit, dehnt sich der Spielraum weiter. So bleibt dir und der Welt statt alles Zielerringens In jedem Nu nur dies Gefuͤhl des Vorwertsdringens. Schad' auch um euch, wenn ihr das Ende je gewoͤnnet, Ihr endlichen, die ihr kein Ende denken koͤnnet! 24. O sage wo du bist, wo du nicht bist o sage! Du uͤberall in Nacht, und uͤberall zu Tage. Die Wahrheit du allein, und alles andre Schein, Und aller Schein was koͤnnt' er außer Wahrheit seyn? Die liebend suchen dich, sind nicht zu dir gekommen; Und die dich fliehen, sind nicht deiner Lieb' entnommen. Die fern sich fuͤhlen dir, sind drum dir nicht entrissen; Doch selig sind allein, die sich dir nahe wissen. 25. Du siehst, Unsichtbarer, du hoͤrest, Unvernommner! Sehn, hoͤren wird durch dich vollkommen, Allvollkommner. Du Unvergaͤnglichkeit, Vergaͤnglichem inwohnend, Und Uranfaͤnglichkeit, hoch uͤberm Wechsel thronend. Der Seelen Seele du, Gedanke der Gedanken, Umfaßt von keines Raums und keines Denkens Schranken. Dir geht die Wissenschaft vorbei auf dunklen Bahnen, Und um dein Urlicht schwebt der Andacht sel'ges Ahnen. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 11 26. Gott gebe dir an dir ein stilles Wohlgefallen, Ein innig freudiges in seiner Gnade Wallen. Ein heiliges Gefuͤhl, daß du ihm angehoͤrest, Und seine Ordnungen die ewigen nicht stoͤrest. Ein hebendes Gefuͤhl, daß du auf rechten Wegen Mit rechten Kraͤften strebst dem rechten Ziel entgegen. Nicht Selbgefaͤlligkeit, sich andern uͤberhebend, Nicht Ungeselligkeit, in enger Dumpfheit strebend. Doch Selbgenuͤgsamkeit in deiner eignen Weise, Und Seelenfuͤgsamkeit in deinem Schicksalskreise. Und Selbzufriedenheit, mit aller Welt in Frieden, Weltabgeschiedenheit, von Gott nur ungeschieden. 27. O ew'ger Lebenshauch, durch den der Baum der Zeiten Treibt Bluͤten, Fruͤchte traͤgt und falbes Laub laͤßt gleiten. Was stockt und was sich regt, regt sich und stockt in dir; Und jedes Herz das schlaͤgt, schlaͤgt und frolockt in dir. Du hebst den Menschengeist in deiner Lieb' empor, Er fuͤhlet sich in dir, und kommt so groß sich vor. Dann fuͤhlt er sich so klein vor deiner Groͤße wieder, Und tiefe Demut beugt den kuͤhnen Stolz danieder. Du aber oͤffnest dem gebeugten deinen Schoß, Erhebst ihn wieder, und der kleine gilt dir groß. Du kehrest in ihm ein mit dem Gefuͤhl der Huld, Sein Sehnen stillest du und suͤhnest seine Schuld. Mit Zittern sieht er dich als Herren, der ihn schuf, Und mit Vertrauen hoͤrt er deinen Vaterruf. 11* 28. Du sagst, es ist die Welt geartet zum Entarten, Und weiter stets von Gott abfuͤhren ihre Fahrten. Ich aber sage dir: Sie ist alswie sie war, Dieselbige, wie Gott derselb' ist immerdar. Von wannen kommt sie denn? Von Gott. Wo geht sie hin? Zu Gott zuruͤck. So schwebt in Gott sie mittenin. Und ferner, naͤher, ist sie ihm auf keinem Schritte, Der wie am Anfang und am End' ist in der Mitte. Du sagst: des Goͤttlichen, das sie zuerst empfangen, Ist im Verlauf der Zeit ihr mehr und mehr entgangen. Verlodert ist der Geist, gleich Duͤften die zerstieben, Und immer todter ist der Stoff zuruͤckgeblieben. Ich aber sage dir: Kein Seelenduͤftchen gieng Ihr aus, dafuͤr sie nicht ein anderes empfieng. Der Othem Gottes wirkt nicht nur der Blum' Entfaltung, Ihre Erhaltung auch und ew'ge Umgestaltung. Schoͤn wie des Morgens glaͤnzt des Abends Rosenbucht, Schoͤn ist wie Fruͤhlingskranz des Herbstes reife Wucht. Mag Morgenfrische dort im Mittagsbrand ermatten, Herbstdaͤmmerung sich hier in Winternacht verschatten; Von neuem immer frisch, von neuem immer klar, Ist Gottes großer Tag, das ew'ge Weltenjahr. Obs wintern, sommern mag, ob tagen oder nachten, Laß uns im Fluß der Zeit die Ewigkeit betrachten! 29. Was ist der Raum? die dir vom Sinn gesetzten Schranken. Was ist die Zeit? der Fluß der Ding' und der Gedanken. Allgegenwart des Orts, Allgegenwart der Zeit! Wo ruht von hier und dort, von jetzt und einst der Streit? In Gott, wo alles ruht, wo einst die Zeit geruht, Eh in des Raumes Bett hervorbrach ihre Flut. Und wo in Gott dich senkt Entzuͤckung oder Traum, Da steht dir still die Zeit, und gibt dich frei der Raum. 30. Sowahr als aus dem Eins die Zahlenreihe fließt, Sowahr aus einem Keim des Baumes Krone sprießt; Sowahr erkennest du, daß der ist einzig Einer, Aus welchem alles ist, und gleich ihm ewig keiner. Doch fuͤhlt der Mensch soweit vom Ursprung sich getrennt, Daß Mittelstufen er nothwendig anerkennt. Ob er sie Goͤtter mag, Kraͤft' oder Geister nennen, Ihn binden sollen sie an Gott, von Gott nicht trennen. Sie sollen das Geweb vom Mittelpunkt ausbreiten, Bis in sein kleines Ich die Lebensfaͤden leiten. Was also streitet ihr um wechselnde Betitlung Von Heilsanstalt und Amt der Suͤhnung und Vermittlung? Ob hier der Schoͤpfer sich verborgen im Erhalter, Der Hausherr dort zuruͤck trat hinterm Hausverwalter? Ihr moͤgt mit Froͤmmigkeit und glaͤubigem Vertraun Sichtbares als ein Bild des Unsichtbaren schaun. Doch stehts dem Geiste frei, wenn er dazu hat Schwingen, Ins Allerheiligste unmittelbar zu dringen. 31. Gott ist das hoͤchste Gut. Das sagt der Sprache Wort, Das sagt auch die Vernunft sich selber fort und fort. Gott ist das hoͤchste Gut. Wenn Ursprung nun genommen Von Gott die Welt, wo ist ihr Boͤses hergekommen? Ist Boͤses nur ein Schein, und alles gut allein? Das innerste Gefuͤhl im Busen sagt dir Nein. Was ist das Boͤse denn? Es ist der innre Streit, Die Doppelheit der Welt, die sie mit Gott entzweit. Wol ist, was ist, in Gott, sonst waͤr' es nicht vorhanden; Doch ists auch außer ihm, sonst waͤr' es nicht entstanden. Sofern in Gott es ruht, ist alles Leben gut, Und boͤs' ist alles, was es fuͤr sich selber thut. O komm, uns und die Welt zu machen frei vom Boͤsen, Laß uns in Gottgefuͤhl den Sinn der Welt aufloͤsen! 32. Nicht aͤrgern sollst du dich an Fratzen, die der Glaube Geschaffen hat, daß er die Macht der Schoͤnheit raube. So schaffet Fratzen auch die ewige Natur; Sieh du von ihnen weg, und auf ihr Schoͤnes nur! Und Leben, Welt und Staat ist reich an Fratzenbildern, Daher die Pfuscher auch am liebsten Fratzen schildern. Nur vom Gebiet der Kunst hinweg, ihr Fratzen, geht! Der Kunst, die uͤber Welt, Natur und Glauben steht. So wenn sie jetzt nicht steht, hat sie doch einst gestanden; Und bis sie's wieder thut, ehr ist sie nicht vorhanden. 33. Der stiehlt dir, was er leicht von dir geschenkt bekaͤme; Es macht' ihm minder Lust, wenn er's nicht heimlich naͤhme. Was willst du ihm die Lust, die dir nicht schadet, stoͤren? Er ist sein eigner Thor und meinet dich zu thoͤren. Dir stehlend, hat er nichts dir als den Dank gestohlen; Und auch beschenkt, haͤtt' er sich ohne Dank empfohlen. 34. Du hast, vom Gluͤck belehnt, ein schoͤnes Fleckchen Erde; Genieß es recht, daß dirs ein Stuͤckchen Himmel werde. Ich wuͤnsche dir nicht ganz ein sorgenfreies Loß, Nur gegen den Genuß die Sorge nicht zu groß. Ein wenig Salz ist gut, auch Pfeffer, am Gericht, Nur uͤbersalzen sei's und uͤberpfeffert nicht. 35. Kein Irrthum hinter dem nicht eine Wahrheit steht, Kein Schatten der nicht aus von einem Lichte geht. Und wie der Schatten selbst dich wird zum Lichte leiten, So auf des Irrthums Spur magst du zur Wahrheit schreiten. 36. Was ist es denn, das du begreifst von Gott und Welt? Nicht mehr als was und wie es in den Sinn dir faͤllt. Was ihm gefaͤllt, das nimmt dein Sinn an ungestraͤubt; Und gegen das, was ihm misfaͤllt, ist er betaͤubt. Die Weisen moͤgen uns beweisen was sie wollen, Erweisen muß sichs uns, wenn wir es glauben sollen. 37. Wer nicht, was im Verstand sich ewig widerspricht, Zugleich kann denken, denkt den Ew'gen ewig nicht. Drum magst du, statt dir selbst zum Schrecken oder Spott Aus All und Eins und Nichts zu schaffen einen Gott, Ihn lieber denken dir mit Mund und Angesicht, Wie er blaͤst Odem ein und Schoͤpfungsworte spricht. Dann aber mußt du ihm auch geben einen Ort, Und die Unendlichkeit des Raumes raͤumen fort. Die Erde mußt du fest in ihre Mitte bannen, Umher das Firmament, das goldbeschlagne, spannen; Daß dir die Sonn' am Tag bescheine deinen Raum, Und Mond und Stern bei Nacht bescheine deinen Traum. Wenn so dein Sinn zuruͤck sich wiegt in sel'ge Kindheit, Wol moͤgen Schauende beneiden deine Blindheit. 38. Sowahr in dir er ist, der diese Welt erhaͤlt, Sowahr auch ist er in, nicht außerhalb der Welt. Doch in ihm ist die Welt, sowahr in ihm du bist, Der nicht in dir noch Welt, nur in sich selber ist. Solang du denken nicht die Widerspruͤche kannst, O denke nicht, daß du durch Denken Gott gewannst. 39. Das sagt dir dein Gefuͤhl, daß du kannst suͤndigen; Warum du's kannst, wer kann dir das verkuͤndigen? Die Weisen sagen dir: du kannsts, um frei zu seyn. Doch warum raͤumte Gott dir diese Freiheit ein? Weil dich, sein Bild, er nicht zum Werkzeug wollt' erniedern. Doch darauf kann sogleich der schlichte Sinn erwiedern: Ein Koͤnig goͤttlich gut, haͤtt' er dazu die Macht, Die Seinen haͤtt' er frei und gut zugleich gemacht. Da er nun nicht zugleich uns gab die beiden Gaben, Wird der Allmaͤchtige dazu die Macht nicht haben. Was ists nun, das die Hand der Allmacht also band? Da ist der Menschenwitz gekommen an den Rand. Und uͤberall wird er zu solchem Rande kommen, Wie er das Raͤthsel sonst zu loͤsen unternommen. Darum zuruͤck in dich! du bist durch Gottes Kraft Ein Raͤthsel zwar, doch das ist dir nicht raͤthselhaft: Daß du nicht suͤnd'gen mußt, wiewol du suͤnd'gen kannst; Daß du's nicht sollst, und dazu Gottes Kraft gewannst. 40. Wol aͤrgern dumpfen Sinn des Geistes Widerspruͤche, Dem feinern aber sind sie duft'ge Wohlgeruͤche. Denn in der Endlichkeit thut nur durch Widerspruch Unendlichkeit sich kund, wie Segen in dem Fluch. Die hoͤchsten Dinge, die dein Denken nie kann denken, Gerad' auf diese muß sich stets dein Denken lenken. Was du erkennest als unwesenhaften Schein, Bekennest du zugleich als wesenhaft allein. Und was als Wirklichkeit dir steht vor allen Sinnen, Macht in Unwirkliches der hoͤchste Sinn zerrinnen. Nur wenn du so zugleich bejahest und verneinest, Fuͤhlst du, daß im Gemuͤt du Gott und Welt vereinest. 41. Der ew'ge Dreiklang, der das irdische Getoͤse Mit leiser Macht durchgreift, daß ers in Einklang loͤse; Der heil'ge Dreiklang, den du ewig mußt erkennen, Wie immer du ihn magst mit Wechselnamen nennen; Den: Gott, Gemuͤt und Welt, am einfachsten genannt, Wer rein das Goͤttliche am menschlichsten erkannt: Die drei, die Eines sind, und also sich ergaͤnzen, Daß sie sich gegenseits erfuͤllen und begraͤnzen, Durchdringen und beziehn, begruͤnden und erklaͤren, Und selbst nicht waͤren, wenn sie nicht verbunden waͤren: Komm laß uns, um in uns den Zwiespalt zu versoͤhnen, Mit dem Dreieinklang ganz durchklingen und durchtoͤnen: Die Welt und dein Gemuͤt, sie wuͤrden sich zerreiben, Wenn nicht vermittelnd Gott sie hieß' in Eintracht bleiben. Gott aber und die Welt, sie waͤren ganz geschieden, Wenn sie nicht dein Gemuͤt geglichen aus in Frieden. Doch Gott und dein Gemuͤt, sie wuͤrden sich vermischen Im Innern, staͤnde nicht die aͤußre Welt dazwischen; Die Welt, die dem Gemuͤt Gott so verbirgt wie zeigt, Durch die es ewig auf, er ewig nieder steigt. 42. Vorm Menschen, welchen kein Gesetz der Lieb' und Treue Beherrschet, habe mehr als vor dem Thiere Scheue! Wenn auch dem Thiere fehlt Gemuͤt, Vernunft und Liebe, Gehalten ist es doch vom Bande seiner Triebe. An diesem halt es fest, du darfst dich drauf verlassen; Den Menschen aber kannst du nirgend sicher fassen. Der Liebe Widerschein kannst du ins Thier meintwegen, Noch lieber in die fromm unschuld'ge Pflanze legen. Doch in den Menschen, wo sie selber sollte seyn, Kannst du, wo sie nicht ist, sie auch nicht legen ein. 43. Laß uns im Augenblick ein Gottesbild aufrichten, Um es im Augenblick im naͤchsten zu vernichten. Denn jedes Bild ist falsch, das bleiben will und dauern, Und jedes wahr, das hin vorm Urbild sinkt mit Schauern. Dort seh' ich aufgethan den ew'gen Vaterschoß, Dem alles groͤste klein und kleinstes auch ist groß. Sieh, wie im Menschengeist geordnete Gedanken, So kreisen Welten dort in selbstgesetzten Schranken. Ein All Unzaͤhliger, von denen jed's ein All, Ein Punkt im Ganzen ist, in sich ein Lebensball. Die Alle, wie sie rings in Rangordnungen schweben, Entwickeln auch in sich ein ranggeordnet Leben. Da ringen uͤberall Rangordnungen des Lebens In ungehemmtem Trieb des Immeraufwertsstrebens. Und wo Natur den Geist nun auf als Krone setzt, Da kehrt das Einzelste zuruͤck zum Ganzen jetzt. Du suchst, o Menschengeist, wo auch dein Standpunkt ist, Den Mittelpunkt, von dem du nirgends ferne bist. Du fuͤhlest selbst dich klein, du fuͤhlest selbst dich groß, Dich mit der ganzen Welt im ew'gen Vaterschoß. 44. Ob wirklich selber du ergreifst die Gegenstaͤnde, Es sei durch den Begriff, es sei durch deine Haͤnde; Ob ihren Eindruck nur, von ihnen einen Schein In Haͤnden habest, scheint unwichtig mir zu seyn. Du bist, die Dinge sind. Dir gnuͤge dies zu wissen, Daß und was dir sie sind; das andre magst du missen. Du machest deine Welt und deine Welt macht dich; Wie ihr einander macht, so seid ihr sicherlich. 45. Welch wunderbare Art den Laͤugner zu bekehren, Ihn zu behandeln als unfaͤhig deiner Lehren! Kannst du verlangen daß dich fassen soll der Mann, Wenn du behauptest daß er dich nicht fassen kann? Beweisest ihm zuerst, daß er verstehn nicht kann; Daß er verstehn nicht will, verargest du ihm dann. Zuerst mach' es ihm klar, wie er dich fassen solle, Dann uͤberlass es ihm, ob er dich fassen wolle. 46. Laß dich nur blenden nicht von denen die ersannen Denkformeln um darein Undenkbares zu bannen. Weil sich kein Hoͤchstes laͤßt aus Hoͤherem erklaͤren, So lassen sie das Ding sich selbst aus sich gebaͤren. Wenn in der That nun wird nur was schon war im Grunde, So ist das Seyn erklaͤrt, doch ists nicht klar im Grunde. 47. Das Rechte hast du wol, das fuͤhlest du, gethan, Warum doch hast du nicht die rechte Lust daran? Entweder weil du's nicht aus rechter Grundabsicht Gethan hast, oder doch auf rechte Weise nicht. 48. Was Gott in der Natur und dir im Herzen spricht, Mit Andacht merke drauf, und uͤberhoͤr' es nicht. Und wenn du's andern nicht kannst machen offenbar, Doch dir zur eigenen Erbauung mach es klar. Und ist es dir nur klar, so wird's auch andern werden, Wenn nicht in Worten, doch in Mienen und Geberden. Und wenn in Handlungen, wenn in der Handlungsweise, Das ist den Menschen erst zum Heil und Gott zum Preise. 49. Wer faͤhrt durch ein Gefild, sieht hinter sich versinken Ein reizend Landschaftbild, ein andres vorwerts winken. Nicht halten kann er das, und dieses fest nicht fassen, Voruͤbergleiten muß er eins ums andre lassen. Im groͤßern Maßstab nur und auf viel ernstre Weise Erfaͤhrt dasselbe, wer durchs Leben macht die Reise. Du hast es oft gehoͤrt; doch hast du's je gefuͤhlt, Wie schmerzenreiche Lust hinweg das Leben spuͤlt? 50. Des Regens Tropfen spruͤhn, doch wird davon nicht gruͤn Der Rasen, den versengt der Sommersonne Gluͤhn. Die Graͤser bleiben duͤrr, doch neue sprießen drunter, Und uͤbergruͤnen bald die alten frisch und munter. Getrost, o Herz! dir bringt Verlornes nicht zuruͤck Die Stunde, doch dafuͤr bringt sie ein neues Gluͤck. 51. Vollkommen lieb' ich nicht die Menschen, streng und heilig; Sie waͤren unbequem und waͤren auch langweilig. Einseitig lieb' ich sie, natuͤrlich und beschrenkt, Nicht uͤbertrieben, krank, gebrechlich und verrenkt. So lieb' ich sie sich dar mir stellend in der Welt, Und also fordr' ich sie vom Dichter dargestellt. Wenn anders sie mir zeigt die Welt, muß ichs in Ruh Ertragen, aber wenn das Buch, so mach' ichs zu. 52. Wer seiner eigenen Vernunft gehorcht allein, Mit der gemeinen gar nichts haben will gemein, Ist eben so verkehrt wie wer, um andern nur Es rechtzumachen, laͤßt die eigene Natur. So wenig kann die Welt gebrauchen jenen Mann, Als dieser in der Welt sich selber brauchen kann. Nur da ist etwas Recht's, ob Großes oder Kleines, Wo ein Besondres ist und auch ein Allgemeines. 53. Wer leer im Innern ist, sei außen doch gefaͤllig; Wer einsam muͤßig geht, thu lieber es gesellig. Doch dem erlassen wir die Weltgefaͤlligkeit, Wer fuͤr ein Gotteswerk braucht alle Kraft und Zeit. Der ist in menschlicher Gestalt ein Gott erschienen; Wer kann in gleichem Maß Gott und den Menschen dienen? 54. Bequeme dich der Welt, so wirst du angenehm Der Welt seyn, und dir selbst wirds in der Welt bequem. Nur nicht bequeme dich bis zum dir Unbequemen, Am allerwenigsten zum Gottunangenehmen. 55. Du hast ein Maß in dir von Kraͤften, die du spenden Der Welt kannst, ohne sie ins Innre zu verwenden. Drum sei ein Kreis um dich, ein groͤßrer oder kleiner; Nicht viele muͤßen's seyn, nur einige, nur einer. Je wenigern du gibst, je mehr nun gibst du ihnen, Die dann es mehreren zu geben weiter dienen. 56. Wo Gutes das zu thun, als Gutes dar sich stellt, Da thut es jeder leicht, dem so ins Aug' es faͤllt. Wo aber Gutes sich zeigt unter falschem Schein, Erkennt als Gutes es und thuts der Weis' allein. 57. Was ist die Tugend? Schrank' und Maß der Menschenkraft; Drum Menschentugend ist gleich Menschen mangelhaft. Und manches was fuͤr uns hier Tugend ist auf Erden, Wird keine seyn, wenn wir einst mehr als Menschen werden. So ists auch nicht fuͤr die, die mehr als Menschen sind, Doch rechnen sie dir's an als Tugend, Menschenkind! Ruͤckert , Lehrgedicht V. 12 58. Nicht minder haben dich die Ding' als du sie hast; Du suchest deine Lust, und findest deine Last. Nicht nur dein Hab' und Gut, nicht nur dein Weib und Kind, Dein Garten, Haus und Hof, dein Esel, Schaf und Rind; Auch deine Wissenschaft und deine Kunst vor allen, Sind minder dir da als du ihnen zu Gefallen. Rath' ich deswegen dir vondannen sie zu treiben, Da ohn' einander ihr einmal nicht koͤnnet bleiben? Ich rathe nur, dich recht mit ihnen abzufinden, So den Begriff von Lust und Sorge zu verbinden, Daß du in ihnen mehr die Lust siehst, weil vorhanden Sie einmal sind, und mehr die Sorge, wenn sie schwanden. 59. Das Aergste drohet nicht der Welt von Geld und Gut, Wo nur der Einzelne dafuͤr Unwuͤrd'ges thut. Das Aergste drohet da, wo es soweit gekommen, Daß es zum Maßstab wird fuͤr jeden Werth genommen. O danke Gott, daß du in einem Winkel stehst, Wo dieser schrecklichsten Versuchung du entgehst, Wo jeder zwar fuͤr sich nach eitlen Guͤtern trachtet, Doch der verachtet noch nicht ist, der sie verachtet. 60. Ein Buch, aus dem du viel Gedanken nehmen kannst, Sei immer dankbar ihm fuͤr das was du gewannst. Doch was ein Ganzes ist, wird nicht so leicht zerrissen; Es gibt ein andres Buch, dem sollst du mehr Dank wissen, Von festverschlungenen Gedankenganggeweben, Das du als Ganzes nur aufnehmen kannst ins Leben. 12* 61. Wer gegen seine Zeit ankaͤmpfet, hat verloren Die Muͤh, gewonnen nur den Namen eines Thoren. Doch zur Entschaͤdigung die Folgezeit mag preisen Den zeitlich-Thoͤrichten villeicht als ewig-Weisen. 62. Du zitterst vor der Nacht und bebest vor dem Tage, Solang dein Gluͤck du hast in einer aͤußern Lage. Denn jede Nacht kann es mit einem Stoß zerruͤtten, Es jeder neue Tag mit einem Sturz verschuͤtten. Nur wenn du's innen hast, kanns nicht von außen schwinden; Dein Gluͤck wird sich als Gluͤck in jeder Lage finden. 63. Leb' in der Gegenwart! Zu leer ist und zu weit Der Zukunft Haus, zu groß das der Vergangenheit. In beiden weißt du nicht den Hausrath einzurichten Der ungeschehnen und geschehenen Geschichten. Doch daß die Gegenwart nicht eng dir sei und klein, Zieh die Vergangenheit und Zukunft mit herein. Die beiden moͤgen dir erfuͤllen und erweitern Die Wohnung, und mit Glanz die dunkle schoͤn erheitern. 64. Zu welchem willst du dich von beiden Choͤren wenden? Du hast die freie Wahl dich so und so zu blenden. Wenn du den einen glaubst, so geht die Zeit bergunter; Wenn du den andern traust, so klimmt sie aufwerts munter. Ist sie villeicht das Rad, von dem sich niederneigt Das Vordere, derweil das Hintre wieder steigt? Die Vordern klagen, daß zum Untergang sichs lenke, Die Hintern jubeln, daß es sich zum Aufgang schwenke. Es steigt und faͤllt zugleich; ob es im Ganzen falle, Ob steige, weiß die Kraft, durch deren Stoß es walle! 65. Die Weisheitslehren, die dir Weisheitslehrer spenden, O koͤnntest du sie stets zur Weisheit nur verwenden! Doch du gewahrest bald, ein Lehrer widerspricht Dem anderen, und wer im Recht sei, weißt du nicht. Du kannst nicht beiden, wem von beiden willst du glauben? Soll gar Glaubwuͤrdigkeit jedweder jedem rauben? Und schließest du, daß Recht von beiden keiner hat, So hast du selber dir entzogen jeden Rath. Denk lieber: Jeder hat nur Recht auf seine Weise; Das stell' auf deine dir zurecht in deinem Kreise. Verschiedne Faͤlle gibts auf einer Lebensfahrt, Wo man wol brauchen kann Rath von verschiedner Art. Gluͤckselig bist du, wenn fuͤr Auf- und Niedersteig Du immer recht verstehst den rechten Fingerzeig. 66. Gluͤckselig bist du, wenn auf Folgrungen und Schluͤssen Das Beste so du weißt, du nicht hast gruͤnden muͤssen. So brauchst du gegen die dich auch nicht zu ereifern, Die mit unreifem Witz bekaͤmpfen deinen reifern. Schwank ist Gedankenbau, und nur die Ueberzeugung, Die auf sich selber ruht, befuͤrchtet keine Beugung. 67. Wenn du den Formeln siehst ins Herz, nicht aufs Gewand, Den Formeln, die der Geist zu seinem Spiel erfand; So kannst du dir getrost aus allerlei Systemen Den Kern der Nahrung, wie aus Huͤlsen Koͤrner, nehmen. Wie sie's begruͤnden dir, entwickeln und ableiten, Sie sind im Sinn dir eins, die sich in Worten streiten. Sie foͤrdern nur zu Tag den Vorrath ihrer Brust, Den aufzunehmen du in dir schon haben must. 68. Die Guͤter unter'm Werth veraͤchtlich anzuschlagen, Herabzusetzen sie, um leichter zu entsagen, Ist nur ein Kunstgriff, der wo's gilt dich laͤßt in Stich. Viel anders als du dich gedacht hast, fuͤhlst du dich. Man fuͤhlt, was man gehabt, wann man es lassen muß; Was hilft es, sich zuvor verkuͤmmern den Genuß? Drum laß in ihrem Werth die Guͤter fein bestehn, Besonnen im Besitz, besonnen im Entgehn. 69. Wer strebte nach dem Ziel, wenn er so fern es saͤhe, Wie's wirklich ist? der Wunsch sieht alles in der Naͤhe. Und wenn du naͤher ruͤckst, und merkst den Augentrug, Treibt weiter dich der Trieb, der einmal ist im Zug. 70. Nicht durch Beweise kannst du stuͤtzen deinen Glauben, Durch Widerlegungen ihm auch die Macht nicht rauben. Mit Worten kannst du ihn verhuͤllen und bedecken, Nicht ihn begraben, noch von Todten auferwecken. Oft, was ihn sichern soll, wird ihn nur irre machen, Und was betaͤuben ihn, davon wird er erwachen. Er steht mit ewiger allgegenwaͤrt'ger Macht Als Sonn' an deinem Tag, als Stern in deiner Nacht. Was auch bei Nacht und Tag dein Auge mache blind, Du weißt daß uͤber dir doch Sonn' und Sterne sind. 71. Blick' auf und sage dir: wo ist der Regenbogen? Er scheinet dort dem Saum der Wolken angeflogen. Doch in der Wolke, waͤr' er dort wol ohn' ein Auge, Das deinige, das ihn dir in die Seele sauge? Du wirst es dir bewust: es sind der Sonne Stralen, Die du getrunken hast aus Regenbogenschalen. Nichts ist das Farbenspiel, nur wirklich ist die Sonne; Die lichte Taͤuschung doch ist deiner Augen Wonne. Was unterm Himmel glaͤnzt, ist nur der Sonne Licht, Das mannichfaltig sich in truͤben Stoffen bricht. Was unterm Himmel glaͤnzt, ist nur ein Widerschein, Ein bunter Schattenwurf der Himmelssonn' allein. Ein solcher Widerschein ist selbst die Sonne nur Der hoͤchsten Geistersonn' im Spiegel der Natur. 72. Was in der Schule du gelernt, ists wol vergebens, Weil du gebrauchen es nicht kannst im Lauf des Lebens? O nein, den Acker hat zum Anbau es entwildet, Zum Wesentlichen hats dich foͤrmlich vorgebildet. So was im Leben selbst, der großen Schule, du Gelernt hast, bringst du nicht umsonst dem Himmel zu. Du mußt die irdischen Aufgaben recht nur treiben, Und ewig wird davon die Segenswirkung bleiben. 73. Die Demuth ist wol gut daß sie ein Herz erringe; Doch huͤte dich daß dich dazu nicht Hochmuth bringe. Nicht falscher Demuth Schein ist es wovor ich warne, Den kuͤnstlich Hochmuth webt, daß er die Welt umgarne; Wirkliche Demuth auch, die dir im Herzen sprießt, Gib Acht ob sie in sich nicht wahren Hochmuth schließt; Der, wenn er sich gelaͤhmt sieht außen, und sich schaͤmt Mislungenen Erfolgs, zur Demuth sich bequemt. Wie die Begierde, die, verzweifelnd an Erjagung Begehrter Guͤter, sich zuruͤckzieht in Entsagung. Doch ist es nicht genug, das Ziel erreicht zu haben, Wenn, statt auf ebnem Weg, auch uͤber Stock und Graben? Du danke Gott daß doch die Feinde sind geschlagen, Und herrsche so daß sie ihr Joch geduldig tragen. 74. Sich staͤrker fuͤhlt der Mensch in Ungemachabwehrung Als in unthaͤtigen Genusses Selbverzehrung. Darum hat Gott dir nicht verliehen reines Gut, Damit du fuͤhlst im Kampf mit Uebeln deinen Muth. 75. Du sagst am Himmel daß nichts zu bewundern bliebe Dem Astronomen, der erkannt sein Radgetriebe. Ich sage dir, was doch noch zu bewundern bleibt: Die ew'ge Grundkraft selbst, die dieses Radwerk treibt. Du hast das Leben nicht in Zahl und in Figur, Figur und Zahl hast du erkannt am Leben nur. 76. Je groͤßer einen Kreis du hast zu uͤbersehn, Je minder kann dein Blick in alles Einzle gehn. Ein Menschenkoͤnig und die Koͤn'gin der Gedanken, Sich waͤhnend unumschraͤnkt, erkennen diese Schranken. Sie nicht, die unteren Organe sehn das Kleinste, Die mittlern Mittleres, sie erst das Allgemeinste. Und was von untenauf man mittelbar vernimmt, Wird auch von obenher nur mittelbar bestimmt. Nur Gott ist die Vernunft, die keine Schrank' umzieht, Die selbst unmittelbar ins Einzle Alles sieht. 77. Reichthums Vermehrung kann die Armuth nicht vermindern, Solang das Recht nicht wird ungleiche Theilung hindern. In einem Land, wo reich die Reichen sind allein, Werden die Armen nur um desto aͤrmer seyn. 78. Gesittung strebt, das Thier dem Menschen auszuziehn, Zuruͤck zur Menschheit die er auszog fuͤhrt sie ihn. Zuruͤck zum Paradies fuͤhrt sie den Nackten wieder, Wie ehr des Thieres Fell er zog um seine Glieder. Solang (wielang noch?) ist nicht ihr Beruf erfuͤllt, Als sie statt auszuziehn die Thierheit nur verhuͤllt. 79. Die Eisenbahnenzeit, die Prosazeit von Eisen Vergolden hier und dort die Thoren und die Weisen. Was ist ge mit dem aͤußerlichen Glast? Verwandle Gold, wenn die Tinktur du hast! 80. „Ich weiß nicht“ hab' ich unbedenklich oft gesagt Dem Kinde, das mich Unbeantwortlichs gefragt. Zuletzt hat es gesagt: du weißt auch gar nichts, Vater! Und zu Besinnung hat mich das gebracht, zu spater. „Ich weiß nicht“ sollst du nie dem Kind auf seine Fragen, Ausweichend ihm vielmehr dies oder jenes sagen. „Ich denk'? ich glaub'? ich mein'?“ ei, Gott behuͤte, nein! Das wuͤrd' Unwissenheit in andrer Wendung seyn. „Nicht sagen will ichs dir, du wirst es schon erfahren, Erwarte nur die Zeit, du kannst dein Fragen sparen.“ 81. Schwer ist im Wechselnden zu sehn ein Bleibendes, Im Umgetriebenen ein ruhig Treibendes. Von außen ist es schwer, und schwerer noch von innen, Wo Bild in Bild wie Wog' in Woge scheint zu rinnen. Liegts an den Dingen, liegt an dir nur das Gebrechen, Daß immer anders dich die aͤußern Ding' ansprechen? Sie geben Antwort, wie du fragst, und anders nicht; Drum liegt es wol am Geist, wie er die Ding' anspricht. Darum ists Noth, in dir dich selber zu vereinen, Um nicht in jedem Nu ein andrer dir zu scheinen; Kein Spiegel und kein Wachs, darein sich wechselnd druͤckt Dies Bild und jenes, das verunziert oder schmuͤckt; In der Vorstellungen, in der Eindruͤcke Schwanken Zu fuͤhlen einen Kern feststehender Gedanken; Daß du derselbe heut, in andrer Form verborgen, Bist, der du gestern warst, und der du seyn wirst morgen. 82. Fuͤhl' einen Augenblick nur wahrhaft, daß du bist; So fuͤhlst du auch, daß, was dies fuͤhlet, ewig ist. Und fehlt der Mittelpunkt in deiner Seele Kreisen, So kann kein Denker dir Unsterblichkeit beweisen. 83. Empfindung ist vom Ding ein Zeichen, von Empfindung Ein Zeichen war das Wort in erster Spracherfindung. Nun ist ein Zeichen vom Begriff das Wort allein, Und die Empfindung fuͤgt sich nur nothduͤrftig drein. Des Dinges Leben hat sich aus dem Wort verloren, Wie die Empfindung zum Begriff sich umgeboren. Wenn er zu hoͤherer Empfindung sich erhebt, Dann ist mit dem Begriff wieder das Wort belebt. Kein todtes Zeichen ist, kein Bild vom Ding das Wort, Es ist im Geist das Ding, des Geistes Zauberhort. Des Dinges Wesen selbst ist in das Wort gebannt; Geschaffen ist das Ding, sowie das Wort genannt. Laßt uns, eh wir durchs Wort das Wesen schaffen koͤnnen, Der Zaubrin Fantasie Scheinbilderschoͤpfung goͤnnen! 84. Wenn du dem Gegner ab Vernunft sprichst und Verstand, Ists ja kein Großes daß dein Geist ihn uͤberwand. Hingegen, wirst du ihn mit starken Waffen ruͤsten, Ihn schlagend, willst du nur damit dich selber bruͤsten. Geh deinen Weg und laß den Gegner seinen gehn; Und wer zum Ziel gelangt, das werden wir ja sehn. 85. Nicht Alles kann der Mensch mit offnen Augen sehn, Doch manches will und muß durchs Auge nur geschehn. Dem was sich sehen laͤßt, schließ nicht die Augen zu; Und was sich nicht laͤßt sehn, im Herzen hege du. Gleich uͤbel ist es, statt zu sehn Sichtbares traͤumen, Und Unsichtbarem kein Gebiet und Recht einraͤumen. 86. Krieg Aller gegen All' ist Sinn der Wissenschaft. Was Alles seyn will, bleibt nothwendig mangelhaft. Wo jeder will die Welt mit seiner Spann' ausspannen, In seiner Formeln Zwang die Kraͤft' und Geister bannen. Wo jeder Denkherr flugs den andern stoͤßt vom Thron; Was er dem Vater that, erwartet er vom Sohn. Sie glauben alle, daß sie bis zum Ende drangen, Und jeder folgende muß an von vorne fangen. Der alte Brei wird umgeruͤhrt im neuen Topf; Was auf den Fuͤßen stand, das steht nun auf dem Kopf. Laß diesem Chaos uns der Meinungen entfliehn, Zuruͤck ins heitere Gebiet der Kunst uns ziehn. Ihr Fruͤhlingschoͤpferhauch entfaltet bunte Welten, Die rund und ruh'nd in sich, einander lassen gelten. Gleich Blumen bluͤhen sie, und welken Blumen-gleich, Auslebend Glanz und Duft, und sterbend samenreich. Was hat ein Denker denn ergruͤndet und begruͤndet, Das nicht ein Sehermund in Ahnung vorverkuͤndet? Und welches Wissen ist nicht blasengleich zerronnen, Das nicht in Kunstkristall Gediegenheit gewonnen? O Schoͤnheit, bring es doch der Schwester Weisheit bei, Daß ohne dich ein Bild sie ohn' Erscheinung sei. 87. Ein Wunder wird der Mensch empfangen und gezeugt, Ein Wunder lebt er, wird geboren und gesaͤugt. Ein Wunder waͤchst er, hoͤrt und sieht, und fuͤhlt sein Wunder, Ein Wunder, daß er denkt, und was er denkt ein Wunder. Ein Wunder steht er da in aller Wunder Mitte, Und Wunder gehn ihm vor und nach auf Tritt und Schritte. An Wunder wird er so allmaͤhlich unwillkuͤhrlich Gewoͤhnet, daß sie ihm erscheinen ganz natuͤrlich. Und wunderbar erscheint ihm Ungewohntes nur, Der unverwundert sieht das Wunder der Natur. 88. Laß dich von glaͤnzenden Beweisen nur nicht blenden, Die sie mit viel Geschmack auf Abgeschmacktes wenden. Denn was ein jeder glaubt, das kann er auch beweisen; Und wer dasselbe glaubt, wird die Beweise preisen. Du weißt: was wirklich ist, muß moͤglich seyn, und muß, Weil nichts zufaͤllig ist, nothwendig seyn zum Schluß. Darum beweisen sie, was irgend ward ersonnen, Sobald es Wirklichkeit in ihrem Sinn gewonnen. 89. Wenn du nach Ehre strebst, die dir die Welt soll geben, So mußt du, statt dir selbst, ihr zu Gefallen leben. Nicht leben in der That, nur leben auf den Schein; Nicht was du selber willst, was sie will, mußt du seyn. Wenn du nach Reichthum strebst, nach welchem alle streben, Mußt du darum in Kampf mit allen dich begeben; Was andre haben, mußt du dir verloren achten, Und was du haben willst, zu rauben ihnen trachten. Und wenn du gar zugleich geehrt willst seyn und reich, So mußt du seyn der Welt ein Freund und Feind zugleich; Mußt stehlen ihren Schatz, und stehlen ihre Gunst; Das ist die misslichste und undankbarste Kunst. Drum rath' ich: Laß die Welt, wen sie will ehren, ehren, Und ihren Sold, wer ihn begehren will, begehren. Sich selbst in Ehren und sich selber reich zu halten, Ist Mannes Wuͤrd' und Kraft, derselben sollst du walten. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 13 90. Lust an Vergaͤnglichem kann nur vergaͤnglich seyn, Und ewig ist die Lust am Ewigen allein. Du sagst dir das, und kannst dennoch der Lust nicht wehren, Was unbegehrenswerth du siehest, zu begehren. Warum? weil in dir selbst ist ein Vergaͤngliches, Der Unvergaͤnglichkeit ganz unempfaͤngliches. Doch fuͤhlest du in dir ein Andres unvergaͤnglich, Dem, was vergaͤnglich ist, erscheinet unzulaͤnglich. In solchem Kampfe bleibt der Sieg nicht zweifelhaft, Sobald das Edlere gebrauchet seine Kraft. Dir wird fuͤr ew'ge Lust jemehr Empfaͤnglichkeit, Jemehr in deiner Brust reift Unvergaͤnglichkeit. 91. Ein Herz das Unruh fuͤhlt, ist noch in sich nicht heil; Dem bessern beigemischt ist noch ein schlechtres Theil. Doch nicht unheilbar ist ein Herz das Unruh fuͤhlt, Vom schlechtern ist noch nicht das Bessre weggespuͤlt. Nur wo die Unruh schweigt, da ist der Kampf entschieden, Sei es zu ew'gem Tod, sei es zu ew'gem Frieden. Kann ew'ger Tod auch seyn vor Gott, dem ew'gen Leben? Welche Verstockung kann der Gnade widerstreben? Das kranke Herz, das ganz erstorben waͤhnt zu seyn, Genesen muß auch es, durch scharfe Liebespein. 13* 92. Des einen freu' ich mich, wenn ruͤckwerts geht der Blick Auf meines Lebens buntverworrenes Geschick, Wo der Zusammenhang der Pfade zu entgehn Dem Aug' und alles scheint in irrem Kreis zu drehn; Des einen freu' ich mich, daß doch, statt zu ermatten, Die Reise leichter stets, je weiter, gieng vonstatten; Als sie die Federkraft, die schwindende, der Glieder Ersetzt durch tragendes unsichtbares Gefieder; Sodaß auf seiner Bahn der Geist muͤhloser strebt, Der, wo er unten sonst gerungen, oben schwebt. Wenn nun sich ein Gedank' aus jener Zeit erfrischt In neuer Form, ist ihm was eignes beigemischt: Das jugendliche Roth der Wangen hat er nicht, Doch dafuͤr einen Stral auf seinem Angesicht. Ich koͤnnte, wollt' ich abgethanes neuverrichten, All mein Gedichtetes in hoͤhern Stil umdichten. 93. Nichts sagen kann ein Mund, worin nicht Wahrheit waͤre, Ob wissentlich das Herz auch Luͤge nur gebaͤre. Denn was er spricht, ist doch ein Bild des was er denkt, Wie er willkuͤrlich auch die Zuͤge dran verrenkt; Und was er denkt, ist doch die Wahrheit die er sieht, Wie er in sich ihr Bild zum Zerrbild auch verzieht. So, was er erst gedacht, und dann was er gesprochen, Ist nur der Wahrheit Stral, der zwiefach ist gebrochen. Und haͤttest du in dir den Stral, der ruͤckwerts bricht Die Doppelbrechungen, du stelltest her das Licht. Nur Gott hat diesen Stral in seiner vollen Klarheit; Er sieht, du aber ahnst durch ihn, im Lug die Wahrheit. 94. Du siehst die andern rings in einer Form von Glauben, Die kannst du ihnen nicht und sollst sie auch nicht rauben. Sie glauben, daß die Form die allerhoͤchste sei, Die allereinzige, von allen Huͤllen frei. Daß eine andre Form gewesen sei zuvor, In der das reine Licht noch war verhuͤllt vom Flor; Das glauben sie; doch daß auch das enthuͤllte Licht Zuwachses faͤhig sei, das glauben sie dir nicht. Du aber glaubest, daß, gleichwie aus Daͤmmerungen Der Bildlichkeit ein Licht unbildlicher entsprungen; Auch dies unbildliche wird wieder bildlich heißen Vor einem, das nach ihm die Daͤmmrung wird zerreißen; Und ewig Gottes Licht aus Klarheit waͤchst in Klarheit Viel Offenbarungen hindurch zur Offenbarheit. 95. Wenn dir aus einem Buch, das heilig du benennst, Und wenn aus einem Spruch, den du fuͤr weis' erkennst, Aus einem Lehrermund mehr Wahrheit dir wird kund, Als offenbaret selbst dir ist im Herzensgrund; So magst du mit Vertraun auf die Belehrung baun, Und, eigner Einsicht blind, in die Erleuchtung schaun. Du bist entschuldigt, doch mußt du entschuldigen Auch die dem Geist mehr als Buchstaben huldigen. 96. Du haͤngst an Wurzeln, die du von Natur gewannst, Von denen du dich los nicht reißen sollst noch kannst. Die Wurzeln, deine Volks- und deine Glaubensart, Sind jede stark fuͤr sich, und doppelt stark gepaart. Aus ihnen Nahrung hast du unbewußt gesogen; Sie halten dich, wo du dich ihnen glaubst entzogen. Dich halten sollen sie, doch nicht daß du nicht strebest, Und uͤber sie hinaus ins Menschliche dich hebest. Des Menschen Kron' ist, daß sich Menschheit offenbart In ihm, trotz seiner Volks-, trotz seiner Glaubensart. Daß an der Menschheit dich, nicht sie an dir du messest, Nicht ihre Formenfuͤll' in deine Model pressest; Nicht Fremdes deutest um, verfaͤlschend seinen Sinn, Weil eigensuͤchtig du den eignen suchst darinn; Nicht dich in deiner Art verstockest und versteifest, Lebendig nur als Glied im Ganzen dich begreifest; Nicht waͤhnend, daß um dich als Mittelpunkt sich drehn Der Welt Entwicklungen, die immer weiter gehn. 97. Den Spruch: Erkenne dich! sollst du nicht uͤbertreiben; Laß immer unbekannt dir in dir etwas bleiben. Den Grund, aus welchem quillt dein Daseyn, mußt du fuͤhlen; Zerstoͤren wirst du ihn, wenn du ihn auf willst wuͤhlen. Die reine Quelle wird, frech aufgewuͤhlt, ein Sumpf; Nicht wer sie nicht erkennt, wer sich nicht fuͤhlt ist dumpf. 98. In deines Herzen Haus- und Festkalender mag Nur auch gezeichnet seyn ein Allerseelentag. Gezeichnet soll er seyn nicht mit zu duͤstern Farben, Doch auch zu helle sind fuͤr die nicht die da starben. Mit sanftern Lichtern sei und leisem Schattenschlag Gezeichnet in dein Herz dein Allerseelentag. Ein Allerseelentag, wo du vereint in Frieden Mit allen Seelen bist, die von dir sind geschieden; Wo alle Seelen, die dich aus der Fern' umwallen, Zum Fest versammelt sind in deines Tempels Hallen. Da bete fuͤr ihr Heil, und laß sie beten auch Fuͤr deines, denn Gebet ist Seelenlebenshauch. Manch Angedenken zieh hervor, an das sich knuͤpft Ein Name, zieh es fest, daß er dir nicht entschluͤpft. Manch theures Bild auch, eh der Kennzug dir erlischt, Sei von der Malerinn Erinnrung angefrischt. Bedaure du sie nicht, daß sie der Welt entgangen, Und nicht beneide sie, denn du wirst nachgelangen. Versichere du nur dich ihrer, daß sie bleiben Von oben dein Geleit, nach oben dich zu treiben. Von oben neigen sie, nach oben zeigen sie Und deinem Blick voran nach oben steigen sie. Nach oben steigen sie, wo sie dir wollen zeigen, Was sie versprechen mit geheimnisvollem Schweigen. XV. 1. D is hat nicht von sich selbst der Mann am Gangastrand, Er hats von seinem Freund im nordisch rauhen Land, Dem dort ein Leben ist ein aͤrmliches beschieden, In dem er lebt jedoch so reich und so zufrieden, Daß, als er wandern einst auf ein'ge Tage gieng, Er sich am ersten gleich heim an zu sehnen fieng. 2. Der Traum, darein man leicht bei traͤger Ruh versinkt, Darin man dichtet, denkt, sieht, hoͤrt, spricht, ißt und trinkt, Darin spazieren geht im abgemeßnen Raum; Darin man wacht und schlaͤft, und traͤumt im wachen Traum: Wenn gruͤndlich du daraus erwachen willst, laß ruͤtteln Vom Reisewagen dich, von Reisesorgen schuͤtteln. Du mußt im fremden Land die Augen offen haben, Sonst stolperst du und faͤllst in jeden Straßengraben. 3. So sang ein Wandersmann, als er die Welt durchlief: Die Berge sind zu hoch, die Thaͤler sind zu tief. Die Se'en sind zu todt, die Fluͤsse zu lebendig, Die Thiere sind zu dumm, die Menschen zu verstaͤndig. Zu dunkel ist die Nacht, der Tag ist alzu hell, Der Mondschein ist zu blaß, der Sonnenschein zu grell. Der Himmel ist zu weit, die Erde mir zu enge; Ich wollte, daß ich waͤr' am letzten meiner Gaͤnge. 4. Die Regenwolke zieht den duͤrren Gau entlang, Desselben Wegs wohin ein Wandrer nimmt den Gang. Und wo sie heute gießt und wo sie morgen traͤuft, Trifft sie den Wanderer, der nirgends ihr entlaͤuft. „Der Boden unter mir ist duͤrr, der Himmel oben Ist truͤb, und Staub und Naß hat mich zugleich bestoben. Dann hinter mir wird gruͤn die Flur, der Himmel helle; Mir kommt es nicht zu gut, ich bin an andrer Stelle. Doch einem gluͤcklichern, der hinter mir herschreitet, Ist neubegruͤnte Flur, neuklare Luft bereitet.“ 5. Der letzte Stral von Gold um Berges Haupt zerrann, Und von der Arbeit kehrt nachhaus der muͤde Mann. Die Frau steht in der Thuͤr, reicht ihm das Kind entgegen; Das Huͤndlein laͤuft herfuͤr und wedelt angelegen. Verdrießen laͤßt sichs nicht, daß seine Liebkosungen Der Mann nicht weiter merkt, der liebkost seinem Jungen. Mit vollem Euter kommt die Geis; sein Kind zu nehmen, Weil melken will die Frau, muß sich der Mann bequemen. Die Milch am Feuer kocht, das Kindlein wird gewiegt, Das stille Paar genießt, ihr Gluͤck im Schlummer liegt. O stilles Gluͤck! daheim koͤnnt' ich ein gleiches haben, Und muß mich in der Fremd' am fremden Anblick laben. 6. Warum laͤßt Volksmundart von Frauenlippen sich So lieblich hoͤren, als von Maͤnnern widerlich? Wie rein der Reinheit, ist der Schoͤnheit alles schoͤn; Du hoͤrest, auch wenn sie's nicht spraͤch', ein Wohlgetoͤn, Die Anmuth ist es, die, alswie die Landestracht, Auch Landesart und Sprach' am Weib anmuthig macht. Das Weib natuͤrlich mag in der Natur verharren; Der Mann wird, wenn ers will, zum Toͤlpel oder Narren. Ein leichter Anflug nur von Mundart steht ihm gut, Alswie ein Erdgeschmack der Reben edlem Blut. 7. Ich saß am Baum und schrieb, und weil ich stille war, Wagte sich scheu heran ein Thierlein hie und dar. Vorsichtig spaͤhend schlich ein Eichhorn uͤber'n Zaun; Als ich die Hand erhob, wich es zuruͤck mit Graun. Ein Voͤglein wiegte sich hoch im Gezweig und sang; Als ich das Haupt erhob, entflatterte es bang. Ein Schlaͤngchen schlaͤngelte durch Gras und Gries herbei; Ich hob den Fuß, es floh alsob ich giftig sei. O Mensch, Herr der Natur und Schreck, Tyrann unhuldig Unschuld'ger Kreatur, du selber nicht unschuldig! 8. Am Huͤgel saß ich Nachts, und war dem Thal entronnen, Von dem mir aufwerts klang gedaͤmpfter Schall der Wonnen, Der lauten Weltlichkeit, die mich von sich gescheucht, Und selig fuͤhlt' ich mich im Dunkel warm und feucht. Doch uͤber eine Schlucht zur Seit' heruͤber drang Dein Schlummerroͤcheln, o Natur, und macht mir bang. Ein fluͤsterndes Getoͤn im Laub der alten Ruͤstern, Ein duͤsterndes Gestoͤhn, Geschnaub aus welchen Nuͤstern? Und die unheimlichen Nachtgeister trieben wieder Mich zu der Welt Getoͤs, dem ich entflohn war, nieder. O Herz, das zwischen Welt und der Natur du schwebst, Der einen scheu entstrebst, und vor der andern bebst! 9. Ein heiteres Gemuͤt ist gleich in jeder Lage, Doch lieblich wechselnd, wie der See am schoͤnen Tage; Der amethysten scheint, smaragden und saffieren, In Farben spielend, die in Farben sich verlieren. Wie ihn die Sonn' anregt, wie ihn ein Hauch bewegt, Ist er mit anderen Juwelen uͤberlegt. Nach der Verschiedenheit vom Ufer und vom Grund, Thut dir sein fluͤssiges Gestein sich anders kund. Und jedes Wellchen, das der Flut von Edelsteinen Entsteigt, laͤßt auf der Stirn ein Demantflaͤmmchen scheinen. Doch wo des Ruders Schlag den Spiegel bricht, erfreut Dich eine Demantsaat, verschwendrisch ausgestreut. 10. Ich stand auf einem Berg und sah die Sonn' aufgehn, Der Berg schien inselgleich in einem Meer zu stehn. Denn Morgennebel war durch jedes Thal ergossen, Und alle Seen umher in Einen See zerflossen. Was wahres Wasser sei, was bloßer Wasserdunst, Zu unterscheiden klar vermochte keine Kunst. Doch als die Sonne stieg, ward es von selber klar, Was nur ein Wasserschein, was wirklich Wasser war. Die Nebelhuͤlle schwand, entschleiernd das Gefild, Die Se'en spiegelten voll Glanz der Sonne Bild. 11. Es ragt ein Inselberg, der bis zu seiner Spitze Von seinen Wurzeln auf, traͤgt vielverstreute Sitze, Landbauerwohnungen, jede von ihren Schatten Umgruͤnt, umringt von rind- und rehbegrasten Matten. Den Gipfel aber kroͤnt ein Thurm und Gotteshaus, Rings sichtbar um den Berg von jeder Wohnung aus. Dort oben wohnt erhoͤht, und Niemand fuͤhlt sich hehrer, In Mitten seiner Welt, ein Priester und ein Lehrer. Von ihm aus ruft die Glock' an jedem Abhang nieder, Am Morgen zum Geschaͤft, zur Ruh am Abend wieder. Fruͤh hoͤren sie die Glock', und beten beim Erwachen, Wie sie sie hoͤren spaͤt und Feierabend machen. Am Festtag droben schallt der Lebenden Gebet, Und ihre Todten ruhn dort himmelsluftumweht. Dorthin zur Schule gehn die lernbegier'gen Kinder; Geschwinde gehts hinauf, herunter noch geschwinder. Doch vor der Lehr' und nach steht er auf seinem Thurm, Mißt Wind- und Wolkenlauf, waͤgt Sonnenschein und Sturm. So den Kalender stellt er seinem Voͤlklein immer, Es baut danach sein Feld, und Segen fehlt ihm nimmer. Er aber, der am Tag war seines Volkes Hirte, Wird, wann der Abend naht, den Wanderern zum Wirte. Vom hohen Soͤller spaͤht er, ob ein Gast sich nahe, Der von ihm Speis' und Trank und naͤcht'ge Rast empfahe. Und sieht er keinen nahn, so winkt er seinen Segen Nach allen Huͤtten hin, und geht der Ruh zu pflegen. 12. Zwei Baͤume sah ich heut, Sinnbilder von Verjuͤngung, Des Abgestorbenen lebend'ge Wiederbringung. Ein hoher Fichtenstamm, sein Haupt vom Sturm gepfluͤckt, Statt einer Krone nun mit mehreren geschmuͤckt. Denn aus der Rinde Kraft entsproßten wunderhaft Fuͤnf neue Fichten, schlank wie Tempelsaͤulenschaft. Was, wenn der Hauptstamm blieb, nur waͤr' ein Ast daran, Das war ein Stamm nun selbst mit Aesten angethan. Und alle wuchsen so umher in einem Kranz, Bildend ein Ganzes nur, doch jeder selber ganz; Wie, was ein Staat einst war, nun auseinander trat Zu einem Staatenbund, zu einem Bundesstaat. Sodann ein Ulmenbaum, vom Alter morsch gebrochen, Vermodert ist sein Mark, und muͤrbe seine Knochen. Der Moder aber ward Stockerd' auf seinem Haupt; Da hat sein letzter Zweig, eh ihn der Tod entlaubt, Selbst in den Mutterschooß den Saamen so gestreut, Daß auf sich selbst ein Baum wuchs aus sich selbst erneut. Der abgestorben sich im Boden unten fand, War oben Boden nun, auf dem er selbst entstand. Und angesiedelt hat sich droben ein Gemisch Von Kraͤutern und Gestraͤuch, Verwirrung malerisch. 13. Die alte Fabel fiel mir heute wieder bei, Wie staͤrker milder Sinn als ungestuͤmer sei; Wie eine Wette schloß die Sonne mit dem Winde, Wer einem Wanderer den Mantel ehr entwinde. Da blies der Wind, da zog sein Kleid der Wandrer straffer; Die Sonne schien hierauf, da ließ ers hangen schlaffer. Und als sie lange schien, da zog er's endlich aus, Und ohne Mantel kam der Wanderer nach Haus. So hat mich unterwegs kein Raͤuber ausgezogen, Doch mancher Wirth ums Geld mit Artigkeit betrogen. 14. Die Schenk' ist solch ein Ort, wo dir nichts wird geschenkt, Und was man einschenkt, wird dir theuer eingetraͤnkt. In eine solche trat ich neulich auf dem Lande, Und fand ihr Inneres in recht idyllischem Stande. Ein Fenster offen hier, ein Fenster offen dort, Und Mahlzeit aufgetischt an dem und jenem Ort. Zum einen Fenster stieg herein mit mancher Henne Der Hahn, und pickte stolz die Koͤrner von der Tenne. Zum andern flog herein paarweise Taub' und Tauber, Die lasen das Gesims von allen Kruͤmchen sauber. Doch unter Fittigen der eingeladnen Großen Lief mit manch Kleineres, vom Menschen sonst verstoßen: Der Sperling und der Fink, die Ammer und die Meise, Ein jedes haschte flink auch einen Mundvoll Speise. Mag Hahn und Taube nun mit Kron' und Haube pralen, Sie muͤssen theur das Mahl mit ihrem Leben zahlen. Sie werden von dem Wirth wie jeder Gast gerupft, Und nur die Bettler sind mit heiler Haut entschlupft. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 14 15. Die Schwalb' ist eingethan in Doͤrfern nicht allein, Sie wagt sich, scheuer zwar, auch in die Staͤdt' hinein. In groͤßern Staͤdten wol fliegt wilder nur und scheuer, Kreischend ob dem Gekreisch, die Thurmschwalb' oder Steuer. In kleinern Staͤdten, die zur Haͤlfte laͤndlich sind, Schwebt an der aͤußern Wand der Mauerschwalbe Kind. Die Hausschwalb' aber wohnt, Rauchschwalbe heißt sie auch, Am liebsten auf dem Dorf in stiller Huͤtten Rauch; Wo sie sich abendlich versammeln auf dem Plan, Und sich erzaͤhlen, was sie in den Haͤusern sahn. Doch welche sah ich, die hoch im Gebirge schwirrten Ums einsame Gehoͤft, bewohnt von armen Hirten; Die vor der Einsamkeit nicht schienen dort zu schaudern, Wo sie am Abend nicht mit Nachbarn koͤnnen plaudern. Sie plaudern unter sich, das Paar mit seiner Brut, Und mit dem Hirten, wann er heimkehrt von der Hut. Wie traulichen Verkehr hier Mensch und Vogel pflegen, Sah ich, als beim Gehoͤft ich Obdach sucht' im Regen. Die Leute waren aus, die Thuͤr nicht zugemacht, Kein Hund, der bellte, nur die Schwalben hielten Wacht. Ich fand sie in der Stub', als ich hineingekommen, Sie hatten am Gebaͤlk der Mitte Sitz genommen. Von hier die Thuͤre stand, von dort das Fenster auf, Daß ungehemmt herein, hinaus ergieng' ihr Lauf. Doch unbedachtsam stoͤrt' ich ihren freien Flug, Da ich das Fenster schloß, weil naß mich fror im Zug. Die Leute kamen dann, und fanden ausgeschlossen Vom eingedrungnen Gast die alten Hausgenossen. Mit Pfeifen oͤffnete das Fenster gleich ein Bube, Und eine Schwalbe kam geflogen in die Stube. Die andre folgt' ihr bald, und vom Gebaͤlke nieder Spruͤhten sie uͤber'n Tisch ihr triefendes Gefieder. 14* Ich moͤchte wissen, ob sie hier im Winter bleiben; Vom warmen Ofen kann sie doch kein Frost vertreiben. Auch Nahrungslosigkeit wird hier sie nicht bekriegen; Zum mindsten damals war die Stube voll von Fliegen. 16. Am besten wuͤrdest du in einen Koffer packen Dich lassen, oder auch im Mantelsack einsacken, Und so auf Reisen gehn, wenn du nicht Geld gewannst, Zu fahren ordentlich, und nicht zu Fuß gehn kannst. Fußgaͤnger geht und steht, wo, wie und wann er mag; Die Luft, die ihn durchweht, weckt seines Herzen Schlag. Er hoͤrt und sieht und denkt, bis er ist muͤd geworden, Wo er den Kopf dann haͤngt auch an den schoͤnsten Borden. Doch wer durchfliegen kann die Welt im eignen Wagen, Der fuͤhlt, ein ganzer Mann, vollkommenes Behagen; Schaut vorwerts und zuruͤck, und frei nach allen Seiten, Und laͤßt wie vom Geschick sich von dem Kutscher leiten. Weh aber dem, der, wenn Geld oder Kraft versiecht, Um fortzukommen nur, in Postlandkutschen kriecht; Wo mit viel andern er liegt schichtweis aufgestoppelt, Und mit der Fracht ein Paar von duͤrren Maͤhren hoppelt. Aussteigt er wann er soll, ein wieder wann er muß, Und von der Fahrt ist nichts als Muͤhsal sein Genuß. Vom Wege wird ihm nichts bekannt, als daß er staͤubt, Und vom Gerassel ist selbst das Gespraͤch betaͤubt. Wie duckt er sich und ruckt, wie druckt er sich und zuckt, Bis er durchs Fenster spuckt, oder durchs Fenster guckt. Von Landschaft hascht er schief bald hier bald dort ein Stuͤck, Und bringt kein ganzes Bild davon nach Haus zuruͤck. 17. Was du im taͤglichen Hinleben leicht vergissest, Wo nicht vergissest, doch nach Wuͤrden nicht ermissest, Das Gluͤck der Haͤuslichkeit, der Deinen Lieb' und Treue; Geh auf die Reise nur, so fuͤhlest du's aufs neue: Wenn dir vom Hause kommt ein Brief und Kunde giebt, Daß alles ist gesund, und dich ins Ferne liebt; Ein solcher Gruß, wieviel des Großen du und Schoͤnen Magst draußen sehn, wird erst mit innrer Lust es kroͤnen. 18. Den Weg am Berg empor beschließt ein Gitterthor, Nur schwankend angelehnt; ein Bettler sitzt davor. Er bettelt nicht, gelehnt auf seinen Bettlerstab, Der Betschnur Kuͤgelchen betet er schweigend ab. Er schaut nicht, sondern horcht, denn sein Gesicht ist blind, Ob sich ein Fußtritt naht, dann hebt er sich geschwind. Dem Wandrer oͤffnet er die beigelehnte Pforte; Der Wandrer geht hindurch, und jener bleibt am Orte. Doch gibst du ihm ein klein Almosen, sagt er drauf: So thue Gott dir einst das Paradiesthor auf! Doch wenn du nichts ihm gibst, so sagt er nicht ein Wort, Und ohne Segen gehst du von dem Bettler fort. 19. Im Garten sah ich Baͤum' auf eigne Art benutzt, Die Seitenaͤste samt dem Wipfel weggestutzt. Verwundert fragt' ich, was die Stuͤmmlung soll bedeuten? Und angegeben ward der Grund mir von den Leuten: Nach dieser Seite fiel das Obst dem Waldbach zu, Und oben kam allein des Vogels Flug dazu. Was wir von Aesten hier und droben weggenommen, Auf andern Seiten wird es uns zu Statten kommen. Wir ziehn nicht unsern Baum zur Schoͤnheit wild und frei; Wir ziehn fuͤr uns das Obst, wie schief der Astwuchs sei. 20. Ich sah ein schoͤnes Haus, reich von der Kunst geschmuͤckt, Der Bilder Farbenglut den Waͤnden aufgedruͤckt. Doch war die groͤste Kunst, daß sich die Kunst so breit Nicht machte drin, um auszuschließen Wohnlichkeit. Das ist die rechte Kunst, die, ohne Raum dem Leben Zu nehmen, sich begnuͤgt, ihm heitern Schmuck zu geben. Was hilft es dem, der ganz sein Haus ließ malen an, Wenn er vor lauter Glanz es nicht bewohnen kan? 21. Zwei Pfaͤhle sah ich stehn, der eine weiß und blau, Der andre gelb und schwarz, unlieblich war die Schau. Die beiden sagen an, daß hier Landgrenze sei; Und sagten sie es nicht, so fiel' es mir nicht bei. Denn unveraͤndert ganz von Ansehn und Geberde Huͤben und druͤben ist der Himmel wie die Erde. Die Berge laufen im ununterbrochnen Zug, Und seine Wellen schlaͤgt der Fluß, wie er sie schlug. Hin uͤber'n Schlagbaum ziehn die Wolken nach Gefallen, Die Voͤgel duͤrfen auch nach Lust daruͤber wallen; Die huͤben Nester baun, und druͤben, wenn sie wollen, Ihr Futter holen, ohn' es irgend zu verzollen. Nur Menschen trifft der Plack, daß sie nicht nach Geschmack Einfuͤhren duͤrfen Wein von hier, von dort Taback. 22. Was sucht ihr, Reisende, in des Gebirges Schanzen? Was, erster, suchest du? „Ich suche Stein' und Pflanzen.“ Und reichlich findest du. Was suchest du, o zweiter? „Ansichten, Landschaften.“ Hier sind sie ernst und heiter. Was, dritter, reisest du? „Die Reise zu beschreiben.“ Auch gut, doch koͤnntest du wol etwas beßres treiben. Und endlich, vierter, du ? „Ich reise zum Vergnuͤgen.“ Warum doch sagst du das mit misvergnuͤgten Zuͤgen? Mit Allem wird von selbst Vergnuͤgen sich verbinden; Vergnuͤgen aber, das man sucht, ist nicht zu finden. 23. Aus Felsen springt der Quell, und Freiheit will ihm ahnen, Das Schicksal reißt ihn schnell auf ungewaͤhlte Bahnen. Er moͤchte dort hinab, doch er muß da hinunter; Er schlingt und schlaͤngelt sich, und spielt mit Kieseln munter. Er sammelt sich zum See, doch seine Lust ist kurz; Er muß aus weichem Bett zum jaͤhen Wassersturz. Da meint er zu verspruͤhn, doch kurz ist auch die Qual; Er schnaufet aus, und fließt ein stiller Fluß im Thal. O Wandersmann am Quell, so wechselt Leid und Gluͤck; Das Leben rinnet schnell, und kehret nie zuruͤck. 24. Die Zeit ist kurz, wenn voll; die Zeit, wenn leer, ist lang. Was macht sie leer und voll? deiner Gedanken Gang. Wenn viel du siehst und hoͤrst, was viel dich denken macht, So ist die Stund' entflohn rascher als du gedacht. Wenn du nur siehst und hoͤrst, was dir gibt kein Gefuͤhl, So stockt die leere Zeit im leeren Weltgewuͤhl. Wenn du auch gar nichts siehst und hoͤrst, nur traͤumst und sinnest, Wird kurz die Zeit indem du lange Faͤden spinnest. Doch wenn im Denken stets dich Ein Gedanke stoͤrt, So hat des Denkens Zeitverkuͤrzung aufgehoͤrt. Dann geht es dir wie mir, da, was ich auch beginne Zu denken, mir nur Ein Gedanke liegt im Sinne. Was ist zu thun? wenn du nichts anders recht kannst denken? Ganz in den einzigen Gedanken dich versenken. Ich denke, daß dein Brief nun kommen muß und soll, Und der Gedanke macht die leere Zeit mir voll. Ich denke, daß der Brief nun kommen soll und muß, Und vor der Thuͤre schon hoͤr' ich des Boten Fuß. 25. Hoch im Gebirge lag ein stiller See, und gab Nur einen schmalen Bach dem Fluß im Thal hinab. Er hielt die Spalten eng, daraus sein Abfluß quoll, Und weise Maͤßigkeit erhielt ihn immer voll. Da rief zum See hinauf der Strom mit lautem Grollen: Warum nicht reicheren Tribut willst du mir zollen? Anstatt in traͤger Ruh auf deinem Grund zu stocken, Stuͤrz dich in mich herab, und laß dein Bette trocken! Der See dagegen sprach: O Strom, du bist so reich; Soll alles Wasser denn im Thale seyn zugleich? Mit deinen Schaͤtzen magst du rasch und breit hinfließen; Laß eines Spiegels auch die Einsamkeit genießen. Du traͤnkest Roß und Rind, ich traͤnke Hirsch und Hind; Und meine Wogen lind regt Fruͤh- und Abendwind. Ich wuͤrde, folgt' ich dir, truͤb werden wie du bist, Da hier mein tiefes Blau der Neid des Himmels ist. 26. Sanskrit, das einen Satz gern in Ein Wort verbindet, Nennt, wer zu Haus ist da, wo ihn der Abend findet, Es nennt ihn „Abendheim“ den Mann vom Bettlerorden, Der keine Heimat hat, wie ich nun bin geworden, Doch nicht auf Lebenszeit, dem strengen Jogi gleich, Der arm an jedem Gut, und nur an Stolz ist reich. Ich habe nicht wie er die Heimat aufgegeben, Ich fuͤhle ihren Hauch mich uͤberall umschweben. Ich weiß an jedem Tag, wo meine Heimat ist, Und bin am Abend dort, o Liebe, wo du bist. 27. Ich hab' in tiefer Nacht im tiefen Thal gewacht, Und aus dem Fenster staunt' ich an der Berge Macht. Kein Lispel war im Thal, und in der Sterne Stral Sahn geisterhaft herab die Haͤupter starr und kahl. Da kam der Nachtluft Zug, und laut ans Ohr mir schlug Ein Menschenruf, den sie auf lauem Fittig trug. Wer wird es seyn? ein Hirt, der taglang unverirrt Die Herde droben hielt, und mit ihr ruhn jetzt wird. Er thut aus voller Brust noch diesen Schrei der Lust, Und in der Einsamkeit bleibt er sich sein bewust. Empor zum Himmel steigt, wenn rings die Oede schweigt, Der Ruf des Menschen, der als Herr der Welt sich zeigt. 28. Die Kirch' hat an den Weg ihr Gottesbild gestellt, Davor anbetend, wer vorbeigeht, niederfaͤllt. Dahinter hat der Fuͤrst gestellt sein eignes Bild, Das nimmt nun seinen Theil von dem, was jenem gilt. Denn jeder wer nun faͤllt vorm Gottesbilde nieder, Zu beugen scheint er auch vorm Fuͤrsten seine Glieder. Ihr Fuͤrsten, wenn ihr wollt geehret euern Thron, Verbuͤnden muͤßt ihr euch mit der Religion. 29. Ein Gottesbild am Weg; andaͤchtig hin wird treten Der Wanderer, und eh er weiter wandert, beten. Ein zweites Bild, er wird auch Andacht ihm bezeugen! Ein drittes, und er wird villeicht ein Knie noch beugen. Ein viertes, und er wird das Haupt noch fluͤchtig buͤcken; Ein fuͤnftes, und er wird den Hut nachlaͤssig ruͤcken. Und wenn ihr immer mehr und immer wieder kehrt, Geht er zuletzt vorbei, und laͤßt euch ungeehrt. 30. Dir wuͤnsch' ich, Wanderer des Weges und des Lebens, Befriedigung der Lust, und Lust des Weiterstrebens, Den Himmel blau und rein, die Luͤfte gleichgewaͤgt, Und soviel Sonnenschein als nur dein Aug' ertraͤgt, Und soviel Regen nur, daß uͤber Nacht erlischt Der Staub, und Wald und Flur dir laͤchelt neu erfrischt. 31. Ein schoͤner Garten lag am Weg, ich stand davor; Die Mauer war zu hoch, und eng das Gitterthor. Nur soviel kann ich sehn als meine Neugier reizt, Anstatt befriedigt. Weh dem Reichen, der so geizt! Wenn Eintritt mit dem Blick nicht einmal den Beschauern Du goͤnnest, solltest du den Garten ganz vermauern. 32. Ich sah auf einer Trift zusammen Roß und Rind, Gemischt, wie Ritterschaft und baͤurisches Gesind. Die Rinder hatten nicht Roßadel angenommen, Zu Rindes Ansehn war das edle Roß gekommen. Wo irgend hohes sich und niedres will anneigen, Wird Hohes ehr herab als Niedres aufwerts steigen. 33. Soviel in eurer Art ist einfach, uranfaͤnglich; Warum? nur weil ihr seid der Bildung unempfaͤnglich. Wenn unempfaͤnglich nicht, der Bildung doch nicht werth; Ihr seid so wahr wenn roh, so falsch wenn aufgeklaͤrt. Euch scheinet ganz und gar versagt die rechte Mitte, Die Roheit abzuthun ohn' abzuthun die Sitte. 34. Ich fuhr den See hinab und wollt' ihn recht beschaun, Ich fieng vom Naͤchsten an, dem Schiffermaͤdchen braun, Das gegenuͤber saß, den Blick mir zugewendet; Ins Auge sah ich ihr, und war davon verblendet. Und als ich anderer Aussichten noch genossen Als der auf ihr Gesicht, war meine Fahrt geschlossen. 35. Weil du irrgiengest, weil du dich irrfuͤhren ließest, Kamst du an beßres Ziel als du dir selbst verhießest. Das ist recht schoͤn vom Gluͤck, das ist von Gott recht gut, Dem Herrn, auf des Geheiß die Magd solch Wunder thut. Sei dafuͤr dankbar nur! doch waͤr' es hinterruͤcks, Wenn du mit Fleiß irrgiengst in Hoffnung gleichen Gluͤcks. 36. Der Regen geht herab in Stroͤmen, landerquickend; Wie oft erflehtest du daheim ihn, aufwertsblickend! Im fremden Lande nun verwuͤnschest du den Segen, Weil er dem Wanderer zum Koth wird auf den Wegen. Du hast fuͤr die Natur und alle Kreatur Ein menschlich Mitgefuͤhl in deinem Kreise nur. 37. Es steht ein Fels am Weg, gehst du an ihm vorbei, So faͤllt dir gar nicht ein, daß er was andres sei; Doch bist du nun vorbei, und wendest dich zuruͤck, So zeigt ein menschliches Gesicht das Felsenstuͤck. Ist es mit manchen Herrn wie mit dem Felsen nicht? Sie haben nur von fern ein Menschenangesicht. 38. Ich gieng, die Gegenden zu sehn, die auch mich freuten; Doch mehr als ich gedacht, labt' ich mich an den Leuten. Die maͤchtige Natur tritt in den Hintergrund Vor den Bewohnern schoͤn, treu, tuͤchtig, kerngesund. Das Landschaftbild ist nicht die hoͤchste Malerei; Ich weiß nun, daß der Mensch das Kunstwerk Gottes sei. 39. „Du sahst die Leute nur, gestehs, von einer Seite, Der guten; sieh genau, so zeigt sich bald die zweite.“ Mag seyn! doch war ich froh, daß sie die gute hatten; Von selber freilich ist bei jedem Lichte Schatten. Doch selber das beweist des Lichtes Staͤrke ja, Daß ich vor seinem Glanz die Schatten uͤbersah. 40. O Held, du bist im Kampf fuͤrs Vaterland gefallen, Drum steht dein Bild mit Recht hier in des Tempels Hallen. Verrathen hat man dich, geopfert dich im Leben; Zur Suͤhnung mußte man dich so im Tod erheben. Heil dir! wie hochgeehrt du koͤnntest stehn auf Erden, Zum Heil'gen konntest du doch nur als Maͤrtrer werden. 41. Lebt oder starb der Mann, der den Verrath begieng, Wodurch des Feindes Macht den theuern Helden fieng? „Er lebt.“ Gelobt sei Gott, daß er noch buͤßen kann, Was er am Vaterland verbrach und an dem Mann. Ist er reich oder arm? „reich!“ ihm o desto schlimmer, Zur Reue wird er spaͤt gelangen oder nimmer. Doch hat er Kinder? „Nein!“ Nun gut, so mag er sterben, Ohn' auf Unschuldige den Schuldfluch zu vererben. 42. Die Minnesingerharf', an der von allen Saiten Nur eine ganz blieb als ein Nachhall schoͤnrer Zeiten, Hab' ich auf Schloß Ambras gesehn, indem ich dachte, Wie soviel Herrlichkeit die Zeit zu Schanden machte. Das Schloß, wo Ferdinand wohnte mit Philippinen, Muß zur Kaserne jetzt welschen Soldaten dienen. 43. Hier steht das Schloͤßlein noch, von dessen Hochaltan Aufs Innthal niedersah Held Maximilian. Hier steht der Steintisch noch, wo er hielt in der Hand Den Humpen, eh er sich verstieg zur Martinswand. Hier ist noch farbenhell zu sehn der Baldachin, Wo zu Gericht er saß; wo ist er selber hin? 44. Ein eigner Anblick ists, im sommerlichen Thal Die nackten Schnitter sehn, gebraͤunt vom heißen Stral, Und druͤber hoch herein der Alpe Schneefeld hangen, So nah, daß man es meint mit Haͤnden zu erlangen. Es schmilzt nicht von der Glut, und bleibt dort ewig kuͤhl, Doch kuͤhlt sein Anblick nicht, und macht hier doppelt schwuͤl. 45. Ich will nicht wohnen an der Wasserfaͤlle Brausen, Noch wohnen an der schneebedeckten Berge Grausen. Das Alles will ich im Voruͤbergehn besehn, Doch meine Wohnung soll in stillen Schatten stehn. Denn wol die Seele schwellt Erhabenheit mit Schauer, Doch Anmuth nur gefaͤllt und freut auf laͤngre Dauer. 46. Du kannst nicht aͤußerlich die ganze Welt umfassen, An innrer Ganzheit mußt du dir genuͤgen lassen. Die Welt ist uͤberal ein ganzer Gottesglanz, Wo sie der Liebe Stral verschlingt um dich zum Glanz. Da ist das Kleine groß, und nicht das Große bloß, Da siehst du Groß und Klein die Welt in Gottes Schooß. 47. Wer immer Schoͤnes sieht, muß selber schoͤn auch werden, An Seelenmienen schoͤn und geistigen Geberden. Und wo die Schoͤnheit erst geworden innerlich, Da tritt sie auch hervor und zeigt im Aeußern sich. Ein Engelmaler kann des eignen Leibes Maͤngel Nicht uͤberwinden, doch zeugt Kinder schoͤn wie Engel. 48. Sieh, alles was dich sonst geaͤrgert hat zu Haus, Wie soͤhnest du damit dich nun auf Reisen aus! Wie aͤrgerte dich sonst ein grauer Regentag, Wo mit den Blumen matt der Geist danieder lag. Nun freut ein solcher dich, an dem du still einmal Darfst liegen, und nicht mußt durchschweifen Berg und Thal. Ruͤckert , Lehrgedicht V. 15 49. „Was hast du nun im Brief fuͤr Neuigkeit erhalten?“ Gar kein' als daß daheim noch alles ist beim Alten. Und weiter wuͤnsch' ich nichts, als daß dort alles bleibe Beim Alten, außer dem was Neues heim ich schreibe. 50. So sang ein Wandersmann im baumlosen Gefild, Gelagert unterm Stamm von einem Gottesbild: Wo nichts mir Obdach gibt, gibst Obdach du und Schatten; Erquicktest du mich nicht, muͤßt' ich im Brand ermatten. 51. Vergißmeinnicht, du bluͤhst an fremden Baches Bord, Und fluͤsterst mir auch hier: Vergißmeinnicht! dein Wort. Sag' an, Vergißmeinnicht, durch deinen Mund wer spricht? Die Liebe, die nie dein vergißt, vergiß ihr nicht! 52. Des Berges Haupt ist kahl, doch fruchtbar ist sein Fuß; Der Bach war oben schmal, breit unten ist der Fluß. Des troͤste dich, wenn du dich senken mußt statt heben; Jemehr es abwerts geht, je reicher wird das Leben. 53. Ich sah am Abende des Mondes wachsend Horn, Der, seit ich wanderte, sich hatte neu geborn; Und sprach: die Sonne hat mir manchen Tag gelacht, Nun troͤstet auch der Mond den Wandrer in der Nacht. 54. Wenn immer Aussicht waͤr' auf malerische Hoͤhn, Saͤhst du, o Wandrer, nie die Blum' am Wege schoͤn. Wo Großes vor dir steht, da mußt du es betrachten; Und wo das Große fehlt, lernst du auf Kleines achten. 15* 55. Hold ist nur die Natur, wo sie die Huld bezwang, Wo sie der Menschengeist mit Liebeshauch durchdrang. Hier aber seh' ich sie noch unbezwungen frei, Und fuͤhle, daß sie so nicht meine Freundin sei. 56. Wo nicht als Ackersmann, als Fischer oder Jaͤger Der Mensch sich naͤhren kann, wird er der Kuͤnste Pfleger. Er drechselt, boßelt, schnitzt, macht Floͤt' und Floͤtenuhr, Und reiche Kunst entspringt aus duͤrftiger Natur. 57. Die Kunst — das koͤnnen wir in Kunstgeschichten lesen — Bescheidnes Handwerk ist sie im Beginn gewesen. Nun kehrt die Kunst, die sich so vornehm macht und breit, Zum Handwerk wieder, doch nicht zur Bescheidenheit. 58. Ehr' hat ihr Ungemach; oft ziehn muß seinen Hut Ein Mann, dem jedermann des Gruͤßens Ehr' anthut. Ein solcher, wenn er fein will danken allen Gruͤßen, Wird einen neuen Hut des Jahrs mehr haben muͤßen. 59. Die Reis' in fremdes Land ist dazu gut vor allen, Daß du kannst deinen Stand ausziehen nach Gefallen. Dir, wo du unbekannt, im Volksgetuͤmmel schwimmst, Nimmt Niemand uͤbel, was du dir nicht uͤbel nimmst. 60. Kein Held, wer durch die Flucht Versuchungen entgeht; Ein Held ist, wer, versucht, der Lockung widersteht. Doch ist das ein garsehr gefaͤrlich Heldenthum; Such du die Sicherheit, und nicht den Heldenruhm. 61. Stets unterhaltend ist die Reise fuͤr den Mann; Bald ziehn die Gegenden, bald dich die Menschen an. Und wo anziehend nicht der Mensch ist noch die Gegend, Gehst du Gespraͤch mit dir und fernen Lieben pflegend. 62. Erst freust du dich hinaus, dann freust du dich zuruͤck; Nun freue dich zuhaus! die Reise, welch ein Gluͤck. Lang freutest du dich vor, und freust dich lange nach; Was thuts, wenn unterwegs einmal die Lust gebrach? 63. Nicht in der Einsamkeit bist du allein; es spricht Dir Vogel, Wald und Strom, zwar was? verstehst du nicht, Doch kannst du wie du willst nach deinem Sinn es deuten, Nicht aber das Gespraͤch von widerwaͤrtigen Leuten. 64. Die freie Herde springt vorm Hirten laͤutend her; Ein einzig Zicklein fuͤhrt am rothen Baͤndchen er. Ist es sein Liebstes, das nie seinem Band entweicht? Ist es das stoͤrrische? Beides zugleich villeicht. 65. O Wandrer im Gebirg, hier beides findest du, Des Steins Anstoß am Fuß, des Steinchens Druck im Schuh. Doch laß dich nur den Druck, den Anstoß dich nicht kuͤmmern, Und schreite wohlgemut hin ob der Welt in Truͤmmern. 66. Das Wetter wechselt, und es wechseln Menschenkaunen, Die Landschaft wechselt auch; was ist da groß zu staunen, O Wanderer, wenn du bist dreifach launenhaft, Nach der Natur, der Reis' und deiner Eigenschaft! 67. Suͤß muß es Schwachen seyn, des starken Feinds zu spotten, Wie um die Eule schreyn am Tage Kraͤhenrotten. Die fromme Schwalbe sticht im Flug auf eine Katze, Lustkreischend, daß umsonst sie streckt nach ihr die Tatze. 68. An heil'ger Berge Fuß zu wohnen mag erheben, Auf Andachtfluͤgeln wird der Geist sie uͤberschweben. Doch ungeheiligte vom Glauben druͤcken nur, Und lieber wohn' ich fern davon auf offner Flur. 69. Die Pflanzen lieb' ich, die im Bluͤhn und Welken gleichen Den Menschen, aber schoͤn und lieblich sind als Leichen. Dem Leben widerig ist jede Todesspur, Und malerisch ein Baum ein abgestorbner nur. 70. Des Kunstwerks Kunst ist nur fuͤrs Kuͤnstlerauge da, Unsichtbar aber ist sie auch dem Laien nah, Die so fuͤr ihn den Reiz des Gegenstands verstaͤrkt, Daß er den Zauber auch, ohn' ihn zu kennen, merkt. 71. Des Menschen Glaube praͤgt in seinem Thun sich aus, Formt seine Zuͤg' und blickt ihm zu dem Aug' heraus. Sein Glaub' ist es der ihn aufrichtet oder buͤckt, Zum Himmel ihn erhebt, zum Boden niederdruͤckt. 72. Bist du im fremden Land, so mußt du dich bequemen Der Landesart, doch brauchst du sie nicht anzunehmen. Und in der Heimat sei einst dieses dein Gewinn: Trag Andrer Sinnesart, und bleib bei deinem Sinn. 73. Im Sonnenschein mußt du mit dir den Mantel tragen, Wenn du ihn haben willst im Regen umzuschlagen. Villeicht traͤgst du ihn mit als unnuͤtz Hindernis; Doch laß ihn nur zu Haus, so fehlt er dir gewis. 74. Du Ueberschrift am Weg sagst: „Hemme deinen Gang, O Wanderer, und lis!“ Allein du bist zu lang. Sei kurz, o Ueberschrift! so bleib' ich gerne stehn; Doch du bist laͤnger als der Weg, den ich muß gehn. 75. Hinaus aus dieser Schluft, aus dieser Kluft hinaus! Daraus hinaus verlangt selbst wer drin ist zu Haus. Daraus hinaus verlangt des Wildbachs lauter Braus: Hinaus aus dieser Schluft, aus dieser Kluft hinaus! 76. Ein weites Zimmer macht weit die Gedankenwelt, Ein schoͤnes helles hat den Sinn verschoͤnt, erhellt. Da kann kein Filosof ein dumpf System erbau'n, Und kein Poet darin truͤbsel'ge Verse brau'n. 77. Du Bollwerk der Natur, Gebirg von Gott gegruͤndet, Von jedem Wandrer sei dein Ruhm der Welt verkuͤndet! Auch ich hab' angestaunt die Schanzen und Basteien, Und freue mich, daß ich nun wieder bin im Freien. 78. Was hilft es, daß du dir die fremden Weg' einpraͤgtest? Du gehst sie doch nie mehr, wann du zuruͤck sie legtest. 79. Auch dis muß seyn erlebt, auch dis muß seyn ergangen, Um dann im Leben nie danach mehr zu verlangen. 80. Wenn dir's an jedem Ort, o Wandersmann, gefiele, So bliebst du liegen dort und kaͤmest nie zum Ziele. 81. Der Meilenzeiger kann dir zeigen wol die Meilen; Die Kraͤfte sie zu gehn kann er dir nicht ertheilen. 82. Die Qual ist bei der Wahl; viel Wege breit und schmal, Gehn darfst du jeden, doch nur einen auf einmal. 83. Selbst deine Uhr geraͤth in Unordnung auf Reisen; Sie fuͤhlt sich, wie du selbst, geruͤckt aus ihren Kreisen. 84. Zwei Schlechte geben oft ein Gutes im Verein, Ein leidliches Getraͤnk schlecht Wasser, schlechter Wein. 85. Wer faͤllt, steht wieder auf; deswegen nimmt im Wallen Sich doch kein Kluger vor, um aufzustehn, zu fallen. 86. Weltweisheit ist die Kunst, die schlecht sich auf Weltweise Versteht; Weltklugheit ist weit nuͤtzlicher zur Reise. 87. Was thut's wenn dich die Welt um weltlich Gut betrog, Wenn sie dir nur das Kleid des Gleichmuths nicht auszog. 88. Wer dich betrog, der wird dich obendrein auslachen; Doch nur getrost! du mußt dir auch aus dem nichts machen. 89. Daheim, o Wandrer, magst du allen Liebe tragen, Doch in der Fremde gilts dich ruͤstig durchzuschlagen. 90. Begnuͤgsamkeit ist doch des Menschen groͤstes Gluͤck; Wie freut den Armen ein geschenktes Groschenstuͤck! 91. Ganz in Vollkommenheit siehst du kein Ding erglaͤnzen; Warum? damit dein Geist hab' etwas zu ergaͤnzen. 92. Die Welt ist ungetreu, die Menschen, die Natur, Treu bin ich selbst mir nicht, getreu bist du mir nur. 93. Blick' in die Welt hinaus, und sieh, viel andre Raͤder Erhalten sie im Gang, als deine Schreibefeder. 94. Nicht nur erkennen, wie gering du seist, mußt du; Du mußt zufrieden auch und freudig seyn dazu. 95. Was man zum Guten wie zum Boͤsen deuten kan, Nimm, sei's zum Boͤsen auch gemeint, zum Guten an. 96. Erfahren muß man stets, Erfahrung wird nie enden, Und endlich fehlt die Zeit, Erfahrnes anzuwenden. 97. Thu nur als wissest du, um dir die Scham zu sparen, Was du nicht weißt; und so wirst du es nie erfahren. 98. Ein Heimchen schwirrt, und macht den Wanderer gedenken Der Heimat; so vermag den Sinn ein Klang zu lenken. 99. Was ist an Fluren schoͤn? was schoͤn ist auch am Leben: Beschraͤnkung reizende und Aussicht zum Erheben. 100. In Hellas wuchs die Kunst, vom Sinn des Volks gefordert, Die wachsen soll bei uns, vom Herrscherwort beordert. 101. Der Fluß bleibt truͤb, der nicht durch einen See gegangen, Das Herz unlauter, das nicht durch ein Weh gegangen. 102. Den Fluß nach Regenguß truͤb gehn sehn, ist natuͤrlich; Doch geht er immer truͤb, so find' ichs ungebuͤrlich. 103. Ein nochso schoͤner Fluß, darauf nicht Schiffe gehn, Ist wie ein Ackerfeld, wo keine Saaten stehn. 104. Fruchtbaͤume wird man nicht im wilden Wald erwarten, Dagegen aͤrgern mich Waldbaͤum' im Kuͤchengarten. 105. Ich kann nicht essen, wenn ich andre hungern sehe; An Hunden aͤrgerts mich, an Menschen thut mirs wehe. 106. Der gelbe Wein ist Gold, der rothe Wein ist Blut; Dem Golde bin ich hold, dem Blute bin ich gut. 107. Wie mit dem Eignen sich der Eigner muß begnuͤgen, So muß ein Fremder auch sich in das Fremde fuͤgen. 108. O Wanderer am Bach, geh nur dem Wasser nach, Es fuͤhret sicher dich zu Menschendach und Fach. 109. Der Baum, der Fruͤchte traͤgt, traͤgt eine schoͤne Last; Nie fehlt ihm Gab' und Lab', und ein dankbarer Gast. 110. Sei selbst ein Mann, wo nicht, such' eines Mannes Schutz! Den Stamm des Baumes macht die Ranke sich zu Nutz. 111. Noth ist die Wage, die des Freundes Werth erklaͤrt, Noth ist der Pruͤfstein auch von deinem eignen Werth. 112. Und wenn sie wie das Korn dich in den Boden traten, So gehst du auf wie es, und wirst zu gruͤnen Saaten. 113. Die Vogelscheuche, die den scheuen scheucht, wird reizen Den kuͤhnen Vogel, dem sie sagt, reif sei der Weizen. 114. Zur Weggenossenschaft gehoͤren beide Gaben, Nicht blos ein gleiches Ziel, auch gleichen Schritt zu haben. 115. Die schwarze Wolke truͤbt des Himmels reines Blau, Weil sie erfrischen will das welke Gruͤn der Au. 116. Der Hunger schlaͤft im Zahn, bis ihn die Speise weckt; Versuch es und beiß an, so schmeckst du, daß es schmeckt. 117. Der Anker haͤlt den Kahn, und laͤßt ihn nicht versinken, Und haͤlt an ihm sich an, um selbst nicht zu ertrinken. 118. Die Birnen fallen hart vom hohen Zweig zur Erde; Wenn du zu Fuße gehst, so faͤllst du nicht vom Pferde. 119. Ein Bettler geht nie irr, er geht an jedem Ort Seinem Geschaͤfte nach, und bettelt hier und dort. 120. Wen du arbeiten siehst, dem beut du selbst den Gruß; Nicht bieten kann er ihn, weil er arbeiten muß. 121. Die Bluͤte traͤgt sich leicht, viel leichter als die Frucht; O schlanker Fruͤhlingsaft, wie beugt dich Herbsteswucht! 122. Wer hin die Haͤlfte gab, verliert das Ganze nicht; Der Baum wirft Aepfel ab, damit der Ast nicht bricht. 123. Die Wasser rauschen hin wie Weltbegebenheiten, Und ihres Rauschens Grund sind Erdunebenheiten. 124. Der hohe Thurm erscheint am Fuß der Berge klein; Und stuͤnd' er oben drauf, wuͤrd' er noch kleiner seyn. 125. Leicht schenkst du hin, was schwer dir nicht ward zu gewinnen; Die Wolke schoͤpft vom Meer, und laͤßts zur Erde rinnen. 126. Zu Hause bin ich nicht, wo meine Heimat ist; Da ist die Heimat mein, wo du zu Hause bist. 127. Du kannst mit einem Schlag ins Wasser zwar es theilen, Doch wirds im Augenblick wieder zusammen eilen. 128. Was nur vom Himmel kommt in gut und schlechten Tagen, Schnee, Regen, Sonnenschein, das muß die Erd' ertragen. 129. Im Reisfeld steht der Reis bis an den Hals im Wasser, Alswie der Baur im Schweiß, im Ueberfluß der Prasser. 130. Der Ochs vorm Pflug einher, und hinterm Pflug der Bauer, Dem einen wird es schwer, dem andern schwer und sauer. 131. Der Bauer hat die Noth, der Ochse hat die Plage; Der Bauer schreit ums Brot, der Ochs' hat keine Klage. 132. Herr Hunger legt das Fett auf einen magern Bissen, Und auf ein hartes Bett Frau Muͤdigkeit das Kissen. 133. Im Wasser liegt der Stein, und wird davon nicht weich; Ein Thor nimmt Weisheit an, und bleibt sich selber gleich. 134. Siehst du das Taucherlein, wie flink es untertaucht? Gewis am Grund des Sees ist etwas, das es braucht. 135. Wo ein Volkshaufen ist, da ist von Staub die Wolke; Willst du im Staub nicht gehn, so geh nicht mit dem Volke. 136. Wer immer Anspruch macht auf das was nicht beschieden Ihm ward, ist mit der Welt bestaͤndig unzufrieden. 137. Des Menschen Boͤs und Guts liegt nicht an Stand und Lage, Kommt nicht dadurch zu Stand, doch kommts dadurch zu Tage. 138. Mein Reisethier ist muͤd' und weiter kann ich nicht. Aufblickt' ich und mir lag die Herberg' im Gesicht. 139. Am Ende siehts ein Thor, ein kluͤgrer in der Mitte, Und nur der Weise sieht das Ziel beim ersten Schritte. 140. Wie anfangs man geirrt, das findet man am Ende; O daß ichs wenigstens auf halbem Wege faͤnde! 141. Der Berg, der sich im Licht ewig zu sonnen glaubt, Die Schatten wachsen doch ihm Abends uͤbers Haupt. 142. Du mußt nicht auf den Leib zu nah den Bergen gehn, Sie sind im Duft der Fern' am schoͤnsten anzusehn, 143. Der Berg, von vorne steil, wird hinten leicht erklommen; Nichts ist so schwer, es gibt Mittel ihm beizukommen. 144. Nicht Großes nur ist groß, nicht Kleines nur ist klein; Nicht die Gestalt ist es, nur der Gedank' allein. 145. Du fragst, was von der Reis' ich dir mit heim gebracht? Gedanken, die ich mir hab' unterwegs gemacht. 146. Vergessen wird, wie was man sieht, auch was man denkt; Doch zum Andenken sei dies Buͤchlein dir geschenkt. Leipzig , Druck von Hirschfeld.