Briefe zu Befoͤrderung der Humanitaͤt. Briefe zu Befoͤrderung der Humanitaͤt. Herausgegeben von J. G. Herder . Zehnte Sammlung . Riga, 1797. bei Johann Friedrich Hartknoch . 114. A ber warum muͤssen Voͤlker auf Voͤlker wirken, um einander die Ruhe zu stoͤren? Man sagt, der fortgehend-wachsenden Cul- tur wegen; wie gar etwas anders sagt das Buch der Geschichte! Hatten jene Berg - und Steppen - voͤlker aus Nord-Asien, die ewigen Be- unruhiger der Welt, es je zur Absicht, oder waren sie je im Stande, Cultur zu verbreiten? Machten die Chaldaͤer nicht einem großen Theil der alten Herrlichkeit des Vorder-Asiens eben ein Ende? At - tila , so viele Voͤlker, die ihm vorgingen und nachfolgten, wollten sie die Fortbil- dung des Menschengeschlechts befoͤrdern? Haben sie sie befoͤrdert? Ja die Phoͤnicier , die Karthager mit ihren geruͤhmten Colonien, die Grie - chen selbst mit ihren Pflanzstaͤdten, die Roͤmer mit ihren Eroberungen, hatten sie diesen Zweck? Und wenn sich durch das Reiben der Voͤlker an einander hier etwa diese Kunst, dort jene Bequemlichkeit verbreitete; leisten diese wohl Ersatz fuͤr die Uebel, die das Draͤngen der Nationen auf einander dem Siegenden und dem Be- siegten gaben? Wer vermag das Elend zu schildern, das die Griechischen und Roͤ- mischen Eroberungen dem Erdkreise, den sie umfaßten, mittelbar und unmittelbar brachten? Die franzoͤsische Schrift de la felicité pu- blique ou considerations sur le sort des hommes dans les differentes epoques de l'histoire. Amsterd. 1772. behandelt ein Thema, dem nicht gnug Aufmerksamkeit ge- widmet werden kann. Wozu die Geschichte, wenn sie uns nicht das Bild der gluͤcklichen oder ungluͤcklichen, der verfallenden oder sich aufrichtenden Menschheit zeiget? Selbst das Christenthum , sobald es als Staatsmaschiene auf fremde Voͤlker wirkte, druͤckte sie schrecklich; bei einigen verstuͤmmelte es dergestalt ihren eigenthuͤm- lichen Charakter, daß keine anderthalb- tausend Jahre ihn haben zurechtbringen moͤgen. Wuͤnschten wir nicht, daß z. B. der Geist der nordischen Voͤlker, der Deut - schen , der Galen , Slaven u. f. un- gestoͤrt und rein aus sich selber haͤtte her- vorgehen moͤgen? Und was nutzten die Kreuzzuͤge dem Orient? Welches Gluͤck haben sie den Kuͤsten der Ostsee gebracht? Die alten Preußen sind vertilget; Liwen , Ehsten und Letten im aͤrmsten Zustande fluchen im Herzen noch jetzt ihren Unterjochern, den Deutschen. Was endlich ist von der Cultur zu sa- gen, die von Spaniern , Portugie - sen , Englaͤndern und Hollaͤndern nach Ost- und Westindien, unter die Ne- gern nach Afrika, in die friedlichen Inseln der Suͤdwelt gebracht ist? Schreien nicht alle diese Laͤnder, mehr oder weniger, um Rache? Um so mehr um Rache, da sie auf eine unuͤbersehliche Zeit in ein fort- gehend-wachsendes Verderben gestuͤrzt sind. Alle diese Geschichten liegen in Reisebe- schreibungen zu Tage; sie sind bei Gele- genheit des Negerhandels zum Theil auch laut zur Sprache gekommen. Von den Spanischen Grausamkeiten, vom Geiz der Englaͤnder, von der kalten Frechheit der Hollaͤnder, von denen man im Taumel des Eroberungswahnes Heldengedichte schrieb, sind in unsrer Zeit Buͤcher geschrieben, die ihnen so wenig Ehre bringen, daß viel- mehr, wenn ein Europaͤischer Gesammtgeist anderswo als in Buͤchern lebte, wir uns des Verbrechens beleidigter Mensch - heit fast vor allen Voͤlkern der Erde schaͤ- men muͤßten. Nenne man das Land, wo- hin Europaͤer kamen, und sich nicht durch Beeintraͤchtigungen, durch ungerechte Kriege, Geiz, Betrug, Unterdruͤckung, durch Krank- heiten und schaͤdliche Gaben an der unbe- wehrten, zutrauenden Menschheit, vielleicht auf alle Aeonen hinab, versuͤndigt haben! Nicht der weise, sondern der anmaa - ßende , zudringliche , uͤbervor - theilende Theil der Erde muß unser Welttheil heißen; er hat nicht cultivirt, sondern die Keime eigner Cultur der Voͤlker, wo und wie er nur konnte, zer- stoͤret. S. unter hundert andern des menschlichen le Vaillants neuere Reisen ins Innere von Afrika, Berl. 1796. mit Reinhold Forsters Anmerkungen. „Nicht nur am Vorgebuͤrge der guten Hoffnung , sagt dieser schaͤtzbare Gelehrte, (Th. 1. S. 69.) sondern auch in Nordamerika , an der Hudsonsbay , in Senegal , am Gam - bia , in Indien , kurz allenthalben wohin Europaͤer kommen, betriegen sie die armen Eingebohrnen im Handel. Besonders macht England, das neue Karthago, den Namen Was ist uͤberhaupt eine aufgedrungene, fremde Cultur? eine Bildung, die nicht aus eignen Anlagen und Beduͤrfnissen her- vorgeht? Sie unterdruͤckt und mißgestaltet, oder sie stuͤrzt gerade in den Abgrund. Ihr armen Schlachtopfer, die ihr von den Suͤdseeinseln nach England gebracht wur- det, um Cultur zu empfangen, ihr seyd Sinnbilder des Guten, das die Europaͤer uͤberhaupt andern Voͤlkern mittheilen! Unpartheiische und unuͤbertriebene Bemer- kungen daruͤber findet man in Reinhold Forsters Anmerkungen wie zu mehreren so zu Hamiltons Reise um die Welt. Berlin 1794. Nicht anders also als gerecht und weise handelte der gute Kien - Long , da er dem fremden Vice-Koͤnig schnell und hoͤf- der Europaͤer in allen andern Welttheilen verabscheuet.“ — So Forster . Und waͤre es mit dem Betriegen allein ausgerichtet! Der Hefen von Europa hat Gaͤhrungen ge- macht und erhaͤlt Gaͤhrungen in allen Welt- theilen. A. d. H. lich mit tausend Freudenfeuern den Weg aus seinem Reich zeigen ließ. Moͤchte jede Nation klug und stark gnug gewesen seyn, den Europaͤern diesen Weg zu zei- gen! — Wenn wir nun sogar laͤsternd vorge- ben, daß durch diese Beeintraͤchtigungen der Welt der Zweck der Vorsehung erfuͤllt werde, die uns ja eben dazu Macht und List und Werkzeuge gegeben habe, die Raͤu- ber, Stoͤrer, Aufwiegler und Verwuͤster aller Welt zu werden, wer schauderte nicht vor dieser Menschenfeindlichen Frechheit? Freilich sind wir, auch mit Thorheiten und Lasterthaten, Werkzeuge in den Haͤnden der Vorsehung; aber nicht zu unserm Ver- dienst, sondern vielleicht eben dazu, daß wir durch eine Rastlose hoͤllische Thaͤtigkeit im groͤßesten Reichthum arm, von Begier- den gefoltert, von uͤppiger Traͤgheit ent- nervt, am geraubten Gift eckel und lang- weilig sterben. Und wenn einige Neulinge mit An- maaßungen solcher Art alle Wissenschaften beflecken, wenn sie die gesammte Geschichte der Menschheit dahin abzweckend finden, daß auf keinem andern, als diesem Wege den Nationen Heil und Trost wiederfahren koͤnne; sollte man da unser ganzes Geschlecht nicht aufs empfindlichste be- dauren? Ein Mensch, sagt das Sprichwort, ist dem andern ein Wolf, ein Gott, ein En- gel, ein Teufel; was sind die auf einander wirkende Menschenvoͤlker einander? Der Neger mahlt den Teufel weiß; und der Lette will nicht in den Himmel, sobald Deutsche da sind. „Warum gießest du mir Wasser auf den Kopf?“ sagte jener ster- bende Sklave zum Mißionar. — „Daß du in den Himmel kommest.“ — „Ich mag in keinen Himmel, wo Weiße sind“ sprach er, kehrte das Gesicht ab und starb. Traurige Geschichte der Menschheit! Neger - Idyllen . Die Frucht am Baume. I ch ging im schoͤnsten Cedernhain, Und hoͤrete der Voͤgel Lied, Bewundernd ihrer Farben Glanz, Bewundernd ihrer Baͤume Pracht — Als ploͤtzlich aus der Hoͤhe mich Ein Aechzen weckte. Welch Gesicht! — Ein Kaͤfig hing am hohen Baum, Umlagert von Raubvoͤgeln, schwarz Umwoͤlket von Insekten. — Als Die Kugel meines Rohres sie Verscheucht, sprach eine Stimme: „Gib Mir Wasser, Mensch! Es duͤrstet mich.“ — Ich sah den Menschenwidrigsten Anblick. Ein Neger, halb zerfleischt, Zerbissen; schon Ein Auge war Ihm ausgehackt. Ein Wespenschwarm An offnen Wunden sog aus ihm Den letzten Saft. Ich schauderte. Und sah umher. Da stand ein Rohr Mit einem Kuͤrbis, womit ihn Barmherzig schon sein Freund gelabt. Ich fuͤllete den Kuͤrbis. — „Ach! Rief jenes Aechzen wieder, Gift Darein thun , Gift ! du weißer Mann ! Ich kann nicht sterben .“ Zitternd reicht' Ich ihm den Wassertrank: „Wie lang' O Ungluͤckselger, bist du hier?“ — „ Zwei Tage ; und nicht sterben ! Ach , Die Voͤgel ! Wespen ! Schmerz ! o Weh !“ Ich eilte fort und fand das Haus Des Herrn im Tanz, in heller Luft. Und als ich nach dem Aechzenden Behut- Behutsam fragte, hoͤret' ich Daß man dem Juͤnglinge die Braut Verfuͤhren wollen; und wie Er Das nicht ertragend, sich geraͤcht. Dafuͤr dann buͤße nun sein Stolz Die Keckheit und den Uebermuth. „Und der Verfuͤhrer?“ fragt ich. — „Trinkt „Dort an der Tafel.“ Schaudernd floh Ich aus dem Saal zum Sterbenden. Er war gestorben. — Hatte dich, Ungluͤcklicher, mein Trank zum Tode Gestaͤrket, o so gab ich dir Das reichste suͤßeste Geschenk. Zehnte Sammlung. B Die rechte Hand . E in edler Neger, seinem Lande frech- Entraubet, blieb auch in der Sklaverei Ein Koͤnigssohn , that edel seinen Dienst, Und ward der Mitgefangnen Trost und Rath. Einst als sein Herr, der weiße Teufel, wuͤtend Im Zorn der Sklaven Einem schnellen Tod Aussprach, trat Fetu bittend vor ihn hin, Und zeigte seine Unschuld: „Widersprichst Du Mir? Du selbst, Du sollst sein Henker seyn!“ „Sogleich! antwortet Fetu , nur noch Einen, Noch einen Augenblick!“ Er flog hinweg, Und kam zuruͤck, in seiner linken Hand Die abgehau'ne Rechte haltend, die Den Henkersdienst vollfuͤhren sollte. Tief Gebuͤckt legt' er sie vor den Herren: „Fodre, Gebieter, von mir was du willst; nur nichts Unwuͤrdiges.“ Er starb an seiner Wunde, Und seine Hand ward auf sein Grab gepflanzt. „Wie manche Arme laͤgen! - - Nein doch, nein! Gar viele laͤgen nicht; die Willkuͤhr wird Ohnmaͤchtig, wenn es ihr am Werkzeug fehlt. Sprichst du hingegen: „wie der Herr gebeut!“ Und „thu' ichs nicht, so thuts ein Anderer; „Lieb ist ja jedem seine rechte Hand!“ B 2 So henken Sklaven, (das Gefuͤhl des Unrechts In ihrem Herzen,) andre Sklaven frech Und scheu und stolz, bis sie ein Dritter henkt. Mit Recht nennen die Franzoͤsischen Ge- schichtschreiber die Namen derer, die 1572 zum Bartholomaͤusfest ihre Haͤnde nicht bie- ten wollten: la cour ordonna dans toutes les provinces les mêmes massacres qu'à Paris; mais plusieurs commandans refuse- rent d'obeir. Vn Sr Herem en Auvergne, vn la Guiche à Macon, vn vicomte d' Orte à Bayonne et plusieurs autres ecrivirent à Charles IX. la substance de ces paroles: qu'ils periroient pour son service, mais qu'ils n'assassineroient per- sonne pour lui obeir. Was diese Maͤnner mit gesunder Hand schrieben, zeigte der Neger. Die Bruͤder . M it seinem Herren war ein Negerjuͤngling Von Kindheit an erzogen; Eine Brust Hatt' sie genaͤhrt. Aus seiner Mutter Brust Hatt' Afrikan'sche Bruderliebe Quassi Zu seinem Herrn gesogen, huͤtete Sein Haus und lebte, lebte nur in Ihm. Der Neger glaubte sich von seinem Herrn, (Einst seinem Spielgesellen,) auch geliebt, That was er konnte, lebend nur fuͤr Ihn. Und — bittre Taͤuschung! — einst um ein Vergessen, Das auch dem Goͤttersohn begegnen kann, Ergrimmete sein Herr und sprach zu ihm Von Karrenstaͤupe . Die entehrendste Negerstrafe. Wie vom Blitz geruͤhrt, Stand Quassi da, der treue Freund, der Bruder, Der liebende Anbeter seines Herrn. Das Wort im Herzen, deckte schwarzer Gram Die ganze Schoͤpfung ihm. Verstummt entzog Er sich des Herren Anblick. — Meinet Ihr, Er floh? Mit nichten! Sicher hoffend noch, Daß ihn ein Freund, daß die Erinnerung Der Jugend ihn versoͤhne, rettet er Sich in der niedern Sklaven Huͤtte, die Ihn hoch verehreten. Da wartet' er Ein nahes Fest ab, das sein Herr dem Neffen Bereitet', und ein Tag der Freude war. „Dann, sprach er bei sich selbst, wird ihm die Zeit Der Jugend wiederkehren. Billigkeit, Und meine Unschuld, meine Lieb' und Treu Wird fuͤr mich sprechen. Er vergaß sich; doch Er wird sich wiederfinden.“ — Jetzt erschien Der Tag; das Fest ging an; und Quassi wagte Sich auf den Hof. Doch als sein Herr ihn sah, Ergrimmet wie ein Leu, der Blut geleckt, Sprang er auf ihn. Der Arme floh. Der Tiger Erjagt ihn; beide stuͤrzen; stampfend kniet Sein Herr auf ihm, ihm jede Marter drohend. Da hub mit aller seiner Negerkraft Der Juͤngling sich empor, und hielt ihn vest Danieder, zog ein Messer aus dem Gurt Und sprach: „Von Kindheit an mit Euch er- zogen, In Knabenjahren Euer Spielgesell, Liebt' ich Euch, wie mich selbst und glaubte mich Von Euch geliebet. Ich war Eure Hand, Eur Auge. Euer kleinster Vortheil war Mein eifrigster Gedanke Tag und Nacht: Denn das Vertraun auf Eure Liebe war Mein groͤßter Schatz auf dieser Welt. Ihr wißt, Ich bin unschuldig; jene Kleinigkeit, Die euch aufbrachte, ist ein Nichts. Und Ihr, Ihr drohtet mir mit Schaͤndung meiner Haut . Das Wort kann Quassi nicht ertragen: denn Es zeigt mir Euer Herz.“ Er zog das Messer Und stieß es — meint ihr in des Tigers Brust? Nein! selbst sich in die Kehle. Blutend stuͤrzt Er auf den Herren nieder, ihn umfassend, Bestroͤmend ihn mit warmem Bruderblut. Wie manche Kugel in Europa fuhr In des Beleidigten gekraͤnktes Hirn, Die den Beleidiger fromm verschonete! Wie manches „Ich der Koͤnig“ fraß das Herz Des Dieners auf mit langsam-schnellem Gift. C'est à ce même Cardinal Espinosa que Philippe II. donna le coup de la mort par vn mot de reprimande: Car - dinal , lui dit-il, souvenés - vous que je suis le President . Espinosa en mourut de douleur quelques jours après. Dans vne syncope qui lui prit, on se pressa tant de l'ouvrir pour l'embaumer, qu'il porta la main au rasoir du Chirurgien; et que son coeur palpita encore après l'ou- verture de l'estomac. La crainte qu'on avoit que ce Cardinal ne revint en santé, sit hater sa mort, pour contenter le Prince, les Grands etc. Memoir. historiques po- litiques par Amelot de la Houssaye . T. I. p. 210. O wenn Gerechtigkeit vom Himmel sieht; Sie sah den Neger auf dem Weißen ruhn. Zimeo . E in Lerm erscholl; die weite Ebne stand In Flammen; zwei- dreihundert Wirbelsaͤulen Von rothem, gruͤnem, gelbem Feuer stiegen Zum Himmel auf, und vom Gebuͤrge druͤckt Ein langer schwarzer Rauch sich schwer herab, Durch den die Morgensonne aͤngstlich drang, Kaum seinen Saum verguͤldend. Traurig blickten Der Berge Spitzen aus dem Rauch hervor, Und fern am Horizont das helle Meer. Die Heerdenvolle Ebne war voll Angst- Geschrei der Fliehenden, verfolgt von Schwar- zen, Die unter bluͤhenden Pflanzungen Kaffee, Cacao, Zuckerrohr und Indigo, Und Ruku, in Pom'ranzen-Lauben sie Erwuͤrgten. In der Voͤgel Lied ergoß Sich Weh und Ach der Sterbenden. — Da trat Ein Mann vor uns; mit Blute nicht befleckt Und Guͤte sprach in seinen Zuͤgen, die Im Augenbick mit Zorn und Trauer, Wuth Und Wehmuth wechselten. Gebietend stand Er wie ein Halbgott da, gebohren zu befehlen. Und milde sprach er: „hoͤret, hoͤrt mich an, Ihr Friedensmaͤnner, wendet eure Herzen Zum ungluͤckselgen Zimeo . Er ist Mit Blute nicht befleckt; zwar waͤr' es nur Gottloser Blut: Denn meiner Bruͤder Quaal Rief vom Gebuͤrge In Jamaika ist eine freie Neger-Repu- blik, deren Unabhaͤngigkeit im Jahr 1738 von den Englaͤndern anerkannt und bestaͤtigt werden mußte. mein Geschlecht herab, An Tigern sie zu raͤchen. Aber ich Begleitet' sie, sie einzuhalten; wo Ich irgend Milde fand, verschont' ich. Ich Verschmaͤhte, selbst mit schuldger Weißen Blut Mich zu beflecken. Sklaven, tretet her, Wie lebt ihr hier? — O wendet eure Herzen, Ihr Friedensmaͤnner, nicht vom Zimeo . Er rief die Sklaven unsres Hauses, sie Befragend um ihr Schicksal. Alle traten Mit Freude vor ihn hin, erzaͤhlend ihm Ihr Leben. „Komm, o Edler, sprachen sie, Sieh unsre Kleider, unsre Wohnungen.“ Sie zeigten ihm ihr Geld; die Freigelaßnen Umringten uns und kuͤßten unser Knie, Und schwuren, nie uns zu verlassen. Tief Geruͤhrt stand Zimeo , die Augen jetzt Auf uns, dann auf die Sklaven wendend, dann Zum Himmel: „Maͤchtiger Orissa , der Die Schwarzen und die Weißen schuf, o sieh, Sieh auf die wahren Menschen; dann bestrafe Die Frevler! — Reicht mir eure Hand! — Von nun an Will ich zwei Weiße lieben.“ Nieder warf er Auf eine Matte sich im Schatten. „Hoͤrt Den ungluͤckselgen Zimeo! Er ist Nicht grausam! Beim Orissa! nicht; nur tief Ungluͤcklich.“ — Laut aufschluchzend hielt' er ein. Da stuͤrzten zu ihm zwei von unsern Sklaven: „Wir kennen dich, Sohn unsres Koͤniges, Des maͤchtgen Damiels . Ich sah dich oft Zu Benin .“ — „Ich zu Onebo .“ — Sie traten Zuruͤck. — Er rief sie freundlich zu sich: „Bleibt, Ihr meine Landesleute, bleibt mir nah! Zum erstenmale wird Jamaika 's Luft Mir angenehm, da ich mit Euch sie athme. Er faßte sich und sprach: „Ihr Friedens- maͤnner, Hoͤrt meine Quaal. Mein Vater sandte mich, Daß mich des Hofes Schmeicheleien nicht Verderbeten, zum Dorfe Onebo . Ein fleißig Dorf von Ackerleuten. Da Erzog Matomba mich, der weiseste Der Menschen. Ach, verlohren ist er mir, Und seine Tochter, meine Elavo , Wein Weib.“ Er weinete; dann fuhr er fort. Ihr Weiße habt nur eine halbe Seele, Die nicht zu lieben, nicht zu hassen weiß. Nur Gold ist eure Leidenschaft. — Doch hoͤret! — „Als ich in Onebo (o schoͤnes Land Voll suͤßester Erinnrung!) mit Matomba , Ein Ackersmann, und froh und gluͤcklich war, Mit meiner Elavo im ersten Traum Der Liebe; sieh, da kam ein schwarzes Schiff Der Portugiesen an die Kuͤste. O Haͤtt' ich es nie gesehn! Zu Benin werden Verbrecher nur verkauft. Zu Onebo War kein Verbrecher. — Also luden uns Die Raͤuber auf ihr Schiff. Ein Fest begann; Musik erklang: ein Tanz. — Noch hoͤr' ich ihn Den fuͤrchterlichen Schuß der Abfahrt, mitten In der Musik. Man lichtete die Anker; Die Kuͤste floh, sie floh. Da half kein Flehn, Kein Bitten, Ruffen! Ach verschone mich Du Angedenken! — Hartgefesselt lagen In tiefem Gram, in schwarzer Trauer wir. Drei Juͤnglinge von Benin nahmen sich Das Leben; ich nahm mir es nicht, um meiner Geliebten Elavo , um meines guten Matomba willen. „Ihnen kannst du doch Vielleicht noch helfen, dacht' ich; sie verlassen, Das kannst du nicht.“ Ihr Anblick gab mir Trost.“ „So kamen wir nach vielen Leiden in Den Hafen. Und, o bittrer Augenblick! Da wurden wir getrennt. Vergebens warf Mein Weib, ihr Vater sich dem Ungeheur Zu Fuͤßen; ich mit ihnen. Wilden Blicks Stuͤrzt' Elavo auf mich; ich faßte sie Mit eiserm Arm. Umsonst! Man riß sie los. Noch hoͤr' ich ihr Geschrei! ich seh ihr Bild! Sie trug ein Kind von mir in ihrem Schooß. — Ich seh Matomba !“ — Ploͤtzlich stuͤrzte Franz Mein guter Franz , den von den Spaniern Aus Mitleid uͤber seine Quaalen ich Mit seiner schoͤnen Tochter losgekauft Und mit mir hergefuͤhrt; (er war bisher Im Innersten des Hauses zur Bedeckung Der Fraun gewesen) ploͤtzlich stuͤrzte Franz Mit Mariannen hin auf Zimeo . „ Matomba ! Elavo !“ — „Mein Zi - meo ! Sieh deinen Sohn! — Um seinetwillen nur Ertrugen wir das Leben, bis wir hier Die Guten fanden. Zimeo ! Dein Sohn!“ — Er nahm das Kind in seinen Arm. „Er soll Kein Sklave eines Weißen werden, Er, Der Der Sohn, den Elavo gebahr.“ „Ohn' ihn Haͤtt' ich die Welt schon laͤngst verlassen, sprach Die Weinende, jetzt hab' ich Dich und Ihn!“ Wer spricht das Wiedersehn der Liebenden, Die kaum einander mehr zu sehen hofften, Mit Worten aus? Des Vaters Auge, das Vom Saͤugling' auf die Mutter, auf Ma - tomba , Und dann zum Himmel flog, und wieder dann Sanft auf dem Kinde ruhte. Herzensdank, Wie nie ein Weißer ihn ausdruͤcken mag, Wahnsinn des Dankes sageten sie uns, Und schieden zum Gebuͤrg'. O fuͤhrete Ein freundlich Schiff sie bald zum Vater, der Den Sohn beweinet, hin gen Onebo , Den Ort der ersten Liebe, in die Luft Des suͤßen Vaterlandes Benin ! Zehnte Sammlung. C Der Geburtstag . A m Delaware feierte ein Freund , Delaware , ein Fluß in Nordamerika. Die Quacker nennen sich Freunde . Ein Quacker, Walter Miflin seinen Tag Des Lebens so: „Wie alt bist Du, mein Freund?“ „Fast dreissig Jahre“ sprach der Neger. „Nun, So bin ich Dir neun Jahre schuldig: denn Im ein und zwanzigsten spricht das Gesetz Dich muͤndig. Menschheit und Religion Spricht Dich gleich allen weißen Menschen frei. In jenem Zimmer schreibet Dir mein Sohn Den Freiheitbrief; und ich verguͤte Dir Das Kapital, das in neun Jahren Du Verdienetest, Landuͤblich, acht pro Cent. Du bist so frei als ich; nur unter Gott Und unter dem Gesetz. Sei fromm und fleißig! Im Ungluͤck oder Armuth findest Du An Walter Miflin immer Deinen Freund.“ „Herr! lieber Herr! antwortet Jakob , was Soll ich mit meiner Freiheit thun? Ich bin Bei Euch gebohren, ward von Euch erzogen, Arbeitete mit Euch, und aß wie Ihr. Mir mangelt nichts. In Krankheit pflegete Mich Eure Frau als Mutter, troͤstete Mich liebreich. Wenn ich denn nun krank bin“ — „Jakob! Du bist ein freier Mann, arbeite jetzt Um hoͤhern Lohn; dann kaufe Dir ein Land, Nimm eine Negerinn, die Dir gefaͤllt, Die fleißig und verstaͤndig ist wie Du, Zur Frau, und lebe mit ihr gluͤcklich. Wie Ich Dich erzogen, zieh' auch Deine Kinder Zum Guten auf, und stirb in Friede. — Frei C 2 Bist Du und mußt es seyn. Die Freiheit ist Das hoͤchste Gut. Gott ist der Menschen, nicht Allein der Weißen Vater. Gaͤb' er doch In aller meiner Bruͤder Sinn und Herz, Nach Afrika zu handeln, nicht daraus Euch zu entwenden, Euch zu kaufen und Zu quaͤlen!“ — „Guter Herr, ich kann Euch nicht Verlassen: denn nie war ich Euer Sklav'. Ihr fodertet nicht mehr von mir als andre Fuͤr sich arbeiten. Ich war gluͤcklicher Und reicher als so viele Weiße. Laßt Mich bei Euch, lieber Herr.“ „So bleibe dann In meinem Dienst, Du guter Jakob , doch Als freier Mann. Du feierst diese Woche Dein Freiheitfest, und dann arbeitest Du, So lange Dirs gefaͤllt, um guten Lohn Bei mir, bis ich Dich treu versorge. Sei Mein Freund! Jakob.“ Der Schwarze druͤckt die Hand Des guten Walter Miflins an sein Herz: „So lange dieses schlaͤget, schlaͤgts fuͤr Euch! Nur heute feiren wir; und morgen frisch Zur Arbeit. Freud' und Fleiß ist unser Fest.“ Ging schoͤner je die Sonne nieder, als Denselben Tag am Delaware-Strom? Jedoch ihr schoͤnster Glanz war in der Brust Des guten Mannes, der fuͤr kein Geschenk, Der nur fuͤr Pflicht hielt seine gute That. 115. A llerdings eine gefaͤhrliche Gabe, Macht ohne Guͤte , Erfindungsreiche Schlauigkeit ohne Verstand . Nur koͤnnen , haben , herrschen , genie - ßen will der verdorben-cultivirte Mensch, ohne zu uͤberlegen, wozu er koͤnne? was er habe? und ob was er Genuß nenne, nicht zuletzt eine Ertoͤdtung alles Genusses werde. Welche Philosophie wird die Na- tionen Europa's von dem Stein des Sisyphus, vom Rade Ixions erloͤsen, da- zu sie eine luͤsterne Politik verdammt hat? In Romanen beweinen wir den Schmet- terling, dem der Regen die Fluͤgel netzt; in Gespraͤchen kochen wir von großen Ge- sinnungen uͤber; und fuͤr jene moralische Verfallenheit unsres Geschlechts, aus der alles Uebel entspringt, haben wir kein Auge. Dem Geiz, dem Stolz, unsrer traͤgen Langenweile schlachten wir tausend Opfer, die uns keine Thraͤne kosten. Man hoͤrt von dreissigtausend um nichts auf dem Platz gebliebenen Menschen, wie man von herabgeschuͤttelten Maikaͤfern, von einem verhagelten Fruchtfelde hoͤrt, und wird den letzten Unfall vielleicht mehr als jene bedauren. Oder man tadelt, was in Peru, Ismail, Warschau geschah, in- dem man, sobald unser Vorurtheil, unsre Habsucht dabei ins Spiel kommt, ein Gleiches und ein Aergeres, mit verbisse- nem Zorn wuͤnschet. So ists freilich. Es ist ein bekannter, und trauriger Spruch, daß das mensch- liche Geschlecht nie weniger liebenswerth erscheine, als wenn es Nationen - weise auf einander wirket. Sind aber auch die Maschienen, die so auf einander wirken, Nationen? oder mißbraucht man ihren Namen? Die Natur geht von Familien aus. Familien schließen sich an einander; sie bilden einen Baum mit Zweigen, Stamm und Wurzeln. Jede Wurzel graͤbt sich in den Boden und suchet ihre Nahrung in der Erde, wie jeder Zweig bis zum Gipfel sie in der Luft sucht. Sie laufen nicht aus einander; sie stuͤrzen nicht uͤber ein- ander. Die Natur hat Voͤlker durch Sprache, Sitten, Gebraͤuche, oft durch Berge, Meere, Stroͤme und Wuͤsten getrennt ; sie that gleichsam alles, damit sie lange von ein- ander gesondert blieben , und in sich selbst bekleibten. Eben jenes Nimrods Weltvereinigendem Entwurf zuwider, wur- den, (wie die alte Sage sagt) die Sprachen verwirrt; es trenneten sich die Voͤlker. Die Verschiedenheit der Sprachen, Sitten, Neigungen und Lebensweisen sollte ein Rie- gel gegen die anmaassende Verkettung der Voͤlker, ein Damm gegen fremde Ueber- schwemmungen werden: denn dem Haus- halter der Welt war daran gelegen, daß zur Sicherheit des Ganzen, jedes Volk und Geschlecht sein Gepraͤge, seinen Charakter erhielt. Voͤlker sollten neben einander, nicht durch und uͤber einander druͤckend wohnen. Keine Leidenschaften wirken daher in allem Lebendigen so maͤchtig, als die auf Selbstvertheidigung hinausgehn. Mit Lebensgefahr, mit vielfach-verdoppel- ten Kraͤften schuͤtzt eine Henne ihre Jun- gen gegen Geier und Habicht; sie hat sich selbst, sie hat ihre Schwaͤche vergessen und fuͤhlt sich nur als Mutter ihres Geschlechts, eines jungen Volkes. So alle Nationen, die man Wilde nennt; moͤgen sie sich ge- gen fremde Besucher mit List oder mit Gewalt vertheidigen. Armselige Denkart, die ihnen dies veruͤbelt, ja gar die Voͤlker nach der Sanftmuth, mit der sie sich be- truͤgen und fangen lassen, classificiret. Mich duͤnkt, der Brief ziele hier auf eine Stelle in Home 's Geschichte der Mensch- heit, der es bei großem Reichthum der Ma- terialien in mehreren Stuͤcken an vesten Grundsaͤtzen mangeln doͤrfte. — In den meisten Commerz- und Eroberungsreisen wer- den die Voͤlker auf gleiche Weise geschichtet. A. d. H. Gehoͤrte ihnen nicht ihr Land? und ists nicht die groͤßeste Ehre, die sie dem Euro- paͤer goͤnnen koͤnnen, wenn sie ihn bei ih- rem Mahl verzehren? Um in Buͤschings Geographie genauer aufgezeichnet zu stehn, um in gestochenen Kupfern den muͤßigen Europaͤer zu ergoͤtzen und mit den Pro- ducten ihres Landes den Geiz einer Han- delsgesellschaft zu bereichern; ich weiß nicht, warum sie sich dazu sollten geschaffen glauben? Leider ists also wahr, daß eine Reihe Schriften, Englisch, Franzoͤsisch, Spanisch und Deutsch, in diesem anmaassenden, hab- suͤchtigen Eigenduͤnkel verfasset, zwar Euro- paͤisch, aber gewiß nicht menschlich ge- schrieben seyn; die Nation ist bekannt, die sich hierinn ganz Zweifellos aͤußert. „Rule, Britannia, rule the waves“; mit diesem Wahlspruch, glaubt mancher, seyn ihnen die Kuͤsten, die Laͤnder, die Nationen und Reichthuͤmer der Welt gegeben. Der Captain und sein Matrose seyn die Haupt- raͤder der Schoͤpfung, durch welche die Vorsehung ihr ewiges Werk ausschließend zur Ehre der Brittischen Nation, und zum Vortheil der Indischen Compagnie bewir- ket. Politisch und fuͤrs Parlament moͤgen solche Berechnungen und Selbstschaͤtzungen gelten; dem Sinn und Gefuͤhl der Mensch- heit sind sie unertraͤglich. Als Dunbar , von dem einige Beitraͤge zur Geschichte der Menschheit auch unter uns bekannt sind, des D. Tuckers , eines eifrigen Staatsschriftstellers true basis of civil government las, sagte er: when the benevolence of this writer is exalted into charity, when the spirit of his religion (er war ein Geistlicher, Dechant von Bristol,) Vollends wenn wir arme, Schuldlose Deutsche hierinn den Britten nachsprechen; Jammer und Elend! Was soll uͤberhaupt eine Messung al- ler Voͤlker nach uns Europaͤern ? wo ist das Mittel der Vergleichung? Jene Nation, die ihr wild oder barbarisch nennt, ist im Wesentlichen viel menschlicher als ihr; und wo sie unter dem Druck des Klima erlag, wo eine eigne Organisation, oder besondre Umstaͤnde im Lauf ihrer Ge- schichte ihr die Sinne verruͤckten; da schlage sich doch jeder an die Brust, und corrects the rancour of his philoso - phy , he will aknowledge in the most intutored tribes some glim - merings of humanity , and some decisive indications of a moral nature . Manchem Schriftsteller moͤchte man diesen Geist der Anerkennung der Mensch- heit im Menschen wuͤnschen. A. d. S . suche den Queerbalken seines eignen Ge- hirnes. Alle Schriften, die den an sich schon unertraͤglichen Stolz der Europaͤer durch schiefe, unerwiesene oder offenbar unerweisbare Behauptungen naͤhren; — verachtend wirft sie der Genius der Mensch- heit zuruͤck und spricht: „ein Unmensch hat sie geschrieben!“ Ihr edleren Menschen, von welchem Volk ihr seyd, Las Casas , Fenelon , ihr beiden guten St . Pierre , so mancher ehrliche Quacker , Montesquieu , Fi - langieri , deren Grundsaͤtze nicht auf Verachtung sondern auf Schaͤtzung und Gluͤckseligkeit aller Menschen-Nationen hinausgehn; ihr Reisenden, die ihr euch, wie Pages und andre, in die Sitten und Lebensart mehrerer, ja aller Nationen zu setzen wußtet, und es nicht unwerth fan- det, unsre Erde, wie eine Kugel zu be- trachten, auf der mit allen Klimaten und Erzeugnissen der Klimate, auch mancherlei Voͤlker, in jedem Zustande, seyn muͤssen, und seyn werden; Vertreter, und Schutz- engel der Menschheit, wer aus Eurer Mitte, von Eurer heilbringenden Denkart, giebt uns eine Geschichte derselben, wie wir sie beduͤrfen? Nachschrift des Herausgebers. Da es verschiedenen Lesern angenehm seyn moͤchte, etwas mehr von den eben- genannten Vorsprechern der Menschheit zu wissen, als ihre Namen, so fuͤge ich zu Erlaͤuterung des Briefes dies Wenige bei. De Las Casas , (Fray Bartolomé) Bischof von Chiapa , war der edle Mann, der nicht nur in seiner kurzen Erzaͤhlung von der Zerstoͤrung von Indien, sondern auch in Schriften an die hoͤchsten Gerichte und an den Koͤnig selbst die Graͤuel ans Licht stellte, die seine Spanier gegen die Eingebohrnen Indiens veruͤbten. Man warf ihm Uebertreibung und eine gluͤhende Einbildungskraft vor; der Luͤge aber hat ihn niemand uͤberwiesen. Und warum sollte das was man gluͤhende Einbildungs- kraft nennet, nicht lieber ein edles Feuer des Mitgefuͤhls mit den Ungluͤcklichen ge- wesen seyn, ohne welches er freilich nicht , auch nicht also geschrieben haͤtte. Die Zeit hat ihn gerechtfertigt, und seinen Gegner Sepulveda mehr als ihn der Unwahrheit uͤberwiesen. Daß er mit sei- nen Vorstellungen nicht viel ausgerich- tet hat, vermindert sein Verdienst nicht; Friede sei mit seiner Asche! Fene - Fenelons billige und liebreiche Denk- art ist allbekannt. So eifrig er an seiner Kirche hing, und deßhalb uͤber die Prote- stanten hart urtheilte, Theils in seinen Pastoralschriften, Theils in den Aufsaͤtzen seines Zoͤglings, des Herzogs von Bourgogne ist dieses ersichtlich. weil er sie nicht kannte: so sehr verabscheuete er, selbst als Missionar zu Bekehrung derselben, ihre Verfolgung. „Vor allen Dingen, sagt er zum Ritter St . Georg , zwingt eure Un- terthanen nie, ihre Weise des Gottesdienstes zu aͤndern. Eine menschliche Macht ist nicht im Stande, die undurchdringliche Brustwehr, Freiheit des Herzens zu uͤber- waͤltigen. Sie macht nur Heuchler. Wenn Koͤnige, statt sie zu beschuͤtzen, sich in die Zehnte Sammlung. D Gottesverehrung gebietend mengen: so brin- gen sie dieselbe in Knechtschaft.“ In seiner Anweisung , das Ge - wissen eines Koͤniges zu leiten , Directions pour le Conscience d'vn Roi — nachgedruckt à la Haye 1747. giebt er Rathschlaͤge, die, wenn sie befolgt wuͤrden, jeder Revolution zuvorkaͤmen. Ich fuͤhre von ihnen nur einige an, blos wie sie der vorstehende Brief fodert. „Habt Ihr das wahre Beduͤrfniß eures Staats gruͤndlich untersucht und mit dem Unangenehmen der Auflagen zusammen- gehalten, ehe Ihr Euer Volk damit be- schwertet? Habt Ihr nicht Nothdurft des Staats genannt, was nur Eurer Ehrsucht zu schmeicheln diente? Staatsbeduͤrfniß, was blos eure persoͤnliche Anmaaßung war? — Persoͤnliche Praͤtensionen habt Ihr blos auf Eure Privatkosten geltend zu machen und hoͤchstens das zu erwarten, was die reine Liebe Eures Volks freiwil- lig dazu beitraͤgt. Als Karl 8. nach Nea- pel ging, um sich die Succession des Hau- ses Anjou zu vindiciren, unternahm er den Krieg auf seine Kosten; der Staat glaubte sich zu Unternehmung derselben nicht verbunden.“ „Habt Ihr auswaͤrtigen Nationen kein Unrecht zugefuͤgt? Ein armer Ungluͤcklicher kommt an den Galgen, weil er in hoͤchster Noth auf der Landstraße einige Thaler raubte; und ein Eroberer, das ist, ein Mann der ungerechter Weise dem Nachbar Laͤnder wegnimmt, wird als ein Held ge- priesen. Eine Wiese, oder einen Weinberg unbefugt zu nutzen, wird als eine uner- laͤßliche Suͤnde angesehen, im Fall man den Schaden nicht ersetzt; Staͤdte und D 2 Provinzen zu usurpiren, rechnet man fuͤr nichts. Dem einzelnen Nachbar ein Feld wegnehmen, ist ein Verbrechen; einer Na- tion ein Land wegnehmen, ist eine unschul- dige, Ruhmbringende Handlung. Wo ist hier Gerechtigkeit? wird Gott so richten? „ Glaubst Du , daß ich seyn werde , wie Du ?“ Muß man nur im Kleinen, nicht im Großen gerecht seyn? Millionen Menschen, die eine Nation ausmachen, sind sie weniger unsre Bruͤder, als Ein Mensch? Darf man Millionen ein Un- recht uͤber Provinzen thun, das man ei- nem Einzelnen uͤber eine Wiese nicht thun doͤrfte? Zwingt Ihr, weil Ihr der Staͤr- kere seyd, einen Nachbar den von Euch vorgeschriebenen Frieden zu unterzeichnen, damit er groͤßeren Uebeln aus dem Wege gehe, so unterzeichnet er, wie der Reisende dem Straßenraͤuber den Beutel reicht, weil ihm das Pistol vor der Brust stehet.“ „Friedensschluͤsse sind nichtig, nicht nur wenn in ihnen die Uebermacht Ungerech- tigkeiten erpreßt hat, sondern auch wenn sie mit Hinterlist zweideutig abgefaßt wer- den, um eine guͤnstige Zweideutigkeit gele- gentlich geltend zu machen. Euer Feind ist Euer Bruder; das koͤnnt Ihr nicht ver- gessen, ohne auf die Menschheit selbst Ver- zicht zu thun. Bei Friedensschluͤssen ist nicht mehr von Waffen und Krieg; son- dern von Friede, von Gerechtigkeit, Mensch- lichkeit, Treu und Glauben die Rede. Im Friedensschluß ein nachbarliches Volk zu betruͤgen ist Ehrloser und strafbarer, als im Contrakt eine Privatperson zu hinter- gehen. Mit Zweideutigkeiten und ver- faͤnglichen Ausdruͤcken im Friedensschluß bereitet man schon den Samen zu kuͤnfti- gen Kriegen; d. i. man bringt Pulverfaͤs- ser unter Haͤuser, die man bewohnet.“ „Als die Frage vom Kriege war, habt Ihr untersucht und untersuchen lassen, was Ihr fuͤr Recht dazu hattet; und dies zwar von den Verstaͤndigsten, die Euch am we- nigsten schmeicheln. Oder hattet Ihr nicht Eure persoͤnliche Ehre dabei im Auge, doch etwas unternommen zu haben, was Euch von andern Fuͤrsten unterschiede. Als ob es Fuͤrsten eine Ehre waͤre, das Gluͤck der Voͤlker zu stoͤren, deren Vaͤter sie seyn sollen! Als ob ein Hausvater durch Handlungen, die seine Kinder un- gluͤcklich machen, sich Achtung erwuͤrbe! Als ob ein Koͤnig anderswoher Ruhm zu hoffen haͤtte, als von der Tugend, d. i. von der Gerechtigkeit und von einer guten Regierung seines Volks!“ — Dies sind einige der sechs - und dreissig Artikel Fenelons, die allen Vaͤ- tern des Volks Morgen- und Abendlection seyn sollten. Zu gleichem Zweck sind seine Gespraͤche , sein Telemach , ja alle seine Schriften geschrieben; der Genius der Menschlichkeit spricht in ihnen ohne Kuͤnstelei und Zierrath. „Ich liebe meine Familie, sagt der edle Mann, mehr als mich; mehr als meine Familie mein Va- terland; mehr als mein Vaterland die Menschheit.“ Der Abbt St . Pierre ist ungerechter Weise fast durch nichts als durch sein Projekt zum ewigen Frieden bekannt; eine sehr gutmuͤthige, ja edle Schwachheit, die doch so ganz Schwachheit nicht ist, als man meinet. In diesem Vorschlage sowohl als in manchen andern war er mit Fleiß etwas pedantisch; er wiederholte sich, damit, wie er sagte, wenn man ihn zehn- mal uͤberhoͤrt haͤtte, man ihn das eilftemal anhoͤre; er schrieb trocken und wollte nicht vergnuͤgen. Ueberhaupt hielt er von bloßen Ergoͤtzungs- schriften nicht viel; bei unsern Urenkeln, glaubte er, wuͤrden sie ganz außer Mode seyn. Als unter lautem Beifall ein derglei- chen Gedicht vorgelesen ward, und man ihn fragte, was er von diesem Kunstwerk denke? Eh mais, cela est encore fort beau, ant- wortete er und meinte, dies encore werde nicht ewig dauren. S. Eloge de St. Pierre von d'Alembert. Schwerlich giebts eine honettere Denkart, als die der Abbt St . Pierre in allen Schriften aͤußert. Allgemeine Vernunft und Gerechtigkeit, Tugend und Wohlthaͤtigkeit waren ihm die Regel , die Tendenz unsres Geschlechts und des- sen Wahlspruch: donner et pardonner, Geben und Vergeben . Dazu las, da- zu sah und hoͤrte er; ohne Anmaaßung. „Eine Eintrittsrede in die Akademie, sagte er, verdient hoͤchstens zwei Stunden, die man darauf wendet; ich habe vier dar- auf gewandt, und denke, das sei honnet gnug; unsre Zeit gehoͤrt dem Nutzen des Staates.“ — Ueber den koͤrperlichen Schmerz dachte er nicht wie ein Stoiker, sondern hielt ihn fuͤr ein wahres, ja vielleicht fuͤr das ein- zige Uebel, das die Vernunft weder ab- wenden, noch schwaͤchen koͤnne; die mei- sten andern Uebel, meinte er, seyn abwend- bar oder nur von einem eingebildeten Werthe. Seine Mitmenschen des Schmer- zes zu uͤberheben, sei die reichste Wohl- that. — „Man ist nicht verbunden, andre zu amusiren , wohl aber niemand zu be - truͤgen “ und so befliß er sich aufs strengste der Wahrheit. Einzig beschaͤftigt, das hinwegzubringen, was dem gemeinen Wohl schadete, war er ein Feind der Kriege, des Kriegesruhms und jeder Bedruͤckung des Volkes; den- noch aber glaubte er, daß die Welt durch die schrecklichen Kriege der Roͤmer weniger gelitten habe, als durch die Tibere , die Neronen . „Ich weiß nicht, sagt er, ob Caligula , Domitian und ihres Glei- chen Goͤtter waren; das nur weiß ich, Menschen waren sie nicht. Ich glaube wohl, daß man sie bei ihren Lebzeiten uͤber das Gute, das sie stifteten, gnug mag ge- priesen haben; einzig Schade nur, daß ihre Voͤlker von diesem Guten nichts ge- wahr wurden.“ Er hatte oft die schoͤne Maxime Franz des ersten im Munde: „Regenten gebieten den Voͤlkern; die Ge- setze den Regenten.“ Da er nicht heirathen dorfte; so erzog er Kinder, ohne alle Eitelkeit, nur zum Nuͤtzlichen, zum Besten. Er freuete sich auf eine Zeit, da, von Vorurtheilen frei, der einfaͤltigste Capuciner so viel wissen wuͤrde, als der geschickteste Jesuit, und hielt diese Zeit, so lange man sie auch verspaͤtete, fuͤr unhintertreiblich. Traͤgheit und boͤse Gewohnheiten der Menschen, vorzuͤglich aber den Despotismus klagte er als muthwillige Ursachen dieses Aufhaltens an: denn auch die Wissenschaften, meinte er, liebe man nur unter der Bedingung, daß sie dem Volk nicht zu gut kaͤmen. So sagte jener Karthaͤuser, als ein Frem- der seine Karthause, wie schoͤn sie sei, lobte: „Fuͤr die Vorbeigehenden ist sie al- lerdings schoͤn.“ — Eine andre Ursache der Verspaͤtung des Guten in der Welt fand St . Pierre darinn, daß so wenig Menschen wuͤßten , was sie wollten , und unter diesen noch weniger das Herz haͤtten, zu wissen , daß sie es wissen , zu wollen , was sie wollen . Selbst uͤber die gleichguͤl- tigsten Dinge der Literatur folge man an- genommenen fremden Meinungen, und habe nicht das Herz zu sagen, was man selbst denket; hingegen, meint er, sei nur Ein Mittel, daß jeder Mann von Wissenschaft ein Testament mache, und sich wenig- stens nach seinem Tode wahr zu seyn ge- traue. — Er schrieb eine Abhandlung, wie „auch Predigten nuͤtzlich werden koͤnnten“; und war insonderheit der Mahomedanischen Religion feind, weil sie die Unwissenheit aus Grundsaͤtzen beguͤnstigt und die Voͤl- ker thierisch macht. (abrutiret.) Christliche Verfolger, meinte er, muͤsse man als Narren aufs Theater bringen, wenn man sie nicht als Unsinnige einsper- ren wollte. Hinter seine Abhandlungen setzte er oft die Devise: Paradis aux Bienfaisans! und gewiß genoß dieser bis an seinen letz- ten Augenblick gleich- und wohldenkende Mann dieses innern Paradieses. Als man ihn in den letzten Zuͤgen fragte: ob er nicht noch etwas zu sagen habe? sagte er: „ein Sterbender hat wenig zu sagen, wenn er nicht aus Eitelkeit oder aus Schwaͤche redet.“ — Lebend sprach er nie aus die- sen Gruͤnden; und o moͤchte einst jeder Buchstab von dem, das er damals in ei- nem engen Nationalgesichtskreise schrieb, im weitesten Umfange erfuͤllt werden! Nach seiner Ueberzeugung wird ers wer- den Oeuvres de Morale et de Politique de l'Abbé de St. Pierre (Charles Jrenée Castel) T. 1 - 16. Rotterd. 1741. Sein Namensgenannter, Bernardin de St. Pierre, ein aͤchter Schuͤler Fenelons , hat jede seiner Schriften bis zur kleinsten Erzaͤhlung im Geist der Menschenliebe und Einfalt des Herzens geschrieben. Gern verbindet er die Natur mit der Geschichte der Menschen, deren Gutes er so froh, deren Boͤses er allenthalben mit Milde er- zaͤhlet. „Ich werde glauben, sagt er, Reise nach den Inseln Frankreich und Bour- bon, Altenb. 1774. Vorrede S. 3. dem menschlichen Geschlecht genutzt zu ha- ben, wenn das schwache Gemaͤhlde vom Zustande der ungluͤcklichen Schwarzen, ih- nen einen einzigen Peitschenschlag ersparen kann, und die Europaͤer, (sie, die in Eu- ropa wider die Tyrannei eifern und so schoͤne moralische Abhandlungen ausarbei- ten,) aufhoͤren in Indien die grausamsten Tyrannen zu seyn.“ In gleich edelm Sinn sind sein Paul und Virginie , das Caffeehaus von Surate , die Indi - sche Strohhuͤtte und die Studien der Natur geschrieben. Etudes de la Nature, Par. 1776. Man er- wartet jetzt von ihm ein Werk, Harmonie de la Nature pour servir aux elemens de la Morale, das nicht anders als in einem guten Geist abgefaßt seyn kann. Waͤhrend der Revolution hat er sich weise betragen. Mit Seelen dieser Art lebt man so gern, und freuet sich, daß ihrer noch Einige da sind. Die Quacker , an welche der Brief denkt, bringen von Penn an, eine Reihe der Verdienstvollesten Maͤnner in Erinne- rung, die zum Besten unsres Geschlechts mehr gethan haben, als tausend Helden und pomphafte Weltverbesserer. Die thaͤ- tigsten Bemuͤhungen zu Abschaffung des schaͤndlichen Negerhandels und Sklaven- dienstes sind ihr Werk; wobei indeß uͤber- haupt auch Methodisten und Presbyteria- nern, jeder schwachen oder starken Stimme jedes Landes ihr Verdienst bleibt, wenn sie taubsten Ohren und haͤrtesten Menschen- herzen, geizigen Handelsleuten, hieruͤber etwas zurief. Eine Geschichte des aufge- hobenen Negerhandels und der abgestelle- ten Sklaverei in allen Welttheilen wird einst ein schoͤnes Denkmal im Vorhofe des des Tempels allgemeiner Menschlichkeit seyn, dessen Bau kuͤnftigen Zeiten bevor- stehet; mehrere Quacker-Namen werden an den Pfeilern dieses Vorhofes mit stil- lem Ruhm glaͤnzen. In unserm Jahr- hundert scheints die erste Pflicht zu seyn, den Geist der Frivolitaͤt zu verbannen, der alles wahrhaft Gute und Große ver- nichtet. Dies thaten die Quacker. Montesquieu verdiente unter den Befoͤrderern des Wohls der Menschen ge- nannt zu werden: denn seine Grundsaͤtze haben uͤber die Mode hinaus Gutes ver- breitet, gesetzt, daß er auch den ganzen Lobspruch, den ihm Voltaire gab, Der Lobspruch ist bekannt: l'humanité avoit perdu ses titres; Montesquieu les a re- Zehnte Sammlung. E nicht haͤtte erreichen moͤgen. Am Willen des edeln Mannes lag es nicht; viele Ka- pitel seines Werks sind, wie die Aufschrift desselben sagt, flores fine semine nati, Blu- men, denen es an einem Boden und an echten Samenkoͤrnern gebrach; eine Menge derselben aber sind Heilbringende Blumen und Fruͤchte. Auch seinen Persischen Briefen , seiner Schrift uͤber die Groͤ - ße und den Verfall der Roͤmer , ja seinen kleinsten Aufsaͤtzen fehlet es daran nicht; mehrere Kapitel seines Werks vom Geist der Gesetze sind in Aller Gedaͤchtniß. trouvé. Voltaire 'n selbst ist, was man auch dagegen sage, die Menschheit viel schuldig. Eine Reihe von Aufsaͤtzen zur Ge- schichte, zur Philosophie und Gesetzgebung, zur Aufklaͤrung des Verstandes u. f. bald in spottendem bald in lehrendem Ton sind ihr geschrieben. Seine Alzire , Zaire u. f. deßgleichen. A. d. S . Montesquieu hat viele und große Schuͤ- ler gehabt; auch der gute Filangieri ist in der Zahl. System der Gesetzgebung, Anspach 1784. Da der vorstehende Brief der Schot- ten und Englaͤnder, eines Bakon , Har - rington , Milton , Sidnei , Locke , Ferguson , Smith , Millar und an- derer nicht erwaͤhnt, ohne Zweifel, weil er einen vielgepriesenen Ruhm nicht wieder- holen wollte, dagegen aber einige Neapo- litanische Schriftsteller nennet, so sei es er- laubt, das ziemlich vergessene Andenken eines Mannes zu erneuern, der zu einer Schule menschlicher Wissenschaft im echten Sinne des Worts an seinem Ort vor andern den Grund legte, Giam - battista Vico . Ein Kenner und Be- wunderer der Alten ging er ihren Fuß- E 2 tapfen nach, indem er in der Physik, Mo- ral, im Recht, und im Recht der Voͤlker gemeinschaftliche Grundsaͤtze suchte. Plato , Tacitus , unter den Neuen Bacon und Grotius waren, wie er selbst sagt, seine Lieblingsautoren; in seiner neuen Wis - senschaft Principy di vna Sciencia nuova, zuerst herausgegeben 1725. suchte er das Principium der Humanitaͤt der Voͤlker (dell' umanità delle Nazioni) und fand dies in der Voraussicht (provvedenza) und Weisheit . Alle Elemente der Wissen- schaft goͤttlicher und menschlicher Dinge setzte er in Kennen , Wollen , Ver - moͤgen , (nosse, velle, posse) deren einzi- ges Principium der Verstand , dessen Auge die Vernunft sei, vom Lichte der ewigen Wahrheit erleuchtet. — Er gruͤn- dete den Katheder dieser Wissenschaften in Neapel, den nachher Genovesi , Ga - lanti betraten; Antonio Genovesi politische Oekono - mie ist im Deutschen durch eine Uebersetzung bekannt; Galanti Beschreibung beider Sicilien desgleichen. Des ersten Storia del Commercio della gran Brettagna von Cary , und seine Lehrbuͤcher zeigen eben so viel Kaͤnntnisse als philosophischen und buͤrgerlichthaͤtigen Geist. Auch Montes - quieu hat er mit Anmerkungen herausge- geben. A. d. S . uͤber die Philosophie der Menschheit, uͤber die Haushaltung der Voͤlker haben wir trefliche Werke aus je- ner Gegend erhalten, da Freiheit im Den- ken vor allen Laͤndern in Italien die Kuͤste von Neapel begluͤcket und werth haͤlt. 116. S ie wuͤnschen eine Naturgeschichte der Menschheit in rein-menschlichem Sinne geschrieben; ich wuͤnsche sie auch: denn daruͤber sind wir einig, daß eine zu- sammengelesene Beschreibung der Voͤlker nach sogenannten Racen, Varietaͤten, Spiel- arten, Begattungsweisen u. f. diesen Na- men noch nicht verdiene. Lassen Sie mich den Traum einer solchen Geschichte ver- folgen. 1. Vor allem sei man unpartheiisch wie der Genius der Menschheit selbst; man habe keinen Lieblingsstamm, kein Favorit- volk auf der Erde. Leicht verfuͤhrt eine solche Vorliebe, daß man der beguͤnstigten Nation zu viel Gutes, andern zu viel Boͤ- ses zuschreibe. Waͤre vollends das ge- liebte Volk blos ein collectiver Name, (Cel- ten, Semiten, Cuschiten u. f.) der vielleicht nirgend exsistirt hat, dessen Abstammung und Fortpflanzung man nicht erweisen kann: so haͤtte man ins Blaue des Him- mels geschrieben. 2. Noch minder beleidige man verach- tend irgend eine Voͤlkerschaft, die uns nie beleidigt hat. Wenn Schriftsteller auch nicht hoffen doͤrften, daß die guten Grund- saͤtze, die sie verbreiten, uͤberall schnellen Eingang finden, so ist die Hut, gefaͤhrliche Grundsaͤtze zu veranlassen, ihnen die groͤ- ßeste Pflicht. Um schwarze Thaten, wilde Neigungen zu rechtfertigen stuͤtzt man sich gern auf verachtende Urtheile uͤber andre Voͤlker. Pabst Niklas der fuͤnfte hat, (es ist schon lange) die unbekannte Welt verschenkt; den weißen und edleren Men- schen hat er alle Unglaͤubige zu Sklaven zu machen, pontificalisch erlaubet. Mit unsern Bullen kommen wir zu spaͤt. Der Kakistokratismus behauptet praktisch seine Rechte, ohne daß wir ihn dazu theoretisch bevollmaͤchtigen und deßhalb die Geschichte der Menschheit umkehren muͤßten. Aeußerte z. B. jemand die Meinung, daß „wenn erwiesen werden kann , daß ohne Neger keine Kaffee- Zucker- Reis- und Tobacks- pflanzungen bestehen koͤnnen , so sei zu- gleich die Rechtmaͤßigkeit des Neger- handels bewiesen, indem dieser Handel dem ganzen menschlichen Geschlecht, d. i. den weißen edleren Menschen mehr zum Vortheil als zum Nachtheil gereichet:“ so zerstoͤrte ein Grundsatz der Art sofort die ganze Geschichte der Menschheit. Ad ma- iorem Dei gloriam privilegirte er die frech- sten Anmaaßungen, die grausamsten Usur- pationen. Gebe man doch keinem Volk der Erde den Scepter uͤber andre Voͤlker wegen „ angebohrner Vornehmig - keit “ in die Haͤnde; vielweniger das Schwert und die Sklavenpeitsche. 3. Der Naturforscher setzt keine Rangordnung unter den Geschoͤpfen voraus, die er betrachtet; alle sind ihm gleich lieb und werth. So auch der Na- turforscher der Menschheit. Der Neger hat so viel Recht, den Weißen fuͤr eine Abart, einen gebohrnen Kackerlacken zu halten, als wenn der Weiße ihn fuͤr eine Bestie, fuͤr ein schwarzes Thier haͤlt. So der Amerikaner, so der Mungale. In je- ner Periode, da sich Alles bildete, hat die Natur den Menschen - Typus so viel- fach ausgebildet, als ihre Werkstatt es er- forderte und zuließ. Nicht verschiedene Keime , Hieruͤber hat der Verfasser dieses Briefes eine besondre Abhandlung entworfen, die aber hieher nicht gehoͤret. A. d. S. (ein leeres und der Menschen- bildung widersprechendes Wort,) aber ver- schiedne Kraͤfte hat sie in verschiedner Proportion ausgebildet, so viel deren in ihrem Typus lagen und die verschiednen Klimate der Erde ausbilden konnten. Der Neger, der Amerikaner, der Mongol hat Gaben, Geschicklichkeiten, praͤformirte An- lagen, die der Europaͤer nicht hat. Viel- leicht ist die Summe gleich; nur in ver- schiednen Verhaͤltnissen und Compensatio- nen. Wir koͤnnen gewiß seyn, daß was sich im Menschen - Typus auf unsrer run- den Erde entwickeln konnte, entwickelt hat, oder entwickeln werde; denn wer koͤnnte es daran verhindern? Das Urbild, der Prototyp der Menschheit liegt also nicht in Einer Nation Eines Erdstriches; er ist der abgezogne Begriff von allen Ex- emplaren der Menschennatur in beiden He- misphaͤren. Der Cherokese und Hus - wana , der Mungal und Gonaqua ist so wohl ein Buchstab im großen Wort unsres Geschlechts, als der gebildetste Eng- laͤnder und Franzose. 4. Jede Nation muß also einzig auf ihrer Stelle , mit allem was sie ist und hat , betrachtet werden; willkuͤhr- liche Sonderungen, Verwerfungen einzel- ner Zuͤge und Gebraͤuche durch einander geben keine Geschichte. Bei solchen Samm- lungen tritt man in ein Beinhaus, in eine Geraͤth- und Kleiderkammer der Voͤlker; nicht aber in die lebendige Schoͤpfung, in jenen großen Garten, in dem Voͤlker, wie Gewaͤchse erwuchsen, zu dem sie gehoͤren, in dem Alles, Luft, Erde, Wasser, Sonne, Licht, selbst die Raupe, die auf ihnen kriecht und der Wurm, der sie verzehrt, zu ihnen gehoͤret Daß Sammlungen von Besonderheiten des Menschengeschlechts hie und da, hierin und darin, als Register, als Repertorien zu ge- brauchen sind, wollte der Verf. dieses Brie- fes nicht laͤugnen; nur sie sind, als solche, noch keine Geschichte. A. d. S. . Lebendige Haushaltung ist der Begriff der Natur, wie bei allen Organisationen, so bei der vielgestaltigen Menschheit. Leid und Freude, Mangel und Habe, Unwissenheit und Bewußtseyn, stehen im Buch der großen Haushaͤlterinn neben einander, und sind gegen einander berechnet. 5. Am wenigsten kann also unsre Eu - ropaͤische Cultur das Maas allgemei- ner Menschenguͤte und Menschenwerthes seyn; sie ist kein oder ein falscher Maas- stab. Europaͤische Cultur ist ein abgezogener Begriff, ein Name. Wo exsistirt sie ganz? bei welchem Volk? in welchen Zeiten? Ueberdem sind mit ihr (wer darf es laͤug- nen?) so viele Maͤngel und Schwaͤchen, so viel Verzuckungen und Abscheulichkeiten verbunden, daß nur ein unguͤltiges Wesen diese Veranlassungen hoͤherer Cultur zu ei- nem Gesammt-Zustande unsres ganzen Ge- schlechts machen koͤnnte. Die Cultur der Menschheit ist eine andre Sache; Ort - und Zeitmaͤßig sprießt sie allenthalben hervor, hier reicher und uͤppiger, dort aͤr- mer und kaͤrger. Der Genius der Men- schen-Naturgeschichte lebt in und mit je- dem Volk, als ob dies das einzige auf Erden waͤre. 6. Und er lebt in ihm menschlich . Alle Absonderungen und Zergliederungen, durch die der Charakter unsres Geschlechts zerstoͤrt wird, geben halbe oder Wahnbe- griffe, Speculationen. Auch der Pesche - raͤh ist ein Mensch; auch der Albinos . Lebensweise (habitus) ists, was eine Gattung bestimmt; in unsrer vielartigen Menschheit ist sie aͤußerst verschieden. Und doch ist zuletzt Alles an wenige Puncte ge- knuͤpfet; in der groͤßesten Verschiedenheit zeigt sich die einfachste Ordnung. Der Neger offenbahrt sich in seinem Fußtritt, wie der Hindu in seiner Fingerspitze; so beide in Liebe und Haß, im kleinsten und groͤßesten Geschaͤfte. Ein durchschauendes Wesen, das jede moͤgliche Abaͤnderung des Menschen-Typus nach Situationen unsres Erdballs genetisch erkennete, wuͤrde aus wenig gegebnen Merkmahlen die Summe der ganzen Conformation und des ganzen Habitus eines Volks , ei - nes Stammes , eines Individuums leicht finden. Zu dieser Anerkennung der Menschheit im Menschen fuͤhren treue Reisebeschrei- bungen viel sicherer als Systeme. Mich freuete es, daß Ihr Brief Br. 115. unter denen, die sich in die Sitten fremder Voͤlker- schaften innig versetzt, auch Pages nannte. de Pages Voyage autour du monde, Berne 1783. Man lese seine Gemaͤhlde vom Charakter mehrerer Nationen in Ame- rika, S. 17. 18-62. der Voͤlker auf den Philippi- nen, S. 137-148. 155-195. und was er vom Betragen der Europaͤer gegen sie hie und da urtheilt; wie er sich der Denkart der Hindu's , der Araber , der Drusen u. f. auch durch Theilnahme an ihrer Lebensweise gleichsam einzuverleiben suchte. T. II. — Rei- sebeschreibungen solcher Art, deren wir (Dank sei es der Menscheit!) viele ha- ben, Unter vielen andern nenne ich G. For - sters und le Vaillants , vom letzten in- son- erweitern den Gesichtskreis und ver- vervielfaͤltigen die Empfindung fuͤr jede Situation unsrer Bruͤder. Ohne daruͤber ein Wort zu verlieren, predigen sie Mitge- fuͤhl, Duldung, Entschuldigung, Lob, Be- dauren, vielseitige Cultur des Gemuͤths, Zufriedenheit, Weisheit. Freilich sucht auch in Reisebeschreibungen, wie auf Reisen, Jeder das Seine. Der Niedrige sucht schlechte Gesellschaft, und da wird sich ja sonderheit seine neuere Reisen. Die Grund- saͤtze, die in ihnen herrschen, wie Menschen und Thiere zu betrachten und zu behandeln sind, geben eine Hodopaͤdie , die inson- derheit den Englaͤndern zu mangeln scheinet. Ihre Urtheile uͤber fremde Nationen verra- then immer den divisum toto orbe Bri- tannum, wo nicht gar den monarchischen Kaufmann; da ein Reisebeschreiber eigent- lich kein ausschließendes Vaterland haben muͤßte. A. d. S. Zehnte Sammlung. F unter hundert Nationen Eine finden, die sein Vorurtheil beguͤnstige, die seinen Wahn naͤhre. Der edle Mensch sucht al- lenthalben das Bessere, das Beste, wie der Zeichner mahlerische Gegenden aus- waͤhlt. Auch hinter dem Schleier boͤser Gewohnheiten wird Jener urspruͤnglich- gute, aber mißgebrauchte Grundsaͤtze be- merken, und auch aus dem Abgrunde des Meers nicht Schlamm sondern Perlen ho- len. — Eine Classification der Reisebe- schreibungen, nicht etwa nur nach Merk- wuͤrdigkeiten der Naturgeschichte, sondern auch nach dem innern Gehalt der Rei - sebeschreiber selbst, wiefern sie ein rei- nes Auge und in ihrer Brust allgemei - nen Natur - und Menschensinn hat- ten — ein solches Werk waͤre fuͤr die zerstreuete Heerde von Lesern, die nicht wissen, was rechts und links ist, sehr nuͤtzlich. Wer koͤnnte es besser, als Reinhold For - ster geben? auch nur, wenn er ein schon ge- drucktes Verzeichniß von Reisebeschreibungen mit seinen Urtheilen begleiten wollte. A. d. S. F 2 Die Waldhuͤtte . Eine Mißions-Erzaͤhlung aus Paraquai. Vom ehrlichen Dobritzhofer erzaͤhlt in seiner Geschichte der Abiponen Th. 1. S. 113. Wien 1788. Eine aͤhnliche erzaͤhlt er S. 83. u. f., die eine gleiche Darstellung verdiente. U m Paraquaier-Thee und wilde Voͤlker Fuͤr unsre Kolonieen aufzusuchen Durchgingen wir jenseit des Empalado Die tiefsten Waͤlder. Nirgend eine Spur Von Menschen! Alles, alles war geflohn, Und aufgerieben von den Blattern. Bis uns Fußtapfen in ein armes Huͤttgen fuͤhrten. Ein Muͤtterchen, ihr zwanzigjaͤhrger Sohn, Und eine funfzehnjaͤhrge Tochter hatten Hier lang' und still gewohnt. Der Vater war Vom Tiger aufgefressen, als die Mutter Mit ihrer Tochter schwanger ging. Der Sohn Hatt' allenthalben sich ein Weib gesucht Und kein's gefunden. Außer ihrem Bruder Hatt' Arapotija , des Tages Bluͤthe , So heißt bei den Paraquaiern die Mor- genroͤthe. (So hieß das Maͤdchen) keinen Mann gesehn. Hier wohnten sie am Monda - Miri Ufer In einer Palmenhuͤtte. Wasser war Ihr Trank; Baumfruͤchte mancher Art, Die Wurzel des Mandijo-Baums, Gefluͤgel, Das Aba schoß, (so hieß der Juͤngling) Korn, Das seine Schwester saͤte, Ananas, Und Honig, der aus Baͤumen reichlich floß, Genossen sie. Von Caraquata-Blaͤttern War ihr Gewand gewebet und ihr Bett Bereitet. Eine scharfe Muschel war Ihr Messer. Seine Pfeile schnitzte sich Der Juͤngling mit zerbrochnem Eisen aus Dem haͤrtsten Holz; er stellte Fallen auf Den Elennthieren; reichlich naͤhrte er Sein kleines Haus. Ihr Teller war ein Blatt, Der Kuͤrbis ihre Flasche. Feuer schafften Sie sich aus Baͤumen. Also lebten sie Zufrieden und gesund; sie liebten sich Wie Mutter, Bruder, Schwester, die einander Die ganze Welt sind. Unschuld kleidete Das Maͤdchen ohne Schaam. Sie wand das Tuch, Das wir ihr schenkten, zierend um ihr Haupt; Ihr flatternd Baumgewand war ihr genug Kein fremder Schmuck entstellte ihr Gesicht; Ein Papagei auf ihrer Schulter war Ihr Freund, mit dem sie scherzte, wenn sie Hecken Und Hain wie eine Cynthia durchstrich, An Frohsinn und Gestalt ihr aͤhnlich. Scher- zend Empfing sie uns, und unbetroffen. So Die Mutter, so der Sohn. Ich sprach zu ihnen Quaranisch , ob sie mit uns ziehen wollten Aus dieser Wuͤstenei, und schildert' ihnen Die gluͤcklichen, die frohen Tage, die Sie mit uns leben wuͤrden. „Gerne, sprach Die Mutter, uns vertrauend, kaͤmen wir. Auch fuͤrchten wir den Weg nicht; aber sieh! Dort hab' ich drei Wildschweinchen aufgezogen, Seit ihre Mutter sie gebahr. Die muͤßten Umkommen, wenn wir sie verlassen, oder (Sie werden uns gewiß als Huͤndchen folgen) Verschmachten auf dem Wege, wenn sie sehn Das ausgebrannte Feld, darauf die Glut Der Sonne liegt.“ „Daruͤber fuͤrchte nichts, Sprach ich, wir wollen uns im Schatten la- gern, An Baͤchen sie erfrischen. Kommet nur!“ So kamen sie mit uns. Wir duldeten Viel auf dem langen Wege, watend jetzt Durch wilde Stroͤme, jetzt in Ungewittern Von Guͤssen uͤberstroͤmt. Es laureten Auf uns die Tiger. Endlich kamen wir In unserm Flecken an. Dem Juͤngling war Beschwerlich unsre Kleidung; eingepreßt Konnt' er in ihr nicht schreiten, klettern nicht Auf Baͤume, die hier fehlten. Er vermißte Das schoͤne Gruͤn, den dunkeln kuͤhlen Wald. Und ob wir dann und wann mitleidig auch Sie in entlegne Schatten fuͤhrten; ach! Es war nicht ihr geliebter Schatte. Brennend, Verzehrend lag auf ihnen hier die Glut Der Sonne. Fieber, Kopf- und Augenweh, Und tiefe Schwermuth, Eckel aller Speisen, Kraftlosigkeit, Auszehrung folgeten. Am ersten schwand die Mutter hin; sie ward Getauft und starb mit christlicher Ergebung. Die Tochter, Arapotija, die Bluͤthe Des Tages sonst, man kannte sie nicht mehr. Verbluͤhet war sie und verdorrt; sie folgte Der Mutter bald ins Grab. Ihr folgeten Viel Thraͤnen: denn sie war die Unschuld selbst. Der tapfre Bruder uͤberstand die Reihe Der Uebel, uͤberstand sogar zuletzt Der Uebel schrecklichstes, die Blattern. Er War folgsam, fleißig und gefaͤllig, fand Sich ein zum Unterricht; doch immer still. Ich ahnte nichts. Da kam ein Indianer, Und sprach geheim: „mein Pater, unser Waldmann (Ich fuͤrcht' es) ist dem Wahnsinn nah. Er klagt Zwar keine Schmerzen; aber „jede Nacht, Spricht er, erscheint mir wachend meine Mutter Und meine Schwester. Immer sprechen sie: Ich bitte, laß dich taufen: denn wir holen Dich bald und unvermuthet ab, o Sohn, O Bruder, in die gruͤnen Schatten.“ — Also Spricht taͤglich er; und kennt den Schlaf nicht mehr.“ Ich eilte zu ihm, sprach ihm Muth zu. Heiter Erwiedert er: „mir fehlt, o Vater, nichts. Ich kenne keine Schmerzen; aber schlafen Kann ich nicht mehr: denn alle Naͤchte sind Die Meinigen um mich und sprechen flehend: „Ich bitte, laß dich taufen: denn wir holen Dich bald und unvermuthet ab, o Sohn, O Bruder, in die gruͤnen Schatten.“ — „Freund, Die Deinigen sind jetzt im Himmel, sprach ich: Jedoch die Taufe soll Dir werden.“ — Sehnlich Erfreut' er sich; es ward der Tag bestimmt, Johannis Tag. Zehn Uhr am Morgen ward er Getauft; er war so heiter, war so froh! Am Abend, ohne Krankheit, ohne Schmerzen War er entschlafen. — So erzaͤhlt der Priester, Und laͤsset jeden denken, was er mag. Ich denke: „guter Vater, warum ließest Du nicht die Blumen, wo sie standen? und Erquicktest sie? Du hoͤrtest, was die Mutter Fuͤr ihre Thierchen fuͤrchtete: „sie werden Verschmachten in der Sonne Glut!“ — O lasset Doch jede Pflanze bluͤhen, wo sie bluͤht! Die Schattenblume zehrt der Mittag auf. 117. G ewiß, es ist nicht gleichguͤltig, nach welchen Grundsaͤtzen Voͤlker auf ein- ander wirken; und doch giebt es nicht eine Geschichte der Voͤlker, der alle Grund- saͤtze uͤber das Verhalten der Nationen gegen einander fehlen? Giebt es nicht eine andre, in der die verderblichsten Grundsaͤtze als billige und Preiswuͤrdige Maasregeln aufgestellt sind? Eben deß- halb wissen manche nicht, warum sie nur das Betragen der Europaͤer gegen die Neger und die Wilden verdammen sol- len, da ja aͤhnliche Grundsaͤtze in der ge - sammten Voͤlkergeschichte mit mehr oder minder Modificationen zu herrschen scheinen. Die meisten Kriege und Eroberungen aller Welttheile, auf welchen Gruͤnden be- ruheten sie? welche Grundsaͤtze haben sie geleitet? Nicht etwa nur jene Streife- reien der Asiatischen Horden, auch die meisten Kriege der Griechen und Roͤmer, der Araber, der Barbaren. Vollends die Ketzer- und Kreuzzuͤge, das Verhalten der Europaͤer gegen Zauberer und Juden, ihre Unternehmungen in beiden Indien. — Wie bedauret man in allem diesem manchen großen Mann, der fast uͤbermenschliche Thaten als ein Betrogener, als ein Ver- ruͤckter that! Mit der edelsten Seele ward er ein Bestuͤrmer und Raͤuber der Welt, der fuͤr seine Thaten von Hoͤfen, die so undankbar gegen ihn, als barbarisch ge- gen die Voͤlker waren, meistens auch boͤ- sen Lohn erntete. Man erstaunt uͤber die Gegenwart des Geistes, die Vasko di Gama , Albuquerque , Cortes , Piz - zarro , und viele unter ihnen, in Umstaͤn- den der groͤßesten Gefahr zeigten; See- und Strassenraͤuber zeigten oft ein Glei- ches. Wer aber, der kein Spanier und Portugiese ist, wird sich getrauen, die Tha- ten dieser Helden, Cortes , Pizarro 's oder des großen Albuquerque vor Suez , Ormuz , Kalekut , Goa , Ma - lakka , zum Gegenstande eines Helden- gedichts zu machen, und die damals geltenden Grundsaͤtze noch jetzt zu prei- sen? Einer unsrer Dichter versuchte es mit Cor - tes ; er hoͤrte aber weislich auf. Die Lobredner der Bartholomaͤus- nacht, der Juden-Ermordungen sind mit Schimpf und Schande bedeckt; zu hof- fen ists, daß auch die Raͤuber und Moͤrder der Voͤlker, Trotz aller erwiesenen Heldenthaten, blos und allein den Grund- saͤtzen einer reinen Menschengeschichte nach, einst damit bedeckt stehen werden. Ein Gleiches gilt von den Grundsaͤtzen uͤber das, was man sich im Kriege erlaubt haͤlt. Erkennt man Pluͤndern, Verstuͤm- meln, Schaͤnden, Vergiften der Brunnen und der Waffen fuͤr ehrlose Mittel des Krieges; sind es inwaͤrtige Aufhetzungen der Unterthanen, die nicht zum Heer ge- hoͤren, Vendeekriege, Entwuͤrfe zur Aus- hungerung der Nationen, treulose Vor- spiegelungen nicht eben sowohl? Jeder- mann verabscheuet Albuquerque 's Ent- wuͤrfe, der ganz Aegypten in eine Wuͤste verwandeln wollte, indem man ihm den Nil naͤhme, der Mekka und Medina , Laͤnder, die in keinem Kriege mit den Por- tugiesen begriffen waren, pluͤndern wollte. — Dergleichen Gewaltsamkeiten gegen fremde ruhige Voͤlker, Anstiftungen von Treulosig- keit im Herzen des Feindes u. f. strafen am Ende sich selbst. Wer einen offenen und geheimen Krieg zugleich fuͤhrt, verlaͤßt sich meistens auf die Wirkung seiner ge- heimen Mittel so sehr, daß auch die offe- nen ihm mißrathen. Aufwiegelung und Verrath lohnten selten ihre Urheber an- ders als mit Verlust und Schande. Wer Grundsaͤtze wegdraͤngt, auf denen einzig noch der Rest von Ehre und gutem Namen Namen der Voͤlker im Kriege beruhet, vergiftet die Quellen der Geschichte und des Rechts der Voͤlker bis auf den letzten Tropfen. — Eine traurige Uebersicht gaͤbe es, wenn man jede geschriebene Geschichte der Voͤlker in ihren Kriegen und Eroberungen, in ih- ren Unterhandlungen, in ihren Handels- entwuͤrfen nach den Grundsaͤtzen durchginge, in welchen gehandelt und ge- schrieben wurde. Wie ehrlicher waren unsre Vaͤter, die alten Barbaren, die bei ihren Zweikaͤmpfen nicht nur auf Gleich- heit der Waffen sahen, sondern Platz, Licht und Sonne unpartheiisch theilten. Wie ehrlicher sind die Wilden in ihren Unter- handlungen und Friedensschluͤssen, in ihrem Tausch und Handel! Gewalt und Willkuͤhr moͤgen gebieten, woruͤber sie Macht haben, nur nicht uͤber Grundsaͤtze des Rechts Zehnte Sammlung. G und Unrechts in der Menschen - geschichte . Von der Denkart der Roͤmer hieruͤber in ihren besten Zeiten lese man den Lipsius (doctrina politica mit ihrem Commentar, den Grotius (de jure belli et pacis), oder auch den guten Montague (B. 1. K. 5. 6.) Sie ist fuͤr unsre Zeiten sehr be- schaͤmend. A. d. H. Der Hunnenfuͤrst . E in Hunnenfuͤrst ward von Raubgierigen Tataren oft befehdet. Jetzo fodern Sie zum Geschenk von ihm sein bestes Pferd . Die Feldherrn rufen: Krieg! — „Wie? sprach er, Krieg Um eines Pferdes willen? Gebets hin!“ — Bald kamen wieder die Tataren, fodernd Sein schoͤnstes Weib . Die Feldherrn rufen: Krieg! „Wie? sprach er, Krieg um einer Sklavin willen, G 2 Die mir gehoͤrt; um ein Vergnuͤgen, Krieg? Gebt hin die Sklavin.“ Und sie kamen wieder Land fodernd. „Was sie fodern, hat so viel Nicht zu bedeuten,“ sprach der Feldherrn Zelt. „Nein! sprach der Fuͤrst, so lang' es mich nur galt, Mein Pferd , die Sklavin , gerne gab ichs hin Des Volkes Blut zu schonen; doch mein Land , Des Staates Eigenthum muß ich als Fuͤrst Verwalten, nicht verschenken. Auf! zur Schlacht!“ Sie stritten, siegten, schuͤtzeten ihr Land; Und im Triumph zuruͤck kam Roß und Weib. Das Kriegsgebet . Z um Kriege zog ein Schach und sein Vezier, Zum Kriege mit dem Bruder. Eben ging Die Straße eines Heilgen Grab voruͤber; Sie stiegen ab und beteten am Grabe. „Was betetest Du?“ sprach der Koͤnig zum Vezier. „Daß Gott Dir Sieg verleihe.“ „Ich, Erwiederte der Koͤnig, betete, Daß Gott ihn meinem Bruder gebe, wenn Er ihn des Thrones werther haͤlt als mich.“ Kahira . K ahira , Koͤniginn der Berbern, ahnend Des Reiches Untergang, versammlete Das Volk, und sprach also: Was sollen uns die Schaͤtze? Was soll uns Gold und Silber, Das uns die gier'gen Raͤuber Mit neuen Kraͤften anzieht? Ich that was ich vermochte, Ich handelte großmuͤthig, Gab frei die Kriegsgefangnen, Und ihrem tapfern Feldherrn, Dem letztgefangnen, sehet Begegn' ich noch als Schwester. Auf! meine guten Berbern, Vielleicht verschafft uns Armuth, Was Großmuth nicht verschaffte, In edler Freiheit Ruh. Laßt uns das Gold im Schutte Der Wohnungen begraben; Uns gnuͤget die Natur! Sie sprachs, und jedermann gehorchte. Schnell Verwandelte sich die zerstoͤrte Stadt In eine frohe Zeltenwuͤstenei. Jedoch umsonst. Die Raͤuber Erscheinen maͤchtger wieder: „Geh, sprach sie zu dem Feldherrn, Geh zu dem Heer der Deinen, Und wie ich Dir begegnet, Begegne meinen Soͤhnen. Ich kann sie nicht beschuͤtzen — Nun, Bruͤder, auf zur Schlacht!“ Die Schlacht begann; Kahira stritt voran, Und sank. Mit ihr ersank der Berbern Reich; Nicht ihre Großmuth. Die der Koͤnigspflicht Nicht Schaͤtze nur, nicht nur Bequemlichkeit Aufopferte, die selbst ihr Mutterherz Dem Feind' hingab; sie gabs dem edeln Mann. In ihren Soͤhnen ehrete der Feldherr Kahira , die großmuͤthige Koͤniginn. Das Kriegsrecht . M ahmud beherrschte Indien . Da trat Ein armer Inder vor ihn: „Herr, es kommt Aus Eurem Heer ein Maͤchtiger zu mir, Der fodert, daß ich ihm das Meinige, Mein Haus und Weib abtrete. Ungestuͤm Ist seine Fodrung.“ „Wenn er wiederkommt, So sage mirs.“ In dreien Tagen kam Der Inder nicht zum Sultan. Endlich schlich Er scheu heran, und Mahmud eilt' ins Haus Mit seiner Leibwach'. Es war Nacht. „Hinweg Die Lichter! rief er, toͤdtet ihn.“ Gesagt, gethan. „Jetzt bringet Licht herbei!“ Der Sultan sah den Leichnam und fiel betend Zur Erde nieder. „Gebt mir Speise jetzt!“ Er hielt vergnuͤgt ein armes Mahl, und sprach: „Hoͤrt, was ich that. In meinem Heere, glaubt' ich, Kann niemand die Gerechtigkeit so frech Verletzen, solche Foderung zu thun, Als meiner Liebling' oder Soͤhne Einer. Drum ward das Licht hinweggeschafft, daß dies Des Richters Auge nicht verblendete. Ich sah den Leichnam an mit Furcht; und Allah Sei Dank, es ist nicht meiner Lieben Einer. Ich kenne diesen todten Frevler nicht. Dafuͤr dann dankt' ich Gott, und esse jetzt: Denn seit ich auf den Ausgang wartete, Aß ich bekuͤmmert keinen Bissen Brodt. Des Brutus That war strenge und gerecht; Des Sultans strenge, menschlich, fromm und zart. Das Seerecht . D ie See war wild, das Schiff dem Sin- ken nah, Und alles Schiffvolk sah den Abgrund vor sich, Da wagt der edle Hauptmann in den Hafen Des Feindes sich: „ich uͤbergebe Dir Mich und mein Volk; ich rettete ihr Leben —“ „Bei Gott! sprach der Gebieter, keine Schmach Werd' ich an Dir auf meinen Namen laden. Auf freier See, haͤtt' ich Dich da ertappt, So waͤrst Du mein Gefangner, und Dein Schiff, Dein Schiffvolk waͤre mein; doch jetzo, da Der Sturm Dich in den Hafen wirft, so seyd Ihr mir nicht Feinde, seyd Ungluͤckliche, Seyd Menschen. Ladet aus, um euer Schiff Zu bessern; handelt in dem Hafen, frei Wie wir. Dann segelt fort mit gutem Gluͤck. Erst, wenn ihr uͤber die Bermudas seyd Auf hohem Meer, dann seyd ihr Feinde mir Jetzt seyd ihr mir vom Ungluͤck und dem Sturm In meinen Schutz empfohlen. Ladet aus.“ Der betrogne Unterhaͤndler. A ls Irokesen und Franzosen sich In Canada bekriegten, lud der Feldherr Der Gallier die Irokesen-Haͤupter Zur Friedens-Unterredung. Ein beglaubter Mißionar bewegte sie dazu In guter Meinung; doch der Feldherr fand Es ruͤhmlicher, die Irokesen-Haͤupter In Ketten der Galere zuzusenden. Betaͤubet von der unerhoͤrten Schmach Entflammete die Nation. Da schlich Der Aelteste der Wilden eilig zum Mißionar: „Wir haben Dir vertraut, Und sind mit unerhoͤrtem Schimpf betrogen. Ich weiß, Du bist nicht Schuld daran; Du meintest Es redlich; doch nicht jeder Juͤngling denkt In unsrer Nation wie ich. Drum flieh! Flieh, Fremder! Eher laß ich nicht von Dir, Bis ich Dich sicher weiß.“ — Er ließ ihn uͤber Die Grenze hin geleiten. — Edler Mann! 118. D a jetzt im unseligsten Kriege, in dem ein zeitiger Friede so schwer wird, von Entwuͤrfen zum ewigen Frieden viel gesprochen wird, so theile ich Ihnen einen zu diesem Zweck gemachten wirklichen Ver- such in den Worten dessen mit, der ihn berichtet. Zum ewigen Frieden . Eine Irokesische Anstalt. „Die Delawaren wohnten ehedem in der Gegend von Philadelphia und weiterhin nach der See zu. Von da aus thaten sie oftmals Einfaͤlle in die Doͤrfer der Chero- kesen, mischten sich unerkannt in ihre naͤchtlichen Taͤnze und ermordeten waͤhrend derselben ploͤtzlich viele. Noch heftiger und aͤlter waren die Kriege der Delawaren mit den Irokesen. Nach dem Vorgeben der Delawaren waren sie den Irokesen immer uͤberlegen, so daß diese endlich einsahen, daß bei laͤngerer Fortsetzung des Krieges ihr voͤlliger Untergang die unausbleibliche Folge seyn muͤßte. Sie sandten also Gesandte an die De- lawaren mit folgender Botschaft: „Es ist nicht gut, daß alle Nationen Krieg fuͤhren; denn das wird endlich den Untergang der Indianer nach sich ziehen. Darum haben wir auf ein Mittel gedacht, diesem Uebel vorzubeugen; es soll naͤmlich Eine Nation die Frau seyn. Die wollen wir in die Mitte Mitte nehmen; die andern Kriegfuͤhrenden Nationen aber sollen die Maͤnner seyn und um die Frau herum wohnen. Nie- mand soll die Frau antasten, noch ihr etwas zu Leide thun; und wenn es jemand thaͤte, so wollen wir ihn gleich anreden und zu ihm sagen: „warum schlaͤgst du die Frau ?“ Dann sollen alle Maͤnner uͤber den herfallen, der die Frau geschla- gen hat. Die Frau soll nicht in den Krieg ziehen, sondern so viel moͤglich den Frieden zu erhalten suchen. Wenn also die Maͤnner um sie herum sich einmal mit einander schlagen, und der Krieg hef- tig werden will, so soll die Frau Macht haben, selbige anzureden und zu ihnen zu sagen: Ihr Maͤnner, was macht ihr, daß ihr euch so herum schlagt? Bedenkt doch, daß eure Weiber und Kinder umkommen muͤssen, wo ihr nicht aufhoͤrt. Wollt ihr Zehnte Sammlung. H euch denn selbst vom Erdboden vertilgen? Und die Maͤnner sollen alsdann auf die Frau hoͤren, und ihr gehorchen.“ Die Delawaren ließen sichs gefallen, die Frau zu werden. Nun stellten die Irokesen eine große Feierlichkeit an, luden die Delawar-Nation dazu ein und hielten an die Bevollmaͤchtigten derselben eine nachdruͤckliche Rede, die aus drei Haupt- saͤtzen bestand. In dem ersten erklaͤrten sie die Delawar-Nation fuͤr die Frau , welches sie durch die Redensarten: „wir ziehen euch einen langen Weiberrock an, der bis auf die Fuͤße reicht, und schmuͤcken euch mit Ohrgehaͤngen“ ausdruͤckten, und ihnen damit zu verstehen gaben, daß sie von nun an mit den Waffen sich nicht weiter abgeben sollten. Der zweite Satz war so gefaßt: „wir haͤngen euch einen Kalabasch mit Oel und mit Arznei an den Arm. Mit dem Oel sollt ihr die Ohren der uͤbrigen Nationen reinigen, damit sie aufs Gute und nicht aufs Boͤse hoͤren; die Arznei aber sollt ihr bei solchen Voͤl- kern brauchen, die schon auf thoͤrichte Wege gerathen sind, damit sie wieder zu sich selbst kommen und ihr Herz zum Frieden wen- den.“ Der dritte Satz, darinn sie den Delawaren den Ackerbau zu ihrer kuͤnfti- gen Beschaͤftigung anwiesen, war so aus- gedruͤckt: „Wir geben euch hiemit einen Welschkornstengel und eine Hacke in die Hand.“ Jeder Satz wurde mit einem Belt of Wampon (Guͤrtel von Muschel- schalen) bekraͤftigt. Diese Belte sind bis daher sorgfaͤltig aufgehoben und ihre Bedeutung von Zeit zu Zeit wiederholt worden. Seit diesem sonderbaren Friedensschluß sind die Delawaren von den Irokesen H 2 Schwesterkinder benannt worden; die drei Delawar-Staͤmme heißen einander Mitgespielinnen . Diese Titel aber werden nur in ihren Rathsversammlungen, und wenn sie einander etwas erhebliches zu sagen haben, gebraucht. Von besagter Zeit ist die Delawar-Nation die Frie - densbewahrerinn gewesen, der der große Friedensbelt in Verwahrung gege- ben und die Kette der Freundschaft anver- trauet ist. Sie hat daruͤber zu wachen, daß dieselbe unverletzt erhalten werde. Nach der Vorstellung der Indianer liegt die Mitte der Kette auf ihrer Schulter und wird von ihr festgehalten; die uͤbrigen Indianernationen fassen das Eine Ende, und die Europaͤer das andre an.“ Loskiels Mißionsgeschichte in Nordame- rika. S. 160. — So die Irokesen . Es waren Zeiten in Europa, da die Hierarchie die Stelle dieser Frau vertreten sollte. Auch sie trug das lange Kleid; Oel und Arznei waren in ihrer Hand. Man giebt ihr Schuld, daß sie, statt ihr Friedens-Amt zu verwalten, oft selbst Kriege zwischen den Maͤnnern erregt und angefacht habe; we- nigstens hat ihr Oel die Ohren der Voͤl- ker noch nicht gereinigt, ihre Arznei die Kranken noch nicht geheilet. Sollen wir statt ihrer in der Mitte Europa's einer wirklichen Nation Weibskleider anziehen, und ihr das Frie- densrichteramt auftragen? Welcher? Wie koͤnnte sies aber verwalten, da oft uͤber einige Pelze an der Hudsonsbai, uͤber einige Flecken am Paraquaistrom, in deren Lage bisweilen die Kriegfuͤhrenden selbst sich geirrt haben, uͤber einen Hafen- platz im stillen Meer, uͤber Neckereien der Gouverneurs gegen einander Weltverwuͤ- stende Kriege gefuͤhrt werden? Ja wie oft entsprangen diese aus einer Grille des Monarchen, aus einer niedrigen Kabale des Ministers! Eine Geschichte vom wah - ren Ursprunge der Kriege in Europa seit den Kreuzzuͤgen waͤre ein siebenfacher Hu - dibras , das niedrigste Spottgedicht, das geschrieben werden koͤnnte. In einer Welt, in der dunkle Cabinette Kriege anspinnen und fortleiten, waͤre alle Muͤhe der Frie - densfrau verlohren. Leider auch bei den Wilden selbst er- reichte diese Anstalt ihren Zweck nicht lange. Als die Europaͤer naͤher drangen, sollte auf Erfordern der Maͤnner selbst die Frau an der Gegenwehr mit Antheil nehmen. Man wollte, wie man sich aus- druͤckte, zuerst ihr den Rock kuͤrzen, sodann gar wegnehmen und ihr das Kriegsbeil in die Hand geben. Eine fremde unvor- hergesehene Uebergewalt stoͤrte das schoͤne Projekt der Wilden zum Frieden unter ein- ander; und dies wird jedesmal der Fall seyn, solange der Baum des Friedens nicht mit vesten, unausreißbaren Wurzeln von In - nen heraus den Nationen bluͤhet. Wie manche andre Mittel haben die Menschen schon versucht, Streitsuͤchtigen Nationen Einhalt zu thun und ihnen die Wege zu sperren. Zwischen Gebuͤrgen wur- den ungeheure Mauern errichtet, Zwischen- laͤnder zur Wuͤste gemacht, abschreckende Fabeln ersonnen und in diese Wuͤste ge- pflanzet. In Asien sollte ein heiliges Reich den Streifereien der Mogolen ein Ziel setzen; der große Lama sollte die Friedensfrau seyn. In Afrika wurden Obelisken und Tempel die Freistaͤten des Handels, die Mutter von Gesetzgebun- gen und Colonieen. In Griechenland soll- ten Orakel , Amphiktyonen , das Panionium , Panaͤtelium , der Achaͤerbund u. f. wo nicht einen ewi- gen, so doch einen langen Frieden bewir- ken; mit welchem Erfolg hat die Zeit ge- lehret. Am besten waͤre es, wenn, wie bei jenem Handel im innern Afrika, die Nationen einander selbst gar nicht se - hen doͤrften . Sie legen die Waaren hin, und entfernen sich, bieten und tau- schen. Einander erblickend, ist Betrug und Zank unvermeidlich. — Meine große Friedensfrau hat einen andern Na- men. Ihre Arznei wirket spaͤt, aber un- fehlbar; vergoͤnnen Sie mir dazu einen andern Brief. Alhallil's Rede an seinen Schuh. Diese und einige der folgenden Beilagen sind aus einer kleinen Schrift von vier Bo- gen gezogen, Reden al Hallils , Stendal 1781. Der Verfasser, den ich zu kennen wuͤnschte, verzeihet gewiß, daß sie hier in einer veraͤnderten Gestalt erscheinen. A. d. S. M it Tausenden von meinem Volke zog Ich auch einher am Tage jenes Zorns, Der alle Ebnen Ubeda 's mit Blut Und Rach' erfuͤllte. Rosse wieherten Beim Schalle der Trommeten; Staub erhob Zum Himmel sich. Die Maͤchtgen jubelten; Die Ketten klirrten, die vor Abend noch Der Ueberwundnen Thraͤne netzen sollte. Einmuͤthig reichten Untergang und Tod Die Haͤnde sich, und schritten vor dem Heer. Da schlug in mir das Herz noch eins so stark: „O Ruͤstung zum Verderben! sprach ich, tief Im Winkel meiner Brust. — Allmaͤchtiger! Wir koͤnnen keinen Floh erschaffen, und Wir toͤdten Menschen. Blut vergießen wir, Und loben Dich.“ Mein Herz schlug staͤrker; ich Trat in den Sumpf. Vergeblich muͤhte sich Mein Fuß den Schuh hinauszuziehen. Vest War er. Die tapfern Heere schritten fort; Die Lanzen blinkten; Schwerter funkelten; Ein Feldgeschrei, ein wuͤstes Sausen fuͤllte Mein Ohr; ich stand betaͤubt und sprach also Zu meinem Schuh: Wie? mein Begleiter, jetzt Verlaͤssest du mich, und erwartest lieber Den Moder hier? Und soll ich dich denn auch Verlassen, wie in dieser Welt zuletzt Sich alles flieht? Du Guter, gingest freilich Nie mit mir boͤse Wege; keinem Pfade Der Frevler druͤcketest du je dich ein. Die Augen, die von Blute stroͤmen, blieben Uns fremd; dem Zuͤgellosen Sieger eiltest Du nimmer nach. Wir gingen sanfte Wege, Jetzt, wenn die Sonn' im Abendmeer ersank, Jetzt in den Schatten der Friedselgen Nacht, Der Ruhegeberinn, der Reichen, die Uns ihre Schaͤtz' am weiten Himmel zeigt, Und nieden uns der Freuden schoͤnste schenket. Dann sagte leise mir der Mond ins Ohr: „Sohn der Aëscha , geh zu deiner Treuen, Sie wartet deiner, lieblicher als ich.“ — Die Wege gingen wir; nicht jene, denen Du strenge jetzt unwillig dich entziehst. Ich folge deinem Rath. Gehabt euch wohl, Ihr Helden jetzt durch Mord und Todschlag! — Moͤgen Die Loͤwen eure Siege bruͤllen! wetze Der Tiger seine Klaun dazu; es singen Erschlagne Heere drein, und Drachen zischen Aus Wuͤstenein zerstoͤrter Wohnungen. — „Du stiller Mond, den sie mit Mordgeschrei Erschrecken, scheine nicht auf sie; und nie Umfange sie mit deinem sanften Arm, Die sie verscheuchen, du Friedselge Nacht.“ 119. M eine große Friedensfrau hat nur Einen Namen: sie heißt allgemeine Billigkeit , Menschlichkeit , thaͤ - tige Vernunft . Ich habe ein sehr sinnreiches Manu- script gelesen, in dem der Menschenge- schichte folgende Saͤtze zum Grunde lagen: 1. Menschen sterben um Menschen Platz zu machen. 2. Und da ihrer weniger ster- ben, als gebohren werden: so macht die Natur durch gewaltsame Mittel Raum. 3. Dahin gehoͤren nicht nur Pest, Mis- wachs, Erdbeben, Erdrevolutionen; son- dern auch Voͤlkerrevolutionen, Verwuͤstun- gen, Kriege. 4. Wie Eine Thierart die andre vermindert: so setzt das Menschen- geschlecht sich selbst in Proportion und wehrt der Ueberzahl. 5. Es giebt in ihm also erhaltende und zerstoͤrende Charak- tere. — Schreckliches System, das uns vor unsrem eignen Geschlecht Schauder und Furcht einjagt, indem wir nach ihm Jedem ins Angesicht, auf seinen Gang und auf seine Haͤnde sehen muͤssen, ob er ein Fleisch- oder Grasfressendes Thier sei? ob er einen erhaltenden oder zerstoͤ - renden Charakter an sich trage? Gewiß hat uns die Natur an Mitteln nicht ent- bloͤßt, uns vor dieser zerstoͤrenden Gat- tung unseres eignen Geschlechts zu sichern; nur sie gab uns diese Mittel als Waffen nicht in die Haͤnde, sondern in Kopf und Herz. Die allgemeine Menschen - vernunft und Billigkeit ist die Ma- trone, die Oel und Arznei am Arm, die einen Fruchtstengel in der Hand traͤgt, nicht etwa nur als Symbole, sondern als die stillwirkenden Mittel wo nicht zu einem ewigen Frieden, so gewiß doch zu einer allmaͤlichen Verminderung der Kriege. Las- sen Sie mich, da wir hier auf des ehrli- chen St . Pierre Wege gerathen, auch seiner Methode uns nicht schaͤmen und die große Friedensfrau (pax sempiterna) mit vesten Grundsaͤtzen in ihr Amt weisen. Sie ist dazu da, ihrem Namen und ihrer Natur nach Friedens - Gesinnungen einzufloͤßen. Erste Gesinnung . Abscheu gegen den Krieg . Der Krieg, wo er nicht erzwungene Selbstvertheidigung, sondern ein toller An- griff auf eine ruhige, benachbarte Nation ist, ist ein unmenschliches, aͤrger als thie- risches Beginnen, indem er nicht nur der Nation, die er angreift, unschuldiger Weise Mord und Verwuͤstung drohet, sondern auch die Nation, die ihn fuͤhret, eben so unverdient als schrecklich hinopfert. Kann es einen abscheulichern Anblick fuͤr ein hoͤ- heres Wesen geben, als zwei einander gegenuͤber stehende Menschenheere, die un- beleidigt einander morden? Und das Ge- folge des Krieges, schrecklicher als er selbst, sind Krankheiten, Lazarethe, Hunger, Pest, Raub, Gewaltthat, Veroͤdung der Laͤnder, Ver- Verwilderung der Gemuͤther, Zerstoͤrung der Familien, Verderb der Sitten auf lange Geschlechter. Alle edle Menschen sollten diese Gesinnung mit warmem Men- schengefuͤhl ausbreiten, Vaͤter und Muͤtter ihre Erfahrungen daruͤber den Kindern einfloͤßen, damit das fuͤrchterliche Wort Krieg, das man so leicht ausspricht, den Menschen nicht nur verhaßt werde, son- dern daß man es mit gleichem Schauder als den St. Veitstanz, Pest, Hungersnoth, Erdbeben, den schwarzen Tod zu nennen oder zu schreiben, kaum wage. Zweite Gesinnung . Verminderte Achtung gegen den Hel- denruhm. Immer mehr muß sich die Gesinnung verbreiten, daß der Laͤnder-erobernde Hel - Zehnte Sammlung. I dengeist nicht nur ein Wuͤrgengel der Menschheit sei, sondern auch in seinen Ta- lenten lange nicht die Achtung und den Ruhm verdiene, die man ihm aus Tradi- tion von Griechen, Roͤmern und Barbaren her zollet. So viel Gegenwart des Gei- stes, so viel zusammenfassende Vorsicht und Voraussicht und schnellen Blick er fodern moͤge: so wird der edelste Held vor und nach der Schlacht nicht nur das Geschaͤft beweinen, dem er seine Gaben aufopfert, sondern auch gern gestehen, daß um Va - ter eines Volks zu seyn, wenn nicht mehr, so doch edlere Gaben in fortge - hender Bemuͤhung und ein Charak - ter erfodert werde; ein Charakter , der seinen Kampfpreis weder Einem Tage zu verdanken hat, noch ihn mit dem Zufall oder dem blinden Gluͤck theilet. Alle Ver- staͤndige sollten sich vereinigen, durch echte Kenntniß alter und neuer Zeiten den fal- schen Schimmer wegzublasen, der um ei- nen Marius , Sulla , Attila , Gen - gischan , Tamerlan gaukelt, bis end- lich jeder gebildeten Seele Gesaͤnge auf sie und auf Lips Tullian gleich heroisch er- schienen. Dritte Gesinnung . Abscheu der falschen Staatskunst. Immer mehr muß sich die falsche Staatskunst entlarven, die den Ruhm eines Regenten und das Gluͤck seiner Re- gierung in Erweiterung der Grenzen, in Erjagung oder Erhaschung fremder Pro- vinzen, in vermehrte Einkuͤnfte, schlaue Unterhandlungen, in willkuͤhrliche Macht, I 2 List und Betrug setzt. Die Mazarins , Louvois , du Terrai und ihres glei- chen muͤssen nicht nur im Angesicht des ehrlichen Volks, sondern der Weichlinge selbst wie sie sind erscheinen, so daß es wie das Einmal Eins klar wird, daß je- der Betrug einer falschen Staatskunst am Ende sich selbst betruͤge . Die allge- meine Stimme muß uͤber den Werth des bloßen Staats - Ranges und seiner Zeichen , selbst uͤber die aufdringendsten Gaukeleien der Eitelkeit, selbst uͤber fruͤh- eingesogene Vorurtheile siegen. Mich duͤnkt, man sei im Verachten einiger dieser Dinge jetzt schon weit und vielleicht zu weit fort- geschritten; es kommt darauf an, daß man das Schaͤtzenswerthe bei Allem was uns der Staat auflegt, auch redlich und um so hoͤher achte, je mehr es die Menschheit der Menschen foͤrdert. Vierte Gesinnung . Gelaͤuterter Patriotismus . Der Patriotismus muß sich noth- wendig immer mehr von Schlacken reini- gen und laͤutern. Jede Nation muß es fuͤhlen lernen, daß sie nicht im Auge An- drer, nicht im Munde der Nachwelt, son- dern nur in sich, in sich selbst groß, schoͤn, edel, reich, wohlgeordnet, thaͤtig und gluͤck- lich werde; und daß sodann die fremde wie die spaͤte Achtung ihr wie der Schatte dem Koͤrper folge. Mit diesem Gefuͤhl muß sich nothwendig Abscheu und Verach- tung gegen jedes leere Auslaufen der Ih- rigen in fremde Laͤnder, gegen das Nutz- lose Einmischen in auslaͤndische Haͤndel, gegen jede leere Nachaͤffung und Theilneh- mung verbinden, die unser Geschaͤft, unsre Pflicht, unsre Ruhe und Wohlfahrt stoͤren. Laͤcherlich und veraͤchtlich muß es werden, wenn Einheimische sich uͤber auslaͤndische Angelegenheiten, die sie weder kennen noch verstehen, in denen sie nichts aͤndern koͤn- nen und die sie gar nicht angehn, sich entzweien, hassen, verfolgen, verschwaͤrzen und verlaͤumden. Wie fremde Banditen und Meuchelmoͤrder muͤssen die erscheinen, die aus toller Brunst fuͤr oder gegen ein fremdes Volk die Ruhe ihrer Mitbruͤder untergraben. Man muß lernen, daß man nur auf dem Platz etwas seyn kann, auf dem man stehet, wo man etwas seyn soll . Fuͤnfte Gesinnung. Gefuͤhl der Billigkeit gegen andre Nationen. Dagegen muß jede Nation allgemach es unangenehm empfinden, wenn eine andre Nation beschimpft und beleidigt wird; es muß allmaͤlich ein gemeines Gefuͤhl erwachen, daß jede sich an die Stelle je- der andern fuͤhle. Hassen wird man den frechen Uebertreter fremder Rechte, den Zerstoͤrer fremder Wohlfahrt, den kecken Beleidiger fremder Sitten und Meinun- gen, den pralenden Aufdringer seiner eig- nen Vorzuͤge an Voͤlker, die diese nicht be- gehren. Unter welchem Vorwande Jemand uͤber die Grenze tritt, dem Nachbar als einem Sklaven das Haar abzuscheren, ihm seine Goͤtter aufzuzwingen, und ihm dafuͤr seine Nationalheiligthuͤmer in Religion, Kunst, Vorstellungsart und Lebensweise zu entwenden; im Herzen jeder Nation wird er einen Feind finden, der in seinen eig- nen Busen blickt und sagt: „wie? wenn das mir geschaͤhe?“ — Waͤchst dies Ge- fuͤhl, so wird unvermerkt eine Allianz aller gebildeten Nationen gegen jede einzelne anmaaßende Macht. Auf diesen stillen Bund ist gewiß fruͤher zu rechnen, als nach St . Pierre auf ein foͤrmliches Einverstaͤndniß der Cabinette und Hoͤfe. Von diesen darf man keine Vor- schritte erwarten; aber auch sie muͤssen endlich ohne Wissen und wider Willen der Stimme der Nationen folgen. Sechste Gesinnung . Ueber Handelsanmaaßungen . Laut empoͤrt sich das menschliche Ge- fuͤhl gegen freche Anmaaßungen im Han- del, sobald ihm unschuldige froͤhnende Na- tionen um einen Gewinn, der ihnen nicht einmal zu Theil wird, aufgeopfert werden. Handel soll, wenn auch nicht aus den edelsten Trieben, die Menschen vereini - gen , nicht trennen; er soll sie, wenn gleich nicht im edelsten Gewinn, ihr gemeinschaft- liches und eigenes Interesse wenigstens als Kinder kennen lehren. Dazu ist das Welt- meer da; dazu wehen die Winde; dazu fließen die Stroͤme. Sobald Eine Nation allen andern das Meer verschließen, den Wind nehmen will, ihrer stolzen Habsucht wegen; so muß, jemehr die Einsicht ins Verhaͤltniß der Voͤlker gegen ein - ander zunimmt, der Unmuth aller Na- tionen gegen eine Unterjocherinn des freie- sten Elements, gegen die Raͤuberinn jedes hoͤchsten Gewinnes, die anmaaßende Be- sitzerinn aller Schaͤtze und Fruͤchte der Erde erwachen. Ihrem Stolz, ihrer Hab- sucht zu dienen wird kein fremder Bluts- tropfe willig fließen, je mehr der wahre Satz eines vortreflichen Mannes anerkannt wird, „ daß die Vortheile der han - delnden Maͤchte einander nicht durchkreuzen , und daß diese Maͤch - te von einem gegenseitigen allge - meinen Wohlstande , und von der Erhaltung eines ununterbroche - nen Friedens vielmehr den groͤße - sten Nutzen haben wuͤrden .“ Pinto uͤber die Handelseifersucht; uͤber- setzt in der Sammlung von Aufsaͤtzen , die groͤßtentheils wichtige Puncte der Staatswissenschaft betreffen . Liegnitz, 1776. Der Verfasser erstgenannter Abhandlung hat ihr folgende Stelle aus Buffou vorgesetzt: „Diese Zeiten, wo der Mensch sein Erbtheil verliert, diese barbari- schen Jahrhunderte, wo alles umkommt, ha- ben jederzeit den Krieg zu ihrem Vorlaͤufer, und fangen mit Hungersnoth und Entvoͤlke- Siebende Gesinnung. Thaͤtigkeit . Endlich der Kornstengel in der Hand der Indischen Frau ist selbst eine Waffe gegen das Schwert. Je mehr die Menschen Fruͤchte einer nuͤtzlichen Thaͤtig- keit kennen, und einsehen lernen, daß durchs Kriegsbeil nichts gewonnen, aber viel verheert wird; je mehr die schmaͤhen- rung an. Der Mensch, der nur durch die Menge etwas vermag, der blos in der Ver- einigung und Verbindung mit Seinesgleichen stark ist, der nicht anders als durch den Frie- den gluͤcklich ist, hat die Wuth, sich zu sei- nem Ungluͤck zu bewafnen, und zu seinem Untergange zu streiten. Gereizt durch einen unersaͤttlichen Geiz, verblendet durch eine noch unersaͤttlichere Ehrsucht entsagt er den Empfindungen der Menschlichkeit, wendet alle seine Kraͤfte gegen sich selbst an, bemuͤhet den Vorurtheile von einer mit goͤttlichem Beruf zum Kriege gebohrnen Caste, in der von Vater Cain, Nimrod und Og zu Basan an Heldenblut fließe, veraͤchtlich und laͤcherlich werden, desto mehr Ansehen wird der Aehrenkranz, der Apfel- und Palmzweig, vor dem traurigen Lorbeer er- halten, der neben dunkeln Cypressen waͤchst und sammt Nesseln und Dornen nur La- certen und Bubonen unter sich liebet. Die sanfte Verbreitung dieser Grund- saͤtze sind das Oel und die Arznei der sich einer den andern zu Grunde zu richten, und verursacht endlich seinen wirklichen Un- tergang. Und nach diesen Blut- und Mord- tagen, wenn der Nebel des Ruhms ver- schwunden ist, so sieht er mit einem trauri- gen Auge die Erde verwuͤstet, die Kuͤnste be- graben, die Nationen geschwaͤcht, sein eigen Gluͤck zu Grunde und seine wahre Macht vernichtet. großen Friedensgoͤttinn Vernunft , de- ren Sprache sich endlich niemand entziehen kann. Unvermerkt wirkt die Arznei, sanft fließt das Oel hinunter. Leise tritt sie zu diesem und jenem Volk und spricht in der Sprache der Indianer: „Bruder, Enkel, Vater, hier bringe ich dir ein Bundes- zeichen, und Oel und Arznei. Damit will ich deine Augen reinigen, daß sie scharf sehen; ich will damit deine Ohren saͤubern, daß sie recht hoͤren; ich will deinen Hals glaͤtten, daß meine Worte geschmeidig hin- untergehen: denn ich komme nicht umsonst; ich bringe Worte des Friedens.“ Und der Angeredete wird antworten: „Schwester, dieser String of Wam - pum soll dich willkommen heißen. Ich will die Dornen aus deinen Fuͤßen ziehen, die dir etwa moͤchten hineingefahren seyn. Ich will die Muͤdigkeit, die dich auf der Reise befallen hat, wegschaffen, daß deine Kniee wieder stark und muthig werden. Das rothe Kriegsbeil und die Keule sollen in die Erde verscharret seyn, und uͤber sie wollen wir einen Baum pflanzen, der bis in den Himmel wachse. Solange Sonne und Mond scheinen und auf und nieder- gehen, solange die Sterne am Himmel ste- hen und die Fluͤsse mit Wasser fließen, soll unsre Freundschaft dauren.“ Lauter Ausdruͤcke der Amerikaner bei ihren Friedensschluͤssen und bei der Einweihung ih- rer Friedensfrau . — Wenn, wie ich fast glaube, ein ewiger Friede foͤrmlich erst am juͤngsten Tage geschlossen werden wird, so ist dennoch kein Grundsatz, kein Tropfe Oel vergebens, der dazu auch nur in der weitsten Ferne vor- bereitet. 120. J ede Aufmunterung zu guten Gesinnun- gen ohne auf die Foͤrmlichkeit ihrer Ausfuͤhrung aͤngstliche Ruͤcksicht zu neh- men, ist eine Trostpredigt. Oft sagt der Bloͤde: „wenn wird, wenn kann dies ge- schehen?“ und thut daruͤber gar nichts. Oft haͤlt er sich zu fruͤh und zu genau an die Bestimmung der Foͤrmlichkeiten des Ausgangs, und vergißt daruͤber das We- fentliche der Huͤlfsmittel, diesen Ausgang zu foͤrdern. Viele Beispiele der Geschichte legen dies klar an den Tag. In den alten Schriften der Ebraͤischen Nation z. B. waren schoͤne Wuͤnsche und Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft gepflanzet. Hoff- nungen eines großen Lichts, das allen Voͤl- kern aufgehen, eines Bandes der Freund- schaft, das alle Nationen umfassen sollte, einer Religion, die ins Herz geschrieben, eines goldnen Friedens, an dem Alles Theilnehmen wuͤrde, glaͤnzten wie eine Morgenroͤthe. Sobald man in diesen Ent- wuͤrfen und Ahnungen den Geist des Weis- sagenden, seinen Zweck und die herrschende Gesinnung der Rede verkannte, als man sich an den Buchstaben hing, und die Er- fuͤllung foͤrmlich bestimmte; da kamen Thorheiten ans Licht; Traͤumereien, mit deren Jeder man um so weiter vom Sinn der der Weißagung abwich, je foͤrmlicher man bestimmte. Nicht anders wars im Christenthum, als man auf die sichtbare Ankunft des Herren hofte. In allen Schwaͤrmer- sekten, die das tausendjaͤhrige Reich zu Stande bringen wollten, wars nicht an- ders. Mit mancher neuen Philosophie, fuͤrchte ich, ists eben also. Wie nahe der Erfuͤllung hat man sich bei manchen Sy- stemen geglaubt, und wie schrecklich ward man betrogen! Die glaͤnzende Hoͤhe, die man dicht vor sich sah, ruͤckte weiter und weiter. Da giebt der Getaͤuschte dann alle Hoffnung auf und laͤßt die Haͤnde sinken. — Verbreiter guter Gesinnungen, schadet ihnen, schadet euch selbst nicht durch Be- zeichnung eines Aeußern, das blos von der Zeit und von Umstaͤnden bestimmt wer- Zehnte Sammlung. K den kann! Pflanzt den Baum; er wird von selbst wachsen; Erde, Luft, Sonne werden ihm Gedeihen geben. Sichert gute Grundsaͤtze; durch eigne Kraft werden sie wirken — nicht anders aber als mit Mo- dificationen, die Zeit und Ort ihnen allein geben koͤnnen und geben werden. Der Fuͤrst . Z ertheile dich, truͤbes Gewoͤlk! Denn unter dir wandelt der Edle, Auf dessen Scheitel ein Strahl Goͤttliches Glanzes traf. Es leuchtet Segen durch Laͤnder und Reiche, Die seinem Winke gehorchen, Die an den Stuffen seines Throns Suchen und finden ihr Gluͤck. Lob dem Erbarmenden, der ihn zum Pfleger Der Menschheit setzte! Heil der Stunde, da Sein großes Herz zum erstenmale schlug! Edler! siebenmal edler als Tages Licht, K 2 Was soll Dir Glanz des Goldes? Was soll Dir Schimmer des Lobes? Groͤße, die Du willst, ist Gluͤckseligkeit der Voͤlker. Name, den Du suchst, ist der Name, Vater . Fuͤhr' ihn! denn Dein heilig Herz Ist Wohnung vaͤterlicher Huld; Und jedes Blut der Deinen ist das Deine, Und jedes Leben Deiner Kinder Deins. Der Fuͤrsten Feinde, das scheue Gevoͤgel der Nacht, Heuchler und Schmeichler scheuen das Licht, Welches der Himmel Dir gab, Die Demuth, womit Er Dich hoch belieh; Sie nahen nicht dem Thron, worauf der Herr der Welt Dir gab zu sitzen; fern' ihm schwaͤrmen sie. Weisheit und Menschenliebe treten, Du winkest sie herbei, vor Deinen Stuhl — Du hoͤrest ihre Rede, die Dir sagt: „Du bist ein Mensch! Auch Du, o Fuͤrst, bist Staub! Sei Deines Thrones werth, sei groß und gut. Sei gut: dann bist Du groß.“ Ruhm und Verachtung . D u Thal des Irrthums, dahinab nur selten Der Wahrheit Sonne scheinet, soll ich mich Verwundern, wenn, erhitzt von Phantasie, Die dich bewohnen schneller noch erkalten, Als gluͤhend Eisen unter Schmiedes Hand? Du mit dem Fluch von Taͤuschereien schwer- Beladne Erde, soll ich staunen, wenn Auf dir Bewundrung bald Verachtung wird? Da Zufall, Gluͤck und Gunst und eitler Schimmer Zu deiner Achtung gnug ist. Jenem, der, Den Donner in der Hand auf Nationen Verderben schleidert und der Voͤlker Gluͤck Zerschmettert, Jenem knieest du und rufst: „Hier Arm der Gottheit!“ Und wenn ihn das Gluͤck, Die falsche Braut, verließ, wenn ihn der Sieg Nicht seinen Liebling nennet, kehrest du Dein Antlitz von ihm weg. Oft fuͤhret Wahn Zum Altar eines Goͤtzen, den auch Wahn Und Trug erschuffen; Schwaͤrmerei und Wahn Streun ihren Weihrauch ihm; da rufest du Entzuͤckt: „Hier ist der Weisheit letzter Spruch!“ Weh ihm dem Goͤtzen! weh dem Altar! Bald Wird uͤber ihn die Maus hinlaufen, bald Der Sperling auf ihm huͤpfen. Tolles Ding Um Ehr' und Schand', um Ruhm und um Verachtung Des Menschenvolks. Mit beiden Haͤnden theilt Der Thor sie Thoren aus. Du fromm Geschlecht! O suche Ruhm und Achtung nur bei Dem, Der nicht wie Menschen nur Gebraͤuchen froͤhnt, Bei dem der Werth des Guten ewig gilt. Wer bei dem Ewigen den Wechsel sucht, Wer bei dem Hoͤchsten Ungerechtigkeit Erwartet, der verlaͤugnet ihn. Bewahre Mich Herr! bewahre mein Geschlecht fuͤr Ruhm Bei Thoren; Schand' und Spott ist er vor Dir. Al - Hallils Klagegesang . L aßt mich weinen! das Weinen bringt nicht Schande. Laßt mich klagen! denn klagen soll der Be- truͤbte. O Humane ! Al Hallil nennet ihn Houmana . wie soll ich dich jetzt nennen? Himmlische Namen hast du; wer kann sie sprechen? Schaut, o schauet den Schmerz in meiner Seele, Engel, die ihn ins Thal des Todes fuͤhrten. Gottesboten, ihr fuͤhrtet ihn als Bruͤder, Euren Bruder. Ich seh' ihn freundlich laͤcheln Mitten im Todesthal. Er warf die Huͤlle Leicht von sich und ersah den offnen Himmel. Laßt uns folgen, ihr Bruͤder! — Beider Welten Vater, wird uns auch dort die Huͤtte bauen. — O Humane , wie soll ich dich jetzt nennen? Himmlische Namen hast du; wer mag sie sprechen? Heil der keuschen Mutter, die dich gebohren! Denn sie mehrte die Zahl der Engel mit dir. Wie der Bach, der das Paradies durch- schlaͤngelt, War Dein Herz; wie der Morgenstern Dein Innres. Sanft wohlthaͤtiges Licht der Sonne, freundlich Wie die Sommernacht, wie der Silber- mondstral. Auge warst du dem Fuͤrsten, wie dem Armen; Eins nur kanntest du nicht, das Gift der Schlangen. Worte des Trostes gabst du uns, nicht Wermuth, Heucheltest nie uns Demuth, nie uns Freund- schaft. Ungesehen auch warst du edel, uͤbtest Im Verborgenen Guts, wie Gott, dein Vater. Nie erwartetest du, was du nicht selber Leisten konntest, o du der Menschheit Zierde. Und gewelket so bald sind deine Bluͤthen! Deine Zweige, wie sinken sie zur Erde! Klagt mit mir, Jungfrauen! o klagt, ihr Knaben! Seine schoͤne Gestalt ist uns entnommen! Nie eroͤfnet sich uns sein holder Mund mehr. 121. W enn in Einem Felde der Wissenschaft menschliche Gesinnungen herrschen sollten, so ists im Felde der Geschichte : denn erzaͤhlt diese nicht menschliche Hand- lungen? und entscheiden diese nicht uͤber den Werth des Menschen? bauen diese nicht unsres Geschlechts Gluͤck und Un- gluͤck? Man sagt: „die Geschichte erzaͤhle Be - gebenheiten “, und ist beinah geneigt, diese fuͤr so unwillkuͤhrlich, ja fuͤr so uner- klaͤrbar anzusehen, wie man in den dun- kelsten Jahrhunderten die Naturbegeben- heiten nicht ansah, sondern anstaunte. Ein erregter Krieg oder Aufruhr gilt der gemeinen Geschichte wie ein Ungewitter, wie ein Erdbeben; die ihn erregten, wer- den als Geißel der Gottheit, als maͤchtige Zauberer betrachtet; und damit gnug! Eine Geschichte dieser Art kann die kluͤgste oder die stupideste werden, nachdem der Sinn ihres Verfassers war. Die stupideste wird sie, wenn sie in einem sogenannt - großen und goͤttlichen Mann alles bewundert, und keine seiner Unternehmungen an ein Richtmaas mensch- licher Vernunft zu bringen sich erkuͤhnet. Manche morgenlaͤndische Geschichte von Nadir - Schah , Timur - Long u. f. sind so geschrieben; wir lesen eine lob- jauchzende Epopee, mit einer duͤrren oder abscheulichen Thatenreihe froͤlich durch- webet. Europa hat an diesem morgenlaͤndischen Geschmack vielen Antheil genommen, nicht etwa nur in den Zeiten der Kreuzzuͤge, sondern auch in den meisten Lebensbeschrei- bungen einzelner Helden, in der Geschichte ganzer Sekten, Familien und Familien - kriege . Man staunt, wenn man die Andacht und Anhaͤnglichkeit des Schrift- stellers an seinen verehrten Gegenstand wahrnimmt, und kann nichts anders sa- gen, als: „er hat aus dem Becher der Betaͤubung getrunken; Wein der Daͤmo- nen hat ihm die Sinne benebelt.“ Die kluͤgste Geschichte dieser Art ist die kaͤlteste, etwa wie Machiavell sie trieb und ansah. Auch sie vergißt Recht und Unrecht, Laster und Tugend, indem sie, rein wie ein Geometer, den Erfolg ge- gebener Kraͤfte ausmißt und fortgehend einen Plan berechnet. Daß aus dieser Machiavellischen Geschichte, wenn sie scharf siehet und rich- tig rechnet, viel zu lernen sei, ist keine Frage. Beschaͤftigt sie sich nicht mit dem verflochtensten, wichtigsten Problem, das unserm Geschlechte vorliegt? Menschen - kraͤfte im Verhaͤltniß ihrer Wir - kungen und Folgen . Waͤre nur dies Problem auch rein auf- zuloͤsen! Auf dem Schauplatz der Erde, selbst in ihren engesten Winkeln laͤuft so Vieles durch einander; gegenseitige Kraͤfte stoͤren einander, und in alles mischen sich Umstaͤnde, Zeit, Gluͤck, der tausendarmige Zufall. Der Kluͤgste ward hintergangen; der Besonnenste verfehlte seinen Zweck. Also wird diese Schule des Unterrichts oft eine Romanschule , da man dem gluͤcklichen Helden Klugheit leihet, die er nicht hatte, und von schimmernden Erfol- gen nach einem falschen Calcul ruͤckwaͤrts rechnet; oder sie wird, wenn die besten Kraͤfte durch einen Zufall mißrathen, eine niederschlagende Lection, eine Schule der Verzweiflung . Ueberhaupt aber macht dieser Wetzstein der Klugheit das Gemuͤth leicht zu scharf, zu schartig. Wer kann Machiavells Prinzen ohne Schauder lesen? Wenn ihm auch alles gelaͤnge, waͤre er ein wuͤrdiger Fuͤrst? waͤre er in seinem Busen gluͤcklich? Ent- setzlich ists, die Menschheit nur als eine Linie zu betrachten, die man nach Ge- fallen zu seinem Zweck kruͤmmen, schnei- den, verlaͤngern und verkuͤrzen darf, da- mit ein Plan erreicht, damit die Aufgabe nur geloͤset werde. Also Also koͤnnen wir uns vom Menschen - gefuͤhl nicht trennen, indem wir die Ge- schichte schreiben oder lesen; ihr hoͤchstes Interesse , ihr Werth beruhet auf die- ser Menschenempfindung, der Regel des Rechts und Unrechts . Wer blos fuͤr Klugheit schreibt, geraͤth leicht in Duͤnkel; wer nur fuͤr die Neugierde schreibt, schreibt fuͤr Kinder. Was bestimmt aber diese Regel des Rechts? Auch hier giebts eine zu warme und zu kalte Geschichte. Die erhitzte will zur Ehre Gottes alles bewirken, und erlaubt sich zu diesem vermeinten Zweck Frevel und Unsinn. So unterjochte Timur eine halbe Welt, den Muhammedanischen Glauben auszubreiten, und wollte im hoͤchsten Alter noch das ru- hige China bekriegen. So zogen die Na- tionen Europa's zum heiligen Grabe: so Zehnte Sammlung. L wuͤrgten die Spanier in Amerika; so mar- terte und verfolgte die Inquisition. Schreck- liche Leidenschaften der Menschen umhuͤlle- ten sich mit dem Mantel Gottes und zer- stoͤrten und quaͤlten. — Die kalte Geschichte rechnet unter der Regel eines angeblichen positiven Rechts nach Staatsplanen ; und auch sie wird in Befolgung dieser oft sehr warm. Wohl des Vaterlandes , Ehre der Nation wird in ihr das Feldgeschrei und bei truͤglichen Unterhandlungen die Staats- losung. Die Athener, die Roͤmer — was rechneten sie nicht zum Wohl ihres Va - terlandes , zu ihrem Ruhm , mithin zu ihrem Recht ? Was erlaubten sich der Papst, die Clerisei, die christlichen Koͤ- nige nicht zum angeblichen Wohl ihrer Reiche? Erzaͤhlt die Geschichte dies alles gleichguͤltig, oder gar zutrauend, glaubend: so geraͤth man mit ihr in ein Labyrinth der verflochtensten, widrigsten Staatsin- teresse, persoͤnlicher Anmaaßungen und Staatslisten. Ein großer Theil der Bege- benheiten unsrer zwei letzten Jahrhunderte, die sogenannten Denkwuͤrdigkeiten, (me- moires) Lebensbeschreibungen, politische Testamente sind in diesem Sinn, dem Geist Richelieu 's, Mazarin 's, und fruͤ- her noch Carls 5., Philipp 2., Phi - lipps des schoͤnen, Ludwigs 11. 13. 14. kurz im Geist der Spanisch - Fran - zoͤsischen Staatspolitik geschrieben. Ein fuͤrchterlicher Geist, der sich zum Wohl des Staats, d. i. zum Ruhm und zur groͤßeren Macht der Koͤnige, zur Sicher- heit und Groͤße ihrer Minister alles erlaubt hielt! In welcher Geschichte er durch- blickt, schwaͤrzt er das Glaͤnzendste mit dem Schatten der Eitelkeit, der Truglist, L 2 der Anmaaßung, der Verschwendung. Ver- gessen ist in ihm die Menschheit, die nach ihm blos fuͤr den Staat , d. i. fuͤr Koͤ- nige und Minister lebet. Allgemach sind wir auch diesem Nebel entkommen; aber ein anderes Glanzphan- tom steigt in der Geschichte auf; naͤmlich, die Berechnung der Unternehmun - gen zu einer kuͤnftigen bessern Republik , zur besten Form des Staats , ja aller Staaten . Dies Phantom taͤuschet ungemein, indem es of- fenbar einen edleren Maasstab des Ver- dienstes in die Geschichte bringt, als den jene willkuͤhrliche Staatsplane enthielten, ja gar mit den Namen Freiheit, Aufklaͤ- rung, hoͤchste Gluͤckseligkeit der Voͤlker blen- det. Wollte Gott, daß es nie taͤuschte! Die Gluͤckseligkeit Eines Volks laͤßt sich dem andern und jedem andern nicht aufdringen, aufschwaͤtzen, aufbuͤrden. Die Rosen zum Kranze der Freiheit muͤssen von eignen Haͤnden gepfluͤckt wer- den, und aus eignen Beduͤrfnissen, aus eigner Lust und Liebe froh erwachsen. Die sogenannt - beste Regierungsform , die ungluͤcklicher Weise noch nicht gefun- den ist, taugt gewiß nicht fuͤr alle Voͤlker, auf Einmal, in derselben Weise; mit dem Joch auslaͤndischer, uͤbel eingefuͤhrter Frei- heit wuͤrde ein fremdes Voͤlk aufs aͤrgste belaͤstigt. Eine Geschichte also, die bei al- len Laͤndern auf diesen utopischen Plan nach unbewiesenen Grundsaͤtzen alles berech- net, ist die glaͤnzendste Truggeschichte . Ein fremder Firniß, der den Gestalten unsrer und der vorigen Welt ihre wahre Haltung, selbst ihre Umrisse raubet. Viele Schriften unsrer Zeit wird man zwanzig Jahr spaͤter als wohl- oder uͤbelgemeinte Fieber-Phantasieen lesen; reifere Gemuͤ- ther lesen sie jetzt schon also. Also bleibt der Geschichte einzig und ewig nichts, als der Geist ihres aͤltesten Schreibers, Herodots , der unan- gestrengte milde Sinn der Menschheit . Unbefangen sieht dieser alle Voͤlker und zeichnet jedes auf seiner Stelle, nach seinen Sitten und Gebraͤuchen. Unbe- fangen erzaͤhlt er die Begebenheiten, und bemerkt, wie allenthalben nur Maͤßi - gung die Voͤlker gluͤcklich mache und je- der Uebermuth seine Nemesis hinter sich habe. Dies Maas der Nemesis , nach feineren oder groͤßeren Verhaͤltnissen ange- wandt, ist der einzige und ewige Maas- stab aller Menschengeschichte. „Was du nicht willst, das dir geschehe, das thue keinem andern;“ die Rache kommt, ja sie ist da, bei jeder Verirrung, bei jedem Frevel. Alle Misverhaͤltnisse und Unbilligkeiten, jede stolze Anmaaßung, jede feindselige Verhetzung, jede Treulosig- keit hat ihre Strafe mit oder hinter sich; je spaͤter, desto schrecklicher und ernster. Die Schuld der Vaͤter haͤuft sich mit zer- schmetterndem Gewicht auf Kinder und Enkel. Gott hat den Menschen nicht er- laubt, lasterhaft zu seyn als unter dem harten Gesetz der Strafe. Wiederum belohnt sich auch in der Ge- schichte das kleinste Gute. Kein vernuͤnf- tiges Wort, was je ein Weiser sprach, kein gutes Beispiel, kein Stral auch in der dunkelsten Nacht war je verlohren. Unbemerkt wirkte es fort und that Gutes. Kein Blut des Unschuldigen ward frucht- los vergossen; jeder Seufzer des Unter- druͤckten stieg gen Himmel und fand zu seiner Zeit einen Helfer. Auch Thraͤnen sind in der Saat der Zeit Samenkoͤrner der gluͤcklichsten Ernte. Das Menschen- geschlecht ist Ein Ganzes ; wir arbeiten und dulden, saͤen und ernten fuͤr ein- ander. Wie milde, wie sanft aufmunternd; aber auch wie ernst und zusammenhaltend ist dieser Geist der Menschengeschichte! Er laͤßt jedes Volk an Stelle und Ort: denn jedes hat seine Regel des Rechts, sein Maas der Gluͤckseligkeit in sich. Er scho- net alle und verzaͤrtelt keines. Suͤndigen die Voͤlker, so buͤßen sie; und buͤßen so lange und schwer, bis sie nicht mehr suͤn- digen. Wollen sie nicht Kinder seyn, so erzieht die Natur sie als Sklaven. Keiner politischen Verfassung tritt die- ser Geist der Geschichte zerstoͤrend in den Weg. Er wirft nicht das Haus dem Ru- higen uͤber den Kopf zusammen, ehe ein anderes besseres da ist; zeigt aber dem zu Sichern mit freundlicher Hand Fehler und Maͤngel des Hauses, und fuͤhrt mit stillem Fleiß Materialien herbei zur Stuͤz- zung des alten, oder zum Bau eines bessern. Nationalvorurtheile tastet er nicht an: denn in ihnen als Huͤlfen oder harten Schalen muß manche gute Gesinnung wachsen. Er laͤßt sie wachsen. Wenn die Frucht reif ist, verdorret die Huͤlse, die Schale zerspringt. Ihm ists recht, wenn der Franzmann und der Englaͤnder sich ihre humanité und humanity Englisch und Franzoͤsisch mahlen; desto weniger wird der Auslaͤnder um sie zu seinem Verderb buhlen. Aus seinem Herzen muß eine Geliebte hervorgehn, die fuͤr ihn gehoͤret. Am heiligsten sind dem Geist der Men- schengeschichte gutmuͤthige Thoren und Schwaͤrmer; sie sind ihm unter der beson- dersten goͤttlichen Obhut. Ohne Begeiste- rung geschah nichts Großes und Gutes auf der Erde; die man fuͤr Schwaͤrmer hielt, haben dem menschlichen Geschlecht die nuͤtzlichsten Dienste geleistet. Trotz al- les Spottes, Trotz jeder Verfolgung und Verachtung drangen sie durch; und wenn sie nicht zum Ziel kamen, so kamen sie doch weiter und brachten weiter . Le- bendige Winde waren sie uͤber dem abge- standenen Sumpf; oder sie daͤmmeten ihn und machten ihn fruchtbar. Leeren Spott uͤber sie erlaubt sich nie der Geist der Ge- schichte; hoͤchstens bedauren wird er sie, nicht brandmalen. Alle uͤberfeinen Eintheilungen der Men- schen nach Principien, aus denen sie aus- schließend handeln sollen, sind dem Geist der Geschichte ganz fremde. Er weiß, daß in der Menschennatur das Principium der Sinnlichkeit , der Einbildungs - kraft , des Eigennutzes , der Ehre , des Mitgefuͤhls mit andern , der Gottseligkeit , des moralischen Sinnes , des Glaubens u. f. nicht in abgetrennten Kammern wohnen, sondern daß in einer lebendigen Organisation, die von mehreren Seiten geregt wird, viele von ihnen, oft alle lebendig zusammen- wirken. Jedem von ihnen laͤßt er seinen Werth, seinen Rang, seinen Ort, seine Zeit der Entwicklung; uͤberzeugt, daß alle, auch unbewußt, zu Einem Zweck, dem großen Principium der Menschlichkeit wirken. Alle also laͤßt er zu ihrer Zeit an Stelle und Ort bluͤhn, Sinnlichkeit und die Kuͤnste der Phantasie , Verstand und Sympathie , Ehre , morali - schen Sinn und heilige Andacht . Er zwingt so wenig den Magen zu den- ken, als den Kopf zu verdauen und quaͤlet niemand mit der Zergliederung, ob auch jeder Bissen Brodt, den er in den Mund steckt, ein allgemeines moralisches Grund- gesetz aller vernuͤnftigen Wesen im Kauen und Verdauen gebe? Kaue jeder wie er kann; die Geschichte behandelt die Men- schen nicht als Wortfinder und Kritiker, sondern als Thaͤter eines moralischen Na- turgesetzes, das in ihnen allen spricht, das zuerst linde warnet, dann haͤrter straft, und jede gute Gesinnung durch sich und ihre Folgen reich belohnet. Reizet Sie nicht dieser Geist der Menschenge - schichte ? 122. S ie scheinen zu glauben, daß eine Ge- schichte der Menschheit nicht statt habe, solange man den Ausgang der Dinge nicht weiß, oder wie man zu sagen pflegt, den juͤngsten Tag noch nicht erlebt hat. Ich bin nicht dieser Meinung. Moͤge sich das Menschengeschlecht verbessern oder ver- schlimmern, moͤge es einst zu Engeln oder Daͤmonen, zu Sylphen oder zu Gnomen werden; wir wissen, was wir zu thun haben. Nach vesten Grundsaͤtzen unsrer Ueberzeugung von Recht und Unrecht be- trachten wir die Geschichte unsres Ge- schlechts, moͤge sein letzter Act ausgehn, wie er wolle. Monboddo z. B. siehet in seiner Ge- schichte und Philosophie des Menschen Antient Metaphysics, Vol. III. Lond. 1784. Dieser Theil des großen Werks waͤre wegen der gesammleten Thatsachen eines Deutschen Auszuges gewiß werth. A. d. S. ihn als ein System lebendiger Kraͤfte an, in welchem sich das Elementarische, das Pflanzen- Thier- und Verstandes-Leben unterscheide. Das animalische Leben, meint er, sei im besten Zustande gewesen, da die Menschen Thieraͤhnlich lebten. Er findet hievon noch Aehnlichkeit bei den Kindern. Die Alter, die der Mensch als Indivi- duum durchgehe, haͤlt er auch fuͤr die Laufbahn des ganzen Geschlechtes. Dies fuͤhrt er also in seinen ersten nackten Zu- stand in freier Luft, in Regen, in Kaͤlte zuruͤck, und zeigt, was die Bekleidung, das Wohnen in Haͤusern, der Gebrauch des Feuers, die Sprache auf das Menschen- geschoͤpf gewirkt haben. Er zeigt die Faͤ- higkeiten, die es hatte, zu schwimmen, auf- recht zu gehen, Uebungen anzustellen, und findet in diesem Zustande den Grund jenes laͤngeren Lebens, jener groͤßeren Gestalt und Staͤrke, von der uns die Sage der Urwelt erzaͤhlet. Aus Beispielen und Nach- richten erweiset er, wie durch Veraͤnderung der Lebensweise, durchs Fleischessen und den Trank geistiger Getraͤnke, durch die sitzende Lebensart bei Kuͤnsten, Gewerben, Spielen, durch feinere Nahrungsmittel, Wohlluͤste und Zeitvertreibe der Koͤrper des Menschen geschwaͤcht, verkleinert, sein Leben verkuͤrzt worden. — Dagegen zeigt er, wie der Verstand des Menschen durch Gesellschaft und Kuͤnste zugenommen; wie die Sagacitaͤt eines Naturmenschen von der Klugheit des civilisirten Mannes sich unterscheide; wie alle Kuͤnste aus Nachah- mung entsprungen und die Idee des Schoͤ- nen blos dem civilisirten Zustande eigen sei. In beiden Altern der Menschheit fin- det er Nationen, Familien, Individuen unterschieden, unser Geschlecht aber uͤber- haupt in Abnahme animalischer Kraͤfte , und hat hieruͤber Erinnerungen gegeben, die jeder anwende, wie er mag und kann. — Gehen wir in dies Alles ein, (wie denn Monboddo 's System, einiger Eigenhei- ten des Verfassers wegen, gewiß nicht laͤ- cherlich gemacht zu werden verdienet,) neh- men wir an, was auch die Geschichte leh- ret, ret, daß fast alle Voͤlker der Erde einmal in einem roheren Zustande gelebet, und nur von wenigen die Cultur auf andre gebracht sei; was folget daraus? 1. Daß auf unsrer runden Erde noch alle Zeitalter der Menschheit leben und weben . Da giebts Voͤlker- schaften im Kindes- Juͤnglings- Mannes- Alter, und wird deren wahrscheinlich noch lange geben, ehe es den Seefahrenden Greisen Europa's gelingt, durch gebrannte Wasser, Krankheiten und Sklavenkuͤnste sie zum Greisesalter zu befoͤrdern. Wie uns nun jede Pflicht der Menschlichkeit gebeut, einem Kinde, einem Juͤnglinge sein Lebensalter, das System seiner Kraͤfte und Vergnuͤgen nicht zu stoͤren; so gebie- tet sie solches auch Nationen gegen Na- tionen. Sehr angenehm sind mir in die- sem Betracht mehrere Unterredungen der Zehnte Sammlung. M Europaͤer, insonderheit der Missionare mit auslaͤndischen Voͤlkern, z. B. Indiern, Amerikanern; die naivsten Antworten voll guten Herzens und gesunden Verstandes waren fast immer auf Seite der Auslaͤn- der. Sie antworteten kindisch-treffend und richtig; dagegen die Europaͤer mit Aufdringung ihrer Kuͤnste, Sitten und Lehren meistens die Rolle abgelebter Alten spielten, die voͤllig vergessen hatten, was einem Kinde gehoͤrte. 2. Da die Unterscheidung elementari- scher, animalischer, vegetativer und Ver- standeskraͤfte nur ein Gedanke ist, in dem jeder Mensch aus allen diesen, wenn gleich in verschiedenem Verhaͤltniß, bestehet: so huͤte man sich , diese und jene Na - tion ganz fuͤr animalisch zu hal - ten , um sie als Lastthiere zu gebrauchen. Der reine Intellectus bedarf keines Last- thiers; und so wenig also der intellectuelste Europaͤer der Pflanzen- und Thierkraͤfte in seinem Lebenssystem entbehren kann, so wenig ermangelt irgend eine Nation ganz des Verstandes. Vielgestaltig ist dieser allerdings in Ansehung der ihn regenden Sinnlichkeit nach der verschiedenen Orga- nisation der Voͤlker; indessen ist und bleibt er in allen Menschengestalten nur Ein und Derselbe . Das Gesetz der Bil - ligkeit ist keiner Nation fremd; die Uebertretung desselben haben Alle gebuͤßet, jede in ihrer Weise. 3. Wenn intellectuelle Kraͤfte in meh- rerer Ausbildung der Vorzug der Euro- paͤer sind: so koͤnnen sie diesen Vor - zug nicht anders als durch Ver - stand und Guͤte , (beide sind im Grunde nur Eins) beweisen . Handeln sie im- potent, in wuͤtenden Leidenschaften, aus M 2 kaltem Geiz, in niedrig-vermessenem Stol- ze; so sind sie die Thiere, die Daͤmo - nen gegen ihre Mitmenschen. Und wer leistet den Europaͤern Buͤrgschaft, daß es ihnen nicht an mehreren Enden der Erde, wie in Abessinien, China, Japan ergehen koͤnne und ergehen werde? Je mehr ihre Kraͤfte und Staaten in Europa altern, je mehr ungluͤckliche Europaͤer einst diesen Welttheil verlassen, um dort und hier mit den Unterdruͤckten gemeinschaftliche Sache zu machen; so koͤnnen intellectuelle und animalische Kraͤfte sich in einer Weise ver- binden, die wir jetzt kaum vermuthen. Wer siehet in die vielleicht schon gepflanzte Saat der Zukunft? Cultivirte Staaten koͤnnen entstehen, wo wir sie kaum moͤg- lich glauben; cultivirte Staaten koͤnnen verdorren, die wir fuͤr unsterblich hielten. 4. Sollte in Europa auf Wegen, die wir zu bestimmen nicht vermoͤgen, die Ver- nunft einmal so viel Werth gewinnen, daß sie sich mit Menschenguͤte vereinigte: welch eine schoͤne Jahrszeit fuͤr die Glie - der der Gesellschaft unsres gan - zen Geschlechtes ! Alle Nationen wuͤr- den daran Theil nehmen und sich dieses Herbstes der Besonnenheit freuen. Sobald im Handel und Wandel das Ge- setz der Billigkeit allenthalben auf Erden herrschet, sind alle Nationen Bruͤder; der juͤngere wird dem aͤlteren, das Kind dem verstaͤndigen Greise mit dem was es hat und kann, willig dienen. Unter vielen andern erinnere ich hier aber- mals an le Vaillants neuere Reise. Der Unterschied, den er zwischen Nationen, die von Europaͤern verderbt sind oder mißhandelt 5. Und waͤre diese Zeit undenkbar? Mich duͤnkt, sie muͤsse selbst auf dem Wege der Noth und des Calculs erscheinen . Selbst unsre Aus - schweifungen und Lasterthaten muͤssen sie foͤrdern . In Verhaͤltnissen des Menschengeschlechts muͤßte keine Re- gel, in seiner Natur keine Natur herr- schen, wenn nicht durch innere Gesetze dieses Geschlechts selbst und den Antagonismus seiner Kraͤfte diese Periode herbeigebracht wuͤrde. — Gewisse Fieber und Thorheiten der Menschheit muͤssen mit Fortruͤckung der Jahrhun- derte und Lebensalter abbrausen. Europa muß ersetzen was es verschuldet, gut- machen was es verbrochen hat; nicht aus Belieben, sondern nach der Natur der werden und zwischen autonomischen Voͤlkern bemerkt, ist schneidend. Seine Grundsaͤtze, wie mit diesen umzugehen sei, sind auf der ganzen Erde anwendbar. Dinge selbst: denn uͤbel waͤre es mit der Vernunft bestellt, wenn sie nicht allenthal- ben Vernunft, und das Allgemeingute nicht auch das Allgemeinnuͤtzlichste waͤre. Die Magnetnadel unsrer Bestrebungen sucht diesen Pol; nach allen Irren und Schwankungen wird und muß sie ihn fin- den. — 6. Daß also niemand aus dem Ergrauen Europa 's den Verfall und Tod unsres ganzen Ge - schlechts augurire ! Was schadete es diesem, wenn ein ausgearteter Theil von ihm unterginge? wenn einige verdorrete Zweige und Blaͤtter des Saftreichen Bau- mes abfielen? Andre treten in der Ver- dorreten Stelle und bluͤhen frischer empor. Warum sollte der westliche Winkel unsres Nord-Hemisphaͤrs die Cultur allein be- sitzen? und besitzet er sie allein? 7. Die groͤßesten Revolutionen des Menschengeschlechts hingen bisher von Erfindungen , oder von Revolutionen der Erde ab ; wer kennet diese in der unabsehlichen Folge der Zeiten? Climate koͤnnen sich aͤndern; aus mehreren Ursachen kann manches be- wohnte Land unbewohnbar, manche Colo- nie zum Mutterlande werden. Wenige neue Erfindungen koͤnnen viele aͤltere auf- heben; und da uͤberhaupt die hoͤchste An- strengung, (unlaͤugbar der Charakter fast aller Europaͤischen Staatskunst) nothwendig nachlassen oder uͤberstuͤrzen muß; wer ver- mag die Folgen hievon zu berechnen? Wahrscheinlich ist unsre Erde ein organi- sches Wesen; wir kriechen auf dieser Pom- meranze wie kleine, kaum merkbare Insek- ten umher, quaͤlen einander und bauen uns hie und da an. Wenn der Himmel faͤllt, sagt das Spruͤchwort, wo bleiben die Sperlinge? Wenn hier oder dort die Pom- meranze modert, tritt vielleicht eine andre Generation auf; ohne daß deßhalb die erste eben am intellectuellen Theil ihres Systems, am Verstande , untergegangen waͤre. Was sie eher hinrichten konnte, war Aus- schweifung, Laster, Misbrauch ihres Ver- standes. Gewiß sind die Perioden der Na- tur in Ansehung aller Geschlechter auf einander calculiret, daß wenn die Erde Menschen nicht mehr waͤrmen und naͤhren kann, Menschen ihre Bestimmung auf ihr auch erfuͤllt haben werden. Die Bluͤthe welket, sobald sie ausgebluͤhet hat; sie laͤsset aber auch Frucht nach. Waͤre also die hoͤchste Aeußerung intellectueller Kraft unsre Bestimmung, so foderte eben diese von uns, dem kuͤnftigen, uns unbekannten Aeon einen guten Saamen nachzulassen, damit wir nicht als weichliche Moͤrder sterben. Monboddo sieht unsere Erde als eine Erziehungsanstalt an, aus der unsre Seelen gerettet werden. Der einzelne Mensch kann und darf sie nicht anders ansehen: denn er kommt und geht vor- uͤber. Auf der Stelle, auf welcher er ohne sein Wollen erscheinet, muß er sich helfen, so gut er kann, und das System seiner elementar- und vegetativen, sei - ner animalischen und intellectuellen Kraͤfte ordnen lernen. Allmaͤlich sterben sie ihm ab, bis der ausgebildete Geist verflieget. — Auch hier ist Monboddo 's System consequent, das ich, unvollendet wie es ist, mancher andern kaufmaͤnnisch - po - litischen Geschichte der Menschheit vor- ziehe. Zu einer Geschichte unsres Ge- schlechts gehoͤren kaufmaͤnnisch-politische Considerationen nur als ein Bruchstuͤck; ihr Geist ist sensus humanitatis, Sinn und Mitgefuͤhl fuͤr die gesammte Menschheit . Der Geist der Schoͤpfung. A uch ich war Pilgrim in der Wuͤstenei, Und matt vom Wege sprach ich: „Herr der Welt! Ein Blick von dir verjuͤngt die Schoͤpfung. — Sieh! Die Sonne brennt auf mich; im Sande gluͤht Mein nackter Fuß, und meine Zunge lechzt. Ich wanke. Herr, mein Licht erlischt.“ Da sah Ich vor mir einen schmalen Rasen, rings Umflochten von Gebuͤsch. Ein Palmbaum stand An einer Quelle, und auf Baum und Buͤschen Hing unter Bluͤthen manche schoͤne Frucht. Ich kostete, ich trank, ich dankte Gott, Und legte mich zur Ruhe nieder. Sanft Umhuͤllete der Schlaf mein Auge, bis Ein Wundertraum mich schnell erweckete. Der Geist der Schoͤpfung stand vor mir und sprach: „Steh auf, o Mensch! Du hast genug geruht Auf diesem Beet von zehen tausend Pflanzen Und Kraͤutern meines Herrn. Du bist gestaͤrkt. Die Hindinn dort will auch verschmachten. Scheu Erwartet sie, daß du aufstehest.“ — Auf Sprang ich und sah die Hindinn mir zu Fuͤßen, Die Mutter war. Sie blickte froh mich an, Und sprang zu ihrer Weide. „Guter Gott, Rief ich, der du fuͤr Alles sorgest. Wenn Dein Wink dort Sonnen lenkt, so denkst du auch Des Wandrers in der Wuͤste, daß sein Stab Nicht breche, daß die Hindinn nicht verschmachte.“ Die Zeitenfolge . K omm, Unzufriedner, naͤher! Tritt herzu, An dessen Herzen Misvergnuͤgen nagt. Schuf Irgendwen der Allmacht Hand zur Quaal? Er, der nur Huld ist, schuf' er je zum Ungluͤck? Es sprach der Maͤchtige: (die Wahrheit spricht, In allen seinen Werken.) Euer Tagwerk Sei Seligkeit. Mit diesem Segen laß' ich, Geschoͤpfe, euch aus meiner Hand. Und sieh! Da standen sie, die Lebenden, unwissend Was Leben war. Sie schoͤpften Othem, wie Nach einem schweren Traum; sie sahn die Welt! Und Engel ließen sich auf Wolken nieder Bewundernd dieser Schoͤpfung neuen Raum, Die Wohnung suͤßer Freuden; sahn im Geist Gluͤckselige zukuͤnftger Zeiten wallen, Und riefen, voll von himmlischem Gefuͤhl: „Du hast hier reiche Saaten ausgestreut Allguͤtiger! Wer kann die Ernte fassen In diesen Segensgruͤnden? Trauen wird Der Gute Dir! Gelingen wird sein Werk.“ So sangen sie. Hebt eure Augen auf, Ihr Menschen, sehet eures Vaters Schoͤpfung, Und hofft auf ihn. Auch in der Menschheit kann Sein Werk nicht fehlen. Du der Welten Vater! Ich weiß es, Worte thun es nicht vor Dir. Beredsamkeit verstummet. Wie sich Kinder Der Blumen freun, freun wir uns Deiner Schoͤpfung. Wie ihrer zeitlichen Versorger sie Zutrauend harren, hoffen wir auf Dich, Und uͤben froh Dein Werk. Die schoͤnste Gabe Des Sterblichen ist ein zufriednes Herz. Das Das Gegengift . P reis sei dem Geber! jede seiner Gaben Ist Huld- und Weisheitvoll. Er theilte sie, Er wog sie ab zur langen Dauer und Vollkommenheit der Schoͤpfung. Seine Erde Gab er nicht Engeln; Menschen gab er sie. Der Menschen Bester ist, wer selten strauchelt, Ihr Edelster, wer bald vom Fall aufsteht. Tief keimete das Laster in der neu- Geschaffnen Erde; wild schoß es empor, Gift seine Bluͤthe, seine Fruͤchte Tod. Da schuf er ihm ein maͤchtig Gegengift, Fuͤr Thorheit ein Verwahrungsmittel, Arbeit . Zehnte Sammlung. N Sie macht' er uns zum heiligsten Gesetz, Den Fleiß zur Pflicht. Arbeitsamkeit verriegelt Die Thuͤr dem Laster, das dem Muͤßigen Zur Seite schleicht, und hinter ihm das Ungluͤck. Willst du dem Feinde fluchen, wuͤnsch' ihm Muße; Auf Muße folgt viel Boͤses, und des Kummers Gar viel. Arbeitsam wirkt die Seele froh; Langweilger Muͤßiggang beschaͤftigt sie Zur Reue, zum Verderben. Thorheit leitet Den Muͤßigen; Muthwill' und Vorwitz fuͤhren Ins Dunkel ihn, wo Gott nicht ist. Arbeitet, Ihr Weisen in dem Volk, befoͤrdert Euer Und Vieler Gluͤck. Wo wohnt Beruhigung? Wo Segen der liebreichen Gottheit? Wo Genuß der Tage? Wo das edelste Vergnuͤgen? Nur in Arbeit ! — — — N 2 123. V on fruͤhen Jahren habe ich mich auch in die fremdesten Hypothesen zu setzen ge- sucht, und ich kam fast von allen mit dem Gewinn einer neuen Seite der Wahrheit, oder ihrer Bestaͤrkung zuruͤck; darf ich aber bekennen, daß ich der Hypothese von einer radicalen boͤsen Grundkraft im menschlichen Gemuͤth und Wil - len durchaus nichts Gutes abgewinnen kann. Von der sogenannten Erbsuͤnde ist hier nicht die Rede: denn diese ist Krankheit. A. d. S. Ich lasse sie jedem Liebhaber; meinem Verstande bringt sie kein Licht, meinem Herzen keine freudige Regung. Gewoͤhnlich leitet man die Hypothese von zweien einander feindseligen Grundur- sachen der Dinge von den Persern her; ihre boͤse Anwendung aber sollte man nicht daher leiten. In der Physik wars offen- bar Kindheit der Wissenschaft, wenn man die Nacht fuͤr boͤse, den Tag fuͤr gut erklaͤrte; die Gesetze, die beide hervor- bringen, sind gut und hoͤchst einfach. In der Moral sind sie es eben so sehr; und die Philosophie der Perser ging gerade darauf hin, dies auszufuͤhren. Die Fin- sterniß, sagte sie, sei Unform; das Licht, seiner Natur nach, bilde, leuchte und er- waͤrme. Trotz aller Widerstrebungen sei Ahriman schwach; Ormuzd werde und muͤsse ihn uͤberwinden. Ihre Religion fo- derte also in Gedanken, Worten, Hand- lungen zu diesem Siegeskampf als zum ei- gentlichen Geschaͤft des menschlichen Lebens auf. Licht zu schaffen und fortzubreiten, wirksam zu seyn in jedem Guten, zu rei- nigen, zu erfreuen sey unser Geschaͤft. Eben deshalb stehen wir zwischen Licht und Dunkel. — Das Christenthum ging mit tiefer- greifenden Regungen auf diesem Wege fort. Kein sklavisches Volk, das sich ewig unter dem Joch kruͤmmt und an Ketten windet, sollte nach ihm das Menschenge- schlecht seyn, sondern ein freies, froͤhliches Geschlecht, das ohne Furcht eines Macht- habenden Henkergeistes, das Gute des Guten wegen, aus innrer Lust, aus ange- bohrner Art und hoͤherer Natur thue, des- sen Gesetz ein koͤnigliches Gesetz der Freiheit , ja dem eigentlich kein Gesetz gegeben sei, weil die Gottesnatur in uns, die reine Menschheit des Gesetzes nicht bedoͤrfe. Unverkennbar ist dies der Geist des Christenthums, seine native Gestalt und Art. Nur dunkle barbarische Zeiten ha- ben den großen Lehnsherren des Boͤsen, dessen angebohrnes Erbvolk wir seyn, von dem uns Gebraͤuche, Buͤßungen und Ge- schenke zwar nicht wirklich, aber Ge - wandsweise befreien koͤnnten, der Stu- piditaͤt und Brutalitaͤt antichristlich wieder- gegeben. Wer wollte in diese Miltonsche Hoͤlle greifbarer Nacht und solider Finster- niß zuruͤckkehren? — Ueber der Erde sehen wir von dieser massiven Urhoͤlle nichts. Wo Boͤses ist, ist die Ursache des Boͤsen Unart unsres Geschlechts, nicht seine Natur und Art. Traͤgheit, Vermessenheit, Stolz, Irrthum, Hartsinn, Leichtsinn, Vorurtheile, boͤse Er- ziehung, boͤse Gewohnheit; lauter Uebel, die vermeidlich oder heilbar sind, wenn neues Leben, Munterkeit zum Guten, Ver- nunft, Bescheidenheit, Billigkeit, Wahr- heit, eine beßre Erziehung, bessere Gewohn- heiten von Jugend auf, einzeln und allge- mein einkehren. Die Menschheit ruft und seufzet, daß dieses geschehe, da offenbar jede Untugend und Untauglichkeit sich selbst straft, indem sie keinen wahren Genuß ge- waͤhret, und eine Menge Uebel auf sich und auf andre haͤufet. Offenbar sehen wir, daß wir dazu da sind, dies Reich der Nacht zu zerstoͤren, indem niemand es fuͤr uns thun kann und soll. Nicht nur tra gen wir die Last unsres Ungluͤcks; son- dern unsre Natur ist zu diesem und zu keinem andern Werk eingerichtet ; es ist Zweck unsres Geschlechts, der End- punkt unsrer Bestimmung, uns dieser Un - art zu entladen. Das ganze Universum treibt, wenn uns die Fruͤchte des Werks nicht locken, mit Nesseln und Dornen. — Was soll also Verzweiflung als unter ei- nem nie abzuwerfenden Joch? wozu der Traum einer von der Wurzel aus unwi- derbringlichen Menschheit? Keine Hypothese kann uns werth seyn, die unser Geschlecht aus seinem Standort ruͤckt, die es bald an die Stelle der ge- fallenen Engel stellt, bald unter ihre Vor- mundschaft und Oberherrschaft erniedrigt. Die gefallenen Engel kennen wir nicht, aber uns kennen wir, und wissen, wenn und warum wir gefallen sind? fallen und fallen werden? — Das Daseyn jedes Menschen ist mit seinem ganzen Geschlecht verwebet. Sind unsre Begriffe uͤber unsre Bestimmung nicht rein; was soll diese und jene kleine Verbesserung? Sehet ihr nicht, daß die- ser Kranke in verpesteter Luft liegt? rettet ihn aus derselben und er wird von selbst genesen. Beim Radicaluͤbel greift die Wurzeln an; sie tragen den Baum mit Gipfel und Zweigen. Das Werk ist groß; es soll aber auch so lange fortgesetzt werden, als die Mensch- heit dauret; es ist das eigenste und ein- zige, das belohnendste und froͤhlichste Ge- schaͤft unsres Geschlechtes. Und wie wird dies Geschaͤft betrieben? Blos durch Erweiterung und Verfeinerung der Verstandeskraͤfte ? Intelligenz ist des Menschen edler Vorzug, das unent- behrliche Werkzeug seiner Bestimmung. Wissenschaft alles Wissenswuͤrdigen, Ver- stand alles Brauchbaren, Schoͤnen und Edeln ist erleuchtender Sonnenglanz in der dunkeln Dunstkugel der Erde; er darf und muß sich soweit erstrecken als er sich er- strecken kann; vom letzten Nebelstern uͤber die gesammte Natur an die Grenzen der werdenden Schoͤpfung. Verstand ist der Gemeinschatz des mensch- lichen Geschlechts; wir alle haben daraus empfangen, wir alle sollen unsre besten Ge- danken und Gesinnungen hineintragen. Wir rechnen mit Combinationen der Vorzeit; die Nachwelt soll mit unsern Combinatio- nen rechnen, und allerdings geht dieser Calcul ins Große, Weite, Unendliche hin- aus. Wer unternimmts zu sagen, wohin das Menschengeschlecht in seinen fortgesetz- ten, auf einander gebaueten Bemuͤhungen gelangen koͤnne und vielleicht gelangen werde? Jede neuerlangte Potenz ist die Wurzel zu einer Zahllosen Reihe neuer Potenzen. Verstand indessen thuts nicht allein; auch den Daͤmonen schreiben wir einen daͤmonischen Verstand zu; der unsre sei menschlich , von thaͤtiger Guͤte begleitet. Blicke umher. Wie viel wahre und echte Wissenschaft ist ungebraucht in der Welt ! wie viel Verstand liegt unterdruͤckt und begraben! wie viel andrer wird mißge- brauchet! Scheinwahrheit, starres Vorur- theil, heuchelnde Luͤge, traͤge Lust, Ver- nunftlose Willkuͤhr verwirren unser Ge- schlecht. Ein gestaͤrkter großer und guter Wille also, Uebungen von Ju- gend auf, Kampfpreise und Gewoͤhnung, daß uns das Schwerste zum Leichtesten werde, und vor allem jenes unerlaͤßliche Bestreben nach dem Nothwendigen , was unser Geschlecht fodert, mit Vorbei- lassung alles Entbehrlichen und Schlech- ten; sie allein koͤnnen den Verstand zum Guten geltend machen , ihm aufhelfen und das Werk foͤrdern. Wie lange haben wir uns mit dem Unnuͤtzen beschaͤftigt? Zeigen uns nicht Jahrtausende der Men- schengeschichte unsern Unverstand, unsre kindische Trivialitaͤt und Feigheit? Einheit unsrer Kraͤfte also, Vereinigung der Kraͤfte mehrerer zu Befoͤrderung Eines Ganzen im Wohl Aller — mich duͤnkt, dies ist das Problem, das uns am Herzen liegen sollte, weil Jedem es sein innerstes Bewußtseyn wie sein Beduͤrfniß stille und laut saget. „Gesetzgeber, Erzieher, Freunde der Menschheit, sagt ein edler Mann unsrer Nation, Essai sur la Science, 1796. vom Herrn Coad- jutor von Dalberg . In diesem Entwurf sowohl, als in der Schrift vom Bewußt- seyn , als allgemeinem Grunde der Weltweisheit , (Erfurt 1793. in den Betrachtungen uͤber das Univer - sum (Erfurt 1777.) und in jedem kleinsten Aufsatz ist das Thema dieser Schrift l'vnité composée, de l'insini Inhalt und Sinnbild, und le caractère vrai, pur, energique et moral Charakter. lasset uns unsre Kraͤfte verei- nigen, um dem Menschen zu beweisen, daß in den unendlich - verschiedenen La- gen des Lebens er das innere Gluͤck nir- gend finde, als in der wirksamen und thaͤtigen Einheit seines Charak - ters . Strebend nach eigner Vollkommen- heit, die Vorschriften einer allgemeinen und wohlthaͤtigen Vernunft frei und stand- haft befolgend wird er Verirrungen, Ver- brechen, inneren Vorwuͤrfen entgehen. Als Mensch und Buͤrger wird er die Gluͤckse- ligkeit im Zeugniß seines Gewissens finden. So bringt der Mensch die unendliche Verschiedenheit seiner Empfin- dungen, Gedanken, Bestrebungen zur Einheit eines wahren, reinen, wirksamen moralischen Charak- ters .“ Und, darf ich dies edle Bild weiter hinauspraͤgen: so liegt im Menschenge- schlecht eine unendliche Verschiedenheit von Empfindungen, Gedanken, Bestrebungen zur Einheit eines wahren, wirksamen, rein-moralischen Charakters, der dem ganzen Geschlecht gehoͤret . Wie jede Classe von Naturgeschoͤpfen ein eignes Reich ausmacht, auf andre Reiche bauend, in andre hineingreifend: so das Menschen- geschlecht mit dem besondern und hoͤchsten Abzeichen, daß die Gluͤckseligkeit Aller von den Bestrebungen Aller abhaͤngt und in ihm bei der groͤßesten Verschiedenheit in dieser sehr erhabnen Einheit allein statt finde. Wir koͤnnen nicht gluͤcklich oder ganz wuͤrdig und moralisch-gut seyn, so lange z. B. Ein Sklave durch Schuld der Menschen ungluͤcklich ist: denn die Laster und boͤse Gewohnheiten, die ihn un- gluͤcklich machen, wirken auch auf uns oder kommen von uns her. Die Anmaas- sung, der Geiz, die Weichlichkeit, die alle Welttheile betruͤgt und verwuͤstet, haben ihren Sitz bei und in uns; es ist die - selbe Herzlosigkeit, die Europa wie Ame- rika unter dem Joch haͤlt. Dagegen auch jede gute Empfindung und Uebung eines Menschen auf alle Welttheile wirket. Die Tendenz der Menschennatur fasset ein Universum in sich, dessen Aufschrift ist: ist: „Keiner fuͤr sich allein, jeder fuͤr Alle; so seyd ihr alle euch einander werth und gluͤcklich.“ Eine unendliche Verschiedenheit, zu einer Einheit strebend, die in allen liegt, die alle foͤrdert. Sie heißt, (ich wills immer wiederholen,) Verstand, Billigkeit, Guͤte, Gefuͤhl der Menschheit . Zehnte Sammlung. O Freude . F reue dich, edles Herz, das hold der Freude ist ! Schuf nicht der Schoͤpfer der Welt Alles zur Freude? Wer sich freuet, erfuͤllt der Schoͤpfung Zweck. Suͤße Gabe des Gebers, gieße dich ganz in mich ! Noch ist mein Herz von Tuͤcke nicht befleckt. So huͤpfe dann das vergaͤngliche Paradies hindurch, Du nicht mit druͤckenden Lasten beschwertes Herz. Sei froh des Vergangenen! Jeglicher Labung froh, die du dem muͤden Pilger Darreichen konntest; danke dem Herrn der Welt, Der Dir zu reichen sie gab. Haͤuser, die deine Haͤnde gestuͤtzt, Huͤtten, die deine Haͤnde bevestigten, Siehe sie froh! — Besuche des Greises Grab, Der sich an deinen Troststab lehnete. Komme der große Tag, an welchem der Schoͤpfung Herr Gericht haͤlt! wann die Schaaren um ihn stehn Voll heiliger Erwartung. Sanfte Stille Verbreitet sich die sieben Himmel hindurch. Du trittst, ein Juͤngling mit tausendmal tausend hervor Anzubeten. Der Spruch des Richters ist: „Was ihr der Menschheit thatet, thatet ihr Mir selbst. Geht ein zu eures Herren Freude.“ O 2 124. U nd warum verhelen wir eine Norm der Ausbreitung des moralischen Gesetzes der Menschheit, die uns so nahe lieget? Das Christenthum gebietet die reinste Humanitaͤt auf dem reinsten We- ge . Menschlich und fuͤr jedermann faß- lich; demuͤthig, nicht stolz-avtonomisch; selbst nicht als Gesetz sondern als Evan- gelium zur Gluͤckseligkeit Aller gebietet und giebt es verzeihende Duldung, eine das Boͤse mit Gutem uͤberwindende thaͤtige Liebe. Es gebietet solche nicht als einen Gegenstand der Spekulation, sondern giebt sie als Licht und Leben der Menschheit, durch Vorbild und liebende That, durch fortwirkende Gemeinschaft . Es dienet allen Classen und Staͤnden der Mensch- heit, bis in jeder jedes Widrige zu seiner Zeit von selbst verdorret und abfaͤllt. Der Misbrauch des Christenthums hat Zahllo- ses Boͤse in der Welt verursacht; ein Er- weis, was sein rechter Gebrauch vermoͤge. Eben daß, wie es gediehen ist, es so viel gutzumachen, zu ersetzen, zu entschaͤdigen hat, zeigt nach der Regel, die in ihm liegt, daß es dies thun muͤsse und thun werde. Der Labyrinth seiner Misbraͤuche und Irr- wege ist nicht unendlich; auf seine reine Bahn zuruͤckgefuͤhrt kann es nicht anders als zu dem Ziel streben, den sein Stifter schon in dem von ihm gewaͤhlten Namen „ Menschensohn “ (d. i. Mensch) und im Gerichtsspruch des letzten Tages aus- druͤckte. Wenn die schlechte Moral sich an dem Satz begnuͤgt: „Jeder fuͤr sich, Niemand fuͤr alle!“ so ist der Spruch: „niemand fuͤr sich allein, jeder fuͤr Alle!“ des Christenthums Losung. Der Himmlische . H eil und Gebet dem Mann in Himmels- glanz, Zu dessen Fuͤßen jetzt die Sterne wallen; Wie Mond und Sonne glaͤnzt sein Angesicht. Er denke unser, wenn wir beten, wenn Sich unser Herz zum Armen freundlich neigt, Und lasse jeden Wandrer Schatten finden, Und jedem Durstenden zeig' Er den Quell. Er war es selber einst, der Menschlichkeit Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanft- muth, Und Milde zur Religion uns gab. Heil und Gebet dem Mann, der Mensch- lichkeit Die Menschen lehrte, der Erbarmen, Sanft- muth, Und Milde zur Religion uns gab. Inhalt . Brief 114. Vom Wirken der Voͤlker auf ein- ander. Seite 5 Neger - Idyllen . Die Frucht am Baume. S. 15 Die rechte Hand. S. 18 Die Bruͤder. S. 21 Zimeo. S. 26 Der Geburtstag. S. 34 Br. 115. Selbstvertheidigung die Brustwehr der Voͤlker. Falsche Gesichts- punkte und Maasstaͤbe zu Schaͤ- tzung der Nationen. Edlere Menschengeister. S. 38 Inhalt . Nachschrift . Las Casas . Fenelon . Die beiden St . Pierre . Quacker . Mon - tesquieu . Giambattista Vico . S. 47 Br. 116. Grundsaͤtze zu einer Naturgeschichte der Menschheit. De Pages , le Vaillants Reisen. S. 70 Die Waldhuͤtte. Eine Mißionser- zaͤhlung aus Paraquay. S. 84 Br. 117. Verderbliche Grundsaͤtze der Voͤl- ker- und Kriegsgeschichte. S. 92 Der Hunnenfuͤrst. S. 99 Das Kriegsgebet. S. 101 Kahira. S. 102 Das Kriegsrecht. S. 105 Das Seerecht. S. 107 Der betrogne Unterhaͤndler. S. 109 Br. 118. Zum ewigen Frieden, eine Iroke- sische Anstalt. Andre Anstalten zu demselben Zweck. S. 111 Al-Hallils Rede an seinen Schuh. S. 121 Br. 119. Sieben Gesinnungen der großen Friedensfrau . S. 125 Inhalt . Br. 120. Ob zu Gesinnungen dieser Art eine bestimmte Foͤrmlichkeit ge- hoͤre? S. 143 Der Fuͤrst. S. 147 Ruhm und Verachtung. S. 150 Al-Hallils Klagegesang. S. 153 Br. 121. Vom Geist der Voͤlkergeschichte. Geschichte der Begebenheiten, klug oder stupid erzaͤhlet. Ma- chiavells Geist der Geschichte. Geschichte zur Ehre Gottes. Geschichte nach Staatsplanen. Geschichte zur kuͤnftigen besten Form der Staaten. Vom ein- zigen wahren Geist der Ge- schichte. S. 156 Br. 122. Ob man zu einer Geschichte der Menschheit den Ausgang der Dinge wissen muͤsse? Mon - boddo 's Geschichte der Menschheit. Betrachtungen und Aussichten. S. 173 Der Geist der Schoͤpfung. S. 188 Die Zeitenfolge. S. 190 Das Gegengift. S. 193 Inhalt . Br. 123. Vom radicalen Boͤsen in der Menschheit. System der Per- ser, des Christenthums. Ob Verstandeskraͤfte allein unsre Bestimmung zu erreichen ver- moͤgen? Einheit der Kraͤfte und des Zwecks unsres ganzen Geschlechtes. S. 196 Freude. S. 210 Br. 124. Tendenz des Christenthums. S. 212 Der Himmlische. S. 215