Die deutsche Literatur von Wolfgang Menzel. Erster Theil. Stuttgart, bei Gebrüder Franckh. 1828. Inhalt des ersten Theils. Seite Die Masse der Literatur 1 Rationalitaͤt 21 Einfluß der Schulgelehrsamkeit 33 Einfluß der fremden Literatur 42 Der literarische Verkehr 55 Religion 82 Philosophie 157 Geschichte 190 Staat 214 Erziehung 261 Die Masse der Literatur. Die Deutschen thun nicht viel, aber sie schreiben desto mehr. Wenn dereinst ein Buͤrger der kommen¬ den Jahrhunderte auf den gegenwaͤrtigen Zeitpunkt der deutschen Geschichte zuruͤckblickt, so werden ihm mehr Buͤcher als Menschen vorkommen. Er wird durch die Jahre, wie durch Repositorien schreiten koͤnnen. Er wird sagen, wir haben geschlafen und in Buͤchern getraͤumt. Wir sind ein Schreibervolk geworden und koͤnnen statt des Doppeladlers eine Gans in unser Wappen setzen. Die Feder regiert und dient, arbeitet und lohnt, kaͤmpft und ernaͤhrt, begluͤckt und straft bei uns. Wir lassen den Italie¬ nern ihren Himmel, den Spaniern ihre Heiligen, den Franzosen ihre Thaten, den Englaͤndern ihre Geld¬ saͤcke und sitzen bei unsern Buͤchern. Das sinnige deutsche Volk liebt es zu denken und zu dichten, und zum Schreiben hat es immer Zeit. Es hat sich die Buchdruckerkunst selbst erfunden, und nun arbeitet es unermuͤdlich an der großen Maschine. Die Schul¬ gelehrsamkeit, die Lust am Fremden, die Mode, zu¬ letzt der Wucher des Buchhandels haben das uͤbrige Deutsche Literatur. I . 1 gethan, und so baut sich um uns die unermeßliche Buͤchermasse, die mit jedem Tage waͤchst, und wir erstaunen uͤber das Ungeheure dieser Erscheinung, uͤber das neue Wunder der Welt, die cyklopischen Mauern, die der Geist sich gruͤndet. Nach einem maͤßigen Überschlage werden jaͤhrlich in Deutschland zehn Millionen Baͤnde neu gedruckt. Da jeder halbjaͤhrige Meßkatalog uͤber tausend deut¬ sche Schriftsteller nahmhaft macht, so duͤrfen wir an¬ nehmen, daß im gegenwaͤrtigen Augenblick gegen fuͤnf¬ zigtausend Menschen in Deutschland leben, die ein Buch oder mehr geschrieben haben. Steigt ihre Zahl in der bisherigen Progression, so wird man einst ein Verzeichniß aller aͤltern und neuern deutschen Auto¬ ren verfertigen koͤnnen, das mehr Namen enthalten wird, als ein Verzeichniß aller lebenden Leser. Die Wirkung dieser literarischen Thaͤtigkeit schlaͤgt uns gleichsam in die Augen. Wohin wir uns wen¬ den, erblicken wir Buͤcher und Leser. Auch die kleinste Stadt hat ihre Leseanstalt, der aͤrmste Honoratior seine Handbibliothek. Was wir auch in der einen Hand haben moͤgen, in der andern haben wir gewiß immer ein Buch. Alles, vom Regieren bis zum Kin¬ derwiegen ist eine Wissenschaft geworden, und will studirt seyn. Die Literatur ist die allgemeine Reichs¬ apotheke geworden, und da das ganze Reich immer kraͤnker wird, je mehr es Arzneien einnimmt, so neh¬ men doch eben darum die Arzneien nicht ab, sondern zu. Buͤcher helfen fuͤr alles. Was man nicht weiß, steht doch im Buche. Der Arzt schreibt sein Recept, der Richter sein Urtheil, der Geistliche seine Predigt, der Lehrer wie der Schuͤler sein Pensum aus Buͤ¬ chern ab. Man regiert, kurirt, handelt und wan¬ delt, kocht und bratet nach Buͤchern. Die liebe Ju¬ gend aber waͤre wohl verloren ohne Buͤcher. Ein Kind und ein Buch sind Dinge, die uns immer zu¬ gleich einfallen. Die Vielschreiberei ist eine allgemeine Krankheit der Deutschen, die auch jenseits der Literatur herrscht, und in der Bureaukratie einen nahmhaften Theil der Bevoͤlkerung an den Schreibtisch fesselt. Schreiber, wohin man blickt! und eben diese Schreiber tragen durch das, was sie kosten, zur Verarmung des Lan¬ des nur bei, damit der Papiermuͤller an Lumpen kei¬ nen Mangel leide. Betrachten wir aber die sitzende Lebensart, der so viele tausende geopfert werden. Ist sie nicht laͤngst ein Gegenstand des oͤffentlichen Witzes gewesen, ehe Tissot ihr sein menschenfreund¬ liches Bedauern und seinen aͤrztlichen Rath widmete? Ist der edle, aber durch die Feder aufgezehrte Gel¬ lert auf dem Roß, das ihm Friedrichs Ironie ge¬ schenkt, nicht das ewige Urbild jener armen an das Pult gefesselten Gallioten, ein Bild, das freilich un¬ gleich unerfreulicher ist, als das eines griechischen Philosophen, der unter Palmen und Lorbeern mehr denkt und spricht, als schreibt. Es gibt nichts von irgend einigem Interesse, woruͤber in Deutschland nicht geschrieben wuͤrde. Ge¬ 1 * schieht etwas, so ist die hauptsaͤchlichste Folge davon, daß man daruͤber schreibt; ja viele Dinge scheinen nur darum zu geschehen, damit man daruͤber schreibe. Das meiste wird aber in Deutschland nur geschrie¬ ben, und gar nicht gethan. Unsere Thaͤtigkeit ist eben vorzugsweise Schreiben. Dieß waͤre kein Un¬ gluͤck, da der Weise, der ein Buch schreibt, nicht we¬ niger, und oft mehr thut, als der Feldherr, der einen Sieg erstreitet. Wenn aber zehntausend Thoren auch Buͤcher schreiben wollen, so ist das eben so schlimm, als wenn alle gemeinen Soldaten Feldherrn seyn wollten. Wir nehmen alle fruͤhere Bildung nur in uns auf, um sie sogleich wieder in's Papier einzusargen. Wir bezahlen die Buͤcher, die wir lesen, mit denen, die wir schreiben. Es gibt hunderttausende, die nur lernen, um wieder zu lehren, deren ganzes Daseyn an ein Paar Buͤcher geschmiedet ist, die von der Schulbank auf's Katheder kommen, ohne je in die gruͤne Welt hinauszublicken. Womit sie gemartert worden, damit martern sie wieder, Priester der Ver¬ wesung unter Mumien verdorrt, pflanzen sie das alte Gift, wie Vestalinnen das heilige Feuer fort. Jeder neue Genius scheint nur geboren zu wer¬ den, um sogleich in das Papier zu fahren. Wir ha¬ ben kaum groͤßere Landsleute, als schreibende. Die Bahn des Ruhms, die dem Helden und dem Staats¬ mann in Deutschland etwas langweilig gemacht und dem Kuͤnstler ganz mit Dornen besaͤet wird, steht nur dem Schriftsteller lockend offen. Ein geistreicher Mann wird in Deutschland eben so oft ein Schrift¬ steller, und so selten ein Staatsmann, als in Eng¬ land und Frankreich das Umgekehrte Statt findet. Wo man nicht gesehen, nicht gehoͤrt werden kann, wird man doch gelesen. Was der Deutsche denkt, ist aber auch gewoͤhn¬ lich von der Art, daß es besser gelesen, als gehoͤrt oder gethan wird. Was die stille Stunde dem ein¬ samen Denker und Dichter gebiert, erfordert auch wieder den stillen sinnigen Leser. Sey es nun, daß ein feindseliger Gott unser Augenlied huͤtet und mit dem eisernen Schlaf uns wie den Prometheus fesselt, um uns zu zuͤchtigen, weil wir Menschen gebildet, und daß die propheti¬ schen Traͤume der letzte Rest von Thaͤtigkeit sind, die uns selbst ein Gott nicht rauben kann; oder wir selber weben aus eigner Neigung, aus einem Triebe, wie ihn die Natur in die Raupe gelegt, das dunkle Gespinst um uns, um in geheimnißvoller Schoͤpfungs¬ nacht die schoͤnen Psycheschwingen zu entfalten; seyen wir gezwungen, uns uͤber den Mangel an Wirklich¬ keit mit Traͤumen zu troͤsten, oder reißt uns ein in¬ wohnender Genius uͤber die Schranken auch der schoͤnsten Wirklichkeit in noch hoͤhere Regionen der Ideale fort, immerhin muͤssen wir jener wuchernden Literatur, jener abenteuerlichen Papierwelt eine hohe Bedeutung fuͤr den Charakter der Nation und dieser Zeit zuerkennen. In den ausgesprochnen Ansichten aber, davon die eine den Grund der deutschen Vielschreiberei in der Thatenlosigkeit, die andre in der sinnigen Natur des Volkes findet, und die wir beide, als wohl be¬ gruͤndet, leicht vereinigen koͤnnen, liegen zugleich die großen Schatten- und Lichtseiten unsrer Literatur angedeutet. Allerdings ist des regen Lebens wuͤrdige That von uns gewichen, denn der Glaube begeistert nicht mehr, und der Eigenwille liegt in Banden, und man sollte fast waͤhnen, das ganze Volk sey nach Walhalla hinuͤber geschlummert und schmause dort in Frieden, denn man hoͤrt bei uns fast nichts mehr, als das Geraͤusch der Messer und Gabeln. Die Kraft, die ewig jung der Verderbniß trotzt, hat sich erkaufen lassen fuͤr den niedern Dienst des materiellen Lebens, und man ruͤhrt die Haͤnde nur noch, um zu essen. Da, wo nun Buͤcher statt der Thaten glaͤn¬ zen, wo der Glaube geirrt, der Willen abgespannt, die Kraft entnervt, die Thatenlosigkeit beschoͤnigt, die Zeit ertoͤdtet wird mit Buchstaben, wo die gro¬ ßen Erinnerungen und Hoffnungen des Volks statt lebendiger Herzen nur todtes Papier finden, da wer¬ den wir die Schattenseite der Literatur erkennen muͤssen. Wo sie das frische Leben hemmt und an seine Stelle sich draͤngt, da ist sie negativ und feind¬ selig in ihrem Wesen. Doch Worte gibt es, die selber Thaten sind. Alle Erinnerungen und Ideale des Lebens knuͤpfen sich an jene zweite Welt des Wissens und des Dich¬ tens, die von des Geistes ewiger That erzeugt, ge¬ laͤutert und verklaͤrt wird. Und in dieser Welt sind wir Deutsche vorzugsweise heimisch. Die Natur gab uns uͤberwiegenden Tiefsinn, eine herrschende Nei¬ gung, uns in den eignen Geist zu versenken, und den unermeßlichen Reichthum desselben aufzuschließen. Indem wir diesem nationellen Hang uns uͤberlassen, offenbaren wir die wahre Groͤße unsrer Eigenthuͤm¬ lichkeit und erfuͤllen das Gesetz der Natur, das Ge¬ schick, zu dem wir vor andern Voͤlkern berufen sind. Die Literatur aber, der Abdruck jenes geistigen Le¬ bens, wird eben darum hier ihre glaͤnzende Lichtseite zeigen. Hier wirkt sie positiv, schoͤpferisch und se¬ gensreich. Das Licht der Ideen, die von Deutsch¬ land ausgegangen, wird die Welt erleuchten. Nur huͤte man sich vor dem Irrthum, die Huͤlle, welche der Geist annehmen muß, um sich zu offenba¬ ren, das Wort, das den Geist in sich aufnimmt, aber auch zugleich begraͤbt, fuͤr hoͤher zu achten, als den ewigen, lebendigen Springquell des Geistes selbst. Das Wort, das todte, unveraͤnderliche, ist nur die Huͤlle des Geistes, abgeworfen an einem sonnigen Tage, gleich der bunten Haut, welche die alte und doch ewig junge Weltschlange mit jeder Verwand¬ lung hinter sich laͤßt. Aber man verwechselt nur zu oft das todte Wort mit dem lebendigen Geist. Nichts ist gewoͤhnlicher, als der Irrthum, ein Wort hoͤher zu achten, besonders ein gedrucktes, als den freien Gedanken, und Buͤcher hoͤher zu achten, als Men¬ schen. Dann wird der lebendige Springbrunnen ver¬ stopft durch die Wassermasse selbst, die in ihn zuruͤck¬ stuͤrzt. Der Geist erschlafft unter den Buͤchern, die doch selbst nur seiner Kraft ihr Daseyn verdanken. Man lernt Worte auswendig und fuͤhlt sich der Muͤhe uͤberhoben, selbst zu denken. Nichts schadet so sehr der eignen Geistesanstrengung, als die Be¬ quemlichkeit, von dem Gewinn einer fremden zu zeh¬ ren, und durch nichts wird die Faulheit und der Duͤnkel der Menschen so sehr unterstuͤtzt, als durch die Buͤcher. Mit der Kraft aber geht die Freiheit des Geistes verloren. Man kann nicht leichter aus den freien Menschen dumme Schafherden machen, als indem man sie zu Lesern macht. Daher war es schon dem feinen Platon zweifelhaft, ob die Erfin¬ dung der Schrift die Menschen sonderlich gebessert haͤtte, und es wird nicht uͤbel angebracht seyn, die denkwuͤrdigen Worte dieses liebenswuͤrdigen Weisen hieher zu setzen: «Ich habe gehoͤrt, zu Naukratis in Egypten sey einer von den dortigen alten Goͤttern gewesen, dem auch der Vogel, welcher Ibis heißt, geheiligt war, er selbst aber, der Gott, habe Theuth geheißen. Dieser habe zuerst Zahl und Rechnung erfunden, dann die Meßkunst und die Sternkunde, ferner das Bret- und Wuͤrfelspiel, und so auch die Buchsta¬ ben . Als Koͤnig von ganz Egypten habe damals Thamus geherrscht in der großen Stadt des obern Landes, welche die Hellenen das egyptische Thebe nennen, den Gott selbst aber Ammon. Zu dem sey Theuth gegangen; habe ihm seine Kuͤnste gewiesen, und begehrt, sie moͤchten den andern Egyptern mit¬ getheilt werden. Jener fragte, was doch eine jede fuͤr Nutzen gewaͤhre, und je nachdem ihm, was Theuth daruͤber vorbrachte, richtig oder unrichtig duͤnkte, tadelte er oder lobte. Vieles nun soll Tha¬ mus dem Theuth uͤber jede Kunst dafuͤr und dawider gesagt haben, welches weitlaͤuftig waͤre, alles anzu¬ fuͤhren. Als er aber an die Buchstaben gekommen, habe Theuth gesagt: Diese Kunst, o Koͤnig, wird die Egypter weiser machen und gedaͤchtnißreicher. Denn als ein Mittel fuͤr den Verstand und das Ge¬ daͤchtniß ist sie erfunden. Jener aber habe erwiedert: O kunstreichster Theuth, Einer weis, was zu den Kuͤnsten gehoͤrt, an's Licht zu gebaͤren, ein Anderer zu beurtheilen, wie viel Schaden und Vortheil sie denen bringen, die sie gebrauchen werden. So hast auch du jetzt, als Vater der Buchstaben, aus Liebe das Gegentheil dessen gesagt, was sie bewirken. Denn diese Erfindung wird den lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einfloͤßen aus Vernachlaͤßigung des Ge¬ daͤchtnisses, weil sie im Vertrauen auf die Schrift sich nur von außen, vermittelst fremder Zeichen, nicht aber innerlich, sich selbst und unmittelbar erinnern werden. Nicht also fuͤr das Gedaͤchtniß, sondern nur fuͤr die Erinnerung hast Du ein Mittel erfun¬ den, und von der Weisheit bringst du deinen Lehr¬ lingen nur den Schein bei, nicht die Sache selbst. Denn indem sie nur Vieles gehoͤrt haben ohne Unterricht , werden sie sich auch viel¬ wissend zu seyn duͤnken , da sie doch unwis¬ send groͤßtentheils sind , und schwer zu be¬ handeln , nachdem sie duͤnkelweise gewor¬ den statt weise .» (Platon's Phaidros, 274.) Diese Worte moͤgen uns bei den nachfolgenden Betrachtungen eingedenk bleiben und uns als eine leise, warnende Stimme immer in den Ohren klingen, wenn wir, wie es zu geschehen pflegt, von den Herr¬ lichkeiten der Literatur geblendet, das Leben daruͤber vergessen sollten. Mit Recht haben die praktischen Menschen die Buͤcher nie recht leiden koͤnnen, weil sie den Sinn vom frischen, thaͤtigen Leben hinweg in eine nichtige Welt des Scheins verlocken. Tiefer aber haben mit Platon die Herzenskundigen und die echten Denker jederzeit den Buchstaben vom lebendi¬ gen Gefuͤhl und Gedanken unterschieden, und die Li¬ teratur, die Welt der Worte, nicht nur der Welt der Thaten, sondern auch der innern, stillen Welt der Seele untergeordnet. Auf unendliche Weise steht das Wort dem Leben entgegen, wenn es auch nur aus ihm hervorgeht. Es ist das erstarrte Leben, sein Leichnam oder Schat¬ ten. Es ist unveraͤnderlich, unbeweglich; von einem Wort laͤßt sich kein Jota rauben, sagt der Dichter, es ist an die ewigen Sterne befestigt, und der Geist, aus dem es geboren ist, hat keinen Antheil mehr daran. Das Wort hat Dauer, das Leben Wechsel, das Wort ist fertig, das Leben bildet sich. Darum hat ein Leben, das sich den Buͤchern hin¬ gibt, allerdings etwas Todtes, Mumienhaftes, Trog¬ lodytenmaͤßiges. Wehe dem Geiste, der sich an ein Buch verkauft, der auf ein Wort schwoͤrt; die Quelle des Lebens in ihm selber ist versiegt. In diesem Tode, mitten im Leben, aber liegt eine daͤmonische Gewalt verborgen, es ist das Gorgonenhaupt, das uns versteinert. Ihre Wirkungen sind unermeßlich in der Weltgeschichte, oft hat ein Wort von Mar¬ mor Jahrhunderte versteinert, und spaͤt erst kam ein neuer Prometheus und beseelte die erstarrten Gene¬ rationen wieder mit lebendigem Feuer. Im Leben aber, wenn es sich selbst begreift, liegt der Zauber, der des Wortes Meister wird. Wenn es sich nicht zu bewachen weiß, faͤllt es unter die Gewalt des Wortes; wenn es auf sich selbst ver¬ traut, hat es auch den Talisman gewonnen, mit dem es das daͤmonische Wort bewaͤltigt. Was nun fuͤr jeden Menschen gilt, sobald er ein Buch in die Hand nimmt, soll fuͤr uns gelten, indem wir die neue Literatur in ihrem ganzen Umfang betrachten wollen. Wir werden vom Leben ausgehen, um be¬ staͤndig darauf zuruͤckzukommen; an diesem Ariaden¬ faden hoffen wir in dem Labyrinth der Literatur uns zurecht zu finden. Indem wir uns im frischen Ge¬ fuͤhl des Lebens uͤber die todte Welt der Literatur stellen, wird sie uns alle Geheimnisse aufschließen muͤssen, ohne uns in den Zauberschlaf zu wiegen. Nur der Lebendige kann wie Dante die Schattenwelt durchwandern. Wir werden manchen deutschen Pro¬ fessor darin finden, der in bleiernem Rock mit ruͤck¬ waͤrts gedrehtem Halse nach dem gruͤnen Leben zu¬ ruͤckblickt, und nimmer aus der grauen Theorie her¬ auskann; wir werden den Sisyphus den Stein der Weisen bergan schleppen und den Tantalus nach den Äpfeln am Baum des Erkenntnisses hungern sehn, wir werden alle finden, die in den Worten suchten, was allein das Leben gewaͤhrt. Von diesem freien Standpunkte aus wollen wir die Literatur zunaͤchst in ihrer Wechselwirkung mit dem Leben, sodann als ein Kunstwerk betrachten. Sie ist ein Produkt des Lebens, das wieder auf das¬ selbe zuruͤckwirkt. Vom Leben selbst geschliffen wird sie ein Spiegel desselben, von ihm als Arznei und als Gift gebraucht, heilt oder toͤdtet sie es. In dem unermeßlichen Umfang ihrer todten Woͤrter aber ist sie ein einziges und zwar das reichste Kunstwerk naͤchst dem Leben selbst. Wenn es schwierig ist, in diesem Reichthum sich zurecht zu finden, so ist es doch noch schwieriger, sich von ihm nicht voͤllig verblenden zu lassen. Viele sehen in der Literatur zugleich den rein¬ sten Spiegel des Lebens, wenn er gleich nur der umfassendste ist; viele betrachten sie als das hoͤchste Produkt des Lebens, nur weil es die laͤngste Dauer verspricht. Sie stellen die Ruinen, die von der Weis¬ heit aller uͤbrig sind, uͤber das wohnliche Haus uns¬ rer eignen Weisheit, und das Bild aller Thaten uͤber die eigne That. Bald sind sie zu traͤg, und wollen nur die Fruͤchte eines fremden Denkens und Handelns genießen, die aber der Traͤgheit bestaͤndig wie dem Tantalus entfliehen; bald fuͤrchten sie, den Alten nicht mehr gleichen zu koͤnnen und machen sich traͤg aus Resignation. Allerdings spiegelt die Literatur das Leben nicht nur umfassender, sondern auch reiner, als irgend ein andres Denkmal, weil kein andres Darstellungsmit¬ tel den Umfang und die Tiefe der Sprache darbietet. Doch hat die Sprache Grenzen, und nur das Leben keine. Den Abgrund des Lebens hat noch kein Buch geschlossen. Es sind nur Saiten, die in euch ange¬ schlagen werden, wenn ihr ein Buch leset, die un¬ endliche Harmonie, die in eurem wie in aller Leben schlummert, hat noch kein Buch ganz ergriffen. Darum hoffet nimmer in jenen Notenbuͤchern den Schluͤssel zu allen Toͤnen des Lebens zu finden, und begrabt euch nicht zu sehr in den Schulstuben, laßt euch viel¬ mehr gerne und oft vom frischen Lebenswinde die innere Äolsharfe frei und natuͤrlich, sanft und stuͤr¬ misch bewegen. Die Literatur sey immer nur ein Mittel unsres Lebens, nie der Zweck, dem allein wir es zum Opfer braͤchten. Wohl ist es herrlich, an der Erinnerung des vergangenen Lebens das gegenwaͤrtige zu spie¬ geln und zu bilden, auf die Mitwelt durch das Wort zu wirken und der Nachwelt ein Gedaͤchtniß unsres Lebens zu uͤberliefern, wenn es des Gedaͤchtnisses werth gewesen; doch keiner gebe seinen Geist dem Buchstaben gefangen. Die fruͤhern Geschlechter erkannten die große Be¬ deutung der Literatur noch nicht, da sie, zu sehr dem Genuß oder der That des Augenblicks hingegeben, sich mehr in der Wirklichkeit der Welt verloren, als sich im Spiegel derselben suchten. Die neuere Zeit ist beinah ins Extrem des Gegentheils gerathen, und der Mensch stiehlt sich gleichsam aus seiner Gegen¬ wart heraus, um sich in eine fremde Welt zu verse¬ tzen, und uͤbertaͤubt sich mit den Wundern, die seine Neugier um ihn versammelt. Damals lebte man mehr, jetzt will man mehr das Leben erkennen. Die Litera¬ tur hat ein Interesse auf sich gezogen und eine Wirk¬ samkeit erlangt, die den fruͤhern Zeiten unbekannt war. Die Erfindung der Buchdruckerkunst hat ihr eine materielle Basis gegeben, von welcher aus sie ihre großen Operationen entwickeln konnte. Seitdem ist sie eine europaͤische Macht geworden, theils herr¬ schend uͤber alle, theils dienend allen. Sie hat der Geister sich bemaͤchtigt durch das Wort, das Leben beherrscht durch das Bild des Lebens, aber zugleich jedem Streben des Zeitalters ein gefaͤlliges Werk¬ zeug dargeboten. In ihr goldnes Buch hat jeder sein Votum eingetragen. Sie ist ein Schild der Gerech¬ tigkeit und Tugend, ein Tempel der Weisheit, ein Paradies der Unschuld, ein Wonnebecher der Liebe, eine Himmelsleiter dem Dichter, aber auch eine grim¬ mige Waffe dem Parteigeist, ein Spielzeug der Taͤn¬ delei, ein Reizmittel der Üppigkeit, ein Sorgenstuhl der Traͤgheit, ein Triebrad der Plauderei, eine Mode der Eitelkeit und eine Waare dem Wucher gewesen, und hat allen großen und kleinen, schaͤdlichen und nuͤtzlichen, edlen und gemeinen Interessen der Zeit als Magd gedient. Dadurch hat sie aber an Mannigfaltigkeit und Masse ins Ungeheure zugenommen, daß der Einzelne, der zum erstenmal in die Buͤcherwelt geraͤth, sich in ein Chaos versetzt findet. Stets beschaͤftigt, alles andre zu begreifen, hat sie sich selbst noch nicht be¬ griffen. Sie ist ein Kopf mit vielen tausend Zun¬ gen, die alle wider einander reden. Ein unermeßli¬ cher Baum beschattet sie das lebende Geschlecht, doch aller Bluͤthen Auge sieht nach außen und die weit¬ verbreiteten Äste stehn von einander ab. Überall er¬ blicken wir Wissenschaften und Kuͤnste, die einander ausschließen, wiewohl ein Boden sie naͤhrt, eine Sonne sie reift und ihre Fruͤchte gemeinsam uns bereichern. Überall sehn wir Parteien, die einander durch den¬ selben Gegensatz zu vernichten trachten, wodurch sie sich wechselseitig erzeugen und aufrecht halten. Der Geist, der ein Fremdling in diese Literatur eintritt, weiß sich nicht zurecht zu finden in der Fuͤlle, und nicht zu sondern, was in untergeordnete Sphaͤren zerfaͤllt. Er begnuͤgt sich mit dem Kleinen, weil er das Große nicht kennt, mit der Einseitigkeit, weil er die andre Seite nicht sieht; und mehr noch als die Mannigfaltigkeit von Buͤchern die Übersicht er¬ schwert, verwirren die herrschenden Parteien das Urtheil selbst und erzeugen neben der Unkenntniß jene leichtsinnige Verachtung des Unbekannten oder Halb¬ begriffenen, die in der neuesten Zeit namentlich so verderblich um sich gegriffen. Endlich behauptet der Augenblick sein Recht, das Neue, die Mode; der Strom der Literatur erscheint in seinen Windungen jeden Augenblick nur als ein beengter See, und die weite Buͤcherwelt draͤngt sich dem gewoͤhnlichen Leser in einen kleinen Horizont zusammen. Allen gilt zwar alles, doch immer nur das Eine fuͤr die Einen und vieles nur fuͤr den Augenblick. So bietet unsre Lite¬ ratur das bunteste Chaos von Geistern, Meinungen und Sprachen dar. Sie steigt von den Sonnengipfeln des Genies zum tiefsten Schlamm der Gemeinheit hinunter. Bald ist sie weise bis zum mystischen Tief¬ sinn, bald stumpfsinnig, oder g e nhaft thoͤricht. Bald ist sie fein bis zur Unverstaͤndlichkeit, bald roh wie Felsen. Ein Gleichmaß der Ansichten, der Gesin¬ nung, des Verstandes und der Sprache ist nirgends wahrzunehmen. Jede Ansicht, jede Natur, jedes Ta¬ lent macht sich geltend, unbekuͤmmert um den Rich¬ ter, denn es ist kein Gesetz vorhanden und die Geister leben in wilder Anarchie. Aus allen Instrumenten und Toͤnen wird das wunderbare Concert der Lite¬ ratur unaufhoͤrlich fortgespielt, und es ist nicht moͤg¬ lich Harmonie darin zu finden, wenn man mitten in dem Laͤrmen steht. Schwingt man sich jedoch auf den hoͤhern Standpunkt uͤber der Zeit, so hoͤrt man, wie in halben Jahrhunderten die Fugen wechseln, die Dissonanzen ihre Loͤsung finden. Es gibt irgendwo eine Stelle, wo man die labyrinthischen Gaͤnge zum schoͤnen Ganzen verschlungen sieht. In dieser Mannig¬ faltigkeit verbirgt sich die geheime Harmonie eines un¬ endlichen Kunstwerks, das zu ermessen ein aͤsthetischer Trieb uns nicht ruhen laͤßt. Aus einem Leben hervor¬ gegangen, ist diese Literatur selbst ein einiges Ganze. Der uͤppigen Vegetation des Suͤdens gegenuͤber erzeugt der Norden eine unermeßliche Buͤcherwelt. Dort gefaͤllt sich die Natur, hier der Geist in einem ewig wechselnden Spiel der wunderbarsten Schoͤpfun¬ gen. Wie nun der Botaniker jene Pflanzenwelt zu uͤberblicken, anzuordnen und ihr geheimes Gesetz sich zu entraͤthseln trachtet, so mag der Literator ein glei¬ ches an der Buͤcherwelt versuchen. Das Beduͤrfniß nach einem Überblick ist immer dringender geworden, je mehr uns die Buͤcher von allen Seiten uͤber den Kopf zu wachsen drohen. Man hat deßhalb schon laͤngst jene periodische Literatur zugeruͤstet, die als administrative Behoͤrde die anarchischen Elemente der schreibenden Welt bemeistern soll; diese numerirenden, classificirenden, conscribirenden, judicirenden Bu¬ reaux sind aber selbst von der Anarchie ergriffen und in das allgemeine Chaos unaufhaltsam fortgerissen worden. Sie moͤchten gern wie der Hundsstern frei uͤber dem bluͤhenden Sommer schweben, weil sie aber selbst aus der Tiefe stammen, sind sie noch von dem wilden Triebe der Vegetation beherrscht, und kleben sich nur als Schmarozzerpflanzen an die verschiednen Zweige der Literatur. Dennoch laͤßt das tiefe Be¬ duͤrfniß, in jener unermeßlichen Mannigfaltigkeit eine sichre innere Harmonie zu erkennen, sich niemals ab¬ weisen, und Einzelne haben einen Hoͤhenpunkt zu gewinnen gesucht, von wo aus sie die tiefste Aus¬ sicht genossen, und wo vielleicht nur Einzelne sich halten konnten, Lessing, Herder, Schlegel. Ich kann hier der Sammler nicht gedenken, die gleich den aͤl¬ tern Botanikern nur zahllose Namen aneinander reih¬ ten und nur die aͤußre quantitative, nicht die innere qualitative Groͤße ihres Gegenstandes im Auge hatten. Manche haben die Oberflaͤche der Literatur ziemlich umfassend uͤberblickt, aber in den Inhalt, in die in¬ nere Tiefe, aus welcher eine so reiche Welt an die Oberflaͤche herausbluͤhen konnte, haben nur wenige hineingeblickt. Jedes Auge sieht die Welt rund, es kommt aber darauf an, wie tief es hineinsieht. Wie schwer immerhin ein umfassender Überblick und eine unparteiische Wuͤrdigung seyn mag, sie ist doch das Einzige, was theils vor einseitiger Verir¬ rung bewahren, theils den vollendeten Genuß eines so reichen Kunstwerkes, als die Literatur ist, gewaͤh¬ ren kann. Die Vergleichung gibt Aufschluͤsse, zu de¬ nen die einseitige Verfolgung eines literarischen Ge¬ genstandes nie gelangt. Eine Wissenschaft, eine Kunst, eine That erklaͤrt die andre; die Menschen, das Le¬ ben erklaͤren sich am besten im Umfang aller ihrer Erscheinungen. Ein umfassender Überblick und die Un¬ parteilichkeit bedingen sich aber wechselseitig. Man kann schwerlich die Geister in allen ihren so mannig¬ fach verschiednen Richtungen beobachten, ohne jeder eine gewisse Nothwendigkeit zuzugestehen, ohne in dem Gegensatz, aus welchem sie entsprungen sind, die Pole alles Lebens zu erkennen. Man kann aber auch nicht unparteiisch uͤber den Parteien stehn, ohne den Kampf unter einem epischen Gesichtspunkt aufzufassen und sein großes Gemaͤlde zu uͤberschauen. Im Gewuͤhl des Lebens selbst, gegenuͤber so mannig¬ fachen und dringenden Interessen und unwillkuͤrlich davon ergriffen, moͤgen wir zu einer Partei stehen; auf der Hoͤhe der Literatur aber kann nur ein freier unparteiischer Blick in alle Parteiansichten befrie¬ digen. Das Leben ergreift uns als sein Geschoͤpf, die Masse als ihr Glied, wir koͤnnen uns von der Gemeinschaft mit der Gesellschaft, mit der Örtlich¬ keit und Zeit nicht lossagen und muͤssen, eine Welle des lebendigen Stroms, ihn tragend und von ihm getragen, das Loos aller Sterblichen theilen; doch im Innern des Geistes gibt es eine freie Stelle, wo aller Kampf befriedigt, aller Gegensatz versoͤhnt wer¬ den mag, und die Literatur vergoͤnnt es, diesen festen Stern der Menschenbrust in einem geistigen Univer¬ sum zu verewigen. Indem wir die Literatur ihrem ganzen Umfang nach in Wechselwirkung mit dem Leben begriffen sehn, unterscheiden wir auf dreifache Weise die Einwirkun¬ gen, welche Natur, Geschichte und geistige Bildung auf die Literatur aͤußern. Die Natur bedingt ihr eine oͤrtliche, nationelle und individuelle Eigenthuͤm¬ lichkeit, sie wirkt auf die Charaktere, wie auf die Sprache, und ruft die mannigfaltigen Toͤne hervor, in welchen das Volk den Urlaut des Geschlechts, das Individuum den Urlaut des Volks modificirt. Wie aber die Natur auf die Schoͤpfer der Literatur einen tiefen Einfluß behauptet, so die Geschichte auf die Gegenstaͤnde und den aͤußern Verkehr derselben. Die Interessen des handelnden Lebens kommen in der Literatur zur Sprache. Jeder neue Geist wird von dem Strome der Parteien ergriffen und muß Par¬ tei halten oder machen. Endlich duͤrfen wir, so innig auch Natur, Geschichte, Geist in einer Ge¬ sammtwirkung sich durchdringen, doch die eigenthuͤm¬ lichen Entwicklungen jeder bestimmten Wissenschaft oder Kunst und ihren Einfluß auf die Literatur von den Einfluͤssen sowohl nationeller und individueller Charaktere, als des herrschenden Zeitgeistes unter¬ scheiden. Von eigenthuͤmlichen Naturen oder vom Geist der Zeit ergriffen, erleidet jede Wissenschaft und Kunst mannigfache Modifikationen, doch schreitet sie conse¬ quent durch die Menschen und Jahrhunderte fort und wird nie einem Mann oder einer Nation oder einem Zeitalter allein Unterthan, von keinem ganz ergruͤndet und vollendet. Wir betrachten demnach zuerst die all¬ gemeinen natuͤrlichen und historischen Bedingungen uns¬ rer Literatur, sodann insbesondre jedes ihrer Faͤcher. Nationalitaͤt . Die Literatur ist in der neuesten Zeit so sehr die glaͤnzendste Erscheinung unsrer Nationalitaͤt gewor¬ den, daß wir diese eher aus jener erklaͤren koͤnnen, als umgekehrt. Es ist uns beinahe nichts uͤbrig ge¬ blieben, wodurch wir unser Daseyn bemerklich ma¬ chen, als eben Buͤcher. Wie die Griechen zuletzt durch nichts mehr ausgezeichnet waren, als durch Wissenschaften und Kuͤnste, so haben auch wir nichts mehr, was uns wuͤrdig machte, den deutschen Na¬ men fortzufuͤhren. Leben wir nicht als einige Nation wirklich nur in Buͤchern? versammelt sich das heilige Reich noch irgend anderswo als auf der Leipziger Messe? Indeß scheint eben darum die geheime Wahl¬ verwandtschaft mit den Buͤchern der tiefste Zug uns¬ res Nationalcharakters; wir wollen sie die Sinnig¬ keit nennen. Schon in den aͤltesten Zeiten waren die Dent¬ schen eine phantastische Nation, im Mittelalter wur¬ den sie mystisch, jetzt leben sie ganz im Verstande. Zu allen Zeiten offenbarten sie eine uͤberschwengliche Kraft und Fuͤlle des Geistes, die aus dem Innern hervorbrach und auf die Äußerlichkeiten wenig ach¬ tete. Zu allen Zeiten waren die Deutschen im prak¬ tischen Leben unbehuͤlflicher als andre Nationen, aber einheimischer in der innern Welt, und alle ihre na¬ tionellen Tugenden und Laster koͤnnen auf diese Inner¬ keit, Sinnigkeit, Beschaulichkeit zuruͤckgefuͤhrt werden. Sie ist es, die uns jetzt vorzugsweise zu einem lite¬ rarischen Volk macht, und zugleich unsrer Literatur ein eigenthuͤmliches Gepraͤge aufdruͤckt. Die Schrif¬ ten andrer Nationen sind praktischer, weil ihr Leben praktischer ist, die unsrigen haben einen Anstrich von Übernatuͤrlichkeit oder Unnatuͤrlichkeit, etwas Geister¬ maͤßiges, Fremdes, das nicht recht in die Welt pas¬ sen will, weil wir immer nur die wunderliche Welt unsres Innern im Auge haben. Wir sind phantasti¬ scher, als andre Voͤlker, nicht nur weil unsre Phan¬ tasie ins Ungeheure von der Wirklichkeit ausschweift, sondern auch weil wir unsre Traͤume fuͤr wahr halten. Wie die Einbildungskraft schweift unser Gefuͤhl aus von der albernen Familiensentimentalitaͤt bis zur Überschwenglichkeit pietistischer Sekten. Am weitesten aber schweift der Verstand hinaus ins Blaue und wir sind als Speculanten und Systemmacher uͤberall verschrien. Indem wir aber unsre Theorien nir¬ gends einigermaßen zu realisiren wissen, als in der Literatur, so geben wir der Welt der Worte ein unverhaͤltnißmaͤßiges Übergewicht uͤber das Leben selbst und man nennt uns mit Recht Buͤcherwuͤrmer, Pedanten. Dies ist indeß nur die Schattenseite, uͤber die wir uns allerdings nicht taͤuschen wollen. Ihr gegen¬ uͤber behauptet unser sinniges literarisches Treiben auch eine lichte Seite, die von den Fremden weit weniger gewuͤrdigt wird. Wir streben nach allseiti¬ ger Bildung des Geistes und bringen derselben nicht umsonst unsre Thatkraft und unsern Nationalstolz zum Opfer. Die Erkenntnisse, die wir gewinnen, duͤrf¬ ten dem menschlichen Geschlecht leicht heilsamer seyn, als noch einige sogenannte große Thaten, und die Lust, von den Fremden zu lernen, duͤrfte uns mehr Ehre machen, als ein Sieg uͤber dieselben. In uns¬ rem Nationalcharakter liegt ein ganz eigener Zug zur Humanitaͤt. Wir wollen alle menschlichen Dinge recht im Mittelpunkt ergreifen und in der unendlichen Man¬ nigfaltigkeit des Lebens das Raͤthsel der verborgnen Einheit loͤsen. Darum fassen wir das große Werk der Erkenntniß von allen Seiten an; die Natur ver¬ leiht uns Sinn fuͤr alles und unser Geist sammelt aus der groͤßten Weite die Gegenstaͤnde seiner Wi߬ begierde und dringt in die innerste Tiefe aller Myste¬ rien der Natur, des Lebens, der Seele. Es gibt keine Nation von so universellem Geist als die deut¬ sche, und was dem Individuum nicht gelingt, wird in der Mannigfaltigkeit derselben erreicht. An die Masse sind die zahlreichen Organe vertheilt, durch welche die Erkenntniß allen vermittelt wird. Die deutsche Sinnigkeit war immer mit einer großen Mannigfaltigkeit eigenthuͤmlicher Geistes¬ bluͤthen gepaart. Der innere Reichthum schien sich nur in dem Maß entfalten zu koͤnnen, als er an keine Norm gebunden war. Mehr als in irgend ei¬ ner andern Nation hat die Natur in der unsern die unerschoͤpfliche Fuͤlle eigenthuͤmlicher Geister aufge¬ schlossen. In keiner Nation gibt es so verschiedene Systeme, Gesinnungen, Neigungen und Talente, so verschiedene Manieren und Style, zu denken und zu dichten, zu reden und zu schreiben. Man sieht, es mangelt diesen Geistern an aller Norm und Dressur, sie sind wild aufgewachsen hier und dort, verschieden von Natur und Bildung und ihr Zusammenfluß in der Literatur gibt eine baroke Mischung. Sie reden in einer Sprache, wie sie unter einem Himmel leben, aber jeder bringt einen eigenthuͤmlichen Accent mit. Die Natur waltet vor, wie streng auch die Disci¬ plin einzelner Schulen die sogenannte Barbarei aus¬ rotten moͤchte. Die Natur wuchert uͤber die Garten¬ messer hinaus. Der Deutsche besitzt wenig gesellige Geschmeidigkeit, doch um so staͤrker ist seine Indivi¬ dualitaͤt und sie will frei sich aͤußern bis zum Eigen¬ sinn und bis zur Karrikatur. Das Genie bricht durch alle Daͤmme und auch bei dem Gemeinen schlaͤgt der Mutterwitz vor. Wenn man die Literatur andrer Voͤlker uͤberschaut, so bemerkt man mehr oder weni¬ ger Normalitaͤt, oder franzoͤsische Gartenkunst, nur die deutsche ist ein Wald, eine Wiese voll wilder Gewaͤchse. Jeder Geist ist eine Blume, eigenthuͤm¬ lich an Gestalt, Farbe, Duft. Nur die niedrigsten kommen in ganzen Gattungen vor, und nur die hoͤch¬ sten vereinigen in sich die Bildungen vieler andern; in einigen wird ein großer Theil der Nation gleich¬ sam personificirt, und in seltnen Genien scheint die Menschheit selbst ihr großes Auge aufzuschlagen, Ge¬ nien, die auf der Hoͤhe des Geschlechts stehn und das Gesetz offenbaren, das in den Massen schlummert. Der Genius wird immer nur geboren, und die reichen Originalitaͤten in der deutschen Geisterwelt sind unmittelbare Wirkungen der Natur. Mittelbar mag die große Verschiedenheit der deutschen Staͤmme, Staͤnde, Bildungsstufen, durch die Erziehung und das Leben auf die Schriftsteller wirken, aber diese Verschiedenheit ist selbst nur eine Folge der Volks¬ natur. Diese hat unter allen Verhaͤltnissen die Nor¬ malitaͤt unmoͤglich gemacht. Unter allen Voͤlkern bot das deutsche von jeher die reichste Mannigfaltigkeit, Gliederung und Abstufung dar, wie aͤußerlich, so geistig. Diese Mannigfaltigkeit ist durch die ewig junge Naturkraft von unten her aus dem Volk be¬ staͤndig genaͤhrt worden und hat sich nie einer von oben her gebotenen Regelmaͤßigkeit gefuͤgt. Mit ihr ist zugleich alles Herrliche, was den deutschen Geist aus¬ zeichnet, von unten frei und wild hervorgewachsen. Nur eins ist der Masse unsrer Schriftsteller ge¬ meinsam, die wenige Ruͤcksicht auf das praktische Le¬ ben, das Überwiegen der innern Beschaulichkeit. Doch Deutsche Literatur. I . 2 sind gerade dadurch die Ansichten um so mehr ver¬ vielfaͤltigt worden. In den engen Schranken des praktischen Lebens haͤtten sich die Geister in wenige Parteien und fuͤr einfache Zwecke vereinigen muͤssen. In der unendlichen Welt der Phantasie und Specu¬ lation aber fand jeder eigenthuͤmliche Geist den freie¬ sten Spielraum. Der Deutsche sucht instinktartig dies freie Element. Kaum gehn wir einmal aus dem Traum heraus und erfassen das praktische Leben, so geschieht es nur, um es wieder in das Gebiet der Phantasie und der Theorien zu ziehn; waͤhrend umgekehrt Fran¬ zosen von der Speculation und Einbildungskraft nur die Hebel fuͤr das oͤffentliche Leben borgen. Der Franzose braucht eine naturphilosophische Idee, um sie auf die Medicin oder Fabrikation anzuwenden; der Deutsche braucht die physikalischen Erfahrungen am liebsten, um wundervolle Hypothesen darauf zu bauen. Der Franzose erfindet Tragoͤdien, um auf den politischen Sinn der Nation zu wirken; dem Deutschen blieben von seinen Thaten und Erfahrun¬ gen eben nur Tragoͤdien. Die Franzosen haben eine arme Sprache, doch treffliche Redner. Wir koͤnnten weit besser sprechen, doch wir schreiben nur. Jene reden, weil sie handeln; wir schreiben, weil wir nur denken. Das originelle, physiognomische , aller Nor¬ malitaͤt widerstrebende Wesen in der deutschen Lite¬ ratur ist noch immer wie in der Zeit der Chroniken wahre Naivetaͤt, mehr, als mancher Autor, der Grie¬ chen, Roͤmer, Englaͤnder oder Franzosen im Auge gehabt, selbst wissen mag. Wenn sich nun aber auch diese Naivetaͤt der deutschen Schriften streng nach¬ weisen laͤßt, so darf man doch damit ja nicht die so¬ genannte deutsche Ehrlichkeit verwechseln. Allerdings herrscht noch eine große Gutmuͤthigkeit und Redlich¬ keit unter den Autoren, und sie ließe sich schon aus dem eisernen, wenn auch oft fruchtlosen Fleiße, und aus der Weitlaͤuftigkeit, aus dem sichtbaren Bestre¬ ben nach deutlicher Belehrung erkennen, wenn man auch den vielen Versicherungen von Ehrlichkeit und Liebe mit Recht mißtrauen duͤrfte. Aber eben diese sentimentalen Schwuͤre zeigen nur zu deutlich, daß wir den Stand der Unschuld bereits verlassen haben. Seit man so viel von dieser deutschen Biederkeit re¬ det, ist sie aͤußerst verdaͤchtig geworden, ungefaͤhr wie die deutsche Freiheit immer zweifelhafter wird, je mehr man ihren Namen im Munde fuͤhrt. Die deutsche Sprache ist der vollkommne Aus¬ druck des deutschen Charakters. Sie ist dem Geist in allen Tiefen und in dem weitesten Umfang gefolgt. Sie entspricht vollkommen der Mannigfaltigkeit der Geister und hat jedem den eigenthuͤmlichen Ton ge¬ waͤhrt, der ihn schaͤrfer auszeichnet, als irgend eine andre Sprache vermoͤchte. Die Sprache selbst gewinnt durch diese Mannigfaltigkeit des Gebrauchs. Das bunte Wesen und die Vielgestaltigkeit ist ihr eigen und steht ihr schoͤn. Ein Blumenfeld ist edler als ein einfaches Grasfeld und gerade die schoͤnsten Laͤn¬ 2 * der haben den reichsten Wechsel von Gegenden und Temperaturen. Alle Versuche, den deutschen Schrift¬ stellern einen Normalsprachgebrauch aufzudraͤngen, sind schmaͤhlich gescheitert, weil sie der Natur widerstreb¬ ten. Jeder Autor schreibt, wie er mag. Jeder kann von sich mit Goͤthe sagen: «ich singe, wie der Vogel singt, der auf den Zweigen lebt.» Es ist gewiß ein nationeller Zug, daß unsre Ge¬ lehrten und Dichter sogar noch keine durchgreifende Rechtschreibung haben, und daß uns dies so selten auffaͤllt. Wie viele Woͤrter werden nicht bald so, bald anders geschrieben, wie viele Willkuͤr herrscht in den zusammengesetzten Woͤrtern! und wer tadelt es, als hin und wieder die Grammatiker, von denen sich die Autoren so wenig belehren lassen, als die Kuͤnstler von den Ästhetikern. Die grammatische Mannigfaltigkeit erscheint aber nur unbedeutend gegen die rhetorische und poetische, gegen den unendlichen Reichthum in Styl und Ma¬ nier, worin uns kein Volk auf Erden gleich kommt. Es mag dahingestellt seyn, ob keine andre Sprache so viel Physiognomik zulaͤßt, gewiß aber ist, daß in keiner so viel Physiognomik wirklich ausgedruͤckt wird. Diese ungebundene Weise der Äußerung ist uns mit so manchem andern Zug unsrer Natur aus den alten Waͤldern angestammt, und auf ihr beruht die ganze freie Herrlichkeit unsrer Poesie. Je besser der Con¬ versationston, desto elender die Dichter, wie in Frank¬ reich. Je schlechter der Canzleistyl, desto origineller die Dichter, wie in Deutschland. Jeder neue Adelung wird vor einem neuen Goͤthe, Schiller, Tieck zu Spott werden. Titanen brauchen keine Fechtschule, weil sie doch jede Parade durchschlagen. Den gro¬ ßen Dichter und Denker haͤlt sein Genie, den gemei¬ nen seine angeborne Natur, alle der gaͤnzliche Man¬ gel einer Regel, eines gesetzgebenden Geschmacks und eines richtenden Publikums von dem Zwang einer attischen oder parisischen Censur entfernt. Im Ganzen hat die deutsche Sprache im Fort¬ schritt der Zeit auf der einen Seite gewonnen, auf der andern verloren. Die Reinheit, eine Menge Stammwoͤrter, einen bewundrungswuͤrdigen Reich¬ thum von feinen und wohllautenden Biegungen hat sie seit einem halben Jahrtausend verloren. Dagegen hat sie von dem, was ihr uͤbrig geblieben, einen desto bessern Gebrauch gemacht. In der jetzt aͤrmern und klanglosern Sprache ist unendlich viel gedacht und gedichtet worden, das uns die verlornen Laute vermissen laͤßt. Ausgezeichnete Meister haben aber auch diese neue hochdeutsche Sprache durch Virtuosi¬ taͤt des Gebrauchs zu einer eigenthuͤmlichen Schoͤn¬ heit zu bilden gewußt, und man hat angefangen, sie sogar aufs Neue aus dem Schatz der Vorzeit zu schmuͤcken. Es gehoͤrt nicht zu den geringsten Ver¬ diensten der Romantiker, daß sie die deutsche Sprache wieder auf den alten Ton gestimmt haben, so weit es ihre gegenwaͤrtige Instrumentation vertragen kann. Diese lebendige, organische Wiedergeburt der rei¬ nen alten Sprache, durch welche die fremden Schma¬ rozergewaͤchse verdraͤngt werden, ist das schoͤnste Zeug¬ niß von der angebornen Kraft unsrer Nationalitaͤt im Gegensatz gegen die affectirte Kraft, womit wir es den Fremden gleich zu thun gestrebt haben. Diese organische Entwicklung der deutschen Ursprache stellt zugleich die mechanischen Versuche der Puristen gaͤnzlich in den Schatten. Nichts ist klaͤglicher, als jener Purismus eines Campe und Anderer, welche die aus der Philosophie verschwundne Atomenlehre noch einmal in der Grammatik aufzufrischen und die atomistischen deutschen Sylben nach einer Cohaͤrenz, die nicht im Organismus deutscher Sprachbildung, sondern nur in der Analogie des fremden Wortes lag, zusammenzuschmieden versuchten, die uns Woͤrter aus Sylben machten, wie Voß aus Woͤrtern eine Sprache machte, die weder deutsch, noch griechisch war, und die man erst wieder in's Griechische uͤber¬ setzen mußte, um sie zu verstehen. Der Purismus ist loͤblich, wenn er uns densel¬ ben Begriff, der ein fremdes Wort ausdruͤckt, eben so umfassend und verstaͤndlich durch ein deutsches aus¬ druͤcken lehrt, jederzeit aber zu verwerfen, wenn das fremde Wort umfassender oder verstaͤndlicher ist, oder wenn es einen unsrer Sprache gaͤnzlich fremden Be¬ griff bezeichnet; denn Mittheilung der Begriffe ist der erste Zweck der Sprache, Deutlichkeit der Woͤr¬ ter das Mittel dazu. Wenn wir nur unsre Begriffe durch einen fremden vermehren, so laßt uns immer das fremde Wort dazu nehmen. Das Denken soll nicht verarmen, damit die Sprache mit Reinheit prahlen koͤnne. Wenn der falsche Purismus zu verwerfen ist, so ist doch der wahre, wie ihn schon Luther kraͤftig gehandhabt, hoͤchst verdienstlich. Allerdings gibt es neben den fremden Woͤrten, die wir als das Kleid fremder und neuer Begriffe ehren muͤssen, noch eine Menge andrer, die sich statt eben so guter, und des¬ falls fuͤr uns besserer, deutscher Woͤrter eingeschlichen haben, die ganz bekannte alte Begriffe ausdruͤcken, und nur aus einer laͤcherlichen Eitelkeit oder Neue¬ rungssucht von uns gebraucht werden. Der Gelehrte will zeigen, daß er in alten Sprachen bewandert ist, der Reisende, daß er fremde Zungen gehoͤrt hat, das uͤbrige Volk, daß es mit weisen und erfahrnen Men¬ schen oder Buͤchern bekannt ist, oder die Vornehmeren wollen ihre hoͤheren Begriffe auch in einer fremden Sprache von der Denkungsart des Poͤbels geschieden wissen, und der Poͤbel thut vornehm, indem er ihnen die fremden Laute nachaͤfft. So ungefaͤhr ist die deutsche Sprachmengerei entstanden, sofern sie nicht nothwendig mit fremden Begriffen auch fremde, Woͤr¬ ter borgen mußte, und so ist sie durchaus verwerflich, ein Schandfleck der Nation und ihrer Literatur. Moͤchten die Puristen uns fuͤr immer davon befreien koͤnnen. Jedes Jahrhundert befreit uns wenigstens von der Thorheit der vorhergehenden. Klopstock be¬ merkt sehr richtig: «Zu Karls V . Zeiten mischte man spanische Worte ein, vermuthlich aus Dankbarkeit fuͤr den schoͤnen kaiserlichen Gedanken, daß die deut¬ sche Sprache eine Pferdesprache sey, und damit ihm die Deutschen etwas sanfter wiehern moͤchten. Wie es diesen Worten ergangen ist, wissen wir, und sehen daraus zugleich, wie es kuͤnftig allen heutigstaͤgigen Einmischungen ergehen werde, so arg naͤmlich, daß dann einer kommen und erzaͤhlen muß, aus der oder der Sprache waͤre damals, zu unsrer Zeit naͤmlich, auch wieder eingemischt worden; aber die Sprache, die das nun einmal schlechterdings nicht vertragen koͤnnte, haͤtte auch damals wieder Übelkeiten bekom¬ men.» Einfluß der Schulgelehrsamkeit. Wenden wir uns zu den historischen Bedin¬ gungen der heutigen Entwicklung unsrer Literatur, so muß uns zuerst auffallen, daß alle literarische Bil¬ dung urspruͤnglich an die Kirche geknuͤpft war. Die¬ sen Einfluß hat sich die Literatur auch bis auf den heutigen Tag noch nicht voͤllig entzogen. Von der Priesterkaste kam die Literatur an die Gelehrtenzunft, und aller Schulzwang in unsern Schriften schreibt sich daher. Das Interesse der Zunft und die Disciplin der Bildungsanstalten haben das Gepraͤge der Vergan¬ genheit immer noch jedem neuen Jahrhundert aufge¬ druͤckt, wie wohl es sich allmaͤhlig immer mehr verwischt. Folgen davon sind kastenmaͤßige Ausschließlichkeit, Vornehmigkeit, Unduldsamkeit, Pedanterie alter Ge¬ woͤhnung, Stubenweisheit und Entfernung von der Natur. Doch hat es auch seine schoͤne und achtbare Seite. Indem alles literarische Leben von der geist¬ lichen, spaͤter gelehrten Kaste ausging, nahm es alle Tugenden und Gebrechen des Zunftgeistes in sich auf, und noch jetzt draͤngt sich ein verknoͤchertes Standesinteresse der Literatur auf; noch jetzt beherr¬ schen Priester die Theologie, bevogten Fakultaͤten zunftmaͤßig die weltlichen Wissenschaften. Der freie Sinn, die starke Natur der Deutschen hat sich zwar seit der Wiederauflebung der Wissenschaften unauf¬ hoͤrlich gegen den Kastengeist aufgelehnt, und wir bemerken einen bestaͤndigen Kampf origineller Koͤpfe gegen die Schulen, eine bestaͤndige Wiedergeburt der weltalten Fehde zwischen Priestern und Propheten. Auch haben die Letztern immer das Feld behauptet, die deutsche Natur hat ihre freie Äußerung, ihre immer reichere und hoͤhere Entfaltung gegen jedes Stabilitaͤtsprincip durchgefochten, und jeder einseiti¬ gen Erstarrung ist, wie fruͤher durch die Kirchen¬ trennung, so spaͤter durch den mannichfaltigen Wis¬ sensstreit der Gelehrten und durch die Geschmacks¬ fehden der Dichter immer vorgebeugt worden. Im¬ mer neue Parteien haben das von den andern ver¬ worfne Element bei sich gepflegt und ausgebildet, wodurch denn beinahe allen ihr Recht geworden. In¬ deß hat, wie in der Politik, so in der Literatur, der Geist der alten gewohnten Herrschaft, wo er besiegt worden, immer in den Siegern selbst fortgewirkt. Der negative Punkt hat sich sofort in einen positi¬ ven umgesetzt. Die Propheten sind wieder Priester geworden, haben das Princip der Autoritaͤt und Stabilitaͤt in sich aufgenommen und unter andern Glaubensformeln das alte Monopol angesprochen und gegen alle Neuerungen wieder geltend zu machen ge¬ sucht. Was gestern heterodox gewesen, ist heute wie¬ der orthodox geworden. Was gestern als Indivi¬ dualitaͤt eines großen Mannes aufgetreten, wird heute wieder zur despotischen Manier einer Schule. Der Grund dieser Erscheinung muß aber nicht allein in den Fortwirkungen des Mittelalters, sondern auch im Charakter des Volks selbst gesucht werden. Der Deutsche gluͤht fuͤr die Erkenntniß der Wahrheit, und will sie anerkannt wissen. Es ist dieselbe Be¬ geisterung, die ihn zum Beharren und zum Refor¬ miren antreibt. Unstreitig ist vieles Gute an den Zunftgeist ge¬ knuͤpft. Die Treue, mit welcher die Schaͤtze der Tradition bewahrt werden; die Wuͤrde, die der Au¬ toritaͤt gerettet wird; die Begeisterung und Pietaͤt, mit welchem man das Geheiligte, Erprobte oder Ge¬ glaubte verehrt; alle jene Tugenden, welche die An¬ haͤnglichkeit an das Alte zu begleiten pflegen, muͤssen in ihrem ganzen Werth anerkannt werden, wenn wir sie dem Leichtsinn vieler Neurer gegenuͤberstellen, der so oft alle moralische Autoritaͤt, alle historische Tra¬ dition, und mit der alten Schule auch die alte Er¬ fahrung uͤber den Haufen wirft. Das Kranke je¬ nes Zunftgeistes aber ist das Princip der Stabilitaͤt, das Stillestehen, wo ewiger Fortschritt ist, die Bor¬ nirtheit, die Schranken statuirt, wo keine sind. Hier¬ aus fließt mit Nothwendigkeit einerseits ein hierar¬ chisches System, Kastenzwang, Parteisucht, Prosely¬ tenmacherei, Ketzerriecherei und Nepotismus, andrer¬ seits ein erstarrtes, beschraͤnktes Wissen mit ewig in sich selbst ruͤckkehrenden, endlos sich wiederholenden, in monstroͤse Weitlaͤuftigkeit entartenden Formen. Diesen Suͤnden des veralteten Zunftgeistes tritt dann mit voller Wuͤrde die lebendige Kraft der Neuerer gegenuͤber, welche das Wissen aus den engen Schran¬ ken der Schule, die Charaktere selbst aus dem uni¬ formen Zwange der Kaste befreien, und eben darum auch alle jene steifen Formen von der lebenskraͤfti¬ gen, frisch sich regenden Natur abstreifen, gesetzt auch, sie verfielen nach dem Siege in die alten Feh¬ ler zuruͤck. Die Beziehung aller Wissenschaften auf die Re¬ ligion brachte einen gewissen priesterlichen salbungs¬ vollen Ton in die Gelehrsamkeit, der in den Fakul¬ taͤten noch beibehalten wird, und selbst die Natura¬ listen ansteckt. Unsre Schriftsteller orakeln gar zu gern und suchen einen gewissen Nimbus um sich zu verbreiten, und den Leser zu mystificiren, wie der Geistliche den Laien, der Schulmeister seine Schuͤler. In England und Frankreich befindet sich der Autor gleichsam als Redner auf der Tribune, und gibt sein Votum ab, als in einer Gesellschaft gleicher und ge¬ bildeter Menschen. In Deutschland predigt er und schulmeistert. Das zuruͤckgezogene moͤnchische Leben der Gelehr¬ ten hat ohne Zweifel den Hang zu tiefsinnigen Be¬ trachtungen, gelehrten Gruͤbeleien und ausschweifen¬ den Phantasien befoͤrdert, woraus denn auch der Mangel an praktischem Sinn und Lebensfreude sich erklaͤren laͤßt. Noch jetzt leben die meisten Gelehr¬ ten und Schriftsteller wie Troglodyten in ihren Buͤ¬ cherhoͤhlen und verlieren mit dem Anblick der Natur zugleich den Sinn fuͤr dieselbe, und die Kraft, sie zu genießen. Das Leben wird ihnen ein Traum, und nur der Traum ist ihr Leben. Ob der Schieferde¬ cker vom Dach, oder Napoleon vom Thron gefallen, sie sagen: so so, ei ei! und stecken die Nase wieder in die Buͤcher. Wie aber Fruͤchte, die man in einem feuchten Keller aufbewahrt, vom Schimmel verderbt werden, so die Geistesfruͤchte von der gelehrten Stu¬ benluft. Der Vater theilt seinen geistigen Kindern nicht nur seine geistigen, sondern auch seine physischen Krankheiten mit. Man kann den Buͤchern nicht nur die Verstocktheit, Herzlosigkeit oder Hypochondrie, sondern auch die Gicht, die Gelbsucht, ja die Haͤ߬ lichkeit ihrer Verfasser ansehn. Das schulgemaͤße Treiben hat zu gelehrter Pedanterie gefuͤhrt. Die gesunde unmittelbare Anschauung hat einer hypochondrischen Reflexion Platz gemacht. Man schreibt Buͤcher aus Buͤchern, statt sie aus der Natur zu entlehnen. Man stellt die Dinge nicht mehr einfach dar, sondern kramt dabei den Schatz seiner Kenntnisse aus. Man weicht von dem urspruͤnglichen Zwecke der Wissenschaften ab und macht nur die Mittel zum Zweck. Über den gelehr¬ ten Huͤlfsmitteln vergißt man die Resultate. Man sieht kaum einen Theologen oder Juristen, nur theo¬ logische, juridische Philologen. Alle historischen Wis¬ senschaften werden durch die philologisch-critische Ge¬ lehrsamkeit ungeniesbar gemacht. Man fraͤgt nicht nach dem Inhalt, nur nach der Schale. Man un¬ tersucht die Richtigkeit, nicht die Wichtigkeit der Ci¬ tate. Man freut sich kindisch, wenn man diploma¬ tisch erwiesen hat, daß dieser oder jener Ausspruch wirklich gethan worden ist, ohne sich darum zu be¬ kuͤmmern, ob er auch innere Wahrheit hat und ob uͤber¬ haupt etwas daran liegt. Man haͤuft mit unsaͤgli¬ chem Fleiße Nachrichten, unter denen man mit eben so vieler Muͤhe wieder das Wenige zusammensuchen muß, was der Erinnerung werth ist. Man ver¬ schwendet ein jahrelanges Studium, um die richtige Lesart eines alten Dichters ausfindig zu machen, der oft besser gaͤnzlich stillgeschwiegen haͤtte. Selbst die neuere Poesie wird unter der Last der Gelehrsamkeit erdruͤckt. Die Sprache des natuͤrlichen Gefuͤhls und der lebendigen Anschauung wird nur zu oft verdraͤngt durch gelehrte Reflexionen, Anspielungen und Citate. Es gibt keinen Zweig der Literatur, auf welchen die Stubengelehrsamkeit nicht einen nachtheiligen Ein¬ fluß uͤbte. In der eigentlichen Schulweisheit, namentlich in den sogenannten Brodwissenschaften herrscht ein Me¬ chanismus , vulgo Schlendriau, der in den alten Gleisen voͤllig seelenlos sich fortbewegt. Die Uni¬ versitaͤten sind Fabrikanstalten fuͤr Buͤcher und Buͤ¬ chermacher geworden. Man weicht von gewissen For¬ meln der Schule nicht ab, und jede neue Generation macht ihre Exercitien darnach. Aber die urspruͤng¬ liche Wahrheit wird verdunkelt durch die unendlichen Commentare. Die Sache, auf die es eigentlich an¬ kommt, verschwindet endlich unter der Last von Ci¬ taten, die sie beweisen sollen. Das Leben entflieht unter dem anatomischen Messer. Das Wichtigste wird langweilig, das Ehrwuͤrdigste trivial. Der Geist laͤßt sich nicht auf die Compendien spannen, und die Natur greift maͤchtig durch die Paragraphen, die sie einzuschließen wagen. Durch die Polemik wird der modernde gelehrte Sumpf aufgeruͤhrt, und es verbreiten sich die me¬ phytischen Daͤmpfe. Nirgends zeigt sich die Unnatur der Stubengelehrten auffallender, als in ihren pole¬ mischen Schriften. Hier bewaͤhrt sich das gute alte Sprichwort: je gelehrter desto verkehrter. Auf der einen Seite sind sie so uͤberschwenglich weise, daß es einem gesunden Verstande schwer wird, den labyrin¬ thischen Gaͤngen ihrer Logik zu folgen. Auf der an¬ dern Seite sind sie in den gemeinsten Dingen so unwissend, daß ein Bauer sie belehren koͤnnte. Bald sind sie so zart, scherzen attisch und machen Anspie¬ lungen, die einem alexandrinischen Bibliothekar zur Ehre gereichen wuͤrden, daß dem ehrlichen Deutschen dumm dabei zu Muthe wird. Bald bedienen sie sich der abgefeimtesten Raͤnke oder der groͤbsten Ausfaͤlle, deren sich selbst der Poͤbel schaͤmen wuͤrde. Auch was in der deutschen Sprache verdorben wurde, kommt groͤßtentheils auf Rechnung der Schul¬ gelehrten. Daß sie mit fremden Begriffen fremde Terminologien annahmen, war natuͤrlich; in ihrer Vornehmigkeit affectirten sie aber auch eine heilige Unverstaͤndlichkeit , um sich den Laien desto ehr¬ wuͤrdiger zu machen, oder sie waren zu traͤg, und wurden zu wenig genoͤthigt, der Popularitaͤt ein Opfer zu bringen. Die Fakultaͤtsmenschen koͤnnen sich so deutsch ausdruͤcken, daß kein Ungeweihter sie versteht, und die Philosophen verstehen sich oft selber nicht. Die wahre Bildung ist immer Sache des Vol¬ kes, die Schulgelehrsamkeit Sache eines Standes, einer Kaste. Die Gelehrsamkeit bevogtet aber bei uns noch die Bildung, die Kaste noch das Volk. Dieß ist ein Mißverhaͤltniß, das sich mit Nothwen¬ digkeit aufheben muß. Die gelehrte Vornehmigkeit ist nur ein Bettelstolz, der zu Schanden werden wird. Soll unsre Weisheit wirksam werden, so muß sie zuerst allgemein faßlich seyn, und das kann sie nur, wenn sie aus dem Zwange der Schulgelehrsam¬ keit sich befreit. Man fuͤrchtet sich gewoͤhnlich vor der Popularitaͤt, weil man sie mit Gemeinheit ver¬ wechselt. Es gibt aber auch in Bezug auf Literatur nur so lange einen Poͤbel, als es eine bevorrechtete Kaste gibt. Ein wohlhaͤbiger, gebildeter Mittelstand kann der Pedanterei und Anmaßung der letztern in dem Maaße entbehren, als er von der Gemeinheit des erstern sich entfernt. Einfluß der fremden Literatur. Der bekannte Nachahmungstrieb der Deut¬ schen herrscht auch vorzuͤglich in ihrer Literatur. Man schaͤtzt sich gluͤcklich und wirft es sich zugleich vor, den Fremden nachzuhinken und zu stottern. Man streitet sich seit mehr als tausend Jahren uͤber dieß Phaͤnomen in unserm Nationalcharakter, wie uͤber eine Neigung des Herzens, welche die Moral zu ver¬ bieten scheint. Schon in den Zeiten der Roͤmer gab es zwei Parteien in Deutschland, Nachahmer und Puristen. Veraͤchtlich sind die Affen, die immer nur nach fremden rothen Lappen springen, veraͤchtlich die Entarteten, die sich schaͤmen, Deutsche zu seyn. Das Vorurtheil, daß die deutsche Natur eine Art Baͤren¬ haftigkeit und Rusticitaͤt sey, die schlechterdings eines fremden Tanzmeisters beduͤrfe, hat sich nur bei sol¬ chen erzeugen und erhalten koͤnnen, die wirklich recht plebegisch geboren waren. Laͤcherlich aber sind die Thoren, die ein Urdeutschthum von allen fremden Schlacken reinigen, und um die deutschen Grenzen ein moralisches Mauthsystem einrichten, ja der Sonne selbst gebieten moͤchten, nur uͤber Deutschland zu leuchten. Die Cultur ist so gemeinsam, wie das Licht, und ihr segensreicher Einfluß verbreitet sich unter climatischen Modifikationen doch allwaͤrts auf dem Erdenrund. Nirgends sind unuͤbersteigliche Grenzen gezogen. Der Handel verbindet alle Laͤnder und verbreitet die materiellen Produkte derselben. Die Literatur soll auf gleiche Weise die geistigen Schaͤtze der Voͤlker ausstreuen. Jedes Land soll von dem an¬ dern annehmen, was seine Natur vertraͤgt und was ihm Gedeihen bringt, und auch in den Geist eines Volkes darf verpflanzt werden, was er vertraͤgt und was ihn edler entwickelt. Wenn es manches gibt, was nur eine Nation besitzen kann, und wodurch sie eben eigenthuͤmlich wird, so gibt es viel hoͤhere Guͤter, die keinem aus¬ schließlich zukommen, und Eigenthum des gesammten menschlichen Geschlechts sind. Die Erscheinung des Christenthums allein straft den Puristeneifer. Wir muͤßten eigentlich die ganze Geschichte zuruͤckschrau¬ ben, um uns von fremden Einfluͤssen zu reinigen, da unsre ganze neuere Bildung auf der romanischen des Mittelalters beruht. Wir muͤßten nackt in die Waͤl¬ der laufen, wenn wir uns von allem dem entkleiden wollten, was wir von Fremden angenommen. Abge¬ sehn aber von dem nothwendigen, in der Natur be¬ gruͤndeten und in der Geschichte uralten, wechselsei¬ tigen Unterricht der Voͤlker, zeichnet uns Deutsche vorzugsweise eine außerordentliche Vorliebe fuͤr das Fremde und ein seltnes Geschick der Nachahmung aus, die eben deshalb auch zu Übertreibungen und unnatuͤrlichen Vergessen des eignen Werthes fuͤh¬ ren. — Die tiefste Quelle jener Neigung ist die Huma¬ nitaͤt des deutschen Charakters. Wir sind durchaus Cosmopoliten. Unsre Nationalitaͤt ist, keine haben zu wollen, sondern gegen die nationelle Besonderheit etwas allgemein guͤltiges Menschliches geltend zu machen. Wir haben ein bestaͤndiges Beduͤrfniß, in uns das Ideal eines philosophischen Normalvolks zu realisiren. Wir wollen die Bildung aller Nationen, alle Bluͤthen des menschlichen Geistes uns aneignen. Diese Neigung ist staͤrker, als unser Nationalstolz, so lange wir nicht eben in ihr unsern Nationalstolz suchen. Auch andre Voͤlker wollen ein Normalvolk seyn, und ohne diesen Glauben gaͤb es gar keinen Nationalstolz, aber sie wollen keineswegs sich ver¬ laͤugnen, sondern mir allen andern ihr Gepraͤge auf¬ druͤcken. Auch andre Voͤlker schaͤtzen das Fremde, aber sie werfen sich selbst dagegen nicht weg. Doch hat auch die Entaͤußerung ihr Gutes und ihren na¬ tuͤrlichen Grund. Der Liebe ist immer eine starke Selbstverlaͤugnung eigenthuͤmlich. Dem Interesse fuͤr das Fremde, der Liebe, aus welcher alle Bildung entspringt, schadet nichts mehr als der Egoismus, der Cultur nichts mehr als der Nationalduͤnkel. Eine gewisse Resignatinn ist nothwendig, wenn wir voll¬ kommen fuͤr das Fremde empfaͤnglich werden sollen. Untersuchen wir die Hindernisse, welche bei so vielen Voͤlkern die Fortschritte der Cultur aufgehalten ha¬ ben, so werden wir sie weniger in der Rohheit der¬ selben, als in der Selbstzufriedenheit und in den Vorurtheilen ihres Nationalstolzes finden. Immer aber sind je die edelsten Voͤlker zugleich die tolerantesten gewesen, und die niedrigsten immer die eitelsten. Es ist indeß nicht nur jene philosophische Rich¬ tung unsers Charakters, die Bildungsfaͤhigkeit und Wißbegier, der Entwicklungstrieb und das ideale Streben, sondern auch eine poetische Richtung, ein romantischer Hang , der uns das Fremde lieben macht. Eine poetische Illusion schwebt verschoͤnernd um alles Fremde und nimmt unsre Phantasie gefan¬ gen. Was nur fremd ist, erweckt eine romantische Stimmung in uns, selbst wenn es schlechter ist, als was wir laͤngst selber haben. Darum nehmen wir so vieles von Fremden an, was uns keineswegs in uns¬ rer Entwicklung weiter bringt, und die Einbildung macht erst eine Neigung verderblich, die der Verstand billigen muß, indem er sie ermaͤßigt. Wenn die Ein¬ bildung einmal uͤbertreibt, so begehn wir immer zwei Fehler zugleich, den der blinden, sklavischen Hinge¬ bung an das Fremde und den einer blinden Verken¬ nung unsrer selbst. Wir besitzen die poetische Gabe, uns zu mystificiren, uns gleichsam in dramatische Personen zu verwandeln und einer fremden Illusion hinzugeben. Viele Gelehrte denken sich so ins Grie¬ chische, viele Romantiker so ins Mittelalter, viele Politiker so ins Franzoͤsische, viele Theologen so in die Bibel hinein, daß sie von allem, was um sie vorgeht, nichts mehr zu wissen scheinen. Dieser Zu¬ stand hat einige Ähnlichkeit mit Wahnsinn und fuͤhrt oft zu Wahnsinn. Den auf diese Weise Besessenen kommt die ungemeine Bildungsfaͤhigkeit der deutschen Gesinnung und Sprache zu Huͤlfe. Sie wissen in der Literatur die fremde Sprache trefflich zu erkuͤnsteln, und treiben den eigenthuͤmlichen Geist der deutschen Sprache aus, um fremde Goͤtzen einzufuͤhren. Sie spotten uͤber alle, die es ihnen nicht nachthun, und erzuͤrnen sich, wenn irgend die Natur sich der Kunst nicht fuͤgen will. Dergleichen Extreme reiben sich aber an einander selber auf. Gaͤb' es außer uns nur noch Ein Volk, so wuͤrden wir uns wahrscheinlich ganz in dasselbe hineinstudieren, bis nichts mehr von uns uͤbrig bliebe. Da es aber viele gibt, die wir alle nach einander nachahmen, und da sie mit einander in Widerspruch stehn, so wird das Gleichgewicht im¬ mer wieder hergestellt. So hat die superfeine Con¬ venienz der Gallomanie an dem derben Humor der Anglomanie, die regelrechte Graͤkomanie an dem aus¬ schweifenden Orientalismus, der flache Liberalismus an der mystischen Romantik sich aufreiben muͤssen, und diese wieder an jenen. Die verschiednen Perio¬ den unsrer Nachahmungswuth haͤngen nicht allein von der aͤußern Erscheinung fremder Vortrefflichkeiten, son¬ dern auch von subjectiven Bestimmungsgruͤnden ab. Dieselben Muster stehn immerwaͤhrend und zugleich vor unsern Augen, und doch interessiren wir uns ab¬ wechselnd nur fuͤr die einen und sind fuͤr die andern blind. Dies haͤngt von dem innern Entwicklungsgang unsrer Natur und von dem aͤußern großen Gange der Geschichte ab. Wir interessiren uns immer fuͤr dasjenige Fremde, was gerade mit unsrer Bildungs¬ stufe und Stimmung am meisten harmonirt. Als un¬ ser Verstand aus den engen Glaubensbanden frei zu werden begann, wurden die verstaͤndigen, aufgeklaͤr¬ ten Alten unsre Muster. Als das gaͤnzlich vernach¬ laͤssigte oder mißhandelte Gefuͤhl gegen die Tyrannei einer seichten Verstaͤndigkeit, eines flachen Liberalis¬ mus sich empoͤrte, mußte das Mittelalter wieder zum Muster dienen. Als der Deutsche zum Gefuͤhl seiner Plumpheit gelangte, gab er sich dem leichtfuͤßigen Franzmann in die Lehre. Als er in seinem traͤgen politischen Schlafe Traͤume bekam, draͤngten sich ihm die Bilder Englands und Amerikas oder der alten Republiken auf. Als er die Unbequemlichkeit und Un¬ natur seiner altfraͤnkischen Gewohnheiten endlich fuͤhlte, mußte der Instinkt ihn zur griechischen Leichtigkeit, ja zur Nacktheit zuruͤckfuͤhren. Als er durch Schick¬ sal und Ungeschick in Armuth versunken war, mußte die materielle Wohlfahrt der Britten ihm ein Muster werden. Gleich thoͤrichten Kindern aber zerbrechen wir das Spielzeug oder werfen das Schulbuch in den Winkel, wenn wir es nicht mehr gern haben oder brauchen. Niemand ist so sklavisch ergeben und nie¬ mand so undankbar, als wir. Niemand weiß den eignen Werth so gruͤndlich zu verkennen, und nie¬ mand die eigne Schuld so leichtsinnig andern zuzu¬ schreiben, als wir. Wir hielten vor fuͤnfzig Jahren die Franzosen fuͤr eine Art von Halbgoͤttern, vor zehn Jahren fuͤr halbe Teufel. Wir waren brutal genug, vor ihnen zu kriechen, und noch brutaler, sie zu verachten. An die Stelle der Dummkoͤpfe, welche den Saͤuglingen schon franzoͤsische Ammen, ja den Muͤttern franzoͤsische Einquartirung gaben, traten an¬ dre Dummkoͤpfe, welche mit scythischer Dummdrei¬ stigkeit die edlen Bluͤthen franzoͤsischer Geselligkeit nie¬ dertraten. Deutsche Politiker nahmen eine erbauliche Miene an und predigten gegen den gallischen Anti¬ christ, und einer oder der andre einfaͤltige Geschicht¬ schreiber suchte sogar sich und andre zu beluͤgen, daß die Franzosen von unedlen asiatischen Racen abstamm¬ ten und die Ehre nicht verdienten, Europaͤer zu hei¬ ßen. Mit gleicher Barbarei verwerfen die Parteien je die Abgoͤtterei der andern. Die Classischen schim¬ pfen gegen das Mittelalter und den Orient. Die Romantiker kreuzigen sich noch zuweilen vor den al¬ ten Heiden. Natuͤrlich aͤußert sich die Vorliebe fuͤr fremde Li¬ teratur zunaͤchst in Übersetzungen . Bekanntlich wird in Deutschland ungeheuer viel, ja voͤllig fabrik¬ maͤßig uͤbersetzt. Wenn je nnter dreißig Werken des besten deutschen Autors eines im Auslande schlecht uͤbersetzt wird, so werden dagegen die saͤmmtlichen Werke jedes nur irgend erheblichen englischen oder franzoͤsischen Schriftstellers in Deutschland doppelt und dreifach uͤbersetzt, ja man thut ihnen die Ehre an, noch eignes Fabrikat unter ihrem Namen drucken zu lassen, wie dem Walter Scott. Ohnstreitig sind Ruhm und Vortheil auf unsrer Seite. Sollten uns auch viele Tugenden der Fremden mangeln, so thei¬ len wir mit ihnen doch auch nicht jene vornehme Bornirtheit, die das Fremde achselzuckend ignorirt. Es macht uns Ehre, von den großen Britten zu wis¬ sen; den Britten macht es keine Ehre, von den gro¬ ßen Deutschen nichts zu wissen. Übersetzungen sind gewiß besser als Nachahmun¬ gen, und wer uns einen fremden Dichter uͤbersetzt, hat sicher mehr gethan, als der ihn nur in eigenen Dichtungen copirt. Aus demselben Grunde taugen auch die freien Übersetzungen weniger als die treuen. Man versteht aber unter der Treue so viel, daß es unmoͤglich ist, sie ganz zu erreichen. Eine Übersetzung kann niemals in allen Stuͤcken treu seyn, um es in dem einen zu seyn, muß sie das andere aufopfern. Daher theilen sich auch die Übersetzer in zwei Klassen. Die einen opfern den Inhalt der Form oder den Ge¬ danken dem Wort, den Sinn dem Klange, die an¬ dern umgekehrt diesen jenem auf. Die einen wollen die Schoͤnheit und den Wohlklang des fremden Aus¬ drucks, die andern nur die Klarheit und Verstaͤnd¬ Deutsche Literatur. I . 3 lichkeit desselben wiedergeben. Die erstern herrschen vor. Ein guter Klang, ein gefaͤlliger Rhythmus und Reim besticht das Ohr und laͤßt uͤber einen mangel¬ haften Sinn wegsehn. Die meisten metrischen Über¬ setzungen opfern ungescheut den Inhalt auf, um den Wohlklang, das Versmaß, den Reim zu retten. Sinn¬ treue, aber hartklingende Übersetzungen kann man nicht gut leiden, und wenn man gar einen Dichter des treuen Verstaͤndnisses wegen in Prosa uͤbersetzt, so mag ihn niemand lesen. Man hat hierin aber wohl Unrecht. Allerdings liegt ein großer Theil des Zaubers, womit uns ein Dichter befaͤngt, in seinen Rhythmen und Reimen, aber doch immer nur, so¬ fern dieselben gewisse poetische Bilder und Gedanken einkleiden, und in diesen beruht der groͤßte Zauber, jenes aͤußere Kleid des Wohlklanges dient nur diesem. Werden diese Bilder verwischt, diese Gedanken ver¬ dunkelt oder verfaͤlscht, so verliert auch der Wohl¬ klang seinen Zauber. Unsre metrischen Üebersetzer las¬ sen dies nur zu haͤufig außer Acht. Bei antiken Ori¬ ginalen kuͤnsteln sie das Metrum, bei romantischen die Zahl und Verschlingung der Reime nach. Um dieses schwierige Unternehmen zu Stande zu bringen, opfern sie unbedenklich die Verstaͤndlichkeit, ja sogar die Wahrheit auf. Sie verrenken und verschrauben die Construction, lassen aus und flicken ein, und ge¬ brauchen sogar oft ganz andere Bilder und Worte, weil die rechte Construction und das rechte Wort nicht ins Metrum oder zum Reime paßt. Der all¬ gemeine Nothbehelf sind die Tautologien. Wenn das Flickwort nur einen aͤhnlichen Sinn hat, so meint der Übersetzer, er habe genug gethan, sofern nur zu¬ gleich das Metrum und der Reim gut ins Ohr fallen. Aber Tautologien sind ihm durchaus nicht erlaubt. Er soll nicht ein aͤhnliches, sondern das einzig rich¬ tige Wort gebrauchen; verlangt es der Reim oder das Metrum anders, so ist es damit nicht entschul¬ digt, denn nicht der Reim, sondern der Sinn ist die Hauptsache. Von dem geruͤgten Übelstande schreibt sich die ungemeine Verschiedenheit von Übersetzungen ein und desselben Autors her, und wieder die unge¬ meine Gleichheit der verschiedensten Autoren, wenn sie einer uͤbersetzt hat. Von Dante, Tasso, Petrarca, Camoens besitzen wir Übersetzungen, die weit von ein¬ ander abweichen, wo fast jeder Vers anders construirt und gereimt ist; und umgekehrt sehn sich Homer, Hesiod, Theokrit, Äschylos, Aristophanes, Virgil, Horaz, Ovid, Shakespeare ꝛc. in den Voßischen Über¬ setzungen so aͤhnlich, wie ein Ei dem andern. In beiden Faͤllen wird der Charakter des Originals ver¬ faͤlscht, wenn auch der Wortklang noch so kuͤnstlich copirt ist. Nachahmungen entstehen unvermeidlich aus der Anerkenntniß fremder Vortrefflichkeiten. Warum sollten wir das nicht nachahmen, was nuͤtzlich oder schoͤn und edel ist? Wir begehn aber insgemein den Fehler, statt der Sachen nur Formen nachahmen zu wollen. Wir sollten fuͤr unsre Zeit und nach unsrer 3* Weise eine so harmonische Bildung zu gewinnen su¬ chen, als die Griechen zu ihrer Zeit auf ihre Weise sie gewonnen. Laͤcherlich aber machen wir uns, wenn wir die griechischen Formen nachkuͤnsteln, ohne den Geist und das Leben, aus welchen sie hervorgingen. Wir sollten unsre geselligen Verhaͤltnisse nach unsrer Eigenthuͤmlichkeit so fein ausbilden, wie die Franzo¬ sen es nach der ihrigen thun. Affen aber sind wir, wenn wir franzoͤsische Floskeln und Buͤcklinge nach¬ toͤlpeln. Wir sollten frei und maͤnnlich zu denken und zu handeln suchen, wie Englaͤnder und Amerika¬ ner, aber nicht von einer Nachaͤffung ihrer aͤußerli¬ chen Institutionen das Heil erwarten. Wir sollten die Tuͤchtigkeit und den tiefen Geist des Mittelalters uns erneuern, aber nicht die alte Tracht und Sprache kuͤmmerlich affectiren. Die formellen Nachahmungen gleichen den Moden und haben dasselbe Schicksal. Eine kurze Zeit gelten sie ausschließlich und man heißt ein Sonderling, wenn man sie nicht mitmacht. Hinterher erscheinen sie alle laͤcherlich. Auch in Rom galt einst der griechische Geschmack. Wer aber wird anstehn, die Kraft und den Ernst der Roͤmer in ihren eigenthuͤmlichen Gei¬ steswerken unendlich hoͤher zu schaͤtzen, als die Affec¬ tation attischer Feinheit in ihren griechischen Copien? Lange schon erscheinen uns die Franzosen in ihren antiken Tragoͤdien nur komisch, aber wieviel wir uns darauf einbilden, geschickter zu copiren, so sind doch die als musterhaft anerkannten Voßischen Copien nicht minder laͤcherlich. Wir haben laͤngst dem wackern Cervantes Recht gegeben, doch liefern viele unsrer Romantiker hinreichenden Stoff zu einem neuen Don Quixotte, und Fouqu é hat deren eine Menge ge¬ schrieben, ohne es selbst zu wissen. Die Erfahrung so vieler wechselnden Moden, die sich immer selbst in Widerspruch setzen und vernich¬ ten, scheint nicht ohne gute Folgen geblieben zu seyn. So viele Parteien noch herrschen, beginnt man doch, ihre Vermittlung zu versuchen. Nachdem wir der Reihe nach alle gebildete Nationen kennen gelernt, bewundert und nachgeahmt haben, Roͤmer, Griechen, Franzosen, Englaͤnder, Italiener, Spanier, sind wir jetzt auf einen Augenblick wieder nach Hause zuruͤck¬ gekehrt und besinnen uns. Wir bemerken, daß wir immer von der ersten Bekanntschaft zu uͤbertriebner Bewundrung einer fremden Nation, und zu voͤllig sklavischer Nachahmung derselben rasch fortgeschritten, dann aber des Extrems bald uͤberdruͤßig geworden sind, worauf eine neue ruhige Betrachtung uns die¬ jenigen Vorzuͤge der Fremden hervorgehoben und uns angeeignet hat, die nachahmungswuͤrdig sind und auch nachgeahmt werden koͤnnen. Wir unterscheiden all¬ maͤhlich die herrliche Gade, uns in den Geist andrer Nationen und Zeiten zu versetzen, die dichterische Faͤhigkeit, jede fremde Illusion anzunehmen, von der praktischen Nachaͤfferei. In jener finden alle Gegen¬ saͤtze neben einander Platz, in dieser heben sie einan¬ der auf. Die Phantasie mag uns in einem Augen¬ blick nach Griechenland, im andern nach London ver¬ setzen, doch wir selber bleiben in Deutschland sitzen. Wir hatten im Ungestuͤm des Enthusiasmus den Feh¬ ler begangen, unsre Eigenthuͤmlichkeit zu beseitigen, um mit Haut und Haar in die fremde hinuͤbersprin¬ gen zu wollen. Wir bemerken jetzt, daß wir mit al¬ lem offnen Sinn fuͤr das Fremde doch zugleich eine eigenthuͤmliche Auffassungsweise fuͤr dasselbe mitbrin¬ gen, meist eine innerliche, phantastische, tiefsinnige, und indem wir diese walten lassen, verschmilzt erst sie die Vorzuͤge der Fremden mit unsrer Nationalitaͤt. Der literarische Verkehr. Denkt man an die Zeit zuruͤck, da jedes Buch nur in wenigen Handschriften existirte, so begreift man, welch unermeßliches Übergewicht die heutige Literatur durch die Maschinerie des Drucks und durch den Buchhandel gewonnen hat. Wenn daraus ein Segen fuͤr alle Zeiten erwachsen ist, wenn wir Deut¬ sche uns der Erfindung ewig werden ruͤhmen koͤnnen, so soll uns dies doch auch gegen einige Nachtheile nicht blind machen, die das leichte Verbreiten der Schriften mit sich fuͤhrt. Es erstickt naͤmlich die we¬ nigen guten Schriften unter der Last der schlechten, und da das Drucken ein Handwerk ist, so geht es auf Nahrung aus, ob der Geist dabei gewinnen mag, oder nicht. Der Autor muß Buͤcher schaffen, nicht immer damit die Welt etwas Treffliches lese, son¬ dern damit der Drucker drucken, der Verleger ver¬ kaufen koͤnne. Wiewohl die Deutschen Erfinder des Drucks sind, werden sie doch von den Englaͤndern in der Kunst, sowohl schnell als schoͤn zu drucken, bei wei¬ tem uͤbertroffen. Nirgends herrscht so viel Traͤgheit und Nachlaͤssigkeit, auch im Buͤcherdrucken, als in Deutschland. Nirgends findet man so schlechtes Pa¬ pier, so stumpfe Lettern, so viele Druckfehler. Dies ruͤhrt zum Theil daher, daß das Publikum es nicht so genau nimmt, und in der That, wer zusieht, wie die meisten Leser mit Buͤchern umzugehen pflegen, gibt ihnen nicht gerne eine englische Ausgabe in die Hand. Der Hauptgrund, warum unsre Buͤcher so selten mit aͤußrer Pracht und Eleganz ausgestattet sind, liegt aber wohl in der deutschen Kleinkraͤmerei. Fast alle unsre Buchhaͤndler treiben nur Kramhandel fuͤr den Hausbedarf des Buͤrgers. Die hohe Noblesse versorgt sich aus Paris und London. Die wenigen großen Buchhaͤndler in Deutschland liefern zuweilen auch ein typographisches Prachtwerk, aber meist zu ihrem Schaden. Loͤschpapier findet bessern Absatz. Was den Buchhandel betrifft, so leidet er an zwei Hauptuͤbeln, dem Geldwucher und dem Mode¬ geschmack. Die meisten Buchhaͤndler sind nur Kauf¬ leute und suchen nur mit den Buͤchern Geld zu ge¬ winnen, gleichviel, ob diese Buͤcher gut oder schlecht, heilsam oder verderblich sind. Nur wenige haben sich in der Geschichte einen Namen und im Vaterlande warmen Dank erworben durch uneigennuͤtzige Befoͤr¬ derung des Guten, Wahren und Schoͤnen, wo es der Aufmunterung und Unterstuͤtzung bedurfte. Der Buchhaͤndler hat, wenn es ihm an Mitteln nicht ge¬ bricht, einen schoͤnen Wirkungskreis. Er kann dem guten Schriftsteller in die Haͤnde, dem schlechten ent¬ gegenarbeiten. Er kann durch die Wahl seiner Ver¬ lagsartikel die Bildung und den Geschmack gewisser¬ maßen beherrschen, und auf das Publikum einen Ein¬ fluß uͤben, wie ihn im Kleinen jede Theaterdirek¬ tion durch ihr gutes oder schlechtes Repertorium uͤbt. Er hat den edlen, seinen Stand hoch ehrenden Beruf, ein Maͤcen zu seyn. Er kann durch seine Unterstuͤtzung manchem Genie einen freien Boden ge¬ ben, wo es sich entwickeln kann; er kann das Ver¬ borgne oder Verkannte an das Licht ziehn, und nicht selten verdanken wir ihm erst, was uns am Weisen, am Dichter erhebt, und entzuͤckt. Er kann endlich, vermoͤge seiner Stellung, die Literatur im Ganzen uͤberblicken, und die Luͤcken bemerken, den Schrift¬ stellern heilsame Winke geben, Wege bereiten, die mannigfaltigen Kraͤfte der gelehrten und schoͤnen Gei¬ ster unmerklich lenken. Aber um diesen ehrenvollen, großen Beruf zu erfuͤllen, bedarf der Buchhaͤndler nicht nur eines klaren Kopfes, eines edlen Willens, sondern auch der oͤkonomischen Mittel; diese Dinge finden sich sehr selten vereinigt. Bedenken wir fer¬ ner, daß auch der beste Buchhaͤndler immer theils vom Publikum und seiner Modelust, theils von den Schriftstellern abhaͤngig ist, so koͤnnen wir von den Buchhaͤndlern allein das Heil der Literatur freilich nicht erwarten. Die Mehrzahl der Buchhaͤndler sind nur Kraͤ¬ mer, denen es groͤßtentheils einerlei ist, ob sie mit Korn oder mit Wahrheit, mit Zucker oder mit Ro¬ manen, mit Pfeffer oder mit Satyren handeln, wenn sie nur Geld verdienen. Der Buchhaͤndler ist ent¬ weder Fabrikant oder Spediteur oder beides zugleich. Die Buͤcher sind seine Waare. Sein Zweck ist Ge¬ winn, das Mittel dazu nicht absolute, sondern rela¬ tive Guͤte der Waare, und diese richtet sich nach dem Beduͤrfniß der Kaͤufer. Was die meisten Kaͤu¬ fer findet, ist fuͤr den Buchhaͤndler gute Waare, wenn es auch ein Schandfleck der Literatur waͤre. Was keinen Kaͤufer findet, ist schlechte Waare, und waͤren es Offenbarungen aus allen sieben Himmeln. Soll ein Buch Kaͤufer finden, so muß es dem be¬ kannten Geschmack des Publicums angemessen seyn, oder seinen Neigungen und Schwaͤchen schmeicheln und eine neue Mode erzeugen koͤnnen. Deswegen beguͤnstigen die Verleger das Triviale und das Aben¬ teuerliche. Soll das Publicum wissen, daß das Buch seinem Geschmack entspricht, so muß der Titel es an¬ locken. Deswegen ist dem Verleger ein guter Titel mehr werth, als ein gutes Buch, oder dieses nur durch jenen, und es entsteht ein Wetteifer unter den Buchhaͤndlern, die schmeichelhaftesten Titel auszuhe¬ cken. Woher nimmt aber der Verleger solche Waare, die er fuͤr gut erkennt? Sie waͤchst nicht so haͤufig wild, als er dadurch reich werden koͤnnte. Sie muß also durch Kunst erzeugt werden. Es wird also statt der seltnen Alpenweide die uͤberall ausfuͤhrbare Stall¬ fuͤtterung der Autoren eingefuͤhrt. Der Verleger un¬ terhaͤlt sie, und sie liefern ihm Milch, Butter, Kaͤse, Haut und Knochen. Und ist wohl je ein Verleger verlegen um solche Leibeigene? Es draͤngen sich ihm mehr zu seinem Gnadentisch, als er verlangt. Je mehr fabricirt wird, desto schlechter, je schlechter, desto leichter, je leichter, desto mehr Leute werden geschickt dazu. Vom Nachdruck kann hier nicht viel gesagt werden, da er auf den Gehalt der Literatur durch¬ aus keinen Einfluß uͤbt. Indeß will ich doch bei die¬ ser Gelegenheit ein wenig meine Verwunderung aus¬ druͤcken, warum uͤber diesen famoͤsen Nachdruck bei uns noch immer so verschiedne Meinungen herrschen. Er wird nicht nur von den Nachdruckern selbst, oder vom Publicum, das dabei gewinnt, sondern auch von scharfsinnigen Juristen vertheidigt und von man¬ chen Regierungen geduldet, verworfen aber nur von den betheiligten Autoren und Verlegern und von rechtlich Denkenden, sey es auch, daß sie rechtlich nur daͤchten, denn viele der Art sind mir bekannt, die den Nachdruck verwerfen, das Nachgedruckte aber kaufen. In diesem Widerstreit des aͤußern Vortheil mit dem innern Verdammungsurtheil des Gewissens liegt der Grund, warum der Nachdruck trotz alles Moralisirens immer fortbesteht, und trotz aller Pri¬ vilegien doch immer verdammt wird. Laßt ihn im¬ mer bestehen, wenn die menschliche Natur, die nach aͤußern Vortheilen trachtet, sich nicht bezwingen laͤßt. Diebe wird es ewig geben, oder die Traͤume der Idealisten von allgemeiner Weltverbesserung muͤßten in Erfuͤllung gehn. Verdenkt es also den Nachdru¬ ckern nicht, wenn sie den Autor und rechtmaͤßigen Verleger bestehlen, aber straft sie, wenn ihr selbst recht thun wollt. Verdenkt es auch dem Publicum nicht, wenn es die nachgedruckten Werke kauft, da es so oft von den rechtmaͤßigen Verlegern uͤbervor¬ theilt wird, und wenn es nur zwischen zwei Schrau¬ ben die Wahl hat, diejenige waͤhlt, die es am we¬ nigsten schraubt; hebt den einen Betrug auf, indem ihr den andern unterdruͤckt, denn wenn jedes Buch so wohlfeil verkauft wird, als der Nachdruck dessel¬ ben, so wird der Nachdrucker bald seine Bude schlie¬ ßen muͤssen. Mit einem Wort, gewaͤhrt den Men¬ schen ihren Vortheil auf rechtlichem Wege, damit sie den straͤflichen nicht einschlagen duͤrfen, und straft sie dann, wenn sie es dennoch thun. Sophisten aber sind, die den Nachdruck als etwas Rechtliches in Schutz nehmen, ihn nicht aus dem Vortheil, den er mit sich fuͤhrt, sondern aus dem Recht, auf dem er gegruͤndet sey, herleiten und entschuldigen. Aller¬ dings ist der Streit uͤber das geistige Eigenthum zwischen Verleger und Autor, wenn es an einem be¬ stimmten Contrakt gebricht, nicht immer leicht zu entscheiden, allerdings sind die Autoren oder ihre Er¬ ben in den meisten Faͤllen von den Buchhaͤndlern uͤbervortheilt worden, und diese Letztern haben allein die Fruͤchte einer Arbeit genossen, die dem Arbeiter zustanden, und es waͤre zu wuͤnschen, daß daruͤber unzweideutige Gesetze gegeben wuͤrden, das geistige Eigenthum kann aber immer nur entweder dem Au¬ tor, oder durch Vertrag dem Verleger zustehn, und muß es so lange, als dieser rechtmaͤßige Besitzer oder sein rechtmaͤßiger Erbe lebt, es kann erst dann Ge¬ meingut werden, wie jedes andre Gut, wenn der letzte Erbe stirbt. Kein Dritter kann ohne Gewalt oder Diebstahl dieses geistigen Eigenthums sich be¬ maͤchtigen, so lange der rechtmaͤßige Besitzer lebt. Oder wer sollte denn das Recht haben, diese Ge¬ walt, diesen Diebstahl zu begehen? wenn einer, dann auch jeder, und doch werden die Wenigsten damit zu¬ frieden seyn, daß der Nachdrucker behaupten darf: ich bediene mich eines Rechts, das euch auch zusteht, dessen ihr euch nicht bedient, weßhalb ihr zwar thoͤ¬ richter seyd, als ich, aber keineswegs rechtlicher! Sie werden vielmehr den Nachdrucker als das an¬ sehn, was er ist, als einen Dieb, und sich schaͤmen, mit ihm ein Recht zu theilen, dessen Anwendung eine Suͤnde und Schande ist. Ihr aber, die ihr den Geist eines großen Schriftstellers als Nationaleigen¬ thum betrachtet und fuͤr die Mittheilung desselben unbedingte Freiheit verlangt, die ihr zu kluͤgeln pflegt, ob, wenn der Nachdruck verboten seyn soll, nicht auch Auswendiglernen und Abschreiben verbo¬ ten werden muͤßte, bedenkt doch, ob ihr euer Aus¬ wendiggelerntes und eure Abschriften auch verkaufen wuͤrdet, wie der Nachdrucker seyn Buch, ob der Un¬ terschied nicht eben in diesem Verkauf liegt, und ob ihr nicht zufrieden seyn koͤnnt, daß euch jener große Geist an Tugenden und Kenntnissen bereichert hat, und daß es wahrhaft demokratischer Übermuth waͤre, auch noch die zeitlichen Vortheile theilen zu wollen, die seine Werke denen bringen moͤgen, denen er sie freiwillig uͤberlassen hat. Seyd zufrieden, daß dieser Geist nicht blos uͤber ein Eigenthum zu gebieten hatte, das baare Zinsen traͤgt, und das er nur ei¬ nem oder wenigen schenken konnte, sondern daß er auch noch ein Hoͤheres besaß, welches der Seele wu¬ chert, und das er euch allen großmuͤthig geschenkt hat. Das Genie schafft gute, der Geldwucher viele Buͤcher. Die Buchhaͤndler tragen aber nicht allein die Schuld davon. Sie fordern die schlechten Auto¬ ren nicht oͤfter auf, als sie von diesen aufgefordert werden. Der Schein klagt die Buchhaͤndler an und rechtfertigt sie; es sind eben Kaufleute. Je mehr die Meinung, und nicht mit Unrecht, verbreitet ist, daß der Buchhaͤndler den Gewinn, der Autor die Ehre davon trage, desto leichter kann der Autor seine eigne Habsucht verbergen. Ich mag die vielen Satyren gegen das Dichten und Schreiben ums liebe Brod nicht mit einer neuen vermehren; Jedermann weiß, daß viele hundert Federn in Deutschland feil sind. Die einen dienen um ein aͤrmliches Tagelohn, die andern verkaufen sich an den Meistbietenden. Da man seichte und schlechte Buͤcher am liebsten liest, und diese sich am leichtesten und fchnellsten fabriciren lassen, ist ein edler Wetteifer zwischen Verlegern und Verfassern entstanden. Bald sehn wir einen unter¬ nehmenden Buchhaͤndler ein halbes Dutzend Hunger¬ leider besolden, die ihm Romane, Übersetzungen, Schulbuͤcher und praktische Auweisungen verfertigen muͤssen; bald einen unternehmenden Autor ein halbes Dutzend Buchhaͤndler in Bewegung setzen, denen er sich wie ein Zuchtstier abwechselnd in die Pacht gibt. Der Grund der deutschen Schreiblust liegt zwar allerdings tiefer, doch traͤgt die Anarchie des aͤußern literarischen Verkehrs unstreitig sehr viel bei, den Buͤcherpoͤbel zur Herrschaft zu bringen. Wo alle kochen, wird schlecht gekocht; wo alle schreiben, wird schlecht geschrieben. Daß aber auch die schlechtesten Buͤcher gedruckt und gelesen werden, hat seinen Grund nur in den aͤußern Verhaͤltnissen des Buchhandels und des Publikums. Waͤre das Publicum gebildet genug, so wuͤrden die Buchhaͤndler nur gute Buͤcher absetzen, mithin auch nur solche drucken lassen, so wuͤrden die schlechten Schriftsteller wie Pilze vertrock¬ nen. Schlechte Buͤcher entstehen nur, wenn die Buch¬ haͤndler wollen, und diese wollen nur, wenn das Publicum damit zufrieden ist. Allerdings sind die Buchhaͤndler sehr oft gewissenlose Hoͤflinge, die den Herrn, dessen Brod sie essen, oder das Publicum, noch schlechter machen, aber wenn sie einen tuͤchtigen Herrn haͤtten, so wuͤrden sie selbst besser seyn muͤssen. Wer einmal fuͤr das Geld schreibt, hat schon alle Scham aufgegeben, der Eine, weil er muß, aus Verzweiflung; der Andre mit Bedacht, wie ein Pos¬ senreißer, um desto mehr Zuschauer anzulocken. Die gewoͤhnlichen Suͤnden dieser Buͤchermacher sind: Ehr¬ losigkeit, die keine Mittel scheut, um Aufsehen zu er¬ regen, oder wenigstens Absatz zu bekommen; bruta¬ ler Hohn gegen die redlichen Autoren, denen sie in's Handwerk pfuschen, Schmeichelei der boͤsen und ver¬ borgnen Neigungen, und Beschoͤnigungen des Lasters, theils um ein ergiebiges Feld zu bearbeiten, das die bessern Autoren ihnen uͤbrig gelassen, theils um ihre Leser zu ihren Mitschuldigen zu machen; Heuchelei, wenn es gilt, der Froͤmmigkeit oder Ehrlichkeit einen Blutpfennig abzudringen; schamlose Dieberei und Flickerei aus bessern Werken, wenn dieselben Gluͤck gemacht haben; endlich die alles umfassende, alles durchdringende Trivialitaͤt, die abgeschmackte Bruͤhe, in der alles gekocht wird. Schon bald nach Erfindung des Drucks uͤber¬ schwemmte die Polemik der Confessionen Deuschland mit theologischen Schriften. Als man endlich wieder etwas lustiger wurde, kam die Belletristik in Flor. Da man die zahlreichen Vortheile, welche die Schrift¬ stellerei dem Eigennutz und dem Ehrgeitz gewaͤhrt, genau erkannt hatte, draͤngte sich alles zur Autor¬ schaft, und selbst, die geschwiegen haben wuͤrden, sa¬ hen sich durch Freunde, Schuͤler, Angriffe und schlechte Buͤcher zur Abfassung ihrer eignen gedrungen. End¬ lich erkannten die Buchhaͤndler, welchen Gewinn sie vom Publikum ziehen koͤnnten, wenn sie demselben alles Interessante aus dem bisher von der Zunft verschloßnen Reiche des Wissens mittheilten, das Heilige profanirten, das Gute der Fremden nationa¬ lisirten, und alsbald legten sie Fabriken an und besoldeten ihre Buͤchermacher fuͤr alle Staͤnde, Ge¬ schlechter und Alter, fuͤr das Volk, die Jugend, die Damen, und vorzugsweise fuͤr alle, die an Masse die zahlreichsten, die Buͤcher auch in Masse bezahlen konnten. Der Einfluß dieses Verhaͤltnisses auf den Ge¬ halt der Literatur ist verschiedenartig und hat wie¬ der seine gute und boͤse Seite. Es ist allerdings ein schoͤnes Zeichen der Zeit, daß die geistige Cultur all¬ gemein befoͤrdert, daß jedem alles Wissen zugaͤnglich gemacht wird. Indeß ist eben so gewiß, daß das urspruͤngliche Licht der Aufklaͤrung in so mannigfach graduirten Farben gebrochen sich verdunkelt, daß, was fuͤr die Masse gewonnen wird, vom Gehalt ab¬ geht. Der Himmel streut die Gaben des Genius nicht allzu verschwenderisch aus. Viele sind berufen, aber wenige nur sind auserwaͤhlt, von hundert deut¬ schen Schriftstellern kaum einer. Was nun die Geist¬ losen schreiben, ist wie sie selbst, und kein Werk ver¬ laͤugnet seinen Schoͤpfer. Die guten Buͤcher werden von den schlechten nur allzu leicht verdraͤngt, und da die Masse die Anstrengung scheut, so vergißt sie bei dem seichten Autor, den sie versteht, gern den tiefen, der ihr schwierig erscheint. Sie hegt eine gewisse Ehrfurcht vor dem Gedruckten, und sieht sie nur ihre Gemeinplaͤtze gedruckt, so erkennt sie den bessern Buͤ¬ chern den hoͤherer Rang nicht mehr zu. Daß in Deutschland so viel Erbaͤrmliches geschrieben wird, hat einen gewissermaßen physischen Grund. Die Ge¬ nies wachsen bekanntlich nicht waͤlderweise, sondern einzeln und selten. Die vielen tausend deutschen Buͤ¬ cher werden nicht von lauter Genies, sondern vom Haufen geschrieben. Ich will indeß die Ehre einer so ansehnlichen Menge deutscher Maͤnner nicht her¬ absetzen. Man kann der beste, ja der weiseste Mensch seyn, und doch kein gutes Buch zu Stande bringen. Mancher vortreffliche Mann erscheint uns erst ein wenig einfaͤltig, wenn er fuͤr den Druck schreibt, wie umgekehrt mancher erst dann beseelt zu werden scheint, wenn er die Feder in die Hand nimmt. Wir haben viele schlechte Buͤcher, wie in Revo¬ lutionen viele schlechte Menschen an die Spitze kom¬ men. Sie sind fuͤr einen Augenblick allmaͤchtig, im naͤchsten fallen sie in ihr Nichts zuruͤck. Seufzt der Fromme, der Poͤbel lacht. Zuͤrnt ein Prophet, der Haufe wagt es, ihn zu verachten. Alle Bemuͤhungen, die Wahrheit, die Gerechtigkeit und den guten Ge¬ schmack zu vertheidigen, scheitern an der Unverschaͤmt¬ heit der Modeschriftsteller. Wo recht viele Schlechte zusammen kommen, entsteht ein esprit de corps , der so heroisch ist, als gaͤlte es das Heiligste. Man kann daruͤber reden, aber man soll sich nicht einbil¬ den, es aͤndern zu koͤnnen. Man kann nur wie Ta¬ citus die schlechte Gegenwart schildern, ohne sich an¬ zumaßen, sie bessern zu wollen. Man darf nur die Zeit abwarten. Schlechte Buͤcher haben ihre Jah¬ reszeit, wie das Ungeziefer. Sie kommen in Schwaͤr¬ men, und sind vernichtet, ehe man es denkt. Wo ist die theologische Polemik des siebzehnten Jahrhunderts geblieben? wo ist der Geschmack des achtzehnten, wo ist Godsched hingekommen? Wie viele tausend schlechte Buͤcher sind den Weg alles Papiers gegan¬ gen, oder modern in Bibliotheken! Die unsrigen halten nicht einmal so lange wieder, weil das Pa¬ pier selber schlecht ist, wie der Inhalt. Die Moden wechseln zwar nur, und Thorheit und Gemeinheit wissen sich unter neuer Gestalt immer wieder geltend zu machen; doch die alten Suͤnder bekommen sicher ihren Lohn. Die Gegenwart duldet keinen Richter, aber die Vergangenheit findet immer den gerechtesten. Selbst unsre Thoren kennen und verachten die alten, ohne zu ahnen, daß es ihnen nicht besser gehen wird. Vermoͤge eines gluͤcklichen Instinkts der menschlichen Natur, nehmen wir uns aus dem literarischen Erbe der Vergangenheit immer nur das Beste, oder we¬ nigstens das Wichtigste heraus. Unter drei guten Schriftstellern erhaͤlt wenigstens einer erst in der Zukunft seine Apotheose, und unter hundert schlech¬ ten, die in der Gegenwart glaͤnzen, bringt immer nur einer sein boͤses Beispiel auf die Nachwelt. Es gibt schlechte Principien, die sich in der Li¬ teratur aussprechen, und jede Partei haͤlt die entge¬ gengesetzte fuͤr schlecht. Aber jede hat die Befugniß, sich auszusprechen, und das schlechteste Princip kann noch auf geniale Weise und zum Glanze der Litera¬ tur vertheidigt werden. Ein ganzer Teufel ist noch immer interessanter, als ein halber, matter, trivia¬ ler Engel. Nicht schlechte Principien, sondern schlechte Kraͤfte sind Schuld am Verderben der Literatur wie des Lebens. Die Mittelmaͤßigkeit, die Geistlosigkeit, die Schwaͤche, die Furcht vor dem Genie, der Haß gegen die Groͤße, die Unverschaͤmtheit und die An¬ maßung des literarischen Poͤbels und die stillschwei¬ gende oder prahlerische Demagogie gegen die Aristo¬ kratie der großen Geister, kurz die Gemeinheit der Schriftsteller ist die Erbsuͤnde der Literatur. Unbe¬ merkt haben die Menschen die Grundsaͤtze ersetzt und an ihre Stelle sich geschoben, wie in der franzoͤsischen Revolution. Statt der feindseligen Principien ver¬ schiedner Parteien kaͤmpfen die Edlen und Schlechten von allen Parteien. Es gibt wenig gute Buͤcher, aber von jeder Partei, und unzaͤhlige schlechte wie¬ der von jeder. Waͤhrend die Massen um ihre Grund¬ saͤtze und Meinungen zanken, erheben sich die weni¬ gen wahrhaft Gebildeten immer nur gegen die Ge¬ meinheit der Massen. Sie ehren jede Kraft, selbst die feindliche; nur die Halbheit, Falschheit, Ohn¬ macht ist ihr unversoͤhnlicher Feind. Die Umstaͤnde tragen vieles bei, daß eine so große Menge unberufener Autoren auftritt. Die Kunst ist profanirt worden. Man glaubt keiner Meister¬ schaft mehr zu beduͤrfen. Jeder achtet sich fuͤr eben so befugt, zu schreiben, als zu reden. Die Gelehr¬ samkeit der Kaste ist so ins Absurde gerathen, daß die gesunde Vernunft der Laien eine Revolution da¬ gegen erheben und einen leichten Sieg davon tragen konnte. Ploͤtzlich brachen aus der Hefe des Laien¬ volks Publicisten und Romanschreiber, als andre Mar¬ seiller und Septembriseurs, unter die alten gelehrten Peruͤken, und auch die Poissarden fehlten nicht. Wie haͤtten die Weiber, bei denen der gesunde Menschen¬ verstand immer wie an der Wurzel haͤlt, ihre Sen¬ timens und natuͤrlichen Erfahrungen nicht geltend ma¬ chen sollen, wie haͤtten sie nicht mit ihren Talenten glaͤnzen wollen, da die Bahn des Ruhms ihnen offen stund. So sehn wir jetzt eine naͤrrische Armee von Weibern und Kindern das Ballhaus zur literarischen Nationalversammlung machen, und dem deutschen Publikum Gesetze geben. Der Gelehrte schreibt, weil er weiser zu seyn glaubt, als andre, und weil er die Schriftstellerei zu seinen Rechten und Pflichten zaͤhlt. Die Profanen schreiben, weil sie sich fuͤr gescheiter und gesuͤnder achten, als die Gelehrten, und weil sie, indem sie uns zur Natur zuruͤckfuͤhren wollen, zunaͤchst ihre eigne fuͤr die rechte halten. Endlich ist es ein immer wiederkehrender Wahn der Einfaͤltigen, der Eitlen und der Jugend, daß, was fuͤr sie selbst neu ist, auch fuͤr die ganze Welt neu seyn muͤsse. Es entste¬ hen taͤglich neue wissenschaftliche Buͤcher, worin auch nicht ein neuer Gedanke fuͤr die Welt ist, so neu auch alle dem Autor gewesen seyn moͤgen. Vor den Gedichten aber ist fast keine Rettung mehr. Wenn ein Juͤngling liebt, meint er, die ganze Welt liebe zum erstenmal. Er macht Verse und waͤhnt, niemand habe dergleichen noch gehoͤrt. Die Schreibwuth der Naturalisten hat diejenige der Gelehrten keineswegs verdraͤngt, sondern nur noch lebhafter angefacht. Die Universitaͤten machen es sich zur Pflicht, zu schreiben, was die Presse vermag, und gelehrte Buͤcher bilden die Stufen, auf welchen der Candidat in hoͤhere Ämter schreitet. Wie kuͤm¬ merlich fristet sich manches gelehrte Journal, aber es gilt die Ehre der Universitaͤt, und das ganze akade¬ mische Volk wird besteuert. Wie sauer wird es man¬ chem Neuling, ein Buch zusammenzuschreiben, aber es gilt die Ehre und das Amt, und Noth bricht auch den eisernen Schaͤdel. Die Arbeiten sind aber auch darnach, und man sieht ihnen alle die Muͤhe an, deren sie nicht werth sind. Man beschaͤftigt sich je mehr und mehr, popu¬ laͤr zu schreiben, der groͤßern Masse des Publikums alles Nuͤtzliche und Belehrende mitzutheilen, was von Fremden oder durch die Gelehrsamkeit gewonnen wird. Selbst die strengsten Wissenschaften werden so zube¬ reitet, daß auch der Ungebildete einen Geschmack da¬ von bekommt. Es erscheinen: Mythologien fuͤr Da¬ men, populaͤre Vorlesungen uͤber die Astronomie, Haus¬ apotheker und Selbstaͤrzte, Weltgeschichten fuͤr die Jugend, die Weltweisheit in einer Nuß, und die Theologie in acht Baͤnden oder Stunden der Andacht und dergleichen. Wie zu des Heilands Geburt haͤlt man einen allgemeinen Kindermarkt, und alle Buch¬ haͤndlerbuden haͤngen voll Schriften fuͤr die (elegante) Welt, das Volk, die (gebildeten) Staͤnde, die Da¬ men, die (deutschen) Frauen, das (reifere) Alter, die (zartere, liebe) Jugend, Soͤhne und Toͤchter edler Herkunft, Buͤrger und Landmann, fuͤr Jeder¬ mann, fuͤr allerlei Leser, kurz fuͤr so viele, als der Buchhaͤndler zusammen trommeln kann. An und fuͤr sich ist das Bestreben, faßlich zu schreiben und die ungebildete Mitwelt zu belehren, eben so lobenswuͤrdig, als die gelehrte Vornehmigkeit, die mit ihrer Hieroglyphensprache prahlt, und stolz darauf ist, daß der große Haufe sie nicht versteht, verworfen werden muß. Auch die wenige Strenge, mit welcher wissenschaftliche Gegenstaͤnde im populaͤ¬ ren Vortrag abgehandelt zu werden pflegen und der fade Ton, der sich dabei einschleicht, laͤßt sich zum Theil durch das Publikum entschuldigen, nach dessen Fassungskraͤften der Autor sich richten muß, wenn er gehoͤrt und verstanden werden will. Indeß laͤßt sich nicht verkennen, daß es doch nur wieder die vielen unberufenen Autoren sind, die auch hier das meiste verderben. Auch der seichteste Kopf maßt sich an, fuͤrs Volk zu schreiben, waͤhrend er sich schaͤmen wuͤrde, fuͤr die Gelehrten zu schreiben. Das Volk haͤlt jeder fuͤr gut genug, ein Auditorium abzugeben, und fuͤr schlecht genug, um ihm auch das Albernste vorzutra¬ gen. Nichts erscheint so leicht, als fuͤr das Volk zu schreiben, denn je weniger man Kunst anwendet, desto eher wird man verstanden; je mehr man sich gehn laͤßt, je gemeiner und alltaͤglicher man schreibt, desto mehr harmonirt man mit der Masse der Leser. Je tiefer man zu der Beschraͤnktheit, Brutalitaͤt, den Vor¬ urtheilen und den unwuͤrdigen Neigungen der Menge hinabsteigt, desto mehr schmeichelt man ihr, und wird von ihr geschmeichelt. Fuͤr das Volk schlecht zu schrei¬ ben, ist daher den schlechten Schriftstellern leicht und ersprießlich, daher es auch bis zum Frevel getrieben wird. Fuͤr das Volk aber gut zu schreiben, ist sicher etwas sehr Schwieriges und darum geschieht es so sel¬ ten. Will man die Masse bessern und veredeln, so laͤuft man Gefahr ihr zu mißfallen. Will man sie uͤber hoͤhere Dinge belehren, so ist es hoͤchst schwie¬ rig, den rechten Ton zu treffen. Man hat entweder zu einseitig den Gegenstand vor Augen, und spricht daruͤber zu gelehrt und unverstaͤndlich, oder man be¬ ruͤcksichtigt eben so einseitig die Menge und entweiht den Gegenstand durch einen allzu trivialen, oft bur¬ lesken Vortrag. Die Schriftsteller fehlen hierin so oft, als die Prediger. Indem Autoren und Buchhaͤndler unter einander wetteifern, eine moͤglichst große Popularitaͤt ihrer eigenen geistigen Produkte oder doch ihrer Bearbei¬ tung fremder zu erzielen, wetteifert wieder das Pu¬ blikum mit beiden, diese popularen Sachen zu kau¬ fen und zu verschlingen. Das Popularmachen geschieht hauptsaͤchlich auf drei Wegen, durch Zeitschriften, wohlfeile Ausgaben und Auszuͤge oder Handbuͤcher. Die periodische Literatur ist theils bloßen Anzeigen, theils Auszuͤgen und einzelnen kleinen Gei¬ stesprodukten gewidmet. In beiden Faͤllen ist Popu¬ laritaͤt ihr erstes und letztes Ziel. Alle Zeitschriften sind Wirthshaͤuser, die nur der Gaͤste wegen da sind. Der anzeigende und rezensirende Theil derselben hat sich bei der ungeheuern Zunahme der Buͤcher selbst so unentbehrlich zu machen gewußt, daß er fuͤr eine bedeutende Menschenmenge wirklich an die Stelle der Werke selbst tritt. Man liest statt der Buͤcher nur deren Rezensionen. Mehrere hundert Zeitschriften fuͤr alle literarischen Faͤcher cirkuliren taͤglich in Deutsch¬ land, werden taͤglich von Millionen Lesern gelesen; und die Mehrzahl deutscher Leser liest mehr Zeitun¬ gen als selbststaͤndige Werke. Wer nicht ein Gelehr¬ ter von Fach ist, nimmt kaum etwas anders Ge¬ drucktes in die Hand, als auf Museen und in Lese¬ cirkeln die neusten Blaͤtter. So zerblaͤttert sich die deutsche Literatur, indem sie popular wird. Man kann die vielen in jedem Fach jaͤhrlich neu erschei¬ nenden Werke nicht alle lesen, aber man will doch wissen was darin steht, also lechzt man nach Rezen¬ sionen und Auszuͤgen. Deutsche Literatur. I . 4 Bedeutendere Werke des In- und Auslandes, die man ganz zu haben wuͤnscht, erscheinen in wohl¬ feilen, in beispiellos wohlfeilen Ausgaben . Diese neue Erscheinung im Buchhandel ist gewiß von großer Bedeutung. Sie vollendet erst die segensreiche Wirkung, die in der Erfindung der Buchdruckerkunst vorbereitet wurde, denn es ist nicht genug, daß die besten Schriftwerke auf die leichteste Weise verviel¬ faͤltigt werden koͤnnen, das Publikum muß auch in den Stand gesetzt werden, sich dieselben auf die leich¬ teste Weise anzuschaffen. Was hilft es den aͤrmeren Leser, daß vorzuͤgliche Werke vorhanden sind, wenn sie nicht zum Besitz derselben gelangen koͤnnen? Offen¬ bar gewinnt das Publikum durch die Wohlfeilheit der besten Geistesprodukte, und auch die Buchhaͤnd¬ ler koͤnnen dabei nur gewinnen. Der einzige Nach¬ theil, den diese wohlfeilen Ausgaben mit sich brin¬ gen, besteht darin, daß nicht immer die besten Werke, sondern auch mitunter die schlechtesten, wenn sie nur Mode sind, dadurch eine schaͤdliche Verbreitung er¬ langen, und daß die Erscheinung guter neuer Werke durch die Menge der aͤltern erschwert wird. Der Buchhaͤndler sieht bei seinen wohlfeilen Ausgaben an¬ erkannter Werke einen sichern Vortheil voraus, bei neuern Werken aber nur ein Risico, da die Leser und Kaͤufer der lezten sich in dem Maß verringern muͤssen, als die der erstern sich vermehren. Es steht zu erwarten, daß die wohlfeile Herausgabe der an¬ erkannten Buͤcher in ein foͤrmliches System gebracht werden wird, und daß dann neue Werke immer schwieriger durchdringen werden. Man hat auch haͤufig dem Preßzwang Schuld gegeben, daß er viele schlechte Buͤcher veranlasse, und zum Theil mit Recht. Im Schatten bleibt manche Blume verschlossen, aber die Pilze schießen uͤppig auf. Indeß erstreckt sich der Preßzwang doch nur auf ge¬ wisse Zweige der Literatur, und in andern, die kein Censor beschneidet, wird nicht weniger gesuͤndigt. Man kann nur sagen, daß der Preßzwang den Geist der Nation uͤberhaupt verdumpft, indem er einzelne Äußerungen desselben unterdruͤckt, wie der ganze Koͤr¬ per krank wird, wenn ein Glied gelaͤhmt ist. Die Gewalt, welche die Schrift uͤber die Mei¬ nungen uͤbt, und der Einfluß der Meinung auf die Handlungen machen die Literatur zu einem wichtigen Gegenstande der Politik. Sofern jeder Staat ein unbezweifeltes Recht seiner Existenz anspricht und so¬ mit nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht der Selbsterhaltung sich zuerkennt, muß er nothwen¬ dig dafuͤr sorgen, daß die Literatur keine Meinungen verbreite, welche jener Existenz gefaͤhrlich werden koͤnnen, und dies sucht er vermittelst der Censur zu erreichen. Ob aber jener Zweck, den das Staats¬ recht heiligt, dem allgemeinen Menschenrechte nicht widerspreche, ob er deßhalb erreicht werden koͤnne, und ob jenes Mittel, die Censur, das rechte Mittel sey, das sind andre Fragen. 4 * Der Mensch hat ein urspruͤngliches Recht der Mittheilung und es entsteht ein nicht unbilliger Zwei¬ fel, ob ein Staat, welcher dieses Recht nicht garan¬ tirt, vollkommen zu nennen sey, und ob ein unvoll¬ kommner Staat eine ewige Existenz ansprechen koͤnne. Aus der Mittheilung entspringt alle Cultur, und die Cultur ist der hoͤchste Zweck der Menschheit. Verbie¬ tet ein Staat die Mittheilung, so hemmt er die Cul¬ tur. Haͤtte der erste Staat urspruͤnglich zugleich das Recht und die Kraft gehabt, die Mittheilungen sei¬ ner Buͤrger zu verbieten, so wuͤrde alle Cultur un¬ moͤglich gewesen seyn und wir wuͤrden noch auf der ersten Stufe stehn. Wir haben aber schon eine Menge Stufen zuruͤckgelegt, und wodurch? Entweder da¬ durch, daß der Staat jene Mittheilungen nicht ge¬ hemmt hat, oder dadurch, daß das Menschenrecht uͤber das Staatsrecht gesiegt, und in Revolutionen die strengen Staaten vertilgt und freiere neu geschaf¬ fen hat. Überlassen wir es also der Theorie, auf dop¬ pelte Weise einerseits das Menschenrecht, andrerseits das Staatsrecht, und dort die Nothwendigkeit der Preßfreiheit, hier die der Censur zu vertheidigen, lassen wir die Philosophen und Staatsmaͤnner uͤber beides streiten und halten wir uns lediglich an die Erfahrung. Sie lehrt uns, daß der Sieg immer an die Kraft gebunden ist, daß einmal die freisinnigsten und gebildetsten Nationen mit allen noch so gegruͤn¬ deten Deklamationen fuͤr die Preßfreiheit durch einen politischen Machtspruch zum Schweigen gebracht wor¬ den sind, und daß ein andermal auch die strengste Aufsicht und Kraftanstrengung der politischen Gewal¬ ten die Verbreitung opponirender Meinungen nicht hat verhindern koͤnnen. Die Erfahrung lehrt ferner, daß die Preßfreiheit nach Umstaͤnden einmal zu wah¬ rer Bildung, ein andermal zu zuͤgelloser Ausschwei¬ fung, der Preßzwang einmal zur wahren Beruhigung der Voͤlker, ein andermal zu allen Graͤueln des Despo¬ tismus gefuͤhrt hat. Ziehn wir aus allen Erfahrun¬ gen das Resultat, so ergibt sich, daß es niemals eine vollkommene Freiheit der Meinungen und Mit¬ theilungen gegeben hat, daß immer eine herrschende Partei gewesen ist, welche die Meinungen der unter¬ druͤckten Partei bevogtet hat, daß dagegen die Par¬ teien, namentlich die Anhaͤnger des Menschenrechts und die Anhaͤnger des Staatsrechts, bestaͤndig in der Herrschaft gewechselt haben, wodurch alle Mei¬ nungen zur Sprache gekommen sind, und daß in die¬ sem Wechsel die Cultur unaufhaltsam fortgeschritten ist. Das Staatsrecht war immer stark genug, den Ausschweifungen der Freiheit einen Damm zu setzen, und das Menschenrecht immer stark genug, ein Ver¬ steinern im Staate zu verhuͤten. Was die Censur uns raubt, ist weniger zu be¬ dauern, als was sie uns bringt. Daß sie die Wahr¬ heit zuweilen unterdruͤckt, ist schlimm, aber noch schlimmer, daß sie Unwahrheit und Halbheit hervor¬ ruft. Sie hat ohne Zweifel einigen Antheil an der oͤden Phantasterie, die das praktische Leben flieht, und noch mehr an den schielenden Urtheilen, die na¬ mentlich in der politischen Literatur uͤberall vernom¬ men werden. Das Schwaͤrmen ist uns erlaubt, vor¬ zuͤglich in einer unverstaͤndlichen philosophischen Spra¬ che, aber auf die praktische Anwendung unsrer Theo¬ rie duͤrfen wir nicht denken, auch wenn wir wollten. Mancher, der die Wahrheit sagen will, huͤllt sie ab¬ sichtlich in Nebel ein, durch die ein gewoͤhnlicher Cen¬ sor, aber auch das gewoͤhnliche Publikum nicht hin¬ durchsieht. Auf der andern Seite befleißigen sich die Praktiker des nuͤchternsten empirischen Schlendrians und huͤten sich wohl, auf die bessere Theorie Ruͤck¬ sicht zu nehmen, und die Faulheit wird durch eine politische Ruͤcksicht beschoͤnigt. Endlich gibt es eine Menge Schriftsteller, die dicht unter der politischen Schneelinie nur zu einem kruͤppelhaften Wachsthum kommen, die, ohne perfid zu seyn, doch auch nicht ehrlich sind, ohne zu luͤgen, doch auch die Wahrheit nicht zu verkuͤndigen wagen und in einer erbaͤrmli¬ chen Halbheit es zugleich dem Zeitgeist und der Cen¬ sur recht machen wollen. Ihr Element ist uͤberhaupt die Halbheit, und sie fuͤhlen sich in einer Zeit, wie die unsrige, so recht zu Hause. So sehr sie sich auch in Tiraden gegen die Censur erschoͤpfen, ist sie ihnen doch so bequem, als den Ultras. Sie setzen sich alt¬ klug auf den Stuhl und geben ihr Orakel von sich, mit dem Finger auf der Nase ein geheimnißvolles Silentium gebietend, wenn es an eine Wahrheit kommt, jedes Etwas als zu viel abweisend und je¬ des Nichts als wenigstens Etwas beschoͤnigend. Leute, die in einer etwas bewegten Zeit nicht den Mund aufthun wuͤrden, plaudern sich jetzt satt. Jetzt erho¬ len sie sich von ihrem langen Schweigen. Jetzt, den¬ ken sie, kommen wir an die Reihe. Sie verhehlen freilich auch nicht, wenn man ihnen mit Ernst auf den Leib ruͤckt, daß sie ein wenig seicht schreiben, aber sie fluͤstern uns pfiffig zu, das geschehe mit Ab¬ sicht, man muͤsse leise auftreten, nur wenig zu ver¬ stehn geben, im Hinterhalt da stecke noch viel. Die Censur, selbst wenn sie mit der groͤßten Ty¬ rannei gepaart ist, kann doch den tiefen Athemzug des Lebens, die geistige Respiration nicht hemmen. Wenn man einem Vogel auch den Schnabel fest zu bindet und die Fluͤgel bricht, so kann er noch durch die offnen Knochen athmen und leben. Die Wahrheit kommt nicht abhanden, wenn man auch nicht auf jeder Straße druͤber fallen kann. Sie wurzelt desto fester im Gemuͤthe, je weniger man sie von sich geben und sich an ihr heiser schreien kann. Man legt gewoͤhnlich ein zu großes Gewicht auf das, was die Censur zu schreiben verbietet. Eine einzelne lokale Wahrheit, die man verschweigen muß, wiegt jene Summen von Wahrheiten nicht auf, die jedem bekannt sind. Eine Nation, der man den Preßzwang auferlegt, ist gewoͤhnlich gebildet genug, um denken zu koͤnnen, was sie nicht sagen darf. Eine Mitthei¬ lung mehr oder weniger wuͤrde keinen großen Unter¬ schied machen. Diejenigen also thun wohl, welche die Preßfreiheit weniger als etwas blos Nuͤtzliches oder Schaͤdliches, und mehr als eine Ehrensache be¬ trachten. Der Nutzen oder Schaden ist bei einer ge¬ bildeten Nation gewiß von geringer Bedeutung, die Ehre aber, welche die Preßfreiheit, und die Schande, welche der Preßzwang mit sich fuͤhrt, sie sind es vor allem, die uns jene Institute wichtig machen muͤssen. Ich halte es fuͤr eine große Schande, wenn ein deut¬ scher Schriftsteller unvernuͤnftige Dinge in die Welt hinein schreibt, aber fuͤr eine noch groͤßere, wenn er es nicht thun darf . Der Mensch hat von jeher seinen Gedanken ge¬ wisse Schranken vorgezogen, dieselben aber immer wieder uͤbersprungen. Gerade indem er aͤngstlich au den Schranken umhergeirrt, ist er in wilde verzwei¬ felte Phantasien gefallen und hat das Ärgste sich un¬ terfangen; indem er aber die Schranken niedergeris¬ sen und allmaͤhlig weiter gekommen, hat er auch jene Irrthuͤmer und wilden Ausbruͤche hinter sich gelassen, wie Traͤume und Unarten der Jugend. So verhaͤlt es sich auch mit der Literatur, dem Spiegel des menschlichen Denkens. An den Schranken, die ihr Staat und Kirche ziehn, wird sie aͤngstlich und to¬ bend umherirren und allerlei Ausschweifungen begehn. Man goͤnne ihr eine dauernde Preßfreiheit, so wird sie sich von selbst beschwichtigen; man nehme ihr den Zuchtmeister, so wird sie die Unarten von selber lassen. Die Censur erscheint sehr oft dem Autor laͤcher¬ lich, indem sie die unschuldigsten Stellen eines Wer¬ kes durchstreicht, und noch oͤfter der ganzen Lesewelt, indem sie nicht nur einzelne Stellen, sondern ganze Werke passiren laͤßt, die, wenn nicht unmittelbar, doch desto sicherer auf mittelbare Weise, den Geist foͤrdern, gegen den alle Censur gerichtet ist. Die Censur ist eines von den Instituten, welche die Halb¬ heit erfunden hat und die ihres Zweckes auf die Dauer bestaͤndig verfehlen muͤssen. Wollte sie consequent ver¬ fahren und ihrem Zwecke genuͤgen, so muͤßte sie ge¬ radezu die ganze Literatur ausrotten, denn was sie in neuen Werken ausstreicht, lesen wir in alten, was sie billigt, laͤßt uns auf das schließen, was sie nicht billigt, und je strenger sie nur eine Ansicht der Dinge geltend machen will, desto schaͤrfer wird durch den Gegensatz die andre hervorgehoben. Religion. Der religioͤsen Literatur gebuͤhrt der alte gehei¬ ligte Vorrang. Die goͤttlichen Dinge werden billig uͤber alle menschlichen gesetzt. Dem heiligen Gegen¬ stande bleibt seine Wuͤrde, selbst wenn er unwuͤrdiger behandelt erschiene, als das Profane. Sollten wir mehr Geist fuͤr die weltlichen Wissenschaften und Kuͤnste aufwenden, als fuͤr die Religion, so bliebe die letztere nichtsdestoweniger der hoͤchste Gegenstand geistiger Bestrebungen. Religion ist der den Menschen eingepflanzte Trieb, ein hoͤchstes Wesen anzuerkennen. Die Idee des hoͤchsten Wesens an sich ist die eine und gleiche in allen Menschen, himmlischen Ursprungs und unab¬ haͤngig von irdischen Modificationen. Die Art und Weise jedoch, wie die Menschen diese Idee in sich erkennen, ausbilden und darstellen, ist so verschieden, wie die Menschen selbst, nnd faͤllt unter die Bedin¬ gung alles Irdischen, ist einem Gegensatz und einer Entwicklung unterworfen. Die einige Idee hebt die Mannigfaltigkeit der Ansichten, diese Mannigfaltig¬ keit hebt die Einheit der Idee nicht auf. Die Reli¬ gion hat das Eigenthuͤmliche, daß sie Kraft der in ihr liegenden Idee immer eine ausschließliche, Kraft der irdischen Bedingung immer eine einseitige Ansicht des hoͤchsten Wesens enthaͤlt. Die allen Menschen angeborne Anerkennung eines hoͤchsten Wesens nennen wir den Glauben. Jeder Mensch glaubt an das hoͤchste Wesen, an Gott, und die Idee desselben liegt allen noch so verschiednen Ansichten zu Grunde, der Glaube geht der Art, wie man glaubt, unmittelbar voraus. Dieser Glauben an Gott liegt allen religioͤsen Ansichten zu Grunde, die Ansichten aber sind verschieden, je nach dem menschlichen Vermoͤgen und deren Ausbildung. Wir duͤrfen alle menschlichen Vermoͤgen, in welchen der Glaube sich aussprechen kann, als sinnliche, gemuͤth¬ liche und geistige bezeichnen. Der sinnliche Glaͤubige sieht Gott in der Sonne oder in der ganzen Natur, oder schafft sich ein kuͤnstliches Bild von ihm, und dient ihm in sinnlichen Handlungen. Der Gemuͤth¬ liche empfindet Gott in den Gefuͤhlen der Ehrfurcht, Liebe, des Danks, der Furcht. Der Geistige denkt Gott und abstrahirt sich aus dem Begriff des hoͤch¬ sten Wesens die hoͤchsten Gesetze der Natur und des Lebens. Diese Ansichten erscheinen wieder nach dem Maaß der menschlichen Ausbildung mehr oder weni¬ ger vermischt, und die Mystik in der Bluͤthe des Mittelalters erkannte eine vollkommene organische Offenbarung des hoͤchsten Wesens zugleich an die Sinnen, das Herz und den Verstand. Eine Religion ist sinnlich , wenn sie an die Offenbarung Gottes in der Sinnenwelt glaubt, und dieselbe entweder in Pantheismus der Natur, oder in der geistigen Verklaͤrung der Natur zur Kunst im Bilderdienst erkennt. Eine Religion ist verstaͤndig , wenn sie eine Offenbarung Gottes im Verstand sich construirt, und das goͤttliche Gesetz logisch abwaͤgt. Eine Religion ist gemuͤthlich , wenn sie eine Offen¬ barung Gottes in den Gefuͤhlen annimmt, eine un¬ mittelbare innre Erleuchtung, eine unsichtbare und unbegreifliche Ausgießung des heiligen Geistes. Eine Religion ist aber mystisch , wenn sie alle diese Of¬ fenbarungen vereinigt und mit allen Organen ihre Gesammtwirkung aufnimmt. In dieser mystischen Of¬ fenbarung erscheint die Idee am umfassendsten; ob auch am reinsten, haͤngt von der Ausbildung ab, der auch die Mystik unterworfen ist. Die sinnliche Re¬ ligion erkennt das Goͤttliche nur in sinnlichen Vor¬ stellungen, die verstaͤndige nur in Begriffen, die ge¬ muͤthliche nur in Gefuͤhlen. In der lebendigen Durch¬ dringung von sinnlicher Vorstellung, Begriff und Ge¬ fuͤhl zeigt sich die ganze umfassende Idee. Die Bil¬ der Gottes, die Beschreibungen Gottes, die Gefuͤhle Gottes sind nur Bestrebungen, zur Idee Gottes zu gelangen. Nur der hat die Idee Gottes, der ihn zugleich schaut, denkt und empfindet. Die Idee wird in dreifacher Emanation zum bildlichen Symbol, zur Verstandesdefinition und zum Gefuͤhl des Herzens, nie zu einem allein, sondern zu einem in allem, und allem in einem. Jede Religion strebt nach diesem mystischen Glauben, und geht entweder in der Ein¬ seitigkeit unter, oder gelangt von der einen Offenba¬ rung durch Vermittlung mit den andern zur hoͤchsten. An diese Stufenleiter sind alle historischen Religio¬ nen geknuͤpft. In der hoͤchsten Bluͤthe des Mittelalters war das Christenthum eine Zeitlang mystisch. Die Ge¬ schichte scheint damals bis zu einem Wendepunkt ge¬ diehen zu seyn, und den ersten großen Akt ihres Schauspiels wuͤrdig beschlossen zu haben. Bis dahin draͤngten alle Kraͤfte zur Einheit; von da beginnt wieder die Entzweiung. Ein neues, hoͤheres, vielge¬ staltigeres Leben bluͤht aus den Ruinen jener großen Vorzeit, und zum zweitenmal in weiterem Kreise schwingt die Geschichte sich um. In der Erinnerung der Vergangenheit liegt aber die Hoffnung der Zu¬ kunft aufgeschlossen, und wir lesen ihr Verhaͤngniß in den prophetischen Buͤchern der Geschichte. Selbst die Natur belehrt uns, daß die zweite Schoͤpfung das Gesetz der erstern nur in hoͤhern Entfaltungen des Lebens wiederholt. So werden wir auch in diesem zweiten Welttage den geheimnißvollen Zug aller ge¬ trennten Kraͤfte nach einer hoͤhern mystischen Eini¬ gung nicht verkennen. In ihm liegt das Raͤthsel der Trennung selbst aufgeschlossen. Keine andere Bedeu¬ tung hat diese Trennung als in der Idee der Ver¬ Vereinigung. Von jener fruͤhern Einheit aber, von jener ersten Gestaltung einer mystischen Religion im Mittelalter muͤssen wir auf doppelte Weise anerken¬ nen, daß sie die Idee weit vollkommner offenbart hat, als es eine sinnliche, gemuͤthliche oder verstaͤndige Religion vermag, daß sie aber zugleich einer noch niedern Stufe der menschlichen Entwicklung angehoͤrt. Jenes erhebt sie uͤber unsre neuern vereinzelten Be¬ strebungen, dieses setzt das meiste, was wir als ver¬ einzeltes davon hervorheben moͤgen, unter dieselben herab. Die neuere Entwicklung hat vieles ausgebil¬ det, was in jener Zeit noch roh erscheint, aber nur in einzelnen Richtungen, die Idee hat sie noch nicht wiedergeboren und darauf beruht die geheime Scheu oder Achtung vor dem Mittelalter, die den Gegner wie den Vertheidiger unwillkuͤrlich ergreifen, mag er sich auch, wenigstens im Verstande, noch so erhaben uͤber jene Zeit fuͤhlen. Wenn jetzt der tiefe Sinn fuͤr Natur und Kunst an eine seelenlose Mechanik und Technik gewiesen ist, ergreift uns wehmuͤthig die Erinnerung an eine Zeit, da der Glaube noch das aͤußere Zeichen beseelte, da das Goͤttliche noch auf mystische Weise mit dem Wunder der Schoͤnheit in der Natur und Kunst verbunden war. Wir sehen die Werke jener heiligen Kunst mit staunender Be¬ wunderung und fuͤhlen, daß wir zu schwach sind, aͤhnliches hervorzubringen, weil die Idee uns fehlt. Wir haben das tiefe Beduͤrfniß, das Heilige auch in Natur und Kunst zu suchen, aber der Verstand spie¬ gelt uns vor, daß wir es nimmer finden koͤnnen, und lenkt unsre bildende Kraft auf das Nichtige. Dieser Verstand selbst entbehrt jener hoͤhern Weihe des Glau¬ bens und sucht in aͤngstlicher Hast ihn aus sich sel¬ ber zu erzeugen als Überzeugung, wie das Facit einer Rechnung, und laͤßt, was er gewonnen, immer wieder fahren und sucht weiter, was er niemals fin¬ den wird. Da denkt er mit geheimer Angst und nicht ohne Neid an eine Zeit zuruͤck, da der Glaube noch den Begriff beseelte, da das Goͤttliche noch auf mystische Weise verbunden war mit den Gedanken, und eine heilige Ruhe und Zuversicht in den Den¬ kenden wohnte. Das Gefuͤhl endlich, das jetzt bis zur Verzweiflung sich verirrt, moͤchte zuruͤckfluͤchten in eine Zeit, da es der Glaube noch beseelte, da das Goͤttliche noch auf mystische Weise sich ihm offen¬ barte und ein inniges starkes Band des Vertrauens um die Seelen schlang, und das glaͤubige Gemuͤth zu Entschließungen und Thaten begeisterte, welche das Bluͤthenalter des menschlichen Geschlechts be¬ zeichnen. Allen aber muß die Einheit alles Lebens im Glauben, wie jene Zeit es offenbart, das hoͤchste Wunder duͤnken. Bild, Gedanke, Gefuͤhl durchdran¬ gen sich uͤberall. Was das Auge sah, empfand das Herz; was das Ohr vernahm, klang in den tiefen Seelen an. Und des Gedankens kuͤhnsten und fein¬ sten Getriebe waren wie Gold durchgluͤht vom Feuer religioͤser Begeisterung. So war in engorganischer Verbindung eine Kraft mit der andern verschlungen. Das Goͤttliche, das dem Sinne als Wesenheit er¬ schien, offenbarte sich dem Verstande zugleich als Nothwendigkeit und dem Gemuͤth als Liebe. Gott war etwas wirkliches, etwas nicht allein, aber auch sinnliches. Das System des Cultus, der Heiligen und Wunder erweiterte sich bis zum Pantheismus. Man untersuchte jedoch zugleich die innere logische Consequenz des Goͤttlichen. Endlich war die pieti¬ stische Gluth des Herzensglanbens damals noch auf's innigste mit dem aͤußern Cultus und mit der Scho¬ lastik vermaͤhlt. Sinn, Verstand und Gefuͤhl durch¬ drangen sich auf mystische Weise in der Idee, und das ganze System war mystischer Idealismus, Ur¬ einheit der Ideen Wesenheit, Nothwendigkeit und Liebe in der Idee Gottes. Vermoͤge des inwohnenden Pflegmas zog aber der Sinn die Menschen abwaͤrts und loͤste das schoͤne Band auf. Einseitig in grobe Sinnlichkeit entartend, stieß der Katholicismus Verstand und Gemuͤth von sich, und es geschah der ungeheure Riß wie in den Geistern, so in der Geschichte der Voͤlker. Mit der Einheit war auch die Idee entwichen und das my¬ stische Wunder. Dennoch sollen wir diesen Wandel nicht beklagen, noch in thoͤrichter Selbstverlaͤugnung die hoͤhere Bedeutung der neuen Entwicklung verken¬ nen. Die Idee ist an keine Zeit gebunden, und wir werden sie auf einer hoͤhern Stufe wiedergewinnen. Auf jener Stufe war sie noch unvollkommen entwi¬ ckelt, deswegen ging nicht die Idee, aber die unvoll¬ kommene Realisirung derselben unter. Der erste Blick in die Geschichte des Christen¬ thums belehrt uns, daß es in den fruͤhern Jahrhun¬ derten mehr den Verstand im Gegensatz gegen die heidnische Philosophie, und das Gefuͤhl im Gegen¬ satz gegen den sinnlichen Goͤtzendienst der Heiden in Anspruch nahm, daß aber, als das Christenthum den vollstaͤndigen Sieg erfochten hatte, die Sinnlichkeit sie wieder herabzog, daß die sinnliche Anschauung des Goͤttlichen in Wundern, und die sinnliche Anbe¬ tung in einem ceremonioͤsen Gottesdienst wieder das Übergewicht erhielt, im Morgenlande durch Muha¬ med, im Abendlande durch die Paͤpste. Welcher Katholik, welcher dichterische Geist auch eine sinnliche Offenbarung des Goͤttlichen zu glauben sich gedrungen fuͤhlt, wird doch nicht laͤugnen, daß die Religion des Mittelalters in eine allzugrobe Sinnlichkeit ausgeartet, daß die goͤttliche Idee unter der Last sinnlicher Bilder und Zeichen gleichsam er¬ druͤckt und verschuͤttet, daß das Wunder gemein ge¬ macht worden ist, und daß die Sinnlichkeit eine Herrschaft sich angemaßt, unter welcher der denkende Verstand und das innige Gefuͤhl einen Zwang erlit¬ ten, gegen den sie nothwendig sich empoͤren mußten. Die herrschende Kirche mißtraute dem Verstand und die inhumanen Mittel sind bekannt, durch welche sie denselben zu toͤdten bemuͤht war. Sie mißtraute dem Gefuͤhl und suchte dasselbe durch aͤußere Werke zu uͤbertaͤuben. Wer die Gebete zaͤhlen mußte, konnte nicht mehr beten. Was Wunder also, daß der Ver¬ stand mit seinem alles durchdringenden Blitz endlich den stolzen Bau jener Kirche zerriß. Als er aber einmal zur Herrschaft gekommen, war es eben so na¬ tuͤrlich, daß er seinerseits in einseitige Übertreibung verfiel. Er mißtraute jener Sinnlichkeit, der er einst erlegen war, und verdammte mit den aͤußern Zeichen auch die Offenbarung Gottes in der Schoͤnheit, ja viele seiner Verfechter waͤhlten die Haͤßlichkeit mit Vorliebe, um nur jenem Einfluß der Schoͤnheit zu begegnen. Das Gefuͤhl aber konnte nicht aufkommen gegen die kriegerische Besonnenheit jener Verstaͤndi¬ gen, die in ihm zwar keinen Feind, doch einen zwei¬ deutigen Nachbar erkannten, bei welchem der Feind leicht Posto fassen koͤnnte, die ihm daher die Fesseln des Wortes anlegten, wie der Katholicismus ihm einst die der Werkthaͤtigkeit aufgedrungen. Da fluͤchtete das mißhandelte Herz, die Gott¬ trunkenheit andaͤchtiger Seelen in die verfolgten Sek¬ ten des Pietismus. Aber auch sie sind in einer schroffen Einseitigkeit befangen, worin sie besonders die Verfolgung fortwaͤhrend erhaͤlt. Sie sind gleich¬ sam ertrunken und aufgeloͤst in Gefuͤhlen und koͤn¬ nen weder die Wirklichkeit des Goͤttlichen, wie die Katholiken, noch das Gesetz des Goͤttlichen, wie die Protestanten, erfassen. Sie schwimmen im Nebelhaf¬ ten und Formlosen. Sie mißtrauen der Sinnlichkeit, weil sie dieselbe fuͤr eine Fessel halten, weil sie vom festen Boden der Erde in ein unsichtbares Reich der Seligkeit verzuͤckt zu werden streben. Sie mißtrauen dem Verstande, weil er uͤberall Schranken erkennt, und das Überschwengliche schlechterdings nicht duldet. Dies ist das große Schisma der Gemeinden in unsrer Zeit. So hat die Idee sich wieder in Vor¬ stellung, Begriff und Gefuͤhl zersetzt, die nun in hoͤ¬ herer Entwicklung ihre Vereinigung suchen muͤssen. Im gegenwaͤrtigen Augenblicke stehn die Par¬ teien auf dem Friedensfuß. Wenn auf der einen Seite die Polemik der gelehrten Theologen, ohne große Theilnahme des Volkes, fortwuͤthet, geschehen auf der andern Annaͤherungen und Übergaͤnge. Der friedliche Zustand ruͤhrt zum Theil noch von der Er¬ mattung der fruͤhern Kaͤmpfe her, zum Theil von dem Vorwalten weltlicher Neigungen und Bestrebun¬ gen, bei denen die Religion vernachlaͤssigt wird. Im vorigen Jahrhundert zogen uns die Wissenschaften und Kuͤnste, in diesem zieht die Politik uns von der Betrachtung des Religionsstreites ab. Ist seit zehn Jahren wieder mehr von dem letztern die Rede ge¬ wesen, so ist doch der Zeitgeist keineswegs vorzugs¬ weise fuͤr diese Angelegenheit gestimmt. Erst spaͤtere Zeiten werden die Raͤthsel loͤsen, die in unsern reli¬ gioͤsen Verwickelungen liegen. Die theologische Lite¬ ratur ist der Spiegel des ganzen innern Lebens der Confessionen, und wir werden hier die wichtigsten Partien daraus betrachten. Nirgends zeigt sich der Einfluß fruͤherer Ver¬ haͤltnisse auf unsern heutigen Zustand so auffallend, als in unsrem Kirchwesen. Alles, was wir davon erblicken traͤgt das Gepraͤge der Vergangenheit, und welcher Vergangenheit? eines Kriegszustandes, der damit endete, daß beide Parteien in schlachtfertiger Stellung versteinerten. Wir sehen an den gewalti¬ gen Riesen hinauf, die immerfort mitten auf unserm belebten Markte stehen, und schauern ein wenig uͤber die Groͤße, oder uͤber die Wuth, oder uͤber das Todte der maͤchtigen Gestalten. Es ist in der That eine ganz einzige Lage, in der wir uns in kirchlicher Hin¬ sicht befinden. Moͤchte ein verschiedner Glaube im¬ merhin an getrennte Staͤmme oder wenigstens Staͤnde sich vertheilen, moͤchte der Haufen auf rohere, die Gebildeten auf feinere Weise glauben und beten, so waͤre das nichts besonders, aber daß ein und dieselbe Nation mit gleicher Naturanlage, gleichen Schicksa¬ len, gleicher Bildung und auf demselben engen Bo¬ den zusammengedraͤngt, sich in so durchaus verschiedne Kirchen, ohne Ruͤcksicht auf Stand und Bildung, ich will nicht sagen getrennt hat, sondern nur getrennt erhaͤlt, ist wahrlich, so sehr wir uns daran gewoͤhnt haben, doch immer außerordentlich. Die Ursache die¬ ser Erscheinungen aber, daß sich dieser Zustand er¬ haͤlt und uns nicht durchaus mißbehagt, liegt eben in jener Gewohnheit, die sich allmaͤhlich einfinden mußte, nachdem beide Parteien weder siegen, noch fallen, noch laͤnger fechten konnten. Sie liegt aber ferner in dem Umstande, daß die kirchlichen Fragen von wissenschaftlichen, oͤkonomischen und politischen ein wenig beseitigt worden sind, und man sich nicht ausschließlich mehr fuͤr die Kirchensache interessiren mag. Mitten im Frieden aber zeigt man sich von Zeit zu Zeit die Waffen und macht drohende Bewe¬ gungen, die immer wieder von wichtigen politischen Bewegungen verschlungen werden. Man darf be¬ haupten, unsre Zeit sey so sehr von politischem Interesse beherrscht, daß die religioͤsen Bewegungen, die sich zeigen, nur aus den politischen gefolgert werden koͤn¬ nen, daß sie sogar kuͤnstlich durch diese erzeugt wer¬ den. Die einzige unabhaͤngige, rein religioͤse Bewe¬ gung, die durch den Druck politischer Verhaͤltnisse zwar genaͤhrt, aber auf keine Weise von der Politik organisirt wird, ist die pietistische, und auch aus die¬ sem Grund muß man dem Pietismus mehr reelle Kraft zuschreiben, als den verbrauchten Maschine¬ rien andrer Parteien. Die ganze Geschichte des Christenthums, ja so¬ gar des Heidenthums, und vielleicht auch des kuͤnf¬ tigen Christenthums hat in Deutschland und in der Literatur ihre Repraͤsentanten. In der katholischen Kirche stehen sich noch immer die bischoͤfliche und papistische Partei gegenuͤber, und von Zeit zu Zeit kommen noch bald Mystiker, bald Dominikaner, bald Reformatoren zum Vorschein. Die Protestanten re¬ praͤsentiren theils die aͤltern Christen, theils die kuͤnf¬ tigen, und bei ihnen erblicken wir nicht nur alle Waffen, die jemals zu den verschiedensten Zeiten und von den verschiedensten Seiten her gegen den Katho¬ licismus sich gerichtet, sondern, sofern ihre Lehren positiv sind, enthaͤlt sie auch die Keime kuͤnftiger Ent¬ wickelungen. Die nun auf die Zukunft sehn, finden im gegenwaͤrtigen Protestantismus noch mannigfache Gebrechen und somit herrschen in dieser Partei sehr entgegengesetzte Meinungen. Endlich hat sich das Hei¬ denthum wie in den Überlieferungen der katholischen Kirche, so im Libertinismus einiger Protestanten eben¬ falls eine Stimme erhalten. Darf man sich also uͤber die ungeheure Mannigfaltigkeit von Meinungen und Urtheilen, die uͤber Religion obwalten, noch verwun¬ dern? Die Stimmen vergangner Jahrtausende mischen sich immerfort mit den heutigen, und will man sie alle verstehen, muß man sich in allen Zeiten umsehen. Kein Zeitalter war so roh, daß es nicht in dem un¬ sern einen Repraͤsentanten aufzuweisen haͤtte, und man darf wohl auch sagen, keines wird so edel seyn, dem nicht wenigstens eine erhabne Ahnung des heutigen entspraͤche. Den Fuß im Abgrund und Sumpf ragt dies Geschlecht mit dem Haupt in ferne Sonnenhoͤhen. Die Meinungen koͤnnten friedlich neben einander bestehen, aber sie kaͤmpfen, weil jede allein gelten will. Es gibt kein Volk, das so heterogene Elemente in sich vereinigte, dessen mannigfach modificirte Na¬ turanlagen und Charaktere so sehr aller Normalitaͤt widerstrebten, als das deutsche, und doch suchen wir allem eine Norm aufzuzwingen, uͤberall denken wir zuerst an Normalzustaͤnde, Normalmenschen und wol¬ len auch dann den unermeßlichen Reichthum verschie¬ dener Entwickelungen nicht beachten, wenn sie dem Normalisiren entschieden in den Weg treten. Selbst die Naturwissenschaft geht von Normalmenschen aus, und beachtet alles, was der Gattung gemeinsam ist, nur nicht, was die Individuen unterscheidet. Wir haben noch keine Theorie der Geruͤche in den Pflan¬ zen und noch keine der Temperamente in den Men¬ schen. So geht man in der Politik immer von einem Normalzustand aus und will alle Menschen nach ei¬ nem Maße messen. So will man auch in der Reli¬ gion keine Mannigfaltigkeit dulden, und wie sehr diese allenthalben sich kund gibt, in wie verschiedene Glaubensweisen die Deutschen sich trennen, will doch jeder die seinige zur alleinguͤltigen machen. Die Frage nach der aͤußern Kirchenverfas¬ sung ist eigentlich ganz unabhaͤngig von der nach dem innern Lehrbegriff, und es ist beinah schon jeder moͤgliche Lehrbegriff bei jeder moͤglichen Verfassung bestanden. Es hat ein katholisches Presbyterium, eine katholische Episcopalkirche ohne Papst gegeben und der Katholicismus ist der weltlichen Macht, hier dem Gesetz, dort dem Monarchen Unterthan worden, wie der Protestantismus. Es hat aber auch ganz artige protestantische Paͤpste, Bischoͤfe, Bannbullen und Ke¬ tzerrichter gegeben. Nicht die Art und Weise wie man Gott anbetet, nicht die Religion, sondern die Menschen und irdischen Verhaͤltnisse machen hier die Änderungen. Die Religion wird hier ganz in die Politik hineingezogen, die Kirche ganz zum geselligen Institut, allen Tugenden und Lastern der Gesellschaft Preis gegeben. Es kann nur zweierlei Grundformen der aͤußern Kirchenverfassung geben, die Hierarchie oder die po¬ litische Kirche, d. h. die Kirche ist entweder von der weltlichen Macht unabhaͤngig, oder abhaͤngig. Die Hierarchie ist entweder Regiment der Priester oder des Volks, im ersten Fall ist sie priesterliche Monar¬ chie, oder Papstthum, Aristokratie oder Episcopal¬ kirche, Demokratie oder Presbyterium, im letztern Fall ist sie geistliche Demokratie der Laien selbst, mit Ausschluß der Priester. Die politische Kirche steht unter dem weltlichen Regenten, er sey Koͤnig oder Consul, Mensch oder Gesetz, was fuͤr sie einerlei ist. Wichtiger aber ist der Unterschied, nach welchem sie entweder die ausschließliche oder nur die geduldete Kirche ist. In Deutschland herrscht gegenwaͤrtig die politi¬ sche Kirche und zwar die monarchische, und zwar die nur geduldete. Wie die Protestanten durch ihr altes Kirchengesetz, so sind die Katholiken durch die Con¬ cordate und die Sektirer durch Schutzbewilligungen und alle insgesammt durch die herrschende Richtung des Zeitgeistes der weltlichen Macht unterworfen und diese ist die monarchische. Da aber alle einmal vor¬ handene Confessionen bei einander geduldet werden, ist keine die herrschende. Wie auch hier das Papst¬ thum, dort das Episcopat, dort das Presbyterium, dort die pietistische Glaubensdemokratie mit schwa¬ chen Kraͤften Raum zu gewinnen sucht, wie auch noch, wo eine Religionspartei uͤberwiegt, die Ausschlie߬ lichkeit sich zu erhalten trachtet, sie werden alle nie¬ dergehalten durch die weltliche Macht und durch eine allgemeine europaͤische Politik, fuͤr welche die kirchli¬ chen Interessen nicht mehr Zwecke sind, sondern nur Mittel. Was uͤber die politischen Verhaͤltnisse der Kir¬ chen hin und her gestritten wird, traͤgt den Charakter der Schwaͤche. Man verfaͤhrt von allen Seiten saͤu¬ berlich und der Widerstand der Hierarchie ist so sel¬ ten oder so sanft, als die Gewaltstreiche der Politik es sind. Man will vor allen Dingen Frieden; es scheint, man befinde sich in der Nacht und wolle den Morgen abwarten, um sich ins Gesicht sehn zu koͤn¬ nen. Die Herrschaft der Politik uͤber die Kirche be¬ dient sich hauptsaͤchlich nur der stillen Gewalt des Zeitgeistes, um sich ohne Skandal zu befestigen. Da der Zeitgeist fuͤr sie ist, so ist sie auch unabwendbar, welches auch ihr Recht seyn moͤchte; waͤre der Zeit¬ geist gegen sie, wie im Mittelalter, so wuͤrde sie eben so unterliegen. Bei allem, was man fuͤr oder wider den Ka¬ tholicismus sagt, kommt es vorzuͤglich darauf an, wie man sich das Wesen desselben eigentlich denkt. Die meisten sehn darin einen todten Buchstaben, nur Deutsche Literatur. I . 5 die wenigsten eine lebendige Seele. Seine Verthei¬ diger selbst legen dem System von Satzungen und Vorschriften die Kraft bei, die ihn traͤgt und erhaͤlt, und seine Gegner zielen auf nichts anders, wenn sie mit Buchstaben gegen den Buchstaben anziehn, und eine Satzung durch die andre, eine Auslegung durch die andre zu vernichten trachten. Das Wesen des Katholicismus ist aber in keinem Buche zu suchen. Er ist auf keinen Buchstaben, sondern auf die Men¬ schen gebaut; verbrennt alle seine Buͤcher, und es wird Katholiken geben nach wie vor. Diese Buͤcher thun so wenig als der Name zur Sache. Namen ist Schall und Rauch, umnebelnd Himmelsgluth. Zwar entspricht der Katholicismus auch jetzt noch vorzugs¬ weise der sinnlichen Richtung, allein es liegt doch in ihm noch die Ahnung jener Mystik des Mittelalters, und sie ist es, die ihm die Herzen des Volks erhaͤlt. Noch liegt in ihm die Richtung nach organischer, den ganzen Menschen umfassenden Erkenntniß und Anbe¬ tung Gottes. Noch haben die Sinne, das Gemuͤth, der Verstand und das thaͤtige Leben gleichen Antheil an der Religion des Katholiken. Nur in diesem Sinne ist die katholische eine allgemeine Kirche, denn nur jene organische Erkenntniß bietet gleich der Erde dem himmlischen Licht alle Seiten dar und ist deßfalls die einzige, die auf Allgemeinheit Anspruch machen kann. Was hier als Idee ausgesprochen ist, liegt wenig¬ stens als dunkel geahndetes Beduͤrfniß in der Seele des ungebildeten Katholiken und er findet es auch auf rohe Weise in seiner Kirche befriedigt. Er sieht seinen Gott, er fuͤhlt sich von seinem Daseyn mit andaͤchtiger Leidenschaft ergriffen, er denkt ihn und er handelt fuͤr ihn. Darum genuͤgt dem rohen Men¬ schen die katholische Religion, wie keine andre, und auch der gebildetste wuͤrde sich damit begnuͤgen, er wuͤrde keine andre mehr kennen, wenn bei ihm nicht einseitig ein Organ vorherrschte oder mit Hintanse¬ tzung des andern ausgebildet waͤre, wenn die Zeit so weit vorgeruͤckt waͤre, um so viel umfassen zu koͤn¬ nen, als der vollendete Katholicismus an Bildung verlangt. Die Idee Gott mit allen Organen zu ver¬ nehmen und anzubeten, im Gegensatz gegen alle an¬ dern Religionen, in denen nur das eine Organ vor¬ waltet, ist aͤußerst einfach, aber die Realisirung ei¬ ner ihr entsprechenden Kirche uͤbersteigt das Vermoͤgen der Geschlechter, die bis jetzt gelebt haben und leben. Ich wiederhole also, nur die Befriedigung jenes Be¬ duͤrfnisses, wie sie der gemeine Katholik auf rohe Weise in seiner Kirche findet, ist die erhaltende Kraft, ist das Wesen des Katholicismus, und die Buͤcher, die das Volk nicht einmal kennt, sind nur einseitige Ausfluͤsse jener Kraft fuͤr die Gelehrten und gegen die Gegner, und allen Gebrechen der Wissenschaft unterworfen. Wer sie angreift, hat leichte Muͤhe, trifft aber den wahren Katholicismus nicht darin an. Alle Mißgriffe, ja alle Schaͤndlichkeiten derer, welche die Volksstimme als echte Gottesstimme Pfaffen nennt, haben der erhabenen Idee nichts von ihrer Wuͤrde 5 * rauben koͤnnen, wenn man es nur versteht, die Sache von den Menschen zu unterscheiden. Der Katholicismus ist maͤchtiger außer, als in der Literatur. Er verschmaͤht die Untersuchung, es genuͤgt ihm an der Tradition, und er muß sich sogar der Suͤndfluth von Schriften entgegensetzen, welche diese Tradition in den Schatten stellen koͤnnten. Von jeher war Tradition und Schrift im Widerspruch. Als Omar Alexandrien erobert, ließ er die ungeheure Bibliothek dieser Stadt, darin alle Schaͤtze des Wis¬ sens jener Zeit aufbewahrt lagen, verbrennen, und gab den Grund dafuͤr an: steht in diesen Buͤchern, was im Koran steht, so beduͤrfen wir ihrer nicht, denn wir haben den Koran schon, steht aber etwas andres darin, so muͤssen sie vertilgt werden, denn Gott ist Gott, und Muhamed ist sein Prophet, und der Koran ist sein Wort, was daruͤber ist, das ist vom Übel. In aͤhnlicher Weise dachten jene Moͤnche, welche die Buchdruckerkunst als die schwarze Kunst bezeichneten, und in der That ist ein Omarfeuer wirksamer und consequenter als ein catalogus libro ¬ rum prohibitorum , waͤhrend der Grundsatz beider nur ein und derselbe ist. Indeß hat der Katholicismus, wie die Geschichte lehrt, sich in sich selbst schon oft verwandelt, und den Zeiten und ihren Beduͤrfnissen nachgegeben. Selbst die Strenge jenes Grundsatzes gehoͤrt keineswegs seiner Idee, sondern nur einer Zeitentwicklung an, und sollte die Freiheit des Wissens auch nicht mit der Tyrannei der Kirche, einem Geschoͤpf der Zei¬ ten, uͤbereinstimmen koͤnnen, so kann sie es doch mit der ewigen Idee des Glaubens. In diesem Sinn haben neuere Katholiken, unter andern Goͤrres, auf der einen Seite den strengsten Glauben, auf der an¬ dern das freieste Wissen angesprochen und durch die That gezeigt, wie beides im Katholicismus bestehen koͤnne. Die sich aber auch nicht zu dieser Hoͤhe der An¬ sicht erheben konnten, haben doch der Zeit in ihren Entwicklungen folgen muͤssen, und das verschmaͤhte Wort selbst ergriffen, um die gefaͤhrliche Waffe ent¬ weder unschaͤdlicher fuͤr ihre Partei zu machen, oder sie in ihrer ganzen Schaͤrfe gegen die Gegner zu kehren. In dieser Weise sah man, trotz dem Geschrei der Moͤnche, die Gelehrsamkeit der Jesuiten, wie trotz dem Geschrei der Janitscharen, das europaͤische Kriegswesen unter den Tuͤrken entstehn. Man durfte eine Armatur nicht verschmaͤhen, die den Feind so maͤchtig machte und opferte Sitten und Maximen auf, um das Daseyn zu retten. Die katholische Literatur hat demzufolge einen betraͤchtlichen Umfang erreicht, und umfaßt wenigstens halb so viele Werke als die protestantische. Auch nimmt sie, wie die Meßkata¬ loge beweisen, mit jedem Semester zu. Der Katholicismus hat die Nachtheile einer De¬ fensive zu wohl kennen gelernt, daß er nicht die Of¬ fensive, es koste, was es wolle, wieder ergreifen sollte. Und die Gegner haben ihm dafuͤr eben so viele Bloͤßen gegeben, als er sehr geschickte Vorfech¬ ter gefunden hat. An eine Contrereformation ist zwar noch nicht zu denken, doch unverkennbar ist die vorschreitende Bewegung der katholischen Partei. In¬ deß ist diese Partei uͤber das, was sie eigentlich will, so wenig einverstanden, als vielleicht irgend eine andre deutsche Partei, weit weniger als es die Geg¬ ner ihnen wider ihr Verdienst zutrauen. Die conse¬ quentesten werfen sich unbedingt dem Papst in die Arme; unter diesen scheinen wirklich einige sich be¬ friedigen zu wollen, wenn auch Alexander VI . wieder aufstuͤnde, andre dagegen hoffen wenigstens immer auf den besten heiligen Vater. Keineswegs sind aber alle Verfechter des Katholicismus Ultramontanisten, und diese gemaͤßigte Partei ist noch immer von dem Geist jener bessern Bischoͤfe beseelt, die zwischen Jesuiten und Reformatoren, wie zwischen Berg und Gironde in der Mitte gern allgemeinen Frieden er¬ halten moͤchten. Die Maͤnner dieser Partei wider¬ setzen sich der Tyrannei des roͤmischen Stuhls und dem Eindringen jesuitischer Soͤldlinge desselben, hal¬ ten sich zu Fuͤrsten und Volk, befoͤrdern Moral und Unterricht, und wuͤrden sich sehr leicht mit einer ge¬ wissen protestantischen Partei, welche sich im Sinn der anglikanischen Kirche dem Katholicismus naͤhert, verstaͤndigen, wenn die politischen Verhaͤltnisse und zum Theil die Blindheit protestantischer Zeloten nicht undurchdringliche Scheidewaͤnde zwischen sie zoͤgen. Außer diesen verdient allerdings die Partei der poe¬ tischen Katholiken erwaͤhnt zu werden, weil sie einen großen Einfluß auf die gebildeten und hoͤchsten Clas¬ sen uͤben. Diese Partei weiß entweder nicht, was sie will, oder sie will nur die Poesie des Mittelal¬ ters wieder haben, und kennt in der Regel die poli¬ tischen Verhaͤltnisse zu wenig, um sich in diesem Sinn zu interessiren. Sie wird daher nur ein Mittel fuͤr die Zwecke einer andern Partei, vorzuͤglich der Pa¬ pisten, weil in dem poetischen Bilde, das sie sich ent¬ worfen haben, der Papst nothwendig den Mittel¬ punkt einnehmen muß. Es ist ein großer Fehler der Protestanten, der aber fuͤr ihre Ehrlichkeit zu spre¬ chen scheint, daß sie die Entzweiung ihrer Gegner nicht benutzen, sondern vielmehr durch ihren Haß und Widerstand deren Einigkeit so viel als moͤglich be¬ foͤrdern. Was wollen die, die ihr immer verwech¬ selt? die Einen wollen unumschraͤnkte Despotie des Papstes, die Andern eine allgemeine friedliche Kirche, die Dritten eine religioͤse Kunst. Dieß sind sehr ver¬ schiedene Dinge. Das Papstthum ist freilich durch seine eigne Schuld in argen Verfall und noch groͤßern Mißcre¬ dit gerathen. Welche Demuͤthigung hat es erfahren muͤssen, und wie hat es sich durch eigne Laster lange Zeit geschaͤndet und gegen sich selbst gewuͤthet. Es ist also nicht zu verwundern, daß die Papisten einer¬ seits an ihre alte Idee und an die alte Achtung vor derselben appelliren, andrerseits an die Gegenwart sich halten, auf ihre Ruinen sich verschanzen und ver¬ zweifelte Ausfaͤlle thun. Wir muͤssen die Idealisten des Ultramonta¬ nismus von den Materialisten desselben trennen. Jenen ist es um die Idee, diesen nur um die mate¬ rielle Existenz zu thun. Jene sind daher streng ge¬ gen die Mißbraͤuche der Kirche selbst, weil sie die Idee entweihen, diese dagegen geben diese Mißbraͤuche keineswegs zu, sondern erklaͤren sie fuͤr so heilig, als die Idee selbst. Der Papst steht demzufolge, wie die Bourbonen zwischen Ideologen und Praktikern, von denen die Einen fuͤr das Mittelalter predigen, die Andern fuͤr die Gegenwart handeln. Man kann die Einen auch Romantiker, die Andern Jesuiten nen¬ nen, und muß sie wohl von einander unterscheiden. Jene sind unabhaͤngige Geister, diese Sclaven. Jene trennen sehr genau Idee und Erscheinung, diese hal¬ ten sich nur an die letztre. Jene vertheidigen fuͤr den Papst die Idee der alten Kirche, gegen ihn zu¬ gleich die Freiheit des Wissens; diese bekuͤmmern sich wenig um die Idee, wenn sie nur das freie Wissen unterdruͤcken koͤnnen, damit man die Erscheinung bes¬ ser glaube. Kurz, jene sind die Helden einer ewigen Idee, diese die Kopffechter einer vergaͤnglichen Er¬ scheinung. Die Gegner des Katholicismus uͤbersehn dieses Verhaͤltniß fast immer und bezeichnen auch die Ideologen, wie z. B. Goͤrres, mit dem Eckelnamen Jesuit. Es sind gerade die Unfreiesten unter den Protestanten, welche die Freiheit der, katholischen Idealisten nicht einzusehn vermoͤgen. Leute, die nach Freiheit seufzen, weil sie im eignen Geist ewig ge¬ fesselt sind, erkennen auch die Freiheit im andern nicht, oder sehn im Spiegel ihrer Verkehrtheit jeden in demselben Maaß fuͤr unfreier an, als er freier ist. So hat eine ganze Bande unfreier Seelen sich vereinigt, den genialen Goͤrres, dessen Werke ein Triumph geistiger Freiheit sind, gleichsam durch Ostracismus aus dem deutschen Sternenhimmel her¬ auszuwerfen. Die Ansicht, von der sie ausgehn, ist sicher die unfreieste, die es geben kann. Sie schrei¬ ben einem Glauben, in seiner bloßen formellen Äuße¬ rung alle Macht uͤber den Menschen zu, da umge¬ kehrt vielmehr der Mensch die Macht uͤber den Glau¬ ben uͤbt. Sie waͤhnen, daß, so gut wie sie selbst mit dem Siegel des Protestantismus gestempelt, sofort aus Schafen gebildete und freie Menschen geworden waͤren, auch auf der andern Seite jeder Mensch, durch das Siegel des Katholicismus gestempelt, noth¬ wendig ein Barbar und unfrei werden muͤsse, und sie haben keine Ahnung davon, daß der Katholicis¬ mus im Geist eines genialen Menschen eine eben so wuͤrdige Gestalt annehmen koͤnne, als der Protestan¬ tismus in dem ihrigen allerdings in eine unwuͤrdige karrikirt wird. Es gibt uͤber alle Verderbnisse des Katholicis¬ mus weit erhaben, noch kraͤftige, reine Naturen, rie¬ senhafte Genien, in denen die Idee wiedergeboren wird, denen der Mysticismus des Mittelalters or¬ ganisch inwohnt, wie er ganzen Generationen der Vergangenheit ingewohnt. Unstreitig hat es zu allen Zeiten Charaktere gegeben, die als Repraͤsentanten einer andern kuͤnftigen oder vergangenen Zeit betrach¬ tet werden muͤssen. Wie im Mittelalter selbst Arnold von Brescia, Petrarca und andre Vorboten der neuen Zeit, und von protestantisch-republikanischem Geist durchdrungen gewesen, so hat unsre Zeit wieder ihre Repraͤsentanten des Mittelalters, die nicht auf eine aͤußere Weise durch Liebhaberei an jene Vergangen¬ heit geknuͤpft, sondern innerlich von ihrem Wesen be¬ seelt, organisch mit ihr verwachsen sind. Sie leben, denken und empfinden nur im Sinn des Mittelalters, alles tritt ihnen unter diesen Gesichtspunkt, und wenn sie zugleich die Bildung der neuern Zeit in sich aufgenommen, so huldigt dieselbe doch der mittelal¬ terlichen Idee, und dient nur, das Licht derselben in einer neuen Welt von Bildern, Gedanken und Em¬ pfindungen auszustrahlen. In dieser Weise haben Tieck und Goͤrres uns die Tiefen jener Weltansicht offenbart, die als die bewegende Seele einer der groͤßten Epochen der Geschichte mit der Entwicklung des Geschlechts innig zusammenhaͤngt und in der menschlichen Natur tiefe Wurzeln geschlagen, eine Weltansicht, die dem Mittelalter unter den Bedin¬ gungen einer reichern Natur und einer minder vor¬ geschrittenen Cultur offenbart worden, deren Vermitt¬ lung fuͤr den Culturzustand in unsrer Zeit aber noth¬ wendig einmal erfolgen mußte. Tieck hat als Dich¬ ter in der poetischen Auffassung des Lebens, der Kunst und der Charaktere des Mittelalters, Goͤrres als Philosoph in der reifsten organischen Entfaltung der altkatholischen Grundidee, jene Mystik wieder¬ weckt und ihr Raͤthsel uns geloͤst. Franz Baader hat sogar den Versuch gemacht, die spaͤtere Mystik, die aus dem Pietismus der Protestanten hervorge¬ gangen, namentlich die Mystik Jakob Boͤhmens, fuͤr den Katholicismus zu vindiciren. Dergleichen Er¬ scheinungen sind bedeutungsvoll, da sie eine Annaͤhe¬ rung der nur dem Namen nach getrennten, der Idee nach verwandten Parteien bezeichnen. Indem solche freie Geister sich uͤber die histori¬ schen Entwickelungen und uͤber den materillen Ver¬ fall der Kirche erhoben haben, sind sie sehr verschie¬ den von den befangenen Geistern, welche nur die Erscheinung, die gegenwaͤrtige, verderbte anerkennen und vertheidigen, wiewohl sie diesen wenigstens ge¬ gen die Protestanten gelegen kommen. An den Ver¬ tretern einer hinfaͤlligen Erscheinung mag man frei¬ lich vieles auszusetzen finden, doch soll man nicht vergessen, was die Barbarei, die jeden Kriegszustand begleitet, dabei verschuldet hat, so gut wie manche Gebrechen des Protestantismus durch denselben Um¬ stand entschuldigt werden. Der Glauben ist das Schoͤnste im Reich der Geister, wie das Weib das Schoͤnste in der Natur. Beide verzerren sich in die aͤußerste Haͤßlichkeit, wenn sie statt Liebe Haß fin¬ den, und in ohnmaͤchtigem Kampfe doch nicht sterben koͤnnen. Beide treibt die Verzweiflung eines unna¬ tuͤrlichen Verhaͤltnisses auch zu eigner Unnatur, die ihnen zuletzt zur andern Natur wird. Die Suͤßig¬ keit, das Vertrauen und die stille Macht der Liebe werden Gift, Verrath, Gewaltthat. Es ist in der That ein erhabenes und aͤcht tra¬ gisches Schauspiel, das uns die alte Kirche gewaͤhrt, bald Medea, bald Niobe, bald Entsetzen, bald Weh¬ muth erweckend. Unheilbar verwundet, kann sie doch nicht sterben. Von einer Fuͤlle innerer Ideen ge¬ schwellt, findet sie nirgends Raum. An Herrschaft und Liebe gewoͤhnt, findet sie keine Arme und keine Herzen. Wie der alte Koͤnig Lear ward sie versto¬ ßen und mußte betteln von den kaiserlichen Schwie¬ gersoͤhnen und ward mißhandelt, gepluͤndert, gefan¬ gen, und sah die geliebte und verkannte Cordelia, des Herzens tiefen Glauben, grausam gemordet. Jetzt hat man sie endlich wieder befreit und ehrt ihr Alter und laͤßt sie wieder regieren unter einer sanften Vor¬ mundschaft. Sie lebt nun auf, aber was soll aus ihr werden? Mit ihrem Anspruch auf die hoͤchste Autoritaͤt tritt sie wieder in die Mitte so vieler andrer Anspruͤche, die Gewalt und Besitz und das Zeitalter fuͤr sich haben. Mit Liebe soll sie regieren, und die Sklaven, die sich ihr zum Dienst aufdraͤn¬ gen, kennen nur List und Gewalt. Der Ultramontanismus hat es seit der Refor¬ mation wohl gefuͤhlt, daß er mit doppelter Zunge reden muͤsse, mit der goͤttlichen und menschlichen, mit der einen, um Befehle zu geben, mit der andern, um die Gemuͤther fuͤr den Gehorsam zu bearbeiten. Die zweite Stimme wurde den Jesuiten anvertraut, und abgesehn von diesem Namen vernehmen wir sie noch heute, ja in der juͤngsten Zeit der Restauration weit oͤfter, als in der vorhergehenden der Revolutionen. So lange das Zeitalter roh, ungeschlacht und unver¬ schaͤmt war, mußten die Jesuiten vorzuͤglich Feinheit gebrauchen, weil sie den Feind nur von hinten her anfallen konnten. Nun das Zeitalter in dieser Schule selber fein genug geworden ist, muͤssen sie es umge¬ kehrt mit der Unverschaͤmtheit versuchen, weil sie dem vorsichtigen Feind so geradezu von vorn unver¬ sehens kommen, und ihn aus der Fassung bringen. Dieser Kriegsmanier getreu, studiren selbst die Klu¬ gen unter ihnen auf Dummheit, und stellen sich so brutal als moͤglich, was auch zum Theil deßwegen nothwendig ist, weil sie es jetzt auf den Poͤbel abge¬ sehn haben, waͤhrend sie ehemals nur die hoͤhern Staͤnde zu uͤberlisten trachteten. Zur Zeit der Re¬ formation galt es ihnen, die Anspruͤche des Volks durch die Fuͤrsten, jetzt gilt es ihnen, die Anspruͤche der Fuͤrsten durch das Volk in Schranken zu halten. Damals richtete sich die Einsicht des Volks gegen den Glauben, jetzt richtet sich die weltliche Macht gegen die Hierarchie. Wer mag es laͤugnen, daß es neben jenen geni¬ alen Ideologen und neben den ehrwuͤrdigen und fried¬ lichen Priestern der Kirche auch eine, in Deutschland nur geringe Anzahl von Assassinen der sieben Berge gibt, die sich, eine zweite Judenschaft, zu Kammer¬ knechten des heiligen Stuhls aufgedrungen und auf den Maͤrkten auch der Literatur umherschleichen und uns auch dießmal statt des Ablasses, der sehr charak¬ teristisch die Reformation bezeichnet, jetzt Fesseln brin¬ gen, die eben so charakteristisch das Zeitalter der Restauration bezeichnen. Man kann sie wie die Ju¬ den in alttestamentalische Schwaͤrmer und in Schlau¬ koͤpfe eintheilen, und wo sie sich anlegen, gibt es Schmutz. Dieser Schmutz, womit sie alles, was die Entwicklung der Zeit diesseits der Reformation se¬ gensreiches mit sich gebracht, auf empoͤrende Weise besudeln, ihre dummdreiste Verlaͤugnung aller Erfah¬ rung, des Zeitgeistes und der Cultur, und die wider¬ liche Affectation, mit der sie dennoch einen philoso¬ phischen Styl erkuͤnsteln moͤchten, ihre unverschaͤmte Zelotengeberde, die Blutgier, die uns aus ihrem Wolfsrachen unter dem Schafpelz entgegenlechzt, und die Raffinerie, womit sie Personen verlaͤstern und verfolgen, um in den Haͤuptern die Heerde zu schla¬ gen, alle diese Kunstgriffe stempeln ihre Werke zu dem Elendesten, was die Literatur hervorbringen kann, und Dank sey es der Wachsamkeit der Prote¬ stanten, die wenigstens die Ehre der Literatur rettet, indem sie wie ein reinlicher Hauswirth den Schmutz auskehrt, sollte sie auch die Gefahr, die davon droht, zu sehr uͤberschaͤtzen. Diese verzweifelten Zeloten sind der großen gemaͤßigten Partei unter den Katholiken selbst verhaßt, und die Protestanten wissen sie von sich abzuhalten. Sie beflecken mehr, als sie schaden, und man kann ihre Tiraden, wenn man Lust hat, als Proben deutscher Preßfreiheit sogar schaͤtzen. Sollte jedoch das Jahrhundert wirklich so einfaͤltig seyn, sich durch ihre Capuzinaden bekehren zu lassen, so waͤre es werth, bekehrt zu werden. Eine sehr achtbare Partei unter den Katholiken ist jenen Umtrieben des Ultramontanismus durchaus fremd, und vertritt zwar die allgemeine Kirche, aber nicht die unbedingte Herrschaft Roms und den Mi߬ brauch derselben. Sie will Frieden und Eintracht, und deshalb auch Versoͤhnung der Kirche mit den dringendsten Anforderungen des Zeitgeistes. Sie folgt dem guten Beispiel der Protestanten in Ruͤcksicht auf Bildung und sucht im Geschmack Josephs II . auch im Dunkel jener Kirche eine gewisse Aufklaͤrung zu ver¬ breiten. Sie traͤgt zur Verbeßrung der Schulen bei, und vermehrt und reinigt die Unterrichts- und Er¬ bauungsbuͤcher, wobei freilich eine arge Prosa unter¬ laͤuft. Sogar die Bibel wird in einer aͤußerst nuͤch¬ ternen Übersetzung verbreitet, endlich wird Toleranz gepredigt und namentlich gegen die Mitbuͤrger dessel¬ ben Staates, und der bestehende Staatsverband wird den Fesseln Roms gegenuͤber in Schutz genommen und angepriesen. Auf diese Weise neigt sich die hier bezeichnete Partei allerdings zur politischen Kirche der Protestanten, und die Mitglieder dieser Partei, die am weitesten gehn, treten auch in die Tochter¬ kirche uͤber, sobald die strenge Mutter sie verfolgt, wie wir mehrere bekannte Beispiele erlebt haben. Indeß herrscht in dieser Partei, wie in jeder gemaͤ¬ ßigten, zu wenig Selbststaͤndigkeit und Kraft, und sie ist ein Spielzeug in der Hand bald der paͤpstlichen, bald der weltlichen Macht, je nachdem die eine oder andre uͤberwiegt. Auch sind die Unterschiede ihrer und der protestantischen Lehre zu groß, und die Ei¬ fersucht der Parteien zu blind, als daß ein eigentli¬ cher Übergang der einen in die andre moͤglich wer¬ den koͤnnte. Die poetischen Katholiken werden von der schoͤnen sinnlichen Seite des Katholicismus, von der Mystik seiner Ideen, und nicht minder von den Wun¬ dern ergriffen, die er in der Geschichte und in der Kunst hervorgebracht. Ihr reizbares Temperament liebt die erhabenen Eindruͤcke der Kirchenpracht, ihr Sinn fuͤr das Schoͤne vertieft sich in die Zauber der religioͤsen Kunst; ihr gluͤhendes Gefuͤhl schwelgt in Andacht und Begeisterung und gibt sich am heiligen Ort, in heiliger Stunde der schoͤnen Ahnung einer naͤhern Gegenwart Gottes hin; ihre geschaͤftige Phan¬ tasie findet in der Mannigfaltigkeit der religioͤsen Mythen, Bilder und Gebraͤuche alle Befriedigung, deren sie bedarf, ihre Neigung zum Übersinnlichen, ihr Hang nach mystischen Raͤthseln, ihr Tiefsinn, der immer das am liebsten zum Gegenstande der Betrach¬ tung waͤhlt, was jenseits der Grenzen des Wissens liegt, und selbst die Verwegenheit ihres scharfen Ver¬ standes, in immer tiefern Speculationen den Urgrund des Daseyns zu ergruͤbeln, findet in den Mysterien des katholischen Glaubens eine reiche Nahrung; end¬ lich die Vorliebe fuͤr das Alterthuͤmliche, das den poetischen Gemuͤthern eigen zu seyn pflegt, findet in den Erinnerungen des Katholicismus, in den gewal¬ tigen und ruͤhrenden Bildern des Mittelalters wie die schoͤnsten Gegenstaͤnde des Genusses, so die wuͤr¬ digsten Stoffe fuͤr den darstellenden Kunsttrieb. Wenn man das Daseyn vieler warmen, sinnlichen, poeti¬ schen Seelen nicht laͤugnen kann, so muß man auch zugeben, daß sie ganz vorzuͤglich vom Katholicismus ergriffen werden muͤssen, und ihre bedeutendsten Schrif¬ ten beweisen hinlaͤnglich, daß ihre Begeisterung rein aͤsthetisch und auf keine Weise erheuchelt ist. Es ge¬ hoͤrt daher nur zu den Thorheiten ihrer uͤberreizten Gegner, unter ihnen verkappte Jesuiten zu wittern, und alle ihre poetische Begeisterung nur fuͤr ein Blend¬ werk zu halten, und auszugeben, hinter welcher sich nur boshaftes Raffinement hierarchischer Absichten ver¬ stecke. Namentlich hat Voß diese gehaͤssige Meinung ausgesprochen, ein Mann, der uͤberall nur Schwarz und Weiß und keine Farbe gekannt zu haben scheint. Die poetischen Katholiken haben sich in andaͤchtigen Herzensergießungen, in historischen und poetischen Schilderungen und zum Theil in polemischen Schrif¬ ten geltend gemacht. Wie der schoͤne sinnliche Got¬ tesdienst der Gegenstand ihrer Neigung ist, so ist der nuͤchterne, verstaͤndige ein Gegenstand ihrer Abnei¬ gung. Überdem ist es gewoͤhnlich der strenge Gegen¬ satz ihrer angebornen Natur und ihres anerzognen Glaubens, der sie zu so eifrigen Vertheidigern des Katholicismus gemacht hat; es sind gewoͤhnlich ur¬ spruͤnglich Protestanten, die in ihrer Kirche sich nicht befriedigt gefunden und Proselyten geworden sind. Geborne Katholiken werden von Jugend auf an ihre Kirche gewoͤhnt, Protestanten erscheint sie neu, wun¬ derbar, und der Contrast, der sie zum Übertritt ver¬ anlaßt, erweckt ihnen auch den Eifer, der alle Pro¬ selyten auszuzeichnen pflegt. Man hat vorzuͤglich bemerkt, daß die meisten jener poetischen Gemuͤther in Rom bekehrt werden, daß der Anblick dieser Stadt den Eindruck aus sie macht, der sie zu einem, wie man nicht laͤugnen kann, so gewagten Entschluß bringt. Dies beweist aber gerade, von welcher Seite sie den Katholicis¬ mus betrachten. Es ist nicht sowohl der Glaube, der hier und dort derselbe ist, sondern die schlechte Dorf¬ kirche, die sie hier kalt laͤßt, und das prachtvolle Rom, das sie dort mit den gewaltigen Eindruͤcken der Kunst bezaubert. An die poetischen Katholiken hat sich eine Schar armer Suͤnder angeschlossen, uͤber welche die Pro¬ testanten ein gewaltiges Geschrei erhoben haben. Es gibt naͤmlich viele sinnliche und verstandesschwache Menschen, die eben so stark zur Suͤnde hingetrieben werden, als sie sich vor dem dunkeln Verhaͤngniß fuͤrchten, das sie strafen soll. Solche fluͤchten, be¬ sonders im Alter, in den Schooß einer Kirche, die ihnen Vergebung aller Suͤnden unbedingt gewaͤhren kann, waͤhrend ihnen der Protestantismus die schwere Bedingung der Besserung auflegt. Nachdem sie alle physischen und geistigen Wolluͤste durchgenossen, su¬ chen sie jene alleinseligmachende Mutter auf und moͤch¬ ten gerne, von ihrer Liebe getragen, lebendig zum Himmel fahren. Doch gibt es auch wieder andre, die zwar ziemlich moralisch leben, aber eine ganz er¬ baͤrmliche Furcht vor dem alten Adam, vor der Erb¬ suͤnde und vor allen den Fehlern haben, die sie un¬ bewußt begehen, und die sie um die Seligkeit zu bringen drohen. Um also auf alle Faͤlle sicher zu seyn, ergeben sie sich in die Gnade des Apostels, der das Amt der Schluͤssel fuͤhrt. Nach dem Maaß ihrer Suͤnd¬ haftigkeit machen die erstern auch mehr, als die letz¬ tern von der Gnade Geraͤusch und uͤbertaͤuben sich selbst und andre mit ihren Versicherungen. So talent¬ voll aber auch einige dieser gefallenen Engel den Ka¬ tholicismus gepriesen haben, sie lassen doch immer einen Rest zuruͤck, der nicht aufgeht, ihr irdisch Theil von Selbstbetrug oder Schmutz, der dann mit dem Heiligen, das sie verfechten, in den auffallendsten Contrast tritt und mit Recht jeden ehrlichen Mann indignirt. Wenden wir uns zur protestantischen Lite¬ ratur, so kann uns nicht entgehn, daß sie ungleich der katholischen eine hoͤhere Bedeutung fuͤr die Con¬ fession und einen groͤßern Einfluß auf die Confessions¬ verwandten hat. Die Katholiken pflanzen ihr System durch einfache Tradition und aͤußere Zeichen fort, sie verlangen blinden Glauben und Gehorsam ohne alle Reflexion. Die Protestanten dagegen wollen uͤber¬ zeugen und uͤberzeugt seyn und verlangen eine stets erneute Pruͤfung des Systems. Darum sind das Wort und die Schrift die Fundamente, deren sie nicht ent¬ behren koͤnnen. Unterricht, Predigten und Buͤcher sind von der Lehre der Protestanten unzertrennlich. Dies verleiht natuͤrlich der protestantischen Literatur an Masse und Erudition ein unverhaͤltnißmaͤßiges Über¬ gewicht uͤber die katholische, setzt sie aber auch allem Verderben der Vielschreiberei aus. Wer wollte nicht erkennen, daß der gewaltige Umschwung des Denkvermoͤgens und der Sprache, der die Hoͤhe der literarischen Bildung, auf welcher wir jetzt glaͤnzen, herbeigefuͤhrt hat, unmittelbar an die Anfaͤnge des Protestantismus geknuͤpft ist. Wie jener titanenhafte Held, der die Blitze des Capitols in gewaltiger Hand aufgefangen, und auf die alten Goͤtter zuruͤckgeschleudert, zugleich des Wortes und der Schrift vor allem maͤchtig war, und in seiner deutschen Bibel den Felsen gegruͤndet, auf dem die neue Kirche sich erbaut, so hat der Geist, dessen Verkuͤnder er gesendet war, fort und fort mit der Freiheit des Denkens die Bildung desselben gepflegt, und von protestantischen Schulen und Universitaͤten ist zunaͤchst alle Erudition der Wissenschaft, Sprache und Literatur ausgegangen. Indeß hat dieser neue Geist auch in der prote¬ stantischen Kirche sich von den Banden der Autoritaͤt, die jeder Kirche den Haltpunkt gibt, nicht zu loͤsen gewußt, und unwillig uͤber die laͤstigen Fesseln, die Theologie ihrem Mechanismus uͤberlassen, und sich mit allen organischen Kraͤften auf die weltlichen Wis¬ senschaften und Kuͤnste geworfen. Unter dem aͤußern Schutz, den die protestantische Kirche gewaͤhrte, ge¬ wann die Philosophie, die Naturwissenschaft, Juris¬ prudenz, Geschichte, Philologie alle die Freiheit, ohne welche sie zu der hohen Ausbildung, worin wir jetzt sie finden, nie haͤtten gelangen koͤnnen, und so¬ mit ward die Theologie mittelbar eine Traͤgerin der schoͤnsten Bluͤthen der Cultur, unmittelbar selbst aber verbaute sie sich in ein System von Ruͤcksichten und Beschraͤnkungen, die sich ihr als Nothwendigkeit auf¬ draͤngten, und mitten im Negiren und Protestiren, mußte sie doch etwas Positives festhalten, und sie konnte das Princip der Autoritaͤt, Legitimitaͤt und Stabilitaͤt, wiewohl sie es am Katholicismus ver¬ worfen hatte, doch selber nicht entbehren, und nahm es nur unter ganz andern Formeln wieder auf. Wir unterscheiden eine doppelte Bedingung alles Positiven im Protestantismus, die Bibel und die sym¬ bolischen Buͤcher. Aller Geist, der diesen Bedingun¬ gen sich nicht fuͤgen kann, entweicht auf die weltliche Seite, in die Philosophie, und der in der Theologie zuruͤckbleibt, muß sich an eine absolute Autoritaͤt histo¬ rischer, in der Schrift niedergelegter Tradition bin¬ den. Hieraus hat sich ein doppeltes Verhaͤltniß ent¬ wickelt, das der religioͤsen Diplomatik, welche die gegebenen Urkunden interpretirt, und das einer ge¬ schlossenen Priesterschaft, welche die Urkunden und das Schema fuͤr deren Interpretation bewacht. Die protestantische Theologie bedarf eines rei¬ chen diplomatischen, philologischen, antiquarischen und historischen Apparats. Darum werden die Lehrlinge derselben weniger aus Leben und an das eigne Herz gewiesen, als an die Buͤcher, und das Studium nimmt sie von fruͤher Jugend auf in Anspruch. Die Lichtseite dieser philologischen Theologie bewaͤhrt sich in vielen glaͤnzenden Erscheinungen. An das Stu¬ dium der alten Sprachen, zum Dienst der Exegese, knuͤpft sich das Studium des ganzen Alterthums, und indem wir die Bildung der Griechen und Roͤmer uns aneignen und nach dem vergroͤßerten Maaß unsrer Mit¬ tel weiter entwickeln, entsteht eine unermeßliche Kette von Wirkungen, woran alles geknuͤpft ist, was die neue Literatur auszeichnet. Aber auch die Exegese selbst und die reiche Commentation der in der heili¬ gen Schrift enthaltenen Lehren bedingen eine solche Verfeinerung des Scharfsinns und eine solche Ver¬ vielfaͤltigung und Durcharbeitung von Begriffen, daß allein von dieser Seite fuͤr den menschlichen Geist ausnehmend viel gewonnen wird. Besonders wird, seit man vom Mystischen nichts mehr wissen will, seit man das Sinnliche verdammt und die Gefuͤhle nur wie Nebel betrachtet, die man durch die Sonne des Verstandes aufhellen muͤsse, in der logischen Abwaͤ¬ gung der Pflichten das Trefflichste geleistet, und wenn man annehmen darf, daß der groͤßere Theil der ge¬ bildeten Welt nicht mehr fuͤr innere Erregungen, son¬ dern nur fuͤr aͤußre mathematische Beweise empfaͤng¬ lich ist, so mag es ganz an der Zeit seyn, daß man ihr die Tugend beweißt . Als ein besondrer Vorzug unsrer protestantischen Literatur muß ferner hervor¬ gehoben werden, daß sie ungleich der katholischen ge¬ gen dissentirende Schriften tolerant ist, und statt des einzigen catalogi librorum probibitorum lieber die ganze Menge der abweichenden Buͤcher in ihren histo¬ rischen Apparat einregistrirt und sie der Vergessen¬ heit selbst dann entzieht, wenn sie keine Anhaͤnger mehr haben. Dieser Toleranz verdanken wir die Er¬ haltung vieler trefflicher Werke sowohl von Theoso¬ phen als von Freigeistern. Die Schattenseite der philologischen Theologie trifft auf gleiche Weise das Leben, wie die Literatur. Was so oft den in Kloͤstern erzogenen Priestern der Katholiken vorgeworfen worden ist, daß sie an me¬ chanische aͤußere Werke gewoͤhnt, ohne Kenntniß des Lebens und der Menschen, nicht wuͤrdig zur Sorge fuͤr die Seelen vorbereitet werden, kann man mit gleichem Recht auch auf viele protestantische Prediger anwenden, die in ihre Gemeinden treten und nur Buͤcher, nicht die Menschen kennen. In der Literatur aber wird ohnstreitig der uͤberwiegende Einfluß der Philologie und Diplomatik dem Glauben selber nach¬ theilig. Unter der erdruͤckenden Last von Citaten wird das Herz leicht beengt, die Critik macht kalt und die Schranken der Bibel wie der symbolischen Buͤcher bedingen einen Mechanismus der Formen, der mit stereotypischen Redensarten und todtem Buchstaben¬ kram den Geist oft eben so austreibt, wie ihn die aͤußre Werkthaͤtigkeit der Katholiken ausgetrieben. Daran knuͤpft sich auch unmittelbar der Kasten¬ geist, dessen Spuren die Literatur nicht abweisen kann. Die Protestanten kommen damit in eine aͤhnliche schwan¬ kende Stellung, wie die Katholiken mit ihren oben bezeichneten Aufklaͤrungsversuchen, weil sie etwas wol¬ len, was mit dem herrschenden System ihrer Lehre heterogen ist. Aus der groͤbsten Orthodoxie hat sich die Theologie allerdings seit dem vorigen Jahrhun¬ dert gluͤcklich befreit, und die boͤsen Zeiten sind vor¬ bei, da sich Lutheraner und Reformirte auf offenem Markt hinrichteten und in Schriften aͤrger als Tuͤr¬ ken und Papst verketzerten; doch erhitzen sich einige Geistliche immer noch am Studium der alten Kaͤmpfe zu neuer Scheelsucht. Am strengsten ist die Priester¬ schaft uͤberall gegen den aufkeimenden Pietismus ver¬ fahren, weil ein natuͤrlicher Instinkt sie lehrt, daß ihrem System von dort eine noch verborgne, darum desto groͤßer scheinende Gefahr droht. Den Laien ge¬ genuͤber haben die protestantischen Priester uͤbrigens im Allgemeinen dem humanen Sinn entsprochen, den Luther, der erste Buͤrger unter den Priestern, in sie gepflanzt. Sie haben wohl auch hin und wieder nach Hierarchie gestrebt, aber der weltliche Arm hat sie niedergehalten, und wenn man nicht zugeben will, daß sie dem Zeitgeist mit Überzeugung nachgegeben haben, so muß man doch wenigstens eingestehn, sie haben aus der Noth eine Tugend gemacht. Betrachten wir die positiven Doctrinen, die Re¬ sultate der theologischen Kritik, wie sie von den ersten Reformatoren festgestellt worden sind, doch mannig¬ faltigen Modificationen Raum gewaͤhrt haben, so lassen sich alle divergirenden Richtungen auf drei zu¬ ruͤckfuͤhren. Es gibt eine orthodoxe Partei, sowohl unter Reformirten, als Lutheranern, die sich streng an die symbolischen Buͤcher haͤlt, deren Glaube auf den Buchstaben gegruͤndet ist. Es gibt sodann eine kritische Partei, die in der Exegese die hoͤchste Frei¬ heit des Scharfsinns und der Urtheilskraft geltend macht, und allen Glauben auf den Begriff, auf die Logik gruͤndet, daher ihr ruͤstiger Vorkaͤmpfer, Paulus in Heidelberg, sie mit dem neuen, aber treffenden Namen der Denkglaubigen getauft. Eine dritte Par¬ tei endlich haͤlt sich rein an die Bibel, abgesehen so¬ wohl von den symbolischen Buͤchern, als von der Kritik, und ersetzt die Auslegung durch Gefuͤhle, die sie schon wieder auf eine mystische Weise durch das bloße Wort erregt fuͤhlt. Wo Phantasie und Sinn¬ lichkeit mit ins Spiel kommen, streift diese Partei nicht selten ins katholische Gebiet hinuͤber, wo nur vorherrschende Gemuͤthskraft, Sehnen nach Andacht, Liebe, Zerknirschung und Buße waltet, in den Pie¬ Deutsche Literatur. I . 6 tismus. Wir besitzen namhafte Theologen, denen von groben Orthodoxen und feinen Kritikern bald das Eine, bald das Andre vorgeworfen wird, ohne daß eine foͤrmliche aͤußere Abweichung Statt faͤnde. Waͤhrend der Protestantismus auf diese mannig¬ fache Weise positiv sich ausspricht, negirt er unun¬ terbrochen den Katholicismus und, wie der Kampf auch periodisch nachlaͤßt, er dauert mit seinem Ge¬ genstand fort. Der Protestantismus ist aus der Ne¬ gation entsprungen und traͤgt davon seinen Namen. Sein Wesen beruht zunaͤchst in dieser Negation, wie er auch wieder positiv sich gestalten mag, und die Negation ruht nicht, so lange der Katholicismus ihm gegenuͤber steht. Die Art und Weise der Negation ist aber so verschieden, als die der Position. Ur¬ spruͤnglich war es der Verstand, der sich aus den Banden der alten Kirche befreite, und er ist es noch, dessen scharfes Schwert von den Kritikern gegen Rom geschwungen wird. Die orthodoxe Partei hat dage¬ gen die Freiheit des Begriffs an das Wort abgege¬ ben und ficht mit Buchstaben. Die Pietisten endlich haben wie den Verstand, so das Wort aufgegeben und waffnen sich mit dem Gefuͤhl. Bei diesem großen Kampfe ist ein Umstand von vorzuͤglicher Wichtigkeit, der aber nur von den Kri¬ tikern und Pietisten gewuͤrdigt wird. Dem Katholi¬ cismus steht naͤmlich, sofern er der sinnlichen Rich¬ tung gefolgt ist, allerdings die verstaͤndige und ge¬ muͤthliche gegenuͤber; aber auch, sofern er das Prin¬ cip der Stabilitaͤt in sich aufgenommen hat, das Princip der Evolution. Der Erstarrung muß di e Be¬ wegung, dem Tode das Leben, dem unveraͤnderlichen Seyn ein ewiges Werden sich entgegensetzen. Hierin allein hat der Protestantismus seine große welthisto¬ rische Bedeutung gefunden. Er hat mit der jugendlichen Kraft, die nach hoͤhrer Entwicklung draͤngt, der grei¬ sen Erstarrung gewehrt. Er hat ein Naturgesetz zu dem seinigen gemacht und mit diesem allein kann er siegen. Diejenigen unter den Protestanten also, welche selbst wieder in eine andre Art von Starrsucht ver¬ fallen sind, die Orthodoxen, haben das eigentliche Interesse des Kampfs aufgegeben. Sie sind stehn ge¬ blieben, und duͤrfen von Rechts wegen sich nicht bekla¬ gen, daß die Katholiken auch stehn geblieben sind. Man kann nur durch ewigen Fortschritt, oder gar nicht gewinnen. Wo man stehn bleibt, ist ganz einer¬ lei, so einerlei, als wo die Uhr stehn bleibt. Sie ist da, damit sie geht. Die Orthodoxen haben gegen das Papstthum nur dieselben Seiten herauskehren koͤnnen, welche dieses gegen sie gerichtet hat. Dort sahen wir Stillstand und hier wieder, dort Infallibilitaͤt und hier, dort Fanatismus und hier, dort eine Priesterschaft und hier, dort viele Ceremonien und wenig Worte, hier viele Worte und wenig Ceremonien. Die Kritiker haben sich daher genoͤthigt gesehn, von Zeit zu Zeit die Fanatiker des Protestantismus so gut zu bekaͤm¬ pfen, wie die roͤmischen. 6 * Diese Kritiker auf der einen, die Pietisten auf der andern Seite sind wirklich fortgeschritten. Indem sie aber eben deßhalb immer, sey es Idee oder nur Begriff und Gefuͤhl von dem Einfluß historischer For¬ men unabhaͤngig zu machen gesucht, und die Religion gegen die Kirche, die freie Entwicklung des Glau¬ bens gegen die einmal als guͤltig anerkannten Nor¬ men desselben vertheidigt haben, sind sie in das son¬ derbare Verhaͤltniß gerathen, gleichsam außerhalb der Geschichte zu stehn, und die Religion, wie eine Phi¬ losophie, vom Leben der Gesellschaft zu trennen. Sie eifern gegen alle Äußerlichkeit der Kirche oder sehen mit Mitleid auf die Beduͤrfnisse der Schwachen herab, und ihr weitverbreiteter Einfluß hat die Kirche aus den Haͤnden einer unabhaͤngigen Hierarchie befreit, um sie unter weltliche Ministerien zu stellen, wie al¬ les, was oͤffentlich ist. Dieser precaͤre Zustand scheint unsrer Zeit vollkommen angemessen, indem er die Un¬ gebildeten doch noch einigermaßen mit Äußerlichkeiten befriedigt, den Gebildeten dagegen Freiheit laͤßt, zu glauben, was sie wollen. Er ist aber auch nur pre¬ caͤr, denn er dient nur der Entwicklung. Dieser muͤssen wir entgegeneilen und uns befriedigen, durch welche wunderbare Wege die Vorsehung den Glauben fuͤhren mag. Betrachten wir die Orthodoxie noch zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, so muͤssen wir die Ratio¬ nalisten und Pietisten segnen, die dem menschlichen Geist auch nach diesem schweren Drucke wieder Luft gemacht, und hat der Zustand der Protestanten seit¬ her auch zuweilen einem frechen Libertinismus und einer gehaͤssigen Sectirerei Raum gegeben, so hat die Freiheit, die er edlern Geistern vergoͤnnt hat, doch auch die schoͤnsten Fruͤchte getragen. Betrachten wir zuerst die Kritiker oder die Hel¬ den des Verstandes, unter denen ich nur den großen Namen Lessing nennen will, um sie charakteristisch genug zu bezeichnen. Sie sind die Engel, die mit dem scharfen blitzenden Flammenschwert der Denkkraft in das Paradies der Kirche gesendet sind, um die unwuͤrdigen Bewohner auszutreiben. Einer Masse ge¬ genuͤber, die in roher Sinnlichkeit, in dumpfem Ge¬ fuͤhl oder in blindem Autoritaͤtsglauben entartet ist, einer Geschichte gegenuͤber, die auf jedem aufgeschla¬ genen Blatte nur beweist, wie weit wir noch zuruͤck sind, welchen unendlichen Weg der Geist noch vor¬ aussieht, haben diese Maͤnner eine Arbeit uͤbernom¬ men, die des menschlichen Geistes eben so auf die hoͤchste Weise wuͤrdig ist, als er die schwerste Auf¬ gabe fuͤr denselben seyn muß. Die Sinnlichkeit und der ganze historische Einfluß, das Gemuͤth und alle angeborne Schwaͤchen der Menschen sind die Maͤchte, gegen deren Entartung und Verderbniß sie ankaͤm¬ pfen und der Verstand, das kleine Richtmaaß, ist das einzige Werkzeug, mit dem sie die Hoͤhen und Tiefen des alten Felsen bewaͤltigen wollen. Wenn die Art, wie die Denkkraft angewendet wird, auch selbst der Verderbniß unterworfen ist, so ist schon die bloße Freiheit ihrer Anwendung fuͤr das menschliche Geschlecht von unermeßlichem Vortheil, denn nur im Bilden reinigt sich die Kraft. Zu dieser Freiheit ge¬ hoͤrt unmittelbar die Mittheilung, die Öffentlichkeit, oder vielmehr sie besteht nur im oͤffentlichen Denken oder Reden, denn ein Gedanke an sich im Innern verschlossen, kann so wenig frei genannt werden, als es moͤglich ist, ihn zu unterdruͤcken. Daß nun jene Kritiker alle religioͤsen Gegenstaͤnde zur Sprache brin¬ gen, i t an sich ein unsterbliches Verdienst, wenn sie es auch noch nicht auf die vollkommenste Weise thaͤten. Sie behaupten das ewige Recht der Gedankenmitthei¬ lung und machen dieses allgemeine Recht zu ihrer Pflicht, und huͤten als sehr ehrenwerthe Waͤchter den einzigen Weg, auf dem die Meinungen sich austau¬ schen, die Überzeugungen sich laͤutern koͤnnen. Sie zeigen jeden offenen Frevel, der sich hinter den Schild der Religion fluͤchten will, achtsam an, und ziehen die verborgenen an das Licht. Sie zwingen den Geg¬ ner Rede zu stehn und strafen die Dummheit, die ohne Beruf herrschen will, und die Arglist, die eine schlechte Sache verheimlicht, um sie nicht vertheidi¬ gen zu muͤssen. Wer erkennt nicht den Segen reli¬ gioͤser Mittheilung, gegenuͤber jener asiatischen Ab¬ geschlossenheit, da kein Volk weiß, was uͤber den Bergen geglaubt wird. Es liegt etwas schlechterdings Nothwendiges in dieser Pruͤfung des Verstandes. Jeder Mensch findet in sich den Verstand als ein intellectuelles Gewissen und er vermag die Stimme desselben durch Taͤuschun¬ gen des Sinnes oder Gefuͤhls zwar lange, doch nicht fuͤr immer zu uͤbertaͤuben. Dies Gewissen regt sich aber auch im Ganzen des Voͤlkerlebens und vernich¬ tet in jenen Taͤuschungen die Wurzeln des Unrechts und des Elends. Es ist die reine Mathematik und Logik des Verstandes, die uns verliehen ist, um die Harmonie aller in uns liegenden Kraͤfte zu erkennen und zu bewahren. Sie kann die bluͤhende Sinnlich¬ keit nicht hinwegdenken, aber sie maͤßigt das Über¬ wallen der sinnlichen Kraft; sie kann das tiefe Ge¬ fuͤhl nicht aus den Herzen kluͤgeln, aber sie fuͤhrt die wahnsinnige Leidenschaft in die Graͤnzen der gesunden Natur zuruͤck. Wenn daher die Sinnlichkeit uns zu seelenlosem Goͤtzendienst verfuͤhrt, das Gefuͤhl ertoͤdtet und den Verstand gefangen nimmt, wenn das uͤber¬ spannte Gefuͤhl den Leib abtoͤdtet und den Verstand in stumpfsinnigem Hinbruͤten ersticken will, so wird eben dieser Verstand das gestoͤrte Gleichgewicht er¬ kennen und durch die Erkenntniß wieder herstellen. Dennoch kann der Verstand selbst in eine ganz aͤhn¬ liche Tyrannei entarten, sofern er ausschließlich herr¬ schen will, und dieses Extrem tritt in der Regel ein, sobald der Verstand siegreich ein Extrem der Sinn¬ lichkeit oder der Leidenschaft uͤberwunden hat. Der Verstand, der uͤber die naͤchtliche Welt, darin sinn¬ liche Triebe und monstroͤse Leidenschaften durcheinan¬ der wuͤhlen, ein uͤberraschendes Licht verbreitet, woran das Ungeheure sich verzehrt, wie Traumbilder, wenn das Auge den Tag sieht, wird eben so bald zur fres¬ senden Feuersflamme und will nichts dulden als sich. Kaum hat er den Goͤtzen entlarvt und gestuͤrzt, so bannt er das schoͤne Geheimniß des Goͤttlichen ganz aus der sinnlichen Natur, kaum hat er die Raserei der Leidenschaften bewaͤltigt, so laͤugnet er die Of¬ fenbarungen des Herzens. Kaum hat er die Aristo¬ kratie der Priesterkaste besiegt, so errichtet er selbst wieder den Wohlfahrtsausschuß, der jeden fuͤr kopflos erklaͤrt, der Gott nicht blos im Kopfe hat. Zuletzt, und dies ist die Krisis seines Fanatismus, constituirt die Denkkraft sich als das Absolute, allem Seyn zu Grunde Liegende, und dekretirt von ihrem Ich herab das Daseyn Gottes, oder der Vernunft, oder wie ihr das Ding nennen wollt. An der Hand der Phi¬ losophie haben deutsche Theologen alle Stadien die¬ ses Verstandesfiebers eben so consequent und gleich¬ zeitig, nur mehr versteckt, durchgemacht, wie die Po¬ litiker praktisch und oͤffentlich in der franzoͤsischen Revolution. Man gab das todte Wort wieder auf, um ein lebendiges Denken an seine Stelle treten zu lassen, aber auch dieser Fortschritt geschah noch in der ein¬ seitigen Richtung, welche die Reformation vorgezeich¬ net hatte, ja er hat zum Extrem der Lehre gefuͤhrt. Erst mit der Alleinherrschaft des Begriffs uͤber das Wort, selbst das heilige, erreichte jene Lehre den Culminationspunkt, die bestimmt schien, den Sinnen¬ glauben zu zerstoͤren, und den Gefuͤhlsglauben her¬ vorzurufen. Man ließ einseitig nur das Denken Got¬ tes gelten und verschmaͤhte jede Vorstellung, jedes Gefuͤhl des Goͤttlichen als Taͤuschung, ja das Wort selbst wurde mit Recht nur als ein Bild betrachtet, das an sich nichts und etwas nur durch den lebendi¬ gen Begriff sey, und das den freien Begriff nie fes¬ seln duͤrfe. Die Unterordnung des Wortes unter den Begriff war ohnstreitig ein großer Fortschritt, aber die Ausschließlichkeit eines Denkglaubens, die Ver¬ werfung der Vorstellung und des Gefuͤhls war nur wieder die alte Einseitigkeit. Man verkannte die Na¬ tur des Denkens und schrieb der mittelbaren Erkennt¬ niß durch Schluͤsse zu, was nur einer unmittelbaren Erkenntniß der gesammten sinnlichen und geistigen Organisation des Menschen, einem Gemeingefuͤhl des Goͤttlichen zukommt. Glauben war nur noch mathe¬ matische Überzeugung. Man glaubte nur, was man beweisen konnte, wie das Ein mal Eins, und da man den Glauben aus dem Beweise ableiten wollte, der selbst nur aus dem Glauben gefuͤhrt werden konnte, so mußte man in die seltsamsten Widerspruͤche und Trugschluͤsse gerathen. Wenn nichts so segens¬ reich gewirkt hat, als die verstaͤndige Erkenntniß des fruͤhern kirchlichen Verderbens, wenn auch das Den¬ ken Gottes, die Reflexion uͤber die ewige Harmonie der Dinge der wahren Andacht niemals fehlen sollte, wenn auch gerade sie es ist, die uns die Bilder und Gefuͤhle von Gott nicht vertilgt, aber reinigt, so ist doch auch kaum ein roher Goͤtzendienst, kaum ein dumpfes Andachtsgefuͤhl, kaum ein sklavisches Werte¬ beten so plump und arm gewesen, als jene logischen Beweise von den Eigenschaften Gottes, die das hoͤchste Wesen zu analysiren streben, wie der Mineralog ein Fossil, und deren letzter Satz: ich glaube, weil ich denke! doch nie eines ersten: ich denke, weil ich glaube! entbehren konnte. Den Beweisen sind sehr natuͤrlich die Zweifel ge¬ folgt. Anfangs suchte man die Zweifel auf, um die Beweise glaͤnzender zu machen, nachher kamen sie von selbst und der Verstand, ohne welchen es keinen Glauben mehr geben sollte, verachtete bald die Ma¬ jestaͤt desselben, wie der Praͤtorianer den Kaiser, der Seldschuk den Califen. Jede Zeit fuͤhlt sich und hat eine gewisse Eifer¬ sucht gegen das Alterthum, wenn man diesem hoͤhere Kraͤfte zutraut. Jede Zeit hat aber auch ein natuͤr¬ liches Gefuͤhl von der Macht, die sie beherrscht, und unterscheidet dabei sehr richtig Wirklichkeit und Schein. Deßwegen moͤgen es die Starken nicht leiden, daß man sich vor den Bildern des Alterthums so erbaͤrm¬ lich demuͤthigt, und die Klugen sagen, man muß die Wunder sehn, wenn man sie glauben soll. So hat man laͤngst die Bilder, die das Volk fuͤr wunderthaͤ¬ tig hielt, als wurmstichiges Holz hinweggebrochen und sich endlich auch an die Tradition der alten Wunder gewagt. Was man nicht als offenbare Luͤge zu beseitigen vermochte, hat man durch so genannte natuͤrliche Erklaͤrung des Wunderbaren zu entkleiden gesucht. Es gab sogar eine « natuͤrliche Geschichte des großen Propheten,» darin Christus als ein ganz ar¬ tiger Romanheld erscheint, zu geschweigen der Ab¬ scheulichkeiten, die vorzuͤglich im letzten Jahrhundert die christliche Tradition nicht erklaͤren, nicht wider¬ legen, sondern nur beschmutzen sollten. Sie sind jetzt meist vergessen, weil der Atheismus im Indifferen¬ tismus wie Feuer im Rauch aufgegangen ist. Es gibt eine ansehnliche Classe von Protestan¬ ten, die namentlich seit Voltaire von jeder Art Frei¬ geisterei versucht worden sind, und die ihre Zweifel weder zu beseitigen, noch ihr Beduͤrfniß nach dem Glauben zu unterdruͤcken wissen, die sich daher in großer Angst befinden, sich bestaͤndig zur andaͤchtigen Erbauung zwingen, und doch immer dabei von einem schadenfrohen Teufel gestoͤrt werden. Dieses unbe¬ hagliche Gefuͤhl, diese Unruhe treibt sie in den Ka¬ tholicismus und in den Pietismus. Bei weitem die groͤßre Menge ist aber gleichguͤltig, laͤßt Zweifel und Beweise auf sich herunterregnen, und scheint in ihrer Geistlosigkeit so gut, als ob sie geistreich waͤre, zu wissen, daß es nur Worte sind. Die Heiden im Christenthum, oder die alle histo¬ rische Tradition desselben sammt der Bibel verachten, und die man desfalls, sonderbar genug, Atheisten genannt hat, als ob sie nicht so gut, als die Chri¬ sten, einen Gott glaubten, diese raͤudigen Schafe fin¬ den sich in den verschiednen Heerden zerstreut und stecken die glaͤubigen Seelen nicht selten mit Zwei¬ feln und Spott an. Alles Historische der Kirche, Tradition und Priester, sind ihnen auf's bitterste ver¬ haßt, und da die Tradition Worte enthaͤlt, und die Priester Menschen sind, so geben sie auch den Zwei¬ feln Bloͤßen genug. Jede geoffenbarte Religion ist denselben zuwider, erscheint ihnen als Menschentrug und Luͤge, und sie machen zwischen Katholiken und Protestanten eigentlich keinen Unterschied, weil beide Tradition und Priester anerkennen. Es ist aber sehr merkwuͤrdig, daß in ihrer Freigeisterei, die so sehr uͤber den Gebrechen der Kirche erhaben scheint, doch dieselben Keime zu innrer Entzweiung und zur Hier¬ archie liegen. Die einen wollen eine Naturreligion, die andern die Vernunftreligion, und die Materiali¬ sten haben deßfalls ein katholisches, die Rationalisten ein protestantisches Princip, und beide suchen sich die ent¬ sprechenden Kirchen zu gruͤnden, wenn sie maͤchtig genug werden, beide haben zur Zeit der franzoͤsischen Revo¬ lution ihre Tempel aufgeschlagen, und die Priester der Natur sind mit denen der Vernunft in einen Kampf gerathen, der uns, wenn die Farce laͤnger gedauert haͤtte, gewiß das ganze alte Weltspectakel wiederholt haben wuͤrde. Da im Protestantismus so viel untersucht, be¬ sprochen und gelehrt werden muß, so faͤllt seine Lite¬ ratur unausbleiblich in das Extrem des Wortma¬ chens und der Vielschreiberei. Die Mehrzahl der an Geist minder begabten erschoͤpft und wiederholt sich nothwendig in den gebotenen und angenommenen For¬ meln, und die Buͤcher werden wie die Predigten seicht und weitlaͤuftig. Da der Zweck der Aufklaͤ¬ rung auch eine populaͤre Sprache bedingt, so darf man sich uͤber die ungeheure Menge von Erbauungs¬ schriften fuͤr alle Staͤnde, Geschlechter und Alter zwar nicht wundern, leider aber entspricht die Ausfuͤhrung nur selten dem Zweck. Das Heilige wird in dieser populaͤren Darstellung nur zu oft trivialisirt, und der kraͤftige Wein der Wahrheit so unter Wasser ge¬ setzt, daß er widerstehn muß. Vom Einfluß geistlo¬ ser Umgebungen, einer entnervten Gesellschaft, einer beschraͤnkten Bildung ergriffen, plaudern viele Geist¬ liche in ihren Erbauungsbuͤchern fuͤr Damen von den hoͤchsten religioͤsen Ideen ganz so albern und kraft¬ los, wie von belletristischen- und Modegegenstaͤnden. Die große Verbreitung religioͤser Schriften im Volke bringt sodann Vortheile mit sich, die den allezeit fer¬ tigen Buͤchermachern in die Augen stechen, und Deutsch¬ land wird von einer Menge von Werken uͤberschwemmt, die einzig dem oͤkonomischen Zweck huldigend, statt die Gemuͤther zur Religion zu erheben, vielmehr diese in den trivialen Kreis der Alltagsconversation hin¬ abziehen, und jeder Anstrengung des Denkens, jeder uͤbermaͤßigen Wallung des Herzens vorbeugen. Von dieser Art haben vorzugsweise die Stunden der Andacht von Zschokke , einem der beruͤhmtesten Allerweltsbuͤchermacher, neuerdings Epoche gemacht. Welch ein Buch! wie wahr nennt es der Verleger ein laͤngst gefuͤhltes Beduͤrfniß, nicht nur das seinige! Wie schleicht dieß matte, suͤßliche Gift einschlaͤfernd in die Seelen und schmilzt Herzen und Nieren in einen weichen Brei. Eine gleißnerische Sprache fließt wie Honig von den Lippen; der Priester legt den Stolz, den ersten Chorrock, ab und wird der liebe, freundliche Hausfreund, und druͤckt so warm die Hand; die eiserne Moral schmiegt sich biegsam wie ein Blankscheit an zarte Busen; die Andacht wird zum schwarzen Trauergewand, das so reizend den Teint hebt; die Begeisterung wird als Roth aufgelegt. Wie brauchbar scheint euch diese Schminke, diese elende Flachmalerei einer verschmitzten Tugend und koketten Gottesfurcht, die es sagt, wie viel sie heimlich Gu¬ tes thut, und nicht aufs Knie faͤllt, ohne den Rock in die nettesten Falten zu legen. Wie hoͤflich ist Re¬ ligion, die alte Zuchtmeisterin, geworden, wie artig und ohne sich zu compromittiren, kann man jetzt das eckige, strenge, gothische Wesen verbannen und zu der kleinen wohlfeilen Hauskapelle fluͤchten; wie zeit¬ gemaͤß, welch ein laͤngst gefuͤhltes Beduͤrfniß des ge¬ bildeten Jahrhunderts ist ein Buch, das fuͤr uns be¬ tet, fuͤr uns gute Vorsaͤtze hat, fuͤr uns empfindet, und das wir blos zu lesen brauchen. Wird in die¬ ser Weise fortgefahren, so scheint der Zeitpunkt nicht mehr fern, da das wahrhaft religioͤse Leben, die fromme Andacht, die Begeisterung der Liebe, Ehre und Gerechtigkeit, der Sporn zur That aus dem Ge¬ ruͤst leerer, glatter Worte eben so entweichen, wie sie dereinst den todten aͤußern Werken des Katholi¬ cismus abhanden gekommen. Worte sind keine bes¬ sern Traͤger des Geistes, als aͤußre symbolische Hand¬ lungen. Ein System von gelaͤufigen und schmiegsa¬ men Begriffen kann eben so das wahre religioͤse Le¬ ben heucheln, als jenes erstarrte System der aͤußern Werkthaͤtigkeit. Die Reue, die guten Vorsaͤtze koͤn¬ nen im Schwall der religioͤsen Lektuͤre so gut ersti¬ cken, als im Prunk der Opfer und Kirchenbußen. Man glaubt eben so leicht, gethan zu haben, was man blos gelesen, als man sich mit dem Abbeten ei¬ nes Rosenkranzes befriedigt. Die Tugend selbst wird zu einer bloßen Reflexion uͤber Tugend, ja die Ver¬ nunft, von der so viel geredet wird, ist nur das leere Wort, und die meisten jener Maͤkler, Krittler, Fin¬ gerzeiggeber, Hausfreunde, Warner und Raisonneurs bringen nur eine traurige Abstumpfung oder Sophi¬ sterei gegen das Heilige hervor, die im Munde des gemeinen Volks zur Brutalitaͤt wird. Die niedern Staͤnde, immer die Affen der hoͤ¬ hern, ziehen jetzt die abgetragenen Kleider derselben an, und viele sehen wir mit einer Aufklaͤrung sich bruͤsten, die von den traurigsten Symptomen begleitet ist. Das Volk findet in einer kuͤhnen Verlaͤugnung des Heiligen eine neue Art von Absolution und suͤn¬ digt leichter. Sein Unglaube ist roher, wie es sein Glaube gewesen. Schon nimmt es mancher Bauer fuͤr eine Beleidigung auf, wenn man ihm noch den frommen Glauben der Vaͤter zutraut. Herr, hat mir schon mancher gesagt, haͤlt Er mich fuͤr so dumm? Auf der andern Seite aber tritt das Volk, von dem¬ selben Unglauben geaͤngstigt, desto leichter zum Pie¬ tismus uͤber. Da indeß das deutsche Volk ein ziemliches Phlegma auszeichnet, und sein Familienleben es uͤber Theo¬ logie, Politik, Wissenschaft und Kunst leicht troͤstet, so ist es bei dem unermeßlichen Widerstreit der re¬ ligioͤsen Ansichten einerseits, und bei dem leeren Wor¬ temachen andrerseits in einen Indifferentismus verfallen, der nichts aͤhnliches hat, als etwa die reli¬ gioͤse Gleichguͤltigkeit in der letzten Zeit des roͤmi¬ schen Heidenthums. Dieser Indifferentismus zeigt sich insbesondere bei den Protestanten. Einige eifern, einige denken, die meisten sind gleichguͤltig, hoͤren ihre Predigt, wie es Sitte ist, und lassen uͤbrigens Gott einen guten Mann seyn. Schon dieß Sprich¬ wort zeigt von der Stimmung des Volkes. Wer ein tieferes religioͤses Beduͤrfniß hat, wird Katholik oder Pietist. Die Katholiken sind durch ihren Glauben und durch die Äußerlichkeit desselben zu sehr befriedigt oder wenigstens in Anspruch genommen, als daß sie indifferent seyn koͤnnten, doch hat sich die Gleichguͤl¬ tigkeit auch bei ihnen eingeschlichen, sofern es sehr viele unter ihnen gibt, die von protestantischer Bil¬ dung ergriffen, das Band, das sie bindet, abgewor¬ feu haben, und aus Bequemlichkeit kein neues knuͤpfen wollen. Sogar unter den Herrnhutern gibt es manche, die nur noch die Gewohnheit der Vaͤter mitmachen, ohne dafuͤr mit Überzeugung leben und sterben zu wollen, und nur die neuen pietistischen Sektirer, nur solche Menschen, die sich der Verfolgung aussetzen, sind wahrhaft eifrig. Zum Indifferentismus unter den Protestanten scheinen vorzuͤglich auch zwei Umstaͤnde beizutragen, denen man zu wenig Aufmerksamkeit schenkt. Einmal haͤngt im protestantischen Gottesdienst alles von der Person des jeweiligen Geistlichen ab. Fuͤr den Ka¬ tholiken sind alle seine Kirchen gleich, und er ver¬ richtet darin seine Andacht auch ohne den Geistlichen, oder es ist wenig Unterschied, welcher Geistliche dabei thaͤtig ist. Darum herrscht auch, wenn ich so sagen darf, ein ungestoͤrter Gleichmuth der Andacht uͤberall unter den Katholiken. Bei den Protestanten aber kommt alles auf die Persoͤnlichkeit des Predi¬ gers an; nur seinetwegen und nur, wenn er da ist, kommt man in die Kirche, nur auf ihn sieht man, nur mit ihm beschaͤftigt man sich, weil sonst nichts in der protestantischen Kirche die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Absichtlich wird Sinn und Geist der An¬ wesenden von allem andern ab und auf den Prediger hingelenkt. Dieser hat es nun in seiner Gewalt, die Andacht und den religioͤsen Sinn zu erheben oder herabzustimmen. Ist er selber fromm, begeistert und besitzt er ein großes Talent der Beredsamkeit, so wird er vielleicht eine weit groͤßere Wirkung hervor¬ zubringen wissen, als ein katholischer Priester, der in seiner Kirche mehr Sache als Person ist, es zu thun vermag. Ist der Prediger aber ohne wahre Froͤmmigkeit, ohne Gaben und Talente, von der schlaͤfrigen Gattung der Gewohnheitsmenschen, oder gar ein eitles Weltkind im Priesterrock, so wird er auch den religioͤsen Sinn sicher weit weniger zu naͤh¬ ren wissen, als es ein katholischer Priester vermag, den so vieles andere unterstuͤtzt. Der protestantische Pfarrer macht alles oder nichts aus seiner Gemeinde; er allein kann die Kirche zum liebsten Aufeuthalts¬ ort der Gemeinde machen, er allein sie aber auch allen verleiden. Es gibt nun leider sehr viele unbe¬ gabte Prediger, ohne alle hoͤhere Weihe. Diese sind es, welche die Gebildeten aus den Kirchen verscheu¬ chen und nur die Heerde der Geistesarmen noch darin festhalten, aber ihre Andacht zu einem werthlosen Werk sonntaͤglicher Gewohnheit herabwuͤrdigen, die nicht besser ist, als die Kirchenscheu der andern. Bei¬ des wird Indifferentismus. Die Einen lassen sich die schlechte, waͤsserigte Predigt gefallen, weil es einmal Mode ist, im Sonntagsputz den Kirchenstuhl zu druͤcken. Die Andern werden kuͤhl gegen die Re¬ ligion, weil sie unmoͤglich so elende Predigten anhoͤ¬ ren koͤnnen. — Der zweite Umstand, der den In¬ differentismus befoͤrdert, ist der katechetische Unter¬ richt. Der ehrliche alte Meister sagt in seiner klei¬ nen Schrift uͤber die Einbildungskraft sehr richtig: «Der Cornelius Nepos und der Katechismus sind uns, blos weil wir sie einmal unter der Ruthe gele¬ sen, Zeitlebens zum Eckel.» Er druͤckt sich vielleicht etwas zu stark aus, aber in der Hauptsache ist die Bemerkung sehr treffend und wahr. Eine große Menge Menschen kann die Unterrichtsbuͤcher, die ih¬ nen in der Schule so viele Thraͤnen und lange Weile gekostet, auch im Alter und selbst bei der Überzeu¬ gung, daß sie ihr nothwendig gewesen seyen, nicht ohne einen geheimen Widerwillen ansehn. Dieses Spiel der Phantasie, das mit den heiligsten und werthvollsten Gegenstaͤnden die Nebenbegriffe des Zucht¬ meisters mit der Ruthe verbinden muß, hat den In¬ differentismus mehr als man denken sollte, befoͤrdert. Das handwerksmaͤßige, ja zuchtmaͤßige Abrichten in der unreifen Jugend ertoͤdtet oft den Sinn, den es wecken und bilden will. Man hat in den neuesten Zeiten das Schaͤdliche, und den Katholiken gegenuͤber besonders auch das Schimpfliche des Indifferentismus bei den Protestan¬ ten wohl gefuͤhlt und es sich angelegen seyn lassen, demselben aus allen Kraͤften entgegen zu arbeiten. Demnach ist die religioͤse Controverse nicht nur frei¬ gelassen, sondern sogar beguͤnstigt worden, und die¬ selbe Censur, die in politischen Dingen wie ein Ar¬ gus wacht, hat alle ihre hundert Augen fuͤr die reli¬ gioͤsen zugeschlossen. Da indeß der Eifer der religioͤ¬ sen Doctrinairs die indifferente Masse des Publi¬ kums nicht zu erhitzen vermocht hat, da die innern Reizmittel nichts verschlagen haben, so ist man zu aͤußern uͤbergegangen, und hat das verhallende Wort durch consistentere Werke zu stuͤtzen gesucht. Diese neuen aͤußeren Werke sind theils die Union zwischen den getrennten protestantischen Confessionen, theils die Herstellung der bischoͤflichen Kirche, theils die Einfuͤhrung einer neuen Liturgie, saͤmmtlich Mittel fuͤr eine festere aͤußere Consistirung des Protestantismus, durch welche wieder die innere Seele desselben er¬ frischt und belebt werden soll, wie auch in physischen Krankheiten durch aͤußere mechanische Staͤrkungen innere Erschlaffung gehoben wird. Man will die Muskeln des corpus Evangelicorum staͤrken, und hofft dadurch, auch die uͤberreizten und dadurch abgestumpf¬ ten Nerven wieder in eine gesunde Verfassung zu setzen. So fern diese Neuerungen aus wahrhaft from¬ mer Überzeugung und religioͤsem Eifer hervorgegan¬ gen sind, sofern sie dem schaͤdlichsten aller Religions¬ uͤbel, der religioͤsen Gleichguͤltigkeit, sey es auch auf was immer fuͤr eine blos aͤußere mechanische Weise, entgegen arbeiten, muͤssen sie ihrem Ursprung, ihrer Absicht nach geschaͤtzt werden; und daher schreiben sich auch die zahllosen lobenden und preisenden Flug¬ schriften und Predigten zu Gunsten derselben. Die Literatur der letzten Jahre hat uns aber auch eine große Menge Schriften gegen diese Neuerungen dar¬ geboten, und diese Gegner haben nicht Unrecht, so¬ fern sie das Unnuͤtze oder gar Schaͤndliche der Mit¬ tel ruͤgen, wodurch diese Neuerungen eingefuͤhrt wer¬ den sollen. Abgesehn davon, was Parteigeist, zum Theil persoͤnliches Interesse, gegen die Neuerungen vorgebracht hat, lassen sich dagegen hauptsaͤchlich drei Einwendungen machen, und sind gemacht worden. Zuerst gilt, daß jede Neuerung in religioͤsen Dingen die Achtung vor dem Alten vernichtet oder schmaͤlert. Das ehrwuͤrdige Alter der protestanti¬ schen Einrichtungen ist fuͤr die Masse des Volks ge¬ wiß noch der staͤrkste Damm gegen den Indifferen¬ tismus. Reißt man diesen vollends auf eine authen¬ tische und legitime Weise um, so duͤrfte weder etwas vernuͤnftiges, noch etwas glaͤnzendes Neues die alte geheiligte Ehrfurcht ersetzen, und es duͤrfte die um¬ gekehrte Wirkung erfolgen. Man duͤrfte gegen das Neue noch gleichguͤltiger werden, weil man weniger hergebrachten Respekt davor hat. Die vorgeschlage¬ nen Neuerungen gehoͤren nicht zu denen, die wie das Christenthum selbst in seiner ersten Erscheinung, oder wie spaͤter, der Muhamedanismus und so auch der Protestantismus die Zeitgenossen aufregten und ge¬ gen alle aͤußern Befehle zur freien Selbstthaͤ¬ tigkeit begeisterten. Es sind vielmehr Neuerungen, die auf einen aͤußern Befehl gegen die freie Selbst¬ thaͤtigkeit gerichtet sind. Ihre Staͤrke liegt in einem aͤußren Zwange, nicht in einer innern Begeisterung. Sie sind daher auch bei weitem lauer, schwaͤcher, ohnmaͤchtiger, als jene natuͤrlichen Neuerungen, und zugleich auch schwaͤcher, als die alten Gewohnheiten, die sie umstuͤrzen wollen. Am staͤrksten wirkt das Neue nur, wenn es lebendige Überzeugung, eigner freier Wille, nichts Gebotenes, Aufgedraͤngtes ist. Soll dem Menschen aber einmal in religioͤsen Din¬ gen etwas geboten und aufgedraͤngt werden, so wird gewiß das Alte, was schon seiner Vaͤter Vaͤter ge¬ wohnt waren, maͤchtiger auf ihn wirken, als jedes Neue. Zweitens gilt, daß alle befohlenen und kuͤnstli¬ chen Vereinigungen die freiwilligen und natuͤrlichen Trennungen befoͤrdern. Die Geschichte liefert auf jeder Seite den Beweis. Je strenger die bischoͤfliche Kirche der Englaͤnder auf Einheit drang, desto zahl¬ reicher nahmen die Nonconformisten uͤberhand. Und sehn wir nur uns selbst an. Vor dem Unionsvor¬ schlag lebten Lutheraner und Calvinisten in der fried¬ lichsten Eintracht bis zum gaͤnzlichen Vergessen ihres fruͤheren Zankes. Kaum will man sie vollends aͤußer¬ lich vereinigen, so wird ihnen ploͤtzlich bange, sie sehn sich einander verdaͤchtig an, sie ruͤhren die alten Schaͤden wieder auf, und nur die allerindifferentesten gelingt es, zu vereinigen, jene Heerde der Lauen oder Pfiffigen, die sich alles gefallen lassen aus Traͤgheit, oder um eines zufaͤlligen Vortheils willen. Was ein Mittel gegen den Indifferentismus werden sollte, wird der Triumph desselben, und die man vereinigen wollte, trennt man desto entschiedner. Man taͤuscht sich gewoͤhnlich uͤber die Leichtigkeit der Vereinigung, indem man die Staͤrke des Unterschiedes nicht gehoͤ¬ rig berechnet. Wie schon oben geruͤgt worden, hat sich in religioͤsen Dingen das Vorurtheil eingeschli¬ chen, als hinge alle Trennung und Vereinigung von Worten ab, als beruhe uͤberhaupt alle Religion auf Satzungen. Dieses Vorurtheil hat fast alle Menschen total verblendet, waͤhrend sie doch ein ganz entge¬ gengesetzter Erfolg bestaͤndig in die Augen schlaͤgt. So hat man den Katholicismus zu stuͤrzen ge¬ glaubt, indem man seinen todten Schatten in Sa¬ tzungen und Worten angegriffen. So glaubt man auch, der Unterschied zwischen Lutheranern und Re¬ formirten bestehe nur in ein paar Satzungen, und sey verschwunden, so bald man diese aͤndre. Aber dergleichen Satzungen sind immer nur ein Schibo¬ leth, oft ein ganz zufaͤlliges, von Parteien, die auf etwas ganz anderes, als auf Worte und Buchstaben, die auf den urspruͤnglichen Unterschied in der Natur der Geister gegruͤndet sind. Die Reformirten unter¬ scheiden sich nur aͤußerlich durch das leicht zu aͤn¬ dernde Schiboleth, innerlich aber durch die unver¬ aͤnderliche Tendenz zum Denkglauben, zum Kriticis¬ mus, zur eigenen Überzeugung durch eigenes For¬ schen, mithin auch zur Nonconformitaͤt und bestaͤndi¬ gen Kirchentrennung. Verstaͤnden die theologischen Diplomaten, die das Arrondirungssystem auch ins un¬ sichtbare Geisterreich hinuͤbertragen wollen, die Sprache der Geister, so wuͤrden sie sogleich entdecken, daß es eine contradictio in adjecto sey, die Reformirten mit den Lutheranern, oder in hoͤherem Sinn die Denk¬ glaͤubigen mit den Wortglaͤubigen vereinigen zu wol¬ len. Man muß nicht sowohl auf die Namen, als auf die Sache sehn. Es hat Denk- und Wortglaͤu¬ bige unter beiden Parteien gegeben, doch ist immer nur der ein aͤchter Lutheraner zu nennen, der auf den Buchstaben der Bibel schwoͤrt, und ein aͤchter Reformirter, der nur das glaubt, was er durch eigne Überzeugung gewonnen hat. Darum sind aus der reformirten Kirche so unzaͤhlige neue Secten hervor¬ gegangen, und der Idee nach bildet in ihr jeder Mensch seine eigne; waͤhrend die lutherische Kirche einig und sich treu geblieben ist. Drittens hat man bei dem Unionsversuch nicht gehoͤrig betrachtet, daß aller aͤußere Kirchenzwang die innere Kraft der Andersdenkenden und Sectirer verstaͤrkt nach Gesetzen des Hebels. Nichts koͤnnte wohl so geeignet seyn, die Stillen im Lande endlich zu Lauten im Lande zu verwandeln, als die unpro¬ testantischen Mittel, womit man sie aus protestanti¬ schem Eifer in die Uniformitaͤt der Kirche zwingen will. Jene Uniformitaͤt, jene aͤußere Werkthaͤtigkeit, die den Indifferentisten sehr unbedeutend erscheint, ist den Pietisten eine Suͤnde wider den heiligen Geist, und indem man sie dazu zwingt, und ihnen auf der andern Seite ihre Privatandacht verbietet und mit polizeilicher Brutalitaͤt stoͤrt, so macht man sie nur zu Maͤrtyrern, und befoͤrdert ihre Sache. Der Ge¬ setzgeber ignorirt die pietistische Ansicht, er geht nur von seiner eignen aus; aber ist es wohl weise? Er darf sie vielleicht ignoriren, wenn er sie nur duldet, aber eine Sache zu verdammen, ohne sie zu hoͤren, hat fruͤher oder spaͤter immer nur den Richter selbst bestraft. Wer spricht indeß von Zwang? Nur wenige wagen auf einen «politischen Nachdruck» bei Einfuͤh¬ rung der Union und neuen Liturgie zu dringen. Nur die verwerflichen Schergen eines politischen Absolu¬ tismus erfrechen sich, auch unbedingt auf den reli¬ gioͤsen zu dringen, und den Grundsatz cujus regio , ejus religio neuerdings wieder geltend zu machen, wie ein gewisser Baltzer in Stettin gethan hat. Die Ver¬ nuͤnftigen fuͤhlen, daß die Zeit solcher Grundsaͤtze voruͤber sey, daß nur die freie Entschließung der Glaͤubigen jenes neue Kirchenthum begruͤnden und befestigen koͤnne. Aber sie rechnen auf eine douce violence von der einen, auf eine douce resistance von der andern Seite. Sie hoffen, daß der gute Wille und die nachgiebige Vor- und Ruͤcksichtlichkeit, die seit geraumer Zeit in allen weltlichen Angelegen¬ heiten herrschende Gefuͤgigkeit auch in religioͤsen Din¬ gen jeder von oben her gebotenen Neuerung eine weite Verbreitung sichern werde. Sie verabscheuen den gro¬ ben Zwang, aber der feine scheint ihnen desto geneh¬ mer. Sie appelliren an den guten Willen, an den Patriotismus der Staatsbuͤrger, als ob es sich von einer Collecte, von freiwilligen Steuern und Anlei¬ hen handelte, als ob die Leute geben koͤnnten, was sie doch nicht haben, naͤmlich den Glauben an das Neue, die Überzeugung von dessen Goͤttlichkeit. Man kann wahrhaftig eben so wenig aus gutem Willen Deutsche Literatur. I . 7 und Ruͤcksicht gegen fremde Wuͤnsche, als aus Zwang seinen Glauben, selbst nicht in den kleinsten Dingen aͤndern, die Worte, die Handlungen wohl, aber nicht den Glauben, den Schein wohl, aber nicht das We¬ sen. Eine Kirche, die man versuchsweise auf diesen indifferenten, geschmeidigen, allem sich fuͤgenden gu¬ ten Willen, auf eine gewisse religioͤse Hoͤflichkeit bauen wollte, wuͤrde wahrlich auf weit schwaͤchern Fuͤßen stehn, als eine verhaßte, nur erheuchelte, die offene Gewalt und Zwang gegruͤndet. Der Pietismus ist die letzte und vielleicht die wichtigste Erscheinung, die wir im religioͤsen Gebiet zu betrachten haben. Wir sehn ihn ahnungsvoll in der Literatur wie im Leben immer weiter um sich greifen, und scharfen Blicken ist es nicht entgangen, daß er nichts mehr Vereinzeltes und Voruͤbergehendes ist, wie fruͤher, daß er nicht blos zu den religioͤsen Curiositaͤten, zu den seltenen Mißgeburten einer ge¬ wissen vergaͤnglichen Crisis gehoͤrt, sondern daß er einen großen, wenn auch keineswegs aͤußerlichen, aber innerlichen Zusammenhang hat und die Keime zu großen Entwickelungen in sich traͤgt. Unscheinbar und geraͤuschlos nach seiner Art, schlaͤgt er seine Wurzeln desto mehr in die Tiefe. Gerade diese Be¬ seelung nach innen ist es, die ihm im Gegensatz ge¬ gen alles andere nach außen gerichtete Treiben der gegenwaͤrtigen Zeit eine so große Bedeutung gibt. Hier erkennen wir eine Richtung, die im Wider¬ spruch mit allen andern Richtungen unserer Zeit steht, und hier allein duͤrfen wir die einzige wahre Contre¬ revolution gegen unser revolutionirendes Zeitalter su¬ chen. Nur im Pietismus geht der Mensch ruͤckwaͤrts bis zu jener innersten und tiefsten Quelle geistiger Verjuͤngung, aus der ein neuer Strom des Lebens bricht, wenn der alte versiegt ist. Alle andere Rich¬ tungen unsrer Zeit bewegen sich mehr nur auf der Oberflaͤche wider und durch einander. Wie der Protestantismus den Übergang vom Sinn¬ lichen zum Verstande, so bezeichnet der Pietismus den Übergang vom Verstande zum Gemuͤth. Ist aber die¬ ser Kreislauf vollendet, hat Vorstellung, Begriff und Gefuͤhl, jedes in einseitiger Herrschaft sich durchge¬ bildet, so werden sie in harmonischer Durchdringung von Neuem die Idee gebaͤren. Der Pietismus wird einst den Übergang zu einer neuen, die ganze gebil¬ dete Welt beherrschenden Mystik fuͤhren. Der Pietismus muß nothwendig drei Crisen er¬ leben, und wir befinden uns noch in der ersten. Er muß anfangs noch an den Protestantismus gebunden, noch von dessen Einfluß beherrscht erscheinen, weil er von kleinem Anfang beginnend nur muͤhsam sein Da¬ seyn unter Beibehaltung der alten Formen fristet. Zugleich ist diese Periode die politische und weltliche, und der Pietismus wird nicht nur durch die herr¬ schenden Kirchen, sondern auch durch den Zeitgeist niedergedruͤckt. In einer zweiten Crisis aber wird er uͤber beide herrschend werden, und in das Extrem der Einseitigkeit fallen. In der dritten endlich wird er 7 * mit dem Protestantismus und Katholicismus sich ver¬ soͤhnen und eine neue Kirche begruͤnden. So widersinnig diese Prophezeihung, in unserer, den religioͤsen Interessen fast abgestorbnen, indiffe¬ renten, weltlichen Zeit dem großen Haufen derer er¬ scheinen moͤchte, welche gar nicht an die Zukunft denken, oder sie nur mit Idealen weltlicher Staaten erfuͤllen, so wird doch eine kleine Minderzahl mit mir uͤbereinstimmen. Die Wenigen, die in dieser Zeit von Gott erfuͤllt sind, werden nicht zweifeln, daß wieder eine Zeit, wenn auch spaͤt kommen werde, da das religioͤse Interesse jedes andere beherrschen wird, und daß der Pietismus der Weg dazu sey, daß in ihm die neue Verjuͤngung des verachteten Glaubens und die Versoͤhnung der bisher getrennten Religions¬ parteien vorbereitet werde. Denen, welche die Macht einer religioͤsen Ge¬ sellschaft bezweifeln, wenn sie nicht in eine starke aͤußere Kirche consolidirt ist, muß bemerkt werden, daß die Pietisten, theils in der gegenwaͤrtigen Zeit wirklich noch zu vereinzelt, schwach und vom Einfluß der herrschenden Systeme noch beherrscht zu uneinig und oft zu verderbt sind, um eine maͤchtige Kirche herzustellen; daß es theils aber auch gar nicht im Wesen des Pietismus liegt, sich aͤußerlich geltend zu machen und mit weltlicher Macht zu umkleiden. Der Pietist lebt im Gemuͤth und wendet sich von allen Äußerlichkeiten ab. Der Strom der Gefuͤhle consoli¬ dirt sich schwer, und wo nur immer innerlich em¬ pfunden wird, ist nicht einmal ein Lehrsystem, ge¬ schweige denn die starre Form einer sichtbaren Kirche leicht gegruͤndet. Dennoch ist die Macht des Gefuͤhls ohne alle aͤußern Huͤlfsmittel und Schutzwehren stark genug, sich zu verbreiten, und die aͤußern Schran¬ ken fremder Kirchen eben so zu uͤberscheiten, als sich selbst aͤußern Verfolgungen zu entziehn. Diese Macht besteht unsichtbar und unantastbar, und taͤuscht jede Berechnung ihrer Gegner. Niemand kann verhindern, sie dereinst zur herrschenden zu machen, und ist sie dies geworden, so werden wir Erscheinungen sehn, die niemand erwartet haͤtte. Die ersten Anfaͤnge des Pietismus zeigen noch den ganzen Einfluß des Protestantismus, aus dem sie hervorgegangen. Die ersten Pietisten wollten nur den reinen Protestantismus darstellen, in derselben Weise, wie die Jesuiten den reinen Katholicismus. Daher sind sie auch ein vollkommenes Gegenbild der Jesuiten. Die innige Gemeinschaft mit Jesus, der durchgebildete Roman der Seelenliebschaft, die Bu߬ fertigkeit, die Zerknirschung, die Entzuͤckung und die Visionen, endlich die aufopfernde Dienstfertigkeit, die Bekehrung der Heiden, die Missionen nach fremden Welttheilen sind beiden gemein, nur daß die Jesuiten damit heuchelten, und nur die Zwecke der Hierarchie verfolgten, waͤhrend die Pietisten das nach ihrer Meinung Gute um sein selbst willen thaten. Die Pietisten wollten anfangs nur einen gelaͤuterten Pro¬ testantismus und sich keineswegs von der protestanti¬ schen Kirche trennen. Wo dies geschah, war es doch immer nur im Namen des reinen Protestantismus, und schon daß es geschah, zeigt noch von dem Ein¬ fluß des alten Systems. Indem sie eine aͤußere Kirche gruͤndeten, huldigten sie noch gleich den uͤbrigen Pro¬ testanten nicht sowohl dem Gefuͤhlsglauben allein, son¬ dern auch einem Wortglauben, einer bestimmten Lehre. Daher sind auch ihre kleinen Kirchen noch ganz nach dem Typus der protestantischen gebildet. Wie die Protestanten sich in Lutheraner und Reformirte trenn¬ ten, so die Pietisten in Herrnhuter und Methodisten. Wie die Lutheraner sich im noͤrdlichen Deutschland in einer festen und einigen Kirche consolidirten, und Luther gleichsam als ihren Monarchen anerkannten, so thaten die Herrnhuter in demselben Lande dasselbe, und ihr Monarch war Zinzendorf. Wie die Refor¬ mirten dagegen in der Schweiz hier Zwingli, dort Calvin anhiengen, so folgten die Methodisten in Eng¬ land hier Wasley, dort Whitefield. Diese kleinen Kirchen gehoͤren einer Übergangs¬ periode an, und koͤnnen keine große Ausdehnung und keinen festen Bestand haben. Weit wichtiger als diese ordinirten Pietisten sind die zahllosen andern, die uͤberall zerstreut sind, und die beim Mangel eines aͤußern Bandes, ein desto staͤrkeres innerliches verei¬ nigt. Sie sind die Masse, die noch keine Gestalt an¬ genommen hat, worin die Bildungen noch wechseln, die erst auf die Zukunft wartet, um sich zu reinigen, zu erweitern, definitiv zu gestalten. In diesem Chaos zeigen sich eine Menge unreife und verderbte, traurige und abschreckende Erschei¬ nungen. Die Gemuͤthskraft weiß sich noch nicht von den Einfluͤssen der Sinnlichkeit und einseitiger Ver¬ standesrichtungen zu befreien. Diese fremden und wi¬ dersprechenden Einfluͤsse richten daher große Verir¬ rungen und Zerruͤttungen in den Gemuͤthern an, und treiben zu Unnatur und Wahnsinn. Nicht das Ge¬ muͤth ist Schuld daran, sondern nur die Sinnlichkeit und eine falsche Verstandesbildung, welche sich der im Gemuͤth liegenden ungeheuren Kraͤfte bedienen und sie mißbrauchen. Selbst Betrug mischt sich ein, Schein¬ heiligkeit, Eitelkeit, Eigennutz. Daher finden wir unter den Pietisten sinnliche verderbte Menschen, die mit den Gegenstaͤnden ihrer gluͤhenden Andacht eine wahre Unzucht treiben; arme Suͤnder, die sich aus denselben Ursachen in die Arme der pietistischen Gnade und Wiedergeburt fluͤchten, aus welchen einige an¬ dere ihres Gleichen katholisch werden; halbgebildete Schwaͤrmer, die mit Auslegung der Schrift, Pro¬ phezeihen die Koͤpfe verruͤcken, ohne die Herzen zu erwaͤrmen; Fanatiker, die sich im eigenen Blut ba¬ den und selbstmoͤrderisch opfern, um, wie sie sagen, fuͤr Christus zu sterben, gleich wie Christus fuͤr uns gestorben ist; endlich Heuchler aller Art, besonders in den niedern Klassen, Kaufleute und Gastwirthe, die sich auf dem religioͤsen Wege Kaͤufer und Gaͤste verschaffen, arme Abenteurer, die auf eine bequeme Weise Krippenreiterei treiben und kokette Weiber, die unter dem Namen einer buͤßenden Magdalena nur die suͤndige spielen wollen. Alle diese Mißbraͤuche sind indeß nicht dem Pietismus an sich, sondern der Stel¬ lung zuzuschreiben, in welcher er sich jetzt noch be¬ findet. Der Weltgeist‚ dem der Pietismus noch erliegt, treibt auf solche Weise Hohn und Spott mit ihm. Eine große Zahl von Pietisten sucht diesem Welt¬ geist dadurch zu entfliehn, daß sie sich von allem Ir¬ dischen so weit als moͤglich zuruͤckziehn und nicht einmal mehr denken wollen. Dies ist der Quietismus im Pietismus, sein Extrem, die einseitigste Verir¬ rung‚ deren er faͤhig ist. Zu diesem Quietismus sind die niedern Klassen am geneigtesten, weil der Stolz und Hochmuth der Unwissenheit denen am leichtesten wird, die wirklich unwissend sind. Auch die ganz ab¬ geschwaͤchten Vornehmen suchen den Quietismus, um selbst in der aͤußersten Impotenz noch eine Wollust zu finden. Alle diese Verirrungen hindern indeß nicht, daß der Pietismus sich immer weiter verbreitet und in der Achtung selbst der Gelehrten immer mehr steigt. Als Religion des Gemuͤthes ist er ein unentbehrliches Beduͤrfniß aller derer geworden, denen der Wort- und Denkglauben der Protestanten nicht mehr genuͤ¬ gen konnte. Er hat sich ihnen nicht aufgedraͤngt, sie haben ihn selbst gesucht. Alles wird eher durch Zwang, Gewohnheit und Überredung begruͤndet und erhalten, als der Pietismus. Wer sich zu ihm wendet, sieht sich sogar verfolgt, nur ein freier innerer Drang kann dazu bestimmen. Der Pietismus findet am meisten Anhang unter den niedern Klassen der Gesellschaft, theils weil diese minder verdorben sind als die hoͤhern, theils weil sie nicht so sehr in den Genuͤssen der Erde schwelgen, um den Himmel daruͤber zu vergessen. Da, wo das feine Gift der Unsittlichkeit und die hochmuͤthige Welt¬ klugheit noch nicht so tief eingedrungen, ist das Ge¬ muͤth noch frisch und stark, der hoͤchsten und laͤngsten Entzuͤckung faͤhig. Und da, wo aͤußerlich Noth und Mangel, Verachtung und Unfreiheit herrschen, sucht der Mensch sich gern die innerliche Freiheit, das in¬ nerliche Gluͤck. Es sucht den Himmel, wem die Erde nichts bietet. Und sollen wir die innere lebendige Waͤrme, welche die großen Massen des Volks im Pie¬ tismus ergriffen und sie freundlich schirmt gegen den Frost des Lebens, sollen wir den bluͤhenden Sinn fuͤr Liebe, der in die kleine Gesellschaft fluͤchtet, weil ihn die große zuruͤckstoͤßt, sollen wir die innre Erhe¬ bung mißbilligen und verdammen, die den Frommen den letzten Rest von menschlicher Wuͤrde sichert, wenn Niedrigkeit, Armuth und Laster sich verbunden, sie niederzutreten. Es ist der niedrigste Stand, es sind die Armen, welche die Massen der pietistischen Ge¬ sellschaften bilden. Ist es nicht ein schoͤner Zug die¬ ses Volks, daß es in der eignen Brust den Stern findet, der ihm in der Nacht des Lebens leuchtet? Ist diese verachtete Froͤmmigkeit nicht die einzige Schutz¬ wehr gegen thierische Abstumpfung und Niedertraͤch¬ tigkeit, wie gegen frivole oder verzweifelte, zu Re¬ volutionen fuͤhrende Entschließungen? Ein Umstand wird dem Pietismus besonders jetzt guͤnstig, der Mangel an oͤffentlichem Leben und der Eigennutz, der das Privatleben zerruͤttet. Waͤhrend der Eng¬ laͤnder seine große Staatsthaͤtigkeit, der Franzose seine geselligen Genuͤsse, der Italiaͤner seine Natur besitzt, findet der Deutsche den Himmel nur in sich selbst. Die Langweiligkeit des Staatslebens, die Perfidie der buͤrgerlichen Gesellschaft und oft zugleich die Einfoͤrmigkeit der Natur und des haͤuslichen Le¬ bens machen ihm, wie die Wonne frommer Herzens¬ ergießung, so die Gesellschaft theuer und unentbehr¬ lich, die mit ihm die gleiche Gesinnung theilt, und es verbindet sich damit eine eigenthuͤmliche Sehnsucht, welche die Deutschen in allen Parteien immer aus¬ gezeichnet hat, eine abgeschlossene Gemeinde der Hei¬ ligen, der Auserwaͤhlten, der Apostel einer Idee zu bilden. Dieß war und ist das staͤrkste Band unter den Separatisten. Seit einiger Zeit haben sich auch sehr gelehrte Maͤnner des Pietismus direct oder indirect angenom¬ men. Ein pietistischer Geschmack, eine gewisse An¬ steckung pietistischer Gefuͤhle und Ausdruͤcke ist in der Literatur eben so weit verbreitet, als im Leben. Dieß finden wir zunaͤchst in der theologischen Literatur. Eine Menge protestantische Geistliche neigen zum Gefuͤhlsglauben und reden ihm in Dogmen, Predig¬ ten und Gedichten das Wort, ohne sich aͤußerlich von der Kirche zu trennen. Es gibt ganze Gegen¬ den‚ wo dieser Ton der herrschende geworden ist. Waͤhrend diese Geistlichen den Gefuͤhlsglauben mit dem Wortglauben der Orthodoxie zu versoͤhnen trach¬ ten, bestreben sich andere mehr philosophisch diesen Glauben auch mit dem Verstande zu versoͤhnen, ihn der aufgeklaͤrten Denkweise des Jahrhunderts zu ver¬ mitteln. So versucht Schleiermacher's verstaͤndige Be¬ geisterung durch eine wunderbare Zuruͤstung von lo¬ gischen Formeln gleichsam optisch, wie durch Brenn¬ spiegel, das heilige Feuer der platonisch-christlich-pie¬ tistischen Liebe in den Herzen zu entzuͤnden. So sehn wir den genialen Steffens die ganze Naturphiloso¬ phie auf ein pietistisches Resultat hinaus fuͤhren, und alle Crystallisationen des Wissens gleichsam che¬ misch aufloͤsen in das Fluidum des Gefuͤhls. Man hat ihn und einige andere daher Apostaten des Wis¬ sens und Neophyten des Glaubens genannt, und mit Recht dieser Wendung der Philosophie eine große Bedeutung fuͤr die Zeit zuerkannt. Zuletzt ist auch ein Katholik aufgetreten und hat die erste Bahn zu einer Versoͤhnung des Pietismus mit dem Katholicismus gebrochen. Schon Friedrich Schlegel behauptet mit Recht, daß gerade in der Mystik und Theosophie, die sich von der Kirche losgerissen, die bedeutendste Reaction gegen dieselbe vorbereitet werde, und Franz Baader hat es versucht, diese Behauptung durch Kri¬ tik einiger Mystiker und Pietisten, namentlich des Jakob Boͤhme, zu bestaͤtigen. So unbedeutend dieser Versuch fuͤr jetzt noch scheinen duͤrfte, so ist doch zu erwarten, daß die Untersuchung auf diesem Wege nicht stille stehen wird, und daß die bei den Pietisten und Katholiken nur scheinbar getrennten Elemente sich einst naͤher verbinden werden. Wird jemals eine Vereinigung aller Confessionen in eine große christ¬ liche Kirche wieder moͤglich, so kann das vermittelnde Glied allein der Pietismus seyn. Philosophie. Wir leben in der Zeit der Wissenschaft. Der Verstand ist Regent der drei letzten Jahrhunderte. In der Reformation hat er sich befreit, und in der Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts seinen Thron aufgeschlagen. Ist einmal ein Volk dahin gekommen zu denken, so sucht es auch die Gesetze des Denkens; sammelt seine Wißbegier die mannigfaltigsten That¬ sachen, so sucht es deren Motive; bildet es eine Wissenschaft nach der andern aus, so sucht es end¬ lich den innern Zusammenhang in allen. Die Re¬ flexion fuͤhrt, welchen Gegenstand sie auch zuerst er¬ greifen mag, immer zuletzt zur Philosophie hin. Was in die Sphaͤre des Wissens faͤllt, sieht sich an einen Radius geknuͤpft und fuͤhrt zum Centrum. Dieß ist der Gang, den der Verstand in seinem Fortschritt immer nehmen muß. So unabaͤnderlich aber dem Denker die vollendete Philosophie als perspectivisches Ziel vorgesteckt ist, so nothwendig er nichts andres erstreben kann, als eine vollkommne Wissenschaft von allen Dingen, gleichsam den Verstand Gottes zu er¬ reichen, so ist doch eben die Erreichung des Zieles, die uns Gott gleichmachen wuͤrde, unmoͤglich, und nicht nur in der Art, wie wir philosophiren, son¬ dern schon darin, daß wir philosophiren, liegt ein innrer Widerspruch, und nur das Streben selbst ist das Ziel. Es gibt viele Philosophien, weil es keine Philosophie, d. h. keine alleinguͤltige geben kann, und diese Philosophien sind nur Methoden, zu philosophi¬ ren, weil sie nicht durch das Ziel, sondern durch den Weg dazu bedingt sind. Der Mensch fraͤgt und beantwortet die Fragen so lange wieder mit Fragen, bis er an eine letzte Frage kommt. Anfangs hielt man die Philosophie nur fuͤr eine Kunst zu antworten, jetzt haͤlt man sie richtiger fuͤr eine Kunst, zu fragen. Um die erste Frage zu beantworten, mußte man die zweite thun, deren Antwort erst jene beantworten kann. Man frug: was ist? und sah sich genoͤthigt zu fragen; was denk ich, das sey? und wieder: wie komm ich zum denken, und auf welche Weise denk ich? So hat eine deutsche Philosophie sich uͤber die andre gebaut. Man hat je von einer Wissenschaft, die gerade vor¬ herrschte, den Weg in die Philosophie gesucht, und entweder die hoͤchste Frage fuͤr eine Wissenschaft zur hoͤchsten der Philosophie gemacht, oder doch von der Philosophie die Beantwortung jener ersten erwartet. So haben die Fragen sich zugleich vervielfaͤltigt und dadurch wieder geschaͤrft und vereinfacht. Anfangs befreite sich die Philosophie aus den Fesseln der Dogmatik durch den Grundsatz der Ari¬ stotetiker, daß es eine innere Consequenz, eine ma¬ thematische Nothwendigkeit der Wahrheit, neben der durch die Kirche offenbarten Wahrheit gebe. Die Philosophie erweiterte jedoch nur die Graͤnzen der Theologie und ihre Fragen blieben theologische. Mit den großen geographischen, astronomischen und physi¬ kalischen Entdeckungen des fuͤnfzehnten Jahrhunderts kam eine neue Richtung in die Philosophie. Man bemuͤhte sich, das Princip des geistigen Lebens, das man fruͤher in der goͤttlichen Offenbarung gesucht, mit dem Princip der Natur zu vermitteln; man iden¬ tificirte auf eine mystische Weise die Kraͤfte der Na¬ tur, die man in der Astronomie und Chymie entdeckt, mit den Kraͤften der menschlichen Seele; man suchte einen Stein der Weisen, darin die Wurzel aller ma¬ teriellen und geistigen Kraͤfte verborgen laͤge. Theo¬ phrastus Paracelsus bearbeitete die Physik, spaͤter der tiefsinnige Jakob Boͤhme die Psychologie nach naturphilosophischen Ideen. Sie sind unbillig ver¬ achtet worden. Insonderheit den letztern hat man mehr von der theologischen als naturphilosophischen Seite, und somit ganz schief ins Auge gefaßt. Wenn ihnen die ungeheure physikalische Erfahrung des acht¬ zehnten Jahrhunderts nicht zu Gebote stand, so hat¬ ten sie doch offenbar philosophischen Tiefsinn und der letztere zugleich das Schema eines durchgreifenden Systems. Diese Weise zu philosophiren, die erst die neuere Zeit wieder aufnahm, konnte damals nicht durchdringen. Selbst der große Spinoza eilte seiner Zeit voran, ohne sie mit sich zu reißen. Der herr¬ schende Hang nach Astrologie, Alchymie, Chiromantie und der Aberglauben aller Art zog die Naturphilo¬ sophie ins Absurde und brachte sie nicht selten in die unwuͤrdigsten Haͤnde. Theophrastus Paracelsus bil¬ det den Übergang zur Empirie. Sein reiches Detail physikalischer Erfahrung, noch gemischt mit dem Wun¬ derglauben der heidnischen Pharmacie und der sym¬ pathetischen Curen, bereitete doch ein genaues und umfassenderes Forschen im Einzelnen vor, wobei nur die Philosophie in den Hintergrund trat. Inzwischen wurde, je mehr der physikalische Theil der Naturwis¬ senschaften von der Philosophie sich entfernte, der mathematische desto enger mit ihr verbunden. Die Mathematik sagte dem immer mehr erkaͤltenden Ver¬ stande zu, und wenn sie einerseits den Gehalt der Philosophie gleichsam austrocknete in einer duͤrren Atomenlehre, so war sie andrerseits doch aͤußerst heil¬ sam fuͤr den philosophischen Formalismus. Leibnitz, Wolf, Baumgarten haben hier das groͤßte geleistet. Das System, nach welchem man die Philosophie fortan mathematisch beweisen, sie auf einen Satz zuruͤckfuͤh¬ ren und so klar wie das Einmal Eins machen wollte, verzichtete zwar auf die anthropologische Basis, und verstopfte jede andre Quelle der Erkenntniß, außer der durch Abstraktion der Begriff, negirte jedes Organ, außer der Denkkraft, erwarb uns aber auch eine immer besser durchgearbeitete Logik. Diese be¬ maͤchtigte sich sofort der Moral, deren Fragen die ernsten protestantischen Prediger fast ausschließlich beschaͤftigte, und waͤhrend die Orthodoxen diese Frage noch nach der Bibel entschieden, suchten die kritischen Theologen und die Phisosophen sie durch logisches Abwaͤgen von Pflichten und Rechten zu beantworten, und eine hoͤchste moralische Weltordnung in mathe¬ matischen Formen festzusetzen. Nachdem man, je weiter das Mittelalter zuruͤck¬ trat, immer kuͤhner geworden und den Weg der Of¬ fenbarung als eine letzte Fessel gaͤnzlich weggewor¬ fen; nachdem man uͤber die Natur sich durch uner¬ muͤdetes Studium immer vollkommner aufgeklaͤrt; nachdem man die Mathematik mit Virtuositaͤt hand¬ haben gelernt und sie auf die Logik angewandt, und diese wieder auf die Moral, die durch den Prote¬ stantismus wie durch die roͤmische Jurisprudenz wie¬ der praktische Anwendung fand; nachdem die Kunst in neuen Flor gekommen und aͤsthetische Fragen uͤber¬ all angeregt worden; nachdem endlich mit der Bluͤ¬ thezeit der Musik, mit der poetischen Sentimentali¬ taͤt und der Herrnhuterei auch die Gefuͤhle schaͤrfer analysirt zu werden anfingen, so war eine Combina¬ tion aller der verschiednen Organe, wodurch wir Na¬ tur und Geist, das Zeitliche und Ewige vernehmen, eine Combination aller bisher eingeschlagnen Wege zu philosophiren und die Kritik derselben hinlaͤng¬ lich vorbereitet. Eine große Menge scharfsinnige Psychologen, Mendelssohn, Reimarus, Platner, Abt, Sulzer ꝛc. suchten die Thatsachen der Erfahrungs¬ seelenlehre zu sammeln. Ihr gesammtes Wirken um¬ faßte und vollendete der Philosoph von Koͤnigsberg. Kant , eben so groß durch seinen Geist, als durch die erhabne Stellung auf der pyramidalischen Hoͤhe aller fruͤhern Denker, wurde der Stifter jener gro¬ ßen Epoche der deutschen Philosophie, von der das vorige Jahrhundert den Namen des philosophischen traͤgt. Kant baute sein System auf die Anthropo¬ logie. Er pruͤfte die Organe des Menschen, ver¬ moͤge deren er alles vernimmt. Er zeigte, daß man nicht forschen koͤnne, was die Welt an sich sey, son¬ dern nur, wie wir sie vernehmen. Seine Philoso¬ phie war Kritik der Vernunft. Einen Augenblick schien es, als ob in dieser Kritik die letzte Graͤnzscheide der Philosophie gezo¬ gen sey, und doch ward sie bald wieder uͤbersprun¬ gen. Es schien, als ob alle die verschiednen Keime der Philosophie zu dieser einzigen Frucht gereift seyen; die Frucht trug aber wieder verschiedne Sa¬ men. Man bemerkte, daß Kant eigentlich vom wah¬ ren Ziel der Philosophie abgewichen war, denn er verschmaͤhte das absolute Wissen und bewies, es gaͤbe nur ein bedingtes. Sofort verließ man ihn als ei¬ nen Kleinglaͤubigen und suchte von neuem das Abso¬ lute. Kant hatte ferner ein subjektives Wissen von der objectiven Welt angenommen, und beide mit ein¬ ander dergestalt in Relation gesetzt, daß wir zwar ein Object vernehmen, aber nur nach subjectiven Ge¬ setzen der in uns liegenden Vernunft, und daß das Object uns zwar nur unter den subjectiven Bedin¬ gungen erscheint, aber doch auch etwas an sich seyn kann. Man bemerkte, daß dieß zu keinem absoluten Wissen fuͤhren koͤnne, und die Absolutisten trennten sich. Die einen wurden absolute Subjectisten, die das Ansichseyn der objectiven Welt, das Kant dahin gestellt seyn lassen, geradezu laͤugneten; die andern wurden absolute Objectisten, welche das subjective Vernehmen vom Wesen des Gegenstandes abhaͤngig machten; noch andre nahmen eine absolute Identitaͤt zwischen Geist und Natur, der subjectiven und ob¬ jectiven Welt, des Vernehmens und seines Gegen¬ standes an. Endlich hatte Kant die verschiednen Or¬ gane der menschlichen Vernunft zusammengefaßt und jedem gleiches Recht angedeihen lassen. Er sah mehr auf das Ganze der Seelenthaͤtigkeiten und brachte sie unter ein Gleichmaaß: in andern waren je be¬ sondre Organe vorzuͤglich entwickelt und wurden wie¬ der einseitig in der hoͤchsten Evidenz herausgestellt. Einer hatte mehr Sinn fuͤr die Natur, ein andrer mehr fuͤr die Moral, ein dritter mehr fuͤr die Logik und bildete demgemaͤß sein ganzes System einseitig aus. Das Wichtigste in dieser Parteiung ist aber die Consequenz, die Kant hineingebracht. Als Folge oder als Gegensatz stehn alle Philosophien nach der seinigen mit dieser in Verbindung. Alle philosophi¬ sche Parteiung beruht auf den Gegensaͤtzen des be¬ dingten und absoluten Wissens, des subjektiven Ichs und der objectiven Welt, und je der einzelnen Or¬ gane des Ich und der ihnen entsprechenden Reihen in der objectiven Welt. In Bezug auf den ersten Gegensatz entstand nach Kant's Kriticismus mit Nothwendigkeit ein dogma¬ tischer Absolutismus, der zwar wie Kant kritisirte, aber nicht um die Schranken, sondern um das Ziel des absoluten Wissens zu finden. Hatte Kant das Ich von der Außenweit getrennt und nur in eine Relation gesetzt, deren absoluten Grund er unerklaͤrt laͤßt, so war dieß nur ein Sporn fuͤr spaͤtere Philo¬ sophen, den absoluten Grund und in ihm zugleich die fehlende Einheit zu suchen. Waͤhrend eine ziem¬ lich ausgedehnte Schule Kant noch unmittelbar treu blieb und durch Erweiterung der anthropologischen Forschungen wie durch Verschaͤrfung der Kritik sich mannigfaltiges Verdienst erwarb, schritten andre kuͤhne Geister weiter. Sie versuchten das Absolute zu con¬ struiren, die Kantianer kritisirten das Relative. Ihre Lehre ist Dogmatismus, die Kantische Kriticismus. Sie beantworten apodiktisch die Frage: was ist? Die Kantianer fahren fort zu fragen: wie vernehmen wir? Ohne Zweifel wird die Wissenschaft durch alle beide befoͤrdert. Der Absolutismus ist eine ewige Evolution der Seelenkraͤfte durch das Genie; der Kriticismus sichert ihr Gleichmaaß. Wenn die Kri¬ tiker beweisen, bis zu welcher Graͤnze der menschliche Geist vordringen kann, so ist es gut, daß die Abso¬ lutisten es thun. Wenn auch jeder Philosoph am Ziele seines Strebens mit Sokrates behaupten muͤßte: die groͤßte Weisheit sey, zu wissen, daß man nichts wissen koͤnne! so wird doch keiner ein Philosoph wer¬ den, der das glaubt. Die Absolutisten unterschieden sich aber nach eben den Gegensaͤtzen von Subject und Object, die Kant's Relationssystem festgestellt, und ihre Lehren sind in einer historischen Folge hervorgetreten, die den uͤbri¬ gen Richtungen der Zeit entsprochen hat. Da noch der Protestantismus und die franzoͤsische Encyklopaͤ¬ die das Jahrhundert beherrschten, da Logik und Mo¬ ral an der Tagesordnung waren, da der Geist in jedem Augenblick einen neuen Sieg uͤber die Natur und ihre geheimnißvolle Kraft erfocht, so darf man sich nicht wundern, daß ein genialer Mann, wie Fichte , enthu¬ siastischen Beifall fand, als er die ganze Philoso¬ phie auf ein subjektives Moralgesetz zuruͤckfuͤhrte, die Kantische Relation aufhob, die objective Natur ins Nichts verwies, und nur ein absolutes Subject, ein geistiges Ich anerkannte. Eine solche Einseitigkeit bedurfte des aͤußersten logischen Scharfsinns, um nur consequent durchgefuͤhrt werden zu koͤnnen, und die¬ ser bereicherte wieder den Formalismus der Philo¬ sophie. Es war keine Kunst, das Fichtesche System zu laͤugnen, aber eine Kunst, es zu widerlegen, und jedes folgende System erbte seinen Scharfsinn, wie Spolien des Feindes. Überdem war Fichte's Ein¬ seitigkeit dem Moralsystem wenigstens so guͤnstig, daß es kein erhabneres außer dem seinigen gibt. Indeß konnte man auf dem aͤußersten Extrem sich nicht lange halten. Natur und Kunst waffneten sich gegen Fichte. Der unermeßlichen Forschung oͤffnete sich die Natur als eine gleichsam plastisch erstarrte Philosophie. Die Gegenstaͤnde der Natur selbst ordneten sich in ein System. Die Entdeckungen in der Organologie ver¬ draͤngten den Mechanismus, welcher als Gegensatz den Idealisten Vorschub gethan. Man konnte das geistige Princip der Natur nicht laͤnger verkennen und der alte Pantheismus ward wieder aufgenom¬ men. Zu gleicher Zeit war alles fuͤr die Kunst enthu¬ siastisch geworden, und da das Schoͤne stets mittel¬ bar oder unmittelbar an die materielle Natur geknuͤpft ist, so ward uͤberall auf diese hingewiesen. Sanft senkte sich der menschliche Genius von unwirthbaren Hoͤhen wieder zum gruͤnen muͤtterlichen Boden hinab. Unter diesen Umstaͤnden ergriff der große Schel¬ ling wieder die von Fichte verlaßne Kantische Re¬ lation zwischen Subject und Object und erhob sie zur absoluten Identitaͤt. Man haͤtte denken sollen, er werde wieder einseitig nur das Object, die mate¬ rielle Natur, geltend machen, und von dieser falschen Folgerung verleitet, haben ihn auch viele unverstaͤn¬ dige Gegner nur als Naturphilosophen verschrien. Es war ihm aber nicht blos Fichtes Subject, son¬ dern auch dessen Einseitigkeit uͤberhaupt entgegenge¬ setzt, und wenn er die Naturphilosophie neu begruͤn¬ dete, so war dieselbe doch nur der eine Theil seiner dualistischen Identitaͤtslehre. Geist und Natur sind ihm zugleich nur Emanationen, Erscheinungen, Äuße¬ rungen und Evolutionen der goͤttlichen Idee. Er pa¬ rallelisirt daher auch das System des Idealismus und Materialismus und neutralisirt die Extreme. Dies ist Spinozismus, aber in hoͤherer Potenz. Nur nach Kant und Fichte konnte Spinoza's Versprechen er¬ fuͤllt werden. Es bedurfte jedoch eines gleich großen Geistes, Schelling vor Kant, oder Spinoza nach Kant zu seyn. Die Identitaͤtslehre hat vor jeder an¬ dern Philosophie augenscheinliche Vorzuͤge. Der Eklek¬ tiker, der die Reihe der Systeme mustert, findet hier die Vermittelung der Extreme. Er bemerkt, daß jede Philosophie die andre ausschließt, hier findet er sie mit einander verbunden. Der Mathematiker, der die gesammte Philosophie als eine Sphaͤre betrachtet, fin¬ det in Schelling's Princip den magnetischen Mittel¬ punkt, der die entgegengesetzten Pole der Subjects- und Objectslehre, der Geistes- und Naturphilosophie zugleich spannt und bindet. Der Schematismus die¬ ser Philosophie erscheint also als der vollkommenste, den wir bis jetzt kennen. Die Ausfuͤhrung ist aber den Bedingungen der menschlichen Unvollkommenheit unterworfen. Dies hat dahin gefuͤhrt, daß die Phi¬ losophie den alten Kreislauf dennoch wiederholt. Die Schule Schelling's ist nach den beiden in ihr liegen¬ den Potenzen wieder in zwei einseitige Hauptsysteme zerfallen. Oken hat den materiellen Pol vorwiegen lassen und die Identitaͤt des Geistes mit der Natur in den geistigen Charakter der Natur gesetzt. Die Materie ist ihm nur der zerfallene Geist, der Geist die combinirte Materie. Endlich hat Hegel den gei¬ stigen Pol vorwiegen lassen und die Identitaͤt des Geistes mit der Natur in den materiellen Charakter des Geistes, in die objective Wesenheit der Begriffe, in das ausschließliche und absolute Seyn der Denk¬ begriffe und ihres Gesetzes, der hoͤhern Logik, in die Physik der Logik gesetzt. Oken's Wesen sind Be¬ griffe, Hegel's Begriffe sind Wesen. Somit bietet die deutsche Philosophie bis zum gegenwaͤrtigen Au¬ genblick ein consequentes System von Systemen dar und ist in einem gewissen Kreise abgerundet. Wir muͤssen aber auch auf die einzelnen Organe des menschlichen Geistes Ruͤcksicht nehmen, die in den verschiednen Systemen vorzugsweise sind entwickelt worden. Die kraͤftigste Entwicklung war immer die einseitigste. Nur indem jedes Organ allein herrschen will, erhaͤlt es den hoͤchsten Grad der Ausbildung und dient der Philosophie am besten in dem Augen¬ blick, da es von ihr zu entfernen scheint. Über¬ haupt, so lange die Philosophie, die unumstoͤßlich, un¬ abaͤnderlich und in allen Theilen vollkommen seyn wird, noch nicht gefunden ist, kann sie dem Geist niemals eine Schranke oder nur ein Maaß aufdringen, der in einer eigenthuͤmlichen Bahn vordringt und sich sel¬ ber Gesetz und Ziel schafft. Die Moral, die Logik, die Physik sind einer eigenthuͤmlichen Ausbildung un¬ terworfen, und nehmen weit seltner von der Philo¬ sophie Regeln an, als sie selbst in sie Regeln hin¬ uͤber tragen, ja sogar sie voͤllig umschaffen. Und wo dies auch nicht der Fall waͤre, muß ein selbststaͤndi¬ ges, wenn auch einseitiges Moralsystem, eine eigen¬ thuͤmliche Logik oder Physik so viel Werth haben, als wenn wir sie als integrirenden Theil eines um¬ fassenden philosophischen Systems kennen lernten. In allem, was der Menschengeist hervorbringt, liegt ein innrer Zusammenhang, wenn auch die Form ihn ver¬ laͤugnet. Kant war so vielseitig, als die Bildung des Jahrhunderts ihm Seiten darbot. Sein brillantirter Geist selbst war der Stein der Weisen seiner Zeit. Sein System beruhte auf der Wuͤrdigung aller gei¬ stigen Richtungen und er wirkte wohlthaͤtig auf alle. Seine Schuͤler zeigen oft nur dem System zu Liebe eine oberflaͤchliche Vielseitigkeit. An echter umfassen¬ der Bildung steht allen andern der biedre Fries voran, der sich uͤberdem durch eine vorwiegende ethische Rich¬ tung und durch ein Streben nach Popularitaͤt aus¬ zeichnet. Fichte war ganz Moralist, und alle seine Werke beziehen sich auf das handelnde Leben, so we¬ nig sie auch populaͤr geschrieben sind, so daß man nicht einmal seine Reden an die deutsche Nation au¬ ßer der Schule begreifen kann. Dieser tapfre Geist verlangte die Diktatur und den Terrorismus der Tu¬ gend. Er stellte die absolute Tugend selbst dem Him¬ mel entgegen und verschmaͤhte fuͤr dieselbe die Garan¬ tie der religioͤsen Autoritaͤt. Ein riesenstarker Wille in der eignen Brust sollte jede fremde Kruͤcke dem neu¬ Deutsche Literatur. I . 8 gebornen Geschlecht entbehrlich machen. Sein Grund¬ satz: nur das sey, was der Mensch thue, und nur das verdiene zu seyn, wozu er sich durch die Kraft des Willens zwinge, und nur das koͤnne der Mensch wollen, was seinem freien Ich gezieme, Ehre fuͤr sich, Gerechtigkeit fuͤr alle! blitzt wie das Flammen¬ schwert eines Engels in das durch Mattigkeit, Sinn¬ lichkeit und Luͤge entwuͤrdigte Paradies des Men¬ schenlebens. Ist in Fichte's Princip ein philosophi¬ scher Irrthum, so ist die Anwendung doch die wahrste und beste. Der Irrthum liegt nur in der Ausschlie߬ lichkeit des Princips, nicht in dessen Folgerungen. Wie nur aus dem Fichteschen Princip der hoͤchsten Willensfreiheit die wuͤrdigste Moral gefolgert werden kann, so wird jede beste Moral wieder bis zu Fichte's Princip aufsteigen muͤssen. Eine hoͤhere Philosophie vermag aber das Princip der Willensfreiheit mit dem der Nothwendigkeit zu vermitteln. Im Gegensatz ge¬ gen Fichte war Schelling wieder vielseitig, wie Kant, und nur seine Schuͤler haben die verschiedenen Sei¬ ten vorzugsweise glaͤnzend ins Licht gesetzt. Das re¬ ligioͤse Element ist hauptsaͤchlich von Goͤrres und Steffens ausgebildet worden, mystisch von jenem, pietistisch von diesem. Im ethischen Gebiet glaͤnzt Goͤrres vor allen, und ihm verdanken wir auch die erste Organologie des politisch-historischen Lebens. Die meisten Schuͤler Schelling's werfen sich mit uͤber¬ wiegender Vorliebe in die Naturkunde. Die tiefsten Ahnungen uͤber das kosmische und organische Leben sprach Goͤrres aus. Das consequenteste System, das sich zugleich der Empirie am vollkommensten anschmiegte und gleichsam den ganzen Thatbestand der Naturge¬ schichte wie durch einen Zauberschlag in eine Philo¬ sophie verwandelte, verdanken wir Oken. Er uͤber¬ trifft alle Naturphilosophen an empirischen Kenntnissen, alle Empiriker an Philosophie. In der Anwendung der Mathematik auf die Naturphilosophie erwarben sich vorzuͤglich Wagner und Eschenmayer Verdienste. Steffens zeichnete sich durch Untersuchungen uͤber die Vorgeschichte, Schubert durch Aufklaͤrung der Nacht¬ seite der Naturwissenschaft aus. Sie alle brachten in das Studium der Natur einen neuen großen Schwung. Durch Hegel hat ohnstreitig die Logik viel gewonnen. Es liegt in seiner Taschenspielerei mit Begriffen ein Talisman, den man ihm abgewinnen muß, um ihn wuͤrdiger zu gebrauchen. Wenn wir durch jeden, der auf isolirter Bahn etwas Großes geleistet, uns im Einzelnen belehren lassen muͤssen, so sollen wir doch immer den Blick nach den universellen Geistern, den Polarsternen des Himmels richten, um welche die groͤßte Sphaͤre sich umwaͤlzt. Zwar eine ewige Kluft ist festgestellt zwi¬ schen der Weisheit Gottes und der der Menschen; doch eine Stelle gibt es, wo auch der menschliche Geist am hoͤchsten steht, und die freieste und reichste Aus¬ sicht zugleich gewinnt. Heil dem Genius, in welchem der Sinn fuͤr die Natur, die moralische Kraft, der Scharfsinn des Verstandes, die tiefe Innigkeit des 8 * Herzens in einer hoͤchsten Einheit verbunden liegen, in dessen reingestimmter Seele die Accorde voll er¬ klingen, in denen alles Lebens Harmonie gedeutet wird. Geister wie Kant, Schelling, Goͤrres zeigen uns erst, was die Welt ist, indem sie sie in ihrem Geiste spiegeln, und was der Geist ist, indem sie ihn in der Welt spiegeln. Je weiter aber die Welt erschlossen wird, desto groͤßer werden die Geister, je groͤßer die Geister sind, desto groͤßer schaffen sie die Welt. Der hoͤchste Triumph des Philosophen ist, daß er von innen heraus die Welt durch die Er¬ kenntniß neu schafft und bildet wie ein Kunstwerk, daß er immer freier wird, je mehr er sie begreift, daß die groͤßte Last des Wissens seinem Genius die leichtesten Schwingen leiht. Der hoͤchste Triumph der Philosophie ist dagegen, daß sie niemals alleinguͤltig wird, daß sie die Erkenntniß der Welt stets an die Eigenthuͤmlichkeit geistiger Naturen knuͤpft, daß sie die Welt immer nur im Spiegel eines individuellen Geistes zeigt, daß folglich der groͤßte Philosoph den groͤßern nicht ausschließt. Man kann die Philosophie mit der Musik vergleichen. Die Philosophen spielen auf der Welt. Hier und dort vernehmen wir die wunderbarsten und herrlichsten Melodien. Wir be¬ dauern die Schuͤler, die dem Instrumente nicht gewach¬ sen sind, weil die toͤnereichste Floͤte dem Ungeschick¬ ten doch nur ein Holz ist. Wer aber ist ein Meister der Gegenwart und glaubt, der Quell der Toͤne sey erschoͤpft und versiegt durch seine Kunst? Immer neue Meister erben das Instrument, das nie ver¬ wuͤstet wird. Es reihen sich Blumen an Blumen, und Menschen an Menschen. Der Himmel ist gewoͤlbt aus vielen Sternen und Gottes Tempel ruht auf vielen Saͤulen. Nach diesem allgemeinen Überblick uͤber das In¬ nere der deutschen Philophie muß es interessiren, ihr Verhaͤltniß zur uͤbrigen Literatur und zum Leben zu betrachten. Ich stehe nicht an, dieser Philosophie den Vorrang vor allen andern unsrer literarischen Erscheinungen zuzuerkennen. Das Zeitalter wird von der Wissenschaft, die Wissenschaft von der Philosophie regiert. In der neuen Hierarchie des Verstandes ist der philosophische Stuhl der apostolische und die Phi¬ losophen sind die Kardinaͤle. Aus der ganzen Sphaͤre unsrer Geistesthaͤtigkeiten sammeln sich die Resultate in die Philosophie, als in ein Centrum; alle Saͤfte sublimiren sich in ihre Bluͤthenkrone. Die Mannig¬ faltigkeit sucht immer ihre Einheit, und je gewisser es ist, daß die Deutschen fuͤr alle Arten von Er¬ kenntnissen Sinn haben, um so natuͤrlicher ist es auch, daß sie dieselben regeln und auf die einfachsten Re¬ sultate zuruͤckfuͤhren. Ja es scheint, als ob der all¬ gemeine Wissenstrieb nur die secundaͤre, der philoso¬ phische Tiefsinn aber die primaͤre Äußerung unsrer Natur sey, als ob wir eine Peripherie nur faͤnden, nachdem ein unsichtbares Centrum sie ausspannt. Unsre Philosophie beweist, daß Deutschland keine Polter¬ kammer fuͤr allerlei Wissen seyn soll. Es kommt nicht das Kleinste in den Horizont unsrer Betrachtung, so findet es sich durch unsichtbare Faͤden an den Mittel¬ punkt der philosophischen Erkenntniß geknuͤpft. Je reicher aber der Gegenstand jener Betrachtung ist, um so tiefer jener Mittelpunkt. Indem wir die brei¬ teste Basis nehmen, duͤrfen wir die philosophische Operationslinie am kuͤhnsten und weitesten ausdeh¬ nen, und unsre Helden dringen erobernd immer tie¬ fer in das unbekannte Geisterreich. Es gibt indeß auch eine ziemlich dunkle Schat¬ tenseite der deutschen Philosophie. Nicht alle Phi¬ losophen waren geniale Geister; es gibt auch einen philosophischen Poͤbel , Affen und Karrikaturen der Genies, die zugleich immer den Gegensatz der Philosophie und des Zeitalters in einer gefaͤlligen Halbheit zu vermitteln wußten. In ihnen hat die Philosophie an der allgemeinen gelehrten Pedanterei Theil genommen, nicht nur in den sprachlichen For¬ men, sondern auch in den Ansichten. Auch sie hat den Reifrock getragen. Statt tief zu seyn, war sie lange nur spitzfindig, statt natuͤrlich zu seyn, aufge¬ stutzt, statt gerade auszugehen, ceremonioͤs, hoͤflich, umstaͤndlich, statt uns zu uͤberzeugen, hat sie lange nur mit uns conversirt, ja auch sie hat wie die Poesie geraume Zeit uns die Alten citirt, und den Kothurn an die Sohlen geschraubt, statt sich selber zu heben. Dann ist sie wie die ganze uͤbrige Litera¬ tur in das entgegengesetzte Extrem gefall e . Sie ist goͤttlich grob geworden, wie die Ritterromane, sie ist von der Sucht nach Natur und Originalitaͤt befallen worden, wie die Damen und Studenten, wie die Dichter und Virtuosen. Sie hat alle alte Autoritaͤt abgeworfen und frisch von vorn selbst gedacht, aber ihre Gedanken waren oft nicht werth, gedacht zu werden. Endlich hat sie Gefuͤhl und Phantasie zu Huͤlfe gerufen und mit girrendem Floͤtenton oder tuͤr¬ kischer Musik bachantische Taͤnze um den Altar der Wahrheit aufgefuͤhrt, oder aus mystischen Nebeln un¬ begreifliche Orakel gestammelt. Der Schulstube, dem bezopften Orbil entrissen, ist sie alt genug geworden, in die Schule der Liebe zu gehn, sich schwaͤrmerisch dem Geliebten in die Arme zu werfen. Doch unab¬ haͤngig von diesem Treiben der Menge, sind große Genien mit maͤnnlichem Verstand ihrer Zeit voran¬ geschritten und haben laͤchelnd zugesehn, wie man mit ihren Gedanken kindische Abgoͤtterei getrieben. Insbesondere tadelt man an unsern Philosophen mit Recht den schulmeisterlichen Hochmuth , wiewohl ihn noch kein neuer Lucian scharf genug ge¬ geißelt hat. Es ist in der That laͤcherlich die Wei¬ sen zu sehn, wie sie gleich erbosten Haͤhnen einander blutig hacken und dann auf dem naͤchsten Dachgiebel wieder mit stolzgehobenem Schopfe kraͤhen und auf die kleine Welt herunterblicken. Der Vorwurf der Unpopularitaͤt trifft unsre Philosophen fast ohne Ausnahme. Sie haben von den Griechen und Scholastikern eine fremde Termi¬ nologie entlehnt, anfangs selbst noch lateinisch ge¬ schrieben und auch noch in der neuesten Zeit sich darin gefallen, immer neue fremde Woͤrter zu schmieden. Dies hat ihnen zwar in den Augen des Volks ein ehrwuͤrdiges Ansehen und selbst den begreiflichsten Ge¬ meinplaͤtzen einen Anstrich von tiefer Weisheit ver¬ liehen, das groͤßere Publikum aber der Philosophie entfremdet, und diese zur reinen Schulsache gemacht. Oken, eben so patriotisch als gelehrt, hat gegen die fremde Terminologie geeifert, ohne jedoch etwas aus¬ zurichten, ja ohne selbst sie vermeiden zu koͤnnen. Die Schwierigkeiten der philosophischen Sprache wer¬ den noch verwickelter durch den eigenthuͤmlichen und willkuͤrlichen Gebrauch, den jeder einzelne Philosoph davon macht. Schlagen wir die erste beste Seite in philosophischen Werken auf, was klingen uns fuͤr ganz verschiedne Namen in Leibnitz, Wolf, Kant, Fichte, Schelling, Hegel entgegen. Die fremden Woͤrter sind indeß in ihrer Verschiedenheit noch die deutlichsten; die deutschen werden bei ihrer Gleichheit durch den verschiednen Gebrauch, je gemeinverstaͤndlicher sie an sich sind, desto undeutlicher in der Philosophie. Man hat daher ganze Buͤcher geschrieben, um nur die wahre Bedeutung der Ausdruͤcke: Vernunft, Ver¬ stand, Geist, Herz, Gemuͤth, Gefuͤhl u. s. w. auszu¬ mitteln. Doch ist deßfalls noch kein allgemeiner Sprach¬ gebrauch angenommen. Die Schwierigkeiten der Spra¬ che sind denen des Denkens gefolgt. Die Denkkraft arbeitete sich mit unendlicher Anstrengung, aber nur stufenweise, aus der alten Unklarheit heraus und mußte fuͤr jede neue Entdeckung auch eine neue Spra¬ che schaffen. Eine muͤhsame, umstaͤndliche, weitlaͤu¬ fige Darstellungsweise war unvermeidlich, weil erst durch sie der Weg zu immer einfachern Begriffen fuͤhrte. Nichts wird schwieriger errungen, als was sich nachher gleichsam von selbst versteht. Die mei¬ sten Philosophien, ja in gewisser Ruͤcksicht alle fruͤ¬ hern, sind nur Studien, Vorarbeiten. Der große Kepler mußte viele hundert Folioseiten voll Zahlen schreiben, bis jene einfachen allbekannten Gesetze, die nun jeder ohne Muͤhe begreift, das Resultat seines eisernen Fleißes waren. So verhaͤlt es sich mit vie¬ len deutschen Philosophen, besonders vor Kant. Wenn wir auch nur mit einem aͤsthetischen Widerwillen die duͤrren und oft taͤuschenden Rechnungen des Verstan¬ des verlassen, so muͤssen wir doch gestehn, daß sie nothwendig waren. Am meisten faͤllt uns bei fast allen unsern Philosophien die sogenannte wissenschaft¬ liche Form auf, die in systematischen Tabellen, Clas¬ sen und Paragraphen sich gefaͤllt. Wie weit sind wir von der Majestaͤt orientalischer Dogmatik, von der Anmuth Platonischer Kriticismen entfernt. Doch muß uns auch wieder dieses duͤrre Systematisiren als noth¬ wendig erscheinen, und gerade einige Versuche, na¬ mentlich der Kantianer, in der Form zu platonisiren, sind sehr unreife Producte geblieben. Den wuͤrdig¬ sten philosophischen Styl hat Goͤrres; denn sein Sy¬ stem hat die erhabenste Einheit, weil es ganz mystisch ist, und in der Mannigfaltigkeit wieder die groͤßte Fuͤlle von Schoͤnheiten, weil die mystische Einheit in einer durchgreifenden Symbolik von Geist, Natur und Geschichte enthuͤllt wird. Dies gibt den Schrif¬ ten von Goͤrres die biblische Kraft und die orienta¬ lische Pracht. Wir glauben uns, wenn wir in ihn uns einstudiren, in einem unermeßlichen kuͤhnen gothi¬ schen Dom, die hohen Bogen, Saͤulen, Woͤlbungen, wunderbar verschlungen und an einfache Punkte ge¬ knuͤpft, und eine ganze Welt in Steinbildern darin verbaut, und uͤber dem Ganzen schwebend ein Aus¬ druck des Heiligen, die Majestaͤt eines unsichtbaren Gottes, und im Tempel brausend ein Posaunenton, der sein Herold ist. Goͤrres priesterliche Salbung und prophetische Donnerstimme sind dem Dogmatis¬ mus durchaus angemessen. Dieser soll immer seyn und ist bei Goͤrres das Werk eines plastischen Na¬ turtriebes, unwillkuͤrliche, unverfaͤlschte Offenbarung der eingebornen Idee und genau wie beim Dichter das freie Wachsthum einer eigenthuͤmlichen Blume des Geistes, unter den verschiedensten Bedingungen der Cultur doch die uͤbermaͤchtige Naturkraft, die sich selbst den Charakter bestimmt. Der Dogmatiker ist in einer bestaͤndigen begeisterten Schoͤpfung begriffen und es ist kein gutes Zeichen, wenn er aus den pro¬ phetischen Visionen erwacht und sich selbst kritisirt. Nur der Kriticismus darf und soll dieser Begeiste¬ rung entbehren und den Gedanken als objectives Pro¬ duct von der subjectiven schoͤpferischen Gluth trennen. Die Dogmatiker haben aber den Kritikern noch im¬ mer zu viel nachgegeben, und ihre bluͤhenden Gaͤrten in Festungen verwandelt und unter das Wasser kri¬ tischer Reflexionen gesetzt, um sie gegen Angriffe zu schuͤtzen. Goͤrres hat seine Natur am freiesten und kuͤhnsten walten lassen, und steht deßhalb eben so hoch als einsam unter den Philosophen. In Jakob Boͤhme wirkte die Natur eine aͤhnliche Erscheinung, doch diese wunderbare Blume bluͤhte nur in der Nacht. In Novalis rang die angeborne Natur gegen die fremde Form, ohne sie ganz besiegen zu koͤnnen. Son¬ dern sich die Elemente mehr und mehr, so wird der Dogmatismus in der organischen Plastik eines Goͤrres die freieste, schoͤnste und nationellste Entwicklung fin¬ den, der Kriticismus aber allerdings die platonischen Formen ausbilden muͤssen, die seinem polemischen Cha¬ rakter am meisten angemessen sind. Gehn wir zu den Wirkungen uͤber, welche die Philosophie in den untergeordneten Wissenschaften und im Leben hervorgebracht, so erscheinen dieselben durch¬ aus natuͤrlich und im Wesen der Philosophie begruͤn¬ det, weil diese jeder Erkenntniß, wie jedem Han¬ deln das hoͤchste Gesetz vorschreibt. Die Philosophie hat die gesammte Cultur unermeßlich befoͤrdert, in¬ dem sie uͤberall centralisirt und vereinfacht hat. Sie hat auch, in ihrer Einseitigkeit die einzelnen Seiten der Wissenschaft und des Lebens je in das glaͤnzendste Licht gesetzt und fuͤr die verschiedenen Stimmen des Zeitalters immer den Grundton angegeben. Sie hat zwar, weil sie nur gelehrt ist, das gesammte Volk nicht zu sich erhoben, doch mittelbar durch ihre Wir¬ kungen auf die uͤbrige Literatur große Ideen und wohlthaͤtige Maximen verbreitet. Dagegen sind auch alle Maͤngel, Irrthuͤmer und Widerspruͤche der Phi¬ losophie auf die Praxis uͤbergegangen, je nachdem man einzelne Wissenschaften nach den Principen der verschiednen Philosophien behandelt hat. Noch oͤfter sind wahre Principe falsch oder mangelhaft ange¬ wandt worden, und um diese Fehler zu vermeiden, haben andre der Philosophie gaͤnzlich entbehren zu koͤnnen geglaubt und ein geistloses empirisches Ver¬ fahren der Windbeutelei vager Theorien vorgezogen. Auf der einen Seite sehn wir oberflaͤchliche Gesellen den philosophischen Ton anstimmen, um ihren Man¬ gel an soliden Kenntnissen zu verbergen, oder um mit der Unwissenheit wohl gar zu prahlen. Das Be¬ greiflichste wird in vornehmen, die Sache verdun¬ kelnden, meist geborgten Redensarten vorgetragen. Elende Fetzen dieser oder jener Philosophie, die der Student mit ins Philisterium gebracht, werden in theologischen, historischen, paͤdagogischen und eben so oft in poetischen Werken angebracht. Wer die noͤthige Erfahrung, die noͤthigen Detailkenntnisse nicht hat, hilft sich mit einem Surrogat von Philosophie und bildet sich ein, das Hoͤchste geleistet zu haben, wenn er in hohem Tone spricht. Mancher Dichter, der seinem Helden keine Natur zu geben weiß, stattet ihn mit philosophischen Phrasen aus. Selbst Schul¬ meister quaͤlen hie und da die unmuͤndige Jugend mit dem Wust einer unverdauten Philosophie. Auf der andern Seite finden wir einige an Erfahrung ge¬ reifte und hochgelehrte Maͤnner, die von der Philo¬ sophie wenig oder nichts wissen wollen, die sie gele¬ gentlich verachten und hoͤhnen, weil sie die Wider¬ spruͤche derselben nicht vereinigen koͤnnen und oft sehr wohl wissen, auf welche schwankende Grundlagen manche Speculation ihre Luftschloͤsser baut. Diesen schließen sich sodann die Pedanten und Kleinkraͤmer an, die in der großen Rechenkunst des Lebens nur bis zum Addiren gekommen sind und nur je die ein¬ zelnen Thatsachen der Erfahrung zusammenhaͤufen. Sie sammeln und erzaͤhlen, bekuͤmmern sich aber um kei¬ nen Grund und keine Folge. Sie nennen sich die Praktischen und uͤben eine große Herrschaft in Schu¬ len und Staatsaͤmtern. Auch viele geniale, poeti¬ sche, fromme, und lustige Naturen widerstreben der Philosophie, weil die Strenge derselben oder die systematische Form sie abschreckt. Endlich lebt die Orthodoxie aller Confessionen in einem bestaͤndigen kleinen Kriege mit den Philosophen. Man darf sich daher nicht wundern, wenn man findet, daß die Philosophie so manche Verunglimpfung, so mancher Spott getroffen. Witzige, gescheite Leute haben den Stoff dazu aus den Maͤngeln der Philosophie ent¬ lehnt, die Dummen und Boͤsen unbewußt aus ihren eignen Maͤngeln. Goͤthe's Faust und anderwaͤrts viele Ausspruͤche dieses Dichters haben der Philosophie in den Augen der Menge einen gewaltigen Stoß beigebracht. So¬ fern von der gelehrten Pedanterei die Rede ist, hat der Dichter immer Recht. Wenn der Philosoph, gleich jenem heroischen Archimedes, selbst durch die Todes¬ gefahr, geschweige durch des Dichters Tadel, sich nimmer stoͤren laͤßt im Forschen und Untersuchen, so mag der Dichter, der Liebling der Natur, an der Seite dieser Natur, ihre Unerforschlichkeit, den ewi¬ gen Talisman, womit sie uns bezaubert und be¬ herrscht, vertheidigen. Er mag einem schalkhaften Amor gleich seine Venus vertheidigen und den zu¬ dringlichen Philosophen verblenden und verwirren. Der Streit der Philosophie und Poesie, der uralt ist, soll in keine Gehaͤssigkeit ausarten, vielmehr das schoͤne Wechselspiel unsrer edelsten Kraͤfte bleiben, und wer aus der Menge sich mehr dem Denker, oder mehr dem Dichter verwandt fuͤhlt, mag waͤhlen nach Gefallen. Im Besondern hat jede große philosophische Schule einer Richtung des Zeitalters entsprochen, in Wech¬ selwirkung sie erzeugend und von ihr erzeugt. Man kann selten unterscheiden, wie fern ein Mann mehr auf seine Zeit, oder diese mehr auf ihn gewirkt. Große Geister sind nur die Spiegel der Zeit, durch die sie eben geschliffen werden. Kant hat die ganze Literatur bewegt und den groͤßten Ruhm, die weiteste Verbreitung gefunden. Seine Lehren haben den Forschungsgeist angeregt, der Philosophie selbst den groͤßten Impuls gegeben, die kritische Theologie beguͤnstigt, alle Wissenschaften philosophischer gemacht und durch ihre Humanitaͤt To¬ leranz und Bildung mannigfach befoͤrdert. Wenn sein System in der gelehrten Welt unmittelbar die groͤ߬ ten Revolutionen bewirkt hat, so duͤrfen wir doch noch weniger die großen Folgen verkennen, die sein anthropologisches Verfahren mittelbar in noch weitern Kreisen hervorgebracht hat. Die allgemeine Toleranz, die seit Friedrich dem Großen vorzuͤglich von Preu¬ ßen ausging, das Streben nach allseitiger Bildung, das Interesse fuͤr alles Fremde, die billige Pruͤfung aller Parteiansichten, die Vorliebe fuͤr das analyti¬ sche Verfahren, die Bemuͤhung um Urbanitaͤt, das Streben nach Nuͤtzlichkeit, Popularitaͤt und Gesellig¬ keit gewann hauptsaͤchlich durch den edlen Koͤnigsber¬ ger Philosophen die Ausbildung und Verbreitung, die das vorige Jahrhundert ausgezeichnet hat. Gleich¬ zeitig war auch in Frankreich und England ein an¬ thropologisch-kritisches Verfahren herrschend gewor¬ den. Rousseau's Gemuͤth, Voltaire's Verstand, Swift's Satyre, Sterne's Humor appellirten an die mensch¬ liche Natur und stuͤrzten die alten Vorurtheile. Sie und Diderot, Goldsmith, Fielding drangen in die deutsche Literatur und ihre Wirkungen stehn in ge¬ nauer Beziehung mit Kant's Anthropologie. Man warf die steife Form von sich und belauschte das menschliche Herz, das gesellige Leben, und gab Sit¬ tengemaͤlde, psychologische Romane, Idyllen, buͤr¬ gerliche Schauspiele, Satyren, humoristische Aus¬ schweifungen, worin uͤberall der Grundton der Kanti¬ schen Philosophie wiederklingt, Pruͤfung der Men¬ schenseele, Humanitaͤt und zugleich Polemik gegen den alten Wahn. Goͤthe's reiche Gemaͤlde haben ihnen eine lange Herrschaft bereitet, und Wachler hat gar nicht Unrecht, wenn er, obwohl ohne das Motiv an¬ zugeben, in seinem Handbuch der deutschen Literatur die Behauptung aufstellt, Goͤthe habe seine allgemeine Anerkennung erst durch Mitwirkung der kritischen Philosophie gewonnen. Fichte gehoͤrt der Zeit der franzoͤsischen Revolu¬ tion an, wie Kant der kurz vorhergehenden friedli¬ chen Periode. Eine wunderbare Schwaͤrmerei be¬ maͤchtigte sich der Menschen. Man traͤumte von ei¬ ner hoͤchsten moralischen Weltordnung, von einer all¬ gemeinen Republik, und der Traum sollte verwirk¬ ligt werden. Man verwarf Offenbarung und Ge¬ schichte, und das neue Geschlecht maßte sich an, Kraft seines freien Willens alles Alte zu stuͤrzen und eine neue Menschheit mit neuen Formen anzu¬ fangen. Die Franzosen waren die Helden dieser neuen Lehre, ihre tiefste philosophische Begruͤndung muß unsrem Fichte zugeschrieben werden. Ihm hingen da¬ her alle Freunde der franzoͤsischen Revolution und jene Unzahl jugendlicher Enthusiasten an, die selbst dann noch von ihren Traͤumen nicht lassen wollten, als die Franzosen bereits von der nachhinkenden Er¬ fahrung unsanft aufgeweckt worden. Eine Menge Politiker, Historiker und Paͤdagogen folgten Fichte's Grundsaͤtzen, und das sogenannte Deutschthum muß als der letzte einseitige Auswuchs des einseitigen Fich¬ tianismus betrachtet werden. Im ethischen Enthusias¬ mus hoͤchst achtbar, und oft bewunderungswuͤrdig, ist diese Lehre in der Praxis fast immer nur zur Thor¬ heit ausgelaufen. Sie findet ihre Anhaͤnger auf na¬ tuͤrliche Weise immer bei der Jugend und hat sie bei den Alten eine Zeitlang finden muͤssen, als dieselben wie in den letzten Zeiten der Noth und Befreiung Deutschlands von einem jugendlichen Rausch ergrif¬ fen worden. Diese feurige, rasche Wirkung, wie eines Meteors, das wieder schwindet, ist aber ge¬ rade das, was wir an Fichte's Lehre hoͤchst liebens¬ wuͤrdig finden muͤssen. Unter den Dichtern ist in der praktischen und ethischen Richtung Schiller ihm am meisten geistesverwandt. Beide griffen in die stolze Brust und riefen den maͤnnlichen Willen zum Kampf gegen die Sinnlichkeit und Schwaͤche des Zeitalters; beide fochten ritterlich fuͤr Freiheit, Ehre, Tugend, beide sind fruͤh in dem Strom, gegen den sie anstreb¬ ten, untergegangen. Abgesehn von dieser ethischen Richtung aber, und rein in Bezug auf das Philoso¬ phem Fichte's ist kein Dichter ihm gefolgt, als No¬ valis, der daher auch eben so groß und einzig da¬ steht, und auch dieser Dichter buͤßte den allzukuͤhnen Goͤttertraum mit einem fruͤhen Tode. Fichte's hoͤch¬ ster Satz, «das Ich ist Gott» wurde von Nova¬ lis in jenem ungeheuern Anthropomorphismus der Welt ausgefuͤhrt, den wir in seinen hinterlassenen Werken bisher mehr angestaunt als begriffen haben. Er fuͤgte noch den zweiten Satz hinzu, «Gott will nur Goͤtter» und die Welt schien ihm nichts gerin¬ geres als eine Republik von Goͤttern. Wir muͤssen wenigstens gestehn, daß Novalis im Sinn dieses Philosophems sich wirklich als ein, wenn auch nur poetischer, Gott und Koͤnig des Weltalls betrachtet, und umfassender als je ein Dichter vor ihm die ganze Welt zur Scene und zum Gegenstand seines Gedich¬ tes gemacht hat. Schelling's Philosophie hat der neuen aͤsthetisch¬ romantischen Richtung entsprochen. Die Romantik ist die Vorhalle der Mystik. Das Mittelalter war romantisch, weil seine Religion mystisch war, und wir kehren zur Romantik zuruͤck, weil wir mystischer Ideen wieder faͤhig werden. Schelling's und Goͤrres mystische Philosophie, darin Religion und Poesie mit der Philosophie identificirt werden, mußte denen entgegen kommen, die vom Standpunkt der Kunst aus zur Romantik gelangt waren. Die Kunst wird romantisch, wenn sie religioͤs wird, es ist aber ihr Ziel, religioͤs zu werden. Kuͤnstler und Dichter, un¬ ter den letztern vorzuͤglich Tieck, die Bruͤder Schle¬ gel, Arnim, Brentano bildeten in Verbindung mit jenen Philosophen eine neue Schule des Mittelalters. Sie stehn wunderbar fremd in dieser Zeit. Der Verstand versteht sie nicht, doch maͤchtig hat ihre Poesie auf die Herzen gewirkt, und vergebens kaͤm¬ pften einige Altmeister gegen den unermeßlichen Ein¬ fluß, den diese Dichter in der schoͤnen Literatur sich behaupten. Die Naturphilosophie im engern Sinn harmo¬ nirt mit der materiellen Richtung, der wir je mehr und mehr gefolgt sind. Man hat die Naturkraͤfte brauchen gelernt, und die Speculation hat von Jahr zu Jahr immer groͤßere Fortschritte gemacht. Wer nur ein Gewerbe treibt, sieht sich zu den Naturwissen¬ schaften hingezogen. Wer den Boden anbaut, will ihn und seine Produkte mit Huͤlfe neuer physikali¬ scher Entdeckungen verbessern, und ganz unentbehr¬ lich sind sie fuͤr die Fabrikanten, welche jene Pro¬ dukte verarbeiten. Die Chymie ist wieder Alchymie geworden, sofern sie, obwohl auf eine natuͤrliche Weise, wieder Gold bringen soll. Bei weitem das wichtigste Ergebniß der Philo¬ sophie Schelling's scheint aber die parteilose, epische Weltansicht zu seyn, die sie mit sich bringt, und der die Laien selbst immer mehr entgegen kommen, seit so viele Erfahrungen die Leidenschaft abgekuͤhlt und die endlos verwickelten Widerspruͤche eine gewisse Duldung und Indifferenz herbeigefuͤhrt haben. Im System Schelling's findet jede Partei gegenuͤber der andern ihren Platz, die Entzweiung wird als eine natuͤrliche nachgewiesen, ihre Widerspruͤche werden auf einen urspruͤnglichen, nothwendigen Gegensatz zu¬ ruͤckgefuͤhrt. Dieses System duldet durchaus nichts ausschließliches, durchaus keine unbedingte Herrschaft einer Ansicht, keine unbedingte Verfolgung der an¬ dern. Es sucht in einer Physik des Geistes und der Geschichte jedem geistigen Wesen, sey es ein Charak¬ ter, oder eine Meinung, oder eine Begebenheit, das¬ selbe Recht zu sichern, wie in der gemeinen Physik jedem materiellen Wesen. Es betrachtet die histori¬ schen Perioden wie die Jahreszeiten, die Nationali¬ taͤten wie die Zonen, die Temperamente wie die Ele¬ mente, die Charaktere wie die Kreaturen, die Äuße¬ rungen derselben in Gesinnungen und Handlungen als so nothwendig in der Natur gegruͤndet, und als so verschieden wie die Instinkte. Nach diesem Sy¬ stem herrscht ein Wachsthum und ein geheimnißvoller Zug, eine Mannigfaltigkeit und eine Ordnung in der geistigen Welt wie in der Natur. Diese neue epische Ansicht empfiehlt sich allen denen, die in einem wei¬ teren Umkreis das Leben uͤberblickt haben. In ihr allein findet der endlose Meinungsstreit seine Beru¬ higung, und jeder Widerspruch die einfachste natuͤr¬ lichste Loͤsung. Ohne mit Schelling und seiner Schule vertraut zu seyn, sind viele einsichtsvolle Maͤnner durch eine lange Erfahrung von selbst auf diesen Standpunkt der Betrachtung gefuͤhrt worden. Nach einer weiten Lebensreise haben sie auf alles zuruͤck¬ geblickt, was sie gesehn und uͤbersehn, gestrebt und verlassen, gefunden und verloren, und von selbst hat das wilde Drama, in welchem sie als handelnde Per¬ sonen einseitige Zwecke blind verfolgt, sich ihnen in ein ruhiges Epos verwandelt, und sie sind als Zu¬ schauer dem Dichter zur Seite niedergesessen, um die lange Vergangenheit und sich selbst darin, wie von einem Berge herab in stiller Ferne zu uͤberschauen. Die im religioͤsen Gebiet eingetretene Indifferenz und die großen, alle Parteien in gleicher Weise widerle¬ genden und rechtfertigenden Erfahrungen in Politik und Geschichte haben die epische, ruhige Wuͤrdigung des Weltkampfes unterstuͤtzt, und selbst in der Poesie ist ihr durch die jetzt alles uͤberwuchernde Romanen¬ welt in Walter Scott's Manier ein breites Feld ge¬ wonnen worden. Die historischen Romane huldigen der Idee nach der unparteilichsten Betrachtung aller Zeiten, Voͤlker und Parteien, und werden es immer mehr thun muͤssen. Welche Wirkung die Hegel'sche Philosophie auf die Mitwelt aͤußern wird, ist noch nicht genau zu bestimmen, da sie die Katastrophe noch nicht erlebt hat. Es liegt nicht in ihrem Wesen, sich selbst Zweck zu seyn; ihre ganze Staͤrke besteht, wie die des dia¬ lektischen Talentes uͤberhaupt, nur darin, Mittel zu seyn, und, wie es scheint, ist sie denn auch wirklich ein Mittel geworden. Geschichte. Allen Voͤlkern sind die Erinnerungen der Vorzeit heilig, und alle streben der Nachwelt von sich selbst ein Gedaͤchtniß zuruͤckzulassen. Traditionen und sinn¬ liche Denkmaͤler waren die uralten Bande, an wel¬ chen die Jahrtausende einander erkannten, aneinan¬ der sich fortbildeten. Umfassender aber, als in allen andern Denkmaͤlern, erhielt sich in der Literatur das Bild der alten Zeiten, und ihr praͤgen wir auch un¬ ser Bild auf, um es den Nachkommen zu uͤberliefern. Die Erforschung aller alten Denkmaͤler und die Sorge fuͤr Denkmaͤler auch unsres Lebens ist seit geraumer Zeit ein vorzuͤgliches Geschaͤft der Deut¬ schen gewesen, weil wir weniger thaͤtig oder genu߬ suͤchtig, als andre Voͤlker, uns vor allem der sinni¬ gen Betrachtung hingeben. Dadurch ist es uns ge¬ lungen, beinah in allen Zeiten heimisch zu werden. Wir haben die Bilder aller Voͤlker um uns versam¬ melt und spiegeln uns in der Erinnerung des ganzen menschlichen Geschlechts. Dieß ist der staͤrkste Be¬ weis, wie die staͤrkste Stuͤtze der Humanitaͤt, die uns auszeichnet, und zeugt mehr als alles von der Uni¬ versalitaͤt unsres Geistes, denn wo irgend eine na¬ tionelle Einseitigkeit vorherrscht, pflegt sie immer zu¬ erst in Vorurtheilen gegen andre Nationen und in Verachtung ihrer Denkmaͤler sich zu aͤußern. Im allgemeinen nennen wir die Erinnerung der Zeiten die Geschichte, und ordnen ihr folgende Wis¬ senschaften unter, Archaͤologie und Philologie oder Kunde der bildlichen und schriftlichen Denkmaͤler, kritischer Geschichtsforschung und Geschichtschreibung. Die Archaͤologie und Philologie lehren uns die alten Denkmaͤler verstehn und sind das Mittel fuͤr den Geschichtsforscher. Die Philologie hat sich aber selbst zum Zweck gemacht. Sie hat das Stu¬ dium der alten und aller Sprachen um ihrer selbst willen, nicht blos wegen des zufaͤlligen Inhalts, zu ihrem Gegenstand gemacht. Es ist darin viel uͤber¬ trieben worden, man hat den Sprachgelehrten zu viel Einfluß eingeraͤumt, und nur zu oft uͤber der Form den Inhalt vernachlaͤßigt Indeß hat sich das Übergewicht des reinen Sprachstudiums gleichsam von selbst ergeben muͤssen. Der Philologe hat die doppelte Pflicht, die alten Denkmaͤler theils der Form, theils dem Inhalt nach verstaͤndlich zu ma¬ chen. Das erste erfordert aber ein ganz andres Stu¬ dium, als das zweite, und beide muß er trennen. Die Grammatik muß vom Inhalt absehen, und eine vergleichende Analogie bei den verschiednen alten Schriften anwenden, die sich mit Sacherklaͤrungen nicht aufhalten kann, und sie ist mit einem Wort eine selbstaͤndige Wissenschaft der Formen. Da sie aber als solche, gleich der Mathematik, eine innere Consequenz hat, so findet sie weit leichter und mehr Anhaͤnger als jenes Studium, das den Inhalt zu er¬ klaͤren sucht, weil dieses nach allen Seiten hin, eine Mannigfaltigkeit von Kenntnissen erfordert, die weit schwieriger zu erwerben sind, als Sprachkenntnisse. Wohl fuͤhlen die Philologen, daß sie ihren Schuͤlern den Plato oder Thucydides nicht genuͤgend zu erklaͤ¬ ren vermoͤgen, wenn sie nicht im Besitz der reichsten philosophischen, politischen und historischen Kenntnisse sich befinden, und wo dieß nicht der Fall ist, also in den meisten Faͤllen halten sie sich an die Sprache. Die reine Sprachwissenschaft behandelt entweder die Sprache eines Volks, oder sie vergleicht die Sprachen verschiedner Voͤlker, oder sie verfolgt phi¬ losophisch die allgemeine Logik in den sprachlichen Formen, oder endlich den innern Zusammenhang und die historische Entwicklung in allen Sprachen. Das Studium einzelner Sprachen ist das herrschende, be¬ sonders aber hat uns die griechische und lateinische beschaͤftigt. Die naͤhere Bekanntschaft mit denselben hat ohne Zweifel sehr vortheilhaft auf die Ausbil¬ dung unsrer Sprache gewirkt, und uns namentlich gelehrt, die Saͤtze in schoͤne Perioden auszudehnen und doch den Sinn kuͤrzer zu fassen, denn fast alle Denkmaͤler der aͤltern deutschen Sprache leiden an einer Kuͤrze der Saͤtze und Weitschweifigkeit des Sin¬ nes, die in Bezug auf das Volk sehr charakteristisch ist. Wenn wir auch durch die Nachahmung der Al¬ ten eine mehr eigenthuͤmliche Entwicklung unsrer Sprache und sogar eine Menge sowohl alter Woͤrter als Formen aufgegeben haben, so muͤssen wir doch bekennen, daß wir in demselben Maaße alte Begriffe und Denkweisen abgelegt haben, und daß unsre neue Sprache vollkommen unsrer neuen Bildung entspro¬ chen hat, und mehr kann die Sprache nicht thun. Die Nachahmung der Alten war unabweislich; wir werden jetzt selbstaͤndiger und in demselben Maaße wird es auch wieder unsre Sprache, und wir neh¬ men das Urspruͤngliche wieder auf, weil wir es ausbilden. Sofern jene Nachahmung mit den Faͤhig¬ keiten und dem Genius der deutschen Sprache ver¬ traͤglich gewesen ist, hat sie sehr wohlthaͤtig gewirkt. Indeß hat sie unsrer Sprache doch auch oft Gewalt angethan. Die vergleichende Anatomie der Sprachen hat schoͤne Fortschritte gemacht, und man hat sogar den Gedanken an eine Ursprache, oder an eine Zuruͤck¬ fuͤhrung aller Sprachentwicklungen auf urspruͤngliche Urlaute gewagt. Dieß hat freilich zum Theil zu un¬ sinnigen Hypothesen verleitet, indeß ist der Vortheil nicht zu verkennen, den eine unbefangene kritische Vergleichung der Sprachen gewaͤhrt. Sie hat vor¬ zuͤglich die interessantesten Aufschluͤsse uͤber die Ver¬ zweigungen, Wanderungen und geistigen Entwicklun¬ Deutsche Literatur. I . 9 gen der europaͤischen Voͤlkerstaͤmme gewaͤhrt und da¬ durch der Geschichtsforschung den wesentlichsten Dienst geleistet. Insbesondre muͤssen wir die Verdienste Ja¬ kob Grimm's um die Geschichte der deutschen Dia¬ lekte preisen. Wir sehn die Philologen jetzt in einem Kampfe begriffen. Urspruͤnglich herrschte bei den Katholiken das Lateinische vor, die Protestanten brachten das Studium der griechischen und orientalischen Spra¬ chen auf zum Behuf der Exegese. Spaͤter wurden die romanischen Sprachen in Deutschland beliebt, und in neuern Zeiten hat man eine große Aufmerksamkeit theils auf die deutschen Dialekte, theils auf das In¬ dische, Arabische und Persische gewendet. Nur die slavischen Sprachen sind uns noch wie bisher fremd geblieben, oder es ist nur hoͤchst wenig dafuͤr gelei¬ stet worden. Die griechisch-lateinischen Philologen haben sich nun dem Deutsch-orientalischen entgegen¬ gesetzt. Sie halten an ihrem alten Vorurtheil fuͤr das classische Alterthum und gegen die germanische Barbarei, und laͤcheln veraͤchtlich uͤber die Thoren, denen das Nibelungenlied und die Minnesaͤnger ne¬ ben Homer und Horaz auch etwas gelten. Erbittert aber sind sie gegen die Orientalen, die ihnen ihr Monopol, uͤber das Alterthum zu entscheiden, zu entreißen drohen. Sie sehn jenseits Griechenland und Rom im Orient nur dieselbe Barbarei, die sie im Mittelalter erkennen, da die Orientalisten aber große Aufklaͤrungen uͤber die Urzeit, das mythische Alterthum verkuͤndigen, fuͤr welche Hesiod und Homer nicht ausreichen, so fuͤrchtet die aͤltere Partei dadurch in den Schatten gestellt zu werden, und wehrt sich, den seligen Voß an der Spitze, mit Hyaͤnengrimm um die Leichen und Graͤber des Alterthums. Dieser Kampf der Philologen greift in die eigentliche Ge¬ schichtsforschung hinuͤber. Was das Sprachstudium uͤberhaupt betrifft, so traͤgt es zwar seinen Werth in sich selbst und ist ohne Zweifel sehr wohlthaͤtig fuͤr das jugendliche Al¬ ter, herrscht aber doch auf unsern gelehrten Anstalten nur allzu einseitig vor. Wer sollte auf einer aͤltern deutschen Schule er¬ zogen worden seyn, und nicht eine starke Rivalitaͤt zwischen dem philologischen und realistischen Unter¬ richt bemerkt haben? In der Regel aber wird man finden, daß die Philologen auf solchen Schulen ein unverhaͤltnißmaͤßiges Übergewicht behaupten, daß na¬ mentlich, wo Classenordnung eingefuͤhrt ist, in jeder Classe die Philologie einseitig vorherrscht. Einzig hieraus erklaͤrt sich die Einfuͤhrung der Faͤcherord¬ nung in einzelnen Schulen und die Errichtung beson¬ derer Realschulen. Immer aber sprechen die Philo¬ logen ein Vorrecht an, halten sich fuͤr etwas viel Hoͤheres als die Realisten, und bilden eine stolze aristokratische Kaste. Die Philologie ist fuͤr den Unterricht zum Theil so verderblich geworden, wie die aͤußern Gebraͤuche fuͤr den Gottesdienst. Wie dort die wahre Andacht 9 * unter mechanischen Spielen untergegangen ist, so hier das wahre Denken, die aͤchte Bildung unter dem mechanischen Auswendiglernen bloßer Formen. Ich verkenne nicht die Nothwendigkeit der Philologie, den großen Einfluß, den Sprachkenntniß auf das Denken uͤbt; aber eine Graͤnze muß gezogen werden, jenseit welcher der Geist nicht mehr mit Formen, vielmehr mit Sachen genaͤhrt werden muß. Ist es aber nicht die Mehrzahl der Philologen, die bei der Erklaͤrung der alten Classiker vorzugsweise nur auf die Grammatik sieht, und den Geist, die Schoͤnheit, den historischen, philosophischen oder aͤsthetischen In¬ halt jener Alten nur in elenden Noten nebenbei be¬ ruͤhrt? Man sehe ihre Ausgaben an. Haben jene hunderte und tausende, welche die griechischen Dich¬ ter edirt und mit Noten versehn, nur das zehnte Theil von dem erlaͤutert, was der einzige Schlegel daruͤber ausgesprochen? Wiegen alle jene gelehrten Lasten die wenigen Baͤnde eines Wieland, Lessing, Herder, Winkelmann auf? Und ist nicht noch jetzt so vieles Herrliche des Alterthums fuͤr das groͤßere Publikum ungenießbar, so oft es auch die Philolo¬ gen behandelt haben, weil noch zu wenig freie Den¬ ker und schoͤne Geister dafuͤr sich interessirt haben? So unermeßlich das Feld der Philologie ist, so ist es doch verhaͤltnißmaͤßig noch immer sehr unfrucht¬ bar geblieben. Der Aufwand von Menschen und An¬ stalten fuͤr die Philologie, der andern Wissenschaften entzogen worden ist, hat keineswegs gewuchert, wie man erwarten sollte. Die Philologie ist das Mittel fuͤr die Zwecke andrer Wissenschaften, aber das Mittel ist selbst zum Zwecke geworden. Man soll die alten Sprachen ler¬ nen, um den darin uns uͤberlieferten Inhalt zu ver¬ stehn, aber die Philologen betrachten diesen Inhalt nur als ein nothwendiges Übel, ohne welches die Sprache nicht seyn kann, und behandeln die alten Classiker so, als ob sie Schoͤnes und Großes nur ge¬ dacht haͤtten, um die Grammatik anzuwenden. Jeder alte Autor ist ihnen nur eine besondre Beispielsamm¬ lung fuͤr die Grammatik. Man soll die Alten lesen um darnach zu leben, aber die Philologen meinen, man solle nur leben, um die Alten zu lesen. Man hat in der neuesten Zeit in der Philologie ein bewahrtes Mittel gefunden, den politischen Ver¬ irrungen der Jugend zu begegnen. Man hat gefun¬ den, daß nichts so sehr den Feuereifer niederschlaͤgt, und zu blinden Gehorsam gewoͤhnt, als diese Philo¬ logie, die das befluͤgelte Genie an den Buͤcherschrank kettet, und den Scharfsinn in die Grammatik, die Neuerungssucht in Conjecturen ableitet. Alle Spring¬ federn des Geistes erschlaffen unter der Last der Buchstaben. Der Juͤngling muß immer sitzen und verlernt das Aufstehn. Alle Freiheit wird erstickt un¬ ter der Last der Autoritaͤten und Citate. Der Juͤng¬ ling muß nur immer lesen und auswendig lernen, und verlernt das Selbstdenken. Alle wahre Bildung wird gehemmt durch die einseitige Betreibung des blos formellen Sprachunterrichts. Der Juͤngling muß nur immer Woͤrter und Formen lernen, und gelangt nicht zur Sache. Er wird in die Schule gestoßen und der philologischen Dressur Preis gegeben. Die meisten sehn diese Dressur als eine Qual, das Amt als die einzige Befreiung an, und studiren nur auf das Examen los, indem sie so viel philologische Kennt¬ nisse sammeln, als in den Kopf gehn wollen, um Sachen aber sich so wenig als moͤglich bekuͤmmern, weil man nur vorzugsweise jene von ihnen verlangt. Gehen wir zur historischen Wissenschaft im engern Sinne uͤber, so bietet sich uns ein unermeßliches Feld dar, auf welchen zahlreiche Arbeiter emsig beschaͤftigt, jedoch mit einander im Streit begriffen sind, so daß die einen sehr haͤufig das Werk der andern wieder zerstoͤren. Im Allgemeinen bemerken wir im histori¬ schen Gebiet zunaͤchst folgendes. Die Geschichte ging urspruͤnglich aus dem Epos hervor, und war nichts als das Gedaͤchtniß großer Helden. Diesen Charakter hat sie bis auf unsre Zei¬ ten beibehalten, sie ist wesentlich politische Geschichte, Gedaͤchtniß weniger des Lebens im Umfang aller Er¬ scheinungen, als insbesondre der Thaten. Noch im¬ mer legt man auf Schlachten und aͤußre Begebenhei¬ ten ein groͤßeres Gewicht, als auf die stillen Ent¬ wicklungen im innern Leben der Voͤlker. Doch hat man allmaͤhlig immer mehr auch diese Entwicklungen in den Kreis der geschichtlichen Betrachtung gezogen, und man begreift unter dem Gegenstande der Ge¬ schichte bei weitem mehr, als fruͤher, wiewohl die politische Geschichte immer die vorherrschende bleibt. Jene Gegenstaͤnde sind die allgemeine Weltgeschichte, die Geschichte einzelner Voͤlker, Örter, Begebenheit und Personen, aber auch Geschichte der Cultur oder einzelner Richtungen des Lebens, der Religion und Kirche, der Wissenschaften und Kuͤnste, der Sitten und des Verkehrs. Die Deutschen haben sich in allen diesen Gegen¬ staͤnden versucht, doch zeichnet sie eine charakteristische Vorliebe fuͤr die allgemeine Weltgeschichte aus, weil ihr philosophischer Trieb uͤberall eine Einheit und ein Ganzes sucht. Eben deßhalb haben sie sich auch mehr als irgend ein andres Volk um die Geschichte der Fremden bekuͤmmert. Die vaterlaͤndische Geschichte ist daruͤber mannigfach vernachlaͤssigt, wenigstens ist ihr ein unermeßliches Studium, das sich auf die fremde Geschichte geworfen hat, entzogen worden. Der Werth unsrer Geschichtsforschung muß theils nach den Huͤlfsmitteln, theils nach der Kritik und nach den Ansichten und Resultaten derselben ge¬ wogen werden. Die Mittel haben sich in der neuern Zeit auf jede Weise direkt und indirekt vervielfaͤltigt: Das Studium der Geschichte ist von der großen Geisterbewegung der neuern Zeit mit ergriffen wor¬ den. Mit allen philosophischen Ansichten haben sich auch die der Geschichte gelaͤutert und gehoben. Die Sammlungen sind vermehrt und gelichtet, die Kritik ist geschaͤrft worden, und die poetische Ausbildung der Sprache hat auch ihren wohlthaͤtigen Einfluß auf die Geschichtschreibung geuͤbt. Ein wahrhaft gro¬ ßer Schwung ist aber in dies Studium erst durch die großen historischen Ereignisse der Zeit selbst ge¬ kommen. Alle Wunder der Geschichte sind sichtbar an uns voruͤbergegangen, und was wir mit eignen Augen gesehen, erklaͤrt uns die Vergangenheit. Eigne Thaten und Leiden haben uns jene Alten verstaͤnd¬ lich gemacht, und indem wir selbst gewaltige Charak¬ tere uͤber die Weltbuͤhne schreiten gesehn, nennen wir nicht mehr bloße Namen des Alterthums und zaͤhlen ihre Thaten, sondern wir erkennen sie und leben mit ihnen. Auch ist der Umstand nicht unwichtig, daß eben jene Stuͤrme unsrer Zeit so viele Schranken niedergeworfen, die ehemals das Studium hemmten, und so viele Schaͤtze zugaͤnglich gemacht, die ehemals im Dunkeln moderten. Viele Staatsgewalten, die sonst ihre Archive geheim zu halten fuͤr noͤthig fan¬ den, sind zerstoͤrt und ihre Annalen dem Geschichts¬ forscher in die Hand gegeben. Viele Bibliotheken, die religioͤses Mißtrauen verschloß, sind geoͤffnet; viele literarische Schaͤtze, die das Kloster oder die Reichsstadt, in der sie verborgen lagen, nicht ein¬ mal kannte, sind ans Licht gezogen worden. Die heilsamste aller dieser Veraͤnderungen ist aber unstrei¬ tig das Centralisiren vieler kleiner Bibliotheken in eine große jeder Provinz, wodurch allein es moͤglich wird, uͤber die Mannigfaltigkeit der historischen Ur¬ kunden einen Überblick zu gewinnen und sie auf be¬ queme Weise zu benutzen. Indessen ist noch lange nicht genug gethan. Die Quellen der vaterlaͤndischen Geschichte wenigstens sollten bei weitem mehr aufgeklaͤrt und zusammenge¬ draͤngt seyn, als wir sie gegenwaͤrtig finden. Ich verkenne nicht, daß jedem Ort sein angestammtes Denkmal beiben muͤsse, daß es Raub sey, die alten Urkunden und Manuscripte aus den Gegenden zu entfernen, denen sie zugehoͤren; es ließe sich aber wohl auf andre Weise helfen. Das wahrhaft gro߬ artige Unternehmen einer bekannten Gesellschaft, die wichtigsten Quellen der deutschen Geschichte neu ab¬ drucken zu lassen, hat uns wenigstens einen Weg ge¬ zeigt, wenn auch auf demselben noch kaum ein Schritt gethan ist. In einer Zeit, wo so viel geschwaͤrmt wird, darf man wohl auch den kuͤhnen Gedanken wagen, daß ein kuͤnftiges Deutschland reich, klug und nationalstolz genug seyn werde, um eine Biblio¬ thek von Quellen der deutschen Geschichte zu Stande zu bringen, die keiner seiner groͤßern Staͤdte fehlen duͤrfte. Wenn man das Fremdartige dabei gehoͤrig ausscheidet, so ist ein Überblick allerdings moͤglich. Eine Nation von so unermeßlichen Huͤlfsquellen, als die deutsche, wuͤrde, wenn sie fuͤr die Idee begeistert waͤre, und die rechten Maͤnner, die ihr dann schwer¬ lich fehlen duͤrften, an die Spitze stellte, die Kosten, die fuͤr ein solches Unternehmen ausreichten, wohl aufopfern koͤnnen. So etwas wird aber leicht allen andern, als den gelehrten Forschern selbst, ein un¬ nuͤtzer Traum duͤnken. Man denkt so wenig daran, die Schaͤtze der Literatur als ein allgemeines Natio¬ nalgut zu huͤten und zu pflegen, daß man nicht ein¬ mal, was so leicht waͤre, bei den Buͤchermessen von jedem neuen Werke wenigstens ein Exemplar abfor¬ dert, um in einer gemeinsamen Nationalbibliothek ohne Unterschied alle literarische Produkte wenigstens von einem bestimmten Zeitpunkt an zu sammeln. Moͤ¬ gen immer im Verkehr die vielen schlechten Buͤcher untergehn, aber wenigstens ein Exemplar sollte von jedem erhalten werden. Die historische Kritik ist so sehr an die That¬ sachen gebunden, daß der groͤßte Scharfsinn nicht ausreicht, wenn die Quellen nicht Stoff genug zur Combination darbieten. Daher findet man viele aͤl¬ tere gar scharfsinnige Werke doch voll Maͤngel und Irrthuͤmer, nachdem man der Quellen sich im weitern Umfange bemaͤchtigt hat. An eigentlicher kritischer, analytischer oder combinatorischer Gabe mangelt es in einem so philosophischen Volke, als die Deutschen sind, durchaus nicht; doch lassen wir uns eine falsche einseitige Theorie, oder eine suͤße Schwaͤrmerei des Herzens uud der Phantasie auch auf dem historischen Gebiet nur allzuleicht verfuͤhren. Besonders haben die dunklern Partieen der Geschichte hier einem blin¬ den Scepticismus, dort einer zuͤgellosen Hypothesen¬ jaͤgerei Raum gegeben. Überhaupt, wo die That¬ sachen der Geschichte nicht unverruͤckbar eine Ansicht feststellten, haben die Vermuthungen, Meinungen und Einbildungen eine Menge verschiedner Ansichten er¬ zeugt, und die Kritik hat mehr vom Temperament oder System der Forschenden, als von den Thatsa¬ chen selbst den Maaßstab entlehnt. Man hat auch wohl versucht, die unzweideutigsten Thatsachen zu entstellen, um ihnen ein beliebiges Ansehn zu geben, sie einer Lieblingsneigung, einer Theorie oder einer praktischen Absicht anzupassen. Man hat die That¬ sachen aus ihrem natuͤrlichen Zusammenhange gerissen, das Eine ungebuͤhrlich hervorgehoben, das Andre nur nebenbei gewuͤrdigt oder uͤbersehn, dem Gewissen ei¬ nen falschen Sinn untergelegt, dem Ungewissen einen beliebigen, und sich selbst nicht gescheut, hin und wie¬ der absichtlich zu luͤgen. Die Ansichten , welche die Geschichtsforscher in ihr Studium hineintragen, sind willkuͤrlich oder unwillkuͤrlich. Es gibt allerdings Gelehrte, welche mit Absicht die Geschichte verfaͤlschen, um sie als Werkzeug des Parteikampfes zu benutzen, oder wohl gar aus Froͤmmigkeit oder Patriotismus, oder aus Moral, oder nur, um eine einmal ausgesprochne Lieblingsmeinung nicht zuruͤcknehmen zu muͤssen. Bei weitem mehr Gelehrte bringen aber ganz unwillkuͤr¬ lich falsche, oder wenigstens einseitige Ansichten in die Geschichte. Die Ansicht der Partei, unter wel¬ cher man geboren und aufgezogen worden ist, draͤngt sich uns uͤberall auf, und wir sehn durch ihre Brille, ohne es zu wissen. Ich kann hier die mannigfaltigen Ansichten, wie sie im Kleinen uͤberall sich geltend machen, nicht weitlaͤuftig besprechen, sondern muß mich an die groͤßern Hauptansichten halten, die im historischen Gebiete herrschend sind. Im Einzelnen hoͤren wir uͤberall einen Glauben, ein Volk oder ei¬ nen Stamm oder nur Personen uͤber die Gebuͤhr preisen und andre verunglimpfen, und die Religion, das Vaterland, der Stand und die Erziehung des Geschichtsforschers druͤcken seinen Untersuchungen ih¬ ren Stempel auf. Im Großen aber unterscheiden wir etwa folgende welthistorische Ansichten. Die Einen bringen ein Ideal des menschlichen Geschlechts mit, nach welchem sie alle historischen Erscheinungen abmessen, und da die Geschichte groͤ߬ tentheils nur als politische Geschichte betrachtet wird, so sind es jene politischen Ideale, die den Maaßstab hergeben muͤssen. Die Protestanten und Liberalen haben daher ein andres Ideal, als die Katholiken und Servilen, mithin auch eine andre welthistorische Ansicht. Beide sind aber darin einverstanden, daß nur ein gewisser Theil der Weltbegebenheiten Billi¬ gung verdiene, der andre zu verwerfen sey. Sie ge¬ ben sich also beide einer falschen parteilichen Theil¬ nahme an einzelnen Erscheinungen und einem klaͤgli¬ chen Jammer uͤber die andre hin, und immer liegt im Hintergrund ihrer Ansicht die alberne Anmaßung, daß sie es von Anfang an besser gemacht haben wuͤr¬ den, wenn die Regierung der Welt von ihnen aus¬ gegangen waͤre. Die Protestanten, Liberalen und die classischen Philologen vereinigen sich dahin, daß die Menschen sich allmaͤhlig aus dem rohesten thierischen Zustande zur Bildung erhoben und im griechisch-roͤ¬ mischen Alterthum die erste Reife gewonnen haͤtten, daß darauf die Barbarei wieder eingerissen und erst mit der Reformation eine neue hoͤhere Entwicklung vorbereitet worden waͤre, welche noch jetzt gegen die Barbarei kaͤmpfen muͤsse. Die Katholiken, Royali¬ sten und die orientalischen Philologen nehmen dage¬ gen ein heiliges, vollkommnes Urvolk an, das in Suͤnde verfallen, durch das Christenthum wieder ge¬ heiligt, aber nochmals in suͤndigen Abfall und Ver¬ irrung gerathen sey. Jene glauben an eine fortschrei¬ tende, muͤhsame Befreiung des Menschengeschlechts, diese an eine bestaͤndige Verschlimmerung durch die Erbsuͤnde und Versoͤhnung durch die goͤttliche Gnade. Aber was die erstern ein Freiwerden nennen, heißen die andern das Werk des Satans, und umgekehrt nennen jene Barbarei, was diese das Reich Gottes auf Erden nennen. Diese verschiednen Ansichten of¬ fenbaren sich vorzuͤglich bei der historischen Betrach¬ tung des Mittelalters, das die Einen bestaͤndig ver¬ dammen, die Andern preisen. Die Anzahl derer, welche die Geschichte in ihrem ganzen Umfang unparteiisch auf dichterische Weise als ein Epos oder gleichsam naturhistorisch als einen Organismus betrachten, ist verhaͤltnißmaͤßig noch sehr gering, und doch ist diese Ansicht die einzig wuͤrdige. Sie geht von keiner vorgefaßten Meinung aus, will nichts verwerfen oder verbessern, sondern nimmt die Dinge, wie sie sind, und mißt jedes nur nach dem in ihm liegenden Maaßstab. Sie wird z. B. das Mit¬ telalter nicht verwerfen, weil es der Freiheit im an¬ tiken oder modernen Sinn nicht huldigte, oder prei¬ sen, weil in ihm die Privilegien der Enkel begruͤndet sind, sondern sie wird es abgesehn von unsern gegen¬ waͤrtigen Interessen nach den Interessen seines Vol¬ kes, seines Geistes wuͤrdigen. Sie wird es fuͤr uͤber¬ fluͤßig halten, von jenen Menschen zu verlangen, was nur fuͤr die heutigen gilt. Sie wird ihnen das, was sie fuͤr wuͤnschenswerth und heilig gehalten haben, weder beneiden, noch verspotten, sondern sie nach ihrem eignen Glauben waͤgen und schaͤtzen. Erst da¬ durch wird die Geschichte, was sie seyn soll, ein treuer Spiegel der Vergangenheit. Man kann sie nicht objectiv genug auffassen; jede subjective Aus¬ schweifung truͤbt ihren Spiegel. Glossen mag die Philosophie machen, der Geschichte selbst gilt nur der einfache Text. Im Allgemeinen hat unsre Geschichtforschung fol¬ gende Entwicklungen erlebt. Nach dem dreißigjaͤhrigen Kriege fielen die Deutschen in Lethargie und erwach¬ ten erst im achtzehnten Jahrhundert in fieberhaften Traͤumen. Zu den Erscheinungen jener phlegmatischen Zeit gehoͤren auch die langweiligen historischen Samm¬ lungen und Commentare, zu denen der cholerischen Extase gehoͤrt der historische Scepticismus des vorigen Jahrhunderts. Überall sahen wir zuerst einen todten Mechanismus, dann eine tolle Lebendigkeit. In der Theologie folgte der starren Orthodoxie eine bis zum Atheismus muthwillige Kritik. In der Phi¬ losophie wurde das mathematische Verfahren durch das anthropologische ersetzt, das allen Hypothesen freien Spielraum gab. In der Staatswissenschaft herrschte anfangs die abgeschmackte heilige roͤmische Reichsunbehuͤlflichkeit, dann ein Schwall von Neue¬ rungen. In den Naturwissenschaften ward die Em¬ pirie und das fleißige Sammeln durch kecke Hypothe¬ sen ersetzt. Die alte ehrbare Erziehung mußte den vagesten Versuchen der Philantropisten weichen. End¬ lich sah die sogenannte classische Poesie durch alle Ausschweifungen der Romantik und des modernen Hu¬ mors sich verdraͤngt. So folgten auch im historischen Fach auf die weitschichtigen Sammlungen der Maͤn¬ ner in Allongeperuͤcken die kritischen Bedenken der Maͤnner in Zoͤpfen, und nachdem das siebzehnte Jahr¬ hundert den Geist der Geschichte unter endlosen Cita¬ ten und chronologisch-genealogischen Tabellen begra¬ ben, konnte das achtzehnte ihn dreist laͤugnen. Man gefiel sich in einem frevelhaften Unglauben und im Vernichten dessen, was der Einseitigkeit des Geschlechts nicht zusagte. Waͤhrend die Philosophen dem Chri¬ stenthum absagten und die Revolutionsmaͤnner auf den Truͤmmern der Cultur und Geschichte einen neuen Naturzustand einzufuͤhren strebten, wurden sie von den historischen Sceptikern thaͤtig unterstuͤtzt, die das Amt uͤbernahmen, das Feld der Geschichte zu saͤu¬ bern und den trostlosen Grundsatz geltend machten, alles, was sie nicht verstanden, zu laͤugnen, und alles, was nicht mit der modernen Aufklaͤrung har¬ monirte, so darzustellen, als ob es von rechtswegen nie haͤtte existiren sollen. Da durften Schloͤzer und Ruͤhs alles sogenannte Vorgeschichtliche als dumme Fabel wegwerfen, und die ganze Zunft durfte das Mittelalter als Barbarei verdammen. Man sah die Geschichte nicht mehr, wie das weit vernuͤnftigere Mittelalter immer gethan, als ein organisches Leben an; man erfreute sich nicht mehr ihres Gemaͤldes, das unermeßlich, wie die Natur, zugleich eben so in allen Theilen harmonisch ist; man strebte nicht mehr das innerste Geheimniß und den Zusammenhang des großen geschichtlichen Lebens zu begreifen; vielmehr stellte man sich in jenem frevelhaften Übermuth, der jene Generation charakterisirt, uͤber die Vorsehung selbst und meisterte sie, tadelte die Werke derselben nud nahm als bekannt an, daß man es von Anfang an in der Welt besser gemacht haben wuͤrde. Man glaubte die Geschichte nur wie ein uͤbel bestelltes Erbe pluͤndern zu muͤssen. Wenig schien nutzbar, das alte Geraͤth ward in die Polterkammer gewiesen. Man zog durch die Hallen der Geschichte wie stuͤrmende Soldaten und verbrannte die herrlichen Wandtape¬ ten, wie die von Raphael, um Gold daraus zu schmelzen. Nichts erhielt Wuͤrdigung und Schonung, als was man fuͤr den Augenblick brauchen konnte. Das revolutionirende Jahrhundert fand daher nur die Geschichte der Griechen und Roͤmer wichtig und vernuͤnftig, weil es daraus die Muster theils fuͤr seine republikanischen Traͤume, theils fuͤr seinen Des¬ potenhaß entlehnen, und weil es hier dem aͤltesten Feind der mittelalterlichen Barbarei die Hand rei¬ chen konnte. Der religioͤse Fanatismus kam dem poli¬ tischen zu Huͤlfe. Da die Katholiken weniger geschrie¬ ben haben, und es den Gelehrten bereits zur andern Natur geworden ist, gegen katholische Schriften, na¬ mentlich historische, vorsichtig zu seyn, so haben diese weit weniger verdorben, als die Protestanten, wenn sie auch gleichfalls weit weniger gut gemacht. Grade indem die Protestanten beinah allein die Literatur be¬ herrscht haben, sind sie fanatisch gewesen, ohne es zu bemerken, denn was die Katholiken dagegen ge¬ schrieben, ist von Protestanten immer fuͤr absoluten Irrthum gehalten worden, seit man unter der roͤmi¬ schen Infallibilitaͤt nur schlechterdings Fallibilitaͤt ver¬ steht. Die ungeheure Mehrzahl der protestantischen Geschichtbuͤcher stellt das Mittelalter auch aus dem polemischen Standpunkt ihrer Confession dar. Die Geschichtschreiber glaubten dabei noch um so viel un¬ truͤglicher zu verfahren, als das philosophische Jahr¬ hundert allgemeinen Pfaffenhaß, Verspottung des Aber¬ glaubens und Verachtung der mittelalterlichen Roheit predigte. Indem sie aber ihre Darstellung der Ge¬ schichte dieser Doctrin anpassen, werden ihre Werke mehr paͤdagogische Exercitien, als treue Gemaͤlde der Vergangenheit. Sie malen nicht das Mittelalter, sondern ihren Haß gegen dasselbe. Sie belehren den Leser nicht uͤber die wahre Natur der Vorzeit, son¬ dern warnen sie vor den Gebrechen derselben. Was entlehnen sie wohl aus den zahlreichen Quellen jener Geschichte? Was haben sie im Ohr behalten aus der unendlichen Musik jener reichen schoͤnen Zeit? Disso¬ nanzen ohne Aufloͤsung, die traurige Schilderung von Barbareien, die auch nicht fehlten, wie sie uns nicht fehlen; aber die beseligenden Harmonien ver¬ nehmen sie nicht, die uns uͤberall aus den Hallen je¬ ner Vorwelt entgegentoͤnen. Erst unverhaͤltnißmaͤßig wenige Geschichtschreiber haben es gewagt, in der Kirche, dem Staat, den Sitten und der Kunst des Mittelalters etwas Erhabnes und Schoͤnes zu fin¬ den, und ihre Darstellung im Sinne der Quellen, im Sinne jener Zeit selbst aufzufassen, und irgend etwas von der Andacht, von der Kraft und Milde, von der Poesie derselben in ihre Schilderungen ein¬ fließen zu lassen. Die große Mehrzahl poltert nur wie von der Kanzel gegen die Pfaffen und wie von der Volkstribune gegen den Feudalismus, und ruͤmpft wie in einem Salon die Nase und haͤlt eine Philippika gegen die Pferdelust der durchlauchtigen Ahnen. Es erhoben sich aber auch Stimmen dagegen und namentlich seit der Restauration gewann die fromme und royalistische Partei auch einen weiten Spielraum in der Geschichtforschung. Das Extrem kehrte sich um, und der verworfne Stein wurde zum Eckstein. Man ging auf der entgegengesetzten Seite so weit als moͤglich und suchte sogar der laͤngst verspotteten Heraldik eine neue tiefe Bedeutung zu geben, indem man nicht die Geschlechter, aber das Geschlechtsystem bis in die orientalischen Wurzeln der deutschen und aller Geschichte verfolgte. Man sprach den Germa¬ nen ihre Freiheit wieder ab, und gab sich alle Muͤhe die Priesteraristokratie zu vindiciren. Das Mittel¬ alter aber erhielt seine Glorie wieder, und es war oft laͤcherlich genug zu sehn, wie man unscheinbare Lichtchen vor glaͤnzenden Gestalten aufsteckte, die durch sich selbst hinlaͤnglich strahlten. Gegenwaͤrtig kaͤmpfen beide Ansichten, und die Parteien stehn zu scharf an einander, als daß die dritte versoͤhnende Ansicht zur Herrschaft gelangen koͤnnte. Was nun die Geschichtschreibung betrifft, so wird ziemlich allgemein anerkannt, daß wir Deut¬ schen darin es noch nicht weit gebracht haben. Waͤh¬ rend man unsern Forschungen und Sammlungen die gebuͤhrende Achtung nicht versagt, den deutschen Fleiß nicht genug loben kann und auch unsre Kritik oft nur fuͤr allzukritisch haͤlt, ist man noch immer der Mei¬ nung, daß wir in der Geschichtschreibung nicht nur den Alten, sondern auch den Franzosen und Englaͤn¬ dern nachstehn. Allerdings lassen auch unsre besten Geschichtschreiber noch viel zu wuͤnschen uͤbrig, sie sind immer noch zu gelehrt, umstaͤndlich und unprak¬ tisch. Ihre Werke sind immer noch mehr Studien, als Gemaͤlde, mehr auf die Wissenschaft, als auf das Leben, mehr auf die gelehrte Kaste, als auf das Volk berechnet. Alle ihre Maͤngel entstiegen aus dem Mangel des oͤffentlichen Lebens. Das Talent des Geschichtschreibers ist das des Redners. Die Ge¬ schichte wird dann gut geschrieben, wenn die Bege¬ benheiten und ihre Motive uns wie einem versam¬ melten Volke vorgetragen werden, als ob wir noch daruͤber entscheiden koͤnnten. Das lebendige drama¬ tische Element darf dem Geschichtforscher nie fehlen. Der Forscher anatomirt, der Geschichtschreiber laͤßt lebendig handeln. Wer nun uͤberhaupt die Begeben¬ heiten aus einem lebendigen Gesichtspunkt ansieht, mit darin gehandelt, sie vielleicht geleitet hat, wird auch die Geschichte derselben und uͤberhaupt Geschichte zu schreiben wissen, der Held, der Staatsmann bes¬ ser, als ein deutscher Stubengelehrter. Es kommt aber noch hinzu, daß die umstaͤndli¬ chen und schwierigen historischen Forschungen der Deut¬ schen eine gute Geschichtschreibung noch immer beinah unmoͤglich gemacht haben. Wir betrachten wie billig die schoͤne Form als Nebensache, und die Wahrheit der Thatsachen als Hauptsache. Nun sind wir aber uͤber alle Gebuͤhr gewissenhaft und koͤnnen mit dem unermeßlichen Studium nie fertig werden. In alle unsre Darstellung mischt sich Kritik, Citat, Polemik, weil wir nicht blos etwas sagen, sondern es diplo¬ matisch und logisch beweisen wollen. Da ferner jede gute Geschichtschreibung von der Geschichte der eig¬ nen Nation ausgehn muß, so stellt sich uns hier eine neue Schwierigkeit entgegen. Unsre Geschichte ist theils so unendlich mannigfaltig, theils hat sie so viele dunkle Partien, daß ein klarer Überblick noch nie¬ mals erreicht worden ist. Weit leichter mag der Eng¬ laͤnder und Franzose seine Geschichte schildern, die an sehr einfachen Faͤden fortlaͤuft, und nie wichtig ist, wo sie nicht zugleich klar waͤre. Dort draͤngt sich alles zusammen, in der deutschen Geschichte faͤhrt alles auseinander. Wir sind darin den Griechen zu vergleichen, und noch gibt es eben so wenig eine gute griechische Geschichte, als es eine deutsche gibt. Noch in keinem Zweige der Literatur haben wir so wenig uns selbst vertraut, als in der Geschicht¬ schreibung. Hier galten uns fast immer nur fremde Muster, vorzuͤglich der Alten. Der wichtigste und anerkannteste unter den Nachahmern der Alten, der daher auch fast einstimmig fuͤr unsern groͤßten Ge¬ schichtschreiber gehalten worden ist, war Johannes Muͤller. Seine Schule ist noch immer die herrschende, und der manierirte geschraubte Ton derselben ist ein wenig laͤcherlich. Die Deutschen sind seit ein Paar Jahrhunderten von der europaͤischen Geschichte als ihr Spielball umhergeworfen worden; wenn sie selbst wieder einmal die Geschichte machen werden, werden sie sie auch schreiben koͤnnen. Staat. Die Politik ist gegenwaͤrtig an der Tagesord¬ nung, auch in Deutschland, indeß laͤßt sich leicht bemerken, daß wir nicht so eigentlich von selbst auf diese interessante Wissenschaft verfallen sind, daß sie uns vielmehr erst von außen her und zum Theil par forçe annehmlich gemacht worden ist. Bei den Spaniern, Italiaͤnern und Franzosen sind wir in die Schule des Despotismus gegangen, dann wieder bei Franzosen, Englaͤndern und Amerikanern in die Schule der Frei¬ heit. Die Franzosen haben uns ihre politischen Mei¬ nungen auf der Spitze des Bajonetts gebracht oder als Modeartikel durch den Buchhandel. Fast alle in¬ nern politischen Veraͤnderungen bei uns sind von au¬ ßen bewirkt worden, und nicht minder hat der Mei¬ nungsstreit von außen Nahrung empfangen. Darum traͤgt auch unsre Politik und deren Literatur auffal¬ lend ein fremdes Gepraͤge, und mit wie viel Theil¬ nahme wir uns nun auf diesen Gegenstand werfen moͤgen, so bleiben wir doch hinter unsern Meistern zuruͤck. Wir haben genug gelitten, um uns um Politik bekuͤmmern zu muͤssen, und zu wenig gethan, um zu¬ gleich etwas Großes dafuͤr leisten zu koͤnnen. Wir ha¬ ben zu viel Muster vor uns und zu wenige Selbstaͤndig¬ keit, um selbst Muster zu seyn. Unser Zustand wech¬ selt deßfalls, ohne festen Charakter, wie wir gesto¬ ßen werden. Man findet nirgend so viele Mittel¬ zustaͤnde , als in Deutschland. Man will es uͤberall recht machen, und gewiß haben Wenige die Macht, die nicht zugleich die Nothwendigkeit fuͤhlten, es recht machen zu muͤssen; aber der Anspruͤche sind zu viele und da der Hauptanspruch wie der gegenwaͤrtigen Zeit so des deutschen Phlegmas uͤberhaupt Maͤßigung und Frieden ist, so kann es nicht wohl anders seyn. Wir haben uns nur nothgedrungen auf den poli¬ tischen Schauplatz reißen lassen und finden uns noch nicht sonderlich darauf zurecht. Was wir etwa ha¬ ben thun muͤssen, kann man kein eigentliches Handeln nennen, und unsre Reden wollen deßfalls noch weni¬ ger bedeuten. Von jeher sind nur solche Voͤlker, deren ganze Thaͤtigkeit im oͤffentlichen Staatsleben sich concen¬ trirte, zugleich durch eine politische Literatur ausge¬ zeichnet gewesen, Griechen, Roͤmer, Englaͤnder, Fran¬ zosen und in bessern Zeiten auch die Italiaͤner. Die¬ sen muͤssen wir den Vorrang zugestehn. Zwar fehlt es uns an Theorien und phantastischen Traͤumen nicht, und wir sind daran vielleicht sogar reicher, als andre Voͤlker, weil die Phantasie einen desto freiern Spielraum gewinnt, je weniger der Mensch in einer schoͤnen Wirklichkeit thaͤtig ist. Auch unsre philosophischen Systeme erzeugen mannigfaltige An¬ sichten vom geselligen und politischen Leben. Die Theo¬ rien verhalten sich aber zum Leben selbst etwa nur wie die Poesie. Man traͤumt sich in ein politisches Eldorado hinein und wacht so nuͤchtern auf, wie zu¬ vor. Da den Deutschen die Tribune fehlt, so sollte man erwarten, sie wuͤrden ihre ganze Kraft desto wirksamer in der Literatur geltend machen. Es ist aber umgekehrt. Eine gute politische Literatur geht immer erst aus der Schule der politischen Beredsam¬ keit hervor. Eine geraume Zeit nahm die Religion alles In¬ teresse der Nation in Anspruch, so daß selbst die großen Umwaͤlzungen der Reformation eher dazu dien¬ ten, den Sinn fuͤr Politik nicht bei den Hoͤfen, aber beim Volk einzuschlaͤfern, als zu erwecken. Spaͤter trat eine behagliche Gewohnheit ein, bei der fast alle politische Fragen gaͤnzlich in Vergessenheit geriethen. Der Wohlstand nahm nicht so gewaltig zu, daß die uͤberfluͤßige Kraft große Thaten und Institutionen haͤtte hervorbringen koͤnnen; er sank aber auch nie so gaͤnzlich, daß die Verzweiflung zu Umwaͤlzungen gefuͤhrt haͤtte. Die Fuͤrstenhaͤuser genossen fast ohne Ausnahme das kindliche Vertrauen der Unterthanen, besonders seit ihre wechselseitigen Interessen in den Religionskaͤmpfen so eng verschlungen worden. Die Masse hatte zu essen, und ausgezeichnete Geister fan¬ den in den Wissenschaften und Kuͤnsten eine angemes¬ sene Wirksamkeit. Die Erscheinung der franzoͤsischen Revolution, und die Art, wie man sie in Deutsch¬ land aufnahm, hat hinlaͤnglich bewiesen, wie wenig man in Deutschland fuͤr ein reges politisches Leben gestimmt und vorbereitet war. Der Deutsche liebt die Familie mehr als den Staat, den kleinen Kreis von Freunden mehr als die große Gesellschaft, die Ruhe mehr als den Laͤrm, die Betrachtung mehr als das Raisonniren. Es muß zugestanden werden, daß diese Eigenheiten zu eben so viel Lastern als Ungluͤcksfaͤllen gefuͤhrt haben, daß nur durch sie verschuldet worden ist, was man uns mit Recht so oft und lange vorgeworfen, Bethoͤrung und Unterdruͤckung durch Fremde, Unempfindlichkeit fuͤr nationelle Schande, Vernachlaͤssigung gemeinsa¬ mer Interessen, enge peinliche Spießbuͤrgerlichkeit und Versauern in der traͤgen Ruhe. Auf der andern Seite beweist uns aber die fruͤhere Geschichte, daß diesel¬ ben Grundzuͤge des Nationalcharakters sich auch mit großen politischen Thaten und Instituten haben ver¬ einigen lassen. Aus ihrer Wurzel ist der Riesenbaum der altgermanischen Verfassung erwachsen, der Jahr¬ hunderte lang Europa wohlthaͤtigen Schatten gegeben. Von allen Verfassungen des Alterthums unterschied sich die germanische dadurch, daß sie das Gemein¬ wesen der individuellen Freiheit und dem Familien¬ wesen unterordnete. Der Staat sollte dem Einzelnen dienen, waͤhrend in Rom und Sparta der Einzelne Deutsche Literatur. I . 10 Leibeigner des Staates war. Jene Allgemeinheit des Staats, die allein souverain ist, der jeder Buͤrger unbedingt unterworfen ist, die einen eignen Willen und eigne Zwecke hat, war den Deutschen von jeher in der Natur zuwider. Diese Abneigung gegen den Goͤtzendienst des weltlichen Staates bahnte spaͤter der Hierachie den Weg. Zuletzt aber brachte sie uns in einen voͤllig passiven Zustand; wir wurden regiert und dachten nicht daran, wir litten alles und unter Hunderttausenden frug kaum einer, warum? Indeß ist in der neuesten Zeit der Sinn fuͤr Po¬ litik sehr lebendig erwacht. Große Ungluͤcksfaͤlle haben uns an die Fehler erinnert, durch welche wir dieselben verschuldet. Die Umwaͤlzungen der Nach¬ barlaͤnder haben uns zum Theil zur Nachahmung oder doch zur Aufmerksamkeit gezwungen. Gewaltstreiche von außen haben unsern innern politischen Zustand mannigfach veraͤndert, und manche Verbesserungen haben wir selbst zu Stande gebracht. Die fortge¬ schrittene Cultur verlangt manche Änderung. Die Kriege, die wir fuͤr den Bestand unsrer Staaten ge¬ fuͤhrt, haben sie uns werth genug gemacht, daß wir sie mit groͤßerem Interesse, als bisher, ins Auge fas¬ sen. Die politische Ehre, die wir wieder errungen haben, hat uns den Sinn fuͤr Politik wohlthaͤtig er¬ frischt. Thaten haben zur Betrachtung gefuͤhrt. Diese neue Politik aber ist groͤßtentheils in einer fremden Schule gebildet, alle Parteien, die Kabinette, die Staͤnde, die Liberalen haben im Ausland ihren Unterricht empfangen. Wo indeß die deutsche Ei¬ genthuͤmlichkeit vorschlaͤgt, aͤußert sie sich in dersel¬ ben Systemsucht und Phantasterie , die wir in allen Wissenschaften geltend machen. Die Praktiker, die das Ruder fuͤhren, sind davon so wenig ausge¬ schlossen als die stillen Schwaͤrmer in den Dachstu¬ ben, die nichts regieren als die Feder. Jene wollen der Gegenwart das Unmoͤgliche aufdringen, diese der Zukunft das Moͤgliche. Jene legen die Voͤlker auf ihre Tabellen, wie den heiligen Laurentius auf den Rost, diese machen sich goldne Traͤume von der Zu¬ kunft, die sich bekanntlich, wie das Papier, alles ge¬ fallen laͤßt, wobei aber die Kuh immer verhungern muß, bevor das Gras gewachsen ist. Wagt es das voͤllig passive Publikum sich uͤber die Gewaltthaͤtig¬ keit der Theorien zu beklagen, oder die Phantome der Ideologen zu verlachen, so heißt es von beiden Seiten mit Fichte: das Publikum ist kein Grund, unsre Weisheit in Thorheit zu verkehren. Das schlimmste ist, daß beide am allerwenigsten an die materielle Freiheit der Voͤlker denken, die doch die einzige ist, deren wir auf unsrer gegenwaͤr¬ tigen Stufe der Cultur faͤhig sind, und die allein uns frommen kann. Die praktischen Staatsverbesse¬ rer stuͤrmen durch das stille Daseyn der Philister und opfern den Einzelnen dem Ganzen; die schwaͤrmen¬ den Weltverbesserer aber denken nur an die mora¬ lische Freiheit, an einen idealen Zustand, der viel¬ leicht am Ende der Zeiten liegt. 10* Was die in neuerer Zeit so haͤufig gewordenen durchgreifenden Staatsverbesserungen und Reorgani¬ sationen in ihrer Gewaltthaͤtigkeit einigermaßen hemmt, gewaͤhrt doch keinen sonderlichen Trost. Dies ist naͤmlich die an sich ehrwuͤrdige Achtung vor dem Al¬ ten, die aber in dem Zustande, wohin uns die Zeit einmal unaufhaltsam fortgerissen hat, niemals mehr zur Consequenz des alten Systems zuruͤckfuͤhren kann, und also der Consequenz des neuen nur hinderlich ist. Zwischen beide stellt sich ein System von Flick¬ systemen , es wird bestaͤndig eingerissen und wieder angebaut, aus allen Zeitaltern und fuͤr alle Staͤnde haben sich Institutionen erhalten, und wieder an je¬ dem Orte besondre, unzaͤhlige neue sind dem ange¬ klebt worden, und alle verhalten sich zu den einfa¬ chen, die man haben koͤnnte, wie eine Troͤdlerbude voll alter Kleider zu einem reinlichen Anzug. Die Staatspraktiker muͤssen nicht nur Theoretiker seyn, sondern auch Historiker und Philologen, und die Ge¬ lehrsamkeit steht nicht sowohl unter dem Schutz des Staates, als der Staat unter dem Schutz der Ge¬ lehrsamkeit. Was auf der andern Seite die Ausschweifun¬ gen der Weltverbesserer hemmt, ist wohl eben so we¬ nig troͤstlich. Dies ist die Censur; man kann in der That nicht an die Maͤngel unsrer politischen Litera¬ tur denken, ohne daß uns sogleich die großen Luͤcken einfallen, die Censurluͤcken , welche von allen den Werken erfuͤllt seyn koͤnnten, die eben des Preßzwangs wegen gar nicht existiren. Diese fuͤhren dann die unangenehme Betrachtung sogleich auch auf die furcht¬ samen, halben und albernen Urtheile, welche die Angst vor der Censur oder das Vertrauen, daß sie keine Concurrenz besserer Urtheile zulassen werde, so haͤufig hervorbringt. Doch davon ist schon oben die Rede gewesen. Die Censuruͤbel sind nichts neues, sie wechseln nur den Ort, auf den sie fallen, und scheinen zu den Kinderkrankheiten der Voͤlker zu ge¬ hoͤren. Sie sind ein Aussatz, der hie und da die Haut wegnimmt, das Kind stirbt aber nicht davon. Bevor wir die Literatur der politischen Praxis betrachten, wollen wir einen Blick auf die Theorien werfen. Alle Praxis geht von den Theorien aus. Es ist jetzt nicht mehr die Zeit, da die Voͤlker aus einem gewissen sinnlichen Übermuth, oder aus zufaͤlli¬ gen oͤrtlichen Veranlassungen in einen voruͤbergehen¬ den Hader gerathen. Sie kaͤmpfen vielmehr um Ideen und eben darum ist ihr Kampf ein allgemeiner, im Herzen eines jeden Volkes selbst, und nur in sofern eines Volkes wider das andre, als bei dem einen diese, bei dem andern jene Idee das Übergewicht be¬ hauptet. Der Kampf ist durchaus philosophisch ge¬ worden, so wie er fruͤher religioͤs gewesen. Es ist nicht ein Vaterland, nicht ein großer Mann, wor¬ uͤber man streitet, sondern es sind Überzeugungen , denen die Voͤlker wie die Helden sich unterordnen muͤssen. Voͤlker haben mit Ideen gesiegt, aber sobald sie ihren Namen an die Stelle der Idee zu setzen gewagt, sind sie zu Schanden worden; Helden haben durch Ideen eine Art von Weltherrschaft erobert, aber sobald sie die Idee verlassen, sind sie in Staub gebrochen. Die Menschen haben gewechselt, nur die Ideen sind bestanden. Die Geschichte war nur die Schule der Principien. Das vorige Jahrhundert war reicher an voraussichtigen Speculationen, das gegen¬ waͤrtige ist reicher an Ruͤcksichten und Erfahrungs¬ grundsaͤtzen. In beiden liegen die Hebel der Bege¬ benheiten, durch sie wird alles erklaͤrt, was gesche¬ hen ist. Es gibt nur zwei Principe oder entgegengesetzte Pole der politischen Welt, und an beide Endpunkte der großen Achse haben die Parteien sich gelagert und bekaͤmpfen sich mit steigender Erbitterung. Zwar gilt nicht jedes Zeichen der Partei fuͤr jeden ihrer Anhaͤnger, zwar wissen manche kaum, daß sie zu die¬ ser bestimmten Partei gehoͤren, zwar bekaͤmpfen sich die Glieder einer Partei unter einander selbst, so¬ fern sie aus ein und demselben Princip verschiedne Folgerungen ziehn; im allgemeinen aber muß der subtilste Kritiker so gut wie das gemeine Zeitungs¬ publikum einen Strich ziehn zwischen Liberalis¬ mus und Servilismus , Republikanismus und Autokratie. Welches auch die Nuancen seyn moͤgen, jenes claire obscure und jene bis zur Farblosigkeit gemischten Tinten, in welche beide Hauptfarben in einander uͤbergehn, diese Hauptfarben selbst verber¬ gen sich nirgends, sie bilden den großen, den einzi¬ gen Gegensatz in der Politik, und man sieht sie den Menschen wie den Buͤchern gewoͤhnlich auf den ersten Blick an. Wohin wir im politischen Gebiet das Auge werfen, trifft es diese Farben an. Sie fuͤllen es ganz aus, hinter ihnen ist leerer Raum. Die liberale Partei ist diejenige, die den politi¬ schen Charakter der neuern Zeit bestimmt, waͤhrend die sogenannte servile Partei noch wesentlich im Cha¬ rakter des Mittelalters handelt. Der Liberalismus schreitet daher in demselben Maaße fort, wie die Zeit selbst, oder ist in dem Maaße gehemmt, wie die Vergangenheit noch in die Gegenwart heruͤber dauert. Er entspricht dem Protestantismus, sofern er gegen das Mittelalter protestirt, er ist nur eine neue Ent¬ wicklung des Protestantismus im weltlichen Sinn, wie der Protestantismus ein geistlicher Liberalismus war. Er hat seine Partei in dem gebildeten Mittel¬ stande, waͤhrend der Servilismus die seinige in den Vornehmen und in der rohen Masse findet. Dieser Mittelstand schmilzt allmaͤhlig immer mehr die starren Kristallisationen der mittelalterlichen Staͤnde zusam¬ men. Die ganze neuere Bildung ist aus dem Libera¬ lismus hervorgegangen oder hat ihm gedient, sie war die Befreiung von dem kirchlichen Autoritaͤtsglauben. Die ganze Literatur ist ein Triumph des Liberalis¬ mus, denn seine Feinde sogar muͤssen mit seinen Waf¬ fen fechten. Alle Gelehrte, alle Dichter haben ihm Vorschub geleistet, seinen groͤßten Philosophen aber hat er in Fichte, seinen groͤßten Dichter in Schiller gefunden. Der Liberalismus geht nicht von der Gesellschaft, sondern vom Individuum aus. Die Quelle aller sei¬ ner Forderungen fuͤr die Gesellschaft ist der freie Wille, die Selbstbestimmung des Einzelnen. Er ist daher im innersten Princip der Religion entgegengesetzt, wie auch die Fuͤchse und Schafe un¬ ter ihnen heuchlerisch oder gutmuͤthig den Glauben dabei zu retten versucht haben. Wo die Selbstbe¬ stimmung eintritt, faͤllt jede fremde Autoritaͤt, also auch die goͤttliche hinweg, und wenn man, wie ge¬ woͤhnlich geschieht, Gott in der eignen Willenskraft sucht, so ist diese Apotheose der Selbstbestimmung doch nur ein sehr uͤberfluͤssiger Pleonasmus. Wenn Gott im Ich befindlich ist, so ist er nur noch ein bloßer Name und es waͤre wohl am Ich genug. Die Liberalen bauen keine Kirche, sie zerstoͤren sie nur. Wird das Princip der Selbstbestimmung in der Gesellschaft geltend gemacht, so erfolgt daraus mit Nothwendigkeit der contrat social . Durch die Selbst¬ bestimmung sind alle Menschen frei, folglich gleich, und ihr Staat kann sich nur auf gemeinschaftliche Übereinkunft gruͤnden. Man entlehnt die Beispiele fuͤr die Moͤglichkeit eines solchen Zustandes aus den alten Republiken, aus der altgermanischen Verfassung und aus neuen Republiken, betrachtet diese jedoch nur als unvollkommene Darstellungen des absoluten Freistaates und sucht diesen erst in der Zukunft. Man will ein Ideal , Menschen, wie sie nicht sind, sondern seyn sollen, und dieses Ideal erblickt man nur in Visionen der Zukunft . Die allgemeine Tu¬ gendrepublik ist noch nicht da, aber man strebt da¬ hin. Indem man die Idee derselben bestaͤndig vor Augen hat, sucht man die Hemmungen derselben zu beseitigen und kaͤmpft gegen den wirklichen Bestand der Dinge. Dadurch eignen sich die Liberalen das Princip, die Vortheile und das Verdienst des Fort¬ schritts, der ewigen Entwicklung an. Sie bringen Leben in die Welt, sichern vor Erstarrung, und wenn sie auch den Schatz nicht heben, so arbeiten sie doch den Weinberg um. Die deutschen Liberalen haben das Ausgezeich¬ nete, daß sie die Freiheit nicht als ein Recht, son¬ dern als eine Pflicht betrachten. Überhaupt sind wir Deutsche sehr moralisch. Wir untersuchen mehr die Schuldigkeiten, als die Forderungen des Men¬ schen. Das Recht scheint uns erst dann von selbst zu entspringen, wenn jeder seine Pflicht thut. Bei andern Nationen dreht sich aller politische Streit immer um die Rechte. Namentlich haben die Fran¬ zosen von allen Parteien den besten politischen Zu¬ stand, bei den einen die Freiheit, bei den andern die Autokratie, immer als ein Recht zu behaupten ge¬ trachtet, die einen als ein urspruͤngliches Menschen¬ recht, die andern als ein historisches altes Recht. Erst vor kurzem haben sie auch den Grundsatz: Das Recht sey nur die Pflicht! geltend zu machen ver¬ sucht, was die deutsche Ehrlichkeit laͤngst behauptet. Fichte sagt: « Recht ist, was uns das Gewissen befiehlt, also Pflicht. Was uns das Gewissen nicht verbietet, duͤrfen wir thun, und was wir thun duͤr¬ fen, ist ein Recht .» Doch begehn diese gruͤndlichen Liberalen einen Fehler, der sie mit sich selbst in Widerspruch zeigt. Sie machen die Freiheit allen zur Pflicht, sie zwin¬ gen dazu, und dieser Zwang hebt die natuͤrliche Freiheit eines jeden auf; sie befehlen eine gewisse Gattung von Freiheit, und diese schließt jede andre aus. Sie setzen an die Stelle des Despotismus nur einen eben so schaͤdlichen Terrorismus der Demo¬ kratie, den man im Hintergrunde menschenfreundlicher Theorien selten bemerkt, der aber in der Praxis im¬ mer eingetreten ist. Sodann ist ihr Gleichheitssystem eine Suͤnde wider den heiligen Geist der Natur, sofern sie es auf die Gesinnungen, auf die Geister uͤbertragen. Die Geister wiederholen in der gegenwaͤrtigen Welt- Epoche den Kampf, den in einer fruͤhern die Ma¬ terie zu kaͤmpfen hatte. Alles, was die materielle Wohlfahrt der Menschen angeht, wird sich in dieselbe Harmonie bringen lassen, denn hier ist aller Gegen¬ satz befriedigt, aber die Geister werden ihren Kampf auskaͤmpfen muͤssen, denn hier sind die Gegensaͤtze in ihrer lebendigsten Thaͤtigkeit. Von der materiellen Wohlfahrt denken alle Menschen gleich, und nur, weil der Geist sie antreibt, opfern sie dieselbe zuweilen einem hoͤhern Gut oder verlangen mehr von ihr, als sie beduͤrfen. Doch koͤnnen noch alle Anspruͤche des Geistes an die Natur in ihre Schranken gewiesen werden; nur der Geist selbst wird bestaͤndig mit sich selber kaͤmpfen. Alle Menschen koͤnnen an einem Tisch essen, ein Kleid tragen, ein Tagewerk vollbringen, denn alle sind am Koͤrper gleich, ihre Geister sind aber von Natur aus verschieden und darauf beruht der Kampf, ohne den das ganze Leben, diese ganze Weltepoche, in der wir begriffen sind, nichtig waͤre. Die geistigen Vermoͤgen und Neigungen sind un¬ gleich nicht nur an die Individuen, auch an die Voͤl¬ ker vertheilt. Überall auf der Erde leben Menschen und sind den gleichen physischen Bedingungen unter¬ worfen, aber ihre Geister sind so verschieden, als die Animalisation und Vegetation, und der Geist wieder¬ holt auf einer hoͤhern Stufe, was die Natur auf der niedern zeigt, nur daß dort die Mannigfaltigkeit durch Harmonie bezwungen worden, hier erst kaͤmpfend die Harmonie zu erreichen sucht. Darin aber wird die Harmonie niemals erreicht, daß ein Geist sein Ge¬ praͤge allen Geistern aufzudruͤcken sucht, daß er, und geschieht es auch im besten Willen, von andern er¬ wartet, und andre dazu machen will, was er selber ist, und darin besteht auch der groͤßte Irrthum un¬ srer politischen Ideologen. Mag ein Vater seinen Kindern die gleiche Er¬ ziehung geben, sie werden jedes etwas andres; koͤnnte selbst die Philosophie uͤber eine Erziehung der Voͤl¬ ker einig werden, sie wuͤrden dennoch jedes anders bleiben. Die Temperamente schlagen durch alle Erziehung. Der Herrnhuter predige dem kriegslu¬ stigen Franzosen, der Puritaner dem sinnlichen Ita¬ liener, der Tribun predige der Masse, bestaͤndig wird der Krieg den Frieden, die Sinnlichkeit die Sittlich¬ keit, und ein Anfuͤhrer die reine Demokratie der Tugendrepublik zerstoͤren. Nie wird ein Ton herr¬ schen, die Toͤne wechseln, und aus allen entspringt die Musik des historischen Lebens. Es ist schoͤn, was man von sich denkt, auch von andern zu denken, was man fuͤr sich wuͤnscht, auch andern zu wuͤnschen, was man fuͤr sich errungen hat, auch andern mitzutheilen, die eigne Tugend andern zuzutrauen, und sie dazu anzufeuern, die eigne Er¬ kenntniß der Wahrheit andern in der Voraussetzung mitzutheilen, daß sie faͤhig sind, sie auch zu erkennen, und demzufolge zu einer Vervollkommnung des Ge¬ schlechts nach dem eignen hoͤchsten Ideale hinzuwir¬ ken. Es ist schoͤn, aber es findet auch das Schicksal alles Schoͤnen. Nur wenige erkennen es in seinem ganzen Werthe. Ein Mensch mit diesem erhabnen Glauben an sein Geschlecht, wird fuͤr sich seine Be¬ stimmung auf die schoͤnste Weise zu erfuͤllen im Stande seyn. Aber sein Glaube wird weder von jenen An¬ dern erfuͤllt werden, noch seine Mittheilung sie an¬ ders machen. Nur materielle Veraͤnderungen sind bisher reell gewesen. Tracht und Speise, Wohnung und Geschaͤft hat der Mensch veraͤndert und vervollkommt. Auch die Wissenschaft hat sich selbst veraͤndert und vervollkommt, aber nicht die Menschen. Sie dient nur den angebornen Neigungen, aber sie bestimmt sie nicht. Die Laster und Tugenden sind gewitzigter und gelehrter geworden, aber dieselben geblieben. Die Idee mag sonnenklar vor den Menschen stehn, ihr Gemuͤth, ihr Temperament, die dunkle Naturkraft ihrer Seele gibt ihr immer wieder eine Farbe. Das Licht gehoͤrt der Wissenschaft, die Farbe dem Leben. Die bisherigen Beispiele reiner Demokratien ha¬ ben dem Ideal der Tugendrepublik freier und glei¬ cher Menschen nach keineswegs entsprochen. Es laͤßt sich sogar behaupten, daß sie die Kraft, sich eine Zeitlang in einem nur einigermaßen freien Zustande zu erhalten, und den Zauber der Gleichheit keines¬ wegs von ihrem Eigenwillen und von einer tiefen Überzeugung, sondern vielmehr vom Aberglauben, von der Gewohnheit und von sklavischer Anhaͤnglichkeit an Personen und Äußerlichkeiten entlehnt haben. Die meisten sogenannten freien Voͤlker des Alterthums und der neuern Zeit waren es nur so lange, als die alte Gewohnheit, die Erinnerungen an die Vaͤter, der patriotische Aberglauben nicht erschuͤttert, alte große Namen nicht durch neue verdraͤngt wurden. Die Freiheit erhielt sich hier, wie dort die Despotie, durch das bloße Traͤgheitsprincip, nach welchen ein Stein so lange liegen bleibt, bis er weggestoßen wird. Nur in einzelnen Momenten der Geschichte, nur im Augenblick der Befreiung von einem langen Druck, durchflammte die Menschen auch in Masse eine hoͤhere Begeisterung fuͤr das Ideal, und sie ergriffen es mit Bewußtseyn und sie opferten alles fuͤr die Gerechtig¬ keit, so die Hussiten, die Puritaner, die franzoͤsischen Republikaner der ersten Periode, aber solche Mo¬ mente zeigen nur, daß das menschliche Geschlecht noch in einer niedern pflanzenhaften Entwicklung begriffen ist, darin es nur einen Moment selbstaͤndiger freier Bewegung, den befruchtenden Moment der Bluͤthe aushalten kann, aber keine Kraft hat, das entfaltete Leben fortzusetzen, vielmehr von der dunkeln Macht des schweren Elementes ergriffen, in die starren Bande zuruͤckfaͤllt. Wie ein Blitz ergreift die Idee das Geschlecht und verschwindet in der alten Nacht. Sie koͤnnen den Glanz, das feurige Leben nicht er¬ tragen, die Idee strengt sie uͤber ihre Kraft an und es erfolgt nur Erschoͤpfung, und wenn sie daraus erwachen, ist ihnen, als ob sie getraͤumt haͤtten Koͤ¬ nige zu seyn, und sie greifen wieder jeder an das alte duͤstre Tagwerk. Aus diesem Grunde hassen die echten Liberalen die Geschichte, und sehn nicht ruͤckwaͤrts, sondern vorwaͤrts und wollen das ganze menschliche Geschlecht, die ganze Geschichte von vorn beginnen. In diesem Sinn begann auch die franzoͤsische Republik eine neue Zeitrechnung. Diese Flucht vor der Erfahrung zeugt aber nur von einer gewissen Schwaͤche, und kann nicht verhindern, daß die alte Erbsuͤnde in das neue Reich hinuͤber dauert. Die Menschen sind und bleiben verschieden, und indem man sich von der ma¬ teriellen Basis, wo allein Gleichheit moͤglich und recht ist, entfernt, um Traͤumen nachzujagen, gibt man die wahren Vortheile des Systems auf. Was nun die entgegengesetzte so genannte ser¬ vile Partei betrifft, so entspricht dieselbe dem poli¬ tischen Charakter des Mittelalters und beharrt in demselben Maaße, als der Liberalismus die politi¬ schen Ruinen der Vergangenheit nicht zerstoͤren kann. Der Servilismus entspricht dem Katholicismus, er ist das ausschließliche legitime System, die alleinselig¬ machende und verdammende politische Kirche. Seine Partei hat er in den bevorrechteten Staͤnden und im Poͤbel im Gegensatz gegen den buͤrgerlichen Mittel¬ stand. Die ganze neuere Bildung ist sein Feind, vor dem er sich nur durch Tradition, alte Urkunden und alte Gewalt schuͤtzt. Der Servilismus geht auch nicht von der Ge¬ sellschaft, sondern von Gott aus. Die Quelle aller seiner Folgerungen ist die goͤttliche Gewalt uͤber den Menschen. Er ist also im innersten Princip kirchlich, theokratisch, sey nun der Stellvertreter Gottes ein Oberpriester, ein Koͤnig oder ein Stand. Die sacra majestas ist fuͤr ihn, was die Selbstbestimmung fuͤr den Liberalismus. Es scheint der Liberalismus sey aus dem maͤnnlichen Kraftgefuͤhl und Übermuth, der Servilismus aus der weiblichen Liebe und Furcht hervorgegangen. Wenn der Mensch auf der einen Seite seiner ganzen Kraft sich stolz bewußt ist, kann er auf der andern das Gefuͤhl seiner Abhaͤngigkeit nicht uͤberwinden und ein unwiderstehlicher Zug treibt ihn, in der Geschichte dieselbe Harmonie zu su¬ chen, die er in der Natur findet, sich im Leben einer wohlorganisirten Gewalt hinzugeben, wie in der Na¬ tur. Es ist die Einheit alles Lebens, die sich ihm offenbart und zugleich ihn als untergeordnetes Glied an seinen bestimmten Platz fesselt. Er erkennt die Allmacht des hoͤchsten Wesens, der er nicht entrin¬ nen kann, aber auch die Harmonie der Dinge, der er nicht entrinnen will, die ihn beseligt, in welcher die ewige Liebe sich ausspricht und ihn mit glaͤubi¬ gem Vertrauen erfuͤllt. Man darf behaupten, daß dieses Hingeben an die aͤußre Gewalt aͤlter ist, als die Freiheit. Die Geister wiederholen urspruͤnglich den plastischen Trieb der Natur im historischen Ge¬ biet und bilden ihren Staat nach dem Typus der Natur, und unterordnen sich, jeglicher nach seiner Art der Harmonie des Ganzen. Dieser bildsame Trieb, der alle Staaten erzeugt hat, aͤußert sich aber in einer stufenmaͤßigen Entwicklung. Was er einmal ge¬ schaffen, erhaͤlt sich nach dem Gesetz der Traͤgheit, der Geist aber schreitet rastlos fort in seiner Ent¬ wicklung und fuͤhlt sich bald beengt durch jene star¬ ren Formen und empoͤrt sich gegen den Druck, und die Freiheit kommt zur Erscheinung. Sind aber die alten Formen gebrochen, so muß jener plastische Trieb auf einer hoͤhern Entwicklungsstufe immer wieder neue Formen schaffen. Was regellos sich gesondert, kry¬ stallisirt sich wieder in regelmaͤßige Gestalt und im¬ mer wieder will das Geschlecht die Harmonie der Natur in seinen geselligen Formen nachbilden. Allen diesen Bildungen liegt die Theokratie zu Grunde. Das hoͤchste Wesen ist der Mittelpunkt, in welchen man den Urgrund und die erhaltende Kraft der Staaten versetzt. Der Staat soll die goͤttliche Ordnung in der Geschichte darstellen. Darum spricht er die hoͤchste Autoritaͤt und die unbedingte Herrschaft uͤber die Individuen an, und ist, in unvollkommener Erscheinung, der bestaͤndige Feind der Freiheit, wie er in vollkommener die Versoͤhnung derselben seyn muß. Die Theokraten haben sich von jeher der Wirk¬ lichkeit naͤher angeschlossen, als die Idealisten fuͤr die Freiheit. Eben weil ihr Staat instinktartig, von plastischem Naturtrieb beseelt, aus den mannigfalti¬ gen Elementen der Gesellschaft sich zusammenfuͤgte, ward jede natuͤrliche Sonderung der Geschlechter, der Lebensalter, der koͤrperlichen und geistigen Vermoͤgen und Neigungen im Staat beruͤcksichtigt, jedes fand seine Stelle. Auch dann, als spaͤterhin die alte Ord¬ nung der neuen Entwicklung nicht mehr entsprach, als die Freiheit die alten Formen zerbrach und hier der alte Zug der Natur wieder neue Formen bildete, oder die Gewalt die Massen zusammenschmiedete, be¬ hielt hier naturgemaͤß, dort zu Gunsten des Gewalt¬ habers, die natuͤrliche Sonderung der Menschen ih¬ ren Ausdruck im Staate. Alle diese Staaten trugen aber auf dreifache Weise den Keim des Verderbens und Untergangs in ihrer Bildung. Indem sie ein Ewiges , Bleibendes dar¬ stellen wollten, widerstrebten sie der ewigen Entwick¬ lung und riefen die Natur selbst gegen sich auf. In¬ dem sie die hoͤchste Autoritaͤt in Anspruch nahmen, ohne noch allen Beduͤrfnissen der hoͤhern Entwicklung des Geschlechts zu entsprechen, riefen sie die Freiheit gegen sich auf. Indem sie endlich zwar urspruͤnglich natuͤrliche Classen der Gesellschaft feststellten, aber dabei auf die Individuen keine Ruͤcksicht nahmen, welche die Geburt in einer Classe festhielt, die Na¬ turanlage aber fuͤr die andre bestimmte, riefen sie die Massen selbst gegen sich auf. So ist es auch hier die Normalitaͤt, die in der Abhaͤngigkeit gesucht wird, wie dort in der Freiheit, und der die Menschen bestaͤndig widerstrebten. Alle koͤnnen nicht auf gleiche Weise frei, aber auch nicht auf gleiche Weise abhaͤngig seyn. Da beide Parteien in der Wahrheit sich nicht vereinigen koͤnnen, so ist es ziemlich natuͤrlich, daß sie desto mehr, ohne es zu wissen, im Irrthum uͤber¬ einstimmen. Ihr großer gemeinschaftlicher Irrthum ist, daß sie uͤber die menschliche Handlungsweise streiten und dabei von Ideen ausgehen, fuͤr welche oder in welchen gehandelt werden soll, statt von den Kraͤf¬ ten der Menschen auszugehn, durch welche wirklich gehandelt wird und werden kann. Sie denken immer an das Sollen und vergessen daruͤber das Koͤnnen. Sie sprechen von einer absoluten Freiheit und von einer absoluten Abhaͤngigkeit, der sich alles fuͤgen soll, sie weisen auch wohl nach, daß die Freiheit des Willens und das Recht der Selbstbestimmung, oder aber die Abhaͤngigkeit von einem hoͤhern uͤber der Gesellschaft waltenden Wesen und di Pflicht der Unterwerfung unter dasselbe allen menschlichen Hand¬ lungen zu Grunde liege, aber sie gehn immer von einem idealen Gesichtspunkt aus und wollen zu einem idealen Ziele hinfuͤhren, zu einer Anordnung der menschlichen Gesellschaft, in welcher entweder jene Freiheit oder jene Abhaͤngigkeit allgemein anerkannt und die derselben entsprechenden politischen Formen unabaͤnderlich festgestellt seyn muͤßten. Alle Menschen sollen sich der einen oder andern Ansicht fuͤgen, und man streitet nur daruͤber, welcher Ansicht? Dies ist der Grundirrthum beider Parteien. Man muß die Frage nach absoluter Freiheit und Unabhaͤn¬ gigkeit in der weit wichtigern Frage nach dem rela¬ tiven Vermoͤgen der Menschen, und sofern von der Gesellschaft die Rede ist, nach der Vertheilung die¬ ser Vermoͤgen unter die Menschen zu begruͤnden su¬ chen. Wir werden nicht mehr noͤthig haben, zu fra¬ gen: soll der Mensch frei seyn? wenn erst erwiesen ist, daß sie alle die gleiche Kraft dazu besitzen. Eben so werden wir nicht mehr untersuchen duͤrfen, ob die Abhaͤngigkeit der einen und andern nothwendig sey, wenn wir die Vermoͤgen kennen, die den einen und den andern von Natur zugetheilt sind. Die republi¬ kanische Partei spricht allen Menschen das gleiche Recht der Freiheit zu, sofern sie zugleich alle fuͤr stark genug haͤlt, auch die Pflichten derselben tragen zu koͤnnen. Die servile Partei spricht allen Menschen die gleiche Pflicht zu, sich vom hoͤchsten Wesen ab¬ haͤngig zu fuͤhlen, und einigen ertheilt sie das Pri¬ vilegium, im Namen jenes hoͤchsten Wesens die Ab¬ haͤngigen zu beherrschen. Wenn die Menschen wirklich alle zugleich so seyn koͤnnten, wie die eine oder an¬ dre Partei sie haben will, so waͤre die Ansicht und der Staat einer jeden gleich vollkommen und es kaͤme in der That nicht darauf an, ob dieser Staat oder jener bestaͤnde, wenn er nur allen seinen Gliedern vollkommen entspraͤche. Die Menschen sind aber we¬ der so, wie jene, noch so, wie diese wollen und werden es in alle Ewigkeit nicht seyn. Darum muß auch ein ewiger Streit herrschen. Der Streit selbst waͤre wieder ganz vernuͤnftig, wenn jede Partei ihre Ansicht nur auf die Menschen ausdehnen wollte, de¬ ren natuͤrliche Anlage dieser Ansicht entgegenkommt; er wird aber unvernuͤnftig, da jede Partei allen Menschen, also auch denen, deren natuͤrliche Anlage ihrer Ansicht widerspricht, diese aufdringen wollen. Die Republikaner wollen alle Menschen zur Freiheit erheben, aber einen großen Theil derselben koͤnnen sie nur dazu verdammen, weil es Menschen gibt, viele, die meisten, welche keinerlei Kraft und Zeug dazu haben. Die Servilen wollen allen Menschen eine Hirtenschaft im Namen Gottes gewaͤhren, aber einen großen Theil derselben verdammen sie nur dazu, weil es viele Menschen gibt, die entweder selbst herr¬ schen, oder die weder herrschen noch beherrscht seyn wollen und koͤnnen. Beide Parteien gestehn zum Theil ihr Unrecht ein, indem sie zugeben, daß die Menschen anders sind, als sie sie haben wollen; sie zweifeln aber nicht, daß sie dieselben doch anders machen koͤnnten, und dringen auf eine Erziehung zur Freiheit oder zur Herrschaft. Dies ist indeß nur ein neuer Irrthum, denn die Erziehung kann nur bilden, was angeboren ist, nicht ein Fremdartiges einpflanzen. Die Neigungen und Kraͤfte der Menschen sind mannigfach unter Voͤlker und Individuen vertheilt. Die Einen koͤnnen nicht anders als frei seyn, ihre sinnliche Kraft, ihr uͤberwiegendes Talent, ihr Ge¬ danke spricht sie von jeder Herrschaft frei und sie herrschen entweder uͤber die Schwachen oder die Idee der Gerechtigkeit beseelt sie und sie wollen allen Mit¬ menschen das gleiche Recht der Freiheit goͤnnen, soll¬ ten sie auch nicht im Stande seyn, ihnen das gleiche Vermoͤgen dazu zu verleihen, sie wollen sie wenig¬ stens nicht tyrannisiren, wenn sie es auch koͤnnten. Die Andern sind schwach, und fuͤhlen ihre Schwaͤche und suchen instinktartig, wer sie beherrschen moͤge. Sie schaffen sich einen Herrn, der Gewalt uͤber sie hat, und wenn es auch nur ein Traumbild waͤre. Zwischen ihnen bewegen sich die Launenhaften, die nicht wissen, was sie wollen; und die Phlegmatischen, die durch ihre Natur zu absoluter Passivitaͤt ver¬ dammt sind. Dies sind die Bestandtheile der Masse, aus welchen die Politik bestaͤndig etwas zu machen strebt, was bald dem einen, bald dem andern Bestandtheil unangemessen, daher niemals von Dauer ist. Die Republikaner adeln den Poͤbel und er ist dieses Adels nicht wuͤrdig, er zwingt sie zur Diktatur oder er vernichtet sie; sie muͤssen auf ihn treten, oder er zer¬ tritt sie. Die Servilen erkennen umgekehrt auch nicht einmal den wenigen echten Freien den Adel der Frei¬ heit zu und wenn sie gleich die Classen der Gesell¬ schaft ziemlich richtig beurtheilen, so rechnen sie doch nicht auf die Individuen. Sie stellen Classen fest, die allerdings dem Unterschied der Menschen im All¬ gemeinen entsprechen, aber sie vergessen, darauf Ruͤck¬ sicht zu nehmen, daß auch immer jedes Individuum der ihm angemessenen Classe einverleibt sey. Die Freien empoͤren sich bestaͤndig gegen sie, weil sie dieselben aus der Gesellschaft ausschließen wollen, aber auch die Unfreien stehn von Zeit zu Zeit wider sie auf, wenn sich erst Individuen genug in einer Classe der Gesellschaft angehaͤuft haben, die, ihrer natuͤrlichen Anlage, ihren Kraͤften gemaͤß, einer andern Classe angehoͤren. So lange nicht alle Menschen vollkommen gleich und zwar alle zugleich selbstaͤndig und genial sind, ist weder an eine vollkommene Theokratie noch an eine vollkommene Freiheit zu denken, beide wuͤrden sich aber auf dieser hoͤchsten Bildungsstufe des Ge¬ schlechts innig verschmelzen. Die Untersuchung, ob ein solcher Zustand moͤglich sey, gehoͤrt der Wissen¬ schaft an, das Leben geht seinen Gang fort und in ihm walten jene Kraͤfte, die aller Normalitaͤt der Wissenschaft fortwaͤhrend widerstreben. Die Wissen¬ schaft veraͤndert die Menschen so wenig, als die Na¬ tur. Es ist voͤllig einerlei, was man in den Men¬ schen hineinpfropft, wozu man ihn zwingt oder uͤber¬ redet, der Haufe bleibt Haufe, Christ oder Heide, Pair oder Paria. Was der Mensch nicht durch seine Naturanlage, durch seinen Genius wird, das wird er auch in Ewigkeit nicht. Der theokratische, wie der tribunicische, der tyrannische wie der sclavische Sinn haͤngt so innig mit der angebornen Organisa¬ tion des Menschen zusammen, als der Kunsttrieb. Nur, wie oben gesagt worden ist, sofern die Men¬ schen materiell sich gleichen, ist eine materielle Vollen¬ dung des Staates denkbar, alles aber was im Staat auf einem geistigen Princip beruht, wird so lange schwanken, kaͤmpfen, sich bilden und zerstoͤren, als die Menschen geistig verschieden bleiben werden. Gehn wir von den Theorien ab und betrachten die praktischen Wissenschaften, so muͤssen wir zu¬ voͤrderst die innere und aͤußere Politik unterscheiden, die Organisation der Staaten und ihr Verhaͤltniß zu einander. Da die innern Verhaͤltnisse der Staaten mit den aͤußern sich in der neuesten Zeit mannigfach veraͤndert haben, so wird auch außerordentlich viel daruͤber geschrieben. Verfassung, Administration und Jurisprudenz sind in allen Verzweigungen theils wis¬ senschaftlich ausgebildet worden, theils hat ihre prak¬ tische Ausuͤbung eine ungeheure Literatur von Gesetz¬ gebung, Commentation und Vergleichung veranlaßt. Im Allgemeinen gilt von den Grundsaͤtzen, die in dieser Literatur sich aussprechen, daß sie maͤßig und groͤßtentheils auf Mittelzustaͤnde bedacht sind, von Ton und Sprache derselben, daß sie aͤußerst umfassend, weitlaͤuftig, langweilig sind. Die Praxis steht auf doppelte Weise der Theorie entgegen, sie ist der strengen Idee und eben darum auch der stren¬ gen Kuͤrze fremd. Sie vermittelt und muß dabei umstaͤndlich verfahren. Sie hat es mit dem wirkli¬ chen Leben zu thun, und nicht nur alle Parteien, auch die Vergangenheit uͤbt Einfluß auf sie. Sie ent¬ lehnt ihre Maximen zum Theil noch aus dem Mittel¬ alter, zum Theil aus der Reformation, zum Theil aus der Zeit der franzoͤsischen Encyclopaͤdie, zum Theil aus der Revolution. Der verwickelte Zustand der Staaten spiegelt sich in der Gesetzgebung, traͤgt sie und wird von ihr getragen. Die Verfassungen zeigen uns zuerst diese Mi¬ schung mannigfacher Interessen, die in der maͤßigen Temperatur eines Mittelzustandes sich zu neutralisi¬ ren suchen. Nur gleichsam an den aͤußersten Enden der deutschen Nation hat sich einerseits demokratische Freiheit, andrerseits unbedingte Autokratie erhalten koͤnnen, die breite Mitte nimmt jenes Repraͤsentativ¬ system ein, das am geschicktesten geeignet scheint, alle Interessen, wenn nicht zu vermitteln, doch zu bezaͤh¬ men. Zwar herrscht auch hier auf der einen Seite mehr das Interesse des Volks, auf der andern mehr das des Regenten vor, wie raͤumlich, so der Zeit nach, so daß in einer gewissen Oscillation dieses oder jenes Interesse je nach der Constellation der aͤu¬ ßern politischen Verhaͤltnisse steigt, und gegenwaͤrtig ist nicht zu verkennen, welches Interesse ein entschie¬ denes Übergewicht behauptet, indeß hat im Allgemei¬ nen das Repraͤsentativsystem, gegenuͤber der Auto¬ kratie und Demokratie, eine schwer zu erschuͤtternde Festigkeit erlangt, und welchen Entwicklungen es auch unterworfen seyn mag, seine Idee ist dem Zeitalter gleichsam angetraut worden, es wuͤrde sich ohne Ge¬ waltthat nicht mehr davon losreißen lassen. In Deutsch¬ land behauptet das System insbesondre eine allge¬ meine europaͤische Bedeutung. Es scheint mit dem Lande und Volke in einer geheimen Wahlverwandt¬ schaft zu stehn. Wie es gerade die Deutschen sind, bei welchen sich die entgegengesetzten politischen und religioͤsen Parteien die Wage halten, so liegt auch ihr Land in der Mitte jener Laͤnder, in welchen die eine oder andre Partei vorzugsweise herrscht. Es scheint die Streitenden von einander zu halten und Europa auf gleiche Weise vor asiatischer Despotie wie vor atlantischer Demokratie zu schuͤtzen, so wie es einst die Alleinherrschaft hier des Papstes dort der Puritaner abgewendet hat. Deutsche Literatur. I . 11 Dennoch wuͤrden wir uns sehr taͤuschen, wollten wir in der gegenwaͤrtigen Gestaltung des Repraͤsen¬ tativsystems ein Ideal erkennen. Man hat sich an¬ fangs allzugroße Hoffnungen davon gemacht, und sieht jetzt ein, daß die eigentliche goldene Zeit wohl noch ferne liegt. Doch hat der Unmuth auch das Gute jenes Verfassungssystems zu sehr herabgewuͤr¬ digt und ein gewisser politischer Indifferentismus ist dem Gedeihen desselben besonders in der Richtung, die es von unten her unterstuͤtzen soll, mannigfach nachtheilig gewesen. Eine Verfassung, auch die beste, gilt so lange nur als Figurant, bis ihr Administration und Rechts¬ pflege organisch angepaßt sind. Hier greift sie ins Leben, aber das Leben ist nicht so geduldig als das Papier. Mit Verfassungen ist man geschwind fertig, aber man facht damit eher Streit an, als man ihn versoͤhnt. Im Sinn jeder neuen Repraͤsentativ-Ver¬ fassung entsprechen sich Parlament, Municipalitaͤt und oͤffentliche Gerichtspflege als Organe der Volksgewalt gegenuͤber dem Thron, der ministeriellen Centralge¬ walt und der roͤmischen Gerichtspflege als Organe der Regierung. Das Parlament ist leicht berufen, und in erster Reihe das System eingefuͤhrt, in der zweiten und dritten Reihe findet es aber unuͤbersteig¬ liche Hindernisse. Jedes Volk, das nur einigermaßen aus dem rohe¬ sten Zustande sich herausgearbeitet, strebt instinktartig nach einer freien Municipalverfassung , und wenn es sogar zu einer parlamentarischen Thaͤtigkeit berufen ist, so kann es dieselbe gar nicht entbehren, denn ein Parlament ist unmoͤglich ohne freie Wahlen, und freie Wahlen sind unmoͤglich ohne Municipali¬ taͤten. Auf der andern Seite strebt aber jede Regie¬ rung nach allumfassender Centralgewalt , es ist ihre Natur sich excentrisch auszubreiten, bis sie eine Graͤnze findet. Beide Bestrebungen stehn also in feindseligem Gegensatze, der, wie sie selbst, in der Natur liegt, und zwar alle moͤgliche Verfassungen erzeugen und wieder vertilgen, aber von keiner ein¬ zigen eben so wenig beschwichtigt, als erzeugt wer¬ den kann. Ein demokratisches System von unten will freie Municipalverwaltung. So weit als moͤglich will das Volk das Seinige selbst verwalten und sich selbst be¬ aufsichtigen, und sieht ungern sein Gemeingut und seinen Markt unter der Aufsicht ministerieller Soͤld¬ linge. Auf der andern Seite will die Ministerial¬ verwaltung mit goͤttlicher Allgegenwart Keller und Kuͤche auch des aͤrmsten Bauers controlliren. Selbst wieder von einem hoͤhern Centralkoͤrper, der Maje¬ staͤt, angezogen, bilden die Ministerien peripherische Punkte an der Sphaͤre des Thrones, von denen sich faͤcherartig die Bureaukratie der Staatsdiener bis zum Horizont des Volks ausbreitet, paternosterfoͤr¬ mig gegliedert und durch Controllen und strenge Sub¬ ordination in maschinenmaͤßigem Gang gehalten. Al¬ les, Mann und Maus im Lande, wird einregistrirt, 11* Hab und Gut von der Kammer, der Leib vom Kriegs¬ ministerium, die Handlungen von der Justiz, die Worte vom Ministerium des Cultus und die Gedan¬ ken von der Polizei. So hat dieser Staatshaushalt sein Netz uͤber alles gebreitet und keine arme Fliege vermag unbemerkt durch die feingezogenen Faͤden zu schluͤpfen. Aller Kampf in repraͤsentativen Staaten beruht im Grunde nur auf dem wechselseitigen Be¬ streben des Volks, eine Linie zu ziehn, wo Munici¬ palfreiheit und Ministerialgewalt sich abloͤsen, und des Ministeriums, diese Linie nicht ziehn zu lassen. Freie Municipalverwaltung ist die einzige Garantie fuͤr ein Repraͤsentativsystem, weil ein solches ohne unabhaͤngige Buͤrger nicht existiren kann, und die Buͤrger nicht als Privatleute, sondern nur als Glie¬ der einer freien Gemeinde unabhaͤngig seyn koͤnnen. Darum strebt das Volk nach Gemeindewesen und Buͤrgermeistern, den Delegirten seiner eignen Macht, nicht nach Directionen, den Organen der Ministerien. Auf der andern Seite sucht die Bureaukratie bis auf den Thorschreiber herab die Gemeindeverwaltung an sich zu bringen und den Buͤrgern nichts zu uͤberlassen, als das Gehorchen und Zahlen. Gehn wir der Sache mehr auf den Grund, so wird sich zeigen, daß selbst in der vollkommensten Republik eine Centralverwaltung seyn muß, durch welche mit Nothwendigkeit ein monarchisches Ele¬ ment in den Staat gepflanzt wird. Es wird sich ferner zeigen, daß jede Centralverwaltung instinkt¬ artig nach der groͤßten Ausdehnung ihrer Macht strebt. Zwei Extreme und Übel werden da gefunden werden, wo der Mittelpunkt des Staats, die Cen¬ tralverwaltung schwankt, und da, wo es keinen Ge¬ genpunkt mehr gibt, wo die Verwaltung mit despo¬ tischer Consequenz alles beherrscht. In der Mitte wird das einzige Gute liegen, die Freiheit der Mu¬ nicipalitaͤt bis auf einen gewissen Grad, und von da an die Kraft der Centralgewalt. Jede gute Republik hat eine solche Centralgewalt, jede gute Monarchie eine solche Municipalfreiheit geschaffen. Weil jene gemangelt, ist das deutsche Reich untergegangen; weil diese gefehlt, ist in Frankreich die Revolution ausgebrochen. Zu dem natuͤrlichen Interesse der Centralgewal¬ ten ist in der neuern Zeit noch ein wissenschaftliches gekommen. Das Regieren ist eine Wissenschaft ge¬ worden, und diese stellt gleichsam ihre physikalischen oder paͤdagogischen Experimente mit den Voͤl¬ kern an. Alle Zweige der Staatsverwaltung sind in System und Schule gebracht bis auf die Polizei herab, und an die Stelle eines lebendigen Organis¬ mus tritt eine todte Staatsmechanik. Dasselbe Sy¬ stem, was nur fuͤr den groͤßten Staat gilt, wendet man komisch genug auch auf den kleinsten an; was fuͤr ein phlegmatisches Volk gilt, auf ein cholerisches; was fuͤr ein gebildetes gilt, auf ein rohes und um¬ gekehrt. Die Hebel der Staatsgewalt sind Gold und Eisen . Wie sehr man geneigt ist, im Reiche der Geister ideale Principe geltend zu machen, im prak¬ tischen Leben herrschen nur jene Metallkoͤnige. Dies gibt dem Finanz- und Militaͤrsystem das große Über¬ gewicht im Staatshaushalt. Alle andere Zweige der Verwaltung sind davon abhaͤngig und dienen ihnen. Die Helden der neuern Politik haben bestaͤndig ge¬ wetteifert, welches jener Metalle die groͤßte Gewalt gewaͤhre, und die geschicktesten haben beide zu gebrau¬ chen verstanden. Das Centralisationssystem dient hauptsaͤchlich nur der Aushebung der Steuern und Soldaten. Eine vollkommen gegliederte Bureaukratie ist noͤthig, um eine bestaͤndige tabellarische Übersicht uͤber das Ver¬ moͤgen und alle physischen Kraͤfte der Staatsangehoͤ¬ rigen zu erhalten, die Basis fuͤr die finanziellen Ope¬ rationen. Die Menschen werden rein als Sache ge¬ nommen und nach dem Ertragwerth geschaͤtzt, wie das Vieh. Bei den Russen steckt wenigstens das Vermoͤgen in den Seelen, bei uns die Seele im Ver¬ moͤgen. Der Staat ist ein Bergwerk, und seine Stollen laufen in den Beuteln des Volks aus. Die Finanz¬ schwindeleien sind Experimente mit der Luftpumpe, die dem kalten Frosch, Volk genannt, die Lebensluft auspumpen, um zu erfahren, wie lange er wohl noch zappeln und leben koͤnne, wenn er von nichts mehr lebt. Die hochgepriesene Rechenkunst hat es noch nirgends weiter gebracht, als in den Bruͤchen, und ist rastlos beschaͤftigt mit den subtrahirten Zaͤhlern die Nenner zu addiren, daß die Summe der Schul¬ den zuletzt uͤber den Äquator hinaus in die blaue Unendlichkeit waͤchst, und wir sie nicht mehr zaͤhlen koͤnnen. Zwei Dinge scheinen unbegreifliche Wider¬ spruͤche, zuerst, daß die Finanzkammern immer mehr Schulden machen, je mehr sie einnehmen, sodann daß Handel und Industrie immer mehr gehemmt werden, je nothwendiger es waͤre, den Wohlstand zu befoͤr¬ dern, damit er seine Procente an die Staaten lie¬ fern koͤnnte. Auf der einen Seite schuͤttet man das Wasser in den Sand und auf der andern verstopft man die Quellen. Die Ursache liegt in der Noth oder in der Lust des Augenblicks. Man schlachtet die Kuh aus Hunger, oder um den fremden Gast stattlich zu bewirthen, und denkt nicht, daß morgen die Milch fehlen werde. Davon abgesehn, mag es Genuß gewaͤhren, die Finanzspeculationen von Seiten der darin brilliren¬ den Intelligenz als Kunstwerke zu betrachten. Ohne Zweifel ist die Summe von Verstand und Spe¬ culation, die in diesem Fache niedergelegt ist, das schaͤtzbarste Capital unter allen denen, die es auf¬ reibt, wenn auch diese ganze Rechenkunst wesentlich auf einen großen Rechnungsfehler hinauslaufen sollte. Diese Kunst, den leichtesten Stuͤtzpunkt die schwerste Last tragen zu lassen, hat ihren Werth, so gut wie die Baukunst, sollte man auch praktisch ihre Graͤnzen uͤberschreiten. Etwas Ähnliches muß von der Rechtswissen¬ schaft geruͤhmt werden, an welcher auf gleiche Weise die Speculation und der eiserne Fleiß sich beinah erschoͤpft haben. Doch duͤrfte das Recht an sich bei den Rechtsspeculationen nicht viel besser gefahren seyn, als der Wohlstand bei den Finanzspeculationen. Die Jurisprudenz hat sehr viel mit der Theo¬ logie gemein, ihren philologisch-historischen Apparat, ihre Bibel und symbolischen Buͤcher, ihre Dogmatik und Exegese, ihre Schule und ihre Kaste. Was am roͤmischen Recht haͤngt, die Romanisten sind den Ka¬ tholiken zu vergleichen, Protestanten dagegen sind die Anhaͤnger des deutschen Rechts, und zwar gleichen die Freunde der oͤffentlichen Rechtspflege den Refor¬ mirten, die Anhaͤnger der verschiednen Landrechte, die noch vieles vom Roͤmischen beibehalten, den Lu¬ theranern. Das Unterscheidende der beiden Hauptparteien ist sowohl in einer Rechtsform als in einem Rechts¬ princip zu suchen. Das Princip der Romanisten ist: das Recht in der Logik zu begruͤnden. Sie behan¬ deln es mithin als Wissenschaft, als Studium, und bilden deßfalls eine gelehrte Kaste, eine Art von Priesterschaft des Rechts , woraus denn eine besondre Form der Rechtspflege entspringt. Nicht das gemeine Volk kann richten, nicht das Gewissen, das in jedem inwohnt und dem ein wechselseitiges Vertrauen der Gemeinde den Richterspruch uͤberlaͤßt, sondern nur die Wissenden, die Gelehrten koͤnnen und duͤrfen urtheilen und entscheiden. Demzufolge koͤnnen diese Wissenden auch die Befugniß, zu richten, nicht vom Volk entlehnen, sondern lediglich von der Auto¬ ritaͤt der Wissenschaft , die hinwiederum nur in der vom Volk unabhaͤngigen Majestaͤt zugleich mit jeder andern hoͤchsten Staatsautoritaͤt personificirt ist. Diese Partei bedarf also zunaͤchst die sacra ma¬ jestas als Urquell des Rechts, die juridische Papst¬ gewalt, den heiligen Richterstuhl, sodann den juridi¬ schen Priesteradel, der das Recht dem Laienvolk ver¬ mittelt, und zwar theils Richter, entsprechend dem Episcopalelerus, theils Advokaten, entsprechend den Klostergeistlichen, vorzuͤglich im Sinn der Bettelor¬ den und Jesuiten. Ferner bedarf diese Partei des corpus juris , als des allgemeinen Canons, und der historischen und logischen Kommentare, als der Kir¬ chenvaͤter und Scholastiker. Endlich wird sie in ih¬ rem Themistempel ein abgesondertes Chor, das Aller¬ heiligste, ansprechen, da die Priester uͤber dem Volk erhaben stehn, dem stummen Volk den Segen spenden und die Opfer von ihm empfangen. Wie die Reformation von den Moͤnchen ausge¬ gangen, so neigen sich zum juridischen Protestantis¬ mus vorzuͤglich die Advokaten. Die neue Partei macht im Gegensatz gegen die Wissenschaft das Ge¬ wissen zum Princip, im Gegensatz gegen die Ab¬ geschlossenheit der Kaste die republikanische Öffent¬ lichkeit zur Form des Rechts, so wie der Prote¬ stantismus uns vom Priester ans eigne Herz, und aus dem Atrium ins Chor selbst, in die freie und gleiche Christengemeinde verweist. Wir duͤrfen diese Partei im Gegensatz gegen die Romanisten die Ger¬ manisten nennen. Sofern die Germanisten das Gewissen zum Rechts¬ princip erheben, und die Öffentlichkeit zur Rechts¬ form, neigen sie sich zur Demokratie. Sie betrach¬ ten die Beurtheilung eines Rechtsfalls als etwas natuͤrliches und allen Menschen gemeinsames. Nicht eine Aristokratie von Gelehrten, sondern das gemeine Volk richtet. Mithin autorisirt sich das Volk auch selbst dazu und die Rechtsgewalt faͤllt mit der Sou¬ veraͤnitaͤt des Volkes zusammen. Die Öffentlichkeit der Gerichte ist sodann nur eine natuͤrliche Folge des Princips. Sofern die Romanisten die absolute Logik zum Rechtsprincip erheben, und deßfalls ein Studium der Rechtswissenschaft begruͤnden, dem nur Geweihte sich widmen koͤnnen, neigen sie sich zur Aristokratie. So¬ fern sie aber in ihrem System alles an einen abso¬ luten Satz knuͤpfen muͤssen, kann demselben auch nur eine absolute Kraft, die ihn geltend macht, entspre¬ chen, also die Autokratie. Die Demokratie kann sich nicht nach dem Ausspruch eines Einzigen richten, und jeder absolute Satz gilt nur als eine Stimme. Die Monarchie kann sich nicht nach dem Ausspruch vieler richten, und jeder Ausspruch des Gewissens kommt allen Stimmen zu. Mithin mußte das roͤmische Recht nothwendig zur Autokratie, das deutsche Recht noth¬ wendig zur Republik fuͤhren, und sofern es in neuerer Zeit wiedergeboren worden, taugt es nur fuͤr Re¬ praͤsentativstaaten. Die Rechtsfragen sind also poli¬ tische. Der Streit uͤber Rechtsprincip und Rechts¬ form faͤllt genau mit dem uͤber Staatsprincip und Staatsform zusammen. Repraͤsentative Staaten ha¬ ben auch eine Literatur des oͤffentlichen Rechts, au¬ tokratische nur eine des geheimen Rechts. Die deut¬ sche Literatur zeigt noch ein enormes Übergewicht der letztern. Nicht unwichtig ist der Umstand, daß die Ro¬ manisten immer Cosmopoliten oder Glieder einer allgemeinen Rechtskirche, die Germanisten immer Volksthuͤmler oder Glieder einer Nation sind. Die absolute Rechtswissenschaft hat sich so wenig als die absolute Theologie um die Eigenthuͤmlichkeiten einer und der andern Nation zu bekuͤmmern. Es gibt nur einen Gott und nur ein Recht. Soll die Religion die rechte seyn, so muß sie allen Voͤlkern anpassen. Soll es eine absolute Rechtswissenschaft geben, so muß jedes Volk nach ihr gerichtet werden koͤnnen. Dies Schema gilt auch fuͤr das roͤmische Recht, wie fuͤr den Katholicismus, und von jeher sind beide den sogenannten barbarischen Voͤlkern mit Feuer und Schwert oder mit sanftem Bekehrungseifer gepredigt worden, woraus denn unendlich viel Gutes entsprun¬ gen ist, aber auch viel Boͤses, denn das Herz der Nationen hat sich an der eisernen Consequenz der universellen Dogmen verblutet, oder Consequenz und Natur haben sich ausgeglichen, jedes ein wenig nach dem andern gemodelt, und an die Stelle der rohen Barbarei ist eine cultivirte Barbarei getreten. Bei den oͤffentlichen Volksgerichten muß im Ge¬ gentheil die Volksnatur, die Landessitte einen unge¬ kraͤnkten Antheil an der Beurtheilung der Rechts¬ faͤlle haben. Ich uͤbersehe alle die großen Nachtheile, die dies mit sich fuͤhrt. Bei einem solchen Verfahren werden alle Vorurtheile, wird alle Barbarei der Na¬ tion genaͤhrt, wenn sie anders nicht einen geistigen Entwicklungstrieb in sich hat, der sie weiter bringt. Dennoch aber ist zwischen der Consequenz der Wissen¬ schaft und zwischen der rohen Volkssitte eine sehr gangbare Mittelstraße, wie zwischen der Tyrannei der roͤmischen Weltherrschaft und zwischen der Bar¬ barei der Chinesen. Wer sagt, daß er das reine Licht mit sich fuͤhre? Sind es etwa jene Romani¬ sten, die unser gutes Recht verbannt, oder jene Je¬ suiten, die Paraquay mit ihrem Sonnensymbol ver¬ goldet? Wir wollen nicht im Dunkel bleiben, aber wie das Licht urspruͤnglich in Farben sich zersetzt, so werden wir das Licht des Rechts auch nur wieder aus den nationellen Farben uns zu laͤutern vermoͤ¬ gen. Gesunde Entwicklung der Nation fuͤhrt allein zur Cultur und Wissenschaft. Wo Wissenschaft und Sitte in gehaͤssiger Trennung sich befinden, wird sie doppelte Zerstoͤrung treffen. Aus dem Princip der Romanisten fließt auf dop¬ pelte Weise ein unermeßlicher Nachtheil fuͤr das Volk. Sofern sie eine geheime Priesterkaste bilden, ist das Volk nicht befugt, sich selbst um das Recht zu be¬ kuͤmmern, denn diese Selbstthaͤtigkeit wuͤrde jenes Vorrecht aufheben, wie jede Demokratie die Aristo¬ kratie. Sofern aber die Rechtswissenschaft der Ro¬ manisten ein lebenslaͤngliches Studium erfordert, ist es dem Volke nicht moͤglich, dieses Recht in seinem ganzem Umfange kennen zu lernen. Das Resultat nun, daß ein Volk, ich will nicht sagen, sein Recht, sondern nur das Recht, nach welchem es gerichtet wird, gar nicht kennt, ist offenbar ein Nachtheil, wohl gar eine Schande. Die Alten, nicht nur Griechen, auch Germanen, unterrichteten die maͤnnliche Jugend fruͤhe im Recht, und was kann, außer der Kenntniß des Goͤttlichen und der Natur, im Unterricht heilsa¬ mer seyn, auf das Leben wuͤrdiger vorbereiten, als die Kunde des Staatsrechts? Wir duͤrfen es aber unsern Schulen nicht vorwerfen, daß sie die Juͤng¬ linge in gaͤnzlicher Unwissenheit des Rechts lassen, denn was sollten sie ihnen lehren? etwa jene Gesetze, die der Staat oft selber vergißt, weil ihrer zu viele sind, die selbst den Gesetzgebern so unter den Haͤnden verschwinden, daß man erst auf dem dritten Landtage sich erinnert, man habe auf dem zweiten etwas ver¬ ordnet, ohne zu bemerken, daß man auf dem ersten etwas widersprechendes zum Gesetz gemacht, was noch nicht annullirt worden, so daß nun Ja und Nein im Gesetz steht? wozu sollten aber selbst die klarsten Gesetze der Jugend bekannt gemacht werden, oder dem Volke selbst, wenn im Leben doch jeder mit dieser Kenntniß sich passiv verhalten und von der Kaste nehmen muß, was sie will? Das hieße, die Kinder zum Protestantismus erziehn und sie doch die katholischen Gebraͤuche machen lassen. Das roͤmische und die von ihm abgeleiteten Rechte werden insbesondre noch durch die lateinische Sprache unpopulaͤr. Es ist bekannt, welchen leb¬ haften Widerstand die roͤmischen Advokaten das er¬ stemal unter Varus an der Weser, das zweitemal anderthalbtausend Jahr spaͤter im Mittelalter gefun¬ den, und noch jetzt ist dem Volk der roͤmische Rechts¬ gang, dessen Terminologien ihm voͤllig unverstaͤndlich sind, durchaus zuwider. Die Sprache hat das Recht aus dem Gewissen an dem Verstand der Kaste und die Rechtspflege aus dem Leben ins Papier, in die Bureaukratie verwiesen. Der ganze unfoͤrmliche Bau des mittelalterlichen Rechts, jene zahllosen Kirchen-, Lehn-, Kaiser-, Land-, Stadt- und Bauernrechte und die Nebenge¬ baͤude der Standes- und Personalprivilegien, sind endlich zusammengestuͤrzt, aber es sind namhafte Rui¬ nen stehn geblieben, an welche man neue Wohnun¬ gen angeklebt hat, unfaͤhig oder zu bequem, einen ganz neuen Grund zu legen. Ein seltsames Gemisch von Gesetzbuͤchern ist entstanden, das den Anblick alter Staͤdte gewaͤhrt, wo schwarze gothische Truͤm¬ mer neben neugeweißten Lusthaͤusern stehn. Fuͤrsten¬ tage haben die Kaisermacht, Concordate die Papst¬ gewalt gestuͤrzt. Durch Kabinetsordern sind die Kloͤ¬ ster, ist die Leibeigenschaft aufgehoben worden. Mit der Fuͤrstenmacht ist das roͤmische Recht aufgekom¬ men, weil es ihrer Tendenz entsprochen. Was von den Ruinen des Reichs sich erhalten, traͤgt auch noch die Spuren des alten Rechts. An beides hat sich Neues angeschlossen, wie es die Noth der Zeit den Gesetzgebern abgedrungen, oder der humane Geist eines Friedrich II . und Joseph II . fuͤr billig erkannt. So haben die neuen Landrechte sich gebildet und bil¬ den sich noch, wie die Zeit selbst tausend Ruͤck- und Vorsichten und einer bestaͤndigen Verwandlung unter¬ worfen. Sie bilden die Bruͤcke vom roͤmischen Recht zum oͤffentlichen, oder fuͤllen wenigstens die Kluft zwischen beiden. Das oͤffentliche Gerichtswesen hat die oͤffent¬ liche Meinung fuͤr sich, wenn es auch nur in einem kleinen Theil Deutschlands praktisch ausgeuͤbt wird. Leider haben wir nur als ein Geschenk von den Frem¬ den erhalten, was unser urspruͤngliches Erzeugniß und Eigenthum gewesen. Der Code Napoléon und die damit zusammenhaͤngenden Gerichtsformen sind eini¬ gen deutschen Staͤmmen als gutes Andenken an eine boͤse Zeit geblieben. Die franzoͤsische Republik griff zu der oͤffentlichen Rechtsform, weil sie der Freiheit und einem tuͤchtigen Gemeindewesen von jeher als die angemessenste, die schlechthin natuͤrliche sich er¬ wiesen. Laͤngst lebt der Englaͤnder im Genuß dieser unschaͤtzbaren Form, und er hat sie von den angel¬ saͤchsischen Vorfahren geerbt, bei denen sie, wie bei allen deutschen Staͤmmen, urspruͤnglich heimisch ge¬ wesen. Die Form ist hier, wie uͤberall, so sehr Traͤ¬ gerin des Geistes, daß die Erscheinung der Geschwo¬ rengerichte das ganze roͤmische Rechtssystem zu er¬ schuͤttern scheint. Die Aufmerksamkeit ist auf diesen Gegenstand haͤufig gelenkt worden und die Gemuͤther sind nicht kalt geblieben. Die unter Citaten und Acten ergrauten Romanisten und Bereaukraten sind hoch¬ muͤthig ausgefahren gegen den uͤberrheinischen Natu¬ ralismus, und die Advokaten der Rheinlande haben mit einem Mutterwitz zu antworten gewußt, der ih¬ nen alle Ehre macht. Mittelbar ist die Partei, die an der oͤffentlichen Rechtspflege haͤngt, durch die Bemuͤhungen der histo¬ rischen Juristen Savigny, Mittermaier, Eichhorn und andrer unterstuͤtzt worden, da dieselben die alten deutschen Rechte immer vollstaͤndiger ans Licht gezo¬ gen und commentirt haben, jene Rechte, welche den Ursprung, die lange Dauer und die Vortheile der oͤffentlichen Formen ausweisen, und uns klar ma¬ chen, daß die offenen Volksgerichte in Deutschland aͤlter sind, als die heimlichen Papiergerichte, das Leben aͤlter, als die Buͤcher, das Recht aͤlter, als die Juristen. — Die aͤußern Verhaͤltnisse der Staaten gegenein¬ ander beschaͤftigen jetzt jede Spinnstube so lebhaft als ehemals den roͤmischen Senat. Ihrer Eroͤrterung dient daher die unermeßliche Literatur der Publicisten und Zeitungen, die aber wesentlich eine ephemere bleibt, weil ihr Gegenstand selbst immer nur die Tagespolitik ist. Mit den politischen Verhaͤltnis¬ sen selbst wechselt ihr Schatten in der periodischen Literatur. Alles wird fuͤr den Augenblick gethan, alles fuͤr den Augenblick genommen. Haben die Deutschen noch kein durchgreifendes Interesse fuͤr die innern Angelegenheiten der Staaten, so ist doch ihre Neugier sehr erpicht auf die aͤußern Verhaͤltnisse und Begebenheiten. Kaum war jenes hoͤhere Interesse vor zehn Jahren einmal aufs leb¬ hafteste rege geworden, so ward es auch alsbald auf diese niedrige Neugier beschraͤnkt. Die Literatur der Tagespolitik machte nach den letzten deutschen Krie¬ gen so heftige Freudenspruͤnge, daß sie jetzt etwas lahm darniederliegt. Wie sehr das muthwillige Maͤd¬ chen zu bedauern ist, daß sie jetzt unter der Zucht¬ ruthe der gnaͤdigen Tante Censur seufzen muß, so schienen doch allerdings ihre Sitten weder der Zeit, noch die Zeit ihr angemessen. Sie schien wirklich ein wenig uͤbergeschnappt, als sie das erstemal in der europaͤischen Gesellschaft glaͤnzte, sie kokettirte gar zu romanhaft mit ihrem auserlesenen Chapeau, dem Volke, aber dieser ehrbare Juͤngling setzte ihren aus¬ gelassenen Attaken nur eine suͤße Schamroͤthe entge¬ gen, bedeckte sich das Gesicht mit beiden Haͤnden und rettete sich unter den Faͤcher der Tante. Wir schreiben unsre politischen Broschuͤren groͤ߬ tentheils den Englaͤndern und Franzosen ab. Nur wenige sehr tiefe, sehr ehrliche und sehr langweilige Buͤcher verlaͤugnen ihr deutsches Gepraͤge nicht. Es ist Schade, daß wir die politischen Thaten und Er¬ fahrungen, und die theils dadurch erworbenen, theils angebornen, politischen Institutionen, den Charakter und die Consequenz der Englaͤnder nicht auch mit uͤbersetzen koͤnnen. Wir haben keine eigne politische Literatur, weil die Leser, das Volk, nicht zum poli¬ tischen Handeln berufen sind, und aus demselben Grunde findet auch die fremde Literatur bei uns nur einen unfruchtbaren Boden. Wir lesen Zeitungen und Journale, um uns die Zeit zu vertreiben, der Ame¬ rikaner, der Englaͤnder, der Franzose liest sie, um sich die Zeit zu machen. Wir bekommen dadurch nur Traͤume, sie Affecte; wir schlafen, sie handeln. Wer uͤber Politik schreibt, muß die Stiefel aus¬ ziehn und auf Socken gehn, wie in einem Kranken¬ zimmer. Solche Sockentraͤger, altkluge vermittelnde Schwaͤtzer gibt es den freilich genug. Sie benutzen die Zeit der Windstille wie die gallertartigen Mol¬ lusken, um auf der Oberflaͤche des politischen Meers ihr fahles Licht schimmern zu lassen. Man rechnet es mit Recht unter die groͤßten Ge¬ brechen der Zeit, daß nicht nur die Mittheilung der Meinungen , sondern auch die der Thatsachen beschraͤnkt oder gar verboten wird. Darin besteht auch eigentlich die Hauptschwaͤche unsrer Zeitungen. Moͤchten sie Meinungen aussprechen, welche sie woll¬ ten, wenn sie nur alle Thatsachen unverfaͤlscht nam¬ haft machen duͤrften, aber von vielen Dingen duͤrfen sie nur etwas im Sinn der Censur, von vielen an¬ dern, und nicht den unwichtigsten, duͤrfen sie gar nichts schreiben. Die Diplomatik, vor alten Zeiten eine Thurmuhr fuͤr Jedermann, hat jetzt ihr Zifferblatt voͤllig verhuͤllt und man hoͤrt sie nur noch schlagen. Erziehung. Die Erziehung ist von jeher eine der wichtigsten Angelegenheiten aller gebildeten Voͤlker gewesen. Auf ihr beruht die Erhaltung und der Fortschritt der ein¬ mal gewonnenen Bildung. Der Umfang dieser Bil¬ dung aber macht eine Disciplin nothwendig, waͤh¬ rend bei rohen Voͤlkern die Natur selbst das Geschaͤft der Erziehung uͤbernimmt. Die Disciplin ist der herr¬ schenden religioͤsen und politischen Ansicht unterwor¬ fen, Kirche und Staat beaufsichtigen und leiten den Unterricht. Bei den Deutschen behauptet aber auch vorzugsweise die Familie ein herkoͤmmliches und hei¬ liges Ansehn in der Erziehung und verhindert, daß die politisch-religioͤse Disciplin nicht in starre Ein¬ foͤrmigkeit entarte, und zugleich hat die Trennung der Staaten und Confessionen es moͤglich gemacht, daß mitten unter ihnen eine freie philosophische Paͤ¬ dagogik Raum gewonnen hat. Indem die Erziehung weder vom Familienleben, noch von der allgemeinen deutschen Bildung sich hat losreißen koͤnnen, ist es weder einer Kirche noch einem Staate moͤglich ge¬ worden, eine jesuitische oder spartanische Disciplin durchzusetzen. Dies ist ein Palladium deutscher Frei¬ heit und die Buͤrgschaft fuͤr den unaufhaltsamen Fort¬ schritt der echten Bildung. In der neuesten Geschichte und Literatur hat die Erziehung eine groͤßre Rolle, als jemals gespielt. Bis in die letzte Haͤlfte des vorigen Jahrhunderts gieng sie einen ziemlich schlaͤfrigen Gang, und die Orbile wurden zum Sprichwort. Sie war nicht viel mehr, als ein nothwendiges Übel. Die Lethargie sprang aber bald in einen wahren St. Veitstanz um. Die revolutionaͤren Ideen des Jahrhunderts wirkten auch auf die Erziehung ein und bald bemuͤhte man sich, wirkliche Übelstaͤnde abzuschaffen, bald hoffte man die Jugend fuͤr die Ideale bilden zu koͤnnen, fuͤr welche die aͤltere Generation zu verderbt schien. Nirgends ist so viel geschwaͤrmt worden, als in der Paͤdagogik, weil man der Jugend und der Zu¬ kunft alles zutrauen durfte. Der begeisterte Men¬ schenfreund, der die Welt von Grund aus verbessern moͤchte, sieht sich an die Jugend gewiesen, die fuͤr seine Ideale bildsam ist, aber auch der bloße Char¬ latan sucht sich das weiche Wachs der Jugend, um ihr seinen Stempel aufzudruͤcken. Jeder meint leich¬ tere Arbeit mit der Jugend zu haben, und seine Ab¬ sichten in diesem empfaͤnglichen Boden am besten ge¬ deihen zu sehn. Alles wandte sich an die Jugend, wie an eine neuerstandne Macht und schmeichelte der¬ selben und brachte ihr den hoͤchsten Begriff von sich selbst bei. Dadurch wurde sie haͤufig aus ihrer na¬ tuͤrlichen Stellung verruͤckt und die Unnatur hat sich eben so haͤufig geraͤcht. Es muß auffallen, daß in der neuern Zeit die Kinder eine so bedeutende Rolle spielen. Einerseits sehn wir sie den Alten uͤber die Koͤpfe wachsen, and¬ rerseits setzt man alles Heil, alle Hoffnung nur in sie, und schreibt ihnen wohl gar eine heilige Kraft zu, wie unsre Vorfahren ehemals den Weibern. Was das Erste betrifft, so haben die Kinder wohl nie so viel Laͤrmen gemacht, als bei uns. Man sieht sie auf dem Katheder dociren, bei eignen Kin¬ derbaͤllen und Taͤnzen trotz den Alten kokettiren, in einer Unzahl von Familien das große Wort und die Zuͤgel der Herrschaft fuͤhren, in den Schulen die Leh¬ rer Hofmeistern, wohl gar in eine Raͤuberbande con¬ stituirt und endlich als Hochverraͤther und Demagogen arretirt. Auf der andern Seite erwartet man von eben diesen Kindern ein goldnes Zeitalter, und predigt ihnen unaufhoͤrlich vor, was man alles von ihnen hoffe, was moͤglicherweise in ihnen stecke, wie sie so viel mehr seyn sollen und werden, als wir Alten, und viele Paͤdagogen bekennen oͤffentlich, daß wir Alten eigentlich bei den Kindern in die Schule gehn sollen. Diese neue Wichtigkeit, welche man der Jugend beigelegt hat, und die widersprechenden Meinungen uͤber Erziehung, welche den philosophischen und poli¬ tischen Ansichten nothwendig folgen mußten, haben der paͤdagogischen Literatur einen Umfang gegeben, wie sie ihn noch nie gehabt hat. Jaͤhrlich erscheinen viele hundert Werke fuͤr die Erzieher oder fuͤr die Jugend. Abgesehn von allen einzelnen Nuancen paͤdagogi¬ scher Ansichten gibt es wesentlich nur zwei verschiedne Hauptprincipe der Erziehung, das eine, wonach die Kinder fuͤr die gegenwaͤrtig bestehenden Verhaͤltnisse, das andre, wonach sie zu hoͤhern Idealen der Mensch¬ heit herangebildet werden sollen. Das erste Princip herrscht allgemein in den oͤffentlichen Schulen, dem Gange der alten Gewohnheit gemaͤß; es ist aber auch philosophisch als das einzig heilsame und natuͤrliche angepriesen worden von Goͤthe, Steffens und vielen andern, und das beruͤhmte Fellenbergische Institut in der Schweiz ist ganz nach diesem System organisirt und sucht noch strenger, als irgend eine oͤffentliche Schule, jedes Kind nur zu dem Beruf zu bilden, der seinem angebornen Stand und Rang, seinem Reichthum oder seiner Armuth angemessen ist. Das entgegengesetzte Princip ist vorzuͤglich von Fichte ver¬ theidigt worden und spaͤter hat Jahn versucht, es einigermaßen zu realisiren. Nach diesem Princip soll fuͤr die Jugend Stand und Rang verschwinden, und jedes Kind eine gleiche Erziehung genießen, der Un¬ terschied ihres Berufs aber allein auf dem ihres Ta¬ lents begruͤndet werden. Die Jugend soll ferner nicht fuͤr das gemeine Leben, sondern fuͤr den Zweck der Weltverbesserung erzogen werden. Sie soll zu etwas Besserem heranreifen, als die fruͤhere Generation. Man soll ihre zarten Keime nicht unter der Last be¬ stehender druͤckender Verhaͤltnisse ersticken, sondern ihnen jede moͤgliche Freiheit der Entwicklung goͤnnen. Die erste Ansicht haͤngt mit dem Katholicismus und dem politischen Stabilitaͤtsprincip zusammen, die letztere mit dem Protestantismus und dem republika¬ nischen Princip. Indeß bleibt die letztere immer nur im Reich der Traͤume. Die Jugend ist immer nur nach dem Muster der Alten erzogen worden, in Rom und Sparta nicht minder als in China. Die neuern deutschen Philosophen und Paͤdagogen, welche durch die Jugendbildung eine Regeneration der Menschheit haben bewerkstelligen wollen, sind nicht gluͤcklicher ge¬ wesen, als Plato und Rousseau. Ihre Partei ist nur in der Literatur von Bedeutung, im Leben so gut als nicht vorhanden. Wichtiger ist der Streit uͤber die einzelnen Ge¬ genstaͤnde und Methoden des Unterrichts. Hier herr¬ schen eine unsaͤgliche Menge veralteter Mißbraͤuche. Der religioͤse und philologische Unterricht hatte ge¬ raume Zeit die Alleinherrschaft, und die gelehrte und adelige Erziehung war beinah allein cultivirt, waͤh¬ rend der eigentliche Volksunterricht voͤllig vernach¬ laͤssigt wurde. Beiden Übelstaͤnden suchte man all¬ maͤhlig durch Erweiterung des realistischen Unterrichts und durch Verbesserung der Dorfschulen zu begegnen. Dem Realismus dienten zahlreiche Privatinstitute, bis er durch das Faͤcherwesen auch groͤßern Eingang in den gelehrten Schulen fand. Den Volksunterricht befoͤrderten die Staaten und wohlthaͤtige Vereine. Es ist einer der groͤßten Fortschritte des Jahr¬ hunderts, daß man die Gegenstaͤnde des Unterrichts erweitert und gelaͤutert hat. Die Erweiterung war nothwendig, da die Jugend ehedem bei Religion und Philologie verkuͤmmerte, und die Laͤuterung ist wie¬ der noͤthig geworden, weil man nachher lieber alles und noch etwas in die Jugend hineingestopft haͤtte. Daß zu dem aufgetrockneten Christenthum und Latein der alten Schulen die neuern Sprachen, Geschichte, Geographie, Naturlehre, Mathematik hinzugekommen und mit Fleiß getrieben worden sind, ist gewiß ein großer Fortschritt. Dadurch ist die Jugend dem Le¬ ben wiedergegeben worden, dadurch ist jenes zahl¬ reiche Geschlecht schwarzgalliger Magister, die Nach¬ geburt der Moͤnche, immer mehr ausgerottet worden. Indeß ist man auch wieder zu weit gegangen und die Jugend ist abermals unter der Last neuer Unterrichts¬ gegenstaͤnde erdruͤckt und durch ein falsches Betreiben der sogenannten Aufklaͤrung verbildet worden. Nirgends herrscht so guter Wille, alles wissen zu wollen, als in Deutschland, und nirgends herrscht wirklich eine so universelle Bildung. Die Überladung des jugendlichen Geistes mit Kenntnissen ist gewisser¬ maßen nothwendig geworden, wenn man die kuͤnftige Generation auf der Hoͤhe der einmal errungenen Bil¬ Deutsche Literatur. I . 12 bung festhalten will. Dennoch ist dieser Zustand ge¬ waltsam und muß in einer Erschlaffung endigen. Man stopft allzuviel in die Jugend hinein und darf sich nicht wundern, wenn es nicht verdaut wird, wenn endlich das Übermaaß zur Maͤßigkeit zuruͤckfuͤhren muß. Die Erfahrung hat uns bereits gelehrt, daß eine Durchdringung so unermeßlicher Welten des Wissens die Kraft des zarten Alters uͤbersteigt, leider aber haͤlt die Eitelkeit den Universalismus noch fest, in¬ dem sie zufrieden ist, die Jugend wenigstens alles moͤgliche von der Oberflaͤche weg schoͤpfen und damit in der Conversation glaͤnzen zu lassen. Mit der Vielwisserei ist aber ein noch weit aͤr¬ geres Übel gepaart, die zu fruͤhe und falsche Aufklaͤ¬ rung, die Altklugheit der Jugend. Man hat sich beeilt, so fruͤh als moͤglich den sogenannten Aber¬ glauben in den Gemuͤthern der Kinder auszurotten und die sogenannte gesunde Vernunft an dessen Stelle zu setzen; dies an sich loͤbliche Bestreben hat aber zu unsinnigen Übertreibungen gefuͤhrt. Um den Verstand zu retten, laͤßt man das Herz untergehn. Man truͤbt den Kindern ihren unschuldigen Glau¬ ben und entreißt ihnen die goldnen Spiele der Phan¬ tasie, um sie vor der Zeit klug zu machen. Man moralisirt, katechisirt und sokratisirt mit ihnen von sittlichen, religioͤsen und Denk-Begriffen, die den Zauberkreis ihrer Unschuld zerstoͤren, ohne ihnen da¬ fuͤr ein hoͤheres Gut zu gewaͤhren. Die Liebe, die sie von Natur haben, wird durch Kritik uͤber Ältern und Lehrer verdraͤngt. Der kindliche Glaube und Aber¬ glaube wird durch eine kindische Altklugheit ersetzt, und die reichen phantastischen Spiele machen einer reflectirenden Wohlanstaͤndigkeit und Ziererei Platz. Wie kann dies anders seyn, wenn in tausend und aber tausend Kinderbuͤchern die Schwaͤchen der Alten so gut als die der Kinder Preis gegeben werden, und der natuͤrliche Witz der Kinder nothwendig auf¬ gefordert wird, gegen die Pedanterei der Docenten sich geltend zu machen, wenn den Kindern immer und immer von der Thorheit des Aberglaubens vor¬ gepredigt und Herz und Phantasie derselben abge¬ stumpft wird, und wenn sie als das hoͤchste Gut je¬ nen Anstand preisen hoͤren, der ihre natuͤrliche, aber unschuldige Eitelkeit in eine Bahn weist, wo sie zur Unnatur werden muß. Überall sind es Begriffe, er¬ lernte und mechanisch aufgefaßte Begriffe, die dem Kinde eingezwaͤngt werden, die ein unreifes Denken in ihm thaͤtig machen, das alle Bluͤthen des Gemuͤths und der Einbildungskraft fruͤh verdorren macht. Wie mannigfaltig auch die Gegenstaͤnde des Ju¬ gendunterrichts seyn moͤgen, so vermissen wir doch darunter zwei der wichtigsten, Musik und Gymnastik. Die erstere ist noch weit entfernt, zu dem ihr ge¬ buͤhrenden Rang unter den Mitteln der Erziehung erhoben zu werden, und die letztere ist sogar verbo¬ ten. Die Alten erkannten sehr richtig Musik und Gym¬ nastik als die wesentlichen Grundpfeiler der Erzie¬ hung, weil sie in Leib und Seele den Rhythmus 12 * bringen, in welcher sie allein gesund gedeihen und ihre Harmonie entfalten koͤnnen. Bei uns ist diese einfache Wahrheit vergessen, und als Ersatzmittel fuͤr die unmittelbarsten Hebel einer gesunden Erziehung dienen nur Worte und nichts als Worte. Unser gan¬ zer Unterricht beschraͤnkt sich auf den intellectuellen. Wenn dem Gedaͤchtniß nur Worte und dem Verstand einige Gelaͤufigkeit in Begriffen eingepraͤgt werden, so ist die Sache gethan, der Koͤrper und das Ge¬ muͤth moͤgen dabei versauern. Die Wirkung, welche die Gymnastik auf den Koͤrper, die Musik auf das Gemuͤth uͤbt, und die Wirkung, welche beide dadurch auf die Gesundheit des Geistes uͤben, kommen uns gar nicht in Anschlag. Man will keine harmonische Bildung des ganzen Menschen, sondern nur Viel¬ wisserei. An die Musik scheint man neuerdings mehr zu denken, die Gymnastik wird aber geflohn und das Gesundeste gleich einer Pest verabscheut. Ein unge¬ woͤhnliches Auffallen erregte vor einigen Jahren die Turnkunst, und daß jetzt kein Wort mehr davon ge¬ hoͤrt wird, ist wohl noch auffallender. Man darf hoffen, daß es zum Theil die Scham ist, welche die Paͤdagogen lieber uͤber einen Gegenstand schweigen laͤßt, der ihre Bloͤßen so sehr aufgedeckt hat. Kann es wohl etwas wahnsinnigeres geben, als was man von dieser guten Turnkunst gehofft hat? vielleicht das, was man von ihr gefuͤrchtet hat, wenn beides nicht einerlei ist. Man glaubte damals, die liebe Jugend werde Deutschland befreien, weil sie Spruͤnge machte. Jetzt darf sie nicht springen, weil sie Deutschland befreien koͤnnte. Es ist aber doch in der That zu verwundern, daß man die Karrikatur von der Sache nicht getrennt, jene vernichtet und diese gerettet hat. Ohne Gymnastik wird die Erziehung ewig unvollkom¬ men bleiben. Hat man genug uͤber die Gegenstaͤnde des Un¬ terrichts gestritten, so ist es zugleich noͤthig gewor¬ den, die Mittel und Methoden desselben naͤher ins Auge zu fassen. Je mehr die Gegenstaͤnde verviel¬ faͤltigt wurden, desto mehr mußten die Mittel ver¬ einfacht werden. Man sah endlich ein, daß der intel¬ lectuelle Unterricht durch eine umfassende Zucht der Jugend unterstuͤtzt werden muͤsse, und dies fuͤhrte so¬ gar zu der Frage: ob die Erziehung ein Mittel fuͤr den Unterricht, oder nicht vielmehr der Unterricht bloßes Mittel fuͤr die Erziehung des ganzen Men schen seyn solle? Das alte Herkommen in den Schu¬ len widersetzte sich den neuen Ansichten, dagegen ent¬ stunden zahlreiche Privatinstitute, die Schauplaͤtze fuͤr alle moͤglichen paͤdagogischen Experimente. Man wollte Menschen bilden und der Naturstand der Kinder schien diesem Bestreben kein Hinderniß in den Weg legen zu koͤnnen. Ihrem weichen Wachs glaubte man alles einpraͤgen zu koͤnnen, und man hoffte bereits auf die Ideale, die aus den Philanthropien hervor¬ gehn sollten. Aber man vergaß, daß die Erziehung in Harmonie mit dem gesammten Zustand des Volks stehn muͤsse, wenn sie die Jugend sich nicht bald ent¬ zogen sehn will. Jene Anstalten verfehlten den Zweck der Erziehung, indem sie, gleich als ob die Philan¬ thropien gluͤckliche Inseln im Suͤdmeer waͤren, auf die sie umgebende Welt keine Ruͤcksicht nahmen, oder sie vergriffen sich in den Mitteln, indem sie die Ju¬ gend auf die unnatuͤrlichste Weise anstrengten, ihre Knospen mit Gewalt aufblaͤtterten, um die kuͤnftige Bluͤthe zu sehn, und sie nicht viel besser als Hunde dressirten. Es ist indeß bereits so viel gerechter Ta¬ del uͤber jene Anstalten ausgeschuͤttet worden, daß es billig scheint, daruͤber das Gute nicht zu vergessen, was durch sie geleistet worden. Namentlich ist die Methode des Unterrichts durch die Privatanstalten verbessert worden. Ausgezeich¬ nete Paͤdagogen, die etwas besseres Neues begruͤnden wollten, sahen sich meistentheils gezwungen, ihre Ver¬ suche im Kleinen und in unabhaͤngigen Kindergesell¬ schaften anzustellen, da ihnen das alte Herkommen der oͤffentlichen Schulen große Hindernisse in den Weg legte. Hier wurden eigne Ideen, und die der Fremden, z.B. von Lancaster, gepruͤft, und besonders fuͤr Vereinfachung aller Unterrichtsmittel thaͤtig ge¬ sorgt, und viel Gutes ward aus den Privatanstal¬ ten in die Schulen des Staates selbst aufgenommen, wie von Pestalozzi und Lancaster. Die vorzuͤglichste Thaͤtigkeit der Paͤdagogen hat sich, wie billig, auf die Unterrichtsliteratur, auf die Schulbuͤcher gerichtet. Die gesammte Jugendlitera¬ tur zerfaͤllt in Buͤcher der Belehrung und der Unter¬ haltung. Urspruͤnglich war diese ganze Literatur im Katechismus concentrirt, diesem folgte der orbis pictus ; allmaͤhlig entstanden auch weltliche Lehrbuͤcher und endlich die ergoͤtzlichen Kinderschriften. Jetzt ist Deutsch¬ land mit einer unermeßlichen Kinderliteratur uͤber¬ schwemmt‚ und Wien und Nuͤrnberg sind die großen Fabrikstaͤtten derselben. Im Augenblick der ersten paͤ¬ dagogischen Wuth suchte man den Kindern alles Wis¬ senswuͤrdige einzupfropfen, und man schrieb aus Liebe fuͤr dieselben, was das Zeug halten wollte. In der neuern Zeit sucht man wieder, wenigstens die Schul¬ buͤcher zu vereinfachen und aus der Masse das Beste zu sondern. Leider aber ist der literarische Unter¬ richt den Paͤdagogen von den Buchhaͤndlern aus den Haͤnden gewunden, und die letztern uͤberschwemmen Deutschland mit ihren luͤderlichen, von außen glei¬ ßenden, von innen hohlen Fabrikaten. Sie koͤnnen dies, weil unter den Paͤdagogen keine Einigkeit ist, und weil die Modesucht so weit geht, daß man so¬ gar den Kindern nur neue Sachen geben will. Um die Weihnachtszeit wimmelt es in den Laͤden der Buchhaͤndler von Eltern und Kinderfreunden, die alle die brillanten Saͤchelchen aufkaufen, welche die neue Messe geliefert. Die Alten greifen, wie die Kinder selbst‚ am liebsten nach den neuen Flittern. Aber die Paͤdagogen selbst wirken mit den Buchhaͤndlern zusammen, und schreiben immer neue Sachen, nicht um das Alte zu verbessern, sonderm um Geld und einen Namen davon zu tragen. Gegen diese Suͤnd¬ fluth von Kinderschriften kaͤmpft dann der echte Kin¬ derfreund vergeblich an. Es ist merkwuͤrdig, daß diese Schriften mehr auf die Alten, als auf die Kinder selbst berechnet werden, weil die Alten sie eben auswaͤhlen und be¬ zahlen, und nur wenige Takt genug besitzen, um zu wissen, was dem kindlichen Gemuͤthe zusagt. Damit ist die Philisterei und die altkluge Moral in die Buͤ¬ cher, selbst des zartesten Jugendalters gekommen. Die Alten wollen etwas Solides, Vernuͤnftiges, und dar¬ um muͤssen es die armen Kinder auch wollen, genug, wenn sie nur bunte,Bildchen dabei sehn. Die Maͤhr¬ chen, diese echte Kinderpoesie, sind lange verachtet und verdammt gewesen. Was sollen diese Kindereien? hieß es, und man hatte doch Kinder vor sich. Man fuͤrchtete, die Maͤhrchen pflanzten der kindlichen Seele Aberglauben ein, oder wenigstens, sie beschaͤftigten die Phantasie zu stark und zoͤgen vom Lernen ab. Man erfand daher die lehrreichen Erzaͤhlungen und Beispiele aus der wirklichen Kinderwelt, vom from¬ men Gottlieb, vom neugierigen Fraͤnzchen und nasch¬ haften Lottchen, und erstickte mit dieser Alltagsprosa alle natuͤrliche Poesie in den Kindern. Waͤhrend man ihnen aber alles Schoͤne nahm, wofuͤr ihre jungen Herzen so empfaͤnglich sind, und woran sie sich wahr¬ haft menschlich bilden, mißbrauchte man ihr Herz, wie ihre Phantasie, um damit ihren noch unentwickel¬ ten Verstand zu bearbeiten. Alle in der Jugend auf¬ quellenden Kraͤfte leitete man in den intellectuellen Unterricht ab. Aus der Froͤmmigkeit und kindlichen Liebe leitete man die Pflicht her, huͤbsch brav und geduldig zu lernen, und die reiche Bilderwelt der Phantasie pluͤnderte man, um durch sie den Kindern in Bilderfibeln das ABC und in hundert andern Buͤchern moralische Lehren angenehm zu machen und wie Pillen in einer Überzuckerung einzugeben. In den Unterhaltungs- und Schulbuͤchern fuͤr das mittlere Jugendalter bemerken wir hauptsaͤchlich vier große Fehler, die sokratische Methode, eine fal¬ sche Vielwisserei, eine falsche Aufklaͤrung und eine falsche Moral. Mag immerhin der Lehrer muͤndlich sokratisiren, was sollen aber diese Dialoge in den ge¬ druckten Buͤchern? Keines dieser Buͤcher kann auf alle moͤglichen Querfragen der Jugend Ruͤcksicht neh¬ men, und der einfache Gegenstand wird immer da¬ durch verhuͤllt. Überhaupt aber finden wir uͤberall diese Methode zu fruͤh angewandt. Das «Warum» muß sich der Jugend von selbst aufdraͤngen, und dann duͤrfe die Antwort nicht fehlen; quaͤlt man es ihr aber fruͤher ab, so bringt die beruͤhmte Hebammen¬ kunst des Geistes auch nur zu fruͤhe Geburten zur Welt. Man muß der Jugend etwas Positives dog¬ matisch einpraͤgen. Sie will nichts andres, es wird ihr nicht einfallen, daran zu kluͤgeln. Entwickelt sich ihr Verstand, so wird sie schon zu zweifeln und zu fragen anfangen, und dann hat sie einen Gegenstand, an dem sie die Kritik uͤben kann. Aus der Kritik aber die Wahrheit als Resultat zu foͤrdern und mit den Zweifeln anzufangen, ist wahres Gift fuͤr die Jugend. Wenn hier die Einfachheit in Bezug auf die Methode verletzt wird, so geschieht dasselbe in Bezug auf die Gegenstaͤnde des Unterrichts durch die Polyhistorei, der man sich dabei ergibt; nur das Ge¬ wisse, Einfache, Klare haftet in der jugendlichen Seele und bringt gedeihliche Fruͤchte. Durch die so¬ kratische Methode wird der einfachste Gegenstand ver¬ worren, ungenießbar, widerlich, und durch die uͤber¬ reiche Menge von Kenntnissen, die man der Jugend in Encyclopaͤdien und Sammlungen bietet, wird auch der klarste kindliche Kopf verwirrt, und gewoͤhnt sich leicht an ein oberflaͤchliches Wissen und gefaͤllt sich in dem eitlen Vorzug, vieles schlecht, statt wenig gut zu wissen. Sodann sind fast alle Unterhaltungs- und Unterrichtsbuͤcher auf die moͤglichst fruͤheste Aufklaͤ¬ rung der Jugend berechnet. Dahin gehoͤrt, daß man ihr alles Mystische, Wunderbare, Ahnungsvolle, Ruͤh¬ rende, sobald sie es empfinden, mit Stumpf und Stiel ausrottet. Der Zauber der Natur wird ihnen in baare naturwissenschaftliche Prosa aufgeloͤst, waͤh¬ rend, seltsam genug, die Naturphilosophen denselben Zauber wieder retten. Die kindliche Liebe, diese herr¬ liche wildwachsende Blume, wird geflissentlich ausge¬ rottet, um dem Treibhausgewaͤchs einer steifen, eng¬ herzigen, gebotnen, schulmaͤßig zu erlernenden Moral Platz zu machen. Man rechnet den Kindern nur das als Tugend an, was sie aus Gehorsam gegen eine Regel thun, und wie gut, edel, liebenswuͤrdig sie von Natur sind, man achtet es nicht, bis man ihnen eine schaale Reflexion daruͤber beigebracht hat, bis ihnen der Drang der Natur in einen geistlosen Gehorsam gegen das Pflichtgebot verkruͤppelt ist. Und welcher Pflichten? was draͤngt man nicht alles den unbefang¬ nen Gemuͤthern auf? Man stellt ihnen nicht nur das Laster, sondern auch die Tugend vor Augen, ehe sie im Stande sind, sie auszuuͤben, ja nur zu erkennen, und man uͤberladet sie mit Regeln, wovon sie eine uͤber der andern vergessen. Wie gegen die natuͤr¬ liche Moral der Kinder, so wuͤthet man gegen die natuͤrliche Religion derselben. Auch uͤber die Gegen¬ staͤnde der Religion muͤssen sie so fruͤh als moͤglich reflectiren, und man quaͤlt ihnen Gedanken ab, ehe noch ihr Gefuͤhl reif geworden. Eine Zeitlang war man sogar bemuͤht, ihnen das Wunderbare in der Religion verdaͤchtig zu machen, um sie vor Aberglau¬ ben zu bewahren. Jetzt hat man meistentheils einen heillosen Mittelweg eingeschlagen. Man wagt es we¬ der ganz zu glauben, noch ganz zu zweifeln, und stuͤrzt die Jugend in eine Halbheit, aus der nur drei Übel entspringen koͤnnen, die alle drei der Religion am gefaͤhrlichsten sind, Indifferentismus, der aus der Langweiligkeit und Unsicherheit des Religionsunter¬ richts entspringt, Religionsspoͤtterei oder Ruͤckfall in den crassesten Aberglauben, wenn man sich aus der Halbheit auf diese oder jene Weise retten will. Schreiten wir weiter zu den Unterrichtsbuͤchern der erwachsenen Jugend, so bemerken wir darin ein sonderbares Mißverhaͤltniß zu dem fruͤhern Unter¬ richt. Man zwingt den Kindern ein unreifes Den¬ ken ab, und die Juͤnglinge, die zum Denken wirklich heranreifen, werden davon fern gehalten durch eine trostlose Überladung mit blos empirischen, gedaͤcht¬ nißmaͤßigen Kenntnissen. Überall fehlt die Einheit und Einfachheit der Methode, der klare Überblick, das logische Gebaͤude. Die meisten Schulbuͤcher, in welches Fach sie einschlagen moͤgen, bieten dem Juͤngling eine unge¬ ordnete Masse von Thatsachen dar, die er sich zu eigen machen soll, ohne daß ihm der Talisman einer urspruͤnglichen Causalitaͤt mitgegeben wuͤrde, durch die er sich einfach so vieler Schaͤtze bemeistern koͤnnte. Er lernt die Religion und Moral am Faden unzu¬ sammenhaͤngender Artikel, die Geschichte am Faden der Jahrszahlen, die Naturkunde am Faden der rohesten aͤußern Eintheilungen, die Sprache am Faden von tausend Regeln und zehntausend Ausnahmen. Bei einem solchen Verfahren wird nur das Gedaͤchtniß in Anspruch genommen, dasselbe Gedaͤchtniß, das dem Kinde verwirrt wurde durch zu fruͤhes Denken, und der Unterricht tritt in ein umgekehrtes Verhaͤltniß mit der Natur. Was hilft aber auch das beste Ge¬ daͤchtniß, wenn nicht eigne Genialitaͤt die Formel finden laͤßt, unter welche das Convolut von empiri¬ schen Kenntnissen gebannt wird? Nur wenige gelan¬ gen zum Selbstdenken, und bei diesen wenigen beginnt es damit, daß sie den Wust der auf Schulen und Universitaͤten gesammelten Kenntnisse ausscheiden; wo¬ mit sie oft mehr Arbeit haben, als wenn sie erst zu lernen anfingen. Die meisten lernen mechanisch das Pensum, das von ihnen gefordert wird, und hieraus entsteht jener zahllose gelehrte Poͤbel in Ämtern und Wuͤrden oder in der Schriftstellerzunft, den schon Klopstock in seiner deutschen Gelehrtenrepublik treff¬ lich bezeichnet hat, die immer schreien und nie denken. Ehe wir aber das Feld der Erziehung verlassen, muͤssen wir noch einige Augenblicke bei einer der in¬ teressantesten Erscheinungen auf demselben verweilen, bei der Freimaurerei, denn was ist diese anders, als eine projectirte Erziehung des ganzen Menschenge¬ schlechts? Auch sie hat eine nicht unbedeutende Lite¬ ratur, die in der neuesten Zeit unter uns Deutschen, besonders seit Krause, die Geheinmißkraͤmerei, wie billig aufgegeben, und, wenn der Ausdruck erlaubt ist, aus der Schule geschwatzt hat. Das unverschaͤmte Zeitalter der Revolutionen hat auch diese koͤnigliche Kunst, wie jede andre, profanirt. Sieht man von den Spielereien und Mißbraͤuchen, denen wohl nie eine geheime Gesellschaft entgangen ist, sieht man von den Thorheiten der großen Kinder ab, die sich hier in einem sehr unschaͤdlichen Kanal ableiteten, so bleibt der Maurerei immer noch eine große Idee. Wir erkennen in der Geschichte ein großes Ziel, die Entwicklung und Veredlung der Menschheit. Wir unterscheiden aber einen doppelten Weg, der dahin fuͤhrt. Den ersten verfolgen die Menschen unbewußt. Er wird ihnen geboten durch die Naturnothwendig¬ keit. In der Abhaͤngigkeit von Geschlecht, Familie, Stand, Volk, Sprache, Sitte, Kultur, Staat, Kirche, befolgt der Mensch instinktartig den geheimen Willen der Vorsehung, die uͤber der Geschichte waltet, und in dem Reichthum und dem Wechsel der Erscheinun¬ gen die Menschheit aus dem laͤngsten Wege zur Ent¬ wicklung bringt. Ist der Mensch aber einmal auf einer gewissen Stufe angelangt, so erkennt er den großen Plan der Vorsehung, und seine eigne Kraft, denselben mit Bewußtseyn auf kuͤrzerem Wege zu vollstrecken. Er sieht in jenen Unterschieden, welche die Menschen von einander und von dem Gleicharti¬ gen, rein Menschlichen in Allem entfremdet, nur eine Hemmung jener Entwicklung, und sobald in Vielen zugleich diese Ansicht herrschend geworden, so muͤssen dieselben um so eher in ein geselliges Band treten, als dieses Band auch das Symbol dessen ist, was sie erstreben, da, sobald jeder Mensch vollkommen ist, bruͤderliche Gleichheit und Vereinigung Aller Statt finden muß. Sie werfen die Unterschiede des Stan¬ des, Volkes, Staates und Glaubens von sich; sie lassen sie unter sich nicht gelten, unterwerfen sich ih¬ nen aber außerhalb ihres Tempels, indem sie die blinde Naturgewalt, die in denselben vorherrscht, nicht aufzureizen, sondern allmaͤhlig zu zaͤhmen, und den hohen und allgemeinen Zweck der Menschheit zu vermitteln streben. Dieser Bund ist derjenige der Freimaurer oder Masonen (Meßner, Meßkuͤnstler). Sie wollen frei, mit Selbstbewußtseyn, den Bau der Menschheit vollenden. Sie setzen dem Instinkt die Freiheit, der Natur die Kunst entgegen. Dieser Bund entspringt mit Nothwendigkeit aus einer Weltansicht, die auf einer gewissen Stufe der Entwicklung in den Menschen erwachen mußte. So unabweislich die Idee einer allgemeinen vollkommenen Menschheit, die alle Menschen als Bruͤder umfaßt, darin sie alle von den Schlacken der Ungleichheit, der Feindschaft, der Ver¬ folgung, des Lasters, der Armuth, der Dummheit und der Barbarei gelaͤutert seyn sollen, unter den passen¬ den Namen Optimismus andern Ideen vom Wesen und Ziele der Welt und der Menschheit, z.B., daß sie beim Alten bleiben, oder daß sie gar zuruͤckschrei¬ ten muͤsse, entgegentritt; so unabweislich ferner mit dieser Idee in den Menschen das Gefuͤhl ihrer Kraft und das Streben geweckt wird, selbstthaͤtig der lang¬ sam keimenden Naturkraft in der Geschichte mit mensch¬ licher Kunst nachzuhelfen, oder ihre Erkenntniß und ihren Willen ganz an die Stelle jener alten Natur¬ kraft zu setzen, da dieselbe dem thierischen Instinkt gleicht, der nur so lange dem Kind aushilft, bis es zur Vernunft gekommen; so fest gegruͤndet diese Idee und dieses Streben in den Menschen ist, so bald sie muͤndig geworden, eben so fest gegruͤndet ist auch in der aͤußern Erscheinung der Bund der Masonei, darin diese Idee fortgepflanzt wird, darin dieses Streben als die hoͤchste Aufgabe der freigewordenen Mensch¬ heit bethaͤtigt wird. Wie uͤbrigens mit andern Elementen vermischt diese Idee erst allmaͤhlich im Maurerthum gekeimt, nachher reiner entwickelt worden, wozu ferner bei¬ nahe zu allen Zeiten seit seiner Entstehung die allge¬ meine Form des Maurerbundes gemißbraucht worden, geht uns dabei nichts an. Ob jeder sogenannte Mau¬ rer die wahre Stellung der maurerischen Weltansicht zu dem Gange der Weltgeschichte kennt, ist zweifel¬ haft. Ob der Bau der Masonei mehr dem des ba¬ bylonischen Thurmes oder des Salomonischen Tem¬ pels gleichen werde, uͤberlassen wir der Geschichte zu entscheiden. Sprachverwirrung ist ohne Zweifel schon eingetreten. Zwischen der Idee und ihrer Verwirk¬ lichung ist eine unermeßliche Kluft befestigt, und wer in den Schwierigkeiten der Ausfuͤhrung und in der Entartung und Verfaͤlschung der Idee im Innern des Bundes selbst, demselben nicht den Untergang oder wenigstens nur ein mumienhaftes Fortdauern vorge¬ schrieben findet, der muß den Ideen eine goͤttliche, unerschuͤtterliche Macht zuerkennen, kann und soll es aber auch. Ende des ersten Theils. Druckfehler. S. 11 Z. 7 von unten statt Ariadenfaden lies Ariadne¬ faden — 39 — 1 von oben — Schlendriau — Schlendrian — 45 — 1 von oben — Resignatinn — Resignation — 62 — 1 von oben — seyn — sein — 73 — 8 von unten — anders — andres — 134 — 5 von oben — ersten — ernsten — 150 — 11 von unten — Wasley — Wesley — 191 — 11 von oben — kritischer — kritische — 199 — 5 von oben — Begebenheit — Begebenheiten — 212 — 2 von oben — entstiegen — entstehn — 226 — 5 von oben — ein — ein In der Verlagshandlung dieses Werkes sind erschienen: Deutschland, oder Briefe eines in Deutschland reisenden Deutschen. Zwei Theile. gr. 8. Ein Recensent in der Leipz. Lit. Zeit. sagt uͤber dieses Werk unter anderm: Wir haben wenige Reisebeschreibungen, die sich mit unserem Vaterlande beschaͤftigen, von gleichem Wer¬ the, den man der gegenwaͤrtigen zuerkennen muß. — Der Verf. derselben, der sich nicht genannt, scheint uns in sich alle Eigenschaften zu vereinen, die ihn zur Loͤsung seiner Aufgabe eignen: Kenntniß der Laͤnder und Menschen durch eigene Ansicht und Umgang, der Statistik und der aͤltern und neuern Geschichte; er hat eine große Belesenheit, ein richtiges Urtheil, Witz und Laune, Bekanntschaft mit frem¬ den Voͤlkern und andern Staͤnden, als den seinigen, so daß er sich in seinem Ausspruche uͤber den Gehalt der Menschen und der Dinge weder kleinstaͤdtisch, oder kleinstaatisch, noch einseitig oder befangen zeigt. — Moͤgen auch Risbecks „Briefe eines reisenden Franzosen“ sich leichter und angenehmer le¬ sen lassen, durch die Persoͤnlichkeit bedeutender Menschen, die er hoͤchst freimuͤthig, manchmal boshaft behandelt, mehr anziehen; dann hat gegenwaͤrtiges Werk doch mehr innern Gehalt, und lehrt uns die Laͤnder, durch die es uns fuͤhrt, und ihre Bewohner weit besser kennen. Kurz wir duͤrfen es mit dem besten Wissen und, als ein gutes Werk empfeh¬ len, und zu den erfreulichsten Erscheinungen in dem Ge¬ biete unserer Literatur zaͤhlen, die in der spaͤtern Zeit eben nicht besonders reich an solchen Schriften ist. Der erste Band — wir erwarten die folgenden recht sehnlich — enthaͤlt in 36 Briefen eine allgemeine statistische Uebersicht unseres Ge¬ sammt-Deutschlands, die sehr zweckmaͤßig vorausgeschickt wird, und mit vieler Einsicht und großer Wahrheitsliebe geschrieben ist, die Beschreibung der Reisen des Verfassers durch das Koͤnigreich Wuͤrtemberg, das Großherzogthum Baden und das Koͤnigreich Baiern, ohne jedoch die Graͤn¬ zen des Rheins zu uͤberschreiten. Napoleon von Walter Scott. Englisch und Deutsch. Alexander der Große hatte es beklagt, daß Homer nicht mehr lebe, der sein Leben beschreibe, sein Zeitalter und die Nachwelt hat es mit ihm bedauert; doch diese gluͤckliche Vereinigung der Umstaͤnde tritt in unsern Tagen ein, denn der beruͤhmteste Dichter des Zeitalters, beschreibt das Leben des groͤßten Mannes unseres Jahrhunderts, und somit uͤber¬ geben wir dem Publikum das Leben Napoleon Buonaparte's Kaisers von Frankreich. Mit einer Übersicht der franzoͤsischen Revolution. Von Walter Scott. Aus dem Englischen uͤbersetzt von General I. von Theobald, und glauben einigermassen stolz darauf seyn zu duͤrfen, daß wir die Ersten sind, die dem deutschen Volke dieses un¬ sterbliche Werk vorlegen koͤnnen; durch die treffliche Über¬ setzung des Herrn Generals von Theobald wird es gleich¬ sam Eigenthum unserer Nation werden. Wir haben folgende Ausgaben veranstaltet: 1) Ausgabe in 8., auf Velin-Druckpapier elegant broschirt, jeder Band 3 fl. oder 1 Rthlr. 21 Gr. saͤchsisch. Diese Ausgabe besteht gleich der englischen in 8 Baͤnden. 2) Ausgabe in Taschenformat, elegant broschirt jedes Baͤnd¬ chen 18 kr. oder 4 Groschen. 3) Ausgabe fuͤr die Subscribenten der ganzen Sammlung der Stuttgarter Ausgabe von „Walter Scott's saͤmmtli¬ chen Werken“ jedes Baͤndchen zu 9 kr. oder 2 Groschen Nur die Subscribenten der ganzen Sammlung erhalten dieses Werk zu diesem beispiellos wohlfeilen Preiß. 4) Ausgabe in englischer Sprache, in Taschenformat elegant broschirt jedes Baͤndchen zu 18 kr. oder 4 Groschen.