Die Elemente der Staatskunst. Oeffentliche Vorlesungen, vor Sr. Durchlaucht dem Prinzen Bernhard von Sachsen-Weimar und einer Versammlung von Staatsmaͤnnern und Diplomaten, im Winter von 1808 auf 1809, zu Dresden, gehalten von Adam H. Muͤller, Herzogl. S. Weimarischem Hofrath . Zweiter Theil . Mit einer Kupfertafel . Berlin, bei J. D. Sander . 1809 . Die Elemente der Staatskunst. Drittes Buch . Vom Geiste der Gesetzgebungen im Alterthume und im Mittelalter. Müllers Elemente. II. [1] Elfte Vorlesung. Geist der Mosaischen Gesetzgebung . G anz offenbar ist aus meiner Darstellung von dem Geiste der Gesetze hervorgegangen, daß es, wenn einmal bloß das gegenwaͤrtige, weltliche In- teresse der zufaͤllig auf der Erde oder im Staate neben einander lebenden Menschen gelten soll, kein wahres Recht, weder auf der Erde, noch im Staate, giebt. Man glaubt, alles gewonnen zu haben, wenn man einen Codex bestimmter und unbedingter Gesetze bei einander hat; wenn man diesen Gesetzen, den Resultaten tausendjaͤh- riger Erfahrung, treue, gewissenhafte, unbestech- liche Verwalter und vermeintliche Ausspender des Rechtes beigesellt; man glaubt gegen das Ganze des Staates seine Pflicht hinlaͤnglich er- fuͤllt und seinen Tribut reichlich bezahlt zu ha- ben, wenn man sich diesen Gesetzen und der buͤr- gerlichen Form, die mit ihnen verknuͤpft ist, Einer- seits sklavisch unterwirft; andrerseits aber glaubt man, dafuͤr das Recht zuruͤck zu erhalten, in allen Stuͤcken, uͤber die das Gesetz nichts ver- ordnen moͤchte, willkuͤhrlich und ohne weitere Ruͤcksicht auf das Gemeinwesen zu schalten und zu walten. Wie selten ist auch nur die Ansicht, sich die Gesetze als ein Vermaͤchtniß der vergangenen Jahrhunderte, oder als die Essenz der National- Geschichte, zu denken! Meisten Theils sieht man darin nichts andres, als kluge Erfindungen des einzelnen Menschen, der oͤffentlichen Ordnung und Sicherheit halber unentbehrlich; eine Berech- nung aller Faͤlle, die im menschlichen Leben vor- kommen koͤnnen, deren Resultat oder Facit aus- gesprochen wird, damit jedermann wisse, woran er sich zu halten habe, und damit vor allen Din- gen das sogenannte Mein und Dein ungefaͤhr- det bleibe. Jedermann wuͤrde uͤber ein Gesetz lachen, welches von ihm verlangte, mit Leib und Seele ein guter Patriot zu seyn, oder daran zu glauben, daß der Staat eine unsterbliche Fa- milie, und er, der Buͤrger, nur einzelner, vor- uͤbergehender Nießbraucher seines sogenannten Mein und Dein sey. — Kurz, bloß weil der Mensch uͤberzeugt ist, daß die Gesetze keinen andern Zweck haben, als seinen individuellen, saͤchlichen Vortheil, so un- terwirft er sich ihnen blindlings, umgeht und betriegt sie aber, wo er kann. Sein Gewissen, falls er dergleichen unsichtbares Gesetz in seiner Brust anerkennt, hat mit den Gesetzen nichts zu schaffen; die Gesetzgebung ist nichts anderes als, im guͤnstigsten Fall, eine gute Polizei-An- stalt: Freiheit des Buͤrgers heißt der Theil sei- nes Lebens und Eigenthums, der von der Auf- sicht dieser Polizei eximirt ist; je groͤßer dieser eximirte Theil, um so besser ist das Ding, wel- ches sie „ Staat ” nennen. — Aber es bricht ein Krieg aus: nun soll diese Polizei-Anstalt ploͤtzlich ein wahrer Staat wer- den. — Wie soll nun im Sturme der Zeit Das aushalten und dauern, was, der allgemeinen Ansicht nach, bloß fuͤr den Vortheil des Augen- blickes aufgerichtet war? — Wenn nun, bei sol- chem unvermeidlichen Wechsel der Jahreszeiten, das leichte, wandelbare Geruͤst, das sie anstatt eines dauerhaften Wohnhauses aufgefuͤhrt haben, nicht Stand haͤlt, dann schreien und klagen sie uͤber einbrechende Barbarei; die Welt scheint ih- nen unterzugehen, weil die Zeit das unwuͤrdige Sicherheitswesen, und die ganze Kleinkraͤmerei mit dem Gesetz, und die ganze Spielerei und Possenreißerei der sogenannten Cultur und des sogenannten Privatlebens, mit sich in ihrem gro- ßen Laufe dahin nimmt. Nun ergreift die klei- nen Halbmenschen eine theatralische Melancholie; sie kommen sich in ihren Leiden gewiß vornehm vor; sie buhlen mit Rach- und Mordgedanken; sie verschwoͤren sich, sie waͤhnen, den Feind und Zerstoͤrer des Staates zu hassen, und sie bruͤ- sten sich mit diesem Wahn. — Wenn ihr gruͤndlich hassen wollt, so zeigt mir zuvoͤrderst gruͤndliche Liebe, nicht zu dem al- ten Friedenselende, nicht zu weltlichem Habe und Gut, nicht zu einzelnen Privatlieblingen, (denn dazu reicht der Instinct hin) — sondern zu einem lebendigen, gesellschaftlichen Ganzen! Zeigt mir eine Liebe, die nicht zu sagen weiß, ob sie das Irdische oder das Unsichtbare am Staate mehr liebt; die nicht zu sagen weiß, ob sie den Staat mehr um der Erinnerungen, oder mehr um der gegenwaͤrtigen Freiheit, oder mehr um der Hoffnungen auf die Zukunft willen liebt. Das ist eine siegreiche Liebe! Neben ihr steht ein Haß, dessen Pfeil sicher trifft. — Den Staat nun als Gegenstand einer unend- lichen Liebe darzustellen, hatte ich mir vorgesetzt; ich wollte zeigen, daß alle die hoffnungslos und ohnmaͤchtig zerstreueten Gedanken des Lebens, al- les Interesse und alles Gewissen zuruͤckgeleitet werden muͤssen in den lebendigen Strom des ge- meinsamen Lebens, daß alles einzelne Recht und alles einzelne Gluͤck sich anschließen muͤsse an das gemeinschaftliche Recht und Gluͤck, und von dort- her empfangen Bedeutung, Dauer und den ernst- haften Sinn, ohne den ihr weder etwas seid, noch besitzen koͤnnt. — Wer sich mit seinem Her- zen zu dieser gemuͤthlichen, bewegten, lebendigen Betrachtung des Staates nicht hinauf schwin- gen kann; wer in den Gesetzen nach aller meiner Rede nichts anderes sieht, als die Anordnungen einer gemeinen, weltlichen, haushaͤlterischen Klug- heit: der glaube nur nicht, daß er je irgend ein Blatt in der Geschichte verstehen, und noch we- niger, daß ihm der eigentliche Sinn der Gesetz- gebungen des Alterthums, die wir jetzt betrach- ten wollen, je aufgehn werde. — Wir reden jetzt von Zeiten, wo die Reli- gion , oder die Idee der Menschheit, noch Eins war — nicht etwa kuͤnstlich verbunden, sondern von Natur Eins — mit dem Staate , oder der Idee der buͤrgerlichen Gesellschaft. Die Israeliten nannten die Obrigkeiten der Aegypter: Goͤtter . Da wir nun glauben und beweisen, daß jene natuͤrliche Vereinigung des Geistigen und des Physischen, oder des menschlichen mit dem buͤrgerlichen Leben das einzige Problem aller Staatskunst sey; daß alle gegenwaͤrtig in der Irre umherlaufende Philanthropie, Humanitaͤt und geistige Cultur wieder eingefangen und gezaͤhmt und dem Staat unterworfen werden muͤsse: so behaupten wir damit, daß das Wesentliche am Staate, jene uralte natuͤrliche Vereinigung des Staates und der Religion, durch eine erha- bene Kunst wieder herzustellen sey, und daß diese Kunst nothwendig zur Ausuͤbung kommen muͤsse, wenn nicht alle gegenwaͤrtigen Halbstaaten unter- gehen sollen. Man muthe mir keine andre Ansicht bei die- sen Vorlesungen zu! Das System unsrer Ge- setze, die ich, wie schon gesagt, fuͤr nichts mehr als Polizei-Verordnungen halte, zu lehren, oder die Theorie unsrer sogenannten National-Oekono- mie, die in meinen Augen nichts andres als eine nichtswuͤrdige Plusmacherei ist, her zu demon- striren — dazu halte ich Sie und mich fuͤr zu gut. Wer hiernach Verlangen fuͤhlt, fuͤr Den giebt es in Deutschland große und kleine Schulen genug. — Aber, was ist die ewige Natur der Gesetze? frage ich; was ihre urspruͤngliche Gestalt, und welches der Geist, womit sie unser Daseyn ga- rantiren? Was nicht Geist und Liebe ist, das ist Macht und Zwang. Wie durch die Gewalt der Masse, und die Vertheilung der Masse, die Welt regiert werde und bezwungen werde? Circum- spice! Dazu bedarf es weiter der Wissenschaft, die es nicht mit den Massen, wohl aber, und ohne Ende, mit dem Leben zu thun hat, wel- ches alle Masse bezwingt und sich unterwirft. — Sie wollen die ewige Staatskunst, und nicht die Lehre von der polizeilichen und militaͤrischen Disciplin? Wohlan! Moses gruͤndete ein Volk von Priestern, und erklaͤrte zum obersten Gesetzgeber und Koͤnig desselben den einzigen Gott, Jehova, und als erstes Reichsgrundgesetz, wie ich oben gezeigt habe, den Glauben an diesen einzigen, unsicht- baren Koͤnig. Die Mode-Liebhaberei unsrer Zeit fuͤr das Griechische und Roͤmische Alterthum hat diesen großen Gesetzgeber aus dem Andenken der Gebildeten verdraͤngt, und die geistlose Politik hat die Verfassung, deren Urheber er war, als leere und unbedeutende Antiquitaͤt unter dem Schimpfnahmen der Theokratie bei Seite gesetzt. — Lassen Sie uns diesem Unverstande einigen Verstand gegenuͤber stellen. — Eine hervorstechende Eigenthuͤmlichkeit der Mo- saischen Staatsverfassung ist es zuvoͤrderst, daß uͤber die Form der Suveraͤnetaͤt nichts Unbe- dingtes bestimmt worden war. Wir sehen durch die lange Reihe von Jahrhunderten, welche die Geschichte des Juͤdischen Volkes ausfuͤllt, alle staatsrechtlichen Formen, die demokratische, die aristokratische, die monarchische, mit einander ab- wechseln und nicht eine einzige dem Mosaischen Grundgesetze widersprechen. Diesen Umstand al- lein wuͤrden wir fuͤr eine merkwuͤrdige Probe le- bendiger Gesetzgebung halten. — Viele Generationen des Juͤdischen Volkes, zusammengehalten durch das National-Anden- ken an die frommen Erzvaͤter und ihr patriar- chalisches Leben und ihre Leiden, welche den Israe- liten ungefaͤhr eben das sind, was den Griechi- schen Staͤmmen die Helden von Troja mit ih- ren Schicksalen waren, hatten bei den Aegyp- tern in Knechtschaft gelebt. Unerschuͤtterlich war bei ihnen der Glaube an die Ruͤckkehr in das Land und zu den Graͤbern der Erzvaͤter; aber jede folgende Generation verdarb in der Skla- verei mehr und mehr. Die Fleischtoͤpfe Aegyp- tens noch mehr, als die Abhaͤngigkeit, schwaͤch- ten ihren Glauben und ihre Sehnsucht: die Hoff- nung der Ruͤckkehr und der Freiheit war fast er- storben, als der Gedanke der uralten Bestim- mung dieses Volkes in einer heldenmuͤthigen Seele wieder lebendig wurde. Denken Sie Sich die Aufgabe, welche Moses zu loͤsen hatte, in ihrem ganzen Umfange! Sie hat in den jetzigen Zeiten eine dreifache Wichtigkeit. Die Entfuͤh- rung, die Befreiung des Volkes, und die Rei- nigung des kuͤnftigen Wohnsitzes von den unge- rechten Besitzern war der kleinste Theil. Aber was sollten die Befreiten mit ihrer Freiheit an- fangen, sie, die von irdischem Besitz und von hundert kleinen Goͤtzen ihres Herzens abhaͤngiger waren, als vom Pharao! Sie wurden im ge- lobten Lande unmittelbar wieder Sklaven. Der kriegerische Geist, der die Freiheit begleitet und sie erst zu einem wahren Lebensgute macht, war ausgestorben. Wie konnte man ihn nun wek- ken? wie ein Volk von Sklaven fuͤr die Freiheit erziehen? — Moses loͤs’te die ungeheure Aufgabe. Was sind alle Helden der Freiheit, denen wir in der alten und in der neueren Geschichte begegnen, die etwa durch eine großmuͤthige Handlung, oder durch die Aufopferung ihres Lebens, der vater- laͤndischen Freiheit dienten, — was sind Leoni- das mit seinen Spartanern, und alle Brutusse der Welt fuͤr Pygmaͤen gegen diesen riesenhaften Helden der Freiheit, jener energischen Freiheit, deren Wesen ich Ihnen neulich beschrieb! Er treibt sein Volk in die Wuͤste, durch welche ein kurzer Weg in das verheißene Land der Vaͤter fuͤhrte; aber in dem Maße, wie die Sklaverei der See- len, die befreiet werden sollen, an’s Licht tritt, fuͤhrt er sie vom Wege ab, weiter und weiter in die Wuͤste hinein, Leiden und Schmerzen al- ler Art entgegen, bis auf der muͤhseligen, in sich selbst schauerlich verschlungenen Bahn die Ge- muͤther von allen sklavischen Friedensgedanken und von allen Traͤumen eines gemaͤchlichen Le- bens allmaͤhlich entwoͤhnt werden, bis sie im Feuer und in der Noth die himmlischen Maͤchte kennen lernen und deutlich ihre Stimme verneh- men. Ja, da die alten sklavischen Angewoͤh- nungen der Seele nicht durchaus bezwungen wer- den koͤnnen, so treibt er seine erhabene Hand- lung noch hoͤher. Vierzig Jahre dauert die Pruͤfung, bis die ganze leibhaftig befreiete Generation hin- gestorben und keiner mehr uͤbrig ist, der selbst die Sklaverei empfunden haͤtte. — Vierzig Jahre hindurch zeigt er unerschuͤtterlich auf den Arm Dessen hin, der sie in den unsaͤglichsten Schmer- zen aufrecht erhaͤlt: der ist euer Koͤnig! von ihm erwartet Vaterland und Freiheit! — Nachdem er auf solche Art ein Volk von nahe an drittehalb Millionen Koͤpfen in Eins geschmiedet, nachdem er es gestaͤhlt und bewaff- net, um ein Jahrtausend hindurch zu dauern — da , im Angesichte des verheißenen Landes, wel- ches er selbst nicht betrat, sicher seines Erfol- ges, so sicher, als haͤtte er selbst das ganze nach- folgende Jahrtausend an der Spitze seines Vol- kes durchlebt, legt er sich hin, und stirbt. — Es ist hinlaͤnglich des großen Werkes zu erwaͤhnen; ein aͤhnliches erzaͤhlt die Geschichte weiter nicht. Und wie, im ganzen kriegerischen, kuͤnstlerischen Laufe seines Lebens, gab er alles an die Idee hin, fuͤr die er lebte! Denken Sie Sich unter dem einzigen Gott , den er sein Volk empfinden lassen wollte, die Idee der Freiheit . Ueber Nahmen wollen wir nicht streiten. Allerdings, um einen Commerz-Staat, eine Friedens-Assecuranz zu gruͤnden, bedurfte es die- ser schmerzenvollen Erziehung nicht. — Das alte Vaterland der Israeliten, welches sie wieder zu bewohnen gingen, war fuͤr den Handel und alle Art der Industrie vortheilhafter gelegen, als irgend ein andres der Welt; das durch den Han- del entnervte Volk der Idumaͤer oder Edomiter zu bezwingen, und sich dadurch in den Besitz der vortrefflichsten Haͤfen am Arabischen Meer- busen zu setzen, waͤre ganz leicht gewesen. Da auf der andern Seite das mittellaͤndische Meer die Kuͤsten des gelobten Landes bespuͤhlte, so war mit einer leichten Politik die große Handels- straße der Welt von Indien in die Haͤfen des mittellaͤndischen Meeres durch das Land Canaan geleitet. — Ueberdies zeigten die bluͤhenden Han- delsplaͤtze der Cananiter, oder Phoͤnicier, wel- cher große Gewinn sich aus jener vortheilhaften Lage in mercantilischer Hinsicht ziehen ließ. In- deß war dieser Zweck fuͤr eine Seele wie Moses viel zu klein. Fuͤr Ideen, d. h. fuͤr die Ewig- keit, wollte er sein Volk erziehen, nicht fuͤr Begriffe, fuͤr ein Heer kleiner vergaͤnglicher Goͤtzen, fuͤr Reichthum, Wohlleben und Besitz, die in dem Sturme der Zeiten sich nicht bewaͤh- ren koͤnnen, weil der Geist der Freiheit, oder der Geist Gottes, nicht in ihnen ist. Fuͤr Krieg und Frieden zugleich war sein Volk bestimmt. — So waren die Gesetze Mosis nicht etwa Ge- setze des Entbehrens oder einer stoischen Enthalt- samkeit; er erlaubte vielmehr allen Besitz und allen Genuß, er gab die strengsten Befehle zur Aufrechthaltung alles Eigenthums: aber den wah- ren Geist dieses Besitzes wollte er behauptet wis- sen; alle einzelnen Guͤter des Lebens sollten ge- nossen, aber nicht an und fuͤr sich verehrt, als Zweck des Lebens betrachtet, nicht zu Goͤtzen ge- macht werden. „Ich, der Herr dein Gott, der- selbe Jehova, der dich durch die Wuͤste in die Freiheit gefuͤhrt hat, bin ein einziger Gott, und dulde keine andre Goͤtzen neben mir.” — Wir, die wir entfernt durch Zeit und Raum von dem großen Helden stehen, der diese Worte an die Spitze seiner Gesetzgebung stellte, wir, deren Leben in tausend kleine Begriffe oder Goͤtzen- dienste zersplittert ist, ringen nach Nahmen, um die Hoheit dieser Idee zu bezeichnen. Die Ein- heit, der lebendige National-Zusammenhang, ist euer hoͤchstes Gut: um dessentwillen muͤssen alle andren Guͤter da seyn und darauf sich beziehen; und dieser große Vaterlandsgedanke vertraͤgt sich mit allen andern Guͤtern, und erhebt sie alle: aber es ist ein eifersuͤchtiger Gedanke, der keinen Nebengoͤtzendienst irgend eines einzelnen, noch so kostbaren, irdischen Gutes duldet. — So etwa lautet das goͤttliche Gesetz in die Sprache uͤber- setzt, welche gesittete Leute heut zu Tage unter sich dulden. Deshalb ist ein andrer Grundpfeiler der Mo- saischen Gesetzgebung der Glaube: Jehova ist der Eigenthuͤmer des Landes unsrer Vaͤter; wir Israeliten sind nichts als die Verwalter, die Meier unsrer Aecker, die zeitigen Nießbraucher seines Lieblingswohnsitzes, des reichen, schoͤnen Landes, in welches er uns gefuͤhrt hat. Nie- mand, heißt es im Mosaischen Gesetz, kann sei- nen Acker auf ewige Zeiten verkaufen, weil er nicht Eigenthuͤmer ist. So, mit dem Gedanken Gottes, oder der Freiheit, oder des Lebens, wie Sie wollen, befruchtete Moses seine erhabne Institution. Dem zu Folge haben alle seine Ge- setze einen durchaus persoͤnlichen Charakter, und stehen der einseitigen, saͤchlichen Gestalt der spaͤte- ren Roͤmischen Gesetzgebung ganz entgegen. Das Eigenthum ist ihm etwas Persoͤnliches, in jedem Besitzstuͤcke sieht er ein Fideicommiß, d. h. die wohlthaͤtige Hand Jehova’s, die es ihm auf Treue und Glauben anvertrauet hat, und die ehrwuͤrdige Hand der Patriarchen und Stamm- eltern, welche Treue und Glauben gehalten, und den Besitz unentweihet hinterlassen haben. — Aus der Knechtschaft uͤberwundener Feinde hat er kein Arges: denn der Sieg, und folglich auch die Gefangenen, kommt von Jehova; als ab- solutes Eigenthum kann er sie nie betrachten. Unser Jahrhundert hat Grund, vor der Sklaverei der Negern zuruͤckzuschrecken, weil eine wuͤrdevolle Dienstbarkeit bei uns nicht mehr Statt finden kann; aber daraus, daß es unmensch- lich ist, einen Menschen wie eine gemeine Sache zu behandeln, folgt noch nicht, daß es uͤberhaupt menschlich sey, irgend einen Besitz als bloße Sache zu behandeln, und daß es keinem Volke, wie edel seine Gesetzgebung auch sey, anstehe, Leibeigenschaft uͤber Andre auszuuͤben. Wer das saͤchliche Eigenthum persoͤnlich zu behandeln weiß, dem dem kann man ohne Besorgniß gestatten, nun auch Personen als saͤchliches Eigenthum zu be- trachten. So nun hat die Mosaische Gesetzge- bung allerdings einen nicht zu berechnenden Ein- fluß auf die Bildung der Adelsverfassungen im Mittelalter gehabt. — Dieselbe Persoͤnlichkeit des Besitzes, dieselbe Idee einer wuͤrdevollen Unterwerfung und Dienstbarkeit. — Genau erwogen, sind es das Mosaische und das Roͤmische Recht, deren gegen einander strei- tender Geist durch die ganz neuere Geschichte wahrgenommen wird. Wir werden weiterhin noch naͤher erweisen, daß der Entstehung des tiers-état und der Ausbildung des Handels in Europa nichts so sehr zu Huͤlfe gekommen ist, als das Roͤmische Recht, waͤhrend Geistlichkeit und Adel, oder Kirchenrecht und der so genannte Feudalismus, nur das uralte Mosaische Recht in fortschreitender Entwickelung darstellen. — Moses, sehr wohl bekannt mit den Vortheilen des Handels und mit den eigenthuͤmlichen Vor- theilen, die derselbe fuͤr ein Land haben mußte, welches an der Schwelle aller drei Welttheile lag, verbot ihn seinem Volke. Er wollte, daß der von ihm errichtete Staat durchaus auf den Ackerbau gegruͤndet sey. Das Land nehmlich, welches er usurpatorischen Besitzern wieder zu Müllers Elemente. II. [2] entreißen unternahm, vereinigte alle Anlagen der Welt in sich, indem es fuͤr den Korn- Wein- und Oel-Bau und die Viehzucht wo moͤglich noch reicher begabt war, als fuͤr den Handel. Das Land Kanaan erstreckt sich gegen Osten bis an den Euphrat, und wird von dem Flusse Jor- dan, der parallel mit der Kuͤste des mittellaͤndi- schen Meeres laͤuft, in zwei Theile getheilt. Die westliche Haͤlfte zwischen dem Jordan und dem mittellaͤndischen Meere, das gelobte Land im engeren Sinne des Wortes, hatte fuͤr das Ge- deihen des Weins, des Oelbaums und des Ge- treides, also fuͤr den Ackerbau uͤberhaupt, alles empfangen, was nur wuͤnschenswuͤrdig war, das mildeste Klima, die schoͤnste Abwechselung des Bodens, vortreffliche Bewaͤsserung, und rings umher begierige Kaͤufer fuͤr allen Ueberfluß der Producte. Die oͤstliche Haͤlfte, zwischen dem Jordan und dem Euphrat, eine weite Wuͤste, aber an vielen Stellen, wo vielleicht ein fließen- des Wasser die Vegetation beguͤnstigte, die reich- sten Weideplaͤtze daruͤber heigestreuet, so daß die- ser Theil an Anlagen fuͤr die Viehzucht eben so reich seyn mochte, wie der andre fuͤr den Acker- bau. Da nun im Orient das Ackerland einer eigenen Duͤngung und Nachhuͤlfe von Seiten des Menschen sehr wenig bedarf, so konnte in dem Theile des Landes diesseits des Jordans das Volk Israel so nahe als moͤglich zusammenruͤcken, waͤhrend jenseits des Jordans das meiste Last- und Schlachtvieh fuͤr den Bedarf des Ackerlan- des erzogen wurde, und auf solche Art der Jor- dan auch einen oͤkonomischen Abschnitt in der Verfassung der Juden bildete. — Moses nun wollte den erhabenen Gewinn seines heldenmuͤthigen Lebens, die dem Gemuͤthe seines Volkes unter vierzigjaͤhrigen Schmerzen tief eingepraͤgte Allgegenwart einer einzigen, gro- ßen huͤlfreichen Macht, und, dem zu Folge, das enge und durch und durch nationale Band sei- nes Volkes vor allen Dingen erhalten. Rings umher lebten Voͤlker, welche, durch die allzugroße und einseitige Gunst des Himmels in diesen Erd- strichen verwoͤhnt, der leichteren Lebenslust an- hingen, wie sie die gluͤckliche Stunde und unter allen Beschaͤftigungen vornehmlich der Handel gewaͤhrt. Der Handel in einem so schoͤnen Klima be- darf einer kleinen Stelle der Erde, wo er seine leichte Wurzel schlaͤgt und von wo aus er nun seine Betriebsamkeit uͤber Erde und Meer hin- schweifen laͤßt, aber hier und da an einzelnen Stellen jenseits des Meeres wieder Wurzeln faßt; und so ist er uͤberall, und doch eigentlich nirgends, zu Hause. Er dient den Sitten und also auch leicht den Begriffen und Goͤtzen aller Voͤlker. Den unmittelbaren Beistand des Him- mels, der Sonne, der Jahreszeiten bedarf er weniger; so glaubt er auch leicht, seiner Klug- heit und Gewandtheit alles zu verdanken, was er besitzt. Waͤhrend also Manufacturen und der Handel unabhaͤngiger von dem Laufe der Natur sind, wird der Ackerbauer mit seiner gan- zen Beschaͤftigung unaufhoͤrlich in die Wechsel der Jahreszeiten verflochten, gewinnt den Bo- den lieb und immer lieber, auf dem er steht, und behaͤlt in dem einfacheren, strengeren, von unsichtbaren Maͤchten abhaͤngigen Leben auch den Gedanken eines einzigen hoͤchsten Gutes, eines einzigen Gottes, wenn er ihn einmal gefaßt hat, gegenwaͤrtiger. Deshalb gruͤndete Moses seinen Staat auf den Ackerbau. Die Kindheit seines Volkes haͤtte, von dem ersten Gedanken, den sie gefaßt hatte, leicht durch Aussicht auf unendlichen Besitz fort- gelockt, zerstreuet und verfuͤhrt werden koͤnnen. Sollte in Zukunft, wenn der Geist der Nation sich erst mit dem Boden verwachsen hatte, eini- ger Handel nothwendig werden, so blieb die Lage des Landes immer so vortheilhaft, wie sie war; dieser Erwerbszweig entging dem Volke nicht, indeß das urspruͤngliche, religioͤse, unter ungeheuren Kaͤmpfen gewebte und erworbene National-Band, wenn es einmal zerrissen ge- wesen, schwerlich, auch durch einen zweiten Moses, je wieder geknuͤpft worden seyn wuͤrde. Der Kauf- mannsstand wirkt, da er leicht die Oberhand ge- winnt, aller Nationalitaͤt entgegen, und die gro- ßen Aussichten, die er weniger vielen auf einan- der folgenden Generationen, als sogleich dem er- sten Unternehmer eroͤffnet, ziehen den Blick ab von den Vorfahren und Nachkommen: im Han- del erwirbt jedes einzelne Individuum fuͤr sich; und Moses wollte, daß, so wie die National- Existenz oder die Freiheit von Allen gemeinschaft- lich erworben war, auch alle Lebensguͤter viel- mehr von der Nation in langer Folge der Jahre, als von dem Einzelnen im Augenblick, erworben werden sollten. So hatte Moses auch mehr die Familien als die einzelnen Individuen im Auge; in keiner Adels- verfassung des neueren Europa nehmen wir eine groͤßere Strenge in Fuͤhrung der Geschlechtsregi- ster wahr. Diese Geschlechtsregister umfaßten nicht etwa bloß einzelne Familien, sondern das ganze Volk. Eine große Anzahl eigends dazu verordneter Beamten, die Schoterim oder die Schreiber, an aͤußerer Bedeutung im Mosaischen Staate vielleicht nicht weniger wichtig als die Richter, fuͤhrten diese Stammtafeln; und so ward die urspruͤngliche, al- len Urvoͤlkern der Erde gemeinschaftliche, Heilig- haltung der Familien-Vorfahren von Moses durch wirkliche Gesetze bekraͤftigt und festgehal- ten, waͤhrend sie in Griechenland und Rom mehr und mehr zuruͤcktrat hinter die Bewunderung der Thaten und Verdienste des Einzelnen, und hinter die weltliche Anhaͤnglichkeit an der so viel- faͤltig bluͤhenden Gegenwart. Aller Ruhm der einzelnen Israeliten, ein noch hoͤherer selbst als der , welcher durch Thaten gewonnen wird, lag in den Stammtafeln. Seinen Nahmen dort zu erhalten, welches nur durch Fortpflanzung des Geschlechtes geschehen konnte, indem die Kinder- losen aus den Geschlechtsregistern weggestrichen wurden, war der hoͤchste Zweck des Lebens, viele Nachkommen der groͤßte Segen, Unfrucht- barkeit der hoͤchste Fluch, der in diesem Volke vernommen wurde. Vor allen andern Eigenheiten nun ragt aus den Mosaischen Gesetzen allenthalben der Ge- danke hervor: Israel sey das auserwaͤhlte Volk Gottes. Waͤhrend den uͤbrigen Voͤlkern des Al- terthums eine gluͤckliche Jugend zu Theil wurde, hatte dieses Volk gerade seine ganze Jugend hin- durch die haͤrtesten Pruͤfungen bestanden; aber als Moses den einfoͤrmigen Druck Aegyptischer Tyrannei, und das dumpfe Leiden jener Zeit endigte, und, um die verheißungsvollen Worte der alten Erzvaͤter zu erfuͤllen, sein Volk hin- aus fuͤhrte in die Wuͤste, in einen lebendigen Kampf und zu klaren Leiden; als sich in einer langen militaͤrischen Erziehung nun ein eigentlich unuͤberwindlicher Lebensgenuß in dem Volke zu zeigen anfing: da war es leicht, ihm den Ge- danken einzupraͤgen, daß, wie der einzige Gott unter thaͤtigen Schmerzen vornehmlich sichtbar werde, so auch gerade in den unendlichen Pruͤ- fungen und Leiden des Volkes die Auszeichnung desselben bestehe; daß es durch Schmerzen gea- delt worden sey. — Dies war der Mosaische Gedanke; keine Spur davon, als ob Moses sich die Voͤlker der Erde als castenweise eingetheilt gedacht, und sein Volk unbedingt fuͤr die erste und vornehmste Caste ge- halten haͤtte, findet sich im alten Testamente. In Kriegen und unter Muͤhseligkeiten ist uns die Idee der Freiheit vor allen Voͤlkern der Erde klar geworden; waͤhrend die andern Voͤlker sich an die bunte Gegenwart halten und unter vie- len einzelnen Bildern und Begriffen des Lebens zerstreuen, ist uns die Offenbarung geworden von einem lebendigen Gott, oder einem lebendi- gen Staat, und einer lebendigen Freiheit: das ist der wahre Mosaische Sinn bei allen Institu- ten, die er errichtet, um sein Volk vor der Ver- mischung, vor dem Verkehr und Handel mit fremden Voͤlkern zu bewahren. Dieser Stolz auf erhabene Leiden, ist das erste, glaͤnzendste und zugleich mildeste Gefuͤhl des Lebens; auch die sicherste Grundlage des wahren Adels. — Die Mosaische Stiftung hielt durch ein halbes Jahrtausend diese Idee fest; aber der uͤberhand nehmende weltliche Verkehr mit den Nachbarn, der Einfluß der großen Welt-Monarchieen, des Cyrus, des Alexander und zuletzt der Roͤmer, zer- stoͤrten auch den lebendigen Charakter dieser Idee. In sich selbst murrend gegen die Ungerechtigkeit des unsichtbaren Koͤnigs, der andern weniger auserwaͤhlten Voͤlkern Gluͤck und Ruhm, ihnen aber immer neue Leiden und neue Knechtschaft bereite, waren sie nicht mehr maͤchtig, nicht mehr kriegerisch, nicht mehr Mosaisch genug, um ihres hohen Vorzuges eingedenk zu bleiben. An dem Buchstaben, der Auserwaͤhltheit und der Mosaischen Gesetze, und an dem Begriff eines einzigen Jehova, der nun zum National-Goͤt- zen geworden war, klebten sie allmaͤhlig immer fester; und so ward aus dem uralten gerechten und edlen Stolz nunmehr ein widerwaͤrtiger, un- ertraͤglicher Hochmuth. Wie die letzten Sproͤßlinge einer ehemals bluͤhenden adeligen Familie, die mit dem ihnen tief eingepraͤgten Glauben an Wuͤrde und Aus- erwaͤhltheit (in einer Zeit, in welcher nichts so sehr gilt, als Reichthum, Besitz und die Macht des Augenblickes) nun auch nichts wei- ter anzufangen wissen: sie pochen auf einen per- soͤnlichen Vorzug, wie auf einen weltlichen Be- sitz, mit dem er nichts gemein hat; der Wider- spruch des heiligen Wesens, das behauptet werden soll, mit dem weltlichen Sinn, in wel- chem es behauptet wird, macht sie unertraͤg- lich. So das adelige Geschlecht der alten Welt, die Israeliten, als der Geist der Erzvaͤter von ihnen gewichen war: sie koͤnnen sich den Vorzug, den alten verheißenen, und durch Moses erfuͤllten, nicht mehr persoͤnlich denken; sie begreifen ihren National-Adel buͤrgerlich, Roͤmisch; sie erwarten immer sehnsuchtsvoller einen weltlichen Retter, einen Koͤnig, der ihnen Befreiung und die Welt- herrschaft mitbringen soll, die sie nun fuͤr eine nothwendige Mitgift der verheißenen Auserwaͤhlt- heit halten. Einzelne große Gemuͤther, die Pro- pheten, rufen den alten Mosaischen Geist zuruͤck, zeigen, wie der alte Adel der Schmerzen, der Stolz der Leiden, und demnach die Idee des Na- tional-Lebens nothwendig zu erneuern sey, ver- kuͤndigen einen Retter, zeigen wie er gestaltet seyn muͤsse, arm und leidend, ihrem weltlichen Hoch- muth gegenuͤber. Der Ort, der Stamm, die Zeit wird bezeichnet, wo er kommen werde; die ganze Sehnsucht der Nation richtet sich auf diese Stelle Jahrhunderte hindurch hin. Wer so er- wartet wird, muß kommen. — Sie Alle gedenken aus Ihrer Jugendzeit der heiligen Worte in den Buͤchern des Neuen Testa- ments: „und er that das, damit erfuͤllet wuͤrde, was geschrieben steht.” Diese Hingebung an die Verheißung der fruͤheren Generationen, an den National-Geist der unsterblichen Nation, mußte der in Begriffe versunkenen Nation mißfallen. Als nun der Retter kam, kreuzigten sie ihn. Und so ging nicht bloß ihre National-Existenz verloren; sie wurden in alle Welt ausgetrieben: der Begriff ihrer National-Existenz ward in ihre Stirn gebrandmarkt, weil sie die Idee der- selben aus den reinsten Haͤnden nicht hatten em- pfangen wollen; der uralte entwichene Adel ward nunmehr zu einem Fluch, wie aller entwei- hete Adel nothwendig zur aͤußersten Verworfenheit wird . Zwoͤlfte Vorlesung. Geist der Griechischen Gesetzgebungen . A lle Gesetzgebungen des Alterthums sind im Anfange aus Zustaͤnden der Voͤlker entsprungen, in denen Religion, Sitte und Recht noch Eins und unzertrennlich waren; eben so die Griechi- sche. Wir Zergliederer sondern den irdischen Theil von dem unsterblichen Theile jener drei goͤttlichen Ideen unter den Nahmen Religions- gesetze, Sittengesetze und Rechtsgesetze aus, und uͤbertragen ihn dem Staate; waͤhrend der unsterb- liche Theil, der Geist der Religion, der Sitte und des Rechtes, sich selbst uͤberlassen, und nie als ein oͤffentliches Gut betrachtet wird. So ist denn alles Regieren bei uns blindes Wuͤrfelspiel, das Mischen und Kneten einer Masse, die eigent- lich von der Natur nach chemischen Grundge- setzen regiert wird, welche wir nicht kennen, oder deren Beistand wir mit unedler Eitelkeit ver- schmaͤhen. Wir geben Gesetze, ohne Ruͤcksicht auf ein großes, allen Naturen gemeinschaftliches Gesetz des Anziehens und Abstoßens, welches am zweckmaͤßigsten Liebe genannt wird, und wel- ches das Wesen der Religion ausmacht. — Die Mehrheit unsrer Regierungen verschmaͤ- het nicht gerade die Religion an sich, sie laͤßt sie vielleicht gar fuͤr eine nicht zu verachtende Ge- huͤlfin bei der Regierung gelten; aber immer — wie von den Frauen und Koͤniginnen, auch wohl von den Schriftstellern gesagt wird — unter der Bedingung, daß sie sich in die eigentliche Politik nie mische. Solche, neben dem Staate her laufende, Religion mag dazu dienen, hier und dort ein Capital-Verbrechen zu verhuͤten, sie mag polizeilich mitwirken, daß manches boͤse Geluͤst der Buͤrger im Zaum gehalten wird: in- deß hat sie nichts gemein mit der Religion, in deren Nahmen echte Gesetzgeber ihr ganzes Werk verrichteten. Es ist voͤllig in der Ordnung, daß ein uͤberkluges Geschlecht, welches nichts Klare- res kennt, als seine Aufklaͤrung, nichts Witzige- res als seinen eigenen Witz, nichts Erhabneres als die marktschreierische Groͤße seiner Helden — nun auch alle Erleuchtung, alle Groͤße, allen Witz der Vorzeit nach dem eigenen Maßstabe beurtheilt. „Moses,” heißt es da, „giebt vor, er habe seine Gesetze von Gott erhalten und thue alles in dessen Nahmen: diese priesterlichen Handgriffe hat er in Aegypten gelernt, und sie waren bei den blinden, furchtsamen Juden auch gut angebracht; Er selbst war viel zu klug, um daran zu glauben.” — Ich wiederhole noch einmal: wer dieses Un- verstandes theilhaftig ist, der wird vom Alter- thume, von der Staatswissenschaft, vom Wesen der Gesetze und von aller wahren, menschlichen Groͤße nichts begreifen. — Auch die Griechen, ihre Kunst und ihre Gesetze, sind Dem ewig ver- schlossen, der nicht wenigstens ahndet, daß die Religion ganz in Ernst alle buͤrgerlichen und haͤuslichen Einrichtungen, ja alle Spiele des Le- bens, durchdringen kann; verschlossen sind sie Dem, der nicht ahndet, daß die Religion alle Begriffe und Besitzthuͤmer zu Ideen erhebt, und ihnen Dauer giebt, wie auch, daß es, in unsren gegenwaͤrtigen verzweifelten Umstaͤnden, nirgends eine Huͤlfe geben wird, außer in den Ideen , oder in der Religion . Treibt nur immer, Ihr Staatsverbesserer, Euer abgesondertes, hoff- nungsloses Geschaͤft so fort; stuͤtzt Euch bald auf den Begriff absoluter Freiheit, bald auf den Begriff absoluter Unterwerfung: Ihr werdet nichts bauen, als was Ihr morgen wieder einrei- ßen muͤßt. Novalis vergleicht diese unnuͤtzen Geschaͤftigen mit dem Sisyphus, dessen Stein, kaum hinaufgewaͤlzt, von der andern Seite des Berges wieder hinabstuͤrzte. „Euer Stein wird nie oben bleiben, wenn nicht eine Macht vom Himmel her ihn fest haͤlt.” — Ich habe dieser allgemeinen goͤttlichen Kraft, welche den irdischen Dingen Dauer und Werth verleihet, bisher lieber keinen bestimmten Nahmen geben wollen, sondern ihre Kraft im Einzelnen beschrieben, indem ich zeigte, wie alle Dinge, Besitzthuͤmer, Begriffe zu Ideen erhoben werden. Sie kennen also das Wesen schon, dessen Nah- men nun, da wir vom Alterthume reden, nicht mehr verschwiegen werden kann, nehmlich die Religion . — Wenn man von Betrachtung der Mosaischen Gesetzgebungen zu den Griechischen uͤbergeht, so vermißt man zuvoͤrderst einen allgemeinen Ge- setzgeber, der, wie Moses im Anfange der ge- meinschaftlichen, freien, politischen Existenz der zwoͤlf Staͤmme von Israel steht, so nun die po- litische Einheit und Form aller der viel gestalte- ten Griechischen Staaten bestimmte. Die Ju- gendzeit oder die Erziehung beider Voͤlker war durchaus verschieden. Das mittellaͤndische Meer zerreißt an vielen Stellen die Kuͤsten von Grie- chenland, so daß sich abgesonderte Lagerstaͤtten fuͤr kleinere Voͤlkerschaften in großer Anzahl bil- den, jede mit andrer Anlage, fast mit eigenthuͤm- lichem Klima. An allen diesen Stellen entwickeln sich in freier Mannichfaltigkeit die Staͤmme der Griechen; und so wie die Geschichte uns die Staͤmme Israels zuerst leidend zeigt, so er- blicken wir die Griechen in nationaler Gestalt zuerst angreifend , auf dem Seezuge nach Kol- chis, der beruͤhmten Fahrt der Argenauten, und in der Unternehmung auf Troja. Die Freiheit, welche die Staͤmme der Israeliten erst wieder gewinnen mußten, hatten die Griechen nie ver- loren, und so konnte ein Erzieher, ein Gesetz- geber der Freiheit, wie Moses, sehr wohl ent- behrt werden. Erst als die urspruͤnglichen ein- fachen Verfassungen, welche die Natur und der freie Trieb der Menschen gestiftet hatte, vor dem Geiste neuer und reicherer Zeiten nicht auf- recht erhalten werden konnten, da zeigen sich die partiellen Gesetzgebungen des Drako, des So- lon, des Lykurgus, deren Natur sich indeß darin besonders von der Mosaischen Gesetzgebung un- terscheidet, daß sie vielmehr auf die politische Form der Voͤlker, (d. h. auf das Staatsrecht, auf die Staatsverfassung derselben), als auf die rechtlichen Verhaͤltnisse unter den einzel- nen Buͤrgern gerichtet sind. Die Mosaischen Gesetze sind groͤßten Theils privatrechtlich: sie be- stimmen mit gleicher Gerechtigkeit die Natur der Familie und des lebendigen Eigenthums, sie sind privatrechtlich in einem andern und hoͤheren Sinne des Wortes, als welchen unsre heutigen Rechts- lehrer im Auge haben: denn sie haben es nicht, wie diese, mit todten Sachen, sondern, wie ich neulich zeigte, mit lebendigem Eigenthum und wahren Personen zu thun. Die Griechischen Gesetze sind minder gerecht, als Moses, gegen beide Qualitaͤten des Buͤr- gers, gegen die oͤffentliche und gegen die indivi- duelle, gegen seine Eigenschaft als Staatsbuͤr- ger und als Hausvater; auch koͤnnen sie nicht so gerecht seyn, da ihnen die Idee eines unsicht- baren Stifters und Koͤniges, wie des Jehova, mangelt, da die Staatsform nicht eine ihnen allen gemeinschaftliche, im voraus gegebene ist, sondern die Gesetze schon hinreichend zu thun haben, um den kuͤnstlichen Verband menschlicher Weisheit, den der Uebermuth der Freiheit so leicht wieder vernichtete, im Stande zu erhalten. Die Religion war in Griechenland voͤlkerrechtli- ches Band des Bundes der Pan-Hellenen; die Verfassung der einzelnen Staͤmme wuchs in freier Ueppigkeit fort, bedurfte vielfaͤltigen Umformens, und und je mehr die alte politische Unschuld ver- schwand, um so nothwendiger wurden Gesetzge- ber, die aus Vernunft und Erfahrung neue For- men vielmehr erfanden, als sie nach Art des Moses prophetisch und gottbegeistert verkuͤndig- ten. — Die Lehre von der Familie und vom Eigen- thume, die nach Mosaischem Gesetz ein halbes Jahrtausend bestehen konnte, weil der Mosaische Staat auf etwas Anderem ruhte, als auf einem kuͤnstlichen Mechanismus der Staatsgewalt, er- lebte dagegen in den Griechischen Staaten tau- sendfaͤltige Veraͤnderungen, je nachdem sie sich hier und dort nach den Veraͤnderungen in den Staatsformen bequemen mußte. Der Gesetzge- ber richtete sie ganz nach Maßgabe des staats- rechtlichen Gebaͤudes ein, welches er auf vielfaͤl- tigen Reisen, und in dem Umgange mit den er- fahrensten Weisen und Staatsmaͤnnern, als das bequemste und zweckmaͤßigste erkannt hatte. — Die Aufgabe der Gesetzgebung ist: die hoͤchste Freiheit des Einzelnen bei der hoͤchsten Macht des Ganzen. Der Gesetzgeber, welcher eins von den beiden Gliedern dieses Gegensatzes, das Privat gl ück oder das Gemeinwohl, hervorhebt und das andre daruͤber versaͤumt, wie ihn auch die Umstaͤnde dazu noͤthigen moͤgen, wird nie et- Müllers Elemente. II. [3] was Dauerndes hervorbringen koͤnnen. — Der Griechische Gesetzgeber war dazu genoͤthigt, das oͤffentliche Leben vorzuziehen, diesem das haͤus- liche nachzusetzen, ja aufzuopfern, weil das reli- gioͤse Leben der Griechen sich in den Dienst vie- ler Goͤtter spaltete, von denen jeder einzelne einem einzelnen Volke wieder heiliger war, als dem andern, wie Pallas und Poseidon dem Athe- nischen Volke, und dessen Totalitaͤt alle Olym- pischen, Nemaͤischen und Isthmischen Spiele, selbst das Delphische Orakel nicht aufrecht erhal- ten konnten. Der Mensch strebt nach Einheit. Entsteht eine Spaltung in den religioͤsen Ansichten, von denen er am sichersten Einheit des Herzens, der Wuͤnsche und des Strebens erlangt, so greifen die Voͤlker unmittelbar nach einem andern hoͤch- sten Gute. Der irdische Staat, seine Verfas- sung, die Form der Suveraͤnetaͤt treten nun an die Stelle, welche ehemals die Gottheit ein- nahm: es entsteht ein Gottesdienst des Vater- landes, die buͤrgerlichen Opfer gehen vor den religioͤsen, Herrendienst vor Gottesdienst; und das ganze haͤusliche Leben muß daran gesetzt werden, um das hoͤchste Gut Aller, die Staats- form, wie es gehen will, im Stande zu erhal- ten. Darum stellte Moses seinen Koͤnig, seine suveraͤne Idee, unerreichbar, unbeschraͤnkt und ewig, uͤber den zwoͤlf Staͤmmen auf; ihre unbe- dingte, einige Anerkennung ward das erste aller Gesetze: er brauchte also nie jenes ungebuͤhrliche Gewicht auf die staatsrechtlichen Formen zu le- gen, welches die Griechen, in Ermangelung der einigen Idee, nicht entbehren konnten. Die ein- zelnen Staͤmme der Israeliten hatten oft die verschiedenartigsten Staatsformen, wie sie sich in Griechenland nur vorfinden moͤgen; ohne ir- gend eine Zertruͤmmerung ging man von Einer Form in die ganz entgegengesetzte uͤber; der Ver- band des Ganzen blieb immer unangefochten, erhaben uͤber die Zwietracht der Vergaͤnglichen, waͤhrend in Griechenland, wie ideenreich und le- bendig auch der Jugendglaube dieses Volkes ge- wesen seyn mag, dennoch, weil das Princip des einzigen Gottes fehlte, je mehr die einzelnen Ideen ausstarben und zu Begriffen erstarreten, nun nach kuͤnstlichen, vergaͤnglichen Baͤndern gegriffen wer- den mußte, da das natuͤrliche und ewige unhalt- bar war. Man betrachte das, was wir von den Ge- setzen des Drako, des Solon, des Lykurg und des Zaleukus wissen; man lese die Buͤcher des Aristoteles von der Republik: uͤberall ragen Cri- minal-Gesetzgebung und Staatsrecht hervor; uͤberall das Streben, den Buͤrger zu jedem moͤg- lichen Opfer an die Staatsform zu erziehen. Im Taumel der Griechischen National-Feste erneuerte sich noch oft die alte Einigkeit der Grie- chischen Goͤtterfamilie: die Poesie und die Kunst belebten die Ideen wieder; aber der schoͤne Rausch ward vergessen, wenn die Staͤmme wieder in ihre abgesonderten Wohnsitze zuruͤckkehrten. Das Verhaͤltniß der Griechischen Goͤtter war allezeit ein lebendiges Bild von dem Verhaͤltnisse der Griechischen Staͤmme: viel Schoͤnheit, viel Le- benskraft, viel Macht, viel Hoheit der Gesin- nung, aber keine unerschuͤtterliche Einheit, aber viel unaufloͤsliche Knoten. Ueber allen Goͤttern, wie uͤber allen Staͤmmen der Griechen, waltet ein dunkles Schicksal, waͤhrend der einfache klare Gedanke des Jehova uͤber die Staͤmme Israels herrscht. Jene sind seit Alexander, d. h. nun seit zweitausend Jahren, nicht mehr; diese, wiewohl sie das neue hoͤhere Leben, welches ih- nen angeboten wurde, verschmaͤhet haben, halten heute noch, im aͤußersten Elende, aber dafuͤr auch nun schon im vierten Jahrtausend, den Ge- danken der politischen Dauer fest. — Das ist die Frucht der Mosaischen Erziehung, und so tief graͤbt sich, was unter erhabenen Leiden gewonnen ist, dem Gemuͤthe der Menschheit ein! Daß sich in der Mosaischen Gesetzgebung so wenig positives Staatsrecht vorfindet, war der Grund, warum sich das Wesen der politischen Einheit der Juden mit allen spaͤteren christlichen und Muhamedani- schen Verfassungen vertragen konnte: das Wesen dieser Einheit, freilich hart und versteinert, be- steht, nachdem die Juden seit anderthalb Jahr- tausenden in alle Laͤnder der Erde zerstreuet sind. Die Griechische politische Einheit war an staats- rechtliche Formen gebunden, die schon vor Alex- ander, da nichts Ueberwiegendes, Gemeinschaft- liches, Einiges sie unter einander ausglich, auf Tod und Leben zerfielen. Ein religioͤses Band war da, aber kein einfaches. Vorausgesetzt, die Griechen waͤren in alle Welt zerstreuet worden, so wuͤrden sie laͤngst mit den uͤbrigen Voͤlkern bis zur Unkenntlichkeit vermischt seyn Aber sie sind größten Theils auf dem alten Boden ge- blieben. In dem allerältesten Vaterlande, in Morea, erinnern sie noch jetzt sehr lebhaft an die Sitten ihrer Ahnherren, während von den politischen Formen keine Spur geblieben ist. Die Juden haben den Gedanken der politischen Einheit festgehalten, während von der va- terländischen Sitte und Lebensart wenig mehr übrig ist. . Niemand wird den gegenwaͤrtigen politischen Zustand der Juden beneiden; aber ich habe es fuͤr meine Pflicht gehalten, die ernsthafte Sache aus dem Standpunkte dieser Nation zu betrach- ten. Vieles, was uns in unserm Elende am meisten mangelt, koͤnnen wir bei ihnen lernen: das Geheimniß der politischen Dauer, und den unerschuͤtterlichen Glauben. — Aber was hat den Israeliten gefehlt, welche politischen Maͤngel haben ihre irdische Zerstreu- ung veranlaßt, wenn die geistige Vereinigung auch noch fortdauert? — Ihnen hat gefehlt, was die Griechen hatten, so wie diese den Vor- zug entbehrten, der den Juden zu Theil gewor- den war. Den Griechen fehlte eine einzige suve- raͤne Idee, die, wie ich nun hinlaͤnglich gezeigt habe, nur religioͤser Natur seyn kann; daher fehlte ihnen die Gewaͤhr politischer Festigkeit : den Israeliten fehlte jenes Reich der Ideen, jene Verklaͤrung des Lebens, jene Tausendfaͤltigkeit der sinnlichen Formen, welche die goͤttliche Idee zu durchdringen nicht verschmaͤhet; daher fehlte es ihnen an der politischen Beweglichkeit . Das Eine Element des politischen Lebens, die monarchische Idee, war den Juden zu Theil geworden; das andre eben so wesentliche, die republikanischen Ideen, den Griechen: darum ergaͤnzen sie einander. Aus diesem innerlichen Grunde, den nur der Unverstand mystisch finden kann, wendete sich die christliche Religion zuerst, und am liebsten, an die Griechen. Den Be- griff: auserwaͤhltes Volk Gottes , worin die Stoͤrrigkeit der Juden ihren Grund hat, kam Christus zu zerstoͤren; den erhabenen Geist der Mosaischen Gesetzgebung wollte er, nun, da die ungeheuren Schranken, die Moses um sein Volk her gezogen hatte, nicht weiter noͤthig waren, universalisiren und ergaͤnzen. — Schranken dieser Art kannte das Griechische Volk nicht: eine sittliche Grenze pflegte es wohl um das alte Gebiet Griechischer Wirksamkeit her zu ziehen, und, was außerhalb dieser Grenze lag, geringer zu achten, als das Griechische, woher der Nahme Barbar allmaͤhlich die schmaͤ- hende Bedeutung erhielt; eine politische Grenze aber gab es fuͤr die Griechen nie: frei breiteten sich die beiden Fluͤgel ihres Reiches nach Osten und nach Westen aus. Waͤhrend Israel, im ein- seitigen Umgange mit sich selbst, die alte von dem großen Heerfuͤhrer eingedruͤckte Form eigensinnig behauptete und in Kriegen erhaͤrtete; schwaͤrmte der Geist der Griechen an allen Kuͤsten des mit- tellaͤndischen, Adriatischen und Aegaͤischen Mee- res umher, und so erwarben sie im Handel, wie im Kriege, durch wissenschaftlichen Umgang und durch Reisen jene reiche bewegliche Ansicht des Lebens und die zierliche Geschliffenheit der Sitten bei urspruͤnglicher Tiefe des Sinnes, die vor- nehmlich in den spaͤteren Werken ihrer Meister bezaubert. Ich habe oben gezeigt, mit welchen univer- sellen Anlagen die Natur schon den eigentlichen Boden Griechenlands ausgeruͤstet hatte. Als sich aber Griechischer Geist eine neue groͤßere Sphaͤre bildete; als auf den gesegneten Kuͤsten von Klein-Asien, auf den Inseln des Archipels, in Unter-Italien und S cilien Griechische Colo- nieen herangewachsen waren: da zeigte sich ein nationaler Verkehr, ein Austausch der buntesten, uͤppigsten Lebensformen, wie man ihn in der Geschichte anderwaͤrts vergebens suchen wird. — Indeß stand Israel seit einem Jahrtausend in seinen alten Grenzen unverruͤckt, von man- chem Eroberer erschuͤttert, ja unterworfen, oft auch innerlich entzweiet, aber immerfort, wie mit einem einzigen National-Gemuͤth, an seine Bestimmung und an seine Auserwaͤhltheit glau- bend. Den Eindruck der alten Kraft hat es nie verloren: Heldentugend in aller Gestalt zeigt die juͤdische Geschichte bis auf die Zerstoͤrung Jerusalems herab; ja, eine negative Kraft, die Kraft der Ausdauer und des Duldens, ist dem Volke noch heut zu Tage nicht abzusprechen. Aber die Grazie fehlte, die politische Grazie , moͤchte ich sagen: auch die Gesetze beduͤrfen die- ses milderen, suͤßeren Geistes, wenn sie nicht erstarren, oder mit folgenden Zeitaltern in eine unversoͤhnliche Opposition treten sollen; und er ist es, der die Griechen so unwiderstehlich mach- te, die allen buͤrgerlichen Einrichtungen und allem politischen Verkehr den zartesten Kunstgeist mit- theilten, die, wenn sie auch allzu gluͤckliche, all- zu verwoͤhnte Kinder waren, um den Zusam- menhang der einzelnen Ideen zu ergreifen, d. h. die einzige suveraͤne Idee festzuhalten, dennoch alles Einzelne mit dem sichersten Gefuͤhle belebten und idealisirten. Kurz, ihnen fehlte, was Israel besaß; aber dafuͤr mangelte diesem, was die Grie- chen auszeichnet, der veredelnde, bewegliche Sinn, das καλον κᾀγαϑον. — Diese wichtige Parallele will mit allem Ernst und mit der groͤßten Schaͤrfe aufgefaßt seyn: etwas Aehnliches haben Sie in der neueren Welt, wenn Sie Sich die fruͤher beschriebenen Euro- paͤischen Fuͤnfreiche in ihren bluͤhendsten Perio- den, mit aller der auch ihnen eigenthuͤmlichen Grazie und reichen unbegraͤnzten Bewegung den- ken, und dem bewegten Bilde gegenuͤber etwa das große, nach außen vermauerte, beziehungs- lose, ackerbauende China stellen wollen. — Sollte auch die Parallele zwischen China und dem Rei- che Israel weniger passen, so erweckt dagegen die Vergleichung des Griechischen Bundes mit dem großen voͤlkerrechtlichen Bunde der Fuͤnfreiche eine Reihe fruchtbarer Gedanken. Auch den Euro- paͤischen Fuͤnfreichen fehlt gegenwaͤrtig, wie den Griechischen Staaten, die große Gewaͤhrleistung einer suveraͤnen Idee: das einzige Palladium, die einzige gedenkbare Garantie jedes Voͤlker- Bundes, jeder Vereinigung mehrerer Staͤmme in ein einziges Weltvolk . Es gehoͤrt wenige Kunst dazu, zu zeigen, daß die innere Spaltung der Fuͤnfreiche erst durch die Reformation lebensgefaͤhrlich geworden ist: den einzigen Gott, in so fern wir uns eines solchen Gedankens nicht uͤberhaupt schaͤmen, oder ihn entbehren zu koͤnnen meinen, glauben wir noch heut zu Tage; aber es ist ein Begriff , und keine Idee , keine suveraͤne Idee, sondern ein, vielen andern Nichtswuͤrdigkeiten tief subordinir- ter, Begriff. Wie moͤchte also uͤberhaupt noch im Leben der Fuͤnfreiche einige Gemeinschaftlich- keit Statt finden, als etwa die des Amuͤsements und der gemeinen Leiden des Tages! wie moͤchte das unendliche Geraͤth, das tausendfaͤltige Bei- wesen unseres Lebens, der zersplitterte und zer- splitternde Besitz zusammengehalten und nach dem Herzen des Menschen hin, dem Mittel- punkte aller Kraft, concentrirt werden! Solchen großen Hinterhalt, solche Basis und lebendige Garantie, wie eine herrschende Idee dem gan- zen politischen Daseyn eines Volkes oder eines Voͤlkerbundes giebt, und der allen geringeren Rechts-Instituten zu ihrem Zusammenhang un- entbehrlich ist, entbehren wir; und deshalb laͤßt sich viel bei Moses lernen. Man verlange doch von jedem historischen Quell nicht mehr, als er gewaͤhren kann! man wolle doch bei den Griechen nicht die unmittel- baren Lehren der hoͤchsten Gesetzgebung schoͤpfen; man begnuͤge sich die politische Grazie dieser Na- tion zu betrachten, wie ihre Geschichtschreiber, wie Thucydides; ihre Redner, wie Demosthenes, Lysias und Isokrates; und ihre Komoͤden, wie Aristophanes, sie darstellen; man untersuche, wie der veredelnde Geist ihres buͤrgerlichen Wesens sich allen Instituten der Griechen mittheilt —: aber man schlage die Werke ihrer eigentlichen Gesetzgeber, des Solon und Lykurg, und ihrer Staatsgelehrten, wie des Aristoteles, nicht zu hoch an! Diese Gesetzgebungen und diese Staats- Theorieen sind nichts weiter als kluge und kalte Berechnungen uͤber staatsrechtliche Formen, uͤber kuͤnstliche Vertheilung der Staatsgewalt, uͤber die Ableitung und die Besaͤnftigung der Macht, so- wohl des Einzelnen als des Volkes; der gesetz- gebende Verstand, die Intelligenz, — um einen unleidlichen Mode-Ausdruck unsrer Zeit zu brau- chen — versucht, die alte heroische Tugend der Griechen, die dem Geiste der Freiheit zu einem so kraͤftigen Gegengewichte diente, zuruͤckzuban- nen, herbeizurechnen und sie dem Leben verzaͤrtel- ter Geschlechter mitzutheilen. Aus dieser alten he- roischen und lebendigen Tugend ist allgemach eine Art von stoischer Philosophie geworden, mit der sich das politische Leben wohl auf eine Weile verset- zen, aber nie eigentlich auf Jahrhunderte be- saͤnftigen laͤßt. Demnach sind diese beruͤhmten Gesetzgebungen der Griechen nichts weiter, als Buͤndel klug ausgemittelter Reflexionen, geschoͤpft auf Reisen, aus der Beobachtung aller einzel- nen Griechischen Staaten, aus dem Umgange der Regierenden und Weisen, aus vielfaͤltiger Erwaͤgung der philosophischen und moralischen Systeme, sehr wichtig fuͤr die Geschichte, doch als Gesetzgebungen neben der Mosaischen durch- aus nicht werth, in Betracht zu kommen. — Diese muß in der Geschichte der Rechts-Idee allezeit die erste Stelle einnehmen. Die Idee des politischen Ganzen muß aus ihr geschoͤpft werden, wenn man auch nachher von der Schoͤn- heit und dem Leben der einzelnen Glieder des buͤrgerlichen Wesens sich besser auf dem reicher begabten Boden Griechenlands erfuͤllt. Wenn jedes von beiden Voͤlkern hatte, was dem an- dern fehlte, so kann ja das Studium auf die natuͤrlichste Weise eins durch das andre ergaͤnzen, die Mosaische Festigkeit durch die Griechische Grazie und Beweglichkeit. Der wahre Staat muß beides zugleich seyn: ehrwuͤrdig , wie die Verfassung des Volkes Israel, und liebens- wuͤrdig , wie das Gemeinwesen der Pan-Hel- lenen. Den Geist von Asien und den von Europa, eine adelige Verfassung und eine buͤrgerliche Ver- fassung der Dinge, hat die Natur, als politi- sche Schule der Nachwelt, bei dem Anbeginn der Geschichte aufstellen wollen, in reinen un- verkennbaren Ausdruͤcken, damit die Weit wisse, welche Groͤße und welche Schoͤnheit sie zu ver- einigen habe. Dreizehnte Vorlesung. Geist der Roͤmischen Gesetzgebung . A lle urspruͤnglichen Verfassungen der alten Welt, wenn wir etwa die in dem hinteren Asien aus- nehmen, wurden verschlungen von Rom; und den Welteroberern dienet die Arglist zum Muster, womit Rom die unterdruͤckten Voͤlker den Wahn eines politischen Daseyns und eines nationalen Gottesdienstes forttraͤumen ließ. — Wenn das kriegerische Element des buͤrgerlichen Lebens sich abloͤs’t von dem friedlichen; wenn die Voͤlker, von dem Reitze der Kuͤnste, und von der behag- lichen Fuͤlle, welche Handel und Industrie ge- waͤhren, verfuͤhrt, sich einer gewissen wolluͤstigen Selbstbeschauung oder Abgoͤtterei mit dem Frie- den hingeben; wenn eine einseitige Verstandes- bildung um sich greift, und die koͤrperliche Kraft gering geachtet wird neben den Vorzuͤgen des Geistes; wenn das Lesen, Schreiben, Lehren und Raͤsonniren das Leben der Besseren allmaͤh- lich auszufuͤllen anfaͤngt; wenn der Werth der Menschen mehr nach Werken der Hand und des Geistes, als nach lebendiger That und Hand- lung abgeschaͤtzt wird: — dann ruͤstet sich schon ein Staͤrkerer. — — — Die Erde hat Eisen genug in ihrem Schooß, sie hat Gebirge genug, um die alte Riesenkraft des Menschen zu erhalten und zu bewassnen; und dieselbe einseitige Cultur der Aufklaͤrung und Humanitaͤt, die schon das Feldgeschrei der letzten Alexandrinischen Griechen gewesen, und die mit Hohn auf die Macht des Arms herab- sieht, ruft und reitzt die physische Kraft her- bei. — Friedensgeist und Waffen, deren inniger Bund, deren Vermaͤhlung unter der Obhut einer und derselben goͤttlichen Idee, wie ich gezeigt habe, das Wesen des Staates ausmacht, wenn sie einmal getrennt sind, friedliche und kriegerische Staaten neben und außer einander, gerathen in Kampf auf Tod und Leben. Der energische Krieg, außer der Verbindung mit dem lebendigen Frieden, also abgesondert fuͤr sich, verwildert; der Friede, ohne die Begleitung und Allgegenwart der Waffen, erschlafft. Beide Elemente, die sich, verbunden, zu einer herrlichen Lebenserscheinung gesteigert und besaͤnftigt haben wuͤrden, verzeh- ren und vergiften einander nun gegenseitig. So haben Roͤmer und Griechen sich allmaͤhlich gegenseitig uͤberwunden und aufgerieben; Jenen waren die Kuͤnste und die Philosophie so ver- derblich, wie Diesen die Waffen, bis endlich Beide in gemeinschaftlicher Schwelgerei und Noth zu- sammenstarben und eine Beute des freien und jugendlichen Nordens wurden. Griechenland indeß, auch in der Entartung noch vollstaͤndiger und reicher als Rom, hat die- ses, in der Gestalt des Ost-Roͤmischen Reiches, obwohl kraͤnkelnd, doch noch um ein volles Jahr- tausend uͤberlebt. — Ohne die Griechische Cul- tur gab es kein weltbezwingendes Rom: in dem Maße, wie die alte Marathonische und Ther- mopylische Heldengroͤße von den Griechen wich, und wie der Selbstbeschauung, einer vielfach reflectirenden Philosophie, einer Abgoͤtterei mit der Kunst und der neulich erwaͤhnten nationalen Grazie allein Platz gegeben wurde, stiegen die Roͤmer. Alle Gesetzgeber, die das spaͤtere, weiche, philosophische Griechenland hervorgebracht hat, und alle wahren Weisen, richten ihren Blick auf Erziehung, die jenem grazioͤsen Geschlechte den Heldengeist zuruͤckbringen sollen; eben so sehen die Propheten der Juden, welche ich Jenen ver- gleichen gleichen moͤchte, besonders auf einen Geist sanf- ter Menschlichkeit, womit sie den sproͤden, feind- seligen, hochmuͤthigen Geist der Israeliten daͤm- pfen wollen. Weder hier die Gesetzgeber, noch dort die Propheten dringen durch: aͤußerlich wur- den beide Rom unterthan, wenn sie es auch beide uͤberlebten. Wenn aber Rom laͤnger als irgend eine andre welterobernde Macht siegreich bestanden hat, so liegt der Hauptgrund hiervon darin, daß es eigent- lich nie der Welt neue Formen, oder seine Sprache, seine Gesetze, seine Goͤtter aufdringen wollte, sondern daß es zufrieden blieb mit seiner eig- nen, concentrirten Verfassung, und sich damit begnuͤgte, alle Schaͤtze der Welt im Laufe der Zeit mehr und mehr nach Rom zu leiten, und die unterworfenen Laͤnder mit halb militaͤrischen, halb diplomatischen Ketten an Rom zu binden. Ob bestochen und gefangen durch List, oder ob sie wirklich uͤberwunden waͤren, daruͤber blieben die unterjochten Voͤlker meistens in Ungewißheit; denn die aͤußeren Formen der Herrschaft und des Gesetzes, die Sitten, das Kunst- und Philoso- phie-Spiel blieb, im Ganzen, wie es war; Rom ging wohl gar bei den eignen Sklaven in die Schule, und gestand auch die geistige Ueberlegen- heit derselben, vor allem der Griechen, gern ein. Müllers Elemente. II. [4] Ich rede nicht von den spaͤteren Jahrhunder- ten, wo die Herrschaft der ewigen Stadt durch die Willkuͤhr gemuͤthloser Despoten abgeloͤs’t wur- de, die gern auch dem Erdkreise die starre Form ihrer Seele eingedruͤckt haͤtten. Es ist der groͤßte Irrthum des Eroberers, wenn er neben der militaͤrischen Kunst noch eini- ges Schoͤpferhandwerk treiben will: — zuvoͤr- derst entzieht ihm die Natur, diese Bildnerin der Verfassungen, Gesetze und Sitten, welche er durch etwas Neues zu ersetzen unternimmt, ih- ren Beistand; sie erschwert ihm tausendfach seine Beute, und dann hilft er selbst die schlummernde Anhaͤnglichkeit an die alte Verfassung und Sitte wieder aufwecken; er selbst foͤrdert den alten National-Geist zuruͤck, und so kehrt sich sein Schwert wider ihn selbst. Rom nahm den Voͤlkern ihre alten National-Heiligthuͤmer nicht, uͤberließ es dem Gottesdienste dieser Voͤlker, von selbst zu erkalten, zu ermuͤden, oder sich an einer ver- zweifelten Philosophie zu zerreiben; der Raub dieser Heiligthuͤmer wuͤrde sie ja in den Augen der Nationen nur auf’s neue verklaͤrt haben! — Rom konnte dieses allmaͤhliche Erkalten und Er- matten der Voͤlker abwarten; denn es war nicht an den Raum eines Menschenlebens gebunden. — Zweierlei Weltherrschaft ist im alten Rom wahrzunehmen: zuerst herrschte ein militaͤrischer esprit de corps , ohne alle weitere schoͤpferische oder weltverbessernde Absicht — unter diesem wur- de Rom groß; nachher herrschen einzelne Des- poten, mit dem zunehmenden Bestreben, die Welt nach Willkuͤhr umzuformen — unter diesen wird das Weltreich zertruͤmmert. Bekanntlich entstand Rom durch ein Zusam- menstroͤmen der wunderbarsten Elemente; es scheint, als habe sich aus allen benachbarten Ita- liaͤnischen Urstaaten das Unzufriedene, Genia- lische, auch wohl Verbrecherische, ausgeschieden und auf den sieben Huͤgeln niedergelassen. Die- sen merkwuͤrdigen Gegensatz bildet nehmlich die Entstehung Roms, der Entstehung des Israeli- tischen Staates gegenuͤber: Rom in seinem An- fange ist ein Aggregat fremdartiger, durch die Noth zusammengetriebener Personen; denn ob- schon die ersten Roͤmer alle Italischer Abkunft waren, so war dennoch an keine alte Familien- Gemeinschaft unter ihnen zu denken: Israel hin- gegen ist urspruͤnglich eine einzige Familie, ver- einigt durch den deutlichen Blutszusammenhang mit einem einzigen, allen Gliedern der Familie gegenwaͤrtigen, Ahnherrn. Es darf also nicht befremden, daß, so wie das aͤlteste Israelitische Gesetz unmittelbar einen persoͤnlichen Charakter annahm, eben so das aͤlteste Roͤmische Gesetz sich mehr auf den weltlichen, saͤchlichen Besitz richten mußte. Roms vorzuͤglichster Zweck war Behaup- tung und Erweiterung eines saͤchlichen Besitzes, Israels Hauptzweck die Reinerhaltung und Be- festigung der alten Familienverbindung. Der Sinn der Roͤmer richtet sich nothwendig auf den Ruhm kriegerischer Thaten; und wenn es auch Israel keinesweges an kriegerischem Geiste man- gelte, so werden doch die Thaten nur mit Ruͤck- sicht auf den Hauptzweck, auf die Verewigung der Familie Abrahams, gewuͤrdigt: aller Ruhm der Israeliten liegt, wie ich schon einmal erinnert habe, in den National-Stammbaͤumen, also in der Fortpflanzung des Geschlechtes. Der Landbau neben dem Kriege war, wie der Israeliten, so auch der Roͤmer urspruͤngliche Be- schaͤftigung, freilich bei den Roͤmern fast ohne alle Beziehung auf einen unsichtbaren Grund- herrn, weshalb der Arten Eigenthum zu erwer- ben bei ihnen so viele , als bei den Israe- liten wenige waren. Daher ist, wenn auch in den strengen Beschaͤftigungen und in der festen Treue gegen das Gesetz unter beiden Voͤlkern eine große Aehnlichkeit Statt findet, der Geist beider dennoch durchaus entgegengesetzt. Das Band der Roͤmer war weltliches Eigen- thum, gemeinschaftliches, irdisches Umsichgreifen der neben einander ruhenden, augenblicklichen Kraft. Das Band der Israeliten war der Zu- sammenhang des Blutes, also ein unsichtbares, das sich leicht auf die Idee eines einzigen, alle Geschlechter der großen Familie beherrschenden und verbindenden, National-Gottes zuruͤckfuͤhren ließ. Israel konnte leicht eines kuͤnstlichen, gewalt- vertheilenden Staatsrechtes entbehren; denn der Suveraͤn lebte in dem Herzen alles Volkes, und die Familien-Verfassung war an sich selbst Staatsrechtes genug. Dagegen ward Rom bald zu kuͤnstlicher Vertheilung der Gewaltszweige ge- noͤthigt, zumal, da die Art von National-Gott- heit, welche sich bald in Aller Herzen befestigte, nehmlich der Gedanke: Roͤmische Freiheit , in wie heldenmuͤthigen Gesinnungen er sich auch offenbarte, nicht, wie der Jehova der Juden, die kuͤnstlichen Machtanstalten gleichguͤltig ansehen durfte. Der Gott , welcher die Kinder Israels durch die Wuͤsten gefuͤhrt hatte, war ein sehr sichtbarer, deutlicher, unverkennbarer Gott; aber der Gedanke „Roͤmische Freiheit” blieb immer der Auslegung und der Willkuͤhr der Menschen unterworfen; er mußte in handgreiflichen Charak- teren, in bestimmten staatsrechtlichen Corpora- tionen, Beamten u. s. w., in Senaten, Comi- tien, Tribunen, noch deutlicher vor dem Volke hingeschrieben werden; nie konnte er die persoͤn- liche Beziehung auf die Roͤmer gewinnen, wie der Gedanke „Jehova” auf die Juden; er blieb, wie er auch die schoͤneren Gemuͤther begeistern mochte, dem Volke eine Sache, ein wichtiger Begriff. Dieses nun bleibt der Grundcharakter der Roͤ- mischen Gesetzgebung durch die ganze Folge der Zeiten, auch selbst da noch, als der Gedanke der Freiheit durch die Imperatoren abgeloͤs’t wurde, und den edleren Naturen, solchen wie dem Taci- tus, nichts uͤbrig blieb, als die Anbetung alter Roͤmischer Heldenzeiten. Der saͤchliche Theil des Civil-Rechtes ward bis zur hoͤchsten Vollendung ausgebildet; Koͤpfe vom ersten Range wendeten allen Scharfsinn und alle Erfahrungen ihres Le- bens auf die Politur und Structur dieses unvoll- staͤndigen und doch wunderbar consequenten Sy- stems; und so ist es in hohem Grade lehrreich fuͤr den zerlegenden Verstand — lehrreich, scharf, und unvollstaͤndig, wie die Elemente d e s Euklides — auf unsre Zeiten herabgekommen, hat unsaͤg- liches Unheil angerichtet in der schon allzu sehr auf die Seite des Besitzes und der Sachen hin- hangenden Welt, hat eben mit seiner einseitigen Consequenz alles Gemuͤth, alle Persoͤnlichkeit, alle Religion aus unsern Staaten verdraͤngen und die Bande des Blutes zerreißen helfen. Diese nehmlich, oder die Familien-Verhaͤlt- nisse, sind die einzigen dauernden und unverletzli- chen: in ihnen beruhet die Fortdauer des mensch- lichen Geschlechtes; demnach wird auf’s natuͤr- lichste und nothwendigste auch die Fortdauer der Beduͤrfnisse des Geschlechtes, aller Sachen und Besitzthuͤmer, von ihnen abhaͤngig, oder nach ih- rem Gesetz uͤberhaupt erst moͤglich gemacht. Sie bilden den Grundstoff, ein schoͤnes reines unauf- loͤsliches Gewebe, und die uͤbrigen bunten An- gelegenheiten des Lebens gleichen einer Stickerei, die erst spaͤter hineingewirkt worden: dahingegen erscheinen bei uns die Bande der Natur und des Gemuͤths wie Faͤden, die in den Besitz, der jetzt den Grundstoff der Staaten bildet, hineingewirkt sind. Ich will nicht laͤugnen, daß gegen die Ex- cesse des Kirchen- und Lehnsrechtes, die in gewis- sen Perioden des Mittelalters die Person und den unsichtbaren Theil der politischen Verbin- dung allzu sehr herausgehoben haben moͤgen, das Roͤmische Recht, welches, von Amalfi und Bologna aus, von neuem in Europa eindrang und dem erwachenden Geiste des Handels und der Industrie zu Huͤlfe kam, zu einem heilsamen Gegengewichte gedient haben mag: so wuͤrde ich noch heute, und gewiß nicht ohne Erfolg, einem jungen, in unedler Schwaͤrmerei und Mystik be- fangenen Gemuͤth das Studium des Roͤmischen Rechtes verschreiben. Dessen ungeachtet — da sich in unsern Staaten noch keine Spur von Mystik, vielmehr die ausschließendste, verderb- lichste Vorliebe fuͤr alles Weltliche, Saͤchliche und dem Calcul zu Unterwerfende zeigt — muß sich die ganze, echt-republikanische Kraft, und alles Streben des wahren Gelehrten, dem Roͤ- mischen Recht, seiner Schaͤrfe und seiner Con- sequenz zum Trotz, auf die Seite der geistigen Anschauung des Rechtes, und auf die Betrachtung der Gesetzgebungen werfen, die dem Gemuͤthe so nahe liegen, wie die Roͤmische dem Verstande, nehmlich auf die Betrachtung der Mosaischen Gesetzgebung, des sittlichen Lebens der Griechen, des Lehnsrechtes, des Kirchenrechtes und der Sitten der Chevalerie. In allen diesen Gesetz- gebungen liegen die Elemente des politischen Le- bens zerstreuet. Wem es um eine vollstaͤndige Anschauung, um eine Idee des Staates und des Rechtes zu thun ist, der haͤlt sich an alle ; einzeln sind sie nur dem Handwerke brauchbar. — In den Griechischen Gesetzgebungen tritt das Staatsrecht besonders ausgebildet hervor; in der Mosaischen der persoͤnliche Theil, in der Roͤ- mischen der saͤchliche Theil des Privatrechtes. „Wie unsre Vorfahren die uͤbrigen Voͤlker an Klugheit uͤbertroffen haben,” sagt Cicero im er- sten Buche de Oratore , „das werdet Ihr am besten einsehen, wenn Ihr mit ihrem Lykurg, Drako und Solon unsre Gesetze vergleichen wollt; denn es ist fast unglaublich, wie ungeschliffen und beinahe laͤcherlich alles Civil-Recht neben dem un- srigen erscheint.” Dem gerechten Hochmuthe dieser Worte laͤßt sich nichts entgegensetzen, als die Er- innerung an die ganz verschiedenen Zustaͤnde des oͤffentlichen Lebens, unter denen in Griechenland und Rom das Recht ausgebildet worden war. In Staaten wie dem Mosaischen und Roͤmischen, die von Hause aus — gleichviel ob durch einen weltlichen oder geistigen Gedanken abgeschlossen — nun unverruͤckt beinahe ein Jahrtausend hindurch auf denselben alten Grundpfeilern ruhen, deren Kraft — gleichviel ob mehr nach außen gewen- det, wie die Roͤmische, oder mehr nach innen, wie die Israelitische — wohl mit Nachbarn, aber doch nie mit eigentlichen Nebenbuhlern, so zu kaͤmpfen hat, daß die Privat-Freiheit auf’s Spiel gesetzt wuͤrde: — in solchen Staaten muͤssen sich alle Privat-Verhaͤltnisse der Personen und des Eigenthums besser und gruͤndlicher ordnen, als in einem Staatenbunde, wie dem Griechischen, wo das National-Leben, auf einer breiteren, gluͤcklicheren Basis ruhend, in die vielfaͤltigsten Gestalten und Beschaͤftigungen gebrochen wird; wo alle Reichthuͤmer (geistige und irdische) der mittellaͤndischen Kuͤsten zusammenstroͤmen; wo sinnreicher Lebensgenuß und eine gewisse Natio- nal-Großmuth aͤngstliches Abstecken des Besitzes, und Verstandespraͤcision in den Privatverhaͤlt- nissen nicht aufkommen lassen; wo der Ernst, mit dem die schwierige Sache des Gemeinwesens vielgestalteter, lebenslustiger Voͤlker getrieben wer- den will, einen schoͤnen Leichtsinn uͤber die Pri- vatverhaͤltnisse veranlaßt, so daß Platon den Gedanken naͤhren kann, unter den drei Staͤnden seiner idealischen Republik, den Magistraten, den Kriegern und den Lohnarbeitern, nur dem letzte- ren veraͤchtlichsten Stande noch uͤberhaupt eini- ges Privatleben zuzugestehen. Der Gedanke des absoluten, ausschließenden privativen Eigenthums, so wie er in einem con- sequenten Civil-Rechte vorherrschen muß — wie er denn auch die eigentliche Basis des Roͤmischen Rechtes bildet — steht in ewigem Widerstreit mit der Idee des Rechtes. Ueberhaupt kann er nur auf absolut todte Sachen angewendet wer- den; denn Personen sind von selbst schon unend- lich, unergreiflich: sie lassen sich aus dem Zusam- menhange mit den uͤbrigen Personen nicht her- ausschneiden. Die vaͤterliche und ehemaͤnnliche Gewalt , so wie sie in unsern Gesetzbuͤchern nach Roͤmischem Zuschnitt verordnet wird, ist eine bo- denlose Chimaͤre; wenn sie ein unsichtbarer Geist der Liebe oder des Zutrauens nicht ergaͤnzen oder stuͤtzen will, so spielen die Gesetze, indem sie jener vermeintlichen Gewalt beistehen, eine un- wuͤrdige und traurige Rolle. Will die Liebe er- setzen, was dem durchaus unwirksamen Gesetze an Kraft gebricht; wohl! diese seltenen Faͤlle innerer Familienharmonie giebt es, aber fuͤr sie ist auch das Gesetz ganz uͤberfluͤßig; in den un- zaͤhligen andern Faͤllen gestoͤrter Uebereinstim- mung zwischen den Familien-Genossen ist nur von der Zeit und von gegenseitiger Nachgiebig- keit etwas zu erwarten; von freier Nachgiebig- keit. Wie aber, wenn die Gesetze schon im Vor- aus diese Gegenseitigkeit und Freiheit stoͤren und dem Einen Familiengliede Rechte, Zwangsrechte, unbedingte, ausschließende Rechte in die Haͤnde geben, und dieses sich darauf stuͤtzen zu koͤnnen glaubt, a n statt auf Beweise der Liebe? Dann helfen die Gesetze nicht nur nichts, sondern wer- den eine eigentliche Schule heimlicher Laster. Und diese Gesetze sind es, welche das Wesentlichste, die neue Generation, erzeugen und bilden helfen sollen! — Diesen verderblichen Einfluß des Roͤmischen Rechtes und seines Grundsatzes von absolut aus- schließendem Besitze, hat unser Zeitalter vornehm- lich erfahren, wo keine Sitte, keine Religion die abgemessenen, haarscharfen Graͤnzen, welche vornehmlich das Roͤmische Recht um die einzel- nen Gebiete des Lebens und Wirkens gezogen, wieder verwaͤscht, verfloͤßt, belebt. Den einsei- tigen Sieg dieses Rechtes uͤber alle anders ge- stalteten, von der Religion befruchteten Rechts- Systeme noch wie einen Triumph der Humanitaͤt zu feiern, war der Gipfel des Wahnsinns, des- sen furchtbare Ausbruͤche wir erlebt haben. Das war der geruͤhmte Sieg unsrer erleuchteten Ge- neration uͤber die Kirche und den Feudalismus! — Das Gesetz der strengsten Subordination, welches in dem heroischen Zeitalter der Roͤmer bei ihnen so tiefe Wurzel gefaßt hat, und wel- ches einer absolut militaͤrischen Republik auch unentbehrlich seyn mochte, verlor seine urspruͤng- liche Erhabenheit, als an die Stelle der Idee der Freiheit nun die Roͤmischen Imperatoren traten. Es wurde zu einem weltlichen Mecha- nismus, dessen traurige Spuren sich uͤberall in den Roͤmischen Gesetzbuͤchern wahrnehmen lassen. Der Gehorsam, die Disciplin bei den aͤlteren Roͤ- mern hatte einen edlen, ritterlichen Charakter, indem er vielmehr der Idee der Freiheit und der Republik, als den jeweiligen Befehlshabern der letzteren — diesen wenigstens nur mittelbar, um der Freiheit willen — gewidmet war. Damals waren Gehorsam und gebietende Macht nur verschie- dene Formen von dem Dienste der Republik, der ewigen Stadt und ihres Ruhmes. Durch die herrschende, allen Gemuͤthern eingepraͤgte Idee der Roͤmischen Freiheit erhielt das haͤrteste Sub- ordinations-Gesetz einen Charakter der Gegen- seitigkeit; es war keine Unterwerfung an sich, sondern eine Unterwerfung um der Freiheit wil- len. — Die Gesetze uͤber die persoͤnlichen Ver- haͤltnisse athmeten durchaus den Geist der unbe- dingten Abhaͤngigkeit des physisch-Schwaͤcheren von dem Staͤrkeren. Mit der Errichtung einer despotischen Macht in Rom verschwand dieses unsichtbare Gefuͤhl der Gegenseitigkeit und der Freiheit, und es blieb nichts als der sichtbare Buchstab der Disciplin und des unbedingten Besitzes zuruͤck. Ich fordere jeden Kenner des Roͤmischen Rech- tes auf, mir außer der Lehre von dem Contracte ir- gend eine Spur wahrer Gegenseitigkeit der Rechts- verhaͤltnisse darin zu zeigen. Und dennoch sind dies die beiden Grundeigenschaften jedes Geset- zes und jeder Gesetzgebung: 1) die innerlichste Gegenseitigkeit , die Contracts-Natur aller Verhaͤltnisse des Lebens, der saͤchlichen, wie der persoͤnlichen, um des Rechtes willen; 2) die wei- seste Disciplin , Subordination, Rangord- nung aller Verhaͤltnisse des Lebens, um der Aus- uͤbung des Rechtes willen. Es kann eine aͤußere, rechtliche oder rechtsaͤhnliche Ordnung der Dinge geben, eine Subordination der Verhaͤltnisse ohne Gegenseitigkeit; und wer mit dem aͤußeren Schein eines Staates bei der hoffnungslosesten, inneren Anarchie der Gemuͤther zufrieden gestellt ist, dem mag in dieser Hinsicht die consequente Schaͤrfe des Roͤmischen Gesetzes leisten, was er von al- ler Gesetzgebung fordert. Ich fordre mehr: eine Subordination nicht bloß der aͤußeren, sondern auch der inneren Verhaͤltnisse, oder der Gefuͤhle; und diese ist nicht anders zu erreichen, als da- durch, daß eine religioͤse Idee in suveraͤner Allge- genwart das ganze Gemeinwesen und alle Gesetze durchdringt, daß eben dadurch alle Recht sbegrif- fe in Recht sideen , d. h. die todten, absolut disciplinarischen Rechtsverhaͤltnisse zu lebendigen und demnach gegenseitigen erhoben werden. Eine politische Ordnung, die keinen andern, hoͤheren Zweck hat, als eben wieder die Ord- nung, die dem zu Folge nichts anders seyn kann, als ein maschinenmaͤßig, in sich selbst umherlau- fendes Uhrwerk, eine sich selbst mahlende Muͤhle (wie Novalis sagt), muß, wenn sie lebendigen Wesen aufgedrungen wird, nachdem auf eine Zeitlang die aͤußere Natur des Menschen ihr unterworfen gewesen, und Sinn und Geist der Buͤrger von diesem sogenannten Staate ausge- schlossen worden ist, zuletzt unfehlbar vor der organischen Kraft des lebendigen Stoffes, den sie zu regieren hat, weichen: sie selbst muß die Revolutionen herbeifuͤhren, die sie unfehlbar zer- schmettern werden. — Die buͤrgerliche Gesellschaft ist einmal, wie wir in Betrachtung der Theorie von der Fami- lie gesehen haben, doppelter Natur: sie ist Ver- bindung neben einander stehender, gleichzeitiger, und Verbindung nach einander kommender, in der Zeit sich folgender Wesen. Die Natur, wel- che, in so fern sie den Menschen will, auch die buͤrgerliche Gesellschaft will, muß jeder von die- sen beiden Arten der Verbindung einen besondern Trieb, ein besondere s unumgaͤngliches Gesetz zur Gewaͤhrleistung untergelegt haben: es muß eine doppelte Art der Atraction, sowohl eine unter den neben einander Stehenden , als eine andre unter den auf einander Folgenden , geben. Die gleichzeitigen , die im Raume getrennten und in demselben Moment uͤber die ganze Erde verstreueten werden von der Natur gewaltig verknuͤpft durch das Geschlechtsverhaͤlt- niß, durch die Geschlechtsliebe ; die in der Zeit getrennten, auf derselben Stelle der Welt einander abloͤsenden — gleichraͤumigen habe ich sie genannt — werden verbunden durch eine andre, ganz entgegengesetzte Art der Liebe, durch die Liebe, welche das Kleinere und Groͤßere, das Schwaͤchere und Staͤrkere an einander knuͤpft, und welche in der Familie ihr ewiges Muster an der kindlichen Liebe zu dem huͤlflosen Alter und zu der huͤlflosen Kindheit hat. Wiewohl sich nun sagen laͤßt, daß es, außer der Ge- schlechtsliebe, unter den gleichzeitigen Menschen noch andre eben so natuͤrliche Bande der Nei- gung, der Freundschaft, des gegenseitigen Be- duͤrfnisses gebe, eben so, außer der kindlichen Liebe, unter den auf einander Folgenden noch die Bande der Unterthanen und Dienenden mit den Herren und Patriarchen, u. s. w.: so sind doch alle diese Verbindungen spaͤtere, abgeleitete, dem Wechsel der Formen und der Willkuͤhr der Menschen mehr unterworfene, hingegen die Ban- de der Geschlechtsliebe und der kindlichen Liebe allenthalben und zu allen Zeiten von gleicher un- um- umgaͤnglicher Nothwendigkeit. Deshalb muͤssen alle uͤbrigen sich nach ihrer Form richten und sich an sie anschließen. Das Geschlechtsverhaͤltniß ist das Schema jener ersten Eigenschaft aller Rechtsverhaͤltnisse, nehmlich der Gegenseitigkeit ; das Verhaͤlt- niß der verschiedenen Lebensalter in der Familie ist das Schema jener andern Grundeigenschaft der Rechtsverhaͤltnisse, der Subordination . — Was also soll uns eine Gesetzgebung wie die Roͤmische, die auf einem ganz fremdartigen Zu- stande der Dinge erbauet ist, auf einem Zustande militaͤrischer Freiheit, wo, neben diesem Staats- zwecke, die reine und natuͤrliche Form der Fa- milie gering geachtet werden mußte, wo, vor der in jedem Augenblicke nothwendigen Subordi- nation und aͤußeren Ordnung, die zarte Gegen- seitigkeit sowohl des wahren persoͤnlichen Ver- haͤltnisses, als des Besitzes gering geachtet, wo das aller wahren Staatsform unentbehrliche weib- liche Element des politischen Lebens ganz uͤber- sehen werden mußte! Was soll uns eine Gesetzgebung, deren be- gleitende suveraͤne Idee, die Idee der Roͤmischen Freiheit, schon beinahe seit zwei Jahrtausenden ausgestorben ist, und die zwar auf unsern Ver- stand, aber in keinem Stuͤcke auf unsre Neigung Müllers Elemente. II. [5] und auf die Totalitaͤt unsres Privat-Lebens be- zogen werden kann! — Als Gegengewicht gegen die Excesse der feudalistischen und kanonischen Gesetzgebungen in den letzten Jahrhunderten hat- te sie allerdings ihren Werth, aber nur in so fern alle diese verschiedenen ungleichartigen Theile, welche in unsrer Rechtspflege zusammentraten, von einer Idee, wenigstens von einer Art von Idee des Rechtes oder der Religion verbunden wur- den. Jetzt aber, nachdem der Geist jener an- dern, unsern innern Beduͤrfnissen mehr entspre- chenden, Gesetzgebungen ganz verschmaͤhet, nach- dem der Wahn eines absoluten Privat- Lebens und absoluten Privat- Eigenthums und unbe- dingten Besitzes die Oberhand erhalten hat; nach- dem alle weltherrschende Ideen, alle Religion, alle Sitten zerfallen: jetzt kann der Schein eines unabhaͤngigen consequenten Privat-Rechtes, den wir aus der Roͤmischen Schule mitbringen, die allgemeine Aufloͤsung nur befoͤrdern. Ferner, im Studium des Rechtes hat das Roͤmische System, wenn es historisch und ohne weitere besondre Vorliebe neben den uͤbrigen Systemen der Gesetzgebung vorgetragen wird, einen hohen Werth: im Studium soll auch der gruͤndliche Verstandes-Calcul, wie er uͤberall aus Roͤmischen Gesetzen hervorleuchtet, seine Rechte behaupten; aber der Wahn der Vollstaͤn- digkeit, der unbedingten Rechtlichkeit, dem sich der rechnende Verstand so leicht hingiebt, soll zerstreuet werden. Das Studium ganz entge- gengesetzter, vorzuͤglich der mehr geistigen persoͤn- lichen Gesetze, und dann der wahren Theorie des lebendigen, die ganze Welt, den ganzen Men- schen, und besonders sein leicht verfuͤhrerisches Herz umfassenden Rechtes — soll wieder auf- leben, und die kalte Einseitigkeit des Roͤmischen Rechtes, die sich mit keinem andern politischen Zustande der Dinge, als einer eisernen Welt- herrschaft, vertragen kann, soll mit gruͤndlichem Abscheu erkannt werden. — Die Klugheit der Roͤmischen Rechtslehrer, des Papinian, des Ulpian, des Paulus, und den unendlichen Fleiß und den kolossalen Verstand in den meisten Edicten und Gesetzen der Roͤmi- schen Kaiser, in ihrer Art und an ihrem Orte zu bewundern, bin ich sehr bereit; — aber daß nur Institutionen, Pandekten, Codex und Novellen nicht fuͤr mehr gelten sollen, als fuͤr den Aus- druck einer weltumfassenden Polizei! — Sobald die Roͤmische Freiheit, d. h. sobald die begleitende Idee verschwindet, entweicht der eigentliche Cha- rakter des Rechtes, nehmlich das Leben. Mit Ruͤcksicht auf den wahren Staat hat nun die Gesetzgebung keinen Sinn mehr; der subordini- rende, rangirende, theilende, zerlegende Ver- stand Einerseits, und die Macht des Despoten andrerseits finden nun allein ihre Rechnung da- bei. — Fast zu gleicher Zeit ersterben die drei großen Ideen, welche den drei wichtigsten politischen Gebaͤuden des Alterthums so lange Leben und Dauer gaben. 1) Die religioͤse Idee, welche Israel auf- recht erhalten hatte, zerfaͤllt unter den Haͤnden der Schriftgelehrten und Pharisaͤer, juͤdischer Secten und Sophisten aller Art: der Buchstabe des Mosaischen Gesetzes gilt mehr und mehr allein; aus jeder neuen Pruͤfung des Schicksals geht das Volk Israel halsstarriger und weltlicher gesinnt hervor. Jehova wird immer weniger be- trachtet als der allenthalben, vornehmlich in den Leiden, Allgegenwaͤrtige, der das Volk durch die Wuͤste gefuͤhrt: es werden irdische Zeichen der Macht, weltliche Helden und Befreier, welt- liche Oberherrschaft, weltlicher Glanz als Ge- waͤhrleistungen des alten Bundes verlangt; die Idee des Mosaischen Gesetzes entweicht; Begriffe bleiben zuruͤck, und so neigt sich das politische Leben und die Freiheit der Juden zum Unter- gange hin. 2) Alle die freien goͤttlichen Ideen, welche das Griechische Leben erhoben, welche so man- ches Heldengeschlecht, so viele großmuͤthige Tha- ten, spaͤterhin so unvergaͤngliche Kunstwerke, und, wenn auch keinen treuen, unerschuͤtterlichen Staatenbund, so doch ein reiches politisches Le- ben erzeugt hatten, erstarrten in den gelehrten Schulen von Alexandrien. Was im Griechischen Alterthume die Idee als ihr natuͤrliches Gefolge mit sich gebracht hatte, Grazie, Lebensfuͤlle und Kraft, sollte nun in spaͤteren Jahrhunderten durch ein gelehrtes Handwerk ersetzt werden; alles, was in diesem ungluͤcklichen Bestreben zur Welt kam, war Begriff und todte Nachahmung. Was Alexander von der Freiheit der Griechen uͤbrig gelassen hatte, bezwang und toͤdtete seine Pflanzstadt Alexandrien. Endlich 3) durfte auch die Idee der militaͤrischen Kraft und Freiheit, die Rom groß gemacht hatte, einseitig in ihrer Schoͤnheit, nicht bestehen. Die Triumvirate, Caͤsar und Octavianus Augu- stus, machten der Roͤmischen Freiheit ein Ende. Alle diese Ideen waren an ein bestimmtes Local gebunden: Mosaische Religion an Palaͤstina; Griechische Sitte an das vom Meere zerrissene Land zwischen dem Jonischen und Aegaͤischen Meere; Roͤmische Freiheit an die Stadt der sie- ben Huͤgel. In diesen allzu bestimmten Schran- ken lagen zugleich nothwendige unuͤbersteigliche Grenzen fuͤr die Ideen. Und so war um das Leben der Alten selbst eine Mauer gezogen. Alle Staaten draͤngten mit mehr oder weniger Erfolg nach der Unterwerfung, der Subordination aller uͤbrigen. Ein Welt-Gottesdienst war noch nicht gefunden, aller Ideen-Dienst war localer, National-Gottesdienst; also gab es nichts anderes, als Unterwerfung der Welt unter die mittelbare oder unmittelbare Herrschaft einer National-Idee; kein gegenseitiges Verneigen, kein gegenseitiger Respect der National-Idee vor der National-Idee, welches alles nur moͤglich werden konnte durch eine Welt-Idee , durch eine Welt-Religion . Die große Lehre von der Gegenseitigkeit aller Verhaͤltnisse des Lebens mußte verklaͤrt werden, und das am besten, Rom gegenuͤber, dem scheinbaren Triumph des bloßen Subordinations- und Disciplin-Gesetzes uͤber die Welt gegenuͤber. — In dem Volke, das nach einander die Knechtschaft der Aegypter, der Baby- lonier, der Griechen und der Roͤmer gefuͤhlt hatte, und das dennoch von seinem National-Gotte nichts anderes erwarten wollte, als weltliche Weltherrschaft, trat die Welt-Idee , und — damit sie mit nichts Geringerem, Localerem, und Nationalerem verwechselt werden moͤchte — in scheinbar armer, huͤlfloser und verlassener Gestalt an’s Licht. Qualen und Tod mußten erhaͤrten, daß es auf die Verklaͤrung eines Gedanken an- kam, unter dessen Herrschaft Leben und Tod, Wollust und Schmerz, Friede und Kampf ver- einigt werden konnten. Nun ist die Idee des Rechtes in ihrer vollen Klarheit, in ihrem ewi- gen Leben und Wachsthum, so wie ich sie darzu- stellen gesucht habe, als das Gemeingut aller Voͤlker der Erde begruͤndet, unuͤberwindlich und vor jedem neuen Rom gesichert. Vierzehnte Vorlesung. Von dem Wesen des Feudalismus . E s wuͤrde schwer seyn, von dem Worte Feu- dalismus , wie dasselbe in dem Munde des großen Haufens von Europa in den letzten zwan- zig Jahren cursirt hat, eine genuͤgende und voll- staͤndige Erklaͤrung zu geben; die eigentlichen Lehns-Verhaͤltnisse und Gesetze sind nur der klein- ste Theil von den politischen Einrichtungen des Mittelalters, welche mit jenem so allgemein ver- haßten und doch so unbestimmten Nahmen be- zeichnet werden. Der Geburtsadel zuvoͤrderst, welcher mit der Lehnsverfassung freilich in man- nichfaltigen Beziehungen steht, aber auch sehr wohl ganz unabhaͤngig von ihr gedacht werden und existiren kann, alle Erbunterthaͤnigkeitsver- haͤltnisse, alles unvollstaͤndige und gemischte Eigen- thum, alle Corporationen im Staate, wie in den Staͤdten, Zuͤnfte, Innungen, ferner alle Privilegien, Familienrechte, selbst Fideicommisse, und solche Institutionen der Privaten, welche den Besitz oder die sogenannten natuͤrlichen Rech- te des voruͤbergehenden Nießbrauchers beschraͤn- ken — werden mit unzaͤhligen andern legislati- ven Erbstuͤcken des Mittelalters zusammengegrif- fen, und, als eben so viele mittel- oder unmittel- bare Folgen des Lehnsrechtes, gemeinschaftlich als Feudalismus, d. h. als eine Masse politischer Graͤuel, verdammt. — Es moͤchte sich nicht der Muͤhe verlohnen, in dem großen Getriebe der Europaͤischen Gesetzge- bungen die unzaͤhligen sogenannten feudalistischen Spuren aufzusuchen. Viel natuͤrlicher ist es, den sonderbaren Instinct des großen Haufens von Europa, der das feudalistische Element in allen unsern Gesetzen herausgewittert hat, zu erwaͤ- gen, und das sonderbare und doch so allgemeine Aergerniß daran zu erklaͤren. — Ich finde es sehr natuͤrlich, daß eine Gene- ration sich regt, sich schuͤttelt und von Freiheit spricht, wenn Gesetze, anstatt lebendig und nach- giebig gegen das Leben in die Gegenwart einzu- greifen, in die Versteinerung uͤbergehen, wenn sie als Massen druͤcken, wenn der Bau der Vor- zeit, anstatt eines Wohnhauses, zu einem Ge- faͤngnisse dient. Daß die gegenwaͤrtige Genera- tion solchen Druck nicht leidet, sondern der Mas- se die Masse entgegensetzt: daruͤber laͤßt sich so wenig klagen, als daß irgend eine andre physi- sche Gewalt des Wassers oder Feuers sich Luft macht, wenn eine elementarische Kraft ihren Strom verdaͤmmen oder verstopfen wollte. — Die einzelnen Massen, welche in der Franzoͤsischen Revolution gegen einander reagirten, waren bei- de gleich-verderbt und gleich-leblos: alle waren darin gleich, daß sie das Leben in todten Besitz- thuͤmern suchten. Die, welche den Feudalismus oder die Ungleichheit vertheidigten, stuͤtzten sich auf ein Recht, welches unter ihren Haͤnden zu einem todten Rechte wurde; Die, welche den Feu- dalismus angriffen und die Gleichheit begehrten, verlangten todtes Recht und lebloses Besitzthum — nichts weiter. Daher ist es durchaus falsch, wenn man annimmt, in der Franzoͤsischen Revo- lution haͤtten zwei politische Systeme gegen ein- ander gestritten; es waren nur zwei verschiedene Besitzstaͤnde , ein durch die Vorzeit wirklich etablirter, und ein andrer, den die gegenwaͤrtige Generation imaginirte. Die Parthei des Alten wurde nur deductionsweise und der gerichtlichen Defension wegen dazu genoͤthigt, Ideen von Recht, Politik und Religion zu ihrem Beistande zu Huͤlfe zu rufen. Eben so waren, wie die nachheri- gen Erfolge hinreichend gezeigt haben, die Ideen der Freiheit, des Menschenrechtes und der Volks- Suveraͤnetaͤt bei der Besseren von der Parthei des Neuen nichts als geistige Getraͤnke, worin sie sich zu ihrem Angriff Muth tranken; bei den Schlechteren, Kaͤlteren, ein Theater-Costuͤme, das sie zu seiner Zeit abzulegen und zu vertau- schen wußten. Wir Deutschen nehmen so et- was herzlicher und ehrlicher, und legen unsre spießbuͤrgerliche Ernsthaftigkeit, Moralitaͤt und bonam fidem den Weltbegebenheiten unter, wo sie durchaus nicht hin gehoͤren. — Im Grunde des Herzens kam die ganze Ge- neration darin uͤberein, daß sie von dem gesamm- ten idealischen Wesen, welches im Mittelalter durch Tradition, Sitte, Gewohnheit, Gesetz und Religion in die Staaten gekommen waͤre, nichts mehr wissen wolle. Die sogenannte Parthei des Alten wuͤrde nichts dagegen einzuwenden gehabt haben, wenn man allen fideicommissarischen oder feudalistischen Besitz in ordinaͤres unbedingtes Privat-Eigenthum verwandelt haͤtte — voraus- gesetzt, daß der effective Besitzstand geblieben waͤre, wie er war; ferner, wie viele Parthei- gaͤnger des Neuen gewesen seyn moͤgen, denen man die gesammten Freiheits- und Naturrechts- Ideen nicht fuͤr ein gehoͤriges Besitzstuͤck haͤtte abhandeln koͤnnen, uͤberlasse ich jedem Kenner der Franzoͤsischen Revolution zu beurtheilen: die Handvoll eigentlicher Philanthropen haͤtte nicht hingereicht, die Bastille zu stuͤrmen. Demnach wird mit dem Nahmen Feudalis- mus etwas gebrandmarkt, oder beehrt — wie ich mich ausdruͤcken soll, weiß ich nicht —, was der ganzen Generation, den Repraͤsentanten des Alten, wie des Neuen, innerlich zuwider ist. — Ich kenne Individuen hoͤherer Ordnung, die außer dem, was sie besitzen, noch etwas ganz Unveraͤußerliches und Unzerstoͤrbares empfinden; aber sie leben nicht in ihrem Jahrhundert, sie stehen fremd und einsam unter den Andern. Ueberein kommt die ungeheure Majoritaͤt der Europaͤischen Individuen noch jetzt, und schon seit dreißig Jahren, 1) in der unbedingten Ver- goͤtterung des eben so unbedingten, absoluten und ausschließenden Privat-Eigenthums, des Roͤmischen Eigenthums; 2) in dem unbedingten Streben nach der Vermehrung des reinen Ein- kommens, des produit net : denn alles, was von den Fortschritten des Jahrhunderts gesagt und gelehrt worden, ist eine elegante Bekleidung, ein Euphemismus fuͤr jenen gemeinen oͤkonomischen Begriff; 3) endlich in dem Abscheu gegen alles, was einer Corporation oder einer moralischen Person aͤhnlich ist, außer etwa in mercantili- schen Anstalten, Assecuranzen, wo eine gewisse buͤrgerliche Arithmetik, die man in den Rechen- buͤchern unter der Aufschrift Societaͤts-Rechnung findet, hinreicht, in jedem Augenblick die in ein- ander corporirten Partheien aus einander zu set- zen. — Das strenge Privat-Eigenthum zerstoͤrt das Gefuͤhl der Gemeinschaft. Jeder Einzelne will lieber mit einer arithmetischen Portion abgefun- den werden und Andre abfinden, als der geistige Theilnehmer eines ewigen Besitzstuͤckes seyn. Dies Geschlecht mag sich gern in allen Stuͤcken, wo moͤglich, aus einander setzen und sich gegenseitig abfinden; es ist das hoͤchste Ziel seiner oͤkonomi- schen Politik, sich auf dieselbe Weise, Jahr aus, Jahr ein, mit dem Suveraͤn-Privatmann durch eine, so viel wie moͤglich arithmetisch-gleichver- theilte, Zahlung abzufinden. Wie Wenige haͤtten etwas dagegen einzuwenden, wenn die große po- litische Gemeinheit selbst, das Staatsvermoͤgen und Capital, wirklich Ein- fuͤr allemal in gleichen Portionen ausgetheilt, und so der Staat selbst aus einander gesetzt werden koͤnnte! Alle die gesetz- lichen Hindernisse nun, welche sich jenem stren- gen Fixiren des Privat-Eigenthums, jenem Stre- ben das reine Einkommen zum alleinigen Lebens- und Staatszweck zu erheben, und endlich jenem großen arithmetischen Auseinandersetzungs- und Isolirungs-Systeme des buͤrgerlichen Interesse entgegensetzen moͤgen — werden von den Unwis- senden mit dem gemeinschaftlichen Nahmen Feu- dalismus bezeichnet: — Es ist jetzt noch nicht darauf abgesehen, was weiter unten geschehen wird, allen staatswirth- schaftlichen Theorieen sammt und sonders, wegen ihrer Einseitigkeit, den Krieg zu erklaͤren. Indeß Aufhebung aller persoͤnlichen Dienstverhaͤltnisse, Verwandlung derselben in Geldabgaben, Dismem- brationen u. s. w. —: das sind die populaͤren Maßregeln des Jahrhunderts; sie sind auch nicht unrathsam, wenn niemand mehr zu dienen, noch zu herrschen versteht. „Die Gesetze der Barbaren,“ sagt Montes- quieu, „waren durchaus persoͤnliche.“ — Die Verhaͤltnisse unter den Personen waren das Erste und Wichtigste in den Augen des frischen jugend- lichen Geschlechtes, unter dessen Bothmaͤßigkeit das zu todtem Besitz erstarrte Weltreich der Roͤ- mer fiel: den gesammten Besitz des Grundeigen- thumes sahen die Voͤlkerstaͤmme vielmehr fuͤr ein Lehn , als fuͤr ein wirkliches, absolutes Eigen- thum an. Eine sehr nahe Verwandtschaft zwi- schen den Gesetzen der Israeliten und der Voͤlker- staͤmme, welche von Osten her uͤber das Roͤmi- sche Reich fielen, laͤßt sich nicht verkennen. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, in wie fern unter den Asiatischen Gesetzgebungen ein wirklich genealogischer Zusammenhang Statt finden moͤch- te; genug, diese Einrichtung ist die natuͤrlichste und urspruͤnglichste, besonders seitdem ein gemein- schaftlicher Glaube unter den sogenannten Bar- baren des Mittelalters die Idee eines unsichtba- ren obersten Lehnsherrn festgestellt hatte, und demnach der sichtbare Suͤzeraͤn, als der Stell- vertreter jenes unsichtbaren, anerkannt war. — Wie weit man davon entfernt war, dem obersten Lehnsherrn ein unbedingtes Eigenthum uͤber die Landschaften, welche er verlieh, zuzugestehen, ist jedem Kenner des Mittelalters wohl bekannt. — Man sollte doch nie uͤbersehen, daß der Grundgedanke des gesammten Lehns-Systems eigentlich der ist: Es giebt nur Nießbrauch, aber keinen unbedingten Besitz. Und da man dem zu Folge dem Grundeigenthum etwas Per- soͤnliches, Unveraͤußerliches, Heiliges zugestand, so war der Tausch: Besitz gegen Dienste , keinesweges unnatuͤrlich, wie ihn gegenwaͤrtig die duͤrre Weisheit und die haushaͤlterische Hu- manitaͤt unsres Jahrhunderts findet, nachdem sie zu der tiefen Einsicht gekommen ist, daß die Sachen todt sind, die Personen aber leben. Der Boden, welchen diese jungen Voͤlkerstaͤmme ge- wannen, wurde in Lehne getheilt, die der oberste Lehnsherr oder Heerfuͤhrer — unter der Bedin- gung fortwaͤhrender Krieges-Vereinigung und beim ersten Aufruf zu leistender persoͤnlichen Dien- ste — seinem Comitate bewilligte, zuerst auf Le- benszeit , nachher weder durch bloße Usurpa- tionen, noch durch bloßes ausdruͤckliches Gesetz, sondern durch allmaͤhlich befestigte Gewohnheit, erblich bis zu gaͤnzlichem Aussterben des Manns- stammes. — Wesentlich war die unaufhoͤrliche Anerkennung dieses Lehns-Nexus durch ein Zei- chen, durch eine Huldigung, durch ein homa- gium welches in fruͤheren Zeiten vielmehr ein religioͤses, als ein juristisches Band war. — Erinnern Sie Sich der Roͤmischen Gesetzgebung und des darin vorwaltenden Subordinations-Ge- setzes; wie nach dem Untergange aller Ideen die Autoritaͤt allein befestigt, organisirt und alles freie Leben durch ein unergruͤndlich consequentes polizeiliches Arrangement, welches wir Roͤmisches Privat-Recht nennen, aus dem Staate heraus- calculirt wurde. Die Basis dieser Roͤmischen Gesetzgebung war das strenge absolute Pri- vat-Eigenthum . — Vergleichen Sie damit die Lehnsverfassung, worin ein Gesetz der innig- sten sten Gegenseitigkeit vorwaltet: Gegenseitigkeit 1) zwischen dem Herrschenden und Dienenden, zwi- schen dem Lehnsherrn und dem Vasallen; 2) zwi- schen dem Eigenthum und dem Eigenthuͤmer. Alles, was in Rom blind und einseitig einander unterworfen war, steht im Lehnsrechte noch in einer wechselseitigen, schoͤnen Verschraͤnkung da: waͤhrend Rom zu einer todten Eigenthums-Asse- curanz zusammen getrocknet ist, bilden die Lehns- verfassungen kraͤftige persoͤnliche Vereinigungen, d. h. die Keime wahrer Staaten. Nach Roͤmi- schen Begriffen stand der Suveraͤn als oberste Zwangsgewalt uͤber dem Staate; keine Reaction der Unterworfenen gegen den Beherrscher ist moͤg- lich, deshalb auch keine Freiheit, nirgends und an keiner Stelle. Nach echt-feudalistischen Vor- stellungen steht der Herrschende in der Mitte sei- ner Pairs: er ist der weltliche Repraͤsentant des lebendigen Gesetzes oder Gottes — wie Sie es nennen wollen —, der Distributor der Gnade, die aus einer hoͤheren Hand in seine Haͤnde ge- legt ist. Der Lehnsgehorsam, die innigste per- soͤnliche Ergebenheit in allem, was das Gemein- wesen betrifft, besonders in der kriegerischen Ver- theidigung und Erweiterung desselben, ist das, was er fuͤr den unaufhoͤrlichen Nießbrauch seiner Gnaden und Lehne von seinen Vasallen zuruͤck Müllers Elemente. II. [6] empfaͤngt. Kurz, der Suveraͤn ist in der Einen Beziehung Oberlehnsherr, und in der andern wieder der Pair seiner Vasallen: die Suveraͤne- taͤt ist dahin zuruͤckgegeben, wohin sie gehoͤrt, nehmlich an die Idee , an eine religioͤse Idee; keine Sache, kein Begriff, wie der seelenlose, bloß physische Zwang, sondern ein lebendiges Gesetz, gegenseitige Unterwerfung, ordnet und bindet den Staat. Ich habe im Verlaufe dieser Vorlesungen hinreichend erwiesen, daß der Staat nichts an- deres seyn kann, als die Garantie der vollstaͤn- digen Freiheit durch die vollstaͤndige Freiheit, der Persoͤnlichkeit durch die Persoͤnlichkeit, des Lebens durch das Leben; ferner, daß eine aͤußere Macht, wie die praͤsumirte Zwangsgewalt unsrer Staaten, 1) nur bindet , anstatt zu verbin- den , 2) nur bindet, in so fern sie nicht selbst wieder durch eine hoͤhere Zwangsgewalt bezwun- gen wird. Wie nun also auch das Lehnsrecht, wegen der anscheinenden Luͤcken und Incongru- enzen, die es in die Berechnung der Staats- kraͤfte bringt, bei unserm staatswirthschaftlichen Zeitalter verschrieen seyn mag, so ist dennoch fuͤr die Ausbildung der Idee des Gesetzes nicht leicht ein wichtigerer Schritt gethan worden, als in- dem sich dem Roͤmischen saͤchlichen Subordina- tions-Rechte das persoͤnliche und auf dem Grundsatz der Gegenseitigkeit beruhende Lehns- recht gegenuͤber gestellt hat. — Die Ordnung und die polizeiliche Sicherheit unsrer Staaten, und das wohlverwahrte, nach gewissen unwandelbaren Regeln vertheilte Eigen- thum sind große und wichtige Verbesserungen unseres Zustandes. Ich raͤume sehr gern ein, daß die außerordentlichen Progressen der Industrie, der Flor des Handels, und uͤberhaupt die Ver- mehrung, auch die Mannichfaltigkeit des reinen Einkommens großen Theils der gruͤndlichen Aus- bildung des saͤchlichen Theils von unserem Pri- vatrechte zuzuschreiben sind. Sollten wir aber den Gewinn unseres Deseyns an Bequemlichkeit, Behaglichkeit und kaufmaͤnnischer Zuverlaͤssigkeit nicht etwas zu theuer erkauft haben? — Mon- tesquieu und Adam Smith hatten nicht erlebt, was wir erlebt haben. Ist nicht, allen unsern haarscharfen Gesetzen uͤber das Privat-Eigen- thum zum Trotz, unser Eigenthum jetzt unsich- rer, als jemals? ist nicht, trotz allen unsren Credit-Gesetzen und aller staatswirthschaftlichen Praͤcision, der Handel im gegenwaͤrtigen Augen- blick ein unsichres Lotteriespiel, wie er es in den Zeiten der Hanse, unter fortdauerndem Einflusse des Lehnsrechtes, nie gewesen ist? Man mache mir nicht den Einwurf, es waͤren augenblickliche, unerhoͤrte und zufaͤllige Calamitaͤten, welche die gegenwaͤrtige Verwirrung und Unsicherheit in das Eigenthum und in den Handel gebracht haͤt- ten! Es sind ewige, unumgaͤngliche, auch sicht- bare Gesetze, nach denen alle einseitige Sicher- heit des aͤußeren Besitzes innerliche Unsicherheit des Gemuͤths, nach denen die geordnetste Abhaͤn- gigkeit des Menschen von Sachen und vom Be- sitz auch seine persoͤnliche Abhaͤngigkeit nothwen- dig nach sich ziehen muß. Alle die schoͤnen und consequenten Verordnungen uͤber das Privat- Eigenthum dauern fort; aber wo ist die oberste suveraͤne Garantie geblieben, welche die condi- tio sine qua non alles Besitzstandes ist? wo das Gefuͤhl gemeinschaftlicher Unabhaͤngigkeit, wel- ches allem Eigenthum erst Reitz und Leben giebt? wo die unendliche Aussicht auf die Zukunft und auf Erweiterung, die mehr werth ist, als das dermalige Innehaben, Festhalten und Einschlie- ßen? — Darum durfte ich, als ich uͤber den Staat oͤffentlich zu reden unternahm, es nicht dabei be- wenden lassen, zu zeigen, wie Dieses und Jenes nach gewissen natuͤrlichen Gesetzen des Neben- einander-Lebens der Menschen Rechtens sey, und Derjenige ein Verraͤther und Frevler, wel- cher sich solchen Rechtsbegriffen nicht unterwerfe, oder gar ihnen trotze: — ich durfte mich nicht begnuͤgen, Ihnen ein bloßes idealisches Recht vorzuhalten, wozu erst ein aͤußerer Arm des Zwanges, eine weltliche Ausuͤbung, hinzukommen muͤsse, damit es auch wirkliches Recht sey, son- dern mein Problem war, Ihnen ein Gesetz, oder eine Form des Rechtes zu zeigen, die sich durch sich selbst verbuͤrge und garantire. Ich habe es gezeigt. Wenn sich nur der ganze Mensch dem Staate, wenn er nicht etwa bloß seinen weltli- chen Besitz demselben uͤbergeben will; ferner, wenn er nicht etwa bloß augenblickliches physisches und geistiges Wohl, sondern das Leben und Wohl- seyn der ganzen unsterblichen Familie, deren ver- gaͤngliches Glied er ist, beabsichtigt; wenn er das Gefuͤhl seiner Unabhaͤngigkeit und des unendlichen Zusammenhanges mit den vergangenen, gegenwaͤr- tigen und zukuͤnftigen Gliedern dieser Staats- familie allen andern, halben und weichlichen Ge- fuͤhlen des Augenblickes vorzieht —: dann ga- rantirt er selbst das Gesetz, von dem er die Ga- rantie aller seiner Verhaͤltnisse und Besitzthuͤmer erwartet. Diese Hingebung, welche sich uͤber die Schranken des engen menschlichen Lebens, das mit allen seinen augenblicklichen Reitzen oft daran ge- setzt seyn will an das Leben der Staatsverbin- dung, weit hinaus erstreckt, ist die Bedingung alles Rechtes: sie hilft das Recht mehr und mchr herbeifuͤhren, und deshalb genießt sie auch eigent- lich seine Segnungen mehr und mehr. Nach den Ansichten unsrer Zeit halten sich mehrere einzelne Menschen, und bezahlen, ihre Beamten und ihre Regierung und ihre Armem, wie man sich, des Schutzes halber, auf seinem Grundstuͤcke einen Waͤchter haͤlt; eine gewisse Summe aufgehaͤufter, physischer Kraͤfte, glaubt man, sey zu diesem Schutze hinreichend. Wie kann man von diesen Kraͤften eine groͤßere Wirkung er- warten, als die, welche sie als Masse oder als Verstandes-Maschine zu leisten im Stande sind! Und dennoch, wenn solche Masse der groͤßeren Masse, und solche Verstandes-Maschine der besse- ren Verstandes-Maschine weicht, und der ganze vermeintliche Staat aus einander faͤllt, so ist un- ter allen den einzelnen sogenannten Buͤrgern nie- mand so schlecht, so schwach oder so unverstaͤn- dig, daß er nicht alle Schuld von sich abzuwaͤl- zen und auf den großen Waͤchter zu schieben wuͤßte. — Wir sehen das Recht an, wie eine Sache, die Ein- fuͤr allemal schon da sey, die, wie alle Maschinen, fortdauernder Verbesserung und Reparatur, demnach auch gewisser Unter- haltungskosten, beduͤrfe, die aber von selbst, und ohne weitere Zuthat des Herzens oder des Ge- muͤthes, schon fortlaufe, wenn man nur fuͤr die gehörige bewegende Kraft sorge, deren, wie des Feuers, des Wassers, der Gewichte jede andre Moschine, so auch der Staat zu seiner Reali- sation beduͤrfe. Die Ursache ist, daß man sich unter den Raͤdern der Maschine immer nur die Sachen denkt, die man dem Staat uͤbergeben und von dem Staat assecuriren lassen will, Be- sitzthuͤmer, Geld; daß nur Wenige sich selbst und ihr ganzes Daseyn hergeben wollen, damit es thaͤtig, unaufhoͤrlich und mit wahrer Aufopfe- rung eingreife. — Langweilig und pedantisch findet man, gegen die bunten, schlaffen Conversationen des vielwis- senden, kunstliebenden Continents, die Privat-Un- terhaltungen der Britten, die unermuͤdet immer wieder auf die Sache des Vaterlandes zuruͤckka- men. Das ist die gesetzerzeugende Hingebung an das Ganze und an das ewige Interesse des Staa- tes, welche diese gluͤckliche Insel durch die furcht- barsten Krisen dieses Jahrhunderts gluͤcklich hin- durch gefuͤhrt hat, deren kleinste schon hinreichen wuͤrde, einen Continental-Staat uͤber den Hau- fen zu werfen. Das erhebt England zum ersten aller christlichen Staaten; denn die Gegen- seitigkeit, die ewige Wechselwirkung zwischen der Freiheit und dem wahren Gesetze, die Hinge- bung des Einzelnen an das Ganze auf Leben und Tod, ist durch das Christenthum, und durch keine andre Fuͤgung der Umstaͤnde, in die Welt gekommen. — Die Lehnsverfassung, in die sich dieser, in den alten Verfassungen nirgends, wenigstens an kei- ner Stelle so vollstaͤndig, ausgedruͤckte Geist der Gegenseitigkeit, zuerst roh, aber klar, dem Roͤ- mischen Rechte gegenuͤber, aͤußerte, ward bekannt- lich um das Jahr 1066 durch Wilhelm von der Normandie, den Eroberer von England, auf diese Insel uͤbertragen; und sie bildet eigentlich die Grundlage der vielgeruͤhmten Brittischen Ver- fassung. Erst nachdem durch den Lauf von bei- nahe zwei Jahrhunderten der Geist dieser Lehms- verfassung, — d. h. die darin waltende Re- gel der Gegenseitigkeit, der Persoͤnlichkeit, der Hingebung, des Gehorsams und des Krieges — auf eine unzerstoͤrbare Weise Wurzel gefaßt hat- te: erst da wurde es dem saͤchlichen Interesse oder dem strengen Privat-Eigenthume gestattet, in die Gesetzgebung einzugreifen. Es war um das Jahr 1264, als die ersten Deputirten der Staͤdte oder der Buͤrgerschaft in die Parliamente zugelassen wurden. Unter vielfaͤltigen Actionen und Reactionen von beiden Seiten fuͤgten sich und verschraͤnkten sic h beide ganz entgegengesetzte Interesses so in einander, daß sich im gegenwaͤrtigen Augenblicke schwer ausmachen laͤßt, ob wegen der Dauer und des innigen persoͤnlichen Zusammenhanges des Ganzen der Geist des Lehnsrechtes , oder ob wegen der Beweglichkeit des Handels und der Industrie der Geist des strengen Sachen- und Eigenthumsrechtes in der Brittischen Verfassung die Oberhand habe. Auf den ersten Blick sollte es scheinen, als muͤsse die Lage Englands in den letzten zwanzig Jahren die Verhaͤltnisse geaͤndert haben: der Welthandel und eine ungeheure Erweiterung der Industrie ist England aufgedrungen worden; und dennoch hat der Geist des strengen Eigenthumsrechtes uͤber den Geist des Lehnsrechtes nicht Herr wer- den koͤnnen: sie halten einander das Gleichge- wicht; denn die Gesetze uͤber das strenge Privat- Eigenthum sind 1) durchaus local, auf Brittischem Boden entstanden, und 2) seit einem halben Jahrtausend bereits mit den fruͤheren Lehnsge- setzen so innig verwachsen, daß von den Aeußer- lichkeiten der Lehnsverhaͤltnisse wenige Spuren mehr uͤbrig sind, dafuͤr aber der Geist derselben die ganze Gesetzgebung getraͤnkt und durchdrun- gen hat. Gegen nichts hat sich der Brittische Geist so gestraͤubt, wie gegen die Einfuͤhrung irgend eires fremden, besonders des Roͤmischen, Privatrechtes. Jedermann erinnert sich aus dem Beispiele des Oberrichters Lord Mansfield, daß diesem großen, unbescholtenen Manne seine Vorliebe fuͤr Cita- tionen des Roͤmischen Rechtes nie verziehen wor- den ist. — In einem organischen Staate werden noth- wendig beide Geschlechter von Gesetzen neben ein- ander Statt finden und vereinigt, ich moͤchte sagen vermaͤhlt , werden muͤssen: Ackerbau, Grundeigenthum und Krieg werden unaufhoͤrlich den Lehnsverhaͤltnissen das Wort reden; Indu- strie, Handel, das bewegliche Vermoͤgen und der Friede den strengen Eigenthumsverhaͤltnissen. Einerseits freilich wird der Handel und die Industrie durch jeden moͤglichen Lehns-Nexus, durch die wahre Adelsverfassung, durch Majo- rate, Fideicommisse und Unveraͤußerlichkeitsge- setze scheinbar gehemmt; die Nation scheint durch solche Beschraͤnkungen an ihrem reinen Einkom- men viel zu verlieren. Da nun aber in der feu- dalistischen Verfassung der wahre, und in unsern Continental-Staaten, leider! viel zu sehr uͤberse- hene, Gedanke zum Grunde liegt, daß der Staat ohne Krieg, d. h. ohne ein bestaͤndiges Reagiren auf andre Staaten, nicht zu gedenken sey: so wird aller der scheinbare Nachtheil der Lehnsver- fassung wieder aufgehoben durch den kriegerischen Ton oder Zusatz, den sie allen Friedens-Institu- tionen giebt. — Die Gesetze und der Reichthum erhalten durch den feudalistischen Geist jene innere Garantie, von der oben die Rede war, ohne die Gesetze sowohl als Reichthum nichts werth sind, und die, wenn sie gleich nicht in bestimmten Zah- len oder Procenten ausgedruͤckt werden kann, dennoch bei einer wahren Veranschlagung des reinen Einkommens nicht uͤbersehen werden darf. Andrerseits wird das Lehnsrecht und der Krieg durch das strengere Privat-Eigenthum und die unvermeidliche Ruͤcksicht darauf, wieder in sei- nen Operationen scheinbar gehemmt, aber den- noch, wie durch jede wahre und nicht widerspre- chende Gegenkraft, befluͤgelt. Das strenge Pri- vat-Eigenthum und das davon abhangende Geld- Interesse giebt dem Kriege erst seine wahre Leich- tigkeit und Beweglichkeit. Es ist ewig wahr: mur das Verschwinden des Lehnsgeistes aus der Brittischen Verfassung kann dieser Nation ihren Untergang herbeifuͤhren; und in dieser Hinsicht muß man freilich gestehen, daß das Oberhaus, welches die Lehnsverhaͤltnisse und das Grundei- genthum repraͤsentirt, wie das Unterhaus das strenge Privat-Eigenthum und das Geld-In- teresse, in den letzteren Zeiten eine viel zu fried- liche Gestalt angenommen haben. William Pitt war waͤhrend seines glorreichen Ministeriums be- kanntlich genoͤthigt, gegen hundert neue Peers zu ereiren. Ein betraͤchtlicher Theil des Geld- Interesse ist demnach in das Lehns-Interesse hin- uͤber getragen, und das ganze Verhaͤltniß beider Haͤuser wesentlich veraͤndert worden. Indeß, so lange unter dem Volke im Allgemeinen der Geist des feudalistischen Gehorsams und der Geist der feudalistischen Freiheit die Oberhand be- haͤlt, ist dennoch keine wesentliche Veraͤnderung zu befuͤrchten. — Man hat in neueren Zeiten in Deutschland, und vorzuͤglich auf Veranlassung der Franzoͤsischen Revolution, die Europaͤische Staatengeschichte so dargestellt, als sey die Ausbildung des so ge- nannten dritten Standes ihr Haupt-Object. Spittler, damals in Goͤttingen, war es, welcher der Staatengeschichte vornehmlich diese Richtung gab. Es bedarf, nach allem bisher Gesagten, kei- ner weiteren Auseinandersetzung, daß Ausbildung des tiers-état im Wesen nichts anderes heißt, als Ausbildung des strengen Privat-Eigenthums- rechtes, dem Lehns- und dem Kirchenrechte, oder dem unvollstaͤndigen Familien- und dem corpora- tiven Eigenthums-Rechte gegenüber. Der Han- del war es, welcher Gesetz ü ber das strenge Privat-Eigenthum, also gewisse, von den feu- dalistischen und kanonischen Rechten wesentlich verschiedene, Rechte der Buͤrger oder der Per- sonen auf Sachen, oder der Personen auf Per- sonen, mit Ruͤcksicht auf Sachen, nothwendig machte. In England hat sich diese unvermeid- liche Ausbildung des dritten Standes auf ganz nationale Weise und, wie schon gezeigt worden ist, ohne alle Beihuͤlfe eines auslaͤndischen, aͤlte- ren Privat-Rechtes von selbst gemacht; auf dem Continent von Europa hat das Roͤmische Recht im Laufe der Zeiten den dritten Stand nicht bloß ausbilden helfen, sondern ihn feindselig den beiden andern Staͤnden und dem Feudalismus gegenuͤber gestellt. Zwischen dem Roͤmischen Recht und seiner Praͤtension auf eine gewisse Verstandes-Univer- salitaͤt, und dem Lehns- und Kirchenrecht ist ein ewiger, nie zu loͤsender, Widerspruch. Alle Theile des Roͤmischen Rechtes streben unverkennbar auf Auseinandersetzung aller Besitzthuͤmer, auf Dis- membration Dessen, was, nach modernen, christ- lichen Ansichten, das eigentliche Wesen des Ge- mein-Interesse ausmacht. Das Lehnsrecht ver- langt fuͤr den Nießbrauch des Bodens eigentli- ches Hingeben Opfern der Persoͤnlichkeit an die gemeinschaf Sache; und das ist der eigent- liche Sinn feudalistischer Dienste . Das Roͤmi- sche Recht hingegen kennt, heidnischer Weise, nur ein Hingeben und Opfern von Sachen an eine wirkliche Zwangsgewalt, d. h. buͤrgerlichen Tri- but . Die persoͤnliche Hingebung des Einzelnen an das Ganze ward erst moͤglich, nachdem durch das innerlich lebendige christliche Gesetz das Ver- haͤltniß des Menschen zur Menschheit rein in seiner wahren unendlichen Gegenseitigkeit aufge- stellt und mit dem schoͤnsten Tode, d. h. mit eig- ner vollstaͤndigster Hingebung, besiegelt; nachdem die absoluten Schranken, die unuͤbersteiglichen Mauern zwischen den Nationen umgestuͤrzt und die Hinfaͤlligkeit und Zwecklosigkeit aller bloß irdischen Groͤße und Autoritaͤt, aller menschlichen Satzung gezeigt worden war; nachdem nun wor allen Voͤlkern ein lebendiger, suveraͤner Gedamke aufgestellt worden, vor dem, aber vor keinem geringeren Gesetz, Alle gleich galten. Es bedarf keines weiteren Beweises, daß Voͤlkern, welche von dieser einfachen und doch so erhabenen Lehre durchdrungen waren, ihr gam- zes Verhaͤltniß zu einander und zu allen Besitz- thuͤmern des Lebens in einem neuen Lichte erschei- nen mußte. Aller Besitz mußte viel von der un- bedingten Wichtigkeit verlieren, welche die letzten Roͤmer ihm, der weltlichen Autoritaͤt halber, beigelegt hatten: den Westgothen, Franken, Longobarden und Normaͤnnern mußte die per- soͤnliche Vereinigung vor Gott, oder einem le- bendigen Gesetze, viel wichtiger erscheinen, als der Roͤmische, persoͤnliche Verkehr um des Be- sitzes, um des strengen Privat-Eigenthums wil- len. Der nothwendige Nießbrauch von Grund und Boden, den sie der unnachlassenden Gnade eines unsichtbaren Suͤzeraͤns, lebendigen Gesetzes oder Gottes verdankten, konnte durch nichts an- deres erwiedert werden, als durch permanenten Kriegesdienst, durch bestaͤndig wachsame Bereit- schaft, die ganze Persoͤnlichkeit fuͤr die Sache des unsichtbaren Suͤzeraͤns hinzugeben. — Das ist die wahre Lage der Sachen. Welche fruchtlose Muͤhe hat sich die Historie gegeben, die Qualitaͤt des weltlichen sichtbaren Suͤzeraͤns, mit der unvollkommenen weltlichen Macht und Suveraͤnetaͤt desselben zu vereinigen! Ihr blieb nichts anderes uͤbrig, da sie eigentlich die vollkommene weltliche Suveraͤnetaͤt als ein- ziges Band der Staaten und alleinige Garantie des Rechtes anerkannte, als das unbegriffne Lehnsrecht in Pausch und Bogen zu verdammen und demnach die Ausbildung der weltlichen, Roͤ- mischen Suveraͤnetaͤt und Autoritaͤt, und des damit enge verbundene tiers-état oder strengen Roͤmischen Privat-Eigenthums, d. h. die unbe- dingte Ruͤckkehr in das Roͤmische Geleise, fuͤr das alleinige Problem aller modernen Europaͤ- schen Staaten zu halten! So ergriff denn der Roͤmische Mechanismus, oder der Roͤmische Tod, alle Staatswissenschaften, und gegen das Ende des achtzehnten Jahrhun- derts alle Gesetzgebung. Roͤmische Grundsaͤtze sollten das Unheil wieder gut machen, das Roͤ- mische Begriffe, Roͤmische Gesetze, Roͤmische Weltansichten und Roͤmisches Privat-Eigenthum gestiftet hatten. Die erhabenen Ideen „persoͤnli- cher Dienst, Suͤzeraͤnetaͤt und Lehn“ mußten uͤber- all den Begriffen „Geldabgabe, weltliche Suve- raͤnetaͤt oder Zwangsgewalt, und strenger Besitz“ wieder weichen; was nicht dem Calcul und der Wagschale unterworfen werden konnte, mußte aus der Staatsverbindung heraus. Mit der Religion mußte nothwendig alles Verstaͤndniß und alles Gefuͤhl dieser Lehnsgesetze verschwinden; das Lehn, das Verliehene, wurde entbloͤßt von dem Geiste der Freiheit, der Gegenseitigkeit und des wuͤrdigen Gehorsams, der Anfangs davon unzertrennlich war: es war in den Haͤnden der roma- romanisirten Nießbraucher nichts mehr als ein Instrument weltlicher Autoritaͤt, und so hemm- ten die alten Majorats- und fideicommissari- schen Gesetze und der Lehns-Nexus das unbe- dingte Streben dieser Nießbraucher. Auf solche Art erhielt die Roͤmisch-Franzoͤ- sische Revolution, die lange vor ihrem wirklichen Ausbruche die Europaͤischen Continental-Staa- ten schon innerlich zernagte, ihre gefaͤhrlichsten Partheigaͤnger: der Europaͤische Adel selbst schlug sich groͤßten Theils auf ihre Seite; und so konnte sie dem allgemeinen Ruin des buͤrgerlichen Lebens nichts mehr entgegensetzen. Roͤmisches strenges Privat-Eigenthum und Europaͤisches durch Lehnsrecht, persoͤnliches und lebendiges, goͤttliches Gesetz gemaͤßigtes und ba- lancirtes Privat-Eigenthum, Roͤmisches Buͤr- gerwesen und Europaͤischer tiers-état sind zwei durchaus verschiedene, einander abstoßende und ausschließende Wesen. Roͤmischer tiers-état ist der, von dem der Abbé Sieyes in seiner Schrift: Qu’est ce que c’est le tiers-état? spricht, und von dem er sagt, daß er alles sey, und dessen Geist auf dem Continent von Europa nur zu sehr um sich gegriffen hat: das ist der tiers-état , der, anstatt aller Staatsvereinigung und anstatt alles Rechtes, nichts weiter verlangt, als eine große, Müllers Elemente. II. [7] consequente und scharfsinnig angeordnete Polizei, und eine weltliche suveraͤne Zwangsgewalt. Wo er ausschließend und privativ, wie im Privat- Eigenthum, so in allen Stuͤcken, um sich greift — da entweichen aus dem Staatsverein Leben, Recht, Gleichgewicht und Freiheit; der Suveraͤn wird zu einer legislativen und administrativen Ma- schine, zu einem obersten Polizei-Chef. Er ist es, der uͤberall seinen unversoͤhnlichen Gegner, den sogenannten Feudalismus, aufspuͤrt, verfolgt, und ihn auch vernichten wuͤrde, wenn die christ- liche Gesetzgebung, die das Lehnsrecht erzeugen und ausbilden half, nicht uͤber allen Angriff er- haben bliebe, sollte auch eine ganze Generation zu ihrem eignen Verderben ihren hohen Geist verkennen. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Der wahre tiers-état ist und will nichts an- deres seyn, als der dritte Stand, im Gleichge- wicht neben den beiden andern Staͤnden; das individuelle Europaͤische Privat-Eigenthum wird garantirt und balancirt, und ist verflochten und verwachsen in das Familien- und Lehns-Eigen- thum. England ist ein erhebendes Beispiel, wie der feudalistische Geist, weit entfernt der ewigen Erweiterung des Reichthums zu schaden, ihn vielmehr beleben, befruchten und sichern hilft. Vergleichen Sie den vermeintlich allmaͤchti- gen, Roͤmischen, aber verarmten tiers-état des Continents von Europa, mit dem weise balan- cirten und beschraͤnkten, aber bluͤhenden tiers-état von England. Ein recht großes Handelshaus wird sein Capital ebenfalls nicht anders, denn als ein Lehn betrachten. — So ist, frei von allen Entstellungen blinder Partheiwuth, der wahre Geist des Lehnsrechtes. Wenn man es im Ganzen und Großen und in seiner Einwirkung auf die Weltgeschichte betrach- tet, so wird man darin vor allen andern Gesetz- gebungen ein schoͤnes Gleichgewicht der Herr- schaft und des Gehorsams, eine unvergleichliche und unaufhoͤrliche Wechselwirkung zwischen der Freiheit und der Autoritaͤt finden, die aus kei- ner andern Quelle herzuleiten ist, als aus dem natuͤrlichen Einfluß christlicher Ideen auf die Ge- muͤther jugendlicher, freiheitsliebender Voͤlker. Funfzehnte Vorlesung. Von dem Verhaͤltnisse der kirchlichen Gesetzgebung zu der weltlichen. W enige Charaktere der neueren Geschichte koͤn- nen dem, als Staatsmann, Feldherrn und Bischof gleich großen, Cardinal-Erzbischof von Toledo, Ximenez, an die Seite gesetzt werden. Seine folgenreichen Unternehmungen in Spanien und Afrika sind bekannt; da wir indeß heute von dem gesetzlichen Verhaͤltnisse der Geistlichkeit zum Staate und zum Eigenthume zu reden haben, so beduͤrfen wir seines Beispiels. Unter der Disposition uͤber unermeßliche Revenuͤen, die seine geistlichen Aemter ihm abwarfen, lebte er wie der aͤrmste Moͤnch seines Landes, begnuͤgte sich mit einfachen Speisen, mit seinem haͤrenen Gewande, und wies alle Bequemlichkeiten des Lebens mit unerschuͤtterlicher Enthaltsamkeit bis an seinen Tod von sich. Keine Absicht, den großen Haufen durch diese Erhabenheit uͤber die Reitzungen des Irdischen zu blenden, keine welt- liche Politik, die unser auf den Dienst gemeiner Zwecke gerichtetes und angewiesenes Zeitalter großarti g en Handlungsweisen unterzulegen pflegt, lag bei diesem Betragen zum Grunde; in diesem Falle spricht die Geschichte zu laut, und sind die Lebenszwecke des Cardinals zu unverkenn- bar. — Ungeheure Mißbraͤuche hatten sich in dem Dienst der Kirche eingeschlichen; dies darf man wohl, ohne ihrer Hoheit etwas zu vergeben, ein- gestehen, da das Tridentinische Concilium selbst sie eingestanden hat. Zwischen dem weltlichen Betragen der Geistlichkeit, und ihrer geistigen Bestimmung war ein schreiendes Mißverhaͤltniß. Der katholische Glaube stand unangefochten, wie er noch jetzt steht; aber die Idee von der Herr- schaft, welche die Stellvertreter dieses Glaubens hatten, und von ihrem geistigen Einflusse auf das buͤrgerliche Leben, war allmaͤhlich zum Be- griff herab gesunken; das Regiment der Kirche war verderbt. Gegen das Ende solcher großen Institute hin pflegt die alte Idee derselben vor dem Verloͤschen noch einmal in einzelnen Charakteren wieder aufzu- flammen: so der Geist der Roͤmischen Freiheit in Tacitus, so der Geist des kirchlichen Regi- ments in Europa in dem Cardinal Ximenez. Die kirchliche Herrschaft stand allenthalben, welt- lich gesinnt, nach Besitz und weltlicher Macht strebend, neben dem Glauben, neben der Idee, anstatt eins mit ihr zu seyn, wie es im Cardi- nal Ximenez der Fall war. Bei freier Disposition uͤber alle weltliche Mit- tel des Lebensgenusses, um der Idee willen, die Entbehrung zu waͤhlen, wie Ximenez, das ist, — ich appellire an jedes Gefuͤhl — die erhaben- ste Gestalt, in der die Geistlichkeit sich denken laͤßt. Ein wirkliches gesetzliches Entbehren, eine nothwendige Armuth, kann von der religioͤsen Stimmung des Gesetzgebers ein Zeugniß able- gen; aber der unmittelbare Eindruk freier Erha- benheit uͤber die Reitzungen des Augenblicks, und freier Ergebung an das Ewige oder die Idee, wird nicht in dem Maße erfolgen, als wenn der Geistlichkeit weltliche Guͤter verstattet wer- den und eine geistige Sitte eine strenge und un- bestechliche Lebensform von selbst herbei fuͤhrt. — Alle Buͤrger eines Staates sollen, wie ich gezeigt habe, Repraͤsentanten der Idee des Gan- zen oder des unsterblichen Gemeinwesens seyn; aber so wenig dieser echt-buͤrgerliche Geist da- durch geweckt werden moͤchte, daß Armuth und Entbehrung gesetzlich verordnet wuͤrden: eben so wenig wird ein wahrer geistlicher Stand, als ganz besondrer Repraͤsentant der Idee der Mensch- heit oder des Christenthums, dadurch gebildet werden daß man den Individuen desselben allen weltlichen Verkehr unbedingt untersagt, und sie zu absoluter Armuth und weltlicher Ohnmacht verdammt. Demnach ist gegen die reiche Dotirung der Geistlichkeit, und auch gegen ihren bestaͤndigen Machteinfluß, aus wahren Gesichtspunkten nichts einzuwenden. Sie muͤssen besitzen, damit sie freie Entbehrung und Hingebung an die Idee zeigen koͤnnen: Eigenthum und Macht beduͤrfen sie, damit sie das nationale und individuelle Le- ben mit seinen Beduͤrfnissen und Sorgen, wel- ches sie mit der ewigen Idee zu versoͤhnen und in Harmonie zu bringen haben, kennen; denn sie sollen nicht an einen abgezogenen Begriff von Gott, vom Recht oder von der Tugend angeket- tet werden, sondern sie sollen das wirkliche Le- ben mit dem goͤttlichen Gedanken in Einklang bringen, das heißt, mit besondrer Beziehung auf den Frieden der Fuͤnf-Reiche, oder das Euro- paͤische Voͤlkerrecht: sie sollen das Band seyn zwischen der besondren Form jeder Europaͤischen Nation und der allgemeinen Form der Christen- heit, oder dem lebendigen Gleichgewicht. — Wer durch Studium und natuͤrliche Anlage den wahren historischen Blick fuͤr solche Unter- suchungen erlangt hat, wird diese Ansicht von der wahren Natur christlicher Geistlichkeit gerecht- fertigt finden. Diesen Charakter der Vermitte- lung zwischen den nationalen und allgemeinen, zwischen den vergaͤnglichen politischen und den ewigen religioͤsen Formen des buͤrgerlichen Le- bens hat die Geistlichkeit, unter allen Mißbraͤu- chen, bis in das funfzehnte Jahrhundert behaup- ret; darum war die oberste weltliche Autoritaͤt, nach den Ansichten aller Zeiten, das Concilium, eine aus den Geistlichen aller Nationen zusam- mengesetzte oder doch von ihnen bevollmaͤchtigte Versammlung. — So nun steht die Geistlichkeit als erster Stand uͤber den beiden andern Staͤnden, oder sie ist das vermittelnde Glied zwischen ihnen beiden. Ich habe neulich gezeigt, daß aus einer bestaͤn- digen Wechselwirkung zwischen dem Adel und der Buͤrgerschaft, oder zwischen dem Lehnsrecht und dem (nicht Roͤmischen, sondern Europaͤischen) strengeren Eigenthumsrecht eine wahre lebendige und nationale Gesetzgebung, wie die Brittische, hervorgeht. Die Geistlichkeit, welche das christ- liche oder allgemeine menschliche Element aller Verfassungen repraͤsentiren sollte, wuͤrde nun in einer wahren Ordnung der Dinge die nationale und staatsrechtliche Form der einzelnen Europaͤi- schen Gesetzgebungen mit der allgemeinen oder voͤlkerrechtlichen der ganzen Christenheit in Ver- bindung und Einklang zu bringen haben; sie wuͤrde, wenn der Adel das kriegerische, und die Buͤrgerschaft das friedliche Element der Verfassungen darstellte, das hoͤhere, zwischen die- sen beiden Elementen und zwischen den Staaten vermittelnde, echt-diplomatische apostolische Element bilden, und so die eigentliche Gewaͤhr- leisterin des Voͤlkerrechtes oder des lebendigen Gleichgewichtes seyn. Dem zu Folge muͤßte ihr, um ihrer wirklichen Existenz willen, auch welt- liche Macht und weltliches Vermoͤgen beigelegt werden; es wuͤrden also im Staate drei wesent- lich verschiedene Eigenthums-Zustaͤnde Statt fin- den: Privat-Eigenthum als Basis der buͤrger- lichen Gesetze; Familien-Eigenthum als Basis der adeligen oder Lehns-Gesetze; und corpora- tives Eigenthum, als Basis der kanonischen Ge- setze; und, in so fern auf eine wirkliche Herr- schaft der Idee des Gemeinwesens zu rechnen waͤre, wuͤrde dieses corporative Eigenthum das zweckmaͤßigste Mittelglied auch in oͤkonomischer Hinsicht bilden, um die verderblichen Reibungen zwischen den beiden andern Staͤnden zu verhuͤ- ten und um gefaͤhrliche Ungleichheiten auszu- gleichen. Die Geistlichkeit haͤtte die große Be- stimmung, 1) die Staaten unter einander zu verknuͤpfen; 2) in den einzelnen Staaten das un- scheinbarste und aͤrmste Leben unaufhoͤrlich wie- der an die Gesellschaft und ihren hoͤchsten Gip- fel anzureihen, alle ausschweifende Groͤße durch die Macht der Idee wieder in die gerechte Bahn zuruͤckzufuͤhren und endlich den Geist einer ge- wissen sittlichen Gleichheit und christlichen Gegen- seitigkeit in allen buͤrgerlichen Verhaͤltnissen auf- recht zu erhalten. — So viel ist gewiß: soll die Geistlichkeit als wahrer erster Stand dem Staate dienen; soll sie nicht bloß eine unsichtbare Polizei (wie nach neueren sogenannten katholischen Ansichten), oder ein undisciplinirtes Heer oͤkonomischer, medici- nischer, juristischer und moralischer Noth- und Huͤlfs-Freunde (wie nach neueren sogenannten protestantischen Ansichten), vorstellen: so muß sie reich dotirt, uͤber alle kleinen, nichtswuͤrdigen Sorgen des Lebens erhoben, zu freier Entbeh- rung und freier Mittheilung irdischer Guͤter in Stand gesetzt und auch mit hinreichender Macht versehen seyn, um in die wankende Schale ir- gend eines unterdruͤckten, aber nothwendigen Ele- mentes des Staates ein wirkliches Gewicht hin- einwerfen, um sowohl dem Volke als dem Su- veraͤn, um sowohl dem Adel als der Buͤrger- schaft — wie wir das alles im Mittelalter, un- ter den abscheulichsten Mißbraͤuchen der geistli- chen Macht, mit wirklicher Gerechtigkeit haben ausuͤben sehen — beispringen zu koͤnnen. Einen solchen vermittelnden, apostolischen Stand kann es im Staate und zum großen Heile des Staates geben: ihn zu entbehren , ist ein unendlicher Verlust, wie wir es alle an den schroffen und schneidenden Entgegensetzungen und der inneren Ungelenkigkeit unsrer Staaten sehen. Die Freimaurerei und vielerlei geheime Verbin- dungen haben den Zweck gehabt, ihn zu ersetzen, welches aber nirgends erreicht worden ist; indeß muß man von der andern Seite gestehen, daß, wie seine Bestimmung zaͤrtlich und geistig, so seine, wie aller wahrhaft schoͤnen buͤrgerlichen Einrichtungen, wirkliche Existenz den empoͤ- rendsten Mißbraͤuchen ausgesetzt ist. — Die ge- meine Politik wuͤrde diese Alternative fuͤr sich betrachten und die mit dem Daseyn sowohl, als mit der Abwesenheit eines geistlichen Standes verknuͤpften Unbequemlichkeiten herzaͤhlen, und entweder selbst ihr arithmetisches Resultat dar- aus ziehen, oder es einem kuͤnftigen, genauer cal- culirenden Zeitalter uͤberlassen, die Rechnung ab- zuschließen. — Aber, aus unserem Standpunkte angesehen, ist es gar nicht eine Frage der ge- meinen Politik; vielmehr ist das Bestehen oder die wahre geistige Wiederherstellung dieses Stan- des die Bedingung fuͤr die Existenz Europaͤischer Staaten. Die Wesentlichkeiten derselben hat man nie eingesehen; sonst wuͤrde man nicht in den tollen Wahn verfallen seyn, als koͤnne man der Bedingung aller Europaͤischen Staats- verfassung, nehmlich der Standesunterschiede, entbehren, und dennoch das Beiwesen dieser Ver- fassungen, und die ihnen nachher untergelegten Nebenzwecke, als da sind gemeine persoͤnliche Sicherheit, und Fortschritte in der Industrie und den Kuͤnsten, erhalten. Diese, die Folgen von jenem gluͤcklichen Balanciren der Staͤnde, werden jetzt zu den Hauptzwecken des Staates gemacht; also ist es klar, daß, in so fern solche Staatsansichten wirklich um sich gegriffen haben, die Europaͤischen Staaten schon aus ihren An- geln gehoben, daß ihnen durch eine verderbte und unverstaͤndige Wissenschaft Verfassungen, Le- benszwecke und Einrichtungen aufgedrungen sind, die ihrer Erziehung, Natur und urspruͤnglichen Form durchaus widersprechen, also nur dazu dienen koͤnnen, sie zu zerstoͤren. Als die kirchliche Reformation ausbrach, war in den Augen der einzelnen Geistlichen die Idee der allgemeinen Kirche und ihres geistigen Regi- ments zu einem kalten Begriff herab gesunken. Der Buchstabe, der mit dem Geiste in inniger Verbindung und Wechselwirkung leben soll, hatte diesen unterdruͤckt; um sie in sichtbarer Gestalt, in ungeheuren Steinmassen an’s Licht treten zu lassen, wurde das unsichtbare Band, wenn es auch keinesweges die alte Kraft verloren hatte, dennoch auf’s Spiel gesetzt. Nicht ohne Bedeu- tung wurde gerade der Bau von St. Peter die unmittelbare Veranlassung zu der Spaltung der Kirche. — Die Wiederbelebung der zu allem Heil Europaͤischer Staaten unentbehrlichen Idee von der geistigen Verbindung der Christenheit, war das Problem, welches dem sechzehnten Jahrhun- dert dargeboten wurde. Anstatt aber die Idee der Kirche und ihres Regiments, wie sie sich in dem Laufe des ganzen vorangegangenen Jahrtausends in der Bewegung ausdruͤckte, aufzufassen, schritt man zu dem gewoͤhnlichen Extreme: man ver- wechselte das Gemißbrauchte mit dem Mißbrauch, das Entweihete mit der Entweihung; man ver- warf die weltliche Macht und den weltlichen Einfluß der Geistlichkeit und ihr politisches Da- seyn als Stand ganz und gar; man zog den geistlichen Beruf von dem geistlichen Stande durch eine Art von Destillation ab; man trat aus aller wirklichen Gemeinschaft mit der Kirche als Corpo- ration heraus; man unternahm es, sich unmittel- bar an die irdische Persoͤnlichkeit Christi zu wen- den, privatim und ohne Vermittelung der dazwi- schen liegenden, erklaͤrenden Jahrtausende; man verlaͤugnete alle geistige Gemeinschaft mit den Vorfahren; kurz — und darin liegt der von al- len klugen Lobrednern der Reformation uͤbersehe- ne Irrthum — man nahm der Religion ih- ren oͤffentlichen Charakter, ihre staats- und voͤlker-rechtliche Bedeutung, und machte sie zu einer ausschließend haͤus- lichen Privatangelegenheit . Das Verfah- ren war in genauem Zusammenhange mit der anderweitigen Wendung, die der Geist der Zei- ten genommen und die in den folgenden Jahr- hunderten in allen Verhaͤltnissen des Lebens im- mer sichtbarer geworden. Das wieder erwachte alte Rom, der Handel, und die Entdeckung der Indien befoͤrderten das Isoliren der Privat-Inte- resses und des Privat-Eigenthums, wie die Er- findung der Buchdruckerkunst die privative Be- lehrung des Geistes, und die abgesonderte, indi- viduelle, unnationale Ausbildung des Herzens. Die Religion trat aus dem Staate heraus, und wurde nachher von den Regierungen freilich an- gerathen, empfohlen, beschuͤtzt, tolerirt, aber — wie aus allen diesen verschiedenen Ausdruͤcken hervorleuchtet — als ein die Ordnung befoͤrdern- des, den Gesetzen nachhelfendes Erziehungsmit- tel, nur unmaßgeblich unter vielen andern Cul- tur-Anstalten herbeigebracht, damit alles dem oͤf- fentlichen Wohle Ersprießliche vorraͤthig sey. Dennoch existirt auch in denen Laͤndern, deren geistiger Verband durch die Ungebundenheit und den privativen Charakter des absoluten Prote- stantismus am meisten aufgeloͤs’t ist, eine Art von unzerstoͤrbarer Sage, daß oͤffentliche reli- gioͤse Institute unentbehrlich seyen. Die Gebil- deten schmeicheln ihrem Verstande, indem sie diese Unentbehrlichkeit mit der Bildungslosigkeit der niedern Staͤnde motiviren und, recht heidni- scher Weise, die Furcht vor unsichtbaren Maͤch- ten zu einem politischen Hebel gebrauchen wollen. Dessen ungeachtet erklaͤren diese Gruͤnde den dumpfen, instinctartigen Respect vor der Religion nicht: die Kirchen eines protestantischen Landes muͤßten einmal alle zerstoͤrt oder geschlossen und der Sonntag aufgehoben werden, so wuͤrden die Gebildeten fuͤhlen, daß eine große, ihnen selbst jetzt unbewußte Hoffnung aus ihrer Seele ver- schwaͤnde; sie wuͤrden fuͤhlen, daß dieser wirkliche Gottesdienst, außer seiner politischen Wirkung auf den großen Haufen, ohne daß sie daran Theil nehmen, und bloß durch seine Fortdauer, gewissermaßen als reines Symbol, eine Art von Sicherheitsgefuͤhl in ihnen begruͤndet, einer Art von dunkler Ahndung in ihnen zur Grundlage dient, die nichts anderes zu ersetzen im Stande ist. — Alles Schoͤne, Dauerhafte und Große in unsern buͤrgerlichen Verfassungen verdanken wir, wie ich schon gezeigt habe, der christlichen Reli- gion. Sie hat uns ein Gesetz gebracht, wel- ches, erhaben uͤber den Wandel der Zeiten und den Wechsel des Gluͤckes, fortdauert, in so fern die Menschheit steht. Von dem traurigen Wahn nothwendigen Steigens und Fallens, kurzer Bluͤ- the und unvermeidlichen Unterganges der Staa- ten und Reiche hat sie uns geheilt durch ein le- bendiges und ewig belebendes Gesetz — durch das Gesetz von der schoͤnen Gegenseitigkeit des Lebens, und durch die Art wie das physisch- Schwaͤchere, Aermere und Demuͤthigere, was der jugendliche Uebermuth der alten Voͤlker uͤber- sehen hatte, in ihr verklaͤrt worden. Sie hat uns gelehrt, was Freiheit sey, und daß sie nur durch die Nebenfreiheit der Andern, nur in Wechsel- freiheit bestehen und erscheinen koͤnne. Dieses hoͤchste Lebensziel, wonach die Alten gerun- gerungen und das sie nur erreichen zu koͤnnen glaubten, indem sie den Tummelplatz ihrer Frei- heit auf einer Grundlage von Sklaverei und unbedingter Unterwerfung der bei weitem groͤße- ren Haͤlfte des menschlichen Geschlechtes errichte- ten, hat die christliche Religion als eins und dasselbe mit dem Gesetze dargestellt. Dafuͤr haben wir sie, nachdem ihre Segnungen die geheimsten Stellen unseres Lebens durchdrungen, von dem unmittelbaren Antheil an dem Regiment der Voͤl- ker ausgeschlossen, und zuletzt noch den Standes- unterschied, den sie begruͤndet, damit jedes von den drei großen Elementen des Staates wirksam, maͤchtig und sichtbar repraͤsentirt sey, aufgehoben, alle die von ihr befruchteten Gesetzgebungen der drei Staͤnde, das kanonische Recht, das Lehns- recht und das christliche Buͤrger- oder Staͤdte- Recht verdraͤngen helfen durch ein herbeigerufe- nes, auf unsern inneren Zustand durchaus un- passendes und nur unserm augenblicklichen welt- lichen Geluͤste und Sicherheits-Calcul schmei- chelndes, fremdes, Roͤmisches Recht. Will sich denn kein Gesetzgeber zu dem Geiste der Jahrhunderte erheben? Soll denn uͤber die großen Lehren der Vergangenheit immerfort ein Haufe elender Geschichtschreiber entscheiden? Auf die lebendige Historie, die aus allen uns umge- Müllers Elemente. II. [8] benden Monumenten der Gesetze, der Kuͤnste, der Religion so vernehmlich redet, achten wir nicht; es fehlen uns die Sinne dafuͤr: wie moͤch- ten auch die Abwesenden, das Bessere aber Ver- schwundene, zu Worte kommen, wenn wir unsern jaͤhrlichen reinen Ertrag berechnen, oder uns mit der Noth des Augenblickes ohnmaͤchtig herum- schlagen! Nationalfeste, oͤffentliche Beruͤhrungs- punkte fuͤr das Herz, in denen wohl zu andern Zeiten ein lebendiges Verstaͤndniß der Vorwelt angeregt worden ist, giebt es nicht: denn wir sind ja Privatmaͤnner. Die Geschichte lesen wir, um uns uͤber die Vorzeit zu scandalisiren, hoͤch- stens, um zu lernen, was wir abschaffen und was wir nachaͤffen sollen, nicht aber, wie es sich gehoͤrte, um uns ideenweise durch ihren großen, heiligen Zusammenhang, der uns durch die Religion kenntlich geworden, zu begeistern. Alle Facta in unsern Geschichtsbuͤchern sind cor- rumpirt; wie sollten sie es auch nicht seyn, da derselbe kaufmaͤnnische Verstand, welcher unsere Staaten, unsre Wissenschaften, und alles was uns umgiebt, verderbt, auch wieder die Archive der Historie unter Haͤnden hat und ihre Quellen truͤbt und faͤrbt, wie es das Beduͤrfniß der Stunde verlangt! — Die Reformation hat unendlichen Gewinn fuͤr die Menschheit herbeigebracht. Die Geschichte, vor allen Dingen die heilige Geschichte, die in den Zeiten vor der Reformation durch natuͤrliche Senkung ihres alten Baues vielleicht allzu unbe- weglich geworden war, ist aufgelockert und ge- luͤftet worden, unzaͤhliges Große, aus neuen Standpunkten angesehn, vor allen Dingen aber das Herrlichste, nehmlich die Kirche selbst, die, wie so manches Alte und Angeborne und Ange- woͤhnte nicht mehr gehoͤrig empfunden wurde, von außen betrachtet und drei volle Jahrhunderte entbehrt worden, da wo sie hingehoͤrt, nehmlich im Herzen und beim Lebensquell der Staaten. — Entbehrt meine ich von Denen, die, wie Leibnitz, auf die Zukunft zu wirken, sie zu erhe- ben und ihr ihre Bahn vorzuzeichnen bestimmt sind, nicht von Denen entbehrt, die bloß einen leeren Raum in ihrer Zeit ausfuͤllen sollen. Das sind die wahren universalhistorischen Fruͤchte der Reformation! — Den Urhebern derselben bleibt aber der ewi- ge Vorwurf, daß sie so vieles abgeschafft und aufgehoben haben, was einer Wiederbelebung bedurfte, daß sie unzaͤhlige schoͤne Bande des Glaubens, bloß aus dem Grunde, weil sie Miß- braͤuchen unterworfen waͤren, gaͤnzlich zerschnit- ten haben. Die christliche Kirche, ihre alten Glaubensartikel, und die viel gemißbrauchte, aber auch von den wuͤrdigsten Charakteren verherr- lichte, Geistlichkeit war das unentbehrlichste Bin- dungsmittel fuͤr die einzelnen Generationen des Mittelalters, eben so fuͤr einzelne neben einan- der wohnende Europaͤische Voͤlkerschaften. In dieser erhabenen Eigenschaft, die ich insbeson- dre ihre staatsrechtliche und voͤlkerrechtliche nann- te, wurde sie von den Reformatoren vorzuͤglich verdammt; und diese Ansicht war es, welche der Reformation unzaͤhlige Freunde unter den Re- gierenden und in den Handelsstaͤdten verschaffte. Wenn wir nehmlich den politischen Zustand von Europa im vierzehnten und funfzehnten Jahrhundert betrachten, so scheint es, als haben sich die drei großen Elemente des modernen Rech- tes, das geistliche Recht, welches auf dem cor- porativen Eigenthum, das Lehnsrecht, welches auf dem Familieneigenthum, und das buͤrgerli- che, staͤdtische Recht, welches auf dem Europaͤi- schen Privateigenthum beruhete, jedes abgeson- dert auf einem eigenthuͤmlichen Boden entwickelt: wir finden besonders in Deutschland und Ita- lien geistliche, adelige und buͤrgerliche Staaten in großer Anzahl neben einander. Nur in Frank- reich, und besonders in England, treten diese drei Elemente in eigne Verbindung: in Eng- land weben sie sich schon fruͤh in ein politisches Ganze, in einen einfachen consolidirten Staat zusammen, waͤhrend Deutschland und Italien noch durch alle nachfolgende Jahrhunderte viel- mehr Staatenbuͤnde, als eigentliche Staaten, darstellen. Den inneren Verband dieser beiden Reiche administrirte die geistliche Macht, unter deren Schutze wir zumal die Italiaͤnischen Han- dels-Republiken sich haben erheben sehen. Die- jenigen besonders Norddeutschen Staaten, wel- che aus andern politischen Gruͤnden dem Ver- bande oder der Foͤderativ-Verfassung abgeneigt waren, mußten nothwendig den Principien der Reformation, die dem voͤlkerrechtlichen und staats- rechtlichen Einflusse der Geistlichkeit entgegen arbeiteten, gewogen seyn. — So verschaffte der Grundsatz, daß die Religion nichts anderes als eine haͤusliche und Privat-Angelegenheit sey, wenn er auch noch nicht so dreist und unumwun- den, wie in spaͤteren Zeiten, ausgesprochen wurde, der Reformation ihre politische Popularitaͤt. Die Dismembration der Kirche nahm ihren Anfang, und endigte sich dann in unserm Jahr- hunderte mit wirklicher Zerstreuung ihres Ver- moͤgens, mit der allgemeinen Saͤcularisation von Deutschland, und mit der Pensionirung der Geistlichkeit. Ich verdenke es den protestanti- schen Geistlichen, welche noch heut zu Tage als unbedingte Lobredner der Reformation auftreten, nicht, daß sie das alte, unsern neueren Verfas- sungen ewig unentbehrliche, politische Gewicht der Geistlichkeit, aus Unwissenheit, uͤbersehen; aber daß die Staatswissenschaft dieses Gewicht ganz versaͤumt, ist unverantwortlich, und kann nur ihrer calculatorischen Richtung und dem Roͤmi- schen Tode, der in allen ihren Adern wuͤthet, zugeschrieben werden. — Daß das Regieren der Staaten ein reines Verstandesgeschaͤft sey; daß die geistliche Macht in alle Ewigkeit sich in keine weltlichen Angelegenheiten mischen duͤrfe; daß es keinen Staat im Staate oder vielmehr — wie es im Sinne der Weisen unsers Jahrhunderts heißt — keine moralische Person, keine Corpo- ration, sondern nur physische Personen, wirk- liche leibhaftige Producenten und Vermehrer des reinen Einkommens, oder solche Leute, die man im gemeinen Leben nuͤtzliche Staatsbuͤrger nennt, geben duͤrfe; daß demnach auch alles corporative Vermoͤgen, alle Gemeinheit unstatthaft sey, (eben so wie den Lehnsverfassungen erklaͤrt worden ist, daß, wegen der reinen Balance von jaͤhrlicher Staatseinnahme und Staatsausgabe, kein Fami- lieneigenthum mehr geduldet werden koͤnne) —: diese wohlfeilen Maximen werden Sie bei allen mittelmaͤßigen Koͤpfen unserer Zeit tief befestiget finden. Warum? Weil, trotz den vielfaͤltig ge- triebenen politischen Wissenschaften, kein einziger ahndet, worin denn wohl das eigentliche Wesen der Staats verbindung liege. Ganze Berge von politischem Apparat von Sachen, Gesetzen, Principien, Maximen, Axiomen, historischen Fac- ten, Distinctionen, kuͤnstliche Erwaͤgung und Be- rechnung des Fuͤr und Wider, des Vortheils und des Nachtheils von jeder politischen Institu- tion, tragen sie zusammen, waͤhrend sich der ge- meinschaftliche Geist, das eigentliche Bindungs- mittel, welches allem dem einzelnen Apparat erst einigen Werth giebt, mehr und mehr in’s Dun- kel zuruͤckzieht. Das corporative Eigenthum, oder das ge- meinschaftliche Eigenthum mehrerer neben einan- der stehender Zeitgenossen, und das Familien-Ei- genthum, oder das gemeinschaftliche mehrerer auf einander folgender Generationen oder Raum- genossen, waͤre beides die herrlichste Pruͤfung einer wahren Staatsvereinigung; denn in so fern die Aufhebung alles corporativen und alles Familien-Eigenthums als wirklicher Grundsatz aufgestellt ist, beweis’t das, wie man es auch mit reinem Einkommen, Adam Smith und National-Oekonomie beschoͤnigen moͤge, weiter nichts, als daß die einzelnen Menschen nichts mehr in Gemeinschaft mit Andern besitzen koͤnnen, und daß ihnen demnach die erste Qualitaͤt als Staatsbuͤrgern abgeht. Denn der Staat, oder das ganze buͤrgerliche Wesen, ist, wie ich schon oben gezeigt habe, corporatives und Familien- Eigenthum zugleich; der wahre Buͤrger muß ohne Ende eingedenk seyn, daß er nur voruͤber- gehender Nießbraucher, d. h. Familien-Glied, und Theilnehmer der großen Gemeinheit, d. h. Corporations-Glied ist, welche beide Qualifica- tionen ihm noch einmal in der inneren Organi- sation der beiden ersten Staͤnde und ihres Eigen- thums lebendig und im Gegensatz vor die Augen gestellt werden. — Ich glaube, jetzt deutlich genug gezeigt zu haben, daß dieselben Ursachen, welche das Ge- biet des Lehnsrechtes in Europa mehr und mehr beschraͤnken, und gaͤnzlich aufzuloͤsen drohen, auch das Kirchenrecht mit jedem Tage in engere Grenzen zuruͤckdruͤcken. An und fuͤr sich kommt es mir gar nicht darauf an, diese oder jene Form der kirchlichen Macht, weder die welt- republikanische der Concilien, noch die monarchi- sche der Paͤpste, weder eine presbyterianische, noch episkopalische zu vertheidigen oder zu verdam- men, sondern nur, zu zeigen, wie sich in dem ziemlich allgemeinen Widerwillen gegen alle Fa- milien- und Corporations-Rechte die Richtung aller Gemuͤther, oder vielmehr aller Koͤpfe, auf die endliche, absolute Aufloͤsung der Staatsver- bindungen deutlich zeigt. Das, was wir im gemeinen Leben Staats- Theorie, Rechts- und Oekonomie-Lehre nennen, ist nicht der Absicht seiner bornirten Urheber, wohl aber seinem innerlichsten Wesen nach, wel- ches ich nun uͤber allen Zweifel erhoben zu ha- ben glaube, Lehre von der allmaͤhlichen, radicalen Zersetzung, Aufloͤsung und Dismembration des Staates und alles oͤffentlichen Lebens, vermittelst dreier ganz einfacher Begriffe : 1) vermittelst des Begriffes vom Roͤmischen Privatrecht und Pri- vateigenthum; 2) vermittelst des Begriffes vom Privatnutzen, vom reinen Einkommen, von der absoluten Theilung des reinen Einkommens, und vom Privatisiren aller Beschaͤftigungen des Le- bens, und der damit verbundenen Abgoͤtterei des todten und absoluten Friedens; endlich 3) ver- mittelst des durch die Reformation und ihre wei- tere Ausbildung, besonders in Deutschland, ver- breiteten Begriffes von einer Privat-Religion, und demnach von einer Privatisirung und Ent- nationalisirung aller Empfindungen des Lebens. Aus diesem Begriffe einer Privat-Religion entspringt jene geheime, fuͤrchterliche Revolution, die unverruͤckten Schrittes uͤber unsern Haͤuptern her wandelt und alle Verbindungen des Lebens zernagt. Die Natur beguͤnstigt diese abscheuliche Tendenz unsrer Koͤpfe und Herzen; sie will einen Privatbankerott, eine innerliche Verzweiflung der Individuen herbeifuͤhren, weil der Bankerott der Staaten uͤber die Gemuͤther nichts vermocht hat, vielmehr von den armseligen Kindern dieses Au- genblicks wie die Morgenroͤthe einer besseren Zeit beklatscht und bejubelt worden ist. — Die Natur will durch diese Zersetzung der Bande des menschlichen Geschlechtes die wenigen sinnvollen Zeugen, die sie in diese finstere und zugleich mit Licht und Klarheit prahlende Zeit hat kommen lassen, uͤber das wahre Wesen des Staates belehren, ihre Herzen fortificiren, sie will ihren geheimsten Willen in den Gemuͤthern einzelner Menschen unter dem Feuer der Zeit tief einpraͤgen, damit die verzweifelnde Genera- tion wieder durch das versaͤumte Heilige gerettet werde und in ihrer Noth wahre, menschliche und ewige Stuͤtzen finde. Die aͤußere Revolution, die Franzoͤsischr mit ihren Folgen, hat manchen edlen Tadler gefunden; sie hat die besseren Freunde der Menschheit durch ihre Ungerechtigkeit indi- gnirt und erbittert. Gesetzt aber auch, diese Bes- seren waͤren maͤchtig genug gewesen, jener aͤuße- ren Revolution ein Ende zu machen: — es waͤre unendlich viel gewonnen, und dennoch das bei weitem Groͤßere noch zuruͤckgeblieben, die innere Revolution nehmlich, die geheime, verderblichere, die Roͤmische, die, welche die Repraͤsentanten der herrlichen und in ihrem innern Wesen unuͤber- windlichen Standesunterschiede in den letzten Jahrhunderten verderbt, welche die einzelnen Geistlichen, und die einzelnen Adeligen in welt- liche Begierden verstrickt und mit unnationalem Sinn erfuͤllt, und den Buͤrgerstand aus den schoͤnen, alten, selbst erworbenen Schranken zu seinem eigenen Verderben herausgelockt hat. — Alle Staͤnde sind in gleiche Entartung ver- sunken, alle haben den Begriff ihrer Existenz, anstatt der Idee, das Privative anstatt des Na- tionalen, das Saͤchliche anstatt des Persoͤnlichen vergoͤttert, und sind zuletzt darin uͤbereingekom- men, daß die Schuld ihres Ungluͤcks in den durch das christliche Gesetz erzeugten Institutio- nen liege; sie haben in ihrer tiefen Verblendung das Gemißbrauchte um des Mißbrauches, das Entheiligte um der Entheiligung willen verfolgt. Ich weiß sehr wohl, daß die Standesunter- schiede, welche im Mittelalter sich neben einan- der, und oft auf ganz abgesonderten Territo- rien, in einem gewissen Verhaͤltnisse jugendlicher Freundschaft entwickelten, nachher aber, da ihr Geist entwich, sich gegenseitig zerstoͤrt haben, in einer viel reineren Gestalt wieder aufleben und in eine viel innigere Verbindung treten werden. Sie muͤssen es, wenn — nachdem die bittre Schule dieser Zeit uͤberstanden seyn wird, und alle die kleinen Privathoffnungen unsrer Zeitge- nossen von Tage zu Tage mehr verkuͤmmert und endlich verloschen seyn werden — die Welt uͤberhaupt noch bestehen soll. Aber diese gewisse Aussicht ist kein Grund, jetzt zu schweigen; man muß so viele Zeugen herbeirufen, als man kann, fuͤr die Lehren der Zeit, weil jedes Herz die neue große, nationale, buͤrgerliche und christliche Aera der Welt, die kommen wird, zu beschleunigen vermag. Einheit der Kirche und des Staates, und, anstatt aller andern unnuͤtzen, kleinlichen Theilung der Macht, anstatt aller gemeinen po- litischen Ordnung, die große einfache Theilung der Personen in Staͤnde, in Geistlichkeit, Adel, und Buͤrgerschaft, oder der Sachen in corpora- tives Eigenthum, Familien-Eigenthum und Pri- vat-Eigenthum: das ist das ewige Schema aller wahren Staatsverfassung, die Garantie der Dauer und der Macht; in ihr liegt die echte Freiheit, das lebendige Gesetz und das wahre Fortschreiten der Voͤlker, das Gehen derselben, nicht ihr Stuͤrzen, nicht die bloßen Fortschritte ihrer lumières. England und Spanien, in ganz verschiedener Gestalt, haben sich durch viele ein- zelne Mißbraͤuche und ungluͤckliche Erfahrungen nicht abschrecken lassen, jene großen Grundpfei- ler der Staaten unerschuͤtterlich zu behaupten, und keiner falschen Aufklaͤrung auch nur augen- blicklich Raum gegeben. Ich will Excesse, auch in der Beharrlichkeit, nicht vertheidigen; indeß ist es eine interessante Frage, wie diese beiden Staaten sich wohl zu der von mir oben ange- deuteten Zukunft verhalten werden. Sechzehnte Vorlesung. Von der Natur der bürgerlichen und städtischen Gesetze im Mittelalter. H eute haben wir auf unsre Weise die Frage: qu’est ce que c’est le tiers-état? zu beantwor- ten — aus Deutschen Gesichtspunkten, und — gebe es Gott! — mit altdeutschem Buͤrgergeiste. Ich habe schon bemerkt, daß in Deutschland, wie in Italien, die oft erwaͤhnten drei Elemente des wahren politischen Lebens auf abgesonderten Territorien ausgebildet wurden. Wie alt auch die Spuren des Reichsverbandes seyn moͤgen: die Verfassung war innerlich foͤderativ; geistliche, adelige und buͤrgerliche Staaten wurden erst durch die Natur, und spaͤterhin durch ausgesprochenes Gesetz, in einander verflochten. Die alte Han- delsstraße der Welt blieb nicht umsonst bis zu Ende des funfzehnten Jahrhunderts die ausschlie- ßende. Erst nachdem Italien, die Schweiz, Deutschland, die Niederlande und die Kuͤsten der Ostsee, bis nach Riga hinauf, gehoͤrig vom Buͤrgers- und Handelsgeiste getraͤnkt, und nun alle Keime der großen kuͤnftigen Bestimmung dieser Laͤnder gehoͤrig entwickelt waren: erst da oͤffneten sich der atlantische Ocean und das In- dische Meer dem strebenden Geiste der Europaͤi- schen Fuͤnf-Reiche; erst nachdem der schwierige Landhandel den Fleiß der Voͤlker geuͤbt, und ihnen die Kunst des wahren Handels-Calculs, zugleich mit wahrem Buͤrgersinne, gelehrt hatte, fand das Schicksal fuͤr gut, nun leichtere Wege zu zeigen und den sinnlichen Begierden der Men- schen unendliche Aussichten zu eroͤffnen, wie der- gleichen ihrem Geiste schon laͤngst durch die Reli- gion angewiesen waren. — Das Schicksal fand fuͤr gut, den Begierden der Europaͤer nun ganze Welten vorzuhalten, ihnen leichte Mittel in die Haͤnde zu geben, mit jenen reichen Erdgegenden zu verkehren oder sie zu unterwerfen, und auf diese Weise die große Pruͤfung oder Gaͤhrung herbeizufuͤhren, welche die Geschichte der drei letzten Jahrhunderte ausfuͤllt. Es ist klar: der Handel wird allezeit, weil die augenblickliche Erhaltung des menschlichen Geschlechtes in seinen Haͤnden liegt, und weil er besonders uͤber das bewegliche Eigenthum und uͤber die beweglichen, leicht zu verwandelnden Schaͤtze, uͤber das Geld, disponirt, auch den Augenblick fuͤr sich haben; waͤhrend der Adel und das, was an die Scholle oder an das Grund- eigenthum gebunden ist, oft wegen der Traͤgheit und Unbehuͤlflichkeit seines Besitzes den Augen- blick versaͤumen muß, wenn es schon die Dauer und das Gefuͤhl der Sicherheit und Festigkeit auf seiner Seite hat. Der Grundeigenthuͤmer ist mit seinem gan- zen Gluͤcke von den Jahreszeiten abhaͤngig, und der Natur unmittelbarer unterworfen, folglich naͤher an das Bestehen nationaler Vereinigungen gebunden, aus deren Umkreise er seinen Besitz nicht heraus zu reißen vermag; also ist er der natuͤrliche Wortredner des Gesetzes . Der Eigen- thuͤmer des Beweglichen und des Geldes kann viel leichter in den Wahn verfallen, daß er al- les Lebensgluͤck seinem Fleiße verdanke: so wird er auch viel mehr nach Unabhaͤngigkeit streben, auf die unnationalen Reitzungen des Augenblicks hoͤren, und des Vergangenen, wie der Zukunft, um einer reichen Gegenwart willen, vergessen; er ist der natuͤrliche Wortfuͤhrer der Freiheit . Es faͤllt in die Augen: beide Classen koͤnnen einan- der nicht entbehren, und muͤssen einander in’s Unendliche fort unterstuͤtzen, bald wechselseitig hem- hemmen, bald wechselseitig ihren gemeinschaftli- chen Lauf beschleunigen; kurz, abgesondert von einander sind sie nichts , vereinigt alles . Dem zu Folge wuͤrde ich auf die Frage des Abbé Sieyes: qu’est ce que c’est le tiers-état? in seinem Sinne, als alleiniger und absoluter Stand, antworten: in so fern er alles in allem seyn soll, ist er nichts; fuͤr die Gesellschaft und in allen politischen Beziehungen nichts, nichts. Wie alles bewegliche und vergaͤngliche Ei- genthum nur dadurch Werth erhaͤlt, daß es auf das unbewegliche und bleibende bezogen und daran angeschlossen werden kann; wie es ohne Bedeutung und Sinn im Weltall umher flattert, sobald man den vaterlaͤndischen Boden darunter weg zieht: so der Geldeigenthuͤmer ohne den Grundeigenthuͤmer. Das Grundeigenthum in seiner Unbeweglichkeit ist nur Symbol, aͤuße- res Bild des unsichtbaren, viel festeren Grund- eigenthums, welches die Gesetze formiren, so wie das bewegliche Eigenthum nur Bild jenes un- sichtbaren Geistes der Bewegung, welchen wir Freiheit nennen. Was soll eins ohne das andre uns Menschen, die wir unaufhoͤrlich beides wol- len, wenn wir vernuͤnftig sind, und uns selbst kennen: sowohl die Dauer als die Bewegung, so wohl das Ewige als das Zeitliche! Wir brau- Müllers Elemente. II. [9] chen zwei Ideen, um unsern Staat zu bilden: nur aus Gegensatz und Streit, welchen die Na- tur angerichtet hat, koͤnnen wir Frieden erzeugen; die beiden streitenden Ideen muͤssen persoͤnlich, verkoͤrpert, in lebendigen Stellvertretern in jedem Staate auftreten, wir muͤssen durch aͤußere Ent- gegensetzung der Glieder des Staates in allen unsern Lebensverhaͤltnissen daran erinnert werden, daß ohne Streit der Kraͤfte, nicht bloß einzel- ner industrieller Kraͤfte, sondern aller Kraͤfte der menschlichen Natur, kein Friede zu denken und zu bilden ist. Es gehoͤrt ein fortdauernder Streit dazu, wenn ein unaufhoͤrliches Friedens- stiften, d. h. ein lebendiger Friede — nicht bloß einzelnes Aufflammen, einzelne Acte des Frie- dens — Statt finden soll. Damit nun der Mensch nicht, durch den Schein einseitiger Thaͤ- tigkeit geblendet, allzu fruͤh sich fuͤr buͤrgerlich- thaͤtig halte, wo er vielleicht ein bloß eigennuͤt- ziges Interesse verfolgt: muͤssen die Gesetze vor allen Dingen, der hier getreu beschriebenen Na- tur gemaͤß, alle Glieder des Staates in zwei Partheien theilen, deren jede wieder eine der beiden streitenden Grundkraͤfte, naturgemaͤß und mit allen symbolischen Qualificationen, fuͤr die Ewigkeit repraͤsentiren soll. Dieses ist das wahre und unuͤberwindliche Fundament des Standes- unterschiedes von Adel- und Buͤrgerstand, von wel- chem, dem ersten und nothwendigsten Gesetze, alle unsre Staatsbuͤcher schweigen Ohne dieses Fun- dament ist alles Staatswesen und alles Staats- organisiren Spott und Spiel, und gleicht den andern Nichtswuͤrdigkeiten, die zum Zeitvertreibe und fuͤr das Beduͤrfniß des Tages erfunden sind. Wer mich versteht, sieht ein, daß es nicht auf eine Vertheidigung des Adels ankommt, son- dern ich, selbst ein Buͤrger, will die Existenz meines Standes auf den ewigen Naturgesetzen begruͤnden: ich will beweisen, daß er ein un- entbehrliches Etwas im Staate ist, was die Schmeichler dieses Standes nicht vermochten; ich will beweisen, daß er ein Stand ist, und so brauche ich den Adel, um meinen Stand zu erkennen und zu vergleichen: ich will und kann kein Buͤrger seyn, wenn alles Buͤrger seyn soll. Diesen Buͤrgerstolz, mit dem ich mich in meiner Zeit laͤcherlich genug ausnehme, finde ich in einer Gestalt, die mir ansteht, wieder in dem Mittelalter, in den Reichsstaͤdten meines Vater- landes. Dieses derbe, gemuͤthliche, fromme Selbstgefuͤhl, diese Sprache der Freiheit, welche aus gruͤndlichem Verstande, und um ihres eignen buͤrgerlichen Interesse’s willen, Gott, Kaiser, Adel und Gesetz mit Ehrfurcht dient, ohne Falsch und ohne Scheu — diesen Adel im Buͤrgerleben moͤcht’ ich Ihnen lebendig vor die Augen halten koͤnnen, um zu zeigen, was tiers-état ist. Dieser christliche, nicht Roͤmische, Buͤrger- Charakter mußte frei und selbststaͤndig, d. h. dem Adel und der Geistlichkeit gegenuͤber, — denn wo ist Freiheit ohne Nebenfreiheit, und Selbst- staͤndigkeit eines Standes ohne Gegenselbststaͤndig- keit Andrer — ausgebildet seyn, ehe Columbus und Vasco di Gama ihre Segel ausspannen durften. Hernach, durch die Entdeckungen des Seeweges nach Ostindien, und Amerika’s, verlor sich dieser edlere buͤrgerliche Charakter, wie er sich als eigentlicher Stand zeigte: er ging unter in dem allgemeinen Streben nach Gold, Handel und Indien, welches alle Staͤnde ergriff und sie im Herzen gleich machte, welches Streben, von unserm erleuchteten Jahrhundert auspolirt, raf- finirt und romanisirt, nunmehr in die Aller- weltsbuͤrgerlichkeit und in den Gottesdienst der Industrie und des reinen Einkommens uͤberge- gangen ist, die aller Nationalitaͤt bald ein Ende, und uns Alle im Elende gleich gemacht haben werden. Die unendlichen Aussichten, welche das Christenthum dem Geiste eroͤffnet, und welche den kleinsten Besitzthuͤmern und allen politischen Ver- haͤltnissen ein von den antiken Gesetzen durchaus abweichendes, schoͤneres Licht gegeben hatten — vorzuͤglich die, um der goͤttlichen Brechung und der zu aller wahren Gegenseitigkeit nothwendi- gen Entzweiung und Partheiung des buͤrgerli- chen Lebens willen gebildeten Standesunterschiede — gingen verloren. Der Staat entbehrte nun aller inneren Umrisse; wie mochte er die aͤußeren behaupten! Die Nationalitaͤt zerfloß, waͤhrend man die Festigkeit durch eine starre, Kriegesvoͤl- kern abgeborgte, Gesetzgebung aufrecht zu erhal- ten strebte. Mitten unter diesem allgemeinen Schiffbruche des buͤrgerlichen Lebens erhob sich nun ein allge- meines Rufen nach Freiheit, Staatsverfassung, Recht, Gemeinwohl, Frieden, Gesetz — wor- unter, und unter treuem Erforschen jenes Gei- stes, von dem einzig die Rettung kommen konnte, des Geistes der Vorwelt , einzelnen Wenigen die Quelle aller wahren Staatsweisheit, aber auch fuͤr die Ewigkeit, sichtbar geworden. Das Mittelalter wurde aus der Verachtung, worin es die kaufmaͤnnische Richtung aller Ge- schichtschreiber gebracht hatte, wieder hervorge- zogen, vielleicht von allzu begeisterten Freunden, vielleicht mit zu ausschließender Vorliebe. Wie moͤchte aber eine geaͤchtete Schoͤnheit, ohne Be- geisterung, ohne Vorliebe, in ihre Rechte wieder eingesetzt werden! Einige Ausschweifung in der Ehrenrettung eines aus Unverstand Verachteten, ist eine Aeußerung schoͤner Seelen; wer moͤchte sie nicht der sogenannten Maͤßigung vorziehen, hinter der sich traͤge, unwissende und kalte Na- turen verstecken! Indeß muͤssen die Lobspruͤche, welche dem Mittelalter in diesen Vorlesungen gegeben wor- den sind, nicht so verstanden werden, als sey der gesellschaftliche Zustand jener Zeiten das einzig Wuͤnschenswuͤrdige, oder als sey die ganze Auf- gabe der Staatskunst die , ihn zuruͤckzufuͤhren. Die Elemente alles politischen Lebens, ist ge- sagt worden, sind im Mittelalter zu finden. Die Verbindung dieser Elemente, wie sie ganz dem Gefuͤhle der Voͤlker und dem Antriebe des Beduͤrfnisses uͤberlassen blieb, war unvollkom- men, weil sie mehr foͤderativ, als organisch voll- zogen, und vom Verstande, von der Wissen- schaft, nicht unterstuͤtzt wurde. Es fehlte an Vergleichungspunkten, an geschichtlicher Ueber- sicht des Universums, an sicherer Erkenntniß des unschaͤtzbaren neuen christlichen Zustandes. Die alte Welt mußte wieder aufstehen, sich neben die neue stellen, oder sie verdraͤngen, damit im Ver- gleich oder in der Entbehrung das Wahre und ewig-Feste erkannt wuͤrde. Das fromme Ge- fuͤhl des Mittelalters, welches die Institute jener- Zeit unterstuͤtzte und ihnen den herrlichsten Sinn gab, konnte aussterben, oder ausarten, verdraͤngt werden durch andre minder menschliche Gefuͤhle fuͤr Gold, fuͤr Roͤmische und Griechische Poli- tur, fuͤr Aufklaͤrung des Verstandes — der Ver- stand und das Bewußtseyn mußte erst den Ge- fuͤhlen Kraft und Haltung geben, und so die organische Verbindung moͤglich machen. Das ist nun der wahre Sinn der drei letzten Jahrhun- derte: nicht das Wiederaufleben der Wissenschaf- ten, nicht die Erweiterung des menschlichen Ge- sichtskreises an sich, sind, wie man gewoͤhnlich glaubt, der Gewinn dieser Zeiten. An sich tau- gen weder Wissenschaft, noch Universalitaͤt, noch aller Flitterstaat unseres modernen Lebens etwas. Aber daß durch alle diese Verirrungen endlich in dem von eigener Aufklaͤrung gepeinigten, von eignem Protestamtismus zernagten Innersten die- ses Geschlechtes, ein Verstand gebildet werden mag, der sich mit den tuͤchtigen Gefuͤhlen des Mittelalters verbinden kann, ohne sie auszu- schließen; der von dem Geiste der Institute im Mittelalter erfuͤllt werden kann, ohne sie hand- werksmaͤßig nachzuahmen; der die unzaͤhligen verlassenen, aber unzerstoͤrbaren, Monumente des Mittelalters in Gesetz, Sitte und Kunst wieder beleben und fuͤr alle Folgezeit zu verbinden im Stande ist, anstatt mit politischer Metaphysik oder mit den Waffen, ganz neue voͤllig unhalt- bare Staaten zu construiren —; kurz, daß eine unzerstoͤrbare Garantie fuͤr das Wesen der In- stitute des Mittelalters moͤglich geworden, und daß die Idee von der Gegenseitigkeit aller Ver- haͤltnisse des Lebens, welche einzige Basis alles Rechtszustandes Christus zeigte und das Mittel- alter empfand, — daß diese Idee nun auch vom Verstande in ihrer einzigen Erhabenheit erkannt werden konnte —: das ist der hoͤchste Gewinn von den letzten drei Jahrhunderten der großen Pruͤfung, welche die Natur uͤber uns verhaͤngte, und aller der vielfaͤltigen immer vereitelten Hab- und Wißsucht dieser Zeit. Sich und den Andern, oder den Naͤchsten , wie sich Christus ausdruͤckte, zugleich lieben und erwaͤgen: das ist die Grund-Maxime des Lebens und der Staats-Philosophie; den eignen Stand in dem andern, die Buͤrgerlichkeit in und neben dem Adel lieben und erwaͤgen: das ist die richtige Anwendung, die wir davon gemacht haben. — Die Deutschen Politiker und Historiker sind noch heut zu Tage — einige wenige Ausnahmen kennt Jedermann — der innerlichen Ueberzeu- gung, daß Roͤmisches Recht, reines Einkommen und der tiers-état alles in allem sey. Viel, muͤssen wir gestehen, ist in dem Jahrtausend, das wir seit dem Abbé Sieyes erlebt haben, fuͤr die Politik nicht gewonnen worden: wenn jene Maͤnner nur wenigstens, so deutlich als wir, erkennen moͤchten, daß sich ihr ganzes Trei- ben wechselsweise um jene drei Achsen dreht! — Von dem muntern Buchholz in Berlin, der aus seiner vor Kurzem verlassenen theologischen Car- riere, zu ihrem und seinem Ruhm, die Ueber- zeugung mitgebracht hat, daß Christus, wie er sich im neuen Leviathan sehr schicklich ausdruͤckt, nichts mehr und nichts weniger als ein „patrio- tischer Juͤngling“ gewesen sey, befremdet uns diese Unwissenheit uͤber das Mittelalter nicht; aber daß ein Stern erster Groͤße, einst Raͤcher der Paͤpste, und dann Beschreiber des Schwei- zerischen tiers-état, und Kenner der einzelnen Facta des Mittelalters, wir duͤrfen ohne Ueber- treibung sagen, wie im heutigen Europa keiner weiter, daß Johann von Muͤller auf seinem treuen Wandel durch die Jahrhunderte am Ende auch nicht viel mehr Sicheres und Festes gewon- nen hat, oder daß sein ungeheurer historischer Vorrath, der thesaurus seiner Wissenschaft, am Ende auch nichts mehr ist als ein absoluter, Allerwelts- tiers-état , von gleich beguͤnstigten historischen Notizen Roͤmisch gefaͤrbt, ohne allen hohen Adel, ohne alle feste Erbfolge der Ideen, welche uͤber die Huldigungen des Zeitgeistes und seiner Repraͤsentanten erhebt —: das haben wir erleben muͤssen, um es zu glauben ! — Indeß, wie die christliche Kirche zwischen den Staͤdten und den Lehns- oder adeligen Verfas- sungen des Mittelalters vermittelt; wie sie den zarten Anfang der Handels-Republiken gegen die Rohheit des aͤlteren Geschwisters, nehmlich der adeligen Staaten, in Schutz genommen; wie an vielen gluͤcklicheren Stellen des Mittel- alters Papst, Kaiser und jene Handels-Repu- bliken im schoͤnsten, lebendigsten Gleichgewichte dagestanden und der große Bund der drei ewigen Staͤnde uͤber ganz Europa gereicht hat: dies hat er in loͤblicher Begeisterung dargestellt. Nach- her ist er durch andre Jahrhunderte gekommen, die seine Persoͤnlichkeit wegen der wieder erwach- ten Roͤmer und Griechen mehr angesprochen ha- ben; und daruͤber ist es, bei seiner bekannten Ela- sticitaͤt des Geistes, und bei seiner Begeistrungs- faͤhigkeit, zu keiner Sammlung und wahren Be- festigung der politischen Ideen gekommen. Koͤnnte er vor aller Begeisterung zum Geiste gelangen, so wuͤrde der Inhalt dieser Vorlesungen schwer- lich mir uͤberlassen worden seyn Man erinnre sich, daß, als diese Vorlesungen gehalten wurden, Johann von Müller noch lebte. . — Die staͤdtischen Verfassungen des Mittelal- ters, bis gegen die Mitte des sechzehnten Jahr- hunderts, zeigen an unzaͤhligen Stellen den Ein- fluß des Lehns- und des Kirchenrechtes, so wie sie wieder ihrerseits der Verfassung der Geist- lichkeit und des Adels einen unverkennbar mil- dernden Geist mittheilten. Das Interesse des Gemeinwesens, nach christlicher Art, behielt in allen Wegen die Oberhand; und so konnte das Eigenthum — welche strenge Abgraͤnzung dessel- ben auch der Handel nothwendig machte — nie den absolut privativen Charakter annehmen. Es gab vieles gemeinschaftliche corporative Recht, wie noch heut zu Tage die viel verschmaͤheten und voͤllig mißverstandenen Zunft- und Innungsver- fassungen davon zeugen. Alles Gemeinsame, und so auch vieler Gemeinbesitz, war den Staͤdten noch sehr wichtig: Theils die Noth, Theils der richtige und fromme Sinn, vermochte sie, be- staͤndig sich selbst und die Stadt, das Privat- Vermoͤgen und das Commun-Vermoͤgen, das Stadt-Interesse und das groͤßere Interesse der Staͤdtebuͤnde, wie der Rheinische und der han- seatische, zugleich im Auge zu haben; und so konnte es wenigstens nie zu der strengen Abschei- dung des Privat- und des oͤffentlichen Interesse kommen, die gegenwaͤrtig das A und das O un- srer Staatskunst ausmacht. Die einzelnen wich- tigsten Gewerbe, unter die sich das Gemeinbe- duͤrfniß vertheilt hatte, waren geschlossen; die Meister, Gesellen und Lehrlinge, die einem be- stimmten Gewerke zugethan waren, bildeten eine eigne moralische Person: so, bekanntlich, nicht et- wa bloß Weber, Fleischer, Schuster, sondern auch Dichter, Gelehrte und Kuͤnstler aller Art. Von hochmuͤthigen Unterscheidungen der schoͤnen Kuͤn- ste und Handwerke, wie sie dem Alexandrinischen und unserm Dilettanten-Zeitalter eigen ist, hiel- ten sie wenig; die Pfuscherei in allen Stuͤcken war ihnen das Verhaßteste. In den gewoͤhnlich- sten Handwerken war ein lebendiger Geist, wie er sich noch heut zu Tage in den ehrwuͤrdigen Zunft- und Innungsgebraͤuchen ankuͤndigt; jedes einzelne Gewerk hielt sich fuͤr wichtig und eh- renvoll, um des großen und unentbehrlichen Dienstes willen, den es der Stadt leistete: wel- che Gruͤndlichkeit, Selbstgefaͤlligkeit und Ehrbar- keit in den uns aus jener Zeit hinterbliebenen Arbeiten am deutlichsten zu erkennen sind. Mehr die Dauer, als die Bequemlichkeit und die aͤußere Form der Waaren, machte die Probe des Meisters aus. — Kurz, das ganze Leben des Buͤrgers, und so auch jedes einzelne Gewerk, war unter allen abwechselnden Beschaͤftigungen, und auf wie verschiedene Stoffe es unmit- telbar gewendet seyn mochte, dennoch haupt- saͤchlich darauf gerichtet, den Verband des Ge- meinwesens immer fester zu drehen und zu hef- ten. So war das Zunft- und Innungswesen ein schoͤnes und wirksames Gegengewicht gegen die ungluͤcklichen und unbuͤrgerlichen Angewohn- heiten und Sinnesarten, welche die den Ge- werken unentbehrliche Theilung der Arbeit in viele einzelne Handgriffe nothwendig absetzen muß. Die Theilung der Arbeit in unsern, ohne Ruͤcksicht auf Zunftverfassung construirten, Ma- nufacturen wirkt auf eine ungeheure Vermeh- rung der Production. Jedermann kennt das Beispiel von Adam Smith: ein Arbeiter, der das ganze Geschaͤft allein verrichten soll, macht in Einem Tage mit dem aͤußersten Fleiße hoͤch- stens zwanzig Stecknadeln; zehn Leute wel- che die einzelnen Verrichtungen des Geschaͤftes unter einander getheilt haben, bringen taͤglich gegen 48,000 zu Stande: die Production wird also durch die Theilung um das 2400-fache ver- mehrt. Aber, wie auch der Staats-Rechenmei- ster von diesen Zahlen entzuͤckt seyn moͤge — wo bleibt der buͤrgerliche Sinn des Geschaͤftes und die Beziehung auf das Gemeinwesen, die durch das Zunftwesen, wo Jeder meisterlich auf das Ganze gerichtet war, unaufhoͤrlich erhalten wurde! Vergleichen Sie eine Werkstatt nach der Zunft- verfassung mit einer modernen Manufactur, und Sie werden finden, daß die buͤrgerlichen Beschaͤf- tigungen sich genau nach dem Staate umgeformt haben: anstatt der herzlichen Verbindung des Meisters mit dem zweiten Stande der arbeiten- den Gesellen und dem tiers-état der handrei- chenden und umhertragenden Lehrlinge in der al- ten Werkstatt, steht in der neuen Manufactur kalt, calculatorisch und auf das reine Einkom- men gerichtet, ein Entrepreneur an der Spitze — die Wissenschaft denkt sich in der Regel die Fuͤrsten nicht anders denn als Staats-Entrepre- neurs: der Manufactur-Entrepreneur steht, wie der Imperator uͤber einen absoluten tiers-état maschinenartiger Lohnarbeiter — und solch ein todtes Wesen nennen sie: Freiheit ! — Ich nicht. Ich habe eine bessere Staatsansicht dieses wichtigen Theiles von der staͤdtischen Verfassung hier einleiten wollen; das Weitere, und wie die Sachen in England beschaffen sind, unten im Abschnitte von der Staatswirthschaft. Ich brauche, wie Sie schon wissen, unauf- hoͤrlich die Freiheit zur Erzeugung des Ge- setzes, und zwar nicht eine todte, oder, wie man sich gewoͤhnlich ausdruͤckt, negative , d. h. keine bloße Nichtsklaverei , oder Nichtabhaͤngig- keit, sondern eine positive , lebendige, deutlich gestellte, in ihrem Kreise wirklich herrschende Freiheit. Das einzelne Gewerk tritt, sich auf seine Unentbehrlichkeit stuͤtzend, in der Zunftver- fassung gewichtig und persoͤnlich auf: es ist die Liebe zum Werk , welche die Zunftgenossen, es ist Liebe zu dem gemeinschaftlichen Werk, nehmlich der ganzen Staͤdteverfassung, welche die einzelnen Zuͤnfte unter einander verband. So wurden die Gewerke selbst große Formen der wahren positiven Freiheit, in denen sich ein dem Staate umentbehrliches Geschaͤft persoͤnlich und deutlich zu erkennen gab, und welche die Freiheit des Einzelnen mit der Freiheit des Ge- meinwesens lebendig vermittelten: Formen, welche das Gemeinwesen jedem einzelnen Buͤrger in dem besonderen Stoffe seiner eigenthuͤmlichen Thaͤtig- keit noch einmal gesellschaftlich auspraͤgten und demnach ein wahrhaft nationales Gesetz, oder die Idee der Stadt, unaufhoͤrlich erzeugen halfen. — Wenn Sie einen von den Aposteln jener neueren, negativen Gewerksfreiheit, welche nach dem bloßen Geld- und Producten-Gewinnst strebt, fragen: warum er Zuͤnfte und In- nungen durchaus abgeschafft wissen wolle; so wird er ihnen folgende Rechenschaft geben: ihr Zweck sey, die Concurrenz jedes Dritten mit den Zunftgliedern, und die Concurrenz der Mei- ster unter einander zu hemmen. Da es nun ein- mal keine hoͤhere Freiheit gebe, als die der Concurrenz aller Statsmitglieder zu allen, dem Staate noͤthigen, Arbeiten, so seyen die Zunft- verfassungen ein ungerechter Eingriff in die Rech- te Derer, welche arbeiten wollen, und Arbeit verlangen. So legt unser oͤkonomisches Zeital- ter den Instituten des Mittelalters erst seine nichtswuͤrdigen Lebenszwecke unter; es nimmt ihnen die urspruͤngliche ehrwuͤrdige und heilige Bedeutung, und ficht dann hitzig gegen die selbst construirte Gemeinheit. Sage ich zu viel, wenn ich behaupte, das eigentliche Geheimniß alles Staatsverbandes und aller Nationalitaͤt sey den Menschen dieser Zeit nicht bloß abhaͤnden ge- kommen, sondern es seyen von der Staatswis- senschaft und Staatskunst wirkliche Formen zur Zerstoͤrung der Staaten methodisch angeordnet worden? — Lassen Lassen Sie uns nur unter allen Dissonanzen der Monumente des Mittelalters mit dem Stre- ben unsrer Zeit das Eine fest halten: daß in allen den Instituten, welche unter dem unmittel- baren Einflusse der christlichen Religion in Euro- pa entstanden und ausgebildet worden sind, das Streben nach wirklicher, aͤußerer, persoͤnlicher Gruppirung und Entgegenstellung der nothwen- digen Staatspartheien, das Streben, jeden ge- meinschaftlichen und nothwendigen Zweck sogleich in aͤußeren, gesellschaftlichen Formen, in Capiteln, Orden, Zuͤnften, Innungen u. s. f., oder in Staͤnden darzustellen, die Seele aller Anordnun- gen ist. Die Gegenseitigkeit aller großen Staats- interesses wurde sinnlich an den Tag gelegt, und so jeder einzelne Buͤrger in seinem taͤglichen Umgang und Verkehr die großen Bedingungen des Ge- meinwesens fest zu halten genoͤthigt. Alles Ei- genthum und alle Eigenheit des Einzelnen bekam durch diese unaufhoͤrliche Beziehung und Wech- selseitigkeit mit dem Oeffentlichen erst Werth; und so mag die Allgegenwart des Krieges, die Unsicherheit jener Zeiten, oder, wie wir es mit hochmuͤthiger und unverstaͤndiger Indignation nennen, das Faustrecht , wohl am meisten bei- getragen haben, die allgemeine Gegenseitigkeit zu Müllers Elemente. II. [10] befoͤrdern und den inneren Verband der Staaten zu befestigen. Ich habe oben hinreichend bewiesen, daß die- ser permanente Hintergrund des Krieges allen Staaten zu ihrer Entwickelung und Erhaltung nothwendig ist, daß neben dem Staate nothwen- dig wieder andre Staaten stehen muͤssen, damit auch hier noch unendliche Gegenseitigkeit und Par- theiung moͤglich sey. Jeder Staat wird zum gro- ßen Europaͤischen Gemeinwesen sich wieder ver- halten, wie die einzelne Zunft zur Stadt. Jeder Staat, nach Maßgabe seiner Localitaͤt und sei- ner Bewohner, praͤgt die große, allen gemein- schaftliche, Idee des Rechtes auf seine Weise aus; und damit auch Europa, die große Stadt, in dem Geschaͤft ihrer inneren Organisation nie ra- ste, hat das Schicksal sie allenthalben, beson- ders gegen Osten hin, mit Barbaren und fern drohenden Voͤlkerwanderungen umstellt, ja in ih- rem Innern, unter der Maske des Rechts, ein viel furchtbareres Faustrecht sich bilden lassen, als jenes durch Religion, Sitte, Treue und Che- valerie gemilderte des Mittelalters. Unser Frie- denstraum, unser Wahn von einem rechtlichen Zustande ist uns theuer zu stehen gekommen; wir haben das lebendige Recht und den lebendigen Frieden dafuͤr hingegeben: indeß geschieht alles dazu, um uns werkthaͤtig zu beweisen, was die wahre Staatswissenschaft voraus gesagt hat, daß sich jener absolute Friede in absoluten Krieg, das absolute Recht in absolutes Unrecht, die ab- solute Sicherheit in absolute Unsicherheit verkeh- ren muß, um so mehr, da dies alles von Hause aus gleich-bedeutende Dinge waren. Aber es geschieht auch alles, um aus der absoluten Ein- seitigkeit wahre Gegenseitigkeit aller Verhaͤltnisse des Lebens, und um aus den Truͤmmern unsrer großen politischen Assecuranz-Anstalten, mit den aus der Vorzeit herbeigerufenen, hier beschriebe- nen Gefuͤhlen, wahre Staaten zu bauen, denen es an aͤußeren und inneren, erhaltenden und be- fruchtenden Kriegen nicht fehlen kann, um so weniger als es die unnachlaͤßliche Bedingung aller Gesetzgebung seyn wird, den Krieg, den wahren, christlichen Krieg, allenthalben in den Frieden und in die Gesetze hinein zu weben, und als wir vielleicht den aͤußeren Grund, der die Nationalitaͤt der Staͤdte im Mittelalter verinni- gen half, mit Bewußtseyn und Freiheit selbst herbei fuͤhren werden. Immer wird die Hauptsache die seyn, daß jede wahre Spur des Mittelalters und jedes Monument in Gesetzen, Sprache, Sitten und Kunst aus jener reichen, ahndungsvollen Zeit ferner erhalten werde, wie es bis jetzt in den Staaten, die uͤberhaupt eine wahre politische Betrachtung verdienen, erhalten worden ist. An dem dagewesenen Schoͤnen und Großen — wie alle wahre Wissenschaft und Erkenntniß ja nur daran gereihet und davon abgeleitet ist — muß sich auch alles zukuͤnftige Bessere reihen. Wie die wahre Wissenschaft sich bestaͤndig durch Vergangenheit, Historie und lebendige Erfahrung zu verbuͤrgen strebt, so kann der neue Staat auch nur durch seine Allianz mit den alten ge- sellschaftlichen Verbindungen garantirt werden. Es hat seinen großen Gewinn gebracht, daß alle Allianzen unter den Maͤchten von Europa bis auf die neueste Zeit, Theils so ungluͤcklich, Theils so verderblich ausgefallen sind. Die Staa- ten wurden auf einen Augenblick aus der Gegen- wart herausgedraͤngt; alle Stuͤtzungspunkte unter den Zeitgenossen versagten; sie hatten noch nicht die Allianz ergriffen, nach der die Natur sie hin- draͤngt: die Allianz mit den Vorfahren, die ein- zige, welche sie verbuͤrgen kann. — Allein und durch sich selbst sollen sich die Na- tionen retten; und das wird nur denen gelin- gen, welche entweder — wenn sie auch von den Aufgeklaͤrten verlacht und verspottet werden — die Allianz mit den Vorfahren oder Raumgenos- sen, hartnaͤckig beibehalten haben, oder sie aufs neue mit ganzer Seele und ohne oͤkonomische Restriction schließen; dann wird es auch, wie wir schon jetzt sehen, an wahren und innigen Buͤnd- nissen unter den Zeitgenossen nicht fehlen. — So kamen die Bundesgenossenschaften des tiers-état im Mittelalter zu Stande, die der Schweizer, der Rheinischen und der hanseatischen Staͤdte, die noch jetzt aller Foͤderal-Verfassung zum Muster dienen, nicht so wohl in ihrer Form, als in ihrem Geiste. Aber ein wuͤrdiger Feind stand ihnen gegenuͤber, den sie oͤkonomisch, recht- lich und in jeder Beziehung respectiren mußten, waͤhrend sie ihn bekriegten, von dem sie lernten, indem sie sich gegen ihn vertheidigten, und mit dem sie in der Hauptsache, in dem Glauben, der alle Herzen beschuͤtzte, eins waren: mit einem Stande, mit dem Adel. Von Adel und tiers- état im Mittelalter gilt, was Goͤthe von der Feindschaft zwischen Antonio und Tasso sagt: sie waͤren darum Feinde gewesen, weil die Natur nicht Eins aus ihnen Beiden schuf. Wir haben einen Feind uns gegenuͤber, von dem wir gruͤndlich und methodisch lernen sollen, was nicht Wahrheit, nicht Recht, nicht Friede, nicht Krieg, nicht Staat ist: — nehmlich das uns Allen, wie ich gezeigt habe, mehr oder we- niger an’s Herz gewachsene, zu elementarischer Einseitigkeit erstarrte, Rom . Etwas Positives sollen wir nicht von ihm lernen; denn alle die Lebens-Elemente, welche wir brauchen, welche wir organisiren und in Harmonie bringen sollen, lie- gen in der Geschichte klar und deutlich genug da. Unter Noth und Entbehrung sollen wir selbstthaͤ- tig, und um so dauerhafter, die alten Stoffe des ewigen Bundes der Menschheit beleben und wie- der herstellen. Das ist die Lehre der Zeit und ihr Gesetz! — Der muthige, regsame, schaffende Geist des Buͤrgers — unter unaufhoͤrlichen Schran- ken eines durch Geburtsrecht auf die Erhaltung und die Dauer gerichteten zweiten Standes und einer das ganze oͤffentliche Leben begeisternden, alle Begierden, Wuͤnsche und Thaͤtigkeiten an das Unendliche anknuͤpfenden Geistlichkeit — kurz, so wie ihn das Mittelalter, die buͤrgerlichen Tha- ten der Medici und der Fugger, und die noch heut zu Tage Allen zugaͤnglichen Werke eines Holbein, Albrecht Duͤrer und Hans Sachs zei- gen: das ist der tiers-état . Er ist es, der das bunte, reiche aber leicht vergaͤngliche Leben an der Oberflaͤche der Erde erzeugt und bewegt, wel- ches der zweite Stand an das Naturgesetz, an den Boden der Erde und seine Dauer, und der erste Stand an den Himmel knuͤpft. Das sind die drei großen Grundgestalten der Freiheit, die sich verschraͤnken und verbuͤrgen koͤnnen , weil sie durchaus entgegengesetzt sind, und die sich verschraͤnken und verbuͤrgen sollen , weil jede eine andre, ewige Eigenschaft der Menschheit vertritt, und doch alle drei Das, was an unsrer Natur der Rede werth ist, erschoͤpfend darstellen. Sie koͤnnen gemeinschaftlich ein vollstaͤndiges und lebendiges Gesetz erzeugen, d. h. die Seele des Suveraͤns noͤthigen, sich unaufhoͤrlich zu verjuͤn- gen, und doch dem Alterthum und der Ewigkeit getreu zu bleiben. Sie geben dem Staate, was kein Mechanismus der Welt geben kann: Faͤhig- keit des Wachsthums, d. h. des Fortschreitens und des Verweilens, so daß er, wie die Gestirne, zugleich wandelt und steht. Wenn Sie mich nicht mißverstehen wollen, so moͤchte ich Sie noch zuletzt am Schlusse mei- ner Darstellung von der Staͤndeverfassung an die beiden historischen Monumente des adeligen und des buͤrgerlichen Lebens, die Deutschland vor allen andern Fuͤnf-Reichen aufzuweisen hat, erinnern: es sind Monumente der Poesie, der uͤberhaupt das schoͤne Geschaͤft, den Geist der Zeiten treuer zu bewahren, als es selbst die ge- schriebenen Gesetze vermoͤgen, zu Theil gewor- den ist. Ich vindicire der Staatswissenschaft, der Deutschen nehmlich — denn mir ist es wohl erlaubt, am Ende dieser wichtigen Darstellungen des christlichen Alterthums, noch des besonde- ren, des vaterlaͤndischen , zu gedenken — die adelige Poesie der Minnesinger, und die buͤrger- liche, ganz anders gestaltete, der Meistersaͤnger, die jener, wie die Staͤdte dem Adel, um einige Jahrhunderte spaͤter nachfolgte. Die populaͤren Staats-Theorieen moͤgen diese Vindicationen ver- spotten; in der Idee des Staates, wie in dem Herzen jener dichterischen Ritter und Buͤrger des Mittelalters, vertragen sich die Poesie und das politische Gemeinwesen sehr wohl mit ein- ander. In den erwaͤhnten Monumenten der Poesie druͤckt sich das Leben der Deutschen Staͤnde, und fuͤr ein kluges Auge auch ihre Verbindung, am reinsten aus. Etwas scheint allen diesen Dichtern zu fehlen; ein gewisser wehmuͤthiger, klagender Ton klingt durch alle Melodieen: es ist vor ih- rer Seele eine Fabel von einer besseren, aͤlteren, treueren Zeit, deren Vergangenheit sie bedauern, halb vielleicht auch die Ahndung, daß alle Pracht, alle Gemuͤthlichkeit, alle Herzlichkeit ihres Le- bens nicht bestehen kann, daß noch ein Feind lebt und sich, wenn auch nur im ersten Erwachen, regt, der das ganze glanz- und empfindungs- reiche Daseyn untergraben kann. Er ist gekom- men, dieser Feind, und hat nun seit beinahe drei Jahrhunderten den alten Bau zernagt, des- sen Entwurf in Deutschland kolossaler und voll- staͤndiger war, als sonst irgendwo. Sehen Sie in diesen Worten keine Persoͤn- lichkeit gegen Zeitgenossen, die zu klein sind, um in solcher ernsten Betrachtung erwogen und ge- scholten zu werden. Ich meine den Gegenstand eines groͤßeren Hasses, die absolut irdischen Reitze des Reichthums und des Privatlebens, die Glau- benslosigkeit, welche der Besitz, der kalte Verstand und die todte Wissenschaft herbei gefuͤhrt haben, das weltliche Rom, und wieder Rom. Der politische Entwurf von Deutschland war gruͤnd- licher, sage ich, als der von allen andern Staa- ten; also mußte auch der Kampf, die Noth und die Pruͤfung laͤnger dauern, als anderswo. Das ist die bittre Mitgift des großen Berufes, den der alte Nahme andeutet und die Zukunft rechtfertigen wird: des heiligen Roͤmischen Reiches . — Daß kein, aus der Gegenwart und von den Geschoͤpfen dieser Stunde hergenommener Um- stand diese erhabene Aussicht beguͤnstigen will? — Eben diese gruͤndliche Hoffnungslosigkeit des gegenwaͤrtigen Geschlechtes bei den gruͤndlichsten Naturanlagen zu geistlicher Herrschaft, und andrerseits die uͤberwiegende Fuͤlle der Thaten in unsrer Vorzeit, die uͤberfließend reiche Geschichte, die Welt von Helden und Buͤrgern frommer und treuer Art, welche einstens dieser Boden getragen hat und welche uns alle die Haͤnde zum Buͤndniß reichen, die unzerstoͤrbaren Spuren alter Gesetze, Staͤnde und Sitten, welche ganz Europa, als es Deutschland zu seinem Tummel- platze machte, nicht hat wegtreten koͤnnen —: dies sind die Gruͤnde meiner auf erhabene Zwecke ge- richteten, muthigen Aussicht. Siebzehnte Vorlesung. Schluß der Rechtslehre . S ie wissen, daß ich das Wort „ Rechtslehre ” in einem umfassenderen Sinne gebrauche, als die Schriftsteller meiner Zeit; daß ich erstlich durch- aus kein andres Recht statuire, als ein solches, welches lebendig ist, d. h. welches sich selbst ga- rantirt, nicht erst an eine auswaͤrtige, mit ihm in keiner Verbindung stehende Macht oder Zwangsgewalt zu appelliren, oder von ihr abzu- hangen braucht; kurz, welches also innerlich Eins ist mit dem Staate, oder mit der Nationalitaͤt, oder, da unser Blick durch die Religion auf die ganze Menschheit gerichtet ist, mit der Rechts- Idee, welche die Menschheit verbindet, mit der Religion. Vergebens werden Sie Sich bemuͤ- hen, das Recht anders zu begruͤnden, oder zu deduciren, als auf diese Weise, welche zugleich die einfachste ist, indem ich nur verlange, daß der ganze Mensch den ganzen Staat — da es nun doch einmal auf die Ganzheit des Menschen in der Moral und Philosophie, und auf die Ganz- heit des Staates in der Politik vorzuͤglich an- kommt — im Auge haben soll. Ich spreche ja nur gegen das absolute und hoffnungslose Zer- schneiden des Staates, weil Der, welcher mir das gesammte im Staate geltende Recht erst in ein absolut und ewig getrenntes Privatrecht, und dann in ein absolut getrenntes Staatsrecht zersplittert, die Ganzheit unmoͤglich macht, und dieselbe nachher nur vermittelst eines ganz un- haltbaren Widerspruches vermittelst eines wirkli- chen Zusammenklebens zweier Begriffe, die er selbst getoͤdtet hat, wieder herzustellen versuchen kann. — Ich bitte Sie ja nur, wenn vom Staate die Rede ist, ganze Menschen zu bleiben, und nicht den abgesonderten, rechnenden Verstand al- lein jenem großen, einzig schoͤnen Interesse zu schenken, welches auf ihr Herz und dessen ewige Einwirkung eben so gruͤndliche Anspruͤche hat. Ich schließe demnach heute mit einem Blick zu- naͤchst auf das Ganze, und dann auf Denjeni- gen, der, Theils nach seinem Verhaͤltnisse zu seiner Zeit ihre Gesinnungen theilen, theils nach seiner ausgezeichneten Individualitaͤt sie mitbil- den, oft auch entscheiden mußte, auf Friedrich den Zweiten. Man wuͤrde meine Darstellung der Institu- tionen und der Gesetzgebungen im Mittelalter sehr mißverstanden haben, wenn man noch wei- ter bei sich selbst in Streit staͤnde uͤber die Frage: wie denn alle jene alten Formen mit unsern ge- genwaͤrtigen Beduͤrfnissen zu vereinbaren waͤren, oder was denn, nach der wirklichen Abschaffung des Roͤmischen Rechtes, unmittelbar an seine Stelle treten, oder was denn, nach der Wieder- einfuͤhrung der strengen Standesunterschiede, den ganz widerstrebenden Zeitgeist mit ihnen versoͤh- nen solle. — Wer nicht vor allen Dingen seinen Sinn zu vermenschlichen strebt; wer nicht seinen mechanischen Ansichten vom Menschen und von der menschlichen Gesellschaft den Krieg erklaͤrt; wer nicht einsieht, daß die Formen an sich, das Abschaffen und Wiedereinfuͤhren an sich, und die bloßen klugen Anordnungen an sich nichts hel- fen, ohne das, was ich zu erwecken strebte, nehm- lich den Geist, die Idee der Gesellschaft: der hat kein Urtheil uͤber mein Unternehmen, der hat etwas Anderes im Auge, etwas Geringeres, Unedleres; er verweilt bei den Aeußerlichkeiten, deren es in unsern Staaten schon zu viele giebt; er hemmt und entkraͤftet den schon allzu unbe- huͤlflichen Staat durch seine mechanische Anord- nung immer mehr, anstatt ihn zu beleben und zu befluͤgeln; er verfaͤhrt wie ein schlechter Arzt, der die Gesundheit des Menschen durch allerlei Pal- liative handwerksmaͤßig zusammensetzen will, waͤh- rend ja nur die innere Lebenskraft zu wecken und zu beleben, und jedem nothwendigen Or- gane Luft und Kraft zu geben ist, damit das Ganze sich behaupten koͤnne. Jede Krankheit des Staates, wie des Men- schen, ist Herrschaft eines einzelnen, einseitigen Organs uͤber die andern, oder auf Kosten des Ganzen, des Organismus. Wie waͤre es, wenn es den Gliedern des menschlichen Koͤrpers ein- fallen wollte, jedes fuͤr sich einen abgesonderten, ausschließenden Theil der Lebenskraft zu verlan- gen und zu behaupten? Koͤnnte der menschliche Koͤrper auch nur einen Augenblick bestehen ohne die Nationalitaͤt, kraft deren jede einzelne Muskel, jede Ader, jeder Nerve sein Privateigenthum un- aufhoͤrlich wieder dem Ganzen unterwirft und hingiebt? — Die alten Roͤmer haben den Ver- gleich des Staates mit dem menschlichen Koͤrper verstanden: sollte er jetzt nicht mehr passen, nach- dem wir ganz andre Beispiele von der Hinge- bung des Einzelnen an das Ganze, Nationale, an die Menschheit erlebt haben, als die Roͤmer je aufstellen mochten? Dieser Koͤrper, dessen inni- ge, gewaltige Verbindung wir in jedem wahren Lebens-Moment am unmittelbarsten fuͤhlen, bleibt das naͤchste und schoͤnste Muster aller Vereini- gungen und Koͤrperschaften, zu denen uns unsre ganze Lage unaufhoͤrlich hin draͤngt. — Koͤnnt Ihr vom Staate keine hoͤhere Ansicht erschwingen, als daß er Sicherheitsanstalt fuͤr die Aufrechthaltung des Privat-Eigenthums sey — nun, so construirt uns zuerst eine Zwangs- macht, die, erhaben uͤber allen Angriff der Zeiten und ihren Wechsel und uͤber die Gebrechlichkeit alles Irdischen, unerreichbar von außen und in- nen, Eurer distinguirenden und abwaͤgenden Klug- heit einigen Werth, einige Bedeutung gebe. Stellt die Macht und das Recht abgesondert hin, und nehmt als Datum an, daß sie beide in Harmonie seyn werden, waͤhrend es gerade die unendliche Thesis aller Staatswissenschaft ist, die Macht und das Recht in Harmonie zu brin- gen. Wenn die Macht dem Rechte widerspricht, so gebt Euch damit zufrieden, daß Ihr wißt und mit Gruͤnden beweisen koͤnnt, daß sie Unrecht thut. Aber zeigt mir nur die Macht! denn ohne sie seid Ihr mit Eurem ganzen vermeintlichen Rechte das unnuͤtzeste Glied der Gesellschaft; man kann alles Privat-Eigenthum rauben, und doch Eure Begriffe vom Privat-Eigenthum re- spectiren. Also braucht ihr eine Macht, die Euch unmittelbar zur Seite stehe und mit Eurem gu- ten Willen in Einverstaͤndnisse sey. — Das ist nicht unsre Sache, erwiedert Ihr; Ihr verweis’t mich an die Militaͤr- und Polizei-Verstaͤndigen. — So loͤs’t sich, wenn erst Ein Glied des großen Koͤrpers isolirt ist, der ganze Verband auf: es ist Zufall, es ist Gewohnheit, was den Schein der Vereinigung heute noch erhaͤlt; fuͤr morgen sagt uns niemand gut, — wenn nicht angeborne Ideen, aus edleren Zeiten herstammend, in ih- rer letzten entartetsten Gestalt noch maͤchtiger waͤren, als der ganze Rechtsbegriff in seiner Con- sequenz-Pralerei, der mir nicht gut dafuͤr sagen kann, ob nicht bloß mein Privat-Eigenthum morgen noch dauern wird, sondern auch nicht, ob ich selbst morgen noch seyn werde. — Um das, was die Gesellschaft heuͤte eigent- lich noch bindet, kuͤmmert sich die Wissen- schaft nicht; aber was den alten Verband auf- loͤs’t, was die einzelnen Buͤrger in der eigen- nuͤtzigen Richtung, welche sie ohnedies schon von der Zeit und den Umstaͤnden bekommen haben, bestaͤrkt, das wird von der Theorie eifrig ge- pflegt und genaͤhrt. — Nur die Religion , die Mutter aller Ideen, kann den Staaten den Le- bens- bensgeist wieder geben, der aus ihnen gewichen ist: dies ist der Grundgedanke meiner ganzen Betrachtung. So lange ein Glaube noch unbe- ruͤhrt und unentweihet dastand, und der edlere Theil der Menschen schon im voraus auf das innigste verbunden war: so lange hatte eine cal- culirende Wissenschaft noch Werth, die nun auch die Aeußerlichkeiten, das gemeine Eigenthum, das Verhaͤltniß der Staatsgewalten, in Ordnung und regelmaͤßige Bewegung zu bringen strebte. Jetzt, da dieser Glaube und alle Ehrfurcht vor den Vorfahren und alle Scheu vor den Abwesen- den verdraͤngt ist von dem Credit, den sich eine trockene Verstandes-Jurisdiction zu verschaffen gewußt hat —: jetzt muß sich die Staatswissen- schaft, schon um der Reaction willen, diesem rech- nenden Verstande entgegensetzen. Wenn aber auch die Lage der Dinge zu keiner Reaction noͤthig- te, so muß die Wissenschaft dennoch zu allen Zeiten das Ganze und Ewige im Auge behalten; diese Vollstaͤndigkeit der Ansicht macht sie erst zur Wissenschaft, und erhebt sie uͤber die Menge, welche von Ort und Stunde geformt und be- stimmt wird. — Ich habe hier noch einmal die Summe mei- ner ganzen Wissenschaft zusammen gefaßt. Die Wechselbeziehung, worin alles dieses mit dem Müllers Elemente. II. [11] Koͤnige steht, den ich oben genannt, und dessen Bild den ersten Theil dieser Vorlesungen beschließen soll, so wie mit den aͤlteren und neueren Schick- salen seines Staates, muͤssen Sie selbst ermessen. Sich selbst und seinem eigenen Streben uͤber- lassen, war Friedrich der Zweite aufgewachsen: niemand stand ihm zur Seite, der stark genug gewesen waͤre, mehr als die Oberflaͤche seines Geistes zu beruͤhren. Die rohe Rechtlichkeit und Barbarei des vaͤterlichen Hauses erzeugte in ihm, der schon fruͤher Eindruͤcke einer feineren Franzoͤ- sischen Bildung bekommen hatte, eine gruͤndliche Opposition; und so war er, als er den Thron bestieg, vielmehr das Gegentheil seines Vaters, als irgend etwas anderes Bestimmtes, Eigen- thuͤmliches. Eine leichte Schwaͤrmerei fuͤr Poe- sie, fuͤr die Wissenschaften, fuͤr Freiheit und Toleranz, wie fuͤr alles, was der Zeitgeist durch den Mund Franzoͤsischer Philosophen verkuͤndi- gen lassen mochte, ist alles, was sich bei seiner Thronbesteigung zu erkennen giebt — freilich ge- nug, um ihm eine Parthei in Europa zu bilden, da er das fuͤr sich hatte, daß er den uͤbrigen Fuͤrsten durchaus unaͤhnlich war. Große Tha- ten mochte er wohl schon fruͤher getraͤumt haben. Der Saͤnger seiner eignen Thaten, Gesetzgeber und zugleich der Philosoph uͤber seine eigenen Gesetze, August und Horaz, Heinrich und Suͤlly, vorzuͤg- lich Alexander und Aristoteles, zugleich zu seyn, war wohl der hoͤchste Lebensplan, den er in seiner Muße zu Rheinsberg als Kronprinz ent- worfen hatte. So, ohne tiefere Kenntniß des Le- bens, ohne eine durchgreifende Gestalt des Cha- rakters — nur ein Schattenbild vom Ruhm, viel- leicht wohl auch den jungen Macedonier vor der Seele habend —, unternahm er den ersten Schle- sischen Krieg aus einer Ruhmbegierde, die, als letztes Motiv seiner damaligen Unternehmungen, und als den Hintergrund seiner Seele, Niemand treffender angedeutet hat, als er selbst in spaͤterer Zeit. — In der Schule, worin er gewesen war, hatte er nicht gelernt, sich die Groͤße der Thaten anders als in Zahlen zu denken — nicht, als wenn er nicht reich an den schoͤnsten Anlagen gewesen waͤre, sondern weil nur von einer einzigen Seite her unaufhoͤrlich auf seinen Geist gewirkt worden war; weil seine Seele sich nie von zwei entgegengesetzten, innerlich verschiedenen, Natu- ren zugleich angezogen gefuͤhlt; weil er die ganze Welt, die ihm gefallen mochte, in Einer und der- selben, an und fuͤr sich schon ziemlich mageren und leblosen Form, der Franzoͤsischen nehmlich, ausgedruͤckt erhalten; kurz, weil die Franzoͤ- sische Literatur zwischen Friedrich und dem Al- terthum einen Teppich aufgehaͤngt hatte, der die Helden des Alterthums alle in Franzoͤsischem Costuͤm zeigte, uͤbrigens aber das Alterthum selbst vor der empfaͤnglichen Seele Friedrichs verbarg. So einsam stand dieser Fuͤrst! Vor seinem Vater schauderte er zuruͤck; geliebt mit Kraft und Entsagung und Resignation hat er nie; Bewun- derung, mehr der Groͤße und des Umfanges, als des heroischen, menschlichen Gehaltes, war alles, was er in seinen historischen Studien ge- wann. Roͤmische Imperatoren — Augustus, Ha- drian, Marc-Aurel — druͤckten sich seiner Vor- stellung am tiefsten ein; die Form ihrer Herr- schaft entsprach seinen Begriffen. — So, von Gemuͤth und Neigung, war Der, dem die Regie- rung des Theils von Deutschland anvertrauet wurde, welchen schon ohnedies seine ganze Lage zu einer Entgegenstellung, wie des eigenen und des Oestreichischen, so freilich auch, nach der Statt findenden Verbindung, des eigenen und des Deut- schen Interesse fuͤhrte, und der in derselben be- denklichen Lage der Dinge auch noch benach- barten, aͤhnlich-gesinnten Staaten zu einem Stuͤt- zungspunkte diente. Man denke sich einen Charakter wie diesen, befangen von Roͤmisch-Franzoͤsischer Eleganz, Beredtsamkeit und Philosophie, gegenuͤber den alten Gothischen Formen unserer Reichsverfas- sung, ferner den derben, vaterlaͤndischen, mehr auf den Stoff, als auf die Form gerichteten, Sitten! Er konnte sein Volk nicht begreifen, wie es vor seinen Augen und um ihn her lebte, geschweige das Alterthum dieses Volkes. So war Friedrich im Anfange seiner Lauf- bahn; indeß ist er nicht der Erste, der von seinem Schicksal weit uͤber sich selbst weggetragen wurde. Der unuͤberlegte, auf Schein gerichtete Thaten- trieb seiner Jugend ward in langen, ungluͤckli- chen und gluͤcklichen, Erfahrungen zu einem wah- ren Helden-Charakter ausgebildet, starr und ver- schlossen, aber nicht ohne liebenswuͤrdiges, mensch- liches Beiwesen, womit indeß vielmehr sein koͤ- nigliches Privatleben, als seine Regenten-Lauf- bahn, geschmuͤckt wurde. Sein Volk war wenig faͤhig, alles das Franzoͤsisch-Roͤmische, Trajani- sche, Mark-Alurelische Wesen zu fassen, worin der Koͤnig nun, da er selbst eine Roͤmische Thaten-Laufbahn zuruͤckgelegt hatte, bestaͤrkt war. Um so einsamer, um so erhabener uͤber sein Volk, glaubte Friedrich zu seyn. In eine gewisses tiefes Mißverstaͤndniß mit sich selbst aber, das kenntlich genug in vielen Privataͤußerungen sei- nes spaͤteren Alters liegt, doch sich nie in der Festigkeit und Praͤcision seiner Regierung er- blicken ließ, mußte er natuͤrlicher Weise gerathen: Einerseits durch den Roͤmischen Gedanken von Autokratie und unbedingter Macht, den das Schicksal in seiner Seele befestigt hatte; andrer- seits durch die Ideen von Freiheit, von Aufklaͤ- rung und Humanitaͤt, die uͤber sein Herz große Gewalt ausuͤbten, und die er auch keinesweges mala fide als eine bloße Maske des Despotis- mus gebrauchte. — Was wir in diesen Vorlesungen Nationa- litaͤt genannt haben, jene goͤttliche Harmonie, Gegenseitigkeit und Wechselwirkung zwischen dem Privat- und oͤffentlichen Interesse, konnte der sel- tene Mann, obwohl in seiner Art vollendet nach Zeit- und fruͤherer Bildungsweise, nicht mehr ver- stehen lernen. Mit der Einen Hand gab er den Geistern Freiheit und Toleranz; fuͤr die andre schien ihm nichts uͤbrig, als eben dieselben Gei- ster in eine kalte, mechanische Form zusammen zu druͤcken. So wie aber Friedrich’s Privat -Leben von dem oͤffentlichen scharf getrennt blieb: so war es unter ihm auch in seinem Staate, und nicht ohne nachbleibende Folgen! Der Antheil des Herzens und des Gemuͤthes wurde schwach, un- fuͤhlbar in der National-Verbindung ; und, wie bei Friedrich selbst, rettete sich das Edelste der Menschheit in das Privatleben hinein. Die Freiheit und das Gesetz, welche, wie ich hinreichend gezeigt habe, sich ohne Unterlaß ge- genseitig bilden sollen, waren in Friedrichs Mo- narchie getrennter, als irgendwo sonst, und eben dadurch auch das Privatleben von dem oͤffentli- chen. Die Maͤngel dieser, in mancher untergeord- neten Beziehung bis zur Vollkommenheit aus- gebildeten, Verwaltung hingen zum Theil freilich von der Zeit ab. Verstaͤrkt wurden sie aber be- deutend durch die isolirte Bildung, die dem Koͤ- nige in seiner Jugendzeit abgedrungen und nur uͤbrig war, und die ihn nicht mit seinem, gegen die Einseitigkeit dieser Bildung weit zuruͤckstehen- den, Volke hatte vereinigen koͤnnen. Erst die spaͤ- tere Zeit hat daruͤber mehr aufgeklaͤrt, indessen sie niemals aufhoͤren kann, seinem stets auf das Beste seines Staates gerichteten ernsten Willen und seinem wahrhaften Heldenthum in der eigenen unermuͤdeten Regierungsarbeit Gerechtigkeit wi- derfahren zu lassen. Damit war aber dennoch der Staat — den Ansichten des anfuͤhrenden Helden, also auch des von ihm geleiteten Volkes, nach — nichts weiter als eine nur so viel als moͤglich zu vollendende Maschine in der Hand der hoͤch- sten Gewalt; und es mußte von einem solchen Geiste der Verwaltung auch auf die Diener und Beamten, welche von diesem uͤberall selbst mit- arbeitenden Monarchen so durchaus, und oft im Kleinsten wie im Groͤßten, abhingen, Vieles uͤbergehen. Ein gewisser mechanischer Gang der Geschaͤftsfuͤhrung mußte ihnen oft eine freie echt- patriotische Verwaltung ihres Berufes erschwe- ren. Auch das uͤberwiegende Walten des Ancien- nitaͤts-Gesetzes konnte keine andre Folge haben, als daß die Beamten schon von den austrock- nenden Geschaͤften aufgezehrt waren, ehe sie zu den Stellen hinan kamen, worin es ihnen ver- goͤnnt wurde, dem Willen des Monarchen eine Art von freier Auslegung zu geben. Die Na- tion war, nach Theilen, und Dieses und Jenes respectirend, durch Friedrichs Nahmen, durch seine Thaten, seine Schriften, seine Lakonismen, und vor allem durch die sechs und vierzig-jaͤhrige Ge- wohnheit, an sein Zepter gefesselt; konnte aber, eben um dieser Verschiedenheit und ganzer Gear- tung der Motive willen, kein fest und lebendig verbundenes Ganze derselben darstellen. So mild und wohlwollend sich des Koͤnigs Herz, nach seiner innersten unverkennbaren Beschaffen- heit, der Nation gegenuͤber, oft bewegt finden mußte, und oft wirklich so zeigte: so waren doch, nach dem Charakter und der Ansicht seiner Zeit, die groͤßte Summe beherrschter Quadrat- Meilen, die arithmetische Vermehrung der Volks- menge, der Einkuͤnfte, der Producte und vor- zuͤglich — was Friedrich von allen Resultaten der Administration am besten verstand — des Geldes, wie schon oben bemerkt worden ist, die Haupt- Objecte seiner Verwaltung. Der hier beschriebene Charakter war freilich zu nichts weniger geeignet, als zum untergeordneten Gliede einer Foͤderal-Verfassung, wie die des Deut- schen Reiches. Undeutsch war Friedrich in seinen Neigungen, wie im Privatleben uͤberhaupt; un- empfaͤnglich fuͤr Deutsche Vorzeit, welche von de- nen Geschichtschreibern, die er las, aus Unver- stand am leichtsinnigsten und veraͤchtlichsten behan- delt war; unfaͤhig, Glied eines Verhaͤltnisses zu seyn, welches auf irgend einer Art der Gegen- seitigkeit beruhete, also unfaͤhig zu dem freien Ge- horsam, den eine Deutsche Verfassung verlangte, weil er isolirt und einsam dastand. Ueberdies war er in einer schneidenden, fruͤh im Hause des Va- ters angewoͤhnten, Opposition gegen alles, was sich auf Alter und Glauben stuͤtzte, in angewoͤhn- ter Geringschaͤtzung der Religion, welche die alte Gewaͤhrleisterin des Bundes von Deutschland gewesen war, und welche er nur, Einerseits durch den schwankenden Protestantismus seiner Geistlichkeit, den sein Scharfsinn leicht zu ver- nichten wußte, und andrerseits durch die muth- willigen, grazioͤsen Spielereien und Zweifeleien seiner Franzoͤsischen Freunde kannte. — Wie haͤtte dieses alles ohne den entschiedensten Ein- fluß auf den innersten Geist seiner Regierung, und auf die Bildung des Volkes und Staates unter derselben, so wie auf die ferneren, wenn auch erst allmaͤhlich und spaͤt sich entwickelnden, Schicksale dieses Staates und Volkes, bleiben koͤnnen! Aber, noch schlimmer als das! Friedrich — Theils durch die oben entwickelten, in seiner gan- zen Bildung gegruͤndeten Widerspruͤche seines Wesens aus Einem Extreme in das andre getrie- ben, Theils mit wirklicher Absicht, an welcher seine Erhabenheit und seine Schwaͤche gleichen Antheil hatten — verspottete in dem Einen Au- genblicke die Reichsverfassung, die er im andern zu respectiren schien, und ward so, durch diese und andre dem Zeitgeiste entsprechenden Eigenthuͤmlich- keiten eine Hauptstimme unter Denen, welche die kolossalen Grundlinien dieser Verfassung ver- kannten, und dadurch zum Umsturz des alten erha- benen Bundes mit beigetragen haben. Friedrichs Bildung, seine Neigungen, seine Lage und seine Schicksale, seine Erhabenheit und seine Schwaͤ- che, sind lange die Grundlage Dessen gewesen, was wir „Preussischer Staat” nannten; und deshalb haben sie naͤher betrachtet werden muͤs- sen, um zu zeigen, wie Einerseits die von ihm dem ganzen Staate eingepraͤgte mechanische Be- griffsform, und wie andrerseits ein der Belebung derselben ganz abgewandter taͤuschender Schein von Cultur, Freiheit, Aufklaͤrung und Roͤmisch-Fran- zoͤsische Philosophie den innern Widerspruch her- beigefuͤhrt haben, der vom Zeitgeiste vielmehr gepflegt und nachgeahmt, als geloͤs’t worden ist. Dessen ungeachtet giebt es einen alten Stamm Brandenburgischer, Preussischer und Pommer- scher Voͤlker, welche einen wahren nationalen Charakter behauptet haben, noch immer den alten Kern der Nation bilden, und an welche sich die wahren Wiederhersteller des Preussischen Nah- mens jetzt um so sicherer wenden koͤnnen, als sie fast allein ihrem Koͤnige verblieben sind. So war Friedrich, der eine Zeitlang dem ganzen Europa, und noch laͤnger seinem eigenen Staate, alle Vorzeit mit ihren Helden verdeckte und verdunkelte: ohne Zweifel unter allen Denen, die ohne Ruͤcksicht auf die Reaction des Volkes, des eigentlichen Regierungsstoffs, und ohne Ruͤck- sicht auf irgend ein eigentlich nationales Band, den Gemuͤthern, Voͤlkern und Zeitaltern das Ge- praͤge ihrer Eigenthuͤmlichkeit aufzudruͤcken unter- nahmen, einer der Groͤßten und Gruͤndlichsten. Denn auf welche andre und neue Ressourcen des Geistes haben sich denn wohl Die gestuͤtzt, welche in seine Fußstapfen in Europa getreten sind? — Und uͤber dies alles hatte Friedrich noch die Anlage einer persoͤnlichen, menschlichen Liebenswuͤrdigkeit, und vermochte, wenn auch nur fuͤr die Eine folgende Generation, doch we- nigstens fuͤr diese , Ahnherr, ich moͤchte sagen Nationalgott, zu seyn. Indeß — wie schon er- innert, und aus der Popularitaͤt seiner Regen- ten-Laufbahn und aus den vielen Nachahmern derselben (wobei wir nur der sonderbarsten Er- scheinung, Josephs des Zweiten, gedenken wol- len) zu erkennen ist — gehoͤrt Friedrich der Zweite vielmehr Europa, als dem Preussischen Staate insbesondre, an. Er ist die Erscheinung in der Weltgeschichte, die nach den verschwunde- nen Instituten des Mittelalters, nach dem auf- geloͤs’ten religioͤsen Verbande der Europaͤischen Voͤlker, nothwendig folgen mußte. Wenn das Leben der Gesetze entwichen, wenn keine Persoͤnlichkeit mehr in den Staatsformen, wie in den alten Standesunterschieden, zu fin- den ist: — dann, da das Gemeinwesen nun ein- mal nicht bloße todte Sache, oder Convolut tod- ter Sachen und Begriffe, seyn kann, sondern unaufhoͤrlich wenigstens persoͤnlicher und lebendi- ger Anfrischung bedarf: — dann melden sich, wer- den herbei gerufen, herbei gezwungen von dem duͤr- ren Zeitalter, heerfuͤhrende Personen. So zwang Rom, als der Geist und das Leben der Verfassung entwichen war, seinen Caͤsar, und Griechenland seinen Alexander herbei. Friedrich und die Nach- folger seines Verfahrens, nicht seines Thrones, empfingen ihre Rollen aus den Haͤnden der Zeit: das Interregnum des Glaubens und der Natio- nalitaͤt muß, da sich der Mensch nun einmal, den Sachen zu Gefallen, nicht aller Persoͤnlich- keit entaͤußern kann, erfuͤllt werden, wenigstens mit Gegenstaͤnden der Bewunderung und Anbe- tung, indessen die wahren Goͤtter laͤngst ent- flohen sind. Aber nicht bloß um ihrer Institutionen, ihrer Staatseinrichtungen, nicht bloß um ihres Ein- flusses auf die Nachwelt oder um ihrer Verhaͤlt- nisse zu der Vorwelt willen, muͤssen Charaktere wie Friedrich studiert werden, sondern auch, wie ich mich zu zeigen bemuͤhet habe, um das Zeit- alter und seine Gebrechen zu erkennen. — — Wenn uͤbrigens irgend etwas den richtigen Sinn des jetztregierenden Koͤnigs von Preussen beweis’t, so war es die innere Abneigung, die er vor der unbedingten Adoration seines Großoheims, dessen Genie er persoͤnlich verehrt, bei vielen Gelegen- heiten gezeigt hat. Die bekannte, und dem großen Haufen der Kunstfreunde und gebildeten Dilet- tanten unsrer Zeit unverstaͤndlich gewesene, Cabi- netsordre an die Akademie der Kuͤnste, worin der Koͤnig seinen Wunsch aͤußerte, viel lieber Gegen- staͤnde aus der aͤlteren vaterlaͤndischen Geschichte, als aus der Griechischen und Roͤmischen Mytho- logie behandelt zu sehen, ferner sein bestaͤndiger Drang, neben dem Ruhme Friedrichs des Zwei- ten, auch den viel nationaleren des großen Kur- fuͤrsten Friedrich Wilhelms, und aͤlterer Helden des Brandenburgischen Hauses, geltend zu ma- chen —: alle diese Umstaͤnde beweisen, wie rich- tig der Koͤnig fuͤhlte, daß Friedrich der Zweite, mit seinen Thaten, seinem Ruhm und seiner Groͤße, dennoch eine Art von Scheidewand bilde- te zwischen den eigentlichen Ahnherren der Preus- sischen Monarchie und ihren Enkeln. Es ist nicht dem Charakter dieser Vorlesungen gemaͤß, aus irgend einer einzelnen Individualitaͤt — denn, wie groß oder wie klein sie seyn moͤge, ist sie doch gegen die hier beabsichtigte Idee immer noch viel zu klein — Gesetze uͤber den Staat, uͤber seinen Bau und die ewige Nothwendigkeit seines inneren Lebens herzuleiten, eben so wenig aus dem Gerichte, das uͤber einen einzelnen histo- rischen Charakter gehalten wird, die Idee des uͤber Fuͤrsten und Voͤlker waltenden ewigen Rech- tes zu folgern. Friedrich wurde hier beigebracht als Repraͤsentant, als deutlichster, vollstaͤndig- ster und auch groͤßter Repraͤsentant, jener trauri- gen Geschiedenheit und Mischung von Privat- und oͤffentlichem Leben, aus der sich der allge- meine Egoismus, und die allgemeine Noth, also auch die Aufloͤsung des Staatenscheins, mit dem sich noch jetzt unsre ihm ganz widersprechenden Herzen schmeicheln, entwickeln muß. — Das, was aus Friedrich nur kraͤftiger sprach und concentrirter agirte, weil sein Genius ge- waltiger war, als der Genius der meisten vor- angegangenen, aͤhnlich Gesinnten, ist — nur zer- streuter, einzelner und verkleideter, aber um nichts weniger sichtbar — bereits in den beiden vor- angegangenen Jahrhunderten zu finden. Sie kennen es; ich habe hinlaͤnglich beschrieben, wie es sich in den großen Weltbegebenheiten, in den einzelnen rechtlichen und National-Verhaͤltnissen, und so auch in jedem einzelnen Individuum, aus- druͤckt. Also werden Sie Sich durch die Erinne- rung an die Weltumstaͤnde, denen Friedrich unter- worfen war, wie wir Alle es sind, und durch die Erinnerung an unzaͤhlige einzelne schoͤne Zuͤge, in denen sich seine unsterbliche Natur offenbarte, und deren sie Alle in ihrem Gedaͤchtniß aufbewah- ren, wieder besaͤnftigen lassen, und mir die Kri- tik verzeihen, die den Repraͤsentanten trifft, aber eigentlich den Committenten desselben in den letz- ten drei Jahrhunderten gilt. — Die Rechtlichkeit und die unverkennbare Ge- muͤthsreinheit des gegenwaͤrtigen Koͤnigs von Preussen, und die ungluͤcksvollen Ereignisse, die wir Alle, ich glaube mit großem Antheil, erlebt haben, koͤnnten wohl jene Deutsch-gesinnten Ge- muͤther, die einen alten nicht ganz ungerechten Groll, nicht sowohl gegen Preussen als gegen manche Unternehmungen und Institute Friedrichs, im Herzen trugen, endlich besaͤnftigen. — Mit dem Vaterlaͤndischen, und — halten Sie es meiner Persoͤnlichkeit zu gut — mit dem naͤch- sten, schließt sich meine Rechtslehre. Wer jemals erwogen hat, was Deutschland ist, wird diese Betrachtung fuͤr keine Episode halten. Vier- Viertes Buch . Von der Idee des Geldes und des National-Reichthums . Müllers Elemente. II. [12] Achtzehnte Vorlesung. Vom individuellen (Gebrauchs-) Werthe, und vom geselligen (Tausch-) Werthe der Dinge. D er Grund von der Unbestimmtheit und Man- gelhaftigkeit der meisten Ansichten vom National- Reichthum liegt hauptsaͤchlich darin, daß man nicht gehoͤrig aufgefaßt hat, was unter dem Worte Reichthum zu verstehen sey. Man dachte sich im gemeinen Leben unter Reichthum eine verhaͤltnißmaͤßig große Menge von Privat- eigenthum oder von Sachen. Dennoch fiel es niemanden ein, Den, welcher z. B. eine betraͤcht- liche Sammlung der mannichfaltigsten Conchylien, Insecten oder andrer Naturmerkwuͤrdigkeiten be- saß, deswegen „einen reichen Mann” zu nennen. — Man schaͤtzte vielmehr einen Andern, der große Getreidevorraͤthe in seinen Speichern auf- gehaͤuft, oder große Summen Geldes in seinen Koffern gesammelt hatte, ungeachtet der Einfoͤr- migkeit seines Vorraths und der großen Man- nichfaltigkeit in den Sammlungen jenes Natur- forschers, dennoch unbedingt fuͤr einen reicheren Mann. — Also die unmittelbare Brauchbarkeit des Vorrathes fuͤr die buͤrgerliche Ge- sellschaft gab in unsern Augen dem Privat- Eigenthum jenes Kornhaͤndlers oder Banquiers einen Vorzug vor dem viel seltneren und mannich- faltigeren Eigenthume des Naturforschers. Der einfoͤrmige Vorrath an Getreide und Gelde, war, weil ihn viele, weil ihn alle Mitglieder der Ge- sellschaft gebrauchen und begehren koͤnnen, in unsern Augen mehr werth, als der mannich- faltige Vorrath des Naturforschers, dessen Nutz- barkeit nur Wenigen einleuchtet, und der fuͤr sehr Wenige ein Beduͤrfniß wird. — Wir nennen also Den reich, welcher Das hat, was sehr Viele begehren; der dem zu Folge vielen Menschen wichtiger und nothwendiger ist; der also durch seinen Besitz einen groͤßeren Einfluß auf die buͤr- gerliche Gesellschaft hat. Jede Sache, wie jede Person, hat einen doppelten Charakter; lassen Sie uns den Einen ihren Privat-Charakter , den andern ihren duͤrgerlichen Charakter nennen. Eine Sache kann, weil eine freundschaftliche Erinnerung dar- an haftet, einen sehr großen Werth, ein pretium affectionis , fuͤr mich haben, und dennoch kann sich nach meinem Tode, wenn mein gesammtes Mobiliar nach seinem buͤrgerlichen oder Geld- Werthe angeschlagen wird, zeigen, daß sie in den Augen der buͤrgerlichen Gesellschaft wenig oder nichts bedeutet; d. h.: eine Sache kann einen sehr bedeutenden Privat-Charakter , und doch einen sehr geringen unscheinbaren buͤr- gerlichen Charakter haben. In Deutsch- land sind vielleicht hundert Conchylien-Sammler, und dagegen einige Millionen Getreidesammler; mit andern Worten: eine seltne Conchylie wird hoͤchstens nur von hundert Mitgliedern der buͤr- gerlichen Gesellschaft, ein Scheffel seltenes Korn wird von Millionen Buͤrgern begehrt werden; das Korn also wird ein Grund der Vereinigung fuͤr Viele, die Conchylie nur fuͤr Wenige. In- deß, wie Wenige es auch seyn moͤgen, welche die seltene Neigung fuͤr Muscheln, Schnecken und Insecten halben, so laͤßt sich dennoch von dergleichen Sachen nicht behaupten, daß sie gar keinen buͤrgerlichen Charakter haͤtten: sie werden ein Grund des Verkehrs und der Correspondenz fuͤr eine einzelne Gruppe von Buͤrgern. So hat also jede Sache die doppelte Eigen- schaft, 1) daß sie das Beduͤrfniß eines einzelnen Menschen werden, und daß sie dessen ungeachtet auch wieder 2) das Beduͤrfniß von Zweien seyn kann. Sie hat Einerseits einen individuellen Werth , durch das, was sie im unmittelbaren Gebrauch oder im directen Genuß ist, andrer- seits einen geselligen Werth , durch das, was sie im mittelbaren Gebrauch ist, oder im Tausch und im Handel . Jede Sache ist zuerst un- mittelbar an ihren Eigenthuͤmer gebunden, und dann ist sie auch wieder ein Band zwischen dem Eigenthuͤmer und seinen Nebenmenschen. Jede Sache ist, weil sie gebraucht, verzehrt und ge- nossen werden kann, dem einzelnen Menschen unterworfen , sie ist Gegenstand des Privat- Eigenthums; aber die, auch gegen Sachen gerechte Natur, hat ihr eine andre Eigenschaft gegeben: die nehmlich, daß sie von Mehreren begehrt werden kann, kraft deren sie gewissermaßen frei und persoͤnlich zu nennen ist; sie ist Gegenstand des National -Eigenthums, und nicht bloß des Privat -Eigenthums. — Die Distinction dieser beiden Eigenschaften, so wichtig und folgenreich sie fuͤr die Finanz-Lehre auch seyn mag, klingt in unserem Zeitalter hoͤchst spitzfindig; und dennoch wurde sie von allen Ge- setzgebungen, welche der Natur der menschlichen und gesellschaftlichen Verhaͤltnisse treu geblieben sind, anerkannt. Jene Hollaͤndischen Kaufleute, welche den ungebuͤhrlichen Vorrath von Gewuͤr- zen verbrannten, oder ein reicher Kornwucherer, der, in Zeiten großer Theurung, einige Wochen vor der neuen Ernte einen Theil seines Vor- raths zerstoͤrt, weil er die Preise festhalten, auch nicht durch allzu bedeutende Zufuhr aus sei- nen Speichern Verdacht erwecken will — wird von Jedem, der sein Verfahren kennt, fuͤr einen Verraͤther an der buͤrgerlichen Gesellschaft gehal- ten, ungeachtet ihm alle Privatgesetze das unbe- dingte Privateigenthum, also das Recht uͤber Leben und Tod seiner Sachen, zusprechen. Hier zeigt es sich deutlich, daß die Gesellschaft bei den wichtigsten Sachen die doppelte Eigenschaft eingesteht, welche ich allen Sachen ohne Aus- nahme zugeschrieben habe; sie betrachtet offenbar jenes Gewuͤrz und dieses Getreide unter einem doppelten Gesichtspunkte: zuerst als einen Ge- genstand des Privat-Eigenthums und als solchen dem individuellen Eigenthuͤmer unterworfen; und dann zweitens, als einen Gegenstand des Na- tional-Eigenthums, als solchen in einem freien Verhaͤltnisse zu der buͤrgerlichen Gesellschaft uͤber- haupt. Eben so war es, wie ich hinreichend bewiesen habe, in der Lehnsgesetzgebung und in der Mosaischen der Fall mit dem wichtigsten Eigenthume, mit dem Grundeigenthume uͤber- haupt. — Also, daß ich Sachen besitze, die nicht bloß fuͤr mich, sondern zugleich fuͤr alle Uebrigen oder fuͤr die Nation einen Werth ha- ben; daß ich Sachen habe, deren doppelte Eigen- schaft, deren Privat- und deren buͤrgerlicher Cha- rakter, deren individueller Werth und deren ge- selliger Werth allgemein anerkannt ist; daß ich Sachen habe, die mir unterworfen, aber auch wieder in hohem Grade frei und der Gesellschaft unterworfen sind: — das macht mich, nach dem gewoͤhnlichen Urtheile der Welt, zum reichen Mann; und dieses gilt mehr vom Geld- und Ge- treide-Besitzer, als vom Conchylien-Besitzer. Der bloße Besitz von Sachen also, in wie großer Menge dieselben auch vorhanden waͤren, macht den Privatmann noch nicht zum reichen Manne, sondern es muß noch ein aͤußeres viel- faͤltiges Begehren hinzukommen: die Sachen muͤssen einen, ihrem individuellen Gebrauchs- werth oder ihrem Privat-Werthe, angemessenen National-Werth, oder allgemeinen Tauschwerth haben, wenn von Reichthum die Rede seyn soll. Kurz, wie man von Bauern, die an ein bestimmtes Grundeigenthum angeheftet ( glebae adscripti ) sind, so, daß sie von dem bestimmten Gute rechtlich nicht abgesondert werden koͤnnen, zu sagen pflegt, daß sie wie Sachen behandelt wuͤrden: — so kann man von Sachen, die an keine bestimmte Person fuͤr immer angeheftet, durch ihre innere Nuͤtzlichkeit ein Gegenstand vielfaͤltigen Begehrens sind, und, diesem Begeh- ren folgend, heute diesem, morgen jenem Indi- viduum in der Nation als Arbeiter dienen, sa- gen, daß sie wie freie Personen behandelt werden. Das Geld z. B. ist offenbar in diesem freien persoͤnlichen Umgange mit dem Menschen: es laͤßt sich unterjochen, einsperren und isoliren, wie man Menschen unterdruͤcken und gefangen halten kann. Wer es hat, glaubt es festhalten zu koͤnnen, er glaubt es ausschließlich zu besit- zen; aber das Beduͤrfniß der naͤchsten Stunde steht dem augenblicklich unterdruͤckten Gelde bei: alle Beduͤrfnisse verbinden sich um das eingefan- gene Geld wieder zu befreien und die gehemmte Bewegung und Circulation des Geldes (welches eben die deutlichen Kennzeichen der Persoͤnlichkeit des Geldes sind) wieder herzustellen, und um den sogenannten Eigenthuͤmer zu uͤberfuͤhren, daß jener ausschließende Besitz, womit ihm sein Egoismus und die Roͤmischen Gesetze geschmeichelt haben, doch nicht Statt findet, vielmehr, daß er nur einen Theil davon besitzt, daß die gesellschaftliche Ge- sammtheit eben so viel Recht daran hat, und daß ihm vom Gelde, wie von allem moͤglichen Besitz, nur ein Nießbrauch, eine Art von vor- uͤbergehendem Lehnseigenthum, zu Theil werden kann. — Wenn nun also erst durch die Gesellschaft, durch ihre Lust und ihr Begehren, das, was der Einzelne besitzt, wahren Werth bekommt; wenn z. B. die National-Ernte der Privat-Ernte auf einem einzelnen Gute, die an und fuͤr sich einen durchaus unbestimmten, nicht zu berech- nenden Werth hat, erst einen bestimmten und zu berechnenden Werth giebt; wenn z. B. vor etwa funfzehn bis zwanzig Jahren ein betraͤchtliches Magazin von Schnuͤrleibern, durch die ploͤtzliche Ungunst der Gesellschaft gegen dergleichen Druck, zu einem sehr geringen Werthe herabsinken konn- te; wenn selbst Geld und Getreide und alle Be- duͤrfnisse der ersten Nothwendigkeit von jeder Veraͤnderung in den gesellschaftlichen Verhaͤltnis- sen abhangen, und im Grunde von Moment zu Moment den Preis und auch ihren wirklichen Werth veraͤndern: — was ist denn also der sichre und solide Reichthum eines Menschen, eines Staates, oder uͤberhaupt irgend eines In- dividuums? — Daß Vorraͤthe von Sachen, welche die bei- den Eigenschaften wahrer Sachen, den Privat- Charakter und den buͤrgerlichen Charakter, oder individuellen und geselligen Werth, in einem ho- hen Grade vereinigen, so wie Getreide und Geld, daß solche Vorraͤthe ein Zeichen des Reichthums sind, haben wir oben entwickelt; aber diese Vor- raͤthe scheinen nur zu sagen: „hier in unsrer Gegend ungefaͤhr ist der Reichthum zu finden; wir deuten den Reichthum an, und koͤnnten ihn auch immer mehr hervorbringen helfen: doch wir selbst sind der Reichthum noch nicht; denn sollte es jemanden einfallen, uns bloß und ausschließ- lich festzuhalten, in der Meinung, wir seyen der Reichthum, so moͤchte ein solcher Geitziger, gerade auf so lange, als er die Tyrannei uͤber uns ausuͤbte, wirklich arm zu nennen seyn.” — Dieses nun waͤre eine kluge Rede; denn, wenn der Werth der Dinge gerade auf ihrem doppel- ten Charakter, auf ihrem buͤrgerlichen und ihrem Privat-Charakter, beruhet, so nimmt ihnen ja der Geitzige ihren Werth, indem er sich ihrer absolut bemeistern, also nur die Eine Seite ihres Charakters, nehmlich ihren Privat-Charakter, re- spectiren und gebrauchen will. — Also die doppelte Eigenschaft der Sachen soll nicht bloß respectirt, erkannt und geschaͤtzt, son- dern ihr gemaͤß sollen die Sachen auch gebraucht werden: der Mensch soll, durch den zuerst in die Augen fallenden Privat-Charakter der Sachen verfuͤhrt, nicht selbst zur Sache, zum absoluten Privatmann werden; er soll allezeit bedenken, daß er, wie ich an der Sache gezeigt habe, eben so wohl Eigenthum seiner selbst, als Eigenthum der buͤrgerlichen Gesellschaft, ist; daß er eben- falls einen doppelten Werth hat, einen individuellen und einen geselligen ; daß er ein gleichguͤltiges Besitzstuͤck des Staates seyn kann, wie die ofterwaͤhnte Conchylie, wenn er einen großen individuellen und egoisti- schen Werth hat, bei einem geringen geselligen und nationalen Werth; daß er aber auch ein Schatz, ein Kennzeichen des Reichthums fuͤr den Staat werden kann, wie Korn und Geld, wenn er sich einen gleich-großen individuellen und na- tionalen Werth zu geben weiß, wenn in seinem Herzen bestaͤndig das eigene Interesse und das Interesse des Ganzen in ebenmaͤßiger Wechsel- wirkung stehen. Wie wird sich also in der Ausuͤbung aͤußern, ob der Mensch bloß eine unbrauchbare Raritaͤt, wie so viele Virtuosen, Gelehrte und gebildete Leute, oder ob er ein realer und lebendiger Schatz, ein wirkliches Reichthums-Kennzeichen, fuͤr die buͤrgerliche Gesellschaft sey? — Ob er die doppelte Eigenschaft aller Personen und Sachen, welche die buͤrgerliche Gesellschaft ausmachen, ob er den Privat- und den buͤrgerlichen Charak- ter aller Dinge, jeden an seinem Orte, zu respec- tiren versteht: darin wird sich zeigen, ob er die beiden großen und ewigen Qualificationen, den Privatmann und den Buͤrger, in schoͤnem Eben- maße zu vereinigen wisse, und ob er selbst dem- nach ein wuͤrdiges Besitzstuͤck der Mensch- heit sey . — Der Reichthum ist also kein Begriff; er liegt nicht in den bloßen Sachen, er laͤßt sich nicht festhalten, indem man die Sachen festhaͤlt, oder vermehrt: er liegt eben so wohl im Gebrauch, als im Besitz. Was Reichthum sey, eben so wohl, wie das, was Recht sey, laͤßt sich im Stillstande, oder aus dem aufgespeicherten Ei- genthume, eben so wenig erkennen, wie aus den aufgespeicherten Gesetz- und Rechts-Institutionen das Recht. — Die bloße Veranschlagung der Kraͤfte und Besitzstuͤcke einer Nation, uͤberhaupt alles, was sich in Zahlen angeben laͤßt, giebt bloß zu erkennen, daß der Reichthum Statt finden kann: seine wirkliche Existenz laͤßt sich nur im Gebrauch, in der Bewegung, erkennen und zeigen. Man muß den Lauf der Jahrhun- derte mit in die Berechnung ziehen; und sollten auch bei diesem erhabneren Calcul die meisten von den alten, in gewoͤhnlichen Berechnungen so wichtigen, Zahlen verschwinden und unrich- tig befunden werden: so tritt dafuͤr nun fuͤr unsre Resultate eine neue und hoͤhere Sicherheit ein, als die gemeine Arithmetik, in der Anwen- dung auf den ganzen Menschen und auf den ganzen Staat, in ihrer unbestimmten Bestimmt- heit gewaͤhren kann; es treten andre Buͤrgen ein, als Rechenmeister, nehmlich das Gesetz der Natur und der Zeit. Freilich wird auch hier wieder der oͤkonomi- schen Kunst, die wir beschreiben und ausuͤben wollen, das oͤkonomische Handwerk in den Weg gestellt werden muͤssen, wie oben das juristische Handwerk der gesetzerzeugenden, echt juristischen Kunst manche Schwierigkeiten erregte; indeß wer- den auch hier, wie dort, diese Schwierigkeiten gerade unsern Lauf befoͤrdern, und dem ewigen Sinne unseres Unternehmens — durch den Con- trast, durch eine untergelegte Folie — die klaren Umrisse zu geben dienen, welche jede große Absicht erst von der sie antastenden und bespoͤt- telnden Gewoͤhnlichkeit erhaͤlt. — Man kann die Wahrheit nicht besser verklaͤren als indem man mancherlei Formen des Irrthums sich gegen sie dramatisch auflehnen und sprechen laͤßt. — Wie oben in der Betrachtung des Rechtes, so hier in der Betrachtung des Reichthums kommt alles darauf an, daß die falsche Unterscheidung der Personen von den Sachen — oder des hand- greiflich lebendigen, menschlichen Fleisches von allen uͤbrigen Dingen, die ihr Leben oder ihren lebendigen Einfluß auf die buͤrgerliche Gesellschaft, wenn auch nicht durch leibhaftiges Umhergehen, Sprechen und Arbeiten, dennoch, jedes in seiner Sprache, vernehmlich genug darthun — beseitigt werde. Kein Zeitalter hat den groͤßtmoͤglichen Besitz von Sachen so erstrebt und vergoͤttert, wie das unsrige; kein Zeitalter hat aber auch, in solchem Widerspruche mit sich selbst, die hei- ligsten und ehrwuͤrdigsten Besitzthuͤmer und uͤber- haupt alle Sachen, in denselben politischen und philosophischen Systemen, mit Einem Munde, in Einer und derselben Periode wieder verachtet, und ihnen alles Leben, alle Freiheit, alle gesell- schaftliche, rechtliche und sittliche Bedeutung ab- gesprochen, wie das unsrige. Jene rohe Distinction, vermoͤge deren man viele große, erhabene, zur Erhaltung ganzer Staaten unentbehrliche Dinge fahren lassen kann, um ein sogenanntes Men- schenleben zu retten — jene rohe Distinction, die Quelle unzaͤhliger Irrthuͤmer, haben wir nicht gebrauchen koͤnnen; wir haben erklaͤrt und be- wiesen, daß jedes Object der Staatskunst , gleich-viel, ob es dem gemeinen Auge als eine Person, oder als eine Sache erscheine, eine doppelte Natur habe: eine persoͤnliche, und eine saͤchliche . Wenn man von einer Sache sagt, daß sie nuͤtzlich sey, so behauptet man damit, daß sie in Beziehung auf die buͤrgerliche Gesellschaft einen Werth habe, d. h., wie nun hinreichend klar seyn wird, daß sie vom Staate einen wirk- lich persoͤnlichen Charakter erhalte, kraft dessen sie dem Staate diene, wie wir andern leiblichen Personen eben auch. Eine nuͤtzliche Sache wird besessen, gerade wie man eine Person besitzt: sie wird geschont wie eine Person, trotz dem ver- derbten Roͤmischen Recht, welches dieses Ver- haͤltniß nicht begreifen kann und dem Eigenthuͤ- mer das Recht uͤber Leben und Tod zuspricht, waͤhrend die Polizei und die Finanz-Gesetze dessel- ben Staates jenem unbedingten Rechte durchaus widersprechen und es in unzaͤhligen Faͤllen wieder aufheben muͤssen. Diese heben nicht bloß das Recht uͤber Leben und Tod auf: sie verbieten wohl gar, die Sache in eine andre zu verwan- deln, z. B. das Korn in Branntwein, wohl gar die Sache von Einem Orte nach dem andern zu bringen, z. B. Korn oder Geld in’s Ausland. — Lassen Sie uns die Resultate unsrer Be- trach- trachtung zusammen fassen! Alle Individuen im Staate, sowohl Personen als Sachen, haben einen doppelten Charakter: einen saͤchlichen oder Privat-Charakter, und einen persoͤnli- chen oder buͤrgerlichen. In wie fern diese beiden einander unterstuͤtzenden und hebenden Grundei- genschaften der Personen und der Sachen wech- selseitig ausgebildet und entwickelt sind, in so fern und in dem Maße ist ihnen Werth zuzu- schreiben, und sind sie Objecte des Reichthums. Was heißen die Worte: „die Sache hat ei- nen Tauschwerth?” Nichts Anderes als: sie kann das Begehren zweier Personen vermit- teln, vertragen, und auseinander setzen; sie hat eine Kraft zu vergleichen und zu entscheiden, so gut wie der Mensch, der Richter. Die Sache nun, welche diese Eigenschaft des Vermittelns und des Entscheidens vorzuͤglich ausuͤbt, d. h. welche am meisten buͤrgerliche Kraft besitzt, nen- nen wir, mit Bezug auf diese Kraft: Geld , sey es nun Rindvieh, wie bei den Homerischen Griechen, Salz, wie in Abyssinien, Taback, wie in Virginien, Zuckerrohr, wie in vielen Theilen von Westindien, Naͤgel, wie hier und da im Schottischen Hochlande, oder edle Metalle und Papier, wie bei uns. Indeß ist es klar, daß eine Sache, sobald sie auch nur von zwei Men- Müllers Elemente. II. [13] schen begehrt werden kann, in Bezug auf diese Beiden nun die Stelle des Geldes vertritt: in so fern sie Tauschwerth hat, ist sie Geld; in so fern sie buͤrgerlichen Charakter hat, ist sie Geld. Wir koͤnnen also unser Resultat auch auf fol- gende Weise ausdruͤcken. alle Individuen im Staate , sowohl Menschen als Sachen, ha- ben einen doppelten Charakter : zuerst sind sie etwas fuͤr sich , oder an sich; dann aber sind sie auch noch etwas, als Geld . — Die Paradoxie dieses Ausdruckes ist nothwendig; denn alle bisherigen, zum Theil sehr gluͤcklichen, Bestrebungen, die Wissenschaft der National-Oeko- nomie zu begruͤnden, sind im schoͤnsten Laufe un- terbrochen und von der rechten Bahn abgelenkt worden, durch einen gewissen fixen Begriff vom Gelde, den uns die mechanische Form unsrer buͤrgerlichen Einrichtungen von Jugend auf einge- praͤgt hat. Geld ist eine Idee; oder, sollte dieses Wort noch etwas Anstoͤßiges haben, Geld ist eine allen Individuen der buͤrgerlichen Gesellschaft in- haͤrirende Eigenschaft, kraft deren sie mehr oder weniger mit den uͤbrigen Individuen in Verbin- dung zu treten und auch wieder die verbundenen Individuen aus einander zu setzen vermoͤgen. Wir sind gewohnt, diejenigen unter allen Sachen, welche bis jetzt die, Einerseits zur Verbindung und Vermittelung unter den Individuen, andrerseits zur Auseinandersetzung nothwendigen Eigenschaf- ten am vollkommensten vereinigen, nehmlich die edlen Metalle, Geld zu nennen, obgleich, wie ich gezeigt habe, diese Benennung von unendlich groͤßerer Ausdehnung ist. Keine Waare hat bis jetzt die Geld-Eigenschaft, oder den buͤrgerli- chen, geselligen Werth aller andern so deutlich dargestellt (repraͤsentirt), wie die edlen Metalle: diese sind geschickt 1) zur Vermittelung oder Ver- bindung der Individuen durch ihre Dauerhaftig- keit, durch ihre fortwaͤhrende Gleichartigkeit und durch ihre Transportabilitaͤt, welche eine Folge ihrer verhaͤltnißmaͤßigen Seltenheit ist; 2) zur Auseinandersetzung der Individuen, durch ihre Theilbarkeit. — Indeß hat der buͤrgerliche oder der Geld-Cha- rakter der edlem Metalle so gut, wie der Cha- rakter aller andern Individuen in der buͤrgerli- chen Gesellschaft, seine Grenze. Wir finden es z. B. unschicklich, wenn Metallgeld die zer- stoͤrte Harmonie zweier Freunde wieder herstellt oder vermittelt, oder wenn neuere Lehrer der Staatswirthschaft ohne alle Scham den Krie- gesdienst, den Stand der Staatsbeamten oder Gelehrten eine Geld-Lotterie nennen — als ob die Aussicht auf einen gewissen Metallgeld-Gewinn die militaͤrischen und buͤrgerlichen Thaten zu ver- gelten, und also auch hier das Metallgeld den Staat und das verdienstvolle Individuum aus einander zu setzen im Stande waͤre! — Ferner hat sich, durch die großartige Natur, welche der Welthandel angenommen hat, der buͤrgerliche Cha- rakter des Metallgeldes auch zur Vermittelung und Auseinandersetzung der aͤußeren Beduͤrfnisse des Menschen als unzureichend bewiesen: auf den großen Marktplaͤtzen des Welthandels, in Groß- brittanien z. B., ist im gegenwaͤrtigen Augen- blicke das Metallgeld vielmehr ein bloßer Maßstab zur quantitativen und qualitativen Abschaͤtzung der Dinge, es ist dort vielmehr wichtig als allgemein verstaͤndliche oͤkonomische Antiquitaͤt, — welche bei- behalten wird, um der Ordnung und Gleichmaͤ- ßigkeit aller Geschaͤfte willen, wie das Pfund Troy oder die Coͤlnische Mark — denn als wirk- licher, directer und unmittelbarer Vermittler und Auseinandersetzer der kaufmaͤnnischen Geschaͤfte. Ein schriftlich gegebnes Wort, als Assignation, Banknote, Drei-pro-Cent-Stock, wird man frei- lich, der Ordnung und Gleichmaͤßigkeit halber, auf jenen Maßstab des Metallgeldes beziehen; es koͤnnte aber dessen ungeachtet hundert Jahre cir- culiren, ohne ein einziges Mal in Metallgeld rea- lisirt zu werden. — Ferner an andern Orten, wo durch Krieg, National-Ungluͤck oder gewisse Mißverhaͤltnisse des Handels das Metallgeld sich verloren, dient es nun gleichfalls nur als reiner Maßstab: das Papiergeld wird auch hier, der Ordnung halber, und wegen der Uebereinstim- mung mit den Nachbarn und Vorfahren, auf Metallgeld bezogen. Wenn man mich aber fragt, was in Oestreich eigentlich Geld sey und die aͤußeren Verhaͤltnisse der Individuen vermittele und ausein ander setze; so sage ich: ein kaiserliches Wort, ein National-Wort, welches hier ver- mittelst der Theilbarkeit, Beweglichkeit und Deut- lichkeit des Papiers, zum allgemeinen oͤkonomi- schen Auseinandersetzungs- und Vermittelungs- Instrument wird, wie dasselbe kaiserliche oder Na- tional-Wort wieder dort , vermittelst der Klug- heit, Beweglichkeit und Gesetzmaͤßigkeit einer großen Anzahl von Richtern und Beamten aller Art, zum juristischen Auseinandersetzungs- und Vermittelungs-Instrumente. — Mit der un- geheuren Vermehrung unsrer Industrie, unsres Handels und Verkehrs, kann das Metallgeld nicht Schritt halten; und trotz dem ungeheuren Mißverhaͤltnisse zwischen dem wenigen Metall- gelde und den unendlich vielen Waaren, wird das Metallgeld nicht theurer, vielmehr taͤglich wohlfeiler, dagegen alle Waaren theurer. Alle diese Umstaͤnde zeigen, daß schon jetzt ein andres und viel hoͤheres Geld circuliren muß, als das Metallgeld, welches hoͤhere wir einstweilen das Wort- oder das Credit-Geld nennen wollen. — Indeß, diese ganze Auseinandersetzung soll wei- ter nichts beweisen, als daß die Idee der gesell- schaftlichen Bedeutung keinesweges an das Me- tallgeld gebunden ist, und daß der erste Schritt aller wahren Erwaͤgung der Staats- und Na- tional-Oekonomie der sey, daß man jenes abso- lute und instinctartige Haften am Metallgelde unmoͤglich mache, indem man zeigt, daß das Geld eine Idee , oder eine allen Individuen der buͤrgerlichen Gesellschaft inhaͤrirende Eigen- schaft ist. In dem Maße, wie der Mensch selbst seinen buͤrgerlichen Charakter erweitert, und immer Mehreren zum Beduͤrfnisse wird: in dem Maße wird er selbst immer mehr zum wah- ren Gelde, in dem erhabenen, nur ideenweise und lebendig zu erkennenden Sinne des Wortes, den ich aufgestellt habe. Also es gilt von den gegenwaͤrtig so genannten Personen, wie von den so genannten Sachen; in so fern diese Geld- eigenschaft durch Fabrication, Industrie, und nuͤtzliche Verarbeitung aller Art an den Sachen, durch Geschicklichkeit, Brauchbarkeit, National- sinn u. s. w. an den Personen immer mehr aus- gebildet wird: in so fern waͤchst der National- Reichthum; und die hier beschriebene Idee des Geldes ist das eigentliche und ewige Object des National-Reichthums. Daß alle Individuen im Staate den Charakter des Geldes annehmen, oder immer mehr zu wahrem Gelde werden; daß sich ihr wahrer Werth im Tausch, im Verkehr, im geselligen Leben, daß sich, wie ich es noch be- zeichnender nannte, ihr buͤrgerlicher Charak- ter , erhoͤhe: dahin geht das große und eigent- lich nationale Streben des Staatswirthes. — Je mehr jedes einzelne Individuum im Staate, Sache oder Person, mit allen uͤbrigen in Bezie- hungen tritt, je mehr es sich also zu Gelde macht: um so concentrirter und lebendiger wird der Staat, um so gewandter bewegt er sich, um so groͤßere Kraftaͤußerungen kann er hervorbringen, um so mehr kann er produciren. — Die meisten staatswirthschaftlichen Systeme sind auf die Hervorbringung der groͤßten Anzahl nuͤtzlicher Producte, d. h. solcher Producte, die einen allgemein anerkannten buͤrgerlichen Charak- ter, oder einen entschiedenen Tauschwerth haben, gerichtet. Dawider liesse sich nichts einwenden, wenn sie nicht das Wort „Product” in sei- ner groͤbsten Bedeutung naͤhmen, und darunter nichts als rohe, ergreifbare Sachen verstaͤnden. Es ist klar, wenn man, einem todten Begriffe zu Gefallen, das Gebiet der Oekonomie aus dem Staate wissenschaftlich heraus schneidet, da doch in der Wirklichkeit wohl die Haushaltung des Staates mit dem Staate nicht bloß innig ver- flochten, sondern Eins mit ihm seyn muß; wenn man den Finanzstaat von dem Rechtsstaate wirk- lich abloͤset; wenn man hier das Gesetz und dort den Nutzen einseitig behaupten will: so ist nun, nachdem man die Glieder des Staates wissen- schaftlich isolirt hat, so wenig weiter an eine Ganzheit des Staates zu denken, als, nachdem man die menschlichen Glieder, Kopf und Haͤnde, abgeschnitten haͤtte, weiter an eine Ganzheit des Menschen. — Ein oͤkonomisches System, welches, wie das von Adam Smith, die idealischen Pro- ductionen, das wissenschaftliche Geld, nicht als ein mit dem großen National-Hauswesen unzer- trennlich und organisch verbundenes Glied anzu- schauen wuͤßte, wird, wie viel Großes, Tiefes und Richtiges es auch nebenher enthalten moͤge, dennoch als System, und bloß deshalb, weil es ein System abgeschlossener Begriffe hat seyn wol- len, und weil es den Reichthum des Staates seiner eigenen todten Form nachgebildet und sich denselben als ein abgeschlossenes Convolut ergreifbarer Sachen gedacht hat, nothwendig un- tergehen muͤssen, wie sich dies, wenn es noch weiterer Beweise beduͤrfte, an Adam Smith’s System in den neueren Angriffen von Lord Lau- derdale und Brougham deutlich zeigt, so wenig diese beiden Autoren auch in dem wahren Stand- punkte stehen, vielmehr in der System-Sucht viel- leicht noch tiefer befangen sind, als Adam Smith. — Die Systeme unsrer Staatswirthe streben danach, die Production der Sachen fuͤr sich zu vermehren und zu vervielfaͤltigen; und da ihnen Adam Smith bewiesen hat, daß dies um so mehr erreicht wird, je mehr man die Production sich selbst uͤberlaͤßt, je mehr man alle Hindernisse aus dem Wege raͤumt, und jeder Production ihre Freiheit giebt, je mehr man sich nur darauf beschraͤnkt, den Verkehr durch Canaͤle, Landstra- ßen, prompte Justiz ꝛc. zu erleichtern: so sind sie jetzt an mehreren Orten damit beschaͤftigt, alle so genannten Hindernisse der Gewerbe und des Reichthums, als da sind Unveraͤußerlichkeits- gesetze, Adelsrechte, Zuͤnfte, Innungen ꝛc. aufzu- heben uud dergestalt alle Schranken fortzuschaf- fen, welche der Vermehrung und der Verviel- faͤltigung der Sachen-Production, worauf jenen Staatswirthen die Welt zu ruhen scheint, hin- derlich sind. Da entsteht nun — natuͤrlicher Weise in der Theorie — ein Reichthum, der sich nicht garantiren kann, wie wir oben einen sehr conse- quenten Rechtszustand beschrieben haben, der nur den Einen wichtigen Fehler hatte, daß er sich nicht selbst garantiren konnte. Wenn ein solcher Staat, und alles Recht und aller Reich- thum mit ihm, uͤber den Haufen geworfen ist: — wird es dann seinen Buͤrgern, den ploͤtzlich Ver- armten, zur Satisfaction gereichen, daß das Recht und der Reichthum ehemals auf eine Weile und auf so lange es niemand im Großen und Ganzen anzutasten wagte, eifrigst gepflegt wor- den ist? — Wenn wir von Reichthum reden, so meinen wir ebenfalls wieder einen Reichthum, der sich selbst garantire . Deshalb ist das Ob- ject unsrer National-Oekonomie ein doppeltes: 1) die groͤßtmoͤgliche Vermehrung und Verviel- faͤltigung der Producte, oder vielmehr jenes Gel- des, von welchem wir oben geredet haben, jener Ruͤtzlichkeit, Brauchbarkeit, Nationalitaͤt, jenes buͤrgerlichen Charakters, so wohl der so genann- ten Personen, als der so genannten Sachen, als auch aller idealischen Guͤter; aber 2) auch die Erzeugung und Verinnigung jenes Productes aller Producte, des oͤkonomischen und gesell- schaftlichen Verbandes, des großen Gemeinwe- sens, oder des National-Hauswesens. — Wenn wir dieses letzte Haupt-Product uͤbersehen, so ist unsre ganze uͤbrige Production sehr wenig werth: sie ist ohne Garantie, abhaͤngig von jeder Luft der Zeit und von jeder Laune des Schicksals. Erwaͤgen wir, wie das Steigen und Fallen der Guͤterpreise (also einer der wichtigsten oͤkonomi- schen Werthe) von den Schwankungen der gro- ßen Weltbegebenheiten abhaͤngt, denen man durch keine gemeine oͤkonomische Maßregel begegnen kann und die sich durch keine Assecuranz verhuͤten las- sen, denen nichts widerstehet, als jene gediegene, organische Ganzheit, welche der Staat seinen Stuͤrmen entgegensetzen muß, wie die Eiche den ihrigen: soll diese organische Ganzheit, von wel- cher alle unsere unsicheren Berechnungen abhan- gen, nicht in die oͤkonomische Theorie hinein ge- zogen werden? soll sie nicht auch, und vorzuͤg- lich, neben den uͤbrigen Producten als ein oͤko- nomisches Product betrachtet werden, wie ja jeder gemeine Speculant wenigstens ein dunkles Gefuͤhl von der so genannten politischen Lage der Dinge in seine Rechnung zieht? — Aber an dem Guͤterpreise wird der unmittelbare Einfluß der politischen Ganzheit auf die Oekonomie noch nicht so sichtbar, weil alle von außen her kom- menden Veraͤnderungen solcher Art nicht so leicht und unmittelbar den Guͤterbesitzer anzutasten ver- moͤgen. Lassen Sie uns also jenen Gegenstand, der jetzt Millionen eben so nahe am Herzen liegt, den Staatscredit, die Schwankungen in dem Werthe der Staatspapiere, betrachten. Dies ist ein so wich- tiges Object fuͤr die National-Oekonomie gewor- den, daß bloß in Oestreich und in England sich die ostensibel darin befangene Nominal-Summe auf den Werth von etwa 5000 Millionen Thalern be- laͤuft. Diese Summe veraͤndert sich unsichtbar in jeder Secunde; kein Calcul kann ihr beikom- men; ihr Steigen und ihr Fallen erfolgt nach viel tiefer liegenden Gesetzen. Die wirkliche, durch kein Palliativ zu ersetzende, innere und aͤußere National-Kraft giebt dieser Summe, an der das Wohl und Weh unzaͤhliger Privat-Oekonomieen gebunden ist, Daseyn oder Nichtseyn; denn sie be- ruhet auf dem Unsichersten und auf dem Sicher- sten, was der Mensch geben oder zahlen kann, auf dem Worte, auf einem National-Worte , welches National-Wort wieder auf Dem beruhet, wovon alles Einzelne wirklich abhaͤngt, wovon auch die oͤkonomische Theorie alles abhaͤngig zei- gen sollte: auf der National-Kraft . In der Lehre vom Credit, welche fuͤr die Staatswirthe unsrer Zeit ein so uͤberwiegendes Ansehen gewonnen hat, und vor der alle uͤbri- gen Objecte der oͤkonomischen Wissenschaften et- was in den Schatten treten — wird jenes hoͤ- here, einzig wahre Geld, von dem das Me- tallgeld nur ein unvollkommener Repraͤsentant ist, sichtbar, nehmlich das National-Wort , oder, was dasselbe sagen will, die National-Kraft . Diese ist es, die aus dem Metallgelde hervor- laͤchelt, und die auch allen andern Besitz vor- nehmlich zu einem Gegenstande unsres Begeh- rens macht: es ist ein Theil jener National-Kraft, ein Abglanz von ihr, der den unbedeutendsten Sachen ihren Werth giebt. Deshalb habe ich mich bestrebt, zuerst, neben dem Privat-Charakter der einzelnen Sachen, ihren buͤrgerlichen Charakter geltend zu machen; anders war uͤberhaupt auch Das, was wir oͤkonomischen Werth genannt ha- ben, nicht zu erkennen. Aller einzelne Reichthum muß in und neben diesem National-Reichthum (der National-Kraft nehmlich) betrachtet werden; alle einzelne Production erhaͤlt erst Werth in und neben diesem National-Product. Anstatt dieses National-Productes nun, was giebt uns die gewoͤhnliche staatswirthschaftliche Theorie? Eine traurige, todte Summe aller einzel- nen Privat-Productionen, die sie „reines Ein- kommen“ nennt, die nichts bedeutet, nichts sagt, weil Das, was den Zahlen erst Kraft und Werth giebt, nehmlich die National-Kraft, außer Acht gelassen wird. Anstatt die Zeit und die Kraft der Jahrhunderte in den Calcul zu ziehen, (wozu Jeder, der die Lehre vom Credit wahr- haft ergruͤnden will, sich genoͤthigt sieht), haͤlt sie sich an den turnus eines einzelnen Jahres: alle ihre Berechnungen gehen auf das jaͤhrli- che reine Einkommen; kurz, wie oben, anstatt der volonté générale , nur die traurige Summe der einzelnen handgreiflichen Willensmeinungen, die volonté de tous , begriffen wurde, so wird uns hier eine Lehre von dem interêt de tous , an- statt der Lehre vom interêt général , geboten, die wir eigentlich begehren. Aber das Metallgeld in seiner traurigen Be- schraͤnkung wird mehr und mehr verdraͤngt wer- den aus unsern Staaten, und also auch aus der Theorie; es wird fuͤr das hoͤhere oͤkonomische Leben immer unzureichender befunden werden, wie es schon in so vielen Staaten der Fall ge- wesen ist. Das wahre, ewige Geld wird deutlich zum Vorschein kommen, und jede einzelne Oeko- nomie, wie es sich gehoͤrt, in dessen Schicksale, und so wieder in das Interesse der National-Kraft, in den wahren und ewigen interêt général , ver- flochten werden. Hier ist das Beduͤrfniß der Tage schon nahe daran, mit meiner Ansicht der Dinge, oder mit der wahren und ewigen Na- tur des Staates, nach langer Verirrung, wie- der gemeinschaftliche Sache zu machen; aller Nutzen wieder nahe daran, eine Seele zu bekom- men, welche ihm lange gefehlt hat. Neunzehnte Vorlesung. Colbert, Adam Smith und die Physiokraten . D ie Staatswirthschaft ist seit noch nicht vollen hundert Jahren der Gegenstand einer eigenen Wissenschaft: je mehr in allen Verhaͤltnissen des Lebens der Begriff vom absoluten Privat-Eigen- thume und, dem zu Folge, die Abgoͤtterei mit dem saͤchlichen Besitze, um sich griff; je weniger mit der Person und also mit dem Worte, dem wahren Gelde, gezahlt wurde: um so wichtiger schien der Besitz des Metallgeldes zu werden, da es die strenge Abgraͤnzung des Privat-Eigenthums zu garantiren schien, indem es durch seine aͤußer- liche Bestimmtheit den Roͤmischen Gesetzen bei- stand, und den Wahn, daß es wirklich noch Staaten gebe, aufrecht erhielt, eine Weile wenig- stens. Die Welt war auf den Besitz von Sachen gerichtet: so strebte sie erst nach Gold; und als die Indien immerfort den Heißhunger noch nicht stillen stillen wollten, trauete sich der Mensch in seinem Uebermuthe sogar die Kraft zu, das Gold kuͤnst- lich in den Schmelztiegel herbei zu zwingen, wel- cher Schwindel die bedeutendsten Koͤpfe in Eu- ropa ergriff. Die Regierungen der Voͤlker merk- ten nicht, daß die Herzen von ihnen abgefallen waren; denn sie selbst waren ja in der allgemei- nen Verzauberung mit befangen: sie fuͤhlten in- stinctartig, daß sie zur Erhaltung ihrer Herr- schaft vor allen Dingen den neuen Weltbeherr- scher, das Metallgeld, in ihr Interesse ziehen muͤßten. Wo sonst ein persoͤnlicher Ruf des Lehnsherrn genuͤgt hatte, da mußte jetzt der Reitz des Goldes zu Huͤlfe kommen, wenn der Ruf nicht unwirksam bleiben sollte. Militaͤr- und Civil-Dienst war nicht anders mehr zu er- langen, als vermittelst eines eigentlichen Kauf-, Mieths- oder Sold-Contractes, kurz, vermit- telst einer saͤchlichen Verpflichtung. — So stiegen die saͤchlichen Beduͤrfnisse der Re- gierungen, und die hervorragende Wichtigkeit des Finanz-Ministers. Vor zwanzig Jahren war man schon so weit gekommen, die Hoffnung zu naͤhren, daß alle Kriege aus den Staaten, we- nigstens aus dem Continent von Europa, auf das Meer hinaus industrirt werden wuͤrden. Der Seekrieg, meinte man, waͤre eigentlich der wahre Müllers Elemente. II. [14] Krieg; da staͤnden, wie es sich gebuͤhre, viel- mehr Handel und Handel, Sachen und Sachen, Geld und Geld einander gegenuͤber, als Perso- nen und Personen. Man fragte, was die Preus- sen ihrem siebenjaͤhrigen Kriege fuͤr eine Wich- tigkeit gaͤben! Der Seekrieg zwischen England und Frankreich, sagte man, sey die Hauptsache gewesen, der Preussische Krieg ein unbedeuten- der Nebenhandel, wie der Hubertsburger-Friede eine unwichtige Neben-Clausel des Pariser-Frie- dens. Um den Handel bewege sich die Welt. Daß diese nichtswuͤrdige Ansicht von den er- habenen Angelegenheiten unseres Welttheils noch jetzt die gesammte Menge von Europa gefangen haͤlt, fuͤhlen wir Alle an dem allgemeinen Ab- scheu vor der grundlosen Chimaͤre eines Mono- pols zum Welthandel. Dies Schreckbild wirkt auf die Seichtigkeit unsrer Zeiten ungefaͤhr so, wie der viel gruͤndlichere Teufel auf die Gruͤnd- lichkeit des Deutschen Alterthums. Kurz, eine Maschinerie war im Laufe der letzten Jahrhunderte an die Stelle lebendiger Vereine, welche lebendigen Menschen einzig an- gemessen sind, getreten: eine, der Hinfaͤlligkeit aller mechanischen Veranstaltungen unterworfene Maschinerie, waͤhrend die Idee fuͤr die Ewigkeit bauet. Es wurde die Aufgabe aller Staats- wirthschaft — oder vielmehr aller Regierungen; denn wie wenige Kraͤfte derselben blieben von dem Verkehr des Metallgeldes unberuͤhrt! — die groͤßtmoͤgliche Summe baaren Metallgeldes vom Privatmanne herbeizuschaffen, und, dem zu Folge, nach der alten Regel, daß der Privatmann erst selbst etwas haben muͤsse, um zu geben, die groͤßtmoͤgliche Vermehrung des Privatvermoͤgens, oder des Metallgeldes, zu bewirken. Die Acqui- sition der Sachen, die Erweiterung des Besitzes, die Uebervortheilung der auswaͤrtigen Nationen, kurz, reine Plusmacherei wurde das Ziel der Privat- und der oͤffentlichen Bestrebungen: in ein Additions- und Subtractions-Exempel zog sich alle politische Weisheit zusammen. Die Fa- brication schien den Sachen den meisten Metall- geld-Werth beizusetzen; sie schien groͤßere Massen des Metallgeldes in’s Land zu bringen, als der Landbau, der allen Nationen gemeinschaftlich war und die Baarschaften nur indirect und lang- sam vermehrte. Der erste Staatsmann, welcher dieses, nach seiner Richtung so genannte, mercantilische System in dem ganzen Umfange, den es ha- ben konnte, ausbildete, war Colbert — wenn man auf seinen beschraͤnkten Standpunkt herab- steigen will, ein Virtuose, den Forderungen sei- nes Jahrhunderts vollstaͤndig gewachsen und, bis auf das Zeitalter der Physiokraten herab, Idol und Muster aller Financiers auf dem Continent von Europa. Sein System harmonirte zu gut mit dem Geiste des Jahrhunderts, und mit der Tendenz der Geister, als daß es haͤtte verschwin- den koͤnnen, ehe die Umstaͤnde, welche es her- vorgebracht hatten, abgeaͤndert wurden. Die Physiokraten und Adam Smith haben durch Philosophie und reiche Erfahrung man- cherlei ewige und auch lebendige Wahrheiten an’s Licht gebracht, doch sie nicht in den Zustand der Dinge praktisch zu verweben gewußt; und so ist ihnen, nicht etwa wegen der Traͤgheit und Her- zenshaͤrtigkeit der Regierungen — denn diese ma- chen nun schon seit beinahe einem halben Jahr- hundert wirklich Profession davon, das Gute zu wollen —, sondern wegen des ihnen widerstre- benden Geistes der Zeit, der Sieg uͤber Colbert und die mercantilischen Principien nur sehr un- vollkommen gelungen. Wenn die Physiokraten und Adam Smith nach Befreiung von den ver- haßten mercantilischen Schranken rufen, so ge- ben ihnen alle Koͤpfe Recht; und dessen unge- achtet schaffen alle Haͤnde, und regen und bewe- gen sich noch jetzt, nach Colbertischem Tacte. Das ist die Folge von unsren consequenten Tren- nungen der Theorie von der Praxis: das eigent- liche Heft der Regierung der Umstaͤnde, welches Colbert, wie sich aus dem Erfolge zeigt, noch in hohem Grade festzuhalten wußte, ist aus un- seren Haͤnden genommen; daher spielen unsre Weltverbesserer eine so traurige Rolle. Ehe Ihr die Herzen nicht befreien koͤnnt, werdet Ihr die Industrie nicht befreien. Auch hier werden wir — da wir es gruͤndlicher mei- nen, und uns nicht, wie die Mode-Oekonomen, damit begnuͤgen, die Theorie auszufeilen — zur Ansicht des gesammten Staatshauswesens und jenes National-Geldes hingedraͤngt, von welchem ich neulich sprach. — Dem Staate Abgaben bezahlen, heißt, nach den Ansichten aller gemeinen Seelen, etwas weg- geben, das man selbst entbehrt oder durch das Weggeben verliert: der Staat, meinen sie, ge- winnt auf Kosten der Staatsbuͤrger, wenn er nicht durch gluͤckliche Kriege das Ausland zu zahlen noͤthigt; der Buͤrger auf Kosten des Staa- tes, wenn er sich nicht durch kluge Speculation oder Fabrication an dem Auslande schadlos haͤlt. Ungefaͤhr eben so raͤsonnirten die gebildeten Leute: was wir an Buͤrger -Charakter verlieren, kommt uns als Menschen zu gute, und die Buͤrger- pflichten, die Amts- oder, wie man es noch be- zeichnender nannte, die Brot-Geschaͤfte koͤn- nen nur auf Kosten unsrer Ausbildung als Men- schen ausgeuͤbt werden. Nach unsrer Lehre nun, und nach der Natur der Sachen, sind Mensch und Buͤrger Eins und dasselbe; folglich kann der Eine nicht gewinnen oder an Werth zuneh- men, ohne den Andern. Wie dasselbe auch aus der Lehre von dem gemeinen Tausch- oder Geld-Werthe der Dinge hervorgeht, habe ich neulich gezeigt. Welche abgesonderte Taxe der Dinge und der Menschen auch auf eine kurze Zeit in Umlauf seyn; wie man auch in einzelnen Zeitraͤumen kei- nen andern Maßstab des Werthes Statt finden lassen moͤge, als den der Seltenheit oder der Virtuositaͤt: es kommt die Zeit, wo alle diese Virtuositaͤten und Seltenheiten nichts mehr be- deuten, und wo auch in der allgemeinen Mei- nung nichts mehr gilt, was nicht dem Ganzen dient, und wo, anstatt wider Willen einen ro- hen Tribut hin zu zahlen, Jeder das fuͤr seinen eignen und der Dinge hoͤchsten Werth halten wird, daß er durch sich und durch sie in Stand gesetzt ist, dem Staate kraͤftiger zu dienen. — In der Dauer wird es sich zeigen, daß aller wahre Werth ein von der National-Kraft ab- geleiteter ist; daß der wahre Gewinn jedes Ein- zelnen auch Gewinn des Staates, der wahre Verlust auch Verlust des Staates, und daß eine Abrechnung und jaͤhrliche gegenseitige Abfin- dung zwischen dem Staat und den Privatper- sonen unmoͤglich ist. Dadurch also, daß die Zeit in die Wissen- schaft der National-Oekonomie hinein construirt wird, und die Dauer in die Lehre vom Werth und Preise der Dinge, bilden sich lebendige Vor- stellungen vom Reichthume. Nun erst zeigt sich eine unendliche Wechselwirkung, also eine wahre Gemeinschaftlichkeit zwischen der Nation und den Privaten, zwischen dem Ganzen und den Ein- zelnen; nun verhalten sich Suveraͤn und Volk wie zwei streitende Kraͤfte, aus deren Conflict eine dritte Kraft hervorgeht: sie produciren beide gemeinschaftlich aus sich den lebendigen Staat, anstatt dessen, nach der gemeinen Ansicht der Dinge, beide sich nur wie ein arithmetisches + zu dem — verhalten, die erst durch das, was man sich selbst oder dem Auslande raubt, Sinn, Wirklichkeit und Bedeutung gewinnen. — Also jedes Individuum, in so fern es dem Ganzen dient, die National-Kraft, oder den Werth des Ganzen, den echten National-Reichthum erhoͤ- het: in so fern erhaͤlt es von dem Ganzen auch Werth und Kraft zuruͤck. Das ist der natuͤrli- che, wahre und ewige Zustand der Dinge. Die einfachste, natuͤrlichste und naͤchste Vor- stellung, von der die National-Oekonomie aus- geht und zu der sie wieder zuruͤckkehrt, ist die Vorstellung des Beduͤrfnisses . Lassen Sie uns dieselbe in ihrer hoͤchsten Allgemeinheit auf- fassen, so ist es der Drang nach Vereini- gung, welcher in allen Individuen der buͤrgerlichen oder der menschlichen Ge- sellschaft Statt findet ; meinethalben moͤgen wir dies erst einseitig so ausdruͤcken: der Drang des Menschen, sich die Dinge und Personen dienstbar zu machen. Eine Unterscheidung der besoins de première necessité von den soge- nannten besoins factices ist vorlaͤufig nicht noͤthig, und koͤnnte auch unsern Standpunkt verruͤcken, da wir in einer Zeit leben, wo die eigentlichen ewi- gen besoins de première necessité des Men- schen, nicht des Thieres, nehmlich das Recht und die buͤrgerliche Gesellschaft, nicht dafuͤr an- erkannt werden. Das Fortschleppen der aͤußeren Lebenszeichen vermittelst der sogenannten besoins de pre- mière necessité ist ein viel zu unwuͤrdiger Zweck fuͤr eine Wissenschaft. Das Streben der Men- schen, sich die Sachen und die Personen dienst- bar zu machen, soll und darf keine Grenzen haben; es soll im vollen Sinne des Wortes un- endlich seyn, wie es auch die Natur dazu be- stimmt hat: alles soll ein Gegenstand des mensch- lichen Begehrens werden, damit nichts außer- halb der Vereinigung stehe, ohne welche die Menschen nichts sind, und durch welche sie erst ihre Bedeutung als Menschen erhalten. Das Begehren soll keine Grenzen haben, wohl aber Schranken, die nehmlich, welche in der Natur der Sache, und zwar in dem all- gemein durch die ganze Natur verbreiteten Ver- haͤltnisse der Gegenseitigkeit liegen: nehmlich, in so fern ich begehre oder Andrer bedarf, begehren mich und beduͤrfen mein auch die Andern. Dieses gegenseitige Begehren der Individuen vertraͤgt und verschraͤnkt sich, setzt sich unter einander in’s Gleichgewicht; d. h. es hebt sich nicht unter ein- ander auf, sondern es erzeugt eine fortschreitende Thaͤtigkeit, eine lebendige Kraft, oder Arbeit . — So wie die Rechtslehre von der Vorstellung der Freiheit ausgeht, von einem Streben jeder einzelnen Natur, sich von der andern unabhaͤn- gig zu machen, und sich auf sich selbst ruhend zu behaupten, doch, indem sie dieses Streben und diese Freiheit einer Natur statuirt, zugleich das Gegenstreben und die Gegenfreiheit andrer Na- turen statuiren muß: so geht die Oekonomie von der Vorstellung der Nothwendigkeit oder des Be- duͤrfnisses aus, setzt das Begehren und Beduͤr- fen der Einen Natur und zugleich das Gegenbe- gehren und Gegenbeduͤrfen der andern; beide un- zertrennlich von einander. Die Freiheit regt sich gegen die Freiheit; und so wird das erzeugt, was wir Handlung nennen und vor den Rich- terstuhl des Rechtes ziehen: — gegen das Be- duͤrfniß regt sich das Gegenbeduͤrfniß; und so wird das erzeugt, was wir Arbeit nennen und vor das oͤkonomische Forum ziehen. Ein Be- duͤrfniß ohne Ruͤcksicht auf das Gegenbeduͤrfniß der Andern befriedigen, nennen wir Raub ; die Freiheit absolut und ohne Ruͤcksicht auf Ge- genfreiheit behaupten, nennen wir Verrath . — Je lebhafter Freiheit und Gegenfreiheit einander beruͤhren, um so maͤchtiger wird das Gesetz: das war der Grundgedanke meiner ganzen Rechtslehre ; aus dem Kriege der Freiheit mit der Gegenfreiheit, und auf keine andre Weise, ist der Friede oder das lebendige Gesetz zu erzeu- gen. Daher hat die Natur in jeder Familie, wie ich gezeigt habe, das Schema zu der Grundun- gleichheit des ganzen Geschlechtes, oder die entge- gengesetztesten Formen der Freiheit, niedergelegt: Alter und Jugend, Mann und Weib; darum hat, nach den wahren Gesetzen der Natur, das- selbe Schema in der Familie aller Familien, im Staate, sich wiederholen muͤssen, und ist im Großen und Ganzen der buͤrgerlichen Gesell- schaft, unter der Gestalt der Standesunterschiede, wieder an’s Licht getreten: als geistlicher Stand und als weltlicher ; als Adel und Buͤrgerschaft. Der Staat in der Vollendung ist wieder so rein und naturgemaͤß erschienen, wie im Anbeginn; alles aber, damit die großen Grundformen der Freiheit im oͤffentlichen Leben, wie im Privat- leben, sich gleich-richtig darstellten, und damit die Haupt-Extreme der Freiheit, welche jeder Buͤrger zu vereinigen hat, ihm bestaͤndig gegen- waͤrtig waͤren, oder deutlich repraͤsentirt wuͤrden, wo er auch hinsaͤhe, auf sich oder auf das Ganze; damit Alle erkennen, daß nur ein Friede, oder ein Recht moͤglich waͤre, welche aus Streit oder wahrer Beruͤcksichtigung aller einzelnen streiten- den Freiheiten hervorgehen. Die lebhafte, un- endliche Beruͤhrung der Freiheit mit der Gegen- freiheit erzeugte also dort das Gesetz. In der Oekonomie entwickelt sich eben so der Reichthum aus lebhafterer Beruͤhrung des gegenseitigen Be- gehrens und der Beduͤrfnisse: um die Stroͤme der Erde, um die großen Binnenwasser, wie das mittellaͤndische Meer, welche die Beruͤhrung des allerentgegengesetztesten Begehrens vornehmlich be- foͤrdern, hat sich zuerst der Reichthum gezeigt. — Wie, nach dem Schema der Familie, die Frei- heit sich oben spaltete in die Freiheit des Alters und der Jugend, in die Freiheit des Mannes und des Weibes: so theilt sich hier das Be- duͤrfniß in Beduͤrfniß des Alters und der Ju- gend, in maͤnnliches und weibliches Beduͤrfniß. Lassen Sie Sich von dieser Eintheilung nicht abschrecken durch ihre anscheinende Paradoxie; die Paradoxie liegt nicht in mir, sondern in den einseitigen Ansichten, die wir von der, wie ich sie beschrieben habe, sehr jungen Wissenschaft der National-Oekonomie empfangen haben. Die Wis- senschaft entstand erst, als, wie ich gezeigt, das Metallgeld schon die Gemuͤther aller Men- schen regierte: deshalb wurde sie, wie das Me- tallgeld, bloß auf Sachen bezogen; man sah die oͤkonomische Bedeutung der Personen nicht ein, und ließ dieselbe ganz außer der Wissenschaft. Nachdem wir aber, wie ich neulich gezeigt habe, zu einer hoͤheren Ansicht des Geldes durch die Zeit hingenoͤthigt worden sind, da das gemeine Geld nicht mehr hinreicht, den Streit der Beduͤrfnisse zu vermitteln und aus einander zu setzen: so laͤßt sich auch das Beduͤrfniß nicht mehr als Be- griff auf bloße Sachen beziehen. Es muß ideen- weise und lebendig aufgefaßt und auf alle Indi- viduen des Staates, Personen und Sachen, be- zogen werden. Lassen Sie uns also Beduͤrfniß des Alters in geistiges Beduͤrfniß uͤbersetzen; Beduͤrfniß der Jugend, in physisches Be- duͤrfniß; maͤnnliches Beduͤrfniß, in Beduͤrfniß zu produciren ; weibliches Beduͤrfniß, in Be- duͤrfniß zu erhalten . — Wenn Sie die innere Bestimmung und Na- tur der beiden Menschenalter, wie der beiden Menschengeschlechter, erwaͤgen, so werden Sie erkennen, wie diese beiden Grundunterschiede in der Familie auf das genaueste den Geist der wesentlichen Gattungen, hier des Beduͤrfnisses, wie oben der Freiheit, ausdruͤcken. Wie in der Familie unter den so genannten Personen das Alter den ersten Stand, die Geistlichkeit, abbil- det, durch ihren geistigen Reichthum an Erfah- rungen und den von der Natur ihr besonders angewiesenen Verkehr mit dem Ewigen und Un- endlichen; ferner, wie die Jugend, welche sich in Weiblichkeit und Maͤnnlichkeit bricht, den zwei- ten und dritten Stand abbildet — die Frauen, denen die Erhaltung, Fortpflanzung und Verei- nigung des Geschlechtes von der Natur uͤbertra- gen worden ist, den zweiten, die Maͤnner, denen das Schaffen und Versorgen und die tausendfaͤl- tige Erfuͤllung der Gegenwart obliegt, den drit- ten, den tiers-état der Natur —: so stellen in derselben Familie unter den sogenannten Sachen die Ideen den ersten Stand, und die realen Be- sitzthuͤmer, welche sich in Grundeigenthum und bewegliches Eigenthum brechen, den zweiten und dritten Stand dar. Da nun uͤberhaupt von der gegenwaͤrtigen Staatswissenschaft die geistliche Natur des Staa- tes gar nicht, die adelige Natur desselben nur halb und im Roͤmischen Geiste beachtet, hinge- gen die buͤrgerliche Natur absolut und ausschlie- ßend erwogen wird —: so weiß ich Ihnen die heutige National-Oekonomie in ihrer Unvollstaͤn- digkeit und Halbheit nicht deutlicher zu charakte- risiren, als indem ich Ihnen erklaͤre, daß sie den ersten Stand der oͤkonomischen Objecte, die Ideen, gar nicht, den zweiten Stand, die oͤkonomischen Verhaͤltnisse des Menschen zum Grund und Bo- den (wie sich das weiter unten noch bestimmter zeigen wird) nur halb und nach der Manier der beweglichen Besitzstuͤcke, den dritten Stand, nehmlich die beweglichen Sachen, nur absolut und ausschließend zu erwaͤgen versteht, daß sie dem- nach durch und durch unvollstaͤndig, gebrechlich und besonders, den hochtrabenden Nahmen, wel- chen sie sich selbst gegeben, zum Trotz, hoͤchst un- national ist — Denn da sie, ganz den Vorschrif- ten der Natur entgegen, — die, um den Menschen die nothwendige Wechselwirkung der Beduͤrfnisse, aus welchen der Reichthum, oder, wie ich neulich gezeigt habe, die National-Kraft hervorgeht, be- staͤndig gegenwaͤrtig zu erhalten, die gesammten gleich-nothwendigen Beduͤrfnisse des Menschen in drei große Grundunterschiede gebrochen hat — nur die Eine Gattung, nehmlich die beweglichen Beduͤrfnisse, beachtet, und den Grundbesitz nur, in so fern er veraͤußerlich, oder nach den Ansichten einer flatterhaften Zeit selbst flatterhaft und be- weglich ist so ist es ganz klar, daß diese Wis- senschaft bei allem Aufwande von Erfahrung und Scharfsinn, welche ihr vortrefflicher Autor, Adam Smith, darauf gerichtet hat, durchaus unnatio- nal und vornehmlich unpraktisch geblieben ist, oder doch, daß einzelne Elemente oder Vorschrif- ten derselben nur zum großen Nachtheil des wirklichen Staates dahin haben uͤbertragen wer- den koͤnnen. Die Summe der beweglichen Productionen und auch wohl der Grundstuͤcke, uͤber die gerade eben so willkuͤhrlich geschaltet wurde, wie uͤber die anderen Werke menschlicher Fabrik, diese Summe heißt bei den National-Oekonomen auch National-Reichthum, und ihre Vermehrung Vervielfaͤltigung und Multiplication ist der an- erkannte Zweck der ganzen vermeintlichen Wis- senschaft. Daß indeß eine tiefere Rechnung dazu erfor- dert wird, als eine einfache arithmetische, wer- den Sie Alle aus meinen Praͤmissen ahnden. Die Wissenschaft der National-Oekonomie liegt in derselben Corruption, wie die andere groͤßere, welche wir mit dem erhabenen Nahmen „ Ma- thematik ” bezeichnen. Auch die Mathematik hat es mit drei Staͤnden zu thun: mit der Ma- thematik der Ideen , mit der Mathematik des Stetigen (welche die Alten sehr bezeichnend Geometrie nannten, indem sie dem Grundei- genthume entspricht), und mit der Mathematik der Zahlen , welche dem beweglichen Besitze ent- spricht. Hier, wie in der National-Oekonomie, (wie denn uͤberhaupt alle Wissenschaften nach einer und derselben Regel corrumpirt werden) wird der erste Stand gar nicht, der zweite Stand, der geometrische, nur halb und nach arith- metischer Manier, der dritte Stand hingegen absolut und ausschließlich betrachtet und bearbei- tet. — Auch die Mathematik ist zertruͤmmert, wie der Staat; kein Schicksal kann diesen treffen, welches die Wissenschaften verschonte, deren Na- tionalitaͤt oder wahrer, concentrischer Zusammen- hang Eins ist mit der Nationalitaͤt, oder dem Zu- Zusammenhange des Staates; wie uͤberhaupt die wahre Idee unzertrennlich von der wahren Rea- litaͤt. Die wahre National-Oekonomie hat also, außer der Production , die man gewoͤhnlich zu ihrem ausschließenden Zwecke macht, noch die Conservation , Consolidirung und Capitalisi- rung, und endlich die Verbindung des Products und des Geistes der Erhaltung, welcher sich im Grund und Boden darstellt, mit jener Idee, mit jenem Leben des buͤrgerlichen und menschli- chen Ganzen, zu ihrem Gegenstande. Wie nun in der Wirklichkeit kein einzelner dieser drei Grund- zwecke in einem bedeutenden Grade erreicht wer- den kann, ohne daß eine instinctartige Verfol- gung der beiden andern Zwecke mit einwirkt: so ist allerdings eine große Fuͤlle und Mannichfal- tigkeit der Producte, und vornehmlich eine be- schleunigte Proportion in der Vermehrung der- selben, eins von den Kennzeichen des Reich- thums; aber sie ist noch nicht der Reichthum . Wenn Einerseits das Princip der Erhaltung, Consolidirung und Capitalisirung, oder andrer- seits die politische Idee, welche den ganzen Reich- thum bindet und aufrecht erhaͤlt, verschwaͤnde: so wuͤrden sich alle jene Producte von selbst schon verlieren. Müllers Elemente. II. [15] Die bisherige Wissenschaft von der Natio- nal-Oekonomie, oder, wie ich gezeigt habe, von der rohen Production, oder von einem einzel- nen hervorstechenden Kennzeichen des Reichthums ist groͤßten Theils in England ausgebildet wor- den, in dem Lande, wo seit mehreren Jahrhun- derten das Princip der Erhaltung, und die Idee des nationalen Ganzen, durch Verfassung, durch Sitte und Gewohnheit instinctartig befestigt sind. Die Englischen, oͤkonomischen Autoren duͤrfen eher die Production ausschließend in’s Auge fassen, als wir Rechner des Continents; denn die uͤbri- gen Bedingungen des Reichthums sind bei ihnen schon ein Gegebenes, wiewohl auch dort die spe- culative und die praktische Oekonomie sich zur Zeit noch nicht um ein Bedeutendes haben gegenseitig annaͤhern wollen, eben weil in der Wirklichkeit jene beiden Elemente der Conservation und der Nationalisirung oder Idealisirung, welche die Theoretiker nur indirect und ohne eigentliches Be- wußtseyn in ihre Rechnung ziehen, unaufhoͤrlich mit in Anregung kommen. Indeß ist die Deut- sche Nachbeterei des Adam Smith, welche, wie so vieles andre Unnationale, Mode geworden, vornehmlich unpassend, und zeigt, daß sich alle eigenthuͤmliche Tuͤchtigkeit Deutscher Denkungs- art und Wissenschaft verliert. — Die Franzoͤsische Schule des Quesnay, Leib- arztes bei Ludwig XV , eines von den groͤßten Koͤpfen seiner Zeit, in welcher Nahmen, wie Turgot, der aͤltere Mirabeau, Dupont von Ne- mours, le Trosne, der jetzt regierende Markgraf von Baden hervorragen, nahm in ihren ganzen Betrachtungen die Existenz der uneingeschraͤnk- testen Suveraͤnetaͤt, oder der vollstaͤndig concen- trirten National-Kraft, als ein Gegebenes an, konnte also, indem sie den Reichthum in seiner, Macht und Nationalitaͤt erzeugenden, Natur ganz uͤbersah, keinen unmittelbaren praktischen Ein- fluß erhalten, wenn sie auch der Wissenschaft ein neues Leben gab, dadurch, daß sie, der Colberti- schen Schule zum Trotz, nachdem die Regierun- gen ein volles Jahrhundert hindurch nach der Production des Beweglichen, der Fabrication und dem Metallgelde, ausschließend gestrebt hat- te, nun einmal den Accent, zwar nicht auf die Grundstuͤcke, aber doch auf den Ackerbau setzte. Diese Schule von der natuͤrlichen Ordnung der Gesellschaft, welche in Deutschland unter dem Nahmen der Physiokraten, in Frankreich aber mehr unter dem Nahmen der Oekonomisten be- kannt ist, verhielt sich zur Wissenschaft der Oeko- nomie, wie sich das Deutsche Naturrecht zu der Wissenschaft des Rechtes verhaͤlt. — Alle drei Secten, die mercantilische des Col- bert, die physiokratische des Quesnay, und die Freiheits-Secte des Adam Smith, drehen sich — zum Zeichen, daß der Grundirrthum allen ge- mein sey — um die Frage: welche Arbeit im Staate ist eigentlich productiv oder wirklich bereichernd? Wiewohl nun diese Frage im Fort- gange der Zeiten immer richtiger beantwortet ist, indem Colbert erwiederte: „die, welche Me- tallgeld einbringt;” Quesnay : „die, welche auf den Grund und Boden gewendet wird, in- dem alle andern Arbeiten nur modificiren, die aber, welche auf die Oberflaͤche der Erde gerich- tet ist, wirklich im vollen Verstande des Wortes hervorbringt ;” endlich Adam Smith : „die, welche ein Object hervorbringt, das Tausch- werth hat,” oder (nach meiner neulichen Erlaͤu- terung) buͤrgerlichen Charakter —; so bleiben doch die beiden eben so wichtigen Fragen: welche Kraft oder Thaͤtigkeit im Staate ist erhaltend? und welche Arbeit ist zwischen der Dauer und dem beweglichen Product vermittelnd? — Fra- gen, welche eben so gruͤndlich beantwortet wer- den muͤssen — voͤllig unbeachtet, und werden an andere Behoͤrden verwiesen. Daher kommt denn die einseitige Wissenschaft von der Produc- tion zuletzt an eine absolute Grenze, uͤber die sie nicht Herr werden kann. Die oͤkonomische Wich- tigkeit, wenn auch nicht des Adels und der Geist- lichkeit, doch der Staatsbeamten, begreift jeder- mann; und doch muß Adam Smith auch diese aus dem Kreise der productiven Arbeiter absolut ausschließen, weil sie kein wirkliches handgreifli- ches Product, welches in den buͤrgerlichen Ver- kehr uͤbergeht und den allgemeinen Gesetzen des Handels folgt, hervorbringen. Der große Mann bleibt, wie hoch und wie weit seine Seele auch streben mochte, durch den elenden Reifen eines todten Begriffes gebunden, in den Umkreis eines bestimmten Systems ge- bannt; die geistigen Beduͤrfnisse, wie unmittelbar und belebend und unentbehrlich sie auch in die Production, die er beabsichtigt, eingreifen moͤgen, bleiben außerhalb der Oekonomie, und der wich- tige geistige Verkehr bleibt außerhalb der Lehre von den National-Reichthuͤmern. Er haftet an dem buchstaͤblichen Sinne des Wortes Tausch- werth , wie durch Verzauberung, und so wird auch gleich am Eingange des von so vielen Sei- ten vortrefflichen Werkes, da er sich in der Ver- legenheit befindet, eine Art von Princip des ge- sammten menschlichen Verkehrs angeben zu muͤs- sen, uns eine gewisse Disposition, ein Trieb des Menschen zum Tausch und Handel, den man auch an Kindern bemerkt haben will, als Urquell der herrlichen Lebenserscheinung eines in Gewer- ben und Handel bluͤhenden Staates gezeigt. Was konnte Adam Smith, der die Schau- spieler, Musiker und Domestiken, nach Art der Staatsmaͤnner, Geistlichen und Gelehrten, von dem Gebiete der wahren Production ausschloß, darauf erwiedern, wenn man ihm, wie von den neueren Anhaͤngern des physiokratischen Systems in Deutschland geschehen ist, die Frage vorlegte: ob der Bediente, welcher Stiefeln putze, denn nicht, eben so wohl als jeder andre Lackirer, ein producirender Arbeiter sey; ferner: ob die Pa- stete, welche ein haͤuslicher Koch auf die Tafel seines Herrn setze, kein Product sey, und ob sie bloß dadurch, daß sie eine Stunde in dem Laden des Kuchenbeckers gestanden habe, zum Product werde; endlich, wie Brougham noch sinnreicher gefragt hat: ob denn der Musiker, der ein Con- cert gebe, nicht productiver Arbeiter zu nennen sey, da er doch eigentlich die Luft innerhalb des Concertsaales fabricire, so daß sie nun mehr werth sey, als die gewoͤhnliche Straßen- und Stubenluft? — Ernsthafter fuͤgt Brougham noch hinzu: „er nehme die Schauspieler, Saͤn- ger und alles, was sich fuͤr Geld in Toͤnen oͤffent- lich producire, unbedingt in Schutz; jedermann, der die Gegenstaͤnde des oͤffentlichen Begehrens ver- mehre, vermehre indirect auch die wirkliche Pro- duction; er erhoͤhe den Werth aller uͤbrigen Pro- ducte, der Producte des Landbaus z. B. fuͤr den Paͤchter, der außer seinem Getreideverkauf in der Stadt nun zugleich seiner theatralischen und musikalischen Passion genuͤge. Jeder neue Reitz, jedes neue Beduͤrfniß, in so fern es nur in den natuͤrlichen Schranken bleibe, vermehre nothwendig die Arbeit, also auch die Production; denn was productive Arbeit veranlasse, muͤsse doch selbst wieder productiv seyn.” — Kurz, haͤtte Brougham fortfahren sollen, ob ich mich selbst zu einem Gegenstande des Begeh- rens oder des Beduͤrfnisses mache, wie jener Musiker, oder ob ich rohe, handgreifliche Sachen verfertige, die ein Gegenstand des Begehrens oder des Beduͤrfnisses sind — Eins ist fuͤr den National-Reichthum so wichtig, wie das Andre. Das eben ist das Verderben der heutigen natio- nal-oͤkonomischen Wissenschaften, daß sie die Per- sonen selbst, als Objecte der Oekonomie, nicht begreifen wollen; darum versaͤumt, uͤber allen einzelnen Producten, diese Wissenschaft die zu ihrer Existenz unentbehrliche Ausbildung des Pro- ducts aller Producte, des nationalen Menschen, durch dessen Begehren ja alle uͤbrigen Producte erst ihren Werth erhalten. Und, was ist denn, moͤchte ich Adam Smith fragen, die oͤkonomische Bedeutung der Frauen? sind sie productiv oder unproductiv? werden sie nicht bloß dadurch schon, daß sie der Gegenstand des heftigsten Begehrens sind, dessen der Mensch uͤberhaupt faͤhig ist, zum unentbehrlichen Grunde der Production des Wich- tigsten, nehmlich des Menschen selbst? Endlich frage ich: was ist denn Grund und Boden, was ist die Erde, auf die zuletzt alles unser Begehren sich bezieht? ist sie ein productiver oder ein un- productiver Arbeiter? Zu aller Production des Ackerbaues, wie der Fabriken und des Handels, ist sie die unerlaͤßliche Bedingung; wenn sie nicht antworten oder uns beistehen will mit ihren chemischen und mechanischen Kraͤften — was er- folgt dann auf alle unsre Fragen? was produci- ren wir dann mit aller unsrer Arbeit? Sie erkennen in dieser ganzen Betrachtung zuerst die Wirkungen des Wahns, auf Pro- duction der Sachen, auf rohe Arbeit, eine Wis- senschaft gruͤnden zu wollen, und die Wichtigkeit unsres Verfahrens, da wir neulich, anstatt des unpassenden Zeichens Tauschwerth der oͤkono- mischen Objecte, das allgemeine und ideenhafte Zeichen buͤrgerlicher Charakter eines oͤko- nomischen Objects (welches Wort auf Perso- nen und Sachen gleich-richtig bezogen werden kann) setzten; dann zweitens die Folgen des Irrthums, der sich den Menschen als einseitig auf die Natur losarbeitend dachte, und auf die ewige Ruͤckwirkung derselben, auf ihr Reitzen und Reagiren, keine Ruͤcksicht nahm, also die Wissenschaft mit Einem Elemente, anstatt zweier, mit einseitiger Einwirkung, anstatt mit gegensei- tiger Wechselwirkung, zu Stande bringen wollte: die Gegen-Production der Natur, welche bei den Frauen und dem Grundeigenthum am deutlich- sten hervortritt, will eben so beachtet seyn, wie die Production des Menschen, das Begeh- ren in seinem ganzen universellen Umfange eben sowohl, wie die Arbeit in dem ihrigen. Anstatt dessen kennt die Wissenschaft nur die rohe Pro- duction der Haͤnde, und das rohe Begehren des wirklichen Marktes und der wirklichen Nach- frage. Die Regierungen muͤssen vor allen Dingen erkennen, daß beides im Auge gehalten seyn will, die Production und das Begehren . Weil eins ohne das andre nichts bedeutet, so muß die Regierung auch fuͤr beides wechselwir- kend sorgen. Die Regierung hat beides zu ver- mitteln, oder in die gehoͤrige Wechselwirkung zu bringen; wenn sie das Eine, nehmlich die Pro- duction, vermehrt, so thut sie ihr Geschaͤft nur halb: sie soll auch den Reitz, das Beduͤrfniß erhoͤhen. Jeder Buͤrger ist Begehrer und Pro- ducent zugleich, Kaͤufer und Verkaͤufer; also soll sie auch auf beide Qualitaͤten des Buͤrgers bedacht seyn. Dem zu Folge: In oͤkonomischer Ruͤcksicht: Hat es die Staatskunst etwa bloß mit dem Hervorbringen zu schaffen? In juristischer Hinsicht: hat sie es etwa bloß mit dem Frieden oder dem Gesetze zu schaffen? In oͤkonomischer Hinsicht: soll sie es der Natur uͤberlassen, daß sie das Begehren und Verzehren dirigire? In juristischer Hinsicht: soll sie es ihr uͤber- lassen, daß sie den Krieg oder die innere Freiheit, welche der Staat braucht, auf ihre Weise an- stifte? Nein, nein! 1) Die Staatskunst soll das Ganze durchdringen; in ihrem Geiste soll der Buͤrger frei seyn, und den friedenernaͤhrenden Krieg fuͤhren. 2) In ihrem Geiste soll der Buͤrger begehren und verzehren. Keine Natur soll im Staate geduldet werden, als die Natur der Staatskunst selbst. Zwanzigste Vorlesung. Von dem Wesen der ökonomischen Production . A lle Arbeit setzt ein Beduͤrfniß oder ein Begeh- ren, wie jede Handlung einen Willen, voraus. Ob ich selbst , der Arbeitende, oder ob Andre dieses Begehren direct empfinden, ist vorlaͤufig noch gleichguͤltig. Indeß je buͤrgerlicher und na- tionaler mein Begehren ist, welches mich zur Arbeit antreibt, um so groͤßer muß auch der buͤrgerliche Charakter meines Productes seyn, um so mehr muß auch dem Begehren der Uebrigen dadurch genuͤgt werden. Deshalb ist es klar, daß jeder Staat in dem Maße wahrhaft reich zu nennen seyn wird, als das Interesse an dem Gemeinwesen lebhaft jede Brust erfuͤllt. Je na- tionaler das Begehren oder das Beduͤrfniß eines Volkes ist, um so nationaler wird auch die Pro- duction desselben seyn; es wird keiner besonderen Polizei-Gesetzgebung beduͤrfen, welche fremde Productionen von dem einheimischen Markte aus- schließt, oder das Kennzeichen des Reichthums, das Metallgeld, festzuhalten strebt. — Jedermann erinnert sich hierbei wohl der son- derbaren Vorkehrungsmaßregeln, welche die Con- tinental-Staaten, vornehmlich die Deutschen, seit geraumer Zeit besonders gegen den Einfluß der Englischen Industrie getroffen haben. Ich will diese Maßregeln nicht unbedingt verdammen; denn die unbedingte Freiheit des Commerzes mit England wuͤrde in d er gegenwaͤrtigen Lage der Dinge eben so viel Unheil bringen, als die un- bedingte Schließung; und da der einzelne Staats- mann die Krankheit unsres oͤkonomischen Sy- stems nicht radical curiren kann (was die bloße Gewerbs-Polizei uͤberhaupt nicht vermag, son- dern nur eine Wendung in den Gemuͤthern der Voͤlker): so bleibt der Staatsmann dem Augen- blicke verantwortlich, und ist nur wie ein Fechter zu betrachten, der die Stoͤße des Augenblicks, so klug als moͤglich, parirt. Wenn man aber einen von den kleinen Uni- versal-Oekonomen dieser Zeit fragt, worin denn eigentlich die Allmacht und Unbezwinglichkeit der Brittischen Industrie ihren Grund habe; so er- haͤlt man zur Antwort: „darin, daß die Englaͤn- der mit allen Continental-Fabrikanten Preis halten koͤnnen; daß Maschinerie und Theilung der Arbeit so weit getrieben sind, daß sie die groͤßtmoͤgliche Guͤte und Fuͤlle der Waaren mit dem geringsten Aufwande von Zeit und Kraft liefern; ferner, daß die Brittischen Handels-Ca- pitale und der Markt dieser Nation so groß sind, daß sie mit den geringsten Vortheilen zufrie- den seyn koͤnnen.” Dies ist ein sehr einfacher, Kindern begreiflicher, Grund; ob er aber genuͤ- gend sey, ist eine andre Frage. Zuvoͤrderst ist in den Englischen Waaren, außer der individuellen Guͤte und dem verhaͤlt- nißmaͤßig geringen Preise, noch etwas zu beach- ten, was jeder Nicht-Englaͤnder fuͤhlt, und was, da es bei dem ersten Blick auf bloßem, dunklem Gefuͤhle zu beruhen scheint, unsre abstinenten und engherzigen Wissenschaften bis jetzt nicht haben beachten wollen. Wie der Markt der Eng- lischen Waaren in Europa groͤßer geworden ist, hat zugleich eine sogenannte Anglomanie, mit den Englischen Sitten, der Englischen Sprache, ja der Brittischen Staatsverfassung, um sich ge- griffen, die sich eben so wenig ausschließend aus der Popularitaͤt der Waaren, als diese aus der Anglomanie der Sitten erklaͤren laͤßt. Es concurrirt nehmlich auf dem Weltmarkte, außer den Metallgeldpreisen, noch ein hoͤherer Preis, der nach dem Wesen, welches ich Ihnen als das einzige und hoͤchste wahre Geld angege- ben habe, bestimmt wird. Nur von den groben Englischen Waaren, insbesondre von den so ge- nannten coarse woolen , laͤßt sich behaupteu, daß sie den Metallgeld-Preis mit den Continen- tal-Waaren gehalten haben. Die feinen Schnitt- und kurzen Waaren sind, ob sie gleich in viel hoͤhe- rem Preise standen, als die inlaͤndischen Fabricate, dennoch auf dem Continente mit großer Begierde gekauft worden; und hier hat nicht die bloße in- dividuelle Guͤte der Waare, sondern ein, allen Englischen Fabricaten gemeinschaftlicher, echt- national-oͤkonomischer Sinn ein behagliches, buͤrgerliches Lebensgefuͤhl, welches aus ihnen her- vorleuchtete, am meisten gewirkt. — Man glaubte sich, durch den Besitz und Gebrauch dieser Waa- ren, und durch die Nachahmung Englischer Sitte und Lebensart, der hervorragenden Natio- nalitaͤt jenes Landes theilhaftig zu machen. Dem- nach hatte die Anglomanie einen solideren Grund, als die aͤltere Gallomanie . Wenn auch vielmehr eine Art von Instinct, als ein deutliches Bewußtseyn, die Europaͤischen Sitten von den luxurioͤsen Franzoͤsischen, zu den comfor- tablen Englischen Mustern heruͤber leitete: so bleibt, dessen ungeachtet, dieser Uebertritt die erste Spur eines wieder erwachenden Strebens nach National-Gefuͤhlen. Einem gewissen fri- volen Drange nach Abwechselung der Formen hat von je her die Franzoͤsische Manufactur, wie sie uͤberhaupt in den Mustern erfinderischer war, mehr geschmeichelt, als die Brittische; und den- noch haben die buͤrgerlichen Vorzuͤge der Britti- schen Waaren, ihre Dauerhaftigkeit, die groͤßere Bescheidenheit der Formen, und ihre Behaglich- keit, den Sieg davon grtragen. Also ein uͤberall sich ausdruͤckender, nationa- ler Geist ist es vornehmlich, der den Continen- tal-Fabriken ihre Kaͤufer entfuͤhrt hat. Wenn eine Nation durch ihre Industrie einen Eindruck auf andre Nationen machen will, so muß sie auch durch ihre Nationalitaͤt und durch ihre Sitten die Voͤlker reitzen und uͤbertreffen. Des- halb ist diesem gefaͤhrlichen Einflusse fremder Waaren auch nichts Wirksameres entgegen zu setzen, als eigene Nationalitaͤt, das heißt nicht etwa, ein calculatorischer Patriotismus, der so raͤsonnirte: „wie viel Geld geht aus dei- nem Lande fuͤr auswaͤrtige Waaren! Darum kleide dich, um das Geld festzuhalten, in einlaͤn- disches Fabrikat;” auch nicht etwa ein impe- ratorischer Patriotismus, wie Fichte in sei- nem geschlossenen Handelsstaate: „das bloße Ver- langen nach auswaͤrtigen Producten ist unsinnig, so unsinnig, als wenn der Eichbaum fragen woll- te: warum bin ich nicht Palmbaum? und um- gekehrt; sondern außer der einseitigen Industrie, von der man bis jetzt allein das Verdraͤngen der Englischen Waaren erwartet hatte, die Ausbil- dung, die Befestigung des buͤrgerlichen Gemein- wesens. Ein Staat, der den Einfluß auswaͤrtiger Industrie zerstoͤren will, die, wie alle wahre Industrie, auf National-Kraft und National- Geist gegruͤndet ist, erreicht nichts, außer in so fern er sich zur Liebe der eigenen Sitten zuruͤck- fuͤhrt, indem er seinen inneren Verband befestigt, durch seine Lebendigkeit wahren National-Stolz er- weckt, in so fern er selbst durch und durch liebens- wuͤrdig wird. Diese Liebenswuͤrdigkeit der Natio- nal-Production theilt sich allen einzelnen Produc- tionen, ja selbst solchen Waaren mit, die von ihr nur einmal und fluͤchtig beruͤhrt worden sind; und sie ist es, die, wenn einzelne Eigenschaften der Waaren, Zweckmaͤßigkeit, Wohlfeilheit, Dau- erhaftigkeit nichts bewirken, endlich gewiß die Kaͤufer zwingt und besiegt. Die Worte: Zweck- maͤßigkeit und Brauchbarkeit , haben auf jedem Boden der Erde einen abgesonderten und eigenthuͤmlichen Sinn; und so hat auch das Be- duͤrfniß der einzelnen Voͤlker, wie es sich auch im im Ganzen aͤhneln moͤge, allenthalben einen in- nerlich abweichenden Geist. — Diese nationale Gestalt des Beduͤrfnisses fest zu halten, sie zu entwickeln, sie zu schmuͤcken mit nationalen Tha- ten, das ist eine eben so wesentliche Pflicht der Regierungen, welche die Bluͤthe der Industrie wollen, als die bloße Befoͤrderung der Produc- tion, auf die, unsre Theorieen wenigstens, allein gerichtet sind. — Die National-Production mag seyn, welche sie wolle — wenn ihr entweder kein angemesse- nes National-Begehren, oder gar ein unnationa- les auslaͤndisches Begehren zur Seite geht, so wird man sie vergebens aufrecht zu erhalten suchen. — Ich glaube, auch von dieser Seite erwiesen zu haben, daß die Finanz-Wissenschaft, abgesondert von dem uͤbrigen Leben des Staa- tes, so wie wir sie uns gewoͤhnlich denken, den eigentlichen National-Reichthum nothwendig ver- fehlen, also, wenn man den Lauf ganzer Jahr- hunderte in Anschlag bringt, immer unpraktisch bleiben muß. — Daß wir Sachen, Waaren, Gegenstaͤnde des Begehrens produciren, ist wenig, und hilft nichts, außer in so fern wir die begeh- renden Personen, jenen Sachen gemaͤß, national ausbilden; es hilft nichts, außer in so fern wir Personen und Sachen, Beduͤrfniß und Produc- Müllers Elemente. II. [16] tion, Kaͤufer und Verkaͤufer einander angemessen machen. Dies nun ist nicht anders moͤglich, als indem ein und derselbe vaterlaͤndische Geist den Beduͤrftigen bei seinem Begehren, und den Ar- beiter bei seiner Production durchdringt; indem also das Ideal eines National-Lebens realisirt wird, welches des Arbeiters und des Kaͤufers gemeinschaftliches hoͤchstes Gut ist. So nun ist die wahre National-Oekonomie eine vermittelnde Kunst, wie alle anderen Kuͤn- ste: sie hat das National-Begehren, oder die Nation als Kaͤufer , mit der National-Pro- duction, oder mit der Nation in ihrer andern großen Qualitaͤt als Verkaͤufer , in’s Gleich- gewicht zu bringen, in ein lebendiges Gleichge- wicht, welches nur von der National-Kraft, oder dem zwischen diesem großen Kaͤufer und Verkaͤufer vermittelnden, wahren Gelde zu be- wirken ist, wie denn die Frucht dieses Gleichge- wichtes auch wieder nichts anderes als ein hoͤherer Grad der National-Kraft, oder die Vermehrung jenes wahren und einzigen Geldes, seyn kann. Ich sage nicht, daß die Regierungen ihre an- dre große Pflicht, das Beduͤrfniß oder das Be- gehren, eben so gut wie die Production, zu di- rigiren ganz versaͤumt haͤtten; vielmehr hat man sehr ernstlich versucht, die Neigungen der Staats- buͤrger auf das Vaterlaͤndische, besonders auf die so genannten Surrogate des Auslaͤndischen, zu lenken. — Hingegen ist dieses bloße Herabstim- men des Begehrens, dieses Unterschieben eines schlechten vaterlaͤndischen Objects fuͤr ein besse- res auslaͤndisches, auch wenn es realisirt wer- den koͤnnte, ein trauriges Palliativ: sich begnuͤ- gen, entbehren, sparen, sind keinesweges Mit- tel den National- Reichthum zu befoͤrdern , wenn auch augenblickliche Mittel, die National- Verarmung zu verhuͤten . — Aber den vaterlaͤndischen Boden und seine Erzeugnisse im Ganzen und Großen, d. i. das gesammte vaterlaͤndische Gemeinwesen, befestigen, und mit wahrem buͤrgerlichen Gluͤck und echt-re- publikanischer Kraft beseelen, die Nation sich selbst werth und lieb machen —: das heißt das Natio- nal-Begehren zu allen vaterlaͤndischen Guͤtern und Besitzstuͤcken erhoͤhen, und zugleich der Na- tional-Production wahren Stoff vorwerfen, ihr wahre Zwecke vorhalten, und durch das hieraus sich entwickelnde Wechselleben des Beduͤrfnisses und der Production wieder hoͤhere National- Kraft erzeugen, und so in’s Unendliche fort. Dies nun ist das Gesetz, wonach aller Reich- thum, sowohl im Privat- als im oͤffentlichen Leben, sich erzeugt und fortschreitet: es ist ganz falsch, daß die Privat-Oekonomie nur nach einem todten Gleichgewichte der Arbeit und des Begehrens, oder nach einem bloßen In-einander- Aufgehen der Einnahme, welche das Resultat der Arbeit ist, und der Ausgabe, durch welche das Begehren befriedigt werden soll, zu streben habe. Die erhoͤhete und ohne Ende steigende Le- benskraft des einzelnen Individuums ist eben so wohl der eigentliche Zweck der Privat -Oekono- mie, wie die steigende National-Kraft des Staa- tes der Zweck der National -Oekonomie. Dies druͤcken wir in unsrer beschraͤnkten Metallgeld- Sprache so aus: „in der Wechselwirkung der Arbeit und des Beduͤrfnisses, aus welcher jedes Privatleben besteht, soll nicht bloß nichts heraus- kommen, weder Ueberschuß, noch Schuld, sondern es soll ein wirkliches Capital erzeugt werden. Die bleibende Spur, welche jene Wechsel- wirkung hinterlaͤßt, oder das Capital, denken wir uns gewoͤhnlich als eine Summe Metallgel- des; indem wir sie aber Capital nennen, und also die Zinsenerzeugung voraussetzen, deuten wir an, daß die Sphaͤre unsrer Privat-Kraft dadurch erweitert sey, und daß die Wechselwir- kung zwischen der Arbeit und dem Beduͤrfnisse eine wirklich arbeitende und begehrende Kraft er- zeugt habe, welche Kraft durch das, Zinsen er- zeugende, Metallgeld-Capital deutlich, aber un- vollkommen, repraͤsentirt wird. — In der wah- ren Ordnung der Dinge aber wirft der Privat- Oekonom sein erworbenes Capital, oder die in der Wechselwirkung zwischen Arbeit und Begeh- ren wirklich erworbene Lebenskraft, unmittelbar wieder in sein Geschaͤft hinein, und erweitert es durch dasselbe: er gebraucht das Metallgeld nur zu einem ungefaͤhren Maßstabe fuͤr den Umfang und die Progression seiner Kraft, d. h., wie wir es sehr ausdrucksvoll nennen, seines Vermoͤ- gens , oder um, wenn es noͤthig ist, seine Kraft, auf Andre uͤberzutragen. Diese anderen Borger des Capitals wollen aber damit auch nichts wei- ter, als eine reale Wechselwirkung zwischen Ar- beit und Begehren entwickeln, dadurch eine groͤ- ßere Lebenskraft oder groͤßeres Vermoͤgen erzeu- gen, und so weiter. — Also in der Privat-, wie in der National- Oekonomie ruhet der Reichthum eigentlich in der lebendigen Kraft, oder in dem lebendigen Vermoͤgen; lebendig aber ist die Kraft oder das Vermoͤgen nur, in so fern es einen unendlichen Verkehr zwischen der Arbeit und dem Beduͤrfniß erzeugt, und aus diesem Verkehr von Tage zu Tage wieder groͤßer und gewaltiger ausgeboren wird. Also das National-Vermoͤgen oder der bleibende Reichthum eines Staates, ist nur etwas, dem lebhaften National-Verkehr oder der Be- wegung eines Staates gegenuͤber. Dieses nun nenne ich, die Bewegung in die Lehre von dem National-Reichthume hinein construiren, worin der erste Schritt zu der Wiederbelebung der wahren National-Oekonomie besteht, wie der erste Schritt zur Wiederbelebung des wahren National-Rech- tes, in der Darstellung von dem Leben und der Be- wegung der Gesetze, die ich oben gegeben habe. So vorbereitet koͤnnen wir nun zu der wich- tigen Frage uͤbergehen: Was heißt eigentlich pro- duciren ? — Die Physiokraten unterschieden bekanntlich productive Arbeit von der unpro- ductiven , nur daß sie ihre Scheidungslinie an eine andre Stelle hinlegten, als spaͤterhin Adam Smith die seinige. „Nur die Arbeit,” sagten sie, „ist eigentlich productiv, welche auf den Grund und Boden gewendet wird; alle andre Arbeit der Handwerker, Fabrikanten und Manu- facturisten veraͤndert nur die Form Dessen, was der Grund und Boden gegeben hat, erhoͤhet dessen inneren Werth nicht, sondern setzt zu dem aͤußeren Preise desselben nur hinzu, was der Lebensunterhalt des Arbeiters, des Fabrikan- ten oder Handwerkers waͤhrend der Dauer der Arbeit betraͤgt. Was das Fabrikat also an aͤuße- rem Werthe gewinnt, kommt dem Staate nicht zu gute, indem genau eben so viele Producte von Grund und Boden als Lebensunterhalt des Fabrikanten consumirt werden, also dem Staate wieder verloren gehen; demnach producirt der fabricirende Arbeiter eigentlich nicht.” — Man sieht, daß dieser ganzen Ansicht der Dinge die Meinung zum Grunde liegt, der Na- tional-Reichthum sey der Inbegriff von dem physischen Lebensbedarf eines Volkes; ferner die andre Meinung, daß die Anzahl der Koͤpfe eigent- lich die Nation ausmache, und, wie die bei weitem groͤßere Anzahl der Koͤpfe vorzuͤglich auf den bloßen Lebensunterhalt, d. h. auf die be- soins de première necessité , welche der Boden gewaͤhrt, angewiesen sey, so auch die Erzeugnisse des Bodens als einzig wesentliche Beduͤrfnisse des Staates angesehen werden muͤssen. So ge- schah es, daß den Oekonomisten die Begriffe, „den National-Reichthum befoͤrdern,” und „den Acker- bau befoͤrdern” gleichbedeutende Dinge waren, daß sie vielmehr den salut de tous , als den salut général , im Auge halten, und daß ihnen National-Reichthum und die Summe aller ein- zelnen Reichthuͤmer gleich-galt. — Die Suveraͤnetaͤt, oder die den Staat ord- nende und seine Gesammtbeduͤrfnisse regulirende Macht, die nach unsrer Ansicht aus dem nattioo- nalen Streben, das jede einzelne Person und Sache ergreift, erst hervorgehen, die mit und in dem lebendigen Reichthum erst kommen soll, betrachteten sie als bereits existirend, oder ihre Errichtung doch als eine Frage, welche die Na- tional-Oekonomie nichts angehe. Ich habe ge- zeigt, daß diese Macht nur existirt, in so fern sie lebendig ist, d. h. in so fern sie in jedem Augenblick auf’s neue erzeugt und erhoͤhet wird, und daß demnach von ihrem Daseyn und von ihrer steigenden Groͤße Werth und Bedeutung aller einzelnen Besitzstuͤcke, der Personen wie der Sachen, hergeleitet werden muß. Auch Adam Smith sieht im National-Reich- thume weiter nichts, als die Summe aller einze- nen Privat-Reichthuͤmer, und in der Nationa- Production nichts, als den Inbegriff aller Pr- vat-Productionen. Deshalb war es ein beder- tender Schritt, als ein neuerer Schriftsteller zu- erst den wichtigen Unterschied zwischen Den, was die Englaͤnder wealth of a nation , Natio- nal-Reichthum nennen, und den riches , oder in- dividuellen Reichthuͤmern, ahndete. Ein Man n , den ich uͤbrigens zu loben nicht geneigt bin, und der in allen andern Stuͤcken dem Zeitgeiste nur allzu sehr gehuldigt hat, Lord Lauderdale, hat de Wissenschaft zuerst auf diesen wichtigen Unter- schied aufmerksam gemacht, und ist dadurch die Veranlassung einer ganz neuen Erwaͤgung von dem Wesen des Reichthumes, und auch von dem Wesen der Production, geworden. Produciren heißt, aus zwei Elemen- ten etwas Drittes erzeugen, zwischen zwei streitenden Dingen vermitteln, und sie noͤthigen, daß aus ihrem Streite ein drittes hervorgehe . Der Mensch laͤßt seine koͤrperlichen Kraͤfte nach ihren Gesetzen mit ir- gend einem rohen Material, nach Maßgabe der Natur und der Eigenschaften dieses Materials, einen Streit beginnen, den er selbst mit Klug- heit so lenkt, daß ein Drittes, welches wir Product nennen, daraus entstehen muß. Der Mensch benutzt irgend eine Naturkraft, Schwe- re, Feuer, Wasser, Dampf, um, vermit- test ihrer, andre Naturkraͤfte zu uͤberwinden; d. h. er fuͤhrt einzelne Eigenheiten der Na- tur mit andern Eigenheiten derselben auf eine klage Weise in einen Streit, woraus das Pro- duct sich entwickeln muß. Die einfachste Hand- arbeit und die erhabenste Geistes- oder Kunst- Production geschehen nach diesem Gesetze: nir- ge n ds hat der Mensch ein einzelnes Object aus- schießlich zur Bearbeitung vor sich; auf der Einen Seite steht immer das Material, welches zu schonen ist, auf der andern die Maschinerie, das Handwerkszeug, und sollten es auch bloß die koͤrperlichen Fertigkeiten und Kraͤfte des Men- schen seyn, die mit Klugheit geleitet werden wollen. Auf beiden Seiten muß immerfort nachgehol- fen werden; bald muß das Material, bald das Werkzeug nachgeben. Also nicht die Hand, das Werkzeug, die Maschine producirt; sondern ein Drittes, Hoͤheres, das wir einstweilen die Le- benskraft des Menschen nennen wollen, thut dies, indem es vermittelt. — Diese Ansicht der industriellen Production werden Sie bei genauerer Untersuchung in allen Anwendungen gerechtfertigt finden, um so mehr, da die Natur selbst auf keine andre Weise pro- ducirt. Wir wollen uns jetzt den Staatsmann in oͤkonomischer Gestalt denken. Seine Aufgabe ist, den Staat zu produciren . Sein Ma- terial ist ein, aus mehr oder minder eigennuͤtzi- gen Individuen bestehendes, Volk; sein Hand- werkszeug sind Gesetze, Polizei, Beamte aller Art, ja vor allem das Beduͤrfniß dieses Volkes nach dem gesellschaftlichen Verein, und nach Frieden. Der Staat besteht weder in diesem Handwerkszeuge allein (wie die gemeinen Prakti- ker glauben), noch in dem Material allein, in dem Volke, (wie die Theoristen, die Naturrechts- lehrer und die Physiokraten voraussetzten, in- dem sie das bloße Volk zum Staatszwecke mach- ten). Der Staat ist ein Drittes, welches aus der Vermittelung zwischen dem Material, dem fuͤr sein eigenes Interesse arbeitenden Volke, und zwi- schen dem Handwerkszeuge, dem gesellschaftlichen Beduͤrfnisse dieses Volkes, und dessen Repraͤsen- tanten, den Gesetzen, der Polizei, den Beam- ten, erst erzeugt werden soll. Jedes einzelne In- dividuum im Staate will alle andern Individuen von sich abhaͤngig machen: dieses Streben ist das rohe Material , welches dem Staats- mann in die Haͤnde gegeben wird; jedes einzelne Individuum ist aber auch wieder von allen an- dern abhaͤngig durch sein Beduͤrfniß, durch sein Begehren: diese friedliche Eigenschaft derselben eigennuͤtzigen Indididuen, welche sich in den Gesetzen und allen bestehenden Staats- und Ord- nungs-Einrichtungen aͤußert, ist das wahre und ewige Handwerkszeug des Staatsmannes. So wenig in meiner obigen Darstellung der Hand- werke die bloßen Haͤnde das Product hervor- bringen: eben so wenig erzeugen hier die bloßen Gesetze, oder das bloße Metallgeld (welches auch als verkoͤrpertes Begehren des Volkes, und als Handwerkszeug des Staatsmannes betrach- tet werden kann) den Staat. Vielmehr ist das eigentlich Producirende die Lebenskraft des wah- ren Staatsmannes, oder die National-Kraft, wie wir es nannten. Was thut der Landwirth , indem er pro- ducirt anders? Eine gewisse Menge von anima- lischen und vegetabilischen Kraͤften laͤßt er mit der Kraft des Bodens streiten. Der Same ist sein Material; Boden, Duͤnger u. s. w. sind sein Handwerkszeug; aus dem Streite beider entwickelt er vermittelnd die Frucht, das Pro- duct. Steigen Sie von hier aus, durch die dem Ackerbau naͤher liegenden Gewerbe, des Brauers, Branntweinbrenners, hindurch zu den Feuerarbeitern, und so durch alle Formen der staͤdtischen Production hindurch: so werden Sie vielleicht bemerken, daß die eigentlich produci- rende Kraft beim Ackerbau mehr auf die Seite der Natur, als des Menschen, und daß sie bei den staͤdtischen Gewerben mehr auf die Seite des Menschen, als der Natur hinfaͤllt; mit andern Worten: daß der Producent immer sichtbarer wird, daß der Mensch immer mehr als Produ- cent erscheint, von der augenscheinlichen Pro- ductions-Kraft der Natur immer unabhaͤngiger wird, je mehr Sie Sich vom Ackerbau entfer- nen und in das Gebiet der staͤdtischen Production eindringen. Aber allenthalben wird das Produ- cirende in einem Vermittelungsgeschaͤfte begriffen erscheinen. Nicht die bloße einseitige Thaͤtigkeit des Materials und der Haͤnde wird produciren, sondern Das, was eigentlich producirt, ist eine große, der ganzen Natur gemeinschaftliche Le- bens-, oder Vereinigungs-Kraft, welche der Mensch in sein Interesse ziehen kann. So ist auch das Product des Kaufmanns, nehmlich der Handel, nichts anderes, als das Resultat einer Vermitte- lung zwischen dem Kaͤufer, den wir das Mate- rial, und dem Verkaͤufer, den wir das Handwerks- zeug des Kaufmanns nennen koͤnnten. Alle Arbeit nun — so koͤnnen wir, da wir das Gesetz der Natur-Production in allen buͤr- gerlichen Gewerben wieder gefunden haben, zu- ruͤckschließen —, welche auf wahrer Vermitte- lung beruhet, ist auch nothwendig productiv; nur Derjenige, welcher einseitig das bloße Hand- werkszeug auf das Material losarbeiten lassen wollte, der Staatsmann, welcher die bloßen Gesetze anstatt der National-Kraft, der Kuͤnst- ler, welcher die bloßen Regeln und Handgriffe anstatt der producirenden Lebenskraft arbeiten lassen wollte, wuͤrde ein unproductiver, d. h. ein Nichtarbeiter, zu nennen seyn. — Eine Staatswirthschaft also, welche — an- statt zwischen dem Beduͤrfnisse der Nation, dem staatswirthschaftlichen Material , und zwischen der Arbeit der Nation, dem staatswirthschaftlichen Handwerkszeu- ge , zu vermitteln — auf die Eine Seite aus- schließend, nehmlich auf die Seite der Arbeit hinuͤber traͤte und so das Beduͤrfniß behandeln, produciren und entwickeln wollte, wuͤrde eine unproductive Staatswirthschaft zu nen- nen seyn. So trat das merkantilistische System absolut auf die Seite der Arbeit hinuͤber. In Preussen z. B. sollte noch, bis in die neueren Zei- ten her, das Beduͤrfniß der Nation einheimisch ausgearbeitet, ausfabricirt, alles durch die Arbeit gezwungen werden, indessen das Begehren der Nation sich mehr und mehr zu auslaͤndischen Beduͤrfnissen hin wendete, und der eigentliche National-Reichthum immer unsichrer wurde. — Das ist es, was ich meinte, als ich im Anfange unsrer Betrachtungen vom wahren Staatsmanne verlangte, er muͤsse die große Vereinigung eben so wohl zusammen- reitzen als zusammen- zwin- gen ; denn aus diesen beiden Geschaͤften bestehet alle Vermittelung, also, meiner Erklaͤrung zu Fol- ge, auch alle Production. — Es ist nun hinrei- chend erklaͤrt, wie die Producte werden; ich habe die Geschichte ihrer Entstehung erzaͤhlt, also die Producte in der Bewegung dargestellt. — Alle wahre Arbeit ist productiv; — aber ist alle wahre Arbeit gleich -productiv? — Gewiß nicht! Es giebt unzaͤhlige Grade der Productivi- taͤt. — Da jeder Arbeiter im Grunde nichts anderes thut, als zwischen dem Beduͤrfniß und der Production, z. B. zwischen dem, Schuhe beduͤrfenden, Fuß und der Leder-Production, ver- mitteln: so wird, je nothwendiger und allgemei- ner das Beduͤrfniß ist, auch die Production um so nothwendiger und allgemeiner, d. h. die Pro- ductivitaͤt um so wichtiger und groͤßer seyn muͤs- sen. Um den Grad der Productivitaͤt zu messen, giebt es also keinen andern Maßstab, als die buͤrgerliche Nothwendigkeit, oder die Nationali- taͤt. Eben so gut wie, nach unsrer fruͤheren Auseinandersetzung, alle Individuen im Staate oder alle Producte einen zwiefachen Werth haben, einen individuellen und einen buͤrgerlichen: eben so gut hat also auch wieder alle Productivitaͤt einen doppelten Werth, einen individuellen und einen buͤrgerlichen. Alle einzelnen Arten der Production streben, sich so wichtig, so buͤrgerlich, so national als moͤglich zu machen. Augenblick- lich wird Eine Production die andre uͤberfluͤgeln: in einem kor narmen Jahre wird der Landbau wichtiger und nationaler, als die Stadtwirth- schaft erscheinen; in einem kor nreichen Jahre wieder die Stadtwirthschaft wichtiger als jene. Bei einem ausbrechenden Kriege werden die Fa- brikanten, welche Kriegesbeduͤrfnisse fabriciren, alle andren uͤberfluͤgeln; auf die Dauer hingegen wird es das hoͤchste Interesse jedes einzelnen Producenten seyn, daß er in den natuͤrlichen, lebendigen und buͤrgerlichen Schranken erhalten werde, kurz, daß zwischen seiner Production und dem Begehren der Uebrigen, von einem hoͤ- heren Producenten, dem Staatsmanne nehmlich, vermittelt werde. Die Kraft also, welche aller Production ihre natuͤrlichen Schranken anweis’t, und die unge- heure Bewegung einer Staatswirthschaft, nur das unendliche Gewuͤhl von Geschaͤften auf der Boͤrse einer Handelsstadt an einem einzigen Posttage, ordnet — diese Kraft ist die conditio sine qua non aller Production. Jede einzelne productive Kraft kann also nur produciren oder vermitteln, in so fern sie selbst wieder von einer hoͤheren productiven Kraft, der buͤrgerlichen Ge- sellschaft oder der National-Kraft nehmlich, pro- ducirt und vermittelt wird . Hoͤrt der Staat auf auf, sich zu produciren, oder zu reproduciren, so hoͤren alle die kleineren Productionen, aus denen die National-Production, welche wir Staat nennen, besteht, von selbst auf. Dem gemeinen Auge erscheint diese unentbehrliche Ga- rantie aller einzelnen Production, als Metall- geld; da aber das Metallgeld 1) nur aͤußere und physische Producte vermitteln, und 2), wie beweglich es auch sey, dennoch nicht allgegenwaͤr- tig seyn kann, weil es vielmehr Koͤrper als Geist ist: so faßt der gebildete Oekonom oder Kaufmann schon ein hoͤheres Wesen als das Metallgeld in’s Auge, wenn er sich das Product, welches alle uͤbrigen Producte zusammen und in Werth er- haͤlt, denken will; er nennt es: Credit . Der Credit umfaßt schon mehr als die aͤuße- ren, physischen Producte: er idealisirt und anti- cipirt Producte, die noch nicht in der Wirklich- keit producirt sind; ferner ist der Credit schon viel allgegenwaͤrtiger, als das Geld. Aber die neueren schwankenden, unsichern Zeiten muͤssen in der Seele mehr als Eines denkenden Kauf- mannes die Ueberzeugung erweckt haben, daß der persoͤnliche und buͤrgerliche Credit auf den einzel- nen Maͤrkten des Welthandels noch nicht hinrei- chend ist, um den einzelnen Productionen zu einer sicheren Basis zu dienen. Müllers Elemente. II. [17] Unser ganzes gegenwaͤrtiges Handelswesen wird dadurch aufrecht erhalten, 1) daß an ein- zelnen Stellen des Continents noch wirkliches nationales Zusammenhalten gefunden wird, und dann besonders 2) dadurch, daß sich der Central- und Schwerpunkt des Welthandels nach England hin gewendet hat, von welcher Insel noch gegen- waͤrtig alle Production und aller verbliebene Handel des Continents eigentlich getragen wird. Gluͤcklicher Weise ist der Staat, welcher in die- ser Krise die Garantie des ganzen Europaͤischen Credits uͤbernommen hat, der nationalste, sicherste und unangreiflichste. Wenn England in’s Meer versaͤnke, oder, besser, wenn auch nur seine Verfassung, seine National-Kraft unterginge: so wuͤrden wir Alle empfindlich fuͤhlen, daß in dieser Zeit eines großen Continental-Interre- gnums alle Production und aller Handel die Ga- rantie, oder die National-Kraft, welche er in seinem eignen Bezirke haben sollte, in der letz- ten Instanz von England her geleitet hat. Eng- land ist im Besitz des wahren allgegenwaͤrtigen, die physische so wohl als die geistige Production umfassenden, garantirenden und vermittelnden Geldes; jeder Staat ist es, der beides zugleich, wie es sich gebuͤhrt, sowohl die Production der einzelnen Unterthanen, als die Erzeugung des wahren und innigen Bandes zwischen diesen Un- terthanen, der Nationalitaͤt nehmlich, und nicht bloß, wie so viele Theorieen und Regierungen, die bloße Production der einzelnen Unterthanen im Auge hat. Gegen jene Abhaͤngigkeit von England giebt es nur Ein Mittel: sie ist ein Ungluͤck, aber aus ganz andern Gruͤnden, als die man gewoͤhnlich dafuͤr angiebt; nicht, weil wir England zinsbar an Metallgelde sind, wie der große Continent glaubt, (denn das Metallgeld laͤßt sich entbehren; und welcher Nation waͤren wir, besonders wir Deutschen, an den edelsten Guͤtern, nicht zins- bar!) sondern, weil wir, wie ich oben gezeigt ha- be, in Ermangelung eigener Nationalitaͤt, von der groͤßten Nationalitaͤt, die wir kennen, von der Brittischen nehmlich, und den Brittischen Sitten und dem Brittischen comfort , abhaͤngig sind, und seyn werden, besonders wenn zu dem ohne- hin schon großen Reitz noch der Reitz der ver- botenen Guͤter hinzu kommt. — Aber das einzige Mittel ist, selbst nach dem wahren Gelde, nach der National-Kraft zu stre- ben und so der vaterlaͤndischen Production eine vaterlaͤndische Garantie zu geben, die vaterlaͤn- dische Production durch ein vaterlaͤndisches Band in Einheit und in Freiheit zu setzen. Das ist die große Production, uͤber die der Englische Staatswirth, weil sie in jenem Lande wirklich vorhanden ist, in seinem Systeme hinweg sehen darf, wir aber nicht; und so werden wir von der Natur gezwungen werden, zum Bewußtseyn der ganzen Wissenschaft zu kommen, waͤhrend England, so lange es gluͤcklich bleibt, die voll- staͤndige oͤkonomische Erkenntniß mangeln wird. Moͤchte Oestreich erkennen, wie viel es vor allen Continental-Staaten, durch bloße Gunst des Schicksals unter aller Ungunst, schon an wahren und ewigen Staats-Ressourcen gewonnen hat! Moͤchte es, durch keine falsche Staatswirthschaft geleitet, nicht, der bloßen Productions- und Me- tallgelds-Auseinandersetzung mit den Nachbarn wegen (welche freilich auch beachtet seyn will), den National-Verband fahren lassen, der sich in dem großen einheimischen Credit der Staatspa- piere zu erkennen giebt! Was fuͤr ein Preis ist die augenblickliche Vermehrung der Summe der einzelnen Productionen gegen den Verlust, oder die Schmaͤlerung des wahren National-Reich- thums oder der National-Production! was ist der Credit der großen Handelshaͤuser neben dem National-Credit! was die Garantie des aus- waͤrtigen Handels, neben der National-Ga- rantie! Nach dieser Auseinandersetzung des wahren Wesens der Production und ihres nothwendig doppelten Charakters, ihres individuellen und ih- res buͤrgerlichen, wird es einleuchten, daß Lord Lauderdale vollkommen Recht hat, wenn er be- hauptet, daß Summe der einzelnen Reich- thuͤmer — welche wir nach dem localen Tausch- werth oder in Metallgelde anzuschlagen pflegen, und, da es uns an einer andern numerischen Taxe fehlt, auch so anschlagen muͤssen — und National-Reichthum , durchaus verschie- dene Dinge sind. Der National-Reichthum kann nur dem andern National-Reichthume gegenuͤber, also in wahrem Gelde, oder in National-Kraft, angeschlagen werden. Ver- gleiche man z. B. die gewiß noch immer bedeu- tende Summe der einzelnen Reichthuͤmer in Hol- land, mit dem, was man von dem National- Reichthum dieses Landes sieht und erlebt. Ein großer Theil der Resultate von der fruͤheren un- geheuren Production dieses Landes ist offenbar noch vorhanden; aber der nationale Verkehr, die lebendige Bewegung, das nationale Begehren ist dahin: die Gegenkraft, welche die Kraft der Producte erst zu einer wirklichen Kraft erhebt, fehlt; der Staat hat nichts zu vermitteln, also producirt er auch nicht; folglich ist er arm. Als Sir William Petty im Jahre 1664 den Tauschwerth der Laͤnder, Haͤuser, Schiffe, edlen Metalle, Muͤnzen, Waaren und bewegli- chen Guͤter aller Art in England, nach einem genauen Ueberschlage, addirte und die Summe von 250 Millionen Pfund herausbrachte; als Gregory King im Anfange des achtzehnten Jahrhunderts in derselben Rechnung das Resultat von 615 Mill., Hooke etwa vierzig Jahre spaͤter 2100 Mill., Sir William Pulteney, wieder nach dreißig Jah- ren, 2000 Mill., und D. Beeke gegen das Ende des achtzehnten Jahrhunderts 2600 Mill. fand: — druͤckten alle diese Zahlen wohl die Progres- sion des Brittischen National-Reichthums ge- wisser Maßen aus, weil es England durch den ganzen Lauf der Jahre seit 1664 nie an dem productiven Leben gefehlt hat, und weil die Na- tionalitaͤt von England diese ganze Zeit hindurch wachsend gewesen ist; aber der Staatsmann, welcher auf diese Summe eine bedeutende staats- wirthschaftliche Operation gruͤnden, oder ihre Vermehrung zum ausschließenden Object seiner Wirksamkeit machen wollte, oder der zwischen der Nation und ihren einzelnen Reichthuͤmern zu vermitteln aufhoͤrte, wuͤrde bald fuͤhlen, daß er vom wahren National-Reichthume abwiche, wenn auch noch eine Weile die Summe der Pro- ducte in steigendem Wachsthume begriffen waͤre. Der Continent, besonders Preussen, hat dies, leider! erfahren. Ich sage, Lord Lauderdale hat diesen wichti- gen Unterschied geahndet; denn, was seine Be- weise und seine Folgerungen daraus, besonders seine Angriffe auf Adam Smith, betrifft, so mag und kann ich sie am wenigsten rechtfertigen. Seine Entdeckung, welche uͤberdies durch die Physiokraten schon vorbereitet war, reducirt sich darauf, daß der National-Reichthum nach dem Tausch- und Markt-Werthe der individuellen Reichthuͤmer nicht taxirt werden kann; er ahn- det, daß ein hoͤheres Geld eintreten muß, als das Metallgeld. Ein und zwanzigste Vorlesung. Vom Verhaͤltnisse des Metallgeldes zu der Idee des Geldes; vom Real- und Nominal-Werthe desselben. Z ur Auseinandersetzung der buͤrgerlichen Ge- schaͤfte, an demselben Ort und in derselben Zeit, ist Metallgeld, sagt Adam Smith, der beste und zweckmaͤßigste Maßstab; um entlegene Orte und entlegene Zeiten unter einander abzufinden (so wie Letzteres bei lange gehenden Pacht-Contrac- ten und bei Renten, welche Jahrhunderte hin- durch fortlaufen, der Fall ist), dient das erste Lebensbeduͤrfniß zu einem besseren Maßstabe, das Getreide nehmlich; fuͤr fern und nahe, in Zeit und Ort gemeinschaftlich, ist indeß Arbeit der beste Maßstab. — Der große Mann empfand das Unzureichende der gewoͤhnlichen Vorstellungen vom Gelde, und hat sie auch gebuͤhrend bekaͤmpft; nur traf der Fluch, der auf allen Systemen jener Zeit ruhet, auch das seinige. Arbeit war ihm ein Begriff, und keine Idee: es fehlte seiner Vorstellung von der Arbeit an der gehoͤrigen Elasticitaͤt, der noͤthigen Bewegung und dem unerlaͤßlichen Leben. Er haͤtte das, was wir im gewoͤhnlichen Leben Arbeit nennen, ausweiten muͤssen, bis ihm das gesammte National-Leben wie eine einzige große Arbeit erschienen waͤre; er haͤtte jede einzelne Arbeit des Staates als den Act eines einzelnen Organs vom Ganzen ansehen; kurz, er haͤtte die individuelle Arbeit immer in Beziehung auf die National-Arbeit betrachten, und eine wie den Ausfluß der an- dern, eine wie die wechselwirkende Ursache der andern, ansehen muͤssen. Daher versteht er auch seinen gewaltigen Vorgaͤnger Hobbes nicht, der, wenn er sagt, „Reichthum sey Macht,” weit mehr meint, als Adam Smith ihm unterlegt, weit mehr meint, als die bloße Macht Arbeit oder Waaren durch Tausch zu erhandeln. — Nachdem wir also die Begriffe Reichthum, Geld, Arbeit, oͤkonomisches Object und Production in der bisherigen Betrachtung einer Kritik unterzogen, nach dem wir sie zu Ideen erhoben haben — koͤnnen wir nun, da eine systematische Abgrenzung und Absolvirung nicht mehr zu befuͤrchten und das Leben in den großen Grundvorstellungen der National-Oeko- nomie hergestellt ist, auch auf die Natur des Metallgeldes naͤher eingehen. Alles Geld hat drei große Grundbestimmun- gen: 1) das Bleiben, die Dauer der uͤbrigen oͤkonomischen Objecte zu befestigen, zu repraͤsen- tiren; deshalb muß alles, was Geld seyn will, dauerhaft seyn: 2) die Bewegung der oͤkonomi- schen Objecte zu beschleunigen; deshalb muß das Geld im hoͤchsten Grade beweglich seyn: 3) das Bleibende und das Bewegliche unter einander zu vermitteln; deshalb muß es theilbar, elastisch, ich moͤchte sagen, contractiv und expansiv, im hoͤchstmoͤglichen Grade seyn. Alle diese Eigen- schaften hat die National-Kraft, hat das Wort, hat der Credit, und dann auch, unter allen an- dern Waaren in einem sehr hohen Grade, das Metallgeld. Unter allen Waaren, die auf den Marktplaͤtzen des Welthandels concurriren, haben seit undenklichen Zeiten die edlen Metalle den hoͤchsten Werth behauptet; und dies lange vor- her, ehe man uͤber ihre Eigenschaften reflectirt hatte. Es giebt wenige Waaren, deren unmit- telbare Brauchbarkeit fuͤr die Zwecke des alltaͤgli- chen Lebens so gering waͤre, die weniger zu den besoins de première necessité im gewoͤhnli- chen Sinne des Wortes gerechnet werden koͤnnten, als die edlen Metalle. Dessen ungeachtet hat man — lange zuvor, ehe uͤber die Natur des Geldes und uͤber dieses vermeintliche besoin factice raͤsonnirt worden — einen großen Reitz und eine große Sicherheit in dem Besitze dieser Waaren empfunden, welche Empfindungen in dem Bewußtseyn, den Gegenstand des allgemein- sten Begehrens zu besitzen, ihren Grund hat- ten. — Der Drang nehmlich jedes einzelnen Men- schen nach der menschlichen Gesellschaft, das Streben des Einzelnen, von der ganzen Gesell- schaft unterstuͤtzt zu werden, sie so nahe als moͤg- lich bei sich zu haben, weil nur die ganze Gesell- schaft, und nichts Anderes, das, was der Ein- zelne war und besaß, garantiren konnte, warf sich von Anfang an auf Sachen und Besitzthuͤ- mer. Man suchte diese Besitzthuͤmer zu erwei- tern aus einem doppelten Grunde, zuerst, um des wirklichen Besitzes zu genießen , zweitens aber, und vorzuͤglich, um diese Gegenstaͤnde des Genusses zu garantiren , zu vertheidigen. Der groͤßte Theil des Besitzes wurde erstrebt, um sich nur des andern Theiles zu versichern; man begehrte und acquirirte allenthalben in einer doppelten Absicht, um zu besitzen und um zu erhalten , man strebte nicht, wie unsre einsei- tigen Staats-Theorieen, nach augenblicklichem Nutzen, oder nach bloßer Production, sondern voͤllig eben so lebhaft nach Conservation, Conso- lidirung und Capitalisation. Die Erde hat sich diese Erhaltung des Ge- schlechtes besonders vorbehalten. Wenn es auf Erhaltung ankommt, so gelten die leichten Ge- setze des Tages, deren der Mensch bauen und umwerfen kann, so viel er will, wenig mehr. Der Mensch muß sich hier den ewigen Gesetzen des Planeten unterwerfen, auf dem er lebt; die kraͤftigsten Mittel der Erhaltung bereitet die Erde auf geheimnißvolle Weise, und schickt sie dem Menschen herauf: eins fuͤr den Krieg, das Eisen; eins fuͤr deu Frieden, das Gold und Silber: ein Mittel der Vereinigung, um die Menschen, wo es noͤthig ist, zusammen oder aus- einander zu reitzen ; ein Mittel der Trennung, um die Menschen zusammen und aus einander zu zwingen . Das Verlangen der Menschen nach schoͤnen, seltnen und unnachahmlichen Dingen, welches sich in dem uralten Werthe der edlen Me- talle und der edlen Steine offenbart, enthaͤlt verdeckt das hoͤhere Verlangen, durch den Besitz dieser Dinge sich ihrer Eigenschaften theilhaftig, sich selbst zum Gegenstand des allgemeinen Be- gehrens zu machen; ihr Verlangen nach dauer- haften, consequenten und sich gleich-bleibenden Dingen enthaͤlt das hoͤhere Verlangen, durch die Aneignung selbst zu dauern und sich gleich zu bleibrn. Kinder und jugendliche Voͤlker vermi- schen das Persoͤnliche und das Saͤchliche, die Eigenschaften des einen und des andern unauf- hoͤrlich, was wir mit alternder Nuͤchternheit der Seele so weise zerlegen und von einander ab- strahiren; ruͤstiger und frischer betrachten sie alle Sachen wie Personen. Es muß sich also unter allen Sachen bald die Sache herausscheiden, welche von der Natur auf so geheimnißvolle Weise zubereitet und erzeugt wird, wie der Mensch selbst, und welche die Eigenschaften der Seltenheit, der Nachgiebigkeit, der Gleichfoͤrmig- keit, der Beweglichkeit, der Dauerhaftigkeit und der Schoͤnheit, in denen allen sich das hoͤchste Streben des Menschen ausdruͤckt, in einem so hohen Grade und auf so einfache Weise verei- nigt. — In dem nothwendigen Streben des Menschen nach den edlen Metallen versteckte sich folglich alles das hoͤhere Streben der menschlichen Natur. Indem eine Sache, nicht von unm it- telbarem, sondern von mittelbarem, vermitteln- dem Werthe, uͤber alle andren unmittelbar brauch- baren Sachen zum Koͤnig, zum Suveraͤn, erho- ben wurde, zeigte der Mensch von Anfang an sein uͤber alle Thiergeschlechter erhabenes Wesen; er zeigte, daß er nicht an Augenblick und Ort gebunden waͤre, ausschließend gebunden, wie jene: das ganze, große, unsichtbare Halbtheil seiner Natur wurde durch jene suveraͤne Sache repraͤ- sentirt. Außer allen Sachen und uͤber allen Sa- chen, die fuͤr das Begehren der Stunde und des Ortes bestimmt waren, besaß der Mensch um der unentbehrlichen Vergangenheit und Zukunft, um der abwesenden und entfernten Dinge und Personen willen, eine besondre Sache; und diese Sache verbuͤrgte ihm die Dauer und die Erhal- tung aller uͤbrigen Sachen. Es ist auffallend, daß man bis jetzt dem Gelde einen eingebildeten , und allen uͤbrigen Waaren einen wirklichen Werth zugeschrieben hat, und doch erklaͤrlich, weil man dem Einen Beduͤrfnisse — welches die Befriedigung aller uͤbri- gen Beduͤrfnisse, und den wahren Werth der Ob- jecte dieser Beduͤrfnisse, allein moͤglich macht und bestimmt, und welche Eine conditio sine qua non durch das Geld repraͤsentirt wird, nehmlich dem Beduͤrfnisse nach der Gesellschaft oder dem Staate, dem allerwirklichsten Beduͤrfnisse des Menschen — selbst nur einen eingebildeten Werth beigelegt hat. Das edle Metall hat anscheinend nur einen geringen unmittelbaren Werth: es scheint auf den ersten Blick, als ob sich dieser Gebrauchswerth der edlen Metalle auf die Verfertigung einiger Gefaͤße und Geschirre reducirte; und dabei ist auch die gewoͤhnliche Theorie stehen geblieben. Sie haben, sagt man, einen sehr geringen Gebrauchswerth, und einen ungeheuer großen Tauschwerth. Man konnte sich aus den Ban- den des bloß Physischen und Thierischen nicht befreien: was nicht unmittelbarer mechanischer und chemischer Gebrauch war, das statuirte diese rohe Oekonomie uͤberhaupt nicht als Gebrauch. Ich habe oben gezeigt, warum ich, anstatt des groben, ungelenkigen Wortes Tauschwerth , die sinnigere Bezeichnung geselliger oder buͤr- gerlicher Charakter eines Dinges gewaͤhlt ha- be. An dieser Stelle nun zeigt es sich, warum ich, anstatt des, mancherlei Mißverstaͤndnisse mit sich fuͤhrenden, Wortes Gebrauchswerth , lieber Privat- oder in dividueller Charakter eines Dinges sage. Der Werth des Metallgeldes hat, wie der Werth aller andern Sachen, seinen Grund darin, daß die edlen Metalle den hoͤchsten in- dividuellen Werth und den hoͤchsten geselligen, buͤrgerlichen, universellen Werth in einander ver- binden, was bei keiner andern Waare in so ho- hem Grade der Fall ist. Der Mensch bedarf dessen, was das Geld repraͤsentirt, der Gesell- schaft nehmlich oder der Abwesenden, des Bei- standes der Menschheit, in jedem Augenblicke sei- nesLebens, und bei jedem Geschaͤfte, so nothwen- dig, wie der Luft. Das Geld, oder die Gesell- schaft, ist ein Universal-Salz, welches allen, allen Besitzthuͤmern des Lebens beigefuͤgt werden muß, und ohne welches sie alle, alle voͤllig un- schmackhaft, ungenießbar, unbrauchbar sind. Wer kann nach dieser Darstellung noch an dem unendlichen Gebrauchswerth, an dem innerlichen individuellen Wesen, an dem Privat-Charakter der edlen Metalle zweifeln! Darin eben, daß dieser Gebrauchswerth so unendlich groß ist, liegt es, daß der Tauschwerth dieser Metalle, oder ihre universelle Bedeutung, um so vieles den Tauschwerth aller andern Waaren uͤbertreffen kann. Die edlen Metalle sind qualitativ allen andern so genannten Waaren uͤberlegen; deshalb, und weil ihre Qualitaͤt eine zu allen Zeiten und Orten sich selbst gleich-bleibende ist, sind sie auch quantitativ, als Maßstab aller andern so genannten Waaren, am brauchbarsten. Geld ist ein Maßstab des Werthes. Wenn man mit schlechten Muͤnzsorten bei dem Kauf- manne Waaren einhandelt, so tritt diese Eigen- schaft besonders an den Tag: der Kaufmann hat, neben der Elle, neben dem Gewichte, noch ein andres anerkanntes Werthmaß vor sich, einen guten guten Thaler, einen guten Gulden. Nach die- sem Werthmaßstabe sind die saͤmmtlichen Waa- ren des Kaufmannes bereits abgemessen, d. h. das Maß der Waare, die Elle, das Gewicht, bereits auf den Werthmaßstab bezogen und taxirt worden. So nun mißt der Kaufmann mit dem- selben Werthmaßstabe auch die schlechten Muͤnzsor- ten ab. Nach dem Grundsatze: „daß, wenn zwei Groͤßen einer dritten gleich sind, sie unter einan- der selbst gleich seyn muͤssen,” macht er die Waare und die schlechte Muͤnzsorte, indem er zu- und abnimmt, dem dritten, nehmlich seinem Werth- maßstabe, gleich. Indem nun in diesem ganz gewoͤhnlichen Handel so wohl der Kaͤufer , nach Maßgabe des Waaren-Beduͤrfnisses, welches ihn antreibt, als der Verkaͤufer nach Maßgabe des Geld-Beduͤrfnisses und des fruͤheren Han- dels, in welchem er sich die Waare verschaffte, nachgiebt oder zu- und abnimmt, — ist es klar, daß, falls der Handel zu Stande kommt, Beide, Kaͤufer und Verkaͤufer, bei diesem Kaufe uͤber einen Maßstab uͤberein gekommen seyn muͤssen, der bei jedem einzelnen Handel verschie- den seyn, aber doch im Ganzen von einem un- sichtbaren National-Maßstabe eben nicht abwei- chen wird. Sich uͤber einen Maßstab vereinigen, heißt: gemeinschaftlich ein Verhaͤltniß z. B. 1 Müllers Elemente. II. [18] Elle: 1 Thaler, zu einer Proportion erheben z. B. 1 Elle; 1 Thaler = 1 : x . — Denn der Maßstab ist nur etwas, im Gegensatze der zu messenden Dinge. — In dem Staate oder in der buͤrgerlichen Ge- sellschaft der gesammten Schnittwaaren eines Lan- des regiert der Laͤngen-Maßstab, die Elle; in dem Staate der Getreidewaaren eines Landes regiert der Maßstab fuͤr trockne Koͤrper, der Scheffel; in dem Staate der gesammten Fluͤßig- keiten, ein andrer Koͤrper-Maßstab, das Quart, oder Noͤßel; in dem Staate der gesammten Fleisch- und Spezerei-Waaren, ein Gewicht-Maßstab, das Pfund u. s. f. Die Qualitaͤt aller der einzel- nen, von der Elle, dem Scheffel, dem Quart, oder dem Pfunde regierten, Waaren mag ver- schieden seyn: dennoch aͤhneln sich alle diese Waaren unter einander; und ist die Qualitaͤt dieselbe, so wird kein weiteres Hinderniß im Wege stehen, um eine Elle Leinewand gegen eine Elle gleich-guter Leinwand zu ertauschen oder zu erhandeln. Da nun aber der Mensch in allen diesen verschiedenen Staaten, dem, wo die Elle, wo das Quart, wo der Scheffel, wo das Pfund regiert, zugleich leben soll; da seine Be- duͤrfnisse in allen diesen verschiedenen Gebieten zerstreuet liegen, und da in jedem einzelnen Ge- biete wieder die einzelnen Waaren an Qualitaͤt von einander abweichen: so ist wieder ein hoͤherer Regent noͤthig, der uͤber alle jene einzelnen Re- genten, Elle, Pfund, Scheffel u. s. w., herrsche, und an den sich der einzelne Beduͤrfende direct wenden, wie der einzelne Producent sein beson- deres Maß auf ihn, das Allerweltsmaß, bezie- hen koͤnne. Vor dem Throne dieses koͤniglichen Maßstabes geht aller Verkehr vor sich und wird aller Handel abgeschlossen: er entscheidet nicht bloß , wie jene kleinen Regenten; er vermit- telt auch, er mißt und vergilt zugleich: in die- sem Handel wird mit der Elle, mit dem Maß- stabe selbst bezahlt. Kurz die edlen Metalle sind qualitativer und quantitativer Maßstab zugleich, waͤhrend die andern Maßstaͤbe entweder bloß qualitativ, oder bloß quantitativ entscheiden: die edlen Metalle sind Maßstab und Aequi- valent zugleich. In geringerem Grade hat die Waare, welche der Kaufmann mir fuͤr das Geld giebt, dieselben beiden Eigenschaften: er will mein Geld kaufen, mißt mein Geld mit seiner Waare ab, und giebt mir dann den Maßstab, womit er mein Geld gemessen hat, zugleich als Aequi- valent hin, nehmlich die Waaren. Zu jedem eigentlichen Handel gehoͤren also zwei Maßstaͤbe und zwei Aequivalente, und in dem gegenseitigen Sich-Messen und Entgelten besteht der Handel. Die Waare hat als Aequivalent einen Privat- Werth, als Maßstab einen geselligen, buͤrgerli- chen Werth: eben so das Geld als Aequivalent einen Gebrauchs-, und als Maßstab einen Tausch- Werth. Alle diese Werthe ausgleichen, oder aus beiden Maßstaͤben einen dritten, hoͤheren erzeugen, und beide vielleicht noch von einander abwei- chende Aequivalente in vollstaͤndiges Gleichgewicht bringen, heißt, einen Handel abschließen. Hier zeigt sich nun ganz klar, daß ein drit- tes Hoͤheres und Unsichtbares zwischen dem Kaͤu- fer und dem Verkaͤufer, zwischen dem Metall- geld und der Waare, vermittelt, und daß uͤber dem hohen Throne des Metallgeldes dennoch ein im- mer hoͤherer Suveraͤn waltet. In jedem einzelnen Handel machen sich Kaͤufer und Verkaͤufer, oder der Producent und der Begehrende, erst ihr be- sonderes Geld: sie feilschen und fuͤhlen gemein- schaftlich ein unsichtbares Geld heraus, welches das sichtbare Geld mit der sichtbaren Waare auseinandersetzt und vermittelt, ein lebendiges Geld. Denn, so wie ich neulich gezeigt habe, daß aus der groͤßten Wechselwirkung zwischen dem nationalen Begehren, oder der Nation als Kaͤufer, und der nationalen Production, oder der Nation als Verkaͤufer, die groͤßte National- Kraft, oder die groͤßte Menge des wahren Gel- des hervorgeht: so geht auch in jedem einzelnen Handel aus der innigsten Wechselwirkung des Kaufmanns mit dem kaufenden Begehren, das groͤßte beiderseitige Zutrauen, oder der Credit, das unsichtbare Geld, in dessen Nahmen der Kauf eigentlich abgeschlossen wird, hervor. Ob nehmlich nicht bloß der einzelne Handel, sondern ob eine Reihe von Handeln abgeschlossen wer- den soll, haͤngt davon ab, ob mit jenem unsicht- baren Werthe gemessen, und ob gegenseitig mit sich bewaͤhrendem Credite bezahlt worden — ob unter dem einzelnen Kaͤufer und Verkaͤufer wirk- lich so gehandelt worden sey, als ob die gesamm- ten Producenten und die gesammten Begehren- den auf einem wirklichen National-Markte ver- sammelt waͤren und concurrirten. Hierbei ist noch zweierlei zu bemerken: 1) daß der Verkaͤufer in doppelter Eigenschaft da steht, zuerst als Producent der Waare, oder doch in loco des Producenten, und dann als Be- gehrer des Geldes , der Kaͤufer hingegen als Producent des Geldes, oder doch in loco des Producenten, und als Begehrer der Waare , daß demnach zwischen ihnen Beiden eine voll- staͤndige Entgegensetzung, also die Moͤglichkeit einer vollstaͤndigen Wechselwirkung, Statt findet; ferner 2), daß man sich zur wahren Erkenntniß der wichtigen Materie vom Gelde, von der Muͤnze und vom Handel vor allen Dingen erst des Accents entschlagen muͤsse, den wir in dem Gegensatze „Metallgeld und Waaren” Ein- fuͤr allemal auf das Metallgeld zu setzen pflegen. Darum habe ich vor allen Dingen Ihren Blick zuerst auf eine unsichtbare Idee des Geldes zu lenken gesucht, damit vor diesem hoͤheren Rich- ter die beiden Partheien, Geld und Waaren, in ihrer gleichen Wichtigkeit und im Gegensatz und in der wahren Wechselwirkung zuerst er- kannt wuͤrden, und wir nie, durch den aͤußeren taͤglichen Anschein verfuͤhrt, die Parthei Me- tallgeld mit dem Richter Geld verwechseln moͤchten, oder dem Fiscal, den attorney general (mit dem ich das Metallgeld vergleichen moͤchte) mit dem Staatsmann-Richter, oder mit dem wahren Gelde. Das Kopfbild des Suveraͤns auf den Muͤnzen — fruͤher das Symbol der Europaͤischen Christenheit, das Kreuz — deutet die Gegenwart der Nation bei jedem einzelnen Handel sehr sinnreich an: die suveraͤne Waare wird vom Suveraͤn gestempelt; aber dennoch bleibt sie Waare. Wenn auch gekroͤnt, so ist sie den- noch Parthei in dem oͤkonomischen Prozesse, den wir Handel nennen. Ferner muß ich erinnern, daß man nicht, durch den Schein der kleinen Kaͤufe im gemei- nen Leben getaͤuscht, in dem Gegensatze „Kauf- mann und Abnehmer” den Accent Ein- fuͤr alle- mal auf den Kaufmann setze; weil bei deren Erfolg der Kaufmann thaͤtiger, der Abnehmer leidender erscheint. Auch hier muß man sich die Sache denken, wie sie auf dem Weltmarkte vor sich geht, wo Kaͤufer und Verkaͤufer, Geld und Waare, ohne allen fixen Accent auf irgend einer Seite, in reiner Wechselwirkung auftreten, und der Metallgeld-Producent oder der Metallgeld- Verkaͤufer, wie jeder andre Buͤrger oder Kauf- mann, mit seiner Waare erscheint. Gold und Silber, jedes einzeln, stehen in jedem Augenblick in demselben Verhaͤltnisse zu al- len uͤbrigen Waaren, wie jede einzelne Waare zu allen uͤbrigen. Da aber die Welt nothwendig, wie ich oben gezeigt habe, in mehrere Staaten zer- faͤllt, oder in mehrere einzelne oͤkonomische Tota- litaͤten, so muß vor allen Dingen Weltmarkt und Nationalmarkt, und also Weltmarkt-Werth der edlen Metalle, oder das Verhaͤltniß der edlen Metalle zu dem Universal-Staate aller Waaren auf dem Weltmarkte, von dem National- markt-Werthe derselben, oder ihrem Verhaͤlt- nisse zu dem National-Staate der Waaren, unter- schieden werden. Die erste Aufgabe einer Regie- rung, welche die suveraͤne Waare fuͤr den Natio- nal-Gebrauch stempeln oder muͤnzen will, wird also die seyn, den Nationalmarkt-Werth und Weltmarkt-Werth der edlen Metalle auszuma- chen, und dann diese beiden Werthe nicht bloß einander so viel als moͤglich nahe zu bringen, son- dern zwischen ihnen zu vermitteln, d. h. nach Maßgabe der Localitaͤt und der Handelsverhaͤlt- nisse des Landes, den Werth der Metalle auszu- mitteln, welcher mit dem Interesse der inneren und der aͤußeren Circulation der vertraͤglichste ist. Den klug ausgemittelten Werth hat sie als Muͤnz- preis anzusetzen, fuͤr welchen sie diese Metalle jeden moͤglichen Producenten oder Inhaber auf der Muͤnze abzunehmen geneigt ist. Jedermann sieht ein, wie viel auf die wahre Bestimmung des Muͤnzpreises ankommt, vorzuͤglich in einem Lande wie England, wo die Regierung mit einer großmuͤthigen Liberalitaͤt unentgeltlich muͤnzt, wo sie keinen Schlagschatz nimmt und jedermann fuͤr seinen Barren eine genau eben so viel werthe Summe in gepraͤgtem Gelde zuruͤck erhaͤlt, wo das Parliament die Kosten der Muͤnze bezahlt, und also, wenn diese den Muͤnzpreis des Gol- des betraͤchtlich hoͤher ansetzte, als den Markt- preis, wenn sie anstatt eine Unze Goldes jetzt mit 3 L. 17 sh 10½ d zu bezahlen, 3 L. 19 sh. als den Muͤnzpreis einer Unze Goldes ansetzte, alles Gold nach der Muͤnze stroͤmen, das dort erhaltene Silber auf dem Markte gegen das hier wohlfeilere Gold umgesetzt und so auf’s neue der Muͤnze zugebracht werden, und das Muͤnz- wesen in Unordnung gerathen wuͤrde, zumal auf dem empfindlichen Markte von London, wo, ich moͤchte sagen, jeder gluͤckliche Hammerschlag in den Bergwerken von Peru, und jede im Indi- schen und Chinesischen Handel untergehende Unze Silbers unmittelbar gefuͤhlt wird und auf den Marktpreis der edlen Metalle Einfluß hat. — Welche Kraͤfte, welchen Scharfsinn hat die Welt angewendet, 1) um den Real-Werth der edlen Metalle zu fixiren, oder fuͤr die Ewigkeit zu bestimmen; 2) um einen festen Nominal-Werth oder eine feste Muͤnze, eine Rechnungsmuͤnze zu gewinnen, den Real-Werth der Metalle uͤber alle Schwankungen des Weltmarktes zu erheben und sicher zu stellen, und eben so die Ueberein- stimmung des Real-Werthes einer Muͤnze mit dem Nominal-Werthe derselben gegen alle Ver- faͤlschungen und Herabsetzungen der nationalen Finanzkunst einerseits und gegen die Verminde- rung des Werthes, die alle Muͤnzen im bloßen Gebrauch, oder durch Kippen und Wippen ( wear and tear und clipping and washing ) trifft, sicher zu stellen. Haͤtten diese beiden Zwecke je vollstaͤndig erreicht werden koͤnnen, so waͤre meine ganze gegenwaͤrtige Idealisirung und Belebung der Vorstellung „Geld” unmoͤglich; gluͤcklicher Weise aber ist die Erreichung jener Zwecke un- moͤglich. Die Natur hat, wie ich schon allenthalben gezeigt habe, dem Menschen in allen Verhaͤlt- nissen zwei Wesen im Widerstreit, im Gegensatz, vorgelegt. Dieser Streit ist nie ganz aufzuloͤsen: denn sonst wuͤrde die dann erreichte wirkliche ewige Einheit eine todte und starre seyn; dagegen hat sie uns die Einheit nicht als eine endliche, sondern als eine unendliche Aufgabe vorgelegt, damit der Mensch ohne Ende etwas zu vereini- gen und aufzuloͤsen habe, und ein lebendiges Streben nach Einheit, worauf allein es ankommt, immer aufrecht erhalten werde. Koͤnnte das wahre Geld, die lebendige Einheit, der lebendige Maß- stab und Werth der Dinge, welchen ich Ihnen, wie es sich gehoͤrt, als ein vollstaͤndiges und unendliches Gedankenbild vorgehalten habe, je vollkommen in Zahlen oder in Metallen ausge- druͤckt werden, so haͤtte alle National-Oekono- mie der Erde in demselben Augenblick ihre Seele ausgehaucht; da hingegen, weil dieses unmoͤg- lich ist, nunmehr alle folgenden Geschlechter die schoͤne Aufgabe erhalten, sie immer reiner und vollkommener auszudruͤcken. Die Natur hat uns, wie ich gezeigt habe, gleich beim Einkauf der Metalle zwei verschiedene Werthe derselben, welche auf die Dauer nie zusammenfallen werden, den Weltmarkt-Werth und den Nationalmarkt- Werth zur Vermittelung vorgehalten; ferner bei Anordung des Muͤnzfußes selbst wieder zwei gleich-wichtige Metalle, deren Verhaͤltniß in ewiger Bewegung begriffen ist; ferner divergiren in der Wirklichkeit bestaͤndig der Werth der Metalle als Maßstab, und ihr Werth als Waare oder Aequivalent. Das Problem ist, diese bei- den Divergenzen, oder diese allenthalben sich zeigenden Gegensaͤtze zu identificiren und aufzu- loͤsen. Zuletzt wird man im wahren Studium inne, daß alle Kunst des Lebens, des Staates, der Oekonomie darauf hinauslaͤuft, in jener Art, die der Kenner der Musik oder des Generalbasses besonders empfinden wird, jene widerstreitenden Werthe oder Metalle in einander zu flechten, durch einander zu garantiren. So erscheint, zum Beispiel, in der Theorie der Muͤnze das Ver- haͤltniß der beiden Metalle, Gold und Silber, das im Anfange durch seine Beweglichkeit und Veraͤnderlichkeit dem Theoretiker große Schwie- rigkeit macht, fuͤr das wahre oͤkonomische Leben besonders unentbehrlich. Im Anfange strebt man nach einem einzelnen Maßstabe; doch alle einzel- nen Maßstaͤbe, das Metallgeld wie die Elle, das Pfund, weiten sich, veraͤndern sich. In den neueren astronomischen Pendul-Uhren hat man diese Laͤngenveraͤnderungen des Penduls durch die kuͤnstliche Balancirung und Verknuͤpfung zweier Metalle aufgehoben: so muß auch der Pendul der National-Oekonomie aus zwei sich gegen- seitig beschraͤnkenden und regulirenden Metallen construirt seyn. Große Handelsplaͤtze haben vor allen andern das Beduͤrfniß empfunden, ein einzelnes von diesen Metallen nach einer Ein- fuͤr allemal fest- gesetzten Muͤnzeintheilung zu fixiren. So hat die Hamburger-Giro- oder Depositions-Bank eine große Summe alter vollwichtiger Species- Thaler durchaus der Circulation entzogen, in ihren Kellern deponirt, und jedem beitragenden Hamburger-Kaufmann auf den ganzen Belauf der von ihm deponirten Summe in ihren Buͤ- chern Folio gegeben, so, daß nun alle Zahlun- gen der Hamburger-Kaufleute unter einander durch bloße schriftliche Uebertragung der credi- tirten Summe auf das Folium des Glaͤubigers in’s Werk gesetzt werden, indessen der Real- Werth aller dieser Geldumsetzungen unberuͤhrt und von aller Abnutzung durch Circulation un- angefochten bleiben kann, vorausgesetzt, daß die große Handelsvereinigung selbst von dem Wech- sel der Europaͤischen Weltbegebenheiten unberuͤhrt und unangefochten bleibt. So nun entsteht, auf eine Weile wenigstens, eine wirkliche Rechen- muͤnze, standard money (Hamburger-Mark- Banco, Amsterdammer-Floren-Banco), worin alle Handlungsbuͤcher des Ortes gefuͤhrt, und worauf alle andre Muͤnzen, wie bloße Waaren, bezogen werden. Indeß versteht es sich von selbst, daß in der posttaͤglichen Bestimmung des Geldcurses an solchen Handelsplaͤtzen keines- weges der bloße Gold- und Silberwerth der mit dem Bankgelde verglichenen fremden Muͤnzen in Anschlag kommt, sondern, daß der Nominal- oder National-Werth z. B. der Preussischen Muͤnzen auf dem Hamburger-Markte sehr in Betracht gezogen werden wird, die Preussische Muͤnze, mit Bankgeld verglichen, sehr uͤber ihren Silber-Werth steigen muß, wenn die Anzahl der Debitoren an Preussen die der Creditoren in Hamburg uͤbersteigt und deshalb betraͤchtliche Geld-Rimessen gemacht werden muͤssen. Ich finde, daß alle staatswirthschaftlichen Schriftsteller die vergaͤngliche Bestimmtheit sol- cher Rechenmuͤnzen und ihren Werth viel zu hoch anschlagen. Solche idealische Rechenmuͤnze, die nur in den Gewoͤlben der Bank, aber kei- nesweges in der wirklichen Circulation existirt, ist der einstweilige wirkliche Suveraͤn einer Han- dels-Republik. Gesetzt, eine solche Handels-Re- publik, einseitig in ihrem ganzen Wesen, er- weiterte sich zu einem wirklichen, organischen Staate: so wuͤrde in dem Maße, wie sich ein lebendiges Ackerbau- oder Krieges-Interesse bil- dete, auch die Rechenmuͤnze an ihrer Suveraͤne- taͤt verlieren; die Allmacht eines bestimmten Me- tallgeldes wuͤrde nachlassen, ein, wenn auch aus bloß mercantilischen Gesichtspunkten unvollkomm- neres, doch aus echt-staatswirthschaftlichen voll- kommneres National-Geld wuͤrde erscheinen; man wuͤrde einander gegenseitig viel mehr mit Sym- bolen des National-Credits, als mit absolutem Metall oder streng-mercantilischem Credit bezah- len. An den Grenzen zweier Welttheile kann sich eine Zeitlang ein solcher Handelsplatz mit sei- nem Bankgelde behaupten: so lagen Hamburg und Amsterdam an der Grenze des Continents von Europa einerseits, und von England und den beiden Indien andrerseits; so lag Genua mit seiner Girobank an der Grenze des Europaͤi- schen Continents und Asiens. Aber wie moͤchten wir doch das Streben und die Gesetze einer eigentlichen Europaͤischen National-Muͤnze nach dem Muster solcher an Europa nur mit einem leichten Verbande klebenden Grenzposten ein- richten! Also das groͤßtmoͤgliche Uebereintreffen unsrer National-Muͤnzen mit den Weltmuͤnzen, oder den auf dem Weltmarkt accreditirten Muͤn- zen, ist erst die Eine Haͤlfte der Aufgabe. Unser Verkehr mit dem Auslande wird erleichtert wer- den nach Maßgabe dieses Uebereintreffens; aber es soll auch ein realer, groͤßtmoͤglicher, zweckmaͤ- ßiger und eigenthuͤmlicher Verkehr im Binnen- lande bewirkt werden: also wuͤrde eine kluge Ab- weichung der National-Muͤnze von dem Welt- muͤnzfuße, wenn es einen solchen geben koͤnnte, sich nicht bloß rechtfertigen lassen, sondern sogar nothwendig seyn. Nie muß vergessen werden, daß die Natio- nal-Kraft ganz allein unter allen Dingen, wo- mit der Mensch zahlen kann, von seinem Willen und seiner Kraft abhaͤngt, und daß das Metall- geld in seiner reinsten Gestalt — wenn es auch, fuͤr sich betrachtet, uͤber alle andern Waaren un- beschraͤnkt regiert — fuͤr die eigentlich nationalen Bestimmungen noch unzureichend ist, und daß der Stempel der National-Kraft erst hinzukom- men muß, wenn die wahre Existenz und das Geld einer noch so wohl berechneten Handels- Commuͤne aufrecht erhalten werden soll. War- um haͤtte die Natur zugegeben, daß Genua, Amsterdam und Hamburg so tief von ihrer ehe- maligen Hoͤhe herabgesunken sind, als um die Wahrheit immer deutlicher an den Tag treten zu lassen, daß Credit, Geld, Reichthum, wenn sie nicht aus einer innern, nationalen und orga- nischen Vollstaͤndigkeit hervorgehen, und von ihr aufrecht erhalten und garantirt werden, trotz al- ler ihrer weltlichen und arithmetischen Bestimmt- heit, den Zerstoͤrungen des Schicksals nicht ent- gehen koͤnnen! Alle diese Betrachtungen waren nothwendig, um zuvoͤrderst Dem, was man Real-Werth und Nominal-Werth einer Muͤnze nennt, einen richti- gen und lebendigen Sinn unterzulegen. Nach unseren Vorstellungen hat jeder unabhaͤngige Su- veraͤn das Recht, das Metallgeld zu ernennen, wie er das Recht hat, Menschen zu ernennen, ihnen einen gewissen gesellschaftlichen Nominal- Werth , Rang, Stand und Titel, beizulegen: „fuͤr so viel, und nicht mehr oder weniger, soll dieser Mensch oder dieses Stuͤck Geld in meinem Lande circuliren,” kann er sagen. Außer dem ernennt aber nun noch die Nation oder die buͤr- gerliche Gesellschaft denselben Menschen oder das- selbe selbe Stuͤck Silber, nach Maßgabe seines per- soͤnlichen, innerlichen Werthes, durch die oͤffent- liche Meinung zu etwas Bestimmtem; auch sie legt diesem Menschen oder diesem Silber einen Nominal-Werth bei, der mit der Ernennung des Suveraͤns zusammentreffen, aber auch davon abweichen kann. Im gemeinen Leben wird der Werth, den das Volk dem Metall oder dem ein- zelnen Menschen beilegt, Real-Werth genannt, weil in der vielfaͤltigen Bewegung und in den unzaͤhligen Relationen des Menschen, oder des einzelnen Metalls, zum Volke, der wahre Werth desselben viel reiner an den Tag treten kann, als in den einfoͤrmigen Relationen zum einzel- nen Suveraͤn. Indeß, sobald man das Metall, oder den Menschen, in eine noch vielfaͤltigere Relation, z. B. auf den Weltmarkt, bringt, wird eine neue Ernennung erfolgen. Das Metall und der Mensch treten nun in unendlichen Relationen zu allen Waaren und Menschen der Welt; hier oder nirgends muß ihr wahrer innerer Werth zum Vorschein kommen: was auf dem Weltmarkte bestimmt wird, das muß der wirkliche Real - Werth seyn. Aber, anstatt bestimmter zu wer- den, wird der Werth des Metalles wieder unbe- stimmter; die unaufhoͤrlichen Schwankungen in Müllers Elemente. II. [19] dem Weltreiche der Waaren, in jedem Augen- blicke neues Zu- und Abstroͤmen der Metalle, veraͤndern von Moment zu Moment das Ver- haͤltniß des Metalls zu den Waaren: da es nun auf diesem vermeintlichen Weltmarkte, wie in der vermeintlichen Universal-Monarchie, keinen hoͤheren Maßstab, Richter oder Suveraͤn giebt, als das Metall oder den so genannten Universal- Monarchen, dieses Metall und dieser Monarch aber in jedem Augenblicke von den Waaren und von den Individuen erst selbst wieder seinen Maß- stabs-Werth erhalten muß: so entstaͤnde, wenn es einen wirklichen Weltmarkt, oder eine absolute Universal-Monarchie geben koͤnnte, ein unend- liches Schwanken; und wir, die wir den blei- benden Werth des Metalles kennen zu lernen wuͤnschten, und deshalb das Metall in eine im- mer groͤßere Sphaͤre fuͤhrten, wuͤrden auf der allergroͤßten, dem absoluten Weltmarkte nehm- lich, die absolute Unbestimmtheit finden, anstatt der absoluten Bestimmtheit, nach welcher wir streben. Die Supposition eines solchen, bloß mercan- tilischen Weltmarktes ist ein andrer großer Man- gel in der Ansicht Adam Smith’s, und vorzuͤglich seiner Deutschen Juͤnger. Nach dieser Voraus- setzung streben Waaren und Geld auf der gan- zen Erde nach demselben allgemeinen level oder niveau . Dies mag wahr seyn; da es aber nicht so ausschließend wahr ist, wie die Mode-Oeko- nomen behaupten, so wird es wieder falsch. Man vergleicht die Bewegung der Waaren und des Geldes mit den Fluͤssen und Baͤchen, die alle ein Streben nach dem großen niveau des Welt- meers haben; dabei uͤbersieht man aber die Kraft des Himmels, der sie aus dem großen niveau auch wieder erhebt und bergaufwaͤrts, in Wolken- gestalt, an ihre Quellen zuruͤckfuͤhrt. Wenn man mit einer solchen Naturerscheinung die gesell- schaftlichen Dinge vergleicht, so muß man aus dem, was ein Halb -Cirkel in der Natur ist, nun nicht einen ganzen Cirkel fuͤr die Gesell- schaft machen wollen. Alle Waaren, wie nach meiner fruͤheren Dar- stellung alle Personen, haben ein Streben, aus einander zu stroͤmen und sich selbst nach allge- meinen Naturgesetzen in’s Gleichgewicht zu brin- gen; alle Waaren haben auch wieder ein Stre- ben nach nationalen Vereinigungspunkten hin, wie die Personen: dies ist die Einrichtung der Natur. — Gold und Silber moͤgen, wie die Stroͤme, ein Streben nach einem natuͤrlichen und allgemeinen niveau haben; nur uͤbersehe niemand aus allzu großer Abgoͤtterei mit der Kraft oder der so genannten Natur des Geldes, die Kraft und Natur des Menschen. Was die Stroͤme in Beziehung auf das Weltmeer an sich sind, ist mir gleichguͤltiger; mir sind sie in der Beziehung auf die buͤrgerliche Gesellschaft, und auf die einzelnen nationalen Gruppen, welche ich Europaͤische Voͤlker oder Fuͤnf-Reiche nenne, wichtig. Also, wenn es darauf ankommt, den Real- Werth einer Muͤnze zu bestimmen, so melden sich dreierlei Nominal-Werthe: der landesherr- liche, der nationale, und der universale. Der lan- desherrliche Nominal-Werth ist einer allzu be- schraͤnkten Willkuͤhr, der universale Nominal- Werth ist den Schwankungen einer gewissen Na- tur-Nothwendigkeit allzu sehr unterworfen. So irrte man z. B. eben so sehr, wenn man sagen wollte: der universale Nominal-Werth, der Cours der Oestreichischen Papiere auf dem Welt- markte, oder 33 pCt , ist der wahre Real-Werth dieser Papiere; als wenn man sagen wollte: der landesherrliche Nominal-Werth, oder 100 pCt . waͤre es. Zwischen diesen beiden liegt ein ge- wisser nationaler Werth der Papiere, derjenige, auf den es bei allen Calculn uͤber die National- Kraft eigentlich ankommt, und den auch jeder bei dem Schicksale dieser Papiere vaterlaͤndisch Interessirte sehr wohl fuͤhlt. Nur aus den nichtswuͤrdigsten Comptoir-Ansichten erscheint der gewoͤhnliche Cours wie der Real-Werth, oder der Augenblick wie eine Ewigkeit. Daß die Re- gierungen in diese Ansichten zu ihrem eignen Ungluͤcke eingehen, ist natuͤrlich in einer Zeit, wo man den ersten besten philanthropischen Ban- quier schon fuͤr einen tauglichen Finanz-Minister haͤlt. — Da nun die Muͤnze eine durch und durch nationale Angelegenheit ist und im großen Welt- handel, wie ich schon gezeigt habe, die edlen Metalle vielmehr als Waare, denn als Geld, entriren: so ist der eigentliche Real-Werth der Muͤnze das, was sie in den Augen der ganzen Nation, und nicht bloß der einzelnen Kaufleute, ist. Laͤßt sich eine Regierung durch jede Veraͤn- derung des auswaͤrtigen Courses zu einer Ver- aͤnderung des Muͤnzfußes verfuͤhren; macht sie das Finanz-Geschaͤft aus einem Staatsgeschaͤft zu einem Banquier-Geschaͤfte: so nimmt sie selbst ihrem Gelde die nationale Bedeutung, kraft deren es eigentliches Geld, und keine bloße Waare, ist. Zwei und zwanzigste Vorlesung. Von der Circulation des Geldes, vom Münzfuße und vom Münzschatze. E s ist eine hervorstehende Eigenheit des Metall- geldes und seines Gebrauchwerthes, daß eben dasselbe Geldstuͤck von einer großen Anzahl Men- schen gebraucht werden kann. Der eigentliche Gebrauch des Metallgeldes besteht in dem Tradi- ren, in dem Weggeben desselben. Je groͤßer die Anzahl der Tradirungen ist, welche dasselbe Geldstuͤck erfaͤhrt, um so groͤßer ist natuͤrlicher Weise auch der Gebrauchswerth desselben. Je vielseitiger in einem Lande der Verkehr ist, je vielfaͤltigere Beruͤhrungen unter den einzelnen Individuen sind, um so mehr Tradirungen wer- den Statt finden, um so oͤfter wird das Geld seinen Platz vertauschen, um so lebhafter wird, wie wir uns gewoͤhnlich ausdruͤcken, desselbe cir- culiren . Soll ein dauerhafter Verkehr, eine lebendige Bewegung, in einem Lande Statt fin- den, so muß die Verfassung und die Macht die- ses Landes, oder die Sicherheit, fest begruͤndet seyn. — Wie die wahre innere Bewegung des Staa- tes waͤchst, so waͤchst auch seine Festigkeit; und diese Festigkeit ist die Probe, ob der innere Ver- kehr ein dauernder, gruͤndlicher und lebendiger, oder ob er ein voruͤbergehender, bloß durch zu- faͤllige Umstaͤnde herbeigefuͤhrter, sey. Also, je fester die politische Gesammt-Existenz des Staa- tes wird, um so lebhafter wird die wahre Cir- culation des Geldes. Der aͤußere Anstoß nun, welchen das Metallgeld braucht, um zu bedeu- ten, kann nur aus dem Inneren des buͤrgerlichen Gesammtlebens kommen. Bielfaͤltiges persoͤnli- ches Einander-Beduͤrfen muß voran gehen, um einer Waare Werth zu geben, deren ganze Be- stimmung darin liegt, die Befriedigung des viel- faͤltigsten Beduͤrfnisses moͤglich zu machen. — Wenn die Menschen nichts beduͤrften, als Feld- fruͤchte, so wuͤrden sie den edlen Metallen eben so wenig einen Gebrauchswerth beilegen, als die Thiere denselben daran zu schaͤtzen wissen. Wenn die Menschen bloß in der Familie leb- ten und sich bestaͤndig unmittelbar beruͤhrten, und es bei diesem directen Verkehr sein Bewen- den haͤtte, so wuͤrde es ebenfalls bei einem direc- ten Tausche sein Bewenden haben, und der Tausch sich nie zum Handel erheben. So aber leben die Menschen 1) im Verkehr mit der großen Gesellschaft, mit dem Staate, mit der Menschheit; 2) im Verkehr mit Allem, was die Erde erzeugt: sie haben unzaͤhlige saͤch- liche, erhaltende und geistige Beduͤrfnisse. Sie beduͤrfen also einer allgegenwaͤrtigen Kraft, durch welche das Entfernteste und das Naͤchste mit einander in Verbindung gesetzt, und die kleine Stelle, welche der physische Mensch auf der Erde einnimmt, in’s Unendliche erweitert, die kurze Dauer, welche seiner physischen Existenz zu- getheilt worden ist, uͤber ganze Jahrhunderte aus- gedehnt wird. Diese allgegenwaͤrtige Kraft, juri- stisch ausgedruͤckt, heißt Suveraͤn , oder Rechts- Idee; oͤkonomisch ausgedruͤkt, heißt sie Geld . — Metallgeld, haben wir gesehen, hat, wie groß auch sein Gebrauchswerth seyn moͤge, sehr bestimmte Schranken: die hoͤheren Beduͤrfnisse des Menschen, an denen seine Natur erkannt und von der thierischen unterschieden wird, koͤn- nen durch Metallgeld nicht mehr befriedigt, ver- mittelt und ausgeglichen werden. Der Geist der Gesellschaft, der wahre National-Geist, muß selbst an’s Licht treten, und mit ihm muß ge- zahlt werden. Nur dieser vermag zwischen den physischen, erhaltenden und geistigen Beduͤrfnissen zu vermitteln. Je maͤchtiger dieser Geist ist, um so lebhafter wird auch die innere Circulation der Gesellschaft, um so weniger bedarf es des Me- tallgeldes. Daher beweis’t nun die in einem be- stimmten Staate vorraͤthige Summe des Metall- geldes fuͤr den wahren Reichthum desselben Staa- tes sehr wenig; auch die Beschaffenheit, die Schlechtheit des Geldes — vorausgesetzt, daß der Staat den unedlen Beisatz seiner Muͤnzen durch National-Kraft gutmacht — beweis’t nichts. Wenn man daher einen Muͤnzfuß, z. B. den Preussischen, schlecht nennt, oder wenn man einem Staate Mangel an Metallgelde vorwirft, so beweis’t dieses an und fuͤr sich weder gegen seine Festigkeit, noch gegen seine innere Bewe- gung: vorausgesetzt, daß nicht er selbst, oder seine Regierung, hier in den geruͤgten Irrthuͤmern befangen ist, daß er dem auswaͤrtigen Handel keine ungebuͤhrliche Wichtigkeit beimißt, daß er ferner nicht selbst sein Heil vom Metallgelde ab- haͤngig glaubt, daß er das hoͤhere Geld kennt, womit ein Staat, der die Jahrhunderte und weite Gebiete im Raume vor Augen haben soll- te, immer zahlen muͤßte; endlich, daß er seinen Credit, im weitestgreifenden Sinne des Wortes, in allen ihm unterworfenen Individuen und in allen Nachbarstaaten aufrecht zu erhalten weiß. — Von der Beantwortung dieser Fragen haͤngt es ab, ob ein Staat wahrhaft reich und selbst- staͤndig zu nennen sey. Sobald aber die Na- tional-Kraft, oder der gesellschaftliche Geist, welcher eine Nation zu einem maͤchtigen Ganzen verbindet, durch irgend eine wahre Calamitaͤt ge- schwaͤcht wird, stockt auch der wesentliche Verkehr, welcher allenthalben da zu finden ist, wo wesent- liche Festigkeit Statt hat. Nun wird augenblick- lich die Schlechtheit oder der Mangel des Me- tallgeldes gefuͤhlt; jedermann haͤlt den Suveraͤn des physischen Lebens, nehmlich das Metallgeld, so fest, wie er kann, sieht aber bald ein, daß auch dieser Suveraͤn seine Macht verloren, seit- dem der bewegende Anstoß des lebendigen Su- veraͤns, oder des wahren Geldes, seine Kraft verloren hat. Wenn auch von der alten vor- handenen Summe des Geldes nicht ein Thaler verloren ginge, so wuͤrde sich dennoch augenblick- lich Geschrei uͤber Geldmangel erheben. Die Summe des in einem Staate vorhan- denen Geldes wird allenthalben, mehr oder we- niger, mit der Lebhaftigkeit der Geld-Circula- tion in umgekehrtem Verhaͤltnisse stehen; oder je groͤßer die agirende und reagirende Circulation des Geldes in einem Staate, oder auch nur in einer Stadt, oder auf einem bestimmten Markte ist: um so geringere Massen von Geld werden diese Circulation bestreiten koͤnnen. Wenn in einem Staate Production und Beduͤrfniß im Gleichgewichte sind, wenn nicht mehr begehrt als producirt, nicht mehr producirt als begehrt wird; so begreift jedermann, daß Credit und hoͤchstens Wechsel hinreichen, den saͤmmtlichen Verkehr zu dirigiren. Wenn in einem Staate ferner Exporten und Importen in Gleichgewich- te sind, so versteht es sich von selbst, daß auch im auswaͤrtigen Verkehr Credit und Wechsel zur Auseinandersetzung hinreichen. Sollen im inlaͤndischen Handel Production und Beduͤrfniß im groͤßtmoͤglichen Gleichgewichte seyn, so ge- hoͤrt dazu die groͤßtmoͤgliche Action und Reac- tion, die lebendigste Gegenseitigkeit und die be- schleunigtste Bewegung unter denen Individuen, aus welchen der Staat besteht. In dieser Bewe- gung wird das Metallgeld hoͤchstens als Marke, nach Art der Spielmarken, figuriren: jeder Ein- zelne wird sich dessen so schleunig als moͤglich entaͤußern, es so schleunig als moͤglich in wah- res Geld, in National-Kraft, oder in Arbeit, wie Adam Smith sagt, umsetzen; eine sehr ge- ringe Summe wird hinreichen, die gesammten, wenn auch noch so ungeheuren, Geschaͤfte zu bestreiten. Daher schlaͤgt man die Summe des in einer Handels- oder Gewerbsstadt befindlichen Geldes immer zu groß an. — Sollen Impor- ten und Exporten im auslaͤndischen Handel ein- ander balanciren, so gehoͤrt dazu ein eben so viel- faͤltiger Verkehr, eine eben so lebhafte Action und Reaction von beiden Seiten, und also auch eine verhaͤltnißmaͤßig geringe Summe Geldes. Aus diesem Gesichtspunkte waͤre die Frage: „wie große Summen Geldes in jeder von den verschiedenen Muͤnzsorten zum Bedarf eines Lan- des erforderlich seyen,” mit ziemlicher Praͤcision so zu beantworten: „Welche Geldsorte am lebhafte- sten circulirt, von der ist die kleinste Summe noͤ- thig, um eine bestimmte Masse des Verkehrs in ge- gebener Zeit zu bestreiten.” Daher war die Ueber- fuͤllung des Preussischen Marktes mit Scheide- muͤnze, oder billon , besonders unpolitisch, wie sich auch in der gegenwaͤrtigen kritischen Lage dieses Staates bewaͤhrt hat. Die Armee Einer- seits, die Accise andrerseits gaben der Scheide- muͤnze in den Preussischen Staaten eine unge- woͤhnlich lebendige Circulation; um so groͤßere Vorsicht war also bei Auspraͤgung derselben noͤ- thig. Nicht bloß der geringe Silbergehalt dieser Muͤnzen, sondern auch vielmehr die Ueberfuͤllung des Marktes hat den Fall dieser Muͤnzsorten herbeigefuͤhrt. — Dieselben Erscheinungen zeigen sich ebenfalls in der Papier-Circulation: bei uͤbrigens gleichen Umstaͤnden kann ein Staat weit mehr verzinsbare Papiere, Stocks, Schuld- scheine, Obligationen tragen, weil sie traͤger cir- culiren, und weil jedermann von den darauf haftenden Interessen genießen will, als unver- zinsbare Bankozettel oder Papiergelder, welche schon um deswillen rascher circuliren, weil sich jeder ihrer so schleunig als moͤglich zu entaͤußern sucht. Ich bitte Sie indeß, aus diesen einfachen und arithmetischen Gesetzen uͤber das Verhaͤltniß der Masse des Geldes zu dessen Bewegung nicht zu rasch Folgen zu ziehen. Das Geldgeschaͤft einer Nation ist viel zu complicirt, um aus so einfachen Principien uͤber den unbedeutendsten bestimmten Fall absprechen zu koͤnnen. Ich habe diese mechanischen Gruͤnde hier nur beigebracht, um Ihnen eine doppelte Deduction desselben Satzes vorzuhalten. Je lebhafter die Bewegung, um so geringer ist die nothwendige Masse des Geldes: so folgerten wir aus einem einfachen me- chanischen Verhaͤltnisse. Je fester der Staat, je groͤßer die National-Kraft, um so geringer kann die Summe des Metallgeldes seyn, welche zur Auseinandersetzung der buͤrgerlichen Geschaͤfte noͤthig ist: so folgerten wir aus organischen Verhaͤltnissen. Sie fuͤhlen also die große Schwie- rigkeit, welche mit der Anordnung des Muͤnz- und Geld-Geschaͤftes in einem bestimmten Staate verbunden ist; Sie fuͤhlen, welch eine leise Hand dazu erfordert wird, das lebendige und belebende, wahre Verhaͤltniß zwischen dem großen, persoͤn- lichen Suveraͤn und seinem kleineren, mit sei- nem Bilde geschmuͤckten Repraͤsentanten, dem Metallgelde, zu dirigiren und zu schonen. Die Bestimmung des Muͤnzpreises, des Muͤnzfußes, der Muͤnzsorten, und der auszupraͤgenden Sum- men von Muͤnzen erfordert eine Umsicht und Tiefe des Blickes, welche mit den gewoͤhnlich zu diesem Zwecke erforderten persoͤnlichen Requisiten sonderbar contrastirt. Dieses Geschaͤft ist eines Isaac Newton’s wuͤrdig, der bekanntlich Muͤnz- meister in der Londoner Muͤnze war. Lassen Sie uns jetzt, um die gehoͤrige Frei- heit des Blickes zu behaupten, dieses große Ge- schaͤft aus fremden Gesichtspunkten, und zwar aus Brittischen, betrachten. Ich waͤhle den neue- sten Brittischen Schriftsteller uͤber die Muͤnze, Lord Leverpool, den bekannten Freund des Koͤnigs von England, der vielen von Ihnen aus aͤlteren staatswissenschaftlichen Schriften, die unter sei- nem fruͤheren Nahmen Charles Jenkinson er- schienen sind, erinnerlich seyn wird. — „Geld,” sagt Lord Leverpool, „ist Maßstab und Aequiva- lent zu gleicher Zeit. Das Problem der Muͤnze ist, diese beiden, in der Wirklichkeit allezeit diver- girenden, Eigenschaften zu parallelisiren und zu identificiren. Bloßes Maß ohne inneren Werth genuͤgt nicht; bloßes Aequivalent, das bei dem schwankenden Marktwerthe der edlen Metalle nicht als Maß zu fixiren ist, genuͤgt eben so wenig.” Bloßes Maß, bloßer Nominal-Werth, genuͤgt nicht; im Verkehre mit dem Auslande, der in England so uͤberwiegend wichtig ist, entrirt der Nominal-Werth sehr wenig, d. h. etwa nur in so fern wird der auswaͤrtige Creditor bei einer Zahlung einem schlechten Schilling fuͤr mehr als sei- nen Silberwerth annehmen, als er auf kuͤnftige Zahlungen Ruͤcksicht nimmt, die er selbst nach Eng- land wieder zuruͤck zu machen haben moͤchte. Blo- ßes Aequivalent genuͤgt eben so wenig, weil der Marktpreis der edlen Metalle von Stunde zu Stunde wechselt, und die Muͤnze gerade errich- tet ist, um dem schwankenden Cours eine gewisse Festigkeit zu geben, um durch das nationale Ge- praͤge, und durch den Beisatz von National- Kraft, welche das Gepraͤge dem edlen Metalle giebt, diese Schwankungen eine Zeitlang auf- zuheben. — Um nun also den Real-Werth einer Muͤnze zu bestimmen, sind zuerst die Schwankungen zu erwaͤgen, denen das Verhaͤltniß der Metalle zu allen andern Waaren, und dann auch das Verhaͤltniß der beiden so wunderbar verschieden- gearteten Metalle unter sich, unterworfen ist. Also 1) das Verhaͤltniß aller andern Waaren zu diesen Metallen wechselt unaufhoͤrlich; und — wie unendlich schwer ist es z. B., in einem einzelnen Falle auszumachen, ob, wenn das Volk uͤber Theurung klagt, diese Veraͤnderung in einer Vermehrung des Geldes, oder in einer Verminderung der uͤbrigen Waaren, ihren Grund habe! Beide Glieder dieses Verhaͤltnisses sind gleich-unbekannt. Das Verhaͤltniß der Waaren in einer fruͤheren Zeit, zu denselben Waaren in einer spaͤteren Zeit, das Verhaͤltniß des Getrei- des vor , zu dem Getreide nach Einfuͤhrung der Branntweinbrennerei im Norden von Europa, ferner das Verhaͤltniß der edlen Metalle vor , zu den edlen Metallen nach der Entdeckung von Amerika, dient zum Beispiel. 2) Das Verhaͤlt- niß der edlen Metalle unter sich ist ein hoͤchst veraͤnderliches, wenn es auch seit den letzten bei- den Jahrhunderten, d. h. seit der Einfuͤhrung des des Gebrauchs beider Metalle in fast allen Muͤn- zen von Europa, sich mehr als vorher fixirt hat. Dennoch folgen aus den so verschiedenar- tigen Bewegungen, Circulationen und Massen der beiden Metalle noch heut zu Tage unaufhoͤr- liche, wenn auch weniger empfindliche, Schwan- kungen in dem Verhaͤltnisse ihres beiderseitigen Marktpreises. In England verhielten sich unter dem Koͤnige Heinrich III Gold zu Silber, wie 9⅓ : 1; unter Eduard III , wie 12⅗ : 1; unter Heinrich IV. , wie 10⅓ : 1; unter Elisabeth, wie 11 : 1; unter Karl II wie 14½ : 1; jetzt, wie 15⅕ : 1. In dieser Reihe ist sehr deutlich zu bemerken, daß das Silber in der fruͤhesten ju- gendlichen Zeit von England, wo man es fast allein ausmuͤnzte, wegen dieser wichtigen gesell- schaftlichen Bestimmung, nach Verhaͤltniß mehr gesucht wurde, als das Gold; spaͤterhin, in den unsicheren Zeiten der Kriege zwischen der rothen und der weißen Rose, und da ganz Europa fuͤr den Reitz des Goldes allmaͤhlich empfindlicher wurde, hob sich der Werth des Goldes, sank wieder unter Elisabeth und Jakob I , d. h. um die Zeit der Entdeckung von Amerika, als die Entdecker fast ausschließlich zuerst nach dem Golde griffen, und Europa augenblicklich mit Golde uͤber- schwemmt wurde, und stieg spaͤterhin um so be- Müllers Elemente. II. [20] traͤchtlicher, je mehr die Ausbeute der Amerika- nischen Minen an Silber den Markt von Euro- pa uͤberschwemmte. Heut zu Tage wird das Gold in andern Europaͤischen Muͤnzen noch hoͤ- her taxirt; auch wechselt das Verhaͤltniß in der- selben Zeit in verschiedenen Laͤndern sehr empfind- lich. — Gegen die Schwankungen der ersten Art, nehmlich des Verhaͤltnisses zwischen den edlen Metallen und den Waaren, in entlegenen Zeiten und Orten, giebt es kein Mittel. Der Handel mit entfernten Laͤndern, und der Verkehr mit entfernten Zeiten, dergleichen z. B. zwischen dem gegenwaͤrtigen fideicommissarischen Erben und sei- nem Ahnherrn vor mehreren Jahrhunderten, wenn derselbe seine Gunst in Metallgeldsumme ausgedruͤckt hat, Statt findet, leidet dadurch sehr empfindlich; aber keine Muͤnzkunst kann, wie sich von selbst versteht, diesem Mangel be- gegnen. Die Schwankungen der zweiten Art, nehmlich die in dem Werthverhaͤltnisse der bei- den Metalle, werden auf eine verderbliche Weise fixirt, wenn, wie es oft geschehen ist, der Su- veraͤn das Verhaͤltniß dieser beiden Metalle ge- setzlich bestimmt. Der Wechsel dieses Verhaͤlt- nisses ist so leise und so wenig zu berechnen, daß der Marktpreis der Muͤnze immer von der gesetzlichen Taxe abweichen muß. Sind demnach zweierlei Muͤnzen von verschiedenen Metallen dem Handel gesetzlich aufgedrungen, so giebt es zwei ganz verschiedene und unaufhoͤrlich divergi- rende Maßstaͤbe desselben zu messenden Eigen- thums. Wenn z. B. bei uns die Goldmuͤnzen zu einem bestimmten Preise, der Louisd’or etwa zu 5 Rthlr. 12 Gr., gesetzlichen Cours haͤtten: so wuͤrde die in dieser gesetzlichen Bestimmung uͤber schaͤtzte Muͤnze, die Goldmuͤnze nehmlich, bei allen Zahlungen aufgedrungen, die unter - schaͤtzte Silbermuͤnze hingegen durch alle Kuͤnste und List gegen jene eingetauscht und eingeschmol- zen werden. Deshalb, sagt Lord Leverpool, und mit ihm alle guten Lehrer der Muͤnzkunst, kann nur Ein Metall der wahre Maßstab seyn, nicht zwei: also Eine Rechenmuͤnze ( standard-mo- ney ). Diese Rechenmuͤnze muß gezwungenen Coursohne Einschraͤnkung haben. Dennoch erfordert der Verkehr Muͤnzen aus mehreren Metallen. Auch die subalternen Muͤnzen koͤn- nen gezwungenen Cours mit Einschraͤnkung ha- ben: sie sind Repraͤsentanten der Rechenmuͤnze, und es mag dem Markte uͤberlassen seyn, ihr Verhaͤltniß zur Rechenmuͤnze zu reguliren, wenn groͤßere Summen gezahlt werden sollen; bei klei- neren mag gezwungener Cours gelten. Auf dem Continent von Europa ist die Rechenmuͤnze fast uͤberall eine Silbermuͤnze, in Sachsen z. B. das Conventions-Geld; in England (und darauf be- zieht sich das ganze Werk des Lord Leverpool) ist Gold die Rechenmuͤnze, wie er sich denn be- strebt, einen Plan zu entwerfen, wie die Muͤn- ze auf dieser bisher mehr im Gebrauch, als im Gesetze angenommenen Basis zu reguliren sey. — Der Verfasser des uͤbrigens vortrefflichen Werkes fixirt die Vorstellung „ Rechenmuͤnze ” zu einem todten Begriff, waͤhrend er selbst — da er aus der Localitaͤt von England die Praͤpotenz der Goldmuͤnze folgert — behauptet, daß, nach Maßgabe der Localitaͤt eins und das andre Me- tall wechselnd zur Rechenmuͤnze dienen koͤnne. — Im Ganzen genommen eignet sich Silber bei weitem mehr, als Gold, zu dieser Bestimmung. Die groͤßere Menge dieses Metalls ist auf der Erdoberflaͤche gleichmaͤßiger verbreitet, und laͤßt den Preis desselben besser uͤbersehen und verfol- gen; das groͤßere volumen macht die Transpor- tation, das Einschmelzen u. s. w. schwieriger, und den Gewinn dabei unbetraͤchtlicher. Es ist also, seiner Natur nach, traͤger, und in einem gegebenen Zeitraume wird der Goldpreis dem- nach allenthalben viel groͤßeren Schwankungen unterworfen seyn, als der Silberpreis. — Indeß ist es klar, daß der Staatsmann, wenn er auch ein ganzes Jahrhundert hindurch ge- noͤthigt seyn sollte, den Accent auf das eine von den beiden Metallen zu setzen, dennoch hier, wie uͤberall, eigentlich vermittelnd uͤber beiden Me- tallen steht, und durch die Art, wie er der gleich- nothwendigen Circulation beider hier und dort nachhilft, erst beweisen muß, ob er den oͤkono- mischen Geist seines Landes vollstaͤndig und leben- dig aufgefaßt habe. Die Geschaͤfte keiner Muͤnze in der Welt lassen sich in ein festes und abge- schlossenes System bringen: der National-Markt Einerseits mit seinen Schwankungen, die Na- tional-Kraft andrerseits mit den ihrigen , wol- len beide unaufhoͤrlich beachtet seyn, wenn der Muͤnzfuß wirklich regiert , und nicht bloß fixirt werden soll. — Die Erwaͤgung und die lebendige Verknuͤpfung dieser Umstaͤnde machen den wissenschaftlichen Theil des Muͤnz- geschaͤftes aus. Dieser muß erst angeordnet seyn, bevor an die wirkliche Fabrikation der Muͤnze, an ihre Auspraͤgung, zu denken ist: nun hebt also der kuͤnstlerische Theil des Muͤnzgeschaͤftes an. Je ungeheurer die Bewegung einer Muͤnze, um so groͤßer ist die Abnutzung der einzelnen Geld- stuͤcke; die abgenutzten bleiben in der Circula- tion, die guten neuen werden eingeschmolzen; ferner, je reiner der Gehalt einer Muͤnze, be- sonders der Silbermuͤnze, an edlem Metall, um so mehr ist sie der Abnutzung unterworfen: erst durch den Beisatz unedler Metalle erhaͤlt das Gepraͤge der Muͤnze die gehoͤrige Dauerhaftig- keit. Das natuͤrlichste Mittel, der Muͤnze die- sen nothwendigen Beisatz zu geben, ohne daß der Credit darunter leidet, ist folgendes: die Fabrikation der Muͤnzen ist ein der Nation un- entbehrliches Beduͤrfniß; indem die Muͤnzen fuͤr die Circulation abgerundet und ausgepraͤgt werden, wird der eigentliche buͤrgerliche Werth der Metalle erhoͤhet, nicht weniger auch ihr in- dividueller, ihr Gebrauchswerth. Was ist also natuͤrlicher, als daß die Gebrauchenden wenig- stens die Kosten dieses erhoͤh’ten Gebrauchs- werthes tragen, oder daß der Muͤnze so viel an unedlen Metallen beigesetzt wird, daß die gesammten Fabrikations-Kosten, mit Inbegriff der dabei aufgewendeten edlen und unedlen Me- talle, dem Realwerthe oder dem Marktpreise der edlen Metalle gleich kommen, den die Muͤnze repraͤsentirt oder bezeichnet! Durch diese Ver- schlechterung der Muͤnze, vermittelst der hinein gelegten Fabrikations-Kosten, verliert niemand etwas, und gewinnt die Regierung nichts, in dem kein Particuͤlier das ganze hoͤchst wichtige Geschaͤft unter andern Bedingungen uͤbernehmen koͤnnte. Aber ferner! Was ist auch gerechter, als daß der Suveraͤn fuͤr den durch seinen Credit und sein Bild erhoͤheten Tauschwerth, oder buͤr- gerlichen, geselligen Werth der Muͤnze, von dem inneren edlen Metallwerthe der Muͤnze noch Eini- ges abzieht! Dies geschieht entweder, indem er, noch uͤber die Fabrikations-Kosten der Muͤnze, die einzelnen Geldstuͤcke bis zu einem von der Staatswirthschaft nicht zu uͤbersteigenden Grade verschlechtert, oder, besser und zweckmaͤßiger, in- dem er ihr eine Papier-Circulation an die Seite giebt. Beides indeß vermag er nur, in so fern er selbst maͤchtig und wahrer Repraͤsentant der National-Kraft ist. Das bloße augenblickliche militaͤrische Uebergewicht zaͤhle ich nicht zu den Symptomen der National-Kraft, und es hat daher auch gar nichts Auffallendes, wenn eine Regierung, die sich im entschiedensten Genusse desselben befindet, sich um deswillen allein we- der zu einer bedeutenden Verschlechterung des Geldes, noch zu einer betraͤchtlichen Papier-Cir- culation hinreichend ermaͤchtigt fuͤhlt. Die Na- tional-Kraft, welche ich meine, liegt in der Har- monie und in der unendlichen Wechselwirkung al- ler Individuen des Staates unter sich und mit dem suveraͤnen Gedanken, oder dem Suveraͤm. Diese allein hat ein Recht und ein Vermoͤgem zu circuliren. Jede einseitige Gewalt der Masse hat durchaus keine Beziehung auf den National- Credit; und, Kraft ihrer , kann keinesweges unternommen werden, was nur einem innerlich durch Jahrhunderte in allen seinen Theilen con- solidirten und vornehmlich durch die innigste Wech- selwirkung der Gemuͤther befestigten Staate er- laubt seyn kann. Wir wollen indeß die Papier-Circulation einstweilen lassen, und fuͤr jetzt nur jene unmit- telbare Abgabe betrachten, welche der Suveraͤn an der Muͤnze von dem auszupraͤgenden Gelde noch uͤber die Fabrikations-Kosten, erhebt. Bei den Alten ist keine Spur von einem die Fabri- kations-Kosten uͤbersteigenden Muͤnzschatze. Die Roͤmer nahmen sogar die Kosten der Fabrikation aus dem oͤffentlichen Schatz: sie lieferten das Gepraͤge der Muͤnzen voͤllig unentgeltlich, und mußten das auch, weil der ganze Roͤmische Cre- dit, vornehmlich unter den Kaisern, wie ale uͤbrigen Verhaͤltnisse, durchaus von Privat- und privativer Natur waren. Die Gegenseitigkeit der Gemuͤther und die Wechselwirkung zwischen Volk und Suveraͤn, welche eine Muͤnz-Revenuͤe unterstuͤtzen und tragen muͤssen, existirten noch nicht. Die Abgaben wurden dem Kaiser, und nicht etwa, wie spaͤterhin, einem unsichtbaren Suͤzeraͤn gezahlt, der allein die Wunder-Kraft hat, Kupfer in Silber, oder Papier in Silber und Gold zu verwandeln, welche kein Kaiser der Welt, als solcher, haben wird, außer in so fern ihm ein wirklich apostolischer Geist beisteht. Erst die Germanischen Herren, unter andern Pipin im Jahre 755, durften an eine Muͤnz- Revenuͤe ( monetagium, seigneurage , wie sie in England hieß) denken. Seitdem ist diese Abgabe in allen Europaͤischen Staaten, auch in England bis zum Jahre 1678, in Gebrauch ge- wesen. Der Welthandel und die strenge Ruͤck- sicht auf den Real-Werth der edlen Metalle, die er erfordert, bewirkte, daß man die Muͤn- zen, welche zu einem Universal-Maßstabe die- nen sollten, lieber unberuͤhrt lassen, und den Verlust des Staates durch eine Papier-Circu- lation ergaͤnzen wollte, die seit 1678 in England erst recht in Gang gekommen und jetzt so hoch gestiegen ist, daß ein Londoner-Banquier bei sei- non taͤglichen Zahlungen im Durchschnitt 30-, 40-, ja 140- und noch mehr-Mal so viel Papier als baares Geld gebraucht, und daß in der vierzig Jahren von 1760 bis 1800 in der Brittischen Muͤnze uͤberhaupt nur die unglaub- lich kleine Summe von 64,000 Pfund Silber wirklich ausgepraͤgt worden ist. Daß indeß die- ser augenblickliche Zustand der Dinge nicht zu einer Norm dienen kann, und daß der Britti- sche Markt jetzt wirklich mit Papier etwas uͤber- fuͤllt ist, werde ich weiter unten zeigen. Dessen ungeachtet hat die Suspension der Zah- lungen bei der Londoner-Bank im Jahre 1797, von welcher damals Jedermann den augenblick- lichen Bankerott von Großbrittanien erwartete, dennoch den National-Credit auch nicht im min- desten erschuͤttert; alle Kaufleute jener wohl-ci- mentirten Insel traten auf der Stelle zusammen, und erklaͤrten, daß sie die Banknoten allenthal- ben fuͤr baares Geld annehmen wuͤrden. So tief verflochten war das Interesse aller Theilha- ber an dem Brittischen National-Vermoͤgen, so fest der Credit, so lebendig die Circulation, daß die alte natuͤrliche Basis von edlen Metal- len dem National-Verkehr unter den Fuͤßen weggezogen werden konnte, und er nun in der ganzen Fuͤlle eigenthuͤmlicher Kraft unabhaͤngig dastand. Diese große und noch von keinem Schrift- steller hinlaͤnglich beachtete und gewuͤrdigte Welt- begebenheit hat England, und, mittelbar fuͤr die Zukunft, auch ganz Europa, von der unbeding- ten Vormundschaft der edlen Metalle emancipirt, und eine neue hoͤhere Staatswirthschaft erzeu- gen helfen, bei welcher das Metallgeld nicht weiter despotisch regiert, sondern dem Urquelle alles politischen Lebens, der Idee des Rechtes und der Idee des Geldes, wahrhaft unterwor- fen erscheint. Man ward nun deutlich und wis- senschaftlich inne, daß sich aus dem echten Com- merz aller einzelnen Waaren, die edlen Metalle mit eingeschlossen, eine wirklich independente Kraft entwickle, und daß sich nun erst eigentliches, der Kraft des Menschen unterworfenes, sich selbst garantirendes Geld erzeuge. Immer aber muß nicht uͤbersehen werden, daß, wenn auch unerkannt von der Wissenschaft, dennoch dieses unsichtbare Geld in den christlichen, auf Gegenseitigkeit gebaueten und darnach orga- nisirten Staaten allezeit vorhanden gewesen ist, wie sich aus dem, in allen modernen Europaͤischen Staaten eingefuͤhrt gewesenen, Muͤnzschatze er- kennen laͤßt. Dieser Muͤnzschatz also hat ein doppeltes Element: 1) die Fabrikations-Kosten ( brassage ), und 2) die Abgabe an den Landes- herrn ( monetagium oder seigneurage ). Der ganze Muͤnzschatz kann wegfallen und sogar die Fabrikations-Kosten der Muͤnze von dem Staa- te getragen werden, wie es im alten Rom und im heutigen Großbrittanien, obgleich aus ganz verschiedenen Gruͤnden, der Fall ist. In Rom geschah es, in Ermangelung einer maͤchtigen, ver- mittelnden und aus einander setzenden National- Kraft, also gezwungen, bei Strafe gaͤnzlichen Unterganges des wenigen inneren Credits; in Großbrittanien geschah es, um allen National- Verkehr in directe Beziehung auf den zum Na- tional-Geschaͤft gewordenen Welthandel zu set- zen, um der bloßen Einheit des Maßstabes wil- len, also mit Freiheit, bei der hoͤchsten Bluͤthe des inneren Credits. Indeß, je besser die Muͤnze, um so mehr ist sie, wie schon oben bemerkt worden, einem dop- pelten Verderben ausgesetzt: 1) dem natuͤrlichen und bei aller Circulation unvermeidlichen Abtra- gen und Abschleifen des Geldes, dem wear and tear ; 2) dem kuͤnstlichen Verderb durch betriege- rische Gewinnsucht, durch Kippen und Wippen, clipping and washing . Dem natuͤrlichen Ver- derb sind die Silbermuͤnzen mehr unterworfen, weil sie rascher circuliren und die Gewinnsucht wegen ihrer groͤßeren Masse weniger reitzen; dem kuͤnstlichen Verderb sind die Goldmuͤnzen, aus umgekehrten Gruͤnden, mehr ausgesetzt. — So lange die Muͤnzen, wie in England bis auf die Zeiten Eduards I , im Anfange des vier- zehnten Jahrhunderts herab, zugleich Gewichte und Muͤnzen waren, giebt es freilich keinen, we- der natuͤrlichen noch kuͤnstlichen, Verderb der Muͤnze. Ein penny , die einzige damals existi- rende, mit dem Hammer geschlagene und mit einem durchgreifenden, gleichfoͤrmigen Kreuz ver- sehene Muͤnze, war der 240ste Theil eines Pfun- des. Im kleinen Handel wurde diese Muͤnze, wenn die Auseinandersetzung es erforderte, nach den Linien des tief geschnittenen Kreuzes zerbro- chen, entweder in zwei Haͤlften oder in vier Viertel, woher die noch jetzt uͤbliche Einthei- lung des penny in halfpences und four oder farthings ruͤhrt. Bei groͤßeren Auszahlungen traten, wie wir in der Geschichte jener Zeit be- merken, wenn die Sherifs die koͤniglichen Ren- ten einzucassiren umhergingen, folgende Umstaͤnde ein: die Maͤngel der Muͤnzen wurden compen- sirt, und zwar, wenn am Gewichte der einzel- nen Stuͤcke etwas fehlte, durch die sogenannte compensatio ad densum . Ohne Ruͤcksicht auf das Zaͤhlen, wurden alle Muͤnzen in die Wag- schale geworfen; oder es wurde, um die Muͤhe des Waͤgens zu ersparen, nach einer allgemein angenommenen Proportion compensirt und auf jedes Pfund Sterling etwa 6 d. hinzu gezaͤhlt. Dies hieß die compensatio ad scalam ; oder endlich — bei einem Verdacht gegen die Quali- taͤt des Silbers, die entweder (was damals haͤufig war) aus einem Irrthum der Muͤnz-Offician- ten, oder aus andern Ursachen herruͤhrte — wurde ein wirklicher, chemischer Prozeß, der so- genannte trial by combustion , mit den Muͤn- zen vorgenommen. Alle diese Unbequemlichkei- ten mußten in dem Maße, wie die Circulation sich erweiterte, unertraͤglich werden. Im acht und zwanzigsten Regierungsjahre Edward’s I war es endlich so weit gekommen, daß sich die Muͤnze von dem Gewichte schied, d. h. daß sich der Nominal-Werth , den der Suveraͤn , und der absolute Real-Werth , den der Han- del bestimmte, von einander trennten. Nun veraͤnderten sich auch die Nahmen der Muͤnzen, die bisher ausschließend nach dem Gewichte ge- nannt worden waren; und es wurden die Kro- nen ( crowns ) eingefuͤhrt. In der ganzen modernen Muͤnzgeschichte sind uͤberhaupt drei verschiedene Gattungen von Nah- men der Muͤnzen sichtbar: entweder sind die Muͤnzen nach dem Gewichte (Pfund, Mark, Schilling u. s. w.) genannt worden; oder nach Handels- und Praͤgestaͤtten (wie die aͤlteste Europaͤische Goldmuͤnze, die Byzantiner, wie die Florenzer, und die Thaler,) oder von den Suveraͤnen , (Kronen, Imperialen, Louis u. s. f.) — Nun also wurde die Muͤnze dem staatswirth- schaftlichen Systeme einverleibt, und dieses mehr und mehr, je nachdem der innere Verkehr leb- hafter und der oͤkonomische Streit und Wettei- fer unter den einzelnen Wirthschaften, aus denen der Staat bestand, complicirter und organischer wurde. Die National-Kraft erhielt einen un- mittelbaren Einfluß in den Gang alles Privat- Verkehrs, der auch fortdauerte, bis durch die Entdeckung von Amerika und des Seeweges nach Ost-Indien, und durch das wieder erwachende Roͤmische und Griechische Alterthum, ganz neue Bedingungen des nationaloͤkonomischen Lebens zum Vorschein kamen, worauf keine Regierung von Europa vorbereitet war. Ungeheure Schwan- kungen des Marktpreises von den edlen Metallen zeigten sich im Gefolge des zufaͤlligen Zu- und Abstroͤmens derselben, deren Gesetz noch niemand kannte. Jetzt wissen wir, daß die große Masse des Silbers; nur Europa zu durchstroͤmen, aber keinesweges bei uns zu bleiben, bestimmt ist; daß wir nur einen Nießbrauch, aber durchaus nicht absoluten Besitz, dieses Metalles haben; daß die große Masse des Silbers im Westen aus den Mexikanischen und Peruanischen Bergwerken her- aufsteigt, Europa durchfließt, und dann im Chi- nesischen und Ost-Indischen Handel, wo nur mit baarem Silber bezahlt werden kann, d. h. also in der allerletzten Instanz, in den Schatz- kammern orientalischer Fuͤrsten, wieder untergeht; daß die Natur also uns die oben bewiesene groͤ- ßere Bestimmtheit dieses Metalles vor dem Gol- de nicht genießen lassen; daß sie uns den be- sten Maßstab, die beste Rechenmuͤnze, nicht an- ders goͤnnen will, als wenn wir sie als wahren Maßstab, und nicht als eigentlichen Repraͤsen- tanten des Reichthums, gebrauchen. Wir sind fuͤr ein hoͤheres Geld bestimmt, und die Natur entzieht uns mit liebreicher Strenge das ge- meine Geld, um den Sinn fuͤr jenes hoͤhere, sich selbst garantirende, immer mehr in uns zu befestigen. Vielleicht, wenn dereinst alle Mi- nen in West-Indien erschoͤpft sind, und das Streben nach dem wahren Gelde die unendli- chen uͤbrigen Fruͤchte, welche Amerika erzeugen kann, und welche jetzt neben den edlen Metallen uͤbersehen werden, hervorzurufen beginnt, sind wir dann wieder bestimmt, aus jenen orientali- schen kuͤnstlichen Minen, aus den unterirdischen Schatzkammern der Asiatischen Fuͤrsten, jenes Silber, welches uns jetzt zu unsrer Belehrung entzogen wird, wieder herauf zu holen und nach seiner seiner alten Quelle hin zuruͤck zu fuͤhren: so wuͤrde Europa seinen vermittelnden und wahrhaft herrschenden Charakter, als wahrer Fuͤrst der Welttheile und aller Indien, behaupten. Müllers Elemente. II. [21] Drei und zwanzigste Vorlesung. Von den Kämpfen der Könige mit dem Golde, und von den Münzzerrüttungen der letzten Jahrhunderte. E s gehoͤrt, in der gegenwaͤrtigen Lage der Sa- chen, zur Schule des Staatsmannes, daß er in einer von den großen Handelsstaͤdten Europa’s verweilt, und eine Zeitlang das gesammte buͤr- gerliche Leben aus dem Standpunkte des Pri- vat-Nutzens und der Industrie betrachtet habe. Ich verlange von ihm, daß er die Geschaͤfte des Banquiers bis auf die gemeine Fertigkeit der doppelten Buchhaltung kenne; denn, ist einmal das National-Leben und alle Gemeinschaftlich- keit des Herzens verloren gegangen, so laͤßt sich nicht wohl begreifen, was den physischen Beduͤrf- nissen und dem Handel die Weltherrschaft strei- tig machen koͤnnte. Wird einmal das Privat-Le- ben der hoͤchste und letzte Zweck alles Treibens und Wirkens der Menschen, so kenne ich keine Kraft mehr, die sich den Stroͤmungen der Be- duͤrfnisse in den Weg stellen kann, von denen die Fortdauer aller Privat-Gluͤckseligkeit abhaͤngt. Regt sich an keiner Stelle mehr eine Empfin- dung, die in dem Beipflichten der Mitbuͤrger ihre Nahrung, und in dem eigenen Hingeben ihre Befriedigung findet; strebt Jeder nach dem groͤßt- moͤglichen Besitz, nach der breitesten Basis einer isolirten Selbsterhaltung: so wird es zur einzi- gen Pflicht Derer, die zum Regieren solcher ungluͤcklichen Massen verdammt sind, die Ebbe und Fluth, die Stroͤmungen, die Wirbel, die Passatwinde des Welthandels zu untersuchen und sich selbst zu einem so viel als moͤglich verschla- genen Staats-Banquier auszubilden. Das sind die Zeiten, wo Minister gelten, die Banquiers sind, wo von dem Courszettel und von den Fluc- tuationen des einzelnen Posttages die Schicksale der Reiche abhangen, und wo alle großen Un- ternehmungen zuletzt einer Zahlenprobe in den Finanz-Bureaux unterworfen sind. Ganz vergeblich ist es, einer solchen unuͤber- windlichen Richtung der Individuen eine Waf- fengewalt entgegenstellen zu wollen; zu versu- chen, ob man nicht von dem Umkreise eines Lan- des ausschließen koͤnne, wonach jeder verlangt; Waaren zu verbannen, waͤhrend der Vortheil des Schleichhaͤndlers in demselben Maße steigt, wie die Einfuhr der Waare mit Schwierigkeiten verknuͤpft ist. Kein Verbot, kein Strafgesetz, wird etwas anderes bewirken, als den Reitz fuͤr die Brittische oder Colonial-Waare erhoͤhen und das mercantilische Uebergewicht einer Insel uͤber den Continent druͤckender und furchtbarer zu ma- chen — wie uͤberhaupt alles Verbot den Men- schen suͤndhafter, schwaͤcher und abhaͤngiger macht, als er jemals war. Lehrt ihn ein hoͤheres Gut kennen; uͤberwindet das unwuͤrdige Beduͤrfniß, durch ein wuͤrdiges; zeigt den Voͤlkern lebendig und persoͤnlich, was sie groß macht; lehrt sie stolz seyn und ihren Bund hoͤher achten, als al- len isolirten Besitz: so habt Ihr Großbrittanien, wenn auch nicht uͤberwunden, doch Euch ihm gleichgestellt; Ihr habt den Handel in neue Ca- naͤle geleitet, und alles gemeine Beiwesen des Lebens wird nun wieder gehorsam folgen: in dem Maße, wie es dann wieder ein Interesse des Ganzen giebt, wird auch der Vortheil des Einzelnen besser besorgt seyn. Es ist nothwendig, daß der Zoͤgling der Staatswissenschaft in Zeiten, wie die jetzigen, die Naturgesetze des Handels aus Comtoir-Ge- sichtspunkten kennen lerne, nicht, um hernach seine ganze Weisheit in ein gewisses Temporisi- ren zu setzen, nicht um, wie ein gemeiner Ban- quier, mit den Staatsfonds zu manoͤvriren; sondern, um die große Kunst zu lernen, wie sich ein Staat uͤber jenes Spiel der mercantilischen Elemente zu wahrer Selbststaͤndigkeit erhebt, wie er die eigne, ihm angemessene Bewegung ge- winnt, wie er jene Naturgesetze sich unterwer- fen lernt, und wie der Gewalt eines geistigen nationalen Strebens alles thierische Streben der einzelnen Naturen nothwendig folgt. Die na- tionale Haltung, welche die Mode-Oekonomen unsrer Zeit bei ihren Speculationen ganz uͤber- sehen, ist die erste Bedingung alles Reichthums. Adam Smith und seine Schule lehrt jene Na- turgesetze des Handels, und zeigt, wie alles kom- men und werden muͤßte, wenn alles, sich selbst uͤberlassen, fuͤr den Gewinn, fuͤr das Product arbeitete, kurz, wenn im Menschen kein andres hoͤheres Begehren waͤre, als das Streben nach physischem Wohlseyn. Aber in fruͤheren, besse- ren Zeiten hat ein andres, hoͤheres Streben nach geistiger Wohlhabenheit, die gleichfalls nur in unermuͤdeter Wechselwirkung der Geister zu erlangen ist, die Menschheit in einzelne Grup- pen, in Staaten geordnet; jede dieser Gruppen hat sich nach eigenthuͤmlichem Geiste und Gesetze gebildet: das physische Arbeiten und Produciren ist beschraͤnke worden, damit hoͤhere Anlagen der menschlichen Natur, und das Bestreben des Gei- stes auch bei der Verbindung ihre Rechnung fin- den koͤnnten. Diese Schranken nun, welche man, einer vermeintlichen Bluͤthe des Handels und der Industrie zu Gefallen, jetzt umzuwerfen Lust hat, wollen nicht bloß respectirt, sie wollen belebt seyn. Man soll die Naturgesetze des Welthandels — wie sie das Comptoir und Adam Smith lehren — kennen, um ihnen wahrhafte Schranken anzuweisen, um zu wissen, wie man dem Welthandel begegnen, wie man ihn den hoͤheren nationalen Zwecken unterordnen, nicht, wie man sich ihm hingeben und alles ihm selbst, seinem eigennuͤtzigen Streben, uͤberlassen koͤnne. — Die Europaͤischen Regierungen waren, wie ich schon bemerkt habe, in den drei letztverflosse- nen Jahrhunderten in der sonderbaren Alterna- tive, entweder die alte nationale Existenz aufzu- geben, oder die ganze Ausbeute des durch die Entdeckung der beiden Indien neu erweiterten Welthandels anderen Nationen zu uͤberlassen. Das, was ihnen die alte Existenz werth machte, der vaterlaͤndische, religioͤse Sinn, der jedes ein- zelne Herz beherrscht hatte, war verschwunden: wer wollte es, nachdem das Streben nach Pri- vat-Besitz und Gold sich Aller bemeistert hatte, den Regierungen anrechnen, daß sie die alte na- tionale Wuͤrde bei Seite setzten und meisten Theils sich zu großen Kaufmannshaͤusern consti- tuirten! Alles freie und großartige Verkehren zwischen Regenten und Beherrschten verwandelte sich in unedles Feilschen, Handeln und gegensei- tiges Ueberlisten. Fragt man mich, welches die Ursache der Finanzen-Zerruͤttung und aller der ungluͤcklichen, schwachen und schwankenden Maß- regeln Europaͤischer Regierungen in oͤkonomischen Ruͤcksichten gewesen sey; so antworte ich: die Regierungen waren in unedlem Wetteifer mit den großen Comptoirs ihres Landes; nach den in großen Handelshaͤusern geltenden Taxen des Reichthums und des Credits beurtheilten die Re- gierungen sich selbst, und zogen gegen diese den Kuͤrzeren, weil sie, außer dem mercantilischen Geschaͤfte, noch andre groͤßere Bestimmungen zu erfuͤllen hatten, und dennoch diese mit jenen nicht in Harmonie zu setzen wußten. Die Untertha- nen waren zu Weltbuͤrgern geworden, abhaͤngig vom allgemeinen Verkehr: als solche, wollten die alten Regenten sie noch wie Buͤrger eines be- stimmten Staates behandeln, und wurden den- noch in jedem Augenblick von dem universellen Bestreben der Untergebenen in die allgemeine Stroͤmung mit fortgerissen. So wurden sie selbst verstrickt in das Begehren des Metallgeldes, und verloren die alte Oberherrschaft uͤber das Metall, die, wie ich neulich zeigte, sich in dem monetagium , in der Muͤnzabgabe, aͤußerte, in einer Art von Tribut, den der Suveraͤn des physischen Lebens dem lebendigen Suveraͤn zu zahlen verpflichtet war, zum Zeichen der Lehns- abhaͤngigkeit, in der das gemeine Gold von dem Golde der Krone immer bleiben soll. Diesen Kampf der Koͤnige mit dem Golde werden sie in der Muͤnzgeschichte aller Europaͤi- schen Staaten etwa um die Mitte des sechzehn- ten Jahrhunderts anfangen, und fast alle, fruͤ- her oder spaͤter, dem Metalle unterworfen sehen. Wer das letzte Goldstuͤck in der Tasche habe, werde siegen — war ein unter den Regierenden des achtzehnten Jahrhunderts sehr gebraͤuchliches bon-mot . Es kommt indeß hier nicht darauf an, die Regierungen anzuklagen; meine Pflicht ist nur, zu zeigen, daß der Zustand von Europa in den drei letzten Jahrhunderten keinesweges, wie der große Haufe glaubt, politischer Normal- Zustand, sondern daß es eine Zeit ungeheurer innerer Revolutionen gewesen ist, ein Zwischen- zustand, ein Interregnum, waͤhrend dessen die Sphaͤre der Europaͤischen Wirksamkeit sich uͤber alle Meere und Welttheile ausgebreitet hat, Waa- ren und Kenntnisse, geistige und physische Be- duͤrfnisse der Menschen in ungeheurer Proportion vermehrt, die Menschheit ausschließlich auf Acqui- sition, Erwerb und Besitz gerichtet, und daruͤber der alte National-Verband aufgeloͤs’t worden, den nun, mit groͤßeren Mitteln und in reiche- ren Lebensverhaͤltnissen, wieder zu knuͤpfen, die einzig erhabene Aufgabe aller Staatskunst ist. Wie die einzelnen Regierungen mit ihren Muͤnz-Systemen gekaͤmpft, wie oft sie versucht haben, der Muͤnze durch ihre Ernennung eine Richtung zu geben, und wie sie von dem immer maͤchtiger werdenden Markte stets uͤberwaͤltigt worden sind — wird man inne, wenn man den Nominal-Verfall der Muͤnzen betrachtet. In England ist dieser Verfall am wenigsten zu be- merken; das urspruͤngliche Pfund Sterling war an Gehalt nur das Dreifache von dem jetzigen; aber in Deutschland war der urspruͤngliche Floren das Sechsfache, in Frankreich der urspruͤngliche livre das Vier und siebzig-fache von dem jetzigen livre . England uͤberhaupt hat die oben erwaͤhnte Krise der Europaͤischen Staaten am fruͤhesten, und mit den geringsten Aufopferungen der alten National-Existenz, uͤberstanden. Welcher andre Staat duͤrfte z. B. ein Silbergeld, das an Ab- getragenheit dem gegenwaͤrtigen Brittischen gleich- kaͤme, beizubehalten wagen! Dieses Silbergeld ist nehmlich nicht etwa von Hause aus schlecht, sondern eben durch seine Guͤte und durch seine außerordentliche Circulation so abgegriffen, auch durch die Kunst vorsetzlich so abgescheuert, daß von keinem sichtbaren Gepraͤge jetzt noch die Rede ist, und daß Muͤnzen vom halben, ⅔, ¾, ⅚, ⅞ Werth alle auf gleiche Weise als voll circuliren und ohne Widerrede angenommen werden. Die nationale Haltung Einerseits, und ein durch un- geheure Aufopferungen endlich gewonnenes Muͤnz- System andrerseits, erklaͤren diesen Umstand, waͤhrend kaum ein Jahrhundert verflossen ist, wo derselbe Verfall der Silbermuͤnzen in England Statt fand und mit den ungeheuersten Nachthei- len fuͤr den oͤffentlichen Verkehr verbunden war. Damals entschloß sich England zu einer allge- meinen Umpraͤgung, welches große und nationale Unternehmen wir naͤher betrachten muͤssen; und obgleich der unmittelbare Zweck dieses Umpraͤ- gens, wie Sie sehen werden, durchaus verfehlt wurde, so gewann England dennoch durch dieses große Opfer an innerer Handels-Consistenz, und die Umstaͤnde fuͤgten sich nach solchen Pruͤfungen leicht und natuͤrlich, so, daß in neueren Zeiten derselbe Verfall der Silbermuͤnze, ohne allen Nachtheil fuͤr den Verkehr, getragen werden konnte. Es war unter der Regierung Koͤnig Wilhelm’s III , im Jahre 1695, als der damalige Sekretaͤr der Schatzkammer den Lords der Schatzkammer folgenden Bericht abstattete: „daß, in Folge des mangelhaften Zustandes der Silbermuͤnzen, taͤg- lich auf Messen, Maͤrkten, in Kaufmannslaͤden, und allenthalben im Koͤnigreiche, große Strei- tigkeiten entstaͤnden, so daß die oͤffentliche Ruhe auf das empfindlichste darunter leide; daß viele Ankaͤufe und Handel gaͤnzlich unterbrochen wuͤr- den; daß jedem Handel eine weitlaͤuftige Taxe des zu zahlenden Geldes vorangehen muͤsse, und daß der Preis demnach von den Verkaͤufern, und nicht durch die Lage der Sachen, mit andern Worten, daß er nicht auf vermittelndem Wege zwischen den Handelnden bestimmt werde, son- dern daß der Inhaber des Geldes in absoluter Abhaͤngigkeit von dem Inhaber der Waare sey; — daß demnach die Preise aller Sachen, selbst der nothwendigsten Lebensbeduͤrfnisse, betraͤchtlich ge- stiegen waͤren; die Einsammlung der oͤffentlichen Revenuͤen wuͤrde sehr erschwert und verzoͤgert; es haͤtten nie so viele unhonorirte bonds auf dem Zollhause, noch so viele Ruͤckstaͤnde bei der Accise, existirt; aͤhnliche Klagen gingen auch taͤg- lich von den receveurs der Landtaxen ein, u. s. f.; der Cours gegen die Niederlande waͤre so schlecht, daß das Publicum an jedem Pfund Sterling den fuͤnften Theil, nehmlich 4 sh , verliere — der nach Hamburg und in die Ostsee noch sey schlech- ter; der in das mittellaͤndische Meer uͤbertreffe alle andren an Verlust; die Zahlung der Flotten und der Armeen betrage nahe an das Doppelte von dem, was den Soldaten und Matrosen Sr. Majestaͤt eigentlich zu Gute komme; eine Gui- nee gelte, anstatt 21 bis 22, jetzt 30 sh ; der Goldbarren sey um 36, der Silberbarren um 24 Procent im Preise gestiegen.” Alle diese Um- staͤnde wurden dadurch noch beschwerlicher, daß sie waͤhrend eines fuͤr Englands Freiheit so wich- tigen Krieges zusammen trafen. Der Entschluß, eine Umpraͤgung des gesamm- ten Silbergeldes vorzunehmen, mit so ungeheu- ren Kosten und National-Aufopferungen diese auch verbunden, so großen Schwierigkeiten von Seiten des damals sehr stoͤrrischen Parliaments sie auch unterworfen war, wurde dennoch gefaßt, und der Kanzler der Schatzkammer, unter Bei- stand der groͤßten Koͤpfe, welche England auf- zuweisen hatte, Newton’s und Locke’s, mit der Ausfuͤhrung beauftragt. — Ehe wir die große Aufgabe in ihrem Umfange naͤher betrachten, bitte ich Sie, die Eigenheit eines solchen riesenhaften Unternehmens genau zu erwaͤgen. Die Einzelnen sollen den Nominal- Werth ihres schlechten Geldes von der Muͤnze in gutes Geld umgetauscht erhalten, und das Volk den großen Verlust des Schatzes durch eine Abgabe tragen. Hier sehen Sie ganz deut- lich das ewige National-Interesse dem voruͤber- gehenden, augenblicklichen Interesse des Vol- kes gegenuͤber. Der interêt général zahlt die Abgabe; der interêt de tous gewinnt den Ueber- schuß des Real-Werthes der neuen Muͤnzen uͤber die in die Muͤnze gelieferten alten. Je weniger von den Individuen des Staates dabei gewonnen wird, um so sicherer steht das Natio- nal-Interesse, um so mehr gilt das National- Wort, die National-Ernennung, oder der No- minal-Werth der Muͤnze. Dies war aber da- mals der Fall in England noch nicht: die Par- ticuliers gewannen ungeheuer dabei; und, trotz dem großen National-Aufwande, trotz aller Vor- sicht und allem Calcul, welchem man die ganze Maßregel unterwarf, wurde dennoch der unmit- telbare Zweck von keiner Seite erreicht. Lassen Sie uns jetzt das ganze Verfahren in seinem Umfange uͤbersehen. Zuerst ward ver- ordnet: das noch hier und dort circulirende gute und vollwichtige Silbergeld, welches bis dahin auf dem Markte ein betraͤchtliches Agio gewon- nen hatte, solle von nun an, bei Strafe, im Handel und Wandel fuͤr nicht mehr als den No- minal-Werth angenommen werden. Diese erste Maßregel verfehlte sogleich ihren Zweck: Jeder- mann behielt und sammelte das vollwichtige Geld; es verschwand aus der Circulation. Ferner wurde angekuͤndigt, daß alle Taxen und Schul- den, welche die Krone einzufordern hatte, in schlechtem Gelde bezahlt werden koͤnnten; eben so die Parliaments-Anleihen. Diese zweite Maß- regel verfehlte zwar nicht ihren Zweck: das schlechte Geld stroͤmte von allen Seiten in den oͤffentlichen Schatz; aber abgesehen von dem un- geheuren Verluste der Krone, war dies eine Auf- forderung an den Wucher, die Muͤnzen kuͤnstlich noch mehr zu verderben. Drittens : die noch zu- ruͤckbleibenden schlechten Muͤnzen sollte das Muͤnz- amt eine Zeitlang nach dem Gewichte, aber zu einem, den Silberbarren-Marktpreis weit uͤber- steigenden, Muͤnzpreise annehmen. Endlich soll- te das gesammte, auf diese Weise zusammenstroͤ- mende schlechte Silbergeld, nach einem bleiben- den, festen, dem Metallpreise angemessenen Fuß, mit allen Vortheilen der neueren Muͤnz-Fabrika- tion, umgepraͤgt werden. Nun aber fehlte noch das zu der ganzen außerordentlichen Maßregel erforderliche Silber. Erwaͤgen Sie den ungeheuren Ersatz, den der oͤffentliche Schatz tragen mußte, um denselben Nominal-Werth in gutem Gelde wieder zuruͤck zu zahlen, den er in schlechtem bekommen hat- te; es mußte noch uͤberdies von dem Muͤnzamte ein hoͤherer Preis fuͤr Silberbarren gezahlt werden, um nur alles Silber nach der Muͤnze zu lei- ten. Durch diese Erhoͤhung des Silberpreises stieg natuͤrlicher Weise auch der Marktpreis des Metalles, den die Muͤnze unaufhoͤrlich uͤberbie- ten, also immer groͤßere Ausfaͤlle tragen mußte. Man setzte fest, daß fuͤr jede Unze gutes Sil- ber eine Praͤmie von 6 d. uͤber den Marktpreis derselben gezahlt werden sollte. Daß man ne- benher noch den Gebrauch des Silbergeraͤthes in allen oͤffentlichen und Wirthshaͤusern unbedingt verbot; daß alle Ausfuhr von Silberbarren, außer zu den Zahlungen der Land- und See- macht, und außer dem vor dem Lord Mayor zu fuͤhrenden Beweise, daß es nicht eingeschmolzene Muͤnzen, oder eingeschmolzenes im Lande gear- beitetes Silbergeschirr sey, unbedingt untersagt wurde, erleichterte den großen Prozeß nur um sehr wenig. Das Privat-Interesse war mit dem National-Interesse in zu schneidender Opposi- tion, als daß durch directe Maßregeln der Re- gierung in einer so zaͤrtlichen Angelegenheit et- was haͤtte bewirkt werden koͤnnen. England war noch nicht consolidirt, wie es heut zu Tage ist. — So nun begann das große Geschaͤft im Jah- re 1695, und wurde in der unglaublich kurzen Zeit von vier Jahren vollendet. Die Snmme der gesammten neuausgepraͤgten Muͤnzen betrug 6,800,000 L. , die Fabrikations-Kosten 180,000 L. ; aber der Verlust des oͤffentlichen Schatzes bei der gesammten Operation sehr wahrscheinlich 2,700,000 Pfund. — Das Verbot der Ausfuhr dieser saͤmmtlichen Muͤnzen bestand noch, und wurde ungluͤcklicher Weise, um den Gewinn der großen Unternehmung festzuhalten, erneuert. Da aber die Handels-Balanz gegen England war, so mußten jaͤhrlich betraͤchtliche Rimessen von Sil- ber in das Ausland gemacht werden. Die Nach- frage nach Barren, und also der Preis dersel- ben, stieg, also auch der Marktpreis der Barren uͤber den Muͤnzpreis; und zwar uͤbertraf er die- sen um so viel, daß eine Entschaͤdigung fuͤr das Risico bei dem Einschmelzen und der Ausfuhr des neuen Silbergeldes entstand, und es waren seit der kostspieligen Umpraͤgung noch nicht acht- zehn Jahre verflossen, als der groͤßte Theil der neu- neugepraͤgten 6,800,000 L. verschwunden, ein- geschmolzen und ausgefuͤhrt war. Die Errichtung der Ostindischen Compagnie, und das daraus erwachsende betraͤchtliche Silberbeduͤrfniß, ferner die vermehrte Consumtion des Silbers in den Brittischen Manufacturen haben das Ihrige dazu beigetragen. Indeß, waͤhrend des Verfalls und waͤhrend der Umpraͤgung der Silbermuͤnzen, hatte sich die Nation an den Gebrauch des Goldes gewoͤhnt, welches uͤberhaupt der groͤßeren Sphaͤre, die der Brittische Handel um den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts betrat, angemessener war. Die Goldmuͤnzen erhalten nun das Ascen- dant, und die Silbermuͤnzen werden mehr und mehr bloße Repraͤsentanten des Goldes; die Pa- pier-Circulation tritt ihnen an die Seite, und es ist uͤberhaupt zu bemerken, wie mit jedem Jahre des achtzehnten Jahrhunderts England mehr an innerer und aͤußerer Festigkeit gewinnt, und Herr uͤber das Metall wird, von dessen Tyrannei die meisten Continental-Regierungen sich bis jetzt noch nicht haben befreien koͤnnen. — Sie werden durch meine ganze Darstellung des Muͤnzgeschaͤftes hindurch bemerkt haben, daß keinesweges irgend einer Verfaͤlschung der Muͤn- zen das Wort geredet worden ist; vielmehr habe ich mich nur bestrebt, zu zeigen, daß ein schlech- Müllers Elemente. II. [22] ter Muͤnzfuß und der Mangel an Muͤnze keines- weges in dem Grade, wie man gewoͤhnlich glaubt, fuͤr Symptome der National-Armuth angesehen werden koͤnnen. Dem schlechten Muͤnzfuße kann nur auf einem einzigen Wege nachgeholfen wer- den, nehmlich durch die Befestigung der Natio- nal-Existenz; dem Mangel nur durch Ein Mit- tel, durch die groͤßtmoͤgliche Befoͤrderung des inneren Verkehrs: denn aller Verkehr erzeugt aus sich selbst das wahre und in sich selbst garan- tirte Geld, nehmlich das gegenseitige Zutrauen, und so auch das Zutrauen zu der großen Natio- nal-Verbindung, welche die Basis und Bedin- gung aller augenblicklichen Handelsverbindungen unter den Menschen ist. Das beste Metallgeld und die groͤßte Fuͤlle desselben moͤgen dem einzel- nen Menschen zu einer Art von Garantie seines dermaligen physischen Zustandes dienen; aber glau- be nur kein Staat, auf irgend eine Weise durch die bloße Leichtigkeit des Verkehrs mit dem Aus- lande, wozu ihn die Masse und Guͤte seines Me- tallgeldes in Stand setzt, an Dauerhaftigkeit und Sicherheit seiner Besitzthuͤmer zu gewinnen! In dem gegenwaͤrtigen Zustande der Dinge werden in einem Lande, wo nur die erste Bedingung alles politischen Daseyns, nationaler Sinn und innere Verknuͤpfung und Verschraͤnkung des vaterlaͤn- dischen Interesse, Statt findet, Mangel und Schlechtheit des Geldes ein neues Bindungs- mittel fuͤr die Nation. Ich laͤugne nicht, daß die Moͤglichkeit eines National-Bankerotts fuͤr jeden Staat uͤbrig bleibt: die Summe der andren Nationen bleibt immer staͤrker, als eine einzelne; und so kann schlechtes Geld und Mangel an Gelde eine Aufloͤsung aller Privat-Verhaͤltnisse herbeifuͤhren. Da ich aber fuͤr diese gesammten Privat-Verhaͤltnisse, allen meinen Voraussetzungen nach, nichts geben kann, wenn die nationale Grundlage und Garantie verschwindet; da es mir keine Genugthuung waͤre, zu sehen, daß das vaterlaͤndische Geld das Vater- land uͤberlebte; da uͤberdies noch weit mehr das gute Geld, bei Ermangelung jener Garantie, in eintretenden Kriegesfaͤllen eine unvermeidliche Beu- te des Feindes wuͤrde: so muͤßte ich es fuͤr die groͤßte Thorheit halten, wenn irgend einmal, unter so ungluͤcklichen Umstaͤn- den, ein Staat vermittelst des Geldes oder einer Muͤnzverbesserung oder einer Papier-Tilgung die Cur seiner inneren Organisation anfangen wollte . Das Schicksal hat andre und hoͤhere Plane bei den Revolutionen unsrer Tage, als beschraͤnkte Regierungen und Staats-Theorieen demselben unterlegen wollen: es will dies Geschlecht be- freien von der unwuͤrdigen Sklaverei der Sa- chen; es will dem Leben der Menschen eine an- dre und alte Basis wieder unterlegen, will die Einzelnen zuruͤckfuͤhren in sich selbst, und sie wieder der einzigen Buͤrgschaft theilhaftig ma- chen, die es fuͤr die leicht vergaͤnglichen Glie- der eines unsterblichen Geschlechtes geben kann. Lassen Sie uns den Fall annehmen, daß der gesammte Nominal-Werth der K. Oestreichischen Papiere in einem Moment durch eben so viel baares Conventionsgeld in allen Privat-Cassen ersetzt werden koͤnnte. Im auswaͤrtigen Handel, in Wien, in Triest und Augsburg, wuͤrde sich eine gluͤckliche Wendung aller Geschaͤfte bemer- ken lassen; die Industrie wuͤrde augenblicklich be- lebt, vielleicht der Zustand aller einzelnen Unter- thanen verbessert werden: aber der interét gé- néral dieser Monarchie wuͤrde ohne Zweifel da- bei verlieren. Es ist eine gluͤckliche Folge von den ersten Ungluͤcksfaͤllen eines Staates, welche eine betraͤchtliche Papier-Circulation herbeifuͤh- ren, vorzuͤglich in Zeiten eines allgemeinen welt- buͤrgerlichen Interesse, wie die jetzigen, daß das Interesse der von einer Papier-Circulation ab- haͤngigen Voͤlker naͤher an den Suveraͤn, naͤher an den, das Papier verbuͤrgenden, besonderen Staat gebunden wird. Das Welt- oder Me- tallgeld erhaͤlt dem einzelnen Besitzer die große unmittelbare Quelle alles Reichthums und alles Eigenthums nicht so gegenwaͤrtig, wie das Pa- piergeld; es bestaͤrkt den Besitzer in dem ungluͤck- lichen Wahn, daß er mit seinem individuellen Interesse und seinem Privatnutzen uͤberhaupt, nur von den Stroͤmungen des Welthandels, nicht aber viel unmittelbarer und naͤher und na- tuͤrlicher von dem kuͤnstlichen Verkehr des Bin- nenhandels und von seiner einzigen Garantie, nehmlich der Staatsverfassung und dem Suve- raͤn, abhange. Warum hat sich die Furcht vor dem Han- dels-Momopol der Britten fuͤr jetzt fast allge- mein in ganz Europa verbreitet? Weil die Voͤl- ker des Continents den leichtesten Nachtheil, der aus einer Weltbegenheit fuͤr ihre Privat-Existenz erwaͤchst, fuͤr den eigentlich großen Verlust halten. Dennoch wird nur den Individuen, dem interêt de tous , geschmeichelt, oder man sagt: daß alles Gluͤck des Lebens in der physischen Privat-Industrie und in der geistigen Privat- Industrie ( vulgo „ Aufklaͤrung ” genannt), daß aller National-Wohlstand in dem baaren Gelde, welches so leicht zu nehmen ist, bestehe, und alles National-Recht in dem unbedingten Privat-Eigenthume seinen Sitz habe; daß Pa- pier-Circulation und ein welthandelndes Volk die einzigen Feinde des Zustandes waͤren, worauf es in der Welt allein ankomme, nehmlich des ge- maͤchlichen, abgeschlossenen Privatlebens; und daß alle National-Kraft darin bestehe, die Indu- strie der Voͤlker von dem Druck auslaͤndischer Schranken, und inlaͤndischer, nehmlich des Pa- piers zu befreien. Waͤre es moͤglich, daß Staaten auf ein so triegliches Raisonnement Maßregeln ihres Heils zu gruͤnden versuchten; so wuͤrde sich bald zeigen, daß die Natur die vollstaͤndige Rea- lisirung eines solchen Plans im Voraus unmoͤg- lich gemacht, daß die Papier-Circulation in den wichtigsten Europaͤischen Staaten schon so um sich gegriffen hat, daß die Individuen an dem Schicksale derselben, also mit ihrem ganzen In- teresse an der bestimmten Nationalitaͤt, auf Tod und Leben gebunden sind; und daß einem welt- handelnden Volke auf keine andre Weise zu be- gegnen ist, als, wie ich neulich zeigte, durch eine kraͤftige, demselben gegenuͤber gestellte Nationali- taͤt. Ein Staatsmann, der diese zu erzeugen weiß, wird England — nicht uͤberwinden (denn das ist unnoͤthig), aber in Schranken zuruͤckwei- sen und demselben den beschwerlichen Einfluß auf das Privat-Leben eines Volkes entziehen koͤnnen. Sie moͤgen Sich auch hier wieder jenes unsicht- baren Roms erinnern, welches seit drei Jahr- hunderten alle National-Existenz untergraͤbt, alle nationale Hoheit, alles heilige, innere Lebens- gefuͤhl mit unwuͤrdigen Waffen und mit den ent- weiheten edlen Metallen verdraͤngt, den Regie- rungen der Voͤlker allen alten Glanz, womit das Gefuͤhl besserer Zeiten sie umgab, wegnimmt, sie mit bezahlter Pracht und mit einem bezahl- ten Gefolge umgiebt, und sie in Finanz- und Industrie-Bureaux, die Suveraͤne in große Ma- nufacturen-Entrepreneurs verwandelt. Alles Pri- vatleben nimmt dieselbe oͤde und gefuͤhllose Ge- stalt an. — Es entstehen genau abgezirkelte Grenzen und werden von Tage zu Tage stren- ger abgesteckt zwischen den einzelnen Buͤrgern desselben Stammes; und die aͤußeren Grenzen der Vaterlaͤnder, die National-Grenzen, werden von Tage zu Tage offner. Keine großmuͤthige Empfindung, keine Hingebung, keine Aufopfe- rung verwaͤscht die starren Abmarkungen wie- der. Die Staats-Theorieen ermuͤden sich, zu beweisen, daß in der Aufrechthaltung dieser Gren- zen durch Schloͤsser, Riegel, Grenzsteine und Privatrechte, und in der eben so strengen Be- stimmung alles Verkehrs vermittelst des nach Moͤglichkeit baaren und guten Metallgeldes, das ganze Wesen des Staates bestehe. Alle Bestimmtheit, mit welcher Privat-Ge- setze und Muͤnzen ausgepraͤgt werden, ist fuͤr den echten, christlichen Staat nur etwas werth, in so fern Muͤnzen und Gesetze einem lebendi- gen National-Gesetze und einer lebendigen Na- tional-Kraft, oder der Idee des Rechtes, und der Idee des Geldes, d. h. in so fern diese beiden Suveraͤne des Privatlebens, in ihrer noch so consequenten, dennoch immer vergaͤnglichen Natur dem unsterblichen Suveraͤn des National- Lebens unterworfen sind. Die Vortheile bestimm- ter Muͤnz-Systeme werden nach meiner Aus- einandersetzung klar seyn; aber auch die Unzu- laͤnglichkeit der besten Muͤnz-Systeme, der groß- muͤthigsten National-Muͤnzreformen, wie die Brittische, ohne verhaͤltnißmaͤßigen Zuwachs an National-Kraft. Der wahre National-Reich- thum traͤgt einen schoͤneren Maßstab in sich, als das Metallgeld jemals gewaͤhren kann; dieser ist ein Gefuͤhl von Dauerhaftigkeit, welches sich nicht in den Comptoiren, sondern nur im Mit- telpunkte des gesammten geistigen und physischen buͤrgerlichen Lebens erwerben laͤßt. In diesen Mittelpunkt sich hin zu stellen, ist das Ziel alles politischen Lebens; alles andre sind Kraͤmerge- sichtspunkte, großer Seelen unwuͤrdig, und fuͤr das geringfuͤgigste Urtheil in Staatssachen un- zulaͤnglich. — Vier und zwanzigste Vorlesung. Von dem National-Capital und vom National-Credit. E dmund Burke sagte von der Franzoͤsischen Nation im Jahr 1790: sie vernichte ihr Capital, und wolle einen neuen Handel ohne alles Capital versuchen. — In diesem erhabenen und umfassen- den Sinne muß das Wort „Capital” genom- men werden, wenn man es auf die Staatswirth- schaft anwenden will. — Alle Production ist, wie ich gezeigt habe, Vermittelung; und aus der Wechselwirkung zweier, nie aber aus der einseitigen Wirkung Eines Wesens, geht das Pro- duct hervor. Das Product nun hat eine dop- pelte Bestimmung: entweder ist es Gegenstand des unmittelbaren Beduͤrfnisses, der unmittelba- ren Consumtion; oder es wird mittelbar zur Erzeugung neuer Producte gebraucht. — Das auf einem Acker erzeugte Getreide kann entweder ganz und unmittelbar verzehrt werden, oder es dient dadurch, daß es auf dem Markte in Geld verwandelt, oder daß es als Saatkorn angewen- det wird, zu neuer Erzeugung. Der gesammte Rindviehbestand eines Landgutes kann entweder unmittelbar von dem Eigenthuͤmer consumirt, oder zur Feldarbeit, zur Zucht und zum Ver- kauf, d. h. mittelbar zur Erzeugung neuer Pro- ducte, angewendet werden. Jeder Land- oder Stadtwirth muß unaufhoͤrlich diese doppelte Be- stimmung seines Erwerbes im Auge haben: er muß die Gegenwart und die Consumtion, welche sie fordert, Einerseits, er muß aber auch die Zukunft, die Erhaltung und also auch die Capi- talisation seines Erwerbes, beachten. In so fern Producte oder ihr Werth zu neuer Erzeugung aufbewahrt oder angewendet werden, nennen wir sie: Capital . Capital ist also das Resultat fruͤherer Pro- duction, welches uns bei der gegenwaͤrtigen Pro- duction beisteht, und wodurch der Mensch eine große Masse von Kraft in einen einzelnen Mo- ment zusammenzudraͤngen in Stand gesetzt wird. National-Capital ist demnach die gesammte Ver- lassenschaft fruͤherer Generationen, oder fruͤherer Jahre, fruͤherer Tage, die auf den gegenwaͤrti- gen Augenblick herabkommt und der gegenwaͤr- tigen Generation eine unendlich groͤßere Pro- duction zu Stande bringen hilft, als sie, auf ihren eignen isolirten Kraͤften ruhend, je zu er- zeugen vermoͤchte. In dem National-Capitale verbirgt sich der Beistand der Vergangenheit, wel- chen die Gegenwart, auf ihre eigene Kraft trot- zend, so gern verlaͤugnen moͤchte. Bei allen Ar- beiten der einzelnen, voruͤbergehenden Buͤrger, wirkt die ganze Vergangenheit des Staates un- sterblich mit: jeder kleinste Theil des National- Capitals arbeitet so gut, wie die lebendigen Men- schen. Jedermann ist davon uͤberzeugt, daß es produciren muß, und findet es natuͤrlich, daß er fuͤr das Capital, womit er seine persoͤnliche Kraft verstaͤrkt, ein um so groͤßeres Product erhaͤlt, oder, falls er das Capital von Andern entlehnt hat, diesen dafuͤr einen betraͤchtlichen Antheil des Productes abzutragen verpflichtet ist. Diese Pro- ducte des Capitals werden Zinsen genannt. — Sobald in einem Lande Capital und Arbeit in die wahre Wechselwirkung getreten sind, zeigt es sich, daß die Reproductions-Kraft des einzel- nen Menschen mit der Reproductions-Kraft des Capitals gleichen Schritt haͤlt; es zeigt sich, daß das Capital, welches bei der ersten Entstehung der Staaten ungeheure Zinsen trug, d. h. in sehr kurzer Zeit sich reproducirte, oder ein neues Capital von gleicher Groͤße hervorbrachte, nun im Zustande des Gleichgewichtes mit der persoͤn- lichen Kraft des Menschen, gerade so viel Zeit braucht, um ein neues Capital von gleicher Groͤße zu erzeugen, als der Mensch, um einen neuen Menschen hervorzubringen. Ein Capital braucht dann 20 bis 25 Jahre zu seiner vollstaͤndigen Wiedererzeugung; mit andern Worten: es bildet sich ein mittlerer, landesuͤblicher Zinsfuß von jaͤhrlichen 4 bis 5 Procent, die in 20 bis 25 Jahren den Werth des Capitals ausmachen, welcher Zeitraum in den meisten Gesetzgebungen als derjenige angenommen wird, der zur Re- production des Menschen oder zu seiner Majo- rennitaͤt erforderlich ist. Je thaͤtiger eine Nation wird, um so mehr faͤngt nun die Kraft des Ar- beiters an, die Kraft des Capitals zu uͤbertreffen: der Zinsfuß faͤllt unter 4 pCt , wie es in Groß- brittanien der Fall ist. — Im gemeinen Leben nun pflegen wir uns unter Capital immer eine bestimmte Summe Metallgeldes zu denken, d. h. wir pflegen den Maßstab des Capitals fuͤr das Capital selbst zu setzen. Da aber jeder Arbeiter im Staate, der ein Capital aufnimmt, dasselbe in die producti- ven Kraͤfte zu verwandeln strebt, welche das Metall repraͤsentirt; da er uͤberhaupt nur ver- mittelst dieser Verwandlung das Capital zur Zinsen-Production noͤthigen kann; da das Me- tall an sich keiner Reproduction faͤhig ist: so geht daraus ganz deutlich hervor, daß vermittelst des Metallgeldes ein Theil der National-Kraft uͤber- tragen wird, und daß eigentlich in dieser alles Capital besteht. Die bei allen augenblicklichen Kraftanstrengungen der Nation maͤchtig mitwir- kende National-Kraft ist also das eigentliche, wahre National-Capital. Die Brittischen so genannten 3- pCt. -Stocks belaufen sich jetzt bekanntlich auf den Capital- werth von etwa 3000 Millionen Thalern. Sie sind auf keine Bedingung irgend einer Art von Ruͤckzahlung geborgt; jede einzelne von den vielen jaͤhrlichen Anleihen, die jetzt, zusammen genom- men, jene Summe betragen, ist unmittelbar in National-Kraft, in Kriegsschiffe, Armeen, Waf- fen ꝛc. verwandelt worden. Die 90 Millio- nen jaͤhrlicher Zinsen sind von dem Parlia- mente garantirt oder fundirt, d. h. es sind von der Gesetzgebung die zur jaͤhrlichen Abtragung jener Zinsen erforderlichen Taxen bewilligt wor- den. Es ist klar, daß in so fern 1) die zum Belauf jener Zinsen erforderlichen Taxen von der Kraft der Nation getragen werden koͤnnen, daß 2) in so fern die Obligationen dieser sogenann- ten National-Schuld al pari stehen, d. h. in so fern der Nominal-Werth der vom Parlia- ment garantirten Papiere ihrem Marktwerthe gleichkommt, oder in so fern die Regierung, wel- che die Anleihe gemacht hat, mit der Nation, die das Geld hergegeben hat, in vollstaͤndiger Uebereinstimmung ist, — die Regierung in so fern auch keine eigentliche Schuld gemacht, son- dern nur ein altes, ihr zustehendes, Capital in Bewegung gesetzt hat. Es ist eine bestimmte Masse von National-Kraft realisirt worden, die laͤngst vorhanden war, aber keinesweges eine, die in Zukunft erst erworben werden sollte. Die Regierung hat offenbar die productive Kraft, um die jaͤhrlich erforderlichen Zinsen zu zahlen; sie muß also auch das Capital der so genannten National-Schuld schon besitzen, sie muß das wahre Geld schon haben, und, was wir Anleihe nennen, ist nichts weiter als ein Prozeß, um jenes wahre Geld in das fuͤr den Augenblick nothwendigere Metallgeld umzusetzen. — Was den einzelnen Zahler der zu den Zinsen erforderli- chen Taxen betrifft, so ist es wohl gleichguͤltig, ob seine Abgabe direct zu den Staatsbeduͤrfnissen verwendet, oder ob sie indirect Denen ausgezahlt wird, welche durch ihre Zahlungen fruͤhere Staatsbeduͤrfnisse haben befriedigen helfen. Ueber- dies, sobald die Stocks al pari stehen, werden sie einen voͤllig eben so leichten Cours haben, wie baares Geld: sie werden die Nation gleich- foͤrmig durchstroͤmen; die Taxen-zahlende Nation und die Zinsen-erhaltende wird eine und dieselbe seyn: mit sehr geringem Verluste wird die ge- sammte Taxenzahlung in die Masse der Nation unmittelbar wieder zuruͤckstroͤmen. Die Regie- rung wird die National-Kraft realisirt haben, ohne daß der Nation etwas verloren gegangen waͤ- re; vielmehr wird die Betriebsamkeit, die Bewe- gung derselben, noch erhoͤhet worden seyn. — In einer solchen Lage der Dinge ist demnach die Realisation bereits vorhandener National-Kraͤfte nur sehr uneigentlich „ Anleihe ” zu nennen. Der Staat hat ein vorhandenes Capital benutzt, und die Nation ist uͤbereingekommen, Denen, welche dies Capital hergegeben haben, auf ewige Zeiten die Zinsen fort zu bezahlen, die Staatspapiere fuͤr das aufgewendete Capital gerade eben so an- zunehmen, als wenn das Capital noch existirte. Sie sind uͤbereingekommen? etwa aus Groß- muth? Gewiß nicht! Die Großmuth einer Na- tion waͤre wohl nicht maͤchtig genug, uͤber den Verlust von 3000 Millionen Thalern Herr zu werden; also, weil der Abgang jener Summe wirklich schon ersetzt ist. Alles dies sage ich in der Voraussetzung, daß die Nation die Zinsen- Taxen Taxen bezahlen kann, und daß die Obligationen wirklich al pari stehen. In England druͤcken wohl die Taxen, und die Obligationen verlieren gegen 40 pCt. , haben im Jahre 1797 sogar 52 pCt verloren: ein Beweis, daß also wirklich eine Schuld ein- gegangen, daß ein noch nicht vorhaͤndenes Capi- tal angegriffen ist, daß Tilgungen nothwendig sind. Durch Tilgungen von solcher Art, wie Wil- liam Pitt sie angeordnet hat, sollen die Pa- piere zum Pari heraufgebracht werden, was in England der Fall seyn wuͤrde, wenn nur ein Drittel des gesammten Capitals getilgt, und al- so auch die Zinsen-Taxen auf zwei Drittel ihres bisherigen Belaufs herabgesetzt wuͤrden. Was an der saͤmmtlichen sogenannten National-Schuld wirkliche Schuld ist, waͤre nun abgetragen, und es wuͤrde eine falsche Gewissenhaftigkeit seyn, die durch das ganze Fundirungs-System in das Interesse der Regierung noch enger verflochtene Nation voͤllig abzufinden, oder Regierung und Nation voͤllig aus einander zu setzen. Ich habe dieses große Beispiel angefuͤhrt, um zu zeigen, daß vieles, was wir fuͤr eine der Zukunft aufgelegte Buͤrde oder fuͤr eine wirkliche Anleihe halten, nichts Anderes ist, als Realisation eines wirk- Müllers Elemente. II. [23] lich vorhandenen Capitals ; um zu zeigen, daß es in dem wahren Staate ein unsichtbares Capital giebt, welches, falls nur die Augen der Nation durch wahren National-Sinn dafuͤr empfaͤnglich gemacht worden sind, dieselben und hoͤhere Wirkungen hervorbringen, der gegenwaͤr- tigen Generation denselben und hoͤheren Beistand leisten kann, als die einzelnen in Metall und Producten vorhandenen Capitalien; kurz, daß, wie oben National-Reichthum weit hoͤher ge- schaͤtzt worden ist, als die Summe der einzelnen Reichthuͤmer, die man gewoͤhnlich fuͤr National- Reichthum gelten laͤßt, so auch hier National- Capital viel mehr bedeutet, als die Summe der einzelnen vorhandenen Capitalien. Unsre Conti- nental-Regierungen gehen, mit wenigen Aus- nahmen, noch jetzt von der Voraussetzung aus, daß uͤber die Summe der einzelnen Capitalien im Staate nichts weiter vorhanden, daß alle Besteurung, welche uͤber das Verhaͤltniß zum sichtbaren Capital hinaus gehe, verderblich sey, also ein Schulden-System eintreten muͤsse, nach dem Privat-Grundsatze einer durch Sparsam- keit herbeizufuͤhrenden Wiederbezahlung. England hat im siebzehnten Jahrhundert nach diesem Grundsatze geborgt; wie es aber uͤberhaupt in allen seinen inneren Revolutionen dem Continent vorausgelaufen, und dieser, fruͤher oder spaͤter, immer genoͤthigt worden ist, denselben Weg ein- zuschlagen: so auch in der wahren Benutzung der Staats-Fonds. Im achtzehnten Jahrhundert hat England den Grundsatz von bestimmter Zu- ruͤckzahlung durchaus fahren lassen: an die Stelle der fruͤheren Leibrenten, oder langen Annuitaͤ- ten, sind ewige Annuitaͤten ( perpetual annui- ties ) getreten, und das darauf gebauete, einer unsterblichen Nation viel angemeßnere Credit- System ist in kurzer Zeit bis zur groͤßten Voll- kommenheit ausgebildet worden. Von den Con- tinental-Staaten hingegen laͤßt sich im Durch- schnitte behaupten, daß sie entweder , wie bloße Particuͤliers, auf bestimmte Zuruͤckzahlung, in vorher angekuͤndigten Terminen, auch gegen jaͤhr- liche oder halbjaͤhrliche Aufkuͤndigung, oder daß sie, wie es in der Franzoͤsischen Revolution geschehen ist, wirklich auf ewige Zeiten geborgt haben, nur mit dem Unterschiede, daß die des- falls ausgestellten Papiere in wenigen Tagen zu voͤlliger Werthlosigkeit herabgesunken sind, daß also wirklich kein Credit Statt gefunden hat, der den National-Fonds aufrecht zu erhalten im Stande gewesen waͤre. Das gegenwaͤrtige Franzoͤsische Credit-System drehet sich, mit dem Englischen verglichen, um eine nur wenig be- deutende Summe. Mit dem tiers consolidé , oder, wie es spaͤterhin mit anscheinender Nach- eiferung gegen die Englischen Papiere genannt worden ist, den trois pour cent consolidés , uͤbernahm die gegenwaͤrtige Regierung, von ei- nem sehr kleinen Theile der Franzoͤsischen, waͤh- rend der Revolution verschwendeten, National- Schuld ein Drittheil ( tiers consolidé ): an- statt, daß die Zinsen der 3. pCt. -Stocks in Eng- land das Parliament verbuͤrgt, werden die Zin- sen der trois pour cent consolidés in Frank- reich, in dem jaͤhrlichen Budget in Ausgabe gestellt und aus den gesammten Revenuͤen bestrit- ten, so daß, von Seiten des Umfanges sowohl, als der Nationalitaͤt, durchaus keine Vergleichung Statt findet; kurz, daß die trois pCt. bloß auf die Person des Chefs der Franzoͤsischen Regie- rung, die 3. pCt. -Stocks hingegen auf die Brit- tische Nation bezogen werden muͤssen. Ein nationales Credit-System, wie viele augenblickliche Unbequemlichkeiten daraus fuͤr den egoistischen Particulier auch entstehen moͤgen, dem die Feinde des Staates deshalb auch zu schmei- cheln und den sie in ihr Interesse zu ziehen stre- ben werden, ist, wo es sich finden mag, ein Zei- chen von nationaler Festigkeit. Waͤre das Pri- vat- oder kosmopolitische Interesse der Buͤrger maͤchtiger, als das National- oder patriotische Interesse derselben, so waͤre ein National-Cre- dit unmoͤglich; die Regierung desselben Staates koͤnnte nicht anders als gegen Privat-Bedingun- gen borgen. Hier ist die entscheidende Stelle, wo ich von fast allen bisherigen Schriftstellern uͤber den Credit unbedingt abweichen muß. Das Ungluͤck, die allgemeine Noth und die immer weiter um sich greifende Verschuldung der Regierungen vereinigen sich, die durch meine ganze gegenwaͤrtige Arbeit hindurch greifende Lehre von der Verschiedenheit des wahren Privat- und National-Interesse von den Roͤmischen Privat- und imperatorischen In- teresse zu bekraͤftigen. National-Credit ist die Faͤhigkeit einer Regierung, im beduͤrftigen Augen- blick das National-Capital fuͤr ihre Zwecke zu concentriren und, diesen Zwecken gemaͤß, zu rea- lisiren. — Demnach gehoͤrt zum National-Cre- dit eine hohe Durchdrungenheit, Verschmolzen- heit und Einheit zwischen der Regierung und der Nation. Das Privat-Interesse des einzelnen Buͤrgers muß sich in jedem Augenblicke zum Na- tional-Interesse erweitern koͤnnen; sein besonde- res Capital muß nur als Glied des National- Capitals Werth fuͤr ihn haben, sein persoͤnli- cher Credit muß in den National-Credit ver- schlungen seyn, beide muͤssen sich gegenseitig ver- buͤrgen. Anstatt dessen ist die allgemeine Mei- nung, die Regierung verhalte sich zu dem Buͤr- ger, wie der Roͤmische Privatmann zu dem Roͤmischen Privatmann ; jeder von Beiden habe in seinen abgesonderten Grenzen dafuͤr zu sorgen, daß er auskomme, darauf zu sehen, wie er fertig werde. Im Augenblick eines unvermeidlich ausbre- chenden Krieges geraͤth der Finanz-Minister in die unbeschreiblichste Verlegenheit; mit den alten einseitigen Mitteln soll er den, sowohl der Regierung als den Buͤrgern, gemeinschaftli- chen Zweck, die Abwehrung des Feindes, die Aufrechthaltung der National-Existenz, errei- chen: die Nation steht ihm wie ein fremdes, bei der eben beschlossenen und nothwendigen Maßre- gel, wenig interessirtes, vielleicht voͤllig dagegen eingenommenes, Wesen gegenuͤber. Es ist eine Lage, die den Wahnsinn, geschweige eine und die andre verkehrte Maßregel, entschuldigen muß. Er borgt vielleicht auf das Privat-Vermoͤgen der Regierung, gegen Unterpfand der Domaͤnen, der Einkuͤnfte, seiner fruͤheren ausgeliehenen Tresor-Gelder; das Vorurtheil der Regenten, wie der Regierten, verbirgt ihm den eigentlichen National-Fonds. Die verderbliche Abgraͤnzung zwischen der Nation und dem Suveraͤn macht alle wahrhaft großen und nationalen Maßregeln unmoͤglich: auf allen Wegen treten ihm nichts- wuͤrdige Roͤmische Begriffe entgegen; er muß den Staat untergehen lassen, oder das Roͤmische Eigenthum verletzen, worauf nicht bloß die Stra- fe des Verlustes seiner Popularitaͤt steht, wel- che von einem nichtswuͤrdigen und sittenlosen Poͤbel noch leicht zu ertragen seyn wuͤrde, son- dern auch die haͤrtere Strafe, den letzten Rest von Roͤmischem Privat-Credit, der ihn doch auf den naͤchsten Monath wenigstens sicher stellt, zu verlieren. — So, unter schrecklicher Bedraͤng- niß fuͤr die Ungluͤcklichen, denen das traurige Ge- schaͤft zu Theil geworden ist, einen Haufen Pri- vatleute in dem Sturme der Weltbegebenhei- ten bei einander zu erhalten — denn das heißt jetzt meisten Theils regieren —, erreicht der Staat die erste , unterste Stufe seiner Regeneration; er versinkt in die ganz gewoͤhnliche Schuldenma- cherei des gemeinen Lebens, in die Noth Pro- cente herbei zu schaffen, Termine zu halten und Einen Tag, wie es gehen will, durch den andern, Ein Pflaster mit dem andern, zu decken, durch alle Listen der Welt — je indirecter, je heimli- cher, desto besser — die Privatmaͤnner zahlen zu lassen, vorausgesetzt, daß nur die Roͤmischen Rechte und das vermeintliche strenge Privat- Eigenthum dabei geschont werden. Und mit Recht —; die Privatleute seines Reiches wollen es nicht anders. Ich frage Sie: Ist in dieser Schuldenmacherei irgend etwas Nationales? Und doch vermessen sich die kleinen politischen Tages- schriftsteller unsrer Zeit, dieses elende Handwerk „Kunst des National-Credits” zu nennen. In- deß wiederhole ich: es ist die erste Stufe der Regeneration. Diese schlechten Kuͤnste sind bald am Ende. Waͤhrend der Zeit hat der Krieg schon manches, im Roͤmischen Frieden Erstarrte, wieder belebt, manches Privat-Eigenthum aufgelockert und man- che Privat-Seele davon uͤberzeugt, daß sie denn doch nicht so isolirt bestehen koͤnne, wie sie es sich im Frieden gedacht hatte. Je mehr der Krieg fortbrennt, um so mehr erwacht, was von Nationalitaͤt noch vorhanden ist: die ewigen Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens treten, durch die Bewegung geweckt, allmaͤhlich wieder hervor; und, wenn sie nur maͤchtig genug sind, den Staat zu erhalten, wie geschwaͤcht er auch seyn moͤge, so hat sich dem Staate nun die groͤßte Ressource eroͤffnet, die er uͤberhaupt nur begeh- ren kann: die starren Grenzen zwischen der Na- tion und der Regierung, welche den Staat jedem dritten auswaͤrtigen Feinde Preis geben, weil er beide, um zu herrschen, nicht einmal zu thei- len braucht, sondern bereits getheilt findet — diese sind gefallen; das wahre Geld, der wahre Reich- thum, das wahre Capital, wird, wenn auch nicht erkannt, doch gefuͤhlt. Das erste Papier- geld, die erste ewige Annuitaͤt, kann ausgegeben werden. Nun erreicht der Staat die zweite Stufe seiner Regeneration; nun ist von Natio- nal-Credit die Rede. Es wird nun nicht mehr geborgt, sondern das National-Capital wird rea- lisirt. Die Papier-Circulation kann sich unmoͤglich auf der Stelle mit der baaren Circulation in’s Gleich- gewicht setzen; und da die baare Circulation zum Verkehr mit dem Auslande und zu allen voͤlker- rechtlichen Verhaͤltnissen nothwendig ist, so zeigt sich mancherlei Unbequemlichkeit im auslaͤndischen Handel, mancherlei partieller Druck des Privat- Lebens. Die Umstaͤnde noͤthigen die Regierungen, an Tilgungen zu denken; wie sie aber auch noch in den Gesang der großen Banquiers ihres Landes einstimmen moͤgen, daß die Papier-Cir- culation ein reines Uebel sey, so ist das Schick- sal dennoch maͤchtiger, als sie: es gestattet alle Tilgung nur bis auf einen gewissen Punkt, den nehmlich, wo Papier und Metall, der Natio- nal- und der Universal-Verkehr, in das gehoͤrige Gleichgewicht getreten sind, und auf solche Art die Nation die dritte und hoͤchste Stufe ihrer oͤkonomischen Regeneration erreicht. — Nun hat der Staat, durch die Verbindung zweier gleich-nothwendigen Mittel, eines mehr der Kunst und den bestimmten nationalen Ge- setzen unterworfenen, und eines anderen mehr von der Natur und den ewigen Weltgesetzen ab- haͤngigen, die gehoͤrige oͤkonomische Elasticitaͤt gewonnen. Durch den Credit des Papiers ist der Staat in Stand gesetzt, in jedem einzelnen Momente die groͤßtmoͤgliche Kraft zu concentri- ren, und ihm das von den Umstaͤnden erforderte Gewicht anzuhaͤngen; durch das Metall, und das allen Einzelnen auf wahrhaft nationale Weise einleuchtende Verhaͤltniß desselben zum Papiere, wird der Staat unaufhoͤrlich vor allen Excessen behuͤtet, in seinen wahren oͤkonomischen Gren- zen erhalten, und, wie durch den Pendul die Uhr, in seinem Laufe regulirt. Der Staat ist nun seiner Unterworfenheit unter das Roͤmische Privat-Gesetz uͤberhoben; er vermag nun uͤber die National-Kraft zu gebieten und vermittelst ihrer der Universal-Kraft des Metallgeldes Gren- zen anzuweisen: er ist in den wahren, lebendi- gen Besitz dessen gesetzt, was er zu seiner Exi- stenz gebraucht; er hat nicht weiter zu borgen noͤthig, oder an die Zukunft zu appelliren; er kann das Vorhandene erreichen. — Auf der hier erwaͤhnten zweiten Stufe der oͤkonomischen Entwickelung stehen unter allen Eu- ropaͤischen Staaten allein England und Oestreich: in mehreren andern alten Staaten wird sie bald erreicht werden koͤnnen, wenn die Lehre der Noth die Gemuͤther in ihrer Tiefe durchdringt; wenn sie erst bis zu der Sehnsucht in allen ihren Thei- len von dem Verlangen nach nationaler Ver- bindung durchdrungen sind, und das Gemuͤth der Voͤlker erst wieder maͤchtig genug wird, um es mit der seelenlosen Consequenz der Roͤmischen Rechts-Vorstellungen aufnehmen zu koͤnnen; wenn christliches Prrivatleben, und christliche auf den drei Staͤnden und dem Grundsatze der Gegen- seitigkeit beruhhende Staatsverfassung, und christ- liche Allianzen und Voͤlkerverein, einen leben- digen Credit, der ebenfalls nur auf dem Grund- satze der Gegenseitigkeit beruhet, wieder begruͤn- det haben werden. Eine Finanz-Procedur, welche auf dem hand- greiflichen Daseyn gewisser Sachen, auf Hypo- thek und Pfand, beruhet, gehoͤrt in die Rubrik der Handwerke, der Roͤmischen politischen Hand- werke. Sachen koͤnnen untergehen, Sachen ha- ben schroffe und starre Grenzen: — wie koͤnnte also das National-Vermoͤgen nach ihrer unbe- huͤlflichen Masse abgeschaͤtzt, das National-Geld, die National-Kraft nach ihnen taxirt, das Na- tional-Capital nach ihrem Umfange beschraͤnkt, und die National-Existenz von ihnen abhaͤngig gemacht werden! Das erhabene Product aber, welches aus der innigen Beruͤhrung zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen, zwischem dem Buͤrger und der Nation hervorgeht, ist ewig, ist lebendig: dieser Geist inniger Wechselwirkung zwischen den Individuen und der Nation, ver- dient allein den in allen oͤkonomischen Schriften gemißbrauchten Nahmen National-Credit , weil er ein christlicher ist, dem Roͤmischen gegen- uͤber, welchen die Schulen lehren. Daß die Regierung eines Landes groͤßere Geschaͤfte machen kann, als jeder einzelne Buͤr- ger, wenn sie als großes Kaufmannshaus zu Werke gehen, wenn sie Schulden contrahiren oder uͤberhaupt in einen Wetteifer mit dem Pri- vatleben treten will, ist einleuchtend. Zuerst aber wird sie dieselben immer ungluͤcklicher und mit weit geringerem Vortheile treiben, als der ein- zelne Buͤrger; und dann werden auch in recht dringenden Faͤllen diese Privat-Kraͤfte der Re- gierung immer noch nicht groß genug seyn. Wenn also Kriege und vermehrte Staatsbeduͤrfnisse al- ler Art diese Privat-Kraͤfte erschoͤpfen, so be- ginnt, sage ich, die wahre Regeneration des Staates: alles bisherige Finanzwesen hat auf einem gemeinen Privat-Contract beruhet; das sogenannte Volk hat seiner Regierung die Auf- rechthaltung der Ordnung verpachtet, wie man in großen Staͤdten gewisse Polizei-Geschafte, Reinigung der Straßen, Erleuchtung u. s. w. dem Mindest-Begehrenden in Pacht giebt; die Regierung hat es uͤbernommen, fuͤr eine gewisse Summe ihr zu zahlender Steuern, die erforder- lichen Armeen, Beamten, Festungen, Gesetze u. s. w. zu liefern. Kann sie die Ausgaben nicht bestreiten, so muß sie entweder Schulden ma- chen, oder eigenmaͤchtig neue Steuern ansetzen, (was ihr schon als Ungerechtigkeit angerechnet wird), oder sie muß états généraux berufen, um einen neuen Contract abzuschließen, wobei sie riskirt, was in Frankreich geschehen ist. — Der Staat geraͤth in eine furchtbare Krisis, die vernichtend, aber auch segensreich, fuͤr ihn aus- schlagen kann: entweder wird National-Reich- thum und National-Recht von Grund aus zer- stoͤrt, wie es in Frankreich der Fall war; oder die Noth bindet das vorher geschiedene Interesse von Suveraͤn und Volk: der Zusammenhang aller Glieder des Staates, die Ganzheit dessel- ben wird sichtbar; ein hoͤheres Gesetz und ein hoͤheres Capital, d. h. uͤberhaupt andre und hoͤ- here Zwecke und Mittel des Staates, zeigen sich. Vorher war die Summe der einzelnen Kraͤfte im Staate das zu erreichende und zu benutzen- de maximum ; jetzt zeigt sich mehr, als bloße Summe: eine organische Verbindung dieser Kraͤf- te, eine schoͤpferische Wechselwirkung zwischen den- selben, die nicht zu berechnen, und unendlich ist. Ich glaube, hinreichend gezeigt zu haben, wor- in das saͤchliche Privat-Capital und der saͤchliche Privat-Credit der sich in einem Volke vorfinden mag, verschieden ist von dem lebendigen Natio- nal-Capital und dem lebendigen National-Cre- dit eines ganzen Volkes. — Im gemeinen Leben lernen wir das Wort Credit an dem Beispiele des Kaufmanns, oder vielmehr des Kraͤmers, kennen; denn wahre Kaufleute, in dem Sinne derer im Mittelalter, der Medici und Fugger, giebt es nicht mehr, und kann es, bei der ge- muͤthlosen Abgraͤnzung aller einzelnen buͤrgerli- chen Geschaͤfte, nicht mehr geben. Aus Kraͤmer- gesichtspunkten hat aller Credit in Waaren und Geldvorraͤthen, demnaͤchst in kluger und recht- schaffener Verwaltung derselben, seinen Grund. In staatswirthschaftlicher Hinsicht treten zu den uͤbrigen Waaren und Metallgeldern noch beson- ders ders lebendige und persoͤnliche Sachen, nehmlich die Menschen, hinzu. Rechnen, Buchhalten, die bloße Betriebsamkeit und Gewandtheit reichen hier nicht aus: der Kraͤmer agirt in der Vor- aussetzung, daß seine Magazine und Vorraͤthe sicher sind, betrachtet sich als von einer nothwen- dig uͤber ihm waltenden und ihn beschuͤtzenden Macht garantirt, und hat den uͤbrigen Gefahren, den Feuersbruͤnsten, den Seeschaͤden u. s. w. durch Assecuranzen zu begegnen. Der Staats- wirth hat sein Vermoͤgen zu verwalten und zu- gleich fuͤr dessen gesammte aͤußere und innere Sicherheit zu sorgen: die einzelnen Waaren, aus denen sein Vermoͤgen besteht, lassen sich nicht despotsiren, wie die Sachen des Kraͤmers; sie wollen selbst erst unter einander in Frieden, in einen lebendigen fruchtbaren Frieden, vereinigt werden: er hat sich nicht bloß gegen die Elemente sicher zu stellen, wie der einzelne Kraͤmer, son- dern er muß die innere Zwietracht unter seinen Waaren fuͤrchten, und aus kluger, erhebender Regierung dieser Zwietracht die groͤßten Kraͤfte, das wahre Vermoͤgen, erst entwickeln. Endlich hat er eine hoͤhere Gattung des Reichthums und des Besitzes zu verwalten und in das uͤbrige National-Capital belebend zu verflechten, wovon Müllers Elemente. II. [24] der gemeine Kraͤmer keine Vorstellung hat: die geistigen Reichthuͤmer, welche der Bewegung des Gesammtvermoͤgens erst den wahren Schwung geben muͤssen, die Idee, welche allen Besitz erst befestigen muß, die oͤffentlichen Vorurtheile, welche besiegt, und die oͤffentliche Meinung, welcher wahre Gegenstaͤnde der Bewunderung, echte Bei- spiele und wuͤrdige Richtungen gegeben werden sollen. Kurz, es sind zwei durchaus heterogene Sphaͤren, in denen der Kraͤmer und der Staats- wirth sich bewegen; keine Regel wird aus der Einen in die andre uͤbertragen werden koͤnnen. — Wenn jeder einzelne Buͤrger eines Staates bei seinem abgesonderten Geschaͤfte von dem Geiste des Ganzen durchdrungen waͤre; wenn er es in einem nationalen Sinne zu treiben wuͤßte: so wuͤrde der Staatsmann bei einem jeden Buͤrger lernen, und allenthalben denselben nationalen Willen in den verschiedenartigsten Formen wieder ausgepraͤgt finden. Aber jetzt, wo das oͤffent- liche Leben allenthalben zu einer alles umfas- senden Nationalitaͤt hingedraͤngt wird, und nur die Lehre der Zeit noch nicht tief genug in das Privatleben eingedrungen ist, nur die Ein- zelnen noch mit Hartnaͤckigkeit an dem Vorur- theile Roͤmischer Welteinrichtungen kleben —: jetzt ist direct nichts, durchaus nichts, in dem Privatleben zu lernen. Der Staatswirth be- darf desselben, um uͤberall zu fuͤhlen, was un- national sey, um indirect zu lernen, wie man der Nichtswuͤrdigkeit und Herzlosigkeit dieser geist- lichen, adeligen und buͤrgerlichen Privatleute trot- zen und begegnen muͤsse; um zu lernen, wie wenige Schonung und Achtung ein Buͤndel Egoi- sten verdient, wenn es darauf ankommt, ein Volk zu bilden; um den Muth in sich zu be- festigen, den Der braucht, der die ewige Natur des Staates ergruͤnden, wieder herstellen und ihr das Unwuͤrdige, das sich widersetzen moͤchte, ohne Skrupel, ohne Bedenklichkeit, aufopfern soll. Des- halb sind unter den Mitteln, die das Schick- sal gebraucht, um den ausgestorbenen Sinn fuͤr das Gemeinsame, fuͤr die Hingebung an das Ganze, und fuͤr die Gegenseitigkeit zu erwecken, um die wahren belebenden Kraͤfte, National-Recht, National-Geld, National-Capital und Natio- nal-Credit, wieder in Bewegung zu setzen, die Finanz-Verlegenheiten fast die gruͤndlichsten und besten. Sie greifen in das innerste Herz der Voͤlker; und, wenn keine andre Stimme in der ungeheuren Wuͤste von Waaren, Metallen und todten Besitzern mehr gehoͤrt wird, so ist die physische Noth vielleicht im Stande, jene himm- lischen Maͤchte zu wecken, von denen allein der Mensch die Herrschaft uͤber die Welt empfangen kann. Die Mode-Oekonomen denken sich unter dem National-Capital nichts Hoͤheres, als den durch ein ordinaͤres Subtractions-Exempel auszumit- telnden Ueberschuß der National-Production uͤber die National-Consumtion, welchen die Natur unsern Staaten gewaͤhrt, indem sie dem Men- schen und dem Boden mehr Productions-Kraft als Consumtions-Beduͤrfniß gegeben hat. Also reducirt sich, nach den umlaufenden Theorieen, alle Staatswirthschaft auf ein gewisses Gesetz des Absparens und des Abdarbens, welches in dem oben erwaͤhnten Buche des Lord Lauderdale mit Recht besonderem Tadel unterworfen wird. Der wahre, nicht luxurioͤse, aber weise vertheilte Lebensgenuß, d. h. die echte Consumtion, oder das lebendige allseitige Beduͤrfniß, ist eben so- wohl Quelle des National-Reichthums zu nen- nen, als die Production; Eins erweitert und befluͤgelt das Andre. Die Nation soll viel pro- duciren, aber auch viel beduͤrfen. Also nicht der National-Bedarf, subtrahirt vom Natio- nal-Product, sondern der National-Bedarf in allseitiger und unendlicher Wechselwirkung mit dem National-Product, erzeugt ein lebendiges National-Capital, waͤhrend jene Subtraction ein bloßes Residuum, einen todten Schlamm von Besitzstuͤcken absetzt, der selbst erst wieder belebt seyn will, um den Dienst des National- Capitals zu verrichten. Fuͤr die kleine haͤusliche Industrie Roͤmischer Privatleute hat ein solches Residuum von Sachen allerdings seinen Werth: sie begehren ja nur die ordinaͤre Vermehrung von Besitzstuͤcken; sollten sie aber, wie der Staat, zugleich fuͤr die Erhaltung, fuͤr die Vergeistigung und Nationalisirung, ja fuͤr die Verewigung dieser Besitzthuͤmer zu sorgen haben, wie der Staat fuͤr die Erhebung, und, ich moͤchte sagen, fuͤr die Verklaͤrung der seinigen: so wuͤrde sich diese Ansicht vom Capital als voͤllig unzu- reichend beweisen. Das National-Product hat, wie ich oben von jedem einzelnen wahren Pro- ducte behauptete, ebenfalls die doppelte Bestim- mung: es soll der Consumtion dienen, und es soll zu neuer Production, d. h. als Capital an- gewendet werden; es hat, wie alle Producte, einen Gebrauchswerth und einen buͤrgerlichen, ge- selligen Werth: es soll dem Augenblick, und doch auch wieder der Ewigkeit, allen Generatio- nen, die desselben National-Lebens theilhaftig sind, zum Bindungs-, zum Befruchtungs-Mit- tel dienen; es soll das Beduͤrfniß befriedigen, und doch zugleich auch wieder die dauernde Befriedigung des Beduͤrfnisses verbuͤrgen und garantiren. Kurz, es kommt alles darauf an, daß es nur in gleichem Maße als National-Be- darf und als National-Geld diene. — Wir kennen kein hoͤheres Gut, als ein wohl- eingerichtetes, mit den Erzeugnissen aller Indien versehenes, Privat-Leben; daher ist unser Bedarf und unser Geld auf gleiche Weise unnational: wie soll also bei uns eher eine Wechselwirkung zwischen National-Bedarf und National-Geld und daraus ein National-Capital entstehen, als bis wir ein, alle Annehmlichkeit des Privatlebens an Reitzen, an Macht und innerer Befriedigung uͤberlegenes, National-Leben kennen und lieben ge- lernt haben! Dieses National-Leben ist conditio sine qua non der Dauer und der Sicherheit, folglich alles wahren Credits. Wie kann also von National-Credit eher die Rede seyn, als bis das Leben der Europaͤischen Voͤlker ganz andre, geistigere, reinere Grundlagen bekommen hat, als die jetzigen sind! Nicht in den Sachen, nicht in dem Ueber- schusse also, den die jaͤhrliche Production abwirft, sondern in der unendlichen geistigen und physi- schen Bewegung, in der gewaltigen Wechselwir- kung zwischen der Erzeugung und dem Begeh- ren, kann das National-Capital geschauet werden. Die Erhoͤhung der Kraͤfte, vornehmlich der un- sichtbaren, ist Erweiterung dieses Capitals, und die einzig wahre National-Ressource, Basis des National-Credits.