Die Symbolik des Traumes von Dr. G. H. Schubert. Bamberg , im neuen Leseinstitut von C. F. Kunz. 1814 . Seinen Freunden: Herrn Georg Matthias Burger zu Nuͤrnberg und Herrn Matthias Conrads zu Brinke in Westphalen als ein vergaͤngliches Denkmahl unvergaͤnglicher Liebe zugeeignet vom Verfasser. Vorrede. D er Verfasser hat in den nachstehenden Blaͤttern kei- ne eigentliche Theorie des Traumes geben wollen; vielmehr hat er sich begnuͤgt, selbst im physiologischen Theile dieses Werkchens, auf eine gewisse partie honteuse der menschlichen Natur aufmerksam zu ma- chen, welche, wenigstens im gemeinen Gange des Le- bens, nur selten als das erkannt wird, was sie ei- gentlich ist. Dieser schlafende und traͤumende Theil unsers Wesens, der sich dem ungeuͤbten Auge so gut zu verbergen weiß, wird eben so gewiß mit uns hin- uͤbergehen uͤber die dunkle Grenze, als der wachende, und die Erziehung des ersteren sollte uns aus mehr als Einem Grunde eine Hauptangelegenheit seyn: ei- ne Erziehung, uͤber deren Methode freylich nur ein sehr altes, aber hoͤchstes paͤdagogisches System aller Voͤlker und Zeiten Aufschluͤsse giebt. Der Verfasser hielt es aus mehreren Ursachen fuͤr angemessen, selbst dieser Abhandlung im leichten Conversationstone jene Wendung zu geben Die Zeit scheint gekommen, wo auch die geistig Tauben wieder anfangen zu hoͤren und wo endlich die Wis- senschaft, besonders die der Natur, im Stande seyn wird wird, einen Theil ihrer alten Schuld abzutragen. Außerdem schien es nicht unpassend, gerade in den Tagen in welchen der Sieg uͤber einen aͤußeren ge- feyert worden, auf einen Zerstoͤrer und Usurpator in unserm Innern aufmerksam zu machen. Dieser, der uͤberhaupt bey aͤußerem Sonnenschein und Frieden am besten gedeiht, bleibt uns noch immer zu bekaͤm- pfen, und dieser Kampf, den auch nur ein vollkom- mener Sieg kein Unterhandeln um Waffenstillstand, enden kann, moͤchte wohl aus mehr als Einem Grun- de in unserem Zeitalter ernster als sonst werden. Darum ist die kurze Zeit der Remission und der Em- pfaͤnglichkeit wohl zu benutzen, um so mehr, da es bey wieder eintretendem Fieberanfall zum Arzneygeben zu spaͤt seyn moͤchte. Uebrigens sollte diese Symbolik eine leichte Vor- gaͤngerin eines ziemlich weitlaͤuftigen Abschnittes in dem naͤchsten Bande meiner Ahndungen u. f. seyn, den der Verfasser schreiben wird, sobald ihm dazu der noͤthige Boden, Nahrung — und Sonne von oben kommen werden. Nuͤrnberg am 17ten April 1814. Det Verfasser. 1. Die Sprache des Traumes. I m Traume, und schon in jenem Zustande des Deliri- ums, der meist vor dem Einschlafen vorhergeht, scheint die Seele eine ganz andre Sprache zu sprechen als ge- woͤhnlich. Gewiße Naturgegenstaͤnde oder Eigenschaften der Dinge, bedeuten jetzt auf einmal Personen und um- gekehrt stellen sich uns gewisse Eigenschaften oder Hand- lungen, unter dem Bilde von Personen dar. So lange die Seele diese Sprache redet, folgen ihre Ideen einem andern Gesetz der Association als gewoͤhnlich, und es ist nicht zu laͤugnen, daß jene neue Ideenverbindung einen viel rapideren, geisterhafteren und kuͤrzeren Gang oder Flug nimmt, als die des wachen Zuftandes, wo wir mehr mit unsern Worten denken. Wir druͤcken in jener Sprache durch einige wenige hieroglyphische, seltsam aneinander gefuͤgte Bilder, die wir uns entweder schnell nacheinan- der oder auch nebeneinander und auf einmal vorstellen, in wenig Momenten mehr aus, als wir mit Worten in ganzen Stunden auseinander zu setzen vermoͤchten; er- fahren in dem Traume eines kurzen Schlummers oͤfters mehr, als im Gange der gewoͤhnlichen Sprache in gan- zen Tagen geschehen koͤnnte, und das ohne eigentliche Luͤcken, in einem in sich selber regelmaͤßigen Zusam- menhange, der nur freilich ein ganz eigenthuͤmlicher, ungewoͤhnlicher ist. Ohne daß wir deshalb gerade dem Traume vor dem Wachen, dem Naͤrrischseyn vor der Besonnenheit 1 ei- einen Vorzug geben wollen, duͤrfen wir uns doch nicht laͤugnen: daß jene Abbreviaturen- und Hieroglyphen- sprache, der Natur des Geistes in vieler Hinsicht ange- messener erscheine, als unsre gewoͤhnliche Wortsproche. Jene ist unendlich viel ausdrucksvoller, umfassender, der Ausgedehntheit in die Zeit viel minder unterwor- fen als diese. Die letztere muͤssen wir erst erlernen, dagegen ist uns jene angeboren, und die Seele ver- sucht diese ihr eigenthuͤmliche Sprache zu reden, so- bald sie im Schlafe oder Delirio aus der gewoͤhnli- chen Verkettung etwas los und frey geworden, obgleich es ihr damit ohngefaͤhr nur eben so gelingt, als es einem guten Fußgaͤnger gelungen, wenn er als Foͤtus im Mutterleibe die kuͤnftigen Bewegungen versuchte. Denn, beylaͤufig: wir wuͤrden es, falls wir es auch vermoͤchten, jene disjecta membra eines urspruͤngli- chen und kuͤnftigen Lebens, schon jetzt an Licht und Luft hervorzuziehen, doch vor der Hand in der Geister- sprache kaum zum Lallen bringen, oder hoͤchstens zu einem Grade von Bauchrednerey. Jene Sprache hat uͤbrigens, außerdem daß sie uͤber die Kraͤfte unserer inneren Natur eben so viel vermag, als die orpheische Liedersprache uͤber die der aͤußeren, noch eine andre, sehr bedeutende Eigenschaft vor der gewoͤhnlichen Sprache voraus. Die Reihe unsrer Lebensbegegnisse scheint sich naͤmlich ohngefaͤhr nach einer aͤhnlichen Ideenassociation des Schicksals zusammen zu fuͤgen, als die Bilder im Traume; mit andern Worten: das Schicksal in und außer uns, oder wie wir das bedeutende Ding sonst nennen wol- len, redet dieselbe Sprache, wie unsre Seele im Trau- me. me. Dieser gelingt es deshalb, sobald sie ihre Traum- bildersprache redet, Combinationen in derselben zu machen, auf die wir im Wachen freilich nicht kaͤmen; sie knuͤpft das Morgen geschickt ans Gestern, das Schicksal ganzer kuͤnftiger Jahre an die Vergangen- heit an, und die Rechnung trifft ein; der Erfolg zeigt, daß sie uns das was kuͤnftig, oft ganz richtig vor- hersagt. Eine Art zu rechnen und zu kombiniren, die ich und du nicht verstehen; eine hoͤhere Art von Al- gebra, noch kuͤrzer und beguemer als die unsrige, die aber nur der versteckte Poet in unserm Innern zu handhaben weiß. Merkwuͤrdig ist es immer, daß jene Sprache nicht bey jedem Menschen eine verschiedene, gleichsam nach der Willkuͤhr einer jeden Individualitaͤt selbster- schaffene ist; sondern daß sie bey allen Menschen so ziemlich als dieselbe, hoͤchstens dem Dialect nach et- was verschieden erscheint. Koͤnnten wir im Tempel des Amphiaraus im Traume mit einander reden, so wuͤrde der americanische Wilde und der Neuseelaͤn- der meine Traumbildersprache verstehen, und ich die ihrige. Freilich hat auch hier die Sprache des Einen ungleich mehr Wortreichthum, Umfang und Bildung, als die des andern, Plato redet griechisch, und der Matrose außen im Piraͤo auch, dennoch wird der Um- fang dieses Griechischen bey beyden ziemlich verschieden seyn; die gebildete Hofdame und die Baͤuerin sprechen beide, und zwar in einer und der naͤmlichen Sprache, von denselben Naturgegenstaͤnden und Beduͤrfnissen des taͤglichen Lebens, und doch hat jene dafuͤr ganz andre Worte als diese. Oder auch, in einer Sprache die so unendlich reich reich ist wie jene geisterhafte, die fuͤr einen und den- selben Gegenstand so viele Worte hat, pflegt die Seele des Einen vorzugsweise den oder jenen Ausdruck, die oder jene Lieblingsconstruction zu waͤhlen, die des An- dern jene. Gemeine Seelen sprechen demnach hier plart, gebildetere den hoͤheren Dialect; wie in der Region des Scheines z. B. unser gemeines Volk plattdeutsch zu re- den pflegt, der vornehme Stand hochdeutsch. Man darf mit Recht annehmen: daß ein Theil des Inhaltes unserer sogenannten Traumbuͤcher, sich auf gute, mehrfach wiederholte Beobachtungen gruͤnde; waͤhrend ein andrer Theil jenes Inhaltes freilich bloß aus aberwitzigen Zusammenreimungen und kuͤnstlichen Deuteleyen besteht. Die Traumbuͤcher verschiedener Rationen, werden sich, beim Vergleichen, in der Haupt- sache uͤbereinstimmend zeigen, und diese Uebereinstim- mung scheinet nicht bloß daher zu kommen, daß ein Theil der aͤltesten Traumbuͤcher, z. B. jenes des Car- dan in lateinischer Sprache geschrieben, und bei ver- schiedenen Nationen in den Haͤnden der spaͤteren Traum- beobachter waren. Unbefangene Selbstbeobachtung und selbst das, was uns Reisebeschreiber in jener Beziehung von nordamericanischen Volkern erzaͤhlen, fuͤhrt uns auf aͤhnliche Prinzipien der Traumdeutung, als die in den Traumbuͤchern aufgefuͤhrten, und zum Theil dem gemeinen Volk aus Erfahrung und durch Tradition bekannten sind. Wir wollen im Nachstehenden aus einem bewaͤhr- teren Traumbuch einige Beyspiele von Traumbildern und ihren Deutungen mittheilen, welche zum Theil durch anderweitige Beobachtungen bestaͤtigt sind. Jener Jener Zustand, wo die Seele mit einer Art von Zusammenhang und Ordnung in ihrer Bildersprache denkt und wirkt, ist schon ein hoͤherer und vollkommne- rer Grad des Traumes. Wir bemerken oͤfters, besonders unmittelbar beim Einschlafen oder im Halbschlummer, einen unvollkommneren Grad desselben, der dem Wa- chen naͤher steht, und gewissermaßen den Uebergang von diesem zum eigentlichen Traumzustande bildet. Auf dieser Stufe, deren wir uns beim Erwachen viel leichter erin- vern, als des vollkommneren Traumes, laufen die zwey verschiedenen Regionen mit ihren beyden verschiedenen Sprachen noch eine Zeit lang parallel neben einander fort, und vermischen sich auf eine unzusammenhaͤngen- de, unpassende Weise. So denken wir uns z. B. das Wort: schreiben, und haben zu gleicher Zeit das Bild zweyer Menschen vor uns, davon der eine den andern auf dem Ruͤcken traͤgt. Auf diese Weise laͤßt beym Einschlafen der Traumzustand den wachen Verstand noch eine Zeit lang in seiner Woͤrtersprache fortpredigen, macht aber zu gleicher Zeit so fremdartige Gesticula- tionen hinter ihm hervor, wie die versteckte Person bey einer Schlafrockspredigt, bis zuletzt jener entschlaͤft, und nun die hinter ihm verborgne Traumwelt frey hervortritt. Auch im vollkommneren Traumzustand ist der Bilderausdruck, dessen sich die Seele bedient, von verschiedener Art, und bald mehr bald minder plan und leicht verstaͤndlich. Oefters stellt uns ein prophe- tischer Traum die Begebenheiten des naͤchsten Tages, in so ferne sich dieselben zu einer bildlichen Darstel- lung eignen, ganz so vor, wie sie uns hernach im Wa- chen chen begegnen, oder es mischen sich doch nur theil- weise hieroglyphische und bildliche Bezeichnungen ein. So sehen wir z. B. einen sehr entfernt geglaubten Freund, der uns am andern Tag auf einmal durch seine Ankunft uͤberrascht, im Traume wirklich ankom- men; das aber, was uns derselbe zu sagen hat, wird, entweder mimisch dargestellt, oder wieder in Bilderaus- druͤcke eingekleidet. Oder wir sehen im Traume in ei- nem Zimmer voller Blut einen noch gesund geglaubten Bekannten, der uns mit ernstem, bleichem Gesichte sagt: es sey heute sein Geburtstag, und am andern Tage muͤssen wir unvermuthet in demselben Zimmer das wir im Traume sahen, Zeugen der Section jenes ploͤtz- lich Gestorbenen seyn. Selbst das, was wir im voll- kommeneren Traume sprechen, behaͤlt, in so ferne es eine große Verwandschaft mit der Region des Trau- mes (Gefuͤhles) hat, oͤfters ganz den im Wachen ge- woͤhnlichen Ausdruck und Zusammenhang bey, und nur hie und da werden einzelne Gedanken auf eine im Traume gewoͤhnliche symbolische Weise bezeichnet. Ueberhaupt ist bey Vielen, eben vermoͤge jener Ver- wandschaft, der Traum ein treuer Spiegel des Wa- chens. Dagegen ist in andern Faͤllen der Bilderaus- druck des Traumes so weit von dem Wortausdruck des Wachens entfernt, daß er erst einer Uebersetzung in diesen bedarf. Von dieser dem Traume eigenthuͤmli- cheren symbolischen Sprache, reden wir hier zunaͤchst. Die eine Wortklasse jener Sprache, die, worinnen sie noch die meiste Verwandschaft mit der gewoͤhnli- chen Wortsprache zeigt, bestehet aus Bildern, die ohn- gefaͤhr hier dieselbe Bedeutung haben, wie im gemein poeti- poetischen oder bildlichen Ausdruck. Ein Weg der durch Dornen oder steil uͤber Berge geht, bedeutet im Traume, wie im gemein poetischen Ausdruck, Unan- nehmlichkeiten und Hindernisse in unserm Lebensschick- sal; ein Weg uͤber Glatteis, druͤckt in beyden Arten zu sprechen, eine peinliche, gefaͤhrliche Lage aus; Finster- niß bezeichnet in beyden Betruͤbniß und Melancholie; den Ring empfangen: verlobt werden. In demselben Sprachgebrauch bedeuten Blumen: Heiterkeit, ein ver- trockneter Bach: Mangel, das Eingesperrtseyn in ei- ne Festung: Bettlaͤgrigkeit; der Besuch des Arztes: Krankheit, Advokaten Unkosten; einen reisen oder uͤbers Wasser gehen sehen: scheiden von ihm fuͤrs ganze Leben. Eine ganz vorzuͤgliche Aufmerksamkeit verdient indeß jener aus den Traumbuͤchern Z. B. das alte Frankfurter Traumbuch. und aus der gemeinen Erfahrung sehr bekannte Sprachgebrauch des Traumes, nach welchem die Seele durch irgend ein Bild gerade das Gegentheil von dem bezeichnet, was dieses im gemeinen Leben bedeutet; nach welchem sie froͤhliche Bilder fuͤr traurige, und umgekehrt traurige Bilder fuͤr froͤhliche Begebenheiten braucht. Der Traum selber ist schon bey vielen Menschen eine sonderbare Kehrseite des wachen Zustandes; sanfte, friedfertige Menschen, sind im Traume oͤfters uͤber al- les Maaß jaͤhzornig und streitsuͤchtig, Feigherzige traͤu- men am haͤufigsten von kuͤhnen Thaten, und wer z. B. Augustins Selbstbekenntnisse gelesen, der wird sich noch an andere Widerspruͤche erinnern, worinn der Traum mit dem Wachen steht. Dem selt- seltsamen versteckten Poeten in uns, scheinet Manches erstaunlich lustig vorzukommen, was uns sehr traurig macht, und umgekehrt scheint er uͤber viele unsrer Freu- den sehr ernste Ansichten zu haben; ein Zeichen daß er sich uͤberhaupt in unsrem jetzigen Zustande nicht so ganz behaglich befindet. So bedeutet Weinen und Betruͤbtseyn im Traume oͤfters nahe (sinnliche) Freude; dagegen wird durch Lachen, durch Tanz, durch Spiel: Betruͤbniß und Traurigkeit; durch lustige Comoͤdien, Spielkarten, lustige Musik (besonders von Geigen): lauter Zank und Widerwaͤrtigkeit angedeutet, und nur das Singen soll auf Gutes weissagen. Eben so sol- len das Grab oder ein Leichenkonduct oͤfters Hochzeit bezeichnen, waͤhrend umgekehrt, jemand im Traume vermaͤhlen sehen, oͤfters den Tod desselben bedeutet. Nicht minder wird in jenem hoͤheren Styl des Trau- mes, unter Geborenwerden: der nahe Tod des Kran- ken, unter dem Geburtstage der Todestag verstanden. In derselben Manier des Ausdrucks pflegt auch der Traum durch das zur Bezeichnung gewaͤhlte Bild, oͤfters mit Dingen, die im Wachen sehr gefchaͤtzt sind, gleichsam Scherz zu treiben. So soll Koth im Trau- me oͤfters Geld; Erde essen oder Spreu sammlen, reich werden und Schaͤtze sammlen bedeuten; Geld soll im Traume auch durch Blattern, Flecken am Leibe und andre unangenehme Dinge bezeichnet, ja in der altmodischen Sprache des Traumes sollen große Reich- thuͤmer unter dem Bilde des hoͤllischen Feuers, oder des Besessenseyns vom Teufel dargestellt werden. Nicht minder sollen Geld und Gut im Traume unter dem Bilde eines lastbaren Esels erscheinen, unter wel- chem chem jedoch auch zuweilen die Ehehaͤlfte verstanden wird; Bettler, Huren und Betrunkenheit, bezeichnen das aͤußere gute Gluͤck. Umgekehrt, deutet (kleines) Geld auf Verdruß, ein naher Geldverlust erscheint unter dem Bilde eines großen Gewinns; Schlaͤge und Wunden von Einem empfangen, soll gerade umgekehrt auf Geschenke und aͤußere Guͤter deuten, welche der Traͤumer von Jenem zu gewarten hat. Auch in andrer hiermit verwandter Beziehung, pflegt uns der versteckte Poet, wenigstens im Traume an die Kehrseite alles unseres irdischen Gluͤckes zu erin- nern. Die nahe Befoͤrderung zum aͤußern Gluͤcke soll sich oͤfters unter dem Bilde einer Todtenbahre ver- sinnlichen; vor einer nahen aͤußern Gluͤcks- und Stan- deserhebung, soll der Traum manchen Personen das Bild ihres eigenen Leichenbegaͤngnisses zeigen; das Kreuz, sonst Symbol des Duldens, soll Triumph uͤber die Feinde und Ansehen; Lilien bluͤhen sehen: Spott und Verachtung vor der Welt bedeuten. Eine andre Wortklasse der Traumsprache, welche vielleicht fuͤr den Psychologen von Profession nicht minder wichtig ist, scheinet sich zum Theil auf tiefer liegende Wechselbeziehungen zu gruͤnden, und mit ei- ner Natursprache in Verwandschaft zu stehen, in wel- cher jeder Gegenstand eine eigene, oͤfters mit seinen uns bekannten Eigenschaften in keinem Zusammenhange stehende Eigenschaft hat. So, um nur einige Beyspiele zu geben, werden uns unsre eignen Leidenschaften und Begierden im Traume unter dem Bilde haͤßlicher oder furchtbarer Thiere, (die wir auf dem Schoße oder sonst he- hegen) versinnlicht; eine Neigung zu irgend einem Ge- genstand, stellt der Traum zuweilen unter dem Bilde eines Lichtstrahls dar, welcher von der Brust des Lie- benden aus, nach dem geliebten Gegenstand hingehet, die gelbe Farbe, z. B. der Anblick einer wie in gel- bes Herbstlicht getauchten Gegend, bedeutet im Trau- me Trauer, die rothe Farbe: Freude, gewisse Natur- gegenstaͤnde, z. B. Zwiebeln, Petersilie, sollen ver- moͤge jener dunklen Wechselbeziehung: Truͤbsinn und Kuͤmmerniß, Salz ein Fieber, Erdbeben: ein allge- meines Ungluͤck; Sonnenfinsterniß so wie Sturm und Zeichen am Himmel, sollen Leiden und tiefe Trauer bedeuten. Die Hirten und Fuͤhrer (Starken) des Volkes, erscheinen uns im Traume, wie dort dem Ajax, unter dem Bilde von Stieren und Viehheerden, (und schon das Haupt des Stieres bedeutet Macht), ein aͤußres Ehrenamt oder der staͤrkere Gemahl unter je- nem des Roßes, toller Streit unter dem des Cameeles. Nach derselben dunklen Weise des Ausdrucks, soll der Nabel (durch den der Ungeborne zuerst mit seiner Um- gebung in Verbindung war) die Heimath, oder die in ihr zuruͤckgelaßenen Eltern, das Ohr und uͤber- haupt mehrere Theile des Leibes: (Zaͤhne, Haͤnde, Schenkel) die nahen Anverwandten, die Schulter: ei- ne Beyschlaͤferin; die Biene: Feuer, der Wein: Macht bedeuten. Auf eine aͤhnliche raͤthselhafte Weise erhalten denn auch gewisse symbolische Handlungen im Trau- me eine ganz eigene Bedeutung, so z. B. das Aus- oder Anziehen eines Schuhes, wodurch die Seele das Aufloͤsen oder Anknuͤpfen einer Verbindung zwi- zwischen zwey Personen verschiedenen Geschlechts be- zeichnet. Es ist wohl moͤglich, daß der groͤßte Theil der hier gegebenen Beyspiele von Traumbildern, zu dem oben erwaͤhnten platten oder niedern Dialect der Traumsprache gehoͤren; indeß hat man uͤber diesen die meisten Beobachtungen. Der hoͤhere Dialect scheint ganz mit jener Sprache uͤbereinzustimmen, von welcher im naͤchsten Abschnitte die Rede seyn wird. Beyde stehen uͤbrigens in der genauesten Verwand- schaft mit einander, und einer ist aus dem andern verstaͤndlich. Die Bedeutung jener Traumhieroglyphen, ist zu- naͤchst an vorhersagenden Traͤumen erforscht worden. Jene prophetische Combinationsgabe uͤbt indeß die Seele nicht in allen, und selbst nicht in den meisten Traͤumen aus, eben so wie sie auch im Wachen nicht minder oft an das denkt, was vergangen, oder mit ihren gegenwaͤrtigen Wuͤnschen und Beduͤrfnissen in Beziehung ist, als an das, was sie kuͤnftig thun und genießen will. Außerdem ist ein großer Theil unsrer Traͤume, wie ein großer Theil unsrer Gespraͤche beym Wachen, ein leeres, bedeutungsloses Gewaͤsch, und zuweilen haͤlt sich die Seele fuͤr das uͤberfluͤßige Spre- chen, was ihr im Wachen versagt ist, im Traume schadlos, eben so wie sie umgekehrt bey jenen tieferen Seelen, denen im Wachen das Organ zu fehlen scheint, im Traume sich gewaltiger und gehaltreicher ausdruͤckt als im Wachen. Wir bemerken indeß auch in den nicht prophetischen Traͤumen, daß sich die Seele zum zum Bezeichnen der Gegenstaͤnde eben solcher hierogly- phischer Bilder bediene, als in den prophetischen. Ein großer Theil unsrer Traͤume ist demnach ein Repro- duciren des Vergangenen, oder ein freyes Spiel unse- rer Neigungen und Geluͤste, beydes in einer Welt von eigenthuͤmlichen Bildern und hieroglyphischen Zeichen, und wenn die Seele zuweilen im Traume uͤber abstracte Gegenstaͤnde in der gewoͤhnlichen Woͤr- tersprache und Gedankenfolge auf dieselbe Weise denkt wie im Wachen, so verhaͤlt sich dieß zur eigentlichen Region des Traumes eben so, wie jene phantastischen Traͤumereyen, denen wir uns zuweilen im Wachen uͤberlassen, zu der eigentlichen Region des Wachens. Uebrigens ist es mehr als wahrscheinlich, daß es noch einen tieseren Grad des Traumzustandes gebe, von welchem uns beym Erwachen nur hoͤchst selten eine dunkle Ruͤckerinnerung zuruͤckbleibt, weil er von der Region des Wachens durch dieselbe Kluft geschieden ist, als der Zustand der magnetischen Clairvoyance. Je- ne tieferen Traͤume lassen indeß meist im Wachen eine gewisse Stimmung und einen Theil jener Vorahndun- gen (z. B. des nahen Todes) zuruͤck, von welchem meh- rere Beyspiele bekannt genug sind. Wie uͤberhaupt die ganze Welt der Traͤume in der Bildungs- und Entwicklungsgeschichte unsers Geistes eine wichtige Rolle spielt, so scheint auch jener hoͤhere Grad des Traumes noch einer weiteren Nachforschung wuͤrdig. Spuren desselben wird der Psycholog viele finden. 2. Die 2. Die Sprache der Poesie und der Offenbarung. W enn noch ganz neuerdings ein ehrwuͤrdiger Gelehr- ter den Grund, warum die Sprache der Propheten zum Theil etwas so Dunkles, Unverstaͤndliches habe, bloß darinnen zu finden glaubt: daß die hoͤhere Weis- heit absichtlich ihre Plaͤne fuͤr die Zukunft nicht vor je- dermanns Augen enthuͤllen wolle, damit die Parthey des Obscurantismus den Keim des noch kuͤnstigen Gu- ten nicht im voraus ersticken, oder wenigstens das was sein Aufkommen foͤrdert zuruͤckhalten koͤnne: so will die- se Ansicht nicht durchaus genuͤgen. Die hoͤhere Hand hat von Anfang an immer Mittel zu finden gewußt, den noch zarten Keim mitten unter feindlichen Absich- ten zu bewahren, oder ihn in ein fernes Egypten zu verbergen, und von jeher ist nichts seinem Aufkommen und Gedeihen so foͤrderlich und heilsam gewesen, als gerade jene Plaͤne die ihn unterdruͤcken wollten. Außer diesem ist es auch den Wenigen, deren geweihtes Auge jene Hieroglyphen versteht, niemals vergoͤnnt zu schwei- gen. Die andre Parthey, wenn sie nur sonst aufmer- ken moͤchte, wuͤrde noch zeitig genug erfahren, so viel sie zum Anlegen ihrer fruchtlosen Gegenplaͤne und Ge- genmaschinen zu wissen brauchte, und der endliche Sieg der Wahrheit uͤber die Luͤge, wuͤrde durch jene Hindernisse nur um so schneller hexbeygefuͤhrt, nur um so entscheidender und glaͤnzender werden. In einer etwas anderen Beziehung pflegt mein alter Lehrmeister, bey vorzuͤglich dunklen politischen Con- stella- stellationen mit Sicherheit anzunehmen: daß das nicht geschehen werde, was die große Menge, und unter ihr vorzuͤglich die politischen Weisen, in frechem Ueber- muth, fuͤr ausgemachte Sache halten, und schon als ganz gewiß hoffen oder fuͤrchten; vielmehr schließt er dann gerade aufs Gegentheil, und hat sich, so viel ich von ihm weiß, in solchen Schluͤssen, die sich auf die Dummheit des menschlichen Herzens gruͤnden, noch nicht betrogen. Die Plaͤne der hoͤheren Weisheit, sagt er, sind etwas Anderes als die Plaͤne und Schluͤsse der bloͤden Menschenweisheit: beyde lausen einander meist gerade entgegen, und jene Weisheit wuͤrde uͤber- haupt keine hoͤhere seyn, wenn jeder dummdreiste po- litische Witz ihre Absichten durchschauen koͤnnte. In der That bedarf es keiner langen Beobach- tungen, um einzusehen, daß wir in unsern Schluͤssen und Plaͤnen schon auf den naͤchsten Tag aͤußerst blind und ungluͤcklich sind, und daß die Sprache des Schick- sals uns unverstaͤndlich, sein Gang fuͤr uns ein ver- schlossenes Buch sey. In jener natuͤrlichen Blindheit liegt denn auch der Grund, weßhalb uns die Vorher- verkuͤndigungen der Propheten, welche noch auf eine viel hoͤhere Weise als der Traum die Sprache des Schicksals reden, so dunkel und unverstaͤndlich erscheinen. Allerdings gleicht jene Sprache in Bildern und Hieroglyphen, deren sich die hoͤhere Weisheit in allen ihren Offenbarungen an den Menschen bedient hat, eben so, wie die hiermit verwandte Sprache der Poesie, in unserm jetzigen Zustande mehr dem dunklen Bilderausdruck der Traͤume, als der Prosa des Wa- chens; chens; indeß fragt sich sehr, ob nicht eben jene Spra- che die eigentliche wache Rede der hoͤheren Region sey, waͤhrend wir, so wach wir uns glauben, in einem lan- gen, mehrtausendjaͤhrigen Schlaf, oder wenigstens in den Nachhall seiner Traͤume versunken, von jener Sprache Gottes, wie Schlafende von der lauten Rede der Umstehenden, nur einzelne dunkle Worte vernehmen. Was zuerst die Sprache der Poesie betrifft: so ist ihre Verwandschaft mit der Sprache des Traumes schon im Vorhergehenden bemerkt worden. Wie die letztere der Seele natuͤrlich und gleichsam angeboren ist, nicht erst erlernt zu werden braucht, so ist nach der alten bekannten Sage auch Poesie die urspruͤngliche Sprache der Voͤlker gewesen, die Prosa uͤberhaupt eine spaͤtere Erfindung und aͤltere Voͤlker und Voͤlkerbuͤcher sprechen noch immer fuͤr uns Sprache der Poesie. Jene, wie diese redet ausdrucksvoller, gewaltiger, magischer zum Gemuͤth als die Prosa des Wachens, und die Poesie zeigt auch noch in anderer Hinsicht, daß ihr der Schluͤs- sel zu unserem innern Raͤthsel nicht sern liege. Wie naͤmlich der Seele, wenn sie die Sprache des Traumes spricht, peophetische Combinationen, Blicke in das Zu- kuͤnftige gelingen: so erhaͤlt sie diese Eigenschaft auch in der Region der hoͤheren Poesie; die wahrhaft poetische Begeisterung und die prophetische sind sich verwandt; Propheten waren wenigstens immer Dichter. Freylich waren jene Verse, in denen Pythia in den aͤltesten Zeiten immer sprach, oder in welche ihre Ausspruͤche uͤbersetzt wurden, nicht immer sonderlich wohlklingend noch sonst eines Gottes der Dichter wuͤr- dig dig. Man hat hier uͤberhaupt nicht zunaͤchst auf das Metrum zu sehen, obgleich auch der Rhythmus Die beruhigende, zum Theil einschlaͤfernde und die Seele in die Region der dunklen Gefuͤhle und des Traumes fuͤhrende Wirkung des Metrums, macht uns dasselbe hier noch in anderer Beziehung merkwuͤrdig. ein urspruͤnglicher Begleiter der aͤltesten Voͤlkersprache ge- wesen. Uebrigens hat jene pythische Begeisterung mit dem Zustande des lebhafteren Traumes die Art der Sprache, und den eigenthuͤmlichen dunkleu, scheinbar zweydeutigen Charakter gemein; abgesehen davon, daß ein Theil der Orakel in Traͤumen ertheilt wurde. Die zerrissene Weinrebe, wodurch das Orakel dem nach sei- ner Ruͤckkehr in die Heimath fragenden Feldherrn den nahen Tod, fern von den Seinen, andeutet; die hoͤl- zerne Mauer, worunter Schiffe; Schiffe, unter de- ren bestimmter Zahl die Zahl der Lebensjahre; das Meer, worunter die Masse der zu beherrschenden Voͤlker verstanden werden u. s. f., sind ganz im Sprachgebrauch des Traumes. Eben so die dem gemeinen Sprach- gebrauch oͤfters ganz entgegengesetzte, gleichsam ironische Bedeutung der Orakelspruͤche, wie z. B. jener dem Croͤsus ertheilte: „er werde, wenn er uͤber den Halys ginge, ein großes Reich stuͤrzen‟ was Croͤsus als Vor- herverkuͤndigung des nahen Sieges genommen, waͤhrend das Reich das er stuͤrzte, sein eigenes war. In einem solchen mehr oder minder ironischen Ver- haͤltnisse zu der Region des alltaͤglichen, gemeineren Be- strebens und Beduͤrfnisses, stehet uͤberhaupt die ganze Welt der Poesie, und schon die Lebensschicksale der mei- meisten Dichter, laßen uns jenen Widerspruch, in wel- chem die poetische Welt mit der nicht poetischen ste- het, deutlich erkennen. Der Geist des Prophetenthums ist freylich von jenem der Orakel so weit entfernt, als die ehemalige Heimath der menschlichen Seele: die Region der geisti- gen Gefuͤhle, von der der sinnlichen, worinnen sie jetzt weilt, und welche das Feld der pythischen Begeiste- rung des Traums, und aller hiermit verwandten Er- scheinungen ist. Dennoch, wie auch in der aͤußern Natur, in den verschiedensten Klassen und Arten der Wesen, dieselbe, nur mehr oder minder vollkommen ausgepraͤgte Grundform wieder erkannt wird, finden wir auch hier denselben allgemeinen Typus in beyden Klassen wieder, und die hoͤhere spiegelt sich in der nie- deren mit hinlaͤnglicher Deutlichkeit ab. Wie schon in der ungleich niederern Region des Traumes, bey den verschiedenartigsten Menschen die Bedeutung der Traumbilder fast ganz dieselbe ist; so ist auch in der Sprache der Propheten schon von Meh- reren jene Gleichartigkeit bemerkt worden, vermoͤge welcher bey den verschiedensten Propheten unter den- selben Bildern immer das Naͤmliche verstanden wird. Wir sehen uns bey Allen in dieselbe Welt heiliger Gestalten und Kraͤfte versetzt, finden bey allen dieselbe Natur, das naͤmliche Costuͤme, und diese Ueberein- stimmung scheint, wenn wir verwandte geistige Er- scheinungen bey andern Voͤlkern (Abschn. 3) damit vergleichen, nicht daher zu kommen, daß die Prophe- ten alle Kinder eines Volkes waren. 2 Jene Jene vier Thiere, allenthalben voll Augen, ohne Stillstand und voll lauten Lobes; die sieben Lampen, oder der siebenarmige Leuchter; die beyden Oelbaͤume und andre Bilder jener Art, Die vier Thiergestalten (als Koͤpfe) finden sich auch bey dem Weltschoͤpfer der Orphiker und der persisch- indische Sonnengott Mithras hat sie als Attribute neben sich (nach Kaune.) finden wir bey Meh- reren; das neu zu begruͤndende Reich des Guten wird bey den verschiedensten auf dieselbe Weise, durch den zu bauenden oder auszumessenden Tempel bezeichnet, große Monarchien und Voͤlkerfuͤrsten unter dem Bil- de chimaͤrischer Thiere oder der Hoͤrner; das Verhaͤlt- niß zwischen Gott und seiner Gemeinde unter dem Bilde der Ehe; das Gewuͤhl mannichfacher Nationen unter dem des Meeres; allgemeiner Untergang unter jenem des Erdbebens, der Stuͤrme; das Unterliegen der Besseren, unter dem Bilde einer großen Aerndre; die Lehrer des Volkes unter jenem der Sterne; das Reich des Boͤsen, so wie das des Guten, unter dem Bilde einer großen Stadt; die Wiederbringung und Wiedererneuerung des zerstreuten Volkes Gottes, un- ter jenem der leiblichen Auferstehung. Eben so sind die (kriegbringenden) Waͤgen, mit starken Rossen be- spannt, so wie jener Reuter, ausgesandt das Land als Raͤcher zu durchziehen, — der Brief — je- nes Gefaͤß, worin die feindliche, abtruͤnnige Gewalt, in Gestalt eines Weibes verschlossen wird, wie schon St. Martin bemerkt hat, Mehrern gemein. Jener Ton der Ironie, welcher schon in der Spra- che des Traumes bemerkt wird, gehet denn auch, nur auf auf eine ungleich hoͤhere Weise, durch die Vorherver- kuͤndigungen aller Propheten hindurch. Waͤhrend fuͤr das geistige Reich des an andern Stellen als niedrig und verachtet geschilderten Messias, die herrlichsten und gewaltigsten Bilder gebraucht werden; sehen wir alle Hoheit und Macht der nicht prophetischen Welt auf die entgegengesetzte Weise unter niedrigen und ge- ringen Bildern bezeichnet. Der Stolz jenes maͤchti- gen Fuͤrsten, welcher ganze Voͤlker hinweggenommen, wie man die huͤlflose Brut eines Vogels hinwegnimmt, wird mit dem Stolze eines Steckens verglichen, den ein starker Arm zum Schlagen braucht, so lange er will, oder mit einem Horn, das die starke Hand des Schmidtes hinwegschlaͤgt, sobald sie mag. Jener schoͤne Morgenstern, der die Voͤlker bezwang, der in den Himmel steigen, und seinen Stuhl uͤber die Ster- ne Gottes erhoͤhen wollte, wie der Allerhoͤchste, ist zur Erde geworfen, wie das in Lumpen zerrissene, verfaulte Kleid eines Todten, fern von seinem Grabe hingeschleudert, wie ein verachteter Zweig, da sind nun statt dem Klange der Harfen, Motten seine Ge- sellschaft; jener Große, der so fest an seinem Orte zu stehen glaubt, daß er noch Plaͤne uͤber den Tod hinaus macht, wird umgetrieben, wie eine Kugel, der feste Felsen muß vor Furcht entfliehen. Ein gewal- tiges Heer, zahllos wie Staub und wohlgeruͤstet, wird mit einem ohnmaͤchtigen Nachtgesicht im Traume ver- glichen, seine Unternehmungen mit dem Thun eines Hungernden im Traume, der sich an den erdichteten Speisen zu ersaͤttigen glaubt, und nur kraftloser vom Schlafe erwacht. Die weisen Raͤthe der weisen Koͤ- nige, werden mit Narren verglichen, die nicht wissen, was was sie wollen, der Tag des Herrn, der anderwaͤrts grausam und traurig geschildert wird, erscheint unter dem froͤhlichen Bilde eines Gastmahls, zu welchem die Schlachtthiere laͤngst gemaͤstet, und viele Gaͤste geladen sind; die Ruthe des Zorns koͤmmt mit Pau- ken und Harsen. Waͤhrend die Wuͤste und Einoͤde lustig seyn, das Gefilde froͤhlich stehen und bluͤhen wird wie die Lilien und wie Carmel und Saron, sollen in den Pallaͤsten bluͤhender Staͤdte aus den Truͤmmern Nesseln wachsen und Dornen, einsame Strauße in den ehemals froͤhlichen Gassen weiden, Eu- len und Raben in den Lustschloͤssern wohnen. Berge sollen zur Ebene, das Niedrige und Verachtete hoch werden. Und so spricht sich dieser Sinn des Gegen- satzes und Widerspruches der hoͤheren prophetischen Welt, gegen die niedere nicht prophetische, auf die verschiedenste Weise aus, was in dieser hoch, allge- mein begehrt und glaͤnzend ist, erscheint in jener un- werth und niedrig, und so wieder umgekehrt, und die- ser Widerspruch hat sich nicht bloß in den Vorher- verkuͤndigungen, sondern auch in den Lebensschicksalen der Propheten, in dem Verhaͤltnisse zu ihrer Zeit und ihrer Umgebung deutlich gezeigt. Eine besondere Aufmerksamkeit scheinen die sym- bolischen Handlungen zu verdienen, welche den Pro- pheten zum Theil anbefohlen werden, so wie die sym- bolischen Lebensschicksale einiger von ihnen. Daß auch in der Sprache des Traumes gewisse Handlungen ei- ne symbolische Bedeutung annehmen, davon war schon im Vorhergehenden die Rede. Es gehoͤrt zu den we- sentlichsten Eigenthuͤmlichkeiten in der Sprache beyder Regi- Regionen: den Theil fuͤrs Ganze zu brauchen, an ei- nem Einzelnen die Geschichte des Ganzen darzustellen, und wir finden in der Geschichte der Propheten oͤfters, daß diese durch ihr eignes Schicksal das ihres gesamm- ten Volkes repraͤsentirten. Uebrigens ist die Sprache der hoͤheren propheti- schen Region mehr als irgend eine andre ihr verwand- te: Sprache des Schicksals, Sprache einer alles wal- tenden Gottesweisheit, und die Zukunft, selbst die fernste, hat sich jenen Sehern so klar und deutlich enthuͤllt, wie keinem andern. Der Inhalt aller Vor- herverkuͤndigungen der Propheten ist immer derselbe: Geschichte des großen Kampfes der Wahrheit mit der Luͤge, des endlichen gewissen Sieges der erstern uͤber die letztre, und die Aussicht auf ein herrliches Reich des Lichts, der Liebe, des Schauens. Nun noch einige Worte, uͤber ein hiermit nahe verwandtes Gebiet: Die Lebensbeschteibungen und Selbstbekenntnisse jener Menschen, welche ein inner- liches Leben gefuͤhrt haben, von jenen des Augustinus an, bis zu den bekannten Bekenntnissen einer schoͤnen Seele, reden nicht selten von Zustaͤnden, welche ganz denen der prophetischen Gesichte gleichen. Besonders ist das Leben der Anna Garcias, so wie jenes der An- gela Foligni reich an aͤhnlichen Erscheinungen, und der ersteren wird bald ihr innerer Seelenzustand, bald ihr Verhaͤltniß zur Welt oder zu Gott unter allerhand (prophetischen) Bildern vorgestellt; z. B. unter jenen von Thieren, Lichterscheinungen und anderen Naturgegen- staͤnden. Beyspiele einer solchen hoͤheren Clairvoyance finden finden sich auch in der neulich wieder bekannt gemach- ten Lebensbeschreibung des Hemme Hayen. Leben des Hemme Hayen, eines niederlaͤndischen Bau- ren, Nuͤrnberg 1810. Auch bey allen jenen Menschen geschehen die Mittheilungen und Offenbarungen der hoͤheren, geistigen Region in einer Sprache, deren Worte hieroglyphische Gestalten, Gegenstaͤnde und Bilder der Sinnenwelt waren, und in einem einzigen solchen Bilde, entraͤthselten sich ih- nen oͤfters Dinge, mit denen sie sich Jahre lang an- gelegentlich beschaͤftigt, die sie Jahre lang als dunkles Geheimniß bekuͤmmert hatten. Hieher gehoͤrt denn auch die ganze Region des religioͤsen Cultus, und wir erinnern nur an das, was von der symbolischen Bedeutung mancher Handlun- gen uͤberhaupt gesagt worden. Schon aus der Ge- schichte der magnetischen Rapports ist es bekannt: was jede noch so unbedeutende Beruͤhrung eines orga- nischen oder nicht organischen Koͤrpers sowohl auf diese als auf den Leib des Beruͤhrenden zu wirken vermoͤ- ge. In der hoͤheren geistigen Region zeigt sich, nur noch auf viel zaͤrtere Weise, etwas dem Aehnliches. Wer es empfunden, wie oft eine noch so unbedeutend scheinende, mit Willen vollzogene Handlung, wie oft ein einziges Wort einen so bedeutenden Einfluß auf unser gei- stiges Wohlbefinden habe, der sich durch ein inneres Wohlgefuͤhl oder Mißbehagen merklich macht, und wie oft solche Handlungen eine lange andauernde, unser spaͤ- teres Thun bestimmende Nachwirkung zuruͤcklassen, dem wird jenes Verhaͤltniß nicht schwer zu begreifen seyn. Die Die Worte, z. B. mancher religioͤser Hymnen der fruͤheren Zeit, erregen, wenn wir uns ihrer Wir- kung uͤberlassen, Gefuͤhle und Kraͤfte in uns, welche fast von einer magischen Wirksamkeit ihrer dunkeln Bil- dersprache zeugen, obgleich diese, neben der nuͤchternen Prosa unsrer neuern (moralischen) Gesaͤnge, die in demselben Grade erkaͤlten und entkraͤften, einem hoͤ- hern Wahnsinne gleicht, der, vor Liebe sterbend, wie dort Ophelia, mit Blumen spielt. Der religioͤse Cul- tus, mit seinen vielfach mißverstandenen symbolischen Handlungen, ist nichts anders, als ein solcher Hym- nus, dessen Worte Handlungen sind, welche ihre ma- gische Wirkung auf das empfaͤnglichere Gemuͤth nicht leicht verfehlen. Der Cultus hoͤherer Art gehoͤrt ganz in die Region der prophetischen Welt zu Hause, und wird aus dieser verstanden, waͤhrend der Cultus nie- deren Ranges, aus der Region der pythischen Begei- sterung hervorgehet. Endlich, so zeigt auch jene hieroglyphische Bil- dersprache, die man besonders an egyptischen alten Denkmaͤlern und an den seltsamen Gestalten der alten Goͤtzenbilder der Morgenlaͤnder kennen gelernt hat, eine auffallende Verwandschaft mit der Traumbildersprache. Vielleicht koͤnnte es gelingen, durch Huͤlfe dieser Ver- wandschaft den verloren gegangenen Schluͤssel auch fuͤr den bisher noch nicht entraͤthselten Theil jener Natur- zeichensprache zu finden, womit dann fuͤr uns mehr als eine bloße Erweiterung unserer archaͤologischen und mythologischen Kenntnisse wuͤrde gewonnen werden: eine Ansicht von der Bedeutung der uns umgebenden Natur, von welcher sich unsre gewoͤhnliche Naturkunde nichts traͤumen laͤsset. 3. Die 3. Die Symbolik der Natur. V on jenen Bildern und Gestalten, deren sich die Sprache des Traumes, so wie die der Poesie und der hoͤheren prophetischen Region als Worte bedienon, fin- den wir die Originale in der uns umgebenden Natur, und diese erscheint uns schon hierinnen als eine ver- koͤrperte Traumwelt, eine prophetische Sprache in le- bendigen Hieroglyphengestalten. Der unbekannte Phi- losoph Esprit des choses kumaines. scheint deßhalb nicht ohne Grund die Natur mit einer Somnambuͤle, einer Traumrednerin zu ver- gleichen, welche uͤberall nach derselben innern Noth- wendigkeit, nach demselben bewußtlesen und blinden Triebe wirke, aus welchem die Handlungen eines Nacht- wandlers hervorgehen, und deren Producte — in allen ihren mannigfachen Geschlechtern und Arten, den Bil- dern unserer Traͤume gleichen, die an sich selber unwe- sentlich, erst durch das was sie bedeuten, was sie darstellen, Sinn und Wesenheit erhalten. In der That, die gemeine teleologische Ansicht machet aus der Natur ein Ungeheuer, welches, damit es nur eine Beschaͤftigung habe, ewig in seinen eige- nen Eingeweiden wuͤthet; ein Caroussel, wo sich Katze und Maus, Maus und Katze, ewig in einem Kreise herumjagen, ohne dabey eigentlich „vom Flecke zum Zwecke‟ zu kommen. Wenn z. B. nach jener Ansicht ein Theil der untergeordneten Thierwelt nur dazu da ist, um von der hoͤheren gesressen zu werden, diese hoͤ- here here wiederum ihrerseits meistens nur dazu, um die sonst sich gar zu sehr mehrende niedere aufzufressen; so begreift man nicht, wozu denn am Ende dieses Fres- sen und Gefressenwerden eigentlich fuͤhren solle? Die Natur, in welcher uͤbrigens die Zahl der Individuen, im Einzelnen wie im Ganzen und von der moͤglichen Summe der Polypen eines Corallenbaums an, bis hin- auf zu der Summe der zu gleicher Zeit auf der Erde lebenden Menschen so genau bestimmt ist, Man denke nur an die so viel groͤßere Fruchtbarkeit des Menschengeschlechts, nach manchen Pestepidemien der fruͤheren Jahrhunderte. verstuͤnde wirklich den Calcul in ihrer Haushaltung sehr schlecht und unhaͤuslich zu fuͤhren, wenn sie auf der einen Seite eine so unverhaͤltnißmaͤßig große Menge von Vor- raͤthen herbeyschaffte, daß sie wieder eigner Wesen be- duͤrfte, die jene nur aufzehrten, auf der andern ganze große Supplemente und Anhaͤnge an ihre, zunaͤchst bloß fuͤr den Menschen bestimmte Welt verfertigen muͤßte, weil in derselben fuͤr den Lebensunterhalt der dem Menschen dienenden Wesen noch zu ungenuͤgend gesorgt gewesen. Der verstorbene Wieland beklagte bey dem An- blick eines Feldes voll frischen, bluͤhenden Klees scherz- haft, daß er nicht eine Kuh sey, um diesen schoͤnen Vorrath selber verzehren zu koͤnnen; und in der That, in einer Natur, deren ganze Bestimmung doch nur am Ende darauf hinaus liefe, den Menschen zu fuͤt- tern und zu bekleiden, begreift man nicht, warum nicht nicht hie und da oͤfter solche Abbreviaturen angebracht sind? um so mehr da auch von einer andern Seite, wie schon der seynsollende Gotteslaͤugner Vanini am Scheiterhaufen stehend sagte, die Betrachtung eines bloßen Strohhalmes Beweise genug fuͤr das Daseyn eines Gottes geben koͤnnte. Unserer gemeinen teleologischen Ansicht spottet schon in altes Buch, welches fragt: „meynst du das Ein- ehorn werde dir dienen, und werde bleiben an deiner Krippe?‟ oder: „kannst du den Leviathan ziehen mit einem Hamen,‟ … meynest du, die Gesellschaften werden ihn zerschneiden, daß er unter die Kaufleute zertheilet wird? „und es widerspricht ihr die ganze Bildungsgeschichte des Menschen. Diese, weit ent- fernt, der Annahme einer solchen epicurischen Fuͤrsorge, welche die ganze Natur nur zur Belustigung unserer Sinne hervorgerufen, das Wort zu reden, hat viel- mehr von jeher von einer hoͤheren Bestimmung des Menschen als jener des sinnlichen Genusses gesprochen, und der Weg zu der urspruͤnglichen Region unseres Gemuͤths, gehet durch Abgeschiedenheit und Ent- bloͤßung von allem Sinnlichen. Ueberhaupt scheinet nach allem nicht der sinnliche Mensch, und die Be- friedigung seines niederen Beduͤrfnisses, sondern der geistige und seine Ausbildung, Hauptaugenmerk der schaffenden Natur gewesen zu seyn. Eine hoͤhere, aber auch nicht durchaus genuͤgende teleologische Ansicht, ist die aus der allgemeinen Noth- wendigkeit des Gegensatzes hergeleitete, nach welcher ein Gegensatz nicht da seyn koͤnnte ohne den ihm gegen- gegenuͤberstehenden andern, die Leber z. B. in der Re- gel nicht produzirt werden koͤnnte, ohne daß zugleich der andere Pol, die in Hinsicht ihres physiologischen Nutzens raͤthselhafte Milz mit gesetzt wuͤrde, die Nie- ren nicht ohne die Nebennieren, die Pflanzen fressenden Thiere nicht ohne die ihnen gegenuͤber stehenden Raub- thiere. Indessen gehet dennoch die wahre Teleologie, welche zwar auch den Menschen als Mittelpunkt alles Erschaffenen, die ganze Natur (nur in geistiger Hinsicht) in Beziehung auf ihn vorhanden annimmt, nicht von dieser Ansicht, sondern von andern tiefer liegenden Prinzipien aus. An eine geistige Bedeutung der uns umgebenden Natur, an eine sogenannte Natursprache, ist schon oͤf- ters und bey mehreren Voͤlkern gedacht worden. Merk- wuͤrdig ist es immer, daß gewisse Thiere, gewisse Blumen u. s. w. bey den verschiedensten Voͤlkern und in den verschiedensten Zeiten einerley Bedeutung ge- habt haben, die mit ihren uns bekannten Eigenschaf- ten in keinem sichtbaren Zusammenhang stehet, z. B. der Eisvogel, der Alcyon der Alten, der noch jetzt bey halb kultivirten und wilden Nationen, bey den Tar- taren und Ostiaken sowohl als bey den Bewohnern der Suͤdsee Inseln dasselbe bedeutet, was er den Al- ten war, Vogel des Friedens und des Gluͤcks, Baͤn- diger der Stuͤrme und des Meeres, und so mehrere Thiere, von deren einigen noch hernach die Rede seyn wird. Auch die kuͤnstliche Blumensprache, die vor- zuͤglich in den Morgenlaͤndern zu Hause ist, scheint wenigstens von der Voraussetzung auszugehen, daß eine solche Natursprache moͤglich sey, obgleich sie meist will- willkuͤhrlich zu Werke geht, und nur selten an einer tieferen Bedeutung ber Naturgegenstaͤnde hinstreifet. So koͤnnte z. B. eben so gut die eine als die andre Blume in jener Briefsprache eine Zusammenkunft, oder das eifersuͤchtige Auge des Waͤchters bedeuten, und wirklich (man denke nur an die so verschiedene Be- deutung des Stiefmuͤtterchens, im Deutschen und im Franzoͤsischen) ist fast jede Nation mit solchen will- kuͤhrlichen Auslegungen auf eigene Weise zu Werke gegangen. Wenn dagegen z. B. die Herbstzeitlose ( colchicum autumnale ) deren lilienartige Blume noch im Herbst, wenn die Zeit fast aller andern Blumen voruͤber ist, unsre Wiesen bedeckt, und nach wenig Ta- gen wieder verschwindet, ohne Blaͤtter oder Fruͤchte er- zeugt zu haben, die dann erst im Fruͤhling des naͤch- sten Jahres zum Vorschein kommen, in jener Blu- mensprache die Unsterblichkeit, das im jetzigen Leben ungestillte, erst im Fruͤhling eines neuen Lebens in Er- fuͤllung gehende Sehnen bedeutet, Hierin dem Asphodelos der Alten nicht unaͤhnlich. so scheint eine solche Auslegung einem tiefer eindringenden Verstaͤnd- niß wenigstens nicht ferne zu stehen. Schon bey den Alten Ueber alle hier erwaͤhnten Ansichten des Alterthums sehe man Creuzers Symbolik und Mythologie, besonders das dritte Buch, aus dem sie hier woͤrtlich entlehnt worden. ist jener in den Myste- rien gefeyerte Dionysos die Vielheit, er offenbart sich als bunte Mannigfaltigkeit der Elemente und Geschlech- ter ter der uns umgebenden Natur. Derselbe Dionysos ist nach der Geheimlehre der Egypter, Gott aus Gott geboren und ihm wird als Zagreus sein Sitz unmit- telbar neben dem Throne des Gottes der Goͤtter und die Macht des Vaters eingeraͤumt, ja in den orphi- schen Mysterien ist er der Gott der Goͤtter selber. Je- ner Fleischgewordne Gott, — der den Indern zweyte Person der Gottheit ist, den egyptischen Priestern der ewige Entscheider uud Bestimmer aller Dinge und so- mit auch Herr der Schicksale und Schicksalsdeuter — erster Prophet (Sprecher der Schicksalssprache nach dem Vorhergehenden) wird anderwaͤrts das Wort aus Gott genannt. Die uns umgebende Natur in allen ihren mannigfaltigen Elementen und Gestalten, erscheint hier- nach als ein Wort, eine Offenbarung Gottes an den Menschen, deren Buchstaben (wie denn in dieser Re- gion alles Leben und Wirklichkeit hat) lebendige Ge- stalten und sich bewegende Kraͤfte sind. Auf diese Weise wird dann die Natur das Original jener Na- turbildersprache, worinnen die Gottheit sich ihren Pro- pheten und anderen Gott-geweihten Seelen von jeher offenbart hat, jener Sprache, die wir in der ganzen geschriebenen Offenbarung finden, und welche die Seele als die ihr urspruͤngliche und natuͤrliche, im Traume, und in den hiermit verwandten Zustaͤnden der poeti- schen und pythischen Begeisterung redet. Eine solche Gemeinschaftlichkeit der Sprache unserer Seele und des hoͤchsten schaffenden Prinzips, laͤsset auch auf eine an- dre tiefere Uebereinstimmung beyder schließen. Dassel- be Prinzip, aus welchem die ganze uns umgebende Ratur hervorgegangen, zeigt sich unter andern auch in uns, bey der Hervorbringung jener Traum- und Na- tur- tur-Bilderwelt thaͤtig, obgleich gerade diese Thaͤtig- keitsaͤußerung, in dem jetzigen Zustande nur ein sehr untergeordnetes Geschaͤft der Seele ist. Dasselbe, was wir bey der Sprache des Traumes bemerken, jenen Ton der Ironie, jene eigenthuͤmliche Ideenassociation und den Geist der Weissagung, fin- den wir denn auch auf ganz vorzuͤgliche Weise, in dem Originale der Traumwelt, in der Natur wieder. In der That, die Natur scheint ganz mit unserm ver- steckten Poeten einverstanden, und gemeinschaftlich mit ihm uͤber unsere elende Lust und lustiges Elend zu spot- ten, wenn sie bald aus Graͤbern uns anlacht, bald an Hochzeitbetten ihre Trauerklagen hoͤren laͤsset, und auf diese Weise Klage mit Lust, Froͤhlichkeit mit Trauer wunderlich paart, gleich jener Naturstimme, der Luft- musik auf Ceilon, welche im Tone einer tiefklagenden, herzzerschneidenden Stimme, furchtbar lustige Menuetten singt. Die Zeit der Liebe und der Freude ist es, wenn die Nachtigall ihren klagenden Gesang am meisten hoͤ- ren laͤsset, worinnen sie nach einem dichterischen Aus- druck, die Rose uͤber Graͤbern besinget, und alle Freu- dengesaͤnge der Natur haben den klagenden Mollton, waͤhrend umgekehrt ein ephemeres Gefluͤgel den Tag seiner Hochzeit unmittelbar am Grabe, am Tage des Todes seyert. Tod und Hochzeit, Hochzeit und Tod liegen sich in der Ideenassociation der Natur so nahe wie in der des Traumes, eins scheint oft das andere zu bedeuten, eins das andere herbeyzufuͤhren oder vor- auszusetzen; sie erscheinen oͤfters in der Sprache der Natur als zwey gleichbedeutende Worte, davon nach Gelegenheit eins fuͤr das andre gesetzt wird. Die Er- Erzeugung und letzte Aufloͤsung der Koͤrper, sind sich, wie schon anderwaͤrts bemerkt worden Im zweyten Bande meiner Ahndungen einer allgemei- nen Geschichte des Lebens, Abschn. 1. , in der gan- zen Natur, sowohl in Hinsicht der Erscheinun- gen als der dabey hervorkommenden Stoffe unmittel- bar verwandt und gleich; Phosphorus ist Morgen- wie Abendstern, Fackel der Hochzeit und des Todes, und waͤhrend der eine Theil des immer kreisenden Ra- des sich zur neuen Zeugung emporhebt, geht der an- dere in demselben Verhaͤltniß hinabwaͤrts. Schmerz und Lust, Lust und Schmerz sind auf dieselbe Weise verbruͤdert: das Kind der Freude wird mit Schmer- zen geboren, auf den hoͤchsten Grad der sinnlichen Unlust und Qual, folget, selbst schon im Zustan- de der Ohnmacht und des Scheintodes die hoͤchste Lust Man sehe das eben genannte Werk am angefuͤhrten Orte. ; umgekehrt, ist die sinnliche Lust eine Gebaͤhrerin des Schmerzens. Jene seltsame Verschwisterung scheinet die Vor- welt wohl verstanden zu haben, wenn sie den Phal- lus oder dessen colossales Sinnbild, die Pyramide als Mahlzeichen auf Graͤber gestellet, oder das geheime Fest der Todesgottheit mit Vortragung des Phallus gefeiert; obgleich jene Aufopferung des Werkzeuges sinnlicher Lust, der rohe Ausdruck auch noch eines an- dern tieferen Verstaͤndnisses gewesen. Mitten unter den Todesfei-rlichkeiten und den Trauerklagen der My- Mysterien, ertoͤnte, wie in einer Shakspearischen Tra- goͤdie, die Stimme des Lachens uͤber Baubo und Jac- chus; mitten unter zum Theil komischen und heitern Feyerlichkeiten, blickte oͤfters ein sehr ernster und tra- gischer Sinn hervor. Ein aͤhnlicher Humorismus der Natur hat denn auch Liebe und Haß in der ganzen Region der Sin- nenwelt aufs mannigfaltigste verschwistert. Beyde lie- gen sich hier so nahe, daß man oft bey gewissen Aeu- ßerungen, z. B. der thierischen Natur nicht zu un- terscheiden vermag, aus welcher von beyden Quellen sie gekommen. Das Fest der Liebe wird bey vielen Thieren mit Zweykaͤmpfen der Maͤnnchen, mit bluti- ger Erbitterung begonnen, furchtbarer Haß und ra- sende Zuneigung gehen aus derselben Basis hervor, und oͤsters (wenn z. B. das maͤnnliche Raubthier das Weibchen, um dessen Gunst es sich lange verge- bens bemuͤht, zuletzt zerreißt, und mit ungewoͤhnlicher Wuth frißt, Wie jener Baͤr in einem vormaligen Thiergarten der saͤchsischen Schweiz. oder wenn das Weibchen mancher Insecten sein Maͤnnchen gleich nach der Begattung umbringt und zerstuͤckt,) erscheint die sinnliche Zunei- gung nur wie ein grimmiger Haß, welcher die Mas- ke der Liebe angenommen, und umgekehrt. So findet sich denn auch anderwaͤrts in der Na- tur dieselbe (ironische) Zusammenstellung der entfern- testen Extreme. Unmittelbar auf den vernuͤnftigen, ge- gemaͤßigten Menschen, folgt in der Ideenassociation der Natur der tolle Affe, auf den weisen, keuschen Elephanten das unreine Schwein, auf das Pferd der Esel, auf das haͤßliche Cameel die schlanken Rehar- ten, auf die mit dem gewoͤhnlichen Loos der Saͤug- thiere unzufriedne, dem Vogel nachaͤffende Fledermaus, folgt in verschiedener Hinsicht die Maus, die sich kaum aus der Tiefe herauswagt; dann wieder auf den win- digen, immer unruhig bewegten Affen, der traͤge Lori, und selbst das Faulthier scheinet nach einer gewissen Affenaͤhnlichkeit seines aͤußeren Gesichtsumrisses der traͤumenden Natur nicht gar zu fern vom Affen weg zu liegen. Auch von jener prophetischen Combinationsgabe, von jener Verknuͤpfung des Morgen mit dem Gestern, welche in der Sprache des Traumes bemerkt worden, findet sich in der Natur das Urbild. Diese Combi- nationsgabe ist es, vermittelst welcher jedes Beduͤrfniß in der Natur, schon bey seinem Erwachen alles um sich her bereitet, und fuͤr alles gesorgt findet, wessen es zu seiner Befriedigung bedarf. Vermoͤge jener Voraussicht baut die Mauerbiene den noch ungelegten Eyern ihre Zellen, und nimmt hierbey schon auf das Geschlecht der noch Ungebornen Ruͤcksicht, versorgt sie auf die einem jeden angemessene Weise mit Vorrath. Ein Geschlecht der Thiere, das noch keinen Winter er- lebt hat, ist schon waͤhrend des Sommers fuͤr den zu- kuͤnftigen Winter besorgt; kaum aus der Huͤlle hervor- gegangen, und zum ersten Male am Sonnenstrahle sich waͤrmend, hat es schon deutliche Vorgefuͤhle von dem nahen Witterungswechsel; eben so wie jene krankhaft 3 indi- individualisirten Theile des menschlichen Koͤrpers, die sich durch ihr falsches Selbststaͤndigwerden und Abson- dern, der Einheit des wachen Willens entziehen, und sich in die Region der Besonderheit, der aͤußern Na- turdinge versetzen. So wie der Mensch oͤfters im Traume und anderen hiermit verwandten Zustaͤnden, ganz zufaͤllig scheinende aͤußere Begebenheiten: z. B. den Einsturz einer Wand, eines Schachtes oder andre Ereignisse, die ihm den Untergang drohen, voraus er- faͤhrt; so entfliehen auch Thiere, dem nach menschli- chen Einsichten durchaus nicht vorauszusehenden Berg- sturze; der sonst so zaͤrtlich besorgte Muttervogel, ver- laͤßt selbst die am unsichern Orte besindliche Brut, waͤh- rend der wache Mensch noch mit unbedachtsamen Leicht- sinne, unten im Thale, in dem schon fuͤr ihn geoͤffne- tem Grabe, Freudentaͤnze und Lustbarkeiten haͤlt. Auf dieselbe Weise vermeiden Thiere oft lange vorher Ge- genden, denen ein vulkanischer Ausbruch oder Erdbeben bevorstehen, Z. B. der Seidenschwanz in dem Jahre 1551. waͤhrend der Mensch noch unwissend auf dem gefahrvollen Boden graͤbt und erndtet, und es sind Beyspiele bekannt, wo Thiere, besonders Pferde, mit einem fast menschenaͤhnlichen Ahndungsvermoͤgen, nahen Gefahren ausgewichen Kluges Versuch einer Darstellung des thierischen Magnetismus als Heilmittel. Pag. 290. . Jene Combina- tionsgabe ist es, welche die wandernden Thiere uͤber weite Meere hin, sicher nach dem fernen Welttheile fuͤhret, waͤhrend der menschliche Verstand Jahrhun- derte derte lang selbst uͤber das Daseyn jenes Welttheiles ungewiß war. So ist jener Trieb, welchen wir in der ganzen Natur herrschen sehen, durchaus prophetischer Natur, und der Schicksalsgott Dionysos, welcher anderwaͤrts als Traumgott, als Traumprophet, Creutzer, u. a. O. erscheinet, wal- tet hier, wie in der Region des Traumes, und der verwandten geistigeren Zustaͤnde, mit einer alles ord- nenden, alles in Uebereinstimmung setzenden Noth- wendigkeit. Wir finden indeß jenen prophetischen Geist, wel- chen die Natur schon in Beziehung auf sich selber, auf ihre eigenen Beduͤrfnisse besitzt, auch noch in ei- nem viel hoͤheren Sinne, und in Beziehung auf den Menschen in ihr wieder. Seit den aͤltesten Zeiten hat eine reine, unbefangene Betrachtung, in der Natur ein Abbild des menschlichen Lebens und Bestrebens gefunden, und auch den aus dem anfaͤnglichen Kreise weit abgewichenen Menschen, erinnert die Natur auf mannigfaltige Weise an seine urspruͤngliche Bestim- mung. Der Anblick einer hohen einsamen Gebirgs- gegend, das Wehen der Abendroͤthe, erwecken oͤfters den in uns schlummernden Ideenkreis einer hoͤheren, geistigeren Welt und ein Verlangen, welches vergeb- lich seine volle Befriedigung von dem jetzigen Da- seyn begehrt. Wie dem Menschen aus der ihn umgebenden Natur das Bild seines eigenen sinnlichen Daseyns von allen allen Seiten zuruͤckstrahlt; so findet er in derselben auch sein innres, geistiges Leben abgespiegelt. Der Geist der Natur scheint sich mit denselben Gedanken, mit denselben Problemen zu beschaͤftigen, welche auch dem unsrigen am meisten anliegen, und welche der- selbe am meisten zu loͤsen bemuͤht ist. Nicht ohne hoͤhere Bedeutung ist es in jener Hinsicht, daß uns in der Insektenmetamorphose das Erwachen „nach dem hoͤhern urspruͤnglichen Vorbilde‟ aus dem Tode der unvollkommneren Larve dargestellt wird. Der Geist der Natur thut hier wirklich einen prophetischen Blick uͤber das jetzige Daseyn des Menschen hinaus, und beantwortet diesem hiermit eine der angelegent- lichsten Fragen seines Geistes. Wir erwaͤhnten vorhin, daß der Inhalt aller Vorherverkuͤndigungen der Propheten, der Inhalt al- ler Offenbarungen Gottes, ein gemeinschaftlicher, und uͤberall derselbe sey: die Geschichte einer Wiederher- stellung und Wiederbringung des Menschen zu seiner urspruͤnglichen Bestimmung, die Geschichte eines gro- ßen Kampfes des Lichts mit der Finsterniß und des endlichen Sieges der Wahrheit uͤber die Luͤge. Wenn die Natur ein Wort der ewigen Weisheit, eine Of- fenbarung derselben an den Menschen ist, so muß auch diese Offenbarung von demselben Inhalt seyn, wie die mit Buchstaben geschriebene, durch Menschen geschehene. Denn daß auch das Buch der Natur zu- naͤchst bloß fuͤr den Menschen geschrieben sey, leidet keinen Zweifel, da er das einzige Wesen der uns sicht- baren Welt ist, welches von Natur den Schluͤssel zu jener Hieroglyphensprache besitzt. In In einer gewissen Hinsicht erscheint die uns um- gebende Natur als ein Schrittmesser, an welchem sich der Gang der Entwicklung des hoͤheren Geisterreichs, vollkommen nachweisen laͤsset. Zugleich mit dem ur- spruͤnglichen Zustande des Menschen veraͤnderte sich auch die ihn umgebende, mit ihm in Beziehung ste- hende Natur. In anderer Beziehung erscheinet diese, welche jetzt keine andre Geschlechter mehr schaffet, son- dern zu dem schon fertig geschriebenen Buche hoͤchstens Varianten, der Zeit sich accommodirende Abaͤnderungen der Arten liefert, als der fruͤher vollendete Theil eines hoͤheren Ganzen. Da bey der Erzeugung des Einzel- nen dieselben Prinzipien, dieselben streitenden Kraͤfte thaͤtig gewesen, aus denen das hoͤhere Ganze hervor- geht, so muß die Geschichte des letzteren schon in je- ner des Einzelnen zu erkennen seyn, eben so wie sich in der Geschichte des einzelnen Menschen die Entwicke- lungsperioden des ganzen Geschlechts nachweisen lassen, oder wie sich an der zugleich, in einem und demsel- ben Monat bluͤhenden Pflanzenflor, an den zugleich auf der Erde lebenden Voͤlkern und einzelnen Men- schen alle die verschiedenen Entwickelungsstufen neben einander zeigen, welche die ganze Klasse, das ganze Geschlecht in den verschiedenen Monden und Jahrtau- senden nach einander durchlaufen muͤssen. In der ganzen uns umgebenden Sinnenwelt zeigt sich, eben so wie in der geistigen, der stete Kampf zweyer Prinzipien, welche urspruͤnglich einander be- freundet, eins das andre voraussetzend, bey einem ge- gebenen Punkte sich feindlich gegen einander entzuͤnden. Der Kampf zwischen beyden laͤßt sich durch die verschieden- sten sten Entwicklungsstufen — Klassen und Geschlechter (ein Abbild eben so vieler Weltenalter, Epochen, groͤßerer und kleinerer Zeitabschnitte) verfolgen, bis dahin, wo zuletzt das zerstoͤrende Prinzip von dem ihm ent- gegengesetzten besiegt wird, und wo sich gleichsam per- spectivisch, wie in weiter Ferne und in immer mehr verloͤschenden Umrissen, eine Periode der Vollendung, frey vom Kampfe, und ein Reich des Friedens dar- stellt. Der Inhalt jenes großen Hieroglyphen-Bu- ches ist mithin derselbe, als der der geschriebenen Offenbarung. Auch die uns umgebende Natur ist uͤbrigens (selbst nach der heiligen Tradition) nicht auf einmal, sondern in verschiedenen Zeiten nach einander entstan- den. Wir hoffen, uns mit dem Zodiacus dieser ver- schiedenen Entwicklungsstufen anderwaͤrts ausfuͤhrlicher zu beschaͤftigen, und heben hier nur einige wenige da- hin gehoͤrige Momente aus, wobey wir zunaͤchst bloß bey dem Thierreich stehen bleiben. Das aͤlteste Sternbild unsers Zodiacus, die fruͤ- heste Thierwelt, erhebt sich aus dem Gewaͤsser, ihr Charakter scheint eine in sich selbst gekehrte Ruhe, Innerlichkeit und festes Zusammenhalten mit dem ei- genthuͤmlichen Centro. Von einem großen Theile der Polypen, Wuͤrmer, Fische, steigt dasselbe durch eine Art von hoͤheren Puppenzustand der letzteren Klasse, durch die Cetaceen (… Lamentine, Masen, Nilpferd) zu den Pachydermen. Der Repraͤsentant dieses aͤlte- sten Weltenalters ist der Elephant. Groͤßere Koͤr- permasse, laͤngere Lebensdauer, harmonischere Ueberein- stim- stimmung mit dem urspruͤnglichen Zwecke der Natur, (Unschaͤdlichkeit) welche dieser Thierformation vor al- len andern zukommen, sind uͤberhaupt Charakter der aͤl- tern Zeit. Noch stehet dieser Kreis von Wesen in einer Region des Friedens, er ist vor jenem der Raubthiere, und uͤber ihn erhoben, was sich schon dadurch zeigt, daß er bis zu einem gewissen Grade von den Raub- thieren unbezwinglich, fuͤr diese gleichsam nicht vorhan- den, außer Beziehung auf dieselben ist. Zugleich ist aber auch diese Weltperiode des Thierreichs meist au- ßer naͤherem Verhaͤltniß zum Menschen, sie ist auch fuͤr ihn zum Theil unbezwingbar; waͤhrend sich eine fast eben so alte Thierwelt, deren Repraͤsentant der Stier ist, schon ungleich naͤher und inniger den Be- duͤrfnissen des Menschen anfuͤgt, unmittelbar fuͤr den Menschen vorhanden scheint. Dieser zweyte Kreis sinkt mit dem Menschen zugleich, in der dritten Pe- riode, in die Region des Kampfes, der Zerstoͤrung. Es zeichnet die Thiere der dritten, ebenfalls sehr al- ten Formation, die groͤßeren Raubthiere, — eine vor- zuͤgliche Menschenaͤhnlichkeit aus, sey es nun, daß sie mit dem Menschen in einer noch naͤheren Beziehung gestanden, als die beyden fruͤheren, und daß der Mensch, der nach der aͤltesten Tradition Ursache jener Katastrophe war, durch welche Kampf und Wider- spruch in die ihn umgebende Natur kam, sie vorzuͤg- lich mit in seinen Fall verwickelte; oder daß sie zum Theile erst ihre Entstehung jener durch den Menschen herbeygefuͤhrten, großen Veraͤnderung verdanken. Re- praͤsentant dieses dritten Sternbildes ist der Loͤwe. Die koͤrperliche Groͤße, laͤngere Lebensdauer, jene Innerlichkeit nnd Ruhe, welche die fruͤhere Thierwelt cha- charakterisirten, fangen nun an sich zu vermindern, die zerstoͤrende Kraft tritt aus der anfaͤnglichen Ge- bundenheit hervor, und hier verlaͤßt die Natur die urspruͤngliche Harmonie, sie steht feindselig ge- gen den auf, fuͤr welchen sie eigentlich ihre Kraͤste brauchen sollte. Der Geist eines bestaͤndigen Wider- spruches ist nun in die Natur eingefuͤhrt, und der je- nen boͤsen Geist citirte, kann das Wort nicht finden, ihn wieder hinweg zu bannen; es entsteht jener Kampf, der denn durch alle die verschiedenen Formationsstu- fen des Thierreiches hindurch gehet. Noch wird der Kampf der beyden entgegengesetzten Kraͤfte auf die- ser Stufe der maͤchtigeren Bildungen offen und mit sichtbaren Waffen gefuͤhrt, das erhaltende Prinzip siegt auch hier durch groͤßere Productionskraft der am meisten leidenden Geschlechter, waͤhrend bey den schwaͤ- cheren Geschlechtern der juͤngsten Perioden der Kampf gleichsam mit unsichtbaren Waffen, durch Gifte u. f. w. gefuͤhrt wird. Jene aͤlteren Thierfamilien duͤrfen naͤmlich als der Theil des großen Naturbuches betrachtet werden, welcher uns die Geschichte einer fruͤhen Vergangenheit, die der ersten großen Katastrophe aufbehaiten hat. In dieser Hinsicht wird z. B. der Stier, Sinnbild einer noch reineren, hoͤheren, mit dem Menschen und um des Menschen willen schuldlos leidenden Na- tur. Die nun folgenden, juͤngeren Theile der Natur- Offenbarung, enthalten die Geschichte der spaͤteren Weltperioden. Man hat die Vorherverkuͤndigungen der Prophe- ten in denen die naͤher an der Zeit des Sehers gele- genen genen Ereignisse klaͤrer, die ferner davon liegenden, immer dunkler und zusammengedraͤngter erscheinen, zu- weilen mit der Aussicht in eine weiten Ferne, z. B. mit der durch eine lange Allee verglichen, wo die naͤchsten Gegenstaͤnde groͤßer, deutlicher, und wei- ter von einander entfernet, die weiter abgelegenen, im Verhaͤltniß der zunehmenden Entfernung immer un- deutlicher, kleiner, und naͤher zusammengeruͤckt erschei- nen. Auch in der Gestaltensprache der Natur schei- nen sich die Umrisse immer mehr zu verkleinern, im- mer zaͤrter und undeutlicher zu werden, je juͤnger und neuer die Thierformationen werden, und je mehr der Inhalt der einzelnen Abschnitte die fernste Zukunft be- trifft. Wir finden dieses am meisten bey den juͤng- sten und letzten Sternbildern des großen Zodiacus. Mit Uebergehung der andern, wollen wir uns hier zunaͤchst mit dem letzten Gliede beschaͤftigen. Die Klasse der Insecten und zum Theil die der Wuͤrmer, sind schon von Mehreren als spaͤter ent- standen, als juͤnger denn die uͤbrige Natur betrachtet worden. In der That gruͤndet sich das Daseyn die- ser Thiere groͤßtentheils auf den Tod, auf die Ver- wesung und Zerstoͤrung der fruͤheren Natur, welche mithin bey dem Entstehen jenes juͤngern Naturrei- ches als schon vorhanden vorausgesetzt wird. Wir be- merken in der Klasse der Insekten zum Theil ganz neue, den aͤlteren Klassen nicht zukommende Verhaͤlt- nisse; so zeigen sich z. B. statt der beyden fruͤher ge- woͤhnlichen Zahlen 2 und 4, an den Fuͤßen und Sin- nesorganen die Zahlen 3 und 6. Die Gestalten wer- den hier durchaus symbolisch und chimaͤrisch, und die Men- Menschenaͤhnlichkeit verschwindet nun ganz, ohngefaͤhr so wie der Umriß der am fernsten stehenden Gegen- staͤnde bey einer weiten Aussicht zuletzt ganz undeut- lich und urkenntlich wird. Auch in der Maschinerie der Tracheen, verraͤth sich der Charakter einer spaͤtern Ratur, bey deren Entstehen die jetzige Atmosphaͤre ganz jene Hauptrolle gespielt zu haben scheint, welche bey der fruͤheren dem Wasser zugekommen. Was je- doch diese juͤngere Thierwelt am meisten charakterisirt, ist: daß die Wesen nicht mehr in der urspruͤnglichen Grundgestalt ihres Geschlechts auftreten, sondern daß sie den groͤßten Theil ihres Daseyns in dem Zustande einer unkenntlichen, entstellten Larve zubringen, und daß sie einer neuen hoͤheren Geburt — der Me- tamorphose beduͤrfen, um wieder in den eigentlichen Normal-Zustand ihres Geschlechts, in den elterli- chen zuruͤckzukehren. In einer andern Hinsicht wird jene Metamor- phose, schon nach der aͤltesten Voͤlkeransicht, ein troͤ- stendes Sinnbild des Todes, als Wiedergeburt zu ei- nem urspruͤnglichen, vollkommenen Daseyn, als Er- wachen nach einem hoͤheren Vorbilde, und das Wort Tod, in seiner schrecklichen, wie in seiner troͤstlichen Bedeutung, scheint erst mit den juͤngeren Perioden in die Sprache der Natur gekommen, in diese aufgenom- men worden zu seyn, wie denn diese juͤngeren und juͤngsten Formationen erst aus der Zerstoͤrung und dem Tode der aͤlteren hervorgehen. Die ganze fruͤheste Na- tur hat kein solches Bild fuͤr das Wort Tod; dieser Begriff scheint ihr urspruͤnglich fremd zu seyn. Wenn Wenn schon in der fruͤheren Periode der Raub- thiere, die Thierwelt sich immer mehr von der ur- spruͤnglichen Einheit und Zweckmaͤßigkeit entfernt; so sehen wir diese juͤngste Thierwelt noch viel wei- ter aus jener anfaͤnglichen Harmonie heraustreten, finden sie in einem noch viel groͤßeren Widerspruche mit dem Urzweck der Natur. Dieses Thierreich macht sich immer unnuͤtzer, schaͤdlicher, ist, wenigstens in seinem Larvenzustande, der fruͤheren Natur groͤßten- theils nur zur Plage, zum Schaden. Das zerstoͤrende Prinzip kaͤmpfet hier mit andern, gleichsam geisterar- tigen Waffen, mit jenen Giften, deren chemisch ma- gische Wirksamkeit oͤfters aus der gewoͤhnlichen Wir- kungsweise der sichtbaren Natur kaum zu erklaͤren ist. Zu gleicher Zeit vermindert sich die Lebensdauer (we- nigstens waͤhrend des vollkommeren Zustandes) koͤr- perliche Groͤße, und absolute Kraft immer mehr, und der dem schwaͤcheren Geschlecht als eine Art von Ersatz gegebene Kunsttrieb, gehoͤret auch zum Charakter ei- ner spaͤteren Zeit. In der Sprache des Traumes und in jener der hoͤheren prophetischen Region, wird oͤfters jene Rede- weise gebraucht, nach welcher ein Theil das Ganze, (z. B. der Seher sein ganzes Volk) darstellt, das Ein- zelne fuͤr das Ganze gesetzt wird. Diese Redeweise finden wir denn auch ganz vorzuͤglich, und fast ausschließend in der juͤngsten Periode der Thierwelt, in dem Insectenreiche wieder. Jenes Verhaͤltniß, wo ein ganzes Geschlecht von Thieren, wo eine ganze minder vollkommene Menge, durch ein hoͤheres, voll- kommneres Einzelne repraͤsentirt wird, wo dieses Eine fuͤr fuͤr Alle das wichtigste Geschaͤft des Daseyns und die Schmerzen des Gebaͤhrens uͤbernimmt, finden wir nir- gends anders im Thierreich, als in der juͤngsten Klasse, in jener der Insecten. Der vollkommene Bienen- weisel tritt als Repraͤsentant seines ganzen Geschlechts, in ein gleichsam magisches Verhaͤltniß zu diesem, wel- ches bekanntlich nicht ohne ihn zu bestehen, zu leben vermag. In der That ist dieser Weisel nichts anders, als die urspruͤngliche und Normalgestalt des Bienen- geschlechts, und die Arbeitsbienen sind bekanntlich nach aͤlteren und den neuesten Untersuchungen nichts anders, als verkuͤmmerte meist unfruchtbare Mutterbienen, unvoll- kommne Weisel. Aus einem gewoͤhnlichen Ey, ver- mag statt einer Arbeitsbiene ein Weisel zu werden, wenn die ihres Weisels, und selbst der Weiselzeu- genden Eyer beraubten Bienen, die Zelle des Eyes er- weitern und mit uͤberfluͤssigeren Nahrungsmitteln ver- sorgen. — So finden wir denn auch hier, wie in der Geisterwelt, jenes geheimnißvolle Verhaͤltniß, wo bloß ein vollkommneres Einzelne den Normalzustand des ganzen Geschlechts erreicht, und diese unvollkommnere Vielheit vertritt, indem es fuͤr dieselbe jenes wichtigste Geschaͤft des thierischen Daseyns uͤbernimmt, zu wel- chem jene Vielen fuͤr sich allein untuͤchtig erscheinen. Das Insectenreich wird uns noch auf eine andere Weise, Sinnbild des Hoͤheren und Geistigen. Waͤh- rend auf der einen Seite sich nirgends solche Bilder der Beschraͤnktheit, des groͤberen Beduͤrfnisses und des Grimmes finden, eines Grimmes gegen dessen Aus- bruch selbst die wechselseitige Liebe der Geschlech- ter und der Mutter gegen die Jungen nicht schuͤ- tzen, tzen, Bey mehreren Inscetenarten wird das schwaͤchere Maͤnn- chen vom Weibchen, ein großer Theil der jungen Brut von der Mutter selber verzehrt. vermissen wir auch in eben dieser Thierklasse nicht die freundlichsten, lieblichsten Bilder einer ganz entgegen- gesetzten Bedeutung. In jenen, aus dem Tod, und dem Untergang der unvollkommenen Larve neu wieder- gebornen bunten Wesen, welche in vollkommnerer Freyheit den Boden verlassend, entbunden von dem fruͤheren, groͤberen Beduͤrfniß, im Glanze eines neuen, noch nie gesehenen Himmels, und auf einer, ihnen neuen Erde Viele Insectenlarven sind blind, oder leben an einem Orte, der dem Lichte unzugaͤnglich ist. wohnen, erblicken wir freundliche Vorzeichen einer fernen, schoͤnen Zukunft unseres Ge- schlechts. Der lange Kampf scheint nun fuͤr diese Region, deren Wesen unter sich selber in harmloser Stille, und in einem bestaͤndigen Frieden leben, ge- endigt, das feindselige Prinzip scheint erloschen und das große Buch der ersten Offenbarung Gottes schließt noch mit einem troͤstenden Worte des Friedens. In ihrem großen Buche, das eigentlich drey Hauptabschnitte hat, von denen jeder wieder in meh- rere Unterabtheilungen zerfaͤllt, zeigt sich uns demnach die Natur als eine Apocalypse in Gestalten und le- bendigen Naturbildern. Sie ist die aͤlteste uns be- kannte Offenbarung Gottes an den Menschen, dasselbe Wort, und durch dasselbe Wort, aus welchem die spaͤteren Offenbarungen sind, von gleichem Inhalte mit diesen. diesen. Sie ist dieselbe Sprache, welche die hoͤhere Region der Geisterwelt vom Anfange gesprochen, und noch spricht, und so sehr sich auch der Mensch von jener Sprache Gottes entwoͤhnt hat, ist ihm doch noch immer ein Strahl des anfaͤnglichen Verstaͤndnisses uͤbrig geblieben, und wir werden hernach sehen, auf welche gewaltige Weise der Geist jenes großen Natur- buches, dessen Buchstaben Leben sind, noch jetzt auf ihn wirkt, ihn ergreift, so selten er sich auch dieser Wirkung bewußt wird. So haben wir im Vorhergehenden das Wichtigste nur andeuten wollen, und versparen eine weitere Aus- fuͤhrung an einen anderen Ort. Vielleicht, daß es dann gelingt, aus der innern Geschichte der Natur Aufschluͤsse von sehr verschiedener Art zu erhalten, zum Theil uͤber Raͤthsel, die uns das fernste Alter- thum noch aufgegeben. Ehe wir diesen Abschnitt ganz verlassen, wollen wir hier nur noch Eines solchen Raͤth- sels erwaͤhnen. Der ganzen Vorwelt scheint die Idee eines Fleisch gewordenen Gottes, welcher als Mensch geboren wor- den, und als solcher alle Schmerzen der menschlichen Beschraͤnkung erfahren, durchaus nicht fremd. Jener Gott aus Gott geboren, welchen das egyptische Sy- stem erkennt, ist als die letzte Goͤttergeburt und die aͤußerste Ausstrahlung des ewigen Wesens, gleich uns Fleisch geworden, und muß in menschlicher Huͤlle das Aeußerste erleiden, selbst den grausamsten Tod. Creuzer, B. III. P. 143. Eben Eben so jener Shiwa Dionichi, welcher nach dem Re- ligionssystem der Inder die zweyte Person der grof- fenbarten Gottheit ist. Dieser muß als sinnlich offen- bar gewordener Gott, das haͤrteste Loos der Sterblich- keit, und den Toy selber erdulden. Derselbe, u. a. O. Auch jener Sohn des Gottes der Goͤtter, Zagreus, welchem der ewige Vater den Sitz unmittelbar neben seinem Throne und selbst die Zeichen seiner hoͤchsten Macht verliehen, wird auf grausame Weise von den Titanen getoͤdtet, Ebendaselbst, P. 351. und jener persische Mithras, der als Weltenschoͤpfer, als Hervorbringer der bunten Mannigfaltigkeit der Dinge und Beschuͤtzer und Erhalter verehrt wird, muß als Stier Abudad unter der Hand des Ahriman ster- ben. So hat das Alterthum jene Ansicht von der Menschwerdung des Goͤttlichen und von dem Loos der Erniedrigung, welches dasselbe in diesem Zustande er- duldet, auf verschiedene Weise, in den mannigfaltigsten buntesten Sagen dargestellt und ausgebildet. Aber an jene Ansicht schloß sich eine andre eben so bedeutungs- volle an. Jener Mensch gewordene Gott erscheinet nicht allein als Richter der Todten, als Herrscher der Unterwelt, sondern als Erretter vom Tode, Befreyer aus den Banden der Sterblichkeit, Fuͤhrer zuruͤck zu dem goͤttlichen Ursprunge. Jener Gott, der in den Mysterien bald als Dionysos bald als Persephone ver- sinnlicht wurde, war Schoͤpfer der Seelen und Lenker ihres Schicksals, als Hades groͤßter Wohlthaͤter der von von dem Leibe entfesselten Geister, indem er ihnen jenen Becher reicht, der sie wieder zur Besinnung bringt, und die Sehnsucht nach der Ruͤckkehr zum Goͤttlichen in ihnen erweckt. Ja jene Anficht erscheint in den Mysterien noch viel bestimmter ausgedruͤckt. In dieser wurde uͤberhaupt das Schicksal der Geister nach dem Tode dargestellt, und die Mysterien bereiteten schon durch ihre Weihen und geheimen Lehren selber, der Seele ein guͤnstigeres Loos in jenem Leben, indem ihr wesentlichster Inhalt die Leitungen der Seelen zur ver- lassenen Heimath — zum Goͤttlichen waren. Dionysos, der Gott der Mysterien war es aber, der allein die See- len zum Himmel zuruͤckfuͤhrte, und zur Vollendung. Er war Aufseher und Anordner jener Heilsordnung, je- ner Vervollkommungsanstalt, zu welcher die Mysterien den Weg bahnten. Er selber war als Bacchus zur Unterwelt gefahren, und hatte die Seele der Mutter von dort befreyt, und in dieser sinnvollen Sage verein- ten sich die sonst verschieden scheinenden Ansichten des orphischen und bacchischen Systemes. Als Aridela leitet er unter dem Bilde eines freundlichen Gestirnes, die Seelen durch das dunkle Labyrinth, an den Eingang und zum Lichte zuruͤck. Auch der gestorbene Gott des egyptischen Systemes, steht, nachdem er eben das haͤrteste Loos der Sterblichkeit erduldet, als ewiger Wohlthaͤter und Lehrer, herrlicher wieder auf. — Fragen wir ferner, auf welche Weise nach der Lehre der Mysterien jene Leitung zum Himmel, jene Erloͤsung und Heiligung der Seelen geschehen, so er- halten wir aus verschiedenen Gebraͤuchen jener Geheim- lehren abermal eine bedeutungsvolle, wenn auch dunkle Ant- Antwort. Die Mysterien heißt es, bereiteten der See- le ein besseres Loos in jener Welt durch ihre Reini- gungen vor, und der Weg zur Ruͤckkehr nach der ewigen Heimath ging durch viele Laͤuterungen. Unter diesen ist das aber vorzuͤglich eine, die durch Blut merkwuͤrdig. Ueberhaupt erscheint der Gott der Mysterien in verschiedenen Beziehungen unter dem Bilde des Stie- res versinnlicht, und stirbt, wie oben erwaͤhnt, im persischen Mythus als Weltstier Abudad. In den so- genannten Taurobolien wurden aber z. B. Reinigun- gen von begangener Schuld dadurch bewirkt, daß das Blut eines geopferten Stieres auf den Leib des in einer Grube darunter stehenden Buͤßenden gesprengt wurde, und auf dieselbe Weise waren auch Widderopfer als psychische Reinigungsmittel gebraͤuchlich (die Kriobo- lien). Selbst Hercules wurde auf diese Weise vor der geheimen Weihe durch Stierblut entsuͤndigt und auch keiner solchen Entsuͤhnung Beduͤrftige wurden bey der Einweihung in die Mysterien, auf die Felle der geopferten Thiere gestellt. Ueberhaupt spielten die suͤh- nenden Opfer in den Geheimlehren eine nicht unbedeu- tende Rolle. Merkwuͤrdig erscheint hierbey besonders jene Anspielung, welche dabey in den Bacchusmyste- rien vorkam. Das Fleisch der geopferten Thiere muß- te von den Priestern roh gegessen werden, was aus- druͤcklich eine Andeutung auf den blutigen Tod und die Zerstuͤckelung des Tionysus (Zagreus) durch die Titanen seyn sollte. Auch bey der merkwuͤrdigen jaͤhr- lichen Aufopferung des Ackerstieres, wurde das Fleisch gleich vertheilt und Dionysus heißt auch in jener Be- 4 ziehung ziehung oͤfters Speisevertheiler, gerechter, liebreicher Austheiler der Kost. Ja selbst die aus dem Leibe der Titanen entstandenen Menschen wurden deßhalb als Theile des Gottes betrachtet, weil die Titanen von dem Fleische des Gottes gegessen hatten. Freylich wurden auch jene sinnvollen und alten Gebraͤuche schon von der fruͤhesten Zeit an, durch ei- ne seltsame Sprachenverwirrung, von der wir in ei- nem der naͤchsten Abschnitte reden werden, auf die mannichfaltigste und graͤulichste Weise entstellt. Aus Thieropfern wurden grausame Menschenopfer: die geist- vollsten Bilder wurden zu Zerrbildern und Schreckge- stalten, doch giebt es auch hier Mittel, die verzerrten Theile zu einem kenntlichen Ganzen zu vereinen und alle jene Zuͤge werden dann Belege zu der Wahrheit: daß die aͤlteste Zeit in prophetischem Geist Vieles erkannt, was erst spaͤt zur Erfuͤllung gekommen. Wir koͤnnten die- ses, wenn hier gerade (in einem Traumbuche) der Ort dazu waͤre, noch aus mannichfaltigen Beyspielen zeigen, was auch bereits von Andern geschehen ist. Man sehe hieruͤber Friedrich Schlegels Werk uͤber die Lehre und Weisheit der Inder. Selbst das gefallene, ausgeartete Geschlecht, scheint sich eine alte, heilige Offenbarung bewahrt zu haben. Aber woher, auf welchem Wege, kam jene alte Of- fenbarung? — Abermals durch das fleischgewordene Wort, durch jenes goͤttliche Wort, das sich selbst nach der Dionysus-Lehre, als bunte Mannichfalttgkeit der der Sinnenwelt, als Vielheit dargestellt hat — durch die Natur. Wir finden Vieles, was uns auf eine solche Be- antwortung jener Frage fuͤhren kann, aus Vielem sey jedoch hier abermals nur Einiges herausgehoben. Nach dem Vorhergehenden erkannten wir unter andern im Insectenreich den juͤngsten und letztgeschaf- fenen Theil der uns umgebenden Natur. Dieses letz- te Buch der Naturbibel enthaͤlt aber vorzuͤglich eine Weissagung auf die spaͤtere bedeutungsvolle Zukunft. Unter andern fanden wir bey dem Geschlecht der Bie- nen Verhaͤltnisse, die uns eine tiefere Bedeutung zu haben schienen. Jene Ansicht finden wir in ge- wisser Hinsicht dadurch bestaͤtigt, daß auch das fruͤ- heste Alterthum jene Bedeutung, und zwar auf diesel- be Weise erkannte. Die Bienen waren nach der alten Sage, nach dem goldenen Zeitalter entstanden, Creuzer Mythologie, IV. Pag. 420. Schon nach Sprache und Mpthus ist die Biene aus der Ver- wesung des Stieres (der fruͤheren Natur) entstanden, und heißt Todtengraͤberin (als vespa, vespillo. ) Sie ist in mehreren Mythen mit dem Regenbogen (dem Sinnbilde der Zeit nach der Catastrophe) zusammen- gestellt. M. s. Kanne’s Pantheon 320—340 und an- derwaͤrts, indische Myth. 365. muͤhsam berei- teten sie jene Suͤßigkeit, welche in der goldenen Zeit unmittelbar von den Blaͤttern der Baͤume geflossen, und und gaben hierdurch den Menschen einen, wenn auch nur kaͤrglichen Ersatz fuͤr jenen verlorenen Genuß. Schon deßhalb wurde die Biene das koͤnigliche, hei- lige Thier, voll goͤttlichen (prophetischen) Geistes ge- nannt, war Sinnbild der Segensfuͤlle, der Weisheit, Unschuld und Gerechtigkeit. Sie wird uns aber noch viel bedeutender in ihrer Beziehung auf die Myste- rien. Ueberhaupt war Dionysus, so wie Jupiter, von Bienen ernaͤhrt worden, war Bienengott und Bienen- vater. Die Priesterinnen der Ceres, und wie es scheint alle in ihre Mysterien Eingeweihte, hießen Bienen (Melissen), der Bienenkoͤnig oder Bienen- weisel selber war das Bild eines Koͤniges, der zu- gleich Gott-geweihter Priester ist, eines geistlichen Koͤniges. Unter jene Bienenkoͤnige oder Esseme, de- ren das Alterthum viele verehrte, gehoͤrte auch Mel- chisedek, Creuzer u. a. O. B. IV. Pag. 406. dessen hoͤhere Bedeutung auch die spaͤtere, christlich apostollsche Zeit anerkannte. Der Bienen- koͤnig, Ebendaselbst und an mehreren Orten jenes Werkes. so wie jene goͤttlichen mythischen Koͤnigs- Gestalten, die von ihm den Namen hatten, war aber als Speisemeister, als Vertheiler der Kost, jener Gott der Geheimlehre selber, dessen Leib als Zagreus zerstuͤckt und von den Titanen genossen, dessen Fleisch unter dem Bilde des Pflugstieres zur Suͤhne vertheilt und gespeist wurde, und nach ihm heißen auch die Eingeweihten, die schon nach dem oben erwaͤhn- ten Inhalt der Geheimlehre Theile des Gottes sind und und Bienen des Bienenkoͤniges: Speiseherren und Speisefrauen, Vertheiler der Kost. Ja in der Spra- che ist die Biene nichts anders als die Sprecherin, „die das Evangelium des neuen Gesetzes verkuͤndigt“ und das Wort selber. Kanne’s Pantheon, Pag. 340. Indische Myth. 268, 272. u. a. O. Außer diesem war schon der Honig den Alten ein Bild des Todes, und jener mythische Glaucos, der anderwaͤrts der Fisch sel- ber ist, der Menschen verschlingt, stirbt im Honig, und wird wieder erweckt, (nach dem alten Sprichwort: Glaukos, da er Honig getrunken, ist wieder auferstan- den,) wobey selbst die Schlange und der dreyfarbige Stein, der die Farben mit dem Tageslicht wechselt, nicht ohne Bedeutung scheinen. Honig ist von den aͤltesten Zeiten, bis zu jenen des Christenthums, Sinn- bild der Entsuͤhnung und psychischen Reinigung. Auf dieselbe Weise ist denn auch dem Mensch gewordenen Gott Chrishna der Inder die Biene heilig, ist sein Symbol. Die Biene ist aber auch Bild der Zeugung, der Schoͤpferkraft, aus welcher die Sinnenwelt, die sicht- bare Natur hervorgeht. Dasselbe bedeutet auch dem ganzen Alterthum der Stier, welchem als Weltstier alle Samen der sichtbaren Schoͤpfung anvertraut wer- den. Jenes Fleisch gewordene Wort, dessen sinnlich- ste Offenbarung die uns umgebende Natur, und die ganze bunte, vielgestaltige Welt der Sinne ist, jener Weltschoͤpfer und Hervorbringer der Vielheit, wird deß- deßhalb unter dem Bilde des Stieres dargestellt. Der Stier ist aber nach dem Vorhergehenden auch Repraͤ- sentant jener Weltperiode, die unmittelbar vor einer großen, Vieles verbeerenden, Alles veraͤndernden Ca- tastrophe vorherging, und wo das erhaltende Prinzip dem zerstoͤrenden gegenuͤber durch Staͤrke und kraͤfti- gere Reproductions und Schoͤpferkraft, den Sieg da- von traͤgt. Der Stier zeigt uns daher das erhaltende Prinzip, das Prinzip des Lichtes schon im Kampfe, gleichsam leidend, duldend, und aus dem Tode des Einzelnen nur immer mannichfaltiger und maͤchtiger hervorgehend. Auch der Esel wird Bild der Zeugung und der schaffenden Kraft. Merkwuͤrdig ist es, daß beyde Thierbilder in der Sprache des Traumes noch jetzt dieselbe Bedeutung haben, wo z. B. der Esel un- ter andern (auf seltsame Weise mit dem Begriffe der Zeugung in Beziehung tretend) die Geliebte, die Ehe- gattin bedeutet M. s. z. B. das Frankfurter Traumbuch. . Von einem solchen tiefbedeutenden Sinne erscheinen uns alle in den Mysterien gebrauchte Naturbilder: der Schmetterling, das in der Erde verborgene keimende Korn, der Epheu, Wein, Mehl, Wasser, Feuer u. s. w. Alle jene symbolischen Gestalten stehen in einem tiefen Zusammenhange mit einander, und bilden eine Reihe, worinnen sich uns die ganze Geschichte der hoͤ- heren prophetischen Region offenbaret. Wir sehen uns auch in jener Mysteriensprache in einem mit dem Trau- me verwandten Gebiet; ja wir glauben uns in einem Trau- Traume, voll tiefen prophetischen Inhaltes selber be- fangen zu sehen. Und in der That, das Wort der Natur, oder vielmehr der zur Natur gewordene Gott, ist dem Alterthume zugleich Traum und Traumdeuter gewesen. Der Mensch, ein Theil und Gleichniß je- nes Gottes, dessen Sprache, dessen sinnlich offenbar- tes Wort die Natur ist, hatte urspruͤnglich auch das Organ fuͤr diese Sprache in sich, (er war Herr der Natur, und zwar in anderem Sinne, als es gewoͤhn- lich genommen wird) und noch jetzt laͤßt uns die ein- gesperrte Psyche, wenigstens im Traume, den ange- bornen Ton vernehmen. Uebereinstimmend mit dem in ihr gelegten, war daher dem anfaͤnglichen Menschen das sinnlich offenbarte Wort der aͤußeren Natur durch- aus verstaͤndlich, der Geist des Menschen redete ja die- selbe Sprache in welcher jene lebendige Offenbarung abgefaßt war, er war diese Sprache selber. Uns aber, seit jener großen Sprachenverwirrung (Abschn. 5.) ist die unserer Natur eigenthuͤmliche Sprache ihrem tiefe- ren Sinne nach unverstaͤndlich, wir bedurften der in Worten ertheilten, geschriebenen Offenbarung. Ue- brigens ist auch diese von demselben Inhalt, als jene Naturoffenbarung — immer nur Er, gestern und heu- te, Derselbe auch in Ewigkeit. 4. 4. Der versteckte Poet. U nser versteckter Poet, dessen Aeußerungen mit den Ansichten und den Neigungen des gewoͤhnlichen sinn- lichen Lebens in einem bestaͤndigen ironischen Wider- spruch stehen, zeigt sich hierinnen einem anderen dunk- len Gebiet der menschlichen Natur — dem Gewissen — nahe verwandt. Die oberflaͤchliche Ansicht des jetzt untergegangenen und untergehenden Menschenalters, hat auch diese dunkle Anlage im Menschen, mit der sie sich auf jede Weise im Widerspruch fuͤhlte, so viel sie nur vermochte, verkannt und hinweggelaͤugnet. Selbst nach einem uͤbrigens ernsten System der Moral, wird dem Menschen erst durch Erziehung gelehrt, was recht sey oder unrecht, und ihm die Furcht vor der Gottheit eingepraͤgt. Jene anerzogene Furcht sey das was wir Gewissen nennen, und der Mensch werde demnach erst dazu abgerichtet, eins zu haben. Allerdings laͤßt sich das Gewissen darinnen mit dem sinnlichen Gefuͤhl des Wohlseyns oder des Uebel- befindens vergleichen, daß es, wie dieses, einer Ver- feinerung oder Abstumpfung faͤhig ist. Denn so, wie erst der, welcher schon einen hoͤheren Grad des mora- lischen Wohlseyns genossen, fuͤr jedes leise Uebelbefin- den empfindlich wird, waͤhrend der, welcher nie das Gefuͤhl einer kraͤftigen Gesundheit empfunden, oder welcher sich allmaͤhlig aus Krankseyn gewoͤhnte, zuletzt seinen kraͤnklichen Zustand fuͤr Gesundheit haͤlt; so macht uns auch erst ein oͤfterer Genuß des moralischen Wohlseyns fuͤr jedes entgegengesetzte Gefuͤhl empfind- lich. Wir treten in das Leben, nicht als Gesunde, sondern als solche ein, welche hier genesen koͤnnen und und sollen, und die Welt, mit allen ihren Heil- und Correctionsmitteln, ist eine Anstalt fuͤr Reconvalescen- ten. In so fern gelangen wir erst als Widergenesene zum Gefuͤhl des vollendeten Wohlseyns, werden nicht sogleich mit diesem Gefuͤhl geboren, und ganze, in dem Irrthume langer Jahrhunderte befangene Voͤlker, scheinen in einzelnen Punkten uͤber das, was recht oder unrecht sey? ungewiß, und fuͤr den Zustand einer mo- ralischen Laͤhmung, worinnen sie sich befinden, unem- pfindlich geworden zu seyn. Indessen ist die Bestaͤti- gung welche jenes oberflaͤchliche Raͤsonnement uͤber das Gewissen hieraus zu empfangen scheint, bloß scheinbar, und die Ruͤckerinnerung an einen ehehin gesunden Zu- stand ihrer geistigen Natur, bringen alle Menschen, mehr oder minder deutlich mit sich ins Leben. Abgesehen von jenem Bilde, so ist das Gewissen nichts anders als das Organ jener ehehin dem menschli- chen Geiste durchaus eigenthuͤmlichen Sprache — der Sprache Gottes. Es ist dieses Organ ein Theil der goͤttlichen Natur selber, jener Funke des hoͤheren Le- bens, welcher den Menschen erst zum Ebenbild des Goͤttlichen machet, und seine Gemeinschaft mit diesem vermittelt. Jenes Organ gehoͤrt zu dem eigenthuͤmlich- sten Charakter der menschlichen Natur — das Ge- wissen ist uns angeboren. Es ist dieselbe Anlage, die sich uns als der versteckte Poet der Traͤume, und in der Begeisterung der poetischen, so wie der hoͤheren prophetischen Region kund giebt. Wenn das Gewissen urspruͤnglich ein Organ der Stimme Gottes im Menschen gewesen, und diese Stimme selber; so ist es freylich seit der großen Sprachenverwirrung zum Theil weit von seiner ur- spruͤng- spruͤnglichen Bestimmung abgewichen, und jenes geisti- gen Organes bedient sich oͤfters eine der goͤttlichen sehr entgegengesetzte Stimme, mißbraucht dasselbe aufs ent- setzlichste. Wir vernehmen deßhalb, nicht bloß im Trau- me, uͤber dessen ungoͤttliche Natur schon alte Selbst- bekenntnisse klagen, Z. B. jene des Augustinus. sondern auch in der pythischen Begeisterung und im Fanatismus, sowohl des Unglau- bens, als des Aberglaubens, durch jenes Organ eine Geistersprache, die sich zwar zum Theil derselben Wor- te bedient, als die urspruͤngliche, aber diese in einem ganz anderen ungeheuer verschiedenen Sinne gebraucht, sie zu einem ganz entgegengesetzten Zwecke mißbraucht. Indessen bleibt das Gewissen uͤberall jene (im jetzigen Daseyn dunkle) Region des Gefuͤhles, auf welche, und in welcher alle Einfluͤsse einer hoͤheren oder nie- deren, guten oder schlimmen Geisterwelt wirken, durch welche sich alle Kraͤfte eines ehemaligen und kuͤnfti- gen Lebens aͤußern. In dieser Zweyseitigkeit und Doppelsinnigkeit verraͤth sich jene geistige Anlage uͤberall, und es ist kein Zeitalter, keine Nation, woraus sich nicht, mit- ten unter den ungeheuersten Mistoͤnen, wozu bey ih- nen jenes Organ entwuͤrdigt worden, auch noch einzel- ne Toͤne der entgegengesetzten hoͤheren Stimme ver- nehmen ließen. Zu dem Altvater Antonius kam einst, ermuͤdet und verwundet von mannichfaltiger Mißhandlung der Menschen, ein Mann, den das Alterthum unter dem Namen Paulus der Einfaͤltige kennet. Der Ruhe und der Belehrung beduͤrftig, bat er den Vater, er moͤch- moͤge ihn bey sich als Schuͤler aufnehmen. Anto- nius erkannte bald in dem beschraͤnkten Geist des Mannes, eine vorzuͤgliche Anlage zum demuͤthigen blin- den Gehorsam, und stellte gleich Anfangs diesen Ge- horsam auf eine harte Probe. Der neue Juͤnger mußte bald Wasser tragen in durchloͤcherten Gefaͤßen, Koͤrbe flechten und wieder aufflechten, Kleider auftren- nen und wieder naͤhen, Steine zwecklos von einem Or- te zum andern tragen, und in stillem, ruͤcksichtslosen Gehorsam that er blind nach dem Worte des Vaters. So fuͤhrte durch die scheinbar einseitige Uebung ei- ner einzelnen Anlage, Antonius selbst diese beschraͤnk- te Natur zum hoͤchsten Gipfel der dem menschlichen Gemuͤth moͤglichen Vollendung, und jener einfaͤltige Sinn, nachdem er vollkommen gelernt, seinen eigenen Willen einem hoͤheren aufopfern und sich diesem ganz hinzugeben, wurde Organ des goͤttlichen Sinnes, er- griffen von einem nun nicht mehr beschraͤnkten, von den gewoͤhnlichen Graͤnzen der menschlichen Natur ent- bundenen Vermoͤgen; aus Paulus dem Einfaͤltigen wurde Paulus der Wunderwirkende. Auf gleiche Weise scheint auch der hoͤhere Lehrer unsers Geschlechts ganze Voͤlker und Zeitalter in ei- nem oͤfters sehr beschraͤnkten Kreise von Tugenden zu uͤben, und sich den Zugang zu der uͤbrigens auf man- nigfaltige Art entweihten und verunreinigten Region ih- rer Neigungen und Handlungen, wenigstens von ei- ner Seite offen zu erhalten. Hierdurch geschieht es, daß keinem die Stimme Gottes, — jenes hoͤhere Gesetz im Menschen, — ganz unvernehmlich wird, und es scheint hier eine andere Art von Zurech- nung nung statt zu finden, als jene unserer moralischen Systeme. Jenes geistige Organ im Menschen, in seiner Doppelseitigkeit, ist der gute und boͤse Daͤmon, wel- cher den Menschen durchs Leben begleitet, und, je nachdem er der einen oder anderen Stimme mehr Ge- hoͤr gegeben, ihn zu einem gluͤcklichen oder ungluͤckli- chen Ziele fuͤhret. Der bessere (socratische) Daͤmon erregt in der Seele die Sehnsucht des Besseren und bestraft sie anfangs leiser, je mehr sie ihm aber Gehoͤr giebt, desto vernehmlicher uͤber jede Handlung, jedes Wort, jeden Gedanken, welcher sie von dem besseren Ziele hinwegfuͤhret. Dieser Daͤmon ist prophetisch, und Jeder der mit den Fuͤhrungen des inneren Le- bens bekannt ist, wird erfahren haben, wie oft uns derselbe schon vor jenen Veranlassungen und Gelegen- heiten warnt, und mit hoͤherer Gewalt bewahrt, hin- ter denen, uns noch ganz unbekannt, das Boͤse auf uns lauert. Noch sind wir uns keiner, selbst nicht der leisesten boͤsen Absicht bewußt, und doch fuͤhlen wir, wenn wir uns der unbekannten Gefahr naͤhern, eine Unruhe, eine Angst, wie nach einer vollbrachten boͤsen Handlung. Auch vor andern, leiblichen Gefah- ren warnt uns der socratische Daͤmon. Jener from- me Geistliche gehet aus, um den nahe bey seiner Woh- nung gelegenen Felsenberg mit seiner schoͤnen Aussicht zu besuchen. Unterwegens spricht die innere Stimme zu ihm: was thust du hier? fuͤhrt dich hoͤherer Be- ruf, oder eitle Neugier hieher, ist es auch recht, daß du hier gehst? Er haͤlt ein, stellt sich neben den Weg unter eine Bergwand, und uͤberlegt, und noch indem er er nachsinnt, koͤmmt ein Felsenstuͤck in den engen, von ihm eben verlassenen Fußsteig herabgestuͤrzt, das ihm ohnfehlbar, ohne jene Warnung zerschmettert haͤtte Stillings Taschenkalender auf 1808. . Auf dieselbe prophetische Weise fuͤhrt uns der gute Daͤmon mit einer Art von hoͤherer Gewalt, in Verhaͤltnisse, worin wir etwas Gutes zu thun ver- moͤgen, und er bedient sich hier eben jener Unruhe, jener Angst, die uns als Bewegungen des Gewissens bekannt sind. Schon ausgekleidet, und in spaͤter Nacht, wird der ehrwuͤrdige Johann Dod, durch ei- ne unwiderstehliche Unruhe getrieben, einen etwa eine Meile entfernt wohnenden Freund zu besuchen. Alles Raͤsonniren, alle Gegeneinwendungen gegen die Stim- me der innern Unruhe helfen nichts; er muß sich auf den Weg machen. Verzweifelnd, in dem Kampfe einer tiefen Gewissensangst, findet er seinen Freund dem Selbstmord nahe, und erhaͤlt Gelegenheit, ihn auf immer von jener Angst zu retten. Geschichte der Wiedergebornen. Jener Beamte, der in stuͤrmischer regnigter Nacht, schlaflos auf seinem Lager ruhet, bemuͤht sich auch vergebens, die innere Angst, die ihn hinaus in den Garten, und von da aufs Feld treiben will, so vernuͤnftig als moͤg- lich hinweg zu raͤsonniren. Er muß endlich hinaus, und erhaͤlt Gelegenheit, einem vergebens um Beystand rufenden Knaben seinen Vater vom Tode retten zu helfen. Stillings Taschenkalender auf 1809. Eben so wird Jener, den recht zur un- gele- gelegenen Zeit eine innere Unruhe zu einem Spazier- ritt ins Freye treibt, auf diesem Wege Retter meh- rerer Personen. S. Hillmers christliche Zeitschrift. In aͤhnlicher Manier, nur mit ganz entgegengesetzter Absicht und zu entgegengesetztem Zwecke, wirkt auch der boͤse Daͤmon. Er erregt in der Seele die Neigung zum Boͤsen, weckt die Lust durch Vorspiegelung vergangenen oder zukuͤnf- tigen Genusses, und treibt uns, anfangs leiser, je mehr wir ihm aber Gehoͤr geben, desto gewaltiger von Ge- danken und Worten bis zur schlimmen That, wider- spricht der besseren Stimme in uns. Der schlimme Daͤmon ist auch prophetisch, auf eine eben so ausge- zeichnete Weise, als der gute. In der Lebensgeschich- te großer und kleiner Verbrecher, finden sich mannich- faltige Spuren von diesem, jede Gelegenheit zum Bes- seren, oder zum Erwachen der guten Stimme, ver- meidenden und verabscheuenden Geiste. Nicht minder verkuͤndigt der boͤse Engel dem Verzweifelnden den nahen Tod, oder selbst andere mehr zufaͤllig scheinen- de Dinge. Jene Besessene zu Loudun, welche die aufgeklaͤrteren Aerzte und Philosophen ihrer Zeit durch ihre prophetische Gabe in nicht geringe Verlegenheit brachte, und von der I. Bodin erzaͤhlet, verrieth einem Moͤrder und Laͤsterer, der sie befragte, die in- nersten Geheimnisse und Gedanken seines Herzens Leben des Querioles in G. Terstegens Leben heiliger Seelen, Vorrede zum zweyten Bande. und und brachte auch Andere auf aͤhnliche Weise zum Ent- setzen. Wie der bessere Engel mit unwiderstehlicher prophetischer Gewalt in Gelegenheiten zum Gutes- thun fuͤhrt, so der schlimme in entgegengesetzte Ver- haͤltnisse. Ungluͤckliche Moͤrder, und solche, welche dem Selbstmord nahe gewesen, erzaͤhlen oͤfters, wie sie mit unwiderstehlicher Gewalt zu den Werkzeugen und alles beguͤnstigenden Umstaͤnden ihrer That hin- gefuͤhrt worden. Wir finden jene dunkle Anlage im Menschen uͤberall in ihrer Zweyseitigkeit und in ihrem guten und schlimmen Charakter wieder. Mit Unrecht pflegen wir unter dem Worte Gewissen immer nur die guten Regungen jener Anlage zu verstehen. Die Bangig- keiten des Gewissens zeigen sich zuweilen eben sowohl von boͤser als von guter Natur. Um nur ein Bey- spiel zu geben: so wird Bunian Jahre lang von tie- fer Gewissensangst um ein unwillkuͤhrlich, bloß in Gedanken, nicht einmal mit den Lippen ausgesproche- nes Wort gemartert. Fuͤr ihn allein scheint kein Er- barmen, keine Huͤlfe moͤglich. Er, der unwiderruflich Verlorene, mag sich nur immer allen Belustigungen der Sinne, oder der aͤußersten Verzweiflung hingeben. Alle Mittel eines hoͤheren Trostes, alle aͤußere Ge- braͤuche der Andacht, scheinen ihm nur wie Spott, wie Laͤsterung, die seine Schuld noch vermehren. Oef- ters fuͤhrt ihn die Verzweiflung nahe zum Selbstmord und zu andern schlimmen Ausbruͤchen. — Auch in an- dern Faͤllen nimmt dann jener boͤse Daͤmon die Ge- stalt des besseren Gewissens, als Bestrafer und innerer Raͤcher des Boͤsen an, verstellt sich in die Form des guten guten Engels, und macht nun die verzweifelnde Seele desto sicherer gegen die Stimme alles besseren Trostes, aller Liebe und des hoͤheren Friedens taub. Mit be- wundernswuͤrdiger Dialectik Diese zeigt unter andern die Gemahlin des Rupert Harris, in der Lebensgeschichte des letzteren. Gesch. d. Wiedergebornen. weiß derselbe alle Ge- gengruͤnde und Vorstellungen der besseren Stimme zu widerlegen, und diese Dialectik erscheint uͤberhaupt noch anderwaͤrts als eine Erfindung des boͤsen Daͤ- mons, deren der gute nicht bedarf. Hieher gehoͤren alle Ausbruͤche des sogenannten religioͤsen Wahnsinnes und des Fanatismus, und die scheinbar religioͤse Mas- ke ist eine der gewoͤhnlichsten Erscheinungsformen jenes schlimmen Geistes, wodurch er nur zu haͤufig auch die Aeußerungen des guten laͤcherlich und verdaͤchtig machet. Allerdings ist, besonders bey Gelegenheit der soge- nannt religioͤsen Melancholie, etwas Koͤrperliches nicht zu verkennen, nur bleibe man bey diesem Koͤrperlichen nicht allein stehen. Jene Bilder- und Gestaltensprache, deren sich das geistige Organ der urspruͤnglichen Sprache, im Traume, und in der poetischen und prophetischen Be- geisterung bedienet, finden wir auch in seinen ersten und unmittelbarsten Aeußerungen als Gewissen wie- der, und auch die Welt der Furien spricht mit dem Menschen auf furchtbar laute Weise, jene Geister- sprache. sprache. Auch dieser Sprache gehet der schon fruͤher erwaͤhnte Character einer allgemeinen Verstaͤndlichkeit nicht ab. Das Bild des Ermordeten, welches einem gewissen Mahler, der der Moͤrder war, uͤberall nach- folgte, uͤberall begegnete, traͤumend und wachend mit furchtbarem, stillem Ernst ins Gesicht schaute, hatte, als es von jenem gemahlt war, fuͤr Jeden den es sa- he, ohne nur das Mindeste von der Veranlassung zu wissen, etwas Unheimliches, Furcht- und Grausen- Erregendes. Und doch war es dem Ansehen nach nur das Portraͤt eines schoͤnen, wohlgekleideten, etwas ernst blickenden Mannes von mittleren Jahren. Stillings kleine gesammelte Schriften 1ter Band. Bekannt ist auch in jener Hinsicht die Wirkung der Toͤne und Worte, welche religioͤse Melancholie aus- preßte, auf Andre. Das Bild einer einzelnen Handlung oder eines einzelnen Nebenumstandes derselben ist es, welches Verbrecher oͤfters als marternde Furie lange Jahre be- gleitet. Viele haben erzaͤhlt, wie das Wimmern des Ermordeten, das Bild einer gewissen Gegend, worin die Handlung geschahe, das Blut, das sie immer noch an ihren Haͤnden oder an dem Orte, wo es vergossen worden, zu sehen glaubten, sie wachend und traͤumend nie verlassen habe, und ihnen bis an die todesstunde oder die Stunde des besseren Besinnens gefolgt sey. Eben so begleiteten auch zuweilen die Bilder und Em- pfindungen der besseren Stunden und Handlungen die Seele, wie ein guter Engel durchs ganze Leben, und 5 wur- wurden ihr Fuͤhrer zuruͤck zu dem hoͤheren Ursprung. Bey einem in alle Laster Versunkenen, Wagnitz Moral in Beyspielen, 1ter Theil. allen wil- den Leidenschaften zum Spiele Hingegebenen, blieb, aus fruͤher Kindheit her, die Erinnerung an eine einzige bessere Bewegung, an eine einzige bessere Thraͤne, welche die Ermahnung eines guten Vaters in ihm geweckt hatte. Diese Erinnerung wollte niemals vor aller Dialektik des Lasters entweichen, und sie ward dem Verirrten ein Fuͤhrer zur verlassenen Wahrheit zuruͤck. Bey einem andern war es die Wirkung ei- ner religioͤsen Handlung, welche ihn unter allen tie- fen Verirrungen nie verließ, und ihn zuletzt zur ru- higen Erkenntniß fuͤhrte. Ebendaselbst. Wir werden hernach mehrere Faͤlle solcher Art kennen lernen. Nicht selten stellen sich, in der Bilder- und Ge- staltensprache des Geistes, jene verschiedenartigen Stim- men, der Seele als besondre, selbststaͤndige Wesen dar, und der gute oder schlimme Daͤmon wird dieser wirklich sichtbar. Wir wollen hier nicht an die aus alter und neuer Zeit bekannten, daher gehoͤrigen Faͤl- le, nicht an die seltsamen Erscheinungen des sich sel- ber Sehens erinnern. Jenem hollaͤndischen Predi- ger, Evert Luyksen. der aus unzulaͤnglicher Bedenklichkeit, sein etwas beschwerliches, aber folgenreiches Amt aufge- ben will, werden die Einwuͤrfe und Zurechtweisungen seines Gewissens von der Gestalt eines fremden, un- ge- gewoͤhnlich aussehenden Mannes vorgestellt. Auf aͤhn- liche Weise wird dem Grynaͤus Camerarius im Leben des Melanchthons. der gute warnende Daͤmon sichtbar, und ein großer Theil jener, mit den Neigungen und Ansichten des gewoͤhnlichen Lebens im seltsamen Contrast stehenden Traumbilder, scheint eine Wirkung dieses besseren Schutzgeistes zu seyn. Wenn naͤmlich irgendwo der schon fruͤher erwaͤhn- te, mit der gewoͤhnlichen Welt contrastirende in ironi- schem Gegensatze stehende Charakter merklich ist: so ist es an den unmittelbarsten Aeußerungen jenes Organs, jener Quelle alles Contrastes selber. Die Propheten, welche an Gesinnungen und Thaten immer in dem ge- waltigsten Gegensatze mit ihrem Zeitalter und ihrem Volke stunden, repraͤsentirten eigentlich das Gewissen der Voͤlker. In diesem Charakter eines Gewissens ih- res Volkes und ihrer Zeit, erscheinen uns selbst noch prophetische Maͤnner der neueren Zeit. Der große Re- formator der Schottlaͤnder, welcher selbst die unerwar- tetsten, auf keine Weise zu vermuthenden Begebenhei- ten mit klarer Bestimmtheit voraussagte, pflegte auch oͤfters dem blindesten, dreustesten Laster, wie eine Stim- me im Gewissen den nahen Untergang zu verkuͤndigen, die geheimste und versteckteste Bosheit zu bestrafen, und ihre verborgensten Plaͤne ans Licht zu ziehen. Ganz in neuester Zeit, gab der seltsame Manizius ein aͤhnliches Beyspiel. (Basler Sammlungen.) Maͤnner dieser Art, sind niemals nach dem Sinne der Welt ge- wesen, wesen, und hatten auch ihrerseits an dem Treiben und den Neigungen des gewoͤhnlichen Lebens wenig Interesse. Jenem natuͤrlichen Contrast gemaͤß, ist die Ide- enassociation des Gewissens eine ganz an dre, als die des wachen Denkens, und sie ist dieser ganz entgegen- gesetzt. Die Stimme des Gewissens laͤßt sich durch keine noch so folgerechten und vernuͤnftigen Raͤsonne- ments hinwegstreiten oder ersticken, und noch so oft widerlegt und uͤbertaͤubt, laͤßt sie sich immer von neu- em und immer dringender, selbst bey denen verneh- men, welche das Gewissen selber fuͤr den Nachhall al- ter, durch die Erziehung eingepflanzter Vorurtheile halten. In jener Hinsicht, wegen der Unabhaͤngig- keit von allem Vernuͤnfteln und Verstaͤndeln, ist auch die Wirkung der Wahrheit auf das Gemuͤth derer wel- che sie vernehmen, mit der Wirkung eines Miasma verglichen worden, das unwiderstehlich und aller Ge- genvorkehrungen spottend, alle ergreift, die sich seinem Wirkungskreise naͤhern. Keine vernuͤnftigen Vorstel- lungen aͤußerer Ruͤcksichten, Bande der Gesellschaft und sinnliche Neigung, kein gewaltsamer Widerstand, noch Drohung, noch Gefahr sind vermoͤgend, ein Ge- muͤth, welches von jener ansteckenden Kraft der Wahr- heit ergriffen worden, in seinem gewoͤhnlichen Kreise zuruͤck zu halten M. s. z. B. das Leben des Franziscus von Assis. . Wir nannten das Gewissen die Mutter aller fruͤ- her erwaͤhnten Widerspruͤche unserer Natur. Es ist jener jener Stachel, welcher uns mitten in den Vergnuͤgun- gen der Sinnenwelt kein Genuͤge, in allen Befriedi- gungen sinnlicher Neigungen keinen Frieden finden laͤ- ßet, welcher aber auch auf der anderen Seite unsere hoͤhere Ruhe bestaͤndig unterbricht und unsere besseren Kraͤfte, schon dem Hafen nahe, immer zu neuen Kaͤmpfen auffodert. Von den beyden Janusgesichtern unserer doppelsinnigen Natur, pflegt, jenem contrasti- renden Freundespaar der alten Zeit gleich, das eine dann zu lachen, wenn das andre weint, das eine zu schlummern, und nur noch im Traume zu reden, wenn das andere am hellsten wacht und das laute Wort fuͤhrt. Wenn der aͤußere Mensch sich am ungebun- densten und froͤhlichsten, in eine Fuͤlle von Genuͤssen versenkt, stoͤrt jenen Rausch eine Stimme der inneren Unlust und tiefen Trauer. Wer hat es nicht, wenig- stens in den Jahren einer besseren, stilleren Kindheit erfahren, wie auf ungebundene froͤhlich durchschwaͤrmte Stunden ein noch unbekanntes Gefuͤhl von Leere, ei- ne unwiderstehliche Schwermuth, Thraͤnen ohne Ur- sache folgten, ja wie uns diese Schwermuth oͤfters mitten in der lautesten Freude uͤberraschte? Auf der anderen Seite laͤßt uns der innere Mensch, wenn der aͤußere weint und trauert, Toͤne einer Freude verneh- men, die uns, wenn wir ihnen nur Gehoͤr geben, un- sere Schmerzen bald vergessen machen, und dieser Phoͤnix frohlockt noch in der Flamme. Je frischer und kraͤftiger der aͤußere Mensch vegetirt, desto ohnmaͤchti- ger wird der innere, der sich dann in die Bilderwelt der dunklen Gefuͤhle und des Traumes zuruͤckzieht, je kraͤftiger dagegen der innere Mensch auflebt, desto mehr muß der aͤußere absterben. Eine nur gar zu alte Er- fah- fahrung! Was jener am liebsten will, ist diesem nichts nuͤtze, was dieser verlangt, ist jenem ein Gift. Bey- de Naturen dieses seltsamen Zweygespannes fodern laut ihr Recht, das keine der andern aufopfern will; die eine zieht dahin, die andere dorthin, und in der unse- lig seligen Mitte schwebt der Mensch, gerissen nach zwey Seiten, oͤfters von dem widerspaͤnstigen Gespann zerrissen; unvermeidlich, immer die eine beguͤnstigt mit der andern im toͤdlichen Kriege. Wann wird dieser alte Widerspruch aufhoͤren? Wird an jener zweyleibi- gen Mißgeburt, davon ein Leib dem andern zur Last ist, der eine im Tode wirklich sterben, oder schleppen wir den naͤrrischen Doppelmagen mit uns hinuͤber, und werden wir jenes vom heiligen Altar unserer besten Entschluͤsse, Mehr oder minder wird Jeder in seinem Leben die Er- fahrung des Jean Paulschen Feldpredigers Schmelzle (am Altare,) oder die des Stifters der englischen Me- thodisten, dessen Lachsucht beym Gottesdienst eine Zeit- lang ansteckend wurde, an sich selbst gemacht haben. oder am Sarge unserer Liebsten frech auflachenden, in unsere schoͤnsten Freuden laut hinein- grinsenden Ungeheuers auch dort nicht los? Wer hat sich denn den seltsamen Scherz gemacht, mit unserer armen Natur das Spiel einer Schlafrockspredigt zu spielen, wo zu der Rede des Predigers der keine Arme hat, eine andere mit in sein Gewand versteckte Person die Gebaͤrden macht, traurige, wenn jener froͤhliche, froͤhliche, wenn er traurige Worte spricht, unruhige und eifrige Bewegungen, wenn jener am ruhigsten, ruhige, wenn er am eifrigsten redet? 5. 5. Von einer babylonischen Sprachen- verwirrung. W ir verfolgen den seltsamen Contrast unserer Natur noch weiter. Ueber jenen Contrast vergleiche man we i ter: Franz Baaders Begruͤndung der Ethik durch die Physik. — Von jeher hat die ernstere Moral nicht den hoͤchsten Werth in jene innerlichen Empfin- dungen und Genuͤsse gelegt, von denen sich der Mensch in den gluͤckseligsten Stunden seines inneren Lebens er- griffen fuͤhlt. Und dennoch erscheinen diese Freu- den, welche die Seele aus dem Umgange und der Ge- meinschaft mit ihrem hoͤheren Ursprunge empfaͤngt, als die reinsten und geistigsten, deren sie in dem jetzigen Daseyn empfaͤnglich ist. Jene ernstere Moral redet vielmehr von einer tiefen, geistigen Verlassung und Entbehrung selbst unserer geistigsten Genuͤsse, als von einem Zustande, welcher zur Entwickelung des inneren Lebens nothwendig, seinem Gedeihen oͤfters viel foͤr- derlicher sey, als der des Genusses, obgleich dieser Schmerz, welcher selbst des Trostes der Thraͤnen und einer sinnlichen Fuͤhlbarkeit entbehrt, der hoͤchste ist, den die Seele in ihrem jetzigen Zustande ertragen kann. Und in der That, selbst jene geistigsten und rein- sten Empfindungen, graͤnzen nahe an eine andere Re- gion des Gefuͤhles, die den Geist leicht in die groͤßten Widerspruͤche und Gefahren stuͤrzt. Diesen groͤßten Gefahren unter allen ist der unbewachte Menschengeist zu zu allen Zeiten unterlegen, und wenn nach dem Vor- hergehenden in den Geheimlehren und Geheimgottes- dienst des Alterthums auf der einen Seite allenthal- ben den Geist eines hoͤheren, nuͤchternen Erkenntnisses und der innigeren Gemeinschaft mit dem Goͤttlichen unverkennbar ist; so finden wir auf der andern Seite jene reine Feyer auch eben so sehr durch orgiastische Greuel einer rasenden thierischen Wollust befleckt. Wir haben fruͤher den eigentlichen und urspruͤnglichen Sinn der Bacchischen Mysterien gesehen, deren spaͤtere Miß- braͤuche und entsetzliche Ausschweifungen sich noch jetzt im Sprichwort erhalten haben. Gehen wir alle die verschiedenen Religionsformen der Voͤlker durch, so finden wir zu unserm Erstaunen, daß sich das Getoͤse wilder sinnlicher Lust, blutige Grausamkeit und Fana- tismus immer gerade zu jenen Lehren gesellt haben, welche urspruͤnglich die meisten, maͤchtigsten Strahlen einer hoͤheren Wahrheit und Gotteserkenntniß in sich enthielten. Die Geheimlehren der ganzen alten Welt sind sich in Hinsicht ihres Inhaltes verwandt, (z. B. die Bacchusmysterien mit den so verschiedenartig schei- nenden Lehren des Apollo,) und dieser Inhalt ist noch immer in jenen Ueberresten zu erkennen, die sich im Goͤtzendienst der jetzigen, besonders der asiatischen Voͤl- ker erhalten haben. Mit Recht behauptete das Al- terthum von einigen jener minder verunreinigten My- sterien, daß sie, wie die Goͤtter uͤber die Heroen, uͤber alle andere von Menschen angeordnete Religions- anstalten erhaben waͤren. Und die heiligen symboli- schen Gestalten jener Geheimlehren, zu welchen unge- heuren Zerrbildern sind sie entstellt worden! von je- nem des Kinder-mordenden Molochs an bis zu dem blu- blutigen Huichtlopochtli der neuen Welt. Jene klare, erhellende, allbefruchtende Sonne, als Symbol eines hoͤheren Lichtes der geistigen Region, ist zum allver- sengenden, toͤdtenden Feuer geworden; aus den Sym- bolen der allerschaffenden Gottheit, deren sinnlich offen- bartes Wort die sichtbare Natur ist, wurden Werk- zeuge thierischer Woliust, der Weinkelch, der in den aͤltesten wie in den neueren Mysterien eine hohe Be- deutung hatte, ist zum Taumelkelch finnloser Dumpf- heit und verkehrter Mißverstaͤndnisse geworden. Be- sonders sind es zwey nahe verwandte Laster: Wollust und Blutgier, welche sich durch eine verkehrte Ideen- association des Wahnsinnes, fast immer an die Grund- idee der Geheimlehren angereiht haben, und wie jene naͤchtliche Feyer sich fast allenthalben mit Schaͤndlich- keiten der ersteren Art befleckte, so finden wir auch, daß sich die ersten fanatischen Kriege, Verfolgungs- wuth und Grausamkeiten aller Art an der Ausbrei- tung der Geheimlehren entzuͤndet haben. Gerade die- ser heiligste Altar wurde zum Schlachtheerd der Men- schenopfer. — Ueberall das Beste bey dem Schlimm- sten, wie unter andern die Geschichte jener Nation zeigt, welche ein hoͤherer Rathschluß aus allen Voͤl- kern des Alterthums erwaͤhlt hatte. Schon jene Vorstellung, welche die Alten mit dem Begriff einer Baccha, einer Maͤnas verbanden, wird hier sehr bedeutend. Einmal war ihnen diese ein Bild tiefer religioͤser Beschauung, versunken in ein schmerzlich suͤßes Gefuͤhl des innern geistigen Ge- nusses, still und in sich gekehrt; auf der andern Seite ein Bild rasender Geistestrunkenheit und des aus- schwei- schweifenden, bewußtlosen Sinnentaumels. Creuzer, a. a. O. B. III. P. 201. Und noch immer liegen sich beyde Extreme fuͤrchterlich nahe. Ein aufmerksameres Studium der Selbstbekenntnisse und Lebensbeschreibungen jener innigeren Menschen, welche ein ganzes Leben hindurch den Kampf um re- ligioͤse Vollendung gekaͤmpft haben, belehrt uns: daß gerade die Seelen mit den gluͤhendsten Versuchungen und inneren Anregungen zur sinnlichen Lust zu streiten hatten, welche am oͤftesten und maͤchtigsten den seligen Genuß geistiger Freuden und den Himmel eines goͤtt- lichen Entzuͤckens empfunden. Und doch sind diese mil- den, waͤrmenden Strahlen einer hoͤheren Sonne, dem Erwachen des geistigen Lebens so noͤthig — sind seine erste Nahrung. Schon aus einem andern Kreise ist es bekannt, daß fast alle groͤßere Komiker, neben ih- rem Talent zum Komischen, einen tiefen Hang zum Ernst, zur Schwermuth hatten, wie unter andern Ariosts Lebensgeschichte bezeugt, und umgekehrt zeigt sich auch bey dem tieferen Talent zum Tragischen, zu- gleich jenes zum Komischen. — Mit der obenerwaͤhn- ten Erfahrung verwandt ist auch jene, nach welcher oͤfters gerade die Kinder der innigsten und besten El- tern den ausgezeichnetesten Hang zu wilden Ausbruͤchen verrathen. — Fanatische Grausamkeit und andere Aus- schweifungen jener Art, haben sich auch noch in neue- rer Zeit am leichtesten an jenen Cultus geknuͤpft, da die sich selber entfremdete Seele durch maͤchtige Gefuͤhle aller Art zu erwecken, und an die Ruͤckkehr in ihre Heimath zu erinnern pflegt. Die Die Wurzel jenes alten Mißverstaͤndnisses liegt tief. Schon dem Alterthum war jener fleischgeworde- ne Gott, der ein Fuͤhrer der Seelen aus der Sinn- lichkeit zuruͤck zu ihrem reinen, goͤttlichen Ursprung, ein Beyspiel aller Verlaͤugnung sinnlicher Selbstsucht und wohlthaͤtiger Aufopferung fuͤr Alle war, zugleich Hervorbringer und Herrscher der sinnlichen Lustregion. Er war ein Vertheiler der Speise, und wie die ganze Natur sichtbare Offenbarung jenes goͤttlichen Wortes — Leib desselben war, so theilte sich dieser Leib dem Menschen in jeder Speise, jedem Trank, jedem Sin- nesgenusse mit. Er war deßhalb der Milde, der Guͤ- tige, der freygebige Austheiler sinnlicher Freuden, in dessen genußvollem Reiche die koͤrperliche Natur es sich wohl seyn ließ — der freundliche Spender suͤßer Won- ne. Creuzer, a. a. O. III. 453. u. s. f. Freylich hatte derselbe Sinnesgott sein Fleisch auch in einem andern Sinne vertheilt, war urspruͤng- lich der Geber anderer Freuden, anderer Genuͤsse. Die Seelen, herabgesunken aus der reinen, hei- teren Region des Ursprungs, in das lustige Sinnen- reich des Dionysos, vergaßen gar bald in dieser war- men behaglichen Welt koͤrperlichen Genusses, die Ruͤck- kehr in die Heymath und die Heimath selber. Aber eben der Gott, durch dessen Spiegel die Sehnsucht nach der niederen, groͤberen Region in ihnen entzuͤn- det war, und der sie in seiner Sinnenwelt die Heimat h vergessen machte, war ja auch der Fuͤhrer in diese zuruͤck, reichte ihnen jenen Becher der Weisheit und der der Erkenntniß, der die Sehnsucht nach dem Ueber- sinnlichen und ein Vergessen der niederen Region in ihnen wirkte Creutzer, III. 466. . Der Grund aller jener Widerspruͤche lag in ei- nem allgemeinen und alten Mißverstaͤndniß der menschlichen Natur, und in einer Umkehrung ihrer in- nern urspruͤnglichen Verhaͤltnisse. In der Region des Sinnlichen sehen wir oͤfters den bildenden Trieb durch eine metastatische Verirrung von einem Organ auf ein anderes uͤbergehen, und z. B. die Absonderung der Milch oder anderer Saͤfte an Theilen gesche- hen, welche an sich zu jener Verrichtung gaͤnzlich ungeschickt sind. Auch die Geschichte unserer sinnlichen Neigungen ist reich an Beyspielen einer solchen metastatischen Verirrung von einem Gegen- stand auf einen andern, und schon jene Perso- nen, welche des natuͤrlichen Gegenstandes der ehe- lichen oder elterlichen Liebe entbehren, heften oͤf- ters die Reigung, welche diesem gebuͤhrt, mit ihrer ganzen Staͤrke auf andere, leblose oder belebte Din- ge, die an sich keiner Neigung werth sind. Auf die- selbe Weise hat sich auch die Grundneigung unserer zur Liebe geschaffenen geistigen Natur, von einem ih- rem unsterblichen Beduͤrfniß angemessenen Gegenstand auf einen ungleich niederen, wandelbaren verirrt, und noch immer wirkt die Verirrte in einer solchen unge- schickten Region, mit der ihr eigenthuͤmlichen Kraft und nach dem eingepflanzten Typus fort, wie ein Nacht- Nachtwandler, der sich, befangen im engen Zimmer, an einem ganz anderen Orte waͤhnt, und dessen Hand- lungen deßhalb im laͤcherlichsten Contrast mit seiner Umgebung stehen. — Die uns umgebende Sinnen- welt sollte nach den vorhin gebrauchten Worten Sym- bol, bildlicher Ausdruck der hoͤheren Region, und des Gegenstandes unserer geistigen Neigung seyn. Durch eine optische Taͤuschung ist aber der Schatten zum Ur- bild, dieses zum Schatten seines Schattens gewor- den: jene Sinnenwelt, die fuͤr uns Region der ruhi- gen, kalten Reflexion und eine Bildersprache seyn soll- te, deren Bedeutung sich auf den Gegenstand der hoͤ- heren Neigung bloß bezogen, ist nun fuͤr uns der Ge- genstand jener Neigung selber, und Region der Liebe, des Gefuͤhls; dagegen ist uns die geistige Sphaͤre Re- gion der kalten Reflexion geworden. Die sinnlichen Eigenschaften jener (symbolischen) Gestalten, erscheinen uns nun als ihre Bedeutung, der urspruͤngliche Sinn derselben ist uns erloschen; umgekehrt sehen wir dage- gen die Gegenstaͤnde der geistigen Region zum Bilde und Symbol der Gegenstaͤnde unserer sinnlichen Nei- gung herabgewuͤrdigt, und die mit ihrer ganzen un- sterblichen Kraft im Dienste des Nichtigen befangene Seele, mißbraucht in seltsamer Verkehrtheit die Strah- len selbst des geistigsten Lichtes bloß zu einer niedri- gen Ausschmuͤckung ihres schmutzigen und armen Auf- enthaltes; wie in der sinnlichen Welt der Sclav zer- stoͤrender Luͤste selbst die kaum wieder erlangte Gesund- heit nur zur schnelleren Selbstzerstoͤrung benuͤtzt. Ein altes Mißverstaͤndniß, eine alte Verwechslung hat demnach das Aeußere zum Innern, das Niedere zum Hoͤheren und umgekehrt gemacht, und in ungluͤcklicher Ehe Ehe sehen wir unsere unsterbliche Liebe mit einem durchaus ungleichartigen, ihrer unwuͤrdigen Gespann zusammengepaart. Eine neuere, tiefer gehende Sprachforschung, hat jene alte Verwechslung selbst uͤberall in der articulir- ten Sprache und der Verwandschaft ihrer Worte un- ter einander nachgewiesen. I. A. Kanne aͤlteste Urkunde, — Pantheon — Indische Mythe. Zuerst zeigt sich haͤufig, daß die Worte, welche ganz entgegengesetzte Begriffe bezeichnen, aus einer und derselben Wurzel hervor- gehen, als wenn die sprechende Seele anfangs mit den Worten nicht die aͤußerlichen, einander entgegen- gesetzten Erscheinungen, sondern das (doppelsinnige) Organ bezeichnet haͤtte, das zum Auffassen dieser Klasse von Erscheinungen geeignet ist. So sind die Worte, welche warm und kalt bezeichnen, nicht nur noch jetzt in mehreren Sprachen gleichlautend: z. B. Caldo, was im Italienischen warm bedeutet, ist gleich- lautend mit unserem kalt; sondern selbst in einer und derselben Sprache, gehen die Worte fuͤr kalt und warm aus einer und derselben Wurzel hervor, ( gelu, gelidus, Kaͤlte, kalt, mit caleo, calidus, warm) und der Gott des heißen Suͤdens ist aus dem kalten Nord geboren. Pantheon, P. 100. So wie sehr haͤufig in Mythus und Sprache die gute Gottheit mit dem Boͤsen verwechselt und wiederum das Boͤse als Gutes genommen wird, Ebend. 194. so so entspringt auch im Persischen, wo doch sonst der Mythus beyde entgegengesetzte Prinzipien scharf von einander zu halten scheint, der Name des boͤsen Ah- riman und des Lichtgottes Orim-Asdes aus Einer Wurzel, eben so wie ʼερως (Liebe) und ʼεις Zwist, und in verschiedenen Sprachen die Worte fuͤr Einig- keit und Vereinigen und fuͤr Feind und entzweyen, (fast auf dieselbe Weise, wie nach Schwedenborg aus sinn- licher Liebe jenseits der grimmigste Haß geboren wird.) System der indischen Myth. P. 276. Auch Licht (das Symbol der Wahrheit), und Lug und Luͤge entspringen in verschiedenen Sprachen aus Einer Wurzel, weil das Licht, (der schoͤne Morgenstern wie es anderwaͤrts heißt,) indem es sich zur sengenden Flamme entzuͤndet, der verzehrende Wolf und der boͤ- se Loghe geworden, der als Hund und Huͤndin auch anderwaͤrts in unreiner Bedeutung erscheinet. Jene zweyfache (brennende und leuchtende) Natur des Lich- tes begegnet sich in der Sprache und im Mythus al- lenthalben. Urkunde und Pantheon an verschiedenen Orten. Das Blut erscheint ebenfalls in bey- den unter der Bedeutung des Giftes, des Zornes, des rasenden Grimmes, und unter jener der Versoͤh- nung, Besaͤnftigung, Belebung. Pantheon 283 — 198 u. a. Ind Myth. 144 — 296. Raserey und ru- hige Besinnung, Finsterniß und Licht, das schwere Metall und der leichte Vogel, Luft und Eisen, die Bezeugungen der Freude und der Trauer, niedrig und hoch, sinnliche Lust und Entmannung, und alle in ihrer Bedeutung noch so entgegengesetzt scheinenden Worte gehen gehen auf dieselbe Weise aus gemeinschaftlicher Quelle hervor, und das Lamm, so wie der Widder, welche oͤfters Symbole des schaffenden Wortes sind, erscheinen als Bock anfangs als Ausdruck des zeugenden Prin- zips, dann der groͤbsten Wollust (auch hier Lamm und Flamme aus Einer Wurzel), oder als Schlange, in ei- ner bald wohlthaͤtigen bald furchtbaren Bedeutung. Auf eine merkwuͤrdige Weise laͤßt sich nicht selten noch in der Sprache und im Mythus der Weg deut- lich nachweisen, auf welchem die Worte von der einen Bedeutung in die andere ganz entgegengesetzte uͤberge- gangen sind. Wir wollen auch hier nur einige wenige Beyspiele hervorheben. Die Verwandschaft des Er- kennens und Zeugens ist schon von Franz Baader auf eine merkwuͤrdige Weise dargethan worden. Anch in der Sprache und im Mythus ist die Taube, welche als heiliger Lebensgeist das Lebenswasser der Schoͤpfung, so wie den erkennenden Menschengeist bewegt, mit dem Vogel Phoͤnix und der Palme gleichbedeutend. Die Palme, so wie die Blume der Nacht am Lebens- quell, oder anderwaͤrts die Eiche, Weinstock, Feigen- baum, wird hierauf zum Baume der Erkenntniß, wel- cher zugleich Baum des Haders ist. Endlich so wird der Baum der Erkenntniß zum Lingam, zum Werk- zeug und Symbol sinnlicher Geschlechtslust. Auf die- selbe Weise wird auch das erkennende Auge (der Brunnen des Lichts, das Wort) auf der einen Seite zur bauenden, schaffenden Hand, auf der andern, zu- gleich mit der Hand, gleichbedeutend mit dem Organ der koͤrperlichen Erzeugung. Das belebende Auge wird nun zugleich toͤdtend, die Wahrheit zeugende, schwoͤ- ren- rende Hand, wird die taͤuschende, Luͤgen verkuͤndende, zaubernde. So ist denn jene keusche Jungfrau des Mythos, die nie von dem Hauch einer sinnlichen Lust beruͤhrt worden, zu der unkeuschen Goͤttin der ausge- lassensten wildesten Wollust geworden, das schaffende, geistig erkennende Wort, ist nun durch eine furchtbare Verwechslung unter dem Bilde des graͤulichen Bockes Mendes angeschaut worden, dessen Kultus alle Schand- thaten der ausgeartetesten thierischen Wollust in sich vereinte, aus dem Fisch und der Fischschlange der sinnlichen Lust, Merkwuͤrdig ists, daß selbst noch in einer Branche der Traumsprache die Schlange Sinnlichkeit bezeichnet. Man erinnert sich dabey an Schwedenborgs Traum- Geisterwelt. „Das koͤrperlich Sinnliche, sagt er irgend- wo, wird im andern Leben durch Schlangen vor- gestellet.“ ist aber auch jenes furchtbare Gift gekommen, welches die Welt und das Leben vergiftet hat. Das Wort der Liebe, der heilige Name, das Gesetz, sind zur Strafe, zum Zorne, zur Rache geworden Ueber dies Alles Kanne, an verschiedenen Orten, besonders im Pantheon. . Eben so wie sich durch jene große Sprachenkata- strophe das Gute ins Boͤse, das Licht in die Finster- niß verkehrt hat; so verstellt sich umgekehrt das Boͤ- se ins Gute, und in haͤufigen Beyspielen, wozu sich schon die oben angefuͤhrten gebrauchen lassen, erscheint, in Mythos und Sprache, das Boͤse und Giftige, 6 taͤu- taͤuschend in lieblicher Gestalt, als Gutes und Heil- bringendes. Aber was war die Ursache jener babylonischen Sprachenverwirrung, die Ursache, daß jene Taube, jener goͤttliche Geist, der den Voͤlkern die Sprache gelehrt, zugleich Vogel des Zwistes geworden? Haranguerbehah, heißt es in der alten Sage, anfangs ein reiner Ausfluß des goͤttlichen Urlichts, als er in seiner Gestalt die Gestalten aller Dinge be- schlossen, die Prinzipien alles Werdens in sich ver- schlungen, betete nun sich selber an, sagte zu sich sel- ber Aham, ich bins, und wurde dadurch Urheber des Abfalles, der Luͤge und des Todes, obgleich in seinem Namen Sati das S und I noch von dem ersten, goͤttlichen Ursprunge zeugen, das T von der Luͤge und dem Tode. Dieser Haranguerbehah, heißt es weiter, der das Verlangen nach der Figur der ganzen Welt bezeichnet, (wie Parkorat, der weibliche Verstand: Gottes Verlangen nach der Welt,) beschloß bey sich selbst, die ohne Figur und Namen in ihm gelegene Welt hervor zu ziehen, und als er das ewige Licht (die Sonne) in sich verschlingen will, entsteht die Rede, welche, in Namen getheilt, allen Kreaturen ih- re Benennung giebt, und Ursache der Zeit- und Raum- verhaͤltnisse, wie der Wissenschaft wird. Auch in an- dern Sagen erscheint die articulirte Menschensprache als eine spaͤtere Erfindung, und jener stolze Sinn, der das ewige Licht in sich verschlingen, Berge auf- thuͤrmen, sich durch den Bau des Thurmes ewig ma- chen will, wird dabey in sehr verschiedenen mythischen Bildern dargestellt. Selbst Selbst das Buch der Natur enthaͤlt einen aͤhn- lichen Mythus, auf dessen Inhalt wir hier nur hin- deuten wollen. Die jetzige uns umgebende sinnliche Welt — das als Natur offenbarte Wort — ist freylich in fest ste- henden Lettern abgefaßt, und die Geschlechter der sichtbaren Wesen erhalten und erneuern sich, auf dem gewoͤhnlichen Wege, fast ohne alle Veraͤnderung. In- deß ist es doch sehr die Frage: ob dieses immer so gewesen, oder ob nicht vielmehr der schaffende Proteus in den letzten seiner Verwandlungen gewaltsam fest ge- halten worden, ob nicht die einander gegen uͤber ste- henden, kaͤmpfenden Kraͤfte (ein trauriges Hochzeitmahl der Lapithen) gewaltsam in ihren wandelnden Bewegun- gen gehemmt und erstarrt sind? Jene Ueberreste einer vormaligen organischen Natur, die sich in den aͤlteren Gebirgen finden, haben, wenigstens groͤßtentheils, zu andern Formen gehoͤrt, als die der jetzigen Natur sind, und der alte Meeresgrund der Gebirge zeigt uns, in den uͤber einander gehaͤuften abwechselnden Schichten, wovon zuweilen eine jede ihre eigene Thier- arten enthuͤllt, ein wirklich periodisches Verwandeln und Abwechseln der Formen, eine in verschiedenen Zeitraͤumen ganz verschiedene Thierwelt, wie solche proteische Umwandlungen aus einer Form in die andre, noch jetzt unter den Infusorien wahrgenommen werden. Ueber dieses merkwuͤrdige noch immer wenig gekannte Reich, steht eine treffliche Schrift, von H. Nees von Esenbeck zu erwarten, voller eigenthuͤmlicher, frucht- barer Ansichten und neuer Entdeckungen. Freylich sind die in der letzten großen Katastrophe un- tergegangenen Geschlechter den jetzigen ziemlich aͤhnlich, indeß indeß war auch diese Katastrophe erst eine Folge je- nes versteinernden Hochzeitmahles. Wenn einst das hoͤhere Urbild dieser koͤrperlichen organischen Natur, als wandelndes, wechselndes Wort der Rede, unmittelbar aus den Bewegungen der gei- stigen Region hervorgehend, von diesen Bewegungen abhing und mit ihnen sich wandelte: so stehen vielmehr jetzt die Prinzipien der Erhaltung und bestaͤndigen Wie- dererneuerung der Geschlechter, in der Gewalt der Wesen selber. Das ewige Lied der Schoͤpfung verhal- let an dieser starren Mauer zuletzt in einen einzigen Ton, der ohne Wechsel immer derselbe fortklingt, dessen Vi- brationen die immer sterbenden und als dieselben wie- derkehrenden Geschlechter sind, und das zur todten me- tallnen Schlange gewordne Weltall, ist ein immer, da wo er endet auch wieder beginnender Ring geworden. Noch ist selbst jene aͤlteste Thierwelt die wir nur ken- nen, ohne Unterschied des Geschlechts oder andro- gynisch gewesen, waͤhrend die juͤngste jenen Unter- schied am auffallendsten und markirtesten in sich ausgebildet traͤgt. Uranus, der waltende Herrscher der aͤltesten Vorwelt, heißt es, ist gewaltsam ent- mannt worden (nach Sprache und Mythus ist Entmannung und Ausuͤbung sinnlicher Wollust Ein Wort), aus dem Blute und dem belebend Fluͤssigen seiner Mannesstaͤrke ist die Goͤttin aller koͤrperlichen Erzeugung und des sinnlichen Entstehens geworden. Die Prinzipien der Erzeugung, scheint jener Mythus sagen zu wollen, sind durch eine ge- waltsame Katastrophe, welche die Natur aus ihrem urspruͤnglichen Verhaͤltnisse zur geistigen Region losriß, in in die Gewalt der sinnlichen Wesen gekommen, und in der That spricht denn auch die Verschiedenheit je- ner beyden Sprachen, von denen wir hier reden, von einer solchen Katastrophe. Die urspruͤngliche Sprache des Menschen, wie sie uns der Traum, die Poesie, die Offenbarung ken- nen lehren, ist die Sprache des Gefuͤhles, und, da der Gefuͤhle lebendiger Mittelpunkt und Seele die Liebe ist — die Sprache der Liebe. Der Gegenstand jener Liebe ist urspruͤnglich das Goͤttliche, und die hoͤ- here Region des Geistigen gewesen. Die Worte jener Sprache, welche zwischen Gott und dem Menschen be- standen, waren die Wesen der uns noch jetzt (als Schatten der urspruͤnglichen) umgebenden Natur. Je- ne Sprache handelte von dem Gegenstand unserer ewi- gen Liebe, (ihr geistiger Inhalt war das Wort) war nicht dieser Gegenstand selber. Wie jedes Beduͤrfniß, jede Liebe ihre natuͤrliche Wissenschaft mit sich bringt; so brachte auch jenes Sehnen im Menschen seine Wis- senschaft mit sich, und dem Menschen, als Herrscher und Mittelpunkt der Natur, war diese ein Saitenspiel, womit er das Lied seines ewigen Sehnens besungen, und aus welchem er wiederum das Wort, den Ton der ewigen Liebe vernommen. Noch ist es im Anfan- ge der Einfluß, der Lebensgeist der hoͤheren Region gewesen, welcher dieses Meer wechselnder Gestalten be- wegte und wandelte. „Aber dem unerfahrnen Kin- de kommt irgend woher der Gedanke, in das Innere des ihm vom Vater geschenkten Uhrwerkes hineinzu- blicken, mit erkennender Hand es zu zerlegen, und selber nach eigener Phantasie ein anderes Werk da- raus raus zusammenzusetzen.“ Sein ganzes Sehnen, und die Wissenschaft dieses Sehnens verlaͤßt nun die urspruͤng- liche Bahn, und wird von dem Meister auf das In- strument gerichtet. Das schoͤne Werk, gewaltsam los- gerissen von seiner Wurzel, die ihm Leben und Be- wegung gab, steht still, nur ein mitleidiger Strahl von oben giebt und erhaͤlt ihm noch die Kraft einer bestaͤndig im einfoͤrmigen Kreise sich drehenden Wie- dererneuerung und Wiedererzeugung. Ein großer, guter Koͤnig, spricht die Sage, hat- ten seine Liebe einer armen, unbekannten Jungfrau geschenkt. Noch lebte sie fern und getrennt von ihm, aber Boten der Liebe waren zahlreiche und glaͤnzende Diener, die der Koͤnig ihr sandte und die ihm wie- der den Gruß der Liebe zuruͤck brachten. Und die Schoͤnheit der Diener blendete die unerfahrne Jung- frau, eine strafbare Neigung erwachte in der vergeb- lich Gewarnten, sie vergaß jene ferner als Boten der Liebe zu senden oder den Gruß des Geliebten von ihnen zu vernehmen, Sclaven sollten sie ihr seyn, mit denen sie bey ihren Nachbarn prangte, Sclaven straf- barer Neigung. Arme Gesunkene! wer wird dich ret- ten, wenn nicht die ewige Liebe noch groͤßer ist als dein Vergehen, maͤchtiger als der Tod selber! So ist auch dem Menschen die Sinnenwelt und sein armes Selbst Gegenstand der Liebe und des Seh- nens geworden, waͤhrend der urspruͤngliche Gegen- stand seiner Liebe, die Region des Geistigen und Goͤtt- lichen, ihn kalt laͤßet. In traurigem Wahnsinn bezieht er nun jene Worte der urspruͤnglichen Sprache, die von von der ewigen Liebe und ihrem unsterblichen Vor- wurfe gehandelt, auf das enge Beduͤrfniß, seine ei- gene unnatuͤrliche Liebe, und jenes Wort, welches den Geist des goͤttlichen Erkennens bedeutete, womit Gott den Menschen und die Welt erkannte und aus sich erzeugte, hat fuͤr ihn, nach einem oben gewaͤhlten Beyspiel, die Bedeutung niederer sinnlicher Lust ge- wonnen. Der Arme, der sich stolz zum Menschen- Schoͤpfer, zum Schoͤpfer der Natur machen wollte, ist ein Schoͤpfer des Todes geworden, seine Welt zum Grabe, an welchem der Ton der ewigen Liebe nur noch als Grabgelaͤute nachhallet. — Hier ist der Quell aller jener Mißverstaͤndnisse und Verwechselungen. Ein Lied voll hohen, goͤttlichen Inhaltes, ist aufs fuͤrchterlichste travestirt worden, noch sind es diesel- ben Worte, aber der gesunkene Menschengeist miß- braucht sie aufs entsetzlichste, wie schon in einem be- schraͤnkteren Kreise, der entartete Wolluͤstling die hei- ligen Worte: Liebe und Freundschaft aufs niedrigste mißbraucht. Aber jene Sprache Gottes, diese uns noch jetzt umgebende Natur, hatte urspruͤnglich einen Inhalt, der ein unendlicher und unermeßlicher war, und von ewiger Natur, durch jene Travestirung sind aber ihre Worte auf einen Kreis bezogen, welcher der engste, aͤrmste und beschraͤnkteste ist, bis zu welchem die menschliche Seele herabsinken koͤnnte; ihre Worte be- deuten nun einen Gegenstand von sterblicher und ver- gaͤnglicher Art. Ganz natuͤrlich ist hierbey der groͤßte Theil der Worte außer aller Beziehung und ohne alle Bedeutung geblieben, auf jenen engen Kreis ließen sich sich nur wenige anwenden, eben so, wie in der Re- gion des Scheines, der bloͤde Sinn eines beschraͤnkten Verstandes, wenn er den engen Kreis seines armen Beduͤrfnisses anschaut, aus der reichsten Muttersprache nur einiger weniger Worte bedarf, die uͤbrigen unbe- nutzt laͤßet, und nicht einmal kennet. Da serner bey jener verkehrten Anwendung und Verdrehung die Worte gar nicht mehr in ihrem urspruͤnglichen Sinne gebraucht wurden, worin sie allein Licht und Zusam- menhang erhielten, so verlor uͤberhaupt jene Sprache fuͤr den Menschen ihr urspruͤngliches Licht, wurde ihm fast ganz unverstaͤndlich und zur Region des Dunkels. Nur wer die hoͤhere Region des Geistigen kennt, und jenes Wort, das seitdem an der Stelle der Natur ge- offenbaret worden, und das mit dieser von gleichem Inhalt, der wird der Schluͤssel zu jenem Labyrinth mannichfaltiger, fuͤr uns bedeutungslos gewordener Gestaltenhieroglyphen finden. Es entsteht ferner durch jene Travestirung, die Doppelsinnigkeit der menschlichen Seele, vermoͤge wel- cher dieselbe Zuneigung des Gemuͤths fuͤr den hoͤchsten wie fuͤr den niedrigsten Gegenstand empfaͤnglich wird. Die unsterbliche Natur des Menschen ist so verkehrt worden, daß nun, selbst bey der Stimme der hoͤch- sten Liebe, oͤfters die niedrigste Lust erwacht, und wenn an diesem doppelt bespannten Instrument die eine Sai- te toͤnt, hallet zugleich die ihr gleichstimmige, hoͤhere oder niedere mit. Wenn Traum, Poesie, und selbst Offenbarung, noch immer mit uns, der urspruͤnglichen Organisation des Geistigen gemaͤß, die Sprache des Gefuͤhles, der Liebe reden; so erwecken sie leider in uns uns, zugleich mit dem ewigen und goͤttlichen Sehnen, oder selbst anstatt desselben, die Welt sinnlicher Nei- gungen und Luͤste; der Lebensquell selber ist vergiftet, der Becher der Begeisterung, den der Liebende seiner Jungfrau sandte, daß sie aus ihm Weihe des reinen, goͤttlichen Sehnens traͤnke, ist ihr zum Reizbecher nie- derer Lust, die reine in ihm wohnende Flamme, zum Feuer niederen Taumels geworden. Was Sprache des Wachens seyn sollte, ist uns jetzt dunkle Sprache des Traumes, und uͤberhaupt ist nun die Region des Gefuͤhles, selbst des urspruͤnglich geistigeren und reineren, der Seele, so lange sie in diesem mit doppelten, so entsetzlich verschiedenartigen Saiten bespannten Instrumente wohnet, eine gefahr- volle, unsichere Region geworden. Die niedere Natur muß sterben, und obgleich dieses Unkraut neben dem Waizen und mitten unter ihm aufwuchs; so stirbt die ewige Natur doch nicht mit jener zugleich, und das asbestene Gewebe gehet aus der Flamme, welche die mit- eingewebten Faͤden niederer Art verzehrte, nur reiner und schoͤner hervor. Und diese Flamme ist eben jene Nacht ohne Stern, jener Zustand der tiefen Verlassenheit, des Mangels, selbst der reinsten und heiligsten Ge- fuͤhle. Die Seele, wenn sie nun Alles verlassen, um jener einzigen Liebe willen, waͤhnet, an diesem Fel- sen, den sie allein gesucht, in der Fluth des Wandel- baren, und nach manchem Sturm gefunden, das schwache Fahrzeug auf ewig befestigt, sie glaubt jene Eine Liebe werde unsterblich seyn, ihre Treue und Suͤße unwandelbar durch Zeit und Ewigkeit! Und nun sieht sie sich auch von dieser verlassen, auch das ein- einzige Auge, an dem das ihre noch glaubend hing, hat sich geschlossen, um sie lauter Nacht, alles schweigt, nur nicht der Spott der Welt, die sie um des Einen willen verlassen. „Aber wir weichen nicht! und wo- hin sollten wir weichen, ist uns doch nichts mehr au- ßer dir! Diese Liebe zu dir ist unsterblicher Art, wie du selber!“ Gerhard Terstegens Auszug aus des Bernieres Lou- vigni Schriften, Nuͤrnberg 1809. — Und siehe, die zagende Seele fin- det sich beym Erwachen aus ihren Schmerzen mitten in Jenem selber befangen, den sie bang gesucht, dem sie, als sie sich ihm am fernsten glaubte, am naͤchsten war, und unmittelbar nach der Erstarrung der kaͤlte- sten Morgenstunde, erhebt sich die waͤrmende Sonne. Die Seele soll sich in dem jetzigen, verkuͤmmer- ten Zustande, wieder eines hoͤheren und urspruͤnglichen — eines neuen, kuͤnftigen Lebens faͤhig machen. Ueber- haupt muß sich im Tode das Verhaͤltniß von neuem umkehren; die (Geister)-sprache des Traumes muß wieder Sprache des wachen, gewoͤhnlichen Zustandes werden. Wie koͤnnte aber dieses geschehen, ohne die Seele in die groͤßte Gefahr und selbst unmittelbar in jenen Abgrund zu stuͤrzen, uͤber welchen sie die Dop- pelseitigkeit ihrer jetzigen sinnlichen Welt und eigenen sinnlichen Natur noch aufrecht erhaͤlt, (wovon spaͤter,) wenn nicht vorher jenem unsterblichen Sehnen seine urspruͤngliche Bahn und das urspruͤngliche Ziel ange- wiesen wuͤrde. Es muß in dem jetzigen Daseyn ein Weg gefunden werden, auf welchem die Seele aus je- jenen niederen Banden, und von dem anklebenden na- tuͤrlichen Mißverstehen und Mißdeuten des Wortes der Geisterwelt frey werden kann, eine Region muß noch hienieden fuͤr sie erbaut werden, in die sie sich von der sonst unvermeidlichen Ansteckung zu retten vermag, welche der unsicher gewordene und selbst ver- giftete ehemalige Lebensquell in ihr wirken koͤnnte. Jene Region ist denn wirklich aufgefunden, es ist unsre articulirte Sprache, die kuͤnstlich erlernte Spra- che unsers Wachens. Wie unmittelbar nach der großen Katastrophe der Winter in die Natur gekommen, welcher dem Men- schen gerade in jenem Gebiet der Erde, das der ur- spruͤngliche Wohnsitz seines Geschlechts war, einen Theil des Jahres hindurch die aͤußere Sinnenwelt entzog, und ihn auf sich selber beschraͤnkte; so entstund auch dem Menschen seit der großen Katastrophe seine jetzige Laut- Sprache. Diese ist allerdings aus der ur- spruͤnglichen Natur- und Gestaltensprache hervorgegan- gen, und ein zufaͤlligerer untergeordneter Bestandtheil derselben gewesen. Der untergeordnete hat aber nun die wesentlicheren Bestandtheile verdraͤngt, und gerade durch dieses krankhafte, einseitige Verhaͤltniß ist die Sprache des Wachens jenes Mittel geworden, wodurch sich die Seele der Region des sinnlichen Gefuͤhles und alles Gefuͤhles uͤberhaupt ganz entziehen, die Klippen jener unsicheren Doppelseitigkeit vermeiden, und sich ihrem urspruͤnglichen Kreise, rein und abgeschieden von dem andern niederen zu naͤhern vermag. Zugleich ist sie aber auch jenes Kunststuͤck, wodurch es dem Men- schen gelingt, die Farbe der Liebe an sich zu neh- men men ohne Liebe, den Schein des Lebens, ohne Leben; kaltes Feuer, warme Kaͤlte, dunkles Licht, duͤrres Wasser! Seitdem die urspruͤngliche Sprache der Natur und des Gefuͤhles, deren Inhalt Liebe des Goͤttlichen war, fuͤr den Menschen, weil er ihre Ausdruͤcke faͤlsch- lich auf seine eigene entartete Neigung anwendete, und bloß in dieser schlimmeren Beziehung nahm, un- mittelbar gar nicht mehr verstaͤndlich, und selbst ge- faͤhrlich geworden ist, hat sein Geist durch Sprache und Wissenschaft einen von der Region des Gefuͤhls (das ihm nun zum bloß sinnlichen geworden) immer mehr abfuͤhrenden Weg gehen muͤssen. Auf der ei- nen Seite ist ihm die Scheidung von jener unsicheren dunklen Region wohlthaͤtig, auf der andern entsetzlich toͤdtend, allen, auch den letzten Lebenskeim erstickend gewesen. Doch allerdings das erstere mehr als das letztere, und nicht zu unserm Nachtheil ist die an- faͤngliche Sprache der Poesie, zur Sprache der nuͤch- ternen Prosa, das Lied der Natur zur Philosophie geworden. Freylich stirbt, ohne Nahrung von oben, gar leicht der Keim der hoͤheren Gefuͤhle zugleich mit den niedern, und die schoͤne Taube, die vom Baume des Lebens mit uns redete, ist gar vielfaͤltig zum tod- ten bleyernen Vogel geworden. Wie in Sprache und Mythus (nach Kannt.) In der That, un- ser Wissen, wie unsere Gesinnung haben sich von meh- reren Seiten bald in jene beeiste Region verloren, wo auch das letzte Gefuͤhl, die letzte Liebe stirbt. Aber Aber noch spricht (weihe ihr nur ein reines Organ!) die ewige Liebe mit dir die erste, urspruͤngliche Spra- che, noch ruͤhrt der lebendige Hauch die Saiten der Lyra, und mit den unreinen muͤssen auch zugleich die reinen toͤnen. Und wenn (vielleicht bald) der Geist unsers Geschlechts das Aeußerste jener Verlassenheit, jenes Mangels erreicht, wo nun auch die letzten Le- bensstrahlen von ihm weichen, so wird die ihm am fernsten zu stehen, die er vergebens zu suchen schien, die ewige Liebe ihm am naͤchsten seyn, der dunklen Nacht der Morgen. Jenen Entwickelungsgang der Sprache und Wis- senschaft, von ihrem urspruͤnglichen Stand in der goͤtt- lichen Liebe, bis zu dem jetzigen der mehrseitigen Er- starrung, spricht irgendwo sehr sinnvoll der bekannte Schwedenborg aus, dessen Zustand dem Pag. 12 erwaͤhr- ten tieferen Grad des Traumes sehr aͤhnlich, und von diesem nur durch die Verknuͤpfung mit dem Bewußt- seyn des Wachens verschieden war. „Einstens, erzaͤhlt er, als ich in Unterredung mit einem Geiste war, welcher denkwuͤrdige Dinge, in einem Zustande, welcher dem des Schlafes glich, zu reden schien, kamen Geister zu uns an, welche un- ter einander sprachen, es verstunden aber weder die Geister um mich herum noch ich, was sie redeten. Ich wurde belehrt, daß es Geister aus dem Erdball des Mars waͤren, welche also unter einan- der sprechen konnten, daß die anwesenden Geister nichts davon verstuͤnden. Ich verwunderte mich, daß es eine solche Sprache geben koͤnnte, da alle Geister Eine Eine Sprache haben, die aus dem geistigen Reprodu- ziren der Ideen besteht, welche in der geistigen Welt wie Worte vernommen werden. Mir wurde gesagt, daß jene Geister dadurch ihre Gedanken, die sie auf gewisse Weise durch die Lippen und das Angesicht aus- druͤcken, andern entziehen, daß sie sich dabey kuͤnstlich frey von Ruͤhrung und dem inneren Gefuͤhle dessen was sie sprechen erhalten. Denn weil der Gedanke nur aus dem Gefuͤhle lebt, kann derselbe nur durchs Gefuͤhl sich Andern offenbaren und er bleibt diesen verschlossen, wenn die Rede als bloße Bewegung der Lippen und Gesichtszuͤge durch Entfernung der Ruͤh- rungen entseelt und getoͤdtet wird. Es sind dieses solche Einwohner des Mars, welche das himmlische Leben in die Erkenntniß allein, und nicht in das Le- ben der Liebe setzen, doch sind nicht alle Einwohner jener Welt so. Jene behalten ihre todte Sprache auch als Geister bey. Jedoch, so sehr sie meynen Andern unverstaͤndlich zu seyn, werden sie doch in ih- ren geheimsten Gedanken, von den Geistern einer hoͤ- heren Ordnung (den zu Engeln gewordenen) durch- schauet. Von diesen wurde ihnen gesagt, daß es boͤ- se sey, das Innerliche also zu verschließen, und da- von auf das Aeußerliche abzuweichen, vornehmlich, weil es Falschheit sey, also zu reden, und Mangel an Wahrheit. Denn die, welche wahr sind, wollen nichts reden und denken, als was Alle, auch der ganze Himmel wissen moͤchten, die dieß nicht wollen, denken nur wohl von sich, und uͤbel von Andern, zu- letzt selbst vom Herrn. Es wurde mir gesagt, daß diejenigen, welche auf solche Weise in Kenntnissen al- lein, und in keinem Leben der Liebe stehen, und welche sich sich gewoͤhnt haben, ohne Ruͤhrung zu reden, der zu Bein erstarrten harten Haut gleichen, welche den Mit- telpunkt des sinnlichen Lebens, das Gehirn umschließt, ohne an den Ruͤhrungen desselben im mindesten Theil zu nehmen. Sie sind geistlich todt, denn die allein haben ein geistliches Leben, deren Erkenntniß aus der himmlischen Liebe koͤmmt. Und dieses Erkenntniß, welches in der unendlichen Liebe ist, gehet uͤber alles andere Erkenntniß; die, welche, so lange sie in der Welt lebten, in der Liebe stunden, wissen, wenn sie nach dem Tode in den Himmel kommen, und lieben Dinge, die sie niemals vorher wußten; denken und reden wie die uͤbrigen Engel: Dinge, die kein Ohr jemalen gehoͤrt, kein Herz empfunden hat, die unaus- sprechlich sind.‟ „Der Zustand jener ausgearteten Geister des Mars, dessen Einwohner noch zum großen Theil in der ersten, himmlischen Liebe leben, wurde uns in einem anderen Bilde vorgestellt.‟ „Ich sahe etwas sehr schoͤn Flammendes; es war von mancherley hell glaͤnzenden Farben, purpurn, dann weiß, dann roth. Hierauf zeigte sich eine Hand, an welche sich dieses flammende Wesen ansetz- te: zuerst auf die aͤußere Seite, dann auf die flache Hand, dann rings um die ganze Hand herum. Die- ses dauerte einige Zeit lang, dann entfernte sich die Hand sammt dem flammenden Wesen auf einige Weite, wo sie als eine Helle stehen blieb, worinnen die Hand verschwand. Hierauf verwandelte sich das flammende Wesen in einen Vogel, welcher anfangs von von jenem noch die hellen, glaͤnzenden Farben an sich trug. Diese Farben verloschen aber nach und nach, und mit ihnen die Lebenskraft im Vogel. Dieser flog umher, zuerst um mein Haupt, dann in ein enges Zimmer, das einer Kapelle glich, und wie er mehr vorwaͤrts flog, wich das Leben immer mehr von ihm, und er wurde endlich zu einem Stein, anfangs perl- farben, dann immer dunkler; ob er aber gleich kein Leben mehr hatte, so flog er doch immer. Als der Vogel noch um mein Haupt fleg, und noch in seiner Lebenskraft war, erschien ein Geist, welcher von un- ten, durch die Gegend der Lenden bis zur Brust auf- stieg, und wollte von da jenen Vogel wegnehmen. Weil dieser aber so schoͤn war, verwehrten es die Geister die um mich waren, denn sie hatten alle ihr Gesicht mit mir zugleich auf die Erscheinung gerichtet. Er aber beredete sie, daß der Herr mit ihm sey, und daß er es aus dem Herrn thue, und obgleich die meisten es nicht glaubten, hinderten sie ihn nicht wei- ter. Weil aber in diesem Augenblick der Himmel sei- nen Einfluß gab, vermochte er nichts uͤber den Vo- gel, sondern dieser entflog ihm frey. Indem dieß ge- schahe, redeten die Geister unter einander von der Bedeutung dieses Gesichts. Sie erkannten, daß die- ses nichts anders, als etwas Himmlisches habe an- zeigen koͤnnen, und wußten daß das flammende We- sen die himmliche Liebe und deren Ruͤhrungen bedeute, die Hand: das Leben und seine Schoͤpferkraft, die Veraͤnderung der Farben: die Verwandlungen des Le- bens durch Weisheit und Erkenntniß. Auch der Vo- gel bedeutet Liebe und deren Erkenntniß, aber waͤh- rend das Flammende die himmlische Liebe: die Liebe zu zu dem Herrn bezeichnet, bedeutet der Vogel die geist- liche Liebe: die Liebe zum Naͤchsten und das Erkennt- niß das in dieser Liebe ist. Die Veraͤnderungen der Farben und zugleich des Lebens im Vogel, bis er zu Stein worden, bedeuten die nach und nach entstehen- den Veraͤnderungen des geistlichen Lebens nach dem Erkenntniß. Ferner wußten sie, daß die Geister, die von unten herauf durch die Gegend der Lenden nach der Brust empor steigen, in der starken Ein- bildung stehen, sie seyen in dem Herrn, und alles was sie thun, auch wenn es boͤse waͤre, thaͤten sie aus dem Herrn. Dennoch war den Geistern die Be- deutung des ganzen Gesichtes noch dunkel. Endlich wurden sie von oben belehrt, daß unter jenem Gesicht der Zustand der Einwohner des Mars verstanden wuͤrde. Das flammende Wesen bedeute die himm- lische Liebe, worinnen noch viele von ihnen stehen, der Vogel, so lange er noch in der Schoͤnheit seiner Far- ben und in voller Lebenskrast war, bedeutete ihre geist- liche Liebe, als er aber wie von Stein, leblos und allmaͤhlig dunkel wurde, deutete er jene Einwohner an, die sich von der Liebe entfernt haben und im Boͤsen sind; jene welche das Leben ihrer Gedanken und Regungen auf eine fremde Weise in fast gar kein Leben, in todte Kenntniß verwandeln. Solche der Liebe entfremdete, im Boͤsen begriffene Geister, die doch noch von sich waͤhnen, sie seyen in dem Herrn, sind auch durch den Geist angezeigt wor- den, welcher aufstieg und den Vogel wegnehmen wollte.‟ — 7 Wir Wir haben hier aus mehreren Gruͤnden zu- gleich ein ausfuͤhrlicheres Beyspiel von einer Vision jenes psychologisch merkwuͤrdigen Mannes geben wol- len. Deutlicher als irgendwo, wird hier der eigen- thuͤmliche Charakter der Traumsprache, die eigen- thuͤmliche Aufeinanderfolge der Ideen und Erschei- nungen des Traumes, die Weise seines Ausdrucks erkannt; jene Vision ist uns deßhalb eine Erlaͤuterung des fruͤher Gesagten. Zugleich aber ist sie uns Bey- spiel einer Art psychologischen Erscheinung, durch die wir uns nun den Weg zu dem physiologischen Theil des Traumgebietes bahnen wollen. 6. 6. Die Echo. S chon der die Zunge bewegende und der Schlund- kopf-Nerve, am allermeisten aber der Stimmnerve, welchem im lebenden Koͤrper die Funktion der Stim- me und des lauten Sprechens zukoͤmmt, stehet durch Bau, Verzweigung und organische Bestimmung in der genauesten Beziehung mit einem Theil des Ner- vensystems, der, den Nerven des Gehirns und Ruͤck- marks gegenuͤber, ein fuͤr sich bestehendes, selbstslaͤn- diges Ganze bildet. Dieses an Ganglien und Ge- flechten reiche, sogenannt sympathische System, aus welchem alle Eingeweide der Brust- und Unterleibs- Hoͤhle und die Blutgefaͤße des ganzen Koͤrpers ihre Nerven empfangen, entspringt nicht, wie die aͤltere Ansicht wollte, aus dem fuͤnften und sechsten Nerven- paar des Gehirns, sondern stehet mit diesen, so wie mit einigen andern Gehirn- und allen Ruͤckenmarks- nerven bloß in Verbindung, und jene vermeinte Wur- zel stuͤnde schon in Hinsicht ihrer ungemeinen Feinheit in keinem Verhaͤltniß mit dem uͤbrigen Verlauf. Soͤmmering, vom Bau des menschlichen Koͤrpers, B. V. Abth. 1. S. 322. Es wird deßhalb im unvollkommneren Thierreich und selbst noch in Mißbildungen des vollkommneren Zuweilen hat man auch in Erwachsenen das Gehirn ganz oder fast ganz durch Eiterung u. a. zerstoͤrt ge- funden, ohne daß lange Zeit bey jenem schon ziemlich vorgeschrittenen Zerstoͤrungsprozeß eine Abnahme der Hirn- im im Gangliensystem auch ohne Gehirn und Ruͤckenmark gefunden, und nicht selten fehlen in der Nervenkno- ten-Reihe des sympathischen Nerven, vom Gehirn abwaͤrts einzelne Verbindungsglieder ohne Nachtheil. Mit einer vorzuͤglichen Klarheit hat Reil Archiv fuͤr Physiologie, Band VII. Heft 2. Pag. 189. das Verhaͤltniß dargethan, welches zwischen dem Ganglien- und Gehirnsystem statt findet. Schon im Bau un- terscheiden sich die aus dem Gehirn und Ruͤckenmark entspringenden Nerven auffallend von denen des Gang- liensystems, und dem fast gaͤnzlich zu ihm gehoͤrigen Stimmnerven. Die letzteren sind weicher, gallertartiger, graugelb und roͤthlich von Farbe, von haͤufigen Gang- lien und Geflechten unterbrochen, und lassen sich nicht so leicht in Faͤden aufloͤsen, als die weißeren, haͤrte- ren, staͤrker oxydirten Nerven des Cerebralsystems. Waͤhrend die Gehirn- und Ruͤckenmarksnerven, als gute Leiter, nicht bloß die Empfindung zum Gehirn, sondern auch den Willen von diesem zu den Theilen leiten, gehorchen die Nerven des Gangliensystems dem Wil- Hirn- und Nervenkraͤfte bemerkt worden. In einem besonders merkwuͤrdigen Falle, war bey einem jungen Menschen durch ein blutiges Geschwuͤr, die ganze Mas- se des Gehirns nach und nach Stuͤckweis herausge- schworen, ohne daß sich dabey eine Veraͤnderung der Verstandeskraͤfte gezeigt hatte. Er verlor erst vier Ta- ge vor seinem Tode die Sprache. Bey der Section fand man das Gehirn ganz vernichtet, nur noch ein wenig faule schwarze Feuchtigkeit auf dem Grunde der Hirnschale. Man sehe Voigtels pathol. Anatomie, B. 1. S. 600. Willen nicht: die Bewegungen der Blutgefaͤße und des Darmkanals sind im Normalzustande unwillkuͤhr- lich, und ein lebendig geoͤfnetes Thier, welches so- gleich schreyt, wenn es an einem aus dem Cerebral- system entspringenden (z. B. dem Schenkel-) Ner- ven gereizt wird, erduldet Stiche und Einschnitte in einem weichen Nerven des Gangliensystems, ohne ir- gend einen Schmerz zu aͤußern. Das ganze vegeta- tive System des Leibes, alle jene Organe, welche zur Bildung, Erhaltung und zum Wachsthum des mate- riellen Organismus wirken, gehoͤren in das Gebiet des Gangliensystems, und dieses bildet, zusammen mit dem Stimmnerven, nicht bloß die Geflechte des Schlundes, Herzens, der Lungen, des Zwergfells, Ge- kroͤses, Beckens und der Saamenbereitung; sondern aus jenem vereinten System allein, empfangen die großen Arterien ihre Nerven, waͤhrend die Nerven des Cerebralsystems bloß an den Blutgefaͤßen hinlau- fen, ohne sich in sie zu verzweigen. Mit den Arte- rien, aus deren Inhalt alle Theile des Leibes sich bil- den und erhalten, verbreiten sich die Nerven des Gangliensystems in alle Organe, und stehen hier allen Prozessen der Absonderung, der materiellen Bildung und Erzeugung vor. Die sympathischen Nerven, welche, laͤngs den beyden Seiten des Ruͤckgrats hinabwaͤrts, eine lange Ellipse bilden, die sich nach oben im Gehirn, nach unten im letzten Beckenknoten schließt, sind, weit ent- fernt, der Ursprung des Gangliensystems zu seyn, viel- mehr nur die abgesteckte Graͤnze zwischen diesem und dem dem Cerebralsystem. Reil, u. a. O. Pag. 229. Innerhalb jener elliptischen Graͤnze, breiten sich die weichen Nervengeflechte des ersteren aus, durch vielfache Faͤden unter einander verbunden, keines jedoch dem andern untergeordnet, und leiten von diesem Heerde aus, das Geschaͤft der Verdauung, Blutbereitung, materiellen Bildung und Wiedererzeugung. Wie schon jeder Nervenknote die leitende Kraft eines Nerven unterbricht, und diesen, unabhaͤngiger vom Gehirn und der Willkuͤhr, bloß fuͤr den eigen- thuͤmlichen aͤußeren Reitz empfindlich macht: so bildet auch der unaufhoͤrlich von Ganglien unterbrochene sym- pathische Nerve, rings um das Gangliensystem her, einen Apparat der Halbleitung, welcher dasselbe im Normalzustand so sehr von dem Cerebralsystem isolirt und unabtzaͤngig machet, daß die lebendige Thaͤtigkeit des einen, einen nur mittelbaren Einfluß auf das an- dere hat, und daß die Bewegungen und Ruͤhrungen des Gangliensystems im normalen (und wachenden) Zustand nicht zum Gehirn gelangen und von der See- le nicht empfunden werden, eben so wie dieser uͤber die Verrichtungen der Eingeweide und Gefaͤße keine unmittelbare Gewalt verstattet ist. Indessen wird in gewissen Faͤllen jene Isolation aufgehoben, der Ap- parat der Halbleitung wird zum guten Leiter und die Verbindung beyder Systeme, die Abhaͤngigkeit des ei- nen vom andern wird hergestellt. Reil, u. a. O. Ich Ich habe mich anderwaͤrts bemuͤht zu zeigen, daß nicht bloß der Schlaf, sondern auch der natuͤrliche Tod durch die Ruͤckwirkung der dem Gangliensystem untergeordneten Organe erzeugt werde. Ahndungen einer allgemeinen Geschichte des Lebens 2ten Theiles erster Band, im ersten Abschnitte. Alle Phaͤ- nomene des Schlafes und der mit ihm verwandten Zu- staͤnde, scheinen aus dem Gangliensystem hervorzuge- hen, welches alsdann vor dem Cerebralsystem vor- herrscht. Ueberhaupt zeigt sich uns das erstere in al- len seinen Verrichtungen, als eine in materieller Bildung befangene Seelenthaͤtigkeit, welche, sobald sie in je- nem eigenthuͤmlichen Geschaͤft gestoͤrt, oder ihres Ma- terials beraubt wird, den eigenthuͤmlichen Bildungs- trieb ihrer urspruͤnglichen Natur gemaͤß, auf geistige Weise aͤußert. Im ruhigen, gesunden Schlafe herrscht die materielle bildende Thaͤtigkeit des Gangliensyste- mes, uͤber die eigenthuͤmliche Thaͤtigkeit des Cere- bralsystems vor, und die letztere ruhet, besangen in der des ersteren, alle Thaͤtigkeit der Seele ist erlo- schen in dem Geschaͤft der materiellen Bildung. Waͤhrend im Schlafe jene isolirende Scheidewand hinwegfaͤllt, wenn der oben erwaͤhnte Apparat der Halbleitung ein Leiter wird, und beyde Systeme zu Einem Geschaͤft vereint, gemeinsam wirken: so stellt sich dagegen beym Erwachen wieder das natuͤrliche Verhaͤltniß her, beyde Systeme sind nun von neuem isolirt und selbst von unsern Traͤumen bleiben uns nur jene jene in der Erinnerung zuruͤck, welche in die Region hinuͤber spielten, die durch den Stimmnerven einen leichteren Zugang zum Gehirn findet — in die Re- gion der Leber. Es wird uns jenes Verhaͤltniß vorzuͤglich in den Phaͤnomenen des Somnambulismus, des Nachtwan- delns und des Wahnsinnes deutlich. Wenn im Zu- stande des Somnambulismus Man vergleiche uͤber alle in diesem Abschnitte an- gefuͤhrten Phaͤnomene des Somnambulismus: Kluges Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetis- mus als Heilmittel, Berlin 1811, ein Werk, das unter allen bisherigen, jenes Gebiet der Physiologie am vollstaͤndigsten und tuͤchtigsten umfaßt hat. der geschaͤrfte innere Sinn alles Aeußere, eben so klar und noch klaͤrer als sonst im Wachen wahrnimmt, wenn er, bey krampf- haft verschlossenen, und zum Sehen ganz untauglich ge- wordenen Augen, aͤußere Gegenstaͤnde eben so, wie durchs Gesicht erkennt: so geschieht dieses, nach der einmuͤthigen Aussage aller Somnambulen mittelst der Herzgrube — der Magengegend. Ein an diese Ge- gend gelegter Brief wird gelesen, das leiseste, unhoͤr- barste, an diese Gegend gesprochene Wort wird ver- nommen, und selbst Ahndungen des Kuͤnftigen, Wahr- nehmungen und Ahndungen dessen, was fern und außerhalb dem Kreise einer gewoͤhnlichen sinnlichen Beobachtung liegt, geschehen, nach jener Aussage, durch die Gegend der Herzgrube. Wenn die Som- nambule mit der Seele des Magnetiseurs so ganz Eins wird, daß sie jeden Gedanken, jedes Gefuͤhl des- desselben erraͤth und mitfuͤhlt; wenn sie tiefe Blicke in die innere und aͤußere, vergangene und gegenwaͤr- tige Geschichte aller mit ihr in Verbindung gesetzten Personen zu thun vermag; wenn sie sich selber Ereig- nisse und Zufaͤlle vorausverkuͤndigt, welche mit dem Kreise des gegenwaͤrtigen Wissens durchaus in keiner Beziehung stehen; wenn sie nicht bloß die Heilmittel genau beschreibt und angiebt, die ihre Krankheit zu heilen vermoͤgen, sondern durch ein eroͤffnetes Ahn- dungsvermoͤgen sogar den von ihr nicht besuchten Ort, wo dieses oder jenes heilende Kraut waͤchst: Diesen seltsamen, von dem biedern wahrheitliebenden Wienholt beobachteten Fall, erzaͤhlt Kluge S. 215. so zeigt sich immer die Gegend des Magengeflechtes und der Herzgrube als das Organ jenes Erkennens. Kluge u. a. O. S. 131, — 150 — 204 — 213 u. f. Alle Gegenstaͤnde, welche der Somnambule deutlicher betrachten will, pflegt er aus einem innern Instinkte an diese Stelie zu halten Kluge, S. 197. wie sonst aus Auge. Aber wenn in jenem merkwuͤrdigen Zustande eine hoͤhere Kraft des Erkennens und Gefuͤhles in der Seele erwacht war, wenn die Somnambule mit einer Klarheit und Sicherheit uͤber Gegenstaͤnde sprach, die ihr sonst nur wie dunkle Bilder vorschwebten, wenn ihr die fernste Vergangenheit wie die Zukunft hell wurde, Kluge, S. 213. wenn sie mit geisterhafter Einsicht, den den Zusammenhang der geheimsten Handlungen und Gedanken erraͤth, welche außer Gott, niemand, als der handelnden oder denkenden Person bekannt seyn konnten, Ein sehr merkwuͤrdiges Beyspiel der Art bey Kluge , S. 220. wenn sie selber zusammengesetzte und kuͤnst- liche Handlungen verrichtet, arbeitet, ausgeht, und besuchende Personen unterhaͤlt: so ist auf einmal alles dieses Wissen, und selbst die Erinnerung an alles Ge- sprochne und Gethane beym Erwachen verschwun- den. Im Somnambulismus war jene Isolation auf- gehoben, der gewoͤhnliche Mittelpunkt unsers Denkens — das Gehirn — war mit dem Gangliensystem ver- eint, und nahm an jenen geistigen Geschaͤften Theil, welche durch dieses geschahen. Dagegen wird nun beym Erwachen auf einmal die Isolation wieder her- gestellt und den Nachklaͤngen jener bloß durchs Gang- liensystem moͤglichen Thaͤtigkeitsaͤußerungen, bleibt nun kein Zugang mehr zum Gehirn offen, so wie umge- kehrt, da jede willkuͤhrliche Erinnerung nichts anders ist, als eine Wiedererneuerung der fruͤher empfunde- nen Ruͤhrungen durch den Willen, in diesem Falle keine Erinnerung moͤglich ist, weil der Wille keinen Zutritt zu den Organen hat, worinnen jene Ruͤhrun- gen geschahen. Die Somnambule will an die Erzaͤh- lung alles dessen, was sie im magnetischen Schlaf ge- sprochen und gethan, nicht mehr glauben, ihr selber scheint es unmoͤglich, daß sie noch vor wenig Augen- blicken eine ganz andere, mit ganz andern Kraͤften und Faͤhigkeiten begabte Person gewesen. Kluge, a. a. O. 109, — 186 — 244. So So entsteht das Phaͤnomen einer doppelten Rei- he von Zustaͤnden, davon jede in sich selber, die eine aber nicht mit der andern zusammenhaͤngt. Die Som- nambule erinnert sich, sobald sie heute wieder in den Zustand des magnetischen Schlafes geraͤth, alles des- sen, was sie gestern und fruͤher in diesem Zustande gethan und gesprochen; sie knuͤpft nicht selten das Ge- spraͤch gerade da wieder an, wo sie es ein andermal abgebrochen, und verspricht umgekehrt in einer kuͤnf- tigen Krise uͤber Gegenstaͤnde eine weitere Auskunft zu geben, die ihr heute noch dunkel waren. So haͤn- gen die Zustaͤnde des magnetischen Schlafes durch klare Erinnerung eben so innig unter einander zusam- men als im wachen Zustande das Heute mit dem Gestern. Aber der eigentliche, vollkommene Somnambu- lismus hat zugleich einen hellen Ueberblick uͤber das Gebiet des wachen Zustandes. Obgleich die Som- nambule beym Erwachen keine Erinnerung mehr an alles das behaͤlt, was in und mit ihr waͤhrend der Krise vorgegangen: so weiß sie doch umgekehrt alles sehr wohl, was waͤhrend des Wachens jemals gesche- hen, und sie erinnert sich sehr bestimmt an Vorgaͤnge einer fernen Vergangenheit, auf die sie sich, waͤhrend des gewoͤhnlich wachen Zustandes auf keine Weise mehr zu besinnen vermag. Die Seele empfaͤngt bloß im Somnambulismus, wenn die natuͤrliche Isolation aufgehoben worden, die Faͤhigkeit zu dem gewoͤhnlichen Kreis der Kraͤfte, noch einen andern, tiefer liegenden und im jetzigen Zustande fuͤr sie meist verlorenen Sinn zu gebrauchen, dessen Gesichts- und Empfin- dungs- dungskreis ein ungleich weiterer ist, als der der gewoͤhn- lichen Sinne, und nur jene hoͤhere Thaͤtigkeitsaͤußerun- gen der Krise nur durch eine Erweiterung des geistigen Wirkungskreises moͤglich gewesen: so verschwinden sie auch sogleich, und koͤnnen selbst nicht mehr als Erin- nerung reproducirt werden, sobald sich jener Kreis wieder in seine gewoͤhnlichen Grenzen verengert. An dem durch eine dichte Scheidewand in zwey verschie- dene Abtheilungen geschiedenen Clavichord, werden die hoͤheren Accorde bloß dann vernommen, wenn die Scheidewand hinweggehoben ist, und der kuͤnstlerische Geist, der sonst auf wenige Toͤne beschraͤnkt ist, auch jene Saiten zu ruͤhren vermag; sobald sich aber die trennende Wand wieder vorschiebt, wird selbst der leise Nachklang jener hoͤheren Accorde unvernehmlich. Es giebt aber andere, mit dem Somnambulis- mus nahe verwandte Zustaͤnde, waͤhrend denen jene Isolation eben so wie sonst im Wachen fortdauert. Erst hier zeigt sich mit vorzuͤglicher Deutlichkeit das Phaͤnomen zweyer ganz von einander geschiedenen, in sich selber wohl zusammenhaͤngenden Individualitaͤten, die auf eine wunderbare Weise in einer und derselben Person vereint sind. Das Maͤdchen, dessen Krank- heitsgeschichte Er. Darwin Zoonomie II, und in Reils Rhapsodien uͤber die Anwendung der psychischen Kurmethode auf Geistes- zerruͤttungen. S. 81. erzaͤhlt, gerieth einen Tag um den andern regelmaͤßig in einen Zustand, worinnen sie fuͤr die gewoͤhnlichen Sinneseindruͤcke ih- rer rer Umgebung vollkommen unempfindlich, nichts sahe und hoͤrte, was um sie her vorging. Sie unterhielt sich dann zusammenhaͤngend und voll Geist mit ab- wesenden, von ihr gegenwaͤrtig geglaubten Personen, declamirte Gedichte, und wenn ihr zuweilen, beym De- clamiren ein Wort fehlte, half es nichts, wenn ihr die Umstehenden noch so laut und deutlich einhalfen; sie mußte das fehlende Wort eben selber finden: wenn man ihr die Haͤnde hielt, beklagte sie sich ohne zu wis- sen welche Ursache ihre Bewegungen hemmte, eben so, wenn die offenen, vor sich hinstarrenden Augen zugehalten wurden. Wenn sie aus jenem Zustande er- wachte, erschrak sie, und wußte nichts mehr von Al- lem, was mit ihr vorgegangen. Sie war nun, bis am wechselnden Tage, wo die Traͤumerey wieder ein- trat, dieselbe, die sie zuvor gewesen. Nicht ohne ei- nigen Anschein behaupteten die sie besuchenden Freun- dinnen, sie habe zwey Scelen, welche wechselsweise aus ihr spraͤchen. — Auch in dem ganz aͤhnlichen Fal- le, welchen Gmelin Materialien fuͤr die Anthropologie I, und Kluge u. a. O. S. 180. beschreibt, gerieth die Kranke abwechselnd in einen Zustand, wo sie sich fuͤr eine ganz andere Person, fuͤr eine franzoͤsische Ausgewan- derte hielt, und sich mit einem ertraͤumten Ungluͤck abquaͤlte. Sie sprach dann franzoͤsisch, oder gebro- chen, und anfangs sogar mit Schwierigkeit deutsch, hielt ihre Eltern und anwesenden Freunde fuͤr unbe- kannte Besuchende, die an ihrem ungluͤcklichen Loose Theil naͤhmen, konnte sich durchaus an nichts erinnern, was was auf ihre wache und wahre Persoͤnlichkeit Bezie- hung hatte, zeigte aber uͤbrigens eine mehr als ge- woͤhnlich erhoͤhte Geistesthaͤtigkeit. Beym Erwachen wußte sie nichts von Allem was sie in jener erdichte- ten Persoͤnlichkeit gethan und gesprochen, wohl aber erinnerte sie sich deutlich an Alles, was sich in der ganzen Reihe jener Zustaͤnde mit ihr zugetragen hat- te, sobald sie wieder hinein gerieth. Beyde Zustaͤnde waren daher in sich selber zusammenhaͤngend, jeder einzelne aber mit dem andern außer Zusammenhang. Aehnliche Faͤlle finden sich haͤufig von Aerzten aufgezeichnet M. s. Reil a. a. O. Unter andern sind sich auch die Nacht- wandler außer dem Anfall, dessen nicht bewußt, was waͤhrend desselben mit ihnen vorging, und koͤnnen wie- derum in dem Anfall, wo sie sich deutlich auf Alles besinnen, was in aͤhnlichen Zustaͤnden mit ihnen ge- schehen, nicht begreifen, daß sie auch noch zu anderer Zeit einer andern, wachen Persoͤnlichkeit genießen. Sie sind und glauben sich im Anfalle eine ganz andere Person als im Wachen und umgekehrt. Ein solches Gefuͤhl scheinbar doppelter Persoͤnlichkeit wird auch nach langen Krankheiten empfunden, und sie ist im Wahnsinne mit lichten Intervallen und im Traume wirklich vorhanden. Die Zustaͤnde unserer Traͤume stehen haͤufig unter einander durch deutliche Ruͤckerin- nerung in Zusammenhang, und wir sind im Traume selbst dem Charakter nach oͤfters eine ganz andere Per- son, als im Wachen, der von Natur Sanftmuͤthige ist ist dann jaͤhzornig und streitsuͤchtig, der Bloͤde voll Muthes. Wir werden alle jene Erscheinungen aus dem Da- seyn jenes Doppelsystemes der Nerven, und seiner Trennung begreiflich finden. Es war in jenen Faͤllen die durchs Gangliensystem wirkende Seelenthaͤtigkeit, welche den von der gewoͤhnlichen Persoͤnlichkeit getrenn- ten Zustand begruͤndete, und sehr oft, z. B. in dem von Gmelin erzaͤhlten Falle, verraͤth sich der eigen- thuͤmliche Charakter des Gangliensystems, durch die Gabe der prophetischen Voraussicht, oder durch die Erscheinungen eines ungewoͤhnlich geschaͤrften Fern- und Gemein- Gefuͤhls. Wenn die Seele in dem ei- nen Zustand, das Gangliensystem zum Mittelpunkt ihrer Wirksamkeit waͤhlt, sieht sie sich, durch jene na- tuͤrliche Scheidewand, von den Huͤlfsmitteln des Cere- bralsystems und der Sinne verlassen, und umgekehrt. Der Traum zeigt uns noch einen dritten, eine Art von Mittelzustand. Wir erinnern uns beym Er- wachen lebhafter Traͤume, und selbst in der Geschich- te des Sdmnambulismus wird bemerkt, daß zuweilen das, was waͤhrend der Krise geschehen, und was beym Erwachen fuͤr die Erinnerung ganz verloren schien, im Traume der naͤchstfolgenden Nacht sich der Seele von neuem, als Traumbild vorstellt, und als solches auch nach dem Erwachen Erinnerungen zuruͤcklaͤßt. Kluge (nach Nasse) S. 187. So wird der Traum ein vermittelndes Glied zwischen dem Zu- Zustand der Krise und jenem des Wachens, und bringt als solches die Erscheinungen des ersteren zu dem wachen Bewußtseyn. Es geschieht jene Verknuͤpfung eines großen Theiles unserer Traͤume mit dem wachen Zustand vorzuͤglich durch jenen Nerven, der unter allen am meisten den Vermittler zwischen beyden Systemen bil- det, den Stimmnerven. Dieser, nachdem er schon fruͤher den Charakter und die Funktion des Ganglien- systems an sich genommen, wird zuletzt ein Hauptnerve der Leber, jenes merkwuͤrdigen Organes, das sich von dem ersten Beginnen des Lebens an in allen Prozessen der materiellen Bildung und Gerinnung des Organis- mus ganz vorzuͤglich thaͤtig zeigt. Die Leber, in de- ren Gegend bey verschiedenen Stellungen des Koͤrpers, unter andern beym Liegen der Schwerpunkt unsers Lei- bes faͤllt, stellt diesen Schwerpunkt auch in anderen Beziehungen dar, und sie, die Hauptquelle der ma- teriellen Bildung, bindet uns vorzuͤglich an die Ma- terie, an Orts- und Raumverhaͤltnisse fest. Ich ha- be auf diese Function der Leber schon anderwaͤrts auf- merksam gemacht und unter andern gezeigt, daß sie es ist, welche bey bedeutenden Veraͤnderungen des Wohnortes am meisten leidet. A. a. O. Pag. 253. Jene Europaͤer, wel- che ihren Welttheil mit einem andern vertauschen, sind hierbey vorzuͤglich Leberkrankheiten ausgesetzt und die Seekrankheit scheint auch vorzuͤglich in einer krank- haften Affection der gallenabsondernden Organe zu beste- bestehen. Alle schaukelnden und jaͤhen Bewegungen wir- ken vorzuͤglich auf diesen natuͤrlichen Schwerpunkt — auf die Leber, und bey der Wichtigkeit dieses Orga- nes fuͤr das Geschaͤft materieller Bildung, wird es be- greiflich: warum nach neueren Entdeckungen, die oͤfters und regelmaͤßig wiederholte schaukelnde Bewegung so wohlthaͤtig zur Heilung der Auszehrung und anderer Krankheiten wirkt, welche aus einer Stoͤrung des ve- getativen Lebensprozesses hervorgehen. Smyths, fuͤhrt vierzehn Faͤlle an, wo Lungensucht und Hektik durch fortgesetzte Anwendung der Schaukel ge- heilt wurden. M. s. Cor practische Bemerkung uͤber Geisteszerruͤttungen, Uebersetzung. S. 180. Die Leber, (Quelle des bittern Prinzips) ist aber auch der Sitz aller jener Leidenschaften, deren Bewegungen sich am schwersten verbergen lassen, die am leichtesten jene wohl- thaͤtige Scheidewand durchbrechen, und zur Spra- che kommen, unter andern des Zornes, Hasses, Neides, des Hochmuths. Sie ist auch ganz vorzuͤg- lich bey jenem Wahnsinne geschaͤftig, welcher aus diesem Gebiet bald materiell bald geistig sich aͤußern- der Leidenschaften Man erlaube einstweilen diese Unterscheidung. hervorgeht, und aus diesem Grunde zeigt sich die Schaukel auch zur Heilung des Wahnsinnes, der Epilepsie u. a. so vorzuͤglich wohl- thaͤtig. Cox, praktische Bemerkungen uͤber Geisteszerruͤttun- gen, von Seite 158 an. Die ganze Region des Gangliensystems, welche auf die Leber Beziehung hat, stehet durch den 8 in in jenem Organe mehr vorherrschenden Stimmnerven in genauerer Verknuͤpfung mit dem Gehirn und dem Bewußtseyn, waͤhrend schon in dem coͤliakischen Kno- ten und im Magen die Nerven des eigentlichen Gang- liensystemes ungleich vorherrschender werden. Wir finden daß im Schlafe jede Veraͤnderung der Lage, wodurch die Leber aus der beim Liegen an- gemessensten Stellung kommt, Einfluß auf die Art und Lebhaftigkeit unsrer Traͤume habe. Bey dem Er- wachen aus besonders schweren und lebhaften Traͤu- men, zeigt uns ein eigenthuͤmliches unangenehmes Ge- fuͤhl in der Gegend der Leber, den Ursprung jener Erscheinungen an, ein leichteres Geschaͤft der Ver- dauung bringet einen gesunden, ruhigeren Schlaf mit sich, waͤhrend Stoͤrungen und Erschwerungen jenes Geschaͤftes, gewoͤhnlich einen von Traumbildern un- terbrochenen Schlaf zur Folge haben. Ueberhaupt erkannten wir in den Funktionen des Gangliensystemes, eine in materieller Bildung befan- gene (verlarvte) geistige Thaͤtigkeit. Wie die Saͤure, die vorher heftig brennend auf die Organe des Ge- schmackes und des aͤußeren Gefuͤhls einwirkte, wenn sie mit der Kalkerde zu Gyps verbunden worden, nun auf einmal jene Eigenschaften ganz verloren zu haben scheint, wie diese aber sogleich wieder aus ihrer Ver- larvung hervortreten, wenn die Saͤure von ihrem Materiale geschieden wird; so erscheint auch jene gei- stige Thaͤtigkeit, jene werkthaͤtige Seele, sogleich wie- der als das was sie urspruͤnglich ist, wenn sie in dem gewoͤhnlichen Geschaͤft des materiellen Bildens, un- ter ter welchem sich ihre eigentliche Natur verbirgt, ge- stoͤrt wird. Jener Moͤrder, den ein wohlthaͤtiger Rich- terspruch an den Karren schmiedet, scheint, so lange er hier den ganzen Tag mit Arbeiten zubringt, und des Nachts tief ermuͤdet schlaͤft, das nicht was er ist, seine blutduͤrstige Natur verbirgt sich hinter dem ge- zwungenen Geschaͤfte, aber sobald ihn Don Quichote oder ein frommer Gilpin von den Ketten losmacht, wird er sich in seiner eigentlichen Gestalt zeigen, wie der halbverhungerte Wolluͤstling bey besserer Pflege gar bald wieder das wird, was er gewesen. Nicht bloß jede Stoͤrung im Verdauungsgeschaͤft erzeugt uns im Schlafe unruhige, bilderreiche Traͤume, sondern es ist bekannt, daß eine schnell unterbrochene Milchabsonderung, eine auf einmal sich aufhebende Wassersucht, ein zur Unzeit unterdruͤckter Ausschlag oͤfters sogleich Wahnsinn erzeugen, eben so wie umge- kehrt Wahnsinn durch kuͤnstlich erregte Geschwuͤre und andere materielle Beschaͤftigungen des Bildungstriebes auch gehoben wird. Wie oft gehet eine tiefe Melan- cholie aus einer Unterdruͤckung oder dem zu langen Ausbleiben der monatlichen Reinigung, tiefe Neigung zum Selbstmord, aus einer Stoͤrung des vegetativen Lebens durch Onanie und andere Ausschweifungen oder auch aus andern krankhaften koͤrperlichen Stimmun- gen; So haben die am Pellagra leidenden Personen eine fast unwiderstehliche Lust sich ins Wasser zu stuͤrzen. eine an Wahnsinn graͤnzende Hypochondrie aus einer Erschwerung und Hemmung des Verdau- ungs- ungsgeschaͤftes hervor! Hier wird uns die Zwangs- weste der gewoͤhnlichen psychologischen Systeme ein wenig zu enge, und der crasseste Materialismus der Aerzte, tritt da oͤfters der Wahrheit viel naͤher! Die erste- ren lehren uns wenigstens nicht wie so oft ein Brech- mittel, Cox, uͤber Geisteszerruͤttungen, Uebersetzung S. 119. etwas Arsenik, Ebend. S. 154. eine starke Verletzung, auf deren Heilung die werkthaͤtige Seele wieder ihre ganze Kraft wenden muß, Ebendas. S. 113, 115 u. a. natuͤrliche Blattern, Ausschlag, oder kuͤnstlich erregte Geschwuͤre, Seite 157 — 209, 210 — 211. die Schaukel 158. ja selbst eine bessere, staͤrkende, den Ma- gen und seine Thaͤtigkeit mehr in Anspruch nehmen- de Kost 108. eine wiederhergestellte Leibesoͤffnung, mo- natliche Reinigung oder Milchabsonderung, oft ein einziger ar ti stisch-magnetischer Strich vom Haupte abwaͤrts, Reil, S. 141. fast auf der Stelle die verlorene Ver- nunft wieder herstellen, Blutigel, von Visionen hei- len; wie dagegen umgekehrt, Veraͤnderung der Kost oder selbst der Witterung den Charakter aͤndern, ein Stuͤckchen zufaͤllig verschlucktes Leder, das den Magen belaͤstigt, der Genuß eines mit etwas Kochsalz versetz- ten Weines, Reil u. a. O. 380. ein wenig Stechapfelsamen oder aͤhn- liche liche Substanzen, bey manchen Personen die bloße Entfernung des Lichts, oder eine Augenkrankheit, Reil, S. 170 — 172. bey andern das Hinausgehen aus der gewoͤhnlichen Umgebung Cox, Seite 124 in der Note. selbst die nuͤchternste Besonnenheit zur Narrheit machen. Jene siebenzigjaͤhrige Alte, die an einer Verstopfung litt, welche anderer Umstaͤnde wegen nur an jedem sechsten. Tage kuͤnstlich gehoben werden konnte, war jedesmal in den ersten Tagen nach der Oeffnung ganz verstaͤndig, sich ihrer ganz bewußt, darauf trat eine Zeit ein, wo sie sich nur noch der vergnuͤgtesten Periode ihres Lebens, der Jah- re der ersten Liebe, zwischen zwanzig und dreyßig er- innerte, dann erloschen auch diese Erinnerungen, sie war im tiefen Bloͤdsinn sich ihrer nicht mehr bewußt, fragte nur noch zuweilen nach den ersten Pflegern ih- rer Kindheit, nach ihren verstorbenen Eltern. Reil , S. 96. Selbst bey den Anfaͤllen jener fuͤrchterlichen Mordlust, die mit Bewußtseyn verbunden, dennoch zu den Ab- arten des gewoͤhnlichen Wahnsinnes gehoͤrt, fuͤhlt der geistig Kranke vor dem Anfalle ein Brennen in der Gegend des groͤßten Gangliengeflechtes am Magen, hierauf einen wilden Andrang des Blutes nach dem Kopfe, und nun hat er noch kaum Zeit die geliebten Personen, die ihn umgeben, zur schnellsten Flucht zu ermahnen, wodurch sie allein den Ausbruͤchen seiner Mordwuth entgehen koͤnnen. Reils Rhapsodien, Seite 391 und 392. In In der That ist es nicht gerade die glaͤnzendste und beste Seite, sondern vielmehr die partie hon- teuse unsers armen zerlumpten Selbst, die hier ne- ben uns, als werkthaͤtige (bildende) Seele an den Karren geschmiedet ist. Wir lernen sie nur zu gut kennen, sobald sie, wenn auch nur auf einzelne Au- genblicke, aus ihren Ketten losgelassen wird Bey dem Raubthiere ist sie weniger durch die Mate- rie gebunden, als im massiven Pflanzen fressenden Thiere, beym Cholericus weniger, als beym Phlegma- ticus, ohne daß dieser um ein Haar besser waͤre als dieser. Ich erschrecke, wenn ich diese Schattenseite meines Selbst einmal im Traume in ihrer eigentlichen Gestalt er- blicke! Selbst im Zustande des bloßen Nachtwandelns zeigen sich, sonst gleichguͤltige Naturen zu Mordtha- ten und Verletzungen, selbst der Geliebtesten geneigt, und muͤssen schon deßhalb sorgfaͤltig bewacht wer- den. Nudows Theorie des Schlafes. Ein sonst stiller, gleichguͤltiger Junge, den ich in den ersten Monaten meiner Praxis an einer Art von Veitstanz zu behandeln hatte, war, sobald der Anfall kam, wie von einem boshaften Teufel be- sessen. Die Augen blickten wild und tuͤckisch, dabey lachte er entsetzlich behaglich, als wenns ihm bey sei- nen tanzenden Bewegungen ganz besonders wohl waͤre. Jetzt mußten alle Messer u. dgl. entfernt werden, auf die hinterlistigste Weise suchte er die Umstehenden zu verletzen, und wenn er nichts anders haben konnte, ver- versteckte er wenigstens eine Nadel unter eine Blume, womit er seinen kleinen Bruder, als wenn er ihn wollte an die Blume riechen lassen, listig tuͤckisch stach. In den meisten Faͤllen findet sich mit dem Wahnsinn, wenn er nicht zu sehr an dumpfen Bloͤd- sinn oder an fade, taͤndelnde Narrheit graͤnzt, ein auffallender Geist der Zerstoͤrung, Mordsucht und der Luͤge verbunden. Reil, u. a. O. 308 — 358, 359, 372 — 376. Selbst uͤbrigens gutartig schei- nende Narren pflegen gern Feuer anzulegen, oder auf eine boshafte Weise zu necken. Neigung zum Feuer anlegen, vorzuͤglich da wo sich Dumpfsinn und Cretinismus zum Wahnsinn gesellen. Reil u. a. O. 425. Wahnsinnigen von hoͤherem Grade, ist in keinem Augenblicke zu trau- en, nicht selten wissen sie ihre Mordlust hinter eine angenommene Zaͤrtlichkeit unb Freundlichkeit zu ver- bergen, und diese thierische Lust am Zerfleischen und Morden, im Gewande zaͤrtlicher Zuneigung, hat man vorzuͤglich bey Solchen wahrgenommen, deren Ver- nunft durch entsetzliche thierische Wollust zerstoͤrt war, Spieß, Biographien der Wahnsinnigen, B. 3. — das Hospital der Wahnsinnigen zu P. — Geschichte des heimtuͤckischen Rasenden. wie denn auch schon im natuͤrlichen Zustande Wollust nur eine Maske ist, hinter der sich Zerstoͤ- rungs- und Mordlust verbirgt. Auch bey scheinbar Wiedergenesenen kehrt mit dem Nachhall des Wahn- sinnes zugleich die diesem eigenthuͤmliche Mordlust wie- der der und nur zu oft sind zu fruͤh entlassene Wahnsin- nige auf diese Weise Vater- und Muttermoͤrder ge- worden. Reil, a. a. O. 374. Wenn jener Mordlust des Wahnsinnes jeder an- dere Gegenstand geraubt ist, pflegt sie ihre Wuth an sich selber auszulassen, und Wahnsinnige haben sich nicht nur oͤfters verstuͤmmelt und Glieder abgehauen, sondern zuweilen mit recht ausgesuchter Grausamkeit das Fleisch von den Haͤnden und Fingern abgebissen. Reil, a. a. O. S. 35. Eine dumpfe Grausamkeit gegen den eigenen Koͤr- per ist selbst noch in den tiesesten Graden des Bloͤd- sinns wahr genommen worden. Derselbe S. 407. Bewundernswuͤrdig ist oft die List und Feinheit, mit welcher vollkommen Wahnsinnige sich zu verstel- len und eine ganz erdichtete, wohl zusammenhaͤngende Geschichte als ihre eigene zu erzaͤhlen wissen. Jener Wahnsinnige des Gregory wußte seine Freunde und einige Magistratspersonen durch eine ganz erdichtete Geschichte so einzunehmen, daß sie sogleich beschlossen, ihn aus seiner Zwangsweste los zu machen und kaum dem gegenwaͤrtigen Arzt so viel Zeit ließen zu entfliehen. Jene hatten nur zu bald Gelegenheit ihre Voreile zu bereuen, der Wahnsinnige brachte sie alle in Lebensgefahr. Auch die Stuͤrmer der Bastille *) Reil , 391. ließen sich durch die sanften und vernuͤnftig schei. nenden Luͤgen eines solchen Wahnsinnigen einnehmen, lernten aber ihren Irrthum sogleich bereuen, als sich der eben von den Ketten losgelassene Wahnsinnige eines fremden Mordgewehres bemaͤchtigte, und seine Befreyer in groͤßte Gefahr stuͤrzte. Wahnsinnige, welche eine ganz erlogene Lebensgeschichte fuͤr ihre ei- gene hielten, sind in der Geschichte jener Krankheit nichts Seltenes, Bey Spieß a. a. O. Mehrere, unter andern die Esther L. im 2ten Bande. — Andere Bepspiele bey Reil und Cox, u. a. der schon erwaͤhnte Fall, Cox S. 222. und schon die Erzeugungen des Gangliensystemes im Traume, gruͤnden sich zum Theil auf Taͤuschung und Luͤge. Schon fruͤher erwaͤhnten wir einer Art von Tob- sucht, wo sich die Zerstoͤrungs- und Mordlust des Wahnsinnes ganz mit gesund scheinendem Bewußtseyn zu- sammen findet. Hier graͤnzen der hoͤchste Grad wil- der Leidenschaft und eigentlicher Wahnsinn nahe zu- sammen. Jener Bauer, der gewoͤhnlich ganz vernuͤnf- tig sprach, und keine Spur von Unvernunft verrieth, entlief aus dem Tollhause, kam in seine Heimath wie ein ganz Widergenesener, Vernuͤnftiger, ermordete aber noch an demselben Abend, nachdem er sich durch Kartenspiel erhitzt, mit wohl uͤberlegtem Vorfatze sei- ne Frau und Kinder. Reil , a. a. O. 393. Bey ihm war jene unwi- der- derstehliche Lust zum Morden nach und nach aus ei- nem niemals durch gute Vorsaͤtze unterdruͤckten Hang zum Jaͤhzorn entstanden. Dagegen hatte eine gewisse nun verstorbene Dame, deren Geschichte mir wohl bekannt ist, so lange sie unverheirathet war, unter die Empfindsamen ihrer Zeit gehoͤrt, und dennoch warf sie, aus unglaublicher Verkehrtheit, auf ihren eigenen erstge- bornen Sohn, einen solchen Haß, daß sie ihn mehr als einmal mit ganz kuͤhlem Vorsatze ermorden wollte, bis man ihn zuletzt mit Gewalt der taͤglichen Grau- samkeit seiner Mutter entriß, und in fremde Haͤnde gab. Der Vorwand jenes unnatuͤrlichen Hasses war: daß das Kind ihrem schlimmsten Feinde aͤhnlich sey, und ich will nicht untersuchen, von welcher andern (unrechtmaͤßigen) Leidenschaft jene unnatuͤrliche die Folge war. Aehnliche Geschichten haben uns die Aerzte mehrere aufbewahrt. In den Zustaͤnden des Somnambulismus beobachtet man haͤusig, daß die Kranken einen lebhaften Wider- willen gerade gegen jene Personen aͤußern, die ihnen sonst die naͤchsten und liebsten sind. Auch in der Me- lancholie und im Wahnsinn ist gerade diese Verkehrt- heit recht haͤuflg. Die Geschichte eines wohluͤberlegten Mordes, den eine, uͤbrigens vernuͤnftig scheinende Schwangere an ihrem Mann beging, zu dessen Fleisch sie einen unwiderstehlichen Appetit bekommen, steht bey Reil S. 394. Die Ungluͤckliche salzte noch das Fleisch des Ermordeten ein, um recht lange daran zu haben. Auch solche Beobachtungen erinnern an den Schwedenborgischen Satz, daß in jener Welt wolluͤsti- ge Liebe sich in Lust sich gegenseitig zu morden ver- Je- Jene eigenthuͤmliche Natur des an uns ange- schmiedeten Galeerensclaven, wird besonders aus der Weise erkannt, auf welche der Wahnsinn erzeugt wird. Dieser Zustand bestehet uͤberhaupt in jener Umkehrung des natuͤrlichen Verhaͤltnisses, wodurch die bildende Seelenthaͤtigkeit, ihr gewoͤhnliches Geschaͤft versaͤumend, sich auf psychische Weise aͤußert, und wo nun die ganze Kraft des geistigen Organismus, auf jenes unnatuͤrliche Geschaͤft concentrirt, und die Thaͤ- tigkeit des Cerebralsystems verdunkelt wird. Ein Vor- herrschen der Ganglienseelenthaͤtigkeit uͤber das hoͤhere Seelenvermoͤgen, entsteht zuweilen auf negative Wei- se, dadurch, daß das hoͤhere Organ durch Krankheit gezwungen, oder durch eigene willkuͤhrliche Schuld seine natuͤrliche Oberherrschaft verliert, haͤufiger je- doch auf positive Weise, entweder dadurch daß die in materieller Bildung befangene Seelenthaͤtigkeit, in ih- rem gewoͤhnlichen Geschaͤfte gestoͤrt, aus ihren Ban- den frey wird, und sich, als der bey den Meisten staͤrkere Theil zum Herrscher aufwirft, oder dadurch daß die Schlummernde durch verwandte, beguͤnstigen- de Einfluͤsse geweckt, genaͤhrt wird. In einem Saitenspiel pflegt ein aͤußerer lauter Ton den Nachhall der gleichgestimmten Saiten zu er- wecken. Die Leidenschasten und das ganze Gefolge unserer Neigungen und Abneigungen, der Begierde und wandle, und an die schon laͤngst anerkannte Ver- wandschaft der Wollust ( Fleischeslust ) und Mordlust. und des Hasses, die ganze Region der Gefuͤhle, ha- ben ihren Wirkungskreis und Ursprung im Ganglien- system, wirken belebend oder zerstoͤrend auf dieses ein. Wie in schon wiedergenesenen Wahnsinnigen, die alte Tollheit durch den Anblick fremder Raserey wieder auf- wacht, wie jede schlummernde Anlage durch die Aeuße- rungen eines verwandten Vermoͤgens geweckt wird; so wacht auch jene untergeordnete Seelenthaͤtigkeit auf, und verlaͤßt ihren bisherigen Kreis, sobald sie den Ton der mit ihrer eigenen Natur verwandten Leidenschaft vernimmt. Die meisten Wahnsinnigen verloren den Gebrauch ihrer Vernunft durch Leidenschaften. Jaͤhzorn, Haß, heftiger Geiz, uͤbermaͤßige Zerstreuungsfucht, wilde Begierde und heftige Zuneigung, jedes Fixiren der Seele auf einen ihrem eigentlichen Beduͤrfniß unan- gemessenen Gegenstand; unter allen Leidenschaften am meisten aber der Hochmuth, und der vielleicht schon bey einer schlechten Erziehung nie gebrochene Wille, Reil , u. a. O. S. 390. erregen Wahnsinn. Wenn man die genauer bekannt gewordenen Faͤlle des sogenannten religioͤsen Wahnsinnes, der religioͤsen Melancholie durchgeht, wird man mei- stens finden, daß jenem Zustand Hochmuth und Erhebung seiner Selbst uͤber Andere, vorhergegangen. Selbstgestaͤndnisse lehren, daß jene Ungluͤcklichen sich vor dem Ausbruche ihres Leidens, haͤufig fuͤr die Hei- ligsten und Besten gehalten unter allen die sie umga- ben, und daß sie erst von dieser falschen Hoͤhe herab in wahnsinnige Selbstverdammung versanken. Religioͤs Wahnsinnige, voll Duͤnkel. Cox S. 78. — Auch vor der gemeinen religioͤsen Schwermuth Selbst Selbst jener Wahnsinnige, dessen Geschichte bey Cox die neunzehnte ist, scheint in seiner finstern religioͤsen Rechtlichkeit, Selbstheiligung in strenger Erfuͤl- lung aͤußerer Gesetze gesucht zu haben. — Oder ein uͤbermuͤthiger, gruͤbelnder Verstand, glaubte sich zum Ergruͤnden religioͤser Geheimnisse berufen, und fand hier seinen Untergang. Indeß ist bey einigen jener Ungluͤcklichen der koͤrperliche, unwillkuͤhrliche Ursprung ihres Leidens unverkennbar. Diesen religioͤs Wahn- sinnigen bleibt dann, als Ausnahme von der oben erwaͤhnten Regel, auch mitten in ihrem Wahnsinne nach Cox eigenen Worten: ein hohes Ehrgefuͤhl und eine heilige Scheu gegen Wahrheit, wie dieß der erste von ihm erzaͤhlte Fall bewiesen. Wenn der Grundton jener untergeordneten, in materieller Bildung befangenen Thaͤtigkeit, welche am leichtesten durch Leidenschaften erweckt wird, Hochmuth ist, so koͤnnte man mit einem aͤlteren theosophischen Ausdruck das Versinken einer Thaͤtigkeit, die an sich hoͤherer, geistigerer Natur ist, in ein bewußtloses ma- terielles Bilden, aus Hochmuth herleiten, und jenen Gefangenen als einen Verbrecher betrachten, der sich durch Hochmuth vergangen, und der nun, auf eine fuͤr ihn selber, sobald er nur will, hoͤchst wohlihaͤtige Weise geht gemeiniglich ein Zustand vorher, wo die Leiden- den sich fuͤr besser halten als andere Menschen, und und Verzweiflung folgt auf Uebermuth. M. s. Ar- nolds Leben der Glaͤubigen. Seite 842. Weise, sein Vergehen abbuͤßt. Seiner urspruͤngli- chen Kraͤfte beraubt, oder wenigstens unfaͤhig sich ih- rer zu bedienen, lernt er hier, der Region des sinn- lichen Erkennens und ihrem Willen untergeordnet, ge- horchen, und den etwa, auch noch in seiner jetzigen Lage sich regenden Hochmuth, wenn ihm seine Ket- ten zu leicht werden, erstickt der alte Richterspruch: Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen. Da gerade jene Anlage des urspruͤnglichen Men- schen sich durch Hochmuth vergangen, welche zum Ge- horchen bestimmt war, indem sie (nach dem Folgen- den) das Organ seyn sollte, durch welches das Wort der hoͤheren Region zu dem Menschen gelangte; so wird, eben in jenem Dienste, zu welchem sie sich durch eigene Neigung erniedrigt, das urspruͤngliche Verhaͤltniß am leichtesten hergestellt, die Materie und die dunkle Region der Koͤrperwelt, wird zu einer Correctionsanstalt, aus welcher Jeder, welcher die dargebotenen Mittel nur einigermaßen benutzt, gewiß als genesen hinweggeht. Aber jene Mittel sind dem noch in uns wohnenden Rest des alten Hochmuths bitter, er ahndet mit Recht in ihnen seinen Tod, und der Wahnsinnige selber, der sich in dem Gefuͤhle sei- nes Wahnes wohl befindet, wendet die letzten Spu- ren von Vernunft nur dazu an, alle Bemuͤhungen zu seiner Heilung unwirksam zu machen. Reil , an verschiedenen Orten. Die Huͤlle, hinter welcher sich der Abgrund verbirgt, das gruͤne gruͤne Laub, welches nicht, wie ein oberflaͤchlicher An- blick waͤhnte, von einem unschuldigen Zephir, sondern von der unter ihm liegenden Schlange bewegt wurde, die nur die uͤber ihn liegende Decke noch unschaͤdlich machte, wird dann auf einmal hinweggenommen, und der Moͤrder in uns, jene Furien, deren Geheul uns Bedlam in dem Kettengerassel seiner Wahnsinnigen nur von fern hoͤren laͤßt, stehen losgelassen und durch unsere Pflege stark geworden da, und kehren dann zuerst ihre Waffen gegen den, der sie hegte und groß gezogen. Eine Bußpredigt aus dem Tollhause! O du Unerkannter und doch herzlich Geliebter! Laß doch meinen Moͤrder, der noch hier bey mir an- geschmiedet sitzet, nicht eher los, bis er erst durch Dich besser geworden! Wir wollen die Prinzipien jener goͤttlichen Cor- rectionsanstalt im folgenden Abschnitte etwas naͤher betrachten. Eine naͤhere Auseinandersetzung der phy- sischen Eigenschaften des Gangliensystemes, wird uns hierzu den Weg bahnen. Das Gangliensystem hat im lebendigen Organis- mus das Amt der koͤrperlichen Bildung und Gestal- tung. Sein Geschaͤft ist: die schon vorhandene Ma- terie zu zerstoͤren, (daher in der Sprache und im My- thus Hunger und Tod ein Wort) und ihre bildenden Prinzipien sich selber zuzueignen. Freylich ist dieser Helmontische Alchymist, — die Magenseele — uͤber dem Forschen nach dem Stein der Weisen, blind , und zum Narren geworden. In jenes unterirdische Ge- Gefaͤngniß faͤllt von oben gerade so viel Licht hinein, als sie zu ihrem Geschaͤfte braucht, nur daß uns die Scheidewand hindert, jene Strahlen wahrzunehmen! Jene Thierwelt, die wir in einem fruͤheren Ab- schnitte, als vor dem jetzigen Menschen entstanden, annahmen, das Reich der Mollusken, ist ohne ein eigentliches Cerebralsystem, lebt bloß durch das der Ganglien. Diesen Thieren fehlen zum Theil mit dem Kopfe zugleich, alle Sinnesorgane, sie sind bloß Rumpf, und dennoch erkennen sie Alles, was mit dem Kreise ihrer Lebensbeduͤrfnisse in Beziehung steht, sind sogar noch zu gewissen Aeußerungen des Kunst- triebes und der List faͤhig, eben so wie der Nacht- wandler und die Somnambuͤle mit krampfhaft ge- schlossenen und verbundenen Augen dennoch sehen, mit verschlossenem Ohre dennoch hoͤren, weil ihnen ein ganz neuer Sinn im Gangliensystem eroͤffnet worden. Bey jener Thierwelt, die wir fruͤher als die juͤngste anerkannten, bey den Insecten, ist auch ein bloßes Gangliensystem vorhanden, das aber hier ganz in die Rechte des Cerebralsystems getreten ist. Auch diese Thiere sind, wenigstens waͤhrend ihres Larvenzustan- des, zum Theil ohne Sinnesorgane, und verrathen dennoch einen ungewoͤhnlich scharfen Sinn fuͤr die aͤußere Umgebung. Bey ihnen stellt sich uͤberhaupt die Ganglienthaͤtigkeit ganz vorzuͤglich als bildender Trieb dar, in jenen Kunstwerken, welche außer dem Koͤrper zur Bedeckung und Erhaltung desselben auf- gefuͤhrt werden, und in einer eben solchen genauen physiologischen Beziehung auf die Beduͤrfnisse dessel- ben stehen, eben so zu dem Kreise desselben gehoͤren, als als z. B. die Haare und Haͤute, welche der Orga- nismus des vollkommneren Thieres in seinen eigenen Graͤnzen bildet. Auch die kuͤnstliche Mauerbiene, wenn sie der noch ungebornen Brut ihr Gehaͤuse baut, thut hiermit nichts anders, als der bildende Trieb in dem vollkommneren Mutterthier, wenn er die die Frucht umgebenden Haͤute und ernaͤhrenden Theile innerlich bauet. Dennoch zeigen die aͤußeren Erzeugungen des Insectenreiches, noch mehr aber gewisse Erscheinungen der hoͤheren Region, unter andern die des thierischen Magnetismus, daß jene bildende Kraft urspruͤnglich nicht auf den engen Kreis des materiellen Organis- mus beschraͤnkt sey, sondern auch uͤber denselben hin- aus zu wirken vermoͤge. Unter andern geht aus dem Gangliensystem das ganze Gebiet der Sympathien und jener gleichsam magischen Wirkungen der Natur hervor, die sich aus keinem Gesetz der bloß mechanischen Beruͤhrungen er- klaͤren lassen. Gewisse Thaͤtigkeiten und Erscheinungs- sormen der sonst untergeordneten Natur, lassen sich selbst noch der menschlichen Natur — mittelst des Gangliensystems mittheilen und gleichsam einimpfen. Wenn der Biß eines tollen Hundes zuletzt jenen fuͤrch- terlichen Zustand erregt, wo der Kranke, bey uͤbrigens noch andauerndem Bewußtseyn, den unwiderstehlichen Trieb der Hundenatur fuͤhit, zu beißen, und seine umstehenden Freunde aͤngstlich bittet ihn festzubinden, damit er sie nicht beissen koͤnne, so zeigt sich hier das Gangliensystem eines wirklichen Einimpfens der Hun- denatur faͤhig. Jener Sohn des großen Condé erfuhr diese Einimpfung auf eine mehr psychische Weise. Er 9) glaubte glaubte taͤglich zu gewissen Zeiten in einen Hund ver- wandelt zu seyn, und fuͤhlte sich dann unwiderstehlich dazu gedrungen, wie ein Hund zu bellen. Selbst die Gegenwart des Monarchen konnte ihn nicht verhindern, wenn der Anfall kam, wenigstens zum Fenster hinaus die stumme Pantomine des Bellens zu machen. Auch jene Kloͤsterfraͤulein pflegten, in einer aͤhnlichen Ver- wandlung, taͤglich eine Stunde lang wie die Katzen zu heulen Reil , a. a. O. 296 u. 339. Wahnsinnige, die sich in Hunde oder Woͤlfe verwandelt glaubten, und als solche heulten S. 336. und solcher Faͤlle finden sich viele aufge- zeichnet. Die sogenannten Daͤmonischen lassen in ihrer Raserey nicht bloß die verschiedenartigsten Stimmen von Raubthieren (Baͤrengebruͤll, Wolfs- und Katzen- heul) hoͤren, sondern wissen auch in anderer Hinsicht die Natur jener Thiere auf eine fuͤrchterliche Weise taͤuschend nachzuahmen. Historie der Wiedergebornen. Band II. S. 56. Hier ist es, wo die Leh- ren des alten Systems der Metempsychose nicht ganz ohne Sinn erscheinen, und vom Throne herab wird zum Thiere jener hochmuͤthige Nebucadnezar. Auf eine andere, mehr materielle Weise, zeigt sich jene weibliche Empfaͤnglichkeit und Erzeugungs- faͤhigkeit des Gangliensystems in der Geschichte der ansteckenden Stoffe. So lange jenes System in sei- nem gewoͤhnlichen Kreise bleibt, ist es faͤhig, fremde Krankheitsformen in sich aufzunehmen und auszubilden, jene jene Faͤhigkeit verliert sich aber, wenn es den Kreis seiner materiellen Produktionen verlaͤßt, und psychisch wirkt, weshalb schon Wahnsinnige keiner Ansteckung mehr ausgesetzt sind, mitten unter vergifteten Pest- und Fieberkranken, mitten unter dem Aushauch an- derer Seuchen unangetastet bleiben. Der Kreis jener Empfaͤnglichkeit zeigt sich im sogenannten thierischen Magnetismus noch mehr er- weitert. Die Zustaͤnde desselben werden in der Regel zwar leichter hervorgerufen, wenn der lebenskraͤftige Magnetiseur an dem Koͤrper der Kranken vom Haup- te abwaͤrts nach den unteren Theilen vom Haup- te abwaͤrts nach den unteren Theilen streicht, sie er- folgen jedoch auch bey einem umgekehrten Streichen, beym bloßen Anhauchen, bey der Beruͤhrung der Haͤnde, oder des bloßen Daumens der Kranken, ja durch die Wirkung des Willens aus der Ferne. Es erfolgen jene Zustaͤnde, auch ohne Zuthun des Mag- netiseurs, nach Gemuͤthsbewegungen und allen Ein- fluͤssen, wodurch die Thaͤtigkeit des Gangliensystems sehr aufgeregt wird. Wie naͤmlich jene Eindruͤcke, welche auf den wachen Kreis der Sinne ge- schehen, saͤmmtlich in Einem gemeinschaftlichen Punkte — im Gehirn versammelt werden, die Eindruͤcke aufs Gesicht oder aufs Gehoͤr eben so gut als jene auf die Fingerspitzen, so haben auch alle jene Lebenseinfluͤsse, welche auf das schaffende, bildende Vermoͤgen in uns vermehrend oder schwaͤchend einwirken, ihren gemein- schaftlichen Sammelplatz in der Mitte des Ganglien- systemes, sie moͤgen nun auf einen Theil oder in ei- ner Richtung wirken in welcher sie wollen. Auf diese Weise wird ein der Krise aͤhnlicher Zustand durch ver- verschiedene Ursachen, z. B. das Ausbleiben der mo- natlichen Blutungen, ja nach einzelnen Erfahrungen durch Galvanismus Hagenbusch und Gruber , bey Kluge , S. 173. u. a. erregt und bey gewissen sehr reitzbaren Naturen, bringet selbst die Naͤhe einer Katze oder anderer Raubthiere, so wie die Naͤhe gif- tiger Schlangen, die sich im Schlafgemach versteckt ha- ben, convulsivische Zufaͤlle hervor, welche jenen der Krise gleichen. Endlich so zeigt sich jene Eigenschaft des Gang- liensystemes noch vorzuͤglich im Prozeß der weiblichen Zeugung und Ausbildung der Frucht, und es ist auch hier, vornehmlich beym Weibe, das innerlich gewor- den, was urspruͤnglich mehr aͤußerlich — ein Werk, nicht des bewußtlosen Bildungstriebes, sondern des erkennenden Wortes seyn sollte. Wenn jenem bilden- den Vermoͤgen in uns einst die aͤußere Natur Mate- rial und eben so gut zu ihm gehoͤriges, eigenthuͤmli- ches Organ gewesen, als es ihm jetzt die Theile des Leibes sind; so sieht sich dagegen in dem jetzigen Zu- stande jenes Vermoͤgen bloß auf die engen Grenzen des Gangliensystemes beschraͤnkt. In der That, dieses System, durch dessen Wirk- samkeit wir vorzuͤglich an die Materie gebunden, mit ihr vereint sind, pflegt uns noch in dem jetzigen Zu- stande einen Sinn offen zu lassen, welcher uns, uͤber alle Beschraͤnkung des Raumes hinuͤber, ungehindert von den Banden der Schwere und der Koͤrperlichkeit, die die lebendigen Einfluͤsse einer fernen und nahen, gei- stigen und koͤrperlichen Welt zufuͤhrt. In dem Kreise des taͤglichen Beduͤrfnisses, scheint das Gefuͤhl fuͤr Waͤrme und Kaͤlte dem Gangliensysteme vorzuͤglich zuzukommen, so wie die Erscheinungen des sogenann- ten Gemeingefuͤhles, z. B. das Bemerken eines na- hen Gegenstandes im Dunklen, das kitzelnde Gefuͤhl auf der Haut eines Schlafenden, wenn sich ihm ein Anderer mit der Hand naͤhert, die Erscheinungen der Sympathie und Antipathie. Ein sehr merkwuͤrdiges Beyspiel von Sympathie bey Kluge a. a. O. S. 304, und aͤhnliche bey demselben noch anderwaͤrts! In gewissen koͤrper- lichen Zustaͤnden zeigt sich selbst noch beym Menschen, der Wirkungskreis jenes Sinnes so erweitert, daß be- vorstehende Witterungsveraͤnderungen, ziemlich ferne Metalle oder Wassermassen, Feuersbruͤnste und aͤhn- liche Begebenheiten in einer ziemlich großen Ferne wahrgenommen werden. Ausgezeichnetes Ferngefuͤhl einer Taubstummen, bey Klugt , nach Rahn , S. 295. Auffallender als irgend- wo zeigt sich jenes, nicht vom Cerebral- sondern aus- schließend vom Gangliensystem abhaͤngende Ferngefuͤhl in dem Zustande des magnetischen Hellsehens. Jene Schranken, welche die Koͤrperlichkeit zwischen zwey verschiedenen Individuen feststellet, sind in diesem Zu- stande aufgehoben, die Seele jener innerlich Eroͤfne- ten, wird mit der Seele des Magnetiseurs Eine und dieselbe, sie weiß nicht bloß alle seine Gedanken, ließt in seiner Seele Alles, was ihn bekuͤmmert und er- freut, freut, sondern sie nimmt auch unwillkuͤhrlich an allen koͤrperlichen und geistigen Gefuͤhlen jener ihm frem- den Person Theil, aͤußert Schmerzen, an eben jenem Theile, woran der Magnetiseur unvermerkt verletzt wird, empfindet einen bald widerlichen bald angeneh- men Geschmack, wenn jener unangenehme oder wohl- schmeckende Dinge in den Mund nimmt, Kluge , S. 201. weiß jede Bewegung des entfernt oder hinter ihm stehenden Mag- netiseurs und wird von der Kraͤnklichkeit desselben mit ergriffen. Durch den Willen des Magnetiseurs oder durch unmittelbare Beruͤhrung selbst mit einer dritten Person in Beziehung gesezt, weiß die Somnambuͤle um alles was mit dieser vorgehet, auch wenn dieselbe weit entfernt ist, Kluge a. a. O. S. 216. und auch der Magnetiseur ver- mag aus weiter (ganze Meilen betragender) Entfer- nung, durch bloße Anstrengung seines Willens auf ei- ne mit ihm in enger Beziehung stehende Somnambuͤ- le zu wirken, und diese in Krise zu versetzen. Derselbe, 231—233—235. In dem Zustande des Hellsehens wissen jene Kranken auch, was sich indeß in weiter Entfernung, in ihrer Heimath zutraͤgt Derselbe Seite 217—222. , und uͤberhaupt wird, sobald jener innere Sinn sich eroͤffnet, eine ganze, nahe und ferne Außenwelt demselben klar und gegenwaͤrtig. Nicht bloß wird ein noch ganz unbekanntes Buch, dessen Blaͤt- Blaͤtter durch verschiedene Mittelglieder mit dem Hell- sehenden in Beziehung gebracht worden, von diesem gelesen, Kluge , S. 135. der Stand des Zeigers an einer außer dem Gesichtskreise desselben stehenden Uhr erkannt, Derselbe, S. 130—139. und die Annaͤherung bekannter Personen, die auf ge- woͤhnliche Weise nicht bemerkt werden konnte, aus der Ferne wahrgenommen Ders. S. 138. sondern durch jene Eroͤff- nung des innern Sinnes, sieht sich der Somnambul auch in eine, von ihm sonst nicht besuchte, nur dem Na- men nach bekannte Gegend versetzt, wo er das sieht, was er angelegentlich gesucht und gewuͤnscht hatte. Ders. S. 214. Eine gewisse Person jener Art durchschaute mit gei- sterhafter Klarheit eine ganze naͤchtliche Begebenheit, die sich, waͤhrend sie schlief, fern von ihrem Zimmer im elterlichen Hause zugetragen hatte, und der Erfolg zeigte, daß sie sich nicht getaͤuscht, und den Plan eines wirklich vorgehabten Diebstahls richtig eingesehen hat- te. Ders. nach Wienholt , S. 219. Jenes Ferngefuͤhl, jener Seherblick des Gang- liensystemes, ist denn auch ein Eigenthum der Ent- zuͤckung (wovon noch nachher), des Traumes, der Ohn- macht, des Scheintodes, und anderer Zustaͤnde, wo- rinnen alle Faͤhigkeit nach außen zu wirken noch mehr auf- aufgehoben ist. Jene Faͤlle, wo ein weit entfernter Freund, einen Geliebten, dessen Seele sich in der To- desstunde oder anderen wichtigen Augenblicken lebhaft mit ihm beschaͤftigte, eigentlich vor sich stehen zu se- hen, die Stimme des Abschiednehmenden oder Fra- genden wirklich zu hoͤren glaubte, obgleich er in jenem Augenblick an etwas ganz Anders dachte, und von der Krankheit der geliebten Person nicht das mindeste wußte, sind doch zum Theil von zu nuͤchternen Beob- achtern erzaͤhlt, als baß man sie ganz laͤugnen koͤnnte. Hieher gehoͤrige Litteratur bey Kluge P. 372. Ein gewisser, mir nahe verwandter, ehrwuͤrdiger Mann, dessen frommer Ernst keine Selbsitaͤuschung zuließ, hat eine aͤhnlichr Erfahrung in der Todesstunde seiner weit entfernten Mutter gemacht. Freylich vermoͤgen wir uns nur selten beym Erwachen aus jenen tieferen Traͤumen oder Zustaͤnden der Ohnmacht, an das zu er- innern, was waͤhrend der Zeit unsern innern Sinn bewegt hat. Merkwuͤrdig ist es aber, daß Somnam- bulen in dem Zustand des Hellsehens alles das genau wußten, was waͤhrend sie in Ohnmacht oder Catalep- sie lagen, um sie und mit ihnen vorgegangen. Kluge , a. a. O. S. 206. So merkwuͤrdig schon alle jene Erscheinungen sind, so sehr auch schon sie an ein hoͤheres Vermoͤgen im Menschen erinnern, sind sie dennoch nur erst ein Schatten von dem, was dieser hoͤhere Sinn, wenn er zuweilen noch in den Grenzen des jetzigen Daseyns auf eine gesunde und natuͤrliche Weise im Menschen erwacht, umfasset und und vermag; Geschichte des Johannes Knox u. a. besonders aber des Thomas Bromley in der Historie der Wiedergebor- nen, von Reiz , Theil 2 und 6. wie die noch kuͤnftige Lilie, die das zergliedernde Messer und das Vergroͤßerungsglas schon in der zerschnittenen Zwiebel kuͤnstlich darstellen, nur ein kleiner Schatten von dem ist, was sie gewor- den waͤre, wenn sie sich im naͤchsten Sommer allmaͤh- lig aus dem Keim entwickelt haͤtte. So sind uns jene Organe, welche uns an die Materie fesseln, gerade auch ihrerseits Leiter uͤber die Graͤnzen materieller Beschraͤnkung hinaus, und sie sind uns ganz dasselbe in Beziehung auf die Zeit. Al- les Periodische, alle Zeiteintheilung kommt naͤmlich durch das Gangliensystem ins thierische Leben. Schon die Bewegungen der Organe des Gangliensystems ge- schehen nicht wie die der willkuͤhrlichen Organe in un- bestimmten, zufaͤlligen Momenten, sondern in einer rhythmischen periodischen Aufeinanderfolge der Zusam- menziehungen und Ausdehnungen, gleichsam stoßwei- se, und diese stoßweise Bewegung findet sich auch in jenen Krankheiten der willkuͤhrlich beweglichen Organe, die aus dem Gangliensysteme herkommen, z. B. in der Epilepsie. — Die an bestimmte Zeiten gebundenen Erscheinungen des Schlafens und Wachens, der Ver- dauung, des Wachsthums und der Entwickelung, der monatlichen Blutungen, die kritischen Perioden der Fieber, kommen saͤmmtlich aus dem Gebiete des Gang- liensystems her. Ueberhaupt ist schon an sich selber das das zeugende und bildende Vermoͤgen des Koͤrpers in seinen wichtigsten Aeußerungen an fest bestimmte Zei- ten gebunden. Das Zeugungsvermoͤgen des Thieres erwachet im Naturzustande bey einem gewissen Stand der Gestirne, und jene Varietaͤten und haͤufigen Spiel- arten in Gestalt und Farbe, welche sich bey den Hausthieren finden, kommen bloß daher, daß der Mensch ihnen durch haͤufiges oder veraͤndertes Futter, die Zeiten der Begattung veraͤndert hat; die zahllosen Verschiedenheiten, individuellen Charaktere und Be- sonderheiten des Menschengeschlechtes, bloß daher, daß dasselbe in Beziehung auf Zeugung an keine bestimm- ten Zeiten festgebunden ist. Dennoch verraͤth sich jene Abhaͤngigkeit von der Zeit auch noch bey dem Men- schen in verschiedenen Thatsachen, und wenn im weib- lichen Geschlecht die psychische (feindliche, zerstoͤrende) Natur des Gangliensystemes viel leichter frey zu wer- den vermag als im maͤnnlichen, so weiß dieses die Natur durch die monatlichen Blutungen zu verhuͤten, deren Ausbleiben jenes psychische (zerstoͤrende) Erwa- chen nur zu leicht herbeyfuͤhrt. Es erinnert jenes koͤr- perliche Phaͤnomen an gewisse psychichte Erscheinungen, welche der Forscher in der Geschichte der Orakel und Menschenopfer und in dem Beysammenseyn beyder be- merken wird. Die Erscheinungen der pythischen Begei- sterung gruͤnden sich zum großen Theil, wie der Wahn- sinn, auf ein Erwachen des sonst gebundenen, psychi- schen Vermoͤgens des Gangliensystemes, dessen wesentli- cher Charakter Zerstoͤrungssucht und jene innre Wuth ist, die sich nur im Blute zu kuͤhlen vermag. Selbst der grau- same Goͤtzendienst der Mexicaner, war zugleich mit Spu- ren einer weissagenden Erkenntniß der Priester verbunden. — Auch — Auch in der hoͤheren, reineren Region zeigt sich, nur zu einem besseren, goͤttlichen Zweck, etwas Aehn- liches, und auch hier muß ein weit von seiner Be- stimmung abirrendes Erkennen durch Blut ver- soͤhnt werden. Es giebt indeß hieruͤber noch einen andern, vielleicht hoͤ- heren Gesichtspunkt, der uns nur gerade hier zu sehr aus dem Wege liegt. Die Leichtglaͤubigkeit und der Unglaube sprechen beyde von außerordentlichen Erschei- nungen (Voranzeichen u. a.) die sich in der Naͤhe ei- nes Sterbebettes oder uͤberhaupt nahe vor dem Tode eines Menschen zutragen sollen. Beyde streisen, ohne es zu wissen, an ein Geheimniß, vermoͤge welchem der Sterbende zwischen seiner noch lebenden Umgebung und einer andern (der Geister-) Welt, ein vermittelndes Glied — eine Leiter bildet, an welcher jene Kraͤfte und Erscheinungen der andern Welt in unsere sinnliche herabsteigen und in diese auf Momente hinuͤber wir- ken. Die Phantasien der Sterbenden haben sich schon oft auch ihrer lebenden Umgebung mitgetheilt, was jene hoͤrten, glaubten auch diese zu vernehmen. Der an kritische Tage und Zeitraͤume gebundene Charakter, kommt eigentlich nur jenen Krankheiten zu, welche im Gebiete des Gangliensystemes ihren Sitz haben, Unter andern sind auch die Anfaͤlle des Wahnsinnes haͤufig periodisch, kamen in gewissen Faͤllen einen Tag um den andern, in andern 15 Tage im Jaͤhre, in noch andern jede zwey Jahre 6 Monate lang, (also ein Viertel der Zeit) m. s. Reil , S. 440. und ist in denen, bey uns haͤufigeren Zu- staͤnden des Uebelbefindens, wobey das Cerebralsystem mehr afficirt ist, unkenntlicher und verwischter. Die Art Art der Krise an einem noch kuͤnftigen vorzuͤglich ent- scheidenden Tage, wird freylich oͤfters schon in der Krise eines fruͤheren kritischen Momentes voraus er- kannt, und diese, oft weit von einander getrennten Momente, stehen in einer eben so genauen Beziehung aufeinander, als die Krisen des Somnambulismus; doch wuͤrde hieraus jenes prophetische Vermoͤgen des Gangliensystemes, welches oͤfters ganz zufaͤllig schei- nende Ereignisse lange voraus verkuͤndigt, nur unge- nuͤgend erklaͤrt. Im Grunde genommen, gruͤndet sich jenes prophetische Gesicht auf ein aͤhnliches Ferngefuͤhl der Zeit nach, als die fruͤher erwaͤhnten Erscheinun- gen auf ein Ferngefuͤhl dem Raume nach. Die verschie- denen Zustaͤnde, welche unser eigenes oder ein genau mit ihm verbundenes Wesen, in verschiedenen Zeiten, scheinbar zufaͤllig und doch nach fest bestimmtem Gesetz durchlaufen muß, gehoͤren eben so nothwendig zu un- serm gegenwaͤrtigen Wesen, als jene Veraͤnderungen und Ereignisse, welche eine entfernte geliebte Per- son betreffen, deren Schicksal uns wie ein eigenes an- geht. Wir und der entfernte Geliebte, unsere Ge- genwart und unsere Zukunft, sin in einem hoͤheren Dritten vereint, dessen Strahl in jenen prophetischen Augenblicken des Erkennens, unsern inneren Sinn be- ruͤhrt, und in der Entwickelungsgeschichte unsers un- sterblichen Wesens giebt es uͤberhaupt keinen Zufall, sondern daßelbe wird von jener Liebe, die es sich sel- ber freywillig erwaͤhlte, in Ereignissen, welche nach unabaͤnderlichem Gesetz auf einander folgen, entweder fuͤr den Genuß eines ewigen Friedens oder einer ewi- gen Unruhe erzogen. Wir Wir wollen uns auch hier zunaͤchst nur bey dem engeren Kreise der Erscheinungen des Hellsehens ver- weilen. Personen, die sich in jenem Zustande inner- licher Eroͤffnung befinden, sagen nicht nur die Zeit, wie lange jener Zustand dauern, wenn er wiederkehren werde und kuͤnftige Krankheitszufaͤlle genau voraus, Kluge , a. a. O. S. 105 und 199. sondern sie wissen auch Dinge vorher, die durchaus nicht von ihnen selber abhaͤngen. Drey von Wien- holt magnetisch behandelte Personen, sagten einen Zu- fall vorher, durch welchen sie den Fuß verrenkten. Derselbe, S. 215. Eine Andere wußte im Zustande des Hellsehens voraus, daß sie an einem gewissen Tage aufs Land gebeten und dort in Versuchung gerathen werde, ein Pferd zu besteigen, das ihr durch einen Sturz großes Ungluͤck bringen koͤnnte, und bat dringend, jenen Zu- fall von ihr abzuwehren. Auf eine durchaus nicht vorherzusehende Weise, wurde jene Ahndung wahr. Eben so weiß die Somnambuͤle genau vorher, wenn sich in geistiger Hinsicht irgend eine Idee vollstaͤndig in ihr entwickeln, wenn sie im Stande seyn werde, gewisse Fragen zu beautworten. Jenes Vorahndungs- vermoͤgen beschraͤnkt sich aber nicht auf die Person des Somnambuͤlen allein, sondern dieser besitzt auch ein solches Vermoͤgen in Beziehung auf andre, mit ihm in Beziehung gesetzte Personen, denen derselbe Ders. S. 226. kuͤnf- kuͤnftige Ereignisse und das nahe Ende ihrer Leiden voraussagt. Kluge , Seite 200—204, 205, 218. Es giebt ein schon im Somnambulismus oͤfters sehr deutlich entwickeltes prophetisches Vermoͤgen, nicht bloß fuͤr die Zukunft, sondern auch fuͤr die Vergan- genheit. Hufelands Somnambuͤle verwechselte fast immer das Heute mit dem Gestern, erzaͤhlte Dinge, die noch zukuͤnftig waren, und die sie prophetisch voraussahe, als waͤren sie gestern geschehen. Hufeland uͤber Sympathie, S. 189. Die Somnambulen wissen mit einer be- wundernswuͤrdigen Klarheit alle jene kleinen, im Wa- chen laͤngst vergessenen Begebenheiten und Zufaͤlle, die ihnen einmal vor langen Jahren begegnet sind, Derselbe S. 213. u. f. und auch im Traume werden wir oͤfters an laͤngst vergessene Begebenheiten aus der fruͤhesten Kindheit erinnert. Auch hier wird jenes prophetische Erkennen auf sremde mit dem Somnambul verbundene Perso- nen uͤbergetragen, und jener weiß in gewissen Faͤllen genau alle jene Begebenheiten, welche, oͤfters der lei- denden Person selber nicht mehr erinnerlich, auf ihren jetzigen Krankheitszustand Beziehung hatten. Derselbe, Seite 217. Ueberhaupt werden fast alle Erscheinungen des Erinnerungsvermoͤgens und der reproducirenden Ein- bil- bildungskraft, in einem genauen Zusammenhange mit dem Gangliensysteme gefunden. Wenn wir uns je- ne Ruͤhrungen unserer Sinne, jene Handlungen, wel- che mit innerm Gefuͤhl verbunden waren, dadurch zu- ruͤckrufen, daß wir diese Gefuͤhle erneuern, so muß nothwendig ein großer Theil der Empfindungen und vormaligen Ruͤhrungen, welche im inneren Kreise des Gangliensystemes ihren sammlenden Mittelpunkt hatten, fuͤr die Erinnerung verloren gehen, weil unser Wille vermoͤge der oben erwaͤhnten Scheidewand, nicht im Stande ist, Ruͤhrungen jenes Systemes nach Gefallen hervorzubringen. In der Zeit der Jugend, bey ei- nem hoͤheren Stand der bildenden Lebenskraft, gelingt der sinnlichen Natur die Vereinigung beyder Systeme und das Aufheben der trennenden Scheidewand noch eher, dagegen scheint sich bey dem zunehmenden Alter die Grenze immer enger und fester um das Cerebral- system herumzuziehen und dem Willen den Zugang zu der Region der Gefuͤhle abzuschneiden. Alte, dumpfe Greise, wissen nichts mehr von allen jenen folgenrei- chen, heitern oder truͤben Begebenheiten, nichts mehr von allen jenen vielumfassenden tiefen Kenntnissen, wo- durch sie fruͤher zu großen maͤnnlichen Thaten gereift waren, Neuton und Kant verstehen ihre eigenen Wer- ke nicht mehr, große, im Umgange der Alten grau gewordene Philologen, straucheln an leichten Sprach- regeln, alle, selbst die hoͤchsten Bemuͤhungen und Kaͤmpfe um geistige Vollendung und Tugend, schei- nen mit allen dem, was durch sie errungen worden, verloren und auf immer vergessen zu seyn, und dem frommen, tiefer erleuchteten Greise, bleibt von allen muͤhsam erworbenen religioͤsen Erkenntnissen, kaum noch ein ein einfaches Gebet aus der Kindheit uͤbrig. Ein Beyspiel der Art gab unter andern Stillings alter Vater. M. s. den letzten Band der Lebensbe- schreibung. Und dennoch geht uns jenes wohlerworbene Eigen- thum unserer fruͤheren Jahre, gehen uns jene Er- kenntnisse und Gefuͤhle nicht verloren. Auch ein gewisser, vom Wahnsinn gluͤcklich Geheilter, in den er dadurch versallen war, daß er seine treu ge- glaubte Braut nach mehrjaͤhriger Trennung auf ein- mal als Gattinn eines Andern und als saͤugende Mut- ter wieder sah, und der nach der Heilung gar nichts mehr von seiner vorigen Liebe wußte, erinnerte sich beym Anblick einer saͤugenden Frau wieder an Alles. M. s. Spieß a. a. O. Vielfaͤltige Erfahrungen haben gelehrt: daß oͤfters in der Stunde des Todes, in Traͤumen und aͤhnlichen Zustaͤnden, ja in einem geringeren Maaße schon im froͤhlichen Rau- sche alle jene Erinnerungen und verloschenen Gefuͤhle zuruͤckkehren, daß dann auf einmal der noch vor we- nig Tagen dumpfe, kaum seiner selbst sich bewußte Greis, helle, klare Blicke uͤber seine ganze Vergan- genheit zu thun vermag, alle seine vergessenen Kennt- nisse wieder empfaͤngt, und zum Theil sich ihrer in einem Grade maͤchtig zeige, wie vorher niemals, in- dem zugleich Sprache und Ausdruck sich veredlen. Die kindisch gewordenen Alten haben dieses mit den Wahnsinnigen gemein. Die verloren gegangene Ver- nunft kehrt bey Vielen kurz vor dem Tode, mit der Erinnerung an die eigentlichen persoͤnlichen Verhaͤlt- nisse nisse und an die ganze Reihe der Lebensschicksale zu- ruͤck. Der kranke Wahn schwindet wie ein schwerer Traum, dessen Inhalt freylich in der wachen Erinne- rung zuruͤckbleibt. M, s. schon Spieß Biographien der Wahnsinnigen, an verschiedenen Orten. Ueberhaupt ist es bekannt, daß die Wahnsinnigen sobald sie schlafen, vernuͤnftige und in klarem Zusammenhange stehende Traͤume haben, und die Reihe der wachen Zustaͤnde scheint sich durch den Traum hindurch fortzusetzen. Spieß , a. a. O. 1ter Band, Geschichte der Ka- tharina P … rin, und auch des Friedrich M .. r, der jedesmal beym Erwachen die Seinen kannte. Ja es scheint sogar in gewissen Faͤllen durch den Wahnsinn und mitten in demselben eine gewisse Entwickelung und Ausbildung der hoͤheren Seelenkraͤfte moͤglich, und nicht bloß folget auf den Zustand der Melancholie ein freyerer Gebrauch der Seelenkraͤfte, sondern an wieder- hergestellten Wahnsinnigen ist zuweilen in Hinsicht der moralischen und erkennenden Kraͤfte, eine vortheilhafte Veraͤnderung und Veredelung wahrgenommen worden. Cox , prakt. Bemerk. uͤber Geisteszerruͤtt. S. 115. Merkwuͤrdig ist in jener Beziehung vorzuͤglich die Geschichte jener zwanzig Jahre lang wahnsinnig gewesenen Frau, welche im November 1781, in einer kleinen Stadt der Uckermark, sieben und vierzig Jahre alt gestorben. Man hatte an dieser Wahnsinnigen schon in den einzelnen lichten Augenblicken, eine stille Ergebung in den hoͤheren Willen und fromme Fassung 10 wahr- wahrgenommen. Vier Wochen vor ihrem Tode er- wachte sie endlich aus ihrem zwanzigjaͤhrigen schwe- ren Traume. Aber die sie vor ihrem Wahnsinne ge- kannt hatten, kannten sie jetzt, in dem Zustande dieser letzten Verwandlung kaum wieder, so veredelt, erweitert und erhoͤhet waren alle Kraͤfte und Empfindungen ihrer geistigen Natur, so veredelt ihr Ausdruck. Sie sprach in dieser Zeit Dinge mit einer Klarheit und inneren Helle aus, welche der Mensch in seinem jetzigen Zu- stande nur selten oberflaͤchlich erkennen lernt. Ihre Geschichte erregte Aufsehen: Gelehrte und Ungelehrte, Gebildete und minder Gebildete draͤngten sich an je- nes merkwuͤrdige Krankenbette, und Alle mußten ein- gestehen, daß, wenn auch die Kranke waͤhrend der ganzen Zeit ihres Wahnsinnes den Umgang und die Belehrung der gelehrtesten und erleuchtetsten Maͤnner ihrer Zeit genossen haͤtte, ihr Geist doch nicht gebil- deter, ihre Erkenntnisse doch nicht umfangsreicher und hoͤher haͤtten seyn koͤnnen, als jetzt, wo sie aus einer so langen, tiefen Gefangenschaft aller Kraͤfte zu er- wachen schien. Basler Sammlungen, Jahrgang 1786. Pag. 116. So sind denn jene Fuͤhrungen unseres Geistes durch die kindische Beschraͤnktheit des hohen Alters, oder selbst durch noch dunklere, truͤbere Zustaͤnde, nicht das was sie dem Materialismus schei- nen, und das ewige Eigenthum unsers Geistes kann uns durch nichts entwendet werden. Aber wo verbirgt sich denn jene dem Anscheine nach verloren gegangene Erkenntniß, wo verbirgt sich die die ganze Reihe scheinbar ganz erloschener Erinnerun- gen, waͤhrend jener Zustaͤnde der Dumpfheit und Be- sinnungslosigkeit, die demnach in gewissen Faͤllen nur dem Schlafe gleichen, aus dem wir mit klarer Erin- nerung ans Gestern, und aufs neue gestaͤrkt erwachen? Wir duͤrfen uns auch bey der Beantwortung dieser Frage auf das fruͤher Gesagte beziehen. Ueberhaupt pflegen sich die Gegenstaͤnde und Veraͤnderungen, wel- che auf und in uns wirken, nur in dem Grade un- serer Erinnerung einzupraͤgen, in welchem sie uns in- teressiren, d. h. mit der Liebe, mit der Grundneigung in uns in Beziehung stehen, — in dem Grade, in welchem sie auf den Kreis unserer Gefuͤhle, wohl- thuend oder schmerzhaft einwirken. Selbst das Ein- praͤgen ganz mechanischer und an sich todter Fertig- keiten z. B. das Erlernen ganz unverstandener frem- der Worte, gelingt uns nur dadurch, daß wir das zu Erlernende in irgend eine, wenn auch noch so leise Beziehung mit dem Kreise unserer Gefuͤhle und un- serer Grundneigung setzen, und jene Fertigkeiten er- loͤschen um so fruͤher, je unwesentlicher und leiser diese Beziehung war. Gegenstaͤnde, die gar nicht auf jenen lebendigen Kreis einwirken, liegen uͤberhaupt ganz außer dem Umfang unseres Erkennens, wir erkennen nur im Lichte unserer Liebe (das was dieser Liebe foͤrderlich ist oder hinderlich, koͤnnen nur das erkennen, was Gegenstand unserer Neigung oder Ab- neigung zu werden vermag. Unser Erkennen stehet deßhalb in Hinsicht seines Umfanges in geradem Ver- haͤltniß mit dem Umfang unserer Liebe, hoͤheres Er- kennen wohnt bey hoͤherer Liebe, beschraͤnktes bey be- schraͤnkter. Eng ist der Kreis des Erkennens bey der thier- thierischen Natur, welche nur von dem Kunde hat, was mit ihren Neigungen in Verbindung steht, und fuͤr welche die ganze uͤbrige Welt der Dinge nicht vorhanden ist; nicht viel weiter ist jener Kreis bey der thierisch-menschlichen Natur, waͤhrend er bey je- ner Liebe, deren einziger und hoͤchster Gegenstand der Inbegriff aller Dinge waͤre, so unermeßlich seyn wuͤrde, als jener Gegenstand selber. Nach dem Vorhergehenden ist das Gangliensy- stem der Ausgangspunkt und das vereinigende Cen- trum der inneren Gefuͤhle und Neigungen. Die von dem Cerebralsystem abhaͤngenden Verrichtungen unserer Sinne, das Sehen und Hoͤren, lassen uns an sich kalt, und geschehen ohne Gefuͤhl von Wollust oder Schmerz, wenn aber bey dem Anblick einer hohen Natur, bey dem Hoͤren des Glockengelaͤutes und an- derer Harmonien unsere Brust sich erweitert, unser Gefuͤhl sich erhebt, fuͤhlen wir, daß jene Ruͤhrung nicht in dem an sich kalten Kreis der Sinne beschlos- sen sey, sondern aus jener Region der Gefuͤhle kom- me, die wir im gemeinen Leben das Herz nennen. Dagegen sind schon alle Verrichtungen des Ganglien- systemes an sich, selbst im Kreise des thierischen Lebens, mit einem Gefuͤhl von Wollust oder Schmerz verbun- den, und das Geschaͤft des Nahrungnehmens, der Geschlechtsverrichtung u. a. pflegt urspruͤnglich das thierische Gefuͤhl heftig zu erregen. Vorzuͤglich ge- nießen wir dann das erhoͤhte Gefuͤhl sinnlichen Wohl- seyns und innigen Behagens, wenn jene trennende Scheidewand zwischen dem Cerebral- und Ganglien- system sich hinweghebt, und der enge Kreis, welcher je- jenes erstere — den Sitz des Bewußtseyns — umgiebt, mehr und mehr sich erweitert. Wenn im Schlafe, in der Ohnmacht, im Scheintode und aͤhnlichen Zu- staͤnden jene Schranke hinwegfaͤllt, und beyde Syste- me nun in Eins vereinigt, das (dann vorherrschende) Geschaͤft des Gangliensystemes wirken, so ist hiermit zugleich ein Gefuͤhl des innigen Wohlbehagens, nach dem Ausdruck der ohnmaͤchtig und scheintodt Gewesenen von Seligkeit verbunden. M. Ahndungen einer allgemeinen Geschichte des Le- bens, Art. Verwesung. Auch der Zustand des Wahnsinnes und der Raserey, besonders der der letz- tern, wobey jene Schranken auch aufgehoben sind, pflegt mit einem ganz besonderen Wonnegefuͤhl ver- bunden zu seyn. Cox , a. a. O. siebender Fall. Bey traurigen Wahn- sinnigen ist meistens schon eine innerliche organische Zerstoͤrung der Theile vorgegangen, sie sind deßhalb weit seltener und schwerer heilbar als lustige Wahn- sinnige (man s. ebendaselbst S. 59), und Raserey ist oft ein guͤnstiges Zeichen naher Heilung. „Ich erwartete, sagte ein von Willis geheilter Wahnsinniger, Reils Rhapsodien, Pag. 304. Wahnsinnige, die der Genesung nahe sind, betrachten deßhalb oͤfters den Arzt der sie aus ihrem Traume reissen will, mit Wi- derwillen. Spieß a. a. O. uͤber das Hospital der Wahnsinnigen zu P… meine Anfaͤlle mit Ungeduld, denn ich genoß waͤhrend derselben eine Art von Seligkeit. Alles schien mir leicht, kein Hin- derniß hemmte mich, weder in der Theorie, noch in der Ausfuͤhrung. Mein Gedaͤchtniß bekam auf ein- mal mal eine besondere Vollkommenheit — ich erinnerte mich z. B. langer Stellen aus lateinischen Schriftstel- lern. Es kostete mir im gewoͤhnlichen Leben viel Muͤhe, gelegentlich Reime zu finden, aber in der Krankheit schrieb ich so gelaͤusig in Versen, als in Prosa. Ich war perschmizt, sogar boshaft , und fruchtbar an Huͤlfsmitteln aller Art. Man wird hieraus die nicht etwa durchaus goͤttliche, sondern zum Theil sogar sehr verdaͤchtige Natur jenes Wonnegefuͤhles einsehen, ein Umstand, den ich selber fruͤher (a. a. O.) uͤbersehen. ‟ Auch bey den Somnambuͤlen, in denen waͤhrend der Krise eine aͤhnliche Erweiterung jener engen Grenzen, ein aͤhnliches Aufheben jener Scheidewand statt findet, nur daß sich bey ihnen das Gehirn nicht negativ wie im Wahnfinn und Schlaf, sondern positiv verhaͤlt, wird jenes Wonnegefuͤhl bemerkt, besonders im hoͤchsten Grade, in dem Zustand der Entzuͤckung, wodurch jene Schranken so vollkommen aufgehoben werden, daß die empfangenen Ruͤhrungen selbst noch mit ins Wa- chen uͤbergehen. Jene Aufhebung der gewoͤhnlichen Schranken und Vereinigung beyder Systeme pflegt insgemein durch eine ganz vorzuͤglich erhoͤhte Thaͤtigkeit des ei- nen von beyden zu geschehen, und im Rausche, im Somnambulismus, im Zustande der hoͤchsten Freude u. a. durch Erhoͤhung der Thaͤtigkeit im Gangliensy- stem, im Zustande des erhoͤhten Erkennens, durch Er- Erhebung des hoͤheren Seelenvermoͤgens. In beyden Faͤllen aber kommt das gesteigerte Gefuͤhl aus und vermittelst dem Gangliensystem in unsere Seele. Je- nes ist uͤberhaupt, wie schon gesagt, Organ des Er- kennens, und zwar in dem fruͤher erwaͤhnten doppel- ten Sinne, Organ des koͤrperlichen Erkennens oder Erzeugens und des geistigen Erkennens. Die Erkennt- nißkraͤfte sind schon im Somnambulismus, ja im Rausche gesteigert, und fruͤh nuͤchtern, wenn die psy- chische Erkenntnißkraft des Gangliensystemes noch nicht in dem Geschaͤfte der Verdauung erloschen ist, fuͤhlet sich unser geistiges Erkenntnißvermoͤgen am freyesten, am erweitertsten und vollkommensten und im Gegen- theil fuͤhlet es sich durch die entgegengesetzten koͤrper- lichen Zustaͤnde im hoͤchsten Grade beschraͤnkt und ver- engert. Der Unterschied zwischen einem großen Ta- lent und einem sehr beschraͤnkten, scheinet bloß davon abzuhaͤngen, daß bey jenem der Wille mehr Gewalt uͤber die Region des Gangliensystems hat, und diese wieder eine leichtere Zuruͤckwirkung auf das Gehirn, waͤhrend bey einem beschraͤnkten Talent, jene Commu- nikation erschwerter ist. Daher wird Bloͤdsinn so oft durch Bewegung in freyer Luft, durch Verwundun- gen, besonders am Kopfe, und andere Einwirkungen, welche jene Communikation erleichtern, gehoben. Die Somnambuͤlen sagen fast einmuͤthig aus, daß sie jene fruͤher erwaͤhnten hoͤheren Erkenntnisse, das Verstehen fremder Gedanken, die prophetischen Blicke in die Ferne, und in die eigene oder fremde Zukunft und Ver- gangenheit, die helle Uebersicht uͤber eine naͤhere oder fernere Koͤrperwelt und die Einsicht in den inneren Um- trieb ihrer Kraͤfte, vermittelst der Herzgrube, d. h. mit- mittelst des Gangliensystemes empfangen, und nicht auf dem gewoͤhnlichen Wege der sinnlichen Erkenntnisse. Jenes System ist uͤberhaupt das einzige Organ fuͤr alle Erkenntnisse, welche außerhalb der engen Schran- ken der gewoͤhnlichen Sinnlichkeit liegen, Hieher gehoͤrte wohl auch vorzuͤglich die von Spieß im 1ten Bande erzaͤhlte Geschichte des wahnsinnigen Jacob W. Dieser, ohne sein Zimmer zu verlassen, wußte mit einem ganz besondern Hellsehen, nicht bloß alles was auf den Feldern und unter den entsernten Heerden seines Gutes vorging, sondern errieth und er- kannte auch offenbar fremde Gedanken und Gesin- nungen. und wenn in gewissen Zustaͤnden dem Menschen, selbst noch waͤh- rend des jetzigen Lebens Blicke in eine hoͤhere geistige Region oder ins innerste und verborgenste Geheimniß eines fremden Herzens, das Errathen und deutliche Wissen fremder Gedanken und Gesinnungen gelingt Terstegens Leben heiliger Seelen, Originalausgabe B. 1. S. 61. u. f. Reiz Historie der Wiedergebor- nen, B. 6. S. 19. , so wird dieses auch nur dadurch moͤglich, daß die Seele das im jetzigen Leben meist fuͤr sie verloren ge- gangene und im niederen Geschaͤfte befangene Organ eines hoͤheren und geistigeren Erkennens von neuem wie- der empfaͤngt, ein Gluͤck, welches, so selten es ist, den- noch von Einigen fuͤr eine bestaͤndige Furcht unserer rein- sten und hoͤchsten Bestrebungen gehalten wird. Thomas Bromley uͤber die Offenbarungen, wel- che man außerordentliche zu nennen pflegt. Aus dem Englischen. Wenn Wenn demnach alle unsere Erkenntnisse und Er- innerungen ihr Reich im Gangliensystem haben, so wird jene an Greisen und nach manchen Nervenkran- ken bemerkte Erscheinung des scheinbar gaͤnzlichen Ver- schwindens, und oftmals ploͤtzlichen Wiederkehrens un- serer Kenntnisse und Erinnerungen leicht begreiflich seyn. Ueberhaupt ist jede Erinnerung nichts anders, als eine bald mehr bald minder willkuͤhrliche Wieder- erneuerung der gehabten Ruͤhrungen und Empfindun- gen. Wenn sich nun bey zunehmendem Alter und durch andere Umstaͤnde jene um das Cerebralsystem gezogene Schranke immer mehr verengert, wenn das Gebiet der Empfindungen — das Gangliensystem, welches in der Gefuͤhls- und Empfindungsreichen Zeit der Jugend demselben noch ungleich zugaͤnglicher war, immer mehr fuͤr den Einfluß des Willens sich verschließt: so gelingen auch jene Wiedererneuerungen der gehab- ten Ruͤhrungen des inneren Sinnes nicht mehr, un- sere Erinnerungen und Kenntnisse sind uns zwar nicht verloren, aber sie sind fuͤr uns unzugaͤnglich und ver- schlossen. Aber schon der Traum, ploͤtzliche Freude, noch mehr der dem Tode haͤufig vorhergehende Zustand, stellt die unterbrochene Verbindung auf einmal her. Uebrigens belehrt uns jene oͤfters bis zum hoͤchsten Grade gehende Verengerung und Beschraͤnkung des Erkenntnißkreifes, was die von Vielen uͤber Gebuͤbr verachtete Region des Gefuͤhles und der groͤberen Koͤr- perlichkeit uns sey: der muͤtterliche Erdboden oder Mutterleib, dem wir die Frucht unserer Bemuͤhungen und Forschungen, aller Kaͤmpfe und freywilligen Ent- sagungen, alle erlernte Fertigkeiten im Guten und Schlimmen, ja die meisten Keime eines neuen, hoͤhe- ren ren Daseyns anvertrauen. — Der Wurm einiger In- sekten pflegt, wenn er sich in seinem engen Gehaͤuse zur hoͤhern Verwandlung anschickt, sich auf eine be- wundernswuͤrdige Weise umzukehren, was unten war, wird jetzt oben — der neue Vogel Phoͤnix entsteht nach der alten Sage aus einem Wurm, und im muͤt- terlichen Koͤrper bildet sich das neue Leben, mitten zwischen den Staͤtten des Moders und des Todes. — Nach einer andern, vielfaͤltig veraͤnderten Sage, ge- schieht die Bildung der neuen himmlischen Natur und die Auferstehung des Leibes aus dem im bisherigen Zustande unscheinbaren und unwerthen Beinchen Lus. M. s. Kanne’s aͤlteste Urkunde. Wir nehmen nun hier den Faden, dessen Zu- sammenhang durch jene physiologischen Eroͤrterungen vielleicht um etwas klarer geworden, wieder auf. Der Stimmnerve und der ganze mit ihm verbundene Kreis der Sprachorgane, gehoͤret zu einem Systeme unsers Koͤrpers; dessen Geschaͤft jenes des schaffenden Wortes ist — eine ganze ihm untergeordnete kleine Welt zu erzeugen und zu bilden. Wenn auch dieser Kreis sehr verengert ist, so zeigen uns doch mehrere Erscheinun- gen, unter andern jene psychische Gewalt welche der Magnetiseur uͤber die ganz von ihm verschiedene Person der Somnambuͤle, noch mehr jene, welche der Mensch in gewissen Faͤllen uͤber die ganze ihn umgebende Na- tur ausuͤbt Der hieher gehoͤrigen Thatsachen wird noch im naͤchsten Abschnitte erwaͤhnt werden. , daß das Gangliensystem, so wie es noch jetzt jetzt der Sinn ist, auf welchen alle Einfluͤsse einer hoͤ- heren geistigen Region einwirken, auch urspruͤnglich das Organ sey, durch welches der Mensch bildend und veraͤndernd auf die ihm umgebende Natur einwirken konnte. Sobald in verschiedenen koͤrperlich - geistigen Zustaͤnden, die eigenthuͤmliche Natur des Ganglien- systemes anfaͤngt zu erwachen, sehen wir dieselbe we- nigstens noch im schwachen Schatten, ihr altes und urspruͤngliches Geschaͤft treiben. Der Traum, der Somnambulismus, die Begeisterung und alle erhoͤh- ten Zustaͤnde unserer bildenden Natur, fuͤhren uns in schoͤne, noch nie gesehene Gegenden, in eine neue und selbsterschaffene, reiche und erhabene Natur, in eine Welt voller Bilder und Gestalten. Kluge , a. a. O. Hufelands 2te Somnambuͤle sahe sich im Zustand des Hellsehens gleich von Anfang in einen schoͤnen Garten versetzt. Hufeland , uͤber Sympathie S. 179. — Scheintodt Gewesene sagten dasselbe von sich aus. Eben so die sogenannten Verzuͤckten. Aber jene Gebilde sind nur ein armer Nachhall des anfaͤnglichen Vermoͤgens. Ein großer Kuͤnstler, der jetzt in einem engen Kerker an Ketten geschlossen, alles Materials seiner ehehin mit Ruhm ausgeuͤbten Kunst beraubt ist, verraͤth das innere Verlangen nach angemessener Be- schaͤftigung und den eingepflanzten Kunsttrieb we- nigstens noch dadurch, daß er Gestalten aus Brod- teig bildet, die ihm der naͤchst folgende Augenblick wieder zerbricht, und mit seiner Kette, statt des ihm genommenen Pinsels, in den Staub mahlet, den der naͤchste Morgen wieder verweht. — Von allen jenen Kraͤf- Kraͤften welche das Gangliensystem oder vielmehr die in ihm wirkende bildende Seele besessen, statt jener goͤttlichen Sprache, deren Worte die Gegenstaͤnde der aͤußeren Natur, deren ewiger Inhalt Gott und die Liebe des Menschenherzens zu Ihm gewesen, ist uns nur noch ein Laut ohne Wesen und Koͤrper, ein nicht mehr bildendes und schaffendes, sondern ohnmaͤchtiges und kraftloses Wort, die Stimme und die gemeine Woͤrtersprache uͤbrig geblieben. Jene Echo, die taͤu- schende, als sie gegen den in seiner eigenen Liebe befangenen Narciß entzuͤndet worden, verzehrt sich selber in ungluͤcklicher Neiguug, und wird eine koͤr- perlose Stimme — ein armer Nachhall. Wenn schon in den Zustaͤnden eines erhoͤhten Er- kennens einzelne gottgeweihte Maͤnner dahin gelangten, daß sie in der Seele Anderer zu lesen, noch nicht ausgesprochene Gedanken zu beantworten vermochten, daß sie „wußten, was im Menschen war,‟ wie Der , durch dessen Huͤlfe sie jene Krast erlangten Unter andern Gregorius Lopez, bey Terstegen, am schon angefuͤhrten Orte. : so laͤßt sich noch vielmehr in einem kuͤnftigen hoͤheren Zustan- de eine Sprache der Seelen erwarten, worinnen sie sich die Gedanken und Empfindungen auf eine andere und wirksamere Weise mittheilen, als durch Worte. Ob- gleich unserm Wesen von jenem weiten Kreise einer geistigen liebenden Wirksamkeit, der eine ganze Welt in sich faßte, nur noch ein kleiner, enger Bezirk uͤbrig geblieben, so ist es dennoch dieser enge Bezirk, inner- innerhalb welchem sich noch jetzt die hoͤchsten Wun- der unserer Natur entsalten. Wir wollen ihn mit einem andern, mit seinem eigentlichen Namen nen- nen: jener gefallene, in die Materie befangene Phos- phorus unsers Wesens, ist nichts anders als die Faͤ- higkeit desselben zu lieben. Nur der Liebe in uns offenbart sich die hoͤhere geistige Region, nur die Lie- be vermag, wenn sie sich von dem ihrer unwuͤrdigen Gegenstand zu einem hoͤheren und wuͤrdigeren erhebt, das zu erkennen, was uͤber den engen Kreis des jetzi- gen Daseyns hinausliegt. Und unsre Liebe allein, und das was sie in ihrem bald weiteren, bald enge- ren Kreis aufgenommen, geht mit uns hinuͤber. Die Sprache der ewigen, goͤttlichen Liebe, mit der liebenden Faͤhigkeit im Menschen, war nach dem Vorhergehenden das als aͤußere Natur geoffenbarte Wort. Und dieses Wort, in der Bilder- und Ge- fuͤhlssprache (des Traumes, der Begeisterung) prophe- tischer Weihe, ist noch jetzt die Sprache der hoͤheren Liebe mit unserer liebenden Seele, die eine ganze Welt von lebendigen Gestalten und Gefuͤhlen zum Ausdruck ihres Sehnens erwachet. Aber die liebende Faͤhigkeit im Menschen hat sich von ihrem urspruͤnglichen Gegenstand entfernt, und ihr unvergaͤngliches Sehnen auf einen vergaͤnglichen Vorwurf gerichtet. Wie der natuͤrliche Schlaf, ein Bild des Todes, dadurch entsteht, daß die in mate- rieller Bildung befangene Ganglienthaͤtigkeit (der schla- fende Phosphorus) diese ihr eigenthuͤmliche Befan- genheit und Laͤhmung periodisch auf das Cerebralsy- stem stem uͤbertraͤgt, so ist Phosphorus selber durch die Materie der er sich zugesellet, von jenem Schlaf in dem er befangen, angesteckt worden. Nach einem al- ten Spruche wird naͤmlich das Erkennende mit dem Erkannten Ein Leib, Ein Wesen. Die Materie, an welche jene Liebe in uns sich gefesselt, hat, wie sie an sich sich selber blind und bewußtlos war, und bloß durch das, was sie dem hoͤheren Sinn bedeute- te, Wesenheit gewann, dem Phosphorus der sich lie- bend zu ihr gesellte, ihre eigene Blindheit mitgetheilt. Jener Theil unseres Wesens, welcher an sich we- der zu lieben noch zu hassen vermag, sondern dem ru- higen Selbstbewußtseyn dienet, hat bey der alten, traurigen Katastrophe am wenigsten gelitten, und das Cerebralsystem, jedoch seines urspruͤnglichen Organes beraubt, ist der urspruͤnglichen geistigen Bestimmung auch noch im jetzigen Zustande getreu. Aber wie ein aus einer schweren Nervenkrankheit Genesener, dessen Kraͤfte jetzt alle nur der Wiederherstellung des Leibes dienen, von dem weiten Kreise ehemaliger Kenutnisse und Fertigkeiten, nur noch eiden engen, dumpfen, ei- nes dunklen, ungewissen Bewußtseyns uͤbrig behaͤlt, so ist auch der jetzige Zustand unsers, mit seinen be- sten Kraͤften (mit seiner Liebe) in materieller Bil- dung befangenen Wesens, nur ein Schatten des fruͤ- heren. Das volle Bewußtseyn und der ganze Ge- brauch der geistigen Kraͤfte kehrt Jenem bey der Wie- dergenesung zuruͤck, und auch der Mensch vermag schon in den Grenzen des jetzigen Daseyns einen gro- ßen Theil der verlorenen Kraͤfte wieder zu gewinnen. In gewissen Faͤllen ist selber die fruͤher erwaͤhnte Be- schraͤnkt- schraͤnktheit des hohen Alters ein Zeichen, daß alle Anlagen unsers Wesens Liebe geworden, in Liebe sich verwandelt, und daß nun das Fahrzeug, das nicht mehr in dem beschraͤnkten Kreise unserer Willkuͤhr liegt, flott zu werden anfange. Wie die Seele des Foͤtus im Mutterleibe, ganz im Geschaͤft der Bildung ihres Organes befangen, bewußtlos schlummert, so die See- le der Alten, wenn in ihrem Innern der Foͤtus des neuen hoͤheren Daseyns sich zu bilden anfaͤngt. Sobald in dem der urspruͤnglichen geistigeren Be- stimmung noch getreu gebliebenen Cerebralsystem, wel- ches bloß duͤrch den Schlaf mit der Materie sich ver- mischet, das Bewußtseyn jener Bestimmung erwachet, siehet sich dasselbe in einem steten Widerspruch mit sei- ner eigenen Natur. Der eine Theil seines Wesens spricht eine Sprache (die des blinden materiellen Be- duͤrfnisses), welche das geistige Organ nicht versteht, und wiederum versteht jenes nicht die Sprache des geistigen Sinnes. Durch diese babylonische Sprachen- verwirrung, da keines das andere versteht, sind beyde zu einander gehoͤrige Haͤlften sich gegenseitig unver- staͤndlich, keine vernimmt die andre, und hierin liegt der Grund der fruͤher erwaͤhnten Isolation. Ueberhaupt verstehen wir, wie schon oben gesagt, nur das, was in dem Kreise unserer Neigungen, un- serer Liebe liegt, und zwey Wesen von ganz verschie- denartigen Neigungen, sind sich gegenseitig ganz un- verstaͤndlich — bemerken sich gar nicht. Die Mag- netnadel wird durch jeden in ihre Naͤhe gebrachten Magnet oder jedes Stuͤckchen Eisen, stark afficirt, kaum kaum merklich durch einen elektrischen Koͤrper, und ein ploͤtzlich auf sie einfallender Lichtstrahl, so wie ein naher Ton, der doch verwandte Saiten stark in Be- wegung setzt, scheinen gar keinen unmittelbaren Ein- fluß auf sie zu haben; eben so weuig als im organischen Koͤrper der Gesichtssinn Toͤne, das Gehoͤr Farben ver- nimmt; eine einfache Parallele, welche zum Theil von den Physikern uͤbersehen worden. Schon Wesen von Einer und derselben, oder von nahe verwandter Gat- tung und Anlage, aber von verschiedener Neigung, verstehen sich gegenseitig nicht; z. B. die Bruthenne versteht nicht die Neigung der jungen unter ihren Kuͤ- chelchen befindlichen Ente zum Wasser; der gemeine, geldgierige Sinn versteht nicht den poetischen; der boͤse Mensch nicht den Guten. Mit andern Worten: nur Wesen, die sich in Beziehung auf ihre Neigungen ver- wandt sind, vermoͤgen auf einander zu wirken, und wenn in irgend einem, sonst dem Cerebralsystem un- tergeordneten, willkuͤhrlich beweglichen Theile durch ei- nen Umstand die bildende oder zerstoͤrende Ganglien- thaͤtigkeit das Uebergewicht bekommt, wird dieser Theil willkuͤhrlich unbeweglich — erscheint gelaͤhmt. Auf diese Weise sind sich auch das in materieller Bildung befangene Gangliensystem, und das psychisch thaͤtige Gehirn, gegenseitig unverstaͤndlich, sind gegenseitig von einander isolirt. Betrachten wir den Organismus bloß innerhalb der Grenzen der Thierheit, so erscheinen an ihm das Gehirn und die Sinne als jener Theil, der an dem Geschaͤfte der materiellen Koͤrperbildung, auf welches doch im Thiere alles hinfuͤhrt, keinen unmittelbaren An- Antheil nimmt. Ernaͤhrung, Bildung, und Wachs- thum haͤngen bloß von den Organen des Gangliensy- stemes — Gedaͤrmen, Gefaͤßen u. a. ab, und die Or- gane des Cerebralsystemes bleiben dabey muͤßig. Das letztere System ist daher jener Theil der thierischen Na- tur, der noch nicht, wie der bildende Trieb, in mate- rieller Wirksamkeit befangen, von dieser noch nicht eingenommen, ungefaͤttigt, als reine Empfaͤnglichkeit fuͤr jeden mit der eigenthuͤmlichen Neigung des Wesens verwandten Gegenstand zuruͤckbleibt, wie bey der nicht ganz gesaͤttigten Verbindung einer Saͤure mit einem Kali, der noch ungesaͤttigte Antheil der Saͤure. Bey dem Thiere, dessen Neigung bloß die Materie zum Vorwurf hat, reicht indessen auch jene noch unbefangene Empfaͤnglichkeit, welche ihren Sitz im Cerebralsysteme hat, nicht uͤber den Kreis des materiellen Beduͤrfnisses hinaus, waͤhrend im Men- schen, dessen Neigung urspruͤnglich hoͤherer Natur ist, noch eine Empfaͤnglichkeit fuͤr etwas Hoͤheres, unge- saͤttigt durch alles bloß materielle Wirken und Genie- ßen, zuruͤckbleibt. Die Vernunft ist in diesem Sinne ein Vernehmen der Sprache einer hoͤheren Ordnung — der Stimme einer hoͤheren Ursache alles Seyns, und das mitten in dem Meere materieller Genuͤsse frey gebliebene Geistige erhebt sich als Selbstbewußt- seyn uͤber die Besonderheit. Wenn der Wahnsinn nach dem Vorhergehenden vielfaͤltig in einem catalepti- schen Stillstehen aller Seelenthaͤtigkeit, in einem Hin- starren nach Einem geistigen Punkte bestehet Schon nach Helmont. — In vielen Zustaͤnden des Wahnsinnes wiederholte der Kranke ganze Tage lang und 11 wenn wenn es dagegen meist schon ein Vorzeichen naher Genesung ist, wenn sich die Seele von ihrer fixen Idee auf andre Gegenstaͤnde hinwegbringen laͤsset: so bestehet jene Gemuͤthskrankheit in einem Aufhoͤren der eben erwaͤhnten geistigen Empfaͤnglichkeit, welche bey ihr ganz in dem Kreise materieller Wirksamkeit und Neigungen befangen und gesaͤttigt ist. Jener empfaͤngliche, in dem Kreis der materiel- len Neigungen nicht mit befangene Theil unsers We- sens ist es, welcher auch allein einer hoͤheren Liebe als die zu dem Materiellen, noch zugaͤnglich und of- fen ist. Je mehr aber jener Theil von einer geisti- gen (guten oder boͤsen) Wirksamkeit ergriffen worden, desto mehr scheidet er sich von dem bloß in materiel- ler Wirksamkeit befangenen Gangliensystem. Daher nimmt die Scheidung beyder Systeme durch Kultur des Geistes bis zu einer gewissen Graͤnze zu, und der wilde Naturmensch (noch mehr das Thier) ist fuͤr die Ruͤhrungen des Gangliensystemes und fuͤr die Strah- len seines natuͤrlichen Lichtes (Instinkt, Vor- und Ferngefuͤhl) noch viel offener als der gebildete Euro- paͤer. Bey jenem sind sich beyde Systeme in Hinsicht ihrer Neigung und Wirksamkeit naͤher verwandt — verstaͤndlicher. Die Region des Gangliensystemes bleibt bey ihm dem Willen zugaͤnglicher und um- gekehrt accordiren die Regungen der Gefuͤhlsregion mehr immer ein und dasselbe Wort oder dieselbe Handlung. Reil , a. a. O. 126 — 127 — Spieß , Hospital der Wahnsinnigen zu P. im angefuͤhrten Werke. mehr mit den Regungen des Cerebralsystemes, schließen sich dem Kreise des Selbstbewußtseyns naͤher an, weßhalb auch die wilden Indianer niemals dem Wahnsinn ausgesetzt sind. Obgleich aber auf der einen Seite die Isolation zwischen beyden Systemen durch Kultur des Selbst- bewußtseyns bis zu einer gewissen Grenze zunimmt, so verschwindet sie dagegen jenseits dieser Grenze gaͤnz- lich. Wenn naͤmlich die Region unserer bisher sinn- lichen und materiellen Neigungen erst gaͤnzlich von ei- ner hoͤheren und geistigen Liebe erfuͤllt ist, wenn jene materielle Beschraͤnkung, die der selbstsuͤchtige Trieb sich geschaffen, durch eine der Selbstsucht ganz entge- gengesetzte Neigung wieder aufgeloͤst worden, dann wird auch das in Hinsicht seiner Neigung veredelte und vergeistigte Gebiet des Gangliensystemes, dem hoͤheren Gebiet wieder gleichartig, die Schranke zwi- schen beyden faͤllt nun hinweg, jene Isolation hoͤrt auf, und der Wille empfaͤngt von neuem den Gebrauch seiner hoͤchsten, bisher fuͤr ihn unbrauchbar und wie verloren gewesenen Kraͤfte zuruͤck. Und wenn auch diese Wiedervereinigung unsrer im jetzigen Zustande ge- trennten Natur nur selten durch jene Mittel noch im jetzigen Daseyn gelingt, so wird uns doch das hoͤchste Bemuͤhen unserer Natur in einem kuͤnftigen Daseyn seine hoͤchste Frucht tragen. Denn allerdings ist es der groͤßere, wichtigere Theil der Kraͤfte unserer gei- stigen Natur, welcher gewoͤhnlich in der Materie be- fangen — gebunden ist, und wir sehen, daß, sobald er durch krankhafte Zustaͤnde (z. B. im Wahnsinn) befreyt, seine psychische Natur zuruͤckempfaͤngt, und nun nun vermoͤge dem Gesetz der Gleichartigkeit auf das psychisch thaͤtige Cerebralsystem vollkommener zu wirken vermag, er dieses unaufhaltsam mit sich fortreiße, in den Kreis seiner Neigungen. Ueber jene Grenze der gewoͤhnlich sogenannten Kultur hinuͤber, beginnt dann erst eine wahre, hoͤhere (auch dem Naturmenschen unmittelbar zugaͤngliche) moralische Kultur, in welcher das wichtigste Geschaͤft unseres jetzigen Daseyns bestehet. Das ganze Gebiet der Gefuͤhle, der Traumsprache und der Natur, er- scheint uns hier in einer neuen hoͤheren Beziehung, in welcher es uns nun der naͤchste Abschnitt soll ken- nen lehren. 7. Der 7. Der Deus ex Machina. W ir haben im Vorhergehenden zugegeben, daß die ganze Region unserer Gefuͤhle von zweydeutiger Natur sey und daß uns gerade mitten im Gluͤcke selbst un- serer hoͤchsten und geistigsten Genuͤsse, Regungen von ganz entgegengesetzter Natur am leichtesten beschleichen. Nur gar zu oft nimmt in der Zeit unserer lebhafte- sten jugendlichen Gefuͤhle, eine Zuneigung der Ge- schlechter, die Maske religioͤser Gefuͤhle an; ein leicht getaͤuschtes Gemuͤth haͤlt sein unbefriedigtes Sehnen fuͤr eine Liebe hoͤherer und goͤttlicher Art, und der schoͤne Schein verschwindet, wenn jenes Sehnen sei- nen laͤngst geliebten Gegenstand empfangen. Stillings Theobald, oder die Schwaͤrmer, Th. 1. S. 113. Th. 2. S. 15, 18, 20, 82, u. s. f. Es sind daher jene sogenannten Erweckungen, welche in der Zeit der lebhaften Jugend geschehen, nur selten von langer Ausdauer, um so weniger, je auffallender und glaͤnzender die Erscheinungen dabey gewesen Semmlers eigne Lebensbeschreibung, 1ster Band. Besonders aber die in verschiedener Hinsicht merkwuͤr- dige: Pilgerreise zu Wasser und zu Lande, u. f. in Briefen, Nuͤrnberg 1799. Seite 135, 366 u. a. und Stilling , a. a. O. ; der bessere Sinn scheint nicht eigentlich erwacht ge- wesen zu seyn, sondern nur im Schlafe gesprochen zu haben, und der alte Zustand des ruhigen Schlafes tritt um so fester wieder ein, sobald jene Zeit der lebhaftesten Neigungen und Empfindungen vorbey ist. Jene Jene fromme Seelen, welche eine ganz besondere Leb- haftigkeit und Innigkeit ihres Gemuͤths, vorzuͤglich oft in die Tiefe eines religioͤsen Entzuͤckens hingerissen, waren, wie schon erwaͤhnt, auf der andern Seite auch gerade am meisten den Qualen der heftigsten sinnli- chen Versuchungen ausgesetzt Terstegen , a. a. O. besonders in den Lebensbe- schreibungen des 2ten Bandes. oder auf jenes Ent- zuͤcken folgte eine bis zur tiefsten Ohnmacht gehende Duͤrre und Verlassung von allem geistigen Gefuͤhl. Unter andern die oben angefuͤhrte Pilgerreise, beson- ders vom 33ten Briefe an. Eben so ist es von einer andern Seite gewiß, daß nur gar zu oft das oͤftere Schwelgen selbst in den hoͤchsten und geistigsten Genuͤssen, der vorzuͤglich- ste Stoff zu jenem schlimmsten Hochmuth ist, welcher sich fuͤr heiliger und besser haͤlt, als alle andre, sei- nen Weg fuͤr den einzig guten, und welcher jeden an- deren Weg verdammet; eine Quelle jenes Fanatis- mus, der, bis nahe an unsere Zeiten, tausend Un- schuldige und Bessere hingeopfert. Es ist fast unglaublich, welche unlautere und unsinnige Quellen jene suͤßen religioͤsen Entzuͤckungen haben koͤn- nen, auf welche Einige so stolz sind. Eine gewisse fa- natische Gesellschaft in den dreyßiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, rief sie, auf eine Art von magnetischer Weise, durch fortgesetztes eigenes Kneipen und Reiben des Leibes hervor. Und jene Entzuͤckten wurden fuͤr Wiedergeborne gehalten! Stilling , a. a. O. Th. 1. S. 244. Je- Jener Weg der moralischen Vollendung, welcher fortwaͤhrend durch lauter heftige, wenn auch nicht durchaus liebliche Gefuͤhle geht, ist daher wenigstens fuͤr die Meisten ein gefaͤhrlicher und unsicherer, und ein großer Mann in dessen eigenen Lebensschicksalen uͤberall schnelle Uebergaͤnge, gewaltsame Entwickelun- gen und wunderbare Fuͤhrungen gefunden werden und eine ganz besondere Heftigkeit und Lebhaftigkeit der Gefuͤhle, wirkte Zwar auch unter seinen Schuͤlern ge- waltige Entwickelungen und schnelle scheinbar tiefe Sinnesaͤnderungen, aber er mußte zugleich auch er- fahren, daß alle, außer Einem, dessen starke Natur jenem gewaltsamen Wege gewachsen war, aufs Ent- setzlichste zuruͤckfielen und sich von dem Hoͤchsten ge- rade aufs Niedrigste — auf Diebstahl, Luͤgen, Selbst- mord u. dgl. wendeten. Gichtels Leben. Der einzige Treugebliebne imter 30 Schuͤlern, war Ueberfeld. Mit Recht wird daher von ernster Gesinnten der Weg, auch der geistigen Ar- muth und stillen Entbehrung: jener koͤnigliche Weg des Kreuzes wie ihn Einige nennen, Thomas von Kempen , Buch 2. Kap. 11. fuͤr sicherer gehalten als der Weg des geistigen Genusses, und ein gewisser heiliger Mann, spricht selbst ernst und ent- schieden gegen jene Thraͤnen und Seuszer, und gegen alle, auch die leisesten aͤußeren Bewegungen, welche ein ganz in Gott versunkenes Gefuͤhl, ihm selber un- bewußt verrathen. Leben des Gregorius Lopez bey Terstegen , B. 1. S. 93. der Originalausgabe. Und Und dennoch erschien uns im Vorhergehenden die Region unserer Gefuͤhle als der bergende und bildende Mutterleib, worinnen der Foͤtus eines neuen, hoͤhe- ren Daseyns in Freud’ und Leid empfangen und aus- gebildet wird. In der That die immer mißlungenen und mißlingenden Versuche unserer Moralisten zeigen uns zur Genuͤge, daß der Mensch durch ihr kaltes verstaͤndiges Gewaͤsch weder erzogen noch gebessert wer- den koͤnne, und wenn nicht der gute Wille eines ein- faͤltigen nach Wahrheit suchenden Gemuͤthes dieses schon an sich selber veredelte und besserte, koͤnnte man zugeben, daß es oͤfters vortheilhafter sey, Moral von der Buͤhne als von unsern Kanzeln zu vernehmen. Der Erinnerung bleiben uͤberhaupt nur solche empfan- gene Eindruͤcke getreu, welche auf den Kreis unserer Neigungen (Gefuͤhle) wirkten, aus diesem Kreise ge- hen alle unsre Entschluͤsse und Handlungen hervor, in ihm wurzeln unsre Gesinnungen; und nicht bloß der ganze koͤrperliche sondern auch der geistige Mensch wird in und aus jenem Kreise gebildet. Der Starke wird nur durch einen Staͤrkeren bezwungen, die schwaͤchste unserer sinnlichen Neigungen ist staͤrker als das staͤrkste verstaͤndige Raͤsonnement, das bloß aufs innere Gehoͤr, nicht aufs Herz wirkt, und der Mensch wird nur dadurch gebessert, daß eine hoͤhere und edle- re Liebe von seinen Neigungen Besitz nimmt und die unedlere und niedere verdraͤnget; nur dadurch, daß das Licht einer hoͤheren Sonne den Schein der niede- ren Funken ausloͤscht. In unsern Schauspielen erfaͤhrt man oͤfters im letzten Akte, daß auf einmal ein ungerathener Sohn, ein ein ganz entarteter Gatte gebessert, ein alter Suͤnder zum Tugendhaften umgewandt werde, und obgleich solchen schnellen Aenderungen selten lange zu trauen, wie uns, wenn wir hinter den Vorhang hinaus blicken koͤnnten, der sechste und siebente Akt lehren wuͤrden; so ist es doch gewiß, daß die innere Ge- schichte des Menschen reich an Beyspielen einer fast auf einmal geschehenden und uͤber das ganze Leben hinaus unwandelbar fortwaͤhrenden Sinnesaͤnderung sey. Auch eine herzliche Liebe zwischen zwey fuͤr ein- ander geeigneten Personen, entsteht oͤfters sogleich in den Augenblicken des ersten Sehens, und bringt in einer einzigen entscheidenden Stunde eine gaͤnzliche Aenderung der Gesinnung hervor, indem alle andere fruͤhere Neigungen durch diese ungleich staͤrkere veraͤn- dert oder verdraͤngt werden. Oder auch, eine lange im Innern verhaltene, sich selber unbekannt gebliebe- ne Liebe, bricht zuletzt auf einmal in einer einzigen gluͤcklichen Stunde unaufhaltsam hervor, Ewalds Handbuch fuͤr erwachsene Toͤchter, Band 1. Seite 229. setzet sich in Besitz aller unserer Kraͤfte, und faͤngt nun so- gleich an, auf diese bildend und gestaltend einzuwir- ken. Auf diese Weise kann auch jene hoͤchste Liebe, deren Gegenstand ein solcher ist, daß in ihm ein ewi- ges Sehnen ewig neue Befriedigung findet, und daß seine unendliche Fuͤlle selbst ein ewiger Genuß nicht zu erschoͤpfen vermag, auf einmal, in einer einzigen gro- ßen Stunde sich entzuͤnden, und nun auf immer in un- serm Gemuͤth festen Sitz fassen; oder eine einzige gute Stunde Stunde kann die bisher noch schwache und dem Kampfe mit der Sinnlichkeit nicht gewachsene Nei- gung aus ihrer Ohnmacht erwecken und auf immer staͤrken. Jene Liebe aber, nur einmal recht erwacht, wirkt gar bald bildend und veredelnd auf den ganzen Menschen ein, und wie man von der gewoͤhnlichen Liebe mit Recht behauptet, daß sie zuweilen den Juͤng- ling in einer einzigen Stunde zum Manne reife, so wird es auch nicht befremden koͤnnen, daß diese Liebe von ungleich hoͤherer Kraft, den Menschen auf ein- mal zu etwas ungleich Hoͤherem reife. Hieher gehoͤren zuvoͤrderst nicht jene sogenannten Sinnesaͤnderungen und Verwandlungen des Charak- ters, die in etwas bloß zufaͤllig erscheinenden Koͤrper- lichem ihren Grund hatten, z. B. jener Fall, wo ein Wahnsinniger, nachdem er durch einen Sturz das Bein gebrochen und den Kopf verletzet, nun auf ein- mal nicht bloß vernuͤnftig, sondern auch von seinen ehemaligen Unarten und schlechten Neigungen geheilt erschien, Cox a. a. O. S. 115. Ein Anderer (Narr) wurde gar durch ein Brechmittel moralisch gebessert, S. 123. ein Fall, der schon aus dem Inhalt des vorhergehenden Abschnittes begreiflich seyn und in seinem eigentlichen Lichte erscheinen wird. Die bald ganz im Geschaͤft der materiellen Bildung befangene, bald durch einen aͤußerlichen Zufall von ihren Schran- ken befreyte sinnliche Seele, kann einer und derselben indifferenten Natur bald einen besseren bald einen schlim- schlimmeren moralischen Anstrich geben, jene boͤsen Neigungen und Regungen, welche aus einer uͤblen Laune hervorgehen, werden oͤfters durch ein wenig Wein oder eine leichte Bewegung in freyer Luft geho- ben, und von dem gemeinen Troß der Menschen wird es sich erst jenseit dieses Lebens, wenn jene Schran- ken brechen werden, wodurch die materielle Natur dem jetzigen Daseyn eine Bruͤcke uͤber einen tiefen Ab- grund bauet, entscheiden muͤssen, ob sie ihrer Grund- neigung nach zu den Guten gehoͤren oder zu den Boͤ- sen. Sinnesaͤnderungen, die daher auf jene Weise erfolgen, bestehen in nichts anderem, als in einem mo- mentanen Verstecken der eigentlichen Grundneigung, in einem Hineinziehen jener Klauen, die gar bald, bey einer gegebenen Veranlassung wieder hervortreten koͤnnen. Ein materielles Band hat sie auf Augen- blicke gefesselt, und sobald dasselbe hinweggenommen worden, zeigen sie sich von neuem. Jene gleichsam durch einen Ribbenstoß moralisch veraͤnderte Men- schen, blieben uͤbrigens auch nach jener Veraͤnderung noch im Grunde und in Hinsicht auf ihren Willen, das was sie zuvor gewesen — indifferente Naturen, die an sich weder gut noch boͤs, die alten Unarten auf einmal unterließen, weil sie die Neigung oder die Faͤ- higkeit dazu verloren. In aͤhnlicher Manier sind auch Boͤsewichter, bey denen die innere Verdorbenheit und Verkehrtheit uͤbrigens nicht bloß in thierischer Lustbe- gierde bestanden, ploͤtzlich durch Castration; Brand- weinsaͤufer, durch ein geschickt beygebrachtes Brech- mittel scheinbar ganz gebessert worden, und die hart- naͤckigsten Moͤrder, die noch im Angesicht des nahen Todes, alle gutgemeinte Sorge eines geistlichen Va- ters ters verachteten und kalt verspotteten, machte wohl ein einziger starker Aderlaß auf einmal zahm und reuig. Wenn indessen Tissot durch Veraͤnderung der Diaͤt, z. B. durch Vertauschung der Fleischkost mit Pflanzenkost, bey welcher der moralisch Kranke stand- haft beharrte, einen zum heftigen Jaͤhzorn geneigten Juͤngling von jener Aufwallung heilte, so ist hierbey jener Antheil nicht zu uͤbersehen, welchen der taͤglich bey jener freywilligen Versagung mitwirkende, ernste gute Wille an der physischen Kur hatte. Uebrigens wird es wohl keinem Zweifel ausgesetzt seyn, daß oͤf- ters auch der Arzt einen schweren moralischen Kampf mit der eigenen verdorbenen Neigung sehr erleichtern koͤnne, und daß uͤberhaupt der praktische Philosoph in mehr als einer Hinsicht auch die Kenntnisse des leib- lichen Arztes besitzen muͤsse. Wir reden demnach hier nicht von jenen, schon durch leichte aͤußerliche Mittel zu erreichenden schein- baren Besserungen, wobey die Gesinnung eigentlich dieselbe bleibt, und nur die Gegenstaͤnde irgend einer verkehrten Neigung ihr gewoͤhnliches Interesse verlie- ren, waͤhrend der verwoͤhnte Sinn gar bald wieder eine andere eben so verkehrte Richtung nimmt; nicht von jenen Remissionen und lichten Augenblicken, die wohl die verdorbenste Natur zuweilen, aus Abstum- pfung und Ueberdruß gegen den gewoͤhnlichen Reiz zum Boͤsen haben kann, oder weil die zu ferneren Ausschweifungen noͤthigen Kraͤfte erschoͤpft sind, und kein Ernstgesinnter wird ein dumpfes Phlegma, das so oft eine Folge jener Erschoͤpfung ist, und dem nun zuletzt zuletzt das Boͤse eben so gleichguͤltig geworden, als ihm das Gute schon laͤngst gewesen, — fuͤr Tugend halten. Vielmehr reden wir hier von jener Verwand- lung des ganzen inneren Wesens, welche unveraͤnder- lich durch das ganze Leben hindurch fortdauert, und wodurch alle Neigungen des Menschen auf einmal eine neue, veredelte Richtung annehmen. Alle jene, vorhin sinnlichen Neigungen, zeigen sich jetzt durch ei- ne neue, hoͤhere Liebe, deren Gegenstand ein geisti- ger und goͤttlicher ist, verdraͤngt, und selbst in jene Naturen, die vorhin ganz Sclaven ihrer Sinnlichkeit waren, gelangt der bessere Wille auf einmal zur schwe- ren Selbstbeherrschung. Eine solche Seele findet in keinem Besitz mehr Genuͤge, als in dem ihrer Liebe, und dieses Besitzes gewiß, bleibt sie bey allem andern aͤußern und innern Wechsel ruhig, vermag wie jener Koͤnig in Bettlerlumpen Gott zu loben, wenn sie friert und wenn sie hungert Taubers Medulla animae, Cap. 66. und gern und froͤhlich em- pfaͤngt sie aus der Hand ihrer Liebe auch das Bitter- ste. Wie schon ein von sinnlicher Liebe ergriffener Mensch, mit seiner Neigung auch alles das umfasset, was mit dem Gegenstand seiner Liebe in Beziehung steht und was dieser in sich begreift; so oͤffnet auf ei- ne noch viel hoͤhere Weise die Liebe zu einem Ge- genstand, welcher die ganze Welt in sich begreifet, das Herz einer reinen Bruderliebe, die auch den herzlich umfaßt, von dem sie sich gehasset weiß. Zugleich ist jene hoͤchste Liebe ein Spiegel, worinnen die Seele sich sich taͤglich selber betrachtet und erkennen lernt, was sie ohne ihre Liebe war und ist. Hierdurch allein gelangt der Mensch zu jener Selbstverlaͤugnung, durch welche er Andre von Herzen hoͤher zu achten vermag, als sich selber. Mit einem Worte, durch jene Liebe vermag der Mensch Alles, auch das Ungewoͤhnlichste und un- moͤglichst scheinende, in ihrem Lichte erkennt er Alles, was ihm fruͤher dunkel war. Denn in der That, schon die Verwandlung, welche unter dem Einfluß jener Liebe, mit den erkennenden Kraͤften der Men- schennatur vorgehet, setzt in Erstaunen, denn hier sehen wir mehr als uns alle Erscheinungen des Som- nambulismus und das ganze hiermit verwandte Ge- biet zusammen zeigen koͤnnen. Dem unwissendsten Layen werden in diesem Zustande oͤfters Augen und Mund geoͤffnet, Dinge klar zu erkennen und auszu- sprechen, in deren Tiefe kaum der gebilderste Ver- stand hineinblicket. Jener baͤuerische Einsiedler Historie der Wiedergebornen, Theil IV, Seite 165, und aͤhnliche Beyspiele in demselben Theile Seite 80, im V ten Theile Seite 12, Seite 169, so wie das Leben des Jacob Boͤhme u. A. , der anfangs in seinem stillen, abgelegenen Dorfe, dann in einem einsamen Walde selbst nicht einmal Gelegen- heit gehabt hatte, sich durch Umgang zu bilden, und der nicht einmal lesen konnte, behielt zwar auch spaͤ- ter, so lange bloß von Gegenstaͤnden des gemeinen Lebens die Rede war, eine große Unbeholfenheit und Duͤrftigkeit des Ausdruckes, sobald er aber von Ge- gen- genstaͤnden der Religion sprach, war jene Unbehuͤlf- lichkeit verschwunden, sein Ausdruck erhob und vere- delte sich ploͤtzlich, er sprach, ohne es selbst jemals zu wissen, in Versen. Hierbey verrieth er in seinem Um- gange eine Liebe, ein Zartgefuͤhl, das von einer hoͤhern Bildung zeugte, als die sogenannte Bildung der Welt ist. Erkennen wir schon beym Zustande des Somnambu- lismus Erscheinungen aͤhnlicher Art an, wie viel weni- ger sollten sie uns hier befremden. Es sind bey wei- tem noch nicht die hoͤchsten Erscheinungen dieser Region! Aber auf welche Weise, durch welche Mittel ge- schieht diese Veraͤnderung? — In der That hier erscheint uns die Region der Gefuͤhle und der Sinn- lichkeit in einer neuen hoͤheren Beziehung, und jene ploͤtzliche Veraͤnderung begann allerdings jederzeit zu- erst durch Einfluͤsse, welche die dunkle und verdaͤchtige Welt der Gefuͤhle stark aufregten. Wenn auch ein solches psychisches Freywerden eines vorhin gebunde- nen, seiner Natur nach hoͤchst zweydeutigen Vermoͤ- gens, das nun auf einmal seinen Einfluß auf Be- wußtseyn und Willen wieder empfaͤngt Dadurch, daß, wie im vorigen Abschnitte gezeigt wur- de, die Wahlverwandschaft zwischen beyden Haͤlften wieder hergestellt wird. , nicht ohne Gefahr ist, so wird doch diese Gefahr dadurch ver- mindert und zuletzt ganz aufgehoben, daß die vorhin von sinnlichen Gegenstaͤnden ganz erfuͤllte und gefessel- te Neigung, von einem andern hoͤhern Gegenstand er- grif- griffen wird, der auch seinerseits sich ihrer allmaͤhlig ganz bemaͤchtigt, und sie in seine eigene Natur ver- wandelt. Schon die gemeinere sinnliche Liebe, beginnt gewoͤhn- lich mit dem Gefuͤhl eines innigen Entzuͤckens, das das Herz unwiderstehlich in ihren magischen Kreis hineinzieht. Auch jene hoͤhere Liebe beginnt meist mit einem noch nie gefuͤhlten Entzuͤcken, dessen Veranlas- sung oͤfters ganz dunkel ist. So wurde ein lebhafter, sinnlich froͤhlicher Juͤngling Leben des Franziskus von Assis. , als er einst mit gleich- gesinnten Gefaͤhrten, jugendlich munter im Freyen gieng, ploͤtzlich von jenem Entzuͤcken einer himmlischen Liebe ergriffen, so daß er wie angewurzelt stehen blieb, den Spott seiner Begleiter nicht mehr vernahm, und von nun an Kraft erhielt, selner Liebe ganz zu leben, ihr Alles — Vermoͤgen, Stand, Freunde aufzuopfern, um ihretwillen Hunger und Bloͤße und Mißhandlun- gen zu erdulden. — Einen Andern ergreift jenes Entzuͤcken ploͤtzlich beym Lesen und hierauf im Gebet Theodor à Brakel , in der Historie der Wider- gebornen, Band III. S. 30. . Jemand wurde bey dem Anblick eines blaͤtterlosen Baumes, in seinem achtzehnten Jahre von einer so tiefen Erleuchtung er- fuͤllt, daß er von nun an sein ganzes Leben ver- aͤnderte und daß diese Gesinnung bis ans Ende seines Le- Lebens andauerte Lorenz , von der Auferstehung, Terstegen, B. II. , und dieselbe Wirkung brachte in andern Faͤllen der Anblick eines betenden Wilden, ja bey einer heiligen Seele in fruͤher Kindheit das oͤftere Aussprechen des unverstandenen Wortes Ewigkeit her- vor Jenes bey Gichtel, dieß bey der Mutter Therese. . Einmal wurde jene unvergaͤngliche Empfin- dung durch die bedeutungsvollen Worte eines geliebten Kindes Historie der Wiedergebornen, Th. I. S. 1. , in andern Faͤllen durch Errettung aus Lebensgefahr Ebend. S. 127, Th. 4. S. 45 u. f. , beym Genuß des Abendmales, in einer einsamen Nacht Leben des Fr. Schulze , des bekannten Juden- missionaͤrs. , bey dem Verrichten einer vielleicht ungewohnen religioͤsen Handlung Leben der Catharina von Genua. erweckt. Nicht selten ist, auf eine merkwuͤrdige Weise, der beym Wachen gegen jede andre Stimme verschlossene innere Sinn, durch oͤfters wiederkehrende bedeutungsvolle Traͤume eroͤffnet worden, welche ein nie empfundenes Entzuͤcken zuruͤck ließen Historie der Wiedergebornen, Th. I. S. 105 und besonders 143. , oder die merkwuͤrdige Ge- muͤthsveraͤnderung geschah auf einmal, beym Erwa- chen Ebend. S. 132 und V. S. 175. . Ja in einem gewissen, wohlbekannten Falle 12 wur- wurde durch den ploͤtzlichen Anblick neugescheuerter zin- nerner Gefaͤße, ein ganz neues inneres Gesicht erweckt, welches mit großer Klarheit Himmlisches und Irdisches durchschaute Leben des Jacob Boͤhme. (in einem untergeordnetem Kreise pflegt schon das Hineinblicken in den aus einer hell- polierten Metallflaͤche bestehenden Erdspiegel, in reitz- baren Personen einen dem magnetischen Hellsehen aͤhn- lichen Zustand hervorzubringen). Nicht selten hat eine Veraͤnderung der aͤußerlichen religioͤsen Confession, wenn sie die Folge eines ernstlichen guten Willens ge- wesen, dem es wahrhaft um rechte Besserung zu thun war, und der alle aͤußerlichen Vortheile gern aufop- fern, den Spott der Welt nicht achren wollte, damit er jenes Hoͤhere gewoͤnne, eine solche gluͤckselige innere Veraͤnderung herbeygefuͤhrt. Uebrigens hat hierbey keine Confession einen Vorzug gehabt, indem bis nahe an unsere Zeiten die Faͤlle eben so haͤufig sind, wo eine gaͤnzliche Sinnesaͤnderung und innre hoͤhere Ver- wandlung bey einem wohlgemeinten Uebertritt von der katholischen Confession zur protestantischen Historie der Wiedergebornen, Th. 2, S. 37 Th. 4 S. 110. Th. 6. S. 192, u. f. als bey jenem von der protestantischen zur katholischen erfolgt war. Eine solche, aus einem reinen, guten Willen geschehene Aufopferung, kann wohl schon an sich nie- mals ohne ihren hoͤheren Lohn bleiben, und jener from- me Ernst, der aus gutmeinender Liebe zu Gott sich von Vermoͤgen, aͤußerem Stande, ja von dem Geliebtesten, was was er auf der Welt hatte, loszureißen vermochte Historie der Wiedergebornen, Th. 2. S. 45. , wird auch zu andern noch schwereren Kaͤmpfen nicht ungeschickt seyn. Uebrigens pflegen, von einem hoͤhe- ren Standpunkte aus gesehen, jene menschlichen Schran- ken zu verschwinden M. s. unter andern die Reflexionen des Verfassers der oben angefuͤhrten Pilgerreise hieruͤber. , und die goͤttliche, Mark und Bein durchdringende Gewalt des Christenthums, wel- che die innerste Kraft des Menschen nach einem goͤttli- chen Vorbilde wieder erneuert, zeigt sich wohl ohne Ansehen der Person, an keine Confession gebunden. In sehr vielen Faͤllen ist jene hoͤchste, geistige Liebe erst dann zum lebendigen Ausbruch gekommen, wenn sich die an irdische Liebe gewoͤhnte Seele von dem Gegenstand ihrer bisherigen Neigung verlassen ge- sehen, oder wenn sie in Leiden anderer Art erfahren: daß uns unter allem aͤußern und innern Wechsel, nur Ein Trost, nur Ein Besitz sicher bleibet. So ist nicht selten der bessere innre Wille durch den Tod der gelieb- testen Personen — der Kinder, des Gatten erweckt worden Hist. d. Wiedergeb. Th. 1. S. 6. 9, 19, Th. 2. S. 91. u. f. , und ein sehr lebenslustiger Sinn wurde auf diese Weise durch den unvermutheten Anblick des Leichnams seiner Geliebten, ploͤtzlich und auf immer veraͤndert So der Stifter des de la Trappe- Ordens. . Oefters hat aͤußere Noth Hist. d. Wiedergeb. Th. 1. S. 24. u. a. O. m. , Mangel an an allem Nothwendigen, wobey die Seele zuerst ge- wahr worden, daß noch Eine Huͤlfe bleibt, wenn auch alle andre Huͤlfe uns verlassen, eine falsche Beschuldi- gung, deren Ungrund nur Gott bekannt seyn konnte, Leben des Johann Dod , a. a. O. noch oͤfter haben innere, geistige Leiden, den schlum- mernden Keim einer goͤttlichen Liebe auf einmal ge- weckt und zur Bluͤthe gerufen Hist der Wiedergebornen, Th. 1. S. 76, 102, Th. 3. S. 185. u. a. O. m. . In einem gewissen Falle begann der innere Kampf beym ploͤtzlichen Auf- schrecken aus einem bedeutungsvollen Traume, dessen eigentlichen Inhalt der Erwachende nicht mehr wußte, der aber eine tiefe innere Wirkung zuruͤckgelassen Ebend. Th. 1. S. 132. , und ganz dieselbe Wirkung hatte mehrmalen das Er- wachen aus dem Scheintode Geschichte des Hans Engelbrecht , des Lambert von Avre u. A. a. a. O. . Da jene tiefe Sinnesaͤnderung niemals in einem von seinem eigenen Werthe eingenommenen Gemuͤth Wurzel fassen kann, sondern vor allem das lebendig empfundene Beduͤrfniß einer hoͤheren Huͤlfe und das Gefuͤhl der eignen Unzulaͤnglichkeit voraussetzet; so hat oͤfters erst jenes Gefuͤhl, welches ein begangenes Un- recht zuruͤcklaͤßt, ein unvermutheter Fehltritt, den besse- ren Sinn aus seiner getraͤumten Sicherheit wecken muͤs- sen. Die von sich selber verlassene, uͤber ihre eigene Be- Beschraͤnkung belehrte Seele, lernte erst jetzt den Quell einer neuen, hoͤheren Kraft aufsuchen und finden. So konnte in einer gewissen, wohlmeinenden Person, eine lange aufgeschobene Sinnesaͤnderung erst dann Raum gewinnen, als sich dieselbe in einem laͤngst gefuͤrchte- ten Fehltritt versunken sahe Geschichte des Hans Engelbrecht , des Lambert v. Avre, Th. 1. S. 45. ; ein zartes Gefuͤhl hat wohl zuweilen die Reue uͤber eine einzige gesagte Un- wahrheit Ebend. S. 18- , uͤber ein einziges ausgesprochenes bitteres Wort Seite 64. zur besseren Selbsterkenntniß gefuͤhrt. In einem gewissen merkwuͤrdigen Falle, war eine, fruͤher in den Augen der Welt gute Person, durch die Qua- len einer gaͤnzlich mißrathenen Ehe so weit gebracht, daß sie fast kein anderes Gefuͤhl mehr kannte, als je- nes des bitteren Hasses gegen den Urheber ihrer ver- zweifelten Lage. Einst im lebhaften Traume, sieht sie sich als Moͤrderin des gehaßten Gatten, wird nun auf einmal des Abgrundes gewahr, woran sie sich befun- den, und giebt der hoͤheren Liebe auf immer in sich Raum Ebeudas. S. 111. . Wir erwaͤhnten schon im ersten Abschnitte jenes Kontrastes, in welchem der eigentliche Sinn unserer Gefuͤhle und Empfindungen oͤfters mit den aͤußeren Erscheinungen stehet, welche jene begleiten; und wir fin- finden diesen seltsamen Kontrast auch hier wieder. Nicht selten wurde ein empfaͤngliches Herz gerade im Genusse aͤußerer Lustbarkeiten, mitten im Taumel lebhafter sinn- licher Vergnuͤgungen, von einem tiefen Gefuͤhl der Ei- telkeit und Unsicherheit alles Irdischen und von dem Sehnen nach einer hoͤheren unvergaͤnglichen Liebe er- griffen Ebend. S. 122. die Pilgerreise u. f. S. 15, Bunians Leben, bey Arnold, a. a. O. . Wir koͤnnten, wenn hier der Ort dazu schiene, noch eine ungemeine Zahl jener merkwuͤrdigen Faͤlle anfuͤhren, wo eine durchs ganze Leben bleibende gaͤnz- liche Sinnesaͤnderung auf einmal, durch irgend eine tief aufs Gefuͤhl wirkende Veranlassung herbeygefuͤhrt worden Die angefuͤhrten Werke von Reiz, Terstegen, Arnold u. A. so wie die Basler Sammlungen ent- halten eine Menge. und wir enthalten uns hier absichtlich al- ler jener seltenen Beyspiele, welche zu sehr ans Wun- derbare graͤnzen Augustini confessiones. , so wie jener, wo die geistige Veraͤnderung zu nahe am Tode erfolgte, wiewohl ohn- fehlbar ein ernster erst an den Graͤnzen des jetzigen Daseyns erwachter guter Wille, auch uͤber diese Graͤn- zen hinuͤber sich getreu zu bleiben vermag, indem nach dem Ausdruck eines großen Mannes, der Mensch in jedem Augenblick, sobald er nur ernstlich will, sich von seiner bisherigen Verkehrtheit lossagen und besser werden kann. Oef- Oesterer und vielleicht sicherer, pflegt sich jedoch jene hoͤhere Liebe allmaͤhlig eines fuͤr sie empfaͤnglichen Herzens zu bemaͤchtigen und dasselbe durch unmerkliche Uebergaͤnge in ihre goͤttliche Natur umzuwandeln. Es ist dieser Weg der leichtere und sanftere, waͤhrend der andere, auf welchem die Uebergaͤnge heftiger und ploͤtz- licher geschehen, nicht ohne gewaltige Kaͤmpfe abgehet. Maͤchtiger naͤmlich als jede andere, pflegt jene hoͤchste Liebe alle unsere Gefuͤhle bis in ihre Wurzel zu erre- gen. Wenn dann der Gegenstand der sie entflammte auf Augenblicke sich ihnen entziehet und den noch nicht gepruͤften Willen gleichsam sich selber uͤberlaͤsset, aͤu- ßern sich jene Gefuͤhle ihrer eigentlichen (sinnlichen) Natur gemaͤß, als sinnliche Neigung. Und dieß mit der ganzen Heftigkeit welche jene hoͤchste Neigung in ihnen erweckte, wie die einmal groß genaͤhrte Flamme, wenn nun auch jener naͤhrende Stoff von oben, an dem sie erstarkt war, ihr entgangen, sich mit ihrer ganzen Heftigkeit auf die sie umgebenden niederen Gegenstaͤnde wendet und sie verzehrt. Es entstehet hieraus ein in- neres Leiden, das sich auf doppelte Weise zu aͤußern vermag. Entweder hoͤrt, jener im vorigen Abschnitte erwaͤhnten Sprachverschiedenheit wegen, die in die Schranken ihrer niedern Natur zuruͤckgekehrte Region des Gefuͤhles auf, der hoͤheren Region verstaͤndlich und vernehmlich zu seyn, und es tritt nun die fruͤher er- waͤhnte Scheidewand in ihrer ganzen Staͤrke zwischen beyde ein — die ganze Region des Gefuͤhles, wie sie voͤllig von jener hoͤheren Liebe in Anspruch genommen war, wird jetzt, zu ihrer ersten Beschraͤnkung zuruͤck- gekehrt, dem Willen und Bewußtseyn entzogen. In diesem Falle entstehet jenes Gefuͤhl von Duͤrre und Ver- Verlassenheit aller geistigen Empfindungen, welches die in diesen Wegen Erfahrenen nicht schmerzlich genug beschreiben koͤnnen. Oder auch das Bewußtseyn und der Wille muͤssen, nachdem durch die Stunden einer maͤchtigen Erschuͤtterung jene Scheidewand aufgehoben worden, alle Qualen einer im Innern wuͤthenden Flam- me niederer Neigungen und Leidenschaften erdulden. In diesen Zustaͤnden bleibt jedoch jener Theil unserer Natur unberuͤhrt, welcher, wie schon fruͤher erwaͤhnt, an sich weder zu lieben noch zu hassen vermag, und welcher als bloßes Organ eines geistigen Auffassens sich durchaus von der Region der leidenschaftlichen Ge- fuͤhle unterscheidet. Dieser bleibt, mitten in jenen Stuͤrmen, dem leitenden Stern von oben getreu, und ein ernster guter Wille widersetzt sich standhaft allen in- neren Neigungen und Regungen, welche seiner hoͤheren Richtung entgegenlaufen. Und eben hier ist es, wo der im Innern empfan- gene Keim des neuen hoͤheren Lebens sich zu entwickeln und zu wachsen anfaͤngt. Sehr schoͤn druͤckt sich uͤber diesen Gegenstand eine gewisse, in diesen Wegen viel- erfahrne heilige Seele aus, deren Gefuͤhle von Natur ganz vorzuͤglich heftig und feurig waren. „Zuweilen, Angele de Foligny. sagt sie, uͤberfaͤllt mich in meinem Innern eine ge- wisse Leidenschaft, welche zwar vorhin nie in mir ge- wesen, welche aber durch Gottes Zulassung in mich koͤmmt. Diese Versuchung ist graͤulicher als alle an- dere Versuchungen seyn moͤgen. Zu gleicher Zeit giebt mir mir aber alsdann Gott in mein Inneres eine gewisse goͤttliche Kraft oder Tugend, welche jenem Laster gera- de entgegengesetzt ist, wodurch ich von der Versuchung erloͤst werde. Diese goͤttliche Kraft oder Tugend ist so groß, daß wenn ich auch sonst keinen Glauben an Gott haͤtte, so muͤßte ich ihn hierdurch bekommen. Jene Kraft nun bleibt immer, die Versuchung nimmt ab. Ja jene Tugend haͤlt mich nicht allein fest, daß ich nicht in die Suͤn- de zu fallen vermag, sondern sie hat eine solche Ge- walt, daß sie mich gruͤndlich und ganz tugendhaft ma- chet und ich erkenne, daß Gott in ihr gegenwaͤrtig sey. Durch sie werde ich so erleuchtet und befestiget, daß alle Guͤter und Leiden dieser Welt mich nicht zu der mindesten Suͤnde bewegen wuͤrden, denn durch jene Kraft behalte ich einen gewissen Glauben an Gott. Je- nes Laster aber ist so abscheulich, daß ichs auch nicht nennen darf, und so heftig, daß wenn die erwaͤhnte goͤttliche Kraft nicht in und mit mir waͤre, nichts in der ganzen Welt, weder Scham noch Schmerz mich wuͤrde abhalten koͤnnen in jene Suͤnde zu verfallen.‟ Und jene innern Leiden scheinen — nur bey Elnigen mehr, bey Andern minder heftig, uͤberall nothwendige Begleiter der neuen Geburt. Nur bey einigen from- men Kindern, und bey solchen ganz kindlichen Seelen, wie die Margarethe von Beaune gewesen, welche ganz in die Betrachtung der Kindheit Jesu versunken und in diese Kindheit verwandelt war, soll die Fuͤhrung fast durchaus mild und ohne jene Schmerzen gewesen seyn. Aber wir sehen allezeit ein sich selber treu blei- bendes, wachsames Gemuͤth, aus jenen Versuchungen nur staͤrker und gebesserter hervorgehen, und den Keim des neuen Menschen, wie die Blume im Fruͤhling un- unter den elektrischen Erschuͤtterungen der Gewitter, sich nur kraͤftiger entwickeln. Eben jene fromme Seele, deren Worte wir vor- hin anfuͤhrten, sagt an einem andern Orte: „Der Mensch wird gerade durch jene Untugend, womit er Gott beleidiget, auch wieder gestraft. So ist wohl zu- naͤchst der Hochmuth eine Wurzel alles unseres Uebels. Wenn nun die Seele aus Gott wiedergeboren ist, wird sie demuͤthig und wuͤnschet von ganzem Herzen ohne Hochmuth zu seyn. Demohngeachtet kommt der Hochmuth ganz gegen ihren Willen in die Seele. Aber es stehet nur bey ihr, sich diesem Hochmuth zu widersetzen, und sich dadurch nur mehr in dem Sitz der Wahrheit zu befestigen. Weil sie aber vorhin jene Untugend mit ihrem Willen hegte, so kommt dieselbe nun gegen ihren Willen.‟ Ueber solche unwillkuͤhrliche Regungen der Selbstsucht, jene Wurzel alles Uebeln, klagen Alle in diesen Wegen Erfahrene. Wir sahen im Vorhergehenden, daß die Grundneigung unserer sinn- lichen Region Hochmuth sey, und daß bloß das mate- rielle Geschaͤft, worinnen dieser Theil unserer geistigen Natur befangen ist, seine eigenthuͤmlichen Ausbruͤche hindere, welche dann erfolgen, wenn er durch heftige Aufregung seiner ganzen Kraft (was eben so durch niedere Leidenschaften, als durch die gewaltigen Ge- fuͤhle unserer hoͤchsten Liebe geschehen kann) aus seinen materiellen Banden frey geworden, oder wenn die Huͤl- le unter der er sich verbarg auf einmal von ihm genom- men wird. Diese ganze uns umgebende Region der Sinnlichkeit, erscheint nach dem Vorhergehenden, durch eineu Act des Hochmuths entstanden und gebildet. Aber eben eben jene Selbstsucht muß zerstoͤrt und das verdorbene Organ zu seiner urspruͤnglichen Bestimmung zuruͤckge- fuͤhrt werden. Es bleibt uns jener merkwuͤrdige Pro- zeß der Wiedererneuerung hier noch vorzuͤglich von Ei- ner Seite zu betrachten. Die Fuͤhrungen der Seelen moͤgen auf noch so verschiedenen Wegen, die neue Verwandlung mag nun auf einmal, in einer einzigen entscheidenden Stunde oder durch unmerkliche Uebergaͤnge geschehen, immer bemerken wir (wie es ohnehin dem Inhalt des vor- hergehenden Abschnittes gemaͤß zu erwarten war), daß jene Momente, worinnen der neue Keim zuerst erwach- te und wodurch er sich weiter entwickelte, in vorzuͤg- lich kraͤftigen Aufregungen der Region unserer Gefuͤhle bestunden Uebrigens braucht jene tiefe Aufregung deßhalb keine stuͤrmische, nach außen heftige zu seyn. Es giebt eine ruhige, stille, allmaͤhlig wachsende Liebe, die gerade die bestaͤndigste, treueste und tiefste zu seyn pflegt. Auch zeigt sich der Grad der Empfindbarkeit jener Liebe bey verschiedenen Naturen sehr verschieden, je nachdem bey ihnen die Region der Gefuͤhle dem Willen mehr oder minder auf- oder zugeschlossen ist. . In den vorhin angefuͤhrten Beyspielen begann der neue Seelenzustand immer mit ganz vor- zuͤglich lebhaften Gefuͤhlen, oder war ploͤtzlich durch ei- ne aͤußere Veranlassung herbeygefuͤhrt, welche den ganzen Menschen, welche alle seine Empfindungen bis aufs Tiefste erschuͤtterte. Auch in einem untergeord- neten Kreise hat, wie schon erwaͤhnt, oͤfters eine innige Liebe Liebe — der Anblick einer vorzuͤglich erhebenden Ge- gend — ein tief aufs Gemuͤth wirkender Gesang — eine gewaltsame aͤußere Lage der Dinge, wobey es auf entschiedenes Wollen und Handeln ankam, und wobey der Einzelne, wie ganze Nationen auf einmal in sich selber neue, bis dahin ihnen unbekannt gebliebene Kraͤfte gewahr werden, — einen durch ein ganzes Le- ben hindurch wirkenden, tiefen Eindruck zuruͤckgelassen. Selbstbekenntnisse und tiefer gehende Selbstbeobach- tungen, lehren uns in jener Hinsicht die Region der Sinnlichkeit und des Gefuͤhles in einer hoͤheren Be- ziehung auf die Entwickelungsgeschichte unserer geisti- gen Natur kennen. Und hier ist es, wo sich uns der „in der Maschine verborgene, aus ihr herauswirkende Gott‟ deutlich verraͤth, wo wir gewahr werden, daß diese ganze uns umgebende Sinnenwelt und Region der Gefuͤhle noch immer eine Sprache — ein Wort der hoͤheren, geistigen Region an den Menschen sey, eine geschlossene, leitende Kette, wodurch ein goͤttlicher hoͤ- herer Einfluß auf das Gemuͤth des Menschen einwir- ket Aber nicht immer war jene Kette dasselbe was sie jetzt ist, jene Leitung war einst unterbrochen, und konn- te nur durch eine neue geistige Schoͤpfung wieder her- gestellt werden. Wir ruͤhren hier mit wenigen schuͤch- ternen Worten an das groͤßte Geheimniß der Gei- sterwelt. Das Urbild jener Natur, die uns noch jetzt, gleich- sam ein Schatten der urspruͤnglichen umgiebt, war nach dem Vorhergehenden das vermittelnde Organ zwi- schen Gott und dem Menschen; jene Sprache, worin sich die Liebe des Goͤttlichen zu dem Menschen und die Liebe Liebe des menschlichen Gemuͤthes zur Gottheit lebendig und werkthaͤtig ausgesprochen, das Material, woran jene Liebe sich genaͤhret und geuͤbet. Der Mensch war da- mals in einem andern Sinne Herr der Natur, als er es jetzt ist, obgleich uns auch noch jetzt einzelne be- deutungsvolle Zuͤge verrathen, auf welche Weise er es gewesen. Jener Theil seiner Natur, durch welchen er mit hoͤherer Kraft auf die Anßenwelt zu wirken ver- mochte, war der, welcher noch jetzt sich als bildende, schoͤpferische Kraft beurkundet — die Region seiner Ge- fuͤhle — das Gangliensystem, ein Kreis, welcher in dem jetzigen Zustande der Einwirkung des Willens groͤß- tentheils verschlossen ist. Das Verhaͤltniß war wechsel- seitig — der eine Pol konnte nur vorhanden seyn, wenn der andre es war, die sinnliche Region konnte nur dann wieder ein Organ der Einwirkung Gottes auf den Men- schen werden, wenn sie auch auf der andern Seite den von neuem zum Herrscher seiner sinnlichen Sphaͤre gewordene Mensch zum Organ seines Verhaͤltnisses zur Gottheit gemacht hatte. Der Mensch konnte aber nur dadurch wieder in seinen urspruͤnglichen Standpunkt zur Natur eintreten, daß ihm jener bedeutungsvolle Theil seines Wesens, der im jetzigen Zustande geistig von ihm abgetrennt ist, und welcher doch den Schluͤssel zur aͤußeren Natur enthaͤlt, wiedergegeben und in sei- nen urspruͤnglichen Zustand wieder hergestellt wurde. Wir sahen ferner im Vorhergehenden, daß Hochmuth der Grundton unserer sinnlichen Region sey, daß die sinnliche Sphaͤre unserer Natur noch jetzt durch einen bestaͤndigen Act der Selbstsucht, bestehe und erhalten werde, welcher die Dinge die in seine Sphaͤre kommen zerstoͤrt, um sich ihrer Prinzipten zu bemaͤchtigen, mit- mithin Zerstoͤrungssucht ist. Die materielle Huͤlle, de- ren Bildung und Erhaltung das Geschaͤft jenes Thei- les unserer Natur ist, dienet ihm zugleich zur Decke, worunter er seinen eigentlichen Umriß verbirgt, zur Schranke, welche jene thierische und zerstoͤrende Kraft fesselt, und dem hoͤheren Funken in uns erst die Herr- schaft uͤber sie moͤglich machet. Aber zugleich ist auch diese materielle Huͤlle die Schranke, welche den Men- schen hindert, in sein urspruͤngliches Verhaͤltniß zur geistigen Region zuruͤckzutreten, welche ihn in allen seinen geistigen Bestrebungen hemmt, an der sich die Strahlen seiner hoͤheren Kraft ohne Aufhoͤren brechen und begraͤnzen. Von einer andern Seite erkannten wir im Vor- hergehenden, daß gerade jener merkwuͤrdige Theil un- sers Wesens, welcher jetzt selbstthaͤtig in dem Ge- schaͤft materieller Bildung befangen, und der Sitz des Egoismus unserer Natur ist, urspruͤnglich gerade um- gekehrt, das fuͤr den hoͤheren Einfluß empfaͤngliche, diesen leitende Organ seyn sollte. Nur dadurch daß er dieses von neuem wird, daß er sich von neuem der hoͤheren Liebe gaͤnzlich zum Organ hingiebt, kann das alte und ur- spruͤngliche Verhaͤltniß des Menschen zu Gott und der Welt wieder hergestellt werden. Damit er aber wieder werden konnte was er war, mußte der Mensch selber, die durch einen Act des Hochmuths entstan- dene Schranke der Sinnlichkeit, durch ei- nen entgegengesetzten Act der gaͤnzlichen Selbstverlaͤugnung, Demuth und Erge- bung in einen hoͤheren Willen, freywillig wieder aufloͤsen. Wie sollte aber die ins Stocken gera- gerathene Maschine durch sich selber — durch eigene Kraft wieder in Gang kommen? Der Meister selbst mußte sich in ihr Inneres hineinbegeben, und die Kraft, durch welche sie einst erbaut worden, mußte jetzt von neuem aus ihr herauswirken. Jenes Wort, das sich einst als ewige Liebe in der anfaͤnglichen Natur ausgesprochen, war von neuem Fleisch geworden. Der Mensch-gewordne Gott voll- brachte nun selber jenen — dem ersten und verkehrten Willensact, wodurch der Mensch in seinen jetzigen Zustand versunken, entgegengesetzten — Act einer voͤl- ligen Selbstverlaͤugnung, einer Selbstaufopferung und Ergebung in den hoͤheren Willen, bis zum freywilli- gen Opfertode. Was jenes Wort einst dem Menschen in der urspruͤnglichen Natur gewesen, das wurde es jetzt von neuem in der Menschennatur: vermittelndes Organ zwischen dem Menschen und Gott, eine Spra- che der Liebe zwischen beyden. Aber das Fleisch ge- wordene Wort hatte durch jenen Act zugleich auch das urspruͤngliche Verhaͤltniß des menschlichen Wesens zur Sinnlichkeit wieder hergestellt, es hatte diese von neu- em, indem es mit Wunderkraft aus der wieder ge- heilten und von ihren Schranken befreyten Menschen- natur herauswirkte, zu dem geweiht, was sie einst war: sie ist nun wieder gereinigt, und auch hier, aͤußerlich zeigt sich die vorhin unterbrochene leitende Kette zwi- schen Gott und Menschen wieder geschlossen, sobald der Mensch nur von jenem innerlichen Organe Gebrauch zu machen versteht. Wenn wir in die Zeit, die vor dem Christen- thume gewesen, hineinblicken, finden wir den Men- schen schen fast allgemein in einem Verhaͤltniß zu der Na- tur und zu seiner eigenen sinnlichen Sphaͤre, das von unserem jetzigen sehr verschieden war. Jener blutige Naturdienst, jene furchtbare Verkehrtheit, welche alle Graͤuel der schaͤndlichsten thierischen Lust zum Gottes- dienst machen wollte, die Grausamkeit, welche, ganz in der Natur des Wahnsinns, weder der eigenen Kinder noch des eigenen Leibes verschonte, koͤnnen doch in der That nicht als Wirkungen einer in den Gren- zen des Besseren gebliebenen Menschennatur betrachtet werden, und mit Recht machte die Sage des Alter- thums die ganze Natur zu einem Wohnsitze und ver- mittelnden Organ von Daͤmonen. Jenem auserwaͤhl- ten Volke scheint deßhalb nicht ohne tieferen Grund, durch ein ausdruͤckliches hoͤheres Verbot, ein großer Theil der aͤußeren Natur versagt und verschlossen wor- den zu seyn, indem es weder auf Hoͤhen noch in Haynen, noch uͤberhaupt irgend wo anders opfern durfte, als in einem nach hoͤherer Anweisung erbau- ten Tempel, und indem ihm ein großer Theil der aͤußeren Natur unrein war. Gleich mit dem Ein- tritte des Christenthums hoͤrte jene Einschraͤnkung auf, dem Menschen wurde wieder der Zutritt zu der gan- zen Natur, als die von Gott gereinigt sey, freyge- stellt. Von einer andern Seite fodert unter allen Religionen bloß das Christenthum Dinge von uns, die der sinnlichen Natur ganz und gerade zu entge- egen laufen, und eine ungemeine Selbstverlaͤugnung voraussetzen, z. B. herzliche Liebe des Feindes u. dgl. und bloß das Christenthum giebt auch (vermittelst des rwaͤhnten inneren Organes) zu der Erfuͤllung dieser Foderung Kraͤfte, und zeigt in der Geschichte seiner Be- Bekenner Tausende von Beyspielen, einer bis zum Tode getreuen gaͤnzlichen Ergebenheit in einen hoͤhe- ren Willen. Seitdem der alte Zugang zu der hoͤheren Region in uns selber wieder eroͤffnet worden, seitdem auch aͤußerlich wieder der Gott in und aus der Maschine zu wirken, dem Menschengemuͤth seinen hoͤheren Ein- fluß mitzutheilen vermag, ist der Kampf der hoͤheren Natur in uns, mit ihrer sinnlichen Sphaͤre um vie- les erleichtert worden. Der Fleisch gewordene Gott hat die abtruͤnnig gewordene Welt des Sinnlichen der Menschennatur von neuem unterwuͤrfig gemacht, er hat der Schlange die sich feindlich erhoben, den Kopf zer- treten, und seitdem ist es auch der gemeinen Menschen- natur, wenn sie sich nur den Zugang von oben offen zu erhalten — das (geistig) vermittelnde Organ zwischen sich und der hoͤheren Region wohl zu benutzen weiß, leicht, den schon ein fuͤr allemal uͤberwundenen Gegner, auch ihrerseits von neuem zu besiegen. Denn dieser Sieg — jene Selbstverlaͤugnung und Aufopferung des eignen Willens, wird von Allen ge- fordert, welche jenem Vorbilde der wiedergeheiligten Menschennatur nachfolgen wollen. Jene sinnliche Schran- ke, deren Entstehungsgrund und herrschender Ton Hoch- muth ist, muß von neuem in Jedem, welcher diesen Weg eingeschlagen, durch den entgegengesetzten Act der Selbstverlaͤugnung wieder aufgeloͤst, hierdurch die Grundneigung unsers Wesens wieder geheiligt und wieder auf ihren urspruͤnglichen Gegenstand zuruͤckge- fuͤhrt werden. Daher gehet dieser Weg unabaͤnder- 13 lich lich durch gaͤnzliche Selbstverlaͤugnung. Durch ihn unterscheidet sich das Christenthum wesentlich von al- len, noch so trefflich scheinenden Moralsystemen oder Religionen. In ihnen wird allerdings der Mensch im besseren Falle darauf hingefuͤhrt, der hoͤheren Liebe Einiges aufzuopfern, aber nicht Alles, nicht sein Selbst. Und hier gilt es nichts Halb oder Theilweise, sondern Alles zu geben oder zu thun, wenn nicht die Wurzel des argen Gewaͤchses noch immer im Innern zuruͤck bleiben soll. Man pflegt allerdings von einem Wege geistiger und moralischer Vollendung zu reden, der außer und ohne das Christenthum, ja ohne alle Religion moͤglich seyn soll. „Mein Freund! ich wuͤnsche mir die ent- ferntere Bekanntschaft solcher Vortrefflichen; ich werde sie nicht loben, bis ich uͤber den fuͤnften Act hinuͤber blicken kann. Ja wenn der Moͤrder, der ge- bundene Moͤrder nicht waͤre! Der gute Seneca hat an der Natur des Nero ein Hofmeisterexperiment gemacht, dem ich zur Ehre der guten Moral ein besseres Gelingen gewuͤnscht haͤtte. Und mein Freund! wer weiß was ich und du an der Stelle des Nero geworden waͤren. Was wurde noch in neuerer Zeit ein sehr kultivirtes harmlos scheinendes Volk, als die Revolution auf ein- mal alle die aͤußeren Schranken abbrach, welche den wilden Drang der Leidenschaften gewoͤhnlich zuruͤckhal- ten. In der That, mein Freund! um deine Vortreff- lichen ohne Religion moͤchte ich nicht seyn, wenn auf einmal diese Schranken fielen, und vor allem die letz- te , jene Blume unter der sich die Schlange bewegt, die Decke uͤber dem Abgrund! In In der That pflegt keine Religion den Menschen so ausschließend fuͤr ein neues hoͤheres Daseyn zu bil- den, als die christliche, nur sie enthaͤlt das Specificum, was unserer Natur die verlorenen eigenthuͤmlichen Kraͤfte zuruͤckgeben kann, waͤhrend andere Wege einer gei- stigen Erziehung die menschliche Natur noch in sich sel- ber unentschieden in das Jenseits hinuͤbertreten lassen, wo der Kampf wohl schwerer seyn mag, als er hier gewesen waͤre. Nur durch jene siete und freywillige Hingebung in einen hoͤheren Willen, welche das Chri- stenthum lehrt, wird jener in dem Haus der Materie gefangene Moͤrder in uns wieder das was er gewesen: liebendes Organ der hoͤheren Liebe, und wir duͤrfen dann die Banden die ihn hier noch fesselten, im To- de mit Freuden sinken sehen. Und nicht selten loͤsen sich diese Banden noch waͤhrend des jetzigen Daseyns auf, und der vorhin gebunden gewesene Engel (einst ein Moͤrder) wirkt von neuem mit goͤttlicher Gewalt in den ihn umgebenden Kreis hinaus, und zeigt uns, was der Mensch einst in Beziehung auf die ihn um- gebende hoͤhere und niedere Welt war und wieder seyn soll. Vergangenheit und Zukunft, Hohes und Nie- driges, eroͤffnen sich dem wiedergereinigten der Seele wiedergeschenkten Sinne von neuem, und die Seele blickt uͤber die gesunkene Scheidewand in eine hoͤhere, geistige Region hinuͤber. Wir wuͤrden, wenn hier der Ort dazu schiene, selbst aus der neuesten Zeit eine Menge Thatsachen aufstellen koͤnnen Ich will hier nur an einige jener merkwuͤrdigen That- sachen erinnern. 1) Beyspiele, wo zum Theil un- , welche beweisen, was der Mensch, wenn er er von neuem Organ einer hoͤheren Liebe geworden, uͤber seine eigenen Neigungen und uͤber einen fremden Wil- heilbar scheinende Krankheiten, fast auf der Stelle durch frommen Glauben des Kranken geheilt wurden, finden sich in den Anccdoten fuͤr Christen, Th. 1, S. 13, 70, 106, 107, Th. 5, S. 52, in der trefflichen christ- lichen Zeitschrift von Hillmers, 2ter Jahrgang, S. 312, 530, und 3ter Jahrgang, S. 175. In den Basler Sammlungen, unter andern auf 1806, S. 256, auf 1807, S. 96, auf 1808, S. 222, auf 1809, S. 347. Auch die Geschichte des Pfarrer Kuͤhze, (bey Federsen?) gehoͤrt hieher, und eine Menge andere. 2) Beyspiele, wo durch frommen, festen Glauben Andre geheilt wurden, und wo jener Glaube oͤfters auf eine auffallende Weise in die Ferne wirkte: Anccdoten fuͤr Christen, Th. 1, S. 8, Th. 2, S. 56, und 66. Geschichte des Markgrafen von Renty bey Terstegen, S. 78, und der h. Therese, S. 168. Basler Samm- lungen auf 1799, S. 71, 407, und 409, auf 1800, S. 110, auf 1801, S. 161, 352. 3) Eine gewisse Gewalt des menschlichen Gemuͤths, selbst uͤber die aͤußere Natur: Christliche Anecdoten Th. 1, S. 52; Leben der Anna Garcias bey Terstegen, S. 48; Hillmers christliche Zeitschrift, erster Jahrg. S. 366. 4) Magische Gewalt eines frommen Gemuͤths auf die Gesinnung Anderer, die oft sogleich gebessert wurde: Stillings Taschenkalender auf 1814, S. 137; Anecdo- ten fuͤr Christen, Th. 1, S. 39, Th. 2, S. 182, Th. 3, S. 217, Th. 4, S. 168 und besonders 171, Hill- mers chr. Zeitschrift, Erster Jahrgang, S. 471; zwey- ter Jahrgang, S. 100, 101, 104, 735, 739, 746, Willen, uͤber seinen eigenen und uͤber einen fremden Organismus, ja uͤber die ganze aͤußere Natur mit ei- ner dritter Jahrgang, 318, 356, 561, 562; Basler Samm- lungen auf 1799, S. 206, 207, auf 1800, S. 140, auf 1801, S. 27, auf 1804, S. 29, 1805, S. 139, vorzuͤglich aber S. 284, auf 1806, S. 382, auf 1807, S. 218, vorz. S. 380, auf 1808, S. 190. 5) Gewalt eines frommen Willens uͤber die eigenen Leidenschaften, unter andern; Anecdoten fuͤr Christen, Th. 5, S. 111 und 306, Th. 1, S. 3, besonders aber S. 5, und S. 7. 101, 124, Th. 2, S. 209, Hillmers Zeitschrift: erster Jahrgang, S. 710, Basler Samm- lungen auf 1808, S. 184; Leben des Gregorius Lopez bey Terstegen, S. 7. 6) Besonders haͤufig sind jene Faͤlle einer Harmonia praestabitita hoͤherer Art, wo der fromme Glaube ei- nes Nothleidenden, auf den Willen Anderer also influir- te, daß sie ihm, ohne selbst etwas von seiner Noth zu wissen, gerade zur rechten Zeit und auf rechte Art helfen mußten. Uebrigens versteht es sich von selbst, daß hier- bey ein hoͤheres Band , das die ganze Geisterwelt in Einem zusammenfasset, thaͤtig war. Um nur einige solcher Beyspiele anzufuͤhren, citiren wir hier: Christli- che Anecdoten, Th. 1, S. 53, und 54, Th. 2, S. 54, Th. 4, S. 117, Hillmers, Jahrgang 2, S. 99 und 102, auch in anderer Beziehung Jahrg. 1, S. 706, 748, Jahrgang 3, S. 175, besonders aber 548, dann 551; Basler Sammlungen auf 1799, S. 410, auf 1800, S. 78, 311, 312, 382, 418, 420, auf 1801, S. 59, auf 1805, S. 185, 349, auf 1806, S. 122, auf 1807, S. 95, 154, auf 1808, S. 28, 86, 88, besonders aber S. 214 und 307, auf 1809, S. 54, 55, ner goͤttlich-magischen Gewalt vermoͤge, und wie er dann uͤber die Beschraͤnkung des Raumes und der Zeit, so hinuͤber blicken als hinuͤber wirken koͤnne. Eben so wuͤrde hier nicht der Ort seyn, jenen Weg, und seine verschiedenen eigenthuͤmlichen Fuͤhrun- gen genauer zu beschreiben. In der That, er hat von außen wenig Empfehlendes und vielmehr Vieles was von jeher Veranlassung gegeben ihn zu verkennen und zu verlaͤstern. Da der Funke jener hoͤheren goͤttlichen Liebe, zuerst und zunaͤchst die zweydeutige Region des Gefuͤhles entzuͤndet und bewegt, und sie (wie dieß schon in einem untergeordneten Kreise jede heftige Leidenschaft thut, anfaͤnglich, ehe sie dieselbe veraͤndert, bloß aus ihren Banden frey macht, erscheinen oͤfters je- ne Menschen welche diesen Weg gehen, schwaͤcher, elen- auf 1810, S. 146, 182, 275, auf 1811, S. 68, 132, 164, 166, 344, 345, auf 1812, S. 35, 69, 85. Eine Harmonia praestabitita jener Art zeigte sich auch unter andern: Stillings Taschenbuch auf 1814, S. 136, Hillmers; Jahrgang 1, S. 690, Jahrg. 2, S. 524, Jahrg. 3, S. 555; Basler Sammlung auf 1801, S. 59, 57, auf 1805, S. 319, 1806, S. 94, 1807, S. 349. Uebrigens noch eine Menge aͤhnliche Beyspiele in an- deren, besonders den aͤlteren Jahrgaͤngen der erwaͤhnten Basler Sammlungen, die aber eben nicht bey der Hand sind, in Pfenningers Magazin (z. B. Frankens Erbau- ung des Hallischen Waisenhauses), in Stillings Schrif- ten u. s. f. elender, und von dem gewoͤhnlichen schoͤnen Deckman- tel entbloͤßter als Andre. Und wie das was am hoͤch- sten stehet, uͤberall am tiefsten und gefaͤhrlichsten zu fallen vermag, wie in der koͤrperlichen und geistigen Natur gerade die ihrer Anlage und Bestimmung nach vollkommensten Organe und Kraͤfte, wenn sie einmal ausarten, in die fuͤrchterlichste Verderbniß uͤbergehen: so ist auch jener Weg nicht ohne die Gefahren der fuͤrch- terlichsten Abwege des Fanatismus, des Hochmuths, der Heucheley. Dennoch wird sich ein besserer Sinn, wenn er nur Einmal an sich erfahren, was jenes geistige Heilmittel vermoͤge, durch keinen Anschein ab- schrecken lassen, eine Bahn zu verfolgen, auf welcher allein Alles zu gewinnen ist. Und das geistige Expe- riment ist fuͤr jeden guten, ernsten Sinn so leicht zu machen, der Weg Jedem unter uns so bekannt! So verrieth sich uns denn zuerst in der allen Menschen angebornen, bey Allen sich gleichenden Spra- che des Traumes, ein eigenthuͤmliches Vermoͤgen unse- rer Natur, welches waͤhrend des ganzen jetzigen Da- seyns seinem eigentlichen Umfange nach verhuͤllt zu bleiben pfleget. Es ist dieß die liebende Faͤhigkeit un- serer Natur, durch welche diese mit einem Anderen, Hoͤheren oder Niederen, Eins zu werden — Theil, Organ desselben zu seyn vermag. Jene urspruͤnglich negative Seite unsers Wesens, ist demnach erst in Beziehung auf den Gegenstand ihrer Liebe, das was sie seyn soll, außer und ohne diesen hat sie kein Cen- trum, keinen lichten Punkt, ist dunkel und bewußtlos. Wenn im Somnambulismus jenes Dunkel sich selber licht licht und klar wird, so geschieht dieß, weil die Hell- sehende jenes Centrum in dem mit ihrer Natur Eins gewordenen Magnetiseur gefunden, und auch in einem fruͤher erwaͤhnten Zustande des Wahnsinnes, war die Seele des Kranken faͤhig, mit der Seele anderer Men- schen Eins zu werden, fremde Gedanken und Gesin- nungen zu erkennen, und in der Seele Anderer pflegte er auch, wie in einem Spiegel Alles dem Raume nach Entfernte zu erkennen, was nicht Er, sondern bloß Je- ne zu sehen vermochten. Dennoch wird bey dieser und verwandten Erscheinungen nur erst ein geringer Theil jenes dunklen Vermoͤgens sichtbar. Wenn dagegen in dem ungleich hoͤheren Zustand des prophetischen Hellse- hens die liebende Kraft im Menschen sich wieder nach ihrem urspruͤnglichen Centrum hinwendet, und den hoͤchsten Gegenstand sich erwaͤhlt, findet sie das ihr urspruͤngliche Licht in seiuem ganzen Umfange wieder. Wie schon die Somnambuͤle an den Kenntnissen und Gedankenreichthum des Magnetiseurs Theil nimmt, in und durch ihn erkennt: so nimmt in jenem hoͤheren Zustand die liebende und erkennende Seele an dem Lichte des hoͤchsten Erkennens Theil, in welchem sich, als in der allgemeinen Urquelle alles Seyns, Vergan- genes, Gegenwaͤrtiges und Zukuͤnstiges, Nahes und Fernes abspiegeln. In einem bald groͤßeren, bald geringeren Um- fange, erwacht eine, auf urspruͤngliche Wahlverwand- schaft gegruͤndete Anziehung der Liebe in uns und der hoͤheren, geistigen Region, sobald jene Liebe durch ir- gend eine Veranlassung aus der materiellen Verlarvung in der sie sich jetzt befindet, wieder frey und psychisch be- beweglich wird, sobald sie — wenn auch nur auf Mo- mente — ihre urspruͤngliche geistige Form wieder an- genommen. Schon im Zustande des Somnambulis- mus tritt daher jenes liebende Vermoͤgen wieder mit der hoͤheren Region in Beruͤhrung, empfaͤngt aus ihr ein Licht, worinnen ihm die ganze in seinem Umfange lie- gende (der Capacitaͤt seiner Neigung angemessene) Welt, uͤber die Schranken der Zeit und des Raumes hinuͤber klar wird, obgleich sich dasselbe seiner noch nicht in jenem hoͤheren Centrum sondern bloß in dem Magne- tiseur bewußt ist. Es empfaͤngt deßhalb schon in ei- nem gewissen Grade der Somnambulismus, der Traum, ja selbst der Wahnsinn, jenes prophetische Erkennen, und es wird uns schon hierdurch jenes Vermoͤgen un- serer Natur, als die Gabe eines neuen, hoͤheren Ge- sichtes, dessen Blick weit uͤber die Schranken unserer Natur hinuͤberreicht, wichtig. Wichtiger noch als das Organ, in welchem die Wahlverwandtschaft unseres Wesens mit einer hoͤheren, goͤttlichen Region begruͤn- det ist (die der Liebe mit der Liebe). So oft sich die hoͤhere Region dem Organ der Liebe in dem Menschen mittheilte, geschahe dieses in der diesem Organe eigenthuͤmlichen (Natur-) Bilder- sprache. Von dieser Bildersprache fanden wir das Ur- bild noch in der, freylich von ihrem urspruͤnglichen Zu- stand weit entfernten sichtbaren Natur. Der Mensch stund einst zu dieser noch in einem ungleich activeren Verhaͤltniß als jetzt, und wie die Natur eine Sprache, ein Act der Liebe des Goͤttlichen zu dem Menschen war, so vermochte dieser hinwiederum eben diese Na- tur zur Sprache seiner Liebe zu machen — Worte die- ser ser Sprache nach dem Gefallen und der Kraft seiner Liebe hervorzurufen und zusammenzufuͤgen. Noch jetzt beweißt jenes psychisch erwachte Erkenntnißvermoͤgen, seine Natur-bildende und schaffende Kraft wenigstens noch im Schatten, an der aus ihm hervorgehenden Bilderwelt des Traumes, und vermag dieselbe in ge- wissen Faͤllen auch noch auf eine ungleich hoͤhere, we- sentlichere Art zu aͤußern. Aber gewoͤhnlich ist seine ganze Wirksamkeit auf materielles Erkennen und Bil- den beschraͤnkt und zwar bloß in den Grenzen seines materiellen Organismus, waͤhrend noch im Thierreich, z. B. bey den mit Kunsttrieben versehenen Insekten, freylich nur auf eine hoͤchst unvollkommene Weise, je- nes Produciren nicht in dem Umfange des Leibes ein- geschlossen ist, sondern uͤber diesen hinausgeht. Jene Beschraͤnkung ist dadurch entstanden, daß die Liebe der menschlichen Natur ihren urspruͤnglichen Gegenstand verlassen, und sie auf einen ihrem Be- duͤrfnisse wenig genuͤgenden Vorwurf — auf das Be- sondere, auf ihr eigenes Selbst gewendet. Erst hier- durch ist die Thaͤtigkeit jenes urspruͤnglich schoͤpferischen Vermoͤgens, ein bestaͤndiger Zerstoͤrungsprozeß gewor- den, welcher alles zerstoͤrt, was in seinen Kreis koͤmmt und sich seiner Prinzipien bemaͤchtiget. — Vergeblich! eine solche seinem Wesen unnatuͤrliche Richtung vermag nicht bleibend zu werden, jener zerstoͤrend-bildends Trieb, wenn er alles zerlegt hat, was in dem Capa- citaͤtsumfange seiner (toͤdtenden) Liebe gelegen, wendet sich zuletzt gegen sich selber, und zerstoͤrt sein eigenes Werk, so daß auch hier Hunger und Tod synonym erscheinen. Waͤh- Waͤhrend das aͤußerlich im Gehirn seine Basis habende sinnliche Wahrnehmungsvermoͤgen, waͤhrend der Verstand auch in dem jetzigen Daseyn der urspruͤng- lichen geistigen Natur getreu bleibt, ist demnach jener andere Theil unseres geistigen Wesens in materieller Wirksamkeit erloschen und unkenntlich geworden. Zwi- schen beyden Haͤlften ist hierdurch die urspruͤngliche Gleichheit und Einheit aufgehoben, beyde sind sich zum Theil unvernehmlich — sind von einander getrennt. Das materiell bildende Vermoͤgen zeigt sich, so bald es geistig frey wird, ganz in jenem zerstoͤrend selbst- fuͤchtigen Charakter, und durchs ganze Leben hindurch als eine der Vernunft und dem besseren Willen entge- gengesetzte Stimme, als eine zweyte, von der Ver- nunft verschiedene Sprache in uns. Jenes reißt, wie uns schon Erscheinungen des jetzigen Daseyns lehren, sobald es nur einigermaßen seiner selbst maͤchtig ge- worden, als der ungleich maͤchtigere Theil unserer Na- tur, auch die andere, schwaͤchere Haͤlfte mit sich fort, obgleich es in den Schranken der Materie nie zu dem ganzen Gebrauch seiner Kraft gelangen, nie sich selbst umfassen kann. Aber den hieraus entstehenden Gefah- ren vermag der Mensch zu entgehen, und, seitdem die anfaͤngliche Vereinigung zwischen ihm und dem urspruͤng- lichen Gegenstand seiner Liebe wieder gefunden, seitdem selbst die aͤußere Natur wieder zur leitenden Kette ge- worden, durch die sich ihm der hoͤhere Einfluß mit- theilet, (der Gott aus der Maschine auf ihn wirkt) vermag er das zur Moͤrdergrube gewordene Organ wie- der zu einem reinen Tempel zu weihen, welcher noch in dem jetzigen Leben, tief im Innern, unter Schmer- zen und Freuden gegruͤndet und gebaut wird. Das Das magische Dunkel unserer Traͤume wird nun wieder zu einem hellen Licht von oben, der alte Zwie- spalt unserer Natur ist versoͤhnt, das verlorene Klei- nod wird uns wieder. Das bange Sehnen in uns hat den ihm angemessenen Gegenstand wieder gefunden, und mit ihm volles Genuͤgen, Friede, Freude! Verbesserungen . Seite 17 , Zeile 9 , fehlt ein, nach pythische Begeisterung. S. 35 , und anderwaͤrts lese man in der Note a. a. O. (am angefuͤhrten Orte) statt u. a. O. S. 38 , Zeile 4 , von unten, l. m. Lamontine, Morsen, statt Lamentiue, Masen. S. 49 , Z. 1 , von unten, l. m. gleichvertheilt, statt gleich vertheilt. S. 52 , Zeile 15 , l. m. Cssener, st. Esseme. S. 53 , Z. 23 . l. m. worden, st. werden. S. 55 , Z. 13 , l. m. ihn st. ihr. S. 56 , Z. 10 , von unten, l. m. koͤrperlichen, st. moralischen. S. 62 , in der zweyten Note, l. m. Queriolet, st. Querioles. S. 65 . Z. 7 , der st. den. S. 68 , Z. 20 , l. m. Vorstellungen, aͤußere Ruͤcksichten, st. Vorstellungen aͤußerer Ruͤcksichten. S. 70 . Z. 8 . l. m. wenn er, st. immer. S. 74 , Z. 5 . von unten, l. m. der, st. da. S. 78 , Z. 24 , der boͤsen, st. dem Boͤsen. S. 83 , Z. 22 , enthaͤlt, st. enthuͤllt. S. 87 , Z. 3 und 4 , Beduͤrfniß seiner eignen unnatuͤrlichen st. Beduͤrfniß, seine eigene unnatuͤrliche. S. 88 , Z. 16 , den Schluͤssel, st. der Schluͤssel. S. 100 , Z. 1 . ein st. im. S. 108 , Z. 2 , wie st. nur. S. 121 , Z. 14 , mit ganz st. ganz mit. S. 134 , Z. 2 , und Z. 8 , ihr st. ihm. S. 144 , Z. 4 , streiche man die **) und setze sie Zeile 6 , hinter Zustaͤnden. S. 152 , Z. 16 , Frucht, st. Furcht. S. 155 , Z. 4 , ihn, st. ihm. S. 157 , Z. 22 , machet, st. erwachet. S. 158 , Z. 3 , diese, st. er, Z. 21 , den, st. einen. S. 166 , Z. 12 , sey, st. ist. S. 167 , Z. 9 , zwar st. war. S. 173 , Z. 10 , jenen, st. jene, Z. 1 , v. unten, Tauleri st. Taubers. S. 180 , Z. 2 , bleibe, st. bleibt. S. 181 , Z. 5 . einen, st. einem. S. 189 , Z. 18 , der, st. den. S. 197 , Z. 16 , praestabilita, st. pracstabitita. S. 198 , Z. 13 , ein) nach thut. S. 200 , Z. 1 , setze man nach dieß, — unter anderm auch dadurch, weil. S. 201 . Z. 16 , Gesichtes, st. Gesichte. S. 203 . Z. 13 , eine, st. ein.