Maria Stuart ein Trauerspiel von Schiller . Tuͤbingen, in der J. G. Cotta'schen Buchhandlung 1801 . Maria Stuart . Trauerspiel in fuͤnf Aufzuͤgen . Personen . Elisabeth , Koͤnigin von England. Maria Stuart , Koͤnigin von Schottland, Gefangne in England. Robert Dudley , Graf von Leicester . Georg Talbot , Graf von Schrewsbury . Wilhelm Cecil , Baron von Burleigh, Großschatzmeister. Graf von Kent . Wilhelm Davison , Staatssecretair. Amias Paulet , Ritter, Huͤter der Maria. Mortimer , sein Neffe. Graf Aubespine , franzoͤsischer Gesandter. Graf Bellievre , außerordentlicher Botschafter von Frankreich. Okelly , Mortimers Freund. Drugeon Drury , zweiter Huͤter der Maria. Melvil , ihr Haushofmeister. Hanna Kennedy , ihre Amme. Margaretha Kurl , ihre Kammerfrau. Scherif der Grafschaft. Offizier der Leibwache . Franzoͤsische und Englische Herren . Trabanten . Hofdiener der Koͤnigin von England. Diener und Dienerinnen der Koͤnigin von Schottland. Erster Aufzug . Im Schloß zu Fotheringhay . ( Ein Zimmer .) Erster Auftritt . Hanna Kennedy, Amme der Koͤnigin von Schottland in heftigem Streit mit Paulet, der im Begriff ist, einen Schrank zu oͤffnen. Drugeon Drury, sein Gehilfe, mit Brecheisen. W as macht ihr, Sir? Welch neue Dreistigkeit! Zuruͤck von diesem Schrank! Wo kam der Schmuck her? Vom obern Stock ward er herabgeworfen, Der Gaͤrtner hat bestochen werden sollen Mit diesem Schmuck — Fluch uͤber Weiberlist! Trotz meiner Aufsicht, meinem scharfen Suchen, Noch Kostbarkeiten, noch geheime Schaͤtze! (Sich uͤber den Schrank machend) Wo das gesteckt hat, liegt noch mehr! Zuruͤck, Verwegner! Hier liegen die Geheimnisse der Lady. Die eben such' ich. (Schriften hervorziehend) Un b edeutende Papiere, bloße Uibungen der Feder, Des Kerkers traur'ge Weile zu verkuͤrzen. In muͤß'ger Weile schafft der boͤse Geist. Es sind franzoͤsische Schriften. Desto schlimmer! Die Sprache redet Englands Feind. Concepte Von Briefen an die Koͤnigin von England. Die uͤberliefr' ich — Sieh! Was schimmert hier? (er hat einen geheimen Ressort geoͤffnet, und zieht aus einem verborgnen Fach Geschmeide hervor) Ein koͤnigliches Stirnband, reich an Steinen, Durchzogen mit den Lilien von Frankreich! (er giebt es seinem Begleiter) Verwahrt's, Drury. Legt's zu dem uͤbrigen! (Drury geht ab.) O schimpfliche Gewalt, die wir erleiden! So lang sie noch besitzt, kann sie noch schaden, Denn alles wird Gewehr in ihrer Hand. Seyd guͤtig, Sir. Nehmt nicht den letzten Schmuck Aus unserm Leben weg! Die Jammervolle Erfreut der Anblick alter Herrlichkeit, Denn alles andre habt ihr uns entrissen. Es liegt in guter Hand. Gewissenhaft Wird es zu seiner Zeit zuruͤck gegeben! Wer sieht es diesen kahlen Waͤnden an, Daß eine Koͤnigin hier wohnt? Wo ist Die Himmeldecke uͤber ihrem Sitz? Muß sie den zaͤrtlich weichgewoͤhnten Fuß Nicht auf gemeinen rauhen Boden setzen? Mit grobem Zinn, die schlechtste Edelfrau Wuͤrd' es verschmaͤhn, bedient man ihre Tafel. So speißte sie zu Sterlyn ihren Gatten, Da sie aus Gold mit ihrem Buhlen trank. Sogar des Spiegels kleine Nothdurft mangelt. So lang sie noch ihr eitles Bild beschaut, Hoͤrt sie nicht auf, zu hoffen und zu wagen. An Buͤchern fehlts, den Geist zu unterhalten. Die Bibel ließ man ihr, das Herz zu bessern. Selbst ihre Laute ward ihr weggenommen. Weil sie verbuhlte Lieder drauf gespielt. Ist das ein Schicksal fuͤr die weicherzogne, Die in der Wiege Koͤnigin schon war, Am uͤpp'gen Hof der Medizaͤerin In jeder Freuden Fuͤlle aufgewachsen. Es sey genug, daß man die Macht ihr nahm, Muß man die armen Flitter ihr misgoͤnnen? In großes Ungluͤck lehrt ein edles Herz Sich endlich finden, aber wehe thuts, Des Lebens kleine Zierden zu entbehren. Sie wenden nur das Herz dem eiteln zu, Das in sich gehen und bereuen soll. Ein uͤppig lastervolles Leben buͤßt sich In Mangel und Erniedrigung allein. Wenn ihre zarte Jugend sich vergieng, Mag sie's mit Gott abthun und ihrem Herzen, In England ist kein Richter uͤber sie. Sie wird gerichtet, wo sie frevelte. Zum Freveln fesseln sie zu enge Bande. Doch wußte sie aus diesen engen Banden Den Arm zu strecken in die Welt, die Fackel Des Buͤrgerkrieges in das Reich zu schlendern, Und gegen unsre Koͤnigin, die Gott Erhalte! Meuchelrotten zu bewaffnen. Erregte sie aus diesen Mauern nicht Den Boͤßwicht Parry und den Babington Zu der verfluchten That des Koͤnigsmords? Hielt dieses Eisengitter sie zuruͤck, Das edle Herz des Norfolk zu umstricken? Fuͤr sie geopfert fiel das beste Haupt Auf dieser Insel unterm Henkerbeil — Und schreckte dieses jammervolle Beispiel Die Rasenden zuruͤck, die sich wetteifernd Um ihrentwillen in den Abgrund stuͤrzen? Die Blutgeruͤste fuͤllen sich fuͤr sie Mit immer neuen Todesopfern an, Und das wird nimmer enden, bis sie selbst, Die Schuldigste, da r auf geopfert ist. — O Fluch dem Tag, da dieses Landes Kuͤste Gastfreundlich diese Helena empfing. Gastfreundlich haͤtte England sie empfangen? Die Ungluͤckselige, die seit dem Tag, Da sie den Fuß gesetzt in dieses Land, Als eine Hilfeflehende, Vertriebne Bei der Verwandten Schutz zu suchen kam, Sich wider Voͤlkerrecht und Koͤnigswuͤrde Gefangen sieht, in enger Kerkerhaft Der Jugend schoͤne Jahre muß vertrauern. — Die jetzt, nachdem sie alles hat erfahren, Was das Gefaͤngniß bittres hat, gemeinen Verbrechern gleich, vor des Gerichtes Schranken Gefodert wird und schimpflich angeklagt Auf Leib und Leben — eine Koͤnigin! Sie kam ins Land als eine Moͤrderin, Verjagt von ihrem Volk, des Throns entsetzt, Den sie mit schwerer Greuelthat geschaͤndet. Verschworen kam sie gegen Englands Gluͤck, Der spanischen Maria blut'ge Zeiten Zuruͤck zu bringen, Engelland katholisch Zu machen, an den Franzmann zu verrathen. Warum verschmaͤhte sie's, den Edimburger Vertrag zu unterschreiben, ihren Anspruch An England aufzugeben, und den Weg Aus diesem Kerker schnell sich aufzuthun, Mit einem Federstrich? Sie wollte lieber Gefangen bleiben, sich mißhandelt sehn, Als dieses Titels leerem Prunk entsagen. Weswegen that sie das? Weil sie den Raͤnken Vertraut, den boͤsen Kuͤnsten der Verschwoͤrung, Und Unheilspinnend diese ganze Insel Aus ihrem Kerker zu erobern hofft. Ihr spottet, Sir — Zur Haͤrte fuͤgt ihr noch Den bittern Hohn! Sie hegte solche Traͤume, Die hier lebendig eingemauert lebt, Zu der kein Schall des Trostes, keine Stimme Der Freundschaft aus der lieben Heimat dringt, Die laͤngst kein Menschenangesicht mehr schaute, Als ihrer Kerkermeister finstre Stirn, Die erst seit kurzem einen neuen Waͤchter Erhielt in eurem rauhen Anverwandten, Von neuen Staͤben sich umgittert sieht — Kein Eisengitter schuͤtzt vor ihrer List. Weiß ich, ob diese Staͤbe nicht durchfeilt, Nicht dieses Zimmers Boden, diese Waͤnde, Von außen fest, nicht hohl von innen sind, Und den Verrath einlassen, wenn ich schlafe? Fluchvolles Amt, das mir geworden ist, Die Unheilbruͤtend listige zu huͤten. Vom Schlummer jagt die Furcht mich auf, ich gehe Nachts um, wie ein gequaͤlter Geist, erprobe Des Schlosses Riegel und der Waͤchter Treu, Und sehe zitternd jeden Morgen kommen, Der meine Furcht wahr machen kann. Doch wohl mir! Wohl! Es ist Hoffnung, daß es bald nun endet. Denn lieber moͤcht ich der Verdammten Schaar Wachstehend an der Hoͤllenpforte huͤten, Als diese raͤnkevolle Koͤnigin. Da kommt sie selbst! Den Christus in der Hand, Die Hoffart und die Weltlust in dem Herzen. Zweiter Auftritt . Maria im Schleier, ein Krucifix in der Hand. Die Vorigen. (ihr entgegen eilend). O Koͤnigin! Man tritt uns ganz mit Fuͤßen, Der Tyranney, der Haͤrte wird kein Ziel, Und jeder neue Tag haͤuft neue Leiden Und Schmach auf dein gekroͤntes Haupt. Faß dich! Sag an, was neu geschehen ist? Sieh her! Dein Pult ist aufgebrochen, deine Schriften, Dein einz'ger Schatz, den wir mit Muͤh' gerettet, Der letzte Rest von deinem Brautgeschmeide Aus Frankreich ist in seiner Hand. Du hast nun Nichts Koͤnigliches mehr, bist ganz beraubt. Beruhige dich, Hanna. Diese Flitter machen Die Koͤnigin nicht aus. Man kann uns niedrig Behandeln, nicht erniedrigen. Ich habe In England mich an viel gewoͤhnen lernen, Ich kann auch das verschmerzen. Sir, ihr habt euch Gewaltsam zugeeignet, was ich euch Noch heut' zu uͤbergeben willens war. Bei diesen Schriften findet sich ein Brief, Bestimmt fuͤr meine koͤnigliche Schwester Von England — Gebt mir euer Wort, daß ihr Ihn redlich an sie selbst wollt uͤbergeben, Und nicht in Burleighs ungetreue Hand. Ich werde mich bedenken, was zu thun ist. Ihr sollt den Inhalt wissen, Sir. Ich bitte In diesem Brief um eine große Gunst — — Um eine Unterredung mit ihr selbst, Die ich mit Augen nie gesehn — Man hat mich Vor ein Gericht von Maͤnnern vorgefodert, Die ich als meines Gleichen nicht erkennen, Zu denen ich kein Herz mir fassen kann. Elisabeth ist meines Stammes, meines Geschlechts und Ranges — Ihr allein, der Schwester, Der Koͤnigin, der Frau kann ich mich oͤffnen. Sehr oft, Milady, habt ihr euer Schicksal Und eure Ehre Maͤnnern anvertraut, Die eurer Achtung minder wuͤrdig waren. Ich bitte noch um eine zweite Gunst, Unmenschlichkeit allein kann mir sie weigern. Schon lange Zeit entbehr' ich im Gefaͤngniß Der Kirche Trost, der Sakramente Wohlthat, Und die mir Kron' und Freiheit hat geraubt, Die meinem Leben selber droht, wird mir Die Himmelsthuͤre nicht verschließen wollen. Auf euren Wunsch wird der Dechant des Orts — (unterbricht ihn lebhaft). Ich will nichts vom Dechanten. Einen Priester Von meiner eignen Kirche fodre ich. — Auch Schreiber und Notarien verlang' ich, Um meinen letzten Willen aufzusetzen. Der Gram, das lange Kerkerelend nagt An meinem Leben. Meine Tage sind Gezaͤhlt, befuͤrcht' ich, und ich achte mich Gleich einer Sterbenden. Da thut ihr wohl, Das sind Betrachtungen, die euch geziemen. Und weiß ich, ob nicht eine schnelle Hand Des Kummers langsames Geschaͤft beschleunigt? Ich will mein Testament aufsetzen, will Verfuͤgung treffen uͤber das, was mein ist. Die Freiheit habt ihr. Englands Koͤnigin Will sich mit eurem Raube nicht bereichern. Man hat von meinen treuen Kammerfrauen, Von meinen Dienern mich getrennt — Wo sind sie? Was ist ihr Schicksal? Ihrer Dienste kann ich Entrathen, doch beruhigt will ich seyn, Daß die Getreu'n nicht leiden und entbehren. Fuͤr eure Diener ist gesorgt. (Er will gehen.) Ihr geht, Sir? Ihr verlaßt mich abermals, Und ohne mein geaͤngstigt fuͤrchtend Herz Der Qual der Ungewißheit zu entladen. Ich bin, Dank eurer Spaͤher Wachsamkeit, Von aller Welt geschieden, keine Kunde Gelangt zu mir durch diese Kerkermauern, Mein Schicksal liegt in meiner Feinde Hand. Ein peinlich langer Monat ist voruͤber, Seitdem die vierzig Kommissarien In diesem Schloß mich uͤberfallen, Schranken Errichtet, schnell, mit unanstaͤndiger Eile, Mich unbereitet, ohne Anwalds Huͤlfe, Vor ein noch nie erhoͤrt Gericht gestellt, Auf schlaugefaßte schwere Klagepunkte Mich, die betaͤubte, uͤberraschte, flugs Aus dem Gedaͤchtniß Rede stehen lassen — Wie Geister kamen sie und schwanden wieder. Seit diesem Tage schweigt mir jeder Mund, Ich such' umsonst in eurem Blick zu lesen, Ob meine Unschuld, meiner Freunde Eifer, Ob meiner Feinde boͤser Rath gesiegt. Brecht endlich euer Schweigen — laßt mich wissen, Was ich zu fuͤrchten, was zu hoffen habe. (nach einer Pause). Schließt eure Rechnung mit dem Himmel ab. Ich hoff' auf seine Gnade, Sir — und hoffe Auf strenges Recht von meinen ird'schen Richtern. 2 Recht soll euch werden. Zweifelt nicht daran. Ist mein Prozeß entschieden, Sir? Ich weiß nicht. Bin ich verurtheilt? Ich weiß nichts, Milady. Man liebt hier rasch zu Werk zu gehn. Soll mich Der Moͤrder uͤberfallen wie die Richter? Denkt immerhin, es sey so, und er wird euch In beßrer Fassung dann als diese finden. Nichts soll mich in Erstaunen setzen, Sir, Was ein Gerichtshof in Westminsterhall, Den Burleighs Haß und Hattons Eifer lenkt, Zu urtheln sich erdreiste — Weiß ich doch, Was Englands Koͤnigin wagen darf zu thun . Englands Beherrscher brauchen nichts zu scheuen, Als ihr Gewissen und ihr Parlament. Was die Gerechtigkeit gesprochen, furchtlos, Vor aller Welt wird es die Macht vollziehn. Dritter Auftritt . Die Vorigen. Mortimer, Paulets Neffe, tritt herein und ohne der Koͤnigin einige Aufmerksamkeit zu bezeugen, zu Paulet. Man sucht euch, Oheim. (Er entfernt sich auf eben die Weise. Die Koͤnigin bemerkt es mit Unwillen und wendet sich zu Paulet, der ihm fol- gen will.) Sir, noch eine Bitte. Wenn ihr mir was zu sagen habt — Von euch Ertrag ich viel, ich ehre euer Alter. Den Uebermuth des Juͤnglings trag' ich nicht, Spart mir den Anblick seiner rohen Sitten. Was ihn euch widrig macht, macht mir ihn werth. Wohl ist es keiner von den weichen Thoren, Die eine falsche Weiberthraͤne schmelzt — Er ist gereist, kommt aus Paris und Rheims, Und bringt sein treu altenglisch Herz zuruͤck, Lady, an dem ist eure Kunst verloren! (geht ab.) Vierter Auftritt . Maria. Kennedy. Darf euch der Rohe das ins Antlitz sagen! O es ist hart! (in Nachdenken verloren). Wir haben in den Tagen unsers Glanzes Dem Schmeichler ein zu willig Ohr geliehn, Gerecht ist's, gute Kennedy, daß wir Des Vorwurfs ernste Stimme nun vernehmen. Wie? so gebeugt, so muthlos, theure Lady? Wart ihr doch sonst so froh, ihr pflegtet mich zu troͤsten, Und eher mußt ich euren Flattersinn Als eure Schwermut schelten. Ich erkenn' ihn. Es ist der blut'ge Schatten Koͤnig Darnleys, Der zuͤrnend aus dem Gruftgewoͤlbe steigt, Und er wird nimmer Friede mit mir machen, Bis meines Ungluͤcks Maaß erfuͤllet ist. Was fuͤr Gedanken — Du vergissest, Hanna — Ich aber habe ein getreu Gedaͤchtniß — Der Jahrstag dieser ungluͤckseligen That Ist heute abermals zuruͤckgekehrt, Er ist's, den ich mit Buß und Fasten feyre. Schickt endlich diesen boͤsen Geist zur Ruh'. Ihr habt die That mit Jahrelanger Reu', Mit schweren Leidensproben abgebuͤßt. Die Kirche, die den Loͤseschluͤssel hat Fuͤr jede Schuld, der Himmel hat vergeben. Frischblutend steigt die laͤngst vergebne Schuld Aus ihrem leichtbedeckten Grab empor! Des Gatten Rachefoderndes Gespenst Schickt keines Messedieners Glocke, kein Hochwuͤrdiges in Priesters Hand zur Gruft. Nicht ihr habt ihn gemordet! Andre thatens! Ich wußte drum. Ich ließ die That geschehn, Und lockt' ihn schmeichelnd in das Todesnetz. Die Jugend mildert eure Schuld. Ihr wart So zarten Alters noch. So zart, und lud Die schwere Schuld auf mein so junges Leben. Ihr wart durch blutige Beleidigung Gereizt und durch des Mannes Uebermuth, Den eure Liebe aus der Dunkelheit Wie eine Goͤtterhand hervorgezogen, Den ihr durch euer Brautgemach zum Throne Gefuͤhrt, mit eurer bluͤhenden Person Begluͤckt und eurer angestammten Krone. Konnt er vergessen, daß sein prangend Loos Der Liebe großmuthsvolle Schoͤpfung war? Und doch vergaß er's, der Unwuͤrdige! Beleidigte mit niedrigem Verdacht, Mit rohen Sitten eure Zaͤrtlichkeit, Und widerwaͤrtig wurd' er euren Augen Der Zauber schwand, der euren Blick getaͤuscht, Ihr floht erzuͤrnt des Schaͤndlichen Umarmung Und gabt ihn der Verachtung preiß — Und er — Versucht er's, eure Gunst zuruͤck zu rufen? Bat er um Gnade? Warf er sich bereuend Zu euren Fuͤßen, Besserung versprechend? Trotz bot euch der Abscheuliche — Der euer Geschoͤpf war, euren Koͤnig wollt er spielen, Vor euren Augen ließ er euch den Liebling Den schoͤnen Saͤnger Rizio durchbohren — Ihr raͤchtet blutig nur die blut'ge That. Und blutig wird sie auch an mir sich raͤchen, Du sprichst mein Urtheil aus, da du mich troͤstest. Da ihr die That geschehn ließt, wart ihr nicht Ihr selbst, gehoͤrtet euch nicht selbst. Ergriffen Hatt' euch der Wahnsinn blinder Liebesglut, Euch unterjocht dem furchtbaren Verfuͤhrer Dem ungluͤckselgen Bothwell — Ueber euch Mit uͤbermuͤthgem Maͤnnerwillen herrschte Der Schreckliche, der euch durch Zaubertraͤnke, Durch Hoͤllenkuͤnste das Gemuͤth verwirrend Erhitzte — Seine Kuͤnste waren keine andre, Als seine Maͤnnerkraft und meine Schwachheit. Nein, sag' ich. Alle Geister der Verdammniß Mußt' er zu Huͤlfe rufen, der dieß Band Um eure hellen Sinne wob. Ihr hattet Kein Ohr mehr fuͤr der Freundin Warnungsstimme, Kein Aug' fuͤr das, was wohlanstaͤndig war. Verlassen hatte euch die zarte Scheu Der Menschen, eure Wangen, sonst der Sitz Schaamhaft erroͤthender Bescheidenheit, Sie gluͤhten nur vom Feuer des Verlangens. Ihr warft den Schleier des Geheimnisses Von euch, des Mannes keckes Laster hatte Auch Eure Bloͤdigkeit besiegt, ihr stelltet Mit dreister Stirne eure Schmach zur Schau. Ihr ließt das koͤnigliche Schwerdt von Schottland Durch ihn, den Moͤrder, dem des Volkes Fluͤche Nachschallten, durch die Gassen Edimburgs, Vor euch hertragen im Triumph, umringtet Mit Waffen euer Parlament, und hier, Im eignen Tempel der Gerechtigkeit, Zwangt ihr mit frechem Possenspiel die Richter, Den Schuldigen des Mordes loszusprechen — Ihr giengt noch weiter — Gott! Vollende nur! Und reicht' ihm meine Hand vor dem Altare! O laßt ein ewig Schweigen diese That Bedecken! Sie ist schauderhaft, empoͤrend, Ist einer ganz Verlornen werth — Doch ihr seid keine Verlorne — ich kenn' euch ja, ich bin's, Die eure Kindheit auferzogen. Weich Ist euer Herz gebildet, offen ist's Der Schaam — der Leichtsinn nur ist euer Laster. Ich wiederhohl' es, es giebt boͤse Geister, Die in des Menschen unverwahrter Brust Sich augenblicklich ihren Wohnplatz nehmen, Die schnell in uns das Schreckliche begehn Und zu der Hoͤll' entfliehend das Entsetzen In dem befleckten Busen hinterlassen. Seit dieser That, die euer Leben schwaͤrzt, Habt ihr nichts lasterhaftes mehr begangen, Ich bin ein Zeuge eurer Besserung. Drum fasset Muth! Macht Friede mit euch selbst! Was ihr auch zu bereuen habt, in England Seid ihr nicht schuldig, nicht Elisabeth, Nicht Englands Parlament ist euer Richter. Macht ist's, die euch hier unterdruͤckt, vor diesen Anmaßlichen Gerichtshof duͤrft ihr euch Hinstellen mit dem ganzen Muth der Unschuld. Wer kommt? (Mortimer zeigt sich an der Thuͤre) Es ist der Neffe. Geht hinein. Fuͤnfter Auftritt . Die Vorigen. Mortimer scheu hereintretend. (zur Amme). Entfernt euch, haltet Wache vor der Thuͤr, Ich habe mit der Koͤnigin zu reden. (mit Ansehn). Hanna, du bleibst. Habt keine Furcht, Milady. Lernt mich kennen. (Er uͤberreicht ihr eine Charte.) (sieht sie an und faͤhrt bestuͤrzt zuruͤck) Ha! Was ist das? (zur Amme). Geht, Dame Kennedy. Sorgt, daß mein Oheim uns nicht uͤberfalle! (zur Amme, welche zaudert und die Koͤnigin fragend ansieht) Geh! Geh! Thu was er sagt. (Die Amme entfernt sich mit Zeichen der Verwunderung) Sechster Auftritt . Mortimer. Maria. Von meinem Oheim! Dem Kardinal von Lothringen aus Frankreich! (liest) „Traut dem Sir Mortimer, der euch dieß bringt, „Denn keinen treuern Freund habt ihr in England.“ (Mortimern mit Erstaunen ansehend) Ist's moͤglich? Ist's kein Blendwerk, das mich taͤuscht? So nahe find ich einen Freund und waͤhnte mich Verlassen schon von aller Welt — find ihn In euch, dem Neffen meines Kerkermeisters, In dem ich meinen schlimmsten Feind — (sich ihr zu Fuͤßen werfend). Verzeihung Fuͤr diese verhaßte Larve, Koͤnigin, Die mir zu tragen Kampf genug gekostet, Doch der ich's danke, daß ich mich euch nahen, Euch Huͤlfe und Errettung bringen kann. Steht auf — Ihr uͤberrascht mich, Sir — Ich kann So schnell nicht aus der Tiefe meines Elends Zur Hoffnung uͤbergehen — Redet, Sir — Macht mir dieß Gluͤck begreiflich, daß ich's glaube. (s t eht auf). Die Zeit verrinnt. Bald wird mein Oheim hier seyn, Und ein verhaßter Mensch begleitet ihn. Eh euch ihr Schreckensauftrag uͤberrascht, Hoͤrt an, wie euch der Himmel Rettung schickt. Er schickt sie durch ein Wunder seiner Allmacht! Erlaubt, daß ich von mir beginne. Redet, Sir! Ich zaͤhlte zwanzig Jahre, Koͤnigin, In strengen Pflichten war ich aufgewachsen, In finsterm Haß des Pabstthums aufgesaͤugt, Als mich die unbezwingliche Begierde Hinaus trieb auf das feste Land. Ich ließ Der Puritaner dumpfe Predigtstuben, Die Heimat hinter mir, in schnellem Lauf Durchzog ich Frankreich, das gepriesene Italien mit heißem Wunsche suchend. Es war die Zeit des großen Kirchenfests, Von Pilgerschaaren wimmelten die Wege, Bekraͤnzt war jedes Gottesbild, es war, Als ob die Menschheit auf der Wandrung waͤre, Wallfahrend nach dem Himmelreich — Mich selbst Ergriff der Strom der glaubenvollen Menge, Und riß mich in das Weichbild Roms — Wie ward mir, Koͤnigin! Als mir der Saͤulen Pracht und Siegesbogen, Entgegenstieg, des Kolosseums Herrlichkeit Den Staunenden umfing, ein hoher Bildnergeist In seine heitre Wunderwelt mich schloß! Ich hatte nie der Kuͤnste Macht gefuͤhlt, Es haßt die Kirche, die mich auferzog, Der Sinne Reiz, kein Abbild duldet sie, Allein das Koͤrperlose Wort verehrend. Wie wurde mir, als ich ins Innre nun Der Kirchen trat, und die Musik der Himmel Herunterstieg, und der Gestalten Fuͤlle Verschwenderisch aus Wand und Decke quoll, Das Herrlichste und Hoͤchste, gegenwaͤrtig, Vor den entzuͤckten Sinnen sich bewegte, Als ich sie selbst nun sah, die Goͤttlichen, Den Gruß des Engels, die Geburt des Herrn, Die heilge Mutter, die herabgestiegne Dreifaltigkeit, die leuchtende Verklaͤrung — Als ich den Pabst drauf sah in seiner Pracht Das Hochamt halten und die Voͤlker segnen. O was ist Goldes, was Juweelen Schein, Womit der Erde Koͤnige sich schmuͤcken! Nur Er ist mit dem Goͤttlichen umgeben. Ein wahrhaft Reich der Himmel ist sein Haus, Denn nicht von dieser Welt sind diese Formen. O schonet mein! Nicht weiter. Hoͤret auf, Den frischen Lebensteppich vor mir aus Zu breiten — Ich bin elend und gefangen. Auch ich wars, Koͤnigin! und mein Gefaͤngniß Sprang auf und frei auf einmal fuͤhlte sich Der Geist, des Lebens schoͤnen Tag begruͤßend. Haß schwur ich nun dem engen dumpfen Buch, Mit frischem Kranz die Schlaͤfe mir zu schmuͤcken, Mich froͤhlich an die Froͤhlichen zu schließen. Viel edle Schotten draͤngten sich an mich Und der Franzosen muntre Landsmannschaften. Sie brachten mich zu eurem edeln Oheim, Dem Kardinal von Guise — Welch ein Mann! Wie sicher, klar und maͤnnlich groß! — Wie ganz Gebohren, um die Geister zu regieren! Das Muster eines koͤniglichen Priesters, Ein Fuͤrst der Kirche, wie ich keinen sah! Ihr habt sein theures Angesicht gesehn, Des vielgeliebten, des erhabnen Mannes, Der meiner zarten Jugend Fuͤhrer war. O redet mir von ihm. Denkt er noch mein? Liebt ihn das Gluͤck, bluͤht ihm das Leben noch, Steht er noch herrlich da, ein Fels der Kirche? Der Treffliche ließ selber sich herab, Die hohen Glaubenslehren mir zu deuten, Und meines Herzens Zweifel zu zerstreun. Er zeigte mir, daß gruͤbelnde Vernunft Den Menschen ewig in der Irre leitet, Daß seine Augen sehen muͤssen, was Das Herz soll glauben, daß ein sichtbar Haupt Der Kirche Noth thut, daß der Geist der Wahrheit Geruht hat auf den Sitzungen der Vaͤter. Die Wahnbegriffe meiner kind'schen Seele, Wie schwanden sie vor seinem siegenden Verstand und vor der Suada seines Mundes! Ich kehrte in der Kirche Schooß zuruͤck, Schwur meinen Irrthum ab in seine Haͤnde. So seid ihr einer jener Tausende, Die er mit seiner Rede Himmelskraft Wie der erhabne Prediger des Berges Ergriffen und zum ew'gen Heil gefuͤhrt! Als ihn des Amtes Pflichten bald darauf Nach Frankreich riefen, sandt' er mich nach Rheims , Wo die Gesellschaft Jesu, fromm geschaͤftig, Fuͤr Englands Kirche Priester auferzieht. Den edeln Schotten Morgan fand ich hier, Auch euren treuen Leßley, den gelehrten Bischof von Roße, die auf Frankreichs Boden Freudlose Tage der Verbannung leben — Eng schloß ich mich an diese Wuͤrdigen, Und staͤrkte mich im Glauben — Eines Tags, Als ich mich umsah in des Bischofs Wohnung, Fiel mir ein weiblich Bildniß in die Augen, Von ruͤhrend wundersamem Reiz, gewaltig Ergriff es mich in meiner tiefsten Seele, Und des Gefuͤhls nicht maͤchtig stand ich da. Da sagte mir der Bischof: Wohl mit Recht Moͤgt ihr geruͤhrt bei diesem Bilde weilen. Die schoͤnste aller Frauen, welche leben, Ist auch die jammernswuͤrdigste von allen, Um unsers Glaubens willen duldet sie Und euer Vaterland ist's, wo sie leidet. Der Redliche! Nein, ich verlor nicht alles, Da solcher Freund im Ungluͤck mir geblieben. Drauf fing er an, mit herzerschuͤtternder Beredsamkeit mir euer Maͤrtyrthum Und eurer Feinde Blutgier abzuschildern. Auch euern Stammbaum wieß er mir, er zeigte Mir eure Abkunft von dem hohen Hause Der Tudor, uͤberzeugte mich, daß euch Allein gebuͤhrt in Engelland zu herrschen, Nicht dieser Afterkoͤnigin, gezeugt In ehebrecherischem Bett, die Heinrich, Ihr Vater, selbst verwarf als Bastardtochter. Nicht seinem einz'gen Zeugniß wollt ich traun, Ich hohlte Rath bei allen Rechtsgelehrten, Viel alte Wappenbuͤcher schlug ich nach, Und alle Kundige, die ich befragte, Bestaͤtigten mir eures Anspruchs Kraft. Ich weiß nunmehr, daß euer gutes Recht An England euer ganzes Unrecht ist, Daß euch dieß Reich als Eigenthum gehoͤrt, Worin ihr schuldlos als Gefangne schmachtet. O dieses ungluͤcksvolle Recht! Es ist Die einz'ge Quelle aller meiner Leiden. Um diese Zeit kam mir die Kunde zu, Daß ihr aus Talbots Schloß hinweggefuͤhrt, Und meinem Oheim uͤbergeben worden — Des Himmels wundervolle Rettungshand Glaubt ich in dieser Fuͤgung zu erkennen, 3 Ein lauter Ruf des Schicksals war sie mir, Das meinen Arm gewaͤhlt, euch zu befreien. Die Freunde stimmen freudig bei, es giebt Der Kardinal mir seinen Rath und Segen, Und lehrt mich der Verstellung schwere Kunst. Schnell ward der Plan entworfen, und ich trete Den Ruͤckweg an ins Vaterland, wo ich, Ihr wißt's, vor zehen Tagen bin gelandet. (Er haͤlt inne.) Ich sah euch, Koͤnigin — Euch selbst! Nicht euer Bild! — O welchen Schatz bewahrt Dieß Schloß! Kein Kerker! Eine Goͤtterhalle, Glanzvoller als der koͤnigliche Hof Von England — O des gluͤcklichen, dem es Vergoͤnnt ist, eine Luft mit euch zu athmen! Wohl hat sie Recht, die euch so tief rerbirgt! Aufstehen wuͤrde Englands ganze Jugend, Kein Schwerdt in seiner Scheide muͤßig bleiben, Und die Empoͤrung mit gigantischem Haupt Durch diese Friedensinsel schreiten, saͤhe Der Britte seine Koͤnigin! Wohl ihr! Saͤh jeder Britte sie mit euren Augen! Waͤr er, wie ich, ein Zeuge eurer Leiden, Der Sanftmuth Zeuge und der edlen Fassung, Womit ihr das Unwuͤrdige erduldet. Denn geht ihr nicht aus allen Leidensproben, Als eine Koͤnigin hervor? Raubt euch Des Kerkers Schmach von eurem Schoͤnheitsglanze? Euch mangelt alles, was das Leben schmuͤckt, Und doch umfließt euch ewig Licht und Leben. Nie setz' ich meinen Fuß auf diese Schwelle, Daß nicht mein Herz zerrissen wird von Qualen, Nicht von der Lust entzuͤckt, euch anzuschauen! — Doch furchtbar naht sich die Entscheidung, wachsend Mit jeder Stunde dringet die Gefahr, Ich darf nicht laͤnger saͤumen — Euch nicht laͤnger Das Schreckliche verbergen — Ist mein Urtheil Gefaͤllt? Entdeckt mir's frei. Ich kann es hoͤren. Es ist gefaͤllt. Die zwey und vierzig Richter haben Ihr Schuldig ausgesprochen uͤber euch. Das Haus Der Lords und der Gemeinen, die Stadt London Bestehen heftig dringend auf des Urtheils Vollstreckung, nur die Koͤnigin saͤumt noch, — Aus arger List, daß man sie noͤthige, Nicht aus Gefuͤhl der Menschlichkeit und Schonung. (mit Fassung). Sir Mortimer, ihr uͤberrascht mich nicht, Erschreckt mich nicht. Auf solche Botschaft war ich Schon laͤngst gefaßt. Ich kenne meine Richter. Nach den Mißhandlungen, die ich erlitten, Begreif' ich wohl, daß man die Freiheit mir Nicht schenken kann — Ich weiß, wo man hinaus will. In ew'gem Kerker will man mich bewahren, Und meine Rache, meinen Rechtsanspruch Mit mir verscharren in Gefaͤngnißnacht. Nein, Koͤnigin — o nein! nein! Dabei steht man Nicht still. Die Tyranney begnuͤgt sich nicht, Ihr Werk nur halb zu thun. So lang ihr lebt, Lebt auch die Furcht der Koͤnigin von England. Euch kann kein Kerker tief genug begraben, Nur euer Tod versichert ihren Thron. Sie koͤnnt' es wagen, mein gekroͤntes Haupt Schmachvoll auf einen Henkerblock zu legen? Sie wird es wagen. Zweifelt nicht daran. Sie koͤnnte so die eigne Majestaͤt Und aller Koͤnige im Staube waͤlzen? Und fuͤrchtet sie die Rache Frankreichs nicht? Sie schließt mit Frankreich einen ew'gen Frieden, Dem Duͤc von Anjou schenkt sie Thron und Hand. Wird sich der Koͤnig Spaniens nicht waffnen? Nicht eine Welt in Waffen fuͤrchtet sie, So lang sie Frieden hat mit ihrem Volke. Den Britten wollte sie dieß Schauspiel geben? Dieß Land, Milady, hat in letzten Zeiten Der koͤniglichen Frauen mehr vom Thron Herab aufs Blutgeruͤste steigen sehn. Die eigne Mutter der Elisabeth Gieng diesen Weg, und Catharina Howard, Auch Lady Gray war ein gekroͤntes Haupt. (nach einer Pause). Nein, Mortimer! Euch blendet eitle Furcht Es ist die Sorge eures treuen Herzens, Die euch vergebne Schrecknisse erschafft. Nicht das Schaffot ist's, das ich fuͤrchte, Sir. Es giebt noch andre Mittel, stillere, Wodurch sich die Beherrscherin von England Vor meinem Anspruch Ruhe schaffen kann. Eh' sich ein Henker fuͤr mich findet, wird Noch eher sich ein Moͤrder dingen lassen. — Das ist's, wovor ich zittre, Sir! und nie Setz ich des Bechers Rand an meine Lippen, Daß nicht ein Schauder mich ergreift, er koͤnnte Kredenzt seyn von der Liebe meiner Schwester. Nicht offenbar noch heimlich soll's dem Mord Gelingen, euer Leben anzutasten. Seid ohne Furcht! Bereitet ist schon alles, Zwoͤlf edle Juͤnglinge des Landes sind In meinem Buͤndniß, haben heute fruͤh Das Sakrament darauf empfangen, euch Mit starkem Arm aus diesem Schloß zu fuͤhren. Graf Aubespine , der Abgesandte Frankreichs, Weiß um den Bund, er bietet selbst die Haͤnde, Und sein Pallast ist's, wo wir uns versammeln. Ihr macht mich zittern, Sir — doch nicht fuͤr Freude. Mir fliegt ein boͤses Ahnden durch das Herz. Was unternehmt ihr? Wißt ihr's? Schrecken euch Nicht Babingtons , nicht Tichburns blut'ge Haͤupter, Auf Londons Bruͤcke warnend aufgesteckt, Nicht das Verderben der unzaͤhligen, Die ihren Tod in gleichem Wagstuͤck fanden, Und meine Ketten schwerer nur gemacht? Ungluͤcklicher, verfuͤhrter Juͤngling — flieht! Flieht, wenn's noch Zeit ist — wenn der Spaͤher Burleigh Nicht jetzt schon Kundschaft hat von euch, nicht schon In eure Mitte den Verraͤther mischte. Flieht aus dem Reiche schnell! Marien Stuart Hat noch kein Gluͤcklicher beschuͤtzt. Mich schrecken Nicht Babingtons, nicht Tichburns blut'ge Haͤupter, Auf Londons Bruͤcke warnend aufgesteckt, Nicht das Verderben der unzaͤhl'gen andern, Die ihren Tod in gleichem Wagstuͤck fanden, Sie fanden auch darin den ew'gen Ruhm, Und Gluͤck schon ist's, fuͤr eure Rettung sterben. Umsonst! Mich rettet nicht Gewalt, nicht List. Der Feind ist wachsam und die Macht ist sein. Nicht Paulet nur und seiner Waͤchter Schaar, Ganz England huͤtet meines Kerkers Thore. Der freie Wille der Elisabeth allein Kann sie mir aufthun. O das hoffet nie! Ein einz'ger Mann lebt, der sie oͤffnen kann. O nennt mir diesen Mann — Graf Lester. (tritt erstaunt zuruͤck). Lester! Graf Lester! — Euer blutigster Verfolger, Der Guͤnstling der Elisabeth — von diesem — Bin ich zu retten, ist's allein durch ihn. — Geht zu ihm. Oeffnet euch ihm frei. Und zur Gewaͤhr, daß ichs bin, die euch sendet, Bringt ihm dieß Schreiben. Es enthaͤlt mein Bildniß. (Sie zieht ein Papier aus dem Busen, Mortimer tritt zuruͤck und zoͤgert, es anzunehmen.) Nehmt hin. Ich trag' es Lange schon bei mir, Weil eures Oheims strenge Wachsamkeit Mir jeden Weg zu ihm gehemmt — Euch sandte Mein guter Engel — Koͤnigin — dieß Raͤthsel — Erklaͤrt es mir — Graf Lester wird's euch loͤsen. Vertraut ihm, er wird euch vertraun — Wer kommt? (eilfertig eintretend). Sir Paulet naht mit einem Herrn vom Hofe. Es ist Lord Burleigh. Faßt euch, Koͤnigin! Hoͤrt es mit Gleichmut an, was er euch bringt. (Er entfernt sich durch eine Seitenthuͤr, Kennedy folgt ihm.) Siebenter Auftritt . Maria. Lord Burleigh, Großschatzmeister von England, und Ritter Paulet. Ihr wuͤnschtet heut Gewißheit eures Schicksals, Gewißheit bringt euch Seine Herrlichkeit, Milord von Burleigh. Tragt sie mit Ergebung. Mit Wuͤrde, hoff' ich, die der Unschuld ziemt. Ich komme als Gesandter des Gerichts. Lord Burleigh leiht dienstfertig dem Gerichte, Dem er den Geist geliehn, nun auch den Mund. Ihr sprecht, als wuͤßtet ihr bereits das Urtheil. Da es Lord Burleigh bringt, so weiß ich es. — Zur Sache, Sir. Ihr habt euch dem Gericht Der zwey und vierzig unterworfen, Lady — Verzeiht, Milord, daß ich euch gleich zu Anfang Ins Wort muß fallen — Unterworfen haͤtt' ich mich Dem Richterspruch der zwey und vierzig, sagt ihr? Ich habe keineswegs mich unterworfen. Nie konnt' ich das — ich konnte meinem Rang, Der Wuͤrde meines Volks und meines Sohnes Und aller Fuͤrsten nicht so viel vergeben. Verordnet ist im englischen Gesetz, Daß jeder Angeklagte durch Geschworne Von seines Gleichen soll gerichtet werden. Wer in der Kommittee ist meines Gleichen? Nur Koͤnige sind meine Peers. Ihr hoͤrtet Die Klagartikel an, ließt euch daruͤber Vernehmen vor Gerichte — Ja, ich habe mich Durch Hattons arge List verleiten lassen, Bloß meiner Ehre wegen, und im Glauben An meiner Grunde siegende Gewalt, Ein Ohr zu leihen jenen Klagepunkten Und ihren Ungrund darzuthun — Das that ich Aus Achtung fuͤr die wuͤrdigen Personen Der Lords, nicht fuͤr ihr Amt, das ich verwerfe. Ob ihr sie anerkennt, ob nicht, Milady, Das ist nur eine leere Foͤrmlichkeit, Die des Gerichtes Lauf nicht hemmen kann. Ihr athmet Englands Luft, genießt den Schutz, Die Wohlthat des Gesetzes, und so seid ihr Auch seiner Herrschaft Unterthan! Ich athme Die Luft in einem englischen Gefaͤngniß. Heißt das in England leben, der Gesetze Wohlthat genießen? Kenn' ich sie doch kaum. Nie hab' ich eingewilligt, sie zu halten. Ich bin nicht dieses Reiches Buͤrgerin, Bin eine freie Koͤnigin des Auslands. Und denkt ihr, daß der koͤnigliche Name Zum Freibrief dienen koͤnne, blut'ge Zwietracht In fremdem Lande straflos auszusaͤen? Wie stuͤnd' es um die Sicherheit der Staaten, Wenn das gerechte Schwerdt der Themis nicht Die schuld'ge Stirn des koͤniglichen Gastes Erreichen koͤnnte, wie des Bettlers Haupt? Ich will mich nicht der Rechenschaft entziehn, Die Richter sind es nur, die ich verwerfe. Die Richter! Wie Milady? Sind es etwa Vom Poͤbel aufgegriffene Verworfne, Schaamlose Zungendrescher, denen Recht Und Wahrheit feil ist, die sich zum Organ Der Unterdruͤckung willig dingen lassen? Sind's nicht die ersten Maͤnner dieses Landes, Selbststaͤndig gnug, um wahrhaft seyn zu duͤrfen, Um uͤber Fuͤrstenfurcht und niedrige Bestechung weit erhaben sich zu sehn? Sind's nicht dieselben, die ein edles Volk Frei und gerecht regieren, deren Namen Man nur zu nennen braucht, um jeden Zweifel, Um jeden Argwohn schleunig stumm zu machen? An ihrer Spitze steht der Voͤlkerhirte, Der fromme Primas von Kanterbury, Der weise Talbot, der des Siegels wahret, Und Howard , der des Reiches Flotten fuͤhrt. Sagt! Konnte die Beherrscherin von England Mehr thun, als aus der ganzen Monarchie Die edelsten auslesen und zu Richtern In diesem koͤniglichen Streit bestellen? Und waͤr's zu denken, daß Partheienhaß Den einzelnen bestaͤche — Koͤnnen vierzig Erles'ne Maͤnner sich in einem Spruche Der Leidenschaft vereinigen? (nach einigem Stillschweigen). Ich hoͤre staunend die Gewalt des Mundes, Der mir von je so unheilbringend war — Wie werd' ich mich, ein ungelehrtes Weib, Mit so kunstfert'gem Redner messen koͤnnen! — Wohl' waͤren diese Lords, wie ihr sie schildert, Verstummen muͤßt' ich, hoffnungslos verloren Waͤr meine Sache, spraͤchen sie mich schuldig. Doch diese Namen, die ihr preisend nennt, Die mich durch ihr Gewicht zermalmen sollen, Milord, ganz andere Rollen, seh' ich sie In den Geschichten dieses Landes spielen. Ich sehe diesen hohen Adel Englands, Des Reiches majestaͤtischen Senat, Gleich Sklaven des Serails den Sultanslaunen Heinrichs des Achten, meines Großohms, schmeicheln — Ich sehe dieses edle Oberhaus, Gleich feil mit den erkaͤuflichen Gemeinen, Gesetze praͤgen und verrufen, Ehen Aufloͤsen, binden, wie der Maͤchtige Gebietet, Englands Fuͤrstentoͤchter heute Enterben, mit dem Bastardnamen schaͤnden, Und morgen sie zu Koͤniginnen kroͤnen. Ich sehe diese wuͤrd'gen Peers mit schnell Vertauschter Ueberzeugung unter vier Regierungen den Glauben viermal aͤndern — Ihr nennt euch fremd in Englands Reichsgesetzen, In Englands Ungluͤck seid ihr sehr bewandert. Und das sind meine Richter! — Lord Schatzmeister! Ich will gerecht seyn gegen euch! Seid ihr's Auch gegen mich — Man sagt, ihr meint es gut Mit diesem Staat, mit eurer Koͤnigin, Seid unbestechlich, wachsam, unermuͤdet — Ich will es glauben. Nicht der eigne Nutzen Regiert euch, euch regiert allein der Vortheil Des Souverains, des Landes. Eben darum Mistraut euch, edler Lord, daß nicht der Nutzen Des Staats euch als Gerechtigkeit erscheine. Nicht zweifl' ich dran, es sitzen neben euch Noch edle Maͤnner unter meinen Richtern. Doch sie sind Protestanten , Eiferer Fuͤr Englands Wohl, und sprechen uͤber mich, Die Koͤnigin von Schottland, die Papistin! Es kann der Britte gegen den Schotten nicht Gerecht seyn, ist ein uralt Wort — Drum ist Herkoͤmmlich seit der Vaͤter grauen Zeit, Daß vor Gericht kein Britte gegen den Schotten, Kein Schotte gegen jenen zeugen darf. Die Noth gab dieses seltsame Gesetz, Ein tiefer Sinn wohnt in den alten Braͤuchen, Man muß sie ehren, Milord — die Natur Warf diese beiden feur'gen Voͤlkerschaften Auf dieses Bret im Ocean, ungleich Vertheilte sie's, und hieß sie darum kaͤmpfen. Der Tweede schmales Bette trennt allein Die heft'gen Geister, oft verm is chte sich Das Blut der Kaͤmpfenden in ihren Wellen. Die Hand am Schwerdte, schauen sie sich drohend Von beiden Ufern an, seit tausend Jahren. Kein Feind bedraͤnget Engelland, dem nicht Der Schotte sich zum Helfer zugesellte, Kein Buͤrgerkrieg entzuͤndet Schottlands Staͤdte, Zu dem der Britte nicht den Zunder trug. Und nicht erloͤschen wird der Haß, bis endlich Ein Parlament sie bruͤderlich vereint, Ein Scepter waltet durch die ganze Insel. Und eine Stuart sollte dieses Gluͤck Dem Reich gewaͤhren? Warum soll ich's laͤugnen? Ja ich gesteh's, daß ich die Hoffnung naͤhrte, Zwei edle Nationen unterm Schatten Des Oelbaums frei und froͤlich zu vereinen. Nicht ihres Voͤlkerhasses Opfer glaubt' ich Zu werden; ihre lange Eifersucht, Der alten Zwietracht ungluͤcksel'ge Glut Hofft' ich auf ew'ge Tage zu ersticken. Und wie mein Ahnherr Richmond die zwei Rosen Zusammenband nach blut'gem Streit, die Kronen Schottland und England friedlich zu vermaͤhlen. Auf schlimmem Weg verfolgtet ihr dieß Ziel, Da ihr das Reich entzuͤnden, durch die Flammen Des Buͤrgerkriegs zum Throne steigen wolltet. Das wollt' ich nicht — beim großen Gott des Himmels! Wann haͤtt' ich das gewollt? Wo sind die Proben? Nicht Streitens wegen kam ich her. Die Sache Ist keinem Wortgefecht mehr unterworfen. Es ist erkannt durch vierzig Stimmen gegen zwey, Daß ihr die Akte vom vergangnen Jahr Gebrochen, dem Gesetz verfallen seid. Es ist verordnet im vergangnen Jahr „Wenn sich Tumult im Koͤnigreich erhuͤbe, „Im Namen und zum Nutzen irgend einer „Person, die Rechte vorgiebt an die Krone, „Daß man gerichtlich gegen sie verfahre, „Bis in den Tod die Schuldige verfolge“ — Und da bewiesen ist — Milord von Burleigh! Ich zweifle nicht, daß ein Gesetz, ausdruͤcklich Auf mich gemacht, verfaßt, mich zu verderben, Sich gegen mich wird brauchen lassen — Wehe Dem armen Opfer, wenn derselbe Mund, Der das Gesetz gab, auch das Urtheil spricht! Koͤnnt ihr es laͤugnen, Lord, daß jene Akte Zu meinem Untergang ersonnen ist? 1 Zu eurer Warnung sollte sie gereichen, Zum Fallstrick habt ihr selber sie gemacht. Den Abgrund saht ihr, der vor euch sich aufthat, Und treugewarnet stuͤrztet ihr hinein. Ihr wart mit Babington, dem Hochverraͤther, Und seinen Mordgesellen einverstanden, Ihr hattet Wissenschaft von allem, lenktet Aus eurem Kerker planvoll die Verschwoͤrung. Wann haͤtt' ich das gethan? Man zeige mir Die Dokumente auf. Die hat man euch Schon neulich vor Gerichte vorgewiesen. Die Copien, von fremder Hand geschrieben! Man bringe die Beweise mir herbey, Daß ich sie selbst diktirt, daß ich sie so Diktirt, gerade so, wie man gelesen. Daß es dieselben sind, die er empfangen, Hat Babington vor seinem Tod bekannt. Und warum stellte man ihn mir nicht lebend Vor Augen? Warum eilte man so sehr, Ihn aus der Welt zu foͤrdern, eh' man ihn Mir, Stirne gegen Stirne, vorgefuͤhrt? Auch eure Schreiber, Kurl und Rau, erhaͤrten Mit einem Eid, daß es die Briefe seien, Die sie aus eurem Munde niederschrieben. Und auf das Zeugniß meiner Hausbedienten Verdammt man mich? Auf Treu und Glauben derer, Die mich verrathen, ihre Koͤnigin, Die in demselben Augenblick die Treu Mir brachen, da sie gegen mich gezeugt? Ihr selbst erklaͤrtet sonst den Schotten Kurl Fuͤr einen Mann von Tugend und Gewissen. So kannt' ich ihn — doch eines Mannes Tugend Erprobt allein die Stunde der Gefahr. Die Folter konnt' ihn aͤngstigen, daß er Aussagte und gestand, was er nicht wußte! Durch falsches Zeugniß glaubt' er sich zu retten. Und mir, der Koͤnigin, nicht viel zu schaden. Mit einem freien Eid hat er's beschworen. Vor meinem Angesichte nicht! — Wie, Sir? Das sind zwei Zeugen, die noch beide leben! Man stelle sie mir gegenuͤber, lasse sie Ihr Zeugniß mir in's Antlitz wiederholen! Warum mir eine Gunst, ein Recht verweigern, Das man dem Moͤrder nicht versagt? Ich weiß Aus Talbots Munde, meines vor'gen Huͤters, Daß unter dieser naͤmlichen Regierung Ein Reichsschluß durchgegangen, der befiehlt, Den Klaͤger dem Beklagten vorzustellen. Wie? Oder hab' ich falsch gehoͤrt? — Sir Paulet! Ich hab' euch stets als Biedermann erfunden, Beweißt es jetzo. Sagt mir auf Gewissen, Ist's nicht so? Giebt's kein solch Gesetz in England? So ist's Milady. Das ist bei uns Rechtens. Was wahr ist, muß ich sagen. Nun, Milord! Wenn man mich denn so streng nach englischem Recht Behandelt, wo dieß Recht mich unterdruͤckt, Warum dasselbe Landesrecht umgehen, Wenn es mir Wohlthat werden kann? — Antwortet! Warum ward Babington mir nicht vor Augen Gestellt, wie das Gesetz befiehlt? Warum Nicht meine Schreiber, die noch beide leben? Ereifert euch nicht, Lady. Euer Einverstaͤndniß Mit Babington ist's nicht allein — Es ist's Allein, was mich dem Schwerdte des Gesetzes Blosstellt, wovon ich mich zu rein'gen habe. Milord! Bleibt bei der Sache. Beugt nicht aus. Es ist bewiesen, daß ihr mit Mendoza, Dem spanischen Botschafter, unterhandelt — (lebhaft). Bleibt bei der Sache, Lord! Daß ihr Anschlaͤge Geschmiedet, die Religion des Landes Zu stuͤrzen, alle Koͤnige Europens Zum Krieg mit England aufgeregt — Und wenn ich's Gethan? Ich hab' es nicht gethan — Jedoch Gesetzt, ich that's! — Milord, man haͤlt mich hier Gefangen wider alle Voͤlkerrechte. Nicht mit dem Schwerdte kam ich in dieß Land, Ich kam herein, als eine Bittende, Das heil'ge Gastrecht fodernd, in den Arm Der blutsverwandten Koͤnigin mich werfend — Und so ergriff mich die Gewalt, bereitete Mir Ketten, wo ich Schutz gehofft — Sagt an! Ist mein Gewissen gegen diesen Staat Gebunden? Hab' ich Pflichten gegen England? Ein heilig Zwangsrecht uͤb' ich aus, da ich Aus diesen Banden strebe, Macht mit Macht Abwende, alle Staaten dieses Welttheils Zu meinem Schutz aufruͤhre und bewege. Was irgend nur in einem guten Krieg Recht ist und ritterlich, das darf ich uͤben. Den Mord allein, die heimlich blut'ge That, Verbietet mir mein Stolz und mein Gewissen, Mord wuͤrde mich beflecken und entehren. Entehren sag' ich — Keinesweges mich Verdammen, einem Rechtsspruch unterwerfen. Denn nicht vom Rechte, von Gewalt allein Ist zwischen mir und Engelland die Rede. (bedeutend). Nicht auf der Staͤrke schrecklich Recht beruft euch Milady! Es ist der Gefangenen nicht guͤnstig. Ich bin die Schwache, sie die Maͤcht'ge — Wohl! Sie brauche die Gewalt, sie toͤde mich, Sie bringe ihrer Sicherheit das Opfer. Doch sie gestehe dann, daß sie die Macht Allein, nicht die Gerechtigkeit geuͤbt. Nicht vom Gesetze borge sie das Schwerdt, Sich der verhaßten Feindin zu entladen, Und kleide nicht in heiliges Gewand Der rohen Staͤrke blutiges Erkuͤhnen. Solch Gaukelspiel betruͤge nicht die Welt! Ermorden lassen kann sie mich, nicht richten! Sie geb' es auf, mit des Verbrechens Fruͤchten Den heil'gen Schein der Tugend zu vereinen, Und was sie ist, das wage sie zu scheinen! (Sie geht ab.) Achter Auftritt . Burleigh. Paulet. Sie trotzt uns — wird uns trotzen, Ritter Paulet, Bis an die Stufen des Schaffots — Dieß stolze Herz Ist nicht zu brechen — Ueberraschte sie Der Urthelspruch? Saht ihr sie eine Thraͤne Vergießen? Ihre Farbe nur veraͤndern? Nicht unser Mitleid ruft' sie an. Wohl kennt sie Den Zweifelmuth der Koͤnigin von England, Und unsre Furcht ist's, was sie muthig macht. Lord Großschatzmeister! Dieser eitle Trotz wird schnell Verschwinden, wenn man ihm den Vorwand raubt. Es sind Unziemlichkeiten vorgegangen In diesem Rechtstreit, wenn ich's sagen darf. Man haͤtte diesen Babington und Tichburn Ihr in Person vorfuͤhren, ihre Schreiber Ihr gegenuͤber stellen sollen. (schnell). Nein! Nein, Ritter Paulet! Das war nicht zu wagen. Zu groß ist ihre Macht auf die Gemuͤther Und ihrer Thraͤnen weibliche Gewalt. Ihr Schreiber Kurl, staͤnd' er ihr gegenuͤber, Kaͤm' es dazu, das Wort nun auszusprechen, An dem ihr Leben haͤngt — er wuͤrde zaghaft Zuruͤckziehn, sein Gestaͤndniß wiederrufen — So werden Englands Feinde alle Welt Erfuͤllen mit gehaͤßigen Geruͤchten, Und des Prozesses festliches Gepraͤng Wird als ein kuͤhner Frevel nur erscheinen. Dieß ist der Kummer unsrer Koͤnigin — Daß diese Stifterin des Unheils doch Gestorben waͤre, ehe sie den Fuß Auf Englands Boden setzte! Dazu sag' ich Amen. Daß Krankheit sie im Kerker aufgerieben! Viel Ungluͤck haͤtt' es diesem Land erspart. Doch haͤtt' auch gleich ein Zufall der Natur Sie hingerafft — Wir hießen doch die Moͤrder. Wohl wahr. Man kann den Menschen nicht verwehren, Zu denken, was sie wollen. Zu beweisen waͤr's Doch nicht, und wuͤrde weniger Geraͤusch erregen — Mag es Geraͤusch erregen! Nicht der laute, Nur der gerechte Tadel kann verletzen. O! auch die heilige Gerechtigkeit Entflieht dem Tadel nicht. Die Meinung haͤlt es Mit dem Ungluͤcklichen, es wird der Neid Stets den obsiegend gluͤcklichen verfolgen. Das Richterschwerdt, womit der Mann sich ziert, Verhaßt ist's in der Frauen Hand. Die Welt Glaubt nicht an die Gerechtigkeit des Weibes, Sobald ein Weib das Opfer wird. Umsonst, Daß wir, die Richter, nach Gewissen sprachen! Sie hat der Gnade koͤnigliches Recht. Sie muß es brauchen, unertraͤglich ist's, Wenn sie den strengen Lauf laͤßt dem Gesetze! Und also — (rasch einfallend). Also soll sie leben? Nein! Sie darf nicht leben! Nimmermehr! Dieß, eben Dieß ist's, was unsre Koͤnigin beaͤngstigt — Warum der Schlaf ihr Lager flieht — Ich lese In ihren Augen ihrer Seele Kampf, Ihr Mund wagt ihre Wuͤnsche nicht zu sprechen, Doch vielbedeutend fragt ihr stummer Blick: Ist unter allen meinen Dienern keiner, Der die verhaßte Wahl mir spart, in ew'ger Furcht Auf meinem Thron zu zittern, oder grausam Die Koͤnigin, die eigne Blutsverwandte Dem Beil zu unterwerfen? Das ist nun die Nothwendigkeit, steht nicht zu aͤndern. Wohl stuͤnd's zu aͤndern, meint die Koͤnigin, Wenn sie nur aufmerksam're Diener haͤtte. Aufmerksame! Die einen stummen Auftrag Zu deuten wissen. Einen stummen Auftrag! Die, wenn man ihnen eine gift'ge Schlange Zu huͤten gab, den anvertrauten Feind Nicht wie ein heilig theures Kleinod huͤten. (bedeutungsvoll). Ein hohes Kleinod ist der gute Name, Der unbescholtne Ruf der Koͤnigin, Den kann man nicht zu wohl bewachen, Sir! Als man die Lady von dem Schrewsbury Wegnahm und Ritter Paulets Hut vertraute, Da war die Meinung — Ich will hoffen, Sir, Die Meinung war, daß man den schwersten Auftrag Den reinsten Haͤnden uͤbergeben wollte. Bei Gott! Ich haͤtte dieses Schergenamt Nicht uͤbernommen, daͤcht' ich nicht, daß es Den besten Mann in England foderte. Laßt mich nicht denken, daß ich's etwas anderm Als meinem reinen Rufe schuldig bin. Man breitet aus, sie schwinde, laͤßt sie kraͤnker Und kraͤnker werden, endlich still verscheiden, So stirbt sie in der Menschen Angedenken — Und euer Ruf bleibt rein. Nicht mein Gewissen. Wenn ihr die eigne Hand nicht leihen wollt, So werdet ihr der fremden doch nicht wehren — (unterbricht ihn). Kein Moͤrder soll sich ihrer Schwelle nahn, So lang die Goͤtter meines Dachs sie schuͤtzen. Ihr Leben ist mir heilig, heil'ger nicht Ist mir das Haupt der Koͤnigin von England. Ihr seid die Richter! Richter! Brecht den Stab! Und wenn es Zeit ist, laßt den Zimmerer Mit Axt und Saͤge kommen, das Geruͤst Aufschlagen — fuͤr den Scherif und den Henker Soll meines Schlosses Pforte offen seyn. Jetzt ist sie zur Bewahrung mir vertraut, Und seid gewiß, ich werde sie bewahren, Daß sie nichts Boͤses thun soll, noch erfahren! (gehen ab.) Zweiter Aufzug . Der Pallast zu Westminster . Erster Auftritt . Der Graf von Kent und Sir William Davison (begegnen einander). S eid ihr's, Milord von Kent? Schon vom Turnierplatz Zuruͤck, und ist die Festlichkeit zu Ende? Wie? Wohntet ihr dem Ritterspiel nicht bei? Mich hielt mein Amt. Ihr habt das schoͤnste Schauspiel Verloren, Sir, das der Geschmack ersonnen, Und edler Anstand ausgefuͤhrt — denn wißt! Es wurde vorgestellt die keusche Vestung Der Schoͤnheit, wie sie vom Verlangen Berennt wird — Der Lord Marschall, Oberrichter Der Seneschal nebst zehen andern Rittern Der Koͤnigin vertheidigten die Vestung, Und Frankreichs Kavaliere griffen an. Voraus erschien ein Herold, der das Schloß Aufforderte in einem Madrigale, Und von dem Wall antwortete der Kanzler. Drauf spielte das Geschuͤtz, und Blumenstraͤuße, Wohlriechend koͤstliche Essenzen wurden Aus niedlichen Feldstuͤcken abgefeuert. Umsonst! die Stuͤrme wurden abgeschlagen, Und das Verlangen mußte sich zuruͤckziehn. Ein Zeichen boͤser Vorbedeutung, Graf, Fuͤr die Franzoͤsische Brautwerbung. Nun, nun, das war ein Scherz — Im Ernste denk' ich, Wird sich die Vestung endlich doch ergeben. Glaubt ihr? Ich glaub' es nimmermehr. Die schwierigsten Artikel sind bereits Berichtigt und von Frankreich zugestanden. Monsieur begnuͤgt sich, in verschlossener Kapelle seinen Gottesdienst zu halten, Und oͤffentlich die Reichsreligion Zu ehren und zu schuͤtzen — Haͤttet ihr den Jubel Des Volks gesehn, als diese Zeitung sich verbreitet! Denn dieses war des Landes ew'ge Furcht, Sie moͤchte sterben ohne Leibeserben, Und England wieder Pabstes Fesseln tragen, Wenn ihr die Stuart auf dem Throne folgte. Der Furcht kann es entledigt seyn — Sie geht Ins Brautgemach, die Stuart geht zum Tode. Die Koͤnigin kommt! Zweiter Auftritt . Die Vorigen. Elisabeth, von Leicester gefuͤhrt. Graf Aubespine, Bellievre, Graf Schrewsbury, Lord Bur- leigh mit noch andern Franzoͤsischen und Englischen Herren treten auf. (zu Aubespine). Graf! Ich beklage diese edeln Herrn, Die ihr galanter Eifer uͤber Meer Hieher gefuͤhrt, daß sie die Herrlichkeit Des Hofs von S. Germain bei mir vermissen. Ich kann so praͤcht'ge Goͤtterfeste nicht Erfinden, als die koͤnigliche Mutter Von Frankreich — Ein gesittet froͤhlich Volk, Das sich, so oft ich oͤffentlich mich zeige, Mit Segnungen um meine Saͤnfte draͤngt, Dieß ist das Schauspiel, das ich fremden Augen Mit ein'gem Stolze zeigen kann. Der Glanz Der Edelfraͤulein, die im Schoͤnheitsgarten Der Katharina bluͤhn, verbaͤrge nur Mich selber und mein schimmerlos Verdienst. Nur Eine Dame zeigt Westminsterhof Dem uͤberraschten Fremden — aber alles, Was an dem reizenden Geschlecht entzuͤckt, Stellt sich versammelt dar in dieser einen. Erhabne Majestaͤt von Engelland, Vergoͤnne, daß wir unsern Urlaub nehmen, Und Monsieur, unsern koͤniglichen Herrn, Mit der ersehnten Freudenpost begluͤcken. Ihn hat des Herzens heiße Ungeduld Nicht in Paris gelassen, er erwartet Zu Amiens die Boten seines Gluͤcks, Und bis nach Kalais reichen seine Posten, Das Jawort, das dein koͤniglicher Mund Aussprechen wird, mit Fluͤgelschnelligkeit Zu seinem trunknen Ohre hinzutragen. 5 Graf Bellievre, dringt nicht weiter in mich. Nicht Zeit ist's jetzt, ich wiederhohl es euch, Die freud'ge Hochzeitfackel anzuzuͤnden. Schwarz haͤngt der Himmel uͤber diesem Land, Und besser ziemte mir der Trauerflor, Als das Gepraͤnge braͤutlicher Gewaͤnder. Denn nahe droht ein jammervoller Schlag Mein Herz zu treffen und mein eignes Haus. Nur dein Versprechen gieb uns, Koͤnigin, In frohern Tagen folge die Erfuͤllung. Die Koͤnige sind nur Sklaven ihres Standes, Dem eignen Herzen duͤrfen sie nicht folgen. Mein Wunsch war's immer, unvermaͤhlt zu sterben, Und meinen Ruhm haͤtt' ich darein gesetzt, Daß man dereinst auf meinem Grabstein laͤse: Hier ruht die jungfraͤuliche Koͤnigin. Doch meine Unterthanen wollens nicht, Sie denken jetzt schon fleißig an die Zeit, Wo ich dahin sein werde — Nicht genug, Daß jetzt der Segen dieses Land begluͤckt, Auch ihrem kuͤnftgen Wohl soll ich mich opfern, Auch meine jungfraͤuliche Freiheit soll ich, Mein hoͤchstes Gut, hingeben fuͤr mein Volk, Und der Gebieter wird mir aufgedrungen. Es zeigt mir dadurch an, daß ich ihm nur Ein Weib bin, und ich meinte doch, regiert Zu haben, wie ein Mann, und wie ein Koͤnig. Wohl weiß ich, daß man Gott nicht dient, wenn man Die Ordnung der Natur verlaͤßt, und Lob Verdienen sie, die vor mir hier gewaltet, Daß sie die Kloͤster aufgethan, und tausend Schlachtopfer einer falschverstandnen Andacht Den Pflichten der Natur zuruͤckgegeben. Doch eine Koͤnigin, die ihre Tage Nicht ungenuͤtzt in muͤßiger Beschauung Verbringt, die unverdrossen, unermuͤdet, Die schwerste aller Pflichten uͤbt, die sollte Von dem Naturzweck ausgenommen seyn, Der Eine Haͤlfte des Geschlechts der Menschen Der andern unterwuͤrfig macht —. Jedwede Tugend, Koͤnigin, hast du Auf deinem Thron verherrlicht, nichts ist uͤbrig, Als dem Geschlechte, dessen Ruhm du bist, Auch noch in seinen eigensten Verdiensten Als Muster vorzuleuchten. Freilich lebt Kein Mann auf Erden, der es wuͤrdig ist, Daß du die Freiheit ihm zum Opfer braͤchtest. Doch wenn Geburt, wenn Hoheit, Heldentugend Und Maͤnnerschoͤnheit einen Sterblichen Der Ehre wuͤrdig machen, so — Kein Zweifel, Herr Abgesandter, daß ein Ehebuͤndniß Mit einem koͤniglichen Sohne Frankreichs Mich ehrt! Ja, ich gesteh es unverhohlen, Wenn es seyn muß — wenn ichs nicht aͤndern kann, Dem Dringen meines Volkes nachzugeben — Und es wird staͤrker seyn als ich, befuͤrcht' ich — So kenn' ich in Europa keinen Fuͤrsten, Dem ich mein hoͤchstes Kleinod, meine Freiheit, Mit minderm Widerwillen opfern wuͤrde. Laßt dieß Gestaͤndniß euch Genuͤge thun. Es ist die schoͤnste Hoffnung, doch es ist Nur eine Hoffnung , und mein Herr wuͤnscht mehr — Was wuͤnscht er? (Sie zieht einen Ring vom Finger und betrachtet ihn nachdenkend) Hat die Koͤnigin doch nichts Voraus vor dem gemeinen Buͤrgerweibe! Das gleiche Zeichen weißt auf gleiche Pflicht, Auf gleiche Dienstbarkeit — Der Ring macht Ehen, Und Ringe sind's, die eine Kette machen. — Bringt seiner Hoheit dieß Geschenk. Es ist Noch keine Kette, bindet mich noch nicht, Doch kann ein Reif draus werden, der mich bindet. (kniet nieder, den Ring empfangend) In seinem Namen, große Koͤnigin, Empfang' ich knieend dieß Geschenk, und druͤcke Den Kuß der Huldigung auf meiner Fuͤrstin Hand! (zum Grafen Leicester, den sie waͤhrend der letzten Rede unverwandt betrachtet hat) Erlaubt, Milord! (Sie nimmt ihm das blaue Band ab, und haͤngt es dem Bellievre um.) Bekleidet Seine Hoheit Mit diesem Schmuck, wie ich euch hier damit Bekleide und in meines Ordens Pflichten nehme. Hony soit qui mal y pense! — Es schwinde Der Argwohn zwischen beiden Nationen, Und ein vertraulich Band umschlinge fortan Die Kronen Frankreich und Brittannien! Erhabne Koͤnigin, dieß ist ein Tag Der Freude! Moͤcht' er's allen seyn und moͤchte Kein Leidender auf dieser Insel trauern! Die Gnade glaͤnzt auf deinem Angesicht, O! daß ein Schimmer ihres heitern Lichts Auf eine ungluͤcksvolle Fuͤrstin fiele, Die Frankreich und Brittannien gleich nahe Angeht — Nicht weiter, Graf! Vermengen wir Nicht zwey ganz unvereinbare Geschaͤfte. Wenn Frankreich ernstlich meinen Bund verlangt, Muß es auch meine Sorgen mit mir theilen, Und meiner Feinde Freund nicht seyn — Unwuͤrdig In deinen eignen Augen wuͤrd' es handeln, Wenn es die Ungluͤckselige, die Glaubens- Verwandte, und die Wittwe seines Koͤnigs In diesem Bund vergaͤße — Schon die Ehre, Die Menschlichkeit verlangt — In diesem Sinn Weiß ich sein Fuͤrwort nach Gebuͤhr zu schaͤtzen. Frankreich erfuͤllt die Freundespflicht, mir wird Verstattet seyn, als Koͤnigin zu handeln. (Sie neigt sich gegen die franzoͤsischen Herrn, welche sich mit den uͤbrigen Lords ehrfurchtsvoll entfernen.) Dritter Auftritt . Elisabeth. Leicester. Burleigh. Talbot. (Die Koͤnigin setzt sich) Ruhmvolle Koͤnigin! Du kroͤnest heut Die heißen Wuͤnsche deines Volks. Nun erst Erfreun wir uns der segenvolle Tage, Die du uns schenkst, da wir nicht zitternd mehr In eine stuͤrmevolle Zukunft schauen. Nur eine Sorge kuͤmmert noch dieß Land, Ein Opfer ist's, das alle Stimmen fodern. Gewaͤhr auch dieses, und der heut'ge Tag Hat Englands Wohl auf immerdar gegruͤndet. Was wuͤnscht mein Volk noch? Sprecht, Milord. Es fodert Das Haupt der Stuart — Wenn du deinem Volk Der Freiheit koͤstliches Geschenk, das theuer Erworbne Licht der Wahrheit willst versichern, So muß sie nicht mehr seyn — Wenn wir nicht ewig Fuͤr dein kostbares Leben zittern sollen, So muß die Feindin untergehn! — Du weißt es, Nicht alle deine Britten denken gleich, Noch viele heimliche Verehrer zaͤhlt Der roͤm'sche Goͤtzendienst auf dieser Insel. Die alle naͤhren feindliche Gedanken, Nach dieser Stuart steht ihr Herz, sie sind Im Bunde mit den lothringischen Bruͤdern, Den unversoͤhnten Feinden deines Namens. Dir ist von dieser wuͤthenden Parthey Der grimmige Vertilgungskrieg geschworen, Den man mit falschen Hoͤllenwaffen fuͤhrt. Zu Rheims, dem Bischofssitz des Kardinals, Dort ist das Ruͤsthaus, wo sie Blitze schmieden, Dort wird der Koͤnigsmord gelehrt — Von dort Geschaͤftig senden sie nach deiner Insel Die Missionen aus, entschloßne Schwaͤrmer, In allerley Gewand vermummt — Von dort Ist schon der dritte Moͤrder ausgegangen, Und unerschoͤpflich, ewig neu erzeugen Verborgne Feinde sich aus diesem Schlunde. — Und in dem Schloß zu Fotheringhay sitzt Die Ate dieses ew'gen Kriegs, die mit Der Liebesfackel dieses Reich entzuͤndet. Fuͤr sie, die schmeichelnd jedem Hoffnung giebt, Weiht sich die Jugend dem gewissen Tod — Sie zu befreien, ist die Loosung, sie Auf deinen Thron zu setzen, ist der Zweck. Denn dieß Geschlecht der Lothringer erkennt Dein heilig Recht nicht an, du heißest ihnen Nur eine Raͤuberin des Throns, gekroͤnt Vom Gluͤck! Sie warens, die die Thoͤrichte Verfuͤhrt, sich Englands Koͤnigin zu schreiben. Kein Friede ist mit ihr und ihrem Stamm! Du mußt den Streich erleiden oder fuͤhren. Ihr Leben ist dein Tod! Ihr Tod dein Leben! Milord! Ein traurig Amt verwaltet ihr. Ich kenne eures Eifers reinen Trieb, Weiß, daß gediegne Weisheit aus euch redet, Doch diese Weisheit, welche Blut befiehlt, Ich hasse sie in meiner tiefsten Seele. Sinnt einen mildern Rath aus — Edler Lord Von Schrewsbury! Sagt ihr uns eure Meinung. Du gabst dem Eifer ein gebuͤhrend Lob, Der Burleighs treue Brust beseelt — Auch mi r , Stroͤmt es mir gleich nicht so beredt vom Munde, Schlaͤgt in der Brust kein minder treues Herz. Moͤgst du noch lange leben, Koͤnigin, Die Freude deines Volks zu seyn, das Gluͤck Des Friedens diesem Reiche zu verlaͤngern. So schoͤne Tage hat dieß Eiland nie Gesehn, seit eigne Fuͤrsten es regieren. Moͤg' es sein Gluͤck mit seinem Ruhme nicht Erkaufen! Moͤge Talbots Auge wenigstens Geschlossen seyn, wenn dieß geschieht! Verhuͤte Gott, daß wir den Ruhm befleckten! Nun dann, so wirst du auf ein ander Mittel sinnen, Dieß Reich zu retten — denn die Hinrichtung Der Stuart ist ein ungerechtes Mittel. Du kannst das Urtheil uͤber die nicht sprechen, Die dir nicht unterthaͤnig ist. So irrt Mein Staatsrath und mein Parlament, im Irrthum Sind alle Richterhoͤfe dieses Landes, Die mir dieß Recht einstimmig zuerkannt — Nicht Stimmenmehrheit ist des Rechtes Probe, England ist nicht die Welt, dein Parlament Nicht der Verein der menschlichen Geschlechter. Dieß heut'ge England ist das kuͤnft'ge nicht, Wie's das vergangne nicht mehr ist — Wie sich Die Neigung anders wendet, also steigt Und faͤllt des Urtheils wandelbare Woge. Sag nicht, du muͤssest der Nothwendigkeit Gehorchen und dem Dringen deines Volks. Sobald du willst, in jedem Augenblick Kannst du erproben, daß dein Wille frei ist. Versuch's! Erklaͤre, daß du Blut verabscheust, Der Schwester Leben willst gerettet sehn, Zeig denen, die dir anders rathen wollen, Die Wahrheit deines koͤniglichen Zorns, Schnell wirst du die Nothwendigkeit verschwinden Und Recht in Unrecht sich verwandeln sehn. Du selbst mußt richten, du allein. Du kannst dich Auf dieses unstet schwanke Rohr nicht lehnen. Der eignen Milde folge du getrost. Nicht Strenge legte Gott in's weiche Herz Des Weibes — Und die Stifter dieses Reichs, Die auch dem Weib die Herrscherzuͤgel gaben, Sie zeigten an, daß Strenge nicht die Tugend Der Koͤnige soll seyn in diesem Lande. Ein warmer Anwald ist Graf Schrewsbury Fuͤr meine Feindin und des Reichs. Ich ziehe Die Raͤthe vor, die meine Wohlfahrt lieben. Man goͤnnt ihr keinen Anwald, niemand wagt's, Zu ihrem Vortheil sprechend, deinem Zorn Sich bloß zu stellen — So vergoͤnne mir, Dem alten Manne, den am Grabesrand Kein irdisch Hoffen mehr verfuͤhren kann, Daß ich die Aufgegebene beschuͤtze. Man soll nicht sagen, daß in deinem Staatsrath Die Leidenschaft, die Selbstsucht eine Stimme Gehabt, nur die Barmherzigkeit geschwiegen. Verbuͤndet hat sich alles wider sie, Du selber hast ihr Antlitz nie gesehn, Nichts spricht in deinem Herzen fuͤr die Fremde. — Nicht ihrer Schuld red' ich das Wort. Man sagt, Sie habe den Gemahl ermorden lassen, Wahr ist's, daß sie den Moͤrder ehlichte. Ein schwer Verbrechen! — Aber es geschah In einer finster ungluͤcksvollen Zeit, Im Angstgedraͤnge buͤrgerlichen Kriegs, Wo sie, die Schwache, sich umrungen sah Von heftigdringenden Vasallen, sich Dem Muthvollstaͤrksten in die Arme warf — Wer weiß durch welcher Kuͤnste Macht besiegt? Denn ein gebrechlich Wesen ist das Weib. Das Weib ist nicht schwach. Es giebt starke Seelen In dem Geschlecht — Ich will in meinem Beiseyn Nichts von der Schwaͤche des Geschlechtes hoͤren. Dir war das Ungluͤck eine strenge Schule. Nicht seine Freudenseite kehrte dir Das Leben zu. Du sahest keinen Thron Von ferne, nur das Grab zu deinen Fuͤßen. Zu Woodstock war's und in des Towers Nacht, Wo dich der gnaͤd'ge Vater dieses Landes Zur ersten Pflicht durch Truͤbsal auferzog. Dort suchte dich der Schmeichler nicht. Fruͤh lernte, Vom eiteln Weltgeraͤusche nicht zerstreut, Dein Geist sich sammeln, denkend in sich gehn, Und dieses Lebens wahre Guͤter schaͤtzen. — Die Arme rettete kein Gott. Ein zartes Kind Ward sie verpflanzt nach Frankreich, an den Hof Des Leichtsinns, der gedankenlosen Freude. Dort in der Feste ew'ger Trunkenheit, Vernahm sie nie der Wahrheit ernste Stimme. Geblendet ward sie von der Laster Glanz, Und fortgefuͤhrt vom Strome des Verderbens. Ihr ward der Schoͤnheit eitles Gut zu Theil, Sie uͤberstrahlte bluͤhend alle Weiber, Und durch Gestalt nicht minder als Geburt — — Kommt zu euch selbst, Milord von Schrewsbury! Denkt, daß wir hier im ernsten Rathe sitzen. Das muͤssen Reize sondergleichen seyn, Die einen Greis in solches Feuer setzen. — Milord von Lester! Ihr allein schweigt still? Was ihn beredt macht, bindet's euch die Zunge? Ich schweige fuͤr Erstaunen, Koͤnigin, Daß man dein Ohr mit Schrecknissen erfuͤllt, Daß diese Maͤhrchen, die in Londons Gassen Den glaͤub'gen Poͤbel aͤngsten, bis herauf In deines Staatsraths heitre Mitte steigen, Und weise Maͤnner ernst beschaͤftigen. Verwunderung ergreift mich, ich gesteh's, Daß diese Laͤnderlose Koͤnigin Von Schottland, die den eignen kleinen Thron Nicht zu behaupten wußte, ihrer eignen Vasallen Spott, der Auswurf ihres Landes, Dein Schrecken wird auf einmal im Gefaͤngniß! — Was, beim Allmaͤcht'gen! machte sie dir furchtbar? Daß sie dieß Reich in Anspruch nimmt, daß dich Die Guisen nicht als Koͤnigin erkennen? Kann dieser Guisen Widerspruch das Recht Entkraͤften, das Geburt dir gab, der Schluß Der Parlamente dir bestaͤtigte? Ist sie durch Heinrichs letzten Willen nicht, Stillschweigend abgewiesen, und wird England So gluͤcklich im Genuß des neuen Lichts, Sich der Papistin in die Arme werfen? Von dir, der angebeteten Monarchin, Zu Darnleys Moͤrderin hinuͤberlaufen? Was wollen diese ungestuͤmen Menschen, Die dich noch lebend mit der Erbin quaͤlen, Dich nicht geschwind genug vermaͤhlen koͤnnen, Um Staat und Kirche von Gefahr zu retten? Stehst du nicht bluͤhend da in Jugendkraft, Welkt jene nicht mit jedem Tag zum Grabe? Bei Gott! Du wirst, ich hoff's, noch viele Jahre Auf ihrem Grabe wandeln, ohne daß Du selber sie hinabzustuͤrzen brauchtest — Lord Lester hat nicht immer so geurtheilt. Wahr ist's, ich habe selber meine Stimme Zu ihrem Tod gegeben im Gericht . — Im Staatsrath sprech' ich anders. Hier ist nicht Die Rede von dem Recht, nur von dem Vortheil. Ist's jezt die Zeit, von ihr Gefahr zu fuͤrchten, Da Frankreich sie verlaͤßt, ihr einz'ger Schutz, Da du den Koͤnigssohn mit deiner Hand Begluͤcken willst, die Hoffnung eines neuen Regentenstammes diesem Lande bluͤht? Wozu sie also toͤdten? Sie ist todt! Verachtung ist der wahre Tod. Verhuͤte, Daß nicht das Mitleid sie ins Leben rufe! Drum ist mein Rath: Man lasse die Sentenz, Die ihr das Haupt abspricht, in voller Kraft Bestehn! Sie lebe — aber unterm Beile Des Henkers lebe sie, und schnell, wie sich Ein Arm fuͤr sie bewaffnet, fall' es nieder. (steht auf). Milords, ich hab' nun eure Meinungen Gehoͤrt, und sag' euch Dank fuͤr euren Eifer. Mit Gottes Beistand, der die Koͤnige Erleuchtet, will ich eure Gruͤnde pruͤfen, Und waͤhlen, was das Bessere mir duͤnkt. Vierter Auftritt . Die Vorigen. Ritter Paulet mit Mortimern. Da kommt Amias Paulet. Edler Sir, Was bringt ihr uns? Glorwuͤrd'ge Majestaͤt! Mein Neffe, der ohnlaͤngst von weiten Reisen Zuruͤckgekehrt, wirft sich zu deinen Fuͤßen Und leistet dir sein jugendlich Geluͤbde. Empfange du es gnadenvoll und laß Ihn wachsen in der Sonne deiner Gunst. (laͤßt sich auf ein Knie nieder) Lang lebe meine koͤnigliche Frau, Und Gluͤck und Ruhm bekroͤne ihre Stirne! Steht auf. Seid mir willkommen, Sir, in England. Ihr habt den großen Weg gemacht, habt Frankreich Bereist und Rom und euch zu Rheims verweilt. Sagt mir denn an, was spinnen unsre Feinde? Ein Gott verwirre sie und wende ruͤckwaͤrts Auf ihrer eignen Schuͤtzen Brust die Pfeile, Die gegen meine Koͤnigin gesandt sind. Saht ihr den Morgan und den Raͤnkespinnenden Bischof von Roße ? Alle Schottische Verbannte lernt' ich kennen, die zu Rheims Anschlaͤge schmieden gegen diese Insel. In ihr Vertrauen stahl ich mich, ob ich Etwa von ihren Raͤnken was entdeckte. 6 Geheime Briefe hat man ihm vertraut, In Ziffern, fuͤr die Koͤnigin von Schottland, Die er mit treuer Hand uns uͤberliefert. Sagt, was sind ihre neuesten Entwuͤrfe? Es traf sie alle wie ein Donnerstreich, Daß Frankreich sie verlaͤßt, den festen Bund Mit England schließt, jezt richten sie die Hoffnung Auf Spanien. So schreibt mir Walsingham. Auch eine Bulle, die Pabst Sirtus juͤngst Von Vatikane gegen dich geschleudert, Kam eben an zu Rheims, als ichs verließ, Das naͤchste Schiff bringt sie nach dieser Insel. Vor solchen Waffen zittert England nicht mehr. Sie werden furchtbar in des Schwaͤrmers Hand. (Mortimern forschend ansehend). Man gab euch Schuld, daß ihr zu Rheims die Schulen Besucht und euren Glauben abgeschworen? Die Miene gab ich mir, ich laͤugn' es nicht, So weit gieng die Begierde, dir zu dienen! (zu Paulet, der ihr Papiere uͤberreicht). Was zieht ihr da hervor? Es ist ein Schreiben, Das dir die Koͤnigin von Schottland sendet. (hastig darnach greifend). Gebt mir den Brief. (giebt das Papier der Koͤnigin). Verzeiht, Lord Großschatzmeister! In meiner Koͤnigin selbsteigne Hand, Befahl sie mir, den Brief zu uͤbergeben. Sie sagt mir stets, ich sey ihr Feind. Ich bin Nur ihrer Laster Feind, was sich vertraͤgt Mit meiner Pflicht, mag ich ihr gern erweisen. (Die Koͤnigin hat den Brief genommen. Waͤhrend sie ihn liest, sprechen Mortimer und Leicester einige Worte heimlich mit einander). (zu Paulet). Was kann der Brief enthalten? Eitle Klagen, Mit denen man das mitleidsvolle Herz Der Koͤnigin verschonen soll. Was er Enthaͤlt, hat sie mir nicht verhehlt. Sie bittet Um die Verguͤnstigung, das Angesicht Der Koͤnigin zu sehen. (schnell). Nimmermehr! Warum nicht? Sie erfleht nichts ungerechtes. Die Gunst des koͤniglichen Angesichts Hat sie verwirkt, die Mordanstifterin, Die nach dem Blut der Koͤnigin geduͤrstet. Wer's treu mit seiner Fuͤrstin meint, der kann Den falsch verraͤtherischen Rath nicht geben. Wenn die Monarchin sie begluͤcken will, Wollt ihr der Gnade sanfte Regung hindern? Sie ist verurtheilt! Unterm Beile liegt Ihr Haupt. Unwuͤrdig ist's der Majestaͤt, Das Haupt zu sehen, das dem Tod geweiht ist. Das Urtheil kann nicht mehr vollzogen werden, Wenn sich die Koͤnigin ihr genahet hat, Denn Gnade bringt die koͤnigliche Naͤhe — (nachdem sie den Brief gelesen, ihre Thraͤnen trocknend) Was ist der Mensch! Was ist das Gluͤck der Erde! Wie weit ist diese Koͤnigin gebracht, Die mit so stolzen Hoffnungen begann, Die auf den aͤltsten Thron der Christenheit Berufen worden, die in ihrem Sinn Drei Kronen schon auf's Haupt zu setzen meinte! Welch andre Sprache fuͤhrt sie jetzt als damals, Da sie das Wappen Englands angenommen, Und von den Schmeichlern ihres Hofs sich Koͤnigin Der zwei brittann'schen Inseln nennen ließ! — Verzeiht Milords, es schneidet mir ins Herz, Wehmuth ergreift mich und die Seele blutet, Daß Irdisches nicht fester steht, das Schicksal Der Menschheit, das entsetzliche, so nahe An meinem eignen Haupt voruͤberzieht. O Koͤnigin! Dein Herz hat Gott geruͤhrt, Gehorche dieser himmlischen Bewegung! Schwer buͤßte sie fuͤrwahr die schwere Schuld, Und Zeit ist's, daß die harte Pruͤfung ende! Reich' ihr die Hand, der tiefgefallenen, Wie eines Engels Lichterscheinung steige In ihres Kerkers Graͤbernacht hinab — Sei standhaft, große Koͤnigin. Laß nicht Ein lobenswuͤrdig menschliches Gefuͤhl Dich irre fuͤhren. Raube dir nicht selbst Die Freiheit, das Nothwendige zu thun. Du kannst sie nicht begnadigen, nicht retten, So lade nicht auf dich verhaßten Tadel, Daß du mit grausam hoͤhnendem Triumph Am Anblick deines Opfers dich geweidet. Laßt uns in unsern Schranken bleiben, Lords. Die Koͤnigin ist weise, sie bedarf Nicht unsers Raths, das wuͤrdigste zu waͤhlen. Die Unterredung beider Koͤniginnen Hat nichts gemein mit des Gerichtes Gang. Englands Gesetz, nicht der Monarchin Wille, Verurtheilt die Maria. Wuͤrdig ist's Der großen Seele der Elisabeth, Daß sie des Herzens schoͤnem Triebe folge, Wenn das Gesetz den strengen Lauf behaͤlt. Geht, meine Lords. Wir werden Mittel finden, Was Gnade fodert, was Nothwendigkeit Uns auferlegt, geziemend zu vereinen. Jetzt — tretet ab! (Die Lords gehen. An der Thuͤre ruft sie den Mortimer zuruͤck.) Sir Mortimer! Ein Wort! Fuͤnfter Auftritt . Elisabeth. Mortimer. (nachdem sie ihn einige Augenblicke forschend mit den Augen gemessen) Ihr zeigtet einen kecken Muth und seltne Beherrschung eurer selbst fuͤr eure Jahre. Wer schon so fruͤh der Taͤuschung schwere Kunst Ausuͤbte, der ist muͤndig vor der Zeit, Und er verkuͤrzt sich seine Pruͤfungsjahre. — Auf eine große Bahn ruft euch das Schicksal, Ich prophezeih' es euch, und mein Orakel Kann ich, zu eurem Gluͤcke! selbst vollziehn. Erhabene Gebieterin, was ich Vermag und bin, ist deinem Dienst gewidmet. Ihr habt die Feinde Englands kennen lernen. Ihr Haß ist unversoͤhnlich gegen mich, Und unerschoͤpflich ihre Blutentwuͤrfe. Bis diesen Tag zwar schuͤtzte mich die Allmacht, Doch ewig wankt die Kron' auf meinem Haupt, So lang sie lebt, die ihrem Schwaͤrmereifer Den Vorwand leiht und ihre Hoffnung naͤhrt. Sie lebt nicht mehr, sobald du es gebietest. Ach Sir! Ich glaubte mich am Ziele schon Zu sehn, und bin nicht weiter als am Anfang. Ich wollte die Gesetze handeln lassen, Die eigne Hand vom Blute rein behalten. Das Urtheil ist gesprochen. Was gewinn' ich? Es muß vollzogen werden, Mortimer! Und ich muß die Vollziehung anbefehlen. Mich immer trifft der Haß der That. Ich muß Sie eingestehn, und kann den Schein nicht retten. Das ist das schlimmste! Was bekuͤmmert dich Der boͤse Schein, bei der gerechten Sache? Ihr kennt die Welt nicht, Ritter. Was man scheint , Hat jedermann zum Richter, was man ist , hat keinen. Von meinem Rechte uͤberzeug' ich niemand, So muß ich Sorge tragen, daß mein Antheil An ihrem Tod in ew'gem Zweifel bleibe. Bei solchen Thaten doppelter Gestalt Giebts keinen Schutz als in der Dunkelheit. Der schlimmste Schritt ist, den man eingesteht, Was man nicht aufgiebt, hat man nie verloren. (ausforschend). Dann waͤre wohl das Beste — (schnell). Freilich waͤr's Das Beste — O mein guter Engel spricht Aus euch. Fahrt fort, vollendet, werther Sir! Euch ist es ernst, ihr dringet auf den Grund, Seid ein ganz andrer Mann als euer Oheim — (betroffen). Entdecktest du dem Ritter deinen Wunsch? Mich reuet, daß ich's that. Entschuldige Den alten Mann. Die Jahre machen ihn Bedenklich. Solche Wagestuͤcke fodern Den kecken Muth der Jugend — (schnell). Darf ich euch — Die Hand will ich dir leihen, rette du Den Namen, wie du kannst — Ja, Sir! Wenn ihr Mich eines Morgens mit der Botschaft wektet: Maria Stuart, deine blut'ge Feindin, Ist heute Nacht verschieden! Zaͤhlt auf mich. Wann wird mein Haupt sich ruhig schlafen legen? Der naͤchste Neumond ende deine Furcht. —Gehabt euch wohl, Sir! Laßt es euch nicht leid thun, Daß meine Dankbarkeit den Flor der Nacht Entlehnen muß — Das Schweigen ist der Gott Der Gluͤcklichen — die engsten Bande sind's, Die zaͤrtesten, die das Geheimniß stiftet! (Sie geht ab.) Sechster Auftritt . allein. Geh', falsche, gleißnerische Koͤnigin! Wie du die Welt, so taͤusch' ich dich. Recht ist's, Dich zu verrathen, eine gute That! Seh' ich aus wie ein Moͤrder? Lasest du Ruchlose Fertigkeit auf meiner Stirn? Trau nur auf meinen Arm und halte deinen Zuruͤck, gieb dir den frommen Heuchelschein Der Gnade vor der Welt, indessen du Geheim auf meine Moͤrderhilfe hoffst, So werden wir zur Rettung Frist gewinnen! Erhoͤhen willst du mich — zeigst mir von ferne Bedeutend einen kostbarn Preiß — Und waͤrst Du selbst der Preiß und deine Frauengunst! Wer bist du Aermste, und was kannst du geben? Mich locket nicht des eiteln Ruhmes Geiz! Bei ihr nur ist des Lebens Reiz — Um sie, in ew'gem Freudenchore, schweben Der Anmuth Goͤtter und der Jugendlust, Das Gluͤck der Himmel ist an ihrer Brust, Du hast nur todte Guͤter zu vergeben! Das Eine hoͤchste, was das Leben schmuͤckt, Wenn sich ein Herz, entzuͤckend und entzuͤckt, Dem Herzen schenkt in suͤßem Selbstvergessen, Die Frauenkrone hast du nie besessen, Nie hast du liebend einen Mann begluͤckt! —Ich muß den Lord erwarten, ihren Brief Ihm uͤbergeben. Ein verhaßter Auftrag! Ich habe zu dem Hoͤflinge kein Herz, Ich selber. kann sie retten, ich allein, Gefahr und Ruhm und auch der Preiß sei mein! (Indem er gehen will, begegnet ihm Paulet.) Siebenter Auftritt . Mortimer. Paulet. Was sagte dir die Koͤnigin? Nichts, Sir. Nichts — von Bedeutung. (fixirt ihn mit ernstem Blick). Hoͤre, Mortimer! Es ist ein schluͤpfrig glatter Grund, auf den Du dich begeben. Lockend ist die Gunst Der Koͤnige, nach Ehre geizt die Jugend. — Laß dich den Ehrgeiz nicht verfuͤhren! War't ihr's nicht selbst, der an den Hof mich brachte? Ich wuͤnschte, daß ich's nicht gethan. Am Hofe Ward unsers Hauses Ehre nicht gesammelt. Steh fest, mein Neffe. Kaufe nicht zu theuer! Verletze dein Gewissen nicht! Was faͤllt Eu ch ein? Was fuͤr Besorgnisse! Wie groß dich auch die Koͤnigin zu machen Verspricht — Trau ihrer Schmeichelrede nicht. Verlaͤugnen wird sie dich, wenn du gehorcht, Und ihren eignen Namen rein zu waschen, Die Blutthat raͤchen, die sie selbst befahl. Die Blutthat sagt ihr — Weg, mit der Verstellung! Ich weiß, was dir die Koͤnigin angesonnen, Sie hofft, daß deine ruhmbegier'ge Jugend Willfaͤhr'ger seyn wird, als mein starres Alter. Hast du ihr zugesagt? Hast du? Mein Oheim! Wenn du's gethan hast, so verfluch' ich dich, Und dich verwerfe — (kommt). Werther Sir, erlaubt Ein Wort mit eurem Neffen. Die Monarchin Ist gnadenvoll gesinnt fuͤr ihn, sie will, Daß man ihm die Person der Lady Stuart Uneingeschraͤnkt vertraue — Sie verlaͤßt sich Auf seine Redlichkeit — Verlaͤßt sich — Gut! Was sagt ihr, Sir? Die Koͤnigin verlaͤßt sich Auf ihn, und ich, Milord, verlasse mich Auf mich und meine beiden offnen Augen. (Er geht ab.) Achter Auftritt . Leicester. Mortimer. (verwundert). Was wandelte den Ritter an? Ich weiß es nicht — Das unerwartete Vertrauen, das die Koͤnigin mir schenkt — (ihn forschend ansehend). Verdient ihr, Ritter, daß man euch vertraut? (eben so). Die Frage thu‘ ich euch, Milord von Lester. Ihr hattet mir was in geheim zu sagen. Versichert mich erst, daß ichs wagen darf. Wer giebt mir die Versicherung fuͤr euch? — Laßt euch mein Mistraun nicht beleidigen! Ich seh‘ euch zweierley Gesichter zeigen An diesem Hofe — Eins darunter ist Nothwendig falsch, doch welches ist das wahre? Es geht mir eben so mit euch, Graf Lester. Wer soll nun des Vertrauens Anfang machen? Wer das geringere zu wagen hat. Nun! Der seid ihr! Ihr seid es! Euer Zeugniß, Des vielbedeutenden, gewalt’gen Lords, Kann mich zu Boden schlagen, meins vermag Nichts gegen euren Rang und eure Gunst. Ihr irrt euch, Sir. In allem andern bin ich Hier maͤchtig, nur in diesem zarten Punkt, Den ich jetzt eurer Treu Preiß geben soll, Bin ich der schwaͤchste Mann an diesem Hof, Und ein veraͤchtlich Zeugniß kann mich stuͤrzen. Wenn sich der allvermoͤgende Lord Lester So tief zu mir herunterlaͤßt, ein solch Bekenntniß mir zu thun, so darf ich wohl Ein wenig hoͤher denken von mir selbst, Und ihm in Großmuth ein Exempel geben. Geht mir voran im Zutraun, ich will folgen. (den Brief schnell hervorziehend) Dieß sendet euch die Koͤnigin von Schottland. (schrickt zusammen und greift hastig darnach) Sprecht leise, Sir — Was seh‘ ich! Ach! Es ist Ihr Bild! (kuͤßt es und betrachtet es mit stummem Entzuͤcken.) (der ihn waͤhrend des Lesens scharf beobachtet) Milord, nun glaub ich euch! (nachdem er den Brief schnell durchlaufen) Sir Mortimer! Ihr wißt des Briefes Innhalt? Nichts weiß ich. Nun! Sie hat euch ohne Zweifel Vertraut — Sie hat mir nichts vertraut. Ihr wuͤrdet Dieß Raͤthsel mir erklaͤren, sagte sie. Ein Raͤthsel ist es mir, daß Graf von Lester, Der Guͤnstling der Elisabeth, Mariens Erklaͤrter Feind und ihrer Richter einer, Der Mann seyn soll, von dem die Koͤnigin In ihrem Ungluͤck Rettung hofft — Und dennoch Muß dem so seyn, denn eure Augen sprechen Zu deutlich aus, was ihr fuͤr sie empfindet. 7 Entdeckt mir selbst erst, wie es kommt, daß ihr Den feur’gen Antheil nehmt an ihrem Schicksal, Und was euch ihr Vertraun erwarb. Milord, Das kann ich euch mit wenigem erklaͤren. Ich habe meinen Glauben abgeschworen Zu Rom, und steh‘ im Buͤndniß mit den Guisen. Ein Brief des Erzbischofs zu Rheims hat mich Beglaubigt bei der Koͤnigin von Schottland. Ich weiß von eurer Glaubensaͤnderung, Sie ist‘s, die mein Vertrauen zu euch weckte. Gebt mir die Hand. Verzeiht mir meinen Zweifel. Ich kann der Vorsicht nicht zu viel gebrauchen, Denn Walsingham und Burleigh hassen mich, Ich weiß, daß sie mir laurend Netze stellen. Ihr konntet ihr Geschoͤpf und Werkzeug seyn, Mich in das Garn zu ziehn — Wie kleine Schritte Geht ein so großer Lord an diesem Hof! Graf! ich beklag‘ euch. Freudig werf' ich mich An die vertraute Freundesbrust, wo ich Des langen Zwangs mich endlich kann entladen. Ihr seid verwundert, Sir, daß ich so schnell Das Herz geaͤndert gegen die Maria. Zwar in der That haßt‘ ich sie nie — der Zwang Der Zeiten machte mich zu ihrem Gegner. Sie war mir zugedacht seit langen Jahren, Ihr wißt‘s, eh sie die Hand dem Darnley gab, Als noch der Glanz der Hoheit sie umlachte. Kalt stieß ich damals dieses Gluͤck von mir, Jetzt im Gefaͤngniß, an des Todes Pforten Euch‘ ich sie auf, und mit Gefahr des Lebens. Das heißt großmuͤthig handeln! — Die Gestalt Der Dinge, Sir, hat sich indeß veraͤndert. Mein Ehrgeiz war es, der mich gegen Jugend Und Schoͤnheit fuͤhllos machte. Damals hielt ich Mariens Hand fuͤr mich zu klein, ich hoffte Auf den Besitz der Koͤnigin von England. Es ist bekannt, daß sie euch allen Maͤnnern Vorzog — So schien es, edler Sir — Und nun, nach zehn Verlornen Jahren unverdroßnen Werbens, Verhaßten Zwangs — O Sir, mein Herz geht auf! Ich muß des langen Unmuths mich entladen — Man preißt mich gluͤcklich — wuͤßte man, was es Fuͤr Ketten sind, um die man mich beneidet — Nachdem ich zehen bittre Jahre lang Dem Goͤtzen ihrer Eitelkeit geopfert, Mich jedem Wechsel ihrer Sultanslaunen Mit Sklavendemuth unterwarf, das Spielzeug Des kleinen grillenhaften Eigensinns, Geliebkost jetzt von ihrer Zaͤrtlichkeit, Und jetzt mit sproͤdem Stolz zuruͤckgestoßen, Von ihrer Gunst und Strenge gleich gepeinigt, Wie ein Gefangener vom Argusblick Der Eifersucht gehuͤtet, ins Verhoͤr Genommen wie ein Knabe, wie ein Diener Gescholten — O die Sprache hat kein Wort Fuͤr diese Hoͤlle! Ich beklag‘ euch, Graf. Taͤuscht mich am Ziel der Preiß! Ein andrer kommt, Die Frucht des theuren Werbens mir zu rauben. An einen jungen bluͤhenden Gemahl Verlier ich meine lang beseßnen Rechte, Heruntersteigen soll ich von der Buͤhne, Wo ich so lange als der Erste glaͤnzte. Nicht ihre Hand allein, auch ihre Gunst Droht mir der neue Ankoͤmmling zu rauben. Sie ist ein Weib, und er ist liebenswerth. Er ist Kathrinens Sohn. In guter Schule Hat er des Schmeichelns Kuͤnste ausgelernt. So stuͤrzen meine Hoffnungen — ich suche In diesem Schiffbruch meines Gluͤcks ein Bret Zu fassen — und mein Auge wendet sich Der ersten schoͤnen Hoffnung wieder zu. Mariens Bild, in ihrer Reize Glanz, Stand neu vor mir, Schoͤnheit und Jugend traten In ihre vollen Rechte wieder ein, Nicht kalter Ehrgeiz mehr, das Herz verglich, Und ich empfand, welch Kleinod ich verloren. Mit Schrecken seh‘ ich sie in tiefes Elend Herabgestuͤrzt, gestuͤrzt durch mein Verschulden. Da wird in mir die Hoffnung wach, ob ich Sie jetzt noch retten koͤnnte und besitzen. Durch eine treue Hand gelingt es mir, Ihr mein veraͤndert Herz zu offenbaren, Und dieser Brief, den ihr mir uͤberbracht, Versichert mir, daß sie verzeiht, sich mir Zum Preiße schenken will, wenn ich sie rette. Ihr thatet aber nichts zu ihrer Rettung! Ihr ließt geschehn, daß sie verurtheilt wurde, Gabt eure Stimme selbst zu ihrem Tod ! Ein Wunder muß geschehn — Der Wahrheit Licht Muß mich, den Neffen ihres Huͤters, ruͤhren, Im Vatikan zu Rom muß ihr der Himmel Den unverhofften Retter zubereiten, Sonst fand sie nicht einmal den Weg zu euch! Ach, Sir, es hat mir Qualen genug gekostet! Um selbe Zeit ward sie von Talbots Schloß Nach Fotheringhay weg gefuͤhrt, der strengen Gewahrsam eures Oheims anvertraut. Gehemmt ward jeder Weg zu ihr, ich mußte Fortfahren vor der Welt, sie zu verfolgen. Doch denket nicht, daß ich sie leidend haͤtte Zum Tode gehen lassen! Nein, ich hoffte, Und hoffe noch, das Aeußerste zu hindern, Bis sich ein Mittel zeigt, sie zu befreyn. Das ist gefunden — Lester, euer edles Vertraun verdient Erwiederung. Ich will sie Befreien, darum bin ich hier, die Anstalt Ist schon getroffen, euer maͤcht’ger Beistand Versichert uns den gluͤcklichen Erfolg. Was sagt ihr? Ihr erschreckt mich. Wie? Ihr wolltet — Gewaltsam aufthun will ich ihren Kerker, Ich hab‘ Gefaͤhrten, alles ist bereit — Ihr habt Mitwisser und Vertraute! Weh mir! In welches Wagniß reißt ihr mich hinein! Und diese wissen auch um mein Geheimniß? Sorgt nicht. Der Plan ward ohne euch entworfen, Ohn‘ euch waͤr‘ er vollstreckt, bestuͤnde sie Nicht drauf, euch ihre Rettung zu verdanken. So koͤnnt ihr mich fuͤr ganz gewiß versichern, Daß in dem Bund mein Name nicht genannt ist? Verlaßt euch drauf! Wie? So bedenklich, Graf, Bei einer Botschaft, die euch Huͤlfe bringt! Ihr wollt die Stuart retten und besitzen, Ihr findet Freunde, ploͤtzlich, unerwartet, Vom Himmel fallen euch die naͤchsten Mittel — Doch zeigt ihr mehr Verlegenheit als Freude? Es ist nichts mit Gewalt. Das Wagestuͤck Ist zu gefaͤhrlich. Auch das Saͤumen ist‘s! Ich sag‘ euch, Ritter, es ist nicht zu wagen. (bitter). Nein, nicht fuͤr euch, der sie besitzen will! Wir wollen sie bloß retten , und sind nicht so Bedenklich — Junger Mann, ihr seid zu rasch In so gefaͤhrlich dornenvoller Sache. Ihr — sehr bedacht in solchem Fall der Ehre. Ich seh‘ die Netze, die uns rings umgeben. Ich fuͤhle Muth, sie alle zu durchreißen. Tollkuͤhnheit, Raserey ist dieser Muth. Nicht Tapferkeit ist diese Klugheit, Lord. Euch luͤstet's wohl, wie Babington zu enden? Euch nicht, des Norfolks Großmuth nachzuahmen. Norfolk hat seine Braut nicht heimgefuͤhrt. Er hat bewiesen, daß er's wuͤrdig war. Wenn wir verderben, reißen wir sie nach. Wenn wir uns schonen, wird sie nicht gerettet. Ihr uͤberlegt nicht, hoͤrt nicht, werdet alles Mit heftig blindem Ungestuͤm zerstoͤren, Was auf so guten Weg geleitet war. Wohl auf den guten Weg, den ihr gebahnt? Was habt ihr denn gethan, um sie zu retten? — Und wie? Wenn ich nun Bube gnug gewesen, Sie zu ermorden , wie die Koͤnigin Mir anbefahl, wie sie zu dieser Stunde Von mir erwartet — Nennt mir doch die Anstalt, Die Ihr gemacht, ihr Leben zu erhalten. (erstaunt). Gab euch die Koͤnigin diesen Blutbefehl? Sie irrte sich in mir, wie sich Maria In euch. Und ihr habt zugesagt? Habt ihr? Damit sie andre Haͤnde nicht erkaufe, Bot ich die meinen an. Ihr thatet wohl. Dieß kann uns Raum verschaffen. Sie verlaͤßt sich Auf euren blut'gen Dienst, das Todesurtheil Bleibt unvollstreckt, und wir gewinnen Zeit — (ungeduldig). Nein, wir verlieren Zeit! Sie zaͤhlt auf euch, So minder wird sie Anstand nehmen, sich Den Schein der Gnade vor der Welt zu geben. Vielleicht, daß ich durch List sie uͤberrede, Das Angesicht der Gegnerin zu sehn, Und dieser Schritt muß ihr die Haͤnde binden. Burleigh hat Recht. Das Urtheil kann nicht mehr Vollzogen werden, wenn sie sie gesehn. — Ja ich versuch' es, alles biet' ich auf — Und was erreicht ihr dadurch? Wenn sie sich In mir getaͤuscht sieht, wen n Maria fortfaͤhrt, Zu leben — Ist nicht alles wie zuvor? Frei wird sie niemals! Auch das mildeste, Was kommen kann, ist ewiges Gefaͤngniß. Mit einer kuͤhnen That muͤßt ihr doch enden, Warum wollt ihr nicht gleich damit beginnen? In euren Haͤnden ist die Macht, ihr bringt Ein Heer zusammen, wenn ihr nur den Adel Auf euren vielen Schloͤssern waffnen wollt! Maria hat noch viel verborgne Freunde, Der Howard und der Percy edle Haͤuser, Ob ihre Haͤupter gleich gestuͤrzt, sind noch An Heiden reich, sie harren nur darauf, Daß ein gewalt'ger Lord das Beispiel gebe! Weg mit Verstellung! Handelt oͤffentlich! Vertheidigt als ein Ritter die Geliebte, Kaͤmpft einen edeln Kampf um sie. Ihr seid Herr der Person der Koͤnigin von England, Sobald ihr wollt. Lockt sie auf eure Schloͤsser, Sie ist euch oft dahin gefolgt. Dort zeigt ihr Den Mann! Sprecht als Gebieter! Haltet sie Verwahrt, bis sie die Stuart frei gegeben! Ich staune, ich entsetze mich — Wohin Reißt euch der Schwindel? — Kennt ihr diesen Boden? Wißt ihr, wie's steht an diesem Hof, wie eng Dieß Frauenreich die Geister hat gebunden? Sucht nach dem Heidengeist, der ehmals wohl In diesem Land sich regte — Unterworfen Ist alles, unterm Schluͤssel eines Weibes, Und jedes Muthes Federn abgespannt. Folgt meiner Leitung. Wagt nichts unbedachtsam. — Ich hoͤre kommen, geht. Maria hofft! Kehr ich mit leerem Trost zu ihr zuruͤck? Bringt ihr die Schwuͤre meiner ew'gen Liebe! Bringt ihr die selbst! Zum Werkzeug ihrer Rettung Bot ich mich an, nicht euch zum Liebesboten! (Er geht ab.) Neunter Auftritt . Elisabeth. Leicester. Wer gieng da von euch weg? Ich hoͤrte sprechen. (sich auf ihre Rede schnell und erschrocken umwendend) Es war Sir Mortimer. Was ist euch, Lord? So ganz betreten? (faßt sich). — Ueber deinen Anblick! Ich habe dich so reizend nie gesehn, Geblendet steh ich da von deiner Schoͤnheit. — Ach! Warum seufzt ihr? Hab' ich keinen Grund Zu seufzen? Da ich deinen Reiz betrachte, Erneut sich mir der namenlose Schmerz Des drohenden Verlustes. Was verliert ihr? Dein Herz, dein liebenswuͤrdig Selbst verlier ich. Bald wirst du in den jugendlichen Armen Des feurigen Gemahls dich gluͤcklich fuͤhlen, Und ungetheilt wird er dein Herz besitzen. Er ist von koͤniglichem Blut, das bin Ich nicht, doch trotz sey aller Welt geboten, Ob einer lebt auf diesem Erdenrund, Der mehr Anbetung fuͤr dich fuͤhlt, als ich. Der Duͤc von Anjou hat dich nie gesehn, Nur deinen Ruhm und Schimmer kann er lieben. Ich liebe Dich . Waͤrst du die aͤrmste Hirtin, Ich als der groͤßte Fuͤrst der Welt geboren, Zu deinem Stand wuͤrd' ich herunter steigen, Mein Diadem zu deinen Fuͤßen legen. Beklag' mich, Dudley, schilt mich nicht — Ich darf ja Mein Herz nicht fragen. Ach! das haͤtte anders Gewaͤhlt. Und wie beneid' ich andre Weiber, Die das erhoͤhen duͤrfen, was sie lieben. So gluͤcklich bin ich nicht, daß ich dem Manne, Der mir vor allen theuer ist, die Krone Aufsetzen kann! — Der Stuart wards vergoͤnnt, Die Hand nach ihrer Neigung zu verschenken, Die hat sich jegliches erlaubt, sie hat Den vollen Kelch der Freuden ausgetrunken. Jetzt trinkt sie auch den bittern Kelch des Leidens. Sie hat der Menschen Urtheil nichts geachtet. Leicht wurd' es ihr zu leben, nimmer lud sie Das Joch sich auf, dem ich mich unterwarf. Haͤtt' ich doch auch Anspruͤche machen koͤnnen, Des Lebens mich, der Erde Lust zu freun, Doch zog ich strenge Koͤnigspflichten vor. Und doch gewann sie aller Maͤnner Gunst, Weil sie sich nur befliß, ein Weib zu seyn, Und um sie buhlt die Jugend und das Alter. So sind die Maͤnner. Luͤstlinge sind alle! Dem Leichtsinn eilen sie, der Freude zu, Und schaͤtzen nichts, was sie verehren muͤssen. Verjuͤngte sich nicht dieser Talbot selbst, Als er auf ihren Reiz zu reden kam! Vergieb es ihm. Er war ihr Waͤchter einst, Die List'ge hat mit Schmeicheln ihn bethoͤrt. Und ist's denn wirklich wahr, daß sie so schoͤn ist? So oft mußt' ich die Larve ruͤhmen hoͤren, Wohl moͤcht' ich wissen, was zu glauben ist. Gemaͤhlde schmeicheln, Schilderungen luͤgen, Nur meinen eignen Augen wuͤrd' ich traun. — Was schaut ihr mich so seltsam an? Ich stellte Dich in Gedanken neben die Maria. — Die Freude wuͤnscht ich mir, ich berg' es nicht, Wenn es ganz in geheim geschehen koͤnnte, Der Stuart gegenuͤber dich zu sehn! Dann solltest du erst deines ganzen Siegs Genießen! Die Beschaͤmung goͤnnt' ich ihr, Daß sie mit eignen Augen — denn der Neid Hat scharfe Augen — uͤberzeugt sich saͤhe, Wie sehr sie auch an Adel der Gestalt Von dir besiegt wird, der sie so unendlich In jeder andern wuͤrd'gen Tugend weicht. Sie ist die juͤngere an Jahren. Juͤnger! Man siehts ihr nicht an. Freilich ihre Leiden! Sie mag wohl vor der Zeit gealtert haben. Ja, und was ihre Kraͤnkung bittrer machte, Das waͤre, dich als Braut zu sehn! Sie hat Des Lebens schoͤne Hoffnung hinter sich, Dich saͤhe sie dem Gluͤck entgegen schreiten! Und als die Braut des Koͤnigssohns von Frankreich, Da sie sich stets so viel gewußt, so stolz Gethan mit der franzoͤsischen Vermaͤhlung, Noch jetzt auf Frankreichs maͤcht'ge Hilfe pocht! (nachlaͤssig hinwerfend). Man peinigt mich ja sie zu sehn. (lebhaft). Sie foderts Als eine Gunst, gewaͤhrt es ihr als Stra f e! Du kannst sie auf das Blutgeruͤste fuͤhren, Es wird sie minder peinigen, als sich Von deinen Reizen ausgeloͤscht zu sehn. Dadurch ermordest du sie, wie sie dich Ermorden wollte — Wenn sie deine Schoͤnheit Erblickt, durch Ehrbarkeit bewacht, in Glorie Gestellt durch einen unbefleckten Tugendruf, Den sie , leichtsinnig bulend, von sich warf, Erhoben durch der Krone Glanz, und jetzt Durch zarte Braͤutlichkeit geschmuͤckt — dann hat Die Stunde der Vernichtung ihr geschlagen. Ja — wenn ich jetzt die Augen auf dich werfe — Nie warst du, nie zu einem Sieg der Schoͤnheit Geruͤsteter als eben jetzt — Mich selbst Hast du umstrahlt wie eine Lichterscheinung, Als du vorhin ins Zimmer tratest — Wie? 8 Wenn du gleich jetzt, jetzt wie du bist, hintraͤtest Vor sie, du findest keine schoͤn're Stunde — Jetzt — Nein — Nein — Jetzt nicht, Lester — Nein, das muß ich Erst wohl bedenken — mich mit Burleigh — (lebhaft einfallend). Burleigh! Der denkt allein auf deinen Staatsvortheil, Auch deine Weiblichkeit hat ihre Rechte, Der zarte Punkt gehoͤrt vor Dein Gericht, Nicht vor des Staatsma n ns — ja auch Staatskunst will es Daß du sie siehst, die oͤffentliche Meinung Durch eine That der Großmuth dir gewinnest! Magst du nachher dich der verhaßten Feindin, Auf welche Weise dirs gefaͤllt, entladen. Nicht wohlanstaͤndig waͤr mir's, die verwandte Im Mangel und in Schmach zu sehn. Man sagt, Daß sie nicht koͤniglich umgeben sey, Vorwerfend waͤr mir ihres Mangels Anblick. Nicht ihrer Schwelle brauchst du dich zu nahn. Hoͤr meinen Rath. Der Zufall hat es eben Nach Wunsch gefuͤgt. Heut ist das große Jagen, An Fotheringhay fuͤhrt der Weg vorbei, Dort kann die Stuart sich im Park ergehn, Du kommst ganz wie ohngefaͤhr dahin, Es darf nichts als vorher bedacht erscheinen, Und wenn es dir zuwider, redest du Sie gar nicht an — Begeh' ich eine Thorheit, So ist es eure, Lester, nicht die meine. Ich will euch heute keinen Wunsch versagen, Weil ich von meinen Unterthanen allen Euch heut am wehesten gethan. (Ihn zaͤrtlich ansehend.) Sey's eine Grille nur von euch. Dadurch Giebt Neigung sich ja kund, daß sie bewilligt Aus freier Gunst, was sie auch nicht gebilligt. (Leicester stuͤrzt zu ihren Fuͤßen, der Vorhang faͤllt.) Dritter Aufzug . Gegend in einem Park. Vorn mit Baͤumen besetzt, hinten eine weite Aussicht. Erster Auftritt . Maria tritt in schnellem Lauf hinter Baͤumen hervor. Hanna Kennedy folgt langsam. I hr eilet ja, als wenn ihr Fluͤgel haͤttet, So kann ich euch nicht folgen, wartet doch! Laß mich der neuen Freiheit genießen, Laß mich ein Kind seyn, sey es mit! Und auf dem gruͤnen Teppich der Wiesen Pruͤfen den leichten, gefluͤgelten Schritt. Bin ich dem finstern Gefaͤngniß entstiegen, Haͤlt sie mich nicht mehr, die traurige Gruft? Laß mich in vollen, in durstigen Zuͤgen Trinken die freie, die himmlische Luft. O meine theure Lady! Euer Kerker Ist nur um ein klein weniges erweitert. Ihr seht nur nicht die Mauer, die uns einschließt, Weil sie der Baͤume dicht Gestraͤuch versteckt. O dank, dank diesen freundlich gruͤnen Baͤumen, Die meines Kerkers Mauern mir verstecken! Ich will mich frei und gluͤcklich traͤumen, Warum aus meinem suͤßen Wahn mich wecken? Umfaͤngt mich nicht der weite Himmelsschoos? Die Blicke, frei und fessellos, Ergehen sich in ungemeßnen Raͤumen. Dort, wo die grauen Nebelberge ragen, Faͤngt meines Reiches Graͤnze an, Und diese Wolken, die nach Mittag jagen, Sie suchen Frankreichs fernen Ocean. Eilende Wolken! Segler der Luͤfte! Wer mit euch wanderte, mit euch schiffte! Gruͤßet mir freundlich mein Jugendland! Ich bin gefangen, ich bin in Banden, Ach, ich hab' keinen andern Gesandten! Frei in Luͤften ist eure Bahn, Ihr seid nicht dieser Koͤnigin unterthan. Ach, theure Lady! Ihr seid außer euch, Die langentbehrte Freiheit macht euch schwaͤrmen. Dort legt ein Fischer den Nachen an! Dieses elende Werkzeug koͤnnte mich retten, Braͤchte mich schnell zu befreundeten Staͤdten. Spaͤrlich naͤhrt es den duͤrftigen Mann. Beladen wollt ich ihn reich mit Schaͤtzen, Einen Zug sollt' er thun, wie er keinen gethan, Das Gluͤck sollt' er finden in seinen Netzen, Naͤhm' er mich ein in den rettenden Kahn. Verlorne Wuͤnsche! Seht ihr nicht, daß uns Von ferne dort die Spaͤhertritte folgen? Ein finster grausames Verbot scheucht jedes Mitleidige Geschoͤpf aus unserm Wege. Nein, gute Hanna. Glaub' mir, nicht umsonst Ist meines Kerkers Thor geoͤffnet worden. Die kleine Gunst ist mir des groͤßern Gluͤcks Verkuͤnderin. Ich irre nicht. Es ist Der Liebe thaͤt'ge Hand, der ich sie danke. Lord Lesters maͤcht'gen Arm erkenn ich drinn. Allmaͤhlig will man mein Gefaͤngniß weiten, Durch kleineres zum groͤßern mich gewoͤhnen, Bis ich das Antlitz dessen endlich schaue, Der mir die Bande loͤßt auf immerdar. Ach, ich kann diesen Widerspruch nicht reimen! Noch gestern kuͤndigt man den Tod euch an, Und heute wird euch ploͤtzlich solche Freiheit. Auch denen, hoͤrt' ich sagen, wird die Kette Geloͤßt, auf die die ew'ge Freiheit wartet. Hoͤrst du das Hifthorn? Hoͤrst du's klingen, Maͤchtigen Rufes, durch Feld und Hain? Ach, auf das muthige Roß mich zu schwingen, An den froͤhlichen Zug mich zu reihn! Noch mehr! O die bekannte Stimme, Schmerzlich suͤßer Erinnerung voll. Oft vernahm sie mein Ohr mit Freuden, Auf des Hochlands bergigten Haiden, Wenn die tobende Jagd erscholl. Zweiter Auftritt . Paulet. Die Vorigen. Nun! Hab' ichs endlich recht gemacht, Milady? Verdien' ich einmal euern Dank? Wie, Ritter? Seid ihr's, der diese Gunst mir ausgewirkt? Ihr seid's? Warum soll ichs nicht seyn? Ich war Am Hof, ich uͤberbrachte euer Schreiben — Ihr uͤbergabt es? Wirklich, thatet ihr's? Und diese Freiheit, die ich jetzt genieße, Ist eine Frucht des Briefs — (mit Bedeutung). Und nicht die einz'ge! Macht euch auf eine groͤßre noch gefaßt. Auf eine groͤßre, Sir? Was meint ihr damit? Ihr hoͤrtet doch die Hoͤrner — (zuruͤckfahrend, mit Ahndung). Ihr erschreckt mich! Die Koͤnigin jagt in dieser Gegend. Was? In wenig Augenblicken steht sie vor euch. (auf Maria zueilend, welche zittert und hinzusinken droht) Wie wird euch, theure Lady! Ihr verblaßt. Nun? Ists nun nicht recht? War's nicht eure Bitte? Sie wird euch fruͤher gewaͤhrt, als ihr gedacht. Ihr ward sonst immer so geschwinder Zunge, Jetzt bringet eure Worte an, jetzt ist Der Augenblick zu reden! O warum hat man mich nicht vorbereitet! Jetzt bin ich nicht darauf gefaßt, jetzt nicht. Was ich mir als die hoͤchste Gunst erbeten, Duͤnkt mir jetzt schrecklich, fuͤrchterlich — Komm Hanna, Fuͤhr' mich ins Haus, daß ich mich fasse, mich Erhohle — Bleibt. Ihr muͤßt sie hier erwarten. Wohl, wohl mag's euch beaͤngstigen, ich glaubs, Vor eurem Richter zu erscheinen. Dritter Auftritt . Graf Schrewsbury zu den Vorigen. Es ist nicht darum! Gott, mir ist ganz anders Zu Muth — Ach edler Schrewsbury! Ihr kommt, Vom Himmel mir ein Engel zugesendet! — Ich kann sie nicht sehn! Rettet, rettet mich Von dem verhaßten Anblick — Kommt zu euch, Koͤnigin! Faßt euren Muth Zusammen. Das ist die entscheidungsvolle Stunde. Ich habe drauf geharret — Jahre lang Mich drauf bereitet, alles hab' ich mir Gesagt und ins Gedaͤchtniß eingeschrieben, Wie ich sie ruͤhren wollte und bewegen! Vergessen ploͤtzlich, ausgeloͤscht ist alles, Nichts lebt in mir in diesem Augenblick, Als meiner Leiden brennendes Gefuͤhl. In blut'gen Haß gewendet wider sie Ist mir das Herz, es fliehen alle guten Gedanken, und die Schlangenhaare schuͤttelnd Umstehen mich die finstern Hoͤllengeister. Gebietet eurem wild empoͤrten Blut, Bezwingt des Herzens Bitterkeit! Es bringt Nicht gute Frucht, wenn Haß dem Haß begegnet. Wie sehr auch euer Innres widerstrebe, Gehorcht der Zeit und dem Gesetz der Stunde! Sie ist die Maͤchtige — demuͤthigt euch! Vor ihr! Ich kann es nimmermehr. Thuts dennoch! Sprecht ehrerbietig, mit Gelassenheit! Ruft ihre Großmuth an, trotzt nicht, jetzt nicht Auf euer Recht, jetzo ist nicht die Stunde. Ach mein Verderben hab' ich mir erfleht, Und mir zum Fluche wird mein Flehn erhoͤrt! Nie haͤtten wir uns sehen sollen, niemals! Daraus kann nimmer, nimmer gutes kommen! Eh moͤgen Feu'r und Wasser sich in Liebe Begegnen und das Lamm den Tiger kuͤssen — Ich bin zu schwer verletzt — sie hat zu schwer Beleidigt — Nie ist zwischen uns Versoͤhnung! Seht sie nur erst von Angesicht! Ich sah es ja, wie sie von eurem Brief Erschuͤttert war, ihr Auge schwamm in Thraͤnen. Nein, sie ist nicht gefuͤhllos, hegt ihr selbst Nur besseres Vertrauen — Darum eben Bin ich voraus geeilt, damit ich euch In Fassung setzen und ermahnen moͤchte. (seine Hand ergreifend). Ach Talbot! Ihr war't stets mein Freund — daß ich In eurer milden Haft geblieben waͤre! Es ward mir hart begegnet, Schrewsbury! Vergeßt jetzt alles. Darauf denkt allein, Wie ihr sie unterwuͤrfig wollt empfangen. Ist Burleigh auch mit ihr, mein boͤser Engel? Niemand begleitet sie als Graf von Lester. Lord Lester! Fuͤrchtet nichts von ihm. Nicht Er Will euren Untergang — Sein Werk ist es, Daß euch die Koͤnigin die Zusammenkunft Bewilligt. Ach! Ich wußt' es wohl! Was sagt ihr? Die Koͤnigin kommt! (Alles weicht auf die Seite, nur Maria bleibt, auf die Kennedy gelehnt.) Vierter Auftritt . Die Vorigen. Elisabeth. Graf Leicester. Gefolge. (zu Leicester). Wie heißt der Landsitz? Fotheringbayschloß. (zu Schrewsbury). Schickt unser Jagdgefolg voraus nach London, Das Volk draͤngt allzuheftig in den Straßen, Wir suchen Schutz in diesem stillen Park. (Talbot entfernt das Gefolge. Sie fixirt mit den Augen die Maria, indem sie zu Paulet weiter spricht) Mein gutes Volk liebt mich zu sehr. Unmaͤßig, Abgoͤttisch sind die Zeichen seiner Freude, So ehrt man einen Gott, nicht einen Menschen. (welche diese Zeit uͤber halb ohnmaͤchtig auf die Amme gelehnt war, erhebt sich jetzt und ihr Auge begegnet dem gespannten Blick der Elisabeth. Sie schaudert zusammen und wirft sich wieder an der Amme Brust) O Gott, aus diesen Zuͤgen spricht kein Herz! Wer ist die Lady? (Ein allgemeines Schweigen) — Du bist zu Fotheringbay, Koͤnigin. (stellt sich uͤberrascht und erstaunt, einen finstern Blick auf Leicestern richtend) Wer hat mir das gethan? Lord Lester! Es ist geschehen, Koͤnigin — Und nun Der Himmel deinen Schritt hieher gelenkt, So laß die Großmuth und das Mitleid siegen. Laß dich erbitten, koͤnigliche Frau, Dein Aug' auf die Ungluͤckliche zu richten, Die hier vergeht vor deinem Anblick. (Maria rafft sich zusammen und will auf die Elisabeth zugehen, steht aber auf halbem Weg schaudernd still, ihre Gebaͤrden druͤcken den heftigsten Kampf aus.) Wie, Milords? Wer war es denn, der eine Tiefgebeugte Mir angekuͤndigt? Eine Stolze find' ich, Vom Ungluͤck keineswegs geschmeidigt. Sey's! Ich will mich auch noch diesem unterwerfen. Fahr hin, ohnmaͤcht'ger Stolz der edeln Seele! Ich will vergessen, wer ich bin, und was Ich litt, ich will vor ihr mich niederwerfen, Die mich in diese Schmach herunterstieß. (Sie wendet sich gegen die Koͤnigin.) Der Himmel hat fuͤr euch entschieden, Schwester! Gekroͤnt vom Sieg ist euer gluͤcklich Haupt, Die Gottheit bet' ich an, die euch erhoͤhte! (Sie faͤllt vor ihr nieder.) Doch seid auch ihr nun edelmuͤthig, Schwester! Laßt mich nicht schmachvoll liegen, eure Hand Streckt aus, reicht mir die koͤnigliche Rechte, Mich zu erheben von dem tiefen Fall. (zuruͤcktretend) Ihr seid an eurem Platz, Lady Maria! Und dankend preis' ich meines Gottes Gnade, Der nicht gewollt, daß ich zu euren Fuͤßen So liegen sollte, wie ihr jetzt zu meinen. (mit steigendem Affekt). Denkt an den Wechsel alles Menschlichen! Es leben Goͤtter, die den Hochmuth raͤchen! Verehret, fuͤrchtet sie, die schrecklichen, Die mich zu euren Fuͤßen niederstuͤrzen — Um dieser fremden Zeugen willen, ehrt In mir euch selbst, entweihet, schaͤndet nicht Das Blut der Tudor, das in meinen Adern Wie in den euren fließt — O Gott im Himmel! Steht nicht da, schroff und unzugaͤnglich, wie Die Felsenklippe, die der Strandende Vergeblich ringend zu erfassen strebt. Mein Alles haͤngt, mein Leben, mein Geschick, An meiner Worte, meiner Thraͤnen Kraft, Loͤßt mir das Herz, daß ich das eure ruͤhre! Wenn ihr mich anschaut mit dem Eisesblick, Schließt sich das Herz mir schaudernd zu, der Strom Der Thraͤnen stockt, und kaltes Grausen fesselt Die Flehensworte mir im Busen an. (kalt und streng). Was habt ihr mir zu sagen, Lady Stuart? Ihr habt mich sprechen wollen. Ich vergesse Die Koͤnigin, die schwer beleidigte, Die fromme Pflicht der Schwester zu erfuͤllen, Und meines Anblicks Trost gewaͤhr ich euch. Dem Trieb der Großmuth folg' ich, setze mich Gerechtem Tadel aus, daß ich so weit Herunter steige — denn ihr wißt, Daß ihr mich habt ermorden lassen wollen. Womit soll ich den Anfang machen, wie Die Worte kluͤglich stellen, daß sie euch Das Herz ergreifen, aber nicht verletzen! O Gott, gieb meiner Rede Kraft, und nimm Ihr jeden Stachel, der verwunden koͤnnte! Kann ich doch fuͤr mich selbst nicht sprechen, ohne euch Schwer zu verklagen, und das will ich nicht. — Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist, Denn ich bin eine Koͤnigin wie ihr, Und ihr habt als Gefangne mich gehalten, Ich kam zu euch als eine Bittende, Und ihr, des Gastrechts heilige Gesetze, Der Voͤlker heilig Recht in mir verhoͤhnend, Schloßt mich in Kerkermauern ein, die Freunde, Die Diener werden grausam mir entrissen, Unwuͤrd'gem Mangel werd' ich preiß gegeben, Man stellt mich vor ein schimpfliches Gericht — Nichts mehr davon! Ein ewiges Vergessen Bedecke, was ich grausames erlitt. — Seht! Ich will alles eine Schickung nennen, 9 Ihr seid nicht schuldig, ich bin auch nicht schuldig, Ein boͤser Geist stieg aus dem Abgrund auf, Den Haß in unsern Herzen zu entzuͤnden, Der unsre zarte Jugend schon entzweyt. Er wuchs mit uns, und boͤse Menschen fachten Der ungluͤckselgen Flamme Athem zu. Wahnsinn'ge Eiferer bewaffneten Mit Schwerdt und Dolch die unberufne Hand — Das ist das Fluchgeschick der Koͤnige, Daß sie, entzweyt, die Welt in Haß zerreißen, Und jeder Zwietracht Furien entfesseln. — Jetzt ist kein fremder Mund mehr zwischen uns (naͤhert sich ihr zutraulich und mit schmeichelndem Ton) Wir stehn einander selbst nun gegenuͤber. Jetzt Schwester redet ! Nennt mir meine Schuld, Ich will euch voͤlliges Genuͤgen leisten. Ach, daß ihr damals mir Gehoͤr geschenkt, Als ich so dringend euer Auge suchte! Es waͤre nie so weit gekommen, nicht Zu diesem traur'gen Ort geschaͤhe jetzt Die ungluͤckselig traurige Begegnung. Mein guter Stern bewahrte mich davor, Die Natter an den Busen mir zu legen. — Nicht die Geschicke, euer schwarzes Herz Klagt an, die wilde Ehrfurcht eures Hauses. Nichts feindliches war zwischen uns geschehn, Da kuͤndigte mir euer Ohm, der stolze, Herrschwuͤthge Priester, der die freche Hand Nach allen Kronen streckt, die Fehde an, Bethoͤrte euch, mein Wappen anzunehmen, Euch meine Koͤnigstitel zuzueignen, Auf Tod und Leben in den Kampf mit mir Zu gehn — Wen rief er gegen mich nicht auf? Der Priester Zungen und der Voͤlker Schwerdt, Des frommen Wahnsinns fuͤrchterliche Waffen, Hier selbst, im Friedenssitze meines Reichs, Blies er mir der Empoͤrung Flammen an — Doch Gott ist mit mir, und der stolze Priester Behaͤlt das Feld nicht — Meinem Haupte war Der Streich gedrohet, und das eure faͤllt! Ich steh' in Gottes Hand. Ihr werdet euch So blutig eurer Macht nicht uͤberheben — Wer soll mich hindern? Euer Oheim gab Das Beispiel allen Koͤnigen der Welt, Wie man mit seinen Feinden Frieden macht, Die Sankt Barthelemi sey meine Schule! Was ist mir Blutsverwandschaft, Voͤlkerrecht? Die Kirche trennet aller Pflichten Band, Den Treubruch heiligt sie, den Koͤnigsmord, Ich uͤbe nur, was eure Priester lehren. Sagt! Welches Pfand gewaͤhrte mir fuͤr euch, Wenn ich großmuͤthig eure Bande loͤste? Mit welchem Schloß verwahr' ich eure Treue, Das nicht Sankt Peters Schluͤssel oͤffnen kann? Gewalt nur ist die einz'ge Sicherheit, Kein Buͤndniß ist mit dem Gezuͤcht der Schlangen. O das ist euer traurig finstrer Argwohn! Ihr habt mich stets als eine Feindin nur Und Fremdlingin betrachtet. Haͤttet ihr Zu eurer Erbin mich erklaͤrt, wie mir Gebuͤhrt, so haͤtten Dankbarkeit und Liebe Euch eine treue Freundin und Verwandte In mir erhalten. Draußen, Lady Stuart, Ist eure Freundschaft, euer Haus das Pabstthum, Der Moͤnch ist euer Bruder — Euch, zur Erbin Erklaͤren! Der verraͤtherische Fallstrick! Daß ihr bei meinem Leben noch mein Volk Verfuͤhrtet, eine listige Armida Die edle Jugend meines Koͤnigreichs In eurem Buhlernetze schlau verstricktet — Daß alles sich der neu aufgeh'nden Sonne Zuwendete, und ich — Regiert in Frieden! Jedwedem Anspruch auf dieß Reich entsag' ich. Ach, meines Geistes Schwingen sind gelaͤhmt, Nicht Groͤße lockt mich mehr — Ihr habts erreicht, Ich bin nur noch der Schatten der Maria. Gebrochen ist in langer Kerkerschmach Der edle Muth — Ihr habt das aͤußerste an mir Gethan, habt mich zerstoͤrt in meiner Bluͤthe! — Jetzt macht ein Ende, Schwester. Sprecht es aus, Das Wort, um dessentwillen ihr gekommen, Denn nimmer will ich glauben, daß ihr kamt, Um euer Opfer grausam zu verhoͤhnen. Sprecht dieses Wort aus. Sagt mir: „Ihr seid frey, „Maria! Meine Macht habt ihr gefuͤhlt, „Jetzt lernet meinen Edelmuth verehren.“ Sagt's, und ich will mein Leben, meine Freiheit Als ein Geschenk aus eurer Hand empfangen. — Ein Wort macht alles ungeschehn. Ich warte Darauf. O laßt michs nicht zu lang erharren! Weh euch, wenn ihr mit diesem Wort nicht endet! Denn wenn ihr jetzt nicht segenbringend, herrlich, Wie eine Gottheit von mir scheidet — Schwester! Nicht um dieß ganze reiche Eiland, nicht Um alle Laͤnder, die das Meer umfaßt, Moͤcht ich vor euch so stehn, wie ihr vor mir! Bekennt ihr endlich euch fuͤr uͤberwunden? Ists aus mit euren Raͤnken? Ist kein Moͤrder Mehr unterweges? Will kein Abentheurer Fuͤr euch die traur'ge Ritterschaft mehr wagen? — Ja es ist aus, Lady Maria. Ihr verfuͤhrt Mir keinen mehr. Die Welt hat andre Sorgen. Es luͤstet keinen euer — vierter Mann Zu werden, denn ihr toͤdet eure Freier, Wie eure Maͤnner! (auffahrend). Schwester! Schwester! O Gott! Gott! Gieb mir Maͤßigung! (sieht sie lange mit einem Blick stolzer Verachtung an) Das also sind die Reizungen, Lord Lester, Die ungestraft kein Mann erblickt, daneben Kein andres Weib sich wagen darf zu stellen! Fuͤrwahr! Der Ruhm war wohlfeil zu erlangen, Es kostet nichts, die allgemeine Schoͤnheit Zu seyn, als die gemeine seyn fuͤr alle ! Das ist zu viel! (hoͤhnisch lachend.) Jetzt zeigt ihr euer wahres Gesicht, bis jetzt war's nur die Larve. (von Zorn gluͤhend, doch mit einer edeln Wuͤrde) Ich habe menschlich, jugendlich gefehlt, Die Macht verfuͤhrte mich, ich hab' es nicht Verheimlicht und verborgen, falschen Schein Hab' ich verschmaͤht, mit koͤniglichem Freimuth. Das aͤrgste weiß die Welt von mir und ich Kann sagen, ich bin besser als mein Ruf. Weh euch, wenn sie von euren Thaten einst Den Ehrenmantel zieht, womit ihr gleißend Die wilde Glut verstohlner Luͤste deckt. Nicht Ehrbarkeit habt ihr von eurer Mutter Geerbt, man weiß, um welcher Tugend willen Anna von Boulen das Schaffot bestiegen. (tritt zwischen beide Koͤniginnen). O Gott des Himmels! Muß es dahin kommen! Ist das die Maͤßigung, die Unterwerfung, Lady Maria? Maͤßigung! Ich habe Ertragen, was ein Mensch ertragen kann. Fahr hin, lammherzige Gelassenheit, Zum Himmel fliehe, leidende Geduld, Spreng endlich deine Bande, tritt hervor Aus deiner Hoͤhle, langverhaltner Groll — Und du , der dem gereizten Basilisk Den Mordblick gab, leg' auf die Zunge mir Den gift'gen Pfeil — O sie ist außer sich! Verzeih der rasenden, der schwer gereizten! (Elisabeth, fuͤr Zorn sprachlos, schießt wuͤthende Blicke auf Marien.) (in der heftigsten Unruhe, sucht die Elisabeth hinweg zu fuͤhreen) Hoͤre Die Wuͤthende nicht an! Hinweg, hinweg Von diesem ungluͤcksel'gen Ort! Der Thron von England ist durch einen Bastard Entweiht, der Britten edelherzig Volk Durch eine list'ge Gauklerin betrogen. — Regierte Recht, so laͤget Ihr vor mir Im Staube jetzt, denn ich bin euer Koͤnig. (Elisabeth geht schnell ab, die Lords folgen ihr in der hoͤchchsten Bestuͤrzung.) Fuͤnfter Auftritt . Maria. Kennedy. O was habt ihr gethan! Sie geht in Wuth! Jetzt ist es aus und alle Hoffnung schwindet. (noch ganz außer sich). Sie geht in Wuth! Sie traͤgt den Tod im Herzen! (der Kennedy um den Hals fallend) O wie mir wohl ist, Hanna! Endlich, endlich Nach Jahren der Erniedrigung, der Leiden, Ein Augenblick der Rache, des Triumphs! Wie Vergeslasten faͤllts von meinem Herzen, Das Messer stieß ich in der Feindin Brust. Ungluͤckliche! Der Wahnsinn reißt euch hin, Ihr habt die Unversoͤhnliche verwundet. Sie fuͤhrt den Blitz, sie ist die Koͤnigin, Vor ihrem Buhlen habt ihr sie verhoͤhnt! Vor Lesters Augen hab' ich sie erniedrigt! Er sah es, er bezeugte meinen Sieg! Wie ich sie niederschlug von ihrer Hoͤhe, Er stand dabey, mich staͤrkte seine Naͤhe! Sechster Auftritt . Mortimer zu den Vorigen. O Sir! Welch ein Erfolg — Ich hoͤrte alles. (Giebt der Amme ein Zeichen sich auf ihren Posten zu begeben, und tritt naͤher. Sein ganzes Wesen druͤckt eine heftige leidenschaftliche Stimmung aus.) Du hast gesiegt! Du tratst sie in den Staub, Du warst die Koͤnigin, sie der Verbrecher. Ich bin entzuͤckt von deinem Muth, ich bete Dich an, wie eine Goͤttin groß und herrlich, Erscheinst du mir in diesem Augenblick. Ihr spracht mit Lestern, uͤberbrachtet ihm Mein Schreiben, mein Geschenk — O redet, Sir! (mit gluͤhenden Blicken sie betrachtend) Wie dich der edle koͤnigliche Zorn Umglaͤnzte, deine Reize mir verklaͤrte! Du bist das schoͤnste Weib auf dieser Erde! Ich bitt' euch, Sir! Stillt meine Ungeduld. Was spricht Milord? O sagt, was darf ich hoffen? Wer? Er? das ist ein Feiger, Elender! Hofft nichts von ihm, verachtet ihn, vergeßt ihn! Was sagt ihr? Er euch retten und besitzen! Er euch! Er soll es wagen! Er! Mit mir Muß er auf Tod und Leben darum kaͤmpfen! Ihr habt ihm meinen Brief nicht uͤbergeben? — O dann ists aus! Der Feige liebt das Leben. Wer dich will retten und die seine nennen, Der muß den Tod beherzt umarmen koͤnnen. Er will nichts fuͤr mich thun! Nichts mehr von ihm! Was kann Er thun, und was bedarf man sein? Ich will dich retten, ich allein! Ach, was vermoͤgt ihr! Taͤuschet euch nicht mehr, Als ob es noch wie gestern mit euch stuͤnde! So wie die Koͤnigin jetzt von euch gieng, Wie dieß Gespraͤch sich wendete, ist alles Verloren, jeder Gnadenweg gesperrt. Der That bedarfs jetzt, Kuͤhnheit muß entscheiden, Fuͤr Alles werde Alles frisch gewagt, Frei muͤßt ihr seyn, noch eh der Morgen tagt. Was sprecht ihr? diese Nacht! Wie ist das moͤglich? Hoͤrt, was beschlossen ist. Versammelt hab' ich In heimlicher Kapelle die Gefaͤhrten, Ein Priester hoͤrte unsre Beichte an, Ablaß ist uns ertheilt fuͤr alle Schulden, Die wir begiengen, Ablaß im voraus Fuͤr alle, die wir noch begehen werden. Das letzte Sakrament empfingen wir, Und fertig sind wir zu der letzten Reise. O welche fuͤrchterliche Vorbereitung! Dieß Schloß ersteigen wir in dieser Nacht, Der Schluͤssel bin ich maͤchtig. Wir ermorden Die Huͤter, reissen dich aus deiner Kammer Gewaltsam, sterben muß von unsrer Hand, Daß niemand uͤberbleibe, der den Raub Verrathen koͤnne, jede lebende Seele. Und Drury, Paulet, meine Kerkermeister? O eher werden sie ihr letztes Blut — Von meinem Dolche fallen sie zuerst! Was? Euer Oheim, euer zweiter Vater? Von meinen Haͤnden stirbt er. Ich ermord' ihn. O blut'ger Frevel! Alle Frevel sind Vergeben im voraus. Ich kann das Aergste Begehen, und ich wills . O schrecklich, schrecklich! Und muͤßt' ich auch die Koͤnigin durchbohren, Ich hab' es auf die Hostie geschworen. Nein, Mortimer! Eh' so viel Blut um mich — Was ist mir alles Leben gegen dich Und meine Liebe! Mag der Welten Band Sich loͤsen, eine zweite Wasserfluth Herwoogend alles athmende verschlingen! — Ich achte nichts mehr! Eh' ich dir entsage, Eh' nahe sich das Ende aller Tage. (zuruͤcktretend). Gott! Welche Sprache Sir, und — welche Blicke! — Sie schrecken, sie verscheuchen mich. (mit irren Blicken, und im Ausdruck des stillen Wahnsinns) Das Leben ist Nur ein Moment, der Tod ist auch nur einer! — Man schleife mich nach Tyburn, Glied fuͤr Glied Zerreisse man mit gluͤhnder Eisenzange, (indem er heftig auf sie zugeht, mit ausgebreiteten Armen) Wenn ich dich, Heißgeliebte, umfange — (zuruͤcktretend). Unsinniger, zuruͤck — An dieser Brust, Auf diesem Liebe athmenden Munde — Um Gotteswillen, Sir! Laßt mich hinein gehn! Der ist ein Rasender, der nicht das Gluͤck Festhaͤlt in unaufloͤslicher Umarmung, Wenn es ein Gott in seine Hand gegeben. Ich will dich retten, kost' es tausend Leben, Ich rette dich, ich will es, doch sowahr Gott lebt! Ich schwoͤr's, ich will dich auch besitzen. O will kein Gott, kein Engel mich beschuͤtzen! Furchtbares Schicksal! Grimmig schlenderst du Von einem Schreckniß mich dem andern zu. Bin ich geboren, nur die Wuth zu wecken? Verschwoͤrt sich Haß und Liebe, mich zu schrecken. Ja gluͤhend, wie sie hassen, lieb' ich dich! Sie wollen dich enthaupten, diesen Hals, Den blendend weißen, mit dem Beil durchschneiden. O weihe du dem Lebensgott der Freuden, Was du dem Hasse blutig opfern mußt. Mit diesen Reizen, die nicht dein mehr sind, Beselige den gluͤcklichen Geliebten. Die schoͤne Locke, dieses seidne Haar Verfallen schon den finstern Todesmaͤchten, Gebrauchs, den Sklaven ewig zu umflechten! O welche Sprache muß ich hoͤren! Sir! Mein Ungluͤck sollt euch heilig seyn, mein Leiden, Wenn es mein koͤnigliches Haupt nicht ist. Die Krone ist von deinem Haupt gefallen, Du hast nichts mehr von ird'scher Majestaͤt, Versuch' es, laß dein Herrscherwort erschallen, Ob dir ein Freund, ein Retter aufersteht. Nichts blieb dir als die ruͤhrende Gestalt, Der hohen Schoͤnheit goͤttliche Gewalt, Die laͤßt mich alles wagen und vermoͤgen, Die treibt dem Beil des Henkers mich entgegen — O wer errettet mich von seiner Wuth! Verwegner Dienst belohnt sich auch verwegen! Warum verspruͤtzt der Tapfere sein Blut? Ist Leben doch des Lebens hoͤchstes Gut! Ein Rasender, der es umsonst verschleudert! Erst will ich ruhn an seiner waͤrmsten Brust — (Er preßt sie heftig an sich.) O muß ich Huͤlfe rufen gegen den Mann, Der mein Erretter — Du bist nicht gefuͤhllos, Nicht kalter Strenge klagt die Welt dich an, Dich kann die heiße Liebes bitte ruͤhren, Du hast den Saͤnger Rizzio begluͤckt, Und jener Bothwell durfte dich entfuͤhren. Vermessener! Er war nur dein Tyrann! Du zittertest vor ihm, da du ihn liebtest! Wenn nur der Schrecken dich gewinnen kann, Beim Gott der Hoͤlle! — Laßt mich! Raset ihr? Erzittern sollt du auch vor mir! 10 (hereinstuͤrzend). Man naht. Man kommt. Bewaffnet Volk erfuͤllt Den ganzen Garten. (auffahrend und zum Degen greifend) Ich beschuͤtze dich. O Hanna! Rette mich aus seinen Haͤnden! Wo find' ich Aermste einen Zufluchtsort? Zu welchem Heiligen soll ich mich wenden? Hier ist Gewalt und drinnen ist der Mord. (Sie flieht dem Hause zu, Kennedy folgt.) Siebenter Auftritt . Mortimer. Paulet und Drury, welche außer sich herein- stuͤrzen. Gefolge eilt uͤber die Scene. Verschließt die Pforten. Zieht die Bruͤcken auf! Oheim, was ist's? Wo ist die Moͤrderin? Hinab mit ihr ins finsterste Gefaͤngniß! Was giebt's? Was ist geschehn? Die Koͤnigin! Verfluchte Haͤnde! Teuflisches Erkuͤhnen! Die Koͤnigin! Welche Koͤnigin? Von England! Sie ist ermordet auf der Londner Straßen! (Eilt ins Haus.) Achter Auftritt . Mortimer. Gleich darauf Okelly. Bin ich im Wahnwitz? Kam nicht eben jemand Vorbei und rief: Die Koͤnigin sey ermordet? Nein, nein, mir traͤumte nur. Ein Fieberwahn Bringt mir als wahr und wirklich vor den Sinn, Was die Gedanken graͤßlich mir erfuͤllt. Wer kommt? Es ist Okell'. So schreckenvoll! (hereinstuͤrzend). Flieht, Mortimer! Flieht. Alles ist verloren. Was ist verloren? Fragt nicht lange. Denkt Auf schnelle Flucht. Was giebt's denn? Sauvage fuͤhrte Den Streich, der rasende. So ist es wahr? Wahr, wahr! O rettet euch! Sie ist ermordet, Und auf den Thron von England steigt Maria! Ermordet! Wer sagt das? Ihr selbst! Sie lebt! Und ich und ihr, wir alle sind des Todes. Sie lebt! Der Stoß gieng fehl, der Mantel fing ihn auf, Und Schrewsbury entwaffnete den Moͤrder. Sie lebt! Lebt, um uns alle zu verderben! Kommt, man umzingelt schon den Park. Wer hat Das rasende gethan? Der Barnabit' Aus Toulon war's, den ihr in der Kapelle Tiefsinnig sitzen saht, als uns der Moͤnch Das Anathem' ausdeutete, worin Der Pabst die Koͤnigin mit dem Fluch belegt. Das naͤchste, kuͤrzeste wollt' er ergreifen, Mit einem kecken Streich die Kirche Gottes Befrein, die Martyrkrone sich erwerben, Dem Priester nur vertraut' er seine That, Und auf dem Londner Weg ward sie vollbracht. (nach einem langen Stillschweigen) O dich verfolgt ein grimmig wuͤthend Schicksal, Ungluͤckliche! Jetzt — ja jetzt mußt du sterben, Dein Engel selbst bereitet deinen Fall. Sagt! Wohin wendet ihr die Flucht? Ich gehe, Mich in des Nordens Waͤldern zu verbergen. Flieht hin und Gott geleite eure Flucht! Ich bleibe. Noch versuch' ichs, sie zu retten, Wo nicht, auf ihrem Sarge mir zu betten. (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.) Vierter Aufzug . Vorzimmer . Erster Auftritt . Graf Aubespine. Kent und Leicester. W ie steht's um Ihro Majestaͤt? Milords, Ihr seht mich noch ganz außer mir fuͤr Schrecken. Wie gieng das zu? Wie konnte das in Mitte Des allertreusten Volks geschehen? Es geschah Durch keinen aus dem Volke. Der es that, War eures Koͤnigs Unterthan, ein Franke. Ein Rasender gewißlich. Ein Papist, Graf Aubespine! Zweiter Auftritt . Vorige. Burleigh im Gespraͤch mit Davison. Sogleich muß der Befehl Zur Hinrichtung verfaßt und mit dem Siegel Versehen werden — Wenn er ausgefertigt, Wird er der Koͤnigin zur Unterschrift Gebracht. Geht! Keine Zeit ist zu verlieren. Es soll geschehn. (Geht ab.) (Burleigh entgegen). Milord, mein treues Herz Theilt die gerechte Freude dieser Insel. Lob sey dem Himmel, der den Moͤrderstreich Gewehrt von diesem koͤniglichen Haupt! Er sey gelobt, der unsrer Feinde Bosheit Zu Schanden machte! Moͤg' ihn Gott verdammen, Den Thaͤter dieser fluchenswerthen That! Den Thaͤter und den schaͤndlichen Erfinder. (zu Kent). Gefaͤllt es Eurer Herrlichkeit, Lordmarschall, Bei Ihro Majestaͤt mich einzufuͤhren, Daß ich den Gluͤckwunsch meines Herrn und Koͤnigs Zu ihren Fuͤßen schuldigst niederlege — Bemuͤht euch nicht, Graf Aubespine. (offizios). Ich weiß, Lord Burleigh, was mir obliegt. Euch liegt ob, Die Insel auf das schleunigste zu raͤumen. (tritt erstaunt zuruͤck). Was! Wie ist das! Der heilige Charakter Beschuͤtzt euch heute noch und morgen nicht mehr. Und was ist mein Verbrechen? Wenn ich es Genannt , so ist es nicht mehr zu vergeben. Ich hoffe, Lord, das Recht der Abgesandten — Schuͤtzt — Reichsverraͤther nicht. Ha! Was ist das! Milord, Verdenkt ihr wohl — Ein Paß, von eurer Hand Geschrieben, fand sich in des Moͤrders Tasche. Ist's moͤglich? Viele Paͤsse theil' ich aus, Ich kann der Menschen Innres nicht erforschen. In eurem Hause beichtete der Moͤrder. Mein Haus ist offen. Jedem Feinde Englands. Ich fordre Untersuchung. Fuͤrchtet sie! In meinem Haupt ist mein Monarch verletzt, Zerreißen wird er das geschloßne Buͤndniß. Zerrissen schon hat es die Koͤnigin, England wird sich mit Frankreich nicht vermaͤhlen. Milord von Kent! Ihr uͤbernehmet es, Den Grafen sicher an das Meer zu bringen. Das aufgebrachte Volk hat sein Hotel Gestuͤrmt, wo sich ein ganzes Arsenal Von Waffen fand, es droht ihn zu zerreißen, Wie er sich zeigt; verberget ihn, bis sich Die Wuth gelegt — Ihr haftet fuͤr sein Leben! Ich gehe, ich verlasse dieses Land, Wo man der Voͤlker Recht mit Fuͤßen tritt, Und mit Vertraͤgen spielt — doch mein Monarch Wird blut'ge Rechenschaft — Ich gehe, ich verlasse dieses Land, Wo man der Voͤlker Recht mit Fuͤßen tritt, Und mit Vetraͤgen spielt — doch mein Monarch Wird blut'ge Rechenschaft — Er hohle sie! (Kent und Aubespine gehen ab.) Dritter Auftritt . Leicester und Burleigh. So loͤßt ihr selbst das Buͤndniß wieder auf, Das ihr geschaͤftig unberufen knuͤpftet. Ihr habt um England wenig Dank verdient, Milord, die Muͤhe konntet ihr euch sparen. Mein Zweck war gut. Gott leitete es anders. Wohl dem, der sich nichts schlimmeres bewußt ist! Man kennt Cecils geheimnißreiche Miene, Wenn er die Jagd auf Staatsverbrechen macht. — Jetzt, Lord, ist eine gute Zeit fuͤr euch. Ein ungeheurer Frevel ist geschehn, Und noch umhuͤllt Geheimniß seine Thaͤter. Jetzt wird ein Inquisitionsgericht Eroͤffnet. Wort und Blicke werden abgewogen, Gedanken selber vor Gericht gestellt. Da seid Ihr der allwichtge Mann, der Atlas Des Staats, ganz England liegt auf euren Schultern. In euch, Milord, erkenn' ich meinen Meister, Denn solchen Sieg, als eure Reduerkunst Erfocht, hat meine nie davon getragen. Was meint ihr damit, Lord? Ihr wart es doch, der hinter meinem Ruͤcken Die Koͤnigin nach Forheringhapschloß Zu locken wußte? Hinter eurem Ruͤcken! Wann scheuten meine Thaten eure Stirn? Die Koͤnigin haͤttet Ihr nach Forheringhay Gefuͤhrt? Nicht doch! Ihr habt die Koͤnigin Nicht hingefuͤhrt! — Die Koͤnigin war es, Die so gefaͤllig war, Euch hinzufuͤhren. Was wollt ihr damit sagen, Lord! Die edle Person, die ihr die Koͤnigin dort spielen ließt! Der herrliche Triumph, den ihr der arglos Vertrauenden bereitet — Guͤt'ge Fuͤrstin! So schaamlos frech verspottete man dich, So schonungslos wardst du dahin gegeben! — Das also ist die Großmuth und die Milde, Die euch im Staatsrath ploͤtzlich angewandelt! Darum ist diese Stuart ein so schwacher, Verachtungswerther Feind, daß es der Muͤh Nicht lohnt, mit ihrem Blut sich zu bestecken! Ein feiner Plan! Fein zugespitzt! Nur schade, Zu sein geschaͤrftet, daß die Spitze brach! Nichtswuͤrdiger! Gleich folgt mir! An dem Throne Der Koͤnigin sollt ihr mir Rede stehn. Dort trefft ihr mich — Und sehet zu, Milord, Daß euch dort die Beredtsamkeit nicht fehle! (Geht ab.) Vierter Auftritt . Leicester allein, darauf Mortimer. Ich bin entdeckt, ich bin durchschaut — Wie kam Der Ungluͤckselige auf meine Spuren! Weh mir, wenn er Beweise hat! Erfaͤhrt Die Koͤnigin, daß zwischen mir und der Maria Verstaͤndnisse gewesen — Gott! Wie schuldig Steh ich vor ihr! Wie hinterlistig treulos Erscheint mein Rath, mein ungluͤckseliges Bemuͤhn, nach Fotheringhay sie zu fuͤhren! Grausam verspottet sieht sie sich von mir, An die verhaßte Feindin sich verrathen! O nimmer, nimmer kann sie das verzeihn! Vorherbedacht wird alles nun erscheinen, Auch diese bittre Wendung des Gespraͤchs, Der Gegnerin Triumph und Hohngelaͤchter, Ja selbst die Moͤrderhand, die blutig schrecklich, Ein unerwartet ungeheures Schicksal, Dazwischen kam, werd' ich bewaffnet haben! Nicht Rettung seh' ich, nirgends! Ha! Wer kommt! (kommt in der heftigsten Unruhe und blickt scheu umher) Graf Lester! Seid ihrs? Sind wir ohne Zeugen? Ungluͤcklicher, hinweg! Was sucht ihr hier? Man ist auf unsrer Spur, auf eurer auch, Nehmt euch in Acht. Hinweg, hinweg! Man weiß, Daß bei dem Grafen Aubespine geheime Versammlung war — Was kuͤmmerts mich! Daß sich der Moͤrder Dabei befunden — Das ist eure Sache! Verwegener! Was unterfangt ihr euch, In euren blutgen Frevel mich zu flechten? Vertheidigt eure boͤsen Haͤndel selbst! So hoͤrt mich doch nur an. (in heftigem Zorn). Geht in die Hoͤlle! Was haͤngt ihr euch, gleich einem boͤse Geist, An meine Fersen! Fort! Ich kenn' euch nicht, Ich habe nichts gemein mit Meuchelmoͤrdern. Ihr wollt nicht hoͤren. Euch zu warnen komm' ich, Auch eure Schritte sind verrathen — Ha! Der Großschatzmeister war zu Fotheringhay, Sogleich nachdem die Ungluͤcksthat geschehn war, Der Koͤnigin Zimmer wurden streng durchsucht, Da fand sich — Was? Ein angefangner Brief Der Koͤnigin an euch — Die Ungluͤcksel'ge! Worin sie euch auffordert, Wort zu halten, Euch das Versprechen ihrer Hand erneuert, Des Bildnisses gedenkt — Tod und Verdammniß! Lord Burleigh hat den Brief. Ich bin verloren! (Er geht waͤhrend der folgenden Rede Mortimers verzweif- lungsvoll auf und nieder.) Ergreift den Augenblick! Kommt ihm zuvor! Errettet euch , errettet sie — Schwoͤrt euch 11 Heraus, ersinnt Entschuldigungen, wendet Das Aergste ab! Ich selbst kann nichts mehr thun. Zerstreut sind die Gefaͤhrten, auseinander Gesprengt ist unser ganzer Bund. Ich eile Nach Schottland, neue Freunde dort zu sammeln. An euch ist's jetzt, versucht, was euer Ansehn, Was eine kecke Stirn vermag! (steht still, ploͤtzlich besonnen) Das will ich. (Er geht nach der Thuͤre, oͤffnet sie, und ruft.) He da! Trabanten! (Zu dem Offizier, der mit Bewaffneten hereintritt.) Diesen Staatsverraͤther, Nehmt in Verwahrung und bewacht ihn wohl! Die schaͤndlichste Verschwoͤrung ist entdeckt, Ich bringe selbst der Koͤnigin die Botschaft. (Er geht ab.) (sieht anfangs starr fuͤr Erstaunen, saßt sich aber bald und sieht Leicestern mit einem Blick der tiefsten Verachtung nach) Ha, Schaͤndlicher — Doch ich verdiene das! Wer hieß mich auch dem Elenden vertrauen? Weg uͤber meinen Nacken schreitet er, Mein Fall muß ihm die Rettungsbruͤcke bauen. — So rette dich! Verschlossen bleibt mein Mund, Ich will dich nicht in mein Verderben slechten. Auch nicht im Tode mag ich deinen Bund, Das Leben ist das einz'ge Gut des Schlechten. (Zu dem Offizier der Wache, der hervortritt, um ihn gefangen zu nehmen.) Was willst du, feiler Sklav der Tyranney? Ich spotte deiner, ich bin frey! (Einen Dolch ziehend.) Er ist bewehrt — Entreißt ihm seinen Dolch! (Sie dringen auf ihn ein, er erwehrt sich ihrer.) Und frei im letzten Augenblicke soll Mein Herz sich oͤffnen, meine Zunge loͤsen! Fluch und Verderben euch, die ihren Gott Und ihre wahre Koͤnigin verrathen! Die von der irdischen Maria sich Treulos, wie von der himmlischen gewendet, Sich dieser Bastardkoͤnigin verkauft — Hoͤrt ihr die Laͤstrung! Auf! Ergreifet ihn. Geliebte! Nicht erretten konnt' ich dich, So will ich dir ein maͤnnlich Beispiel geben. Maria, heilge, bitt' fuͤr mich! Und nimm mich zu dir in dein himmlisch Leben! (Er durchsticht sich mit dem Dolch und faͤllt der Wache in die Arme.) Fuͤnfter Auftritt . ( Zimmer der Koͤnigin ). Elisabeth, einen Brief in der Hand. Burleigh. Mich hinzufuͤhren! Solchen Spott mit mir Zu treiben! Der Verraͤther! Im Triumph Vor seiner Buhlerin mich aufzufuͤhren! O so ward noch kein Weib betrogen, Burleigh! Ich kann es noch nicht fassen, wie es ihm, Durch welche Macht, durch welche Zauberkuͤnste Gelang, die Klugheit meiner Koͤnigin So sehr zu uͤberraschen. O ich sterbe Fuͤr Schaam! Wie mußt' er meiner Schwaͤche spotten! Sie glaubt' ich zu erniedrigen und war, Ich selber, ihres Spottes Ziel! Du siehst nun ein, wie treu ich dir gerathen! O ich bin schwer dafuͤr gestraft, daß ich Von eurem weisen Rathe mich entfernt! Und sollt' ich ihm nicht glauben? In den Schwuͤren Der treusten Liebe einen Fallstrick fuͤrchten? Wem darf ich trau'n, wenn er mich hintergieng? Er, den ich groß gemaͤcht vor allen Großen, Der mir der naͤchste stets am Herzen war, Dem ich verstattete, an diesem Hof Sich wie der Herr, der Koͤnig zu betragen! Und zu derselben Zeit verrieth er dich An diese falsche Koͤnigin von Schottland! O sie bezahle mir's mit ihrem Blut! — Sagt! Ist das Urtheil abgefaßt? Es liegt Bereit, wie du befohlen. Sterben soll sie! Er soll sie fallen sehn, und nach ihr fallen. Verstoßen hab' ich ihn aus meinem Herzen, Fort ist die Liebe, Rache fuͤllt es ganz. So hoch er stand, so tief und schmaͤhlich sey Sein Sturz! Er sey ein Denkmal meiner Strenge, Wie er ein Beispiel meiner Schwaͤche war. Man fuͤhr' ihn nach dem Tower, ich werde Peers Ernennen, die ihn richten, hingegeben Sey er der ganzen Strenge des Gesetzes. Er wird sich zu dir draͤngen, sich rechtfertgen — Wie kann er sich rechtfertgen? Ueberfuͤhrt Ihn nicht der Brief? O sein Verbrechen ist Klar wie der Tag! Doch du bist mild und gnaͤdig, Sein Anblick, seine maͤchtge Gegenwart — Ich will ihn nicht sehn. Niemals, niemals wieder! Habt ihr Befehl gegeben, daß man ihn Zuruͤck weis't, wenn er kommt? So ist's befohlen! (tritt ein). Milord von Lester! Der Abscheuliche! Ich will ihn nicht sehn. Sagt ihm, daß ich ihn Nicht sehen will. Das wag' ich nicht, dem Lord Zu sagen, und er wuͤrde mirs nicht glauben. So hab' ich ihn erhoͤht, daß meine Diener Vor seinem Ansehn mehr als meinem zittern! (zum Pagen.) Die Koͤnigin verbiet' ihm, sich zu nahn! (Page geht zoͤgernd ab.) (nach einer Pause). Wenns dennoch moͤglich waͤre — Wenn er sich Rechtfertgen koͤnnte! — Sagt mir, koͤnnt' es nicht Ein Fallstrick seyn, den mir Maria legte, Mich mit dem treusten Freunde zu entzwein! O sie ist eine abgefeimte Buͤbin, Wenn sie den Brief nur schrieb, mir gift'gen Argwohn Ins Herz zu streun, ihn, den sie haßt, ins Ungluͤck Zu stuͤrzen — Aber Koͤnigin, erwaͤge — Sechster Auftritt . Vorige. Leicester. (reißt die Thuͤr mit Gewalt auf, und tritt mit gebiet- rischem Wesen herein) Den Unverschaͤmten will ich sehn, der mir Das Zimmer meiner Koͤnigin verbietet. Ha, der Verwegene! Mich abzuweisen! Wenn sie fuͤr einen Burleigh sichtbar ist, So ist sie's auch fuͤr mich! Ihr seid sehr kuͤhn, Milord, Hier wider die Erlaubniß einzustuͤrmen. Ihr seid sehr frech, Lord, hier das Wort zu nehmen. Erlaubniß! Was! Es ist an diesem Hofe Niemand, durch dessen Mund Graf Leste sich Erlauben und verbieten lassen kann! (Indem er sich der Elisabeth demuͤthig naͤhert.) Aus meiner Koͤnigin eignem Mund will ich — (ohne ihn anzusehen). Aus meinem Angesicht, Nichtswuͤrdiger! Nicht meine guͤtige Elisabeth, Den Lord vernehm' ich, meinen Feind, in diesen Unholden Worten — Ich berufe mich auf meine Elisabeth — Du liehest ihm dein Ohr, Das gleiche fodr' ich. Redet, Schaͤndlicher! Vergroͤßert euren Frevel! Laͤugnet ihn! Laßt diesen Ueberlaͤstigen sich erst Entfernen — Tretet ab, Milord — Was ich Mit meiner Koͤnigin zu verhandeln habe, Braucht keinen Zeugen. Geht. (Zu Burleigh). Bleibt. Ich befehl' es! Was soll der Dritte zwischen dir und mir! Mit meiner angebeteten Monarchin Hab' ichs zu thun — Die Rechte meines Platzes Behaupt' ich — Es sind heil'ge Rechte! Und ich bestehe drauf, daß sich der Lord Entferne! Euch geziemt die stolze Sprache! Wohl ziemt sie mir, denn ich bin der Begluͤckte, Dem deine Gunst den hohen Vorzug gab, Das hebt mich uͤber ihn und uͤber alle! Dein Herz verlieh mir diesen stolzen Rang, Und was die Liebe gab, werd' ich, bei Gott! Mit meinem Leben zu behaupten wissen. Er geh' — und zweyer Augenblicke nur Bedarfs, mich mit dir zu verstaͤndigen. Ihr hofft umsonst, mich listig zu beschwatzen. Beschwatzen konnte dich der Plauderer, Ich aber will zu deinem Herzen reden! Und was ich im Vertraun auf deine Gunst Gewagt, will ich auch nur vor deinem Herzen Rechtfertigen — Kein anderes Gericht Erkenn' ich uͤber mir, als deine Neigung! Schaamloser! Eben diese ist's, die euch zuerst Verdammt — Zeigt ihm den Brief, Milord! Hier ist er! (durchlaͤuft den Brief ohne die Fassung zu veraͤndern) Das ist der Stuart Hand! Les't und verstummt! (nachdem er gelesen, ruhig). Der Schein ist gegen mich, doch darf ich hoffen, Daß ich nicht nach dem Schein gerichtet werde! Koͤnnt ihr es laͤugnen, daß ihr mit der Stuart In heimlichem Verstaͤndniß wart, ihr Bildniß Empfingt, ihr zur Befreiung Hoffnung machtet? Leicht waͤre mirs, wenn ich mich schuldig fuͤhlte, Das Zeugniß einer Feindin zu verwerfen! Doch frei ist mein Gewissen, ich bekenne, Daß sie die Wahrheit schreibt! Nun denn Ungluͤcklicher! Sein eigner Mund verdammt ihn. Aus meinen Augen. In den Tower — Verraͤther! Der bin ich nicht. Ich hab' gefehlt, daß ich Aus diesem Schritt dir ein Geheimniß machte, Doch redlich war die Absicht, es geschah, Die Feindin zu erforschen, zu verderben. Elende Ausflucht — Wie, Milord? Ihr glaubt — Ich habe ein gewagtes Spiel gespielt, Ich weiß, und nur Graf Lester durfte sich An diesem Hofe solcher That erkuͤhnen. Wie ich die Stuart hasse, weiß die Welt. Der Rang, den ich bekleide, das Vertrauen, Wodurch die Koͤnigin mich ehrt, muß jeden Zweifel In meine treue Meinung niederschlagen. Wohl darf der Mann, den deine Gunst vor allen Auszeichnet, einen eignen kuͤhnen Weg Einschlagen, seine Pflicht zu thun. Warum, Wenns eine gute Sache war, verschwiegt ihr? Milord! Ihr pflegt zu schwatzen, eh' ihr handelt, Und seid die Glocke eurer Thaten. Das Ist Eure Weise, Lord. Die meine ist, Erst handeln und dann reden! Ihr redet jetzo weil ihr muͤßt. (ihn stolz und hoͤhnisch mit den Augen messend) Und ihr Beruͤhmt euch, eine wundergroße That Ins Werk gerichtet, eure Koͤnigin Gerettet, die Verraͤtherei entlarvt Zu haben — Alles wißt ihr, eurem Scharfblick Kann nichts entgehen, meint ihr — Armer Prahler! Trotz eurer Spuͤrkunst war Maria Stuart Noch heute frei, wenn ich es nicht verhindert. Ihr haͤttet — Ich, Milord. Die Koͤnigin Vertraute sich dem Mortimer, sie schloß Ihr Innerstes ihm auf, sie gieng so weit, Ihm einen blut'gen Auftrag gegen die Maria Zu geben, da der Oheim sich mit Abscheu Von einem gleichen Antrag abgewendet — Sagt! Ist es nicht so? (Koͤnigin und Burleigh sehen einander betroffen an.) Wie gelangtet ihr Dazu ? — Ists nicht so? — Nun, Milord! Wo hattet Ihr eure tausend Augen, nicht zu sehn, Daß dieser Mortimer euch hintergieng? Daß er ein wuͤthender Papist, ein Werkzeug Der Guisen, ein Geschoͤpf der Stuart war, Ein keck entschloßner Schwaͤrmer, der gekommen, Die Stuart zu befrein, die Koͤnigin Zu morden — (mit dem aͤußersten Erstaunen) Dieser Mortimer! Er war's, durch den Maria Unterhandlung mit mir pflog, Den ich auf diesem Wege kennen lernte. Noch heute sollte sie aus ihrem Kerker Gerissen werden, diesen Augenblick Entdeckte mirs sein eigner Mund, ich ließ ihn Gefangen nehmen und in der Verzweiflung, Sein Werk vereitelt, sich entlarvt zu sehn, Gab er sich selbst den Tod! O ich bin unerhoͤrt Betrogen — dieser Mortimer! Und jetzt Geschah das? Jetzt, nachdem ich euch verlassen! Ich muß um meinetwillen sehr beklagen, Daß es dieß Ende mit ihm nahm. Sein Zeugniß, Wenn er noch lebte, wuͤrde mich vollkommen Gereinigt, aller Schuld entledigt haben. Drum uͤbergab ich ihn des Richters Hand. Die strengste Rechtsform meine Unschuld Vor aller Welt bewaͤhren und besiegeln. Er toͤdete sich, sagt ihr. Er sich selber? Oder Ihr ihn? Unwuͤrdiger Verdacht! Man hoͤre Die Wache ab, der ich ihn uͤbergab! (Er geht ab die Thuͤr und ruft hinaus. Der Offizier der Leibwache tritt herein.) Erstattet Ihrer Majestaͤt Bericht, Wie dieser Mortimer umkam! Ich hielt die Wache Im Vorsaal, als Milord die Thuͤre schnell Eroͤffnete und mir befahl, den Ritter Als einen Staatsverraͤther zu verhaften. Wir sahen ihn hierauf in Wuth gerathen, Den Dolch ziehn, unter heftiger Verwuͤnschung Der Koͤnigin, und eh wirs hindern konnten, Ihn in die Brust sich stoßen, daß er todt Zu Boden stuͤrzte — Es ist gut. Ihr koͤnnt Abtreten, Sir! Die Koͤnigin weiß genug! (Offizier geht ab.) O welcher Abgrund von Abscheulichkeiten — Wer war's nun der dich rettete? War es Milord von Burleigh? Wußt' er die Gefahr, Die dich umgab? War er's , der sie von dir Gewandt? — Dein treuer Lester war dein Engel! Graf! Dieser Mortimer starb euch sehr gelegen. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ich glaub' euch, Und glaub' euch nicht. Ich denke, ihr seid schuldig, Und seid es nicht! O die verhaßte, die Mir all dieß Weh bereitet! Sie muß sterben. Jetzt stimm' ich selbst fuͤr ihren Tod. Ich rieth Dir an, das Urtheil unvollstreckt zu lassen, Bis sich aufs neu ein Arm fuͤr sie erhuͤbe. Dieß ist geschehn — und ich bestehe drauf, Daß man das Urtheil ungesaͤumt vollstrecke. Ihr riethet dazu! Ihr! So sehr es mich Empoͤrt, zu einem Aeußersten zu greifen, Ich sehe nun und glaube, daß die Wohlfahrt Der Koͤnigin dieß blut'ge Opfer heischt, Drum trag' ich darduf an, daß der Befehl Zur Hinrichtung gleich ausgefertigt werde! (zur Koͤnigin). Da es Milord so treu und ernstlich meint, So trag' ich darauf an, daß die Vollstrackung Des Richterspruchs ihm uͤbertragen werde. Mir! 12 Euch. Nicht besser koͤnnt ihr den Verdacht, Der jetzt noch auf euch lastet, widerlegen, Als wenn ihr sie die ihr geliebt zu haben Beschuldigt werdet, selbst enthaupten lasset. (Leicestern mit den Augen fixirend) Milord raͤth gut. So sey's, und dabei bleib' es. Mich sollte billig meines Ranges Hoͤh Von einem Auftrag dieses traur'gen Inhalts Befrein, der sich in jedem Sinne besser Fuͤr einen Burleigh ziemen mag als mich. Wer seiner Koͤnigin so nahe steht, Der sollte nichts ungluͤckliches vollbringen. Jedoch um meinen Eifer zu bewaͤhren, Um meiner Koͤnigin genug zu thun, Begeb' ich mich des Vorrechts meiner Wuͤrde Und uͤbernehme die verhaßte Pflicht. Lord Burleigh theile sie mit euch! (Zu diesem.) Tragt Sorge, Daß der Befehl gleich ausgefertigt werde. (Burleigh geht. Man hoͤrt draußen ein Getuͤmmelel. el.) Siebenter Auftritt . Graf von Kent zu den Vorigen. Was giebt's, Milord von Kent? Was fuͤr ein Auflauf Erregt die Stadt — Was ist es? Koͤnigin, Es ist das Volk, das den Pallast umlagert, Es fodert heftig dringend dich zu sehn. Was will mein Volk? Der Schrecken geht durch London, Dein Leben sey bedroht, es gehen Moͤrder Umher, vom Papste wider dich gesendet. Verschworen seien die Katholischen, Die Stuart aus dem Kerker mit Gewalt Zu reißen und zur Koͤnigin auszurufen. Der Poͤbel glaubt's und wuͤthet. Nur das Haupt Der Stuart, das noch heute faͤllt, kann ihn Beruhigen. Wie? Soll mir Zwang geschehn? Sie sind entschlossen, eher nicht zu weichen, Bis du das Urtheil unterzeichnet hast. Achter Auftritt . Burleigh und Davison mit einer Schrift. Die Vorigen. Was bringt ihr, Davison? (naͤhert sich, ernsthaft). Du hast befohlen O Koͤnigin — Was ist's? (Indem sie die Schrift ergreifen will, schauert sie zusam- men und faͤhrt zuruͤck.) O Gott! Gehorche Der Stimme des Volks, sie ist die Stimme Gottes. (unentschlossen mit sich selbst kaͤmpfend) O meine Lords! Wer sagt mir, ob ich wirklich Die Stimme meines ganzen Volks die Stimme Der Welt vernehme! Ach wie sehr befuͤrcht' ich, Wenn ich dem Wunsch der Menge nun gehorcht, Daß eine ganz verschiedne Stimme sich Wird hoͤren lassen — ja daß eben die, Die jetzt gewaltsam zu der That mich treiben, Mich, wenns vollbracht ist, strenge radeln werden! Neunter Auftritt . Graf Schrewsbury zu den Vorigen. (kommt in großer Bewegung) Man will dich uͤbereilen, Koͤnigin! O halte fest, sey standhaft — (Indem er Davison mit der Schrift gewahr wird.) Oder ist es Geschehen? Ist es wirklich? Ich erblicke Ein ungluͤckselig Blatt in dieser Hand, Das komme meiner Koͤnigin jetzt nicht Vor Augen. Edler Schrewsbury! Man zwingt mich. Wer kann dich zwingen? Du bist Herrscherin, Hier gilt es deine Majestaͤt zu zeigen! Gebiete Schweigen jenen rohen Stimmen, Die sich erdreisten, deinem Koͤnigswillen Zwang anzuthun, dein Urtheil zu regieren. Die Furcht, ein blinder Wahn bewegt das Volk, Du selbst bist außer dir, bist schwer gereizt, Du bist ein Mensch und jetzt kannst du nicht richten. Gerichtet ist schon laͤngst. Hier ist kein Urtheil Zu faͤllen , zu vollziehen ist's. (der sich bey Schrewsbury's Eintritt entfernt hat, kommt zuruͤck) Der Auflauf waͤchst, das Volk ist laͤnger nicht Zu baͤndigen. (zu Schrewsbury). Ihr seht, wie sie mich draͤngen! Nur Aufschub fordr' ich. Dieser Federzug Entscheidet deines Lebens Gluͤck und Frieden. Du hast es Jahre lang bedacht, soll dich Der Augenblick im Sturme mit sich fuͤhren? Nur kurzen Aufschub. Sammle dein Gemuͤth, Erwarte eine ruhigere Stunde. (heftig). Erwarte, zoͤgre, saͤume, bis das Reich In Flammen steht, bis es der Feindin endlich Gelingt, den Mordstreich wirklich zu vollfuͤhren. Dreimal hat ihn ein Gott von dir entfernt. Heut hat er nahe dich beruͤhrt, noch einmal Ein Wunder hoffen, hieße Gott versuchen. Der Gott, der dich durch feine Wunderhand Viermal erhielt, der heut dem schwachen Arm Des Greisen Kraft gab, einen Wuͤthenden Zu uͤberwaͤltgen — er verdient Vertrauen! Ich will die Stimme der Gerechtigkeit Jetzt nicht erheben, jetzt ist nicht die Zeit, Du kannst in diesem Sturme sie nicht hoͤren. Dieß eine nur vernimm! Du zitterst jetzt Vor dieser lebenden Maria. Nicht Die Lebende hast du fuͤrchten. Zittre vor Der Todten, der Enthaupteten. Sie wird Vom Grab' erstehen, eine Zwietrachtsgoͤttin, Ein Rachegeist in deinem Reich herumgehn, Und deines Volkes Herzen vor dir wenden. Jetzt haßt der Britte die gefuͤrchtete, Er wird sie raͤchen , wenn sie nicht mehr ist. Nicht mehr die Feindin seines Glaubens, nur Die Enkeltochter seiner Koͤnige, Des Hasses Opfer und der Eifersucht Wird er in der bejammerten erblicken! Schnell wirst du die Veraͤnderung erfahren. Durchziehe London, wenn die blut'ge That Geschehen, zeige dich dem Volk, das sonst Sich jubelnd um dich her ergoß, du wirst Ein andres England sehn, ein andres Volk, Denn dich umgiebt nicht mehr die herrliche Gerechtigkeit, die alle Herzen dir Besiegte! Furcht , die schreckliche Begleitung Der Tyranney, wird schaudernd vor dir herziehn, Und jede Straße, wo du gehst, veroͤden. Du hast das letzte, aͤußerste gethan, Welch Haupt steht fest, wenn dieses heil'ge fiel! Ach Schrewsbury! Ihr habt mir heut das Leben Gerettet, habt des Moͤrders Dolch von mir Gewendet — Warum ließet ihr ihm nicht Den Lauf? So waͤre jeder Streit geendigt, Und alles Zweifels ledig, rein von Schuld, Laͤg ich in meiner stillen Gruft! Fuͤrwahr! Ich bin des Lebens und des Herrschens muͤd'. Muß eine von uns Koͤniginnen fallen, Damit die andre lebe — und es ist Nicht anders, das erkenn' ich — kann denn ich Nicht die seyn, welche weicht? Mein Volk mag waͤhlen, Ich geb' ihm seine Majestaͤt zuruͤck. Gott ist mein Zeuge, daß ich nicht fuͤr mich, Nur fuͤr das Beste meines Volks gelebt. Hofft es von dieser schmeichlerischen Stuart, Der juͤngern Koͤnigin, gluͤcklichere Tage, So steig' ich gern von diesem Thron und kehre In Woodstocks stille Einsamkeit zuruͤck, Wo meine anspruchlose Jugend lebte, Wo ich, vom Tand der Erdengroͤße fern, Die Hoheit in mir selber fand — Bin ich Zur Herrscherin doch nicht gemacht! Der Herrscher Muß hart seyn koͤnnen, und mein Herz ist weich. Ich habe diese Insel lange gluͤcklich Regiert, weil ich nur brauchte zu begluͤcken. Es kommt die erste schwere Koͤnigspflicht, Und ich empfinde meine Ohnmacht — Nun bei Gott! Wenn ich so ganz unkoͤnigliche Worte Aus meiner Koͤnigin Mund vernehmen muß, So waͤrs Verrath an meiner Pflicht, Verrath Am Vaterlande, laͤnger still zu schweigen. — Du sagst, du liebst dein Volk, mehr als dich selbst, Das zeige jetzt! Erwaͤhle nicht den Frieden Fuͤr dich und uͤberlaß das Reich den Stuͤrmen. — Denk an die Kirche! Soll mit dieser Stuart Der alte Aberglaube wiederkehren? Der Moͤnch aufs neu hier herrschen, der Legat Aus Rom gezogen kommen, unsre Kirchen Verschließen, unsre Koͤnige entthronen? — Die Seelen aller deiner Unterthanen, Ich fordre sie von dir — Wie du jetzt handelst, Sind sie gerettet oder sind verloren. Hier ist nicht Zeit zu weichlichem Erbarmen, Des Volkes Wohlfahrt ist die hoͤchste Pflicht; Hat Schrewsbury das Leben dir gerettet, So will ich England retten — das ist mehr! Man uͤberlasse mich mir selbst! Bei Menschen ist Nicht Rath noch Trost in dieser großen Sache. Ich trage sie dem hoͤhern Richter vor. Was der mich lehrt, das will ich thun — Entfernt euch, Milords! (Zu Davison.) Ihr Sir! koͤnnt in der Naͤhe bleiben! (Die Lords gehen ab. Schrewsbury allein bleibt noch einige Augenblicke vor der Koͤnigin stehen, mit bedeutungsvollem Blick, dann entfernt er sich langsam, mit einem Ausdruck des tiefsten Schmerzes.) Zehnter Auftritt . allein. O Sklaverei des Volksdiensts! Schmaͤhliche Knechtschaft — Wie bin ichs muͤde, diesem Goͤtzen Zu schmeicheln, den mein Innerstes verachtet! Wann soll ich frei auf diesem Throne stehn! Die Meinung muß ich ehren, um das Lob Der Menge buhlen, einem Poͤbel muß ichs Recht machen, dem der Gaukler nur gefaͤllt. O der ist noch nicht Koͤnig, der der Welt Gefallen muß! Nur der ist's, der bei seinem Thun Nach keines Menschen Beifall braucht zu fragen. Warum hab' ich Gerechtigkeit geuͤbt, Willkuͤhr gehaßt mein Leben lang, daß ich Fuͤr diese erste unvermeidliche Gewaltthat selbst die Haͤnde mir gefesselt! Das Muster, das ich selber gab, verdammt mich! War ich tyrannisch, wie die spanische Maria war, mein Vorfahr auf dem Thron, ich koͤnnte Jetzt ohne Tadel Koͤnigsblut verspruͤtzen! Doch war's denn meine eigne freie Wahl Gerecht zu seyn? Die allgewaltige Nothwendigkeit, die auch das freie Wollen Der Koͤnige zwingt, gebot mir diese Tugend. Umgeben rings von Feinden haͤlt mich nur Die Volksgunst auf dem angefochtnen Thron. Mich zu vernichten streben alle Maͤchte Des festen Landes. Unversoͤhnlich schleudert Der roͤm'sche Papst den Bannfluch auf mein Haupt, Mit falschem Bruderkuß verraͤth mich Frankreich, Und offnen, wuͤthenden Vertilgungskrieg Bereitet mir der Spanier auf den Meeren. So steh' ich kaͤmpfend gegen eine Welt, Ein wehrlos Weib! Mit hohen Tugenden Muß ich die Bloͤße meines Rechts bedecken, Den Flecken meiner fuͤrstlichen Geburt, Wodurch der eigne Vater mich geschaͤndet. Umsonst bedeck' ich ihn — Der Gegner Haß Hat ihn entbloͤßt, und stellt mir diese Stuart, Ein ewig drohendes Gespenst, entgegen. Nein, diese Furcht soll endigen! Ihr Haupt soll fallen. Ich will Frieden haben! — Sie ist die Furie meines Lebens! Mir Ein Plagegeist vom Schicksal angeheftet. Wo ich mir eine Freude, eine Hoffnung Gepflanzt, da liegt die Hoͤllenschlange mir Im Wege. Sie entreißt mir den Geliebten, Den Braͤut'gam raubt sie mir! Maria Stuart , Heißt jedes Ungluͤck, das mich niederschlaͤgt! Ist sie aus den Lebendigen vertilgt, Frei bin ich, wie die Luft auf den Gebirgen. (Stillschweigen.) Mit welchem Hohn sie auf mich nieder sah, Als sollte mich der Blick zu Boden blitzen! Ohnmaͤchtige! Ich fuͤhre beßre Waffen, Sie treffen toͤdlich und du bist nicht mehr! (Mit raschem Schritt nach dem Tische gehend und die Feder ergreifend.) Ein Bastard bin ich dir? — Ungluͤckliche! Ich bin es nur, so lang du lebst und athmest. Der Zweifel meiner fuͤrstlichen Geburt Er ist getilgt, sobald ich dich vertilge. Sobald dem Britten keine Wahl mehr bleibt, Bin ich im aͤchten Ehebett' geboren! (Sie unterschreibt mit einem raschen, festen Federzug, laͤßt dann die Feder fallen, und tritt mit einem Ausdruck des Schreckens zuruͤck. Nach einer Pause klingelt sie.) Eilfter Auftritt . Elisabeth. Davison. Wo sind die andern Lords? Sie sind gegangen, Das aufgebrachte Volk zur Ruh zu bringen. Das Toben war auch augenblicks gestillt, Sobald der Graf von Schrewsbury sich zeigte. „Der ist's, das ist er! riefen hundert Stimmen, „Der rettete die Koͤnigin! Hoͤrt ihn! „Den bravsten Mann in England.“ Nun begann Der edle Talbot und verwies dem Volk In sanften Worten sein gewaltsames Beginnen, sprach so kraftvoll uͤberzeugend, Daß alles sich besaͤnftigte, und still Vom Platze schlich. Die wankelmuͤthge Menge, Die jeder Wind herumtreibt! Wehe dem, Der auf dieß Rohr sich lehnet! — Es ist gut, Sir Davison. Ihr koͤnnt nun wieder gehn. (Wie sich jener nach der Thuͤre gewendet.) Und dieses Blatt — Nehmt es zuruͤck — Ich leg's In eure Haͤnde. (wirft einen Blick in das Papier und erschrickt.) Koͤnigin! Dein Name! Du hast entschieden? — Unterschreiben sollt' ich. Ich hab's gethan. Ein Blatt Papier entscheidet Noch nicht, ein Name toͤdtet nicht. Dein Name Koͤnigin, unter dieser Schrift Entscheidet alles, toͤdtet, ist ein Strahl Des Donners, der gefluͤgelt trifft — Dieß Blatt Befiehlt den Kommissarien, dem Scherif, Nach Fotheringhayschloß sich steh'nden Fußes Zur Koͤnigin von Schottland zu verfuͤgen, Den Tod ihr anzukuͤndigen, und schnell, Sobald der Morgen tagt, ihn zu vollziehn. Hier ist kein Aufschub, jene hat gelebt, Wenn ich dieß Blatt aus meinen Haͤnden gebe. Ja, Sir! Gott legt ein wichtig groß Geschick In eure schwachen Haͤnde. Fleht ihn an, Daß er mit seiner Weisheit euch erleuchte. Ich geh' und uͤberlaß euch eurer Pflicht. (Sie will gehen.) (tritt ihr in den Weg). Nein, meine Koͤnigin! Verlaß mich nicht, Eh' du mir deinen Willen kund gethan. Bedarf es hier noch einer andern Weisheit, Als dein Gebot buchstaͤblich zu befolgen? — Du legst dieß Blatt in meine Hand, daß ich Zu schleuniger Vollziehung es befoͤrdre? Das werdet ihr nach eurer Klugheit — (schnell und erschrocken einfallen). Nicht Nach meiner! Das verhuͤte Gott! Gehorsam Ist meine ganze Klugheit. Deinem Diener Darf hier nichts zu entscheiden uͤbrig bleiben. Ein klein Versehn waͤr hier ein Koͤnigsmord, Ein unabsehbar, ungeheures Ungluͤck. Vergoͤnne mir, in dieser großen Sache Dein blindes Werkzeug willenlos zu seyn. In klare Worte fasse deine Meinung, Was soll mit diesem Blutbefehl geschehn? — Sein Name spricht es aus. So willst du, daß er gleich vollzogen werde? (zoͤgernd). Das sag' ich nicht, und zittre, es zu denken. Du willst, daß ich ihn laͤnger noch bewahre? (schnell). Auf eure Gefahr! Ihr haftet fuͤr die Folgen. Ich? Heil'ger Gott! — Sprich, Koͤnigin! Was willst du? (ungeduldig). Ich will , daß dieser ungluͤcksel'gen Sache Nicht mehr gedacht soll werden, daß ich endlich Will Ruhe davor haben und auf ewig. Es kostet dir ein einzig Wort. O sage, Bestimme, was mit dieser Schrift soll werden! Ich hab's gesagt, und quaͤlt mich nun nicht weiter. Du haͤttest es gesagt? Du hast mir nichts Gesagt — O, es gefalle meiner Koͤnigin, Sich zu erinnern. (stampft auf den Boden). Unertraͤglich! Habe Nachsicht Mit mir! Ich kam seit wenig Monden erst In dieses Amt! Ich kenne nicht die Sprache Der Hoͤfe und der Koͤnige — in schlicht Einfacher Sitte bin ich aufgewachsen. Drum habe du Geduld mit deinem Knecht! Laß dich das Wort nicht reun, das mich belehrt, Mich klar macht uͤber meine Pflicht — (Er naͤhert sich ihr in flehender Stellung, sie kehrt ihm den Ruͤcken zu, er steht in Verzweiflung, dann spricht er mit entschloßnem Ton.) Nimm dieß Papier zuruͤck! Nimm es zuruͤck! Es wird mir gluͤhend Feuer in den Haͤnden. 13 Nicht mich erwaͤhle, dir in diesem furchtbaren Geschaͤft zu dienen. Thut, was eures Amts ist. (Sie geht ab.) Zwoͤlfter Auftritt . Davison, gleich darauf Burleigh. Sie geht! Sie laͤßt mich rathlos, zweifelnd stehn Mit diesem fuͤrchterlichen Blatt — Was thu' ich? Soll ichs bewahren? Soll ichs uͤbergeben? (Zu Burleigh, der hereintritt.) O gut! gut, daß ihr kommt, Milord! Ihr seids, Der mich in dieses Staatsamt eingefuͤhrt! Befreiet mich davon. Ich uͤbernahm es, Unkundig seiner Rechenschaft! Laßt mich Zuruͤckgehn in die Dunkelheit, wo ihr Mich fandet, ich gehoͤre nicht auf diesen Platz — Was ist euch, Sir? Faßt euch. Wo ist das Urtheil? Die Koͤnigin ließ euch rufen. Sie verließ mich In heft'gem Zorn. O rathet mir! Helft mir! Reißt mich aus dieser Hoͤllenangst des Zweifels. Hier ist das Urtheil — Es ist unterschrieben. (hastig). Ist es? O gebt! Gebt her! Ich darf nicht. Was? Sie hat mir ihren Willen noch nicht deutlich — Nicht deutlich! Sie hat unterschrieben. Gebt! Ich solls vollziehen lassen — soll es nicht Vollziehen lassen — Gott! Weiß ich, was ich soll. (heftiger dringend). Gleich, augenblicks sollt ihrs vollziehen lassen. Gebt her! Ihr seid verlohren, wenn ihr saͤumt. Ich bin verloren, wenn ichs uͤbereile. Ihr seid ein Thor, ihr seid von Sinnen! Gebt! (Er entreißt ihm die Schrift, und eilt damit ab.) (ihm nacheilend). Was macht ihr? Bleibt! Ihr stuͤrzt mich ins Verderben. Fuͤnfter Aufzug . Die Scene ist das Zimmer des ersten Aufzugs . Erster Auftritt . Hanna Kennedy in tiefe Trauer gekleidet, mit verweinten Au- gen und einem großen, aber stillen Schmerz, ist beschaͤftigt, Pa- kete und Briefe zu versiegeln. Oft unterbricht sie der Jammer in ihrem Geschaͤft, und man sieht sie dazwischen still beten. Paulet und Drury, gleichfalls in schwarzen Kleidern, tre- ten ein, ihnen folgen viele Bediente, welche goldne und sil- berne Gefaͤße, Spiegel, Gemaͤhlde und andere Kostbarkeiten tragen, und den Hintergrund des Zimmers damit anfuͤllen. Paulet uͤberliefert der Amme ein Schmuckkaͤstchen nebst einem Papier, und bedeutet ihr durch Zeichen, daß es ein Verzeichniß der gebrachten Dinge enthalte. Beim Anblick dieser Reichthuͤmer erneuert sich der Schmerz der Amme, sie versinkt in ein tie- fes Trauern, indem jene sich still wieder entfernen. Melvil tritt ein. (schreit auf, sobald sie ihn gewahr wird) Melvil! Ihr seid es! Euch erblick ich wieder! Ja, treue Kennedy, wir sehn uns wieder! Nach langer, langer, schmerzenvoller Trennung! Ein ungluͤckselig schmerzvoll Wiedersehn! O Gott! Ihr kommt — Den letzten, ewigen Abschied von meiner Koͤnigin zu nehmen. Jetzt endlich, jetzt am Morgen ihres Todes, Wird ihr die langentbehrte Gegenwart Der Ihrigen vergoͤnnt — O theurer Sir, Ich will nicht fragen, wie es euch erging, Euch nicht die Leiden nennen, die wir litten, Seitdem man euch von unsrer Seite riß, Ach, dazu wird wohl einst die Stunde kommen! O Melvil! Melvil! Mußten wirs erleben, Den Anbruch dieses Tags zu sehn! Laßt uns Einander nicht erweichen! Weinen will ich, So lang noch Leben in mir ist, nie soll Ein Laͤcheln diese Wangen mehr erheitern, Nie will ich dieses naͤchtliche Gewand Mehr von mir legen! Ewig will ich trauern, Doch heute will ich standhaft seyn — Versprecht Auch ihr mir, euren Schmerz zu maͤßigen — Und wenn die andern alle der Verzweiflung Sich trostlos uͤberlassen, lasset uns Mit maͤnnlich edler Fassung ihr vorangehn Und ihr ein Stab seyn auf dem Todesweg! Melvil! Ihr seid im Irrthum, wenn ihr glaubt, Die Koͤnigin beduͤrfe unsers Beistands, Um standhaft in den Tod zu gehn! Sie selber ists, Die uns das Beispiel edler Fassung giebt. Seid ohne Furcht! Maria Stuart wird Als eine Koͤnigin und Heldin sterben. Nahm sie die Todespost mit Fassung auf? Man sagt, daß sie nicht vorbereitet war. Das war sie nicht. Ganz andre Schrecken warens, Die meine Lady aͤngstigten. Nicht vor dem Tod, Vor dem Befreier zitterte Maria. — Freiheit war uns verheißen. Diese Nacht Versprach uns Mortimer von hier wegzufuͤhren, Und zwischen Furcht und Hoffnung, zweifelhaft, Ob sie dem kecken Juͤngling ihre Ehre Und fuͤrstliche Person vertrauen duͤrfe, Erwartete die Koͤnigin den Morgen. — Da wird ein Auflauf in dem Schloß, ein Pochen Schreckt unser Ohr, und vieler Haͤmmer Schlag, Wir glauben, die Befreier zu vernehmen, Die Hoffnung winkt, der suͤße Trieb des Lebens Wacht unwillkuͤhrlich, allgewaltig auf — Da oͤffnet sich die Thuͤr — Sir Paulet ists, Der uns verkuͤndigt — daß — die Zimmerer Zu unsern Fuͤßen das Geruͤst aufschlagen! (Sie wendet sich ab, von heftigem Schmerz ergriffen.) Gerechter Gott! O sagt mir! Wie ertrug Maria diesen fuͤrchterlichen Wechsel? (nach einer Pause, worin sie sich wieder etwas gefaßt hat) Man loͤs't sich nicht allmaͤhlig von dem Leben! Mit Einem Mal, schnell augenblicklich muß Der Tausch geschehen zwischen Zeitlichem Und Ewigem, und Gott gewaͤhrte meiner Lady In diesem Augenblick, der Erde Hoffnung Zuruͤck zu stoßen mit entschloßner Seele, Und glaubenvoll den Himmel zu ergreifen. Kein Merkmal bleicher Furcht, kein Wort der Klage Entehrte meine Koͤnigin — Dann erst, Als sie Lord Lesters schaͤndlichen Verrath Vernahm, das ungluͤckselige Geschick Des werthen Juͤnglings, der sich ihr geopfert, Des alten Ritters tiefen Jammer sah, Dem seine letzte Hoffnung starb durch sie, Da flossen ihre Thraͤnen, nicht das eigne Schicksal, Der fremde Jammer preßte sie ihr ab. Wo ist sie jetzt? Koͤnnt ihr mich zu ihr bringen? Den Rest der Nacht durchwachte sie mit Beten, Nahm von den theuern Freunden schriftlich Abschied, Und schrieb ihr Testament mit eigner Hand. Jetzt pflegt sie einen Augenblick der Ruh, Der letzte Schlaf erquickt sie. Wer ist bei ihr? Ihr Leibarzt Burgoyn, und ihre Frauen. Zweiter Auftritt . Margaretha Kurl zu den Vorigen. Was bringt ihr, Mistreß? Ist die Lady wach? (Ihre Thraͤnen trocknend). Schon angekleidet — Sie verlangt nach euch. Ich komme. (Zu Melvil, der sie begleiten will.) Folgt mir nicht, bis ich die Lady Auf euren Anblick vorbereitet. (Geht hinein.) Melvil! Der alte Haushofmeister! Ja, der bin ich! O dieses Haus braucht keines Meisters mehr! — Melvil! Ihr kommt von London, wißt ihr mir Von meinem Manne nichts zu sagen? Er wird auf freien Fuß gesetzt, sagt man, Sobald — Sobald die Koͤnigin nicht mehr ist! O der nichtswuͤrdig schaͤndliche Verraͤther! Er ist der Moͤrder dieser theuren Lady, Sein Zeugniß, sagt man, habe sie verurtheilt. So ists. O seine Seele sey verflucht Bis in die Hoͤlle! Er hat falsch gezeugt — Milady Kurl! Bedenket eure Reden. Beschwoͤren will ichs vor Gerichtes Schranken, Ich will es ihm ins Antlitz wiederholen, Die ganze Welt will ich damit erfuͤllen. Sie stirbt unschuldig — O das gebe Gott! Dritter Auftritt . Burgoyn zu den Vorigen. Hernach Hanna Kennedy. (erblickt Melvil). O Melvil! (ihn umarmend). Burgoyn! (zu Margaretha Kurl). Besorget einen Becher Mit Wein fuͤr unsre Lady. Machet hurtig. (Kurl geht ab.) Wie? Ist der Koͤnigin nicht wohl? Sie fuͤhlt sich stark, sie taͤuscht ihr Heldenmuth. Und keiner Speise glaubt sie zu beduͤrfen, Doch ihrer wartet noch ein schwerer Kampf, Und ihre Feinde sollen sich nicht ruͤhmen, Daß Furcht des Todes ihre Wangen bleichte, Wenn die Natur aus Schwachheit unterliegt. (zur Amme, die hereintritt). Will sie mich sehn? Gleich wird sie selbst hier seyn. — Ihr scheint euch mit Verwundrung umzusehn, Und eure Blicke fragen mich: was soll Das Prachtgeraͤth in diesem Ort des Todes? — O Sir! Wir litten Mangel, da wir lebten, Erst mit dem Tode kommt der Ueberfluß zuruͤck. Vierter Auftritt . Vorige. Zwei andre Kammerfrauen der Maria, gleichfalls in Trauerkleidern. Sie brechen bei Melvils Anblick in laute Thraͤnen aus. Was fuͤr ein Anblick! Welch ein Wiedersehn! Gertrude! Rosamund! Sie hat uns von sich Geschickt! Sie will zum letztenmal allein Mit Gott sich unterhalten! (Es kommen noch zwei weibliche Bediente, wie die vorigen in Trauer, die mit stummen Gebaͤrden ihren Jammer aus- druͤcken.) Fuͤnfter Auftritt . Margaretha Kurl zu den Vorigen. Sie traͤgt einen gold- nen Becher mit Wein, und setzt ihn auf den Tisch, indem sie sich bleich und zitternd an einen Stuhl haͤlt. Was ist euch, Mistreß? Was entsetzt euch so? O Gott! Was habt ihr? Was mußt' ich erblicken! Kommt zu euch! Sagt uns, was es ist. Als ich Mit diesem Becher Wein die große Treppe Herauf stieg, die zur untern Halle fuͤhrt, Da that die Thuͤr sich auf — ich sah hinein — Ich sah — o Gott! Was saht ihr? Faßet euch! Schwarz uͤberzogen waren alle Waͤnde, Ein groß Geruͤst, mit schwarzem Tuch beschlagen, Erhob sich von dem Boden, mitten drauf Ein schwarzer Block, ein Kissen, und daneben Ein blankgeschliffnes Beil — Voll Menschen war Der Saal, die um das Mordgeruͤst sich draͤngten, Und heiße Blutgier in dem Blick, das Opfer Erwarteten. O Gott sey unsrer Lady gnaͤdig! Faßt euch! Sie kommt! Sechster Auftritt . Die Vorigen. Maria. Sie ist weiß und festlich gekleidet, am Halse traͤgt sie an einer Kette von kleinen Kugeln ein Agnus Dei, ein Rosenkranz haͤngt am Guͤrtel herab, sie hat ein Crucifix in der Hand, und ein Diadem in den Haaren, ihr großer schwarzer Schleier ist zuruͤck geschlagen. Bei ihrem Ein- tritt weichen die Anwesenden zu beiden Seiten zuruͤck, und druͤcken den heftigsten Schmerz aus. Melvil ist mit einer unwill- kuͤhrlichen Bewegung auf die Knie gesunken. (mit ruhiger Hoheit im ganzen Kreise herumsehend) Was klagt ihr? Warum weint ihr? Freuen solltet Ihr euch mit mir, daß meiner Leiden Ziel Nun endlich naht, daß meine Bande fallen, Mein Kerker aufgeht, und die frohe Seele sich Auf Engelsfluͤgeln schwingt zur ew'gen Freiheit. Da, als ich in die Macht der stolzen Feindin Gegeben war, Unwuͤrdiges erduldend, Was einer freien großen Koͤnigin Nicht ziemt, da war es Zeit, um mich zu weinen! — Wohlthaͤtig, heilend, nahet mir der Tod, Der ernste Freund! Mit seinen schwarzen Fluͤgeln Bedeckt er meine Schmach — den Menschen adelt, Den tiefstgesunkenen, das letzte Schicksal. Die Krone fuͤhl ich wieder auf dem Haupt, Den wuͤrd'gen Stolz in meiner edeln Seele! (Indem sie einige Schritte weiter vortritt.) Wie? Melvil hier? — Nicht also, edler Sir! Steht auf! Ihr seid zu eurer Koͤnigin Triumph, zu ihrem Tode nicht gekommen. Mir wird ein Gluͤck zu Theil, wie ich es nimmer Gehoffet, daß mein Nachruhm doch nicht ganz In meiner Feinde Haͤnden ist, daß doch Ein Freund mir, ein Bekenner meines Glaubens Als Zeuge dasteht in der Todesstunde. — Sagt, edler Ritter! Wie erging es euch, In diesem feindlichen, unholden Lande, Seitdem man euch von meiner Seite riß? Die Sorg' um euch hat oft mein Herz bekuͤmmert. Mich druͤckte sonst kein Mangel, als der Schmerz Um dich, und meine Ohnmacht, dir zu dienen! Wie stehts um Didier, meinen alten Kaͤmmrer? Doch der getreue schlaͤft wohl lange schon Den ew'gen Schlaf, denn er war hoch an Jahren. Gott hat ihm diese Gnade nicht erzeigt, Er lebt, um deine Jugend zu begraben. Daß mir vor meinem Tode noch das Gluͤck Geworden waͤre, ein geliebtes Haupt Der theuern Blutsverwandten zu umfassen! Doch ich soll sterben unter Fremdlingen, Nur eure Thraͤnen soll ich fließen sehn! — Melvil, die letzten Wuͤnsche fuͤr die Meinen Leg' ich in eure treue Brust — Ich segne Den allerchristlichsten Koͤnig, meinen Schwager, Und Frankreichs ganzes koͤnigliches Haus — Ich segne meinen Oehm, den Kardinal, Und Heinrich Guise, meinen edlen Vetter. Ich segne auch den Papst, den heiligen Statthalter Christi, der mich wieder segnet, Und den katholschen Koͤnig, der sich edelmuͤthig Zu meinem Retter, meinem Raͤcher anbot — Sie alle stehn in meinem Testament, Sie werden die Geschenke meiner Liebe, Wie arm sie sind, darum gering nicht achten. (Sich zu ihren Dienern wendend.) Euch hab' ich meinem koͤniglichen Bruder Von Frankreich anempfohlen, er wird sorgen Fuͤr euch, ein neues Vaterland euch geben. Und ist euch meine letzte Bitte werth, Bleibt nicht in England, daß der Britte nicht Sein stolzes Herz an eurem Ungluͤck weide, Nicht die im Staube seh', die mir gedient. Bei diesem Bildniß des Gekreuzigten Gelobet mir, dieß ungluͤckselge Land Alsbald, wenn ich dahin bin, zu verlassen! (beruͤhrt das Crucifix). Ich schwoͤre dir's, im Namen dieser aller. Was ich, die arme, die beraubte, noch besaß, Woruͤber mir vergoͤnnt ist frey zu schalten, Das hab' ich unter euch vertheilt, man wird, Ich hoff' es, meinen letzten Willen ehren. Auch was ich auf dem Todeswege trage, Gehoͤret euch — Vergoͤnnet mir noch einmal Der Erde Glanz auf meinem Weg zum Himmel! (Zu den Fraͤulein.) Dir, meine Alix, Gertrud, Rosamund, Bestimm' ich meine Perlen, meine Kleider, Denn eure Jugend freut sich noch des Putzes. Du, Margaretha, hast das naͤchste Recht An meine Großmuth, denn ich lasse dich Zuruͤck als die Ungluͤcklichste von allen. Daß ich des Gatten Schuld an dir nicht raͤche, Wird mein Vermaͤchtniß offenbaren — Dich, O meine treue Hanna, reizet nicht Der Werth des Goldes, nicht der Steine Pracht, Dir ist das hoͤchste Kleinod mein Gedaͤchtniß. Nimm dieses Tuch! Ich habs mit eigner Hand Fuͤr dich gestickt in meines Kummers Stunden, Und meine heißen Thraͤnen eingewoben. Mit diesem Tuch wirst du die Augen mir verbinden, Wenn es so weit ist — diesen letzten Dienst Wuͤnsch' ich von meiner Hanna zu empfangen. O Melvil! Ich ertrag' es nicht! 14 Kommt alle! Kommt und empfangt mein letztes Lebwohl. (Sie reicht ihre Haͤnde hin, eins nach dem andern faͤllt ihr zu Fuͤßen und kuͤßt die dargebotne Hand unter heftigem Weinen.) Leb' wohl, Margretha — Alix , lebe wohl — Dank Burgoyn , fuͤr eure treuen Dienste — Dein Mund brennt heiß, Gertrude — Ich bin viel Gehasset worden, doch auch viel geliebt! Ein edler Mann begluͤcke meine Gertrud, Denn Liebe fodert dieses gluͤhnde Herz — Bertha ! Du hast das beßre Theil erwaͤhlt, Die keusche Braut des Himmels willst du werden! O eile, dein Geluͤbde zu vollziehn! Betruͤglich sind die Guͤter dieser Erden, Das lern' an deiner Koͤnigin! — Nichts weiter! Lebt wohl! Lebt wohl! Lebt ewig wohl! (Sie wendet sich schnell von ihnen, alle, bis auf Melvil, entfernen sich.) Siebenter Auftritt . Maria. Melvil. Ich habe alles Zeitliche berichtigt, Und hoffe keines Menschen Schuldnerin Aus dieser Welt zu scheiden — Eins nur ists, Melvil, was der beklemmten Seele noch Verwehrt, sich frei und freudig zu erheben. Entdecke mirs. Erleichtre deine Brust, Dem treuen Freund vertraue deine Sorgen. Ich stehe an dem Rand der Ewigkeit, Bald soll ich treten vor den hoͤchsten Richter, Und noch hab' ich den Heil'gen nicht versoͤhnt. Versagt ist mir der Priester meiner Kirche. Des Sakramentes heil'ge Himmelspeise Verschmaͤh' ich aus den Haͤnden falscher Priester. Im Glauben meiner Kirche will ich sterben, Denn der allein ists, welcher selig macht. Beruhige dein Herz. Dem Himmel gilt Der feurig fromme Wunsch statt des Vollbringens. Tyrannenmacht kann nur die Haͤnde fesseln, Des Herzens Andacht hebt sich frei zu Gott, Das Wort ist todt, der Glaube macht lebendig. Ach Melvil! Nicht allein genug ist sich Das Herz, ein irdisch Pfand bedarf der Glaube, Das hohe Himmlische sich zuzueignen. Drum ward der Gott zum Menschen, und verschloß Die unsichtbaren himmlischen Geschenke Geheimnißvoll in einem sichtbarn Leib. — Die Kirche ists, die heilige, die hohe, Die zu dem Himmel uns die Leiter baut, Die allgemeine, die kathol'sche heißt sie, Denn nur der Glaube aller staͤrkt den Glauben, Wo tausende anbeten und verehren, Da wird die Glut zur Flamme, und befluͤgelt Schwingt sich der Geist in alle Himmel auf. — Ach die Begluͤckten, die das froh getheilte Gebet versammelt in dem Haus des Herrn! Geschmuͤckt ist der Altar, die Kerzen leuchten, Die Glocke toͤnt, der Weihrauch ist gestreut, Der Bischof steht im reinen Meßgewand, Er faßt den Kelch, er segnet ihn, er kuͤndet Das hohe Wunder der Verwandlung an, Und niederstuͤrzt dem gegenwaͤrt'gen Gotte Das glaͤubig uͤberzeugte Volk — Ach! Ich Allein bin ausgeschlossen, nicht zu mir In meinen Kerker dringt der Himmelsegen. Er dringt zu dir! Er ist dir nah! Vertraue Dem Allvermoͤgenden — der duͤrre Stab Kann Zweige treiben in des Glaubens Hand! Und der die Quelle aus dem Felsen schlug, Kann dir im Kerker den Altar bereiten, Kann diesen Kelch, die irdische Erquickung, Dir schnell in eine himmlische verwandeln. (Er ergreift den Kelch, der auf dem Tische steht.) Melvil! Versteh ich euch? Ja! Ich versteh euch! Hier ist kein Priester, keine Kirche, kein Hochwuͤrdiges — Doch der Erloͤser spricht: Wo zwey versammelt sind in meinem Namen, Da bin ich gegenwaͤrtig unter ihnen. Was weiht den Priester ein zum Mund des Herrn? Das reine Herz, der unbefleckte Wandel. — So seid ihr mir, auch ungeweiht, ein Priester, Ein Bote Gottes, der mir Frieden bringt. — Euch will ich meine letzte Beichte thun, Und euer Mund soll mir das Heil verkuͤnden. Wenn dich das Herz so maͤchtig dazu treibt, So wisse, Koͤnigin, daß dir zum Troste Gott auch ein Wunder wohl verrichten kann. Hier sey kein Priester, sagst du, keine Kirche, Kein Leib des Herrn? — Du irrest dich. Hier ist Ein Priester, und ein Gott ist hier zugegen. (Er entbloͤßt bei diesen Worten das Haupt, zugleich zeigt er ihr eine Hostie in einer goldenen Schale.) — Ich bin ein Priester, deine letzte Beichte Zu hoͤren, dir auf deinem Todesweg Den Frieden zu verkuͤndigen, hab' ich Die sieben Weihn auf meinem Haupt empfangen, Und diese Hostie uͤberbring ich dir Vom heil'gen Vater, die er selbst geweihet. O so muß an der Schwelle selbst des Todes Mir noch ein himmlisch Gluͤck bereitet seyn! Wie ein Unsterblicher auf goldnen Wolken Herniederfaͤhrt, wie den Apostel einst Der Engel fuͤhrte aus des Kerkers Banden, Ihn haͤlt kein Riegel, keines Huͤters Schwerdt, Er schreitet maͤchtig durch verschloßne Pforten, Und im Gefaͤngniß steht er glaͤnzend da, So uͤberrascht mich hier der Himmelsbote, Da jeder ird'sche Retter mich getaͤuscht! — Und ihr, mein Diener einst, seid jetzt der Diener Des hoͤchsten Gottes, und sein heil'ger Mund! Wie eure Kniee sonst vor mir sich beugten, So lieg ich jetzt im Staub vor euch. (Sie sinkt vor ihm nieder.) (indem er das Zeichen des Kreutzes uͤber sie macht) Im Namen Des Vaters und des Sohnes und des Geistes! Maria, Koͤnigin! Hast du dein Herz Erforschet, schwoͤrst du, und gelobest du Wahrheit zu beichten vor dem Gott der Wahrheit? Mein Herz liegt offen da vor dir und ihm. Sprich, welcher Suͤnde zeiht dich dein Gewissen, Seitdem du Gott zum letztenmal versoͤhnt? Von neid'schem Hasse war mein Herz erfuͤllt, Und Rachgedanken tobten in dem Busen. Vergebung hofft ich Suͤnderin von Gott, Und konnte nicht der Gegnerin vergeben. Bereuest du die Schuld, und ists dein ernster Entschluß, versoͤhnt aus dieser Welt zu scheiden? So wahr ich hoffe, daß mir Gott vergebe. Welch andrer Suͤnde klagt das Herz dich an? Ach, nicht durch Haß allein, durch suͤnd'ge Liebe Noch mehr hab' ich das hoͤchste Gut beleidigt. Das eitle Herz ward zu dem Mann gezogen, Der treulos mich verlassen und betrogen! Bereuest du die Schuld, und hat dein Herz Vom eiteln Abgott sich zu Gott gewendet? Es war der schwerste Kampf, den ich bestand, Zerrissen ist das letzte ird'sche Band. Welch andrer Schuld verklagt dich dein Gewissen? Ach, eine fruͤhe Blutschuld, laͤngst gebeichtet, Sie kehrt zuruͤck mit neuer Schreckenskraft, Im Augenblick der letzten Rechenschaft, Und waͤltzt sich schwarz mir vor des Himmels Pforten. Den Koͤnig, meinen Gatten, ließ ich morden, Und dem Verfuͤhrer schenkt' ich Herz und Hand! Streng buͤßt' ichs ab mit allen Kirchenstrafen, Doch in der Seele will der Wurm nicht schlafen. Verklagt das Herz dich keiner andern Suͤnde, Die du noch nicht gebeichtet und gebuͤßt? Jetzt weißt du alles, was mein Herz belastet. Denk an die Naͤhe des Allwissenden! Der Strafen denke, die die heilge Kirche Der mangelhaften Beichte droht! Das ist Die Suͤnde zu dem ew'gen Tod, denn das Ist wider seinen heilgen Geist gefrevelt! So schenke mir die ew'ge Gnade Sieg Im letzten Kampf, als ich dir wissend nichts verschwieg. Wie? deinem Gott verhehlst du das Verbrechen, Um dessentwillen dich die Menschen strafen? Du sagst mir nichts von deinem blutgen Antheil An Babingtons und Parrys Hochverrath? Den zeitlichen Tod stirbst du fuͤr diese That, Willst du auch noch den ew'gen dafuͤr sterben? Ich bin bereit zur Ewigkeit zu gehn, Noch eh sich der Minutenzeiger wendet, Werd' ich vor meines Richters Throne stehn, Doch wiederhohl' ichs, meine Beichte ist vollendet. Erwaͤg' es wohl. Das Herz ist ein Betruͤger. Du hast vielleicht mit list'gem Doppelsinn Das Wort vermieden, das dich schuldig macht, Obgleich der Wille das Verbrechen theilte. Doch wisse, keine Gaukelkunst beruͤckt Das Flammenauge, das ins Innre blickt! Ich habe alle Fuͤrsten aufgeboten. Mich aus unwuͤrd'gen Banden zu befrein, Doch nie hab' ich durch Vorsatz oder That Das Leben meiner Feindin angetastet! So haͤtten deine Schreiber falsch gezeugt? Wie ich gesagt, so ists. Was jene zeugten, Das richte Gott! So steigst du, uͤberzeugt Von deiner Unschuld, auf das Blutgeruͤste? Gott wuͤrdigt mich, durch diesen unverdienten Tod Die fruͤhe schwere Blutschuld abzubuͤßen. (macht den Seegen uͤber sie) So gehe hin, und sterbend buͤße sie! Sink' ein ergebnes Opfer am Altare, Blut kann versoͤhnen, was das Blut verbrach, Du fehltest nur aus weiblichem Gebrechen, Dem sel'gen Geiste folgen nicht die Schwaͤchen Der Sterblichkeit in die Verklaͤrung nach. Ich aber kuͤnde dir, kraft der Gewalt, Die mir verliehen ist, zu loͤsen und zu binden, Erlassung an von allen deinen Suͤnden! Wie du geglaubet, so geschehe dir! (Er reicht ihr die Hostie.) Nimm hin den Leib, er ist fuͤr dich geopfert! (Er ergreift den Kelch, der auf dem Tische steht, consekrirt ihn mit stillem Gebet, dann reicht er ihr denselben. Sie zoͤgert, ihn anzunehmen, und weis't ihn mit der Hand zuruͤck.) Nimm hin das Blut, es ist fuͤr dich vergossen! Nimm hin! Der Papst erzeigt dir diese Gunst! Im Tode noch sollst du das hoͤchste Recht Der Koͤnige, das priesterliche, uͤben! (Sie empfaͤngt den Kelch.) Und wie du jetzt dich in dem ird'schen Leib Geheimnißvoll mit deinem Gott verbunden, So wirst du dort in seinem Freudenreich, Wo keine Schuld mehr seyn wird, und kein Weinen, Ein schoͤn verklaͤrter Engel, dich Auf ewig mit dem Goͤttlichen vereinen. (Er setzt den Kelch nieder. Auf ein Geraͤusch, das gehoͤrt wird, bedeckt er sich das Haupt, und geht an die Thuͤre, Maria bleibt in stiller Andacht auf den Knien liegen.) (zuruͤckkommend). Dir bleibt ein harter Kampf noch zu bestehn. Fuͤhlst du dich stark genug, um jede Regung Der Bitterkeit, des Hasses zu besiegen? Ich fuͤrchte keinen Ruͤckfall. Meinen Haß Und meine Liebe hab' ich Gott geopfert. Nun so bereite dich, die Lords von Lester Und Burleigh zu empfangen. Sie sind da. Achter Auftritt . Die Vorigen. Burleigh. Leicester und Paulet. Leicester bleibt ganz in der Entfernung stehen, ohne die Augen aufzuschlagen. Burleigh, der seine Fassung beobachtet, tritt zwischen ihn und die Koͤnigin. Ich komme, Lady Stuart, eure letzten Befehle zu empfangen. Dank, Milord! Es ist der Wille meiner Koͤnigin, Daß euch nichts billiges verweigert werde. Mein Testament nennt meine letzten Wuͤnsche. Ich habs in Ritter Paulets Hand gelegt, Und bitte, daß es treu vollzogen werde. Verlaßt euch drauf. Ich bitte, meine Diener ungekraͤnkt Nach Schottland zu entlassen, oder Frankreich, Wohin sie selber wuͤnschen und begehren. Es sey, wie ihr es wuͤnscht. Und weil mein Leichnam Nicht in geweihter Erde ruhen soll, So dulde man, daß dieser treue Diener Mein Herz nach Frankreich bringe zu den Meinen. — Ach! Es war immer dort! Es soll geschehn! Habt ihr noch sonst — Der Koͤnigin von England Bringt meinen schwesterlichen Gruß — Sagt ihr, Daß ich ihr meinen Tod von ganzem Herzen Vergebe, meine Heftigkeit von gestern Ihr reuevoll abbitte — Gott erhalte sie, Und schenk' ihr eine gluͤckliche Regierung! Sprecht! Habt ihr noch nicht bessern Rath erwaͤhlt? Verschmaͤht ihr noch den Beistand des Dechanten? Ich bin mit meinem Gott versoͤhnt — Sir Paulet! Ich hab' euch schuldlos vieles Weh bereitet, Des Alters Stuͤtze euch geraubt — O laßt Mich hoffen, daß ihr meiner nicht mit Haß Gedenket — (giebt ihr die Hand). Gott sey mit euch! Gehet hin im Frieden! Neunter Auftritt . Die Vorigen. Hanna Kennedy und die andern Frauen der Koͤnigin dringen herein mit Zeichen des Entsetzens, ihnen folgt der Scherif, einen weißen Stab in der Hand, hin- ter demselben sieht man durch die offen bleibende Thuͤre gewaff- nete Maͤnner. Was ist dir, Hanna? — Ja, nun ist es Zeit! Hier kommt der Scherif, uns zum Tod zu fuͤhren. Es muß geschieden seyn! Lebt wohl! lebt wohl! (Ihre Frauen haͤngen sich an sie mit heftigem Schmerz; zu Melvil.) Ihr, werther Sir, und meine treue Hanna, Sollt mich auf diesem letzten Gang begleiten. Milord versagt mir diese Wohlthat nicht! Ich habe dazu keine Vollmacht. Wie? Die kleine Bitte koͤnntet ihr mir weigern? Habt Achtung gegen mein Geschlecht! Wer soll Den letzten Dienst mir leisten! Nimmermehr Kann es der Wille meiner Schwester seyn, Daß mein Geschlecht in mir beleidigt werde, Der Maͤnner rohe Haͤnde mich beruͤhren! Es darf kein Weib die Stufen des Geruͤstes Mit euch besteigen — Ihr Geschrei und Jammern — Sie soll nicht jammern! Ich verbuͤrge mich Fuͤr die gefaßte Seele meiner Hanna! Seid guͤtig, Lord. O trennt mich nicht im Sterben Von meiner treuen Pflegerin und Amme! Sie trug auf ihren Armen mich ins Leben, Sie leite mich mit sanfter Hand zum Tod. (zu Burleigh). Laßt es geschehn. Es sey. Nun hab' ich nichts mehr Auf dieser Welt — (Sie nimmt das Crucifix, und kuͤßt es.) Mein Heiland! Mein Erloͤser! Wie du am Kreutz die Arme ausgespannt, So breite sie jetzt aus, mich zu empfangen. (Sie wendet sich zu gehen, in diesem Augenblick begegnet ihr Auge dem Grafen Leicester, der bei ihrem Aufbruch un- willkuͤhrlich aufgefahren, und nach ihr hingesehen — Bei diesem Anblick zittert Maria, die Knie versagen ihr, sie ist im Begriff hinzusinken, da ergreift sie Graf Leicester, und empfaͤngt sie in seinen Armen. Sie sieht ihn eine Zeitlang ernst und schweigend an, er kann ihren Blick nicht aushalten, endlich spricht sie.) Ihr haltet Wort, Graf Lester — Ihr verspracht Mir euren Arm , aus diesem Kerker mich Zu fuͤhren, und ihr leihet mir ihn jetzt! (Er steht wie vernichtet. Sie faͤhrt mit sanfter Stimme fort.) Ja, Lester, und nicht bloß Die Freiheit wollt ich eurer Hand verdanken. Ihr solltet mir die Freiheit theuer machen, An eurer Hand, begluͤckt durch eure Liebe, Wollt' ich des neuen Lebens mich erfreun. Jetzt, da ich auf dem Weg bin, von der Welt Zu scheiden, und ein sel'ger Geist zu werden, Den keine ird'sche Neigung mehr versucht, Jetzt, Lester, darf ich ohne Schaamerroͤthen Euch die besiegte Schwachheit eingestehn — Lebt wohl, und wenn ihr koͤnnt, so lebt begluͤckt! Ihr durftet werden um zwei Koͤniginnen, Ein zaͤrtlich liebend Herz habt ihr verschmaͤht, Verrathen, um ein stolzes zu gewinnen, Kniet zu den Fuͤßen der Elisabeth! Moͤg' euer Lohn nicht eure Strafe werden! Lebt wohl! — Jetzt hab' ich nichts mehr auf der Erden! (Sie geht ab, der Scherif voraus, Melvil und die Amme ihr zur Seite, Burleigh und Paulet folgen, die uͤbrigen sehen ihr jammernd nach, bis sie verschwunden ist, dann entfer- nen sie sich durch die zwei andern Thuͤren.) Zehnter Auftritt . allein zuruͤckbleibend. Ich lebe noch! Ich trag es, noch zu leben! Stuͤrzt dieses Dach nicht sein Gewicht auf mich! Thut sich kein Schlund auf, das elendeste Der Wesen zu verschlingen! Was hab' ich 15 Verloren! Welche Perle warf ich bin! Welch Gluͤck der Himmel hab' ich weggeschleudert! — Sie geht dahin, ein schon verklaͤrter Geist, Und mir bleibt die Verzweiflung der Verdammten. — Wo ist mein Vorsatz hin, mit dem ich kam, Des Herzens Stimme fuͤhllos zu ersticken? Ihr fallend Haupt zu sehn mit unbewegten Blicken? Weckt mir ihr Anblick die erstorbne Schaam? Muß sie im Tod mit Liebesbanden mich umstricken? — Verworfener, dir steht es nicht mehr an, In zartem Mitleid weibisch hinzuschmelzen, Der Liebe Gluͤck liegt nicht auf deiner Bahn, Mit einem eh'rnen Harnisch angethan, Sey deine Brust, die Stirne sey ein Felsen! Willst du den Preiß der Schandthat nicht verlieren, Dreist mußt du sie behaupten und vollfuͤhren! Verstumme Mitleid, Augen, werdet Stein, Ich seh sie fallen, ich will Zeuge seyn. (Er geht mit entschloßnem Schritt der Thuͤre zu, durch welche Maria gegangen, bleibt aber auf der Mitte des Weges stehen.) Umsonst! Umsonst! Mich faßt der Hoͤlle Grauen, Ich kann, ich kann das Schreckliche nicht schauen, Kann sie nicht sterben sehen — Horch! Was war das? Sie sind schon unten — Unter meinen Fuͤßen Bereitet sich das fuͤrchterliche Werk. Ich hoͤre Stimmen — Fort! Hinweg! Hinweg Aus diesem Haus des Schreckens und des Todes! (Er will durch eine andre Thuͤr entfliehn, findet sie aber ver- schlossen, und faͤhrt zuruͤck.) Wie? Fesselt mich ein Gott an diesen Boden? Muß ich anhoͤren, was mir anzuschauen graut? Die Stimme des Dechanten — Er ermahnet sie — — Sie unterbricht ihn — Horch! — Laut betet sie — Mit fester Stimme — Es wird still — Ganz still! Nur schluchzen hoͤr' ich, und die Weiber weinen — Sie wird entkleidet — Horch! Der Schemel wird Geruͤckt — Sie kniet aufs Kissen — legt das Haupt — (Nachdem er die letzten Worte mit steigender Angst gesprochen, und eine Weile inne gehalten, sieht man ihn ploͤtzlich mit einer zuckenden Bewegung zusammenfahren, und ohnmaͤchtig niedersinken, zugleich erschallt von unten herauf ein dum- pfes Getoͤse von Stimmen, welches lange forthallt.) Eilfter Auftritt . ( Das zweite Zimmer des vierten Aufzugs.) tritt aus einer Seitenthuͤre, ihr Gang und ihre Gebaͤrden druͤcken die heftigste Unruhe aus. Noch Niemand hier — Noch keine Botschaft — Will es Nicht Abend werden? Steht die Sonne fest In ihrem himmlischen Lauf? — Ich soll noch laͤnger Auf dieser Folter der Erwartung liegen. — Ist es geschehen? Ist es nicht ? — Mir graut Vor beidem, und ich wage nicht zu fragen! Graf Lester zeigt sich nicht, auch Burleigh nicht, Die ich ernannt, das Urtheil zu vollstrecken. Sind sie von London abgereißt — Dann ists Geschehn, der Pfeil ist abgedruͤckt, er fliegt, Er trifft, er hat getroffen, gaͤlts mein Reich, Ich kann ihn nicht mehr halten — Wer ist da? Zwoͤlfter Auftritt . Elisabeth. Ein Page. Du kommst allein zuruͤck — Wo sind die Lords? Milord von Lester, und der Großschatzmeister — (in der hoͤchsten Spannung.) Wo sind sie? Sie sind nicht in London. Nicht? — Wo sind sie denn? Das wußte niemand mir zu sagen. Vor Tages Anbruch haͤtten beide Lords Eilfertig und geheimnißvoll die Stadt Verlassen. (lebhaft ausbrechend). Ich bin Koͤnigin von England! (Auf und niedergehend in der hoͤchsten Bewegung.) Geh! Rufe mir — nein, bleibe — Sie ist todt! Jetzt endlich hab' ich Raum auf dieser Erde. — Was zittr' ich? Was ergreift mich diese Angst? Das Grab deckt meine Furcht, und wer darf sagen, Ich habs gethan! Es soll an Thraͤnen mir Nicht fehlen, die Gefallne zu beweinen! (Zum Pagen.) Stehst du noch hier? — Mein Schreiber Davison Soll augenblicklich sich hierher verfuͤgen. Schickt nach dem Grafen Schrewsbury — Da ist Er selbst! (Page geht ab.) Dreizehnter Auftritt . Elisabeth. Graf Schrewsbury. Willkommen, edler Lord. Was bringt ihr? Nichts kleines kann es seyn, was euren Schritt So spaͤt hierher fuͤhrt. Große Koͤnigin, Mein sorgenvolles Herz, um deinen Ruhm Bekuͤmmert, trieb mich heute nach dem Tower, Wo Kurl und Rau , die Schreiber der Maria Gefangen sitzen, denn noch einmal wollt' ich Die Wahrheit ihres Zeugnisses erproben. Bestuͤrzt, verlegen weigert sich der Leutnant Des Thurms, mir die Gefangenen zu zeigen, Durch Drohung nur verschafft' ich mir den Eintritt, — Gott! Welcher Anblick zeigte mir sich da! Das Haar verwildert, mit des Wahnsinns Blicken, Wie ein von Furien gequaͤlter, lag Der Schotte Kurl auf seinem Lager — Kaum Erkennt mich der Ungluͤckliche, so stuͤrzt er Zu meinen Fuͤßen — schreiend, meine Knie Umklammernd mit Verzweiflung, wie ein Wurm Vor mir gekruͤmmt — fleht er mich an, beschwoͤrt mich, Ihm seiner Koͤnigin Schicksal zu verkuͤnden; Denn ein Geruͤcht, daß sie zum Tod verurtheilt sey, War in des Towers Kluͤfte eingedrungen. Als ich ihm das bejahet nach der Wahrheit, Hinzu gefuͤgt, daß es sein Zeugniß sey, Wodurch sie sterbe, sprang er wuͤthend auf, Fiel seinen Mitgefangnen an, riß ihn Zu Boden, mit des Wahnsinns Riesenkraft, Ihn zu erwuͤrgen strebend. Kaum entrissen wir Den Ungluͤckselgen seines Grimmes Haͤnden. Nun kehrt' er gegen sich die Wuth, zerschlug Mit grimmgen Faͤusten sich die Brust, verfluchte sich Und den Gefaͤhrten allen Hoͤllengeistern. Er habe falsch gezeugt, die Ungluͤcksbriefe An Babington, die er als aͤcht beschworen, Sie seien falsch, er habe andre Worte Geschrieben, als die Koͤnigin diktirt, Der Boͤßwicht Rau hab' ihn dazu verleitet. Drauf rannt' er an das Fenster, riß es auf Mit wuͤthender Gewalt, schrie in die Gassen Hinab, daß alles Volk zusammen lief, Er sey der Schreiber der Maria, sey Der Boͤßwicht, der sie faͤlschlich angeklagt, Er sey verflucht, er sey ein falscher Zeuge! Ihr sagtet selbst, daß er von Sinnen war. Die Worte eines Rasenden, Verruͤckten, Beweisen nichts. Doch dieser Wahnsinu selbst Beweiset desto mehr! O Koͤnigin! Laß dich beschwoͤren, uͤbereile nichts, Befiehl, daß man von neuem untersuche. Ich will es thun — weil ihr es wuͤnschet, Graf, Nicht weil ich glauben kann, daß meine Peers In dieser Sache uͤbereilt gerichtet. Euch zur Beruhigung erneure man Die Untersuchung — Gut, daß es noch Zeit ist! An unsrer koͤniglichen Ehre soll Auch nicht der Schatten eines Zweifels haften. Vierzehnter Auftritt . Davison zu den Vorigen. Das Urtheil, Sir, das ich in eure Hand Gelegt — Wo ists? (im hoͤchsten Erstaunen). Das Urtheil? Das ich gestern Euch in Verwahrung gab — Mir in Verwahrung! Das Volk bestuͤrmte mich, zu unterzeichnen, Ich mußt' ihm seinen Willen thun, ich thats, Gezwungen that ichs, und in eure Haͤnde Legt' ich die Schrift, ich wollte Zeit gewinnen, Ihr wißt, was ich euch sagte — Nun! Gebt her! Gebt, werther Sir, die Sachen liegen anders, Die Untersuchung muß erneuert werden. Bedenkt euch nicht so lang'. Wo ist die Schrift? (in Verzweiflung). Ich bin gestuͤrzt, ich bin ein Mann des Todes! (hastig einfallend). Ich will nicht hoffen, Sir — Ich bin verlohren! Ich hab' sie nicht mehr. Wie? Was? Gott im Himmel! Sie ist in Burleighs Haͤnden — schon seit gestern. Ungluͤcklicher? So habt ihr mir gehorcht, Befahl ich euch nicht streng, sie zu verwahren? Das hast du nicht befohlen, Koͤnigin. Willst du mich Luͤgen strafen, Elender? Wann hieß ich dir die Schrift an Burleigh geben? Nicht in bestimmten, klaren Worten — aber — Nichtswuͤrdiger! Du wagst es, meine Worte Zu deuten ? Deinen eignen blutgen Sinn Hinein zu legen? — Wehe dir, wenn Ungluͤck Aus dieser eigenmaͤchtgen That erfolgt, Mit deinem Leben sollst du mirs bezahlen. — Graf Schrewsbury, ihr sehet, wie mein Name Gemißbraucht wird. Ich sehe — O mein Gott! Was sagt ihr? Wenn der Squire sich dieser That Vermessen hat auf eigene Gefahr, Und ohne deine Wissenschaft gehandelt, So muß er vor den Richterstuhl der Peers Gefodert werden, weil er deinen Namen Dem Abschen aller Zeiten Preiß gegeben. Letzter Auftritt . Die Vorigen. Burleigh, zuletzt Kent. (beugt ein Knie vor der Koͤnigin). Lang lebe meine koͤnigliche Frau, Und moͤgen alle Feinde dieser Insel Wie diese Stuart enden! (Schrewsbury verhuͤllt sein Gesicht, Davison ringt verzweif- lungsvoll die Haͤnde.) Redet, Lord! Habt ihr den toͤdtlichen Befehl von mir Empfangen? Nein, Gebieterin! Ich empfing ihn Von Davison. Hat Davison ihn euch In meinem Namen uͤbergeben? Nein! Das hat er nicht — Und ihr vollstrecktet ihn, Rasch, ohne meinen Willen erst zu wissen? Das Urtheil war gerecht, die Welt kann uns Nicht tadeln, aber euch gebuͤhrte nicht, Der Milde unsres Herzens vorzugreifen — Drum seid verbannt von unserm Angesicht! (Zu Davison.) Ein strengeres Gericht erwartet euch, Der seine Vollmacht frevelnd uͤberschritten, Ein heilig anvertrautes Pfand veruntreut. Man fuͤhr' ihn nach dem Tower, es ist mein Wille, Daß man auf Leib und Leben ihn verklage. — Mein edler Talbot! Euch allein hab' ich Gerecht erfunden unter meinen Raͤthen, Ihr sollt fortan mein Fuͤhrer seyn, mein Freund — Verbanne deine treusten Freunde nicht, Wirf sie nicht ins Gefaͤngniß, die fuͤr dich Gehandelt haben, die jetzt fuͤr dich schweigen. — Mir aber, große Koͤnigin, erlaube, Daß ich das Siegel, das du mir zwoͤlf Jahre Vertraut, zuruͤck in deine Haͤnde gebe. (betroffen). Nein, Schrewsbury! Ihr werdet mich jetzt nicht Verlassen, jetzt — Verzeih, ich bin zu alt, Und diese grade Hand, sie ist zu starr, Um deine neuen Thaten zu versiegeln. Verlassen wollte mich der Mann, der mir Das Leben rettete? Ich habe wenig Gethan — Ich habe deinen edlern Theil Nicht retten koͤnnen. Lebe, herrsche gluͤcklich! Die Gegnerin ist todt. Du hast von nun an Nichts mehr zu fuͤrchten, brauchst nichts mehr zu achten. (Geht ab.) (zum Grafen Kent, der hereintritt.) Graf Lester komme her! Der Lord laͤßt sich Entschuldigen, er ist zu Schiff nach Frankreich. (Sie bezwingt sich und steht mit ruhiger Fassung da. Der Vorhang faͤllt.) Weimar, gedruckt bei den Gebruͤdern Gaͤdicke .