C larissa, Die G eschichte eines vornehmen Frauenzimmers, von demjenigen herausgegeben, welcher die Geschichte der Pamela geliefert hat: und nunmehr aus dem Englischen in das Deutsche uͤbersetzt. Sechster Theil. GOETTJNGEN , Verlegts Abram Vandenhoeck , Universitaͤts-Buchh. 1750 . Mit Koͤm. Kayserlichen, Koͤnigl. Großbrit. und Churf. Braunschw. wie auch Koͤnigl. Pohln. und Churf. Saͤchs. allergnaͤdigsten Privilegiis. Clarissa. Der sechste Theil. Der erste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Freytags, den 30ten Jun. J ch bin hin, verlohren, zu nichte, zu Grunde gerichtet und aͤrger, als zernich- tet, das ist gewiß! ‒ ‒ Aber war denn die Zeitung selbst nach deinen Gedan- ken nicht hart genug: wenn du nicht in die schon allzusehr uͤberwiegende Schale noch deine Vor- wuͤrfe legetest, die du nicht einmal zu machen Ge- legenheit haben koͤnntest, wofern ich dir nicht frey- willig alles offenbaret haͤtte? Und dieß so gar eben zu der Zeit, da ich noch ein anderes sehr em- pfindliches Misvergnuͤgen, wie der Ausgang zeigt, uͤber eine fehlgeschlagene Hoffnung zu be- streiten habe? Jch stelle mir vor; wo wirklich ein solches Ding ist, das man zukuͤnftige Strafe nennet; es muͤsse keine der geringsten Kraͤnkungen seyn, daß ein neuer Teufel von einem alten und aͤr- gern gestraft werden soll, und ertragen muß, daß dieser, wie ein alter Satyr mit gekruͤmmten Schwanze, ihm bey seinem Leiden und Klagege- Sechster Theil. A schrey schrey zurufe: das sollst du haben! und das sollst du haben! und jedesmal, wenn er es ausgesprochen hat, mit gluͤendem Erz eines ver- setze. Und warum denn! warum denn! ‒ ‒ Die Wahrheit frey heraus zu sagen, weil du nicht ein so arger Teufel bist, als ich selbst. Du verstehst dich, gewiß, gut genug auf die Entscheidung der Gewissensfragen, und kannst also wohl wissen; wie ich ehedem nachdruͤcklich vorgestellet habe Siehe den III. Th. S. 543. fg. ; daß es eben so große Suͤn- de ist ein leichtglaͤubiges und williges Maͤgdchen zu verfuͤhren, als ein nicht leichtglaͤubiges und wach- sames ins Garn zu bringen. Es mag das, was ich zu sagen willens bin, fuͤr mich und fuͤr meine Feder auch noch so we- nig edelmuͤthig scheinen: so muß ich es dir doch sagen. Wenn solch ein Frauenzimmer, als Fraͤu- lein Harlowe; ich habe mir vorgenommen, dir deine Hoffnung, uͤber meine Wuth und Verzweifelung zu frohlocken, zu nichte zu machen; es fuͤr das beste hielte, sich in den Stand der heiligen Ehe zu begeben, und, nach der alten Ordnung der Erzvaͤter, das Jhrige zur Zeugung von Soͤhnen und Toͤchtern beyzutragen; in keiner andern Absicht, als sie gottselig zu er- ziehen, damit sie gute und brauchbare Glieder des gemeinen Wesens seyn moͤchten: was, Teufel, kam ihr denn an, daß sie sich in den Kopf setzte, sich an einen liederlichen Kerl zu haͤngen? An einen, einen, von dem sie wußte, daß er ein liederli- cher Kerl war. Ey wahrlich, sie hoffete nur, sich ein Verdienst zu machen und ihn auf bessere Wege zu bringen. Sie hatte sich artige Vorstellungen gemacht, wie schoͤn es lassen wuͤrde, wenn sie einen Bekehrten haͤtte, der ihr eignes Machwerk waͤre, der zu ihrer Seiten durch die Nachbarschaft unter all- gemeinem Beyfall zur Kirche schlaͤnderte, und, wie ihre Familie anwuͤchse, an der Spitze ihrer Buͤbchen und Maͤgdchen, nicht anders als in ei- nem feyerlichen Zuge durch die Gassen, mit ihr dahin gienge, so daß sich beyde mit den Fruͤchten ihres loͤblichen Verlangens; mit meinem guͤ- tigen Lord Bischoff in seinem Trauschein zu re- den; groß machten. Und was wuͤrde es ferner fuͤr ein artiger Anblick seyn: wenn alle mit ein- ander in einem Kirchenstuhl nach dem Alter kniee- ten! wie wir im Gemaͤhlde auf einem alten Denkmal eine ganze Familie gesehen haben, wo der ehrliche Ritter in seiner Ruͤstung mit aufge- habenen Haͤnden knieend vorgestellt wird, und hinter ihm ein halb Dutzend großkoͤpfichter und kurzoͤhrichter Jungen, die stuffen - oder trup- penweise nach ihrem Alter und ihrer Groͤße ge- ordnet sind, alle in eben der Stellung ‒ ‒ Mit seinem Gesichte gegen seine gottselige Gattinn ge- kehrt, die einen großen Halskragen, und eben so viele Maͤgdchen mit molkenhaften Gesichtern, als er Buͤbchen, auf den Knien hinter sich hat ‒ ‒ Mit einem Altar zwischen beyden, und einem A 2 offenen offenen Buche auf demselben ‒ ‒ Mit glaͤnzen- den Strahlen in Gestalt eines halben Mondes uͤber ihren Haͤuptern, die aus verguͤldeten Wol- ken herabschießen und rund um einen herrlichen Wahlspruch herumgehen: IN COELO SALVS ‒ ‒ oder QVIES ‒ ‒ vielleicht, wenn es sich so gefuͤ- get hat, daß sie das bey der Ehe gewoͤhnliche Leben von Zank und Widerspruch gefuͤhret haben. Es ist gewiß fuͤr mich eben ein so großes Un- gluͤck, daß ich an die Fraͤulein Clarissa Harlowe gerathen bin, wenn ich meinen guten Namen oder meine Bequemlichkeit achtete, als es fuͤr die Fraͤu- lein Harlowe ist, daß sie mit mir bekannt geworden. Und wenn endlich alles um und um kommt: so habe ich nichts mehr gethan, als daß ich denjeni- gen Grundregeln nachgegangen bin, von welchen du, und ich, und alle liederliche Leute sich leiten lassen, und welche wir, ehe ich diese Fraͤulein kannte, bey einem artigen Maͤgdchen nach dem an- dern ausgeuͤbet haben, so daß wir eben so ge- schwinde, als wir nur die eine niedergesetzt, die andere wieder aufgenommen; ‒ ‒ nicht anders, als wie es die Leute mit ihren Schaukelwagen oder Schaukelpferden bey einer Kirmesse auf dem Lande machen ‒ ‒ ‒ ‒ Mit ihrem: Wer schaukelt sich hernach zu erst? Wer schau- ckeit sich hernach zuerst? Aber hier, in dem gegenwaͤrtigen Fall, damit ich die fliegende Metapher fortsetze; denn ich muß entweder lustig oder rasend seyn; hier ist eine sehr kleine Fraͤulein, die eben aus ihrem langen Rocke Rocke mit hangenden Ermeln gekrochen und auf einen Jahrmarkt gebracht ist, eine sehr kleine Messe einzukaufen: denn die Welt, Bruder, weißt du wohl, ist nur ein großer Jahrmarkt; und, daß ich deine ernsthafte Betrachtung wie- derum mit einer ernsthaften Betrachtung bezah- le, alle ihre Kramereyen sind nichts, als Ste- ckenpferde mit Flittergold, verguͤldete Pfefferku- chen, quickende Trompeten, bunte Trommeln und so weiter ‒ ‒ ‒ Nun siehe, wie diese sehr kleine Fraͤulein auf eine recht artige Weise von einer Bude zur an- dern flattert. Ein sehr kleiner Bube, vielleicht Wyerley genannt; ein anderer baͤurischer Kerl, der Biron heißt; ein dritter laͤchelnder Lumpen- hund, Symmes mit Namen; und noch ein weit scheuslicherer Boͤsewicht, als einer von den uͤbri- gen, mit einem langen Sack unter dem Arm, und mit pergamentnen Urkunden bis an die Fer- sen besteckt, Solmes zubenahmet, folgen ihr be- staͤndig von diesen Raritaͤten zu jenen, stoßen bey jeder Wendung mit den Schultern an einander, bleiben stehen, wenn sie stehen bleibt, und kom- men wieder in Bewegung, wenn sie sich bewe- get ‒ ‒ Unter diesem bey ihr bammelnden Ge- folge, jedoch bestaͤndig in den Augen ihrer wach- samen Aufseher, durchstreicht die sehr kleine Fraͤu- lein den ganzen Jahrmarkt und ergoͤtzet sich nicht weniger, als sie andere ergoͤtzet: bis sie endlich durch die Einladung eines Redners mit einem Tressenhut eingenommen wird; und, da sie ver- A 3 schiedne schiedne sehr kleine Laͤtzgentraͤger mit einander in den Schaukelwagen gesetzt, und unbeschaͤdigt in dem an der einen Seite auf, an der andern nie- dergehenden Fahrzeuge, einem Bilde der Welt, alle mit eben so weniger Furcht als Verstand, die ausweichende Luft durchschneiden siehet, in die Versuchung geraͤth, sich hernach zuerst zu schau- keln. Alsdenn setze, daß sie listigerweise, wenn kei- ne von ihren Freunden nahe bey ihr find, unversehens in den Schaukelwagen steigt. Wo ihr nun, nachdem sie sich zwey oder dreymal auf und nieder geschaukelt, der artige Kopf schwind- licht wird, und sie aus dem Wagen, indem er eben seine Hoͤhe erreichet hat, herausstuͤrzet, und so ihr sehr kleines Gehirn verschuͤttet: wer kann es denn aͤndern? ‒ ‒ Wolltet ihr wohl den Kerl aufhaͤngen, der oͤffentlich seine Handthierung daraus machte, die sehr kleinen Creaturen ins Fliegen zu bringen? Es ist wahr, diese sehr kleine Fraͤulein, die eine recht sehr kleine Fraͤulein ist, eine recht sehr bewunderte kleine Fraͤulein, eine recht fromme kleine Fraͤulein; die allezeit an ihr Buch gedach- te, und mit großem Beyfall durch ihre Schule gekommen war, daß sie alle Muster vollkommen kannte; diese sehr kleine Fraͤulein hatte so gar schon einen Abraham, der seinen Sohn opferte, einen Simson und die Philister, und Blumen, und Knospen, und Baͤume, und die Sonne, und den Mond, und das Siebengestirn mit bunten bunten Farben, wie es sich gehoͤrte, ausgesticket, welches alles, zur Bewunderung ihrer kuͤnftigen Enkel, in Raͤhmen, und mit Glaß bedecket, auf- gehangen war. Sie hatte auch ein Recht auf ein gar sehr kleines Gut. Sie war aus einer sehr kleinen Familie von einem hundertjaͤhrigen Adel entsprossen, welche eine recht sehr kleine Le- bensart fuͤhrte, und in Betrachtung ihrer selbst sehr wenig, in Betrachtung dieser Tochter aber sehr viel geachtet wurde. ‒ ‒ Fuͤr so eine sehr kleine Fraͤulein, als dieß ist, muß es eine recht betruͤbte Sache seyn, daß sie in ein so sehr großes Ungluͤck geraͤth. Aber sage mir einmal: Wuͤrde der Verlust eines gemeinen Kindes, von einer andern noch weniger betraͤcht- lichen Familie, von geringern oder nicht so lie- benswuͤrdigen Gaben, nicht eben so groß und eben so schwer fuͤr die Familie gewesen seyn, als der Verlust dieser sehr kleinen Fraͤulein fuͤr ihre Fa- milie ist? Jch will mich herablassen und ein recht niedri- driges Beyspiel geben, bloß damit ich bey der Person bleibe. Zweifelst du wohl, daß dein starksehnichtes und beinichtes Gesicht von deiner Mutter eben so sehr bewundert worden, als wenn es das Gesicht eines Lovelace oder eines andern leidli- chen Kerls gewesen waͤre? Und wuͤrde sie, wenn du abgemahlet waͤrest, es dem Mahler vergeben ha- ben, wenn er deine Zuͤge nicht so genau ausge- druͤcket haͤtte, daß ein jeder die Aehnlichkeit be- merkt haben sollte? Die ziemliche Aehnlich- A 4 keit keit ist alles, was man wuͤnschet. Wenn wir einmal an Haͤßlichkeit gewohnt sind: so wird sie, bey der natuͤrlichen Parteylichkeit eingenommener Eltern, Schoͤnheit seyn, so lange die Welt ste- het. ‒ ‒ Mache du selbst die Anwendung. Aber, ach! Bruder, alles dieß ist nur ein Abriß von meiner Gemuͤthsfassung, der bloß deswegen entworfen ist, damit ich deiner boshaf- tigen Gesinnung gegen mich ausweichen moͤch- te! ‒ ‒ Ob du gleich deine unfreundliche Absicht durch mein Gestaͤndniß erhaͤltst: so kann ich doch nicht umhin, es zu gestehen; ich bin bis in die Seele verwundet, durch diesen ungluͤcklichen ‒ ‒ Zufall muß ich es nennen! ‒ ‒ Habe ich denn niemand, dem ich, entweder wegen seiner Unacht- samkeit, oder wegen seiner Verraͤtherey die Kaͤhle abschneiden muß, damit ich meine Rache be- friedige! ‒ ‒ Wenn ich meine letzte boͤse Absicht bedenke; da die Fraͤulein doch gegen die erste gewaltsame Beschimpfung einen so edlen Unwillen bezeiget, und auch, so weit sie im Stande gewesen war, einen so edlen Widerstand gethan hatte: so muß ich nothwendig schließen, daß ich von diesen verfluchten Circen bezaubert gewesen, die sich anmaßeten, ihr eignes Geschlecht zu kennen, und mit Gewalt behaupten wollten, daß bey einem jeden Frauenzimmer eine Stunde zu treffen sey, da sie nachgiebet oder wenig widerstehet; und daß ich ich noch, und noch, und noch nicht genug ver- suchet haͤtte; ‒ ‒ aber daß, wenn sie einmal durch Huͤlfe ihrer verfluchten Kuͤnste uͤberwunden waͤre, wofern ich weder durch Liebe noch Schre- cken die gluͤckliche Stunde treffen koͤnnte, sie fuͤr allemal uͤberwunden seyn wuͤrde; ‒ ‒ wobey sie sich zur Rechtfertigung ihres Ausspruchs auf alle meine Erfahrung, auf alle meine Kenntniß von dem Geschlechte beriefen. Meine Erfahrung, worauf sie sich beriefen, muß ich gestehen, war ihrer Aussage nur allzu vortheilhaft. Denn meynst du, daß ich meinen Vorsatz gegen einen solchen Engel, als sie ist, haͤt- te behalten koͤnnen: wenn ich vorher jemals eine gefunden haͤtte, welche ihre Ehre gegen die uner- muͤdeten Kuͤnste und Standhaftigkeit derjenigen Mannsperson, gegen die sie selbst Liebe hegte, so ernstlich zu vertheidigen geneigt gewesen waͤre? Warum waren denn nicht mehrere Beyspiele ei- ner so unbeweglichen Tugend? Oder warum mußte dieses, als das einzige, mir eben zu Theil werden? Wo es nicht darum geschehen ist, daß meine Schuld verdoppelt und zu gleicher Zeit, alle, denen ihre Geschichte zu Ohren kommen sollte, uͤberfuͤhret wuͤrden, daß es so wohl einge- fleischte Engel, als eingefleischte Teufel gebe. So viel: mein Bekenntniß darzulegen, und meinem Gewissen zu Gefallen zu seyn. Jedoch habe ich auch dieß Absehen dabey, daß ich durch mein eignes Gestaͤndniß deine Bosheit entwaff- A 5 nen nen will: denn niemand soll etwas aͤrgeres von mir sagen, als ich selbst bey dieser Gelegenheit von mir sagen werde. Eines will ich inzwischen noch beyfuͤgen, da- mit ich dir die Aufrichtigkeit meiner Reue zei- ge ‒ ‒ Wo du sie durch irgend einige Mittel bin- nen diesen dreyen Tagen auffinden kannst; oder, es sey wann es wolle, nur vorher, ehe sie hinter die wahre Beschaffenheit der Histoͤrchen mit Ca- pitain Tomlinson, und ihrem Onkel, kommt; und wo du sie alsdenn gewinnen kannst, daß sie ihre Einwilligung giebet: so will ich mich wirklich in deiner, und Tomlinsons Gegenwart, indem er die Person ihres Onkels vertreten soll, mit ihr trauen lassen. Jch mache mir noch immer Hoffnung, daß es so kommen moͤge ‒ ‒ Sie kann nicht lange verborgen-bleiben. ‒ ‒ Jch habe bereits alle Triebfedern in den Gang gebracht, sie aufzuspuͤ- ren. Finde ich sie: wer wird denn wohl von solchen Leuten, welche die Sache nichts an- gehet, Lust haben, sich mit einem Manne von meinem Ansehen, von meinem Vermoͤgen, und von meiner Kuͤhnheit zu verwickeln? Und von ihren Freunden wird niemand, wie du bemer- kest, auf sie sehen. ‒ ‒ Zeige ihr also diese oder eine andere Stelle von dem gegenwaͤrtigen Briefe, nach deinem eignen Gutbefinden: wo du sie auf- finden kannst. Denn, alles wohl erwogen, deucht mich, es wuͤrde mir lieb seyn, daß diese Sache, welche an sich selbst schlimm genug ist, ohne ohne schlimmere Folgen fuͤr eines andern Person ablaufen moͤchte. Gleichwohl sagt mir mein Herz zu, ich weiß nicht warum, daß sie fruͤher oder spaͤter einige Tropfen Bluts nach sich ziehen wuͤrde: wofern die Fraͤulein und ich sie nicht et- wa unter uns abthun koͤnnen. Und dieß mag ein anderer Grund seyn, warum sie ihren Unwillen nicht zu weit treiben sollte ‒ ‒ Jedoch nicht so, als wenn ich mich uͤber eine solche Sache viel be- kuͤmmern wuͤrde; wofern ich nur meinen Mann oder meine Maͤnner selbst aussuchen sollte: denn ich hasse ihre ganze Familie, sie allein ausge- nommen, von ganzen Herzen, und werde sie be- staͤndig hassen. Jch muß noch dieses hinzuthun, daß die Er- findung der Fraͤulein, ihre Flucht ins Werk zu richten, mir nichts besonderes und außerordentli- ches zu seyn scheinet. Es ist mehr Gluͤck dabey gewesen, als Wahrscheinlichkeit, daß sie einen guten Erfolg haben sollte. Denn, wenn sie gelingen sollte: mußten Dorcas, Wilhelm, Sinclair und ihre Nymphen nothwendig alle ent- weder betrogen werden, oder von der Wache ge- gangen seyn. Es kommt mir zu, ihnen, wenn ich sie spreche, meinen herzlichen Dank abzustat- ten, daß sie wirklich von der Wache gegangen sind, und daß ihre Sorge fuͤr sich selbst und fuͤr ihre eigne kuͤnftige Sicherheit sie verleiten sollen, ihre Thuͤre nach der Gasse, bloß mit einem Rie- gel gel zu verwahren: ich wollte, daß sie verflucht waͤren! ‒ ‒ Mabelle verdient vielmehr ein Pechkleid und ein Freudenfeuer, als den Rock von glaͤnzender Seide. Da ihre Kleider wiedergebracht sind: so laß die Kleider der Fraͤulein wieder zu den an- dern legen; damit sie ihr zugeschickt werden, wenn man sagen kann, wohin; ‒ ‒ aber doch nicht eher als bis ich mein Wort dazu gebe: denn wir muͤssen den lieben Fluͤchtling wieder zuruͤckbringen, wo es moͤglich ist. Jch vermuthe, daß mein einfaͤltiger Bube, der ein Frauenzimmer, wie eine Goͤttinn von Per- son, und von einem so edlen Anstande, nicht von der ungeschickten und krummschultrichten Mabelle zu unterscheiden gewußt hat, in Hampstead gewe- sen sey, sich nach ihr umzusehen. Jedoch kann ich schwerlich denken, daß sie dahin gehen sollte. Er muß durch alle Gassen gehen, wo Zimmer zu vermiethen angeschlagen sind, und sich nach ei- nem neuen Ankoͤmmling erkundigen. Die Haͤu- ser, welche mit Weibersachen, mit Thee, Coffee und dergleichen zu thun haben, sind diejenigen, wo Nachfrage geschehen muß. Wo nicht bald einige Zeitung von ihr gehoͤrt wird: so wollte ich eben nicht, daß Dorcas, Wilhelm, oder Ma- belle mir vor Augen kaͤmen; ihre Herrschaf- ten moͤgen fuͤr gut zu thun befinden, was sie wollen. Dieß ist ein ziemlich langer Brief, ob er gleich mit abgekuͤrzten Zeichen geschrieben ist, in Be- Betrachtung, daß er keine Erzaͤhlung oder kein Verzeichniß von Unternehmungen, wie einige meiner vorigen, in sich enthaͤlt: denn Briefe von der Art werden sich unvermeidlich, und natuͤrli- cherweise, so zu sagen, in die Laͤnge dehnen. Al- lein ich habe mich seit einiger Zeit so gewoͤhnet, viel zu schreiben, daß ich nicht weiß, wie ich es aͤndern soll. Dennoch muß ich seiner Laͤnge noch etwas hinzusetzen, damit ich mich uͤber den Wink, den ich dir beym Anfange desselben gegeben habe, erklaͤre. Er bestand darinn, daß ich, außer dem Misvergnuͤgen uͤber die Flucht der Fraͤulein Har- lowe, noch eine fehlgeschlagene Hoffnung zu be- dauren habe. Und was meynst du wohl? Der alte Lord; ich wollte daß der Henker seine zaͤhe Natur geho- let haͤtte! denn das wuͤrde ihn fortgeholfen haben; hat Feuer und Schwefel, und der Teufel weiß was, versuchet, das Podagra zu noͤthigen, daß es die aͤußere Boͤschung seines Herzens verlassen muͤssen, als es eben alle seine Macht zusammen- gezogen hatte, die Schanze seines Herzens zu stuͤrmen. Kurz, man hat den langsamen Schanzengraͤber bloß durch Dampfkugeln, Hand- granaten und kleine Kugelbuͤchsen aus dem Rumpf in die aͤußersten Theile getrieben: und da liegt er nun, und zwackt und nagt an seiner großen Zehe; da ich mir ein gutes Ende von der Krank- heit so wohl als dem Kranken versprochen hatte. Aber ich habe verdienet, mit beißendem Verdrusse gekraͤnket zu werden: da ich dir vor- mals mals rathen konnte, das laudanum, diesen ein- schlaͤfernden und betaͤubenden Trank, und das nasse Tuch zu gebrauchen Siehe den IV. Theil. S. 127. 128. ; und doch acht tau- send Pfund jaͤhrlicher Einkuͤnfte mir durch die Finger weggleiten lassen mochte, da ich sie mir schon mehr, als durch bloße Vorstellung, zuge- eignet hatte. Denn ich hatte wirklich angefangen, die Verwalter zu befragen, und sie anzuhoͤren, wenn sie von Handgeld, von Erneurung der mit ihnen gemachten Vergleiche, und dergleichen Zeuge mehr schwatzten. Du kannst dir nicht einbilden, wie sich seit gestern das Bezeigen der Bedienten und so gar meiner Basen veraͤndert haͤt. Weder diese noch jene buͤcken und neigen sich halb so tief mehr. ‒ ‒ Jch heiße nicht den vierten Theil so viel seine Gnaden, und ihre Gnaden, bey den erstern, als ich es vor diesen wenigen Stunden bey ihnen hieß: und in Ansehung der letztern, ist es nun wieder Vetter Robert, mit der gewoͤhnlichen Vertraulichkeit, statt Herr, und Herr, und, wenn es ihnen gefaͤllig ist, Herr Lovelace. Ja sie sind nun so vermessen, daß sie mir zur Ge- nesung des guͤtigsten Onkels Gluͤck wuͤnschen: und ich bin genoͤthigt, mich eben so vergnuͤgt zu stellen, als sie sind; da ich doch, wenn es helfen wollte, mich hinsetzen und mir die Augen aus- heulen koͤnnte. Jch hatte in Gedanken meine Trauer schon besprochen; nach dem Beyspiel eines gewissen Staats- Staatsbedienten von einem auswaͤrtigen Hofe, der vor dem Tode, oder gar noch vor der letzten Krankheit Carls II, wie uns der ehrliche White Kennet erzaͤhlet, Blackwell-Hall halb von schwar- zen Tuͤchern ledig gemacht hatte: eine Anzeige, nach der Absicht des Geschichtschreibers, daß dem Koͤnig mit Gift fortgeholfen werden sollte und der Gesandte mit darum wußte. ‒ ‒ Gleichwohl ha- be ich wunderlicher Thor mir den Wink nicht zu Nutze zu machen gewußt. Wozu, fuͤr den Teu- fel, lieset ein Mensch Geschichtbuͤcher, wenn er aus den Beyspielen, die er darinn findet, nicht seinen Vortheil ziehen kann? Aber so, Bruder, ist eine Anmerkung des alten Lords wahr geworden, daß ein Ungluͤck selten allein kommt: und so schließet dein zwiefach gekraͤnkter Lovelace. Der zweyte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤu- lein Howe. Mittewoch Abends den 28ten Jun. O! meine allerliebste Fraͤulein Howe! N och einmal bin ich entkommen ‒ ‒ Aber, ach! Jch, mein bestes selbst, bin nicht entkommen! ‒ ‒ O! Jhre arme Clarissa Harlo- we! we! Sie werden mich auch hassen: davor ist mir nur bange! ‒ ‒ Doch Sie wuͤrden es nicht thun: wenn Sie alles wissen sollten! ‒ ‒ Allein nicht mehr von meinem selbst, mei- nem verlohrnen selbst! Sie, welche des Mor- gens, begluͤckt zu seyn und begluͤckt zu machen, aufstehen; des Abends, in Jhren eignen Be- trachtungen vergnuͤgt, zur Ruhe gehen; und in Jhrem ungestoͤrten sanften Schlummer mit Hei- ligen und Engeln, wovon die erstern nur in so fern reiner, als Sie selbst, sind, weil sie den beschwerlichen und hinderlichen Koͤrper abgeleget haben, umgehen koͤnnen; Sie sollen es seyn, wovon ich denken und reden will: wie Sie schon lange, lange, mein einziges Vergnuͤgen gewesen sind. Erlauben Sie mir, daß ich, in einer ehrfurchtsvollen Entfernung, meine geliebte Anna Howe als ehrwuͤrdig verehre, und in Jhr erwaͤ- ge, was Jhre Clarissa Harlowe vormals gewe- sen ist! ‒ ‒ Verzeihen Sie, o! verzeihen Sie mir mei- ne schwaͤrmende Ausschweifung! Meine Ruhe ist zerstoͤret. Mein Verstand ist angegriffen. Was fuͤr hochfliegenden Unsinn muͤssen Sie lesen: wo Sie sich nun noch, wie vorher, gefallen lassen wollen, mit mir Briefe zu wechseln! ‒ ‒ O! meine beste, meine liebste, meine ein- zige Freundinn! Was habe ich zu erzaͤhlen! ‒ ‒ Aber das kommt ja noch immer auf das Selbst, auf das schaͤndliche, das verhaßte Selbst hin- aus! ‒ ‒ Jch will es ablegen; wo es moͤglich ist: und und warum sollte ich es nicht thun? da ich, wie ich denke, einen Boͤsewicht ausgenommen, nichts so sehr hasse. ‒ ‒ So sey denn das verhaßte Selbst von dem Selbst, auf einen Augenblick, verban- net; denn ich vermuthe wohl, daß es sich nicht laͤnger verbannen lassen will; damit ich mich nach einem wuͤrdigern und werthern Gegenstande, nach meiner geliebten Anna Howe, erkundige! ‒ ‒ Deren Gemuͤth, in dem unbefleckten weißen Kleide der Unschuld, reizet und durch helle Strahlen erleuchtet. ‒ ‒ Doch was wollte ich sagen? Und wie, meine wertheste Freundinn; nach diesem Mischmasch, den ich nicht abschicken wuͤr- de, da ich ihn wieder durchgesehen habe, wenn Sie nicht daraus erkennen koͤnnten, was ein ver- wirrtes Gemuͤth mir bey zitternden Haͤnden in die Feder giebt; Wie befinden sie sich? Sie sind sehr krank gewesen, wie es scheint. Daß Sie wieder besser sind, das lassen Sie mich hoͤren! ‒ ‒ Daß Jhre Frau Mutter sich wohl befindet, das, bitte ich Sie, lassen Sie mich hoͤren, lassen Sie mich bald hoͤren! ‒ ‒ Auf dieß Vergnuͤgen habe ich gewiß ein Recht, Anspruch zu machen. Denn wo das Leben nicht noch aͤrger, als ein gemisch- tes Farbenwerk, ist: so muß nun auch einmal ein wenig Weißes an mich ankommen; nachdem ich, eine lange, lange, Weile, nichts als Schwarzes, lauter schrecklich Schwarzes, ohne die geringste Mischung, gesehen habe. Sechster Theil. B Aber Aber wozu soll alle dieß wilde und nicht zu- sammenhangende Zeug? ‒ ‒ Nur dazu, daß ich Sie bitte, mich wissen zu lassen, wie Sie sich befunden haben, und wie Sie sich itzt befin- den. Eine Zeile wird mir genug seyn, die Sie an Frau Rahel Clark, in Herrn Smiths Hause, einem Handschuhladen, auf der Koͤnigsstraße, bey Covent-Garden richten koͤnnen. Unter dieser Aufschrift wird sie, ob gleich mein Aufenthalt sonst fuͤr jedermann ein Geheimniß ist, zu Haͤn- den kommen ‒ ‒ Jhrer ungluͤcklichen ‒ ‒ ab er das ist noch nicht genug ‒ ‒ Jhrer elednen Clarissa Harlowe. Der dritte Brief von der Frau Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. (Unter derjenigen Aufschrift, die in dem vorher- gehenden Briefe gegeben ist.) Freytags, den 30ten Jun. Fraͤulein Clarissa Harlowe, S ie werden sich wundern, daß sie einen Brief von mir bekommen. Jch bedaure das große Un- Ungluͤck, worinn sie zu seyn scheinen. Solch eine Hoffnungsvolle junge Fraͤulein, als sie wa- ren! ‒ ‒ Aber sehen sie, was der Ungehorsam gegen Eltern nach sich ziehet! Jch meines Theils habe zwar Mitleiden mit ihnen: jedoch habe ich noch mehr Mitleiden mit ihrem armen Vater und ihrer armen Mutter. Wie wohl haben diese sie erzogen! Wie schoͤn hatten sie zugenommen! Was fuͤr Vergnuͤgen machten ihre Eltern sich aus ihnen! ‒ ‒ Und nun faͤllt alles so aus! ‒ ‒ Aber, ich bitte, Fraͤulein, machen sie nicht, daß auch mein Annchen ihres Fehlers, des Un- gehorsams, schuldig werde. Jch habe ihr ein- mal uͤber das andere ernstlich befohlen, mit einer Person, die einen so unbesonnenen Schritt ge- than hat, keine Briefe zu wechseln. Es gereicht ihr nicht zur Ehre, bin ich versichert. Sie haben gewußt, daß ich ihr dieß befohlen hatte: und doch setzen sie beyde ihren Briefwechsel fort, zu meinem groͤßten Verdrusse; denn sie ist mehr als einmal recht wunderlich daruͤber gewesen. Boͤser Umgang, oder boͤse Gemeinschaft, Fraͤulein ‒ ‒ Sie wissen, wie es weiter heißt. Hier koͤnnen keine Leute fuͤr sich selbst un- gluͤcklich seyn: sondern sie muͤssen auch ihre Freunde und Bekannte, die sich durch ihre Vor- sichtigkeit von den Fehlern derselben frey und rein erhalten haben, mit sich beynahe in eben so großes Ungluͤck ziehen, als wenn sie sich durch ihren eignen Kopf in gleiches Unheil gestuͤrzt haͤt- B 2 ten. ten. So weint und klagt meine arme Tochter bestaͤndig. Sie hat in Wahrheit ihre eigene Gluͤckseligkeit aus der Acht gelassen: weil sie un- gluͤcklich sind! Wenn Leute, die ihr eignes Verderben su- chen, allein fuͤr ihr starrkoͤpfigtes Verfahren lei- den koͤnnten: so waͤre es noch etwas. Allein, o Fraͤulein, Fraͤulein, was haben sie zu verant- worten: da sie eben so viele betruͤbte Herzen ge- macht, als nur Leute gewesen sind, die sie ge- kannt haben? Das ganze Geschlecht hat in der That durch sie eine empfindliche Wunde bekom- men. Denn wer sonst, als Fraͤulein Clarissa Harlowe, wurde von allen Vaͤtern und Muͤt- tern ihren Toͤchtern zu einem Muster vorge- stellet? Jch schreibe einen langen Brief, indem ich willens war nur wenige Worte zu sagen. Jch wollte ihnen nur bloß verbieten, an mein Ann- chen zu schreiben: und das so wohl, weil sie einen solchen Fehltritt gethan haben, als weil es ihr armes Herz nur kraͤnken, und ihnen nichts hel- fen wird. Wo sie ihnen also lieb ist: so schreiben sie ihr nicht. Der traurige Brief von ihnen ist mir in die Haͤnde gefallen: da Annchen nicht zu Hause gewesen, und ich werde ihn ihr nicht zeigen. Denn sie wuͤrde kein Vergnuͤgen davon haben, wenn sie ihn sehen sollte, und ich auch nicht, die ich an ihr mein Vergnuͤgen habe. ‒ ‒ Wie ehe- dem an ihnen ihre Eltern. ‒ ‒ Jedoch Jedoch sie scheinen itzt uͤber ihr Vergehen empfindlich genug! So sind alle unbesonnene Maͤdchen: wenn es zu spaͤt ‒ ‒ Was fuͤr eine betruͤbte und niedergeschlagene Person noͤthigt sie alsdenn, ihre eigenwillige Widerspenstigkeit und ihr starrkoͤpfigtes Wesen zu spielen! Jch sage vielleicht zu viel: bloß weil ich es fuͤr dienlich achte, das Zeugniß gegen ihre Unbe- dachtsamkeit abzulegen, welches allen sorgfaͤlti- gen Eltern abzulegen zustehet; und keinem mehr, als Jhrer mitleidigen und ihnen alles Gute anwuͤnschenden Annabella Howe. Jch sende gegenwaͤrtiges durch einen besondern Bothen, der nicht weiter, als zu Barnet, zu thun hat: weil sie nicht noͤthig haben wer- den wieder zu schreiben; da ich weiß, wie gern sie schreiben moͤgen, und auch weiß, daß Un- gluͤck die Leute zum Klagen aufgelegt machet. Der vierte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Frau Howe. Sonnabends, den 1sten Jul. E rlauben Sie mir, gnaͤdige Frau, Jhnen mit einigen Zeilen beschwerlich zu seyn: B 3 wenn wenn ich Jhnen auch nur fuͤr Jhre Verweise danken sollte; ob diese gleich aus einem bluten- den Herzen neue Stroͤhme von Blut gezogen haben. Meine Geschichte ist erschrecklich. Sie be- greift Umstaͤnde, welche Mitleiden erwecken, und vielleicht ein nicht gaͤnzlich ungeneigtes Urtheil fuͤr mich zu wege bringen wuͤrden, wenn sie bekannt waͤren. Allein meine Bemuͤhung ist nur, und es soll alle meine Bemuͤhung seyn, daß ich meine Fehler bereue, und sie nicht geringer zu machen trachte. Jedoch ich will Jhr edles Gemuͤth nicht zu kraͤnken suchen. Wo ich nicht alleine leiden kann: so will ich so wenige Personen, als moͤg- lich ist, an meinem Leiden Theil nehmen lassen. Jch ergriff in der That mit diesem Entschlusse auch damals die Feder, als ich den Brief schrieb, der Jhnen in die Haͤnde gefallen ist. Jch woll- te nur wissen, und zwar so wohl aus einer ganz besondern Ursache, als aus uneingeschraͤnkter Lie- be, ob meine werthe Fraͤulein Howe, von der ich lange Zeit nicht gehoͤrt hatte, krank gewesen waͤ- re, wie man mir gesagt hatte; und, wenn es an dem waͤre, wie sie sich nun befaͤnde. Weil aber die mir wiederfahrne Beleidigungen noch neu sind, und mein Ungluͤck ausnehmend groß gewe- sen ist: so wollte sich das Selbst, einmal uͤber das andere, haufenweise in meinen Brief hinein- draͤngen. Das menschliche Gemuͤth ist im Un- gluͤck geneigt, sich an einen jeden, an dem es ei- niges niges Antheil zu haben sich einbildet oder wuͤn- schet, zu wenden, und Mitleiden und Trost zu suchen ‒ ‒ Oder; damit ich mich besser und kuͤr- zer mit ihren eignen Worten ausdruͤcke, Un- gluͤck macht die Leute zum Klagen aufge- legt. Und gegen wem kann die bedraͤngte Per- son sich beklagen, wenn sie es nicht gegen einen Freund oder Freundinn thun kann? Da Fraͤulein Howe nicht zu Hause gewesen ist, als mein Brief gekommen: so schmeichle ich mir, daß sie wieder genesen ist. Es wuͤrde mir zu einiger Befriedigung dienen, wenn ich Nach- richt bekommen koͤnnte, ob sie krank gewesen ist. Noch eine Zeile von Jhrer Hand wuͤrde eine allzu große Gewogenheit fuͤr mich seyn. Al- lein, wenn Sie die Guͤte haben wollen, mir durch einen Bedienten auf diese Frage ja oder nein antworten zu lassen: so will ich nicht weiter beschwerlich seyn. Nichts desto weniger muß ich gestehen, daß die Freundschaft meiner Fraͤulein Howe aller Trost war, den ich in dieser Welt hatte oder erwartete: und eine Zeile von ihr wuͤrde eine Staͤrkung fuͤr mein ohnmaͤchtiges Herz gewesen seyn. Urthei- len Sie dann, gnaͤdige Frau, wie schwer es mir werden muͤsse, ihrem Verbot zu gehorchen! ‒ ‒ Aber dennoch will ich mich bemuͤhen, demselben zu gehorchen: ob ich mir gleich, so wohl wegen der Beschaffenheit alles dessen, was zwischen Fraͤulein Howe und mir vorgegangen ist, als auch wegen ihrer wohlgegruͤndeten Tugend, B 4 Hoff- Hoffnung gemacht haben sollte, daß sie nicht durch boͤse Gemeinschaft angesteckt werden koͤnnte; wenn ein oder zween Briefe waͤren er- laubet worden. Dieß verlange ich inzwischen nicht: da ich denke, daß ich nichts anders zu thun habe, als Gott zu bitten, der, wie ich hoffe, mir seine Gnade noch nicht entzogen hat, ob es ihm gleich gefaͤllt, seine Gerechtigkeit ge- gen meine Fehler walten zu lassen, damit er mir einen wahrhaftig zerschlagenen Geist verleihe, wo er nicht schon genug zerschlagen ist, und als- denn zu seiner Gnade und Barmherzigkeit auf- nehme, die ungluͤckliche Clarissa Harlowe. Eine gedoppelte Gewogenheit, gnaͤdige Frau, habe ich noch von Jhnen zu erbitten. Die eine ‒ ‒ daß Sie keinen von meinen Anver- wandten wissen lassen, daß Sie von mir Nachricht haben. Die andere ‒ ‒ daß keine Seele erfahren moͤge, wo man von mir Nach- richt haben, oder unter welcher Aufschrift man sich an mich wenden kann. Dieß ist ein Punct, woran mir mehr gelegen ist, als ich mit Worten auszudruͤcken vermoͤgend bin. ‒ ‒ Kurz, meine Sicherheit vor fernern Uebeln mag davon abhangen. Der Der fuͤnfte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Hanna Burton. Donnerstags, den 29ten Jun. Meine liebe Hanna, E s ist mir sehr wunderlich gegangen, seit dem ihr von meinen Diensten, so sehr wider meinen Willen, genommen, und nur eingebil- dete Mitgesellinn uͤber mich gesetzet worden. Aber das muß nun alles vergessen seyn ‒ ‒ Wie befindet ihr euch, meine Hanna? Seyd ihr von eurer Krankheit wieder genesen? Wo ihr wieder besser seyd: wollt ihr denn zu mir kommen und bey mir seyn? Oder koͤnnt ihr es fuͤglich? Jch bin in großes Ungluͤck gerathen, und da ich unter lauter fremden Leuten bin, wuͤrde es mir lieb seyn, euch bey mir zu haben, von deren Treue und Liebe ich so viele angenehme Proben gehabt. Jch lebe oder sterbe: so will ich mich be- muͤhen, daß es euch nicht gereuen soll, meine Hanna. Wo ihr wieder besser seyd, wie ich hoffe, und einen guten Dienst habt: so moͤchten viel- B 5 leicht leicht die Leute auf einen Monath, oder so ungefaͤhr, euch gehen lassen, und so lange sonst jemand an eure Stelle nehmen. Unter der Zeit hoffe ich versehen zu seyn, und ihr koͤnnt alsdenn wieder zu eurem Dienste zuruͤckkehren. Laßt keinen von meinen Freunden wissen, daß ich dieß von euch verlange: ihr moͤgt kommen koͤn- nen, oder nicht. Jch bin in Herrn Smiths Hause, einem Strumpf- und Handschuhladen, in der Koͤnigs- straße bey Covent-Garden. Jhr muͤßt unter dem Namen Rahel Clark die Aufschriften an mich richten. Kommt, meine liebe Hanna, wo ihr koͤnnt, zu eurer armen und jungen Fraͤulein, die allezeit viel von euch gehalten hat und allezeit halten wird, ihr moͤget kommen, oder nicht. Jch sende gegenwaͤrtiges an eure Mutter zu St. Albans, weil ich nicht weiß, wohin ich an euch schreiben muß. Antwortet mir mit einer Zeile, damit ich wisse, wie ich daran bin: und ich werde daraus sehen, daß ihr die artige Hand noch nicht vergessen habt, die euch in gluͤcklichen Tagen lehrte. Eure wahre Freundinn Clarissa Harlowe. Der Der sechste Brief von Hanna Burton zur Antwort. Gnaͤdige Freilein! J ch habe nicht fergessen zu schreiben und werde niemals etwas fergessen, das sie, meine werte Freilein, so gut gewesen sind mich zu ler- nen. Jhr Ungluͤck meine gnaͤtige Freilein, thut mier sehr leit, so leit, ich weis nicht, was ich thun sol. Von Hertsen wolte ich mich frauen, wen ich in Stande waͤhre, zu ihnen zu kommen. Aber in der That, ich bin nicht in Stande gewe- sen, hier bei meiner Mutter aus der Stube einen Fus zu setsen, seit dem ich gezwungen wahr, meinen Dienst zu ferlassen, wegen der lauffen- den Gicht, die mich gans und gahr huͤlflos ge- machet hat. Jch wil Nacht und Tach fuͤr sie betten, meine allerliebste, meine guͤtichste, meine beste Freilein, mit der man so uͤbel umge- gangen ist: und es thut mir sehr leit, das ich nicht kommen kan, ihnen Liebe und Dienste zu thun, welches ich allezeit von Hertsen gern thun will, wen es in meinem Vermoͤgen waͤhre, die ich bin Jhre gehorsamste Dienerin Hanna Burton. Der Der siebende Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Frau Judith Norton. Donnerstags, den 29ten Jun. Meine wertheste Frau Norton! J ch wende mich an Sie, nach einem recht lan- gen Stillschweigen; das aber doch keinen Mangel der Liebe oder Pflicht zum Grunde ge- habt; vornehmlich in der Absicht, Sie zu bitten, daß Sie mich von zween oder dreyen Puncten versichern, welche ich zu wissen noͤthig habe. Mein Vater, und die ganze Familie, so hat man mir gesaget, sollen heute, wie gewoͤhnlich, bey meinem Onkel Harlowe seyn. Haben Sie die Guͤte, mir Nachricht zu geben, ob sie wirk- lich da gewesen sind; ob sie bey Gelegenheit des Geburthsfestes vergnuͤgt waren; und ob Sie von einer Reise oder vorgehabten Reise meines Bru- ders mit dem Capitain Singleton und Herrn Solmes gehoͤret haben. Mir ist es wunderlich gegangen, meine liebe, werthe und recht muͤtterliche Freundinn! ‒ ‒ Sehr wunderlich! ‒ ‒ Herr Lovelace hat sich als einen hoͤchst grausamen und undankbaren Kerl gegen mich bewiesen. Aber, Gott sey Dank, ich bin von ihm entkommen. ‒ ‒ Weil ich unter ganz fremden, ob gleich, wie ich denke, rechtschaffenen Leuten Leuten bin: so habe ich an Hanna Burton ge- schrieben, daß sie zu mir komme und bey mir sey. Wo Sie das gute Maͤdchen etwa sehen sollten: so bereden Sie dasselbe, ich bitte Sie, zu mir zu kommen. Jch bin allezeit willens gewesen, mei- ne Hanna bey mir zu haben; das weiß sie wohl ‒ ‒ aber ich hoffete, ich wuͤrde in gluͤcklichern Umstaͤn- den seyn. Sagen Sie keinen von meinen Freunden, daß Sie von mir gehoͤret haben. Glauben Sie, daß mein Vater, wenn ich ihm schriftlich darum anflehete, sich gewinnen lassen wuͤrde, den schweren Fluch, den er bey meinem Abgange von Harlowe-Burg auf mich geleget, von mir zu nehmen? ‒ ‒ Jch kann sonst keine Gewogenheit von ihm erwarten: aber da sein Fluch, in Ansehung aller gluͤcklichen Umstaͤnde, die ich in diesem Leben vor mir sahe, selbst nach dem Buchstaben erfuͤllet ist; so hoffe ich, man werde denken, daß er Wirkung genug gehabt habe. Jch befuͤrchte, daß meine Armen, wie ich die guten Leute zu nennen gewohnet war, de- ren Nothdurft ich durch Jhre treue Haͤnde zu statten zu kommen pflegte, mich seit einiger Zeit vermisset haben. Aber nun bin ich, leider! selbst arm. Es macht mir mein Vergehen und meine Reue nicht wenig schwerer, daß ich, bey solchen Neigungen, als mir Gott gegeben hat, mich selbst außer Stande gesetzt habe, das Gute zu thun, wozu ich vormals mit Vergnuͤgen geboh- ren ren zu seyn dachte. Es ist eine betruͤbte Sache, meine wertheste Frau Norton, wenn wir uns selbst derer Gaben, die uns die Vorsicht anver- trauet hat, unwuͤrdig machen. Allein diese Betrachtungen sind nunmehr zu spaͤt: und vielleicht haͤtte ich sie bey mir behalten sollen. Erlauben Sie mir inzwischen, zu hoffen, daß Sie mich noch lieben. Jch bitte Sie, lassen Sie mich hoffen, daß Sie es thun: so werde ich doch; ungeachtet meiner Ungluͤcksfaͤlle, welche ge- macht haben, daß ich gegen die guͤtige und recht muͤtterliche Bemuͤhungen, die Sie von meiner Wiegen an auf mich gewandt, undankbar schei- ne; so gluͤcklich seyn, daß ich denken darf, es sey doch noch Eine rechtschaffene Person, die nicht hasse die ungluͤckliche Clarissa Harlowe. Erinnern Sie meinen Mitsaͤugling an mich. Jch hoffe, er werde sich noch bestaͤndig gehorsam und gut gegen Sie erhalten. Haben Sie die Guͤte ihren Brief an Rahel Clark, in Herrn Smiths Hause auf der Koͤ- nigsstraße, bey Covent-Garden, zu richten. Aber behalten Sie die Aufschrift als ein vollkom- menes Geheimniß bey sich. Der Der achte Brief. Frau Nortons Antwort. Sonnabends, den 1ten Jul. J hre Zuschrift, meine wertheste Fraͤulein, geht mir durch die Seele! Warum wollen Sie mich nicht alle ihre Ungluͤcksfaͤlle wissen las- sen! ‒ ‒ Jedoch Sie haben schon genug gesagt. Mein Sohn bezeiget sich recht gut gegen mich. Seit einigen Stunden hat er einen fieberhaften Anfall gehabt. Jch hoffe aber, daß es gluͤcklich voruͤber gehen wird: wo sein Eifer zu arbeiten ihm die Ruhe zulaͤsset, welche sein guter Herr ihm zu erlauben geneigt ist. Er empfiehlt sich Jh- nen in schuldiger Unterthaͤnigkeit, und vergoß viel Thraͤnen, als er Jhren traurigen Brief an- hoͤrte. Sie sind falsch berichtet, daß Jhre Familie bey Jhrem Onkel Harlowe seyn sollte. Sie sind es nicht einmal willens gewesen. Der Tag ist gar nicht gefeyert worden. Sie sind in der That nicht aus dem Hause gekommen, als nur in die Kirche zu gehen, und das auch nicht mehr als dreymal: seit dem Sie von hier gegangen sind ‒ ‒ Ein ungluͤcklicher Tag fuͤr dieselben, und fuͤr al- le, welche Sie kennen! ‒ ‒ Fuͤr mich, gewiß, am meisten! ‒ ‒ Mein Herz faͤngt nun immer mehr und mehr fuͤr Sie zu bluten an. Jch Jch habe nicht ein Wort von einer solchen Reise ihres Bruders, Capitain Singletons, und Herrn Solmes, gehoͤrt, als Sie erwaͤhnen. Es ist wahr, man hat von einer Reise ihres Bruders zu seinen Guͤtern in den noͤrdlichen Gegenden die- ses Reichs geschwatzet, aber ich habe kuͤrzlich nichts davon gehoͤret. Jch besorge, man werde keinen Brief von ihnen annehmen. Es kraͤnkt mich sehr, meine wertheste Fraͤulein, daß ich Jhnen die Nachricht geben muß. Es kann Jhnen kein Uebel bege- gnet seyn, das man nicht vermuthet. So groß ist ihrer aller Haß gegen den gottlosen Menschen; und so boͤse ist sein Ruf. Jch kann mir ihre Unversoͤhnlichkeit kaum vor- stellen. Allein man darf von andern nicht nach sich selbst urtheilen. Jedoch will ich noch so viel sagen, daß, wenn Sie mit so sanften und gelin- den Gemuͤthern, als Jhr eignes, oder, ich will so kuͤhn seyn, auch dieß zu sagen, als das meinige ist, zu thun gehabt haͤtten, weder jenen noch Jh- nen jemals diese Uebel begegnet seyn wuͤrden. Jch kannte Jhre Tugend, und Jhre Liebe zur Tugend, selbst von der Wiegen an, und zweifelte gar nicht, daß diese Jhnen durch Gottes Gnade allezeit zur Huth und Wache dienen wuͤrde. ‒ ‒ Aber Sie konnten sich niemals zwingen lassen, und es war auch nicht noͤthig, Sie zu zwingen. ‒ So groß- muͤthig, so edel gesinnt, so klug und bedaͤcht- lich. ‒ ‒ Wie sehr vergroͤssert die Liebe Jhrer angenehmen Eigenschaften meinen Kummer! Und Und wie viel muͤssen diese Erinnerungen auch bey Jhnen den Schmerz vermehren! Sie sind entkommen, meine allerliebste Fraͤu- lein ‒ ‒ Jch hoffe, gluͤcklich ‒ ‒ das ist, mit ihrer Ehre ‒ ‒ Wo nicht: wie groß muß Jhr Jammer seyn! ‒ ‒ Nach Jhrem Briefe be- fuͤrchte ich das aͤrgste. Jch bin sehr selten zu Harlowe-Burg. Das Haus ist nicht mehr das Haus, das es zu seyn pflegte: seit dem Sie daraus gegangen sind. Außer dem sind sie so unerweichlich! Und weil ich von dem geliebten Kinde, das ich so wohl alle- zeit in meinem Herzen getragen, als mit meiner Brust gesaͤuget habe, nichts hartes reden kann: so sehen sie es nicht ungern, daß ich wegbleibe. Jhre Hanna hat vor einiger Zeit ihren Dienst krank verlassen. Da sie noch bey ihrer Mutter zu St. Albans ist: so besorge ich, daß es noch nicht besser mit ihr geworden. Sollte es seyn: so werde ich, da Sie unter ganz fremden Leuten sind, und ich Jhnen itzo eben nicht rathen kann, in diese Gegenden zu kommen, es fuͤr meine Schuldigkeit halten, Jhnen aufzuwarten, man mag es hier nehmen, wie man will; so bald als es meines Thomas Unpaͤßlichkeit erlauben wird, welches bald seyn wird, wie ich hoffe. Jch habe ein wenig Geld bey mir stehen. Sie sagen, daß Sie selbst arm sind ‒ ‒ Wie be- truͤbt sind diese Worte von einer Person, die zu allem Ueberfluß Recht hat und gewoͤhnet ist! ‒ ‒ Wollen Sie so gut seyn und befehlen, daß ich es Sechster Theil. C schicke, schicke, meine geliebte Fraͤulein? Es ist groͤßten- theils von Jhrer Guͤte gegen mich: und ich wer- de mir eine Ehre daraus machen, es seinem er- sten Eigenthuͤmer wieder zuzustellen. Jhre Armen wuͤnschen Jhnen lauter Segen und beten bestaͤndig fuͤr Sie. Jch habe mit den letzten Proben Jhrer Gewogenheit so hausgehal- ten, und die guten Leute sind so gesund gewesen, haben so bestaͤndig Arbeit gefunden, daß der Vorrath hingereichet hat und noch hinreichen wird, bis ihrer unvergleichlichen Wohlthaͤterinn gluͤck- lichere Tage, wie ich hoffe, zu Theil werden. Erlauben Sie mir zu bitten, meine allerliebste Fraͤulein, daß Sie sich aller Huͤlfsmittel zu Nu- tze machen, welche gottselige Personen, wie Sie, zum Trost in ihrem Elende, aus der Religion nehmen. Jhr Leiden mag beschaffen seyn, wie es will: so bin ich versichert, daß Jhre Absicht unschuldig gewesen ist. Daher lassen Sie den Muth nicht sinken. Es wird keinem mehr zu leiden aufgeleget, als er tragen kann, und des- falls auch tragen muß. Wir kennen die Wege der Fuͤrsehung nicht. Wir wissen nicht, was fuͤr Absichten durch ihre Verwaltung gegen die armen Geschoͤpfe erhalten werden moͤgen. Wenige Leute haben mehr Ursache, dieß zu sa- gen, als ich selbst. Und da wir im Elende mehr Trost aus Beyspielen, als aus Gruͤnden, ziehen koͤnnen: so werden Sie mir erlauben, daß ich Sie Sie an meine Schicksale erinnere. Denn wer hat mehr Kreuz gehabt, als ich? Jch will von dem Verluste einer unvergleich- lichen Mutter, zu der Zeit, da man die muͤtter- liche Fuͤrsorge am meisten brauchet, nichts ge- denken. Der Tod eines lieben Vaters, der eine Zierde des geiftlichen Standes war, und mich geschickt gemacht hatte, seine Schreiberinn zu seyn, trieb mich eben, als er eine Befoͤrderung zu ei- ner Pfarre vor sich sahe, welche seine Familie in gute Umstaͤnde gesetzt haben wuͤrde, ohne irgend einen Freund in die weite Welt, und einem sehr unachtsamen, und, welches noch aͤrger war, einen sehr unfreundlichen Manne in die Arme. Ein elender Mann! ‒ ‒ Aber er hatte, Gott sey Dank, bey einer verdrieslichen Krankheit, noch Zeit genug, seine versaͤumte Gelegenheit, und seine schlechten Grundsaͤtze zu bereuen. Daran habe ich allezeit mit Vergnuͤgen gedacht: ob ich gleich seiner beschwerlichen Krankheit wegen noch desto duͤrftiger hinterlassen wurde, und eben mit meinem Thomas niederkommen sollte, als er starb. Diesen Umstand hielte ich fuͤr den ungluͤcklich- sten, worinn ich haͤtte koͤnnen hinterlassen wer- den. So kurzsichtig ist die menschliche Klugheit. Aber er ward eben das gluͤckliche Mittel, mich Jhrer Mutter zu empfehlen, welche in Betrach- tung meines guten Rufes, und aus Mitleiden gegen meinen recht duͤrftigen Zustand, mir er- laubte, weil ich mir ein Gewissen machte, mein C 2 armes armes Buͤbchen von mir zu thun, daß ich Sie und ihn mit einander stillen moͤchte, da sie nur weni- ge Tage nach einander gebohren waren. Und seit der Zeit hat es mir niemals an dem geringen Segen gefehlet, mit welchem mich Gott zufrie- den gemachet hat. Jch habe auch, von dem Sterbetage meines armen Mannes an, nicht gewußt, was ein recht großer Kummer waͤre, bis auf den Tag, als Jhre Eltern mir sagten, wie fest sie sich vorgese- tzet haͤtten, daß Sie Herrn Solmes nehmen soll- ten: da ich nicht nur von ihrer Abneigung von ihm versichert war; sondern auch gewiß wußte, wie unwuͤrdig er Jhrer waͤre. Denn damals fing ich an, die Folgen zu befuͤrchten, welche ent- stehen wuͤrden, wenn man ein so edles Gemuͤth zwingen wollte. Bis auf die Zeit hatte ich auch vor Herrn Lovelace keine Furcht gehabt: so ein- nehmend seine Person, und so scheinbar seine Auffuͤhrung und sein Antrag war. Denn ich wußte gewiß, daß Sie ihn niemals nehmen wuͤr- den, bis Sie durch gute Gruͤnde von seiner Bes- serung uͤberzeugt, und Jhre Freunde damit eben so wohl, als Sie selbst, zufrieden waͤren. Aber das ungluͤckliche Misverstaͤndniß zwischen Jhrem Bruder und Herrn Lovelace, und die heftige Vereinigung der Jhrigen, Jhnen Herrn Solmes aufzudringen, brachte alle das Ungluͤck zuwege, welches Jhnen und jenen so theuer zu stehen ge- kommen ist, und mich Elende alle meine Ruhe ge- kostet kostet hat. O! was hat dieser undankbare und zwiefachschuldige Mensch nicht zu verantworten! Jnzwischen wissen sie nicht, was Jhnen Gott noch aufbehalten hat. ‒ ‒ Sollten Sie aber, zur Lehre und Warnung anderer, in einem so wichtigen Falle, um eines einzigen Fehltrittes willen, Jhre ganze Lebenszeit hier Strafe leiden muͤssen: so belieben Sie zu erwaͤgen, daß dieß Le- ben nur ein Stand der Pruͤfung sey. Sind Sie in demselben gelaͤutert: so werden Sie hiernaͤchst in groͤßerem Maaße belohnet werden, daß Sie sich mit Gedult und gaͤnzlicher Ergebung in den goͤttli- chen Willen der weisen Fuͤgung uͤberlassen haben. Sie sehen, meine liebste Fraͤulein Claͤrchen, daß ich kein Bedenken trage, den Schritt, den Sie gethan haben, einen Fehltritt zu nennen. An Jhnen war er so viel weniger, als an einer andern jungen Fraͤulein, zu entschuldigen: weil Sie nicht allein hoͤhere Gaben hatten; sondern Jhre und seine Gemuͤthsart einander so sehr ent- gegen waren. Haͤtte man Sie gereizet, Jhres Vaters Haus zu verlassen: so war es doch eben nicht noͤthig, bey ihm zu seyn. Aber es war auch, in der That, nicht noͤthig, daß ich Jhnen dieß schriebe: ohne nur, um Jhnen ein Beweis von meiner unpartheyischen Liebe zu geben Frau Norton urtheilte nur nach den Vorstellun- gen und harten Reden der Familie. Sie wußte nicht, daß Clarissa sich fest entschlossen hatte, nicht mit dem Herrn Lovelace fortzugehen: auch nicht, . C 3 Nach Nach diesem Gestaͤndnisse wird es unfreundlich, und vielleicht, itzo, zur ungelegenen Zeit scheinen, wenn ich Jhnen sage, wie sehr ich bedaure, daß Sie mich nicht eher mit einer Zeile beehret ha- ben. ‒ ‒ Jedoch, wenn Sie ihr Stillschweigen gegen sich selbst rechtfertigen koͤnnen: so muß ich, das darf ich frey gestehen, billig zufrieden seyn. Denn ich bin versichert, daß Sie mich lieben: gleichwie ich Sie liebe und ehre, auch bestaͤndig lieben und ehren werde, und das noch desto mehr um Jhres Ungluͤcks willen. Einen Trost, deucht mich, habe ich, selbst wenn mich Jhr Elend kraͤnket: und das ist die- ser. Jch kenne keine junge Person, die so voll- kommen alle Eigenschaften haͤtte, mit desto helle- rem Glanze in Jhrer wahren Groͤße zu erschei- nen, je mehr sie Versuchungen auszustehen hat. Gleichwohl aber ist dieß ein Trost, der zuletzt auf eine Vergroͤßerung meiner Traurigkeit uͤber Jhre bedraͤngte Umstaͤnde hinauslaͤuft: weil Sie mit einem Gemuͤthe begabet sind, das so wohl ge- schickt ist, gluͤckliche Tage zu er tragen und alle und jede um Sie herum nur desto mehr zu bessern. ‒ ‒ Wehe ihm! ‒ ‒ O der nichtswuͤrdige, nichts- wuͤrdige Mensch! ‒ ‒ Allein ich will mich ent- halten, bis ich mehr erfahren habe. Jndem nicht, wie sorgfaͤltig Sie sich bemuͤhet hatte, sich einen andern, als seinen Schutz, zu verschaffen; als Sie besorgte, Sie wuͤrde kein Mittel finden, die Vermaͤhlung mit Herrn Solmes zu vermei- den, wofern Sie da bliebe. Jndem ich alles wohl uͤberlege, was mir Jhr trauriger Brief zu denken Gelegenheit giebet; und nach Jhrem holdseligen Gemuͤthe, nach der Liebenswuͤrdigkeit Jhrer Person, und nach Jhrer Jugend fernere Ungluͤcksfaͤlle und Ungelegenhei- ten befuͤrchte, denen Sie vielleicht unterworfen seyn koͤnnten: so kann ich nicht schließen, ohne Sie um Erlaubniß zu bitten, und zwar in rechtem Ernst, daß Jch Jhnen aufwarten duͤrfe. ‒ ‒ Jch er- suche Sie, mir dieß nicht, aus irgend einer Be- trachtung in Absicht auf mich selbst, oder auf die Unpaͤßlichkeit meines andern geliebten Kin- des, abzuschlagen: wo ich Jhnen irgend nuͤtzlich oder zum Troste seyn kann. Sollte es auch nur auf zween oder drey Tage seyn: so erlauben Sie mir, Jhnen aufzuwarten; wenn gleich meines Sohnes Krankheit zunehmen, und, nach Verlauf dieser zween oder dreyen Tage, mich wieder her- unter zu kommen, noͤthigen sollte. ‒ ‒ Jch wie- derhole gleichfalls meine instaͤndigste Bitte, daß Sie befehlen wollen, Jhnen den kleinen Ueber- rest an Gelde zuzuschicken, der noch in meinen Haͤnden ist, von Jhrer Guͤtigkeit gegen Jhre Armen so wohl, als gegen Jhre bestaͤndig ergebene und getreue Dienerinn. Judith Norton. C 4 Der Der neunte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Lady Elisabeth Lawrance. Donnerstags, den 29ten Jun. Gnaͤdige Frau, J ch hoffe, Sie werden die Freyheit entschuldi- gen, womit sich eine Person zu Jhnen wen- det, die nicht die Ehre hat, Jhnen persoͤnlich be- kannt zu seyn, ob Sie gleich viel von Clarissa Harlowe muͤssen gehoͤret haben. Es geschieht in keiner andern Absicht, als nur um die Beguͤnsti- gung mit einer Zeile von Jhrer Gnaden Hand, wo es sich fuͤglich thun laͤsset, bey naͤchster Post zur Antwort auf folgende Fragen zu bitten. 1. Ob Sie Mittwoch den 7ten Jun. wie ich auf- gezeichnet, einen Brief geschrieben haben, wo- rinn Sie Jhrem Enkel Lovelace zu seiner vermeynten Vermaͤhlung, die Jhnen, als eine Nachricht von einem gewissen Capitain Tomlinson, durch Jhrer Gnaden Hofmeister, Herrn Spurrier, hinterbracht worden sey, Gluͤck wuͤnschen, und ihm verweisen, daß er sich einer Geringschaͤtzigkeit gegen Sie schuldig gemacht ꝛc. weil er Jhrer Gnaden und der Familie seine Vermaͤhlung nicht gemeldet? 2. Ob Jhre Gnaden an Fraͤulein Montague ge- schrieben, Jhnen zu Reading entgegen zu kommen, kommen, damit sie dieselben zu Jhrer Base Leeson in Abemarle-Street begleiten moͤchte: weil Sie wegen Jhrer alten Kanzeley-Sa- che; dieß besinne ich mich, war der Ausdruck; genoͤthigt wuͤrden, in der Stadt zu seyn? Und ob sie Jhren Enkel beschieden, Jhnen daselbst Sonnabend Abends den 11ten seine Aufwar- tung zu machen? 3. Ob Jhre Gnaden und Fraͤulein Montague zu der bestimmten Zeit nach London gekommen, und am Montage in einer Miethkutsche mit vier Pferden, weil ihre eigne ausgebessert wur- de, nach Hampstead gefahren, und die junge Person, welche Sie daselbst besuchten, von dannen nach London gefuͤhret? Jhre Gnaden werden wahrscheinlicher weise wohl errathen koͤnnen, daß diese Fragen nicht aus solchen Ursachen, die Jhrem Enkel Lovelace vortheil- haft seyn moͤchten, geschehen. Allein die Antwort mag seyn, was sie will: so kann es ihm keinen Schaden und mir keinen Vortheil bringen. Nur denke ich, daß ich diese Erkundigung meiner ehe- maligen Hoffnung, ob ich mich darinn gleich be- trogen habe, und selbst der Menschenliebe schuldig sey, damit eine Person, von der ich vormals bessere Gedanken zu hegen geneigt gewe- sen bin, nicht so vollkommen verderbt befunden werde, daß er in allen und jeden Faͤllen die Wahrheitsliebe verlassen sollte, welche zu dem Character eines Cavalliers unumgaͤnglich noͤ- thig ist. C 5 Haben Haben Sie die Gewogenheit, gnaͤdige Frau, den Brief so an mich zu richten, daß er in dem Hause, zur schoͤnen Wilden genannt, auf Lud- gate-Hill abgegeben, und daselbst aufbehalten werde, bis man ihn abholet. Jch bitte aber diesen Weg, an mich zu schreiben, fuͤr itzo noch geheim zu halten, und bin Jhrer Gnaden gehorsamste Dienerinn Clarissa Harlowe. Der zehnte Brief von Lady Elisabeth Lawrance an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Sonnabends, den 1ten Jul. Wertheste Fraͤulein, J ch befinde, daß zwischen Jhnen und meinem Enkel Lovelace nicht alles so ist, wie es seyn sollte. Es wird mich und alle seine Freunde un- gemein kraͤnken, wo er sich gegen ein Frauenzim- mer von Jhrem Stande und von Jhren Ver- diensten irgend einer vorsetzlichen Niedertraͤchtig- keit schuldig gemachet hat. Wir haben lange auf eine bequeme Gelegen- heit gewartet, Jhnen und uns selbst zu einem Er- folg, den wir alle mit dem ernstlichen Verlangen wuͤnschen, Gluͤck zu wuͤnschen: indem alle unsere Hoffnung Hoffnung von ihm auf die Gewalt, welche Sie uͤber ihn haben, gebauet ist. Denn wo jemals eine Mannsperson ein Frauenzimmer angebetet hat: so ist er die Mannsperson, und Sie das Frauenzimmer. Fraͤulein Montague schreibt in ihrem letzten Briefe an mich, zur Antwort auf einen von mir, worinn ich mich nach ihren Nachrichten von ihm erkundige, ob er Sie die Seinige nennen koͤnn- te, oder ob es wahrscheinlich waͤre, daß er bald diese Ehre haben wuͤrde, folgende Worte: „Jch „weiß nicht, was ich in Ansehung der Sache, „welcher sich Jhre Gnaden so ernstlich annehmen, „aus meinem Vetter Lovelace machen soll. Er „sagt bisweilen, er sey wirklich mit Fraͤulein Cla- „rissa Harlowe vermaͤhlet: zu andern Zeiten aber, „es sey ihre eigne Schuld, wenn es nicht ge- „schieht. ‒ ‒ Er spricht von ihr nicht allein mit „Liebe, sondern auch mit Ehrerbietung: beken- „net aber doch, daß zwischen ihnen beyden ein „Misverstaͤndniß sey, und gesteht zugleich, sie „habe nicht die geringste Schuld daran. Ein „Engel, sagt er, sey sie, und kein Frauenzimmer: „keine Mannsperson in der Welt koͤnne ihrer „wuͤrdig seyn.„ ‒ ‒ ‒ Dieß ist es, was meine Neffe Montague schreibet. Gott gebe, meine liebste Fraͤulein, daß er Sie nicht so abscheulich beleidigt haben moͤge, daß Sie ihm nicht vergeben koͤnnen. Wo Sie nicht schon mit ihm vermaͤhlet sind, und seine Hand ausschlagen: so werde ich alle meine Hoffnung verlieren, verlieren, daß er jemals heyrathen und der Mann werden wird, den ich aus ihm zu haben wuͤnsche. So wird es auch bey dem Lord M. so wird es auch bey der Lady Sarah Sadleir heißen. Jch will nunmehr Jhre Fragen beantworten. Aber ich weiß in der That kaum, was ich schrei- ben soll, aus Beysorge, die ungluͤckliche Mishel- ligkeit zwischen ihnen noch groͤßer zu machen. Gleichwohl muß ich einer solchen Fraͤulein in al- len Stuͤcken zu Befehl stehen. Hier ist denn meine Antwort. Jch habe weder den 7ten Jun. noch um die Zeit herum, irgend eine Zeile an ihn geschrieben. Weder ich, noch mein Hofmeister, kennen einen Capitain Tomlinson. Jch habe nicht an meine Neffe geschrieben, mir zu Reading entgegen zu kommen, noch mich zu meiner Base Leeson nach London zu begleiten. Meine Kanzeley-Sache ist zwar, wie die mei- sten Kanzeley-Sachen, langweilig: aber nichts desto weniger itzo auf einem so guten Fuße, daß ich deswegen nicht noͤthig haben kann, nach London zu gehen. Jch bin auch binnen diesen sechs Monathen, nicht zu London: und seit verschiedenen Jahren nicht zu Hampstead gewesen. Eben so wenig werde ich Lust haben, nach London zu kommen: ausgenommen wenn ich Gele- genheit haben sollte, Herrn Lovelace Gluͤck zu wuͤnschen. Jn dem Fall wuͤrde ich mit dem groͤßten Vergnuͤgen hinreisen, und mir Hoff- nung nung machen, daß Sie die Gewogenheit ha- ben wuͤrden, mich nach Glenham-Hall zu be- gleiten und wenigstens auf einen Monath bey mir zu bleiben. Die Ursache ihrer Nachfrage mag nun seyn, was sie will: so erlauben Sie mir, meine wer- theste Fraͤulein, Sie um des Lords M. willen, um mein selbst willen, um dieses unbesonnenen Menschen willen, so wohl in Absicht auf seine Seele, als in Absicht auf seinen Leib, und end- lich um unserer ganzen Familie willen, instaͤndigst zu bitten, daß Sie durch diese Antwort die Mis- helligkeiten sich nicht so weit vermehren lassen wol- len, daß Sie deswegen seine Hand ausschlagen moͤchten, wo er noch nicht die Ehre hat, Sie die Seinige zu nennen; welches ich daher besorge, weil Sie sich mit Jhrem Geburtsnamen unter- schrieben haben. Erlauben Sie zugleich, daß ich meine Ver- mittelung anbiete, die Uneinigkeit zwischen Jhnen beyzulegen, sie bestehe, worinn sie wolle. Jhre Sache, meine liebste Fraͤulein, kann in keine Haͤn- de irgend einer lebendigen Seele gerathen, die mehr zu Jhren Diensten ergeben waͤre, als Jhre aufrichtige Bewunderinn und gehorsame Dienerinn, Elisab. Lawrance. Der Der eilfte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Frau Hodges. Enfield den 29ten Jun. Frau Hodges, J ch werde gewissermaßen genoͤthigt, an sie zu schreiben: da ich unter meinen Verwandten niemand habe, an den ich schreiben, oder von dem ich, wenn ich schriebe, eine Zeile erwarten darf. Jch bitte mir nur auf eine Frage Ant- wort aus. Es ist diese: Ob sie einen gewissen Capitain Tomlinson ken- nen? Und, wo sie ihn kennen, ob er ein sehr vertrauter Freund von meinem Onkel Har- lowe ist? Jch will ihn von Person beschreiben: sonst moͤchte er etwa unter einem andern Namen bey ihnen bekannt seyn; ob ich gleich nicht weiß, war- um das seyn sollte. „Er ist ein schmaler laͤnglichter Mann, ein „wenig pockengruͤbicht, von blasser Farbe, funf- „zig Jahr alt, oder daruͤber, und von gutem An- „sehen, wenn er in die Hoͤhe siehet. Er scheint „ein ernsthafter Mann zu seyn, und einer, der die „Welt kennet. Er traͤgt sich ein wenig gebogen „in den Schultern. Er ist von Berkshire, sei- „ne Frau von Oxfordshire, und hat verschiedne Kinder. „Kinder. Er ist noch nicht lange von Nort- „hamptonshire in ihre Gegenden heruͤber ge- „kommen. Jch muß bitten, Fr. Hodges, weder mei- nen Onkel, noch sonst jemand von meinen Ver- wandten wissen zu lassen, daß ich an sie schreibe. Sie pflegten zu sagen, sie wollten sich freuen, wenn es in ihrer Macht stuͤnde, mir zu dienen. Das sagten sie freylich, als ich noch in meinem Gluͤcke saß. Aber dennoch darf ich vermuthen, daß sie mir eine Kleinigkeit, wodurch mir ein Gefallen, ohne einiges Nachtheil fuͤr sie selbst, geschehen wird, nicht abschlagen werden. Jch vernehme, daß mein Vater, meine Mutter, meine Schwester, vermuthlich auch mein Bruder und mein Onkel Anton heute bey meinem Onkel Harlowe sind. Gott erhalte sie alle, daß sie noch viele gluͤckliche Geburtstage mit Vergnuͤgen begehen moͤgen. Sie werden so gut seyn, mir in wenigen Worten von ihrer aller Befinden Nachricht zu geben. Richten sie ihre Antwort, aus einer beson- dern Ursache, an Frau Dorothea Salcomb, daß sie in dem Wirthshause zu den vier Schwanen, auf der Bischofsthorstraße, abgegeben und be- halten werde, bis jemand sie abholet. Sie kennen meine Hand gut genug, wenn auch der Jnhalt des Briefes nicht hinlaͤnglich waͤre, daß es noͤthig seyn sollte, meinen Namen auszudruͤcken, oder mich anders zu unterschreiben, als wie Jhre Freundinn Der Der zwoͤlfte Brief Die Antwort von Frau Hodges. Sonnabends, den 1sten Jul. Gnaͤdiche Freilein! J ch schreibe Jhnen Antwort, wie Sie verlan- gen. Der Her ist mit keinem sulchen Manne bekant. Jch weis gewis, das so ein Man niemals in unser Hauß gekommen, und der Her gieht wenig aus. Es ist ihm nicht ums Hertse auszugiehn. Warum? Jhre Wider- spenstigkeit macht, das sie nicht viel darnach fra- gen, einander zu sehn. Des Hern Geburthstag ist sunst niemals so gehalten: denn nicht eine Sele war hier, und nichts als Seuftsen und Trauren bey dem Hern, wen er dagte, wie es sunst zu seyn pflechte. Jch fragte den Hern, ob er so einen Man kente, als Capitain Tomlinson, aber sagte nicht, warum ich fragte. Er sagte nein, er kente keinen. Es ist doch wol kein Possen oder Betriegerei gegen den Hern von einem Tomlinson angestif- tet ‒ ‒ Man weis nicht, was sie fuͤr Geselschaft zu haben genoͤthigt sind, seitdem sie weggegangen, wie sie wissen, gnaͤdiche Freilein. Verzeihen sie mier gnaͤdiche Frailen, aber Lunden ist ein ge- waltich waltich boͤßer Ort, und der Riter Luveleß ein Teufel, wie ich habe sagen gehoͤhrt. Alle hal- ten ihn fuͤr einen sulchen Cavlier, dafuͤr man sich in acht nehmen mus, und ich denke, das sie ihn hierinn so befunten haben. Jch habe zu Jhnen das Vertrauen, gnaͤdi- che Freilein, das sie dem Hern kein Leid wuͤrden geschehen lasen, wen sie es wuͤsten, von je- mand, der sich fuͤr seinen bekanten ausgiebt. Aber aus Furcht wahr ich mit mier selbst nicht einich, ob ich es ihm nicht sagen solte. Aber ich wolte Jhnen gern zeigen, das ich im Ungluͤck so wol, wo sie ungluͤcklig sind, als im Gluͤck zu Gefallen sein wolte. Den ich bin nicht von de- nen, die anders tuhn wuͤrden. So nicht mehr von Jhrer gehorsammen Dienerin, die Jhnen alles gute wuͤnscht, Sarah Hodges. Der dreyzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Lady Eli- sabeth Lawrance. Montags den 3ten Jul. Gnaͤdige Frau, J ch kann nicht umhin, Jhrer Gnaden noch einmal beschwerlich zu seyn, damit ich Jh- Sechster Theil. D nen nen von ganzem Herzen fuͤr die guͤtige Zuschrift danke. Jch muß gestehen, gnaͤdige Frau, daß die Ehre, mit Frauenzimmern, die ihre Tugend so wohl, als ihre hohe Geburt erhebet, verwandt zu werden, anfangs keine geringe Reizung bey mir gewesen, dem Antrage des Herrn Lovelace ein geneigtes Ohr zu goͤnnen: und zwar um so viel mehr, da ich entschlossen war, wann es wirk- lich geschehen waͤre, alles, was in meinem Ver- moͤgen stehet, zu thun, damit ich die vortheil- hafte Meynung, welche Sie von mir haben, ver- dienen moͤchte. Jch hatte auch noch einen andern Bewe- gungsgrund, der mir an sich selbst, wie ich wußte, bey Jhrer ganzen Familie zu einem Ver- dienste gereichen wuͤrde. Aber er ist so beschaffen, daß ich mir dabey zuviel herausgenommen, und, wie der Erfolg gezeiget hat, auf eine strafbare Weise zu viel herausgenommen habe. Jch mach- te mir Hoffnung, daß ich ein geringes Werkzeug in den Haͤnden der Vorsicht seyn moͤchte, einen Menschen auf bessere Wege zu bringen, der im Grunde, wie ich dachte, Verstand genug haͤtte, sich auf bessere Wege bringen zu lassen; oder we- nigstens dankbar genug waͤre, den ihm zugedach- ten Dienst zu erkennen, es moͤchte nun die edel- muͤthige Hoffnung gelingen oder nicht. Allein ich habe mich bey dem Herrn Lovelace ungemein geirret. Er ist der einzige, stelle ich mir gewiß vor, der ein Cavallier seyn will und bey bey dem ich mich so sehr haͤtte irren koͤnnen. Denn indem ich mich bemuͤhete, einen Elenden, der ersaufen wollte, zu retten: so bin ich, nicht zufaͤlliger, sondern vorsetzlicher Weise, und mit einem aus Vorbedacht gefaßten Schlusse, nach ihm hineingezogen worden. Er hat also den Ruhm gehabt, zu der Liste derer, die er ungluͤck- lich gemacht, einen Namen hinzuzuthun, der, wie ich zuversichtlich sagen darf, seinem eignen Namen nicht zur Verkleinerung wuͤrde gereichet haben: und zwar durch solche Mittel, gnaͤdige Frau, welche die Menschlichkeit beleidigen wuͤr- den, wenn man sie erfuͤhre. Meine ganze Absicht ist durch Jhrer Gna- den Antwort auf die Fragen, welche ich mir die Freyheit genommen habe, Jhnen schriftlich vor- zulegen, schon erreichet. Jch wuͤnsche nicht, den ungluͤcklichen Menschen bey Jhnen verhaßter zu machen, als ich nothwendig deswegen thun muß, damit ich mich entschuldige, daß ich Jhre angebotene Vermittelung schlechterdings aus- schlage. Jhre Gnaden lassen sich daher folgende Um- staͤnde melden: Nachdem er mich mit Zwang, wie ich sagen mag, auf eine hinterlistige Art dazu gebracht hatte, daß ich mit ihm davon gegangen war: ist er im Stande gewesen, mich in eines der schaͤnd- lichsten Haͤuser zu London, wie der Erfolg gezei- get hat, zu bringen. D 2 Da- Daselbst hat er sich nicht geschaͤmet, sich ei- nes gottlosen Versuchs gegen meine Ehre schuldig zu machen, uͤber den ich mich mit Recht unwil- lig bezeiget, und Mittel gefunden habe, von ihm nach Hampstead zu fliehen. Als er mich aber dort aufgefunden hatte, ich weiß nicht wie: hat er ein paar Weibsleute, in reicher Kleidung, zu bereden gewußt, daß sie die Person Jhrer Gnaden und der Fraͤulein Montague nachaͤffeten. Diese haben mich un- ter dem Vorwand, daß ich bey Jhrer Base Leeston zu London einen Besuch ablegen sollte, mit dem Versprechen, noch eben den Abend nebst mir nach Hampstead zuruͤckzukehren, betruͤgerischer- weise wiederum in das schaͤndliche Haus gebracht. Da bin ich aufs neue gefangen gehalten, und zuerst meiner Sinne, hierauf aber; denn warum sollte ich die Schande vor andern zu verheelen su- chen, die ich vor mir selbst nicht verbergen kann? meiner Ehre beraubet worden. Wenn Jhre Gnaden nun dieß wissen; und ferner vernehmen werden, daß, in dem aͤrgerli- chen Fortgange zu diesem ungluͤcklichen Zweck, vor- setzliche Unwahrheiten, wiederholte Raͤnke, falsche Briefe zu schmieden; sonderlich einen von Jhrer Gnaden, einen andern von der Fraͤulein Mon- tague, einen dritten von dem Lord M.; und un- zaͤhlige Meineide, nicht die geringsten von seinen Vergehungen gewesen sind: So werden Sie selbst urtheilen, daß ich keine so gute Grundsaͤtze haben koͤnnte, die mich einer einer Verbindung mit Personen von Jhrer und Jhrer edlen Schwester vortrefflichen Gemuͤths- art wuͤrdig machen wuͤrden, wenn ich mich nicht von ganzem Herzen erklaͤren koͤnnte, daß eine solche Verbindung nunmehr niemals statt ha- ben kann. Jch will mich nicht gaͤnzlich von allem Tadel loszuspre chen suchen: aber, in Absicht auf ihn, habe ich mir keinen Fehler vorzuwerfen. Mein Versehen ist gewesen, daß ich anfangs einen Briefwechsel mit ihm fortgesetzet, da es mir von denen verboten war, die ein Recht hatten, Ge- horsam von mir zu fordern. Dieß Versehen ist dadurch noch mehr vergroͤßert und deswegen noch weniger zu entschuldigen, daß ich ihm eine heim- liche Zusammenkunft mit mir gestattet habe, wel- che mich seinen Raͤnken bloßgestellet hat. Daß ich dafuͤr Strafe leide, lasse ich mir gern gefal- len, und danke Gott, daß ich endlich von ihm entkommen bin, und es in meiner Gewalt habe, einen so gottlosen Menschen nicht zu meinem Manne anzunehmen. Jch werde mich freuen, wenn ich nur andern zur Warnung dienen mag: da ich ihnen nicht zum Beyspiel dienen kann; wie ich mir vormals, so eitel und eingebildet war ich! vorgenommen hatte. Alles boͤse, was ich ihm wuͤnsche, ist, daß er sich bessern und ich das letzte Opfer fuͤr seine Niedertraͤchtigkeit seyn moͤge. Vielleicht kann dieser gute Wunsch erhalten werden: wenn er se- hen sollte, wie sich seine Bosheit, seine unver- D 3 schuldete schuldete Bosheit gegen ein armes Frauenzimmer, das durch seine grausame Raͤnke aller Freunde beraubet ist, endigen wird. Jch schließe mit meinem gehorsamen Dank fuͤr Jhrer Gnaden vortheilhafte Meynung von mir, und mit der Versicherung, daß ich, so lan- ge mir noch das Leben gegoͤnnet wird, allezeit seyn werde Jhrer Gnaden dankbare und verpflich- tete Dienerinn Clarissa Harlowe. Der vierzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Frau Norton. Sonntags Abends, den 2ten Jul. W ie guͤtig meine geliebte Fr. Norton, wie guͤtig lindern Sie die Angst eines bluten- den Herzens! Gewiß Sie sind meine rechte Mutter. Jch muß durch ein unbegreifliches Versehen in eine Familie untergeschoben seyn, die mich, nachdem sie neulich den Betrug entde- cket, oder wenigstens einen Argwohn davon be- kommen hat, mit einem solchen Unwillen, als ei- ne solche Entdeckung gewiß versprechen wird, aus ihrer aller Herzen verbannet hat. O! waͤre ich doch in der That Jhr eignes Kind gewesen! Waͤre ich doch nur dazu gebohren worden, worden, daß ich an ihren geringen Gluͤcksum- staͤnden Theil haͤtte, und von dem Vergnuͤgen, worinn sie so gluͤcklich sind, eine Erbinn waͤre! Alsdenn haͤtte ich mit einem recht sanften Ge- muͤthe zu thun gehabt: und dieß wuͤrde mein folgsames Herze, zu dem sich Zwang und unedel- muͤthige Begegnung so uͤbel schicket, wohl gelei- tet haben. Denn wuͤrde nichts von dem gesche- hen seyn, was geschehen ist. Jedoch ich muß mich billig in Acht nehmen, daß ich die Luͤcke, welche ich schon ohne das durch meine Unbesonnenheit in meiner Pflicht gemacht habe, durch Ungedult nicht vergroͤßern. Haͤtte ich nicht gefehlet: so haͤtte meine Mutter we- nigstens nicht fuͤr unerweichlich und unversoͤhn- lich gehalten werden koͤnnen. ‒ ‒ Habe ich denn nicht selbst, nicht nur meine eigne Fehler, sondern auch die Folgen derselben zu verantworten, wel- che einer muͤtterlichen Gemuͤthsart, woran vor- her niemals etwas auszusetzen gewesen ist, zur Verkleinerung und Unehre gereichen? Jnzwischen ist es eine Guͤtigkeit von Jhnen, daß Sie das Vergehen einer Person, der dassel- be so hoͤchstempfindlich ist, geringer zu machen suchen ‒ ‒ Koͤnnte es gaͤnzlich ausgeloͤschet wer- den: so wuͤrde mich das der vielen Muͤhe, die Sie sich bey meiner Erziehung gegeben haben, wuͤr- diger machen. Denn es muß ihren Kummer so, wie meine Schaam und Verwirrung, noth- wendig vermehren, daß ich mich, nach einem so hoffnungsvollen Anfange, so aufgefuͤhret habe, D 4 daß daß ich, statt einer Ehre fuͤr Sie und meine andere Freunde, ihnen allen nun eine Schande bin. Allein, damit ich Jhnen nicht selbst Ursache gebe, mich fuͤr schuldiger anzusehen, als ich bin: so erlauben Sie mir, mit wenigen zu versichern, daß, wenn meine Geschichte bekannt wird, ich mehr Mitleiden, als Tadel, auch so gar in Ab- sicht auf meine Flucht mit dem Herrn Lovelace, verdienen werde. Jn Betrachtung alles dessen, was hiernaͤchst vorgefallen ist, will ich nur dieß sagen, daß ich mich zwar fuͤr diese Welt verlohren nennen muß, aber doch noch einen Trost uͤbrig habe. Jch ha- be mir mein Leiden weder durch Unvorsichtigkeit, noch durch Leichtglaͤubigkeit, noch durch Freyheit zugezogen. Es ist kein Augenblick hingegangen, da ich nicht auf meiner Huth gewesen waͤre, oder ihre fruͤhe Lehren nicht im Gedaͤchtnisse gehabt haͤtte. Aber, nachdem ich im Stande gewesen war, viele niedertraͤchtige Raͤnke zu Schanden zu machen, bin ich zuletzt durch die unmensch- lichsten Kuͤnste entehret. Waͤre ich nur nicht von allen Freunden verstoßen worden: so haͤtte sich gewiß dieser niedertraͤchtige Mensch nicht un- terstanden, und auch nicht die Gelegenheit ge- habt, mir so zu begegnen, als er mir begegnet hat. Mehr kann ich jetzo nicht sagen; mehr ist auch itzo nicht noͤthig; und dieß selbst, bitte ich Sie, bey sich zu behalten, damit nicht Feindse- lig- ligkeiten nach meinem Hintritt entstehen moͤgen, welche das Uebel weiter ausbreiten koͤnnten, das ich, wie ich hoffe, mit mir endigen soll. Jch bin falsch berichtet, sagen Sie, daß meine vornehmsten Anverwandten bey meinem Onkel Harlowe seyn sollten. Der Tag, schrei- ben Sie, ist nicht gefeyret. Auch mein Bruder und Herr Solmes haben nicht ‒ ‒ Etwas er- staunliches! ‒ ‒ Was fuͤr eine vielfache ver- wickelte Bosheit hat dieser nichtswuͤrdige Mensch zu verantworten! ‒ ‒ Sollte ich es Jhnen er- zaͤhlen: so wuͤrden Sie kaum glauben, daß ein solches Herz in einem Menschen seyn koͤnnte ‒ ‒ Aber es kann eine Zeit kommen, da Sie meine ganze Geschichte erfahren werden! ‒ ‒ Jtzo habe ich weder Lust, noch Worte ‒ ‒ O wie berstet mir das Herz! ‒ ‒ Jedoch noch eine gluͤckliche, eine gewuͤnschte Erleichterung! waͤ- ren Sie gegenwaͤrtig: so wuͤrden meine Thraͤnen das Uebrige ersetzen! Jch nehme meine Feder wieder. So besorgen sie wirklich, daß man keinen Brief von mir annehmen werde. Lassen sie sich es nur nicht kraͤnken, daß sie mir dieß sagen muͤssen! Jch vermuthe alles Boͤse! ‒ ‒ Mein Jammer ist so groß, daß, wenn Sie mir nicht zugeredet haͤtten, von dem Throne der Gna- den Gnade zu hoffen, ich besorget haben wuͤrde, der D 5 schreck- schreckliche Fluch meines Vaters moͤchte in Absicht auf beyde Welten in Erfuͤllung gehen. Denn noch ein neues Ungluͤck! ‒ ‒ Jn ei- nem Anfall von Verruͤckung und Unbesonnenheit habe ich an meine geliebte Fraͤulein Howe einen Brief abgeschickt, ohne mich auf den geheimen Weg, wodurch sonst meine Briefe an Sie kom- men, zu besinnen. Der ist Jhrer zornigen Mutter in die Haͤnde gefallen: und so hat viel- leicht diese werthe Freundinn sich um meinetwil- len ein neues Misvergnuͤgen zugezogen. Dazu ist noch Jhr wuͤrdiger Sohn krank, und meine arme Hanna, glauben Sie, kann nicht zu mir kommen ‒ ‒ O meine liebe Frau Norton, wol- len Sie, koͤnnen Sie diejenigen tadeln, de- ren Unwillen gegen mich der Himmel selbst zu billigen scheinet? und wollen Sie die lossprechen, die der verdammet? Jedoch, Sie gebieten mir, den Muth nicht sinken zu lassen ‒ ‒ Jch will auch nicht: wo ich es aͤndern kann ‒ ‒ Und in der That Jhr guͤti- ger Brief hat mir zu rechter Zeit Trost verliehen ‒ ‒ Allein Gott dem Allmaͤchtigen stelle ich meine Sache heim: Er raͤche mein Unrecht und rette meine Unsch ‒ ‒ Aber wie reißen mich meine stuͤrmische Leiden- schaften hin! Habe ich nicht erst diesen Augenblick gesagt, daß Jhr Brief mir Trost mitgetheilet haͤtte? ‒ ‒ Gott vergebe es denen, die meinen Vater hindern, mir zu vergeben! ‒ ‒ Dieß soll das das haͤrteste gegen sie seyn, was meiner Feder entfahren soll. Wenn auch Jhr Sohn wieder genesen sollte: so lege ich Jhnen doch auf, meine liebe Frau Norton, daß Sie nicht daran gedenken, zu mir zu kommen. Jch weiß noch nicht anders, als daß mir Jhre Vermittelung, ob gleich gegen- waͤrtig auf Jhre Fuͤrbitte so wenig wuͤrde geach- tet werden, bey meiner Mutter wohl nuͤtzlich seyn koͤnne, mir die Wiederrufung des schrecklichsten Theils von meines Vaters Fluch, der noch al- lein erfuͤllt zu werden uͤbrig ist, auszuwirken. Gewiß die Stimme der Natur muß endlich zu meinem Besten gehoͤret werden. Sie wird an- fangs mir bey meinen Freunden nur in der Stille das Wort reden, mit der bewußten Klage-sucht eines jungen und noch nicht unverschaͤmten Bett- lers! ‒ ‒ Aber sie wird allmaͤhlig heller schreyen; wenn ich Muth habe, es zu thun; und vielleicht gar den vaͤterlichen Schutz vor fernerem Ungluͤck und diejenige Vergebung fordern, welche jene fuͤr ihre eigene Fehler zu erwarten nicht berechtigt seyn werden, die sich einmischen moͤgen. Damit sie mir um eines zufaͤlligen, nicht eines vorsetz- lichen Vergehens willen abgeschlagen werde, um eines Vergehens willen, dessen ich mich; wenn sie nicht gewesen waͤren, niemals schuldig gemacht haͤtte. Aber schon wieder hat die Ungedult, die sich vielleicht auf parteyische Selbstliebe, den verfuͤh- rerischen Jrrwisch, gruͤndet, die Oberhand. Jch Jch will Jhnen kurz sagen, es ist zu meiner gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Hoffnung noth- wendig, daß Sie es mit meiner Familie halten und ferner gut bey ihr stehen. Außerdem koͤnnte ich leicht, wenn Sie kaͤmen, vermittelst Jhrer von dem verruchtesten Menschen aufgespuͤret wer- den. Sagen Sie also nicht, daß Sie denken, Sie muͤßten billig zu mir kommen, man moͤge es nehmen wie man wolle ‒ ‒ Nein, um meinetwillen, ich wiederhole es noch einmal, muͤssen Sie nicht kommen: wenn auch mein Mitsaͤugling, wie ich es hoffe, genesen waͤre. Es kann mir auch an Jhrem Rath nicht fehlen, so lange ich noch schreiben kann, und Sie mir antworten koͤnnen. Und schreiben will ich, so oft als ich Jhres Raths benoͤthigt bin. Hiernaͤchst scheinen die Leute, bey denen ich nun bin, so wohl ehrlich als hoͤflich. Es ist noch in eben dem Hause eine Witwe zur Miethe von geringen Umstaͤnden, aber von großen Vor- zuͤgen ‒ ‒ Beynahe eine eben so ernsthafte und fromme Frau, als die werthe Person, an die ich eben schreibe. Sie hat, wie sie sagt, alle andere Gedanken von der Welt aufgegeben, außer de- nen, die ihr behuͤlflich seyn, gluͤcklich davon zu scheiden. ‒ ‒ Wie schoͤn schickt sich das zu meinen eignen Absichten! ‒ ‒ Hierinn, scheint wenig- stens eine trostreiche Vorsicht fuͤr mich zu wal- ten! ‒ ‒ Also ist gegenwaͤrtig nichts, das es noͤ- thig machen, nichts, das es erfordern, oder nur einmal entschuldigen kann, daß Sie kom- men: men: da so viele und bessere Absichten zu errei- chen seyn moͤgen, wenn Sie bleiben, wo Sie sind. Es kann eine Zeit kommen, da ich Jhre letzte und beste Huͤlfe noͤthig haben werde: und alsdenn, meine liebe Frau Norton ‒ ‒ als- denn will ich sie mir bestellet haben und von gan- zem Herzen annehmen ‒ ‒ alsdenn wird sie mir von niemand versaget werden. Es ist eine besondere Hoͤflichkeit, womit Sie mir Geld anbieten. Allein, ob ich gleich genoͤ- thigt war, meine Kleider im Stiche zu lassen: so nahm ich doch verschiedne Kostbarkeiten mit mir, die vor der Hand meinen Mangel ersetzen werden. Sie werden sagen, ich habe mein Geld schlecht angeleget ‒ ‒ Das habe ich auch in der That! ‒ ‒ und wenn ich zuruͤcksehe, noch dazu in gar kurzer Zeit. Allein, was soll ich thun, wo mein Vater nicht kann gewonnen werden, seinen harten Fluch zu wiederrufen? Unter allen recht schweren Uebeln, die mich getroffen haben, ist dieß nun das schwereste. Denn ich kann unter demselben weder leben, noch sterben. O meine liebe Frau Norton, wie schwer muß eines Vaters Fluch ein Gemuͤth druͤcken, das sich davor so sehr fuͤrchtet, als das meinige! ‒ ‒ Dachte ich wohl, daß ich jemals um die Befrey- ung von demselben zu bitten Ursache haben wuͤrde? Sie muͤssen nicht mit mir zuͤrnen, daß ich nicht eher an Sie geschrieben habe. Sie haben voll- vollkommen recht, und sind vollkommen guͤtig, wenn Sie sagen, daß Sie versichert sind, ich liebe Sie. Ja in Wahrheit ich liebe Sie. Und wie edelmuͤthig, sich selbst so vollkommen aͤhnlich, beweisen Sie sich in Jhren Lobeserhebungen, daß Sie mir mehr beylegen, als ich verdiene, damit Sie einen Eifer in mir erwecken moͤgen, ihre Lobeserhebungen zu verdienen! ‒ ‒ Sie sagen mir, was Sie von mir in diesem Elende, welches mir zu ertragen aufgelegt ist, erwarten. Jch wuͤnsche nur, daß ich mich Jhrer Erwartung gemaͤß verhalten moͤge. Jch kann mir selbst eine kleine Rechen- schast von meinem Stillschweigen gegen Sie, meine guͤtige, meine werthe muͤtterliche Freun- dinn, geben ‒ ‒ Wie gelinde und hoͤflich druͤcken Sie sich bey dieser Gelegenheit aus! ‒ ‒ Jch wollte gar zu gern, so wohl Jhrentwegen, als um mein selbst willen, daß Sie mit Grunde sagen koͤnnten, wir wechselten keine Briefe mit einan- der. Haͤtte man geglaubt, wir thaͤten es: so wuͤrde ein jedes Wort, das Sie zu meinem Be- sten koͤnnten gesprochen haben, verworfen worden seyn; und meiner Mutter wuͤrde man verboten haben, Sie zu sprechen, oder das, was Sie sa- gen moͤchten, einiger Achtung wuͤrdig zu hal- ten. Außerdem war die Aussicht in meine kuͤnfti- ge Umstaͤnde, die ich vor mir hatte, bald besser, bald schlechter. Das Schlechtere wuͤrde Sie nur beunruhigt haben; wenn Sie es erfahren haͤtten; haͤtten: das Bessere aber machte mir oft Hoff- nung, daß ich mit der naͤchsten und dann wieder mit der naͤchsten Post, und so von einer Woche zur andern, Jhnen das Beste, was mir damals begegnen konnte, zu melden haben wuͤrde; so kaltsinnig auch nunmehr der nichtswuͤrdige Mensch mein Herz gegen das Beste gemachet hat. ‒ ‒ Wie konnte ich mir in den Sinn kommen lassen, an Sie zu schreiben und dadurch Jhnen zu ge- stehen, daß ich nicht verheyrathet waͤre, und doch mit einem solchen Menschen, wiewohl ich es nicht aͤndern konnte, in einem und eben demselben Hause lebte? ‒ ‒ Der noch dazu gegen ver- schiedne Personen vorgegeben hatte, daß wir wirk- lich vermaͤhlet waͤren, ob gleich mit gewissen Be- dingungen, die von der Aussoͤhnung mit meinen Freunden abhingen? Daß ich Jhnen aber die Wahrheit vorenthalten, oder mich entweder of- fenbar, oder durch Zweydeutigkeiten einer Un- wahrheit schuldig machen sollte, das war etwas, das Sie mich niemals gelehret hatten. Vielleicht aber werden Sie denken, ich haͤtte um Jhren Rath in meinen gefaͤhrlichen Umstaͤn- den an Sie schreiben moͤgen. Allein in der That, meine liebe Fr. Norton, ich bin nicht aus Mangel an gutem Rath ins Verderben gera- then. Das werden Sie aus dem, was ich schon beruͤhret habe, augenscheinlich erkennen: wenn ich mich auch nicht weiter erklaͤren sollte. ‒ ‒ Denn wie haͤtte der grausame Raͤuber noͤthig gehabt, zu unverschuldeten Kuͤnsten ‒ ‒ ich will freyer heraus- herausreden, aber Sie muͤssen es gegenwaͤrtig noch nicht wieder erzaͤhlen ‒ ‒ zu berauschenden und betaͤubenden Traͤnken, und zu der grausam- sten und schimpflichsten Gewaltthaͤtigkeit seine Zuflucht zu nehmen: wenn ich meine Pflicht nicht sorgfaͤltig beobachtet haͤtte? Nur noch wenige Worte von dieser betruͤbten Sache ‒ ‒ Wenn ich alles uͤberlege, was mir begegnet ist: so sehe ich offenbar, daß dieser Verfuͤhrer, den man gemeiniglich fuͤr gedankenlos gehal- ten, gegen mich nach einem regelmaͤßigen und vor- her verabredeten Entwurf zu seiner niedertraͤchti- gen Schandthat gehandelt hat. Damit er alle seine schaͤndliche Raͤnke in den Gang braͤchte, war anfangs nichts weiter noͤthig, als daß er mich entweder mit Gewalt oder mit List bewegte, mich in seine Gewalt zu begeben: und nachdem dieß ins Werk gerichtet war, haͤtte mich nichts, als der Einspruch von dem vaͤterli- chen Ansehen, dessen Gebrauch zu meinem Be- sten, ich aber nicht verdienet hatte, von den Wirkungen seiner unergruͤndlichen Anschlaͤge ret- ten koͤnnen. Ein Widerstand von irgend einem andern Theile wuͤrde nur nach allzu vieler Wahr- scheinlichkeit, seine unmenschliche und undankba- re Gewaltthaͤtigkeit beschleuniget haben. Ja, waͤren Sie selbst bey mir gewesen: so wuͤrden Sie auf eine oder die andere Art, wie ich nun- mehr Grund zu denken habe, fuͤr Jhre Bemuͤ- hung mich zu retten gelitten haben. Denn nie- mals mals ist ein gemachter Entwurf zur Bosheit, wie ich itzo sehe, so standhaft und allezeit gleich- maͤßig verfolget worden, als er den seinigen ge- gen eine ungluͤckliche Person, die es besser von ihm verdiente, verfolget hat. Allein der All- maͤchtige hat es, nach dem gemeinen Lauf seiner Fuͤrsehung, fuͤr gut befunden, daß der Fehler sei- ne eigne Strafe mit sich fuͤhren sollte: und dieß vielleicht zur Erfuͤllung des schrecklichen Fluchs von meinem Vater, „daß ich hier; o meine lie- „be Mutter Norton, beten Sie mit mir, daß „ hier das Ende seyn moͤge; durch eben den „nichtswuͤrdigen Menschen, auf den ich meine „gottlose Zuversicht gesetzet hatte, gestraft werden „moͤchte. Es ist mir Jhrentwegen leid, daß ich so schwer- muͤthig beschließen soll: und gleichwohl muß das Uebrige kurz seyn. Erlauben Sie mir zu bitten, daß Sie das, was ich Jhnen eroͤffnet habe, geheim halten: we- nigstens bis Sie meine Einwilligung haben, es bekannt zu machen. Gott erhalte Jhnen Jhr anderes Kind, das reiner von Fehlern ist. Jch will auf seine Gnade hoffen, wenn ich auch von keinem Menschen Barmherzigkeit er- langen sollte. Jch wiederhole noch einmal mein Verbot: Sie muͤssen nicht daran denken, daß Sie herauf kommen wollten zu Jhrer bestaͤndig gehorsamen Cl. Harlowe. Sechster Theil. E Die Die dienstfertige Person, welche Jhr Schrei- ben heute fuͤr mich abgegeben, hat verspro- chen, morgen nachzufragen, ob ich etwas wieder zuruͤckzuschicken haͤtte. Eine so gu- te Gelegenheit habe ich nicht vorbeylassen wollen. Der funfzehnte Brief von Frau Norton an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Montags, Abends, den 3ten Jul. O ! ungeheure Bosheit von diesem abscheuli- chen Menschen! Jst jemand in der Welt, der einer so hold- seligen Person Gewalt thun koͤnnte! Sind Sie versichert, daß Sie nunmehr vor seinen Haͤnden zu weit zu erreichen sind? Sie befehlen mir, die Umstaͤnde der schaͤnd- lichen Begegnung, die Jhnen widerfahren ist, geheim zu halten: sonst wuͤrde ich bey einem un- vermutheten Besuch, den mir Fraͤulein Harlo- we, bald nach dem Empfang Jhres betruͤbten Briefes, goͤnnete, in die Versuchung gerathen seyn, zu gestehen, daß ich von Jhnen gehoͤret haͤt- te, und ihr solche Stellen aus Jhren beyden Briefen mitzutheilen, die von Jhrer Reue und von Jhrem sehnlichen Verlangen, so wohl die Wiederrufung des Fluchs, als auch den Schutz vor vor ferneren gewaltsamen Beschimpfungen, wel- che vielleicht noch gegen Sie koͤnnten unternom- men werden, von Jhrem Vater zu erlangen, voll- kommenen Beweis gegeben haͤtten. Aber als- denn wuͤrde Jhre Schwester vermuthlich die Briefe zu sehen und mit sich zu Jhrer Familie zu nehmen verlanget haben. Sie muͤssen doch einmal die betruͤbte Ge- schichte erfahren. Es ist unmoͤglich, daß sie nicht Mitleiden mit Jhnen haben, und Jhnen nicht vergeben sollten: wenn sie Jhre sruͤhe Reue und Jhr unverschuldetes Leiden erfahren; wenn sie hoͤren, daß Sie durch die unmenschliche Ge- walt eines ungeheuren Raͤubers, und nicht durch die schaͤndlichen Kunstgriffe eines verfuͤhrerischen Liebhabers, gefallen sind. Der gottlose Mensch giebt bey dem Lord M. vor, wie mir Fraͤulein Harlowe erzaͤhlet, daß er wirklich mit Jhnen vermaͤhlet sey. ‒ ‒ Jedoch glaubet sie es nicht: und ich hatte auch nicht das Herz, ihr die Wahrheit zu sagen. Sie legte es mir sehr nahe, ob ich nicht mit Jhnen von der Zeit an, da Sie weggegangen waͤren, Briefe gewechselt haͤtte. Jch konnte ihr sicher Nachricht geben, wie ich that, daß es nicht geschehen waͤre. Allein ich gestand zu- gleich, mir waͤre zuverlaͤßig gemeldet, daß Sie Jhres Vaters Fluch ungemein zu Herzen naͤh- men, und setzte hinzu, es wuͤrde ein gutes und schwesterliches Werk von ihr seyn, wenn sie sich E 2 ange- angelegen seyn lassen wollte, Sie davon frey zu machen. Unter andern harten Dingen, versetzte sie, meine parteyische Affenliebe gegen Sie machte, daß ich die Ehre der Uebrigen von der Familie wenig bedaͤchte. Wo ich dieß aber nicht von Jhnen selbst gehoͤret haͤtte: so vermuthete Sie, ich waͤre von der Fraͤulein Howe angestiftet. Sie erklaͤrte sich mit vieler Bitterkeit gegen diese Fraͤulein: welche, wie es scheint, allenthal- ben und gegen jedermann; denn Sie muͤssen ge- denken, daß Jhre Geschichte in allen Gesellschaf- ten den Stoff zur Unterredung hergiebet; wider Jhre Familie losziehet, und dieselbe, wie Jhre Schwester sagt, veraͤchtlich, ja gar laͤcherlich machet. Mir ist es aus einem gedoppelten Grunde nicht lieb, daß solche Freyheiten, die von einem Zorn zeugen, gebraucht werden. Einmal thun dergleichen Freyheiten niemals gut. Jch habe von Jhnen selbst das Gestaͤndniß gehoͤret, daß Fraͤulein Howe zur Satyre sehr aufgeleget sey: allein ich sollte hoffen, eine junge Fraͤulein von Jhrer Einsicht und rechtschaffener Gemuͤthsart, muͤßte wissen, daß der Endzweck der Satyre nicht sey, zu erbittern, sondern, zu bessern, und daß sie daher niemals auf Persoͤnlichkeiten hinauslaufen muͤsse. Geschieht das letzte: so kann es bey ei- ner unparteyischen Person, wie mein frommer Vater zu sagen pflegte, den Verdacht erwecken, daß derjenige, der die Satyre braucht, eine na- tuͤrliche tuͤrliche Neigung zu bittern Urtheilen habe und dieser Genuͤge zu thun suche; welches an ihm ein eben so großer Fehler seyn mag, als irgend einer von denen, die er an andern zu tadeln und in ihrer Bloͤße darzustellen meynet. Es wird vielleicht nicht vergeblich seyn, wenn Sie ihr hievon einen kleinen Wink geben. Mein anderer Grund ist dieser, daß solche Freyheiten, die sich eine so feurige Freundinn von Jhnen, als Fraͤulein Howe nach aller Wis- sen ist, herausnimmt, hoͤchstwahrscheinlicher Wei- se auf Jhre Rechnung geschrieben werden koͤnnen. Mein Unwillen gegen den schaͤndlichsten Menschen ist so groß, daß ich die aͤrgerlichen Umstaͤnde, welche Sie von seiner Niedertraͤchtig- keit melden, nicht beruͤhren darf. Wie war es wohl moͤglich, daß Sie sich gegen einen so ver- messenen und schluͤßigen Boͤsewicht vertheidigen konnten, nachdem Sie einmal in seiner Gewalt waren? Jch will nur meine instaͤndige Bitte an Sie wiederholen, daß Sie der Verzweifelung nicht Platz geben, so traurig und schrecklich der Anschein von Jhren Umstaͤnden seyn mag. Jhr Elend ist uͤber die Maaßen groß: aber Sie ha- ben auch Gaben, die der Groͤße Jhrer Versu- chungen gemaͤß sind. Das gesteht ein jeder. Setzen Sie das Aergste, und daß Jhre Fa- milie sich nicht zu Jhrem Besten wolle bewegen lassen: so wird ja Jhr Vetter Morden bald an- langen; wie mir Fraͤulein Harlowe erzaͤhlet hat. E 3 Sollte Sollte der auch selbst auf der Familie Seite ge- bracht werden: so wird er doch zusehen, daß Jhnen Gerechtigkeit widerfahre. Alsdenn koͤn- nen Sie allen zum Beyspiel ein gottseliges Leben fuͤhren, noch viele hundert gluͤcklich machen und junge Frauenzimmer lehren, die Fallstricke zu vermeiden, worinn Sie so schrecklich verwickelt sind. Was aber den Mann betrifft, den Sie ver- lohren haben: Jst wohl eine Vereinigung mit einem so meineidigen Herzen, als er hat, fuͤr ein so unvergleichliches Herz, als das Jhrige ist, zu wuͤnschen? Er ist ein schaͤndlicher, niedertraͤch- tiger Kerl, wie Sie ihn mit Recht nennen, bey allem seinen Stolz auf seine Ahnen: mehr ein Feind gegen sich selbst, in Betrachtung seiner gegenwaͤrtigen und zukuͤnftigen Gluͤckseligkeit, als gegen Sie, in den unmenschlichen und un- dankbaren Beleidigungen, wodurch er Jhnen so viel boͤses gethan hat. Jch darf Sie gewiß nicht ermahnen, einen solchen Mann, als der ist, zu verachten. Denn waͤren Sie das nicht zu thun im Stande: so wuͤrde es ein Vorwurf gegen ein Geschlecht seyn, dem Sie allezeit eine Ehre ge- wesen sind. Jhre gute Gemuͤthsart ist unbeflecket. Das beweiset selbst die Beschaffenheit Jhres Leidens, wie Sie gar wohl bemerken. Sprechen Sie also Jhrem werthen Herzen Muth ein, und verzwei- feln nicht. Jst es nicht Gott, der die Welt re- gieret, und nach seinem Wohlgefallen einige Din- ge ge zulaͤsset, andere selbst schicket? Will er nicht zeitliche Leiden, die ohne Schuld zugefuͤget und gottselig ertragen werden, mit ewiger Gluͤckselig- keit belohnen? ‒ ‒ Und was, meine Wertheste, was ist dieß kleine Nun, diese Nadelspitze, ge- gen eine unumschraͤnkte Ewigkeit? Unterdessen leidet mein Herz doch unter ei- nem gedoppelten Kummer. Denn mein armer Sohn ist recht, recht krank! ‒ ‒ Ein heftiges Fieber! ‒ ‒ Es ist nicht dahin zu bringen, daß es nachlaͤsset! ‒ ‒ ‒ Beten Sie fuͤr ihn, meine liebste Fraͤulein ‒ ‒ fuͤr seine Genesung, wo es Gottes Wille ist. ‒ ‒ Jch hoffe, es werde Got- tes Wille seyn! ‒ ‒ Wo nicht: ‒ ‒ Wie uner- traͤglich ist es mir, das zu vermuthen! ‒ ‒ so be- ten Sie fuͤr mich, daß er mir die Gedult und Ergebung in seinen Willen verleihe, die ich Jh- nen gewuͤnschet habe. Jch verbleibe, Wertheste Fraͤulein, Jhre ewig ergebene Judith Norton. E 4 Der Der sechzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fr. Judith Norton. Donnerstags, den 6ten Jul. J ch sollte billig Jhren Kummer, sonderlich itzo, nicht vermehren ‒ ‒ Aber ich kann es nicht aͤndern, ich muß Jhnen, da Sie itzo meine einzige Freundinn sind, die meine Wunden lin- dert, eine neue Unruhe entdecken, die mich befal- len hat. Jch hatte nur eine Freundinn in der Welt, außer Jhnen: und diese ist aͤußerst misvergnuͤgt mit mir Man sehe den folgenden Brief. . Es ist ein großer Schmerz, auch nur auf einen Augenblick dem Tadel einer gelieb- ten Person unterworfen zu seyn: sonderlich wenn uns etwas beygemessen wird, das Ehre und Klugheit betrifft. Es giebt gewisse so zaͤrtliche, so bedenkliche Punkte, wie Sie wissen, meine liebe Frau Norton, daß es schon einigermaßen eine Schande ist, wenn es noͤthig scheint, sich desfalls zu rechtfertigen. Jn dem gegenwaͤrtigen Falle ist mein Ungluͤck, daß ich von einigen Begeben- heiten, die ich erklaͤren soll, nicht anders, als durch Muthmaßung, Rechenschaft geben kann: so fein und listig hat die scheusliche Seele, welche mich so so ungluͤcklich verstricket hat, ihr Werk zu treiben gewußt. Fraͤulein Howe, mit einem Worte, meynet in meiner Gemuͤthsart einen Flecken gefunden zu haben. Jhr harter Brief ist mir eben erst zu Haͤnden gekommen: aber ich werde darauf vielleicht bey besserem Sinne antworten; wenn ich erst das Schreiben von Jhnen wohl uͤberle- ge. Denn, in der That, meine Gedult ist bey- nahe zu Ende. Und gleichwohl muß ich beden- ken, daß die Wunden, welche ein Freund schlaͤget, wohl gemeynet sind. Aber so viele Dinge auf einmal! ‒ ‒ O, meine liebe Fr. Nor- ton, wie soll eine so junge Schuͤlerinn in der Lei- densschule im Stande seyn, so schwere und so man- nichfaltige Uebel zu ertragen! Jedoch ich will dieß auf eine Weile beyseite setzen und mich zu Jhrem Briefe wenden. Es ist mir sehr leid, daß Fraͤulein Howe ih- ren Unwillen meinetwegen so lebhaft und hitzig zeiget. Jch habe ihr allemal die Freyheiten von dieser Art, welche sie sich gegen meine Freunde genommen, recht dreiste verwiesen. Vormals hatte ich einen großen Einfluß uͤber ihr freund- schaftliches Herz, und sie nahm alles, was ich sagte, als ein Gesetz an. Allein Leute, die im Ungluͤck sind, haben in allen Stuͤcken, oder bey allen und jeden, wenig Gewicht. Gluͤck und Ununterwuͤrfigkeit sind in der Betrachtung wirk- lich reizend, daß sie dem guten Rath eines freundschaftlichen Herzens Nachdruck geben: da E 5 es es hingegen an einem Elenden fuͤr eine Unver- schaͤmtheit gehalten wird, Rath zu ertheilen oder Vorstellungen zu thun. Jnzwischen ist Fraͤulein Howe eine unschaͤtz- bare Person. Jst es zu vermuthen, daß sie noch eben die Achtung gegen mein Urtheil behalten sollte, die sie vorher gehabt, ehe ich alles Recht, fuͤr verstaͤndig und klug gehalten zu werden, ver- scherzet hatte? Mit was fuͤr einem Gesichte kann ich mich unterstehen, ihr einen Mangel der Klug- heit vorzuhalten? Kann ich aber so gluͤcklich seyn, mich wieder in eine gute Meynung bey ihr zu se- tzen, welches mir allezeit schaͤtzbar gewesen ist: so werde ich mich bemuͤhen, Jhre gegruͤndete An- merkungen in diesem Stuͤcke ihr nachdruͤcklich vorzustellen. Sie duͤrfen mich nicht ermahnen, sagen Sie, einen solchen Mann, als der ist, durch den ich gelitten habe, zu verachten ‒ ‒ Jn Wahrheit, Sie duͤrfen nicht: denn ich wollte lieber den grau- samsten Tod waͤhlen, als die Seinige zu seyn. Dennoch, meine liebe Fr. Norton, will ich Jh- nen gestehen, daß ich ihn vormals haͤtte lieben koͤnnen ‒ ‒ Der undankbare Mensch! ‒ ‒ Haͤt- te er es mir zugelassen: so haͤtte ich ihn vor- mals lieben koͤnnen. Gleichwohl verdiente er meine Liebe niemals. Und war dieß nicht ein Fehler? Aber wenn ich nunmehr nur aus seinen Haͤnden errettet bleiben und es dahin bringen kann, daß mein Vater seinen Fluch wiederrufet: so ist das alles, was ich wuͤnsche. Eine Eine Aussoͤhnung mit meinen Freunden er- warte ich nicht; auch keine Verzeihung: wenig- stens nicht eher, als in meinen letzten Noͤthen, und wie eine Mitgabe auf den Weg. O meine geliebte Fr. Norton, Sie koͤnnen sich nicht einbilden, was ich ausgestanden habe! ‒ ‒ Jn der That ist mein Herz gebrochen. Jch weiß gewiß, ich werde nicht so lange leben, daß ich zu der Ununterwuͤrfigkeit komme, welche mich nach Jhren Gedanken in den Stand setzen wuͤr- de, meine vergangene Auffuͤhrung einigermaßen gut zu machen. Da ich dieser Meynung bin: so koͤnnen Sie leicht glauben, daß ich nicht geruhig seyn werde, bis ich mir die Widerrufung des schrecklichen Fluchs, und, wo moͤglich, auf mein Ende eine Vergebung auswirken kann. Jch wuͤnsche, daß man mir selbst uͤberlasse, den Weg zu waͤhlen, durch welchen ich mich be- muͤhen werde, mir diese Gewogenheit zu ver- schaffen. Jedoch weiß ich itzo noch nicht, was das fuͤr ein Weg seyn soll. Jch will schreiben. Aber an wen? Das ist nur mein Zweifel. Ungluͤck und Noth haben mich noch nicht so dreiste gemacht, daß ich mich selbst an meinen Vater wenden sollte. Meine Onkels, so sehr sie mich auch vormals liebten, haben ein hartes Herze. Jhre maͤnnliche Lei- denschaften sind niemals durch den zaͤrtlichen Vaternamen gemildert. Von meinem Bru- der mache ich mir keine Hoffnung. Also habe ich ich nur meine Mutter und meine Schwester, an die ich mich wenden kann ‒ ‒ „Und mag es „mir nicht erlaubt seyn, allerliebste Mutter, mein „zitterndes Auge zu ihrem alles ermunternden, „und vormals mehr als nachsehenden, zu ihrem „ zaͤrtlich eingenommenen Auge, aufzuschla- „gen; in Hoffnung, eben zu rechter Zeit die noͤ- „thige Barmherzigkeit fuͤr ein armes sieches Herz „zu erlangen, das noch von demjenigen Leben „schlaͤgt, welches ihm von ihrem eignen und wer- „thern Herzen mitgetheilet ist? ‒ ‒ Sonderlich, „da nur allein um Verzeihung, nicht um Auf- „nahme zu dem vorigen Stande, flehentlich ge- „beten wird? Allein koͤnnte ich meine Mutter zum Mitlei- den bewegen: wuͤrde das nicht ein Mittel seyn, sie durch den Widerstand, welchen sie finden wuͤrde, wenn sie diesem Mitleiden einigen Nach- druck zu geben versuchen wollte, noch immer un- gluͤcklicher zu machen, als ich sie ohne das schon gemacht habe? Also denke ich mich an meine Schwester zu wenden ‒ ‒ Aber wie unerweichlich hat sich meine Schwester bewiesen! ‒ ‒ Jedoch ich will ja nicht um Schutz bitten: ob ich gleich stuͤndlich fuͤrchten muß, daß ich Schutz noͤthig haben werde ‒ ‒ Alles, was ich bitten will, soll dieß einzige seyn, daß ich von dem schweren Fluch, der, so weit er wirken kann, in Ansehung des gegen- waͤrtigen Lebens, schon seine Wirkung gehabt hat, befreyet werde. ‒ ‒ Und gewiß, es ist nur hitziger hitziger Zorn, kein bedachter Vorsatz gewesen, der ihn bis auf das kuͤnftige Leben ausgedehnet hat! Aber warum vermehre ich so Jhren Jam- mer? ‒ ‒ Wahrlich nicht deswegen, meine lie- be Frau Norton, weil ich so viel Gesuͤhl von meiner eignen Noth habe, daß ich davor die Jhrige nicht empfinden kann! Nein, Jhr Kummer vergroͤßert gewiß meinen eignen noch mehr. Allein sie haben einen Trost, einen sehr wichtigen Trost, ten ich nicht habe: ‒ ‒ daß Jhre Truͤbsal, es sey in Ansehung Jhres mehr, oder in Ansehung Jhres weniger wuͤrdigen Kin- des, nicht von irgend einem Fehler, dessen Sie selbst schuldig waͤren, herruͤhret. Was kann ich mehr fuͤr Sie thun, als be- ten? ‒ ‒ Glauben Sie sicherlich, daß ich in ei- nem jeden Gebete, welches ich fuͤr mich selbst ab- schicke, mit gleichem Eifer so wohl Jhrer, als Jh- res Sohnes, gedenken werde. Denn ich bin und werde allezeit seyn Jhre wahrhaftig gleichgesinnte und gehorsame Clarissa Harlowe. Der Der siebzehnte Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Cl. Harlowe. Unter der Aufschrift: an Frau Rahel Clark ꝛc. Mittwoch. den 5ten Jul. Meine liebe Clarissa, E ndlich habe ich von Jhnen gehoͤrt; durch ei- nen Weg, wodurch ich es mir gar nicht vermuthete. Von meiner Mutter. Sie hatte mich einige Zeit her unruhig und betruͤbt gesehen, und vermuthete mit Grunde, daß es um Sie waͤre. Heute fruͤhe ließ sie sich etwas entfallen, woraus ich muthmaßete, daß sie etwas von Jhnen gehoͤrt haben muͤßte, mehr als ich selbst erfahren haͤtte. Da sie nun befand, daß dieß meine Unruhe nur vermehrte: so gestand sie, daß sie einen Brief an mich vom 29ten Jun. von Jhnen in Haͤnden haͤtte. Sie koͤnnen wohl errathen, daß dieß eine klei- ne Hitze zwischen uns veranlassete, welche niemand von uns eben wuͤnschen moͤchte. [Es nimmt mich Wunder, meine Wertheste, gewaltig Wunder, daß, da Sie wissen, wie ernst- ernstlich mir verboten sey, Briefe mit Jhnen zu wechseln, Sie doch einen Brief an mich in unser Haus haben schicken koͤnnen: indem unter funf- zigen kaum einer seyn muß, der nicht meiner Mutter in die Haͤnde fallen sollte; wie Sie bey diesem befinden.] Kurz, sie bezeigte sich unwillig, daß ich ihr ungehorsam seyn sollte: und ich war eben so em- pfindlich, daß sie mir meine Briefe erbrechen und vorenthalten moͤchte. Endlich gefiel es ihr doch, sich mit mir zu vergleichen, daß sie mir den Brief hergeben, und mir ein oder zweymal an Sie zu schreiben erlauben, aber den Jnhalt mei- ner Briefe selbst sehen wollte. Denn außer der Achtung, welche sie fuͤr Sie heget, mußte sie noth- wendig sehr neubegierig seyn, die Gelegenheit zu so betruͤbten Umstaͤnden, als Jhnen nach dem niedergeschlagenen Gemuͤthe, das Jhr Brief verraͤth, zu Theil geworden seyn muͤssen, zu er- fahren. Jch werde sie aber bereden, sich damit be- gnuͤgen zu lassen, daß ich ihr vorlese, was ich schreibe: und was ich ihr nicht vorzulesen wil- lens bin, will ich, so [ ], in Haͤckchen ein- schließen.] Muß ich Sie, Fr. Cl. Harlowe, an drey Brie- fe noch erst erinnern, die ich an Sie geschrieben, ohne, auf irgend einen, Antwort zu bekommen; ausgenommen den ersten, und das nur in we- nigen Zeilen, mit dem Versprechen, weitlaͤuftiger zu schreiben: ob Sie sich gleich den Tag her- nach, nach, als Sie meinen zweyten Brief bekommen hatten, wohl genug befunden haben, mit ihm froͤhlich wieder zu dem schaͤndlichen Hause zuruͤck- zukehren? Allein nach und nach mehr hievon. Jch muß eilen, ihres Briefes vom vergangenen Mittwochen Erwaͤhnung zu thun, mit dem Sie es so wohl zu spielen gewußt haben, daß er meiner Mutter in die Haͤnde fallen sollte. Jch muß Jhnen sagen, daß der Brief mir beynahe das Herz gebrochen hat. Lieber Gott! wozu haben Sie sich selbst gebracht, Fraͤulein Clarissa Harlowe! ‒ ‒ Haͤtte ich wohl glauben koͤnnen, daß Sie, nach Jhrer Flucht von dem Boͤsewicht, Jhrer so muͤhsamen und ernstlich ge- wuͤnschten Flucht, und nach einen solchen Ver- such, als er gethan hatte, sich gewinnen lassen wuͤrden, nicht nur ihm zu vergeben, sondern gar mit ihm, noch dazu ohne vermaͤhlt zu seyn, in das scheusliche Haus zuruͤckzugehen! ‒ ‒ Ein Haus, von dem ich Jhnen eine solche Nachricht gegeben hatte! ‒ Etwas erstaunliches! ‒ ‒ Was fuͤr ein berauschendes Ding ist die Liebe! ‒ ‒ Jch habe allezeit besorget, daß Sie, auch so gar Sie, dawider nicht die Probe halten wuͤrden. Sie, Jhr bestes Selbst, sind nicht entkom- men! ‒ ‒ Jn der That, ich sehe nicht, wie Sie haben erwarten koͤnnen zu entkommen. Was haben Sie zu erzaͤhlen! ‒ ‒ Sie duͤrfen es nicht erzaͤhlen, meine Wertheste: ich wollte mich anheischig gemacht haben, Jhnen al- les, was geschehen ist, vorher zu prophezeyen; haͤt- ten ten Sie mir nur gesagt, daß Sie sich noch ein- mal in seine Gewalt begeben wollten, nachdem Sie sich so viele Muͤhe gemacht, aus derselben zu entgehen. Jhre Ruhe ist zerstoͤret! ‒ ‒ Jch wun- dere mich nicht daruͤber: indem Sie sich nun selbst eine so uͤbel angebrachte Leichtglaͤubigkeit vorwer- fen muͤssen. Jhr Verstand ist angegriffen! ‒ ‒ Ge- wiß mein Herz blutet fuͤr Sie: aber verzeihen Sie mir, meine Werthe, ich vermuthe, Jhr Ver- stand ist schon angegriffen gewesen, ehe Sie Hampstead verlassen haben; sonst wuͤrden Sie sich daselbst nimmermehr von ihm haben auffin- den lassen, oder, da er Sie gefunden, zu gewin- nen gewesen seyn, in das scheusliche Hurenhaus zuruͤckzukehren. Jch sage Jhnen, ich habe drey Briefe an Sie abgelassen. Der erste vom 7ten und 8ten Jun. Siehe den V. Th. S. 135. ; denn er war auf zweymal geschrie- ben; ist Jhnen sicher zu Haͤnden gekommen: wie Sie mir in wenigen Zeilen vom 9ten Nach- richt gegeben haben. Waͤre es nicht geschehen: so wuͤrde ich meiner eignen Sicherheit wegen be- sorgt gewesen seyn; indem ich Jhnen darinn sol- che Nachricht von dem abscheulichen Hause, und solche Warnungen in Absicht auf den Tomlinson gegeben habe, daß ich desto mehr erstaunet bin, wie Sie sich haben in den Sinn kommen lassen koͤnnen, Sechster Theil. F koͤnnen, wieder dahin zuruͤckzugehen, nachdem Sie einmal von demselben und von Lovelace ent- flohen waren ‒ ‒ O meine Werthe! ‒ ‒ Nun will ich mich uͤber nichts jemals mehr wun- dern! Der zweyte vom 10ten Jun. Eben daselbst S. 509. u. f. ist Jhnen selbst am Sonntage, den 11ten, zu Hampstead in die Haͤnde geliefert: da Sie, nach meines Bo- then Erzaͤhlung von Jhnen, in wunderlichem Zustande auf einem Ruhebette gelegen; aufge- schwollen und roth von Farbe, ich weiß nicht wie. Der dritte war vom 20ten Jun. Siehe eben daselbst den LVI. Brief. . Da ich nach den wenigen Zeilen vom 9ten, worinn Sie mir weitlaͤuftiger zu schreiben versprechen, nicht ein Wort von Jhnen gehoͤrt hatte: so ge- stehe ich, daß ich Jhrer darinn nicht geschonet habe. Jch wagte es, ihn den gewoͤhnlichen Weg, durch Wilsons Hand, gehen zu lassen; weil ich keinen andern wußte: daher kann ich nicht sicher wissen, ob Sie ihn bekommen haben. Jn der That glaube ich vielmehr, daß Sie ihn nicht moͤ- gen bekommen haben: weil Sie in Jhrem Schreiben, das meiner Mutter in die Haͤnde ge- rathen ist, desselben gar nicht erwaͤhnen. Haͤtten Sie ihn empfangen: so denke ich, er wuͤrde Sie zu sehr geruͤhrt haben, daß Sie ihn haͤtten ohne die geringste Anzeige vorbey lassen sollen. Sie Sie haben gehoͤrt, daß ich krank gewesen sey, schreiben Sie. Es ist wahr, ich habe einen An- stoß vom kalten Fieber gehabt: allein es war so wenig, daß es mich kaum eine Stunde im Bette zu seyn genoͤthiget hat. Aber ich zweifle nicht, daß Sie wunderliche Dinge gehoͤrt, und sich ha- ben erzaͤhlen lassen muͤssen, damit Sie beredet werden koͤnnten, den Schritt zu thun, den Sie gethan haben. So lange, bis Sie diesen Schritt gethan hatten; ich meyne, bis Sie mit dem nie- dertraͤchtigen Kerl wieder zuruͤck gegangen waren; habe ich keine Begebenheit gewußt, die mehr Mit- leiden verdiente, als Jhr Zufall. ‒ ‒ Denn vor- her mußte Sie ein jeder entschuldiget haben, der nur gewußt, wie man zu Hause mit Jhnen um- gegangen, und Jhre Klugheit und Wachsamkeit gekannt haͤtte. Aber nun leider! meine Werthe, sehen wir, daß man sich auch auf die weisesten Leute nicht verlassen kann, wenn die Liebe, wie ein Jrrwisch, ihr verfuͤhrerisches Feuer den Augen vorhaͤlt. Meine Mutter sagt mir, sie habe Jhnen ge- antwortet, und Sie gebeten, nicht an mich zu schreiben, weil es mich nur kraͤnken wuͤrde. Ge- wiß ich bin gekraͤnket, uͤber alle Maßen gekraͤn- ket, und noch dazu in meiner Hoffnung betro- gen; das muͤssen Sie mir erlauben zu sagen: denn ich hatte allezeit gedacht, daß niemals ein solches Frauenzimmer, als Sie, bey Jhren Jah- ren, in der Welt gewesen waͤre. F 2 Jedoch Jedoch ich erinnere mich eines Entscheidungs- grundes, den Sie einmal gebrauchten; bey Gele- genheit eines Vorwurfs, der in Gesellschaft ge- gen einen vortrefflichen Prediger, welcher keinen gar vortrefflichen Wandel fuͤhrte, gemacht wur- de. Predigen und darnach thun, sagten Sie, erforderten ganz unterschiedne Gemuͤthsgaben. Wenn diese in einer Person vereinigt waͤren; so machten sie einen Mann zu einem Heiligen: gleichwie Witz und Beurtheilungskraft, wenn sie beysammen waͤren, einen großen Geist aus- machten. Sie entschieden es damals, wie ich mich be- sinne, sehr artig: aber, halten Sie mich entschul- digt, meine Werthe, niemals haben Sie es auf eine mehr uͤberzeugende Art entschieden, als durch den Theil von Jhrer letzten Auffuͤhrung, woruͤber ich mich beklage. Meine Liebe zu Jhnen und meine Beysorge fuͤr Jhre Ehre haben vielleicht verursachet, daß ich ein wenig auf das haͤrteste geschrieben. Wo- fern Sie so denken: so schreiben Sie es auf die gehoͤrige Rechnung; auf die Rechnung dieser Liebe und dieser Beysorge. Dadurch wird nichts mehr, als Gerechtigkeit, widerfahren Jhrer gekraͤnkten und getreuen A. H. Postscript. Meine Mutter wollte sich nicht zufrieden geben, ohne daß sie selbst meinen Brief laͤse, und zwar ehe ich meine Haͤckchen, wie ich mir vor- vorgenommen, gesetzet hatte. Auf die Art hat sie unsern vorigen Briefwechsel erfahren und ihn entschuldiget. Sie hat in Wahrheit schon vorher Argwohn gehabt; und auch wohl haben moͤgen: da sie mich kannte und meine Liebe zu Jhnen wußte. Sie nimmt an Jhrem Ungluͤck so viel Antheil, daß, weil sie denkt, es werde Jhnen ein Trost, und mir eine Gefaͤlligkeit seyn, sie ihre Einwilligung dazu giebt, daß Sie mir die Umstaͤnde von Jhrer traurigen Geschichte weitlaͤuftig schreiben moͤgen: jedoch unter der Bedingung, daß ich ihr alles zeige, was zwischen uns, in Absicht auf Sie selbst und auf den schaͤndlichsten Kerl, vorgefallen ist. Jch habe mich ihr hierinn um so viel williger gefaͤllig erklaͤret: weil die Mittheilung dieser Nachrichten Jhnen nicht zum Nachtheil gerathen kann. Sie moͤgen also frey schreiben, und die Briefe an unser eignes Haus richten. Meine Mutter verspricht, mir die Abschrift von ih- rem eigenen Briefe an Sie und auch Jhre Ant- wort darauf zu zeigen. Von der letzten hat sie mir eben erst gesaget. Sie suchet schon itzo die Haͤrte ihres Briefes zu entschuldigen: und meynt, ich wuͤrde zu sehr geruͤhret werden, wenn ich ihn sehen sollte. Aber da ich einmal ihr Wort habe, will ich mich nicht damit abweisen lassen. Jch vermuthe, ihre Zuschrift wird hart genug gewe- sen seyn. Das besorge ich, werden Sie auch von der meinigen denken. Allein Sie haben mich selbst gelehret, daß man des Fehlers niemals um des Freundes willen schonen solle, und daß viel- mehr ein großes Versehen an der Person, die wir hochachten, weniger zu entschuldigen sey, als an einer andern, die uns gleichguͤltig ist: weil es ei- nen Vorwurf gegen unsere Wahl, von dieser Per- son ausmachet, und die Gemuͤthsliebe zu zerstoͤren F 3 und und uns den Urtheilen' der Welt wegen unserer Parteylichkeit bloßzustellen dienet. Die Ge- muͤthsliebe, sage ich noch einmal: denn es ist un- moͤglich, daß die Fehler des liebsten Freundes unsere innere Meynung ihm nicht verschlimmern, und dadurch nicht einen Grund zu kuͤnftiger Kalt- sinnigkeit und vielleicht zu kuͤnftigem Misvergnuͤ- gen legen sollten. Gott gebe, daß Sie im Stande seyn moͤgen, Jhre Auffuͤhrung, nachdem Sie von Hampstead abge- gangen sind, zu rechtfertigen: gleichwie vor der Zeit alles edel, großmuͤthig und klug gewesen ist; der Kerl ein Teufel, und Sie eine Heilige! ‒ ‒ Jch hoffe inzwischen noch, daß Sie es thun koͤn- nen, und erwarte es daher von Jhnen. Jch sende gegenwaͤrtiges durch einen eignen Bothen. Er wird Jhre Antwort zu der von Jhnen selbst bestimmten Zeit abfordern. Mir ist bange, der scheusliche Boͤsewicht werde bey dem Postamte aufspuͤren, wo Sie sich aufhalten, wofern Sie nicht sehr behutsam sind. Geld und den Willen und den Kopf haben, ein schaͤndlicher Betruͤger zu seyn, ist fuͤr die Uebri- gen in der Welt zu viel, wenn es bey einem Men- schen zusammen kommt. Der Der achtzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Donnerstags, den 6ten Jul. W enige Personen von jungen Jahren haben wohl uͤberzeugendere Proben geben koͤn- nen, als ich selbst, wie wenig wahre Gluͤckselig- keit in dem Genusse desjenigen, was wir selbst gewuͤnschet, zu finden sey. Jch will nur ein Beyspiel von der Wahr- heit dieser Anmerkung anfuͤhren. Was wuͤrde ich vor einigen Wochen darum gegeben haben: wenn ich von meiner lieben Fraͤulein Howe, auf de- ren Freundschaft ich allen meinen uͤbrigen Trost und Hoffnung setzte, mit einem Briefe beguͤnsti- get waͤre? Jch ließ mir nicht in den Sinn kom- men, daß der erste Brief, mit dem Sie mich be- ehren wuͤrde, eine solche Sprache fuͤhren sollte, daß ich deswegen mehr als einmal auf die Un- terschrift zuruͤck sehen muͤßte, damit ich versichert waͤre, weil der Name nicht ganz ausgeschrieben, daß er nicht von einer andern A. H. unterzeich- net worden. Denn gewiß, dachte ich, dieß ist meiner Schwester Arabellens Schreibart. Wahrlich, Fraͤulein Howe; Sie mag mich in andern Stuͤcken tadeln, so viel es Jhr gefaͤllt; F 4 hat hat niemals so beißend gegen Jhre Freundinn dergleichen Worte, die bey einem erbitterten Ge- muͤthe und einem verruͤckten Kopfe geschrieben sind, wiederholen koͤnnen. Sie ist auch nimmer- mehr im Stande gewesen, Jhrer Freundinn mit unfreundlicher Haͤrte und untermengten witzigen Stichen einen Entscheidungsgrund wieder zu Gemuͤthe zu fuͤhren, der vormals von ihr gebrau- chet worden, als ihr Herz in Lust und Froͤhlich- keit durch gute Tage aufgeblasen war, wie es meinem Herzen damals ging, und gar nicht be- fuͤrchtete, daß eben der Grund einstens so strenge gegen sie selbst angewandt werden moͤchte. Allein wie schickt es sich; da meine Gluͤcks- umstaͤnde verschwunden sind; da mein guter Na- me verscherzet, meine Ehre verlohren ist; denn weil ich es weiß, bekuͤmmere ich mich nicht dar- um, wer es mehr wisse; da ich aller Freunde, ja gar aller Hoffnung beraubet bin; wie schickt es sich, daß ich gegen eine werthe Freundinn mit hitzigem Muthe deswegen murre und mich be- schwere, weil Sie nicht guͤtiger ist, als eine leib- liche Schwester? ‒ ‒ Jch finde bey der aufsteigenden Bitterkeit, die sich mit der Galle in meiner Dinte vermi- schen will, daß ich noch nicht genug nach meinen Umstaͤnden gedemuͤthiget bin. Daher bitte ich Sie um Verzeihung, daß ich meine Hoffnung zu einiger erwarteten Gewogenheit vielmehr auf die zaͤrtliche Liebe, die Sie mir sonst zu bezeigen pflegten, als auf das, was ich nun nun verdiene und mir billig bezeiget werden mag, gebauet habe. Jch will mich bemuͤhen, eine umstaͤndliche Antwort auf Jhren Brief zu geben: ob sie gleich zu viel Zeit wegnehmen wird, daß ich gedenken sollte, sie schon morgen mit Jh- rem Bothen abzusenden. Er kann seine Reise, wie er sagt, bis den Sonnabend aufschieben. Jch will also die ganze Erzaͤhlung am Sonna- bend fuͤr Sie bereit zu halten suchen. Aber, wie ich mich in allem, was mir begeg- net ist, vertheidigen soll, kann ich nicht sagen. Denn in einem Theil eben der Zeit, in welcher meine Auffuͤhrung tadelnswuͤrdig gewesen zu seyn scheinet, bin ich nicht bey mir selbst gewesen: und ich weiß bis diese Stunde noch nicht alle Mittel, die man gebrauchet hat, mich zu betruͤgen und zu schanden zu machen. Sie berichten, daß Sie mir in Jhrem ersten Briefe eine solche Nachricht von dem schaͤndli- chen Hause, worinn ich gewesen bin, und des Tomlinsons wegen solche Warnungen gegeben haben, daß Sie sich wundern, wie ich mir habe in den Sinn kommen lassen koͤnnen, wieder zu- ruͤckzugehen. Ach! meine Wertheste, ich bin betruͤgerischer Weise, hoͤchst schaͤndlicher und betruͤgerischer Weise zuruͤckgebracht: wie Sie an seinem Orte hoͤren sollen. Ohne aus Jhrer mir etwa zugedachten Nachricht zu wissen, daß das Haus so sehr schaͤndlich waͤre, missielen mir die Leute viel zu F 5 sehr, sehr, daß ich jemals freywillig dahin zuruͤckge- kehret seyn wuͤrde. Allein haͤtten Sie mir wirk- lich solche Warnungen vor Tomlinson und dem Hause geschrieben, als Sie zu thun willens gewesen zu seyn scheinen: so haͤtten dieselben mir nothwendig, wenn sie beyzeiten an mich gekom- men waͤren, unbeschreibliche Dienste thun muͤs- sen. Aber Sie haben nicht ein Wort weder von dem einen noch dem andern in Jhren ersten, oder denen dreyen Briefen gedacht, wovon Sie mir so hitzig vorhalten, daß Sie sie an mich abgelassen haͤtten. Jch will den, welchen ich habe, einschließen, um Sie zu uͤberzeu- gen Der Brief, den sie einschloß, war derjenige, den Herr Lovelace geschmiedet hatte. Siehe den V. Th. S. 358. u. f. . Wenn Sie mir noch dazu erzaͤhlen, daß Jhr Bothe mir selbst Jhren zweyten Brief uͤberlie- fert und mich so beschrieben habe, als wenn ich, in einem wunderlichen Zustande, auf einem Ruhebette gelegen, aufgeschwollen, und roth von Farbe, und Sie wissen nicht wie: so machen Sie mich ganz irre und verwirrt. Gott erbarme sich der armen Clarissa Har- lowe! ‒ ‒ Was kann dieß zu bedeuten haben! ‒ ‒ Wer war der Bothe, den Sie an mich schickten? War er auch einer von Lovelacens Werkzeugen? ‒ ‒ Konnte denn keiner, ohne nur Bundsgenossen von dem Menschen, die entweder sich als solche auf den Weg begeben hat- ten, ten, oder hernach zu solchen gemacht waren, zu mir kommen? ‒ ‒ Jch weiß nicht was ich aus einer Sylbe hievon machen soll! ‒ ‒ Jn Wahrheit, ich weiß es nicht. Wir wollen einmal sehen. Sie sagen, dieß sey geschehen, ehe ich von Hampstead abgegan- gen! ‒ ‒ Damals war mein Verstand noch nicht angegriffen ‒ ‒ Auch war mir der Kopf niemals vom Wein eingenommen gewesen! Es waͤre et- was seltsames, wenn das gewesen seyn sollte! Wie konnte man mich denn in einem wunder- lichen Zustande, aufgeschwollen und roth von Farbe, Sie wissen nicht wie, antreffen! ‒ ‒ Was fuͤr eine schaͤndliche, was fuͤr eine has- senswuͤrdige Person soll ich gleichwohl, nach Jh- res Bothen Vorstellung, gespielet haben! Allein in der That, ich weiß nichts von ir- gend einem Bothen von Jhnen. Weil ich mich zu Hampstead gesichert glaub- te: blieb ich laͤnger da, als ich sonst gethan haben wuͤrde; in Hoffnung, den Brief zu bekommen, welchen Sie mir in der kurzen Zuschrift vom 9ten versprochen hatten, die mir von meinem eignen Bothen uͤberbracht war, und in der Sie uͤber sich nehmen, nach Fr. Townsend zu schicken und dieselbe zu meinem Besten zu besprechen Siehe den V. Th. S. 347. u. f. . Jch wunderte mich, daß ich nichts von Jhnen hoͤrte: und man sagte mir, Sie waͤren krank. Zu anderer Zeit erzaͤhlte man mir, Jhre Mutter und Sie haͤtten meinetwegen einen harten Wort- wechsel wechsel gehabt, und Sie haͤtten darauf Herrn Hickmanns Besuch nicht annehmen wollen. Auf die Art vermuthete ich zu einer Zeit, daß Sie nicht im Stande waͤren zu schreiben: zu einer andern, daß Jhrer Mutter Verbot gehoͤriges Gewicht bey Jhnen haͤtte. Allein nunmehr zweifle ich gar nicht, daß der boͤse Mensch Jhre Briefe aufgefangen habe: und wuͤnsche nur, daß er nicht auch Mittel gefunden, Jhren Bothen zu bestechen, damit er Jhnen eine so seltsame Geschichte erzaͤhlen moͤchte. Es waͤre am Sonntage, den 11ten Jun. ge- wesen, sagen Sie, daß der Bothe mir den Brief gegeben. Jch war an dem Tage zweymal mit Frau Moore in der Kirche. Herr Lovelace war unterdessen in ihrem Hause, wo er seinen Tisch hatte, und auch seine Wohnung aufschlagen woll- te: aber dieß wollte ich nicht zulassen, ob ich gleich das andere nicht hindern konnte. Jn ei- ner von diesen Zeiten muß es gewesen seyn, daß er Gelegenheit gehabt, an dem Menschen zu ar- beiten. Das werden Sie leicht herausbringen, meine Werthe: wenn Sie sich nur nach der Zeit, da er in Frau Moorens Haus angekommen, und nach andern Umstaͤnden von dem wunderlichen Zustande, worinn er mich auf einem Ruhebette und so weiter gefunden zu haben vorgiebet, er- kundigen. Haͤtte mich jemand nachher gesehen, da ich verraͤtherischer Weise wieder in das schaͤndliche Haus zuruͤckgebracht war, unter der Wirkung boͤser boͤser Traͤnke arbeitete und in der That ' meines Verstandes beraubet war; denn dieß ist mein schreckliches Schicksal gewesen, wie Sie hoͤren sollen: so haͤtte ich vielleicht aufgeschwollen, und roth, und ich weiß selbst nicht wie, aussehen moͤgen. Allein sollten sie nun ihre arme Clarissa sehen, oder haͤtten Sie dieselbe zu Hampstead gese- hen, ehe sie die schaͤndlichste unter allen gewaltsa- men Beschimpfungen gelitten hatte: Sie wuͤr- den sie gewiß nicht fuͤr aufgeschwollen und rothgefaͤrbet halten; nein in Wahrheit nicht. Mit einem Worte, ich habe die Person nim- mermehr seyn koͤnnen, die ihr Bothe gesehen hat: und kann auch nicht errathen, wo es mirklich je- mand gewesen ist, wer es gewesen. Nun will ich, so kurz, als es die Beschaffen- heit der Sache leiden will, den scheuslichern Theil meiner betruͤbten Geschichte vorzustellen anfangen. Jch muß doch etwas umstaͤndlich schreiben, da- mit Sie mich nicht zu einiger Zuruͤckhaltung oder Bemaͤntelung aufgelegt ansehen. Das letztere brauche ich nicht: so viel ich mir bewußt bin. Machte ich mich aber des erstern gegen Sie schuldig: so wuͤrde keine Entschuldigung fuͤr mich seyn. Gleichwohl wuͤrden Sie Mitleiden mit mir haben: wenn Sie wuͤßten, wie mein Herz unter der Last der Vorstellungen, daß ich an so betruͤbte Dinge wieder gedenken und sie nach der Reihe erzaͤhlen soll, versinket. Weil es vielleicht nicht moͤglich seyn wird, alles, was ich zu schreiben habe, auch einmal in zween zweeu oder dreyen Briefen zusammenzufassen: so will ich mit meiner Geschichte einen neuen Brief anfangen und alles mit einander uͤbersen- den; ob es gleich zu verschiedenen Zeiten, so wie ich dazu geschickt seyn mag, geschrieben seyn wird. Erlauben Sie mir, meine Werthe, hier ein wenig inne zu halten, und mich zu unter- schreiben Jhre bestaͤndig ergebene und verbundene Clarissa Harlowe. Der neunzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Worauf der Leser im V. Theil S. 596. verwiesen ist. Donnerstags Abends. E r hatte mich zu Hampstead aufgespuͤret. Es war etwas wunderbares: denn ich weiß noch nicht, durch was fuͤr Mittel. Jch wollte Jhnen in meinem Briefchen vom 9ten Siehe den V. Th. S. 369. u. f. nicht gern etwas davon melden: weil ich besorgte, Sie wuͤrden meinetwegen in Furcht daruͤber gerathen; und außer dem damals noch hoffete, Jhnen einen kuͤrzern und gluͤcklichern Aus- Ausgang der Sache, durch Jhren Beystand, ehestens melden zu koͤnnen, als der wirkliche Er- folg fuͤr mich gewesen ist. Hierauf giebet sie Nachricht von allem, was zu Hampstead zwischen ihr, Herrn Lovelace, Capitain Tomlinson und den Weibsleuten daselbst vorgegangen ist. Es ist eben das, was Herr Lovelace schon so weitlaͤuftig erzaͤhlet hat. Da Herr Lovelace alles, was er sagte, und alles, was Capitain Tomlinson auf das nach- druͤcklichste vorstellen konnte, nicht tuͤchtig befand, mich zu bereden, daß ich eine so offenbar vorsetz- liche und so gewaltsame Beschimpfung vergeben sollte: so gruͤndete er alle seine Hoffnung auf ei- nen Besuch, den mir die Lady Elisabeth Lawran- ce und Fraͤulein Montague abstatten sollten. Unter meinen ungewissen Umstaͤnden, da alle meine Aussichten so finster waren, wußte ich nicht, zu wem ich noch zuletzt meine Zuflucht zu neh- men genoͤthigt werden moͤchte. Und weil diese Frauenzimmer den besten Ruf hatten, so daß ich Ursache hatte zu bedauren, daß ich mich nicht schon anfangs, als ich den Schutz meiner eignen Freunde verscherzet, in ihren Schutz begeben haͤtte: so dachte ich, ich wollte eine Unterredung mit ihnen eben nicht fliehen; ob ich gleich gegen ihren Verwandten viel zu gleichguͤltig war, daß ich sie haͤtte suchen sollen, da ich nicht zweifelte, es wuͤr- de de eine von den Absichten ihres Besuchs auf meine Aussoͤhnung mit ihm zielen. Am Montage, den 12ten Jun. kamen diese vermeynte vornehme Frauenzimmer nach Hamp- stead: und ihr Anverwandter stellte mich ihnen, und sie mir, vor. Sie waren reich geputzet und mit Juwelen behangen. Die, welche die vorgegebene Lady Elisabeth trug, waren sonderlich sehr fein. Sie kamen in einer Kutsche mit vier Pfer- den, die nach ihrem Gestaͤndnisse nur gemiethet war, weil ihre eigne unterdessen zu London aus- gebessert werden sollte: ein Vorgeben, welches, wie ich nun merke, dazu gebraucht wurde, damit ich den Betrug nicht daraus muthmaßen moͤch- te, daß die Wapen der wirklichen Lady auf der Kutsche fehlten. Die Lady Elisabeth hatte ihre Kammerfrau bey sich, welche sie Morrison nann- te, eine sittsame landmaͤßige Person. Jch hatte gehoͤrt, daß die Lady Elisabeth eine feine Frau, und die Fraͤulein Montague ein jun- ges schoͤnes Frauenzimmer, hoͤflich, angenehm und voller Lebhaftigkeit waͤre. So waren auch diese Betruͤgerinnen. Da ich keine von beyden jemals gesehen hatte: so fiel mir nicht der geringste Argwohn ein, daß sie nicht in der That die Frau- enzimmer, deren Person sie vorstelleten, seyn soll- ten. Ja weil mich ihre reiche Kleidung ein we- nig stutzig machte: so konnte ich mich nicht em- brechen, ich Thoͤrinn! meinen Anzug zu entschul- digen. Die Die vermeynte Lady Elisabeth erzaͤhlte mir hierauf, daß ihr Enkel ihnen Nachricht gegeben haͤtte, wie die Sachen zwischen uns stuͤnden. Und ob sie gleich gestehen muͤßte, es waͤre ihr sehr lieb, daß er keine solche Geringschaͤtzung gegen den Lord und sie bewiesen haͤtte, als sie nach dem ausgebreiteten Geruͤchte, welches sie gleichwohl in Ansehung der dazu gehabten Ursachen sehr billig- ten, zu befuͤrchten Grund gehabt: so waͤre es doch ihr und ihrer Neffe Montague sehr nahe ge- gangen, und wuͤrde der ganzen Familie eben so nahe gehen, daß sie ein so großes Misverstaͤndniß zwischen uns noch gegenwaͤrtig finden sollte, wel- ches alle ihre Hoffnungen, wofern es nicht abge- than wuͤrde, weit hinaussetzen moͤchte. Sie koͤnnte leichtlich sagen, sprach sie, wer Schuld haͤtte, ‒ ‒ und warf dabey einen so wohl zornigen als veraͤchtlichen Blick auf ihn. Sie fragte ihn, wie es ihm moͤglich gewesen waͤre, ei- ne so reizende Fraͤulein; so nannte sie mich; auf eine solche Art zu beleidigen, daß es zu einem so heftigen Unwillen Anlaß geben sollte. Er stellte sich, als wenn er vor Ehrfurcht zur Schaam und zum Stillschweigen gebracht waͤre. Meine wertheste Base, fuhr sie fort und faßte mich bey der Hand; ich muß sie meine Base nennen, so wohl aus Liebe, als auch damit ich dem loͤblichen Vorschlag ihres Onkels gemaͤß handeln; erlauben sie mir, nicht eine Fuͤrspreche- rinn, sondern nur eine Mittelsperson fuͤr ihn zu Sechster Theil. G seyn: seyn: und das nicht so viel seinetwegen, als um mein selbst, um meiner Charlotte und um unserer ganzen Familie willen. Seine unanstaͤndige Auf- fuͤhrung gegen sie mag vielleicht von einer allzu zaͤrtlichen und bedenklichen Beschaffenheit seyn, daß man sich genau darnach erkundigen duͤrfte. Aber, da er versichert, daß es keine vorsetzliche Beleidigung gewesen, es mag nun seyn, meine Wertheste; denn ich fing schon an, unwillig dar- uͤber zu werden; oder nicht seyn; da er seine Reue daruͤber bezeiget; und niemals habe ich jemand eine empfindlichere Reue uͤber eine Beleidigung an den Tag legen gesehen, als er hierbey wircklich that; und da endlich die Beleidigung selbst noch wieder gut zu machen ist: so lassen sie Uns fuͤr dieß einzige mal ihm noch vergeben, und dadurch diesem so oft fehlenden Menschen eine Verbind- lichkeit auflegen. ‒ ‒ Lassen sie Uns, sage ich, meine Wertheste: denn, mein Herr; und so wandte sie sich zu ihm; eine Beleidigung gegen eine so unvergleichliche Fraͤulein, als dieß ist, muß eine Beleidigung gegen mich, gegen ihre Base allhier, und gegen alle tugendhafte Per- sonen unseres Geschlechtes, seyn. Sehen Sie, meine liebe Freundinn, was er fuͤr eine Creatur ausgesucht hatte! Haͤtten Sie wohl denken koͤnnen, daß eine Weibsperson in der Welt waͤre, die sich so ausdruͤcken und doch von schaͤndlichem Gemuͤthe seyn koͤnnte? Allein sie hatte ihren Unterricht hauptsaͤchlich von ihm, und das noch dazu schriftlich, wie ich Ursache ha- be be zu denken. Denn ich habe mich nachher be- sonnen, daß vor meinen Augen diese Lady Elisa- beth; welche oft von ihrem Stuhl aufstand, und mit solcher Bewegung, als wenn sie vor herzli- cher Freude nicht still sitzen koͤnnte, an das andere Ende des Zimmers spatzieren gieng; einmal ein Papier aus ihrer Schnuͤrbrust hervorzog, hinein- sahe, und es darauf wieder hinsteckte. Sie mag es wohl oͤfterer gethan, und ich es nicht bemerket haben: denn ich ließ mir gar nicht in den Sinn kommen, daß solche Betruͤgerinnen in der Welt seyn sollten. Jch konnte mich nicht entbrechen, auf das, was sie sagte, viele Aufmerksamkeit zu richten. Jch fand, daß die Thraͤnen schon heraus brechen wollten. Jch zog mein Schnupftuch aus und schwieg stille. Mir war seit langer Zeit von kei- ner Person von Stande und Vorzuͤgen; und da- fuͤr sahe ich sie an; so leutselig begegnet worden: und ich durfte dem Ton von meiner Stimme nicht trauen. Die vermeynte Fraͤulein Montague stimmte bey dieser Gelegenheit mit ein. Sie zog ihren Stuhl ganz nahe an mich, faßte mich bey der an- dern Hand, und bat mich, ihrem Vetter zu ver- geben und mir gefallen zu lassen, mich selbst als eine der vornehmsten Personen einer Familie, die lange, sehr lange, nach der Ehre einer Verbin- dung mit mir begierig gewesen waͤre, in diese Fa- milie zu versetzen. G 2 Jch Jch schaͤme mich itzo, werthe Freundinn, da ich weiß, was es fuͤr nichtswuͤrdige Personen ge- wesen sind, Jhnen alle das Zaͤrtliche, das Verbind- liche, und das Ehrerbietige zu wiederholen, was ich zu denselben sagte. Darauf kam der nichtswuͤrdige Mensch selbst hervor. Er warf sich zu meinen Fuͤßen. Wie war ich besetzt! ‒ ‒ Die Weibsleute hielten, ei- ne, meine rechte, die andere, meine linke Hand. Die vermeynte Fraͤulein Montague druͤckte mehr als einmal die Hand, welche sie gefaßt hatte, an ihre Lippen. Der boͤse Mensch bat auf den Knie- en flehentlich um Vergebung, und stellte mir meine gluͤcklichen und ungluͤcklichen Umstaͤnde vor Augen, die ich zu erwarteu haben wuͤrde, nachdem ich ihm entweder vergeben oder nicht vergeben wollte. Al- les, was er unter den vorhergehenden Vorstellungen von ihm und von dem Capitain Tomlinson fuͤr geschickt hielte, mich zu ruͤhren, wiederholte er. Er gelobte, er versprach, er bat die vermeynten ehrlichen Frauenzimmer, fuͤr ihn gut zu sagen: und diese setzten ihre Ehre fuͤr ihn zum Pfande. Jn Wahrheit, meine Wertheste, ich war in der Enge, vollkommen in der Enge. Es war mir leid, daß ich diesen Besuch zugelassen hatte. Denn ich wußte nicht, wie ich, bey der Zaͤrtlichkeit gegen so wuͤrdige Anverwandten, wofuͤr ich sie ansahe, einem so nahen Angehoͤrigen von ihnen so frey begegnen sollte, als er es verdiente. ‒ ‒ Dadurch verlohren meine Gruͤnde und meine Entschließungen ihre groͤßte Staͤrke. Jch Jch stellte inzwischen vor, daß ich mich an Sie gewandt haͤtte. Jch erwartete alle Stunden, sagte ich, von Jhnen eine Antwort auf einen mei- ner Briefe, welche mein kuͤnstiges Schicksal ent- scheiden wuͤrde. Sie erboten sich dagegen, sich selbst in Per- son zu ihrem eignen Besten, wie sie es mit vie- ler Hoͤflichkeit ausdruͤckten, an Sie zu wenden. Sie baten mich, an Sie zu schreiben, daß Sie Jhre Antwort beschleunigen moͤchten. Jch versetzte, ich wuͤßte gewiß, daß Sie den Au- genblick schreiben wuͤrden, so bald der Erfolg von einem Gesuch bey einer dritten Person Sie in den Stand dazu setzen wuͤrde ‒ ‒ Allein was die Er- fuͤllung ihres Begehrens fuͤr ihren Anverwandten betraͤfe: so kaͤme die nicht auf die erwartete Ant- wort an. Denn davon, sie wuͤrden es mir ver- verzeihen, waͤre die Frage nicht. Jch wuͤnschte ihm alles Gutes. Jch wuͤnschte, daß er gluͤcklich seyn moͤchte. Aber ich waͤre uͤberzeuget, daß we- der ich ihn, noch er mich, gluͤcklich machen koͤnnte. O! wie versprach hierauf der nichtswuͤrdige Mensch von neuem! ‒ ‒ Wie gelobte er! ‒ ‒ Wie flehentlich bat er! ‒ ‒ Und wie nachdruͤck- liche Vorstellungen thaten die Weibsleute! Sie verpfaͤndeten sich selbst und die Ehre ihrer ganzen Famlie fuͤr sein gerechtes, sein liebreiches, sein zaͤrtliches Bezeigen gegen mich. Kurz, meine werthe Freundinn, mir ward so hart zugesetzet, daß ich einen vortheilhaftern G 3 Vertrag, Vertrag, als ich willens gewesen war, einzuge- hen genoͤthigt wurde. Jch wollte Jhre Ant- wort auf meinen Brief erwarten, sagte ich: und wo diese die Maaßregeln, wozu ich mich ent- schlossen, und die Lebensart, die ich mir vorge- nommen haͤtte, zweifelhaft und schwierig machte; so wollte ich alsdenn die Sache uͤberlegen, und wenn sie es erlauben wollten, ihnen alles vorstel- len, und gemeinschaftlich mit Jhnen, meine lieb- ste Freundinn, ihren Rath daruͤber hoͤren, als wenn die eine meine eigne Tante, und die andere meine eigne Base waͤre. Daruͤber vergossen sie Thraͤnen ‒ ‒ Freu- denthraͤnen hießen es bey ihnen ‒ ‒ Aber ich halte sie nach der Zeit zu ihrer eignen Ehre, so gottlos sie auch sind, fuͤr Thraͤnen, die eine voruͤ- bergehende Regung des Gewissens erzeugte. Denn die vermeynte Fraͤulein Montague, wandte sich um, und sagte, wie ich mich besinne, es waͤ- re nicht auszuhalten. Hingegen Herr Lovelace ließ sich nicht so leicht befriedigen. Vielleicht hatte er seine schaͤndliche Maaßregeln schon fest gesetzet, und mochte also gern einen Vorwand wider mich haben wollen. Er biß sich auf die Lefzen. ‒ ‒ Er waͤre nur all- zuviel, sprach er, zu solcher Gleichguͤltigkeit und solcher Kaltsinnigkeit selbst mitten unter dem gluͤck- lichsten Anschein fuͤr sich gewoͤhnet ‒ ‒ Jch haͤt- te ihm wohl bey zwanzig Gelegenheiten zu seinem groͤßten Leidwesen gezeiget, daß alle Gewogenheit, die ich ihm haͤtte erweisen wollen, sich auf ‒ ‒ Hier Hier brach er ab ‒ ‒ und nicht auf meine Nei- gung gruͤnden sollte. Dieß haͤtte beynahe alles wieder umgestoßen. Jch ward ausnehmend dadurch beleidiget. Aber die vermeynten Anverwandtinnen schlugen sich ins Mittel. Die aͤltere gab ihm einen ernstlichen Verweis. Er muͤßte, sprach sie, mit dem, was ich gesagt haͤtte, zufrieden seyn. Sie verlangte keine andere Bedingung. Und was, mein Herr, fuhr sie mit einer gebieterischen Miene fort, woll- ten sie Fehler begehen und dafuͤr Belohnung erwarten? Hiernaͤchst unterhielten sie mich mit einer an- genehmen Unterredung ‒ ‒ Die vermeynte La- dy erklaͤrte sich, daß sie, der Lord M. und die Lady Sarah sich unmittelbar und persoͤnlich an- gelegen seyn lassen wollten, eine allgemeine Aus- soͤhnung zwischen den beyden Familien zu Stande zu bringen, und dieß entweder in offenbarer oder geheimer Verabredung mit meinem Onkel Harlo- we, wie man es fuͤr gut finden wuͤrde. Die Feindseligkeiten waͤren an einer Seite sehr weit getrieben, sagte sie: und an der andern haͤtte man zu wenig Sorgfalt bewiesen, die erbitterten Ge- muͤther zu besaͤnftigen oder zu heilen. Mein Vater sollte sehen, daß sie mit ihm als einem Bruder und einem Freunde umgehen koͤnnten: und mein Bruder und meine Schwester sollten uͤberzeuget werden, daß keine Ursache zu der Ei- fersucht oder dem Neide vorhanden waͤre, welchen G 4 sie sie aus allzu unanstaͤndigen Bewegungsgruͤnden, als daß man sie gestehen moͤchte, gefasset haͤtten. Konnte, ich wohl anders, als vergnuͤgt mit ihnen seyn, wertheste Freundinn? ‒ ‒ Erlauben Sie mir, hier abzubrechen. Die Arbeit wird itzo zu schwer fuͤr das Herz Jhrer Clarissa Harlowe. Der zwanzigste Brief Die Fortsetzung von Fraͤulein Clarissa Harlowe. J ch befand mich sehr uͤbel, und ward genoͤthigt, meine Feder niederzulegen. Jch dachte, ich wurde eine Ohnmacht bekommen haben. Aber nun ist mir besser ‒ ‒ Also will ich fortfahren. Je mehr wir schwatzten: desto mehr schienen die verstellten Frauenzimmer fuͤr mich eingenom- men zu werden. Die Lady Elisabeth hatte Fr. Moore heraufgerufen, und fragte sie, ob sie fuͤr ihre Neffe und sie selbst, ingleichen fuͤr ihre Kam- merfrau und zween Diener auf drey oder vier Tage noch Gelegenheit haͤtte? Herr Lovelace antwortete an ihrer Stelle, ja sie haͤtte noch Gelegenheit. Sie Sie wollte ihre werthe Base Lovelacen nicht fragen; erlauben sie mir, meine Allerliebste, sagte sie dabey leise zu mir, diese Art zu reden vor Fremden zu gebrauchen! ‒ ‒ Jch will ihres Onkels Geheimniß nicht verrathen; ob sie willkommen seyn wuͤrde, oder nicht, wenn sie ihr so nahe waͤre. Allein so lange sie in diesen Gegenden bleiben sollte, wollte sie alle Abend herauf kommen ‒ ‒ Was sagen sie dazu, Base Charlotte? Die vermeynte Charlotte antwortete, ihr wuͤr- de es vor allen Dingen angenehm seyn. Die Lady Elisabeth nannte sie ein gefaͤlliges Maͤgdchen. Jhr gefiele der Ort, sagte sie, Jh- re Base Leeson wuͤrde sie entschuldigt halten. Die Luft und meine Gesellschaft wuͤrde ihr gut seyn. Sie waͤre niemals gern in dem raͤucherich- ten London, wenn sie es aͤndern koͤnnte. Kurz, meine Wertheste, sprach sie zu mir, ich will hier bleiben, bis sie von der Fraͤulein Howe Nach- richt haben und mir ihr Wort geben, mit mir nach Glenham-Hall zu gehen. Nicht einen Au- genblick will ich aus ihrer Gesellschaft seyn, wenn ich sie haben kann. Stedman, mein Anwald, mag hierher zu mir kommen, meinen Willen zu vernehmen: da der Weg von London bis hierher so kurz ist. Base Charlotte, ein Wort mit ih- nen, Kind. Sie gingen an das andere Ende des Zim- mers, und schwatzten von ihren Nachtkleidern. G 5 Die Die Fraͤulein Charlotte sagte, man koͤnnte Morrison darnach schicken. Das ist wahr, versetzte die andere ‒ ‒ Aber sie haͤtte einige Briefschaften in ihrem geheimen Kaͤstchen, die sie herauf haben muͤßte. Und sie wissen, Charlotte, daß ich die Schluͤssel dazu nie- mand anvertraue. Koͤnnte Morrison das Kaͤstchen nicht herauf- bringen? Nein. Sie glaubte, es waͤre am sichersten da, wo es waͤre. Sie haͤtte von einem Stra- ßenraub gehoͤrt, der erst seit zween Tagen unten am Huͤgel von Hampstead veruͤbet worden: und sie wuͤrde ungluͤcklich seyn, wenn sie ihr Kaͤstchen verloͤre. Also muͤßte sie nur nach London fahren und sich abkleiden. Sie wollte ihre Juwelen dort zu- ruͤcklassen und so wiederkommen. Alsdenn wuͤr- de es ihr in allen Stuͤcken ein großes Theil be- quemer seyn. Jch meines Theils wunderte mich, daß sie mit ihren Juwelen herauf kamen. Allein das sollte als eine Achtung fuͤr mich angesehen wer- den. Außerdem ließen sie sich verlauten, daß sie noch einen andern Staatsbesuch abzulegen wil- lens gewesen waͤren, wenn sie mich nicht so un- aussprechlich einnehmend befunden haͤtten. Sie schwatzten laut genug, daß ich sie hoͤren konnte: sonder Zweifel mit Fleiß, ob sie sich gleich stelleten, als wenn sie leise reden woll- ten. ten. Jhre Unterredung endigte sich mit großen Lobeserhebungen von mir. Jch war nicht so thoͤricht, daß ich ihre Lob- spruͤche glaubte oder dadurch aufgeblasen wurde. Jnzwischen, weil ich keinen Argwohn gegen sie hatte: war ich nicht uͤbel mit einem so vortheil- haften Anfange einer Bekanntschaft mit vorneh- men Frauenzimmern, von denen ich allemal mit Ruhm und Ehre hatte reden gehoͤret, zufrieden; ich mochte nun ihre Verwandtinn werden, oder nicht. Und gleichwohl dachte ich schon damals, so hoch ich auch von ihnen erhoben wurde, daß sie in einer oder der andern Betrachtung; ob ich gleich nicht eben wußte, in welcher; lange nicht an dasjenige reichten, was ich mir von ihnen vorgestellet hatte. Der große Betruͤger war unterdessen auch an dem andern Ende des Zimmers, nur auf ei- ner andern Seite: nach aller Wahrscheinlichkeit aus keiner andern Ursache, als damit er mir Ge- legenheit geben moͤchte, jene verabredete Lobeser- hebungen zu hoͤren. ‒ ‒ Er sahe in ein Buch, welches seine Aufmerksamkeit nicht auf einen Au- genblick an sich gezogen haben wuͤrde, wenn nicht alles so verabredet gewesen waͤre. Es war Tay- lors heiliges Leben und Sterben. Als die verkleideten Frauenzimmer wieder zu mir gingen, kam er auch zu mir, und hatte das Buch in der Hand. ‒ ‒ Ein lebhaftes Buch, meine Wertheste! ‒ ‒ Dieser alte Gottesgelehr- te nimmt, wie ich sehe, eine gewaltig blumen- reiche reiche Schreibart an, bey einer sehr ernsthaften und wichtigen Sache. Es faͤllt mir dabey ein auf dem Lande gewoͤhnliches Leichenbegaͤngniß ein, wo die jungen Weibspersonen, zu Ehren ihrer verstorbenen Gespielinn, sonderlich wenn sie eine Jungfer gewesen, oder dafuͤr gehalten worden ist, aus ihrem Sarge ein Blumenbette machen. Darauf legte er das Buch weg, und drehete sich mit einer von seinen gewoͤhnlichen lustigen Mienen auf einem Fuße herum. So haben sie sich wirklich vorgenommen, meine Lady und Fraͤulein, ihren Aufenthalt bey meiner reizenden Schoͤnen zu nehmen? Ja, in Wahrheit. Es sind wohl niemals verschmitztere und listi- gere Betruͤgerinnen in der Welt gewesen, als diese Weibsleute. Gewiß sie hatten recht aus- gelernt und den Handel lange getrieben. Jedoch waren sie artig und mußten eine gute Erziehung gehabt haben ‒ ‒ Vielleicht moͤgen sie vormals eben so gut, als ich, ihrer Eltern Lust und Ver- gnuͤgen gewesen, und wer weiß durch was fuͤr Kuͤnste, an Seel und Leib verderbet worden seyn! ‒ ‒ O meine liebe Freundinn, wie frucht- bar ist diese Betrachtung! Aber der Kerl! ‒ ‒ Es muß niemals ein so unergruͤndlicher Mensch, ein so vollkommener Betruͤger auf Erden gewesen seyn: den abscheu- lichen Tomlinson ausgenommen, dem seine Jahre und Ernsthaftigkeit, bey einer Gruͤndlichkeit im Denken und Urtheilen, die etwas außerordent- liches liches schien, Vorzuͤge in der Betruͤgerey gaben, wie man gedacht haben moͤchte, welche jener noch nicht Zeit gehabt hatte zu erlangen. Es ist et- was hartes, recht sehr hartes, daß ich in die Be- kanntschaft mit zween solchen Buben habe gera- then sollen; da nicht zween von der Art mehr, wie ich hoffe, in der Welt zu finden sind: ‒ ‒ die beyde so fest entschlossen gewesen sind, die un- menschlichsten und treulosesten Anschlaͤge gegen eine arme junge Person, welche keinem von ihnen jemals Leid gethan oder gewuͤnschet hatte, fort- zutreiben. Lassen Sie sich mit der folgenden kurzen Nach- richt von dem Betragen jener Weibsbilder und dieses Menschen gegen einander dienen. Herr Lovelace wandte sich mit großer Ehrer- bietung zu seiner vorgegebenen Tante, und be- zeigte gegen alles, was sie sagte, viele Achtung. Er ließ ihr bey den Antworten und eintreibenden Vorwuͤrfen, welche zwischen ihnen vorfielen, al- len Vortheil uͤber sich. Jch konnte in der That leicht sehen, daß er es mit Vorbedacht gesche- hen ließ, und den scharfsinnigen Witz, die Geschwindigkeit in lebhaften Antworten mit Fleiß zuruͤckhielte, welche er gegen die vermeynte Fraͤu- lein Montague niemals sparte, und welche ein witziger Kopf selten zu sparen weiß, wenn sich eine Gelegenheit zeiget, seinen Witz auszukramen. Die untergeschobene Fraͤulein Montague war noch ehrerbietiger in ihrem Bezeigen gegen ihre Tante. Die Tante aber beobachtete allezeit das das Ansehen desjenigen Standes, den sie ange- nommen hatte, und machte sich uͤber beyde lustig: mit dem Wesen einer Person, die sich auf den Vorzug ihrer Jahre und Gluͤcksumstaͤnde uͤber juͤngere Personen, welche eine Absicht haben mochten, ihr entweder in ihrem Leben, oder nach ihrem Tode, verbunden zu seyn, verlaͤsset. Das Haͤrteste in ihren Scherzreden fiel in- zwischen auf Herrn Lovelace, bey Gelegenheit des Rufs, in dem die Leute stuͤnden, welche un- sere vorigen Zimmer zu London vermietheten. Jch haͤtte wohl gethan, sagte sie, daß ich mich am besten gesichert gehalten, wenn ich sie in ge- heim verließe. Dieß machte mich stutzig. Denn, da ich da- mals noch keinen Verdacht auf den schaͤndlichen Tomlinson hatte: so schloß ich; und Jhr Brief vom 7ten Der von ihm geschmiedete Brief in dem V. Theile, S. 358. u. f. kam meinen Schluͤssen zu statten; daß, wenn das Haus beruͤchtigt waͤre, entweder er, oder Herr Mennell, mir oder ihm etwas da- von wuͤrde zu verstehen gegeben haben. ‒ ‒ Jch hatte auch, ob mir gleich die Leute nicht gefielen, nichts sehr tadelnswuͤrdiges an ihnen bemerket, bis auf den Mittwochen Abend vorher, da sie mir nicht zu Huͤlfe kommen wollten, ob sie gleich so nahe waren, wie ich versichert bin, daß sie meine Beklemmung hoͤren konnten, und auch uͤber das Feuer, wenn es nicht bloß etwas ver- abredetes abredetes gewesen waͤre, eben so viel Ursache hatten, erschrocken zu seyn, als ich. Jch warf bey diesem Wink einen unwilligen Blick auf Herrn Lovelace. Er schien beschaͤmt zu seyn. Jch habe nicht Gedult, mich nur einmal der scheinbaren Blicke dieses schaͤndlichen Betruͤgers zu erinnern. Aber wie war es moͤglich, daß selbst diese rednerische Gewalt, die er uͤber seine Mienen hat, ihn in den Stand setzen sollte eine Schaamroͤthe nach seinem Belieben zu Dienste zu haben? Denn roth ward er wirklich, mehr als einmal: und die Roͤthe bey dieser Gelegenheit war hochgefaͤrbt Karmesin; nicht erzwungen, sondern ganz na- tuͤrlich, wie ich dachte ‒ ‒ Jedoch er besitzt so viel von der Kunst, fremde Personen zu spielen, daß er geschickt scheinet, einen jeden Character anzu- nehmen: und es hat das Ansehen, als wenn sei- ne Muskeln und Gesichtszuͤge seinem boͤsen Wil- len gaͤnzlich zu Gehorsam unterworfen sind Es ist noͤthig zu erinnern, daß des Herrn Love- lacens Erroͤthung eine weit natuͤrlichere Ursache hatte, als diese, welche die Fraͤulein angiebet. Er ward vor Unwillen roth, wie er nachher sei- nem Freunde, Belford, im Umgange erzaͤhlet hat. Denn seine vorgegebene Tante hatte dar- inn ihre Rolle verfehlet, daß sie das Haus ver- warf: und er hatte viele Muͤhe, das Versehen wieder gut zu machen; indem er genoͤthigt wurde, sich nach ihr zu richten, und seinen ersten Vor- satz zu aͤndern. Dieser war aber, daß von den Leuten in dem Hause gut sollte gesprochen wer- den . Die Die vermeynte Lady fuhr fort, und sagte, sie haͤtte sich die Muͤhe genommen, von den Leu- ten Erkundigung einzuziehen, da sie gehoͤret, daß ich das Haus mis vergnuͤgt verlassen haͤtte. Nun waͤre ihr zwar nichts sehr uͤbels, aber doch genug zur Nachricht geworden, daß sie sich wundern koͤnnte, daß er den Schluß gefaßt, sei ne Braut, eine Person von so sehr zaͤrtlicher Ge- muͤthsart, in ein Haus zu bringen, welches, wo nicht einen boͤsen, doch auch keinen guten Rus haͤtte. Sie muͤssen nothwendig gedenken, werthe Freundinn, daß mir die falsche Lady Elisabeth hieruͤber noch besser gefallen habe. Jch vermu- the, daß eben diese Absicht dabey gewesen sey. Es machte ihn bestuͤrzt, sagte er, daß die Lady von den Leuten etwas Boͤses gehoͤrt haben sollte. Er haͤtte noch niemals gehoͤrt, daß sie ei- nen solchen Ruf verdienten. Es waͤre freylich leicht zu sehen, daß sie eben nicht von sehr zaͤrtli- cher Gemuͤthsart waͤren: jedoch waͤren sie auch nicht ganz ohne Bedenklichkeit. Die Beschaf- fenheit der Mittel, wodurch sie ihren Unterhalt suchen muͤßten, da sie Zimmer vermietheten, und Kostgaͤnger hielten, veranlassete sie, sich eines freyen und gefaͤlligen Bezeigens zu befleißigen: und gleichwohl haͤtte er vernommen, daß sie sich viel den, damit sie sich bereden ließe, wieder dahin zuruͤck zu kehren, wenn es auch nur unter dem Vorwand geschehen moͤchte, daß sie ihre Kleider nach Hampstead bringen ließe. viel Bedenken bey der Wahl ihrer Leute mach- ten. Es waͤre schwer fuͤr Personen von munte- rer Gemuͤthsfassung, sich so zu verhalten, daß sie allem Tadel entgingen. Offenherzigkeit und ein freyes Ansehen stellten nur gar zu oft rechtschaffe- ne Frauenzimmer, deren Gluͤcksumstaͤnde sie nicht uͤber die Urtheile der Welt hinaussetzten, lieblosen Vorwuͤrfen bloß: desto mehr waͤren sie zu bedauren. Er wuͤnschte inzwischen, Jhre Gnaden moͤch- ten erzaͤhlen, was sie gehoͤrt haͤtten: ob es gleich itzo wenig bedeutete; weil er niemals von mir verlangen wollte, einen Fuß wieder in ihr Haus zu setzen. Er baͤte zugleich, die Sache nicht ge- ringer zu machen, als sie waͤre. Es sey nichts großes, versetzte sie. Sie haͤt- te nur gehoͤrt, daß mehr Weibsleute, als Manns- personen, in dem Hause wohnten: aber mehr Mannspersonen, als Weibsleute, zum Besuche zu ihnen kaͤmen. Und dieß waͤre ihr; vielleicht von Uebelgesinnten, dafuͤr koͤnnte sie nicht stehen; auf eine solche Art hinterbracht worden, als wenn etwas mehr damit gemeynet waͤre, als gesaget wuͤrde. Dieß, antwortete er, waͤre der eigentliche Weg, andere durch verdeckte Anzeige zu beurthei- len, der bey Verlaͤumdern gewoͤhnlich waͤre. Ein jeder Mensch, und ein jedes Ding, haͤtte eine schwarze und eine weisse Seite, nach dem es Uebelgesinnten und Wohlgesinnten gefiel es vor- zustellen. Er haͤtte bemerkt, daß die Zimmer Sechster Theil. H vorn vorn heraus wohl vermiethet waͤren, und, wie er glaubte, mehr an Personen von dem einen als von dem andern Geschlechte. Denn er haͤtte bey Gelegenheit verschiedne artige Frauenzimmer von sittsamen Wesen hin und her gehen gesehn, die nach aller Wahrscheinlichkeit nicht so unbeliebt waͤren, daß sie nicht Besuch und Freundschaft von Personen beyderley Geschlechts haben sollten. Allein die gingen uns alle nichts an, noch wir ihnen. Wir waͤren niemals in einer von ihren Gesell- schaften gewesen: sondern haͤtten uns in dem ar- tigsten und stillesten Hause von beyden aufgehal- ten, welches wir gewissermaßen fuͤr uns allein gehabt, nebst dem Gebrauch eines Saals nach der Gasse zu, um als ein Zimmer fuͤr Bediente, oder zu geringerm Besuch, oder bloß fuͤr unsere Handwerksleute, die wir nicht haͤtten hinauf kom- men lassen wollen, zu dienen. Er haͤtte gern allezeit so reden moͤgen, wie er es befunden. Niemand in der Welt haͤtte mehr durch Verlaͤumdung gelitten, als er selbst. Frauenzimmer, gestuͤnde er, muͤßten sich mehr Bedenken machen als Mannspersonen, wo sie wohnten. Unterdessen wuͤnschte er, daß sie ihr Urtheil vielmehr auf wirklich geschehene Din- ge als auf bloßen Verdacht gruͤnden moͤchten, sonderlich wenn sie selbst von einander redeten. Er wollte hiemit eben denen Personen, wel- che Jhrer Gnaden die Nachricht gegeben, oder vielmehr den Argwohn beygebracht haͤtten, kei- ne Vorwuͤrfe machten, sie moͤchten seyn, wer sie woll- wollten. Auch hielte er sich nicht verbunden, anderer Gemuͤthsart, die angegriffen waͤre, oder wovon tugendhafte und ehrliebende Frauenzim- mer keine gute Meynung hegten, zu vertheidigen. So haͤtten auch diese Leute zu wenig zu bedeu- ten, daß man von ihnen so viel Worte machte. Die vermeynte Lady Elisabeth versetzte, alle, die sie kenneten, wuͤrden sie von der Tadelsucht freysprechen. Sie muͤßte gestehen, es braͤchte ihr einige gute Meynung von den Leuten bey, daß er so lange mit mir bey ihnen gewesen waͤre, daß ich vielmehr verneinende als bejahende Gruͤnde haͤtte, warum sie mir nicht gefielen, und daß ein so verschmitzter Mann, als Capitain Tomlinson seyn sollte, keine Einwendungen ge- gen sie gemacht haͤtte. Jch denke, Base Charlotte, fuhr sie fort, weil mein Enkel diese Zimmer noch nicht verlas- sen hat, so wollen wir, sie und ich; denn da mei- ner werthen Fraͤulein Harlowe die Leute nicht ge- fallen, so moͤchte ich sie nicht um ihre Gesellschaft ersuchen; einige Schaͤlchen Thee daselbst mit meinem Enkel nehmen, ehe wir aus London ge- hen: und dann werden wir sehen, was es fuͤr Leute sind. Jch habe gehoͤrt, daß Fr. Sinclair eine gewaltig widrige Frau sey. Von Herzen gern, gnaͤdige Frau. Jn ihrer Gnaden Gesellschaft werde ich kein Bedenken haben allenthalben hinzugehen. Es war ihre Gnaden bey jedem Worte: und da sie auf ihren Titel und so gar auf ihren H 2 Putz Putz stolz zu seyn schiene, haͤtte ich wohl vermu- then moͤgen, daß sie zu keinem von beyden ge- wohnt waͤre. Was sagen sie, Vetter Lovelace? Die Lady Sarah fragt sehr genau nach allen ihren Sachen: ob sie gleich niedergeschlagenen Gemuͤths ist. Jch muß ihr von allen und jeden Umstaͤnden Nach- richt geben, wenn ich hinunter reise. Von Herzen gern. Er wollte ihr, wenn es ihr gefiele, zu Befehl stehen. Sie wuͤrde sehr artige Zimmer und recht hoͤfliche Leute finden. Der Henker muß in ihnen seyn, sagte die Fraͤulein Montague, wo sie uns anders vor- kommen. Hierauf fiel die Unterredung auf Familien- sachen: auf die Gluͤckseligkeit der Familie durch meinen gehofften Beytritt zu derselben. Sie beruͤhrten das große Verlangen, welches der Lord M. und die Lady Sarah truͤgen, mich zu sehen und zu sprechen. Wie viele Freunde und Be- wunderer, mit aufgehabenen Haͤnden, wuͤrde ich haben! O! meine Wertheste, wie mußten diese Weibsbilder, und er, alle diese Zeit herdurch uͤber das arme Schlachtopfer frohlocken! ‒ ‒ Was wuͤrde er fuͤr ein gluͤck- licher Mann seyn! ‒ ‒ Sie wollten sich selbst, sprach die Lady Elisabeth, nicht den Kummer machen, nur einmal zu vermuthen, daß ich nicht mit Jhnen sollte vereinigt werden! Man ließ sich etwas von Geschenken merken. Sie haͤtte sich vorgesetzet, hieß es, daß ich mit ihr nach nach Glenham-Hall gehen sollte. Sie wollte es sich nicht abschlagen lassen: wenn sie auch ei- ne ganze Woche uͤber ihre Zeit um meinetwillen bleiben muͤßte. Es verlangte sie nach dem Briefe, den ich von Jhnen erwartete. Jch muͤßte schreiben, ihn zu beschleunigen, und der Fraͤulein Howe zu wis- sen zu thun, wie die Sachen stuͤnden, seit dem ich zuletzt geschrieben haͤtte. Das koͤnnte mich viel- leicht ganz zu ihrem und ihres Enkels Besten schluͤßig machen: und alsdenn, hoffete sie, wuͤrde ich nicht mehr Ursache haben, mich auf neue Maaßregeln einzulassen. Jn der That, liebste Freundinn, ich war da- mals willens, wo ich nicht des folgenden Tages Nachricht von Jhnen bekaͤme, einen Kerl zu Pferde mit dem Bericht von allen Umstaͤnden an Sie abzufertigen, damit Sie, wo Sie es fuͤr gut befaͤnden, wenigstens Fr. Townsend auf ei- nen andern Tag bestellen moͤchten. ‒ ‒ Aber man kam mir auf eine jaͤmmerliche Art zuvor. Sie noͤthigte mich, zu versprechen, daß ich der Sache wegen an Sie schreiben wollte, ich moͤchte von Jhnen Zeitung haben, oder nicht. Einer von ihren Bedienten sollte, mit meinem Briefe, als eine Post reiten und der Fraͤulein Howe Antwort erwarten. Bey der Gelegenheit ertheilte sie Jhnen, mei- ne liebe Freundinn, reichlich die verdienten Lob- spruͤche. Wie ungemein wuͤrde sie die Ehre ih- rer Bekanntschaft reizen! H 3 Die Die vermeynte Fraͤulein Montague stimmte mit ihr ein, so wohl fuͤr sich, als fuͤr ihre Schwe- ster. Beyde hatten ihre abscheuliche Rolle vor- trefflich gelernet. O meine Wertheste! Was fuͤr mannichfal- tiger Gefahr setzen sich arme unbesonnene Maͤgd- chen aus: wenn sie sich selbst dem Schutz ihrer natuͤrlichen Freunde entziehen, und der weiten Welt uͤberlassen? Hiernaͤchst schwatzten sie wieder von Aussoͤh- nung und vertrauter Freundschaft mit allen mei- nen Freunden, sonderlich mit meiner Mutter. Sie gaben dieser werthesten und rechtschaffenen Frauen den Ruhm, den ihr jedermann giebet, der das Gluͤck hat, sie zu kennen. Ach, liebste Fraͤulein Howe! Jch hatte bey- nahe meinen Unwillen gegen den vorgegebenen Enkel vergessen! ‒ ‒ So viele angenehme Din- ge, die man mir vorsagte, brachten mich auf die Gedanken, daß, wenn Sie dazu rathen sollten, und ich mich uͤberwinden konnte, dem nichtswuͤr- digen Menschen eine so vorsetzlich veruͤbte, so schaͤndliche, und gewaltsame Beschimpfung zu vergeben, auch im Stande seyn wuͤrde, mich der Verachtung gegen ihn, wegen dieser und anderer bey ihm gewoͤhnlichen undankbaren und boͤsen Unternehmungen zu erwehren, ich vielleicht in der Verbindung mit einer solchen Familie nicht ungluͤcklich seyn moͤchte. Jedoch dachte ich zu- gleich: Mit was fuͤr Mischungen kommt alles an an mich, das den Schein des Guten hat! ‒ ‒ Weil inzwischen meine scheinbare Hoffnung mich weniger Fehler in der Auffuͤhrung dieser unter- geschobenen Frauenzimmer sehen ließ, als ich nachher, mit Huͤlfe einer wiederholten Ueberle- gung und des gegen sie gefaßten Abscheues, gese- hen habe: fo fing ich an, mir selbst Vorwuͤrfe zu machen, daß ich mich nicht gleich anfangs in ih- ren Schutz begeben haͤtte. Aber bey allen diesen ergoͤtzlichen Aussichten in die Zukunst, sprach die Lady Elisabeth, muß ich nicht vergessen, daß ich nach London zu fahren habe. Sie befahl so dann, daß ihre Kutsche an die Thuͤr kaͤme ‒ ‒ Wir wollen alle mit einander nach London fahren, sagte sie, und mit einander wieder zuruͤckkommen. Morrison soll hier blei- ben, und alles in Ansehung meines Zimmers und Bettes besorgen, wie ich es zu haben ge- wohnt bin: denn ich bin in einigen Stuͤcken sehr eigen. Meiner Base Leesons Kammermaͤgdchen koͤnnen alles thun, was ich bey meinen Nacht- kleidern und dergleichen Dingen mehr gebrau- che. Es wird fuͤr sie, meine Allerliebste, eine kleine Veraͤnderung der Luft, und fuͤr Hrn. Love- lace eine bequeme Gelegenheit seyn, anzuordnen, daß alles, was sie von ihrem Anzuge gebrauchen, von dem vorigen Hause zur Fr. Leeson geschickt werde: und wir koͤnnen es von dannen mit uns herausbringen. H 4 Jch Jch war nicht willens, ihr hierinn gefaͤllig zu seyn. Weil ich mir aber nicht einbildete, daß sie auf diese Zumuthung, mit ihnen nach London zu fahren, bestehen wuͤrde: so antwortete ich dar- auf nicht. Hier muß ich meine ermuͤdete Feder nieder- legen. O Angedenken! O herznagendes Angeden- ken! Wie sehr quaͤlet es mich! Der ein und zwanzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. M itten unter jenen angenehmen Unterredun- gen kam die Kutsche vor die Thuͤr. Die falsche Lady Elisabeth bat mich, sie zu ihrer Ba- se Leeson zu begleiten. Jch bat um Entschuldi- gung: aber hatte dabey keinen Argwohn. Sie wollte es sich nicht abschlagen lassen. Wie gluͤck- lich wuͤrde ein Besuch, mit einer so gefaͤlligen Herablassung an meiner Seite, ihre Base Leeson machen! ‒ ‒ Jhre Base Leeson waͤre meiner Bekanntschaft nicht unwuͤrdig: und wuͤrde es fuͤr die groͤßte Gewogenheit von der Welt an- sehen. Jch schuͤtzte meine Kleidung vor. Allein die Einwendung ward nicht angenommen. Sie be- stellte stellte bey Fr. Mooren eine Abendmahlzeit, die um neune bereit seyn sollte. Herr Lovelace, der schaͤndliche Heuchler und gottlose Betruͤger, bat die Lady, weil er, wie er sagte, meinen Widerwillen mitzufahren saͤhe, nicht darauf zu bestehen. Man stellte dagegen vor, wie sehr man von meiner Gesellschaft eingenommen waͤre. Sie ersuchte mich instaͤndigst, ihr die Gefaͤlligkeit zu erweisen, machte eine Bewegung, mir selbst zu meinem Fecher zu helfen, und, kurz, drang so sehr in mich, daß meine Fuͤße, wider meine aus- druͤckliche Erklaͤrung und Absicht, ihr zu Gefal- len waren. Nachdem sie mich gewissermaßen gegen meinen Willen zur Kutsche geleitet, und zuerst hatte hineinsteigen lassen: so folgte sie mir nach. Jhr folgten die untergeschobene Base und der nichtswuͤrdige Kerl: und so ging es fort. Den ganzen Weg uͤber fiel nichts anders vor, als ungemeine und liebreiche Hoͤflichkeit. Einmal uͤber das andere hieß es: Was wuͤrde dieser unverhoffte Besuch ihrer Base Leeson fuͤr eine Freude machen! Und was fuͤr ein Vergnuͤ- gen muͤßte es einem solchen Gemuͤthe, wie ich haͤtte, seyn, daß ich im Stande waͤre, allen und jeden, zu denen ich nur kaͤme, so viele Freude zu verursachen! Der grausame, der unmenschliche Verfuͤhrer war den ganzen Weg uͤber, wie ich mich nochber besonnen habe, in Entzuͤckung: aber in einer sol- H 5 chen chen Art der Entzuͤckung, die er augenscheinlich mit großer Muͤhe zu unterdruͤcken suchte. Der hassenswuͤrdige Boͤsewicht! ‒ ‒ O wie verabscheue ich ihn! ‒ ‒ Was fuͤr Ungluͤck muß- te er damals in seinem tuͤckischen Herzen haben! ‒ ‒ Was fuͤr ein verbanntes Schlachtopfer muß- te ich in ihrer aller Augen seyn! Jch war dabey zwar nicht eben vergnuͤgt: aber ließ mir zu der Zeit doch nicht das geringste von einiger Gefahr traͤumen; da sie sich so eifrig bemuͤheten, mich uͤber alle Furcht davor, und gar uͤber mich selbst, hinauszusetzen. Aber, denken Sie, wertheste Freundinn, wie schrecklich alles fuͤr mich umschlug: als die Kut- sche, mit langsamer Bewegung, durch verschiedne Strassen und Wege, die mir ganz fremd waren, so weit kam, daß mir das schreckliche Haus des schrecklichsten Weibes, wie der Erfolg mir sie zeig- te, in die Augen fiel. Gott sey mir gnaͤdig! schrie ich arme Thoͤ- rinn, da ich aus der Kutsche sahe ‒ ‒ Herr Lo- velace! ‒ ‒ Gnaͤdige Frau! So wandte ich mich zu der vermeynten Tante! ‒ ‒ Liebe Fraͤu- lein! So wandte ich mich zu der Base, mit auf- gehabenen Augen und Haͤnden ‒ ‒ Gott sey mir gnaͤdig! Was! Was! Was, meine Allerliebste! Er zog die Schnur in der Kutsche an ‒ ‒ Was hat euch den genoͤthigt eben diesen Weg zu kommen? sprach er ‒ ‒ Jedoch, weil wir ein- mal mal da sind, will ich nur noch etwas fragen. ‒ ‒ Mein liebstes Leben! warum so furcht- sam? Der Kutscher hielte stille. Sein Diener, der mit einem von ihren Bedienten hinten auf stand, stieg herunter ‒ ‒ Fragt, sagte er, ob etwa Briefe fuͤr mich da sind? ‒ ‒ Wer weiß, meine Allerliebste; so wandte er sich zu mir; ob wir nicht schon einen Brief von Capitain Tomlinson haben moͤgen? ‒ ‒ Wir wollen nicht aus der Kutsche steigen ‒ ‒ Fuͤrchten sie sich vor nichts ‒ ‒ Warum so furchtsam? ‒ ‒ O, was fuͤr eine bedenkliche Sache mit so zarten Gemuͤthern! ‒ ‒ rief der verfluchte Spoͤtter. Zu der Zeit sagte mir mein Herz schrecklich viel Boͤses zu: ich war einer Ohnmacht nahe. ‒ ‒ Wozu dieß Schrecken, mein werthes Leben? Sie sollen nicht einen Fuß aus der Kutsche se- tzen! ‒ ‒ Jch will ja nur eine Frage thun, da uns der Kerl diesen Weg doch gefahren hat! Jhre Fraͤulein wird in Ohnmacht fallen! schrie die verdammte Lady Elisabeth ihm zu ‒ ‒ Meine wertheste Base! so will ich sie nennen, sprach sie, und faßte mich bey der Hand; wir muͤssen aussteigen, wo ihnen so uͤbel wird ‒ ‒ Lassen sie uns aussteigen ‒ ‒ Nur ein Glaß Wasser mit Hirschhorn zu nehmen ‒ ‒ Jn Wahrheit wir muͤssen aussteigen. Nein, nein, nein ‒ ‒ Mir ist wohl ‒ ‒ Ganz wohl ‒ ‒ Will denn der Kutscher nicht weiter sahren? ‒ ‒ Mir ist wohl ‒ ‒ Ganz wohl ‒ ‒ Jn Jn der That mir ist wohl ‒ ‒ Kutscher, fah- ret zu ‒ ‒ Jch reckte den Kopf hiebey aus dem Wagen ‒ ‒ Kutscher, fahret zu! ‒ ‒ Wie wohl meine Stimme war zu schwach, daß man sie haͤtte hoͤren koͤnnen. Die Kutsche blieb vor der Thuͤre halten. O wie zitterte ich! Dorcas kam heraus, als sie hier stille hielte. Mein liebster Engel! sprach der schaͤndliche Kerl, und schnappete nach der Luft, als wenn er nicht Athem holen koͤnnte; sie sollen nicht aus- steigen ‒ ‒ Sind Briefe an mich da, Dorcas? Ja es sind zween da, gnaͤdiger Herr. Es ist auch ein Cavallier, Herr Belton, hier, der auf ihre Gnaden wartet, und schon uͤber eine Stunde gewartet hat. Jch habe ihn eben zu sprechen. Macht den Schlag auf ‒ ‒ Sie sollen nicht aussteigen, mei- ne Allerliebste ‒ ‒ Vielleicht ist schon ein Brief von dem Capitain da ‒ ‒ Sie sollen nicht aus- steigen, meine Allerliebste. Jch seufzete, als wenn mir das Herz bersten wollte. Aber wir muͤssen aussteigen, Vetter: ihre Fraͤulein wird in Ohnmacht fallen ‒ ‒ Maͤgd- chen, ein Glaß mit Wasser und Hirschhorn! ‒ ‒ Meine Wertheste, sie muͤssen aussteigen ‒ ‒ Sie werden eine Ohnmacht bekommen, Kind ‒ ‒ Wir muͤssen ihre Schnuͤrbaͤnder aufschneiden ‒ ‒ (Jch glaube, meine Farbe war wechselsweise al- lerley, lerley, bald diese, bald jene) ‒ ‒ Jn Wahrheit, sie muͤssen aussteigen, meine liebe Fraͤulein. Er wuͤßte, sprach er, mir wuͤrde den Augen- blick wohl seyn, wenn die Kutsche nur von der Thuͤre fortginge. Jch sollte nicht aussteigen. Bey seiner Seele, ich sollte nicht. Himmel, Himmel, mein Engel, Himmel, Himmel, Vetter; riefen beyde Weibsleute in ei- nem Athem; was machen sie fuͤr Wesens uͤber nichts und wieder nichts! ‒ ‒ Sie uͤberreden ihre Fraͤulein, daß sie sich scheue auszusteigen! ‒ ‒ Sehen sie nicht, daß sie eben itzo in Ohn- macht sinken wird? Jn Wahrheit, gnaͤdige Frau, versetzte der schaͤndliche Betruͤger, mein liebster Engel muß in diesem Stuͤcke nicht gegen ihren Willen getrieben werden! ‒ ‒ Jch bitte, man bestehe nicht dar- auf. Wischwasch, alberner Mensch! ‒ ‒ Was steckt dahinter! ‒ ‒ Jch vermuthe, wie es seyn wird. Sie schaͤmen sich, uns sehen zu lassen, unter was fuͤr Leute sie ihre Fraͤulein gebracht ha- ben! ‒ ‒ Aber steigen sie denn einmal aus, und sprechen mit ihrem Freunde, und holen ihre Briefe. Er trat hierauf heraus, machte aber den Schlag hinter sich zu, um mir gefaͤllig zu seyn. Die Kutsche mag wegfahren, gnaͤdige Frau, sprach ich. Die Kutsche soll wegfahren, mein liebstes Leben, waren seine Worte ‒ ‒ Allein er befahl nicht, nicht, und war nicht willens zu befehlen, daß es geschehen sollte. Lassen sie die Kutsche zufahren, sagte ich ‒ ‒ Herr Lovelace mag uns nachkommen. Jn der That, meine Allerliebste, ihnen ist uͤbel ‒ ‒ Jn der That sie muͤssen aussteigen ‒ ‒ Steigen sie nur auf eine Viertelstunde aus ‒ ‒ Steigen sie nur aus, ihrer Sachen wegen selbst Befehl zu geben. Vor wem koͤnnen sie sich in meiner und meiner Neffe Gesellschaft fuͤrchten? ‒ ‒ Diese Leute muͤssen sich sehr aͤrgerlich gegen sie aufgefuͤhret haben! ‒ ‒ Jch will mich mit Got- tes Huͤlfe darnach erkundigen! ‒ ‒ Jch will se- hen, was es fuͤr Art Leute sind! Den Augenblick kam das alte Gesicht vor die Thuͤr. Tausendmal um Verzeihung, Ma- dame; mit den Worten trat sie an den Schlag der Kutsche; wo wir sie auf irgend eine Art be- leidigt haben! ‒ ‒ Lassen sie sich gefallen, ihre Gnaden, sprach sie zu den andern beyden, aus- zusteigen. Ey, meine Wertheste, flisperte die Lady Elisabeth, ich finde nun, daß eine schlimme Be- schreibung einer Person, die wir niemals gese- hen haben, ein Vortheil fuͤr sie sey. Jch dachte, diese Frau waͤre ein Ungeheuer! Aber, in Wahr- heit, sie scheinet leidlich. Mir war bange, ich wuͤrde in Ohnmacht ge- fallen seyn: dennoch weigerte ich mich bestaͤndig auszusteigen ‒ ‒ Kutscher! ‒ ‒ Kutscher! ‒ ‒ Kutscher; rief ich außer Athem, und reckte dabey in in Geschwindigkeit ein halb Dutzent mal meinen Kopf aus der Kutsche, und zog ihn wieder hin- ein; fahret zu! ‒ ‒ Laßt uns weiter ge- hen. Mein Herz sagte mir mehr Boͤses zu, als ich selbst Grund dasuͤr angeben konnte. Denn ich hatte noch keinen Verdacht gegen diese Weibs- leute. Allein, der Widerwillen, welchen ich ge- gen das schaͤndliche Haus gefaßt hatte, und der Zufall, daß ich mich so nahe bey demselben be- fand, da ich dergleichen gar nicht vermuthete, nebst dem Anblick des alten Unthiers, alles zu- sammengenommen, machte, daß ich mich wie ei- ne verruͤckte Person bezeigte. Das Wasser und Hirschhorn ward gebracht. Die vermeynte Lady Elisabeth machte, daß ich es trank. Der Himmel weiß, ob sonst etwas darinn gewesen ist. Außerdem muß ich sehen, flisperte sie, was die Basen fuͤr Creaturen sind. Fehlt es einer Person an der geziemenden Zaͤrtlichkeit der Ge- muͤthsart: so kann es meinem Auge nicht entge- hen. Sie koͤnnten gewiß keinen solchen Abscheu haben, meine Wertheste, in unserer Gesellschaft auf wenige Augenblicke wieder in ein Haus zu treten, in welchem sie sich verschiedne Wochen aufgehalten und am Tische gewesen sind: wo- fern sich diese Weibsleute nicht so vermessen schaͤndlich gegen sie moͤchten aufgefuͤhret haben, daß es mein Enkel nicht wissen muͤßte. Hiemit Hiemit stieg die vermeynte Lady aus: nach- dem der Bediente auf ihren Befehl den Schlag aufgemacht hatte. Meine Wertheste, sprach die andere, ich wer- de die Ehre haben Jhnen zu folgen ‒ ‒ Denn ich war am naͤhesten bey dem Schlage ‒ ‒ Fuͤrchten sie sich vor nichts: ich will nicht einen Fuß von ihnen setzen. Kommen sie, meine Geliebte, sagte die auf- gestellte Lady. Geben sie mir ihre Hand ‒ ‒ Und dabey reichte sie mir die ihrige: ‒ ‒ Thun sie mir nur dieß einzige mal einen Gefallen. Jch will ihre Fußstapsen heilig halten, fuͤgte das alte Ungeheuer hinzu, wenn sie mein Haus noch einmal mit ihrer Gegenwart beehren. Unter der Zeit hatte sich ein Schwarm von Leuten um uns gesammlet. Jch war aber zu sehr in Bewegung, daß ich darauf haͤtte Acht geben sollen. Die untergeschobene Fraͤulein Montague drang aufs neue in mich. Sie stand auf, als wenn sie im Begriff waͤre auszusteigen, wo ich ihr nur Platz machen wollte. Himmel, sprach sie, wer kann diesen Schwarm ertragen! ‒ ‒ Was werden die Leute denken. Die vermeynte Lady setzte mir auch wieder zu, und reckte ihre beyden Haͤnde aus ‒ ‒ Kom- men sie, meine Wertheste, nur bloß ihrer Sachen wegen Befehl zu geben. Da man mich so draͤngte, und angaffete; denn eben sahe ich um mich herum; da die Weibs- Weibsleute so reich geputzet waren, und das Volk daruͤber murmelte: so stieg ich in einem ungluͤcklichen Augenblick mit Zittern heraus, und war genoͤthigt, mich mit beyden Haͤnden auf der vorgegebenen Lady Elisabeths Arm zu lehnen; viel zu sehr erschrocken, daß ich die gewoͤhnlichen Regeln des aͤußerlichen Wohlstandes haͤtte beob- achten sollen. ‒ ‒ O daß ich auf der Schwelle des schaͤndlichen Hauses todt niedergesunken waͤre! Wir werden nur wenige Augenblicke hier bleiben, meine Wertheste! ‒ ‒ nur wenige Au- genblicke, sagte eben diese scheinbare, und doch liederliche, Betruͤgerinn ‒ ‒ außer Athem vor Freude, wie ich nachher gedacht habe, daß sie uͤber das ungluͤckliche Schlachtopfer so gesiegt hatten. Kommen sie, Frau Sinclair; so, denke ich, heißen sie; zeigen sie uns den Weg ‒ ‒ Sie folgte also derselben, und leitete mich. Jch bin sehr durstig. Sie haben mich mit ihrer wun- derlichen Furcht, meine Wertheste, in Schrecken gesetzt. Jch muß Thee gemacht haben: wo es in einem Augenblick geschehen kann. Wir ha- ben noch weiter zu gehen, Frau Sinclair, und muͤssen diesen Abend nach Hampstead zuruͤck. Er soll im Augenblick bereit seyn, schrie das nichtswuͤrdige Weib. Wir haben kochend Wasser. So machen sie denn geschwinde ‒ ‒ Kom- men sie, fuhr sie gegen mich fort, wie sie mich Sechster Theil. J durch durch den Gang zu dem verderblichen Hinter- hause leitete ‒ ‒ Lehnen sie sich auf mich! ‒ ‒ Wie zittern sie! ‒ ‒ Wie wankend sind ihre Schritte! ‒ ‒ Allerliebste Base, Lovelacen; so nannte sie mich, weil das alte Ungeheuer es hoͤren konnte; warum ist ihr Gemuͤth in so heftiger Bewegung? ‒ ‒ Wir wollen in einem Augen- blick wieder von hier gehen. Und so leitete sie das arme Schlachtopfer in den allzu wohl bekannten Saal des alten Un- thiers. Niemals habe ich jemand so sanftmuͤthig, so leutselig, so leise mit der Sprache gesehen, als das verhaßte Weib war. Sie dehnte alles, was sie nur gefaͤlliges sagen konnte, in einem feinen Tone heraus: aus Ehrfurcht, wie ich damals dachte, gegen die erhabenen und bewußten Vor- zuͤge einer Standesperson, die von Juwelen funkelte. Der verlangte Thee war den Augenblick bereit. Es war kein Herr Belton da, wie ich glau- be. Denn der Boͤsewicht ging zu keinem Men- schen: es moͤchte denn damals geschehen seyn, als wir in der Kutsche mit einander redeten. Jnzwischen erschien keine solche Person bey dem Theetische. Jch mußte zwey Schaͤlchen mit Milch trin- ken: weil mich die verstellten Frauenzimmer; ei- ne jede zu einem Schaͤlchen, hoͤflich noͤthigten und mir dazu halfen. Jch war unter ihren Haͤn- Haͤnden ganz betaͤubt, und, als ich den Thee nahm, von den mir zu Kopfe steigenden Duͤnsten beynahe ersticket. Jch konnte kaum schlucken. Jch dachte, ohne diesem Gedanken wei- ter nachzuhangen dachte ich es, daß der Thee, sonderlich das letzte Schaͤlchen, einen seltsamen Geschmack haͤtte. Die Weibsleute im Hause erwaͤhnten, weil ich darnach schmeckte, daß es Milch aus London waͤre, die lange nicht so gut, als diejenige, welche sie von ihren eignen Milchweibern zu bekommen pflegten. Jch zweifle gar nicht, daß meine zwey Schaͤlchen, und vielleicht auch mein Hirschhorn, fuͤr mich zubereitet gewesen. Jn dem Fall schickte es sich freylich besser, daß sie mir dazu halfen, als daß ich mir selbst dazu haͤtte helfen sollen. War mir vorher uͤbel gewesen: so fand ich nun immer mehr und mehr Unordnung in meinem Kopfe; indem ein schwerer und betaͤu- bender Schmerz bey mir geschwinde zunahm. Jch schrieb es aber meinem Schrecken zu. Nichts desto weniger ging ich auf der unter- geschobenen Frauenzimmer Zureden, die Treppen hinauf: und Dorcas war mir zu Diensten; wel- che sich zwang vor Freuden zu weinen, daß sie mein gesegnetes Antlitz, dieß war der schaͤndli- chen Magd eignes Wort, noch einmal sehen soll- te. Jch machte mich alsobald daruͤber, einige von meinen Kleidern herauszunehmen, und ord- nete an, was man aufbehalten, und was man mir nachschicken sollte. J 2 Jndem Jndem ich mich hiemit beschaͤfftigte: kam die vermeynte Lady Elisabeth eilfertig zu mir her- auf ‒ ‒ Sie werden bald fertig seyn, meine Wertheste. Mein Enkel ist sehr geschaͤfftig, sei- ne Briefe zu beantworten. Also will ich nur in Geschwindigkeit wegfahren, mich umkleiden, und sie den Augenblick abholen. O gnaͤdige Frau! ‒ ‒ Jch bin fertig! Jch bin schon itzo fertig! ‒ ‒ Sie muͤssen mich hier nicht verlassen. Und so sank ich vor Schrecken in einen Stuhl. Den Augenblick, den Augenblick, will ich wiederkommen ‒ ‒ Ehe sie noch einmal fertig seyn koͤnnen ‒ ‒ Ehe sie ihre Sachen koͤnnen zu- sammengepackt haben ‒ ‒ Wir wollen ja nicht spaͤt fahren ‒ ‒ Die Straßenraͤuber, wovon wir gehoͤrt haben, moͤchten auf der Lauer seyn ‒ ‒ Lassen sie uns nicht spaͤt fortkommen. Hiemit eilte sie davon: ehe ich noch ein Wort sagen konnte. Jhre vermeynte Base ging mit ihr fort, ohne mir davon Nachricht zu geben. Jch hatte gleichwohl noch keinen Verdacht, daß diese Weibsbilder nicht wirklich die vorneh- men Frauenzimmer seyn moͤchten, deren Person sie spielten, und machte mir selbst aus meiner feigen Furcht einen Vorwurf ‒ ‒ Es kann un- moͤglich seyn, dachte ich, daß solche Frauenzim- mer gegen eine arme Person; wofuͤr sie so einge- nommen sind, Verraͤtherey anstiften sollten. Sie muͤssen unstreitig die Personen seyn, die sie zu seyn scheinen ‒ ‒ Was ist es fuͤr eine Thorheit, daran daran zu zweifeln! Sie haben die Miene, die Kleidung, den wuͤrdigen Anstand von vornehmen Frauenzimmern. ‒ ‒ Wie wenig schickt es sich fuͤr sie, und fuͤr meine Menschenliebe, schloß ich, diesem Schatten eines unedelmuͤthigen Argwohns nachzugehen! So brachte ich meine betaͤubte Lebensgeister wieder zu rechte, so gut als es sich thun lassen wollte. Denn mir ward immer schwerer und schwerer. Jch wunderte mich gegen Dorcas, was mir feh- len moͤchte, rieb meine Augen, nahm etwas von ihrem Schnupftoback, und niesete einmal uͤber das andere, mit gar wenigen Nutzen. Jnzwi- schen setzte ich meine Beschaͤfftigung fort. Als diese aber vorbey war; als ich alles, was ich mir einzupacken vorgenommen, eingepacket, und nichts mehr zu thun hatte, als zu denken; als ich noch dazu fand, daß sie so lange verzogen: so dachte ich, ich wuͤrde ganz von Sinnen gekommen seyn. Jch schloß mich in die Kammer, die vorher mein gewesen war, ein. Jch knieete. Jch betete: doch wußte ich selbst nicht, was. Dann lief ich wieder heraus. Es waͤre ja fast finstere Nacht, sprach ich. Wo, wo ist Herr Lovelace? Er kam zu mir und gab anfangs auf meine Bestuͤrzung und wildes Wesen nicht Acht ‒ ‒ Was sie mir beygebracht hatten, das machte mich in meinen Reden und Handlungen unordentlich und verwildert ‒ ‒ Es geht alles gut, sagte er, meine Allerliebste! ‒ ‒ Eine Zeile von Capitain Tomlinson! J 3 Jn Jn der That ging alles gut zu dem ehrlosen Anschlag des grausamsten und schaͤndlichsten Kerls. Jch fragte nach seiner Tante. ‒ ‒ Jch fragte nach seiner Base. ‒ ‒ Der Abend, fprach ich, ginge ja zu Ende ‒ ‒ Mit meinem Kopfe, sagte ich auch, wie ich mich besinne, waͤre es sehr, sehr schlimm ‒ ‒ Und es ward bestaͤndig aͤrger. Gleichwohl hielte das Schrecken meine Le- bensgeister noch in Bewegung, und ich drang darauf, daß er selbst hingehen sollte, sie anzu- fordern. Er rief seinem Diener, und schmaͤhlte auf unser Geschlecht, wie es so zauderhaft waͤre. Es waͤre gut, daß selten wichtige Sachen auf solche Taͤndler ankaͤmen, die mit ihrem Putz so viel zu thun haͤtten und keine Zeit genau beob- achteten. Sein Diener kam. Er befahl ihm, eiligst zu seiner Base Leeson zu gehen, und seiner Tante und Base zu vermel- den, wie unruhig uns beyde ihr Verzug machte. Aus eigenem Triebe setzte er noch hinzu: bitte sie, woferne sie nicht den Augenblick kommen, uns nur ihre Kutsche zu senden; so wollen wir ohne sie wegfahren. Sage ihnen, ich wundere mich, daß sie mir so dienen wollen. Jch dachte, dieß waͤre bedaͤchtlich und auf- richtig geredet. Aber nun hatte ich ein wenig Zeit, so mittelmaͤßig es auch mit meinem Kopfe stand, stand, auf den Menschen und sein Bezeigen Ach- tung zu geben. Er jagte mir durch seine Blicke und seine heftige Regungen, wie er mich starr ansahe, Schrecken ein. Augenscheinliche Regun- gen von heimlicher Freude. Darauf habe ich mich nachher besonnen. Seine Reden waren kurz und alle so ausgesprochen, als wenn ihm der Athem zuruͤckgehalten wuͤrde. Niemals hatte ich so abscheuliche Blicke in seinen Augen gese- hen, als sie damals waren ‒ ‒ Sieg und Froh- locken mahlte sich in denselben ab. ‒ Sie waren grimmig und wild, und mir noch mehr zuwider, als mir die Blicke der Weibsleute in dem schaͤnd- lichen Hause schienen, da ich sie das erste mal sa- he. Bisweilen warf er einen so scheelen und Ungluͤck bedeutenden Blick auf mich! ‒ ‒ Jch wuͤrde die ganze Welt darum gegeben haben, daß ich hundert Meilen von ihm gewesen waͤre. Jn- zwischen war sein Bezeigen wohlanstaͤndig ‒ ‒ Doch war es ein Wohlstand, weswegen er sich Gewalt anthun mußte: wie ich wohl haͤtte ein- sehen koͤnnen ‒ ‒ Denn er erhaschte zwey oder dreymal meine Hand mit einer solchen Heftigkeit in seinem Zugreifen, daß es mir wehe that, und sprach dabey durch seine zusammengeschlossene Zaͤhne, wie es schien, einige zaͤrtliche Worte. Er ließ zwar auch die Hand wieder los, mit einem bettlermaͤßig demuͤthigen Tone, wie das schaͤnd- liche Weib eben vorher angenommen hatte, der halb inwendig schallte: jedoch ließ sich unter sei- nen Worten und seiner Art zu handeln eine star- J 4 ke ke und beynahe bis zu Verzuͤckungen in dem Koͤr- per getriebene Leidenschaft erblicken. ‒ ‒ O mei- ne liebe Freundinn, was fuͤr Ungluͤck hatte er nicht damals im Sinne! Jch klagte ein oder zweymal uͤber Durst. Mein Mund schien vom Feuer ausgedoͤrret. Damals meynte ich, es waͤre mein Schrecken, weil ich so oft nach Athem schnappete, das mir, als ein Feuer, den Gaumen ausdoͤrrete. Jch forderte Wasser: man brachte mir Tischbier. Bier, vermuthe ich, war besser geschickt, mir ih- re Traͤnke darinn beyzubringen: wo ich vorher nicht genug davon bekommen hatte. Jch sagte zwar zu dem Maͤgdchen, sie wuͤßte ja, daß ich selten Bier in den Mund naͤhme: jedoch, weil ich nichts dergleichen argwoͤhnte und ausnehmend durstig war, trank ich, was zuerst da war; und den Augenblick befand ich mich weit schlimmer, als vorher; wie berauscht, moͤchte ich mir einbil- den; ich weiß nicht wie. Sein Diener war zweymal so lange weg, als noͤthig war. Ein wenig vorher, ehe er zuruͤck kam, kam einer von der vermeynten Lady Elisa- beths Bedienten mit einem Briefe an Herrn Lovelace. Er schickte ihn zu mir herauf. Jch las ihn; und von der Zeit an hielte ich mich fuͤr verlohren: weil sie in demselben ihre Farth nach Hampstead fuͤr diesen Abend verschob; unter dem Vorwande heftiger Ohnmachten, womit die Fraͤulein Mon- tague uͤberfallen seyn sollte. Denn alsobald fiel mir mir sein schaͤndlicher Versuch ein, welchen er in diesem Hause schon gegen mich unternommen hatte. Mir fiel die Rache ein, welche ihm mei- ne Verachtung und die Schwierigkeit, die ich machte, ihm zu vergeben und mich mit ihm aus- zusoͤhnen, bey dieser Gelegenheit nur allzu wahr- scheinlicher Weise einfloͤßen mochte. Mir fielen feine Blicke ein, die selbst wild und schrecklich fuͤr mich waren. Mir fielen die Weibsleute in dem Hause ein, vor denen ich itzo mehr, als jemals, auch so gar wegen der Winke, die mir die vermeynte Lady Elisabeth gegeben, mich zu fuͤrchten Ursache hatte. Da sich dieß alles in meinem furchtsamen Gemuͤthe mit einander, wie ein Schwarm haͤufete: so fiel ich in eine Art von Raserey. Jch kann mich nicht erinnern, wie mir war, so lange dieselbe dauerte. Aber dieß weiß ich, daß ich in meinen ersten Bewegungen mein Kopfzeug abwarf, meine Manschetten wohl in zwanzig Stuͤcken zerriß, und hin rannte, ihn auf- zufinden. Als ich ein wenig zu mir selbst gekommen war, bestand ich auf das, was er sich von ihrer Kutsche hatte verlauten lassen. Allein der Bo- the, sagt er, haͤtte ihm gemeldet, daß die Kutsche ausgeschickt waͤre, einen Arzt zu holen, wenn et- wa dessen Wagen schon an seine Stelle gebracht, oder nicht bereit seyn sollte. Dann bestand ich darauf, alsobald gerades Weges zu der Lady Elisabeth zu gehen. J 5 Frau Frau Leesons Haus, antwortete er, waͤre itzo voller Unruhe; und da meine Heftigkeit von nichts, als von ungegruͤndeter Furcht her- ruͤhren koͤnnte; O was fuͤr Gelobungen, was fuͤr Betheurungen auf seine Ehre that er hiebey! so hoffete er, ich wuͤrde ihre ge- genwaͤrtige Unruhe nicht vermehren wollen. Charlotte waͤre in der That bey unerwarteten Begebenheiten, es moͤchte Freude, oder Traurig- keit seyn, Ohnmachten zu haben gewohnt: und die wuͤrden eine ganze Woche bey ihr anhalten; wo sie nicht in wenigen Stunden vertrieben waͤren. Sie geben fleißig auf die Augen Ach- tung und verstehen wohl daraus zu urthei- len, sagte der Boͤsewicht, vielleicht meiner in ge- heim zu spotten. Sahen sie nicht bisweilen in den Augen der Fraͤulein Montague, zu Hamp- stead, etwas verwildertes? ‒ ‒ Jch war schon damals ihretwegen besorgt ‒ ‒ Stille und Ruhe thun ihr allein gut. Jhre Beysorge fuͤr diesel- be, und derselben Liebe fuͤr sie, wuͤrde die Krank- heit des armen Maͤgdchens nur vermehren, wenn sie dahin kommen sollten. Jch erklaͤrte mich noch immer, ganz unge- dultig vor Kummer und Furcht, daß ich fest ent- schlossen sey, nicht bis morgen in dem Hause zu bleiben. Alles, was ich in der Welt haͤtte, mei- ne Ringe, meine Uhr, mein weniges Geld, woll- te ich fuͤr eine Kutsche hingeben: oder wo keine zu bekommen waͤre, wollte ich noch die Nacht zu Fuße Fuße nach Hampstead gehen, wenn ich auch al- lein die ganze Nacht durch gehen sollte. Hierauf ward nach einer Kutsche geschickt, oder vorgegeben, als wenn darnach geschickt wuͤr- de. Sie moͤchte kosten, was sie wollte, sagte er: so wollte er es geben, mir gefaͤllig zu seyn, ob es gleich so spaͤt waͤre; und wollte mich herzlich gern begleiten ‒ ‒ Aber es war keine Kutsche zu be- kommen. Erlauben Sie mir das Uebrige kurz zusam- menzuziehen. Es ward von Zeit zu Zeit schlim- mer mit meinem Kopfe. Bald war ich betaͤubt, bald in Raserey, bald ohne Empfindung. Das schaͤndlichste Weib, das auf Erden lebet, mußte herbeykommen, mich zu schrecken. Niemals ist wohl ein so scheusliches Ungeheuer auf der Welt gewesen, als sie mir zu der Zeit schien. Jch erinnere mich, daß ich um Barmherzig- keit flehete ‒ ‒ Jch erinnere mich, daß ich sagte, ich wollte die Seinige seyn ‒ ‒ in Wahr- heit, ich wollte die Seinige seyn ‒ ‒ damit ich nur Barmherzigkeit erlangte ‒ ‒ Allein ich fand keine Barmherzigkeit! ‒ ‒ Meine Kraft, mein Verstand, verließ mich! ‒ ‒ Und dann folgten solche Aufzuͤge ‒ ‒ O meine Wertheste, solche schreckliche Aufzuͤge! ‒ ‒ Ohnmachten uͤber Ohnmachten, derer ich mich freylich nur schwach und unvollkommen erinnere, wirkten fuͤr mich kein Mitleiden ‒ ‒ Aber der Tod ward mir nicht gewaͤhret. Das wuͤrde eine allzu große Barmherzigkeit fuͤr mich gewesen seyn. So So ward ich durch scheuslichere Herzen von meinem eignen Geschlechte, als ich glaubte, daß auf der Welt waͤren; die ich fuͤr Personen von Stande und Ehre hielte; beruͤckt und betruͤgeri- scher Weise zuruͤckgebracht: und so unmenschlich ward mir von diesem Boͤsewicht, da ich in seiner Gewalt war, begegnet. Jch war meiner Sinne so weit beraubet, daß ich nicht fuͤr gewiß sagen darf, daß die ab- scheulichen Weibsbilder in dem Hause persoͤnlich geholfen, oder ihn aufgehetzet haben: aber doch schweben mir noch einige traͤumerische Vorstel- lungen von weiblichen Gestalten, die vor meinen Augen, so zu sagen, herumflatterten, sonderlich von dem verruchten Weibe, in Gedanken. Allein, da diese verworrene Begriffe von dem Schrecken herruͤhren mochten, welches mir die aͤrger als kerlsmaͤßige Wuth, die ihr verstattet war, weil ich meinen Abscheu vor ihrem Hause bezeugte, eingejaget hatte; und da das, was ich von seiner ungeheuren Grausamkeit gelitten habe, diese Ver- groͤßerung nicht braucht: so will ich von einer so anstoͤßigen Sache, als diese meinem Angedenken bestaͤndig seyn muß, nichts mehr sagen. Jch habe die nichtswuͤrdigen Creaturen, wel- che fremde Personen spielten, nachher niemals wie- der gesehen. Er bestand aͤußerst darauf, und rief den Himmel fuͤrchterlich zum Zeugen fuͤr die Wahrheit seiner Aussage, daß sie wirklich, und in in Wahrheit die Frauenzimmer gewesen, wofuͤr sie sich ausgegeben haͤtten, an. Er bezeugte, daß sie nicht haͤtten Abschied von mir nehmen koͤnnen, da sie von London abgegangen waͤren, weil ich ohne Empfindung und in der Raserey gewesen. Denn ihre berauschende oder vielmehr betaͤuben- de Traͤnke hatten beynahe solche Wirkungen uͤber meinen Verstand, die ihn gaͤnzlich vertilgten, so daß ich einige Tage uͤber auf eine wunderliche Art verruͤckt war. Bald war ich daͤmisch, bald schlafsuͤchtig, bald weinte ich, bald rasete ich, bald schrieb ich, und zerriß, was ich schrieb, eben so geschwinde, als ich es geschrieben hatte. Am aller elendesten war ich daran, wenn bisweilen ein kleiner Strahl der Vernunft mir das, was ich gelitten hatte, ins Gedaͤchtniß brachte. Der zwey und zwanzigste Brief. Eine Fortsetzung von der Fraͤulein Clarissa Harlowe. D ie Fraͤulein giebt hierauf Nach- richt Von ihrer Genesung aus der Raserey und Schlafsucht; Von ihrem Versuch, in seiner Abwesenheit davon zu gehen; Von Von denen Unterredungen, die nach seiner Zu- ruͤckkunst zwischen ihnen erfolgten; Von der elenden Person, die er als ein armer Suͤnder spielte; Von ihrer Entschließung, ihn nicht zu neh- men; Von ihren verschiedenen Bemuͤhungen zu ent- fliehen; Von ihrer Unterhandlung mit Dorcas, ihr dabey huͤlfliche Hand zu leisten; Von der Handschrift uͤber ihr gethanes Ver- sprechen, welche Dorcas verlohren, sonder Zweifel, wie sie sagt, aus Vorsatz, um sie zu verrathen; Von ihrem Siege uͤber alle Weibsbilder in dem Hause, die versammlet waren, sie zu schrecken und vielleicht ihr aufs neue Ge- walt anzuthun. Von seiner Abreise nach M. Hall. Von seinen oͤftern Briefen, wodurch er sie zu bereden suchte, mit ihm an ihres Onkels Geburtstage zum Altar zu kommen. Von ihrem standhaften Stillschweigen auf alle diese Briefe; Von ihrer zwoten Flucht, die wider ihre ei- gne Vermuthung, wie sie schreibt, ge- lungen ist; da der Versuch anfangs nach ihrer Absicht nur das Vorspiel zu einem andern, von dem sie sich mehr versprach und und den sie in ihren Gedanken entworfen hatte, seyn sollte; Und von andern Umstaͤnden, welche hier ausgelassen sind, weil man sie in den vorhergehenden Briefen, theils von Herrn Lovelace, theils von seinem Freunde Belford, findet. Hiernaͤchst faͤhret sie fort: So bald ich mich an einem sichern Ort be- fand, ergriff ich zur Stunde die Feder, an Sie zu schreiben. Da ich anfing: war ich nur wil- lens sechs oder acht Zeilen zu schreiben, damit ich mich nach ihrem Befinden erkundigte. Denn weil ich keine Nachricht von ihnen hatte: so be- sorgte ich wirklich, daß Sie allzu krank gewesen waͤren und noch waͤren, schreiben zu koͤnnen. Kaum aber fing meine Feder an, das Papier zu beschmieren: so uͤbereilte sie mein trauriges Herz, und der Brief gerieth in die Laͤnge. Die Furcht, worinn ich gestanden, daß ich nicht vermoͤgend seyn wuͤrde, davon zu kommen; die Beschwerde, welche ich bey Vollziehung meiner Flucht gehabt, die Schwierigkeit, ein Zimmer fuͤr mich zu fin- den, da mir schon in zweyen Haͤusern die Leute nicht gefallen hatten, und in einem dritten ich den Leuten nicht gefiel, denn Sie muͤssen geden- ken, daß ich ein schreckliches Ansehen hatte ‒ ‒ Dieß alles, nebst dem Angedenken dessen, was ich von ihm gelitten, nebst meiner ferneren Sorge we- gen meiner Unsicherheit, und endlich meinen ver- lasse- lassenen Umstaͤnden, hatte mich so verwirrt, daß ich in dem Briefe, wie ich mich besinne, wunder- lich ausschweifete. Kurz ich hielte ihn selbst, als ich ihn noch einmal uͤbersahe, fuͤr einen halb unsinnigen Brief. Allein ich verzweifelte daran, daß ich besser schrei- ben wuͤrde, wenn ich wieder anfinge. Daher ließ ich ihn abgehen: und kann keine Entschul- digung haben, warum ich ihn durch den Weg geschickt, durch welchen ich ihn wirklich schickte, wo mir nicht der Grund von dem so wenig zu- sammenhangenden Jnhalt desselben eine sehr klaͤgliche Entschuldigung an die Hand geben wird. Der Brief, den ich von Jhrer Mutter em- pfing, war ein schrecklicher Streich fuͤr mich. Unterdessen hatte er die gute Wirkung uͤber mich, da ich eben damals unter einem heftigen Anfall benebelnder Kleinmuͤthigkeit arbeitete, und beyna- he unterliegen wollte, welche bey starken Anfaͤllen von der Gicht oder dem Schlage, haͤufiges Ader- lassen und spanische Fliegen haben. Er erweckte meine Aufmerksamkeit, und machte mir wieder Muth, die Uebel, mit denen ich umgeben war, zu bestreiten: ‒ ‒ indem er, wenn mir noch eine andere Vergleichung zu gebrauchen erlaubt ist, die Wehen, womit ich uͤberladen war, ableitete, und in einen neuen Canal fuͤhrte; als sie mei- nen Verstand noch einmal zu uͤberschwemmen droheten. Den- Dennoch aber beklagte ich von ganzem Her- zen, und beklage es noch, mit den eignen Wor- ten Jhrer Frau Mutter, daß ich nicht fuͤr mich allein ungluͤcklich seyn kann. Es kraͤnkte mich nicht allein die Unruhe, welche ich ihnen vorher verursachet hatte, sondern auch diese, die ich ihnen aufs neue durch meine Unachtsam- keit zuwege gebracht. Hierauf meldet sie den Jnhalt derer Briefe, die sie an Frau Norton, an die Lady Elisabeth Lawrance, und Frau Hodges geschrieben, wie auch der Antworten von diesen Personen, wodurch sie alle Betruͤgereyen des Herrn Lovelace ent- deckte. Bey dem allen, faͤhrt sie fort, kann ich nicht umhin, mich zu verwundern, wie der schaͤndliche Tomlinson zu der Wissenschaft verschiedner Din- ge, welche er mir erzaͤhlte, und welche vieles bey- trugen, mir ein Vertrauen zu ihm zu machen, gelangen konnte Der aufmerksame Leser darf nicht erst auf das- jenige zuruͤckgewiesen werden, was die Fraͤulein gleichwohl nicht erklaͤren konnte, weil sie nicht wußte, daß Herr Lovelace zu den Briefen der Fraͤulein Howe, sonderlich dem, der im IV. Th. S. 55. u. f. stehet, und woruͤber er S. 203 Anmer- kungen macht, gekommen war. . Jch zweifle nicht, daß die Historien von der Frau Fretchvilla und ihrem Hause als eben so schaͤndliche Sechster Theil. K schaͤndliche Betruͤgereyen, wie eine von den vori- gen, wuͤrde befunden werden, wenn ich Nachfra- ge thun wollte, und nicht schon genug, ja allzu viel, gegen den meineidigen Kerl haͤtte. Wie bin ich angefuͤhret! ‒ ‒ Was wird es mit einem so falschen und eidbruͤchigen Boͤsewicht fuͤr ein Ende nehmen: da der Himmel nicht we- niger von ihm entehret und trotzig aufgefordert ist, als ich betrogen und gemishandelt bin! Dieß muß ich inzwischen wider mich selbst sagen, daß, wofern dasjenige, was ich gelitten habe, eine na- tuͤrliche Folge von meinem ersten Vergehen ist, ich mir selbst niemals vergeben kann: ob Sie gleich so parteyisch fuͤr mich sind, daß Sie mich wegen alles dessen, was vor meiner ersten Flucht vorgegangen ist, von allen Vorwuͤrfen frey- sprechen. Nun, gnaͤdige Frau, und meine wertheste Fraͤulein Howe, die uͤber meine Sache das Ur- theil sprechen sollen, erlauben Sie mir die Feder niederzulegen, mit einer einzigen Bitte, die ich auf das instaͤndigste an Sie beyde thue. Jch bitte, daß sich keine von Jhnen jemals das ge- ringste Wort von den Traͤnken und Gewaltthaͤ- tigkeiten, die ich mit einigen Winken angedeutet habe, verlauten lassen wolle ‒ ‒ Nicht, weil ich etwa Sorge tragen wollte, daß meine Schande vor der Welt verborgen bleiben moͤchte, oder daß es nicht uͤberall bekannt werden sollte, daß der Kerl sich als einen schaͤndlichen Betruͤger gegen mich bewiesen habe: denn dieß hat ein jeder, nur ich ich allein nicht, von seiner beschrieenen Gemuͤths- art, wie es scheint, erwartet. Aber gesetzt, man bestuͤnde darauf, weil seine Handlungen gegen mich wirklich Lebensstrafe verdienen, daß ich ihn und seine Mitschuldige oͤffentlich vor Gericht belangen sollte: wie, denken Sie, koͤnnte ich das ertragen? Da mein guter Name, schon vor der ab- scheulichen und des Todes wuͤrdigen That, ja selbst von der Stunde an, als ich meines Va- ters Haus verließ, in den Augen der Welt ver- lohren gewesen: und da alle meine Hoffnung zur Gluͤckseligkeit in dieser Welt gaͤnzlich verschwun- den ist: so lassen Sie mich in Ruhe unvermerkt zu Grabe gehen; und lassen nicht anders, als durch eine einzige Freundschaftsthraͤne, und nicht mehrere, die von Jhrem holdseligen Auge, mei- ne eigne, allerliebste, Anna Howe, an dem gluͤck- lichen Tage, der allen meinen Kummer verschar- ren soll, herabfließe, das Angedenken erneuret werden, daß eine solche Person in der Welt ge- wesen sey als Sonnabends, den 8ten Jul. Clarissa Harlowe. K 2 Der Der drey und zwanzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Sonntags, den 9ten Jul. O daß der Himmel doch seine Rache uͤber den verruchtesten und verderbtesten Kerl auf die merklichste Art, vor den Augen aller Welt, se- hen lassen moͤchte! ‒ ‒ Jch zweifle nicht, er wird es zu seiner Zeit thun ‒ ‒ Und wir muͤs- sen, zur Belohnung unsers Leidens, auf eine Welt nach dieser hinausschauen! ‒ Noch eine aͤrgerliche Entdeckung! ‒ ‒ Wie sind Sie hinter das Licht gefuͤhret worden! ‒ ‒ Jch habe Sie fuͤr recht wachsam, fuͤr recht scharf- sichtig gehalten: ‒ ‒ aber, leyder! fuͤr den scheus- lichen Betruͤger, mit dem Sie zu thun gehabt haben, sind Sie nicht wachsam, nicht scharfsich- tig genug gewesen! ‒ ‒ Der Brief, den Sie, als den meinigen vom 7ten Jun. an mich eingeschlossen uͤbersandt haben, ist betruͤglich geschmiedet und untergeschoben Siehe den V. Th. S. 358. u. f. . Die Hand, in der That, ist der meinigen bis zum Erstaunen aͤhnlich; und der Umschlag, sehe ich, ist wirklich mein Umschlag: dennoch ist die Nach- ahmung in dem Briefe nicht so genau und voll- kommen, daß Sie, die meine Hand so wohl ken- nen, nen, es nicht haͤtten entdecken moͤgen; wenn Sie damals einigen Argwohn von seinem schaͤndlichen Gemuͤthe gehabt haͤtten. Kurz, dieser betruͤgerisch geschmiedete Brief ist zwar ziemlich lang, aber enthaͤlt doch nur we- nige Auszuͤge aus dem meinigen. Der meinige war sehr lang. Er hat, wie ich sehe, alles aus- gelassen, was Jhnen haͤtte zeigen koͤnnen, wie scheuslich das Haus sey, und gegen den schaͤndli- chen Tomlinson einigen Verdacht beyzubringen vermoͤgend gewesen waͤre. ‒ ‒ Sie werden dieß aus dem bloßen Entwurf des eigentlichen Brie- fes, den ich einschließen will (**) Siehe den V. Th. S. 135. u. f. , sehen, und bemerken, wie er, verfluchter Betruͤger! die Nachricht von der Fraͤulein Lardner und meine Erinnerungen zu seinem abscheulichen Zweck ver- drehet hat. Da ich fuͤr unserer beyden Sicherheit vor einem so kuͤhnen und verruchten Raͤnkeschmieder besorgt bin: so muß ich Sie auffordern, werthe- ste Freundinn, daß Sie sich entschließen, gesetz- maͤßige Rache an dem hoͤllischen Boͤsewicht zu nehmen; und dieß nicht allein um unserer selbst willen, sondern auch um derer Unschuldigen wil- len, die sonst von ihm noch koͤnnen betrogen und geschaͤndet werden. Hiernaͤchst ertheilet sie die eigentlichen Um- staͤnde von der Aussage des jungen Kerls, den sie mit ihrem Brief nach Hampstead geschickt hatte, und der sich einbildete, K 3 daß daß er ihn ihr selbst in die Haͤnde gelie- fert haͤtte Siehe den V. Th. S. 509. u. f. . Alsdenn faͤhret sie fort: Jch bin erstaunet, daß der ehrlose Kerl, der doch nichts von der Zeit wissen konnte, da mein Bothe, fuͤr dessen Ehrlichkeit ich stehen kann, kommen wuͤrde, ein Weibsbild hat bey der Hand haben koͤnnen, das Jhre Person spielete! Es ist etwas seltsames, daß der Bothe eben zu der Zeit, als Sie in der Kirche gewesen sind, hat ankom- men sollen; wie ich es aus der Vergleichung sei- ner Aussage mit Jhrer Nachricht, daß Sie an dem Tage zweymal in die Kirche gegangen, wirk- lich befinde: da er eben so leicht zwo Stunden vorher bey der Frau Moore haͤtte anlangen koͤn- nen. ‒ ‒ Allein haͤtten Sie mir nur gemeldet, liebste Freundinn, daß der Betruͤger Sie aufge- spuͤret haͤtte und um Sie waͤre! ‒ ‒ Das haͤtten Sie thun sollen! ‒ ‒ Jedoch ich tadle Sie nach einem Urtheil, das bloß auf den Ausgang der Sache gegruͤndet ist. Jch habe niemals die Histoͤrchen, die unter den Maͤgdchen auf dem Lande herumgehen, von Gespenstern, Schutzengeln, und Geistern geglau- bet: doch aber sehe ich keinen andern Weg, den gluͤcklichen Erfolg dieses nichtswuͤrdigen Kerls in seiner Bosheit, und die Mittel, wodurch er seine scheinbare Betruͤgereyen ins Werk richtet, zu er- klaͤren, als wenn man annimmt, wo er nicht der Teufel selber ist, daß er bestaͤndig einen vertrau- ten Geist zur Seiten hat. Bisweilen scheint es, nimmt nimmt dieser Vertraute die Gestalt des feyerli- chen Betruͤgers Tomlinsons an; bisweilen die Gestalt der verfluchten Sinclair, wie er sie nen- net: bisweilen wird ihm auch erlaubt, die Ge- stalt der Lady Elisabeth Lawrance anzunehmen ‒ ‒ Allein, man sehe, was er fuͤr ein aufgeschwolle- nes Bild vorstellte, als er die englische Gestalt und das englische Wesen meiner geliebten Freun- dinn annehmen wollte! Jch bin der Meynung, meine Wertheste, daß Sie da, wo Sie sind, nicht laͤnger sicher seyn werden, als so lange der Boͤsewicht auf dem Lan- de ist. Worte sind zu wenig! ‒ ‒ Wie koͤnnte ich ihn sonst verfluchen. Jch zweifle kaum, daß er sich auf eine Zeit selbst verkauft habe. O moͤch- te doch die Zeit nur kurz seyn: ‒ ‒ Oder moͤch- te sein hoͤllischer Eingeber mit ihm den Bund nicht besser halten, als mit andern! Jch schließe nicht allein den ersten Entwurf von meinem langen und oben beruͤhrten Briefe ein: sondern auch ein Verzeichniß des Hauptin- halts von demjenigen, den der junge Kerl Jhnen zu Hampstead selbst in die Haͤnde geliefert zu ha- ben glaubte. Wenn Sie beydes durchgesehen haben: so will ich Jhnen zu urtheilen uͤberlassen, wie viel ich Ursache gehabt, mich zu wundern, daß Sie auf keinen von diesen Briefen antworte- ten; da Sie selbst bekannten, daß Sie den einen bekommen haͤtten; und ich versichert ward, daß der andere Jhnen selbst in die Haͤnde geliefert waͤre; an beyden aber Jhrer Ehre so viel gelegen K 4 war. war. Sie moͤgen auch selbst urtheilen, wie viel mehr ich mich wundern mußte, als ich einen Brief von Frau Townsend, vom 15ten Jun. aus Hampstead bekam, der folgende Nachrichten ent- hielte: „Herr Lovelace waͤre verschiedne Tage bey „Jhnen gewesen, und haͤtte am Montage vorher „seine Tante und Base, in einem reichen Putz „und einer Kutsche mit vier Pferden, hingebracht, „Sie zu besuchen. Diese haͤtten Sie mit Jhrem „guten Willen mit sich nach London genommen ‒ ‒ „und in ihre vorige Wohnung gefuͤhret, wo Sie „sich noch aufhielten. Die Weibsleute zu Hamp- „stead glaubten, daß Sie mit ihm vermaͤhlet waͤ- „ren, und machten ihre Anmerkungen uͤber mich, „als eine Person, die zwischen Mann und Weib „Uneinigkeiten stiftete. Er selbst waͤre des Ta- „ges zuvor, Mittwoch. den 14ten, zu Hampstead „gewesen, und haͤtte sich geruͤhmet, wie gluͤcklich „er mit Jhnen waͤre, auch Frau Moore, Frau „Bevis und Jungfer Rawlins eingeladen, nach „London zu kommen und seine Gemahlinn zu be- „suchen; welches sie versprochen haͤtten. Er haͤt- „te versichert, daß Sie mit Jhrer vorigen Woh- „nung vollkommen wieder vergnuͤgt waͤren. End- „lich haͤtten noch die Weibspersonen zu Hamp- „stead der Frau Townsend erzaͤhlet, daß er ihre „Zimmer gar wohl bezahlet haͤtte„. Jch gestehe Jhnen, werthe Freundinn, ich wunderte mich so sehr, und war so misvergnuͤgt uͤber diesen widrigen Anschein gegen eine Auffuͤh- rung, wider die bis dahin nichts einzuwenden ge- wesen, wesen, daß ich mir vornahm, mich so gut, als ich koͤnnte, zu beruhigen, und zu warten, bis Sie es fuͤr dienlich finden wuͤrden, an mich zu schreiben. Allein ich konnte meine Ungedult nur auf wenige Tage im Zaum halten: und den 20ten Jun. schrieb ich einen harten Brief an Sie; den Sie, wie ich finde, nicht bekommen haben. Was fuͤr ein ungluͤckliches Schicksal, liebste Freundinn, hat sich, von dem ersten Anfange an bis auf diese Stunde, in Jhrer Begebenheit ge- zeiget! Haͤtte meine Mutter erlaubet ‒ ‒ Jedoch kann ich diese tadeln: da Jhr Va- ter und Jhre Mutter am Leben sind, die so viel zu verantworten haben? ‒ ‒ So viel! ‒ ‒ als kein Vater und keine Mutter, in Betrachtung des Kindes, das sie getrieben, verfolget, bloßge- stellet, aufgegeben haben ‒ ‒ jemals zu verant- worten gehabt! Noch einmal muß ich den verruchten Boͤse- wicht verfluchen ‒ ‒ Wiewohl, ich habe es schon vorher gesagt, alle Worte sind zu wenig und rei- chen nicht so weit, als es noͤthig waͤre! Sehen wir aber nicht an den erschrecklichen Meineiden und Betruͤgereyen dieses Menschen, was liederliche Leute und Liebhaber der so genann- ten freyen Lebensart zu thun geneigt sind, wenn sie ein junges Frauenzimmer in ihre Gewalt be- kommen? Es ist wahrscheinlich, daß er die un- leidliche Vermessenheit haben mochte, einen leich- tern Sieg zu hoffen. Allein da Jhre Wach- samkeit und erhabne Tugend, die ihres gleichen K 5 nicht nicht haben, verursacheten, daß Traͤnke, Noth- zwang, und die aͤußersten Gewaltthaͤtigkeiten zur Erreichung seines abscheulichen Zwecks noͤthig waren: so sehen wir, daß er sich niemals ein Be- denken daruͤber machte. Jch zweifle gar nicht, daß eben diese oder eine gleiche Bosheit von Leu- ten dieser schaͤndlichen Art oͤfterer wuͤrde ausgeuͤ- bet werden, wenn die Thorheit und Leichtglaͤubig- keit der elenden und unvorsichtigen Personen, die sich selbst in ihre Haͤnde werfen, ihnen nicht einen leichtern Sieg zuwege braͤchte. Mit wie großem Vergnuͤgen muͤssen diejeni- gen Eltern, welche ihre Toͤchter durch die Ver- maͤhlung mit einem tugendhaften Mann gluͤcklich berathen haben, diese Dinge uͤberlegen! Und wie gluͤcklich sind die jungen Weibspersonen, die sich selbst unter einem anstaͤndigen Schutz sicher befinden! ‒ ‒ Konnte eine solche Person, als Fraͤu- lein Clarissa Harlowe, nicht entgehen: wer kann wohl sicher seyn? ‒ ‒ Denn ob gleich ein jeder liederlicher Kerl nicht ein Lovelace ist: so ist doch auch nicht ein jedes Frauenzimmer eine Cla- rissa; und seine Unternehmungen sind nur mit Jhrem Widerstande und Jhrer Wachsamkeit in gleichem Verhaͤltnisse gewesen. Meine Mutter hat mir befohlen, Jhnen ih- re Gedanken uͤberhaupt von Jhrer traurigen Ge- schichte zu eroͤffnen. Jch will es in einem andern Briefe thun, und denselben nebst diesem durch einen eignen Bothen an Sie schicken. Kuͤnftig Kuͤnftig aber, wenn Sie es genehm halten, will ich meine Briefe durch die gewoͤhnliche Hand, durch Collins, senden, daß sie im Sara- cenen-Kopfe auf dem Schneehuͤgel abgegeben werden: und dahin koͤnnen Sie auch die ihrigen schicken; wie wir sie sonst beyde in Wilsons Haus zu senden pflegten. Jch nehme diejenigen aus, welche wir durch die Post abzulassen fuͤr gut be- finden werden, und bin besorgt, daß diese, nach meinem naͤchstkuͤnftigen, wieder an Herr Hick- mann, wie zuvor, gerichtet werden muͤssen. Denn meine Mutter setzet unserm Briefwechsel eine sol- che Bedingung, welche Sie vermuthlich nicht zu erfuͤllen geneigt seyn werden, ob ich es gleich wuͤn- schen moͤchte. Jch werde Jhnen diese Bedin- gung bald melden. Unterdessen bitte ich wegen aller Haͤrte in mei- nem letzten Schreiben um Entschuldigung, und ersuche Sie, meine Wertheste, zu glauben, ich sey Jhre wahrhaftig gleich gesinnte, und unveraͤnderliche Freundinn, Anna Howe. Der Der vier und zwanzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Montags, den 10ten Jul. J ch nehme nun meine Feder wieder, theureste Freundinn, damit ich meiner Mutter ge- horche und Jhnen ihre Meynung uͤber Jhre un- gluͤckliche Geschichte entdecke. Sie redet bestaͤndig aus dem alten Tone, und will behaupten, daß alle Jhre Ungluͤcksfaͤlle von dem ersten verderblichen Schritte herruͤhren, den Sie gethan haben. Denn sie glaubt; ich kann es aber nicht glauben; daß Jhre Verwand- ten willens gewesen waͤren, nach noch einem ge- meinschaftlichen Versuch, Jhrer Abneigung nach- zugeben, wenn sie dieselbe so festgegruͤndet gefun- den haͤtten, als man, erlauben Sie mir es zu sa- gen, durch eine thoͤrichte Vermuthung, nach so vielen, laͤcherlicherweise wiederholten Versu- chen, sie nicht zu finden dachte. Jn Ansehung dessen, was sie von dem schaͤnd- lichen Freygeiste zuletzt gelitten haben, bleibt sie unveraͤnderlich der Meynung, daß, wo sich alles, in Absicht auf die Traͤnke und die Gewaltthaͤtig- keiten, die Sie ausgestanden haben, so verhaͤlt, wie Sie berichtet haben; woran dieselbe nicht zweifelt; Sie vor allen Dingen eine gerichtliche Klage Klage wider ihn und seine teuflische Mitgenossen anstellen muͤssen. Sie fragt, welche Moͤrder, welche Raͤuber wohl wuͤrden vor Gericht gebracht werden: wenn ein jeder die Schamhaftigkeit vorwenden woll- te, und das zugelassen wuͤrde, damit er nicht vor Gericht erscheinen duͤrfte, jemand daselbst zu ver- folgen. Das Wohl der Gesellschaft erfordere, sagt sie, daß solch ein Raubvieh daraus gejaget werde. Wo Sie ihn nicht verfolgen: so werden Sie, nach ihren Gedanken, alles Ungluͤck zu verantworten haben, was er in dem Fortgange seines schaͤndli- chen Lebens noch thun mag. Wird man wohl denken, Annchen, sagte sie, daß es der Fraͤulein Harlowe ein Ernst sey, wenn sie spricht, Sie trage keine Sorge, ihre Schande vor der Welt verborgen zu halten, wo Sie sich fuͤrchtet oder schaͤmet, vor Gericht zu erscheinen, und dadurch sich und ihrem Geschlechte Gerech- rechtigkeit wider ihn zu verschaffen? Wird man nicht vielmehr auf den Verdacht gerathen, daß Sie besorgt seyn moͤge, es werde sich bey der Un- tersuchung der wunderlichen Sache einige Schwachheit oder heimliche Liebe zeigen? Wo eine so mannichfaltig verwickelte Bosheit, schloß sie, als diese ist, ungestraft hingehen soll; eine Bosheit, wobey Meineid, Mischung schaͤdlicher Traͤnke, Unterschiebung erdichteter Briefe, Auf- stellung falscher Personen, alle zusammenkom- men, eine unschuldige Person ungluͤcklich zu ma- chen chen und eine ansehnliche Familie zu entehren; eine Bosheit, wobey diese Laster selbst, wie man vermuthen mag, Beweisthuͤmer ihrer Unschuld sind: was fuͤr ein Fall wird denn wohl verdie- nen, vor Gericht gebracht zu werden; oder wel- cher Ubelthaͤter soll an den Galgen kommen? Hiernaͤchst meynt sie, und ich bin eben der Meynung, daß vor allen Dingen die schaͤndlichen Creaturen, welche an seiner Bosheit Theil haben, zu verdienter Strafe gezogen werden sollen; wie geschehen muß und geschehen wird, wenn man ihn zu seinem Verhoͤr bringet: und dieß kann ein Mittel seyn ein ganzes Otternnest zu zerstoͤren und auszurotten, und viele unschuldige Seelen zu retten. Sie fuͤgte hinzu, wo es der Fraͤulein Clarissa Harlowe um ihrer selbst willen so gleichguͤltig seyn koͤnnte, ob an einem solchen Boͤsewicht diese oͤffentliche Gerechtigkeit ausgeuͤbet wuͤrde, oder nicht: so waͤre Sie schuldig, in Betrachtung Jh- rer Familie, Jhrer Bekannten und Jhres Ge- schlechts, die alle durch seine Schandthaten gegen Sie beleidigt und geaͤrgert waͤren, ihre Zweifel zu uͤberwinden. Waͤre sie Jhre Mutter, erklaͤrt sie sich; so wuͤrde sie ihres Theils Jhnen unter keinen andern Bedingungen vergeben: und wo Sie sich diesel- ben gefallen lassen, will sie es selbst uͤber sich neh- men, Sie mit Jhrer Familie wieder auszu- soͤhnen. Dieß, Dieß, werthe Freundinn, sind meiner Mut- ter Gedanken von Jhrer betruͤbten Geschichte. Jch muß gestehen, sie sind gegruͤndet und gerecht. Meiner Meynung nach wuͤrde es den Gesetzen gar wohl gemaͤß seyn, ein schimpflich be- leidigtes Frauenzimmer anzuhalten, daß sie die Mannsperson vor Gericht verfolgete, und die Verfuͤhrung, wobey sich seine vorsetzliche Bos- heit und kein Fehler in ihrem Willen zeigte, an seiner Seite des Todes wuͤrdig erklaͤren ließe. Zu dem Ende ist die Gewohnheit auf der Jn- sel Man sehr gut ‒ „Wenn daselbst eine ledige Weibsperson ei- „nen ledigen Kerl wegen einer gewaltsamen Ent- „ehrung belanget: so ernennen die geistlichen „Richter einen Geschwornen. Findet dieser Ge- „schworne ihn schuldig: so wird er als schuldig „den weltlichen Gerichten wieder uͤberliefert. „Hier uͤberreicht der Richter, wofern er uͤberwie- „sen wird, der Weibsperson einen Strick, ein „Schwerdt und einen Ring: und sie hat die freye „Wahl, ob er gehangen, enthauptet oder mit ihr „getrauet werden soll„. Eines von den beyden ersten sollte sie, mei- nen Gedanken nach, allemal waͤhlen. Mich verlangt sehr, die Umstaͤnde von Jh- rer Geschichte vollstaͤndig zu erfahren. Sie muͤs- sen bey einem so geschaͤfftigen Gemuͤthe, als Sie besitzen, mehr als zu viele Zeit uͤbrig haben: wo Sie sich nur leidlich befinden und einigermaßen munter seyn koͤnnen. Die Die Bosheit des aͤrgsten Kerls auf der Welt und die Tugend des vortrefflichsten Frauenzim- mers auf Erden, vermuthe ich, wuͤrde in dieser Erzaͤhlung durch ausnehmende Beyspiele vorge- stellt werden: wenn sie auf die zusammenhangen- de und besondere Art, wie Sie zu schreiben pfleg- ten, aufgeschrieben wuͤrde. Versuchen Sie es, liebste Freundinn: und da Sie das Beyspiel nicht ohne die Warnung geben koͤnnen; so geben Sie beydes, zum Be- sten aller derer, die von Jhrem ungluͤcklichen Schicksal hoͤren werden. Fangen Sie von Jh- rem Schreiben vom 5ten Jun. an, zu welcher Zeit eine nicht unangenehme Aussicht in die Zu- kunft vor Jhnen war. Jch bedaure Sie wegen der Arbeit: kann Sie aber derselben nicht willig uͤberheben. Meine Mutter verlangt, ich soll noch beyfuͤ- gen, daß sie auf die gerichtliche Ausfuͤhrung Jh- rer Sache bestehen muͤsse. Sie wiederholt es, daß sie dieß zu einer Bedingung setze, unter wel- cher sie unsern kuͤnftigen Briefwechsel erlaubet. ‒‒ Melden Sie mir also Jhre Gedanken daruͤber. Jch fragte sie, ob sie zulassen wollte, daß ich vor Gericht erscheinen moͤchte, Sie zu unterstuͤtzen, wenn Sie sich gefaͤllig erklaͤrten? ‒ ‒ Allerdings, war ihre Antwort, wenn das Sie bewegen koͤnn- te, mit ihm und den scheuslichen Weibsleuten an- zubinden. Jch denke, ich koͤnnte zu Jhnen kom- men; men; ich bin versichert, ich koͤnnte es: wenn nur eine Wahrscheinlichkeit vorhanden waͤre, dem Un- geheuer sein verdientes Ende zu verschaffen. Noch einmal: ertheilen Sie mir Jhre Ge- danken daruͤber; und setzen den Fall, daß es mit Genehmhaltung Jhrer Anverwandten geschehen sollte. Sie moͤgen sich aber in diesem Stuͤcke ent- schließen, wozu Sie wollen: so werde ich bestaͤn- dig beten, daß Gott Jhnen Gedult verleihe, Jhr schweres Leiden zu ertragen, wie eine Person thun muß, die sich dasselbe nicht durch einen strafbaren Willen zugezogen hat; daß er Jhrem verwunde- ten Gemuͤthe Friede und Trost zuspreche, und Jhnen viele begluͤckte Tage schenke. Jch bin, und werde allezeit seyn, Jhre ergebene und getreue Anna Howe. Die beyden vorhergehenden Briefe wur- den durch einen eignen Bothen abge- schickt: und in dem Umschlage waren noch die folgenden Zeilen geschrieben. Montags, den 10ten Jul. J ch kann den Einschluß nicht ohne Begleitung von einigen Zeilen abgehen lassen, um Jhnen, wertheste Freundinn, anzuzeigen, daß beyde Brie- fe in einigen Stellen nicht so zaͤrtlich sind, als ich wuͤrde geschrieben haben, wenn sie nicht vor mei- ner Mutter die Musterung haͤtten leiden muͤssen. Sechster Theil. L Die Die Hauptursache aber, warum ich so besonders schreibe, ist diese, daß ich Sie um Erlaubniß bit- te, Jhnen Geld, Kleider und Waͤsche, welches Sie nothwendig brauchen muͤssen, zu senden, und dabey ersuche, mich wissen zu lassen, ob entweder ich, oder sonst jemand, bey dem ich etwas gelten mag, Jhnen dienen kann. Jch bin aus- nehmend besorgt, daß Sie da, wo Sie sich auf- halten, noch nicht genug vor seinen Haͤnden gesi- chert sind. Gleichwohl ist London, wie ich ver- sichert bin, vor allen andern der Ort, wo man geheim bleiben kann. Jch moͤchte mir vor Verdruß die Haare aus- raufen, daß ich es nicht in meiner Gewalt habe, Jhnen persoͤhnlichen Schutz zu ertheilen! ‒ ‒ Jch bin Jhre ewig ergebene Anna Howe. Der fuͤnf und zwanzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Dienstags, den 11 ten Jul. J ch lasse mir den Weg gefallen, allerliebste Freundinn, den Sie vorschreiben, unsere Briefe zu uͤbermachen; und habe es schon mit dem Waͤrter in dem Wirthshause verabreden lassen, lassen, daß er mir die ihrigen den Augenblick uͤberbringe, wenn Collins mit denselben ankommt: da es hinwiederum dem Hausknecht hier, wo ich bin, erlaubt seyn wird, die meinigen fuͤr Sie zu Collins zu tragen. Weil Sie so instaͤndig alle Umstaͤnde meiner traurigen Geschichte zu wissen verlangen: so will ich Jhnen, wo mir Leben und Kraft verliehen wird, von allem, was mich seit der Zeit, wel- che Sie benennen, betroffen hat, eine weitlaͤuf- tige Nachricht aufsetzen. Aber es ist sehr wahr- scheinlich, daß Sie dieselbe nicht eher sehen wer- den, als bis mein letzter Auftritt in der Welt ge- endiget ist. Da ich diesen, indem ich schreibe, bestaͤndig vor Augen haben werde: so wird es nicht noͤthig seyn, daß sonst jemand fuͤr die Wahrhaftigkeit der Person, welche die Feder fuͤhret, Gewaͤhr leiste. Es ist ferne von mir, daß ich mich vor wei- terer Gewaltthaͤtigkeit dieses Kerls gesichert hal- ten sollte. Aber was kann ich thun! Wohin kann ich fliehen? ‒ ‒ Vielleicht mag der schlechte Zustand meiner Gesundheit, welcher nothwen- dig immer aͤrger werden muß, wie die Erinne- rung und Betrachtung der vergangenen Uebel mir von Zeit zu Zeit schwerer zusetzet, mein Schutz seyn. Jch dachte freylich einmal, weit von hier zu gehen; und wenn ich noch viele Jahre vor mir saͤhe, wuͤrde ich es wirklich thun ‒ ‒ ‒ aber, wertheste Freundinn, der toͤdtliche Streich ist mir schon versetzet. ‒ ‒ Sie haben L 2 auch auch nicht Ursache, nach den Umstaͤnden, wor- unter ich itzo bin, daruͤber bekuͤmmert zu seyn. Was fuͤr ein Herz muͤßte ich haben: wenn es nicht gebrochen seyn sollte! ‒ ‒ Und, in Wahr- heit, meine liebste, meine beste, ich haͤtte bey- nahe gesagt, meine einzige Freundinn, ich tra- ge ein so sehnliches Verlangen nach meinem letz- ten und beschließenden Auftritte, und sehe meine Abnahme mit so vielem Vergnuͤgen an, daß ich so gar bisweilen undankbarlich uͤber die von Na- tur gesunde Leibesbeschaffenheit, welche die Em- pfindung alles erlangten Vergnuͤgens bey mir zu verdoppeln pflegte, misvergnuͤgt bin. Was die mir ernstlich empfohlne Ausfuͤh- rung meiner Sache vor Gericht anlanget: so kann ich dieselbe vielleicht nach diesem weitlaͤuftiger be- ruͤhren; wo ich jemals mehr Kraͤfte und Mun- terkeit haben werde. Denn gegenwaͤrtig sind sie sehr niedergeschlagen und schwach. ‒ ‒ Nur das will ich itzo sagen, daß ich eher alles Uebel, ausgenommen die Wiederhohlung meines groͤßten Ungluͤcks, erdulden wollte, als oͤffentlich vor Gericht erscheinen, mir Gerechtigkeit zu ver- schaffen D. Lewin suchet fie, wie man in dem folgenden sehen wird, zu dieser oͤffentlichen Belangung ih- res Beleidigers, durch solche Gruͤnde, die seinem Character gemaͤß sind, zu bereden: und sie be- antwortet dieselben auf eine dem ihrigen gemaͤße Art. Jch bedaure von Herzen, daß Jh- re Mutter eine solche Regel, als die Bedingung unsers kuͤnftigen Briefwechsels vorschreibet. ‒ ‒ Denn Denn Jhre fernere Freundschaft, meine Wer- theste, und das Verlangen, welches ich hatte, bis an das Ende meines Lebens Briefe mit Jh- nen zu wechseln, waren alle Hoffnung und aller Trost, den ich fuͤr mich uͤbrig sahe. Jnzwi- schen, da diese Freundschaft in der Gewalt des Herzens, nicht der Hand allein, stehet, hoffe ich, dieselbe nicht zu verlieren. O! meine Allerliebste! was fuͤr ein schweres Gewicht hat eines Vaters Fluch! ‒ ‒ Sie koͤn- nen es sich nimmermehr einbilden ‒ ‒ Jedoch ich will gegen Sie hievon nichts gedenken; da Jhnen meine Angehoͤrigen niemals gefallen ha- ben. ‒ ‒ Eine Aussoͤhnung mit denselben ist nicht zu hoffen! Jch habe einen Brief an Jungfer Rawlins, zu Hampstead, geschrieben. Die Antwort darauf, welche ich eben itzo bekommen habe, hat mir ge- holfen, daß ich hinter die schaͤndliche Erfindung gekommen bin, wodurch dieser gottlose Kerl Jh- ren Brief vom 10ten Jun. aufzufangen gewußt. Jch will Jhnen den Jnhalt von beyden mit- theilen. Jn meiner Zuschrift an sie melde ich ihr „was mich durch die Bosheit der Weibsleute, „welche bey mir fuͤr die Tante und Base des „gottlosesten Menschen ausgegeben waren, betrof- „fen habe, und bekenne, daß ich niemals mit „ihm verheyrathet worden. Jch ersuche sie, ge- „naue Nachfrage zu thun, und mich wissen zu „lassen, wer es in Frau Moorens Hause gewe- L 3 sen „sen waͤre, der am Sonntage, Nachmittags, „den 11ten Jun. unter der Zeit, da ich in der „Kirche war; einen Brief von der Fraͤulein Ho- „we, mit dem Vorgeben daß ich es selbst waͤre, „angenommen, und dabey auf einem Ruhebette „gelegen haͤtte. ‒ ‒ Jch bezeuge ihr, daß eben „der Brief mich von dem Verderben gerettet ha- „ben wuͤrde, wenn er mir zu Haͤnden gekommen „waͤre. Jch entschuldige mich mit der Raserey, „worein mich das unmenschliche Verfahren gegen „mich gestuͤrzet hatte, und mit der eben so un- „menschlichen und widerrechtlichen Einsperrung, „daß ich mich nicht schon eher an Frau Moore „gewandt, und die Rechnung von dem, was ich „ihr schuldig waͤre, verlanget haͤtte: wie ich sie „mir nun ausbaͤte. Endlich bitte ich, ihre Ant- „wort, aus Beysorge, ich moͤchte sonst von Herrn „Lovelace aufgespuͤret werden, an Frau Maria „Akkins zu richten, so, daß sie in dem Wirths- „hause zur schoͤnen Wilden auf Ludgate-Hill ab- „gegeben und aufbehalten werde, bis man sie ab- „fordert. Jn ihrer Antwort berichtet sie, „der ehrlose „Kerl haͤtte Frau Bevis gewonnen, m eine Per- „son vorzustellen ‒ ‒ Ein ploͤtzlicher Einfall „von ihm, wie es scheint, als Jhr Bothe „sich sehen ließ ‒ ‒ Sie waͤre beredet, sich auf „ein Ruhebette zu legen, ein Schnupftuch uͤber „den Hals und das Gesicht zu ziehen, und vor- „zugeben, daß sie sich nicht wohl befaͤnde. Die „falschen Vorstellungen von den uͤbeln Diensten meiner „meiner liebsten Freundinn, zwischen einem „Manne und seiner Frauen eine Uneinigkeit zu „unterhalten, haͤtten sie verleitet. ‒ ‒ und so haͤt- „te sie, als wenn ich es selbst waͤre, den Brief „von Jhrem Bothen angenommen. „Jungfer Rawlins giebt sich Muͤhe, Frau Be- „vis in ihrer Absicht zu entschuldigen. Sie bezeuget „ihre Bestuͤrzung und ihr Beyleid wegen desjeni- „gen, was ich ihr eroͤffne: aber freuet sich gleich- „wohl, so wie sie alle, daß sie noch zu rechter Zeit „die schaͤndliche Gemuͤthsart des niedertraͤchtigen „Menschen erfahren haͤtten; indem die beyden „Witwen, und sie selbst, auf seine ernstliche Ein- „ladung; willens gewesen waͤren, mich in Frau „Sinclairn Hause zu besuchen; in der Meynung, „daß alles zwischen ihm und mir, wie er sie ver- „sichert haͤtte, in gluͤcklichem Stande waͤre. „Herr Lovelace, meldet sie mir, haͤtte Frau Moo- „ren ganz wohl befriediget. Sie beschließet mit „dem Wunsch, einer Nachricht von den eigentli- „chen Umstaͤnden einer so außerordentlichen Bege- „benheit gewuͤrdiget zu werden, da dieselben dien- „lich seyn moͤgen, ihr zu zeigen, was fuͤr gottlose „Creaturen, unter Weibsleuten so wohl als un- „ter Mannspersonen, in der Welt sind. Jch danke Jhnen fuͤr die Entwuͤrfe von ih- ren zween Briefen, die von diesem abscheulichen Kerl aufgefangen sind. Jch sehe, wie großen Vortheil er, in der Vollfuͤhrung seiner ehrlosen Anschlaͤge gegen die elende Person, die er so lan- L 4 ge ge zu einem Spiel seiner verdammten Erfindun- gen gemacht hat, davon gezogen habe. Jch muß es noch einmal sagen, ich bin des Lebens ganz uͤberdruͤßig; und einer Erde muͤde, auf welcher unschuldige und gutwillige Ge- muͤther gewiß als Fremdlinge anzusehen sind, und von den aͤchten Soͤhnen und Toͤchtern der Erde allen Jammer leiden muͤssen. Wie ungluͤcklich, daß diese Briefe allein, welche mir seine scheusliche Absichten haͤtten ent- decken, und mich gegen dieselben, und gegen die Bosheit der ehrlosen Weibsleute, haͤtten bewaff- nen koͤnnen, in seine Haͤnde fallen sollten! ‒ ‒ Noch ungluͤcklicher, daß selbst meine Flucht nach Hampstead ihm die Gelegenheit geben mußte, sie zu bekommen! Nichts desto weniger kann ich nicht anders, als mich wundern, wie es dem Tomlinson moͤg- lich gewesen, das zu erfahren, was zwischen Herrn Hickmann und meinem Onkel Harlowe vorgegangen war Man sehe die Anmerkung unter dem XXII. Briefe. : ein Umstand, der dem niedertraͤchtigen Betruͤger den meisten Glauben bey mir verschaffete. Wie der gottlose Kerl selbst mich zu Hamp- stead hat auffinden koͤnnen, muß ebenfalls fuͤr mich ganz und gar ein Geheimniß bleiben. Er mag sich mit seinen Raͤnken ruͤhmen ‒ ‒ Er, der mehr Bosheit, als Witz hat, mag sich mit sei- nen nen Raͤnken ruͤhmen! ‒ ‒ Aber, bey dem allen, werde ich, wie ich mich in Demuth zu hoffen unterfange, gluͤckselig seyn, wenn er, elender Mensch ‒ ‒ Ach! ‒ ‒ wer kann sagen was ‒ ‒ seyn wird. Leben Sie wohl, meine theureste Freun- dinn! ‒ ‒ Jch wuͤnsche, daß Sie gluͤcklich seyn moͤgen! ‒ ‒ Alsdenn kann Jhre Clarissa Harlo- we nicht gaͤnzlich elend seyn! Der sechs und zwanzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Mittwoch Abends den 12 ten Jul. J ch schreibe, meine Allerliebste, ich kann nicht anders, als schreiben, um meinen Kum- mer uͤber Jhre Kleinmuͤthigkeit zu bezeugen. Erlauben Sie mir zu bitten, reizender Ausbund aller Vorzuͤge, erlauben Sie mir zu bitten, daß Sie derselben nicht freyen Lauf lassen. Troͤsten Sie sich im Gegentheil, selbst, in dem siegreichen Gepraͤnge einer unbefleckten Tu- gend, eines ganz unstraͤflichen Willens. Wer haͤtte die Versuchungen aushalten koͤnnen, die Sie uͤberstiegen haben? ‒ ‒ Jhr Vetter Mor- den wird bald anlangen. Er wird schon zusehen, L 5 daran daran zweifle ich gar nicht, daß Jhnen, so wohl fuͤr Jhre Person, als in Ansehung Jhres Guts, Gerechtigkeit widerfahre. Sie koͤnnen noch vie- le begluͤckte Tage erleben, und noch viel Gutes thun: wenn Sie nur unvermeidliche Zufaͤlle nicht bis zu einer suͤndlichen Kleinmuͤthigkeit erhoͤhen wollen. Wozu, meine Wertheste, dauret noch diese nagende Sorge um eine Aussoͤhnung mit Ver- wandten, die eben so nichtswuͤrdig als unver- soͤhnlich sind, die ihren Willen von einem nach allem greifenden Bruder lenken lassen, welcher seine Rechnung dabey findet, daß er den Riß of- fen erhaͤlt? Jch sehe nun augenscheinlich, daß der schaͤndlichste Kerl alle seine Anschlaͤge auf diese uͤbertriebene Sorge gebauet habe. Er hat ge- merket, daß Sie mehr, als jemals Grund zu hoffen war; nach der Aussoͤhnung lechzeten. Die Absicht, die Hoffnung, gestehe ich, ist ausneh- mend reizungsvoll: waͤren Jhre Angehoͤrigen nur Christen, oder auch nur Heiden mit mensch- lichen Herzen gewesen. Jch werde diesen kurzen Brief; denn ich bin genoͤthigt ihn kurz zu machen; durch den jungen Rogers, wie wir ihn nennen, absenden. Es ist eben der, den ich zu Jhnen nach Hampstead schickte: ein unschuldiger Bauer; ob er sich gleich gern in fremde Sachen menget. Haben Sie die Guͤte, ihn vor sich zu lassen: damit er mir er- zaͤhlen koͤnne, wie Sie aussehen, und wie Sie sich befinden. Herr Herr Hickmann sollte Jhnen aufwarten: al- lein ich besorge, daß alle seine Bewegungen, und auch meine eigne, von dem verfluchten Boͤse- wicht bewachet werden; wie ich in der That des- selben Bewegungen von einem meiner Unterhaͤnd- ler bewachen lasse. Denn ich gestehe, ich fuͤrch- te mich, da ich nunmehr weiß, daß er meine heftigen Briefe gegen ihn aufgefangen hat, so sehr vor seinen Raͤnken und vor seiner Rache, daß er mir so wohl in allen Traͤumen vorkommt, als beym Wachen die Ursache aller meiner Furcht ist. Meine Mutter hat mir eben, auf mein ernst- liches und kuͤhnes Anhalten, die Erlaubniß ge- geben, an Sie zu schreiben und Jhre Briefe anzunehmen. ‒ ‒ Aber sie hat die Erlaubniß an diese Bedingung gebunden, daß Jhre Briefe unter einem Umschlag an Herr Hickmann gehen muͤssen; vermuthlich mit einer Absicht, ihn bey mir geltend zu machen: und an diese fernere Be- dingung, daß sie alles sehen soll, was wir schrei- ben ‒ ‒ „Wenn die Maͤgdchen“, hat sie gegen jemand gesagt, der es mir wieder erzaͤhlet hat, „sich etwas in den Kopf gesetzet haben: so ist es „besser fuͤr eine Mutter, wo moͤglich, selbst von „ihrer Partey zu seyn, als sich ihnen zu widerse- „tzen; indem alsdenn Hoffnung seyn wird, daß „sie noch den Zaum in ihren eignen Haͤnden be- „halten werde“. Haben Sie die Gewogenheit, mir zu mel- den, was es fuͤr Leute sind, bey denen Sie woh- nen nen. ‒ ‒ Soll ich Frau Townsend schicken, Jh- nen entweder sichrere oder fuͤr Sie bequemerere Wohnungen anzuweisen? Seyn Sie so gut, und schreiben durch Ro- gers. Er wird um Jhre Antwort bey Jhnen zu der Jhnen beliebigen Zeit anfragen. Leben Sie wohl, meine liebste Freundinn. Troͤsten Sie sich selbst, wie Sie in dergleichen ungluͤcklichen Umstaͤnden troͤsten wuͤrden Jhre eigne Anna Howe. Der sieben und zwanzigste Brief. von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Donnerstags, den 13 ten Jul. J ch bin ausnehmend bekuͤmmert, meine liebe Fraͤulein Howe, daß ich die Hauptursache zu der Furcht bin, die Sie vor den rachgierigen Unternehmungen dieses gottlosen Kerls haben. O! wie weit breitet sich mein Versehen aus! ‒ ‒ Wo ich finde, daß er den geringsten Anschlag gegen Sie, oder Herrn Hickmann, auf die Bahn bringet: so, versichere ich Sie, will ich mich er- klaͤren, ihn vor Gericht zu verfolgen; wenn ich auch auch gewiß wuͤßte, daß ich das erste mal, da ich vor dem Richterstuhl, vor welchen er gefordert seyn moͤchte, erscheinen wuͤrde, nicht uͤberleben sollte. Jch gestehe, daß die Gruͤnde ihrer Mutter wegen dieser Sache ihre Richtigkeit haben: aber ich muß auch sagen, daß, nach meinen Gedan- ken, in meiner besondern Begebenheit Umstaͤnde vorkommen, die mich entschuldigen werden, wenn ich, auf eine jede geringere Veranlassung, als die oben beruͤhrte, nicht geneigt seyn sollte, ge- gen ihn zu erscheinen. Jch habe schon gemeldet, daß ich mich hieruͤber vielleicht einmal genauer erklaͤren kann. Jhr Bothe hat mich nun wirklich gesehen. Jch habe mit ihm von dem Betrug, der ihm zu Hampstead gespielet worden, geredet. Es ist mir leid, daß ich Ursache habe, zu sagen, daß, wenn der arme junge Kerl nicht sehr einfaͤltig und sehr klugduͤnkend gewesen waͤre, er nicht so groͤblich hinters Licht gefuͤhret seyn wuͤrde. Frau Bevis hat eben die Vertheidigung fuͤr sich. Ein gutartiges, gedankenloses Weib, das nicht gewohnt ist mit einem so ehrlosen und doch so scheinbaren Betruͤger umzugehen, der sich diese beyden einfaͤltigen Leute zu Nutze gemacht hat. Jch denke, ich kann nicht geheimer seyn, als wo ich bin. Jch hoffe ach sicher zu seyn. Alle Gefahr, die ich laufe, ist, wenn ich fruͤhe in die Bethstunde gehe und wieder herauskomme. Das habe ich zwey oder dreymal gewaget: einmal in der der Kapelle bey Lincolns-Jnn, um eilfe; einmal zu St. Dunstans in der Fleet-Street, um sie- ben des Morgens, jedesmal in einer Saͤnfte; und zweymal fruͤhe um sechse in der Kirche hier in der Nachbarschaft im Covent-Garden. Die gottlosen Weibsbilder, von denen ich entflohen bin, werden nicht in die Kirche kommen, wie ich hoffe, nach mir zu sehen; sonderlich bey so fruͤhen Bethstunden: und ich habe mir in der letzten Kirche den geheimsten Stuhl ausgesuchet, mich darinn zu verbergen. Vielleicht mache ich auch wenig Ansehen in einem alltaͤglichen Rock; als wenn ich verkleidet waͤre: da uͤber dieß mein Gesicht halb von meiner Kappe bedeckt wird. ‒ ‒ Jch bekuͤmmere mich nun sehr wenig darum, mei- ne Wertheste, wie ich aussehe. Sauber und rein ist alles, was ich suche. Der Name des Mannes in dessen Hause ich wohne, ist Smith ‒ ‒ Er ist ein Handschuh- macher und Handschuh kraͤmer. Seine Frau haͤlt den Laden, und handelt auch mit Struͤm- pfen, Baͤndern, Schnupftaback und Raͤuch- werk: eine ehrbare Frau, aufrichtig und klug. Der Mann ist ehrlich und fleißig. Beyde leben in einem guten Vernehmen mit einander. Ein Beweis bey mir, daß ihre Herzen rechter Art sind! Denn wo ein paar Eheleute uͤbel mit ein- ander leben, da ist es ein Zeichen, wie ich denke, daß ein jedes etwas unrechtes von dem andern weiß, entweder in Ansehung der Gemuͤthsart, oder der sittlichen Grundsaͤtze, weswegen sie der Welt, Welt, wenn es ihr so gut, als ihnen selbst, be- kannt waͤre, eben so wenig gefallen wuͤrden, als dergleichen Leute einander gefallen. Gluͤcklich ist der Ehestand, wo weder Mann noch Weib dem andern Theil irgend etwas Boͤses, das von ei- nem freyen Willen oder von einem Vorsatz ab- hinge, uͤberhaupt in der Auffuͤhrung vorzuwer- fen hat! ‒ ‒ Denn selbst diejenigen Personen, welche boͤse Herzen haben, werden fuͤr Leute von guten Herzen Ehrerbietung hegen. Zwey saubere Zimmer, mit nicht außeror- dentlichem, aber reinem Aufputze, in dem ersten Stockwerk, gehoͤren mir. Das eine davon nen- nen sie den Speisesaal. Noch eine Treppe hoͤher hat eine rechtschaffene Witwe, Frau Lovick mit Namen, eingemiethet, welche zwar von geringen Gluͤcksumstaͤnden ist, aber, wie mich Frau Smithen versichert, bey vornehmen Leuten von ihrer Bekanntschaft, we- gen ihrer Gottseligkeit, ihrer Klugheit und ihres Verstandes, in großem Ansehen stehet. Mit dieser bin ich gesonnen, mich wohl bekannt zu machen. Jch danke Jhnen, liebste Freundinn, fuͤr ih- ren guͤtigen, ihren zu recht gelegener Zeit ertheil- ten Zuspruch und Trost. Jch hoffe, der Him- mel werde mir mehr Gnade verleihen, als daß ich in Verzweifelung gerathen sollte, wenn man das Wort in geistlichem Verstande nimmt: sonderlich da ich mir selbst den Trost, welchen Sie mir geben, zueignen kann, daß weder mein Wille, Wille, noch meine Unvorsichtigkeit etwas zu mei- nem Ungluͤck beygetragen hat. Jedoch die Un- versoͤhnlichkeit meiner Angehoͤrigen, die ich mit ei- ner ungekraͤnkten Ehrerbiethung liebe; meine Furcht vor neuen Gewaltthaͤtigkeiten, weil ich vermuthe, der gottlose Kerl werde mich noch nicht ruhen lassen; mein verlassener Zustand ohne einigen Schutz, da meine Jugend, mein Ge- schlecht, meine geringe Bekanntschaft mit der Welt mich betruͤbten Anfaͤllen unterwerfen; mei- ne Betrachtung des Aergernisses, das ich gege- ben habe, nebst der Empfindung der Schande, die mir von einem Menschen angethan ist, von dem ich nichts boͤses verdiente, alles zusammen genommen wird ohne allen Zweifel die Wirkung hervorbringen, welche mir nicht unangenehm seyn kann: ‒ ‒ ob gleich vielleicht um so viel langsa- mer; weil ich von Natur eine gute Leibesbeschaf- fenheit, und hiernaͤchst, wie ich mich zu glauben unterfange, auch gute Grundsaͤtze habe, die mich zu gehoͤriger Zeit und bey gehoͤriger Ueberlegung, meiner Hoffnung nach, uͤber die Empfindung aller weltlichen Widerwaͤrtigkeiten hinaus- setzen werden. Jtzo ist mein Kopf sehr in Unordnung. Jch habe ihn in der That, seit der Gewalt, die ihm, und meinem Herzen selbst, durch die gottlosen Kuͤnste der verruchten Seelen, unter welche ich verstoßen war, geschehen ist, nicht zu irgend deutlichen Vorstellungen gebrauchen koͤnnen. Jch Jch muß noch mehr Widerwaͤrtigkeiten ha- ben. Bisweilen finde ich mich zu meinen Um- staͤnden noch nicht genug gedemuͤthiget. Es sol- len mir diese Widerwaͤrtigkeiten, wie sie kom- men, als Pruͤfungs ‒ und Bewaͤhrungs- mittel willkommen seyn. ‒ ‒ Nur noch meines Vaters Fluch ‒ ‒ Jedoch auch dieser, hoffe ich, mag mir so viel nuͤtzen, daß er mich veranlasse, meine Aufmerksamkeit zu verdoppeln, da- mit ich ihn kraftlos mache. Nun will ich nichts mehr beyfuͤgen, als mei- nen gehorsamsten Dank an Jhre Frau Mutter, fuͤr ihre guͤtige Nachsicht gegen uns; meine schuldige Empfehlung an Herrn Hickmann; und meine instaͤndigste Bitte, daß Sie glauben wollen, ich sey bis an meine letzte Stunde, und noch nach derselben, wo moͤglich, meine geliebte Freundinn, und mein wertheres Selbst; denn was ist nun mein eignes Selbst? Jhre verbundene und ergebene Clarissa Harlowe. Der acht und zwanzigste Brief. von Herrn Lovelace an Herrn Johann Belford. Freytags, den 7ten Jul. J ch habe drey Briefe von dir auf einmal vor mir zu beantworten. Jn einem jeden be- Sechster Theil. M klagst klagst du dich uͤber mein Stillschweigen: und in einem erzaͤhlst du mir, daß du nicht leben koͤn- nest, wo ich dir nicht alle Tage, oder wenigstens einen Tag um den andern schreibe. Wohlan denn, Bruder, stirb, wo du willst ‒ ‒ Was fuͤr Lust, meynst du, kann ich zu schreiben haben: da der einzige Gegenstand, der es verdiener, daß man davon schreibe, mir entrissen ist. Hilf mir wieder zu meinem Engel, zu mei- ner Clarissa: so sollst du alle Stunden einen Brief, oder wenigstens etwas geschriebenes, ein Stuͤck von einem Briefe, von mir bekommen. Alles, was die Beherrscherinn meines Herzens sagen wird, will ich niederschreiben. Eine jede Bewegung, eine jede Miene an ihrer liebens- wuͤrdigen Person, einen jeden Blick, will ich zu beschreiben versuchen: und wenn sie stille schwei- get, will ich mich bemuͤhen, dir ihre Gedanken zu erzaͤhlen, entweder was sie sind, oder was sie nach meinem Wunsche seyn sollten. ‒ So wird es mir, wenn ich sie habe, niemals an Stoffe zu schreiben fehlen. Da ich ihrer verlustig bin, ist meine ganze Seele ein Blanket: die ganze Schoͤpfung um mich herum, die Elemente oben, unten, und alle Dinge, die ich sehe; denn ge- nießen kann ich nichts; sind ohne sie ein Blanket. O kehre wieder, kehre wieder, allerliebste Beherrscherinn meiner Seele! Kehre wieder zu deinem Anbeter Lovelace! Was ist das Licht, was was die Luft, was die Stadt, was das Land, was ist alles, ohne dich? Licht, Luft, Freude, reizende Toͤne, sind nach meiner Vorstellung nur Theile von dir: und koͤnnten sie alle mit einem Worte ausgedruͤcket werden; so wuͤrde das Wort Clarissa seyn. O! meine geliebte Clarissa, so kehre dann wieder. Noch einmal: kehre wieder, deinen Lovelace zu begluͤcken, der nun, bey dem Ver- lust von dir, den Werth des Kleinods erkennet, das er geringe geschaͤtzet hat, und nur alle Mor- gen aufstehet, die Sonne zu verfluchen, welche uͤber einen jeden, uͤber ihn allein nicht, scheinet! Aber, Bruder, es ist etwas erstaunliches fuͤr mich, daß man die fluͤchtig gewordne Schoͤne gar nicht antreffen, daß man gar nichts von ihr hoͤ- ren kann. Sie ist so schlecht auf Raͤnke abge- richtet; denn dieß ist ihre Gabe nicht; daß ich fest versichert bin, wenn ich meine Freyheit gehabt haͤtte, ich wuͤrde sie schon laͤngst aufgespuͤret ha- ben: ob gleich die verschiednen Kundschafter, welche ich um London, um die nahe gelegenen Fle- cken herum, und in der Fraͤulein Howe Nach- barschaft, gebraucht habe, bisher in ihren Be- muͤhungen nicht gluͤcklich gewesen sind. Allein mein Lord bleibt noch so schwach und niederge- schlagen, daß nicht von ihm zu kommen ist. Jch wollte einem Manne, den ich annoch in Gefahr halte, auch nicht gerne misfaͤllig werden. Denn wollte sein Podagra nun, da es ihn niederge- M 2 bracht bracht hat, ihm nur, wie ein guter Schlaͤger, den letzten Stoß versetzen: so wuͤrde alles mit ihm vorbey seyn. Jtzt aber muß ich hier ganze Stunden bey ihm sitzen; der Henker hohle seine thoͤrichte Liebe zu mir! sie kommt mir zu sehr un- gelegner Zeit; und muß ihm meine Schelmstuͤ- cke erzaͤhlen. Eine artige Belustigung fuͤr einen kranken Mann! Und gleichwohl betet er, wenn er das Podagra hat, Abends und Morgens mit seinem Kapelan. Was muß er sich fuͤr Begrif- fe von der Religion machen, der, nachdem er seine Gebetsformeln hergeschnaubt oder gemum- melt hat, mit voͤlliger Beruhigung seufzen oder aͤchzen kann, als wenn er mit dem Himmel alles abgethan haͤtte, und mit neuer Begierde meine Histoͤrchen wieder anzuhoͤren im Stande ist? ‒ ‒ Ja, der mich noch dazu aufmuntert, uͤber sie la- chet, daß ihm die Seiten beben, und mich einen losen Schelm mit einem solchen Tone nennet, welcher genugsam zeiget, daß er sich uͤber seinen Anverwandten nicht wenig vergnuͤge. Der alte Lord ist in seinen Tagen ein Suͤnder gewesen, und leidet nun dafuͤr: aber ein heimli- cher Suͤnder, der mehr in die Laster hinein ge- schlichen als gehuschet; aus Furcht vor seinem guten Namen; oder vielmehr aus Furcht entde- cket und offenbar uͤberwiesen zu werden; denn diese Art Leute, Bruder, haben keine wahre Ach- tung fuͤr einen guten Namen ‒ ‒ Er hat oft be- zahlet, was er niemals bekommen hatte, und sich nie zu der Freude uͤber eine Unternehmung durch durch die erste Hand erheben duͤrfen, welche ihm zu einem Zweykampf oder zu der Ehre, vor Ge- richt als der Anfuͤhrer angesehn zu werden, einen Anschein geben konnte. Wenn man einen solchen alten Trojaner an- siehet, der eben in das Grab sinket, welches, meiner Hoffnung nach, schon eher gegraben und mit ihm ausgefuͤllet seyn sollte; der vor Schmer- zen schreiet und vor Zagheit aͤchzet; und dennoch eben den Augenblick sein ledernes Gesicht mit ei- nem abscheulichen Gelaͤchter in Falten ziehet, ei- nen jungen Suͤnder einen trefflichen Schalk nen- net, und ihn noch mehr ermuntert, wie er vor- dem die Verschnittenen in Jtalien anzureizen pflegte: was ist das fuͤr eine widersinnische, fuͤr eine unnatuͤrliche Liebe zu alten Gewohnheiten! Meine beyden Basen sind gemeiniglich zuge- gen, wenn ich die Zeit vertreibe, wie es der alte Lord nennet. Es muͤssen scheusliche Historien seyn, die nicht mehr Hoͤrer und Bewunderer fin- den als Erzaͤhler. Bewunderer! Ja, Belford, Bewunderer, sage ich noch einmal. Denn ob diese Maͤgdchen mich gleich bisweilen der veruͤbten Thaten wegen tadeln wollen: so ruͤhmen sie doch meine Art sie auszufuͤhren, meine Erfindung, meine Uner- schrockenheit ‒ ‒ Außerdem nenne ich das Ruhm, was andere Tadel nennen. Das habe ich alle- zeit gethan: und auf die Weise beyzeiten die Schaam abgeleget, welche einen zu Unterneh- M 3 mun- mungen geschickten Geist, wie das kalte Wasser die Hitze, daͤmpfet. Dieß sind muntere Maͤgdchen. Sie haben Leben und Witz. Als gestern Charlotte uͤber ei- ne erzaͤhlte Unternehmung gegen mich loszog: sagte ich ihr, daß ich einige male bey mir selbst daruͤber gestritten, ob sie mir zu nahe verwandt waͤre, oder nicht; und daß es einmal eine Streit- frage bey mir gewesen, ob ich sie nicht auf einen Monath oder so ungefaͤhr herzlich lieben koͤnnte. Vielleicht, setzte ich hinzu, waͤre es gut fuͤr sie gewesen, daß mir eben zu der Zeit, als ich auf Mittel und Wege zu meiner Absicht dachte, ein anderes artiges kleines Puͤpchen aufgestoßen und meine Gedanken auf sich gerichtet. Alle drey schlugen hieruͤber zugleich ihre Haͤn- de und Augen in die Hoͤhe. Jch bemerkte aber, daß die Maͤgdchen, ob sie gleich wider mich aus- riefen, doch uͤber diese freye Sprache nicht so zor- nig waren, als ich meine Geliebte, selbst bey so versteckten und dunkeln Winken, daß ich mich uͤber ihre geschwinde Einsicht gewundert, befun- den habe. Jch bezeugte gegen Charlotte, daß, so ernst- haft sie auch in ihrem laͤchelnden Unwillen bey dieser Erklaͤrung gern seyn wollte, ich dennoch versichert waͤre, es wuͤrde mich nicht uͤber zween oder drey Kunstgriffe gekostet haben; denn nie- mand bewunderte eine gute Erfindung mehr, als sie: wofern ich ihr Gewissen nur von dem be- schwer- schwerlichen Zweifeln wegen der Blutsfreund- schaft loszumachen gewußt haͤtte. Sie wollte hoͤchst unwillig seyn: und auch ihre Schwester, ihretwegen. Jch sagte ihr aber, daß sie mir so ernstlich schiene, als wenn sie gedacht haͤtte, es waͤre mein Ernst, und mich zu der Probe herausforderte. Klare Worte, fuͤgte ich hinzu, waͤren in diesen Faͤllen dem schoͤ- nen Geschlechte anstoͤßiger, als allmaͤhlige Unter- nehmungen. Jch bat Martha, uber den Vor- zug, den ich ihrer Schwester zu geben schiene, nicht unwillig zu werden: indem ich fuͤr sie eben- falls große Hochachtung haͤtte. Eine italiaͤnische Aria, nach meiner gewoͤhn- lichen ungezwungenen Art, ein halb verweigerter Kuß von mir, ein Achselzucken von beyden arti- gen Basen, als wenn sie sich verwunderten, und ein: Loser, loser Schelm, von dem alten Lord, mit einem so heftigen Lachen, daß ihm die Seiten bebeten, machte uns alle wieder zu guten Freunden. Da, Bruder! ‒ ‒ Willst du dieß fuͤr einen Brief annehmen, oder nicht? Es ist gewiß Zeuges genug ‒ ‒ Wie habe ich einen ganzen Bogen; jedoch eben nicht mit abgekuͤrzten Zeichen; voll geschmieret, ohne daß ich etwas zu schreiben gehabt haͤtte! Mein Kerl soll dieß mitnehmen: denn er wird nach London gehen. Und wo du von solchem verfluchten Zeuge leidlich denken kannst: so will ich dir bald noch einen schicken. M 4 Der Der neun und zwanzigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Johann Belford. Sonnabends fruͤhe um sechse den 8ten Jul. H abe ich nichts neues, nichts lustiges, bey mei- ner grillenfaͤngerischen Lebensart, fragst du mich in einem von deinen dreyen Briefen, dich damit vergnuͤgt zu unterhalten? ‒ ‒ Du sagst mir zugleich, daß, wenn ich nur das Geringste zu verzaͤhlen habe, damit die niedersaͤchsische Redensart ja angebracht werde, ich am meisten belustige. Eine artige Hoflichkeit, ent- weder gegen dich selbst, oder gegen mich! Jn Wahrheit gegen beyde! ‒ ‒ Ein Zeichen, daß du ein eben so windichtes Herz, als ich einen win- dichten Kopf habe. Allein kannst du vermuthen, daß die unvergleichliche Fraͤulein nicht Alles, nicht Alles in Allen, bey mir sey? Gleichwohl fuͤrch- te ich mich auch so gar, an sie zu gedenken. Denn sonder Zweifel muß dieß das erste seyn, daß alle meine Anschlaͤge und Erfindungen verrathen werden. Der alte Lord hat gleichfalls den Kopf ganz voll von der Fraͤulein Harlowe: und meine Basen nicht weniger. Er hoffet, ich werde doch nicht ein solcher Hund seyn; hier hast du eine Probe von seiner Lordmaͤßigen Art zu reden; daß ich gegen ein Frauenzimmer von so vielen Verdien- sten, sten, von so vieler Schoͤnheit und so vielem Ver- moͤgen, er setzt auch hinzu, von einer so guten Familie, wider die Ehre zu handeln gedenke. Allein ich sage ihm, das letzte sey etwas, das er nicht ruͤhmen muͤsse: es sey eine sehr zaͤrtliche Sache; kurz, es sey das Fleckchen, wo es mir wehe thue, und ich besorge, er moͤchte es zu hart angreiffen, wenn ich mich in die Gewalt eines so unglimpflichen Wundarztes geben wollte. Er schuͤttelt seinen kraͤnklichen Kopf. Er denkt, es sey nicht alles zwischen uns so, wie es seyn sollte. Jhn verlangt, daß ich sie ihm, als meine Frau, vorstellen moͤchte. Er sagt mir oft vor, was fuͤr große Dinge er noch uͤber seine vo- rigen Anerbietungen thun, und was fuͤr Geschenke er bey der Geburt des ersten Kindes machen wolle. Aber ich hoffe, es werde alles noch eher in mei- nen Haͤnden seyn, als sich ein solcher Vorfall zu- traͤgt. Hoffen thut keinen Schaden, Bruder. Wenn die Hoffnung nicht waͤre, sagt mein Onkel: so wuͤrde das Herz brechen. Es ist acht Uhr mitten im Sommer: und die faulen Maͤgdchen, bey vollkommener Gesund- heit, sind noch nicht herunter gekommen, das Fruͤhstuͤck zu halten! ‒ ‒ Wie verzweifelt schlecht schickt es sich fuͤr junge Frauenzimmer, einen lie- derlichen Kerl wissen zu lassen, daß sie ihre Bet- ten so herzlich lieben, und zu gleicher Zeit, wo man sie finden kann! Allein ich will sie strasen. M 5 Sie Sie sollen mit ihrem alten Onkel fruͤh stuͤcken und einander angaͤhnen, als gieng es um eine Wette. Jch will unterdessen in meinem offnen Wagen zu dem Obristen Ambrosius fahren, der mich gestern so wohl zum Fruͤhstuͤck als zum Mittagsmahl ein- geladen hat, weil zwo Basen von Yorkshire, ge- priesene Schoͤnheiten, bey ihm sind, welche schon vierzehn Tage da gewesen, und mich, wie er sagt, gern sehen wollen. So, Bruder! laufen doch noch nicht alle Weibsleute von mir weg, Gott sey Dank! ‒ ‒ Jch wuͤnschte, daß mein Herz mir zuließe, da die entflohene Schoͤne so undankbar ist, sie durch eine andere Schoͤnheit aus demselben zu vertreiben. Aber wer kann sie verdraͤngen? Wer kann einen Platz in demselben haben: nachdem Fraͤulein Clarissa Harlowe es eingenommen hat? Wenn ich wieder komme, will ich fortschrei- ben, dir einen Gefallen zu thun, wo ich etwas zu schreiben finden kann. Mein Wagen steht bereit. Meine Basen lassen mir sagen, daß sie den Augenblick herunter kommen. So will ich ihnen zum Possen schon weg seyn. Sonnabends, Nachmittags. J ch blieb bey dem Obristen, und speisete zu Mittage mit ihm, und seiner Frauen, und sei- nen Basen: aber den Nachmittag konnte ich nicht mit ihnen zubringen; das wollte mein Herz nicht lei- den. Es war genug an den Personen und Gesich- tern tern der beyden jungen Fraͤulein, das mich veranlas- sen konnte, Vergleichungen anzustellen. Besondere Zuͤge unterhielten meine Aufmerksamkeit einige Au- genblicke: allein diese dienten nur, meine Ungedult nach der bezaubernden Gebieterinn uͤber mein Herz zu vermehren, welche an Person, an Wesen, an Verstand niemals ihres gleichen gehabt. Mein Herz empfand einen Ekel und ward krank, wenn ich ihren Verstand und Umgang mit jenem ver- gleichen wollte. Es war nur ein lebhafter Witz, und ein allzu gekuͤnsteltes Verlangen zu gefallen. Jede war mit sich selbst hoͤchst zufrieden. Beyde hielten auf eine gezwungene Art den Mund of- fen, weiße Zaͤhne zu zeigen, als wenn daß der Hauptvorzug waͤre; und durch die Lockung eines angenehmen Athems zu verliebter Vertraulichkeit zu reizen: wobey sie zugleich stillschweigend sich uͤber anderer Athem aufhielten, indem sie hoch- muͤthig zu verstehen geben wollten, daß der nicht so rein waͤre. Vordem haͤtte ich sie leiden koͤnnen. Sie schienen sich in ihrer Erwartung betro- gen zu finden, daß ich so bald im Stande war, sie zu verlassen. Jedoch habe ich itzo nicht so vie- le Eitelkeit; meine Clarissa hat mich von meiner Eitelkeit geheilet; daß ich ihr Misvergnuͤgen daruͤber so viel einem besondern Wohlgefallen an mir, als ihrer Bewunderung ihrer selbst zuschrei- ben sollte. Sie sahen mich als einen Kenner der Schoͤnheit an. Sie wuͤrden sich eine Ehre dar- aus gemacht haben, wenn sie meine Aufmerksam- keit keit als Schoͤnheiten an sich gezogen haͤtten. Al- lein so gezwungene, so flatterwitzige, bloß, so weit die Haut geht, leidliche Schoͤnheiten! ‒ ‒ Sie hatten sich selbst nicht weiter untersucht, als was ihre Spiegel sie zu sehen in den Stand gesetzt hatten: und ihre Spiegel hatten ihnen noch da- zu geschmeichelt. Denn ich hielte sie fuͤr un- wirksame Gesichter, die niemand ruͤhren koͤnnen, und fuͤr Gesichter ohne alle Lebhaftigkeit. Jedoch waren ihre Augen auf Eroberungen aus, und suchten anderer Aufmerksamkeit an sich zu ziehen, damit sie der ihrigen zu statten kaͤmen. ‒ ‒ Jch glaube, ich haͤtte mit weniger Muͤhe ihnen Seel und Leben und allen Zuͤgen ihres Gesichts einen Glanz geben koͤnnen ‒ ‒ Aber meine Clarissa! ‒ ‒ O Belford, meine Clarissa hat mich gegen alle andere Schoͤnheit blind und unempfindlich ge- macht. ‒ ‒ Suche sie fuͤr mich auf, daß meine Feder eine wuͤrdige Beschaͤfftigung habe, sonst soll dieß der letzte Brief seyn von deinem Lovelace . Der dreyßigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Johann Belford. Sonntags Abends, den 9ten Jul. N un, Bruder, habe ich etwas zu schreiben, aber auch eine Rache uͤber mich. Jch bin in der aͤußer- aͤußersten Anfechtung fuͤr alle meine Suͤnden ge- gen meine fluͤchtig gewordne Geliebte. Denn gestern um fuͤnfe sind hier Lady Sarah Sadleir und Lady Elisabeth Lawrance, eine jede in ihrer Kutsche mit sechs Pferden, angekommen. Wit- wen lieben einen großen Aufzug, und diese in- sonderheit koͤnnen nicht zehn Meilen ohne ein Ge- spann Pferde und ein halb Dutzent Reitknechte reisen. Die Zeit war mir gewaltig lang geworden. Daher gieng ich nach Tische in die Kirche. War- um moͤgen nicht huͤbsche Mannsleute, dachte ich, eben so wohl Vergnuͤgen finden, sich ansehen zu lassen, als huͤbsche Weibsbilder? ‒ ‒ Als der Gottesdienst vorbey war, gerieth ich an den Ma- jor Warneton: und so kam ich nicht eher, als nach sechsen zu Hause. Jch wunderte mich, wie ich in den Hof kam, daß ich ihn mit Kutschen und Bedienten besetzt fand. Jch wußte gewiß, daß die Eigenthuͤmer davon nicht eben zu meinem Besten gekommen waren. Lady Sarah war zu diesem Besuch, wie ich gar bald befand, von der Lady Elisabeth aufge- bracht, welche noch gesund genug ist, aus sich selbst und aus ihren eignen Sachen heraus zu ge- hen und sich andere Beschaͤfftigungen zu suchen. Jedoch war dem Vorgeben nach ihr Gewerbe, meinem Onkel zu seiner Besserung Gluͤck zu wuͤn- schen. Boshafte Teufel in beyder Betrachtung! Weil sie aber in meiner Abwesenheit ankamen: so war ihre Unterredung vornehmlich von mir, und und sie hatten bequeme Zeit, sich einander wider mich in Harnisch zu jagen. Simon Parsons gab mir hievon einen Wink: wie ich vor der Hofmeisterstube vorbey gieng. Denn es schien, als wenn sie laut geredet haͤtten; und er hatte einige Rechnungen mit dem alten Pritchard zur Richtigkeit zu bringen gehabt. Dennoch eilte ich, ihnen meine Schuldigkeit zu bezeigen. Wenn andere gleich ihre Pflicht nicht beobachten, weißt du wohl, ist das doch keine Entschuldigung fuͤr unsere Nachlaͤßigkeit. Nun trete ich hinein zu meinem Verhoͤr. Mit schrecklich ernsthaften Gesichtern ward ich empfangen. Die beyden Ueberbleibsel des Al- terthums nickten nur ihre altfraͤnkischen Koͤpfe und verzogen ihre Gesichter, daß sie laͤnger, als ge- woͤhnlich wurden. Alle alte Zuͤge an ihren runz- lichten Stirnen und verfallenen Wangen, ließen sich stark sehen. Wasmachen sie gutes, Vetter? und was machen sie, Herr Lovelace? Dabey sa- hen sie sich rund herum einander an, als wenn sie sagen wollten: Reden sie zuerst, und Reden sie. Denn sie schienen sich entschlossen zu haben, keine Zeit zu verlieren. Jch machte mir nichts weiter daraus, als daß ich ihnen dafuͤr ein eben so maͤnnliches We- sen zeigte, als ihr Wesen weibisch war. Jhr Diener, gnaͤdige Frau, sagte ich zu der Lady Eli- sabeth, und, Jhr Diener, gnaͤdige Frau ‒ ‒ Es ist mir lieb, daß ich sie im Stande sehe, von Hau- se zu seyn, zu der Lady Sarah. Jch Jch nahm meinen Stuhl. Der Lord M. sa- he schrecklich muͤrrisch aus, hatte die Haͤnde ge- falten, drehete seine eben vom Chiragra befreyte Daumen in die Ruͤnde, bald oben, bald unten, und wandte sein blasses Gesicht und seine heraus- stehende Augen wechselsweise auf den Fußboden, auf den Kamin, auf seine zwo Schwestern, und seine zwo Verwandtinnen: mich aber wuͤrdigte er nicht einmal seiner Blicke. Dabey fing ich an, auf das Laudanum und das weiße Tuch, wovon ich dir schon laͤngst ge- sagt hatte, zu denken, und mir selbst eine zaͤrtli- che Gemuͤthsart, die niemals gut thun wird, zu verweisen. Endlich machte die Lady Sarah mit Stottern den Anfang. ‒ ‒ Herr Lovelace ‒ ‒ Vetter Lo- velace! ‒ ‒ Hem! ‒ ‒ Hem! ‒ ‒ Jch bedaure, daß keine Hoffnung ist, daß sie jemals aufhoͤren ‒ ‒ Was giebt es denn nun, gnaͤdige Frau? Was es giebt! ‒ ‒ Ja! Lady Elisabeth hat zween Briefe von der Fraͤulein Harlowe, die uns berichtet haben, was es giebt ‒ ‒ Sind denn alle Frauenzimmer gleich bey ihnen? Jch haͤtte Ja sagen koͤnnen: wenn man den Unterschied ausnimmt, den Stolz und Ehrgeiz machen. Hierauf schrieen sie alle einmuͤthig wider mich ‒ ‒ Eine Person von solcher Gemuͤthsart, als die Fraͤulein Harlowe! rief die eine! ‒ ‒ Ein Frauenzimmer von so edler Gesinnung und so feinem Verstande! schrie die andere ‒ ‒ Wie vor- vortrefflich sie schreibet! riefen die juͤngferlichen Meerkaͤtzchen und sahen ihre saubere Hand an. ‒ ‒ Jhre Vollkommenheiten gereichen mir zum Verbrechen. ‒ ‒ Was koͤnnen sie wohl fuͤr ein Ende von diesen Dingen erwarten? rief die Lady Sarah ‒ ‒ Verdammte, verdammte Haͤn- del! schrie der Lord, und schuͤttelte sein lockeres und wackelndes Fleisch an den Kinnbacken, wel- ches, wie die Wammen an dem Halse einer al- ten Kuhe, herunter hing. Jch meines Theils wußte kaum, ob ich sin- gen oder sagen sollte, was ich auf diese vereinigte Angriffe von allen zu antworten hatte. ‒ ‒ Fein sachte und gemach, liebe Frauenzimmer ‒ ‒ Ei- ne auf einmal, ich bitte sie. Jch soll doch, wie ich hoffe, nicht niedergehetzt werden, ohne daß man mich auch hoͤre. Haben sie die Guͤte, mir diese Briefe zu zeigen. Jch bitte, zeigen sie mir dieselben. Da sind sie! ‒ ‒ Das ist der erste ‒ ‒ Le- sen sie ihn laut, wo sie koͤnnen. Jch oͤffnete einen Brief von meiner Schoͤnen, der am Donnerstage, den 29ten Jun. das sollte unser Hochzeittag seyn; geschrieben und an die Lady Elisabeth Lawrance gerichtet war. ‒ ‒ Aus dem Jnhalt sehe ich, zu meinem großen Ver- gnuͤgen, daß das liebe Kind noch am Leben, noch gesund und trefflich munter ist. Aber die Aufschrift und Anzeige des Orts, wohin die Antwort zu senden waͤre, war so ausgekratzt, daß ich sie nicht lesen konnte: welches mich sehr kraͤnkte. Sie Sie legt in diesem Schreiben der Lady Eli- sabeth drey Fragen vor. Erstlich, wegen eines Briefes von ihr, vom 7ten Jun. worinn sie uns zu unserer Ver- maͤhlung Gluͤck wuͤnschet; und wobey ich meine Tante der Muͤhe zu schreiben guͤtigst uͤberhoben habe: eine rechte Hoͤflichkeit von mir, sollte ich denken! Hernach: „Ob sie und eine von ihren Nef- „fen, Montague, gesonnen gewesen, wegen einer „alten Kanzeleysache nach London zu kommen? „Ob sie auch wirklich diesem Vorsatz gemaͤß nach „London und hiernaͤchst nach Hampstead gegangen „waͤren, und von dannen die junge Person, wel- „che sie besucht, mit sich nach London gebracht „haͤtten?„ Dieß war der Jnhalt der zwoten und dritten Frage. Ein lieber kleiner nachforschender Schalk! Was wollte sie durch diese Fragen gebessert seyn? ‒ ‒ Aber Neubegierde, verdammte Neu- begierde ist der Kitzel, der das schoͤne Geschlecht zu stechen pflegt ‒ ‒ Wenn hast du inzwischen wohl erfahren, daß es zu ihrem Besten ausge- schlagen waͤre? Denn sie forschen selten nach, als wenn sie etwas befuͤrchten ‒ ‒ Und das Sprichwort ist, wie mein Lord sagt: Was man fuͤrchtet, das kommt. Das heißt, meiner Vermuthung nach, was sie fuͤrchten, das traͤgt sich gemeiniglich zu, weil gemeiniglich Ursache zu fuͤrchten da ist. Sechster Theil. N Sie Sie gesteht in der That, ihr einziger Bewe- gungsgrund zu diesen Fragen sey die Neugierig- keit. Wenn gleich Jhre Gnaden vermuthen moͤchten, schreibt sie, daß diese Fragen nicht zu meinem Vortheil gereichten: so koͤnne doch die Antwort mir keinen Schaden, noch ihr einigen Vortheil bringen, ohne nur, daß sie erfuͤhre, ob ich ihr ‒ ‒ eine verdammte Luͤgen vorgesagt haͤtte; dieß heißt es auf gut deutsch, was sie mit ihrer Nachfrage haben will. Gut, gnaͤdige Frau, sprach ich, mit so vie- ler philosophischen Gleichguͤltigkeit, als ich nur annehmen konnte: darf ich aber fragen, was Jh- re Gnaden darauf geantwortet haben? Da ist eine Abschrift von meiner Antwort, versetzte sie, und stieß mir dieselbe mit sehr weni- ger Achtung in die Hand. Diese Antwort war vom 1ten Jul. sehr guͤ- tig und hoͤflich gegen die Fraͤulein, aber gegen ih- ren armen Verwandten nur recht so so ‒ ‒ Daß Leu- te ihr eignes Fleisch und Blut so leicht aufgeben koͤnnen! ‒ ‒ Sie schreibt ihr „was fuͤr eine „groͤße Ehre sich unsere ganze Familie aus einer „Verbindung mit einer so vortrefflichen Fraͤulein „machen wuͤrde.“ Sie laͤßt mir Gerechtigkeit widerfahren, wenn sie meldet, wie sehr ich sie als einen Engel von einem Frauenzimmer anbe- te, und bittet, ich weiß nicht um wie vieler Din- ge willen, außer um meiner Seele willen, „daß „sie so guͤtig seyn wolle, mich zu einem Man- „ne anzunehmen.“ Sie antwortet endlich ‒ ‒ du du wirst wohl errathen, wie ‒ ‒ auf die Fragen der Fraͤulein. Auch gut, gnaͤdige Frau! Kann ich die Ge- wogenheit erwarten, den andern Brief der Fraͤu- lein ebenfalls zu sehen? Er ist vermuthlich eine Antwort auf das vorige Schreiben von Jhnen. Ja, sagte der alte Lord: aber, Herr, ich muß sie erst etwas fragen, ehe sie ihn lesen. ‒ ‒ Ge- ben sie mir den Brief, Lady Elisabeth. Da ist er, mein Lord. Nun ward die Brille aufgesetzt und der Kopf von einer Zeile zur andern bewegt. ‒ ‒ Eine unvergleichlich artige Hand! ‒ ‒ Jch habe oft gehoͤrt, daß diese Fraͤulein einen herrlichen Kopf hat. Jch will meines Lords weise Anmerkungen und Fragen wiederholen, Bruder, und dich so auf den Jnhalt dieses unbarmherzigen Briefes fuͤhren. „ Montags, den 3ten Jul. “ So lieset mein Lord. ‒ ‒ Laß sehen! ‒ ‒ das war verwichnen Montag: ja, nicht laͤnger! „ Montags den „3ten Jul. ‒ ‒ Gnaͤdige Frau ‒ ‒ Jch kann „nicht umhin ‒ ‒ um, um, um, um, um, um ‒ ‒ So mummelte er, daß es niemand ver- stehen konnte, und uͤb rhuͤpfte ganze Zeilen ‒ ‒ „Jch muß Jhnen gestehen ‒ ‒ gnaͤdige Frau, „daß die Ehre mit Frauenzimmern verwandt zu „seyn ‒ ‒ Hier ward die Brille abgenommen ‒ ‒ Nun sagen sie mir, Herr, hat nicht diese Fraͤu- N 2 lein lein um ihretwillen alle ihre Freunde, die sie in der Welt hatte, verlohren? Sie hat sehr unversoͤhnliche Freunde, mein Lord: das wissen wir alle. Aber hat sie nicht um ihretwillen alle verloh- ren? ‒ ‒ das sagen sie mir nur. Jch glaube es, mein Lord. Gut! ‒ ‒ Jch freue mich denn wenigstens, daß du nicht so unverschaͤmt bist, das zu leugnen. Die Brille ward wieder aufgesetzt ‒ ‒ „Jch „muß Jhnen gestehen, gnaͤdige Frau, daß die „Ehre mit Frauenzimmern verwandt zu seyn, „die so wohl ihre Tugend, als ihre Geburt erhe- „bet ‒ ‒ ‒ Recht artig, in Wahrheit! sagte mein Lord und las noch einmal, „ die so wohl ihre „Tugend, als ihre Geburt erhebet, anfangs „keine geringe Reizung bey mir gewesen, dem „Antrag des Herrn Lovelace ein geneigtes Ohr „zu goͤnnen.“ ‒ ‒ Es ist etwas erhabenes in dieser Fraͤu- lein, etwas erhabenes, das ihr angebohren ist, schrie mein Lord. Lady Sarah. Sie wuͤrde eine Zierde fuͤr unsere Familie gewesen seyn. Lady Elisab. Jn der That, das wuͤrde sie gewesen seyn. Lovel. Ja, ich unterstehe mich zu sagen, fuͤr eine koͤnigliche Familie. Lord M. Was fuͤr ein Teufel hat denn ‒ ‒ Lovel. Haben sie die Gewogenheit, weiter zu leson, mein Lord. Es kann nicht ihr Brief seyn, seyn, wo er sie nicht immer mehr und mehr, je weiter sie lesen, in Verwunderung uͤber sie setzet. Base Charlotte, Base Martha, ich bitte, geben sie Achtung ‒ ‒ Lesen sie weiter, mein Lord. Fraͤulein Charlotte. Erstaunliche Uner- schrockenheit! Fraͤulein Martha schlug nur ihre Tauben- augen in die Hoͤhe. Lord M. welcher weiter lieset. „Und „zwar um so viel mehr, da ich entschlossen war, „wenn es wirklich geschehen waͤre, alles, was in „meinem Vermoͤgen stehet, zu thun, damit ich „die vortheilhafte Meynung, welche sie von mir „haben, verdienen moͤchte. Darauf vereinigten sie ihre Stimmen wieder gegen mich. Eine erwuͤnschte Zeit dazu! ‒ ‒ Jch ar- mer! ‒ ‒ Jch hatte nichts dagegen zu thun als unverschaͤmt zu seyn. Lovel. Jch bitte, lesen sie weiter, mein Lord ‒ ‒ Jch habe ihnen ja gesagt, wie sie alle die Fraͤulein bewundern wuͤrden ‒ ‒ Oder soll ich lesen? Lord M. Verdammte Dreistigkeit! ‒ ‒ Er las aber fort. „Jch hatte auch noch ei- „nen andern Bewegungsgrund, der mir an sich „selbst, wie ich wußte, bey ihrer ganzen Familie „zu einem Verdienst gereichen wuͤrde. ‒ ‒ Alle waren hier die Aufmerksamkeit selbst ‒ „Aber er ist so beschaffen, daß ich mir dabey zu „viel herausgenommen, und, wie der Erfolg ge- N 3 zeiget „zeiget hat, auf eine strafbare Weise zu viel her- „ausgenommen habe. Jch machte mir Hoff- „nung, daß ich ein geringes Werkzeug in den „Haͤnden der Vorsicht seyn moͤchte, einen Men- „schen auf bessere Wege zu bringen, der im „Grunde, wie ich dachte, Verstand genug haͤtte, „sich auf bessere Wege bringen zu lassen; oder „wenigstens dankbar genug waͤre, den ihm zuge- „dachten Dienst zu erkennen, es moͤchte nun die „edelmuͤthige Hoffnung gelingen oder nicht.“ ‒ ‒ Unvergleichliche Fraͤulein! ‒ ‒ Eine unvergleichliche Fraͤulein! war der Wie- derschall, den die Frauenzimmer hoͤren ließen, mit ihren Schnupftuͤchern an den Augen, und dann mit einer Nasenmusik. Lovel. Bey meiner Seele, Fraͤulein Mar- tha, sie weinen bey der unrechten Stelle: sie sol- len niemals mit mir in ein Trau rspiel gehen. Lady Elisab. Verhaͤrteter Mensch! Der Lord hatte seine Brille abgenommen, um sie abzuwischen. Seine Augen waren be- nebelt: und er gedachte, die Schuld laͤge an sei- ner Brille. Jch sahe, daß sie alle aufgebracht waren und sproͤde thaten ‒ ‒ Gewiß, sprach ich daher, dieß ist recht lehrreich geschrieben ‒ ‒ Das ist eben das Vortreffliche an dieser Fraͤulein, daß sie in jeder Zeile, wie sie fortschreibet, sich selbst zu bes- sern suchet. Haben sie die Gewogenheit, mein Lord, fortzufahren. ‒ ‒ Jch kenne ihre Schreib- art: art: der folgende Ausspruch wird ebenfalls noch ruͤhrend fuͤr uns seyn. Lord M. Verdammter Kerl! ‒ ‒ Jn- zwischen sattelte er wieder und las weiter ‒ ‒ „Allein ich habe mich bey den Herrn Lovelace un- „gemein geirret.“ ‒ ‒ Da schrieen sie wieder al- le ‒ ‒ „Er ist der einzige, stelle ich mir gewiß „vor ‒ ‒ Lovel. Frauenspersonen koͤnnen sich alles und jedes gewiß vorstellen ‒ ‒ Wie kann sie aber Rede und Antwort von dem geben, was andere unter eben den Umstaͤnden wuͤrden ge- than, oder nicht gethan haben? Jch war genoͤthigt, alles, was mir einfiel, zu sagen, damit ich nur ihr Schreien stillte. Der Henker hole euch alle mit einander, dachte ich! als wenn ich doch nicht schon Verdruß genug haͤt- te, da ich sie verlohren habe! Lord M. welcher fortlieset. „Er ist der „einzige, stelle ich mir gewiß vor, der ein Caval- „lier seyn will, und bey dem ich mich so sehr haͤt- „te irren koͤnnen.“ Sie wollten schon wieder alle anfangen ‒ ‒ Jch bitte, mein Lord, fahren sie fort! ‒ ‒ Hoͤ- ren sie, hoͤren sie ‒ ‒ Jch bitte, meine werthesten Frauenzimmer, hoͤren sie! ‒ ‒ Nun, mein Lord, haben sie die Guͤte weiter fortzufahren. Die Frauenzimmer schweigen schon stille. Sie thaten es auch wirklich: weil sie vor Verwunderung uͤber mich außer sich waren, und Haͤnde und Augen aufhuben. N 4 Lord Lord M. Jch will, zu deiner Beschaͤmung: denn er hatte das folgende uͤbergesehen. Was fuͤr elende Geschoͤpfe, Belford, was fuͤr boshaftige und elende Geschoͤpfe sind die armen Sterblichen! ‒ ‒ Die sich so freuen, einander zu kraͤnken, einander gekraͤnkt zu sehen! Lord M. welcher lieset. „Denn indem „ich mich bemuͤhete, einen Elenden, der ersaufen „wollte, zu retten: so bin ich, nicht zufaͤlliger, son- „dern vorsetzlicher Weise, und mit einem aus „Vorbedacht gefaßten Schlusse, nach ihm hinein- „gezogen worden“ ‒ ‒ Was sagen sie dazu, Herre? Lady S. Lady El. Ja, Herr, was sagen sie dazu? Lovel. Was ich sage! Ey! ich sage, es ist ein recht artiges Gleichniß, wenn es bey der An- wendung nur Stich halten wollte ‒ ‒ Aber, wo es ihnen gefaͤllig ist, mein Lord: so lesen sie weiter. Erlauben sie mir zu hoͤren, was ferner gesagt wird. Jch will auf alles mit einander zugleich antworten. Lord M. Jch will ‒ ‒ „Er hat also den „Ruhm gehabt, zu der Liste derer, die er ungluͤck- „lich gemacht, einen Namen hinzuzuthun, der, „wie ich zuversichtlich sagen darf, seinem eignen „Namen nicht zur Verkleinerung wuͤrde gereicht „haben.“ Sie sahen mich alle an: als wenn sie von mir erwarteten, daß ich reden sollte. Lovel. Lovel. Seyn sie so guͤtig und fahren fort, mein Lord. Jch will bald darauf antworten. Wer hat ihr gesagt, daß ich eine Liste hielte ‒ ‒ Jch will bald darauf antworten. Lord M. der weiter lieset. „Und zwar „durch solche Mittel, gnaͤdige Frau, welche die „Menschlichkeit beleidigen wuͤrden, wenn man sie „erfuͤhre. Hier mußte die Brille, in der Hitze, wieder herunter. Jn der That war dieß ein verfluchter Streich fuͤr mich. Jch dachte, ich haͤtte eine eiserne Stirn zur Unverschaͤmtheit: allein, bey meiner Treue, dieß haͤtte sie beynahe doch zerschlagen. Lord M. Was sagen sie hierzu, Herr-e! Vergiß nicht, Bruder, allemal in dieser Un- terredung ihr Herr mit einem angehaͤngten e und langgezogenen r, Herr-e zu lesen ‒ ‒ wel- ches vielmehr Unwillen als Hochachtung an- zeigte. Alle sahen mich an, als wenn sie sehen woll- ten, ob ich auch roth werden koͤnnte. Lovel. Die Augen weg! mein Lord! ‒ ‒ Die Augen weg! Frauenzimmer! ‒ ‒ Jch glaube, daß ich ziemlich verschaͤmt aussahe. ‒ ‒ Was ich hierzu sage, mein Lord! ‒ ‒ Jch sage, diese Fraͤulein weiß sich auf eine sehr nach- druͤckliche Art auszudruͤcken! ‒ ‒ Das ist alles ‒ ‒ Es giebt viele Dinge, die zwischen Verlieb- ten vorgehen, und woruͤber sich eine Mannsper- son vor ernsthaften Leuten nicht erklaͤren kann. N 5 Lady Lady Elisab. Zwischen Verliebten, Herr - e! ‒ ‒ Aber Herr Lovelace, koͤnnen sie sa- gen, daß sich diese Fraͤulein entweder als eine schwache oder eine leichtglaͤubige Person aufge- fuͤhret habe? ‒ ‒ Koͤnnen sie das sagen? Lovel. Jch bin bereit, der Fraͤulein auf alle Art Gerechtigkeit widerfahren zu lassen ‒ ‒ Al- lein nun bitte ich, wenn ich so befragt werden soll, daß sie mich den uͤbrigen Jnhalt des Brie- fes hoͤren lassen, damit ich zu meiner Vertheidi- gung vorbereitet sey, wie sie sich alle zu meinem Verhoͤr vorbereitet haben. Denn daß man von einem so stuͤckweise Antwort verlangt, wenn er nicht weiß, was folgen wird, ist eine verfluchte Art zu verfahren, wodurch man jemand faͤngt. Sie gaben mir den Brief. Jch las ihn fuͤr mich durch ‒ ‒ Aus der Wiederholung dessen, was ich sagte, wirst du den uͤbrigen Jnhalt leicht errathen. Sie sollen finden, wertheste Frauenzimmer; sie sollen finden, mein Lord, daß ich meiner selbst nicht schonen will. Jch hielte den Brief vor mir in der Hand, und sahe darauf, als ein Rechtsge- lehrter auf sein Gesetzbuch. Und so fing ich an zu reden. Fraͤulein Harlowe schreibt, „wenn Jhre „Gnaden wissen werden“ ‒ ‒ dabey wandte ich mich zu der Lady Elisabeth ‒ „daß in dem Fortgang „zu ihrem Ungluͤck vorsetzliche Unwahrheiten, „wiederholte Raͤnke falsche Briefe zu schmieden, „und unzaͤhlige Meineide nicht die geringsten „von „von meinen Vergehungen gewesen sind: so „werden sie urtheilen, daß sie keine so gute Grund- „saͤtze haben koͤnnte, die sie einer Verbindung mit „Personen von ihrer und ihrer edlen Schwester „vortrefflichen Gemuͤthsart wuͤrdig machen wuͤr- „den, wenn sie sich nicht von ganzem Herzen er- „klaͤren koͤnnte, daß eine solche Verbindung nun- „mehr niemals statt haben koͤnne. Gewiß, meine liebe Frauenzimmer, dieß ist parteyisch und hitzig, nicht vernuͤnftig. Wenn unsere Familie sich durch meine Vermaͤhlung mit einer Person, der ich so begegnet habe, nicht ent- ehret achten will, sondern sich im Gegentheil freuen wuͤrde, daß ich ihr diese Gerechtigkeit wi- derfahren ließe; und wenn sie nach der Probe als reines Gold befunden ist, und sich selbst nichts vorzuwerfen hat: warum sollte es denn wider ih- re gute Grundsaͤtze streiten, ihren Willen dazu zu geben, daß eine solche Verbindung Platz finden moͤchte? Sie kann sich selbst um desjenigen willen, was wider ihren Willen geschehen ist, nicht fuͤr schlechter halten, mit Recht kann sie es nicht. Jtzt droheten ihre Blicke einen allgemeinen Aufstand ‒ aber ich fuhr fort. Mein Lord hat uns vorgelesen, sie habe sich eine Hoffnung gemacht, wobey sie sich zu viel herausgenommen, ja auf eine strafbare Weise zu viel herausgenommen, wie sie sich ausdruͤckt, „daß sie ein Werkzeug in den Haͤnden „der Vorsicht seyn moͤchte, mich auf bessere We- „ge „ge zu bringen: und dieß, wuͤßte sie, wuͤrde ihr „bey ihnen allen zu einem Verdienste gereichen, „wenn es ins Werk gerichtet waͤre.„ Aber was war es denn, wovon sie mich auf bessere We- ge bringen wollte? ‒ ‒ Sie hatte gehoͤrt, wer- den sie sagen; aber sie hatte auch nur bloß ge- hoͤret, so lange sie diese Hoffnung behielte; daß ich ein recht gottloser Kerl waͤre, damit ich mich nach der Weiber Mundart ausdruͤcke. ‒ Was nun weiter? ‒ ‒ Wahrlich, den Augenblick, da sie durch ihre eigne Erfahrung uͤberzeugt war, daß die Anklage gegen mich etwas mehr als Hoͤrensagen, und ich folglich fuͤr ihre edel- muͤthige Bemuͤhungen eine geschickte Person waͤre, bey der sie ihr Werk faͤnde, wollte sie nichts weiter thun, als mich aufgeben. So flieht sie davon, und erklaͤret sich, daß der feyerliche Kir- chengebrauch, der alles wieder gut machen wuͤr- de, niemals statt haben soll! ‒ ‒ Kann dieß aus einem andern Bewegungsgrunde geschehen, als aus Weiberzorn? Hiedurch brachte ich sie alle wider mich auf: und das war meine Absicht. Es diente mir statt einer Tonne, die man dem Wallfische zuwirft: und nachdem ich sie eine Zeitlang damit hatte spielen lassen, forderte ich sie zur Aufmerksamkeit auf. Weil ich wußte, daß sie mich allezeit gern schwatzen gehoͤrt: fuhr ich fort zu reden. Die Fraͤulein hat gedacht, das sieht man of- fenbar, daß es eine weit leichtere Arbeit waͤre, jemand von boͤsen Gewohnheiten auf bessere We- ge ge zu bringen, als es nach der Natur der Sa- che seyn kann. Sie schreibet, wie mein Lord gelesen hat, „Jn- „dem sie sich bemuͤhet haͤtte, einen Elenden, der „ersaufen wollen, zu retten, waͤre sie, nicht zufaͤl- „liger, sondern vorsetzlicher Weise, und mit einem „aus Vorbedacht gefaßten Schlusse, nach ihm „hineingezogen.“ Aber wie kann dieß seyn, lieb- ste Frauenzimmer? ‒ ‒ Sie sehen aus ihren eignen Worten, daß ich selbst noch lange nicht aus der Gefahr bin. Haͤtte sie mich, wir wol- len setzen in einem tiefen Sumpf, gefunden, und ich waͤre durch ihre Huͤlfe aus demselben gekom- men, haͤtte aber sie darinn umkommen lassen: so wuͤrde das in der That ein großes Verbrechen gewesen seyn ‒ ‒ Allein verhaͤlt sich die Sache nicht ganz anders? Jst sie nicht selbst herausge- kommen, wo ihr Gleichniß beweiset, was sie da- durch bewiesen haben will, und hat mich zuruͤck- gelassen, daß ich immer tiefer einsinke? ‒ ‒ Waͤ- re es ihr ein Ernst gewesen, mich zu retten: so haͤtte sie mir ihre Hand reichen sollen, daß wir mit vereinigten Kraͤften einander ausgeholfen haͤtten ‒ ‒ Jch hielte meine Hand ausgereckt, und bat sie, mir ihre Hand zu geben ‒ ‒ Aber nein, in Wahrheit! sie hatte sich vorgenommen, sich selbst so geschwinde, als sie koͤnnte, herauszu- bringen, und mich sinken oder schwimmen zu lassen: indem sie, gegen ihre eigne Grundsaͤtze, mir ihre Huͤlfe versagte; weil sie sahe, daß ich sie gebrauchte. Sie sehen, wertheste Frauenzimmer, sie sie sehen, mein Lord, wie leicht sich Ohren, welche an angenehmen Toͤnen Lust zu haben geneigt sind, durch wohlklingende Worte uͤberraschen lassen! ‒ Alle waren im Begriff wieder auszurufen: allein ich kam ihnen zuvor, und fuhr fort, ehe sie ihre Stimme erheben und reden konnten. Meine schoͤne Anklaͤgerinn bringet vor, „Jch „haͤtte zu der Liste derer, die ich ungluͤcklich ge- „macht, einen Namen hinzugefuͤget, der meinem „eignen Namen nicht zur Verkleinerung gereicht „haben wuͤrde.“ Es ist wahr, ich bin lustig, und zu Unternehmungen aufgelegt gewesen. Es liegt in meiner Natur, daß ich so bin. Jch weiß nicht, wie ich zu einer solchen Natur gekom- men bin: aber ich bin hingegen niemals gewohnt gewesen, zu schelten oder zu tadeln; das wissen sie alle. Wenn ein Mensch durch eine hestige Leidenschaft zu einer geringen Beleidigung hinge- rissen ist, die man ihm, so geringe sie auch ist, nicht vergeben will; so kann er leicht zur Ver- zweifelung gebracht werden: wie ein Dieb, der nur einen Raub im Sinne hat, oft, durch Wi- derstand, und zu seiner eignen Erhaltung, verlei- tet wird, einen Mord zu begehen. Jch mußte hier ein wund rlicher, ein scheus- licher Boͤsewicht heißen. Allein das muß ein einfaͤltiger Tropf seyn, der nichts fuͤr sich selbst zu sagen weiß, da doch eine jede Sache ihre schwar- ze und ihre weiße Seite hat. ‒ ‒ Jn Westmin- ster- ster-Hall, Bruder, findet man alle Tage eben so kuͤhne Vertheidigungen, als die meinige war. Aber was hat diese Fraͤulein fuͤr ein Recht, fuhr ich fort, uͤber mich zu klagen: da es so gut ist, als wenn sie sagte: Herr Lovelace, sie haben als ein Betruͤger bey mir gehandelt ‒ ‒ Sie wollten gern ihren Fehler wieder gut ma- chen: ich werde es ihnen aber nicht zulassen, da- mit ich das Vergnuͤgen habe, sie preiszugeben, und die Ehre, ihre Hand auszuschlagen. Allein man fragte mich hiebey: Ob das der Fall waͤre? Ob ich nun vorgeben wollte, daß ich die Fraͤulein heyrathen wuͤrde, wenn sie mich haben wollte? Lovel. Sie sehen, daß sie die Vermittelung der Lady Elisabeth ausschlaͤgt ‒ ‒ Lord M. der mir in die Rede fiel. Worte sind Wind: aber Werke zeigen, wie jemand gesinnt. Was soll euer verfluch- tes Wortspiel bedeuten, Robert? ‒ ‒ Sagt rein heraus: Wollt ihr sie haben, wo sie euch haben will? Antwortet mir Ja, oder Nein: und fuͤh- ret uns nicht so herum, eure Meynung zu erfah- ren, als wenn wilde Gaͤnse gejagt werden. Lovel. Sie weiß, daß ich sie nehmen wuͤr- de. Aber, mein Lord, wo sie so fortfaͤhret, sich selbst und mich preiszugeben: so wird sie ma- chen, daß es fuͤr uns beyde eine Schande wird, zu heyrathen. Charlotte. Allein, wie muß mit ihr um- gegangen seyn? Lovel. Lovel. Wie nun, Base Charlotte, fiel ich ihr ins Wort und griff ihr unter das Kinn, woll- ten sie wohl haben, daß ich ihnen alles, was zwi- schen der Fraͤulein und mir vorgegangen ist, er- zaͤhlen sollte? Wuͤrden Sie es gern sehen, wenn sie einen dreisten und kuͤhnen Liebhaber haͤtten, daß ein jeder kleiner Streich von verliebter Schel- merey, den er gegen sie vornaͤhme, unter die Leu- te gebracht wuͤrde? Charlotte ward roth. Alle fingen an aus- zurufen. Jch ließ mich nichts anfechten und setzte meine Vertheidigung fort. Die Fraͤulein schreibt: „Sie sey von mir „ihrer Ehre beraubt worden;“ Der Teufel hole mich, wo ich meiner schone! „durch solche Mit- „tel, welche die Menschlichkeit beleidigen wuͤrden, „wenn man sie erfuͤhre.“ Sie ist ein sehr un- schuldiges Frauenzimmer, und kann uͤber die Mittel, worauf ihre Worte zielen, nicht Richter seyn. Zu viele Zaͤrtlichkeit mag in der That zu wenige Zaͤrtlichkeit seyn. Haben sie nicht etwa ein solches Sprichwort, mein Lord? ‒ ‒ Es ist wohl eben so viel als dieß: Eine Aus- schweifung fuͤhrt zu der andern! ‒ ‒ Ein solches Frauenzimmer, wie diese Fraͤulein, mag vielleicht ihre Begebenheit fuͤr etwas außeror- dentlichers halten, als sie wirklich ist. So viel will ich uͤber mich nehmen zu behaupten, daß, wo sie an mir die einzige Mannsperson in der Welt gefunden hat, die so mit ihr umgegangen seyn wuͤrde, als ich, nach ihrer Sage, mit ihr umge- gangen gangen bin, ich an ihr die einzige Weibsperson in der Welt gefunden habe, welche so viel We- sens uͤber einen Fall, der bloß wegen der damit verknuͤpften Umstaͤnde außerordentlich ist, gemacht haben wuͤrde. Dieß brachte sie alle wider mich auf, und Haͤnde, Augen, Stimmen, alle wurden auf ein- mal erhoben. Nur mein Lord M. der in seinem Kopfe, dem letzten Sitze einer sich zuruͤckziehen- den Leichtfertigkeit, eben so viel Bosheit hat, als ich in meinem Herzen habe, ward gezwungen, uͤber die Miene, womit ich dieß sagte, und Char- lottens so wohl, als aller Uebrigen, Erroͤthung, ein solches Maul zu machen, das groß genug war, die andere Haͤlfte von seinem Gesichte zu ver- schlingen, indem er, um sich des Lachens zu er- waͤhren, aus vollem Halse schrie, O! O! ‒ ‒ als wenn er einen gewaltigen Stich vom Poda- gra fuͤhlte. Haͤttest du gesehen, wie die beyden altfraͤn- kischen Gesichter, und die beyden jungen Kaͤtz- chen wechselsweise sich einander, meinen Lord und mich ansahen: so haͤttest du selbst dein haͤß- liches Gesicht mitten von einander spalten moͤ- gen. Dein großes Maul hat es ohne das schon halb fuͤr dich gethan. Und bey dem allen be- fand ich nicht selten in dieser Unterredung, daß meine aufgeweckte und unerschrockne Art zu han- deln ein Laͤcheln, zu meinem Vortheil, von den sproͤden Maͤulern, sonderlich der juͤngern Frauen- zimmer, erzwang. Denn da es ben nicht wahr- Sechster Theil. O schein- scheinlich ist, daß ein solcher Fall sie treffen moͤch- te: so konnten sie dadurch nicht so geruͤhret wer- den, als die aͤltern; welche selbst Roͤschen von ihrem eignen Stocke gehabt hatten, und sehr un- gern wuͤrden gesehen haben, wenn jemand sie in der Knospe gebrochen, und nicht einmal, mit ih- rer Erlaubniß, Frau Rosenstrauch, zu der Mutter gesagt haͤtte. Der naͤchste Punct, woruͤber ich angeklagt wurde, war die Unterschiebung falscher Briefe und die Nachaͤffung der Personen von Lady Eli- sabeth und meiner Base Charlotte. Zween har- te Vorwuͤrfe! wirst du sagen: und es ist auch wahr. ‒ ‒ Der Lord war uͤber die geschmiede- ten Briefe sehr ungehalten. Die Frauenzim- mer gelobten, die Nachaͤffung ihrer Personen niemals zu vergeben. Niemand war da, der unter ihnen Friede stiftete. Also wurden wir alle Weiber und zankten uns mit einander. Mein Lord erklaͤrte sich, daß er nach seinem Gewissen dafuͤr hielte, es waͤre kein aͤrgerer Bube auf Gottes Erdboden, als ich ‒ ‒ Was braucht es, sich in alle Kleinigkeiten bey der Sache einzulassen? sprach er. Es waͤre nicht das erste mal, daß ich seine Hand nachgemacht haͤtte. Hierauf antwortete ich, daß ich vermuthete, es waͤren damals, als man die Verordnung: Scandalum magnatum, ausgesonnen haͤtte, viele unter den Lords gewesen, welche gewußt, daß sie harte Namen verdienten, und waͤre daher dieß Gesetz Gesetz vielmehr gemacht, ihnen einen Freybrief fuͤr ihren Stand zu geben, als, ihre wirkliche Be- schasfenheit zu rechtfertigen. Daruͤber forderte er mich auf, mich zu erklaͤ- ren, mit einem Herr-e, welches so ausgesprochen wurde, daß es genugsam zeigte, daß er eines der schimpflichsten Woͤrter in unserer Sprache im Sinne hatte. Leute, denen ihr Stand und ihre Jahre zum Schutz dienten, versetzte ich, sollten sich nicht sol- che Freyheiten heraus nehmen, die ein Mensch, dem das Herz auf der rechten Stelle saͤße, nicht anders hingehen lassen koͤnnte, als wenn er im Stande waͤre, denjenigen, der ihn schimpfte, von ganzem Herzen zu verachten. Dieß brachte ihn in eine gewaltige Hitze. Er wollte den Augenblick nach seinem Pritchard schicken. Pritchard sollte gerufen werden. Er wollte sein Testament aͤndern: und alles, was er mir nehmen koͤnnte, wollte er mir nehmen. Thun sie es, thun sie es immerhin, mein Lord. Jch habe mein eignes Vergnuͤgen allezeit hoͤher geachtet, als ihr Gut. Aber ich werde Prit- chard wissen lassen, daß, wenn er den Aufsatz macht, er auch unterzeichnen und siegeln soll. Was, was wollte ich Pritcharden thun? ‒ ‒ fragte er und schuͤttelte seinen kranken Kopf wi- der mich. Was er, oder sonst jemand, mit seiner Feder schreibt, mir das zu entziehen, was mir, meiner O 2 Mey- Meynung nach, von Rechts wegen gehoͤret, das soll er nur mit seinen Ohren siegeln: dieß ist al- les, mein Lord. Nun schlugen sich meine beyden Tanten ins Mittel. Lady Sarah gab mir zu verstehen, ich triebe die Sache sehr weit: weder der Lord M. noch ei- ne von ihnen, verdiente die Begegnung von mir, welche ihnen widerfuͤhre. Jch antwortete, ich haͤtte eine gedoppelte Ur- sache, warum ich nicht leiden koͤnnte, daß mir von meinem Lord uͤbel begegnet wuͤrde: einmal, weil ich mehr Hochachtung gegen ihn hegte, als gegen irgend eine Person auf der Welt; und hier- naͤchst, weil es das Ansehen haben wuͤrde, als wenn ich durch eigennuͤtzige Absichten bewogen waͤre, das von Jhm anzunehmen, was mir sonst kein Mensch bieten duͤrfte. Und was, versetzte er, soll mich denn bewe- gen, das von ihnen anzunehmen, was ich anneh- men muß? ‒ ‒ Haͤ, Herr? Jn der That, Vetter Lovelace; sagte darauf Lady Elisabeth mit ansehnlicher Ernsthaftigkeit; wir verdienen nicht, keine von uns, wie Lady Sa- rah sagt, daß sie uns so begegnen, wie sie thun. Sie moͤgen wissen, daß ich es nicht fuͤr billig hiel- te, meine, und ihrer Base Charlottens Ehre kraͤnken zu lassen, damit sie ein unschuldiges Frau- enzimmer ungluͤcklich machen koͤnnen. Sie muß gar bald gewußt haben, was fuͤr eine gute Mey- nung wir alle von ihr hegen, und wie sehr wir wuͤnsch- wuͤnschten, daß sie ihre Frau werden moͤchte. Diese gute Meynung, welche sie von unserer Ge- sinnung gehabt, ist eine Reizung fuͤr sie gewesen; das, sehen sie, schreibt sie selbst; ihrem Antrage Gehoͤr zu geben. Aber auch eben dieselbe hat, nebst ihrer Freunde wunderlichem Bezeigen, dazu geholfen, daß sie sich in ihre Gewalt begeben. Wie sie ihr vergolten haben, liegt nur allzu offen- bar am Tage. Es ist unserer aller Ehre und gutem Namen gemaͤß, ihr Verfahren bey ihr fuͤr strafwuͤrdig zu erkennen, und uns dessen nicht theilhaftig zu machen. Ja, ich muß ihnen sagen, wir haben aus der Ursache, weil sie die Fraͤulein durch gottlose Leute, welche sie aufgebracht, un- sere Personen faͤlschlich vorzustellen, hinters Licht gesuͤhret haben, eine gedoppelte Verbindlichkeit, uns ihres strafbaren Verfahrens nicht theilhaftig zu machen. Lovel. Wohlan! das lasse ich gelten. Jch wollte, daß sie alle mit einander mein Verfahren fuͤr verwerflich erklaͤrten. Jch gestehe, ich habe schaͤndlich bey dieser Fraͤulein gehandelt. Ein Schritt hat mich zu dem andern gefuͤhret. Jch bin zu einer Gemuͤthsart verdammt, die mich, kuͤh- ne Unternehmungen zu wagen, antreibet. Jch kann nichts weniger leiden, als daß ich unterlie- gen soll. Unterliegen! fiel mir die Lady Sarah ins Wort. Was fuͤr eine Schande, so zu schwatzen! ‒ ‒ Hat die Fraͤulein sich mit ihnen jemals im einen Streit eingelassen? Fraͤulein Clarissa Har- O 3 lowe, lowe, habe ich gehoͤret, ist auf eine edelmuͤthige Art aufrichtig und offenherzig: uͤber alle Kuͤnste, uͤber alle Verstellung erhaben; weder buhlerisch, noch sproͤde! ‒ ‒ Die arme Fraͤulein! Sie hat gewiß von einem Menschen, fuͤr welchen sie den Schritt gethan, den sie so freymuͤthig tadelt, ein besseres Schicksal verdienet! Dieß ruͤhrte mich mehr, als halb ‒ ‒ Waͤ- re die Sache, woruͤber wir stritten, von allen auf die Art angegriffen worden: so haͤtte ich mich ge- schaͤmet, die Augen aufzuschlagen. Jch fing schon an mich zu schaͤmen. Charlotte fragte, ob ich nicht noch geneigt schiene, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn sie mich haben wollte? Sie unterstuͤnde sich zu sagen, daß es die groͤßte Gluͤckseligkeit seyn wuͤrde, welche die Familie haben koͤnnte, daß die- se vortreffliche Fraͤulein zu ihr gehoͤrte: und fuͤr eine Person wollte sie es verantworten. Sie erklaͤrten sich alle fuͤr diese Meynung: und die Lady Sarah stellte mir die Sache heim. Allein mein Lord Sauertopf wollte behau- pten, daß ich nicht sechs Minuten nach einander ernsthaft seyn koͤnnte! Jch versicherte seine Gnaden, daß sie sich sehr irreten. So wenig ich mir nach seinen Gedan- ken aus dieser Sache machen sollte: so haͤtte ich doch niemals etwas empfunden, das mir so nahe zu Herzen gegangen waͤre. Die Die Fraͤulein Martha sagte, es waͤre ihr lieb, das zu hoͤren; in der That es waͤre ihr lieb, das zu hoͤren: und ihre liebreiche Augen glaͤnzeten vor Vergnuͤgen. Der Lord M. nannte sie eine hoͤchstliebens- wuͤrdige Seele, und haͤtte beynahe geheulet und geschrieen. Du mußt ja nicht glauben, Bruder, daß dieß aus Menschenliebe geschehe. Nein, dieser Lord hat kein menschliches Herz. Das kannst du wohl aus seinem Bezeigen gegen mich ab- nehmen. Aber wenn Leuten ihr Gemuͤth durch eine Empfindung ihrer eigenen Schwachheiten erweicht ist, und wenn sie sich ihrem letzten Ende naͤhern: so werden sie durch die geringsten Vor- faͤlle, sie moͤgen sich ihnen von innen, oder von außen darstellen, geruͤhret werden. Dieß nennet die kurzsichtige Welt oft Menschenliebe: da sie doch alle die Zeit uͤber, indem sie mit dem Elen- de menschlicher Natur ein Mitleiden bezeugen, nur gegen sich selbst mitleidig sind; und, wenn sie vollkommen gesund und munter waͤren, eben so wenig, als du, oder ich, um sonst jemand be- kuͤmmert seyn wuͤrden. Hier brachen sie mein Verhoͤr ab, so weit die Versammlung dießmal Sitz dazu genommen hatte. Die Lady Sarah war sehr ermuͤdet. Es ward beschlossen, die Sache morgen weiter vor- zunehmen. Jnzwischen traten sie alle mit ein- ander ab, und hielten eine geheime Berathschla- gung. O 4 Der Der ein und dreyßigste Brief. Eine Fortsetzung von Herrn Lovelace . S tatt daß man die Sache da, wo man sie ge- lassen hatte, wieder anfangen sollte, mußten die Frauenzimmer nothwendig einige Stellen in dem Briefe meiner schoͤnen Anklaͤgerinn beruͤh- ren: da ich mir Hoffnung gemacht, daß sie die- selben wuͤrden haben ruhen lassen; weil wir auf einem leidlichen Fuß mit einander stunden. Al- lein, in Wahrheit, hieß es, sie muͤßten von un- serer Geschichte alles hoͤren, was sie hoͤren koͤnn- ten, und was ich zu diesen Stellen zu sagen haͤt- te, damit sie desto besser im Stande waͤren, die Vermittelung zwischen uns zu uͤbernehmen, wo ich wirklich und in der That geneigt waͤre, ihr die gehoffete Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Diese Stellen waren, erftlich, „daß, nach- „dem ich sie hinterlistiger Weise wider ihren Wil- „len dahin gebracht, wirklich mit mir davon zu „gehen, ich sie in eines der aͤrgsten Haͤuser zu Lon- „don gefuͤhret haͤtte; Zweytens, „daß ich einen gottlosen Versuch „gegen sie unternommen, woruͤber sie unwillig „geworden, und in geheim nach Hampstead ge- „flohen waͤre. Drittens Drittens kamen die Beschuldigungen, daß ich falsche Briefe geschmiedet, und falsche Perso- nen aufgestellet haͤtte, wieder vor: und wir waͤren daruͤber beynahe aufs neue in Zank gerathen, ehe wir zu der folgenden Beschuldigung kommen konn- ten; die noch aͤrger war. Denn Viertens ward mir vorgeworfen, „daß, „nachdem ich sie betruͤgerifcher Weise in das „schaͤndliche Haus zuruͤckgebracht, ich sie erstlich „ihrer Sinne, alsdenn ihrer Ehre, beraubet, und „nachher daselbst gefangen gehalten haͤtte. Was wuͤrde es anders seyn, wenn ich dir die Bemaͤntelungen dieser schweren Vorwuͤrfe erzaͤh- len sollte, als eine Wiederholung vieler von denen Gruͤnden, die mein Verbrechen geringer vorstel- len koͤnnen, und die ich schon in meinen Briefen an dich gebrauchet habe. ‒ ‒ Es mag also genug seyn, nur dieß zu sagen, daß ich, zur Beschoͤni- gung meiner Anschlaͤge, auf die ausnehmende Bedenklichkeit der Fraͤulein, auf ihr Mistrauen, das sie in meine Ehre gesetzet, auf das zu Raͤn- ken aufgelegte Gemuͤth der Fraͤulein Howe, wo- durch es geschehen, daß Raͤnke an ihrer Seite, auch an meiner Seite Raͤnke veranlasset haͤtten, und auf den heftigen Zorn des schoͤnen Gefchlechts sehr bestand. Jch betheurte, daß meine ganze Absicht, warum ich sie mit einem gelinden Zwange festgehalten, nur diese gewesen waͤre, sie dadurch zu noͤthigen, daß sie mir vergeben, und mich hey- rathen moͤchte, und dieß um der Ehre beyder Familien willen. Jch ruͤhmte mich mit meinen O 5 guten guten Eigenschaften, unter welchen einige waͤren, die mir niemand, der mich kennte, abspraͤche, und auf die wenige von den Freunden der so genann- ten freyen Lebensart einen Anspruch machen koͤnnten. Nach diesen Unterredungen fingen sie an, die Fraͤulein mit vielem Eifer zu bewundern und zu erheben. Das war alles, wie ich gar wohl wuß- te, eine Vorbereitung zu der Hauptfrage: und diese ward von der Lady Sarah folgendergestalt auf die Bahn gebracht. Wir haben so viel von den Briefen der ar- men Fraͤulein gesagt, als wir, meinen Gedanken nach, sagen koͤnnen. Wollten wir uns bey dem Ungluͤck aufhalten, das aus der Mishandlung ei- ner Person von ihrem Range leicht entstehen mag; wofern es nicht, auf alle nun moͤgliche Art, wieder gut gemacht wird: so wuͤrde das vielleicht wenig nuͤtzen. Aber, mein Herr, sie scheinen noch so wohl eine gute Meynung, die sie vollkom- men verdienet, von ihr zu begen, als Zuneigung zu ihr zu haben. Jhrer Tugend kann nicht der geringste Vorwurf gemacht werden. Sie koͤnn- te nicht so zuͤrnen, wie sie thut: wenn sie sich selbst etwas vorzuwerfen haͤtte. Sie ist, nach jeder- manns Gestaͤndnisse, ein feines Frauenzimmer, hat ein artiges Gut, als ihr Eigenthum, ist von keiner schlechten Familie, ob dieselbe gleich in Ansehung ihrer so wenig klug, als ihren Vorzuͤ- gen gemaͤß gehandelt hat. Wegen ihres vor- tresflichen Gemuͤths und ihrer Geschicklichkeit in der der Haushaltung, geht die gemeine Sage von ihr, wie der rechtschaffene D. Lewin mir einmal erzaͤhlet hat, daß ihre Klugheit einen armen Mann reich machen, und ihre Gottselig- keit einen Freydenker in der Lebensart auf bessere Wege bringen wuͤrde. Jch bin bloß in der Absicht hierher gekommen, so wie auch die Lady Elisabeth, da ich sonst in den letzten zwoͤlf Monaten nicht zweymal von Hause gewesen, daß ich sehen wollte, ob es nicht moͤglich sey, ihr Ge- rechtigkeit widersahren zu lassen, und ob wir und der Lord M. ihre naͤchsten Anverwandten, mein Herr, noch etwas bey ihnen gelten, oder nicht. Was mich betrifft: so soll sich meine Entschlie- ßung, wie ich es mit allem, woruͤber ich Gewalt habe, gehalten wissen will, nach ihrer Entschlie- ßung in diesem Stuͤcke richten. Lady Elisabeth. Auch meine. Und meine auch, sagte meine Lord, und schwur tapfer dazu. Lovel. Es sey ferne von mir, daß ich die Gunstbezeigungen geringe schaͤtzen sollte, welche sie, irgend jemand von ihnen, mich gerne verdie- nen sehen moͤchten. Aber es sey auch eben so ferne von mir, aus eigennuͤtzigen Absichten Be- dingungen einzugehen, die mir nicht gefallen! ‒ ‒ Was das Ungluͤck anlanget, das kommen soll: so mag es kommen. Jch bin mit den Harlowes noch nicht zur Richtigkeit. Sie sind der angrei- fende Theil gewesen: und es wuͤrde mir lieb seyn, wenn sie mich auf die Art, wie sie in dergleichen Fall Fall von mir hoͤren sollten, von sich hoͤren ließen. Es sollte mir nicht leid seyn, mich bey dieser Ge- legenheit finden zu lassen: ja es sollte mir viel angenehmer seyn, als daß ich genoͤthigt bin, sie zu suchen. Fraͤulein Charlotte, welche dabey roth ward. Das heißt vielmehr, wie ein ungestuͤmer, als wie ein vernuͤnftiger Mensch, gesprochen. Jch hoffe, das werden sie zugeben, Herr Vetter. Lady Sarah. Da aber einmal, was ge- schehen ist, geschehen ist, und nicht ungeschehen seyn kann: so lassen sie uns darauf denken, was nun zunaͤchst das beste seyn moͤge. Haben sie etwas wider ihre Vermaͤhlung mit der Fraͤulein Harlowe einzuwenden, wofern dieselbe sie nehmen will? Lovel. Es kann, nach aller Moͤglichkeit, nichts mehr, als eines, eingewendet werden: daß sie naͤmlich allenthalben so wohl, als gegen die La- dy Elisabeth, die Regel beobachten wird, welche ihr besonders eigen ist, und auch, erlauben sie es mir, ihnen zu sagen, besonders eigen seyn muß, daß sie das, was sie vor sich selbst nicht verbergen kann, aller Welt bekannt machen wolle. Fraͤulein Martha. Gewiß, das schreibt die Fraͤulein in heftiger Betruͤbniß, und in Ver- zweifelung. Das sagen sie, Base Martha! ‒ ‒ Ange- nehmes Maͤgdchen! Wollten sie, meine Wer- theste, in einem solchen Falle, sagte ich leise zu ihr, ihr, mit dergleichen Ausrufungen nicht mehr ge- meynet wissen? Hiefuͤr trug ich einen Schlag mit ihrem Fe- cher, eine Erroͤthung an ihrer Seite, und von dem Lord M. eine Anmerkung, davon, daß ich alles, was sie sagten, zu einem Scherze machte. Jch fragte, ob sie gedaͤchten, daß die Harlo- wes einige Achtung von mir verdienten: und ob diese Familie nicht uͤber mich hoͤhnisch frohlocken wuͤrde, wenn ich ihre Tochter heyrathen sollte, als wenn ich es nicht anders thun duͤrfte? Lady Sarah. Vormals war ich selbst uͤber diese Familie zornig: wie wir alle waren. Al- lein itzo bedaure ich sie, und glaube, daß sie, Herr Lovelace, die aͤrgste Begegnung, welche ihnen von denselben widerfahren ist, durch ihre Auffuͤhrung nur allzu wohl, als verdient, gerechtfertiget haben. Lord M. Jhre Familie ist alt, zaͤhlt lau- ter rechtschaffene Cavallier, ist reich und ansehn- lich. Jch kann ihnen sagen, daß viele von un- serm Stande sich freuen wuͤrden, wenn sie ihre Ahnen von keinem schlechtern Stamme, als der Harloweische ist, ableiten koͤnnten. Lovel. Es ist eine unedelmuͤthige und un- versoͤhnliche Familie. Jch hasse sie: und ob ich gleich gegen die Fraͤulein Ehrerbietung hege; so ist mir doch sonst alles, was zu ihnen gehoͤret, veraͤchtlich. Lady Elisab. Jch moͤchte wuͤnschen, daß man von dem, der uͤber gemeine Fehler an an- dern dern eine solche Verachtung bezeiget, nichts aͤr- gers sagen koͤnnte. Lord M. Wie wuͤrde sich meine Schwe- ster Lovelacen alle ihre thoͤrichte Nachsicht gegen diesen ihren Liebling verwiesen haben: wenn sie bis itzo gelebt, und bey dieser Gelegenheit gegen- waͤrtig gewesen waͤre! Lady Sarah. Es mag seyn: aber erlau- ben sie, mein Lord, daß wir zusehen, ob etwas fuͤr diese arme Fraͤulein auszurichten ist. Fraͤulein Charlotte. Wo Herr Lovelace nichts gegen die Gemuͤthsbeschaffenheit der Fraͤu- lein einzuwenden hat; und ich darf glauben, daß er sich nicht schaͤmen werde, ihr Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, wenn es auch gegen ihn selbst ausfallen sollte: so kann ich nicht anders se- hen, als daß Ehre und Großmuth ihn zu allem dem bewegen werde, was wir von ihm erwarten. Waͤren der Fraͤulein einige Leichtsinnigkeit und Schwachheiten vorzuwerfen: so wollte ich zu ih- rem Besten den Mund nicht aufthun; ob ich gleich in geheim Mitleiden mit ihr haben, und ihr hartes Verhaͤngniß bedauren wuͤrde. Und gleichwohl moͤchte es auch denn, bey einem so be- sondern Falle, nicht an Bewegungsgruͤnden feh- len, welche Ehre und Dankbarkeit an die Hand geben wuͤrden, sie zu verbinden, mein Herr, daß sie ihre Geluͤbde, welche sie offenbar gebrochen ha- ben, wieder bestaͤtigten und erfuͤlleten. Lady Elisabeth. Meine Neffe Charlotte hat sie mit so vieler Gerechtigkeit aufgefordert, und und ihnen die Frage so eigentlich vorgeleget, daß ich nicht anders, als wuͤnschen kann, sie moͤchten sich frey heraus, und ohne Ausflucht, daruͤber er- klaͤren. Hierauf forderten mich alle in einem Athem zur Ernsthaftigkeit und Gerechtigkeit auf: und ich brachte meine Meynung mit einem aufrichtig feyerlichen Wesen solgendermaßen vor. „Jch sehe vollkommen ein, daß die Erfuͤl- „lung dessen, was sie mir aufgeleget haben, mir kei- „ne Entschuldigung uͤbrig lassen werde. Nichts „desto weniger aber will ich meine Zuflucht we- „der zu Ausfluͤchten noch zu Bemaͤntelungen „nehmen. „Jch schaͤme mich nicht, wie meine Base „Charlotte in voͤlligem Ernst angemerket hat, „den Verdiensten der Fraͤulein Harlowe in Wor- „ten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen: ob ich „gleich gestehen will, daß ich billig erroͤthen muß, „daß ich es in Werken so wenig gethan habe. „Jch bekenne ihnen allen, und, was noch „mehr ist, ich bekenne mit der groͤßten Reue; „wo nicht mit Schaam, Base Charlotte; daß „ich bey meinem Verfahren mit dieser Fraͤulein „viel zu verantworten habe. Unter dem schoͤnen „Geschlechte ist keine edlere Seele, und keine lie- „benswuͤrdigere Person bey derselben. Und was „die Tugend betrifft: so haͤtte ich niemals glau- „ben koͤnnen; verzeihen sie mir, wertheste Frau- „enzimmer, daß eine Weibsperson jemals vor- „handen gewesen waͤre, die solche vortreffliche, „solche „solche bestaͤndig gleichmaͤßige Proben derselben „ gegeben haͤtte, oder koͤnnte gegeben haben. „Denn in ihrer ganzen Auffuͤhrung hat sie sich „gleich weit uͤber Versuchung, und Raͤnke, und, „ich haͤtte beynahe gesagt, uͤber menschliche „Schwachheit erhaben bewiesen. „Der Schritt, den sie gethan, und sich so „frey zu einem Vorwurfe macht, war in Wahr- „heit erzwungen, wie sie ihn nennet. Denn „ob sie gleich so weit gereizet war, daß sie daran „ gedachte, mit mir davon zu gehen: so war „sie es doch nicht willens, und hatte sich auch „mit nichts dazu versorget. Ja sie wuͤrde nie- „mals nur einmal daran gedacht haben: wenn „ihre Verwandten, auf die von ihr selbst vorge- „schlagene Vermittelung, ihr frey gelassen haͤt- „ten, dem Manne zu entsagen, den sie nicht „hassete, damit sie des Mannes, den sie wirklich „haßte, los werden moͤchte. „Es reizte meinen Ehrgeiz ich gestehe es, „daß ich mich so wenig auf die Kraft des Ein- „drucks, welchen ich nach meiner Eitelkeit in ei- „nem so zaͤrtlichen Herzen gemacht zu haben hof- „fete, verlassen konnte: und in meinen aͤrgsten „Raͤnken gegen sie, munterte ich mich selbst da- „mit auf, daß ich kein Vertrauen dabey mis- „brauchte; denn sie hatte gar keines zu meiner „Ehre. „Es wuͤrde mehr, als ein Wunderwerk ge- „wesen seyn: wenn sie den Uebeln entgangen waͤ- „re, die sie gelitten hat. Jhre Wachsamkeit „machte, „machte, daß mehr Anschlaͤge misriethen, als „diejenigen waren, welche ihren Fall befoͤrderten: „und diese waren viel und mancherley. Alle „haͤrtere Versuche gegen sich, und alle groͤßere „Beschwerlichkeiten, hatte sie ihrem edlen Wi- „derstande und gerechten Unwillen zu danken. „Jch weiß, fuhr ich fort, wie sehr ich mich „selbst verurtheile, indem ich dieser unvergleichli- „chen Fraͤulein Gerechtigkeit widerfahren lasse. „Aber dennoch will ich ihr Gerechtigkeit wider- „fahren lassen: und kann mich nicht entbrechen; „wenn ich auch wollte. Dieß zeigt, wie ich hof- „fe, daß ich noch nicht so ganz verrucht bin, als „man von mir gedacht hat. „Bey mir, in der That, hat sie dem schoͤnen „Geschlechte in ihrem Fall, wo es ein Fall zu „nennen ist; in Wahrheit sollte es nicht so hei- „ßen; mehr Ehre gemacht, als irgend eine an- „dere Person jemals in ihrem Stehen thun „konnte. „Da ich mit der Zeit endlich ihrer wachsa- „men Tugend Ursache zum Verdacht gegeben „hatte: so ward ich freylich genoͤthigt, Gewalt „und Kuͤnste zu gebrauchen, damit sie mir nicht „entkommen moͤchte. Darauf fing sie an, listige „Anschlaͤge zu ersinnen, damit sie meine Raͤnke „unkraͤftig machte. Aber alle ihre Anschlaͤge „waren von der Art, daß die strengste Wahrheit „und genaueste Ehre sie rechtfertigen wuͤrde. „Sie konnte sich zu Betrug und Unwahrheit „nicht herunterlassen: nein; auch nicht einmal Sechster Theil. P „um „um ihrer eignen Rettung willen. Mehr als „einmal sagte sie mir mit Recht, durch das Be- „wußtseyn ihrer Vorzuͤge angeflammet, daß ihre „Seele weit uͤber die meinige erhoben waͤre! ‒ ‒ „Verzeihen sie mir, wertheste Frauenzimmer, „wenn ich sage, daß ich so lange, bis ich diese „Fraͤulein kennen lernte, den Personen von dem „schoͤnen Geschlecht eine Seele streitig machte: „weil sie, wie ich anzunehmen geneigt war, nur „zu voruͤbergehenden Absichten erschaffen waͤren. „ ‒ ‒ Man kann sich nicht einbilden, auf was fuͤr „ungereimte Dinge Leute von ungebundenen „Grundsaͤtzen verfallen, damit sie ihre freye Le- „bensart fuͤr sich selbst rechtfertigen, und sich ei- „ne Religion nach ihrem Sinne machen. Je- „doch bin ich in diesem Stuͤcke nicht so vielen Feh- „lern unterworfen gewesen, als einige andere. „Kein Wunder, daß eine so edelgesinnte „Person, als meine Clarissa, einen jeden aus- „gesonnenen Kunstgriff als eine gewisse Art der „Schande ansahe, die nicht zu vergeben waͤre! „Kein Wunder, daß sie so leicht gegen den Mann, „den sie zu vorsetzlichen Verbrechen aufgelegt „hielte, einen Abscheu bekommen konnte: ob sie „ihn gleich vormals mit einem nicht ganz gleich- „guͤltigen Auge ansahe! ‒ ‒ Aber es ist auch „nicht zu verwundern; erlauben sie mir dieß an „der andern Seite zu sagen; daß der Mensch, „welcher es so schwer fand, der geringern Be- „leidigungen wegen, Vergebung zu erlangen, „und nicht die Gabe hatte, nachzulassen oder „Reue „Reue zu empfinden, zur Verzweifelung ge- „bracht, und, die groͤßern zu begehen, hinge- „rissen werden moͤchte. „Kurz, liebe Frauenzimmer, mit einem „Wort, mein Lord, Fraͤulein Clarissa Harlo- „we ist ein Engel: wo jemals ein Engel „in menschlicher Natur gewesen, oder seyn „konnte. Sie ist in Ansehung ihres Wil- „lens so rein, als ein Engel, und ist es alle- „zeit gewesen. Diese Gerechtigkeit muß ich ihr „widerfahren lassen: ob man gleich im Begriff „ist, wie ich an allen blinzenden Augen merke, „die Frage zu thun: Was seyd ihr denn, Lo- „velace? ‒ ‒ Lord M. Ein Teufel! ‒ ‒ Ein verdamm- ter Teufel! muß ich antworten. Jch wuͤnsche, daß Gottes Fluch ihnen in allem, was sie un- ternehmen, folge: wo sie es bey ihr nicht auf alle Art und Weise, so viel nun noch in ihrer Gewalt ist, wieder gut machen. Lovel. Von ihnen, mein Lord, konnte ich nichts anders erwarten: allein von den Frauen- zimmern hoffe ich weniger Ungestuͤm, weil ich ein so aufrichtiges Bekenntniß abgeleget habe. Die Frauenzimmer, so wohl die aͤltern, als die juͤngern, hatten ihre Schnupftuͤcher an den Augen: da ich den Verdiensten dieser erhabenen Fraͤulein ein so gerechtes Zeugniß gab; welches ich mir kein Bedenken machen wollte, vor einem Richterstuhl, wenn ich dazu gefordert wuͤrde, abzulegen. P 2 Lady Lady Elisab. Das ist eine edle Gemuͤths- art, mein Herr. Wofern sie so denken, als sie reden: so koͤnnen sie sich gewiß nicht weigern, der Fraͤulein alle Gerechtigkeit zu thun, die nun- mehr noch in ihrer Gewalt stehet. Diese Forderung ließen sie alle einhellig an mich ergehen. Jch stellte vor, daß ich versichert waͤre, sie wollte mich nicht haben. Wenn sie einmal ei- nen Entschluß gefaßt haͤtte: so waͤre sie nicht zu bewegen. Unbeweglichkeit waͤre eine Harlowei- sche Suͤnde. Diese, und ihr Name, waͤre al- les, was sie von ihren Anverwandten haͤtte. Allein sie waren alle der Meynung, daß sie in ihren gegenwaͤrtigen verlassenen Umstaͤnden zu bewegen seyn wuͤrde, mir zu vergeben. Die La- dy Sarah sagte, ihre Schwester und sie wollten sich Muͤhe geben, die Edle Leidenstraͤgerinn, wie sie dieselbe mit Recht nannten, aufzusuchen; sie wollten dieselbe in ihren Schutz nehmen, und ihr fuͤr die Gerechtigkeit, welche ich ihr so wohl nach, als vor der Heyrath thun wuͤrde, Gewaͤhr leisten. Es war mir einigermaßen ein Vergnuͤgen, daß ich die Versoͤhnlichkeit dieser Frauenzimmer von meiner eignen Familie wahrnahm, wenn sie, eine oder die andere von ihnen, mit einem Love- lace zu thun gehabt haͤtten. Aber es wuͤrde etwas hartes fuͤr uns ehrliche Leute gewesen seyn, Bruder: wenn alle Weibspersonen Clarissen waͤren. Hier werde ich genoͤthigt abzubrechen. Der Der zwey und dreyßigste Brief. Die Fortsetzung von Herrn Lovelace . E s ist weit besser, Bruder, daß man seine Historie selbst erzaͤhlet, wenn sie doch be- kannt werden muß, als daß man sie fuͤr sich von einem Feinde erzaͤhlen lasse. Weil ich dieß wohl wußte: so gab ich ihnen eine umstaͤndliche Nach- richt, wie sehr ich bey ihr darauf gedrungen haͤt- te, nachdem ich von ihr gereiset waͤre, den Don- nerstag, der ihres Onkels Geburtstag gewesen, und ihr zu gefallen ernannt worden, zu der ge- heimen Vollziehung unserer Heyrath zu bestim- men; da ich einige Tage vorher schon wirklich einen Trauschein ausgewirkt haͤtte, der noch bey ihr waͤre. Jch erzaͤhlte, daß ich mich erboten haͤtte; weil ich sie nicht gewinnen koͤnnen, mir das ge- ringste zu versprechen, so lange sie unter einem vermeynten Zwange waͤre; ihr vollkommene Frey- heit zu lassen, wofern sie mir auf den Tag die geringste Hoffnung machen wollte. Allein auch dieß Erbieten haͤtte mir nicht geholfen. Da diese Unbiegsamkeit mich zur Verzweife- lung gebracht: so haͤtte ich mich entschlossen, P 3 mei- meine vorhergehenden Fehler durch die ausge- stellten Befehle zu vermehren, daß sie nicht eher, als bis ich von M. Hall zuruͤck kaͤme, aus dem Hause gehen oder Briefe wechseln sollte; weil ich wohl gewußt, daß ich sie auf ewig verlieren muͤßte, wenn sie in voͤlliger Freyheit waͤre. Dieser Zwang haͤtte sie so erbittert, daß ich mir, ob ich gleich nicht weniger als vier ver- schiedne Briefe geschrieben, nicht eine Sylbe zur Antwort von ihr haͤtte auswirken koͤnnen: da ich doch nur um vier Worte, den Tag und die Kirche zu bezeichnen, instaͤndigst gebeten. Jch berief mich auf meine beyden Basen, daß sie die außerordentlichen Maaßregeln bezeug- ten, die ich genommen haͤtte, Bothen nach Lon- don abzufertigen: ob sie die Ursache gleich nicht gewußt; welche diese gewesen waͤre, wie ich ih- nen nunmehr sagte. Jch eroͤffnete ihnen, daß ich so gar an euch, Bruder, und an einen andern Cavallier, von dem sie, meinen Gedanken nach, eine gute Mey- nung gehabt, geschrieben haͤtte, ihr aufzuwarten, und auf das nachdruͤcklichste bey ihr um ihre Einwilligung anzuhalten: da ich mich unterdes- sen den letzten Tag zu Salt-Hill in Bereitschaft gehalten, dem Bothen, welchen man senden wuͤrde, zu begegnen, und, wo seine Bothschaft vortheilhaft waͤre, nach London fortzugehen. Aber, ehe meine Freunde noch haͤtten zu ihr kom- men koͤnnen, haͤtte sie Mittel gefunden, noch einmal von mir zu fliegen: und nun saͤße sie vielleicht vielleicht irgendwo unter dem Fenster der Lady Elisabeth zu Glenham-Hall; und wirbelte da- selbst, wie die angenehme Philomela, mit einem Dorn in der Brust, ihre traurigen Klagen gegen ihren grausamen Tereus heraus. Die Lady Elisabeth erklaͤrte sich, daß sie nicht bey ihr waͤre, und sie auch nicht wuͤßte, wo sie sich aufhielte. Sie sollte sonst, setzte die Lady hinzu, ihr der willkommenste Gast seyn, den sie jemals aufgenommen haͤtte. Jn Wahrheit, ich hatte einen Verdacht, daß sie schon wuͤßten, wo sie waͤre, und sie auch in ihren Schutz genommen haͤtten. Denn ich bildete mir ein, die Lady Sarah koͤnnte unmoͤg- lich bloß durch einen Brief von der Fraͤulein Harlowe, der noch dazu nicht an sie selbst gerich- tet war, zu einem solchen Eifer ermuntert seyn: da sie eine sehr unempfindliche und niedergeschla- gene Frau ist. Aber ihre Schwester, finde ich, hatte sie dazu aufgebracht. Denn die Lady Eli- sabeth ist eben so dienstfertig, und weiß eine Sa- che eben so wohl zu treiben, als die Fraͤulein Howe: aber sie ist von großmuͤthigerer und edle- rer Neigung ‒ ‒ Sie ist meine Tante, Bruder. Jch vermuthete, sprach ich, ihre Gnaden wuͤrden eine geheime Anweisung des Orts haben, wohin man an sie schicken koͤnnte. Jch spra ch, wie ich wuͤnschte: ich haͤtte die ganze Welt dar- um gegeben, daß ich gehoͤrt haͤtte, sie waͤre ge- neigt, sich bey irgend jemand von meiner Fami- lie Gunst zu erwerben. P 4 Die Die Lady Elisabeth antwortete, sie haͤtte kei- ne andere Anweisung dazu, als die in dem Briefe stuͤnde, und die sie ausgekratzt haͤtte. Es waͤre auch sehr wahrscheinlich, daß diese nur auf eine kurze Zeit zu gebrauchen gewesen; damit die Fraͤu- lein vor mir verborgen bleiben moͤchte: sonst wuͤr- de sie schwerlich ein Wirthshaus angewiesen ha- ben, wo die Antwort abgegeben werden sollte. Sie waͤre der Meynung, daß der einzige sichere Weg, in dem Gesuch gluͤcklich zu seyn und Ver- gebung zu erlangen, dieser seyn wuͤrde, daß man sich an die Fraͤulein Howe wendete: wofern ich dieselbe in den Stand setzen wollte, sich die Be- foͤrderung der Sache angelegen seyn zu lassen. Fraͤulein Charlotte. Erlauben sie mir ei- nen Vorschlag zu thun. ‒ ‒ Weil wir alle von der Gerechtigkeit, die der Fraͤulein Harlowe bil- lig geschehen muß, einerley Gedanken hegen: so will ich, wo Herr Lovelace sich verbinden wird, sie zu heyrathen, einen Besuch bey der Fraͤulein Howe abstatten, so wenig ich auch mit ihr bekannt bin; und sie zu bereden suchen, daß sie sich der Sache annehme und die erwuͤnschte Aussoͤhnung befoͤrdere. Und kann dieß nur geschehen: so zweifle ich gar nicht, daß alles gluͤcklich beygelegt werden moͤge. Denn jedermann kennt die Liebe, welche die Fraͤulein Harlowe und die Fraͤulein Howe fuͤr einander haben. Heyrathen, Bruder, wie du siehst, ist bey diesen Weibspersonen ein Suͤhnopfer fuͤr fuͤr alles, was wir ihnen zuwider thun koͤnnen. Eine recht schauspielmaͤßige Be- lohnung. Dieser Rath ward vollkommen gebilliget: und ich verpflichtete mich, wie man verlangte, bey meiner Ehre, auf die feyerlichste Weise, die sie nur wuͤnschen konnten. Lady Sarah. Wohlan denn, Base Char- lotte, fangen sie alsobald ihre Unterhandlung mit der Fraͤulein Howe an. Lady Elisab. Ja, ich bitte, thun sie es: und lassen sie der Fraͤulein Harlowe vermelden, daß ich bereit sey, sie als den willkommensten Gast aufzunehmen, und sie nicht eher aus meinen Au- gen lassen wolle, bis das Band geknuͤpfet ist. Lady Sarah. Sagen sie ihr in meinem Namen, daß sie meine Tochter seyn soll ‒ ‒ statt meiner armen Elisabeth! ‒ ‒ Dabey ver- goß sie noch ein Thraͤnlein zum Andenken ihrer verlohrnen Tochter. Lord M. Was sagen sie hiezu, Herr? Lovel. Zufrieden, mein Lord ‒ ‒ Jch rede die Sprache ihres Hauses. Lord M. Wir wollen uns nicht aͤffen las- sen, Vetter. Kein leeres Wortspiel. Wir wollen nicht bey der Nase herumgefuͤhrt seyn. Lovel. Sie sollen auch nicht, mein Lord. Jedoch war ich nicht willens zu heyrathen; wo sie den dazu bestimmten Donnerstag vorbeygehen ließe. Allein ich denke, nach ihren eignen Be- griffen, daß ich sie zu sehr beleidiger habe, es P 5 wieder wieder gut machen zu koͤnnen, wenn ich auch der be- ste Ehemann gegen sie waͤre, wie ich zu seyn ent- schlossen bin, wo sie sich herab lassen will; so will ich es nennen; mich zu nehmen. Dieß mag ihnen, Base Charlotte, von meiner Seite aufgetragen seyn zu sagen. Das gefiel ihnen allen. Lord M. Gieb deine Hand, Robert! ‒ ‒ Endlich redest du, wie ein rechtschaffener Mann. Jch hoffe, wir werden uns auf dein Wort ver- lassen koͤnnen? Die Frauenzimmer legten mir durch ihre Augen eben diese Frage vor. Lovel. Sie koͤnnen, mein Lord; sie koͤnnen, wertheste Frauenzimmer; sie koͤnnen sich gaͤnzlich darauf verlassen. Nun fing man wieder an, weitlaͤuftig von der persoͤnlichen Beschaffenheit der Fraͤulein so wohl, als von ihren außerordentlichern Eigen- schaften und Gaben zu reden. Fraͤulein Martha, welche sie einmal gesehen hatte, ließ ihrer Zunge mehr, als alle uͤbrigen, den freyen Lauf zu ihrem Ruhme. Auf diese Gespraͤche folgten die Unter- suchungen von den Vortheilen der Familie, wornach man sich bey den Unterhandlungen zu ei- ner Heyrath niemals zu erkundigen vergißt: da sie bey den Altklugen einer Familie die vor- nehmsten Bewegungsgruͤnde sind, und bey den Parteyen selbst die geringsten, deren Erwaͤhnung geschehen muß; ob sie gleich auch bey diesen vielleicht das erste seyn moͤgen, woran woran gedacht wird. Man erkundigte sich nach dem Vermoͤgen der Fraͤulein, nach der ei- gentlichen Bewandniß, die es mit dem Gute von ihrem Großvater haͤtte, und uͤberlegte, was ihr Vater und ihre unverheyrathete Onkels, nach wahrscheinlicher Vermuthung, zu ihrem Besten thun wuͤrden, wenn eine Aussoͤhnung ausgewir- ket waͤre: welche sie durch ihre Vermittelung gewiß zwischen beyden Familien zu Stande zu bringen hoffen; wo es nicht von mir versehen wird. Die beyden ehrwuͤrdigen Frauenzimmer, welche nun nicht mehr altfraͤnkische Gesichter bey mir heißen, ließen sich etwas von reichen Ge- schenken an ihrem Theile verlauten: und mein Lord bezeugte, daß er sich so zu meinem Vortheil erklaͤren wollte, daß meine Vermaͤhlung mit der Fraͤulein Harlowe dadurch das beste wuͤrde, was ich jemals an einem Tage in meinem Leben gethan haͤtte; und es auch jener Familie eben so ange- nehm, als mir selbst seyn sollte, wie er im gering- sten nicht zweifelte. Auf die Art haͤngt itzo das Ehestandsschwerdt bloß an einem einzigen Haar uͤber meinem Hau- pte. Auf die Art endigte sich mein Verhoͤr, und auf die Art sind wir alle wieder Freunde, Vetter und Vetter, Enkel und Enkel bey einem jeden Worte. Hat wohl jemals ein Lustspiel einen gluͤckli- chern Ausgang gehabt, als dieß lange Verhoͤr? Der Der drey und dreyßigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Mittwoch. den 12ten Jul. S o denken sie nun, Bruder, daß sie gewaltig viel gewonnen haben. Allein sollte ich an- deres Sinnes werden; sollte es mich reuen: so, glaube ich, bin ich sicher ‒ ‒ Und gleichwohl faͤllt es mir diesen Augenblick in den Sinn, daß dem Dinge doch schwerlich zu trauen sey. Denn es muß gewiß da, wo erst vor so kurzer Zeit Feuer gewesen ist, noch etwas unter der Asche glimmen, das sich aufruͤhren laͤßt, verbrennliche Waare, die los daruͤber gestreuet ist, in Flamme zu setzen. Mit der Liebe ist es nicht anders, als wie mit ei- nigen Pflanzen oder Wurzeln, die sich selbst fort- pflanzen, und schon stark in die Erde eingegriffen haben. Wenn sie einmal tief in das Herz ge- drungen: so laͤßt sie sich schwerlich jemals ganz und gar ausrotten; ausgenommen, in Wahr- heit, durch die Ehe, welche das Grab fuͤr die Liebe ist, weil sie leidet, daß die Liebe ein En- de nehme. Dazu kommen noch diese Frauenzim- mer, alle als Fuͤrsprecherinnen fuͤr sie, mit ihr, und vielleicht mit der Fraͤulein Howe, an ihrer Spitze ‒ ‒ Nicht zu meinem Besten; ‒ ‒ das erwarte ich von der Fraͤulein Howe nicht: ‒ ‒ son- sondern vielleicht ihres eignen Vortheils wegen. Denn Fraͤulein Howe, denke ich, hat Ursache, Rache von mir zu befuͤrchten. Auch Herr Hick- mann wird in Sicherheit seyn, wie sie sich vor- stellen mag: wenn ich ihre geliebte Freundinn heyrathe. Er hat sich geschaͤfftig genug bewiesen: und ich habe lange gewuͤnschet, ihm eines beyzu- bringen ‒ ‒ Ueberdieß ist die Fraͤulein selbst in verzweiflungsvollen Umstaͤnden in Ansehung ihrer Freunde: und wird wahrscheinlicher Weise so bleiben, so lange sie unverheyrathet, und ihr guter Name widrigen Urtheilen ausgesetzet ist. Ein Ehemann ist ein trefflicher Deckmantel, eine Schuͤrze von Feigenblaͤttern, fuͤr eine Frau. Wenn ein Frauenzimmer in ihren Freyheiten, in denen Ausschweifungen, nach welchen ihr Herz sich sehnet, Schutz findet ‒ ‒ und alle ihre Fehler, auch die strafbaresten, wenn sie darinn entdeckt werden sollte; ja selbst das Laͤcherliche in ihrer Auffuͤhrung; auf den Mann geschoben werden koͤnnen: so ist das ja etwas unvergleichliches fuͤr eine Frau, das sie sich wohl wuͤnschen mag. Allein ein Vergnuͤgen werde ich doch haben, wo ich heyrathe, welches mir nicht wenig ange- nehm ist. Wenn eines Mannes Frau eine wer- the Freundinn hat: so koͤnnen hundert Freyhei- ten gegen diese Freundinn genommen werden, die sich sonst nicht nehmen ließen; wo das ledige Frauenzimmer, welches weiß, was fuͤr ein Recht zu Freyheiten ihm die Ehe bey ihrer Freundinn gegeben hat, sich nicht weniger Bedenken, in An- sehung sehung ihrer selbst, gegen ihn machte, als sie sich machen sollte. Hiernaͤchst giebt es weitlaͤuftige Freyheiten; soll ich sie so nennen? die sich der Mann bey seiner Frau nehmen kann, und die nicht ganz anstoͤßig seyn moͤgen. Leidet die Frau diese vor ihrer Freundinn Augen: so werden sie der Freundinn zu einer Belehrung dienen. Und kann die Freundinn dabey ohne Scheu und Erroͤthung gegenwaͤrtig seyn: so wird das einem klugen Kerl zeigen, daß sie selbst zu gelegener Zeit und an gelegenem Orte eben so viel leiden kann. Keuschheit, Bruder, ist, wie Gottse- ligkeit, eine sich allemal selbst vollkommen aͤhn- liche Sache. Laͤßt ein Maͤgdchen einer unziemlichen Leichtsinnigkeit, in Ansehung der Augen, in Ansehung der Ohren, Raum und Platz: so verlaß dich nur darauf, daß der Teufel schon einen von seinen gespaltenen Fuͤßen in ihrem Herzen habe. ‒ ‒ Also nimm dich in acht, Hick- mann, ich rathe es dir: ich mag heyrathen, oder nicht. So, Bruder, habe ich mir auf einmal alle meine Verwandten wieder zu Freunden gemacht: ‒ ‒ und, wo die Fraͤulein meine Hand ausschlaͤgt, die Schuld auf sie geschoben. Dieß, wußte ich wohl, wuͤrde allezeit in meiner Gewalt seyn, zu thun. Jch bezeigte mich deswegen eben so viel stolzer gegen sie alle, damit ich mir durch meine Willfahrung ein desto groͤßeres Verdienst machen koͤnnte. Bey Bey dem allen aber wuͤrde es recht seltsam seyn; nicht wahr? wuͤrde es nicht seltsam seyn, wenn alle meine Raͤnke und gespielte Streiche auf das Heyrathen hinauslaufen sollten? Was fuͤr eine Strafe wuͤrde es noch dazu fuͤr mich selbst werden, daß ich alle diese Zeit uͤber meinen eignen Schatz gepluͤndert habe? Sollte dieß geschehen: so muß ich bey dir, Bruder, um zwey Dinge instaͤndigst anhalten. ‒ ‒ Da ich so wichtige Geheimnisse, zwischen mir und meiner Frauen, deinen Haͤnden anvertrauet habe: so muß ich, um meiner eignen Ehre willen, und zur Erhaltung der Ehre meiner Gattinn und mei- ner erlauchten Erben, erstlich dich verbinden, die Briefe, mit welchen ich so verschwenderisch gegen dich gewesen bin, herauszugeben; und hernach das an dir thun, was in Frankreich, wie ich ver- schiedne Leute einander habe ins Ohr sagen hoͤren, an dem wirklichen Vater eines gewissen Monar- chen geschehen seyn soll; das heißt, dir die Kehle abschneiden, damit du nicht aus der Schule plau- dern koͤnnest. Jch habe Mittel gefunden, die guͤtige Mey- nung, welche meine Freunde allhier von mir zu hegen angefangen, noch zu erhoͤhen: indem ich ihnen den Jnhalt der vier letzten Briefe, worinn ich meine kuͤnftige Gemahlinn auß nachdruͤcklich- ste um die feyerliche Vollziehung unserer Ver- maͤhlung ersuchte, eroͤffnet habe. Mein Lord hat einen von seinen Spruͤchen zu meinem Vortheil wiederholet: er hoffet, es werde noch so ausfallen, daß daß der Teufel nicht voͤllig so schwarz ist, als man ihn mahlet. Nun bitte ich dich, lieber Bruder, bedenke, wie viele gute Folgen aus unserer Vermaͤhlung fließen koͤnnen. Bedenke, daß eine hievon auf dich selbst kommen muß! Denn je eher du stirbst: desto weniger hast du zu verantworten; ja bisweilen bin ich nicht ungeneigt zu glauben, daß wohl etwas wahres in den Gedanken des alten Mannes seyn mag, der uns einmal erzaͤhlte, daß derjenige, welcher einen Menschen toͤdte, alle Suͤnden dieses Menschen, so wohl als seine eigne, zu verantworten habe, weil er ihm nicht die Zeit zur Buße ließe, welche der Himmel ihm zu goͤn- nen beschlossen haͤtte. Eine feine Sache fuͤr dich; wo du dir den Kopf abschlagen lassen willst: nur ein verfluchtes Ding fuͤr den Todtschlaͤger! Be- denke aber auch, daß wir Ursache haben zu besor- gen, die Fraͤulein Howe moͤge uns ihre Huͤlfe versagen: und deswegen bemuͤhe dich selbst, ich bitte dich, meine Clarissa Harlowe aufzusuchen, damit ich eine Lovelacen aus ihr machen koͤnne. Bestelle alle Waͤchter in London, und alle Aus- ruͤfer auf dem Lande, zehn Meilen in die Runde um die Hauptstadt herum, mit ihrem „Hoͤret und „merket! wo jemand, er sey Mann, Weib, oder „Kind, Nachricht geben kann “ ‒ ‒ Zeige in al- len Zeitungen an, und melde ihr, „daß, wo sie „sich zu der Lady Elisabeth Lawrance, oder „zu der Fraͤulein Charlotte Montague, verfuͤgen „will, sie etwas erfahren moͤge, woran ihr sehr viel „gelegen sey.“. Meine Meine beyden Basen Montague werden sich wirklich morgen zu der Fr. Howe auf den Weg machen, um ihre ungestuͤme Tochter zu gewin- nen, daß sie sich meiner Sache bey ihrer Freun- dinn annehme. Sie werden in einer Kutsche mit sechs Pferden stutzen: damit sie desto mehr Staat machen und desto mehr Ansehen haben. Ein verzweifelter Verdruß, daß ich so weit heruntergebracht bin! ‒ ‒ Mein Stolz weiß sich kaum darein zu schicken. Der Lord M. hat die beyden ehrwuͤrdigen Frauenzimmer beredet, hier zu bleiben, und den Ausgang zu erwarten: und ich, der ich itzo bey ih- nen in sehr großen Gnaden stehe, werde die Eh- re haben sie zu bedienen, und nach Oxford, nach Blenheim und an verschiedne andere Oerter zu fuͤhren. Der vier und dreyßigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Har- lowe. Donnerstags, Abends, den 13ten Jul. C ollins geht morgen nicht ab. Einige Haus- angelegenheiten hindern ihn. Rogers ist eben erst von Jhnen zuruͤckgekommen: und man Sechster Theil. Q kann kann seiner nicht wohl entbehren. Herr Hick- mann ist wegen einer Sache fuͤr meine Mutter ausgereiset, und hat seine beyden Bedienten mit- genommen, der Person, die ihn gebrauchet, Eh- re zu machen. Daher bin ich genoͤthigt, gegen- waͤrtiges auf gut Gluͤck unter ihrem angenomme- nen Namen mit der Post abzulassen. Jch habe ihnen zu melden, daß ich die Ehre gehabt, von der Fraͤulein Montague und ihrer Schwester, in der Kutsche des Lords M. mit sechs Pserden, einen Besuch zu bekommen. Des Lords Cavallier kam gestern hierher geritten, und bat, daß ich, wegen einer ganz besondern An- gelegenheit, einen Besuch von diesen beyden jungen Frauenzimmern annehmen moͤchte: wenn es des folgenden Tages seyn koͤnnte; wuͤrde es eine desto groͤßere Gefaͤlligkeit seyn. Da ich so wenig persoͤnliche Bekanntschaft mit der einen und der andern habe: so zweifelte ich nicht, daß es die Sachen meiner liebsten Freundinn betreffen wuͤrde. Jch fragte deswe- gen meine Mutter um Rath, und ließ sie hier- auf, weil es so weit ist, einladen, mir ihre Gesell- schaft zum Mittagsmahl zu goͤnnen; welches sie freundlich annahmen. Jch hoffe, meine Wertheste, da die Sachen bisher so sehr uͤbel gestanden, daß ihre Gesand- schaft an mich ihnen so angenehm seyn werde, als irgend etwas, das nun geschehen kann. Sie ka- men im Namen des Lords M. und seiner beyden Schwestern, mich zu ersuchen, daß ich mir ange- legen legen seyn ließe, sie zu bereden, daß sie sich in den Schutz der Lady Elisabeth Lawrance begeben moͤchten, welche sich nicht von ihnen entfernen will, bis sie ihnen alle Gerechtigkeit gethan sie- het, die ihnen nunmehr noch widerfahren kann. Die Lady Sarah Sadleir hatte seit zwoͤlf Mona- ten, seit dem sie ihre angenehme Tochter, welche Sie und ich bey Fr. Benson gesehen, verlohren hat, nicht einen Fuß von Hause gesetzet. Aber diese Reise hat sie auf Zureden ihrer Schwester bloß zu dem Ende uͤbernommen, daß sie Jhnen, wo moͤglich, eine Ersetzung des gelittenen Nach- theils verschaffen moͤchte. Jhre vereinigte Muͤ- he, nebst dem Bestreben des Lords M. ist ihnen bey vereinigten Kraͤften so weit gelungen, daß der nichtswuͤrdige Mensch sich gegen sie, und gegen diese jungen Fraͤuleins, auf die feyerlichste Art verbunden hat, Sie in ihrer Gegenwart zu hey- rathen, wofern Sie von Jhnen zu gewinnen sind, ihm Jhre Hand zu geben. Diesen Trost moͤgen sie fuͤr sich nehmen, daß diese ganze ansehnliche Familie eine gebuͤhren- de, das ist, die hoͤchste Ueberzeugung von Jh- rem Verdienste hat, und Sie sehr bewundert. Der scheusliche Kerl hat seiner selbst nicht gescho- net; indem er Jhrer Tugend Gerechtigkeit hat widerfahren lassen: und die beyden Fraͤuleins ga- ben uns eine solche Nachricht von seinen Bekennt- nissen, und von seiner Verurtheilung, die er wi- der sich selbst ausgesprochen, daß meine Mutter ganz von Jhnen eingenommen ward. Wir alle Q 2 viere viere vergossen Freudenthraͤnen, daß eine Person von unserm Geschlechte da ist; und ich ins beson- dere, daß diese eine Person meine Freundinn ist; welche demselben so viel Ehre gemacht hat, daß sie die aus eigner Ueberzeugung geflossenen Lobes- erhebungen, welche er Jhnen ertheilet hat, ver- dienet: ob gleich mit der vergnuͤgten Regung ein Mitleiden gegen die unvergleichliche Person ge- mischet war. Er verspricht durch sie, sich als den besten Mann zu beweisen. Der Lord, und seine beyden Schwestern, wollen alle die Gewaͤhr leisten, daß er es wirklich thun werde. Sie schwatzten von anstaͤndigen Ehestiftungen, von ansehnlichen Ge- schenken. Sie sagten, sie haͤtten den Lord M. und seine zwo Schwestern so verlassen, daß sie von nichts, als von diesen Geschenken und Ehe- stiftungen geredet, wie sie am besten einzurichten waͤren, Jhnen dadurch Ehre zu bezeigen, auch um so viel groͤßer, je groͤßer das schimpfliche Lei- den gewesen, das Sie ausgestanden haben; im- gleichen von Veraͤnderung der Namen durch ei- nen Parlamentsbrief, als einer Vorbereitung zu der Muͤhe, die sie sich alle mit vereinigten Kraͤf- ten geben wollen, die Titel auf eben denjenigen zu bringen, auf den das Stammgut fallen muß, wenn der Lord stirbt, dessen Ende sie naͤher besor- gen, als sie wuͤnschen. Auch zweifeln sie nicht an ei- ner gaͤnzlichen Besserung in seinen sittlichen Grund- saͤtzen und in seiner Lebensart, welche von Jhrem Bey- Beyspiele und Jhrer Gewalt uͤber ihn zu erwar- ten stehet. Jch machte sehr viele Einwendungen fuͤr sie ‒ ‒ alle, glaube ich, die sie selbst haͤtten machen koͤnnen, wenn sie zugegen gewesen waͤren. Aber ich trage kein Bedenken, meine liebste Freundinn, Jhnen zu rathen; und das thut auch meine Mut- ter, daß Sie sich alsobald in den Schutz der La- dy Elisabeth begeben, mit dem Entschlusse, den elenden Menschen zum Manne zu nehmen. Alle seine kuͤnftige Groͤße; und es fehlt ihm nicht an Ehrgeiz; haͤnget von seiner Aufrichtigkeit gegen Sie ab. Die Fraͤuleins betheuren, daß ihn das Unrecht, welches er Jhnen gethan hat, schmerzlich reue. Alle seine Furcht ist, daß Sie so bereit sind, einem jeden, wie er besorget, das Uebel, welches Sie gelitten haben, zu entdecken; dieß, glaubt er, werde sie beyde widrigen Urtheilen bloßstellen. Allein haͤtten Sie es der Lady Elisabeth nicht ent- decket: so wuͤrden Sie nicht eine so eifrige Freun- dinn gehabt haben; indem alle dieß Gute, so, hof- fe ich, wird es ausschlagen, von zween Briefen, die Sie ihr zugeschrieben, herruͤhret. Jedoch rathe ich Jhnen, mit der Erzaͤhlung dessen, was vergangen ist, etwas sparsamer zu seyn: Sie moͤgen ihn anzunehmen gedenken; oder nicht. Denn wozu, wertheste Freundinn, kann das nun- mehr dienen, als nur schaͤndlichen Gemuͤthern Anlaß zu geben, uͤber Jhre Freunde zu froh- Q 3 locken: locken: da doch ein jeder nicht wissen wird, wie viel Ehre Jhnen Jhr Leiden selbst gemacht habe? Jhr trauriger Brief, den mir Rogers ge- bracht hat Siehe den vorhergehenden XXVII Brief. , nebst seiner Nachricht von Jhrem sehr mittelmaͤßigen Befinden, wovon er so wohl durch die Weibsleute in dem Hause, als durch Jhr Ansehen, und Jhre Mattigkeit, da Sie mit ihm geredet, versichert ist, wuͤrde mir einen un- beschreiblichen Kummer verursachet haben: wenn ich nicht durch diesen angenehmen Besuch von den Fraͤuleins aufgemuntert waͤre. Jch mache mir Hoffnung, Sie werden sich gleichfalls auf- muntern lassen, indem ich Jhnen das, was da- bey vorgegangen ist, eroͤffne. Jn der That, liebste Freundinn Sie muͤssen sich nicht bedenken; Sie muͤssen ihnen willfah- ren: die Verbindung ist ansehnlich und gereicht zur Ehre. Sehr wenige Leute werden etwas von seiner greulichen Niedertraͤchtigkeit gegen Sie erfahren. Alles muß sich endlich in eine allge- meine Aussoͤhnung aufloͤsen: und Sie werden im Stande seyn, Jhre vorige Weise wieder zu beobachten, und einem jeden, der es verdient, das Gute zu erweisen, welches Jhnen vormals allent- halben, wohin Sie nur den Fuß setzten, Segens- wuͤnsche verschaffete. Es kraͤnkt mich, wenn ich befinde, daß Jh- res Vaters uͤbereilter Wunsch Sie so viel ruͤh- ret, als er es thut. Auf mein Wort, liebe Freun- dinn, Jhr Gemuͤth ist schrecklich geschwaͤchet. Sie Sie muͤssen, in Wahrheit, Sie muͤssen sich nicht selbst verlassen. Die Buße, wovon Sie schwa- tzen ‒ ‒ Es gehoͤrt fuͤr diejenigen, Buße zu thun, welche Sie in Ungluͤck gestuͤrzet haben, das Sie nicht wohl vermeiden konnten. Sie urthei- len vielmehr nach dem ungluͤcklichen Ausgange, als nach der wahren Beschaffenheit, von Jhrem Zufalle. Auf meine Ehre, ich halte Sie fast in einem jeden Schritt, den Sie gethan haben, fuͤr untadelhaft. Was hat nicht der schaͤndlich uͤber- muͤthige und ehrgeizige, doch dumme, Bruder von Jhnen zu verantworten! ‒ ‒ Ja auch das boshafte Ding, Jhre Schwester! ‒ Allein was geschehen ist, steht nicht zu aͤn- dern. Wohlan denn, lassen Sie uns in die Zu- kunft hinaussehen. Es oͤffnen sich itzo gluͤckliche Aussichten fuͤr Sie: da eine schon itzo edle Fa- milie bereit ist, Sie aufzunehmen, und Sie mit offenen Armen und freudigen Herzen zu empfan- gen; und, durch ihre Liebe fuͤr Sie, eine andere Familie, welche nicht weiß, was fuͤr ein unver- gleichliches Muster der Tugend sie alle zu verfol- gen in ein Buͤndniß getreten sind, lehren will, wie man Sie schuͤtzen muͤsse. Jhre Klugheit, Jhre Gottseligkeit, wird alles kroͤnen: sie wird einen Boͤsewicht auf bessere Wege bringen, den man, um hundert anderer willen mehr, als um sein selbst willen, auf bessere Wege gebracht wuͤn- schen wuͤrde. Wie ein Wandersmann, der durch die aus- getretene Fluth eines reisenden Strohmes von Q 4 seinem seinem Wege verschlagen ist, haben Sie nur die gerade und richtige Bahn, worauf Sie waren, uͤberschwemmet gesehen. Es kommt nur auf ei- nen Umweg von wenigen Meilen, auf den Ver- lust eines oder zween Tage, so zu sagen, an: so sind Sie auf der Spur, dieselbe wieder zu fin- den; und durch Jhre Geschwindigkeit, fortzuei- len, wird die verlohrne Zeit eingebracht werden. Mittlerweile wird die Anstrengung Jhrer Lebens- geister alle Jhre Ungelegenheit seyn: denn es war nicht Jhr Fehler, daß Sie in Jhrem Fort- gange aufgehalten wurden. Bedenken Sie dieß, wertheste Freundinn und machen sich das Gleichniß zu Nutzen: Sie wissen schon, wie. Wenn Sie, ohne Hinderniß in Jhrem eignen Fortgange, das Werkzeug seyn koͤnnen, die Ueberschwemmung zu hemmen, das Wasser in seine natuͤrliche Gaͤnge zuruͤckzutrei- ben, und dadurch, zum Besten der kuͤnftigen Wanderer, welche eben den Weg ziehen, die uͤber- schwemmte Bahn wieder frey zu machen: wie groß wird Jhr Verdienst seyn! ‒ ‒ Jch werde mit Ungedult auf Jhren naͤchsten Brief warten. Die Fraͤuleins schlugen vor, daß Sie sich, wofern Sie in London, oder in der Naͤ- he waͤren, auf die Readinger Landkutsche setzen moͤchten, welche irgendwo auf der Fleet-Street einkehret. Wo Sie nur den Tag melden: so werden Jhnen auf dem Wege, und zwar sehr bald nach Jhrer Abreise, einige Personen von beyder- beyderley Geschlecht, worunter Sie vielleicht eine nicht ungern sehen wuͤrden, entgegen kommen. Herr Hickmann soll Jhnen zu Slough auf- warten: und die Lady Elisabeth selbst, nebst einer von den Fraͤulein Montague, will mit Wagen und Pferden, wie es sich schicket, zu Reading seyn, Sie zu empfangen, und gerades Weges mit sich zu ihrem Gut zu nehmen. Denn ich habe aus- druͤcklich bedungen, daß der Boͤsewicht selbst Jh- nen nicht eher vor Augen kommen soll, bis Jhre Hochzeit vollzogen wird: wo Sie es nicht selbst erlauben. Leben Sie wohl, meine wertheste Freundinn. Jch wuͤnsche, daß Sie gluͤcklich seyn moͤgen. So werden viele hundert dem zufolge gluͤcklich seyn. Unbeschreiblich begluͤckt wird gewiß alsdenn seyn Jhre ewig ergebene Anna Howe. Der fuͤnf und dreyßigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Har- lowe. Sonntags, Abends, den 16ten Jul. Meine Allerliebste Freundinn. W arum wollen Sie ein Gemuͤth, das sich so sehr zu Jhren Diensten ergeben hat, un- Q 5 ter ter einer solchen Ungedult arbeiten lassen, als es in vergeblicher Erwartung einer Antwort auf ei- nen Brief, woran Jhnen und folglich mir so viel gelegen ist, arbeiten muß: wie Jhnen selbst nicht unbekannt seyn kann? ‒ ‒ Rogers erzaͤhlte mir verwichenen Donnerstag, daß es so uͤbel mit Jhrer Gesundheit stuͤnde! Jhr Brief zeugte von einem so niedergeschlagenen Gemuͤthe! ‒ ‒ Jn der That aber muͤßten Sie sich sehr uͤbel befinden: wenn Sie auf einen solchen Brief nicht etwas antworten koͤnnten; sollte es auch nur eine Zeile seyn, um zu melden, daß Sie so bald, als Sie koͤnnten, schreiben wollten. Sie haben ihn ge- wiß bekommen. Der Aufseher von unserm naͤchsten Postamte will seine Ehre zum Pfande setzen, daß er sicher gegangen ist. Jch habe ihn besonders deswegen ersuchen lassen. Gott verleihe mir gute Zeitungen von Jh- rer Gesundheit, und daß Sie im Stande gewe- sen sind, zu schreiben: so will ich Sie scheuren ‒ ‒ Jn Wahrheit ich will Sie scheuren ‒ ‒ als ich Sie noch niemals gescheuret habe. Jch vermuthe, Sie werden sich damit ent- schuldigen, daß die Sache Ueberlegung erforder- te ‒ ‒ Gott! meine Wertheste, das moͤchte seyn: aber Sie haben einen so guten Verstand, und die Sache, wovon die Rede ist, faͤllt so leicht in die Augen, daß Sie nicht eine halbe Stunde brauchen konnten, sich zu entschließen ‒ ‒ Hier- naͤchst sind Sie vermuthlich willens gewesen, Col- lins Anfrage nach Jhrem Briefe, als morgen, zu zu erwarten! ‒ ‒ Gesetzt ‒ ‒ Fraͤulein! ‒ ‒ Jn der That ich bin boͤse auf Sie ‒ ‒ Gesetzt es fiele etwas vor, wie am verwichnen Freytage, daß es ihm nicht moͤglich waͤre, morgen nach London zu kommen! ‒ ‒ Kind, wie koͤnnten Sie mir so dienen? ‒ ‒ Jch weiß nicht, wie ich aus dem Gezaͤnke mit Jhnen herauskommen soll! Lieber, ehrlicher Collins, eile! Er will: er will. Er macht sich auf den Weg und reiset die ganze Nacht uͤber. Denn ich habe ihm gesagt, daß die liebste Freundinn, die mir in der Welt verliehen ist, es in Jhren eignen Haͤnden habe, gluͤcklich zu seyn und mich gluͤcklich zu machen; und daß der Brief, den er mir von Jhnen uͤber- bringen wird, mich davon versichern werde. Jch habe ihm befohlen, gerades Weges zu Jhrer Wohnung zu gehen, ohne sich bey dem Wirthshause zum Saracenen-Kopf aufzuhalten. Die Sachen stehn itzo auf einem so guten Fuß, daß er es sicher thun kann. Jhr erwarteter Brief, hoffe ich, ist fertig: wo nicht, so wird er zu der von Jhnen gesetzten Stunde deswegen anfragen. Sie koͤnnen nicht so gluͤcklich seyn, als Sie verdienen. Allein ich zweifele doch nicht, daß Sie wenigstens so gluͤcklich seyn wollen, als Sie seyn koͤnnen: das ist, daß Sie sich entschließen werden, sich alsobald in den Schutz der Lady Eli- sabeth zu begeben. Wo Sie ihn etwa nicht um Jhrer selbst willen nehmen wollten: so muͤssen Sie ihn um meinetwillen, um Jhrer Familie, um um Jhrer Ehre willen nehmen! ‒ ‒ Lieber, ehrlicher Collins eile! eile! und erleichtere das unruhige Herz der meiner Geliebten Ewig getreuen und ewig ergebenen Anna Howe. Der sechs und dreyßigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Charlotte Montague. Dienstags fruͤhe, den 18ten Jul. Wertheste Fraͤulein. J ch nehme mir die Freyheit, durch diesen be- sondern Bothen, an Sie zu schreiben. Jn hoͤchster Verwirrung meiner Seele schreibe ich an Sie, von Jhnen, und einem jeden in Jhrer Fa- milie, der etwas davon weiß, Nachricht von mei- ner geliebten Freundinn zu verlangen, welche, wie ich besorge, hinterlistiger Weife entfuͤhret ist; durch die schaͤndlichen Kunstgriffe eines der scheuslichsten ‒ ‒ O helfen Sie mir zu einem Namen, der arg genug sey, ihn damit zu bele- gen! ‒ ‒ Jhre Gottseligkeit ist ein sicheres Un- terpfand, daß Sie sich niemals selbst Gewalt thun werde. Es muß, es muß Er seyn: Er allein, der im Stande gewesen ist, eine unschul- dige dige Person schimpflich zu beleidigen; und nun ‒ ‒ wer weiß, was er mit ihr gemacht hat! Wo ich nur so viel Gedult habe: so will ich Jhnen die Ursache zu dieser verwirrungsvollen und heftigen Unruhe entdecken. Jch schrieb den Augenblick an sie, als Sie und Jhre Schwester mich verlassen hatten. Weil ich aber keinen eignen Bothen haben konnte; wie ich willens war: so ward ich genoͤ- thigt, den Brief mit der Post abzuschicken. Jch drang bey ihr darauf; Sie wissen, daß ich es Jhnen zu thun versprach; ich drang ernst- lich bey ihr darauf, daß sie sich bequemen moͤchte, das Verlangen Jhrer ganzen Fa- milie zu erfuͤllen. Da ich keine Antwort bekam: schrieb ich am Sonntage, Abends, noch einmal; und sandte den Brief mit einem eignen Bothen fort, der die ganze Nacht reisete. Jch schalt in demselben auf sie, daß sie ein so ungedultiges Herz, als ich habe, bey einer Sache, woran ihr, und folglich mir auch, so viel gelegen waͤre, in unge- wisser Erwartung stecken ließe. Jn meinem Sinne war ich recht boͤse auf sie. Allein urtheilen Sie, wie groß meine Be- stuͤrzung, wie groß meine Verwirrung seyn muß- te: da gestern Abends der Bothe, so eilfertig, als eine Post reiten kann, zuruͤckkam, und mir die Nachricht brachte, daß man seit Freytags fruͤhe nicht von ihr gehoͤret haͤtte; und daß ein Brief, der mit der Post gekommen waͤre, und von mir seyn muß, fuͤr sie in ihrer Wohnung laͤge. Sie Sie ist am Freytage fruͤhe, um sechs, ausge- gangen: bloß in der Absicht, wie die Leute glau- ben, in die Kirche beym Covent-Garden, die ganz nahe bey dem Hause ist, zur Bethstunde des Morgens zu gehen; wie sie schon vorher verschie- dene male gethan hatte. Sie ist zu Fuße gegan- gen, und hat es so verlassen, daß sie binnen einer Stunde wieder zu Hause seyn wollte ‒ ‒ Jn ei- nem sehr schlechten Zustande mit ihrer Gesund- heit! Gott sey mir gnaͤdig! Was soll ich machen! ‒ ‒ Jch bin die ganze verwichne Nacht uͤber voͤllig außer mir gewesen. O wertheste Fraͤulein! Sie wissen nicht, wie lieb ich diese Freundinn habe! ‒ ‒ Sie ist, so zu sagen, mein irdischer Heyland gewesen! ‒ ‒ Meine eigne Seele ist mir nicht werther, als meine Clarissa Harlowe! ‒ ‒ Ja, sie ist meine Seele! ‒ ‒ Denn nun habe ich keine! ‒ ‒ We- nigstens nur eine sehr elende! ‒ Denn sie war die Freude, die Staͤrke, die Stuͤtze meines Lebens! Niemals hat eine Weibsperson die andere so ge- liebet, als wir einander lieben. Es ist unmoͤg- lich, Jhnen ihre ausnehmende Vorzuͤge nur halb zu erzaͤhlen. Jch machte mir einen Ruhm und eine Ehre daraus, daß ich zu einer so brennenden Liebe einer so unbefleckten und unvergleichlichen Person geschickt war! ‒ ‒ Aber nun! ‒ ‒ Wer weiß, ob die theure und beleidigte Seele nicht durch den Tod das volle Maaß ihres Elendes, ihres ihres unverdienten Elendes, bekommen hat, oder noch zu einem aͤrgern Schicksal aufbehalten ist! ‒ ‒ Dieß uͤberlasse ich Jhnen zur Nachfrage ‒ ‒ Denn ‒ ‒ Jhr ‒ ‒ soll ich denn Menschen nen- nen ‒ ‒ Jhr Verwandter, hoͤre ich, ist noch bey Jhnen. Gewiß, meine liebe Fraͤulein, Sie waren doch beyde zu den Vorschlaͤgen, die Sie mir in Gegenwart meiner Mutter thaten, wohl bevoll- maͤchtiget. Gewiß er darf sich nicht unterstehen, Jhre Vertraulichkeit und die Vertraulichkeit Jh- rer edlen Angehoͤrigen zu misbrauchen. Jch entschuldige diese Unruhe nicht, welche ich Jhnen verursache, auch nicht die Bitte, die ich hiemit an Sie ergehen lasse, durch diesen Bothen mit einer Zeile zu beehren Jhre beynahe verwirrte Anna Howe. Der sieben und dreyßigste Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. M. Hall Sonnabends Abends, den 15ten Jul. A lles zu nichte, zu nichte, beym Jupiter! ‒ ‒ Henker, Bruder, was soll ich nun machen! Ein Fluch treffe alle meine Raͤnke und Kuͤn- ste! ste! ‒ ‒ Jedoch ich habe ihn schon! ‒ ‒ Selbst in meinem Herzen und in meiner Seele habe ich ihn! Du sagtest mir, daß sich meine Strafe nur erst anfienge! ‒ ‒ Kannst du, ungluͤcklicher Wahr- sager, kannst du mir auch sagen, wo sie sich en- digen werde? Deinen Beystand fordere ich. Den Au- genblick, da du dieß bekommst, fordere ich deinen Beystand. Dieser Bothe reitet auf Leben und Tod! ‒ ‒ Und ich hoffe, er wird euch in eurer Wohnung zu London finden: wenn er euch nicht zu Edgware antrifft, wo er am Sonntage seyn und anfragen wird. Das verfluchte, verfluchte Weib, fertigte am Freytage einen Kerl zu Pferde mit der frohen Zeitung, nach ihren Gedanken, in einem froh- lockenden Briefe von Sarah Martin an mich ab, daß sie meinen Engel am verwichnen Mitt- wochen aufgefunden, und am Freytag fruͤhe, da sie zur Bethstunde in der Kirche beym Covent- Garden gewesen ‒ ‒ vielleicht fuͤr meine Besse- rung zu beten! ‒ ‒ als sie wieder zu Hause ge- hen wollen, durch zween Gerichtsbediente haͤtte anhalten lassen, welche sie in einer Saͤnfte, die man in Bereitschaft gehabt, gesetzet, und in eines von den Haͤusern dieser verdammten Kerl gebracht haͤtten. Sie hat dieselbe unter dem Vorwand, daß sie ihr fuͤr Tisch und Wohnung hundert und sunfzig Pfund St. schuldig waͤre, in Verhaft neh- nehmen lassen: eine Summe; nichts von der niedertraͤchtigen Bosheit bey diesem Verfahren zu sagen; welche die liebe Seele unmoͤglich auf- bringen koͤnnte; da alle ihre Kleider und Sachen, ausgenommen was sie an und bey sich hatte, als sie davon ging, in dem Hause des alten Teufels sind. Und hier, was noch so viel schlimmer ist, hat das liebe Kind schon zween Tage liegen muͤssen. Denn ich mußte meine beyden Tanten und mei- ne zwo Basen bedienen, und dem Lord M. nach seinem langwierigen Lager bey einer Lustreise zur Veraͤnderung der Luft Gesellschaft leisten. Der Henker hole unsere ganze Familie! ‒ ‒ Jch bin nicht eher, als diese Stunde, zuruͤckgekom- men, und nun bin ich zu meiner Verwirrung zu- ruͤckgekommen: da ich die verfluchte Zeitung und den frohlockenden Brief erhalten habe. Eile, eile, lieber Bruder, um Gottes willen eile zu der beleidigten Schoͤnen! Mein Herz blu- tet fuͤr sie ‒ ‒ Dieß hat sie nicht verdienet! ‒ ‒ Jch darf keinen Fuß von hier setzen. ‒ ‒ Man wird glauben, daß es auf meinen Anschlag ge- schehen sey ‒ ‒ Und wo ich von der Stelle ge- he: so wird das den Verdacht bestaͤtigen. Verdammt sey den Augenblick dieß verfluch- te Weib! ‒ ‒ Gleichwohl denkt sie, daß sie hie- durch nicht wenig Dank bey mir verdienet habe! ‒ ‒ Ungluͤcklicher, hoͤchst ungluͤcklicher Umstand! ‒ ‒ Noch dazu eben zu einer Zeit, da sich bessere Sechster Theil. R Aus- Aussichten fuͤr die liebenswuͤrdige Fraͤulein oͤffneten. Eile zu ihr! ‒ ‒ Rette und bezeuge ihr meine Unschuld bey diesem verdammten Anschla- ge. Jch schwoͤre aufrichtig bey allem, was hei- lig ist, daß du es sicher thun kannst! ‒ ‒ Je- doch ich habe so schaͤndliche Raͤnke geschmiedet, daß die leidende Schoͤne es schwerlich glauben wird: ob das Verafhren gleich so poͤbelhaft nie- dertraͤchtig ist. Setzt sie in Freyheit, den Augenblick, wenn ihr sie sehei: ohne die geringste Bedingung vor- zuschreiben, setzet sie in Freyheit ‒ ‒ Auf euren Knieen bittet fuͤr mich um Verzeihung: und versichert sie, daß, wohin sie auch immer gehe, ich ihr nicht beschwerlich seyn; nein, auch mich nicht zu ihr naͤhern wolle, ohne ihre eigne Erlaubniß. Vor allen Dingen laßt niemand von der verfluchten Rotte zu ihr kommen. Bit- tet sie nur, euch zu erlauben, daß ihr von Zeit zu Zeit ihre Befehle annehmen duͤrfet. Jhr seyd allemal ihr Freund und Fuͤrsprecher gewe- sen. Was wollte ich itzo darum geben, daß ich es euch nicht haͤtte umsonst seyn lassen! Laßt ihr alsobald alle ihre Kleider und Sa- chen zuschicken, als eine geringe Probe meiner Aufrichtigkeit. Und dringet dem lieben Kinde, das ohne Geld seyn muß, so viel Geld auf, als ihr sie nur immer anzunehmen gewinnen koͤnnet. Meldet mir, wie man ihr begegnet habe. Wehe dem, dem, der Schuld daran hat: wo man hart mit ihr umgagangen ist! Nimm deine Taschenuhr in die Hand, wenn du sie befreyet hast, und verdamme die ganze Bruth, den Drachen und die Schlangen, nach der Uhr, bis du muͤde bist: und sage es ihnen, ich befehle es dir, daß dieß die Bezahlung fuͤr ihre verfluchte Dienstfertigkeit sey. Es kam ihnen nicht zu, nachdem sie sie ge- funden hatten, etwas weiter zu thun, als auf meine Verordnung zu warten, wie sie verfahren sollten. Der große Teufel fliege mit ihnen allen, einzeln nach der Reihe, durch das Dach ihres verfluchten Hauses davon, und zerstoße sie, wie er fliegt, gegen die Spitzen der Schorsteine in Stuͤcken: und lasse denn die kleinern Teu- fel die zerstreueten Ueberbleibsel von ihnen auffammlen, und in Saͤcke werfen, damit sie wieder an ihrem bestimmten Orte, in dem Feu- erelemente, mit Loͤthe von geschmolzenem Bley zusammengesetzt werden. Eine Zeile! Eine Zeile! Ein Koͤnig- reich fuͤr eine Zeile! nur mit ertraͤglichen Nach- richten, den ersten Augenblick, da du schreiben kannst! ‒ ‒ Dieser Kerl wartet, sie mir zu bringen. R 2 Der Der acht und dreyßigste Brief von Fraͤulein Charlotte Montague an Fraͤulein Howe. M. Hall, Dienst. Nachmittags. Liebe Fraͤulein Howe. J hre Zuschrift hat uns allen unaussprechliche Unruhe gemacht. Der hoͤse Mensch ist bestaͤndig seit Sonnabend Abends halb außer sich gewesen. Wir wußten nicht, was ihm fehlte, bis uns Jhr Brief gebracht ward. So ein schaͤndlicher Boͤsewicht er auch ist: so ist er doch an diesem neuen Uebel unschuldig. Jn der That er ist es; er muß es seyn: wie ich Jhnen umstaͤndlicher melden werde. Jtzo will ich Jhren Bothen aber nicht auf- halten. Jhre gerechte Ungedult zu stillen, will ich Jhnen nur so viel melden, daß die liebe Fraͤu- lein sicher, und, wir hoffen, wohl auf ist. Ein abscheulicher Misverstand seiner uͤber- haupt und ohne genaue Bestimmung gegebenen Befehle, hat ihr das Schrecken und den Schimpf von einem Verhaft zuwege gebracht. Die Die arme liebe Fraͤulein Harlowe! Jhr Leiden hat sie uns beynahe eben so theuer und werth gemacht, als ihre ausnehmenden Vorzuͤge sie Jhnen kann gemacht haben. Allein sie muß nun schon voͤllig in Freyheit seyn. Er ist bestaͤndig außer sich gewesen; seit dem er die Zeitung bekommen hatte: und wir wußten nicht was ihm fehlte. Jedoch das habe ich ja schon geschrieben. Der Lord M. die Lady Sarah Sadleir und Lady Elisabeth Lawrance, wollen alle noch diesen Nachmittag an Sie schreiben. Eben das will der boͤse Mensch selber auch thun. Sie wollen die Briefe durch ihren eignen Bedienten uͤberbringen lassen, ihren Bothen nich aufzuhalten. Jch weiß nicht, was ich schreibe. Aber Sie sollen alle Umstaͤnde, genau, wahr und aufrichtig erfahren, Wertheste Fraͤulein, von Jhrer getreuesten und gehorsamen Dienerinn Charlotte Montague. R 3 Der Der neun und dreyßigste Brief von Fraͤulein Montague an Fraͤulein Howe. M. Hall, den 18ten Jul. Wertheste Fraͤulein. Z ur Erfuͤllung meines Versprechens will ich Jhnen genau und umstaͤndlich alles melden, was wir von diesem aͤrgerlichen Vorfall wissen. Da wir am Donnerstag, Abends, von Jh- nen zuruͤckkamen, und unsern Bericht von der guͤtigen Aufnahme abstatteten, welche so wohl wir als unser Gewerbe bey Jhnen gefunden; indem Sie die Gewogenheit haͤtten, zu versprechen, daß Sie sich bey Jhrer liebsten Freundinn unserer Sache annehmen wollten: so machte uns dieß alle so wohl zufrieden mit einander, und mit mei- nem Vetter Lovelace, daß wir uns zu einer klei- nen Ausfarth auf zween Tage, den Freytag und Sonnabend, entschlossen; damit der Lord und die Lady Sarah die Lust ein wenig veraͤndern moͤch- ten, weil beyde, der eine seiner Krankheit wegen, die andere wegen ihres niedergeschlagenen Ge- muͤths, lange nicht ausgekommen waren. Mein Lord, seine beyden Schwestern, und ich, waren in einer Kutsche: und alle unser Gespraͤch war von der der lieben Fraͤulein Harlowe und von unserer kuͤnftigen Gluͤckseligkeit mit ihr. Herr Lovelace und meine Schwester, die sein Liebling, wie er der ihrige, ist, waren in seinem offenen Wagen: und so oft wir mit einander Gesellschaft mach- ten, gab eben das bestaͤndig den Stoff zu unserer Unterredung. Was ihn betrifft: so hat wohl niemals eine Mannsperson ein Frauenzimmer so hoch geprie- sen, als er die Fraͤulein. Niemals hat wohl ein Mensch groͤßere Hoffnung von sich gegeben und einen bessern Vorsatz gefasset. Er ist nicht von denen Leuten, die sich durch Eigennutz regieren lassen. Dazu ist er zu stolz. Allein er ließ das ausrichtigste Vergnuͤgen blicken, wenn er von ihr und von seiner Hoffnung, ihre Gewogenheit wieder zu erlangen redete. Jedoch sagte er mehr, als einmal, daß er besorgte, sie wuͤrde ihm nicht vergeben: denn aus Herzens Grunde muͤßte er gestehen, er verdiente ihre Vergebung nicht. Einmal uͤber das andere betheurte er, daß kein solches Frauenzimmer mehr in der Welt waͤre. Dieß beruͤhre ich nur, um Jhnen zu zeigen, daß er zu eben der Zeit nicht an einem so unge- heuren und schimpflichen Verfahren Theil haben konnte. Wir kamen nicht eher zuruͤck, als Sonnabend Abends, und waren noch alle so wohl mit einan- der zufrieden, wie wir ausgereiset waren. Wir haben sonst niemals so viel Vergnuͤgen in seiner R 4 Ge- Gefellschaft gehabt. Wenn er gut seyn wollte, und so, wie er seyn wollte: so wuͤrde kein Mensch von seinen Verwandten mehr geliebet werden, als er. Allein niemals ging wohl eine groͤßere Veraͤnde- rung mit einem Menschen vor, als mit ihm, da er zu Haufe kam und einen Brief von einem Bothen empfing, der sich, wie es scheinet, mit der Hoffnung, eine gute Belohnung von ihm zu bekommen, geschmeichelt, und von dem vorigen Abend an auf seine Ruͤckkunft gewartet hatte. Jn einer solchen Wuth! ‒ ‒ Der Kerl fuͤrch- tete sich nur, er moͤchte uͤbel angelaufen seyn. Er aber schloß sich den Augenblick ein, und be- fahl, daß ein Kerl zu Pferde bereit seyn sollte, des folgenden Morgens vor Tageslicht abzuge- hen, und den Brief an einen Freund in London zu bringen. Er wollte uns den ganzen Abend nicht sehen, auch des folgenden Tages mit uns weder Fruͤh- stuͤck, noch Mittagsmahlzeit halten. Er verdien- te, sprach er, niemals das Licht zu schauen. Er nannte meine Schwester eine Unschuldige: da sie sehr begierig war, die Veranlaßung zu dem allen erfahren. Er gebot ihr, ihn zu meiden: und sagte, er waͤre ein elender Meufch, und durch seine eigne Erfindungen, und die Folgen dersel- ben, dazu gemacht. Niemand unter uns konnte von ihm heraus- bringen, was ihn so beunruhigte. Wir sollten es nur allzu bald hoͤren, waren seine Worte, zur aͤußer- aͤußersten Zernichtung aller seiner und aller un- serer Hoffnung. Wir konnten leicht vermuthen, daß nicht alles recht mit der ruhmwuͤrdigen Fraͤulein ste- hen mußte. Er war alle Tage aus: und sagte, er moͤchte aus sich selbst entlaufen. Am Montage, spaͤt des Abends, bekam er einen Brief durch seinen eignen Bothen, der mit solcher Eilfertigkeit zuruͤckkehrte, daß Kerl und Pferd rauchten, von Herrn Belford, seinem Lieb- ling unter seinen Freunden. Der Jnhalt mag gewesen seyn, was er will: er ward dadurch nicht geruhiger, sondern vielmehr wie ein Unsinniger. Jedoch wollte er uns die Ursache noch nicht wis- sen lassen. Nur sprach er zu meiner Schwester: kein Mensch, meine liebe Martha, der sich nur halb die Plagen vorstellen koͤnnte, welche einen zu Raͤnken geneigten Kopf verfolgen, wuͤrde je- mals die rechte Bahn verlassen. Er war nicht zu Hause, als Jhr Bothe kam: aber er kam bald, und ward von uns allen uͤbel ge- nug empfangen. Seine eigne Marter, sagte er dagegen, waͤre groͤßer, als die, welche wir, welche Fraͤulein Harlowe, welche Sie, wertheste Fraͤu- lein, empfaͤnden, alle zusammen genommen. Er wollte Jhren Brief sehen. Er muß allemal al- les vor sich haben. Nachdem er ihn gelesen hat- te: sprach er, er dankte Gott, daß er nicht ein solcher Boͤsewicht waͤre, als Sie, nur mit allzu vielem Grunde, von ihm daͤchten. R 5 Darauf Darauf gestand er uns, die Sache verhielte sich also: Er haͤtte den Leuten in dem Hause, woraus die werthe Fraͤulein entflohen waͤre, uͤberhaupt und ohne genaue Bestimmung aufgetragen, wo moͤglich ausfuͤndig zu machen, wohin sie gegan- gen waͤre, damit er Gelegenheit haben moͤchte, sie duͤrch unablaͤßliches Anhalten zu bewegen, daß sie seine Hand annaͤhme, ehe ihre Mishelligkeiten uͤberall bekannt wuͤrden. Die gottlosen, wenig- stens allzudienstfertigen, wo nicht gottlosen Leute, entdeckten am Mittwochen, wo sie sich auf- hielte: und weil sie besorgten, sie moͤchte von dannen wieder aufbrechen, ehe sie von ihm Ver- haltungsbefehle haben konnten; brachten sie die- selbe in eine gelinde Verwahrung, wie sie es nennen, und fertigten einen Bothen ab, ihm Nach- richt davon zu geben und Verhaltungsbefehle von ihm einzuholen. Dieser Bothe langte hier am Freytage, Nach- mittags, an, und wartete, bis wir am Sonna- bend, Abends, zu Hause kamen. ‒ ‒ Jch habe Jhnen schon gemeldet, liebste Fraͤulein, in was fuͤr eine Wuth er gerieth, da er den Brief las, welchen jener brachte. Der Brief, den er, nach seiner zu dem Ende geschehenen Absonderung von uns, schrieb, und am Sonntag Morgen so fruͤhe abfertigte, hatte den Zweck, seinen Freund, Herrn Belford, zu be- schwoͤren, daß er bey dem Empfang desselben al- sobald zu der Fraͤulein eilte, sie in Freyheit setzte, ihr ihr alle ihre Sache zuschicken ließe, und seine Un- schuld, bey einer so scheuslichen und niedertraͤch- tigen That, wie er sie mit Recht nannte, rettete. Gegenwaͤrtig zweifelt er nicht, daß alles gluͤcklich vorbey, und die Geliebte seiner Seele; so nennt er sie bey jedem Worte; unter beque- mern und gluͤcklichern Umstaͤnden, als vor der schrecklichen That, seyn werde. Er bekennet itzo, daß die Ursache, warum ihn der Brief von Hrn. Belford noch unruhiger und wunderlicher ge- macht, diese gewesen: weil er ihn aus Vorsatz, und in der Absicht, ihn zu quaͤlen, in ungewisser Erwartung gehalten; ihm schwere Vorwuͤrfe ge- macht; und bloß gemeldet, daß er ihr aufgewartet; die weitern Umstaͤnde aber, welche er ihm damals zugleich haͤtte eroͤffnen koͤnnen, bis zu seinem naͤch- sten Schreiben versparet haͤtte. Herr Belford, sagt er, ist allemal ein Freund und Fuͤrsprecher der Fraͤulein gewesen. Er versichert, und wir koͤnnen es fuͤr ihn betheuren, daß er bestaͤndig, seit verwichenen Sonnabends Abend, der elendeste Mensch gewe- sen sey. Er hat sich deswegen enthalten, selbst nach London zu gehen, damit man sich nicht einbilden moͤchte, daß er an einem so scheuslichen Anschla- ge Schuld haͤtte, und hinauf kaͤme, einige schaͤnd- liche Absichten dem zu Folge zu vollfuͤhren. Glauben Sie, wertheste Fraͤulein Howe, daß wir alle uͤber diesen ungluͤcklichen Zufall den empfindlichsten Schmerzen fuͤhlen. Wir besor- gen, gen, er werfe die vortreffliche und bedraͤngte Fraͤu- lein, zwar nicht zu viel fuͤr die Veranlaßung dazu, aber zu viel fuͤr unsere Hoffnung, er- bittern. O was fuͤr elende Leute sind diese Freygeister in der Lebensart, die gern ungebahnte und ver- worrene Wege betreten, und, wenn sie einmal irren, nicht wissen, wie weit ihr eigensinniger Lauf sie von der rechten Bahn abfuͤhren moͤge! Meine Schwester danket, nebst mir, Jhrer guͤtigen Frau Mutter und Jhnen fuͤr die Gunst- bezeigungen, womit Sie uns am verwichenen Donnerstage uͤberhaͤufet haben. Wir bitten, sich ferner die Sache, worauf unser Besuch zielte, angelegen seyn zu lassen. Wir werden auf nichts anders sinnen, als wie wir der liebenswuͤrdigen Fraͤulein gefaͤllig seyn, und ihr nach unserm aͤu- ßersten Vermoͤgen das, was sie von dem un- gluͤcklichen Menschen gelitten hat, gut machen koͤnnen. Wir verbleiben, wertheste Fraͤulein, Jhre verbundne und getreue Dienerinnen Charlotte Martha Montague. Liebe Fraͤulein Howe. W ir vereinigen unsere Bitte mit dem obigen Er- suchen der Fraͤulein Charlotte und Fraͤulein Martha Montague, daß Sie die Guͤte haben wol- len, sich der Sache anzunehmen: da wir uͤberzeugt sind, sind, daß der Zufall ein bloßer Zufall, und kein gespielter Streich oder Anschlag von einem Boͤ- sewicht, der sonst nur allzu voll davon ist, gewe- sen seyn. Wir verharren, wertheste Fraͤulein Jhre gehorsamste Diener und Dienerinnen M. Sarah Sadleir. Elisabeth Lawrance. Werthgeschaͤtzte Fraͤulein Howe. N ach dem, was oben von solchen Namen und Haͤnden geschrieben ist, wider deren Ehre so unstreitig nichts einzuwenden seyn kann, haͤtte ich entschuldigt und uͤberhoben seyn moͤgen, einen Namen unterzuschreiben, der mir selbst beynahe eben so verhaßt ist, als ich weiß, daß er Jhnen ist. Allein die obigen wollen es so haben. Da ich also schreiben muß: so soll es die Wahrheit seyn. Hier ist sie. Wo mir noch einmal zuge- lassen wird, der am meisten wohlverdienten und am meisten beleidigten Person ihres Geschlechts meine Schuldigkeit zu bezeigen: so will ich mir gefallen lassen, es mit einem Halfter um den Hals zu thun, und mich, von einem Pfarrer, zu mei- ner rechten, und dem Henker, zu meiner linken Hand, begleitet, nach ihrem Willen entweder zur Kirche oder zum Galgen verurtheilen lassen. Dienstags, den 18ten Jul. Jhr gehorsamster Diener Robert Lovelace . Der Der vierzigste Brief von Hrn. Belford an Hrn. Robert Lovelace. Sonntags Abends, den 16ten Jul. W as fuͤr einen verfluchten Handel hast du mit dem vortrefflichsten unter allen Frau- enzimmern getrieben! Es mag nun ein Vorge- ben Ernst, oder Scherz seyn; wie du willst: so wird die arme Fraͤulein gewiß nicht lange dein, oder des Gluͤckes, Spiel seyn. Jch will dir eine Nachricht von einem Auf- zuge geben, dem nur ihre ruͤhrende Feder fehlet, ihn recht vorzustellen: so wuͤrde er alle dein schwarzes Blut aus deinem schwielichten Herzen pressen. Du allein, der du die Ursache ihrer Drang- sale bist, haͤttest ihr in ihrem Gefaͤngnisse auf- warten sollen. Jch bin einem solchen Amte nicht gewachsen: und weiß auch nicht anders, als daß es ein jeder anderer Mensch eben so wenig seyn wuͤrde. Diese letzte That hat dein grausames Werk vollendet. Wenn sie gleich wider deine Absicht geschehen ist: so ist sie doch eine Folge von deinen uͤberhaupt ausgestellten Befehlen; und konnte nur mit allzu vieler Wahrscheinlichkeit von denen, die deine andere Schandthaten gegen die Fraͤu- lein wissen, fuͤr einen dir angenehmen Dienst an- gese- gesehen werden. Nun rathe ich dir, ohne Scheu allenthalben auszuposaunen, wie ernstlich du wuͤn- schest, mit ihr vermaͤhlet zu werden: es mag dein Ernst seyn, oder nicht. Du kannst es sicher thun. Sie wird nicht so lange leben, daß du auf die Probe gestellet wuͤrdest: und es wird doch eine kleine Bemaͤn- telung fuͤr dein ungeheures Verfahren mit ihr seyn; und ein Mittel, zu machen, daß Leute, die nicht das, was ich, von der Sache wissen, dich ein wenig laͤnger unter sich, und in ihrer Gemein- schaft, dulden, ohne dich zu deinen Bruͤdern, den Wilden in den Wuͤsten Libyens, zu jagen. Euer Bothe sand mich zu Edgware, da ich verschiedne gute Freunde zum Mittagsessen bey mir erwartete, die ich drey Tage vorher eingela- den hatte. Jch schickte zu ihnen, daß sie mich, wegen einer Sache, die auf Leben und Tod ankaͤ- me, entschuldigt hielten: und eilte nach London zu dem gottlosen Weibe. Denn wie wußte ich, ob nicht von den verfluchten Weibsleuten, viel- leicht auf dein Angeben, damit du die Fraͤulein muͤrbe und zu deinen Maaßregeln bequem ma- chen moͤchtest, aͤrgerliche Versuche auf sie gethan wuͤrden? Es ist wenig in der Welt bekannt, was fuͤr Schandthaten in diesen abscheulichen Haͤusern ge- gen unschuldige und in ihr Garn gezogene Per- sonen veruͤbet werden! Da ich die Fraͤulein hier nicht fand: machte ich mich alsobald auf zu dem Gerichtsbedienten; ob ob mir gleich Sarah erzaͤhlte, daß sie eben daher gekommen waͤre, und daß die Fraͤulein weder sie, noch sonst jemand, wie sie haͤtte herunter sagen lassen, zu sehen willens waͤre, indem sie die noch uͤbrige Zeit dieses Sonntages fuͤr sich haben woll- te, weil es vielleicht der letzte seyn moͤchte, den sie erlebte. Als ich dahin kam: ward mir eben der Be- scheid gegeben. Jch schickte hinauf, und ließ ihr sagen, daß ich deswegen kaͤme, weil mir aufgetragen waͤre, sie in Freyheit zu setzen. Jch scheuete mich, den Na- men von einem Menschen, der fuͤr einen Freund von dir bekannt ist, hinaufsagen zu lassen. Sie erklaͤrte sich inzwischen, schlechterdings memand, er sey, wer er wolle, fuͤr den Tag, vor sich zu lassen, noch auf irgend etwas, das von mir gesagt wuͤrde, weiter Antwort zu geben. Nachdem ich mich also nach allem erkundigt hatte, was der Gerichtsbediente, seine Frau und seine Magd mir von dem scheuslichen Verhaft, von ihrem Betragen, von dem Verhalten der Weibsleute gegen sie, und von ihrem schlechten Gesundheitszustande melden konnten: so ging ich wieder zu Sinclairs Hause, wie ich sie noch nen- nen will, zuruͤck, und hoͤrte die Erzaͤhlung der drey Weibsleute an. Dieß alles hat mich in den Stand gesetzt, dir folgende Nachricht von den aͤrgerlichen Umstaͤnden zu erth ilen, welche dir genug seyn mag, bis ich dis ungluͤckliche Fraͤu- lein morgen selbst sehen kann, wo es moͤglich ist, alsdenn alsdenn vor sie zu kommen. Du wirst finden, daß ich in meinen Erkundigungen mich sehr ge- nau um alle Umstaͤnde bekuͤmmert habe. Dein schaͤndlicher Kerl war es, der die arme Fraͤulein ihren Faͤngern anwieß, und die Unver- schaͤmtheit hatte, sich sehen zu lassen, und die Ge- richtsbedienten bey der verfluchten Handlung an- zufrischen. Er dachte, sonder Zweifel, seinem loͤblichen Herrn den angenehmsten Dienst zu thun. Man hatte eine Saͤnfte bey der Hand, und der Raͤdelsfuͤhrer hielte sich bereit, so bald der Gottesdienst vorbey war. Da die Fraͤulein aus der Kirche, zu der Thuͤre, die auf die Bed- fordstraße geht, heraus kam: traten die Gerichts- bedienten zu ihr, und sagten ihr ins Ohr, daß sie einen Handel gegen sie haͤtten. Sie erschrack, zitterte und erblaßte. Handel! sprach sie. Was ist das? Jch habe an keinem boͤsen Handel Theil! ‒ ‒ Gott sey mir gnaͤdig! meine guten Leute, was meynet ihr? Daß sie unsere Gefangene sind, Madame. Gefangene, meine Herren! ‒ ‒ Was ‒ ‒ Wie ‒ ‒ Warum ‒ ‒ Was habe ich gethan? Sie muͤssen mit uns gehen. Lassen sie sich gefallen, Madame, in diese Saͤnfte zu steigen. Mit euch! ‒ ‒ Mit Mannsleuten! ‒ ‒ Soll ich mit Mannsleuten gehen! ‒ ‒ Jch bin nicht gewohnt, mit fremden Mannsleuten zu gehen! ‒ ‒ Jn Wahrheit, ihr muͤsset mich entschuldigt halten! Sechster Theil. S Wir Wir koͤnnen sie nicht entschuldigt halten: wir sind Gerichtsbediente ‒ ‒ Wir haben einen schriftlichen Befehl gegen sie. Sie muͤssen mit uns gehen, und sollen schon erfahren, auf wessen Ruͤge. Ruͤge! versetzte die unschuldige Schoͤne: ich weiß nicht, was ihr meynet. Jch bitte euch, Leute, legt keine Hand an mich ‒ ‒ Man wollte sie in die Saͤnfte heben ‒ ‒ Jch bin nicht ge- wohnt, so mit mir umgehn zu lassen! ‒ ‒ Jch habe nichts gethan, wodurch ich es verdiente. Darauf bekam sie deinen gottlosen Kerl zu Gesichte ‒ ‒ O du Boͤsewicht, sprach sie, wo ist dein schaͤndlicher Herr? ‒ ‒ Soll ich wieder sei- ne Gefangene seyn? Helft, lieben Leute! Es hatte sich schon vorher ein Schwarm zu sammlen angefangen. Mein Herr ist auf dem Lande, Madame, viele Meilen von hier. Wenn sie sich nur belie- ben lassen, mit diesen Leuten zu gehen: so werden sie ihnen mit aller Hoͤflichkeit begegnen. Das Volk hatte groͤßtentheils Mitleiden mit ihr. Ein feines junges Frauenzimmer! ‒ ‒ Tausend Schade! sagten einige ‒ ‒ Einige we- nige machten unterdessen schaͤndliche und aͤrger- liche Anmerkungen. Ein ansehnlicher Mann aber schlug sich ins Mittel, und verlangte die Vollmacht der Leute zu sehen. Sie zeigten ihm dieselbe. Jst ihr Name Clarissa Harlowe, Madame? fragte der Herr. Ja, Ja, ja, in der That, antwortete sie, und waͤ- re beynahe zu Boden gesunken, mein Name ist vormals Clarissa Harlowe gewesen: ‒ aber nun ist er Jammer und Elend! ‒ ‒ Gott sey mir gnaͤdig! was wird weiter folgen. Sie muͤssen mit diesen Leuten gehen, Ma- dame, sagte der Herr: sie haben Vollmacht zu dem, was sie thun. Er bezeugte ihr sein Mit- leiden und ging fort. Jn der That, sie muͤssen, sprach einer von den Saͤnftentraͤgern. Jn der That, sie muͤssen, sagte der andere. Kann man sich, fiel noch ein anderer Herr ein, an niemand wenden, der zusehe, daß einem so feinen Frauenzimmer nicht uͤbel begegnet werde? Dein schaͤndlicher Kerl antwortete: Es waͤre dazu besonders Befehl gegeben. Sie haͤtte rei- che Anverwandten. Sie duͤrfte nur fordern: so wuͤrde sie alles bekommen. Man wuͤrde sie bloß in eines Gerichtsbedienten Haus fuͤhren: bis die Sachen abgethan werden koͤnnten. Die Leute, bey denen sie gewohnt haͤtte, hegten viele Liebe gegen sie: allein sie haͤtte ihre Zimmer heimlich verlassen. Ey! hatte sie schon solche Streiche im Kopfe? riefen einer oder zween. Dieß hoͤrte sie nicht ‒ ‒ Aber sagte: Wohl- an, wenn ich gehen muß: so muß ich! ‒ ‒ Jch kann nicht widerstehen ‒ ‒ Nur will ich nicht zu dem Weibe gehracht seyn! ‒ ‒ Jch will lieber zu S 2 euren euren Fuͤßen sterben, als mich zu dem Weibe bringen lassen. Sie werden nicht dahin gebracht werden, Madame, rief dein Kerl. Nur in mein Haus, Madame, sagte einer von den Gerichtsbedienten. Wo ist das? Jn High-Holborn, Madame. Jch weiß nicht, wo High-Holborn ist: al- lein es mag seyn, wo es will, nur nicht zu dem Weibe. ‒ ‒ Aber soll ich bloß mit Mannsleu- ten gehen? Da sie um sich sahe und gewahr ward, daß die drey Wege, naͤmlich nach der Henriettenstraße, nach der Koͤnigsstraße und gerade zu nach der Bedfordstraße, voll Gedraͤnge von dem zusam- mengelaufenen Volke waren: so stutzte sie ‒ ‒ Es sey, wohin es wolle ‒ ‒ Es sey, wohin es wolle, sprach sie: nur nicht in des Weibes Haus! Hiemit trat sie in die Saͤnfte, und warf sich, in der aͤußersten Beklemmung und Verwirrung, auf den Sitz ‒ ‒ Tragt mich, tragt mich aus den Augen ‒ ‒ Bedeckt mich ‒ ‒ Bedeckt mich ‒ ‒ auf ewig! ‒ ‒ Das waren ihre Worte. Dein gottloser Kerl zog die Vorhaͤnge zu. Sie war kraftlos. So gingen sie mit ihr durch einen ungeheuren Schwarm des Volkes fort. Hier muß ich ausruhen. Jch kann itzo nicht mehr schreiben. Nur erinnere dich, Lovelace, alles dieß widerfuhr einer Clarissa!!! Die Die ungluͤckliche Fraͤulein sank in Ohnmacht nieder, als sie in des Gerichtsbedienten Hause aus der Saͤnfte gehoben ward. Einige von dem Volke folgten der Saͤnfte gar bis an das Haus nach, welches in einem elen- den Hofe ist. Sarah war da; und befriedigte einige von den Nachfragenden damit, daß dem jungen Frauenzimmer uͤber alle Maaßen wohl wuͤrde begegnet werden. Also zerstreueten sie sich bald. Dorcas war auch da: aber kam ihr nicht zu Gesichte. Sarah bot ihr, als eine besondere Gefaͤlligkeit an, sie in ihre vorige Wohnung zu bringen. Allein sie erklaͤrte sich, daß man sie nicht anders als todt dahin bringen sollte, wenn man es thaͤte. Die Weibsleute machen sich mit der sehr ge- linden Begegnung groß, die der Fraͤulein wider- fahren ist. Das wuͤrde auch eben so gut ein Geier thun, koͤnnte er nur sprechen: wenn er das Eingeweide von seinem Raube auf seinen raͤube- rischen Klauen hat. Dieses wirst du aus dem urtheilen, was ich zu erzaͤhlen habe. Sie fragte, was man mit dieser Begegnung haben wollte, die ihr widerfahren waͤre? ‒ ‒ Die Leute sagten mir, sprach sie, daß ich mit den Mannspersonen gehen muͤßte! ‒ ‒ Sie haͤtten Vollmacht, mich zu nehmen. Also unterwarf S 3 ich ich mich. Aber was soll denn nun die Absicht dieser schimpflichen Gewaltthaͤtigkeit Die Absicht, antwortete die schaͤndliche Sa- rah Martin, ist, daß ehrliche Leute zu dem Jhri- gen kommen. Gott behuͤte mich! Habe ich etwas genom- men, das denen zugehoͤrt, die sich diese Gewalt uͤber mich ausgewirkt haben? ‒ ‒ Jch habe sehr kostbare Sachen zuruͤckgelassen: aber nichts mit mir genommen, das nicht mein eigen ist. Wer denken sie, Fraͤulein Harlowe; denn ich vernehme, sagte das verfluchte Weibsbild, daß sie nicht verheyrathet sind; wer denken sie, soll fuͤr ihren Tisch und ihre Zimmer bezahlen; fuͤr so schoͤne Zimmer! auf eine so lange Zeit, als sie bey der Fr. Sinclair gewesen sind? Gott sey mir gnaͤdig! Jungfer Martin! ‒ ‒ Jch denke, sie sind Jungfer Martin ‒ ‒ Jst das die Ursache eines so schmaͤhligen Schimpfes, der mir auf freyer Gasse angethan ist? Ursache genug, Fraͤulein Harlowe ‒ ‒ Sie hatte ihre innige Freude daran, ihrer eifer- suͤchtigen Rachbegierde dadurch Genuͤge zu thun, daß sie sie Fraͤulein nannte ‒ ‒ Hundert und funfzig Guineas oder Pfund ist nicht eine Klei- nigkeit zu verlieren ‒ ‒ und zwar bey einer jun- gen Person, die fuͤr ihre Zimmer betruͤgen wollte! Sie setzen mich in Erstaunen, Jungfer Mar- tin! ‒ ‒ Was ist das fuͤr eine Sprache, die sie reden? reden? ‒ ‒ Fuͤr meine Zimmer betruͤgen! ‒ ‒ Was ist das? Sie stand bestuͤrzt und schwieg auf einige Augenblick stille. Aber sie faßte sich wieder, wandte sich von ihr zum Fenster, rang ihre Haͤnde. ‒ ‒ Die ver- fluchte Sarah zeigte mir, wie! ‒ ‒ ‒ und hub sie in die Hoͤhe. ‒ ‒ Nun, Lovelace! Nun den- ke ich in der That, daß ich dir haͤtte vergeben sollen! ‒ ‒ Aber wer soll Clarissa Harlowen vergeben! ‒ ‒ O meine Schwester! O mein Bruder! Gegen dieß waren eure Grausamkei- ten noch zaͤrtliche Liebesbezeigungen! Nachdem sie ein wenig inne gehalten hatte; wobey ihr Schnupftuch die fallenden Thraͤnen in sich zog: wandte sie sich zu Sarah. Nun ha- be ich nichts anders zu thun, als mich zufrieden zu geben. ‒ ‒ Nur dieß will ich sagen, wo diese ihre Tante, diese Fr. Sinclair, oder dieser Kerl, dieser Herr Lovelace, zu mir kommt; oder ich in das scheusliche Haus gebracht werde; denn das, vermuthe ich, ist die Absicht bey dieser neuen Ge- waltthaͤtigkeit und Beschimpfung; Gott sey der armen Clarissa Harlowe gnaͤdig! ‒ ‒ so sehen sie, was es fuͤr Folgen haben wird! ‒ ‒ Sehen sie zu, ich rathe es ihnen, was es fuͤr Folgen haben wird! Das schaͤndliche Weibsbild antwortete ihr, es waͤre nicht darauf angesehen, sie gegen ihren Wil- len irgendwohin zu bringen: aber wenn es waͤre, so wuͤrden sie sich in Acht nehmen, sich nicht wie- S 4 der der durch ein Federmesser erschrecken zu lassen. Sie schlug ihre Augen auf zum Himmel, schwieg stille ‒ ‒ ging in die entferntste Ecke des Zimmers, setzte sich nieder und zog ihr Schnupf- tuch uͤber das Gesicht. Sarah that ihr verschiedne Fragen. Da sie ihr aber nicht antwortete: sagte sie zu ihr, sie wollte ihr alsobald wieder aufwarten, wenn sie ihre Sprache bekommen haͤtte. Sie trug den Leuten auf, sie zu noͤthigen, daß sie aͤße und traͤnke. Sie muß immer fasten: nichts als ihr Gebet und ihre Thraͤnen, armes Ding! waren die Worte des unbarmherzigen Teufels, wie sie mir gestanden hat ‒ ‒ Meynst du, daß ich nicht auf sie fluchte? Sie ging weg, und nach ihrer Mittagsmahl- zeit kam sie wieder dahin. Die ungluͤckliche Fraͤulein schien dann, nach der Erzaͤhlung dieses Teufels von ihr, entweder durch den Kummer muͤrbe und sanftmuͤthig ge- macht zu seyn, oder einen Entschluß gefaßt zu haben, daß sie sich durch die Beschimpfungen von diesem verfluchten Weibsbilde nicht reizen lassen vollte. Sarah erkundigte sich in ihrer Gegenwart, ob sie etwas gegessen oder getrunken haͤtte. Da die Frau ihr Nachricht gab, sie haͤtte es bey ihr nicht dahin bringen koͤnnen, daß sie einen Bissen gekostet oder einen Tropfen getrunken haͤtte: sagte sie: Dieß ist arg, Fraͤulein Harlowe! Sehr arg! arg! ‒ ‒ Jhre Religion, denke ich, sollte sie leh- ren, daß es ein Selbstmord ist, wenn sie Hun- gers sterben wollen. Sie antwortete nicht. Das gottlose Mensch hat mir gestanden, sie haͤtte sich vorgenommen gehabt, sie dahin zu brin- gen, daß sie spraͤche. Sie fragte, ob Mabelle ihr aufwarten sollte, bis man saͤhe, was ihre Freunde fuͤr sie, in Be- zahlung der Schuld, thun wollten? Mabelle, sagte sie, hat die Kleider noch nicht verdient, die sie so guͤtig gewesen sind ihr zu geben. Bin ich nicht einer Antwort werth, Fraͤu- lein Harlowe? Jch wollte ihnen antworten, sprach die sanft- muͤthige Bedraͤngte, ohne die geringste Bewe- gung, wenn ich wuͤßte, wie. Jch habe Anstalt gemacht, daß ihnen Feder, Dinte und Papier gebracht werde, Fraͤulein Harlowe. Da ist es. Jch weiß, sie schreiben gern. Sie moͤgen schreiben, an wen es ihnen be- liebt. Jhre Freundinn, die Fraͤulein Howe wird warten, Nachricht von Jhnen zu haben. Jch habe keinen Freund oder Freundinn, versetzte sie. Jch verdiene keine. Rowland, das ist des Gerichtsbedienten Na- me, sagte zu ihr: Sie haͤtte Freunde genug, ihre Schuld zu bezahlen, wenn sie schreiben wollte. Sie wollte niemand beschweren: sie haͤtte keine Freunde. Das war alles, was sie aus ihr bringen konnten, so lange als Sarah da blieb. S 5 Jedoch Jedoch redete sie es mit einem gedultigen Gemuͤ- the, als wenn sie ihre Schmerzen fuͤhlte. Das vermessene Weibsbild ging weg, und verordnete vor ihren Ohren, daß sie ihr sehr hoͤf- lich begegnen, und nichts mangeln lassen sollten. Nun haͤtte sie, gestand sie mir, ihren gewuͤnschten Sieg uͤber diese hochmuͤthige Schoͤne, die gegen sie alle in ihrem eignen Hause so fremde und vor- nehm gethan. Was denkst du hievon, Lovelace! ‒ ‒ Der Sieg dieses nichtswuͤrdigen Weibsbil- des war uͤber eine Clarissa. Um sechse, des Abends, noͤthigte sie Rowlands Weib, daß sie Thee trinken moͤchte. Sie wollte lieber ein Glaß Wasser haben, sagte sie: denn ihre Zunge wollte ihr beynahe an dem Gaumen kleben. Das Weib brachte ihr ein Glaß, und etwas Brodt und Butter. Sie versuchte das letztere zu kosten: aber konnte es nicht niederschlucken. Al- lein das Wasser trank sie mit heißer Begierde, und schlug ihre Augen in Dankbarkeit dafuͤr in die Hoͤhe!!! Die goͤttliche Clarissa, Lovelace ‒ ‒ so weit gebracht, daß sie sich uͤber einen Be- cher kalten Wassers freuen muß! ‒ ‒ Durch wen so weit gebracht! Um neun Uhr fragte sie, ob jemand bey ihr schlafen sollte? Jhre Magd; wo es ihr gefaͤllig waͤre: oder, weil sie so schwach und krank waͤre, sollte das Maͤgd- Maͤgdchen bey ihr aufsitzen, wenn sie es haben wollte. Sie wollte am liebsten so wohl bey Nacht als bey Tage alleine seyn, versetzte die Fraͤulein. Aber koͤnnten ihr nicht die Schluͤssel zu dem Zimmer, wo sie liegen sollte, anvertrauet werden? denn sie wuͤrde ihre Kleider nicht ablegen. Das, sagten sie ihr, koͤnnte nicht geschehen. Sie haͤtte wohl besorgt, erwiederte sie, daß es nicht geschehen wuͤrde ‒ ‒ Allein in der That, sie wollte nicht weggehen, wenn sie auch koͤnnte. Die Leute erzaͤhlten mir, daß sie außer dem Bette, worinn sie selbst schliefen, welches sie gern von ihr wuͤrden angenommen gesehen haben, und außer dem, worinn ihre Magd laͤge, nur noch ein einziges oben in einer Kammer, wie sie es nann- ten, einem Loche von einer Kammer, haͤtten: und das waͤre der Gefangenen Bette. Sie machten deswegen verschiedne Entschuldigungen gegen mich. Jch gedenke, es ist aͤrgerlich genug. Aber die Fraͤulein wollte in ihrem Bette nicht liegen. Waͤre sie nicht eine Gefangene? sprach sie. ‒ ‒ Man sollte ihr den gewoͤhnlichen Platz der Gefangenen anweisen. Jedoch gestunden sie, daß sie stutzig geworden waͤre, als man sie dahin gefuͤhret haͤtte. Aber sie faßte sich wieder. Gar gut, sagte sie ‒ ‒ War- um sollte nicht alles von einem Schlage seyn? ‒ ‒ Warum sollte mein Elend nicht ganz voll- kommen seyn? Sie Sie hatte nur das dabey auszusetzen, daß alle Befestigungen von aussen, und keine von innen waͤren. Sie koͤnnte nicht ruhig seyn, sprach sie, in einem Zimmer, wo andere nach ihrem Belie- ben hinein, und sie nicht herauskommen koͤnnte. Sie waͤre dazu nicht gewoͤhnt!!! Die theure, theure Seele! ‒ ‒ Meine Thraͤnen fließen, wie ich schreibe. ‒ ‒ Jn der That, Lovelace, sie war einer solchen Begegnung nicht gewohnt! Die Leute versicherten sie, es waͤre eben so viel ihre Schuldigkeit, sie vor anderer Gewalt und Spott zu beschuͤtzen, als sie zu bewahren, daß sie nicht davon ginge. So waͤren sie Leute, auf deren Ehrlichkeit man sich mehr verlassen koͤnnte, als sie seit einiger Zeit zu finden gewohnt waͤre. Sie fragte, ob sie Herrn Lovelace kennten? Nein, war ihre Antwort. Habt ihr von ihm gehoͤrt? Nein. Nun so moͤcht ihr wohl gute Leute in eurer Art seyn. Halte hier einen Augenblick inne, Love- lace! ‒ ‒ und uͤberlege ‒ ‒ Jch muß. Man fragte sie wieder, ob man auch etwas in ihrer Wohnung ansagen lassen sollte? Dieß ist nun meine Wohnung: nicht? ‒ ‒ Das war alle ihre Antwort. Sie Sie saß die ganze Nacht in einem Stuhl auf, mit dem Ruͤcken gegen die Thuͤr: und hatte, wie es scheint, ein zerbrochnes Stuͤck Holz in die Hen- kel gesteckt, worinn von innen ein Riegel gewesen war. Des folgenden Tages fruͤhe kamen Sarah und Marichen beyde, sie zu besuchen. Sie hatte sich des vorhergehenden Tages von Sarah ausgebeten, daß sie weder Fr. Sinclair, noch Dorcas, noch den Diener mit den abgebroch- nen Zaͤhnen, der Wilhelm hieße, sehen duͤrfte. Marichen wollte sich gern bey ihr in Gunst setzen, und stellte sich, als wenn sie an ihrem Un- gluͤck viel Theil naͤhme. Aber die Fraͤulein mach- te sich nicht mehr aus ihr, als aus der andern. Sie fragten, ob sie etwas zu befehlen haͤtte? ‒ ‒ Wo sie etwas haͤtte: duͤrfte sie nur sagen, was es waͤre; so sollte ihr gehorchet werden. Nein, gar nichts, sagte sie. Wie gefielen ihr die Leute im Hause? Waͤ- ren sie hoͤflich gegen sie? Sehr gut, in Betrachtung, daß sie kein Geld haͤtte, welches sie ihnen geben koͤnnte. Wollte sie Geld annehmen? Sie koͤnnten es zu ihrer Rechnung setzen. Sie wollte keine Schulden machen. Haͤtte sie etwas Geld bey sich? Sie fuͤhlte mit Gelassenheit in ihre Tasche, und zog eine halbe Guinea und etwas Silbergeld heraus. Ja, ich habe ein wenig. ‒ ‒ Allein hier sollten sollten Sporteln bezahlt werden, glaube ich. Nicht wahr? Jch habe von gewissem Gelde zum Eingange gehoͤrt, zur Befriedigung dafuͤr, daß man nicht ausgezogen werde. Aber diese Leute, bilde ich mir ein, sind sehr hoͤflich: denn sie ha- ben sich nicht merken lassen, daß sie mir meine Kleider wegnehmen wollten. Sie haben Befehl, hoͤflich gegen sie zu seyn. Das ist sehr guͤtig. Aber wir beyde wollen Buͤrgschaft fuͤr sie stel- len, Fraͤulein, wo sie mit uns zu Fr. Sinclairn zuruͤckgehen wollen. Nein, um aller Welt willen nicht. Jhre Zimmer sind sehr artig. Desto besser fuͤr die, denen sie zugehoͤren! Diese sind sehr traurig. Desto besser fuͤr mich! Sie koͤnnen noch sehr gluͤcklich seyn, Fraͤu- lein, wo sie wollen. Jch hoffe es. Wo sie sich weigern zu essen, oder zu trinken: so wollen wir Buͤrgschaft stellen, und sie mit uns nehmen. So will ich versuchen zu essen und zu trin- ken. Alles, nur nicht, mit ihnen zu gehen. Wollen sie nicht zu ihrer neuen Wohnung schicken? Die Leute werden erschrocken seyn. Das werden sie seyn, wo ich hinschicke. Das werden sie seyn, wenn sie erfahren, wo ich bin. Allein, haben sie nach nichts von dannen zu schicken? Da Da ist so viel, daß sie fuͤr ihre Zimmer und fuͤr die gemachte Unruhe bezahlt seyn werden. Jch werde ihre Sicherheit nicht stoͤren. Aber vielleicht moͤgen Briefe oder Nachrich- ten fuͤr sie daselbst gelassen seyn. Jch habe sehr wenige Freunde: und denen, die ich habe, will ich die Kraͤnkung ersparen, daß sie wissen sollten, was mich befallen hat. Wir wundern uns ungemein uͤber ihre Gleich- guͤltigkeit, Fraͤulein Harlowe. Wollen sie nicht an jemand von ihren Freunden schreiben? Nein. Ey! sie denken hier doch wohl nicht bestaͤn- dig zu bleiben? Jch werde nicht bestaͤndig leben. Gedenken sie denn hier so lange zu bleiben, als sie leben? Wie es Gott, und denen, die mich hierher ge- bracht haben, gefallen wird. Wuͤrde es ihnen lieb seyn, in Freyheit zu kom- men? Jch bin elend! ‒ ‒ Was hilft die Freyheit einer Elenden mehr, als nur noch elender zu seyn! Wie, elend, Fraͤulein? ‒ ‒ Sie koͤnnen sich selbst so gluͤcklich machen, als ihnen beliebt. Jch hoffe, sie sind beyde gluͤcklich. Ja, das sind wir. Sie moͤgen immer gluͤcklicher werden! Allein das wuͤnschen wir Jhnen auch. Jch Jch glaube, ich werde niemals ihrer Mey- nung seyn, in dem, was Gluͤckseligkeit heißt. Was, denken sie, sey unsere Meynung von der Gluͤckseligkeit? Jn Fr. Sinclairs Hause zu leben. Vielleicht sind wir auch einmal so ekel, und so voll Bedenklichkeit gewesen. Wie ist es denn bey ihnen voruͤber gegangen? Weil wir gesehen haben, wie laͤcherlich das sproͤde Wesen sey. Kommen sie etwa hierher, mich zu bereden, daß ich das sproͤde Wesen, wie sie es nennen, eben so sehr hassen soll, als sie thun? Wir sind gekommen, ihnen unsere Dienste anzubieten. Es steht nicht in ihrer Gewalt, mir zu die- nen. Vielleicht ist es nicht also. Jch bin nicht geneigt, ihnen Muͤhe zu ma- chen. Sie moͤgen schlecht bedient werden. Es kann vielleicht seyn. Sie sind gewaltig kurz, Fraͤulein. Wie ich ihren Besuch zu seyn wuͤnschte, Jungfern. Leben sie wohl, verkehrte Schoͤnheit! Jhre Dienerinn, Jungfern. Leben sie wohl, uͤbermuͤthiges Gesicht! Sie sehen mich erniedriget ‒ ‒ Wie sie verdienen, Fraͤulein Harlowe. Der Stolz will einen Fall haben. Besser, Besser, mit dem, was sie Stolz nennen, fal- len, als mit Niedertraͤchtigkeit stehen. Wer thut das? Jch habe sonst eine bessere Meynung von ihnen gehabt, Jungfer Horton! ‒ ‒ Jn der That, sie sollten einer Elenden nicht spotten. Die Elende, sagte Sarah, sollte auch ande- rer Leute fuͤr ihre Hoͤflichkeit nicht spotten. Es sollte mir leid seyn, wenn ich es thaͤte. Fr. Sinclair soll alsobald zu ihnen kommen, um zu wissen, ob sie ihr etwas zu befehlen haben. Jch wuͤnsche mir gar keine Freyheit, als diese, daß ich es abschlagen koͤnne, sie und noch eine Person zu sehen. Die Ursache, warum wir gekommen sind, ist keine andere gewesen, als zu erfahren, ob sie zu ihrer Erlassung einige Vorschlaͤge zu thun haͤt- ten. Darauf, scheint es, kam der Gerichtsdiener herein. Sie haben sehr gute Freunde, Mada- me, wie ich vernehme. Jst es nicht besser, daß sie es abthun? Die Kosten werden hoch auflau- fen. Hundert und funfzig Guineas lassen sich eher bezahlen, als zwey hundert. Lassen sie diese Jungfern fuͤr sich gut sagen, und gehen mit ihnen, oder schreiben sie an ihre Freunde, es abzuthun. Sarah sagte: Es ist ein ansehnlicher Herr, der sie einfuͤhren sahe und so viel Mitleiden fuͤr sie hatte, Fraͤulein Harlowe, daß er das Geld fuͤr sie gern vorschießen, und ihnen, wenn sie koͤn- nen, zu bezahlen freylassen wollte. Sechster Theil. T Siehe, Siehe, Lovelace, was dieß fuͤr verfluchte Teufel sind. Dieß, wissen wir, ist der Weg, wie manches unschuldiges Herz verleitet ist, sich erst einem zu Gefallen, und dann fuͤr die ganze Stadt, halten zu lassen. Aber daß solche nichts- wuͤrdige Weibsbilder mit einem solchen Engel, als dieß ist, so zu Werke gehen sollten! ‒ ‒ Wie wuͤrde sich die teuflische Sarah gefreuet haben: wenn sie den geringsten Anlaß gehabt haͤtte, dir zu erzaͤhlen, daß dieser Wink mit einem horchen- den Ohr, oder nicht unwilligen Gemuͤthe, aufge- nommen waͤre. Herr, sprach die Fraͤulein, mit dem groͤßten Unwillen, zu dem Gerichtsdiener, habt ihr mir nicht gestern Abends gesagt, daß es euch eben so viel zustuͤnde, mich vor anderer Gewalt und Spott zu beschuͤtzen, als mich zu bewahren, daß ich nicht davon gienge? ‒ ‒ Kann mir nicht er- laubt seyn, zu sehen, wen es mir beliebt, und de- nen, die mir nicht gefallen, den Zutritt zu mir zu versagen? Jhre Glaͤubiger, Madame, werden vermu- then, daß sie zu ihnen kommen duͤrfen. Nein: wenn ich mich erklaͤre, daß ich mich in keine Unterhandlung mit ihnen einlassen will. So wird man sie ins Gefaͤngniß schicken, Madame. Gefaͤngniß, Freund! ‒ ‒ Wofuͤr giebst du denn dein Haus aus? Fuͤr kein Gefaͤngniß, Madame. Was Was bedeuten denn diese Fenster mit eiser- nen Gittern? Was diese gedoppelten Schloͤsser und Riegel, alle von außen, keine von innen! So sank sie auf einen Stuhl nieder: und sie konnten nicht ein Wort mehr von ihr heraus- bringen. Sie zog ihr Schnupftuch wieder, wie vorher einmal, uͤber das Gesicht; welches bald von Thraͤnen durchnetzet war: und gluchsete hef- tig, wie sie gestehen. Eine feine und gelinde Begegnung, Lovelace! ‒ ‒ Vielleicht wirst du sie eben so wohl, als diese nichtswuͤrdigen Weibs- leute, dafuͤr ansehen! Sarah bestellte hierauf ein Mittagsessen, und sagte, sie wuͤrden bald wieder da seyn, und zusehen, daß sie aͤße und traͤnke, wie eine gute Christin thun muͤßte, sich also in ihre Um- staͤnde schickte, und sie so gut machte, als moͤglich waͤre. Was hat dieß reizende Frauenzimmer nicht gelitten! Was fuͤr Schulen ist sie nicht diese letzten drey Monathe, wovon ich weiß, durchgegangen! ‒ ‒ Wer sollte denken, daß eine Person von so zarter Leibesbeschaffenheit das haͤtte ausstehen koͤnnen, was sie ausgestanden hat. Wir schwa- tzen bisweilen von Herzhaftigkeit, von Muth, von Tapferkeit! ‒ ‒ Hier sind diese Tugenden in ihrer vollkommensten Groͤße! ‒ ‒ Solche Groß- sprecher, als du und ich, wuͤrden niemals im Stande gewesen seyn, nur unter der Haͤlfte derer Verfolgungen, derer fehlgeschlagenen Hoffnungen, T 2 derer derer Verschmaͤhungen, die ihr begegnet sind, auszudauren: sondern wuͤrden, wie feige Maͤm- men, auf eine niedertraͤchtige Weise durch eine Hinterthuͤr, das ist, durch ein Schwerdt, durch eine Pistole, durch einen Strick, oder durch ein Messer, aus der Welt geschlichen seyn ‒ ‒ Aber hier ist ein Frauenzimmer von fei- nen Grundsaͤtzen, das durch den kraͤftigen Ein- druck dieser Betrachtung, wie ich es mir vor- stelle; denn was kann sie sonst unterstuͤtzen? Daß sie die Uebel, mit welchen sie kaͤm- pfet, nicht verdienet hat; daß diese Welt nur zu einem voruͤbergehenden Stande der Pruͤfung bestimmet; und daß sie auf der Reise zu einer andern und bessern ist; alle harte Beschwerden der Reise verlieb nimmt, und durch die Anfaͤlle von Dieben und Raͤubern, oder von anderm Schrecken und andern Schwie- rigkeiten sich nicht von ihrer Bahn abfuͤhren laͤs- set; weil sie einer reichlichen Belohnung am Ende derselben versichert ist. Wo du diese Betrachtung dem Character eines deiner Mitgesellen und Freunde nicht ge- maͤß achtest: so frage ich dich, ob du dir einbil- dest, daß ich von der Gesellschaft, die ich meinem Onkel auf eine so lange Zeit bey seinem toͤdtlichen Zustande geleistet, und von den gottseligen Be- trachtungen des frommen Geistlichen, der Tag vor Tag, auf des armen Mannes eignes Ver- langen, zu ihm gekommen und ihm vorgebetet, keinen Vortheil gezogen habe? ‒ ‒ Koͤnnte ich wohl wohl noch eine solche Gelegenheit haben, als dieß gewesen ist, mir alle diese Betrachtungen ins Gewissen zu schieben? Wer kann auch hiernaͤchst von frommen Personen und gottseligen Dingen schreiben und sie bewundern: und doch auf die Zeit nicht ernsthaft werden; wo er der Beschaffenheit die- ser Gegenstaͤnde gemaͤß schreibet? ‒ ‒ Und hier- aus moͤgen wir abnehmen, was fuͤr ein Vortheil es fuͤr den sittlichen Zustand der Menschen seyn muͤsse, gute Gesellschaft zu halten: da diejenigen, welche nur boͤse Gesellschaft haben, nothwendig immer mehr und mehr verhaͤrten und verhaͤrtet werden muͤssen. Es ist zwoͤlf Uhr am Sonntage in der Nacht ‒ ‒ Jch kann an nichts, als an diese vortreffliche Fraͤulein gedenken. Jhre Ungluͤcksfaͤlle nehmen meinen ganzen Kopf und mein ganzes Herz ein. Jch bin auf eine Viertelstunde schlaͤfrig gewesen: aber der Anfall ist vorbeygegangen. Also will ich die traurige Erzaͤhlung aus den Nachrichten der nichtswuͤrdigen Weibsleute fortsetzen. Jn dem Besuch, den ich ablegen soll, wo ich mor- gen vorgelassen werde, darf ich wohl sagen, wird genug vorfallen, in Ansehung der Umstaͤnde, worinn ich sie aller Vermuthung nach antreffen muß, was ich dir durch deinen Bedienten uͤber- schreiben kann. T 3 Nach- Nachdem die Weibsbilder sie verlassen hat- ten, klagte sie uͤber ihren Kopf, und uͤber ihr Herz; und schien durch die Furcht, noch einmal wieder in Sinclairs Haus gebracht zu werden, in Schre- cken gesetzt zu seyn. Da sie gar nichts zum Fruͤhstuͤck haben wollte: kam Rowlands Frau zu ihr herauf und sagte ihr; wie diese gottlosen Weibsleute, nach ihrem eigenen Gestaͤndnisse gegen mich, befohlen hatten, aus Beysorge, sie moͤchte sich selbst durch Hunger den Tod zuziehen; daß sie Thee, Brodt und Butter nehmen sollte und muͤßte. Weil sie Freunde haͤtte, welche sie unterstuͤtzen koͤnnten; wenn sie an dieselben schriebe: so waͤre es eine schlimme Sache fuͤr die Fraͤulein selbst und fuͤr sie, sich so durch Hunger hinzurichten. Wo es um eurer selbst willen seyn muß, antwortete sie: so ist es eine andere Sache. Laßt Caffee, Thee oder Chocolate, oder, was ihr wollt, gemacht werden: und bringt mir alle Tage ein junges Huhn zur Rechnung, wo es euch beliebt, und esset es selb st. Jch will es kosten, wo ich kann. Jch wollte nichts thun, euch Ungelegen- heit zu machen. Jch habe Freunde, die euch alles reichlich bezahlen werden, wenn sie wissen, daß ich dahin bin. Sie wunderten sich uͤber ihre außerordentli- che gesetzte Gemuͤthsfassung in solchen Ungluͤcks- faͤllen. Diese waͤren nichts, sagte sie, gegen das, was sie schon von dem schaͤndlichsten Kerl in der Welt Welt gelitten haͤtte. Der Schimpf, daß sie auf der Gasse ergriffen waͤre, da eine Menge von Leu- ten um sie herum gewesen, und aͤrgerliche Be- schuldigungen ihre Ohren beleidigt haͤtten, haͤtten sie in der That sehr geruͤhret. Aber das waͤre vorbey ‒ ‒ Alles wuͤrde auch bald vorbey seyn! ‒ ‒ Sie wuͤrde noch weit gesetzter seyn: wenn sie nicht die Furcht, einen Kerl und ein Weib zu sehen, und hinterlistiger, oder gewaltsamer Wei- se wieder in das schaͤndlichste Haus von der Welt gebracht zu werden, daran hinderte. Waͤre es denn nicht besser, dem Anerbieten der beyden artigen Frauenzimmer, daß sie Buͤrg- schast ihretwegen stellen wollten, Gehoͤr zu geben? ‒ ‒ Sie koͤnnten ihr sagen, daß es ein sehr guͤti- ges Erbieten waͤre, und das man nicht alle Tage antraͤffe. Sie glaubte es. Vielleicht moͤchten die Jungfern ihr darum nachsehen, daß sie nicht wieder in das Haus zu- ruͤckgehen duͤrfte, gegen welches sie einen so gro- ßen Widerwillen hegte. Auch was ferner den ansehn lichen Herrn betraͤffe, der geneigt waͤre, al- les mit ihren Glaͤubigern auf eine ihr selbst be- liebige Verschreibung, abzuthun: so waͤre es ih- nen sehr seltsam vorgekommen, daß sie einen so edelmuͤthigen Vorschlag nicht einmal geachtet haͤtte. Haben euch die beyden Jungfern erzaͤhlt, wer der Herr waͤre? ‒ ‒ Oder haben sie sonst etwas mehr von der Sache gesagt? T 4 Ja! Ja! Sie haben mir auch zu verstehen ge- geben, sagte das Weib, daß sie nichts thun duͤrf- ten, als nur einen Besuch von dem Herrn anneh- men: so, glaubeten sie, wuͤrde das Geld auf eine ihnen beliebige Verschreibung oder Handschrift, ausgezahlt werden. Sie fuhr vor Schrecken auf. Jch rathe euch, sprach sie, da ihr meinen Freunden einmal Rede und Antwort davon ge- ben werdet, daß ihr keinen Herrn zu mir bringet. Jch rathe euch, thut es nicht. Thut ihr es: so wißt ihr nicht, was es fuͤr Folgen haben mag. Sie fuͤrchteten keine boͤse Folgen, versetzten sie: wenn sie ihre Pflicht thaͤten. Wenn sie ihr ei- gen Bestes nicht wuͤßte: so wuͤrden ihre Freun- de es ihnen danken, daß sie einige unschuldige Schritte gethan, ihr, ob gleich wider ihren Wil- len, zu dienen. Treibt mich nicht auf das aͤußerste, Freund! ‒ ‒ Bringt mich nicht zur Verzweifelung, gute Frau! ‒ ‒ Es wird mir nicht wenig schwer, un- geachtet der scheinbaren Gemuͤthsfassung, welcher ihr eben itzo Erwaͤhnung gethan habt, alles Un- gemach, das ich leide, so zu ertragen, wie ich es billig ertragen sollte. Aber, wo ihr eine Mannsperson, oder Mannsleute zu mir bringet; es sey, unter welchem Vorwand es wolle: so ‒ ‒ Hier brach sie ab, und sahe so ernstlich und verwildert aus, wie sie mir sagten, daß sie nicht anders wuͤßten, als daß sie sich selbst auf eine oder oder die andere Art Leid thun wollte, wo sie ihr nicht gehorchten: und das wuͤrde in ihrem Hau- se eine betruͤbte Sache, und vielleicht ihr Ungluͤck seyn. Daher versprachen sie ihr, es sollte keine Mannsperson anders, als mit ihrer eignen Ge- nehmhaltung, zu ihr gebracht werden. Rowlands Frau beredete sie, Sonnabends fruͤhe um eilfe ein Schaͤlchen Thee zu trinken, und ein wenig Brod und Butter zu kosten. Dieß that sie vermuthlich deswegen, damit sie eine Entschuldigung haͤtte, nicht mit den Weibs- leuten zu Mittage zu essen, wenn sie wieder kaͤmen. Aber ihre Gefaͤngnißkammer, wie sie sich ausdruͤckte, wollte sie nicht verlassen, um in ihren Saal zu gehen. „Fenster ohne eiserne Gitter und ein helleres „Gemach, sagte sie, haͤtten ein allzu froͤhliches „Ansehen fuͤr ihr Gemuͤth. Zu einer andern Zeit waren ihre Worte: „Das Licht der Sonne waͤre ihr zuwider. Die „Sonne schien hereinzustrahlen, ihres Ungluͤcks „zu spotten. Und da bald ein Platzregen fiel: sahe sie durch das Gitter nach demselben. „Wie guͤ- „tig, sprach sie, weinen die Elemente, mir Gesell- „schaft zu leisten! „Mich dauchte, setzte sie hinzu, die Sonne, „welche vor einer Weile herumstrahlte, und diese „eiserne Gitter verguͤldete, triebe ihr Spiel mit „mir, wie die beyden Weibsleute, welche meines T 5 „wil- „wilden und verfallenen Ansehens durch das „Wort, Schoͤnheit, und meines niedergeschla- „genen Herzens durch die Worte, uͤbermuͤthiges „Gesicht, zu spotten suchten! Sarah kam zur Mittagszeit wieder, um zu sehen, wie sie fuͤhre, und daß sie sich nicht durch Hunger vom Leben haͤlfe. Das sagte sie ihr selbst. Weil sie gern mit ihr etwas schwa- tzen wollte, fuͤgte sie hinzu: so wollte sie mit ihr Mittagsmahlzeit halten, wenn sie ihr die Erlaub- niß gaͤbe. Jch kann nicht essen. Sie muͤssen versuchen, Fraͤulein Har- lowe. Weil das Essen eben bereit war: so bot sie der Fraͤulein ihre Hand, und ersuchte sie hinunter zu gehen. Nein: sie wollte keinen Fuß aus ihrer Ge- faͤngnißkammer setzen. Die haͤmischen Mienen werden es nicht gut machen, Fraͤulein Harlowe: in der That nicht. Sie schwieg stille. Sie werden haͤrtere Begegnung zu erwarten haben, als sie jemals noch erfahren, das kann ich ihnen sagen: wo sie sich nicht einiger maßen be- quemen, die Sachen abzuthun. Sie schwieg noch stille. Kommen sie, Fraͤulein, gehen sie herunter zum Essen. Jch bitte, thun sie es. Jungfer Horton ist unten: sie war ja vordem ihr Guͤnstling. Sie Sie wartete anf eine Antwort: aber bekam keine. Wir sind hergekommen, ihnen zu ihrem Be- sten einige Vorschlaͤge zu thun: ob sie uns gleich noch vor so kurzem erst schimpflich beleidigt ha- ben. Wir haben Frau Sinclair nicht wollen in Person kommen lassen: weil wir ihnen eine Ge- faͤlligkeit zu thun gedacht. Das ist in der That eine Gefaͤlligkeit. Kommen sie, geben sie mir ihre Hand, Fraͤu- lein Harlowe. Sie haben mir Verbindlich- keit: das kann ich ihnen sagen. Lassen sie uns zur Jungfer Horton hinuntergehen. Halten sie mich entschuldigt: ich will nicht einen Fuß aus dieser Kammer setzen. Wollten sie haben, daß ich und Jungfer Hor- ton in dieser garstigen Bettkammer speisen sollten? Es ist keine Bettkammer fuͤr mich. Jch bin nicht zu Bette gewesen, und werde auch nicht zu Bette gehen, so lange ich hier bin. Und doch geben sie nichts darum, wie ich se- he, das Haus zu verlassen ‒ ‒ So wollen sie nicht hinunter gehen, Fraͤulein Harlowe? Jch will nicht: es waͤre denn, daß man mich mit Gewalt zwaͤnge. Gut, gut, lassen sie es bleiben. Jch werde von Jungfer Horton nicht verlangen, daß sie in dieser Kammer speise, ich versichere sie. Jch will eine Schuͤssel herabschicken. So So flatterte die kleine naseweise Kroͤte hinunter. Als sie ihre Mittagsmahlzeit gehalten hat- ten: kamen sie mit einander herauf. Sie haben nichts essen wollen, Fraͤulein, wie es scheint! ‒ ‒ Das sind recht sehr haͤmische Mienen! ‒ ‒ Kein Wunder, daß der ehrliche Cavallier so viel mit ihnen zu thun gehabt hat. Sie hielte nur ihre Augen und Haͤnde in die Hoͤhe: und ihre Thraͤnen troͤpfelten an ihren Wangen herunter. Vermessene Teufel! ‒ ‒ Wie viel grau- samer und spoͤttischer sind boͤse Weibsbil- der, als boͤse Mannsleute selbst! Mich deucht, Fraͤulein, sagte Sarah, sie sind ein wenig schmutzig, gegen sonst, da wir sie gesehen haben. Jammer und Schade, daß eine so zaͤrtliche und ekele Fraͤulein nicht ihren Anzug sollte wechseln koͤnnen. Warum wollen sie nicht zu ihrer Wohnung schicken, wenigstens Waͤsche holen zu lassen? Jch bin nun nicht zaͤrtlich und ekel. Die Fraͤulein sieht in allem gut und sauber aus, sprach Marichen. Aber, wertheste Fraͤulein, warum wollen sie nicht zu ihrer Wohnung sen- den? Es ist nichts mehr, als eine Freundschaft gegen die Leute. Sie muͤssen um sie bekuͤmmert seyn. Und ihre Fraͤulein Howe wird sich wun- dern, wo sie geblieben sind: denn sonder Zweifel wechseln sie mit ihr Briefe. Sie Sie wandte sich von ihnen, und sagte zu sich selbst: Allzu viel! Allzu viel! ‒ ‒ Sie warf ihr Schnupftuch, das schon vorher von ihren Thraͤnen durchnetzet war, von sich, und hielte ih- re Schuͤrze an die Augen. Weinen sie nicht, Fraͤulein, sagte die schaͤnd- liche Marichen. Ey ja! weinen sie nur, schrie die noch schaͤndlichere Sarah, wo es eine Erleichterung ist. Nichts, wie Herr Lovelace mir einmal sagte, trock- net eher, als Thraͤnen. Denn vormals weinte ich auch maͤchtig. Jch konnte mir dieß nicht mit Gelassenheit erzaͤhlen lassen. Jedoch fluchte ich nicht halb so viel auf sie, als ich wuͤrde gethan haben, wenn ich nicht gesonnen gewesen waͤre, alle Umstaͤnde von ihrer gelinden Begegnung herauszubringen. Dieß wollte ich aber aus einer gedoppelten Ursa- che: einmal, damit ich dich durch die Wiederholung herzlich kraͤnken und ruͤhren moͤchte; hiernaͤchst, damit ich wuͤßte, auf was fuͤr Art ich wahrschein- licher Weise morgen die Fraͤulein sehen koͤnnte. Allein, Fraͤulein Harlowe, rief Sarah, halten sie diesen verlohrnen Anstand fuͤr artig? Sie sind eine gute Christinn, Kind. Fr. Row- land sagt mir, sie habe ihnen eine Bibel gebracht ‒ ‒ O da liegt sie! ‒ ‒ Jch zweifle nicht, sie werden die diensamen Stellen, wie der ehrliche Matthaͤus Prior sagt, eingeschlagen haben. Hiemit stand sie auf und nahm die Bibel ‒ ‒ Ey, wahrlich, sie haben es gethan ‒ ‒ Das Buch Buch Hiob! Dieß faͤllt von selbst auf, wie ich sehe ‒ ‒ Meine Mutter hat mich in der Bibel fein unterrichtet ‒ ‒ Das Buch Jesus Si- rach auch! ‒ ‒ Das ist ein apocryphisches Buch, wie man es nennt. ‒ ‒ Sie sehen, Jungfer Hor- ton, ich weiß etwas von dem Buche. Sie schlugen noch einmal vor, daß sie Buͤrg- schaft fuͤr sie stellen wollten, und sie mit ihnen in ihr Haus gehen sollte. Ein Anschlag, den sie wieder eben so unwillig, als vorher, aufnahm. Sarah erzaͤhlte ihr, daß sie auf eine sehr vor- theilhafte Art, zu ihrem Besten, an euch geschrie- ben haͤtte, und alle Stunden Antwort erwartete, auch nicht zweifelte, daß ihr mit dem Bothen selbst heraufkommen, die ganze Schuld guͤtigst bezah- len, und sie wegen Verabsaͤumung desselben um Verzeihung bitten wuͤrdet. Dieß brachte sie in solche Unruhe und Ver- wirrung, daß sie besorgten, sie wuͤrde in Ohnmacht gefallen seyn. Sie koͤnnte euren Namen nicht ertragen, sagte sie. Sie hoffete, daß sie euch nie- mals wieder sehen sollte: und wuͤrdet ihr euch aufdringen; so moͤchten schreckliche Folgen dar- aus entstehen. Es wuͤrde ihr doch gewiß lieb seyn, ant- worteten sie, ihrer Gefangenschaft erlassen zu werden. Ja, in Wahrheit, es wuͤrde ihr nun lieb seyn: da sie ihr Furcht und Schrecken mit dem Namen desjenigen eingejagt haͤtten, der an allem ihren Ungemach schuld waͤre, und, wie sie nun nun offenbar saͤhe, diese neue Beschimpfung an- gestiftet haͤtte, damit er sie noͤthigen moͤchte, seine schaͤndliche Bedingungen anzunehmen. Warum, fragten sie, wollte sie denn nicht an ihre Freunde schreiben, die Forderung der Frau Sinclair richtig zu machen? Weil sie hoffete, daß sie nicht lange irgend je- mand beschwerlich seyn wuͤrde, und weil sie wuͤß- te, daß die Bezahlung des Geldes, wenn sie es im Stande waͤre zu bezahlen, nicht dasjenige waͤre, worauf man sein Absehen gerichtet haͤtte. Sarah hat mir bekannt, daß sie der Fraͤu- lein geantwortet haͤtte, sie glaubte in der Wahr- heit eben so guten Herkommens und eben so wohl erzogen zu seyn, als sie, ob sie gleich auf kein so ansehnliches Vermoͤgen Anspruch gehabt haͤtte. Ja sie war so unverschaͤmt, gegen mich darauf zu bestehen, daß es die Wahrheit sey. Sie hatte die Vermessenheit, gegen die Fraͤu- lein noch dieß hinzuzusetzen, daß sie eben so viel Ursache haͤtte, als sie, zu erwarten, daß Herr Lovelace sie heyrathen wuͤrde: indem er mit ihr einen Vertrag gemacht, es zu thun, ehe er jemals die Fraͤulein Clarissa Harlowe gekannt. Sie haͤtte daruͤber noch dazu seine Hand und Siegel: ‒ ‒ sonst wuͤrde er seine Absicht nicht erreicht haben. Daher waͤre es nicht glaublich, daß sie so dienstfertig seyn sollte, seine Sache ge- gen sich selbst zu treiben: wenn sie gedaͤchte, daß Herr Lovelace dergleichen Absichten auf sie haͤtte, als als sie sich anzudeuten herausnaͤhme. Sie fuͤr ihr Theil haͤtte keinen andern Vorsatz, als einem jungen Frauenzimmer, welches sich Dinge zu ei- nem wirklichen Kummer machte, woruͤber sonst von niemand so viel Wesens wuͤrde gemacht wer- den, die Freyheit zu verschaffen ‒ ‒ und ihrer Freundinn, der Frau Sinclair, zur Bezahlung einer rechtmaͤßigen Forderung zu helfen. Die Fraͤulein bat sie, sie zu verlassen. Sie brauchte diese Beyspiele nicht, sagte sie, sich zu uͤberzeugen, in was fuͤr Gesellschaft sie waͤre: und erklaͤrte sich, daß sie, dergleichen Besuche, und noch aͤrgerer, wovor sie sich fuͤrchtete, los zu wer- ben, an eine Freundinn schreiben wollte, das Geld fuͤr sie aufzubringen; ob es gleich der Tod fuͤr sie seyn wuͤrde, das zu thun. Denn die Freundinn koͤnnte ihr nicht ohne ihre Mutter willfahren: und in deren Augen wuͤrde dieß einer Freundschaft, die uͤber alle niedertraͤchtige Nebenabsichten erhaben waͤre, ein eigennuͤtziges Ansehen geben. Sie riethen ihr, alsobald zu schreiben. Aber um wie viel muß ich schreiben? Wie hoch belaͤuft es sich? Sollte mir nicht eine Rech- nung daruͤber eingehaͤndiget seyn? ‒ ‒ Gott weiß, ich habe ihre Zimmer nicht gemiethet. Nur derjenige konnte das thun, der mir so begegnen konnte, als er gethan hat. Reden sie nicht wider Hrn. Lovelace, Fraͤu- lein Harlowe. Er ist ein Herr, gegen den ich große Hochachtung habe ‒ ‒ verfluchte Kroͤte! ‒ ‒ Und, wenn man ausnimmt, daß er seinen Vor- Vortheil, wo er kann, bey Uns einfaͤltigen und leichtglaͤubigen Maͤgdchens zu machen suchet, ist er ein Mann, der auf seine Ehre haͤlt. Sie hub ihre Haͤnde und Augen auf, an statt zu reden. Sie hatte es auch wohl Ursache. Denn keine Worte, die sie zu gebrauchen vermoͤ- gend gewesen waͤre, haͤtten die Angst ausdruͤcken koͤnnen, welche sie fuͤhlen mußte, da sie in dem Uns mit begriffen war. Sie muͤßte wenigstens um hundert und funf- zig Guineas schreiben. Um zwey hundert moͤch- te eben so gut geschrieben werden, wo sie nicht viel Geld mehr haͤtte. Frau Sinclair, sagte die Fraͤulein, haͤtte alle ihre Kleider. Die moͤchten verkauft werden, frey ver- kauft werden, und das Geld moͤchte so weit reichen, als es wollte. Sie haͤtte auch noch einige andere Kost- barkeiten aber kein Geld, gar keines, außer der elen- den halben Guinea und dem wenigen Silbergelde, das sie gesehen haͤtten. Sie wollte eine Ver- schreibung geben, alles zu bezahlen, was aus ih- ren Kleidern und den andern Sachen, die sie haͤtte, zu wenig heraus kaͤme. Sie haͤtte ansehn- liche Guͤter, die ihr von Rechts wegen zugehoͤr- ten. Jhre Handschrift wuͤrde und muͤßte bezahlt werden, wenn sie auch auf tausend Pfund. Aber ihre Kleider wuͤrde sie niemals gebrauchen. Sie glaubte, wenn diese nicht allzu sehr unter ihrem Werth verkauft wuͤrden, so wuͤrden dieselben, und ihre wenigen Kostbarkeiten, fuͤr alles hinreichen. Sie wuͤnschte keinen Ueberschuß zu haben, als zu Sechster Theil. U den den letzten Kosten: und dazu wuͤrden vierzig Schillinge eben so gut, als vierzig Pfund, genug seyn. Lassen sie mein Ungluͤck, sagte sie mit auf- geschlagenen Augen, in diesem Leben groß, in diesem Leben vollkommen seyn! ‒ ‒ Um einen guͤtigen Vergleich, lassen sie es voll- kommen seyn ‒ ‒ Hier brach sie ab. Sonder Zweifel zielte sie auf ihres Vaters Fluch, der bis auf das kuͤnftige Leben ausgedehnet war. Die gottlosen Weibsbilder konnten sich nicht entbrechen, gegen mich zu wuͤnschen, daß sie eine bequeme Gelegenheit haben moͤchten, einen sol- chen Kauf fuͤr sich, zu ihrer Kleidung, zu thun. O, wie fluchte ich auf sie! und, in meinem Her- zen, auf dich ‒ ‒ Aber es ist mehr als zu wahr- scheinlich, dachte ich, daß sich diese schaͤndliche Sarah Martin Hoffnung macht; ob du gleich der Schande nicht faͤhig bist; daß ihr Lovelace, wie sie sich untersteht, dich kuͤhnlich hinter deinem Ruͤcken zu nennen, sie mit einem oder dem andern von dem Raube beschenken moͤge, der an der ar- men Fraͤulein geschehen ist! Will Frau Sinclair, fuhr sie fort, meine Kleider nicht fuͤr eine hinlaͤngliche Sicherheit an- sehen, bis sie verkauft werden koͤnnen? Es sind sehr gute Kleider. Eine oder zween Anzuͤge sind uur eben angelegt, wie sie aus der Arbeit kamen; niemals getragen. Sie kosten weit mehr, als die Forderung an mich ist. Mein Vater moch- te mich gern fein gekleidet sehen ‒ ‒ ‒ Sie sollen alle fort. Aber lassen sie mir eine genaue- re re Rechnung uͤber die zugemuthete Schuld ge- ben. Jch vermuthe, ich muß fuͤr meinen Ver- derber; das war ihr vollkommen bequemes Wort; und fuͤr seine Bedienten, eben so wohl, als fuͤr mich selbst, bezahlen. ‒ ‒ Jch bin damit zu- frieden ‒ ‒ Jn der That, ich bin damit zufrieden ‒ ‒ Jch bin weit daruͤber hinaus, daß ich wuͤn- schen sollte, daß mit jemand, der so zu handeln im Stande gewesen ist, uͤber die Gerechtigkeit und Billigkeit dieser Sache nur einmal Worte gewechselt werden sollten. Wenn ich nur genug habe, die Forderung zu bezahlen: so werde ich vergnuͤgt seyn, und will die Niedertraͤchtigkeit ei- ner solchen Handlung, wie dieß ist, als eine Ver- groͤßerung einer Schuld, die meiner Meynung nach nicht vergroͤßert werden konnte, hingehen lassen. Jch gestehe, Lovelace, es ist Bosheit dabey, wenn ich dir diese Umstaͤnde so genau erzaͤhle, da- mit ich dich bis zum Herzen verwunde. Erlau- be mir, dich zu fragen: Was kannst du nun von deiner Grausamkeit, deiner unerhoͤrten Grausam- keit, gedenken, daß du eine Person von ihrem Stande, von ihrem Vermoͤgen, von ihren Gaben, und von ihrer Tugend, so weit heruntergebracht hast? Die nichtswuͤrdigen Weibsleute, muß man gestehen, handeln nur ihrer ordentlichen Handthie- rung gemaͤß: einer Handthierung, wozu du, als das vornehmste Werkzeug, diese beyden gebracht hast. Und sie wissen, was deine Absichten gewe- sen, und wie weit sie verfolget sind. Es heißt, U 2 nach nach ihrer Meynung, ihr gelinde begegnen, daß sie das Weib, welches ihr mit so großem Rechte verhaßt ist, nicht zu ihr gebracht; daß sie ihr nicht gedrohet, fremde Mannspersonen zu ihr zu fuͤh- ren; und daß sie ihre Baͤndiger und Demuͤ- thiger, Kerls, die nicht die geringste Regung des Gewissens fuͤhlen koͤnnen, noch nicht in ihre Ge- sellschaft gebracht haben, um sie zu ihrem abscheu- lichen Hause mit Gewalt zuruͤckzuschleppen, und hernach, wenn sie da waͤre, zu allen ihren Maaß- regeln zu noͤthigen. Bis zu meiner Ankunft gedachten sie, dir wuͤrde nichts von dem, was sie litte, misfallen; nichts, was sie muͤrbe machen koͤnnte, einen Stand voll Schaam und Schande einzugehen; und vermoͤgend waͤre, sie dahin zu bringen, daß sie sich deinen Absichten gefaͤllig bezeigte, wenn du kommen und sie von diesen gottlosen Weibsleu- ten, einem groͤßern Uebel, als deine Beyschlaͤfe- rinn zu seyn, befreyen solltest. Wenn du diese Dinge uͤberlegest: so wirst du keine Schwierigkeit machen, zu glauben, daß diese ihre eigne Erzaͤhlung von ihrem Betragen gegen die unvergleichliche Fraͤulein, noch viel zu wenig von ihren unverschaͤmten Verspottungen sage; und zwar um so viel weniger, wenn ich dir sage, daß endlich ihre Begegnung solche Wirkun- gen uͤber sie hatte, daß sie in heftigen Mutterbe- schwerden von ihnen verlassen wurde. Die Weibs- bilder verordneten deswegen, wo es damit anhal- ten und aͤrger werden sollte, nach einem Apothe- ker ker zu schicken: und ins besondere, wie sie von Anfange befohlen hatten, keine scharfe oder spi- tzige Geraͤthe, sonderlich kein Federmesser, wel- ches sie vielleicht, unter dem Vorwand, eine Fe- der umzuschneiden, fordern moͤchte, ihr in die Haͤnde kommen zu lassen. Um zwoͤlfe des Sonnabends in der Nacht, ließ ihnen Rowland sagen, es waͤre so schlecht mit ihr, daß er nicht wuͤßte, was es fuͤr einen Aus- gang nehmen moͤchte, und wuͤnschte, sie aus sei- nem Hause gebracht zu sehen. Dieß veranlassete sie eben so sehr eine Nach- richt von euch zu wuͤnschen. Denn ihr Bothe war zu ihrer groͤßten Verwunderung noch nicht wieder von M. Hall zuruͤckgekommen: und sie waren versichert, daß er schon am Freytag, Abends, daselbst angelanget seyn muͤßte. Am Sonntag, Morgens fruͤhe, gingen beyde Teufel hin, zu sehen, wie sie sich befaͤnde. Sie bekamen eine solche Nachricht von ihrer Schwach- heit, Niedergeschlagenheit und Angst, daß sie sich aus Mitleiden, wie sie sagten, enthielten, sie zu sehen, weil sie befanden, daß ihre Besuche ihr so unangenehm waͤren. Allein die Furcht vor dem Ausgange war sonder Zweifel ihre vornehmste Bewegursache: nichts anderes haͤtte so steinerne Herzen erweichen koͤnnen. Sie schickten nach dem Apotheker, den Row- land bey ihr gehabt hatte, und knuͤpften Rowlan- den, und seinem Weibe, und seiner Magd feyer- lich ein, die aͤußerste Sorge fuͤr sie zu tragen: U 3 sonder sonder Zweifel mit einer eigennuͤtzigen Vorsich- tigkeit. Sie sandten auch hinauf, und ließen ihr sagen, was sie verordnet haͤtten; daß sie ihr aber nicht beschwerlich fallen wollten, weil sie gehoͤret, daß sie etwas, sich in Ordnung zu bringen, einge- nommen haͤtte. Die Fraͤulein hatte Bedenken gehabt, wie es scheint, des Apothekers Besuch in der Nacht an- zunehmen; weil er eine Mannsperson waͤre ‒ ‒ und hatte nicht eher dazu beredet werden koͤn- nen, als bis sie ihr vorstellten, daß ihre eigne Sicherheit es erforderte. Die Weibsbilder kamen aus der Kirche wie- der hin ‒ ‒ O Himmel! Robert, diese Unthiere gehen in die Kirche! ‒ ‒ Allein die Fraͤulein ließ ihnen herunter sagen, daß sie alle uͤbrige Zeit von dem Tage fuͤr sich selbst haben muͤßte. Als ich zuerst kam, und ihnen meldete, wie du auf sie wegen desjenigen, was sie gethan hat- ten, fluchetest; und auch dazu selbst auf sie fluch- te: erstaunten sie. Die Mutter sagte, sie haͤtte gedacht, daß sie Herrn Lovelace besser kennete; und von ihm Dank, aber keine Fluͤche erwartet. Unterdessen, da ich bey ihnen war, kam ihr Bothe wieder zuruͤck, und fluchte ganz erschreck- lich uͤber die uͤble Aufnahme, welche er bey dir gefunden hatte, statt der Belohnung, dazu man ihm fuͤr die vermeynte gute Zeitung, daß die Fraͤulein aufgefunden und in Sicherheit gebracht waͤre, Hoffnung gemacht hatte. ‒ ‒ Bist du nicht nicht ein artiger Kerl, daß du andere Leute fuͤr die Folgen deiner eignen Fehler mishandelst! Unter was fuͤr aͤrgerlichen und nachtheiligen Umstaͤnden, die sich dadurch noch vermehren, daß ich dein Freund und Vertrauter bin, muß ich morgen fruͤhe diese ungluͤckliche Fraͤulein besu- chen! Noch dazu in deinem Namen! ‒ ‒ Schon genug, abgewiesen zu werden, daß ich von einem Geschlechte bin, vor dem sie, um deinet- willen, einen so gerechten Abscheu heget! Und da sie einen solchen Tyrannen zum Vater, und ei- nen solchen unversoͤhnlichen Bruder hat: hat sie, in Betrachtung derselben, auch keine Ursache, zum Vortheil fuͤr irgend jemand von dem maͤnn- lichen Geschlechte, eine Ausnahme zu machen. Es ist drey Uhr. Jch will hier schließen, und mich ein wenig zur Ruhe begeben. Was ich geschrieben habe, das wird dich gehoͤrig zu dem- jenigen vorbereiten koͤnnen, was bald erfolgen wird. Dein Bedienter sagt mir, daß er nicht ohne einen Brief zuruͤckkommen soll, und daß du ihn morgen erwartest. Du hast da, wo du bist, Leu- te genug zu deinem Befehl. Wo ich irgend Schwierigkeit finde, vor die Fraͤulein zu kommen: so soll dein Bothe mit dem gegenwaͤrtigen abge- hen. ‒ ‒ Er mag gebrochne Beine und andere Folgen erwarten, wo das, was er mitbringt, dei- ne Hoffnung nicht erfuͤllet! ‒ ‒ Wo ich aber vorgelassen werde: so sollst du dieß Schreiben, und die Nachricht, wie mein Besuch abgelaufen U 4 ist, ist, beyde zugleich haben. Jm erstern Fall, magst du einen andern Bedienten schicken, auf die naͤch- ste Zeitung zu warten, von J. Belford. Der ein und vierzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Montags, den 17ten Jul. H eute fruͤhe um sechse ging ich zu Rowland. Fr. Sinclair mußte mir folgen, die Klage aufzuheben, aber sich nicht sehen zu lassen. Rowland vermeldete mir, auf meine Anfra- ge, daß die Fraͤulein sich ausnehmend uͤbel be- faͤnde, und verlangt haͤtte, niemand, als seine Frau, oder Magd, zu ihr kommen zu lassen. Jch sagte, ich muͤßte sie sehen. Jch haͤtte ihm schon gestern Abends mein Gewerbe gesagt: und ich muͤßte sie sehen. Sein Weib ging hinauf: kam aber den Au- genblick wieder zuruͤck, und sagte, sie koͤnnte kein Wort aus ihr bringen, jedoch haͤtte sie die Au- genlieder bewegt, ob sie die Augen gleich entwe- der nicht aufschlagen wollte, oder nicht aufschla- gen koͤnnte, sie anzusehen. Hohl euch der Henker, Weib, sprach ich, die Fraͤulein mag in einer Ohnmacht liegen: die Fraͤu- Fraͤulein mag wohl gar in den letzten Zuͤgen seyn. ‒ ‒ Laßt mich hinaufgehen. Zeigt mir den Weg. Ein schreckliches Loch von einem Hause; in einem Gange, den sie einen Hof nennen: mit jaͤmmerlich engen Treppen, selbst zu den Stuben im ersten Stockwerk! Sie fuͤhrten mich in eine Hoͤhle, mit zerfallenen Waͤnden, die mit Papier beschlagen gewesen waren, wie ich an einer Men- ge von kleinen Naͤgeln, und an einigen zerrissenen Stuͤcken, die noch an den verrosteten Naͤgelkoͤ- pfen hingen, sehen konnte. Der Fußboden war rein: aber die Decke war mit mancherley Figuren und Anfangsbuch- staben von Namen beraͤuchert; welches die klaͤg- liche Beschaͤfftigung elender Leute gewesen war, die kein anderes Mittel gehabt hatten, sich die Zeit zu vertreiben. An der einen Ecke stand ein Bette mit gro- ben Vorhaͤngen, die man zu den Fuͤßen oben an die Decke genagelt hatte, weil die Ringe abgeris- sen waren: aber mit einer Bettdecke, die reinlich aussahe, ob sie gleich gewaltig zerlumpet und die Ecken in Knoten aufgeknuͤpfet waren, damit die Risse nicht weiter darinn gingen. Die Fenster waren dunkel und mit gedoppel- ten Gittern, oben mit Brettern vernagelt, die Ausbesserung zu ersparen, und nur mit einem klei- nen viereckichten Kuckloch, die Luft herein zu las- sen: wiewohl mehr durch zerbrochene Fenster- U 5 scheiben scheiben herein ging, als dadurch hinein kommen konnte. Vier alte Stuͤhle von tuͤrkischer Arbeit, un- ten geborsten, daß die Ausstopfung hervorkam. Ein alter, wacklichter, wurmstichichter Tisch, worauf mehr Naͤgel verwendet waren, ihn aus- zubessern, daß er stehen konnte, als der Tisch selbst vor funfzig Jahren, da er neu gewesen, gekostet hatte. Auf dem Gesimse war ein eiserner Schiebe- leuchter mit einem brennenden Lichte, das nur eben, eben, schimmerte, vier auf einen Pfennig, vermuthe ich. Nicht weit davon, auf eben dem Gesimse stand ein alter Spiegel, mitten durch in tausend Stuͤcken zerknickt, dem vielleicht in einer Wuth der Stoß von einem Elenden gegeben war, wel- chem er den Jammer seines Herzens in seinem Gesichte vorgestellet hatte. Jn dem Camin waren zween halbe Ziegel, an einer, und ein ganzer an der andern Seite; welches zeigte, daß er in besserm Stande gewesen war: nun aber war der Moͤrtel den uͤbrigen Zie- geln an allen andern Stellen nachgefolget, und hatte die Mauersteine bloß gelassen. Ein alter Ofenrost mit halben Gittern war in eben dem Camin, und in dem Rost stand eine große steinerne Flasche ohne Hals, die mit trau- rigem Eibenbaum, als einem Jmmergruͤn, mit verwelktem Stabwurz, mit Feldrosen, und mit Sproͤß- Sproͤßlingen von Raute in der Bluͤte, gefuͤllet war. Die aͤrgerliche Beschreibung zu beschließen; in einem dunkeln Winkel stand noch ein altes hoͤlzernes Ruhebette, worinn der Boden gebro- chen war, ohne ein Polster oder Bettdecke. Es war auf einer Ecke gesunken und hielte nicht zu- sammen, weil einer von seinen wurmstichichten Fuͤßen fehlte, der in zwey Stuͤcken unter dem jaͤmmerlichen Hausrath lag, den er nicht laͤnger hatte halten koͤnnen. Und dieß, du scheuslicher Lovelace, war die Schlafkammer der goͤttlichen Cla- rissa! ! ! Jch hatte Zeit, meine Augen auf diese Din- ge zu werfen. Denn weil ich leise hinauf ging: wandte sich die arme Fraͤulein nicht um, als wir hineintraten, und bewegte auch den Kopf nicht eher, als bis ich redete. Sie lag auf den Knieen in einer Ecke von dem Gemach, bey dem wunderlichen Fenster, ge- gen den Tisch, auf einem alten Polster, wie es schien, von dem hoͤlzern Ruhebette; halb mit ih- rem Schnupftuch bedecket; mit dem Ruͤcken nach der Thuͤre zu, die bloß zugemacht war; Schloͤsser brauchte es nicht! mit ihren Armen creutzweise uͤber den Tisch und mit dem Voͤrder- finger ihrer rechten Hand in der Bibel. Sie hatte vielleicht darinn gelesen und nicht laͤnger le- sen koͤnnen. Papier, Feder und Dinte waren bey ihrem Buche auf dem Tische. Jhr Anzug war war von weissem Damast, ausnehmend sauber: aber ihre Schnuͤrbrust schien nicht fest geschnuͤ- ret. Man erzaͤhlte mir nachher, daß ihre Schnuͤr- baͤnder zerschnitten waͤren, als sie bey ihrer An- kunft an diesen verfluchten Ort in Ohnmacht ge- fallen: und sie hatte sich um ihren Anzug nicht genug bekuͤmmert, andere holen zu lassen. Jhr Kopfzeug war ein wenig in Unordnung, und ihr schoͤnes Haar warf in natuͤrlichen Locken, wie ihr es vordem beschrieben habt, aber ein wenig ver- wirrt, als wenn es kuͤrzlich nicht gekaͤmmet waͤ- re, einen unordentlichen Schatten auf eine Seite von dem liebenswuͤrdigsten Halse in der Welt, wie die andern von ihrem verzogenen und zer- knuͤllten Halstuche beschattet ward. Jhr Ge- sicht, o wie veraͤndert! wie verschieden von dem, was ich gesehen hatte! Doch liebenswuͤrdig, Trotz allem ihrem Kummer und Leiden! war auf ihre creutzweise uͤber einander geschlagene Arme geleget, als wir herein traten: aber so, daß nicht mehr als die eine Seite davon bedeckt war. Da ich das Gemach uͤbersahe, und die Fraͤu- lein auf den Knieen zu Gesichte bekam, welche in ihr weisses und weites Kleid; denn sie hatte kei- nen Reiffenrock an; das sich uͤber den finstern, ob gleich nicht unreinen, Boden ausbreitete, und den scheuslichen Winkel erleuchtete, so gar mit einem majestaͤtischen Wesen gesunken war; mit so weiser Waͤsche, als man sich nicht einbilden konnte, in Betrachtung, daß sie seit der Zeit, da sie hier gewesen, sich niemals abgekleidet hatte: so so haͤtte mich der Kummer, womit ich fuͤr sie ge- ruͤhret ward, beynahe erwuͤrget. Es stieg mir etwas in die Kehle, ich weiß nicht was, das ich schlucken und gluchsen mußte, die Sprache zu be- kommen. Endlich brach sie mit Gewalt hervor ‒ ‒ der Hen ‒ ‒ Hen ‒ ‒ Henker hole euch beyde, sagte ich zu dem Kerl und dem Weibe, ist dieß ein Zimmer fuͤr eine solche Fraͤulein? Und konnten die verfluchten Teufel von ihrem eignen Geschlechte, die diesen geplagten Engel besuchten, sie in einem so verdammten Winkel sehen und doch darinn zuruͤcklassen? Wir haͤtten gern gesehn, mein Herr, daß die Fraͤulein unsere eigne Schlafkammer genommen haͤtte: aber sie wollte nicht. Wir sind arme Leute ‒ ‒ und vermuthen nicht, daß jemand laͤn- ger bey uns bleiben werde, als so lange es nicht zu aͤndern ist. Jhr seyd gewiß, ich zweifele gar nicht, mit Vorbedacht von den verdammten Weibsbildern, die euch gebraucht haben, ausgesucht: und wo euer Bezeigen gegen diese Fraͤulein nur halb so arg gewesen ist, als euer Haus, so waͤre es besser gewesen, daß ihr nie das Tageslicht gesehen haͤttet. Darauf hub die reizungsvolle und geplagte Fraͤulein ihr liebenswuͤrdiges Gesicht in die Hoͤ- he. Allein es breitete sich ein so merklicher Kum- mer uͤber dasselbe aus, daß ich mich nicht enthal- ten konnte, wenn es auch mein Leben gekostet haͤt- te, augenscheinlich geruͤhret zu werden. Sie Sie bewegte ihre Hand zwey oder dreymal auf und nieder gegen die Thuͤre, als wenn sie mir befehlen wollte, wegzugehen, und uͤber mein Zu- dringen misvergnuͤgt waͤre: sprach aber nicht. Goͤnnen sie mir, gnaͤdige Fraͤulein ‒ ‒ Jch will ohne ihre Erlaubniß nicht einen Schritt naͤ- her kommen ‒ ‒ Goͤnnen sie mir auf einen Au- genblick ein geneigtes Ohr. Nein ‒ ‒ Nein ‒ Weg, weg, Mannsper- son ‒ ‒ das Wort sprach sie mit besonderm Nachdruck aus; und wuͤrde mehr gesagt haben: allein sie schien die Sprache als verlohren aufzu- geben, nicht anders, als wenn sie sich vergebens bestrebte, Worte herauszubringen; und ließ noch einmal ihren Kopf, mit einem tiefen Seufzer, auf ihren linken Arm niedersinken, indem der rechte von selbst, als wenn sie ihn nicht in ihrer Gewalt haͤtte, an ihrer Seite, betaͤubt, wie ich vermuthe, herunter fiel. O daß du da gewesen waͤrest! und an mei- ner Stelle! ‒ ‒ Jedoch bin ich durch dasjenige, was ich damals in mir selbst fuͤhlte, uͤberzeuget worden, daß eine Faͤhigkeit, sich durch das Un- gluͤck unserer Mitgeschoͤpfe ruͤhren zu lassen, kei- nesweges einem maͤnnlichen Herzen schaͤndlich sey. Mit was fuͤr einem Vergnuͤgen haͤtte ich, in dem Augenblick, mein eignes Leben aufgeben koͤnnen: wenn ich nur vorher dieß reizende Frau- enzimmer zu raͤchen, und ihrem Verderber, wie sie dich auf eine nachdruͤckliche Art nennet, ob es gleich der Freund ist, den ich am meisten liebe, die die Kehle abzuschneiden, vermoͤgend gewesen waͤ- re! Und dennoch ließ, zu gleicher Zeit, mein Herz nebst meinen Augen einer so sanftmuͤthigen Re- gung freyen Lauf, als es niemals vorher zu fuͤh- len geschickt gewesen ist, ob ich gleich kein so ver- haͤrteter Boͤsewicht bin, als du. Jch darf mich nicht zu ihnen nahen, werthe- ste Fraͤulein, ohne ihre Erlaubniß: aber auf meinen Knieen bitte ich, erlauben sie mir, sie von diesem verdammten Hause, und von der Gewalt des verfluchten Weibes, die schuld daran ist, daß sie hier sind, zu befreyen! Sie hub ihr angenehmes Gesicht noch einmal wieder auf, und sahe mich auf meinen Knieen. Niemals habe ich sonst gewußt, was es hieße, so herzlich zu bitten. Sind sie nicht ‒ ‒ Sind sie nicht Herr Bel- ford, mein Herr? Jch denke, ihr Name ist Bel- ford? Ja, gnaͤdige Fraͤulein, und ich bin allezeit ein eifriger Verehrer ihrer Tugenden, und ein Fuͤr- sprecher fuͤr sie gewesen. Jch komme nur in der Absicht, sie aus den Haͤnden, worinn sie sind, frey zu machen. Und in wessen Haͤnde zu bringen? O gehen sie von mir, gehen sie von mir! Lassen sie mich niemals von dieser Stelle aufstehen! Lassen sie mich niemals, niemals, einer Mannsperson mehr glauben. Diesen Augenblick, wertheste Fraͤulein, selbst diesen Augenblick, wo es ihnen beliebt, koͤnnen sie gehen, gehen, wohin es ihnen zu gehen beliebt. Sie sind vollkommen frey, und haben Macht, mit sich zu thun, was sie wollen. Jch moͤchte nun hier an diesem Orte eben so gern, als sonst irgendwo, sterben. Jch will kei- nem Freunde von demjenigen, in dessen Gesell- schaft ich sie gesehen habe, eine Verbindlichkeit haben. Also bitte ich, mein Herr, gehen sie weg. Hierauf wandte sie sich zu dem Gerichtsdie- ner. Herr Rowland, das, denke ich, ist euer Name, ich bin besser mit eurem Hause zufrieden, als ich anfangs war. Wenn ihr nur gut dafuͤr seyn koͤnnet, daß niemand zu mir kommen soll, als eure Frau; keine Mannsperson! auch kei- ne von denen Weibsleuten, die mit meinem Elen- de ihren Spott getrieben haben: so will ich bey euch, und eben hier in diesem Winkel, sterben. Jhr sollt fuͤr die Muͤhe, die ihr mit mir gehabt habt, wohl vergnuͤget werden ‒ ‒ Jch habe da- zu Geldes werth genug ‒ ‒ denn seht, ich habe einen diamantenen Ring ‒ ‒ Sie zog ihn aus ihrem Busen hervor ‒ ‒ und ich habe Freunde, die ihn um einen hohen Preiß ausloͤsen werden, wenn ich dahin bin. Aber was sie betrifft, mein Herr ‒ ‒ Sie sahe mich an ‒ ‒ so bitte ich sie, wegzugehen. Wo sie es gut mit mir meynen: so hoffe ich, wird Gott ihnen ihre gute Meynung belohnen; aber dem Freunde meines Verderbers will ich keine Verbindlichkeit haben. Sie Sie werden weder mir, noch sonst jemand, Verbindlichkeit haben. Sie sind wegen einer Schuldforderung, die sie nicht erkennen, in Ver- haft gewesen. Die Klage ist aufgehoben: und sie werden nur so gut seyn, mir ihre Hand bis an die Kutsche zu geben, die so nahe bey diesem Hau- se stehet, als sie hat herauf kommen koͤnnen. Jch will sie entweder an dem Schlage der Kutsche verlassen, oder sie begleiten, wohin es ihnen be- liebt, und ihnen so lange aufwarten, bis ich sie sicher dahin gekommen sehe, wo sie zu seyn wuͤn- schen moͤchten. Wollen sie mich denn zwingen, mein Herr, ihnen verbunden zu seyn? Sie werden mich vielmehr unaussprechlich verbinden, gnaͤdige Fraͤulein, wenn sie mir befeh- len, ihnen einen Dienst oder etwas gefaͤlliges zu erweisen. Wohlan denn, mein Herr ‒ ‒ Sie sahe mich an ‒ ‒ Aber warum treiben sie in der de- muͤthigen Stellung Spott mit mir! Stehen sie auf, mein Herr! Jch kann sonst nicht mit ihnen reden. Jch stand auf. Nehmen sie nur diesen Ring, mein Herr. Jch habe eine Schwester, die ihn, um des vori- gen Besitzers willen, gern fuͤr den Preiß, wie man ihn schaͤtzen mag, nehmen wird! ‒ ‒ Von dem Gelde, was sie dafuͤr giebet, lassen sie diesen Mann bezahlet, gut bezahlet werden. Jch habe noch einige Kostbarkeiten in dem vorigen Hause; Sechster Theil. X Dor- Dorcas, oder die Mannsperson Wilhelm, kann sagen, wo die sind. Lassen sie die und meine Kleider bey dem gottlosen Weibe, wo sie mich ge- sehen haben, verkaufen, daß davon erst meine Zimmer, und dann ihres Freundes Schulden, weswegen ich in Verhaft gezogen bin, bezahlet werden, so weit es reichen will: wenn nur so viel zuruͤck behalten wird, als genug ist, mich irgend- wo, oder auf irgend eine Art, es ist gleich gut, wo oder wie, zur Erde zu schaffen. ‒ ‒ Sagen sie ihrem Freunde, ich wuͤnsche, daß es genug seyn moͤge, die ganze Forderung abzuthun: wo es aber nicht ist, so muß er sie selbst richtig machen; oder sich deswegen, wo er es fuͤr gut befindet, an Fraͤulein Howe wenden; die wird es wieder er- statten, und mit den Zinsen, wenn er darauf be- stehet ‒ ‒ Wenn sie mir versprechen, mein Herr, dieß auszurichten: so werden sie mir, wie sie sich erbieten, so wohl etwas gefaͤlliges, als einen Dienst erweisen. Sagen sie nur, daß sie es thun wollen, und nehmen den Ring, und gehen. Wo ich noͤthig habe, ihnen noch etwas mehr zu sagen; sie scheinen eine leutselige Mannsperson zu seyn: so will ich sie es wissen lassen. Und so leben sie wohl, mein Herr. Jch nahete mich zu ihr, und wollte reden ‒ ‒ Reden sie nicht, mein Herr: hier ist der Ring. Jch trat zuruͤck. Wollen sie ihn nicht nehmen? Wollen sie mir nicht diesen letzten Liebesdienst erweisen? ‒ ‒ Jch Jch habe keine andere Person, von der ich ihn verlangen koͤnnte: sonst, glauben sie mir, wuͤrde ich sie nicht darum ersuchen. Aber sie moͤgen ihn nehmen oder nicht ‒ ‒ ‒ und so legte sie ihn auf den Tisch ‒ ‒ sie muͤssen weggehen, mein Herr. Mir ist sehr uͤbel. Jch wollte gern ein wenig ruhen, wenn ich koͤnnte. Jch finde, daß mir wieder uͤbel wird. Jndem sie nun aufstehen wollte: sank sie vor allzu großem Leidwesen und Kummer in Ohnmacht. Warum, Lovelace, warest du nicht selbst ge- genwaͤrtig? ‒ ‒ Warum begehst du solche Schandthaten, daß so gar du selbst dich scheuest, dabey zu erscheinen; und traͤgst es doch einem weichlichern Herzen und Kopfe auf, damit zu thun zu haben? Die Magd kam eben herein. Das Weib und diese huben sie auf das veraltete Ruhebette: und ich ging mit diesem Rowland weg; der wie ein Kind weinte, und sagte, daß er in seinem Le- ben niemals so geruͤhrt gewesen waͤre. Jedoch du bist ein so verhaͤrteter Boͤse- wicht, daß ich zweifele, ob du bey meiner Erzaͤhlung eine Thraͤne vergießen wirst. Die Frau und ihre Magd brachten sie durch Wasser und Hirschhorn wieder zu sich. Jch ging unterdessen hinunter: denn das abscheuliche Weib war schon eine Weile unten gewesen. O wie fluchte ich auf sie! Das Fluchen ist mir nie mals so gut geflossen. X 2 Sie Sie suchte mich durch glatte Worte einzu- nehmen: aber ich entsagte ihr, und schickte sie nach Aufhebung der Klage fort; mit Heulen und Schreien, oder mit dem Schein davon, uͤber mein Bezeigen gegen sie. Jhr werdet bemerken, daß ich gegen die Fraͤulein nicht ein Wort von euch erwaͤhnte. Jch scheuete mich davor. Denn es war augen- scheinlich, daß sie euren Namen nicht leiten konn- te. Jhr Freund und die Gesellschaft, worinn sie mich gesehen haben, das waren allein die Worte, die sie sprechen konnte, euch auf das naͤ- heste zu nennen. Und doch haͤtte ich eure Ge- sinnung gern so weit gerechtfertiget, daß sie von dieser groben, dieser filzicht aussehenden Schand- that, freygesprochen waͤre. Jch schickte, durch Rowlands Weib, wieder hinauf, als ich hoͤrte, daß die Fraͤulein wieder zu sich gekommen waͤre, und bat sie, den teufelischen Ort zu verlassen. Das Weib versicherte sie, sie haͤtte voͤllige Freyheit, es zu thun, weil die Klage aufgehoben waͤre. Allein sie gab nicht so viel darauf, ihr ein- mal zu antworten, und war so schwach und nie- dergeschlagen, daß es beynahe eben so wenig in ihrer Macht, als nach ihrer Neigung war, zu re- den; wie mir das Weib erzaͤhlte. Jch wuͤrde zu meinem Freunde, Doct. H- geeilet haben: aber das Haus ist eine solche Hoͤhle, und das Gemach, worinn sie war, ein sol- ches Loch, daß ich mich schaͤmte, mich von einem so so angesehenen Manne, senderlich mit einem Frauenzimmer von solcher Gestalt, und in so außerordentlichem Jammer, darinn sehen zu las- sen; und ich sand, daß sie nicht zu bereden war, dasselbe mit der Schlafkammer der Leute, die rein und helle war, zu verwechseln. Das wunderliche Gemach, worinn sie sich befand, sagten mir die elenden Leute, haͤtte in bes- serer Ordnung seyn sollen: allein es waͤre erst eben den Morgen, da sie hereingebracht waͤre, von einem ungluͤcklichen Manne verlassen worden; sonder Zweifel, ein leidlichers Gefaͤngniß zu ha- ben; da wohl schwerlich ein aͤrgeres seyn konnte. Weil man mir vermeldete, daß sie nicht ge- stoͤret seyn wollte, und geneigt schiene zu schlum- mern: so nahm ich diese Gelegenheit, zu ihrer Wohnung im Covent-Garden zu gehen. Dor- cas, welche sie daselbst zuerst entdeckte, wie Wil- helm sie von der Kirche zum Verhaft anwies, hatte mir schon vorher die noͤthige Nachricht da- zu gegeben. Der Mann heißt Smith und handelt mit Handschuhen, Schnupstaback, und dergleichen kleinen Waaren. Seine Frau haͤlt den Laden: er macht die Handschuhe, welche sie verkaufen. Ehrliche Leute, wie es scheint. Jch gedachte die Frau mit mir zu der Fraͤu- lein zu nehmen: aber sie war nicht zu Hause. Jch schwatzte mit dem Manne, und erzaͤhlte ihm, was der Fraͤulein begegnet waͤre. Jch sagte, daß es von einem Misverstande ausgestell- X 3 ter ter Befehle hergekommen sey. Jch gab ihr den Ruhm, den sie verdiente: und bat ihn, seine Frau, den Augenblick wenn sie zu Hause kaͤme, zu der Fraͤulein zu schicken; gab ihm auch die Anwei- sung, wohin; weil ich nicht zweifelte, daß ihr Besuch derseiben sehr willkommen seyn wuͤrde. Er versprach es. Jch hoͤrte von ihm, daß am Sonnabend ein Brief fuͤr sie, und etwa eine halbe Stunde vor- her, ehe ich gekommen, noch einer, mit einer Auf- schrift von eben der Hand, daselbst abgegeben waͤre: der erste von der Post; der andere von einem Landmanne; welcher in großer Eilfertig- keit, nachdem er ihre Abwesenheit und alle Um- staͤnde, die sie ihm sagen konnten, erfahren haͤtte, betruͤbt wieder abgegangen waͤre, und gesagt haͤt- te, die Fraͤulein, von der er geschickt waͤre, wuͤr- de sich uͤber die Zeitung bis zum Tode kraͤnken. Jch hielte fuͤr gut, die beyden Briefe mit mir zuruͤckzunehmen, ließ meine Kutsche wegfahren, und nahm eine Saͤnfte, weil diese bequemer war, die Fraͤulein fortzubringen, wenn ich, der Freund ihres Verderbers, sie etwa gewinnen koͤnnte, Rowlands Haus zu verlassen. Weil ich hier genoͤthigt werde, mich einer un- vermeidlichen Verhinderung zu unterziehen: so soll nun die Reihe an dich kommen, auch ein we- nig von der Quaal zu schmecken, die mit einer ungewissen Erwartung verbunden ist. Daher will ich abbrechen, ohne dir den geringsten Wink von dem Ausgange meines fernern Verfahrens zu zu geben. Jch weiß, daß diejenigen Leute, wel- che am liebsten andere herumfuͤhren moͤgen, am wenigsten leiden koͤnnen, daß man sie wieder her- umfuͤhret. Wohl in zwanzig Faͤllen hast du die- se Anmerkung an dir wahr gemacht. Und ich frage nichts nach deinem Toben. Jnzwischen soll doch ein anderer Brief wie- der bereit seyn. Du magst darnach schicken: so bald als du willst. Wenn aber das auch nicht waͤre: habe ich denn nicht schon genug geschrie- ben, dich zu uͤberzeugen, daß ich sey Dein bereitwilliger und dienstgeflissener J. Belford: Der zwey und vierzigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Montags, den 17ten Jul. um eilfe des Abends. V erflucht sey dein hartes Herz, du schaͤndlicher Galgenschwengel! Wie hast du mich durch dein vorsetzliches Abbrechen gemartert! Nim- mermehr kann die Fraͤulein Harlowe so gelitten haben, als ich durch deine Schuld habe leiden muͤssen, und nun leide. Das weibliche Geschlecht ist dazu gemacht, Quaal und Pein zu ertragen. Dieß ist ein Fluch, X 4 den den die erste Weibsperson allen ihren nachfolgen- den Toͤchtern erblich hinterlassen hat, da sie den Fluch uͤber uns alle brachte. Und sie haben die- jenigen am liebsten, es sey Mann oder Kind, die ihnen am meisten Quaal machen. ‒ ‒ Aber soll- test du einen solchen Geist, als ich habe, uͤber dei- ne verdammte Spannbank ziehen! ‒ ‒ Keine Folter, keine Marter, kann meiner Marter gleich seyn! Muß ich noch erst auf die Ruͤckkunft eines andern Bothen warten? Der Henker hole dich, boshaftiger Teufel! Jch moͤchte nur wuͤnschen, daß du ein Postpferd waͤrest und ich auf deinen Ruͤcken saͤße! Wie wollte ich peitschen und spor- nen und deine traͤge Seiten aufreißen, bis ich dich zu einem voͤllig gerosteten, voͤllig geschundenen Gerichte fuͤr eine Hundemahlzeit machte, daß alle Hunde in der Grasschaft, so wie ich dich forttrie- be, hinter dir her heulen follten, auf mein Abstei- gen zu warten, damit sie dich in kleine Stuͤcke zerreißen und so auf einmal verzehren moͤchten, wenn sich noch jedes zerpreßtes Mundvoll vom Leben bewegte! Gieb diesem Kerl die Fortsetzung von deiner quaͤlenden Schreiberey. Fertige ihn damit ei- ligst ab. Du hast versprochen, daß sie bereit seyn soll. Jedes Kuͤssen, oder jeder Stuhl, worauf ich sitzen, das Bette, worinn ich liegen werde, wo ich ja zu Bette gehe, wird mit gerade aufgerich- teten Pfriemen, Haarnadeln, Pfloͤcken und Pack- nadeln ausgestopfet seyn. Jch kann mir bereits vor- vorstellen, daß, wenn mein Leib so, wie mein Ge- muͤth, durchbohret werden soll, ich nur in ein gro- ßes Faß, das mit eisernen Stacheln von staͤhler- nen Spitzen ausgeschlagen ist, eingesteckt, und ei- nen Berg, der dreymal so hoch ist, als die Seu- le zu London, das Denkmaal genannt, herunter gerollt werden darf. Jedoch ich verliere hiedurch nur Zeit: wie- wohl ich nicht weiß, wie ich sie hinbringen soll, bis dieser Kerl mit dem Verfolg deiner innigstquaͤ- lenden Nachrichten zuruͤckkommt. Der drey und vierzigste Brief von Hrn. Belford an Hrn. Robert Lovelace. Montags, Abends, den 17ten Jul. D a ich wieder in Rowlands Haus kam: be- fand ich, daß der Apotheker eben hinauf gegangen war. Weil Rowlands Frau mit ihm eben war: so machte ich mir desto weniger Be- denken, auch hinauf zu gehen. Denn es war hoͤchstwahrscheinlich, daß, wenn ich erst um Er- laubniß bitten ließe, es eben so gut seyn wuͤrde, als wenn ich abgewiesen zu werden verlangte: und außerdem hoffete ich, daß die Briefe, welche ich bey mir hatte, mir eine gute Entschuldigung an die Hand geben wuͤrden. X 5 Sie Sie saß zur Seiten des zerbrochenen Ruhe- bettes, ausnehmend schwach und niedergeschlagen, und hatte nicht Lust, wie ich bemerkte, mit dem Manne zu reden. Es war auch kein Wunder. Denn ich habe niemals einen aͤrgerlichern Kerl, von einem leidlich artigen Stande, gesehen, nie- mals einen unwissendern schwatzen gehoͤrt ‒ ‒ Der ordentliche Arzt von diesem und andern der- gleichen Haͤufern, wie ich vermuthe! Mir fiel dabey Otways Apotheker in seinem Cajus Ma- rius ein: Betruͤbt und mager sah er aus; Schon bis auf Mark und Bein hinaus War ihm die Duͤrftigkeit gegangen; Der Hunger saß auf beyden Wangen; Noth und Bedruck kam aus den Blicken Jn seinen Augen klar herbey; Veraͤchtlichkeit und Betteley Hing hinter ihm auf seinem Ruͤcken; Die Welt war nicht sein Freund, Und ihr Gesetz sein Feind. Weil ich schwarz gehe: so glaube ich, sahe er mich, indem ich herein trat, fuͤr einen Doctor an, und schlich hinter mich, mit seinem Huthe auf beyden Daumen. Er sahe nicht anders aus, als wenn er nur erwartete, daß sich das Orakel aufthun und ihm Verhaltungsbesehle geben sollte. Die Fraͤulein warf misvergnuͤgte Blicke so wohl auf mich, als auf Rowland, der mir folgte, und und auf den Apotheker. Es waͤre nicht das ge- ringste unter ihrem gegenwaͤrtigen Ungluͤck, sprach sie, daß sie nicht Personen von ihrem eignen Ge- schlechte uͤberlassen seyn, und die freye Wahl ha- ben koͤnnte, zu sehen, wen es ihr zu sehen be- liebte. Jch bat sie um Entschuldigung, und winkte dem Apotheker, wegzugehen, welches er that. Jch vermeldete ihr hierauf, daß ich in ihrer neu- en Wohnung gewesen waͤre, damit man alles be- reit halten sollte, sie zu empfangen: weil ich ver- muthete, sie wuͤrde es fuͤr das beste halten, dahin zu gehen. Zu dem Ende haͤtte ich eine Saͤnfte vor der Thuͤre. Herr Smith und seine Frau; ich nannte mit Fleiß ihre Namen, damit sie nicht Ursache haben sollte, sich im geringsten vor Sin- clairs Hause zu fuͤrchten; waͤre ihrer Sicherheit wegen voller Sorge gewesen. Jch haͤtte zween Briefe bey mir, welche dort fuͤr sie abgegeben waͤren: der eine von der Post, der andere erst heute fruͤhe. Dieß machte sie aufmerksam. Sie reckte ihre schoͤne Hand aus, nahm die Briefe, und druͤck- te sie an ihre Lippen ‒ ‒ Von der einzigen Freundinn, die ich auf der Welt habe! sagte sie dabey, kuͤßte sie noch einmal, und sahe die Sie- gel an, als wenn sie zusehen wollte, ob sie auch offen gewesen waͤren. Jch kann sie nicht lesen, setzte sie hinzu: meine Augen sind zu dunkel; und steckte sie in ihren Busem. Jch Jch bat sie, darauf bedacht zu seyn, daß sie das jaͤmmerliche Loch verlassen moͤchte. Wohin koͤnnte sie gehen, war ihre Frage, fuͤr den kurzen Ueberrest ihres Lebens sicher und ungestoͤrt zu seyn, und neuen Besuchen von de- nen Weibsleuten, die ihren Spott vorher mit ihr getrieben haͤtten, zu entgehen? Jch gab ihr die feyerlichsten Versicherungen, daß sie in ihrer neuen Wohnung von keiner See- le sollte beunruhigt werden, und ich meine Ehre insbesondere dafuͤr zum Pfande setzen wollte, daß diejenige Person, von der sie am meisten be- leidigt waͤre, nicht, ohne ihre eigne Ein- willigung, zu ihr kommen sollte. Jhre Ehre, mein Herr! Sind sie nicht des Menschen Freund? Jch bin kein Freund, gnaͤdige Fraͤulein, von seinen schaͤndlichen Handlungen gegen das vor- trefflichste Frauenzimmer auf der Welt. Schmeicheln sie mir, mein Herr? Hiernaͤchst sind sie ja eine Mannsperson ‒ ‒ Aber o! mein Herr, was hat ihr Freund, ihr unmenschlicher Freund, nicht zu verantworten! ‒ ‒ Jndem sie dieß sagte: reckte sie ihren Kopf mit großem Ernst hervor. Sie brach aber damit ab. Das Herz ward ihr schwer und war zu voll. Sie hielte ihre Hand uͤber die Augen und uͤber die Stirn: und die Thraͤnen fielen tropfenweise durch ihre Fin- ger. Es schien, als wenn ihr deine unmensch- liche liche Grausamkeit so empfindlich war, als Caͤ- sarn der Stich von seinem Liebling, Brutus! Ob sie gleich so sehr in Unordnung war: so dachte ich doch, daß ich diese Gewogenheit nicht vor- beylassen wollte, eure Unschuld an diesem schaͤnd- lichen Verhaft zu betheuren. Man kann den ungluͤcklichen Menschen un- moͤglich in irgend einer von den ehrlosen Hand- lungen gegen sie vertheidigen, gnaͤdige Fraͤulein: aber an dieser letzten Gewaltthaͤtigkeit ist er, bey allem, was gut und heilig heißt, unschuldig! O elende Leute! Wie seltsam ist das maͤnn- liche Geschlecht! ‒ ‒ Fuͤhren sie denn alle eine Sprache? Was gut und heilig heißt! ‒ ‒ Wo sie einen Eid, oder ein Geluͤbde, oder eine Be- schwoͤrung finden koͤnnen, mein Herr, wodurch meine Ohren nicht zwanzig mal an einem Tage beleidigt sind: so moͤgen sie dieselbe aussprechen; und dann mag ich wieder einer Mannsperson glauben. Diese Worte ruͤhrten mich uͤber alle Maaße: weil ich wußte, wie niedertraͤchtig du gewesen warest, und was sie deswegen fuͤr Ursache hatte, so zu reden. Aber sagen sie, mein Herr; denn mich deucht, ich wollte gern, daß der elende Mensch nicht ei- ner so poͤbelhaften Niedertraͤchtigkeit faͤhig seyn moͤchte! ‒ ‒ Sagen sie, daß er an dieser letzten Schandthat unschuldig sey? Koͤnnen sie das mit Wahrheit sagen? So wahr Gott im Himmel lebt! ‒ ‒ Ey, Ey, mein Herr, wo sie schwoͤren: so muß ich ein Mistrauen in sie setzen. ‒ ‒ Halten sie selbst ihr Wort fuͤr unzulaͤnglich: wie kann ich mich denn auf ihren Eid verlassen! ‒ ‒ O daß mir diese Erfahrung nicht so theuer zu stehen gekom- men waͤre! Sollte ich aber tausend Jahr leben: so wuͤrde ich allemal die Wahrhaftigkeit eines Schwoͤrers fuͤr verdaͤchtig halten. Entschuldi- gen sie mich, mein Herr! Allein ist es wohl glaub- lich, daß derjenige, welcher so frey mit seinem Gott verfaͤhret, sich bey seinen Mitgeschoͤpfen uͤber irgend etwas, das zu seinem Zweck dienen mag, ein Bedenken machen werde? Dieß war ein sehr ruͤhrender Verweis. Jch halte auf mein Wort, gnaͤdige Fraͤu- lein, sprach ich; ich halte darauf, wie einem Ca- vallier zustehet: und wo ich es ihnen jemals breche ‒ ‒ Zuͤrnen sie nicht uͤber mich, mein Herr. Es geht mir nahe, daß ich die Wahrheitsliebe eines Cavalliers in Zweifel ziehen soll. Aber ihr Freund nennt sich einen Cavallier ‒ ‒ Sie wissen nicht, was ich von einem. Cavallier gelit- ten habe. ‒ ‒ Und darauf weinte sie wieder. Jch wuͤrde ihnen vollkommenen Beweis ge- ben, gnaͤdige Fraͤulein, wenn es ihre Betruͤbniß und ihr niedergeschlagenes Gemuͤth litte, daß er an dieser unmenschlichen Schandthat kein Theil hat, und sie so uͤbel empfindet, als sie billig zu empfinden ist. Es Es mag seyn, mein Herr, versetzte sie mit heftiger Lebhaftigkeit: er wird seine Rechenschaft sonst irgendwo, nicht mir, zu geben haben. Es wuͤrde mir nicht unangenehm seyn, wenn ich ihn im Stande befaͤnde, seine Gesinnung in diesem Vorfall zu rechtfertigen. Lassen sie ihn nur dieß einzige wissen, mein Herr, daß ich eben damals, da sie mich in bitterem Kummer uͤber sein un- verschuldetes Verfahren mit mir die heftigsten Klagen fuͤhren gehoͤret haben; eben in dem Au- genblick, da ich so geruͤhret gewesen bin; noch die- ses habe sagen koͤnnen; und niemals hatte ich eine so ernstliche und ruͤhrende Erhe- bung der Haͤnde und Augen gesehen: Gieb ihm, gnaͤdiger Gott! Buße und Besserung, da- mit ich die letzte arme Person seyn moͤge, die durch ihn ungluͤcklich gemacht seyn soll! ‒ ‒ Und zu rechter, zu dir gefaͤlliger Zeit, nimm den elen- den Menschen, der gegen mich keine Barmher- zigkeit gehabt hat, zu deiner Gnade und Barm- herzigkeit auf! Bey meiner Seele, ich konnte nicht sprechen. ‒ ‒ Sie hatte ihre Bibel nicht umsonst vor sich. Jch ward gezwungen, mein Gesicht wegzu- kehren, und mein Schnupftuch auszuziehen. Was ist dieß fuͤr ein Engel! ‒ ‒ Selbst der Kerkermeister und seine Frau und Magd, weinten. Noch einmal wuͤnsche ich, daß du da gewe- sen, daß du zu ihren Fuͤßen niedergesunken waͤ- rest, rest, und den Augenblick die Frucht ihrer edelmuͤ- thigen Wuͤnsche fuͤr dich eingeerndtet haͤttest: so wenig du auch etwas anders, als das Verderben, verdienet hast! Jch stellte ihr vor, sie wuͤrde da, wo sie itzt waͤre, weniger von solchen Besuchen, die ihr nicht gefielen, frey seyn, als in ihrer eignen Wohnung. Jns besondre wuͤrde es ihr nach aller Wahr- scheinlichkeit, den Besuch von jemand zuzie- hen, der sonst, wie ich Buͤrge seyn wollte; ich durfte aber nicht wieder schwoͤren, nachdem sie mir einen so harten Verweis desfalls gegeben hatte; ohne ihre Einwilligung nicht zu ihr kommen soll- te. Jch bezeugte, wie sehr ich mich wunderte, daß sie nicht geneigt waͤre, einen solchen Ort, als dieser, zu verlassen: da es doch mehr als wahr- scheinlich waͤre, daß einige von ihren Freunden, wenn sie erfuͤhren, wie uͤbel sie sich befaͤnde, sie besuchen wuͤrden. Der Ort, sagte sie, waͤre ihr in der That, als man sie zuerst dahin gebracht, sehr aͤrgerlich und zuwider gewesen. Allein sie haͤtte sich so schwach und uͤbel befunden, und ihr Kummer haͤtte sie so niedergeschlagen, daß sie nicht vermu- thet, bis itzo zu leben. Daher waͤren ihr alle Oerter gleichguͤltig gewesen. Denn in einem Gefaͤngnisse sterben, waͤre sterben, und eben so angenehm, als in einem Palast sterben, Palaͤste, sagte sie, koͤnnten fuͤr einen Sterbenden keine Rei- zungen haben. Weil sie aber nunmehr besorgte, sie wuͤrde nicht so bald aufgeloͤset werden, als sie ge- hoffet hoffet haͤtte; weil sie ferner hier so wenig sich selbst gelassen waͤre; und weil sie endlich durch die Verwechselung dieses Ortes die Bequemlich- keit haben moͤchte, die Briefe ihrer theuresten Freundinn leichter zu bekommen: so wollte sie hoffen, sie wuͤrde sich auf die Versicherungen, welche ich ihr gaͤbe, verlassen koͤnnen, daß sie die Freyheit haͤtte, zu ihrer letztern Wohnung zuruͤck- zukehren; sonst wollte sie sich mit andern Zim- mern aufs neue versehen, die so wenig in meiner, als eurer Kundschaft waͤren. Sie haͤtte das Vertrauen, ich wuͤrde ein allzu rechtschaffener Cavallier seyn, als daß ich Theil daran nehmen sollte, sie zu dem Hause zuruͤck zu bringen, wel- ches sie so viele Ursache zu verabscheuen haͤtte, und wohin sie vorher betruͤgerischer Weise, auf die schaͤndlichste Art, zu ihrem Ungluͤck gebracht waͤre. Jch versicherte sie mit den nachdruͤcklichsten Worten, aber schwur nicht, daß ihr euch ent- schlossen haͤttet, ihr nicht beschwerlich zu fallen. Zu einem Beweise von der Aufrichtigkeit meiner Erklaͤrungen bat ich sie, mir, auf meines Freun- des ausdruͤckliches Verlangen, Befehl zu geben, daß alle ihre Kleider, und was ihr sonst zugehoͤr- te, zu ihrer neuen Wohnung gesendet wuͤrden. Hieruͤber schien sie vergnuͤgt zu seyn, und gab mir alsobald ihre Schluͤssel aus der Tasche. Sie fragte mich, ob Frau Smithen, die ich ge- nannt haͤtte, nicht zu mir kommen duͤrfte? Sie wollte ihr weiter Nachricht und Anweisung ge- Sechster Theil. Y ben. ben. Jch willigte mit Vergnuͤgen darein: und hierauf erklaͤrte sie sich, daß sie die Saͤnfte, wel- che ich ihr angeboten haͤtte, annehmen wollte. Jch ging hinaus: und bediente mich der Gelegenheit, mich gegen Rowland und seine Magd guͤtlich zu beweisen. Denn die Fraͤulein hatte in Betrachtung dessen, was sie waren, an ihrem Bezeigen nichts auszusetzen: und der Kerl scheint jaͤmmerlich arm zu seyn. Jch schickte auch nach dem Apotheker, der eben so arm ist, als der Kerkermeister; ja ich darf wohl sagen, noch aͤrmer, in Ansehung der Wissenschaft, die zu seinem Geschaͤffte erfordert wird; und befriedigte ihn besser, als er gehoffet hatte. Die Fraͤulein versuchte, nachdem ich weg- gegangen war, die Briefe zu lesen, welche ich ihr gebracht hatte. Aber sie konnte nur ein kleines Stuͤck von dem einen lesen, und gerieth uͤber den- selben sehr in Bewegung. Sie vermeldete dem Weibe, daß sie alsobald Gelegenheit nehmen wollte, ihrer aller Muͤhe zu verguͤtigen, und den Apotheker zu befriedigen, welcher seine Rechnung zu ihrer Wohnung sen- den moͤchte. Der Magd gab sie etwas: vermuthlich die einzige halbe Guinea, die sie hatte. Und sodann kam sie mit großer Muͤhe die Treppen hinunter: indem ihre Fuͤße unter ihr zitterten, und Row- lands Weib ihr zu einer Stuͤtze diente. Jch reichte ihr meinen Arm. Sie ließ sich gefallen, sich darauf zu lehnen. Jch besorge, mein mein Herr, sprach sie im Gehen, daß ich unhoͤf- lich gegen sie gewesen bin: allein, wenn sie alles wuͤßten; so wuͤrden sie mir vergeben. Jch weiß genug, gnaͤdige Fraͤulein, mich zu uͤberfuͤhren, daß keine so unbefleckte Tugend und Ehre in irgend einem Frauenzimmer auf der Welt ist, und keines, mit dem so unmenschlich umgegangen waͤre. Sie sahe mich sehr ernstlich an. Was sie denken mochte, das kann ich nicht sagen: aber uͤberhaupt habe ich niemals so viel Geist in eines Frauenzimmers Augen gesehen, als in ihren. Jch befahl meinem Bedienten, der wegen der Trauer weniger dafuͤr angesehen werden konnte, und der Fraͤulein nicht vor Augen gekom- men war, die Saͤnfte im Gesichte zu behalten, und mir Nachricht zu bringen, wie sie sich be- faͤnde, wenn sie ausstiege. Der Kerl hatte den Einfall eben in den Laden zu treten, ehe die Saͤnf- te hineinkam, unter dem Vorwand, Schnupfta- back zu kaufen: und also war er im Stande, mir eine Nachricht zu geben, daß sie von der gu- ten Frauen im Hause mit großer Freude empfan- gen worden, und diese ihr gesagt haͤtte, sie waͤre eben erst zu Hause gekommen und im Begriff gewesen, ihr in High-Holborn aufzuwarten ‒ ‒ O Frau Smithen, waren die Worte der Fraͤu- lein, so bald sie dieselbe sahe, dachten sie nicht, daß ich davon gelaufen waͤre? ‒ ‒ Sie wissen nicht, was ich ausgestanden habe, seit dem ich sie zu- letzt gesehen. Jch bin in einem Gefaͤngnisse ge- Y 2 wesen! wesen! ‒ ‒ Wegen Schulden, die ich nicht er- kenne, in Verhaft gezogen! ‒ ‒ Aber Gott sey Dank, daß ich wieder hier bin! ‒ ‒ Wollen sie ihrem Maͤgdchen erlauben ‒ ‒ Jch habe ihren Namen schon vergessen ‒ ‒ Cathrine, Madame ‒ ‒ Wollen sie Catharine mir zu Bette helfen lassen? ‒ ‒ Jch habe meine Kleider seit Don- nerstag Abends nicht vom Leibe gehabt. Was sie weiter sagte, das hoͤrte der Kerl nicht: weil sie sich auf das Maͤgdchen stuͤtzte, und die Treppen hinauf ging. Allein bemerkest du nicht, was fuͤr eine wun- derbare, was fuͤr eine außerordentliche Offenher- zigkeit in dieser Fraͤulein herrschet. Sie waͤre in einem Gefaͤngnisse gewesen, sagte sie vor einem Fremden in dem Laden und vor dem Maͤgd- chen: und so wuͤrde sie, nach wahrscheinlicher Vermuthung, gesagt haben, wenn auch zwanzig Leute in der Bude gewesen waͤren. Die Schande, welche sie vor sich selbst nicht verbergen kann, wie sie in ihrem Briefe an die Lady Elisabeth saget, bemuͤht sie sich nicht, vor der Welt zu verheelen! Aber dieß zeigt mir offenbar, daß sie sich vorgenommen hat, deiner auf keine Art zu scho- nen. Da sie dennoch im Stande ist, ein solches Gebeth fuͤr dich abzulassen, als sie in ihrem Ge- faͤngnisse that; ich will der Gefaͤngnißkammer oft erwaͤhnen, dich zu quaͤlen: zeiget denn das nicht, daß die Rache sehr wenig in ihrem Gemuͤ- the the herrsche; ob sie gleich so gebuͤhrlich zuͤrnen kann? Dieß ist ein anderer unvergleichlicher Vorzug an dieser bewundernswuͤrdigen Fraͤulein. Denn haben wir wohl vorher jemand unter dem ganzen weiblichen Geschlechte, oder auch dem unfrigen angetroffen, der gewußt haͤtte, wie man im Werk und in der Ausuͤbung zwischen Rache und Unwillen uͤber niedertraͤchtige und undankbare Begegnung einen Unterscheid machen muͤßte? Bey dem allen ist es ein verfluchtes Ding, daß einem solchen Frauenzimmer, als dieß ist, so hat begegnet werden sollen, wie ihr begegnet ist. Waͤrest du ein Koͤnig gewesen, und haͤttest gegen eine so wohlverdiente und unschuldige Per- son so gehandelt, als du gehandelt hast: so, glau- be ich nach meinem Gewissen, wuͤrde es dem ganzen Volk zur Suͤnde zugerechnet seyn, und muͤßte durch Schwerdt, Pest oder Hunger seyn gebuͤßet worden! ‒ ‒ Aber da du keine oͤffentli- che Person bist: so wirst du gewiß, außer dem, was du von der Gerechtigkeit deines Landes, und der Rache ihrer Freunde, erwarten magst, nach diesem deine Strafe, wie sie ihre Belohnung, finden. Es muß nothwendig so seyn: wo wirklich eine kuͤnftige Belohnung vorhanden ist. Jch werde aber nun immer mehr und mehr uͤberzeu- get, daß sie statt haben muß ‒ ‒ Wie hart ist sonst ihr Schicksal: da ihre Strafe, allem Anse- hen nach, so viel zu groß fuͤr ihren Fehltritt ist? Y 3 Und Und was dein Verbrechen betrifft: wie kann wohl deine abscheuliche Bosheit gegen sie, wodurch du alle natuͤrliche und goͤttliche Verbindlichkeiten gebrochen hast, durch ein zeitliches Feuer, wenn du etwa durch einen Zufall in deinem Bette von der Flamme verzehret wuͤrdest, gebuͤßet werden? Jch hatte mir vorgenommen, keine Zeit zu versaͤumen, daß der Fraͤulein alles, was ihr in dem Hause des verfluchten Weibes zugehoͤrte, gesendet wuͤrde. Zu dem Ende nahm ich eine Kutsche fuͤr Frau Smithen, ließ der Fraͤulein meine Empfehlung hinauf sagen, und mich er- kundigen, wie sie sich nach der Veraͤnderung des Orts befaͤnde, und brachte es dahin, so uͤbel sie sich auch befand, wie sie mir herunter sagen ließ, daß sie der Frau Smithen gehoͤrige Anweisung gab. Diese Frau nahm ich mit mir zu Sin- clairs Hause: und sie sahe zu, wie alles ausge- nommen, in eben die Kisten und Kasten, worinn es anfangs hingebracht war, geleget, und auf zween Wagen weggefuͤhret wurde. Waͤre ich nicht da gewesen: so wuͤrden Sa- rah und Marichen, jede etwas, als einen Raub von der armen Fraͤulein fuͤr sich behalten haben. Dieß sagten sie frey heraus: und ich hatte Muͤhe ein Kopfzeug von Bruͤßler-Spitzen wieder von Sarah zuruͤck zu bekommen. Sie hatte die Dreistigkeit, sich verlauten zu lassen, daß sie es der Fraͤulein Harlowe zu Ehren tragen woll- te. Weder ich, noch Frau Smithen, sollten et- was was davon gewußt haben, daß sie es genommen: wenn sie nicht nach den Manschetten, die dazu gehoͤrten, gesucht haͤtte. Mein Unwillen bey dieser Gelegenheit, und die Unterredung, welche ich mit Frau Smithen hatte, brachte mir eine sehr gute Meynung bey dieser Frauen zuwege: indem ich nicht allein die Verdienste der Fraͤulein mit vielen Worten ruͤhm- te, sondern auch mein Beyleid uͤber ihr Leiden be- zeugte; ob ichihr gleich Raum ließ, zu vermuthen, daß sie verheyrathet waͤre, jedoch ohne es zu bekraͤf- tigen. Also sind wir schon itzo vollkommen wohl mit einer bekannt. Hiedurch werde ich im Stande seyn, euch von Zeit zu Zeit zu melden, was vor- geht. Das will ich auch sorgfaͤltig thun: wo- fern ich mich nur auf die Erfuͤllung der feyerli- chen Versprechungen, welche ich der Fraͤulein so wohl in eurem, als in meinem Namen, gethan habe, verlassen kann, daß sie von aller persoͤnli- chen Belaͤstigung von euch frey seyn soll. Und so wird es in meiner Gewalt seyn, auf gleiche Art eure Gefaͤlligkeit im Schreiben wieder zu vergelten, und außer dem meine Fertigkeit, mit Abkuͤrzungen zu schreiben, welche ich bis auf die- sen Briefwechsel sehr aus der Acht gelassen hatte, zu erhalten. Jch befahl den verruchten Weibsleuten, eure Rechnung auszusetzen. Das wollten sie thun, war ihre Antwort, und sich dabey raͤchen. Jn der That belebet sie nichts, als Rache. Denn nun, sagen sie, werdet ihr gewiß heyrathen, und Y 4 eurem eurem Beyspiel werden alle eure Freunde und Mitgesellen folgen ‒ ‒ wie die Alte sagt, zum aͤußersten Ungluͤck ihres armen Hauses. Der vier und vierzigste Brief von Hrn. Belford an Herrn Robert Lovelace. Dienstags, fruͤhe um sechse, den 18ten Jul. W eil ich spaͤt gesessen habe, meinen Brief bis zu dem obigen Absatze zu vollenden und zu versiegeln, damit er in Bereitschaft waͤre: so bin ich eher, als ich aufzustehen wuͤnschte, durch die Ankunft deines zweyten Bothens, an wel- chem alles, wie an seinem Pserde, rauchete, ge- stoͤret worden. Unter der Zeit, da er ein wenig zur Erfri- schung zu sich nimmt, will ich noch ein paar Zei- len schreiben, dir von Herzen zu deiner Wuth und Ungedult, die ich erwartet habe, und zur Wiedererlangung des Gefuͤhls in deinem Gemuͤ- the, Gluͤck zu wuͤnschen. Wie sehr vergnuͤgt mich die Vorstellung, die du mir durch deine aufgerichtete Pfriemen, Haarnadeln, Pfloͤcke und Packnadeln, durch dein rollendes Faß mit eisernen Stacheln, und durch deine deine zerstochene Seiten, von deiner verdienten Marter giebest! Jch will bey jeder Gelegenheit, die sich dar- bietet, mehr Stacheln in dein Faß schlagen, und dich Berg ab, und auf, rollen, wie du wieder zu Gefuͤhl kommst, oder vielmehr wieder unem- pfindlich wirst. Du weißt also die Bedingun- gen, unter welchen du den Briefwechsel mit mir haben sollst. Bin ich nicht berechtiget, dein bis- her schwielichthartes Herz, wo moͤglich, zu Re- gungen des Gewissens zu erweichen: da ich be- staͤndig, bey dem ganzen Verlauf der Sache, und beyzeiten, wider deine unmenschliche und un- dankbare Treulosigkeit gegen ein so edles Frauen- zimmer, Vorstellungen gethan habe? Nur muß ich dir eines noch einmal nach- druͤcklich vorhalten, wovon ich vorher vielleicht zu sehr obenhin Erwaͤhnung gethan. Die Fraͤu- lein ist bloß durch meine feyerliche Versicherun- gen, daß sie sich fest darauf verlassen koͤnnte, sie wuͤrde von euren Besuchen frey seyn, gewonnen worden, sich nicht zu einer neuen Wohnung zu begeben, wo weder ihr noch ich im Stande seyn sollten, sie zu finden. Jch glaubte, daß ich ihr diese Versicherun- gen geben moͤchte: nicht allein, weil ihr es ver- sprochen habt; sondern auch weil es fuͤr euch noͤ- thig ist, ihren Aufenthalt zu wissen, damit ihr euch durch eure Freunde an sie wenden koͤnnet. Setze mich daher in den Stand, ihr diese meine feyerlichen Verbindungen zu leisten: oder Y 5 gute gute Nacht, auf ewig, aller Freundschaft, wenig- stens allem Briefwechsel, mit dir. J. Belford. Der fuͤnf und vierzigste Brief von Herrn Belford an Herrn Robert Lovelace. Dienstags, den 18ten Jul. Nach- mittags. J ch ließ mich heute fruͤhe wieder nach dem Be- finden der Fraͤulein durch meinen Bedien- ten erkundigen: und so bald als ich zu Mittage gegessen hatte, ging ich selbst hin. Jch bekam nur schlechte Nachricht: jedoch ließ ich meine Empfehlung hinauf sagen. Sie ließ mir dagegen fuͤr alle meine Hoͤflichkeiten Dank abstatten, und sich entschuldigen, daß sie es zu der Zeit eben nicht in Person thun koͤnnte, weil sie sehr schwach und matt waͤre: wenn ich mich aber diesen Abend um sechse bemuͤhen woll- te, so hoffete sie im Stande zu seyn, ein Schaͤl- chen Thee mit mir zu trinken und mir alsdenn selbst zu danken. Jch mache mir eine große Ehre aus dieser Gefaͤlligkeit, und glaube, daß es fuͤr euch nicht uͤbel aussieht, da ich ihr als ein Freund von euch bekannt bin. Mich deucht, ich muß nur alle Zwei- Zweifel wider euch, wegen dieser letzten schaͤndli- chen Handlung, aus ihrem Gemuͤthe vertreiben. Wer weiß alsdenn, was eure edle Verwandten vielleicht bey ihr fuͤr euch ausrichten koͤnnen, wo ihr bey eurer Gesinnung bleibt? Denn euer Be- dienter hat mir erzaͤhlet, daß sie wirklich die Fraͤu- lein Howe zu ihrem und eurem Besten gewon- nen haͤtten, ehe diese verfluchte Sache vorgefal- len waͤre. Jch bitte mir von dir selbst alle Um- staͤnde aus, damit ich desto besser wissen moͤge, wie ich dir dienen koͤnnen. Die Fraͤulein hat hier zwey artige Zimmer, eine Schlafkammer und einen Saal, und bey je- dem ein helles Closet. Sie hat schon eine Waͤr- terinn; weil die Leute im Hause nur eine Magd haben; ein Weib, deren Sorgfalt, Fleiß und Ehrlichkeit Fr. Smithen sehr ruͤhmet. Außer dem hat sie auch den Vortheil, daß ihr eine Wit- we von gutem Herkommen freywillig an die Hand gehet, und sie liebet, wie es scheint. Fr. Lovick ist ihr Name, und sie wohnt uͤber dem Zim- mer der Fraͤulein, welche sehr fuͤr sie eingenom- men scheinet, weil sie etwas an ihr gefunden hat, wie sie denket, das der Gemuͤthsart ihrer wuͤrdi- gen Fr. Norton aͤhnlich ist. Heute fruͤhe um sieben, scheint es, befand sich die Fraͤulein so schlecht, daß sie sich auf aller Verlangen gefallen ließ, nach einem Apotheker zu schicken ‒ ‒ ‒ Nicht nach dem Kerl, kannst du leicht glauben, den sie in Rowlands Hause gehabt hatte: sondern nach einem gewissen Herrn God- Goddard, einem geschickten, ansehnlichen und auch gewissenhaften Manne. Dafuͤr ist er so wohl durch den allgemeinen Ruf bekannt, als er sich auch durch seine Fuͤrschriften, die er dieser Fraͤulein gegeben, selbst so bewiesen hat. Denn da er gesagt, ihr Zufall sey Gram und Traurig- keit: so hat er ihr fuͤr itzo bloß unschaͤdliche Saͤf- te, als Herzstaͤrkungen, und, so bald als es ihr Magen zu leiden im Stande seyn wuͤrde, leichte Nahrungsmittel verordnet, und der Fr. Lovick die Versicherung gethan, daß ihr dieß, nebst der Luft, einer maͤßigen Bewegung, und angeneh- men Gesellschaft, mehr helfen wuͤrde, als alle Arzneymittel in seiner Apotheke. Dieß hat mir eine sehr gute Meynung von dem Manne beygebracht: wie, dem Ansehen nach, auch der Fraͤulein; welche ebenfalls sein sittsa- mes Bezeigen, sein vaͤterliches Wesen, und hoͤf- liche Auffuͤhrung ruͤhmet. Jch bin willens, mich mit ihm bekannt zu machen, und wo er fuͤr rath- sam findet, einen Arzt zu Huͤlfe zu nehmen, ihm meinen werthen Freund Dr. H. mehr um der schoͤnen Kranken, als um des Arztes willen, dem es nicht an Kundschaft fehlet, vorzuschlagen. ‒ ‒ Der Ruf desselben ist so beschaffen, daß nicht das geringste daran auszusetzen ist: und seine Leutse- ligkeit, bin ich versichert, wird ihn bey der Fraͤu- lein vorzuͤglich angenehm machen. Fr. Lovick hat mir den Gefallen erwiesen, mir den Jnhalt eines Briefes an Fraͤulein Ho- we mitzutheilen, den ihr die Fraͤulein in die Fe- der der gegeben hatte, weil sie selbst nicht mit fester Hand schreiben koͤnnen. Es war eine Antwort, wie es scheint, auf ihre beyden Briefe, was diese auch in sich halten mochten, und begriff folgen- des: „Sie waͤre in ein schreckliches Ungluͤck ver- „wickelt gewesen, welches sie, wenn es ihrer Freun- „dinn bekannt waͤre, von den Wirkungen ihres „freundschaftlichen Misvergnuͤgens uͤber ihr bis- „heriges Stillschweigen freysprechen wuͤrde: in- „dem sie in Verhaft gesessen haͤtte. ‒ ‒ Haͤtte sie „das wohl glauben koͤnnen? ‒ ‒ Sie waͤre erst „des Tages vorher freygekommen: und itzt so „schwach und matt, daß sie genoͤthigt waͤre, eine „ehrbare Witwe in eben dem Hause zu ersuchen, „von ihrem Stillschweigen auf die beyden Briefe „vom 13ten und 16ten auf diese Art Rechenschaft „zu geben. So bald als sie im Stande seyn „wuͤrde, wollte sie auf dieselben antworten. Un- „terdessen baͤte sie, ihre Freundinn moͤchte sich „ihretwegen keinen Kummer machen: indem „dieß nur ein Ungluͤcksfall gewesen, der sie be- „troffen haͤtte, als sie sich schon im geringsten „nicht wohl befunden; eine Last, die einer elenden „Person auf die Schultern geleget worden, wel- „che bereits vorher unter einer allzuschweren „Buͤrde beynahe gesunken waͤre; und gar nichts „gegen das Uebel, welches sie vorher erduldet „haͤtte. Es schiene auch vermuthlich eine Gluͤck- „seligkeit daraus zu entstehen; daß sie naͤmlich in „einem ehrlichen Hause, bey klugen und guͤtigge- „sinnten „sinnten Leuten, in Ruhe seyn wuͤrde: weil ihr „die Versicherung gegeben waͤre, daß der elende „Mensch, dessen Anblick der Tod fuͤr sie seyn wuͤr- „de, ihr nicht beschwerlich fallen sollte. Daher „duͤrfte die Fraͤulein Howe ihre Briefe nicht „mehr durch geheime und kostbare Wege uͤber- „senden. Auch Collins duͤrfte keine Vorsichtig- „keit weiter gebrauchen, aus Furcht, daß ihm zu „ihrer Wohnung nachgelauret wuͤrde. Jhre „Freundinn selbst haͤtte endlich ebenfalls nicht Ur- „sache laͤnger unter einem angenommenen Na- „men ihre Zuschrift an sie zu richten: sondern „koͤnnte unter ihrem wirklichen Namen schrei- „ben.“ Jhr sehet, daß ich wirklich in dem Gleiße bin, euch einen Dienst zu erweisen. Jhr sehet, wie viel sie auf meine Verpflichtung, daß ihr euch nicht in ihre Gesellschaft eindraͤngen sollet, baue. Laßt eure hitzige Ungedult nicht alles verderben, und nicht verursachen, daß ich fuͤr ei- nen Betruͤger bey einer Fraͤulein angesehen wer- de, die Ursache hat, eine jede Mannsperson, die ihr zu Gesichte kommt, als einen solchen in Verdacht zu haben. ‒ ‒ Unter dieser Bedin- gung moͤcht ihr alle Dienste erwarten, die aus wahrer Freundschaft kommen koͤnnen, und von Eurem aufrichtig wohlwuͤnschenden Joh. Belford. Der Der sechs und vierzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Dienstags, Abends, den 18ten Jul. J ch bin eben von der Fraͤulein gekommen. Jch ward in den Saal gelassen, wo sie, in ei- nem sehr schwachen und matten Zustande, in ei- nem Lehnstuhl saß. Sie bemuͤhete sich, aufzu- stehen, als ich hinein trat: aber war gezwungen, sitzen zu bleiben. Sie werden mich entschuldi- gen, Herr Belford: ich sollte aufstehen, ihnen fuͤr alle ihre Hoͤflichkeit gegen mich Dank zu sa- gen. Jch bin tadelnswuͤrdig gewesen, daß ich den betruͤbten Ort so ungern verlassen wollte. Denn hier bin ich im Himmel, gegen dort: und habe noch dazu gute Leute um mich! ‒ ‒ Jch habe lange, lange Zeit vorher, keine gute Leute um mich gehabt, so daß ich anfing mich zu wun- dern; dieß sagte sie mit einem halben Laͤcheln; wo sie alle hin gekommen waͤren. Jhre Waͤrterinn und Fr. Smithen, welche gegenwaͤrtig waren, nahmen Gelegenheit, abzu- treten. Als wir alleine waren: sprach sie: Sie scheinen ein Freund der Leutseligkeit, mein Herr. Sie ließen sich merken, da ich mein Gefaͤng- niß verließ, daß ihnen meine traurige Geschichte nicht ganz unbekannt waͤre. Wo sie dieselbe nach nach der Wahrheit wissen: so muͤssen sie wis- sen, daß mir hoͤchst unmenschlich begegnet ist, und ich es an dem Menschen, durch dessen Haͤn- de ich gelitten, nicht verdienet habe. Jch wuͤßte genug, war meine Antwort, uͤber- zeugt zu seyn, daß sie nach ihrem Verdienst eine Heilige, und nach ihrer reinen Tugend ein Engel waͤre. Jch wollte weiter reden, als sie mich un- terbrach. Keine hochfliegende Schmeicheleyen! Keine ungebuͤhrliche Lobspruͤche, mein Herr! Jch versuchte fuͤr meine Aufrichtigkeit eine Vertheidi- gung zu fuͤhren: indem ich das Wort Hoͤflich- keit auf die Bahn brachte; und zwischen dieser, und der Schmeicheley einen Unterschied machen wollte. Allein, nichts, sagte sie, kann hoͤflich seyn, was nicht gerecht und billig ist. Jtzo ha- be ich keine Eitelkeit mehr zu befriedigen: wenn ich sie etwa sonst ja gehabt haben sollte. Jch lehnte alle Absicht schmeichlerischer Re- den von mir ab. Alles, was ich gesagt haͤtte, und was ich sagen wuͤrde, waͤre die Wirkung einer aufrichtigen Ehrerbietung gewesen, und soll- te es ferner seyn. Meines ungluͤcklichen Freun- des Erzaͤhlung von ihr haͤtte ihr ein Recht dar- auf gegeben. Hierauf erwaͤhnte ich eurer Betruͤbniß, eurer Buße, eurer Entschließungen, es bey ihr, auf alle euch itzo moͤgliche Art, wieder gut zu machen: und betheurte auf das feyerlichste eure Unschuld, in Ansehung der letzten schaͤndlichen Beschim- pfung. Es Es ist mir eine Quaal, versetzte sie, an ihn zu gedenken. Das wieder gut machen, wovon sie reden, kann nicht statt haben. Die letzte Ge- waltthaͤtigkeit, von der sie sprechen, ist nichts ge- gen das, was vorhergegangen ist. Das kann nicht ausgesoͤhnet; nicht bemaͤntelt werden: diese kann vielleicht; und es wird mir nicht zuwider seyn, wenn ich uͤberfuͤhret werde, daß er einer so sehr niedertraͤchtigen Bosheit nicht schuldig seyn kann. ‒ ‒ Jedoch da er sich der Schande theil- haftig gemacht, fremde Haͤnde faͤlschlich nachzu- ahmen ‒ ‒ da er die Niedertraͤchtigkeit began- gen, untergeschobene Personen aufzustellen: ‒ ‒ was sind denn wohl fuͤr Gottlosigkeiten, wozu er nicht aufgeleget ist? Hiernaͤchst haͤtte ich ihr gern Nachricht von dem Verhoͤr gegeben, das ihr bey euren Freun- den auszustehen gehabt; von eurer schon vorher gefaßten Entschließung, sie zu heyrathen, wenn sie euch mit den vier ausgebetenen Worten be- ehret haͤtte; von dem sehnlichen Verlangen eurer ganzen Familie, die Ehre der Verwandtschaft mit ihr zu haben; von dem Antrage eurer beyden Basen bey der Fraͤulein Howe, mit aller Einwil- ligung, damit diese Fraͤulein sie zu gewinnen suchte: allein, da ich diese Dinge nur eben be- ruͤhrt hatte, wies sie mich kurz ab, und sagte, das waͤre eine Sache, die vor einen andern Richter- stuhl gehoͤrte; die Briefe der Fraͤulein Howe be- traͤffen eben das; und sie wuͤrde ihre Gedanken Sechster Theil. Z an an sie schreiben, so bald als sie nur im Stande waͤre. Darauf versuchte ich noch genauer, euch von allem Verdacht frey zu machen, daß ihr bey dem dienstfertigen Verhast der schaͤndlichen Sinclair eine Hand mit im Spiel gehabt haben solltet. Sie war so edelmuͤthig, daß sie wuͤnschte, euch davon vollkommen befreyet zu sehen: und weil ich des heftigen Briefes, den ihr bey dieser Gele- genheit an mich geschrieben haͤttet, Erwaͤhnung gethan: so fragte sie, ob ich den Brief bey mir haͤtte? Jch gestand, daß ich ihn haͤtte. Sie wuͤnschte, ihn zu sehen. Dieß setzte mich in Verwirrung. Denn ihr muͤßt denken, daß die meisten freyen Dinge, wel- che bey uns liederlichen Bruͤdern fuͤr Witz und Lebhaftigkeit hingehen, fuͤr die Ohren und Augen zaͤrtlicher Personen von dem schoͤnen Geschlecht, aͤrgerliches Zeug seyn muͤssen. Außer dem herrscht durch und durch in deinen ernsthafte- sten Briefen ein so leichtsinniges Wesen, eine so falsche Herzhaftigkeit, mit welcher du dich bemuͤ- hest, die Dinge, die dich am meisten ruͤhren, zu einem Kurzweil zu machen, daß uͤberhaupt dieje- nigen Briefe, welche dir am meisten Ehre ma- chen, und andern eine gute Meynung von dir bey- bringen sollten, am wenigsten bequem sind, gese- hen zu werden. Etwas dem aͤhnliches gab ich der Fraͤulein zu verstehen: und wollte mich gern entschuldigen, ihn ihn zu zeigen. Aber sie bestand so ernstlich dar- auf, daß ich einige Stellen davon zu lesen unter- nahm, und diejenigen, woran das meiste auszu- setzen war, vorbeyzulassen schluͤßig wurde. Jch weiß wohl, du wirst deswegen auf mich fluchen. Allein ich hielte es fuͤr besser, ihr darinn gefaͤllig zu seyn, als selbst verdaͤchtig zu werden, und es so dann nicht in meiner Gewalt zu ha- ben, dir bey ihr zu dienen: da schon ein so guter Grund geleget war, und sie eben so viel boͤses von dir weiß, als ich ihr erzaͤhlen kann. Du erinnerst dich vermuthlich des Jnhalts von deinem rasenden Briefe Siehe den vorhergehenden XXXVII Brief. . Jhre Anmer- kungen uͤber die verschiednen Stellen von demsel- ben, welche ich ihr vorlas, waren folgende: Ueber deine ersten Zeilen, Alles zunichte! zunichte, beym Jupiter! ‒ ‒ Henker, Bru- der, was soll ich nun machen! Ein Fiuch treffe alle meine Raͤnke und Kunstgriffe! druͤckte sie sich so aus: „O wie leichtsinnig ist das Herz, wie wenig „wird es durch das Gefuͤhl von seinen eignen „Verbrechen geruͤhret, das diesen freydenkerischen „Schaum in die Feder geben konnte! Der Absatz, worinn des schaͤndlichen Ver- hafts Erwaͤhnung geschiehet, ruͤhrete sie nicht wenig. Jn dem folgenden ließ ich deinen Fluch uͤber deine Anverwandten, die du bedienen mußt st, Z 2 vor- vorbey, und las die sieben folgenden Absaͤtze, bis auf den abscheulichen Wunsch, der zu anstoͤßig war, daß ich ihn ihr haͤtte vorlesen sollen. Was ich las, das gab ihr zu folgenden Betrachtungen Gelegenheit: „Die Raͤnke und Kunstgriffe, welche er ver- „fluchet, und das Frohlocken der gottlosen Weibs- „leute, da sie mich aufgefunden hatten, zeigen „mir, daß alle seine Vergehungen vorsetzlich ge- „schehen sind. Jch zweifle auch nicht, daß seine „schrecklichen Meineyde und unmenschlichen Kuͤn- „ste, so wie er in seinen Anschlaͤgen nach und nach „fortgegangen, fuͤr feine List, fuͤr ein witziges „Spiel und fuͤr einen Beweis seiner hohen Er- „findungsgaben, angesehen worden! ‒ ‒ O mein „grausamer, grausamer Bruder! waͤre es nicht „um deinetwillen geschehen: so wuͤrde ich nicht „an einen so verderblichen, so veraͤchtlichen Raͤn- „keschmieder gerathen seyn! ‒ ‒ Aber lesen sie „weiter, mein Herr, ich bitte, lesen sie weiter. Bey der Stelle: Kannst du, ungluͤckli- cher Wahrsager, mir auch sagen, wo sich meine Strafe endigen werde? ‒ ‒ seufzete sie. Und als ich an den Ausdruck kam, Viel- leicht betete sie fuͤr meine Besserung, fragte sie: Steht das wirklich da? und seufzete wieder ‒ ‒ Der elende Mensch! ‒ ‒ Sie vergoß auch eine Thraͤne fuͤr dich ‒ ‒ Bey meiner Treue, Lo- velace, ich glaube, sie hasset dich nicht! ‒ ‒ Sie sorget wenigstens, sie sorget auf eine edelmuͤthige Art, Art, fuͤr deine kuͤnftige Gluͤckseligkeit! ‒ ‒ Was fuͤr eine edelgesinnte Person hast du beleidiget! Sie machte eine harte Anmerkung uͤber mich, als ich diese Worte las ‒ ‒ Auf euren Knieen bitter fuͤr mich um Verzeihung ‒ ‒ „Sie „hatten in allen Stuͤcken ihre Vorschrift, mein „Herr, sprach sie, wie sie sich verhalten sollten, da „sie zu mir kamen, mich loszumachen. ‒ ‒ Sie „ließen sich so weit herab, daß sie knieeten. Jch „dachte, es waͤre eine Wirkung von ihrer eignen „Leutseligkeit und ihrem gutherzigen Verlangen, „mir zu dienen. Verzeihen sie mir, mein Herr, „ich wußte nicht, daß sie nur darinn einer gege- „benen Vorschrift folgten.“ Dieß machte mich nicht wenig bekuͤmmert. Jch konnte nicht ertragen, daß ich fuͤr ein so elen- des Werkzeug, das sich als eine Puppe von an- dern regieren laͤßt, fuͤr einen solchen Joseph Leh- mann, einen solchen Tomlinson angesehen wuͤrde ‒ ‒ Daher bemuͤhete ich mich, mit einiger Hitze, diese Anmerkung gaͤnzlich von mir abzulehnen: und sie bat mich wieder um Verzeihung. „Jch „bekennte mich selbst, sprach sie, fuͤr den Freund „von einem Menschen, dessen Freundschaft, wie „sie Ursache haͤtte, ungern zu sagen, keinem eine „gute Meynung bey andern erwerben koͤnnte.“ ‒ ‒ Sie bat mich, weiter zu lesen. Jch that es: aber fuhr hernach nicht viel besser. Denn, Bey der Stelle, wo ihr schreibt, daß ich al- lezeit ihr Freund und Fuͤrsprecher gewesen waͤre, war dieß ihre unbeantwortliche Anmerkung: Z 3 „Jch „Jch finde, mein Herr, nach diesem Ausdruck, „daß er allezeit Absichten wider mich geheget, „und daß sie von Zeit zu Zeit darum gewußt ha- „ben. O haͤtten sie doch die Guͤte gehabt, einen „Weg zu suchen, wodurch ihre eigne Sicherheit „nicht in Gefahr gerathen waͤre, um mir von sei- „ner niedertraͤchtigen Gesinnung Nachricht zu „geben: da sie dieselbe nicht billigten! Aber sie, „als ein Cavallier, vermuthe ich, haͤtten lieber „ein unschuldiges Mitgeschoͤpfe ungluͤcklich ge- „macht gesehen, als daß sie zu einer solchen Hand- „lung aufgelegt scheinen wollten, welche, so edel- „muͤthig sie auch waͤre, wahrscheinlicher Weise „die Bande einer gottlosen Freundschaft zerrissen „haben moͤchte. Nach dieser harten, aber gerechten Erinne- rung, haͤtte ich gern das folgende nicht gelesen: ob ich es gleich unversehens angefangen hatte. Allein sie hielte mich dazu an. Was wollte ich nun darum geben, daß ich euch nicht umsonst eure Fuͤrsprache haͤtte thun lassen! Und dieß war dabey ihre Anmerkung: „So se- „hen sie, mein Herr, wenn sie das gluͤckliche „Werkzeug gewesen waͤren, die mir zugedachten „Uebel zu verhindern, daß sie von ihrem Freun- „de selbst Dank dafuͤr verdient haben wuͤrden, „nachdem er zur Ueberlegung gekommen waͤre. „Dieß Vergnuͤgen, bin ich versichert, wird mit „der Zeit ein jeder haben, der die Tugend aus- „uͤbet, gottlosen Absichten zu widerstehen, oder „vorzubeugen. Jch war ihnen verpflichtet se he „ ich „ ich, fuͤr ihre gute Wuͤnsche. ‒ ‒ Aber es be- „traf, nach ihrem Gedanken, ihre Ehre, sein „Geheimniß zu verschweigen: es betraf vielleicht „desto mehr ihre Ehre; je schaͤndlicher das Ge- „heimniß war. Jedoch erlauben sie mir zu wuͤn- „schen, Herr Belford, daß sie im Stande seyn „moͤchten, die Ergoͤtzungen zu empfinden, welche „in einem guͤtigen Gemuͤthe aus tugendhafter „Freundschast entspringen! ‒ ‒ Keine andere ist „dieses heil. Namens wuͤrdig. Sie scheinen ein „leutseliger Mensch zu seyn: ich hoffe, um ihrer „selbst willen, daß sie noch einmal den Unterschied „ersahren werden. Geschieht es: so denken sie „an Fraͤulein Howe und Clarissa Harlowe; ich „finde, sie wissen viel von meiner Geschichte; „welche durch ihre Freundschaft unter einander „die gluͤcklichsten Personen in der Welt waren, „bis dieser ihr Freund“ ‒ ‒ Hier brach sie ab, und wandte das Gesicht von mir. Wo du dich selbst einen schaͤndlichen Raͤn- keschmieder nennest, da sprach sie: „O was fuͤr „ein verhaͤrteter Boͤsewicht ist dieser Mensch, „daß er sich selbst sein Verbrechen vorhaͤlt, und „sich doch nicht schaͤmet! Bey der Stelle, wo du schreibst, Melde mir, wie man ihr begegnet habe: Wehe dem, der Schuld daran ist, wo man hart mit ihr umgegangen, bemerkte sie folgendes mit ei- ner unwilligen Miene: „Was fuͤr ein Mensch „ist ihr Freund, mein Herr! ‒ ‒ Soll ein sol- „cher Mann, als er ist, sich aufwerfen, die Schul- Z 4 digen „digen zu bestrafen? ‒ ‒ Alle harte Begegnung, „welche mir von jenen widerfahren konnte, war „unendlich geringer “ ‒ ‒ Hiemit hielte sie ei- nen oder zween Augenblicke inne: darauf fuhr sie fort. „Und wer soll ihn denn strafen? Was „maßet sich der elende Mensch an! ‒ ‒ Jst etwa „niemand, als er selbst, berechtiget, die Unschul- „digen zu beleidigen? ‒ ‒ Er ist vermuthlich „auf der Welt, das sein Werk seyn zu lassen, „was der boͤse Feind unten, wie man glaubet, zu „thun hat: allen geringern Werkzeugen der Bos- „heit nach seinem Belieben Strafen zuzuthei- „len!“ Was, dachte ich, habe ich gethan! Jch wer- de gemacht haben, daß der wilde Kerl denkt, ich habe ihm einen Possen spielen wollen, indem ich ein Stuͤck von seinem Briefe dieser scharfsichtigen Fraͤulein vorgelesen! ‒ ‒ Jedoch, wo du boͤse bist: so kannst du, mit Grunde, nur auf dich selbst boͤse seyn. Denn wer wuͤrde denken, daß ich, zum Beweise deiner Aufrichtigkeit in Ableh- nung eines hoͤchststrafbaren Vorwurfs, ihr nicht einige von den untadelhaftesten Stellen eines Briefes zeigen moͤchte, den du eben zu dem En- de an deinen Freund geschrieben hattest, damit du ihn von deiner Unschuld uͤberfuͤhretest? Al- lein ein boͤses Herz, und eine boͤse Sache, sind verzweifelte Dinge: und so laß es uns auf die gehoͤrige Rechnung schreiben. Jch uͤberging die mir von dir aufgetragene Verrichtung, die Weibsleute nach der Uhr zu ver- verfluchen; und die von dir gebrauchten Namen des Drachen und der Schlangen, ob sie sich gleich so gut zur Sache schickten. Denn haͤtte ich diese Stellen gelesen: so haͤtte sie daraus ab- nehmen muͤssen, daß du von Anfange gewußt, was sie fuͤr Creaturen waͤren; und ein so schaͤnd- licher Kerl gewesen, als du wirklich gewesen bist, da du eine Person von so reiner Tugend unter sie gebracht hast. Jch beschloß mit dem Absatz, mit welchem du selbst schließest: Eine Zeile! Eine Zeile! Ein Koͤnigreich fuͤr eine Zeile! ꝛc. Jedoch sagte ich ihr; weil sie merkte, daß ich eines und das andere vorbey ließ; es waͤren noch mehr hestige Ausdruͤcke darinn: aber weil diesel- ben bequemer waͤren, mir die Aufrichtigkeit des Briefstellers zu zeigen, als von einem so zaͤrtli- chen Ohr, wie sie haͤtte, angehoͤrt zu werden; fo haͤtte ich sie lieber uͤbergehen wollen. Sie haben genug gelesen, sprach sie ‒ ‒ Er ist ein gottloser, gottloser Mensch! ‒ ‒ Jch sehe, er hat sich vorgenommen gehabt, mich, auf was fuͤr Art es seyn moͤchte, in seiner Gewalt zu ha- ben. So wie seine Handlungen beschaffen ge- wesen sind, darf ich im geringsten nicht zweifeln, was er fuͤr Absichten geheget habe. Sie wissen vermuthlich von seinem schaͤndlichen Tomlinson ‒ ‒ Sie wissen ‒ ‒ Jedoch was nuͤtzt das Re- den? ‒ ‒ Niemals ist wohl ein so vorsetzlich fal- sches Herz in einem Menschen gewesen ‒ ‒ Nichts kann wahrer seyn, dachte ich! ‒ ‒ Was hat er nicht gelobet! Was hat er nicht erfunden! Z 5 Und Und wozu das alles? ‒ ‒ Bloß eine arme und junge Person ungluͤcklich zu machen, die er haͤtte schuͤtzen sollen, und die er zuerst alles andern Schutzes beraubet hatte. Sie stand auf, und wandte sich von mir, mit ihrem Schnupftuch an den Augen. Nach- dem sie also ein wenig inne gehalten hatte: kam sie wieder zu mir ‒ ‒ „Jch hoffe, waren ihre „Worte, daß ich mit einem Menschen rede, der „ein besseres Herz hat: und danke ihnen, mein „Herr, fuͤr alle ihre guͤtige, obgleich vergebliche, „Vorstellungen, die sie ehemals zu meinem Be- „sten gethan haben; die Bewegungsgruͤnde da- „zu moͤgen nun Mitleiden oder gute Grundsaͤtze, „oder beydes gewesen seyn. Daß sie vergeblich „ waren, das mochte, nach sehr wahrscheinlicher „Vermuthung, wohl daher ruͤhren, weil es ih- „nen an Ernst fehlte: und dieß daher, weil es „mir, wie sie denken mochten, an Verdienst fehl- „te. Jch mochte vielleicht in ihren Augen nicht „ verdienen, gerettet zu werden! ‒ ‒ Jch moch- „te von ihnen wohl fuͤr eine unbesonnene Person „angesehen werden, die von ihren wahren und „natuͤrlichen Freunden entlaufen waͤre, und da- „her billig die Folgen von dem Looß, das sie fuͤr „sich selbst gezogen haͤtte, tragen muͤßte. Jch scheuete mich, um deinetwillen, ihr zu eroͤffnen, wie sehr es mir ein Ernst gewesen war: allein ich versicherte sie, daß ich ein eifriger Freund von ihr gewesen waͤre, und daß meine Bewegursachen sich auf ein Verdienst gegruͤndet haͤtten, haͤtten, das, wie ich glaubte, niemals seines glei- chen gehabt. So wenig auch Herr Lovelace zu vertheidigen waͤre: so haͤtte er doch ihrer Tugend allemal Gerechtigkeit widerfahren lassen. Eben der vollkommenen Ueberzeugung von ihrer unbe- fleckten Ehre waͤre es zuzuschreiben, daß er so sehnlich wuͤnschte, ein so unschaͤtzbares Kleinod sein Eigenthum zu nennen ‒ ‒ Jch wollte wei- ter reden, als sie mich wieder abzubrechen noͤ- thigte ‒ ‒ Schon genug, und zu viel von dieser Sache, mein Herr! ‒ ‒ Wird er mich nur sein Ange- sicht niemals mehr sehen lassen: so ist das alles, was ich nun von ihm zu verlangen habe. ‒ ‒ Jn der That, in der That ‒ ‒ Dieß sagte sie mit zusammen geschlagenen Haͤnden ‒ ‒ Jch will ihn niemals wieder sehen, wo ich es, durch irgend einige Mittel ohne eine strafbare Verzweifelung, vermeiden kann. Was konnte ich zu deinem Vortheil anfuͤh- ren? ‒ ‒ Wie dem aber auch seyn mag: so war es doch nicht rathsam, damals diese Saite wie- der zu ruͤhren, weil ich besorgen mußte, dadurch zu veranlassen, daß mir, nicht allein von der Sa- che weiter zu reden, sondern auch ihr jemals wie- der aufzuwarten, verboten wuͤrde. Jch gab ihr von weiten etwas wegen des Geldes zu verstehen. Jch haͤtte dir schon vor- her noch melden sollen, daß, da ich ihr die Stelle vorlas, worinn du mir auftraͤgst, ihr so viel Geld aufzudringen, als ich sie zu nehmen bereden koͤnn- te, te, sie einmal uͤber das andere mit großer Lebhaf- ttigkeit, nein, nein, nein, nein! sagte. Daher durfte ich es nicht mehr, als eben wieder anzei- gen ‒ ‒ und das so dunkel und versteckt, daß ihr freygelassen wurde, sich zu stellen, als wenn sie mich nicht verstuͤnde. Jn Wahrheit, ich weiß niemand, von maͤnn- lichem oder weiblichem Geschlechte, den ich so ungern beleidigen, oder von dem ich mir so un- gern einen Vorwurf zuziehen moͤchte, als von ihr. Sie hat so viel wirklich erhabenes in ihrem We- sen, ohne Stolz oder Hochmuth, den man bey denen, an welchen man eines von beyden findet, zu zuͤchtigen gereizet wird; ein so durchdringen- des, jedoch so angenehm durch guͤtige Blicke ge- mildertes Auge, daß sie allen und jeden Ehr- furcht einfloͤßet. Mich deucht, ich habe eine gewisse Art von heiliger Liebe gegen diesen Engel von einem Frau- enzimmer: und ich wundere mich bis zum Er- staunen, daß du nur einmal eine Viertelstunde mit ihr umgehen, und bey deinen teuflischen Ab- sichten bleiben konntest. Da sie durch Gottseligkeit, Klugheit, Tu- gend, erhabne Gesinnung, Familie, Gluͤcksum- staͤnde, und durch eine Lauterkeit des Herzens, deren sich vor ihr niemals ein Frauenzimmer zu ruͤhmen gehabt, bewahret wurde: was fuͤr ein rechter Teufel mußte denn derjenige seyn; ich fuͤrchte aber, dich nur stolz zu machen! der der sich entschließen konnte, durch so viele Bede- ckungen durchzubrechen! Jch meines Theils empfinde immer mehr und mehr, daß ich mich nicht haͤtte begnuͤgen lassen sollen, bloß Vorstellungen gegen deine niedertraͤchtigen Absichten zu thun und mit dir daruͤber zu zanken: und in der That hatte ich es, mehr als einmal, im Sinne, wirklich etwas fuͤr sie zu unternehmen. Aber ich elender Mensch! ich ward durch die Vorstellungen von einer fal- schen Ehre, wie sie mir mit Recht vorgeworfen hat, abgehalten: weil du mir selbst freywillig deine Absichten entdecket hattest. Da sie uͤber dieß in ein so verfluchtes Haus gebracht war, und so wohl von dir selbst, als von deinen hoͤllischen Unterhaͤndlern, so bewachet wurde: so dachte ich auch, weil ich meinen Mann kannte, daß ich das Ungluͤck, welches ihr zugedacht war, nur beschleu- nigen wuͤrde. ‒ ‒ Außer dem befand ich dich durch ihre Tugend mit einer so großen Ehrfurcht ge- bunden, daß du nicht das Herz hattest, einen Ver- such auf sie zu wagen, als du sie zuerst dorthin brachtest: und sie hatte dich mehr als einmal ge- noͤthigt, ob sie gleich deine schaͤndliche Absichten nicht wußte, dieselben aufzugeben, und dich zu entschließen, ihr Gerechtigkeit zu thun, und dir selbst Ehre zu machen. Daher zweifelte ich kaum, daß ihr Verdienst endlich siegen wuͤrde. Wo du bey deinem Vorsatz bleibest, sie zu heyrathen: so ist meine Meynung, daß du nichts bessers thun kannst, als wenn du deine wirkliche Tan- Tante, und deine wirkliche Basen, bewegest, ei- nen Besuch bey ihr abzulegen, und deine Fuͤr- sprecherinnen zu seyn. Weigern sie sich aber, persoͤnliche Besuche abzustatten: so koͤnnen viel- leicht Briefe von ihnen, und von dem Lord M. durch die Fuͤrsprache der Fraͤulein Howe unter- stuͤtzt, etwas zu deinem Vortheil ausrichten. Aber dieß ist bloß meine Hoffnung, die auf das, was ich deinetwegen wuͤnsche, gebauet ist. Die Fraͤulein, denke ich in der That, wuͤrde lie- ber den Tod, als dich, erwaͤhlen: und die zwo Frauen hier im Hause halten dafuͤr, daß ihr das Herz wirklich gebrochen sey: ob sie gleicht nicht halb wissen, was sie gelitten hat. Da ich Abschied nahm, erboth ich mich aufs beste zu ihrem Befehl, und ersuchte sie um Er- laubniß, mich oft nach ihrem Befinden zu er- kundigen. Sie antwortete mir nur durch eine Neigung des Hauptes. Der sieben und vierzigste Brief von Hrn. Belford an Hrn. Robert Lovelace. Mittwoch. den 19ten Jul. D iesen Morgen ließ ich mich zu Frau Smi- then tragen; und weil ich hoͤrte, daß die Fraͤu- Fraͤulein eine sehr schlechte Nacht gehabt haͤtte, aber doch auf waͤre: so schickte ich nach ih- rem wuͤrdigen Apotheker. Der kam zu mir, und billigte meinen Vorschlag, Dr. H. zu Huͤlfe zu nehmen. Daher trug ich den Frauensleuten auf, ihr den Besuch, welcher ihr zugedacht waͤre, zu melden. Es schien, als wenn sie anfangs nicht damit zufrieden war: jedoch behielte sie ihre Einwen- dung zuruͤck. Aber nach einer kleinen Weile fragte sie dieselben, was sie thun sollte. Sie haͤtte zwar Sachen von Werth, und waͤre wil- lens, einige davon, so bald als sie koͤnnte, zu Gelde zu machen: aber eben itzo haͤtte sie nicht eine einzige Guinea, die sie dem Arzt fuͤr seine Muͤhe geben koͤnnte. Frau Lovick sagte, sie haͤtte fuͤnf Guineas bey sich: die stuͤnden ihr zu Dienste. Sie wollte drey davon annehmen, antworte- te sie: wofern sie das; ‒ ‒ sie zog einen diaman- tenen Ring von ihrem Finger; ‒ ‒ so lange be- halten wollte, bis sie wieder bezahlte; allein unter keinen andern Bedingungen. Als sie hoͤrte, daß ich mit Herrn Goddard unten war: verlangte sie vorher ein Wort mit mir zu sprechen, ehe sie den Arzt saͤhe. Sie saß in einem Lehnstuhl, und hatte den Kopf an ein Kuͤssen gelegt. Frau Smithen und die Witwe stunden, eine an dieser, die andere an jener Seite, bey ihrem Stuhl. Jhre Waͤrterinn war war mit einem Glase mit Hirschhorn hinter ihr. Sie selbst hatte ihr Salz in der Hand. Wie ich hineinkam, richtete sie ihren Kopf auf, und erkundigte sich, ob der Arzt Herrn Lo- velace kennte? Jch sagte, nein: ich glaubte, daß ihr ihn in eurem Leben niemals gesehen haͤttet. Sie fragte ferner, ob der Doctor mein Freund waͤre? Ja, er waͤre es: und ein sehr braver und erfahrner Mann. Jch nannte ihn wegen seiner vorzuͤglichen Geschicklichkeit in seiner Kunst: und Herr Goddard sagte, er wuͤßte keinen bessern Arzt. Jch habe mir nur eines auszudingen, ehe ich den Mann sehe: daß er sich nicht weigere, seine Bezahlung von mir anzunehmen. Bin ich arm, mein Herr: so bin ich doch ehrgeizig. Jch will mir keine Verbindlichkeit auflegen. Sie koͤnnen glauben, mein Herr, daß ich das nicht thun werde. Jch gebe diesen Besuch nur zu, weil ich weder gegen die wenigen Freunde, die mir noch uͤbrig sind, undankbar, noch denen von mei- nen Verwandten, welche nach Verlauf einiger Zeit, zu ihrer eignen Befriedigung, sich nach mei- nem Bezeigen in meinen siechen Tagen erkundi- gen moͤgen, eigensinnig scheinen wollte. So, mein Herr, wissen sie die Bedingung. Lassen sie mich nicht beunruhigt werden: ich befinde mich sehr schlecht, und kann die Sache nicht erst weit- laͤuftig ausmachen. Weil Weil ich sahe, daß sie so fest entschlossen war: sagte ich nur, wenn es so seyn muͤßte, sollte es seyn. Dann mag der Mann kommen, mein Herr. Aber ich werde nicht im Stande seyn, viele Fra- gen zu beantworten. Waͤrterinn, ihr koͤnnt ihm, dort am Fenster, erzaͤhlen, was ich fuͤr eine Nacht gehabt habe, und wie es die beyden verwichnen Tage mit mir gewesen ist. Und Herr Goddard, wo er hier ist, kann ihm melden, was ich einge- nommen habe. Jch bitte, lassen sie mich so we- nig, als moͤglich ist, mit Fragen beschweret werden. Der Arzt bezeigte ihr die schuldige Hoͤflich- keit mit dem artigen Wesen, das ihn uͤberall so beliebt machet: und sie warf ihre angenehme Augen mit derjenigen Guͤtigkeit, welche alle ihre liebreiche Blicke begleitet, auf ihn. Jch wollte abtreten: allein sie verbot es. Er nahm ihre Hand. Keine Lilie hat eine solche Schoͤnheit in ihrer Farbe. Jn der That, Madame, sie sind sehr matt, sprach er: allein erlauben sie mir zu sagen, sie koͤnnen selbst mehr fuͤr sich thun, als unser ganzer Orden fuͤr sie thun kann. Darauf ging er ans Fenster. Und nach ei- ner kurzen Unterredung mit den Frauensleuten, kam er zu mir und zu Herrn Goddard an das andre Fenster. Wir koͤnnen hier nichts thun, sagte er leise, als durch Herzstaͤrkungen und Nah- rungsmittel. Was fuͤr Freunde hat das Frau- Sechster Theil. A a enzim- enzimmer? Sie scheint eine Person von Stan- de, und, so krank sie auch ist, ein sehr seines Frau- enzimmer zu seyn ‒ ‒ Eine ledige Fraͤulein, ver- muthe ich. Jch antwortete ihm, mit leiser Stimme, es waͤre an dem. Es waͤren bey ihrem Zufall au- ßerordentliche Umstaͤnde: wie ich ihm gemeldet haben wuͤrde, wenn ich ihn gestern angetroffen haͤtte. Jhre Freunde waͤren sehr grausam ge- gen sie: allein sie koͤnnte dieselben nicht nennen hoͤren, ohne sich selbst Vorwuͤrfe zu machen, ob diese gleich mehr zu tadeln waͤren, als sie. Jch wußte, daß ich es erriethe, versetzte der Doctor. Eine Liebessache, Herr Goddard! Eine Liebessache, Herr Belford! Es ist eine Person in der Welt, die ihr mehr dienen kann, als unser ganzer Orden. Herr Goddard sagte, er haͤtte besorgt, daß ihre Krankheit in dem Gemuͤth steckte, und auch nach dieser Vermuthung mit ihr verfahren. Er erzaͤhlte dem Arzt, was er gebraucht haͤtte. Die- ser billigte es, nahm noch einmal ihre schoͤne Hand, und sagte: Meine liebe Fraͤulein, sie wer- den unsere Huͤlfe sehr wenig gebrauchen. Sie muͤssen groͤßtentheils ihr eigner Arzt seyn. Kom- men sie, wertheste Fraͤulein; verzeihen sie mir diese vertrauliche Zaͤrtlichkeit; ihr Anblick floͤßet so wohl Liebe als Ehrerbietung ein, und einem Vater von Kindern, unter denen einige noch aͤl- ter, als sie sind, kann sie wohl zu gute gehalten werden; muntern sie sich auf. Entschließen sie sich, sich, alles zu thun, was in ihrem Vermoͤgen ist, damit sie wohl seyn moͤgen: so werden sie bald besser werden. Sie sind sehr guͤtig, mein Herr, antwortete sie. Jch will nehmen, was sie mir verordnen. Mein Gemuͤth ist aufgebracht und beunruhiget worden. Jch werde besser seyn, glaube ich, ehe ich schlimmer werde. Die Fuͤrsorge meiner gu- ten Freunde ‒ ‒ Sie sahe die Frauensleute an ‒ ‒ soll nicht mit Undank erwiedert werden. Der Doctor schrieb. Er wollte die Bezah- lung gern verbitten. Da ihre Krankheit, waren seine Worte, mehr durch liebreiches Zureden eines Freundes, als durch Fuͤrschriften eines Arztes zu lindern waͤre: so wuͤrde er sich eine große Ehre daraus machen, wenn er die Erlaubniß haͤtte, ihr vielmehr unter dem einen Namen Rath mitzutheilen, als unter dem andern etwas zu verordnen. Es wuͤrde ihr allezeit lieb seyn, versetzte sie, einen so leutseligen Mann bey sich zu sehen. Seine Besuche wuͤrden bey ihr eine gute Mey- nung von seinem Geschlechte unterhalten. Allein, wenn sie vergessen sollte, daß er ihr Arzt waͤre: so koͤnnte sie vielleicht etwas von der Zu- versicht zu seiner Wissenschaft und Erfahrung verlieren, welche noͤthig seyn moͤchte, die Besse- rung, worauf seine Besuche zielten, zu befoͤrdern. Als er noch weiter darauf bestand, welches er auf eine sehr feine und hoͤfliche Art that, da er doch taͤglich zwey oder dreymal bey dem Hause A a 2 vorbey vorbey kaͤme: so sagte sie, es wuͤrde ihr allezeit ein Vergnuͤgen seyn, ihn von der angenehmen Seite, von welcher er sich ihr darboͤte, zu betrachten. Es koͤnnte aber etwas bey einer Person sehr edelmuͤthig seyn, anzubieten, das bey einer andern eben so unedelmuͤthig seyn wuͤrde, anzunehmen. Sie waͤre in der That itzo eben nicht in großen Umstaͤnden: und er saͤhe bey dem geringen Zeichen der Erkenntlichkeit, welches er annehmen mußte, daß sie vielmehr ihren eignen Zustand, und was denselben gemaͤß waͤre, als sein Verdienst, oder das Vergnuͤgen, das sie in seinen Besuchen finden wuͤrde, in Betrach- tung gezogen haͤtte. Wir gingen alle zugleich weg; und weil der Doctor und Herr Goddard sehr begierig waren, etwas mehr von ihrer Geschichte zu wissen: so begaben wir uns auf des letztern Vorschlag in ein benachbartes Caffeehaus, und ich ertheilte ihnen im Vertrauen eine kurze Nachricht davon. Jch machte alles zu eurem Besten so geringe und leicht, als ich konnte: und dennoch werdet ihr wohl erachten, daß dieß geringe und leichte schon groß und schwer genug seyn mußte, damit der Gemuͤthsart der Fraͤulein nur einigermaßen Gerechtigkeit widerfuͤhre. Um drey Uhr, Nachmittags. Jch habe eben wieder in Smithens Hause nachgefragt, und gehoͤret, daß sie etwas besser waͤre, welches sie dem freundlichen Zureden ihres Arztes Arztes zuschriebe. Sie bezeugte sich hoͤchst vergnuͤgt mit beyden Maͤnnern, und sagte, ihr Verhalten gegen sie waͤre vollkommen vaͤterlich ‒ ‒ Vaͤterlich, arme Fraͤulein! ‒ ‒ Da sie nie- mals, bis auf die letzte und gar kurze Zeit, aus ihrer Eltern Augen und Fuͤrsorge gewesen; nun aber von allen ihren Freunden gaͤnzlich verlassen ist: so findet sie gern an einem jeden etwas vaͤ- terliches und muͤtterliches; das letzte an Frau Lovick und Frau Smithen; damit sie bey sich den Mangel von Vater und Mutter, nach welchen ihr gehorsames Herz sich sehnet, ersetzen moͤge. Frau Smithen erzaͤhlte mir, daß sie, nach- dem wir weggegangen, ihr und der Witwe Lovick die Schluͤssel zu ihren Kasten und Schublaͤden gegeben, und sie gebeten haͤtte, ein Verzeichniß von ihren Sachen in denselben aufzufetzen; wel- ches sie in ihrer Gegenwart gethan. Sie meldeten mir auch, daß sie sich von ih- nen ausgebeten haͤtte, ihr einen Kaͤufer zu zween reichen und vollkommenen Anzuͤgen von Kleidern zu verschaffen, wovon der eine noch niemals, der andere nicht uͤber ein oder zweymal getragen waͤre. Dieß ging mir uͤber alle Maaßen zu Herzen: vielleicht mag es dir auch ein wenig zu Herzen gehen!!! ‒ ‒ Die Ursachen, warum sie dieselben verkaufen wollte, sagte sie ihnen, waͤren diese: weil sie es nicht erleben wuͤrde, sie an- zuziehen; weil ihre Schwester und andere Ver- A a 3 wand- wandten sich zu gut hielten, sie zu tragen; weil ihre Mutter nichts von dem, was ihr zugehoͤret haͤtte, vor ihren Augen leiden wuͤrde; weil sie das Geld noͤthig haͤtte; und weil sie niemanden Verbindlichkeit haben wollte, da sie noch Sachen bey sich haͤtte, die sie nicht brauchen koͤnnte. Je- doch vermuthe ich nicht, setzte sie hinzu, daß sie um einen Preiß abgehen werden, der ihrem Werth gemaͤß ist. Sie waren beyde sehr bekuͤmmert, wie sie mir gestunden: und fragten mich um Rath. Da auch ihre reiche Kleidung ihnen noch hoͤhere Be- griffe von ihrem Range gemacht hatte, als sie vorher gehabt: so glaubten sie, sie muͤßte vom vornehmen Stande seyn, und wollten wieder gern ihre Geschichte wissen. Jch gestand ihnen, daß sie wirklich eine Fraͤulein von Familie und Vermoͤgen waͤre: und gab ihnen noch Raum, sie fuͤr verheyrathet zu hal- ten: uͤberließ es aber ihr selbst, ihnen alles zu ih- rer Zeit und auf ihr beliebige Art zu erzaͤhlen. Alles, was ich sagen wollte, war dieses, daß ihr sehr schaͤndlich begegnet waͤre; daß sie es nicht verdiente; und daß sie die Unschuld und Reinig- keit selbst waͤre. Jhr koͤnnt leicht vermuthen, daß sie beyde die groͤßte Verwunderung an den Tag legten, wie eine Mannsperson in der Welt seyn koͤnnte, die im Stande gewesen waͤre, einem so feinen Frauenzimmer uͤbel zu begegnen. Was Was die Verfuͤgung wegen der beyden An- zuͤge von Kleidern betrifft: so trug ich Frau Smi- then auf, bey ihr vorzugeben, daß sie, nach ge- thaner Anfrage, einen Freund gefunden haͤtte, der den reichsten davon kaufen, aber, damit sie keinen Verdacht schoͤpfen moͤchte, sich auf einen guten Vergleich verlassen wollte. Da ich zwanzig Guineas bey mir hatte, so ließ ich die- selben, als einen Theil der Bezahlung, bey ihr; und empfahl ihr, sich so zu stellen, als wenn sie die Fraͤulein bereden wollte, ihn fuͤr so wenig mehr fahren zu lassen, als sie nur dieselbe bewe- gen koͤnnte dafuͤr zu nehmen. Jch reise nach Edgware mit dem armen Belton. ‒ ‒ Jn meinem naͤchsten Briefe will ich dir mehr von ihm schreiben. Jch werde morgen wiederkommen, und gegenwaͤrtiges fuͤr deinen Bothen bereit zuruͤcklassen, wo er in mei- ner Abwesenheit darum anfragen wird. Lebe wohl! Der acht und vierzigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Eine Antwort auf den sechs und vierzigsten Brief. M. Hall, Mittw. Abends, den 19ten Jul. D u hattest wohl Ursache zu besorgen, daß ich denken wuͤrde, du wolltest mir einen Possen A a 4 spie- spielen, da du der Fraͤulein meinen Brief zeigetest. Du fragest: Wer wuͤrde denken, daß du ihr nicht die untadelhaftesten Stellen eines Briefes, der zu meiner eignen Vertheidigung an dich ge- schrieben waͤre, vorlesen moͤchtest? ‒ ‒ Jch will dir sagen, wer ‒ ‒ Eben derjenige, welcher in eben dem Briefe, worinn er diese Frage thut, sei- nem Freunde, den er ihrem Unwillen aussetzet, zu verstehen giebt: „daß durch und durch in sei- „nen ernsthaftesten Briefen ein so leichtsinniges „Wesen herrschet, daß diejenigen am wenigsten „bequem sind, gesehen zu werden, welche „ihm am meisten Ehre machen, und andern „eine gute Meynung von ihm beybringen „sollten. „ Was denkest du nun von deiner Thorheit, die du auf diese Art selbst verdammet hast? Es mag aber seyn, wie es ist: ich rathe dir nur, kuͤnftig vorsichtiger zu seyn, damit es bey diesem ungeschickten Fehler allein bleiben moͤge. „Es ist ihr eine Quaal an mich zu gedenken! „‒ ‒ Freydenkerischer Schaum! ‒ ‒ Ein so „verderblicher und veraͤchtlicher Raͤnkeschmieder! „‒ ‒ Ein Mensch, dessen Freundschaft keinem „eine gute Meynung bey andern erwerben kann! „‒ ‒ Ein verhaͤrterer Boͤsewicht! ‒ ‒ Des „Teufels Ebenbild: ‒ Ein gottloser, gottloser „Mensch!“ ‒ ‒ Allein sagte sie dieß alles, konn- te sie, durfte sie dieß alles sagen, oder nur zu verstehen geben? ‒ Und zwar einem Menschen, den den sie wegen der Leutseligkeit ruͤhmet, und um dieser Tugend willen mir selbst vorzieht: da alle die Leutseligkeit, welche er zeiget, ihm von mir vorgeschrieben ist, und sie dieß so gar selbst weiß ‒ ‒ folglich mich des Ruhmes von meinen eignen Werken beraubet? Alles dieß zeigt vor- trefflich, daß sie ein Recht hat, einen so spitzfin- digen Unterschied, als du zwischen den Worten Unwillen und Rache machest zu fordern. Aber es ist allezeit deine Weise gewesen, etwas anzu- geben und damit herauszuplatzen, was du nie- mals auszumachen im Stande gewesen bist. Das Lob, welches du ihr wegen ihrer Of- fenherzigkeit ertheilest, ist noch eines von deiner Art. Jch denke nicht so, wie du, von ihren schwatzhaften Erzaͤhlungen und Klagen: ‒ ‒ Was koͤnnen die nuͤtzen? ‒ ‒ Es ist gut, daß du nur eine heilige Liebe gegen sie hast; der Teufel hole dich mit deinem albernen Wesen! sonst ist es sehr verdaͤchtig und aͤrgerlich zu ge- denken, daß man ein so reizendes Frauenzimmer gerade vor einem liederlichen Bruder stehen sie- het, und von der Suͤnde gegen sie, welche nicht zu vergeben ist, schwatzen hoͤret! ‒ ‒ Jch wuͤnsch- te von Herzen, daß solche keusche Frauenzimmer ein wenig Schamhaftigkeit bey ihrem Zorn ha- ben moͤchten. ‒ ‒ Es wuͤrde sehr fremd klingen, wenn ich, Robert Lovelace, mir mehr Zaͤrtlichkeit in einem Stuͤcke, welches die aͤußerste Zaͤrtlich- keit erfordert, anmaßen wollte, als Fraͤulein Cla- rissa Harlowe hat. A a 5 Jch Jch denke, ich will es ihrer Amme, Norton, und ihrer Fraͤulein Howe, durch meine Unter- haͤndler in den Kopf setzen, dem lieben unerfahr- nen Kinde fuͤr ihr Ausplaudern den Pelz zu wa- schen. Allein im Ernst muß ich dir sagen, daß, so hart und uͤbermuͤthig es auch ist, wenn sie so ver- aͤchtlich fragt: „Was fuͤr ein Mensch ist ihr „Freund, mein Herr, daß er sich aufwirft, die „Schuldigen zu bestrafen!“ ich doch niemals den verfluchten Weibsleuten vergeben werde, die ver- moͤgend gewesen sind, diese letzte abscheuliche Ge- waltthaͤtigkeit an einer so unvergleichlichen Per- son auszuuͤben. Die grausamen Verspottungen von den bey- den Nymphen in ihren Besuchen bey ihr; die Arglist, die abscheulichste Hoͤle auszusuchen, wel- che zu finden war, sonder Zweifel in der Absicht, sie zu bewegen, daß sie wieder nach ihrem Hause zuruͤckkehrte; und der noch abscheulichere Ver- such, ihr eine Mannsperson vorzuschlagen, welche die Schuld bezahlen wollte; eine Falle, wie ich nicht zweifele, die ihrem Herzen, in der Verzwei- felung und dem hoͤchsten Unwillen, von der teufe- lischen Sarah gestellet wurde; weil sie ohne Zweifel dachte, daß sie eine Weibsperson waͤ- re; damit sie ihr meine Gunst voͤllig entziehen, und mich reizen moͤchte, sie ihrer gewissenlosen Grausamkeit in der Hitze zu uͤbergeben; sind Beschimpfungen; daß ich mich mit den Redens- arten arten der Fraͤulein ausdruͤcke; die ich niemals vergeben kann, niemals vergeben will. Was aber deine Gedanken und die Meynung der beyden Frauensleute in Smithens Hause be- trifft, daß ihr Herz gebrochen sey: so ist das die rechte Weibersprache. Jch wundere mich, wie du dazu gekommen bist: da du doch so manches Sterben und Wiederaufleben der Weibs- leute gesehen und gehoͤret hast. Jch will dir sagen, was wider diese Vorstel- lungen, die sie sich machen, streitet. Jhre Lebenszeit, und vortreffliche Natur; das Gute, welches sie allemal zu thun Vergnuͤ- gen gefunden, wozu sie sich eingebildet hat, geboh- ren zu seyn, und welches sie noch ferner in einem eben so hohen Grade, als jemals, thun kann, ja noch in einem groͤßern Maaße, weil ich, wie du weißt, kein Knicker bin; ihre Neigung zu der Re- ligion, eine Neigung, die sie allezeit lehren wird, unvermeidliche Uebel mit Gedult zu ertragen; die Betrachtung ihres letzten herrlichen Sieges uͤber mich und die ganze Rotte; die Betrachtung ihrer gluͤcklich ausgefallenen Flucht von uns al- len; ihr unbefleckter Wille; und der stolze Ruhm, den sie in sich empfindet, die Begegnung, welche ihr widerfahren ist, nicht verdient zu ha- ben. Wie ist es moͤglich, sich einzubilden, daß eine Weibsperson, die alle diese Trostgruͤnde zu uͤber- legen hat, an einem gebrochenen Herzen sterben werde? Jm Jm Gegentheil zweifele ich nicht, daß, wie sie sich von der Niedergeschlagenheit wieder erho- let, worein diese letzte tuͤckische Schandthat sie ge- stuͤrzet hat, der sich niemand, als nichtswuͤrdige Creaturen von ihrem eignen Geschlechte, haͤtte schuldig machen koͤnnen, so auch die Liebe wieder in ihr durch die Zeit beruhigtes Gemuͤth zuruͤck- kehren werde. Alsdenn werden sich ihre Gedan- ken noch einmal auf die Ehe lenken. Mit der Zeit wird sie lebhaftere Vorstellungen in ihrem Kopfe haben: und diese werden machen, daß sie durch alle ihre Veraͤnderungen mit Ruhe und Vergnuͤgen hindurch gehet; ob gleich keines von beyden in einem so hohen Grade statt haben mag, als wenn die liebe stolze und schelmische Schoͤne sich uͤber alle Uebrigen von ihrem Geschlecht, in ihrem Lauf, haͤtte erheben koͤnnen. Du fragst, wenn du mir die bittern Vorwuͤr- se erzaͤhlest, welche die Fraͤulein gegen deinen ar- men Freund machte, da du vermuthlich mit den Fingern in dem Munde vor ihr stundest: Was du fuͤr mich anfuͤhren konntest? Habe ich dir nicht in meinen vorigen Brie- fen hundert Dinge in den Mund gelegt, die ein Freund, dem es ein Ernst ist einen Freund zu rechtfertigen oder zu entschuldigen, bey einer sol- chen Gelegenheit sagen moͤchte? Aber nun auf die Hauptdinge zu kommen, die itzo im Gange sind, und auf die Verfassung, worinn hier die Sachen stehen ‒ ‒ Es ist wahr, wie dir mein Bedienter gesagt hat, daß sich die Fraͤu- Fraͤulein Howe, vor dieses verfluchten Weibes Dienstfertigkeit, anheischig gemacht hatte, sich meiner Sache bey ihrer Freundinn anzunehmen: gleichwohl hat sie meinen Basen bey dem Besu- che, den sie ihr machten, gestanden, sie hielte da- fuͤr, daß sie mir niemals vergeben wuͤrde. Jch bin begierig zu wissen, was die Fraͤulein Howe an ihre Freundinn geschrieben hat, sie zu bewegen, daß sie den veraͤchtlichen Raͤnke- schmieder, den Menschen, dessen Freund- schaft keinem eine gute Meynung bey an- dern erwerben kann, den gottlosen, gottlo- sen Menschen heyrathen moͤchte. Du hast die beyden Briefe in deinen Haͤnden gehabt. Waͤ- ren sie in meinen Haͤnden gewesen: so wuͤrde das Siegel, vielleicht ohne Huͤlfe der bey dem Postamt gebraͤuchlichen Kugel, vor meinen war- men Fingern geschmolzen seyn, und die Falten wuͤrden sich, wie es mit andern Falten bey mir gegangen ist, von selbst geoͤffnet haben, meiner Neubegierde zu willfahren. Eine gottlose Nach- laͤßigkeit, Bruder, daß du keine Anstalten ge- macht hast, sie durch einen Kerl zu Pferde an mich herunter zu schicken! Man haͤtte vorgeben koͤnnen, daß der Bothe, der den zweyten Brief gebracht, sie beyde wieder zuruͤckgenommen haͤt- te. Jch haͤtte sie nach genommener Abschrift durch einen andern wieder schicken koͤnnen, als wenn sie von der Fraͤulein Howe kaͤmen: und niemand, außer mir und dir, haͤtte es anders ge- wußt. Mein Meine beyden Tanten befinden, daß die Un- terhandlung, deren gluͤcklicher Fortgang ihnen an ihren thoͤrichten Herzen liegt, sich, nach aller Wahr- scheinlichkeit, in die Laͤnge ziehen moͤchte. Also sind sie im Begriff, zu ihren eignen Guͤtern von hier abzugehen: nachdem sie die beste Sicherheit, welche die Natur der Sache leidet, das ist, mein Wort, von mir genommen haben, die Fraͤulein zu heyrathen, wo sie mich haben will. Alles, was ich in meiner gegenwaͤrtigen Un- gewißheit zu thun habe, ist, daß ich meinen Ge- muͤthskraͤften wieder einen Glanz gebe, indem ich den Rost abfeile, den sie durch den Rauch in der Stadt, durch eine lange Gefangenschaft in mei- ner bestaͤndigen Aufwartung bey meiner verkehr- ten Schoͤnen mit so geringem Erfolg, angenom- men haben; und daß ich die schlaff gewordenen Faͤserchen meiner Seele, wo moͤglich, wieder an- ziehe, welche durch die unruhigen Bewegungen, die sie darinn erreget hat, nicht anders, als die Sehnen eines von der Gicht wackelhaften Kran- ken, gezwackt und gezuckt sind: damit ich auf die Art im Stande seyn moͤge, ihr einen Gemahl der ihrer Aufnahme so wuͤrdig ist, als ich seyn kann, darzustellen; oder, wo sie meine Hand ausschlaͤgt, meine gewoͤhnliche Munterkeit, wieder anzuneh- men, und anderen von dem verfuͤhrerischen Ge- schlechte zu zeigen, daß mir die Schwierigkeiten, welche ich bey dieser angenehmen Person von demselben angetroffen, nicht den Muth zu mei- nen nen Bemuͤhungen genommen haben, mich ihnen eben so angenehm, als vorher, zu machen. Jn diesem letztern Falle wird eine Reise nach Frankreich und Jtalien, darf ich sagen, es wie- der gut machen. Die Fraͤulein Harlowe wird unter der Zeit alles vergessen haben, was sie von dem undankbaren Lovelace gelitten hat: ob es gleich unmoͤglich seyn wird, daß ihr Lovelace je- mals ein Frauenzimmer vergessen sollte, derglei- chen er anzutreffen verzweifelt, wenn er auch von einem Ende der Welt bis zum andern reisen wollte. Wo du fortfaͤhrest die schweren Schulden ab- zutragen, worunter dich meine langen Briefe, so viele Wochen nach einander, zu seufzen gezwun- gen haben: so will ich mich bemuͤhen, mein Ver- langen, nach London zu kommen und mich selbst zu den Fuͤßen der Geliebten meiner Seele zu wer- fen, so ungestuͤm es auch ist, zu baͤndigen. Klug- heit und Ehre vereinigen sich beyde, den Zwang, worunter mich in diesem Stuͤcke mein eignes Versprechen und deine Verbindung gelegt haben, zu verstaͤrken. Jch moͤchte sie nicht aufs neue reizen: sondern wollte vielmehr gern ihrem Unwillen Zeit lassen, sich zu setzen, damit alles, was erfolget, ihr freyes Werk und Thun seyn moͤge. Hickmann; der Kerl ist mir bis auf den Tod zuwider; hat sich durch eine Zeile, welche ich eben eben itzo bekommen habe, eine Zusammenkunst mit mir am Freytage in Herrn Dormers, als ei- nes gemeinschaftlichen Freundes, Hause aus- gebeten. Erfordert das Gewerbe, weswegen er mit mir zusammen kommen muß, daß es eben bey einem gemeinschaftlichen Freunde seyn sollte? Eine versteckte Ausforderung! Nicht wahr, Belford? ‒ ‒ Jch werde nicht hoͤflich ge- gen ihn seyn, besorge ich. Er hat sich einge- mengt! ‒ ‒ Und außer dem beneide ich ihn der Fraͤulein Howe wegen. Denn wo ich einen rechten Begriff von diesem Hickmann habe: so ist es unmoͤglich, daß diese Heldinn ihn jemals lieben kann. Eine treffliche Reizung fuͤr einen Menschen, der gern Raͤnke macht, wenn er Ursache hat zu glauben, daß die Weibsperson, auf die er sein Ab- sehen gerichtet, ihren Mann nicht liebe! Was fuͤr gute Grundsaͤtze muß die Frau haben, wel- che, durch eine Empfindung von ihrer Pflicht und gelobten Treue, gegen Versuchung bewahret wird, wo keine Zuneigung und Liebe statt findet und sie haͤlt! Jch bitte dich, gieb uns genaue Nachricht, wie es mit dem armen Belton gehet. ‒ ‒ Es ist ein ehrlicher Kerl. ‒ ‒ Es scheint ihm etwas mehr, als seine Thomasine, anzuhaͤngen. Tourville, Mowbray, und ich vertreiben uns die Zeit so vergnuͤgt, als wir ohne dich thun koͤnnen. Jch wuͤnsche nur, daß wir die wegen des Podagra beschwerlichen Tage des Lords M. nicht nicht durch die Freude, die wir ihm machen, ver- mehren. Dieß ist ein Vortheil, wie ich schon sonst, glaube ich, angemerkt habe, den wir maͤnnliche Missethaͤter in Liebessachen vor dem andern Ge- schlecht voraus haben. ‒ Denn unterdessen, da sie, arme Dinger! in Loͤchern und Winkeln sitzen und seufzen, oder zu Gebuͤschen und Waͤldern laufen, um sich uͤber ihre fehlgeschlagene Hoff- nung zu beklagen, koͤnnen wir schwaͤrmen und schreyen, jagen und beitzen, und durch neue Liebe das Angedenken der alten aus unsern Herzen verbannen. So lustig wir inzwischen unsere Zeit hinbrin- gen: so erregen doch sehr oft die Betrachtungen des Unrechts, das ich dieser edelen Fraͤulein ge- than habe, ein trauriges Gefuͤhl in meinem Her- zen. Aber ich weiß, sie wird mir erlauben, es bey ihr wieder gut zu machen, wenn sie mich nur erst herzlich geplaget hat; und das ist mein Trost. Noch immer ein ehrlicher Kerl! ‒ ‒ Schla- ge deine Fluͤgel zusammen, Bruder, und kraͤ- he! ‒ ‒ Sechster Theil. B b Der Der neun und vierzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Har- lowe. Donnerstags fruͤhe, den 20ten Jul. W as, liebste Freundinn, haben Sie ausge- standen! ‒ ‒ Wie groß muß Jhre Angst bey einer so schaͤndlichen Beschimpfung auf freyer Gassen und am hellen Tage gewesen seyn! Kein Ende, denke ich, mit den unverdienten Drangsalen einer theuren Seele, die so ungluͤck- lich einem schaͤndlichen Freydenker in die Haͤnde getrieben und verraͤtherischer weise uͤbergeben ist! ‒ ‒ Wie erschrack ich bey dem Empfang Jhres Briefes, der von einer andern Hand geschrieben und nur von Jhnen in die Feder gegeben war! ‒ ‒ Sie muͤssen sich sehr uͤbel befinden. Und es ist auch nicht zu verwundern. Allein ich hoffe, daß es vielmehr von Bestuͤrzung, Schrecken und Niedergeschlagenheit herruͤhre, die sich uͤber- winden lassen, als von einem eingerissenen Kum- mer, der solche Folgen haben moͤchte, woran es mir unertraͤglich wird, nur einmal zu gedenken. Aber vor allen Dingen, meine Allerliebste, muͤssen sie den Muth nicht sinken lassen! Jn der That sie muͤssen den Muth nicht sinken lassen! Bisher haben sie nichts versehen: allein Ver- zwei- zweifelung wuͤrde ganz ihr eigner und der aͤrgste Fehler seyn, dessen sie schuldig seyn koͤnnen. Es ist mir etwas unertraͤgliches, eine andere Hand statt ihrer zu sehen. Senden sie mir ein paar Zeilen, wenn es auch noch so wenig sind, liebste Freundinn, von ihrer eignen Hand, wo moͤglich ‒ ‒ denn die werden mein Herz wieder lebendig machen: insonderheit wo sie mir von ih- rer Besserung Nachricht geben koͤnnen. Jch erwarte ihre Antwort auf meinen Brief vom 13ten. Wir warten alle mit Ungedult dar- auf. Seine Verwandten sind so ansehnliche und ehrliebende Personen ‒ ‒ Sie tragen ein so eifri- ges Verlangen, Sie unter ihre Angehoͤrigen zu zaͤhlen ‒ ‒ Der elende Mensch ist so voller Reue; das sagt ein jeder von seiner Familie ‒ ‒ Jhre eigne Anverwandten sind so unver- soͤhnlich ‒ ‒ Jhr letztes Ungluͤck ist zwar eine Folge von seiner vorigen Bosheit, aber doch we- der auf sein Angeben, noch mit seinem Wissen, zuwege gebracht, und wird von ihm so uͤbel em- pfunden ‒ ‒ daß meine Mutter gaͤnzlich der Meynung ist, Sie sollten ihn nehmen ‒ ‒ Sonderlich, wo Sie sich auf meine Wuͤnsche, wie ich sie in meinem Briefe entdecket habe, und auf das Verlangen aller seiner Freunde, wuͤrden er- geben und gefaͤllig bezeiget haben, wenn dieser schreckliche Verhaft nicht darzwischen gekommen waͤre. B b 2 Jch Jch will die Abschrift von dem Briefe, den ich am verwichnen Dienstage auf die Nachricht, daß niemand wuͤßte, wo Sie hingekommen waͤ- ren, an die Fraͤulein Montague abgelassen habe, und die Antwort darauf, welche von dem Lord M. und der Lady Sarah Sadleir, und der Lady Elisabeth Lawrance so wohl als von den beyden Fraͤulein ‒ ‒ und auch von dem elenden Men- schen selbst, unterschrieben ist, beyschließen. Jch gestehe, daß mir die Art, wie er sich aus- druͤckt, in dem, was er an mich geschrieben hat, nicht gefaͤllt: und ehe ich mich seiner weiter an- nehme, habe ich mich entschlossen, durch einen gu- ten Freund seine Aufrichtigkeit aus seinem eignen Munde zu vernehmen, und zu erfahren, ob in seiner Bitte an mich seine ganze Neigung, oh- ne die Wuͤnsche seiner Verwandten betrach- tet, rede. Jedoch empoͤret sich mein Herz gegen ihn, wenn ich gedenken muß, daß nur einmal der geringste Schatten eines Grundes zu einer solchen Frage vorhanden ist: da das Frauenzimmer die Fraͤulein Clarissa Harlowe ‒ ‒ Allein ich glau- be, mit meiner Mutter, daß Heyrathen itzo das einzige noch uͤbrige Mittel ist, Jhr kuͤnftiges Le- ben auf eine ertraͤgliche Art leicht ‒ ‒ gluͤcklich darf man nicht sagen ‒ ‒ zu machen. ‒ ‒ Jn den Augen der Welt selbst wird, in dem Falle, die Schande mehr auf ihn, als auf Sie, fallen ‒ ‒ Und bey denen, welche Sie kennen, wird Jhr Sieg herrlich und ruhmwuͤrdig seyn. Jch Jch werde genoͤthigt, meine Mutter bald zu der Jnsel Wight zu begleiten. Meine Tante Harman nimmt sehr ab, und verlanget instaͤn- digst uns beyde, und auch Herrn Hickmann, wie ich denke, zu sehen. Seine Schwester, von der wir so viel gehoͤ- ret hatten, und ihr Lord, besuchten uns dieser Tage. Jch habe das Gluͤck ihr außerordentlich zu gefallen, oder wenigstens sagt sie es. Jch kann nicht anders sagen, als daß ich glau- be, sie sey der vortrefflichen Beschreibung vollkom- men aͤhnlich, die wir von ihr gehoͤret haben. Es wuͤrde der Tod fuͤr mich seyn, wenn ich nach der kleinen Jnsel reisen und Sie nicht vor- her sehen sollte. Gleichwohl besteht meine Mut- ter darauf, daß mein erster Besuch bey Jhnen einen Gluͤckwunsch an Sie, als Fr. Lovelacen, zum Zweck haben muͤsse. Sie mag gar zu gern eine Gewalt uͤber mich sehen lassen, die sie oft eben dadurch, daß sie dieselbe sehen laͤßt, streitig macht. Wenn ich weiß, was auf die Fragen erfolgen wird, die dem elenden Menschen in meinem Na- men sollen vorgelegt werden, und was Jhre Ge- sinnung in Ansehung meines Briefes vom 13ten seyn mag: so werde ich Jhnen mehr von meinen Gedanken eroͤffnen. Der Ueberbringer des gegenwaͤrtigen ver- spricht so zu eilen, daß er noch diesen Nachmit- B b 3 tag tag bey Jhnen anlange. O! kaͤme er doch mit guter Zeitung wieder zuruͤck fuͤr Jhre ewig ergebene Anna Howe. Der funfzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Donnerstags, Nachmittags. S ie uͤberladen mich, meine liebste Fraͤulein Howe, durch Jhre feurige und doch stand- hafte Liebe. Jch will mich sehr kurz fassen: weil ich nicht wohl, ob gleich ein großes Theil besser, als vorher, bin; und weil ich eine Antwort auf Jhre Zuschrist vom 13ten aufzusetzen suche. Zum voraus aber muß ich Jhnen sagen, meine Wer- theste, daß ich den Menschen nicht nehmen will ‒ ‒ Zuͤrnen Sie nicht uͤber mich ‒ ‒ Allein in der That, ich will ihn nicht. Also lassen Sie ihm meinetwegen keine Fragen vorlegen, ich bitte Sie. Jch lasse den Muth nicht sinken, liebste Freundinn. Jch hoffe, daß ich sagen duͤrfe, ich will ihn nicht sinken lassen. Jst mein Zustand nicht um vieles verbessert? Jch danke dem Him- mel dafuͤr! Jch Jch bin itzo keine Gefangene mehr in einem schaͤndlichen Hause. Jch bin nun den Raͤnken des Menschen nicht mehr bloß gestellet. Jch bin nicht mehr genoͤthigt, mich aus Furcht vor ihm in Winkel zu verstecken. Einer von seinen Vertrauten ist mein eifriger Freund geworden, und verbindet sich, ihn von mir abzuhalten: und das mit seiner eignen Einwilligung. Jch bin unter ehrlichen Leuten. Alle meine Kleider und Sachen sind mir wieder zugestellet. Der nichts- wuͤrdige Mensch giebt selbst meiner Ehre Zeug- niß. Jn Wahrheit, ich bin sehr schwach und krank: aber ich habe einen vortrefflichen Arzt, Dr. H. und einen eben so rechtschaffenen Apotheker, Hrn. Goddard ‒ ‒ Jhr beyder Bezeigen gegen mich, meine Allerliebste, ist vollkommen vaͤterlich! ‒ ‒ Mein Gemuͤth selbst, kann ich befinden, faͤngt an staͤrker zu werden: und mich deucht, ich finde mich bisweilen meinem Elende uͤberlegen. Jch werde wohl manches mal wieder sinken. Das muß ich vermuthen. Und meines Vaters Fluch ‒ ‒ Jedoch Sie werden mit mir schelten, daß ich dessen auch itzo Erwaͤhnung thue, da ich eben meine Trostgruͤnde erzaͤhle. Allein ich empfehle Jhnen instaͤndigst, meine theureste Freundinn, daß sie mein Ungluͤck Jhr Gemuͤth nicht zu sehr anfechten lassen. Thun Sie das: so wird es nur dienen, einige von de- nen Pfeilen, die schon stumpf geworden sind, und B b 4 ihre ihre Schaͤrfe verlohren haben, aufs neue zuzu- spitzen. Wo Sie etwas zu meiner Gluͤckseligkeit bey- tragen wollen: so lassen sie Jhre eigne Gluͤck- seligkeit, und die frohe Hoffnung, die sie vor sich sehen, ungehindert Platz finden. Sie werden sehr niedrige Gedanken von Jh- rer Clarissa Harlowe haben: wo sie nicht glau- ben, daß das groͤßte Vergnuͤgen, welches Sie in dieser Welt haben kann, in Jhrem Gluͤck und Jhrer Wohlfarth liege. Denken Sie nicht an- ders an mich, meine einzige Freundinn, als unter denen Umstaͤnden, worunter wir in vergangenen Zeiten mit einander waren: und stellen Sie sich vor, als wenn ich weit, weit, weg waͤre! ‒ ‒ Auf einer langen Reise! ‒ ‒ Wie oft werden die be- sten Freunde, wenn ihr Vaterland sie auffordert, so von einander getrennt ‒ ‒ mit Gewißheit auf viele Jahre ‒ ‒ mit Wahrscheinlichkeit auf ewig! Lieben Sie mich inzwischen bestaͤndig. Aber lassen Sie es eine entwoͤhnende Liebe seyn. Jch bin nicht mehr, was ich vormals war: da wir, wie ich sagen mag, eine unzertrennliche Liebe unter einander hatten ‒ ‒ Jhre Absichten muͤs- sen nun ganz verschieden seyn ‒ ‒ Entschließen Sie sich, meine Wertheste, einen wuͤrdigen Mann gluͤcklich zu machen: weil ein wuͤrdiger Mann Sie gluͤcklich machen muß ‒ ‒ Und so, meine Allerliebste, leben Sie fuͤr itzo wohl! ‒ ‒ Leben Sie Sie wohl, meine Allerliebste! ‒ ‒ Jedoch wer- de ich bald wieder schreiben, wie ich hoffe! Der ein und funfzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Eine Antwort auf den acht und vierzigsten Brief. Donnerstags, den 20ten Jul. J ch habe dem armen Belton das Stuͤck von dem Beschluß eures Briefes vorgelesen, wo ihr euch nach ihm erkundiget, und meldet, wie lustig ihr, und die Uebrigen, eure Zeit zu M. Hall zubringet. Er holte einen tiefen Seufzer. Jhr seyd alle recht gluͤcklich, waren seine Worte ‒ ‒ Mir ist bange, daß es seine Worte gewe- sen sind: denn der arme Mensch wird gar bald dahin seyn. Veraͤnderung der Luft, nebst der aufgeweckten und lustigen Gesellschaft, worinn ich ihn gelassen habe, hoffet er, werde ihm Besse- rung verschaffen. Allein nichts, darf ich sagen, wird es thun. Eine zehrende Krankheit und eine zehrende Maitresse, die von einem allzu guͤtigen Liebhaber gehalten wird, sind schreckliche Dinge: wenn man mit beyden zugleich kaͤmpfen soll. Es muß Gewalt gebraucht werden; wo man der B b 5 letztern letztern los seyn will: und gleichwohl hat er nicht mehr Munterkeit genug, sich wider sie einzulas- sen. Sein Haus ist Thomasinens Haus, nicht sein. Er ist seit vierzehn Tagen nicht in dem- selben gewesen. Er irret von einem Wirthshau- se zum andern herum. Er geht in ein jedes nur in der Absicht, etwas weniges zu sich zu nehmen: und bleibt hernach doch zween oder drey Tage da, ohne daß er wieder wegkommen kann; und weiß kaum, zu welchem er alsdenn zuerst gehen soll. Seine Krankheit ist in ihm: und er kann ihr nicht entlaufen. Jhre Jungen; vormals dachte er, sie waͤren sein; sind verwegen genug, ihn in seinem eignen Hause, wie sie bey ihm vorbeygehen, mit der Schulter fortzuschieben. Da sie es mit der Mut- ter halten: so jagen sie ihn gewissermaßen hin- aus, und schwelgen, in seiner Abwesenheit, auf den Ueberrest seines geringe gewordenen Vermoͤ- gens los. Jhre Mutter, die vormals so zaͤrtlich, so demuͤthig, so gefaͤllig war, daß wir ihn alle gluͤcklich priesen, und seine Lebensart fuͤr etwas er- wuͤnschtes hielten, ist nun so frech, so vermessen, daß er nicht mit ihr streiten kann, ohne seiner Gesundheit unsaͤglichen Schaden zu thun. Also ist es mit ihm so weit gekommen, daß er mit ei- ner kleinmuͤthigen Vertheidigung, die kaum eine Vertheidigung ist, zufrieden seyn muß. ‒ ‒ Wie weit heißt das zuruͤckgekommen, fuͤr ein Herz, das so viele Jahre als angreiffender Theil Krieg gefuͤhret, und sich nicht darum be- kuͤm- kuͤmmert hat, wer der Gegner seyn moͤchte! ‒ ‒ Nun vergleicht er sich selbst mit dem veralteten Loͤwen in der Fabel, welcher, durch die schlagende Fersen eines feigen und veraͤchtlichen Esels, mit zerstoßenem Maul zu Boden geworfen ist. Jch habe seine Sache uͤbernommen. Er hat mir, jedoch nicht ohne Widerstreben, Erlaubniß gegeben, ihn in den Besitz seines eignen Hauses zu setzen, und fuͤr ihn seine ungluͤckliche Schwe- ster, die er bisher geringe geachtet, eben weil sie ungluͤcklich ist, in dasselbe einzufuͤhren. Es ist etwas hartes, sagte er zu mir, und weinte, armer Schelm! indem er es sagte, daß es ihm nicht ge- goͤnnet seyn kann, in seinem eignen Hause ruhig zu sterben! ‒ ‒ Dieß sind die Fruͤchte von dem begluͤckten Stande, wenn man eine Maitresse haͤlt. Ob er gleich erst vor nicht langer Zeit ihre Untreue erfahren hat: so kommt es doch nun her- aus, daß diese schon so lange fortgetrieben ist, daß er keine Ursache hat, die Jungen fuͤr sein zu hal- ten. Wie verliebt pflegte er gleichwohl in die- selben zu seyn! Wo ich euren und unserer Mitgesellen Bey- stand noͤthig habe, den armen Kerl wieder einzu- setzen: so will ich euch davon Nachricht geben. Unterdessen ist mir eben itzo erzaͤhlt, daß Thoma- sine sich erklaͤre, nicht aus der Stelle zu weichen: denn es scheint, als wenn sie muthmaßer, man werde Maaßregeln nehmen, sie zu vertreiben. Sie sey sey Frau Belten, spricht sie, und wolle ihre Ver- maͤhlung beweisen. Stellt sie sich schon bey seinen Lebzeiten so: was wuͤrde sie nach seinem Tode zu thun versu- chen? Jhre Jungen drohen jedermann, der sich unterstehen wird, ihre Mutter zu beleidigen. Von ihrem Vater, wie sie den armen Belton nennen, reden sie als von einem unaͤchten Vater. Und ihr vermuthlich rechter Vater ist bestaͤndig da, ist als ein Feind da; unter dem gewoͤhnli- chen Namen ihres Vetters. Nun heißt er gar ihr Vetter, der sie schuͤtzet. Es ist wohl schwerlich jemals einer gewesen, darf ich sagen, der eine Maitresse gehalten, und nicht gemacht haͤtte, daß sie dagegen einen Liebha- ber hielte, dem sie verschwenderisch alles zusteckte was sie von der ausschweifenden Thorheit dessen, der sie hielte, bekommen hatte. Jch will die Sache ohne euch abthun, wo ich kann. Es wird nur, wie ich mir vorstelle, ein aͤhnlicher Fall mit demjenigen seyn, der den alten Sarmatern begegnete. Als dieselben, nach ei- ner Abwesenheit von vielen Jahren, zu Hause kamen: fanden sie ihre Weiber im Besitz ihrer Sklaven; so daß sie nicht allein mit diesen Wei- bern, die sich ihrer Untreue bewußt waren, und mit ihren Knechten, sondern auch mit den Kin- dern von diesen Knechten zu streiten hatten, wel- che bis zu maͤnnlichen Jahren aufgewachsen, und entschlossen waren, ihre Mutter und ihre laͤngst frey- freygelassene Vaͤter zu vertheidigen. Allein die edlen Sarmater hielten es sich fuͤr eine Schande, ihre Knechte mit gleichen Waffen anzugreiffen, und versahen sich nur mit eben der Art von Peit- schen, womit sie dieselben vormals zu zuͤchtigen gewohnt gewesen. Da sie mit diesen den An- griff auf sie thaten: flohen die Abtruͤnnigen vor ihnen. ‒ ‒ Zum Andenken hievon sieht man noch, bis auf diesen Tag, auf der Muͤnze in No- vogrod in Rußland, einer Stadt von dem alten Sarmatien, einen Kerl zu Pferde mit einer Peit- sche in der Hand. Der arme Mensch nimmt es uͤbel, daß ihr ihn nicht instaͤndiger, als wie ihr gethan, gebeten habt, zu M. Hall von eurer Gesellschaft zu seyn. Es kommt von Mowbray her, ist er versichert, daß er von dem, der in seinen Einladungen so feurig zu seyn pflegte, so sehr obenhin gebeten worden. Mowbrays Rede gegen ihn, sagt er, wolle er ihm niemals vergeben. „Ey Thoms“, waren die Worte des uͤbermuͤthigen Kerls, mit einem Fluch, „du laͤssest ja den Kopf haͤngen, wie ein „Huhn, das den Pips hat. Du solltest munte- „rer werden, oder dich entschließen, eine vierzigtaͤ- „gige Frist in der Einsamkeit zu halten, wenn du „nicht den ganzen Haufen anstecken wolltest.“ Jch meines Theils bin nur darum bekuͤm- mert, daß dieser arme Kerl so wohl in Ansehung seiner Umstaͤnde, als seines Gemuͤths, elend dar- an ist: sonst wuͤrde ich eurer aller uͤberdruͤßig seyn. So So groß ist das Wohlgefallen, das ich an dem Umgange mit dieser goͤttlichen Freundinn finde, und so groß meine Bewunderung ihres Bezei- gens und ihrer Gesinnung, daß ich so gar deiner Gesellschaft, auf einen Monat, entbehren wollte, damit ich nur eine Stunde in ihrer Gesellschaft seyn koͤnnte. Jch bin mit mir selbst ausnehmend wohl zufrieden, daß ich im Stande bin, so hoch als ich deine Gesellschaft zu schaͤtzen pflegte, von freyen Stuͤcken, so zu sagen, diese Wahl zu treffen. Es ist doch, wenn alles herauskommt, ein teuflisches Leben, das wir gefuͤhrt haben. Wenn man bedenken muß, wie sich alles in sehr weni- gen Jahren endiget; wenn man sieht, was fuͤr einen schlechten Zustand in Ansehung der Gesund- heit sich dieser arme Kerl so bald zugezogen hat; und alsdenn bemerket, wie ein jeder von euch den Ungluͤcklichen verlaͤßt, und davon laͤuft, wie die Ratzen von einem einfallenden Hause: so ist das gewiß ein feiner Trost, der einem Menschen helfen kann, auf seine uͤbel gewaͤhlte Gesellschaft und ein uͤbel angewandtes Leben zuruͤck zusehen. Kann ich meines Theils nur irgend eine gu- te Familie gewinnen; mir eine Schwester oder eine Tochter anzuvertrauen; da mein Vermoͤgen nun gewachsen ist und mich in den Stand setzen wird, gute Ehestiftungen vorzuschlagen: so will ich euch alle verlassen, will heyrathen und in Zu- kunft vielmehr ein vernuͤnftiges, als ein viehisches Leben fuͤhren. Der Der zwey und funfzigste Brief von Hrn. Belford an Herrn Robert Lovelace. Donnerstags, Abends. J ch bin genoͤthigt worden, meine zwanzig Guineas wieder zuruͤck zunehmen. Wie die Weibsleute es gemacht haben, kann ich nicht sagen; ich vermuthe, daß zu dem reichen Anzuge allzu bald ein Kaͤufer gefunden war: allein sie ist auf den Argwohn gefallen, daß ich das Geld vorgeschossen haͤtte, und hat die Kleider nicht sah- ren lassen wollen. Jnzwischen hat Fr. Lovick in der That einige reiche Spitzen, die dreymal so viel werth waren, fuͤr funfzehn Guineas verkauft. Von dem Gelde hat sie ihr wieder gegeben, was sie zur Bezahlung des Arztes geborget hatte: in einer Krankheit, die durch die Grausamkeit des wildesten Menschen verursachet ist. Du weißt seinen Namen! Der Arzt fragte diesen Morgen, wie es scheint, bey ihr nach, und hatte wegen der Bezah- lung einen kurzen Wortwechsel mit ihr. Sie drang darauf, daß er sie jedesmal, wenn er kaͤ- me, nehmen sollte, er moͤchte etwas vorschreiben, oder nicht: weil sie muthmaßte, daß er der Fr. Lovick und ihrer Waͤrterinn bloß muͤndliche Ver- ordnungen ertheilte, um keine zu nehmen. Er Er sagte, es wuͤrde ihm unmoͤglich gewesen seyn, wenn er auch kein Arzt gewesen waͤre, sich nach der Gesundheit und dem Wohlbefinden ei- ner so vortresflichen Person nicht zu erkundigen. Er waͤre nicht willens, sich nur aus Hoͤflichkeit noͤthigen zu lassen; wenn er die angebotene Be- zahlung verbaͤte: sondern er wuͤßte, daß ihr Zu- stand sich nicht so ploͤtzlich veraͤndern koͤnnte, daß taͤgliche Besuche noͤthig waͤren. Sie muͤßte ihm also erlauben, sich unten bey den Frauensleuten nach ihrem Befinden zu erkundigen, und er muͤßte nicht daran denken, herauf zu kommen: wenn er fuͤr das Vergnuͤgen, welches er sich selbst so gern machen wollte, mit Gelde belohnet wer- den sollte. Es fiel endlich auf einen Vergleich aus, ein anderes mal allezeit eine Bezahlung anzuneh- men. Das ließ sie sich, wiewohl ungern, gefal- len, und vermeldete ihm, daß sie zwar itzo ver- lassen und im Ungluͤck waͤre, aber nach Recht und Gesetzen ein großes Vermoͤgen haͤtte, und keine Ausgaben so hoch auflaufen koͤnnten, daß daruͤber ein Bedenken entstehen sollte, sie moͤchte leben oder sterben. Allein sie ließe sich den Ver- gleich gefallen, setzte sie hinzu, in Hoffnung ihn so oft zu sehen, als es ihm seine Zeit erlauben wollte: denn sie hegte gegen ihn und Herrn Goddard, wegen ihres guͤtigen und zaͤrtlichen Verfahrens mit ihr, eine beynahe kindliche Hoch- achtung. Jch Jch hoffe, du wirst dich mit diesem recht- schaffenen Arzte bekannt machen, wenn du nach London kommst, und ihm Dank sagen, daß er ihr eine gute Meynung von dem Geschlechte bey- bringet, welches du ihr so viele Ursache gegeben hast zu verabscheuen. Der drey und funfzigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. M. Hall, Freytags, den 21ten Jul. E ben bin ich von einer Zusammenkunft mit dem Hickmann zuruͤckgekommen. Ein ge- zwungener Narr von einem Kerl, eben so steif, als seine Manschetten. Du weißt, Bruder, ich bin ihm nicht gut: und wem wir nicht gut sind, dem koͤnnen wir nichts vorzuͤgliches zugestehen; vielleicht nicht einmal den Vorzug, der ihm billig sollte zugestanden werden. ‒ ‒ Jnzwischen meyne ich es im rech- ten Ernst, wenn ich sage, daß er mir so steif, so sproͤde, so gezwungen, so eigen und doch so toͤlpisch in sei- ner Person vorgekommen ist, daß ich auf deine Meynung wetten kann, wo du ihm und dir selbst Gerechtigkeit wiederfahren laͤssest, du habest nie- mals noch einen solchen Kerl, ausgenommen im Spiegel, gesehen. Sechster Theil. C c Jch Jch will dir erzaͤhlen, wie ich ihn abgefuͤhret habe. Er kam in seinen eignen Wagen zu Dor- mern: und wir spatzierten, auf sein Ersuchen, mit einander in dem Garten. Er war von ver- teufelt vielen Umstaͤnden, und machte einen gan- zen Scheffel voll Entschuldigungen wegen der Freyheit, die er sich naͤhme. Nachdem er ein halb hundert male gehustet und sich gereuspert hatte, vermeldete er mir, daß er kaͤme-daß er kaͤme ‒ ‒ mir auf Verlangen der werthesten Fraͤu- lein Howe, wegen ‒ ‒ wegen ‒ ‒ der Fraͤu- lein Harlowe, aufzuwarten. Gut, mein Herr, reden sie, sprach ich: aber erlauben sie mir zu sagen, wo ihr Buch so lang ist, als ihre Vorrede, so wird es eine Woche Zeit wegnehmen, es zu lesen. Dieß war sehr unhoͤflich, wirst du sagen. Allein es ist nichts so gut, als daß man diesen Leuten, die so viele Umstaͤnde machen, gleich an- fangs das Ziel verruͤckt. Wenn sie einmal aus ihrer Bahn gebracht sind: so sind sie voller Zweifel uͤber sich selbst, und koͤnnen niemals wie- der ins Gleiß kommen. Alsdenn hat ein ehrli- cher Kerl, der unverschaͤmt angegriffen wird, wie es mir ging, die ganze Unterredung hiedurch ge- wonnen. Er strich seinen Bart, und wußte kaum, was er sagen sollte. Endlich nachdem er bey seinen Reden eine Einschaltung uͤber die andere und in die andere gemacht, und seine Entschul- digung digungen durch neue Entschuldigungen zu ent- schuldigen gesucht hatte; vermuthlich Swifts Ausschweifungen zum Lobe der Ausschweifungen nachzuahmen: fing er wieder an ‒ ‒ Jch ver- muthe, ich vermuthe, mein Herr, daß sie an dem Besuche Theil gehabt haben, der bey der Fraͤulein Howə, im Namen des Lords M. und der Lady Sa- rah Sadleir, und der Lady Elisabeth, von ihren beyden Fraͤulein Basen abgelegt ist? Ja allerdings, mein Herr: und Fraͤulein Howe bekam hernach einen Brief, der von mei- nem Lord und diesen Ladies, und von mir selbst unterschrieben war. Haben sie ihn gesehen, mein Herr? Jch kann nicht anders sagen, als daß ich ihn gesehen habe. Er hat vornehmlich zu diesem Besuch Anlaß gegeben. Denn die Fraͤulein Howe denkt, daß ihr Antheil an demselben mit einem so leichtsinnigen Wesen ‒ ‒ Verzeihen sie mir, mein Herr ‒ ‒ geschrieben sey, daß sie nicht weiß, ob sie sich im Ernst oder im Scherz an sie wenden und ihre Fuͤrsprache bey ihrer Freun- dinn suchen Siehe den XXXIX. Brief in diesem Theile. . Will die Fraͤulein Howe mir erlauben, mich, persoͤnlich gegen sie zu erklaͤren, Herr Hickmann? O nein, mein Herr, im geringsten nicht, Fraͤulein Howe, bin ich versichert, wuͤrde ihnen die Muͤhe nicht zumuthen. Jch werde es nicht fuͤr eine Muͤhe halten. Jch will sie eiligst zur Fraͤulein Howe begleiten, C c 2 mein mein Herr, und ihr alle Zweifel benehmen. Kommen sie, mein Herr, nun will ich ihnen auf- warten. Sie haben einen Wagen. Wir sind allein. Wir koͤnnen schwatzen, indem wir fahren. Er stockte, wandte und drehete sich, schlug hinten aus, strich seine Manschetten, zog seine Perucke und zerrte sein Halstuch, das lang genug war, ein Laͤtzchen abzugeben ‒ ‒ Jch werde nicht gerades Weges zur Fraͤulein Ho- we fahren, mein Herr. Es wird eben so gut seyn, wenn sie die Guͤte haben wollen, ihr durch mich Genuͤge zu thun. Was ist es denn, was ihr Bedenken macht, Herr Hickmann? Fraͤulein Howe, mein Herr, bemerket, daß sie in dem Theil des Briefes, der von ihnen kommt, schreiben ‒ ‒ Aber erlauben sie mir, mein Herr, ich habe eine Abschrift von dem, was sie geschrie- ben haben ‒ ‒ Er zog sie hervor ‒ ‒ Wollen sie mir erlauben, mein Herr? ‒ ‒ So fangen sie an ‒ ‒ Wertheste Fraͤulein Howe! ‒ ‒ Keine Beleidigung, wie ich hoffe, Herr Hick- mann? Nein, im geringsten nicht, mein Herr! ‒ ‒ Nein gar nicht, mein Herr! ‒ ‒ Er sahe so sorg- faͤltig auf das Papier, als wenn er nicht gut se- hen koͤnnte, weiter zu lesen. Gebrauchen sie eine Brille, Herr Hick- mann? Eine Eine Brille, mein Herr! ‒ ‒ Dabey wendte er sein ganzes breites Gesicht gegen mich in die Hoͤhe ‒ ‒ Eine Brille! ‒ ‒ Was bewegt sie, mir eine solche Frage zu thun? Solch ein junger Mann, als ich, sollte eine Brille gebrau- chen, mein Herr! ‒ ‒ Jn Spanien, Herr Hickmann, thun es so wohl junge Leute, als alte, ihre Augen zu erhal- ten ‒ ‒ Haben sie einmal Priors Alma gelesen, Herr Hickmann? Ja mein Herr: ‒ ‒ Gewohnheit ist alles so wohl bey Voͤlkern als an einzelnen Personen. Jch verstehe, was sie mit ihrer Frage sagen wol- len. ‒ ‒ Aber es ist nicht die englaͤndische Gewohnheit. Sind sie einmal in Spanien gewesen, Herr Hickmann? Nein, mein Herr: in Holland bin ich ge- wesen. Jn Holland, mein Herr! ‒ ‒ Niemals in Frankreich oder Jtalien? ‒ ‒ Jch hatte mir vor- genommen mit ihm in das Land Verwirrungs- hausen zu reisen. Nein, mein Herr, ich kann nicht sagen, daß ich bisher da gewesen waͤre. Das ist ein Wunder, mein Herr, da sie doch auf dem festen Lande gewesen! Jch war einer besondern Angelegenheit we- gen dahin gekommen und war genoͤthigt, bald wieder zuruͤck zu gehen. C c 3 Aber, Aber, mein Herr, sie wollten ja lesen ‒ ‒ Haben sie die Guͤte fortzufahren. Er sahe wieder so sorgfaͤltig auf das Blatt, als wenn seine Augen aͤlter waͤren, als das Ue- brige an ihm, und las: Nach dem, was oben geschrieben, und durch solche Namen und Haͤnde unterzeichnet ist, gegen deren Ehre niemand etwas einzuwenden haben kann ‒ ‒ Gewiß, sprach er hiebey, und schlug die Augen von dem Papier auf, niemand hat gegen die Eh- re des Lords M. und der Ladies, welche den Brief unterzeichnet haben, etwas einzuwenden. Jch hoffe, Herr Hickmann, auch wider mei- ne Ehre hat niemand etwas einzuwenden! Wo es ihnen beliebt, mein Herr: so will ich weiter lesen ‒ ‒ Haͤtte ich entschuldigt und uͤberhoben seyn moͤgen, einen Namen zu unterzeichnen, der mir beynahe selbst eben so verhaßt ist; beliebt ihnen zu sagen; als er Jhnen ist, wie ich wohl weiß ‒ ‒ Jch muß sie bey dieser Stelle unterbrechen, Herr Hickmann. Jn dem, was ich an Fraͤu- lein Howe geschrieben, habe ich das Wort weiß besonders unterschieden. Jch hatte einen Grund dazu. Fraͤulein Howe ist sehr frey mit meinem guten Namen umgegangen. Jch habe ihr nie- mals etwas zu Leide gethan. Jch nehm es ihr sehr uͤbel, und hoffe, mein Herr, sie kommen in ihrem Namen, sie desfalls bey mir zu entschul- digen. Fraͤu- Fraͤulein Howe ist ein sehr hoͤfliches und fei- nes Frauenzimmer. Sie ist nicht gewohnt mit dem guten Namen eines Cavalliers ungebuͤhrlich umzugehen. So habe ich desto mehr Ursache, es uͤbel zu nehmen, Herr Hickmann. Ey, mein Herr, sie wissen die Freundschaft ‒ ‒ Keine Freundschaft sollte solche Freyheiten, als sich Fraͤulein, Howe gegen meinen guten Na- men herausgenommen hat, rechtfertigen. Jch glaube, nun fing er an zu wuͤnschen, daß er nicht zu mir gekommen waͤre. Er schiene ganz in Unordnung zu seyn. Haben sie von der Fraͤulein Howe meinen Namen nicht angetastet gehoͤrt, mit großer ‒ ‒ Mein Herr, ich komme nicht, sie zu beleidi- gen: allein sie wissen, wie sehr sich Fraͤulein Howe und Fraͤulein Harlowe unter einander lie- ben ‒ ‒ Jch besorge, daß sie der Fraͤulein Har- lowe nicht so begegnet haben, als ein so feines und junges Frauenzimmer es verdiente: und wo die Liebe gegen ihre Freundinn der Fraͤulein Ho- we Anlaß gegeben hat, sich Freyheiten zu neh- men, wie sie es nennen; so wird ein edelgesinn- tes Gemuͤth bey einer solchen Gelegenheit sich vielmehr leid seyn lassen, daß es Ursache dazu gegeben hat, als ‒ ‒ Jch weiß die Folge, die sie machen wollen, mein Herr! ‒ ‒ Aber ich moͤchte diesen Vorwurf lieber von einem Frauenzimmer haben, als von einem Cavallier. Jch habe ein großes Verlan- C c 4 gen, gen, der Fraͤulein Howe aufzuwarten. Jch bin uͤberzeugt, daß wir bald zu einen guten Ver- nehmen kommen wuͤrden. Edelgesinnte Gemuͤ- ther sind allezeit verwandt. Jch weiß, wir wuͤr- den in allen Stuͤcken uͤbereinkommen. Seyn sie doch so guͤtig, Herr Hickmann, mir bey der Fraͤulein Howe einen Zutritt zu verschaffen. Mein Herr ‒ ‒ Jch kann ihr Verlangen der Fraͤulein Howe melden, wo es ihnen gefaͤllig ist. Ja, thun sie es. Belieben sie weiter zu le- sen, Herr Hickmann? Er las sehr feyerlich, als wenn ich mich nicht erinnerte, was ich geschrieben haͤtte. Da er auf die Stelle kam von dem Halfter, dem Pfarrer und dem Henker, und sie gelesen hatte: sprach er: Wie, mein Herr, sieht dieß nicht einem Scherze aͤhnlich? ‒ ‒ Fraͤulein Howe haͤlt es dafuͤr. Es steht nicht in der Fraͤulein Gewalt, wissen sie, mein Herr, sie zum Galgen zu verurtheilen. So glauben sie denn, wenn es in ihrer Ge- walt stuͤnde, daß sie es thun wuͤrde? Sie schreiben hier an Fraͤulein Howe, fuhr er fort, daß Fraͤulein Harlowe die am meisten beleidigte Person von ihrem Geschlechte sey. Jch weiß von der Fraͤulein Howe, daß sie die Beleidigungen, welche sie gestehen, ausneh- mend uͤbel befindet: dergestalt, daß Fraͤulein Ho- we zweifelt, ob sie sie jemals gewinnen werde, dieselben zu uͤbersehen. Und da ihre ganze Fa- milie wuͤnfchet, daß sie das Unrecht, welches ihr wider- widerfahren ist, bey ihr wieder gut machen moͤch- ten; und gleichfalls der Fraͤulein Howe Ver- mittelung bey ihrer Freundinn verlanget: so be- sorget Fraͤulein Howe, nach dieser Stelle von ihrem Briefe, daß sie allzuviel scherzen, und daß ihr Erbieten, ihr Gerechtigkeit zu thun, vielmehr eine Hoͤflichkeit gegen ihrer Freunde Bitten sey, als von ihrer eignen Neigung herkomme. Da- her verlangt sie ihre Gesinnung in diesem Stuͤcke zu wissen: ehe sie sich weiter ins Mittel schlaͤgt. Denken sie, Herr Hickmann, daß, wenn ich im Stande bin, meine eigne Verwandten zu be- truͤgen, ich so viele Verbindlichkeit gegen die Fraͤulein Howe habe, die sich allezeit große Frey- heit gegen mich herausgenommen, daß ich ihr gestehen sollte, was ich jenen nicht gestehe? Jch bitte um Verzeihung, mein Herr ‒ ‒ Allein Fraͤulein Howe denket, daß, da sie ihr ge- schrieben haben, sie durch mich eine Erklaͤrung dessen, was sie geschrieben, verlangen moͤge. Sie sehen etwas von mir, Herr Hickmann ‒ ‒ Denken sie, daß es mein Ernst, oder mein Scherz sey? Jch sehe, mein Herr, sie sind ein aufgeweck- ter Cavallier, von feinem Verstande, und alles, was ‒ ‒ Alles, was ich in der Fraͤulein Howe Namen bitte, ist, zu wissen, ob sie wirklich und bona fide zugleich mit ihren Freunden verlangen, daß sie Theil nehmen soll, sie mit der Fraͤulein Harlowe wieder auszusoͤhnen? C c 5 Es Es wuͤrde mir uͤber alle Maaße lieb seyn, mit der Fraͤulein Harlowe ausgesoͤhnt zu werden: und ich wuͤrde der Fraͤulein Howe große Ver- bindlichkeit haben; wenn sie einen so gluͤcklichen Erfolg zuwege bringen koͤnnte. Aber, mein Herr, sie haben doch vermuthlich keine Einwendung gegen das Heyrathen, als die Bedingung dieser Aussoͤhnung? Der Ehestand hat mir niemals in meinem Leben gefallen. Jch muß offenherzig mit ihnen zu Werke gehen, Herr Hickmann. Jch bedaure es: ich halte ihn fuͤr einen gluͤck- lichen Stand. Jch hoffe, Herr Hickmann, sie werden ihn so befinden. Jch zweifele nicht daran, mein Herr: und darf wohl sagen, daß sie ihn eben so befinden wuͤrden, wenn sie die Fraͤulein Harlowe be- kommen sollten. Wenn ich mit irgend einer Person in dem- selben gluͤcklich seyn koͤnnte: so wuͤrde es mit der Fraͤulein Harlowe seyn. Jch verwundere mich sehr, mein Herr! ‒ ‒ So denken sie denn, nach dem allen, die Fraͤulein Harlowe nicht zu heyrathen! ‒ ‒ Nach der har- ten Begegnung ‒ ‒ Was fuͤr harte Begegnung, Herr Hickmann? Jch zweifele nicht, daß eine Fraͤulein von ihrer Bedenklichkeit dasjenige so hart vorgestellet habe, was andern nur Kleinigkeiten scheinen wuͤrde. Wo Wo das, was mir zu verstehen gegeben ist, mein Herr ‒ ‒ Verzeihen sie mir ‒ ‒ der Fraͤulein geboten worden: so hat sie sich uͤber et- was mehr, als uͤber Kleinigkeiten, zu beklagen. Lassen sie mich wissen, Herr Hickmann, was sie gehoͤret haben. Jch will getreulich auf die Klagen antworten. Sie wissen am besten, mein Herr, was sie gethan haben. Sie gestehen selbst, daß die Fraͤu- lein so wohl die am meisten beleidigte, als am meisten wohlverdiente Person von ihrem Geschlechte sey. Das ist wahr, mein Herr. Dennoch aber wuͤrde es mir lieb seyn, zu erfahren, was sie ge- hoͤret haben. Denn davon haͤngt vielleicht mei- ne Antwort auf die Fragen ab, welche mir die Fraͤulein Howe durch sie vorleget. Wohlan denn, mein Herr, weil sie darnach fragen: so koͤnnen sie nicht uͤbel nehmen, wenn ich ihnen antworte. ‒ ‒ Zuerst, mein Herr, wer- den sie gestehen, vermuthe ich, daß sie der Fraͤu- lein Harlowe die Ehe versprochen haben, und al- les das. Und ich vermuthe, mein Herr, sie werden mir vorzuwerfen haben, daß ich alles das ohne die Ehe zu haben gewuͤnschet. Ey, mein Herr, ich weiß, daß sie als witzig geruͤhmet werden: aber darf ich nicht fragen, ob diese Dinge sie nicht allzu wenig anfechten? Wenn etwas geschehen ist und nicht zu aͤn- dern steht: so ist es billig, sich darein so gut, als moͤglich, moͤglich, zu schicken. Jch wuͤnschte nur, daß die Fraͤulein auch so denken moͤchte. Jch bin der Meynung, man sollte keine Frauenzimmer hinters Licht fuͤhren. Jch denke, ein Versprechen, das einem Frauenzimmer ge- schehen ist, sollte wenigstens eben so sehr binden, als das, was einer andern Person gegeben worden. Jch glaube, daß sie so denken, Herr Hick- mann: und glaube, daß sie ein recht guter ehr- licher Mann sind. Jch wuͤrde mein Wort allezeit halten, mein Herr, es moͤchte einer Mannsperson, oder einem Frauenzimmer gegeben seyn. Sie reden sehr gut. Es sey fern von mir, sie anders zu bereden. Allein was haben sie wei- ter gehoͤrt? Du wirst leicht denken, Bruder, daß ich sehr begierig seyn mußte, zu erfahren, wie meine kuͤnf- tige Gemahlinn der Fraͤulein Howe die Sache vorgestellt, und wie weit die Fraͤulein Howe sie dem Herrn Hickmann eroͤffnet haͤtte. Mein Herr, dieß gehoͤrt nicht zu meinem ge- genwaͤrtigen Zweck. Aber, Herr Hickmann, es gehoͤrt zu meinem Zweck. Jch hoffe, sie werden nicht erwarten, daß ich ihnen ihre Fragen beantworten sollte, wenn sie eben zu der Zeit meine nicht beantwor- ten wollen. Was, erlauben sie mir, haben sie weiter gehoͤrt? Wenn Wenn ich es dann sagen muß, mein Herr: so habe ich gehoͤrt, daß die Fraͤulein Harlowe zu einem sehr argen Hause gebracht sey. Es ist wahr, die Leute sind nicht so gut aus- gefallen, als sie haͤtten seyn sollen ‒ ‒ Was ha- ben sie ferner gehoͤrt? Jch habe gehoͤrt, mein Herr, daß man sich wunderlicher Vortheile, sehr ungebuͤhrlicher Vortheile, gegen die Fraͤulein bedienet habe: al- lein worinn sie bestanden, kann ich nicht sagen. Koͤnnen sie es nicht sagen? Koͤnnen sie es nicht muthmaßen? So will ich es ihnen denn sagen, mein Herr. Vielleicht ist einige Frey- heit gegen sie gebraucht, als sie im Schlafe gele- gen. Denken sie, daß man sich niemals eines solchen Vortheils uͤber ein Frauenzimmer bedie- net habe? ‒ ‒ Sie wissen, Herr Hickmann, daß die Frauenzimmer sich sehr scheuen, sich auch den sittsamsten Mannspersonen anzuvertrauen, wenn sie geneigt sind, zu schlafen. Warum das: wo- fern sie nicht daͤchten, daß man sich, zu solchen Zeiten, einiger Vortheile uͤber sie bedienen moͤchte? Allein, mein Herr, war der Fraͤulein nichts eingegeben zu schlafen? Das ist die Frage, Herr Hickmann. Jch moͤchte gern wissen, ob die Fraͤulein das sage? Jch habe nicht alles gesehen, was sie geschrie- ben hat. Aber so viel ich gehoͤrt habe, ist es eine sehr scheusliche Sache ‒ ‒ Verzeihen sie mir, mein Herr. Jch Jch verzeihe ihnen, Herr Hickmann, Allein, gesetzt, es waͤre so: denken sie denn, daß niemals ein Frauenzimmer durch Wein, oder dergleichen, beruͤckt sey? ‒ ‒ Denken sie, daß die vorsichtig- ste Weibsperson von der Welt nicht durch ein staͤrkeres Getraͤnke, statt eines schwaͤchern, wenn sie durstig gewesen, nach einer Ermuͤdung bey die- sem sehr heißen Wetter, betrogen werden koͤnnte? Und denken sie, daß, wenn sie auf die Art in ei- nen tiefen Schlaf gefallen, sie das einzige Frauen- zimmer sey, bey dem man sich eines solchen Vor- theils bedient habe? Auch so, wie sie es vorstellen, Herr Lovelace, ist die Sache nicht geringe. Aber ich besorge, daß sie um ein großes schwerer sey, als sie diesel- be machen. Was haben sie fuͤr Ursache, mein Herr, dieß zu besorgen? Was hat die Fraͤulein gesagt? Haben sie die Guͤte, es mir zu eroͤffnen. Jch habe Ursache, so ernstlich darauf zu dringen. Die Fraͤulein Howe weiß noch selbst nicht alles, mein Herr. Die Fraͤulein verspricht, ihr zu gelegner Zeit, wo sie lebet, alle Umstaͤnde zu melden: aber sie hat schon genug gesagt, zu bewei- sen, daß es eine sehr arge Sache sey. Es ist mir lieb, daß die Fraͤulein Harlowe noch nicht von allen Umstaͤnden genaue Nach- richt gegeben hat. Weil sie es nicht gethan: so koͤnnen sie der Fraͤulein Howe von mir vermel- den, daß weder sie, noch irgend ein Frauenzim- mer auf der Welt, tugendhafter seyn kann, als die die Fraͤulein Harlowe, ihrem Gemuͤthe nach, bis auf diese Stunde ist. Vermelden sie ihr, daß ich hoffe, sie werde niemals die eigentlichen Um- staͤnde wissen wollen; aber daß der Fraͤulein ungebuͤhrlich begegnet sey. Vermelden sie ihr, daß, ob ich gleich nicht weiß, was ihre Freundinn geschrieben hat, ich doch eine solche Meynung von ihrer Liebe zur Wahrheit habe, daß ich blind- lings fuͤr die Wahrheit eines jeden Tittels da- von unterschreiben wollte, wenn es mich auch noch so schwarz vorstellen sollte. Vermelden sie ihr, daß ich nur drey Dinge an ihr zu tadeln habe. Das eine, daß sie mir nicht Gelegenheit geben will, das Unrecht, welches ihr geschehen ist, wie- der gut zu machen: das zweyte, daß sie so be- reit ist, einem jeden wissen zu lassen, was sie ge- litten hat, daß dieß mir die Gewalt benehmen wird, mit einem leidlichen Rufe fuͤr uns beyde, das Uebel, welches sie erduldet hat, wieder zu er- setzen. Wird dieses etwas von der Absicht er- fuͤllen, Herr Hickmann, wozu dieser Besuch die- nen soll? Dieß, gestehe ich, mein Herr, heißt so gere- det, als ein Mann, der auf seine Ehre haͤlt, re- den muß. Aber sie sagen, es sey noch ein drit- tes, das sie an der Fraͤulein tadeln. Darf ich fragen, was dieß sey? Jch weiß nicht, mein Herr, ob ich es ihnen sagen soll, oder nicht. Vielleicht werden sie es nicht glauben, wenn ich es sage. Allein wenn die Fraͤulein gleich die Wahrheit, und nichts als als die Wahrheit melden wird: so wird sie doch nicht die ganze Wahrheit berichten. Erlauben sie, mein Herr ‒ ‒ Jedoch es mag sich vielleicht nicht schicken. ‒ ‒ Jnzwischen ma- chen sie mich sehr begierig: es ist doch gewiß kein Vergehen in der Auffuͤhrung der Fraͤulein. Jch hoffe, es ist kein Vergehen darinn. Jch bin versichert, wenn die Fraͤulein Howe sie nicht in allen Stuͤcken fuͤr untadelhaft hielte, so wuͤrde sie sich ihres Besten nicht so sehr annehmen, als sie thut, so herzlich sie auch dieselbe liebet. Jch liebe die Fraͤulein zu sehr, Herr Hick- mann, daß ich wuͤnschen sollte, die gute Meynung der Fraͤulein Howe von ihr zu verringern, son- derlich da sie von allen andern Freunden verlassen ist. Aber vielleicht wuͤrde es schwerlich Glauben finden: wenn ich es sagen sollte. Es sollte mir sehr leid seyn, und es wuͤrde auch der Fraͤulein Howe leid seyn, wenn die ar- me Fraͤulein sich durch ihre Auffuͤhrung die Noth- wendigkeit ausgelegt haͤtte, ihnen fuͤr diese Ver- schwiegenheit verbunden zu seyn. ‒ Sie haben so viel von einem rechtschaffenen Cavallier an sich, und stehen durch ihre Familie und Guͤter in so großem Ansehen, daß ich sie nicht dazu aufge- legt halte, einem jungen Frauenzimmer, wie dieß ist, etwas aufzubuͤrden, damit sie sich nur den Vorwurf erleichtern moͤchten. ‒ ‒ Verzeihen sie mir, mein Herr. Jch thue, ich thue es, Herr Hickmann. Sie sagen ja, sie sind nicht mit irgend einer Absicht, mich mich zu beleidigen hierher gekommen. Jch neh- me mir Freyheiten, und gestatte sie auch wieder. ‒ ‒ ‒ Jch wollte sehr ungern etwas sagen, ich wiederhole es noch einmal, das die gute Mey- nung von der Fraͤulein Harlowe bey der einzigen Freundinn, die sie uͤbrig zu haben denket, schwaͤ- chen koͤnnte. Es mag sich etwa nicht schicken, antwortete er, daß ich um das dritte Stuͤck, welches sie ge- gen die ungluͤckliche Fraͤulein haben, wisse: al- lein ich habe niemals jemand, von ihrer eignen unversoͤhnlichen Familie, gehoͤrt, der an ihrer Eh- re den geringsten Zweifel gehabt haͤtte. Fraͤu- lein Howe sagte in der That einmal, nach einer Unterredung mit einem von ihren Onkeln, daß sie besorgte, es waͤre nicht alles, wie es seyn sollte, an ihrer Seite ‒ ‒ Aber sonst habe ich niemals gehoͤrt ‒ ‒ Ey, mein Herr, sprach ich in einem hitzigen Tone und mit einer aufgebrachten Miene, und kam ihm so nahe auf den Hals, daß er stutzig zu- ruͤcke trat! ‒ ‒ Es ist beynahe eine Gott slaͤste- rung, wider die Ehre der Fraͤulein einen Zweifel zu erregen. Sie ist reiner, als eine vestalische Jungfrau: denn die vestalischen Jungfrauen ha- ben sich oft an ihrem eignen Feuer gewaͤrmet. Keine Zeit, von Anfange bis itzo, hat jemals ein junges Frauenzimmer in der schoͤnsten Bluͤte hervorgebracht, und keine kuͤnftige Zeit, bis an das Ende der Welt, unterstehe ich mich zu be- haupten, wird jemals eines hervorbringen, das Sechster Theil. D d so so versuchet waͤre, als sie versuchet ist, und alle Proben so ausgehalten haͤtte, wie sie gethan hat ‒ ‒ Jch muß ihnen sagen, mein Herr, daß ich niemals noch ein solches Frauenzimmer gesehen, oder gekannt, oder nur davon gehoͤret habe, als die Fraͤulein Harlowe ist. Mein Herr, mein Herr, ich bitte sie um Verzeihung. Es sey ferne von mir, etwas an der Fraͤulein auszusetzen. Sie haben nicht ein Wort von mir gehoͤret, das so ausgeleget werden koͤnnte. Jch habe die aͤußerste Hochachtung fuͤr sie. Fraͤulein Howe liebt sie, als ihre eigne See- le: und das wuͤrde sie nicht thun, wenn sie nicht gewiß wuͤßte, daß sie eben so tugendhaft waͤre, als sie selbst. Als sie selbst, mein Herr! ‒ ‒ Jch habe eine hohe Meynung von der Fraͤulein Howe ‒ ‒ Aber ich darf wohl sagen ‒ ‒ Was duͤrfen sie von der Fraͤulein Howe sa- gen, mein Herr? ‒ ‒ Jch hoffe, sie werden sich nicht unterstehen, etwas zum Nachtheil der Fraͤu- lein Howe zu sagen! Unterstehen, Herr Hickmann! ‒ ‒ Das ist eine Sprache, wobey man sich zu viel unter- stehet! Die Veranlassung dazu, Herr Lovelace, wo sie mit Vorsatz gegeben ist, ist so beschaffen, daß man sich dabey zu viel unterstehet, erlauben sie ‒ ‒ Jch bin nicht der Mann, mein Herr, der alles uͤbel nimmt ‒ ‒ sonderlich, wo ich als eine Mittelsperson gebraucht werde. Allein keine lebendige lebendige Seele soll, vor meinen Ohren, etwas zur Verkleinerung der Fraͤulein Howe sagen, oh- ne daß ich mich daruͤber regen sollte. Wohl geredet, Herr Hickmann. Jhre Hi- tze, bey einer solchen vermeynten Veranlassung, misfaͤllt mir nicht. Was ich aber sagen wollte, ist dieses, daß nach meiner Meynung keine Frauensperson in der Welt ist, die sich mit der Fraͤulein Clarissa Harlowe vergleichen sollte, bis sie ihre Proben ausgestanden, und sich bey und nach denselben so gehalten haͤtte, als sie gethan hat. Sie sehen, mein Herr, ich rede gegen mich selbst. Sie sehen, ich thue es. Denn fuͤr so einen Freygeist in der Lebensart man mich auch haͤlt: so werde ich doch niemals die Regeln von dem, was recht und unrecht ist, meinen Handlun- gen unterwuͤrfig machen. Das ist recht, mein Herr. Das ist wirklich edelmuͤthig, will ich sagen. Aber es ist Scha- de ‒ ‒ verzeihen sie mir, mein Herr ‒ ‒ es ist Schade, daß ein Mann, der einen so feinen Aus- spruch thun kann, auch seine Handlungen dem- selben nicht gemaͤß einrichten will. Das ist eine andere Sache, Herr Hickmann. Wir fehlen alle in einigen Stuͤcken. Jch wuͤn- sche nicht, daß die Fraͤulein Howe solche Proben auszuhalten haben sollte: und freue mich, daß sie bey einem so guten Manne keine solche Ge- fahr laͤuft. Der arme Hickmann! ‒ ‒ Er sahe so aus, als wenn er nicht wuͤßte, ob ich ihm eine D d 2 Hoͤf- Hoͤflichkeit vorsagte, oder mich uͤber ihn auf- hielte. Allein, fuhr ich fort, weil ich finde, daß ich sie neubegierig gemacht habe: so bin ich geneigt, damit sie nicht mit einem Zweifel, der dem be- wundernswuͤrdigsten Frauenzimmer nachtheilig seyn koͤnnte, von mir weggehen moͤgen, ihnen ei- nigermaßen zu verstehen zu geben, was ich fuͤrs dritte an ihr zu tadeln habe. Wie es ihnen beliebt, mein Herr ‒ ‒ Es mag sich vielleicht nicht schicken ‒ ‒ Es kann sich eben nicht sehr uͤbel schicken, Herr Hickmann. ‒ ‒ Erlauben sie mir also zu fragen: Was wuͤrde Fraͤulein Howe denken, wenn ihre Freundinn um desto mehr wider mich eingenommen ist, weil sie denkt; aus Rache ge- gen mich, das glaube ich; sich einem andern Lieb- haber dadurch gefaͤlliger zu machen? Wie, mein Herr! Gewiß, das kann nicht seyn! ‒ ‒ Jch kann ihnen sagen, wenn Fraͤulein Howe dieß gedaͤchte, so wuͤrde sie es im gering- sten nicht billigen. Denn so wenig sie auch, mein Herr, der Fraͤulein Howe zu gefallen glauben; und so wenig sie ihre Handlungen an ihrer Freun- dinn billiget: so, weiß ich, ist sie doch der Mey- nung, daß sie keinen Menschen anders, als sie, nehmen muͤßte, und wo sie ihre Frau nicht wird, ihr Lebelang unverheyrathet bleiben sollte. Rache und Eigensinn, Herr Hickmann, wer- den Frauenzimmern, auch den besten unter ihnen, Anlaß geben, sehr unbegreifliche Dinge zu unter- nehmen. nehmen. ‒ ‒ Sie werden lieber eines von ihren eignen Augen hingeben, als daß sie dem Manne, der sie beleidigt hat, dieselben nicht beyde ausreis- sen sollten. Jch weiß nicht, was ich hierzu sagen soll, mein Herr: allein, gewiß, sie kann sich keiner an- dern Person gefaͤllig zu machen suchen! ‒ ‒ Noch dazu, so bald ‒ ‒ Sie ist ja, wie wir hoͤ- ren, so krank und so schwach ‒ ‒ Nicht schwach in ihrem Unwillen, will ich sie versichern. Jch weiß sehr wohl um alle ihre Anschlaͤge ‒ ‒ und ich sage ihnen, sie moͤgen es glauben, oder nicht, daß sie in Absicht auf einen andern Liebhaber mich ausschlaͤgt. Kann es moͤglich seyn? Es ist wahr, bey meiner Seele! ‒ ‒ Den- ken sie, daß sie dieß der Fraͤulein Howe nicht zu verstehen gegeben habe? Das hat sie in der That nicht gethan. Waͤ- re es geschehen: so wuͤrde ich sie itzo, im Namen der Fraͤulein Howe, nicht bemuͤhet haben. Sie sehen also, daß ich recht habe. Ob sie sich gleich keiner Unwahrheit schuldig machen kann: so hat sie doch ihrer Freundinn nicht die ganze Wahrheit bekannt. Was soll man zu diesen Dingen sagen! ‒ ‒ Er sahe ganz erstaunlich verwirrt aus. Sagen, sagen, Herr Hickmann! ‒ ‒ Wer kann von den Unternehmungen und Maßregeln eines zornigen und beleidigten Frauenzimmers Rede und Antwort geben? Die Historien wuͤr- D d 3 den den ohne Ende seyn, die ich ihnen aus meiner eignen Wissenschaft von den schrecklichen Wir- kungen eines zornigen Unwillens bey Weibsper- sonen erzaͤhlen koͤnnte. Ohne Ende koͤnnte ich ihnen erzaͤhlen, was sie unternehmen werden, wenn sie sich in ihrer Hoffnung betrogen finden. Aber kann ein staͤrkeres Beyspiel seyn, als dieß ist: von einer solchen Person, als Fraͤulein Har- lowe, die eben itzo, so krank sie auch ist, nicht al- lein einem der verhaßtesten Ungeheure, die man jemals gesehen hat, sich gefaͤllig zu machen su- chet, sondern so gar gewissermaßen um seine Liebe wirbet? Jch denke, der Fraͤulein Howe sollte man dieß nicht sagen. Jedoch muß sie es billig wissen, damit sie ihr eine so unzeitige Uebereilung widerrathe. O! pfuy! Das ist etwas unerhoͤrtes! Die Fraͤulein Howe weiß nichts davon! Gewiß sie wuͤrde sie nicht einmal ansehen, wo dieß wahr ist. Es ist wahr, vollkommen wahr, Herr Hick- mann! So wahr, als ich hier bin und es ihnen sage! ‒ ‒ Und dazu ist es ein garstiger Kerl: garstiger anzusehen, als ich. Als sie, mein Herr! Ey, in Wahrheit, sie sind einer von den artigsten Mannspersonen in England. Es mag seyn: aber der Elende, den sie mir so boshaftig vorziehet, ist ein ungestalter, mage- rer Kerl; mehr einem Gerippe, als einem Men- schen aͤhnlich! Außer dem kleidet er sich ‒ ‒ Sie Sie haben niemals einen Teufel in einem so ver- zweifelten Aufzuge gesehen! Kaum hat er einen Rock fuͤr seinen Leib, und einen Schuh fuͤr seinen Fuß. Ein kahlkoͤpfichter Lumpenhund! Und doch kann er sich nicht uͤberwinden, eine Perucke zu kaufen, damit er seinen kahlen Kopf verberge. Denn er ist so begierig, als die Hoͤlle: niemals zufrieden; und doch gewaltig reich. Ey, mein Herr, es ist gewiß etwas Scherz hierbey. Ein Mann von gemeinen Gaben weiß nicht, wie er sich in einem solchen Cavallier fin- den soll, als sie sind. Allein, mein Herr, wo et- was wahres an der Erzaͤhlung ist: was ist es denn fuͤr ein Mensch? Etwa ein Jude, oder ein filzich- ter Buͤrger, vermuthe ich, der sich wegen der be- druckten Umstaͤnde der Fraͤulein etwas herausge- nommen haben mag: und ihr lebhafter Witz giebt ihm eine Bildung, wie es ihnen gesaͤllig ist. Wahrlich, der Nichtswuͤrdige hat in allen Grafschaften in England, und auch außer Eng- land, Guͤter. Etwa ein ostindischer Staathalter, vermuthe ich, wo etwas daran ist. Die Fraͤulein war einmal auf die Gedanken gerathen, weit in die Fremde zu gehen. Aber ich bilde mir ein, mein Herr, sie haben alle diese Zeit uͤber gescherzt. Waͤre das nicht: so muͤßten wir gewiß von ihm gehoͤret haben ‒ ‒ Von ihm gehoͤrt! Ja, mein Herr, wir haben alle von ihm gehoͤret ‒ ‒ Aber keiner von uns hat Lust, sich ihn zum Vertrauten zu machen ‒ ‒ D d 4 aus- ausgenommen diese Fraͤulein ‒ ‒ und zwar, wie ich ihnen gesagt habe, mir zum Trotze ‒ ‒ Sein Name, mit einem Worte, ist Tod! ‒ ‒ Tod, mein Herr, sagte ich noch einmal, stampfte mit den Fuͤßen dazu und redete so laut, daß ihm die Ohren gellen mochten. Er sprang daruͤber auch eine halbe Elle in die Hoͤhe. Du hast wohl niemals einen Menschen so verstoͤrt gesehen. Er sahe recht so aus, als wenn das schreckliche Gerippe schon vor ihm stuͤnde, und er seine Rechnungen noch nicht in Bereit- schaft haͤtte. Nachdem er ein wenig wieder zu sich gekommen war: spielte er mit seinen Knoͤ- pfen an der Weste, als wenn er seinen Rosenkranz hergebetet haͤtte. Dieß, mein Herr, fuhr ich fort, ist ihr Frey- er! ‒ ‒ Ja sie ist ein so vorwitziges Maͤgdchen, daß sie um ihn freyet. Allein ich hoffe, es wird niemals ein Paar werden. Er hatte sich schon vorher hitziger bewiesen, und sahe nun auch hitziger aus, als ich von ihm vermuhete. Jch bin hierher gekommen, mein Herr, sprach er, Mishelligkeiten zu vermitteln. Es geziemet mir, ein gesetztes Gemuͤth zu behalten. Aber, mein Herr ‒ ‒ dabey ging er mir nahe auf den Hals ‒ ‒ so sehr ich auch Frieden liebe, und ihn zu befoͤrdern suche, will ich mir doch nicht uͤbel begegnen lassen. Da ich mein Spiel so weit mit ihm getrie- ben hatte: so wuͤrde es unrecht gewesen seyn, ihn bey bey dieser, mehr als halben, Drohung zu fassen. Jedoch bin ich ihm, nach meinen Gedanken, ei- nen heimlichen Groll schuldig: weil er sich unter- steht, um die Fraͤulein Howe zu werben. Sie gedenken mich nicht herauszufordern, vermuthe ich, Herr Hickmann, so wenig, als ich, sie zu beleidigen. Jn der Vermuthung bitte ich sie um Entschuldigung. Es ist meine Weise so. Jch meyne es nicht boͤse. Jch kann den Kum- mer mein Herz nicht angreiffen lassen. Jch kann nicht sechs Minuten nach einander ernsthaft seyn, wenn es auch mein Blut kosten sollte. Jch bin ein Abkoͤmmling, glaube ich, von dem alten Kanzler More: und wuͤrde mich nicht enthalten koͤnnen, noch einen Spaß zu machen, wenn ich schon auf dem Geruͤste waͤre, den Kopf herzuge- ben. Allein sie koͤnnen aus dem, was ich gesagt habe, abnehmen, daß ich die Fraͤulein Harlowe, und zwar aus den richtigsten Gruͤnden, allen Frauenzimmern in der Welt vorziehe. Und ich wundere mich, daß nach dem, was ich unterschrie- ben, und was ich meinen Verwandten verspro- chen, und was ich ihnen fuͤr mich zu versprechen Vollmacht gegeben habe, noch eine Schwierig- keit vorhanden seyn sollte, zu glauben, daß ich diese unvergleichliche Fraͤulein gern, auf ihr selbst beliebige Bedingungen, heyrathen wuͤrde. Jch gestehe ihnen, Herr Hickmann, daß ich sie schaͤnd- lich beleidiget habe. Wo sie mich mit ihrer Hand beehren will: so erklaͤre ich mich, daß ich geson- nen bin, mich als den besten Ehemann zu bewei- D d 5 sen. sen. Nichts desto weniger muß ich sagen, daß, wo sie sortfaͤhret, ihre Begebenheit bey allen an- zubringen, und uns beyde unguͤtigen Urtheilen auszusetzen, wie sie thut, es unmoͤglich sey, mit Ehren fuͤr sie, oder fuͤr mich, das Band zu knuͤpfen. Und ob ich gleich meine Furcht fuͤr ihr Leben unter einem so kurzweiligen Bilde vor- gestellt habe: so bin ich doch wirklich besorgt, Hr. Hickmann, daß sie ihre Natur verderben, und sich, weil sie den Tod suchet, da sie ihn vermeiden kann, außer Stande setzen werde, ihm zu entge- hen, wenn sie es gern wollte. Diese gesetzte und ehrliche Sprache brachte seine steife Muskeln wieder nieder, daß er ganz hoͤflich und gefaͤllig aussahe. Er war mein gehor- samster und aufrichtig unterthaͤniger Diener ein- mal uͤber das andere, wie ich ihn an seinen Wa- gen begleitete: und ich seiner beynahe eben so oft. So tritt Hickmann ab. Der vier und funfzigste Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. Eine Antwort auf den XLVII. LI. und LII. Brief. Freytags, Abends, den 21ten Jul. J ch will einige Zeilen uͤber den Jnhalt von deinen letzten aͤrgerlichen Briefen, die mir eben eben gebracht sind, wegschleudern, und, was ich schreiben werde, durch eben den Bothen absen- den, der meinen Brief von meiner Zusammen- kunft mit Hickmann uͤberbringet. Die Besserung, sehe ich, uͤbereilt dich sehr. Deines Onkels langsamer Tod, und deine Auf- wartung bey ihm, durch alle Stationen zu dem- selben, hat dich dazu vorbereitet. Allein mache du es nach deiner eignen Weise, wie ich es nach meiner machen will. Die Gluͤckseligkeit besteht darinn, daß uns wohl gefaͤllt, was wir thun: und kannst du ein Vergnuͤgen darinn finden, daß du traurig bist; so wird es eben so gut fuͤr dich seyn, als wenn du froͤhlich waͤrest, wenn dir auch gleich niemand darinn Gesellschaft leisten sollte. Jch bin, inzwischen, doch ausnehmend unru- hig bey der schlechten Gesundheit der Fraͤulein. Diese ruͤhrt gaͤnzlich von dem verfluchten Ver- haft her. Sie hatte vorher einen vollkommenen Sieg uͤber mich und die ganze Rotte. Du haͤltst mich fuͤr unschuldig an demselben: das, hoffe ich, wird sie auch thun ‒ ‒ das Uebrige, wie ich oft gesagt habe, ist ein gemeiner Fall, der bloß eini- ge außerordentliche Umstaͤnde mit sich verbunden hat: das ist alles. Warum denn alle die har- ten Vorwuͤrfe von ihr und von dir? Was die Verkaufung ihrer Kleider, ihrer Spitzen, und so weiter betrifft: so klingt das aͤr- gerlich; ich gestehe es. Was fuͤr eine unver- soͤhnliche so wohl, als ungerechte Bruth von nichts- wuͤrdigen Geschoͤpfen sind ihre unfreundliche Ver- Verwandten, die nicht allein Geld von ihr, son- dern auch reichliche Einkuͤnfte von ihrem eignen Gute, in Haͤnden haben, und ihr doch beydes vorenthalten, offenbar und nach ihrem eig- nen Gestaͤndniß bloß in der Absicht, sie Noth leiden zu lassen! Aber kann sie von ihrer stolzen und uͤbermuͤthigen Freundinn, der Fraͤulein Ho- we, nicht Geld bekommen, mehr als sie gebrau- chet? ‒ ‒ Und, was meynst du, wuͤrde es mir nicht eine herzliche Freude seyn, ihr zu dienen? ‒ ‒ Was hat es denn mit der Veraͤußerung ihrer Kleider anders auf sich, als daß es ein Eigen- sinn ist, nach Art der Weiber? ‒ ‒ Ja ich weiß billig nicht, ob ich mich nicht freuen soll, wenn sie dieß mir zum Trotze thut. ‒ ‒ Man- che betrogne Schoͤnen haben sich haͤngen, andre ersaͤufen wollen. Meine Geliebte raͤchet sich nur an ihren Kleidern. Die Leidenschaften wirken in verschiednen Gemuͤthern auf verschiedne Art: wie es die Beschaffenheit der natuͤrlichen Gesin- nung und des Koͤrpers mit sich bringet. ‒ ‒ Au- ßerdem; meynst du wohl, daß ich unwillig seyn werde, das, was sie von der Hand schlaͤgt, drey- mal so hoch am Werthe wieder zu ersetzen? Also hat dieß nicht viel zu bedeuten, Bruder. Du siehst, wie sie durch das liebreiche Zure- den des feinen Arztes geruͤhret wird. Daraus wirst du urtheilen koͤnnen, wie schrecklich der scheusliche Verhaft und der Fluch ihres finstern Vaters ihr Gemuͤth gekraͤnkt haben muͤsse. Jch habe große Hoffnung, wenn sie mich nur sehen will, will, daß mein Bezeigen, meine Reue, meine Liebkosungen einige gluͤckliche Wirkungen uͤber sie haben werden. Allein du bist allzu fertig, mich verlohren zu geben. Jch kann dir im Ernst sagen, so vor- treffliche Vorzuͤge sie auch hat, so denke ich den- noch, daß die ernstliche Fuͤrbitte meiner Anver- wandten, die erbetene Vermittelung der kleinen Furie, der Fraͤulein Howe, und die Unterhand- lungen, die dir von mir selbst aufgetragen sind, solche Beweise von gefaͤlliger Herablassung und hoher Achtung an ihnen abgeben und eine solche Roue an mir zeigen, daß nichts weiter zu thun stehet. ‒ ‒ So mag denn die Sache itzo hiebey beruhen, bis sie dieselbe besser uͤberleget. Nun noch ein paar Worte von des armen Beltons Umstaͤnden. Jch gestehe, daß mich anfangs die Untreue seiner Thomasine stutzig machte: da ihre Verstellung so viele Jahre uͤber nicht entdecket war ‒ ‒ Jch habe noch ganz neu- lich einige Nachrichten von ihrer Bosheit be- kommen, und war willens, dir davon zu sagen, wenn ich dich sehen wuͤrde. Die Wahrheit zu sagen, ich habe ihre Augen allezeit fuͤr verdaͤch- tig gehalten. Das Auge, weißt du, ist das Fenster, wodurch das Herz herauskuckt. Man- ches Weib, das sich nicht vor der Thuͤr zeigen will, hat an dem Fenster den schlauen, den ver- staͤndlichen Wink mit dem Auge gegeben. Aber Thoms hat gar keine ordentliche Haus- haltung gefuͤhrt. Ein recht nachlaͤßiger Bruder. Er Er hat sich niemals um seine eigne Sachen be- kuͤmmern wollen. Das Gut, welches ihm sein Onkel gelassen hat, ist sein Verderben gewesen. Es mochte seyn, wer es wollte, Weib oder Mai- tresse, eine mußte sein Vermoͤgen zum Spiel ge- habt haben. Jch habe ihm oft einen Wink von seinen Schwachheiten in diesem Stuͤcke gegeben: und von der Gefahr, die er liefe, arglistigen Leuten zum Raube zu werden. Aber es war ihm zu- wider, sich zu bemuͤhen. Er wollte allemal von seinen Rechnungen laufen: wie er nun, armer Schelm! gern von sich selbst entlaufen moͤchte. Haͤtte er keine Weibsperson gehabt, ihn zu ru- pfen: so wuͤrde sein Kutscher oder Diener sein oberster Rath uͤber seine Sachen gewesen seyn, und es eben so gut gethan haben. Gleichwohl habe ich viele Jahre herdurch gedacht, daß sie seinem Bette getreu waͤre. We- nigstens dachte ich, die Jungen waͤren von ihm. Denn ob sie gleich stark von Muskeln und Kno- chen sind: so vermuthete ich doch, die gesunde Mutter moͤchte sie mit den Gliedern und Schul- tern versehen haben. Sie ist nicht von einem zarten Bau. Außerdem sahe und redete Thoms vor einigen Jahren noch mehr wie ein Mann, als er auf die letzte gethan hat, da er seit einiger Zeit hohl und in sich redet, armer Schelm! weil ihm die Luftroͤhre zusammen gefallen ist; und von der halb weggespienen Lunge keichet. Er beklagt sich, schreibst du, daß wir alle von ihm laufen. Jn Wahrheit, Belford, es ist kein Ver- Vergnuͤgen, einen armen Kerl, den man liebt, an einem Theil nach dem andern sterben zu se- hen, und ihm nicht helfen zu koͤnnen. Es giebt Freundschaften, die nur so tief als das Glas gehen. Jch moͤchte nicht gern von mir denken lassen, daß meine Freundschaft gegen irgend ei- nen von meinen Vasallen von dieser Art sey. Jedoch wird bey froͤhlichen Herzen, die nur darum vertraut geworden, weil sie froͤhlich gewe- sen, wenn der Grund zu ihrer ersten Vertrau- lichkeit wegfaͤllt, auch die Freundschaft selbst ver- gehen: ich meyne eine solche Freundschaft, die man eigentlicher durch das Wort Mitgesell- schaft unterscheiden kann. Aber meine Freundschaft, wie ich gesagt ha- be, geht tiefer. Jch wuͤrde noch eben so bereit seyn, als ich jemals in meinem Leben gewesen bin, ihm nach meinem aͤußersten Vermoͤgen zu dienen. Willst du ihm, zum Beweise dieser meiner Bereitwilligkeit, ihm aus allen seinen Schwierig- keiten, in Ansehung Thomasinens, herauszuhel- fen, ein Mittel vorschlagen, das mir eben in den Sinn gekommen ist? Es ist dieses. Jch wollte Thomasine, und ihre ungeschickte Jungen, wo Belton gewiß weiß, daß keiner davon sein ist, zu einer Lustfarth ein- laden. Sie ist allezeit hoͤflich gegen mich gewe- sen. Es sollte auf einem Boote seyn, das man zu dem Ende miethen moͤchte, um nach der Schanze Tilbury auf der Themse, oder nach der Jusel Jnsel Sheepy zu segeln, oder sich ein Vergnuͤ- gen auf dem Flusse Medway zu machen. Als- denn duͤrfte man es nur anstellen, daß das Boot umschluͤge. Jch kann schwimmen, wie ein Fisch. Ein anderes Boot sollte in Bereitschaft seyn, aus Fuͤrsorge, wenn es aufs aͤrgste ausfallen sollte, diejenigen aufzufangen, welche ich befehlen wuͤr- de. Hierauf wird ein Trauerkleid fuͤr alle drey genug seyn: wenn Thoms geneigt ist, den aͤu- ßerlichen Wohlstand zu beobachten. Ja auch der einem Stallknecht nicht unaͤhnliche Vetter kann von der Steuerbank ins Wasser stuͤrzen: und wer weiß, ob sie nicht beyde, Thomasine und er, Hand in Hand, an das Ufer getrieben werden moͤgen? Dieß, wirst du sagen, ist keine gemeine Freundschaftsprobe. Unterdessen berede du ihn, zu uns herunter zu kommen. Er ist mir niemals in seinem Leben willkommener gewesen, als er mir nun seyn soll. Wo er nicht will: so laß ihn mir Gelegenheit geben, ihm einen andern Dienst zu erweisen. Jch will alsdenn unverzuͤglich ein paar Fluͤgel an mei- ne Schultern legen: und er soll mich, so bald er nur befiehlt, zu seinen Fenstern hinein fliegen se- hen. Was deinen Vorsatz, die bisherige Lebensart zu bereuen, und zu heyrathen, anlanget: so ra- the ich dir nur, zu uͤberlegen, welches von beyden du zuerst vornehmen wollest. Wo du meinem Rath folgen willst: so wirst du bald damit fer- tig tig werden. Laß den Ehestand an die Stelle des andern treten, und das erste seyn. Denn so wird, nach der hoͤchsten Wahrscheinlichkeit, die Reue, als eine Folge, geschwind auf dich zurol- len, und auf die Art wirst du in einem beydes zugleich haben. Der fuͤnf und funfzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Freytags, Abends, den 21ten Jul. H eute fruͤhe ward ich, so bald als ich nur mei- nen Namen hinauf sagen ließ, zum Be- such bey der goͤttlichen Fraͤulein angenommen. Jch kann sie mit Recht so nennen: wie das, was ich zu erzaͤhlen habe, vollkommen beweisen wird. Sie hatte eine ertraͤgliche Nacht gehabt, und war weit munterer von Gemuͤth: obgleich schwach in Ansehung des Koͤrpers; und augenscheinlich, dem Gesichte nach, in der Abnahme. Frau Lovick und Frau Smithen waren bey ihr und machten ihr auf eine liebreiche Art den Vorwurf, daß sie sich, in Betrachtung ihrer Kraͤfte, allzu fleißig mit ihrer Feder beschaͤfftiget haͤtte, indem sie seit fuͤnfen auf gewesen waͤre. Sie sagte, sie haͤtte besser geruhet, als sonst viele Sechster Theil. E e Naͤch- Naͤchte. Sie haͤtte ihre Lebensgeister frey, und ihr Gemuͤth ziemlich erleichtert befunden: und da ihr, wie sie Ursache haͤtte zu denken, nur noch eine kurze Zeit, und in derselben vieles zu thun, uͤbrig waͤre; so muͤßte sie eine gute Haushaͤlte- rinn mit ihren Stunden seyn. Sie haͤtte einen Brief an ihre Schwester schreiben wollen, setzte sie hinzu: aber waͤre selbst nicht damit zufrieden gewesen; ob sie gleich zwey oder dreymal einen Versuch gethan, und einen Aufsatz gemacht haͤtte. Jedoch muͤßte der letzte hingehen. Nach dem, was ich ihr von Zeit zu Zeit zu verstehen gegeben haͤtte, faͤnde sie Ursache zu ge- denken, sprach sie hierauf, daß ich alles wuͤßte, was sie und ihre Familie betraͤffe, und also, wo- fern es an dem waͤre, auch um den schweren Fluch, den ihr Vater auf sie geleget haͤtte, wissen muͤßte. Dieser waͤre in einem Theile, in Anse- hung der zeitlichen Hoffnung, welche sie vor sich gehabt, auf eine schreckliche Art erfuͤllet: und das in sehr kurzer Zeit. Aus der Ursache fuͤrchtete sie sich heftig vor dem andern Theil. Daher haͤtte sie sich an ihre Schwester gewandt, eine Wiederrufung desselben auszuwirken. Jch hoffe, sagte sie, mein Vater wird ihn wiederrufen. Sonst wird es sehr elend um mich stehen. ‒ ‒ Dennoch aber ‒ ‒ Hiebey blieb ihr der Othem vor Furcht zuruͤck, indem sie redete ‒ ‒ bin ich geneigt, vor der Antwort, die erfolgen mag, zu erzit- erzittern: denn meine Schwester hat ein hartes Herze. Jch sagte etwas wider ihre Freunde: in so fern als ich zu erkennen gab, was man nach Verdienst von ihnen denken wuͤrde, wenn der unverdiente Fluch nicht von ihr genommen wer- den sollte. ‒ ‒ Dabey faßte sie mich, und redete auf eine so kindliche Art von ihren Eltern, daß eben dieß ihnen, wo sie unversoͤhnlich bleiben, fuͤr ihr unmenschliches Verfahren mit einer sol- chen Tochter, eine gedoppelte Verdammniß zu- wege bringen muß. Jch muͤßte ihre Eltern nicht tadeln, waren ihre Worte: das waͤre der Fehler an ihrer lieb- sten Fraͤulein Howe. Wie ungeheuer waͤre ihr Verbrechen, daß es den besten Eltern, wie sie sich ihr bewiesen haͤtten, bis sie ihnen misfaͤllig ge- worden waͤre, einen boͤsen Schein gaͤbe, weil sie die Unbesonnenheit eines Kindes, von dessen Er- ziehung sie mit Recht bessere Fruͤchte erwarten koͤnnen, mit Unwillen ahndeten! Es waͤren al- lerdings einige harte Umstaͤnde in ihrem Schick- sal: aber mein Freund koͤnnte mir sagen, daß bey dem ganzen ungluͤcklichen Verlauf der Sa- che, niemand, als sie selbst, wider seinen Cha- racter gehandelt haͤtte. Sie unterwuͤrfe sich da- her der Strafe, die sie sich zugezogen. Haͤtten jene etwas versehen: so waͤre es dieß einzige, daß sie sich nicht nach einigen Umstaͤnden, welche ihre Missethat ein wenig verringern wuͤrden, erkundi- E e 2 gen gen wollten, und, weil sie sie fuͤr strafwuͤrdiger hielten, als sie waͤre, sie ungehoͤrt strafeten. O Himmel! ‒ ‒ Jch war im Begriff, dich zu verfluchen, Lovelace! Wie ver- dammet dich eine jede Probe von der aus- nehmenden Vortreff lichkeit dieser ganz vor- treff lichen Fraͤulein! ‒ ‒ Du wirst Ursa- che haben, dich fuͤr den verfluchtesten un- rer allen Menschen zu halten, wo sie stir- bet. Hierauf bat ich sie, weil sie so ruhmwuͤrdige Proben der Großmuth und Vergebung abzule- gen vermoͤgend waͤre, ihre Guͤte auch uͤber einen Menschen gehen zu lassen, dessen Herz, in allen Adern an demselben, wegen der an ihr veruͤbten Beleidigungen blutete, und der sich in seinem ganzen Leben bemuͤhen wollte, sie wieder gut zu machen. Die Weibsleute wollten abtreten: da die Unterredung auf so besondere Umstaͤnde fiel. Al- lein sie wollte es nicht zulassen. Sie vermeldete mir, daß meine Besuche ein Ende haben muͤß- ten: wo ich nach diesem wieder eine Sache, die ihr so sehr unangenehm waͤre, so ernstlich beruͤh- ren wollte. Es waͤre auch nicht noͤthig, fuͤgte sie hinzu, daß ich in diesem Stuͤcke mich als ein Freund zu eurem Besten bemuͤhete: weil sie schon den Anfang gemacht haͤtte, ihre ganze Ge- sinnung bey der Sache an Fraͤulein Howe zu schreiben; zur Antwort auf die Briefe, in wel- chen Fraͤulein Howe, um sich den Wuͤnschen eu- rer rer edlen und wuͤrdigen Verwandten gemaͤß zu bezeigen, eben darauf bestuͤnde. Unterdessen koͤnnen sie ihn wissen lassen, sprach sie, daß ich ihn aus Herzens Grunde zu- ruͤckweise ‒ ‒ aber daß ich doch eben dieß, ob gleich mit einer so festen Entschließung, die kei- nen Zweifel uͤbrig lassen wird, ohne Leidenschaft sage. Vielmehr bemuͤhe ich mich, das melden sie ihm, mein Gemuͤth in eine solche Verfassung zu setzen, daß ich im Stande seyn moͤge, Mit- leiden mit ihm zu haben. Der elende meiney- dige Mensch! Was hat er nicht zu verantwor- ten! Ja, sagen sie ihm, ich werde mich selbst fuͤr ungeschickt zu dem Stande halten, wornach ich trachte: wo ich ihm, nach einem kurzen und ge- ringen Streit mit mir selbst, nicht so gar verge- ben kann. Jch hoffe, fuhr sie fort mit zusam- mengeschlagenen Haͤnden, die sie, wie ihre Au- gen, aufhub, ich hoffe, mein lieber irdischer Va- ter wird mir das Beyspiel geben, was mein himmlischer Vater uns allen schon gegeben hat, und, indem er seiner gefallenen Tochter vergiebt, sie lehren, dem Menschen zu vergeben, der als- denn, ich hoffe es, meine ewige Gluͤckseligkeit, auf die ich warte, nicht zernichtet haben wird, wie er mein zeitliches Gluͤck zerstoͤret hat. Halte hier inne, du Boͤsewicht! ‒ ‒ Je- doch ich darf es dir nicht befehlen ‒ ‒ Denn ich kann nicht weiter schreiben! E e 3 Der Der sechs und funfzigste Brief. Die Fortsetzung von Herrn Belford. J hr werdet euch leicht vorstellen koͤnnen, wie sehr mich damals ihre edelmuͤthige Rede und Auffuͤhrung geruͤhret habe: da mich die bloße Erinnerung und das Aufschreiben genoͤthigt, mei- ne Feder fallen zu lassen. Den Frauensleuten stunden die Thraͤnen in den Augen. Jch schwieg auf einige Augenblicke stille ‒ ‒ Endlich rief ich: Unvergleichliches Muster aller Vorzuͤge! Ausbund unnachahmlicher Guͤte! So nannte ich sie in einem solchen Tone, daß ich mich hald vor mir selbst schaͤmte, weil es vor den Frauens- personen war ‒ ‒ Aber wer konnte einer so er- habenen Großmuth in einem so jungen Frauen- zimmer widerstehen: da ihr liebenswuͤrdiges We- sen allem, was sie sagte, Reiz und Anmuth gab? ‒ ‒ Mich deucht, sprach ich, und bog wirklich, gewissermaßen wider meinen Willen, die Kniee, mich deucht, ich habe in der That einen Engel vor mir. Jch kann mich kaum erwehren, vor ihnen niederzufallen, und um ihren Beystand zu bitten, daß sie mich zu der Welt, nach der sie trachten, nach sich ziehen! ‒ ‒ Jedoch ‒ ‒ Aber was soll ich sagen? ‒ ‒ Setzen sie mich nur nur in den Stand, unvergleichliche Fraͤulein, in einem oder dem andern geringen Falle, ihnen die- nen zu koͤnnen, damit ich, wofern ich sie uͤberlebe, die Ehre und den Ruhm haben moͤge, zu den- ken, daß ich geschickt gewesen bin, etwas zu ih- rem Vergnuͤgen beyzutragen, da sie unter uns waren. Hier brach ich ab. Sie schwieg stille. Jch suhr fort ‒ ‒ Haben sie mir nichts aufzutragen, worinn sie mich brauchen koͤnnen: da sie von al- len ihren Freunden verlassen, und unter fremden, ob gleich, ohne Zweifel, rechtschaffenen Leuten sind? Kann ich ihnen nicht dienen durch ein Ge- werbe, das sie mir geben moͤgen, durch Briefe- schreiben, durch persoͤnliche Aufwartung, entwe- der mit einem Gewerbe, oder mit einem Briefe, bey ihrem Vater, ihren Onkeln, ihrem Bruder, ihrer Schwester, der Fraͤulein Howe, dem Lord M. oder den Ladies, seinen Schwestern? Durch irgend eine Bemuͤhung, darinn ich zu ihrem Dienste gebraucht werden koͤnnte, ohne die ge- ringste Absicht auf die Wuͤnsche meines Freun- des, oder auf meine eigne Wuͤnsche ihm zu die- nen? Denken sie, gnaͤdige Fraͤulein, ob ich es nicht kann? Jch danke ihnen, mein Herr. Recht herzlich danke ich ihnen. Allein in keinem Stuͤcke, wor- an ich itzo gedenken, oder wenigstens woruͤber ich mich entschließen kann, koͤnnen sie mir dienen. Jch will sehen, was fuͤr eine Antwort mir der E e 4 Brief, Brief, den ich geschrieben habe, bringen wird ‒ ‒ Bis dahin ‒ ‒ Mein Leben und mein Vermoͤgen, fiel ich ihr in die Rede, sind ganz zu ihren Diensten. Er- lauben sie mir, zu beruͤhren, daß sie hier ohne ei- nen Freund sind, den die Natur dazu gemacht haͤtte; und gewissermaßen; so viel weiß ich von ihrem ungluͤcklichen Schicksal; der Mittel be- raubt seyn muͤssen, sich Freunde zu machen ‒ ‒ Sie wollte mich unterbrechen, mit einem ge- wissen ernstlichen Bezeigen, das ein Verbot zu erkennen gab ‒ ‒ Jch bitte sie um Erlaubniß, gnaͤdige Fraͤu- lein, weiter zu reden. Jch habe schon vorher wohl zwanzig Wege gesucht, Erwaͤhnung davon zu thun: aber mich es niemals bis itzo unterstan- den. Erlauben sie mir nun, da ich das Eis ge- brochen habe, mich selbst ihnen anzubieten ‒ ‒ nur als ihren Wechsler ‒ ‒ Jch weiß, sie wol- len sich keine Verbindlichkeit zuziehen: sie brau- chen es auch nicht. Sie haben selbst Vermoͤ- gen genug, wenn es nur in ihren Haͤnden waͤre: und von demselben, sie moͤgen leben oder ster- ben, will ich mir gefallen lassen, meinen Vor- schuß wieder zu nehmen. Jch versichere sie, daß der ungluͤckliche Mensch niemals mein Er- bieten, oder ihre geneigte Aufnahme erfahren soll ‒ ‒ Erlauben sie mir nur diesen gerin- gen ‒ ‒ Und hiemit ließ ich hinter ihrem Stuhl einen Bankzettel auf hundert Pfund Sterl. fallen, den ich ich in der Absicht mitgebracht hatte, ihn auf eine oder die andere Art hinter mir zuruͤckzulassen. Du solltest es niemals erfahren haben: haͤtte sie mir die Gewogenheit erzeiget, ihn anzunehmen. Das sagte ich ihr selbst. Sie machen mir viele Unruhe, Herr Belford, durch diese Proben ihrer Hoͤflichkeit. Gleich- wohl sehe ich in Betrachtung der Gesellschaft, in welcher ich sie gesehen habe, nicht ungern, daß ich sie dazu aufgelegt befinde. Mich deucht, ich freue mich, um der menschlichen Natur willen, daß nur ein einziger solcher Mensch, als der ist, den sie und ich kennen, seyn konnte. ‒ ‒ Was aber das guͤtig Dargebotene betrifft, es mag seyn, was es will: so werden sie mich sehr beunruhi- gen, wo sie es nicht aufnehmen. Jch brauche ihre Guͤtigkeit nicht. Jch habe Geldeswerth ge- nug, das ich niemals gebrauchen kann, meine ge- genwaͤrtige Beduͤrfnisse zu stillen: und wo es noͤ- thig ist, kann ich meine Zuflucht zu der Fraͤulein Howe nehmen. Jch habe ihr versprochen, daß ich es thun wollte ‒ ‒ Also bitte ich, mein Herr, dringen sie mir diese Gunstbezeigung nicht auf ‒ ‒ Nehmen sie es selbst auf ‒ ‒ Wo sie mir ein ruhiges und zufriednes Gemuͤth zu machen willens sind, dringen sie mir diese Gunstbezeigung nicht auf. ‒ ‒ Sie redete mit Ungedult. Jch bitte, gnaͤdige Fraͤulein, erlauben sie mir nur ein Wort ‒ ‒ Nicht eines, mein Herr, bis sie das zuruͤck- genommen haben, was sie haben fallen lassen. E e 5 Jch Jch zweifele weder an der Ehre noch an der guͤ- tigen Gesinnung bey ihrem Erbieten: allein sie muͤssen nicht ein Wort mehr davon sagen. Jch kann es nicht leiden. Sie buͤckte sich nieder, aber mit Muͤhe. Jch kam ihr also zuvor, und bat sie wegen eines Er- bietens um Verzeihung, das ihr, wie ich saͤhe, mehr Verwirrung gemacht haͤtte, als ich, nach der Lauterkeit meiner Absichten, vermuthet. Es waͤre mir aber unertraͤglich, zu gedenken, daß ein solches Gemuͤth, als ihres, im Bedruck seyn soll- te: indem der Mangel an denen Gemaͤchlichkei- ten, woran sie einen Ueberfluß zu haben gewohnt waͤre, sie ruͤhren und in ihren goͤttlichen Beschaͤff- tigungen stoͤren moͤchte. Sie sind sehr guͤtig gegen mich, mein Herr, versetzte sie, und haben eine sehr vortheilhaste Meynung von mir. Allein ich hoffe, daß ich nun nicht leicht aus meinen gegenwaͤrtigen Be- schaͤfftigungen gebracht werden kann. Meine abnehmende Gesundheit wird mich darinn mehr und mehr befestigen. Jene, die mich in Verhaft nehmen und einsperren ließen, gedachten sonder Zweifel, daß sie die bequemsten Mittel gewaͤhlt haͤtten, mich so in die Enge zu treiben, daß sie mich zu allen ihren Maaßregeln bringen moͤch- ten. Allein ich unterstehe mich zu hoffen, daß ich ein Gemuͤth habe, welches, durch zeitliche Drangsale, in wesentlichen Stuͤcken nicht kann erniedrigt werden. Die elenden und nichts- wuͤrdigen Leute wissen wenig von der Gewalt an- gebohr- gebohrner guter Grundsaͤtze, verzeihen sie mir meine Eitelkeit, die darinn zu liegen scheinet, da sie sich einbilden, daß ein Gefaͤngniß, Duͤrf- tigkeit, oder Mangel, ein rechtgesinntes Gemuͤth dahin bringen koͤnne, sich einer vorsetzlichen und freywilligen Schandthat schuldig zu machen, da- mit es nur dergleichen Uebel eines kurzen Le- bens vermeiden moͤge. Darauf wandte sie sich von mir zu dem Fen- ster, mit einem erhabenen Wesen, das ihren Wor- ten gemaͤß war, und deutlich zeigte, daß sie zu der Zeit mehr Seel, als Leib, war. Was fuͤr eine Großmuth! ‒ ‒ Kein Wun- der, daß eine so fest gegruͤndete Tugend, alle dei- ne Kuͤnste zu schanden machen konnte ‒ ‒ und dich noͤthigte, damit du dein verfluchtes Ziel er- langen moͤchtest, zu denen unnatuͤrlichen Kuͤnsten deine Zuflucht zu nehmen, welche sie ihrer schoͤ- nen Sinne beraubten. Die Weibsleute waren uͤber alle Maaße ge- ruͤhret, Fr. Lovick insonderheit, welche leise zur Fr. Smithen sagte: Wir haben einen Engel, nicht ein Frauenzimmer bey uns, Fr. Smithen. Jch wiederholte mein Erbieten, an einen oder den andern von ihren Freunden zu schreiben. Jch eroͤffnete ihr, daß, da ich mir die Freyheit ge- nommen, dem Dr. H. von dem grausamen Un- willen ihrer Anverwandten, als welches ihr mei- ner Vermuthung nach am meisten auf dem Her- zen laͤge, Nachricht zu geben, er vorgeschlagen haͤtte, selbst zu schreiben, und ihnen zu melden, wie wie uͤbel sie sich befaͤnde, wofern sie es nicht uͤbel nehmen wollte. Es waͤre eine Guͤtigkeit an dem Arzte, ver- setzte sie: aber sie baͤte, daß man keinen solchen Schritt ohne ihr Wissen und ihre Einwilligung thun moͤchte. Sie wollte warten und zusehen, was fuͤr Wirkungen ihr Brief an ihre Schwe- ster haben wuͤrde. Alles, was sie zu hoffen haͤt- te, waͤre, daß ihr Vater seinen Fluch wiederrufen moͤchte. Uebrigens wuͤrden ihre Freunde den- ken, daß sie nicht zu viel leiden koͤnnte: und sie waͤre zufrieden, daß sie litte. Denn nunmehr koͤnnte ihr nichts begegnen, weswegen sie zu leben wuͤnschen sollte. Frau Smithen ging hinunter. Sie kam aber bald wieder herauf und fragte, ob die Fraͤu- lein und ich nicht heute mit ihr zu Mittage essen wollte: denn es waͤre ihr Hochzeitstag. Sie haͤtte Fr. Lovick dazu gebeten, und wuͤrde sonst niemand haben, wofern wir ihr die Gewogenheit beweisen wollten. Die reizende Fraͤulein seufzete und schuͤttelte den Kopf ‒ ‒ Hochzeitstag! sagte sie ‒ ‒ Jch wuͤnsche ihnen viele gluͤckliche Hochzeitstage, Fr. Smithen! ‒ ‒ Aber mich werden sie ent- schuldigt halten. Herr Smith kam mit eben der Bitte herauf. Sie wandten sich beyde an mich. Unter der Bedingung, daß die Fraͤulein wollte, wuͤrde ich kein Bedenken machen und an einem einem andern Orte, wo ich wirklich schon zuge- sagt haͤtte, absagen lassen. Sie verlangte hierauf, daß sie sich alle nie- dersetzen sollten. Sie haben mir zu verschiede- nen malen ihr Verlangen zu erkennen gegeben, Fr. Lovick und Fr. Smithen, daß ich ihnen eine kleine Nachricht von meinen Begebenheiten ge- ben moͤchte. Nun will ich ihrem Verlangen Genuͤge thun, wo sie Muße haben: da dieser Cavallier, der alles weiß, wie ich zu glauben Ur- sache habe, gegenwaͤrtig ist; und ihnen sagen kann, ob ich die Wahrheit rede, oder nicht. Sie setzten sich alle, auch selbst der Smithen Mann, mit großer Begierde nieder, und die Fraͤulein fing eine Erzaͤhlung von sich selbst an, die ich so genau, als moͤglich ist, mit ihren eignen Worten wiederholen will. Denn ich hoffe, ihr werdet es fuͤr etwas halten, woran euch gelegen ist, daß ihr erfahret, auf was fuͤr Art sie eure Grausamkeit gegen sie erzaͤhlet, und was fuͤr Ge- sinnungen sie dabey aͤußert, wie auch, was fuͤr Grund zu der Hoffnung uͤbrig ist, welche sich eu- re Freunde zu eurem Besten von ihr machen. „Anfangs, da ich diese Zimmer bezog, wa- „ren ihre Worte, gedachte ich nur eine kurze Zeit „hier zu bleiben: und das sagte ich ihnen auch, „Fr. Smithen. Daher trug ich Bedenken, ei- „ne andere Nachricht von mir zu geben, als daß „ich eine sehr ungluͤckliche und junge Person waͤ- „re, die von ihren rechtschaffenen Freunden be- „truͤge- „truͤgerischer Weise entfuͤhret und von sehr schaͤnd- „lichen Leuten entflohen waͤre. „Diese Nachricht hielte ich mich verbunden „ihnen zu geben, damit sie sich desto weniger wun- „dern moͤchten, daß sie eine junge Frauensper- „son, mit Zittern und außer Athem, durch ihren „Laden in ihr Hinterzimmer hineinhuschen sahen: „da ich einen schlechten Rock uͤber mein eignes „Kleid gezogen hatte, um Zimmer und Schutz „flehete, und nur mein bloßes Wort von mir „gab, daß sie gut bezahlt werden sollten, indem „alle meine Habseligkeiten in ein Schnupftuch „geknuͤpft waren. „Meine ploͤtzliche Abwesenheit auf drey Ta- „ge und Naͤchte nach einander, als ich in Ver- „haft war, mußte sie noch mehr in Verwunde- „rung setzen. Ob nun gleich dieser Cavallier, „der vielleicht von dem scheuslichsten Theil mei- „ner Begebenheit mehr weiß, als ich selbst, ih- „nen, nach ihrem Gestaͤndniß Fr. Lovick, entdecket „hat, daß ich nur eine ungluͤckliche, nicht „ strafwuͤrdige Person sey: so halte ich es doch „fuͤr meine Schuldigkeit, ehrliebende Gemuͤther „meines guten Namens wegen nicht in Zweifel „zu lassen. „Sie muͤssen also wissen, daß ich in einem „Stuͤcke; ich haͤtte beynahe gesagt, nur in einem „Stuͤcke, aber es war ein sehr wichtiges Stuͤck; „ein ungehorsames Kind gegen die guͤtigsten El- „tern von der Welt gewesen bin. Denn was „einige Leute Grausamkeit an ihnen nennen, kommt „kommt bloß von ihrer allzu großen Liebe und „ihrer fehlgeschlagenen Hoffnung her: da sie Ur- „sache gehabt hatten, sich eines bessern zu mir zu „versehen. „Es besuchte mich, anfangs mit ihrem Wis- „sen, ein Mann von gutem Herkommen und „Vermoͤgen, aber, wie der Erfolg gezeiget hat, „von aͤrgern Grundsaͤtzen, als ich irgend einem „Menschen zutrauen konnte. Mein Bruder, „ein junger Mann von sehr steifem Kopfe, war „damals nicht zu Hause. Da er zuruͤckkam: „misbilligte er seine Besuche ganz und gar, aus „einem alten Grolle, und weil er den Cavallier, „das liegt itzo offenbar am Tage, besser kannte, „als ich. Weil er in unserer Familie vieles „galt: so brachte er andere Cavalliere, die sich „um mich bewarben; und zuletzt, nachdem ver- „schiedne zuruͤck gewiesen waren, einen, der uͤber „alle Maaße widrig, in aller unparteyischen „Augen widrig war. Jch konnte ihn nicht lie- „ben. Sie verbanden sich alle, mich zu zwin- „gen, daß ich ihn nehmen sollte: da ein Zwey- „kampf zwischen dem Cavallier, gegen welchen „meine Freunde aufgebracht waren, und meinem „Bruder, sie jenem alle noch mehr zu Feinden ge- „macht hatte. „Kurz; ich ward eingesperret, und man be- „gegnete mir so gar hart, daß ich in einer unbe- „sonnenen Hitze Abrede nahm, mit dem Manne, „den sie hasseten, davon zu gehen. Ein gottlo- „ser Vorsatz, werden sie sagen: allein ich war „unge- „ungemein gereizet. Nichts desto weniger be- „reuete ich ihn, und nahm mir vor, nicht mit ihm „wegzugehen. Jedoch setzte ich weder in seine „Ehre, noch in seine Liebe gegen mich, ein Mis- „trauen: weil mich niemand der letztern unwuͤr- „dig achtete, und meine Umstaͤnde nicht zu ver- „achten waren. Aber da ich ihm thoͤricht; mei- „ne Freunde denken noch bestaͤndig, daß es bos- „haftiger und hinterlistiger Weise, in der Ab- „sicht, sie zu verlassen, geschehen sey; eine gehei- „me Zusammenkunft verstattete: ward ich auf „eine hinterlistige Art, jaͤmmerlich genug, darf „ich sagen, entfuͤhret; ob gleich andere, die sich „erst eines so unbesonnenen Fehltrittes, als die „Zusammenkunft mit ihm war, schuldig ge- „macht, eben so mochten beruͤckt und uͤberrascht „worden seyn, als ich. „Nachdem wir eine Zeitlang in eines Pach- „ters Hause auf dem Lande gewesen waren; wel- „che Zeit uͤber er sich bestaͤndig so gegen mich be- „zeigte, wie Ehre und Tugend es erfordern: „brachte er mich in eine ganz artige Wohnung „in der Stadt, bis man sich mit einer noch bes- „sern versorgen koͤnnte. Allein der Erfolg zeig- „te, wie er in der That wußte und nach seiner „Absicht gewollt hatte, daß es ein Haus einer „schaͤndlichen, einer hoͤchstschaͤndlichen Weibsper- „son war: ob ich sie gleich lange nicht dafuͤr er- „kannte; denn ich wußte nichts von London und „den Schlichen in London. „Es „Es ist nicht noͤthig, daß ich wiederhole, was „hierauf erfolgte. So unerhoͤrte schaͤndliche „Raͤnke! ‒ ‒ denn ich gab ihm keine Gelegen- „heit, sich eines meiner Ehre nachtheiligen Vor- „theils uͤber mich bedienen zu koͤnnen. Hier hielte sie inne, und bedeckte ihr ange- nehmes Gesicht halb mit ihrem Schnupstuche, das sie an ihren thraͤnenden Augen hielte. Jn Geschwindigkeit, als wenn sie dem ver- haßten Andenken entgehen wollte, nahm sie das Wort wieder. ‒ ‒ „Jch entflohe hernach aus „diesem abscheulichen Hause in seiner Abwesen- „heit, und kam zu ihnen. Dieser Cavallier hat „mich beynahe uͤberredet, daß der undankbare „Mensch an dem schaͤndlichen Verhaft durch sei- „ne Nachsicht nicht Theil gehabt habe. Man „hat mich sonder Zweifel eingezogen, damit man „mich noch einmal zu dem gottlosen Hause zu- „ruͤckbringen moͤchte: denn ich bin ihnen nichts „schuldig, es waͤre denn, daß ich sie dafuͤr bezah- „len sollte“ ‒ ‒ Sie seufzete und trocknete ihre schoͤnen Augen wieder ab ‒ ‒ und setzte mit ei- ner sanftmuͤthigern und schwaͤchern Stimme hinzu ‒ ‒ „ daß ich ungluͤcklich und zu schan- „den gemachet bin! “ Jn Wahrheit, gnaͤdige Fraͤulein, sagte ich, so strafwuͤrdig, so abscheulich strafwuͤrdig er auch in allen uͤbrigen Stuͤcken ist, so ist er doch an die- ser letzten gottlosen Gewaltthaͤtigkeit unschul- dig. Sechster Theil. F f „Es „Es ist gut, und ich wuͤnsche es. Dieß Un- „gluͤck, so schwer es auch war, ist eines der ge- „ringsten unter denen Uebeln, die ich ausgestan- „den habe. Allein hieraus werden sie abneh- „men, Frau Lovick; denn sie schienen heute fruͤhe „begierig zu seyn, zu wissen, ob ich nicht verhey- „rathet waͤre; daß ich in meinem Leben nie- „mals verheyrathet gewesen bin ‒ ‒ Sie, „Herr Belford, haben es ohne Zweifel vorher ge- „wußt: und nun will ich auch niemals heyra- „then. Jedoch danke ich Gott, daß ich keine „Schuld auf mich geladen habe. „Was meine Angehoͤrigen betrifft: so bin „ich aus keiner geringen Familie. Jch habe, „durch die mir zugedachte Gunst meines Groß- „vaters, ein ansehnliches Gut, das von Rechts- „wegen mein eigen ist; ohne daß mein Vater „etwas daruͤber zu sagen haͤtte, wenn es mir so „gefaͤllig gewesen waͤre: aber es soll mir nie- „mals gefaͤllig seyn. „Mein Vater hat viel Vermoͤgen. Jch „hatte einen andern Namen angenommen, als „ich zuerst zu ihnen kam: allein das war bloß in „der Absicht geschehen, damit ich von dem treu- „losen Menschen nicht entdeckt wuͤrde; der sich „nun, durch diesen Cavallier, verbindet, mir nicht „beschwerlich zu fallen. „Mein wirklicher Name, wissen sie itzo, ist „Harlowe: Clarissa Harlowe. Jch bin noch „nicht zwanzig Jahr alt. „Jch „Jch habe so wohl eine vortreffliche Mutter, „als einen vortrefflichen Vater ‒ ‒ Eine Frau „von ansehnlichem Herkommen und gutem Ver- „stande ‒ ‒ Eines bessern Kindes wuͤrdig ‒ ‒ „Sie liebten mich beyde ungemein. „Jch habe zween rechtschaffene Onkels: „Maͤnner von großem Vermoͤgen; sehr fuͤr die „Ehre ihrer Familie besorgt, welche ich verletzet „habe. „Jch war ihr inniges Vergnuͤgen: und mit „ihren und meines Vaters Wohnungen hatte ich „drey Haͤuser, die ich meine eigne nennen konnte. „Denn sie waren gewohnt mich wechselsweise „bey sich zu haben, und sich beynahe guͤtig um „mich zu streiten. Jch war also zween Monate „im Jahr in des einen, zween Monate in des „andern, sechs Monate in meines Vaters „Hause, und zween Monate bey andern von mei- „nen werthen Freunden, die sich selbst durch „mich gluͤcklich schaͤtzten. So oft ich in des ei- „nem Hause war: ward ich von allen uͤbrigen, „welche nach meiner Ruͤckkehr zu ihnen verlang- „te, mit Briefen uͤberhaͤufet. „Kurz; jedermann liebte mich. Die Armen „‒ ‒ Jch war gewohnt, ihre Herzen zu erfreuen. „Jch verschloß meine Hand niemals vor einem „Duͤrftigen ‒ ‒ Aber nun bin ich selbst arm! „So, Fr. Smithen, so, Fr. Lovick, bin ich „ nicht verheyrathet. Es ist nicht mehr, als „recht und billig, daß ich ihnen dieß sage. Jch „bin nunmehr in einem Stande der Erniedri- F f 2 „gung „gung und Buße fuͤr den unbesonnenen Fehl- „tritt, der so viel Uebel nach sich gezogen hat. „Gott, hoffe ich, wird mir vergeben: wie ich mich „bemuͤhen werde, mein Gemuͤth in solche Ver- „fassung zu bringen, daß ich aller Welt vergeben „moͤge; selbst auch demjenigen, der durch Un- „dankbarkeit und erschreckliche Meineyde ‒ ‒ „Elender Mensch! er dachte alle seine Gottlosig- „keit waͤre Witz! ‒ ‒ ein junges Frauenzimmer „so weit heruntergebracht hat, welches seine „Gluͤckseligkeit, so gar nach diesem Leben, zur „ Absicht hatte und wuͤnschete; und welches „man fuͤr eine Person von solchem Stande, sol- „chen Gluͤcksumstaͤnden und solcher guten Hoff- „nung ansahe, daß alles dieß betraͤchtlich genug „war, so wohl den einen als den andern Caval- „lier in England, um seines eignen Vortheils „willen, zur Treue in seinen Gelobungen gegen „sie zu verbinden. Aber, daß meine Eltern mir „vergeben werden, das kann ich nicht erwarten. „Meine Zuflucht muß der Tod seyn. Die „schmerzlichste Art desselben wollte ich viel lieber „erdulden, als jemand heyrathen, der so gegen „mich handeln koͤnnte, als der Mensch gehandelt „hat, von dessen Geburt, Erziehung und Ehre, „ich so viel Ursache hatte mich eines bessern zu „versehen. „Jch sehe, fuhr sie fort, daß ich, die ich vor- „mals aller Vergnuͤgen gewesen bin, itzo jeder- „mann Kummer verursache ‒ ‒ Sie, denen ich „doch ganz fremd bin, werden fuͤr mich zum Mit- „leiden „leiden beweget! ‒ ‒ Es ist guͤtig! ‒ ‒ Allein „es ist Zeit, aufzuhoͤren. Jhre mitleidige Her- „zen, Fr. Smithen und Fr. Lovick, sind zu sehr „geruͤhret“ ‒ ‒ denn die beyden Weiber gluch- seten wieder vom Weinen, und der Mann war auch beweget ‒ ‒ „Es ist eine Grausamkeit von „mir, daß ich durch mein Ungemach ihren Hoch- „zeittag zu einem Trauertage mache.“ Hierauf wandte sie sich zu Herr Smithen und seiner Frguen ‒ ‒ „Der Himmel lasse sie, ehrliches, „gutes Paar, ihren Hochzeitstag noch vielmal „gluͤcklich begehen! ‒ ‒ Wie angenehm ist es „anzusehen, daß sie sich beyde, nach dem Ver- „lauf vieler Jahre, so liebreich vereinigen, ihn zu „seyren! ‒ ‒ Vormals dachte ich ‒ ‒ Jedoch „nicht mehr ‒ ‒ Alle meine Hoffnung zur Gluͤck- „seligkeit in diesem Leben hat nun ein Ende. „Sie ist, wie aufgehende Knospen oder Bluͤten „an einem zu fruͤhzeitigen Schoͤßlinge durch einen „strengen Frost, ersticket! ‒ ‒ Wie die Feld- „fruͤchte durch einen Ostwind, verbrannt! ‒ ‒ „Aber ich kann nur einmal sterben: und wenn „mir das Leben nur so lange gefristet wird, bis „ich von einem schweren Fluch befreyet bin, den „mein Vater in seinem Zorn auf mich geleget „hat, und der in allen Stuͤcken, so weit er das „gegenwaͤrtige Leben betrifft, buchstaͤblich erfuͤllet „ist; so ist das alles, was ich zu wuͤnschen habe, „und der Tod wird mir willkommener seyn, als „jemals dem muͤdesten Wanderer, der die End- F f 3 „schaft „schaft seiner Reise erreichet hatte, die Ruhe ge- „wesen ist.“ Und so ließ sie ihr Haupt an die Lehne ihres Stuhls sinken, und suchte ihre Thraͤnen durch ihr Schnupftuch, womit sie das Gesicht bedeckte, vor uns zu verbergen. Keine Seele von uns konnte ein Wort spre- chen. Deine Gegenwart, du verhaͤrteter Boͤse- wicht, wuͤrde uns vielleicht eine Schaam vor ei- ner Weichherzigkeit eingefloͤßet haben, die du vermuthlich an mir insonderheit verlachen wirst, wenn du dieß liesest! Sie begab sich bald hernach in ihre Kam- mer, und war genoͤthigt, wie es scheint, sich nie- derzulegen. Wir gingen alle mit einander hin- unter, und unterhielten uns auf anderthalb Stun- den mit ihrem Lobe. Fr. Smithen und Fr. Lo- vick bezeugten einmal uͤber das andere ihre Ver- wunderung, daß ein Mensch in der Welt seyn koͤnnte, der im Stande waͤre, eine solche Fraͤu- lein zu beleidigen, noch mehr sie vorsetzlich zu be- schimpfen. Sie wiederholten, daß sie einen En- gel bey sich im Hause haͤtten. ‒ ‒ Jch gedachte, ja, sie haͤtten ihn wirklich: und das so gewiß, als unter dem Dache des guten Lords M. ein Teufel lebte. Jch hasse dich von ganzem Herzen! ‒ ‒ Bey meiner Treue ich hasse dich! ‒ ‒ Jch hasse dich jede Stunde mehr, als die vorhergehende! ‒ ‒ Der Der sieben und funfzigste Brief von Hrn. Lovelace an Herrn Joh. Belford. Sonnabends, den 22ten Jul. W eswegen hassest du mich, Belford? ‒ ‒ Und warum immer mehr und mehr? ‒ ‒ Habe ich mich irgend einer Beleidigung schuldig gemacht, die du nicht vorher gewußt hast? ‒ ‒ Wo das Ruͤhrende in der Beredtsamkeit ein solches Herz, als deines, bewegen kann: kann es denn auch die Natur der Sachen aͤndern? ‒ ‒ Habe ich diesem unvergleichlichen Frauenzimmer nicht allemal eben so viel Gerechtigkeit widerfah- ren lassen, als du ihr nach deinem Herzen, oder sie sich selbst thun kann? ‒ ‒ Was fuͤr Unsinn ist denn dein Haß, dein zunehmender Haß: da ich noch bestaͤndig entschlossen bin, nach meinem Wort, das ich dir gegeben habe, und nach mei- ner Verpflichtung gegen meine Verwandte, sie zu heyrathen? Aber hasse mich, wie du willst: wenn du nur schreibest. Du kannst mich nicht so sehr hassen, als ich mich selbst hasse. Und gleichwohl weiß ich, wenn du mich wirklich hasse- test, so wuͤrdest du dich nicht unterstehen, es mir zu sagen. Wozu war es aber noͤthig, diesen Weibsleu- ten ihre Historie zu erzaͤhlen? Sie wird gewiß F f 4 nach nach Verlauf einiger Zeit bereuen, daß sie uns beyde so unnoͤthiger Weise widrigen Urtheilen bloßgestellet hat. Krankheit benimmt einer jeden Neigung ih- re Kraft, und macht, daß wir das hassen, was wir vorher liebeten. Aber so bald die Gesund- heit wieder von neuem hergestellt ist, veraͤndert sich das Spiel. Alsdenn sind wir geneigt, mit uns selbst vergnuͤgt zu seyn, und auf die Art im Stande, auch an einem jeden andern Vergnuͤgen zu finden. Eine jede Hoffnung nimmt uns alsdenn ein: eine jede Stunde stellt sich uns zur Freude dar. Was Herr Addison von der Freyheit sagt, das kann noch eigentlicher von der Gesundheit gesagt werden. Denn was ist Freyheit selbst ohne Gesundheit? Sie ziehet die Natur aus ihrer Dunkelheit: Ertheilt der Sonne Glanz, dem Tage Froͤhlichkeit. Und ich freue mich, daß sie schon so viel besser ist, daß sie mit fremden Leuten eine so lange und ihr nicht gleichguͤltige Unterredung halten kann. Es ist wunderlich und eben so verkehrt, das ist, eben so weibermaͤßig, als wunderlich, daß sie meine Hand ausschlagen und lieber waͤhlen sollte, zu sterben ‒ ‒ O das garstige Wort! und wie frey handelt gleichwohl deine Feder damit ge- gen mich! ‒ ‒ als mich zu nehmen, der ich sie beleidigte, indem ich meinem Character gemaͤß handelte, da hingegen ihre Eltern zu ihrer eignen Schaam und Schande wider ihren Character han- handelten, und ich nun bereit bin, wider mei- nen eignen Character zu handeln, damit ich ihr gefaͤllig seyn moͤge. Demnach soll ich nicht Ver- gebung erlangen! Jene aber sollen bey ihr unta- delhaft seyn ‒ ‒ Und Heyrathen ist doch das ein- zige Mittel allen Schaden zu ersetzen und ihre eigne Ehre zu retten. ‒ ‒ Gewiß du mußt das Widersprechende bey ihrer vergebenden Unver- soͤhnlichkeit, wie ich es nennen mag, selbst sehen! ‒ ‒ Gleichwohl willst du gern, so ein schwerer Bube du auch bist, nach ihr von der Erden hin- aufgezogen werden! Was spielst du fuͤr eine Per- son mit deinem Geschwaͤtze; so steif als Hick- manns Manschetten, bey deinen hohen Wuͤnschen und fußfaͤlligen Verehrungen! ‒ ‒ Ungewohnt, nach deinem schwachen Gehirn, die erhabenen Ausspruͤche zu ertragen, welche, so gar in ordent- licher Unterredung, von den Lippen dieses bestaͤn- dig reizenden Frauenzimmers fallen. Aber die artigste Grille von allen war, den Bankzettel hinter ihren Stuhl fallen zu lassen, an statt ihn auf deinen Knieen zu ihren Haͤnden zu uͤberreichen! ‒ ‒ Zu verursachen, daß ein sol- ches Frauenzimmer, als dieß ist, sich gedoppelt buͤcken muß ‒ ‒ ihn anzunehmen und ihn von dem Boden aufzuheben! ‒ ‒ Was fuͤr eine un- anstaͤndige und unangenehme Art ist es, womit du deine Gutthaten anbringest! Wie unge- reimt, daß du dir in den Kopf setzest, als wenn der beste Weg, einem Frauenzimmer ein Ge- F f 5 schenk schenk zu machen, der waͤre, daß man es hinter ihrem Stuhl werfe. Jch bin sehr begierig zu sehen, was sie an ih- re Schwester geschrieben hat; was sie an Fraͤu- lein Howe zu schreiben vorhat; und was fuͤr eine Antwort sie von der Harlowischen Arabelle be- kommen werde. Kannst du nicht einen An- schlag erdenken, wie man zu den Abschriften von diesen Briefen, oder wenigstens dem vornehm- sten Jnhalt derselben, und auch der andern, die sie sonst wechselt, kommen koͤnne? Fr. Lovick, scheinst du zu sagen, ist eine fromme und gott- selige Frau. Da die Fraͤulein eine so genaue Nachricht von sich gegeben hat: so wird sie ihr alles eroͤffnen. Und hast du nicht vor, dich zu bessern? ‒ ‒ Wird nicht diese Uebereinstim- mung der Gemuͤther zwischen dir und der Wit- we ‒ ‒ Wie alt ist sie, Bruder? Der Teufel hat niemals eine Freundschaft zwischen einer Mannsperson und einem Weibe, von irgend gleichen Jahren, auf die Bahn gebracht, die nicht auf das Heyrathen, oder auf die Vertil- gung der sittlichen Grundregeln in ihnen beyden ausgefallen waͤre ‒ ‒ Wird nicht diese Ueberein- stimmung eine Vertraulichkeit zwischen euch stif- ten, die dich in den Stand setzen mag, mir in diesem Stuͤcke zu willfahren? Ein Neubekehr- ter, kann ich dir sagen, vermag sehr vieles bey euren frommen Leuten. Ein solcher ist ein Hei- liger aus ihren schaffenden Haͤnden. Sie wer- den ihn als eine Pflanze, die sie selbst aufgebracht haben, haben, waͤssern, seiner pflegen, und ihn lieben, und dieß aus einem recht geistlichen Stolze. Ein Trost erwaͤchset mir aus dem nicht ge- ringen Leidwesen, das diese bewundernswuͤrdige Fraͤulein zu bezeugen scheinet, indem sie uͤber den Hochzeitstag der Leute ihre Betrachtungen macht. ‒ ‒ Vormals dachte ich ‒ ‒ So laͤssest du sie abbrechen. Vormals dachte sie! Was denn? ‒ ‒ O Belford, warum setzetest du nicht in sie, sich zu erklaͤren, was sie vormals hoffete? Was ein Frauenzimmer in Liebessachen ein- mal hoffet, das hoffet sie allemal, so lange Raum zur Hoffnung uͤbrig ist. Sind wir nicht beyde ledig? Kann sie einen andern Mann, als mich, haben? Will ich eine andere Frau, als sie, ha- ben? Niemals will ich! Niemals kann ich! ‒ ‒ Jch sage dir, daß ich taͤglich, daß ich stuͤndlich verliebter in sie werde; und eben itzo eine weit heftigere Neigung gegen sie fuͤhle, als ich jemals in meinem Leben gefuͤhlet habe; und das mit voll- kommen ehrlichen Absichten, nach ihrem eignen Begriffe von dem Worte. Ja ich habe mich die ganze verwichene Woche uͤber nicht so viel veraͤndert, daß ich es nur einmal anders ge- wuͤnscht haͤtte. Also ist diese Gesinnung fest bey mir eingewurzelt und mir selbst zur Natur geworden: wie sonst das Leben auf Ehre, oder auf eine großmuͤthige Zuversicht zu mir, welches ich dem Leben von Zweifel und Mis- trauen trauen vorzog. Das aber muß ja wohl ein Leben von Zweifel und Mistrauen seyn, wo das Weib nicht die geringste Zuversicht heget, und einen Mann durch Huͤlfe der Kirchen- und Staatsgesetze, um die Verbindlichkeit, welche sie ihm aufleget, dadurch zu verstaͤrken, auf Lebens- lang bindet, sich gut zu bezeigen. Jch werde am Montage fruͤhe zu einer ge- wissen Art von einem Ball reisen, wozu mich der Obrist Ambrosius eingeladen hat. Er wird we- gen eines Vorfalls in der Familie gegeben: ich bekuͤmmere mich nicht darum, was es fuͤr einer ist. Denn alles, was mir bey der Sache angenehm ist, ist dieß, daß die Frau und Fraͤulein Howe da seyn werden; und, wie gewoͤhnlich, auch Hick- mann: indem die gnaͤdige Frau ohne ihn nicht einen Fuß aus dem Hause setzen wird. Der Obrist hoffet, daß die Fraͤulein Arabelle Harlo- we ebenfalls kommen werde: denn alle Manns- personen und Frauenzimmer in seiner Gegend von einiger Betraͤchtlichkeit sind eingeladen. Jch kam von ungefaͤhr mit dem Obristen zusammen, der, wie ich glaube, schwerlich dachte, daß ich die Einladung annehmen wuͤrde. Aber er kennet mich nicht, wo er denkt, daß ich mich schaͤme, an irgend einem Orte zu erscheinen, wo Frauenzimmer ihr Gesicht zeigen duͤrfen. Er gab mir zwar zu verstehen, daß mein Name, we- gen der Fraͤulein Harlowe, sehr im Gerede waͤ- re: allein, daß ich auf eine von meines Onkels Redens- Redensarten anspiele, ich will nicht im Betts liegen, wenn etwas lustiges vorgeht. Da ich in meines Lords Kutsche sahren wer- de: so haͤtte ich gern eine von meinen Basen Montague beredet, mit mir zu fahren. Allein sie schlugen es beyde ab: und ich moͤchte eben keinen von deinen Bruͤdern mit mir nehmen. Es wuͤrde sonst so aussehen, als wenn ich gedaͤch- te, daß ich eine Leibwache noͤthig haͤtte. Außer dem ist der eine zu ungehobelt, der andere zu schmeichelnd, und ein allzu großer Hasenfuß fuͤr einige von der ernsthaften Gesellschaft, die da seyn wird, und insonderheit fuͤr mich. Man kennt die Leute an ihren Mitgesellen, und ein Hase, wie Tourville zum Exempel, sorgt vor allen Dingen, ein Schild durch seinen Aufzug in Kleidern aus- zuhaͤngen, damit man wisse, was in seinem Laden zu haben sey. Du bist in der That eine Aus- nahme. Du kleidest dich, wie ein Geck, und bist doch ein guter Kerl. Jnzwischen bist du gleich- wohl ein so ungeschickter Stutzer, daß du dir selbst eine doppelte Schande zu machen scheinst, indem du durch deine merkliche und buntscheckichte Klei- dung, wenn du aus der Trauer bist, deine unan- genehme Person noch unangenehmer vorstellest. Jch besinne mich, daß ich mit mir selbst un- eins war, als ich dieß das erste mal sahe, ob ich dich fuͤr einen großen Narren oder fuͤr einen un- geschickten Witzling halten sollte. An deiner Kleidung sahe ich, daß etwas nicht recht bey dir seyn mußte. Wo dieser Kerl, dachte ich, nicht ein ein so großes Vergnuͤgen an dem Laͤcherlichen findet, daß er sich selbst nicht verschonen will: so muß er ein gewaltig einfaͤltiger Pinsel seyn, daß er sich so viele Muͤhe giebt, seine garstige Gestalt noch merklicher zu machen, als sie sonst seyn wuͤrde. Ungekuͤnstelte Kleidung, an einer Mannsper- son oder einem Frauenzimmer von maͤßiger Ge- stalt, zeiget wenigstens Bescheidenheit an, und macht die Tadler allezeit zu gelinder Beurthei- lung geneigt. Wer wird eine persoͤnliche Unvoll- kommenheit an einem laͤcherlich machen, der sich bewußt zu seyn scheinet, daß es eine Unvollkom- menheit ist? Wer hat jemals gesagt, daß ein Einsiedler arm waͤre? Aber wer wollte an denen, die auf ihre Haͤßlichkeit stolz zu seyn, oder ihr einen gezwungenen Putz, in Hoffnung sich davon loszumachen, anzulegen scheinen, der so un- gereimten Thorheit schonen? Allein ob ich gleich dieß muntere Wesen an- nehme: so bin ich doch in dem Jnnersten meiner Seele durch ein schmerzliches Gefuͤhl geruͤhret ‒ ‒ Mein ganzes Herze haͤngt meiner Geliebten nach! Mit was fuͤr Gleichguͤltigkeit werde ich die ganze Gesellschaft bey dem Obristen ansehen, da meine Augen des Gemuͤths auf meine Schoͤ- ne gerichtet sind, und diese mein ganzes Herz einnimmt? Der Der acht und funfzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Arabelle Har- lowe. Donnerstags, den 20ten Jul. Fraͤulein Harlowe. J ch kann nicht umhin, es mag aufgenommen werden, wie es will, weil es von mir kommt, Jhnen zu melden, daß Jhre arme Schwe- ster in dem Hause eines gewissen Smithen, der einen Handschuhladen haͤlt und mit wohlriechen- den Sachen handelt, auf der Koͤnigsstraße beym Covent-Garden, gefaͤhrlich krank liege. Sie weiß nicht, daß ich schreibe. Einige heftige Wor- te, als ein Fluch, von ihrem Vater, beunruhigen sie bey ihrem schwachen Zustande ungemein. Jch darf Jhnen nicht an die Hand geben, was dabey zu thun sey. Sie sind ihre Schwester. Jch habe mich daher nicht entbrechen koͤnnen, nicht allein um derselben, sondern auch um Jhrer selbst willen, an Sie zu schreiben. Jch bin, Fraͤulein, Jhre gehorsame Dienerinn Anna Howe. Der Der neun und funfzigste Brief von Fraͤul. Arabelle Harlowe an Fraͤul. Howe. J ch habe Jhre Zuschrift von heute fruͤhe be- kommen. Alles, was dem ungluͤcklichen Geschoͤpfe, dessen Sie gedenken, begegnet ist, ist nichts anders, als was wir vorhergesagt und er- wartet haben. Derjenige, um dessentwillen sie uns verlassen hat, mag sie troͤsten. Man sagt uns, daß ihm das Gewissen aufgewacht sey, und daß er sie heyrathen wollte. Wir glauben es in der That nicht. Sie kann wohl sehr krank seyn. Das Misvergnuͤgen uͤber ihre fehlgeschla- gene Hosfnung kann sie wohl krank machen, oder sollte es thun. Sie ist aber die einzige Person, die ich weiß, welche sich in ihrer Erwartung be- trogen hat. Jch kann nicht sagen, Fraͤulein, daß die Nachricht von ihren Haͤnden uns eben desto an- genehmer seyn sollte, je mehr Freyheiten, es ih- nen gefallen hat, sich gegen unsere ganze Familie herauszunehmen, weil wir uͤber eine Auffuͤhrung unwillig gewesen sind, deren Rechtfertigung ei- nem jungen Frauenzimmer zur Schande gerei- chen wuͤrde. Entschuldigen sie diese Freyheit, welche durch groͤßere Freyheiten an ihrer Seite veranlasset ist. Jch bin, Fraͤulein, Jhre gehorsame Dienerinn Arabelle Harlowe. Der Der sechzigste Brief von Fraͤulein Howe zur Antwort. Freytags, den 21ten Jul. Fraͤulein Arabelle Harlowe. W enn Sie nur halb so viel Verstand haͤtten, als sie Unart besitzen: so wuͤrden sie, den Ueberschuß von der letztern ungeachtet, doch im Stande gewesen seyn, zwischen einer freundschaft- lichen Absicht gegen Sie alle, damit sie sich selbst desto weniger vorzuhalten haben moͤchten, wenn ein klaͤglicher Zufall erfolgen sollte, und einer Dienstfertigkeit, die ich Jhnen nicht schuldig war, einen Unterschied zu machen, weil Freyheiten, die man sich gegen jemand herausnimmt, wenigstens von der andern Seite wieder genommen werden koͤnnen. Jch will um des ungluͤcklichen Ge- schoͤpfes willen, wie Sie eine Schwester nen- nen, die sie dazu zu machen geholfen haben, nicht alles sagen, was ich sagen koͤnnte. Sollte das geschehen, was ich besorge: so sollen Sie, Sie moͤgen es verlangen oder nicht, meine ganze Mey- nung erfahren. Anna Howe. Sechster Theil. G g Der Der ein und sechzigste Brief von Fraͤulein Arabelle Harlowe an Fraͤulein Howe. Freytags, den 21ten Jul. Fraͤulein Anna Howe. J hren muthigen Brief habe ich bekommen. Da Sie niemanden schonen: so kann ich nicht erwarten, daß Sie meiner schonen sollten. Sie sind sehr gluͤcklich, daß Sie eine kluge und wachsame Mutter haben ‒ ‒ Aber sonst ‒ ‒ Der meinigen kann es niemand an Klugheit zu- vorthun: allein wir hatten alle eine zu gute Mey- nung von einer gewissen, daß wir Wachsamkeit fuͤr noͤthig halten sollten. Es kann vielleicht sei- ne Ursache haben, warum Sie in einem so an- stoͤßigen und offenbaren Vergehen, so sehr ihre Partey nehmen. Jch helfe eine Schwester ungluͤcklich ma- chen! ‒ ‒ das ist nicht wahr, Fraͤulein! ‒ ‒ Es ist alles ihr eigen Werk! ‒ ‒ Ausgenommen, in Wahrheit, was sie dem Rath einer Gewissen zu danken haben mag. ‒ ‒ Sie wissen, wer am be- sten davon Rede und Antwort geben kann. Lassen Sie uns ihre Meynung wissen, so bald als es Jhnen gefaͤllig ist. Wenn wir er- fahren fahren haben werden, daß es Jhre Meynung ist: so werden wir urtheilen, wie viel wir darauf ach- ten sollen. Das ist alles von ꝛc. Ar. H. Der zwey und sechzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Arabelle Har- lowe. Sonnabends, den 22ten Jul. E s mag ein Ungluͤck fuͤr einige Leute seyn, daß sie eines jeden Aufmerksamkeit an sich ziehen: andere moͤgen desto gluͤcklicher seyn, ob sie gleich auch desto neidischer seyn moͤgen; weil sie niemand einiger Aufmerksamkeit wuͤrdig ach- tet. Aber man wuͤrde sich freuen, wenn solche Leute den Verstand haͤtten, es mit Dank anzu- nehmen, daß sie nicht so betraͤchtliche Personen sind: weil sie dieß keiner Gefahr unterwirft, un- ter welcher sie schwerlich geschickt seyn wuͤrden, sich gehoͤrig zu verhalten. Jch gestehe Jhnen, daß ich vordem einmal vielleicht in Schwierigkeiten gerathen seyn moͤch- te: wenn es nicht durch den klugen Rath der be- wundernswuͤrdigen Gewissen verhuͤtet waͤre, de- ren vornehmster Fehler der außerordentliche Vor- zug ihrer Gaben, und deren Ungluͤck dieß ist, daß sie ein paar Creaturen zum Bruder und zur G g 2 Schwe- Schwester hat, die ihre unvergleichlichen Vorzuͤ- ge nicht einzusehen vermoͤgend sind. Aber so muthig mich auch die im hoͤchsten Grade muthi- ge Person ansehen mag: so hielte ich mich doch nicht deswegen fuͤr weiser, weil ich aͤter war; noch aus einem so elenden Grunde fuͤr berechti- get, einer so außerordentlich erhabenen Seele Gesetze vorzuschreiben, viel weniger ihr uͤbel zu begegnen. Jch wiederhole es mit Dankbarkeit, daß der Rath dieser liebenswuͤrdigen Person mir sehr gro- ße Dienste gethan hat ‒ ‒ und zwar ehe meiner Mutter Wachsamkeit noͤthig ward. Aber das kann ich nicht sagen, wie es mit mir gegangen seyn wuͤrde, wenn ich einen Bruder oder eine Schwester gehabt haͤtte, die es so wohl fuͤr ihren Vortheil, als fuͤr eine Befriedigung ihres poͤ- belhaften Neides angesehen haͤtten, mich anzu- schwaͤrzen. Jhre unvergleichliche Schwester hat, in der That, Sie, Fraͤulein, eben so wohl, als mich ge- rettet ‒ ‒ nur mit diesem Unterschiede ‒ ‒ Sie wider Jhren Willen ‒ ‒ Mich mit meinem Willen: und haͤtte es Jhr eigner Bruder und seine eigne Schwester nicht gemacht; so wuͤrde sie selbst nicht verlohren gewesen seyn. Jch moͤchte nichts mehr wuͤnschen, als daß beyden Schwestern nur ihr eigner Wille gelassen waͤre! ‒ ‒ Die bewundernswuͤrdigste Person un- ter ihrem Geschlechte wuͤrde alsdenn niemals aus ihres Vaters Hause gekommen seyn! ‒ ‒ Sie, Fraͤu- Fraͤulein ‒ ‒ Jch weiß nicht, was aus Jhnen geworden seyn moͤchte ‒ ‒ Allein was auch im- mer geschehen waͤre: so wuͤrden Sie doch die Leut- seligkeit an ihr gefunden haben, die Sie nicht be- wiesen; Sie moͤchten nun dieselbe verdient ha- ben, oder nicht. ‒ Sie wuͤrden, wenn es auch zu dem aͤrgsten gekommen waͤre, weder eine guͤtige Schwester noch eine mitleidige Freundinn, in Jhrer vortrefflichsten Schwester, verlohren ha- ben. Aber warum bin ich weitlaͤuftig gegen eine so Armselige? ‒ ‒ Warum suche ich eine so schwa- che Gegnerinn in die Enge zu treiben, deren er- ster Brief nichts als niedrige Bosheit ist, und deren zweytes Schreiben aus Unwahrheit und Widerspruch so wohl, als aus Haß und ungeschick- ter Auffuͤhrung zusammen gesetzet ist? Jedoch, ich bin willens gewesen, Jhnen ein Theil von meiner Meynung zu eroͤffnen. ‒ ‒ Fordern Sie nur mehr: so soll es zu Jhren Diensten seyn; von einer Person, die zwar Gott danket, daß sie sich nicht Jhre Schwester nennet, allein doch nicht Jhre Feindinn ist; inzwischen aber nur durch zwo Bewegursachen abgehalten wird, das letztere nicht zu seyn; einmal, weil Sie mit einer so vortrefflichen Schwester, ob gleich unwuͤrdiger Weise, in Verwandtschaft stehen; hiernaͤchst, weil Sie nicht betraͤchtlich genug sind, etwas an- deres zu verdienen, als Mitleiden und Verach- tung von A. H. G g 3 Der Der drey und sechzigste Brief von Frau Harlowe an Frau Howe. Sonnabends, den 22ten Jul. Gnaͤdige Frau. J ch sende Jhnen eingeschlossene Abschriften von fuͤnf Briefen, die zwischen Fraͤulein Howe und meiner Arabelle gewechselt sind. Sie besitzen so viel Klugheit und Einsicht, und koͤn- nen, da Sie selbst eine Mutter sind, an dem Un- gluͤck unserer ganzen Familie wegen der Unbeson- nenheit und Undankbarkeit eines Kindes, von welchem wir ehemals ganz eingenommen waren, so wohl Theil nehmen, daß ich sagen darf, Sie werden die wunderlichen Freyheiten, die sich Jh- re Tochter gegen uns alle herausgenommen hat, nicht billigen und befoͤrdern. Die gegenwaͤrti- gen sind nicht die einzigen, woruͤber wir uns zu beklagen haben: allein wir haben zu den andern stille geschwiegen; weil sie nicht, wie diese, zu Pa- pier gebracht sind. Wir bitten nur, daß wir mit den Anmerkungen von einem jungen Frauenzim- mer verschont werden moͤgen, welches nicht weiß, was wir durch die Unbesonnenheit eines leichtfer- tigen Maͤgdchens gelitten haben, und noch leiden; eines leichtfertigen Maͤgdchens, das uͤber sich selbst Ungluͤck, und uͤber eine Familie, die sie alles Ver- Vergnuͤgens beraubet, Schande gebracht hat. Jch bin nicht willens, Jhrer bekannten Klugheit in diesem Falle etwas vorzuschreiben: sondern uͤberlasse Jhnen, es zu machen, wie Sie es fuͤr das dienlichste halten. Jch bin, gnaͤdige Frau, Jhre gehorsamste Dienerinn, Charl. Harlowe. Der vier und sechzigste Brief von Fr. Howe, zur Antwort. Sonnabends, den 22ten Jul. Gnaͤdige Frau. J ch bin uͤber die Briefe meiner Tochter an Fraͤulein Harlowe hoͤchst unwillig. Jch habe gar nicht gewußt, daß sie sich solche Frey- heit genommen hatte. Diese junge Maͤgdchen haben solche romanenmaͤßige Begriffe, theils von der Liebe, theils von der Freundschaft, daß man sie in keinem von beyden regieren kann. Nichts, als Zeit, und theur erkaufte Erfahrung, wird sie von den Ungereimtheiten in beyden uͤber- fuͤhren. Jch hatte vorher schon so gerechte Vor- stellungen von dem, was das Ungluͤck Jhrer gan- zen Familie auf sich haben muͤßte, daß ich ihr oft verboten hatte, wie ich auch Jhrem Bruder, G g 4 Herrn Herrn Anton Harlowe, gesagt habe, mit dem ar- men gefallenen Engel Briefe zu wechseln ‒ ‒ Gewiß niemals ist wohl ein junges Frauenzim- mer dem, was wir uns von Engeln vorstellen, so wohl der Person, als dem Gemuͤthe nach, aͤhnlicher gewesen ‒ ‒ Aber nachdem ich ihres widerspenstigen Bezeigens muͤde geworden war; es ist mir leid, daß ich dieß von meinem eignen Kinde sagen muß: so ward ich genoͤthigt, es wieder geschehen zu lassen. Jn der That, sie be- stand so steif auf ihren Willen, daß mir bange war, es moͤchte auf einen Anfall von einer Krank- heit hinauslaufen: wie es nur allzu oft auf einen Anfall von stoͤrrischem Misvergnuͤgen ausfiel. Niemand, als Eltern selbst, weiß, was fuͤr Unruhe Kinder zuwege bringen. Diejenigen sind am gluͤcklichsten, habe ich oft gedacht, wel- che keine haben. Und o Himmel! wie wenig lassen sich insbesondere diese aufgewachsene Maͤgd- chen regieren! ‒ ‒ Jch glaube inzwischen, daß Sie nicht mehr solche Briefe von meiner Anna bekommen wer- den. Jch bin genoͤthigt worden, wegen Fraͤu- lein Claͤrchens Unpaͤßlichkeit; sie scheint aber recht krank zu seyn; Zwang bey ihr zu gebrau- chen: sonst wuͤrde sie nach London gelaufen seyn, ihr aufzuwarten. Dieß nennt sie die Pflicht ei- ner Freundinn: und vergißt, daß sie ihrer roma- nenmaͤßigen Freundschaft den schuldigen Gehor- sam gegen eine zaͤrtliche und allzu guͤtige Mutter aufopfert. Es Es sind tausend vortreffliche Vorzuͤge, die der armen und leidenden Fraͤulein, ihr Vergehen ungeachtet, nicht abzusprechen sind: und wo sich alles so verhaͤlt, wie sie es meiner Tochter eroͤff- net hat, so ist sie auf die klaͤglichste Art gemishan- delt worden. Allein ich bin dennoch der Mey- nung, daß es Jhnen und ihrem Vater gaͤnzlich zu uͤberlassen sey, ob sie ihr vergeben wollen, und daß sich niemand, wegen des den Eltern gebuͤh- renden Ansehens, darinn einmischen sollte. Außer dem hat das alles ein jeder vermuthet, wie Fraͤu- lein Harlowe schreibet: ob Fraͤulein Claͤrchen es gleich nicht glauben wollte, bis sie fuͤr ihre Leicht- glaubigkeit fuͤhlte. Aus diesen Ursachen unter- fange ich mich nicht, zur Verringerung ihres Feh- lers die geringste Vorstellung zu thun, welcher durch ihren bewundernswuͤrdigen Verstand, und eine Einsicht, die ihre Jahre uͤbersteiget, noch groͤßer gemacht wird. Jch bin, gnaͤdige Frau, nebst Empfehlung an den lieben Herrn Harlowe, und Jhre ganze betruͤbte Familie, Jhre gehorsamste Dienerinn Arabelle Howe. Jch werde mich in wenigen Tagen mit meiner Tochter auf die Jnsel Wight begeben. Jch will unsere Reise mit Fleiß beschleunigen, damit ich ihr Gemuͤth von dem Ungemach ihrer Freundinn abziehe; welches uns bey- nahe eben so viel Kummer macht, als Fraͤu- lein Claͤrchens Unbedachtsamkeit Jhnen ge- machet hat. G g 5 Der Der fuͤnf und sechzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Har- lowe. Sonnabends, den 22ten Jul. Meine Allerliebste Freundinn. W ir sind beschaͤfftigt, uns zu unserer kleinen Reise fertig zu machen. Aber ich werde krank seyn, ich werde sehr krank seyn: wo ich nicht hoͤren kann, daß es mit Jhnen besser ist, ehe ich abgehe. Rogers hat mich durch seine Erzaͤhlung von dem schlechten Zustande Jhrer Gesundheit sehr betruͤbt gemacht. Da Sie nunmehr aber im Stande gewesen sind, eine Feder zu halten, und ihr Verstand seine Staͤrke und Klarheit hat: so hoffe ich, daß der Zeitvertreib, den Sie vom Schreiben haben werden, Jhre Besserung befoͤr- dern werde. Jch lasse gegenwaͤrtiges eilfertig mit einer außerordentlichen Gelegenheit abgehen, damit es Jhnen zeitig genug zu Haͤnden komme, Sie zu bewegen, daß Sie sich vorher wohl bedenken, ehe Sie auf den Jnhalt meines Briefes vom 13ten, wegen der Sache, welche der Besuch der beyden Fraͤulein Montague bey mir betraf, eine gaͤnzlich entscheidende Antwort geben. Denn so, wie wie Sie schreiben werden, muß ich diesen ant- worten. Jn Jhrem letzten beschließen Sie sehr fest, daß Sie ihn nicht nehmen wollen. Gewiß, er verdienet vielmehr einen schmaͤhlichen Tod, als eine solche Frau. Aber da ich ihn wirklich fuͤr unschuldig an dem Verhaft halte; und seine gan- ze Familie so ernstliche Vorstellungen seinetwe- gen thut; auch fuͤr ihn Gewaͤhr leisten will: so denke ich, daß es itzo der beste Schritt seyn werde, den Sie thun koͤnnen, daß Sie sich ihren und seinen eignen instaͤndigsten Bitten gefaͤllig er- weisen; indem Jhre eigne Familie, wie ich Sie gewiß versichern kann, unversoͤhnlich bleibet. Er ist ein Mensch, der Einsicht hat. Es ist nicht unmoͤglich, daß er sich als einen guten Ehe- mann gegen Sie bezeige, und mit der Zeit kein boͤser Mann werde. Meine Mutter ist gaͤnzlich meiner Meynung. Am Freytage hat auch Herr Hickmann, nach dem Wink, den ich Jhnen in meinem letzten Schrei- ben davon gab, eine Unterredung mit dem wun- derlichen Kopfe gehabt. Er ist auf keine Weise mit dem Bezeigen desselben gegen ihn selbst zu- frieden. Jn der That hat er nicht Ursache zu- frieden zu seyn. Dennoch gehen seine Gedanken dahin, daß er aufrichtig entschlossen sey, Sie zu heyrathen, wenn Sie sich gefallen lassen wollen, ihn zu nehmen. Vielleicht mag Herr Hickmann Sie in ge- heim besuchen, ehe wir abreisen. Wo ich nicht zu zu Jhnen kommen kann: so werde ich nicht ru- hig seyn, ohne wenn er es thut. Er wird Jh- nen alsdenn erzaͤhlen, was fuͤr eine bewunderns- wuͤrdige Beschreibung der vermessene Kerl von Jhnen gemacht hat, und wie vollkommen er Jh- rer Tugend Gerechtigkeit widerfahren laͤsset. Er hat alles eben so frey gegen seine Anver- wandten, ob gleich zu seiner eignen Verurtheilung gestanden. Das haben mir seine beyden Basen erzaͤhlet. Alles, was er besorgt, wie er zu Herrn Hickmann gesagt, ist, daß, wo Sie fortfahren, Jhre Geschichte zu erzaͤhlen, und ihn dem Ur- theil der Leute bloßzustellen, das Heyrathen selbst ihnen beyden die Schande nicht abnehmen wer- de; und hiernaͤchst, „daß Sie durch Jhre uͤber- „maͤßige Betruͤbniß Jhre Natur verderben, und, „indem Sie den Tod suchen, da Sie ihn vermei- „den koͤnnten, sich außer Stande setzen werden, „ihm zu entgehen, wenn Sie gern wollten. Also empfehle ich Jhnen, liebste Freundinn, wo Sie koͤnnen, Jhren Abscheu gegen diesen fchaͤndlichen Menschen zu uͤberwinden. Sie koͤnnen vielleicht noch viele gluͤckliche Tage erle- ben, und wiederum so wohl das Vergnuͤgen aller Jhrer Freunde, Nachbarn und Bekannten, als eine Stuͤtze, ein Trost, ein Gluͤck fuͤr Jhre Anna Howe seyn. Mich verlangt sehr, Jhre Antwort auf mei- nen Brief vom 13ten zu haben. Jch bitte, hal- ten Sie den Bothen so lange auf, bis sie fertig ist. Wenn er nur am Montage, Abends, wieder zuruͤck- zuruͤckkommt: so wird es fuͤr seine Geschaͤffte Zeit genug seyn. Alsdenn wird er mich auch wieder von dem Obristen Ambrose zu Hause ge- kommen finden. Dieser giebt an dem Geburts- und Hochzeittage der Fr. Ambrosen einen Ball. Der ganze Adel in der Nachbarschaft ist auf die- se Zeit, wegen einiger guten Zeitungen, die sie von Fr. Ambrosens Bruder, dem Statthalter, bekom- men haben, eingeladen. Meine Mutter hat dem Obristen fuͤr mich und sich selbst in meiner Abwesenheit zugesagt. Jch wollte mich gern bey ihr entschuldiget ha- ben, und das um so viel mehr, da ich wider den Tag Einwendungen zu machen hatte Der 24te Jul. war Fraͤulein Clarissa Harlowens Geburtstag. : allein sie ist beynahe eben so jung, als ihre Tochter; und weil sie es nicht fuͤr so gut haͤlt, ohne mich zu gehen, so gab sie mir zu verstehen: Sie koͤnnte nichts vorschlagen, was mir angenehm waͤre. Wir haben erst kuͤrzlich einen kleinen Kampf mit einander gehabt. Daher, denke ich, muß ich wohl nachgeben. Denn ich mag nicht gern Zank haben, wenn ich es aͤndern kann: ob ich mich gleich selten befleißige, die Gelegenheit zu vermeiden, wenn sie sich von selbst darbietet. Jch weiß nicht, ob wir uns nicht beyde ein wenig vor einander fuͤrchteten, und ungewiß waren, ob es moͤglich seyn wuͤrde, daß wir bey einander leben koͤnnten. ‒ ‒ Jch, ganz nach ineines Vaters Art! ‒ ‒ Meine Mutter ‒ ‒ Was? ‒ ‒ Ganz Ganz nach meiner Mutter Art ‒ ‒ Was sollte ich anders sagen. O, meine Wertheste, wie viele Dinge fallen in diesem Leben vor, die uns Misvergnuͤgen: wie wenige, die uns Freude machen! ‒ ‒ Jch bin gewiß versichert, daß ich bey dieser Gelegenheit keine haben werde: weil die eigentliche Mitge- noßinn meines Herzens, die vornehmste Haͤlfte der einzigen Seele, welche, wie man von uns zu sagen pflegte, das Paar von Freundinnen be- lebte; weil Sie, meine Allerliebste, die eine jede Gesellschaft, worinn Sie den Fuß setzten, aufzu- klaͤren, und mir ein wirkliches Ansehen, naͤchst Jhnen selbst, zu geben gewohnt waren, nicht da seyn koͤnnen! ‒ ‒ Wie unendliche Vorzuͤge hat bey mir eine einzige Stunde in Jhrem Umgange, meine allezeit lehrreiche Freundinn! ‒ ‒ Mich duͤrstet recht darnach! ‒ ‒ vor allen Veraͤnde- rungen, allem Zeitvertreib, woran unser Ge- schlecht gemeiniglich das groͤste Vergnuͤgen fin- det! ‒ ‒ Leben Sie wohl, meine Allerliebste! ‒ ‒ A. Howe. Der Der sechs und sechzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Sonnabends, den 23ten Jul. W as fuͤr Kummer, meine liebste Freundinn, macht mir Jhre liebreiche Sorge fuͤr mei- ne Wohlfarth! Wie viel staͤrker und zaͤrtlicher sind doch die Bande einer reinen Freundschaft, und die Vereinigung aͤhnlicher Gemuͤther, als die Bande der Natur! Der angenehme Saͤnger in Jsrael hatte wohl Ursache zu sagen, wenn er das Lob der Freundschaft zwischen ihm und seinem geliebten Freunde aufs hoͤchste treiben wollte, daß die Liebe Jonathans gegen ihn wunderbar waͤre, daß sie die Liebe der Frauen uͤbertraͤffe! Was fuͤr einen erhabenen Begriff giebt es von der See- le Jonathans, die zu diesem heiligen Bande so liebreich eingerichtet war, wenn wir nur anneh- men koͤnnen, daß seine Freundschaft der Freund- schaft meiner Anna Howe gegen Jhre gefallene Clarissa gleich gewesen! Aber ob ich mir gleich einen Ruhm aus Jhrer guͤtigen Liebe zu mir ma- chen kann: so denken Sie doch, meine Werthe- ste, was fuͤr einen Kummer ein nicht unedies Gemuͤth empfinden muͤsse; wenn die Verbind- lichkeit ganz an einer Seite lieget; wenn ich eben zu zu der Zeit, da Jhr Licht, wegen der Verdunke- lung bey mir, desto heller scheinet, einer theuren Freundinn Quaal verursachen muß, der ich sonst, mit dem groͤßten Ergoͤtzen, Freude zu machen suchte; und wenn ich zu gleicher Zeit die gute Meynung, worinn dieselbe bey allen stehet, zu verringern Gelegenheit geben soll, weil sie meine gekraͤnkte Ehre gegen die geschaͤfftigen Zungen liebloser Tadeler vertheidiget! ‒ ‒ Dieß ist es, was mich oft beweget, die Wor- te meines bewunderten Kreuztraͤgers in seinen Klagen, mit sehr geringer Veraͤnderung, zu wie- derholen: „O! daß es mit mir noch so waͤre, „wie in den vergangenen Monaten, wie in denen „Tagen, da Gott mich bewahrte! Da sein Licht „uͤber mein Haupt schien, und ich bey seinem „Lichte durch die Finsterniß wandelte! Wie in „den Tagen meiner Kindheit ‒ ‒ da der All- „maͤchtige noch mit mir war; da ich in meines „Vaters Hause lebte; da ich meine Tritte mit „Butter wusch, und der Fels Oel fuͤr mich stroͤ- „mete!“ Sie legen mir Jhre Gruͤnde vor, welche durch die Meynung Jhrer geehrten Fr. Mutter ver- staͤrket werden, warum ich an Herrn Lovelacen als einen Ehegatten gedenken sollte Siehe den vorhergehenden Brief. . Jch habe auch Jhren Brief vom 13ten vor mir Man sehe den XXXIV Brief dieses Theils. , der die Nachricht von dem Besuch, den Vor- Vorschlaͤgen und der guͤtigen Vermittelung der beyden Fraͤulein Montague, im Namen der gu- ten Ladies, Sarah Sadleir und Elisab eth Law- rance, und des Lords M. in sich enthaͤlt. Jch habe gleichfalls den vom 18ten vor mei- nen Augen Man sehe den XXXVI Brief eben dieses Theils. , worinn Sie mich, als ich so schmaͤhlicher und grausamer Weise in Verhaft gezogen war, und Sie nicht wußten, wo ich hin- gekommen waͤre, von diesen Fraͤulein und der Familie, so zu sagen, fordern. Nicht weniger auch die Antwort von diesen Fraͤul ein, welche auf eine so vollkommene und edelmuͤthige Art von denenselben, von dem Lord, von den beyden ehrwuͤrdigen Ladies, und, auf die gewoͤhnliche leichtsinnige Art, von dem elenden Kerl selbst unterschrieben ist Siehe den XXXIX Brief dieses Theils. . Diese, meine wertheste Fraͤulein Howe, und noch Jhr Brief vom 16ten Siehe den XXXV Brief. , der unterdessen, da ich in Verhaft war, anlangte, und mir nicht eher, als einige Tage hernach, zu Haͤnden kam, sind alle vor mir. Jch habe die ganze Sache und Jhre Gruͤn- de, womit Sie Jhren Rath unterstuͤtzen, so wohl erwogen, als es itzo mein Kopf und mein Herz leiden will. Noch dazu bin ich geneigt, zu glauben, daß der Mensch an dem schmaͤhlichen Verhaft un- Sechster Theil. H h schuldig schuldig sey: nicht allein, weil es Jhre Meynung ist; sondern auch, weil einer von Herrn Lovela- tens Freunden, Herr Belford, mich so versichert; ein gutgesinnter und leutseliger Mensch, der des Urhebers von meinem Jammer; ich denke, mit unverstellter und nicht aus Nebenabsichten ange- nommener Aufrichtigkeit; nicht schonet. Ja ich glaube so gar, wenn es Jhnen gefaͤllt, aus aufrichtiger Hoͤflichkeit gegen Jhre und Herrn Hickmanns Meynung, daß er mich im Ernst heyrathen wuͤrde, wenn ich ihn haben wollte: nachdem er durch das viele Zureden seiner Freun- de gewonnen ist, und sich seiner unverdienten Schandthaten gegen mich schaͤmet. „ Diese Stellen von dem gegenwaͤrtigen Briefe welche so “ bezeichnet sind, wurden nachher von der Fraͤulein Howe, in einem Briefe an die Fraͤu- lein von Herrn Lovelacens Familie, abgeschrieben und sind hier deswegen so unterschieden, dami man nicht noͤthig haben moͤchte, sie zu wiederhy len, wenn der Brief vorkommt. Aber, was ist denn nun der Ausschlag „von allem? ‒ ‒ Es ist dieses: ‒ ‒ Daß ich „bey dem bleiben muß, was ich schon erklaͤret ha- „be ‒ ‒ Und das ist ‒ ‒ Zuͤrnen Sie nicht uͤber „mich, meine beste Freundinn ‒ ‒ daß ich mehr „Vergnuͤgen finde, an den Tod, als an einen sol- „chen Ehegatten zu gedenken. Kurz, wie ich mich „in meinem letzten Schreiben erklaͤrt habe, ich kann „mich nicht entschließen ‒ ‒ Vergeben Sie mir, wenn „wenn ich sage, ich will mich nicht entschließen „‒ ‒ jemals die Seinige zu seyn. „Allein Sie werden meine Gruͤnde erwarten. „Jch weiß gewiß, Sie werden es thun. Halte „ich dieselben zuruͤck: so werden Sie schließen, „daß ich entweder eigensinnig, oder unversoͤhnlich, „oder gar beydes sey. Das wuͤrden harte Be- „schuldigungen seyn, wenn sie gegruͤndet waͤren, „und einer Person, die den Tod in Gedanken „und im Munde fuͤhret, zu einem Vorwurf die- „nen muͤßten. Und dennoch wuͤrde ich etwas „sagen, das schwerlich Glauben finden wuͤrde: „wenn ich sagen wollte, daß Unwillen, und Mis- „vergnuͤgen uͤber eine fehlgeschlagene Hoffnung, „an meinem Entschlusse kein Theil haͤtten. Denn „ich gestehe, ich bin unwillig, hoͤchst unwillig: „aber mein Unwillen ist nicht unvernuͤnftig. Sie „werden selbst davon uͤberzeugt werden, wo Sie „es noch nicht sind: wenn Sie meine ganze Ge- „schichte wissen; ‒ ‒ wofern Sie dieselbe jemals „erfahren ‒ ‒ Da ich so viele Dinge zu thun „habe, an die es noͤthiger ist zu gedenken, als an „diesen Menschen, oder an meine eigne Rechtfer- „tigung: so fange ich an, zu befuͤrchten, daß ich „nicht Zeit haben werde, das zu Stande zu brin- „gen, was ich mir vorgenommen, und Jhnen ge- „wissermaßen versprochen habe Man sehe den XXV Brief dieses Theils. . „Jch habe einen Grund zur Unterstuͤtzung „meines Entschlusses anzugeben, den Sie, wie H h 2 „ich „ich glaube, selbst einraͤumen werden. Weil ich „aber gestanden habe, daß ich unwillig bin: so „will ich von denen Bewegursachen, woran der „Zorn, und das Misvergnuͤgen uͤber meine fehl- „geschlagene Hoffnung zu viel Antheil haben, „den Anfang machen. Jch hoffe, daß, wenn ich „einmal mein Gemuͤth von diesen nagenden und „unruhigen Leidenschaften entladen, und sie auf „das Papier und gegen meine Anna Howe aus- „geschuͤttet habe, ich ihnen vorbeugen werde, da- „mit sie niemals wieder in mein Herz zuruͤckkeh- „ren, und bessere, sanftmuͤthigere, und angeneh- „mere Regungen an ihre Stelle treten moͤgen. „Erlauben Sie mir denn, Jhnen zu geste- „hen, daß mein Stolz zwar sehr gedemuͤthiget, „aber noch nicht hinlaͤnglich gedemuͤthiget ist: „wofern die Noth erfordert, daß ich mich herab- „lassen soll, denjenigen zu einem Manne zu waͤh- „len, dessen Handlungen mir ein Abscheu sind „und seyn muͤssen! ‒ ‒ Wie? ‒ ‒ Soll ich; da- „gegen mich vorsetzlicher und treuloser Weise, ei- „ne so unmenschliche Grausamkeit veruͤber ist, daß „es eine Marter seyn muß, daran zu gedenken, „und, ohne die Sittsamkeit zu verletzen, nicht be- „schrieben werden kann; soll ich mir in den Sinn „kommen lassen, dem, der mich zu schanden ge- „macht hat, mein Herz zu schenken? Kann ich „einem so gottlosen Menschen Treue geloben, „und mein ewiges Heil, durch die Verbindung „mit einem so gar verruchten Boͤsewicht, zu wa- „ge setzen: da ich nun einmal weiß, daß er eiu „solcher „solcher Mensch ist? Halten Sie Jhre Clarissa „Harlowe fuͤr so verlohren, oder wenigstens fuͤr „so weit erniedriget, daß Sie, um nur in den „Augen der Welt einer gekraͤnkten Ehre wieder „einen Anstrich zu geben, der Großmuth, oder „vielleicht dem Mitleiden eines Menschen, der „durch so unmenschliche Mittel ihr dieselbe ge- „raubt hat, auf eine niedertraͤchtige Art verbun- „den scheinen sollte? Jn Wahrheit, liebste Freun- „dinn, ich wuͤrde meine Reue uͤber den unbeson- „nenen Schritt, den ich gethan habe, fuͤr nichts „besseres, als fuͤr einen scheinbaren Betrug anse- „hen: wenn ich nicht, auch so gar uͤber den ge- „ringsten Wunsch, Herrn Lovelace zu einem Man- „ne zu haben, erhoben waͤre. „Ja, ich stehe dafuͤr, ich muͤßte mich krie- „chend gegen den ehrlosen Beleidiger erniedri- „gen, und ihm dankbar seyn, daß er mir eine so „elende Gerechtigkeit widerfahren ließe. „Sehen Sie mich nicht schon, wenn ich Jh- „rem gegebenen Rath folge, vor seinen Freunden „mit niedergeschlagenen Augen erscheinen, und „vor meinen eignen, wofern etwa diese sich her- „ablassen wollten, mich zu erkennen, ohne die edle „Freymuͤthigkeit, welche aus einem Gemuͤthe, „das sich keines verdienten Vorwurfs bewußt ist, „entspringet? „Sehen Sie mich nicht um mein eignes Haus „herumkriechen, und alle meine ehrliche Maͤgde „mir selbst vorziehen? ‒ ‒ als wenn ich mich so „gar scheuete, meine Lippen, entweder zu einem H h 3 „Ver- „Verweise, oder zu einer Erinnerung, gegen sie „zu oͤffnen, damit ihre kuͤhnere Augen mir nicht „gebieten moͤchten, in mich selbst zu gehen, und „von ihnen nicht zu erwarten, daß sie vollkom- „men seyn sollten. „Und soll ich dem nichtswuͤrdigen Menschen „ein Recht geben, mir seine Großmuth und sein „Mitleiden vorzuhalten, ja mir vielleicht gar „Vorwuͤrfe zu machen, daß ich im Stande ge- „wesen bin, solche Schandthaten zu vergeben? „Es ist wahr, ich machte mir vormals Hoff- „nung, daß ich so gluͤcklich seyn moͤchte, ihn auf „bessere Wege zu bringen: indem ich mir gar „nicht traͤumen ließ, daß er ein so vorsetzlich „schaͤndlicher Kerl waͤre. Jch glaubte vergebens, „daß er mich aufrichtig genug liebte, meinen „Rath zu seinem Besten anzunehmen und das „Beyspiel, welches ich ihm zu geben mich in de- „muͤthiger Hoffnung geschickt hielte, bey sich et- „was gelten zu lassen: und das um so viel mehr, „da er keine geringe Meynung von meiner Tu- „gend und von meinem Verstande hatte. Aber „was ist nun fuͤr Hoffnung zu dieser meiner er- „sten Hoffnung uͤbrig? ‒ ‒ Sollte ich ihn hey- „rathen: was wuͤrde ich fuͤr eine Person spielen; „wenn ich einem Menschen, dem ich Gelegenheit „gegeben haͤtte, mich von allen meinen Pflichten „abzuleiten, Tugend und Sittenlehre predigen „wollte? Setzen Sie ferner, daß ich von einem „solchen Manne Kinder bekommen moͤchte. Was „meynen Sie wohl? Muͤßte es einer nachdenken- „den „den Person nicht das Herz nagen: wenn sie um „sich herum auf ihre kleine Familie sehen, und „gedenken sollte, daß sie ihnen einen Vater gege- „ben haͤtte, der, ohne ein Wunderwerk, zum Ver- „derben bestimmt waͤre, und dessen Laster durch „sein schaͤndliches Beyspiel auf sie fortgepflanzet „werden, und, nur nach allzu vieler Wahrschein- „lichkeit, einen Fluch uͤber sie bringen moͤchte? „‒ ‒ Ja, wer weiß bey dem allen, ob nicht mei- „ne suͤndliche Gefaͤlligkeit gegen einen Mann, der „sich selbst berechtigt halten wuͤrde, Gehorsam „von mir zu fordern, meine eigne Tugend anste- „cken, und mich, statt daß ich ihn bessern sollte, „zu einer Nachfolgerinn von ihm machen moͤch- „te? ‒ ‒ Denn wer kann Pech angreifen, „und sich nicht besudeln? „Erlauben Sie mir also, noch einmal mich „zu erklaͤren, daß ich diesen Mann aufrichtig ver- „achte! Wo ich mein eignes Herz kenne: so „thue ich es in Wahrheit! ‒ ‒ Jch habe Mit- „leiden mit ihm! ‒ ‒ So weit er auch fuͤr mein „Mitleiden zu niedrig ist: so habe ich doch Mit- „leiden mit ihm! ‒ ‒ Allein dieß koͤnnte ich nicht „thun: wenn ich ihn noch liebte. Denn ge- „wiß, meine Wertheste, die Niedertraͤchtigkeit „und Undankbarkeit desjenigen, den wir lieben, „muͤssen wir nothwendig hoͤchst uͤbel empfinden. „Jch liebe ihn daher nicht! Meine Seele verab- „scheuet es, Gemeinschaft mit ihm zu haben. „Jst aber nun gleich so viel meinem Un wil- „len zuzuschreiben: so bin ich doch durch die zor- H h 4 „nigen „nigen Wirkungen desselben nicht so weit hinge- „rissen, daß ich ungeschickt geworden seyn sollte, „nachzusinnen, was ich thun muͤßte, oder was „ geschehen koͤnnte; wenn der Allmaͤchtige mir „gebieten sollte, laͤnger zu leben, damit die Zeit zu „meiner Buße verlaͤngert wuͤrde. „Das unehliche Leben ist mir, zu gewissen „Zeiten, als diejenige Lebensart, als die einzige „Lebensart, die ich erwaͤhlen koͤnnte, vorgekom- „men. Allein muͤßte ich mich nun nicht bestaͤn- „dig in demselben mit dem Andenken meiner „vergangenen Drangsale schleppen, und uͤber „meine Fehler klagen, bis die Stunde zu meiner „Aufloͤsung herbey kaͤme? Wuͤrde nicht ein jeder „vermoͤgend seyn, den Grund anzugeben, warum „Clarissa Harlowe die Einsamkeit erwaͤhlet, und „sich der Welt entzogen haͤtte? Wuͤrde nicht der „Blick eines jeden, der mich sehen moͤchte, mir „als ein Vorwurf wider mich vorkommen? Und „wuͤrde nicht mein sich bewußtes Auge meinen „Fehler bekennen, anderer Leute Augen moͤchten „mich anklagen, oder nicht? Es ist sonst eine von „meinen Ergoͤtzungen gewesen, die Huͤtten mei- „ner armen Nachbarn zu besuchen, und den Kna- „ben gute Lehren, den aͤltern Maͤgdchens War- „nungen zu geben. Wie sollte ich nun im Stan- „de seyn, ohne Regungen des Gewissens und oh- „ne Quaal, zu den letztern zu sagen: Fliehet die „Teuschereyen der Mannspersonen: da man von „mir gedacht haͤtte, daß ich selbst mit einer Manns- „person davon gelaufen waͤre? „Was „Was kann ich denn anders wuͤnschen, mei- „ne liebste, meine einzige Freundinn, als nur „den Tod? ‒ ‒ Und was ist der Tod, wenn man „alles erwaͤget? Er ist nur der Beschluß eines „sterblichen Lebens. Er ist nur die Vollendung „eines vorgesetzten Laufes; eine erquickende Her- „berge nach einer beschwerlichen Reise; das En- „de eines sorgevollen und muͤhsamen Lebens; „und, wenn er gluͤcklich ausfaͤllt, der Anfang zu „einem Leben in unsterblicher Gluͤckseligkeit. „Wenn ich nun nicht sterbe: so kann es sich „vielleicht zutragen, daß ich uͤberfallen werde, „wenn ich weniger dazu bereit bin. Waͤre ich „denen Ungluͤcksfaͤllen entgangen, unter welchen „ich seufze: so haͤtte es mitten in einer freudigen „und erwartungsvollen Hoffnung geschehen moͤ- „gen; wenn mein Herz vor Verlangen nach „dem Leben aͤngstlich und heftig geschlagen, und „die Eitelkeit dieser Erden mich eingenommen „haͤtte. „Nun aber, meine Wertheste, erlauben Sie „mir dieß zu Jhrer Befriedigung zu sagen, nun „wuͤnsche ich zwar nicht zu leben: jedoch moͤchte „ich auch nicht, wie ein nichtswuͤrdiger und feiger „Soldat, meinen Posten verlassen, wenn ich ihn „behaupten kann, und es meine Schuldigkeit „ist, ihn zu behaupten. „Jch bin freylich, mehr als einmal, durch so „suͤndliche Gedanken getrieben worden. Aber „es war in meiner aͤußersten Beklemmung. „Einmal, insonderheit, das habe ich Ursache zu H h 5 „glau- „glauben, rettete ich mich durch meine Verzwei- „felung von der aͤrgerlichsten Beschimpfung mei- „ner Person; von einer neuen Vollziehung sei- „ner Schandthat, so viel ich weiß: indem die „ehrlosen Weibsbilder, die ich mit so vielem Grun- „de fuͤrchtete, gegenwaͤrtig waren, mir Furcht „einzujagen, wo nicht gar ihm beyzustehen! ‒ ‒ „O! meine Allerliebste, Sie wissen nicht, was ich „bey der Gelegenheit ausgestanden habe! ‒ ‒ ‒ „Eben so wenig weiß ich selbst, was es gewesen „seyn wuͤrde, dem ich damals entgangen bin: „wofern sich der gottlose Kerl zu mir genaͤhert „haͤtte, die scheuslichen Absichten seines schaͤndli- „chen Herzens zu vollziehen. Jch fand einen „Heldenmuth an mir; eine Herzhaftigkeit, die ich „vorher niemals gefuͤhlet hatte; eine gesetzte, „nicht eine unbesonnene Herzhaftigkeit; und ei- „ne solche Herrschaft uͤber meine Gemuͤthsbewe- „gungen ‒ ‒ Jch kann nur so viel sagen, daß „ich nicht weiß, wie ich zu einer solchen Erhe- „bung des Gemuͤths gekommen bin: wofern sie „mir nicht als eine Erfuͤllung meines ernstlichen „Gebetes zu Gott um eine solche Gewalt uͤber „mich selbst, ehe ich zu der schrecklichen Gesell- „schaft ging, verliehen war.“ Gleichwie ich der Meynung bin, daß es mehr Rache und Verzweifelung, als gute Grundsaͤtze, gezeigt haben wuͤrde; wenn ich mir selbst Gewalt gethan haͤtte, nachdem die Schandthat an mir vollbracht war: also wuͤrde ich es nicht weniger fuͤr ein großes Verbrechen halten; wenn ich mich frey- freywillig selbst verabsaͤumen; wenn ich vor- setzlich dem Tode in die Arme rennen sollte, da ich ihn vermeiden moͤchte. Der Kerl denkt faͤlsch- lich, daß ich dieß thun werde. Die Vermuthungen eines so kurzsichtigen, ei- nes so niedriggesinnten Menschen, aber moͤgen seyn, was sie wollen: so muͤssen Sie, meine Wer- theste, doch den Schluß, welchen ich gefasset ha- be, niemals diesen, und wo nicht diesen, irgend einen andern Mann, zu nehmen, weder einer fin- stern Gemuͤthsart, einer Schwermuͤthigkeit, einer Verzweifelung, noch einer hitzigen Neigung zu einem lasterhaften Stolze oder noch weit laster- haftern Rache beylegen. Jch bin so weit ent- fernt; das versichere ich, meine wertheste, mei- ne einzige Geliebte; diesen Vorwurf zu verdie- nen, daß ich alles thun will, was ich kann, mein Leben zu verlaͤngern, bis es Gott, in Gnade ge- gen mich, gefallen wird, dasselbe von mir zu for- dern. Jch habe Ursache zu denken, daß meine Strafe nur die verdiente Folge meines Verge- hens ist, und will ihr nicht entlaufen, sondern den Himmel bitten, sie mir zu heiligen. Wenn der natuͤrliche Trieb zu Speise und Trank mir zu statten kommt, will ich so viel essen und trinken, als genug ist, die Natur zu erhalten. Sehr we- nig, wissen Sie, wird dazu hinreichen. Und was mir meine Aerzte vorzuschreiben fuͤr dienlich fin- den werden, das will ich nehmen: wenn es auch noch so unangenehm seyn sollte. Kurz, ich will alles thun, was ich kann, damit ich alle meine Freun- Freunde, welche es nach diesem ihrer Muͤhe werth achten moͤgen, sich nach meiner letzten Auffuͤhrung zu erkundigen, uͤberfuͤhre, daß ich mein Leben mit ziemlicher Gedult ertragen, und mit einem Looße, das ich fuͤr mich selbst gezogen, zufrieden zu seyn gesuchet habe. Denn so sage ich oft, in demuͤ- thiger Nachahmung des erhabensten Musters: ‒ ‒ Herr, es ist dein Wille, und es soll auch mein Wille seyn. Du bist gerecht in allem deinem Thun mit den Menschenkindern: und ich weiß, du wirst mich nicht mehr betruͤben, als daß ich es ertragen kann. Kann ich es aber ertragen: so muß ich es billig ertragen, und unter dem Beystande deiner Gnade will ich es ertragen. „Allein hier, meine Wertheste, ist ein ande- „rer Grund: ein Grund, der Sie uͤberzeugen „wird, daß ich nicht an das Heyrathen, sondern „an eine ganz andere Vorbereitung gedenken „muͤsse. So gewiß als ich versichert bin, daß „ich itzo lebe: so gewiß bin ich auch versichert, „daß ich nicht lange leben werde. Die starke „Empfindung, welche ich allezeit von meinem „Vergehen gehabt habe, der Verlust meines gu- „ten Namens, das Misvergnuͤgen uͤber meine „zernichtete Hoffnungen, der unablaͤßige Zorn „meiner Freunde, haben der unmenschlichen Be- „gegnung, die mir widerfahren ist, wo ich es am „wenigsten verdiente, geholfen, und mein Herz „angegriffen; es noch eher angegriffen, als es „durch Gruͤnde der Religion so befestiget war, „als es, meiner Hoffnung nach, nunmehr ist. „Be- „Betruͤben Sie sich nicht, meine Wertheste ‒ ‒ „Aber ich bin gewiß, wo ich es mit so weniger „Vermessenheit, als Betruͤbniß, sagen mag, nach „Hiobsr; Worten, daß Gott bald mein Wesen „aufloͤsen, und mich dem Tode und der „Wohnung, die fuͤr alle Lebendige bestimmt „ist, zufuͤhren werde.“ Nun, meine liebste Freundinn, wissen Sie meine Gesinnung vollkommen. Sie werden die Guͤte haben, an die Fraͤuleins von Herrn Lovela- cens Familie zu schreiben, daß ich mich ihnen al- len fuͤr ihre gute Meynung von mir unendlich verbunden achte; und daß es mir ein groͤßeres Vergnuͤgen gemacht habe, als ich in diesem Leben erwartet haͤtte, daß ich, auf eine so geringe, und nicht einmal persoͤnliche, Kenntniß von mir, einer Verbindung mit ihrer ansehnlichen Familie, nach der Mishandlung, die mir widerfahren ist, wuͤr- dig geachtet bin: allein daß ich keinesweges an ihren Verwandten, als an meinen Ehegatten, ge- denken koͤnne. Haben Sie auch die Gewogen- heit, meine Wertheste, aus dem obigen einen Auszug von denenjenigen Gruͤnden zu machen, welche nach Jhren Gedanken einiges Gewicht bey denenselben haben. Jch wuͤrde selbst an sie schreiben, ihre gewo- gene Gesinnung mit Dank zu erkennen: wenn ich fuͤr meinen Kopf, fuͤr mein Herz und fuͤr mei- ne Finger nicht mehr zu thun haͤtte, als sie, wie mir bange ist, zu vollfuͤhren vermoͤgend seyn werden. Es Es wuͤrde mir lieb seyn, zu wissen, wenn Sie sich zu Jhrer Reise auf den Weg machen, wo Sie Jhre kleine Stationen haben und wie lange Sie sich bey Jhrer Tante Harmann aufhalten werden: damit Jhnen mein Gebet besonders an alle und jede Oerter, wohin Sie nur gehen, und wo Sie sind, folgen moͤge. Clarissa Harlowe. Der sieben und sechzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Sonntags, den 23ten Jul. D a der Brief, welcher den gegenwaͤrtigen be- gleitet, eines ganz besondern Jnhalts ist: so habe ich ihn nicht gern mit einem andern, so zu sagen, verwirren wollen. Jnzwischen habe ich doch noch einige andere Dinge auf dem Her- zen, welche Jhre Entschuldigung noͤthig haben werden, daß ich dieselben an Sie gelangen lasse. Jch hoffe, Sie werden den folgenden Zeilen diese Entschuldigung nicht versagen. Meine gute Fr. Norton hat mir vor einiger Zeit, in einem Briefe vom 3ten dieses Monats Siehe S. 68. 69. dieses Theils. , einen Wink gegeben, daß meine Verwandten ei- nige nige harte Dinge, welche Sie aus Liebe zu mir wider dieselben zu sagen beliebten, uͤbel naͤhmen. Fr. Norton beruͤhrte dieß mit der ehrsurchtsvol- len Liebe, die sie gegen meine theureste Freundinn heget: wuͤnschte aber, daß Sie um meinetwil- len eine Lebhaftigkeit, welche Jhnen bey den mei- sten andern Gelegenheiten so wohl stehet, zuruͤck- halten moͤchten. Dieß war ihre Meynung. Sie wissen, daß ich eine Sicherheit habe, freyer gegen meine Anna Howe zu reden und zu schreiben, als als Frau Norton thun wuͤrde. Jch durfte zu der Zeit gegen Sie keine Er- waͤhnung davon thun: weil alles einen so star- ken Schein wider mich hatte, da Herr Lovelace, nach meiner Flucht nach Hampstead, mich wie- der in seine Gewalt zu bekommen gewußt, daß Sie deswegen in Jhrer Antwort auf meinen Brief bey meiner zwoten Flucht sehr mit mir zuͤr- neten. Bald hernach ward ich durch den grau- samen Verhaft eingesperret. Daher habe ich diese Sache nicht wohl eher, als itzo, beruͤhren koͤnnen. Erlauben Sie mir also nun, meine liebste Fraͤulein Howe, meine ernstliche Bitte zu wie- derholen; denn dieß ist, unter verschiedenen, nicht das erste mal, da ich genoͤthigt werde, auf diese Veranlassung, mit Jhnen zu keifen; erlau- ben Sie mir meine ernstliche Bitte zu wiederho- len, daß Sie, in allen Jhren Unterredungen von mir, meiner Eltern und meiner andern Verwand- ten schonen wollen. ‒ ‒ Jch wuͤnschte freylich, daß daß diese es fuͤr gut befunden haͤtten, andere Maaßregeln mit mir zu nehmen: allein wer soll ihr Richter seyn? ‒ ‒ Der Ausgang hat sie ge- rechtfertiget, und mich verdammet. Sie erwar- teten nichts gutes von diesem schaͤndlichen Kerl. Er hat sie also nicht betrogen. Aber von mir erwarteten sie etwas anderes: und sind betrogen worden. Sie haben um so viel mehr Ursache, gegen mich eingenommen zu seyn; wo sie nicht willens gewesen sind, wie meine Tante Hervey ehemals an mich schrieb Man sehe den L. Brief des III Theils S. 383 u. f. , meine Neigung ge- gen Herrn Solmes zu erzwingen; und wo sie glauben, daß ich nach einem freywilligen Ent- schlusse und mit Vorbedacht, von ihnen gelaufen sey. Jch verlange gar nicht, wiederum zu der vo- rigen Gunst bey ihnen aufgenommen zu werden. Denn warum sollte ich sitzen, und etwas wuͤn- schen, das ich keine Ursache habe zu erwarten? ‒ ‒ Ueber dieß wuͤrde ich ihnen nicht ins Gesicht sehen koͤnnen: wenn sie mich auch aufnehmen wollten. Jn der That, ich wuͤrde es nicht koͤn- nen. Alles, was ich zu hoffen habe, ist, daß mein Vater erst mich von seinem schweren Fluch lossprechen, und hiernaͤchst mir den letzten Segen ertheilen wolle. Diese Gunstbezeigungen sind zur Beruhigung meines Gemuͤths unumgaͤnglich noͤthig. Jch habe an meine Schwester geschrieben: aber nur der Lossprechung von dem Fluche gedacht. Mir Mir ist bange, ich werde eine harte Antwort von ihr bekommen. Mein Vergehen ist in den Augen meiner Familie so greulich, daß meine er- ste Vorstellung schwerlich Eingang finden wird. Außer dem wissen sie nicht, und werden es auch vielleicht nicht glauben, daß ich mich so gar schlecht befinde, als in der That wahr ist. Sollte ich also wirklich vorher sterben, ehe sie Zeit haben koͤnnten, die noͤthigen Erkundigungen einzuziehen: so muͤssen Sie keine zu strenge Urtheile uͤber sie faͤllen. Sie muͤssen es ein ungluͤckliches Schick- sal nennen: Jch weiß selbst nicht, wie Sie es nennen muͤssen: denn ich habe dieselben, leider! in eben so viel Jammer gebracht, als mir selbst zu Theil geworden ist. Und gleichwohl weiß ich, nach meinen Gedanken, bisweilen nicht, ob mein Kummer, daß ich sie beleidigt habe, sich nicht ver- groͤßern wuͤrde, wenn sie mir liebreich Vergebung ankuͤndigen sollten: indem ich mir vorstelle, daß nichts ein edelgesinntes Gemuͤth mehr verwunden koͤnne, als eine großmuͤthige Verzeihung. Jch hoffe, Jhre Fr. Mutter werde unsern Briefwechsel noch auf einen Monat erlauben: ob ich gleich ihrem Rath, diesen Mann zu neh- men, nicht folge. Nur auf einen Monat. Wenn große Veraͤnderungen nahe bevorstehen: was fuͤr Wechsel; Wechsel, wovor einem das Herz erzittert, wenn man daran gedenket; kann alsdenn ein kurzer Monat ans Licht bringen! ‒ ‒ Aber, wo sie nicht will: ‒ ‒ wohlan, meine Wer- Sechster Theil. J i theste, theste, so stehet uns beyden zu, ihren Willen uns gefallen zu lassen. Sie koͤnnen sich nicht einbilden, wie besorgt ich gewesen seyn wuͤrde, wenn ich gewußt haͤtte, daß Herr Hickmann in einer so kitzlichen Angele- genheit, als seine Gesandschaft von Jhnen gewe- sen seyn muß, da es auf ein Befragen angekom- men, mit dem uͤbermuͤthigen und unbaͤndigen Kerl eine Zusammenkunft haben sollte. Sie machen mir zu einem Besuch von ihm Hoffnung. Lassen Sie ihn nur erwarten, mich hoͤchst veraͤndert zu sehen. Jch weiß, er liebet mich: denn er liebet einen jeden, den Sie lieben. Eine betruͤbte Zusammenkunft! besorge ich. Al- lein es wird mir lieb seyn, einen Mann zu sehen, den Sie dereinst, ich hoffe ein baldiges dereinst, gluͤcklich machen werden; und dessen sanstmuͤthi- ges Bezeigen und unumschraͤnkte Liebe zu Jhnen auch Sie gluͤcklich machen wird, wo es Jhre ei- gne Schuld nicht hindert. Jch bin, meine theureste, meine guͤtigste Freundinn, angenehmste Gespielinn bey meinen gluͤcklichen Stunden, Freundinn, die meinem ein- genommenen Herzen allezeit die liebste und naͤch- ste gewesen ist, Jhre gleichmaͤßig verbundne und getreue Clarissa Harlowe. Der Der acht und sechzigste Brief von Fr. Norton an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Montags, den 24ten Jul. E ntschuldigen Sie mich, meine liebste Fraͤu- lein, daß ich so lange geschwiegen habe. Jch bin sehr krank gewesen. Mein armer Sohn hat auch an den Pforten des Todes ge- standen: und da ich hoffete, daß es besser mit ihm waͤre, hat er einen Ruͤckfall bekommen. Ach! wertheste Fraͤulein, er ist sehr gefaͤhrlich krank. Schließen Sie uns beyde mit in Jhr Gebet. Zwischen Jhrer Schwester und Fraͤulein Ho- we sind sehr heftige Briefe gewechselt. Ein je- der in Jhrer Familie ist gegen diese Fraͤulein er- bittert. Jch wuͤnschte, daß Sie ihr gegen ihre Hitze Vorstellungen thun wollten. Denn es kann nicht gut thun: indem Jhre Angehoͤrigen nicht anders glauben werden, als daß sie sich auf Jhre Nachsicht ins Mittel schlaͤgt; und nicht, daß Sie so krank sind, als Fraͤulein Howe sie versichert. Ehe sie schrieb, gingen sie damit um, daß sie den jungen Geistlichen, Herrn Brand, hinauf schicken wollten, um sich in geheim nach Jhrer Gesundheit und Lebensart zu erkundigen. ‒ Aber J i 2 nun nun sind sie so erbittert, daß sie ihren Vorsatz ha- ben fahren lassen. Es geht hier und zu Harlowe-Burg die Re- de, daß Jhnen neue Beschimpfungen widerfah- ren; und daß Sie im Begriff sind, sich in den Schutz der Lady Elisabeth Lawrance zu begeben. Jch glaube, es wuͤrde Jhren Verwandten nun- mehr lieb seyn, wie es mir seyn sollte, wenn Sie es thun wollten. Dieß wird vielleicht verursa- chen, daß sie es fuͤr itzo aufschieben, etwas zu Jh- rem Vortheil zu beschließen. Wie ungluͤcklich bin ich, daß der gefaͤhrliche Zustand, worinn sich mein Sohn befindet, mich abhaͤlt, zu Jhnen zu kommen! Erlauben Sie mir, um eine Nachricht zu bitten, wie Sie sich, so wohl in Ansehung Jhres Leibes, als Jhres Gemuͤths, befinden. Ein Bedienter von dem Herrn Robert Beachcroft, der in seines Herrn Geschaͤfften nach London reitet, wird Jhnen ge- genwaͤrtiges uͤberreichen, und mir vielleicht ein paar Zeilen, welche ich fuͤr eine besondere Gunst ansehen werde, zur Antwort bringen. Er wird einige Stunden in der Stadt zu bleiben genoͤ- thigt seyn, bis er wieder abgefertigt wird. Es ist heute der Geburtstag, welcher eben so vielen Personen, als das Vergnuͤgen und die Ehre hatten, Sie zu kennen, Freude zu verursa- chen pflegte. Der Allmaͤchtige verleihe Jhnen Heil und Gluͤck, und gebe, daß es der einzige seyn moͤge, den Sie, wertheste Fraͤulein, jemals im Ungluͤck Ungluͤck erleben; der einzige, an welchem Sie im Ungluͤck gefunden werden von Jhrer bestaͤndig ergebenen Judith Norton. Der neun und sechzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fr. Norton. Montags, Abends, den 21ten Jul. Meine liebe Fr. Norton. W enn ich nicht in neue Unruhen gefallen waͤ- re, die mich auf verschiedne Tage außer Stande gesetzt, eine Feder zu halten: so wuͤrde ich nicht unterlassen haben, mich nach Jhrem und Jhres Sohnes Befinden zu erkundigen. Denn ich wuͤrde nur mehr als zu bereit gewesen seyn, Jhr Stillschweigen eben der Ursache zuzu- schreiben, welcher es, wie ich zu meinem sehr gro- ßen Leidwesen befinde, zuzuschreiben gewesen ist. Jch bitte den Himmel, Sie auf die Jhnen an- genehmste Art zu troͤsten. Es geht mir uͤber alle Maaßen nahe, daß Fraͤulein Howe meinetwegen an meine Freunde geschrieben hat. Jch habe eben so wenig von ihrem Vorsatze, dieß zu thun, als von dem Jn- halt ihres Briefes gewußt. Sie hat mir auch J i 3 noch noch nicht eroͤffnet; vermuthlich, weil sie durch den uͤbeln Erfolg abgeschrecket ist; daß sie ge- schrieben hat. Es ist unmoͤglich, an dem Ver- gnuͤgen, das so reizende und muntere Gemuͤther machen, ohne die Ungelegenheiten, welche mit ih- rer Lebhaftigkeit verbunden seyn werden, Theil zu nehmen. ‒ ‒ So untermengt sind unsere beste Ergoͤtzungen! Jch habe erst gestern geschrieben, der lieben Fraͤulein solche Freyheiten, wozu ihre unzeitige Liebe gegen mich sie verleitet hatte, zu verweisen: weil Sie mir in Jhrem vorigen Briefe davon Nachricht gaben. Mir ist bange gewesen, daß alle dergleichen Freyheiten mir zur Last gelegt werden moͤchten. Jch bin versichert, daß nichts, als meine eigne Vorstellung bey meinen Freun- den, und eine vollkommene Ueberzeugung von meiner herzlichen Reue, mir einige Gewogenheit auswirken werde. Am wenigsten unter allen kann ich vermuthen, daß entweder Jhre, oder dieser werthen Freundinn Vermittelung, mir et- was nuͤtzen werde: da Jhrer beyder allzu zaͤrtli- che und parteyische Liebe gegen mich so wohl be- kannt ist. Hierauf giebt die Fraͤulein eine kurze Nachricht von dem Verhaft; von ihrem niedergeschlagenen Zustande bey demselben; von ihrer Furcht, daß sie wieder in das vorige Haus zuruͤckge- bracht werden moͤchte; von Herrn Lovelacens betheurter Unschuld an die- ser ser schimpflichen Gewaltthaͤtigkeit; von ihrer Befreyung durch Herrn Bel- ford; von Herrn Lovelacens Verspre- chen, ihr nicht beschwerlich zu fallen; von der Zusendung ihrer Kleider; von dem ernstlichen Verlangen aller seiner Freunde und sein selbst, ihn zu heyra- then; von dem Rath der Fraͤulein Howe, daß sie sich ihren Bitten ge- faͤllig bezeigen moͤchte; und von ih- rem frey geaͤußerten Entschlusse, lieber zu sterben, als ihn zu nehmen, den sie nur erst gestern der Fraͤulein Howe gemeldet haͤtte, damit er seinen Ver- wandten hinterbracht wuͤrde. Als- denn faͤhrt sie also fort: Nun werden Sie sich vielleicht wundern, meine liebe Fr. Norton, daß ich eine solche Ant- wort gegeben habe. Aber wenn Sie alles wis- sen werden: so werden Sie, da Sie mich so wohl kennen, nicht boͤse von mir gedenken. Ueber dieß bin ich in einer bessern Vorbereitung begriffen, als einen irdischen Braͤutigam zu empfangen. Stellen Sie sich auch nicht vor, meine wer- the und allezeit ehrwuͤrdige Freundinn, daß mei- ne gegenwaͤrtige Gemuͤthsverfassung von einem finstern Wesen oder von einer Niedergeschlagen- heit herruͤhre. Denn sie ist zwar durch ein Mis- vergnuͤgen uͤber meine fehlgeschlagene Hoffnung zuerst veranlasset worden; indem mir die Welt J i 4 sehr sehr fruͤhe, so gar bey meinem ersten und uͤber- eilten Schritt in dieselbe, ihre wahre und haͤß- liche Gestalt gezeiget hat: jedoch hoffe ich, daß sie eine bessere Wurzel bekommen habe, und die- ses durch ihre Fruͤchte, so wohl mir, als allen meinen Freunden, taͤglich mehr und mehr zeigen werde. Jch habe an meine Schwester geschrieben. Es war am verwichnen Freytage. Also sind die Wuͤrfel ausgeworfen. Jch hoffe auf eine gelin- de und guͤtige Antwort. Aber vielleicht wuͤrdi- gen sie mich gar keiner. Es ist das erste mal, wie Sie wissen, daß ich mich gerades Weges an sie wende. Jch moͤchte wuͤnschen, daß Fraͤulein Howe mich in dieser bedenklichen Sache mir selbst uͤberlassen haͤtte. Es wird mir zu einem großen Vergnuͤgen gereichen, wenn ich hoͤre, daß Sie wieder genesen sind, und mein Mitsaͤugling außer Gefahr ist. Allein warum sagte ich, außer Gefahr? ‒ ‒ Wenn kann dieß wohl mit Grunde von Geschoͤ- pfen gesaget werden, die ein so ungewisses Recht dazu haben? Es ist eine von denen gewoͤhnlichen Redensarten, welche die Hinfaͤlligkeit und kuͤh- ne Einbildung der armen Sterblichen zugleich beweiset. Kraͤnken Sie sich nicht, daß Sie ihre Wuͤn- sche, bey mir zu seyn, nicht erfuͤllen koͤnnen. Jch bin gluͤcklicher, als ich unter lauter fremden Leu- ten zu seyn vermuthen konnte. Es war mir an- fangs etwas betruͤbtes: aber Gewohnheit macht alles alles bey uns gut. Die Leute in dem Hause, wo ich bin, sind hoͤflich und ehrlich. Es hat auch eine Witwe in demselben eingemiethet. Habe ich Jhnen das nicht schon gemeldet? Eine gott- selige Frau: die dadurch noch desto besser gewor- den ist, daß sie in der Leidensschule gelernet hat. Eine vortreffliche Schule! meine liebe Fr. Norton, die uns lehret, uns selbst zu erkennen, mit einander Mitleiden zu haben, einander zu ertragen und unsre Augen zu einer bessern Hoff- nung aufzuheben. Jch habe einen so leutseligen Arzt, der auf seine Bezahlung am wenigsten denket, und einen so rechtschaffenen Apotheker, als jemals einen Kranken besucht haben. Meine Waͤrterinn ist fleißig, gesaͤllig, stille und maͤßig. So bin ich nicht ungluͤcklich, weder aͤußerlich noch inner- lich -Jch hoffe, meine werthe Frau Norton, daß meine innerliche Gluͤckseligkeit taͤglich mehr und mehr zunehmen werde. Es wuͤrde mir unstreitig eine der trostreiche- sten Vergnuͤgungen seyn, die ich empfinden koͤnn- te, wenn ich Sie bey mir haͤtte: Sie, welche mich so herzlich lieben; Sie, welche die wachsa- me Stuͤtze meiner unvermoͤgenden Kindheit ge- wesen sind; Sie, aus deren guten Lehren ich so vielen Vortheil gezogen habe! ‒ ‒ Jn Jhren Schooß koͤnnte ich allen meinen Kummer geru- hig niederlegen: und, durch Jhre Gottseligkeit und Erfahrung in den Wegen des Himmels, J i 5 wuͤrde wuͤrde ich in dem, was ich noch auszustehen ha- be, gestaͤrket werden. Aber da es nicht seyn muß: so will ich mich zufrieden geben. Das, hoffe ich, werden Sie auch thun. Denn Sie sehen, in was fuͤr Be- trachtungen ich nicht ungluͤcklich bin: und in denen, worinn ich es bin, stehet es nicht in Jhrer Gewalt, mir zu helfen. Außerdem habe ich, wie gedacht, alle meine Kleider in meinem eignen Besitze. Also bin ich fuͤr diese Welt und die ordentlichen Beduͤrfnisse reich genug. So sehen Sie, meine ehrwuͤrdige und liebe Freundinn, daß ich nicht allemal die schwarze Seite von meinem Schicksal vorkehre, damit ich nur zum Mitleiden bewegen moͤge: ein Kunst- griff, der mir nur allzu oft von meiner harther- zigen Schwester vorgeworfen ist; da doch mein Herz, wofern ich es selbst kenne, uͤber alle Raͤn- ke und Kuͤnste erhaben ist. Jedoch hoffe ich, endlich so gluͤcklich zu seyn, daß ich mir durch die- se Gabe, wo es meine Gabe ist, vielmehr Vor- theil verschaffe, als Vorwurf zuziehe. End- lich, sage ich: denn wessen Herz habe ich bisher beweget? ‒ ‒ Niemandes, bin ich versichert, der nicht schon vorher zu meinem Besten eingenom- men war. Was den Tag betrifft: ‒ ‒ so habe ich ihn so zugebracht, wie ich billig sollte. ‒ ‒ Es ist ein sehr schwerer Tag fuͤr mich gewesen! ‒ ‒ Auch mehr um meiner Freunde, als um mein selbst willen! willen! ‒ ‒ Wie pflegten sie denselben zu bege- hen! ‒ ‒ Was war er fuͤr ein Freudenfest! ‒ ‒ Wie haben sie ihn nun zugebracht! ‒ ‒ Wie traurig! als man sich leicht einbilden mag. ‒ ‒ Sagen Sie nicht, daß diejenigen grausam sind, die so viel durch mein Vergehen leiden, und die ganzer achtzehn Jahre nach einander sich in mir erfreueten, und durch ihre zaͤrtliche Guͤte mich erfreueten! ‒ ‒ Jedoch das Uebrige will ich nur denken! ‒ ‒ Leben Sie wohl, meine liebste Fr. Norton! ‒ ‒ Leben Sie wohl! Der siebzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Arab. Harlowe. Freytags, den 21ten Jul. H ielte ich den Zustand meiner Gesundheit nicht fuͤr sehr zweydeutig, meine liebste Schwester, und saͤhe ich es nicht fuͤr meine Schuldigkeit an, diesen Schritt zu thun: so wuͤrde ich schwerlich so kuͤhn gewesen seyn, mich, obgleich nur mit meiner Feder, zu Euch zu nahen; nachdem ich Eure Vorwuͤr- fe so erschrecklich gerechtfertigt befunden habe, als sie wirklich gerechtfertigt sind. Jch habe nicht das Herz, an meinen Vater selbst, auch noch nicht an meine Mutter, zu schrei- ben. Mit zittern wende ich mich an Euch, Euch um um Eure Fuͤrbitte zu ersuchen, daß mein Vater die Guͤtigkeit haben wolle, den schweresten Theil des sehr schweren Fluches, den er auf mich gele- get hat; den Theil, der sich auf das zukuͤnftige Leben beziehet, zu wiederruffen: denn, in Be- trachtung des gegenwaͤrtigen, habe ich, in der That, selbst durch den Boͤsewicht, in welchen ich, wie man gedachte, mein Ver- trauen setzte, meine Strafe gefunden. Da ich mir nicht Hoffnung mache, wieder in die vorige Gunst gesetzet zu werden: so mag mir wohl erlaubt seyn auf die Ersuͤllung dieser Bitte ernstlich zu dringen. Jedoch will ich meine Bit- te durch keine Gruͤnde unterstuͤtzen: weil ich ver- sichert bin, daß mein Vater sein armes Kind nicht auf ewig ungluͤcklich wuͤnschen kann. Jch empfinde die dankbaresten Regungen ge- gen die Guͤtigkeit meiner Mutter, daß sie mir meine Kleider heraufgeschicket hat. Jch wuͤrde die Gewogenheit den Augenblick, da ich sie be- kommen hatte, mit der schuldigsten Danksagung erkannt haben: wenn ich nicht besorgt haͤtte, daß eine jede Zeile von mir unangenehm seyn wuͤrde. Jch wollte mich nicht gern neuer Beleidi- gungen schuldig machen. Daher will ich all- andere Betheurungen meines Gehorsams und meiner Liebe, wodurch ich mich empfehlen koͤnnte, vermeiden, und mich fuͤr beyde auf mein Herz berufen, wo beyde in feurigen Regungen, wel- che che nichts als der Tod ausloͤschen kann, lodern. Jch unterschreibe mich also nur, ohne einmal meinen Namen beyzusetzen, Meine liebe und gluͤckliche Schwester, Jhre gekraͤnkte Dienerinn. Ein Brief, der an mich, in Herrn Smithens, eines Handschuhmachers, Hause, auf der Koͤnigsstraße, beym Covent-Garden gerich- tet ist, wird mir zu Haͤnden kommen. Der ein und siebzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace, Zur Antwort auf seine Briefe, auf den vorhergehen- den LIV und LVII sten. Edgware, Montags den 24ten Jul. W as fuͤr Muͤhe machst du dir, dich selbst zu bereden, daß der schlechte Zustand, wo- rinn sich die Gesundheit der Fraͤulein befindet, dem schaͤndlichen Verhaft und der Unversoͤhnlich- keit ihrer Freunde zuzuschreiben sey! da doch bey- de, wenn es auch waͤre, auf dich zuruͤckfallen. Was fuͤr elende Entschuldigungen werden gute Koͤpfe fuͤr das Boͤse, wozu sie durch boͤse Herzen verleitet verleitet werden, hervorsuchen! ‒ ‒ Aber es ist kein Wunder, daß der, welcher vorsetzlich eine boͤse Handlung unternehmen kann, sich auch mit einer boͤsen Entschuldigung besriedigen wolle. Fuͤr was fuͤr Thoren muß er gleichwohl die uͤbri- gen Leute in der Welt ansehen: wenn er sich ein- bildet, daß diese sich eben so leicht betruͤgen lassen, als er sich selbst betruͤgen kann! Vergeblich suchst du die Noth, wozu du diese Fraͤulein gebracht hast, ihre Kleider von der Hand zu schlagen, einem Stolz oder Eigensinn beyzumessen. Denn kann sie anders thun und noch die edelmuͤthige Seele seyn, die sie ist? Jhre unversoͤhnlichen Freunde haben ihr die Gelder, welche sie zu ihren ordentlichen Ausga- ben gehabt und hinter sich gelassen hat, versaget, und, wie ihre Schwester schrieb, gewuͤnscht, sie zur Duͤrftigkeit gebracht zu sehen. Nach aller Wahrscheinlichkeit wird es ihnen also nicht unan- genehm seyn, daß sie in solchen Bedruck gerathen ist. Sie werden es als eine Rechtfertigung ih- rer gottlosen Hartherzigkeit vom Himmel anse- hen. Du kannst nicht vermuthen, daß sie von dir Zuschub annehmen sollte: und ihn von mir anzunehmen, wuͤrde, nach ihrer Meynung, eben so gut seyn, als wenn sie ihn von dir annaͤhme. Die Mutter der Fraͤulein Howe ist eine geizige Frau: und vielleicht koͤnnte die Tochter nichts dergleichen ohne jener Wissen thun. Koͤnnte sie es: so ist sie viel zu edel gesinnt, es abzuschla- gen, wenn es von ihr verlangt wuͤrde. Aber die die Fraͤulein Harlowe ist uͤber dieß der festen Meynung, daß sie die Dinge, welche sie veraͤu- ßert, niemals brauchen oder tragen werde. Weil ich nichts von London gehoͤrt habe, das mich noͤthigt, dahin zu gehen: so werde ich dem armen Belton zu gefallen, um ihm Gesellschaft zu leisten, bis morgen, oder vielleicht bis auf den Mittwochen hier bleiben. Denn der ungluͤckli- che Mensch will mich immer ungerner verlassen. Jch werde mich bald nach Epsom begeben, da- mit ich ihm da zu dienen, und ihn wieder in sein eignes Haus einzusetzen suchen moͤge. Der ar- me Kerl! Er ist erschrecklich niedergeschlagen; kriecht herum; und nichts vergnuͤget ihn. Jch habe von Herzen Mitleiden mit ihm: aber kann ihm nicht helfen ‒ ‒ Was fuͤr Trost kann ich ihm entweder von seinem vergangenen Leben oder von seiner kuͤnftigen Hoffnung zusprechen? Bey unsern Freundschaften und Vertraulich- keiten, Lovelace, wird die Rechnung allein auf ein dauerhaftes Leben und eine bestaͤndige Ge- sundheit gemacht. Wenn Krankheit kommt: so sehen wir um uns herum und auf einander; wie gescheuchte Voͤgel, bey dem Anblick eines Gelers, der eben auf sie stossen will. Was fuͤr elende Leute sind wir denn bey aller unserer Tapfer- keit! Du sagst mir, daß du die Besserung ge- schwinde uͤber mich kommen siehst. Jch hoffe es. Jch sehe einen so großen Unterschied in dem Bezeigen dieser bewundernswuͤrdigen Fraͤulein bey bey ihrer Krankheit, und des armen Beltons bey seiner, daß in meinen Augen offenbar der Suͤnder der wirkliche Feige, und der Heilige der wahre Held ist; und fruͤher oder spaͤter werden wir es alle so befinden, wofern wir nicht ploͤtzlich hingerissen werden. Die Fraͤulein schloß sich gestern Nachmit- tags um sechse ein und will bis heute Nachmit- tag, um sieben oder acht, keine Gesellschaft ha- ben, auch nicht einmal von ihrer Waͤrterinn: in- dem sie sich ein strenges Fasten aufgeleget hat. Warum aber das? Es ist heute ihr Geburtstag! ‒ ‒ Jn der Bluͤte: jedoch in einer hinfaͤlligen Bluͤte ihres Lebens! ‒ ‒ Ein jeder Geburtstag, bis auf diesen, ist, sonder Zweifel, unter ihre gluͤckliche Tage zu zaͤhlen gewesen! ‒ ‒ Was muß sie fuͤr Betrachtungen anstellen! ‒ ‒ Was solltest du billig uͤberlegen! Was fuͤr Spott treibst du mit meinen erha- benen Wuͤnschen und meinen fußfaͤlligen Vereh- rungen, wie du es nennest! Wie lustig machst du dich daruͤber, daß ich meinen Bankzettel hin- ter ihren Stuhl geworfen habe. Jch hatte da- mals zu viel ehrerbietige Furcht vor ihr, und be- sorgte zu sehr, mein Erbieten wuͤrde ihr misfaͤllig seyn, daß ich es mit dem Anstande, der meiner Absicht gemaͤßer gewesen waͤre, haͤtte thun koͤn- nen. War aber ja die Handlung ungeschickt: so war sie doch bescheiden. Deswegen ist sie, in der That, bey dir desto bequemer, laͤcherlich ge- macht zu werden: da du das Schoͤne und Zaͤrt- liche liche in einer bescheidenen Gefaͤlligkeit eben so we- nig, als in einer bescheidenen Liebe, empfinden kannst. Denn es laͤßt sich eben das von unver- bruͤchlicher Ehrfurcht sagen, was der Dichter von ungefaͤrbter Zuneigung saget. Jch sprech, ich weiß nicht was! ‒ ‒ Sprich immer so: Antwort ich dir dagegen, Jch weiß nicht was! so dient dir eben das, Nur desto mehr mein Lieben darzulegen. Die Liebe ist ein Kind, und spricht gebrochen aus: Doch eben dann spricht sie am deutlichsten heraus. Etwas aͤhnliches kann zur Vertheidigung der bescheidenen Hochachtung angefuͤhret werden, welche den demuͤthigen Freund in seinem Aner- bieten schuͤchtern machte, das ehrfurchtgebietende Auge oder die verehrungswuͤrdige Hand anzu- fallen, und ihn bewegte, auf eine ungeschickte Art, den Weyrauch hinter den Altar, auf den er haͤtte gelegt werden sollen. Jedoch wie sollte ei- ne Seele, die mit der Zaͤrtlichkeit selbst unmensch- lich zu verfahren vermoͤgend gewesen ist, etwas von derselben wissen? Allein noch mehr erstaune ich uͤber dein mu- thiges Herz, daß du dir in den Sinn kommen laͤssest, dich der Fraͤulein Howe und Fraͤulein Arabelle Harlowe selbst darzustellen! ‒ ‒ Du wirst doch, gewiß, nicht so kuͤhn seyn, diesen Ge- danken auszufuͤhren! Sechster Theil. K k Was Was meine und deine Kleidung betrifft: so habe ich nur dieß zu sagen. Deine ganze An- merkung kommt darauf hinaus, daß die aͤußere Seite von mir die schlimmste und von dir die beste ist. Was gewinnest du bey diesem Ver- gleich? Bessere du die eine: ich will die andere zu verbessern suchen. Jch fordere dich hiemit auf, den Anfang zu machen. Fr. Lovick hat mir auf mein Ersuchen die Abschrift von einer geistlichen Betrachtung, die sie mir zeigte, gegeben. Die Fraͤulein hat die- selbe aus der heiligen Schrift gezogen, da sie bey Rowlanden in Verhaft gewesen; wie der beyge- schriebene Tag zeiget. Sie soll nicht wissen, daß Fr. Lovick sich eine solche Freyheit genom- men hat. Jhr und ich haben allezeit die edle Einfalt, und das Ungezwungene und Erhabene in der Schreibart bewundert, wodurch sich diese Buͤ- cher als durch eigenthuͤmliche Merkmaale unter- scheiden: so oft uns einige Stellen, die etwa in andern Werken von den Verfassern angezogen waren, aufgestossen sind. Und einmal besinne ich mich, machtet ihr, so gar ihr, die Anmerkung, daß diese Stellen allemal einer reichen Goldader aͤhnlich schienen, welche durch geringhaltigers Metall fortliefe: indem sie das Werk, worinn sie zu einem Beweise der Glaubwuͤrdigkeit angefuͤh- ret waͤren, allezeit schoͤner machten. Versuche, Lovelace, ob du einen Geschmack an einer goͤttlichen Schoͤnheit finden kannst. Jch denke, denke, sie muß in deinem Herzen wenigstens eine voruͤbergehende, wo nicht fortdaurende, Regung des Gewissens erwecken. Du ruͤhmest dich mit deiner Aufrichtigkeit. Laß dieß die Probe davon seyn, und versuche, ob du bey einem so wichtigen Jnhalt, wozu die Veranlassung von dir selbst ge- geben ist, ernsthaft seyn kannst. Geistliche Betrachtung. Sonnab. den 15ten Jul. O daß mein Kummer voͤllig gewogen und mein Leiden zugleich in die Wagschale geleget wuͤrde! Denn nun wuͤrde es schwerer seyn, als der Sand am Meer. Daher werden mei- ne Worte verschlungen. Denn die Pfeile des Allmaͤchtigen stecken in mir, und das Gift von diesen doͤrret mei- nen Geist aus. Die Schrecken von Gott stellen sich wider mich, als ein Heer in seiner Schlachtordnung. Wenn ich mich niederlege: so sage ich: Wann werde ich wieder aufstehen? Wann wird die Nacht voruͤber seyn? Und ich werde hin und her geworfen, bis der Tag anbricht. Meine Tage sind schneller, als ein Weber- spul, und verstreichen, daß keine Hoff- nung mehr uͤbrig ist ‒ ‒ Mein Auge wird nicht mehr Gutes sehen. K k 2 Warum Warum ist das Licht derjenigen gegeben, die im Elende liegt: und das Leben der betruͤbten Seele? Die sich nach dem Tode sehnet; wiewohl er nicht kommt; und mehr nach demsel- ben, als nach verborgenen Schaͤtzen graͤbet? Warum ist das Licht einer Person gegeben, deren Weg verdecket ist, und die Gott umzaͤunet hat? Denn, was ich heftig fuͤrchtete, das ist uͤber mich gekommen! Jch war nicht sicher; nicht ruhig; nicht stille: und doch kam die Unruhe uͤber mich. O daß meine Worte nun aufgeschrieben! O daß sie in ein Buch gepraͤget! Daß sie mit einer eisernen Feder und Bley auf ewig in das Buch gegraben wuͤrden! Jch habe ein wenig Zeit uͤbrig, und das Schreiben fließet mir gut. Erlaube mir, Love- lace, daß ich uͤber die heiligen Buͤcher einige An- merkungen beybringe. Man lehret uns die Bibel lesen, wenn wir Kinder sind, und bloß als ein Buch zu den ersten Erkenntnißgruͤnden. So viel ich weiß, mag dieß die Ursache seyn, warum wir uͤber dieselbe hin- aus zu seyn glauben, wenn wir zu reifern Jah- ren gekommen sind. Denn ihr wisset, daß un- sere Eltern so wohl, als wir selbst, unsern Wachs- thum thum in der Erkenntniß nach denen Buͤchern, zu welchen wir fortgeschritten sind, nicht nach unse- rer Einsicht in dem, was wir durchgegangen, gar weislich schaͤtzen. Aber bey meines Onkels Krankheit trieb mich die Neubegierde in einer von meinen schwermuͤthigen Stunden, da mir eine Bibel in seinem Closet in die Augen fiel, hinein- zukucken: und darauf fand ich allenthalben, wo ich nur aufschlug, daß vortreffliche Dinge da- rinn stuͤnden. Jch habe mir eine geborgt, als ich die obigen Betrachtungen von Fr. Lovick be- kam: denn ich war begierig, dieselben mit dem Buche zu vergleichen; weil ich schwerlich glaub- te, daß sie darinn so ausnehmend bequem zur Sache eingerichtet seyn koͤnnten, als ich wirklich befinde. Zu einer oder der andern Zeit kann es gar leicht geschehen, daß ich mich entschließe, sie ganz mit fluͤchtigen Augen durchzulaufen. Dieß ist inzwischen gewiß, ich unterstehe mich es zu wiederholen, daß die Schreibart eben die- jenige ungekuͤnstelte, einfaͤltige und natuͤrliche ist, welche wir an andern Schriftstellern uͤber alle Maaßen bewundern wuͤrden. Hiernaͤchst ist sich alle Welt uͤber ihr Alterthum und ihre Glaub- wuͤrdigkeit einig: und die Gelehrten suchen mit groͤßtem Fleiße, ihre verschiedne Beweisgruͤnde hievon durch die Ausspruͤche und Verordnungen derselben zu bestaͤrken. Jch ward, in der That, bey meinem Onkel, so von ihr eingenommen, daß ich mich halb schaͤmete, daß sie mir so neu vor- kam. Dennoch kann ich wohl sagen, daß ich eines K k 3 und und das andere von der Geschichte des alten Te- staments, wie man es nennet, im Kopfe habe: allein ich habe es, vielleicht, mehr dem juͤdischen Geschichtschreiber Josephus, als der Bibel selbst, zu danken. Wunderlich genug, bey allem unsern Stolz auf Gelehrsamkeit, daß wir es fuͤr das beste hal- ten, das wenige, das wir wissen, aus abgeleiteten und vielleicht faulen Baͤchen zu schoͤpfen: da die reine, die helle und erste Quelle uns viel naͤher zur Hand, und leichter dazu zu kommen ist; ‒ ‒ vielleicht aber eben aus der Ursache geringer ge- schaͤtzet wird! Allein der Mensch ist ein thoͤrichtes Geschoͤpf, das sich bestaͤndig in fremde Dinge mischet. Je mehr wir in sein Jnnerstes hineinschauen: desto mehr muͤssen wir ihn verachten. ‒ ‒ Er will den Vorzug unter den Werken der Schoͤpfung be- haupten! ‒ ‒ Wer kann sich enthalten hoͤhnisch zu lachen! da wir kein einziges unter den beson- dern Werken dieser Schoͤpfung sehen, das nicht so wirken oder handeln sollte, als es, seiner Natur, und seinem Ursprunge nach, zu wirken oder zu handeln bestimmt ist; ihn selbst allein ausgenom- men, der bestaͤndig aus seinem Kreise schweifet. Ja so stolz und eitel der eingebildete Wurm uͤber seine vermeynte und selbsteigne Vorzuͤge ist: so hat er doch nicht allein seinen Schmuck, sondern auch die Beduͤrfnisse des Lebens, Nahrung so wohl als Kleider, allen uͤbrigen Geschoͤpfen zu danken; indem er mit ihrem Blut und ihren Saͤften Saͤften in seinen Adern, und mit ihren Federn und Decken an seinem Leibe strotzig einhergehet. Denn was hat er eigenes, außer einer boshaften, meerkatzenmaͤßigen, argen Natur. Dennoch denkt er, daß er voͤllige Freyheit habe, ein jedes wuͤrdigers Geschoͤpfe zu stoßen, zu schlagen, zu treiben: und wenn er keine von den Thieren nie- derzujagen und zu mishandeln hat; so wird er seine Macht, seine Staͤrke, seinen Reichthum an- wenden, ohnmaͤchtigere und schwaͤchere von seiner eignen Art zu unterdruͤcken. Wenn ihr und ich das erste mal zusammen kommen: so wollen wir weitlaͤuftiger von dieser Sache reden. Jch darf wohl sagen, wir werden wechselsweise den beyden Weisen des Alterthums nachzuahmen, bald zu weinen und bald zu lachen haben: wenn wir bedenken, was fuͤr elende und doch eingebildete Wesen die Menschen uͤberhaupt, aber wir liederlichen Bruͤder insonderheit, sind. Jch traf bey Dorrell eben diesen Abend ei- nen Aussatz, unter dem Titel, die Hauptspruͤ- che der heiligen Schrift, von ungefaͤhr an, welchen ein gewisser Blackwall verfertiget hat. Jch nahm ihn mit mir zu Hause; und hatte kaum zwoͤlf Seiten gelesen: als ich uͤberzeuget wurde, daß ich mich vor mir selber schaͤmen muͤßte; wenn ich bedenke, wie sehr ich lange nicht so edle, und lange nicht so natuͤrliche Schoͤnheiten in heidnischen Schriftstellern bewundert habe, da ich unterdessen von dieser vortrefflichsten Sammlung von Schoͤnheiten, von der Bibel, K k 4 nichts nichts gewußt. Bey meiner Treue, Lovelace, ich werde nach diesem eine bessere Meynung von der Einsicht, und dem Geschmack vieler Pfarrer ha- ben, mit denen ich zu meiner Zeit zusammen gekommen bin, und die ich deswegen mit Ver- achtung angesehen, weil sie, wie ich dachte, die Art des Ausdrucks und die Ausspruͤche, welche in derselben gefunden werden, vor allen alten Dich- tern und Weltweisen zu hoch preiseten. Und eben dieß ist nun ein uͤberzeugender Beweis fuͤr mich, der so wohl die vermessene Einbildung ei- nes Unglaͤubigen, als seine Unwissenheit beschaͤ- met, daß diejenigen, welche am wenigsten wissen, die groͤßten Spoͤtter sind. Ein artiger Haufe von Kluͤglingen sind wir, die ohne Kenntniß ta- deln, ohne Ursache lachen, und am meisten lermen und schreyen gegen Dinge, von denen wir am wenigsten wissen! Der zwey und siebzigste Brief von Hrn. Belford an Herrn Robert Lovelace. Mittwoch. den 26ten Jul. J ch bin erst heute fruͤhe nach London gekom- men: weil der arme Belton mir auf dem Halse war, als ein Mensch, der sich sonst an nie- mand halten kann. Jch Jch eilte zu Smithens Hause und bekam nur eine sehr mittelmaͤßige Nachricht von der Ge- sundheit der Fraͤulein. Jch ließ meine Empfeh- lung vermelden: und sie verlangte mich Nach- mittags zu sehen. Frau Lovick erzaͤhlte mir, daß sie wirklich, nachdem ich am Sonnabend weggegangen waͤre, einen von den besten Anzuͤgen der Fraͤulein an eine adliche Frau verkauft haͤtte, welche ihre Wohlthaͤterinn ist, und ihn fuͤr eine Base erstan- den hat, die in Geschwindigkeit verheyrathet wer- den soll, und von ihr, als ihre kuͤnstige Erbinn ausgestattet wird. Die Fraͤulein machte sich so viel Bedenken, ob auch das Geld von euch, oder von mir kaͤme, daß sie die Kaͤuferinn selbst sehen wollte. Diese gestand gegen Frau Lovick, daß sie den Anzug von Kleidern um das halbe Geld unter seinem Werth kaufte. Jedoch bewunder- te sie die Fraͤulein, wie die Witwe sagt, als eine der liebenswuͤrdigsten von ihrem Geschlechte: ob ihr Gewissen gleich zuließ, die Kleider so weit unten ihrem Preiße zu nehmen. Ja, weil ihr ein kleiner Wink von ihrer Geschichte gegeben war: so konnte sie sich der Thraͤnen nicht erweh- ren, als sie ihren Kauf zu sich nahm. Sie mag wohl eine gute Frau seyn. Frau Lovick sagt, daß sie es ist. Aber der Eigennutz ist ein verhaßtes und teuflisches Ding, welches einigen Leuten die grausamsten und schaͤndlichsten Handlungen angenehm machet. Nichts desto weniger bin ich der Meynung, daß diejenigen, K k 5 welche welche es sich zu gute halten koͤnnen, die Noth ihrer Mitgeschoͤpfe sich zu ihrem Vortheil zu ma- chen, und irgend etwas um einen geringern Preiß zu kaufen, als die gesetzmaͤßigen Zinsen von ih- rem Einkaufsgelde, wenn sie es etwa eher kau- fen sollten, als sie es brauchen, erlauben wuͤr- den, nicht besser als Raͤuber sind, wenn sich gleich einiger Unterschied findet ‒ ‒ Bey einem Schiff- bruche zu pluͤndern, und bey einem Feuer zu rau- ben, sind freylich hoͤhere Grade der Bosheit. Aber vergroͤßern nicht diese so wohl, als jene, das Ungluͤck eines Ungluͤcklichen, und haͤufen mehr Elend auf einen Elenden, dem ein jeder nach sei- ner Pflicht die Last erleichtern muß? Um drey Uhr ging ich wieder zu Smithen. Die Fraͤulein schrieb eben, als ich meinen Na- men hinaufsagen ließ: aber gestattete mir doch den Besuch. Jch sahe eine augenscheinliche Ver- aͤnderung in ihrem Gesichte, die nicht zum guten war. Da Frau Lovick ihr, mit vieler Ehrerbie- tung, die allzu fleißige Beschaͤfftigung mit ihrer Feder, fruͤh und spat, und ihr Fasten am vorigen Tage, zu einem Vorwurf machte: so erwaͤhnte ich etwas von der Veraͤnderung. Jch versicher- te sie, daß ihr Arzt sich groͤßre Hoffnung von ihr machte, als sie von sich selbst haͤtte: ich wollte mir aber die Freyheit nehmen, zu sagen, daß keine Huͤlfe uͤbrig waͤre, wenn jemand selbst an seiner Genesung verzweifelte. Sie verzweifelte nicht, und hoffete auch nicht, war ihre Antwort. Darauf ging sie mit großer Ge- Gelassenheit zum Spiegel. Mein Gesicht, sprach sie, ist in der That eine aufrichtige Abbildung meines Herzens. Allein das Gemuͤth wird alle- zeit den Koͤrper mit sich hinreißen. Das Schreiben, sagte sie ferner, ist meine einzige Aufmunterung: und ich habe etwas zu schreiben, das nicht leidet, mich dieser Arbeit zu uͤberheben. Was meine Stunden betrifft: so bin ich allemal gewohnt gewesen, fruͤhe aufzuste- hen. Aber itzo ist die Ruhe weniger in meiner Gewalt, als jemals. Der Schlaf hat seit lan- ger Zeit mit mir im Streit gelegen, und will keine Freundschaft machen, ob ich gleich den er- sten Schritt dazu gethan habe. Was seyn will, das muß seyn. Hierauf ging sie in ihr Closet, und brachte mir ein Paͤckchen mit dreyen Siegeln. Haben sie die Guͤte, sprach sie, dieß ihrem Freunde zu- zustellen. Es muß ihm ein sehr angenehmes Geschenk seyn. Denn dieß Paͤcklein, mein Herr, begreift alle seine Briefe an mich: solche Briefe, die seinem ganzen Geschlechte Schande machen wuͤrden, wenn sie in andere Haͤnde fallen, und mit seinen Handlungen verglichen werden sollten. Meine Briefe an ihn machen keine große Anzahl aus. Er mag sie aufbehalten, oder zer- nichten, wie ihm beliebt. Jch dachte, ich muͤßte diese Gelegenheit nicht vorbeylassen, euretwegen Vorstellungen zu thun. Daher brachte ich auf das nachdruͤcklichste, mit dem dem Paͤckchen in der Hand, alle Gruͤnde vor, die ich zu eurem Besten erdenken konnte. Sie hoͤrte mich voͤllig an, mit mehrerer Auf- merksamkeit, als ich mir selbst, in Betrachtung ihres festen Entschlusses, haͤtte versprechen koͤn- nen. Jch wollte sie nicht unterbrechen, Herr Bel- ford, versetzte sie: ob mir gleich der Jnhalt ihres Vortrages im geringsten nicht gefaͤllt. Die Be- wegungsgruͤnde zu denen Vorstellungen, welche sie zu seinem Vortheil thun, sind edelmuͤthig. Jch sehe gern Beyspiele edelmuͤthiger Freund- schaft sowohl in dem einen, als dem andern Ge- schlechte. Allein ich habe meine Gesinnung bey der Sache vollkommen an Fraͤulein Howe ge- schrieben: und diese wird sie den Fraͤuleins von seiner Familie eroͤffnen. Sagen sie also nicht mehr, ich bitte sie, von einem Gegenstande, der zu unangenehmen Vorwuͤrfen leiten kann. Jhr Apotheker kam herein. Er rieth ihr, sich der Luft zu bedienen, und tadelte ihren so großen Eifer zu schreiben, als man ihm gesagt haͤtte. Er gab, nicht nur als seine eigne, sondern auch als des Arztes Meynung, an, daß sie bald wieder genefen wuͤrde, wenn sie nur zu genesen verlangte, und die Mittel gebrauchen wollte. Vielleicht mag die Fraͤulein, in der That, wohl nach ihrer Gesundheit zu viel schreiben. Jedoch habe ich bey verschiedenen Gelegenheiten bemerkt, daß die Aerzte, wenn sie schon verlegen sind, und nicht wissen, was sie vorschreiben sollen, ihren ihren Kranken dasjenige verbieten, was denselben am besten gefaͤllt, und sie am meisten belustiget. Allein so deutlich sie auch sehen, daß diese Fraͤulein edel und erhaben gesinnet ist: so kennen sie doch nicht halb den Adel ihres Gemuͤths, und wissen nicht halb, wie tief sie verwundet ist. Sie verlassen sich zu viel auf ihre Jugend, die in diesem Fall, wie ich besorge, es nicht ausma- chen, und auf die Zeit, welche den Jammer ei- nes solchen Gemuͤths nicht erleichtern wird. Denn da sie den festen Vorsatz gehabt, gutes zu thun, und einen liederlichen Menschen, den sie liebte, auf bessere Wege zu bringen: so ist sie in allen ihren Absichten betrogen, die ihr am meisten am Herzen gelegen, und wird niemals im Stan- de seyn, wie ich befuͤrchte, mit einer solchen Zu- friedenheit mit sich selbst ihre Augen aufzuschla- gen, welche hinreichen sollte, ihr das Leben so an- genehm zu machen, daß sie es wuͤnschen moͤchte. Diese Fraͤulein hat ganz andere Absichten bey ihrem Leben gehabt, als die gemeinen Beschaͤffti- gungen mit Essen, Schlafen, Putzen, Besuchen und andern Zeitvertreib nach der Mode, welche bey den meisten von ihrem Geschlechte, und son- derlich denen, die sich fuͤr geschickt halten, ansehn- lichen und artigen Versammlungen einen Glanz und eine Zierde zu geben, die Zeit wegnehmen. Kurz ihre Traurigkeit scheint mir von einer sol- chen Art zu seyn, daß die Zeit, welche sonst bey den meisten Personen das Leiden zu erleichtern pflegt, bey ihr dasselbe nur groͤßer und schwe- schwerer machen wird; wie einer der engli- schen Dichter von einer andern Person saget. Du, Lovelace, haͤttest alle diese erhabene Vorzuͤge sehen moͤgen, so wie du nach und nach in deinen Anschlaͤgen fortgegangen bist. Jn ei- nem jeden Worte, in einem jeden Ausspruche, in einer jeden Handlung lassen sie sich augen- scheinlich blicken. ‒ ‒ Aber deine verfluchten Erfindungen, und dein raͤnksuͤchtiger Geist haben dich hingerissen. Es schickt sich recht gut, daß eben dasjenige, womit du dich gottloser Weise zu ruͤhmen, worauf du deine Gaben so ausnehmend uͤbel anzuwenden pflegtest, deine Strafe und dein Fluch werden sollte. Herr Goddard nahm seinen Abschled. Jch war im Begriff, eben das zu thun: als die Magd herauf kam, und ihr vermeldete, daß ein Caval- lier unten waͤre, der sich sehr ernstlich nach ihrem Befinden erkundigte, und sie selbst zu sehen ver- langte; sein Name waͤre Hickmann. Sie ward hieruͤber ganz froͤhlich und befahl der Magd, den Cavallier zu ersuchen, daß er hinaufkaͤme. Jch wuͤrde weggegangen seyn. Aber sie dachte vermuthlich, daß ich ihm alsdenn auf der Treppe begegnet seyn wuͤrde, und verbat es. Sie eilte an die Treppe, um ihn oben an derselben zu empfangen; faßte ihn bey der Hand; fragte woh zehenmal, ohne auf eine Antwort zu warten, nach der Fraͤulein Howe Befinden, und bezeugte mit den lebhaftesten Ausdruͤcken ihre Er- Erkenntlichkeit fuͤr die Guͤte derselben, daß sie ihn zu ihr schickte, ehe sie ihre kleine Reise an- traͤte. Er gab ihr einen Brief von dieser Fraͤulein, den sie in ihren Busem steckte. Sie sagte, sie wollte ihn hernach alsobald lesen. Man konnte augenscheinlich an ihm merken, daß es ihm nahe ging, wahrzunehmen, wie schlecht sie aussaͤhe. Sie sehen mich bekuͤmmert an, Herr Hick- mann, sprach sie ‒ ‒ O! mein Herr, die Zeiten haben sich bey mir gewaltig geaͤndert, seit dem ich sie zuletzt bey meiner lieben Fraͤulein Howe gese- hen! ‒ ‒ Wie munter war ich damals! ‒ ‒ Mein Herz war geruhig. Jch hatte reizende Aussichten vor mir, und ward von jedermann geliebet! ‒ ‒ Jedoch ich will sie nicht kraͤnken. Jn Wahrheit, gnaͤdige Fraͤulein, antwortete er, ich bin ihretwegen herzlich bekuͤmmert. Er wandte sein Gesicht weg, in welchem sich die Traurigkeit offenbar sehen ließ. Jhre Augen glaͤnzeten. Dennoch wandte sie sich zu uns beyden, und stellte einen dem an- dern vor: ihn mir, als einen Cavallier der in Wahrheit diesen Namen verdiente; mich ihm, als zwar einen Freund von euch ‒ ‒ Wie schaͤmte ich mich damals vor mir selbst! ‒ ‒ aber doch leutseligen Mann, der die niedertraͤch- tige Bosheit seines Freundes verabscheuete und ihr auf alle Art zu dienen suchte. Herr Herr Hickmann nahm meine Hoͤflichkeiten mit Kaltsinnigkeit an, die inzwischen doch viel- mehr eurentwegen zu erwarten war, als an mei- ner Seite Einwendung verdiente. Die Fraͤu- lein bat uns beyde, morgen mit ihr zu fruͤhstuͤ- cken: weil er genoͤthigt war, des folgenden Ta- ges wieder zuruͤck zukehren. Jch ließ sie bey einander, und ging zu Herrn Dorrell, meinem Anwald, um ihn wegen des ar- men Beltons Sachen um Rath zu fragen. Her- nach kam ich zu Hause, und schrieb so weit, als du itzo siehest, zur Vorbereitung zu dem, was morgen bey meinem Besuch zum Fruͤhstuͤck vor- fallen mag. Der drey und siebzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Donnerstags, den 27ten Jul. J ch erschien diesen Morgen, nach der Fraͤulein Einladung, zum Fruͤhstuͤck, und fand den Herrn Hickmann bey ihr. Jn seinem Gesichte bildete sich viele Schwer- muͤthigkeit und Betruͤbniß ab. Jedoch empfing er mich mit mehrerer Hoͤflichkeit und Achtung, als gestern; welches ich vermuthlich der vortheil- hasten Beschreibung der Fraͤulein von mir zu danken hatte. Er Er sprach sehr wenig. Denn, ich glaube, sie hatten gestern und heute fruͤhe, ehe ich kam, sich einander schon alles gesagt. Bey dem, was man sich verlauten ließ, merk- te ich, daß Fraͤulein Howe, in ihrem Briefe, von eurer Zusammenkunft mit ihr, bey dem Obristen Ambrose, Nachricht gegeben; ‒ ‒ daß sie eurer Erklaͤrungen gegen sie Erwaͤhnung gethan; und ihre Meynung eroͤffnet hatte, daß die Vermaͤh- lung mit euch itzo nur noch das einzige Mittel waͤre, ihr Uebel wieder gut zu machen. Herr Hickmann hatte, wie ich ebenfalls aus ihren Reden abnehmen konnte, im Namen der Fraͤulein Howe bey ihr angehalten, daß sie sich, bey der Ruͤckkunft ihrer Freundinn, in eines be- nachbarten Pachters Hause finden lassen moͤchte, wo man saubere Zimmer zu ihrer Aufnahme in Bereitschaft halten wuͤrde. Sie fragte, wie lan- ge sie von Hause zu seyn gedaͤchten: und er gab ihr die Nachricht, daß sie sich vorgenommen haͤt- ten, nicht laͤnger als vierzehn Tage, mit der Hin- und Herreise, wegzubleiben. Sie wuͤrde also vielleicht Zeit haben, versetzte sie hierauf, den guͤ- tigen Vorschlag zu uͤberlegen. Er hatte ihr von der Fraͤulein Howe Geld angeboten: aber konnte sie nicht bereden, etwas anzunehmen. Kein Wunder, daß ich abschlaͤgi- ge Antwort bekommen hatte! Sie sagte nur dieß einzige, daß, wenn sie etwas noͤthig haben sollte, sie dafuͤr niemanden, als der Fraͤulein Howe, ver- bunden seyn wollte. Sechster Theil. L l Herr Herr Goddard, ihr Apotheker, kam herein, ehe das Fruͤhstuͤcken vorbey war. Auf ihr Ver- langen setzte er sich bey uns nieder. Herr Hick- mann fragte ihn, ob er ihm einigen Trost wegen der Genesung der Fraͤulein Harlowe geben koͤnn- te, den er einer Fraͤulein, welcher sie so lieb, als ihr eignes Leben, waͤre, mitbringen moͤchte. Die Fraͤulein, antwortete er, wird sich sehr wohl befinden, wenn sie sich nur selbst dazu ent- schließen will. Jn Wahrheit, gnaͤdige Fraͤu- lein, sie werden sich alsdenn bald besser befinden. Der Doctor ist gaͤnzlich dieser Meynung, und hat nichts fuͤr sie verordnet, als weiche Gallerte, und unschaͤdliche Herzstaͤrkungen, damit sie nur nicht Hungers sterben. Erlauben sie mir zu sagen, daß so vieles Wachen, so wenig Nahrung, und so viele Betruͤbniß, als sie bey sich Platz finden zu lassen scheinen, hinlaͤnglich sey, die beste Ge- sundheit zu schwaͤchen und die staͤrkste Natur auszuzehren. Was kann ich thun, mein Herr? sagte sie hierauf. Jch habe keine Neigung zum Essen. Nichts von dem, was sie Nahrung nennen, will mein Magen ertragen. Jch thue, was ich kann: und habe an dem Dr. H. und an ihnen so guͤti- ge Fuͤhrer, daß ich nicht zu entschuldigen seyn wuͤrde, wenn ich es nicht thaͤte. Jch will ihnen eine Fuͤrschrift geben, gnaͤdi- ge Fraͤulein, welche von dem Doctor gewiß ge- billigt werden, und alle Arzney in diesem Falle unnoͤthig machen wird. „Gehen sie Abends „um „um zehn zur Ruhe. Stehen sie nicht eher, als „fruͤhe um sieben auf. Nehmen sie in Wasser „abgekochte Habergruͤtze, oder eine Milchsuppe, „oder schwache Bruͤhen zu ihrem Fruͤhstuͤcke; „zum Mittagsessen alles, wozu sie Lust haben, „wenn sie nur essen wollen; des Nachmittags „ein Schaͤlchen Thee mit Milch; und zum „Abendessen eine leichte Speise. Jch will mein „Leben fuͤr das ihrige geben, wo diese Ordnung, „nebst der freyen Luft auf dem Lande einen Mo- „nat uͤber, sie nicht wieder zu rechte bringen „wird.“ Wir waren sehr vergnuͤgt mit der uneigen- nuͤtzigen Fuͤrschrift dieses rechtschaffenen Man- nes: und sie sagte, in Beziehung auf ihre Waͤr- terinn, welche fuͤr sie Gewaͤhr leistete: Haben sie die Guͤte, Herr Hickmann, der Fraͤulein Ho- we zu vermelden, in was fuͤr guten Haͤnden ich bin. Was aber die guͤtige Verordnung dieses Herrn betrifft: so versichern sie dieselbe, daß ich alles thun und nach meinem aͤußersten Vermoͤ- gen thun will, was ich ihr in dem laͤngsten von meinen beyden letzten Briefen, meiner Gesund- heit wegen, versprochen habe. Jch habe mich gegen Fraͤulein Howe verbindlich gemacht, mein Herr, sprach sie zu Herrn Goddard, ich habe mich verbindlich gemacht, mein Herr, zu mir, daß ich alle freywillige Verwahrlosung meiden will. Es wuͤrde ein nicht zu verzeihender Fehler seyn, wenn ich es nicht thaͤte, und sich sehr schlecht zu dem guten Namen, den ich gern verdienen moͤchte, L l 2 oder oder zu der Fassung des Gemuͤths, zu der ich gern nach diesem von meinen Freunden vermoͤ- gend geachtet seyn wollte, schicken. Herr Hickmann und ich gingen nachher auf ein Caffeehaus in der Nachbarschaft. Er gab mir einige Nachricht von eurem Betragen auf dem Balle Montag Abends, und von eurem Be- zeigen gegen ihn in der Unterhandlung, die ihr vor der Zeit mit ihm hatte. Er stellte das letz- tere auf eine vortheilhaftere Art vor, als ihr selbst gethan habt: und gleichwohl sagte er mit großer Freyheit, aber auch mit der einem Cavallier an- staͤndigen Hoͤflichkeit, seine Meynung von euch. Er erzaͤhlte mir, wie fest sich die Fraͤulein entschlossen haͤtte, euch nicht zu heyrathen. Sie haͤtte sich heute fruͤhe hingesetzt, der Fraͤulein Ho- we auf den Brief, welchen er gebracht, eine Ant- wort zu schreiben. Er sollte dieselbe um zwoͤlfe abfordern, weil sie beynahe schon fertig gewesen waͤre, ehe er zum Fruͤhstuͤck zu ihr gekommen waͤre. Er haͤtte sich aber vorgenommen, sich um drey Uhr auf den Ruͤckweg zu begeben. Er erzaͤhlte mir ferner, die Fraͤulein Howe, ihre Mutter und er, wuͤrden ihre kleine Reise nach der Jnsel Wight am kuͤnftigen Montage vornehmen. Allein er muͤßte den schlechten Zu- stand der Gesundheit, worinn sich Fraͤulein Har- lowe befaͤnde, auf das vortheilhafteste vorstellen: sonst wuͤrden sie in ihrer Entfernung von Hause sehr unruhig seyn. Er bezeugte sein Vergnuͤgen daruͤber, daß er die Fraͤulein in so guten Haͤnden faͤnde, faͤnde, schlug vor, bey dem Dr. H. anzusprechen, und seine Meynung zu hoͤren, ob es glaublich waͤre, daß sie wieder genesen wuͤrde; und hoffete, sie vortheilhaft zu finden. Da er entschlossen war, die Sache so gut, als moͤglich, vorzustellen, und die Fraͤulein sich geweigert hatte, das Geld anzunehmen, welches ihr durch ihn angeboten war: so sagte ich nichts von der Verkaufung ihrer Kleider. Jch dachte, es wuͤrde zu nichts weiter dienen, als die Fraͤu- lein Howe bestuͤrzt zu machen und zu kraͤnken. Denn es klingt so seltsam, daß eine Fraͤulein von ihrem Stande und Vermoͤgen so weit her- untergebracht seyn sollte, daß ich selbst nicht mit Gelassenheit daran gedenken kann. Jch weiß auch niemand, als einen Menschen, in der Welt, der es thun kann. Dieser Cavallier ist ein wenig gezwungen, und von vielen Umstaͤnden: aber ich halte ihn fuͤr einen angenehmen, nicht unempfindlichen Mann, der gar nicht die Begegnung, oder die Beschreibung, die ihm von euch zu Theil wird, verdienet. Allein ihr seyd wirklich ein wunderlicher Mensch. Weil ihr Vorzuͤge in Ansehung eurer Person, eures Wesen, eures Verstandes vor al- len Mannspersonen habet, die ich kenne, und ein Gesicht, das den Teufel selbst betruͤgen wuͤrde: so koͤnnt ihr keinen andern fuͤr ertraͤglich halten. Aus diesem recht bescheidenen Grunde spot- test du einiger von uns, die um deswillen, weil L l 3 sie sie zu ihrem aͤußerlichen Ansehen nicht das Ver- trauen haben, was du hast, ihre Maͤngel durch Huͤlfe der Schneider und Peruckenmacher zu verbergen suchen; genug betrogen, wo sie es in der That auf eine so ungereimte Art thun, daß sie sich noch mehr widrigen Urtheilen bloßstellen. Du sagst, daß wir durch unsere Kleidung nur ein Schild aushaͤngen und kund machen, was in unserm Laden, in unsern Gemuͤthern zu suchen ist. Dieß haͤltst du, sonder Zweifel, fuͤr eine wi- tzige Anmerkung. Allein ich bitte dich, Lovelace, sage mir, wo du kannst: Was fuͤr ein Schild muͤßtest du aushaͤngen, wenn du verbunden waͤ- rest, uns von dem, womit dein Gemuͤth versehen ist, einen klaren Begriff zu geben. Herr Hickmann sagt mir, er wuͤrde schon seit einigen Wochen durch die Hand der Fraͤulein Howe gluͤcklich gewesen seyn; denn alle Ehestif- tungen sind seit einiger Zeit zu Stande: aber sie wolle nicht heyrathen, wie sie sich erklaͤret, so lan- ge ihre Freundinn so ungluͤcklich ist. Dieß ist in Wahrheit eine reizende Probe von der Gewalt der Freundschaft bey Frauen- zimmern, welche ihr, und ich, und unsere lieder- lichen Bruͤder bestaͤndig, als ein Hirngespinste und ein unmoͤgliches Ding, an Frauenzimmern von gleichem Alter, gleichem Range und gleichen Vorzuͤgen, laͤcherlich gemacht haben. Aber wirklich, Lovelace, ich sehe mehr und mehr, daß, bey allem unsern eingebildeten Stolz, nicht niedriggesinntere und elendere Thiere in der Welt Welt sind, als wir liederlichen Bruͤder und Lieb- haber der so genannten freyen Lebensart. Jch will dir sagen, wie es zugehet. Unsere fruͤhzeitige Liebe zur Schelmerey macht, daß wir uͤberhaupt der Unterweisung ent- laufen: und so werden wir bloße Halbgelehrte in denen Wissenschaften, wozu man uns anfuͤhret. Weil wir nicht mehr wissen wollen: so bilden wir uns ein, es sey nichts mehr zu wissen. Mit unsaͤglicher Eitelkeit, ungezaͤumten Ein- bildungen und gar keiner Beurtheilung fangen wir zunaͤchst an, halbe Witzlinge vorzustellen. Alsdenn meynen wir, daß wir das ganze Feld der Gelehrsamkeit und Erkenntniß in unserer Verwahrung haben, und verachten einen jeden, der sich mehr Muͤhe giebt, und ernsthafter ist, als wir. ‒ ‒ Alle solche Leute sind bey uns schlaͤf- rige einfaͤltige Troͤpfe, die an den ruͤhrungsvolle- sten Vergnuͤgungen des Lebens keinen Geschmack haben. Dieß macht uns bey bescheidenen und wohl- verdienten Leuten unleidlich, und noͤthigt uns, mit denen, die unsers Gelichters sind, einen Haufen auszumachen. Auf die Art haben wir keine Gelegenheit, jemand zu sehen, oder mit jemand umzugehen, der uns zeigen koͤnnte, oder wollte, was wir sind. Also machen wir selbst den Schluß, daß wir die geschicktesten Kerls und al- lein die klugen Koͤpfe in der Welt sind; sehen mit stolzen Augen auf alle andere nieder, welche sich selbst die Freyheiten nicht erlauben, die wir L l 4 uns uns nehmen; und bilden uns ein, die Welt sey fuͤr uns, und fuͤr uns allein, gemacht. So bestreichen wir in den nuͤtzlichen Wissen- schaften nur die oberste Flaͤche, da andere bis auf den Grund gehen; werden bey Leuten von gruͤnd- licher Einsicht, wahrer Ehre und hoͤhern Gaben veraͤchtlich gehalten; und bewegen uns mit ver- bundnen Augen immer in die Ruͤnde, wie so vie- le blinde Muͤhlpferde, in einem engen Kreise herum, indem wir uns inzwischen einbilden, als wenn wir die ganze Welt mit ansehnlichem Ge- praͤnge zu unserer Laufbahn haͤtten. Jch machte, daß Herr Hickmann bey seiner Zuruͤckkunft von der Fraͤulein auf mich stoßen mußte: und wir nahmen in Lebecks Head auf der Chandosstraße eine kleine Mahlzeit mit ein- ander ein. Er war uͤber alle Maaße geruͤhret, da er von ihr Abschied nahm: indem er besorgte, wie er mir sagte, ob er es sich gleich gegen sie nicht merken lassen wollte, daß er sie niemals wieder sehen wuͤrde. Sie empfahl ihm, der Fraͤulein Howe alles auf die vortheilhafteste Art, welche nur mit der Wahrheit bestehen konnte, vorzu- stellen. Er erzaͤhlte mir einen zaͤrtlichen Theil von dem Abschiede. Es war dieses. Da er ihr an der Thuͤre ihres Closets einen Kuß gegeben: haͤt- te er sich nicht enthalten koͤnnen, sich eben diese Frey- Freyheit noch einmal, oben an der Treppe, wo- hin sie ihn begleitete, auf eine feurige Art zu nehmen; und zwar in den Gedanken, daß es das letzte mal seyn wuͤrde, daß er diese Ehre jemals haben sollte. Als er nun wegen seiner Freyheit sich zu entschuldigen gesucht; indem er sie mit ei- ner Hestigkeit, welche er weder zu erklaͤren noch zu unterdruͤcken gewußt, an seine Brust gedruͤ- cket: so haͤtte sie geantwortet: ‒ ‒ Entschuldi- gen sie, Herr Hickmann; daß ich will. Sie sind mein Bruder, und mein Freund: und, um ih- nen zu zeigen, daß der Mann, welcher mit mei- ner geliebten Fraͤulein Howe gluͤcklich seyn soll, mir sehr werth sey; sollen sie ihr dieses Zeichen meiner Liebe mitnehmen ‒ ‒ Darauf hielte sie ihm selbst ihr angenehmes Gesicht zu einem Kusse hin, und druͤckte ihm die Hand ‒ ‒ Vielleicht, fuhr sie fort, wird ihre Liebe zu mir ihr dasselbe angenehmer machen, als sonst ihre Bedenklich- keit erlauben wuͤrde. Sagen sie ihr, sprach sie auf einem Knie, mit zusammen geschlagenen Haͤnden und aufgehabenen Augen, daß sie mich bey dem letzten Augenblick unsers Abschiedes in dieser Stellung sehen, indem ich Gluͤck und Se- gen fuͤr sie beyde erbitte, und daß sie auf viele, sehr viele, gluͤckliche Jahre sich einander zum Ver- gnuͤgen und Trost seyn moͤgen. Die Thraͤnen, sagte er, fielen mir aus den Augen. Jch seufzete selbst, mit einer Mischung von Freude und Kummer: und weil sie sich wie- der hinein begab, so bald ich sie aufgehoben hatte, L l 5 ging ging ich, hoͤchst unzufrieden mit mir selbst, daß ich wegginge, die Treppe hinunter. Weil ich in- zwischen doch nicht bleiben konnte: so beobachte- ten meine Augen unverruͤckt den entgegenstehen- den Weg von meinen Fuͤßen; so lange als es nur den Saum von ihrem Kleide zu sehen moͤg- lich war. Jch ging in den hintern Laden, fuhr der rechtschaffene Mann fort, und empfahl die engli- sche Fraͤulein der Fuͤrsorge der Fr. Smithen aufs beste. Als ich auf der Gasse war: schlug ich mein Auge zu ihrem Fenster auf. Da sahe ich sie zum letzten male; ich zweifle, daß ich sie je- mals wieder sehen werde: und sie bewegte ihre Hand auf und nieder gegen mich, mit einem sol- chen Blick von laͤchelnder Guͤte und untermeng- tem Kummer, daß ich es nicht beschreiben kann. Jch bitte dich, sage mir, du schaͤndlicher Lo- velace, ob du nicht selbst aus dieser trocknen Be- schreibung von mir, wie ich durch die Betrach- tungen uͤber diesen Vorfall, einen Gedanken be- kommest, daß ein weit erhabneres Vergnuͤgen in vernuͤnftiger Gemuͤthsfreundschaft liegen muͤsse; als du jemals unter dem dicken Rauch der Sinn- lichkeit zu schmecken vermoͤgend gewesen bist? Sage, ob es dir nicht moͤglich seyn mag, mit der Zeit, dem unendlich Vorzuͤglichen denjenigen Vorzug zu geben, den ich ihm nun, wie ich hoffe, allezeit geben werde. Jch Jch will dich ungestoͤrt lassen, dir diese Be- trachtung auf das beste zu Nutze zu machen. Sie kommt von Deinem wahren Freunde Joh. Belford. Der vier und siebzigste Brief von Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Dienstags, den 25ten Jul. J hre beyden ruͤhrenden Briefe wurden mir, wie ich wegen eines jeden Briefes von Jhnen befohlen hatte, in des Obristen Hause gebracht, ungefaͤhr eine Stunde vorher, ehe wir aufbra- chen. Jch konnte mich nicht enthalten, noch daselbst einige Blicke auf ihren Jnhalt zu wer- fen, und mehr Thraͤnen uͤber sie zu vergiessen, als ich Jhnen sagen will: ob ich gleich meine Augen, so gut als ich konnte, wieder abtrocknete, damit die Gesellschaft, zu der ich zuruͤckzukehren genoͤthigt war, und meine Mutter, so wenig als moͤglich, von meinem Kummer merken sollte. Jch bin noch uͤber alle Maaßen in Bewe- gung, und war es damals noch mehr. Die Ursache will ich ihnen alsobald eroͤffnen. Nichts, als diejenigen Bewegungen, welche der letzte Streich Streich des Todes erwecken wuͤrde, koͤnnte mei- ne erste Aufmerksamkeit von dem betruͤbten und feyerlichen Jnhalt ihrer letzten Liebesbezeigungen abfuͤhren. Mit diesem muß ich also den An- fang machen. Wie kann mir der Gedanke ertraͤglich seyn, eine so werthe Freundinn zu verlieren! Jch will es nicht einmal vermuthen. Jn der That ich kann es nicht! Ein solches Gemuͤth, als Sie besitzen, ist nicht deswegen in der Menschheit eingekleidet, daß es uns so bald entzogen wuͤrde. Es muß noch sehr viel, zum Besten aller, die das Gluͤck haben, Sie zu kennen, zu thun uͤbrig seyn. Sie erzaͤhlen, in Jhrem Briefe vom ver- wichnen Donnerstage Siehe den L. Brief. , die verschiednen Um- staͤnde, in welchen sich Jhr Zustand schon gebes- sert hat. Lassen Sie mich im Werke sehen, daß Sie es mit dieser Erzaͤhlung im Ernst meynen, und wirklich den Muth haben, sich zu entschlie- ßen, die Empfindung der Beleidigungen, die Sie nicht vermeiden konnten, zu uͤberwaͤltigen. Als- denn will ich auf die Fuͤrsehung, und mein de- muͤthiges Gebeth, fuͤr Jhre vollkommene Gene- sung trauen. Von Herzen werde ich mich freu- en, wenn ich Sie, bey meiner Ruͤckkehr von der kleinen Jnsel, in einer solchen Befserung finde, daß Sie nach dem Vorschlage, welchen Herr Hickmann Jhnen zu thun hat, nahe bey uns seyn koͤnnen. Sie Sie verweisen wir, in Jhrem Schreiben vom Sonnabend Siehe den XLVII. Brief. , die Freyheit, welche ich mir gegen Jhre Familie nehme. Jch mag wohl hitzig seyn. Jch weiß, ich bin es ‒ ‒ Allzu hitzig ‒ ‒ ‒ Jedoch kein feu- riges Bezeigen in der Freundschaft kann zu kei- nem Verbrechen gereichen: sonderlich wenn un- ser Freund große Vorzuͤge hat, unter dem Be- druck seufzet und mit unverdientem Leiden kaͤmpfet. Jch habe keinen Begriff von Kaltsinnigkeit in der Freundschaft: man mag sie mit dem Na- men der Klugheit, oder wie man sonst will, beehren oder unterscheiden. Sie moͤgen Jhre Verwandten entschuldi- gen. Das ist allezeit Jhre Weise gewesen. Aber, liebste Freundinn, andere Leute muͤssen die Freyheit haben zu urtheilen, wie ihnen beliebt. Jch bin nicht ihre Tochter, nicht eine Schwester von Jhrem Bruder und Jhrer Schwester ‒ ‒ Jch danke dem Himmel, daß ich es nicht bin. Allein wenn Sie wegen der Freyheiten, die ich mir vor so langer Zeit, als Sie melden, ge- nommen habe, uͤbel mit mir zufrieden sind: so besorge ich, daß Sie noch mehr bekuͤmmert seyn moͤchten, wenn Sie wuͤßten, was erfolget waͤre, da ich mich ganz neulich an Jhre Schwester gewandt hatte, um Jhnen die Lossprechung zu verschaffen, welche Jhnen so sehr am Herzen lieget. Aber Jhre Angehoͤrigen haben es mit mir nicht besser gemacht. Jedoch ich muß Jhnen nicht alles er- zaͤhlen. zaͤhlen. Jch hoffe inzwischen, daß diese Unver- soͤhnlichen, ich schließe meine Mutter mit ein, gegen ihre Eltern allezeit gute, gehorsame, bloß leidende Kinder gewesen sind. Noch einmal, vergeben Sie mir. Jch ha- be schon gestanden, daß ich zu hitzig gewesen bin. Aber ich habe kein Beyspiel zu dem Gegentheil vor mir, als von Jhnen: und das Verfahren mit Jhnen hat sehr wenige Reizung fuͤr mich, daß ich Jhnen in Jhrer gehorsamen Sanftmuth nachzuahmen suchen sollte. Sie uͤberlassen es mir, der edelgesinnten Fa- milie, deren einziges Ungluͤck ist, daß ein so schaͤndlicher Mensch so nahe mit ihnen verwandt ist, auf ihre Hoffnung eine abschlaͤgige Antwort zu geben. Aber dennoch ‒ ‒ Ach! meine Wer- theste, ich fuͤrchte mich so sehr in Betrachtung meiner selbst, wenn diese abschlaͤgige Antwort gegeben werden muß ‒ ‒ Jch weiß nicht, was ich sagen sollte ‒ ‒ Allein erlauben Sie mir in- zwischen diese abschlaͤgige Antwort aufzuschieben, bis ich wieder von Jhnen hoͤre. Jhr liebreicher Eifer, Sie in ihre ansehnli- che Familie zu ziehen, gereichet Jhnen so sehr zur Ehre ‒ ‒ Sie alle bewundern Sie mit so vieler Gerechtigkeit ‒ ‒ Sie selbst, meine Wertheste, muͤssen uͤber den niedertraͤchtigen Men- schen einen so edlen Sieg gehabt haben ‒ ‒ Es ist ihm so sehr ein Ernst um Sie ‒ ‒ Die Welt weiß so viel von der ungluͤcklichen Sache ‒ ‒ Sie koͤnnen noch so viel gutes stiften ‒ ‒ Jhr Wille Wille ist so unbefleckt ‒ ‒ Jhre Verwandten sind so unversoͤhnlich. ‒ Bedenken Sie dieß, meine Allerliebste, und bedenken es mehr als einmal. Erlauben Sie mir, daß ich Sie Jhnen selbst uͤberlasse, es zu thun: da ich Jhnen unterdessen die Veranlassung zu der Bewegung bey mir, welche ich in dem Anfange meines Briefes be- ruͤhret habe, melde. Jn dem Beschluß desselben werden Sie die Verbindlichkeit finden, welche ich mir habe gefallen lassen uͤber mich zu nehmen, daß ich diese wichtige Sache Jhnen noch ein- mal zur Entscheidung anheimstelle, ehe ich in Jhrem Namen die abschlaͤgige Antwort gebe, die mit Ehre fuͤr Sie selbst nicht bereuet oder wiederrufen werden kann, wenn sie einmal ge- geben ist. Wissen Sie dann, liebste Freundinn, daß ich meine Mutter zu dem Obristen Ambrose bey der Gelegenheit, die ich Jhnen in meinem vori- gen Schreiben gemeldet, begleitete. Es waren viele Fraͤulein und Cavallier da, welche Sie ken- nen: sonderlich Fraͤulein Catharina d’Olly, Fraͤulein Lloyd, Fraͤulein Brigitta d’Ollyffe, Fraͤulein Biddulph und einer jeden besondere Verehrer, nebst den zwoen Basen des Obristen, die beyde feine Frauenzimmer sind; außer vielen andern, welche Sie nicht kennen; denn sie wa- ren mir nicht weiter, als dem Namen nach, be- bekannt. kannt. Es war eine ansehnliche Gesellschaft; und alle waren mit einander wohl zusrieden: bis der Obrist Ambrose einen hereinfuͤhrte, der den Augenblick, da er in den großen Saal gefuͤhrt wurde, die ganze Versammlung in eine gewisse Unruhe setzte. Es war Jhr Boͤsewicht. Jch dachte, ich wuͤrde zu Boden sinken, so bald er mir in die Augen fiel. Meine Mutter ward auch unruhig und kam zu mir. Annchen, sagte sie mir ins Ohr, koͤnnt ihr den Kerl ohne allzu heftige Bewegung sehen? ‒ ‒ Wo nicht: so geht in das naͤchste Zimmer. Jch konnte nicht weggehen. Jedermann warf verstohlne Blicke von ihm auf mich. Jch blieb sitzen, wehete mir mit dem Fecher frische Luft zu und ward genoͤthigt, ein Glaß mit Was- ser zu fordern. O daß ich solche Augen haͤtte, als man dem Basilisken beyleget, dachte ich, und daß sein Leben in derselben Gewalt waͤre! ‒ ‒ Den Augenblick wollte ich ihn toͤdten! Er trat mit einem mir so verhaßten aber al- len andern Augen so angenehmen Wesen herein, daß ich ihn auch deswegen mit meinen Blicken haͤtte toͤdten koͤnnen. Nachdem er der gantzen Gesellschaft uͤber- haupt die gewoͤhnlichen Hoͤflichkeiten bezeigt hat- te: nahm er Herrn Hickmann allein, und sagte, daß er eines und das andere von seinem Bezei- gen gegen ihn, da er ihn das letzte mal gesprochen, uͤber- uͤberdacht haͤtte, und sich deswegen fuͤr seine Ge- dult und Hoͤflichkeit verbunden achtete. Er hatte es in der That auch Ursache. Fraͤulein d’Oily fragte ihn, als er ihr seine Hoͤflichkeit bezeigte, in einem Kreise von andern Fraͤulein, vor ihrer aller Ohren, wie sich Fraͤu- lein Clarissa Harlowe befaͤnde? Er hoͤrte, war seine Antwort, daß Jhnen nicht so wohl waͤre, als er wuͤnschte und Sie verdienten. O! Herr Lovelace, was haben sie in Anse- hung dieser Fraͤulein zu verantworten: wofern alles wahr ist, was ich gehoͤret habe! Jch habe sehr viel zu verantworten, sagte der unverschaͤmte Boͤsewicht. Nur hat die wer- the Fraͤulein so viele ausnehmende Vorzuͤge und eine so zaͤrtliche Gemuͤthsart, daß kleine Suͤnden in ihren Augen groß sind. Kleine Suͤnden! versetzte die Fraͤulein. Herrn Lovelacens Character ist so wohl bekannt, daß niemand ihm kleine Suͤnden zutrauet. Sie sind sehr guͤtig gegen mich, Fraͤulein d’Oily. Nein, in Wahrheit, ich bin es nicht. So bin ich denn die einzige Person, gegen welche sie nicht sehr guͤtig sind: und so bin ich ihnen desto weniger verbunden. Er wandte sich hierauf mit einem muntern Wesen zu der Fraͤulein Playford, und sagte ihr einige Hoͤflichkeiten. Jch glaube, Sie kennen dieselbe nicht. Sie besucht seine Basen Mon- Sechster Theil. M m tague tague bisweilen. Er hatte in der That mit sei- nem scheinbaren Anstande einem jeden etwas zu sagen: und dieß stillte allzubald das Misvergnuͤ- gen, welches jedermann bey seiner Ankunft em- psand. Jch saß noch immer auf meinem Stuhl: und er sahe mich entweder nicht, oder wollte mich noch nicht sehen. Er redete meine Mutter an und faßte sie, mit einer hoͤchst zuversichtlichen Mine, wider ihren Willen bey der Hand. Jch freue mich, gnaͤdige Frau, sie hier zu sehen: ich hoffe, die Fraͤulein Howe befindet sich wohl. Jch habe Ursache, mich sehr uͤber sie zu beklagen: aber mache mir Hoffnung, daß ich die hoͤchste Verbindlichkeit, die einem Menschen aufgelegt werden kann, gegen sie haben werde. Meine Tochter ist gewohnt, mein Herr, zu feurig und zu eifrig in ihren Freundschaften zu seyn, daß meine oder ihre eigne Ruhe ungestoͤrt bleiben sollte. Es war freylich erst vor kurzem ein Misver- gnuͤgen zwischen meiner Mutter und mir vorge- fallen: allein mich deucht dennoch, daß sie dieß gegen ihn haͤtte sparen koͤnnen; ob es gleich nie- mand hoͤrte, wie ich glaube, außer der Person, zu welcher es gesagt wurde, und der Fraͤulein, die es mir erzaͤhlte; denn meine Mutter sagte es leise. Wir leben nicht fuͤr uns allein, gnaͤdige Frau, sprach der schaͤndliche Heuchler. Nicht ein jeder hat eine Seele, die zur Freundschaft auf- aufgelegt ist: und was muß das fuͤr ein Herz seyn, welches gegen einen Freund im Leiden un- empfindlich seyn kann? Jst dieß ein Ausspruch von Herrn Lovela- cens Mund! sagte meine Mutter ‒ ‒ Verzei- hen sie mir, mein Herr, sie koͤnnen gewiß keine Absicht haben, warum sie sich bemuͤhen sollten, mir eine eben so gute Meynung von ihnen beyzu- bringen, als einige unschuldige Personen zu ih- rem Schaden von ihnen geheget haben. Sie wollte von ihm eilen. Aber er hielte sie bey der Hand ‒ ‒ Ein wenig gelinder, gnaͤ- dige Frau, ein wenig gelinder an diesem Orte. Sie werden zugeben, daß ein sehr strafwuͤrdiger Mensch seine Fehler einsehen mag. Sollte man denn nicht Barmherzigkeit gegen ihn ausuͤben: wenn er es thut, sie gestehet und bereuet? Jhr Wesen und Ansehen, mein Herr, scheint keine Reue zu erkennen zu geben. Allein der Ort, wo wir sind, mag dieß eben so gut entschuldigen als meine Ungelindigkeit, wie sie sich aus- druͤcken. Aber, gnaͤdige Frau, erlauben sie mir zu sa- gen, daß ich auf ihre Fuͤrsprache bey ihrer rei- zenden Tochter, dieß war sein betruͤgerisches Wort, hoffe, damit ich es in meiner Gewalt haben moͤge, alle Welt zu uͤberzeugen, daß nie- mand jemals aufrichtiger Reue gezeiget hat. Und warum, warum so zornig, gnaͤdige Frau ‒ ‒ denn sie bestrebte sich, ihre Hand von der seini- gen loszumachen ‒ ‒ Warum so heftig, so jung- M m 2 ferlich! ferlich! ‒ ‒ Der unverschaͤmte Kerl! ‒ ‒ Darf ich fragen, ob Fraͤulein Howe hier ist? Sie wuͤrde nicht hier gewesen seyn: wenn sie gewußt haͤtte, was fuͤr eine Person sie zu se- hen bekommen sollte. Jst sie denn hier? ‒ ‒ Dem Himmel sey Dank! ‒ ‒ Hiemit ließ er ihre Hand los, und trat weiter hervor in die Gesellschaft. Wertheste Fraͤulein Lloyd ‒ ‒ Jndem er dieß sagte, gab er sich ein Ansehen und faßte sie bey der Hand, wie er meine Mutter losgelassen hat- te ‒ ‒ Sagen sie mir, sagen sie mir doch, ist die Fraͤulein Arabella Harlowe hier? oder wird sie kommen? Jch habe es gehoͤrt: und eben dieß, und die bequeme Gelegenheit, ihrer Freun- dinn, der Fraͤulein Howe, meine Hochachtung zu bezeugen, sind bey mir wichtige Bewegungs- gruͤnde gewesen, dem Obristen aufzuwarten. Ausnehmende Dreistigkeit! Nicht wahr, meine Wertheste? Fraͤulein Arabella Harlowe, verzeihen sie mir, mein Herr, war die Antwort der Fraͤulein Lloyd, wuͤrde sehr wenig Neigung haben, sie hier oder sonst irgendwo anzutreffen. Es kann vielleicht seyn, meine liebe Fraͤulein Lloyd: aber vielleicht habe ich, eben aus der Ur- ache, mehr Verlangen, sie zu sehen. Fraͤulein Harlowe, mein Herr, sagte Fraͤu- lein Biddulph, mit einer drohenden Miene, wird schwerlich ohne ihren Bruder hier seyn. Jch stelle mir mir vor, wo einer kommt, so werden sie beyde kommen. Der Himmel gebe, daß sie beyde kommen! versetzte der Boͤsewicht. Von mir, versichre ich sie, Fraͤulein Biddulph, soll zu nichts Gelegenheit gegeben werden, diese Gesellschaft zu stoͤren. Eine geruhige Unterredung von einer halben Stunde mit diesem Bruder und seiner Schwester, in Ge- genwart des Obristen und seiner Gemahlinn, oder wen sie sonst waͤhlen wuͤrden, sollte fuͤr mich die gluͤcklichste Gelegenheit seyn. Jndem er sich nun rund herum wandte, als wenn er begierig waͤre, die eine, oder den andern, oder beyde zu finden: ward er meiner gewahr, und nahete sich mit einer sehr tiefen Beugung zu mir. Jch war ganz in Bewegung. Das koͤnnen Sie leicht vermuthen. Er wollte mich gern bey der Hand fassen. Jch weigerte mich aber, und gluͤhete ganz vor Unwillen. Aller Augen waren auf uns gerichtet. Jch ging von ihm an das andere Ende des Zimmers, und setzte mich nieder, wie ich dachte, aus seinem verhaßten Gesichte. Aber alsobald hoͤrte ich seine verhaßte Stimme hinter meinem Stuhl. Er redete leise und lehnte sich mit un- verschaͤmter Sorglosigkeit hinten auf denselben. Reizende Fraͤulein Howe! sprach er und sahe uͤber meine Schultern, Eine Bitte ‒ ‒ Jch sprung von meinem Stuhl auf: aber konnte kaum vor Unwillen stehen. ‒ ‒ O angenehmer und M m 3 wohl- wohlanstaͤndiger Widerwillen! redete der uner- traͤgliche Kerl leise fort! ‒ ‒ Es ist mir leid, daß ich ihnen alle diese Unruhe mache: allein erlauben sie mir, entweder hier, oder in ihrem eignen Hause, mir eine Viertelstunde Gehoͤr aus- zubitten. ‒ ‒ Jch bitte sie, gnaͤdige Fraͤulein, nur auf eine Viertelstunde, in einem von den anstoßenden Zimmern. Nein, wenn es auch ein Koͤnigreich einbraͤch- te, versetzte ich, und wehete mit meinem Fecher. ‒ ‒ Jch wußte nicht, was ich that ‒ ‒ Allein ich haͤtte ihn toͤdten koͤnnen. Wir werden so viel bemerket ‒ ‒ Sonst, meine liebe Fraͤulein Howe, wollte ich auf mei- nen Knieen um ihre Fuͤrsprache bey ihrer reizen- den Freundinn bitten. Sie wird ihnen nichts zu sagen haben. Jch hatte damals Jhre Briefe noch nicht, meine liebste Freundinn. Die Worte sind vermoͤgend zu toͤdten! ‒ ‒ Aber ich habe sie in der That verdient, und noch einen Dolch dazu in meinem Herzen. ‒ ‒ Jch bin mir meiner Unwuͤrdigkeit so wohl bewußt, daß ich keine Hoffnung, als in ihrer Fuͤrsprache habe ‒ ‒ O koͤnnte ich diejenige Gewogenheit, auf welche ich in keiner andern Betrachtung hof- fen kann, der Vermittelung der Fraͤulein Howe zu danken haben ‒ ‒ Meiner Vermittelung, schaͤndlichster Kerl! ‒ ‒ Meiner Vermittelung! ‒ ‒ Jch verabscheue euch! ‒ ‒ Aus ganzer Seele verabscheue ich euch, euch, schaͤndlichster Kerl! ‒ ‒ Drey oder viermal wiederholte ich diese Worte, noch dazu mit Stammlen ‒ ‒ Jch war ausnehmend in Be- wegung. Sie koͤnnen mich nicht so arg nennen, gnaͤdi- ge Fraͤulein, als ich mich selbst nennen will ‒ ‒ Jch bin, in Wahrheit, der schaͤndlichste Kerl ge- wesen ‒ ‒ Aber nun bin ich es nicht mehr ‒ ‒ Erlauben sie mir ‒ ‒ Aller Augen waren auf uns gewandt ‒ ‒ Erlauben sie mir nur auf ei- nen Augenblick Gehoͤr zu finden ‒ ‒ Nur zehn Worte mit ihnen zu wechseln, wertheste Fraͤu- lein Howe ‒ ‒ in wessen Gegenwart es ihnen beliebt ‒ ‒ um ihrer liebsten Freundinn willen ‒ ‒ nur zehn Worte mit ihnen in dem naͤchsten Zim- mer. Es ist eine Beschimpfung fuͤr mich, wenn man gedenket, daß ich nur ein einziges mit euch wechseln wuͤrde, wenn ich es aͤndern konnte! ‒ ‒ Mir aus dem Wege und Gesichte, Kerl! Hiemit wollte ich davon fliehen: allein er ergriff mich bey der Hand. Jch war uͤber alle Maaßen in Unordnung ‒ ‒ Jedermanns Au- gen wurden immer mehr und mehr aufmerksam uͤber uns. Herr Hickmann, den meine Mutter auf die Seite gefuͤhret hatte, ihm eine Geduld einzuschaͤr- fen, welche ihm vielleicht nicht noͤthig war auf- zudringen, kam hierauf eben mit meiner Mutter herauf. Sie hatte ihn an seinem Leitseil ‒ ‒ An seinem Ermel, sollte ich sagen. M m 4 Herr Herr Hickmann, sprach der kuͤhne Boͤsewicht, legen sie fuͤr mich eine Fuͤrbitte ein, daß ich nur zehn Worte, in dem naͤchsten Zimmer, mit der Fraͤulein Howe in ihrer, und der gnaͤdigen Frau- en Gegenwart zu reden Erlaubniß bekomme. Hoͤrt, Annchen, was er euch zu sagen hat. Um seiner loszuwerden, hoͤrt seine zehn Worte. Jch bitte um Entschuldigung, Frau Mutter. Sein Athem selbst ‒ ‒ Lassen sie mich los, mein Herr! Er seufzete, und sahe aus ‒ ‒ O wie seufze- te der ausgelernte Boͤsewicht! Wie sahe er aus! Er ließ endlich meine Hand fahren; mit einer solchen Ehrerbietung in seinem Bezeigen, daß ei- nige mich deswegen tadelten, weil ich ihn nicht hoͤren wollte. ‒ ‒ Dieß reizte mich noch mehr. O! meine liebste Freundinn, dieser Kerl ist ein Teufel! ‒ ‒ Dieser Kerl ist in Wahrheit ein Teufel! ‒ ‒ ‒ So gedultig, wenn es ihm be- liebt! So sanftmuͤthig! ‒ ‒ Und doch so ver- messen, so halsstarrig, so verwegen! Jch wollte in großer Verwirrung aus der Gesellschaft gehen. Er war eben so bald an der Thuͤr, als ich. Wie guͤtig ist dieß! sprach der nichtswuͤrdige Kerl und oͤffnete die Thuͤr fuͤr mich, weil er be- reit war, mir zu folgen. Jch kehrte darauf um, und weil ich nicht wußte was ich that! so fuhr ich ihm eben, da er mir mir so nahe kam, mit dem Fecher ins Gesicht, daß der Puder aus seiner Perucke flog. Jedermann schien so vergnuͤgt, als ich ver- drieslich war. Weil es ihn verdroß, daß der Puder von ihm staͤubte, und die Gesellschaft uͤber ihn lachte: so wandte er sich zu Herrn Hickmann. Sie wer- den einer der gluͤcklichsten Maͤnner in der Welt seyn, Herr Hickmann: weil sie ein guter Mann sind, und nichts thun werden, diese hitzige Fraͤu- lein zu reizen; sie aber zu viel Verstand hat, oh- ne Ursache gereizet zu werden. Sonst sey ihnen der Himmel gnaͤdig! Dieser Mann, dieser Herr Hickmann, meine Wertheste, ist allzu sanftmuͤthig fuͤr eine Manns- person. ‒ ‒ Jn der That es ist wahr ‒ ‒ Allein meine gedultige Mutter ruͤckt mir vor, daß ihre hitzige Tochter sich ihn desto lieber seyn lassen sollte. Aber sanftmuͤthige Maͤnner außerhalb Hauses sind nicht allemal sanftmuͤthige Maͤnner zu Hause. Jch habe das in mehr als einem Falle bemerket. Und wenn sie es auch waͤren: so wuͤrden sie mir, ich denke es in Wahrheit, des- wegen doch nicht besser gefallen. Hierauf wandte er sich zu meiner Mutter, mit dem Vorsatze, sich auch an ihr zu erholen. Woher, gnaͤdige Frau, hat die Fraͤulein alle diese Heftigkeit? Die ganze Gesellschaft um uns lachte: denn ich darf Jhnen nicht sagen, daß die heftige Ge- muͤthsart meiner Mutter gar wohl bekannt ist. M m 5 Sie Sie antwortete mit bitterem Verdruß: Sie be- gegnen mir, mein Herr, wie den Uebrigen in der Welt ‒ ‒ Allein ‒ ‒ Jch bitte um Verzeihung, gnaͤdige Frau, fiel er ein: ich haͤtte meine Frage sparen moͤgen ‒ ‒ Und alsobald, indem ich mich in die andere Ecke des Zimmers begab, ging er zu der Fraͤu- lein Playford. Was wollte ich darum geben, Fraͤulein, daß ich sie die Arie singen hoͤrte, wel- che sie bey dem Lord M. die Guͤte gehabt haben uns vorzusingen? So gerieth er mit ihr und der Fraͤulein d’Ollyffe in eine Unterredung uͤber die Musik, als wenn nichts vorgefallen waͤre, und sang der Fraͤu- lein Playford leise vor, indem er sie bey beyden Haͤnden gefaßt hatte; mit solchem freyen und unbekuͤmmerten Wesen, daß es mich nicht wenig verdroß, herum, und zuzusehen, wie vergnuͤgt die Haͤlfte von den unbesonnenen Thoͤrinnen unsers Geschlechts mit ihm war, da doch seine gottlose Gemuͤthsart so beschrieen ist ‒ ‒ Daher kom- men die meisten Schandthaten solcher ehrlosen Buben. Wuͤrden sie hingegen finden, daß man sie meidete, verachtete und als raͤuberische Thie- re, wie sie sind, hielte: so wuͤrden sie zu ihren Hoͤlen laufen und da fuͤr sich heulen. Alsdenn wuͤrde niemand, außer denen, die ein betruͤbter Zufall, oder eine Vermessenheit, die kein Mitlei- den verdienet, ihnen in die Haͤnde spielte, durch sie leiden. Nach Nach diesem schwatzte er bisweilen sehr ernsthaft mit Hrn. Hickmann. Bisweilen, sa- ge ich: denn es ward mit vielen ploͤtzlichen An- wandlungen eines lustigen Bezeigens unterbro- chen. Bald wandte er sich zu dieser, bald zu je- ner Fraͤulein, bald wieder zu Herrn Hickmann: indem er nach Belieben eine ernsthafte oder freu- dige Miene annahm. Auf die Art zog er aller und sonderlich der Frauenzimmer Augen an sich. Diese waren voll von Verwunderung uͤber ihn: jedoch mit den Zusaͤtzen von ihrem Wenn nur, und Aber, und Was ist es Schade, und andern solchem Zeuge, welche, selbst bey ihrem Tadel, zu viel Wohlgefallen anzeigten. Unser Geschlecht mag wohl billig solchen lie- derlichen Leuten ein Spott und Gelaͤchter seyn! Was fuͤr unbesonnene Creaturen, die sich bloß durch das Auge regieren lassen! ‒ ‒ Wuͤrde uns nicht eine kleine Ueberlegung lehren, daß ein Mann, der wahre Vorzuͤge hat, ein sittsamer Mann seyn muͤsse, weil er bloͤde seyn muß? Und daß ein so nichtswuͤrdiger Kerl, als dieser, seine Stuffen in der Bosheit erreichet, und einen gan- zen Lauf in Schandthaten vollendet haben muͤsse, ehe er zu dieser unbegreiflichen Unverschaͤmtheit gelangen konnte? Einer Unverschaͤmtheit, die bloß von der schlechten Meynung, welche er von uns, und den hohen Gedanken, welche er von sich selbst heget, herruͤhren kann. Allein Personen von unserm Geschlechte sind uͤberhaupt sittsam und verschaͤmt an sich selbst, und und nur allzugeneigt, das, was in der That ihre vornehmste Anmuth ist, als einen Fehler anzuse- hen. Gar fein urtheilen sie: wenn sie diesen Fehler dadurch zu ersetzen gedenken, daß sie einen Mann waͤhlen, der sich nicht schaͤmen kann. Seine Unterredung mit Herrn Hickmann fiel auf Sie, und das Unrecht, welches er Jhnen nach seinem eignen Gestaͤndniß gethan hat: ob er gleich von der Sache so leicht abbrechen, und wieder dazu kommen konnte. Jch habe keine Gedult mit einem solchen Teufel ‒ ‒ Mensch kann er nicht heißen. Ge- wiß er wuͤrde sich allenthalben, und vor jeder- mann, selbst bey dem Altar eben so auffuͤhren: wenn ein Frauenzimmer mit ihm da waͤre. Es soll allemal eine Regel bey mir seyn, daß derjenige, der ein Frauenzimmer nicht mit einiger Ehrerbietung ansiehet, es mit Verachtung anse- hen, und bey Gelegenheit auch veraͤchtlich mit dem- selben umgehen werde. Er war so dreist, daß er mich auffordern woll- te: allein ich schlug es ihm schlechterdings ab, und meidete ihn, so viel ich konnte, mit den ver- achtungsvollesten Blicken. Aber ihn konnte nichts kraͤnken. Jch wuͤnschte wohl zwanzig mal, daß ich nicht da gewesen waͤre. Die Cavalliers, glaube ich, haͤtten eben so gern gewuͤnscht, als ich, daß er lieber den Hals gebrochen haͤtte, als da gewesen waͤre. Denn niemand ward geachtet, als er. Er ist so wenig von von einem Hasenfuß, und doch so zierlich und praͤchtig in seiner Kleidung. Seine Person ist so scheinbar. Seine Arten zu handeln sind so unerschrocken. Jn seinem Gesichte zeigt sich so viel Nachdenken und Scharfsinnigkeit. Er be- sitzt so viele Munterkeit, doch so wenig affenmaͤs- siges. Ob er gleich gereiset hat: so hat er doch nichts angenommenes in seinem Wesen. Er ist kein bloßer Flatterer: sondern ganz maͤnnlich. Sein Witz ist so bekannt: und vor seinem Muth fuͤrchtet man sich so sehr. Sie muͤssen daher nothwendig denken, daß die kleinen Stutzer, de- ren vier oder fuͤnfe gegenwaͤrtig waren, in seiner Gesellschaft jaͤmmerlich zu kurz kamen. Ein an- sehnlicher Cavallier, dem es gefiel, wie er mich ihn so meiden sahe, erwaͤhnte gegen mich, daß die Anmerkung des Dichters nur allzu wahr waͤre, daß die Frauenzimmer gemeiniglich in ihren Herzen liederlich waͤren: sonst koͤnnten sie fuͤr einen Menschen, der einen so beruͤchtigten Namen haͤtte, nicht so eingenommen seyn. Jch gab ihm dagegen zu erkennen, daß die Anmerkung so wohl bey dem Poeten als bey dem, der sie anwendete, viel zu allgemein sey, und mit mehr Unart, als guten Sitten, gemacht wuͤrde. Als der nichtswuͤrdige Kerl sahe, wie sorg- faͤltig ich ihn meidete; indem ich aus einer Ecke des Zimmers in die andre ging: so kam er end- lich kuͤhn zu mir herauf, da meine Mutter und Herr Hickmann mit mir sprachen; und redete mich vor ihnen also an: Jch Jch bitte um Verzeihung, gnaͤdige Fraͤulein, ich muß gewiß, mit ihrer Fr. Mutter Erlaubniß, auf einige Augenblicke eine Unterredung mit ih- nen haben; entweder hier, oder in ihrem eignen Hause: und ich ersuche, mir dazu Gelegenheit zu verstatten. Annchen, sagte meine Mutter, hoͤrt, was er euch zu sagen hat. Jn meiner Gegenwart moͤcht ihr es wohl thun: und besser in dem naͤchsten Zimmer, wenn es seyn muß, als daß er zu euch in unser eignes Haus komme. Darauf trat ich in die eine Ecke des Saals. Meine Mutter folgte mir, und er folgte ihr mit Herrn Hickmann, den er unter dem Arm gefaßt hatte ‒ ‒ Nun, mein Herr, sprach ich, was ha- ben sie denn zu sagen? ‒ ‒ Sagen sie es mir hier. Jch habe mich gegen Herrn Hickmann schon erklaͤret, fing er an, wie sehr ich wegen der Be- leidigungen, die dem vortrefflichsten Frauenzim- mer in der Welt von mir widerfahren sind, be- kuͤmmert sey: daß sie zwar das letzte mal, da ich die Ehre gehabt sie zu sehen, einen so herrlichen Sieg uͤber mich erhalten habe, der, nebst meiner Reue, billig ihren vorigen Unwillen haͤtte maͤßi- gen sollen; daß ich aber dennoch von ganzem Herzen mir alle Maaßregeln gefallen lassen wol- le, Vergebung von ihr zu erlangen. Meine Ba- sen Montague haben ihnen eben das eroͤffnet. Die Lady Elisabeth und Lady Sarah, und mein Lord M. haben sich fuͤr meine Ehre verbuͤrget. Jch Jch weiß, wie viel sie bey der werthen Person vermoͤgen. Meine Basen haben mir gesagt, daß sie ihnen Hoffnung gemacht haͤtten, dieß bey ihr zu meinem Besten anzuwenden. Mein Lord M. und seine beyden Schwestern warten mit sehnlichem Verlangen auf die Wirkungen dessel- ben. Sie muͤssen von ihr schon vor itzo Nach- richt gehabt haben: ich hoffe, sie haben Nach- richt. Wollen sie denn die Guͤte haben, mir zu entdecken, ob ich mir einige Hoffnung machen moͤge? Wenn ich von dieser Sache reden muß: so wissen sie, daß sie ihr das Herz gebrochen haben. Sie kennen den Werth der Fraͤulein nicht, wel- che sie beleidigt haben. Sie sind ihrer nicht wuͤrdig: und sie verachtet sie, wie sie billig muß. Werthe Fraͤulein Howe, lassen sie keinen Zorn sich mit so harten Ankuͤndigungen vermen- gen. Jch muß mein Schicksal wissen. Jch will noch einmal auf Reisen gehen: wo ich sie schlechterdings unversoͤhnlich finde. Allein ich hoffe, sie werde mir erlauben, ihr selbst aufzuwar- ten, damit ich mein Urtheil aus ihrem eignen Munde erfahre. Es wuͤrde alsobald Jhr Tod seyn, sie zu se- hen. Und was muͤssen Sie seyn, wenn sie ihr ins Gesicht zu sehen vermoͤgend sind? Jch warf ihm hierauf, heftig genug, das koͤn- nen sie glauben, seine Schandthaten vor, und das Uebel, welches sie von ihm gelitten haͤtten. Jch hielte ihm vor, in was fuͤr Ungluͤck er sie gestuͤr- zet; zet; wie er alle ihre Freunde ihnen zu Feinden gemacht; und in was fuͤr ein schaͤndliches Haus er sie gefuͤhret haͤtte. Jch gab ihm einen Wink von seinen ehrlosen Kuͤnsten und von dem schreck- lichen Verhaft. Jch sagte ihm, wie schlecht sie sich itzo befaͤnden, und wie fest sie entschlossen waͤren, lieber zu sterben, als ihn zu nehmen. Er suchte seine Auffuͤhrung in keinem Stuͤ- cke, als in Ansehung des Verhafts, zu rechtferti- gen: und betheurte so feyerlich seine schmerzliche Reue uͤber sein Verfahren mit Jhnen, indem er sich auf die freyeste Art selbst anklagte und sich die verdienten Namen beylegte, daß ich ver- sprach, Jhnen dieses Stuͤck von unserer Unterre- dung vorzustellen. Und nun haben sie es. Meine Mutter so wohl, als Herr Hickmann, glaubt, wegen desjenigen, was bey dieser Gele- genheit vorfiel, daß er durch das Boͤse, welches er Jhnen angethan, in seinem Gewissen geruͤhret sey. Allein nach seinem ganzen Bezeigen, muß ich gestehen, kommt es mir vor, als wenn ihn nichts eine halbe Stunde uͤber zu ruͤhren vermoͤ- gend ist. Dennoch zweifle ich im geringsten nicht, daß er sie gern heyrathen wuͤrde. Es kraͤnkt seinen Stolz, wie ich wohl sehen konnte, daß er eine abschlaͤgige Antwort bekommen sollte: und den meinigen kraͤnkte es dagegen, daß ein so nichts- wuͤrdiger Kerl sich unterstanden hatte, zu denken, es wuͤrde in seiner Gewalt seyn, ein solches Frauenzimmer zu bekommen, wenn es ihm nur beliebte; und es muͤßte ihm als eine Herablas- sung sung oder eine Gefaͤlligkeit, wenigstens von allen seinen eignen Verwandten, angerechnet werden, wenn er sich gefallen lassen wollte, an das Heyra- then zu denken. Nun wissen Sie die Ursache, liebste Freun- dinn, warum ich noch verziehe, den Fraͤuleins von seiner Familie die abschlaͤgige Antwort zu mel- den. Meine Mutter, Fraͤulein Lloyd und Fraͤu- lein Biddulph, welche sehr begierig nachfragten, was in unserer geheimen Unterredung vorgefal- len waͤre, und deren Neubegierde ich einigerma- ßen fuͤr recht hielte zu befriedigen, sonderlich da sie zu unserer naͤchsten Bekanntschaft gehoͤren, sind alle der Meynung, daß Sie ihn nehmen soll- ten. Sie werden Herrn Hickmann vollkommen Jhre Meynung wissen lassen. Wenn er mir die- selbe eroͤffnet: so will ich Jhnen auch meine Mey- nung voͤllig sagen. Moͤchte er mir, unterdessen, nur gute Zeitung von dem Zustande Jhrer Gesundheit bringen! So wuͤnschet mit dem eifrigsten Verlangen Jhre ewig getreue und ergebene Anna Howe. Sechster Theil. N n Der Der fuͤnf und siebzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Donnerstags, den 27ten Jul. Meine liebste Fraͤulein Howe. J ch erkenne mit schuldigem Dank ihre Gewo- genheit, daß Sie Herrn Hickmann zu mir gesandt, mich zu besuchen, ehe Sie Jhre beschlosse- ne Reise antreten. Hiernaͤchst aber muß ich mit Jhnen keifen, nach der Aufrichtigkeit derjenigen Liebe, welche nicht die Liebe seyn koͤnnte, die sie ist, wenn sie diese bindende Freyheit nicht leiden wollte, daß Sie es aufgeschoben haben, die ab- schlaͤgige Antwort zu geben, welche ich Sie mit so reifer Ueberlegung instaͤndigst gebeten hatte, den Anverwandten des Herrn Lovelacens zu ver- melden. Es ist mir leid, daß ich genoͤthigt bin, Jh- nen, meine Wertheste, die mich so wohl kennen, noch einmal zu sagen, daß, wenn ich auch noch viele Jahre leben sollte; ich Herrn Lovelacen nicht haben wollte: viel weniger kann ich an ihn gedenken, da es wahrscheinlich ist, daß ich nicht eines mehr erleben werde. Was die Welt und ihre Urtheile betrifft: so wissen Sie, liebste Freundinn, daß ich zwar allezeit allezeit sehr gewuͤnschet, einen guten Namen zu haben, aber es dennoch niemals fuͤr recht gehal- ten, der Meynung der Welt mehr als einen Ne- benplatz einzuraͤumen. Die Vorwuͤrfe, welche die Fraͤulein d’ Oily Herrn Lovelacen in oͤffentli- cher Gesellschaft gemacht, sind ein neuer Beweis, daß ich meine Ehre bey der Welt verloren habe. Und was wuͤrde es mir fuͤr ein Vortheil seyn, wenn sie auch wieder zu ersetzen waͤre, und ich lange leben sollte, wofern ich mich selbst nicht ge- gen mich selbst rechtfertigen koͤnnte? Weil ich in meinem vorigen Schreiben so viel von den Freyheiten gesagt, welche Sie sich gegen meine Freunde genommen haben: so will ich nun desto weniger sagen. Allein der Wink, den Sie mir geben, daß noch sonst etwas, zwi- schen einigen von denselben und Jhnen, neulich vorgefallen ist, macht mir vielen Kummer: und das so wohl meinetwegen, als um jener willen; indem sie das nothwendig mehr gegen mich erbit- tern muß. Jch wuͤnschte, liebe Freundinn, daß ich in einer Angelegenheit, woran mir so sehr viel lieget, mir selbst und meinen eignen Maaßregeln uͤberlassen waͤre. Da aber geschehene Dinge nicht zu aͤndern sind: so muß ich die Folgen er- tragen. Jedoch befuͤrchte ich mehr als vorher, was mir meine Schwester antworten moͤge, wo ich gar nur einer Antwort gewuͤrdigt werde. Wollen Sie mir erlauben, meine Wertheste, dieß mit einer Anmerkung zu beschließen? ‒ ‒ Es soll diese seyn. Meine geliebte Freundinn N n 2 hat hat allezeit in solchen Dingen, woran ihr loͤbli- cher Eifer Theil gehabt, mehr den Verweis, als den Fehler zu vermeiden geschienen. Wol- len Sie mir diese Freyheit zu gute halten: so will ich wiederum Jhrer Art zu denken so viel einraͤumen, daß, in Ansehung der Auffuͤhrung ei- niger Eltern in diesen bedenklichen Faͤllen, unbe- daͤchtlicher Widerstand oft eben so viel Ungluͤck anrichte, als unbesonnene Liebe. Was Jhre guͤtige Einladung betrifft, mich in geheim in Jhre Nachbarschast zu begeben: so habe ich mich gegen Herrn Hickmann erklaͤrt, daß ich es uͤberlegen wolle. Aber ich glaube, wo Sie die Guͤte haben wollen, mich entschuldigt zu halten, daß ich es nicht annehmen werde: wenn ich auch im Stande seyn sollte, von hier aufzu- brechen. Jch will Jhnen meine Gruͤnde ange- ben, warum ich es ausschlage: und das muß ich billig thun, da meine Liebe und Dankbarkeit mir einen Besuch, den ich bisweilen von meiner lie- ben Fraͤulein Howe haben koͤnnte, zu dem groͤß- ten Trost und Vergnuͤgen in der Welt machen wuͤrde. Sie muͤssen also wissen, daß diese große Stadt, so gottlos sie auch ist, doch keinen Man- gel an bequemer Gelegenheit habe, sich zu bessern: indem hier taͤglich in verschiedenen Kirchen Bet- stunden gehalten werden. Diese Gelegenheit suche ich mir mit großem Verlangen, wie es mei- ne Kraͤfte zulassen wollen, zu Nutze zu machen. Die Art und Weise, welche ich mir vorgenom- men, men, und angefangen hatte, als der grausame Verhaft mich so wohl der Freyheit als der Kraͤf- te beraubte, ist diese. Wenn ich zu einer gelin- den Bewegung aufgelegt war: so nahm ich eine Saͤnfte nach St. Dunstans Kirche in Fleet- Street, wo des Morgens um sieben Bethstunde ist. Jch war willens, wenn das Wetter gut waͤre, zu Fuße nach der Kapelle in Lincolns-Jnn zu gehen; wo nicht, eine Saͤnfte zu nehmen: weil daselbst fruͤhe um eilfe, und Nachmittags um fuͤnfe, eben die erwuͤnschte Gelegenheit ist. Zu andern Zeiten gedachte ich nicht weiter, als zur Kirche beym Covent-Garden, zu gehen, wo ebenfalls des Morgens fruͤhe Bethstunde gehal- ten wird. Wenn ich dieser Weise folge: so zweifle ich nicht, daß es sehr viel helfen wird, wie es schon gethan hat, meine unruhige Gedanken zu einer Stille, und mich zu derjenigen vollkommenen Ergebung in den goͤttlichen Willen, wornach ich trachte, zu bringen. Denn ich muß gestehen, wertheste Freundinn, daß noch bisweilen mein Kummer und Nachdenken mir zu schwer ist, und alle Huͤlfe, die ich von den Pflichten der Re- ligion nehmen kann, kaum hinreichet, meine wankende Vernunft zu stuͤtzen. Jch bin sehr jung, das wissen Sie, meine Wertheste, meiner eignen Leitung in solchen Umstaͤnden, worunter ich bin, uͤberlassen zu seyn. Eine andere Ursache, warum ich mich nicht gern in Jhre Nachbarschaft begeben will, ist das N n 3 Misver- Misvergnuͤgen, welches meinetwegen zwischen Jhrer Fr. Mutter, und Jhnen, entstehen moͤchte. Waͤren Sie wirklich verheyrathet; und ver- langte alsdenn der rechtschaffene Mann, der in dem Fall ein Recht haben wuͤrde, Jhnen in allen Jhren Absichten befoͤrderlich zu seyn, daß ich in der Nachbarschaft seyn sollte: so weiß ich, in der That, nicht, was ich thun moͤchte. Denn wenn ich gleich nicht willens seyn wuͤrde, zu der Zeit, da ich Jhnen einen Besuch abstatten und meinen Gluͤckwunsch ablegen duͤrfte, meine andern wich- tigen Ursachen fahren zu lassen: so moͤchte ich doch nicht wissen, wie ich mir selbst das Vergnuͤ- gen versagen koͤnnte, in der Naͤhe bey Jhnen zu bleiben, wenn ich einmal da waͤre. Jch uͤbersende Jhnen die Abschrift von mei- nem Briefe an meine Schwester beygeschlossen. Jch hoffe, man werde gedenken, daß er mit ei- nem wahrhaftig reuevollen Gemuͤthe geschrieben sey: denn er ist es in der That. Jch bitte, daß Sie nicht glauben, als wenn ich mich in demsel- ben zu sehr erniedrige: indem das bey einem Kin- de gegen Eltern, die es ungluͤcklich beleidiget hat, nicht statt haben kann. Sollten sie ihn aber noch, da sie vielleicht mehr als vorher uͤber Jhre Freyheiten gegen sie unwillig sind, mit Verachtung und Stillschwei- gen uͤbergehen; denn ich bin bisher noch mit kei- ner Antwort beguͤnstigt worden: so muß ich ler- nen, es an ihnen fuͤr recht zu halten, daß sie es thun; thun; sonderlich da ich mich itzo zum ersten mal gerade an sie wende. Denn ich habe oft die Kuͤhnheit derjenigen Leute getadelt, die eine Gunst- bezeigung suchen, welche jemand nach eignem Gutbefinden zugestehen, oder abschlagen kann, und sich doch die Freyheit nehmen beleidigt zu seyn, wenn ihnen nicht gewillfahret wird: als ob der, von dem etwas gebeten wird, nicht eben so gut ein Recht haͤtte, es zu versagen, als der, welcher bittet, es zu fordern. Wofern hingegen mein Brief beantwortet werden sollte; und zwar in solchen Ausdruͤcken, daß ich ihn einer so feurigen Freundinn nicht gern zeigen moͤchte: ‒ ‒ so muͤssen Sie, meine wer- the Freundinn, nicht unternehmen, meine Ver- wandten unguͤtig zu beurtheilen, sondern ihnen etwas zu gute halten; weil sie nicht wissen, was ich gelitten habe; weil sie mit gerechtem Un- willen gerecht fuͤr sie, wenn sie ihn fuͤr gerecht ansehen, wider mich eingenommen sind; und weil sie nicht im Stande sind, von der Wahrheit meiner Reue zu urtheilen. Was koͤnnen sie auch fuͤr mich thun: wenn man alles erwaͤget? ‒ ‒ Sie koͤnnen bloß Mit- leiden mit mir haben. Und was wird das wei- ter thun, als ihren eignen Kummer nur ver- mehren, dem itzo ihr Unwillen noch eine Er- leichterung ist? Denn koͤnnen sie, durch ihr Mit- leiden, meine verlorne Ehre bey der Welt wieder herstellen? Koͤnnen sie dadurch einen Schwamm kaufen, der die vergangenen ungluͤcklichen fuͤnf N n 4 Monate Monate meines Lebens von dem Jahr auswi- schen wird Sie rechnet die Zeit mit, da sie bestimmte, dem Herrn Lovelace eine Unterredung zu verstatten. ? Jhre Nachricht von dem froͤhlichen und un- bekuͤmmerten Bezeigen des Herrn Lovelacens, bey dem Obristen, setzt mich gar nicht in Ver- wunderung: nachdem ich gehoͤrt habe, daß er die Dreistigkeit gehabt, dahin zu kommen; ob er gleich gewußt, wer eingeladen und erwartet wuͤrde. ‒ ‒ Nur daruͤber, meine Wertheste, wundere ich mich wirklich, wie Fraͤulein Howe sich einbilden koͤnnen, daß ich an einen solchen Menschen, als meinen Ehegatten, gedenken koͤnnte. Der elende Mensch! Jch habe Mitleiden mit ihm, daß ich ihn herum flattern; die Gaben, welche ihm zu vortrefflichen Absichten gegeben sind, misbrauchen; Muthigkeit fuͤr Witz halten; und ohne Furcht vor der Gefahr an dem Rande des Abgrundes herumtanzen sehe! Allein, in Wahrheit, seine Drohung, mich zu sehen, beunruhigt und kraͤnket mich auf das empfindlichste. Jch kann nicht anders, als hof- fen, daß ich ihn in dieser Welt niemals wieder se- hen werde. Weil Sie, liebste Freundinn, den Fraͤuleins von seiner Familie die abschlaͤgige Antwort, auf mein Ersuchen, so ungern melden wollen: so will ich Sie nur bemuͤhen, den Brief, welchen ich zu dem Ende einschließen werde, zu uͤbermachen. Er Er ist zwar an Sie selbst gerichtet; weil die Fraͤuleins sich in dieser Angelegenheit an Sie ge- wandt haben: aber bloß an eine von denen Fraͤu- leins, an welche es Jhnen selbst belieben wird, zu senden. Jch empfehle mich, liebste Fraͤulein Howe, zu Jhrem Gebeth, und beschließe mit wiederholter Danksagung, daß Sie den Herrn Hickmann zu mir geschickt haben, und mit den aufrichtigsten Wuͤnschen, daß Sie gesund und gluͤcklich leben und bald Jhren Hochzeitstag begehen moͤgen, Jhre ewig ergebene und verbundene Clarissa Harlowe. Der sechs und siebzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Ein Einschluß von dem vorhergehenden. Donnerstags, den 27ten Jul. Meine wertheste Fraͤulein Howe. W eil Sie sich ungern mit meiner festen Ent- schließung, die ich Jhnen so bald, als ich nur im Stande war, eine Feder zu halten, er- oͤffnet habe, zufrieden zu geben scheinen: so bitte ich mir die Gewogenheit von Jhnen aus, durch N n 5 ge- gegenwaͤrtiges, oder durch einen andern Weg, den Sie am bequemsten finden, den wuͤrdigen Fraͤuleins, weiche sich zum Behuf ihres Ver- wandten an Sie gewendet haben, zu vermelden, daß ich zwar fuͤr ihre edelmuͤthige Meynung von mir unendlich ver bunden sey, aber dennoch nicht einwilligen koͤnne, Herrn Lovelacens vielfaͤltige Uebertretungen aller sittlichen Gesetze, so zu sa- gen, fuͤr rechtmaͤßig zu erklaͤren, und durch eine Verbindung mit einem Menschen, durch des- sen vorsetzliche Beleidigungen, in einer langen Folge von den niedertraͤchtigsten Raͤnken, ich al- le meine zeitliche Hoffnung verlohren habe, auch meine kuͤnftige Gluͤckseligkeit in Gefahr zu setzen. Er muß gewiß selbst, wenn er seine eigne Handlungen uͤberleget, der Gerechtigkeit so wohl als der Anstaͤndigkeit meiner Entschließung Zeug- niß geben. Die Fraͤuleins, darf ich sagen, wuͤr- den es thun, wenn sie den ganzen Verlauf von meinem ungluͤcklichen Schicksal wuͤßten. Haben Sie die Guͤte, ihnen zu eroͤffnen, daß ich mich selbst betruͤge: wofern mein Vorsatz in diesem Stuͤcke nicht vielmehr aus gutem Grund- saͤtzen, als aus einer Leidenschaft, fließet; so undankbar, ja gar unmenschlich er auch mit ihr umgegangen ist. Jch kann von der Wahrheit dieser Versicherung keinen staͤrkern Beweis ge- ben, als wenn ich mich erklaͤre, daß ich ihm ver- geben kann und will; unter dieser einzigen und leich- leichten Bedingung, daß er mir niemals wei- ter beschwerlich fallen wolle. Auf welche Art es Jhnen auch belieben mag, diese Erklaͤrung zu thun, so haben Sie doch die Gewogenheit, ihr meine gehorsamste Empfeh- lung an die Fraͤulein und Ladies von der edlen Familie und den Lord M. beyzusuͤgen. Und glauben Sie, meine Wertheste, daß ich bis an den letzten Augenblick meines Lebens seyn werde Jhre bestaͤndig verbundene und ergebene Clarissa Harlowe. Der sieben und siebzigste Brief von Hrn. Lovelace an Hrn. Joh. Belford. Freytags, den 28ten Jul. J ch habe drey Briefe von dir, woruͤber ich etwas schreiben muß Es ist der LXXI. LXXII. und LXXIII. Brief. : aber ich bin zwei- felhaft, ob ich wegen deiner unbarmherzigen An- merkungen mit dir zanken, oder fuͤr deine ange- nehme Sorgfalt, mir alle Umstaͤnde genau zu melden, dir Dank sagen soll. Allein ich habe in der That, manche von meinen angenehmen Schaͤtzchens, zu meiner Zeit, in einem Athem zum Weinen und Lachen gebracht; ja an einer Seite von von ihren artigen Gesichtern ein Lachen zu erre- gen gewußt, ehe noch an der andern das Wei- nen voruͤber gehen konnte. Warum sollte ich dich denn nicht in einem und eben demselben Augenblick verfluchen und loben koͤnnen? Nimm also beydes auf einmal hin: und das folgende so, wie es mir aus der Feder kommen wird. Wie oft habe ich meine Suͤnden gegen diese unvergleichliche Fraͤulein, aufrichtig bekannt? ‒ ‒ Dennoch schonst du meiner niemals, ob du gleich ein eben so boͤser Kerl bist, als ich. Weil ich denn so wenig durch meine Bekenntnisse gewinne: so waͤre ich nicht uͤbel geneigt, einen Versuch zu thun, mich zu vertheidigen; und das nicht allein aus der aͤltern und neuern Geschichte, sondern auch aus dem ordentlichen Lauf der Welt; je- doch so, daß ich nichts wiederhole, was ich schon vorher zu meinem Behuf angebracht habe. Jch habe Lust mit meiner Feder zu spielen. So hoͤre denn kuͤrzlich zuerst aus der alten Histo- rie. ‒ ‒ Meynst du nicht, daß ich eben so viel Recht habe auf Vergebung Anspruch zu machen, in Betrachtung der Fraͤulein Harlowe, als Vir- gils Held, in Betrachtung der Koͤniginn Dido? Denn was fuͤr ein undankbarer Bube war der Fluͤchtling gegen die gastfreye Prinzeßinn, die ihm gutwillig die letzte Gunst zugestanden hat- te? ‒ ‒ Da er sich wie ein Dieb davon schlich? woher vermuthlich noch heut zu Tage die Redens- art, ein getreuer Trojaner, spottweise gebraucht wird. Es ist wahr, er gab vor, daß es auf Befehl Befehl der Goͤtter geschehe. Allein konnte das wohl seyn: da sein Gewerbe, worauf er ausging, nichts anders war, als andere Fuͤrsten nicht nur ihrer Herrschaften, sondern auch ihres Lebens zu berauben? ‒ Nichts desto weniger heißt dieser Kerl bey dem unsterblichen Dichter, der ihn be- singet, bey jedem Worte der fromme Aeneas. Wenn nun auch Fraͤulein Harlowe ihr Herz, welches der Himmel verhuͤten wolle! brechen sollte, weil ihr so begegnet ist; nichts von ihrem betrogenen Stolz zu sagen, dem ihr Tod mehr, als irgend einem vernuͤnftigen Grunde, zuzuschrei- ben seyn wuͤrde: was fuͤr einen Vergleich wird ihr Schicksal mit dem Schicksal der Koͤniginn Dido haben? Und habe ich halb die Verbindlich- keit gegen sie, welche Aeneas gegen die Koͤniginn von Carthago hatte? Da die letztere ein Ver- trauen, die erstere gar keines, in ihren Mann setzte? ‒ ‒ Wer ist hiernaͤchst sonst von mir ge- pluͤndert? Wer ist sonst von mir beleidigt wor- den? Jhrem Bruder habe ich sein nichtswuͤrdi- ges Leben geschenket, statt daß ich es irgend einem genommen haͤtte, wie der Trojanische Fluͤchtling es wohl tausenden genommen hat. Warum sollte es denn nicht eben so wohl der fromme Lovelate, als der fromme Aeneas heißen? Denn denkst du wohl, wenn ein Brand entstanden und es in meiner Gewalt gewesen waͤre, daß ich mei- nen alten Anchises, wie er den seinigen aus dem Freudenfeuer von Troja, nicht auch so gar mit dem Verlust meiner Creusa, wenn ich ein Weib dieses dieses Namens gehabt haͤtte, gerettet haben wuͤrde? Aber ich will ein neuers Beyspiel zu meinem Vortheil anfuͤhren ‒ ‒ Bin ich mit der Fraͤu- lein Harlowe so umgegangen, als unsere beruͤhm- te jungfraͤuliche Koͤniginn, wie sie genannt wur- de, mit einer Person von ihrem eignen Blute, einer verschwisterten Koͤniginn, umgegangen ist, die sich vor ihren aufruͤhrischen Unterthanen in ih- ren Schutz begab, von ihr aber achtzehn Jahr gefangen gehalten, und endlich enthauptet wurde? Nennen dennoch ehrliche Protestanten sie nicht auch so gar fromm: weil sie durch aͤrgere und schlechtere Regierungen, in vier Thronfolgen, Ansehen und Liebe erlanget hat? ‒ ‒ Ja nen- nen sie dieselbe nicht ins besondre ihre Koͤniginn? Was den ordentlichen Lauf der Welt betrifft: so will ich dich nur fragen. ‒ Wer ver- sagt es sich wohl, eine herrschende Leidenschaft, sie bestehe, worinn sie wolle, zu vergnuͤgen, wenn er es in seiner Gewalt hat? ‒ ‒ Ueberlaͤßt er es nicht geruhigern Betrachtungen, und, wo er ein großer Herr ist, seinen Schmeichlern, nachher ei- ne Ursache dafuͤr aufzusuchen? Jch will ferner auch den aͤrgsten Theil mei- nes Verfahrens mit der Fraͤulein nicht vorbey- lassen. ‒ ‒ Wie viele Mannspersonen giebt es, die eben so wohl, als ich, durch berauschendes Ge- traͤnke erst trunken zu machen, und dann zu uͤber- winden gesucht haben? Was liegt daran, von wel- welcher Art die Traͤnke gewesen, wenn man eben dieselbe Absicht zum Ziel gehabt hat? Ueberhaupt muß ich dir sagen, daß weder die Koͤniginn von Carthago, noch die Koͤniginn von Schottland, gedacht haben wuͤrden, daß sie Ursache haͤtten sich zu beklagen: wenn man nicht aͤrger mit ihnen umgegangen waͤre, als ich mit der Koͤniginn meines Herzens umgegangen bin. Trage ich uͤber dieß nicht ein sehnliches Verlan- gen, alles durch die Heyrath wieder gut zu ma- chen? Was meynst du, wuͤrde der fromme Ae- neas wohl so gerecht gegen seine Dido gewesen seyn: wenn sie gelebt haͤtte? Wohlan denn, Belford, laß die Leute mit ih- ren Begriffen laufen, wie sie wollen: ich bin vergleichungsweise ein sehr unschuldiger Mensch. Und habe ich durch diese und andere dergleichen Schluͤsse mein eignes Gewissen nur befriediget: so ist eine wichtige Absicht erhalten. Was habe ich mit der Welt zu thun? Nun setze ich mich geruhig nieder, deine Briefe zu erwaͤgen. Jch hoffe, deine Vorstellungen zu meinem Vortheil Siehe den LXXII. Brief. , als sie dir meine Briefe fuͤr mich, und zwar mit so vieler Großmuth, uͤbergab, wa- ren mit dem Nachdruck, den die Ehrlichkeit er- fordert, begleitet. Aber ich habe dich sehr im Verdacht, daß du deinen Clienten zu bald ver- lohren giebst. Hiernaͤchst hast du ein so wunder- liches Ansehen, das nichts gutes zusaget; ein Ansehen Ansehen, das vielmehr zur Verwerfung reizet, als Ueberredung mit sich fuͤhret; und bist ein sol- ches stotterndes Scheusal, daß ich, wo ich ver- liere, es vielmehr der Ungeschicklichkeit und dem uͤbeln Ansehen meines Sachwalters, als meiner Sache selbst zuschreiben werde. Ferner bist du der Staͤrke beraubt, welche sonst Leute von un- serm Schlage ihren Gruͤnden geben: denn sie will dich nicht schwoͤren lassen ‒ ‒ Noch dazu bist du ein langsamer Kopf, ein Kerl der nicht denkt; bloß ertraͤglich, wenn es nur etwas zu wiederholen giebt; ein scheuslicher Toͤlpel, wenn aus dem Stegereif zu reden ist. Alles dieß ist bey einer solchen Fraͤulein sehr nachtheilig ‒ ‒ Und noch weit nachtheiliger ist deine gegenwaͤrti- ge Unschluͤßigkeit, ob du der alte liederliche Bru- der bleiben, oder ein neuer Bekehrter werden willst. Denn dieß setzt dich mit ihr in eben die Umstaͤnde, in welchen Martin Luther, wie man mir erzaͤhlt hat, bey der ersten oͤffentlichen Un- terredung zum Schutz seiner vermeynten neuen Lehren, zu Leipzig mit Ecken gewesen ist. Luther war damals nur noch ein halber Verbesserer der Religion. Er hielte noch fest an einigen Lehrsaͤ- tzen, die durch eine natuͤrliche Folge machten, daß andere, die er vertheidigte, sich nicht behaupten ließen. Daher hatte Ecke in einigen Stuͤcken die Oberhand uͤber ihn. Aber von der Zeit an machte er sich eine freye Bahn: indem er alles fahren ließ, was ihm im Wege stand. Dadurch bekamen erst seine Lehren sichern Lauf. Nach- her her ward er niemals verwirrt gemacht, und konn- te sich dreist erklaͤren, daß er sie vor Engeln und Menschen vertheidigen wollte. Ja gegen seine Freunde, die ihm widerrathen wollten, sich der Gefahr bloszustellen und vor dem Kayser Carl dem V. zu Speyer zu erscheinen, ließ er sich verlau- ten, daß er hingehen wollte, wenn auch so viel Teufel zu Speyer, als Ziegel auf den Daͤchern waͤren. Eine Antwort, die noch heu- tiges Tages von einem jeden saͤchsischen Prote- stanten bewundert wird. Da also deine ungluͤckliche Ungeschicklichkeit deinen Gruͤnden ihre Staͤrke benimmt: so denke ich, du thaͤtest besser, wenigstens fuͤr itzo, nicht bey ihr darauf zu bestehen, daß sie die Verguͤti- gung, wozu ich mich erbiete, annehme. Sonst moͤchte das bestaͤndige Plagen, mir zu vergeben, sie nur bestaͤrken, die Vergebung abzuschlagen: bis sie gar, um nur mit sich selbst einig zu seyn, genoͤthigt wird, bey einem Entschlusse, der so oft bekannt ist, fest zu halten. Hingegen, wenn sie sich selbst uͤberlassen ist: so wird ein we- nig Zeit und bessere Gesundheit, welche ihr bes- sere Lebensgeister verschaffen werden, einen leb- haftern Unwillen in ihr erwecken; dieser lebhaf- tere Unwillen wird sie zu heftigen Gemuͤthsbewe- gungen leiten; die heftigen Gemuͤthsbewegungen werden sich legen, und in Klagen und Unterre- dungen verwandelt werden; alsdenn werden meine Freunde sich ins Mittel schlagen und Ge- waͤhr fuͤr mich leisten; und alle unsere Unruhe Sechster Theil. O o an an beyden Setten wird voruͤber seyn. ‒ ‒ Dieß ist der natuͤrliche Lauf der Dinge. Jch kann dich nicht ertragen: wenn du alle Hoffnung zur Genesung der Fraͤulein aufgie- best Siehe den LXXII. Brief. ; und das selbst wider des Arztes und Apothekers Meynung. Die Zeit, sagst du mit Congrevens Worten, wird ihr Leiden groͤßer und schwerer ma- chen. Aber warum das? Weißt du nicht, daß diese Worte, die der allgemeinen Erfahrung so sehr widersprechen, auf den Zustand einer Per- son, da die Leidenschaft in ihrer voͤlligen Staͤrke war, gerichtet waren? ‒ ‒ ‒ Zu solcher Zeit denkt ein jeder in einer schwermuͤthigen Traurig- keit eben das. Allein wie die Schwaͤrmer es mit der Schrift machen: so machst du es mit den Dichtern, die du gelesen hast. Alles, was in diesen oder in jener nur eine entfernte Aehnlich- keit mit einem vorkommenden Fall hat, wird von euch beyden, als ein Evangelium, angenom- men: wenn es sich auch zu dem allgemeinen Zweck der Dichter oder der Schrift, und dem Falle, noch so wenig schicket. So hoͤrte ich ein- mal, daß einer von den Schwaͤrmern auf einer Kanzel sich sehr eifrig fuͤr einen todten Hund ausgab: da alle, Maͤnner, Weiber und Kinder, durch sein Geheul von dem Gegentheil uͤberzeugt waren. Jch kann dir sagen, daß, wofern sonst nichts helfen will, ich entschlossen bin, Trotz deinem Sau- Sauersehen und deinen Verbuͤrgungen fuͤr mich zu dem Gegentheil, sie selbst zu sehen. Jn Person, weiß ich, ist mancher Streit ab- gethan worden, den Entfernung unterhalten und weitlaͤuftiger gemacht haben wuͤrde. Wo du dich dieser Zusammenkunft thaͤtlich widerse- tzest: so wirst du ein alberner Kerl seyn, als der in dem Maͤrchen von der Tonne. Kurz, ich kann nicht leiden, daß ein Frauen- zimmer, welches ich mir ehedem durch zarte Fesseln der Liebe verbunden hatte, mir aus den Haͤnden entwischen, und im Stande seyn sollte, da mein Herz vor heftiger Liebe gegen sie in hel- len Flammen brennet, mich zu verachten, und so wohl der Liebe als mir Trotz zu bieten. Du kannst dir nicht einbilden, wie sehr ich dich, ih- ren Arzt, ihren Apotheker und einen jeden, von dessen Zutritt zu ihr oder Unterredung mit ihr ich nur etwas hoͤre, beneide, und in den einen oder den andern verwandelt zu seyn wuͤnsche. Daher, wo sonst nichts helfen will, will ich sie sehen. Jch will dir ein unvergleichliches Mittel sagen, das mir eben eingefallen ist, dein und mein eignes Versprechen zu retten. Frau Lovick, sagt ihr, ist eine fromme Frau. Wo es mit der Fraͤulein schlimmer wird, so soll sie ihr rathen, nach einem Geistlichen zu schicken, der bey ihr bete. Ohne ihr Wissen, ohne der Fraͤulein Wissen, ohne dein Wissen; denn das kann man vorgeben; will ich es so anstellen, daß ich, in einem langen Rock und Priesterkleide, der O o 2 Mann Mann sey. Jch legte einmal, zu einer gewissen Absicht, die geistliche Tracht an: und man ur- theilte, daß ich eine feine und artige Person vor- stellte. Mein breiter Biberhut, wie ein tuͤrki- scher Bund, stand mir maͤchtig wohl: und ich ward uͤberhaupt von allen, die mich sahen, be- wundert. Mich deucht, es muß sich vortrefflich schicken, wenn man mich bey ihrem Bette auf den Knieen sieht; wenn man hoͤret, wie ich aus dem oͤffent- lichen Gebethbuch; ich bin versichert, daß ich von ganzem Herzen bethen werde; das Krankengebeth zur Genesung der schmachtenden Fraͤulein anfan- ge, und mit einer Ermahnung zur christlichen Liebe und Vergebung fuͤr mich selbst beschließe. Jch will die Sache uͤberlegen. Jn welcher Gestalt ich aber fuͤr gut befinden mag zu erschei- nen: so kannst du versichert seyn, daß ich dir zum voraus von meinem festgesetzten Besuch Nachricht geben werde, damit du Anstalt machest, nicht bey der Hand zu seyn, und nichts von der Sache zu wissen. Dieß wird dein gegebnes Wort retten: und was meines betrifft; so frage ich, kann sie wohl aͤrger von mir denken, als sie schon itzo denket? Eine unverbruͤchliche Schuldigkeit zu wah- rer Liebe und ehrerbietiger Hochachtung besteht, nach deiner weisen Meynung Siehe den LXXI Brief. in Ungereimt- heit und Ungeschicklichkeit ‒ ‒ Es ist erstaunlich, daß auch du einer von denen parteyischen Leuten seyn seyn solltest, die ihre Regeln von dem, was recht und unrecht ist, nach demjenigen festsetzen, was sie sich selbst zu seyn befinden, und nicht aͤn- dern koͤnnen zu seyn. ‒ ‒ So ist Ungeschicklich- keit eine Vollkommenheit an dem Ungeschickten. Auf dem Fuß kann niemand jemals unrecht ha- ben. Allein ich bleibe dabey, daß ein ungeschick- ter Kerl alles ungeschicklich thun wird. Und ist er so, wie du: so wird er sein gedankenloses Ge- hirn auf die Folter spannen, Entschuldigungen heraus zu bringen, die eben so ungeschickt sind, als sein erster Fehler. Ehrfurchtsvolle Liebe floͤßet solche Handlungen ein, die ihr selbst an- staͤndig sind: und wer sie nicht an den Tag legen kann, wo er am meisten geneigt ist, sie an den Tag zu legen, der zeigt, daß er ein ungeschliffener rauher Kerl, ein vollkommener Belford, sey, und sie nicht besitze. Aber hier wirst du den merkwuͤrdigen und witzigen Einfall anbringen, daß die aͤußerliche Seite an mir die beste, und an dir die schlechte- ste sey, und daß, wenn ich anfange mein Ge- muͤth zu bessern, du dein aͤußerliches Ansehen bessern wollest. Jch bitte dich, Bruder, warte darauf nicht: sondern fange nur immer an, dich in der Klei- dung zu bessern, wenn du deine Trauer ablegest. Denn warum solltest du einen jeden, der dich vor- her niemals gesehen hat, zu deinem Nachtheil wider dich zum voraus einnehmen? ‒ ‒ Es haͤlt schwer zuerst gefaßte Vorurtheile, es sey ein O o 3 Wohl- Wohlgefallen, oder ein Misfallen an jemand, wieder abzulegen. Man wird seiner eignen Scharfsichtigkeit zu Ehren Gruͤnde aufsuchen, den ersten Eindruck zu bestaͤrken. Es ist auch nicht ein jedes Gemuͤth so aufrichtig, daß es sei- nen Jrthum bekennen sollte, wenn es ihn einsie- het. Du bist selbst ein Meister in der vermeyn- ten Wissenschaft, den Leuten anzusehen, wie sie beschaffen sind: und so oft du dich betruͤgest, wirst du darauf sinnen, einige Gruͤnde zu finden, warum es wahrscheinlicher gewesen, daß du Recht gehabt haben solltest. Du wirst bey der Per- son, die du einmal getadelt hast, auf alle Bewe- gungen, alle Handlungen, auf ein jedes Wort, einen jeden Ausspruch, acht geben, damit du dir helfen moͤgest, deine erste Meynung wieder zu er- wecken und zu behaupten. Und in der That die menschliche Natur ist ein so schaͤndliches Ding, daß, da du selten an der vortheilhaften Seite irrest, du große Wahrscheinlichkeit fuͤr dich hast, es an der andern unter sechsen suͤnf male zu tref- fen. Vielleicht muthmaßest du auch nur von andern nach dem, was du in deinem eignen Her- zen findest, damit du Ursache habest, dir aus dei- ner Scharfsichtigkeit selbst eine Ehre zu machen. Hier hast du eine Predigt wieder fuͤr deine Predigt. Jch hoffe, wo dir deine eigne gefaͤllt, daß du mir fuͤr meine Dank sagen werdest; um so viel mehr, da du dich daraus bessern kannst, wo du willst: Denn die Berechnung dazu ist nach deiner eignen Mittagslinie gemacht. Die Die Fraͤulein verweiset mich, wegen meines Schicksals, auf einen Brief, den sie an Fraͤulein Howe geschrieben, wirklich geschrieben hat. Die- ser, scheint es, hat sie ihre Ursachen entdecket, warum sie mich nicht haben will. Mich verlangt sehr, den Jnhalt dieses Briefes zu erfahren. Aber ich mache mir große Hoffnung, daß sie ihre abschlaͤgige Antwort so ausgedruͤckt habe, daß dieselbe Raum laͤßt, zu denken, sie wolle nur zu dem Gegentheil beredet seyn, damit sie mit sich selbst einig werde. Jch koͤnnte uͤber eine oder zwo Stellen von der geistlichen Betrachtung der Fraͤulein einige artige Anmerkungen machen. Allein, fuͤr so gottlos man mich auch ansieht, so bin ich doch niemals so verrucht gewesen, daß ich heilige Din- ge laͤcherlich gemacht haͤtte, oder nur leichtsinnig damit zu Werke gegangen waͤre. Jch halte es fuͤr den hoͤchsten Grad der Ungezogenheit, mit solchen Sachen einen Scherz zu treiben, welche die Welt uͤberhaupt mit Ehrerbietung ansiehet, und heilig nennet. Jch wuͤrde nicht einmal an der Fabellehre der Heiden gegen einen Heiden das Laͤcherliche aufdecken, was vielleicht aus ei- nigen Ungereimtheiten, die einem jeden von bloß gemeiner Ueberlegung in die Augen faͤllt, von selbst fließen moͤchte. Jch habe mich auch zu Rom, und an andern papistischen Oertern, nie- mals gegen diejenigen Gebraͤuche, welche ich fuͤr sehr außerordentlich hielte, aͤrgerlich aufgefuͤhret. Denn ich sahe, daß einige Leute durch dieselbe ge- O o 4 ruͤhrt, ruͤhrt, und dem Ansehen nach erbauet wurden. Ob sie mir also gleich unbegreiflich waren: so ließ ich mich doch mit den Gedanken begnuͤgen, daß, wofern sie nur bey dem großen Haufen eine gute Absicht zu erhalten dienten, Religion, oder wenigstens Staatsklugheit, genug darinn waͤre, sie dem Spotte, auch so gar eines Gottlo- sen, der nur ordentlichen Verstand und gute Sit- ten haͤtte, zu entziehen. Aus eben der Ursache habe ich niemals bey einem neuen Schauspiel Geraͤusch gemacht oder andern unruhige Zeichen des Misfallens gege- ben, wenn ich es auch fuͤr noch so schlecht hielte. Denn ich schloß erstlich, daß ein jeder mit Recht fordern koͤnnte, in Ruhe das anzusehen, wofuͤr er bezahlte: und hiernaͤchst, da der Schauplatz, der kurze Begriff der Welt, aus dem Parterre, den Logen und der Gallerie bestuͤnde, dachte ich, es wuͤrde schwerlich ein solches Stuͤck aufgefuͤhret werden, das in dem vermischten Haufen nicht ei- nigen gefallen sollte; und wenn das waͤre, haͤtten diese einige eben so viel Recht; ungestoͤrt bey ih- rem Urtheil gelassen zu werden, als ich bey mei- nem. Meine Weise, mein Misfallen zu zeigen, war diese: ich ging niemals wieder hin. Da ein jeder seine freye Wahl hat, ob er ein Schau- spiel ansehen will, oder nicht: so hat er nicht eben die Entschuldigung, sein Misfallen durch Lermen zu erkennen zu geben, als wenn er gezwungen waͤre, es anzusehen. Jch Jch habe mich allezeit, wie du weißt, gegen die kleinen Geister, unter den Freydenkern in der Lebensart, erklaͤret, welche ihre Anspruͤche auf den Witz nicht anders ausmachen konnten, als wenn es auf zwey Stuͤcke ankam, die ein jeder wirk- lich witziger Mensch fuͤr viel zu schlecht halten wird, daß er ihnen verbunden seyn moͤchte: auf Ruchlosigkeit gegen heilige Dinge und auf Unflaͤtherey. Beyde muͤssen nothwendig die Ohren aller Verstaͤndigen, von maͤnnlichem oder weiblichem Geschlechte, beleidigen, ohne eine Ab- sicht zu befoͤrdern, als daß sie eine sehr niedrige und verruchte Gemuͤthsart anzeigen. Es war auch gar nicht meine Art, mit Eydschwuͤren und Fluͤchen so freygebig zu seyn, als ich nun bin: bis ich mit dem unverschaͤmten Mowbray; kein großer Ruhm fuͤr mich, daß ich einen solchen Lehr- meister gehabt habe; bekannt wurde. Denn hierauf ward ich genoͤthigt, es ihm bisweilen in Fluchen und Schwoͤren zuvorzuthun, damit ich ihn in seiner Pflicht gegen mich, als feinen Gene- ral, halten moͤchte. Ja ich verweise mir oft selbst diese nichtswuͤrdige unnuͤtze Freyheit im Reden, worinn uns der niedrigste Poͤbel uͤber- trifft. Alle meine Laster sind die Weiber, und die Liebe zu Raͤnken und listigen Streichen. Jch muß mich selbst wundern, wie ich auf so aͤrgerli- che Freyheiten im Reden gefallen bin: da sie, uͤberhaupt zu reden, gar nicht geschickt sind, mei- nen vornehmsten Zweck zu befoͤrdern. Nur bis- O o 5 weilen weilen wird man freylich mit einem kleinen uner- fahrnen Kinde bekannt, das Kleidung, Eidschwuͤ- re und Fluͤche fuͤr die Unterscheidungszeichen ei- nes liederlichfreyen Gemuͤths zu halten scheinet, dem sie guͤnstig zu seyn geneigt ist: und in der That sind dieß die einzigen Gaben, derer sich ei- nige, welche liederliche und artige Bruͤder heißen, ruͤhmen koͤnnen. Allein was muͤssen das fuͤr Weibspersonen seyn, die sich durch solche nichts- wuͤrdige Seelen von verruchten Leuten anlocken lassen? ‒ ‒ Denn Gottlosigkeit mit Witz ist schwerlich zu entschuldigen: aber ohne Witz ist sie eben so anstoͤßig als veraͤchtlich. Da hast du noch einmal eine Predigt wieder fuͤr deine Predigt. Du wirst wohl gar denken, daß ich mich auch bessern wolle: aber das ist die Sache nicht. Wenn dieß ein neues Licht waͤ- re, das in mir aufginge; wie deine Sittenlehre bey dir zu seyn scheinet: so moͤchte dergleichen zu befuͤrchten stehen. Allein dieß ist bestaͤndig meine Art zu denken gewesen: und ich fordere dich und alle deine Bruͤder auf, eine Zeit zu nen- nen, da ich entweder die Religion laͤcherlich ge- macht, oder unflaͤthig geschwatzt habe. Viel- mehr weißt du, wie oft ich dem wilden Thiere in Liebessachen, Mowbray, und dem gezwungenen Stutzer, Tourville, ja dir selbst die zweydeutigen Reden, wie ihr es genannt habt, verwiesen habe. Meine Regel ist in der Liebe, wie in Sachen, die einen maͤnnlichen Widerwillen erforder- ten, allezeit gewesen, vielmehr zu thun als zu re- den: den: und in Ansehung der erstern versichere ich dich, daß die Frauenzimmer selbst viel eher das eine, als das andere entschuldigen werden. Jn der Bewunderung, welche du uͤber die Buͤcher der heil. Schrift zu erkennen giebst, hast du gewiß Recht. Nur kommt es mir wunder- lich vor, daß du bis itzo nichts von ihrer Schoͤn- heit und edlen Einfalt gewußt hast. Jhr Alter- thum hat mir allezeit Ehrerbietung gegen sie ein- gefloͤßet: und wie ist es moͤglich gewesen, daß du, sie aus der Ursache, wo nicht aus einer an- dern, zu lesen, nicht angetrieben bist? Jch will dir eine kurze Historie erzaͤhlen, die ich von meinem Lehrmeister gehoͤrt habe, indem er mich ermahnte, mich nicht selbst durch unwis- sende Verwunderung bloßzugeben, wenn ich die Schule verlassen, und nach London oder auf Reisen gehen sollte. „Das erste mal, als ihm Drydens Schrift, „das Gastmahl Alexanders, in die Haͤnde fiel, „ erzaͤhlte er mir, ward er davon außerordent- „lich eingenommen: und weil er vorher niemand „davon reden gehoͤrt; so dachte er, wie du von „der Bibel, daß er eine neue Entdeckung gemacht „haͤtte. „Er eilte zu einer bestimmten Zusammen- „kunft, welche er mit verschiedenen witzigen Koͤ- „pfen hatte: denn er hielte sich zu der Zeit in „London auf. Einer von denselben war ein be- „ruͤhmter Kunstrichter, der, nach seiner Erzaͤh- „lung, mehr Verdienst als Gluͤck hatte: denn alle „die „die kleinen Witzkraͤmer, deren Schriften nach „den Regeln der Kunst die Probe nicht halten „wollten, machten eine gemeinschaftliche Sache „daraus, wie er sagte, ihn zu Boden zu werfen, „nicht anders, als wie man es mit einem tollen „Hunde machen wuͤrde. „Der junge Mann; denn damals war er „jung; ertheilte diesem unvergleichlichen Stuͤck „ein praͤchtiges Lob, und gab sich dabey selbst das „Ansehen, als wenn er ein Verdienst aus der an- „dern Hand haͤtte, weil er die Schoͤnheiten des- „selben aufdeckte. „Der alte Dichter hoͤrte ihn an, bis er aus- „geredet hatte, und laͤchelte. Dieß nahm der „Lehrling als einen Beyfall an: bis er folgende „beißende Worte von ihm hoͤrte: Ey Wunder! „mein Herr, wo haben sie bisher gelebt, oder mit „was fuͤr Leuten sind sie umgegangen, ob sie gleich „jung sind, daß sie vorher niemals von dem fein- „sten Stuͤck in der englischen Sprache etwas ge- „hoͤret haben? Diese Historie hatte eine solche Wirkung uͤber mich, da ich allezeit ein stolzes Herz ge- habt, und fuͤr einen geschickten Kerl habe angese- hen seyn wollen, daß ich mir zwo Regeln mach- te, dergleichen Schimpf zu vermeiden: erstlich, so oft als ich in eine Gesellschaft ginge, wo Un- bekannte waͤren, einen jeden von ihnen sprechen zu hoͤren, ehe ich mir selbst die Freyheit naͤhme zu schwatzen; hiernaͤchst, wo ich einen von ihnen mir uͤberlegen befaͤnde, allen Anspruch auf neue Ent- Entdeckungen fahren zu lassen, und mich damit zu begnuͤgen, daß ich alles, was sie lobten, auch lobte, als waͤren es mir ganz bekannte Schoͤn- heiten, wenn ich gleich vorher niemals davon ge- hoͤrt haͤtte. Auf die Art setzte ich mich selbst nach und nach in den Ruf eines witzigen Kopfs. Als ich aber allen Zwang, und Buͤcher und ge- lehrten Umgang abschaffete, und mit einigen von unsern Bruͤdern, die nun in den unterirdischen Gegenden herumwandern, und andere derglei- chen, als Belton, Mowbray, Tourville und dir, in Bekanntschaft gerieth: so that ich mich durch meinen eignen Kopf hervor, und machte mir eine Ehre daraus, wie uns von Herrn Richard in sei- nen letzten Tagen erzaͤhlt ist, das Haupt in der Gesellschaft zu seyn. Denn nachdem ich sie alle ausgeforscht, wie weit ihre Kunst reichte, und mich vor keinem Nebenbuhler fuͤrchtete, als vor dir, den ich auch, wenigstens durch meine Lebhaf- tigkeit und Fertigkeit, etwas herunter gebracht hatte: so fand ich, wie Addisons Cato, ein stol- zes Vergnuͤgen, meinem kleinen Rath Gesetze zu geben. Jch will alsobald weiter mit dir fortfahren. Der Der acht und siebzigste Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. D a ich nun allen Verdacht einer vorsetzlichen Leichtsinnigkeit, bey Gelegenheit der geistli- chen Betrachtung meiner Geliebten, von mir ab- gelehnet habe; einer Betrachtung, welche, wie du anmerkest, sich so fein auf ihre Umstaͤnde schi- cket, das heißt, auf die Vorstellung, die sie und du von ihren Umstaͤnden entworfen haben: so kann ich mich nicht enthalten, mein Vergnuͤgen an den Tag zu legen, daß ich durch eine oder zwo Zeilen von derselben; durch den Pfeil, Bruder, und durch den Ausdruck, daß uͤber sie gekom- men sey, was sie fuͤrchtete; ermuntert werde, etwas zu hoffen, das mich in die groͤßte Verwun- derung setzen wuͤrde, wenn es nicht kommen soll- te. Deutsch heraus zu sagen, ich hoffe, daß das liebe Kind in den Umstaͤnden ist, Mamma zu werden. Der verfluchte Verhaft hat mich eben we- gen der uͤblen Wirkungen, welche das Schrecken in diesem erwuͤnschten Zustande bey ihr haͤtte ha- ben koͤnnen, mehr als in irgend einer andern Be- trachtung bekuͤmmert gemacht. Es wuͤrde mein groͤßter Ruhm seyn, an dieser kaltsinnigen Schoͤ- nen den Sieg der Natur uͤber alle Grundsaͤtze zu beweisen, und von einem solchen Engel einen jungen jungen Lovelace zu haben. Alsdenn wird sie um desselben willen leben, bin ich versichert, und ihr Kind zu einem rechtmaͤßigen Erben machen. Und was fuͤr Verdienste wuͤrde der kleine Engel haben, der noch, ehe er gebohren waͤre, beyden Eltern eine Verbindlichkeit auflegen wuͤrde, wel- che keiner von beyden abzutragen vermoͤgend waͤ- re! ‒ ‒ Koͤnnte ich nur versichert seyn, daß es sich in der That so verhielte: so wuͤrde ich mir keine Sorge fuͤr ihre Genesung machen. Sor- ge, sage ich: denn, sollte sie sterben; ‒ ‒ Ster- ben! abscheuliches Wort! Wie sehr hasse ich es ‒ ‒ so denke ich in Wahrheit, daß ich der elende- ste Mensch auf der Welt seyn wuͤrde. Was das ernstliche Verlangen betrifft, das sie nach dem Tode bezeiget: so hat sie die Wor- te vollkommen in dem ehrlichen Hiob zur Hand gefunden; sonst wuͤrde sie sich nicht so nachdruͤck- lich und heftig erklaͤret haben. Jhre angebohrne Gottseligkeit, wie ich schon mehr als einmal bemerket habe, wird ihr nicht zu- lassen, ihr Leben durch Gewaltthaͤtigkeit oder Verabsaͤumung selbst zu verkuͤrzen. Sie hat ein viel zu edles Gemuͤth dazu: und wuͤrde es schon eher gethan haben, wenn sie dergleichen im Sinn haͤtte. Denn sie hat zu viel Verstand, daß sie nur einmal gedenken sollte, es, wie die roͤmische Matrone, zu thun, da das Uebel vorbey ist; da nichts dadurch zu erhalten stehet; und da der Mann, wenn er auch in seiner Handlung, wie einige denken moͤgen, ein Tarquin seyn sollte, doch doch an Macht kein Tarquin ist, und also keine Sache des ganzen Volks daraus gemacht wer- den kann. Außer dem, wie ich kurz vorher in einem aͤhn- lichen Fall bemerkt habe, war sie im Bedruck, und empfand ihn sehr heftig, als sie dieß schrieb. Sie sahe kein Ende. Alles war finster und fuͤrch- terlich vor ihren Augen. Und was noch mehr; hat sie es nicht in ihrer Gewalt, mich eben so sehr in meiner Hoffnung zu schanden zu machen, als sie in der ihrigen betrogen ist? Rache, Bruder, hat manches Frauenzimmer bewogen, ein Leben zu lieben, dem sonst Traurigkeit und Verzweifelung ein Ende gemacht haben wuͤrde. Wenn man es recht bedenkt, ist der Tod auch nicht eine so angenehme Sache, als Hiob ihn in seinem Elende vorstellet. Ja ein Verlangen nach dem Tode, bloß weil man eine irdische Hoff- nung fehlgeschlagen siehet, zeiget ein Gemuͤth an, das nicht so beschaffen ist, wie es seyn sollte. Das muß ich dieser Fraͤulein sagen, sie mag davon denken, was sie will Herr Lovelace konnte nicht wissen, daß die Fraͤu- lein von der Richtigkeit dieser Lehre so uͤberzeuget waͤre, als sie wirklich war. Denn in dem LXIX. Briefe an Fr. Norton schreibt sie: „Denken sie „auch nicht, daß meine gegenwaͤrtige Gemuͤthsver- „fassung von einem finstern Wesen, oder einer „Niedergeschlagenheit herruͤhre. Denn sie ist „zwar . Du und ich, Bruder, scheuen uns nicht, in der Hitze, wenn wir von Zorn Zorn oder Unwillen getrieben werden, uns in sol- che Gefahr zu stuͤrzen, auf welche leicht ein ploͤtz- licher und gewaltsamer Tod folgen koͤnnte: so oft unsere Ehre es erfordert. Dennoch wuͤrden wir ihn in einer langwierigen Krankheit, welche die Lebensgeister geschwaͤcht haͤtte, bey stillem Gemuͤ- the und ruhiger Ueberlegung mit Zittern heran- nahen sehen. So lesen wir von einem franzoͤsischen Gene- ral unter Heinrichs des IV Regierung. Jch ha- be seinen Namen vergessen: wo es nicht der Mar- schall Biron war. Da er bey hundert Gelegen- heiten im Felde dem schrecklichen Kerl mit uner- schrocknem Muth unter die Augen gegangen war: so bezeigte er sich doch, wie der niedergeschlagen- ste und seigeste Mensch, als er durch Verraͤtherey das Leben verwirkt hatte, und unter dem grausa- men Gepraͤnge der Zubereitung, und der rund herum gestellten Wachen, zu dem Sterbegeruͤste gefuͤhret ward. Der „zwar zuerst durch das Misvergnuͤgen uͤber eine „fehlgeschlagene Hoffnung veranlasset; indem die „Welt mir sehr fruͤhe, selbst bey meinem ersten „und uͤbereilten Schritt in dieselbe, ihre wahre „und haͤßliche Gestalt zeigte: aber dennoch hoffe „ich, daß sie eine bessere Wurzel gefaßt habe, und „dieses, durch ihre Fruͤchte, mir und allen „meinen Freunden taͤglich mehr und mehr zei- „gen werde. Sechster Theil. P p Der Dichter sagt sehr wohl: Kein stoisches Gesetz nach angenommnem Wahn, Kein praͤchtig Wortgeraͤusch, und keiner Schu- le Lehren Sind das, was unserm Geist den Muth erhal- ten kann, Wenn wir den letzten Ruf zur Schreckens- Stunde hoͤren. Ein Feiger spricht davon, aus Buͤchern, wie ein Held: Doch zur Versuchungszeit verließ er gern das Feld. Mehr als zu wahr: denn alsdann ist es alle- mal der alte Mann in der Fabel, mit seinem Buͤndel von Reisern. Die Fraͤulein ist im Shakespeare, der Zierde unserer englischen Dichter, wohl belesen, und muß bisweilen bey sich selbst nach seinen Wor- ten schließen, die so nachdruͤcklich sind, daß die Sache, so ruͤhrend sie auch ist, nichts mehr von der Art hervorbringen kann. Daß wir sterben, und dieß wissen; aber nicht, wohin wir gehn; Daß wir in Erstarrung liegen, schnoͤde Faͤul- niß auszustehn; Daß der Leib, durch den man fuͤhlt, und er- waͤrmt und wirksam handelt, Sich in einen Erdenkloß, der geknetet ist, ver- wandelt; Und der Geist, der Freude suchte, dort in Feuer- fluthen schwebt; Oder Oder mit bedraͤngtem Zittern unter dickem Eise lebt; Oder in der weiten Luft ewig eingekerkert lieget; Oder, durch Gewalt gejagt, um die losen Wel- ten flieget; Oder sich im aͤrgsten Jammer, wie man unge- wiß erdenkt, Unter einem großen Haufen heulender Gequaͤl- ten kraͤnkt; Das ist gar zu schreckensvoll! Selbst in denen harten Tagen, Die wir, als ein schweres Joch mit Verdruß und Muͤhe tragen, Selbst, wann Kummer, Alter, Mangel und Gefangenschaft uns druͤckt, Und sich die Natur mit Schmerzen unter sol- cher Buͤrde buͤckt, Jst das Leben auf der Welt fuͤr ein Paradies zu schaͤtzen, Wenn wir unsre Todesfurcht hiemit in Ver- gleichung setzen. Jch sehe aus einem von denen dreyen Brie- fen, daß meine Geliebte durch Herr Hickmann einige Nachricht von meiner Unterredung mit der Fraͤulein Howe, bey dem Obristen Ambrose, bekommen hat. Jch hatte daselbst eine angeneh- me Weile daruͤber: ob ich gleich von verschied- nen in der Gesellschaft beißend mitgenommen wurde. Jnzwischen macht es mir doch nicht wenig Kummer, daß ich unsere Sache unter den schwatzhaften Flattergeistern von beyderley Geschlecht so uͤberall ausgeblasen finde. Es ist ganz ihre eigne Schuld. Gewiß es ist niemals P p 2 eine eine so wunderliche kleine Seele auf der Welt gewesen. ‒ ‒ Sollte sie nicht ihr eignes Geheim- niß bey sich behalten: da durch Entdeckung des- selben keine gute Absicht nach aller Moͤglichkeit zu erhalten ist, und sie, wie man denken sollte, durch das Ausschreyen weder sich selbst Mitleiden oder Freunde, noch mir Feinde erwecken will? ‒ ‒ Wie? Bruder, muͤssen nicht alle Frauen- zimmer uͤber ihre Schwachheit ins Faͤustchen la- chen? Wie wuͤrde es um die Ruhe in der Welt stehen: wenn sich alle Weibsleute in der Welt einfallen lassen sollten, ihrem Beyspiel zu folgen? Was fuͤr eine artige Weile wuͤrden daruͤber die Haͤupter der Familien haben: wenn ihre Weiber, wenn ihre Toͤchter ihnen allemal die Ohren mit ihren Bekenntnissen beschwerten? Die Schwe- stern wuͤrden alle Tage ihren Bruͤdern Kehlen abzuschneiden geben; wo ihnen die Ehre ihrer Familien, wie man es nennt, zu Herzen ginge: und die ganze Welt wuͤrde entweder ein Schau- platz der Verwirrung seyn, oder das Hoͤrnertragen muͤßte so sehr Mode werden, als es in Litthauen ist Jn Litthauen sollen die Weiber so frey und offen- bar ihre Liebhaber haben, die Adiutores oder Ge- huͤlfen heißen, daß die Ehemaͤnner schwerlich oh- ne diese jemals eine Lustfarth oder Gesellschaft zum Vergnuͤgen anstellen. . Jch freue mich unterdessen, daß Fraͤulein Howe, so sehr sie mich auch hasset, doch ihr Wort, das sie meinen Basen bey dem Besuch derselben bey bey ihr, und mir bey dem Obristen, gegeben hat- te, gehalten hat, ihre Freundinn zu bereden zu suchen, daß sie alles durch die Vermaͤhlung mit mir abthun moͤchte. Dieß ist nun sonder Zwei- fel das beste, ja das einzige Mittel, das sie fuͤr ihre und ihrer Familie Ehre ergreifen kann. Jch hatte einmal die Gedanken, mich an dieser kleinen ungestuͤmen Fraͤulein zu raͤchen, und hatte, wie du dich erinnern magst Dieser Anschlag von ihm ist im IV Theil S. 310 beruͤhret. zu dem Ende einen Anschlag auf die Reise gemacht; wel- che sie itzo thun will, weil davon einige Zeit ge- redet war. Aber ich denke ‒ ‒ Laß sehen ‒ ‒ Ja, ich denke, ich will sie diesem Hickmann sicher und unverletzt lassen: da du glaubst, daß der Kerl ein leidlicher Mensch ist und ich ihn aufs aͤrgste abgemahlt hatte. Es ist mir lieb, um sei- netwillen, daß er sich nicht zu beißend wider mich bey dir herausgelassen hat. Und so bezahle ich dir hiemit, wo nicht der Guͤte, doch der Menge nach; ob ich gleich noch viele Dinge unberuͤhrt lasse. Denn ich fange an selbst nicht zu wissen, was ich hier mit mir machen soll ‒ ‒ Jch bin des Lords M. uͤber- druͤßig, der in seiner Genesung mit mir die Fa- bel von der Amme, dem weinenden Kinde und dem Wolfe gespielet hat ‒ ‒ Jch bin meiner Basen Montague uͤberdruͤßig, ob es gleich vor- treffliche Maͤgdchens sind, wenn sie mir nur nicht P p 3 so so nahe verwandt waͤren ‒ ‒ Jch bin Mowbrays, und Tourvillens, und ihres ewigen Einerleyes, uͤberdruͤßig ‒ ‒ Jch bin des Landlebens uͤber- druͤßig ‒ ‒ Jch bin meiner selbst uͤberdruͤßig. Mich verlangt nach etwas, das ich nicht habe. Darum muß ich nach London, und da eine Zu- sammenkunft mit der schoͤnen Beherrscherinn meines Herzens haben. Denn bey verzweifel- ten Zufaͤllen muß man verzweifelte Mittel ge- brauchen. Jch warte nur darauf, daß ich mein Urtheil durch die Fraͤulein Howe erfahre. Wer- de ich verworfen: so will ich alsdenn mein Heil selbst versuchen, und zu ihren Fuͤßen mein Ur- theil empfangen ‒ ‒ Allein ich will dir vorher Nachricht davon geben, wie ich dir gesagt habe, damit du der Fraͤulein, so gut als du nur immer kannst, dein Wort halten moͤgest. Der Der neun und siebzigste Brief von der Fraͤulein Howe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. zur Antwort auf ihren Brief vom 27ten Jul. der hier der LXXV. ist. Freytags, den 28ten Jul. N un will ich Jhnen, meine liebste Freundinn, ohne Zuruͤckhaltung, vollkommen meine Meynung von Jhrem Entschlusse, den schaͤnd- lichsten Kerl nicht zu nehmen, schreiben. Sie gaben mir in Jhrem Briefe vom Sonnabend dem 23ten, zur Vertheidigung dieses Entschlusses, Gruͤnde an, die dem unbefleckten Gemuͤth meiner Clarissa Harlowe so anstaͤndig waren, daß nichts als Selbstliebe, damit ich meine allezeit holdseli- ge Freundinn nicht verlieren moͤchte, mich haͤtte bewegen koͤnnen, ihn geaͤndert zu wuͤnschen. Jn der That, ich dachte, es waͤre unmoͤglich, daß, so sehr man es auch wuͤnschen moͤchte, eine so edle Probe der Ueberwindung des Zorns von irgend einer Person unsers Geschlechts gegeben wuͤrde, wenn so viele Reizungen vorhanden waͤ- ren, ihm freyen Lauf zu lassen. Daher war ich geneigt, noch einmal in Sie zu dringen, daß Sie, P p 4 ihren ihren gerechten Unwillen uͤberwaͤltigen, und sich durch das Ansuchen seiner Freunde gewinnen lassen moͤchten, ehe Sie Jhre Empfindlichkeit so hoch trieben, daß es Jhnen schwerer seyn und we- niger zu Jhrer Ehre gereichen wuͤrde, sich gesaͤllig zu bezeigen, als wenn Sie es zu Anfange gethan haͤtten. Aber nunmehr, meine Wertheste, da ich sehe, daß Sie in Jhrer edlen Entschließung unbeweg- lich sind, und daß es einem so lautern und tugend- haften Gemuͤthe unmoͤglich ist, sich mit dem Ge- muͤthe eines so meineidigen Uebelthaͤters zu ver- einigen: wuͤnsche ich Jhnen von Herzen Gluͤck dazu, und bitte um Verzeihung, daß ich auch nur einmal zu zweifeln geschienen, ob Wissen und Thun bey meiner geliebten Clarissa Harlo- we einerley sey. Nur eines betruͤbet mein Herz bey dieser Ge- legenheit: nur der schlechte Zustand Jhrer Ge- sundheit, den Herr Hickmann ungern gestehet. Denn ob Sie gleich die Lehre, welche Sie mir allezeit gegeben haben, so wohl beobachten, daß eine Person, die widrige Urtheile gegen sich hat, zuerst sich bey sich selbst zu rechtfertigen suchen, und der Meynung der Welt von ihr nur einen Nebenplatz einraͤumen; in allen Faͤllen aber, wo sich beydes nicht mit einander vereinigen ließe, das erstere dem letztern vorziehen sollte; und ob Sie gleich bey Jhrer Anna Howe, und bey Jh- rem eignen Herzen, sowohl gerechtfertigt sind: so erlauben Sie mir doch, theureste Freundinn, Sie Sie zu ersuchen, daß Sie sich auf alle ersinnliche Art bemuͤhen, Jhre Gesundheit und Munterkeit wieder zu erlangen. Dieß eben wird das Werk kroͤnen, wenn es wirklich geschehen kann. Dieß wird der Welt zeigen, daß Sie in der That uͤber den schaͤndlichen Boͤsewicht erhaben gewe- sen, und zwar auf eine kleine Weile aus Jhrem vorgesetzten Lauf gebracht worden, aber doch im Stande gewesen sind, ihn wieder anzutreten, und ferner so wohl durch Jhr Beyspiel, als durch Jh- re Lehren, alle, welche Sie kennen, gluͤcklich zu machen. So bitte ich Sie denn noch einmal, um des Himmels, um der Welt, um der Ehre unsers Ge- schlechts und um mein selbst willen, versuchen Sie, diesen Angriff abzutreiben. Koͤnnen Sie ihn uͤberwaͤltigen: so werde ich so gluͤcklich seyn, als ich wuͤnsche. Denn ich kann unmoͤglich, in Wahrheit ich kann unmoͤglich wegen vieler, vie- ler kuͤnftigen Jahre daran gedenken, daß ich von Jhnen getrennt seyn sollte. Die Gruͤnde, warum Sie mir zur Erfuͤllung meiner Wuͤnsche, Sie in der Naͤhe bey uns zu sehen, keine Hoffnung machen, sind so uͤberzeu- gend, daß ich mich damit gegenwaͤrtig beruhigen muß. Aber, meine Wertheste, wenn Jhr Ge- muͤth voͤllig gesetzt ist; und das, hoffe ich, wird es nun bald seyn, da Sie so vollkommen wegen dieses nichtswuͤrdigen Kerls schluͤßig find: so werde ich Sie bey uns, oder in der Naͤhe, erwar- ten. Alsdenn sollen Sie eine jede Bahn, wor- P p 5 auf auf ich meinen Fuß setzen will, abzeichnen: und ich will von derselben weder zur Rechten noch zur Linken ausweichen. Sie wuͤnschen, daß ich mich bey Jhren Freun- den nicht fuͤr Sie ins Mittel geschlagen haͤtte. Jch wuͤnschte es selbst: weil es ohne Frucht ge- wesen ist; weil es einigen von ihnen einen neuen Grund geben mag, ihre boshafte Anschlaͤge dar- auf zu bauen; und weil Sie desfalls mit mir zuͤrnen. Allein wie konnte ich stille sitzen, dieß habe ich schon in meinem vorigen Schreiben ge- sagt, da ich wußte, wie unruhig die Unversoͤhn- lichkeit Jhrer Angehoͤrigen Sie machen muͤßte? Jedoch, ich will mich von der Sache selbst abzie- hen ‒ ‒ denn ich sehe, ich werde wieder hitzig werden ‒ ‒ und Jhnen misfallen ‒ ‒ Es ist aber nichts in der Welt, das ich thun wollte, waͤ- re es mir selbst auch noch so angenehm; wenn ich daͤchte, daͤchte, daß es ihnen misfallen moͤchte: und nichts, das ich unterlassen wuͤrde; wenn ich wuͤßte, daß es Jhnen zum Vergnuͤgen gereichen koͤnnte. Und in der That, meine liebste, halb strenge Freundinn, ich will versuchen, ob ich den Fehler nicht eben so willig, als den Verweis, vermeiden kann. Aus dieser Ursache enthalte ich mich, das ge- ringste von einer so bedenklichen Sache, als Jhr Brief an Jhre Schwester ist, zu erwaͤhnen. Er muß recht seyn; weil Sie so denken: ‒ ‒ und wo er so, wie er billig sollte, aufgenommen wird; so wird Jhnen das zeigen, daß er es wirklich ist. ist. Wo er aber Schimpfen und Schmaͤhen nach sich zieht; wie nur allzu glaublich ist: ‒ ‒ so, finde ich, sind Sie nicht willens, mich darum wis- sen zu lassen. Sie sind allezeit so fertig gewesen, wegen an- derer Leute Fehler sich selbst anzuklagen, und viel- mehr Jhre eigne Auffuͤhrung als das Urtheil Jh- rer Anverwandten fuͤr verdaͤchtig zu halten, daß ich Jhnen oft gesagt habe, ich koͤnne Jhnen hier- inn nicht nachfolgen. Es ist kein nothwendiger Glaubensartikel bey mir, daß alle Leute bey Jah- ren der Jahre wegen weise, oder alle junge Leute der Jugend wegen unbesonnen und hals- starrig sind. Es kann, so viel ich weiß, wohl mehrentheils so seyn: und vielleicht mag es bey meiner Mutter und ihrer Tochter zutreffen. Allein dieß will ich mich unterstehen zu sagen, daß es bisher zwischen den Hauptpersonen von Harlowe-Burg und ihrer juͤngern Tochter noch nicht so geschienen. Sie entschuldigen dieselben zum voraus we- gen der von ihnen vermutheten Grausamkeit: weil sie nicht wuͤßten, was Sie gelitten haͤtten und wie uͤbel Sie sich befaͤnden. Sie haben aber das erstere gehoͤrt; und lassen es sich nicht leid seyn: das andere ist ihnen gemeldet; und ich habe die groͤßte Ursache zu denken, daß ich wisse, wie sie es aufgenommen haben ‒ ‒ Allein es wird weit gefehlt seyn, daß ich den Fehler ver- meiden sollte, und ich werde mir eben so gewiß auch den Verweis zuziehen: wofern ich noch mehr mehr von dieser Sache sage. Jch will daher gegenwaͤrtig nur dieß hinzusetzen, daß Sie sich in Jhren Gedanken von denselben ganz unver- gleichlich beweisen, diese hingegen sich in der Art, wie sie es erwiedern, ganz ‒ ‒ Erlauben Sie mir, meine Wertheste, mit einer kleinen, aber gerechten, Spoͤtterey zu beschließen ‒ ‒ Aber Sie wollen es nicht erlauben, das weiß ich wohl. ‒ ‒ Also bin ich schon zu Ende, ganz zu Ende: ob gleich ungern. Jedoch wo Sie an das Wort gedenken, das ich gesagt haben wuͤrde: so zwei- feln Sie nicht, daß es gerecht sey, und fuͤllen den leeren Raum selbst damit aus. Sie machen mir Hoffnung, daß, wenn ich wirklich verheyrathet waͤre, und Herr Hickmann es verlangen sollte, Sie mir die Gefaͤlligkeit er- weisen wollten, mich bey der Gelegenheit zu be- suchen; und daß es Jhnen vielleicht, wenn Sie einmal bey mir waͤren, schwer seyn wuͤrde, weit von mir wieder wegzugehen. Himmel, was fuͤr ein Gewicht scheinen Sie, meine Wertheste, Herrn Hickmanns Verlangen beyzulegen! Gewiß er verlangt, und wuͤrde vor allen Dingen verlangen, Sie in der Naͤhe und bey uns zu haben: wenn wir dieß Gluͤck haben koͤnnten. Allein erlauben Sie mir zu sagen, daß, wenn Herr Hickmann sich nach der Heyrath her- ausnehmen sollte, uͤber meine Freundschaften mit mir zu streiten, da ich nicht hoffe ganz thoͤ- richt zu seyn, ich ihm zu verstehen geben wuͤrde, wie viel seine eigne Ruhe durch eine solche Un- ver- verschaͤmtheit leiden koͤnnte: vornehmlich, wenn es Freundschaften seyn sollten, die eher gestiftet waͤren, als ich ihn haͤtte kennen gelernt. Jch weiß, daß ich in diesem Stuͤcke allemal andere Gedanken gehabt habe, als Sie hegen. Denn Sie gedenken von dem Vorrechte eines Ehemannes weit hoͤher, als die meisten Men- schen von den koͤniglichen Vorrechten gedenken. ‒ ‒ Diese Vorstellungen, liebste Freundinn, von einer Person, die Jhre Einsicht und Beurthei- lungskraft besitzet, sind uns keinesweges vortheil- haft: in so fern sie dem uͤbermuͤthigen Geschlecht in ihren angemaßten Vorzuͤgen Recht sprechen; da unter zehen kaum einer von ihnen, in Be- trachtung der Bequemlichkeiten, welche sie haben, irgend das geringste Vorrecht verdienet. Ueber- sehen Sie alle Familien, die wir kennen: wir werden nicht ein Drittel von ihnen finden, das halb so viel Verstand haͤtte, als ihre Weiber ‒ ‒ Und dennoch sollen diese mit Vorrechten begabet seyn! ‒ ‒ Eine Frau aber, die zweymal so viel Verstand hat, soll nichts thun, als hoͤren, zittern und gehorchen ‒ ‒ und das noch dazu, wie ich Buͤrge bin, Gewissens wegen! Allein Herr Hickmann und ich koͤnnen viel- leicht eine kleine Unterredung uͤber diese Dinge haben, ehe ich ihm erlaube, von dem Hochzeits- tage zu schwatzen. Alsdenn werde ich ihm zu verstehen geben, worauf er sich zu verlassen ha- be: gleichwie er mir eroͤffnen wird, wofern er ein redlicher Mann ist, was er von mir zu erwarten geden- gedenket. Erlauben Sie mir aber, wertheste Freundinn, Jhnen zu entdecken, daß es vielleicht mehr, als Sie glauben, in Jhrer Gewalt stehe, den Tag zu beschleunigen auf den meine Mutter so sehr dringet, als Sie ihn wuͤnschen. ‒ ‒ Denn selbst des Tages, da Sie mich versichern koͤnnen, daß Sie sich ertraͤglich befinden, und deswegen Jhren Arzt und Apotheker, auf derselben eignes Anrathen, nicht mehr gebrauchen ‒ ‒ Ein oder der andere Tag, binnen einem Monate von die- ser erwuͤnschten Zeitung, soll es seyn ‒ ‒ Also eilen Sie, geliebte Freundinn, und machen, daß es besser mit Jhnen wird. Dann wird diese Sache auf eine weit angenehmere Weise fuͤr Jhre Anna Howe, als es sonst jemals geschehen kann, zu Stande gebracht werden. Jch schicke noch heute, durch eine besondere Gelegenheit, Jhren Brief an die Fraͤulein Mon- tague, in welchem Sie den verruchtesten Kerl im ganzen Koͤnigreiche mit Recht von sich abweisen, und hoffe nicht unrecht gethan zu haben, daß ich einige Absaͤtze aus Jhrem Briefe vom 23ten ab- schreibe und zugleich uͤbersende, wie Sie anfangs haben wollten. Sie scheinen sich mit Schreiben zu beschaͤff- tigen: und zwar allzu viel, in Betrachtung Jh- rer Gesundheit. Jch hoffe, Sie thun es, um die eigentlichen Umstaͤnde Jhrer traurigen Ge- schichte aufzusetzen. Meine Mutter hat mich ge- neigt gemacht, darauf bey Jhnen zu dringen, in der Absicht, daß sie dereinst, wenn sie unter einem erdich- erdichteten Namen bekannt gemacht werden moͤchte, unserm Geschlechte eben so viel Nutzen als Ehre bringen wuͤrde. Sie sagt, sie koͤnne sich nicht entbrechen, wegen des anstaͤndigen und gehoͤrigen Unwillens, womit Sie den nichtswuͤr- digen Kerl abweisen, Sie zu bewundern. Sie wuͤrde sich ungemein freuen: wenn ihrem Rath, daß Sie Jhre betruͤbte Geschichte aufschreiben moͤchten, Genuͤge geschehen sollte. Alsdenn, sagt sie, wuͤrde Jhre edle Auffuͤhrung unter allen Jh- ren Versuchungen und Widerwaͤrtigkeiten nicht allein unserm Geschlecht ein leuchtendes Beyspiel, sondern auch zugleich, da diese Widerwaͤrtigkei- ten eine Solche Person betroffen haben, den unbedaͤchtlichen und jungen Frauenzimmern eine schreckensvolle Warnung geben. Am Montage werden wir unsere Reise an- treten. Jch hoffe binnen vierzehn Tagen wieder zuruͤck zu seyn, und mit meiner Mutter noch ein- mal wegen einer Reise nach London, anzubinden. Wenn der Vorwand etwa seyn muß, Kleider einzukaufen: so wird doch der vornehmste Be- wegungsgrund der seyn, meine liebste Freun- dinn noch einmal zu sehen, weil ich noch sagen kann, daß ich nicht vollkommen darein gewilliget, eine Person, die bisher nur Besuche bey mir ab- geleget, in einen Verwandten zu verwandeln, und mich also nicht weniger meine eigne nennen darf, als Jhre Anna Howe. Der Der achtzigste Brief von Fraͤulein Howe an die beyden Fraͤuleins Montague. Sonnabends, den 29ten Jul. Wertheste Fraͤuleins. J ch habe nicht ermangelt, alles, was ich bey meiner geliebten Freundinn vermag, anzu- wenden, damit sie Jhrem Verwandten, ob er es gleich so schlecht verdienet hat, vergeben, und sich mit ihm wieder aussoͤhnen moͤchte. Ja ich ha- be so gar meine ernstliche Vorstellungen bey ihr desfalls wiederholet. Diese Wiederholung und die Erwartung ihrer Antwort, haben einige Zeit weggenommen, und sind die Ursache, daß ich mir nicht eher habe die Ehre nehmen koͤnnen, in der Sache an Sie zu schreiben. Sie werden aus dem Einschluß ihre unver- aͤnderliche Entschließung sehen, welche auf so edle und erhabene Bewegungsgruͤnde gebauet ist, daß ich nicht anders kann, als sie zu gleicher Zeit be- klagen und loben: loben, weil ihr Entschluß gerecht ist, und Jhr ganzes ansehnliches Haus in der Meynung, welche Sie von ihren unvergleich- lichen Vorzuͤgen, gefaßt haben, bestaͤrken wird; beklagen, weil ich nur allzu viel Ursache habe, so so wohl nach diesen Gruͤnden, als nach der Aus- sage eines Cavalliers, der eben von ihr gekom- men ist, zu besorgen, daß ihre Gesundheit in ei- nem so hinfaͤlligen Zustande sey, daß sich ihre Gedanken mit ganz andern Dingen, als einem laͤngern Aufenthalt in der Welt, beschaͤfftigen. Den eingeschlossenen Brief hat sie fuͤr gut befunden, unversiegelt an mich zu schicken, da- mit ich ihn uͤbersehen und hiernaͤchst weiter an Sie senden moͤchte. Das ist die Ursache, war- um die Aufschrift an mich gerichtet, und das Siegel von mir ist. Er ist sehr vollstaͤndig und entscheidend. Jedoch da es ihr gefallen hatte, mir, so bald als sie nur eine Feder halten konnte, in einem Briefe vom 23ten dieses, die Gruͤnde weitlaͤuftiger anzugeben, warum sie so wohl Jhr als mein instaͤndiges Ersuchen nicht Platz finden lassen koͤnnte: so will ich aus diesem Briefe ei- nige Stellen abschreiben, welche dem gottlosesten Menschen in der Welt, wo er sie zu Gesichte be- kommt, zu einem Grunde dienen werden, sich fuͤr einen der Ungluͤcklichsten zu halten, weil er ei- ner so unvergleichlichen Gattinn verlustig gewor- den, mit der er sich haͤtte ruͤhmen moͤgen, wenn er nicht so ausnehmend gottlos gewesen waͤre. Die Stellen sind diese: Man sehe diese Stellen in dem Briefe der Fraͤulein Harlowe vom 23ten Jul. unter der LXVI. Zahl. Sie sind dort so „ bezeichnet. Sechster Theil. Q q Nun Nun haben Sie, wertheste Frauͤleins, die Gruͤn- de meiner geliebten Freundinn vor sich, warum sie einen Mann ausschlaͤgt, welcher der Verwandt- schaft mit so vielen vortrefflichen Personen nicht wuͤrdig ist. Jch will noch hinzusetzen, denn ich kann es nicht unterlassen, daß niemals eine groͤ- ßere Schandthat begangen ist, wenn man den Werth und Rang der Person, und die schaͤndli- che Art seines Verfahrens, in Betrachtung zie- het. Da sie aber glaubet, daß ihr erstes und einziges Versehen nicht anders als durch den Tod zu buͤßen ist: so bitte ich Gott taͤglich und will ihn von dem Augenblick, da ich diese traurige Veraͤnderung hoͤren werde, stuͤndlich bitten, daß es Jhm gefallen moͤge, jenen zu ei- nem Ziel seiner Rache zu machen; auf eine Art, woran alle, welche sein treuloses Verbrechen wis- sen, die Hand des Himmels in der Bestrafung desselben sehen koͤnnen. Sie werden mir verzeihen, wertheste Fraͤu- lein: ich habe meine eigne Seele nicht lieber als Fraͤulein Clarissa Harlowe. Die Drangsale, welche sie ausgestanden hat; die Verfolgungen, welche sie von allen ihren Freunden erduldet; der Fluch, unter welchem sie, seinetwegen, von ih- rem unversoͤhnlichem Vater gehalten wird; ihre schwache Gesundheit und schlechte Umstaͤnde, zu denen sie von einem dauerhaften Wohlbefinden und großem Ueberfluß heruntergebracht ist: der abscheuliche Verhaft und die schreckliche Einsper- rung, welche alle ihre andern Drangsale vergroͤ- ßert ßert haben, und ihm beyzumessen sind, als das Werk seiner schaͤndlichen Unterhaͤndler, es sey nun auf seinen ausdruͤcklichen Befehl, oder nicht, und als eine natuͤrliche Folge seiner vorhergehenden Bosheit; die Entehrung unsers Geschlechts in den Augen der Welt an einer Person, welche eine der groͤßten Zierden desselben ist; die un- menschlichen Mittel, welche er gebraucht hat, ihr Verderben zu erreichen, sie moͤgen bestanden ha- ben, worinn sie wollen; denn ich weiß noch nicht alles; alle diese Umstaͤnde kommen zusammen, meine Hestigkeit und meine Fluͤche gegen einen solchen Menschen zu rechtfertigen, den ich, durch seine Schandthaten, auch so gar von der Wohl- that christlicher Vergebung ausgeschlossen achte. ‒ ‒ Und sollten Sie alles sehen, was sie schreibt, und die bewundernswuͤrdigen Gaben kennen, welche sie besitzet: so wuͤrden Sie sich selbst mit mir vereinigen, sie zu bewundern und ihn zu verfluchen, wie ich thue. Glauben Sie inzwischen, ich bin, mit der groͤßten Hochachtung gegen Jhre Verdienste, Wertheste Fraͤuleins, Jhre gehorsamste Dienerinn Anna Howe. Q q 2 Der Der ein und achtzigste Brief von Frau Norton an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Freytags, den 28ten Jul. Meine allerliebste Fraͤulein. J ch habe das Vergnuͤgen, Jhnen zu melden, daß zu der Genesung meines Sohnes noch einmal gute Hoffnung ist. Er empfiehlt sich Jh- nen gehorsamst. Er ist sehr matt und schwach. Jch bin es ebenfalls. Dieß ist das erste mal, da ich seit verschiedenen Tagen im Stande bin, aufzusitzen und zu schreiben: sonst wuͤrde ich nicht so lange stille geschwiegen haben. Jhr Brief an Jhre Schwester ist angekom- men und beantwortet. Sie haben vermuthlich die Antwort itzo schon. Jch wuͤnsche, daß sie zu Jhrem Vergnuͤgen gereichen moͤge: allein mir ist bange, es werde nicht seyn. Denn durch Eli- sabeth Barnes erfahre ich, daß sie bey dem Em- pfang ihres Schreibens alle in großer Bewe- gung, und sehr uneinig gewesen sind, ob es be- antwortet werden sollte oder nicht. Sie wollen nicht glauben, daß Sie sich so uͤbel befinden, als ich, zu unsaͤglichem Kummer fuͤr wich, wahrneh- me. Das, was zwischen Fraͤulein Harlowe und Fraͤu- Fraͤulein Howe vorgefallen ist, hat die Sache verschlimmert, wie ich wohl besorgte. Jch zeigte Elisabethen zwo oder drey Stel- len in Jhrem Briefe an mich. Sie schien da- durch geruͤhret, und sagte, sie wollte dieselben vortheilhaft erzaͤhlen und mir einen Besuch von der Fraͤulein Harlowe verschaffen, wenn ich ver- sprechen wollte, ihr eben das zu zeigen. Aber ich habe hernach nicht weiter davon gehoͤret. Mich deucht, ich sehe ungern, daß Sie den gottlosen Mann ausschlagen. Aber nichts desto weniger zweifle ich nicht, daß Jhre Bewegungs- gruͤnde, es zu thun, richtiger sind, als meine Wuͤn- sche, daß Sie es nicht thun moͤchten. Jedoch da Sie entschlossen seyn wuͤrden, wie ich sagen mag, am Leben zu bleiben, wenn Sie einen sol- chen Gedanken Platz finden ließen; und da mir daran so viel gelegen ist: so kann ich nicht um- hin, mir selbst diesen Gefallen zu erweisen und Sie zu fragen: Koͤnnen Sie, meine wertheste Fraͤulein, Jhren gerechten Unwillen nicht uͤber- winden? ‒ ‒ Allein ich darf von dieser Sache nicht mehr sagen. Wie erschrecklich muß es in der That fuͤr meine liebste zaͤrtliche Fraͤulein gewesen seyn, sich auf den Gassen in London in Verhaft nehmen zu lassen! ‒ ‒ Wie blutet mein Herz wieder fuͤr Sie! Was muß das Jhrige damals ausgestan- den haben! ‒ ‒ Jedoch mußte dieß, bey einem solchen Gemuͤth, als Sie besitzen, etwas geringes Q q 3 seyn, seyn, in Vergleichung mit dem, was Sie vorher gelitten hatten. O meine theureste Fraͤulein Claͤrchen, wie sollen wir wissen, was wir zu bit- ten haben, wenn wir um etwas anderes bit- ten, als daß der goͤttliche Wille geschehe, und wir uns in denselben gaͤnzlich ergeben moͤgen! ‒ ‒ Als Sie im neunten, und hernach im eilften Jahre, ein gefaͤhrliches Fieber hatten: o! wie unaufhoͤrlich klagten wir alle, wie beteten wir, wie brachten wir unsere Geluͤbde vor den Thron der Gnaden, damit Sie genesen moͤchten! Denn unser aller Leben beruhete auf Jhrem Leben ‒ ‒ Wie viel erwuͤnschter wuͤrde dennoch itzo, nach dem, was der Ausgang gewiesen hat, son- derlich wo wir Sie bald verlieren muͤssen, so wohl fuͤr Sie als fuͤr uns der Erfolg gewesen seyn, wenn wir Sie damals verlohren haͤtten! Es ist betruͤbt zu sagen! Da ich es aber in aufrichtiger Liebe zu Jhnen, und in der voͤlli- gen Ueberzeugung sage, daß wir nicht allemal geschickt sind, fuͤr uns selbst die rechte Wahl zu treffen: so hoffe ich, es werde zu entschuldigen seyn; und das um so vielmehr, weil eben diese Betrachtung so wohl Sie als mich natuͤrlicher Weise zur Beruhigung unter den gegenwaͤrtigen Verhaͤngnissen leiten wird. Wir sind ja versi- chert, daß nichts von ungefaͤhr geschehe, und daß aus den schwersten Uebeln, so viel wir wissen, das groͤßte Gut entstehen koͤnne. Es Es ist mir lieb, daß Sie bey so ehrlichen Leu- ten sind und alle Jhre Sachen wieder haben ‒ ‒ Wie schrecklich ist mit Jhnen umgegangen, daß man sich uͤber eine so elende Gerechtigkeit gegen Sie, als dieß ist, schon freuen muß! Jhre Gabe, Mitleiden zu erwecken, wird allemal durch einen oder den andern Wink be- ruͤhret: und die Elisabeth Jhrer Schwester kommt niemals zu mir, daß sie nicht voll davon seyn sollte. Aber, wie Sie sagen, wer ist dadurch be- weget, den Sie bewegt zu seyn wuͤnscheten? Gleichwohl bin ich versichert, wenn diese un- gluͤckliche Vorstellung nicht im Wege stuͤnde, daß Jhre Frau Mutter zu erweichen seyn wuͤrde. Vergeben Sie mir, meine werthe Fraͤulein Claͤr- chen, ich muß einen Weg versuchen, mich zu uͤberzeugen, ob meine Meynung nicht gegruͤndet ist. Jch will Jhnen aber nicht sagen, was es ist, ohne wenn es gluͤcklich gehet. Jch will es in schuldigem Gehorsam und reiner Liebe gegen Jh- re Angehoͤrigen und gegen Sie versuchen. Der Himmel staͤrke Sie in allen Jhren Ver- suchungen! Dieß, theureste Fraͤulein, ist das be- staͤndige Gebeth Jhrer ewig ergebenen Freundinn und Dienerinn Judith Norton. Q q 4 Der Der zwey und achtzigste Brief von Frau Norton an Frau Harlowe. Freytags, den 28ten Jul. Gnaͤdige Frau. D a mir verboten ist, Jhnen ohne Erlaubniß irgend etwas zuzusenden, das vielleicht von meiner geliebten Fraͤulein Claͤrchen an mich kom- men moͤchte; und ich mich so uͤbel befinde, daß ich Jhnen nicht aufwarten kann, um Jhre Er- laubniß zu bitten: so muß ich Jhnen durch ge- genwaͤrtige Zeilen beschwerlich fallen, um zu mel- den, daß ich einen Brief von Jhr bekommen ha- be, weswegen ich glaube, nach diesem, wie die Sachen vielleicht ausfallen moͤgen, nicht entschul- digt werden zu koͤnnen, wenn ich nicht um Erlaub- niß baͤte, Jhnen denselben, und zwar so bald als moͤglich, zu zeigen. Es ist bey der lieben Fraͤulein von dem Lord M. von den Ladies, seinen Schwestern, von sei- nen beyden Neffen und von dem gottlosen Men- schen selbst Ansuchung geschehen, ihm zu verge- ben und ihn zu heyrathen. Dieß hat sie aus einem edlen Unwillen uͤber sein Verfahren mit ihr gaͤnzlich abgeschlagen. Wofern Sie nun, gnaͤdige Frau, nebst der vornehmen Familie, der Meynung seyn sollten, daß itzo das beste sey, was was man vornehmen kann, jener Wuͤnsche zu erfuͤllen: so moͤgen die Umstaͤnde vielleicht er- fordern, daß Sie Jhr Ansehen gebrauchen, oder Jhren Rath ertheilen, die Fraͤulein entweder auf andere Gedanken zu bringen, oder sie in ihrer Gesinnung widrigenfalls zu bestaͤrken. Jch habe Ursache zu glauben, daß ein Be- wegungsgrund zu der abschlaͤgigen Antwort, die sie gegeben hat, in ihrer voͤlligen Ueberzeugung liege, daß sie nicht lange irgend jemanden mehr beschwerlich fallen werde. Daher moͤchte sie nicht gern einem Ehegatten ein Recht geben, we- gen des Gutes, das ihr von ihrem Großvater vermacht ist, mit ihrer Familie in Zwistigkeiten zu gerathen. Jedoch hat sie sich nicht das ge- ringste gegen mich verlauten lassen. Ja sie wuͤr- de es nicht einmal als einen Grund angeben; das darf ich ohne Scheu sagen: weil sie, wegen des schaͤndlichen Verfahrens dieses Mannes mit ihr, weit staͤrkere Gruͤnde hat, seine Hand auszu- schlagen. Der Brief, den ich bekommen habe, wird zeigen, wie aufrichtige Reue die theureste Fraͤu- lein empfinde. Wenn ich Jhre Erlaubniß dazu habe, will ich ihn nebst einer Abschrift von mei- nem, worauf er eine Antwort ist, versiegelt uͤber- senden. Da ich mich aber ohne ihr Wissen ent- schließe; dieß ist in der That an dem; diesen Schritt zu thun: so will ich ihr nichts davon melden; wofern nicht die gewuͤnschte Wirkung erfolget. Denn sonst wuͤrde ich mir nicht allein ihr Q q 5 Mis- Misfallen zuziehen: sondern es wuͤrde ihr auch das Herz, welches schon halb gebrochen ist, nur ganz brechen. Jch bin, gnaͤdige Frau, Jhre gehorsamste und bestaͤndig verpflichtete Dienerinn Judith Norton . Der drey und achtzigste Brief von Frau Harlowe an Frau Judith Norton. Sonntags, den 30ten Jul. W ir kennen alle Jhre tugendhafte Klugheit, liebe Frau Norton: wir kennen sie alle. Aber Jhre Parteylichkeit fuͤr dieß ihr unbesonne- nes Schooßkind ist uns ebenfalls bekannt: und wir kennen nicht weniger die Gabe der Ungluͤck- seligen, ihr Elend so nachdruͤcklich zu schildern, daß es einen Stein ruͤhren moͤchte. Jedermann ist der Meynung, daß das liebe boshaftige Kind es darauf anfaͤngt, Vergebung zu erlangen und wieder aufgenommen zu werden. Aus der Ursache ist Elisabethen verboten worden; nicht von mir, das koͤnnen Sie sicher glauben; etwas mehr von ihren Briefen zu sagen: denn sie redete mit meiner Arabelle von einigen ruͤhrenden Stellen, welche Sie ihr vorgelesen haben. Dieß Dieß wird Sie uͤberzeugen, daß nichts zu ihrem Vortheil Gehoͤr finden werde. Zu welchem Ende sollte ich denn etwas von ihr erwaͤhnen? ‒ ‒ Allein Sie koͤnnen versichert seyn, daß ich es thun will: wenn ich nur einen Beystand haben kann. Dieß ist aber gar nicht glaublich, bis wir sehen, was die Folgen von ihrem Verbrechen seyn moͤ- gen: und wer kann das sagen? ‒ ‒ Sie mag vielleicht ‒ ‒ Wie kann ich es aus meinem Mun- de gehen lassen, da meine vormals liebste Toch- ter unverheyrathet ist! ‒ ‒ Sie mag vielleicht schwanger seyn! ‒ ‒ Dieß wuͤrde ihren Schand- fleck verewigen. Jhr Bruder mag vielleicht Schaden daruͤber nehmen, welches Gott verhuͤten wolle! ‒ ‒ Eines Kindes Ungluͤck, hoffe ich, wird nicht den Mord des andern nach sich ziehen! Was ihren Kummer und ihr gegenwaͤrtiges Elend betrifft, es mag seyn, was es will: so muß sie es ertragen. Es muß gegen das, was ich stuͤndlich ihretwegen trage, nur etwas geringes seyn. Jch besorge in der That, daß ihr Vater, ihre Onkels, und ihre andern Freunde, nicht an- ders, als wenn sie in den letzten Zuͤgen lieget, sich bewegen lassen werden, ihr zu vergeben. Die Bereitwilligkeit, verkehrten Kindern zu verzeihen, wenn sie die unbesonnensten und wider- spenstigsten Dinge veruͤbt haben, die sie nur ver- uͤben koͤnnen, ist die Ursache, wie man uns alle Tage vorhaͤlt, daß so viele ihrem Beyspiel fol- gen. Sie verlassen sich auf die allzuguͤtige Schwaͤche der Gemuͤthsart ihrer Eltern, und in- dem dem sie sich darauf verlassen, verstocken sie ihre eigne Herzen. Durch eine kleine Demuͤthigung soll die groͤßte Verkehrtheit hinlaͤnglich gebuͤßet und ausgesoͤhnet seyn, wenn sie das Elend, wel- ches man ihnen vorhergesagt, uͤber sich gebracht haben. Allein sollte ein solches Kind, als dieß; ich fuͤhre das an, was andere stuͤndlich sagen, ich aber mit Betruͤbniß billigen muß; sollte ein solches Kind Raͤnke und Kuͤnste gebrauchen, ihre Eltern sowohl als sich selbst zu betruͤgen, und mit einem liederlichen Kerl davon laufen! Kann ihr Verbrechen auf irgend eine Art gebuͤßet und ausgesoͤhnet werden? Hat sie es nicht vor Gott, vor uns, vor Jhnen, und vor aller Welt, die sie kennet, zu verantworten, daß sie solche Gaben so gemisbrauchet hat, wie sie gethan? Sie sagen, ihr Herz sey halb gebrochen. Jst es zu verwundern? Hat sie ihre Suͤnde nicht so wohl gegen alle Warnung, als gegen ihre eigne Einsicht begangen? Daß er sie nun heyrathen wollte, oder daß sie seine Hand ausschlagen wuͤrde, wenn sie glaubte, daß er es im Ernst meynte, ist nach den Umstaͤn- den, worein sie sich selbst gesetzet hat, gar nicht wahrscheinlich: und waͤre ich geneigt es zu glau- ben, so wuͤrde es hier sonst niemand thun. Er achtet seine Verwandten nicht, und wuͤrde diese eben so leicht, als alle andere, betruͤgen. Seine Abneigung von dem Heyrathen hat er allemal oͤffentlich zu verstehen gegeben, und giebt sie auch noch noch bey Gelegenheit zu verstehen. Aber wenn es ihm ja nun ein Ernst ist, woran doch ein jeder zweifeln muß, der ihn kennet: was denken Sie denn, da er uns noch dazu hasset, und frey geste- het, daß er uns alle hasse und verachte, was wuͤrde hier das angenehmste seyn? Von ihrem Tode? oder von ihrer Vermaͤhlung mit einem so schaͤnd- lichen Kerl Nachricht zu bekommen? Fuͤr uns alle, kann ich jedoch nicht sagen. Denn, o! meine liebe Frau Norton. Sie wissen, was die Zaͤrtlichkeit einer Mutter fuͤr ihr herzlich geliebtes Kind, ungeachtet aller Fehler dieses Kin- des, lieber sehen wuͤrde, als auf bestaͤndig ihrer verlustig zu werden! Allein ich muß mit dem Strohm schwimmen. Die Klugheit erfordert es: sonst wuͤrde ich das Ungluͤck derer, die eines bessern wuͤrdig sind, son- derlich meines lieben Herrn Harlowes, nur ver- groͤßern, da es doch schon mehr als genug ist, sie alle auf die uͤbrige Zeit ihres Lebens der Gluͤckse- ligkeit zu berauben. So viel weiß ich gewiß; wenn ich mich den Uebrigen widersetzen wollte: so wuͤrde unser Sohn wegeilen, den liederlichen Kerl aufzusuchen. Wer koͤnnte alsdenn sagen, was bey einem so ungestuͤmen und blutduͤrstigen Menschen, wofuͤr der Lovelace bekannt ist, der Ausgang davon seyn wuͤrde? Alles, was ich vermuthen kann fuͤr sie auszu- zurichten, ist, daß binnen einer Woche, oder so ungefaͤhr, Hr. Brand hinaufgeschickt werde, sich in geheim nach ihrem gegenwaͤrtigen Zustande und ihrer ihrer Lebensart zu erkundigen, und zu sehen, daß sie nicht ganz verlassen sey. Denn nichts, was sie selbst schreibet, wird geachtet werden. Jhr Vater hat in der That, auf ihr instaͤn- diges Bitten, den Fluch aufgehoben, den er, bey ihrer gottlosen Flucht von uns, anfangs im Zorn auf sie legte. Aber Fraͤulein Howe; es ist etwas betruͤbtes, Frau Norton, auf so viele Art zugleich zu leiden! hatte durch ihre ungebuͤhrliche Frey- heiten gegen uns alle, sowohl im Reden in allen Gesellschaften, als durch Briefe an meine Ara- belle, die Sachen so schwer gemacht, daß wir ihn kaum bewegen konnten, ihren Brief lesen zu hoͤren. Diese Freyheiten der Fraͤulein Howe gegen uns; das allgemeine Geschrey wider uns außer- halb Hauses, wo nur von uns geredet wird; und die sichtbare, ja nicht selten in die Ohren fal- lende Unehrerbietigkeit, womit Hohe und Niedere uns begegnen, wenn wir zu und von der Kirche gehen, auch selbst wenn wir in der Kirche sind; denn sonst irgend wohin zu gehen haben wir nicht das Herz; als wenn keiner von uns anders, als um ihretwillen, geachtet, und sie unschuldig, wir alle schuldig waͤren; alle diese Umstaͤnde, muͤssen Sie nothwendig denken, vorschlimmern die Sache bestaͤndig bey der ganzen Familie. Sie hat mir gewiß meinen Zustand, der schon vorher gar nicht leicht war, vollkommen schwer gemacht! ‒ ‒ Jhnen die Wahrheit zu sagen; mir ist ausdruͤcklich befohlen, ohne Erlaubniß nicht das geringste von ihr, es sey durch welche Hand Hand es wolle, anzunehmen. Sollte ich also mei- nem mitleidigen Seufzen nach ihr so weit Genuͤge thun, daß ich in geheim den Brief, wovon Sie melden, annaͤhme: was wuͤrde es anders seyn, als mich zu quaͤlen, ohne daß ich im Stande waͤre, ihr zu helfen? Und sollte man es erfahren ‒ ‒ Hr. Harlowe ist so zornig ‒ ‒ Sollte es sein Po- dagra in den Magen treiben, wie bey ihrer unbe- sonnenen Flucht geschahe ‒ ‒ Jn Wahrheit, in Wahrheit, ich bin sehr ungluͤcklich daran! ‒ ‒ Denn, o meine liebe Fr. Norton, sie ist doch be- staͤndig noch mein Kind! ‒ ‒ Aber, wofern es nicht mehr in meiner Gewalt stuͤnde ‒ ‒ Jedoch verlangt mich, ihren Brief zu sehen. ‒ ‒ Sie be- richten, daß er von ihrem gegenwaͤrtigen Zustande und von ihren Umstaͤnden Nachricht gebe. ‒ ‒ Das arme Kind, welches Tausende im Besitz haben sollte! ‒ ‒ Und haben wird! ‒ ‒ Denn ihr Vater wird ein getreuer Haushaͤlter fuͤr sie seyn ‒ ‒ Allein es muß auf ihm beliebige Art, und zu ihm beliebiger Zeit, erst geschehen. Befindet sie sich wirklich uͤbel? ‒ ‒ so sehr uͤbel? ‒ ‒ Sie muß billig Kummer haben ‒ ‒ Sie hat gedoppelt so viel verursachet. Aber glaubt sie wirklich, daß sie uns nicht lange beschwerlich seyn werde? ‒ ‒ O! Fr. Nor- ton, sie muß, sie wird uns lange beschwerlich seyn. ‒ ‒ Denn kann sie gedenken, daß ihr Tod, wenn wir ihrer beraubt seyn sollten, unserm Lei- den ein Ende machen werde? ‒ ‒ Kann man sich vorstellen, daß der Fall eines solchen Kindes nicht bis bis an die letzte Stunde unsers Lebens von uns beklaget werden solle? Allein bezeuget sie in dem Briefe, welchen Sie haben, ohne Zuruͤckhaltung, ihre Reue? Giebt sie nicht etwas uns nachtheiliges, auch nur von weiten, darinn zu verstehen? Zielt sie nicht auf eine Verringerung ihres Fehlers? ‒ ‒ Wenn ich ihn sehen sollte: wuͤrde er mich nicht so sehr bewegen, daß mein sichtbarer Kummer mich harten Begegnungen bloßstellen moͤchte? ‒ ‒ Kann es angestellt werden ‒ ‒ Aber zu welchem Ende? ‒ ‒ Nein! senden Sie ihn nicht ‒ ‒ Jch sage Jhnen, senden Sie ihn nicht ‒ ‒ Jch darf ihn nicht sehen ‒ ‒ Jedoch ‒ ‒ Aber ach! ‒ ‒ O vergeben Sie der verwirrungsvollen Mut- ter! Sie koͤnnen ‒ ‒ Sie wissen, dieß alles zu gute zu halten ‒ ‒ Also will ich es gehen lassen ‒ ‒ Jch will diesen Theil von meinem Briefe nicht noch einmal schreiben. Allein ich finde nicht fuͤr gut, mehr von ihr zu wissen, als uns allen gemeldet wird ‒ ‒ Nicht mehr, als ich gestehen darf, gesehen zu haben; und was einige von ihnen mir vielmehr eroͤffnen, als von mir erfahren moͤgen. Dieß erfordert meine aͤußerliche Ruhe: ob gleich meine innerliche Zufriedenheit durch den Zwang immer mehr und mehr leidet. Jch Jch ward genoͤthigt abzubrechen. Aber ich will nun versuchen, meinen langen Brief zu be- schließen. Es ist mir leid, daß Sie sich nicht wohl be- finden. Wenn Sie sich aber auch wohl befaͤn- den: so koͤnnte ich doch, selbst Jhrentwegen, nicht wuͤnschen, daß Sie zu uns heraufkommen moͤch- ten; wie Sie nach Elisabeths Erzaͤhlung zu thun begierig sind. Kaͤmen Sie: so wuͤrde nichts geachtet werden, was von Jhnen gekommen waͤ- re. Da man ohne das schon glaubet, daß Sie zu parteyisch fuͤr sie sind: so wuͤrde dieß, daß Sie herauf kaͤmen, es nur bestaͤrken, Jhnen nachthei- lig seyn, und ihr nichts nuͤtzen. Weil ein jeder Sie hier werth achtet: so rathe ich Jhnen, daß Sie sich ihrer nicht zu eifrig annehmen; sonder- lich vor der Elisabeth meiner Arabelle; bis ich Jhnen eine bequeme Zeit dazu melden kann. Sollte ich Jhnen aber verbieten, das werthe bos- hafte Kind zu lieben? Wer kann das? O, mei- ne Fr. Norton! Sie muͤssen sie lieben! ‒ ‒ Und ich auch! Jch uͤbersende Jhnen fuͤnf Guineas, Jhnen in Jhrer und Jhres Sohnes gegenwaͤrtigen Krankheit zur Beyhuͤlfe zu dienen: denn es muß Jhnen schwer geworden seyn. Was fuͤr eine betruͤbte, betruͤbte Sache, meine gute Fr. Nor- ton, daß alle Jhre, alle meine Muͤhe, auf acht- zehn oder neunzehn Jahre nach einander, in so Sechster Theil. R r weni- wenigen Monaten so jaͤmmerlich zernichtet ist! Jedoch ich muß allezeit Jhre Freundinn seyn und Sie bedauren: eben deswegen, weil ich selbst bey jedermann Mitleiden verdiene. Vielleicht finde ich eine Gelegenheit, Sie zu besuchen, als wenn es Jhrer Krankheit wegen geschaͤhe: und dann mag ich den Brief, wovon Sie Erwaͤhnung thun, bey Jhnen mit Thraͤnen durchlesen. Allein in Zukunft schreiben Sie mir nichts von dem armen Maͤgdchen, das Jhrer Meynung nach nicht uns allen entdecket werden kann. Jch empfehle Jhnen, wo Sie meine Freund- schaft achten, wo Sie meine Ruhe wuͤnschen, weder dem boshaften Kinde, noch sonst jeman- den, das geringste von einem Briefe zu sagen, den Sie von mir bekommen haben. Es ist mir eine kleine Erleichterung gewesen, weil mir die Gelegenheit gegeben ist, an Sie zu schreiben: da Sie, auf eine so besondre Art, an meinem Leiden Theil nehmen muͤssen. Eine Mutter, Fr. Nor- ton, kann ihr Kind nicht vergessen: wenn auch das Kind die Mutter verlassen, und, indem es das that, allen Trost, alles Vergnuͤgen ihrer Mutter mit sich hinwegnehmen konnte! ‒ ‒ Un- ter solchen Umstaͤnden, kann ich mit Wahrheit sagen, ist Jhre ungluͤckliche Freundinn Charlotte Harlowe. Der Der vier und achtzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Frau Judith Norton. Sonnabends, den 29ten Jul. J ch wuͤnsche Jhnen, meine liebe Fr. Norton, von ganzem Herzen Gluͤck zu der Genesung Jhres Sohnes, und bitte Gott, daß er dieselbe, nebst Jhrer eignen Gesundheit, zur Vollkommen- heit gedeihen lasse. Jch schreibe mit einiger Unruhe, weil ich die Folge von ihrem Vorsatz, den Sie mir zu verste- hen geben, besorge; von dem Vorsatz, einen oder den andern Weg zu meinem Besten zu versuchen. Sie meynen vermuthlich bey meinen Verwand- ten. Aber Sie wollen mir nicht melden, schrei- ben Sie, was es sey: wofern es keinen gewuͤnsch- ten Erfolg hat. Nun muß ich Sie ersuchen, daß Sie nichts fuͤr mich unternehmen, wovon Sie mir nicht vorher Nachricht geben. Jch habe nur eine Bitte an meine Angehoͤ- rigen zu thun, außer derjenigen, die in meinem Briefe an meine Schwester enthalten ist: und ich wollte nicht gern, deucht mich, um ihrer ei- gnen zukuͤnftigen Gemuͤthsruhe willen, daß sie durch Jhre und der Fraͤulein Howe wohlge- R r 2 meynte meynte Guͤtigkeit verdrieslich gemacht, und da- durch gereizet wuͤrden, mir dieselbe abzuschlagen. Warum sollte auch mehr fuͤr mich verlanget wer- den, als ich genießen kann? Mehr, als schlech- terdings fuͤr meine Zufriedenheit nothwendig ist? Sie vermuthen, daß ich meiner Schwester Antwort auf meinen Brief unterdessen, da der ihrige mir zu Haͤnden kaͤme, haben wuͤrde. Jch habe sie: und sie ist hart, sehr hart. Jedoch, wenn ich mein Vergehen, wie es in ihren Augen ist, und die Erbitterungen, wozu sie, wie ich glau- ben muß, so neulich von meiner lieben Fraͤulein Howe gereizet sind, uͤberlege: so muß ich es als eine Gewogenheit ansehen, daß er nur einmal be- antwortet ist. Jch will Jhnen bald, so wohl von derselben, als von meinem Schreiben, worauf es die Antwort ist, eine Abschrift uͤbersenden. Jch habe Ursache, meinem Vater vielen Dank zu wissen, daß er den schweren Fluch, der mich so sehr druͤckte, von mir genommen hat. ‒ ‒ Eines Vaters Fluch, meine liebe Fr. Norton! Was fuͤr ein Kind koͤnnte unter dem Fluch eines Vaters geruhig sterben: sonderlich wenn er so buchstaͤblich, als dieser, erfuͤllet ist, in so fern er auf das gegenwaͤrtige Leben gehet! Mein Herz ist mir zu schwer, daß ich die be- sondern Umstaͤnde in dem Briefe meiner Schwe- ster beruͤhren koͤnnte. ‒ ‒ Jch kann mein Ver- gehen nur auf eine Art buͤßen und aussoͤhnen. O moͤchte diese doch angenommen werden! Und moͤchten alle werthe Verwandten bald vergessen, daß daß eine solche ungluͤckliche Tochter, Schwester, oder Base, als Clarissa Harlowe, gelebet habe! Mein Vetter Morden war einer von denen, die so ernstlich in meinem neunten und eilften Jahre fuͤr mich beteten, wie Sie erwaͤhnen. Meine Schwester denkt, er werde einer von de- nen seyn, welche wuͤnschen werden, daß ich nie- mals gewesen waͤre. Aber ich bitte Sie, wenn er kommt, lassen Sie es mich so bald, als moͤ- glich, wissen. Sie glauben, daß, wenn die ungluͤckliche Vorstellung von meiner Gabe, Mitleiden zu er- wecken, nicht im Wege stuͤnde, meine Mutter sich erweichen lassen wuͤrde. Was wollte ich darum geben, sie noch einmal zu sehen, und, wenn gleich ohne ihr Wissen, nur den Saum ih- res Kleides zu kuͤssen. Haͤtte ich denken koͤnnen, daß das letzte mal, da ich sie sahe, das letzte gewesen waͤre: wie viele Muͤhe sollte es gekostet haben, mich von ih- ren umfaßten Fuͤßen zu reissen! ‒ ‒ Und wie wenig ließ ich mir in den Sinn kommen, als ich am vorigen 5ten April Siehe den II. Theil, S. 384. hinter der Hecke, mei- nen Vater, meinen Onkel Anton, meinen Bru- der, und meine Schwester sahe, daß dieß das letzte mal seyn wuͤrde, da ich sie jemals sehen soll- te, und daß mich in so kurzer Zeit so viel erschreck- liches Ungluͤck treffen wuͤrde! Allein ich kann nichts schreiben, als was Jh- nen Unruhe verursachen muß. Jch will daher R r 3 nur nur meine Bitte wiederholen, daß Sie sich nicht ohne meine vorlaͤufige Einwilligung fuͤr mich ins Mittel schlagen wollen, und mit der Versiche- rung beschließen, daß ich sey, und allezeit seyn werde Jhre ergebenste und gehorsamste Clarissa Harlowe. Der fuͤnf und achtzigste Brief von Fraͤulein Arabelle Harlowe an Fraͤulein Clarissa Harlowe. zur Antwort auf ihren Brief vom Freytage dem 21ten Jul. der hier der LXX te ist. Donnerstags, den 27ten Jul. O meine ungluͤckliche und verlohrne Schwester. W ie jaͤmmerlich ist Euer romanenmaͤßiger und unbesonnener Zug ausgefallen! Jch beklage Euch von Herzen. Jhr habt wohl Ursache traurig zu seyn, und Reue zu empfinden. ‒ ‒ Lovelace hat Euch ver- lassen! ‒ ‒ Jn welchem Zustande, und in wel- chen Umstaͤnden, wisset Jhr am besten. Jch Jch wuͤnschte, daß Eure Auffuͤhrung so be- schaffen gewesen waͤre, daß Euer Zufall mehr Mitleiden verdiente. Allein Jhr habt nur ge- funden, was ihr gesucht habt. Gott helfe Euch! ‒ ‒ denn Jhr habt keinen Freund, der Euch ansehen wird! ‒ ‒ Armes, gottloses, verlohrnes Geschoͤpfe! ‒ ‒ Jhr seyd gegen alles Warnen, alles Vorhalten, alle Pflicht und Gehorsam, gefallen. Aber es nuͤtzt nichts, daß ich Euch Verweise gebe. Jch weine uͤber euch! Meine arme Mutter! ‒ ‒ O! Eure Unbe- sonnenheit hat sie weit elender gemacht, als Jhr seyn koͤnnet! Dennoch hat sie meinen Vater ge- beten, Euch Eurer Bitte zu gewaͤhren. Meine Onkels vereinigten sich mit ihr: denn sie dachten, es waͤre ein wenig mehr Bescheiden- heit in Eurem Briefe, als in dem Schreiben Eurer muthigen Fuͤrsprecherinn. Es hat ihm daher gefallen, mir zu erlauben, daß ich schreibe, aber fuͤr ihn nur allein diese Worte, und nicht mehr: „Er hebe den Fluch auf, den er auf Euch „legte, als er zuerst von Eurer gottlosen Flucht „hoͤrte, so weit es in seiner Gewalt stehet, und „hoffe, daß Eure gegenwaͤrtige Strafe allein die- „jenige seyn moͤge, die Jhr findet; uͤbrigens wol- „le er Euch niemals fuͤr sein Kind erkennen, „Euch niemals vergeben, und bedaure schmerz- „lich, daß er eine solche Tochter in der Welt „habe.“ R r 4 Alles Alles dieß, und noch mehr habet Jhr von ihm und von Uns allen verdienet: aber was habt Jhr dem verruchten liederlichen Kerl ge- than, das zu verdienen, was Euch von seinen Haͤnden widerfahren ist? ‒ ‒ Jch fuͤrchte, ich fuͤrchte, Schwester! ‒ Jedoch nicht mehr! ‒ ‒ Vortrefflich habt ihr diese vier Monate ange- wandt! Mein Bruder ist itzo in Edinburg, wohin ihn mein Vater geschickt hat, damit er diesen frohlockenden Betruͤger nicht etwa antreffen moͤ- ge, ob er gleich nicht weiß, daß dieß der Bewe- gungsgrund dazu ist. Man sagt uns, daß er Euch gern heyrathen wollte. Aber warum hat er Euch denn sitzen lassen? Er hatte Euch sonder Zweifel so lange gehalten, bis er Eurer uͤberdruͤßig war: und es ist gar nicht glaublich, daß er wuͤnschen sollte, Euch zu haben, anders als auf den Fuß, wie Jhr ohne allen Streit schon die seine gewesen seyd. Jhr solltet Eurer Freundinn, der Fraͤulein Howe, rathen, sich Eurer Sachen weniger anzu- nehmen, wofern sie es nicht mit mehrerer An- staͤndigkeit thun koͤnnte. Sie hat drey Briefe an mich geschrieben, die sehr uͤbermuͤthig sind. Eure große Goͤnnerinn, die arme Fr. Norton, denkt, daß Jhr nichts von dem Unternehmen der muthigen Fraͤulein, an mich zu schreiben, wisset. Jch hoffe es. Aber alsdenn ist die Briefstelle- rinn desto unverschaͤmter. Weil ich inzwischen der der guten Frauen, die ganz von euch eingenom- men ist, glaubte: so setzte ich mich desto williger nieder, auf Euren Brief zu antworten; und schreibe nicht so scharf, als ich sonst gethan haben wuͤrde, wo ich ihn nur gar einmal beantwortet haͤtte. Der vergangene Montag ist Euer Geburts- tag gewesen. Denket, elendes undankbares Maͤgdchen, wie wir ihn alle zu begehen pflegten: so werdet Jhr Euch nicht wundern, wenn man Euch saget, daß wir an dem Tage alle von ein- ander gelaufen sind. Allein Gott verleihe Euch wahre Reue, wo Jhr sie nicht schon fuͤhlet. Sie wird gewiß wahr und aufrichtig seyn: wo sie der Scham und der Betruͤbniß gleich ist, die Jhr uns allen verursachet habt. Eure traurige Schwester Arabelle Harlowe. Euer Vetter Morden wird alle Tage in Eng- land erwartet. Er wird eben so wohl als die Uebrigen von der Familie wuͤnschen, daß Jhr niemals gewesen waͤret, wenn er hoͤren wird, wie trefflich Jhr es gemacht habt. R r 5 Der Der sechs und achtzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Howe. Sonntags, den 30ten Jul. S ie haben mir ein großes Vergnuͤgen gemacht, meine theureste Freundinn, daß Sie meine Art zu denken und die Entschließung, Herrn Lo- velacen niemals zu nehmen, welche sich darauf gruͤndet, gebilliget haben. Dieser Beyfall ist, nach der Beschaffenheit der Umstaͤnde, und nach der genauen Beobachtung wahrer Ehre und der erhabenen Gemuͤthsart, die ich an meiner Anna Howe allezeit bewundert habe, so gerecht, daß ich schwerlich sagen konnte, wohin ich den Rath, den Sie mir gaben, das Gegentheil zu thun, rechnen sollte, wofern ich ihn nicht etwa meinem ungluͤcklichen Schicksal zuschreiben muͤßte, wel- ches endlich haben wollte, daß ich niemanden mehr gefallen moͤchte. Lassen Sie aber den schlechten Zustand mei- ner Gesundheit, und das, worauf dieser natuͤrli- cher Weise hinausgehen mag, sich nicht betruͤben. Jch habe mich gegen Sie erklaͤret, daß ich dem Leben nicht entlaufen, und keine Mittel versaͤu- men will, wodurch es verlaͤngert werden kann; wofern es Gott gefaͤllt: und gefaͤllt es ihm nicht; nicht; wer soll denn gegen seinen Willen murren? Wenn sichs zeigen wird, daß ich in meinen groͤßten Versuchungen nicht anders gehandelt ha- be, als es Jhrer Liebe und meinem guten Na- men anstaͤndig gewesen ist: so wird das fuͤr uns beyde, bey genauer Ueberlegung, eine Gluͤckselig- keit seyn. Der Angriff, den Sie mir so ernstlich rathen zu uͤberwaͤltigen zu suchen, war der haͤrteste, den ich leiden konnte. Aber, meine Wertheste, da ich ihn mir nicht durch mein Versehen zugezogen hatte: so hoffe ich, daß ich ihn schon uͤberwaͤlti- get habe. Ja ich hoffe es. Bisweilen bin ich inzwischen mehr um an- dere, als um mich selbst betruͤbt. Und das muß ich billig seyn. Denn in Ansehung meiner selbst, kann ich nicht anders als denken, daß ich vielmehr entkommen bin, als einen Verlust gelitten habe, indem es mir fehlgeschlagen ist, Hrn. Lovelacen zu einem Manne zu haben: auch so gar, wenn er nicht die schaͤndlichste Gewaltthaͤtigkeit an mir veruͤbet haͤtte. Es mag ein jeder, der meine Geschichte weiß, aus seinem Betragen gegen mich, vor der Ge- waltthaͤtigkeit, seine Gemuͤthsart abnehmen, und dann selbst urtheilen, ob es im geringsten wahr- scheinlich gewesen, daß ein solcher Mann mich gluͤcklich machen sollte. Wenn man aber die Be- schaffenheit seines Gemuͤths aus seinen Grund- saͤtzen in Absicht auf unser Geschlecht uͤber- haupt, haupt, und aus seinen Unternehmungen gegen viele von demselben schließet; und seine natuͤrliche Grausamkeit, und die Neigung, mit seinen Erfin- dungen sein Spiel zu treiben, nebst der hohen Meynung, die er von sich selber hat, uͤberleget: so wird man nicht zweifeln, daß eine Frau bey ihm ungluͤcklich gewesen seyn moͤchte; und noch ungluͤcklicher, wenn sie ihn lieb gehabt, als wenn sie gleichguͤltig gegen ihn haͤtte seyn koͤnnen. Eine Zeit von zwoͤlf Monaten haͤtte, nach der groͤßten Wahrscheinlichkeit, meinem Leben ein Ziel setzen moͤgen: da ich mit meinen Freunden so uͤbel daran; da ich von meinem Bruder und meiner Schwester verfolget und geaͤngstiget wor- den, und mein Herz selbst durch die freywillige, und, wie nun offenbar am Tage liegt, vorsetzliche Unschluͤßigkeit des Menschen zerrissen war; des Menschen, von dem ich Dank zu verdienen suchte, und von dem ich um so viel mehr berechtigt war, Schutz zu erwarten, weil er mich alles andern Schutzes beraubet, und, indem er meine eigne Familie hassete, mich dahin gebracht hatte, daß ich mich ihm gaͤnzlich uͤberlassen mußte. Dieß war vormals, wie ich dachte, seine ganze Absicht: und elend genug fuͤr mich, wenn sie es ganz ge- wesen waͤre. Kann man wohl denken, liebste Freundinn, daß, so gluͤcklich als ich war, ehe ich Hrn. Lovela- cen kennen lernete, mein Herz durch eine so un- gluͤckliche Veraͤnderung in meinen Umstaͤnden nicht angegriffen worden? ‒ ‒ Vielleicht brauch- te te es nicht erst der gottlosen Gewaltthaͤtigkeit, ein Leben, mit welchem er sein Spiel getrieben hat, um vieles, wenn gleich etwa nicht so gar sehr, zu verkuͤrzen. Waͤre ich nur einen Monath uͤber die Seine gewesen: so haͤtte er mein Gut, welches meinen Verwandten am Herzen lag, haben muͤssen; zu desto groͤßerem Verdrusse fuͤr sie, weil sie ihn eben so sehr hasseten, als er sie. Habe ich in Betrachtung dieser Dinge nicht Ursache, mich selbst ohne Hr. Lovelacen fuͤr gluͤck- licher, als mit ihm, zu halten? ‒ ‒ Da noch da- zu mein Wille unbefleckt ist, und ich mir selbst sehr wenig, ja in Absicht auf ihn nicht das ge- ringste, vorzuwerfen habe? Allein mit meinen Verwandten verhaͤlt es sich ganz anders. Diese verdienen in der That Mitleiden. Sie sind ungluͤcklich, und werden es ohne Zweifel lange seyn. Wenn wir von ihrem Unwillen und ihrer Auffuͤhrung urtheilen wollen: so muͤssen wir uns an ihre Stelle und unter ihre Umstaͤnde setzen. ‒ ‒ Da sie mich fuͤr schuldiger ansehen, als sich selbst; diejenigen, welche mir wohl wollen, moͤgen ihrer Meynung seyn oder nicht; und da sie ein Recht haben, fuͤr sich zu urtheilen: so muß ihnen bil- lig vieles zu gute gehalten werden; sonderlich meinen Eltern. Sie werden wenigstens von sich selbst freygesprochen; welches bey mir nicht seyn kann: und das um so viel mehr, wie sie sich er- innern koͤnnen, weil sie durch ihre Muͤhe, ihre vorige vorige Guͤtigkeit gegen mich, und ihre unstreitige Liebe, ihrer Pflicht Genuͤge gethan haben. Jhre Parteylichkeit fuͤr eine Freundinn, die Sie so hoch achten, wird Jhnen nicht leicht diese Art zu denken erlauben. Aber haben Sie nur die Guͤte, meine Wertheste, die Sache nach der fol- genden Vorstellung zu betrachten. Hier sehen Sie meine Mutter, eine der kluͤg- sten Personen von ihrem Geschlechte, in eine Fa- milie verheyrathet, die vielleicht keine so gluͤckliche Gemuͤthsart hatte, als sie selbst. Dennoch besaß sie die Geschicklichkeit, einen jeden von derselben auf eine lange Zeit durch ihre Weisheit, welche sie alle lenkte, vollkommen zu regieren: da sie unterdessen nicht anders wußten, als wenn die Vorschriften derselben das waͤren, was ihnen ihre eigne Herzen eingaͤben. Eine so angenehme Kunst hatte sie, zu uͤberwinden, indem sie nachzugeben schien. Denken Sie, meine liebste Freundinn, wie groß der Ruhm und das Vergnuͤgen einer solchen Mutter seyn mußte, daß sie der Familie, welcher sie in ihrer Liebe den Vorzug gab, an meinem Bruder einen Sohn geben konnte, der nicht unwuͤrdig war, fuͤr eine Erfuͤllung ihrer Wuͤnsche angesehen zu werden; an meiner Schwester, eine Tochter, der sie sich nicht Ursache hatte zu schaͤmen; und an mir, eine zwote Toch- ter, welcher jedermann, so groß war ihre partey- ische Gunst gegen mich, als einem noch eigentli- chern Bilde von ihr selbst schmeichelte! Wie zu- frieden mit sich selbst konnte sie auf eine Familie, die die sie so gluͤcklich gemacht hatte, mit Laͤcheln her- um sehen! Was fuͤr Lobspruͤche brachte ihr das Beyspiel zuwege, welches sie uns gegeben hatte: und was fuͤr hoffnungsvolle Wirkungen folgten auf dieselben! Mit was fuͤr einer edlen Zuversicht konnte sie ihren lieben Hrn. Harlowe ansehen, als eine Person, welche durch sie gluͤcklich gemacht war; und vergnuͤgt gedenken, daß aus einer so reinen Quelle nichts als reine Tugend stroͤmete! Nun kehren Sie diese reizende Vorstellung um, liebste Freundinn, wie ich taͤglich thue. Sehen Sie meine theure Mutter, wie sie sich in ihrem Closet betruͤbet; wie sie an ihrem Tische und in denen Gemaͤchern, worinn der Kummer vormals ein Fremdling war, ihre Betruͤbniß zu unterdruͤ- cken suchet; wie sie in tiefen Gedanken ihren Kopf haͤngen laͤsset; wie kein Laͤcheln ihr guͤtiges Gesicht mehr erheitert; wie ihre Tugend genoͤthigt ist fuͤr Fehler zu leiden, derer sie nicht schuldig seyn koͤnn- te; wie ihre Geduld, weil sie mehr als irgend ein anderer von dieser edlen Gabe besitzt, bestaͤndig durch wiederholte Vorwuͤrfe solcher Fehler auf die Probe gesetzet wird, durch welche sie eben so sehr gekraͤnket ist, als diejenigen seyn koͤnnen, von de- nen sie so oft davon hoͤret; wie sie, als die Quelle, eine Befleckung, welche nur einen von den abge- stroͤmten Baͤchen angesteckt hatte, sich selbst bey- misset; wie sie sich fuͤrchtet, wenn sie etwa dazu geneigt waͤre, ihre Lippen zu meinem Besten zu oͤffnen, damit man nicht denken moͤge, daß sie in ihrem eignen Gemuͤthe eine Neigung zu Fehlern haͤtte, haͤtte, deren sie sonst nicht im geringsten haͤtte verdaͤchtig werden koͤnnen; wie sie des Bewußt- seyns von dem verdienten Ruhm, woraus sich die Mutter hoffnungsvoller Kinder eine Ehre machen kann, beraubt ist; wie ein jeder, der sie besuchet, oder von ihr besuchet wird, durch stumme Zeichen und Blicke, welche mehr bedeuten, als Worte ausdruͤcken koͤnnen, Beyleid bezeuget, wo sie alle Gluͤck zu wuͤnschen pflegeten; wie das angenom- mene Stillschweigen derselben sie kraͤnket, der mitleidige Blick ein trauriges Andenken in ihr erneuret, der halb verschluckte Seufzer, in jenen, tiefere Seufzer aus ihr presset, und die wegge- wandten Augen derselben, welche eine aufsteigen- de Thraͤne zuruͤckzuhalten suchen, bey ihr Thraͤ- nen reizen, die nicht zuruͤck gehalten seyn wollen. Wenn ich diese Dinge erwaͤge, und ferner die Marter bedenke, welche das heftigere Herz mei- nes Vaters zerreißet, weil es sich nicht durch die Thraͤnen erleichtern kann, die bey sanftern Ge- muͤthern den quaͤlenden Kummer zu den Augen ableiten; wenn ich die uͤberkochende Unruhe mei- nes ungedultigen und hitzigen Bruders uͤberle- ge, der in dem Fall einer Schwester, aus welcher er sich vormals einen Ruhm machte, seine Ehre mit dem empfindlichsten Verdruß gekraͤnket sie- het; wenn ich den Stolz einer aͤltern Schwe- ster, welche mit Widerwillen die Ehrenbezeigun- gen gegen eine juͤngere, wobey sie selbst hintan- gesetzet war, ertragen hatte; und endlich die Schande betrachte, welche zweenen Onkeln verur- verursachet ist, die sich um die Wette bemuͤheten, ihrer damals gluͤcklichen Base Merkmaale der Gewogenheit zu geben; wenn ich mein Verge- hen nach dieser harten, aber gegruͤndeten Vorstel- lung in Erwaͤgung ziehe: was kann denn fuͤr ein Grund uͤbrig seyn, irgend sonst jemand, als mich ungluͤckselige selbst zu tadeln? Und wie viel Ur- sache habe ich zu sagen: Wo ich mich selbst rechtfertige; so wird mein eignes Herz mich verdammen: wo ich sage, ich bin vollkommen; so wird es auch beweisen, daß ich verkehrt sey? Hier erlauben Sie mir, meine Feder auf ei- nige Augenblicke niederzulegen. Sie sind sehr gefaͤllig gegen mich, Jhrer Absicht nach, das weiß ich, wenn Sie mir ent- decken, daß es in meiner Gewalt sey, den Tag zu Hrn. Hickmanns Gluͤck zu beschleunigen. Dennoch erlauben Sie mir zu gestehen, daß ich diese guͤtige Versicherung weniger, als irgend ei- ne andere Stelle in Jhrem Briefe bewundere. Einmal wissen Sie ja, daß es nicht in mei- ner Gewalt stehe, zu sagen, wann ich meinen Arzt abzuschaffen vermoͤgend seyn werde. Sie sollten also die Vollziehung einer Heyrath, welche Sie sich selbst vorgesetzt haben und Jhre Fr. Mutter so sehnlich wuͤnschet, nicht auf einen so ungewissen Ausgang ankommen lassen. Jch werde auch eine Hoͤflichkeit, die eine Geringschaͤ- Sechster Theil. S s tzung tzung gegen jene in sich schließen muß, nicht an- nehmen. Wenn mir hiernaͤchst etwas eine Lust zum Leben machen koͤnnte; nach dem, was ich gelit- ten habe: so wuͤrde es die Hoffnung seyn, daß die mehr als schwesterliche Liebe, welche uns seit so vielen Jahren durch ein bestaͤndiges Band, als eine Seele, mit einander vereiniget hat, fortdau- ren werde ‒ ‒ Und warum sollten Sie, meine Wertheste, Anstand nehmen, durch ein noch staͤr- kers Band einer Person, die so wenige Freunde hat, noch einen Freund zu verschaffen? Es ist mir lieb, daß Sie meinen Brief der Fraͤulein Montague uͤbersandt haben. Jch hof- fe, ich werde von dem ungluͤckseligen Menschen nichts mehr hoͤren. Jch hatte angefangen, die eigentlichen Um- staͤnde meiner traurigen Begebenheit aufzusetzen. Aber es ist eine so kummervolle Arbeit, und ich habe so viele wichtigere Dinge zu thun, und, wie ich besorge, so wenige Zeit zu denselben, daß ich nicht weiter fortfahren wuͤrde, wenn ich mich ent- ziehen koͤnnte. Außer dem weiß ich bis auf diese Stunde noch nicht, durch was fuͤr Mittel einige von sei- nen Anschlaͤgen, mich ungluͤcklich zu machen, ins Werk gerichtet sind. Daher muͤßten einige we- sentliche Stuͤcke von meiner betruͤbten Geschichte mangelhaft bleiben: wenn ich sie schreiben sollte. Allein ich habe an ein Mittel gedacht, welches die Absicht, die Jhre Fr. Mutter und Sie selbst zu erlan- erlangen wuͤnschen, eben so gut, vielleicht noch besser erfuͤllen wird. Herr Lovelace hat, wie es scheint, seinem Freunde, Herrn Belford, alles entdecket, was bey dem ganzen Verlauf der Sache nach und nach zwischen ihm und mir vorgegangen ist. Hr. Bel- ford hat es nicht laͤugnen koͤnnen. Also hat ein armes junges Frauenzimmer, wie wir beylaͤufig bemerken moͤgen, welches durch ihre Unbedacht- samkeit einem liederlichen Kerl in die Haͤnde ge- rathen ist, noch einen Grund, ihre Thorheit zu bereuen, den sie sich nicht einmal in den Sinn kommen laͤsset: indem diese nichtswuͤrdigen Leute, welche nicht mehr Ehre in einem Stuͤcke, als in dem andern beobachten, kein Bedenken tragen, bey ihren liederlichen Bruͤdern uͤber ihre Schwachheit, als uͤber einen Theil ihres Sieges, zu frohlocken. Jch habe nichts dergleichen zu besorgen: wo mir in seinen Briefen die Gerechtigkeit wi- derfahren ist, welche mir nach Herrn Belfords Versicherung widerfahren seyn soll. Daher wer- den sich die besondern Umstaͤnde meiner Bege- benheit, und die niedertraͤchtigen Kunstgriffe des schaͤndlichen Kerls, wie ich denke, am besten aus diesen seinen eignen Briefen selbst zusammensu- chen lassen: wofern Herr Belford zu gewinnen ist, sie mitzutheilen. Jch kann mich auf diesel- ben mit eben der Wahrheit und eben dem Eifer berufen, welche bey demjenigen statt hatten, der da sagt: ‒ ‒ O daß mich jemand hoͤren S s 2 wollte! wollte! und daß mein Widersacher ein Buch geschrieben haͤtte! ‒ ‒ Gewiß, ich wollte es auf meine Achsel nehmen und es als eine Krone an mich binden! denn ich habe meine Uebertretungen nicht verdecket, wie Adam, daß ich meine Bosheit in mei- nem Busen verborgen haͤtte. Es ist ein Mittel, worauf man fallen mag, Herrn Belford zu bewegen, daß er diese Briefe sehen lasse: da er einen aufrichtigen Abscheu vor dem niedertraͤchtigen Bezeigen seines Freundes gegen mich zu haben scheinet, und sich erklaͤret, daß er allezeit Abscheu davor getragen habe. Aber wenn sie es hoͤren: so werden sie sagen, es sey ein wunderliches Mittel. Nichts desto we- niger habe ich mich itzo im Ernst dazu ent- schlossen. Es ist kein anderes, als dieses: Jch gedenke dem Herrn Belford die Voll- ziehung meines letzten Willens aufzutragen. Er- schrecken Sie nicht davor! Jn der Absicht erlau- be ich seine Besuche mit desto wenigerm Beden- ken. So oft als ich ihn sehe, werde ich wegen des Antheils, das er an meinen Umstaͤnden nimmt, mehr und mehr geneigt, es zu thun. Wo- fern ich eben der Meynung bleibe, und er die Vollziehung uͤber sich nehmen, und den Stoff zu meiner Geschichte, der in seinen Haͤnden ist, mit- theilen will: so wird dieser, nebst demjenigen, den sie dazu geben koͤnnen, die ganze Absicht zu erreichen hinlaͤnglich seyn. Jch Jch weiß, Sie werden uͤber meinen Einfall, einem solchen Menschen die Vollziehung meines letzten Willens aufzutragen, stutzen. Aber ich bitte, liebste Freundinn, uͤberlegen Sie, was ich unter meinen gegenwaͤrtigen Umstaͤnden bessers thun kann: da ich die Macht habe ein Testament zu machen, und uͤber ansehnliche Guͤter vollkom- mene Gewalt besitze. Jhre Fr. Mutter, bin ich versichert, wuͤrde es nicht zugeben, daß Sie diesen Liebesdienst uͤber sich nehmen sollten. Hr. Hickmann moͤch- te dadurch den Anfaͤllen des ungestuͤmen Men- schen bloßgestellet werden. Fr. Norton kann es aus verschiedenen Ursachen, in Betrachtung ihrer selbst, nicht thun. Mein Bruder siehet das, was ich billig haben sollte, als etwas an, worauf er ein Recht hat. Mein Onkel Har- lowe hat schon, nebst meinem Vetter Morden, die Vollziehung des Testaments von meinem Großvater, in Ansehung des mir von diesem ver- machten Guts, auf sich: allein Sie sehen, daß ich nicht einmal die wenigen Stuͤcke, die ich zu Har- lowe-Burg zuruͤckgelassen, von meiner eignen Familie habe bekommen koͤnnen; und mein On- kel Anton drohete schon einmal, meines Groß- vaters Testament streitig zu machen. Mein Vater! ‒ ‒ Gewiß, meine Wertheste, ich koͤnn- te nicht vermuthen, daß mein Vater alles thun wuͤrde, was ich wuͤnsche: und uͤber dieß schließet die Vollziehung des letzten Willens einer Toch- ter durch den Vater, wobey vielleicht einige Stuͤ- S s 3 cke cke seinem Gutachten schlechterdings zuwider sind, nach dem Worte selbst etwas kuͤhnes und einem Vorschreiben nicht unaͤhnliches in sich. Sollte, in der That, mein Vetter Morden beyzeiten ankommen und dieß Amt uͤbernehmen wollen ‒ ‒ Jedoch auch ihn selbst moͤchte es in Gefahr setzen: und das um so viel mehr, da er ein hitziger Mann ist, und der andere, welcher eben so hitzig, mich als sein Eigenthum ansiehet, weil ich so lange ohne Schutz gewesen bin. Nun aber weiß Herr Belford, wie ich schon erwaͤhnet habe, alles, was vorgegangen ist. Er ist ein Mann, der Herz hat, und sich, wie es scheint, eben so wenig fuͤrchtet als der andere: nur besitzt er mehr menschliche Eigenschaften. Sie wissen nicht, liebste Freundinn, was fuͤr Pro- ben einer aufrichtigen Leutseligkeit dieser Hr. Bel- ford nicht allein bey Gelegenheit des grausamen Verhafts, sondern auch nachher in verschiednen Faͤllen bewiesen hat. Fr. Lovick hat sich Muͤhe gegeben, sich nach dem allgemeinen Ruf von ihm zu erkundigen, und hoͤrt einen sehr guten Ruf von ihm wegen seiner Gerechtigkeit und Groß- muth in allem, was auf Mein und Dein, wie man sagt, ankommt. Er hat eine Erkenntniß von den Rechten und hat gegenwaͤrtig von zweyen Testamenten die Vollziehung auf sich, bey deren Verwaltung an seiner Ehre nichts auszusetzen ist. Alle diese Gruͤnde haben mich schon gewisser- maßen schluͤßig gemacht, ihn um diese Gefaͤllig- keit keit zu ersuchen: ob es gleich wunderlich klingen wird, daß ich einem vertrauten Freunde von Herrn Lovelacen die Vollziehung meines letzten Willens uͤberlasse. Dieß ist gewiß; mein Bruder wird in dem Fall sich weit eher bey den Hauptstuͤcken von mei- nem Testament zufrieden geben: da er sehen wird, daß es vergeblich seyn werde, einige dersel- ben streitig zu machen, die er sonst, das darf ich wohl sagen, streitig machen, oder meine andern Freunde streitig zu machen bereden wuͤrde. Und wer wuͤrde wohl gern denjenigen, dem man die Vollzie- hung seines letzten Willens auftraͤgt, in einen Proceß verwickeln, wenn man es aͤndern koͤnnte? Dieß wuͤrde geschehen: wenn sie irgend einem aufgetragen waͤre, von dem mein Bruder sich Hoffnung machen koͤnnte, daß er ihm Furcht ein- jagen oder hinderlich seyn moͤchte. Denn mein Vater, der von ihm regieret wird, hat alles im Besitz. Jch wollte auch nicht wuͤnschen, wie Sie leicht glauben koͤnnen, daß meinem Vater mit Gewalt Guͤter aus den Haͤnden gerissen wuͤrden. Herr Belford aber, der ein bemittelter Mann und ein guter Haushaͤlter in seinen eignen Sachen ist, wuͤrde nichts weiter suchen, als Ge- rechtigkeit zu thun. Hiezu kommt, daß er ausnehmend auf eine Gelegenheit dringet, seine Bereitwilligkeit, mir zu dienen, an den Tag zu legen. Er wuͤrde auch im Stande seyn, seinen ungestuͤmen Freund zu S s 4 lenken, lenken, bey dem er mehr vermag, als irgend sonst jemand. Bey dem allen aber weiß ich nicht, ob es nicht weit besser waͤre, daß meine Geschichte, und ich selbst dazu, so bald, als moͤglich, vergessen wuͤrde. Hieran werde ich desto weniger zweifeln, wo der gute Name meiner Eltern; Sie werden mir verzeihen, wertheste Freundinn; nicht vor der ungebuͤhrlichen Bitterkeit, die wegen Jhres freundschaftlichen Eifers fuͤr mich bisweilen mit Jhrer Dinte vermischt gewesen ist, in Sicherheit seyn kann. Eine Sache, welche billig wohl in Erwaͤgung gezogen werden sollte, und, ich beste- he darauf, in Erwaͤgung gezogen werden muß: wofern etwas geschiehet, das Jhre Fr. Mutter und Sie verlangen. Mein Vater ist so gut gewesen, den schweren Fluch, welchen er auf mich gelegt hatte, von mir zu nehmen. Nun muß ich mich um einen letz- ten Segen bewerben: und das ist alles, was ich mich unterstehen werde zu verlangen. Der Brief meiner Schwester, wodurch mir die erlangte Ge- wogenheit angezeiget wird, ist hart. Allein da sie in jedermanns Namen an mich schreibet: so konnte ich es nicht anders erwarten. Wo Sie morgen abreisen: so kann dieser Brief Jhnen nicht eher zu Haͤnden kommen, als bis Sie bey Jhrer Tante Harmann angelanget sind. Jch werde ihn also dahin richten: wie Hr. Hickmann mir Anweisung gegeben hat. Jch Jch hoffe, daß Jhnen nichts widriges auf Jhrer kleinen Reise begegnet seyn wird, und daß Sie alle, welche Sie wohl zu sehen gewuͤnschet, in guter Gesundheit werden gefunden haben. Sollten Jhre Freunde und Anverwandten auf der kleinen Jnsel ihre Bitten mit den Be- fehlen Jhrer Fr. Mutter vereinigen, Jhre Ver- maͤhlung vollzogen zu sehen, ehe Sie dieselbe ver- lassen: so erlauben Sie mir, Jhnen zu empfeh- len, daß Sie sich nicht weigern, sich ihnen gefaͤl- lig zu beweisen. Was fuͤr eine angenehme Nach- richt wird es seyn, daß Sie ihnen so gefaͤllig ge- wesen sind, fuͤr Jhre bestaͤndig getreue und ergebene Cl. Harlowe. Der sieben und achtzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fraͤulein Arabelle Harlowe. Sonnabends, den 29ten Jul. J ch beklage mich nicht, liebe Schwester, uͤber die Haͤrte, welche Euch beliebet hat in dem Briefe, womit Jhr mich beguͤnstigt habt, auszu- druͤcken: weil diese Haͤrte mit derjenigen Gewogen- heit, um die ich gebeten hatte, begleitet war. Außer dem sind die Vorwuͤrfe, welche mir mein eignes S s 5 Herz Herz machet, weit staͤrker, als die mir irgend eine andere Person machen kann: ob ich gleich nicht halb so strafwuͤrdig bin, als man sich einbildet. Waͤren alle Umstaͤnde meiner ungluͤcklichen Ge- schichte bekannt: so wuͤrde dieß zugestanden wer- den. Jch will bereit seyn, der Fr. Norton, wenn es ihr aufgetragen wird, sich darnach zu erkun- digen, oder Euch, meine Schwester, wo Jhr die Gedult haben koͤnnet, sie anzuhoͤren, dieselben zu eroͤffnen. Jch habe mit einem blutenden Herzen daran gedacht, was der 24te Jul. fuͤr ein Tag waͤre. Jch habe mit dem Abend vor demselben angefan- gen und den Tag selbst so begangen ‒ ‒ wie es sich schickte ihn zu begehen ‒ ‒ Jch kann auch meinen theuren und allezeit geehrtesten Eltern, und Euch, meine Arabelle, keinen andern Trost, als diesen, geben ‒ ‒ daß, wie es der erste un- gluͤckliche Geburtstag von mir gewesen ist, es auch nach aller Wahrscheinlichkeit der letzte seyn werde. Glaubet mir, meine liebe Schwester, ich sa- ge dieß nicht, bloß Mitleiden zu erwecken, son- dern aus den besten Gruͤnden. Da ich es nun fuͤr meine Gemuͤthsruhe von der hoͤchsten Wich- tigkeit ansehe, noch eine Gunst mehr zu erlan- gen: so wollte ich Eurer Fuͤrsprache, als meiner Schwester, gern die Erlaubniß zu danken haben, um welche ich ersuche, mir fuͤnf bis sechs Zeilen an einen von meinen geehrtesten Eltern, oder an beyde, mit der Hoffnung zu einer Antwort abzu- lassen, lassen, damit ich mir den letzten Segen von ih- nen ausbitten moͤge. Dieser Segen ist die einzige Gewogenheit, um die ich nun zu bitten habe: er ist die einzige, um die ich bitten darf. Dennoch scheue ich mich, auf einmal, wenn gleich nur schriftlich, mich vor einen von ihnen zu wagen. Suchte ich ihn aber nicht: so moͤchte es einer Halsstarrigkeit und Verabsaͤumung meiner Pflicht beyzumessen zu seyn scheinen: da mein Herz nichts als De- muth und Reue ist. Habt nur die Guͤte, mich so dreist zu machen, daß ich diese noͤthige Sache versuche. Schreibt nur diese einzige Zeile: „Claͤrchen Harlowe, ihr habt die Freyheit zu „schreiben, wie ihr verlanget.“ Dieß wird ge- nug seyn ‒ ‒ und soll, bis an die letzte Stunde meines Lebens, als die groͤßte Gefaͤlligkeit erkannt werden von Eurer aufrichtig reuevollen Schwester Clarissa Harlowe. Der acht und achtzigste Brief von Frau Norton an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Montags, den 31ten Jul. Meine wertheste Fraͤulein. J ch muß gestehen, daß ich mir die Freyheit genommen habe, an Jhre Frau Mutter zu schrei- schreiben, und mich erboten, wenn sie es erlaubte, Jhren Brief vom 24ten an sie einzuschließen. Daraus, dachte ich, wuͤrde sie sehen, in welchem Zustande Jhr Gemuͤth waͤre; was die letzten Unruhen von dem gottlosen Verhaft auf sich ge- habt haͤtten; wie die Leute beschaffen waͤren, bey denen Sie wohnen; was fuͤr Vorschlaͤge Jhnen von der Familie des Lords M. gethan worden; wie aufrichtig Jhre Reue waͤre, und wie sehr das Unternehmen der Fraͤulein Howe, an Jhre Ver- wandten in solchen Ausdruͤcken, wie sie gebraucht hat, zu schreiben, Sie beunruhigte ‒ ‒ Allein da Sie die Sache sich allein vorbehalten haben, und mir in Jhrem letztern verbieten, ohne Jhr Wissen Jn dieser bedenklichen Angelegenheit etwas vor- zunehmen: so ist es mir lieb, daß der Brief nicht von mir verlanget wurde. Jn der That mag es auch wohl besser seyn, daß die Sache ganz zwi- schen Jhnen und jenen allein getrieben wird: weil man glaubt, daß meine Zuneigung zu Jhnen von Parteylichkeit herruͤhre. Jhre Angehoͤrigen wuͤrden sonder Zweifel lieber sehen, daß Sie die Gewogenheit, warum Sie so sehnlich bitten, ihnen selbst, als meiner ge- ringen Vermittelung zu danken haben sollten. Jch wollte nicht, daß Sie daran verzweifelten. denn ich darf Sie versichern, daß Jhre Fr. Mut- ter bereit ist, die erste Gelegenheit zu ergreifen, ihre muͤtterliche Zaͤrtlichkeit zu zeigen. Dieß kann ich aus verschiednen Anzeigen abnehmen, woruͤber ich ich nicht die Freyheit habe mich deutlich zu er- klaͤren. Mich verlangt, bey Jhnen zu seyn, da ich mich nun besser befinde, und meines Sohnes Ge- nesung einen guten Fortgang hat. Aber ist es nicht hart, mir angedeutet zu haben, daß es itzo nicht wohl werde aufgenommen werden, wenn ich zu Jhnen komme? ‒ ‒ Vermuthlich, weil zur Aussoͤhnung, welche, wie ich hoffe, statt finden wird, durch den so neulich zwischen Jhnen und Jhrer Schwester angefangenen Briefwechsel Un- terhandlungen gepflogen werden. Wenn Sie nur haben wollten, daß ich kaͤme: so wuͤrde ich mich auf meine guten Absichten verlassen, und es auf jedermanns Misfallen wagen. Herr Brand hat in der Stadt zu thun, weil er um eine Pfarre anhalten will, welche derjenige, der sie itzo hat, einer bessern Bedienung wegen, wie man vermuthet, zu verlassen genoͤthigt seyn wird. Wenn er da ist: soll er sich nach Jhrer Lebensart und Jhrer Gesundheit erkundigen. Er ist ein junger Mann, der sich sehr gern durch seine Dienste gefaͤllig bezeigen mag. Wenn ihr Onkel Harlowe, der ihn zu dieser Gesandt- schaft gewaͤhlet hat, ihn nicht als ein Orakel an- saͤhe: so haͤtte Jhre Fr. Mutter lieber gewuͤnscht, daß sonst jemand dazu abgeschickt waͤre. Er ist einer von denen Leuten, die Verwir- rung anrichten und zu viel thun, die sich einbil- den, daß sie in Sachen weiter sehen als ein ande- rer, und gern Geheimnisse entdecken moͤgen, wo keine keine sind, damit man sie fuͤr schlau und ver- schmitzt halte. Jch kann nicht sagen, daß er mir gefaͤllt, es sey auf der Kanzel, oder sonst. Da ich einen der reinesten Geistlichen und der besten Gelehrten im ganzen Koͤnigreiche zum Vater gehabt habe, der niemals mit dem, was er wußte, prahlte, sondern das Evangelium, welches er lehrte, liebte und hochachtete, und aller andern Gelehrsamkeit vor- zog: so ist es mir verdrieslich, wenn ich genoͤthigt bin, einen jungen Menschen zu hoͤren, der seinen Text, so bald als er ihn genannt, selbst wider das Beyspiel seines gelehrten und wuͤrdigen Aufse- hers D. Lewin. , wenn ihm seine Gesundheit zu predigen erlaubt, verlaͤsset, und bey einer christlichen Ge- meine von Landleuten mit lateinischen und grie- chischen Brocken aus heidnischen Schriftstellern um sich wirft, und sie noch dazu nicht allemal so vorbringt, daß es sich sonderlich schickt, wie ich aus dem Englischen, worinn er sie allezeit uͤber- setzt, als dem einzigen Mittel, wornach mir zu urtheilen erlaubt ist, urtheile. Dieß ist eine An- zeige, daß es irgendwo nicht recht bey ihm ist, entweder im Kopfe, oder im Herzen, oder in bey- den; denn sonst muͤßte ihn seine Anweisung auf hohen Schulen es besser gelehrt haben. Sie wis- sen, meine liebe Fraͤul. Claͤrchen, wie viele Ehr- erbietung ich gegen den geistlichen Stand hege. Eben daher kommt es, daß ich dieß sage. Jch Jch weiß den Tag nicht, den er abreisen wird. Weil aber seine Nachfrage in geheim geschehen soll: so haben Sie die Guͤte, sich von dieser Nach- richt nichts merken zu lassen. Jch zweifle nicht, Jhr Leben und Umgang werde so beschaffen seyn, daß Sie den Untersuchungen des dienstfertigsten Nachforschers Trotz bieten koͤnnen. Jch hoͤre eben itzo, daß Sie noch einen Brief an Jhre Schwester geschrieben haben. Aber ich besorge, sie werden auf Herrn Brands Bericht warten, ehe ferner einige Gewogenheit von den- selben zu erhalten seyn wird. Denn sie wollen noch nicht glauben, daß Sie sich so uͤbel befinden, als ich fuͤrchte. Sie wuͤrden gar bald merken, daß Sie eine sehr guͤtige Mutter haben: wenn sie Freyheit haͤtte, nach ihrer eignen Neigung zu handeln. Dieß macht mir große Hoffnung, daß zuletzt alles ein gutes Ende gewinnen werde. Denn ich denke wirklich, daß sie auf dem rechten Wege sind, eine Aussoͤhnung zu erlangen. Gott gebe seinen Se- gen dazu, und schenke Jhnen Jhre Gesundheit, und Sie allen ihren Freunden wieder, nach dem Gebeth Jhrer bestaͤndig ergebenen Dienerinn Judith Norton. Jhre guͤtige Fr. Mutter hat mir in geheim fuͤnf Guineas geschickt: wie Jhr zu schreiben beliebt, zwar nur zu dem Ende, daß sie uns in der Krankheit, mit welcher wir geplagt gewesen sind, zur Beyhuͤlfe dienen; aber nach groͤßerer Wahr- Wahrscheinlichkeit in der Absicht, damit ich sie Jhnen senden moͤchte, als wenn sie von mir kaͤ- men. Jch hoffe daher, daß ich sie nebst noch zehen, die mir uͤbrig sind, hinauf schicken moͤge. Jch will Jhnen von des Herrn Mordens Ankunft, den Augenblick, da ich sie erfahre, Nachricht geben. Wo es Jhnen nicht zuwider ist: so wuͤrde es mir lieb seyn, alles zu erfahren, was zwischen Jh- ren Verwandten und Jhnen vorgehet. Der neun und achtzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fr. Norton. Mittwoch. den 2ten Aug. S ie machen mir durch die Nachricht von Jhrer und Jhres Sohnes Genesung ein großes Vergnuͤgen, meine wertheste Fr. Norton. Jch wuͤnsche, daß Sie sich noch viele, viele Jahre durch einander begluͤckt sehen moͤgen. Sie melden mir, daß Sie wirklich an meine Mutter geschrieben und sich erboten haben, mei- nen Brief vom 24ten verwichnen Monats einzu- schließen. Aber, wie Sie sagen, ist er nicht von Jhnen verlangt worden. Das heißt so viel, ob Sie es gleich so fein als Sie nur koͤnnen, einklei- den, daß Sie mit Jhrem Erbieten abgewiesen sind. Daraus ist offenbar, daß keine Vorstellun- gen fuͤr mich Gehoͤr finden werden. Dennoch empfehlen Sie mir zu hoffen, daß die Gewogen- heit, heit, welche ich instaͤndigst suchte, mit der Zeit, wuͤrde zugestanden werden. Die Gewogenheit, um die ich damals anhiel- te, ward wirklich zugestanden. Allein Sie besor- gen, schreiben Sie, daß meine Anverwandten auf Hrn. Brands Bericht warten werden, ehe durch meinen zweyten Brief, den ich an melne Schwe- ster geschrieben habe, einige Gewogenheit zu er- halten seyn wird. Sie setzen hinzu, daß ich eine guͤtige Mutter habe, wenn sie nur Freyheit haͤtte, nach ihrer eignen Neigung zu handeln; und daß alles zuletzt ein gutes Ende gewinnen werde. Aber was, meine liebe Frau Norton, was ist es fuͤr eine Gewogenheit, darum ich in meinem zweyten Briefe anhalte? ‒ ‒ Es ist nicht das, daß sie mich wieder zu voriger Huld aufnehmen wollen ‒ ‒ Wo meine Freunde dieß gedenken: so irren sie sich. Das erwarte ich nicht, das kann ich nicht erwarten. Ja, wie ich oft gesagt habe, es wuͤrde mir unertraͤglich seyn, wenn sie mich auch wieder aufnehmen wollten, vor den Augen derjenigen theuren Freunde zu leben, die die ich so schmerzlich beleidigt habe. Es ist nur bloß ein Segen, was ich bitte: ein Segen, mit dem ich sterben; nicht mit dem ich leben moͤ- ge. ‒ ‒ Wissen sie das? Und wissen sie, daß ihre Unfreundlichkeit vielleicht mein Ziel verkuͤr- zen werde? So daß ihre Gewogenheit, wo sie dieselbe jemals zuzustehen willens sind, zu spaͤt kommen kann? Sechster Theil. T t Noch Noch einmal bitte ich Sie, daß Sie nicht daran gedenken, zu mir zu kommen. Jch habe itzo keine Unruhe mehr, außer derjenigen, welche von der Furcht, einen Menschen zu sehen, den ich um aller Welt willen nicht sehen wollte, wenn ich es aͤndern koͤnnte, und von der Haͤrte meiner naͤ- hesten und liebsten Verwandten herruͤhret: einer Haͤrte, die in ihnen selbst, wie ich besorge, allein ihren Grund hat. Denn Sie melden mir, daß mein Bruder in Edenburg sey. Sie wuͤrden daher ihre Haͤrte nur vermehren, und uͤber dieß sich selbst Feinde machen: wenn Sie zu mir kom- men sollten. Sehen Sie das nicht? Herr Brand mag kommen, wo er will. Er ist ein Geistlicher und muß es gut meynen: oder ich muß so gedenken; er mag von mir sagen, was ihm beliebt. Alles, was ich besorge, ist nur dieß einzige, daß, weil er weiß, ich sey in Ungnaden bey einer Familie, bey der er sich in Achtung zu erhalten wuͤnschet, und weil er meinem Onkel Harlowe und meinem Vater Verbindlichkeit hat, er mich nur auf eine matte und kaltsinnige Art freysprechen werde. Deswegen aber fuͤrchte ich mich nicht vor demjenigen, was er oder sonst je- mand in der Welt von meiner Auffuͤhrung hoͤren kann. Sie koͤnnen versichert seyn, meine geliebte und werthe Freundinn, in Wahrheit Sie koͤnnen, daß diese so beschaffen ist, daß ich getrost der Nach- frage des Allerdienstfertigsten Trotz bieten darf. Jch will Jhnen, wie Sie verlangen, von dem was vorgehet, Abschriften zusenden: wenn ich ich auf meinen zweyten Brief eine Antwort habe. Jch fange nun an zu wuͤnschen, daß ich mir das Herz genommen haͤtte, an meinen Vater selbst, oder wenigstens an meine Mutter, zu schreiben, an statt daß ich mich an meine Schwester gewandt habe. Und gleichwohl besorge ich, daß meine arme Mutter fuͤr sich selbst nichts zu meinem Besten thun koͤnne. Ein starkes Buͤndniß, mei- ne liebe Frau Norton, in der That ein starkes Buͤndniß gegen ein armes Maͤgdchen, ihre Toch- ter, Schwester, Base! ‒ ‒ Mein Bruder hat es vielleicht erneuret, ehe er sie verlassen. Er haͤtte es nicht noͤthig gehabt ‒ ‒ Sein Werk ist voll- endet: und mehr als vollendet. Machen Sie sich meinetwegen in Ansehung des Geldes keine Sorge. Jch habe kein Geld noͤthig. Es ist mir lieb, daß meine Mutter so bedaͤchtlich gegen Sie gewesen ist. Jch habe in eben der Betrachtung mich Jhretwegen betruͤbet. Allein der Himmel wird nicht zulassen, daß es einer so frommen Frauen an dem geringen Segen fehle, mit dem sie allezeit zufrieden gewe- sen ist. Jch wuͤnschte, daß ein jeder von unserer Familie nur so reich waͤre, als Sie sind! ‒ ‒ O meine Mutter Norton, Sie sind reich: Sie sind reich, in der That! ‒ ‒ Wahre Reichthuͤmer bestehen in einem solchen Vergnuͤgen, als dasje- nige ist, mit welchem Sie gesegnet sind. ‒ ‒ Und ich hoffe in Gott, daß ich auf dem Wege bin, auch reich zu seyn. T t 2 Leben Leben Sie wohl, meine bestaͤndig guͤtige Freun- dinn. Sie sagen, zuletzt werde alles ein gutes Ende gewinnen ‒ ‒ Und ich weiß, daß es so seyn wird ‒ ‒ Jch habe das Vertrauen, daß es seyn wird, mit eben so vieler Versicherung, als Sie sich darauf verlassen moͤgen, daß ich bis an meine letzte Stunde seyn werde Jhre bestaͤndig dankbare und ergebene Cl. Harlowe. Der neunzigste Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Dienstags, den 1ten Aug. J ch bin verzweifelt gekraͤnkt und in meiner Hoffnung betrogen. Denn am Sonnabend ist hier ein Bothe von der Fraͤulein Howe mit einem Briefe an meine Basen Siehe den vorhergehenden LXXX . Brief. angekommen. Jch habe nichts davon gewußt, bis gestern, da man Anstalt gemacht hatte, daß meine beyden Tanten hier waren, mit dem alten Lord, und meinen zwoen Verwandtinnen, Gericht daruͤber zu halten. Und niemals ist man wohl mit einem Baͤren auf der Hetze so jaͤmmerlich umgegangen, als mit deinem armen Freunde! ‒ ‒ Und war- um? ‒ ‒ Warum anders, als wegen der Grau- sam- samkeit der Fraͤulein Harlowe? Denn habe ich irgend etwas begangen, das eine neue Beleidi- gung waͤre? Wollte ich nicht gern unter ihr be- liebigen Bedingungen ihre Gunst wieder erlan- gen: wenn ich koͤnnte? Jst es recht, mich fuͤr etwas zu strafen, was mein Ungluͤck, nicht mein Versehen ist? Solche alberne Richter, die bloß nach dem Ausgange der Sache urtheilen, muß ich zu meinen Verwandten haben! Jch schaͤme mich ihrer aller. Jn dem Briefe von der Fraͤulein Howe war ein anderer eingeschlossen, der an sie selbst von der Fraͤulein Harlowe Siehe den vorhergehenden LXXVI. Brief. in der Absicht geschrie- ben worden, daß er an meine Basen geschickt werden sollte. Jn demselben verwirft sie mich gaͤnzlich; und zwar in sehr heftigen und nicht zweifelhaften Ausdruͤckungen: giebt aber doch vor, daß sie in dieser Verwerfung mehr durch gute Grundsaͤtze, als durch eine Leidenschaft geleitet werde ‒ ‒ Verdammte Luͤgen, als jemals eine gesagt ist! ‒ ‒ Zu einem Beweise davon, schreibt sie, solle dieß dienen, daß sie mir vergeben koͤnne und wirklich vergebe, unter der einzigen Bedingung, wofern ich ihr niemals mehr be- schwerlich fallen wolle. Der ganze Brief ist so geschrieben, daß sie deswegen mehr bewundert, ich mehr verabscheuet werde. Was man uns von den Bewegungen und Bezeigungen, von dem Seufzen und Stehnen der franzoͤsischen Propheten, die vormals unter T t 3 uns uns gewesen sind, erzaͤhlet hat, ist gar nichts gegen das Schauspiel, welches diese schwaͤrmerische See- len vorstellten, da diese Briefe, und einige ruͤh- rende Stellen, als ein Auszug aus einem andern von meiner unversoͤhnlichen Schoͤnen an die Frl. Howe, gelesen wurden. ‒ ‒ Solche Klagen uͤber den Verlust einer so unvergleichlichen Verwand- tinn! Solche Lobeserhebungen ihrer Tugend, ihrer erhabnen Seele und Gesinnung! Solche Drohungen, mich zu enterben! da ich doch ihrer Vorwuͤrfe nicht bedurfte, mir durch mein eignes Nachdenken, und die Wuth, daß mir mein Ziel verruͤcket war, das Herz zu zernagen; und sie eben so aufrichtig bewunderte, als jemand von ihnen ‒ ‒ Was Teufel, rief ich, soll dieß alles? ‒ ‒ Jst es nicht genug, daß ich verachtet und verworfen werde? Kann ich ihr unversoͤhnliches Gemuͤth aͤndern? ‒ ‒ Wollte ich nicht das Uebel, welches sie durch mich gelitten hat, wieder gut machen? ‒ ‒ Darauf haͤtte ich sie beynahe alle, nebst ihr selbst und der Fraͤulein Howe, zur Ge- sellschaft, verfluchet. ‒ ‒ Jch schwur von ganzem Herzen, daß sie dennoch die Meinige seyn sollte. Nun schwoͤre ich es dir noch einmal ‒ ‒ ‒ Sollte auch ihr Tod in einer Woche, nachdem das Band geknuͤpfet ist, erfolgen: so soll es doch, so wahr der Herr des Himmels lebet, geknuͤpfet werden; und sie soll als eine Lovelacen sterben. ‒ ‒ Sage ihr das, wo du willst: aber zugleich sage ihr, daß ich keine Absicht auf ihr Vermoͤgen habe, und feyerlich auf dasselbe, und auf alle An- spruͤche spruͤche in Ansehung desselben, zu eines jeden Vor- theil, den sie zu bestimmen Belieben tragen wird, Verzicht thun wolle, wofern sie das Leben ohne Erben aufgiebet ‒ ‒ Jch bin kein so niedertraͤch- tiger Kerl, daß ich mich irgend poͤbelhafter Ab- sichten auf ihr Vermoͤgen schuldig machen sollte. Laß sie dann fuͤr sich selbst urtheilen, ob es ihrer Ehre nicht gemaͤß sey, vielmehr wie eine Lovela- cen, als wie eine Harlowe, diese Welt zu verlassen? Aber denke nicht, daß ich eine Sache, die mir so nahe am Herzen liegt, ganz auf einen Fuͤrspre- cher ankommen lassen werde, der die Gegenpartey so viel mehr bewundert, als seine eigne Partey. Jch will in wenigen Tagen nach London gehen, damit ich mich selbst zu ihren Fuͤßen werfen koͤn- ne. Jch will einen unerschrocknen wohlvor- bereiteten Pfarrer mitbringen oder zur Hand haben: und die Trauung soll vollzogen werden; es mag daraus erfolgen, was da will. Allein wo sie mir erlauben will, zu diesem Ende in eine von denen Kirchen zu ihr zu kom- men, welche in dem Trauschein, den sie bey sich behalten, und, dem Himmel sey Dank! mir mit meinen Briefen nicht zuruͤckgeschicket hat, benannt sind: so will ich sie nicht beunruhigen, sondern vor dem Altar in einer von den beyden Kirchen mit ihr zusammen kommen, und mich verbinden, meine beyden Basen mitzubringen, daß sie ihr aufwarten, und selbst die Lady Sarah und Lady Elisabeth und meinen Lord M. in Person, damit sie mir ihre Hand gebe. T t 4 Oder, Oder, wofern es ihr noch angenehmer seyn wird: will ich auf mich nehmen, daß eine von meinen Tanten, oder beyde, nach London kommen, und sie mit sich herunter nehmen sollen. Die Hochzeit soll alsdenn in ihrer beyder und des Lords M. Gegenwart hier oder sonst irgendwo, wie es ihr selbst belieben wird, vollzogen werden. Treibe nicht dein Spiel mit mir, Belford: sondern gebrauche aufrichtig und nachdruͤcklich alle Beredsamkeit, die du in deiner Gewalt hast, sie zu gewinnen, daß sie eine von diesen dreyen Arten waͤhle. ‒ ‒ Eine davon muß sie waͤhlen ‒ ‒ Bey meiner Seele, sie muß. Da klopft Charlotte an die Thuͤre zu meinem Closet, um vor mich gelassen zu werden. Was Teufel will Charlotte? ‒ ‒ Jch will keine Vor- wuͤrfe mehr leiden! Komm herein, Maͤgdchen! Weil meine Base Charlotte fand, daß ich viel zu eifrig fortschrieb, auf irgend einige Hoͤf- lichkeit gegen sie zu denken; und wohl errieth, wovon ich schreiben mochte: so bat sie mich, ihr zu zeigen, was ich geschrieben hatte. Jch that es ihr zu gefallen: und sie war so vergnuͤgt, da sie mich so ernstlich in meinem Vor- satz sahe, daß sie sich erbot; und ich nahm das Erbieten an, selbst an Fraͤulein Harlowe zu schrei- ben; wenn sie Erlaubniß haͤtte, mir in dem Brie- fe so zu begegnen, als sie es fuͤr gut faͤnde. Jch werde eine Abschrift davon beyschließen. Als Als sie ihn geschrieben hatte: brachte sie ihn zu mir und entschuldigte die Freyheiten, welche sie sich darinn gegen mich genommen. Jch hiel- te sie fuͤr entschuldigt: und sie war bereit, mir vor Freuden wegen meines Beyfalls einen Kuß zu geben; aber ich gab ihr zween, und sagte, daß ich mir guten Erfolg davon verspraͤche, und daß ich daͤchte, sie haͤtte es gluͤcklich getroffen. Jedermann billigt ihn eben so, wie ich, und ist wohl mit mir zufrieden, daß ich mich so gedul- tig mishandeln und andere alles fuͤr mich unter- nehmen lasse ‒ ‒ ‒ Erhalte ich meinen Zweck nicht: so wird alle Schuld auf des lieben Kindes Eigensinn fallen. Jhre Neigung zur christlichen Liebe und Vergebung, womit sie sich so groß ma- chet, wird mit Recht in Zweifel gezogen, und das Mitleiden, welches itzo vollkommen in ihrem Be- sitz ist, wird auf mich verleget werden. Weil ich also mein ganzes Vertrauen auf diesen Brief setze: so setze ich alle meine andere und auf verschiedne Faͤlle eingerichtete Anschlaͤge, auch meine Reise nach London zuruͤck, bis meine Gebieterinn an die Fraͤulein Montague eine Ant- wort schicket. Wo sie aber auf ihren Kopf bestehet, und nicht versprechen will, sich zur Ueberlegung der Sache Zeit zu lassen: so magst du ihr eroͤffnen, was ich oben geschrieben hatte, ehe meine Base herein kam. Bleibt sie noch verkehrt und ei- gensinnig: so versichere sie, daß ich sie sehen muͤsse und wolle ‒ ‒ Jedoch soll dieß mit al- T t 5 ler ler Anstaͤndigkeit und Ehrerbietung geschehen. Kann ich sie alsdenn nicht zu meinem Besten be- wegen: so will ich auf Reisen gehen, und viel- leicht niemals wieder nach England zuruͤckkommen. Jch bedaure, daß du, zu dieser entscheiden- den Zeit, so viel, wie du mir meldest, mit deinen Watsordischen Sachen und den Anstalten, un- serm Belton Gerechtigkeit zu verschaffen, zu thun hast. Wo du meine Huͤlfe bey dem letztern brauchst: so magst du nur befehlen. Ob ich gleich von dieser verkehrten Schoͤnen ganz einge- nommen und geplaget bin: so will ich doch auf deinen ersten Wink gehorchen. Jch verlasse mich sehr auf deinen Eifer und deine Freundschaft. Eile daher zu ihr zuruͤck, und fange ein Werk wieder an, welches mir so nahe am Herzen liegt, daß ich mich damit so wohl in meinen Traͤumen, als beym Wachen, unterhalte. Der ein und neunzigste Brief von der Fraͤulein Montague an Fraͤul. Clarissa Harlowe . Dienstags, den 1ten Aug. Wertheste Fraͤulein. U nsere ganze Familie ist auf das empfindlich- ste durch die Beleidigungen gekraͤnket, wel- che che Jhnen von einem derselben widerfahren sind, den Sie allein der Verwandtschaft mit uns allen einigermaßen wuͤrdig machen koͤnnen. Wenn Sie sich, als ein Werk der Barmherzigkeit und Liebe, das groͤßte, welches Jhr frommes Herz be- weisen kann, gefallen lassen wollen, seine vorige Bosheit und Undankbarkeit zu uͤbersehen und un- sere Verwandtinn zu werden: so werden Sie uns zu der gluͤcklichsten Familie in der Welt ma- chen. Jch kann die Versicherung geben, daß der Lord M. die Lady Sarah Sadleir, die Lady Eli- sabeth Lawrance und meine Schwester, welche alle Jhre Tugenden und Jhr edles Gemuͤth be- wundern, Sie bestaͤndig lieben und verehren, ja alles, was in ihrer Gewalt ist, thun werden, das, was Sie von Herrn Lovelacen gelitten haben, wieder gut zu machen. Jnzwischen wuͤrden wir uns nicht unterstehen, dieß zu bitten, wertheste Fraͤulein: wenn wir nicht versichert waͤren, daß ihm seine vorigen Schandthaten gegen Sie von ganzem Herzen leid sind, und daß er auf seinen Knieen bey Jhnen um Verzeihung bitten, und Jhnen ewige Liebe und Ehre geloben wird. Daher lassen Sie sich gefallen, meine wer- theste Base; was fuͤr ein Vergnuͤgen werden Sie uns allen machen, wenn uns dieser angeneh- me Ausdruck erlaubt seyn mag! lassen Sie sich gefallen, um unser aller willen, um seiner See- le willen; gewiß, Sie muͤssen eine so fromme Fraͤulein seyn, daß Sie wuͤnschen werden, eine Seele zu retten; ja, erlauben Sie mir zu sagen, um um Jhres eignen guten Namens willen, uns unserer vereinigten Bitte zu gewaͤhren. Wenn Sie nur, uns einige Hoffnung zu machen, sagen wollen, daß es Jhnen lieb seyn werde, Charlotte Montague zu sehen, und ihr eben so wohl persoͤn- lich bekannt zu werden, als Sie es durch Jhren guten Ruf sind: so will ich binnen zweenen Ta- gen von der Zeit an, da ich die Erlaubniß von Jhnen bekommen werde, Jhnen mit oder ohne meine Schwester aufwarten, und Jhre fernere Befehle annehmen. Erlauben Sie mir, unsere wertheste Ba- se; wir koͤnnen uns selbst das Vergnuͤgen, Sie so zu nennen, nicht versagen; erlauben Sie mir, instaͤndigst zu bitten, daß Sie mir meine Reise nach London vergoͤnnen, und den Lord M. und die Ladies von seiner Familie in den Stand setzen wollen, die Beleidigungen, welche einer Person von den groͤßten Vorzuͤgen in der Welt durch ei- nen der kuͤhnsten Menschen in derselben wider- fahren sind, auf alle moͤgliche Art bey Jhnen wie- der gut zu machen. Sie werden uns alle un- endlich dadurch verpflichten, insonderheit aber die- jenige, welche sich noch einmal unterstehet sich zu nennen Jhre ergebene Base und verbundne Dienerinn Charlotte Montague. Der Der zwey und neunzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Donnerstags, fruͤhe um sechse, den 3ten Aug. J ch habe mit meinen eignen und Beltons Sa- chen so viel zu thun gehabt, daß ich nicht eher, als gestern Abends, nach London kommen konnte. Unterdessen habe ich mich daran begnuͤ- gen lassen, daß ich, von Zeit zu Zeit, zu der Fr. Lovick geschickt, von dem Befinden der Fraͤulein Erkundigung einzuziehen. Die Nachrichten, welche ich bekam, waren nur sehr mittelmaͤßig: und das ruͤhrte groͤßtentheils von Briefen oder Zeitungen her, die Jhr von Jhrer unversoͤhnli- chen Familie gebracht waren. Jch bin itzo mit meinen eignen Sachen voͤl- lig zur Richtigkeit, und kuͤnftige Woche werde ich nach Epsom abgehen, und mich bemuͤhen, Bel- tons Schwester fuͤr ihn in den Besitz seines ei- genen Hauses zu setzen. Nachher will ich mich ganz und gar euren und der Fraͤulein Diensten widmen. Jch bekam noch gestern Abends die Erlaub- niß, sie zu sehen, und fand sie augenscheinlich verschlimmert. Als ich wieder zu Hause gegan- gen war, wurde mir euer Brief vom verwichenen Donnerstag uͤberbracht. Jch muß dir sagen, Lo- velace, velace, daß ich auf die Erfuͤllung deines mir ge- gebenen Wortes, Jhr nicht in Person beschwer- lich zu fallen, bestehe. Herr Belford schreibt weiter vom Donnerstage fruͤhe um zehen, und giebt eine Nachricht von einer Unterredung, die er eben mit der Fraͤu- lein uͤber den vorhergehenden Brief von der Fraͤulein Montague, und uͤber Hrn. Lovelacens auf verschiedne Faͤlle eingerichtete Anschlaͤge, in dem XC. Briefe, gehabt hatte. Die letztern unterstuͤtzte Herr Belford bey der Fraͤulein mit dem groͤßten Eifer. Weil aber der Ausschlag von dieser Unterredung in den folgenden Brie- fen zu finden seyn wird: so sind die Vorstel- lungen und Gruͤnde des Herrn Belfords, und die Antworten der Fraͤulein hier ausgelassen. Der drey und neunzigste Brief von der Fraͤulein Clarissa Harlowe an die Fraͤul. Montague. Donnerstags, den 3ten Aug. Wertheste Fraͤulein. J ch bin Jhnen fuͤr Jhren guͤtigen Brief, wo- durch Sie sich zu mir herablassen, unend- lich verbunden. Dennoch aber vermehrt eben derselbe meine Betruͤbniß: da er mir eine neue Probe giebt, wie gluͤcklich ich in einer Verbin- dung dung haͤtte seyn koͤnnen, welche von so wuͤrdigen Ladies und Fraͤuleins so sehr gebilligt wird, und in Betrachtung derselben und des Lords M. mir selbst zu so großer Ehre gereicht haben wuͤrde, ja ehemals fuͤr mich so sehr zu wuͤnschen gewe- sen ist. Allein in der That, in der That, wertheste Fraͤulein, mein Herz verabscheuet den Menschen, der von einer solchen Familie abstammet, und doch vermoͤgend gewesen ist, sich erstlich so vor- setzlicher Gewaltthaͤtigkeit schuldig zu machen, als er sich schuldig gemachet, und, wie er weiß, fer- ner den Abend vor seiner Abreise nach Berkschi- re gegen mich im Sinne gehabt hat; hernach aber so niedertraͤchtig zu seyn, da er gleichwohl auf seine Ehre zu halten vorgiebet, daß er in die- se Familie eine Person zu erheben wuͤnschte, die er zu einer Mitgenossenschaft mit den allerlieder- lichsten ihres Geschlechtes zu erniedrigen im Stan- de gewesen war. Erlauben Sie mir also, theureste Fraͤulein, mich mit dem feurigsten Eifer zu erklaͤren, daß ich denke, ich koͤnnte niemals verdienen mit den Ladies und Fraͤuleins von einer so ansehnlichen und edlen Familie in einer Reihe zu stehen: wenn ich seine unerhoͤrte und durchtriebene Bosheit gut heißen, und so zu sagen heiligen koͤnnte; ind em ich einem solchen Schaͤnder vor dem Altar L und Ehre gelobte. Jnzwischen gestatten Sie mir guͤtigst, a Lord M. an die beyden Ladies, seiner G S Schwestern, an Sie selbst, wertheste Fraͤulein, und an Jhre Schwester, eine Bitte ergehen zu lassen. ‒ ‒ Es ist diese, daß Sie alle die Ge- wogenheit haben wollen, Herrn Lovelacen durch Jhr vereinigtes Ansehen und Bestreben dahin zu bringen, daß er mir nicht weiter beschwerlich falle. Haben Sie die Guͤte ihm vorzustellen, daß, wo mir die Vorsicht ein laͤngers Leben zuge- dacht hat, es an ihm sehr grausam seyn werde, wenn er mich aus demselben zu jagen versuchen will. Es wird um so viel grausamer seyn, da er weiß, daß ich niemand habe, der mich vor ihm schuͤtze. Jch wuͤnsche auch niemand zu seinem oder desselben eignen Schaden auf meine Seite zu bringen. Bin ich hingegen zum Tode bestimmet: so wird es nicht weniger grausam seyn, wenn er mich nicht in Ruhe sterben lassen will ‒ ‒ ‒ da ich ihm ein geruhiges und gluͤckliches Ende wuͤn- sche. Jn Wahrheit, ich thue es. Sie aber, wertheste Fraͤulein, und alle An- gehoͤrigen der ansehnlichen Familie, uͤberschuͤtte der Himmel mit allen Guͤtern dieses Lebens. Das ist der Wunsch einer Person, deren Ungluͤck es ist, daß sie genoͤthigt wird, allen andern Ehrenna- men zu entsagen, außer diesem, wodurch sie sich nnet Wertheste Fraͤulein, Jhre und Derselben verbundne und getreue Dienerinn Clarissa Harlowe . Der Der vier und neunzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Donnerstags, Nachmittags, den 3ten Aug. J ch bin eben itzo durch den folgenden Brief, den mir ein Bothe von der Fraͤulein in die Haͤnde geliefert hat, in eine angenehme Bestuͤr- zung gesetzt worden. Den Brief, welchen sie als eingeschlossen Man sehe den vorhergehenden Brief an die Fraͤulein Montague. beruͤhret, habe ich wieder zuruͤckgeschickt, ohne eine Abschrift davon zu neh- men. Der Jnhalt desselben wird euch vermuth- lich bald durch einen andern Weg mitgetheilet werden. Er weiset dich schlechterdings ab ‒ ‒ Armer Lovelace! An Herrn Johann Belford. den 3ten Aug. Mein Herr. S ie haben sich oft erboten, mir durch etwas, das in Jhrer Gewalt stehen wuͤrde, eine Gefaͤlligkeit zu erweisen: und ich hege eine so gu- te Meynung von Jhnen, daß ich geneigt bin zu hoffen, Sie werden dadurch etwas mehr gemey- net haben, als mir eine bloße Hoͤflichkeit zu sa- gen. Sechster Theil. U u Jch Jch habe daher zwo Bitten an Sie zu thun. Der ersten will ich itzo gedenken: der andern aber nur, wofern diese gewaͤhret seyn wird; sonst nicht. Es ist fuͤr mich noͤthig, eine solche Nachricht hinter mir zu lassen, die bey verschiedenen meiner Freunde, welche sich itzo nicht um mich bekuͤm- mern wollen, meine Auffuͤhrung rechtfertigen moͤ- ge. Die Fraͤulein Howe und ihre Fr. Mutter verlangen es auch mit vieler Sorgfalt von mir. Jch besorge, daß ich nicht Zeit haben werde dieselbe aufzusetzen; und Sie werden sich nicht wundern, daß ich immer weniger Neigung bey mir spuͤhre, ein so beschwerliches Werk zu uͤber- nehmen: sonderlich, da ich mich nicht im Stan- de finde, mit Gelassenheit auf das, was ich gelit- ten habe, zuruͤck zu sehen; und dadurch zu sehr in Unordnung gerathen werde, in einer Arbeit von noch groͤßerer Wichtigkeit, die ich vor mir habe, mit der gehoͤrigen Gemuͤthsverfassung fortzuschreiten. Es ist augenscheinlich fuͤr mich, daß Jhr gott- loser Freund Jhnen von Zeit zu Zeit eine um- staͤndliche Nachricht von allem seinen Bezeigen gegen mich, und allen seinen Raͤnken wider mich, gegeben habe: und Sie haben mich mehr als einmal versichert, daß er so wohl im Schrei- ben als Reden meiner Gemuͤthsart alle Gerech- tigkeit habe widerfahren lassen. Kann ich nun von Jhnen, mein Herr, eine aufrichtige und glaubwuͤrdige Probe von seinen Briefen Briefen oder Nachrichten an Sie, bey einigen der wichtigsten Vorfaͤlle, bekommen: so werde ich im Stande seyn, zu urtheilen, ob ich meiner Eh- re wegen genoͤthigt seyn werde, oder nicht, mich dem verlangten Werke zu unterziehen. Sie koͤnnen durch meine beygeschlossene Ant- wort auf einen Brief, womit mich die Fraͤulein Montague beehret hat, welche Sie aber die Guͤ- te haben werden mir, so bald als Sie dieselbe ge- lesen, wieder zuzusenden, vollkommen versichert werden, daß es mir unmoͤglich sey, jemals an ih- ren Freund so, wie von mir bis zu meiner groͤß- ten Beschwerde verlangt wird, zu gedenken. Er kann daher von der Probe, um welche ich Sie ersuche, keinen Schaden haben: und ich verspre- che Jhnen auf meine Ehre, daß sie weder vor Gericht, noch sonst, zu seinem Nachtheil gebraucht werden soll. Damit dieß, nach meinem Hin- tritt, nicht geschehen moͤge, versichere ich Sie, daß es ein hauptsaͤchliches Stuͤck meiner Ab- sicht ist, die Stellen, wodurch Sie mir eine Ge- faͤlligkeit erzeigen werden, allezeit in Jhrer ei- gnen, und keines andern, Gewalt zu lassen. Wofern Sie fuͤr gut befinden, mein Herr, mir meine Bitte zuzustehen: so sind die Stellen, welche ich abgeschrieben wuͤnschen moͤchte; ohne die Sache besser oder schlimmer zu machen; das- jenige, was er den 7ten und 8ten Jun. oder un- gefaͤhr um die Zeit, als ich durch den gottlosen Vorwand eines entstandenen Feuers beunruhigt wurde, und vom Sonntage, dem 11ten Jun. bis U u 2 zum zum 19ten, an Sie geschrieben hat. Hiedurch werden Sie sehr verbinden Jhre gehorsame Dienerinn Cl. Harlowe. N un, Lovelace, da keine Hoffnung fuͤr dich ist, Jhre Gewogenheit wieder zu erlangen; da deine Aufrichtigkeit, daß du niemals, wie kleinere Geister unter den liederlichen Bruͤdern gethan haben wuͤrden, deine Laster durch Anschwaͤrzung der Fraͤulein oder ihres Geschlechts zu bemaͤnteln gesucht hast, einigen Ruhm verdienen mag; da sie dadurch mehr beruhigt werden kann; da du besser durch deine eigne, als durch ihre Feder, fah- ren mußt; und da endlich deine Handlungen ge- zeiget haben, daß deine Briefe nicht das straf- wuͤrdigste sind, was sie von dir weiß: so sehe ich nicht, warum ich ihr auf ihre Ehre, und unter denen Bedingungen, die sie gesetzet, und um der Urfachen willen, welche sie angefuͤhret hat, nicht darinn gefaͤllig seyn mag; und zwar ohne Ver- letzung derjenigen Treue, welche man in dem, was uns von Freunden entdeckt und anvertrauet ist, beobachten muß; sonderlich, wie ich haͤtte hinzu- setzen moͤgen, da du dir aus deiner Feder und aus deiner Gottlosigkeit einen Ruhm ma- chest, und dich nicht schaͤmen kannst. Allein dem sey, wie ihm wolle: sie will ih- res Verlangens gewaͤhret seyn, ehe deine Gegen- vorstellungen oder dein Geschrey dawider, an mich kom- kommen koͤnnen. Also bitte ich dich, schicke dich darein, so gut als moͤglich ist, und tobe nicht: es waͤre denn, daß du nur einen Vorwand wider mich suchetest, und deine Gabe zu fluchen uͤben wolltest! ‒ ‒ Gefaͤllt es dir, aus diesen Ursachen solches zu thun: so rase immerhin; es soll mir willkommen seyn. Mich verlangt zu wissen, was die zwote Bit- te sey. Allein dieß weiß ich, daß, wo es etwas geringers ist, als dir die Kehle abzuschneiden oder meinen eignen Hals in Gefahr zu setzen, ich ihr gewiß willfahren, und mir eine Ehre dar- aus machen werde, daß es in meiner Gewalt ste- het, ihr gefaͤllig zu seyn. Nun will ich wirklich anfangen, mich mit den Auszuͤgen zu beschaͤfftigen. Der fuͤnf und neunzigste Brief von Hrn. Belford an Fraͤulein Clarissa Harlowe. den 3. und 4ten Aug. Gnaͤdige Fraͤulein. S ie haben mir befohlen, Jhnen auf Eh- re und Glauben, ohne die Sache bes- ser, oder schlimmer zu machen, dasjenige mitzutheilen, was Herr Lovelace, in Absicht auf Sie selbst, in dem Zeitlauf kurz vor U u 3 Jhrem Jhrem Aufenthalt zu Hampstead, und zwischen dem 11ten und 19ten Jun. an mich geschrieben hat. Sie versichern mich, daß Sie bey diesem Verlangen keine andere Absicht haben, als zu se- hen, ob Sie, nach der Nachricht, welche er gie- bet, um Jhrer eignen Ehre willen genoͤthigt wer- den, selbst die verdrieslichen Dinge zu beruͤhren. Was Sie befehlen, gnaͤdige Fraͤulein, ist von einer sehr bedenklichen Beschaffenheit: da es die Geheimnisse vertrauter Freundschaft zu betreffen scheinet. Allein weil ich weiß, daß Sie keine Absicht hegen koͤnnen, von der Sie die Bewe- gungsgruͤnde dazu nicht gestehen wollen; und weil ich denke, daß die Mittheilung der verlang- ten Stellen der Gemuͤthsart meines ungluͤcklichen Freundes, in so fern er ein aufrichtiger Mensch ist, einige Ehre bringen mag; ob gleich seine Handlungen an dem vortrefflichsten Frauenzim- mer in der Welt ihm allen Anspruch auf den Ruhm eines ehrlichen Mannes benommen ha- ben: so gehorche ich Jhnen mit desto groͤßerem Vergnuͤgen. Hierauf faͤhrt er mit seinen Auszuͤgen fort, und beschließet dieselben mit ei- ner Vorstellung bey ihr zum Besten seines Freundes, in den folgenden Worten: „Nun, gnaͤdige Fraͤulein, habe ich Jhren „Befehl erfuͤllet, und, wie ich hoffe, meinem „Freunde bey Jhnen nicht einen uͤbeln Dienst ge- „than: „than: indem Sie hieraus sehen werden, wie er „Jhrer Tugend in einer jeden Zeile, die er schreibt, „Gerechtigkeit widerfahren lasse. Eben das „thut er in allen seinen Briefen: ob gleich zu „seiner eignen Verdammung. Erlauben Sie „mir hinzuzusetzen, daß, wenn die allezeit, auch „in Jhrem Leiden, liebenswuͤrdige Person, es nur „einigermaßen Jhrer Ehre nicht zuwider achten „koͤnnte, seine Geluͤbde, bey seiner aufrichtig reue- „vollen Gemuͤthsverfassung, vor dem Altar an- „zunehmen, ich im geringsten nicht zweifele, daß „er sich gegen Dieselbe als den besten und zaͤrtlich- „sten Ehegatten beweisen wuͤrde. Was fuͤr eine „Verbindlichkeit wuͤrde nicht die vortreffliche „Fraͤulein hiedurch seiner ganzen edlen Familie „auflegen, welche Sie so sehr bewundert! ja, ich „will mich unterstehen es zu sagen, auch Jhrer „eignen Familie, wenn der ungluͤckliche Wider- „willen derselben, welcher gewiß gegen ihn weiter „getrieben ist, als vernuͤnftige Gruͤnde erlauben, „uͤberwaͤltiget ist, und eine allgemeine Aussoͤh- „nung Platz findet! Denn wer ist wohl, der diese „beyden bewundernswuͤrdigen Personen nicht ein- „ander geben wuͤrde, wenn seine Auffuͤhrung nicht „im Wegestuͤnde?“ Dem sey aber, wie ihm wolle: so moͤchte ich Jhnen gehorsamst anheim stellen, gnaͤdige Fraͤu- lein, ob Sie, da Jhnen von mir, als seinem Freunde, sehr bedenkliche Umstaͤnde mitgetheilet werden, sich nicht durch Jhre Ehre verbunden achten wollen, dieselben gaͤnzlich mit Stillschwei- U u 4 gen gen zu uͤbergehen, als wenn Sie die Nachricht davon niemals gesehen haͤtten, und sich die Mit- theilung dieser Stellen gar nicht zu Nutze zu ma- chen; nicht einmal zu einem Beweise, der in ei- nigen vielleicht liegen moͤchte, von seiner vorsetz- lichen Absicht, die er nicht gegen Sie, in so fern Sie eben die Person find, welche Sie sind, son- dern gegen das andere Geschlecht gehabt zu haben scheinet. Jch kann selbst, zu meiner eige- nen Beschaͤmung, Zeugniß geben, daß alle Freun- de der so genannten freyen Lebensart die schaͤnd- liche Absicht haben, uͤber dasselbe zu siegen und zu frohlocken. Allein ich wollte ihm doch nicht gern Raum lassen, wenn etwa ein Misverstaͤndniß zwischen ihm und mir entstehen sollte, mir vorzu- werfen, daß der Verlust von Jhnen, oder durch sein Verfahren mit Jhnen, der Verlust von sei- nen eignen Freunden, den er leiden moͤchte, dem zuzuschreiben waͤre, was er eine Verletzung ver- trauter Freundschaft nennen wuͤrde, wenn er mehr nach dem Erfolg, wofern es so ausfallen sollte, als nach meiner Absicht urtheilte. Jch bin, gnaͤdige Fraͤulein, mit der ehrerbie- tigsten Hochachtung Jhr getreugehorsamster Diener J. Belford. Der Der sechs und neunzigste Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Hrn. Joh. Belford. Freytags, den 4ten Aug. Mein Herr. J ch achte mich Jhnen fuͤr die guͤtige Mitthei- lung der verlangten Nachrichten hoͤchst ver- bunden. Jch werde sie nicht so gebrauchen, daß Sie entweder sich selbst, oder mir, Vorwuͤrfe zu machen, Ursache haben sollen. Es war nicht noͤthig, daß ich erst neues Licht bekaͤme, die vor- setzliche Bosheit des ungluͤcklichen Menschen bey mir außer Streit zu setzen: wie meine Antwort auf den Brief der Fraͤulein Montague Sie uͤber- fuͤhren mochte Man sehe den vorhergehenden XCIII. Brief. . Jch muß zu seinem Vortheil gestehen, daß er in seinen Nachrichten an Sie, von den unan- staͤndigsten und aͤrgerlichsten Handlungen einigen Wohlstand beobachtet hat. Und wo alle seine Erzaͤhlungen, die von einer wunderlichen Nei- gung, sich andern zu entdecken, zeugen, eben so anstaͤndig sind: so wird dadurch nichts als hoͤchst- strafbar verhaßt gemacht werden, außer dem schaͤndlichen Herzen, das auf solche Raͤnke sinnen konnte, welche weit staͤrkere Beweise seiner Un- menschlichkeit, als seines Witzes, gewesen sind. U u 5 Denn Denn auch Leute von den geringsten Gaben und Verstandeskraͤften moͤgen in den schaͤndlichsten Unternehmungen einen gluͤcklichen Fortgang ha- ben; wenn sie nur alle Achtung gegen die sittli- chen Gesetze, welche die Menschen mit einander verbinden, unterdruͤcken koͤnnen: und das eher gegen ein unschuldiges Herz, als gegen ein ande- res; weil dieses seine eigne Lauterkeit kennet, und desto weniger im Stande ist, anderer Tugend fuͤr verdaͤchtig zu halten. Jch finde, daß ich große Ursache gehabt ha- be, mich in dem ganzen Fortgange bey meinem Leiden fuͤr Jhre gute Absicht verbunden zu achten. Jnzwischen ist es doch unmoͤglich, mein Herr, bey dieser Gelegenheit die natuͤrliche Folge zu uͤberse- hen, welche daraus gegen seine vorsetzliche Nie- dertraͤchtigkeit fließet. Allein ich sage davon desto weniger, weil Sie nicht denken sollen, daß ich von Jhren mitgetheilten Nachrichten Gruͤnde ent- lehne, sein Verbrechen schwerer zu machen; welche gar nicht noͤthig sind. Damit ich Jhnen nun die Muͤhe ersparen moͤge, mein Herr, in Zukunft weiter zu seinem Vortheil Vorstellungen zu thun: so erlauben Sie mir, Jhnen zu sagen, daß ich alles genau uͤber- dacht und erwogen habe; alles, was die eitle Ehrbegierde der Menschen eingeben moͤchte; alles, wozu mir eine erwuͤnschte Aussoͤhnung mit mei- nen Freunden, und die guͤtige Achtung seiner An- verwandten gegen mich Hoffnung machen koͤnnte; ja auch der Genuß der Freundschaft mit meiner Fraͤu- Fraͤulein Howe, welcher unter allen weltlichen Vorstellungen mir itzo der wertheste und betraͤcht- lichste ist. Alles dieß habe ich erwogen: und der Ausschlag ist, und war es schon vorher, ehe Sie mir die Gefaͤlligkeit erzeigten, jene Nachrichten mitzutheilen, daß ich mehr Beruhigung in der Hoffnung finde, daß es in einem Monathe ganz mit mir zu Ende seyn werde, als in den ange- nehmsten Dingen, die aus einer Verbindung mit dem Herrn Lovelace entstehen koͤnnten; wenn ich auch versichert waͤre, daß er sich als den besten und zaͤrtlichsten Ehegatten beweisen wuͤrde. Uebri- gens aber, wo er sich nur mit denen Uebeln be- gnuͤgen lassen will, die er uͤber mich gebracht hat; will ich ihm, bis an die letzte Stunde meines Le- bens, Gutes wuͤnschen: ob er gleich die Vater- lose mit Ungemach uͤberhaͤufet, und fuͤr seine Freundinn eine Grube gegraben hat. Denn vaterlos, ja auch mutterlos mag diejenige wohl genannt werden, der aller vaͤterlicher Schutz, und alle muͤtterliche Vergebung, versaget ist. Nun, mein Herr, da ich Jhre Gewogenheit in Ertheilung der verlangten Auszuͤge mit schul- digem Dank erkenne, komme ich auf das zweyte Stuͤck meiner Bitte. Dieses erfordert eine große Dreistigkeit, wenn ich es Jhnen eroͤffnen soll: eine Dreistigkeit, die nichts, als eine große Wi- derwaͤrtigkeit und ein sehr verlassener Zustand, geben kann. Jedoch, wo es sich nicht schicken will, will, kann ich nur eine abschlaͤgige Antwort be- kommen, und werde wenigstens, wie ich sagen darf, entschuldigt seyn. Jch mache also auf fol- gende Art die Vorbereitung dazu. Sie sehen, mein Herr, daß ich gaͤnzlich in die Haͤnde fremder Leute gerathen bin, welche zwar so guͤtig und mitleidig, als man von frem- den nur wuͤnschen mag, aber nichts desto weniger Personen sind, von denen ich nichts mehr als Mitleiden und gute Wuͤnsche erwarten kann. Auch kann mein Andenken so wenig, als meine Person, Schutz von denselben haben: wofern das eine oder die andere Schutz brauchen sollte. Wenn ich dann den einzigen Cavallier, der den Stoff in Haͤnden hat, wodurch er mei- nem guten Namen Gerechtigkeit zu verschaffen im Stande seyn wird; Und Herzhaftigkeit, freye Macht, und Ge- schicklichkeit besitzet, mir zu Gefallen zu seyn; Wenn ich diesen ersuche, mein Gedaͤchtniß, wie ich sagen mag, zu schuͤtzen; Und die Vollziehung meines letzten Wil- lens uͤber sich zu nehmen; auch dahin zu sehen, daß einige meiner Wuͤnsche, auf dem Sterbe- bette, erfuͤllet werden; Wenn ich dabey ihm gaͤnzlich uͤberlasse, es auf ihm beliebige Art und Weise, und zu beliebiger Zeit, zu thun; jedoch, in erforderlichen Faͤllen, mit Zuziehung meiner werthen Fraͤulein Howe: So unterstehe ich mich zu hoffen, daß dieses Stuͤck meiner Bitte zugestanden werden moͤge. Kann Kann es aber zugestanden werden: so wird aus der mir bezeigten Gewogenheit und dem uͤbernommenen Dienst mir folgende mannichfal- tige Beruhigung zuwachsen. Es wird meinem Gedaͤchtniß bey allen denen zur Ehre gereichen, welche erfahren werden, daß ich meiner Unschuld so wohl versichert gewesen bin, daß, da ich keine Zeit gehabt, meine Ge- schichte selbst aufzusetzen, ich es auf diejenige Nachricht mit vollkommener Zuversicht habe an- kommen lassen koͤnnen, welche der Zerstoͤrer mei- nes guten Namens und meines Gluͤcks davon gegeben hat. Jch werde nicht befuͤrchten duͤrfen, daß jemand durch dieß Werk entweder mit meinen eignen Verwandten oder mit Jhrem Freunde in Unru- hen oder Gefahr verwickelt werde: indem ich solche Verordnungen wegen meiner Verlassen- schaft zu machen habe, die vielleicht meinen eignen Freunden nicht so wohl gesallen werden, als es zu wuͤnschen waͤre. Denn ich bin nicht willens unbillige Verfuͤgungen zu treffen. Allein Sie wissen, mein Herr, wenn Eigennutz Richter ist: so wird selbst bey sonst guten Leuten nicht alle- mal recht von Dingen geurtheilet werden. Jch werde auch von der beschwerlichen Muͤhe befreyet seyn, mich an Dinge wieder zu erinnern, welche meine Seele beunruhigen: und zwar zu einer Zeit, da die unruhigen Bewegungen dersel- ben vielmehr gestillet werden sollten, um der aller- wichtigsten Vorbereitung Platz zu machen. Und Und wer weiß, ob derjenige, welcher schon itzo aus Menschenliebe durch mein Ungluͤck geruͤhret ist, nicht beweget werden moͤge, wenn er die ganze Geschichte vor sich hat und wiederum uͤberdenket, wenn er den Ausgang gleichfalls vor sich haben und gewissermaßen Theil daran nehmen wird; wer weiß, ob er alsdenn nicht, aus einem hoͤhern Grunde, bewegt werden moͤge, sein kuͤnftiges Le- ben so einzurichten, daß er seine eigne Belohnung in der ewigen Wohlfarth finde, welche ihm ge- wuͤnschet wird von seiner verbundnen Dienerinn Clarissa Harlowe . Der sieben und neunzigste Brief von Hrn. Belford an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Freytags, den 4ten Aug. Gnaͤdige Fraͤulein. D ie Ehre, welche Sie mir in Jhrem heutigen Schreiben erwiesen haben, ruͤhret mich so vollkommen, daß ich die Antwort darauf nicht einen Augenblick aufschieben wollte. Jch hoffe, Sie werden am Leben bleiben, noch viele begluͤckte Jahre zu zaͤhlen, und in denen Stuͤcken, die Jh- nen am meisten am Herzen liegen, die Vollzie- hung Jhres Willens selbst zu uͤbernehmen. Sollte ich ich Sie aber uͤberleben: so nehme ich das gehei- ligte Amt, welches Sie mir aufzutragen belieben, mit der groͤßten Bereitwilligkeit an; und Sie koͤnnen sich auf meine Treue, und, wo moͤglich, auf die buchstaͤbliche Vollziehung eines jeden Stuͤckes, das Sie verordnen werden, vollkommen verlassen. Die Erfuͤllung des guͤtigen Wunsches, wo- mit Sie beschließen, ist bestaͤndig mit der groͤßten Sorgfalt mein Augenmerk gewesen, seit dem mir die Ehre Jhres Umganges gegoͤnnet ist. Jch will meine ganze Bemuͤhung dahin richten, daß er nicht vergeblich seyn moͤge. Die Gluͤckseligkeit, den Zutritt zu Jhnen zu haben, wozu mir dieß anvertraute Werk, wie ich vermuthe, oft Gele- genheit geben wird, muß nothwendig den er- wuͤnschten Zweck befoͤrdern: weil es unmoͤglich seyn wird, ein Zeuge Jhrer Gottseligkeit, Gelas- senheit und anderer Tugenden zu seyn, und Jhnen nicht nachzueifern. Das einzige, was ich bitte, ist, daß Sie mich durch keinen kuͤnftigen Anwer- ber um diese Ehre, oder durch keine Begebenheit, des aufgetragenen Amts wieder entsetzet werden lassen: wofern sich nicht einige neue Beweise der Unwuͤrdigkeit zeigen, entweder in den sittlichen Grundsaͤtzen, oder der Auffuͤhrung, Gnaͤdige Fraͤulein, Jhres verbundenen und getreuen Dieners J. Belford . Der Der acht und neunzigste Brief von Herrn Belford an Herrn Robert Lovelace. Freytags, Abends, den 4ten Aug. J ch habe der Fraͤulein die Auszuͤge, welche Sie aus deinen Briefen von mir verlanget hat, wirklich uͤberliefert. Jch versichere dich, daß ich die Sache aufs beste fuͤr dich gemacht habe, nicht wie das Gewissen, sondern wie die Freund- schaft mich, sie zu machen, verbinden konnte. Jch habe einige freye Worte veraͤndert, oder wegge- lassen. Die feurige Beschreibung ihrer Person bey dem Feuerspiel, wie ich es nennen mag, habe ich nicht abgeschrieben. Jch habe ihr zu erkennen gegeben, daß ich in der Gerechtigkeit, welche du ihrer unvergleichlichen Tugend gethan hast, dir Gerechtigkeit widerfahren lassen habe. Allein du sollst die Worte selbst lesen, welche in meinem Briefe an sie unmittelbar nach den Aus- zuͤgen folgen: „Nun, gnaͤdige Fraͤulein ꝛc. ‒ ‒ Man sehe in dem XCV. Briefe die Stelle, welche so„ bezeichnet ist. Die Fraͤulein ist ausnehmend unruhig bey den Gedanken, daß ihr versuchen wollet, sie zu besuchen. Um des Himmels willen, da ihr euer Wort gegeben habt, und Mitleidens wegen, weil sie sie in der That in einem schwachen und matten Zustande ist, laßt mich euch bitten, daran nicht zu gedenken. Gestern, Nachmittags, bekam sie einen grau- samen Brief von ihrer Schwester. Fr. Lovick vermuthet aus der Wirkung, die er uͤber sie ge- habt hat, daß er grausam gewesen seyn muͤsse. Es war eine Antwort auf ihr Schreiben vom ver- wichnen Sonnabend, worinn sie um einen Se- gen und um Vergebung von ihren Eltern ersu- chet hat. Sie erkennet, daß, wo alle deine Briefe mit gleicher Beobachtung des Wohlstandes und glei- cher Gerechtigkeit geschrieben sind, wie ich sie ver- sichert habe, sie sich von der sonst noͤthigen Muͤ- he, ihre eigne Geschichte aufzusetzen, befreyet ach- ten werde. Dieß ist ein Vortheil, der dir von den auf ihr Verlangen ertheilten Auszuͤgen zu- waͤchst: ob du mir gleich vielleicht nicht danken wirst, daß ich ihr darinn gefaͤllig gewesen bin. Aber was meynst du, ist die zwote Bitte, wel- che Sie an mich zu thun hatte? Keine andere, als daß ich die Vollziehung ihres letzten Wil- lens uͤber mich nehmen moͤchte ‒ ‒ Jhre Be- wegungsgruͤnde sollst du zu gehoͤriger Zeit erfah- ren: und alsdenn, ich kann fuͤr sie stehen, werden sie dir vollkommen Genuͤge thun. Jhr koͤnnt euch nicht einbilden, was fuͤr eine Ehre ich mir aus dem anvertrauten Amte mache. Mir ist nur bange, daß ich allzu bald zur Ausuͤbung desselben kommen werde. Was fuͤr Sechster Theil. X x ein ein trauriges Vergnuͤgen wird es mir geben, da sie bestaͤndig schreibt, ihre Papiere durchzusehen und in Ordnung zu bringen. Bey einer so hold- seligen Gemuͤthsart, bey so vieler Gedult und Er- gebung, doch mitten unter den gegenwaͤrtigen Drangsalen von diesen Drangsalen zu schreiben! O wie viel lebhafter und ruͤhrender muß, aus dieser Ursache, ihre Schreibart seyn, als alles, was man in der trocknen, geschichtmaͤßigen und unbe- lebten Schreibart anderer Personen lesen kann, welche die Schwierigkeiten und Gefahr, die sie uͤberstiegen haben, erzaͤhlen! Da die Gemuͤther solcher Leute nicht unter zweifelhafter Erwartung leiden, nicht durch die Marter der Ungewißheit gequaͤlt werden, sondern im Gegentheil ganz ge- ruhig sind. Wenn der Erzaͤhler selbst durch sei- ne eigne Geschichte nicht beweget wird: wie soll er im Stande seyn, den Zuhoͤrer oder Leser zu be- wegen? Sonnabends fruͤhe, den 5ten Aug. J ch bin eben von einem Besuch bey der Fraͤu- lein zuruͤckgekommen. Jch habe ihr in Per- son fuͤr die Ehre, die sie mir gethan hat, Dank ge- saget, und sie der aͤußersten Treue und Sorgfalt versichert, wenn ich zu dem geheiligten Amt ge- fordert werden sollte. Jch fand sie sehr schlecht, und gab es ihr zu erkennen. Sie sagte mir da- her, daß sie einen zweyten hartherzigen Brief von ihrer Schwester bekommen, und darauf gerades- weges, und zwar auf ihren Knieen an ihre Mut- ter ter geschrieben haͤtte. Vorher haͤtte sie nicht das Herz gehabt, es zu thun. Jn diesem Schrei- ben baͤte sie um einen letzten Segen, und um Vergebung. Es waͤre kein Wunder, sprach sie, daß ich sie geruͤhret saͤhe. Da ich den letzten Lie- besdienst fuͤr sie uͤbernommen haͤtte; wofuͤr sie mir so wohl als fuͤr die Gewaͤhrung ihrer an- dern Bitte dankte: so sollte ich dereinst alle diese Briefe vor mir sehen. Und koͤnnte sie eine guͤ- tige Antwort auf denjenigen bekommen, welchen sie nun geschrieben haͤtte, der unguͤtigen Antwort von ihrer Schwester ein Gegengewicht zu geben: so moͤchte sie vielleicht bewogen werden, mir bey- de mit einander zu zeigen. Jch wußte, daß es ihr misfaͤllig gewesen seyn wuͤrde, wenn ich die Grausamkeit ihrer Ver- wandten hart beurtheilet haͤtte. Daher sagte ich nur, sie muͤßte gewiß Feinde haben, die ihre Rechnung dabey zu finden hoffeten, daß sie den Unwillen ihrer Freunde gegen sie unterhielten. Es kann wohl seyn, Herr Belforo, versetzte sie: dem Ungluͤcklichen fehlt es niemals an Fein- den. Ein Vergehen, das freywillig begangen ist, rechtfertigt die Beschuldigung vieler andern. Wo das Ohr den Anklagen geoͤffnet wird, da wird es nicht an Klaͤgern fehlen: und jedermann wird dienstfertig mit Histoͤrchen gegen ein in Un- gnaden gefallenes Kind da aufgezogen kommen, wo inemand etwas zu desselben Vortheil sagen darf. Jch haͤtte zu rechter Zeit weise gewesen X x 2 seyn seyn und nicht erst noͤthig gehabt haben sollen, durch meine eigne Ungluͤcksfaͤlle von der Wahr- heit desjenigen uͤberfuͤhrt zu werden, was die ge- meine Erfahrung taͤglich beweiset. Herrn Love- lacens Schandthaten, meines Vaters Unbeweg- lichkeit, meiner Schwester Vorwuͤrfe, sind die na- tuͤrlichen Folgen von meiner eignen Unbesonnen- heit. Also muß ich mich in mein hartes Schick- sal so gut, als moͤglich, schicken. Nur, da diese Folgen so nahe auf einander treffen: wie kann ich es denn aͤndern, weil sie noch neu sind, daß ich aufs neue geruͤhret werde? Jch fragte, ob ein Brief an einen ihrer Freun- de von mir selbst oder ihrem Arzt, oder Apothe- ker, worinn der schwache Zustand ihrer Gesund- heit, und ihre große Demuth vorgestellet waͤre, angenehm seyn wuͤrde? Oder wo eine Reise, zu irgend jemand von ihnen, Dienste thun moͤchte: so wollte ich sie mit Freuden in Person uͤberneh- men, und mich schlechterdings nach ihrer Anwei- sung richten, an wen sie auch befehlen wollte, mei- nen Antrag zu thun. Sie verlangte aber ernstlich, daß nichts der- gleichen unternommen werden moͤchte: sonder- lich ohne ihr Wissen und ihre Einwilligung. Fraͤulein Howe, sagte sie, haͤtte durch ihren gut- gemeynten Eifer Schaden angerichtet: und wenn Hoffnung uͤbrig waͤre, durch Mittelspersonen ei- ne Gewogenheit zu erlangen; so haͤtte sie schon eine guͤtige Freundinn, Fr. Norton, an der Hand, welche an Froͤmmigkeit und Klugheit wenige ih- res res gleichen haͤtte, und keine Gelegenheit vorbey lassen wuͤrde, ihr zu dienen. Jch meldete ihr, daß ich bis den Montag außerhalb London seyn wuͤrde. Sie wuͤnschte mir viel Vergnuͤgen, und sagte, es sollte ihr lieb seyn, mich bey meiner Zuruͤckkunft zu sehen. Lebe wohl. Der neun und neunzigste Brief von Frl. Arab. Harlowe an Frl. Cl. Harlowe. zur Antwort auf ihr Schreiben vom Sonnab. dem 29ten Jul. welches hier der LXXXVII Brief ist. Donnerst. fruͤhe, den 3ten Aug. Schwester Claͤrchen. J ch wuͤnschte, daß Jhr mir mit keinem von eu- ren Briefen mehr beschwerlich fallen woll- tet. Jhr habt allezeit im Schreiben einen Kunst- griff gehabt, und Euch darauf verlassen, daß Jhr von einem jeden erhalten koͤnntet, was Jhr woll- tet, wenn Jhr schriebet. Allein Euer Witz und Eure Thorheit haben Euch zu Grunde gerichtet. Und nun kommt Jhr, wie alle boshafte Seelen thun, wenn sie sich selbst nicht helfen koͤnnen, mit Betteln und Bitten, und macht andere eben so unruhig, als Euch selbst. X x 3 Als Als ich letztens an Euch schrieb: so vermu- thete ich wohl, daß ich nicht Friede haben wuͤrde. So wolltet ihr gern nach und nach heran- kriechen, bis Jhr verlanget werdet, wieder aufge- nommen zu seyn. Allein Jhr hoffet nur bloß auf Vergebung und einen Segen, schreibt Jhr. Wozu soll ein Segen, Schwester Claͤrchen? Denket, wozu? ‒ ‒ Nichts desto weniger las ich Euren Brief mei- nem Vater und meiner Mutter vor. Jch will Euch nicht erzaͤhlen, was mein Va- ter sagte ‒ ‒ Eine, die das wahre Gefuͤhl hat, welches Jhr Euch von Euren Missethaten zu ha- ben ruͤhmet, kann schon errathen, ohne daß ich es Euch erzaͤhle, was ein billig zuͤrnender Vater in einem solchen Fall sagen wuͤrde. Meine arme Mutter! ‒ ‒ O nichtswuͤrdi- ge Seele! Was hat Eure undankbare Thorheit meiner armen Mutter nicht gekostet! ‒ ‒ Waͤret Jhr weniger geliebt worden: so wuͤrdet ihr viel- leicht nicht so gottlos gewesen seyn. Aber ich ha- be noch niemals in meinem Leben ein verzaͤrteltes Schooßkind wohlgerathen gesehen. Mein Herz ist voll, und ich kann mich nicht entbrechen, meine Meynung zu schreiben. Denn Eure Laster haben uns alle in Schande gebracht. Jch scheue und schaͤme mich in eine oͤffentliche Versammlung oder eine besondre Gesellschaft oder zu einer Lustbarkeit zu gehen. Und warum? ‒ ‒ Jch darf nicht erst sagen warum: da Eu- re Handlungen entweder zu dem oͤffentlichen Ge- spraͤch spraͤch oder dem schimpflichen Gezischel den Per- sonen beyderley Geschlechts an allen solchen Orten Gelegenheit geben. Ueberhaupt ist es mir leid, daß ich Euch kei- nen bessern Trost zu senden habe: allein ich finde niemand geneigt, Euch zu vergeben. Jch weiß nicht, was die Zeit fuͤr Euch thun mag: wenn man siehet, daß Eure Reue nicht mehr von ei- nem Misvergnuͤgen uͤber Eure fehlgeschlagene Hoffnung als von wahrer Ueberzeugung herkom- me. Denn es ist nur allzu wahrscheinlich, Fraͤu- lein Claͤrchen, daß wenn es Euch nach Wunsch gegangen waͤre, wie Jhr erwartet, und Euer scheinbarer Boͤsewicht Euch nicht verlassen haͤtte, wir nichts von diesen ruͤhrenden Bitten gehoͤret, und nichts anders erfahren haben wuͤrden, als wie er uns Trotz boͤte, und Jhr Euch Eurer Schuld ruͤhmetet. Dieser Meynung ist so wohl ein je- der, als Eure gekraͤnkte Schwester Arabelle Harlowe. Jch sende gegenwaͤrtiges durch eine besondere Gelegenheit, und man hat versprochen, es Euch morgen Abend zu uͤberliefern oder fuͤr Euch ab- zugeben. X x 4 Der Der hunderte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an ihre Mutter. Sonnabends, den 5ten Aug. Gnaͤdige Frau. K eine Missethaͤterinn, die durch eigne Ueber- zeugung niedergeschlagen war, hat sich je- mals ihrem zornigen und gerechten Richter mit groͤßerer Ehrfurcht oder einer aufrichtigern Zer- knirschung genaͤhert, als ich mich Jhnen durch diese Zeilen naͤhere. Jch muß in der That gestehen, daß, wenn weine demuͤthige Bitte nicht meine kuͤnftige Wohlfarth betroffen haͤtte, ich mich nicht unter- standen haben wuͤrde, mir diese Freyheit zu neh- men. Allein die Sache liegt mir so sehr am Herzen, daß ich sie fuͤr etwas ansehe, welches naͤchst der Vergebung Gottes des Allmaͤchtigen, suͤr mich schlechterdings nothwendig ist. Haͤtte meine gluͤckliche Schwester meinen Jammer gekannt: so wuͤrde sie mein Herz nicht, wie sie gethan hat, durch eine Haͤrte gequaͤlet haben, welche ich nothwendig fuͤr unfreundlich und unschwesterlich halten muß. Jedoch es stehet mir nicht zu, mich uͤber eine Unfreundlichkeit von ihr zu beklagen. Weil ihr aber zu schreiben beliebt, daß man sehen muͤsse, daß daß meine Reue nicht so wohl von wahrer Ueberzeugung, als von einem Misvergnuͤgen uͤber meine fehlgeschlagene Hoffnung herkomme: so erlauben Sie mir, gnaͤdige Frau, darauf zu beste- hen, daß ich wirklich ein Recht habe auf den Segen, um welchen ich flehe, einen Anspruch zu machen; weil meine demuͤthige Bitte sich auf eine wahre und ungeheuchelte Reue gruͤndet. Dieß werden Sie desto eher glauben: wofern diejenige, welche niemals, nach ihrem besten Wis- sen, ihrer Mutter vorsetzlich eine Unwahrheit ge- saget hat, Glauben finden kann; wenn sie auf die feyerlichste Weise, wie sie thut, versichert, daß sie zu dem Verfuͤhrer, mit dem festen Vorsatz, nicht mit ihm abzugehen, gekommen sey; daß der un- besonnene Schritt, den sie gethan hat, mehr aus Zwang, als aus Bethoͤrung, geschehen; und daß ihr Herz so wenig dazu geneigt gewesen, daß sie von dem Augenblick an, da sie sich in seiner Ge- walt befunden, und alle Augenblicke hernach, ver- schiedne Wochen vorher, ehe sie die geringste Ursache gehabt, die ihr widerfahrne Begegnung von ihm zu befuͤrchten, Reue und Kummer dar- uͤber empfunden habe. Daher bitte ich Sie, meine bestaͤndig geehrte Fr. Mutter, in der groͤßten Demuth auf meinen Knieen um Jhren Segen: denn auf meinen Knieen schreibe ich diesen Brief. Jch verlange nicht, daß Sie mich Jhre Tochter nennen: sagen Sie nur in so vielen Worten: Verlohrnes, ungluͤckliches, elendes Geschoͤpfe, ich ver- X x 5 gebe gebe euch! und Gott wolle euch segnen! ‒ ‒ Dieß ist alles. Lassen Sie mich nur eine Zeile dieses Jnhalts, unter Jhrer theuren Hand, auf einem fuͤr mich gesegneten Stuͤcklein Papier sehen, damit ich es in meinen schweresten Versuchungen an mein Herz halten moͤge: ich werde es als einen Freybrief zum Himmel ansehen. Und wo ich mich nicht zu viel unterstehe; und es wir an statt ich heißen koͤnnte, mit Beyfuͤgung Jhrer beyden geehrtesten Namen: so wuͤrde ich nichts mehr zu wuͤnschen haben. Alsdann wollte ich sagen: „Großer und barmherziger Gott! Du siehest „hier in diesem Papier dein armes unwuͤrdiges „Geschoͤpfe von ihren billig zuͤrnenden Eltern los- „gesprochen: O sprich, um meines Erloͤsers willen, „dein gnaͤdiges Fiat dazu, und nimm eine buß- „fertige Suͤnderinn in deine gnaͤdige Arme auf!“ Jch kann Sie bey keinem Stuͤcke muͤtterli- cher Zaͤrtlichkeit beschwoͤren, gnaͤdige Frau, wel- ches nach der Meynung meiner strengen Richter, vor denen diese demuͤthige Bittschrift erscheinen muß, meine Vorwuͤrfe nicht vermehren wuͤrde: daher lassen Sie sich, um Gottes willen, bewegen, mir Segen und Vergebung anzudeuten; weil Sie hiedurch mit Trost erheitern werden die letzten Stunden Jhrer Clarissa Harlowe. Der Der hundert und erste Brief von Frl. Montague an Frl. Clarissa Harlowe. Zur Antwort auf ihr Schreiben vom Donnerst. den 3ten Aug. welches hier der XCIII. Brief ist. Montags, den 7ten Aug. Wertheste Fraͤulein. W ir waren alle der Meynung, ehe uns noch Jhr Brief zu Haͤnden kam, daß Herr Lo- velace Jhrer aͤußerst unwuͤrdig waͤre, und viel- mehr gehoͤrige Strafe, als das Gluͤck von einer solchen Ehegattinn verdiente. Wir hofften weit mehr von Jhrer guͤtigen Achtung gegen uns, als von irgend einer Achtung, welche wir bey Jhnen gegen einen so niedertraͤchtigen Beleidi- ger fuͤr moͤglich hielten. Denn wir waren alle fest entschlossen Sie zu lieben, und zu bewundern: sein Bezeigen gegen Sie mochte gewesen seyn, wie es wollte. Allein was kann man nunmehr, nach Jh- rem Briefe, sagen? Jnzwischen ist mir befohlen, Jhnen in aller Unterschreibenden Namen zu eroͤffnen, wie sehr uns das, was Sie gelitten haben, zu Herzen gehe, und Jhnen zu melden, daß der Lord M. ihm ver- boten habe, jemals uͤber die Schwellen derer Zim- Zimmer zu kommen, in welchen er sich auf halten wird. Da Sie aber von den ungluͤcklichen Wir- kungen des Misfallens bey Jhren Freunden ge- bruͤckt werden, welche Sie vielleicht einigen Un- bequemlichkeiten unterwerfen moͤgen: so ersuchen Sie der Lord, die Lady Sarah, und die Lady Eli- sabeth, auf Jhre Lebenszeit, oder wenigstens bis Sie zu dem Besitz Jhres eignen Gutes gelassen werden, hundert Guineas alle Vierteljahre, die Jhnen ordentlich durch eine besondere Hand wer- den zugestellt werden, und zum Anfange den ein- geschlossenen Bankzettel anzunehmen. Gedenken Sie nicht, wertheste Fraͤulein, wir bitten Sie alle darum, gedenken Sie nicht, daß Sie fuͤr dieses Zeichen der Liebe von dem Lord M. der Lady Sa- rah und der Lady Elisabeth, den Freunden die- ses schaͤndlichen Menschens verbunden sind: denn er hat keine Freunde mehr unter uns. Wir wuͤnschen alle, daß uns ein Antheil an Jhrer Achtung gegoͤnnet, und wir eben so, wie Verwandte, angesehen werden moͤgen, als wir gewesen seyn wuͤrden, wenn das, was wir sonst mit so vielem Vergnuͤgen hoffeten, geschehen waͤ- re. Wir werden unser Gebeth mit einander ver- einigen, daß Sie Jhre Gesundheit und Munter- keit wieder erlangen, und viele begluͤckte Jahre erleben moͤgen: und da fuͤr diesen nichtswuͤrdigen Menschen sich nicht mehr Vorstellungen thun las- sen, so bitten wir nur, daß uns, wenn er auf Reisen gegangen ist, wie er sich itzo zu thun an- schicket, die Ehre erlaubt sey, mit einer Fraͤulein, die die ihres gleichen nicht hat, uns persoͤnlich bekannt zu machen. Dieß ist es, wertheste Fraͤulein, warum mit dem groͤßten Verlangen ersuchen Jhre ergebene Freunde, und getreueste Diener und Dienerinnen M. Sarah Sadleir. Elisab. Lawrance. Charl. Montague. Marth. Montague. Sie werden die drey Erstbenannten insbeson- dre noch mehr kraͤnken: wo Sie das Merk- mal ihrer Liebe nicht annehmen. Wertheste Fraͤulein Harlowe, strafen Sie diese nicht fuͤr seine Schandthaten. Wir senden ge- genwaͤrtiges durch eine besondere Gelegen- heit, wodurch wir die Gefaͤlligkeit, daß Sie es annehmen, zu erfahren hoffen. Herr Lovelace schreibt mit eben der Gelegen- heit: aber er weiß nichts von unserm Brie- fe, und wir nichts von seinem. Denn wir meiden einander. Wir halten uns in ei- nem, und er in dem andern Theil des Hauses auf, welche von einander am wei- testen entfernet sind. Der Der hundert und zweyte Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. Sonnabends, den 5ten Aug. J ch bin durch den Jnhalt der Antwort von der Fraͤulein Harlowe auf den Brief meiner Base Charlotte vom verwichenen Donnerstage, die Jhr durch eben den Kerl gebracht ist, welcher mir euer Schreiben brachte, so ausnehmend be- unruhiget, daß ich kaum Gedult oder Nachden- ken genug habe, was ihr schreibet, zu erwaͤgen. Sie haͤtte in der That wohl noͤthig, selbst um Barmherzigkeit von ihren Freunden zu schreyen: da sie nicht weiß, wie sie Barmherzigkeit bewei- sen soll! Sie ist eine aͤchte Tochter der Harlowes ‒ ‒ Bey meiner Seele, Bruder, sie ist eine aͤchte Tochter der Harlowes! Dennoch hat sie so viele vortreffliche Vorzuͤge, daß ich sie lieben muß, und desto mehr, so thoͤricht bin ich, weil sie mich ver- achtet. Du kommst bestaͤndig, nach der gewoͤhn- lichen Weise liederlicher Leute, wenn sie fromm werden wollen, mit deinem verfluch- ten Unsinn vom Sterben, Sterben, Sterben, auf- gezogen; und wenn du das Wort einmal erha- schet hast, kannst du nicht umhin, es in einen je- den Absatz einzuschieben! Der Teufel hole mich, wo wo ich nicht denke, daß du ihr lieber mit deinen eignen Haͤnden Gift geben wolltest, als daß sie wieder genesen, und dich der Ehre berauben soll- te, ein Wahrsager zu seyn. Aber nicht mehr von deiner Todesklocke. Dein Spiel mit dem Tode wird sich umkehren. Sie wird leben, mich zu begraben: das sehe ich. Denn, bey meiner Seele, ich kann weder essen, noch trinken, noch schlafen, noch, welches weit aͤrger ist, irgend ein Frauenzimmer in der Welt lieben, als sie. Jch mag itzo nicht einmal eine Weibsperson ansehen. Vielmehr kehre ich mei- nen Kopf von einer jeden weg, die mir begegnet: ausgenommen, wenn mich von ungefaͤhr ein Au- ge, eine Miene, ein Zug an einem oder dem an- dern vorbeystreifenden Gesichte durch eine Aehn- lichkeit mit ihr ruͤhret. Alsdenn kann ich mich nicht entbrechen, sie noch einmal anzusehen: ob ich mich gleich bey dem zweyten Blick wieder be- sinne. Denn ihr kann niemand in der Welt aͤhnlich seyn. Allein gewiß, Belford, der Teufel steckt in dieser Fraͤulein! Je mehr ich an ihren Unsinn und ihre Hartnaͤckigkeit gedenke: desto weniger Gedult habe ich mit ihr. Jst es wohl moͤglich, daß sie ihrer Familie, ihren Freunden auf irgend eine andere Art so viel Gerechtigkeit thun kann, als wenn sie mich heyrathet? Wuͤßte sie gewiß, daß sie nur einen einzigen Tag leben wuͤrde: so sollte sie doch billig als eine Frau sterben. Wo ihre christliche Rache ihr nicht zulassen will, es es um ihrer selbst willen zu wuͤnschen: sollte sie es denn nicht um ihrer Familie und um ihres Ge- schlechtes willen thun, dessen Sache sie sich bis- weilen so sehr, wie sie vorgiebt, angelegen seyn laͤsset? Wo ihr aber nichts werth genug ist, ih- ren harlowischen Sinn zu meinem Besten zu be- wegen: hat sie denn wohl einiges Recht zu dem Mitleiden, welches du so mitleidig allezeit fuͤr sie zu erregen suchest? Was die Mishelligkeit betrifft, welche ihr Brief zwischen mir und der einfaͤltigen Familie an diesem Orte angerichtet hat; ich muß dir aber sagen, daß wir alle gaͤnzlich zerfallen sind: so ach- te ich die so viel, als nichts. Sie sind albern, daß sie auf mich fluchen: da ich ihnen zehn Fluͤ- che fuͤr einen wieder geben kann; wenn sie es ei- nen ganzen Tag aushalten sollten. Jch habe eine Haͤlfte von dem Hause fuͤr mich allein, und zwar die beste. Denn die Gro- ßen genießen desjenigen am wenigsten, was sie am meisten kostet. Große Bequemlichkeiten haben und sie gebrauchen, sind zwey verschiedne Dinge. Sie haben die ordentlichen Zimmer fuͤr sich: ich die Staatszimmer fuͤr mich. Hier spiele ich den großen Herrn, und will ihn so lan- ge spielen, als es mir beliebt: da unterdessen die beyden engbruͤstigen Schwestern, der alte poda- grische Bruder und die zwo verdrieslichen Nef- fen in der andern Haͤlfte eingesperret sind und keinen Fuß heraussetzen duͤrfen, aus Furcht, mich anzutreffen; dem sie, was der Spaß dabey ist, ver- verboten haben, nicht in ihre Zimmer zu kommen, gleichwie ich ihnen untersagt habe, nicht in meine zu treten. Auf die Art halte ich sie alle gefan- gen. Artige Hunde und Huͤndinnen, die Lerm machen, und mich anbellen, und doch, wenn ich mich sehen lasse, sich scheuen aus ihren Huͤtten nur eben hervorzukommen; oder wo sie außen sind, ehe sie mich sehen, bey meinem Anblick knorren, und mit hangenden Ohren, herumfliegenden Wammen am Halse, und bebenden und einwaͤrts gebognen Schwaͤnzen, wieder hinein laufen. Unterdessen da ich so tapfer mit Kaͤfern, Hummeln, Wespen, und Hornissen Krieg fuͤhre; und aus Wuth uͤber eine verachtete Liebe ganz in Feuer bin: thust du dir mit deiner Kaltsinnigkeit etwas zu gute, und gehst in deinem Anschlage fromm zu werden und in deinem Frohlocken uͤber mein Ungluͤck fort. Der Teufel hole dich, als einen unempfindli- chen Kloß von einem Kerl. Jch habe nicht mehr Gedult mit dir, als mit der Fraͤulein. Denn du weißt nichts von Liebe oder Freundschaft: son- dern dist zu der einen so ungeschickt, als der an- dern unwuͤrdig; sonst wuͤrdest du dich nicht, wie du unter dem seltsamen Bezeigen des Mit- leidens thust, uͤber meine fehlgeschlagene Hoff- nung freuen. Du bist ein artiger Kerl! nicht wahr? daß du dich anheischig machst, ihr einige Stellen aus meinen Briefen, die im Vertrauen an dich ge- schrieben sind, abzuschreiben! Aus Briefen von Sechster Theil. Y y der der Art, daß du dir eher haͤttest die Zunge aus- reißen lassen, als gestehen sollen, dergleichen em- pfangen zu haben! Diese sollen ihr dennoch itzo mitgetheilet werden! Allein ich beschwoͤre dich, und wehe dir, wo es zu spaͤt ist! daß du ihr nicht mit einer Zeile von mir gefaͤllig zu werden su- chest. Wo du es gethan hast: so soll die geringste Rache, welche ich nehmen will, die seyn, daß ich meine Ehre, worauf ich dir versprochen habe, sie nicht zu besuchen, aus den Augen setzen will, gleichwie du in Mittheilung solcher Briefe, die unter dem Siegel der Freundschaft geschrieben sind, die deinige aus den Augen gesetzt haben wirst. Jch bin nun, zu allzu großem Leidwesen fuͤr meine Hoffnung, durch ihren Brief an meine Ba- se Charlotte uͤberzeuget, daß sie sich fest vorge- nommen hat, mich niemals zu nehmen. Unerhoͤrte Bosheit, nennet sie mein Ver- brechen gegen sie. Aber wie weiß sie, wozu die Hitze einer feurigen Liebe treiben werde? Wie weiß sie die gehoͤrige Unterscheidungen der Wor- te, welche sie in diesem Falle gebraucht? ‒ ‒ Wenn sie das aͤrgste denkt, und bey solchen sehr bedenklichen Umstaͤnden Vergleichungen an- stellen kann: muß sie denn nicht weniger zaͤrt- lich von Gemuͤthe seyn, als ich mir von ihr einge- bildet hatte? ‒ ‒ Jedoch, sie hat gehoͤrt, daß der Teufel schwarz ist: und weil sie Lust hat, einen aus mir zu machen; so stoͤßt sie zwanzig Feuer- maur- maurkehrer in ihrer Einbildungskraft in einem Moͤrser zusammen, damit sie einen schwaͤrzer von Ruß mache, als er ordentlicherweise aus dem schmutzigen Zeuge kommt. Aber was fuͤr einen Wirbelwind erregt sie durch ihre stolze Verachtung meiner in meiner Seele! Niemals, niemals ist eines Mensch en Stolz so gekraͤnket worden. Wie erniedrigt sie mich so gar in meinen eignen Augen! ‒ ‒ Jhr Herz verabscheuet mich aufrichtig, sagt sie, wegen meiner Niedertraͤchtigkeit ‒ ‒ Dennoch ge- denkt sie den Vortheil von dem, was sie so nen- net, zu erndten! ‒ ‒ Verflucht sey ihr uͤbermuͤ- thiger Stolz und ihre Niedertraͤchtigkeit zu einer und eben derselben Zeit! ‒ ‒ Jhr uͤbermuͤ- thiger Stolz gegen mich: und ihre Niedertraͤch- tigkeit gegen ihre eigne Verwandten; die der Verwandtschaft mit ihr weit unwuͤrdiger sind, als ich seyn kann; oder ich muß in der Thatsehr niedertraͤchtig seyn. Wer muß sie gleichwohl nicht bewundern, wer muß sie nicht anbeten? ‒ ‒ O das verfluch- te, verfluchte Haus! Waͤren die Weibsleute in demselben nur nicht gewesen! ‒ ‒ Und dann ihre verdammten Traͤnke! Waͤren nur diese nicht ge- wesen: so haͤtten ihre ungeschwaͤchten Ver- standeskraͤfte und die Majestaͤt ihrer Tugend sie gerettet, wie einmal durch ihre demuͤthige Be- redsamkeit Bey dem Feuerspiel im V. Theil, S. 80. , ein anderes mal durch ihre schreck- Y y 2 liche liche Drohungen gegen ihr eignes Leben Siehe den V Th. und den L Brief. ge- schahe. Da sie in diesen beyden Faͤllen ihre Gewalt uͤber mich, und meine Liebe gegen sie, offenbar se- hen kann: sollte sie mich denn hassen, verachten und abweisen! ‒ ‒ Das haͤtte sie mit einigem Schein der Gerechtigkeit thun moͤgen: wenn die gewaltsame Entehrung, welche ich zuletzt im Sin- ne hatte, veruͤbet waͤre ‒ ‒ Aber wie nun: da sie in aller Betrachtung als Siegerinn davon gegan- gen ist? ‒ ‒ Ja sie hat wohl Ursache, mich zu verachten, daß ich sie so habe gehen lassen. Sie hat mich in der That kriechend und erniedrigt verlassen! ‒ ‒ Der Eindruck bleibt bey ihr. ‒ ‒ Jch moͤchte mein eignes Fleisch fressen, daß ich ihr nicht Ursache gegeben ‒ ‒ ‒ daß ich sie nicht in der That erniedriget habe ‒ ‒ oder daß ich nicht so lange in der Stadt ge- blieben bin, bis ich mich dadurch haͤtte erhoͤhen koͤnnen, daß ich mir selbst eine Frau gegeben haͤt- te, die uͤber alle Versuchung erhaben waͤre. Jch will es inzwischen noch einmal wagen an sie zu schreiben. Wo das nicht hilft, oder mir nicht eine Antwort verschaffet: so will ich mich bemuͤhen, sie selbst zu sehen; es mag daraus fol- gen, was da Will. Entgeht sie mir aber: so will ich dem ungestuͤmen Maͤgdchen, das sie am lieb- sten hat, ein treffliches Ungluͤck anrichten, und alsdenn auf ewig das Koͤnigreich verlassen. Nun, Nun, Bruder, da du dich doch damit ab- giebst, den Jnhalt geheimer Briefe mitzutheilen, sage ihr dieß, wo du willst: und setze noch hin- zu, daß, wo Sie mich verlaͤßt, Gott mich ver- lassen werde. Alsdann ist es gleich viel, was aus Jhrem Lovelace wird. Der hundert und dritte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. zur Antwort auf sein Schreiben vom Freytag Abends dem 4ten Aug. welches hier der XCVIII Brief ist. Montags, den 7ten Aug. S o habt ihr wirklich der unversoͤhnlichen Schoͤ- nen Auszuͤge aus Briefen, die im Vertrauen auf Freundschaft geschrieben sind, uͤberliefert! Nehmt euch in Acht ‒ ‒ Nehmt euch in Acht, Belford ‒ ‒ Jch liebe euch in der That mehr, als sonst eine Mannsperson in der Welt: aber dieß ist etwas sehr bedenkliches. Die Sache ist fuͤr mich sehr ernsthaft geworden. Es liegt mir am Herzen, sie zu haben: und haben will ich sie; wenn ich sie auch in Todeszuͤgen heyrathe. Y y 3 Sie Sie dringt sehr ernstlich darauf, schreibt ihr, daß ich ihr nicht beschwerlich zu fallen suche. Das, soll sie wissen, wird schlechterdings von ihr selbst, und der Antwort, die ich auf meinen Brief von ihr bekomme, abhangen: ob sie durch Fe- der und Dinte, oder durch das veraͤchtliche Still- schweigen gegeben wird, womit sie meine letzten vier Briefe an sie beantwortete. Jch will ihn in so demuͤthigen und billigen Ausdruͤcken schrei- ben, daß sie mir vergeben Wird, wo sie nicht eine aͤchte Harlowe ist. Allein was die Vollzie- hung ihres letzten Willens betrifft: ‒ ‒ so sollst du bey ihr der Vollzieher nicht seyn; ich will das Leben nicht haben, wo du es seyn sollst. ‒ ‒ Sie soll auch nicht sterben. Niemand soll bey ihr etwas seyn, niemand soll sich unterstehen etwas bey ihr zu seyn, als ich. ‒ ‒ Deine Gluͤck- seligkeit ist ohne das schon zu groß, daß du taͤg- lich den Zutritt zu ihr hast, sie ansiehest, mit ihr sprichst, sie sprechen hoͤrest: da mir unterdes- sen verboten ist, nur einmal so weit zu kommen, daß ich ihr Fenster sehen kann. ‒ ‒ Was fuͤr eine Verwerfung ist dieß, von demjenigen, der ehemals ihr lieber gewesen ist, als alle Manns- personen in der Welt! ‒ ‒ Und daß sie nun im Stande ist, bisweilen mit niedriger Verachtung, zu andern Zeiten mit geringschaͤtzigem Mitleiden auf mich herab zu schauen, weil ihr Haupt unter den Sternen vor mir, verdecket ist, das kann ich nicht ertragen. Dieß Dieß sage ich dir; wo mir meine Bemuͤhung durch den Brief nicht gelinget: so will ich die kriechende Thorheit, welche den Weg zu meinem Herzen gefunden hat, uͤberwinden; oder ich will dasselbe vor ihr ausreißen, und es an ihres wer- fen, damit sie sehen moͤge, wie viel zaͤrtlicher, als ihres, dieser empfindliche Theil sey, den sie, und ihr, und sonst alle sich die Freyheit genommen ha- ben, schwielichthart zu nennen. Warne die Leute, welche hinten und vorn und an beyden Seiten bey der verfluchten Mut- ter wohnen, ihre beste Habseligkeiten wegzubrin- gen: wo ich verworfen werde. Denn die erste Rache, die ich nehmen werde, wird die seyn, daß ich diese Schlangengrube in Feuer setze. Es wird nicht zu besorgen seyn, daß sie eben in einer Hend- lung uͤberfallen werden sollten, welche, wie Sha- kespeare saget, den Vorschmack der Selig- keit in sich habe ‒ ‒ So wird denn meine Ra- che an ihnen, wo sie in den Flammen umkom- men, welche ich aufsteigen lassen werde, gaͤnzlich vollfuͤhret seyn. Y y 4 Der Der hundert und vierte Brief von Herrn Lovelace an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Montags, den 7ten Aug. S o wenig ich auch Ursache habe, ein geneigtes Ohr oder ein vergebendes Herz bey Jhnen fuͤr mich zu erwarten: so kann ich mich doch nicht entbrechen, noch einmal an Sie zu schreiben; wel- ches ein Zudringen ist, das eher zu verzeihen seyn wird, als ein Besuch seyn wuͤrde; um Sie zu er- suchen, daß Sie mich in den Stand setzen, die Beleidigungen, welche Jhnen von mir widerfah- ren sind, so weit es moͤglich ist, auszusoͤhnen und wieder gut zu machen. Jhre englischreine Tugend und mein erwach- tes Gewissen sind bestaͤndige Zeugnisse Jhrer er- habenen Verdienste und meiner abscheulichen Niedertraͤchtigkeit: allein Jhre Vergebung wird mir eine ewige Verbindlichkeit gegen Sie aufle- gen ‒ ‒ Vergeben Sie mir denn, mein liebstes Leben, mein irdisches Gut und sichtbarer Anker meiner kuͤnstigen Hoffnung! Wie Sie selbst; da Sie glauben, etwas an sich zu haben, weswegen Jhnen Vergebung noͤthig ist; wie Sie selbst hof- fen, Verzeihung zu erlangen: so vergeben Sie auch mir, und erklaͤren sich geneigt, unter Jhuen beliebi- beliebigen Bedingungen, und in wessen Gesell- schaft es Jhnen gefaͤllt, bey dem heiligen Altar mit mir zusammen zu kommen, und sich selbst zu dem reuevollesten und ergebensten Herzen, das jemals in eines Menschen Brust geschlagen hat, ein Recht zu geben. Aber vielleicht mag eine Zeit der Pruͤfung erfordert werden. Es mag Jhnen so wohl wegen Jhrer Unpaͤßlichkeit, als wegen Jhrer Zweifel, vielleicht unmoͤglich seyn, mich so bald gaͤnzlich wieder zur Gewogenheit aufzunehmen, als mein Herz aufgenommen zu seyn wuͤnschet. Jn diesem Fall will ich mich Jhrem Belieben unterwerfen; und es soll keine Buße seyn, die Sie mir auflegen koͤnnen, welche ich nicht mit Freuden uͤber mich nehmen will: wo Sie sich gefallen lassen wollen, mir Hoffnung zu machen, daß, nach einer Aus- soͤhnung, gesetzt, sie sollte sich auch auf ganze Mo- nathe erstrecken, wobey die Regelmaͤßigkeit mei- nes kuͤnftigen Lebens und Wandels Sie von mei- ner Besserung uͤberzeugen wird, Sie endlich mein Eigenthum seyn wollen. Erlauben Sie mir also, um einige Zeilen zu einem Zeichen der Gewogenheit zu bitten, welche mich in dieser bedingten Hoffnung ermuntern moͤgen: wo es keine noch naͤhere Hoffnung und noch greßmuͤthigere Aufmunterung seyn kann. Schlagen Sie mir dieß ab: so werden Sie mich zur Verzweifelung bringen. Aber auch als- denn muß ich mich, auf alle Gefahr, zu ihren Fuͤßen werfen, damit ich mir nicht selbst die Ver- Y y 5 saͤumung saͤumung irgend eines eifrigen Bemuͤhens, eines demuͤthigen Bestrebens, Sie zur Gewogenheit zu bewegen, vorzuhalten habe. Denn in Jhnen, gnaͤdige Fraͤulein, in Jhrer Vergebung ist alle meine Hoffnung fuͤr diese und jene Welt verei- niget. Wo Sie mich ganzlich verwerfen: so wird mir nicht vergoͤnnet seyn, Barmherzigkeit von Oben zu erwarten. ‒ ‒ Denn mein Gewis- sen ist itzo genug erwecket, daß ich denken kann, es sey zur Gnade bey Gott nothwendig, vorher von unschuldig Beleidigten Vergebung zu haben: indem der Allmaͤchtige, wie vernuͤnftig zu glauben ist, den Nichtswuͤrdigen, der sie ohne Ursache und toͤdtlich beleidiget, in ihre Gewalt giebet. Und wer kann zu dieser Gewalt ein Recht haben: wo Sie es nicht haben? Mit einem Wort, gnaͤdige Fraͤulein, ich sehe Jhre Sache als die Sache der Tugend, und deswegen als die Sache Gottes an. Muß ich denn nicht erwarten, daß er dieselbe in dem Ver- derben eines Menschen, der gegen eine Person von unbefleckter Tugend so gehandelt hat, wie ich gehandelt habe, ausfuͤhren und behaupten werde: wofern Sie, durch Verwerfung meiner, zeigen, daß meine Beleidigung groͤßer ist, als daß eine Vergebung moͤglich seyn sollte? Jch versichere sie auf das heiligste, daß mich keine zeitliche oder weltliche Absichten zu dieser eifrigen Bitte bewegen. Jch verdiene keine Ver- gebung von Jhnen. Mein Lord M. und seine Schwestern verdienen sie auch von mir nicht. Jch Jch verachte dieselben von ganzem Herzen, weil sie sich einbilden moͤgen, daß ich mich durch die Hoffnung einiger Vortheile, welche sie mir zu- wenden koͤnnen, regieren lassen wolle. Es ist keine lebendige Seele in der Welt, die mir etwas vorschreiben soll, außer Jhnen. Jhre ganze Auf- fuͤhrung, gnaͤdige Fraͤulein, ist nach so edlen Grundsaͤtzen eingerichtet, und Jhr Unwillen so bewundernswuͤrdig gerecht gewesen, daß Sie mir etwas Goͤttliches an sich zu haben, und zu gleicher Zeit unendlich weit liebenswuͤrdiger zu seyn schei- nen, als Sie mir haͤtten scheinen koͤnnen, wenn Sie die unmenschlichen Uebel nicht ausgestanden haͤtten, welche nun mein Gemuͤth, bey der Erin- nerung meiner eignen Bosheit gegen das vor- trefflichste Frauenzimmer, mit Angst und Schre- cken erfuͤllen. Jch wiederhole, daß alles, was ich itzo bitte, nur einige Zeilen sind, welche meine ungewisse Tritte leiten, und, wo es Jhnen moͤglich ist, sich so weit herabzulassen, mich ermuntern koͤnnen, zu hoffen, daß mir die Ehre erlaubt seyn moͤge, wofern ich meine gegenwaͤrtige Geluͤbde durch mei- ne kuͤnftige Auffuͤhrung rechtfertigen kann, mich Ewig den Jhrigen zu nennen, R. Lovelace. Der Der hunderte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an den Lord M. und die Ladies und Fraͤuleins von seinem Hause. Zur Antwort auf den CI. Brief von der Fraͤulein Montague, dem 7ten Aug. Dienstags, den 8ten Aug. H alten Sie mich entschuldigt, mein guͤtiger Lord, und meine geehrtesten Ladies, daß ich die mir alle Vierteljahr von Jhnen edelmuͤthig zugedachte Guͤte nicht annehme, und erlauben mir, das eingeschlossene und erste Unterpfand Jh- rer Guͤtigkeit mit aller dankbarer Erkenntlichkeit und wahrer Ehrerbietung wieder zuruͤckzusenden. Jn der That, ich habe das eine nicht noͤthig, und kann vielleicht das andere nicht gebrauchen. Nichts desto weniger bin ich durch Jhre groß- muͤthige Gewogenheit so vollkommen geruͤhret, daß ich bis an die letzte Stunde meines Lebens ein Vergnuͤgen finden werde, daran zu gedenken, und mir aus dem Antheil an der Achtung so ehr- wuͤrdiger Personen, mit denen ich ehemals die stolze Hoffnung hatte verwandt zu werden, eine Ehre machen will. Erlau- Erlauben Sie mir aber, meine Beysorge daruͤber zu bezeugen, daß Sie Jhren Verwand- ten aus Jhrer Gesellschaft verbannet und von Jhrer Gunst ausgeschlossen haben: indem er nun vielleicht noch weniger als jemals gebunden seyn wird; und ich insonderheit, die durch Jhr Ansehen bey ihm, fuͤr den Ueberrest meiner Tage, unbe- schweret zu bleiben hoffete, seinen Verfolgungen wieder ausgesetzet werden mag. Er hat sich gegen Sie, mein guͤtiger Lord, und wertheste Ladies und Fraͤuleins, nicht so ver- gangen, als gegen mich: und dennoch haben Sie alle so großmuͤthig fuͤr ihn bey mir Fuͤrbitte thun koͤnnen. Wird es sich denn wohl sehr uͤbel schi- cken, wenn ich um meiner eignen Ruhe willen, um anderer armen Frauenzimmer willen, die noch von ihm beleidigt werden moͤgen, wo er ganz zur Verzweifelung gebracht wird, und um ihrer gan- zen wuͤrdigen Familie willen bitte, daß Sie ihm die Vergebung zu Theil werden lassen wollen, welche Sie von mir hoffeten? und dieß um so viel mehr, da ich denken darf, daß sein verwegenes und ungestuͤmes Gemuͤth sich nicht durch gewalt- same Mittel baͤndigen lassen werde. Denn ich zweifele gar nicht, daß die Befriedigung einer gegenwaͤrtigen Leidenschaft allezeit mehr bey ihm gelten werde, als irgend eine Hoffnung auf das kuͤnftige: so unverantwortlich auch die eine, oder so vortheilhaft auch die andere seyn mag. Jhr Unwillen fuͤr mich ist ungemein groß- muͤthig: gleichwie Jhre Guͤte gegen mich wahr- haftig haftig edel ist. Allein ich habe nicht alle Hoff- nung aufgegeben, daß er durch die Uebel, denen er mich unterworfen hat, gebuͤhrend werde geruͤhret werden, und Jhre ganze geehrte Familie sich sei- ner Besserung werde erfreuen, und noch viele von denen begluͤckten Jahren nach einander erleben koͤnnen, welche Sie, mein guͤtiger Lord, und mei- ne werthesten Ladies und Fraͤuleins, so liebreich wuͤnschen Jhrer ewig dankbaren und verbundenen Clarissa Harlowe. Der hundert und sechste Brief von Herrn Belford an Herrn Robert Lovelace. Donnerstags, Abends, den 10ten Aug. J hr habt von Tourville Nachricht bekommen, wie viel mir so wohl, als Mowbray und ihm, Beltons Unpaͤßlichkeit und Sachen, seit meinem vorigen, zu thun gemacht haben. Jch fragte am Montage auf meinem Wege nach Epsom bey Smithen an. Die Fraͤulein war in die Bethstunde gegan- gen: ich hatte aber das Vergnuͤgen zu hoͤren, daß es nicht schlimmer mit ihr geworden waͤre; und ließ meine Empfehlung nebst der Nachricht, daß ich ich auf drey oder vier Tage außerhalb London seyn wuͤrde, fuͤr sie zuruͤck. Jch beziehe mich auf Tourville, der euch die Schwierigkeiten melden will, welche wir gehabt haben, diese sanftmuͤthige Maitresse und spar- same Haushaͤlterinn mit ihrer Bruth auszutrei- ben, und des armen Kerls Schwester in den Be- sitz seines eignen Hauses zu setzen; da er unter- dessen in einem Wirthshause zu Croydon lausche- te, und viel zu niedergeschlagen war, sich bey sei- ner eignen Sache sehen zu lassen. Allein ich muß bemerken, daß wir aller Wahr- scheinlichkeit nach eben zu rechter Zeit kamen, die zertruͤmmerten Ueberbleibsel seines Vermoͤgens von diesem um sich greifenden Weibe und ihrer Bande zu retten. Denn da er nicht lange leben kann, und sie das auch gedenket: so fanden wir, daß sie wirklich Maaßregeln genommen hatte, eine Hey- rath zu errichten und von allem fuͤr sich und ihre Soͤhne Besitz zu nehmen. Tourville wird euch erzaͤhlen, wie ich genoͤ- thigt worden, den ehemaligen Stallknecht vor ih- ren Augen zu zuͤchtigen, ehe ich ihn aus dem Hause treiben konnte. Er hatte die Verwegenheit, Hand an mich zu legen: ich aber ließ ihn nur einen Schritt, ein paar Treppen hinunter, von oben bis unten thun. Jch dachte, er haͤtte Hals und Beine gebrochen. Als er hierauf uͤber Hals und Kopf herausgejagt war: so fand Thomasine fuͤr gut, nach ihm hinauszugehen. Vor- Vortreffliche Folgen von dem Maitressen- halten: dem Stande, den wir so eifrig zu erhe- ben gesucht haben! ‒ ‒ Bey dauerhafter Ge- sundheit mag es darum seyn, wie es will: aber Krankheit und Abnahme der Lebensgeister an dem, der sie haͤlt, werden ihm den Unterschied zeigen. Sie hat sich gegen eine Vertraute merken lassen, sie wuͤrde ihn bald in einem Raum von sechs Fuß bey allen fuͤnf Fingern haben; in sei- nem Bette meynte sie: und denn wollte sie nie- mand, als den ihr beliebte, zu ihm kommen las- sen. Der Stallknechtskerl wuͤrde vermuthlich in dem Fall sein Arzt gewesen, sein Testament wuͤrde bald fuͤr ihn gemacht ‒ ‒ und nach aller Wahrscheinlichkeit wuͤrden die Witwenkleider zum voraus fertig angeschaffet seyn. Wer weiß, ob diese nicht in der Absicht bereit gehalten waͤ- ren, um vor seinen eignen Augen darinn zu er- scheinen: wie ich einen solchen Fall an einem gott- losen Weibe erfahren habe, die eines ihr verhaß- ten Ehemannes spottete, als sie ihn schon aufge- geben hatte; wiewohl das dem Manne eine sol- che Bewegung der Lebensgeister und einen sol- chen Wechsel machte, daß er davon kam, und es noch erlebte, sie in ihrem Sarge mit eben den Kleidern, worinn sie seiner gespottet hatte, zu sehen. So viel fuͤr dießmal von Belton und seiner Thomasine. Jch Jch fange an von Herzen Mitleiden mit dir zu haben, da ich nun sehe, daß es dir Ernst ist. Jch bedaure deine fruchtlose Liebe, die du gegen diesen Engel von einem Frauenzimmer bezeugest: und das um so viel mehr, da es unmoͤglich ist, du magst sagen, was du willst, daß sie aus ihrer Krankheit und ihrer Freunde Unversoͤhnlichkeit, wovon sie neue Proben gehabt hat, herauskom- men sollte. Jch hoffe, du bist nicht in der That boͤse uͤber die Auszuͤge, welche ich fuͤr sie aus deinen Brie- fen gemacht habe. Es gereicht deiner Aufrich- tigkeit so sehr zum Vortheil, ihr zu zeigen, wie viel Gerechtigkeit du ihrer Tugend hast widerfah- ren lassen, daß ich nach meiner Ueberzeugung ge- denke, recht daran gethan zu haben: ob es gleich bey einem andern Frauenzimmer, oder bey einer, die nicht schon das aͤrgste von dir gewußt haͤtte, was sie wissen konnte, unrecht gewesen seyn moͤchte. Wo der erhaltene Zweck die Mittel rechtfer- tigen wird: so ist klar, daß ich fuͤr euch beyde et- was Gutes gethan habe; indem ich sie geruhiger gemacht, und euch eine bessere Meynung bey ihr, als sie sonst von euch gehabt haben wuͤrde, zuwe- ge gebracht habe. Wofern ihr aber nichts desto weniger mit meiner Gefaͤlligkeit gegen sie in einer Sache, wel- che ich selbst fuͤr bedenklich erkenne, uͤbel zufrie- Sechster Theil. Z z den den seyd: so laßt uns dieß bey unserer ersten Zu- sammenkunft untersuchen. Alsdenn will ich euch zeigen, was ich fuͤr Auszuͤge gemacht, und wie ich sie zu eurem Vortheil verbunden habe. Allein du wirst doch gewiß mir nicht vor- schreiben wollen, was ich wegen der Vollziehung ihres letzten Willens thun oder nicht thun soll. Jch bin mein eigner Herr, wie ich hoffe. Meinen Gedanken nach sollte es dir lieb seyn, daß die Rechtfertigung ihres Andenkens einem uͤberlassen ist, der zugleich, wie du versichert seyn magst, mit dir und deinen Handlungen nach aller Gelindigkeit verfahren wird, welche die Umstaͤn- de nur immer zulassen wollen. Jch kann nicht umhin, meine hoͤchste Ver- wunderung uͤber eine Probe von deiner Partey- lichkeit fuͤr dich selbst zu erkennen zu geben. Sie ist in der Stelle, wo du sagst: Sie haͤtte in der That selbst wohl noͤthig, um Barmherzigkeit von ihren Freunden zu schreyen, da sie selbst nicht weiß, wie sie Barmherzigkeit beweisen soll. Jn Wahrheit, du kannst die Faͤlle nicht fuͤr einerley ansehen! ‒ ‒ Denn sie verlangt, wie ich vernehme, nur einen letzten Segen und eine letz- te Vergebung fuͤr einen Fehler, der gewisserma- ßen wider ihren Willen begangen ist, wo man ihn noch einmal einen Fehler nennen kann, und hoffet nicht wieder angenommen zu werden. Du willst fuͤr vorsetzliche Uebelthaten; die sie gleichwohl vergiebet, unter der Bedingung, daß du ihr nicht mehr beschwerlich fallest; Verge- bung bung haben, und hoffest, zu voriger Gunst wie- der aufgenommen zu werden, und das feinste Kleinod in der Welt, zu Folge dieser Vergebung, zu deinem gaͤnzlichen Eigenthum zu machen. Nun will ich fortfahren, dir kuͤrzlich zu er- zaͤhlen, was seit meinem letzten mit der armen Fraͤulein vorgefallen ist. Daraus wirst du se- hen, daß sie Unruhen und Beschwerden genug uͤber sich hat, welche alle urspruͤnglich von dir kommen, ohne daß du noͤthig hast, sie durch neue Plagen zu vermehren. Und so lange als du zu M. Hall, wo ein jeder dein Gefangener ist, dich so rittermaͤßig zeigen kannst: sehe ich nicht an- ders, als daß dein stolzer Muth eben so gut be- friedigt seyn mag, wenn du da uͤber ein halb Dutzent Personen von Stande und Ansehen herr- schest, als er befriedigt werden koͤnnte, wenn du hier uͤber eine verlassene Wayse; wie ich diese Fraͤulein wohl nennen kann, da sie niemand hat, der ihr beystehe, wo ich es nicht thue; und uͤber eine Person, die sich gluͤcklich schaͤtzen wird, wenn sie vor dir und vor aller Welt nur in den Armen des Todes eine Zuflucht finden kann, deine Herr- schaft ausuͤbetest. Mein letzter Brief war vom Sonnabend. Am Sonntage ließ sie sich auf ihres Arztes Rath gefallen, zur Veraͤnderung der Lust auszu- fahren. Fr. Lovick und Herr Smith nebst sei- ner Frauen fuhren mit ihr. Nachdem sie in der Kapelle zu Highgate dem Gottesdienst beygewoh- net hatte, bewirthete sie dieselben mit einer klei- Z z 2 nen nen Mahlzeit. Nach Mittage war sie auf ih- rem Ruͤckwege in der Kirche zu Jslington und kam mit leidlicher Munterkeit wieder zu Hause. Sie hatte in meiner Abwesenheit verschiede- ne Briefe außer dem eurigen bekommen, wie mir Fr. Lovick erzaͤhlet hat. Euer Schreiben, wie es scheint, machte ihr viele Unruhe. Sie ließ dem Bothen, der instaͤndig um eine Antwort an- hielte, sagen, daß es keine eilfertige Beantwor- tung erforderte. Am Mittwochen bekam sie einen Brief von ihrem Onkel Harlowe Siehe den folgenden CIX. Brief. , zur Antwort auf einen, den sie verwichenen Sonnabend auf ihren Knieen an ihre Mutter geschrieben hatte. Er mußte sehr grausam seyn, sagt Fr. Lovick, nach denen Wirkungen zu urtheilen, die er bey ihr hatte. Denn da sie ihn empfing, war sie eben willens, sich auf den Nachmittag in einer Kutsche der freyen Luft zu bedienen, ward aber von so heftigen Mut- terbeschwerden daruͤber angegriffen, daß sie genoͤ- thigt wurde, sich niederzulegen, und, weil es da- durch nicht besser ward, um acht Uhr zu Bette zu gehen. Am Donnerstage war sie des Morgens sehr fruͤhe auf, und nahm ihre Zuflucht zu der heiligen Schrift, ihr Gemuͤth zu besaͤnftigen, wie sie zur Fr. Lovick sagte. So schwach sie auch war, so wollte sie doch um eilfe sich zu der Kapelle von Lincolns-Jnn tragen lassen. Sie befand sich ein wenig besser, als sie wieder zu Hause gebracht wurde, wurde, und setzte sich darauf nieder, an ihren On- kel zu schreiben: allein sie ward genoͤthigt, ver- schiedne male abzubrechen ‒ ‒ weil sie mit sich selbst zu streiten hatte, wie sie sich gegen Fr. Lo- vick verlauten ließ, um eine demuͤthige Gemuͤths- verfassung zu erlangen. „Mein Herz, sagte sie „zu der guten Frauen, ist ein stolzes Herz, und, „wie ich finde, noch nicht muͤrbe genug gemacht, „sich in meine Umstaͤnde zu schicken, sondern will „meiner Feder, ich mag thun, was ich kann, Din- „ge vorschreiben, die von Empfindlichkeit und „Unwillen zeugen.“ Heute Abends, an eben dem Donnerstage, kam ich von Belton wieder in London an, und ging alsobald zu Smithens Hause. Sie befand sich zu schlecht, meinen Besuch anzunehmen: ließ mir aber, da ich hinauf schickte, meine Em- pfehlung machen zu lassen, herunter sagen, daß es ihr lieb seyn wuͤrde, mich morgen zu sehen. Fr. Lovick that mir den Gefallen, mir die Ab- schrift von einer geistlichen Betrachtung mitzu- theilen, welche die Fraͤulein aus der heil. Schrift gezogen hat. Sie hat derselben die Ueberschrift vorgesetzet: Die armen Sterblichen, als die Ursache ihres eignen Jammers; in der Ab- sicht, wie ich vermuthe, ihrem Unwillen uͤber Wi- derwaͤrtigkeiten, die mit ihrem Fehler in so un- gleichem Verhaͤltnisse stehen, wenn er auch so groß waͤre, als sie zu denken geneigt ist, seine Staͤrke zu benehmen. Wir koͤnnen hieraus sehen, auf was fuͤr Art sie ihr Gemuͤth zu befestigen suchet, Z z 3 welcher welcher sie groͤßtentheils die Herzhaftigkeit und Großmuth zu danken hat, mit der sie ihre unver- diente Verfolgungen ertraͤget. Geistliche Betrachtung. Die armen Sterblichen, als die Ursache ihres eignen Jammers. S age du nicht: Es ist durch den Herrn ge- schehen, daß ich dahin gefallen bin. Denn du solltest das nicht thun, was er hasset. Sage du nicht: Er hat verursachet, daß ich geirret habe. Denn er braucht den Suͤn- der nicht. Er hat den Menschen selbst anfangs ge- macht, und ihn seinen eignen Anschlaͤgen uͤber- lassen; Die Gebote zu halten, wo du willst, und angenehme Treue zu beweisen. Er hat dir Feuer und Wasser vorgestellt. Recke deine Hand aus, zu welchem von bey- den du willst. Er hat keinem Menschen befohlen, Boͤses zu thun; auch keinem Freyheit gegeben, zu suͤn- digen. Und nun, Herr, was ist meine Hoffnung? Wahrlich, meine Hoffnung ist allein in dir. Errette mich von allen meinen Uebertretun- gen, und mache mich nicht zu einem Anlauf fuͤr den Thoren. Wenn Wenn du den Menschen fuͤr die Suͤnde zornig zuͤchtigest: so machst du, daß seine Schoͤnheit verzehret wird, als wie eine Motte ein Gewand zerfrißt. Ein jeder Mensch ist demnach eitel. Wende dich zu mir, und sey mir gnaͤdig: denn ich bin verlassen und geplaget. Die Unruhen meines Herzens sind groß- O bringe du mich aus meinen Noͤthen! Fr. Smithinn erzaͤhlte mir folgende Umstaͤn- de von einer Unterredung, am Dienstage, Nach- mittags, zwischen ihr selbst und einem jungen Geistlichen, welchem, wie es scheint, von den Freunden der Fraͤulein aufgetragen war, sich nach ihr zu erkundigen. Er kam in einem Reitkleide in ihren Laden, und forderte etwas spanischen Schnupftoback. Weil er sie alleine da fand: so verlangte er ein wenig mit ihr in dem hintern Laden zu sprechen. Er schlug in verschiedenen entfernten Fragen auf den Busch, und fing endlich an, eigentlicher von der Fraͤulein Harlowe zu reden. Er sagte, er habe sie vor ihrem Fall gekannt; das war sein unverschaͤmtes Wort; und gab fol- gende Nachricht in Ansehung des Hauptinhalts von ihr, wie ich sie von Fr. Smithinn zusammen- gebracht habe. „Sie haͤtte damals, erzaͤhlte er, bey einem „jeden Verwunderung und Vergnuͤgen erwecket. Z z 4 Er „Er bedaurte sehr feyerlich ihre Abweichung „von dem rechten Wege: eine andere von „seinen Redensarten. Fr. Smithinn sagte, er waͤ- „re ein recht gelehrter Mann: denn er haͤtte ver- „schiedne Dinge geredet, die sie nicht verstanden; „entweder lateinisch oder griechisch, sie koͤnnte nicht „sagen, welches von beyden; aber er waͤre so guͤ- „tig gewesen, sie ihr ohne ihr Ersuchen im Engli- „schen zu erklaͤren. Etwas artiges fuͤr einen Ge- „lehrten, setzte sie hinzu, wenn er so gefaͤllig ist „und sich so weit herablaͤsset. Er sagte, „ihre Entlaufung mit einem so „schaͤndlichen und liederlichen Kerl haͤtte allen be- „nachbarten Frauenzimmern großes Aergerniß „gegeben und ihre Freunde sehr beleidiget. Er erzaͤhlte der Fr. Smithinn, „wie sehr sie „ein jedes Auge auf sich zu ziehen gewohnt gewe- „sen, so oft sie von Hause oder zur Kirche ge- „gangen waͤre, und wie sie von allen Zungen, „wenn sie voruͤbergegangen, gepriesen, und mit „guten Wuͤnschen begleitet worden; sonderlich „von den Armen. Von ihr, gestand er, haͤtten „die Artigen das Artige in der Kleidung und dem „Anstande bekommen, ohne daß sie selbst die Ab- „sicht zu haben, oder es zu wissen geschienen. Je- „doch waͤre es nicht ohne Lachen anzusehen gewe- „sen, daß Frauenzimmer ihr in der Kleidung „und dem Bezeigen nachgeahmet, welche nicht „im Stande gewesen waͤren, sich zu ihrer An- „muth und ihrem ungezwungenen Wesen zu er- „heben, und sich daher eben zu der Zeit laͤcherlich „ge- „gemacht, da sie sich eines allgemeinen Beyfalls „versichert zu seyn geglaubet, weil sie eben das „truͤgen, und auf eben die Art angelegt haͤtten, „was diejenige trug, die aller Bewunderung auf „sich zog; ohne zu bedenken, daß, wenn diese „ihre Person, oder ihre Maͤngel gehabt haͤtte, „sie eine ganz andere Mode wuͤrde aufgebracht „haben: denn sie haͤtte sich in allen Stuͤcken nach „der Natur gerichtet und auf das Ungezwun- „gene gesehen; welches, nebst einer Vermischung „von einem erhabenen Anstande und einer Ge- „faͤlligkeit, sich zu andern herabzulassen, in ihrem „Ansehen und Betragen, sie mochte entweder „von andern Hoͤflichkeiten anzunehmen haben, „oder selbst andern Hoͤflichkeiten bezeigen, ihr vot „allen Personen ihres Geschlechts einen wirklichen „Vorzug gegeben haͤtte. „Er sagte in diesem Stuͤcke nicht bloß seine „Meynung, setzte er hinzu, sondern das Urtheil, „welches jedermann faͤllte. Denn die Lobeserhe- „bungen der Fraͤulein Clarissa Harlowe waͤren eine „so beliebte Gelegenheit zum Gespraͤche gewesen, „daß einer, der von einer andern Sache nicht „wohl zu reden gewußt, versichert gewesen waͤre, „hievon wohl zu reden: weil er nichts haͤtte sagen „koͤnnen, was er nicht zwanzigmal wiederholet „und mit Beyfall aufgenommen gehoͤret haͤtte.“ Hiedurch gab der artige Herr vielleicht den Grund von den besten Dingen an, die er selbst sagte. Jedoch muß ich gestehen, daß die persoͤn- liche Bekanntschaft mit der Fraͤulein, welche mir Z z 5 gegoͤn- gegoͤnnet ist, es mir leicht machte, demjenigen, was mir die gute Frau, als eine Beschreibung des jungen Gestilchen von ihr, erzaͤhlte, die ge- hoͤrige Gestalt zu geben. Denn wer siehet nicht, auch itzo bey ihrer hinfaͤlligen Gesundheit, daß ihr alle diese Eigenschaften zukommen? Jch vermuthe, er ist noch nicht lange von seinen Lehrmeistern, und denkt nun nichts anders zu thun zu haben, als sich das Ansehen eines Gelehrten unter den Unwissenden zu geben: wofuͤr solche junge Leute diejenigen zu halten auf- gelegt sind, welche mit ihnen nicht Stellen aus den Dichtern anfuͤhren und uns sagen koͤnnen, wie ein alter Schriftsteller sich uͤber eine Sache ausgedruͤckt habe, uͤber die sie sich gleichwohl eben so gut, als der Schriftsteller, im Englischen aus- zudruͤcken wissen moͤgen. Fr. Smithinn ward so von ihm eingenommen, daß sie ihn gern zu der Fraͤulein hineingefuͤhret haͤtte: weil sie nicht zweifelte, es wuͤrde ihr sehr angenehm seyn, jemand zu sehen, der sie und ihre Freunde so wohl kennete. Aber dieß verbat er aus verschiedenen Ursachen, welche er anfuͤhrte. Die eine war, weil Personen von seinem Stande die Gesellschaft, worinn sie waͤren, sehr be- hutsam waͤhlen muͤßten, sonderlich wo es auf das andere Geschlecht ankaͤme, und wo ein Frau- enzimmer ihre Ehre beflecket haͤtte: ‒ ‒ Jch wuͤnschte, daß ich da gewesen waͤre, als er sich so viel herausgenommen. ‒ ‒ Die andere, weil ihm aufgetragen waͤre, sich nach ihrer Lebensart, und den den Personen, welche sie besuchten, zu erkundigen. Denn, was die Lobeserhebungen betraͤffe, die Fr. Smithinn von der Fraͤulein machte, ließ er sich merken, so schien sie eine Frau von gutem Herzen zu seyn, und moͤchte, ob er es gleich um der Fraͤu- lein willen nicht hoffete, vielleicht zu parteyisch und kurzsichtig seyn, daß man sich in einer Auge- legenheit, worauf so vieles ankaͤme, als auf die von ihm uͤbernommene Verrichtung seiner Anzei- ge nach ankommen sollte, gaͤnzlich auf sie verlassen koͤnnte. Dabey schuͤttelte er den Kopf, redete zweifelhaft und geheimnißvoll, und gab sich, wie ich merken konnte, uͤberhaupt bey der ganzen Un- terredung ein solches Ansehen, als wenn es mit ihm und seinem Gewerbe ungemein viel auf sich haͤtte. Wie Fr. Smithinn ihm Nachricht gab, daß es mit der Gesundheit der Fraͤulein sehr schlecht stuͤnde: so zuckte er mit vieler Kaltsinnig- keit die Achsel ‒ ‒ Sie mag sich wohl sehr uͤbel befinden, sprach er: Jhr Verdruß uͤber die fehl- geschlagene Hoffnung muß sie empfindlich ange- griffen haben. Allein, ich darf sagen, sie befindet sich noch nicht uͤbel genug, ihren sehr großen Fall zu buͤßen, und von denen, welche sie so schwer be- leidiget hat, Vergebung zu erwarten. Ein strotziger eingebildeter Lehrling! Was wollte ich darum geben, daß er mir in den Lauf gekommen waͤre! Er gieng, sonder Zweifel hoͤchst zufrieden mit sich selbst, und der guten Meynung der Fr. Smi- thinn von seiner großen Einsicht und Gelehrsam- keit keit versichert, wieder weg: bat sie aber, der Fraͤu- lein nichts von ihm und seiner Nachfrage zu sa- gen. Jch habe ihr, aus ganz andern Ursachen, eben das empfohlen. Es ist mir inzwischen um ihrer Gemuͤthsruhe willen lieb, daß ihre Angehoͤrigen anfangen zu denken, es gezieme ihnen, sich nach ihr zu er- kundigen. Der hundert und siebente Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Herr Belford meldet seinem Freunde die großmuͤthige Freygebigkeit des Lords M. und der Ladies von seiner Familie, und die dankbare Gesinnung der Fraͤu- lein bey diesem Vorfall. Er schreibet, daß sie, in Hoffnung, den be- schwerlichen Besuch von ihm zu vermei- den, willens sey, auf seinen Brief vom 7ten, ob gleich sehr wider ihre Neigung, zu antworten. „Sie war sehr aufmerksam, „ schreibt Herr Belford, auf die Stelle in „eurem Briefe, worinn die Vergebung von „einer ohne Ursache beleidigten Person fuͤr „nothwendig zur Gnade von Gott angese- „hen wird. „Jhr „Jhr Großvater, finde ich, hat ihr die Macht „gegeben, wenn sie nur achtzehn Jahr alt waͤ- „re, ein Testament zu machen, und einen gro- „ßen Theil seines Gutes, wem ihr beliebte, „von der Familie, das Uebrige nach ihrem „eignen Wohlgefallen außer derselben zu ver- „machen, wofern sie unverheyrathet stuͤrbe. „Dieß hat er in der Absicht gethan, damit er „ihr einige Achtung zuwege braͤchte: weil er „besorgte, sie wuͤrde beneidet werden. Nun ist „sie entschlossen, ihr Testament alsobald aus- „zufertigen. Hr. Belford dringet auf die Erfuͤllung des Versprechens, das er ihm gethan hatte, die Fraͤulein nicht zu beunruhigen, und theilt ihm den Jnhalt ihrer Antwort an den Lord M. und die Ladies, worinn sie das großmuͤthige Anerbieten derselben ausschlaͤget. Man sehe den CV. Brief. Der hundert und achte Brief von der Frl. Clar. Harlowe an Hrn. Rob. Lovelace. Freytags, den 11ten Aug. E s ist etwas grausames, zwischen diesen beyden Dingen waͤhlen zu muͤssen, entweder Sie zu sehen, oder an Sie zu schreiben. Allein es ist mir schon schon lange kein freyer Wille gelassen gewesen, und ein groͤßeres, ja, ich mag nun wohl sagen, das groͤßte Uebel zu vermeiden, schreibe ich. Wenn es mir moͤglich waͤre, meine wirkliche Gesinnung zu verbergen, oder zu verhehlen: so koͤnnte ich Jhnen wohl die entfernte Hoffnung machen, welche Sie verlangen, und doch bey allen meinen Entschließungen bleiben. Aber ich muß Jhnen sagen, mein Herr; es geziemet meiner Gemuͤthsart, Jhnen zu sagen, daß, wenn ich auch mehr Jahre leben sollte, als ich vielleicht Wochen leben mag, und keine andere Mannsperson in der Welt waͤre, ich dennoch die Jhrige nicht seyn koͤnnte, nicht seyn wollte. Man machet sich kein Verdienst, wenn man seine Pflicht erfuͤllet: Die Religion verbindet mich, nicht allein er- littenes Unrecht zu vergeben, sondern auch Boͤses mit Gutem zu vergelten. Es ist mein einziger Trost, und ich danke Gott fuͤr denselben, daß ich itzo in einer solchen Gemuͤthsverfassung in Anse- hung Jhrer stehe, daß ich den Gesetzen der Reli- gion mit Freuden gehorchen kann. Daher ver- sichere ich Sie, daß ich wuͤnsche, Sie moͤgen al- lenthalben, wo Sie gehen, gluͤcklich seyn: und hier- inn will ich alle gute Wuͤnsche eingeschlossen haben. Da ich nun, mit großem Widerstreben, das gestehe ich, einen von denen Faͤllen, worunter Sie mich zu waͤhlen zwingen, erfuͤllet habe: so er- warte ich die Fruͤchte davon. Clarissa Harlowe. Der Der hundert und neunte Brief von Hrn. Joh. Harlowe an Frl. Clar. Harlowe. Zur Antwort auf ihr Schreiben an ihre Mutter, welches hier der C. Brief ist. Undankbare, boshaftige Base. D a Jhre Mutter weder Lust noch Erlaubniß hat, an Sie zu schreiben: so bin ich ersucht worden, die Feder anzusetzen; ob ich mich gleich entschlossen hatte, es nicht zu thun. Daher muß ich Jhnen melden, daß Jhre Briefe, nebst der Veranlassung derselben, uns allen beynahe das Herz brechen. Waͤren wir versichert, daß Sie Jhre Thor- heit erkannt haͤtten, sie wirklich und aufrichtig bereueten, und sich so sehr uͤbel befaͤnden, als Sie angeben: so weiß ich nicht, was zu Jhrem Vor- theil geschehen moͤchte. Aber wir kennen alle Jhre Weise, Mitleiden zu erregen: wenn Sie etwas erhalten wollen. Ungluͤckliches Maͤgdchen! in welchen elenden Zustand haben Sie uns alle versetzet. Wir, die mit so vielem Vergnuͤgen einander zu besuchen gewohnt waren, koͤnnen itzo einander nicht mit Gelassenheit ansehen. Haͤtten Haͤtten Sie nicht aus hundert Faͤllen erfah- ren, wie werth Sie uns vormals gewesen: so koͤnnten Sie es nun urtheilen, wenn Sie wuͤß- ten, wie sehr uns Jhre Thorheit in Unordnung gebracht hat. Boshaftiges, boshaftiges Maͤgdchen! Sie sehen die Fruͤchte, welche es bringt, wenn man einen liederlichen und ausschweifenden Kerl einem maͤßigen und tugendhaften Manne vorziehet. Gegen alle Warnung, gegen besser Wissen. Und noch dazu ein so sittsames Frauenzimmer, als Sie waren! Wer konnte denken, daß Sie eine so un- anstaͤndige Wahl treffen wuͤrden? Jhre Mutter kann nicht fragen, und Jhre Schwester weiß nach der Sittsamkeit nicht, wie sie fragen soll: also frage ich Sie, ob Sie Ursache haben zu glauben, daß Sie von dem Boͤsewicht schwanger sind? ‒ ‒ Sie muͤssen das beant- worten, und es nach der Wahrheit beantworten, ehe man sich Jhretwegen zu etwas entschließen kann. Jhre Missethaten moͤgen Jhnen wohl billig das Gewissen auf das empfindlichste ruͤhren. Haͤtte ich jemals denken koͤnnen, daß mein Aug- apfel, wie jedermann Sie nannte, es so gemacht haben wuͤrde? Gewiß ich liebte Sie zu sehr. Al- lein das ist nunmehr vorbey. Jedoch, ob ich gleich fuͤr niemand, als fuͤr mich selbst, zu stehen uͤber mich nehmen will; sage ich meines Theils: Gott vergebe Jhnen! Und dieß ist alles von Jhrem betruͤbten Onkel Johann Harlowe. Unten Unten an diesen Brief war die folgende Betrachtung mit schwarzer Seide angenaͤhet. Betrachtung. O daß du mich in dem Grabe verdecken woll- test! Daß du mich verborgen halten woll- test, bis dein Zorn voruͤber gegangen ist! Mein Gesicht ist unrein vom Weinen: und an meinen Augenliedern schwebet der Schatten des Todes. Meine Freunde verachten mich: aber mein Auge schuͤttet Thraͤnen zu Gott aus. Ein schrecklicher Ton schallt in meine Oh- ren: im Gluͤck kam der Verderber uͤber mich! Jch habe gesuͤndiget! Was soll ich dir thun, o du Bewahrer der Menschen! War- um hast du mich zu einem Ziel gegen dich ge- setzet, so daß ich mir selbst eine Last bin! Wenn ich sage, mein Bette soll mir zum Troste dienen, mein Lager soll mein Klagen stillen: So jagst du mir durch Traͤume Schrecken ein, und setzest mich durch Erscheinungen in Furcht; So daß meine Seele lieber wuͤnschet er- sticket zu werden, und lieber zu sterben, als das Leben zu haben. Jch bin desselben muͤde! Jch moͤchte nicht bestaͤndig leben! ‒ ‒ ‒ Laß mich: denn meine Tage sind eitel. Sechster Theil. A a a Er Er hat mich zu einem Sprichwort des Volkes gemacht: und vorzeiten war ich, wie eine Pauke, zum Frohlocken bestimmet. Meine Tage sind vergangen; meine An- schlaͤge, ja selbst die Gedanken meines Herzens sind zernichtet. Da ich Gutes erwartete: kam das Boͤse uͤber mich. Und da ich auf das Licht harrete: kam Finsterniß. Und wo ist nun meine Hoffnung? ‒ ‒ Dennoch will ich alle Tage des mir be- stimmten Lebens warten, bis mein Zustand zu seinem Wechsel kommt. Der hundert und zehnte Brief von Frl. Clar. Harlowe an Hrn. Joh. Harlowe. Donnerstags, den 10ten Aug. Hochgeehrter Herr. E s war ein Werk der Liebe, was ich mir aus- bat: nur ein letzter Segen, damit ich geru- hig sterben moͤchte. Jch verlange nicht wieder aufgenommen zu werden: wie meiner harten Schwester, o! daß ich nur nicht an sie geschrie- ben haͤtte! mir zur Absicht anzudichten beliebet. Diese Gewogenheit mag man mir versagen, wenn ich darum anhalte. Jch Jch konnte meinem letzten Auftritt in der Welt nicht getrost entgegen sehen: wenn ich nicht wenigstens den Segen suchte, um welchen ich bat; und zwar mit einer so empfindlichen Zer- knirschung, daß ich nicht verdiente, wofern man sie wuͤßte, von der Zaͤrtlichkeit einer Mutter zu der mit harten Vorwuͤrfen gefuͤhrten Feder eines Onkels verwiesen, und durch eine grausame Frage verwundet zu werden; eine Frage, die mir auf eine anstoͤßige Weise von ihm vorgeleget, und durch eine kurze, eine sehr kurze Zeit besser beant- wortet seyn wird, als ich sie beantworten kann. Denn ich bin weder verhaͤrtet, noch ohne Scham- haftigkeit. Waͤre ich es: so wuͤrde ich die Ge- wogenheit, um welche ich flehete, nicht so sorgfaͤl- tig zu erlangen gesuchet haben. Erlauben Sie mir zu sagen, daß ich dieselbe so wohl um meines Vaters und meiner Mutter willen, als meinetwegen begehrte. Denn ich bin versichert, sie werden wenigstens, wenn ich dahin bin, nicht geeuhig seyn, daß sie mich mit meiner Bitte abgewiesen haben. Es wuͤrde mir noch immer lieb seyn, von diesen, von Jhnen, mein Herr, und von allen meinen Verwandten Segen und Fuͤrbitte zu er- langen. Aber da es mir auf eine solche Art ab- geschlagen ist: so will ich mich nicht unterstehen, noch einmal darum anzuhalten, und mich gaͤnz- lich auf den Segen des Allmaͤchtigen verlassen, der niemals versaget wird, wenn man ihn fuß- A a a 2 faͤllig faͤllig mit so aufrichtiger Buße suchet, als die- jenige ist, in der ich meiner Hoffnung nach stehe. Gott erhalte meinen werthen Onkel und alle meine geehrten Freunde! Dieß ist das Gebeth Jhrer ungluͤcklichen Clarissa Harlowe . Der hundert und eilfte Brief von. Fraͤul. Howe an Fraͤul. Clarissa Harlowe. Yarmouth, auf der Jnsel Wight, Montags, den 7ten Aug. Meine allerliebste Freundinn. J ch kann eben itzo nur ein paar Zeilen schrei- ben. Jch kann nicht sagen, wie unertraͤg- lich es fuͤr mich klingt, daß dem Herrn Belford die Vollziehung Jhres letzten Willens aufgetra- gen seyn soll: so dringend auch Jhre Ursachen zu diesem Anschlage sind. Und dennoch bin ich fest der Meynung, daß keiner von Jhren Verwandten zu dem Amte zu ernennen sey. Allein ich halte mich um so viel weniger bey dieser Sache auf: weil ich hoffe, und die Furcht vor dem Gegentheil mir unertraͤglich ist, daß Sie noch viele, viele Jahre leben werden. Herr Herr Hickmann redet freylich sehr gut von dem Herrn Belford. Aber der arme Mann hat nicht viel Einsicht, Sonst wuͤrde er schwerlich so gut von mir denken, als er thut. Jch habe eine besondere Gelegenheit, gegen- waͤrtiges durch einen Freund meiner Tante Har- mann zu uͤbersenden. Er ist schon fertig, nach London abzugehen, welches die Ursache ist, warum ich eile, und wird alsobald wieder zuruͤckkommen. Jch erwarte daher durch ihn ein großes Packet, und hoffe und wuͤnsche sehnlich gute Zeitungen von der Besserung Jhrer Gesundheit zu bekom- men; welches der Himmel verleihen wolle zur Erhoͤrung des Gebeths Jhrer ewig ergebenen Anna Howe. Der hundert und zwoͤlfte Brief von Fraͤul. Clarissa Harlowe an Fraͤul. Howe. Freytags, den 11ten Aug. J ch will Jhnen ein großes Packet senden; wie Sie verlangen und erwarten; weil ich es durch einen so sichern Weg thun kann: aber doch nicht alles, was mir zu Haͤnden gekommen ist. ‒ ‒ Denn ich muß gestehen, daß meine Freunde sehr hart sind; allzu hart, daß jemand, der keine Liebe A a a 3 fuͤr fuͤr sie hat, ihre Briefe sehen koͤnnte. Sie, meine Wertheste, wollten sie schon vor langer Zeit, wie Sie sagten, nicht meine Freunde, sondern nur meine Verwandten nennen. Jn der That, ich kann sie nicht meine Verwandten nennen, wie ich denke. ‒ ‒ Jedoch ich bin krank, und daher vielleicht muͤrrischer, als ich seyn sollte. Es ist schwer, aus sich selbst zu gehen und ein Urtheil gegen uns selbst zu sprechen: und gleichwohl muͤs- sen wir es oft billig thun, ein gerechtes Urtheil zu faͤllen. Jch gedachte wohl, daß ich Jhnen durch die Wahl der Person, welcher ich die Vollziehung meines Testaments aufgetragen habe, Unruhe verursachen wuͤrde. Allein die betruͤbte Noth- wendigkeit, zu der ich gebracht bin, muß mich entschuldigen. Jch werde nichts von dem wiederholen, was ich vorher schon von dieser Sache beruͤhret habe. Wo aber Jhre Einwuͤrfe nicht durch die Papiere und Briefschaften, welche ich beyschließen will, und mit den Zahlen 1, 2, 3, 4, bis 9, bezelchnet habe, so gehoben werden, daß Sie zufrieden sind: so muß ich mich in einem neuen Fall fuͤr ungluͤck- lich halten; indem ich mich schon zu weit einge- lassen habe, und noch dazu nach meinem eignen Gutbefinden, daß ich wieder zuruͤckziehen koͤnnte. Da ich die beygehenden Abschriften von dem Herrn Belford im Vertrauen aus den Briefen seines Freundes an ihn bekommen habe: so muß ich instaͤndigst bitten, daß Sie dieselben keine Seele, Seele, außer Jhnen selbst, sehen lassen, und mir sie bey der ersten Gelegenheit wieder zuruͤcksenden, damit sie im geringsten nicht zu einigem Nachtheil entweder desjenigen, der sie zuerst geschrieben, oder dessen, der sie mir mitgetheilet hat, gebrau- chet werden. Sie werden leicht merken, daß ich zu dieser Sorgfalt durch meine Zusage verbunden bin. Wenn durch meine Schuld ein Ungluͤck zwischen diesem menschlichen und jenem un- menschlichen Freygeist in der Lebensart entste- hen sollte: so wuͤrde ich es hoͤchst unverantwort- lich fuͤr mich ansehen. Jch fuͤge unten ein Verzeichniß von den Pa- pieren oder Briefschaften bey, die ich einschließen werde. Sie muͤssen mir sie alle wieder zuschicken, wenn Sie sie alle durchgelesen haben 1. Ein Brief von der Fraͤulein Monta- gue vom _ _ 1ten Aug. 2. Eine Abschrift von meiner Antwort _ _ 3ten Aug. 3. Hrn. Belfords Brief an mich, welcher Jhnen zeigen wird, was ich mir von ihm ausgebeten, wie er mich meiner Bitte gewaͤhret, und was fuͤr Aus- zuͤge er mir auf mein Verlangen aus den Briefen seines Freundes gege- ben habe _ _ 3ten 4ten Aug. 4. Eine Abschrift von meiner Antwort und Danksagung, nebst dem Ersu- chen, die Vollziehung meines Testa- ments uͤber sich zu nehmen _ _ 4ten Aug. 5. Hrn. Belfords Erklaͤrung, daß er die Vollziehung uͤbernehmen wolle _ _ 4ten Aug. 6. Ein . A a a 4 Jch Jch bin sehr muͤde und verdrießlich ‒ ‒ ‒ uͤber ‒ ‒ ‒ ich weiß nicht was ‒ ‒ ‒ uͤber das Schreiben, denke ich ‒ ‒ Aber am meisten uͤber mich selbst, und uͤber einen Zustand, den ich, wenn ich auch nicht wollte, geendigt und uͤber- wunden wuͤnschen muß. O meine Allerliebste, es ist eine betruͤbte, eine sehr betruͤbte Welt! ‒ ‒ So lange wir unter den Fluͤgeln unserer Eltern Schutz finden: wissen wir gar nichts davon. Da ich Buͤcher gelesen, da ich mich auf das Schreiben gelegt hatte, und die Leute unter der Gestalt betrachtete, wie sie bey mir und ich bey ihnen Besuch ablegte: gedachte ich, daß ich viel davon wuͤßte. Erbaͤrmliche Un- wissenheit! ‒ ‒ Ach ich habe gar nichts davon gewußt! Mit 6. Ein Brief der Fraͤul. Montague mit einem großmuͤthigen und freygebi- gen Anerbieten von dem Lord M. und den Ladies dieser Familie _ _ 7ten Aug. 7. Ein Brief von Hrn. Lovelace. _ _ 7ten Aug. 8. Eine Abschrift von meiner Antwort auf das Schreiben der Fraͤul. Mon- tague vom vorigen Tage. _ _ 8ten Aug. 9. Eine Abschrift von meiner Antwort an Hrn. Lovelace _ _ 11ten Aug. Aus diesen verschiedenen Briefen, welche in so kurzer Zeit geschrieben und empfangen sind, daß ich nichts von dem sage, was ich noch sonst be- kommen und geschrieben habe, Jhnen aber nicht zeigen kann, werden Sie sehen, wie wenig Zeit und Muße mir gelassen ist, meine Geschichte selbst aufzusetzen. Mit eifrigen Wuͤnschen fuͤr Jhre Gluͤckselig- keit, und fuͤr die Gluͤckseligkeit eines jeden, der Jhnen lieb und werth ist, bin ich und werde alle- zeit seyn Jhre dankbarergebene Cl. Harlowe. Der hundert und dreyzehnte Brief von Herrn Anton Harlowe an Fraͤuleln Clarissa Harlowe. Zur Antwort auf ihr Schreiben an ihren Onkel Harlo- we vom Donnerst. dem 10ten Aug. Den 12ten Aug. Ungluͤckliches Maͤgdchen. W eil Jhr Onkel Harlowe nicht Belieben hat, ihren uͤbermuͤthigen Brief an ihn zu be- antworten; mein ehemaliger Brief Man sehe den I Theil, S. 360 u. f. an Sie aber gleichsam im prophetischen Geist geschrieben war, wie Sie zu Jhrem Leidwesen befunden ha- ben; und Sie gegenwaͤrtig Jhren Zustand in Ansehung der Gesundheit schlechter, als er ist, und in Ansehung Jhrer Reue besser, als er ist, zu A a a 5 machen machen suchen, wovon wir sehr wohl versi- chert sind, damit Sie nur Mitleiden erwecken moͤgen, welches Sie nicht verdienen, da Sie ge- nug gewarnet sind: so ergreife ich aus allen die- sen Ursachen noch einmal die Feder; ob ich gleich Jhrem Bruder bey seiner Abreise nach Eden- burg versprochen, nicht an Sie zu schreiben, wenn Sie auch an mich schreiben sollten, ohne daß ich ihm davon Nachricht gegeben haͤtte. Diese Zusage hatten wir in der That alle gethan. Denn er sagte vorher, was geschehen, und wie Sie sich an uns wenden wuͤrden, wenn Sie es nicht zu aͤndern wuͤßten. Mein Bruder Johann hat Jhre Zaͤrtlichkeit beleidiget, wie es scheint, indem er Jhnen eine deutliche Frage vorgeleget, welche Jhre Mutter aus herzlicher Betruͤbniß, und Jhre Schwester aus Sittsamkeit nicht thun kann: ob sie gleich nichts anders als eine Folge von Jhren Hand- lungen ist ‒ ‒ Nichts desto weniger muß sie beantwortet seyn, ehe Sie von Jhrem Vater und Jhrer Mutter und von uns die Nachricht erhal- ten werden, worauf Sie hoffen: das kann ich Jh- nen sagen. Sie haben auf eine strafwuͤrdige Art verschie- dene Wochen mit dem schaͤndlichsten Kerl, der je- mals auf Erden gewesen ist, sonder Zweifel Tisch und Bett gemein gehabt. Denn ist seine Ge- muͤthsart nicht bekannt? Daher, bitte ich, schaͤ- men Sie sich nicht, wenn Sie um etwas befra- get werden, das natuͤrlicher Weise aus einem sol- chen chen freyen Leben entstehen mag. Diese Sitt- samkeit wuͤrde Jhnen in der That auf achtzehn Jahre Jhres Lebens wohl gestanden haben ‒ ‒ Sie werden so gut seyn, sich das zu merken ‒ ‒ allein wenn sie mit Jhrer Auffuͤhrung seit dem Anfange des verwichenen Aprils verglichen wird, schickt sie sich nicht sehr wohl. Also, bitte ich, nehmen Sie es nicht so auf, und wischen sich den Mund daruͤber, als wenn nichts vorgefallen waͤre. Aber vielleicht beleidige ich Jhre Zaͤrtlichkeit gleichfalls zu sehr! ‒ ‒ O Maͤgdchen, Maͤgd- chen! Sie wuͤrden besser gethan haben, wenn Sie Jhre Sittsamkeit zu rechter Zeit und an dem rech- ten Ort gezeiget haͤtten! ‒ ‒ Jedermann, außer Jhnen, glaubte das von dem liederlichen Kerl, was er in der That gewesen ist: Sie aber woll- ten nichts boͤses von ihm glauben ‒ ‒ Was den- ken Sie nun? Jhre Thorheit hat unser aller Ruhe zerstoͤret. Und wer weiß, wo es noch ein Ende haben moͤ- ge? ‒ ‒ Jhr armer Vater zeigte mir nur erst gestern diese Schriftstelle. Mit bitterem Kum- mer zeigte er sie mir. Der arme Mann! Neh- men Sie dieselbe zu Herzen: „Ein Vater wachet fuͤr seine Tochter, wenn „es niemand weiß: und die Sorge fuͤr sie laͤßt „ihn nicht schlafen ‒ ‒ Wenn sie jung ist, daß „die Bluͤte ihres Alters nicht verstreiche ‒ ‒ Sie „wissen, was fuͤr Vorschlaͤge Jhnen zu ver- „schiedenen Zeiten geschehen sind ‒ ‒ Wenn „sie „sie verheyrathet ist, daß sie nicht gehaßt werde; „wenn sie noch Jungfer ist, daß sie nicht geschaͤn- „det und in ihres Vaters Hause schwanger wer- „de ‒ ‒ Jch mache die Worte nicht: das „bedenken Sie ‒ ‒ Und wenn sie einen Mann „hat, daß sie sich nicht uͤbel verhalte.“ Was folgt aber? „Wenn deine Tochter nicht scham- „haftig ist: so halte gute Wache uͤber sie ‒ ‒ „ Jedoch Sie hat keine Wachsamkeit zu- „ruͤckhalten koͤnnen! ‒ ‒ damit sie dich nicht „deinen Feinden zum Gelaͤchter mache ‒ ‒ wie „Sie uns alle diesem verfluchten Lovelace „zum Spott gemacht haben ‒ ‒ und du „nicht durch sie zu einem Sprichwort in der „Stadt, zu einem Anstoß unter dem Volk, und „zu Schanden vor den Leuten werdest.“ Sir. XLII, 9. 10 u. f. Nun werden Sie wuͤnschen, daß Sie nicht uͤbermuͤthig geschrieben haͤtten. Aber Jhre Schwester hat hart an Sie geschrieben! ‒ ‒ Ey, Maͤgdchen, sagen Sie niemals, daß dasjenige hart sey, was Sie verdienet haben. Sie ver- stehen die Bedeutung der Worte. Niemand versteht sie besser. Es waͤre zu wuͤnschen, daß Sie nur der Haͤlfte von dem, was Sie wissen, gemaͤß gehandelt haͤtten. So wuͤrden wir nicht so sehr in unserer Hoffnung betrogen, und betruͤ- bet seyn, als wir alle sind. Und niemand ist es mehr, als derjenige, welcher vormals war Jhr ergebener Onkel Anton Harlowe. Gegen- Gegenwaͤrtiges wird Jhnen morgen zu Haͤnden kommen. Vielleicht mag man mit des Zeit zu- geben, daß Sie einen Theil von Threm Gut be- kommen, wenn Sie erst ein wenig mehr fuͤr Jhr Vergehen gefuͤhlet haben. Jhr Onkel Johann, dem Sie so uͤbermuͤthig geantwortet, und dem von Jhrem Großvater die Vollziehung seines letzten Willens fuͤr Sie aufgetragen ist, will nicht, daß Sie ganz verlassen seyn sollen. Al- lein wir hoffen, daß nicht alles wahr sey, was wir von Jhnen hoͤren. ‒ ‒ Nehmen Sie sich nur in Acht, ich rathe es Jhnen, daß, so arg Sie es auch schon gemacht haben, Sie es nicht noch aͤrger machen: wo es moͤglich ist, aͤrger zu handeln. Machen Sie sich den Wink zu Nutze. Der hundert und vierzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Herrn Anton Harlowe. Sonntags, den 13ten Aug. Hochgeehrter Herr. E s ist mir sehr leid, daß ich uͤbermuͤthig an meinen Onkel geschrieben habe. Meine Absicht ist inzwischen nicht gewesen, uͤbermuͤthig zu schreiben. Leute, die zum Ungluͤck noch nicht gewoͤhnt sind, moͤgen sich allzu leicht ungedul- tig machen lassen. Der Der Fall einer tugendhaften Person ist son- der Zweifel etwas schreckliches und nicht zu ent- schuldigen. Er hat eine Aehnlichkeit mit dem Abfall von der reinen Lehre. Jedoch wuͤnschte ich, daß man sich nach den Umstaͤnden meines Falles erkundiget haͤtte. Mache ich meinen Zustand in Ansehung der Gesundheit aͤrger, als er ist, und in Ansehung meiner Reue besser, als er ist: so ist es billig, mein Herr, daß ich fuͤr meine gedoppelte Verstel- lung gestraft werde; und Sie haben das Ver- gnuͤgen einer von denen zu seyn, die mich zur Strafe ziehen. Nichts desto weniger wird der Ausgang meine Aufrichtigkeit in beyder Betrach- tung rechtfertigen. Auf diesen lasse ich es an- kommen. ‒ ‒ Der Himmel wolle Jhnen allezeit, wenn Sie uͤberlegen, wie Sie mich verworfen ha- ben, so viel Trost verleihen, als Sie Vergnuͤgen daran zu finden scheinen, daß Sie ein elendes Frauenzimmer kraͤnken, welches schon aufs hoͤch- ste, und zwar, wie sie hoffen darf, durch eine ge- hoͤrige Empfindung ihres eignen Fehlers gekraͤn- ket ist! Was Sie von mir gehoͤrt haben, kann ich nicht sagen. Wenn die naͤchsten und liebsten Verwandten eine ungluͤckliche Person aufgeben: so ist es nicht zu verwundern, daß diejenigen, welche nicht mit ihr verwandt sind, Verlaͤum- dungen gegen sie fuͤr wahr annehmen und aus- breiten. Dennoch denke ich, daß ich der Ver- laͤumdung selbst Trotz bieten, und, den verderbli- chen chen Schritt ausgenommen, den ich am 10ten April, ob gleich wider meinen Willen, gethan habe, mich in meine Unschuld einhuͤllen und ge- ruhig seyn kann. Unterdessen danke ich Jhnen, mein Herr, fuͤr ihre Warnung: sie mag zu be- deuten haben, was sie will. Die Frage, auf welche eine Antwort von mir verlanget wird, ist zu anstoͤßig, das gesteht man selbst, daß sie entweder von einer Mutter an eine Tochter, oder von einer Schwester an die andere geschehen koͤnnte: und dennoch, sagen Sie, muß ich sie beantworten. ‒ ‒ O mein Herr! ‒ ‒ Muß ich sie beantworten? ‒ ‒ Wohlan so sey dieß meine Antwort: „Eine kurze, eine weit „ kuͤrzere Zeit, als man sich einbildet, wird mei- „ner ganzen Familie, und selbst meinem Bruder „und meiner Schwester eine weit hinlaͤngliche- „re Antwort geben, als ich mit Worten geben „kann. Nichts desto weniger haben Sie die Gewo- genheit, in Erwaͤgung kommen zu lassen, daß ich nicht um eine Wiederherstellung zu voriger Ge- wogenheit gebeten habe; dazu konnte ich mir kei- ne Hoffnung machen: auch nicht um den Besitz eines Theils von meinem Gute; ja nicht einmal um die Mittel zu dem nothwendigen Unterhalt von dem Einkommen aus diesem Gute; ‒ ‒ sondern bloß um einen Segen, um einen letzten Segen. Jch will noch dieß beyfuͤgen, weil es die Wahrheit ist, daß ich mir kein vorsetzliches Ver- brechen, brechen, kein freyes Leben, wobey ich Tisch und Bette mit jemand gemein gehabt haͤtte, wie Sie es ausdruͤcken, vorzuwerfen habe! Warum, warum, mein Herr, sind keine an- dere Fragen eben so wohl, als diese anstoͤßige Er- kundigung, an mich gethan? ‒ ‒ Fragen, welche die Sittsamkeit einer Mutter oder einer Schwe- ster zu thun erlaubt haben wuͤrde, und die auch, wenn es mir zu sagen vergoͤnnet ist, sich fuͤr On- kels, wenn es ja der Mutter verboten oder die Schwester nicht geneigt gewesen waͤre, sie zu thun, besser geschickt und von mehrerer Liebe gezeuget haͤtten, als diese, welche sie gethan haben. Ob nun gleich mein demuͤthiges Gesuch mir so viele harte Vorwuͤrfe zuwege gebracht hat: so reuet es mich doch nicht, daß ich an meine Mut- ter geschrieben habe; wenn ich schon nicht anders als wuͤnschen kann, daß ich an meine Schwester nicht geschrieben haͤtte; weil ich dadurch einer Schuldigkeit, der ich mir als einer Pflicht bewußt bin, Genuͤge gethan, ungeachtet der Erfolg mei- nen Wuͤnschen so wenig gemaͤß gewesen ist. Nichts desto weniger kann ich mich nicht entbre- chen, mein Schicksal in der That hart zu nennen, weil ich wegen meines Hauptfehlers nicht anders, als in solchen Ausdruͤcken, um Verzeihung bitten kann, welche die Beleidigung selbst vergroͤßern werden. Allein ich wuͤrde am besten thun, wenn ich abbraͤche: damit ich nicht, weil mein Herz, das zu zu voll ist, sich durch meine Feder, wie ich finde, ergießen will, noch mehr Verzeihung, so wie ich mehr Zeilen schreibe, zu bitten habe, wo gar kei- ne zu erlangen stehet. Gott der Allmaͤchtige segne, bewahre und troͤste meine werthe, bekuͤmmerte, und schmerzlich beleidigte Eltern! ‒ ‒ Und erhalte meine gluͤck- liche Schwester in Ehren, in Gunst, und Vorzuͤ- gen! ‒ ‒ Gott vergebe meinem Bruder und schuͤ- tze ihn so wohl vor der ungestuͤmen Heftigkeit sei- ner eignen Gemuͤthsart, als vor demjenigen, der die Ehre seiner Schwester zu schanden gemacht hat! ‒ ‒ Sie aber, mein werthester Onkel, und Jhren nun nicht weniger, als sonst jemals, wer- then Bruder, meinen andern Vater, wie ich ihn nach seinem Befehl zu nennen pflegte, lasse der Himmel durch sie alle und durch einander gesegnet und gluͤcklich seyn! ‒ ‒ Und dem zu Folge wuͤn- sche ich, daß Sie alle eiligst aus Jhrem Angeden- ken auf ewig verbannen moͤgen Die ungluͤckliche Clarissa Harlowe. Sechster Theil. B b b Der Der hundert und funfzehnte Brief von Frau Norton an Fraͤul. Clarissa Harlowe. Montags, den 14ten Aug. A lle Jhre Freunde, meine liebste Fraͤulein, scheinen hier nunmehr entschlossen zu seyn, Jhnen den Vorschlag zu thun, daß Sie sich zu einer von unsern Pflanzstaͤdten begeben moͤgen. Dieß, glaube ich, kommt von den falschen und widrigen Nachrichten des Herrn Brands her, von welchem sie einen Brief empfangen haben. Jch wuͤnschte von Herzen, daß Sie, ohne wi- der Jhre eigne Begriffe von der Ehre zu han- deln, sich den instaͤndigen Bitten der ganzen Fa- milie des Herrn Lovelace zu seinem Besten ge- maͤß bezeigen koͤnnten. Dieß, denke ich, wuͤrde einem jeden das Maul stopfen, und mit der Zeit Jhnen jedermann wieder zum Freunde machen. Denn Jhre eigne Freunde wollen nicht glauben, daß er im Ernst, Sie zu heyrathen, gesonnen sey: und der Haß zwischen beyden Familien ist so groß, daß sie sich nicht herablassen wollen, desfalls Er- kundigung einzuziehen; ja ihm auch nicht glau- ben wuͤrden, wenn er noch so feyerlich betheurte, daß es ihm ein Ernst sey. Es wuͤrde mir lieb seyn, auf allen Nothfall, einen kleinen Aufsatz von den Umstaͤnden Jhrer trau- traurigen Geschichte unter Jhrer eignen Hand in Bereitschaft zu haben. Allein erlauben Sie mir zu gleicher Zeit zu versichern, daß keine widrige Vorstellungen, auch nicht Jhr eignes Bekennt- niß selbst, meine Meynung von Jhrer Gottselig- keit, oder von Jhrer Klugheit in wesentlichen Stuͤcken, verringern werden: weil ich weiß, daß es allemal Jhre demuͤthige Weise gewesen ist, geringe Fehler an Jhnen selbst schwer wider sich zu machen. Sie mochten Jhre eigne Fehler auch wohl vergroͤßern, liebste Fraͤulein: da Sie jederzeit so wenige an sich gehabt haben, und die- se wenige so geringe gewesen sind, daß Jhre Auf- richtigkeit bey denselben sie groͤßtentheils in treff- liche Vorzuͤge verwandelt hat. Nichts desto weniger erlauben Sie mir, Jh- nen zu rathen, meine wertheste Fraͤulein Claͤr- chen, daß Sie keine Besuche gestatten, welche bey tadelsuͤchtigen Richtern Jhrem guten Na- men nachtheilig seyn koͤnnen. Da dieser bisher in keinem Stuͤcke durch ein freywilliges Ver- sehen von Jhnen gelitten hat: so hoffe ich, Sie werden ihn nicht aus kleinmuͤthiger Verabsaͤu- mung desselben, indem Sie sich selbst mit einem Bewußtseyn Jhrer eignen Unschuld befriedigen, leiden lassen. Widerwaͤrtige Umstaͤnde, das wis- sen Sie, meine liebste Fraͤulein, sind ein Probier- stein nicht allein fuͤr die Klugheit, sondern auch fuͤr die Tugend. Jch halte es fuͤr meine Schuldigkeit, Jhnen zu gestehen, daß mir, seit dem Empfang des Brie- B b b 2 fes fes von dem Herrn Brand, aufs neue verboten ist, Jhnen aufzuwarten. Jedoch soll mich das nicht abhalten, zu Jhnen zu kommen: wofern Sie es mir erlauben wollen. Ja ich wuͤrde nicht einmal auf diese Erlaubniß warten, wenn ich mir nicht Hoffnung machte, daß ich bey diesen bedenklichen Umstaͤnden, die der Sache eine Ent- scheidung zu versprechen scheinen, im Stande seyn moͤchte, Jhnen hier Dienste zu leisten. Der wirklich ehrwuͤrdige D. Lewin, welcher sich allezeit Jhrentwegen hoͤchst bekuͤmmert bezei- get hat, und noch bezeiget, hat oft Bothschaft bey mir gehabt, und sich nach dem Zustande Jhrer Gesundheit erkundigen lassen. Er misbilligt ganz und gar die Maaßregeln der Familie gegen Sie. Er ist zu unpaͤßlich auszugehen. Aber wenn er auch gesund waͤre: so wuͤrde er doch, wie ich vernehme, zu Harlowe-Burg keinen Be- such ablegen. Denn ihm ist vor einiger Zeit, da er zwischen Jhrer Familie und Jhnen eine Ver- mittelung zu treffen gesuchet, unartig von Jhrem Bruder begegnet worden. Jch bekomme eben itzo Nachricht, daß Jhr Vetter Morden in England angelanget sey. Er ist zu Canterbury, wo er, wie es scheint, einige Angelegenheiten zu besorgen hat. Man erwar- tet ihn bald in diesen Gegenden. Wer weiß, was durch seine Ankunft geschehen mag? ‒ ‒ Gott sey mit Jhnen, meine liebste Fraͤulein Claͤr- chen, chen, und troͤste und staͤrke Sie. Fuͤrchten Sie sich nur nicht: er wird mit Jhnen seyn. Denn ich bin versichert, vollkommen versichert, daß Sie Jhr Vertrauen gaͤnzlich auf Jhn setzen. Und wenn man es recht bedenkt, was ist die- se Welt, worauf wir arme Geschoͤpfe uns so sehr verlassen, ein dauerhaftes Gut zu erlangen! ‒ ‒ da alle Freude derselben, und, welches noch ein Trost dagegen ist, alle Beschwerden und Un- ruhen derselben nur auf einen Augenblick beste- hen und wie ein Morgentraum verschwinden? Erinnern Sie sich, meine wertheste Fraͤulein, daß die weltliche Freude sich keine Verwandtschaft mit derjenigen, nach welcher wir trachten sollen, anmaßen koͤnne. Zu der letztern muͤssen wir durch Leiden, und fehlgeschlagene Hoffnung, ge- schickt gemachet werden. Sie sind also auf dem geraden Wege zur Herrlichkeit: so dornicht auch der Fußsteig ist, auf welchem Sie gehen. Und ich haͤtte beynahe gesagt, daß es auf Sie selbst ankomme; durch Jhre Gedult und Ergebung in den goͤttlichen Willen; indem Gott Sie geschickt machet, welcher sich niemals dem entziehet, der wahrhaftig bußfertig ist und ihn anruffet; ein Er- be der seligen Unsterblichkeit zu seyn. Dennoch bete ich demuͤthigst, daß Sie zu die- ser Herrlichkeit, so reif Sie auch nach aller Wahrscheinlichkeit so bald dazu sind, nicht eher gelassen werden, bis Sie mit Jhrer sanften Hand; ein Vergnuͤgen, welches ich mir, wie B b b 3 Sie Sie wissen, so oft versprochen habe; mir die Augen zugedruͤcket, als Jhrer muͤtterlich ergebenen Judith Norton. Der hundert und sechzehnte Brief von Fraͤulein Clarissa Harlowe an Fr. Norton. Donnerstags, den 17ten Aug. W as Herr Brand, oder irgend jemand, zu meinem Nachtheil geschrieben oder gesagt haben koͤnne, kann ich mir nicht einbilden: und gleichwohl sind einige uͤble Geruͤchte wider mich ausgestreuet. Das finde ich aus einem und dem andern Wink in einem sehr harten Briefe an mich von meinem Onkel Anton: einem solchen Briefe, als wohl niemals, wie ich glaube, an eine elende Person geschrieben ist, die schon vorher, aus Schwachheit des Leibes so wohl als des Ge- muͤths, auf dem Grabe gegangen. Allein mei- ne Freunde koͤnnen vielleicht besser gerechtfertigt werden, als die Anbringer. ‒ ‒ Denn wer weiß, was sie gehoͤrt haben moͤgen. Sie geben mir eine freundschaftliche War- nung, welche mehr zu bedeuten scheinet, als Sie ausdruͤcklich anzeigen, wenn Sie mir rathen, kei- ne Besuche zu gestatten, die mir einen widrigen Ruf Ruf zuwege bringen koͤnnen. Sie, meine liebe Fr. Norton, haͤtten in einer so bedenklichen Sache rein heraus reden sollen. Gewiß ich habe Truͤb- sal genug gehabt, daß mein Gemuͤth dadurch ge- schickt geworden ist, alles zu ertragen. Aber ich will mich nicht durch muthmaßliche Uebel in Unruhe und Verwirrung setzen. Jch moͤchte es thun; wenn ich nicht ohne das genug haͤtte, die gewiß sind: und ich werde alles hoͤren, wenn es fuͤr dienlich gehalten wird, mich es wissen zu lassen. Unterdessen erlauben Sie mir, zu Jhrer Beruhigung zu sagen, daß, so viel ich weiß, ich seit dem letzten ungluͤcklichen 10ten April nichts strafwuͤrdiges oder unanstaͤndiges, weder in Wor- ten, noch in Werken, zu verantworten habe. Sie verlangen eine Nachricht von dem, was zwischen mir und meinen Freunden vorgehet, und auch ein Verzeichniß oder kurze Aufsaͤtze von den Hauptumstaͤnden meiner traurigen Geschichte, damit Sie mir bey Gelegenheit dienen moͤgen. Sie sollen ein ganzes Packet von Papieren bekom- men, meine liebe Fr. Norton, die ich an meine Fraͤulein Howe geschickt habe, wenn diese mir sie wieder zuruͤcksendet. Sie sollen auch außer dem noch ein Packet, und zwar mit dem gegenwaͤrti- gen Briefe, bekommen, welches ich fuͤr itzo an je- ne liebe Freundinn um meiner eignen Verwand- ten willen nicht zu senden gedenken kann, da sie ohne das schon allzu heftig in ihren harten Urthei- len gegen dieselben ist. Aus diesen Papieren werden Sie einen großen Theil von meiner Ge- B b b 4 schichte schichte zu sammeln vermoͤgend seyn. Jn Anse- hung desjenigen aber, was vor demselben herge- gangen ist, und sich eigentlicher auf das beziehet, was ich von dem Herrn Lovelace gelitten, muͤssen Sie Gedult haben. Denn weder mein Kopf noch mein Herz ist gegenwaͤrtig zu solchen Din- gen aufgelegt. Die Papiere, welche ich Jhnen mit diesem Briefe zuschicke, werden die seyn, von denen hier unten ein Verzeichniß beygefuͤgt ist 1. Eine Abschrift von meinem Briefe an meine Schwester, worinn um die Befreyung von dem Fluch meines Vaters gebeten wird, vom 21ten Jul. 2. Die Antwort meiner Schwester, vom 27. Jul. 3. Eine Abschrift von meinem zweyten Briefe an meine Schwester, vom 29ten Jul. 4. Meiner Schwester Antwort, vom 3ten Aug. 5. Die Abschrift von meinem Briefe an meine Mutter, vom 5ten Aug. 6. Der Brief von meinem Onkel Harlowe, vom 7ten Aug. 7. Die Abschrift von meiner Antwort auf den- selben, vom 10ten Aug. 8. Der Brief von meinem Onkel Anton, vom 12ten, und endlich 9. Die Abschrift von meiner Antwort auf die- sen, vom 13ten. . Sie muͤssen mir dieselben, so bald sie durchgelesen sind, wieder zusenden, und bey Jhrer Ehre keine Nachricht, die Jhnen von mir gegeben ist, ohne meine Einwilligung gebrauchen. Dieß, was ich Jhnen mittheile, muͤssen sie, meine gute Fr. Norton, nicht als etwas ansehen, wor- worauf ich mich gegen meine Verwandten berufe. Es ist mir vielmehr herzlich leid, daß sie einem so vortrefflichen Geistlichen, als D. Lewin ist, mis- faͤllig geworden sind. Mein einziger Bewegungs- grund aber, warum ich es Jhnen mittheile, ist, weil Sie alles wissen wollen, und ich gedenke, daß Sie billig alles wissen muͤssen. Denn wer weiß, wie Sie schreiben, ob man sich nicht endlich an Sie wenden moͤge, den Trost, welchen mir ihre Herzen, wenn sie zuletzt nachgeben, goͤnnen wollen, einer Person, die ihn noͤthig hat, in ihrer aller Namen zu ertheilen: einer Person, die sich bisweilen berechtigt haͤlt, Anspruch darauf zu machen, wenn sie nach dem urtheilet, was sie von ihrem eignen Herzen weiß? Mir ist bekannt, daß ich eine sehr guͤtige und gelinde Mutter habe. Aber da sie mit ungestuͤ- men Gemuͤthern zu thun hat, hat sie nur allzu oft diejenige Gemuͤthsruhe, welche sie so vieles Vor- zugs wuͤrdig achtet, eben durch ihre allzu große Fuͤrsorge, sie zu erhalten, verscherzet. Jch bin versichert, sie wuͤrde mich zur Ant- wort auf einen Brief, der mit einem so zerschla- genen und bruͤnstigen Geiste geschrieben war, nicht an ein maͤnnliches Herz verwiesen haben: wenn sie sich selbst uͤberlassen gewesen waͤre. Allein, meine liebe Fr. Norton, was meynen Sie, haͤtte die verehrungswuͤrdige Frau mir nicht die Gewogenheit erweisen moͤgen, in geheim eine Zeile zu senden? ‒ ‒ Wo nicht: haͤtte sie Jhnen nicht erlauben moͤgen, auf ihren Befehl oder durch B b b 5 ihre ihre Nachsicht, eine sanfte, eine muͤtterliche Zeile zu schreiben, da sie sahe, daß ihre arme Tochter so hart angegriffen wuͤrde? O nein, sie haͤtte es nicht thun moͤgen! ‒ ‒ Weil gewiß ihr Herz die Maaßregeln der Uebri- gen billiget! ‒ ‒ Und haͤlt sie dieselben fuͤr recht: so muͤssen sie vielleicht recht seyn! ‒ ‒ Wenig- stens in so fern, als sie nur das wissen, was sie wissen! ‒ ‒ Jedoch koͤnnten sie ja alles wissen, wenn sie wollten! ‒ ‒ Und vielleicht gedenken sie zu ihnen beliebiger Zeit sich gehoͤrig zu erkundigen. ‒ ‒ Jch habe mich nur erst neulich an sie gewandt ‒ ‒ Allein wie wird es gleichwohl ihre Herzen kraͤn- ken, wenn die ihnen beliebige Zeit schon außer der Zeit seyn sollte! Aus denen Briefen, welche ich an die Fraͤu- lein Howe geschickt habe, werden Sie sehen, wenn sie vor Jhnen sind, daß der Lord M. und die La- dies und Fraͤuleins von seiner Familie, so eifer- suͤchtig sie auch auf die Ehre ihres Hauses hal- ten, damit ich mich nach ihrer eignen Sprache ausdruͤcke, doch eine bessere Meynung von mir haben, als meine eigne Verwandten. Sie wer- den eine Probe von ihrer großmuͤthigen Freyge- bigkeit gegen mich sehen, welche mich sehr geruͤh- ret hat. Einige von den Briefen in eben dem Packet, werden Jhnen auch einen wunderlichen Schritt, den ich gethan habe, entdecken. Fuͤr wunderlich werden sie ihn ansehen. Die Briefe aber werden Jhnen Jhnen zu gleicher Zeit meine Ursachen dazu er- oͤffnen Sie meynt den, daß sie dem Herrn Belford die Vollziehung ihres letzten Willens aufgetragen hat. . Man muß allemal vermuthen, daß außeror- dentlich widerwaͤrtige Umstaͤnde eine Nothwen- digkeit mit sich bringen werden, einige außeror- dentliche Schritte zu wagen, welche unter andern, als diesen Umstaͤnden, schwerlich zu entschuldigen seyn wuͤrden. Es wird in der That ein großes Gluͤck, und einigermaßen ein Wunder seyn, wenn alle die Maaßregeln, welche ich zu nehmen ge- zwungen bin, recht seyn sollten. Eine lautere Absicht, ohne allen unerlaubten Zorn und Wider- willen, muß mein Trost seyn: was auch andere immer von diesen Maaßregeln gedenken moͤgen, wenn sie ihnen bekannt werden. Dieß wird gleich- wohl schwerlich eher geschehen, als bis es nicht mehr in meiner Gewalt ist, sie zu rechtfertigen, oder mich zu verantworten. Jch hoͤre mit Vergnuͤgen, daß mein Vetter Morden gesund und wohl angelanget ist. Mich deucht, ich moͤchte wuͤnschen ihn zu sehen: aber ich besorge, daß er mit dem Strohm schwimmen wird; weil man vermuthen muß, daß er zuerst hoͤren werde, was jene zu sagen haben. ‒ ‒ ‒ Allein was ich am meisten befuͤrchte, ist dieses, daß er uͤbernehmen wird, mich zu raͤchen. ‒ ‒ ‒ Viel lieber, als daß dieß geschehen sollte, moͤchte ich wuͤnschen, von ihm als eine Person angesehen zu zu werden, die seiner Fuͤrsorge, wenigstens seiner raͤchenden Fuͤrsorge, aͤußerst unwuͤrdig waͤre. Wie sanfte, wie balsamisch sind die Versiche- rungen von Jhrer fortdaurenden Liebe und Gunst fuͤr das verwundete Herz Jhrer Clarissa! ‒ ‒ ‒ Lieben Sie mich, meine werthe Mutter Norton, fahren Sie fort, mich bis ans Ende zu lieben! ‒ ‒ Jch denke, daß ich nun ohne Vermessenheit ver- sprechen kann, Jhre Liebe bis ans Ende zu ver- dienen. Wenn ich aber dahin seyn werde: so erhaͤlten Sie mein Gedaͤchtniß in Jhrem wuͤrdi- gen Herzen. Denn dadurch werden Sie das Angedenken von einer Person erhalten, welche Sie mehr liebet und ehret, als sie ausdruͤcken kann. Allein wenn ich nicht mehr da bin: so uͤber- winden Sie so bald, als moͤglich ist, das empfehle ich Jhnen, die schmerzliche Quaal des Kummers, der einen neulichen Verlust begleiten wird, und lassen dieselbe bald gaͤnzlich in diejenige angenehm- traurige Achtung fuͤr das Angedenken verwan- delt werden, welche uns verbindet, alle Fehler zu vergessen, und an nichts zu gedenken, als was fuͤr liebenswuͤrdig gehalten ward. Diese macht den Hinterbliebenen mehr Vergnuͤgen, als Kummer: ‒ ‒ sonderlich wenn sie sich mit der demuthsvol- len Hoffnung troͤsten koͤnnen, daß Gott die werth- geachtete Verstorbene zu seiner Gnade aufgenom- men habe. Was betraͤgt auch wohl die Zeit zwischen ei- nem fruͤhen Hintritt und dem laͤngsten Ueberle- ben: wenn man darauf nach diesem zuruͤcksie- het? het? ‒ ‒ Wie groß ist hingegen der Trost in der angenehmen Hoffnung, sich wieder zu sehen, niemals wieder von einander getrennet, niemals mehr geplaget, bekuͤmmert, verlaͤumdet zu wer- den ‒ ‒ sondern in alle Ewigkeit sich unter ein- ander gluͤcklich zu machen und gluͤcklich gemacht zu seyn! Jn der Betrachtung dieses begluͤckten Zu- standes, in welchem ich mich, zu der Gott gefaͤl- ligen Zeit, mit Jhnen, meine liebe Fr. Norton, und auch mit meinen werthen Verwandten, die alle ausgesoͤhnt seyn und das Kind segnen wer- den, gegen welches sie nun so erbittert sind, zu erfreuen hoffe, nenne ich mich schließlich Jhre bestaͤndig gehorsame und ergebene Clarissa Harlowe. Der hundert und siebzehnte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Sonntags, den 13ten Aug. J ch weiß fuͤr den Teufel nicht, was mir fehlet: aber ich bin in meinem Leben nicht so krank gewesen. Anfangs dachte ich, daß einige von meinen trefflichen Verwandten allhier mir ein Puͤlverchen beygebracht haͤtten, damit sie das ganze Haus Haus fuͤr sich selbst bekommen moͤchten. Allein, da ich eben der bin, auf dem alle Hoffnung der Familie beruhet: so glaube ich, daß sie nicht so gottlos seyn wuͤrden. Jch muß meine Feder niederlegen. Jch kann nicht mit der geringsten Munterkeit schreiben. Was fuͤr eine Pest mag mich befallen haben! Der Lord M. stattete eben itzo einen verfluch- ten finstern Besuch bey mir ab, sich zu erkundi- gen, wie ich mich nach dem Aderlassen befinde. Seine Schwestern sind gestern beyde weggefah- ren, Gott sey Dank. Aber sie haben nicht Ab- schied von mir genommen, und mir kaum gute Besserung wuͤnschen lassen. Mein Lord war zaͤrt- licher und bezeigte sich pflichtmaͤßiger, als ich vermuthete. Mannspersonen vergeben leichter, als Weibsleute. Dieß habe ich Ursache zu sagen, bin ich versichert. Denn, außer der unversoͤhn- lichen Fraͤulein Harlowe, und den alten Ladies, sind die beyden Affen Montague auch noch nicht bey mir gewesen. Weder essen, trinken, noch schlafen! ‒ ‒ ‒ Ein klaͤglicher Zustand, Bruder! Sollte ich nun wie ein Narr sterben: so wuͤrden die Leute sagen, daß die Fraͤulein Harlowe mir das Herz gebro- chen haͤtte. ‒ ‒ Daß die Guaal, welche sie mir macht, mir bis ans Herz gehet, ist gewiß. Ver- Verzweifelt uͤbel! Jch wollte es gern durch Schreiben verjagen. Allein ich muß meine Feder wieder niederlegen. Es will nicht gehen. Armer Lovelace! ‒ ‒ Was, Teufel, fehlt dir? Aber nun wollen wir es versuchen ‒ ‒ ‒ Hay ‒ ‒ Hay! ‒ ‒ Hay Der Henker, wie gaͤhne ich! ‒ ‒ Wo soll ich anfangen? Bey der Vollziehung des Testaments, das dir aufgetragen ist? ‒ ‒ ‒ Du sollst das Amt gedoppelt haben. Denn ich denke wirklich, du magst mir einen Sarg und einen Todtenkittel schicken. Jch werde unterdessen, da sie herunter kommen koͤnnen, be- reit fuͤr sie seyn. Was fuͤr eine kleine Thoͤrinn ist die Fraͤulein Harlowe! Jch bin Buͤrge, sie wird nun bereuen, daß sie meine Hand ausgeschlagen hat. Eine so liebenswuͤrdige junge Witwe ‒ ‒ Was fuͤr eine reizungsvolle Witwe wuͤrde sie abgegeben haben? Was fuͤr eine Zierde wuͤrde sie den Trauerklei- dern gewesen seyn? Jn den ersten zwoͤlf Mona- then eine Witwe zu seyn, ist eine von den groͤßten Gluͤckseligkeiten, die einem schoͤnen Frauenzimmer begegnen koͤnnen. Solche artige Beschaͤfftigung mit dem neuen Trauerputz, wenn sie kaum ih- ren hellen Freudenschmuck nach der Relhe herum getragen haͤtte! Solch Licht und Schatten! Wie wuͤrden die einander abstechen, und durch die Person selbst, welche sie truͤge, einen Glanz bekommen. Geh Geh zum Teufel! ‒ ‒ Jch will schreiben! ‒ ‒ Kann ich etwas anders thun? Man wollte nicht haben, Belford, daß ich schreiben sollte ‒ ‒ Jch muß in der That krank seyn, wenn ich nicht schreiben kann ‒ ‒ Aber du scheinst empfindlich geworden zu seyn, Bruder! Jst es deswegen, weil ich aufge- bracht war? Es schickt sich fuͤr zween Freunde eben so wenig, als fuͤr Mann und Weib, zu glei- cher Zeit ungeduldig zu seyn. ‒ ‒ Was muß es fuͤr Folgen haben, wenn sie es sind? ‒ ‒ Jch habe itzo keine Lust, mich zu schlagen: sondern bin so gedultig und lasse alles mit mir machen, wie die jungen Huͤner, welche mir in der Bruͤhe ge- bracht werden ‒ ‒ denn so weit ist es schon mit mir gekommen. Jch kann dir inzwischen sagen, du magst dein eigner Herr seyn, wo du willst; was die Voll- ziehung des Testaments betrifft: aber das will ich nimmermehr leiden, daß du meine Briefe bekannt machest und allerley Urtheilen bloßgiebst. Sie sind um die Haͤlfte zu offenherzig, daß sie andern sollten gezeigt werden. Jch dringe schlech- terdings darauf, daß du bey Empfang des ge- genwaͤrtigen sie alle verbrennest. Jch will dir niemals die unverschaͤmte und unfreundliche Anmerkung verzeihen, daß ich hier uͤber ein halb Dutzent Personen von Stande den Ritter spiele. Besinne dich auch noch dazu auf deine deine arme verlassene Wayse ‒ ‒ Diese An- merkungen sind zu ernsthaft, und auch du bist zu ernsthaft fuͤr mich, daß ich dergleichen Dinge als einen Scherz hingehen lassen sollte: ob gleich die roͤmische Schreibart, jedoch in der That nur eben, noch beybehalten ist. Bey meiner Seele, Bruder, wenn ich nicht so außerordentlich benebelt waͤre: so wuͤrde ich schon vor dieser Zeit bey dir und selbst bey der Fraͤulein in London gewesen seyn. Jnzwischen schreibe nur fort, und schicke mir, wo du kannst Abschriften von allem, was zwi- schen unserer Charlotte und der Fraͤulein Harlo- we vorgehet. Jch will nichts von dem erwaͤh- nen, was du mir von dieser Art mittheilest. Die Leute hier gefallen mir deswegen nicht schlimmer, weil sie der Fraͤulein ein freygebiges und groß- muͤthiges Erbieten gethan haben. Allein ihr seht, daß sie eben so stolz als unversoͤhnlich ist. Man kann ihr keine Gefaͤlligkeit erweisen. Sie wollte lieber ihre Kleider verkaufen, als irgend einem Menschen verbunden seyn, ob sie gleich viel- mehr andere verbinden wuͤrde, wenn sie die Ge- faͤlligkeit annaͤhme. O Himmel! ‒ ‒ O Himmel! ‒ ‒ Toͤdtlich krank ‒ ‒ Lebe wohl, Bruder! Jch ward genoͤthigt bey dieser Stelle abzu- brechen: so uͤbel war mir. Und was meynst du, Bruder? Mein Onkel brachte den Pfarrer von dem Kirchspiel herein, bey mir zu beten: weil sein Sechster Theil. C c c Kape- Kapelan zu Oxford ist. Jch lag in meinem Schlafrock, den ich uͤber meine Weste gezogen hat- te, und war in einem Schlummer. Da ich mei- ne Augen aufschlug: wen sahe ich anders, als den Pfarrer, der an einer Seite von dem Bette; den Lord M. der an der andern Seite; und Fr. Greme, die zu den Fuͤßen knieete, und gehohlet war, auf mich Acht zu haben, wie sie es nen- nen. Gott sey Dank, mein Lord, sprach ich, in einer Entzuͤckung! ‒ ‒ Wo ist die Fraͤulein? ‒ ‒ Denn ich dachte, sie wollten mich mit ihr trauen. Sie meynten anfangs, daß ich in der Rase- rey redete und beteten immer lauter. Dieß weckte mich auf. Jch sprang aus dem Bette, fuhr in meine Pantoffeln, steckte die Hand in meine Westentasche und zog deinen Brief mit der geistlichen Betrachtung meiner Geliebten in demselben hervor. Mein Lord, Herr D. Wright, Fr. Greme sie haben mich fuͤr einen sehr gottlo- sen Kerl angesehen: aber sehen sie, ich kann ih- nen eben so gut vorlesen, als sie mir. Sie wurden stutzig und sahen einander an. Jch gaͤhnte und las: die armen Ster-erb-lichen als die Ursa-a-che ihres eignen-ihres eignen Jam-am-mers. Die Betrachtung schickt sich eben so gut auf mich, als auf die Fraͤulein, wie du bemerken wirst, wenn du sie noch einmal liesest Man sehe den CVI. Brief. . Bey der Stelle, wo es heißt, daß, wenn ein Mensch um der der Suͤnde willen gezuͤchtigt wird, seine Schoͤn- heit vergehe, trat ich zum Spiegel. Eine elen- de Gestalt, beym Jupiter! rief ich: und sie lob- ten und bewunderten mich alle mit aufgehabenen Haͤnden und Augen. Der Doctor sagte, er haͤt- te es allemal fuͤr unmoͤglich gehalten, daß ein Mensch von meiner Einsicht so wild seyn koͤnnte, als die Welt mich ausschriee. Mein Lord lachte vor Freuden, wuͤnschte mir Gluͤck, und ich, Dank sey meiner lieben Fraͤulein Harlowe, brachte mir eine hohe Meynung bey guten, boͤsen, und mittel- maͤßigen zu wege. Kurz, ich habe mich auf be- staͤndig bey allen, die hier sind, in gutes Ansehen gesetzet ‒ ‒ Aber, o Belford, auch dieß will nicht helfen! ‒ ‒ Jch muß wieder abbrechen. Ein Besuch von den beyden Schwestern Montague, welche von meinem hinkenden Onkel hereingefuͤhrt wurden, um mir zugleich zu mei- ner Genesung und zu meiner Besserung in der Gottseligkeit Gluͤck zu wuͤnschen! Was fuͤr ein gluͤcklicher Zufall ist diese Unpaͤßlichkeit bey der geistlichen Betrachtung in meiner Tasche! denn vorher waren wir alle gaͤnzlich mit einander zer- fallen. Auf eben die Art habe ich oft, als ein Knabe, mich zu dem Haufen der Leute gesellet, die aus der Kirche kamen, und dadurch das An- sehen bekommen, als wenn ich selbst da gewesen waͤre. C c c 2 Jch Jch bin durch den Uebermuth des jungen Geistlichen voͤllig in Harnisch gejagt. Du wirst mir den groͤßten Gefallen erweisen, wenn du ihn aufsuchest und mir in dem naͤchsten Briefe seiue Ohren uͤberschickest. Meine schoͤne Gebieterinn versteht mich nicht recht: wo sie glaubt, daß ich ihr vorgeschlagen habe, an mich zu schreiben, damit sie von mei- nem Besuch frey bleiben moͤchte; als wenn ich ihr schlechterdings zwischen diesen beyden Din- gen die Wahl lassen wollte. Das soll nicht ge- schehen, und es ist auch meine Absicht nicht ge- wesen, es waͤre dann, daß sie mir in dem Jnhalt ihres Briefes besser gefallen haͤtte, als sie mir wirklich gefallen hat. Bitte sie, meinen Brief noch einmal zu lesen. Jch habe ihr keine solche Hoffnung gemacht. Jch wuͤrde aufs laͤngste morgen, Trotz euch beyden, bey ihr gewesen seyn: wenn mir nicht die Fuͤße so, wie einem huͤlflosen Missethaͤter, gebunden waͤren. Allein ich werde von Stunde zu Stunde bes- ser. Das sage ich: der Arzt sagt es nicht. Aber ich bin versichert, daß ich es am besten weiß. Jch will bald in London seyn. Verlaß dich dar- auf. Nur sage meiner lieben, grausamen und unversoͤhnlichen Fraͤulein Harlowe nichts davon. Le-e-be wohl, Bru-u-der! ‒ ‒ Was fuͤr ein Gaͤh-nen! Gaͤh-nen! Gaͤh-nen! Dein Lovelace. Der Der hundert und achtzehnte Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. Montags, den 14ten Aug. D eine Unpaͤßlichkeit macht mir ungemein viel Kummer. Es wuͤrde mir sehr nahe gehen, dich zu verlieren. Wenn du aber so bald stir- best: so koͤnnte ich von ganzem Herzen wuͤnschen, daß es vor dem Anfang des verwichenen Aprils geschehen waͤre; und zwar so wohl deinetwegen, als um des vortrefflichften Frauenzimmers wil- len, das in der Welt ist. Denn so wuͤrdest du nicht von der himmelsschreyenden und der groͤß- ten Suͤnde in deinem Leben Rechenschaft zu ge- ben haben. Jch bekam am Sonnabend Nachricht, daß du sehr aus der Ordnung waͤrest. Dieß machte, daß ich Bedenken trug, an dich zu schreiben, bis ich etwas weiter hoͤrte. Heinrich bestaͤtigte, bey seiner Ruͤckkunft von dir, den schlechten Zustand, worinn du dich befindest. Allein ich hoffe, daß der Lord M. nach feiner unverdienten Zaͤrtlich- keit gegen dich, sich nur das aͤrgste von dir vor- stelle. Was kann es seyn, Robert? Ein hefti- ges Fieber, sagt man: wobey aber seltsame und harte Zufaͤlle sind. C c c 3 Jch Jch will dir bey dem Zustande, worinn du dich befindest, durch die Nachricht von dem, was hier mit der Fraͤulein Harlowe vorgeht, keine Unruhe machen. Jch wuͤnsche, daß deine Buße so geschwinde, als deine Krankheit, und, wo du stirbest, auch so kraͤftig seyn moͤge. Denn sonst ist zu befuͤrchten, daß Sie und Jhr niemals an einem Orte zusammen kommen werdet. Jch habe ihr erzaͤhlet, wie krank ihr waͤret. Der arme Mensch! waren ihre Worte. Ge- faͤhrlich krank, sagen sie? Jn Wahrheit, gefaͤhrlich, gnaͤdige Fraͤu- lein. ‒ ‒ So laͤßt mir der Lord M. melden. Gott sey ihm gnaͤdig, wo er stirbt! sprach die unvergleichliche Fraͤulein ‒ ‒ und hierauf, nach dem sie ein wenig inne gehalten hatte: der arme Mensch! ‒ ‒ Gott lasse ihn die Barmher- zigkeit finden, die er nicht bewiesen hat! Jch sende dieß durch einen besondern Boten. Denn mich verlangt sehr, zu hoͤren, wie es mit dir gehet. ‒ ‒ Wo ich den letzten Brief von dir bekommen habe: was fuͤr traurige Betrachtun- gen wird dieß letzte Schreiben, das so voller an- stoͤßigen Leichtsinnigkeit ist, bey mir erwecken, als deinem wahren Freunde Joh. Belford. Der Der hundert und neunzehnte Brief von Herrn Lovelace an Herrn Joh. Belford. Dienstags, den 15ten Aug. J ch danke dir, Bruder, von ganzem Herzen danke ich dir, fuͤr den vernuͤnftigen und bil- ligen Beschluß deines letzten Briefes! ‒ ‒ Jch bin um desselben willen nicht uͤbel geneigt, dir die bis itzo schlechterdings nicht zu verzeihenden Aus- zuͤge zu vergeben. Allein denkst du, daß ich einen solchen Engel, einen solchen zu vergeben geneigten Engel, als diese Fraͤulein ist, verlieren will? ‒ ‒ Bey mei- ner Seele, ich will nicht! ‒ ‒ Sollte sie fuͤr ei- nen solchen undankbaren Missethaͤter um Gnade beten! ‒ ‒ wie verwundet sie mein Herz, wie kraͤnkt sie meine Seele durch ihre erhabene Groß- muth! ‒ ‒ Aber sie muß zuerst Barmherzigkeit an mir beweisen! ‒ ‒ So wird sie mich ein Ver- trauen lehren, um welches willen ihr Gebeth fuͤr mich wird erfuͤllet werden. Sende mir eiligst, eiligst Nachrichten von ihrem Befinden, von ihren Beschaͤftigungen, von ihrer Unterredung. Jch bin krank bloß vor Liebe! ‒ ‒ O daß ich sie haͤtte die meinige nennen koͤnnen! ‒ ‒ Als- denn wuͤrde es sich der Muͤhe verlohnt haben, C c c 4 krank krank zu seyn! ‒ ‒ wenn nach ihr geschickt und sie von London zu mir herunter gehohlet waͤre; wenn sie zu meiner Erquickung, mit Genesungs- mitteln in ihren Tauben gleichen Fluͤgeln, herzu geflogen; wenn sie aus Pflicht und aus freyer Wahl fuͤr mich gebetet, und mir um ihrentwillen zu leben geboten haͤtte! ‒ ‒ O Bruder! was fuͤr einen Engel habe ich ‒ ‒ Jedoch ich habe sie nicht verlohren! ‒ ‒ Jch will sie nicht verlieren! Jch befinde mich beynahe wohl. Jch wuͤrde mich ganz wohl be- finden: wenn die Lumpenhunde mit ihrem Vor- schreiben nicht da waͤren, welche die Krankheit fuͤr erheblich ausgeben wollen, damit sie ihrer Wis- senschaft ein Ansehen verschaffen. ‒ ‒ Jch will sie zu der Meinigen machen ‒ ‒ und wieder krank werden, damit ich mir selbst zu ihrer pflichtmaͤßigen Zaͤrtlichkeit und zu ihrer gott- seligen so wohl, als persoͤnlichen Fuͤrsorge ein Recht erwerbe. Gott mache sie ewig gluͤcklich! ‒ ‒ Sende mir eiligst, eiligst Nachrichten von ihren Umstaͤn- den! ‒ ‒ Jch bin krank vor Liebe! ‒ ‒ So großmuͤthige Guͤte! ‒ ‒ Bey allem, was hoch und heilig heißt, ich will sie nicht verlieren! ‒ ‒ Das sage ihr! ‒ ‒ Sie erklaͤrt sich, nach dem, was die Fraͤulein Howe an Charlotte aus ihrem Briefe uͤberschrieben hat, daß sie nicht Mitleiden mit mir haben koͤnnte, wenn sie die Meinige zu werden gedaͤchte ‒ ‒ Aber sage ihr, daß sie mich hassen und nur nehmen moͤge. Mein Bezeigen gegen gegen sie soll diesen Haß bald in Liebe verwan- deln. ‒ ‒ Denn mit Leib und Seel will ich ganz der ihrige seyn. Der hundert und zwanzigste Brief von Herrn Belford an Hrn. Robert Lovelace. J ch freue mich aufrichtig, da ich hoͤre, daß es schon so viel besser mit dir ist, als dein Be- dienter mir erzaͤhlet. Dein Brief sieht so aus, als wenn deine Grundsaͤtze mit deiner Gesundheit zugleich besser wuͤrden. Dieß war noch einmal ein Brief, den ich, wie ich that, der Fraͤulein zei- gen konnte. Sie befindet sich sehr schlecht. Verfluchte Briefe von ihrer unversoͤhnlichen Familie! Da- her konnte ich mich uͤber denselben nicht viel zu deinem Besten unterreden. ‒ ‒ Aber das, was vorging, wird machen, daß du sie noch immer mehr anbetest. Sie hoͤrte mir sehr aufmerksam zu, als ich ihn las; und da ich zu Ende war, sprach sie: der elende Mensch! Was ist dieß fuͤr ein Brief! Er hatte ja zeitig Proben, daß meine Gemuͤths- art nicht unedel waͤre, wenn Großmuth ihn haͤt- te verbinden koͤnnen! Aber sein geruͤhrtes Ge- wissen, und das um sein selbst willen, ist alle C c c 5 Strafe, Strafe, die ich ihm wuͤnsche ‒ ‒ Jedoch ich muß mehr zuruͤckhalten: wo sie ihm alles schreiben, was ich sage. Jch erhob ihre unumschraͤnkte Guͤtigkeit ‒ ‒ Wie konnte ich anders: ob ich sie gleich dadurch ins Gesicht lobte! Keine Guͤtigkeit in diesem Stuͤcke! sprach sie ‒ ‒ Es waͤre eine Gemuͤthsverfassung, welche sie um ihrer selbst willen zu erlangen bemuͤht ge- wesen. Sie litte zu viel, weil man ihr Barm- herzigkeit versagte, daß sie dieselbe einem reuevol- len Herzen nicht wuͤnschen sollte ‒ ‒ Er scheinet reuevoll zu seyn, setzte sie hinzu: und es kommt mir nicht zu, weiter als nach den aͤußerlichen Zei- chen zu urtheilen. ‒ ‒ Jst er es nicht: so betruͤgt er sich selbst mehr, als sonst jemand. Sie befand sich so uͤbel, daß dieß alles war, was bey dieser Gelegenheit vorfiel. Was fuͤr einen feinen Stoff zu einem Trauerspiel wuͤrde das Unrecht, welches dieser Fraͤulein wi- derfahren ist, und ihr Bezeigen unter demselben, so wohl in Ansehung ihrer unversoͤhnlichen Freun- de, als in Ansehung ihres Verfolgers, an die Hand geben! Jedoch wuͤrde in Betrachtung der Sittenlehre ein starker Einwurf dagegen zu ma- chen seyn Der Einwurf des Hernn Belfords, daß die Tu- gend in einem Trauerspiel nicht leiden muͤsse, ist nicht wohl bedacht. Monimia in dem Trauerspiel die Wayse; Belvedera in dem erhaltenen Vene- dig; ; denn hier wird die Tugend ge- straft straft: ausgenommen, wenn wir auf die Beloh- nungen nach diesem Leben sehen, welcher sie nach der Tugendlehre versichert seyn muß; oder wer kann es jemals seyn? Bey dem allen weiß ich gleichwohl nicht, so ein schrecklicher Kerl bist du, und so ein schaͤndlicher Ehemann haͤttest du werden moͤgen, ob ihre Tugend nicht dadurch belohnet wird, daß sie deiner los wird. Denn eben die Dinge, welche der menschlichen Natur am schmerzlichsten sind, wenn sie sich zutragen, sind oft, wie diese reizende Fraͤulein einmal be- merkte, in dem Ausgange die gluͤcklichsten fuͤr uns. Jch habe vielfaͤltig bey meiner Aufwartung, die ich dieser Fraͤulein mache, gedacht, daß, wenn Beltons bewunderter Schriftsteller, Nicol. Rowe, eine Person von solcher Gemuͤthsart vor sich ge- habt haͤtte, er ein anderes Bild von einer Buß- fertigen, als er wirklich gethan hat, entworfen oder dig; Athenias in dem Theodosius; Cordelia in Shakespeares Koͤnig Lear; Desdemona in Othel- lo; Hamlet und andere, daß ich nicht mehrere nenne, sind Beweise, daß ein Trauerspiel schwer- lich mit Recht diesen Namen verdienen koͤnnte, wenn die Tugend nicht eine Zeitlang litte und das Laster auf eine Weile siegte. Allein er besinnet sich in eben dem Absatz, und fuͤhret uns auf die Zu- kunft, daß wir daselbst die Belohnung der Tugend und die Strafe des Lasters suchen muͤssen. Er macht keine uͤble Anmerkung, wenn er sagt: Er wisse nicht, ob die Tugend eines solchen Frauen- zimmers, als Clarissa ist, nicht dadurch belohnet werde, daß ihr ein solcher Mann, als Lovelace, nicht zu Theil wird. oder seinem Schauspiel, welches er die schoͤne Bußfertige nennet, eine bequemere Aufschrift gegeben haben wuͤrde. Die Fraͤulein Harlowe ist in der That eine Bußfertige, eine Bußfertige ohne Fehler, denke ich, wo ich mich keines Wider- spruchs mit ausdruͤcklichen Worten schuldig ma- che; wenn man das Bezeigen ihrer Eltern gegen sie vom Anfange an betrachtet. Die ganze Geschichte der andern ist ein Wust von verdammtem Zeuge. Lotharius, das ist wahr, scheint ein eben so gottloser und unedelmuͤthiger Kerl, als du weißt wer. Der Verfasser hat wohl gewußt, wie er einen liederlichen Kerl, aber nicht, wie er eine Bußfertige schiltern sollte. Calista ist ein ekelhaftes Maͤgdchen voller Luͤste, und ihre Buße ist nichts, als Raserey, Uebermuth und Verachtung. Jhre Leidenschaften sind ganz stuͤr- misch und ungestuͤm. Sie haben nichts von den feinern Leidenschaften des schoͤnen Geschlechts an sich, welche, wenn sie natuͤrlich entworfen werden, sich durch etwas Sanftes, das selbst unter Wuth und Verzweifelung hervor scheinet, von den maͤnn- lichen Leidenschasten unterscheiden werden. Jhre Gemuͤthsbeschaffenheit ist aus Betrug und Ver- stellung zusammengesetzet. Sie hat keine Tugend an sich. Sie ist der Stolz selbst: und ihr Teufel steckt eben so viel in ihr, als er außer ihr ist. Wie kann denn der Fall einer solchen Person ein eigentliches Ungluͤck ausmachen: wenn man alle Umstaͤnde davon erwaͤget? Denn sucht sie nicht recht unverschaͤmt, selbst nach der Entde- ckung, ckung, ihr Verbrechen zu rechtfertigen? Da sie weiß, daß sie selbst Schuld hat: so fordert sie doch Altamont zur Rache gegen seinen besten Freund auf, als wenn er sie verlaͤumdet haͤtte; ergiebt sich, Altamont zu heyrathen, ob sie gleich mit einem andern sich strafbar vergangen hatte, und nimmt den weinenden Tropf wirklich mit zu Bette, da sie sich mit Leib und Seel an Lotharius ergeben hatte, der jedoch sich weigerte, sie zu heyrathen. Jhre Buße nennt sie, bey ihrem Anfange, mit Recht die Raserey ihrer Seele: und nach- dem sie, wie ich gesagt habe, ihr Verbrechen so lange, als sie gekonnt, aufs kuͤhnlichste vertheidi- get und alles nur moͤgliche Ungluͤck angerichtet hatte; indem sie den Tod des Lotharius, ihres Vaters und anderer verursachte; so ersticht sie sich selbst. Kann dieß ein Werk der Buße seyn? Allein, in der That, unsere Dichter wissen kaum, wie sie ein Ungluͤck ohne Schrecken und Morden vorstellen sollen, und muͤssen die Seele erschuͤttern, damit sie Thraͤnen aus den Augen pressen. Altamont, der ein verliebter Toͤlpel, ein leicht- glaͤubiger Hahnrey, und, ob er gleich als ein be- herzter Kerl und ein Soldat abgemahlet wird, ein einfaͤltiger weinender Tropf und ein Zaͤnker mit seinem besten Freunde ist, stirbt in der That, als ein Narr, ohne Schwerdt oder Kugel, bloß vor Betruͤbniß und Unsinn um eine der schaͤnd- lichsten lichsten Personen ihres Geschlechts. Aber die schoͤne Bußfertige, wie sie heißt, stirbt durch ihre eigne Hand: und da sie ihrer begangenen Laster wegen schon auf kein ruͤhmliches Mitleiden An- spruch machen konnte, verscherzt sie hierdurch auch alles Recht wahrhaftig bußfertig genannt zu werden, und nach der hoͤchsten Wahrscheinlichkeit alles Recht, in jener Welt Barmherzigkeit zu erlangen. Hingegen hier ist Fraͤulein Harlowe, eine tugendhaste, edelmuͤthige, weise, gottselige Person, die ungluͤcklicher Weise durch die Geluͤbde und Eidschwuͤre eines schaͤndlichen und liederlichen Kerls, den sie fuͤr einen ehrliebenden Mann an- siehet, verstricket wird. Weil ihr um seinet wil- len uͤbel von ihren Freunden begegnet wird: ist sie gewissermaßen gezwungen, sich in seinen Schutz zu begeben. Er macht sich niemals uͤber die hoͤch- sten und feuerlichsten Betheurungen der Ehre ein Bedenken, damit er sie zu einem Vertrauen zu ihm bewegen moͤge. Nach einer Reihe von Raͤn- ken und Erfindungen, die alle durch ihre Tugend und Wachsamkeit zu schanden gemacht sind, nimmt er auf eine niedertraͤchtige Art seine Zu- flucht zu den schaͤndlichsten Kuͤnsten, und ist ge- noͤthigt, damit er ihr die Ehre rauben koͤnne, sie erst ihrer Sinne zu berauben. Nichts desto we- niger kann er sie nicht zu seinen unedlen Absichten der Vertraulichkeit außer der Ehe bewegen. Sie haͤlt ihn durch eingefloͤßte Ehrfurcht gegen sie von einer neuen Unternehmung eines vorsetzlichen Ver- Verbrechens zuruͤck, da er schon im Begriff dazu ist, in Gegenwart der verruchtesten Welbsbilder, die zu dem Ende versammlet sind, daß sie ihm zu seinem verfluchten Zweck behuͤlflich seyn moͤgen. Sie sieget uͤber sie alle, bloß durch ihre Unschuld, und entkommt aus den schaͤndlichen Haͤnden, worein er sie gebracht hatte. Sie zuͤrnet edelmuͤ- thig, nicht unsinnig. Sie will den Nichtswuͤr- digen nicht sehen, oder heyrathen, der sein Ver- fahren mit einer so goͤttlichen Fraͤulein bereuet, und sie gern bewegen wollte, ihm seine Schand- that zu vergeben, und ihn zu ihrem Manne an- zunehmen. Ob sie auch gleich von allen ihren Freunden verfolget, der aͤußersten Noth uͤberlassen und von dem Besitz eines ansehnlichen Vermoͤ- gens so weit herunter gebracht ist, daß sie sich gezwungen siehet, ihre Kleidung von der Hand zu schlagen, damit sie ihren Unterhalt finde, da sie mit lauter fremden Leuten umgeben, und genoͤ- thigt ist, aus dem Freunde ihres Betruͤgers, in Ermangelung anderer, einen Freund fuͤr sich zu machen; ob sie sich gleich nach dem Tode sehnet, und aus Ueberzeugung, daß der Kummer und das uͤble Verfahren mit ihr schon ihr edles Herz gebrochen habe, alle Vorbereitungen zum Tode machet: so verabscheuet sie doch den gottlosen Gedanken, ihre gesetzte Lebenszeit selbst zu verkuͤr- zen. Sie weiß eben so wenig von Rache als von Verzweifelung, und ist im Stande, dem Urheber ihres Ungluͤcks zu vergeben; wuͤnschet ihm Buße, und daß sie das letzte Opfer seiner unmenschlichen Treu- Treulosigkeit seyn moͤge; ja ist um nichts in die- sem Leben so bekuͤmmert, als dem Ungluͤck vorzu- beugen, das zur Rache demjenigen begegnen, oder von demjenigen entstehen koͤnnte, der mit ihr so schaͤndlich umgegangen ist. Dieß heißet Buße! Dieß heißet Gottselig- keit! Und daher wird es natuͤrlicher Weise ein Ungluͤck. welches nach Wuͤrden ein jedes Herz ruͤhren muß. So uͤbel dieser vortrefflichen Fraͤulein auch von ihren Verwandten begegnet wird: so bricht es doch bey ihr in keine Ausschweifungen aus. Sie bestrebt sich im Gegentheil vielmehr, Gruͤnde zu finden, damit sie jene rechtfertige und sich selbst Schuld gebe. Sie scheint wegen der Grausam- keit derselben mehr um desjenigen willen, was ihnen nach diesem, wenn sie nicht mehr da seyn wird, beschwerlich seyn kann, als um ihrer selbst willen bekuͤmmert. Denn in Ansehung ihrer selbst, sagt sie, ist sie versichert, daß Gott ihr ver- geben werde, wenn ihr gleich sonst niemand ver- geben will. So oft sie außerordentlich von ihnen gereizet wird, nimmt sie ihre Zuflucht zur heiligen Schrift, und bemuͤhet sich ihre Heftigkeit nach dem Bey- spiel geheiligter Vorgaͤnger zu maͤßigen. Froͤm- mere und bessere Leute, spricht sie, waͤren mehr geplaget worden als sie, so schmerzlich sie auch bisweilen ihr Truͤbsal achtete: sollte sie denn nicht ertragen, was weniger strafwuͤrdige Personen er- tragen haben. Wie sanftmuͤthig, und doch hestig, sie sie sich bey eben der Gelegenheit, wovon ich Er- waͤhnung gethan habe, bey einigen neuen Proben der Unversoͤhnlichkeit ihrer Freunde, beklage, wird die beygeschlossene geistliche Betrachtung zeigen. Siehe, ob du nach der gottlosen Leichtsinnigkeit deines Herzens dieselbe so, wie die andern, auf deinen Zustand deuten kannst. Kannst du es nicht: so laß deinem Gewissen freyen Lauf, und dieß wird die geschickteste Anwendung machen. Betrachtung. W ie lange wollt ihr meine Seele beunruhi- gen, und mich durch Worte zerschlagen! Es sey in der That, daß ich gefehlet habe: so bleibt ja mein Versehen bey mir selbst. Gegen diejenige, welche gekraͤnket ist, sollte billig Mitleiden von ihren Freunden bewiesen werden. Allein die, welche mit ihren Fuͤßen zu glei- ten bereit ist, wird wie eine Lampe in den Ge- danken derer, die ruhig und sicher sind, ver- achtet. Es ist eine Schaam, welche Suͤnde mit sich bringet: es ist aber auch eine Schaam, welche Ruhm und Ehre bringet. Habet Mitleiden mit mir, habet Mitleiden mit mir, o ihr, meine Freunde! denn die Hand Gottes hat mich geruͤhret. Waͤre eure Seele an meiner Seele Stelle: so koͤnnte ich auch so reden, wie ihr. Jch koͤnn- te Worte gegen euch haͤufen ‒ ‒ Sechster Theil. D d d Aber Aber ich wollte euch vielmehr durch meinen Mund staͤrken, und meine Lippen sollten sich nur bewegen, euren Kummer zu lindern. Warum wollt ihr ein Blatt, das hin und her getrieben wird, zerbrechen? Warum wollt ihr die duͤrre Stoppel verfolgen? War- um wollt ihr bittere Worte gegen mich schrei- ben, und mir die Suͤnden meiner Jugend auf- legen? Barmherzigkeit kommt zur Zeit der Truͤb- sal gelegen, wie Regenwolken zur Zeit der Duͤrre. Sind meiner Tage nicht wenige? So hoͤ- ret dann auf, und lasset mich alleine, damit ich ein wenig Trost empfinden moͤge ‒ ‒ ‒ Ehe ich dahin gehe, von wannen ich nicht wie- der kommen werde: selbst zu dem Lande der Finsterniß und Schatten des Todes. Postscript. Diese vortreffliche Fraͤulein hat, durch einen Brief von Frau Norton, Nachricht, daß der Obrist Morden eben in England angekommen ist. Er ist itzo die einzige Person, welche sie zu sehen wuͤnschet. Jch ließ einige Eifersucht daruͤber merken, daß ihm zu der Vollziehung ihres letzten Willens der Vorzug vor mir gegeben werden moͤchte. Sie erklaͤrte sich aber, daß sie es nunmehr gar nicht zu thun gedaͤchte: weil ein solches Amt, wenn er es annehmen sollte, woran sie doch zweifelte, nach der Beschaffenheit einiger Pa- piere, welche in dem Fall nothwendig durch seine seine Haͤnde gehen muͤßten, Ungluͤck zwischen meinem Freunde und ihm anrichten koͤnnte; und es wuͤrde fuͤr sie aͤrger, als der Tod, seyn, daran zu gedenken. Der arme Belton, hoͤre ich, steht an den Pforten des Todes. Es ist eben ein Bothe von ihm ge- kommen, der mir meldet, er koͤnne nicht ster- ben, bis er mich sehe. Jch hoffe, der arme Kerl werde noch nicht sterben: weil seine Sa- chen weder in Ansehung dieser, noch jener Welt, in leidlicher Ordnung sind. Jch kann mich nicht entbrechen, zu dem armen Mann zu gehen. Dennoch wollte ich nicht gern einen Fuß aus der Stelle setzen, bis ich eine Versicherung von dir habe, daß du die Fraͤulein nicht beunruhi- gen willst: denn ich weiß daß es ihm schwer werden wird, mich von sich zu lassen, wenn er mich zu sich bringet. Tourville erzaͤhlt mir, wie geschwinde es sich mit dir bessere: erlaube mir daher, dich zu beschwoͤ- ren, daß du dir nicht in den Sinn kommen lassest, dieß unvergleichliche Frauenzimmer zu belaͤstigen. Um dein selbst willen bitte ich dieß, so wohl als um ihretwillen, und um deines ge- gebenen Versprechens willen. Denn sollte sie binnen wenigen Wochen sterben, wie ich be- fuͤrchte: so wuͤrde man, und vielleicht nur mit allzu vielem Grunde, sagen, daß dein Besuch ihr Ende beschleuniget habe. Jn Hoffnung, daß du es nicht thun werdest, wuͤn- sche ich dir vollkommene Besserung: sonst aber wuͤnsche ich, daß du wieder von deiner Krank- heit befallen und bettlaͤgerig gehalten werdest. D d d 2 Der Der hundert und ein und zwanzigste Brief von Herrn Belford an Fraͤulein Clarissa Harlowe. Sonnab. fruͤhe, den 19ten Aug. Gnaͤdige Fraͤulein. J ch halte mich nach meiner Ehre verbunden, Jhnen zu eroͤffnen, daß ich befuͤrchte, Herr Lovelace werde sein Schicksal durch einen Besuch bey Jhnen versuchen. Jch wuͤnschte, daß Sie sich uͤberwinden koͤnn- ten, seinen Besuch anzunehmen. Alle Hochach- tung, ja die groͤßte Ehrfurcht, und alle Reue werden Sie in seinem Bezeigen sehen, wo sie denselben zulassen koͤnnen. Weil ich aber genoͤ- thigt werde, alsobald nach Epsom zu reisen, da- mit ich dem armen Hrn. Belton, den Sie einmal gesehen haben, den letzten Freundschaftsdienst, wie ich besorge, erweisen moͤge; und weil ich es fuͤr glaublicher halte, daß sich Herr Lovelace nicht werde gewinnen lassen, als daß er es thun wer- de: so habe ich fuͤr gut befunden, Jhnen dieß anzuzeigen, damit Sie, wenn er kommen sollte, nicht allzu bestuͤrzt werden. Er schmeichelt sich selbst, daß Sie sich nicht so uͤbel befinden, als ich es vorstelle. Wenn er Sie Sie siehet: so wird er uͤberzeugt werden, daß so wohl seine eigne kuͤnftige Gemuͤthsruhe, als Jhre Gesundheit erfordere, Jhnen die groͤßten Gefaͤl- ligkeiten, welche er Jhnen erweisen kann, zu er- weisen; und, ich darf sagen, aus Furcht, der letztern Schaden zu thun, wird er die Gedanken fahren lassen, sich Jhnen ferner jemals aufzu- dringen, wenigstens so lange als Sle so sehr un- paͤßlich sind. Daher wird der Verdruß von einer halben Stunde, wo es ein Verdruß seyn wird, den ungluͤcklichen Menschen zu sehen, der eben selbst von einem gefaͤhrlichen Fieber wieder aufgekommen ist, alles seyn, was Sie noͤthig haben werden auszustehen. Jch bitte, daß Sie sich nicht selbst allzu sehr beunruhigen und in Unordnung bringen wollen. Es ist unmoͤglich, daß er vor dem Montage, auf das geschwindeste, in London seyn kann: und wo er sich entschließet zu kommen; so hoffe ich noch vor ihm in Herrn Smithens Hause zu seyn. Jch bin, gnaͤdige Fraͤulein, mit der ehrer- bietigsten Hochachtung Jhr getreuester und gehorsamster Diener J. Belford . D d d 3 Der Der Hundert und zwey und zwanzigste Brief von Hrn. Lovelace an Hrn. Joh. Belford. Zur Antwort auf sein Schreiben vom 17ten Aug. welches hier der CXX . Brief ist. Sonntags, den 20ten Aug. W as fuͤr ein unbarmherziger Kerl bist du! Wer einen so unverschaͤmten Erinnerer hat, der braucht kein Gewissen zu haben. Hat aber Nic. Rowe ein Schauspiel geschrieben, das seiner Aufschrift nicht Genuͤge thut: muß ich denn deswegen Anmerkungen uͤber mich machen lassen? ‒ ‒ Jch habe gesuͤndiget. Jch bereue es. Jch wollte es gern wieder gut machen. ‒ ‒ Sie vergiebt mir meine Suͤnde. Sie nimmt meine Reue an. Aber sie will es mich nicht wieder gut machen lassen. ‒ ‒ Was willst du denn von mir haben? Was soll ich thun? Begieb dich nur zu Belton, so bald als du kannst. Jedoch du magst dich zu ihm begeben, oder nicht: so muß ich hinauf kommen, und se- hen, was ich selbst bey der wunderlichen Schoͤnen ausrichten kann. Verlaß dich darauf, ich gehe den Augenblick von hier ab, wenn es die nichts- wuͤrdigen wuͤrdigen Kerls mit ihrem Vorschreiben zuge- ben wollen. Ja, der Lord M. ist selbst der Mey- nung, daß sie mir billig einen Besuch erlauben sollte. Seine Meynung gielt viel bey mir ‒ ‒ wenn sie mit der meinigen uͤbereintrifft. Jch habe ihn und meine beyden Basen versichert, daß ich mich so anstaͤndig und ehrerbietig bezeigen will, als sich nur ein Mensch gegen diejenige Person bezeigen kann, gegen welche er die groͤßte Ehr- furcht heget. Das will ich auch wirklich thun. Davon sollst du selbst ein Zeuge seyn, wo du nicht fuͤr gut befindest, unterdessen zu Belton zu gehen. Der Obrist Morden, wie du von mir gehoͤrt hast, ist ein Mann, der auf Ehre und Muth haͤlt: ‒ ‒ aber der Obrist Morden hat eben so wohl seine Maͤgdchen gehabt, als ihr und ich. Und, die Wahrheit zu sagen, wer hat wohl keines gehabt, es sey nun oͤffentlich oder heimlich? Der Teufel braucht allemal ein artiges Maͤgdchen zur Lockspeise, wenn er seinen Hamen nach einer Mannsperson auswirft: er sey von welchem Al- ter, Range oder Stande er wolle. Jch habe meine Geliebte oft von dem Obri- sten mit vorzuͤglicher Hochachtung sprechen gehoͤrt. Jch wuͤnschte, daß er, um Jhres Gemuͤths wil- len, die Sachen zwischen ihren uͤbrigen unver- soͤhnlichen Freunden und ihr ein wenig ertraͤgli- cher machen koͤnnte. Mich deucht, ich bin um den armen Belton bekuͤmmert. Allein es kann niemand krank oder D d d 4 nieder- niedergeschlagen seyn, ohne daß du dein Eulenge- schrey erhebest und ihn alsobald toͤdtest. Keiner, als nur ein Kerl, der geschickt ist, bey der verlohr- nen Schildwache des Todes einen Trommelschlaͤ- ger abzugeben, koͤnnte so viel Vergnuͤgen finden, als du findest, einen Todtenmarsch mit deinen Gaͤnsekielen zu schlagen. Jch werde dich im Ernst wegen der Auszuͤ- ge, die du der Fraͤulein aus meinen Briefen ge- geben hast, zur Rechenschaft sordern, so bald ich dich sehe; ungeachtet dessen, was ich in meinem letzten Briefe schrieb: sonderlich, wo sie dabey bleibet, meine Hand auszuschlagen. Wohl hun- dert male habe ich erfahren, daß ein Frauenzim- mer nein gesaget, und sich zuletzt doch gefaͤllig be- wiesen hat: aber durch diese Auszuͤge, ist mir bange, hast du gemacht, daß sie die Thuͤr ihres Herzens vor mir verriegelt hat, wie sie sonst ihre Kammerthuͤr zu verriegeln pflegte. ‒ ‒ Dieß ist daher eine Treulosigkeit, welche die Freundschaft nicht leiden, und meine Ehre mir nicht zu verzeihen erlauben kann. Der Der hundert und drey und zwanzigste Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. London, Montags, den 21ten August. J ch glaube, Bruder, daß ich verbunden bin, dich zu verfluchen. Jedoch will ich mir nicht vorgreifen, sondern zu meinem Zweck kom- men, und dir einen laͤngern Brief schreiben, als du seit einiger Zeit von mir empfangen hast. So folgt er hier. Damit du so wenig, als moͤglich, von der Zeit wissen moͤchtest, da ich in London zu seyn ent- schlossen war: ging ich gestern in meines Lords Kutsche mit sechsen ab, so bald ich meinen Brief an dich abgefertigt hatte, und kam gestern Abends in London an. Denn ich wußte, daß ich mich auf deine Freundschaft nicht verlassen koͤnnte, wo es auf der Fraͤulein Harlowe Eigensinn an- kaͤme. Es war kein anderer Ort so bereit zu mei- nem Aufenthalt: daher ward ich genoͤthigt, zu meiner alten Wohnung zu gehen, wo auch meine Kleiderkammer ist. Hier stieß ich eine Million Fluͤche uͤber die ganze Rotte aus, und wollte we- der Sarah noch Marichen sehen: und dieß nicht allein, weil sie die Fraͤulein hatten entfliehen las- D d d 5 sen, sen, sondern weil sie den schaͤndlichen Verhaft verursachet, und in des Gerichtsdieners Hause, auf eine uͤbermuͤthige Art, ihren Spott mit ihr getrieben hatten. Jch putzte mich mit einem noch niemals ge- tragenen Anzug aus, den ich zu einen von mei- nen Hochzeitskleidern bestimmt hatte: ‒ ‒ und gefiel mir darinn so wohl, daß ich anfing mit dir zu denken, die aͤußerliche Seite waͤre bey mir die beste. Jch nahm eine Saͤnste, mich zu Smithens Hause tragen zu lassen, und mein Herz schlug, daß ich sein Klopfen beynahe hoͤren konnte, bis an mei- ne Kehle, vor gewisser Erwartung, meine Gelieb- te zu sehen. Jch schlug meine Finger zusammen, wie man mit mir forttanzte. Jch befahl mei- nen Augen, wechselsweise matt und feurig zu seyn. Jch schwatzte mit meinen Knieen und sagte ihnen, wie sie sich beugen muͤßten. Jch spielte, in der Sprache eines, der etwas ruͤhrend zu beschreiben weiß, meine Rolle so wohl in Gedanken, als in Worten, die ich zu mir selbst redete: So will ich zaͤrtlich knieend klagen; So schmeichelnd um Erbarmen flehn; So , meine Sache vorzutragen, Auf meines Kummers Macht bestehn; So den vermuthlich scheelen Blicken Durch Seufzen, auf dem Fall, entfliehn; Und so ein guͤnstiges Erquicken Aus ihren sanften Augen ziehn. Auf Auf diese Art unterhielte ich mich selbst, bis ich an Smithens Haus kam. Da setzten die Kerls ihre muntere Buͤrde nieder. Jhre Huͤte flogen von dem Kopf. Wilhelm war in einer neuen Liverey bey der Hand. Der Saͤnftende- ckel ging auf. Meine Gnaden huschten heraus; und die Frau hinter der Zahlbank gerieth ganz in Unruhe und Bewegung ‒ ‒ Ehrerbietung und Furcht gaben ihren Gesichtszuͤgen die gebuͤhrende und feyerliche Gestalt. Jhre Kniee, wie ich nicht zweifele, schlugen vor Beben an die inwen- dige Seite ihrer bretternen Vormauer. Jhr Diener, Madame ‒ ‒ Wilhelm laß die Kerls ein wenig zuruͤckgehen und warten. Sie haben ein junges Frauenzimmer im Hause, das hier eingemiethet hat: Fraͤulein Har- lowe, Madame. Jst sie oben? Mein Herr, mein Herr, erlauben ihre Gna- den ‒ ‒ das Weib, denke ich, ist durch meine Gestalt in Schrecken gesetzt ‒ ‒ Fraͤulein Har- lowe, mein Herr! Ja es wohnt in der That ein solches Frauenzimmer bey uns ‒ ‒ Aber, aber ‒ ‒ Aber was, Madame? ‒ ‒ Jch muß sie se- hen. ‒ ‒ Eine Treppe hoch: nicht wahr? ‒ ‒ Bemuͤhen sie sich nicht ‒ ‒ Jch werde ihr Zim- mer schon finden. Hiemit ging ich auf die Trep- pe zu. Mein Herr, mein Herr, die Fraͤulein, die Fraͤulein ist nicht zu Hause ‒ ‒ Sie ist ausge- fahren ‒ ‒ Sie ist auf dem Lande ‒ ‒ Auf Auf dem Lande! Nicht zu Hause! ‒ ‒ Un- moͤglich! das werden sie mir nicht aufbinden, meine gute Frau. Jch muß sie sehen. Jch habe etwas mit ihr zu thun, worauf Leben und Tod ankommt. Jn der That, mein Herr, die Fraͤulein ist nicht zu Hause! Jn der That, mein Herr, sie ist aus- gefahren! Darauf klingelte sie. Johann, rief sie, ich bitte, komm herunter! ‒ ‒ Jn der That, mein Herr, die Fraͤulein ist nicht zu Hause. Johann kam herunter, der gute Mann vom Hause: da ich nach ihrer unbescheidenen Ver- traulichkeit nur einen von seinen Arbeitsleuten erwartete. Mein Kind, sagte sie, der Herr will nicht glauben, daß die Fraͤulein Harlowe ausgefah- ren ist. Johann buͤckte sich vor meinen saubern Klei- dern. Jhr Diener, mein Herr ‒ ‒ Jn Wahr- heit, die Fraͤulein ist ausgefahren. Sie ist heu- te fruͤhe um sechse aus London gefahren ‒ ‒ aufs Land ‒ ‒ weil es der Doctor verordnet hat. Jch wollte noch weder Johann, noch seinem Weibe, glauben. Jch bin versichert, sagte ich, sie kann nicht ausgefahren seyn. Jch habe ge- hoͤrt, daß sie sich sehr schlecht befaͤnde ‒ ‒ Sie ist nicht im Stande, in einer Kutsche auszufah- ren. Kennt ihr Herrn Belford, Freund? Ja, mein Herr, ich habe die Ehre, den Ca- vallier Belford zu kennen. Er ist aufs Land ge- reiset, reiset, einen kranken Freund zu besuchen. Er ist am Sonnabend abgegangen, mein Herr. Dieß war auch in deiner Wohnung meinem Wilhelm gesagt, den ich alsobald bey meiner An- kunft in London zu dir schickte, dich bitten zu las- sen, daß du zu mir kaͤmest. Eben der Herr Belford hat mir geschrieben, daß sie sich ausnehmend schlecht befaͤnde. Wie kann sie denn ausgefahren seyn? O, mein Herr, sie befindet sich sehr schlecht, sehr schlecht in der That ‒ ‒ Sie konnte kaum bis an die Kutsche gehen. Belford, dachte ich, wußte selbst nichts von der Zeit, da ich kommen wollte. Er kann auch meinen Brief von gestern noch nicht einmal ha- ben. Und sie ist so krank: es ist unmoͤglich, daß sie ausfahren sollte. Wo ist ihre Magd? Ruft ihre Magd zu mir. Jhre Magd, mein Herr, ist ihre Waͤrterinn. Sie hat keine andere. Und die ist mit ihr ge- fahren. Gut, Freund, ich muß euch nicht glauben. Jhr werdet mich entschuldigen: ich muß selbst die Treppe hinauf gehen. Und so wollte ich hin- aufsteigen. Daruͤber nahm Johann ein ernsthaftes und nicht so ehrerbietiges Gesicht an ‒ ‒ Mein Herr, dieß Haus ist mein: und ‒ ‒ Und was, Freund? ‒ ‒ Jch zweifelte nun- mehr nicht, daß sie oben waͤre ‒ ‒ Jch muß und will will sie sehen. Jch bin ein Friedensrichter. Jch habe eine Vollmacht nachzusuchen. So ging ich hinauf. Sie folgten mir, mummelten, und waren gewaltig verstoͤrt, und in Bewegung. Die erste Thuͤr, an die ich kam, war ver- schlossen. Jch klopfte an. Die Fraͤulein, mein Herr, hat den Schluͤssel zu ihrem Zimmer. Ja inwendig, daran zweifle ich nicht, guter Freund. Jch klopfte noch einmal; und weil ich versichert war, daß, wenn sie meine Stimme hoͤr- te, ihre furchtsame und sanfte Gemuͤthsart ma- chen wuͤrde, daß sie sich, durch eine oder die an- dere Bewegung in der Verwirrung, meinem lau- schenden Ohre verriethe: so sagte ich ganz laut: Jch weiß gewiß, daß die Fraͤulein Harlowe hier ist. Wertheste Fraͤulein, oͤffnen sie die Thuͤr: lassen sie mich nur auf einen Augenblick vor sich! Allein weder Antwort, noch Flattern, kam mir zu Ohren; und da die Leute ganz ruhig wa- ren: so fuͤhrte ich sie weiter zu dem naͤchsten Zim- mer. Der Schluͤssel steckte von außen in der Thuͤre. Daher schloß ich auf, und sahe mich in demselben und in dem Closet rund um. Der Mann sagte, er haͤtte in seinem Leben keinen so unhoͤflichen Cavallier gesehen. Halt Freund, versetzte ich: laß dir rathen daß du dich ein wenig bescheiden auffuͤhrest; sonst werde ich dir eine Lection geben, die du niemals in deinem Leben gelernet hast. Mein Mein Herr, sprach er, es schickt sich nicht fuͤr einen Cavallier, einen Mann in seinem eignen Hause zu beschimpfen. So bitte ich dich denn, Kerl, war meine Antwort, kraͤhe nicht auf deinem eignen Mist- haufen. Jch ging wieder an die verschlossene Thuͤr zu- ruͤck. Meine werthe Fraͤulein Harlowe, ich bit- te, machen sie die Thuͤre auf, oder ich werde sie aufbrechen ‒ ‒ Hiemit stieß ich hart daran, daß es knackte. Der Mann sahe ganz blaß aus, machte bey seinem Zittern und bey seiner Furcht ein gewaltig langes Gesicht und rief einem von seinen Arbeits- leuten oben: Joseph komme geschwinde her- unter. Joseph kam herunter: ein Kerl von seltsa- men Geberden, mit einem Loͤwengesichte, kurz und dick, und mit einem Haarbusch auf dem Kopfe, wie eine alte und oft gekapte Eiche. Darauf bekam Meister Johann ein trotzigers Gesicht. Al- lein ich stimmte ein Liedlein an, ging durch alle andere Zimmer, fuͤhlte auf den Gaͤngen mit mei- nen Knoͤcheln zu, ob auch verborgene Thuͤren da waͤren, und ging mit bestaͤndigem Singen die naͤchste Treppe hinauf: indem Johann, und Jo- seph und Fr. Smithinn mir mit Zittern folgten. Jch sahe mich daselbst herum, ging in zwo offene Schlafkammern, durchsuchte die Closets, die Gaͤnge, und kuckte durch das Schluͤsselloch einer andern Kammer. Keine Fraͤulein Har- lowe, lowe, beym Jupiter! Was soll ich machen! ‒ ‒ Was soll ich machen! ‒ ‒ Nun wird sie sich be- truͤben, daß ich sie nicht antreffe. Dieß sagte ich mit Fleiß, um auszuforschen, ob diese Leute die Begebenheit der Fraͤulein wuͤß- ten, und bekam von Fr. Smithinn die Antwort, die ich erwartete. ‒ ‒ Jch glaube nicht, mein Herr, sagte sie. Wie so, Fr. Smithinn? Wissen sie, wer ich bin? Jch kann es wohl errathen, mein Herr. Was errathen sie denn? wer bin ich? Jhr Name ist, Herr Lovelace, mein Herr, ich zweifle nicht. Eben der ist es. Aber wie haben sie so wohl rathen koͤnnen, Fr. Smithinn? Sie haben mich doch vorher niemals gesehen ‒ ‒ Haben sie? Hier, Bruder, machte ich mich auf einen hoͤf- lichen Lobspruch gefaßt: und es schlug fehl. Es ist leicht zu errathen, mein Herr: denn es koͤnnen nicht zween solche Cavalliers seyn, als sie sind. Wohl geredet, Fr. Smithinn ‒ ‒ Aber mey- nen sie so gut, oder so boͤse? ‒ ‒ so huͤbsch, war meinen Gedanken nach das wenigste, was sie wuͤr- de gesagt haben. Jch uͤberlasse ihnen, es zu rathen, mein Herr. Durch dieß Anheimstellen, dachte ich, werde ich durch mich selbst verurtheilet. Ey, Ey, Vater Smith, dein Weib ist ein Witz- ling, Kerl! ‒ ‒ Hast du das vorher jemals ge- merket? ‒ ‒ Aber wo ist die Witwe Lovick, Fr. Smithinn? Mein Vetter, Johann Belford, sagt, sie sey eine sehr fromme Frau. Jst sie zu Hause? Oder ist sie auch mit der Fraͤulein Har- lowe ausgefahren? Sie wird alsobald zu Hause kommen, mein Herr. Sie ist nicht mit der Fraͤulein. Allein, meine gute, liebe Fr. Smithinn, wo ist die Fraͤulein hingefahren? Und wann wird sie wiederkommen? Jch kann es nicht sagen, mein Herr. Luͤgen sie nicht, Fr. Smithinn, luͤgen sie nicht. Hiebey griff ich ihr unter das Kinn: woruͤber Johann sein Kinn zusammenzog, und seine Ober- lefze bis an die Nase erhob. ‒ ‒ Jch bin versi- chert, sie wissen es ‒ ‒ Aber hier ist noch eine Treppe: laßt uns sehen. Wer wohnt dort oben? ‒ ‒ Halt, hier ist noch ein verschlossenes Zim- mer ‒ ‒ Jch pochte an die Thuͤr ‒ ‒ Wer ist zu Hause, rief ich? Das ist das Zimmer der Fr. Lovick. Sie ist ausgegangen und hat den Schluͤssel bey sich. Witwe Lovick! ‒ ‒ Jch klopfte noch einmal hart an ‒ ‒ Jch glaube, sie sind zu Hause. Jch bitte, machen sie die Thuͤr auf. Johann und Joseph mummelten und flisper- ten mit einander. Sechster Theil. E e e Nicht Nicht geflispert, gute Freunde: es ist keine Weise, zu flispern. Joseph, was sagte Johann zu dir? Johann, mein Herr! sprach mir die gute Frau mit Unwillen nach. Jch bitte um Verzeihung, Fr. Smithinn. Aber sie sehen, wie viel ein Beyspiel vermag. Haͤtten sie gegen ihren ehrlichen Mann mehr Achtung gezeiget: so wuͤrde ich es auch thun. Nehmen sie dabey eine gute Lehre von mir an. ‒ ‒ Weiber, die ihren Maͤnnern unehrerbietig be- gegnen, lehren fremde Leute, veraͤchtlich mit ihnen umzugehen. Da hoͤrst du es, ehrlicher Meister Johann: warum nimmst du dafuͤr nicht den Hut vor mir ab? ‒ ‒ O, das wuͤrdest du thun: wenn du ihn aufhaͤttest. Allein ich glaube, du setzest deinen Hut niemals auf in Gegenwart deiner Frauen: nicht wahr? Sparen sie ihr hoͤhnisches Gespoͤtte, mein Herr, rief Johann. Jch wuͤnschte, daß nur alle Eheleute so gluͤcklich lebten, als wir. Jch wuͤnsche es auch, guter Freund. Aber ich will mich haͤngen lassen: wo du Kinder hast. Wie so, mein Herr? Hast du Kinder? ‒ ‒ Antworte mir, Kerl: hast du, oder nicht? Vielleicht nicht, mein Herr. Allein was heißt das? Was heißt das? ‒ ‒ Jch wills dir sagen. Der Mann, welcher keine Kinder mit seiner Frauen hat, muß mit Johann schlecht weg vor- lieb lieb nehmen. Haͤttest du ein Kind oder ein paar: so wuͤrdest du bey einem jeden Worte mit einer hoͤflichen Beugung, oder wenigstens mit einer freundlichen Miene, Hr. Smith heissen. Sie sind sehr aufgeweckt, mein Herr, versetz- te meine Frau. Jch bilde mir ein, wenn ich oder mein Mann so viel zu verantworten haͤtte, als ich wohl weiß wer, wir wuͤrden nicht so lustig seyn. Desto aͤrger, Fr. Smithinn, fuͤr die, welche gezwungen waͤren, ihnen Gesellschaft zu leisten. Aber ich bin nicht lustig ‒ ‒ Jch bin traurig! ‒ ‒ Ach! ‒ ‒ Wo soll ich meine liebe Fraͤu- lein Harlowe finden? Meine geliebte Fraͤulein Harlowe! das rief ich unten an der dritten Treppe; wo sie oben sind, so antworten sie mir um Gottes willen. Jch werde hinauf kommen. Mein Herr, sprach die gute Frau, ich wuͤnsch- te, sie wollten sich belieben lassen, hinunter zu ge- hen. Hier oben, und noch eine Treppe, sind die Stuben fuͤr das Gesinde und die Werkstaͤtten. Es ist niemand da, den sie suchen. Soll ich hinauf gehen, Fr. Smithinn, und zusehen, ob die Fraͤulein Harlowe da ist? Sie koͤnnen es thun, mein Herr, wo es ih- nen beliebt. So will ich es nicht. Denn wenn sie da waͤre: wuͤrden sie nicht so gefaͤllig seyn. Jch schaͤme mich, daß ich ihnen allen diese Muͤhe mache. Sie sind die hoͤflichsten Handels- E e e 2 leute, leute, die ich jemals gekannt habe. Ehrlicher Joseph ‒ ‒ Hiebey schlug ich ihm unvermuthet auf die Achsel, daß er sprang ‒ ‒ hast du jemals um Geld das Maul verzogen? ‒ ‒ Denn der Bube schien kein Misfallen an mir zu haben, und rieß sein plattes Gesicht von einem Ohr zum andern auf, zog das Maul weit aus, zeigte die Zaͤhne, welche eben so breit und schwarz waren, als die Naͤgel an seinen Daumen ‒ ‒ Aber ver- hindere ich dich nicht? Was kannst du in einem Tage verdienen, Kerl? Eine halbe Krone kann ich in einem Tage verdienen. Das sagte er mit einer stolzen und uͤbermuͤthigen Miene: indem ich ihn stutzig ge- macht hatte. Da ist denn dein Lohn auf einen Tag. Al- lein du hast nicht noͤthig, mir weiter aufzuwarten. Kommen sie, Fr. Smithinn, komm Johann, Meister Smith wollte ich sagen: laßt uns hin- untergehen und mich hoͤren, wo die Fraͤulein hingefahren ist, und wann sie wieder kommen wird. So ging ich voran die Treppe hinunter. Johann und Joseph, ob ich gleich den letzten schon bezahlt und seiner Dienste erlassen hatte, und meine Frau folgten mir, ihre Hoͤflichkeit gegen einen Fremden zu zeigen. Jch ging wieder in eines von den Zimmern des ersten Stockwerks. Jch habe große Lust bey ihnen einzumiethen. Denn ich habe in meinem Leben Leben niemals so gefaͤllige Leute gesehen. Was fuͤr Zimmer haben sie zu vermiethen? Gar keine, mein Herr. Das ist mir leid. Allein wem gehoͤrt dieses. Mir, mein Herr, antwortete Johann auf ei- ne baͤurische Art. Dir, Kerl! Wohlan denn, ich will es von dir miethen. Dieß nebst einer Schlafkammer und einem Gemach auf dem Boden fuͤr meinen Bedienten, wird genug fuͤr mich seyn. Jch will dir geben, was du verlangest, und alle Tage noch eine halbe Guinea daruͤber, fuͤr diese Gelegen- heiten. Fuͤr zehn Guineas alle Tage, mein Herr ‒ ‒ Halt, Johann! Meister Smith wollte ich sagen ‒ ‒ Ehe du sprichst, bedenke dich ‒ ‒ Jch will mich nicht beleidigen lassen, Kerl. Jch wuͤnschte, mein Herr, sie moͤchten sich be- lieben lassen, hinunter zu gehen, sagte die gute Frau. Wirklich, mein Herr, sie nehmen sich ‒ ‒ Große Freyheiten, hoffe ich, wollten sie doch nicht sagen, Fr. Smithinn? Jn der That, mein Herr, ich hatte etwas der- gleichen auf der Zunge. So ist es mir denn lieb, daß ich ihnen zu- vorgekommen bin: denn die Worte schicken sich besser in meinem, als in ihrem Munde. Allein, ich muß bey ihnen meine Wohnung aufschlagen, bis die Fraͤulein wieder zuruͤck kommt. Jch glaube, ich muß es. Jnzwischen moͤchten sie E e e 3 in in dem Laden noͤthig seyn: wir wollen uns also dort daruͤber besprechen. Hiemit ging ich hinunter und sie folgten, ih- re Aufwartung sorgfaͤltig bey mir zu beobachten, meinen Fußtapfen nach. Da ich in den Laden kam, und weder Stuhl noch Sessel sahe: ging ich hinter die Zahlbank, und setzte mich unter einer im Bogen ausgewoͤlb- ten gewissen Art von Himmel aus Schnitzwerk nieder, womit sich diese hochmuͤthige Handelsleu- te, welche den vornehmen Personen in koͤnigli- chen Nitschen nachahmen, oft etwas zu gute thun, da unterdessen denen, von welchen sie ihr Brodt verdienen, vielleicht ein Sessel gut genug seyn muß. So groß ist das Ansehen des Handels unter diesem Volke, das zu der Handlung so ge- neigt ist. Jch sahe um und uͤber mich. Jch sagte ih- nen, daß ich mir eine recht große Ehre aus mei- nem Sitz machte, und fragte, ob Johann jemals die Erlaubniß haͤtte, diese praͤchtige Nitsche ein- zunehmen? Vielleicht haͤtte er sie, antwortete er sehr uͤber- muͤthig. Daher kommt es, rief ich, daß du so steif wie eine Saͤule aussiehst, Kerl. Johann sahe mich gewaltig muͤrrisch an. Aber sein Kerl Joseph, und mein Kerl Wilhelm wandten sich um und kehrten uns den Ruͤcken zu, damit sie ihre wunderlichen Geberden, ein jeder mit mit seinen Faͤusten in dem Maul, vor uns ver- bergen moͤchten. Jch fragte, was sie zu Kaufe haͤtten? Puder, sagten sie, Seifkugeln, Schnupfta- back, Handschuhe und Struͤmpfe. Wohlan, ich will ihr Kundmann seyn. Wil- helm, brauche ich Seifkugeln? Ja, Jhre Gnaden moͤgen sich nur nach Be- lieben mit einer oder zwoen versehen. Geben sie ihm ein halb Dutzent, Fr. Smi- thinn. Sie sagte mir, daß sie dahin kommen muͤßte, wo ich waͤre, wenn sie damit aufwarten sollte. Seyn sie so gut, mein Herr, und gehen hinter der Zahlbank weg. Jn Wahrheit, das will ich nicht. Der La- den soll mein seyn. Wo sind sie, wenn ein Kund- mann kommen sollte? Sie zeigte mir mit dem Finger die Stelle uͤber meinem Kopfe an, und zog den Mund, als wenn sie nicht gern lachen wollte, wenn sie es hel- fen koͤnnte. Jch langte das Glaß herunter und gab meinem Wilhelm sechs Stuͤcke. Da ‒ ‒ verwahre sie, Junge. Er that es, und verzog das Maul, daß man die Zaͤhne sehen konnte, die ihm vorn fehlten. Dieß machte mir das Gewissen rege, weil ich an diesem Verlust schuld war. Joseph, sprach ich, komm her. Komm her, Kerl, wenn ich es dir befehle. E e e 4 Er Er schlich hierauf zu mir, mit den Haͤnden auf dem Ruͤcken, halb willig und halb unwillig. Jch schlug, ehe er es sich versahe, meinen Arm um seinen Hals. Wilhelm, dein Feder- messer, den Augenblick. Verdammter Kerl, wo ist dein Federmesser? O Himmel! sagte der buschkoͤpfichte Hund, und bestrebte sich mit aller Muͤhe seinen Kopf unter meinem Arm wegzuziehen: da ich unter- dessen mit der andern Hand um seine verfluchten Kinnbacken herumwuͤhlte, als wenn ich ihm seine Zaͤhne ausreißen wollte. Jch will dich gut bezahlen, Kerl: straͤube dich nicht so. Das Federmesser, Wilhelm! O Himmel! schrie Joseph und straͤubte sich immer mehr und mehr. Endlich kam Wilhel- mens Schneidemesser heraus: denn der Galgen- schwengel ist ein Gaͤrtner auf dem Lande. Jch habe nur dieses, gnaͤdiger Herr. Das beste von der Welt, einen Zahn aus sei- nem Fleische zu heben. Der Henker hole den Kerl, warum straͤubst du dich so? Weil Meister Smith und die Meisterinn, wie ich vermuthe, befuͤrchteten, ich moͤchte eine Absicht wider Josephs Kehle haben, weil er ihr Verfechter waͤre; und dieß machte auch in der That, daß ich mich mehr mit ihm abgab: so ka- men sie mit trauriglustigen Gesichtern auf mich zu. Daher ließ ich ihn gehen. Jch wollte, sprach ich, nur zween oder drey von den breiten Zaͤhnen dieses Kerls herausneh- men, men, um sie in meines Dieners Kinnbacken zu setzen ‒ ‒ Jch wuͤrde ihm dafuͤr bezahlt haben, was er gefordert haͤtte ‒ ‒ Bey meiner Seele, Joseph, ich wuͤrde es gethan haben. Joseph schuͤttelte seine Ohren, strich mit bey- den Haͤnden sein buschichtes Haar nieder, so glatt als es nur liegen wollte, und sahe mich an, als wenn er nicht wuͤßte, ob er lachen oder boͤse thun sollte. Nachdem er mich aber ein oder ein paar male starr und bestuͤrzt angegaffet hatte: schlich er an das andere Ende des Ladens. So wie er wegging, schuͤttelte er den Kopf gegen mich, strich noch immer seine Haare nieder, stellte sich bey sei- nem Meister hin, kuckte allen ins Gesicht, und murmelte, daß ich gewaltig stark in Armen waͤ- re, und er gedacht haͤtte, ich wuͤrde ihn erwuͤrgt haben. Darauf schlug er seine Arme in einan- der, schuͤttelte seinen borstichten Kopf, und setzte hinzu, es waͤre gut, daß ich ein Cavallier waͤre, sonst wuͤrde er einen solchen Schimpf nicht hin- genommen haben. Jch fragte, wo ihr Rappee waͤre? die gute Frau zeigte mit dem Finger auf die Stelle: und ich nahm eine Muschelschale voll heraus, wollte es aber von ihr nicht waͤgen lassen, und fuͤllte mei- ne Dose. Wo sind nun ihre Handschuhe, Fr. Smithinn? Sie zeigte es mir an. Jch suchte vier Paar davon aus, und trug Josephen auf, die Finger offen zu machen, weil er so aussahe, als wenn er E e e 5 haben haben wollte, daß ich wieder an ihn gedenken sollte. Eine Kaͤuferinn, die an der Thuͤr gegaffet hatte, kam herein und verlangte etwas schottlaͤn- dischen Schnupftabak. Jch wollte ihr damit auf- warten. Das Mensch war aber haͤßlich: und dis sagte ich ihr; sonst, sprach ich, wuͤrde ich sie beschenkt haben. Sie ward boͤse; denn kein Weibsbild ist ihrer Meynung nach haͤßlich; und warf ihren Stuͤber hin; und ich steckte ihn in meine Tasche. Jndem ich hierauf eben ein Auge auf die Thuͤr warf: so sahe ich ein sehr artiges Frauen- zimmer, mit einem Bedienten hinter ihr, wel- ches herein kuckte und den gaffenden Haufen frag- te: Was ist hier zu thun, Leute? Jch lief hin- ter der Zahlbank weg zu ihr. Weil sie davon gehen wollte: ergriff ich sie bey der Hand, und zog sie in den Laden hinein. Jch bat, sie moͤchte mir ihre Kundschaft goͤnnen, weil ich eben erst den Handel angefangen haͤtte. Was haben sie zu Kaufe, mein Herr? sagte sie mit Laͤcheln, aber ein wenig bestuͤrzt. Zwirnband, und andere Arten von Baͤndern, seidne Schnuͤre, Steck- und Naͤhnadeln; denn ich trage kleine Waaren herum: Puder, Schoͤn- pflaͤsterchen, Seifkugeln, Struͤmpfe, Kniebaͤnder, Schnupftabak und Nadelkuͤssen ‒ ‒ Haben wir das nicht, Frau Smithinn? So zog ich sie sanfte herein an die Zahlbank, und lief selbst mit einem geschaͤfftigen und dienst- ferti- fertigen Wesen hinter dieselbe. Jch habe vor- treffliche Handschuhe und Seifkugeln, Madame: Rappee, schottlaͤndischen, portugiesischen und alle Arten von Schnupftabak. Wohlan, sprach sie bey recht gutem Sinne, ich will einem jungen Anfaͤnger einmal in seiner Hoffnung zu statten kommen. Hier, Andreas, sagte sie zu ihrem Diener, ihr braucht ein Paar Handschuhe: nicht wahr? Jch nahm ein Packet mit Handschuhen her- unter, welches mir Frau Smithinn anwies, und kam herum zu dem Kerl, sie ihm selbst anzupassen. Es ist nicht noͤthig, sie von einander zu ma- chen, sprach ich. Deine Finger, Freund, sind so steif, als Trommelstoͤcke. Stoß zu ‒ ‒ Du bist ein ungeschickter Hund! Jch wundere mich, daß ein so artiges Frauenzimmer sich von einem so toͤlpischen Buben folgen laͤßt. Der Kerl hatte vor Lachen keine Kraft: und Joseph war maͤchtig vergnuͤgt; vermuthlich in der Hoffnung, daß ich, um ihn nicht zu beunru- higen, von Andreas einige Zaͤhne borgen wuͤrde. Auch Vater und Mutter Smithen schienen sich, wie alle, an dem muntern Wesen zu belustigen: weil der Spaß sie nicht mehr traf. Der Kerl sagte, die Handschuhe waͤren zu klein. Stoß zu, daß dich der Henker hohle, versetzte ich. Ey Kerl, du hast nicht so viel Kraft, als eine Katze. Herr, Herr, sprach er mit Lachen, ich werde ihrer Gnaden in der Seite Schaden thun. Daß Daß dich der Henker hohle, stoß zu, sage ich. Er that es, und riß die Seiten von dem Handschuh auf. Wilhelm, rief ich, wo ist dein Schneidemes- ser? Bey meiner Seele, Freund, ich haͤtte große Lust, deine verdammten Pfoten zu beschneiden. Aber komm, hier ist ein weiteres Paar. Versuche die, wenn du zu Hause kommst, und laß deinen Schatz, wo du einen hast, die andern wieder aus- bessern. So kannst du beyde nehmen. Das Frauenzimmer lachte uͤber die Munter- keit. Eben das that mein Kerl, und Fr. Smi- thinn und Joseph. Ja selbst Johann lachte: ob er gleich, nach dem Zwange in seinem Gesichte, nur halb mit mir zufrieden zu seyn schien. Darauf ging ich wieder hinter die Zahlbank, und legte mich uͤber dieselbe heruͤber. Nun, Madame, hoffe ich, werden sie auch fuͤr sich selbst etwas kaufen. Niemand wird ihnen bessere Waare und bessern Kaufs geben. Geben sie mir dann fuͤr sechs Stuͤber portu- giesischen Schnupftaback. Sie zeigten mir, wo er waͤre, und ich warte- te ihr damit auf. Als sie mir ihn bezahlen woll- te, sagte ich, daß ich bey meinem Anfange zu handeln kein Geld naͤhme. Wenn ich ihren Diener beschenkte, anworte- te sie mir: so sollte ich sie doch nicht beschenken. So laß ich es mir denn von ganzem Herzen gefallen, sprach ich. Es schickt sich fuͤr uns Han- Handelsleute nicht, uͤbermuͤthig zu seyn ‒ ‒ Schickt sichs wohl, Fr. Smithinn? Jch steckte also ihre sechs Stuͤber in meine Tasche. Hiernaͤchst ergriff ich sie bey der Hand, gab ihr einen Wink von dem Schwarm, der sich um die Thuͤr versammlet hatte, und bat sie, mit mir in den hintern Laden zu gehen. Sie machte aber durch ihr Strauben ihre Hand aus der meinigen los, und wollte nicht laͤn- ger bleiben. So buͤckte ich mich, wuͤnschte ihr freund- lich wohl zu leben, dankte ihr, und setzte hinzu, daß ich hoffete, auf ein ander mal ihre Kund- schaft zu haben. Sie gieng mit Laͤcheln weg, und Andreas hinter ihr, der sich fein gegen mich buͤckte. Mir fieng der Schwarm des zusammenge- laufenen Volkes an verdrieslich zu werden, wel- cher in Geschwindigkeit dicker ward. Daher be- fahl ich Wilhelmen, die Saͤnfte an die Thuͤr kommen zu lassen. Nun Frau Smithinn, sagte ich mit einem ernsthaften Gesichte, es ist mir herzlich leid, daß die Fraͤulein Harlowe nicht zu Hause ist. Sie sagen mir nicht, wo sie seyn mag? Jn der That, mein Herr, ich kann nicht. Sie wollen nicht, meynen sie ‒ ‒ Sie hat nicht wissen koͤnnen, daß ich kommen wuͤrde. Jch bin erst gestern Abends in London angelan- get. ‒ ‒ Jch bin sehr krank gewesen. Sie hat mir beynahe das Herz durch ihre Grausam- keit keit gebrochen. Sie wissen meine Geschichte: ich zweifle nicht daran. Sagen sie ihr, daß ich morgen fruͤhe wieder von London abgehen muͤßte. Allein ich will meinen Diener herschicken, und mich erkundigen lassen, ob sie mir die Gewogen- heit erweisen will, auf eine halbe Stunde einen Besuch von mir anzunehmen. Denn so bald als ich wieder hinunter komme, werde ich mich nach Dover, zu meiner Reise nach Frankreich, auf den Weg machen: wofern sie es nicht anders befiehlt, als die allein uͤber mein Schicksal zu ge- bieten hat. Hierauf warf ich einen Portugalloͤser hin; nahm Herrn Smith bey der Hand; sagte ihm, daß es mir leid waͤre, daß wir nicht mehr Zeit haͤtten, besser mit einander bekannt zu werden; rief dem ehrlichen Joseph ein Fahre wohl zu, der das Maul, indem ich vorbeygieng, zuzog, als wenn er dachte, seine Zaͤhne waͤren noch in Ge- fahr; nahm von Frau Smithinn Abschied und bat sie, mich ihrer schoͤnen Hausgenoßinn zu em- pfehlen, stimmte ein Liedlein an, und sprang, weil die Saͤnfte gekommen war, in dieselbe hin- ein. Das Volk, welches sich um die Thuͤre her- um gesammlet hatte, schien mit mir vergnuͤgt zu seyn; und einer rief: Ein munterer Caval- lier, ich versichere! So ward ich nach meinem Befehl zu Whitens Haus getragen. So bald als ich dahin kam, befahl ich Wil- helmen wegzugehen, sich umzukleiden, sich durch seine schwarze Perucke und durch Zuschließung seines seines Mauls unkenntlich zu machen, und alsdenn um Smithens Hause auf der Lauer zu seyn, da- mit er alle Bewegungen der Fraͤulein erfahren koͤnnte. Jch gebe dir diese unverschaͤmte Nachricht von mir selbst, damit du wider mich toben und mich verhaͤrtet, und was du willst, nennen moͤ- gest. Denn einmal war ich froh, daß ich noch lebte, da ich erst vor so kurzem krank gewesen war. Hiernaͤchst aber war ich durch die un- vermuthete Abwesenheit meiner Schoͤnen so sehr in meiner Hoffnung betrogen, und so wohl dar- uͤber, als uͤber die ungeschliffene Begegnung von Vater Johann so verdrieslich, daß ich kein an- deres Mittel uͤbrig hatte, mich des Murrens und Unwillens gegen jedermann, der mir in den Weg kaͤme, zu erwehren. Ueber dieß war es mir eine Freude, durch die Abwesenheit der Fraͤulein und ihre schon des Morgens fruͤhe um sechse uͤbernommene Reise zu befinden, daß sie unmoͤglich so krank seyn koͤnnte, als du es be- schriebest: und dieses machte mich noch mun- terer. Alsdenn weiß ich auch, daß das Frauen- zimmer allezeit lustige und aufgeweckte Manns- personen gern siehet. Die liebe Fraͤulein selbst pflegte sich an meiner freudigen Gemuͤthsart und meinem lebhaften Wesen zu vergnuͤgen: und haͤtte sie gehoͤrt, daß ich in dem hintern Laden gesessen und um sie geheulet haͤtte; so wuͤrde sie mich noch geringer geschaͤtzet haben, als sie thut. Hiezu Hiezu kam die empfindliche Ueberzeugung bey mir, daß die Leute in dem Hause nothwendig eine schreckliche Vorstellung von mir, als von einem wilden Manne, einem blutduͤrstigen, verhaͤrteten Kerl, einem vollkommenen Weiberfresser, haben mußten, und mich sonder Zweifel mit den Klau- en eines Loͤwen, und den Zaͤhnen eines Tigers, zu sehen vermutheten. Es war also der Klug- heit gemaͤß, ihnen zu zeigen, was fuͤr ein un- schaͤdlicher, lustiger Kerl ich waͤre, damit ich mir die Johannen und Josephen zu Vertrauten machte. Denn ich sahe augenscheinlich, weil die gute Frau dieselben herunter rief, daß sie mich fuͤr einen gefaͤhrlichen Mann hielte. Nun aber, da Johann und ich uns mit einander ge- messen haben; da Frau Smithinn gesehen hat, daß ich das Gesicht, die Haͤnde und das Ansehen von einem Menschen habe, und aufgerichtet gehe, und schwatze, und lache, und scherze, wie andere Leute; und Joseph, daß ich von Zaͤhnausreißen schwatzen kann, ohne ihm das geringste Leid zu thun: so werden sie alle bey meinem naͤchsten Besuch weit geruhiger und vergnuͤgter mit mir seyn, als Andreas mit seinen Handschuhen war; und wir werden einander allezeit willkommen und eben so gut bekannt seyn, als wenn wir uns ein ganzes Jahr gekannt haͤtten. Als ich wieder in unserer Mutter Haus kam: verfluchte ich sie, und alle ihre Nymphen mit einander, aufs neue, und wollte noch durchaus weder Sarah, noch Marichen, sehen. Jch tobte tobte uͤber den schrecklichen Verhaft, und sagte dem alten Drachen, daß sie und ihre Bruth da- ran schuld waͤre, daß die reineste Tugend in der Welt zu schanden gemacht, meine Ehre vor der Welt beflecket, und ich nicht verheyrathet und in der Liebe der vortrefflichsten Person ihres Ge- schlechts gluͤcklich waͤre. Sie sagte, um mich zu besaͤnftigen, sie wollte mir ein neues Gesicht zeigen, das mir gefallen wuͤrde, weil ich doch meine Sarah nicht sehen wollte, die vor Betruͤbniß sterben moͤchte. Wo ist das neue Gesicht? rief ich. Laßt mich es sehen: ob ich gleich niemals ein Gesicht, als nur das Gesicht der Fraͤulein Harlowe mit Ver- gnuͤgen sehen werde. Sie will nicht herunter kommen, versetzte sie. Sie will noch nicht zu Befehl stehen ‒ ‒ Sie ist eben erst ins Garn gekommen. Man muß ihr aufwarten und sie noch dazu sehr liebkosen. Ey, sprach ich, das sieht wohl aus. Fuͤhret mich den Augenblick zu ihr. Jch folgte ihr die Treppe hinauf. Aber wer sollte es anders seyn, als die kleine Kroͤte, Sarah. O verflucht, sagte ich, fuͤr den Teufel, seyd ihr es? Jst eures das neue Gesicht? O mein lieber, lieber Herr Lovelace! rief sie: ich freue mich, daß noch etwas sie zu mir bringen kann. Und so fiel das kleine Thier mir um den Hals, und hing da, wie eine Katze. Was wol- len sie mir geben, sprach sie: so will ich auf eine Sechster Theil. F f f halbe halbe Stunde tugendhaft seyn und ihre Clarissa nach dem Leben vorstellen. Jch ward ganz zu einem Belford. Jch konnte eine solche Verspottung des lieben Kindes nicht leiden: denn ich bin hauptsaͤchlich von einer sanften und edelmuͤthigen Natur; ihr moͤget den- ken, was ihr wollt. Jch fluchte mit dem groͤß- ten Eifer auf sie, daß sie auf eine solche Art den Namen derselben in den Mund naͤhme. Allein der kleine Teufel ließ sich nicht irren: sondern fing an zu weinen, zu gluchsen, zu bitten, zu fle- hen, zu klagen, und ohnmaͤchtig zu werden; so daß ich niemals meiner liebenswuͤrdigen Fraͤulein so wohl nachaͤffen gesehen habe. Jch war bey- nahe davon eingenommen: denn ich haͤtte mir vorstellen koͤnnen, daß ich sie noch einmal vor mir haͤtte. O was fuͤr ein Geschlecht! was fuͤr ein durch- triebenes Geschlecht ist dieses. Man kann sie nicht erforschen. Anfangs mag freylich ihre Trau- rigkeit und ihr Kummer unverstellt und wahrhaf- tig seyn. Allein man lasse nur dem Sturm freyen Lauf: so wird er sich bald legen und nach und nach auf ein sanftes Gemurmel hinauskommen, das in den Ohren eine eben so angenehm zitternde Bewegung machet, als die Toͤne einer wohlge- stimmten Violine. An Sarah sieht man, daß die Kunst uͤberhaupt die Stelle der Natur so wohl vertreten wird, daß man den Unterschied nicht leicht merken wird. Die Fraͤulein Harlowe ist in der That, nach meinen Gedanken, die einzige Weibs- Weibsperson, die in den Worten ihres geliebten Schriftstellers, Hiobs; denn ich kann eben so gut als sie einen Spruch anfuͤhren; sagen kann: Aber so ist es mit mir nicht. Sie fragten sehr genau nach meiner Schoͤ- nen. Sie erzaͤhlten mir, daß ihr selten zu ihnen kaͤmet, und, wenn ihr noch kaͤmet, ein gewaltig ernsthaftes Gesicht machtet, kaum fuͤnf Minuten bleiben wolltet, und nur bestaͤndig die Fraͤulein Harlowe ruͤhmetet und ihr hartes Schicksal be- klagtet: kurz, daß ihr sie verachtetet, voll von Lehr- spruͤchen waͤret, und sonder Zweifel in kurzem verlohren seyn und heyrathen wuͤrdet. Eine artige Beschreibung fuͤr dich! nicht wahr? Du bist auf einem begluͤckten Wege, und hast nichts mehr zu thun, als auf demsel- ben fortzuwandern. Aber was fuͤr ein Werk hast du denn zu vollfuͤhren? Wo du umkehrest: so werden es diese Zauberinnen machen wie die Cosacken des Czars, bey Pultowa, denk ich, war es, welche mit geladenem und aufgespannten Ge- wehr hinter das ordentlich geuͤbte Kriegsvolk ge- stellt waren, sie zu erschießen, wo sie nicht mehr angreiffen und siegen wollten. Du wirst von ei- ner jeden Hure, die du gemacht hast, alsdenn verachtet werden. ‒ ‒ Und, o Bruder! wie fuͤrchterlich wird in dem Fall die Anzahl deiner Feinde seyn! Jch bin willens, alle meine Bewegungen nach den Nachrichten, die Wilhelm einziehet, ein- zurichten. Denn ich muß und will dieß liebe F f f 2 Kind Kind sehen. Jedoch habe ich dem Lord M. ver- sprochen, binnen zween oder dreyen Tagen aufs laͤngste wieder unten zu seyn. Denn er ist seit meiner Krankheit gewaltig fuͤr mich eingenom- men gewesen. Jch mache mir Hoffnung, daß mein Vorge- ben, morgen fruͤhe wieder von London wegzuge- hen, die Fraͤulein bald nach Hause zuruͤckbringen werde. Unterdessen, dachte ich, wollte ich schreiben, dich aufzumuntern, da du so wichtige und noth- wendige Geschaͤffte bey dem Sterbenden hast. Weil dein Bedienter alle Tage, wie es scheinet, hin und her kommt: so kann ich dir vielleicht morgen noch einen Brief mit der Nachricht von demjenigen senden, was bey der Zusammenkunft zwischen der lieben Fraͤulein und mir, nach wel- cher meine Seele duͤrstet, vorgefallen ist. Der Hundert und vier und zwanzigste Brief von Hrn. Lovelace an Hrn. Joh. Belford. Donnerst. den 22ten Aug. J ch muß fortschreiben, mir selbst einen Zeit- vertreib und Ermunterung zu machen. Denn ich kann keine Ruhe, keine erquickende Ruhe finden. finden. Jch bin eben in einem verfluchten Schre- cken erwachet. Wie sehr kann doch ein Mensch durch Traͤume beunruhiget werden. „Mich dauchte, ich hatte eine Unterredung „mit meiner Geliebten. Sie war die Guͤte, Ge- „faͤlligkeit und Vergebung selbst. Sie ließ sich „durch die vereinigten Fuͤrbitten des Lords M. der „Lady Sarah, der Lady Elisabeth und meiner „beyden Basen Montague zu meinem Vortheil „bewegen. Diese machten ihr alle in tiefer Trauer „die Aufwartung: die Frauenzimmer in langen „Schleppen, welche die Erde hinter ihnen feg- „ten; der Lord M. in einem langen schwarzen „Mantel, der hinter ihm schleifte. Sie sagten „ihr, sie kaͤmen in diesen Kleidern, ihre Betruͤb- „niß uͤber meine Suͤnden gegen sie zu bezeigen, „und bey ihr um Vergebung fuͤr mich zu bitten. „Jch selbst, so kam es mir vor, lag auf mei- „nen Knieen, mit einem Degen in der Hand, „und erbot mich, ihn in die Scheide zu stecken, „oder mir ins Herz zu stossen: wie sie entweder „das eine, oder das andere, befehlen wuͤrde. „Den Augenblick kam ihr Vetter Morden, „wie ich dachte, ploͤtzlich mit bloßem Degen zu „einem Fenster, wie ein Blitz, hereingeschossen „‒ ‒ Stirb, Lovelace! sprach er, stirb auf der „Stelle und sey verdammt: wo du meiner Base „das ihr widerfahrne Unrecht nicht im Ernst wie- „der gut machen willst. „Jch stand auf, traͤumte mir, diesen Schimpf „zu raͤchen: als der Lord M. mit seinem großen F f f 3 „schwar- „schwarzen Mantel zwischen uns rannte und ihn „uͤber mein Gesicht warf. Den Augenblick schlug „meine Geliebte, mit der angenehmen Stimme, „welche so oft meine Ohren entzuͤcket hatte, ihre „Arme um mich herum, so wie ich in dem Man- „tel meines Lords verhuͤllet war. O schonen sie, „waren ihre Worte, schonen sie meines Lovela- „cens! Und schonen sie, o Lovelace, meines ge- „liebten Vetters Morden! Machen sie nicht, daß „mein Ungluͤck durch den Fall eines von denen, „die mir so theuer und werth sind, oder gar durch „beyder Fall vermehret werde. „Hieruͤber wollte ich, wie es mir vorkam, voll „Entzuͤckung uͤber ihre liebreiche Vermittelung, „sie in meine Arme fassen: als eine englische Ge- „stalt, die vortrefflichste, welche ich jemals gese- „hen habe, mit einem durchsichtigweisen Glanz „bekleidet, oben aus einer Decke herunter stieg. „Jndem diese sich oͤffnete: zeigte sich noch eine „Decke uͤber ihr, welche um und um mit guͤldenen „Cherubinen und glaͤnzenden Seraphinen besetzt „war. Alle riefen mit Frohlocken: Willkommen, „willkommen, willkommen! Sie umschlossen „meine Schoͤne und fuhren mit ihr zu der Ge- „gend der Seraphinen hinauf. Jn dem Augen- „blick schloß sich die geoͤffnete Decke zu; ich ver- „lohr meine Geliebte und die glaͤnzende Ge- „stalt zugleich aus dem Gesichte, und fand ihr „himmelblaues Kleid, reich mit silbernen Ster- „nen von erhabener Arbeit besetzt, in meinem Arm „zusammengewickelt. Dieß Kleid hatte ich er- ergriffen, „griffen, in Hoffnung, sie zuruͤckzuhalten: allein „es war alles, was mir von meiner geliebten Fraͤu- „lein Harlowe uͤbrig war. Darauf; es ist mir „noch schrecklich zu erzaͤhlen! senkte sich der Bo- „den unter mir, wie sich die Decke fuͤr sie geoͤffnet „hatte: und ich fiel in die fuͤrchterlichste Grube. „Jndem ich aber uͤber Hals und Kopf hinunter „taumelte: erwachte ich in einem ploͤtzlichen „Schrecken; und war in der That, eine halbe „Stunde uͤber, in solcher Unordnung, als wenn „mein Traum eine wirkliche Begebenheit gewe- „sen waͤre. Wirst du mir zu gute halten, daß ich dich mit solchem schwaͤrmerischen Zeuge beschwere? Du wirst nur so viel daraus sehen, daß meine Cla- rissa mir allezeit gegenwaͤrtig ist; ich mag schla- fen oder wachen. Aber eben diesen Augenblick kommt Wilhelm hierher gerannt und meldet mir, daß die Fraͤulein wirklich gestern Abends zwischen eilfen und zwoͤl- fen zu Hause gekommen, und nun da sey: ob gleich sehr krank. Jch eile zu ihr. Aber damit ich ihre Unpaͤß- lichkeit nicht durch ein rauhes oder ungestuͤmes Bezeigen vermehren moͤge: will ich bey meinem Zutritt und in meinem Antrage so liebreich und sanftmuͤthig seyn, als dieses Taͤubchen selbst zu seyn pfleget. Zeugt alles Himmels Heer! bezeugt daß ich sie liebe; Daß sie mir lieb und werth, und zwar aus reinem Triebe; F f f 4 Daß Daß sie mir werther ist, als dem das Tageslicht, Dem zu verwuͤnschter Quaal der Augenspiegel bricht; Daß sie mir werther ist, als denen selbst das Leben, Die in der groͤßten Furcht vor ihrem Tode schwe- ben. Die Saͤnfte ist gekommen. Jch fliege zu meiner Geliebten. Der Hundert und fuͤnf und zwanzigste Brief von Herrn Lovelace an Hrn. Joh. Belford. V erflucht sey mein Gestirn! ‒ ‒ Wiederunm in meiner Hoffnung betrogen. Es war um acht Uhr, da ich in Smithens Haus kam. ‒ ‒ Die Frau war in dem Laden. So, alte Bekannte, wie befinden sie sich nun? Jch weiß, daß meine Geliebte oben ist ‒ ‒ Sa- gen sie ihr, daß ich hier sey, und auf Erlaubniß warte, zu ihr zu kommen, aber mich nicht abwei- sen lassen koͤnne. Vermelden sie ihr, daß ich mich mit dem ehrerbietigsten Gehorsam, und in wessen Gesellschaft es ihr beliebt, zu ihr nahen, und, ohne ihre Erlaubniß, nicht den Saum ihres Kleides anruͤhren wolle. Jn Jn der That, mein Herr, sie irren sich. Die Fraͤulein ist weder in diesem Hause, noch in der Naͤhe. Das will ich sehen ‒ ‒ Wilhelm! siehe zu ‒ ‒ Dieß sagte ich ihm ins Ohr, nachdem ich ihm gewinkt hatte zu mir zu kommen ‒ ‒ Siehe zu, ob du auf eine oder die andere Art auͤfspuͤren kannst, ob sie in der Nachbarschaft ist, wo nicht hier im Hause: jedoch ohne die Thuͤre aus dem Gesichte zu verlieren, damit sie nicht etwa unten seyn und fortgehen moͤge. Wilhelm buͤckte sich, und gieng weg. Jch stieg ohne weitere Umstaͤnde hinauf, und ward nun bloß von der guten Frauen allein begleitet. Jch ging in alle und jede Zimmer, dasjenige ausgenommen, welches das vorige mal und nun wieder, verschlossen war. Jch rief die Fraͤulein Harlowe mit der Stimme, die sich zur Liebe schi- cket: aber durch die Stille bey ihrem Stillschwei- gen ward ich uͤberzeuget, daß sie nicht da war. Jedoch zweifelte ich nicht, weil ich mich stark auf meine erhaltene Nachricht verließ, daß sie in dem Hause seyn wuͤrde. Also ging ich zwo Treppen hinauf und sahe mich in dem ersten Zimmer herum. Aber keine Fraͤulein Harlowe. Ey wer wohnt doch in diesem Zimmer? Das fragte ich, indem ich zu der Thuͤr von einer an- dern Stube trat. Eine adliche Witwe, mein Herr ‒ ‒ Fr. Lovick. F f f 5 O O meine werthe Fr. Lovick! sagte ich: ich habe durch meinen Vetter Johann Belford eine genaue Nachricht von ihrer Gemuͤthsart. Jch muß vor allen Dingen die Fr. Lovick sehen. Lie- be Fr. Lovick, oͤffnen sie die Thuͤr. Sie that es. Jhr Diener, Madame. Haben sie die Guͤte, mich zu entschuldigen. ‒ ‒ Sie haben meine Ge- schichte gehoͤret. Sie sind eine Bewunderinn des vortrefflichsten Frauenzimmers in der Welt. Wertheste Fr. Lovick, sagen sie mir, wo ist sie hin- gekommen? Die arme Fraͤulein, mein Herr, ist gestern weggegangen, ihrem Besuch auszuweichen. Wie so? Sie wußte ja nicht, daß ich hier seyn wuͤrde. Sie besorgte, sie moͤchten kommen: da sie hoͤrte, daß sie von ihrer Krankheit genesen waͤren ‒ ‒ O! mein Herr, was ist es Schade, daß ein so feiner Cavallier Gottes Guͤtte gegen ihn so schlecht vergelten soll! Sie sind ein vortreffliches Frauenzimmer, Fr. Lovick! das weiß ich aus meines Vetters Joh. Belfords Nachricht von ihnen: und die Fraͤu- lein Harlowe ist ein Engel. Freylich ist die Fraͤulein Harlowe ein Engel, antwortete sie: und sie wird auch bald Engeln Ge- sellschaft leisten. Kein Spaßen mit einer solchen Frau, als diese ist, Bruder. Sagen Sagen sie mir die Wahrheit, Frau Lovick. Wo kann ich diese liebe Fraͤulein sehen? Bey meiner Seele, ich will sie weder schrecken, noch beleidigen. Jch will sie nur bitten, mich eine hal- be Viertelstunde anzuhoͤren: und, wo sie es so verlangt, will ich sie hernach niemals mehr beun- ruhigen. Mein Herr, versetzte die Witwe, es wuͤrde der Tod fuͤr die Fraͤulein seyn, sie zu sehen. Sie ist die verwichne Nacht zu Hause gewesen: ich will ihnen die Wahrheit sagen. Es haͤtte sich auch fuͤr ihren Zustand besser geschickt, den gan- zen Tag im Bette zu bleiben. Sie kaͤme zu Hau- se, sagte sie, um zu sterben: und wo sie ihren Besuch nicht vermeiden koͤnnte, wuͤrde sie nicht im Stande seyn, vor ihnen zu fliehen; ja sie glaubte, sie wuͤrde vor ihren Augen sterben. Und doch diesen Morgen fruͤhe wieder auszu- gehen! Wie kann das seyn, Frau Lovick? Ey, mein Herr, sie hatte nicht zwo Stunden Ruhe, aus Furcht vor ihnen. Jhre Furcht mach- te sie stark: und dafuͤr wird sie leiden, wenn die Furcht voruͤber ist. Weil sie sich nun, je mehr sie daran dachte, desto weniger im Stande fand, zu bleiben, und ihren Besuch anzunehmen: so ließ sie eine Saͤnfte kommen, und hat sich weg- tragen lassen, niemand weiß, wohin. Jedoch glaube ich, daß sie willens war, sich an die Was- serseite bringen zu lassen, um ein Boot zu nehmen. Denn sie kann es mit einer Kutsche nicht aus- halten. halten. Es ist ihr gestern ausnehmend beschwer- lich gewesen. Allein, ehe wir weiter reden, sprach ich, wo sie außerhalb Hauses ist: so koͤnnen sie nichts dagegen einzuwenden haben, daß ich in alle Zim- mer oben und unten kucke; weil mir gesagt ist, daß sie sich wirklich hier im Hause befindet. Jn Wahrheit, mein Herr, sie ist nicht hier. Sie koͤnnen ihrer Begierde Genuͤge thun; wo es ihnen gefaͤllt: aber Fr. Smithinn und ich haben sie bis an die Saͤnfte begleitet. Wir waren ge- noͤthigt, ihr zu einer Stuͤtze zu dienen: so schwach war sie. Wohin, sagte sie, kann ich gehen, Fr. Lovick? Wohin kann ich gehen, Fr. Smithinn? ‒ ‒ Der grausame, grausame Mensch! Sagen sie ihm, daß ich ihn so genannt habe, wo er wie- der kommt. ‒ ‒ Gott gebe ihm die Ruhe, wel- che er mir nicht lassen will! Holdselige Fraͤulein! rief ich, schlug die Au- gen nieder und zog mein Schnupftuch hervor. Die Witwe weinte. Jch wuͤnschte, sagte sie, daß ich eine so vortreffliche Fraͤulein, die so vieles ausstehen muß, niemals gekannt haͤtte! Jch lie- be sie, als mein eignes Kind! Fr. Smithinn weinte. Hierauf ließ ich meine Hoffnung fahren, sie fuͤr dießmal zu sehen. Es kraͤnkte mich uͤber alle Maaßen, daß ich mich betrogen fand, und hoͤr- te, wie schlecht sie sich befaͤnde. O daß sie mich in den Stand setzen wollte, sprach ich, das ihr widerfahrne Unrecht und Uebel wie- wieder gut zu machen! Jch bin ein undank- barer Boͤsewicht gegen sie gewesen. Jch darf ih- nen nicht erst erzaͤhlen, Fr. Lovick, wie sehr ich sie beleidigt habe, und wie viel sie durch ihrer Ver- wandten Unversoͤhnlichkeit leidet. Das letzte, Fr. Lovick, das letzte, Fr. Smithinn, ist es, was ihr das Herz abnaget. Jhre Familie ist die unver- soͤhnlichste, die auf dem Erdboden seyn kann: und die liebe Fraͤulein zeigt dadurch, daß sie mich nicht sehen, und sich mit mir nicht aussoͤhnen will, ihre Verwandtschaft mit derselben ein wenig allzu deutlich. O mein Herr! nicht eine Sylbe von dem, was sie sagen, schickt sich auf die Fraͤulein. Jch habe niemals ein so liebreiches Kind, eine so er- bauliche Gottesfurcht, eine Person von einem so versoͤhnlichen Gemuͤthe gesehen! Sie klagt sich allemal selbst an, und entschuldigt ihre Verwand- ten. Was aber sie betrifft, mein Herr: so ver- giebt sie ihnen; sie wuͤnschet ihnen wohl; sie wuͤnscht, daß sie gluͤcklicher seyn moͤgen, als sie vor ihnen seyn kann. Warum wollen sie, mein Herr, warum wollen sie ihr nicht goͤnnen, in Ruhe zu sterben? Dieß ist alles, was sie wuͤn- schet. Sie sehen nicht wie ein unbarmherziger Cavallier aus! ‒ ‒ Wie koͤnnen sie denn eine arme Fraͤulein, auf welche niemand von ihren Verwandten sehen will, so jagen und verfolgen? Dieß macht, daß mein Herz fuͤr sie blutet. So weinte sie wieder. Fr. Smithinn wein- te auch. Mir ward nicht anders, als wenn ich auf auf Kohlen saͤße. Jch veraͤnderte zu verschiede- nen malen meinen Stuhl. Das, was Fr. Lovick weiter sagte, und mir zeigte, machte mich noch unruhiger. So schlecht sich die arme Fraͤulein verwichne Nacht befand, waren ihre Worte: so schrieb sie doch eine geistliche Betrachtung daruͤber, daß sie von ihnen so verfolget wird, in ihr Buch. Jch habe eine Abschrift davon. Wenn ich daͤchte, daß es einige Wirkung thun wuͤrde: so wollte ich sie ihnen vorlesen. Lassen sie mich sie selbst lesen, Fr. Lovick. Sie gab sie mir. Die Aufschrift sieht einem Harloweischen Geiste aͤhnlich, und ist von einem versoͤhnlichen Gemuͤthe unertraͤglich. Jch ver- langte sie mit mir zu nehmen. Fr. Lovick ge- stand es zu, unter der Bedingung, daß ich sie dem Ritter Belford zeigte. So magst du sie hier lesen, Herr Ritter Belford, wo du willst. Als ich von dem Feinde meiner See- len gejaget ward. Montags, den 21ten Aug. E rrette mich, o Herr, von dem boͤsen Men- schen. Bewahre mich vor dem gewaltthaͤ- tigen Manne. Der mit Ungluͤck in seinem Herzen um- gehet. Er hat seine Zunge geschaͤrfet, wie eine Schlange. Otterngift ist unter seinen Lippen. Be- Bewahre mich, o Herr, vor den Haͤn- den des Gottlosen. Bewahre mich vor dem gewaltthaͤtigen Manne, der sich vorgenommen hat, meine Gaͤnge zu umziehen. Er hat eine Falle fuͤr mich geleget. Er hat an der Seite des Weges ein Netz ausge- spannet. Er hat Fallstricke fuͤr mich in den Weg gestellet, in welchem ich wandelte. Bewahre mich vor den Fallen, die er mir geleget hat; und vor den Stricken dieses Werk- meisters der Bosheit. Der Feind hat meine Seele verfolget. Er hat mein Leben zu Grunde gerichtet. Er hat gemacht, daß ich im Finstern wohne, als diejenigen, welche lange todt gewesen sind. Daher ist mein Geist in mir uͤberschwem- met. Mein Herz in mir ist zerstoͤret. Verberge dein Antlitz nicht vor mir an dem Tage, da ich in Unruhe bin. Denn meine Tage sind verzehret, wie Rauch: und meine Beine sind verbrannt, wie der Feuerheerd. Mein Herz ist zerstoßen, und verwelket, mir Graß: so daß ich mein Brodt zu essen ver- gesse. Vor der Stimme meines Seufzens kleben meine Gebeine an meine Haut. Sechster Theil. G g g Jch Jch bin wie ein Pelikan in der Wildniß. Jch bin wie eine Eule in der Wuͤsten. Jch wache; und bin wie ein verlassener Sperling auf dem Giebel. Jch habe Asche gegessen, wie Brodt, und meinen Trank mit Weinen gemenget; Um deines Eifers und um deines Zornes willen: denn du hast mich erhoben und nieder- geworfen. Meine Tage sind wie ein Schatten, der ab- nimmt, und ich bin verwelket, wie Graß. Gieb nicht zu, o Herr, daß des Gottlosen Verlangen geschehe: foͤrdere nicht seine An- schlaͤge, damit er sich nicht erhebe. Ey, Fr. Lovick, sagte ich, nachdem ich diese geistliche Betrachtung, wie sie es nannte, durch- gelesen hatte, ich denke, daß mir von der Fraͤu- lein sehr hart begegnet ist, wo sie in dem allen mich meynet. Denn wie kann ich der Feind ihrer Seele seyn: da ich sie mit Seel und Leib liebe? Sie sagt, ich sey ein gewaltthaͤtiger Mann, und ein gottloser Mensch. ‒ ‒ Daß ich es gewe- sen sey, das gestehe ich: allein ich bereue es und wuͤnsche mir nur das Vermoͤgen, das Unrecht, welches ich ihr gethan habe, zu ersetzen. Der Fallstrick, die Falle, das Netze ge- hen vermuthlich auf das Heyrathen. ‒ ‒ Allein ist ist es ein Verbrechen an mir, daß ich sie zu hey- rathen wuͤnsche? Wuͤrde wohl irgend ein anderes Frauenzimmer so gedenken, und lieber ein Peli- kan in der Wildniß oder ein verlassener Sper- ling auf dem Giebel werden, als einen Gat- ten haben, der alle Tage und Naͤchte um sie her- um zwitschern wuͤrde? Sie sagt, sie habe Asche gegessen wie Brodt ‒ ‒ Ein wunderliches Versehen in Wahr- heit! ‒ ‒ und ihren Trank mit Weinen ge- menget ‒ ‒ Liebe schwaͤrmerische Seele! wuͤr- de ich von einem jeden sagen, der dieß bekennete, nur nicht von der Fraͤulein Harlowe. Sie beschließet mit dem Gebeth, daß das Verlangen des Gottlosen; ich fuͤrchte, sie meynt mich armen; nicht erfuͤllet, daß meine Anschlaͤge nicht gefoͤrdert werden, damit ich mich nicht selbst erhuͤbe. ‒ ‒ Jch wuͤrde mich ohne Zweifel erheben, und zwar mit Grun- de: wenn ich durch eine solche Frau geehret und begluͤckt werden koͤnnte. Hat aber mein Verlan- gen einen so loͤblichen Zweck: so weiß ich nicht, warum ich gottlos genannt und meine ruͤhmli- che Anschlaͤge nicht gefoͤrdert werden sollten, damit ich mich selbst erheben moͤge. Aber hier, Fr. Lovick, erlauben sie mir zu fragen, da sonder Zweifel mit dem verlaßenen Sperlinge auf dem Giebel etwas gemeynt wird: Jst die liebe Fraͤulein nicht eben itzo, sagen sie G g g 2 mir mir die Wahrheit, auf dem obersten Boden der Fr. Smithinn versteckt? ‒ ‒ Was sagen sie, Fr. Lovick? Was sagen sie hiezu, Fr. Smithinn? Sie versicherte mich des Gegentheils; daß sie wirklich außerhalb Hauses waͤre, und sie nicht wuͤßten, wo. Du siehest, Bruder, daß ich den Schmerz gern vertrieben haͤtte, den mir das Gespraͤch der Weibsleute und diese Sammlung von Schrift- stellen, welche mir als ein Kriegsheer in Schlacht- ordnung entgegengesetzt waren, zuwege brachte. Jch sagte auch noch verschiedne andere seltsame und nicht wichtige Dinge zu eben dem Ende; al- les, was ich dafuͤr zu sagen hatte! Aber die Wit- we wollte mich so nicht davon kommmen lassen. Sie blieb mir auf dem Halse, und machte mir, wie ich gedacht habe, durch ihre empfindliche und ernsthafte Verweise nicht wenig zu schaffen. Fr. Smithinn stimmte bisweilen mit ein: und weil die beyden Hannswuͤrste, Johann und Joseph, nicht zugegen waren; so hatte ich keine Gelegen- heit, aus der Unterredung einen Spaß zu ma- chen. Endlich verbanden sie sich beyde, und such- ten mit dem groͤßten Eifer mich zu gewinnen, daß ich alle Gedanken, die Fraͤulein zu sehen, fahren ließe. Allein davon konnte ich nichts hoͤ- ren. Jch bat vielmehr Fr. Smithinn, mir ei- nes von ihren Zimmern nur so lange, bis ich sie sehen koͤnnte, einzuraͤumen. Wenn es auch nur auf zween oder drey Tage seyn sollte: so wollte ich ich fuͤr ein ganzes Jahr bezahlen, und es den Augenblick wieder raͤumen, wenn ich mit ihr ge- sprochen haͤtte. Aber sie baten um Entschuldi- gung, und sagten, sie waͤren versichert, daß die Fraͤulein nicht eher zu Hause kommen wuͤrde, bis ich wegwaͤre, wenn es auch einen Monath dauren sollte. Dieß gefiel mir. Denn ich befand hiedurch, daß sie die Frauͤlein nicht fuͤr so gar krank hiel- ten, als sie mich gern uͤberreden wollten. Jch sagte aber nicht ein Wort von diesem Wink, der ihnen aus Versehen entfahren war: weil ich nicht machen wollte, daß sie gegen mehrere derglei- chen auf ihrer Huth seyn moͤchten. Kurz, ich erklaͤrte mich, daß ich sie sehen muͤßte und wollte: daß es aber mit aller Hoch- achtung und Ehrfurcht geschehen sollte, die nur irgend ein Herz so unvergleichlichen Vorzuͤgen, als sie an sich haͤtte beweisen koͤnnte. Jch wollte, setzte ich hinzu, alle Kirchen in London und West- minster, wo Bethstunden oder Gottesdienst waͤ- re, von dem Aufgange der Sonnen bis zu ihrem Untergange, nach der Reihe besuchen, und wie ein Gespenst um ihr Haus herumgehen: bis ich die Gelegenheit faͤnde, nach der sich meine See- le sehnte. Dieß, bat ich sie, ihr zu sagen: und so en- digte sich unsere ernsthafte Unterredung. Jch nahm Abschied von ihnen, und ging hinunter. Jndem ich in meine Saͤnfte trat, be- G g g 3 fahl fahl ich, daß man mich zu Lincolns-Jnn tragen sollte. Da spatzierte ich so lange im Garten, bis die Kapelle geoͤffnet wurde. Hierauf gieng ich hinein, und betete, in Hoffnung, das liebe Kind her- einkommen zu sehen. Aber vergebens: und gleich- wohl betete ich sehr andaͤchtig, daß sie entweder durch meinen, oder ihren guten Engel dahin ge- fuͤhret werden moͤchte. Und in Wahrheit, ich brenne mehr, als jemals, vor ungedultigem Verlangen, noch einmal zu den Fuͤßen dieser an- betungswuͤrdigen Fraͤulein knieen zu duͤrfen. Haͤt- te ich sie in der Kapelle angetroffen, oder zu Ge- sichte bekommen: so glaube ich fest, daß ich nicht im Stande gewesen seyn wuͤrde, sollte es auch mitten unter dem Gottesdienst und in Gegen- wart von Tausenden gewesen seyn, mich zu ent- halten, daß ich nicht vor ihr niedergefallen waͤre, und so gar mit lauter Stimme fußfaͤllig um Ver- gebung gebeten haͤtte. Ein christliches Werk! Die Ausuͤbung desselben schickt sich daher wohl fuͤr den Ort. Nachdem der Gottesdienst vorbey war: setz- te ich mich wieder in meine Saͤnfte, und ließ mich noch einmal zu Smithens Hause tragen, in Hoffnung, sie daselbst zu uͤberraschen. Allein kein solches Gluͤck fuͤr deinen Freund! Jch stand, nach meiner Uhr, anderthalb Stunden in dem hintern Laden, und mußte wieder viel Predigen von den Frauensleuten anhoͤren. Johann war itzo besonders hoͤflich gegen mich. Er war durch mein mein ernsthaftes Gespraͤche und die Ehre, welche ich gegen die Fraͤulein bezeugte, ein wenig ge- wonnen. Sie wuͤnschten alle drey, daß die Sa- chen zwischen uns beygelegt werden koͤnnten: aber bestanden noch immer darauf, daß die Fraͤu- lein niemals aus ihrer Krankheit kommen koͤnn- te; und daß ihr Herz gebrochen waͤre. Eine Rolle, vermuthe ich, die sie von dir hatten. Weil ich da war, wurde durch eine besonde- re Gelegenheit ein Brief an die Fraͤulein ge- bracht. Sie schienen ihn sehr sorgfaͤltig vor mir zu verbergen. Das machte mich argwoͤhnisch, daß er an sie seyn moͤchte. Jch bat, man moͤch- te mich nur das Siegel und die Aufschrift sehen lassen, und versprach, ihn unerbrochen zuruͤckzu- geben. Da ich ihn ansahe, sagte ich, daß ich die Hand und das Siegel kennete. Er waͤre von ihrer Schwester Siehe den XI. Brief des VII. Theils. : und ich hoffete, er wuͤrde ihr vergnuͤgte Nachrichten bringen. Sie wuͤnschten alle von Herzen, daß diese Hoffnung erfuͤllet werden moͤchte. Jch gab ih- nen den Brief wieder zuruͤck, nahm hoͤflich Ab- schied, und ging fort. Aber ich will alsobald wieder da seyn. Denn ich stelle mir vor, daß mein freundliches Bezei- gen gegen diese Weibsleute, auf ihre Nachricht davon, mir die Gewogenheit verschaffen werde, nach nach welcher ich ein so sehnliches Verlangen tra- ge. Daher will ich meinen Brief offen lassen, um dir den Erfolg meines naͤchsten Besuchs in Smithens Hause zu melden. Weil dein Bedienter eben anfragt: so sende ich dir gegenwaͤrtiges. Es soll bald noch ein Schreiben folgen. Unterdessen verlangt mich, zu hoͤren, wie es mit dem armen Belton stehe. Ver- sichere ihn meiner aufrichtigen Wuͤnsche fuͤr sein Wohl. Ende des sechsten Theils.