Von Deutscher Art und Kunst. Einige fliegende Blaͤtter. Hamburg , 1773 . Bey Bode . I. Auszug aus einem Briefwechsel uͤber Ossian und die Lieder alter Voͤlker. A I. Aus- I. Auszug aus einem Briefwechsel uͤber Ossian und die Lieder alter Voͤlker. … A uch ich bin, wie Sie, uͤber die Uebersetzung Ossians fuͤr unser Volk und unsre Sprache, eben so sehr als uͤber ein Episches Original entzuͤckt. Ein Dichter, so voll Hoheit, Unschuld, Ein- falt, Thaͤtigkeit, und Seligkeit des menschli- chen Lebens, muß, wenn man in faca Ro- muli an der Wuͤrksamkeit guter Buͤcher nicht ganz verzweifeln will, gewiß wuͤrken und Her- zen ruͤhren, die auch in der armen Schotti- schen Huͤtte zu leben wuͤnschen, und sich ihre Haͤuser zu solchem Huͤttenfest einweihen — Auch Denis Uebersetzung verraͤth so viel Fleiß und Geschmack, theils gluͤcklichen Schwung der Bilder, theils Staͤrke der deutschen Spra- che, daß ich auch sie gleich unter die Lieblings- buͤcher meiner Bibliothek gestellt, und Deutsch- land zu einem Barden Gluͤck gewuͤnscht, den A 2 der der schottische Barde nur gewecket — Aber Sie, der vorher so halsstarrig an der Wahr- heit und Authenticitaͤt des schottischen Ossians zweifelte, hoͤren Sie jetzt mich den Verthei- diger, nicht halsstarrig zweifeln, sondern be- haupten, daß Trotz alles Fleisses und Ge- schmacks und Schwunges und Staͤrke der deutschen Uebersetzung unser Ossian gewiß nicht der wahre Ossian mehr sey. Der Raum fehlt mir, das jetzt zu beweisen: ich muß also meine Behauptung nur, wie ein tuͤrkischer Mufti, sein Fetwa hinsetzen, und hier der Name des Mufti … … M eine Gruͤnde gegen den deutschen Ossian sind nicht blos, wie Sie guͤtigst waͤhnen, Eigensinn gegen den deut- schen Hexameter uͤberhaupt: denn was trauen Sie mir fuͤr Empfindung, fuͤr Ton und Harmonie der Seele zu, wenn ich z. E. den Kleistischen, den Klopstockischen Hexame- ter nicht fuͤhlen sollte? aber freylich, weil Sie doch Einmal selbst darauf gekommen sind, der Klopstocksche Hexameter bey Ossian? freylich auch hinc illæ lacrimæ! Haͤtte der Herr D. die eigentliche Manier Ossians nur etwas auch mit dem innern Ohre uͤberlegt — Ossian so so kurz, stark, maͤnnlich, abgebrochen in Bil- dern und Empfindungen — Klopstocks Ma- nier, so ausmalend, so vortreflich, Empfin- dungen ganz ausstroͤmen, und wie sie Wellen schlagen, sich legen und wiederkommen, auch die Worte, die Sprachfuͤgungen ergiessen zu lassen — welch ein Unterschied? und was ist nun ein Ossian in Klopstocks Hexameter? in Klopstocks Manier? Fast kenne ich keine zwo verschiednere, auch Ossian schon wuͤrklich wie Epopaͤist betrachtet. Aber das ist er nun nicht, und sehen Sie, das wollte ich Jhnen nur sagen, von jenem hat schon, wie mich duͤnkt, eine Kritische Bi- bliothek geredet, und das geht mich nichts an. Jhnen wollte ich nur in Erinnerung bringen, daß Ossians Gedichte Lieder, Lieder des Volks, Lieder eines ungebildeten sinnlichen Volks sind, die sich so lange im Munde der vaͤterlichen Tradition haben fortsingen koͤn- nen — sind sie das in unsrer schoͤnen epischen Gestalt gewesen? haben sies seyn koͤnnen? — mein Freund, wenn ich mich zuerst gegen Jhre zweifelnde Halsstarrigkeit gegen die Urspruͤng- lichkeit Ossians auf Nichts so sehr, als auf inneres Zeugniß, auf den Geist des Werks selbst berief, der uns mit weissagender Stim- me zusagte: „so etwas kann Macpherson un- moͤglich gedichtet haben! so was laͤßt sich in A 3 unserm unserm Jahrhunderte nicht dichten!‟ mit eben dem innern Zeugniß rufe ich jetzt eben so laut: „das laͤßt sich wahrhaftig nicht singen! in solchem Ton von einem wilden Bergvolke wahrhaftig nicht fortsingen und erhalten folg- lich ists nicht Osstan, der da sang, der so lan- ge fortgesungen wurde!‟ Was sagen Sie zu meinem innern Beweise? — naͤchstens fuͤlle ich Jhnen vielleicht damit Seiten! … S o eigensinnig fuͤr Jhren deutschen Ossian haͤtte ich Sie doch nicht ge- glaubt! Es mir durch Zergliederungen und einzelne Vergleichungen abzwingen zu wollen, „daß er gewiß so gut, als der Englische sey!‟ Jn Sachen der blossen, schnellen Empfindung, was laͤßt sich da nicht aus zergliedern? was nicht durch ein gruͤbeln des Zerlegen heraus be- weisen, was — wenigstens die vorige schnelle Empfindung gewiß nicht ist. Haben Sie es wohl diesmal bedacht, was Sie so oft, oft, und taͤglich fuͤhlen, „was die Auslassung Eines, „der Zusatz eines andern, die Umschreibung „und Wiederholung eines dritten Worts; „was mir andrer Accent, Blick, Stimme „der Rede durchaus fuͤr anderen Ton geben „koͤnne?„ Jch will den Sinn noch immer blei- bleiben lassen; aber Ton? Farbe? die schnel- leste Empfindung von Eigenheit des Orts, des Zwecks? — Und beruht nicht auf diesen alle Schoͤnheit eines Gedichts, aller Geist und Kraft der Rede? — Jhnen also immer zuge- geben, daß unser Ossian, als ein poetisches Werk so gut, ja besser, als der Englische sey — eben weil er ein so schoͤnes poetisches Werk ist, so ist er der alte Barde, Ossian, nicht mehr; das will ich ja eben sagen? Nehmen Sie doch Eins der alten Lieder, die in Shakespear, oder in den englischen Sammlungen dieser Art vorkommen, und ent- kleiden Sies von allem Lyrischen des Wohl- klanges, des Reims, der Wortsetzung, des dunkeln Ganges der Melodie: lassen Sie ihm blos den Sinn, so so, und auf solche und solche Weise in eine andre Sprache uͤbertra- gen; ists nicht, als wenn Sie die Noten in einer Melodie von Pergolese, oder die Let- tern auf einer Blattseite umwuͤrfen? wo blie- be der Sinn der Seite? wo bliebe Pergolese? Mir faͤllt eben das Liedchen aus Shakespears Twelfth-Night in die Haͤnde, bey welchem der Liebesieche Herzog von hinnen scheiden will: — that old and antik song Me thought it did relieve my passion much — A 4 More More than light airs and recollected terms Of these most brisk and giddy paced times — — it is old and plain The Spinsters and the Knitlers in the Sun And the free Maids that weave their Thread with Bones Do use to chant it: it is sitly soath And daillies with the innocence of Love Like the old Age — Nun, werden Sie bey solchem Lobe nicht so begierig, wie der verliebte Ritter selbst? Auf! uͤbersetzen Sies flugs in Denissche Hexame- ter: Song. Come away, come away, death! And in sad cypress let me be laid! Fly away, fly away, breath! I am slain by a fair cruel Maid! My Shrowd of white stuck all with yew Oh prepare it My Part of death, no one so true Did share it! Not a Flow’r, not a Flow’r sweet On my black Coffin let there be strown Not a Friend, not a Friend greet My poor Corps, where my Bones shall be thrown. A thousand thousand Sighs to save Lay me o where True Lover never find my Grave To weep there. Der Der sollte nicht mein Freund seyn, der bey diesem so einfaͤltigen, Nichtssagenden Liede, insonderheit lebendig gesungen, nichts mit fuͤhlte! Jndessen, wenn es uͤbersetzt wuͤrde ( Wieland hat es, so wie die Meisten dieser Art, nicht uͤbersetzt!) wenn der Einige fast, dem ich hiezu Biegsamkeit zutraue, der Saͤn- ger des Skaldengesanges und der Grabschrift Aspasiens, und des griechischen Schnitterlied- chens und der suͤssen Naͤnie auf Wachtel und das Schnittermaͤdchen des Himmels, und auf die Herzensangst jenes guten Pfarrers — wenn dieser Dichter, der so Mancherley, und dies Mancherley so vortreflich seyn kann, es uͤbersetzte, wie anders erhaͤlt er den Abdruck der innern Empfindung, als durch den Ab- druck des Aeussern, des Sinnlichen, in Form, Klang, Ton, Melodie, alles des Dunklen, Unnennbaren, was uns mit dem Gesange stromweise in die Seele fliesset. Schlagen Sie die Dodslei’schen Reliques of ancient Poetry auf, von Einem Ende zum Andern; uͤbersetzen Sie was und wie schoͤn Sie es wollen, aber ausser dem Ton des Ge- sanges, und sehen Sie denn, was Sie ha- ben werden! Sie kennen doch die liebe, suͤsse Romanze, von der ich mich wundere, daß sie sich in den A 5 Dods- Dodsleischen Reliques nicht finde: Heinrich und Kathrine In ancient times in Britain Isse Lord Henry was well knowne — ein englischer Schulrector, seines Namens Samuel Bishop, hat gewisse Ferias poeti- cas gefeyret: i. e. Carmina Anglicana Elegiaci plerumque argumenti (ich schrei- be Jhnen den verdienstvollen Titel) latine reddita geschrieben, und in diesen Carmi- nibus Anglicanis latine redditis ist auch unsre Romanze Elegiaci argumenti, und also auch Elegiaco versu, schoͤn skandirt und phraseologisirt, die sich also anhebt: Angliacos inter proceres innotuit olim Henricus priscæ nobilitatis honos! und wo ist nun die Romanze? — Daß es mit Ossian kaum anders sey, sehen Sie nur einmal die schoͤne Macferlansche Ueber- setzung von Temora. Der Verf. selbst ein Schotte? der Ossian singen gehoͤrt? ihn doch also fuͤhlen muß? Sehen Sie nun, was un- ter den Haͤnden des guten, flinken Lateiners aus der ruͤhrenden Stelle geworden ist, da Oscar faͤllt, und der Dichter ploͤtzlich abbre- chend, sich an seine Geliebte wendet — Jn der N. Bibl. der sch. W. Band 9. St. 2. S. 344. sind die Uebersetzungen aus Mac- ferson ferson Macferlan, und Denis neben ein- ander. Sie koͤnnen nachschlagen und se- hen! … … J hre Einwuͤrfe sind sonderbar. Bey alten Gothischen Gesaͤngen, wie Sie sie zu nennen belieben, bey Reimgedich- ten, Romanzen, Sonnets und dergleichen schon kuͤnstlichen oder gar gekuͤnstelten Stan- zen, geben Sie mir nach; aber bey alten unge- kuͤnstelten Liedern, wilder, ungesitteter Voͤl- ker — wilder ungesitteter Voͤlker? ich kann ihre Stelle kaum ausschreiben. So gehoͤrte ihr Ossian und sein edler, grosser Fingal so schlechthin zu einem wilden ungesitteten Volk? und wenn jener auch alles idealisirt haͤtte, wer so idealisiren konnte, und wem so idealisirt, dergleichen Bilder, dergleichen Geschichte, der Traum des Nachts, und das Vorbild des Tags, Gemuͤthserholung und beste Her- zenslust seyn konnte; der war wildes Volk? Wohin man doch abgerathen kann, um nur seine Lieblingsmeinung zu retten. Wissen Sie also, daß je wilder, d. i. je le- bendiger, je freywirkender ein Volk ist, (denn mehr heißt dies Wort doch nicht!) desto wilder, d. i. desto lebendiger, freyer, sinnlicher, lyrisch han- handelnder muͤssen auch, wenn es Lieder hat, seine Lieder seyn! Je entfernter von kuͤnstlicher, wissenschaftlicher Denkart, Sprache und Let- ternart das Volk ist: desto weniger muͤssen auch seine Lieder fuͤrs Papier gemacht, und todte Lettern Verse seyn: von lyrischen, vom leben- digen und gleichsam Tanzmaͤßigen des Gesan- ges, von lebendiger Gegenwart der Bilder, vom Zusammenhange und gleichsam Noth- drange des Jnhalts, der Empfindungen, von Symmetrie der Worte, der Sylben, bey man- chen sogar der Buchstaben, vom Gange der Melodie, und von hundert andern Sachen, die zur lebendigen Welt, zum Spruch- und Na- tionalliede gehoͤren, und mit diesem verschwin- den — davon, und davon allein haͤngt das Wesen, der Zweck, die ganze wunderthaͤtige Kraft ab, den diese Lieder haben, die Ent- zuͤckung, die Triebfeder, der ewige Erb- und Lustgesang des Volks zu seyn! Das sind die Pfeile dieses wilden Apollo, womit er Herzen durchbohrt, und woran er Seelen und Gedaͤcht- nisse heftet! Je laͤnger ein Lied dauren soll, desto staͤrker, desto sinnlicher muͤssen diese See- lenerwecker seyn, daß sie der Macht der Zeit und den Veraͤnderungen der Jahrhunderte trotzen — wohin wendet sich nun die Sache? Ohne Zweifel waren die Skandinavier, wie sie auch in Ossian uͤberall erscheinen, ein wilde- res res rauheres Volk, als die weich idealisirten Schotten: mir ist von jenen kein Gedicht be- kannt, wo sanfte Empfindung stroͤme: ihr Tritt ist ganz auf Felsen und Eis und gefrorner Erde, und in Absicht auf solche Bearbeitung und Kul- tur ist mir von ihnen kein Stuͤck bekannt, das sich mit den Ossianschen darinn vergleichen lasse. Aber sehen sie einmal im Worm, im Bar- tholin, im Peristiold, und Verel ihre Ge- dichte an — wie viel Sylbenmaasse! wie ge- nau jedes unmittelbar durch den fuͤhlbaren Takt des Ohrs bestimmt! aͤhnliche Anfangssyl- ben mitten in den Versen symmetrisch aufge- zaͤhlt, gleichsam Losungen zum Schlage des Takts, Anschlaͤge zum Tritt, zum Gange des Kriegsheers. Aehnliche Anfangsbuchstaben zum Anstoß, zum Schallen des Bardengesan- ges in die Schilde! Disticha und Verse sich ent- sprechend! Vokale gleich! Sylben Conson — wahrhaftig eine Rythmik des Verses, so kuͤnst- lich, so schnell, so genau, daß es uns Buͤcherge- lehrten schwer wird, sie nur mit den Augen auf- zufinden; aber denken Sie nicht, daß sie jenen lebendigen Voͤlkern, die sie hoͤrten und nicht la- sen, von Jugend auf hoͤrten und mit sangen, und ihr ganzes Ohr darnach gebildet hatten, eben so schwer gewesen sey. Nichts ist staͤrker und ewiger, und schneller, und feiner, als Ge- wohnheit des Ohrs! Einmal tief gefaßt, wie lange lange behaͤlt dasselbe! Jn der Jugend, mit dem Stammlen der Sprache gefaßt, wie leb- haft kommt es zuruͤck, und so schnell mit allen Erscheinungen der lebendigen Welt verbun- den, wie reich und maͤchtig kommt es wie er. Aus Musik, Gesang und Rede koͤnnt’ ich Jh- nen eine Menge sonderbarer Phaͤnomene an- fuͤhren, wenn ich einmal psychologisiren wollte! Denken Sie nicht, daß ich uͤbertreibe. Un- ter 136 Rhythmusarten der Skalden, habe ich nur Einen, den Saugbaren, in Worm naͤher studirt (denn ihre eigentliche Prosodie, der zwei- te Theil der Edda ist meines Wissens noch nicht erschienen!) und was denken Sie, wenn in diesem Rythmus von 8 Reihen nicht blos 2 Disticha, sondern in jedem Distichon 3 An- fangaͤhnliche Buchstaben, 3 consone Woͤrter und Schaͤlle, und diese in ihren Regionen wie- der so metrisch bestimmt sind, daß die ganze Strophe gleichsam eine prosodische Runentex- tur geworden ist — und alles waren Schaͤlle, Laute eines lebenden Gesanges, Wecker des Takes und der Erinnerung, alles klopfte, und stieß und schallte zusammen! — Machen Sie nun die Probe, und studiren Reyner Lod- brogs Sterbegesang in den Runen des Worms, und lesen denn die feine, zierliche Uebersetzung, die wir davon im Dentschen, in ganz anderm Ton und ganz anderm Sylben- maasse maasse haben — der verzogenste Kupferstich von einem schoͤnen Gemaͤlde! Nun komme je- mand und mache aus dem Schlachtgesang der Dysen, aus dem Zaubergespraͤch Odins am Thor der Hoͤlle, aus dem juͤngsten Gericht der Eddagoͤtter ein schoͤnes Heldengedicht in He- xametern, oder schoͤne griechische Sylben- maasse, wie Herr Denis aus dem Gespraͤch Gauls und Mornis, Fingals und Ros- kranen gemacht hat; aus Evind Skalda- spillers Trauerlied auf Hako eine Elegie im Ton der Rothschildsgraͤber — was wuͤrde Va- ter Odin und der alte Skaldaspiller sagen? — Daß sich nun diese Skaldische Rhytmik nicht auf Jsland und Skandinavien eingeschraͤnkt, koͤnnen sie aus Hickes, und andern; am neue- sten noch in den Dodslei’schen reliques aus der Vorabhandlung von dem complaint of conscience (Th. 2. B. 3. S. 277.) sehen, wo aus dem Angelsaͤchsischen dergleichen mehr als Eine Probe angefuͤhrt wird. Aber noch mehr. Gehen Sie die Gedichte Ossians durch. Bey allen Gelegenheiten des Bardengesanges sind sie einem andern Volk so aͤhnlich, das noch jetzt auf der Erde lebet, sin- get, und Thaten thut; in deren Geschichte ich also ohne Vorurtheil und Wahn die Geschichte Ossians und seiner Vaͤter mehr als Einmal le- bendig erkannt habe. Es sind die fuͤnf Na- tionen tionen in Nordamerika: Sterbelied und Kriegsgesang, Schlacht- und Grablied, histo- rische Lobgesaͤnge auf die Vaͤter und an die Vaͤ- ter — alles ist den Barden Ossians und den Wilden in Nordamerika gemein; der letzten Marter- und Rachelied nehme ich aus, dafuͤr die sanften Kaledonier ihre Gesaͤnge mit dem sanften Blut der Liebe faͤrbten. Nun sehen Sie einmal, was alle Reisebeschreiber, Char- levoix und Lafiteau, Roger, und Cad- wallader Colden vom Ton, vom Rythmus, von der Macht dieser Gesaͤnge auch fuͤr Ohren der Fremdlinge sagen. Sehen Sie nach, wie viel nach allen Berichten darinn auf lebende Bewegung, Melodie, Zeichen sprache und Pan- tomime ankoͤmmt, und wenn nun Reisende, die die Schotten kannten, und mit den Ameri- kanern so lange gelebt hatten, Kapt. Timber- lake z. B. die offenbare Aehnlichkeit der Gesaͤnge beyder Nationen anerkannten — so schliessen Sie weiter. Bey Denis stehen wir steif und fest auf der Erde: hoͤren etwa Sinn und Jn- halt in eigner, guter poetischer Sprache, aber nach der Analogie aller wilden Voͤlker kein Laut, kein Ton, kein lebendiges Luͤftchen von den Huͤ- geln der Kaledonier, das uns hebe und schwinge, und den lebendigen Ton ihrer Lieder hoͤren las- sen: wir sitzen, wir lesen, wir kleben steif und fest an der Erde. Als Als eine Reise nach England noch in meiner Seele lebte — o Freund, Sie wissen nicht, wie sehr ich damals auch auf diese Schotten rechnete! Ein Blick, dachte ich, auf den oͤf- fentlichen Geist, und die Schaubuͤhne, und das ganze lebende Schauspiel des englischen Volks, um im Ganzen die Jdeen mir aufzu- klaͤren, die sich im Kopf eines Auslaͤnders in Geschichte, Philosophie, Politik und Sonder- barkeiten dieser wunderbaren Nation, so dun- kel und sonderbar zu bilden und zu verwirren pflegen. Alsdenn die groͤßte Abwechselung des Schauspiels, zu den Schotten! zu Macferson! Da will ich die Gesaͤnge eines lebenden Volks lebendig hoͤren, sie in alle der Wuͤrkung sehen, die sie machen, die Oerter sehen, die allenthal- ben in den Gedichten leben, die Reste dieser alten Welt in ihren Sitten studiren! eine Zeit- lang ein alter Kaledonier werden — und denn nach England zuruͤck, um die Monumente ihrer Litteratur und ihre zusammengeschleppten Kunst- worte und das Detail ihres Charakters mehr zu kennen — wie freute ich mich auf den Plan! und als Uebersetzer haͤtte ich gewiß auf andern Wegen aͤhnliche Schritte thun wollen, die jetzt — Denis nicht gethan hat! Fuͤr ihn ist selbst die Macphersonsche Probe der Ursprache ganz vergebens abgedruckt gewesen. B … Sie … S ie lachen uͤber meinen Enthusias- mus fuͤr die Wilden beynahe so, wie Voltaire uͤber Rousseau, daß ihm das Gehen auf Vieren so wohl gefiele: Glauben Sie nicht, daß ich deswegen unsre sittlichen und gesitteten Vorzuͤge, worinn es auch sey, verachte. Das menschliche Geschlecht ist zu einem Fortgange von Scenen, von Bildung, von Sitten bestimmt: wehe dem Menschen, dem die Scene mißfaͤllt, in der er auftreten, han- deln und sich verleben soll! Wehe aber auch dem Philosophen uͤber Menschheit und Sitten, dem Seine Scene die Einzige ist, und der die Erste immer, auch als die Schlechteste, verkennet! Wenn alle mit zum Ganzen des fortgehenden Schauspiels gehoͤren: so zeigt sich in jeder eine neue, sehr merkwuͤrdige Seite der Mensch- heit — und nehmen Sie sich nur in Acht, daß ich Sie nicht naͤchstens mit einer Philologie aus den Gedichten Ossians heimsuche. Die Jdeen wenigstens dazu liegen tief und le- bendig genug in meiner Seele, und sie wuͤrden manches Sonderbare lesen! Fuͤr jetzt. Wissen Sie, warum ich ein solch Gefuͤhl theils fuͤr Lieder der Wilden, theils fuͤr Ossian insonderheit habe? Ossian zuerst, habe ich in Situationen gelesen, wo ihn die meisten, meisten, immer in buͤrgerlichen Geschaͤften, und Sitten und Vergnuͤgen zerstreute Leser, als blos amusante, abgebrochene Lecture, kaum lesen koͤnnen. Sie wissen das Aben- theuer meiner Schiffahrt; aber nie koͤnnen Sie sich die Wuͤrkung einer solchen, etwas langen Schiffahrt so denken, wie man sie fuͤhlt. Auf Einmal aus Geschaͤften, Tumult und Ranges- possen der buͤrgerlichen Welt, aus dem Lehn- stuhl des Gelehrten und vom weichen Sopha der Gesellschaften auf Einmal weggeworfen, ohne Zerstreuungen, Buͤchersaͤle, gelehrten und ungelehrten Zeitungen, uͤber Einem Brette, auf ofnem allweiten Meere, in einem kleinen Staat von Menschen, die strengere Gesetze haben, als die Republik Lykurgus, mitten im Schauspiel einer ganz andern, lebenden und webenden Natur, zwischen Abgrund und Him- mel schwebend, taͤglich mit denselben endlosen Elementen umgeben, und dann und wann nur auf eine neue ferne Kuͤste, auf eine neue Wolke, auf eine ideale Weltgegend merkend — nun die Lieder und Thaten der alten Skalden in der Hand, ganz die Seele damit erfuͤllet, an den Orten, da sie geschahen — hier die Klippen Olaus vorbey, von denen so viele Wunderge- schichte lauten — dort dem Eilande gegenuͤber, das jene Zauberose, mit ihren vier maͤchtigen Sternebestirnten Stieren abpfluͤgte, „das B 2 „Meer „Meer schlug, wie Platzregen, in die Luͤfte „empor, und wo sich, ihren schweren Pflug „ziehend, die Stiere wandten, glaͤnzten 8 „Sterne vor ihrem Haupte„ uͤber dem Sand- lande hin, wo vormals Skalden und Vikinge mit Schwerdt und Liede auf ihren Rossen des Erdeguͤrtels (Schiffen) das Meer durchwan- delten, jetzt von fern die Kuͤsten vorbey, da Fingals Thaten geschahen, und Ossians Lieder Wehmuth sangen, unter eben dem Weben der Luft, in der Welt, der Stille — glauben Sie, da lassen sich Skalden und Barden anders lesen, als neben dem Katheder des Professors. Wood mit seinem Homer auf den Truͤmmern Tro- ja’s, und die Argonauten, Odysseen und Lusia- den unter wehendem Segel, unter rasselndem Steuer: Die Geschichte Uthals und Nina- thoma im Anblick der Jnsel, da sie geschahe; wenigstens fuͤr mich sinnlichen Menschen ha- ben solche sinnliche Situationen so viel Wuͤr- kung. Und das Gefuͤhl der Nacht ist noch in mir, da ich auf scheiterndem Schiffe, das kein Sturm und keine Fluth mehr bewegte, mit Meer bespuͤlt, und mit Mitternachtwind um- schauert, Fingal las und Morgen hofte … Verzeihen Sie es also wenigstens einer altern- den Einbildung, die sich auf Eindruͤcke dieser Art, als auf alte bekannte und innige Freunde stuͤtzet. — Aber Aber auch das ist noch nicht eigentlich Ge- nesis des Enthusiasmus, uͤber welchen Sie mir Vorwuͤrfe machen: denn sonst waͤre er vielleicht nichts als individuelles Blendwerk, ein blosses Meergespenst, das mir erscheinet. Wissen Sie also, daß ich selbst Gelegenheit gehabt, lebendige Reste dieses alten, wilden Gesanges, Rhytmus, Tanzes, unter lebenden Voͤlkern zu sehen, denen unsre Sitten noch nicht voͤllig Sprache und Lieder und Gebraͤuche haben neh- men koͤnnen, um ihnen dafuͤr etwas sehr Ver- stuͤmmeltes oder Nichts zu geben. Wissen Sie also, daß, wenn ich einen solchen alten — — Gesang mit seinem wilden Gange gehoͤrt, ich fast immer, wie der franzoͤsische Marcell ge- standen: que de choses dans un menuet! oder vielmehr, was haben solche Voͤlker durch Umtausch ihrer Gesaͤnge gegen eine verstuͤm- melte Menuet, und Reimleins, die dieser Me- nuet gleich sind, gewonnen? — Sie kennen die beyden lettischen Lieder- chen, die Leßing in den Litteraturbrie- fen aus Ruhig anzog, und wissen, wie viel sinnlicher Rhythmus der Sprache in ihrem We- sen liegen mußte; lassen Sie mich itzt ein paar Peruanische aus Garcilasso di Vega zie- hen, die ich nach Worten, Klang, und Rhyth- mus so viel moͤglich uͤbertragen; Sie werden aber gleich selbst sehen, wie weit sie sich uͤbertra- gen lassen. B 3 Das Das Erste ist die Serenate eines Liebhabers in der Abenddaͤmmerung: Schlummre, schlummr’, o Maͤdchen, Sanft in meine Lieder, Mitternachts, o Maͤdchen, Weck’ ich dich schon wieder! Was laͤßt sich seinem Maͤdchen mehr und suͤsser sagen? — Das andre ist ein blosses Bild, eine Fiktion ihrer Mythologie von Donner und Blitz. Jn den Wolken ist eine Nymphe mit einem Wasserkruge in der Hand, bestellet, um zu gehoͤriger Zeit der Erde Regen zu geben. Unterlaͤßt sies, laͤßt sie die Erde in Duͤrre schmach- ten, so koͤmmt ihr Bruder, zerschlaͤgt ihren Krug, das giebt Blitz und Donner, und denn zugleich Regen. Wenn die Dichtung vom Ungewitter in der Duͤrre, mit Regen be- gleitet, Jhnen als sinnlich, als anschauend ge- gefaͤllt: so hoͤren sie das Lied oder Gebet an sie, wie Sie wollen: Schoͤne Goͤttin, Himmelstochter! Mit dem vollen Wasserkruge, Den dein Bruder Jetzt zerschmettert Daß es wettert Ungewitter, Blitz und Donner! Schoͤne Schoͤne Goͤttin, Koͤnigstochter! Und nun traͤufelst Du uns Regen, Milden Regen! Doch oft streuest Du auch Flocken Und auch Schlossen! Denn so hat dir Er der Weltgeist! Er der Weltgott! Virakocha! Macht gegeben Amt gegeben! Als Weisheit habe ich das Liedchen nicht angefuͤhrt: denn Sie wissen, in welchem Ruf die dummen Peruaner stehen? ich rede von Symmetrie des Rhythmus, des Sangbaren, und da arbeitet meine Nachbildung dem Ori- ginal so matt und schwach nach. Sie kennen das Kleistische Lied eines Lapplaͤnders, und die Hand dieses braven Man- nes konnte fuͤr uns gewiß nicht anders, als verschoͤnern: aber wenn ich Jhnen nun den ro- hen Lapplaͤnder gaͤbe? — wenigstens aus der dritten Hand, denn ich habe Scheffer nicht bey mir: O Sonne, dein hellester Schimmer beglaͤnze den Orra See! Jch wuͤrde den Fichtengipfel ersteigen, koͤnnt’ ich schauen den Orra-See! B 4 Jch Jch wuͤrd’ ihn ersteigen, den Gipfel, meine Blumenfreundinn zu sehn! Jch wuͤrd ihn bescheeren, ihm alle Zweige, seine gruͤnen Zweige stuͤmmeln — Haͤtt’ ich Fluͤgel, zu dir zu fliegen, Fluͤgel der Kraͤhen Dem Laufe der Wolken folgt’ ich, ziehend zum Orra-See! Aber mir mangeln die Fluͤgel! Entefluͤgel! Fuͤsse der Ente! Rudernde Fuͤsse der Gaͤnse, die mich zu dir bringen! O du hast lange gewartet, so viel Tage! schoͤne Tage, Du mit erquickenden Augen, mit deinem freund- lichen Herzen! — Was ist staͤrker, als Flechte Sehnen! als eisene, maͤchtige Ketten So fesselt uns die Liebe, die Umschafferinn Sinns und Willens: Denn der Wille des liebenden Juͤnglings ist Windesgang Die Gedanken des Liebenden lange Gedanken! Folgt ich ihnen allen, ich irrte vom rechten Weg’ ab. Drum bleibt mir Ein Entschluß, die sichre Bahn zu gehn! Es ist, wie gesagt, aus der dritten Hand, die- ses lapplaͤndische Lied — Aber noch immer, wie natuͤrlich, wie sehnlich sinnet der junge, begehrende Lapplaͤnder, dem sein Weg zu lange wird, dem Alles, was er sieht, Sonne und Wipfel und Wolke und Kraͤhe und Ruderfuͤsse sich sich zum Orrasee, auf sein Maͤdchen beziehen muß! Der auf die Schnelle und Langsam- keit seines Weges, auf sein Hineilen der Seele, auf seine vorwandernde Gedanken, auf seine Lust, Richtsteige zu suchen, wie natuͤrlich! wie sehnlich zuruͤck kommt! Que de choses dans un menuet! und ich liefre Jhnen doch nur die stammlendsten, zerrissensten Reste. Ein andres lapplaͤndisches Liebeslied an sein Rennthier wollte ich Jhnen auch mittheilen; aber es ist verworfen, und wer mag Zettel su- chen? Dafuͤr stehe hier ein altes, recht schau- derhaftes Schottisches Lied, fuͤr das ich schon mehr stehen kann, weil ichs unmittelbar aus der Ursprache habe. Es ist ein Gespraͤch zwi- schen Mutter und Sohn, und soll im Schotti- schen mit der ruͤhrendsten Landmelodie beglei- tet seyn, der der Text so viel Raum goͤnnet: Dein Schwerdt, wie ists von Blut so roth? Edward, Edward!| Dein Schwerdt, wie ists von Blut so roth Und gehst so traurig da! — O! Jch hab geschlagen meinen Geyer todt Mutter, Mutter! Jch hab geschlagen meinen Geyer todt, Und das, das geht mir nah! — O! Dein’s Geyers Blut ist nicht so roth! Edward, Edward! Dein’s Geyers Blut ist nicht so roth, Mein Sohn, bekenn mir frey! — O! B 5 Jch Jch hab geschlagen mein Rothroß todt! Mutter, Mutter! Jch hab geschlagen mein Rothroß todt! Und’s war so stolz und treu! O! Dein Roß war alt und hasts nicht noth! Edward, Edward, Dein Roß war alt und hasts nicht noth, Dich druͤckt ein ander Schmerz! O! Jch hab geschlagen meinen Vater todt, Mutter, Mutter! Jch hab geschlagen meinen Vater todt, Und das, das quaͤlt mein Herz! O! Und was wirst du nun an dir thun! Edward, Edward! Und was wirst du nun an dir thun? Mein Sohn, bekenn mir mehr! O! Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn! Mutter, Mutter, Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn! Will wandern uͤber Meer! O! Und was soll werden dein Hof und Hall, Edward, Edward, Und was soll werden dein Hof und Hall, So herrlich sonst und schoͤn! O! Ach! immer stehs und sink’ und fall, Mutter, Mutter, Ach immer stehs und sink’ und fall, Jch werd’ es nimmer sehn! O! Und was soll werden dein Weib und Kind, Edward, Edward? Und was soll werden dein Weib und Kind, Wann du gehst uͤber Meer — O! Die Welt ist groß! laß sie betteln drinn, Mutter, Mutter! Die Die Welt ist groß! laß sie betteln drinn, Jch seh sie nimmermehr! — O! Und was soll deine Mutter thun? Edward, Edward! Und was soll deine Mutter thun? Mein Sohn, das sage mir! O! Der Fluch der Hoͤlle soll auf Euch ruhn, Mutter, Mutter! Der Fluch der Hoͤlle soll auf Euch ruhn, Denn ihr, ihr riethets mir! O. Koͤnnte der Brudermord Kains in einem Po- pulaͤrliede mit grausendern Zuͤgen geschildert werden? und welche Wuͤrkung muß im leben- digen Rhytmus das Lied thun? und so, wie viele viele Lieder des Volks! Doch aus mei- nem Briefe soll kein Buch werden u. s. w. … E ndlich werden Sie aufmerksam, und mahnen mich um mehrere solche Volkslieder; ich aber beweise nun wieder ge- gen Sie Eigensinn. Denn aus Jhrem vorletz- ten Briefe z. E. ist mir noch ein Einwurf auf dem Herzen. „Auch Herr D. habe ja so viel lyrische Stuͤcke, und die so schoͤn waͤren!‟ Lyrische Stuͤcke hat er, und schoͤn sind sie; aber wie viel lyrische Stuͤcke, und wodurch sind sie schoͤn? Was ist das andre im Original, was bey ihm nicht lyrisch ist, der Grund des Ge- dichts, dichts, auf dem seine Oden nur Blumen sind, ist das Hexameter? Und denn auch, wie?| wo- durch sind sie schoͤn? Durch schoͤne Roͤmische, Griechische Sylbenmaasse, und durch so schoͤne Anordnung in denselben, daß ich ja eben des- wegen behauptet, sie seyn die schoͤnen Barden- lieder Ossians nicht mehr! Was macht Mac- pherson fast bey jedem solcher Stuͤcke fuͤr Aus- ruͤfe uͤber das Wilde, oder Sanfte, oder Feier- liche oder Kriegerische ihres Rhythmus, ihrer Melodien, ihrer Sylbenmaasse, das Seele des Gesangs sey — nun muß ich aber beken- nen, daß bey den meisten Faͤllen ich weder Wahl, noch Veranlassung eben zu solchen Roͤmischen und Griechischen Sylbenmaasse; ja wenn ich von den Gesaͤngen der Wilden uͤberhaupt Ton habe, nirgends Veranlassung zu Einem sol- cher Roͤmischen und Griechischen Sylbenmaasse sehe. Jch mag mit Herr D. nicht wetteifern; er hat so viel poetischen Styl und Sprache in seiner Gewalt; aber ich wolte Ein Stuͤck bey ihm sehen, das nicht in einem andern Sylben- maasse eben so gut, das ist, eben so geziert, erscheinen sollte, und maches ist, ohne Um- schweif, uͤbel gewaͤhlt. Zur Probe davon sehen Sie einmal den drit- ten Band durch. Da hat ihm, ich weiß nicht, welcher Kunstrichter, den Rath gegeben, mehr des Skaldischen Sylbenmaasses zu gebrauchen, und und nun sehen Sie, wie es der Uebersetzer miß- braucht hat. Die vortrefliche, so vielsaitige Goldharfe, die unter der Hand des daͤnischen Skalden allen Zauber- und Macht-und Leyer- und Wunderton hat annehmen koͤnnen, so wie gegenseitig den Ton der Liebe, der Freund- schaft, der Entzuͤckung, ist in den Haͤnden des Ueber setzers eine hoͤlzerne Trommel mit zween Schlaͤgen geworden. — Schade nur, daß eben dadurch die schoͤnen Lieder von Selma und das suͤsse Carrikthura verunstaltet sind. Jm ersten Bande hat der Uebersetzer gar eine Cantate in Reimen nach aller Form erfunden, und da ihm nun kaum zwey Reime gelingen, so sinkt dies ganze Stuͤck fast unter die Kritik hinab. Wie ganz anders hat Rlopstock auch hier z. E. in der Sprache gearbeitet! Der sonst so ausfliessende ausstroͤmende Dichter, wie kurz! wie stark und abgebrochen! wie altdeutsch hat er sich in seiner Hermanns-Schlacht zu seyn bestrebt! Welche Prose gleicht da wohl seinem Hexameter! welch lyrisches Sylbenmaaß seinen sonst so stroͤmenden griechischen Sylbenmaassen! Wenn in seinem Bardit wenig Drama ist: so ist wenigstens das Lyrische im Bardit, und im Lyrischen mindstens der Wortbau so Dra- matisch, so Deutsch! — Lesen Sie z. E. das edle, simple Stuͤckchen: Auf Moos’, am luftigen Bach ⁊c. und und so viele, ja fast alle andre, und dann zeigen Sie mir Etwas in dem Bardenton in Denis. Da nun Klopstock selbst sich so sehr hat verlaͤug- nen koͤnnen, veraͤndern muͤssen — ist dies Muß nicht eine grosse Lehre? Sie schreiben mir neulich, da Sie Denis Sylbenmaasse prie- sen, Jhnen sey bey seinem Fingal und Ros- krane Klopstocks Hermann und Thusnel- de (in den Brem. Beytr.) eingefallen: desto schlimmer, denn Klopstocks neuerer Bardeton ist wohl nicht ganz der in Hermann und Thu- snelde. Jch bins gewiß nicht allein, der die- sen veraͤnderten, haͤrtern Bardeton im neuern Klopstock empfindet, und ohne mich in das Bessre oder Schlechtre einzulassen, gehe ich gern mit den Jahren des Dichters, und mit der Natur fort, und bin stolz darauf das Deut- sche Bardenmaͤßige in seinem Was that dir Thor, dein Vaterland. und in allen neuern Stuͤcken, wo so viel kurzer, dramatischer Dialog und Wurf der Gedanken ist, zu empfinden — … D er Faden unsres Briefwechsels ver- vielfaͤltigt sich so, daß ich kaum mehr weiß, wo ich ihn angreifen soll, um ihn fort- fortzufuͤhren — am besten also, wo er mir in die Haͤnde faͤllt. Die Anmerkungen, die Sie „uͤber das Dra- matische in den alten Liedern‟ dieser Art machen, ist so nach meinem Sinn, daß ichs mir immer mit unter dem Charakterstuͤcken der Alten gedacht habe, die wir Neuere so wenig er- reichen, als ein todtes momentarisches Ge- maͤlde eine fortgehende, handelnde, lebendige Scene. Jenes sind unsre Oden; dies die ly- rischen Stuͤcke der Alten, insonderheit wilder Voͤlker. Alle Reden und Gedichte derselben sind Handlung: Lesen Sie z. E. im Charle- voix selbst die unvorbereitete Kriegs-und Frie- densrede des Eskimaux: es ist alles in ihr Bild, Strophe, Scene! Was fuͤr Handlung in Odins Hoͤllenfahrt, im Webegesange der Valkyriur, im Beschwoͤrungsliede der Hervor, und bey Ossian auf jeder Seite, in jedem Stuͤcke! Damit Sie nun nicht wie- der sagen, daß ich Jhnen viel nenne und nichts gebe: so mache ich mit Abtragung meiner Schuld den Anfang, und lege Jhnen, zumal ich jetzt zu schreiben, nicht mehr Zeit habe, ein paar der genannten bey. Jch haͤtte sie Jhnen so neu aufstutzen und idealisiren koͤnnen: denn blieben sie ja aber nicht mehr, was sie jetzt sind, und eben | am Alengo der Bildsaͤule, am dun- keln, keln, einfoͤrmigen, nordischen Zauberton der Stuͤcke, ist Jhnen und mir ja gelegen: Odins Hoͤllenfahrt. Es erhub sich Odin Der Menschen hoͤchster! Und nahm sein Roß Und schwang sich aufs Roß Und ritt hinunter Zu der Hoͤllen Thor. Da kam |ihm entgegen Der Hoͤllenhund! Blutbespritzt War seine Brust! Mit offnem Rachen, Und scharfem Gebiß Und Wuth und Schaum. Und riß den Rachen Und bellt’ entgegen Dem Zaubervater Und bellte lang! Und fort ritt Odin Und die Erd’ erbebte. Da kam er zum hohen Hoͤllenschloß, Und ritt gen Aufgang Zum Hoͤllenthor, Wo die Seherin Jm Grabe lag. Und sang der Weisen Todtenẽrweckenden Graͤbergesang: Und sah’ gen Rorden Und legte Runen Und Und beschwur und fragt’, Und foderte Rede Bis sie zuͤrnend endlich Sich erhub und begann Todtenstimme: „Wer ist der Mann? „Jch kenn’ ihn nicht! „Der meine Ruhe „Zu stoͤren beginnt! „Jch lag mit Schnee „Und Eis bedeckt, „Und Regen beflossen „Und Thau benetzt, „Und lag so lang!„ Ein Wandrer bin ich, Kriegerssohn. Du sollst mir Kunde Vom Hoͤllenreich geben. Jch will sie dir geben Aus meiner Welt! Jener goldne Sitz Wem ist er bereitet? Jenes goldne Bette Fuͤr wen stehts da? „Fuͤr Balder’n steht, „Sieh her! der Trank, „Der Honigtrank „Und der Schild liegt drauf! „Bald werden um ihn „Die Goͤtter trauren! „Unwillig red’ ich „Nun laß mich ruhn!„ Noch ruhe nicht, Jungfrau! Jch forsche| weiter C Und Und lasse nicht ab, Bis ich Alles weiß! Sprich, wer wird Baldern Den Tod bereiten? Und Leben berauben Odins Sohn? „ Hoder ists, „Der wird dem Bruder „Den Tod bereiten „Und Leben berauben „Odins Sohn! „Unwillig red’ ich „Nun laß mich ruhn! Noch ruh, nicht, Jungfrau! Jch forsche weiter, Und lasse nicht ab, Bis ich Alles weiß! Sprich, wer wird Hodern Den Haß vergelten Und Balders Moͤrder Zum Grabe senden? „Jn Westen wird Rinda „Dem Odin zu Nacht „Einen Sohn gebaͤren, „Der kaum gebohren „Wird Waffen tragen, „Seine Hand nicht waschen, „Sein Haar nicht kaͤmmen, „Bis er Balders Moͤrder „Zu Grabe gebracht. „Unwillig red’ ichs „Nun laß mich ruhn! Noch Noch ruhe nicht, Jungfrau! Jch forsche weiter, Und laß nicht ab Bis ich Alles weiß. Wer sind die Jungfraun, Die stumm dort weinen Und Himmel an werfen Jm Schmerz den Schley’r Noch das sprich mir Eher sollt du nicht ruhn! „O du kein Wandrer, „Wie ich erst gewaͤhnt! „Du bist Odin selbst „Der Menschen Hoͤchster. Und du keine Weise Propheten Jungfrau; Keine Seherin! Drey-Riesen-Mutter Vielmehr bist du! „Weg, Odin! wandre „Nachheim! hinweg! „Und ruͤhme daheim, „Daß Niemand der Menschen „Wie du’s vermocht, „Forschen wird, „Bis einst der Arge „Die Ketten bricht „Und die Goͤtter fallen „Und die Welt zerfaͤllt „Und Nacht beginnt! C 2 Der Der Webegesang der Valkyriur. (Der Schicksalsgoͤttinnen, vor der Schlacht, zu des Grafen Randvers Tod, und des Koͤnigs Siege) U mher wirds dunkel Von Pfeilgewoͤlken! Sie breiten umher sich Wetterverkuͤndend! Es regnet Blut! Auf! knuͤpfet an Spiesse Das Schicksalsgewebe Blutrothen Einschlags, Jhr Todesschwestern Zu Randvers Tod. Sie weben Gewebe Von Menschendaͤrmen! Menschenhaͤupter Haͤngen sie dran! Bluttriefende Spiesse Schiessen sie durch Und sind mit Waffen Und Pfeil geruͤstet Und dichten mit Schwerdter Das Sieggarn vest. Sie kommen zu weben Mit nackten Schwerdtern Hild, Hiorthrimul, Sangrida, Svipul, Eh die Sonne sinkt Werden Schilde spalten Und Panzer brechen Und Und Schwerdter treffen, Daß die Helme toͤnen. Wir weben, wir weben Schlachtgewebe! Dies Schwerdt trug einst Ein Koͤnigs Sohn! Hinaus, hinaus An die Schaaren hinan, Wo unsre Freunde Jn Waffen schon gluͤhn! Wir weben, wir weben Schlachtgewebe! Hinaus, hinaus Zum Koͤnig hinan! Qudr, Qondula! Da sahen sie schon Schilde blutroth Den Koͤnig decken! Wir weben, wir weben Schlachtgewebe! Hinaus, hinaus! Wo die Waffen toͤnen Und Helden fechten! Wir wollen nicht fallen Den Koͤnig lassen! Die Valkyriur walten Ueber Leben und Tod! Es soll gebiettn, Dem Erdenkreis Dies Volk der Wuͤste! Maͤchtiger Koͤnig Jch verkuͤnde dir Es naht in Pfeilen C 3 Ein Ein Tod heran! Dein Feind ist gefallen! — Und Jrrland wird Trauer treffen, Die seinen Soͤhnen Nie schwinden wird!’ Das Geweb’ ist gewebt! Das Schlachtfeld fließt Von rothem Blut! Der Krieg wird wuͤten Noch Laͤnder hindurch! Wie ists nun schrecklich Umherzuschaun! Blutwolken fliegen Jn der Luft umher! Ach! Kriegerblutes Wird die Luft getuͤncht, Eh unsre Stimmen Erfuͤllt einst sind. Singt all’ ihr Schwestern Dem Koͤnige Heil! Und Siegeslieder! Und Heil uns Schwestern Und unserm Gesang’! Und wer sie hoͤrt Die Schlachtgesaͤnge, Der lern’ und singe Sie den Kriegern vor. Und reiten auf Rossen Jn der Luft hinweg: Mit nackten Schwerdtern Hinweg von hier! … Habe … H abe ich denn je meine skaldische Ge- dichte in Allem fuͤr Muster neuerer Gedichte ausgeben wollen? Nichts weniger! sie moͤgen so einfoͤrmig, so trocken seyn: andre Nationen sie so sehr uͤbertreffen: sie moͤgen fuͤr Nichts als Gesaͤnge, nordischer Meistersaͤnger oder Improvisatori gelten; was ich mit ihnen beweisen will, beweisen sie. Der Geist, der sie erfuͤllet, die rohe, einfaͤltige, aber grosse, zaubermaͤßige, feyerliche Art, die Tiefe des Eindrucks, den jedes so starkgesagte Wort macht, und der freye Wurf, mit dem der Ein- druck gemacht wird — nur das wolte ich bey den alten Voͤlkern, nicht als Seltenheit, als Muster, sondern als Natur anfuͤhren, und daruͤber also lassen Sie mich reden. Sie wissen aus Reisebeschreibungen, wie stark und fest sich immer die Wilden ausdruͤk- ken. Jmmer die Sache, die sie sagen wollen sinnlich, klar, lebendig anschauend: den Zweck, zu dem sie reden, unmittelbar und genau fuͤh- lend: nicht durch Schattenbegriffe, Halbideen und symbolischen Letternverstand (von dem sie in keinem Worte ihrer Sprache, da sie fast keine abstracta haben, wissen) durch alle dies nicht zerstreuet: noch minder durch Kuͤnsteleyen, sklavische Erwartungen, furchtsamschleichende Politik, und verwirrende Praͤmeditation ver- dorben — uͤber alle diese Schwaͤchungen des C 4 Gei- Geistes seligunwissend, erfassen sie den ganzen Gedanken mit dem ganzen Worte, und dies mit jenem. Sie schweigen entweder, oder reden im Moment des Jnteresse mit einer un- vorbedachten Festigkeit, Sicherheit und Schoͤn- heit, die alle wohlstudierte Europaͤer allezeit haben bewundern muͤssen, und — muͤssen blei- ben lassen. Unsre Pedanten, die alles vor- her zusammen stoppeln, und auswendig lernen muͤssen, um alsdenn recht methodisch zu stam- meln; unsre Schulmeister, Kuͤster, Halbge- lehrte: Apotheker, und alle, die den Gelehr- ten durchs Haus laufen, und nichts erbeuten, als daß sie endlich, wie Shakespear’s Laun- celots, Policeydiener, und Todtengraͤber un- eigen, unbestimmt, und wie in der letzten To- desverwirrung sprechen — diese gelehrte Leute, was waͤren die gegen die Wilden? — Wer noch bey uns Spuren von dieser Festigkeit fin- den will, der suche sie ja nicht bey solchen; — unverdorbne Kinder, Frauenzimmer, Leute von gutem Naturverstande, mehr durch Thaͤ- tigkeit, als Spekulation gebildet, die sind, wenn das, was ich anfuͤhrete, Beredsamkeit ist, alsdenn die Einzigen und besten Redner unsrer Zeit. Jn der alten Zeit aber waren es Dichter, Skalden, Gelehrte, die eben diese Sicherheit und Festigkeit des Ausdrucks am meisten mit Wuͤrde Wuͤrde, mit Wohlklang, mit Schoͤnheit zu paa- ren wußten; und da sie also Seele und Mund in den festen Bund gebracht hatten, sich einan- der nicht zu verwirren, sondern zu unterstuͤtzen, beyzuhelfen: so entstanden daher jene fuͤr uns halbe Wunderwerke von αοιδοισ, Saͤngern, Barden, Minstrels, wie die groͤßten Dichter der aͤltsten Zeiten waren. Homers Rhapso- dien und Ossians Lieder waren gleichsam im promptus, weil man damals noch von Nichts als impromptus der Rede wußte: dem letz- tern sind die Minstrels, wiewohl so schwach und entfernt, gefolgt; indessen doch gefolgt, bis endlich die Kunst kam und die Natur aus- loͤschte. Jn fremden Sprachen quaͤlte man sich von Jugend auf Quantitaͤten von Sylben kennen zu lernen, die uns nicht mehr Ohr und Natur zu fuͤhlen gibt: nach Regeln zu arbeiten, deren wenigste, ein Genie, als Naturregeln anerkennet; uͤber Gegenstaͤnde zu dichten, uͤber die sich nichts denken, noch weniger sinnen, noch weniger imaginiren laͤßt; Leidenschaften zu erkuͤnsteln, die wir nicht haben, Seelen- kraͤfte nachzuahmen, die wir nicht besitzen — und endlich wurde Alles Falschheit, Schwaͤche, und Kuͤnsteley. Selbst jeder beste Kopf ward verwirret, und verlohr Festigkeit des Auges, und der Hand, Sicherheit des Gedankens und des Ausdrucks: mithin die wahre Lebhaftigkeit C 5 und und Wahrheit und Andringlichkeit. — Alles ging verlohren. Die Dichtkunst, die die stuͤr- mendste, sicherste Tochter der menschlichen Seele seyn sollte, ward die ungewisseste, lahmste, wankendste: die Gedichte fein oft corrigirte Kna- ben, und Schulexercitien. Und freylich, wenn das der Begriff unsrer Zeit ist, so wollen wir auch in den alten Stuͤcken immer mehr Kunst als Natur bewundern, finden also in ihnen bald zu viel, bald zu wenig, nachdem uns der Kopf steht, und selten was in ihnen singt, den Geist der Natur. Jch bin gewiß, daß Homer und Ossian, wenn sie aufleben und sich lesen, sich ruͤhmen hoͤren sollten, mehr als zu oft uͤber das erstaunen wuͤrden, was ihnen gegeben und ge- nommen, angekuͤnstelt, und wiederum in ihnen nicht gefuͤhlt wird. Freylich sind unsre Seelen heut zu Tage durch lange Generationen und Erziehung von Jugend auf anders gebildet. Wir sehen und fuͤhlen kaum mehr, sondern denken und gruͤb- len nur; wir dichten nicht uͤber und in leben- diger Welt, im Sturm und im Zusammenstrom solcher Gegenstaͤnde, solcher Empfindungen; sondern erkuͤnsteln uns entweder Thema, oder Art, das Thema zu behandeln, oder gar bey- des — und haben uns das schon so lange, so oft, so von fruͤh auf erkuͤnstelt, daß uns frey- lich jetzt kaum eine freye Ausbildung mehr gluͤcken gluͤcken wuͤrde, denn wie kann ein Lahmer ge- hen? Daher also auch, daß unsern meisten neuen Gedichten, die Festigkeit, die Bestimmt- heit, der runde Contour so oft fehlet, den nur der erste Hinwurf verleihet, und kein spaͤteres Nachzirkeln ertheilen kann. Einem Homer und Ossian wuͤrden wir bey solchem poetischen Fleiß gewiß nicht anders vorkommen, als ei- nem Raphael oder Apelles, der durch Einen Umriß sich als Apelles zeigt, der schwachhaͤn- dig, krizzelnde Lehrknabe — u. s. w. … A ls ob ich mit dem, was ich neulich vom ersten Wurfe eines Gedichts gemeint, der Eilfertigkeit und Schmiererey unsrer jungen Dichterlinge, auch nur im min- zu statten kommen koͤnnte? Denn was ist doch bey ihnen fuͤr ein Fehler sichtbarer, als eben die Unbestimmtheit, Unsicherheit der Gedanken und der Worte, daß sie nie wissen, was sie sa- gen wollen, oder sollen? — Weiß aber je- mand das nicht, wie kann ers durch alle Kor- rektur lernen? Durch Schnitzeley kann da je ein Bratspieß zur marmornen Bildsaͤule Apolls werden? Mich duͤnkt, nach der Lage unsrer gegenwaͤr- tigen Dichtkunst sind hierinn zwey Hauptfaͤlle moͤg- moͤglich. Erkennet ein Dichter, daß die See- lenkraͤfte, die theils sein Gegenstand und seine Dichtungsart fodert, und die bey ihm herrschend sind, vorstellende, erkennende Kraͤfte sind: so muß er seinen Gegenstand und den Jnhalt seines Gedichts in Gedanken so uͤberlegen, so deutlich und klar fassen, wenden, und ordnen, daß ihm gleichsam alle Lettern schon in die Seele gegraben sind, und er gibt an seinem Gedichte nur den ganzen, redlichen Abdruck. Fodert sein Gedicht aber Ausstroͤmung der Lei- denschaft und der Empfindung, oder ist in sei- ner Seele diese Klasse von Kraͤften die wuͤrk- samste, die gelaͤufigste Triebfeder, ohne die er nicht arbeiten kann: so uͤberlaͤßt er sich dem Feuer der gluͤcklichen Stunde, und schreibt und bezaubert. Jm ersten Falle haben Milton, Haller, Kleist und andre gedichtet: sie san- nen lang, ohne zu schreiben: sprachen sie aber, so wards und stand. Bey Milton wenige Verse, die er so Naͤchte durch gleichsam als Mosaische Arbeit in seiner Seele gebildet hatte, und fruͤhe dann seiner Schreiberey sagte: Hal- ler, dessen Gedichten mans gnug ansieht, wie ausgedacht und zusammendraͤngend sie sind: Leßing ist, glaub’ ich, in seinen spaͤtern Stuͤk- ken der Dichtkunst auch in dieser Zahl — alle so lebendig, und in der Seele ganz vollendete ganz vollendete Stuͤcke nehmen sich, wenn nicht durch durch ein Schnelles, so durch ein Tiefes und Bestaͤndiges des Eindrucks aus. Sie dauren, und die Seele findet bey jedem neuen wieder- holten Eindruck gleichsam noch etwas Tiefers und Vollendetes, was sie anfangs nicht be- merkte. Von der zweiten Art muß z. E. Klop- stock in den ausstroͤmendsten Stellen seiner Gedichte seyn: Gleim, dessen Gedichte so viel Sichtbares vom Ersten Wurf haben: Ja- cobi, dessen Verse Nichts, als sanfte Unter- haltungen des Moments werden, und andre, die die Sache freylich nachher bis zu jeder Nach- laͤssigkeit uͤbertrieben haben. Rammler, glaube ich, sucht beyde Arten zu verbinden, ob freylich gleich die Erste, die Ausgedachte, bey ihm ungleich sichtbarer ist. Wieland sucht sie zu verbinden, ob er gleich immer doch mehr, aus dem Fach der Weltkenntniß seines Herzens zu schreiben scheint, Gerstenberg zu verbinden — und uͤberhaupt verbindet sie in gewissem Maasse jeder gluͤckliche Kopf: denn so entfernt beyde Arten im Anfange scheinen; so wenig Ein Genie sich der Art des Andern aus dem Stegreife bemaͤchtigen kann: so kom- men sie doch endlich beyde uͤberein; lange und stark und lebendig gedacht, oder schnell und wuͤrksam empfunden — im Punkt der Thaͤ- thigkeit wird beydes improptns, oder bekoͤmmt die, Festigkeit, Wahrheit, Lebhaftigkeit und Sicher- Sicherheit desselben, und das — nur das ist, was ich sagen wollte. Was liessen sich aber auch nur aus dem fuͤr grosse, reiche Wahrhei- ten der Erziehung, der Bildung, der Unter- weisung ziehen! Was liessen sich uͤberhaupt aus dieser Proportion oder Disproportion des erkennenden und empfindenden Theils unsrer Seele fuͤr psychologische und praktische Anmer- kungen machen! — Aber Sie muͤssen auf meine Psychologie uͤber Ossian warten! Jch bleibe hier in meinem Felde. Da die Gedichte der alten, und wilden Voͤlker so sehr aus unmittelbarer Gegenwart, aus unmittel- barer Begeisterung der Sinne, und der Ein- bildung entstehen, und doch so viel Wuͤrfe, so viel Spruͤnge haben: so hat mich dies laͤngst, aus vielen Wahrnehmungen, auf die Gedan- ken gebracht, die ich Jhnen hier zum freund- schaftlichen Gutachten mittheile. Zuerst, sol- ten also wohl fuͤr den sinnlichen Verstand, und die Einbildung, also fuͤr die Seele des Volks, die doch nur fast sinnlicher Verstand und Ein- bildung ist, dergleichen lebhafte Spruͤnge, Wuͤrfe, Wendungen, wie Sies nennen wollen, so eine fremde boͤhmische Sache seyn, als uns die Gelehrten und Kunstrichter beybringen wol- len? Sie wissen die Einwuͤrfe, die man hier aus Klopstocks Kirchenliedern, wie es immer gelautet hat, fuͤr gute Sache des Christlichen Volks Volks gemacht hat, lassen sie uns sehen, was daran sey? Zuerst muß ich Jhnen also, wenn es auf Erfahrung und Autoritaͤt ankommt, sagen, daß Nichts in der Welt mehr Spruͤnge und kuͤhne Wuͤrfe hat, als Lieder des Volks, und eben die Lieder des Volks haben deren am mei- sten, die selbst in ihrem Mittel gedacht, erson- nen, entsprungen und gebohren sind, und die sie daher mit so viel Aufwallung und Feuer singen, und zu fingen nicht ablassen koͤnnen. Mir ist z. E. ein Jaͤgerlied bekannt, das ich wohl unterlassen werde, Jhnen ganz mitzuthei- len, weil sich das Meiste und Anziehendste in ihm, auf lebendigen Ton und Melodie des Horns beziehet; aber bey allem Simpeln und Populaͤren ist kein Vers ohne Sprung und Wurf des Dialogs, der in einem neuen Ge- dichte gewiß Erstaunen machte, und uͤber den unsre lahme Kunstrichter, als so unverstaͤndlich, kuͤhn, dithyrambisch schreyen wuͤrden. Ein Jaͤger hat Abends spaͤt das Netz gestellt, und blaͤßt alleweil bey der Nacht, (welche Wort die Jaͤgerresonanz sind) mit seinem Horne das Wild aus dem Korn ins lange Holz: alleweil bey Nacht begegnet ihm also von fern eine Jungfrau stolz, und da hebt sich dieser Dia- log an: Wo Wo aus? wo ein? du wildes Thier! Alleweil bey der Nacht! Jch bin ein Jaͤger, und fang dich schier, u. s. w. „Bist du ein Jaͤger, du faͤngst mich nicht Alleweil bey der Nacht! „Mein’ hohe Spruͤng’, die weißt du nicht, u. s. w. Dein’ hohe Spruͤng’, die weiß ich wohl, Weiß wohl, wie ich sie dir stellen soll. u. s. w. Und sehen Sie, ploͤtzlich, ohne alle weitere Vor- bereitung erhebt sich die Frage: Was hat sie an ihrem rechten Arm? und ploͤtzlich, ohne weitere Vorbereitung die Antwort: Nun bin ich gefangen, u. s. w. Was hat sie an ihrem linken Fuß? „Nun weiß ich, daß ich sterben muß!‟ und so gehen die Wuͤrfe fort, und doch in einem so gemeinen, populaͤren Jaͤgerliede! und wer ists, ders nicht verstuͤnde, der nicht eben daher auf eine dunkle Weise, das lebendige Poeti- sche empfaͤnde? Alle alte Lieder sind meine Zeugen! Aus Lapp- und Esthland, Lettisch und Pohlnisch, und Schottisch und Deutsch, und die ich nur kenne, je aͤlter, je volkmaͤßiger, je lebendiger; desto kuͤhner, desto werfender. Wenn ihnen meine Skaldischen, und Lapp-und Schottlaͤndi- schen Lieder nicht genug sind, hoͤren Sie ein- mal ein Andres, aus den Dodsleischen Re- liques: ich waͤhle ein ganz gemeines, deren wir wir unter unserm Volk gewiß hundert aͤhnliche, und wo nicht Lieder, doch Sager haben. Es ist nichts in der Welt mehr, als Sweet Williams Ghost: und doch, wie wenig kann ich ihm in der Uebersetzung, seinen Aerago, sein Feier- liches Populaͤres lassen. Zu Hannchens Thuͤr, da kam ein Geist, Mit manchem Weh und Ach! Und druͤckt’ am Schloß und kehrt’ am Schloß Und aͤchzte traurig nach. „Jsts, Vater Philipp! der ist da? Bists, Bruder! du, Johann? „Oder ists Wilhelm, mein Braͤutigam! Aus Schottland kommen an! Dein Vater Philipp, der ists nicht! Dein Bruder nicht, Johann! Es ist Wilhelm, dein Braͤutigam, Aus Schottland kommen an! Hoͤr, suͤsses Hannchen, hoͤre mich, Hoͤr’ und willfahre mir! Gib mir zuruͤck mein Wort und Treu, Das ich gegeben Dir! „Dein Wort und Treu geb’ ich dir nicht Geb’s nimmer wieder Dir! „Bis du zu meiner Kammer kommst, Mit Liebeskuß zu mir! Zu deiner Kammer soll ich ein, Und bin kein Mensch nicht mehr? Und kuͤssen deinen Rosenmund? So kuͤß ich Tod dir her! Nein suͤsses Hannchen, hoͤre mich, Hoͤr’ und willfahre mir. Gib mir zuruͤck mein Wort und Treu Das ich gegeben Dir! D „Dein „Dein Wort und Treu geb ich dir nicht, Geb’s nimmer wieder Dir! „Bis du mich fuͤhrst zur Kirch’ hinan Mit Treuering dafuͤr!‟ Und an der Kirche lieg’ ich schon Und bin ein Todtenbein! ’S ist, suͤsses Hannchen, nur mein Geist, Der hier zu dir kommt ein! Ausstreckt sie ihre Liljenhand Streckt bebend sie ihm zu: „Da, Wilhelm, hast du Wort und Treu, Und geh, und geh zur Ruh! Und schnell warf sie die Kleider an Und ging dem Geiste nach, Die ganze lange Winternacht Ging sie dem Geiste nach. „Jst, Wilhelm, Raum noch, dir zu Haupt, Noch Raum zu Fuͤssen dir? „Jst Ranm zu deiner Seite noch, So gib, o gib ihn mir! Zu Haupt und Fuß ist mir nicht Raum Kein Raum zur Seite mir! Mein Sarg ist, suͤsses Hannchen, schmal Das ich ihn gebe Dir! Da kraͤht der Hahn! da schlug die Uhr! Da brach der Morgen fuͤr! „Ach, Hannchen, nun, nun kommt die Zeit, Zu scheiden weg von Dir!‟ Der Geist — und mehr, mehr sprach er nicht Und seufzte traurig drein Und schwand in Nacht und Dunkel hin Und sie, sie stand allein! „Bleib, treue Liebe! bleibe| noch Dein Maͤdchen rufet dich!‟ Da brach ihr Blick! ihr Leib der sank, Und ihre Wang’ erblich! — Nun Nun sagen Sie mir, was kuͤhn geworfner, abgebrochner und doch natuͤrlicher, gemeiner, volksmaͤssiger seyn kann? Jch sage volksmaͤssi- ger: denn was die Braͤutigamssitte betrift, lesen Sie die Gebraͤuche der Wilden, z. E. der Nordamerikaner; und das Kostume der Er- scheinung, in seiner ganzen Natur, brauche ich Jhnen nicht zu erklaͤren — kuͤnftig weiter! … S ie glauben, daß auch wir Deutschen wohl mehr solche Gedichte haͤtten, als ich mit der schottischen Romanze angefuͤhret; ich glaube nicht allein, sondern ich weiß es. Jn mehr als einer Provinz sind mir Volkslie- der, Provinziallieder, Bauerlieder bekannt, die an Lebhaftigkeit und Rhythmus, und Nai- vetaͤt und Staͤrke der Sprache vielen derselben gewiß nichts nachgeben wuͤrden; nur wer ist der sie sammle? der sich um sie bekuͤmmre? sich um Lieder des Volks bekuͤmmre? auf Strassen, und Gassen und Fischmaͤrkten? im ungelehr- ten Rundgesange des Landvolks? um Lieder, die oft nicht skandirt, und oft schlecht gereimt sind? | wer wollte | sie sammlen — wer fuͤr unsre Kritiker, die ja so gut Sylben zaͤhlen, und skandiren koͤnnen, drucken lassen? Lieber lesen wir, doch nur zum Zeitvertreib, unsre D 2 neuere neuere schoͤngedruckte Dichter — Laß die Fran- zosen ihre alte Chansons sammlen? Laß Eng- laͤnder ihre alte Songs und Balladen nnd Ro- manzen in praͤchtigen Baͤnden herausgeben! Laß in Deutschland etwa der Einzige Lessing sich um die Logaus und Scultetus und Bardengesaͤnge bekuͤmmern! Unsre neuen Dichter sind ja besser gedruckt und schoͤner zu lesen; allenfalls lassen wir noch aus Opitz, Flemming, Gryphius Stuͤcke abdrucken. — Der Rest der aͤltern, der wahren Volksstuͤcke, mag mit der sogenannten taͤglich verbreitetern Kultur ganz untergehen, wie schon solche Schaͤtze untergegangen sind — wir haben ja Metha- physik und Dogmatiken und Akten — und traͤmen ruhig hin — Und doch, glauben Sie nur, daß wenn wir noch in unsern Provinzialliedern, jeder in sei- ner Provinz nachsuchten, wir vielleicht noch Stuͤcke zusammen braͤchten, vielleicht die Haͤlfte der Dodsleien Sammlung von Reliques, oder die derselben beynahe an Werth gleich kaͤme! Bey wie vielen Stuͤcken dieser Sammlung, in- sonderheit den besten schottischen Stuͤcken sind mir deutsche Sitten, deutsche Stuͤcke beyge- fallen, die ich selbst zum Theil gehoͤret — ha- ben Sie Freunde in Elsaß, in der Schweitz, in Franken, in Tyrol, in Schwaben, so bit- te Sie — aber zuerst, daß sich diese Freunde ja ja der Stuͤcke nicht schaͤmen; denn die dreusten Englaͤnder haben sich z. E. nicht schaͤmen wol- len und doͤrfen. Selbst die Melodie des ihnen einmal angefuͤhrten: Come away, come away, death! erinnere ich mich einmal dun- kel gehoͤrt zu haben, und noch nicht vor langer Zeit erinnere ich mich eines Bettlerliedes, das an Jnhalt so gemischt und voll Spruͤnge war, und in seiner sehr lyrischen alten Melodie so traurig toͤnte. — Unter ihrem Jammer kam die Saͤngerin, eine Penia felbst, im halben Gebetston aufs Ende ihres Lebens, wenn sie der bittre Tod uͤberwaͤnde, und ihr (ich glaube es ist Gewohnheit oder Ausdruck) die Fuͤsse baͤnde; endlich kaͤmen 4 oder 6 Leute, die sie von Hause nnd Freunden weg, unter dem Schall der Todtenglocke, in ihr Grab trugen — Und wenn die Glocke verliert ihren Ton So haben meine Freunde vergessen mich schon! — sagen Sie, ist der Zug nicht elegisch und ruͤhrend? Da ich weiß, daß dieser Brief keinem von den eckeln Herren unsrer Zeit in die Haͤnde kom- men wird, die uͤber einen veralteten Reim oder Ausdruck gleich rumpfen! Da ich weiß, daß Sie uͤberall mit mir mehr Natur, als Kunst suchen: so trage ich kein Bedenken, Jhnen z. E. aus einer Sammlung schlechter Handwerks- lieder, ein sehnend-trauriges Liebeslied hinzu- D 3 setzen, setzen, das, wenn es ein Gleim, Ramler oder Gerstenberg nur etwas einlenkte, wie viele der Neuern uͤbertraͤfe! — Der suͤsse Schlaf, der sonst stillt Alles wohl Kann stillen nicht mein Herz mit Trauren voll, Das schafft allein, die mich erfreuen soll! Kein Speis’, kein Trank, mir Lust, noch Nah- rung geit, Kein Kurzweil ist, die mir mein Herz erfreut, Das schafft allein, die mir im Herzen leit! Kein Gesellschaft ich nicht mehr besuchen mag, Ganz einig sitz in Unmuth Nacht und Tag, Das schafft allein, die ich im Herzen trag’. Jn Zuversicht allein an ihr ich hang’ Und hoff, sie soll mich nicht verlassen lang, Sonst fiel ich g’wiß ins bittern Todes Zwang. Jst das Sylbenmaaß nicht schoͤn, die Sprache nicht stark, der Ausdruck empfunden? Und, glauben Sie, so wuͤrden sich in jeder Art meh- rere Stuͤcke sinden, wenn nur Menschen waͤ- ren, die sie suchten! Wir haben z. B. viele und vielerley neue Fabeln, was sagen Sie demohngeachtet aber zu einer solchen alten Fabel im alten Ausdruck und Ton: Kukuk und Nachtigall. Einmal in einem tiefen Thal Der Kukuk und die Nachtigal Eine Wett thaͤten anschlagen, Zu singen um das Meisterstuͤck, Wers Wers gewoͤnn’ aus Kunst oder aus Gluͤck Dank sollt’ er davon tragen. Der Kukuk sprach: „so dirs gefaͤllt „— Hab der Sach einen Richter erwaͤhlt!„ Und thaͤt den Esel nennen. Denn weil der hat zwey Ohren groß,| So kann er hoͤren desto baß Und was recht ist, erkennen! Als ihm die Sach nun ward erzaͤhlt, (ver- muthlich vertalt) Und er zu richten hat Gewalt, Schuf er: sie solten singen! Die Nachtigall sang lieblich aus; Der Esel sprach: Du machst mirs kraus! Jch kanns in Kopf nicht bringen. Der Kukuk fing auch an und sang Wie er denn pflegt zu singen: Kukuk! Kukuk! — lacht fein darein! Das gefiel dem Esel im Sinne sein. Er sprach: in allen Rechten Will ich ein Urtheil sprechen: Hast wohl gesungen, Nachtigal, Aber! — Kukuk! — singt gut Choral! Und haͤlt den Takt fein innen. Das sprech’ ich nach meinem hohen Verstand, Und ob es goͤlt ein ganzes Land So laß ichs dich gewinnen — Was meinen Sie zu der Fabel? Nicht lieber zehn solche gemacht, als alle - - - sche? Lassen Sie mich die Moral nicht dazu setzen, sie ist schlechter gesagt, neuer, und wie vieler- ley Moral kann sich nicht jeder selbst daraus D 4 zie- ziehen, — in Theilen und im Ganzen! Die Herrn, die so buͤrgerlich feist wohlmeinend achten, daß jener Titel und dieser Kragen doch das Ding verstehen muͤßte — Dieweil er hat zwey Ohren groß So kann er freylich hoͤren baß! Die Herren, die aus Stumpfsinn, und Ge- dankenlosigkeit gleich uͤber jeden etwas gedraͤng- ten oder lebhaften Styl schreyen, „ey nicht „griechische Lauterkeit! Ciceronische Wohlberedt- „heit im ellenlangen Deutschlateinischen Perio- den! so voll Anspielungen, voll Bilder, voll Gedanken — sonst aber freylich - - - kurz: Der Esel sprach: du machst mirs kraus, Jch kanns in Kopf nicht bringen — Aber Kukuk singt gut Choral Und haͤlt den Tackt fein inne! — Was liessen sich sonst noch vor Deutungen machen, wenn man etwas die Welt kennet? — Aber zu unserm Zweck: wie fest und tief er- zaͤhlt! Ohne erzwungne Lustigkeit und doch wie lustig und stark und treffend in jedem Wort, in jeder Wendung! — Aller guten Dinge sind drey! und zu unsern Zeiten wird so viel von Liedern fuͤr Kinder gesprochen: wollen Sie ein aͤlteres Deutsches hoͤren? Es enthaͤlt zwar keine transcendente Weisheit und Mo- ral, mit der die Kinder zeitig genug uͤberhaͤuft werden — es nichts als ein kindisches Fabel- Fabelliedchen. Es sah’ ein Knab’ ein Roͤßlein stehn Ein Roͤßlein auf der Heiden. Er sah, es war so frisch und schoͤn Und blieb stehn, es anzusehen Und stand in suͤssen Freuden. Jch supplire diese Reihe nur aus dem Gedaͤcht- niß, und nun folgt das kindische Ritornellbey jeder Strophe: Roͤßlein, Roͤßlein, Roͤßlein roth, Roͤßlein auf der Heiden! Der Knabe sprach: ich breche dich! Roͤßlein ⁊c. Das Roͤßlein sprach: ich steche dich, Daß du ewig denkst an mich Daß ichs nicht will leiden! Roͤßlein ⁊c. Jedoch der wilde Knabe brach, Das Roͤßlein ⁊c. Das Roͤßlein wehrte sich und stach, Aber er vergaß darnach Beym Genuß das Leiden! Roͤßlein ⁊c Jst das nicht Kinderton? Und noch muß ich Jhnen Eine Aenderung des lebendigen Gesan- ges melden. Der Vorschlag thut bey den Liedern des Volks eine so grosse und gute Wuͤr- kung, daß ich aus Deutschen und Englischen alten Stuͤcken sehe, wie viel die Minstrels darauf gehalten: und der ist nun noch im Deut- schen wie im Englischen in den Volksliedern meistens der dunkle Laut von the in beydem Geschlecht (de Knabe) ’s statt das (’s Roͤß- D 5 lein) lein) und statt ein ein dunkles a, und was man noch immer in Liedern der Art mit’ aus- druͤcken koͤnnte. Das Hauptwort bekommt auf solche Weise immer weit mehr poetische Substantialitaͤt und Persoͤnlichkeit ’ Knabe sprach ’ Roͤßlein sprach, u. s. w. in den Liedern mit mehr Accent, und endlich lassen Sie mich noch mit einer weitern Anmer- kung hieraus schliessen. Jn schnellrollenden, gereimten komischen Sachen, und aus dem ent- gegen gesetztesten Grunde in den staͤrksten, hef- tigsten Stellen der tragischen Leidenschaft, dort insonderheit in leichtsinnigen Liedern, hier am meisten in den gedrungnen Blank-Versen haben Sie es da nicht oft bemerkt, wie schaͤd- lich es uns Deutschen sey, daß wir keine Eli- sionen haben, oder uns machen wollen? Unsre Vorfahren haben sie haͤufig und zu haͤufig ge- habt: die Englaͤnder mit ihren Artikeln, mit den Vokalen bey unbedeutenden Woͤrtern, Par- tikeln u. s. w. haben sie zur Regel gemacht: die innre Beschaffenheit beyder Sprachen ist in diesem Stuͤcke ganz Einerley: uns quaͤlen diese schleppende Artikel, Partikeln u. s. w. oft so sehr, und hindern den Gang des Sinns oder der Leidenschaft — aber wer unter uns wird zu elidiren wagen? Unsre Kunstrichter zaͤhlen ja Sylben, und koͤnnen so gut skandiren! Sie also, also, der kein Kunstrichter ist, erlauben Sie also in dergleichen Faͤllen mir wenigstens, mich freyherrlicher maassen des Zeichens (’) bedie- nen zu koͤnnen, nach bestem Belieben u. s. w. … U nd so fuͤhren Sie mich wieder auf meine abgebrochne Materie: „wo- „her anscheinend einfaͤltige Voͤlker sich an der- „gleichen kuͤhne Spruͤnge und Wendungen „haben gewoͤhnen koͤnnen?„ Gewoͤhnen waͤre immer das Leichteste zu erklaͤren: denn wozu kann man sich nicht gewoͤhnen, wenn man nichts anders hat und kennet? Da wird uns im kur- zen die Huͤtte zum Pallast, und der Fels zum ebnen Wege — aber darauf kommen? Es als eigne Natur so lieben koͤnnen? Das ist die Frage, und die Antwont drauf sehr kurz: weil das in der That die Art der Einbildung ist, und sie auf keinem engern Wege je fortgehen kann. Alle Gesaͤnge solcher wilden Voͤlker weben um daseyende Gegenstaͤnde, Handlungen, Be- gebenheiten, um eine lebendige Welt! Wie reich und vielfach sind da nun Umstaͤnde, gegen- waͤrtige Zuͤge, Theilvorfaͤlle! Und alle hat das Auge gesehen! Die Seele stellet sie sich vor! Das setzt Spruͤnge und Wuͤrfe! Es ist kein anderer anderer Zusammenhang unter den Theilen des Gesanges, als unter den Baͤumen und Gebuͤ- schen im Walde, unter den Felsen und Grot- ten in der Einoͤde, als unter den Scenen der Begebenheit selbst. Wenn der Groͤnlaͤnder von seinem Seehundfange erzaͤhlt: so redet er nicht, sondern mahlet mit Worten nnd Bewe- gungen, jeden Umstand, jede Bewegung: denn alle sind Theile vom Bilde in seiner Seele. Wenn er also auch seinem Verstorbnen das Leichenlob und die Todtenklage haͤlt, er lobt, er klagt nicht: er mahlt, und das Leben des Verstorbnen selbst, mit allen Wuͤrfen der Ein- bildung herbeygerissen, muß reden und bejam- mern. Jch entbreche mich nicht ein Fragment der Art hieher zu setzen; denn da es gewoͤhn- lich ist, Spruͤnge und Wuͤrfe solcher Stuͤcke fuͤr Tollheiten der Morgenlaͤndischen Hitze, fuͤr Enthusiasmus des Prophetengeistes, oder fuͤr schoͤne Kunstspruͤnge der Ode auszugeben, und man aus diesen eine so herrliche Webertheorie vom Plan und den Spruͤngen der Ode recht regel- maͤßig ausgesponnen hat: so moͤge hier ein kalter Groͤnlaͤnder fast unterm Pol hervor, ohne Hitze und Prophetengeist und Odentheorie, aus dem volles Bilde seiner Phantasie reden. Alle Grabbegleiter und Freunde des Verstorbnen sitzen im Trauerhause, den Kopf zwischen die Haͤnde, die Arme aufs Knie gestuͤtzt: die Wei- ber ber auf dem Angesicht und schluchzen und wei- nen in der Stille; und der Vater, Sohn oder naͤchste Verwandte faͤngt mit heulender Stim- me an: „Wehe mir, daß ich deinen Sitz ansehen soll, „der nun leer ist! Deine Mutter bemuͤhet sich „vergebens, dir die Kleider zu trocknen! „Siehe! meine Freude ist ins Finstre ge- „gangen, und in den Berg verkrochen. „Ehedem ging ich des Abends aus, und „freute mich: ich streckte meine Angen aus, „und wartete auf dein Kommen. „Siehe du kamst! du kamst muthig ange- „rudert mit Jungen und Alten. „Du kamst nie leer von der See: dein Ka- „jack war stets mit Seehunden oder Voͤgeln „beladen. „Deine Mutter machte Feuer und kochte. „Von dem Gekochten, das du erworben hartest, „ließ deine Mutter den uͤbrigen Leuten vorle- „gen, und ich nahm mir auch ein Stuͤck. „Du sahest der Schaluppe rothen Wimpel „von weiten, und ruftest: da kommt Lars „(der Kaufmann.) „Du liefst an den Strand und hieltst das „Vordertheil der Schaluppe. „Denn brachtest du deine Seehunde hervor, „von welchen deine Mutter den Speck abnahm, „und dafuͤr bekamst du Hemde und Pfeileisen. „Aber „Aber das ist nun aus. Wenn ich an dich „denke, so brauset mein Eingeweide. „O daß ich weinen koͤnnte, wie ihr andern: „so koͤnnte ich doch meinen Schmerz lindern. „Was soll ich mir wuͤnschen? Der Tod ist „mir nun selbst annehmlich worden, aber wer „soll mein Weib und meine uͤbrigen kleinen „Kinder versorgen? „Jch will noch eine Zeitlang leben: aber „meine Freude soll seyn in Enthaltung dessen, „was den Menschen sonst so lieb ist.„ — Der Groͤnlaͤnder befolgt die feinsten Gesetze vom Schweben der Elegie, die auch — irrt, doch nicht verwirret! — und von wem hat er sie gelernet? Sollte es mit den Gesetzen der Ode, des Liedes nicht eben so seyn? und wenn sie in der Natur der Einbildung liegen, wen sind sie noͤthig zu lehren? wem unmoͤglich zu fassen, der nur die- selbe Einbildung hat? — Alle Gesaͤnge des A. T., Lieder, Elegien, Orakelstuͤcke der Pro- pheten sind voll davon, und die sollten doch kaum poetische Uebungen seyn. — Selbst einen allgemeinen Satz, eine abge- zogne Wahrheit kann ein lebendiges Volk im Liede, im Gesange, nichts anders als auch so lebendig, und kuͤhn behandeln: es weiß von der Lehrart und dem Gange eines dogmatischen Locus nicht, und es schlaͤft gewiß ein, wenn es densel- denselben gefuͤhrt werden soll. Sehen Sie z. E. in den mehr angefuͤhrten Dodsleiischen Reliques die alten moralischen Stuͤcke an: My heart to me a kingdom is u. s. w. Sie brechen immer in ihren lyrischen Gange nur die Blumen ihrer Moral, und kommen, da hier kein sichtbarer Gegenstand, keine an einander hangende Geschichte und Handlung der Einbildung und dem Gedaͤchtniß vorschwe- bet, jenem immer durch Anwendung, diesem durch Symmetrie, Refrain des Verses und zehn andre Mittel zu statten. Hoͤren Sie ein- mal eine Probe der Art uͤber den allgemeinen Satz: Der Liebe laͤßt sich nicht wider- stehen! Wie wuͤrde ein neuer analytischer, dogmatischer Kopf den Satz ausgefuͤhrt haben, und nun der alte Saͤnger? Ueber die Berge! Ueber die Quellen! Unter den Graͤbern, Unter den Wellen Unter Tiefen und Seen Jn der Abgruͤnde Steg Ueber Felsen, uͤber Hoͤhen Findt Liebe den Weg. Jn Ritzen, in Falten, Wo der Feurwurm nicht liegt! Jn Hoͤhlen, in Spalten, Wo die Fliege nicht kriecht! Wo Muͤcken nicht fliegen, Und schluͤpfen hinweg, Kommt Kommt Liebe! Sie wird singen Und finden den Weg! Sprecht, Amor sey nimmer Zu fuͤrchten das Kind! Lacht uͤber ihn immer Als Fluͤchtling, als blind! Und schließt ihn durch Riegel Vom Tagstrahl hinweg Durch Schloͤsser und Riegel Find Liebe den Weg! Wenn Phoͤnix und Adler Sich unter euch beugt! Wenn Drache und Tyger Gefaͤllig sich neigt! Die Loͤwin laͤßt kriegen Den Raub sich hinweg. Aber Liebe wird siegen Und finden sich Weg! Konnte der Gedanke sinnlicher, maͤchtiger, staͤr- ker ausgefuͤhrt werden? Und mit welchem Fluge! mit welchem Wurfe von Bildern! Las- sen Sie den dummsten Menschen das Lied drey- mal hoͤren: er wirds koͤnnen, und mit Freude und Entzuͤckung singen; sagen Sie ihm aber eben dieselbe Sache auf einfoͤrmige, dogmati- sche Art, in huͤbsch abgezaͤhlten Strophen, und seine Seele schlaͤft. Alle unsre alte Kirchenlieder sind voll dieser Wuͤrfe und Jnversionen: keine aber fast mehr und maͤchtiger, als die von unserm Luther. Welche Klopstocksche Wendung in seinen Liedern Liedern kommt wohl den Transgressionen bey, die in seinem „Ein feste Burg ist unser Gott!‟ „Gelobet seyst du Jesu Christ!‟ „Christ lag in Todesbanden!‟ und der- gleichen vorkommen: und wie maͤchtig sind diese Uebergaͤnge und Jnversionen! Wahrhaftig nicht Nothfaͤlle einer ungeschliffenen Muse, fuͤr die wir sie guͤtig annehmen: sie sind allen alten Liedern solcher Art, sie sind der urspruͤnglichen, unentnervten, freyen und maͤnnlichen Sprache besonders eigen: Die Einbildungskraft fuͤhret natuͤrlich darauf, und das Volk, das mehr Sinne und Einbildung hat, als der studirende Gelehrte, fuͤhlt sie, zumal von Jugend auf ge- lernt, und sich gleichsam nach ihnen gebildet, so innig und uͤbereinstimmend, daß ich mich z. E. wie uͤber zehn Thorheiten unsrer Liederver- besserung, so auch daruͤber wundern muß, wie sorgfaͤltig man sie wegbannet, und dafuͤr die schlaͤfrigsten Zeilen, die erkuͤnsteltsten Partikeln, die mattesten Reime hineinpropfet. Eben als wenn der grosse ehrwuͤrdige Theil des Publi- cums, der Volk heißt, und fuͤr den doch die Gesaͤnge castigirt werden, eine von den schoͤ- nen Regeln fuͤhle, nach denen man sie castigi- ret! Und Lehren in trockner, schlaͤfriger, dog- matischer Form, in einer Reihe todter, schlaf- trunken, nickender Reime mehr fuͤhlen, empfin- den und behalten werde, als wo ihm durch E Bild Bild und Feuer, Lehre und That auf Einmal in Herz und Seele geworfen wird. Sie glauben doch nicht, daß ich hiemit eine Schutzschrift etwa fuͤr die Klopstockischen Lieder schreiben wolle? Jch glaube sehr gerne, daß auch sie nicht immer Lieder des Volks sind, und daß sie seltner ganze Gegenstaͤnde, als kleine Zuͤge aus diesen Gegenstaͤnden, selt- ner ganze Pflichten, Thaten und Gestalten des Herzens, als feine Nuͤancen, oft Mittelnuͤan- cen von Empfindungen besingen, daß also ein sehr sympathetischer, und zu gewissen Vorstel- lungen sehr zugebildeter Charakter zum ganzen Saͤnger seiner Lieder gehoͤre. Aber dem ohn- geachtet ist das, was viele sonst gegen ihn sag- ten, und noch mehr, was man ihm entgegen stellet, so trocken, so mager, so unkundig der menschlichen Seele, daß ich immer wetten will, das kuͤhnste Klopstockische Lied, voll Spruͤnge und Jnversionen, einem Kinde beygebracht, und von ihm einigemal lebendig gesungen, werde mehr fuͤr ihn seyn, und tiefer und ewiger in ihm bleiben, als der dogmatischte Locus von Liede, wo ja keine Zwischenpartikel und Zwi- schengedanke ausgelassen ist. — Mein Gott! wie trocken und duͤrre stellen sich doch manche Leute die menschliche Seele, die Seele eines Kindes vor! Und was fuͤr ein grosses, trefli- ches Jdeal waͤre mir dieselbe, wenn ich mich je je an Lieder dieser Art versuchte! Eine ganze jugendliche, kindliche Seele zu fuͤllen, Gesaͤnge in sie zu legen, die, meistens die Einzigen, le- benslang in ihnen bleiben, und den Ton der- selben anstimmen, und ihnen ewige Stimme zu Thaten und Ruhe, zu Tugenden und zum Troste seyn soll, wie Kriegs- Helden- und Vaͤ- terlieder in der Seele der alten, wilden Voͤl- ker — welch ein Zweck! welch ein Wort! und wie viel wahrhafte Bestrebungen zu solchem Werke haben wir denn? Reimgebetlein und Lehrverse genug! Wenn Luther uͤber jene beyde wegen der Religion verbrannte anstimmt: Die Asche will nicht lassen ab, Sie staͤubt in allen Landen Hier hilft kein Bach und Grub’ und Grab, Sie macht den Feind zu schanden! Die er im Leben durch den Mord Zu schreyen hat gezwungen, Die muß er todt an allem Ort Mit heller Stimm’ und Zungen Gar froͤlich lassen singen — — oder wenn er schließt: Die laß man liegen immerhin Sie habens keinen Frommen! Wir wollen danken Gott darinn Sein Wort ist wieder kommen, Der Sommer ist hart fuͤr der Thuͤt Der Winter ist vergangen. Die Gartenblumen gehn herfuͤr, E 2 Der Der das hat angefangen Der wird es auch vollenden — so wolte ich fragen, wie viele unsre neuern Lie- derdichter dergleichen Strophen, (ich sage nicht dem Jnhalt, sondern der Art nach) gemacht haben? und wie viele haben Luthern ver- bessert? … A uch Sie beklagens, daß die Romanze diese urspruͤnglich so edle und feyer- liche Dichtart bey uns zu Nichts, als zum Niedrigkomischen und Abentheuerlichen ge- braucht, oder vielmehr gemißbraucht werde — ich beklage es gewiß mit: denn wie wahrer, tiefer und daurender ist das Vergnuͤgen, das eine sanfte oder ruͤhrende Romanze, des alten Englands oder der Provinzialen, und eine neuere Deutsche voll niedrigen abgebrauchten, poͤbelhaften Spottes und Wortwitzes nachlaͤßt. Aber noch sonderbarer ists, daß in dieser letzten Gestalt die Romanze uns fast nur bekannt ge- worden zu seyn scheint. Gleim sang seine Marianne so schoͤn — ich sage, er sang sie schoͤn: denn eigentlich ist das Stuͤck Zug vor Zug eine alte Franzoͤsische Romanze, die Sie, (wenn Sie das noch nicht wissen,) wie mich duͤnkt, auch in dem neuen choix choix des Romances anciennes \& mo- dernes finden werden — und so sang man ihm nach. Seine beyden andern Stuͤcke neigten sich ins Komische; die Nachsinger stuͤrzten sich mit ganzem plumpen Leibe hinein, und so haben wir jetzt eine Menge des Zeugs, und Alle nach Einem Schlage, und alle in der uneigentlich- sten Romanzenart, und fast alle so gemein, so sehr auf ein Einmaliges lesen — daß, nach weniger Zeit, wir fast Nichts wieder, als die Gleimschen uͤbrig haben werden. Dazu kommt nun noch das, daß die weni- gen fremden, die uͤbersetzt sind, so schlecht uͤber- setzt sind, (ich fuͤhre Jhnen nur die schoͤne Ro- semunde, und Alkanzor und Zaide an, welche letztere noch den Vorzug hat, zweymal elend uͤbersetzt zu seyn) und da der Ton nun Einmal gegeben ist: so singt man fort, und verfehlt also den ganzen Nutzen, den fuͤr unser jetziges Zeitalter diese Dichtart haben koͤnnte, nemlich unsre lyrischen Gesaͤnge, Oden, Lieder, und wie man sie sonst nennt, etwas zu einfaͤltigen, an einfachere Gegenstaͤnde und edlere Behandlung derselben zu gewoͤhnen, kurz uns von so manchem druͤckenden Schmuck zu befreyen, der uns jetzt fast Gesetz geworden. Sehen Sie einmal, in welcher gekuͤnstel- ten, uͤberladnen, gothischen Manier die neu- ern sogenannten Philosophischen und Pinda- E 3 rischen rischen Oden der Englaͤnder sind, die ihnen als Meisterstuͤcke gelten! Von Gray, von Aken- side, von Mason u. s. w. ob wohl in ihren Sylbenmaaß, oder Jnnhalt, oder Einklei- dung die mindste Odenwuͤrkung thun koͤnne? Sehen Sie, in welche gekuͤnstelte horazische Manier wir Deutsche hie und da gefallen sind — Ossian, die Lieder der Wilden, der Skalden Romanzen, Provinzialgedichte koͤnnten uns auf bessern Weg bringen, wenn wir aber auch hier nur mehr als Form, als Einkleidung, als Sprache lernen wolten. Zum Ungluͤck aber fangen wir hiervon an, und bleiben hiebey ste- hen, und da wird wieder Nichts. — Jrre ich mich, oder ists wahr, daß die schoͤnsten lyri- schen Stuͤcke, die wir schon jetzt haben, und laͤngst gehabt haben, schon mit diesem maͤnnli- chen, starken, festen deutschen Ton uͤberein- kommen, oder sich ihm naͤhern — was waͤre nicht also von der Aufweckung mehrerer solcher zu hoffen! — II. Sha- II. Shakespear . E 4 II. Shakespear . W enn bey einem Manne mir jenes unge- heure Bild einfaͤllt: „hoch auf einen „Felsengipfel sitzend! zu seinen Fuͤssen, Sturm, „Ungewitter und Brausen des Meers; aber „sein Haupt in den Strahlen des Himmels!„ so ists bey Shakespear! — Nur freylich auch mit dem Zusatz, wie unten am tiefsten Fusse seines Felsenthrones Haufen murmeln, die ihn — erklaͤren, retten, verdammen, entschuldigen, anbeten, verlaͤumden, uͤber- setzen und laͤstern! — und die Er alle nicht hoͤret! Welche Bibliothek ist schon| uͤber fuͤr und wider ihn geschrieben! — die ich nun auf keine Weise zu vermehren Lust habe. Jch moͤchte es vielmehr gern, daß in dem kleinen Kreise, wo dies gelesen wird, es niemand mehr in den Sinn komme, uͤber fuͤr und wider ihn zu schreiben: ihn weder zu entschul- digen, noch zu verlaͤumden; aber zu erklaͤren, zu fuͤhlen wie er ist, zu nuͤtzen, und — wo E 5 moͤg- moͤglich! — uns Deutschen herzustellen. Truͤge dies Blatt dazu etwas bey! Die kuͤhnsten Feinde Shakespears haben ihn — unter wie vielfachen Gestalten! be- schuldigt und verspottet, daß er, wenn auch ein grosser Dichter, doch kein guter Schau- spieldichter, und wenn auch dies, doch wahr- lich kein so klassischer Trauerspieler sey, als Sophokles, Euripides, Korneille und Voltaire, die alles Hoͤchste und Ganze dieser Kunst erschoͤpft. — Und die kuͤhnsten Freun- de Shakespears haben sich meistens nur be- gnuͤget, ihn hieruͤber zu entschuldigen, zu retten: seine Schoͤnheiten nur immer mit Anstoß gegen die Regeln zu waͤgen, zu kom- pensiren; ihm als Angeklagten das absolvo zu erreden, und denn sein Grosses desto mehr zu vergoͤttern, je mehr sie uͤber Fehler die Achsel ziehen musten. So stehet die Sache noch bey den neuesten Herausgebern und Kommentatoren uͤber ihn — ich hoffe, diese Blaͤtter sollen den Gesichtspunkt veraͤndern, daß sein Bild in ein volleres Licht kommt. Aber ist die Hoffnung nicht zu kuͤhn? gegen so viele, grosse Leute, die ihn schon behandelt, zu anmassend? ich glaube nicht. Wenn ich zeige, daß man von beyden Seiten blos auf ein Vorurtheil, auf Wahn gebauet, der nichts ist, wenn ich also nur eine Wolke von den den Augen zu nehmen, oder hoͤchstens das Bild besser zu stellen habe, ohne im minde- sten etwas im Auge oder im Bilde zu aͤndern: so kann vielleicht meine Zeit, oder ein Zufall gar schuld seyn, daß ich auf den Punkt ge- troffen, darauf ich den Leser nun fest halte, „hier stehe! oder du siehest nichts als Karri- „katur!„ Wenn wir den grossen Knaul der Gelehrsamkeit denn nur immer auf- und ab- winden solten, ohne je mit ihm weiter zu kom- men — welches traurige Schicksal um dies hoͤllische Weben! Es ist von Griechenland aus, da man die Woͤrter Drama, Tragoͤdie, Komoͤdie geerbet, und so wie die Letternkultur des menschlichen Geschlechts auf einen schmalen Striche des Erdbodens den Weg nur durch die Tradition genommen, so ist in dem Schoosse und mit der Sprache dieser, natuͤr- lich auch ein gewisser Regelnvorrath uͤberall mitgekommen, der von der Lehre unzertrenn- lich schien. Da die Bildung eines Kindes doch unmoͤglich durch Vernunft geschehen kann und geschieht; sondern durch Ansehen, Eindruck, Goͤttlichkeit des Beyspiels und der Gewohnheit: so sind ganze Nationen in Al- lem, was sie lernen, noch weit mehr Kinder. Der Kern wuͤrde ohne Schlaube nicht wach- sen, sen, und sie werden auch nie den Kern ohne Schlaube bekommen, selbst wenn sie von die- ser ganz keinen Gebrauch machen koͤnnten. Es ist der Fall mit dem griechischen und nor- dischen Drama. Jn Griechenland entstand das Drama, wie es in Norden nicht entstehen konnte. Jn Griechenland wars, was es in Norden nicht seyn kann. Jn Norden ists also nicht und darf nicht seyn, was es in Griechenland ge- wesen. Also Sophokles Drama und Sha- kespears Drama sind zwey Dinge, die in ge- wissem Betracht kaum den Namen gemein haben. Jch glaube diese Saͤtze aus Griechen- land selbst beweisen zu koͤnnen, und eben da- durch die Natur des nordischen Drama, und des groͤsten Dramatisten in Norden, Shakespears sehr zu entziffern. Man wird Genese Einer Sache durch die Andre, aber zugleich Ver- wandlung sehen, daß sie gar nicht mehr Die- selbe bleibt. Die griechische Tragoͤdie entstand gleich- sam aus Einem Auftritt, aus dem Jmprom- ptus des Dithyramben, des mimischen Tan- zes, des Chors. Dieser bekam Zuwachs, Umschmelzung: Aeschylus brachte statt Ei- ner handelnden Person zween auf die Buͤhne, erfand den Begriff der Hauptperson, und ver- verminderte das Chormaͤssige. Sophokles fuͤgte die dritte Person hinzu, erfand Buͤhne — aus solchem Ursprunge, aber spaͤt, hob sich das griechische Trauerspiel zu seiner Groͤsse empor, ward Meisterstuͤck des menschlichen Geistes, Gipfel der Dichtkunst, den Aristo- teles so hoch ehret, und wir freylich nicht tief gnug in Sophokles und Euripides be- wundern koͤnnen. Man siehet aber zugleich, daß aus diesem Ursprunge gewisse Dinge erklaͤrlich werden, die man sonst, als todte Regeln angestaunet, erschrecklich verkennen muͤssen. Jene Sim- plicitaͤt der griechischen Fabel, jene Nuͤchternheit griechischer Sitten, jenes fort ausgehaltne Kothurnmaͤssige des Ausdrucks, Musik, Buͤhne, Einheit des Orts und der Zeit — das Alles lag ohne Kunst und Zauberey so natuͤrlich und wesentlich im Ursprunge griechischer Tra- goͤdie, daß diese ohne Veredlung zu alle Je- nem nicht moͤglich war. Alles das war Schlaube, in der die Frucht wuchs. Tretet in die Kindheit der damaligen Zeit zuruͤck: Simplicitaͤt der Fabel lag wuͤrk- lich so sehr in dem, was Handlung der Vorzeit, der Republik, des Vaterlan- des, der Religion, was Heldenhandlung hieß, daß der Dichter eher Muͤhe hatte, in dieser dieser einfaͤltigen Groͤsse Theile zu entdecken, Anfang, Mittel und Ende dramatisch hinein- zubringen, als sie gewaltsam zu sondern, zu verstuͤmmeln, oder aus vielen, abgesonder- ten Begebenheiten Ein Ganzes zu kneten. Wer jemals Aeschylus oder Sophokles gelesen, muͤste das nie unbegreiflich finden. Jm Ersten was ist die Tragoͤdie als oft ein allegorisch-mythologisch-halb episches Gemaͤlde, fast ohne Folge der Auftritte, der Geschichte, der Empfindungen, oder gar, wie die Alten sagten, nur noch Chor, dem ei- nige Geschichte zwischengesetzt war — Konnte hier uͤber Simplicitaͤt der Fabel die geringste Muͤhe und Kunst seyn? Und wars in den meisten Stuͤcken des Sophokles anders? Sein Philoktet Ajax, vertriebner Oedipus u. s. w. naͤhern sich noch immer so sehr dem Ein- artigen ihres Ursprunges, dem dramatischen Bilde mitten im Chor. Kein Zweifel! es ist Genesis der griechischen Buͤhne. Nun sehe man, wie viel aus der simpeln Bemerkung folge. Nichts minder als: „das „Kuͤnstliche ihrer Regeln war — keine Kunst! „war Natur! — Einheit der Fabel — war Einheit der Handlung, die vor ihnen lag; die nach ihren Zeit- Vaterlands- Religions- Sittenumstaͤnden, nicht anders als solch ein Eins seyn konnte. Einheit des Orts — war war Einheit des Orts; denn die Eine, kurze feierliche Handlung ging nur an Einem Ort, im Tempel, Pallast, gleichsam auf einem Markt des Vaterlandes vor: so wurde sie im Anfange, nur mimisch und erzaͤhlend nach- gemacht und zwischengeschoben: so kamen end- lich die Auftritte, die Scenen hinzu — aber alles natuͤrlich noch Eine Scene. Wo der Chor Alles band, wo der Natur der Sache wegen Buͤhne nie leer bleiben kounte u. s. w. Und daß Einheit der Zeit nun hieraus folgte und natuͤrlich mitging — welchem Kinde brauchte das bewiesẽ zu werdẽ? Alle diese Din- ge lagen damals in der Natur, daß der Dich- ter mit alle seiner Kunst ohne sie nichts konnte! Offenbar siehet man also auch: die Kunst der griechischen Dichter nahm ganz den ent- gegen gesetzten Weg, den man uns heut zu Tage aus ihnen zuschreyet. Jene simpli- ficirten nicht, denke ich, sondern sie verviel- faͤltigten: Aeschylus den Chor, Sopho- kles den Aeschylus, und man darf nur die kuͤnstlichsten Stuͤcke des letztern, und sein grosses Meisterstuͤck, den Oedipus in Thebe gegen den Prometheus, oder gegen die Nachrichten vom alten Dithyramb halten: so wird man die erstaunliche Kunst sehen, die ihm dahinein zu bringen gelang. Aber niemals Kunst aus Vielen ein Eins zu ma- chen, chen, sondern eigentlich aus Einem ein Vieles, ein schoͤnes Labyrinth von Scenen, wo seine groͤste Sorge blieb, an der verwickeltsten Stelle des Labyrinths seine Zuschauer mit dem Wahn des vorigen Einen umzutauschen, den Knaͤuel ihrer Empfindungen so sanft und allmaͤhlig los zu winden, als ob sie ihn noch immer ganz haͤtten, die vorige Dithyram- bische Empfindung. Dazu zierte er ihnen die Scene aus, behielt ja die Choͤre bey, und machte sie zu Ruheplaͤtzen der Handlung, er- hielt Alle mit jedem Wort im Anblick des Ganzen, in Erwartung, in Wahn des Werdens, des Schonhabens, (was der lehrreiche Euripides nachher sogleich, da die Buͤhne kaum gebildet war, wieder verab- saͤumte!) Kurz, er gab der Handlung (eine Sache, die man so erschrecklich mißverstehet) Groͤsse. Und daß Aristoteles diese Kunst seines Genies in ihm zu schaͤtzen wuste, und eben in Allem, fast das Umgekehrte war, was die neuern Zeiten aus ihm zu drehen beliebt ha- ben, muͤste Jedem einleuchten, der ihm ohne Wahn und im Standpunkte seiner Zeit ge- lesen. Eben daß er Thespis und Aeschylus verließ, und sich ganz an den vielfach dich- tenden Sophokles haͤlt, daß er eben von diese seiner Neuerung ausging, in sie das Wesen Wesen der neuen Dichtgattung zu setzen, daß es sein Lieblingsgedanke ward, nun einen neuen Homer zu entwickeln, und ihn so vor- theilhaft mit dem Ersten zu vergleichen; daß er keinen unwesentlichen Umstand vergaß, der nur in der Vorstellung seinen Begriff der Groͤsse habenden Handlung unterstuͤtzen konnte. — Alle das zeigt, daß der grosse Mann auch im grossen Sinn seiner Zeit phi- losophirte, und nichts weniger, als an den verengernden kindischen Laͤppereyen schuld ist, die man aus ihm spaͤter zum Papier geruͤste der Buͤhne machen wollen. Er hat offenbar, in seinem vortreflichen Kapitel vom Wesen der Fabel „in keine andre Regeln gewußt und an- „erkannt, als den Blick des Zuschauers, Seele, „Jllusion!„ und sagt ausdruͤcklich, daß sich sonst die Schranken ihrer Laͤnge, mithin noch weniger Art oder Zeit und Raum des Baues durch keine Regeln bestimmen lassen. O wenn Aristoteles wieder auf lebte, und den falschen, widersinnigen Gebrauch seiner Re- geln bey Drama’s ganz andrer Art saͤhe. — Doch wir bleiben noch lieber bey der stillen, ruhigen Untersuchung. Wie sich Alles in der Welt aͤndert: so muste sich auch die Natur aͤndern, die eigent- lich das griechische Drama schuf. Welt- F ver- verfassung, Sitten, Stand der Republi- ken, Tradition der Heldenzeit, Glaube, selbst Musik, Ausdruck Maas der Jllusi- on wandelte: und natuͤrlich schwand auch Stoff zu Fabeln, Gelegenheit zu der Bearbeitung, Anlaß zu dem Zwecke. Man konnte zwar das Uralte, oder gar von andern Nationen ein Fremdes herbey holen, und nach der ge- gebnen Manier bekleiden: das that Alles aber nicht die Wuͤrkung: folglich war in Allem auch nicht die Seele: folglich wars auch nicht (was sollen wir mit Worten spielen?) das Ding mehr. Puppe, Nachbild, Affe, Sta- tuͤe, in der nur noch der andaͤchtigste Kopf den Daͤmon finden konnte, der die Statuͤe belebte. Lasset uns gleich (denn die Roͤmer waren zu dumm, oder zu klug, oder zu wild und unmaͤssig, um ein voͤllig graͤcisirendes Theater zu errichten) zu den neuen Athenien- sern Europens uͤbergehen, und die Sache wird, duͤnkt mich, offenbar. Alles was Puppe des griechischen Thea- ters ist, kann ohne Zweifel kaum vollkomm- ner gedacht und gemacht werden, als es in Frankreich geworden. Jch will nicht blos an die sogenannten Theaterregeln denken, die man dem guten Aristoteles beymißt, Einheit der Zeit, des Orts, der Handlung, Bin- dung der Scenen, Wahrscheinlichkeit des des Brettergeruͤstes, u. s. w. sondern wuͤrk- lich fragen, ob uͤber das gleissende, klassische Ding, was die Korneille, Racine und Voltaire gegeben haben, uͤber die Reihe fchoͤner Auftritte, Gespraͤche, Verse und Reime, mit der Abmessung, dem Wohl- stande, dem Glanze — etwas in der Welt moͤglich sey? Der Verfasser dieses Aufsatzes zweifelt nicht bloß daran, sondern alle Ver- ehrer Voltairs und der Franzosen, zumal diese edlen Athenienser selbst, werden es ge- radezu laͤugnen — habens ja auch schon gnug gethan, thuns und werdens thun, „uͤber das geht nichts! das kann nicht uͤbertroffen werden!‟ Und in den Gesichtspunkt des Uebereinkommnisses gestellt, die Puppe aufs Bretterngeruͤste gesetzt — haben sie recht, und muͤssens von Tag zu Tage je mehr man sich in das Gleissende vernarrt, und es nach- aͤffet, in allen Laͤndern Europens mehr be- kommen! Bey alle dem ists aber doch ein druͤckendes unwiderstrebliches Gefuͤhl „das ist keine grie- chische Tragoͤdie! von Zweck, Wuͤrkung, | Art, Wesen kein griechisches Drama!‟ und der partheyischte Verehrer der Franzosen kann, wenn er Griechen gefuͤhlt hat, das nicht laͤug- nen. Jch wills gar nicht Einmal untersuchen „ob sie auch ihren Aristoteles den Regeln nach F 2 so so beobachten, wie sies vorgeben, wo Lessing gegen die lautesten Anmaassungen neulich schreckliche Zweifel erregt hat.‟ Das Alles aber auch zugegeben, Drama ist nicht dasselbe, warum? weil im Jnnern nichts von ihm Dasselbe mit Jenem ist, nicht Handlung, Sitten, Sprache, Zweck, nichts — und was huͤlfe also alles Aeussere so genau erhaltne Einerley? Glaubt denn wohl jemand, daß Ein Held des grossen Corneille ein roͤmischer oder franzoͤsischer Held sey? Spanisch-Sene- kasche Helden! galante Helden, abentheur- lich tapfere, großmuͤthige, verliebte, grau- same Helden also dramatische Fiktionen, die ausser dem Theater Narren heissen wuͤrden, und wenigstens fuͤr Frankreich schon damals halb so fremde waren, als sies jetzt bey den meisten Stuͤcken ganz sind — das sind sie. Racine spricht die Sprache der Empfindung — allerdings nach diesem Einen zugegebnen Uebereinkommnisse ist nichts uͤber ihn; aber ausser dem auch — wuͤste ich nicht, wo Eine Empfindung so spraͤche? Es sind Gemaͤlde der Empfindung von dritter fremder Hand; nie aber oder selten die unmittelbaren, ersten, ungeschminkten Regungen, wie sie Worte suchen und endlich finden. Der schoͤne Vol- taͤrsche Vers, sein Zuschnitt, Jnhalt, Bil- derwirthschaft, Glanz, Witz, Philosophie — ist ist er nicht ein schoͤner Vers? Allerdings! der schoͤnste, den man sich vielleicht denken kann, und wenn ich ein Franzose waͤre, wuͤrde ich verzweifeln, hinter Voltaͤr Einen Vers zu machen — aber schoͤn oder nicht schoͤn, kein Theatervers! fuͤr Handlung, Sprache, Sit- ten, Leidenschaften, Zweck eines (anders als Franzoͤsischen) Drama, ewige Schulchrie, Luͤge und Galimathias. Endlich Zweck des Allen? durchaus kein griechischer, kein tragischer Zweck! Ein schoͤnes Stuͤck, wenn es auch eine schoͤne Handlung waͤre, auf die Buͤhne zu bringen! eine Reihe artiger, wohl- gekleideter Herrn und Dames schoͤne Reden, auch die schoͤnste und nuͤtzlichste Philosophie in schoͤnen Versen vortragen zu lassen! sie allesamt auch in eine Geschichte dichten, die einen Wahn der Vorstellung giebt, und also die Aufmerksamkeit mit sich fortzieht! endlich das alles auch durch eine Anzahl wohlgeuͤbter Herrn und Dames vorstellen lassen, die wuͤrk- lich viel auf Deklamation, Stelzengang der Sentenzen und Aussenwerke der Empfindung, Beyfall und Wohlgefallen anwenden — das Alles koͤnnen vortrefliche und die besten Zwecke zu einer lebendigen Lecture, zur Uebung im Ausdruck, Stellung und Wohlstande, zum Gemaͤlde guter oder gar heroischer Sitten, und endlich gar eine voͤllige Akademie der F 3 Na- Nationalweißheit und Decence im Leben und Sterben werden, (alle Nebenzwecke uͤbergan- gen) schoͤn! bildend! lehrreich! vortreflich! durchaus aber weder Hand noch Fuß vom Zweck des griechischen Theaters. Und welches war der Zweck? Aristoteles hats gesagt, und man hat gnug daruͤber ge- stritten — nichts mehr und minder, als eine gewisse Erschuͤtterung des Herzens, die Erregung der Seele in gewissem Maaß und von gewissen Seiten, kurz! eine Gat- tung Jllusion, die wahrhaftig! noch kein franzoͤsisches Stuͤck zuwege gebracht hat, oder zuwege bringen wird. Und folglich (es heisse so herrlich und nuͤtzlich, wie es wolle) grie- chisches Drama ists nicht! Trauerspiel des Sophokles ists nicht. Als Puppe ihm noch so gleich; der Puppe fehlt Geist, Leben, Na- tur, Wahrheit — mithin alle Elemente der Ruͤhrung — mithin Zweck und Erreichung des Zwecks — ists also dasselbe Ding mehr? Hiemit wuͤrde noch nichts uͤber Werth und Unwerth entschieden, es waͤre nur blos von Verschiedenheit die Rede, die ich mit dem Vorigen ganz ausser Zweifel gesetzt glaube. Und nun gebe ichs jedem anheim, es selbst auszumachen, „ob eine Kopirung fremder Zeiten, Sitten und Handlungen in Halb- wahr- wahrheit, mit dem koͤstlichen Zwecke, sie der zweystaͤndigen Vorstellung auf einem Bret- terngeruͤste faͤhig und aͤhnlich zu machen, wohl einer Nachbildung gleich‟ oder uͤberge- schaͤtzt werden koͤnne, die in gewissem Be- tracht die hoͤchste Nationalnatur war? ob eine Dichtung, deren Ganzes eigentlich (und da wird sich jeder Franzose winden oder vor- bey singen muͤssen) gar keinen Zweck hat — das Gute ist nach dem Bekaͤnntniß der besten Philosophen nur eine Nachlese im Detail — ob die einer Landesanstalt gleichgeschaͤtzt wer- den kann, wo in jedem kleinen Umstande Wuͤrkung, hoͤchste, schwerste Bildung lag? Ob endlich nicht eine Zeit kommen muͤste, da man, wie die meisten und kuͤnstlichsten Stuͤcke Corneillens schon vergessen sind, Krebil- lon und Voltaire mit der Bewundrung an- sehen wird, mit der man jetzt die Astraͤa des Hrn. von Urfe, und alle Clelien und Aspa- sien der Ritterzeit ansieht, „voll Kopf und „Weisheit! voll Erfindung und Arbeit! es „waͤre aus ihnen so viel! viel zu lernen — „aber Schade! daß es in der Astraͤa und „ Klelia ist.„ Das Ganze ihrer Kunst ist ohne Natur! ist abentheuerlich! ist eckel! — Gluͤcklich wenn wir im Geschmack der Wahr- heit schon an der Zeit waͤren! Das ganze franzoͤsische Drama haͤtte sich in eine Samm- F 4 lung lung schoͤner Verse, Sentenzen, Sentimens verwandelt — aber der grosse Sophokles stehet noch, wie er ist! Lasset uns also ein Volk setzen, das aus Umstaͤnden, die wir nicht untersuchen moͤgen, Lust haͤtte, sich statt nachzuaͤffen und mit der Wallnußschaale davon zu laufen, selbst lieber, sein Drama zu erfinden: so ists, duͤnkt mich, wieder erste Frage: wenn? wo? unter welchen Umstaͤnden? woraus solls das thun? und es braucht keines Beweises, daß die Erfindung nichts als Resultat dieser Fragen seyn wird und seyn kann. Holt es sein Drama nicht aus Chor, aus Dithyramb her: so kanns auch nichts Chormaͤssiges Dithy- rambisches haben. Laͤge ihm keine solche Sim- plicitaͤt von Faktis der Geschichte, Tradi- tion, Haͤußlichen, und Staats- und Re- ligionsbeziehungen vor — natuͤrlich kanns nichts von Alle dem haben. — Es wird sich, wo moͤglich, sein Drama nach seiner Ge- schichte, nach Zeitgeist, Sitten, Meinungen, Sprache, Nationalvorurtheile, Traditionen, und Liebhabereyen, wenn auch aus Fastnachts- und Marionettenspiel (eben, wie die edlen Griechen aus dem Chor) erfinden — und das Erfundne wird Drama seyn, wenn es bey bey diesem Volk dramatischen Zweck erreicht. Man sieht, wir sind bey den toto divisis ab orbe Britannis und ihrem grossen Shakespear. Daß da, und zu der und vor der Zeit kein Griechenland war, wird kein pullulus Aristo- telis laͤugnen, und hier und da also griechisches Drama zu fodern, daß es natuͤrlich (wir reden von keiner Nachaͤffung) entstehe, ist aͤrger, als daß ein Schaaf Loͤwen gebaͤren solle. Es wird allein erste und letzte Frage: „wie ist der Boden? worauf ist er zubereitet? „was ist in ihn gesaͤet? was sollte er tragen „koͤnnen?„ — und Himmel! wie weit hier von Griechenland weg! Geschichte, Tradi- tion, Sitten, Religion, Geist der Zeit, des Volks, der Ruͤhrung, der Sprache — wie weit von Griechenland weg! Der Leser kenne beyde Zeiten viel oder wenig, so wird er doch kei- nen Augenblick verwechseln, was nichts Aehnli- ches hat. Und wenn nun in dieser gluͤcklich oder ungluͤcklich veraͤnderten Zeit, es eben Ein Alter, Ein Genie gaͤbe, daß aus seinem Stoff so natuͤrlich, groß, und original eine drama- tische Schoͤpfung zoͤge, als die Griechen aus dem Jhren — und diese Schoͤpfung eben auf den verschiedensten Wegen dieselbe Absicht erreichte, wenigstens an sich ein weit vielfach Einfaͤltiger und Einfachvielfaͤltiger — also F 5 (nach (nach aller methaphysischen Definition) ein vollkommenes Ganzes waͤre — was fuͤr ein Thor, der nun vergliche und gar verdammte, weil dies Zweyte nicht das Erste sey? Und alle sein Wesen, Tugend und Vollkommen- heit beruht ja darauf, daß es nicht das Erste ist: daß aus dem Boden der Zeit, eben die andre Pflanze erwuchs. Shakespear fand vor und um sich nichts weniger als Simolicitaͤt von Vaterlandssitten, Thaten, Neigungen und Geschichtstraditio- nen, die das griechische Drama bildete, und da also nach dem Ersten metaphysischen Weis- heitssatze aus Nichts Nichts wird, so waͤre Philosophen uͤberlassen, nicht blos kein Grie- chisches, sondern wenns ausserdem Nichts giebt, auch gar kein Drama in der Welt mehr geworden, und haͤtte werden koͤnnen. Da aber Genie bekanntermaassen mehr ist, als Philosophie, und Schoͤpfer ein ander Ding, als Zergliederer: so wars ein Sterb- licher mit Goͤtterkraft begabt, eben aus dem entgegen gesetztesten Stoff, und in der ver- schiedensten Bearbeitung dieselbe Wuͤrkung hervor zu rufen, Furcht und Mitleid! und beyde in einem Grade, wie jener Erste Stoff und Bearbeitung es kaum vormals hervor- zubringen vermocht! — Gluͤcklicher Goͤtter- sohn uͤber sein Unternehmen! Eben das Neue, Erste, Erste, ganz Verschiedne zeigt die Urkraft seines Berufs. Shakespear fand keinen Chor vor sich; aber wohl Staats und Marionettenspiele — wohl! er bildete also aus diesen Staats- und Marionettenspielen, dem so schlechten Leim! das herrliche Geschoͤpf, das da vor uns steht und lebt! Er fand keinen so einfachen Volks- und Vaterlandscharakter, sondern ein Viel- faches von Staͤnden, Lebensarten, Gesin- nungen, Voͤlkern und Spracharten — der Gram um das Vorige waͤre vergebens ge- wesen; er dichtete also Staͤnde und Men- schen, Voͤlker und Spracharten, Koͤnig und Narren, Narren und Koͤnig zu dem herrli- chen Ganzen! Er fand keinen so einfachen Geist der Geschichte, der Fabel, der Hand- lung: er nahm Geschichte, wie er sie fand, und setzte mit Schoͤpfergeist das Verschieden- artigste Zeug zu einem Wunderganzen zusam- men, was wir, wenn nicht Handlung im griechischen Verstande, so Aktion im Sinne der mittlern, oder in der Sprache der neuern Zeiten Begebenheit ( evenement ) grosses Eraͤugniß nennen wollen — o Aristoteles, wenn du erschienest, wie wuͤrdest du den neuen Sophokles homerisiren! wuͤrdest so eine eigne Theorie uͤber ihn dichten, die jetzt seine Lands- leute, Home und Hurd, Pope und John- son son noch nicht gedichtet haben! Wuͤrdest dich freuen, von Jedem Deiner Stuͤcke, Hand- lung, Charakter, Meinungen, Aus- druck, Buͤhne, wie aus zwey Punkten des Dreyecks Linien ziehen zu koͤnnen, die sich oben in Einem Punkte des Zwecks, der Vollkommenheit begegnen! Wuͤrdest zu Sophokles sagen: mahle das heilige Blatt dieses Altars! und du o nordischer Barde alle Seiten und Waͤnde dieses Tempels in dein unsterbliches Fresko! Man lasse mich als Ausleger und Rhap- sodisten fortfahren: denn ich bin Shakespear naͤher als dem Griechen. Wenn bey diesem das Eine einer Handlung herrscht: so ar- beitet Jener auf das Ganze eines Eraͤugnis- ses einer Begebenheit. Wenn bey |Je- nem Ein Ton der Charaktere herrschet, so bey diesem alle Charaktere, Staͤnde und Le- bensarten, so viel nur faͤhig und noͤthig sind, den Hauptklang seines Concerts zu bilden. Wenn in Jenem Eine singende feine Spra- che, wie in einem hoͤhern Aether thoͤnet, so spricht dieser die Sprache aller Alter, Men- schen und Menscharten, ist Dollmetscher der Natur in all’ ihren Zungen — und auf so verschiedenen Wegen beyde Vertraute Einer Gottheit? — Und wenn jener Griechen vorstellt und lehrt und ruͤhrt und bildet, so lehrt, lehrt, ruͤhrt und bildet Shakespear nordische Menschen! Mir ist, wenn ich ihn lese, Theater, Akteur, Koulisse verschwunden! Lauter einzelne im Sturm der Zeiten we- hende Blaͤtter aus dem Buch der Begeben- heiten, der Vorsehung der Welt! — ein- zelne Gepraͤge der Voͤlker, Staͤnde, Seelen! die alle die verschiedenartigsten und abgetrenn- test handelnden Maschinen, alle — was wir in der Hand des Weltschoͤpfers sind — un- wissende, blinde Werkzeuge zum Ganzen Eines theatralischen Bildes, Einer Groͤsse habenden Begebenheit, die nur der Dichter uͤberschauet. Wer kann sich einen groͤssern Dichter der nordischen Menschheit und in dem Zeitalter! denken! Wie vor einem Meere von Begebenheit, wo Wogen in Wogen rauschen, so tritt vor seine Buͤhne. Die Auftritte der Natur ruͤk- ken vor und ab; wuͤrken in einander so di- sparat sie scheinen; bringen sich hervor, und zerstoͤhren sich, damit die Absicht des Schoͤ- pfers, der alle im Plane der Trunkenheit und Unordnung gesellet zu haben schien, erfuͤllt werde — dunkle kleine Symbole zum Son- nenriß einer Theodicee Gottes. Lear der rasche, warme, edelschwache Greis, wie er da vor seiner Landcharte steht, und Kronen wegschenkt und Laͤnder zerreißt, — in der Ersten Ersten Scene der Erscheinung traͤgt schon allen Saamen seiner Schicksale zur Ernte der dunkelsten Zukunft in sich. Siehe! der gutherzige Verschwender, der rasche Unbarm- herzige, der kindische Vater wird es bald seyn auch in den Vorhoͤfen seiner Toͤchter — bit- tend, betend, bettelnd, fluchend, schwaͤr- mend, segnend, — ach, Gott! und Wahn- sinn ahndend. Wirds seyn bald mit blassem Scheitel unter Donner und Blitz, zur unter- sten Klasse von Menschen herabgestuͤrzt, mit einem Narren und in der Hoͤle eines tollen Bettlers Wahnsinn gleichsam pochend vom Himmel herab. — Und nun ist wie ers ist, in der ganzen leichten Majestaͤt seines Elends und Verlassens; und nun zu sich kommend, angeglaͤnzt vom letzten Strahle Hoffnung, damit diese auf ewig, ewig erloͤsche! Gefan- gen, die todte Wohlthaͤterin, Verzeiherin, Kind, Tochter auf seinen Armen! auf ihrem Leichnam sterbend, der alte Knecht dem alten Koͤnige nachsterbend — Gott! welch ein Wechsel von Zeiten, Umstaͤnden, Stuͤrmen, Wetter, Zeitlaͤuften! und alle nicht blos Eine Geschichte — Helden und Staatsak- tion, wenn du willt! von Einem Anfange zu Einem Ende, nach der strengsten Regel deines Aristoteles; sondern tritt naͤher, und fuͤhle den Menschengeist, der auch jede Person und und Alter und Charakter und Nebending in das Gemaͤlde ordnete. Zween alte Vaͤter und alle ihre so verschiedne Kinder! Des Einen Sohn gegen einen betrognen Vater ungluͤcklich dankbar, der andre gegen den gutherzigsten Vater scheuslich undankbar und abscheulich gluͤcklich. Der gegen seine Toͤchter! diese gegen ihn! ihre Gemal, Freyer und alle Helfers- helfer im Gluͤck und Ungluͤck. Der blinde Gloster am Arm seines unerkannten Sohnes, und der tolle Lear zu den Fuͤssen seiner ver- triebnen Tochter! und nun der Augenblick der Wegscheide des Gluͤcks, da Gloster un- ter seinem Baume stirbt, und die Trompete rufet alle Nebenumstaͤnde, Triebfedern, Cha- ractere und Situationen dahin eingedichtet — Alles im Spiel! zu Einem Ganzen sich fort- wickelnd — zu einem Vater- und Kinder- Koͤnigs- und Narren- und Bettler- und Elend-Ganzen zusammen geordnet, wo doch uͤberall bey den Disparatsten Scenen Seele der Begebenheit athmet, wo Oerter, Zeiten, Umstaͤnde selbst moͤchte ich sagen, die heidnische Schicksals- und Sternenphi- losophie, die durchweg herrschet, so zu die- sem Ganzen gehoͤren, daß ich Nichts veraͤn- dern, versetzen, aus andern Stuͤcken hieher oder hieraus in andre Stuͤcke bringen koͤnnte. Und das waͤre kein Drama? Shakespear kein kein dramatischer Dichter? Der hundert Auf- tritte einer Weltbegebenheit mit dem Arm umfaßt, mit dem Blick ordnet, mit der Ei- nen durchhauchenden, Alles belebenden Seele erfuͤllet, und nicht Aufmerksamkeit; Herz, alle Leidenschaften, die ganze Seele von An- fang bis zu Ende fortreißt — wenn nicht mehr, so soll Vater Aristoteles zeugen, „die „Groͤsse des lebendigen Geschoͤpfs darf nur „mit Einem Blick uͤbersehen werden koͤnnen„ — und hier — Himmel! wie wird das Ganze der Begebenheit mit tiefster Seele fortgefuͤhlt und geendet! — Eine Welt dramatischer Geschichte, so groß und tief wie die Natur; aber der Schoͤpfer giebt uns Auge und Ge- sichtspunkt, so groß und tief zu sehen! Jn Othello, dem Mohren, welche Welt! welch ein Ganzes! lebendige Geschichte der Entstehung, Fortgangs, Ausbruchs, traurigen Endes der Leidenschaft die- ses Edlen Ungluͤckseligen! und in welcher Fuͤlle, und Zusammenlauf der Raͤder zu Einem Werke! Wie dieser Jago, der Teu- fel in Menschengestalt, die Welt ansehn, und mit allen, die um ihn sind, spielen! und wie nun die Gruppe ein Cassio und Rodrich, Othello und Desdemone in den Charakteren, mit dem Zunder von Empfaͤnglichkeiten seiner Hoͤllenflamme, um ihn stehen muß, und jedes ihm ihm in den Wurf kommt, und er alles braucht, und Alles zum traurigen Ende eilet. — Wenn ein Engel der Vorsehung menschliche Leidenschaften gegen einander abwog, und Seelen und Charaktere gruppirte, und ihnen Anlaͤsse, wo Jedes im Wahn des Freyen handelt, zufuͤhrt, und er sie alle mit diesem Wahne, als mit der Kette des Schicksals zu seiner Jdee leitet — so war der menschliche Geist, der hier entwarf, sann, zeichnete, lenkte. Daß Zeit und Ort, wie Huͤlsen um den Kern immer mit gehen sollte nicht einmal er- innert werden duͤrfen, und doch ist hieruͤber eben das helleste Geschrey. Fand Shakespear den Goͤttergriff Eine ganze Welt der dispa- ratesten Auftritte zu Einer Begebenheit zu erfassen; natuͤrlich gehoͤrte es eben zur Wahr- heit seiner Begebenheiten, auch Ort und Zeit jedesmal zu idealisiren, daß sie mit zur Taͤu- schung beytruͤgen. Jst wohl jemand in der Welt zu einer Kleinigkeit seines Lebens Ort und Zeit gleichguͤltig? und sind sies insonder- heit in den Dingen, wo die ganze Seele ge- regt, gebildet, umgebildet wird? in der Ju- gend, in Scenen der Leidenschaft, in allen Handlungen aufs Leben! Jsts da nicht eben Ort und Zeit und Fuͤlle der aͤussern Umstaͤnde, die der ganzen Geschichte Haltung, Dauer, G Exsi- Exsistenz geben muß, und wird ein Kind, ein Juͤngling, ein Verliebter, ein Mann im Felde der Thaten sich wohl Einen Umstand des Lokals, des Wie? und Wo? und Wann? wegschneiden lassen, ohne daß die ganze Vor- stellung seiner Seele litte? Da ist nun Sha- kespear der groͤste Meister, eben weil er nur und immer Diener der Natur ist. Wenn er die Begebenheiten seines Drama dachte, im Kopf waͤlzte, wie waͤlzen sich jedesmal Oerter und Zeiten so mit umher! Aus Sce- nen und Zeitlaͤuften aller Welt findet sich, wie durch ein Gesetz der Fatalitaͤt. eben die hieher, die dem Gefuͤhl der Handlung, die kraͤftigste, die idealste ist; wo die sonderbar- sten, kuͤhnsten Umstaͤnde am meisten den Trug der Wahrheit unterstuͤtzen, wo Zeit- und Ort- wechsel, uͤber die der Dichter schaltet, am lautesten rufen: „hier ist kein Dichter! ist Schoͤpfer! ist Geschichte der Welt!‟ Als z. E. der Dichter den schrecklichen Koͤ- nigsmord, Trauerspiel Macbeth genannt, als Faktum der Schoͤpfung in seiner Seele waͤlzte — bist du, mein lieber Leser, so bloͤde gewesen, nun in keiner Scene, Scene und Ort mit zu fuͤhlen — wehe Shakespear, dem verwelkten Blatte in deiner Hand. So hast du nichts von der Eroͤfnung durch die Zaube- rinnen auf der Haide unter Blitz und Donner! nichts nichts nun vom blutigen Manne mit Mac- beths Thaten zur Bothschaft des Koͤniges an ihn, nichts wider die Scene zu brechen, und den prophetischen Zaubergeist zu eroͤfnen, und die vorige Bothschaft nun mit diesem Grusse in seinem Haupt zu mischen — gefuͤhlt! Nicht sein Weib mit jener Absch ist des Schick- salsbriefes in ihrem Schlosse wandern sehen, die hernach wie grauerlich anders wandern wird! Nicht mit dem stillen Koͤnige noch zu guter letzt die Abendluft so sanft gewittert, rings um das Haus, wo zwar die Schwalbe so sicher nistet, aber du o Koͤnig — das ist im unsichtbaren Werk! — dich deiner Moͤr- dergrube naͤherst. Das Haus in unruhiger, gastlicher Zubereitung, und Macbeth in Zu- bereitung zum Morde! Die bereitende Nacht- scene Bankos mit Fackel und Schwerdt! Der Dolch! der schauerliche Dolch der Vi- sion! Glocke — kaum ists geschehen und das Pochen an der Thuͤr! — Die Entdek- kung, Versammlung — man trabe alle Oerter und Zeiten durch, wo das zu der Ab- sicht, in der Schoͤpfung, anders als da und so geschehen koͤnnte. Die Mordscene Bankos im Walde; das Nachtgastmahl und Bankos Geist — nun wieder die Hexenhaide (denn seine erschreckliche Schicksalsthat ist zu Ende!) Nun Zauberhoͤle, Beschwoͤrung, Prophe- G 2 zeyung, zeyung, Wuth und Verzweiflung! Der Tod der Kinder Macdufs unter den Fluͤgeln ihrer einsamen Mutter! und jene zween Vertriebne unter dem Baum, und nun die grauerliche Nachtwanderin im Schlosse, und die wun- derbare Erfuͤllung der Prophezeyung — der heranziehende Wald — Macbeths Tod durch das Schwerdt eines Ungebohrnen — ich muͤßte alle, alle Scenen ausschreiben, um das idealisirte Lokal des unnennbaren Gan- zen, der Schicksals-Koͤnigsmords- und Zauberwelt zu nennen, die als Seele das Stuͤck, bis auf den kleinsten Umstand von Zeit, Ort, selbst scheinbarer Zwischenver- wirrung, belebt, Alles in der Seele zu Ei- nem schauderhaften, unzertrennlichen Gan- zen zu machen — und doch wuͤrde ich mit Allem nichts sagen. Dies Jndividuelle jedes Stuͤcks, jedes einzelnen Weltalls, geht mit Ort und Zeit und Schoͤpfung durch alle Stuͤcke. Lessing hat einige Umstaͤnde Hamlets in Verglei- chung der Theaterkoͤnigin Semiramis ent- wickelt — wie voll ist das ganze Drama die- ses Lokalgeistes von Anfang, zu Ende. Schloß- platz und bittre Kaͤlte, abloͤsende Wache und Nachterzaͤhlungen, Unglaube und Glaube — der Stern — und nun erscheints! — Kann Jemand seyn, der nicht in jedem Wort und Um- Umstaͤnde Bereitung und Natur ahnde! So weiter. Alles Kostume der Geister erschoͤpft! der Menschen zur Erscheinung erschoͤpft! Hahnkraͤh und Paukenschall, stummer Wink und der nahe Huͤgel, Wort und Unwort — welches Lokal! welches tiefe Eingraben der Wahrheit! Und wie der erschreckte Koͤnig kniet, und Hamlet vorbeyirrt in seiner Mut- ter Kammer vor dem Bilde seines Vaters! und nun die andre Erscheinung! Er am Grabe seiner Ophelia! der ruͤhrende good Fellow in allen den Verbindungen mit Horaz Ophelia, Laertes, Fortinbras! das Ju- gendspiel der Handlung, was durchs Stuͤck fortlaͤuft und fast bis zu Ende keine Handlung wird — wer da Einen Augenblick Brettern- geruͤste fuͤhlt und sucht, und Eine Reihe ge- bundner artiger Gespraͤche auf ihm sucht, fuͤr den hat Shakespear und Sophokles, kein wahrer Dichter der Welt gedichtet. Haͤtte ich doch Worte dazu, um die ein- zelue Hauptempfindung, die also jedes Stuͤck beherrscht, und wie eine Weltseele durchstroͤmt, zu bemerken. Wie es doch in Othello wuͤrk- lich mit zu dem Stuͤcke gehoͤrt, so selbst das Nachtsuchen wie die fabelhafte Wunderliebe, die Seefahrt, der Seesturm, wie die brau- sende Leidenschaft Othellos, die so sehr ver- spottete Todesart, das Entkleiden unter dem G 3 Ster- Sterbeliedchen und dem Windessausen, wie die Art der Suͤnde und Leidenschaft selbst — sein Eintritt, Rede ans Nachtlicht u. s. w. waͤre es moͤglich, doch das in Worte zu fas- sen, wie das Alles zu Einer Welt der Trauer- begebenheit lebendig und innig gehoͤre — aber es ist nicht moͤglich. Kein elendes Far- bengemaͤlde laͤßt sich durch Worte beschreiben oder herstellen, und wie die Empfindung Ei- ner lebendigen Welt in allen Scenen, Um- staͤnden und Zaubereyen der Natur. Gehe, mein Leser, was du willt, Lear und die Ri- chards, Caͤsar und die Heinrichs, selbst Zauberstuͤcke und Divertissements, insonder- heit Romeo, das suͤsse Stuͤck der Liebe, auch Roman in jedem Zeitumstande, und Ort und Traum und Dichtung — gehe es durch, ver- suche Etwas der Art wegzunehmen, zu tau- schen, es gar auf ein franzoͤsisches Brettern- geruͤste zu simplificiren — eine lebendige Welt mit allem Urkundlichen ihrer Wahrheit in dies Geruͤste verwandelt — schoͤner Tausch! schoͤne Wandlung! Nimm dieser Pflanze ihren Boden, Saft und Kraft, und pflanze sie in die Luft: nimm diesem Menschen Ort, Zeit, individuelle Bestandheit — du hast ihm Othem und Seele genommen, und ist ein Bild vom Geschoͤpf. Eben Eben da ist also Shakespear Sophokles Bruder, wo er ihm dem Anschein nach so unaͤhnlich ist, um im Jnnern, ganz wie Er, zu seyn. Da alle Taͤuschung durch dies Ur- kuͤndliche, Wahre, Schoͤpferische der Ge- schichte erreicht wird, und ohne sie nicht blos nicht erreicht wuͤrde, sondern kein Element mehr (oder ich haͤtte umsonst geschrieben) von Shakespears Drama und dramatischem Geist bliebe: so sieht man, die ganze Welt ist zu diesem grossen Geiste allein Koͤrper: alle Auftritte der Natur an diesem Koͤrper Glieder, wie alle Charaktere und Denkarten zu diesem Geiste Zuͤge — und das Ganze mag jener Riesengott des Spinosa „Pan! Universum!‟ heissen. Sophokles blieb der Natur treu, da er Eine Handlung Eines Orts und Einer Zeit bearbeitete: Shake- spear konnt ihr allein treu bleiben, wenn er seine Weltbegebenheit und Menschenschicksal durch alle die Oerter und Zeiten waͤlzte, wo sie — nun, wo sie geschehen: und Gnade Gott, dem kurzweiligen Franzosen, der in Shakespears fuͤnften Aufzug kaͤme, um da die Ruͤhrung in der Quintessenz herunter zu schlucken. Bey manchen franzoͤsischen Stuͤk- ken mag dies wohl angehen, weil da Alles nur fuͤrs Theater versificirt und in Scenen Schaugetragen wird; aber hier geht er eben G 4 ganz ganz leer aus. Da ist Weltbegebenheit schon vorbey: er sieht nur die letzte, schlechteste Folge, Menschen, wie Fligen fallen: er geht hin und hoͤhnt: Shakespear ist ihm Aerger- niß und sein Drama die dummeste Thorheit. Ueberhaupt waͤre der ganze Knaͤuel von Ort- und Zeitquaͤstionen laͤngst aus seinem Ge- wirre gekommen, wenn ein philosophischer Kopf uͤber das Drama sich die Muͤhe haͤtte nehmen wollen, auch hier zu fragen: „was „denn Ort und Zeit sey?„ Solls das Bret- terngeruͤste, und der Zeitraum eines Diver- tissements au theatre seyn: so hat niemand in der Welt Einheit des Orts, Maaß der Zeit und der Scenen, als — die Franzosen. Die Griechen — bey ihrer hohen Taͤuschung, von der wir fast keinen Begriff haben — bey ihren Anstalten fuͤr das Oeffentliche der Buͤh- ne, bey ihrer rechten Tempelandacht vor der- selben, haben an nichts weniger als das je gedacht. Wie muß die Taͤuschung eines Menschen seyn, der hinter jedem Auftritt nach seiner Uhr sehen will, ob auch So Was in So viel Zeit habe geschehen koͤnnen? und dem es sodann Hauptelement der Herzens- freude wuͤrde, daß der Dichter ihn doch ja um keinen Augenblick betrogen, sondern auf dem dem Geruͤste nur eben so viel gezeigt hat, als er in der Zeit im Schneckengange seines Le- bens sehen wuͤrde — welch ein Geschoͤpf, dem das Hauptfreude waͤre! und welch ein Dichter, der darauf als Hauptzweck arbei- tete, und sich denn mit dem Regelnkram bruͤ- stete „wie artig habe ich nicht so viel und so viel schoͤne Spielewerke! auf den engen ge- gebnen Raum dieser Brettergrube, theatre François genannt, und in dengegebnen Zeit- raum der Visite dahin eingeklemmt und ein- gepaßt! die Scenen filirt und enfilirt! alles genau geflickt und geheftet‟ — elender Ce- remonienmeister! Savogarde des Theaters, nicht Schoͤpfer! Dichter! dramatischer Gott! Als solchem schlaͤgt dir keine Uhr auf Thurm und Tempel, sondern du hast Raum und Zeitmaasse zu schaffen, und wenn du eine Welt hervorbringen kannst, und die nicht anders, als in Raum und Zeit ersistiret, siehe, so ist da im Jnnern dein Maaß von Frist und Raum; dahin du alle Zuschauer zaubern, daß du Allen auf dringen mußt, oder du bist — was ich gesagt habe, nur nichts weniger, als dramatischer Dichter. Sollte es denn jemand in der Welt brau- chen demonstrirt zu werden, daß Raum und Zeit eigentlich an sich nichts, daß sie die rela- tiveste Sache auf Daseyn, Handlung, Lei- G 5 den- denschaft, Gedankenfolge und Maaß der Aufmerksamkeit in oder ausserhalb der Seele sind? Hast du denn, gutherziger Uhrsteller des Drama, nie Zeiten in deinem Leben ge- habt, wo dir Stunden zu Augenblicken und Tage zu Stunden; Gegentheils aber auch Stunden zu Tagen, und Nachtwachen zu Jahren geworden sind? Hast du keine Si- tuationen in deinem Leben gehabt, wo deine Seele Einmal ganz ausser dir wohnte, hier in diesem romantischen Zimmer deiner Ge- liebten, dort auf jener starren Leiche, hier in diesem Druͤckenden aͤusserer, beschaͤmen- der Noth — jetzt wieder uͤber Welt und Zeit hinausflog, Raͤume und Weltgegenden uͤberspringet, alles um sich vergaß, und im Himmel, in der Seele, im Herzen dessen bist, dessen Exsistenz du nun empfindest? Und wenn das in deinem traͤgen, schlaͤfrigen Wurm- und Baumleben moͤglich ist, wo dich ja Wur- zeln gnug am todten Boden deiner Stelle festhalten, und jeder Kreis, den du schleppest, dir langsames Moment gnug ist, deinen Wurmgang auszumessen — nun denke dich Einen Augenblick in Eine andre, eine Dich- terwelt nur in einen Traum? Hast du nie gefuͤhlt, wie im Traum dir Ort und Zeit schwinden? was das also fuͤr unwesentliche Dinge, fuͤr Schatten gegen das was Hand- lung, lung, Wuͤrkung der Seele ist, seyn muͤssen? wie es blos an dieser Seele liege, sich Raum, Welt und Zeitmaaß zu schaffen, wie und wo sie will? Und haͤttest du das nur Ein- mal in deinem Leben gefuͤhlt, waͤrest nach Einer Viertheilstunde erwacht, und der dunkle Rest deiner Traumhandlungen haͤtte dich schwoͤren gemacht, du habest Naͤchte hinweg geschlafen, getraͤumt und gehandelt! — duͤrfte dir Mahomeds Traum, als Traum, noch Einen Augenblick ungereimt seyn! und waͤre es nicht eben jedes Genies, jedes Dich- ters, und des dramatischen Dichters inson- derheit Erste und Einzige Pflicht, dich in Einen solchen Traum zu setzen? Und nun denke, welche Welten du verwirrest, wenn du dem Dichter deine Taschenuhr, oder dein Visitenzimmer vorzeigest, daß er dahin und darnach dich traͤumen lehre? Jm Gange seiner Begebenheit, im ordine succcssivorum und simultaneorum seiner Welt, da liegt sein Raum und Zeit. Wie, und wo er dich hinreisse? wenn er dich nur dahin reißt, da ist seine Welt. Wie schnell und langsam er die Zeiten folgen lasse; er laͤßt sie folgen; er druͤckt dir diese Folge ein: das ist sein Zeitmaaß — und wie ist hier wieder Shakespear Meister! langsam und schwer- faͤllig fangen seine Begebenheiten an, in sei- ner ner Natur wie in der Natur: denn er giebt diese nur im verjuͤngten Maasse. Wie muͤ- hevoll, ehe die Triebfedern in Gang kommen! je mehr aber, wie laufen die Scenen! wie kuͤrzer die Reden und gefluͤgelter die Seelen, die Leidenschaft, die Handlung! und wie maͤchtig sodann|dieses Laufen, das Hinstreuen gewisser Worte, da niemand mehr Zeit hat. Endlich zuletzt, wenn er den Leser ganz ge- taͤuscht und im Abgrunde seiner Welt und Leidenschaft verlohren sieht, wie wird er kuͤhn, was laͤßt er auf einander folgen! Lear stirbt nach Cordelia, und Kent nach Lear! es ist gleichsam Ende seiner Welt, juͤngster Tag da, da Alles auf einander rollet und hinstuͤrzt, der Himmel eingewickelt und die Berge fal- len; das Maaß der Zeit ist hinweg. — Freylich wieder nicht fuͤr den lustigen, mun- tren Kaklogallinier, der mit heiler frischer Haut in den fuͤnften Akt kaͤme, um an der Uhr zu messen, wie viel da in welcher Zeit sterben? aber Gott, wenn das Kritik, Thea- ter, Jllusion seyn soll — was waͤre denn Kritik? Jllusion? Theater? was bedeute- ten alle die leeren Woͤrter. Nun finge eben das Herz meiner Unter- suchung an, „wie? auf welche Kunst und „Schoͤ- „Schoͤpferweise Shakespear eine elende „Romanze, Novelle und Fabelhistorie zu „solch einem lebendigen Ganzen habe dichten „koͤnnen? Was fuͤr Gesetze unsrer histori- „schen, philosophischen, dramatischen „Kunst in Jedem seiner Schritte und Kunst- „griffe liege?„ Welche Untersuchung! wie viel fuͤr unsern Geschichtbau, Philosophie der Menschenseelen und Drama. — Aber ich bin kein Mitglied aller unsrer historischen, philosophischen und schoͤnkuͤnstlichen Akade- mien, in denen man freylich an jedes Andre eher, als an so etwas denkt! Selbst Shake- spears Landsleute denken nicht daran. Was haben ihm oft seine Kommentatoren fuͤr hi- storische Fehler gezeihet! der fette Warbur- ton z. E. welche historische Schoͤnheiten Schuld gegeben! und noch der letzte Verfas- ser des Versuchs uͤber ihr hat er wohl die Lieblingsidee, die ich bey ihm suchte: „wie „hat Shakespear aus Romanzen und No- „vellen Drama gedichtet?„ erreicht? Sie ist ihm wie dem Aristoteles dieses Brittischen Sophokles, dem Lord Home kaum eingefallen. Also nur Einen Wink in die gewoͤhnlichen Klassificationen in seinen Stuͤcken. Noch neuerlich hat ein Schriftsteller, Briefe uͤber Merkw. der Litter. 3te Samml. der gewiß seinen seinen Shakespear ganz gefuͤhlt hat, den Einfall gehabt, jenen ehrlichen Fishmonger von Hofmann, mit grauen Bart und Run- zelgesicht, triefenden Augen und seinem plen- tiful lak of wit together with weak Hams, das Kind Polonius zum Aristoteles des Dichters zu machen, und die Reihe von Alt und Cals, die er in seinem Geschwaͤtz weg- sprudelt, zur ernsten Classification aller Stuͤcke vorzuschlagen. Jch zweifle. Shakespear hat freylich die Tuͤcke, leere locos commu- nes, Moralen und Classificationen, die auf hundert Faͤlle angewandt, auf alle und keinen recht passen, am liebsten Kindern und Nar- ren in den Mund zu legen; und eines neuen Stobæi und Florilegii, oder Cornu co- piæ von Shakespears Weisheit, wie die Englaͤnder theils schon haben und wir Deut- sche Gottlob! neulich auch haͤtten haben sol- len — deren wuͤrde sich solch ein Polonius, und Launcelot, Arlequin und Narr, bloͤder Richard, oder aufgeblasner Ritter- koͤnig am meisten zu erfreuen haben, weil jeder ganze, gesunde Mensch bey ihm nie mehr zu sprechen hat, als er aus Mund in Hand braucht, aber doch zweifle ich hier noch. Po- lonius soll hier wahrscheinlich nur das alte Kind seyn, das Wolken fuͤr Kameele und Kameele fuͤr Baßgeigen ansieht, in seiner Ju- Jugend auch einmal den Julius Caͤsar ge- spielt hat, und war ein guter Akteur, und ward von Brutus umgebracht, und wohl weiß why Day is Day, Night Night and Time is Time also auch hier einen Kreisel theatralischer Worte drehet — wer wollte aber darauf bauen? oder was haͤtte man denn nun mit der Eintheilung? Tragedy, Comedy, History, Pastoral, Tragical-Historical, und Historical-Pastorell, und Pastorical- Comical und Comical-Historical-Pasto- ral, und wenn wir die Calls noch hundertmal mischen, was haͤtten wir endlich? kein Stuͤck waͤre doch griechische Tragedy, Comedy und Pastoral, und sollte es nicht seyn. Je- des Stuͤck ist History im weitsten Verstande, die sich nun freylich bald in Tragedy, Co- medy, u. s. w. mehr oder weniger nuan- cirt. — Die Farben aber schweben da so ins Unendliche hin, und am Ende bleibt doch jedes Stuͤck und muß bleiben, — was es ist. Historie! Helden- und Staats- aktion zur Jllusion mittlerer Zeiten! oder (wenige eigentliche Plays und Diver- tissemens ausgenommen) ein voͤlliges Groͤsse habende Eraͤugniß einer Weltbegeben- heit, eines menschlichen Schicksals. Trau- Trauriger und wichtiger wird der Gedanke, daß auch diesergrosse Schoͤpfer von Geschichte und Weltseele immer mehr veralte! daß da Worte und Sitten und Gattungen der Zeit- alter, wie ein Herbst von Blaͤttern welken und absinken, wir schon jetzt aus diesen gros- sen Truͤmmern der Ritternatur so weit heraus sind, daß selbst Garrik, der Wiedererwek- ker und Schutzengel auf seinem Grabe, so viel aͤndern, auslassen, verstuͤmmeln muß, und bald vielleicht, da sich alles so sehr ver- wischt und anders wohin neiget, auch sein Drama der lebendigen Vorstellung ganz un- faͤhig werden, und eine Truͤmmer von Ko- lossus, von Pyramide seyn wird, die Jeder anstaunet und keiner begreift. Gluͤcklich, daß ich noch im Ablaufe der Zeit lebte, wo ich ihn begreifen konnte, und wo du, mein Freund, der du dich bey diesem Lesen erken- nest und fuͤhlst, und den ich vor seinem heili- gen Bilde mehr als Einmal umarmet, wo du noch den suͤssen und deiner wuͤrdigen Traum haben kannst, sein Denkmal aus unsern Ritterzeiten in unsrer Sprache, unserm so weit abgearteten Vaterlande her- zustellen. Jch beneide dir den Traum, und dein edles deutsches Wuͤrken laß nicht nach, bis der Kranz dort oben hange. Und solltest du alsdenn auch spaͤter sehen, wie unter deinem Ge- Gebaͤude der Boden wankt, und der Poͤbel umher still steht und gafft, oder hoͤhnt, und die daurende Pyramide nicht alten aegypti- schen Geist wieder aufzuwecken vermag. — Dein Werk wird bleiben, und ein treuer Nachkomme dein Grab suchen, und mit an- daͤchtiger Hand dir schreiben, was das Leben fast aller Wuͤrdigen der Welt gewesen: voluit! quiescit! Nachschrift . J a Nachschrift! wo keine Schrift, wo lau- ter Unrede rings um das leider! halb erloschne und entstellte Schaustuͤck der mensch- lichen Natur Ossian, ist, oder es hoͤchstens ewige Vorrede wird, zu dem was kommen will und kommen soll und nie kommt. Lassen Sie uns also, m. Fr., da die Sache einmal so liegt, dem kluͤgern? oder bloͤdern? Theil des Publikum wenigstens ein favete linguis ins Ohr lispeln, wie nichtig es mit Einklei- dung des Briefwechsels, der versprochnen Psychologie Ossians, (wenn der Druckfehler anzumerken werth ist) die Fabelreise zu seinen Jnseln voͤllig zu geschweigen, stehen muͤsse! wie untreu eine Skandinavische Uebersetzung H sey, sey, wo der Autor nur aus Uebersetzung und hoͤchstens Wortansicht translatirte, zumal endlich wie solch Geschwaͤtz, ausser dem viel- leicht, was es hie und da sage, so wenig Mu- ster seyn koͤnne und wolle, wie etwas der Art in der Welt zu sagen sey? Ueberhaupt schien damals die lyrische Natur, zu der auch Ossian gebrochne Endtoͤne liefert, dem Briefwechs- ler, noch so fernher zu toͤnen, daß er na- tuͤrlich in die Mine des Lauschers fallen muste, der zu hoͤren glaubt, wo andre vielleicht nichts hoͤren, oder das sausende Kind der Luͤfte. Gluͤcklich, daß er alle seinen kritischen Wahn- und Ahndungsglauben jetzt durch Ei- ne Erscheinung Oden, bey Bode 1771. Die vorigen Flicke vom Aufsatz waren Jahre vorher dem Verf. entkommen. uͤbertroffen sieht, der er mit Pindarischem Schwunge seinen Kranz zuwerfen wollte, wenn der Kranz nicht dahin verdorrte. Kein kritischer Schoͤpfeimer, und alle Faͤsser der Danaiden geben Wasser, wo kein Quell ist — und es ist und wird ewig allein jener wunderthaͤtige Huf des Fluͤgel- rosses von Genie bleiben, der anschlaͤgt und der siebenfache Quell stroͤmet. Siebenfacher Quell! Wenn deutsches Ohr noch mehr als Wortklanges und Sylbenbaues faͤhig ist! wenns kein Maͤhrchen vom ersten April seyn und bleiben darf, daß die Goͤttin Harmonie —— des —— des griechischen Himmels Kind — noch Einmal mit der Astraͤa oder Uranischen Venus unser tiefes Cimmerien besuchen wuͤr- de. Am meisten aber, wenn die volle, gesunde, bluͤhende Weltjugend wieder hergestellt wer- den kann und soll, daß in Ode und Tischgebet, Kirchen- und Liebsgesange das Herz und kein Regelncodex, kein Horaz, Pindar oder Orbil statt unser, sprechen duͤrfe — eine Goͤtterer- scheinung auf dem Blumenguͤrtel der Grazien und Genien des menschlichen Geschlechts darf so wenig Aus- und Zurufs, als sie den Augen solcher Hinzugerufnen auch nur sichtbar seyn kann —— vulgus \& arceo! Allerdings wars nur immer, „lyrischen „Stabs Ende!„ wie unsre Lehrbuͤcher sich zeither mit Ode, Hymne, Psalm, Elegie, und womit nicht? getragen! — Gemaͤlde zu liefern, ohne Subjekt, blos des kuͤnstlich angelegten und so wohl unterhaltnen Gesichtspunkts, Kompositionsgeistes, Kolorits und alles an- dern feinern Details wegen! Dies allein aus der Autoritaͤt Eines fremden Vorbildes zu lernen, bey dem doch hundert conventionelle Befremdnisse eben der Schleyer sind, in dem wirs zuerst und zuletzt sehen, es mit deutschem Kopf, Fleiß, Gluͤck und Ehrlichkeit zu studiren, und sich ihm aufzuopfern; endlich gar den Wohl- klang nur in Sylbenbau, Strophenbau, und H 2 Regi- Regionen der Perioden Deklamation zu setzen, und Alles durch die Kunst zu heben, ——— die wie die Floͤte toͤnet, oder —— uͤber die Floͤte sich hebt. Aus Alle diesem muß nur immer ein Rem- brand werden, und obgleich Rembrand ein grosser Meister —— —— Heil uns, m. Fr. zu unserm — wie soll ich sagen? Guido, Corregio oder Raphael! Aber Engelgesichte hat er gemalt in Menschen- gestalt! Siehe dies Bild! welche Wahrheit! Leben! tiefe Seele! wie heben sich die Figuren von der Leinwand hervor, und sprechen (nicht mit uns! uns sehen sie nicht an! denn sie sind nicht fuͤr uns gemahlt!) aber unter sich, wie han- deln, wie sprechen sie, und umhuͤllen uns Gesicht und Seele. Wehe, der hier ausruft: „das war „noch Einmal gesungen!„ sondern der es still fuͤhlt, „das muß so empfunden gewesen seyn, oder — Ode! sie wird wieder, was sie war! Ge- fuͤhl ganzer Situation des Lebens! Gespraͤch menschlichen Herzens — mit Gott! mit sich! mit der ganzen Natur. Wohlklang! er wird was er war. Kein aufgezaͤhltes Harmonienkunststuͤck! Bewe- gung! Melodie des Herzens! Tanz! Jn Feh- lern und Eigenheiten, wie ist ein Genie noch uͤberall lehrend! Daß Daß wir doch schon, m. Fr. eine Komposi- tion „uͤber den Allgegenwaͤrtigen! die Fruͤh- „lingsfeyer„ und dergl. hoͤrten! oder viel- mehr, daß diese Stuͤcke der Musik schon Gepraͤ- ge wiedergegeben haͤtten, was sie — ehedem gehabt hat, und nicht mehr hat. Lassen Sie mich um vom ecklen Lobe abzukommen, mit Ein Zwey Wuͤnschen hieruͤber schliessen. Unser jetzige musikalische Poesienbau — welch ein Gothisches Gebaͤude! Wie fallen die Massen aus einander? Wo Verfloͤssung? Uebergang? Fortleitung bis zum Taumel? bis zur Taͤuschung schoͤnen Wahnsinnes? Wo endlich der feine Mittelpunkt, daß keine beyder Schwestern herrsche oder diene — ihr Pieri- den und Kastalinnen, wo? Unsre eigentliche Kirchenmusiken haben noch eine erbaͤrmlichere Gestalt. Das Erste, das beruͤhmteste von Allen, Ramlers Tod Jesu, als Werk des Genies, der Seele, des Herzens, auch nur des Menschenverstandes, ( s. v. v. ) welch ein Werk! Wer spricht? wer singt? erzaͤhlt sich Etwas in den Recitativen — so kalt! so scholastisch! als kaum jener Simon von Kana wuͤrde gethan haben, da er vom Felde kam, und vorbey zu streichen Lust hatte. Und nun zwischen inne in Arien, in Choral, in Choͤren — wer spricht? wer singt? auf Einmal eine nuͤtzliche Lehre aus der biblischen Geschichte gezogen, locus com- munis in der besten Gestalt! und dazu beynahe in allen Personen und Dichtungen des Lebens! und H 3 von von einer zur andern mit den sonderbarsten Spruͤn- gen! Durchs Ganze kein Standpunkt! kein fort- gehender Faden der Empfindung, des Plans, des Zwecks — R. Tod Jesu ist ein erbauliches, nuͤtz- liches Werk, das ich in solchem Betracht tausend- mal beneidet habe! Jede Arie ist fast ein schoͤnes Ganze! Viele Recitative auch — aber als poeti- sches Werk des Genies — fuͤr die Musik! — Hr. R. hat selbst ein viel zu feines Gefuͤhl, als daß er das nicht weit inniger bemerke. Seine Hirten bey der Krippe! Welche Poesie fuͤr die Musik? welch ein Plan? welch ein Ganzes? Das Vordere zu hinterst, und es ist fast noch im̃er derselbe Eindruck! Johlleneindruck, wo lauter Schaͤferbilder und Worte und von Anfang bis zu Ende kein Zug und Hauch einer Hirtenseele ist! bloß eine Maske Jesaias, Virgils und Pope in Schaͤfer- kleidern! — Und endlich Poesie zur Musik — wo im ganzen Stuͤck nur Bilder, und keine Empfindung! Bilder fuͤr die Leinwand, (da die Lanze z. E. Zeilen hindurch in die Erde wurzelt, empor strebt, steht, gruͤnt, wird ein Palmbaum u. s. w.) durchaus nicht fuͤr den Tonschoͤpfer! So weiterhin und was waͤre von seiner Auferstehung zu sagen? Und nun, wie bearbeiten unsre Tonkuͤnstler das Alles nach dem einmal hergebrachten Leisten? Da doch eben der Ursprung dieses Leistens, die Um- staͤnde, unter welchen er entstanden u. s. w. wo nicht Jedermann, so doch gewiß uns Deutschen zurufen muͤste: „nicht nachgeahmt, oder ihr bleibt ewig hin- „ten! und es wird ewig Schande seyn, einen Muͤn- „ter an Metastasio zu messen!„ Was das aber nun fuͤr eine Gattung Poesie sey, die wahre Mit- telgattung zwischen Gemaͤlde und Musik! und was das fuͤr eine Gattung Musik sey, die uͤber Poesie nicht herrschet — — — III. III. Von Deutscher Baukunst . D. M. Ervini a Steinbach. 1773. H 4 Von Deutscher Baukunst. D. M. Ervini a Steinbach. 1773. A ls ich auf deinem Grabe herumwandelte, edler Erwin, und den Stein suchte, der mir deuten sollte: Anno domini 1318. XVI. Kal. Febr. obiit Magister Ervinus, Guberna- tor Fabricæ Ecclesiæ Argentinensis, und ich ihn nicht finden, keiner deiner Landsleute, mir ihn zeigen konnte, daß sich meine Verehrung deiner, an der heiligen Staͤtte ergossen haͤtte; da ward ich tief in die Seele betruͤbt, und mein Herz, juͤnger, waͤrmer, thoͤriger und besser als jetzt, gelobte dir ein Denkmal, wenn ich zum ruhigen Genuß meiner Besitzthuͤmer gelangen wuͤrde, von Marmor oder Sand- steinen, wie ichs vermoͤgte. H 5 Was Was brauchts dir Denkmal! Du hast dir das herrlichste errichtet; und kuͤmmert die Ameisen, die drum krabein, dein Name nichts, hast du gleiches Schicksal mit dem Baumei- ster, der Berge aufthuͤrmte in die Wolken. Wenigen ward es gegeben, einen Babelge- danken in der Seele zu zeugen, ganz, groß, und bis in den kleinsten Theil nothwendig schoͤn, wie Baͤume Gottes; wenigern, auf tausend bietende Haͤnde zu treffen, Felsen- grund zu graben, steile Hoͤhen drauf zu zau- bern, und dann sterbend ihren Soͤhnen zu sa- gen: ich bleibe bey euch, in den Wolken mei- nes Geistes, vollendet das begonnene in die Wolken. Was brauchts dir Denkmal! und von mir! Wenn der Poͤbel heilige Namen ausspricht, ists Aberglaube oder Laͤsterung. Dem schwa- chen Geschmaͤckler wirds ewig schwindlen an deinem Coloß, und ganze Seelen werden dich erkennen ohne Deuter. Also nur, trefflicher Mann, eh ich mein geflicktes Schiffchen wieder auf den Ocean wage, wahrscheinlicher dem Tod als dem Ge- winnst entgegen, siehe hier in diesem Hain, wo ringsum die Namen meiner Geliebten gruͤnen, schneid ich den deinigen, in eine dei- nem Thurm gleich schlankaufsteigende Buche, haͤnge an seinen vier Zipfeln dies Schnupftuch mit mit Gaben dabey auf Nicht ungleich jenem Tuche, das dem heil. Apostel aus den Wolken herab gelassen ward, voll reiner und unreiner Thiere; so auch voll Blumen, Bluͤthen, Blaͤt- ter, auch wohl duͤrres Gras und Moos und uͤber Nacht geschoßne Schwaͤmme, das alles ich auf dem Spaziergang durch unbedeutende Gegenden, kalt zu meinem Zeitvertreib bota- nisirend eingesammelt, dir nun zu Ehren der Verwesung weihe. Es ist im kleinen Geschmack, sagt der Jta- liaͤner, und geht vorbey. Kindereyen lallt der Franzose nach, und schnellt triumphirend auf seine Dose a la Greque. Was habt ihr gethan, daß ihr verachten duͤrft? Hat nicht der, seinem Grab entsteigende Genius der Alten, den deinen gefesselt, Wel- scher! Krochst an den maͤchtigen Resten Ver- haͤltnisse zu betteln, flicktest aus den heiligen Truͤmmern dir Lusthaͤuser zusammen, und haͤltst dich fuͤr Verwahrer der Kunstgeheim- nisse, weil du auf Zoll und Linien von Rie- sengebaͤuden Rechenschaft geben kannst. Haͤt- test du mehr gefuͤhlt als gemessen, waͤre der Geist der Massen uͤber dich gekommen, die du anstauntest, du haͤttest nicht so nur nach- geahmt, weil sie’s thaten und es schoͤn ist; nothwendig und wahr haͤttest du deine Plane geschaf- geschaffen, und lebendige Schoͤnheit waͤre bildend aus ihnen gequollen. So hast du deinen Beduͤrfnissen einen Schein von Wahrheit und Schoͤnheit auf- getuͤncht. Die herrliche Wirkung der Saͤu- len traf dich, du wolltest auch ihrer brauchen und mauertest sie ein, wolltest auch Saͤulen- reihen haben, und umzirkeltest den Vorhof der Peterskirche mit Marmorgaͤngen, die nirgends hin noch her fuͤhren, daß Mutter Natur, die das ungehoͤrige und unnoͤthige verachtet und haßt, deinen Poͤbel trieb, ihre Herrlichkeit zu oͤffentlichen Kloacken zu prosti- tuiren, daß ihr die Augen wegwendet und die Nasen zuhaltet vorm Wunder der Welt. Das geht nun so alles seinen Gang, die Grille des Kuͤnstlers dient dem Eigensinne des Reichen, der Reisebeschreiber gafft, und unsre schoͤne Geister, genannt Philosophen, erdrechseln aus protoplastischen Maͤhrchen, Principien und Geschichte der Kuͤnste bis auf den heutigen Tag, und aͤchte Menschen er- mordet der boͤse Genius im Vorhof der Ge- heimnisse. Schaͤdlicher als Beyspiele sind dem Genius Principien. Vor ihm moͤgen einzelne Men- schen, einzelne Theile bearbeitet haben. Er ist der erste aus dessen Seele die Theile, in Ein ewiges Ganze zusammen gewachsen, her- vor- vortreten. Aber Schule und Principium fesselt alle Kraft der Erkenntniß und Thaͤtig- keit. Was soll uns das, du neufranzoͤscher philosophirender Kenner, daß der erste zum Beduͤrfniß erfindsame Mensch, vier Staͤmme einrammelte, vier Stangen druͤber verband, und Aeste und Moos drauf deckte? Daraus entscheidest du das gehoͤrige unsrer heutigen Beduͤrfnisse, eben als wenn du dein neues Babylon, mit einfaͤltigem Patriarchalischem Hausvatersinn regieren wolltest. Und es ist noch dazu falsch, daß deine Huͤtte die erstgebohrne der Welt ist. Zwey an ihrem Gipfel sich kreuzende Stangen vornen, zwey hinten und eine Stange queer uͤber zum Forst, ist und bleibt, wie du alltaͤglich, an Huͤtern der Felder und Weinberge erkennen kannst, eine weit primaͤvere Erfindung, von der du doch nicht einmal Principium fuͤr deine Schweinstaͤlle abstrahiren koͤnntest. So vermag keiner deiner Schluͤsse sich zur Region der Wahrheit zu erheben, sie schwe- ben alle in der Atmosphaͤre deines Systems. Du willst uns lehren, was wir brauchen sol- len, weil das, was wir brauchen, sich nach deinen Grundsaͤtzen nicht rechtfertigen laͤßt. Die Saͤule liegt dir sehr am Herzen, und in andrer Weltgegend waͤrst du Prophet. Du sagst: Die Saͤule ist der erste, wesent- liche liche Bestandtheil des Gebaͤudes, und der schoͤnste. Welche erhabene Eleganz der Form, welche reine mannigfaltige Groͤsse, wenn sie in Reihen da stehn! Nur huͤtet euch sie un- gehoͤrig zu brauchen; ihre Natur ist, freyzu- stehn. Wehe den Elenden, die ihren schlan- ken Wuchs, an plumpe Mauern geschmiedet haben! Und doch duͤnkt mich, lieber Abt, haͤtte die oͤftere Wiederholung dieser Unschicklichkeit des Saͤuleneinmauerns, daß die Neuern sogar antiker Tempel Jnterkolumnia mit Mauer- werk ausstopften, dir einiges Nachdenken er- regen koͤnnen. Waͤre dein Ohr nicht fuͤr Wahrheit taub, diese Steine wuͤrden sie dir gepredigt haben. Saͤule ist mit nichten ein Bestandtheil un- srer Wohnungen; sie widerspricht vielmehr dem Wesen all unsrer Gebaͤude. Unsre Haͤu- ser entstehen nicht aus vier Saͤulen in vier Ecken; sie entsiehen aus vier Mauern auf vier Seiten, die statt aller Saͤulen sind, alle Saͤulen ausschliessen, und wo ihr sie anflickt, sind sie belastender Ueberfluß. Eben das gilt von unsern Pallaͤsten und Kirchen. We- nige Faͤlle ausgenommen, auf die ich nicht zu achten brauche. Eure Gebaͤude stellen euch also Flaͤchen dar, die, je weiter sie sich ausbreiten, je kuͤhner sie gen gen Himmel steigen, mit desto unertraͤgliche- rer Einfoͤrmigkeit die Seele unterdruͤcken muͤs- sen! Wohl! wenn uns der Genius nicht zu Huͤlfe kaͤme, der Erwinen von Steinbach eingab: vermannigfaltige die ungeheure Mau- er, die du gen Himmel fuͤhren sollst, daß sie aufsteige gleich einem hocherhabnen, weit ver- breiteten Baume Gottes, der mit tausend Aesten, Millionen Zweigen, und Blaͤttern wie der Sand am Meer, rings um, der Gegend verkuͤndet, die Herrlichkeit des Herrn, seines Meisters. Als ich das erstemal nach dem Muͤnster gieng, hatte ich den Kopf voll allgemeiner Erkenntniß guten Geschmacks. Auf Hoͤren- sagen ehrt ich die Harmonie der Massen, die Reinheit der Formen, war ein abgesagter Feind der verworrnen Willkuͤhrlichkeiten go- thischer Verzierungen. Unter die Rubrik Gothisch, gleich dem Artikel eines Woͤrter- buchs, haͤufte ich alle synonimische Mißver- staͤndnisse, die mir von unbestimmtem, un- geordnetem, unnatuͤrlichem, zusammengestop- peltem, aufgeflicktem, uͤberladenem, jemals durch den Kopf gezogen waren. Nicht ge- scheider als ein Volk, das die ganze fremde Welt barbarisch nennt, hieß alles gothisch, was nicht in mein System paßte, von dem gedrech- gedrechselten, bunten, Puppen- und Bilder- werk an, womit unsre buͤrgerliche Edelleute ihre Haͤuser schmuͤcken, bis zu den ernsten Resten der aͤlteren deutschen Baukunst, uͤber die ich, auf Anlaß einiger abentheuerlichen Schnoͤrkel, in den allgemeinen Gesang stimm- te: „Ganz von Zierrath erdruͤckt!„ und so graute mirs im Gehen vorm Anblick eines mißgeformten krausborstigen Ungeheuers. Mit welcher unerwarteten Empfindung uͤberraschte mich der Anblick, als ich davor trat. Ein, ganzer, grosser Eindruck fuͤllte meine Seele, den, weil er aus tausend harmo- nirenden Einzelnheiten bestand, ich wohl schmecken und geniessen, keineswegs aber er- kennen und erklaͤren konnte. Sie sagen, daß es also mit den Freuden des Himmels sey, und wie oft bin ich zuruͤckgekehrt, diese himm- lisch-irrdische Freude zu geniessen, den Rie- sengeist unsrer aͤltern Bruͤder, in ihren Wer- ken zu umfassen. Wie oft bin ich zuruͤckge- kehrt, von allen Seiten, aus allen Entfer- nungen in jedem Lichte des Tags, zu schauen seine Wuͤrde und Herrlichkeit. Schwer ist’s dem Menschengeist, wenn seines Bruders Werk so hoch erhaben ist, daß er nur beugen, und anbeten muß. Wie oft hat die Abend- daͤmmerung mein durch forschendes Schauen ermattetes Aug, mit freundlicher Ruhe ge- letzt, letzt, wenn durch sie die unzaͤhligen Theile, zu ganzen Massen schmolzen, und nun diese, einfach und groß, vor meiner Seele standen, und meine Kraft sich wonnevoll entfaltete, zugleich zu geniessen und zu erkennen. Da offenbarte sich mir, in leisen Ahndungen, der Genius des grossen Werkmeisters. Was staunst du, lispelt er mir entgegen. Alle diese Massen waren nothwendig, und siehst du sie nicht an allen aͤlteren Kirchen meiner Stadt. Nur ihre willkuͤhrlichen Groͤssen hab ich zum stimmenden Verhaͤltniß erhoben. Wie uͤber dem Haupteingang, der zwey kleinere zu’n Seiten beherrscht, sich der weite Kreis des Fensters oͤffnet, der dem Schiffe der Kirche antwortet, und sonst nur Tageloch war, wie, hoch druͤber der Glockenplatz die kleineren Fenster forderte! das all war nothwendig, und ich bildete es schoͤn. Aber ach, wenn ich durch die duͤstern erhabnen Oeffnungen hier zur Seite schwebe, die leer und vergebens dazu stehn schei- nen. Jn ihre kuͤhne schlanke Gestalt hab ich die geheimnißvollen Kraͤfte verborgen, die jene beyden Thuͤrme hoch in die Luft heben sollten, deren, ach, nur einer traurig da steht, ohne den fuͤnfgethuͤrmten Hauptschmuck, den ich ihm bestimmte, daß ihm und seinem koͤniglichen Bruder die Provinzen umher huldigten. Und so schied er von mir, und ich versank in theil- J neh- nehmende Traurigkeit. Bis die Voͤgel des Morgens, die in seinen tausend Oeffnungen wohnen, der Sonne entgegen jauchzten, und mich aus dem Schlummer weckten. Wie frisch leuchtet er im Morgenduftglanz mir entgegen, wie froh konnt ich ihm meine Arme entgegen strecken, schauen die grossen harmo- nischen Massen, zu unzaͤhlig kleinen Theilen belebt; wie in Werken der ewigen Natur, bis aufs geringste Zaͤserchen, alles Gestalt, und alles zweckend zum Ganzen; wie das festgegruͤndete ungeheure Gebaͤude sich leicht in die Luft hebt; wie durchbrochen alles und doch fuͤr die Ewigkeit. Deinem Unterricht dank ich’s, Genius, daß mirs nicht mehr schwindelt an deinen Tiefen, daß in meine Seele ein Tropfen sich senkt, der Wonneruh des Geistes, der auf solch eine Schoͤpfung herab- schauen, und gottgleich sprechen kann, es ist gut! Und nun soll ich nicht ergrimmen, heiliger Erwin, wenn der deutsche Kunstgelehrte, auf Hoͤrensagen neidischer Nachbarn, seinen Vorzug verkennt, dein Werk mit dem unver- standnen Worte gothisch verkleinert. Da er Gott danken sollte, laut verkuͤndigen zu koͤnnen, das ist deutsche Baukunst, unsre Baukunst, da der Jtaliaͤner sich keiner eignen ruͤhmen ruͤhmen darf, vielweniger der Franzos. Und wenn du dir selbst diesen Vorzug nicht zuge- stehen willst, so erweis uns, daß die Gothen schon wirklich so gebaut haben, wo sich einige Schwuͤrigkeiten finden werden. Und, ganz am Ende, wenn du nicht darthust, ein Ho- mer sey schon vor dem Homer gewesen, so lassen wir dir gerne die Geschichte kleiner ge- lungner und mißlungner Versuche, und tre- ten anbetend vor das Werk des Meisters, der zuerst die zerstreuten Elemente, in Ein leben- diges Ganze zusammen schuf. Und du, mein lieber Bruder im Geiste des Forschens nach Wahrheit und Schoͤnheit, verschließ dein Ohr vor allem Wortgeprahle uͤber bildende Kunst, komm, geniesse und schaue. Huͤte dich, den Namen deines edelsten Kuͤnstlers zu entheiligen, und eile herbey, daß du schauest sein trefliches Werk. Macht es dir einen widrigen Eindruck, oder keinen, so gehab dich wohl, laß einspannen, und so weiter nach Paris. Aber zu dir, theurer Juͤngling, gesell ich mich, der du bewegt da stehst, und die Wi- derspruͤche nicht vereinigen kannst, die sich in deiner Seele kreuzen, bald die unwidersteh- liche Macht des grossen Ganzen fuͤhlst, bald mich einen Traͤumer schiltst, daß ich da Schoͤn- heit sehe, wo du nur Staͤrke und Rauheit siehst. Laß einen Mißverstand uns nicht tren- J 2 nen, nen, laß die weiche Lehre neuerer Schoͤnhei- teley, dich fuͤr das bedeutende Rauhe nicht verzaͤrteln, daß nicht zuletzt deine kraͤnkelnde Empfindung nur eine unbedeutende Glaͤtte ertragen koͤnne. Sie wollen euch glauben machen, die schoͤnen Kuͤnste seyen entstanden aus dem Hang, den wir haben sollen, die Dinge rings um uns zu verschoͤnern. Das ist nicht wahr! Denn in dem Sinne, darin es wahr seyn koͤnnte, braucht wohl der Buͤr- ger und Handwerker die Worte, kein Phi- losoph. Die Kunst ist lange bildend, eh sie schoͤn ist, und doch, so wahre, grosse Kunst, ja, oft wahrer und groͤsser, als die Schoͤne selbst. Denn in dem Menschen ist eine bildende Na- tur, die gleich sich thaͤtig beweist, wann seine Existenz gesichert ist. Sobald er nichts zu sorgen und zu fuͤrchten hat, greift der Halb- gott, wirksam in seiner Ruhe, umher nach Stoff, ihm seinen Geist einzuhauchen. Und so modelt der Wilde mit abentheuerlichen Zuͤ- gen, graͤßlichen Gestalten, hohen Farben, seine Cocos, seine Federn, und seinen Koͤr- per. Und laßt diese Bildnerey aus den will- kuͤhrlichsten Formen bestehn, sie wird ohne Gestaltsverhaͤltniß zusammen stimmen, denn Eine Empfindung schuf sie zum karackteristi- schen Ganzen. Diese Diese karackteristische Kunst, ist nun die einzige wahre. Wenn sie aus inniger, eini- ger, eigner, selbststaͤndiger Empfindung um sich wirkt, unbekuͤmmert, ja unwissend alles Fremden, da mag sie aus rauher Wildheit, oder aus gebildeter Empfindsamkeit geboh- ren werden, sie ist ganz und lebendig. Da seht ihr bey Nationen und einzelnen Men- schen dann unzaͤhlige Grade. Jemehr sich die Seele erhebt zu dem Gefuͤhl der Verhaͤlt- nisse, die allein schoͤn und von Ewigkeit sind, deren Hauptakkorde man beweisen, deren Geheimnisse man nur fuͤhlen kann, in denen sich allein das Leben des gottgleichen Genius in seeligen Melodien herumwaͤlzt; jemehr diese Schoͤnheit in das Wesen eines Geistes eindringt, daß sie mit ihm entstanden zu seyn scheint, daß ihm nichts genugthut als sie, daß er nichts aus sich wirkt als sie, desto gluͤck- licher ist er, desto tiefgebeugter stehen wir da und beten an den Gesalbten Gottes. Und von der Stufe, auf welche Erwin gestiegen ist, wird ihn keiner herabstossen. Hier steht sein Werk, tretet hin, und erkennt das tiefste Gefuͤhl von Wahrheit und Schoͤn- heit der Verhaͤltnisse, wuͤrkend aus starker, rauher, deutscher Seele, auf dem eingeschraͤnk- ten duͤstern Pfaffenschauplatz des medii aevi. J 3 Und Und unser aevum? hat auf seinen Ge- nius verziehen, hat seine Soͤhne umher ge- schickt, fremde Gewaͤchse zu ihrem Verder- ben einzusammeln. Der leichte Franzose, der noch weit aͤrger stoppelt, hat wenigstens eine Art von Witz, seine Beute zu Einem Ganzen zu fuͤgen, er baut jetzt aus griechischen Saͤulen und deutschen Gewoͤlbern seiner Magdalene einen Wundertempel. Von ei- nem unsrer Kuͤnstler, als er ersucht ward, zu einer alt deutschen Kirche ein Portal zu erfinden, hab ich gesehen ein Model fertigen, stattlichen antiken Saͤulenwerks. Wie sehr unsre geschminkte Puppenmah- ler mix verhaßt sind, mag ich nicht deklami- ren. Sie haben durch theatralische Stel- lungen, erlogne Teints, und bunte Kleider die Augen der Weiber gefangen. Maͤnnli- cher Albrecht Duͤrer, den die Neulinge an- spoͤtteln, deine holzgeschnitzteste Gestalt ist mir willkommner. Und ihr selbst, trefliche Menschen, denen die hoͤchste Schoͤnheit zu geniessen gegeben ward, und nunmehr herabtretet, zu verkuͤn- den eure Seeligkeit, ihr schadet dem Genius. Er will auf keinen fremden Fluͤgeln, und waͤren’s waͤren’s die Fluͤgel der Morgenroͤthe, empor gehoben und fortgeruͤckt werden. Seine eigne Kraͤfte sind’s, die sich im Kindertraum entfalten, im Juͤnglingsleben bearbeiten, bis er stark und behend, wie der Loͤwe des Ge- buͤrges auseilt auf Raub. Drum erzieht sie meist die Natur, weil ihr Paͤdagogen ihm nimmer den mannigfaltigen Schauplatz er- kuͤnsteln koͤnnt, stets im gegenwaͤrtigen Maaß seiner Kraͤfte zu handeln und zu ge- niessen. Heil dir, Knabe! der du mit einem schar- fen Aug fuͤr Verhaͤltnisse gebohren wirst, dich mit Leichtigkeit an allen Gestalten zu uͤben. Wenn denn nach und nach die Freude des Lebens um dich erwacht, und du jauch- zenden Menschengenuß nach Arbeit, Furcht und Hofnung fuͤhlst; das muthige Geschrey des Winzers, wenn die Fuͤlle des Herbsts seine Gefaͤsse anschwellt, den belebten Tanz des Schnitters, wenn er die muͤßige Sichel hoch in den Balken geheftet hat; wenn dann maͤnnlicher, die gewaltige Nerve der Be- gierden und Leiden in deinem Pinsel lebt, du gestrebt und gelitten genug hast, und genug genossen, und satt bist irrdischer Schoͤn- heit, und werth bist auszuruhen in dem Arme der Goͤttinn, werth an ihrem Busen zu fuͤh- J 4 len, len, was den vergoͤtterten Herkules neu ge- bahr; nimm ihn auf, himmlische Schoͤnheit, du Mittlerinn zwischen Goͤttern und Men- schen, und mehr als Prometheus leit er die Seeligkeit der Goͤtter auf die Erde. Der folgende Aufsatz, der beynahe das Gegen- gentheil und auf die entgegen gesetzteste Weise behauptet, ist beygeruͤckt worden, um vielleicht zu einem dritten mittlern Anlaß zu geben: wo durch Data untersucht werde, „wo? wann? und wie eigentlich gothische Baukunst entstanden? was in ihr nordisches Beduͤrfniß und Ausnahme von der Regel groͤsserer Schoͤnheit, oder etwa selbst groͤs- serer Plan einer neuen Art von Schoͤnheit sey, u. s. w. IV. Ver- IV. Versuch uͤber die Gothische Baukunst. Livorno, 1766. Aus dem Jtalienischen des Frisi. J 5 IV. Versuch uͤber die Gothische Baukunst. Aus dem Jtalienischen. G erade und kreislaufende Linien sind die einzigen, deren Vitruv in seinem Werke uͤber die Baukunst erwaͤhnt, und die man von den roͤmischen und griechischen Architekten in ihren Tempeln und Pallaͤsten angebracht sieht. Man verband in jenen Zeiten die Pracht mit der Einfalt, und man glaubte, daß die Baukunst die Einfalt der Geometrie, die die zusammengesetzten Linien verlaͤßt, wenn sich die Aufgaben mit geraden und kraislau- fenden aufloͤsen lassen, beybehalten muͤsse. Man brauchte in Boͤgen, Gewoͤlben, Gie- beln u. d. niemals jene krummen Linien, welche seit den Zeiten des Boromini so haͤufig bey Gebaͤuden angebracht worden sind, und selbst die Schnecken an den Knaͤufen machte man nur aus Halbkraisen von verschiedenen Verhaͤltnissen. Palladio und Jones sind den den Alten in dieser Einfalt, so wie in der Majestaͤt, Festigkeit und Sparsamkeit in der Verzierung ihrer Werke am getreuesten ge- blieben. Die Alten pflegten in ihren Gallerien, Basiliken, Vortempeln u. d. die Gewoͤlbe nie gerade auf die Knaͤufe der freystehenden Saͤulen aufzufuͤhren, sondern sie zogen, wie schon Vasari Le Vite di Pittori. Tom. I. p. 20. im 3. Kap. seiner Baukunst bemerkt, allezeit Architrabe darunter. Aber die Gothen in Jtalien und die Mauren in Spanien thaten es, ja sie entfernten sich uͤber- haupt von den Alten in den Regeln, Formen und Verhaͤltnissen der Saͤulen und Knaͤufe. Das erste Beyspiel von dergleichen auf frey- stehenden Saͤulen aufgefuͤhrten Gewoͤlben findet man in der Kirche des heil. Vitalis, die in Ravenna gegen 541 unter der Regie- rung der Amalasunta angefangen worden ist: doch sind die Boͤgen noch alle kraisrund, und jeder ist nur aus einem Mittelpunkte be- schrieben. So sind alle Boͤgen in den Ge- baͤuden der Mauren, wovon uns Kolmenar die Zeichnungen geliefert hat, als in dem alten Pallaste der Mauren, in Granada, in dem Dome zu Toledo, in dem Pallaste und Dome zu Seviglia, u. s. w. Die deutschen Bau- kuͤnstler fingen gegen das dreyzehnte Jahr- hundert hundert an, sich aller der Freyheiten der Go- then und Saracenen zu bedienen. Sie ver- banden mit den kleinen wunderlichen Verzie- rungen, den hohen Gewoͤlben, den widersin- nigen Saͤulenkoͤpfen, die spitzigen Boͤgen, ohne dabey jedoch von der Kruͤmmung der Kraislinie gaͤnzlich abzugehn, denn sie ver- zeichneten diese Boͤgen nach den Durchschnitts- punkten zwoer Kraislinien, die die Mitte der Saͤulenspitze insgemein zum Mittelpunkte und die Saͤulenweite zum Halbmesser hatten. Und auf diese Weise fuͤhrten sie die Bauart ein, welche man die gothische genannt hat. Die grosse Kirche zu Strasburg, die zu Rheims, die Peterskirche zu Yorck, die Ab- tey zu Westmuͤnster, die Stephanskirche zu Wien u. d. sind so, wie die Kirche zu Clair- vaux, die Johannskirche zu Monza, die Cer- tosa zu Pavia, der grosse Dom zu Mayland, welchen der Herzog Johann Galeazo Visconti gegen das Jahr 1386. anfangen lassen, kurz nachdem die Kirche zu Monza geendigt, und nicht lange vorher, als die Certosa zu Pavia angefangen worden war — alle die sind in diesem gothischen Geschmacke aufgefuͤhrt. Caesar Caesarini, welcher den Vitruv in das Jtalienische uͤbersetzt, und 1521. mit einem Kommentar zu Komo herausgegeben hat, sagt in den Anmerkungen zum zweyten Ab- schnitte schnitte des ersten Buchs, daß das gothische Gewoͤlbe im Schlusse stark und fest genung sey, eine grosse Last zu tragen, aber von da an, nach den Seiten zu, reisse es leicht. Blon- del merkt in seinem Cours d’Architecture an, daß der gothische Bogen schwaͤchere Wi- derlagen brauche, weil er gerade herab auf die Saͤulen druͤcke, und daß man sich dessel- ben nicht mehr bediene, geschaͤhe aus keiner andern Ursache, als weil er ein haͤßliches An- sehn habe. Dieser Meynung ist auch Kraft in der Abhandlung uͤber einige Aufgaben aus der Baukunst (in dem ersten Tome der neuen Kommentarien der Akademie zu Petersburg.) Belidor hat eine Anweisung gegeben, den waagrechten Druck der roͤmischen und gothi- schen Gewoͤlbe auf die Unterlagen zu berech- nen. Dabey fuͤhrt er ausdruͤcklich an, daß man keine gothische Gewoͤlbe uͤber Magazinen anbringen solle, weil sie die Bomben nicht aushalten koͤnnten. Wir wissen auch wirk- lich aus Beyspielen, daß die roͤmischen Ge- woͤlbe bey Belagerungen den Bomben wider- standen haben, nicht aber die gothischen. Jch koͤnnte hier eine ganze geometrische Ab- handlung uͤber die Staͤrke und den Wider- stand der Gewoͤlbe aus Halbkraisen und Spitzboͤgen liefern. Jch will mich aber be- gnuͤgen. nur das einfache Resultat davon anzu- anzufuͤhren, damit ich diesen Versuch nicht mit Demonstrationen und Figuren zu verwir- ren noͤthig habe. Erstlich ist es eine ausge- machte Wahrheit, daß bey allen Arten von Kuppeln und Gewoͤlben ein Theil von der Wirkung der aufliegenden Last in der Haͤlfte, oder dem dritten und vierten Theile der Kruͤm- mung dadurch verlohren geht, daß sie auf die darunter angebrachten Saͤulen oder Ge- woͤlbe waagrecht druͤckt. Zweytens ist der waagrechte Druck eines halbkraisigten Bo- gens auf die Unterlage dem halben Drucke, wel- cher auf den Schluß wirkt, gleich, z. B. wenn man ein Gewicht von 300000 Pfund auf den Schluß des Bogens legte, so wuͤrde der Druck auf die Unterlagen gleich 150000 Pf. seyn. Endlich wenn man zween Bogen von gleicher Weite, einen halbk eisigten und einen gothischen Spitzbogen annimmt, und auf den einen so viel Gewicht als auf den andern legt, so wird der waagrechte Druck auf die Spitze des ersten gegen den, welchen die Stuͤtze des zweyten auszuhalten hat, beynahe wie 15 zu 13 seyn: in der Mitte, zwischen dem Schlusse und den Stuͤtzen zweener solcher Bogen, wird sich dieser Druck eines gleichen Gewichts bey dem einen gegen den andern wie 5 zu 7 erhal- ten; im dritten Theile hingegen wie 4 zu 5; und zwischen der Haͤlfte und dem dritten Theile der- derselbe bey dem gothischen Bogen der halben Last gleich werden, und folglich eben so wie bey einem halbkraisigten Bogen seyn. Da- her hat die Widerlage beym gothischen Bo- gen mehr Sicherheit als beym roͤmischen; hergegen in der Mitte zwischen der Wider- lage und dem Schlusse verhaͤlt sich’s umge- kehrt, z. B. wenn man auf den Schluß des gothischen Bogens ein Gewicht von 300000 Pfund legen wollte, so wuͤrde der waagrechte Druck gegen den dritten Theil des Bogens ungefehr gleich 150000 Pfund seyn, beym roͤmischen hingegen nur 120000 Pf. Nun nehmen de la Hire und Belidor als einen Er- fahrungssatz an, daß die Boͤgen und Gewoͤlbe insgemein zwischen dem Schlusse und der Widerlage reissen: daher pflegt man auch die eisernen Klammern gegen den dritten Theil des Bogens zu, anzubringen. Da nun der gothische Bogen zwischen dem Schlusse und der Widerlage schwaͤcher ist, wo doch die Gefahr zu reissen groͤsser, so kann man ihn dem roͤmischen nicht vorziehn, und die deut- schen Baukuͤnstler haben also damit nicht nur der Schoͤnheit, sondern auch der Staͤrke und Festigkeit der Gebaͤude Eintrag gethan. Ja sie gaben nicht nur den Bogen uͤberhaupt eben nicht ihre schoͤnste und angenehmste Gestalt, sondern sie waren noch dazu darinnen unvor- sichtig, sichtig, daß sie sie beschwerten, ohne vorher zu befestigen und hinreichend zu sichern. Die roͤmischen Architekten waren hingegen in diesem Stuͤcke ungemein besorgt. Nach dem Vitruv muͤssen die Saͤulen der Winkel und Seiten eines Tempels also eingerichtet werden, daß sie inwendig, nach der Mauer der Tempelcelle zu, bleyrecht stehn, und sich nur von aussen oberwaͤrts einziehen. Philander sagt, die nur von aussen angebrachte Einziehung der Saͤulen aufwaͤrts nach dem Knaufe zu, koͤnne, besonders wenn es darauf ankomme, einen Seitendruck zu unterstuͤtzen, in der Ausuͤbung von grossen Nutzen seyn, ob sie gleich vielleicht dem Auge mißfallen moͤge. Hierinnen waren auch St. Gallo und die besten Baukuͤnstler seiner Zeit mit ihm einerley Meinung. Pal- ladio fuͤhrt an, die Saͤulen im antiken Tem- pel zu Tivoli, der nach der gemeinen Meinung der Vesta gewidmet gewesen, haben diese Ei- genschaft gehabt. Beym Tambur der Kup- pel der Peterskirche, welchen Buonarotti angegeben hat, scheint eben diese Regel zum Grunde zu liegen. Mit diesen so einfachen Kautelen waaten’s daher die alten Baukuͤnstler ihre Gewoͤlbe aufzufuͤhren. Das Gewoͤlbe des Pantheons war in der Mitte offen, die uͤbrigen Tempel mit runden und geschlossenen Daͤchern hatten K im im Schlusse eine Blume, so groß als der Knauf auf den Saͤulen, ohne die Pyramide. (Vitruv 4. B. 7. K.) Die Tempel von die- ser Art hatten daher wenigstens ein abgestutz- tes oder halbes Gewoͤlbe. Da sich Vitruv aber nicht weiter daruͤber erklaͤrt hat, so kann man nicht eigentlich sagen, was die Blume und die Pyramide gewesen sey. Dem ungeachtet hat der Marchese Galiani die Py- ramide als einen kleinen Zierrath abzeichnen lassen, der die Mitte der Blume ausfuͤllte, weil er vielleicht einige Spuren davon auf Schaumuͤnzen angetroffen haben mochte. Die Baumeister der Sophienkirche und andrer alten Kirchen in Konstantinopel haben die Kuppeln geschlossen gelassen, und nicht noch mit andern Lasten in der Mitte beschwert. Jn der Rotonda, die zu Theodorichs Zeiten zu Ravenna erbauet worden, ist die Kuppel zwar ganz in einem Stuͤcke, aber es ist doch keine Kuppoline darauf angebracht worden. Vor tausend Jahren fingen die griechischen Baumeister erst an, oben auf die Kuppel der Marcuskirche zu Venedig einige Werke in Gestalt von kleinen Kuppolinen zu setzen. Beym Dome zu Pisa, dem zu Siena und den Kirchen des Antonius und Justinus zu Padua, wie auch in vielen andern, welche gleichfalls vor tausend Jahren erbauet worden sind, en- digen digen sich die Kuppeln in einen Knopf und kleine Zierrathen. Jn neuern Zeiten hat Bramantes die Kuppel der Peterskirche mit keinen kleinern beschwert. Einige Kup- peln von gothischer Banart, z. B. die auf der Johanniskirche zu Monza, schliessen sich in der Mitte in antikem Geschmacke. Die zu Clairvaux, welche achtwinkelicht ist, und 16½ Elle in der Laͤnge, und 14 in die Breite hat, traͤgt einen Thurm von Mauerwerk von 9¾ Ellen Laͤnge, und 9 Ellen Breite. Die- ser Thurm hat 31 Ellen zur Hoͤhe und 1 Elle zur Dicke der Mauer, und endigt sich endlich in eine Pyramide von 18 Ellen Hoͤhe. Es ist in der That sehr seltsam, daß man auf einem so schwachen Theil des Gebaͤudes, als die Oefnung einer Kuppel im Schlusse ist, noch einen Thurm aufgefuͤhrt hat. Wofern sich aber auch der Eigensinn des Baumeisters in dieser Besonderheit nicht entschuldigen liesse: so muß man ihm doch fuͤr die Geschick- lichkeit, vermoͤge welcher er mit dem Durch- messer des Thurms nicht mehr als ein Drit- theil vom Durchmesser der Kuppel ausge- fuͤllet hat, wiederum Gerechtigkeit wiederfah- ren lassen. Denn auf diese Art wird der waagrechte Druck auf die untern Punkte viel kleiner, als wenn die ganze Last des Thurms einen kleinen Theil der Kuppel zur Base haͤtte: K 2 ein ein Satz, der eben so gut als alles vorherge- hende zu beweisen stuͤnde. Brunellischt und Buonarotti wolten der grossen Kuppel zu Rom und Florenz mit verhaͤltnißmaͤssigen Laternen, die nach ihrem Tode auch wuͤrklich noch aufgefuͤhrt worden sind, mehr Licht ge- ben. Vasari schreibt in Brunellischi’s Le- ben, dieser Baumeister habe in seinem letzten Willen verordnet, man solle die Laternen des Doms in Florenz vollenden, oder das ganze Gebaͤude zu Grunde richten. Denn da das Gewoͤlbe spitzig, so sey es schlechterdings noͤ- thig, daß noch eine Last daruͤber aufgefuͤhrt werde, wodurch es seine Vestigkeit erhalte. Darauf gruͤndet sich das Vorurtheil das einige haben, daß die Last der Laterne die Vestigkeit der Kuppel verstaͤrke, Die drey Mathematiker aber, welche uͤber die Kuppel der Peterskirche geschrieben haben, haben bereits bemerkt, es sey eine ausgemachte Wahrheit, daß die Laternen in allen Arten von Kuppeln den Seitendruck und folglich die Gefahr des Einsturzes betraͤchtlich vermeh- ren. Aus der Erfahrung wissen wir auch, wie die Kuppel zu Florenz und die uͤber der Peterskirche schon wuͤrklich gelitten haben, imgleichen wie noch zwoͤlf andre Kuppeln in Rom von der Last der Laternen beschaͤdigt worden sind; da man hingegen doch nicht er- fahren fahren hat, daß die Kuppel von St. Peter in Montorio, worauf Bramantes keine La- terne gesetzt, irgend etwas gelitten habe. Aepinus hat in den Schriften der berlinischen Akademie der Wissenschaften von 1755. die vortheilhafteste Figur einer Unterlage, welche sich auswaͤrts mit einer geraden Linie endigt, bestimmt, und bey dieser Gelegenheit die Grundsaͤtze angegeben, woraus sich erweisen laͤßt, daß Michael Angelo der Kuppel auf der Peterskirche dadurch eine grosse Festig- keit verschaft, daß er sie auf eine Atticke ge- stuͤtzt, die Atticke aber auf ein weites ausge- dehntes Gewoͤlbe, welches auf einer noch groͤssern Base ruht, und 16 Widerlagen, jede aus 2 Saͤulen, hat. Ja es erhellet, daß diese Festigkeit viel groͤsser ist, als bey irgend einer gothischen Kuppel. Denn da die gothischen Kuppeln mehr als die auf St. Peter beschwert sind, dabey aber weder Flanken noch Wiederlagen haben, und sich gegen die Grundflaͤche zu mehr einwaͤrts ge- ben: so darf man sich gar nicht wundern, daß diese Kuppeln viele Risse haben, wovon manche durch viele aͤussere Steine von der Hoͤhe in die Tiefe gehn, daß selbst einige Steine in kleine waagrechte Stuͤcke zerbro- chen sind, und daß bisweilen gegen den dritten Theil der gothischen Boͤgen, wo der waag- K 3 rechte rechte Druck groͤsser ist, einige Klammern aus einander gehn. Belidor und de la Hire haben in den an- gezeigten Stellen die Gruͤnde zur Berechnung aller Momente des Drucks und Widerstands in jeder Art von Gewoͤlben aus einander ge- setzt. Sie erwaͤgten naͤmlich, daß ein Ge- woͤlbe nur in 3 Stellen reissen koͤnnte, als entweder in der Base, wenn sich die innere Seite der Widerlage auswaͤrts beugte, oder da wo es aufliegt, indem sich daselbst das ganze Gewoͤlbe aus einander gaͤbe, oder ge- gen die Spitze indem sich der Schluß loͤsete, und die Laterne senkte. Doch laͤßt sich’s nur auf die Gewoͤlbe von gemeinem Mauerwerke einschraͤnken, und die muͤssen davon ausge- nommen werden, welche aus keilfoͤrmig ge- hauenen Steinen aufgefuͤhrt sind. Ob dabey nun gleich auch nach der Unterlage zu ein Riß moͤglich ist, so laͤßt sich derselbe doch duͤrch einen geringen Druck von innen gegen die Keile, welche von aussen anfangen muͤssen, sich aus einander zu geben, verhindern. Der Stein laͤßt sich seiner Natur nach freylich einigermaassen zusammen druͤcken. Aus Muschenbroecks Erfahrungen sieht man, daß sich derselbe in der Waͤrme ausdehnt, und in der Kaͤlte wieder zusammen zieht. Auch aus Mariotte’s Beobachtungen ergiebt sich diese diese Eigenschaft des Steins. Als man stei- nerne Kugeln auf Ambossen, die man mit Talg bestrichen hatte, unter den Hammer brachte, spreiteten sie sich und liessen auf der Oberflaͤche des Talgs weite kraisrunde Ein- druͤcke. Nach den Bemerkungen der drey bereits angefuͤhrten beruͤhmten Mathematiker glaubt man, daß der Bogen und die Atticke von St. Peter aus keiner andern Ursache ge- borsten seyn, als weil die Steine zu sehr zu- sammengedruckt worden. Freylich aber laͤßt sich dem ungeachtet aus dieser Eigenschaft des Steins keine Ausnahme wider das Sy- stem des Belidor und de la Hire machen. Als diese Mathematiker fanden, daß der Widerstand zehnmal groͤsser seyn muͤßte als der Druck, wofern sich der Bogen von St. Peter oberwaͤhnter Maassen gegen den aͤussern Winkel der Base haͤtte drehen sollen, dennoch aber der Augenschein ergab, wie sehr die Kup- pel gelitten hatte: so geriethen sie auf die Vermuthung, daß vielleicht neue Risse da seyn koͤnnten, wobey der innere Winkel haͤtte unbeweglich bleiben, und sich der Druck doch nach den aͤussern Winkel neigen koͤnnen, und der Bogen aus einander gehn muͤssen. Auf diese Art waͤren die Risse freylich viel leichter als auf die erste. Denn im Falle der Mittel- punkt der Bewegung im aͤussern Winkel K 4 waͤre, waͤre, so muͤßte der Schwerpunkt des Bogens steigen, im entgegen gesetzten Falle aber sich senken, und es waͤre also im zweiten Falle viel weniger Kraft noͤthig als im ersten. Wenn man nun diese zwote Hypothese zum Grunde legt, und demnach annimmt, daß sich uͤbri- gens alle Widerlagen des Bogens der Kup- pel von St. Peter losgegeben haͤtten, so waͤre der Widerstand doch nur um einen Drittheil geringer als der Druck. Andere Schriftstel- ler bemerken darum vortreflich, so eine Ba- lance des Drucks und Widerstands muͤsse in diesem Falle nicht die Ursache warum sich die Widerlagen losgegeben haͤtten, sondern eine Folge davon gewesen seyn; das ist, diese Balance muͤsse erst erfolgt seyn, nachdem sich die Widerlagen losgegeben. Nach der an- dern Hypothese hingegen muͤßte der Wider- stand, wenn die Widerlagen noch mit dem Bogen verbunden gewesen, groͤsser, und alle Bewegungen gegen den aͤussern Winkel der Base unmoͤglich gewesen seyn. Und deswe- gen waren sie der Meinung, man muͤsse noch eine dritte ganz andere Hypothese annehmen, woraus der Riß der Widerlagen und die er- sten Verletzungen der Kuppel uͤberhaupt zu erklaͤren waͤren. Jch, meiner seits, halte dafuͤr, daß Kuppeln und Gewoͤlbe auf tausend andre Arten leiden koͤnnen. koͤnnen. Belidor faͤngt in seiner Jngenieur- wissenschaft Nr. 13. B. 1. diese Lehre damit an, daß er Mauren annimmt, deren Theile in sich mit einander verbunden und so unzer- trennlich sind, daß man zwar die Mauer selbst durch irgend eine Kraft umstuͤrzen, aber nicht von einander reissen kann. Von da aus geht er in seiner Betrachtung zu dem Falle, wor- auf de la Hire seine Hypothese gruͤndet, fort, daß sich nemlich die ganze Unterlage um den aͤussern Winkel der Base drehe. Jch muß aber hier bemerken, daß eine zu grosse Last die Steine zerdruͤckt und in Stuͤcken sprengt, wie man an uͤberladenen Kuppeln sieht. Mit zunehmenden Drucke breiten sich die zerbro- chenen Steine aus, und die Stuͤcke verviel- faͤltigen sich noch auf tausenderley Weise; und dermaassen kann eine Kuppel bald so, bald so, leiden. Belidor’s und de la Hire’s Hypo- thesen sind dem Widerstande der Gewoͤlbe sehr guͤnstig, und ihnen zufolge kan man freylich leicht beweisen, daß einige gothische Kuppeln so schwache Widerlagen haben, so sehr gegen die Base eingezogen und besonders im Schlusse so uͤberladen sind, daß jedes Moment des horizontalen Drucks, indem es mit seiner ganzen Last auf den dritten, ihm zur Unterlage dienenden, Theil des gothischen Bogens wirkt, groͤsser ist, als jedes Moment des Widerstands; K 5 und und man sich daher gar nicht zu verwundern hat, daß dadurch auch manche Klammer ge- borsten ist und man so oft Risse und Spalten sieht. Man muß freylich nicht glauben, daß die vielen dicken eisernen Klammern, womit das gothische Mauerwerk in das Kreuz und in die Quere befestigt wird, die Schwaͤche der Bogen hinreichend ersetze, oder wohl gar noch groͤssere Lasten erhalten kann. Denn erstlich zieht die Kaͤlte das Eisen zusammen und die Waͤrme dehnt es aus; und denn muͤs- sen solche Klammern, die schon gespannt und sehr beschwert sind, allein wegen der Veraͤn- derung der Witterung nachgeben. Davon koͤnnte ich viele Beyspiele anfuͤhren. Zwey- tens gruͤnden sich die Rechnungen uͤber die Staͤrke der Klammern auf zuverlaͤßig irrige Grundsaͤtze: denn man nimmt an, daß die Staͤrke des Eisens in Verhaͤltniß zu seiner Dicke zunehme, da doch nach van Muschen- broecks Versuchen zu Eisendrathen von 1, 2, 3, 4. Dicke die Gewichte 130, 230, 310, 450. erfordert wurden, und folglich in geringern Verhaͤltniß als die Dicke zunahmen. Und endlich ist es immer auch sehr unschicklich, daß die Theile eines grossen Gebaͤudes von eisernen Drathen und Klammern zusammen gehalten werden sollen. Jch Jch kann hier einen schoͤnen Ausspruch des Vignola nicht mit Stillschweigen uͤber- gehn. Pellegrini hatte einen Taufstein in viereckigter Gestalt mit vier Saͤulen von wei- chem Steine auf erhabenen Piedestalen uͤber zwoͤlf Model weit von einander auffuͤhren lassen. Martin Basso warf ihm daruͤber vor, daß so grosse Saͤulenweiten wider alle Lehre Vitruvs und wider alle Beyspiele lie- fen, die man noch an den Tempeln Apolls, Dianens, Vulkans u. d. sehen koͤnnte. Pel- legrini sah den Fehler ein und schlug daher vor, den Taufstein durch eiserne Klammern, durch die er eine Saͤule mit der andern ver- binden wollte, sicher zu stellen. Die beruͤhm- testen Architeckte gaben dem Basso Recht. Palladio meynte, man muͤsse den Taufstein achteckigt oder kraisrund machen; dazu koͤnn- ten die Saͤulen von jonischer, nicht aber ko- rinthischer Ordnung seyn. Vignola hielt die Zuflucht zu Klammern nicht fuͤr gut; denn sie hoͤbe den wahren Fehler nicht, urtheilte er, sondern sie gaͤben nur eine scheinbare Staͤrke. Bey dieser Gelegenheit sagte er, wohl angelegtes Mauerwerk muͤsse sich selbst tragen und nicht angehaͤngt werden. Eben diese Architeckten und Basso mißbilligten auch Pellegrins Gedanken, den Boden des Chors im Dom zu Mayland etwa vier Ellen uͤber den den Boden der Kirche zu erhoͤhen, und schief und abhaͤngend zu machen. Auch waren sie wider die Jdee von einem unterirdischen Tem- pel, der an Gestalt, Ordnung und Disposi- tion dem uͤbrigen nicht entspraͤche, sondern kralsrund seyn und acht Kolonnen Dorischer Ordnung nahe gegen den Mittelpunkt zu, von den Kolonnen aber bis zum Umfange einen Raum, der eben so breit als hoch waͤre, ha- ben sollte. Basso war unstreitig ein vortref- licher Architeckt. Er hat in Mayland unge- meine Gebaͤude und besonders die St. Lorenz- kirche hinterlassen. Diese wird man gewiß jederzeit mit Erstaunen betrachten, ob sie gleich auch nicht ohne alle Fehler ist, als z. B. daß die Kuppel acht ungleiche Seiten hat. Die gothischen Kuppeln sind in diesem Stuͤcke meistens fehlerhaft, sie sind ordinair achtwinkligt und ruhen auf einer quadrati- schen Base von vier Gewoͤlben, daher kor- respondiren auch die acht Winkel des Achtecks mit dem leeren Raum der vier untern Ge- woͤlbeboͤgen und die Fensteroͤfnungen mit den Tafeln der Saͤulen. Caͤsar Caͤsarini mißbilligt die Jdee, ein Oktogon auf ein Quadrat zu setzen, gaͤnzlich. (s. die Anmerk. zu Vitruvs erstem Buche, 2ten Abschn.) Der Jngenieur Buska hat daruͤber bereits 1597 in einer Schrift aller- ley ley schoͤne Betrachtungen angestellt. Wer gut und sicher bauen will, muß alles bley- recht uͤber den wahren und vesten Grund auf- fuͤhren: sonst werden seine Anlagen in der That keinen Grund haben. Die Ribben, Nerven und Knochen eines Gewoͤlbes sind nichts anders als Aeste von Baͤumen, welche sich in der Mitte zusammen geben. Ob sie sich nun gleich woͤlben, so ruht und druͤckt ein jeder doch allein auf den Stamm, woraus er hervor gewachsen ist. Jedermann sieht frey- lich die Wahrheit dieses Satzes ein und den- noch weiß sich Niemand darnach zu richten. Alle gruͤnden die Kuppeln ohne Ursache und wider alle gute Regeln und Beyspiele der Al- ten in die Luft. Und das kommt insgemein daher, daß man einen quadratischen Grund macht und darauf doch ein rundes oder acht- seitiges Gebaͤude errichten will. Es ist eben so, als wenn man uͤber einen runden Grund ein quadratisches Gebaͤude auffuͤhren wollte. Die Winkel oder die Seiten muͤssen daher nothwendig uͤber den Grund herausgehn. Die meisten Kuppeln u. s. w. Man sieht also, daß die gothische Baukunst weder fuͤr die wahre noch fuͤr die scheinbare Festigkeit hinreichend gesorgt hat, sonst haͤtte sie das Volle uͤber dem Vollen und das Leere unter dem Leeren anbringen muͤssen. Eben Eben dieser Fehler faͤllt auch bey allen wunderlichen kleinen gothischen Zierrathen, die die Witterung allein schon verdirbt, und bey den Statuͤen, die uͤber den obern Fenster- bogen, wie in der Luft haͤngen, in das Au- ge. Der einzige Werth, den man diesen Ge- baͤuden noch zugestehn koͤnnte, wuͤrde in ih- rer ungeheuren Groͤsse, in der Weite der Boͤgen, im Verbauen der Ribben der Schiffe und in den guten Verhaͤltnissen der vornehm- sten Glieder der Pfeiler, Saͤulen und Logen bestehn: die Saͤulenweiten sind hingegen ins- gemein zu groß, so wie man Beyspiele in den remplis diastylis der Alten antrift, als im Tempel des Apoll und der Diana. Jn dem Dome zu Mayland verdient noch der Fußbo- den und die Vorderseite vieles Lob. Sie ist von Pellegrini gezeichnet und vom H. Karl genehmigt worden; der Kardinal Friedrich hat angefangen, sie unter des Basso Aufsicht bauen zu lassen. Pellegrini hat dabey gerade das Mittel zwischen der gothischen und grie- chischen Manier getroffen; eben so wie Vig- nola und Julio Romano die Vorderseite zu St. Petron zu Bologna und Bramante zu Certosa zu Padua gezeichnet hatten. Mit diesen Gruͤnden lassen sich die verschiedenen Urtheile der Baumeister und Reisenden uͤber dieses erstaunliche Gebaͤude vereinigen. Caͤ- sar sar Caͤsarini (bey der Anmerk. zum 2ten Ab- schn. des ersten B. von Vitruv) hat den Grundriß und Aufriß des Doms zu Mayland und der Vorderseite, die die ersten Architeckte dazu bestimmt hatten, aufbehalten. Er fin- det den Grundriß den guten Regeln gemaͤß, und sagt, dies ist gleichsam die Regel, deren sich die deutschen Architeckte bey der Kirche Baricefala zu Mayland bedient haben. Der Ritter Georg Vasari schreibt im Leben des Nikkolo und Joannes aus Pisa: Viele legten sich zu Nikkolo’s Zeiten aus edler Eifersucht mit vielem Fleisse auf die Bildhauerey. Das, was vorhin nicht geschehn. Jn Mayland fieng sichs besonders an. Denn dahin waren viele lombardische und deutsche Kuͤnstler zur Erbauung des Doms zusammen gekommen, die sich aber nachher wegen der Jrrungen zwi- schen dem Kaiser Friedrich und den Maylaͤn- dern in Jtalien umher zerstreueten. Nun- mehr fiengen die Kuͤnstler an, mit einander sowohl in der Bildhauerey als in der Bau- kunst zu wetteifern. Jm 6ten Abschnitte des 1sten Theils im 1sten Buche des Stamozzi heißt es: Gegen die bessere Zeit des 15ten Jahrhunderts trat Bramante von Urbino auf und fieng an, die Fehler zu ruͤgen, die Bernardino und Caͤsare Caͤsarini beym Dome zu Mayland begangen hat- hatten. (Ferner im 18ten Abschn.) Konnte wohl ein Koͤnig und selbst ein Kaiser etwas Groͤssers unternehmen, als 1387, nachdem Jtalien wieder zur Freyheit gelanget, Joann Galeazzo, Herzog von Mayland, unternahm, ich meyne die Erbanung des Doms, der an Groͤsse, Vortreflichkeit der Steine, Menge der Bildhauerey und des Schnitzwerks, jedem an- dern Tempel, den irgend die Griechen oder Roͤ- mer aufgefuͤhrt haben, gleich geachtet werden kann? Aber er sieht doch nicht anders aus, als ein durchbrochenes Gebirge von Steinen und andern Bauzeuge, das zugerichtet, aber unor- dentlich durch einander zusammen gethuͤrmt worden ist; denn es mangelt der Erfindung an Schoͤnheit und allgemeiner Form, an Harmo- nie, den Theilen und Gliedern an Verbindung; alles ist schwach und, gleich als ob es nicht zu- sammen gehoͤrte, von einander getrennt. Da- her ist es auch unmoͤglich gewesen, sowohl die Vorderseite als den uͤbrigen Theil des Gebaͤu- des bis zum Dache und die Kuppel auf eine nur ertraͤgliche Weise auszufuͤhren. Zwar fanden noch Pelegrini und Bassi am Ende ein Mittel, die Vorderseite zu Stande zu bringen. Blondel sagt im 1sten Abschnitte seiner Ar- chitecktur S. 1. die gute Architecktur sey nach den Einfaͤllen der Barbaren lange Zeit unter den Ruinen der alten Gebaͤude verborgen ge- blie- blieben, und habe jener ungeheuern unertraͤg- lichen Manier, die noch zu unserer Vaͤter Zei- ten unter dem Namen der gothischen Baukunst gewoͤhnlich gewesen, Platz gelassen. Jm 16ten Abschnitte des 5ten Theils im 5ten B. bemerkt er, die gothischen Gebaͤude haͤtten, im Ganzen genommen, doch lauter Verhaͤltnisse nach den Regeln der Kunst, und man koͤnne mitten unter den vielen kleinen schlechten Zierrathen, womit sie uͤberhaͤuft waͤren, dennoch ihre Symmetrie nicht verkennen. Zum Beweise fuͤhrt er im fol- genden Abschnitte die alte Zeichnung der Vor- derseite, welche von Caͤsarini erhalten worden ist, an. Barattieri schrieb 1651 in seiner Abhand- lung von der Verzierung des Doms: der Er- finder habe in seinem Gehirne ein Chaos gothi- scher Bizarrerie erschaffen. Fast gleichergestalt behauptet der beruͤhmte Vanritelli, es sey un- ter allen Leuten von gesundem Urtheile ausge- macht, daß die gothische Manier, sowohl in An- sehung der Kapitaͤle als der Saͤulen selbst und aller andern Verzierungen allein von dem Ver- fall der guten Baukunst ihren Ursprung habe, und waͤre die gute Baukunst nicht verfallen, so wuͤrde man gewiß auch den Dom nicht haben. Aber von den Mathematikern auf Reisebe- schreiber zu kommen, muß ich anfuͤhren, daß Misson, Pomponne und viele andre den Bo- L den den im Dom weit uͤber den in St. Peter erhe- ben. Addison erzaͤhlt, dieses erstaunliche Ge- baͤude sey bis auf den Giebel von Marmor, und selbst der wuͤrde davon gemacht worden seyn, wenn man den Stein nicht fuͤr zu schwer dazu gehalten haͤtte. Freylich ist diese Nachricht mit noch einigen andern Nebendingen ganz aus dem Nartiniere genommen. Mit der Stelle aus der Reise eines beruͤhmten Schweitzers will ich schliessen: Viele Theile, sagt er, ver- fallen vor Alter schon wieder, da doch die an- dern noch nicht einmal fertig sind. Man ver- zoͤgert auf das Portal zu denken und arbeitet einstweilen an ungeheuren durchbrochenen Py- ramiden, die man auf jeden Pfeiler anbringen will, man macht Statuͤen und das Gebaͤude hat ihrer doch schon innen und aussen viele tausend, man macht kleine Genien und Ver- zierungen fuͤr gewisse Oeffnungen, wodurch sich die obern Theile kommuniciren, mit eben der Feinheit, von welcher die auserlesene Goldschmiedearbeit ist, welche man wider alle Erwartung hier antrift. Bis auf u. s. w. V. Deut- V. Deutsche Geschichte. L 2 V. Deutsche Geschichte. Vom Herrn Justitzrath Moͤser. D ie Geschichte von Deutschland hat mei- nes Ermessens eine ganz neue Wendung zu hoffen, wenn wir die gemeinen Landeigen- thuͤmer, als die wahren Bestandtheile der Na- tion durch alle ihre Veraͤnderungen verfolgen; aus ihnen den Koͤrper bilden und die grossen und kleinen Bediente dieser Nation als boͤse oder gute Zufaͤlle des Koͤrpers betrachten. Wir koͤnnen sodenn dieser Geschichte nicht al- lein die Einheit, den Gang und die Macht der Epopee geben, worinn die Territorialho- heit und der Despotismus zuletzt die Stelle einer gluͤcklichen oder ungluͤcklichen Aufloͤ- sung vertritt; sondern auch den Ursprung, den Fortgang und das unterschiedliche Ver- haͤltniß des Nationalcharakters unter allen Beraͤnderungen mit weit mehrerer Ordnung und Deutlichkeit entwickeln, als wenn wir blos das Leben und die Bemuͤhungen der Aerzte beschreiben, ohne des Kranken Koͤr- pers zu gedenken. Der Einfluß, welchen Gesetze und Gewohnheiten, Tugenden und L 3 Feh- Fehler der Regenten, falsche oder gute Maaß- regeln, Handel, Geld, Staͤdte, Dienst, Adel, Sprachen, Meynungen, Kriege und Ver- bindungen auf jenen Koͤrper und auf dessen Ehre und Eigenthum gehabt; die Wendun- gen, welche die gesetzgebende Macht, oder die Staatseinrichtung uͤberhaupt bey diesen Ein- fluͤssen von Zeit zu Zeit genommen; die Art, wie sich Menschen, Rechte und Begriffe al- maͤhlich gebildet; die wunderbaren Engen und Kruͤmmungen, wodurch der menschliche Harg die Territorialhoheit empor getrieben und die gluͤckliche Maͤßigung, welche das Christer- thum, das deutsche Herz, und eine der Frey- heit guͤnstige Sittenlehre gewuͤrket hat, wuͤrde sich, wie ich glaube, solchergestalt in ein voll- kommenes fortgehendes Gemaͤhlde bringen lassen und diesem eine solche Fuͤllung geben, daß der Historienmahler alle uͤberfluͤßige Grouppen entbehren koͤnnte. Diese Geschichte wuͤrde vier Hauptperioden haben. Jn der ersten und guͤldnen war noch mehrentheils jeder deutscher Ackerhof mit ei- nem Eigenthuͤmer oder Wehren besetzt; kein Knecht oder Leut auf dem Heerbannsgute ge- festet; alle Freyheit, als eine schimpfliche Ausnahme von der gemeinsamen Vertheidi- gung verhaßt; nichts als hohe und gemeine Ehre in der Nation bekannt; niemand ausser dem dem Leut oder Knechte einem Herrn zu folgen verbunden; und der gemeine Vorsteher ein Erwaͤhlter Richter, welcher bloß die Urtheile bestaͤtigte, so ihm von seinen Rechtsgenossen zugewiesen wurden. Diese guͤldne Zeit dau- rete noch guten Theils, wiewohl mit einer auf den Hauptzweck schaͤrfer anziehenden Ein- richtung unter Carln dem Grossen. Carl war aber auch der einzige Kopf zu diesem an- tiken Rumpfe. Die zweyte Periode ging allmaͤhlig unter Ludewig dem Frommen und Schwachen an. Jhm, und den unter ihm entstandenen Par- theyen war zu wenig mit Bannalisten, die bloß ihren Heerd und ihr Vaterland bey eig- ner Kost und ohne Sold vertheidigen wollten, gedienet. Er opferte aus Einfalt, Andacht, Noth und falscher Politik seine Gemeinen den geistlichen Bedienten und Reichsvoͤgten auf. Der Bischoff, welcher vorhin nur zwey Heer- maͤnner ad latus behalten durfte, und der Graf oder Oberste, der ihrer vier zum Schutze seines Amts und seiner Familie beurlauben konnte, verfuhren mit dem Reichsgute nach Gefallen, besetzten die erledigten mansos mit Leuten und Knechten, und noͤthigten die Wehren, sich auf gleiche Bedingungen zu er- geben. Henrich der Vogler suchte zwar bey der damaligen allgemeinen Noth das Reichs- L 4 eigen- eigenthum wieder auf; und stellete den Heer- bann mit einigen Veraͤnderungen wieder her. Allein Otto der Grosse schlug einen ganz an- dern Weg ein und gab das gemeine Guth denjenigen Preiß, die ihm zu seinen auswaͤr- tigen Kriegen einige glaͤnzende und wohlge- uͤbte Dienstleute zufuͤhrten. Jhm war ein Ritter, der mit ihm uͤber die Alpen zog, lie- ber als tausend Wehren, die keine Auflagen bezahlten, und keine andre Dienstpflicht, als die Landesvertheidigung kannten. Seine Groͤsse, das damalige Ansehn des Reichs und der Ton seiner Zeiten machten ihn sicher genug zu glauben, daß das deutsche Reich seines Heerbanns niemals weiter noͤthig ha- ben wuͤrde. Und so wurde derselbe voͤllig verachtet, gedruckt und verdunkelt. Der Missus oder Heerbannscommissarius, wel- cher unter Carln den Grossen allein die Ur- laubspaͤsse fuͤr die Heermaͤnner zu ertheilen hatte, verlohr sein Amt und Controlle. Com- missariat und Commando kam zum groͤßten Nachtheil der Landeigenthuͤmer und der ersten Reichsmatrikel in eine Hand. Jn der dritten Periode, welche hierauf folgte, ist fast alle gemeine Ehre verschwun- den. Sehr wenige ehrnhafte Gemeinen haben noch einiges Reichsguth in domino quiritario. Man verliert sogar den Namen und und den wahren Begriff des Eigenthums, und der ganze Reichsboden verwandelt sich uͤberall in Lehn-Pacht-Zins- und Bauerguth, so wie es dem Reichsoberhaupte, und seinen Dienstleuten gefaͤllt. Alle Ehre ist im Dienst; und der schwaͤbische Friedrich bemuͤhet sich vergeblich, der Kaiserlichen Krone, worin ehe- dem jeder gemeiner Landeigenthuͤmer ein Klei- nod war, durch blosse Dienstleute ihren alten Glanz wieder zu geben. Die verbundene Staͤdte und ihre Pfalbuͤrger geben zwar der Nation Hoffnung zu einem neuen gemeinen Eigenthum. Allein die Haͤnde der Kaiser sind zu schwach und schluͤpfrich, und anstatt diese Bundesgenossen mit einer magna Charta zu begnadigen, und sich aus allen Buͤrgen und Staͤdten ein Unterhaus zu er- schaffen, welches auf sichere Weise den Un- tergang der ehmaligen Landeigenthuͤmer wie- der ersetzt haben wuͤrde, muͤssen sie gegen sol- che Verbindungen und alle Pfalbuͤrgerschaft ein Reichsgesetze uͤbers andre machen. Ru- dolph von Habsburg sieht diesen grossen Staatsfehler wohl ein, und ist mehr als ein- mal darauf bedacht, ihn zu verbessern. Al- lein Carl der IV. arbeitet nach einem dem vo- rigen ganz entgegengesetzten Plan, indem er die mittlere Gewalt im Staat wieder beguͤn- stiget, und Wenzels grosse Absichten, welche L 5 den den Reichsfuͤrsten nicht umsonst verhaßt wa- ren, werden nie mit gehoͤriger Vorsicht, oft durch gehaͤßige Mittel, und insgemein nur halb ausgefuͤhrt. Alle sind nur darauf be- dacht, die Dienstleute durch Dienstleute zu bezaͤhmen, und waͤhrender Zeit in Daͤnne- mark der Landeigenthum sich wieder unter die Krone fuͤget; in Spanien der neue Heer- bann, oder die Hermandad der mittlern Ge- walt mit Huͤlfe der klugen Jsabelle das Gleich- gewichte abgewinnt; und in der Schweiz drey Bauren gemeine Ehre und Eigenthum wie- der herstellen, wurde die Absicht des Bund- schuhes und andrer nicht undeutlich bezeichne- ter Bewegungen von den Kaisern kaum em- pfunden. Sigismund thut etwas, beson- ders fuͤr die Friesen; und Maximilian sucht mit allen seinen guten und grossen An- stalten wohl nichts weniger, als die Gemei- nen unter der mittlern Gewalt wieder hervor und naͤher an sich zu ziehen. Allein so fein und neu auch die Mittel sind, deren er sich bedient: so scheinet doch bey der Ausfuͤhrung nicht allemal der Geist zu wachen, der den Entwurf eingegeben hatte. Mehr als einmal erforderte es in dieser Pe- riode die allgemeine Noth, alles Lehn-Pacht- Zins- und Bauerwesen von Reichswegen wie- der aufzuheben, und von jedem Manso den Ei- Eigenthuͤmer zur Reichsvertheidigung aufzu- mahnen. Denn nachdem die Lehne erblich geworden, fielen solche immer mehr und mehr zusammen. Der Kriegsleute wurden also weniger. Sie waren zum Theil erschoͤpft; und wie die auswaͤrtigen Monarchien sich auf die gemeine Huͤlfe erhoben, nicht im Stande, ihr Vaterland dagegen allein zu vertheidigen. Allein eine so grosse Revolution waͤre das Werk eines Bundschuhes gewesen. Man mußte also auf einem fehlerhaften Plan fort- gehn, und die Zahl der Dienstleute mit un- belehnten, unbeguͤterten und zum Theil schlech- ten Leuten vermehren, allerhand Schaaren von Knechten errichten, und den Weg ein- schlagen, worauf man nachgehends zu den ste- henden Herren gekommen ist. Eine Zeitlang reichten die Kammerguͤter der Fuͤrsten, wel- che ihre Macht auf diese Art vermehrten, zu den Unkosten hin; man wußte von keinen ge- meinen Steuren; und in der That waren auch keine steuerbare Unterthanen vorhanden, weil der Bauer als Paͤchter sich lediglich an seinen Contrakt hielte, und sein Heer frey war, wenn er als Guthsherr fuͤrs Vater- land, und als Vasall fuͤr seinen Lehnsherrn den Degen zog. Die Kammerguͤter wurden aber bald erschoͤpft, verpfaͤndet oder verkauft. Und man mußte nunmehr seine Zuflucht zu den den Lehnleuten und Guthsherren nehmen, um sich von ihnen eine ausserordentliche Bey- huͤlfe zu erbitten; und weil diese wohl einsa- hen, daß es ihre Sicherheit erforderte, sich unter einander und mit einem Hauptherrn zu verbinden: so entstanden endlich Landstaͤnde und Landschaften; wozu man die Staͤdte, welche damals das Hauptwesen ausmachten, auf alle Weise gern zog. Alle noch uͤbrige Gesetze aus der guͤldnen Zeit, worin die Reichs Mansi mit Eigen- thuͤmern besetzt gewesen waren, verschwanden in dieser Periode gaͤnzlich; wozu die Staͤdte, diese anomalischen Koͤrper, welche die Sach- sen so lange nicht hatten dulden wollen, nicht wenig beytrugen, indem sie die Begriffe von Ehre und Eigenthum, worauf sich die Saͤch- sische Gesetzgebung ehedem gegruͤndet hatte, verwirreten und verdunkelten. Die Ehre verlohr sogleich ihren aͤusserlichen Werth, so- bald das Geldreichthum das Landeigenthum uͤberwog; und wie die Handlung der Staͤdte unsichtbare heimliche Reichthuͤmer einfuͤhrte, konnte die Wehrung der Menschen nicht mehr nach Gelde geschehen. Es mußten also Leib- und Lebensstrafen eingefuͤhrt, und der obrig- keitlichen Willkuͤhr verschiedene Faͤlle zu ahn- den uͤberlassen werden, worauf sich die alten Rechte nicht mehr anwenden, und bey einer un- unsichtbaren Verhaͤltniß keine neue finden lassen wollten. Die Freyheit litt dadurch un- gemein, und der ganze Staat arbeitete einer neuen Verfassung entgegen, worin allmaͤhlig jeder Mensch, eben wie unter den spaͤtern roͤ- mischen Kaisern, zum Buͤrger oder Rechts- genossen aufgenommen, und seine Verbind- lichkeit und Pflicht auf der blossen Eigenschaft von Unterthanen gegruͤndet werden sollte. Eine Verfassung, wobey Deutschland haͤtte gluͤcklich werden koͤnnen, wenn es seine Groͤsse immerfort auf die Handlung gegruͤndet, diese zu seinem Hauptinteresse gemacht und dem per- soͤnlichen Fleisse und baaren Vermoͤgen in be- stimmten Verhaͤltnissen gleiche Ehre mit dem Landeigenthum gegeben haͤtte, indem alsdann die damals verbundene und maͤchtige Staͤdte das Nationalinteresse auf dem Reichstage mehrentheils allein entschieden, Schiffe, Volk und Steuren bewilligt, und die Zerreissung in so viele kleine Territorien, deren eins im- mer seinen Privatvortheil zum Nachtheil des andern sucht, wohl verhindert haben wuͤrden. Der vierten Periode haben wir die gluͤck- liche Landeshoheit oder vielmehr nur ihre Vollkommenheit zu danken. Jhr erster Grund lag in der Reichsvogtey, welche sich nach dem Maasse erhob und ausdehnte, als die Karo- lingische Grafschaft, wovon uns keine einzige uͤbrig uͤbrig geblieben, ihre Einrichtung, Befugniß und Unterstuͤtzung verlohr. Aus einzelen Reichsvogteyen waren edle Herrlichkeiten er- wachsen. Wo ein edler Herr ihrer mehrer zusammen gebracht und vereiniget hatte, war es ihm leicht gelungen, diese Sammlung zu einer neuen Grafschaft erheben zu lassen und sich damit die Obergerichte in seinen Vogteyen zu erwerben. Vornehmlich aber hatten Bi- schoͤfe, Herzoge, Pfalzgrafen und andre Kai- serliche Representanten in den Provinzien die in ihren Sprengeln gelegne Vogteyen an sich gebracht, und sich daruͤber mit dem Grafen- bann, und auch wohl um alle fremde Ge- richtsbarkeit abzuwenden, mit dem Freyher- zogthum und der Freygrafschaft belehnen las- sen. Der Adel, die Kloͤster und die Staͤdte, welche nicht unter der Vogtey gestanden, hat- ten sich zum Theil gutwillig den Kaiserlichen Representanten unterworfen, und der Kaiser zu einer Zeit, da noch keine Genecalpacht er- laubt und bekannt war, sich ein Vergnuͤgen daraus gemacht, die mit vielen Beschwerden und mit wenigen Vortheil begleitete Aus- uͤbung der Regalien, wozu er sonst eigne Lo- calbeamte haͤtte bestellen muͤssen, den hoͤch- sten Obrigkeiten jedes Landes zu uͤberlassen, und solchergestalt sein eignes Gewissen zu be- ruhigen. Hiezu war die Reformation ge- kom- kommen und hatte allen Landesherren oͤftere Gelegenheit gegeben, diejenigen Rechte, wel- che sich aus obigen leicht folgern liessen, in ihrer voͤlligen Staͤrke auszuuͤben; insbeson- dere aber die Schranken, welche ihnen ihrer Laͤnder eigne von der Kaiserlichen Gnade un- abhaͤngige Verfassung entgegen gesetzt hatte, ziemlich zu erweitern, indem sie die Vollmacht theils von der Noth entlehnten, theils von dem Hasse der streitenden Religionspartheyen gutwillig erhielten. Und so war es endlich kein Wunder, wenn beym Westphaͤlischen Frieden, nachdem alles lange genug in Ver- wirrung gewesen, diejenigen Reichsstaͤnde, welche nach und nach die Vogtey, den Gra- fenbann, das Freyherzogthum und die ganze Vollmacht des Missi in ihrem Lande erlangt hatten, die Bestaͤtigung einer vollkommenen Landeshoheit; andre hingegen, welche nur die Vogtey gehabt, jedoch sich der hoͤhern Reichsbeamten erwehret hatten, die Unmittel- barkeit und in Religionssachen eine nothwen- dige Unabhaͤngigkeit erhielten. Wenn man auf die Anlage der deutschen Verfassung zuruͤck gehet: so zeigen sich vier Hauptwendungen, welche sie haͤtte nehmen koͤnnen. Entweder waͤre die erste Controlle der Reichsbeamte per missos geblieben; oder aber jede Provinz haͤtte einen auf Lebenszeit M stehen- stehenden Statthalter zum Controlleur und Oberaufseher aller Reichsbeamten erhalten; oder ein neues Reichsunterhaus haͤtte den Kronbedienten die Wage halten muͤssen, wenn man den vierten Fall, nemlich die Territorial- hoheit nicht haͤtte zulassen wollen. Die erste Wendung wuͤrde uns reisende und pluͤndernde Bassen zugezogen haben, oder alle Kaiser haͤt- ten das Genie von Carln dem Grossen zu ei- nem bestaͤndigen Erbtheil haben muͤssen. Jn der andern wuͤrden wir mit der Zeit, wie die Franzosen, das Opfer einer ungeheuren Men- ge von Reichs-Generalpaͤchtern geworden seyn. Schwerlich wuͤrden auch unsre Schul- tern die dritte ertragen haben, oder die ver- bundnen Handelsstaͤdte in Ober- und Nieder- deutschland haͤtten uns zugleich die Handlung durch die ganze Welt, so wie sie solche hat- ten, behaupten und das ganze Reichs-Krie- ges- und Steuerwesen unter ihrer Bewilli- gung haben muͤssen. Und so ist die letztere, worin jeder Landesfuͤrst, die ihm anvertraue- ten Reichsgemeinen als die seinigen betrach- tet, sein Gluͤck in dem ihrigen findet und we- nigstens seinem Hause zu Gefallen nicht alles auf einmal verzehrt, allenfalls aber an dem al- lerhoͤchsten Reichsoberhaupte noch einigen Wi- derstand hat, gewiß die beste gewesen, nachdem einmal grosse Reiche entstehen, und die Landei- gen- genthuͤmer in jedem kleinen Striche, Staͤdte und Festungen unter sich dulden, geldreiche Leute an der Gesetzgebung Theil nehmen lassen und nicht mehr besugt bleiben sollten, sich selbst einen Richter zu setzen und Recht zu geben. Dabey war es ein Gluͤck, sowohl fuͤr den ca- tholischen als evangelischen Reichsfuͤrsten, daß der Kaiser sich der Reformation nicht so bedie- net hatte, wie es wohl waͤre moͤglich gewesen. Luthers Lehre war der gemeinen Freyheit guͤn- stig. Eine unvorsichtige Anwendung derselben haͤtte hundert Thomas Muͤnzers erwecken, und dem Kaiser die vollkommenste Monarchie zu- wenden koͤnnen, wenn er die erste Bewegung recht genutzt, alles Pacht- Lehn- und Zinswe- sen im Reiche gesprengt, die Bauern zu Landei- genthuͤmern gemacht, und sich ihres wohlge- meynten Wahns gegen ihre Landes Gerichts- und Guthoherrn bedienet haͤtte. Allein er dach- te zu groß dazu; und eine solche Unternehmung wuͤrde, nachdem der Ausschlag gewesen waͤre, die groͤßte oder treuloseste gewesen seyn. Jndessen verlohr sich in dieser Periode der alte Begriff des Eigenthums voͤllig; man fuͤhl- te es kaum mehr, daß einer Rechtsgenoß seyn muͤsse, um ein echtes Eigenthum zu haben. Eben so gieng es sowohl der hohen als gemeinen Ehre. Erstere verwandelte sich fast durchge- hends in Freyheit; und von der letztern: ho- M 2 nore nore quiritario: haben wir kaum noch Ver- muthungen, ohnerachtet sie der Geist der deut- schen Verfassung gewesen, und ewig bleiben sollen. Religion und Wissenschaften hoben im- mer mehr den Menschen uͤber den Buͤrger, die Rechte der Menschheit siegten uͤber alle bedun- gene und verglichene Rechte. Eine bequeme Philosophie unterstuͤtzte die Folgerungen aus allgemeinen Grundsaͤtzen besser, als diejenigen, welche nicht ohne Gelehrsamkeit und Einsicht gemacht werden konnten. Und die Menschen- liebe ward mit Huͤlfe der christlichen Religion eine Tugend, gleich der Buͤrgerliebe, derge- stalt, daß es wenig fehlte oder die Reichsgesetze selbst haͤtten die ehrlosesten Leute, aus christli- cher Liebe, ehrenhaft und zunftfaͤhig erklaͤrt. Die Schicksale des Reichsguthes waren noch sonderbarer. Erst hatte jeder Mansus sei- nen Eigenthuͤmer zu Felde geschickt; hernach einen Baner aufgenommen, der den Dienst- mann ernaͤhrte; und zuletzt auch seinen Bauer unter die Vogelstange gestellet. Jetzt aber mußte es zu diesen Lasten auch noch einen Soͤld- ner stellen, und zu dessen Unterhaltung eine Landsteuer uͤbernehmen, indem die Territorial- hoheit zu ihrer Erhaltung staͤrkere Nerven, und das Reich zu seiner Vertheidigung groͤssere An- stalten erfoderte, nachdem Frankreich sich nicht wie Deutschland in einer Menge von Territo- rien rien aufgeloͤset, sondern unter unruhigen Her- ren vereiniget hatte. Von nun an war es zu ei- ner allgemeinen Politik das Reichseigenthum so viel moͤglich wieder aufzusuchen, und zur ge- meinen Huͤlfe zu bringen. Der Kaiser unter- stuͤtzte in diesem Plan die Fuͤrsten. Diese unter- suchten die Rechte der Dienstleute, der Geistli- chen und der Staͤdte, in Ansehung des Reichs- eigenthums; und bemuͤheten sich so viel moͤg- lich, solches auf eine oder andre Art wieder zum Reichs-Land-Kataster zu bringen. Der Rechts- gelehrsamkeit fehlte es an genugsamer Kennt- niß der alten Verfassung, und vielleicht auch an Kuͤhnheit, die Grundsaͤtze wieder einzufuͤh- ren, nach welcher, wie in England, von dem ganzen Reichsboden eine gemeine Huͤlfe erfor- dert werden mogte. Das Steuerwesen gieng also durch unendliche Kruͤmmungen und quere Processe in seinem Laufe fort. Geistliche, Edel- leute und Staͤdte verlohren vieles von demjeni- gen, was sie in der mittlern Zeit und bey andern Vertheidigungsanstalten wohl erworben und verdient hatten. Der Landesherr ward durch die Nutzung des gemeinen Reichseigenthums maͤchtiger. Ehrgeitz, Eifersucht und Fantasie verfuͤhrten ihn zu stehenden Heeren; und die Noth erfoderte sie anfaͤnglich. Der Kaiser sahe sie aus dem grossen Gesichtspunkte der all- gemeinen Reichsvertheidigung gern, erst ohne M 3 sie sie nach einem sichern Verhaͤltniß bestimmen zu wollen, und bald, ohne es zu koͤnnen. Jedoch ein aufmerksamer Kenner der deut- schen Geschichte wird dieses alles fruchtbarer einsehen, und leicht erkennen, daß wir nur als- denn erst eine brauchbare und pragmatische Ge- schichte unsers Vaterlandes erhalten werden, wenn es einem Manne von gehoͤriger Einsicht gelingen wird, sich auf eine solche Hoͤhe zu se- tzen, wovon er alle diese Veraͤnderungen, welche den Reichsboden und seine Eigenthuͤmer be- troffen, mit ihren Ursachen und Folgen in den einzelnen Theilen des deutschen Reichs uͤberse- hen, solche zu einem einzigen Hauptzwecke ver- einigen, und dieses in seiner ganzen Groͤsse umgemahlt und umgeschnitzt, aber stark und rein aufstellen kann. Wie vieles wird aber ein Gatterer noch mit Recht fodern, ehe ein Ge- schichtschreiber jene Hoͤhe besteigen und sein ganzes Feld im vollkommensten Lichte uͤberse- hen kann? Jndessen bleibt ein solches Werk dem deut- schen Genie und Fleisse noch immer angemessen, und belohnt ihm die Muͤhe. Der maͤchtige und reissende Hang grosser Voͤlkervereinigungen zur Monarchie und die unsaͤgliche Arbeit der Ehre oder nach unser Art zu reden der Freyheit, womit sie jenem Hange begegnen, oder ihrer jetzt fallenden Saͤule einen bequemen Fall hat ver- verschaffen wollen, ist das praͤchtigste Schau- spiel, was dem Menschen zur Bewunderung und zur Lehre gegeben werden kann; die Be- rechnung der auf beyden Seiten wuͤrkenden Kraͤfte und ihre Resultate sind fuͤr den Philoso- phen die erheblichsten Wahrheiten: und so viele grosse Bewegungsgruͤnde muͤssen uns aufmun- tern, unsrer Nation diese Ehre zu erwerben. Sie muͤssen einen jeden reitzen, seine Provinz zu erleuchten, um sie dem grossen Geschicht- schreiber in dem wahren Lichte zu zeigen. Das Costume der Zeiten, der Stil jeder Verfas- sung, jedes Gesetzes und ich moͤchte sagen jedes antiken Worts, muß den Kunstliebenden ver- gnuͤgen. Die Geschichte der Religion, der Rechtsgelehrsamkeit, der Philosophie, der Kuͤnste und schoͤnen Wissenschaften ist auf sichere Weise von der Staatsgeschichte unzer- trennlich und wuͤrde sich mit obigen Plan vor- zuͤglich gut verbinden lassen. Von Meisterhaͤn- den versteht sich. Der Stil aller Kuͤnste, ja selbst der Depeschen und Liebesbriefe eines Her- zogs von Richelieu, steht gegen einander in eini- gem Verhaͤltniß. Jeder Krieg hat seinen eige- nen Ton und die Staatshandlungen haben ihr Colorit, ihr Costume und ihre Manier in Ver- bindung mit der Religion und den Wissenschaf- ten. Rußland giebt uns davon taͤglich Bey- spiele; und das franzoͤsische eilfertige Genie zeigt sich in Staatshandlungen wie im Roman. Man Man kann es sogar unter der Erde an der Linie ken- nen, womit es einen reinen Erzgang verfolgt und sich zuwuͤhlt. Der Geschichtschreiber wird dieses fuͤhlen, und allemal so viel von der Geschichte der Kuͤnste und Wissenschaften mitnehmen, als er ge- braucht, von den Veraͤnderungen der Staatsmo- den Rechenschaft zu geben. Zur Geschichte des westphaͤlischen Friedens ge- hoͤrt eine grosse Kenntniß der Grundsaͤtze, welche seine Verfasser hegten. Man wird von einer spaͤ- tern Wendung in den oͤffentlichen Handlungen kei- ne Rechenschaft geben koͤnnen, ohne einen Thoma- sius zu nennen; und ohne zu wissen, wie unvorsich- tig er seine Zeiten zum Raisonniren |gefuͤhret habe. Der Stil des letztern Krieges ist daran kenntbar, daß alle Partheyen sich wenig auf den Grotius be- rufen, sondern sich immer an eine bequeme Philo- sophie, welche kurz vorher in der gelehrten Welt herrschte, gehalten haben. Die neue Wendung, welche ein Strube der deutschen Denkungsart da- durch giebt, daß er wie Grotius Geschichtskunde, Gelehrsamkeit und Philosophie maͤchtig verknuͤpft, ist auch an verschiedenen Staatshandlungen merk- lich. Das oͤffentliche Vertrauen der Hoͤfe beruhet auf solchen Grundsaͤtzen und solchen Maͤnnern, und ihr Name mag wohl mit den groͤßten Feldherren ge- nannt werden. Brechen endlich Religionsmeynun- gen in buͤrgerliche Kriege aus: so wird ihre Ge- schichte dem Staate vollends erheblich. Die Eigen- liebe opfert Ehre und Eigenthum fuͤr ihre Rechtha- bung auf. Der Sieger gewinnt allezeit zu viel; er fesselt, wie in Frankreich, zuletzt Katholiken und Reformirte an seinen Wagen .... Aber wehe dem Geschichtsschreiber, dem sich dergleichen Ein- mischungen nicht in die Haͤnde draͤngen; und bey dem sie nicht das Resultat wohlgenaͤhrter Kraͤfte sind!