Ueber die Sprache und Weisheit der Indier . Ein Beitrag zur Begruͤndung der Alterthumskunde von Friedrich Schlegel. Nebst metrischen Uebersetzungen indischer Gedichte. Heidelberg, bei Mohr und Zimmer . 1808 . Vorrede . V on Indien her erwarteten, besonders nach dem, was Wilkins und William Jones bekannt gemacht hatten, die Alterthumsforscher Aufschluß uͤber die bis jetzt so dunkle Geschichte der Urwelt; und die Freunde der Poesie hofften besonders seit der Erscheinung der Sokuntola von daher noch manches aͤhnliche schoͤne Gebilde des asiatischen Geistes zu sehen, so wie dieses von Anmuth und Liebe beseelt. Um so mehr darf ich auf einige Theilnahme fuͤr den Gegenstand dieser Schrift rechnen, wel- che die Ausbeute meiner, seit dem Jahre 1803 gemachten Studien der Sanskrit-Sprache und des indischen Alterthums enthaͤlt. Die Kennt- niß, die es mir davon zu erwerben gelang, ver- danke ich vorzuͤglich der Freundschaft des Herrn Alexander Hamilton (Mitglied der Calcut- taischen Gesellschaft, und jetzt Professor der per- sischen und indischen Sprache in England) der mir seinen muͤndlichen Unterricht vom Fruͤhjahr 1803 — 1804 schenkte. Alle Mittel fuͤr den weitern Fortgang meines Vorhabens fand ich in der bereitwilligen Guͤte, mit welcher Herr Langle’s (Conservator der orientalischen Ma- nuscripte der Kaiserlichen Bibliothek, und Praͤ- sident der Specialschule der lebenden orientali- schen Sprachen zu Paris,) welcher der gelehrten Welt durch so manches verdienstvolle Werk be- kannt ist, mir alle Schaͤtze sowohl der oͤffentli- chen, als auch seiner eignen eben so reichen, als planmaͤßig und geschmackvoll gesammelten Biblio- thek mittheilte. Fuͤr die indische Sprache benutzte ich ausser dem schon erwaͤhnten muͤndlichen Unterricht, vorzuͤglich ein Manuscript der Kaiserl. Bibliothek zu Paris, Nro. 283 des gedruckten Katalogs, welches einen ungenannten Missionarius zum Verfasser hat. Es enthaͤlt 1) eine kurze Gram- matik des Sanskrit nach dem Mugdhobōdhe des Vōpodevo ; 2) den Omorokōsha , ein Realwoͤrterbuch des Omorosinho , mit einer lateinischen Erklaͤrung, und 3) ein Woͤrterbuch der Wurzeln, Kovikolpodruma , d. h. der Dichter Reichthums Baum. Die Handschrift ist im Ganzen sehr leserlich; das Indische ist in den Bengalischen Charakteren geschrieben. — Bei Gegenstaͤnden, fuͤr welche es im Lateinischen an Worten fehlt, ist bisweilen, jedoch nur selten, das Portugiesische oder Franzoͤsische zu Huͤlfe ge- nommen. Schreibefehler oder Versehen, welche bei der ersten Abfassung eines so weitlaͤuftigen Werks selten ganz vermieden werden, sind wohl nur wenige darin; nach dem Wurzelwoͤrterbuch zu urtheilen, welches Herr Alexander Ha- milton in meiner Abschrift zu revidiren, und mir einige Fehler darin anzuzeigen die Guͤte hatte. Freilich aber ist die lateinische Erklaͤrung der indischen Worte in beiden Lexicis fast immer nur ganz kurz, oft daher, wenigstens dem An- faͤnger, ungenuͤgend. Mein Wunsch ging eigentlich dahin, eine indische Chrestomathie in lateinischer Spra- che und in den Original-Charakteren heraus- zugeben, welche ausser den Anfangsgruͤnden der Grammatik eine Auswahl zweckmaͤßiger indischer Stuͤcke mit lateinischer Paraphrase, Noten und Glossar enthalten sollte. Ich hatte alles dazu vorbereitet, und ausser der Grammatik und den beiden Woͤrterbuͤchern auch einen betraͤchtlichen und mehr als hinreichenden Vorrath solcher Stuͤcke in den Original-Charakteren copirt, und fuͤr jenen Zweck bearbeitet. Nebst den in dem Anhange erwaͤhnten Stuͤcken aus dem Bhogo- votgita, Ramayon und Monu’s Gesetzbuch, besitze ich auch eine Abschrift von dem ersten Akte der Sokuntola des Kalidas nach einer sehr zierlichen bengalischen Handschrift, mit Scholien, in denen das Prakrit des Textes in Sanscrit uͤbertragen ist; und einen Theil des Hitopa- desa , ein Werk, das fuͤr den Anfaͤnger vorzuͤg- lich zweckmaͤßig ist. Nur ist das Pariser Exemplar nicht sehr correct, und weicht oft betraͤchtlich von demjenigen ab, welches Wilkins bei seiner Ue- bersetzung vor Augen hatte. Die zu Calcutta gedruckte Ausgabe sah ich noch nicht. — Durch sorgfaͤltiges Copiren vorzuͤglich schoͤner Manu- scripte, sowohl in Devonagori als auch in ben- galischen Charakteren hatte ich mich in Stand zu setzen gesucht, einem Formschneider mit guten Vorschriften an die Hand gehen zu koͤnnen; aber freilich wuͤrde die Verfertigung indischer Typen eine Unterstuͤtzung erfordern, an welcher es mir bis jetzt fehlte. Die Aufopferung des eignen Vortheils fuͤr einen Zweck der Wissenschaft, hat ihren Lohn in sich selbst; wenn aber der Zweck von der Art ist, daß er nicht ohne eine aͤussere Beguͤnstigung erreicht werden kann, so ist es schmerzlich auf dem halben Wege nach dem er- wuͤnschten Ziele stehen bleiben zu muͤssen. Und so mußte ich mich denn fuͤrs erste dar- auf beschraͤnken, durch den gegenwaͤrtigen Ver- such nur einen Beweis mehr zu liefern, wie fruchtbar das indische Studium dereinst noch werden koͤnne, die Ueberzeugung allgemeiner zu verbreiten, welche reiche Schaͤtze hier verborgen seien, die Liebe fuͤr dieses Studium, wenigstens vorlaͤufig, auch in Deutschland anzufachen, und fuͤr die Ansicht des Ganzen einen festen Grund zu legen, auf welchem sich nachher mit Sicher- heit weiter fortbauen liesse. Die metrische Ue- setzung indischer Gedichte moͤgen die Freunde der Poesie als eine angenehme Zugabe betrach- ten, und als ersten Versuch dieser Art mit Nach- sicht beurtheilen. Moͤchte das indische Studium nur einige solche Anbauer und Beguͤnstiger finden, wie de- ren Italien und Deutschland im funfzehnten und sechszehnten Jahrhundert fuͤr das griechische Studium so manche sich ploͤtzlich erheben und in kurzer Zeit so Großes leisten sah; indem durch die wiedererweckte Kenntniß des Alterthums schnell die Gestalt aller Wissenschaften, ja man kann wohl sagen der Welt, veraͤndert und ver- juͤngt ward. Nicht weniger groß und allgemein, wir wagen es zu behaupten, wuͤrde auch jetzt die Wirkung des indischen Studiums sein, wenn es mit eben der Kraft ergriffen, und in den Kreis der europaͤischen Kenntnisse eingefuͤhrt wuͤrde. Und warum sollte es nicht? Auch jene fuͤr die Wissenschaften so ruhmvollen Zeiten der Medicaͤer waren unruhig, kriegerisch und grade fuͤr Italien zum Theil zerruͤttend; dennoch ge- lang es dem Eifer einiger Wenigen, alles dies Ausserordentliche zu Stande zu bringen; denn ihr Eifer war groß und fand in der angemeßnen Groͤße oͤffentlicher Anstalten, und in der edlen Ruhmbegierde einzelner Fuͤrsten die Unterstuͤtzung und Beguͤnstigung, deren ein solches Studium beim ersten Anfange bedarf. Noch fuͤhre ich die mir bekannt gewordenen Deutschen an, welche sich mit dem Studium der altindischen Sprache beschaͤftigt haben. Der erste, den ich erwaͤhnt finde, ist der Missionarius Heinrich Roth , der im Jahre 1664 „die sanscretanische Sprache erlernt, um mit den Brahminen disputiren zu koͤnnen.“ — Großen Ruhm erwarb sich in diesem Fach der im Jahr 1699 nach Indien abgegangene Jesuit Hanx- leden , der uͤber 30 Jahre (1732 wird sein Tod gemeldet) in der malabarischen Mission arbeitete, selbst vieles in der altindischen (im Gronthon) und in der gemeinen Landessprache (dem Malabari- schen) in Prosa und in Versen geschrieben, Sprachlehren und Woͤrterbuͤcher daruͤber verfaßt, und dessen wahrscheinlich sehr reicher und gehalt- voller Nachlaß zu Rom sich befindet. Der durch mehre gelehrten Schriften uͤber das indische Al- terthum bekannte Paulinus a St. Bartho- lomaͤo beruft sich mehrmals auf Hanxledens Arbeiten und handschriftlichen Nachlaß. Der Hauptmann Wilford in englischen Diensten, von Geburt ein Deutscher, ist aus seinen Aufsaͤtzen in der Sammlung der Calcut- taischen Gesellschaft allgemein bekannt. Auch bemerke ich, daß mein aͤlterer Bruder, Karl August Schlegel , gestorben zu Madraß den 9ten September 1789, in den letzten Jah- ren seines Lebens durch Reisen und durch Um- gang mit den Eingebohrnen ein Studium des Landes, der Verfassung und des indischen Gei- stes begonnen hatte, das nur zu fruͤh durch seinen Tod unterbrochen ward. Inhalt . Ueber die Sprache und Weisheit der Indier . Erstes Buch . Von der Sprache. Erstes Kapitel . Von der indischen Sprache überhaupt S. 3 Zweites Kapitel . Von der Verwandtschaft der Wurzeln — 6 Drittes Kapitel . Von der grammatischen Structur — 27 Viertes Kapitel . Von zwei Hauptgattun- gen der Sprache nach ihrem innern Bau — 44 Fünftes Kapitel . Von dem Ursprunge der Sprachen — 60 Sechstes Kapitel . Von der Verschiedenheit der verwandten und einigen merkwürdigen Mittelsprachen — 71 Zweites Buch . Von der Philosophie. Erstes Kapitel . Vorläufige Bemerkungen — 89 Zweites Kapitel . System der Seelenwan- derung und Emanation — 95 Drittes Kapitel . Vom astrologischen Aber- glauben und wilden Naturdienst — 114 Viertes Kapitel . Die Lehre von zwei Principien S. 125 Fünftes Kapitel . Vom Pantheismus — 140 Drittes Buch . Historische Ideen. Erstes Kapitel . Vom Ursprunge der Poesie — 157 Zweites Kapitel . Von den ältesten Wan- derungen der Völker — 165 Drittes Kapitel . Von den indischen Ko- lonien und der indischen Verfassung — 173 Viertes Kapitel . Von dem orientalischen und indischen Studium überhaupt und dessen Werth und Zweck — 196 Indische Gedichte . I. Anfang des Ramayon — 231 II. Indische Kosmogonie, aus dem ersten Buche der Gesetze des Monu — 272 III. Aus dem Bhogovotgita — 284 IV. Aus der Geschichte der Sokuntola, nach dem Mohabharot — 308 Erstes Buch. Von der Sprache . Erstes Kapitel. Von der indischen Sprache uͤberhaupt . D as alte indische Sonskrito d. h. die gebil- dete oder vollkommne auch Gronthon d. h. die Schrift- oder Buͤchersprache hat die groͤßte Verwandtschaft mit der roͤmischen und griechi- schen so wie mit der germanischen und persischen Sprache. Die Aehnlichkeit liegt nicht bloß in einer großen Anzahl von Wurzeln, die sie mit ihnen gemein hat, sondern sie erstreckt sich bis auf die innerste Structur und Grammatik. Die Uebereinstimmung ist also keine zufaͤllige, die sich aus Einmischung erklaͤren liesse; sondern eine we- sentliche, die auf gemeinschaftliche Abstammung deutet. Bei der Vergleichung ergiebt sich ferner, daß die indische Sprache die aͤltere sei, die an- dern aber juͤnger und aus jener abgeleitet. Mit der armenischen, den slavischen Spra- chen und naͤchstdem mit der celtischen, ist die Ver- 1 wandschaft des Indischen entweder gering, oder steht doch in gar keinem Verhaͤltniß zu der großen Uebereinstimmung mit jenen zuvor genannten Sprache, die wir aus ihr ableiten. Ganz zu uͤbersehen ist diese obwohl geringe Verwandtschaft aber dennoch nicht, da sie in der Ordnung, wie diese Sprachen genannt worden sind, sich selbst noch wenigstens in einigen grammatischen Formen kund giebt, in solchen Bestandtheilen die nicht unter die Zufaͤlligkeiten der Sprachen gerechnet werden koͤnnen, sondern zur innern Structur der- selben gehoͤren. In der hebraͤischen Sprache und den verwand- ten Mundarten duͤrften sich, so wie in der kop- tischen noch indische Wurzeln genug finden. Aber dieß beweist keine urspruͤngliche Verwandtschaft, da es Folge bloßer Einmischung sein kann. Die Grammatik jener Sprachen ist so wie auch die baskische grundverschieden von der indischen. Die große bis jetzt noch nicht voͤllig bestimm- bare Menge der uͤbrigen nord- und suͤd-asiati- schen oder amerikanischen Sprachen, hat mit der indischen Sprachfamilie durchaus keine wesentliche Verwandtschaft. In der Grammatik dieser Spra- chen, die von der indischen gleichfalls ganz ver- schieden ist, zeigt sich zwar bei mehrern ein gleich- foͤrmiger Gang; in den Wurzeln aber sind sie auch unter sich so durchaus verschieden und so ganz abweichend, daß sich keine Moͤglichkeit zeigt, sie auf eine gemeinschaftliche Quelle zuruͤckfuͤhren zu koͤnnen. Die großen Folgen dieser Sprachvergleichung fuͤr die aͤlteste Geschichte vom Ursprunge der Voͤl- ker und ihren fruͤhesten Wanderungen, werden in der Folge der Gegenstand der Untersuchung sein. In diesem ersten Buche begnuͤgen wir uns, jene Saͤtze selbst, einfache aber viel umfassende Resultate gewissenhafter Forschung zu begruͤnden und deutlich zu machen. Zweites Kapitel. Von der Verwandtschaft der Wurzeln . D aß die behauptete Verwandtschaft nicht irgend auf etymologischen Kuͤnsteleien beruhe, deren man ehe die rechte Quelle gefunden war, so viele er- sonnen hat, sondern daß sie dem unbefangenen Forscher als einfache Thaisache sich darbiete, wer- den einige Beispiele am deutlichsten zeigen koͤnnen. Wir erlauben uns dabei keine Art von Ver- aͤnderungs- oder Versetzungsregel der Buchstaben, sondern fodern voͤllige Gleichheit des Worts zum Beweise der Abstammung. Freilich wenn sich die Mittelglieder historisch nachweisen lassen, so mag giorno von dies abgeleitet werden, und wenn statt des lateinischen f im Spanischen so oft h eintritt, das lateinische p in der deutschen Form desselben Worts sehr haͤufig f wird, und c nicht selten h , so gruͤndet dieß allerdings eine Analogie auch fuͤr andre nicht ganz so evidente Faͤlle. Nur muß man, wie gesagt, die Mittelglieder oder die allgemeine Analogie historisch nachweisen koͤnnen; nach Grundsaͤtzen erdichtet darf nichts werden, und die Uebereinstimmung muß schon sehr groß und einleuchtend sein, um auch nur geringe Form- verschiedenheiten gestatten zu duͤrfen. Ich fuͤhre zunaͤchst einige indische Worte an, welche dem Deutschen eigenthuͤmlich sind. Shri- tyoti — er schreitet, vindoti — er findet, shlißyoti — er umschließet; Onto — das Ende, Monuschyo — der Mensch, Shvosa, Svostri — die Schwester, Rotho — das Rad, Bhruvo — die Brauen der Augen, Torsho — der Durst, Tandovon — der Tanz, Ondani — die Enten, Noko — der Nagel, sthiro — unbeweglich, stier, Osho- non — das Essen u. s. w. Andre Wurzeln stimmen mehr mit der Form der Worte uͤberein, die sich in den verwandten Mundarten darbietet. Yūyon — ihr, Englisch you; shvopno — der Schlaf, Islaͤndisch sveffn; lōkote — er sieht, das altdeutsche Lugen. Upo — auf, stimmt mit dem Nieder- deutschen uͤberein; desgleichen vetsi, vetti — du weißt, er weiß, dem auch das lateinische videt verwandt, doch mit etwas veraͤnderter Bedeutung. Das Niederdeutsche ist fuͤr die Etymologie uͤber- haupt wichtig, weil sich die aͤltern Formen oft grade hier erhalten haben. Roksho und Rak- shoso — Riese, koͤnnte das alte Recke sein. Wir haben hier nur einige wenige eigen- thuͤmlich Deutsche Wurzeln zum Beispiel ange- fuͤhrt, um allen Zweifeln entgegen zu kommen; nicht solche Worte, die das Deutsche mit dem Lateinischen und mit mehren der abgeleiteten Sprachen gemein hat, wie Nasa — die Nase, mishroti — er mischt, Namo der Nahme; oder insbesondre mit dem Persischen, wie Tvari — die Thuͤr , Bondhon — das Band , Ghormo — warm , Gauh die Kuh . Noch verweilen wir bei den allen die- sen Sprachen gemeinschaftlichen Benennungen von Vater, Mutter, Bruder und Tochter; im Indischen Pita, Mata, Bhrata, Duhita ; wobei ich nur bemerke, daß alle diese Worte im Accusativ und einigen andern Casus ein r an- nehmen, pitoron , den Vater u. s. w. Mehrere besonders merkwuͤrdige dieser gemeinschaftlichen Worte werden spaͤterhin vorkommen. Aus der griechischen Sprache waͤhlen wir vorzuͤglich nur solche Beispiele aus, die zugleich die Aehnlichkeit und Gleichheit der Structur zei- gen, oder einfache Grundbestandtheile der Spra- che sind. Osmi, osi, osti — ich bin, du bist, er ist — stimmt ganz mit εσμι, εσσι, εςτι uͤber- ein, wenn wir in den ersten beiden Faͤllen fuͤr ειμι und εις die aͤltere Form nehmen. An das o stoße man sich nicht; es ist der kurze Vokal, der wenn er nicht Anfangsbuchstabe ist, im Wor- te selbst nicht geschrieben wird, dem grammati- schen System zufolge ein kurzes a bedeutet, in der herschenden Aussprache aber meistens als kurzes o, in einigen Worten als kurzes e lautet. Noch ein Beispiel mag die Aehnlichkeit be- staͤtigen. Dodami, dodasi, dodati — ich gebe, du giebst, er giebt — ganz wie διδωμι u. s. w.; das lange a stimmt indessen mehr zu dem roͤmischen das, dat. — Ma ist eine indi- sche Negation, wie im Griechischen μη. Der kurze Vokal o oder a wird in derselben Bedeu- tung den Worten praͤfigirt, wie das α priva- tivum. Dur wird in derselben Bedeutung praͤfigirt, wie das griechische δυς, im Persischen , wie — der uͤbelgesinnte, der Feind, indisch durmonoh . Die indische Spra- che hat mit der griechischen, lateinischen und deutschen nicht nur die Eigenschaft gemein, daß sie der urspruͤnglichen Bedeutung der Zeitwoͤr- ter durch vorgesetzte Partikeln die mannichfaltig- sten Nebenstimmungen geben kann, sondern die meisten aller der Partikeln, deren sie sich zu diesem Zweck bedient, finden sich in den ge- nannten Sprachen wieder. Dem Indischen und Griechischen sind folgende gemein: son genau dasselbe wie das griechische συμ; poti ist das alte ποτι fuͤr προς; onu bedeutet nach wie ανα. Pro findet sich in derselben Bedeutung auch im Lateinischen wie im Griechischen; ā hat die Bedeutung des lateinischen ad, des Deutschen an; die verneinende Partikel no stimmt mit dem Lateinischen und Deutschen uͤber- ein; upo ist das Deutsche auf nach der nie- derdeutschen Aussprache, ut das Deutsche aus nach derselbigen. Wie viel Uebereinstimmung in solchen ein- fachen Grundbestandtheilen der Sprache beweise, ist jedem bekannt, der sich mit Forschungen der Art beschaͤftigt hat. Um so mehr uͤbergehen wir Worte, wo die Uebereinstimmung nur die Wurzel betrift, ohne weitere Merkwuͤrdigkeit; wie osthi — Knochen, οςτεον; prothomo — der erste, πρωτος; etoron — ein andres, das andre, ἑτερον; udokon — Wasser, ὑδωρ; druh und drumoh — der Baum, δρυς; labho — das Nehmen, Empfangen, lobhote — er nimmt, verwandt mit λαβω, λαμβανω; piyote — er trinkt, πιει; sevyoti er verehrt und er wird verehrt, σεβειν u. s. w. Masoh — der Monath, μεις; Chondro der Mond heißt auch Chondromah , wo die letzte Sylbe wohl die Wurzel ist, von der masoh und auch das Persische abzuleiten ist, wie auch das Deutsche Mond , im Niederdeutschen Mahn . Nur aus der roͤmischen Sprache, in wel- cher die Zahl der indischen Wurzeln vielleicht mit am groͤßten ist, fuͤhren wir einige Bei- spiele der sonderbaren Gleichheit wegen an. Vohoti — vehit, vomoti — vomit, vortute — vertitur, svonoh — sonus, nidhih — nidus, sorpoh — serpens, navyon — navis, danon — donum, dinon — der Tag, dies, vidhova — vidua, podon — pes, pedis; asyon — das Antlitz, os, yauvonoh — iuvenis, modhyoh — medius, yugon — jugum, von yunkte — iungit und iungitur; eine sehr weitverbreitete Wurzel, welche in den abgeleiteten Bedeutungen auch in der philosophischen Terminologie der In- dier eine wichtige Stelle einnimmt. Ferner rosoh — der Saft, ros; viroh — der Held, vir; dontah — dentes, Persisch ; soroh — series; keshoh — das Haar, fin- det sich noch in caesa-ries, wovon Caesar so viel als crinitus wohl besser abgeleitet wird, als auf die gewoͤhnliche Weise; ognih — das Feuer, ignis: potih — der Gebieter oder et- was besitzend, dessen maͤchtig — wird zur Bil- dung zusammengesetzter Worte grade eben so gebraucht wie das roͤmische potens. Worte die man fuͤr schallnachbildend halten duͤrfte, wie shushyoti sugit, mormoroh — murmur, tumuloh — tumultus, uͤbergehe ich so wie viele andre, die bei genauer Untersuchung wohl nicht zweifelhaft scheinen duͤrften, doch aber nicht so unmittelbar einleuchtend sind als die eben an- gefuͤhrten. Die indischen Worte, welche sich im Persi- schen wiederfinden, sind dem eigenthuͤmlichen Charakter dieser Sprache gemaͤß am staͤrksten ab- gekuͤrzt, und nur selten ganz unverletzt erhalten wie rōjo — der Glanz, glaͤnzend — in . Nicht nur faͤllt die Endung meistens weg und wird das zweisylbige Wort dadurch ein- sylbig wie apoh — Wasser , ospoh — das Roß , bhishmoh oder bhimoh — Schrecken — , shiroh — das Haupt — ; shakhoh — ein Zweig — , ka- moh — Begierde — . Es gehen oft noch wesentlichere Bestandtheile verlohren wie der Fuß — von podo oder pado , voll — von purnon, der Leib — von tonuh oder tonuh, zehn — von doshoh, schwarz — von shyamoh. Aus dem dreisylbigen pavokoh, der Reiniger auch ein Beiwort des Feuers, wird das einsylbige , rein. Kaum wuͤrde man mitroh — der Freund und dann auch ein Beiwort der Sonne — noch in wiedererkennen, wenn nicht das Mithras der Alten, uͤberhaupt aber die Analogie bei der großen Menge aͤhnlicher Faͤlle zu Huͤlfe kaͤme. Wenn man die andern Beispiele ver- gleicht, moͤchte man immer glauben, daß auch — der Hauch — noch von dem indischen Atmoh der Geist u. s. w. komme, was sich in ατμη und Athem ganz erhalten hat. Fuͤr die Ableitung des Persischen wird es daher von großem Nutzen sein, wenn man auch auf die neuere oft schon abgekuͤrzte Form Ruͤcksicht nimmt, welche das alte Sanskritwort im Pra- krit oder in den hindostanischen Mundarten an- nimmt. Daß ein so uͤberwiegender Hang zum Ab- kuͤrzen, der selbst die Wurzeln und Stammsylben angreift, sich dem Onomatopoëtischen naͤhere und den Geist der Sprache wieder zu dieser Stufe hinfuͤhre, kann das Persische selbst zum Beispiel dienen; denn keine unter allen Sprachen, die mit der indischen im naͤchsten Grade der Ver- wandtschaft stehen, liebt die schallnachbildenden oder doch mit dem Schall spielenden Worte so sehr als diese. Im Lateinischen und naͤchstdem im Deut- schen und Griechischen leiden die indischen Worte ungleich weniger Veraͤnderung. Doch zeigt auch hier oft die unmittelbare Vergleichung, daß die indische Form die aͤltere sei. Aus rōktoh oder rōhitoh kann wohl roth, aus Schle- shmo — Schleim, aus vohulon — viel werden, da die Worte wie das Gepraͤge des Geldes im Gebrauch und Umlauf sich leicht ab- schleifen und verwischen, aber nicht umgekehrt. Oft treffen auch die an sich ziemlich ent- fernten Formen der abgeleiteten Sprachen in dem indischen Worte, wie in ihrer gemeinschaftlichen Wurzel zusammen. Aus putroh (dem das celtische potr am treusten geblieben ist) kann eben so leicht puer als werden; aus svedoh wird Schweiß nach der niederdeut- schen Aussprache eben so gut abgeleitet als sudor; in noroh trift das persische und das griechi- sche ανηρ zusammen; in trasoh — Zittern und Furcht — das griechische τρεω, das lateini- sche tremo und das persische ; sa- mudron — das Meer — vereinigt das Deut- sche See und das griechische ὑδωρ; Knie wuͤr- de man nicht von janu ableiten wollen, wenn nicht γονυ und genu den Uebergang zeigten. Noch wichtiger ist es vielleicht, daß einige Worte der neuern Sprachen, die sich in diesen selbst nicht weiter aufloͤsen lassen, aus dem Indi- schen sich ableiten und nach ihrer Zusammensetzung erklaͤren lassen. Prandium z. B. wird gewiß ohne Zwang von dem indischen prahnoh — der Vormittag — abgeleitet, welches selbst aus der Partikel pro und ohoh der Tag, im fuͤnf- ten und sechsten Casus ohnoh zusammengesetzt ist. Eben so monile von moni Edelstein. Sponte koͤmmt mit dem Ablativ svante auch in der Bedeutung uͤberein; svanton aber ist zusammengesetzt aus der Partikel svo und onto — quod finem suum in se habet. Auffallend ist es, wie groß mannichmal selbst in einer bestimmten Flexion die Uebereinstimmung ist; ayonton z. B. und euntem, von yati, er geht, auch eti, it; oder wie dieß auch bei zu- sammengesetzten Worten zutrift, wie Tvarsthi- to — der Thuͤrsteher, Ontortvari — die innre Thuͤr. Auch bleibt es immer merkwuͤrdig, obwohl man aus einzelnen Aehnlichkeiten der Art viel zu viel fuͤr das Ganze geschlossen hat, daß mehre griechische und roͤmische Goͤtternahmen, die in die- sen Sprachen selbst keine Ableitung finden, aus dem Indischen erklaͤrt werden koͤnnen. Doch dieß gehoͤrt zum Theil einer andern Untersuchung an; wir beschraͤnken uns hier einzig auf die Sprache, und uͤbergehen alles, was nicht auf den ersten Blick gewiß ist und eine weitere Auseinandersetzung fo- dern wuͤrde. Nur das eine mag der Merkwuͤrdig- keit wegen im Vorbeigehn angefuͤhrt werden, daß selbst der Nahme Roma’s indisch sein duͤrfte. Zwar bietet sich das griechische ῥωμη dar, das aber auch ziemlich allein steht, und welcher Spra- che das Wort urspruͤnglich angehoͤre, kann wohl kein Zweifel bleiben, wenn man betrachtet, wie weit das Geschlecht der Wurzel romo, ro- mote, wovon roti, ramo u. s. w., sich im In- dischen ausbreitet, welche Worte saͤmmtlich Freude, 2 besonders auch des Siegers und Helden bedeuten, und in dem alten Gedicht vom Ramo so oft zu Anklaͤngen und schoͤnen Anspielungen auf den Nahmen des Helden gebraucht werden. Ein und dasselbe indische Wort trift in einer Umbiegung oft mehr mit der einen, in der andern mit einer andern der verwandten Sprachen uͤber- ein. Chindonti z. B. ist fast ganz wie scin- dunt; der Infinitiv chettun aber naͤhert sich eher dem Deutschen scheiden; dem tonu ist tenuis aͤhnlicher als duͤnn, das Zeitwort to- no̅ti (dessen Bedeutung tonu auch neben jener umfaßt,) stimmt mehr mit dem Deutschen dehnet uͤberein, als mit dem Lateinischen in extendit. Zerstreute Glieder der abgeleiteten Sprachen finden sich im Indischen wie an der Wurzel zusammen; ut, das deutsche aus nach der niederdeutschen Form, ist schon angefuͤhrt worden: davon ist der regelmaͤßig gebildete Comparativ uttoron, das deutsche aͤußern; der regelmaͤßige Superlativ uttomon, das Lateinische ultimum, in der Be- deutung aber wie summum. Alle im Lateini- schen, Deutschen, Persischen zerstreute Worte von der Familie mors, mortalis, , , morden, Mord, finden ihren gemeinschaftlichen regelmaͤßigen Ursprung in der indischen Wurzel mri, wovon mrityuh, morttyah, moro- non u. s. w. Dasselbe gilt von der in allen vier Sprachen, der lateinischen, griechischen, per- sischen und deutschen so weit verbreiteten Wort- familie Stehen und Stand; tisthoti — er steht — koͤmmt am meisten mit dem Griechischen uͤberein; sthanon — der Ort — mit dem persi- schen ; sthiro — unbeweglich — das deutsche stier, ist schon angefuͤhrt worden. Auch janami, gigno, γενναω, ist eine sehr frucht- bare Wurzel. Es sind deren zu viel, um sie alle anzufuͤhren. Als ein besonders lehrreiches Beispiel gemein- schaftlicher Abstammung aus dem Indischen waͤh- len wir einige der vornehmsten Worte, die Geist, Denken, Wissen oder Reden bedeuten. Mo- noh, monoson ist das lateinische mens; das Zeitwort monyote — er denkt — finden wir in dem deutschen meinet. Motih ist das griechische μητις. Eine andre mit dieser und mit dem deutschen Muth verwandte Form liegt wohl in Amo̅doh — Vergnuͤgen, Anmuth — zum Grunde; denn das a ist auch in dem indi- schen Amo̅do (dem vielleicht auch das persische Hoffnung, verwandt ist) nur Praͤposition; von eben der Wurzel waͤre dann unmadoh, wo un die nach dem Gesetz der Euphonie ver- aͤnderte Praͤposition ut ist; unmadoh — ra- send, woͤrtlich so viel als exmens, was in dem Englischen mad noch verstuͤmmelt uͤbrig sein koͤnn- te. Atmoh, was ipse und spiritus bedeutet, im Griechischen und Deutschen ατμη und Athem, ist schon vorgekommen. Desgleichen die Wurzel Bedo, wovon vetti, das deutsche Wis- sen; etwas abweichend in der Bedeutung, aber treuer in der Form ist das lateinische video. Von der fruchtbaren Wurzel jna, die gleichfalls Wissen, Erkennen und Verstehen bedeutet, das persische , , . Tiefes Sinnen und Nachdenken bezeichnet die Wurzel dhī, wovon dhīyote, das deutsche dichtet in der urspruͤnglichen Bedeutung, wie in Dichten und Trachten; ferner dhyayo, dhya- yoti u. s. w. verwandt mit dachte. Vox kann von vocho oder von vakyon abgeleitet werden; beide Formen sind gebraͤuchlich. Die Wurzel re bezeichnet Sprache und Rede, wie dieses letzte im Deutschen. Ganon heißt cantus; von der Wurzel gi, giyote er singt; im Persischen singen und lesen. Die indischen Pronomina stimmen am mei- sten mit den roͤmischen uͤberein. Zwar tvon, Du — ist allen den abgeleiteten Sprachen ge- mein; ohon, ich — hingegen verschieden und hoͤchstens nur in dem celtischen on noch sichtbar; der Dativ moya, mir — ist dem griechischen μοι am naͤchsten; das me, was statt man — mich, und auch im vierten und sechsten Casus ge- braucht wird, dem Griechischen mit dem Roͤmi- schen gemein. Von der Wurzel svo aber (wo- won suus, a, um und sein ), die als Partikel so oft praͤfigirt wird, um Beziehung auf sich selbst oder Kraft durch sich selbst zu bezeichnen, kommen auch Casus vor, die ganz den Roͤmischen gleich sind, wie svon — suum, svan — suam u. s. w. Das Pronomen eschoh, escha, etot ist wohl die gemeinschaftliche Wurzel von is, ea, id und iste, ista, istud, da es in den abgeleiteten Casus auch der beiden ersten Geschlechter meistens ein t annimmt; dahin gehoͤrt auch das zuruͤckweisende iti, was bald dem id, bald dem ita entspricht. Koh (in der Construction meistens kos), ka, kon entspricht noch dem qui, quae, quod selbst in einigen abgeleiteten Casus, wie kan — quam, wie das fragende kim dem quid; das Persische ist eben daher. Dagegen entspricht das schon angefuͤhrte yūyon dem Deutschen in der englischen Form you; das Pronomen soh fin- det sich im Hebraͤischen, und Arabischen, und auch im Altdeutschen; der Accusativ ton ist noch ganz das griechische τον, deutsch den; der Genitiv tosyo das deutsche dessen, der Pluralis te das Deutsche die; tot, da der kurze Vokal eben so wohl a als o sein kann, entspricht dem deutschen das, niederdeutsch dat. Da oyom in den meisten Casus ein i annimmt, worin das y sehr oft regelmaͤßig uͤbergeht, so koͤnnte das persische davon abgeleitet werden, wo- mit jener verwandt. Noch mehres andre liesse sich beibringen, was uns aber zu tief in die Etymologie fuͤhren wuͤrde. Hieher gehoͤren auch die Zahlworte. Eins, fuͤnf, hundert und tausend — eko, poncho, shoto, sohosro — stimmen mit dem per- sischen , , , — uͤber- ein. Die uͤbrigen ersten — chotur — vier, im Slavischen chetyr, ausgenommen — sind ge- nau wie in unsern Sprachen bis auf die abge- leiteten Zahladjektive; tvītiyoh, — trīti- yoh — der zweite und der dritte — entspricht am meisten dem Deutschen; soptomoh (die Aspiration am Ende wird in der Construction oft in ein s verwandelt, dann also soptomos) soptoma, soptomon stimmt auf das ge- naueste mit dem roͤmischen septimus, a, um uͤberein; desgleichen duadosho, duodecim. Bis jetzt haben wir nur solche Faͤlle an- gefuͤhrt, wo die Uebereinstimmung in den einzelnen Worten noch unmittelbar sichtbar ist. Wollten wir auf die Untersuchung der Wurzeln eingehen, wo die Verwandtschaft auch sicher genug ist, aber nur mehr Analyse erfordert — wie z. B. moho oder maho in magnus, maͤchtig und , oder volo, valo, was Kraft bedeutet, in validus sichtbar; tomo — fin- ster, mit daͤmmern, lo̅hitoh roth und bren- nend mit dem Deutschen Lohe, chestote — er sucht, begehrt — mit quaesitus und verwandt ist; oder an verschiedene Biegungen ei- ner Wurzel goccho, goto, gomo, gamino sich viele abgeleitete wie gehen, going, kom- men, caminus anreihen; — so wuͤrden wir statt einer Abhandlung ein vergleichendes Woͤr- terbuch entwerfen und einen betraͤchtlich großen Theil aller der genannten Sprachen durchgehen muͤssen. Aus dem gleichen Grunde haben wir uns auch solcher Beispiele enthalten, wo das Wort selbst zwar dasselbe geblieben ist, die Bedeutung aber eine kleine Ablenkung erlitten hat, wie vījon — der Saame, in vis; guno die Ei- genschaft, verschiedne Art und Weise, in — die Farbe. Wer kann bezweifeln, daß morden und dasselbe Wort seien, obgleich das erste active, das zweite passive Bedeutung hat? ist unstreitig devo, lateinisch divus und deus; obgleich von boͤsen, devo immer nur von guten Geistern gebraucht wird. In modhuroh — in der Construction modhu- ros — modhura, modhuron wird man maturus, a, um nicht verkennen, obgleich das indische Wort suͤß bedeutet; das Substantiv modhu, Honig, ist das deutsche Meth. Eben so lo̅koh, die Welt, der Weltraum — locus; vesthitoh, bedeckt — vestitus; mordjaroh, die Katze, das deutsche Marder. Thiernah- men gehen oft auf noch entferntere Gattungen uͤber, wie vulpis, Wolf; — der Vogel, wuͤrde man gewiß nicht darauf kommen, mit mrigo — Wild uͤberhaupt und besonders das Reh — zusammen zu stellen, wenn nicht die in- dische Wurzel auch die Jagd, uͤberhaupt ein schnel- les Fliehen und Verfolgen bedeutete. Topo und Tapo wird in den indischen Schriften so haͤufig fuͤr Buße gebraucht, daß man die ur- spruͤngliche Bedeutung Hitze fast daruͤber vergißt, die dem roͤmischen tepeo allein geblieben ist; ob- wohl auch die indische Wurzel sie noch beibehal- ten hat, selbst in den abgeleiteten Formen, wie tapoyittun — calefacere, das griechische θαλπειν. Auf diese Weise treten oft sehr ent- fernte Bedeutungen und Worte zusammen, wenn man die Mittelglieder kennt, und die verwandten Sprachen in ihrer Verbindung betrachtet. So duͤrfte das persische — Wohlgeruch, Duft — zunaͤchst wohl von Blumen, nach der Garten, zu urtheilen — von dem indischen pushpo — Blume, abzuleiten sein, womit noch verwandt das deutsche Busch. Vieler andern Beispiele nicht zu erwaͤhnen, die manche Auf- schluͤsse geben und manche Bemerkung veranlassen wuͤrden, uͤber die Art wie und die Gesetze nach welchen die Bedeutung der Worte sich zu veraͤn- dern pflegt. Drittes Kapitel. Von der grammatischen Structur. K oͤnnte man aber nicht vielleicht diesen ganzen Beweis umkehren und sagen: die Verwandtschaft ist auffallend genug und mag zum Theil gegruͤn- det sein, woraus folgt aber daß die indische un- ter den verwandten Sprachen grade die aͤltere und ihr gemeinschaftlicher Ursprung sei? Kann sie nicht eben so gut erst durch Mischung der andern entstanden sein, oder doch dadurch diese Aehnlichkeit erhalten haben? Nicht zu erwaͤhnen, daß vieles von dem schon angefuͤhrten und auch manche andre Wahr- scheinlichkeit dagegen spricht, so werden wir jetzt auf etwas kommen, was die Sache voͤllig ent- scheidet und zur Gewißheit erhebt. Ueberhaupt duͤrfte die Hypothese, welche, was sich in Indien Griechisches findet, von den Seleuciden in Bac- trien herleiten zu koͤnnen meint, nicht viel gluͤck- licher sein als die, welche die aegyptischen Py- ramiden fuͤr natuͤrliche Krystallisationen ausgeben wollte. Jener entscheidende Punkt aber, der hier alles aufhellen wird, ist die innre Structur der Sprachen oder die vergleichende Grammatik, wel- che uns ganz neue Aufschluͤsse uͤber die Genea- logie der Sprachen auf aͤhnliche Weise geben wird, wie die vergleichende Anatomie uͤber die hoͤ- here Naturgeschichte Licht verbreitet hat. Wir sondern von den verwandten Sprachen zuerst die persische ab, deren Grammatik, welche von der arabischen durch den langen und alten Verkehr der beiden Voͤlker sogar die persoͤnlichen Suffixa angenommen hat, mit der indischen und den uͤbrigen ungleich weniger uͤbereinstimmt, als selbst jetzt noch die deutsche, der griechischen und roͤmischen zu geschweigen. Stellt man aber alle Aehnlichkeiten zusammen, so sind sie allerdings von Gewicht. Die Declination bietet am wenigsten dar, oder eigentlich nichts; man muͤßte denn den Comparativ , wie im Griechischen und Indi- schen taro, hieher rechnen; und das Diminutiv durch k, wie im Deutschen und Indischen, z. B. Manovokoh, Diminutiv von manovoh der Mann; , das Toͤchterchen. Ungleich mehr die Conjugation; Kennzeichen der ersten Person ist m, was selbst im Lateinischen verloh- ren ist, im Indischen und Griechischen vollstaͤn- diger mi lautet; von dem si der zweiten Per- son im Indischen und Griechischen ist nur das i geblieben; Kennzeichen der dritten Person ist t oder d, im Pluralis nd, wie im Lateinischen und Deutschen; im Griechischen vollstaͤndiger ti und nti nach der aͤltern Form. Das persische Participium praesens und activum auf ndeh ist wie das deutsche in nd, alt nde; das Par- ticipium praeteritum und passivum in deh mit einem vorangehenden gedehnten Vokal, stimmt mit dem lateinischen in tus, a, um und mit der altdeutschen Form im Gothischen uͤberein; dergleichen sich auch unter den indischen Ver- balibus finden, wie kritoh. Auch darf nicht uͤbergangen werden, daß die Endungen , , und , die an zusammengesetzten Adjectiven einen, der auf ge- wisse Weise handelt und etwas macht, oder gear- tet ist oder etwas besitzt, bezeichnen, den indischen karo und koro, voro und dhoro entspre- chen; desgleichen die Endung dem indi- schen Particip auf mano. Die verneinenden Partikeln , und sind die indischen no, ni und ma; die Partikel , die in pri- vativer Bedeutung praͤfigirt wird, wie das indi- sche vi; ferner und innen, wie das indische ontor und ontoron, und das schon angefuͤhrte Pronomen , indisch koh. Vorzuͤglich aber die Huͤlfsverba — osti, — gewesen, von bhovoti — er ist, im Prakrit — bho̅di, im Praeterito des Sanskrit obhūt. — thun, ma- chen — indisch korttun, ist, eben wie dieses in den neu-indischen Mundarten, ein allgemeines Huͤlfsverbum im Persischen; an einige Biegun- gen der indischen Wurzel kri, wie kriyan, kriyote schließt sich noch das lateinische creare an. Es waͤre zu wuͤnschen, daß jemand der mit allen Huͤlfsmitteln dazu versehen waͤre, Unter- suchungen daruͤber anstellte, wie die persische Grammatik ehedem beschaffen gewesen, ob sie sich vielleicht in einigen Stuͤcken geaͤndert hat, und einst der indischen und griechischen noch aͤhnlicher war, als sie es jetzt ist. Dieß wuͤrde mehr Auf- schluß und Bestaͤtigung geben, als eine noch so große Anzahl uͤbereinstimmender Wurzeln. Ue- berhaupt ware zu wuͤnschen, daß das Studium dieser schoͤnen Sprache auch in Deutschland all- gemeiner wuͤrde. Fuͤr Poesie duͤrfte außer der Griechischen nicht leicht eine belohnender gefun- den werden Die Pariser Bibliothek ist nicht nur sehr reich an persischen Manuscripten, sondern besitzt auch an Herrn Chezy ei- nen Gelehrten, der die vertrauteste Kenntniß der Sprache überhaupt mit einem besonders feinen und geübten Gefühl für die eigenthümlichen Schönheiten und Schwierigkeiten der persischen Dichtersprache verbindet. . Die oft bemerkte Verwandt- schaft des Persischen mit dem Deutschen ist aus- serdem so groß, daß die Hoffnung wohl nicht uͤbertrieben waͤre, hier vielleicht manches zu finden, wodurch eins oder das andre in der aͤltesten ger- manischen Geschichte mehr erklaͤrt wuͤrde. Wer das Persische zu seinem Hauptstudium erwaͤhlen will, sollte sich auch die slavischen Sprachen zu eigen zu machen suchen. Ihre Vergleichung, ihre Aehnlichkeit und Unaͤhnlichkeit kann vielleicht uͤber manches Licht geben, was die Alten aus fruͤher Zeit von Kriegen der Perser und Scythen berichten, und was jetzt einzeln und unerklaͤrt da steht. In der deutschen Grammatik finden sich außer denen, die sie mit der persischen gemein hat, noch mehre andre Uebereinstimmungen mit der griechischen und indischen. Im Deutschen wie im Indischen durchgaͤngig ist n Kennzeichen des Accusativs, s des Genitivs. Die Endsylbe tvon bildet im Indischen die Substantiva der Beschaffenheit, grade so wie das Deutsche thum gebraucht wird. Der Conjunktiv wird zum Theil durch eine Veraͤnderung des Vokals be- zeichnet, wie in allen Sprachen, die der alten Grammatik folgen. Eben so uͤbereinstimmend ist die Bildung des Imperfectums durch Veraͤnde- rung des Vokals in einer Gattung der deutschen Zeitwoͤrter. Wird in einer andern das Imper- fectum durch ein eingefuͤgtes t gebildet, so ist dieß freilich eine besondre Eigenthuͤmlichkeit, eben so wie das b im roͤmischen Imperfectum; das Princip aber ist immer noch dasselbe, daß nehm- lich die Nebenbestimmung der Bedeutung nach der Zeit und andern Verhaͤltnissen nicht durch besondre Worte oder von außen angehaͤngte Par- tikeln geschieht, sondern durch innre Modification der Wurzel. Nehmen wir vollends die Grammatik der aͤltern Mundarten hinzu, des Gothischen und Angelsaͤchsischen fuͤr den Deutschen, des Islaͤn- dischen fuͤr den skandinavischen Zweig unsrer Sprache; so finden wir nicht nur ein Perfectum mit einem Augment, wie im Griechischen und Indischen, einen Dualis, genauere Geschlechts- und Verhaͤltnißbestimmungen der Participien und der Declination, die jetzt verlohren, sondern auch viele andre Flexionen, die jetzt schon etwas abge- stumpft und weniger kenntlich sind; die dritte 3 Person im Singularis und Pluralis der Zeit- worte zum Beispiel, zeigen sich wieder vollstaͤn- dig und in vollkommner Uebereinstimmung. Es kann mit einem Worte bei der Betrachtung die- ser alten Denkmahle der germanischen Sprache nicht der mindeste Zweifel uͤbrig bleiben, daß sie ehedem eine ganz aͤhnliche grammatische Struc- tur hatte, wie das Griechische und Roͤmische. Noch jetzt sind sehr viele Spuren dieser aͤl- tern Sprachform im Deutschen, im eigentlichen Deutschen mehr, als im Englischen und in den skandinavischen Mundarten uͤbrig; wenn aber im Ganzen hier das Princip der neuern Gramma- tik, die Conjugation vorzuͤglich durch Huͤlfsverba, die Declination durch Praͤpositionen zu bilden, herrschend ist, so darf uns dieß um so weniger irre machen, da auch die saͤmmtlichen aus dem Lateinischen abstammenden romanischen Sprachen, wie nicht minder alle hindostanische Mundarten, wie sie jetzt noch gesprochen werden, die sich zum Sanskrit etwa eben so verhalten, wie jene zum Lateinischen, eine aͤhnliche Veraͤnderung erlitten haben. Es bedarf auch keiner aͤussern Ursache, um diese uͤberall gleichfoͤrmig sich zeigende Er- scheinung zu erklaͤren. Die kunstreiche Structur geht durch die Abschleifung des gemeinen Ge- brauchs besonders in einer Zeit der Verwilde- rung gern verlohren, entweder ganz allmaͤhlig, oder bisweilen auch mehr auf einmal; und jene Grammatik durch Huͤlfsverba und Praͤpositionen ist in der That die kuͤrzeste und bequemste, gleich- sam eine Abbreviatur zum leichten allgemeinen Gebrauch; ja man koͤnnte es fast als eine allge- meine Regel aufstellen, daß eine Sprache um so leichter zu erlernen sei, je mehr ihre Structur sich schon vereinfacht und dieser Abbreviatur ge- naͤhert hat. Mit der griechischen und roͤmischen Gram- matik stimmt die indische so sehr uͤberein, daß sie weder von der einen noch von der andern mehr verschieden ist, als diese beiden es unter sich sind. Das Wesentliche ist die Gleichheit des Princips, alle Verhaͤltnisse und Nebenbestimmungen der Bedeutung nicht durch angehaͤngte Partikeln oder Huͤlfsverba, sondern durch Flexion d. h. durch innre Modification der Wurzel zu erkennen zu geben. Doch erstreckt sich zur mehren Bestaͤti- gung die Aehnlichkeit bis auf eine voͤllige Gleich- heit mancher Biegungssylben oder Buchstaben. Das Futurum wird durch ein s gebildet wie im Griechischen; korōmi — ich thue, kori- shyami — ich werde thun; das Imperfectum durch vorgesetzten kurzen Vokal und die Endung on; bhovami — ich bin, obhovon — ich war. Die auffallende Gleichheit der Geschlechts- biegung der Adjectiven mit den roͤmischen, des indischen Comparativs mit dem griechischen, und der Personalendungen des Zeitworts mit den griechischen ist schon angefuͤhrt worden, wie auch das Perfectum mit dem Augment. Dieses stimmt auch darin mit dem griechischen uͤberein, daß es die erste Person nicht in mi oder on , wie die andern Tempora, noch die dritte Person in t oder ti, sondern beide mit einem Vokal endet; chokaro — ich habe und er hat gethan, vobhuvo — ich bin gewesen und er ist gewe- sen. Solche Uebereinstimmung bis in die fein- sten Einzelnheiten der Structur sind gewiß mehr als eine bloße Merkwuͤrdigkeit fuͤr jeden, der uͤber Sprache nachgedacht hat. Die Endung der dritten Person des Imperativs ist otu , im Pluralis ontu ; die Endung des ersten Par- ticips im maͤnnlichen Geschlechts on . Doch es waͤre uͤberfluͤssig, alles anfuͤhren zu wollen, wo manches einzelne so auffallend uͤbereinstimmend gefunden ward, daß es fast allein entscheiden koͤnnte. Der lateinische Infinitiv koͤnnte mit seiner Endung in re eine große Abweichung scheinen; und allerdings ist dieß eine eigenthuͤmliche Be- sonderheit des Roͤmischen, wo es von den uͤbrigen Sprachen gleicher Familie in der Bildung eines der wichtigsten Redetheile abgeht. Da indessen der indische Infinitiv auf tun eben so oft oder noch oͤfter in der Bedeutung dem roͤmischen Su- pinum, das ihm auch in der Form gleicht, als dem eigentlichen Infinitiv entspricht, so zeigt sich auch hier noch das Band der Aehnlichkeit, und ein Punkt des Uebergangs. In der Declination entspricht der fuͤnfte Casus in at dem lateinischen Ablativ in ate, der siebte Casus des Pluralis in eshu, ishu u. s. w. dem griechischen εσσι und οισι — der vierte und fuͤnfte Casus in bhyoh , was in der Construction oft bhyos wird, mit vorhergehen- den langem Vokal, dem lateinischen Dativ und Ablativ in bus. Den indischen Dativ des Sin- gularis in ayo koͤnnte man mit dem alten roͤ- mischen in aï vergleichen, die Endung des Dua- lis in au mit der griechischen in ω. Auch in manchen Eigenthuͤmlichkeiten oder besondern Ne- benbestimmungen der Grundregel stimmt die in- dische Declination mit den genannten Sprachen uͤberein; Neutra z. B. lauten auch hier durch- gaͤngig im Accusativ wie im Nominativ; im Dualis haben mehre Casus, die in den andern Zahlen unterschieden werden, nur eine und die- selbe Biegung. Was fruͤher beilaͤufig von aͤhnlichen Ueber- einstimmungen vorgekommen ist, wiederhohlen wir nicht, uͤbergehen auch manches, was neben dem andern immer noch von Gewicht sein duͤrfte. Allerdings bleibt bei der großen Uebereinstim- mung im Wesentlichen und Ganzen auch eine betraͤchtliche Verschiedenheit im Einzelnen und mehr Zufaͤlligen zuruͤck. Hauptsaͤchlich besteht aber der Unterschied doch darin, daß die indische Grammatik in derselben Art, wie die griechische und roͤmische, noch regelmaͤßiger, demselben Gesetz der Structur, wenn ich so sagen darf, noch treuer und eben dadurch zugleich einfacher und kunstrei- cher ist als diese. Die griechische und roͤmische Sprache declinirt, d. h. sie bestimmt die Verhaͤlt- nisse des Substantivs nicht durch angehaͤngte oder vorgesetzte Partikeln, wie groͤßtentheils in den neuern Sprachen geschieht. Doch ist auch ihre Declination nicht vollstaͤndig genug, um der Bei- huͤlfe der Praͤpositionen ganz entbehren zu koͤn- nen. Die indische Declination bedarf derselben niemals; fuͤr die Verschiedenheiten, welche durch die Praͤpositionen — cum, ex, in — bezeichnet werden, die den lateinischen Ablativ so oft erst naͤher bestimmen muͤssen, hat sie eigne Casus. Ob man sagen duͤrfe, daß die indische Sprache gar keine irregulaͤren Zeitwoͤrter habe, wage ich nicht zu behaupten; gewiß aber ist es, daß dieß in gar keinem Verhaͤltnisse, weder der Zahl noch dem Grade nach, mit der Unregelmaͤßigkeit der griechischen und roͤmischen Zeitwoͤrter steht. Die Conjugation selbst ist regelmaͤßiger; der Impera- tiv hat noch eine erste Person und steht in der Reihe der uͤbrigen vollstaͤndigen Arten; auch ist die zweite Person des Imperativs nie so abge- kuͤrzt und verstuͤmmelt, wie es im Persischen im- mer, in den andern verwandten Sprachen doch sehr haͤufig der Fall ist. Die Art aus einem einfachen Zeitwort ein frequentatives oder desi- deratives oder eines zu bilden, was bedeutet die Handlung verursachen und durch einen andern bewirken, ist durchaus gleichfoͤrmig und auf alle Wurzeln anwendbar. Die große Anzahl der aus dem Zeitwort sammt dem Infinitiv abgelei- teten Verbalia bilden ein noch vollstaͤndigeres Ganzes. Fast alle indischen Adjectiva sind Ver- balia, regelmaͤßig aus einem Zeitwort abgelei- tet, so wie fast alle Nomina propria bedeuten- de Epitheta; unter allen Sprachen laͤßt sich kei- ne wohl so ganz aus sich selbst erklaͤren als die indische. Obwohl es zu viel gesagt sein wuͤrde, wenn man es auf alles ausdehnen wollte, daß sich das Griechische und Roͤmische in Ruͤcksicht der Grammatik zum Indischen wieder verhalte, wie die romanischen Sprachen zur lateinischen; so ist es doch unlaͤugbar wahr, daß sie in einigen Punkten, durch die Beihuͤlfe der Praͤpositionen und durch die schwankendere Unregelmaͤßigkeit, schon den Uebergang zu der modernen Gramma- tik bilden, und daß die regelmaͤßige Einfachheit der indischen Sprache in der gleichen Structur ein untruͤgliches Kennzeichen des hoͤhern Alter- thums ist. Wichtig ist auch folgender Unter- schied. Im Griechischen kann man noch wenig- stens einen Anschein von Moͤglichkeit finden, als waͤren die Biegungssylben aus in das Wort verschmolznen Partikeln und Huͤlfsworten ur- spruͤnglich entstanden, obwohl man diese Hypo- these nicht wuͤrde durchfuͤhren koͤnnen, ohne fast alle jene etymologischen Kuͤnste und Gauke- leien zu Huͤlfe zu nehmen, denen man zuvoͤr- derst allen ohne Ausnahme den Abschied geben sollte, wenn man die Sprache und ihre Entste- hung wissenschaftlich d. h. durchaus historisch be- trachten will; und kaum moͤchte sichs auch dann noch durchfuͤhren lassen. Beim Indischen aber verschwindet vollends der letzte Schein einer sol- chen Moͤglichkeit, und man muß zugeben, daß die Structur der Sprache durchaus organisch gebildet, durch Flexionen oder innre Veraͤnde- rungen und Umbiegungen des Wurzellauts in allen seinen Bedeutungen ramificirt, nicht bloß mechanisch durch angehaͤngte Worte und Parti- keln zusammengesetzt sei, wo denn die Wurzel selbst eigentlich unveraͤndert und unfruchtbar bleibt. Daß eine so kunstreiche Grammatik den- noch sehr einfach seyn koͤnne, zeigt das Beispiel der indischen selbst am besten. Es wird auch nichts dazu vorausgesetzt als etwas, was man doch wohl annehmen muß, um den Ursprung der Sprache auf eine deutliche und verstaͤndliche Art zu erklaͤren; ein sehr feines Gefuͤhl nehm- lich fuͤr den unterscheidend eigenthuͤmlichen Aus- druck, fuͤr die urspruͤngliche Naturbedeutung, wenn ich so sagen darf, der Buchstaben, der Wurzellaute und Sylben; ein Gefuͤhl, das wir uns jetzt, da das Gepraͤge der Worte durch lan- gen Gebrauch verwischt, das Ohr durch die ver- worrne Menge allartiger Eindruͤcke abgestumpft worden ist, kaum mehr in seiner ganzen Reg- samkeit und Lebendigkeit vorstellen koͤnnen, was aber doch wohl vorhanden gewesen seyn muß, weil ohne dasselbe keine Sprache, wenigstens keine solche, haͤtte entstehen koͤnnen. Dieß feine Gefuͤhl mußte dann mit der Sprache selbst zugleich auch Schrift hervorbrin- gen; keine hieroglyphische nach aͤussern Natur- gegenstaͤnden mahlende oder bildernde, sondern eine solche, welche den innern Charakter der Buchstaben, wie er so deutlich gefuͤhlt ward, nun auch in sichtlichen Umrissen hinstellte und bezeichnete. Viertes Kapitel. Von zwei Hauptgattungen der Spra- chen nach ihrem innern Bau . D as eigentliche Wesen dieses in dem Indischen und allem, was aus ihm abgeleitet ist, herrschen- den Sprachprincips wird durch den Gegensatz am besten deutlich gemacht werden koͤnnen. Denn nicht alle Sprachen folgen dieser Grammatik, deren kunstreiche Einfachheit wir am Indischen und Griechischen bewundern, und auf deren Cha- rakter wir im vorigen Kapitel aufmerksam zu machen suchten. In vielen andern und zwar in den meisten Sprachen finden wir die Merk- mahle und Gesetze einer ganz von jener ver- schiedenen, ja ihr durchaus entgegengesetzten Grammatik. Entweder werden die Nebenbestimmungen der Bedeutung durch innre Veraͤnderung des Wurzellauts angezeigt, durch Flexion; oder aber jedesmal durch ein eignes hinzugefuͤgtes Wort, was schon an und fuͤr sich Mehrheit, Vergan- genheit, ein zukuͤnftiges Sollen oder andre Ver- haͤltnißbegriffe der Art bedeutet; und diese bei- den einfachsten Faͤlle bezeichnen auch die beiden Hauptgattungen aller Sprache. Alle uͤbrigen Faͤlle sind bei naͤherer Ansicht nur Modifikationen und Nebenarten jener beiden Gattungen; daher dieser Gegensatz auch das ganze in Ruͤcksicht auf die Mannichfaltigkeit der Wurzeln uuermeßliche und unbestimmbare Gebiet der Sprache umfaßt und voͤllig erschoͤpft. Ein merkwuͤrdiges Beispiel einer Sprache ganz ohne Flexion, wo alles, was jene Spra- chen durch diese andeuten, durch eigne schon fuͤr sich bedeutende Woͤrter verrichtet wird, bietet das Chinesische dar; eine Sprache, die mit ih- rer sonderbaren Einsylbigkeit, wegen dieser Con- sequenz oder vielmehr vollkommnen Einfachheit der Structur, fuͤr das Verstaͤndniß der ganzen Sprachwelt sehr lehrreich ist. In gleicher Ruͤck- sicht koͤnnte auch noch die malayische Grammatik angefuͤhrt werden. Wichtig fuͤr die Charakteri- stik dieser ganzen Gattung sind die eben so schweren als sonderbaren amerikanischen Spra- chen. Dem berühmten Herrn Alexander von Humboldt , verdanke ich die Mittheilung mehrer amerikanischer Wör- terbücher und Sprachlehren, woraus die obigen und nach- folgenden Bemerkungen geschöpft sind. Ausser zwei ziemlich ausführlichen Wörterbüchern und Sprachlehren der mexi- kanischen und der in Peru und im Reich Quito herr- schenden Qquichuas prache, wurden mir noch kürzere Handbücher über die Othomi, Cora, Hugsteca, Mos- ca, Mixteca und Totonacas prache mitgetheilt. Denn trotz der zahllosen Mannichfal- tigkeit und gaͤnzlichen Verschiedenheit derselben in Ruͤcksicht der Wurzeln, wo oft bei mehren kleinen Voͤlkerschaften, die dicht neben einander wohnen, nicht ein Laut von Aehnlichkeit sich zeigt, folgen sie doch alle, so weit sie bis jetzt bekannt sind, einem und demselben Gesetz des Sprachbaues; alle Bezeichnung der Verhaͤltnisse geschieht durch Worte und Partikeln, die hier zwar schon mit dem Wurzelwort selbst zusam- menwachsen, aber doch auch durchgaͤngig noch fuͤr sich und einzeln dieselbe Bedeutung haben, welche sie dem Wurzelwort, an das sie angefuͤgt werden, verleihen. Es bilden die amerikanischen Sprachen ihre Grammatik durch Affixa und sind wie alle Sprachen dieser Gattung sehr reich an Pronominalbeziehungen durch Suffixa und an den daher entstehenden relativen Zeitwoͤrtern und Conjugationen, deren auch das Baskische Nach Larramendi . Von dem ältern Herrn von Humboldt ist vielleicht bald eine reichhaltigere und be- sonders eine genauer bestimmte und deutlichere Darstellung dieser merkwürdigen Sprache zu erwarten. nicht weniger als ein und zwanzig durch vorn oder hinten an das Huͤlfsverbum angefuͤgte Pro- nomina zaͤhlt. Ob nun in einer Sprache dieser Art die Partikeln durchgaͤngig dem Wurzelwort hinten angehaͤngt werden, wie im Baskischen und in der Declination der amerikanischen Spra- chen, oder vorn angefuͤgt werden, wie im Kopti- schen, ob bald das eine bald das andre Statt findet, wie in der Conjugation der peruanischen, mexikanischen und andrer amerikanischen Spra- chen, oder ob die Partikeln gar dem Worte selbst eingeflochten werden, wovon man beson- ders in einigen amerikanischen Sprachen sehr merkwuͤrdige Beispiele findet, ist im Grunde fuͤr die Hauptsache einerlei; genug es ist eine Gram- matik durch Anfuͤgung von aussen, nicht durch Flexion. Zwar kann ein Schein von Flexion entste- hen, wenn die angefuͤgten Partikeln endlich bis zum Unkenntlichen mit dem Hauptwort zusam- menschmelzen; wo aber in einer Sprache, wie in der arabischen und in allen, die ihr verwandt sind, die ersten und wesentlichsten Verhaͤltnisse, wie die der Person an Zeitwoͤrtern, durch An- fuͤgung von fuͤr sich schon einzeln bedeutenden Partikeln bezeichnet werden, und der Hang zu dergleichen Suffixis sich tief in der Sprache ge- gruͤndet zeigt, da kann man sicher annehmen, daß das gleiche auch in andern Stellen Statt gefunden habe, wo sich jetzt die Anfuͤgung der fremdartigen Partikel nicht mehr so deutlich un- terscheiden laͤßt; kann wenigstens sicher anneh- men, daß die Sprache im Ganzen zu dieser Hauptgattung gehoͤre, wenn sie gleich im Ein- zelnen durch Mischung oder kunstreiche Ausbil- dung zum Theil schon einen andern und hoͤhern Charakter angenommen haͤtte. Der Stufengang der Sprachen, welche die- ser Grammatik folgen, waͤre also dieser. Im Chinesischen sind die Partikeln, welche die Ne- benbestimmung der Bedeutung bezeichnen, fuͤr sich bestehende von der Wurzel ganz unabhaͤn- gige einsylbige Worte. Die Sprache dieser sonst so verfeinerten Nation stuͤnde also grade auf der untersten Stufe; vielleicht, weil eben durch das so aͤusserst kuͤnstliche Schriftsystem die Kindheit derselben zu fruͤhe fixirt worden. In der baski- schen und koptischen, so wie in den amerikani- schen Sprachen wird die Grammatik ganz und gar durch Suffixa und Praͤfixa gebildet, die fast uͤberall noch leicht zu unterscheiden sind und zum Theil auch noch fuͤr sich eine Bedeutung haben; doch fangen die angefuͤgten Partikeln schon an, mit dem Worte selbst zu verschmelzen und zu coalesciren. Noch mehr ist dieß der Fall im Arabischen und allen verwandten Mundarten, die zwar dem groͤssern Theile ihrer Grammatik nach unlaͤugbar zu dieser Gattung gehoͤren, waͤhrend doch manches andre nicht mit Sicher- heit darauf zuruͤckgefuͤhrt werden kann, hie und da sich sogar schon eine einzelne Uebereinstim- 4 mung mit der Grammatik durch Flexion zeigt. Im Celtischen endlich werden noch einzelne Spuren der Grammatik durch Suffixa gefun- den; waͤhrend im groͤssern Theile die neuere Weise, durch Huͤlfsverba zu conjugiren, durch Praͤpo- sitionen zu decliniren, die herrschende ist. Die grosse Menge der amerikanischen Spra- chen, woruͤber, so wie uͤber die gaͤnzliche Ver- schiedenheit derselben in Brasilien und Paraguay nicht minder als in Alt- und Neu-Mexiko und selbst im Norden, geklagt wird, duͤrfen wir ge- wiß nicht als zufaͤllig ansehen. Die Erscheinung ist zu gleichfoͤrmig, und die aͤhnliche Structur deutet auf ein gleiches Princip der Entstehung bei noch so grosser Verschiedenheit. Wir wer- den auch den Grund jener Sonderbarkeit dieser Sprachen leicht in ihrer Grammatik finden. In der indischen oder griechischen Sprache ist jede Wurzel wahrhaft das, was der Name sagt, und wie ein lebendiger Keim; denn weil die Ver- haͤltnißbegriffe durch innre Veraͤndrung bezeich- net werden, so ist der Entfaltung freier Spiel- raum gegeben, die Fuͤlle der Entwicklung kann ins Unbestimmbare sich ausbreiten, und ist oft- mals in der That bewundrungswuͤrdig reich. Alles aber, was auf diese Weise aus der einfa- chen Wurzel hervorgeht, behaͤlt noch das Ge- praͤge seiner Verwandtschaft, haͤngt zusammen und so traͤgt und erhaͤlt sichs gegenseitig. Da- her der Reichthum einestheils und dann die Be- standheit und Dauerhaftigkeit dieser Sprachen, von denen man wohl sagen kann, daß sie orga- nisch entstanden sein, und ein organisches Ge- webe bilden; so daß man nach Jahrtausenden in Sprachen, die durch weite Laͤnder getrennt sind, oft noch mit leichter Muͤhe den Faden wahr- nimmt, der sich durch den weitentfalteten Reich- thum eines ganzen Wortgeschlechtes hinzieht, und uns bis zum einfachen Ursprunge der ersten Wurzel zuruͤkfuͤhrt. In Sprachen hingegen, die statt der Flexion nur Affixa haben, sind die Wurzeln nicht eigentlich das; kein fruchtbarer Same, sondern nur wie ein Haufen Atome, die jeder Wind des Zufalls leicht aus einander treiben oder zusammenfuͤhren kann; der Zusam- menhang eigentlich kein andrer, als ein bloß mechanischer durch aͤussere Anfuͤgung. Es fehlt diesen Sprachen im ersten Ursprunge an einem Keim lebendiger Entfaltung; die Ableitung bleibt immer duͤrftig, und wird nachher die Kuͤnstlich- keit durch immer mehr angehaͤufte Affixa auch noch so sehr gesteigert, so wird dadurch eher die Schwierigkeit vermehrt, als wahre einfache Schoͤn- heit und Leichtigkeit gewonnen werden. Der scheinbare Reichthum ist im Grunde Armuth, und es sind diese Sprachen, sie moͤgen roh oder gebildet seyn, immer schwer, leicht verworren und oft noch besonders ausgezeichnet durch einen eigensinnig willkuͤhrlichen, subjektiv sonderbaren und mangelhaften Charakter. Die Betrachtung der amerikanischen Spra- chen kann uͤbrigens von großem Nutzen seyn, um diejenigen, welche immer noch hoffen, alle Sprachen, auch der Materie und den Wurzeln nach, auf einen gemeinschaftlichen Stamm zu- ruͤckfuͤhren zu koͤnnen, zu uͤberfuͤhren, wie ganz unmoͤglich dieses sei. Wir muͤssen uns damit begnuͤgen, daß jene Sprachen, in denen Flexion herrscht, auch den Wurzeln nach in eine ge- meinschaftliche Quelle zusammengehen; die un- bestimmbare Mannichfaltigkeit der andern Spra- chen laͤßt sich nicht auf Einheit zuruͤckfuͤhren, welches zu bestaͤtigen, ausser der unzaͤhligen Menge amerikanischer Sprachen, auch Asien und Europa Beispiele genug anfuͤhren kann. In dem wenig bevoͤlkerten Nordasien finden wir vier ganz verschiedne Sprachfamilien, des tatarischen, finnischen, mogolischen und tungusischen oder Mantchou-Stammes; und noch manche weniger ausgebreitete Mundart bleibt ausserdem uͤbrig, welcher die Bearbeiter jenes Theils der Sprach- kunde noch nicht einmal eine ganz schickliche Stelle in jener Eintheilung zu bestimmen wis- sen. Dazu kommt nun noch die tangutische oder thibetanische, die eingalesische, die japani- sche Sprache, und was nach Abzug der indischen und arabischen Einmischung im Malayischen, Eigenthuͤmliches und Unbekanntes in den Mund- arten der Inseln zwischen Indien und Amerika uͤbrig bleibt, und wiederum noch auf zwei grund- verschiedne Sprachfamilien der Malayen und der negerartigen Papuas zuruͤckgefuͤhrt wird. Auf der oͤstlichen Halbinsel Indiens zaͤhlt Symes sechs verschiedne Sprachen, wovon mehre selbst in den Zahlworten, diesem so wichtigen Grund- bestandtheile, ganz verschieden sind; die Burma- sprache, die wieder in vier Mundarten zerfaͤllt, wovon die hauptsaͤchlichste die von Ava ist, schließt sich durch ihre Einsylbigkeit an das Chinesische an; verwandt mit dieser ist die Sprache Koloun zwischen Bengalen, Arakan und Burma, so wie einige Dialekte in Pegu; die Pegu-Sprache selbst ist aber nach Symes noch ganz verschieden, so wie die im Lande Meckley, suͤdlich von Asam, und die Sprache in Siam, von der die der suͤdlichen Cingalesen abgeleitet seyn soll. Es bleibt also, ungeachtet einiger Verwandtschaft, immer eine fuͤr eine solche Voͤlkerzahl sehr große Verschie- denheit uͤbrig. Wenn man nun erst das Kopti- sche, Baskische, den nicht lateinischen Theil des Wallachischen und Arnautischen und so manche andre merkwuͤrdige Sprachreste im westlichen Mittelasien, am Kaukasus und in Europa, die ganz einzeln stehen, hinzunehmen wollte, so wird wohl jeder den Gedanken aufgeben muͤssen, alle diese Sprachen auf eine gemeinschaftliche Ursprache zuruͤckfuͤhren zu wollen. Abermahls also ein großer Hauptunterschied der beiden Sprachgattungen. Der Sprachen durch Affixa giebt es sehr viele unter sich ganz verschiedne; die Sprachen durch Flexion zeigen um so mehr innere Verwandtschaft und gegenseitigen Zusam- menhang auch in den Wurzeln, je hoͤher man in der Geschichte ihrer Bildung hinauf steigt. Man wuͤrde mich indessen ganz mißverste- hen, wenn man glaubte, ich wolle die eine Hauptgattung der Sprache ausschliessend erhe- ben, die andre unbedingt herabsetzen. Die Welt der Sprache ist zu umfassend reich und groß und bei hoͤherer Ausbildung zu verwickelt, als daß sich die Sache so einfach durch einen schneidenden Richterspruch ausmachen liesse. Wer wird die hohe Kunst, die Wuͤrde und erhabne Kraft der arabischen und hebraͤischen Sprache laͤugnen koͤnnen? Sie stehen wohl unstreitig auf dem hoͤchsten Gipfel der Bildung und Vollkom- menheit in ihrer Gattung, der sie uͤbrigens nicht so ausschliessend angehoͤren, daß sie sich nicht in einigen Stuͤcken der andern etwas naͤ- hern sollten. Daß aber diese Kunst ihnen spaͤ- ter, ja zum Theil gewaltsam, auf den alten rohen Stamm angebildet sein moͤge, haben die ver- trautesten Kenner dieser Sprachen oft geaͤussert. Daß die Sprachen, wo die Flexion in der Struc- tur herrscht, im Allgemeinen den Vorzug haben, wird man nach reifer Untersuchung wohl zugeben; wie sehr aber auch die schoͤnste Sprache entarten koͤnne, das erfahren wir an unsrer eignen von Natur gewiß edlen Sprache in verwahrlosten Mundarten oder bei schlechten Schriftstellern zur Genuͤge, ohne daß wir uns auf aͤhnliche Bei- spiele bei Griechen und Roͤmern zu beziehen brauchten. Der Gang der bloß grammatischen Kunst und Ausbildung ist in den beiden Hauptgattungen grade umgekehrt. Die Sprache durch Affixa ist im Anfang ganz kunstlos, wird aber immer kuͤnstlicher, je mehr die Affixa mit dem Haupt- wort zusammenschmelzen; in den Sprachen durch Flexion hingegen geht die Schoͤnheit und Kunst der Structur, durch den Hang sichs zu erleich- tern, allmaͤhlig mehr und mehr verlohren, wie wir es sehen, wenn wir manche deutsche, roma- nische und jetzige indische Mundarten mit der aͤltern Form, aus der sie abstammen, vergleichen. Daß die amerikanischen Sprachen im Gan- zen auf einer niedern Stufe stehen, wird man nicht laͤugnen. Dahin gehoͤrt der auffallende Mangel mancher wesentlichen Buchstaben, wie des b, d, f, g, r, s, j, v als Consonanten, im Mexikanischen; des b, d, e, f, k und x, in der Qquichuasprache, wo auch das o fast gar nicht vorkommt; des f, i, k, l, r, s, in der Otho- mi; des d, f, g, i, l, s, in der Cora; des b, d, f, r, in der Totonaca; des b, p, f, r, in der Mixteca; des f, r, s, k, in der Huastecasprache. Zwar kann bei einigen dieser Buchstaben der weiche Consonant durch den harten ersetzt wer- den; oder es schien den spanischen Bezeichnern einiges Mangel, was es doch an sich nicht ist. Was soll man aber sagen, wo so wesentliche und unersetzliche Consonanten fehlen, wie r, l, s, oder die ganze Familie b, p, f? — Ferner die eigensinnige Vorliebe fuͤr gewisse zusammen- gesetzte Laute, wie t l im Mexikanischen. Die ausserordentliche Schwierigkeit, die aus den vie- len uͤber einander gehaͤuften Affixis bei der gro- ßen Menge von Partikeln entsteht, besonders an Zeitwoͤrtern, um die verschiedenen Personalbezie- hungen, oder den bloßen Anfang, Wunsch oder die daurende Gewohnheit, Verrichtung durch ei- nen andern, Gegenseitigkeit oder haͤufige Wieder- hohlung der Handlung zu bezeichnen, duͤrfte es eher bestaͤtigen als widerlegen; wie manche Son- derbarkeit der Grammatik, die mehren in den Wurzeln ganz verschiednen amerikanischen Spra- chen gemein ist. So giebt es in sehr vielen kein Genus, keinen Casus und Pluralis, auch keinen Infinitiv, dessen Stelle im Mexikanischen und Peruanischen das Futurum mit dem Zeitwort ich will vertritt, oder das Zeitwort esse fehlt, oder das Adjectiv ist wie in der Qquichuasprache mit dem Genitiv des Substantivs eins, so daß Runap , von Runa der Mensch, zugleich des Menschen und Menschlich bedeutet. Aber manche dieser Sprachen sind demunge- achtet gewiß nicht nur sehr kraft- und ausdrucks- voll, sondern auch verhaͤltnißmaͤßig gebildet und kunstreich. Dieß mag besonders mit der Qquichua oder peruanischen Sprache der Fall sein. Viel- leicht wurden die Yncas eben durch ihre Vorzuͤg- lichkeit und schon groͤßere Allgemeinheit bewogen, sie mit Gewalt zur ganz allgemeinen zu machen, wie sie es nach der alten Ueberlieferung gethan haben sollen. Im peruanischen Woͤrterbuche habe ich auch, wie wohl sparsam, doch einige indische Wurzeln gefunden; wie veypul , groß, indisch vipulo; Acini , lachen, indisch hosono u. s. w.; am merkwuͤrdigsten ist Inti , die Sonne, indisch Indro . Ist die Sage gegruͤndet, daß die Yncas ihre eigne ihnen allein bekannte und erlaubte, jetzt voͤllig untergegangne Sprache hat- ten, so haben sich jene Wurzeln vielleicht aus dieser in die gemeine Sprache verlohren; da es ohnehin aus den chinesischen Geschichtsbuͤchern, die de Guignes uns bekannt gemacht hat, klar erhellt, daß die Stifter des peruanischen Reichs und der peruanischen Bildung ostwaͤrts von China oder den indischen Inseln hergekommen seien. Fuͤnftes Kapitel. Vom Ursprunge der Sprachen . E s wuͤrden die Hypothesen uͤber den Ursprung der Sprache entweder ganz weggefallen sein, oder doch eine ganz andre Gestalt gewonnen haben, wenn man sie, statt sich willkuͤhrlicher Dichtung zu uͤberlassen, auf historische Forschung gegruͤndet haͤtte. Besonders aber ist es eine ganz willkuͤhr- liche und irrige Voraussetzung, daß Sprache und Geistesentwickelung uͤberall auf gleiche Weise an- gefangen habe. Die Mannichfaltigkeit ist im Gegentheile auch in dieser Ruͤcksicht so groß, daß man unter der Menge leicht irgend eine Spra- che als bestaͤtigendes Beispiel fast fuͤr jede bis jetzt ersonnene Hypothese uͤber den Ursprung der Sprachen wird auffinden koͤnnen. Man gehe zum Beispiel das Woͤrterbuch der Mantchousprache durch, und man wird erstau- nen uͤber die ganz unverhaͤltnißmaͤßige Menge von klangnachahmenden und onomatopoëtischen Worten, da wirklich ein großer Theil der ge- sammten Sprache aus solchen besteht. In der That, waͤre dieß eine der wichtigsten Hauptspra- chen, waͤren noch viele andre Sprachen eben so beschaffen, so wuͤrde man der Meinung, welche alle Sprache aus diesem Princip entstehen laͤßt, den Vorzug geben muͤssen. Aus diesem Beispiel kann man aber auch sehen, welche Gestalt eine Sprache etwa hat und haben muß, die groͤßten- theils auf diesem Wege entstanden sein mag, und wird den Gedanken aufgeben, Sprachen, die ein ganz andres Ansehen haben, auf eben die Art erklaͤren zu wollen. Man betrachte die ganze Familie jener Sprachen, mit denen wir es hier zunaͤchst zu thun haben. Im Deutschen ist die Anzahl der klangnachahmenden onomatopoëtischen Worte zwar unbedeutend im Vergleich mit dem zuvor angefuͤhrten Beispiel, aber doch noch sehr betraͤchtlich, vielleicht nicht viel minder als im Persischen, welches man aus der Einmischung ta- tarischer, slavischer und andrer nordischen Spra- chen erklaͤren mag; im Griechischen und noch mehr im Roͤmischen werden ihrer immer weniger, und im Indischen verschwinden sie so durchaus, daß selbst die Moͤglichkeit einer solchen Entste- hungsart des Ganzen wegfaͤllt. Wie sind denn aber jene verwandten Spra- chen durch Flexion, wie ist das Indische, oder falls auch dieses zwar die aͤltere aber doch auch nur eine abgeleitete Form ist, wie ist diejenige Sprache entstanden, welche wo nicht fuͤr alle an- dre, doch fuͤr diese Familie die Ursprache und der gemeinschaftliche Quell war? — Einiges wenigstens laͤßt sich auf diese wichtige Frage mit Gewißheit antworten; sie ist nicht aus einem bloß physischen Geschrei und allerlei schallnach- ahmenden oder mit dem Schall spielenden Sprach- versuchen enstanden, wo dann allmaͤhlig etwas Vernunft und Vernunftform angebildet worden waͤre. Vielmehr ist diese Sprache selbst ein Be- weis mehr, wenn es dessen noch bei so vielen andern bedarf, daß der Zustand des Menschen nicht uͤberall mit thierischer Dumpfheit angefan- gen, woran sich denn nach langem und muͤhe- vollem Streben endlich hie und da ein wenig Vernunft angesetzt habe; zeigt vielmehr, daß wenn gleich nicht uͤberall, doch wenigstens grade da, wohin uns diese Forschung zuruͤckfuͤhrt, gleich von Anfang die klarste und innigste Besonnen- heit statt gefunden; denn das Werk und Erzeug- niß einer solchen ist diese Sprache, die selbst in ihren ersten und einfachsten Bestandtheilen die hoͤchsten Begriffe der reinen Gedankenwelt, gleich- sam den ganzen Grundriß des Bewußtseins nicht bildlich, sondern in unmittelbarer Klarheit ausdruͤckt. Wie nun der Mensch in seinem Ursprung zu dieser bewundrungswuͤrdigen Gabe lichter Be- sonnenheit gelangt sei, und wenn dieß nicht all- maͤhlig, sondern mit einemmale geschah, ob es allein aus dem, was wir jetzt seine natuͤrlichen Vermoͤgen nennen, erklaͤrt werden koͤnne, daruͤber wird das folgende Buch wenigstens zum weitern Nachdenken Veranlassung geben, wenn es die Denkart, welche wir, so weit historische Forschung reicht, als die aͤlteste finden, darlegt, um zu er- waͤgen, ob sich etwa unzweideutige Spuren des noch Aeltern und Ersten darin zeigen moͤchten. Fuͤr die Sprache aber ist durchaus uͤberfluͤssig, sie anders als ganz natuͤrlich erklaͤren zu wollen; wenigstens liegt in ihr selbst gar kein Grund zur Voraussetzung einer fremden Beihuͤlfe. Nicht gegen den natuͤrlichen Ursprung der Sprachen streiten wir, sondern nur gegen die urspruͤngli- che Gleichheit derselben, da man behauptet, sie seien anfangs alle gleich wild und roh gewesen; eine Behauptung, die durch so viele der ange- fuͤhrten Thatsachen hinreichend widerlegt wird. Wie der Mensch also zu jener Besonnenheit kam, das ist eine andre Frage; mit derselben aber, mit dem tiefem Gefuͤhl und der Geistes- klarheit, die wir darunter verstehen, ist auch die Sprache gegeben; und zwar eine so schoͤne, kunst- reiche Sprache als die, von der hier die Rede ist. Mit dem hellen Blick fuͤr die natuͤrliche Bedeu- tung der Dinge, mit dem feinen Gefuͤhl fuͤr den urspruͤnglichen Ausdruck aller Laute, welche der Mensch vermoͤge der Sprachwerkzeuge her- vorbringen kann, war ja auch der feine bildende Sinn gegeben, der Buchstaben trennte und einte, die bedeutenden Sylben, den eigentlich geheim- nißvollen und wunderbaren Theil der Sprache, erfand und auffand, bestimmte und biegend ver- aͤnderte, zu einem lebendigen Gewebe, das nun durch innre Kraft weiter fortwuchs und sich bil- dete. Und so entstand dieses schoͤne, einer un- endlichen Entwickelung faͤhige, kunstvolle und doch einfache Gebilde, die Sprache; die Wurzeln und die Structur oder Grammatik, alles beides zu- gleich und vereint, denn beides ging ja aus ei- nem und demselben tiefem Gefuͤhle und hellem Sinne hervor. Ja auch die aͤlteste Schrift war zugleich mit entstanden, die noch nicht sinnbil- derte, wie es spaͤter beim Unterricht wilder Voͤl- ker geschah, sondern aus Zeichen bestand, die dem Wesen der einfachen Sprachbestandtheile nach, dem Gefuͤhl der damaligen Menschen wirklich entsprachen. In welchem Zustande die andern Sprachen, welche die Spuren eines duͤrftigeren und rohe- ren Ursprungs an sich tragen, sich befinden moͤch- ten, wenn sie der huͤlfreichen Einmischung jener schon urspruͤnglich schoͤnen Sprache entbehrt haͤt- ten, dieß zu untersuchen, wuͤrde uns hier zu weit fuͤhren. Genug, daß auch die Sprache wohl durchaus verschieden ausfallen, und eine ganz andre Gestalt annehmen mußte, je nach- dem der Mensch im Lichte der Besonnenheit ein- 5 fach aber seelig wandelte, und in der Fuͤlle des klaren Gefuͤhls und der unmittelbaren Anschau- ung der kuͤnstlicheren Ausbildung seiner Kraͤfte noch leicht entbehrt, oder aber mit einem Zu- stande begann, der wirklich an thierische Dumpf- heit grenzte. Mehre der andern Sprachen schei- nen in der That nicht als ein organisches Kunst- gebilde bedeutender Sylben und fruchtbarer Kei- me, sondern ihrem groͤßern Theile nach wirklich aus mancherlei Schallnachahmungen und Schall- spielen, dem bloßen Geschrei des Gefuͤhls, und endlich den endeiktischen Ausrufungen oder In- terjectionen der Hinweisung und Verdeutlichung entstanden zu sein, wo durch Uebung immer mehr conventionelles Einverstaͤndniß und willkuͤhrliche Bestimmung hinzukam. Daß die indische Sprache aͤlter sei als die griechische und roͤmische, geschweige denn die deut- sche und persische, scheint aus allem angefuͤhrten wohl mit Gewißheit hervor zu gehen. In wel- chem Verhaͤltniß, als die aͤlteste der abgeleiteten, sie aber eigentlich zu der gemeinschaftlichen Ur- sprache stehe; daruͤber wird sich vielleicht dann etwas naͤheres bestimmen lassen, wenn wir die Veda’s in echter Gestalt sammt den alten Woͤr- terbuͤchern daruͤber vor uns haben, welche die betraͤchtliche Verschiedenheit der Sprache in den Veda’s selbst vom Samskrit schon in fruͤhen Zei- ten nothwendig machte. Die Sage vom Ramo, der als Eroberer uͤber wilde Staͤmme im Suͤden dargestellt wird, koͤnnte auf die Vermuthung fuͤh- ren, daß die indische Sprache auch schon in der fruͤhesten Zeit betraͤchtliche fremdartige Einmi- schung von einverleibten Voͤlkerschaften erlitten habe. Der eigentliche Sitz indischer Bildung und Sage ist in dem noͤrdlichen Theile des Lan- des; auf Ceylan finden wir noch jetzt den frem- den Stamm der Cingalesen, der ehedem vielleicht sich weiter erstrecken konnte. Doch spricht die regelmaͤßig einfache Structur und Gleichfoͤrmig- keit der indischen Sprache dafuͤr, daß die Ein- mischung wohl nicht so verschiedenartig und ge- waltsam sein konnte, als die, welche alle uͤbrigen Sprachen der gleichen Gattung erfahren haben. So wie die Sitten und die Verfassung der Indier uͤberhaupt weniger oder doch viel langsamer veraͤndert worden als die andrer Voͤl- ker, so ist dasselbe von ihrer Sprache schon historisch wahrscheinlich, die allzu innig mit der indischen Denkart und Verfassung verwebt ist, als daß willkuͤhrliche Neuerung oder eine be- deutende Umwaͤlzung durch Vernachlaͤssigung so leicht als bei andern Voͤlkern statt finden konn- te. Noch mehr wird dieß bestaͤtigt, wenn man den Bau dieser Sprache selbst betrachtet. Es ist wahr, beinah die ganze indische Sprache ist eine philosophische oder vielmehr religioͤse Terminolo- gie; und vielleicht ist keine Sprache, selbst die griechische nicht ausgenommen, so philosophisch klar und scharf bestimmt als die indische; aber freilich ist es kein veraͤnderliches Combinations- spiel willkuͤhrlicher Abstractionen, sondern ein bleibendes System, wo die einmal geheiligten tiefbedeutenden Ausdruͤcke und Worte sich gegen- seitig erhellen, bestimmen und tragen. Und diese hohe Geistigkeit ist zugleich sehr einfach, nicht durch Bilder den zuvor bloß sinnlichen Aus- druͤcken erst mitgetheilt, sondern in der ersten und eigentlichen Bedeutung selbst der einfachen Grundbestandtheile schon urspruͤnglich gegruͤndet. Von manchem der Art, was zwar ganz klar ist, aber doch keinen andern Sinn zulaͤßt als einen ganz methaphysischen, laͤßt sich das hohe Alter sogar historisch aus dem Gebrauch der Termino- logie, oder etymologisch aus den zusammengesetz- ten Worten nachweisen. Es ist eben auch eine von den ungegruͤndeten Voraussetzungen, daß in der aͤltesten Epoche jeder Sprache kuͤhne Bild- lichkeit und die Fantasie allein herrsche; bei vie- len Sprachen ist es wirklich so, aber nicht bei allen, besonders nicht bei der indischen, die sich zunaͤchst und urspruͤnglich wohl mehr durch phi- losophischen Tiefsinn und ruhige Klarheit aus- zeichnet, als durch poetische Begeisterung und Bilderfuͤlle, so sehr sie auch der ersten faͤhig, und obwohl die letzte in den schmuckreichen Gedichten des Kalidas sogar herrschend ist. Aber diese Poesie gehoͤrt einer ganz spaͤten Epoche der indischen Bildung an; je hoͤher wir bei dem bis jetzt bekannten in das Alterthum hinaufgehen, je schlichter und prosaischer finden wir die Sprache, aber freilich nicht trocken und leblos abstract, sondern durchaus sinnvoll bedeu- tend und schoͤn durch die einfache Klarheit. So ist sie in Monu’s metrisch abgefaßtem Gesetzbuch, wo die groͤßere Alterthuͤmlichkeit und Verschie- denheit von den Puranas schon sehr merklich ist, wenn gleich wohl nicht ganz so stark, als man sie sich nach dem Vergleich des William Jones von dem Verhaͤltniß der Sprache in den Fragmenten der zwoͤlf Tafel-Gesetze zu dem Styl des Cicero denken moͤchte. Bei der wahrschein- lich geringen und langsamen Veraͤnderlichkeit der indischen Sprache immer genug, um einen Zwi- schenraum von mehren Jahrhunderten nothwen- dig annehmen zu muͤssen. Sechstes Kapitel. Von der Verschiedenheit der verwand- ten und von einigen merkwuͤrdigen Mittelsprachen . E s fuͤhrt uns diese Betrachtung uͤber die Ein- mischung und Veraͤnderung, welche auch die in- dische, ungleich mehr noch aber die aus ihr abge- leiteten Sprachen erlitten haben, auf die Frage zuruͤck, welche sich sogleich dem Geiste aufdrin- gen muß, sobald man eingesehen hat, daß die Verwandtschaft dieser Sprachen zu groß sei, um fuͤr zufaͤllig gehalten werden zu koͤnnen, und ei- nen gemeinschaftlichen Ursprung beweise. Woher, wird man fragen, koͤmmt denn die große Ver- schiedenheit dieser Sprachen, wenn sie urspruͤng- lich eins waren? Allerdings darf man diese Ver- schiedenheit nicht nach dem ersten aͤussern Ein- druck beurtheilen, sondern nach derjenigen Aehn- lichkeit, die sich darbietet, wenn man den Blick, durch die aͤußre Huͤlle hindurch dringend, nur auf das Innre und Wesentliche richtet. Wie groß ist nicht die Verschiedenheit des Griechischen und Roͤmischen fuͤr denjenigen, der nur mit einer der beiden Sprachen vertraut, die andre zum er- stenmale kennen lernt? Er glaubt, in eine neue Welt zu treten. Derjenige aber, der nach lan- gem Umgange mit beiden, in das Innre eingeht, und die Sprachen in der Geschichte ihrer Entste- hung und in den einfachsten Bestandtheilen er- greift, so weit Thatsachen und darauf gegruͤndete Forschung reichen moͤgen; urtheilt ganz anders und viel richtiger uͤber die große Uebereinstimmung der beiden Formen, die dann fast nur als sehr entfernte Mundarten, nicht mehr als verschiedne Sprachen, erscheinen. Wenn aber auch die Verwandtschaft nach diesem Maasstabe beurtheilt wird, so duͤrfte doch eine groͤßere Verschiedenheit unter den Sprachen dieses Stamms uͤbrig bleiben, als sich bloß aus der verschiednen Lage und der verschiednen Rich- tung der Geistesentwicklung waͤhrend eines sehr langen Zeitraums erklaͤren laͤßt. Es muß noch etwas andres hinzugenommen werden, was diese Verschiedenheit voͤllig erklaͤrt; etwas, das sich theils grammatisch genau nachweisen laͤßt, theils aber durch historische Begebenheiten erklaͤrt und wahrscheinlich gemacht wird. Es haben alle diese abgeleiteten Sprachen, so wie die Voͤlker selbst, eine mannichfache und zwar zum Theil ganz verschiedne Einmischung des Fremdartigen erfahren. Dieß hat sie noth- wendig unter sich noch mehr entfremden muͤssen. Ich rede nicht bloß von solchen Einmischungen, wie die des Arabischen in der persischen, des Franzoͤsischen in der englischen Sprache, wo die eingedrungnen Worte, weil sie nicht ganz in die grammatische Form der andern Sprache ver- schmelzen, sondern zum Theil ihre eigne behal- ten, sich dadurch gleich als Fremdlinge verra- then; Beispiele uͤbrigens, welche einen sprechen- den Beweis liefern, welche hartnaͤckige Bestand- heit jede urspruͤnglich edle, d. h. organisch ent- standne und gebildete, Sprache hat, und wie schwer sie selbst durch die gewaltsamste Einmi- schung unterdruͤckt werden kann. Wie so ganz deutsch ist noch der Grundcharakter des Englischen, und wie ganz verschieden vom Arabischen ist der des Persischen geblieben! Ich rede auch von sol- chen Einmischungen, die noch aͤlter und selbst der Form nach noch mehr verschmolzen sind, weil sie in eine Zeit trafen, da die Sprache noch jugend- lich, bildsamer, aneignender und produktiver war, und daher dem ersten Blicke nicht so sichtbar sind, als der Analyse. Sie sind oft auch fuͤr Geschichte wich- tig; so wie Geschichte wieder zum Leitfaden die- nen kann, sie an dem rechten Orte zu suchen, und aus der wahren Quelle zu erklaͤren. Fin- den wir nun zum Beispiel im Griechischen weit mehr arabische Wurzeln, als man anfangs glau- ben moͤchte, da die große Verschiedenheit in Structur und Charakter der beiden Sprachen diese Uebereinstimmung dem ersten Blicke sehr verhuͤllt, so ist dieß nicht mehr als sich ohnehin erwarten ließ, nach dem vielfachen Verkehr der Griechen und Phoͤnicier. Im Roͤmischen muͤßte man, der Geschichte von den aͤltesten Bewohnern Italiens zu Folge, mehr Einmischung von celti- schen und cantabrischen Wurzeln vermuthen. Die nahe Verwandtschaft des Deutschen mit dem Persischen zeigt deutlich, wo sich dieser Zweig von dem Stamme absonderte; und die betraͤcht- liche Anzahl von Wurzeln, welche die deutsche Sprache mit der tuͤrkischen gemein hat, kann selbst den Weg der Einwanderung mit bezeichnen helfen, der sich, wie noch durch manche andre Gruͤnde fast zur historischen Gewißheit wird, laͤngst dem Gihon und an der Nordseite des caspischen Meeres und des Kaukasus immer weiter nach Nordwesten zog. Kaum wird man uͤbrigens eine der Lage und der Beschaffenheit nach auch noch so entfernte Sprache nennen koͤnnen, in der sich nicht einige deutsche Wurzeln faͤnden: wie Jarē , das Jahr — im Zend und Mantchou; Laygan , span. poner, legen in der Tagalasprache auf den philippinischen Inseln; rangio , uͤbelriechend, im Japanischen — ranzig , auch einige wenige in der peruanischen Sprache. Dieses ist aus dem Durchzuge und Aufenthalte der germanischen Staͤmme in denjenigen Strichen Nord- und West- Asiens zu erklaͤren, die von jeher der Sammel- platz der Voͤlker, und die Buͤhne ihrer Wande- rungen waren. Wir beschraͤnken uns in diesem Buche allein auf die Sprache und das, was sich bloß aus die- ser erklaͤren laͤßt. Was sich weiter von historischen Thatsachen und Wahrscheinlichkeiten anfuͤhren liesse, um die wunderbare Uebereinstimmung so weit entlegner durch große Laͤnderstrecken und Meere getrennter Sprachen begreiflich und die aͤltesten Wanderungen der Voͤlker deutlich zu ma- chen, bleibt fuͤr das dritte Buch verspart. Aber in dem Gebiet der Sprache selbst findet sich noch vieles, wodurch der große Zwischenraum ausge- fuͤllt wird und enger zusammen ruͤckt, oder doch Punkte des Uebergangs gegeben werden. Ich rede nicht von jenen einzelnen Spuren des Deut- schen, die in der Krimm, am Kaukasus und cas- pischen Meere gefunden wurden, noch auch uͤber- haupt von so manchen, obgleich geringen, doch allerdings sehr merkwuͤrdigen Ueberbleibseln sonst verlohrner Sprachen; sondern von noch jetzt be- stehenden und bluͤhenden Hauptsprachen und gan- zen Sprachfamilien, die durch ihre gemischte Be- schaffenheit und ihre Lage unter den Voͤlkern den Zwischenraum zwischen der indischen und persischen Sprache auf der einen, der germanischen, grie- chischen und roͤmischen auf der andern Seite ausfuͤllen und einnehmen. Die erste Stelle unter diesen verdient un- streitig die armenische, in der man nicht nur roͤ- mische und griechische, persische und deutsche Wurzeln genug findet, und zwar solche, die zu den ersten und wesentlichsten Sprachbestandthei- len gehoͤren; wie die Zahlen, Pronomina, Par- tikeln oder die nothwendigsten Zeitwoͤrter. Um nur einige seltnere und besonders merkwuͤrdige anzufuͤhren: kan , die lateinische Conjunction quam; mi , eins — verwandt mit dem Griechi- schen μια; hingh , fuͤnf — quinque, ciurch — circa; ham , das griechische ἁμα, praefigirt wie συμ und con; die negative Partikel mi , griechisch μη; praefigirt werden im gleichen Sinne an und ab , wie α und ab , a im Lateinischen, un im Deutschen; aminajim , das lateinische omnis. Ferner einige Zeitwoͤrter: lusauorim , ich leuchte — luceo; luzzim , ich loͤse — λυω; uranam , ich leugne — αρνεομαι; zairanam , ich zuͤrne; arnum , ich nehme — αρνυμι; te- nim , ich setze — θειναι; Adim , ich hasse — odium; udim , ich esse — edo; garodim , ich habe Mangel — careo; Lnum , ich fuͤlle an — plenus; dam , ich gebe — do; im , ich bin — Englisch J am: pirim , ich trage — fero und ; porim , ich grabe — bohre; kam , ich komme — ich kam , und viele andre besonders auch persische Wurzeln. Oft sind es unverkennbar dieselben, nur daß sie etwas haͤrter lauten, was vielleicht nicht bloß als allgemeine Eigenthuͤmlichkeit aller gebirgigten Mundarten zu erklaͤren ist, sondern auf hoͤheres Alter deutet. Wichtiger noch aber sind die Uebereinstimmungen in der Structur; zum Beispiel luanam — lavo, luanas — lavas, luanan — lavant; das Futurum wird gebildet durch ziz — szis — sze ; also derselbe Hauptlaut, wie im Indischen und Griechischen. Einige Participia in al stimmen dagegen mehr mit den slavischen Sprachen uͤber- ein, so wie die dritte Person des Singularis luanay , lavat. Die Conjugation wird groͤßten- theils durch Flexion gebildet, zum Theil jedoch auch durch Huͤlfsverba. Gewiß ist das Armenische ein merkwuͤrdiges Mittelglied, und kann uͤber die Entstehung und Geschichte der asiatischen und europaͤischen Spra- chen manchen Aufschluß geben. Ob nicht dasselbe auch von der Georgianischen Sprache gilt, fehlt es mir an Huͤlfsmitteln zu entscheiden. Um uͤber das Zend und Pehlvi etwas bestimmtes festzuse- tzen, fehlt es grade an dem wichtigsten, einer ausfuͤhrlichen Grammatik nehmlich. Die Decli- nation im Zend hat viel Aehnlichkeit mit der geor- gianischen; das Pehlvi kennt den persischen Casus obliquus in ra , mehre persische Endungen der Substantive und Adjective in man u. s. w.; auch der eine Infinitiv in atan koͤnnte mit dem persi- schen in verglichen werden. Dieß wenige aber, alles was bis jetzt geliefert ward, ist freilich noch sehr unzureichend. Im Arabischen und He- braͤischen findet sich nichts mit der indischen Gram- matik uͤbereinstimmendes, als etwa die weibliche Endung in a und i, und das Pronomen , , indisch soh , gothisch sa , wovon noch das altdeutsche so . In den gemeinschaftlichen Wur- zeln aber duͤrften auch diese Sprachen Spuren die Menge enthalten von dem Gange und der Mischung der Voͤlker in den aͤltesten Zeiten. Wichtig waͤre es genau zu bestimmen, in wie weit die hebraͤische Sprache an solchen der andern Hauptgattung gemeinschaftlichen Wurzeln einen groͤßern Vorrath hat als das Arabische; im Phoͤnicischen war vielleicht die Annaͤherung noch staͤrker. Die naͤchste Stelle nach der armenischen, in Ruͤcksicht der immer noch sichtbaren obgleich ent- fernteren Verwandtschaft, nimmt unstreitig die große Familie der so weit verbreiteten slavischen Sprachen ein. Es ist nicht allein noch sehr viel Flexion in der Grammatik, sondern in ei- nigen wenigen Faͤllen stimmt selbst das Kenn- zeichen der Biegung mit den uͤbrigen verwand- ten Sprachen uͤberein, wie in der ersten und zweiten Person des Praͤsens im Singularis und Pluralis. Bei sehr unvollkommnen Huͤlfsmit- teln in diesem Fache sind mir doch mehre indische Wurzeln in slavischen Sprachen vorgekommen, und zwar auch solche, die in keiner andern der abge- leiteten Sprachen sich finden. Es muͤßte vor allem durch ein vergleichendes Woͤrterbuch und Sprachlehre deutlich gemacht werden, in welchem Verhaͤltniß die verschiedenen slavischen Mundar- ten zu einander stehen, und welche derselben fuͤr die aͤlteste und reinste gehalten werden darf, da- mit man diese bei der Beurtheilung zum Grun- de lege; ein Verfahren, das jederzeit beobachtet werden muß, wenn man einer ganzen Familie von Sprachen ihr Verhaͤltniß zu den uͤbrigen anweisen will. Ob die celtische Sprache auf einen gleichen Nang der Annaͤherung an den edlern Stamm wie die slavischen, Anspruch machen duͤrfe, ge- traue ich mir nicht zu behaupten. Die gemein- schaftlichen Wurzeln allein beweisen nur Mi- schung, von der diese Sprache ohnehin alle Kennzeichen an sich traͤgt. Die Zahlworte al- lein sind auch nicht entscheidend; sind ja doch im Koptischen zugleich die griechischen und an- dre eigenthuͤmliche, vermuthlich altaͤgyptische, im Gebrauch. In der bretagnischen Nach Le Brigant und Pinkerton; Shaw’s, Smith’s, Vallancey’s und andrer Werke entbehrte ich. — Ausserdem fehlte es mir auch für einige andre Sprachen an zureichenden Hülfsmitteln; ausser den schon angeführten Fällen noch an dem Hauptwerk über die nord- asiatischen Sprachen, den neuesten und vollständigsten Be- Mundart 6 wird durch Praͤpositionen declinirt; in der rei- neren ersischen aber ist die Declination ganz an- ders und wird sonderbar genug durch Veraͤnde- rung des Anfangsbuchstabens des Wortes ge- bildet, der sich auch nach den praͤsigirten Parti- keln, welche die Personalbeziehung bedeuten, rich- tet; z. B. mac — der Sohn, mhic (sprich wic ) — des Sohns; pen — der Kopf, i ben sein Kopf, i phen — ihr Kopf, y’m mhen — mein Kopf. Eine Eigenthuͤmlichkeit, die etwas aͤhnliches hat mit der Art, wie die Partikeln der Personalbeziehung mit dem praͤfi- girten Artikel und dem Worte selbst im Kopti- schen zusammenschmelzen; Pos — der Herr, Paos — mein Herr, Pekas — dein Herr, Pefos — sein Herr, Pesos — ihr Herr, arbeitungen der koptischen und armenischen Sprache u. s. w. Ich hoffe um so eher bei Kennern solcher Untersuchungen Nachsicht deshalb zu finden, da sie am besten wissen, wie wenig auch große Bibliotheken durchaus vollständig in die- sem Fache zu sein pflegen; da sie andrerseits doch auch hier im Einzelnen manches noch nicht bekannte werden gefun- den haben. Penos — unser Herr, Naos — meine Her- ren, Nekos — deine Herren u. s. w. Die celtische Conjugation in der bretagnischen Mund- art wird durch ein Huͤlfswort gebildet; da aber in mehren Faͤllen die Zusammensetzung mit dem Suffixum sich noch ganz unverschmolzen und un- verkennbar zeigt, wie eomp — wir gehen, ejomp — wir gingen, effomp — wir werden gehen, von omp — wir: so fuͤhrt uns diese Analogie auf den andern Hauptstamm der Spra- chen, wozu auch die baskische gehoͤrt, mit der die celtische jedoch nicht mehr gemein hat, als was durch Mischung erklaͤrt werden moͤchte. Fuͤr die- sen Mischcharakter der celtischen Sprache duͤrfte auch die sonderbare Eigenheit sprechen, daß es nicht weniger als vier Woͤrter in der bretagni- schen Mundart giebt, welche Ich bedeuten; anon — koptisch anok, on — indisch ohon, in und me . Wie sehr diejenigen irren, welche das Volk und die Sprache der Celten und der Germanen fuͤr eins oder auch nur fuͤr nah ver- wandt halten wollen, indem sie Spuren der Mischung besonders in der bretagnischen Mund- art fuͤr Beweise der Gleichheit nehmen, ist wohl kaum noͤthig, weiter zu erwaͤhnen. Selbst in solchen Sprachen, die am weite- sten von der Familie der indischen, griechischen und germanischen entfernt liegen, findet man leicht noch irgend eine geringe Uebereinstimmung, wie die Endung der Adjective im Baskischen auf ezco , die im Spanischen nur selten vorkoͤmmt, der deutschen auf isch , der griechischen in ικος gleicht. Die alten Voͤlker sind durch Wande- rung, Kolonien, Krieg und Handel zu sehr durch einander geworfen, als daß sich nicht solche ganz einzelne Spuren fast uͤberall finden sollten. Ich wuͤrde uͤberhaupt den Leser zu ermuͤden und zu verwirren fuͤrchten, wenn ich alles, was gesammelt und vorgearbeitet war, mittheilen woll- te. Genug, wenn hier nur in das Ganze Ord- nung gebracht und befriedigend angezeigt ist, nach welchen Grundsaͤtzen etwa eine vergleichende Grammatik und ein durchaus historischer Stamm- baum, eine wahre Entstehungsgeschichte der Spra- che, statt der ehemaligen erdichteten Theorieen vom Ursprunge derselben, zu entwerfen waͤre. Das hier gesagte wird wenigstens hinreichend sein, um die Wichtigkeit des indischen Studiums, auch schon bloß von Seiten der Sprache betrach- tet, zu beweisen; im folgenden Buche wollen wir es nun im Verhaͤltniß zur Geschichte des orien- talischen Geistes betrachten. Ich schliesse mit einem Ruͤckblicke auf Wil- liam Jones , der durch die aufgezeigte Ver- wandtschaft und Abstammung des Roͤmischen, Griechischen, Deutschen und Persischen aus dem Indischen zuerst Licht in die Sprachkunde, und dadurch in die aͤlteste Voͤlkergeschichte gebracht hat, wo bisher alles dunkel und verworren war. Wenn er aber die Verwandtschaft noch auf ei- nige andre Faͤlle, wo sie doch ungleich geringer ist, ausdehnen, ferner die unbestimmbar große Menge der Sprache auf die drei Hauptzweige der indischen, arabischen und tatarischen Familie zuruͤckfuͤhren, und endlich, nachdem er selbst zuerst die totale Verschiedenheit des Arabischen und Indischen so schoͤn festgestellt hat, zuletzt doch bloß der Einheit zu Liebe alles aus einem ge- meinschaftlichen Urquell herleiten will; so haben wir dem vortrefflichen Manne in diesen Stuͤcken nicht folgen koͤnnen, worin uns, wer die gegen- waͤrtige Abhandlung aufmerksam pruͤfen will, unstreitig beistimmen wird. Zweites Buch. Von der Philosophie . Erstes Kapitel. Vorlaͤufige Bemerkungen . E s ist eine fast allgemein angenommene Mei- nung, daß der Mensch von einem Zustand ganz thierischer Dumpfheit angefangen, durch Noth von einer Anstrengung zur andern weiter getrie- ben, unter mancherlei aͤussern Veranlassungen und Anregungen, sich erst ganz allmaͤhlig zu eini- ger Vernunft empor gearbeitet habe. Wenn man aber auch keine Ruͤcksicht darauf nimmt, wie sehr diese Ansicht aller gesunden Philosophie widerstrei- tet, so muß man doch gestehen, daß sie durch die aͤlteste Geschichte durchaus nicht bestaͤtigt, son- dern vielmehr vor derselben als eine willkuͤhrlich erdichtete Meinung erfunden wird, und ver- schwindet. Auch ohne die Mosaische Urkunde, welche wir fuͤr jetzt bei Seite setzen, um im dritten Buch darauf zuruͤck zu kommen, zeigen die mei- sten und aͤltesten andern asiatischen Denkmale und geschichtliche Thatsachen einstimmig darauf hin, daß der Mensch seine irdische Laufbahn nicht ohne Gott angefangen habe. Besonders von Indien her zeigen sich sehr merkwuͤrdige und unerwartete Aufschluͤsse uͤber den Gang der menschlichen Denk- art in den aͤltesten Zeiten. Einiges ist schon aus dem Wenigen klar, was wir bis jetzt haben, und noch weit mehr laͤßt sich erwarten. Nachdem wir im ersten Buche die Sprache der Indier in ihrem Verhaͤltniß zu den uͤbrigen merkwuͤrdigsten asiatischen und europaͤischen Spra- chen betrachtet haben, so waͤre es vielleicht in der Ordnung in diesem zweiten Buche von der indischen Mythologie, als der Quelle so mancher andern, zu handeln; und allerdings wuͤrden wir, ohne auf einzelne oft taͤuschende Aehnlichkeiten so sehr einzugehen, als es bisweilen in den Schriften der calcutischen Gesellschaft geschehen ist, auch hier zeigen koͤnnen, daß es wie in der Sprache, so auch in der Mythologie eine innere Structur giebt, ein Grundgewebe, dessen Aehn- lichkeit bei aller sonstigen aͤussern Verschiedenheit der Entwicklung, doch noch auf einen verwand- ten Ursprung hindeutet. Es fehlt auch hier nicht an sehr uͤberraschenden, und gewiß nicht blos zufaͤlligen Uebereinstimmungen. Doch wird hier eine fast noch strengere Vorsicht erfordert, als bei der Sprache, denn die Mythologie ist in ihren Einzelnheiten noch schwankender und schwe- bender, und der fluͤchtige zarte Geist oft noch schwerer zu ergreifen, als in der Sprache. My- thologie ist das verflochtenste Gebilde des mensch- lichen Geistes; unendlich reich, aber auch hoͤchst veraͤnderlich in seiner Bedeutung, die doch allein das Wesentliche ist; darum muß alles und jedes in seiner ganzen Eigenthuͤmlichkeit nach Zeit und Ort aufgegriffen werden, und selbst die geringste Verschiedenheit ist hier wichtig. Die griechische und roͤmische Mythologie z. B. sind wir gewohnt, wo es nicht auf historische Genauigkeit ankommt, fuͤr dieselbe anzunehmen und gelten zu lassen; wie groß aber die Verschiedenheit sei, ist den- jenigen bekannt, welche in die aͤltern Zeiten bei- der Voͤlker zuruͤckgegangen sind, so daß man gewiß sehr Unrecht haͤtte, Venus und Aphrodite, Mavors und Ares u. s. w. fuͤr eine und dieselbe Gottheit zu halten. Aber auch von einer helle- nischen Stadt zur andern, welch ein Unterschied! zwischen Korinth und Athen, oder zwischen Do- riern in Sparta und Sicilien! Das Bild, ein- zelne Zuͤge der Geschichte, der Nahme selbst ei- ner Gottheit, ist oft weit verbreitet, erhaͤlt sich zum Erstaunen lange, sogar bei getrennten Voͤl- kern; aber der Sinn, die Bedeutung ist doch eigentlich allein wesentlich, und wie gestaltet sich diese fast immer und uͤberall anders? Daher ge- hoͤrt wenigstens ein sehr großer Vorrath von Thatsachen und Quellen dazu, um das einzige zu versuchen, was hier Aufschluß geben kann, eine ausfuͤhrliche Darstellung des Ganzen nehm- lich, nach allen seinen Einzelnheiten, nach den Abstufungen der innern Entwicklung und aͤussern Einmischung bis auf jede Spur allmaͤhliger Ver- aͤnderung. Um dies fuͤr die indische Mythologie leisten zu koͤnnen, sind unsre Huͤlfsmittel durch- aus noch nicht vollstaͤndig genug. Wir verlassen also hier den vergleichenden Weg des ersten Buchs, und geben statt einer vergleichenden Analyse der Mythologieen, wozu es noch zu fruͤh ist, lieber etwas, was allen Un- tersuchungen der Art zur sichern Grundlage die- nen kann; eine Darstellung der orientalischen Denkart nehmlich, nach ihren wichtigsten Stufen und Verschiedenheiten. Freilich bleibt auch hier im Einzelnen noch vieles zu wuͤnschen uͤbrig, doch ist das, was wir schon jetzt haben, zureichend, um sich einen Begriff des Ganzen zu bilden, wenn man es nur versteht, sich in die alte Denkart zu versetzen; es ordnen sich die Thatsachen, wenn sie nur rein aufgefaßt werden, von selbst zur voll- kommnen Deutlichkeit. Als eben so viel Epochen der orientalischen Denkart betrachte man die einzelnen Theile der folgenden Darstellung, nicht als philosophische Sy- steme; denn wiewohl alle diese Denkarten wo nicht gleich, so doch spaͤter auch systematisch dar- gestellt worden sind, so waren sie doch urspruͤng- lich alle mehr als bloß Philosophie. Gesondert haben wir diese Denkarten, weil sie wirklich ge- sondert sind, ihrem Geiste und auch der Geschichte nach; wie sich eine Denkart aus der andern durch allmaͤhlige Uebergaͤnge entwickelt habe, oder durch den Gegensatz an sie schliesse, wird im Einzelnen angezeigt werden. Bei jeder Epoche bemerken wir, was von indischer Mythologie oder Philo- sophie zu dieser gehoͤrt, die der andern asiati- schen Nationen nur da hinzunehmend, wo es zur Deutlichkeit oder Vollstaͤndigkeit des Ganzen beitragen kann. Zweites Kapitel. System der Seelenwandrung und Emanation . U nter allen Philosophieen oder Religionen, wel- che Asien als ihr Vaterland erkennen, ist keine so zuverlaͤßig indischen Ursprungs, keine, mit Aus- schluß der mosaischen Urkunde, aͤlter als das Sy- stem der Emanation und Seelenwandrung. Das Wesentliche desselben wird im ersten Buche der Gesetze Monu’s vorgetragen, einem Denkmale, dem keine gesunde Kritik ein geringeres Alter an- weisen wird, als dem aͤltesten, was die westlich europaͤische Welt irgend aufzuweisen hat. Seit Jahrtausenden, wie noch heute, ist es die Grund- lage der indischen Verfassung und Gesetzgebung, man kann sagen des indischen Lebens, und eben so unverkennbar das Grundgewebe indischer Sage und Mythologie, der herrschende Geist dersel- ben. Naͤhern Aufschluß als die Gesetze des Monu geben, darf man ausser den Veda’s viel- leicht von der aͤltesten indischen Philosophie er- warten, welche Mimanso genannt wird, und vom Joimini , dem Verfasser des Samoved , gestiftet ward. Wie genau und nothwendig Emanation, wenn sie nur in dem urspruͤnglichen und aͤltesten Sinn genommen wird, mit Metempsychose zu- sammenhaͤnge, werden wir sogleich deutlich ma- chen. Nur muß man freilich den Gedanken an alles dasjenige entfernen, was bei Chaldaͤern oder Griechen in spaͤtern Zeiten Emanation hieß, da kein System mehr in seiner urspruͤnglichen Reinheit vorgetragen, sondern eine aus allen zusammengeflossene Mischung mit dem unbestimm- ten Namen der orientalischen Philosophie be- zeichnet ward. Besonders darf man das System der Emanation nicht mit dem Pantheismus ver- wechseln. Demjenigen, der bloß an die dialekti- sche Form der juͤngern europaͤischen Philosophie gewohnt ist, erscheint zwar die groͤßere Kuͤhnheit und Fantasie jedes orientalischen Systems leicht pantheistisch, und allerdings finden sich der Ver- bindungen in spaͤtern Zeiten genug. Der ur- spruͤngliche Unterschied ist jedoch sehr wesentlich; denn es wird die Individualitaͤt in der alten indischen Lehre keinesweges aufgehoben und ge- laͤugnet. Auch ist die Ruͤckkehr der einzelnen Wesen in die Gottheit denselben nur moͤglich, nicht nothwendig, das beharrlich Boͤse bleibt ewig getrennt und verworfen; oder, wenn wir uns eines scheinbar neueren theologischen Aus- drucks, der aber dem alten Begriff ganz ange- messen ist, bedienen duͤrfen: die Ewigkeit der Hoͤllenstrafen ist mit dem System der Emanation keinesweges unvereinbar, macht vielmehr einen wesentlichen Bestandtheil desselben aus. In Be- ziehung auf das Gute und Boͤse kann keine groͤ- ßere Verschiedenheit Statt finden, als zwischen diesem System und dem Pantheismus. Der Pantheismus lehrt, daß alles gut sey, denn alles sey nur eines, und jeder Anschein von dem, was wir Unrecht oder Schlecht nennen, nur eine leere Taͤuschung. Daher der zerstoͤrende Einfluß dessel- ben auf das Leben, indem, man mag sich nun in den Ausdruͤcken auch drehen, und an den durch die Stimme des Gewissens uͤberall hervor- 7 tretenden Glauben anschliessen wie man will, im Grunde doch, wenn man dem verderblichen Prin- cip nur getreu bleibt, die Handlungen des Men- schen fuͤr gleichguͤltig, und der ewige Unterschied zwischen Gut und Boͤse, zwischen Recht und Un- recht, ganz aufgehoben, und fuͤr nichtig erklaͤrt werden muß. Ganz anders in dem System der Emanation, wo vielmehr alles Dasein fuͤr un- seelig, und die Welt selbst fuͤr im Innersten ver- derbt und boͤse gehalten wird, weil es doch alles nichts ist, als ein trauriges Herabsinken von der vollkommnen Seeligkeit des goͤttlichen Wesens. Auf dialektische Weise gegen die philosophi- sche Richtigkeit dieses Systems zu streiten, duͤrfte sich nicht der Muͤhe verlohnen; denn auf Gruͤn- den der Art, auf Demonstrationen, beruht es nicht, hat vielmehr ganz die Form willkuͤhrlicher Erdichtung, so gut wie andre bloß dichterische Kosmogonien. Ein System kann es aber doch wohl genannt werden, denn es ist tiefer Zusam- menhang darin, und diesem verdankt es vielleicht einen Theil der Gewißheit, die es fuͤr seine An- haͤnger seit Jahrtausenden mit sich fuͤhrt, noch mehr der uralten Ueberlieferung und dem angeb- lich goͤttlichen Ursprung. Und wohl lohnt es sich der Muͤhe, es zu verstehen, waͤre es auch nur, weil es die aͤlteste Denkart des menschlichen Geistes ist, die wir historisch kennen, und die auf die ganze nachfolgende Entwickelung und Geschichte desselben einen unuͤbersehlichen Einfluß gehabt hat. Um es zu verstehen, muß man aber vor allem das Gefuͤhl ergriffen haben, welches ihm zum Grunde liegt. Nachdem Monu die Erschaffung aller Naturkraͤfte, der lebendigen Wesen, Thiere und Gewaͤchse besungen hat, die als eben so viele ein- gehuͤllte Geister gedacht werden, schließt er mit der allgemeinen Betrachtung: Von vielgestaltigem Dunkel umkleidet, ihrer Thaten Lohn, Endes bewußt sind diese all, mit Freud’ und Leid- gefuͤhl begabt. So in Finsterniß gebunden, und doch innig ge- fuͤhlvoll, des Todes und ihrer Schuld sich bewußt, wandeln sie auf der Bahn, die der Schoͤpfer ihnen von Anfang bestimmte, dem unausweich- lichen Ziele entgegen. Diesem Ziel nach nun wandeln sie, aus Gott kom- mend, bis zur Pflanz’ herab, In des Seins schrecklicher Welt hier, die stets hin zum Verderben sinkt. In diesen Worten ist gleichsam die Seele des ganzen Systems ausgesprochen, das herrschende Grundgefuͤhl desselben. Was die Dichter der Alten in einzelnen Spruͤchen von dem Ungluͤck des Daseins singen, jene traurigen Strahlen einer durchaus furchtbaren Welt-Ansicht, die sie in tiefbedeutenden Trauerspielen aus dem Gedan- ken eines dunkeln Schicksals uͤber die Sagen und Geschichten von Goͤttern und Menschen verbrei- ten, sammle man sich in Ein Bild und allumfas- sendes Ganzes, und verwandle das voruͤbergehen- de dichterische Spiel in bleibenden ewigen Ernst, so wird man am besten das Eigenthuͤmliche der alten indischen Ansicht aufgefaßt haben. Daher die Lehre von den vier Zeitaltern, deren das folgende immer in einem bestimmten Verhaͤltniß unvollkommner und unseeliger war, als das vorhergehende, bis auf das gegenwaͤrtige vierte Zeitalter vollendeten Elends. Auf aͤhnliche Weise wird oft auch die Abstufung der vier Staͤn- de, als ein immer tieferes Herabsinken zur irdi- schen Unvollkommenheit geschildert. Daher auch die Lehre von den drei Welten, Troilokyon , oder drei Grundkraͤften, Troigunyon , deren die erste wahrhaft, sotwo , die andre taͤuschend und im Schein glaͤnzend, rojo , und die dritte und letzte dunkel, tomo , ist. Auch in den Emanationen selbst herrscht das gleiche Gesetz steter Verschlimmerung, sie moͤgen nun geistiger Art oder auch aͤussere Naturkraͤfte sein. Aus dem Selbst des unendlichen Wesens laͤßt Monu den Geist hervorgehen; aus dem Geist die Ichheit ; denn der Geist ist der zweite Schoͤpfer, und auch Monu (nah verwandt mit monoh ) erschafft alle einzelne Wesen, nachdem Brohma selbst zuvor die allgemeinen Grundkraͤfte des Geistes und der Natur hervorgebracht hat. Auch die Elemente laͤßt Bhrigu, in der nachfol- genden Erklaͤrung aus dem Geiste, und eines aus dem andern in der Ordnung hervorgehen, wie man sich ihre Feinheit und Vollkommenheit damals dachte. Dieses Gesetz steter Verschlim- merung und steten Verderbens, und jene un- endliche Betruͤbniß im Gefuͤhl der Schuld und des Todes, sind der Geist jenes Systems. Die Stufen oder Grundkraͤfte der Emanation sind in verschiedenen Darstellungen verschieden, da die Willkuͤhr der Dichtung sich hierin nicht so eng beschraͤnken laͤßt. Unter den Gottheiten der indischen Fabel ist es Brohma , der diesem Systeme oder die- sem Ideenkreise insbesondere angehoͤrt. Brohma ist, so wie in Monu’s Gesetzbuch von ihm gere- det wird, der ewige Geist, das unendliche Ich, Koͤnig und Herr der Wesen, und wie er auch in spaͤtern Schriften vorzugsweise genennt wird, Vater und Ahnherr des Weltalls. Er ist der ewig Unbegreifliche, der allein Selbststaͤndige, der eigentliche Er , oder Gott selber. In spaͤtern Schriften wird dasselbe auf den Sivoh und Vischnu, von den besondern Anhaͤngern dieser Gottheiten angewandt; in Monu’s Gesetzbuch nimmt Brohma die erste Stelle ein; die be- schraͤnktere Deutung dieser Gottheit als Element der Erde, ist also fuͤr spaͤter zu halten. Wir koͤnnen in der That, so sehr auch alles mit willkuͤhrlichen Dichtungen und ganz groben Irrthuͤmern uͤberladen sein mag, wie sehr auch ein Aberglauben von zum Theil schrecklicher und furchtbarer Art, alles entweihend und vergif- tend, durch das ganze System ihrer Denkart und ihres Lebens fort hinschleicht; wir koͤnnen, sage ich, den alten Indiern die Erkenntniß des wahren Gottes nicht fuͤglich absprechen, da alle ihre alten Schriften voll sind von Spruͤchen und Ausdruͤcken, die so wuͤrdig, klar, und er- haben, so tiefsinnig und sorgfaͤltig unterscheidend und bedeutend sind, als menschliche Sprache nur uͤberhaupt von Gott zu reden vermag. Wie kommt nun so hohe Weisheit zusammen mit der Fuͤlle des Irrthums? Was aber noch mehr Erstaunen erregen muß, als die reinsten Begriffe von der Gottheit in dem aͤltesten System des Aberglaubens zu finden, ist der damit verbundene Glaube an die Unsterblichkeit der Seele, der nicht bloße Wahr- scheinlichkeit war, durch langes Nachdenken all- maͤhlig gefunden, oder ferne Dichtung von einer unbestimmten Schattenwelt, sondern feste und klare Gewißheit, so daß der Gedanke des andern Lebens herrschender Bestimmungsgrund aller Handlungen in diesem ward. Ziel und Seele der ganzen Verfassung, aller Gesetze und Ein- richtungen, bis auf die geringsten Gebraͤuche. Dieß letzte, ich will nicht sagen auf eine be- friedigende, sondern nur auf eine verstaͤndliche Weise, durch allmaͤhlige Entwicklung aus jener thierischen Dumpfheit zu erklaͤren, wovon, nach der allgemeinen Voraussetzung, der menschliche Geist ausging, duͤrfte wohl durchaus unmoͤglich seyn. Den tiefverborgenen Grund aufzuhuͤllen, warum diese klare und gewisse Ueberzeugung von der Unsterblichkeit mit der Erkenntniß des wah- ren Gottes unmittelbar verbunden war, ist hier der Ort nicht. Ich will nur die Frage aufwer- fen, ob das gewoͤhnliche Verfahren derjenigen wohl das rechte sein koͤnne, welche den Begriff der Gottheit und den Beweis ihres Daseins aus Vernunftschluͤssen, Wahrscheinlichkeiten der aͤussern Natur und innern Beduͤrfnissen oder Hindeutungen zusammensetzen; da wir doch Gott schon erkannt haben muͤssen, um seine Spuren in der Natur und im Bewußtsein wieder zu finden, und da auf diese Weise der erhabene Begriff seiner Einfachheit und damit seiner gan- zen Wuͤrde beraubt wird? Von denjenigen rede ich hier nicht, welche den Begriff der Gottheit aus der Ichheit oder dem Gesetz der Vernunft hervorgehen lassen wollen; sie duͤrften wohl et- was ganz anders an die Stelle desjenigen setzen, dessen Begriff sie verlohren haben. Mit einem Worte: als natuͤrliche Entwicklung der Vernunft betrachtet, ist das indische System der Emana- tion durchaus unerklaͤrlich; als misverstandene Offenbarung, ist alles darin ganz begreiflich. So haͤtten wir also schon in der blos geschicht- lichen Ansicht hinreichenden Anlaß zu vermuthen und vorauszusetzen, was vielleicht andre und hoͤhere Gruͤnde uns als gewiß anzunehmen be- wegen muͤssen; daß derselbe, der den Menschen so herrlich begabt und gebildet hatte, dem Neu- geschaffenen einen Blick in die unendliche Tiefe seines Wesens vergoͤnnt und ihn dadurch aus der Kette der sterblichen Wesen fuͤr immer empor geruͤckt, und mit der unsichtbaren Welt in Ver- bindung gesetzt habe, ihm das hohe aber gefaͤhr- liche Geschenk ewigen Gluͤcks oder Ungluͤcks verleihend. Nicht als Unterricht des Vaters in Bild und ausdruͤcklichem Wort denke man sich diese urspruͤngliche Offenbarung, wiewohl auch dies kein ganz leeres und unwuͤrdiges Gleichniß waͤre; sondern als ein Aufgehen des innern Gefuͤhls. Wo das Gefuͤhl des Wahren einmal da ist, da finden sich die Worte und Zeichen leicht ohne weitere Mithuͤlfe, um so edler und bedeutender, je tiefer und groͤßer das Gefuͤhl ist. Wie aber konnte denn goͤttlich mitgetheilte Wahrheit mis- verstanden werden? Nicht anders; ohne alle Offenbarung wuͤrde der Mensch wohl noch in der Reihe der Thiere stehen, vielleicht als das erste, vielleicht auch als das innerlich wildeste und unseeligste; ohne freien Gebrauch und eignes Verstaͤndniß der goͤttlichen Wahrheit waͤre er zum blinden Werkzeug erniedrigt worden. Und eben diesen aͤltesten Irrthum, der aus dem Mis- brauch des goͤttlichen Geschenks, aus der Ver- dunklung und Misdeutung der goͤttlichen Weis- heit entstand, finden wir in den indischen Ur- kunden, werden dies immer deutlicher und beleh- render finden, je mehr wir das gebildetste und weiseste Volk des Alterthums kennen lernen. Es ist das erste System, das an die Stelle der Wahrheit trat; wilde Erdichtungen und grober Irrthum, aber uͤberall noch Spuren der goͤttli- chen Wahrheit und der Ausdruck jenes Schrek- kens und jener Betruͤbniß, die der erste Abfall von Gott zur Folge haben mußte. Daß die Fantasie den Widerspruch und Zwi- schenraum zwischen dem Gedanken des vollkomm- nen Wesens und dem Anblick der unvollkomm- nen aͤussern Welt kaum auf eine leichtere und natuͤrlichere Art ausfuͤllen konnte, als durch die Ansicht der Emanation, wird jeder gern zugeben. Sie ist nicht nur Wurzel des aͤltesten und allge- meinsten Aberglaubens, sondern auch eine reiche Quelle der Dichtung geworden. Alles ist dieser Ansicht gemaͤß ein Ausfluß der Gottheit, jedes Wesen selbst ein nur beschraͤnkter, gebundner, verdunkelter Gott; alles also beseelt und belebt, alles voll Goͤtter; Hylozoismus, und nicht blos Polytheismus, sondern wenn man so sagen darf, Allgoͤtterei, wie denn in der That die Menge der indischen Goͤtter zahllos ist. Die unendliche, keinesweges angebildete sondern urspruͤngliche Fuͤlle der Dichtung ist es, was eine Mythologie, die aus dieser fruchtbaren Quelle hervorgeht, von den duͤrftigen Vorstellungen von Geistern der Verstorbenen bei denen Voͤlkern unterschei- det, die weniger gebildet, oder um es bestimmter auszudruͤcken, die weiter von dem Strome alter Sagen und Ueberlieferung entfernt waren; wie- wohl noch keines gefunden ist, das ganz abge- sondert waͤre von aller Mittheilung mit edlern gebildetern Voͤlkern, d. h. von solchen, die naͤher und unmittelbarer aus dem Quell aller Dichtung und Fantasie schoͤpfen konnten. Diese Fuͤlle in- nern lebendigen Reichthums hat selbst die grie- chische Mythologie, so verschieden sonst ihr Geist und Charakter ist, noch mit der indischen gemein. Daß auch Vergoͤtterung großer und heili- ger Menschen nicht mit diesem System von Vielgoͤtterei durch mannichfache Ausstroͤmungen aus einem Urquell streite, sich vielmehr an dem- selben anschließe, bedarf kaum einer Erwaͤhnung; da die groͤßere innere oder aͤussere Verwandt- schaft und Naͤhe des abgesonderten Wesens zu dem urspruͤnglichen auch die Wuͤrde und Wuͤr- digkeit desselben fuͤr Verehrung und Anbetung bestimmt. Im Gefolge des Brohma finden wir also gleich die heiligen zehn Altvaͤter , die eine so be- deutende Stelle in der indischen Mythologie ein- nehmen; die sieben großen Rischis oder Prie- ster der Vorwelt, die nachher unter die Sterne versetzt wurden; den Kashyopo , und alle durch ihn von der Diti und Aditi , der Nacht und der Heitre, abstammenden Geschlechter, bis auf die beiden Staͤmme der Sonnenkinder, und der Soͤhne des Mondes. Wir begnuͤgen uns hier mit der bloßen Moͤglichkeit, daß die indischen Altvaͤter nur ver- goͤtterte Menschen seien, ohne im geringsten der Meinung einer sinnbildlichen Bedeutung im vor- aus widersprechen zu wollen. Das wirklich hi- storische floß oft mit den Ideen von Emanation, die Genealogie der Altvaͤter und Helden mit der Kosmogonie der Natur zusammen; die sieben Monu’s z. B. sind eben so viele Aeonen, un- tergeordnete Weltschoͤpfer und Weltordner, Ent- wicklungsperioden und Erscheinungs-Epochen des hoͤchsten Altvaters. Wollte man aber darum alles historische in dieser Sage laͤugnen? Die weitere Untersuchung wuͤrde uns jetzt zu sehr ins Einzelne fuͤhren, und wird sich kuͤnf- tig bei reicheren Quellen fruchtbarer behandeln lassen. In dieser Darstellung der hauptsaͤchli- chen Epochen der orientalischen Denkart beschraͤn- ken wir uns auch nur auf die Hauptbegriffe der indischen Goͤtterlehre, die so stark gezeichnet aus derselben hervortreten, daß auch was wir jetzt haben hinreicht, um ihre wesentliche Bedeutung nicht ganz zu verkennen. Am vortheilhaftesten und schoͤnsten stellt sich das System der Emanation dar, wenn wir es als Lehre der Ruͤckkehr betrachten. Von dem goͤttlichen Ursprung des Menschen nimmt es uͤberall Anlaß ihn an die Ruͤckkehr zu erin- nern, und sich die Wiedervereinigung mit der Gottheit als einzigen Zweck aller seiner Hand- lungen und Bestrebungen zu setzen. Daher die heilige Bedeutung so mancher indischen Gesetze, Sitten und Gebraͤuche, und der erhabene Ernst ihrer ganzen Lebenseinrichtung. Doch mag der Geist schon fruͤhe entflohen sein, so daß es nur todte Gebraͤuche und Bußuͤbungen blieben; auch fruͤhe schon sich Aberglauben und Irrthum bei- gemischt haben. Nach der in diesem System herrschenden Ansicht von der Abstufung und den Geschlechten der in so mannichfacher Gestalt eingehuͤllten le- bendigen Wesen, ihrer allmaͤhligen Annaͤherung und Entfernung von dem gemeinschaftlichen Ur- quell, entstand der Begriff von der Seelen- wanderung . Noch verwandt damit und eben- falls ein wesentlicher Bestandtheil desselben Sy- stems ist die Lehre von einem vorigen Leben, von der Praͤexistenz der Seelen, und von den Ideen oder hoͤheren Gedanken aus dunkler Er- innerung der im vorigen Zustande angeschauten goͤttlichen Vollkommenheit, die besonders beim Anblick des Schoͤnen wieder rege wird; eine Leh- re, auf die sich Kalidas in der Sokuntola, einem Volks-Schauspiele, als auf eine allgemein be- kannte, und ganz populaͤre Vorstellungsart be- zieht und anspielt. Wo diese Seelenwanderung nicht bloß physisch gemeint, sondern mit der Mei- nung von der moralischen Verderbniß und Un- seeligkeit aller Wesen, und nothwendigen Rei- nigung und Ruͤckkehr zu Gott verbunden ist, da ist sie sicher aus diesem System entlehnt, und also indischen Ursprungs. Auf diese Weise fin- den wir in der Lehre des Pythagoras den Be- griff der Metempsychose mit allen seinen orien- talischen Nebenbestimmungen zum sichern Be- weise, daß es keine hellenische Erfindung war, obgleich bald hernach mit hellenischem Geist und Scharfsinn angeeignet und umgebildet; man muͤß- te dann auch die aͤltesten und verhaͤltnißmaͤßig besten Nachrichten von der pythagorischen Lehre ganz verwerfen wollen. Daß bei den celtischen Druiden die Lehre der Seelenwandrung herrschte, wissen wir; we- niger, auf welchem Wege sie dahin gelangt war. Daß sie den Hetruskern und uͤberhaupt im al- ten Italien noch vor Pythagoras bekannt war, ist wahrscheinlich. Von der Verbreitung dieser Lehre selbst im aͤußersten Norden, finden sich Spuren bei den Alten. Brachte Pythagoras sie vom Auslande heruͤber, so konnte er sie wohl nur im westlichen Asien oder in Aegypten kennen lernen. Die Aegyptische Behandlungsart der Leichen, die sie so weit als moͤglich zu verewi- gen suchten, duͤrfte allerdings eine sehr merkliche Verschiedenheit in der Ansicht von der Unsterb- lichkeit voraussetzen lassen; da sonst die Mytho- logie und Religion der Aegypter, ihrer ganzen Structur und ihrem Geiste nach, sich haͤufig ganz an die indischen anzuschließen scheinen. Osiris, ien Hauptbegriff der Aegyptischen Lehre als einer leidenden und sterbenden Gottheit, erklaͤrt sich am besten aus der indischen Lehre von der Unseeligkeit des Daseins, wozu die reine Voll- kommenheit herabgesunken, und darin eingehuͤllt und gefesselt sei. 8 Drittes Kapitel. Von der Astrologie und dem wilden Naturdienst . W enn das System der Emanation durch seine moralische Tiefe, durch seine positive Fuͤlle und genetische Entwicklung des Weltalls, den Vor- zug vor dem eigentlichen Pantheismus behaͤlt, der durch seinen bloß negativen und abstracten, und also irrigen Begriff des Unendlichen, jeder- zeit in leere Indifferenz geraͤth, so laͤßt es sich dagegen von dem Vorwurf des Fatalismus auch in der aͤltesten Gestalt, die wir bis jetzt kennen, nicht frei sprechen. Der Lehre von der Vorher- bestimmung haben wir schon oben erwaͤhnt, man wird sie ganz deutlich in der Kosmogonie des Monu finden, die wir im Anhange liefern. Da- hin gehoͤrt auch die Lehre von dem steten Kreis- lauf, und ewigen Wechsel zwischen Schlaf und Wachen des unendlichen Wesens. „Als geschaffen dieß All hatte, der sich undenkbar entwickelt stets, „Sank zurück in sich selbst wieder, Zeit mit Zeit nun vertauschend er. „Während der Gott nun wachend ist, da regt strebend sich hier die Welt, „Doch wenn ruhigen Sinns er schläft, sodann schwindend vergeht es all.“ Nun wird weiter beschrieben, wie alle irdische Wesen in den Grund jenes Erhabenen verschlun- gen werden — „Weil der, so alles Seins Leben, wohl süß schlum- mert, der Kraft beraubt.“ Und ferner: So mit Wachen und Schlaf wechselnd, dieß All was sich bewegt was nicht, Bringt zum Leben er stets hervor, vertilgt es, selbst unwandelbar. Zahllose Weltentwicklungen giebts, Schöpfungen, Zerstörungen, Spielend gleichsam wirket er dieß, der höchste Schö- pfer, für und für. Der Begriff von der Zwecklosigkeit der Welt und einer blos spielenden Thaͤtigkeit Gottes, haͤngt wesentlich zusammen mit jener Ansicht eines ewi- gen Kreislaufs. In spaͤtern Systemen ist dieß die stets wechselnde Contraction und Ausdehnung der hoͤchsten Grundkraft, das Pulsiren der Welt- seele. Der Fatalismus hat sich bei den orientali- schen Voͤlkern zu einem sehr kuͤnstlich weit ver- breiteten System entfaltet. Die Astrologie, sammt aller ihrer Begleitung von Vorbedeutungen, Augurien, ungluͤcklichen Tagen, Beschwoͤrungen und dunkeln magischen Kuͤnsten, ist diese merk- wuͤrdige Erscheinung des Alterthums, die noch bis auf sehr neue Zeiten ihren unermeßlich gro- ßen Einfluß erstreckt. Nicht blos als dichterische Bewundrung der Naturschoͤnheit, sondern genau in dieser Umgebung finden wir den Gestirndienst bei den Aegyptern, mit einem dem Anschein nach rohen Thierdienst verwebt. Daß der Mensch von der Verehrung der Gottheit zur Anbetung der wilden Naturkraft, vom Schoͤpfer zu seinen Werken herabsinken und verirren koͤnne, dafuͤr giebt es in seinem Geist und Herzen so viele Gruͤnde und Veranlassungen, daß es wenigstens hier uͤberfluͤssig sein duͤrfte, sie weiter auseinan- der zu setzen. Genug, wir finden auch im alten Asien nicht blos Spuren, sondern Beweise einer ganz eigentlich materialistischen Denkart; mag man diesen Materialismus auch zum Unterschie- de von dem, was in Europa so genannt wird, den orientalischen nennen, da er, so weit wir ihn bis jetzt kennen, gewiß ein sehr eigenthuͤm- liches Gepraͤge an sich traͤgt. Wir zeigen ihm in der historischen Stufenfolge der verschiedenen orientalischen Denkarten diese Stelle an, unmit- telbar nach dem System der Emanation, der Ruͤckkehr und Seelenwandrung; es wuͤrden sich ausser dem astrologischen Aberglauben vielleicht noch mehr Mittelglieder und Punkte des Ueber- gangs und der allmaͤhligen Entartung von einer so durchaus religioͤsen zu einer ganz materiellen Ansicht aufzeigen lassen; aber es bedarf dessen nicht, denn schon in der aͤltesten bis jetzt bekann- ten Urkunde der indischen Lehre, in der Kosmo- gonie des Monu, ist vieles sehr materiell. Das Bild von dem Welt-Ei zwar, welches sich auch bei den Aegyptern findet, kann man fuͤr ein bloßes Bild kindlichen Alterthums halten; die Matra aber, die Samentheilchen des Welt- stoffes, muͤssen schon eine mehr philosophische Be- ziehung haben. Ob sie, wo nicht schon hier, so doch spaͤter, eigentliche Atome sind, ob diejenigen griechischen Gelehrten Recht hatten, welche be- haupteten, daß auch das System der Atome orientalischen Ursprungs sey, wird sich erst ent- scheiden lassen, wenn wir die Sekte der Pa- schandisten, Shoktisten , und die als athei- stisch angefuͤhrten Systeme, als Charval , u. s. w., wo nicht aus den vielleicht groͤßtentheils ver- lohrnen Urschriften, so doch wenigstens aus den Widerlegungen der Gegner bestimmter kennen ler- nen, da uns die Philosophie der Phoͤnicier zu wenig und zu unsicher bekannt ist, um etwas entscheidendes uͤber sie festsetzen zu koͤnnen, so wahrscheinlich es sein mag, daß sie ganz und gar von dieser Art war. In der aus sehr verschiedenen Bestandtheilen zusammengesetzten und durch manche Stufen all- maͤhlig gebildeten Religion der Indier, nimmt die Anbetung der wilden Naturkraft aber eine nur allzu große Stelle ein. Bald als allvernichtende Zerstoͤrung aufgefaßt, bald als Zeugungskraft der Natur als eines unendlichen Thieres, bietet uns der Dienst des Sivo , und der furchtbare Dur- ga , Bilder des Todes und der Wollust, blutige Menschenopfer und bakchantische Zuͤgellosigkeit in einem grausen Gemisch dar. Was diesen Natur- dienst und Materialismus so schrecklich macht, und von der bloßen Sinnlichkeit mancher Voͤlker im Zustande der einfachsten Wildheit noch so sehr unterscheidet, duͤrfte gerade die beigemischte und uͤberall einverwebte Idee des Unendlichen sein, die noch auf den bessern Ursprung zuruͤck deutet; denn grade das Hoͤchste und Edelste wird immer, wenn es verwildert und entartet, zur schrecklichsten Misgestalt. Es hat sich dieser Naturdienst so weit ver- breitet, daß wir uns nur auf einige Andeutungen des wichtigsten beschraͤnken muͤssen. Alle jene Goͤtter, denen so ausschließlich durch Menschen- opfer gehuldigt ward, verrathen dadurch und durch manche andre Zuͤge, ihre Verwandtschaft mit dem indischen Sivo und der Kali; von der Art sind der Baal und Moloch der syrischen und punischen Voͤlker; wie uͤberhaupt dieser wilde Naturdienst und Materialismus bei keinem Volke so ausschliessend geherrscht haben mag, als bei den Phoͤniciern. Dahin gehoͤrt auch jener Esus, dem die Gallier solche Stroͤme von Blut vergossen ha- ben, wie sonst in der alten Welt kein Beispiel gefunden wird, und sich nur noch in dem Goͤtzen- dienst der Mexikaner wieder findet. Auch in dem Gestirn und Thierdienst der alten Aegypter nahm die Verehrung des Lingam und der alles erzeu- genden Yōni wohl eine weit groͤßere Stelle ein, als man gewoͤhnlich voraussetzt. Den Gebrauch des Phallus bei Festen und an Bildern in Grie- chenland leitet Herodot aus Aegypten her. Die Geschlechtszeichen, die der siegreiche Sesostris uͤberall aufstellte, wuͤrden sich, wenn die Thatsa- che anders gegruͤndet ist, viel natuͤrlicher aus die- sem Aberglauben als allgemeine Sinnbilder dessel- ben erklaͤren, als nach der moralischen Deutung des Herodot auf die mannhafte Tapferkeit oder weibische Feigheit der uͤberwundenen Voͤlker be- ziehen lassen. Die phoͤnicische Astarte, die phry- gische Cybele, die ephesische Artemis, selbst die germanische Hertha, sind vielleicht nur in unwe- sentlichen Nebenbestimmungen von der indischen Bhovani verschieden. Den Grundbegriff der alles zeugenden unendlich thierischen Naturkraft in allen diesen ist wohl ungefaͤhr derselbe. Vor- zuͤglich in Babylon und in allen von dem babylo- nischen Reich abhaͤngigen Staaten scheint die Ver- ehrung dieser Goͤttin Mylitta, bei den Armeniern Anaitis, Alilath bei den alten Arabern, am mei- sten geherrscht zu haben; es ist nicht unwahr- scheinlich, daß unter den Yavanern in den al- ten indischen Schriften, alle westlichen Voͤlker, welche diesem Dienste ausschliessend anhiengen, gemeint seien, nicht ein bestimmtes Volk, son- dern eine Religionssecte; wenigstens koͤnnen die Yavaner , welche in Monu ’s Gesetzbuch nebst den Pehlvans und andern verwilderten Geschlech- tern vom Stamme der Krieger erwaͤhnt werden, wohl nicht Alexanders Griechen sein; wenn auch spaͤter unter jener allgemeinen Benennung west- licher Voͤlker, die Griechen mit verstanden wurden. Daß diese Verehrung der Naturkraft ob- wohl mehr verschleiert und gemildert, nicht so durchgefuͤhrt und zusammenhaͤngend, doch der innere Geist der Religion der Roͤmer und Griechen gewesen sei, wird niemand bezweiflen, der ihre Goͤtterfabel nicht bloß antiquarisch betrachtet hat. Nur war bei den Roͤmern der wilde Na- turdienst durch eine strengere Sittlichkeit gezuͤ- gelt; entweder weil sich mehr Einzelnes von dem urspruͤnglichen Bessern erhalten hatte, oder durch vortrefliche Gesetzgeber der aͤltesten Zeiten. Bei den Griechen ward wegen ihrer Zerstreuung und Regsamkeit die Verfassung lose und frei, und der alte Aberglaube loͤste sich fast ganz in eine heitere Mythologie auf, in die aber auch ein- zelne Ideen aus einem noch andern und bessern System gekommen sein moͤgen, von denen wir gleich reden werden. Die unendliche Fuͤlle der Fantasie hat die- ser orientalische Materialismus mit dem System der Emanation gemein; ja die wilde Begeistrung, welche nun an die Stelle der alten Betruͤbniß trat, ist die eigentliche Quelle aller Riesengebur- ten der Dichtung und Fabel. Auch in dieser Ansicht war die Vergoͤtterung ausserordentlicher Menschen begruͤndet, da die bildende oder zer- stoͤrende Naturkraft in den Heroen so vorzuͤglich sichtbar ward, und gleichsam persoͤnlich erschien. Der sechsarmige Kriegsgott Karttikeyo oder Skondoh , ist in der indischen Fabel der Sohn und stete Begleiter des Sivo. Vielleicht wurden aber nicht bloß Helden, sondern auch große Er- finder vergoͤttert. Daß die ersten Schritte in der Entdeckung der Naturgeheimnisse und Wis- senschaft, dem Stolze des menschlichen Geistes nicht wenig geschmeichelt haben, laͤßt sich leicht denken, da sie selbst fuͤr den Geschichtsforscher fast an das Wunderbare grenzen. Mit den Ge- stirnen und andern Naturwesen, die ihr Gegen- stand waren, ward also leicht Verstand und Wis- senschaft zugleich vergoͤttert; und hierauf koͤnnte man die so weitverbreitete Idee des Hermes oder Thaut beziehen, vielleicht auch wohl den aͤltern indischen Buddha . Ein andrer auch erfinderischer Gott, Ganeschoh , ist unzertrenn- licher Gefaͤhrte des Sivo. Zum Schluß bemerke ich noch, daß die Denkmale zu Illaure auf der Insel Elephante und andre, das hohe Alter auch dieses Theils der indischen Lehre und Sage un- widersprechlich darthun und bestaͤtigen; so wie auch der urspruͤngliche Sinn der bildenden Kunst der Indier, Aegypter, und selbst der Griechen nur aus dieser Denkart verstanden werden kann. Auch in den Veda’s werden Menschenopfer fuͤr die Goͤttin Kali angeordnet; aber hier waͤre viel- leicht nothwendig den Text selbst zu haben und eine reife, vielseitige kritische Bearbeitung, ob das Alter des Ganzen sich einigermaßen bestim- men, und was spaͤtere Zusaͤtze sein moͤgen, mit einiger Sicherheit unterscheiden lassen wird. Viertes Kapitel. Die Lehre von zwei Principien . W ir naͤhern uns einer schoͤnern Gestalt, der alten Religion des Lichts. Das System des Dualismus, die orientalische Lehre von zwei Principien und dem ewigen Kampf des Guten und des Boͤsen, nimmt grade diese Stelle ein, denn uͤberall, wo wir ihre Spuren antreffen, er- scheint sie im strengen Gegensatz und Widerspruch gegen die bisher geschilderten Denkarten, als Wiederherstellung des urspruͤnglichen erst spaͤter verlohren gegangenen Lichtes goͤttlicher Wahrheit. Der Geist dieses Systems ist durchaus idealistisch; zwar der Begriff der selbstthaͤtigen Ichheit ist allen indischen Systemen gemein, wie die Ableitung aller materiellen Kraͤfte aus geistigen Wesen um so mehr Statt findet, je hoͤher wir in der Ge- schichte orientalischer Denkart hinauf steigen, so daß in diesem Sinne meist alle orientalische Phi- losophie idealistisch genannt werden koͤnnte. Die eigentliche Uebereinstimmung aber mit dem, was in der europaͤischen Philosophie Idealismus ge- nannt wird, liegt darin, daß in dieser Ansicht Thaͤtigkeit, Leben und Freiheit allein als das wahrhaft wirkliche anerkannt, todte Ruhe aber und unbewegliche Beharrlichkeit als nichtig und leer verworfen wird. Zwar erheben sich auch gegen dieses System, als solches, sehr bedeutende philosophische Schwierigkeiten; wird nehmlich das boͤse Princip gesetzt als ein solches, das ewig von dem guten und goͤttlichen getrennt bliebe, so wird noch ausserhalb der Gottheit eine andre ihr wo nicht gleiche, doch nicht mit ihr uͤbereinstimmen- de, von ihr unabhaͤngige Kraft und Welt ge- setzt, und so alle Einheit zerrissen; wird aber, wie meist geschieht, angenommen, daß in der letzten Entwicklung das boͤse Princip uͤberwunden und veraͤndert, Ahriman mit dem Ormuzd wie- der vereint und versoͤhnt werde, so wird im Grunde der Zwiespalt aufgeloͤst; alles verschmilzt pan- theistisch in Ein Wesen, und der ewige Unterschied des Guten und Boͤsen verschwindet. Ungeachtet dieser Maͤngel wird man der intellectuellen Reli- gion der Perser, naͤchst der christlichen Lehre, so wie diese im alten Testamente vorbereitet, im neuen ausgefuͤhrt und vollendet ist, leicht den Vorzug der Erhabenheit und relativen Wahrheit vor allen andern orientalischen Denkarten, wenig- stens in moralischer Ruͤcksicht, zuerkennen. Der Pantheismus hebt den Unterschied des Guten und Boͤsen unvermeidlich auf, so sehr er sich auch in Worten dagegen straͤuben mag; das System der Emanation erdruͤckt den freien Muth, durch das Gefuͤhl unendlicher verborgner Schuld und den Glauben, daß alles boͤse und auf Ewigkeiten hin unseelig sey; die Lehre von den zwei Principien und dem Kampf des Guten und Boͤsen haͤlt das Mittel zwischen diesen bei- den Extremen, und ist selbst ein maͤchtiger An- trieb zu gleichem Kampf, eine unversiegliche Quelle sittlichen Lebens. Welches auch der verborgene Ursprung dieser Lehre und dieses Systems sein mag, das sich vielleicht an die aͤlteste Wahrheit anschließt, denn Zerdusht war nur Wiederhersteller derselben, und auch als solcher wohl schwerlich der erste; verehrungs- wuͤrdig und wohl goͤttlich duͤrfen wir diesen Ursprung nennen; denn es kann das freie Leben der reinen und sittlichen Kraft nur durch die That ergriffen werden. Bloß erdichtet oder ver- nuͤnftelt ist diese Lehre nicht, und der Kampf des Guten und Boͤsen ist ein Wort ohne Sinn ausser fuͤr denjenigen, der mit allen Kraͤften sei- nes Wesens selbst gekaͤmpft hat gegen das Boͤse, aus reiner Begeisterung fuͤr das Gute; obwohl also System in Ruͤcksicht des einfachen Glieder- baus, ist doch diese Lehre nothwendig und ur- soruͤnglich mehr als das, ist That und Leben. Wer aber erst des eignen freien Wirkens sich bewußt ward, mag dann durch jenes auch das Leben der Natur verstehen. In der Natur verehrt diese Religion nicht das Wilde, Zerstoͤrende, nicht Wollust und Tod, sondern das Reinste und Wohlthaͤtigste, Feuer und Licht; uͤberhaupt das freie Leben und den innern Geist. Die sieben Amshaspands oder Geister der Elemente und Grundkraͤfte, stehen als eben so viel Koͤnige der Natur um den Thron des Herrschers, des Herrlichsten und Ersten unter ihnen. Den Himmel erfuͤllen die heiligen Feruers oder die goͤttlichen Urbilder und Ideen aller geschaffnen Dinge. Das Gestirn des Tages, der Freund (Mithras) der Menschen, ist Mittler zwischen ihnen und der Gottheit; die blutigen Opfer verschwinden, und die Weihung und Ge- nießung des reinen Hom und Miezd durch den Priester am Altare, bedeutet die innige Gemein- schaft mit Gott durch die edelste Frucht und Kraft der bluͤhenden Gewaͤchse. Aber nicht bloß die Elemente sind ein we- sentlicher Gegenstand der Verehrung in dieser Religion, sondern auch die Helden. Sie sind nicht mehr bloß Zerstoͤrer und Ueberwinder, nicht bloß gewaltige, und als solche goͤttlich verehrte Naturkraͤfte; sondern himmlische Bezwinger der Riesen, der dunkeln Maͤchte und hoͤllischen Geister. Der Kampf zwischen Iran und Turan ist auf Erden dasselbe wie das Ringen der guten und boͤsen Grundkraft im Himmel. Feridun und Rustan, die vielbesungnen Helden, fesseln die wilde Kraft des Zohak und Afrasiab; von allen aber strahlt Dschemschid, das Urbild vollkommner Koͤnige aus dem Dunkel des Alterthums hervor. Ein vollkommen gluͤckliches Reich, wo alles Licht 9 endlich in siegreicher Freude beseeligend herrscht, ist eine nothwendige Idee dieser Lehre, so wie die Idee von einem urspruͤnglich vollkommnen Zustande, wo Meshia und Meshianes im Garten der Unschuld wandelten; der Zustand, welchen die Religion des Zerdusht nur wiederherstellen wollte. Ein großer und zwar der schoͤnste und lieb- lichste Theil der indischen Mythologie gehoͤrt dieser Denkart an. So ist der erhaltende, wohlthaͤtige, alles durchdringende Vishnu zu deuten, mit seiner ganzen Umgebung. Sein weibliches Eben- bild gleicht nicht mehr der wilden Gefaͤhrtin des Sivo, der furchtbaren Kali; es ist die Lilie des Himmels (Podma), die seelige und beseeligende Goͤttinn Lokshmi oder Sri , die schoͤne Tochter des milden Meergottes Voruno. Kamoh , der Gott der Liebe, findet sich meist in seiner Naͤhe und der Sonnengott Indroh , der Freund der Menschen, sammt allen seeligen und wohlthaͤ- tigen Geistern, Feen und himmlischen Nymphen. Als Koͤnig und als Weiser, als wunderthaͤtiger Held erscheint Vishnu oftmals auf Erden, und durchdringt alle Welten, immer aber nur in der Absicht, das Laster zu baͤndigen, die Riesen und feindlichen Maͤchte zu vertilgen, alle gute Men- schen und Geister sammt ihrem Fuͤhrer, dem gutgesinnten Indroh, zu beschuͤtzen. So sehr die Idee auch durch willkuͤhrliche Dichtung und Maͤhrchen entstellt ist, da der Gott wie ein andrer Proteus ausser den menschlichen Gestalten eines Weisen oder Helden, auch die einer Schildkroͤte, eines Ebers, eines Mannloͤ- wen, eines Fisches annimmt, so bleibt doch immer die hohe Idee der Menschwerdung ein Beweis fuͤr den Tiefsinn der Indier, und fuͤr die Stufe ihrer Erkenntniß. Denn in allen Gestalten bleibt es doch immer die gleiche schoͤne Absicht, das Gutgesinnte huͤlfreich zu erretten, das Schaͤdliche und Boͤse zu besiegen und vernichten. Zwar findet man auch wohl in andern Mythologien, wenn sie schon moralischer gebildet sind, Darstel- lungen von Helden, die sich dem Begriff goͤtt- licher Tugend naͤhern; Helden, die einem hohen Gesetz und Beruf folgend nur gegen das Boͤse kaͤmpfen, allem Guten aber befreundet sind. In keinem Helden oder Herkules der Dichtersagen aber wird man den Gedanken der Menschge- wordnen Gottheit so ausdruͤcklich ausgesprochen sehen, als in dem indischen Ramo ; dem milden Sieger, dessen freiwillige Verbannung in die Einsamkeit und bald ungluͤckliche bald gluͤckliche Liebe zur Sita so dichterisch schoͤn und ruͤhrend besungen wird. Auf eine noch hoͤhere Stufe tritt diese An- sicht, wenn wir die hohe Sittlichkeit in dem Le- ben und Lehren der indischen Einsiedler und Muni’s betrachten, besonders wie sie in den Puranas dargestellt sind. Die Haͤrte jener alten Buͤßer und Rishis, die durch selbstgewaͤhlte Qualen eine hoͤhere Stufe der Seeligkeit und uͤbernatuͤrliche Kraͤfte erzwingen und ertrotzen wollten, tritt mehr in den Hintergrund zuruͤck, und es zeigt sich hie und da die sanfteste Erge- bung in Gott, eine Gesinnung voll Demuth und Milde, reine himmlische Liebe. Wenn die Verehrung des Vishnu in den Veda’s eine große Stelle einnimmt, so fragt sich’s vor allen Dingen, ob der Begriff und die Ansicht desselben auch ganz dieselbe sei wie in den Puranas. In dem Gesetzbuch des Monu ist dies wenigstens durchaus nicht der Fall. Doch davon genug; denn was wir bis jetzt haben, ist wohl hinreichend die verschiedenen Theile des indischen Systems, die verschiedenen Entwicklungsstufen und Schichten der indischen Mythologie im Allgemeinen zu unterscheiden und nach dem Gange des Ganzen zu ordnen, aber nicht um die Zeit fuͤr jedes genau zu bestimmen, und eine vollstaͤndige Geschichte zu entwerfen. Obwohl aus der Lehre von den zwei Prin- cipien und der damit verbundenen Verehrung des reinen Naturgeistes, vieles und zwar grade das schoͤnste, nicht nur in der persischen und indischen Fabel hervorgegangen ist, sondern auch sogar manches in der roͤmischen, griechischen, und nor- dischen erst in dem Kreis und Zusammenhang dieser Begriffe seine wahre und volle Bedeutung erhaͤlt, so ist doch dieselbe Denkart nicht bloß poetisch, sondern auch urspruͤnglich einer philo- sophischen Ansicht und Darstellung empfaͤnglich. Selbst in den Sinnbildern der Perser nehmen wir ein bestimmtes Zahlenverhaͤltniß der sinn- bildlichen Figuren wahr, einen construirenden Gliederbau, wovon der Keim schon in der ersten Dualitaͤt der ringenden oder wechselwirkenden Grundkraͤfte lag. Daß ein philosophisches Sy- stem des Inhalts und Geistes in Indien bekannt gewesen sei, hat die hoͤchste Wahrscheinlichkeit. Ob die Nyayo Nyayo wird in den geschriebenen Exemplaren des Amara- cosha durch certamen, Kampf, erklärt; wenn der Nahme jener Philosophie nicht anders von niyote , er ordnet, constituit, abgeleitet ist, wovon Niti die Sittenlehre. Auch könnte Nyayo nach der ersten Bedeutung ebenfalls auf Dialektik gedeutet werden, da unsre Nachrichten von der indischen Philosophie noch so unbestimmt sind, daß einige die Nyayo für einen Theil der Philosophie, die Logik, erklären, andre sie als ein bestimmtes System und besondre Secte schildern. Philosophie, nebst der Mi- manso die aͤlteste, solche Grundsaͤtze des Dua- lismus enthalte; ob die beiden Systeme des Madhwo und Ramanujo , in welche die Anhaͤnger des Vischnu sich theilen, und welche beide in den Vedantoschriften bestritten werden, dahin gehoͤren, wird die Zukunft lehren, und auch die Frage entscheiden, ob Zerdusht indische Lehren und Vorstellungsarten benutzt hat, oder ob vielleicht der umgekehrte Fall Statt findet. Da so vieles von Indien ausgegangen ist, koͤnnte nicht auch einiges wieder dahin zuruͤckgeflossen sein? Wenigstens muß man sich solche Moͤg- lichkeiten immer gegenwaͤrtig erhalten, um nicht das, was am haͤufigsten geschah, fuͤr ein durchaus allgemeines Gesetz zu halten, und so einzelne Besonderheiten zu verkennen. Ist aber in irgend einer Gattung Indischer Schriften etwas Fremdes eingeflossen, so sind es wohl am ersten die Puranas, in denen die Religion und Fabel des Vishnu die herrschenden sind; freilich zum Theil schon nach der philo- sophischen Umdeutung eines spaͤtern Systems. Wenn man in den Puranas aber nicht bloß solche Umstaͤnde und Personen der heiligen Schrift antrifft, die sich unter mehren Voͤlkern verbreitet haben, wie die Geschichte des Noah, sondern auch solche, die ihr ganz eigenthuͤmlich und speciell scheinen, wie die vom Hiob, so darf man daraus nicht gleich den Schluß machen, daß die indischen Weisen und Dichter dieses unmittelbar aus den Urkunden des alten Testaments geschoͤpft haben; denn es duͤrfte den Hebraͤern und den Persern, und wiederum den Persern und Indiern mehres gemeinschaftlich sein, als man gewoͤhnlich vor- aussetzt. So guͤnstig nun auch diese Denkart im Vergleich mit den andern erscheint, so hat sich doch auch hier, wie uͤberall, wo nicht eine hoͤhere Fuͤgung das Licht des Geistes in seiner Reinheit erhaͤlt, unstreitig Irrthum und Aberglauben schon fruͤhzeitig an der Wahrheit angeschlossen, und ein falscher Schritt war in jenen alten Zeiten, die alles mit solcher Kraft und Einsei- tigkeit durchfuͤhrten, oft genug, um von der schoͤnsten Idee zu Einrichtungen und Gebraͤuchen zu kommen, die wir kaum ohne Abscheu betrach- ten moͤgen. Aus dem nicht nur dichterisch schoͤ- nen, sondern viel tiefsinnige Wahrheit enthal- tenden Gedanken von der Schoͤnheit, Reinheit und Heiligkeit der obersten Grundwesen oder Elemente, entstand eine aͤngstlich furchtsame Be- sorgniß, diese heiligen Lebensquellen und Natur- geister ja nicht durch Beruͤhrung mit dem Todten und Leichenhaften zu beflecken und zu vergiften. Daher ist es in der persischen Religion fast das groͤßte aller Verbrechen einen Leichnam in die Erde zu versenken, oder gar durch die noch heili- gere Flamme verzehren zu lassen; und so entstand der schreckliche Gebrauch der alten Magier, die Leichen durch wilde Thiere zerreissen zu lassen, der sich in Thibet, obwohl die Religion dort seitdem aͤnderte, erhalten, ja bis in den nordischen Winkel Kamtschatka’s verbreitet hat; wie Ge- braͤuche oft noch lange bestehen, nachdem die Verfassung oder das System, aus denen sie zuerst hervorgingen, nicht mehr vorhanden sind. Ueber- haupt ist diese Denkart nicht uͤberall als Philo- sophie, am wenigsten als streng abgeschlossenes System aufgetreten, und so konnte von mehr als einer Seite vieles aus dem alten astrolo- gischen Aberglauben in diesen reinern Natur- dienst der Elemente einfließen, oder bald der Ruͤckweg dahin gefunden werden. Das goͤttliche Licht, dessen sich immer mehr verbreitenden Sieg diese Lehre vor allen feiert, ward eben dadurch als ein allmaͤhlig erst neuer entstandnes Wesen dargestellt, die Morgenroͤthe einer neuern bessern Zeit, der ein ganz andrer Zustand alter Finsterniß vorangieng, und so kam man wieder auf den materiellen Begriff eines ur- spruͤnglichen Dunkels und Chaos, der Nacht als einer Mutter der Dinge. Ich erinnere dieß nur darum, damit man nicht glaube, daß eine Mythologie, die wie die griechische vom Chaos ausgeht, oder von der Nacht als Mutter der Dinge, darum rein materialistisch sein muͤsse, und gar keinen Theil an der hellern und heitern Ansicht dieser Denkart gehabt habe, deren Einfluß auch im Gebiet der Fantasie so weit verbreitet ist. Noch auf eine andre Art ist die urspruͤnglich so schoͤne Religion des Lichts sehr gemisbraucht worden. Nebst dem astrologischen Aberglauben hat im Alterthum nichts so viel Einfluß auf Ent- stehung und Ausbildung der geheimen Gesellschaf- ten und Mysterien gehabt, als grade diese Lehre. Die hoͤhere Erleuchtung sollte zwar Demuth und Liebe von selbst mit sich fuͤhren; wir sehen aber, daß sie oft auch dann, wenn sie wenigstens aus der wahren Quelle abgeleitet ist, dennoch mehr den Stolz der Erleuchteten als jene Gesinnungen in Bewegung setzt, und daß die, welche im Besitz hoͤherer Einsicht und geheimer Weisheit zu sein glauben, mit verschmaͤhender Absonderung und geheimnißvollem Eigennutz, gern im Verborgenen, sich selbst an die Stelle der Vorsehung setzend, alles lenken, und in Allem ihre Hand haben moͤchten, jeden Nicht-Erleuchteten aber nur als Stoff und blindes Werkzeug ihrer Ab- sichten zu betrachten und zu behandeln sich be- rechtigt halten. Dieß mag im fruͤhen Alterthum so gut geschehen sein wie in neuern Zeiten, oͤfter und mehr als man gewoͤhnlich voraussetzt. Fuͤnftes Kapitel. Vom Pantheismus . V on den orientalischen Denkarten und Syste- men, welche wegen ihres weitverbreiteten Ein- flusses die meiste historische Wichtigkeit haben, ist nur noch eines zuruͤck: der Pantheismus. In der Lehre der Buddhisten , welche etwa tausend Jahr nach ihrem Ursprung, um die Zeit Christi, in Thibet und China eingefuͤhrt ward, in Siam und der ganzen oͤstlichen Halbinsel wie auf Cey- lan herrscht, und sich auch unter den tatarischen Voͤlkern weit verbreitet hat, ist der Geist dessel- ben sichtbar. Wenigstens dem Fo der Chinesen wird als seine eigentliche, wesentlichste und eso- terische Lehre, das deutlichste und entschiedenste Bekenntniß zugeschrieben, daß Alles Nichts sey, wohin die Lehre, daß Alles Eins sey, so natuͤr- lich fuͤhrt; denn, wenn vor dem bloß abstracten und negativen Begriff des Unendlichen alles an- dre erst vernichtet und verschwunden ist, so ent- flieht er zuletzt selbst, und loͤst sich in Nichts auf, weil er urspruͤnglich leer und ohne Inhalt war. Es darf auch nicht befremden, daß wir diese Philosophie unter allen orientalischen als die juͤngste betrachten. Die historischen Beweise dafuͤr werden unten angefuͤhrt werden; hier bemerken wir nur, daß das lebendige tiefe Gefuͤhl des Unend- lichen und seiner Fuͤlle der Allmacht, schon sehr geschwaͤcht und verdunstet sein muß, ehe es sich in diesen vom Nichts schwer zu unterscheidenden Schatten und Scheinbegriff des Einen und Allen aufloͤsen kann. Alle andre orientalische Lehrbe- griffe gruͤnden und berufen sich noch auf goͤttli- che Wunder und Offenbarung, so entstellt auch alles durch Fabel und Irrthum sein mag. Der Pantheismus ist das System der reinen Ver- nunft, und insofern macht er schon den Ueber- gang von der orientalischen Philosophie zur euro- paͤischen. Er schmeichelt dem Eigenduͤnkel des Menschen eben so sehr als seiner Traͤgheit. Ist einmal diese große Entdeckung gemacht, diese alles umfassende, alles vernichtende, und doch so leichte Wissenschaft und Vernunft-Weisheit, daß Alles Eins sei, gefunden, so bedarf es weiter keines Suchens und Forschens; alles was andre auf andren Wegen wissen oder glauben, ist nur Irrthum, Taͤuschung und Verstandesschwaͤche, so wie alle Veraͤnderung und alles Leben ein leerer Schein. Freilich wenn noch Kraft und Tiefe des Gefuͤhls vorhanden ist, und die Lehre in vollem Ernst wirklich ausgefuͤhrt wird, so nimmt sie einen ganz andern furchtbaren Charakter an; es ent- stehen dann jene in Indien nicht seltene, den kaͤltern Beobachtern so schwer zu begreifende freiwillige, den Geist zerstoͤrende Martern der Yoghuis und Sonnyasis , welche die Selbst- vernichtung als hoͤchstes Gut sich zum Ziele sez- zen. Bei kaͤltern oder geschwaͤchtern Naturen aber fuͤhrt im Gegentheil die Ueberzeugung, daß alles Boͤse nur leere Taͤuschung, und alles weil es Eins, auch gleich vollkommen sei, einen fal- schen Schein von Heiterkeit und innerer Zufrie- denheit mit sich. Vielleicht aber hat nur in China, wo der Pantheismus lange vor der Zeit erstanden war, da die Religion des Buddha eingefuͤhrt ward, diese einiges von demselben angenommen. In andern Laͤndern finden wir in dieser uͤberhaupt sehr gemischten Lehre vieles besonders aus dem Dienst des Sivo; dahin deute man das oftmals noch graͤßlicher verzerrte Bild der furchtbaren und zerstoͤrenden Gottheit bei den buddhistischen Tataren. In Thibet fand Turner Feste der Kali, die Verehrung des Karttikeyo und des Ganesho; die ganze Umgebung des Sivo. Ein aͤlteres und ganz reines System des Pantheismus ist in der merkwuͤrdigen Zahlen- philosophie der Chinesen enthalten, so wie die- selbe in dem alten Y— king , dem Buche von der Einheit, vorgetragen wird. Es ist dieses eine der merkwuͤrdigsten Urkunden des orientalischen Alter- thums. Wenn gleich als erster Erfinder der fabel- hafte Fo—hi genannt wird, so spricht doch der Umstand, daß Kon—fu—tse (A. 550 vor Chri- stus) der juͤngste unter den classischen Erklaͤrern war, zu dessen Zeit man schon lang uͤber den wahren Sinn des Buchs gestritten hatte, fuͤr ein verhaͤltnißmaͤßig sehr hohes Alterthum. Veraͤn- dert und verfaͤlscht kann es um so weniger sein, da es nicht in den gewoͤhnlichen Charakteren, son- dern in sehr einfachen Symbolen abgefaßt ist. Das große Eins, wovon dies hieroglyphische Buch handelt, wird auch Tao, Vernunft, genannt, wel- ches Tao das Eins, wie dieses die Zwei, und diese die Drei erzeugte, durch das alle Dinge hervorgebracht sind; oder Tai—ki, der große Gipfel, dasjenige, von dem alles ausgeht, und wo alles Unterscheiden und Bestimmen aufhoͤrt. Dieses große Eins wird in zwei entgegengesetzte Grundwesen zertheilt, aus deren mannichfachen Verbindungen und Zusammensetzungen alles be- steht, nach einem festen Mechanismus und blinder Nothwendigkeit, die jenem Tao beigelegt wird. Das Yang und Yn ; das Vollkommne, Maͤnn- liche, Thaͤtige, und das Unvollkommne, Weib- liche, Leidende, wird durch eine ganze, nicht ge- brochne, und eine gebrochne Linie ausgedruͤckt; daraus entstehn zunaͤchst vier andre Zusammen- setzungen, Bilder, wie sie genannt werden; das große und kleine Yang; das große und kleine Yn, je nachdem zwei gebrochne, oder zwei nicht ge- brochne Linien uͤber einander gesetzt werden, oder in den beiden andern Faͤllen die gebrochne Linie uͤber oder unter der nicht gebrochnen steht. Die acht Koua oder Symbole in der dreifachen Zusam- mensetzung des Yang und Yn bedeuten eben so viele Grundkraͤfte. In der sechsfachen Zusam- mensetzung aus Verdopplung jener dreifachen, koͤnnen schon moralische Begriffe ausgedruͤckt werden. Es loͤst sich alles in ein Zahlenspiel auf, oder philosophisch ausgesprochen, ist alle scheinbare Individualitaͤt nur eine Verschiedenheit des Grades und der Zusammensetzung. Unter den Zahlen ist noch bei Kon — fu — tse nicht die Vier oder die Sechs, wie in andern Zahlen- philosophien, sondern die Fuͤnf als vollkommne Mittelzahl die erste, und die fuͤnf ungleichen der ersten Zahlen bis Zehn sind nach ihm die himm- lischen, die gleichen dagegen die irdischen. Wenn der Pantheismus nicht blos Denkart und Gesinnung ist, wie bei den indischen Yoghuis und Sonnyasis nach der Darstellung des Bhog- votgita, sondern mehr oder minder als wissen- 10 schaftliches System auftritt, so ist es nie etwas anders als ein solches nach einem bloßen Mecha- nismus der Vernunft fortschreitendes Combina- tionsspiel aus Einem Positiven und Negativen, welches eine solche Zahlensymbolik wie diese im Grunde besser darstellt, als Worte es koͤnnen. Da dieß nun schon in dieser aͤltesten Form des Pan- theismus Statt findet, so wird es sehr wahrschein- lich, daß derselbe aus dem Dualismus entstanden sei, durch spaͤtere Umdeutung und Ausartung des- selben. Sobald die Lehre von den zwei Principien nicht mehr Religion, sondern System war, konnte der Gedanke die beiden Grundkraͤfte in ein Hoͤhe- res zu vereinigen und aufzuloͤsen kaum ausbleiben. Der urspruͤngliche Sinn des Yang nach de Guignes ist Licht und Bewegung; des Yn Fin- sterniß und Ruhe. Sehr vieles in der chinesischen Lehre und Tradition vor Kon—fu—tse hat eine unverkennbare Uebereinstimmung mit den persischen Begriffen, wie man sie auch in einigem mit der mosaischen Urkunde bemerkt hat. Die Entfernung der Laͤnder ist nicht so groß als es anfangs scheint; die alte Cultur China’s hatte ihren Hauptsitz in der Nordwestlichen Provinz Shen — st und in Bactrien herrschte die persische Lehre; der Philo- soph Laokiun war weit gegen Westen gereist. Hat es mit der indischen Sankhyo oder Zahlenphilosophie des Kopilo vielleicht die gleiche Bewandniß? Ist, so wie spaͤterhin die Lehre des Fo aus Indien nach China kam, dasselbe auch schon fruͤher mit andern Systemen geschehen? — In den Scholien zu Monu’s Gesetzbuch werden Mohot und Ovyokto , das Maͤchtige, und der Unbestimmbare, Untheilbare oder Unbegreifliche als die beiden Principien der Philosophie des Kopilo angegeben. Vielleicht war aber diese scheinbare Dualitaͤt eben so gemeint wie im Y— king; daß der Geist der Sankhyolehren durchaus pantheistisch sei, laͤßt sich wenigstens nach dem Bhogvotgita nicht bezweifeln, man muͤßte denn annehmen, der Verfasser habe sie durchaus mis- verstanden, oder nach seiner eignen Denkart ge- waltsam umgedeutet. Im Bhogotgita, wie ver- muthlich in allen dem Vyaso zugeschriebenen Werken, herrscht die Vedanto -Lehre, deren Urheber er war; daher kennen wir diese unter allen indischen Philosophien am besten. Daß sie nichts anders sei, als reiner voll- kommner Pantheismus, kann sich jeder leicht selbst aus der Uebersetzung uͤberzeugen; in der philosophischen Bestimmtheit der Urschrift sind viele Stellen noch staͤrker. Freilich aber war es, wie schon der Nahme Vedanto anzeigt, nur Umdeutung des alten durch die Veda’s geheilig- ten indischen Systems. Die alte Sage also wird wie die alte Ver- fassung durchaus stehen gelassen, nur aber der neue Sinn so viel als moͤglich eingeschoben, und alles auf jenes große Eins bezogen; — das Hoͤchste, Brohmo , auch Ghuinyon , oder Objekt des Wissens, — das hier ausdruͤcklich als Indifferenz, zwischen Sein und Nichtsein, zwischen Sot und Osot definirt wird: (Kap. 13.) doch fehlt es auch nicht an Stellen, die ziemlich deutlich gegen die Veda’s selbst angehen. Aus dem ungemessenen Lobe, was der Verfasser uͤberall der Sankhyo-Philosophie ertheilt, scheint doch eine wirkliche Uebereinstimmung der Denk- art hervorzugehen. Von einigen Schriftstellern wird indessen angegeben: Sankhyo sey die Physik, wie Mi- manso die Moral, und Nyayo die Dialektik, da hingegen andre sie als eben so viele Philosophien und Systeme erwaͤhnen; in welchem Falle die Nyayo als eine der aͤltesten, die nebst der Mi- manso allein in Monu’s Gesetzbuch erwaͤhnt und mit ihr unter die Upanga’s gerechnet wird, eine besondre Aufmerksamkeit verdienen wuͤrde. Der moralische Geist der Mimanso, und die spekula- tive Beschaffenheit der Sankhyo stimmen uͤber- ein mit der Stelle, die wir ihnen in der Ord- nung der Systeme angewiesen haben. Es wird daruͤber bald eine bestimmtere Entscheidung moͤg- lich sein, je mehr indische Urschriften wir kennen lernen. Fuͤr jetzt ist es schon viel, daß wir die aͤlteste indische Ansicht, die der ganzen Verfassung zum Grunde liegt, aus Monu’s Gesetzbuch ziem- lich vollstaͤndig, und die Vedanto-Lehre, die als die juͤngste das ganze System der indischen Lite- ratur beschließt, aus dem Bhogvotgita fuͤr den wesentlichen Charakter hinreichend kennen. Man kann sich uͤberhaupt das Ganze der indischen Literatur zur leichtern Uebersicht vor- laͤufig in vier Epochen eintheilen; die aͤlteste Epoche umfaßt die Veda’s und was sich zunaͤchst an diese anschließt, wie Monu’s Gesetzbuch . Daß die Veda’s, wenn gleich durch einzelne Zu- saͤtze verfaͤlscht, doch nicht ganz neu umgeschmol- zen sein koͤnnen, wird nicht wenig dadurch bestaͤ- tigt, daß schon vor so geraumer Zeit Woͤrter- buͤcher zum Verstaͤndniß derselben noͤthig waren. Den in Prosa abgefaßten Rig und Yojurved wird verschiedentlich ein kosmogonischer, magi- scher und liturgischer Inhalt zugeschrieben; der des Samoved in Versen ist moralisch, ver- muthlich aber mit manchen mythischen und histo- rischen Einmischungen, so wie in dem Mano- vondhormoshastron. — Eine andre große Epoche bilden alle diejeni- gen Werke, welche dem Vyaso zugeschrieben werden; die achtzehn Puranas, der Moha- bharot , und die Vedanto -Philosophie. Ob- gleich der Werke mehr sind, als von einem Menschen irgend moͤglicher Weise herruͤhren koͤn- nen, so wird doch wahrscheinlich in allen die gleiche Lehre und Ansicht angetroffen werden, und soll auch keine Verschiedenheit des Styls bemerklich sein, da doch die in Monu’s Gesetz- buch schon so auffallend groß ist. Wenn gleich die Veda’s als das aͤlteste, ge- heimnißvollste, begreiflicher Weise die Wißbe- gierde am meisten auf sich ziehen werden, so duͤrfte doch was zwischen diesen und den Pura- nas in der Mitte liegt, vielleicht nicht minder lehrreich und wichtig sein. Dahin gehoͤren fast alle philosophischen Systeme , die aͤlter sein muͤssen als die Vedanto, weil diese sich theils an sie anschließt, wie an die Sankhyo, theils aber sie bestreitet und widerlegt. Ferner der Ramayon , und vielleicht der ersten Entste- stehung nach noch manche andre in den Pura- nas verarbeitete Dichtung. Das hohe Alter- thum des Mohabharot und Ramayon, wo nicht der jetzigen Gestalt, so doch dem Kern der Dich- tung nach, wird durch die Denkmale zu Illoure und andre unwidersprechlich bewiesen. Dieß wuͤrden wir die zweite Epoche nennen; die Puranas und alles andre von Vyaso machte die dritte; Kalidas und andre Dichter endlich, welche die alten Sagen, die bis dahin ein allzu ausschliessendes Eigenthum der Priester waren, in Schauspielen und andern poetischen Gestalten, auch allgemeiner fuͤr alle darstellen, die vierte und juͤngste Epoche der alten indischen Literatur. Die vorzuͤglichsten dieser Dichter bluͤhten im Zeit- alter des Vikromadityo, ungefaͤhr gleichzeitig mit dem Kaiser Augustus. Die wichtigsten Epochen aber der indischen und uͤberhaupt der orientalischen Philosophie und Religion, sind folgende: erstens, das System der Emanation, das endlich in astrologischen Aber- glauben und schwaͤrmerischen Materialismus ent- artete; die Lehre von den zwei Principien, deren System des Dualismus, spaͤter zum Pantheismus umgewandelt ward. Tiefer ist der menschliche Geist in der orien- talischen Philosophie nicht herabgesunken, als bis zum Pantheismus, welcher der Moral eben so verderblich als der Materialismus, und zugleich auch fuͤr die Fantasie zerstoͤrend ist. Zwar wird es besonders in Indien, wo unter einer anscheinen- den Gleichfoͤrmigkeit eine sehr große Mannich- faltigkeit der Geistes-Entwicklung Statt gefunden hat, auch an einzelnen Beispielen der gemeinern skeptischen, oder selbst ganz empirischen Denkart vielleicht nicht gefehlt haben; ob dieselbe aber zu einem eigentlichen System in wissenschaftlicher Form entwickelt ward, dafuͤr ist noch keine An- zeige vorhanden. Wir haben fuͤr jetzt die Aufmerksamkeit nur auf das Wichtigste lenken wollen, was Epoche macht, und den Gang des Ganzen vorzuͤglich erklaͤrt; vieles, was das gegenseitige Verhaͤltniß, den Zusammenhang der verschiedenen Systeme noch deutlicher haͤtte darstellen koͤnnen, die all- maͤligen Uebergaͤnge aus einer in das andre, oder die ganze Ausfuͤhrung und Entwicklung jedes Einzelnen bis auf die Nebenbestimmungen, ist absichtlich weggelassen worden, um den Blick durch die Mannichfaltigkeit der Gegenstaͤnde nicht allzusehr zu zerstreuen. Drittes Buch. Historische Ideen . Erstes Kapitel. Vom Ursprunge der Poesie . D ie alten Sprachen, deren Stammbaum wir von der Wurzel bis zu den Hauptaͤsten im ersten Buche zu verfolgen suchten, sind eine Urkunde der Menschengeschichte, lehrreicher und zuverlaͤssiger, als alle Denkmale in Stein, deren halbverfallne Riesengroͤße die spaͤte Nachwelt, zu Persepolis, Illoure, oder an dem aegyptischen Thebaͤ mit Erstaunen betrachtet. Die Geschichte der Reli- gion aber, der herrschenden Ideen, darf in der aͤltesten Zeit eben so wenig und noch weniger als in der neuen, von der Geschichte der Bege- benheiten der Voͤlker getrennt werden. Darum haben wir eine Darstellung der successiven Ent- wicklung des orientalischen Geistes nach den vier merkwuͤrdigsten Systemen, oder vielmehr nach den wichtigsten Epochen orientalischer Denkart im zweiten Buche vorangehen lassen; das gegen- waͤrtige dritte und letzte aber bestimmen wir der Andeutung wenigstens einiger historischen Folge- rungen und Betrachtungen, die sich am unmit- telbarsten aus jenen beiden festen Grundlagen ergeben, worauf sich kuͤnftig endlich einmal ein dauerhafteres und vollstaͤndigeres Gebaͤude alter Geschichte wird auffuͤhren lassen, als wir bisher hatten. Statt uns in einzelnen Vergleichungen der verschiedenen Mythologien mit der indischen zu verlieren, suchten wir vielmehr einen allgemeinen Umriß der aͤltesten orientalischen Denkart nach den sichersten Urkunden zu entwerfen. Dieser Begriff des Ganzen kann allein das verworrene Dunkel erhellen, und duͤrfte, wenn man die Nachweisung der geschichtlichen Genealogie der Sprachen hinzunimmt, den Leitfaden geben, um aus dem alten Labyrinth den Ruͤckweg an das Licht zu finden. Die unendliche Mannichfaltig- keit individueller Entwicklungen der Mythologie setzen wir auch hier bei Seite; aber so wenig die ganze Fuͤlle der Fantasie sich auf Begriffe zuruͤckfuͤhren laͤßt, so wird man doch nicht laͤug- nen koͤnnen, daß es bei aller Verschiedenheit unter sehr entfernten Mythologien gewisse allge- meine Uebereinstimmungen gebe, und daß bei aller Willkuͤhr spielender Dichtung, doch nicht alles bedeutungslos ist, vieles auf einer und denselben Sinn zuruͤckweist; nicht blos auf die Weise, welche man gewoͤhnlich Allegorie nennt, sondern vorzuͤglich in dem Geist, in der vorherr- schenden Denkart und Richtung des Gefuͤhls. Von diesem Gemeinschaftlichen, von dieser allem Polytheismus zum Grunde liegenden Denkart, wird sich zum Theil schon jetzt der Ursprung erklaͤren, und wenigstens die Stelle nachweisen lassen, wo Mythologie entstanden ist, und wie ihre weitere Entwicklung dem Gange des mensch- lichen Geistes uͤberhaupt folgte. Die Lehre von der Emanation, d. h. von der unendlichen fortgehenden Entwicklung und Ent- faltung Gottes und der allgemeinen Beseelung, enthielt den ersten Keim des Polytheismus; in der materiellen Anbetung der Natur und dem astrologischen Aberglauben erzeugte sich die ganze Fuͤlle der alten Fabel; gemildert, verschoͤnert, auch bereichert ward die Mythologie durch die Lehre von den zwei Principien, die Religion des Lichts, und der frommen Gottbegeisterten Hel- den; sobald aber, wo es auch sein mag, panthei- stische Denkart herrschend ward, konnte die My- thologie nur noch als Allegorie, als esoterische Huͤlle oder Spiel der Dichtung stehen bleiben. So wie die griechische Mythologie der schoͤnen Entwicklung nach vielleicht die reichste, so duͤrfte die indische dem innern Wesen nach die umfas- sendste sein, weil sie durch alle jene Denkarten vollstaͤndig durchgefuͤhrt ist. Kaum duͤrfte sich ein Begriff finden, der in einer der verschiedenen intellectuellen Religionen irgend wesentlich und dem indischen System unbekannt geblieben waͤre, oder eine Fabel, die in einer der blos dichteri- schen Mythologien eine ausgezeichnete. Stelle annaͤhme, fuͤr die sich nicht in eben demselben etwas ganz entsprechendes, und merkwuͤrdig aͤhn- liches aufzeigen liesse. Welche Stelle die aegyptische und syrische Mythologie in dem Cyklus des Ganzen einnehme, ist schon im vorigen Buch angedeutet; man be- trachte nach derselben Ansicht auch die europaͤischen Sagen und Dichtungen der celtischen, roͤmischen, griechischen, germanischen und slavischen Mytho- logien, und wenn auch im Einzelnen viel Dun- kelheit bleibt, wird doch der Geist und der Gang des Ganzen deutlicher werden. Wir haben die Ordnung der genannten Mythologien so gestellt, wie sie der Stufenfolge der verschiedenen Denk- arten entsprechen moͤgen. In der celtischen werden noch die bestimmtesten Spuren des aͤlte- sten Systems der Seelenwandrung gefunden; es duͤrfte deren aber auch in der altroͤmischen Reli- gion mehr gewesen sein als bei den Griechen; in der slavischen Mythologie ist die Lehre von den zwei Principien herrschend, und auch der deutschen war diese und die Verehrung der Elemente, so wie sie damit verbunden zu sein pflegt, wohl nicht unbekannt. Die griechische steht auch hier als die vollkommenste in der Mitte, und duͤrfte unter allen am wenigsten an einen bestimmten philosophischen Sinn gebunden, am meisten reine Dichtung sein. Ueber die Entstehung und das eigentliche Wesen der Poesie verbreitet sich von hier aus ein unerwartetes Licht. Zwar es hat dieselbe 11 einen zwiefachen Ursprung; der eine ist durchaus natuͤrlich, indem das Gefuͤhl bei wilden, wie noch bei gebildeten Menschen, sich uͤberall in Gesang aushaucht. Aber es giebt noch einen andern mythischen Bestandtheil der alten Poesie, der nicht so einfach zu erklaͤren ist; hier kann man nicht sagen wie bei jener bloßen Naturpoesie des Gefuͤhls: daß dieß eben so uͤberall von selbst und immer wieder von neuem entstanden sei, und noch entstehe; es ist ein tiefer Zusammen- hang in diesem alten Gewebe der Fantasie. Aus dem immer noch durch den Gedanken des Unendlichen und Goͤttlichen befruchteten Na- turdienst und Aberglauben, ging zuerst die Fuͤlle der urspruͤnglich wilden und riesenhaften Dichtung hervor; als das schoͤne Licht einer sanftern und edlern Begeistrung hinzukam, ward die rauhe Fabel durch eben diese Milderung zur Poesie. Grade dies ist auch der Charakter der griechi- schen Dichter, nehmlich derjenigen, die es ganz sind, in denen die Fuͤlle und Kraft der alten Fabel noch lebendig wirkt, und die Mythologie noch nicht zu einem bloßen Bilderspiel der Dich- tersprache verdunstet ist. Sehen wir nicht blos auf die Form wie die Buchstabengelehrten und gewoͤhnlichen Kunst- kenner, sondern auf den Geist, auf das innere Leben; so sind es alle nur Dichter einer Art, mythische oder heroische Dichter; alle jene un- wesentliche Verschiedenheiten der aͤussern Form verschwinden, und es ist im Homer wie im Aeschylos, im Pindar wie im Sophokles, immer nur jene Verbindung und Verschmelzung des urspruͤnglich Wilden und Riesenhaften mit dem Sanften, was den eigenthuͤmlichen Reiz ihrer Darstellungen ausmacht; nur in verschiedenem Verhaͤltniß, in verschiedenen Stufen Abweichun- gen, oder Eigenheiten der Haͤrte und der Anmuth. Dieß, und nur dieß allein ist eigentlich Poesie; und alles was in spaͤtern Zeiten, wo die Kunst so manches an den urspruͤnglichen Kern angebildet hat, so genannt wird, ist es nur, weil es einen aͤhnlichen Geist athmet wie jene alte Heldenfabel, oder weil es sich noch auf sie bezieht; Anwendung, Entfaltung, oder Nachbil- dung derselben ist. Waͤre es nicht zu kuͤhn, nach so wenigen Bruchstuͤcken schon eine Vermu- thung zu wagen, so wuͤrde ich dafuͤr halten, daß die indische Poesie diesem ihren eigentlichen We- sen nach, von der aͤltern griechischen so sehr ver- schieden nicht sei; nur daß sie dasselbe, wenn ich so sagen darf, nach einem noch groͤßern Maaß- stabe darbietet, indem theils die urspruͤnglich zum Grunde liegende Fabel ungeheurer und wilder, theils aber auch die spaͤtere Milderung noch gei- stig sanfter und lieblicher, noch sinnlich und sitt- lich schoͤner ist als selbst in der Anmuth des Pindar und Sophokles. Der Charakter und der Ursprung auch der bildenden Kunst bei den Indiern, Aegyptern und aͤltern Griechen ist im Ganzen voͤllig derselbe wie der der heroischen Poesie; und eben jene Verbindung des riesenhaft Kuͤhnen und des Sanften, worin das Wesen der alten Poesie besteht, ist auch die eigentliche Bedeutung der plastischen Schoͤnheit der Griechen, wenigstens so lange als noch Spuren vom großen Styl vor- handen, die alte Erinnerung noch nicht verlo- schen, und der Sinn der Kunst noch nicht ver- lohren war. Zweites Kapitel. Von den aͤltesten Wanderungen der Voͤlker . P oesie, die in jenem Alterthum mit Religion innig verbunden und fast eins mit ihr war; ge- wisse uns auf den ersten Anblick vielleicht ganz fremde und unerklaͤrliche Ideen, die aber aus der innersten Tiefe der damaligen Denkart her- vorgingen, haben unstreitig einen sehr bedeuten- den Einfluß auf die aͤltesten Begebenheiten und Wanderungen der Voͤlker gehabt, wenn gleich der Drang des Beduͤrfnisses, und die Lockung des aͤussern Vortheils neben jenen Ideen auch mit gewirkt haben, wie dieß selbst in spaͤtern Zeiten mehr als einmal geschehen ist. Sind einmal Ackerbau und Staͤdte, die ersten Kuͤnste des Kriegs und des Friedens vorhanden, so finden ungefaͤhr eben die Verhaͤltnisse des Anbaus und Erwerbs, des Handels und der Eroberung auch im hohen Alterthum Statt, die in der neuern Geschichte so ausschliessend zu herrschen scheinen. Ehe wir aber den Einfluß der Religion auf die Stiftung der indischen Kolonien betrach- ten, muͤssen wir zuerst einige allgemeine Betrach- tungen voran schicken, uͤber die Art wie man die aͤltesten Wanderungen der Voͤlker, uͤberhaupt ihre Verschiedenheit und Entstehung, zu betrach- ten hat. Will man die ganze Mannichfaltigkeit der so verschiedenen Voͤlkerschaften zum Gegenstand der Untersuchung machen, so muß man vor’s erste jede willkuͤhrliche Voraussetzung und Meinung uͤber ihren gemeinschaftlichen Ursprung, und etwanige Ursache der Trennung bei Seite sez- zen, und die Voͤlkerschaften blos nach den Kenn- zeichen des hoͤhern oder geringern Alters son- dern, so wie der Naturforscher die Lagen der verschiedenen Erdarten in den Gebirgen und auf der Oberflaͤche des festen Landes, der Natur aufmerksam folgend ordnet. Das erste Kennzei- chen ist auch hier die Sprache; mehr aber die innre Structur als der materielle Theil dersel- ben, die Wurzeln, auf deren oft weitgesuchte Aehnlichkeit man gewoͤhnlich allein sieht. Das naͤchste an Wichtigkeit nach der Sprache ist der Gebrauch der Metalle, sowohl des Kupfers und Eisens zum Krieg und Ackerbau, als des Goldes und Silbers zum allgemein geltenden Zeichen des aͤussern Werths der Dinge; und die Zaͤh- mung derjenigen Thiere, die dem Menschen am nuͤtzlichsten, und zu jenen Kuͤnsten am unent- behrlichsten sind. Doch kann der Umstand, daß sich in Amerika, als es entdeckt ward, die in der alten Welt allgemein verbreiteten dienstbaren Thierarten nicht fanden, noch keinen vollstaͤndi- gen Beweis abgeben, daß die Amerikaner ein eigner von dem asiatischen verschiedener Men- schenstamm seien, worauf so manche allen ameri- kanischen Sprachen gemeinschaftliche Seltsamkeit, so manche sehr auffallende und doch allen diesen Voͤlkern gemeinsame Sitte, und die allgemeine Unbekanntschaft mit dem Gebrauch der Metalle, fuͤhren koͤnnte; denn auf den ostindischen Inseln, wo doch Sprache und andre Anzeichen die asiatische Abstammung beweisen, fehlen jene Thierarten gleichfalls; und wenn die fremden asiatischen oder europaͤischen Ankoͤmmlinge, welche, wie es theils aus chinesischen Urkunden historisch gewiß, theils der Mexikaner glaubwuͤrdigen Sage gemaͤß ist, die beiden Reiche von Peru und Mexiko stifteten, diese Thierarten nicht mitbrachten, oder die mit- gebrachten nicht zu erhalten wußten, so konnte ja dieß auch bei den ersten Einwanderern eben so der Fall sein. Ueberhaupt findet sich an den oͤstlichsten Enden Asiens schon manches mit Amerika uͤbereinstim- mende. Eben so kann auch der im innern Afrika weiter verbreitete Gebrauch der Metalle und der dienstbaren Thierarten noch nicht hinreichen, die asiatische Abstammung der Negern zu beweisen, wofern sich nicht noch andre Gruͤnde finden, um dieß wahrscheinlich zu machen, und was dieser Meinung entgegensteht zu entkraͤften. Die physische Verschiedenheit der Menschen- staͤmme ist, wenigstens so weit sie bis jetzt entwik- kelt worden, von nicht so großer historischer Wich- tigkeit. Der merkwuͤrdigste und groͤßte Unterschied ist wohl der, daß die Amerikaner weder im Suͤden so negerartig werden, noch im Norden die Weiße und uͤbrigen Eigenschaften der Europaͤer und Bewohner des westlichen Mittelasiens in dem Grade annehmen, als dieß beim asiatischen Stamm ge- schieht. Dieß wuͤrde also eine groͤßere physische Biegsamkeit und Bildsamkeit zur Abartung viel- leicht nicht minder als zur Veredlung bei dem asiatischen Menschenstamm voraussetzen, als bei jenem; da die asiatische Abstammung weißer Staͤmme in Europa und der schwarzen Bewoh- ner des suͤdlichsten Indiens, so wie der indischen Inseln, durch Sprache und alle moͤgliche andre Beweisgruͤnde, historisch erwiesen ist. In diesen Voͤlkerschichten nun sehen wir, wie der Naturforscher im innern Bau der Ge- birge, einen Theil der verlohrnen Urgeschichte gleichsam in einem Grundriß vor Augen, der uns hier und da mit der uͤberraschendsten Klarheit an- spricht, an andern Stellen aber unverstaͤndlich bleibt, weil wir wohl das Allgemeine und den Zusammenhang des Ganzen zu vermuthen und uns zu denken, aber nie die ganze Fuͤlle alles Einzelnen zu errathen vermoͤgen. Ein andrer fuͤr die Aufmerksamkeit des Ge- schichtforschers fast noch wichtigerer Gegenstand, ist die Mischung der Voͤlker, die vorzuͤglich im persischen Reich, laͤngst dem Gihon und Euphrates am Kaukasus und in Kleinasien, uͤberhaupt in dem mittlern westlichen Strich jenes alten Welt- theiles Statt fand. Wenn es im Kreise dieser Untersuchung laͤge, diese Sache vollstaͤndig ins Licht zu setzen, so wuͤrden wir uns zu zeigen be- muͤhen, wie durch Wanderung allein neue Voͤlker entstehen koͤnnen; wie nehmlich ploͤtzliche Veraͤn- derung des Clima’s und des ganzen aͤussern Le- bens auch in Sprache und Sitten eine große Revolution hervorbringen muͤsse, und wenn einige Mischung mit Staͤmmen andern Geschlechts hin- zukoͤmmt, eine wirklich neue Nation daraus werde von ganz eigenthuͤmlichem Charakter und indivi- duellem Gepraͤge, das, wenn der Moment der Gaͤhrung und des Entstehens einmal voruͤber ist, sich nun Jahrtausende fast unveraͤndert erhalten kann. Es wuͤrde sich alsdenn bestimmen lassen, mit welchem Recht Mittelasien von den Geschicht- forschern so oft als die Mutter und unversiegliche Quelle immer von dort auswandernder Voͤlker betrachtet und geschildert worden, und in wiefern und in welchem Sinne dieß wirklich gegruͤndet sei, da der zweifache Strom der Wanderung, deren gewoͤhnlicher und gleichsam natuͤrlicher Lauf fast immer nach Nordwesten gerichtet war, hier vom Osten und vom Suͤden her zusammentraf, hier also die Mischung am mannichfaltigsten und fruchtbarsten, und dieser Erdstrich wirklich die Staͤtte war, wo von Alters her Nationen ent- standen und sich bildeten. Man wird nie eine klare und verstaͤndliche Ansicht der aͤltesten Geschichte erhalten, so lange man die Wanderungen der Voͤlker nur als ein Draͤngen und Stoßen, wie nach blos mechanischen Gesetzen betrachtet, ohne zugleich auf die Bedin- gungen Ruͤcksicht zu nehmen, wodurch ein großer Stamm sich in mehre kleine theilen, und im- mer individueller absondern und entwickeln mag, oder wie auch durch Mischung aus mehren ver- schiedenen Voͤlkern ein drittes ganz neues ent- stehen kann, das in Sprache und Charakter eigen- thuͤmlich gezeichnet und geartet ist. Nur durch eine solche genetische Ansicht kommt Licht in das Chacs von Thatsachen und Ueberlieferungen und wohl oder uͤbel begruͤndeten Meinungen, welches wir alte Geschichte nennen. Auch darf man nicht alle Nationen, die wir jetzt in Asien kennen, bei den Alten wieder finden wollen, noch weniger alle diejenigen, deren sie erwaͤhnen, in der heutigen Erdkunde aufsuchen; manche Nationen, die auf solche Weise entstan- den, sind auf eben die Art auch wieder von andern verschlungen worden und gaͤnzlich untergegangen, wie wir ja auch in der Sprache der Basken, so wie der Arnauten und Wallachen nur noch schwache Reste und bloße Anzeichen von ehedem vielleicht großen und weitverbreiteten Nationen uͤbrig haben. Andre Nationen duͤrften juͤngern Ursprungs und erst in noch ziemlich neuen Zeiten zu dem, was sie jetzt sind, zusammengewachsen sein. Drittes Kapitel. Von den indischen Kolonien und der indischen Verfassung . W ir haben diese Fragen hier nur, so weit der Zusammenhang des Ganzen es forderte, im Vor- beigehen beruͤhren wollen; denn zu unsrer gegen- waͤrtigen Untersuchung gehoͤrt eigentlich nur der dritte Gegenstand, der das Nachdenken des For- schers in der aͤltesten Geschichte auf sich zieht; die Verwandtschaft nemlich der aͤltesten unter den ge- bildeten Voͤlkern des Alterthums. Hindeutend auf diesen Zusammenhang sind Religion und Mythologie, erwiesen wird die Verwandtschaft durch die Sprache, und naͤchstdem bietet auch die Architectur, so wie wir sie an den alten aͤgypti- schen, persischen und indischen Denkmalen bewun- dern, noch einiges Gemeinsame dar, und ist eine Bestaͤtigung mehr fuͤr die Einheit des Ursprungs aller asiatischen Bildung; und diese letzte ist doch der eigentliche Gegenstand und Zweck aller Ge- schichte. Von Amerika und von dem suͤdlichen Afrika wuͤrde es gar keine Geschichte geben, wenn alles in demselben Zustande duͤrftiger Wildheit stets verharrt waͤre, und wenn nicht auch diese Laͤnder von Asien und Europa aus, manchen Zu- fluß und Samen hoͤherer Geistesthaͤtigkeit, Bil- dung und Bewegung erhalten haͤtten. Wenn wir hingegen bei den asiatischen Voͤl- kern selbst im fruͤhsten Alterthum etwas hoͤheres als Wanderungen ohne einen andern Zweck, als den Drang des Beduͤrfnisses, wenn wir Ein- heit und Aehnlichkeit einer tief begruͤndeten Ver- fassung und Denkart bei ihnen wahrnehmen, so muͤssen wir uns an die Riesengroͤße und Festigkeit der Bauart in aͤgyptischen und indischen Denk- maͤlern, im Gegensatz der gebrechlichen Kleinheit moderner Gebaͤude, erinnern, um den Gedanken, daß die groͤßten Reiche und vornehmsten Nationen von einem Stamme ausgegangen, daß sie Kolo- nien eines Volkes, wo nicht unmittelbar, doch mittelbar indische Kolonien seien, nicht zu unge- heuer zu finden. Die Kolonien der Griechen und Roͤmer erscheinen im Einzelnen nicht sehr bedeutend gegen jene alte Groͤße; und doch, welche wichtige Veraͤnderungen und Wirkungen haben auch diese im Ganzen hervorgebracht! — Freilich braucht die Verbindung nicht immer unmittelbar gewesen zu sein; durch wie viele jetzt verlohrne Zwischenglieder mag die Lehre von der Seelenwandrung gegangen sein, ehe sie von In- dien aus bis zu den Druiden des alten Galliens gelangte? Wenn wir noch in Peru einen Koͤnigs- stamm der Sonnenkinder, ein altes Reich auf die Verehrung des Sonnengottes gegruͤndet, und so manche andre indische Spuren finden, so wuͤr- den wir, wenn uns die chinesischen Geschichtsbuͤ- cher nicht einigen Aufschluß daruͤber gaͤben, Ver- muthungen auf Vermuthungen bauen, wie alles dieß sich so weit hieher verlieren konnte. Die Staͤrke der Bevoͤlkerung bei den abge- stammten Nationen, besonders der germanischen und persischen, darf dabei am wenigsten Schwie- rigkeit machen. Wenn die Anzahl der saͤmtlichen Slaven, nach den Angaben der Geographen, die freilich meistens andre Gesichtspunkte haben als die Stammverschiedenheit, mit Inbegriff aller in der Tuͤrkei und in Deutschland zerstreuten, eher uͤber als unter funfzig Millionen sein duͤrfte, wenn auch die der Germanen nah an vierzig an- geschlagen werden moͤchte, auch ohne noch die nicht celtisch redenden Bewohner Engellands und die Engellaͤnder in Nordamerika hinzu zu rechnen, so ist keinesweges nothwendig anzunehmen, daß der urspruͤngliche Stamm das gewoͤhnliche Maaß einer großen wandernden Horde uͤberstiegen habe, wie wir deren mehre noch ziemlich historisch genau kennen; da ausser dem allmaͤligen Anwachs, der oft vielleicht durch die Verbreitung und Zerstreuung noch befoͤrdert ward, ganze kleinere Staͤmme und Voͤlker beim ersten Entstehen von dem herrschen- den verschlungen und ihm einverleibt wurden. Bedenke man nur, wie sich die lateinische Sprache, anfangs nur dem mittlern Italien eigen, da im Norden Celten, im Suͤden Griechen wohnten, von diesem kleinen Fleck aus, fast uͤber den ganzen Erdkreis verbreitet hat. Noch in ihren Toͤchtern, den romanischen Sprachen, herrscht sie fast in allen Welttheilen; das Italiaͤnische ist die Handels- sprache des Morgenlandes, wie das Portugiesische der afrikanischen und aller indischen Kuͤsten; das Spanische ist die Sprache des groͤßten Theils der neuen Welt geworden; des gesellschaftlichen Ein- flusses der franzoͤsischen Sprache, des Gebrauchs der ausgestorbenen lateinischen zur Gelehrsamkeit und in mehren Laͤndern noch jetzt zur Unterre- dung und zur Religion, (wie das Samskrit, oder wenigstens einzelne Formeln desselben in Siam und Thibet liturgisch gebraucht werden), der be- traͤchtlichen roͤmischen Einmischungen endlich in der englischen, deutschen und wallachischen Sprache gar nicht zu erwaͤhnen. So weit hat ein anfangs wenig zahlreiches Volk noch nach zwei Jahrtausenden seinen Einfluß und seine Sprache verbreitet, dessen eigentliche Herrschaft doch, da sie am staͤrksten war, wohl nur selten die Bevoͤl- kerung des ganzen Indiens uͤberstiegen hat. Denn das darf nicht uͤbersehen werden, daß Indien eins der volkreichsten Laͤnder immer gewesen und auch noch gegenwaͤrtig nach so vielen zerstoͤrenden Re- volutionen der lezten Jahrhunderte, bei allgemei- nem Verfall und hartem Druck es geblieben ist. Wie leicht mochte also in den Zeiten des alten 12 Wohlstandes der Ueberfluß selbst die Auswande- rung zum Beduͤrfniß machen! Fast noch weiter und ungleich schneller als die Roͤmer haben die Araber durch Eroberungen, Handel und Kolonien ihren Einfluß und ihre Sprache uͤber einen großen Theil von Asien, den ganzen Norden, die Kuͤsten und bis tief in das Innre Afrikas, ja bis auf die entlegenen indischen Inseln verbreitet, wo unsre Geschichte oft nicht zureicht, zu erklaͤren, wie das Arabische, was wir daselbst in Sprache und sonst unlaͤugbar finden, in so ferne Gegenden gekommen sei. Kann etwas aͤhnliches nicht auch zu einer viel fruͤhern Zeit in Ruͤcksicht der Indier Statt gefunden haben, wenn gleich sie niemals eigentliche Eroberer waren? Wir haben Grund genug, es zu behaupten, und koͤn- nen wenigstens im Allgemeinen nachweisen, wie es moͤglich war. Was die weite Entfernung der Roͤmer und Griechen und noch mehr der germanischen Voͤlker- schaften von dem Mutterlande betrifft, so sind schon im ersten Buche einige Sprachen und Voͤl- ker, die mit jener Familie in einer geringeren aber doch noch in einiger Verwandtschaft stehen, als Mittelglieder angefuͤhrt worden; dazu kommt, daß der Norden der westlichen Halbinsel Indiens, bis an die Grenzen von Persien und Turkhind, von den aͤltesten Zeiten an der Sitz der indischen Bildung nicht nur, sondern auch der maͤchtigsten Reiche und Dynastien war. Auch waren die Kolonien nicht immer zu- gleich Auswanderungen; eine geringe Anzahl konnte oft hinreichend sein, eine solche Kolonie zu stiften, wenn es nicht blos Eroberer und Krie- ger, sondern die Einsichtsvollsten jener Zeit, wenn es Priester waren, die irgend eine Ursache hat- ten, ihr Vaterland zu verlassen, und unter wilde Voͤlker zu gehen, um sie zu bilden und zu be- herrschen. Der Irrthum fuͤhrt oft einen eben so starken Bekehrungseifer mit sich als die Wahrheit, wo sich die Absichten eigennuͤtziger Herrschsucht um so besser anschliessen koͤnnen. So wie an der persischen Auswanderung der Kriegerstand und Adel wohl den groͤßten Antheil genommen haben mag, so traͤgt dagegen Aegypten ganz das Ansehn einer solchen Priesterkolonie. Daß es nur das und nicht zugleich Auswanderung war, beweist der so gar nicht indische Charakter der koptischen Sprache; sei es nun, daß diese Priester aus dem Mutterlande selbst unmittelbar dahin gekommen, was nicht undenkbar ist, oder daß suͤdlich von Aegypten ein aͤlteres gebildetes Aethiopien gewesen sei, und die aͤgyptische Bildung erst von daher abgeleitet worden. Daß noch ganz andre Ursachen und Bewe- gungsgruͤnde zur Auswanderung mitgewirkt haben moͤchten, als der bloße Andrang einer uͤberstroͤ- menden Bevoͤlkerung, ist schon fruͤher angedeutet worden. Wir wollen nur eines erwaͤhnen. Welche unuͤbersehliche und ungeheure Veraͤnderung und Zerstoͤrung mußte nicht das erste Verbrechen, Mord und Krieg, der erste bestimmte Abfall von Gott, in dem Bewußtsein des Menschen hervor- bringen? Angst und wuͤste Begierde war die ge- wisse Folge; und was zuvor ein stilles Sinnen, ein ruhiges Denken und unmittelbares Schauen gewesen war, ward nun wilde Einbildung, Schreck- niß und Luͤge. Was mußte nicht alles vorgehen, ehe das gottbefreundete Wesen sich entschliessen mochte, am Leichnam ermordeter Thiere eine greuel- volle Nahrung zu suchen? Der Abscheu der Brah- minen vor thierischer Nahrung hat ein so altes Gepraͤge, daß er wohl als ein uͤbrig gebliebenes Erbtheil des fruͤhesten Zustandes angesehen wer- den koͤnnte. Hat nicht dieselbe innre Furcht, die den Gefallnen antrieb, in den Eingeweiden des Opferthiers nach dunkeln Anzeichen bevorstehenden Unheils angstvoll zu forschen, und aus dem In- nern der Erde die Metalle hervorzureissen, in denen er, noch nah an der Zeit, da man das Wesen der Naturdinge unmittelbar in Gott er- blickte und begriff, bald die irdischen Gestirne und Lenker seines kuͤnftigen Geschicks, die Mittel friedlicher Nahrung, aber auch die Werkzeuge neuer Verbrechen und Kriege erkannte; hat nicht eben diese Unruhe den fliehenden, gleich dem ersten mit Blut gezeichneten Moͤrder, noch weiter ver- folgt und bis an die aͤussersten Enden der Erde umher getrieben? — Doch wir wollen uns hier nicht auf solche Thatsachen gruͤnden, fuͤr die es wohl eine andre aber keine eigentlich histo- rische Gewißheit geben kann, weil sie aͤlter sind als alle Geschichte, die erst dann entstehen konnte, nachdem jene erschreckte Einbildungskraft, wovon wir in den aͤltesten Denkmalen des menschlichen Geistes noch so viele Spuren finden, bis zur Erinnrung gemildert und beruhigt war. Ein Denkmal fuͤr die fruͤheste Geschichte Indiens haben wir, was zuverlaͤssiger und aͤlter ist als alle, die in Worten abgefaßt und durch Schrift erhalten sind; dieses ist die indische Ver- fassung selbst. Konnte eine fuͤr die niedern Staͤnde so harte Verfassung wohl anders als durch Gewalt und eine Zeit des Kampfs einge- fuͤhrt werden, dessen Schwankungen und Gaͤh- rungen zahlreiche Staͤmme zur Auswanderung zwingen und bewegen konnten und mußten? Durch die Mischung solcher aus dem Mutter- lande fliehenden Staͤmme mit wilden Voͤlker- schaften liesse sich die entferntere Annaͤherung und Verwandtschaft der slavischen an die Familie der edlen Sprachen erklaͤren. Doch brauchten es nicht bloß unterdruͤckte zu sein, die da flohen; andre konnten bloß, weil sie das Verderben und die Zerruͤttung, die der Einfuͤhrung einer solchen Verfassung nothwendig vorhergegangen sein muͤs- sen, verabscheuten und rein geblieben waren, gleichfalls fliehen, um sich in weiter Ferne noch unbefleckte Wohnsitze zu suchen und dort der alten Froͤmmigkeit getreu zu leben. Aber nicht bloß die erste Einfuͤhrung der indischen Verfassung mußte Zeiten der Unruhe und Gaͤhrung mit sich fuͤhren; auch in ihr selbst lagen Keime genug zum Zwiespalt und zum in- nern Krieg. Zwar seit Alexander bietet uns die indische Geschichte fast nichts dar, als eine Reihe von Unterjochungen durch auslaͤndische Sieger und eine Reihe innrer Revolutionen, die aber mehr ein bloßer Wechsel der Herrscher und der Dynastien waren, als eine wesentliche Veraͤnderung der Verfassung selbst herbeifuͤhrten. Die einzigen Buddhisten machen eine Ausnahme, die wohl nicht so der Lehre als der Verfassung wegen, weil sie die Eintheilung der Staͤnde an- tasteten und den erblichen Unterschied derselben aufheben wollten, verfolgt und vertrieben wur- den; doch ward die Verbreitung ihrer Lehre in die nah gelegnen großen Laͤnder nicht durch eine foͤrmliche Auswanderung, sondern mehr nur durch einzelne Missionen bewirkt. In fruͤheren Zeiten aber, ehe die Verfassung so fest und zu einer andern Natur geworden war, mußte es noch groͤßere Unruhen und Veraͤnderungen geben. Auch, nachdem die unbezwingliche Uebermacht des erblichen Priesterstandes einmal entschieden war, blieb dem Kriegerstande desto freierer Spielraum zu einzelnen Fehden unter sich, die der Ver- fassung ja doch keinen wesentlichen Eintrag thun konnten. Und wovon handelt eine der aͤltesten indischen Dichtersagen im Mohabharot anders als von dem großen Buͤrgerkriege zweier ver- wandten uralten goͤttlichen Koͤnigs- und Hel- denstaͤmme? Ehe sich aber die Kshetrya’s, die urspruͤnglich derselben Abkunft waren, von den erblichen Priestern absonderten, und das Ver- haͤltniß der beiden Staͤnde ganz so bestimmt ward, wie es nachher blieb, mußte mancher harte Kampf und manche Erschuͤtterung vorangehn. Nicht umsonst wird vom Pocosramo geruͤhmt, daß er die boͤsen Koͤnige vertilgt, den verwilder- ten Adel bestraft und seine Macht beschraͤnkt habe. In den Stammverzeichnissen der Indier wird nicht selten von einem oder dem andern Geschlecht bemerkt, daß sie ausgeartet und Bar- baren — Mleccha’s — geworden, d. h. zu an- dern fuͤr wild gehaltnen Voͤlkern ausgewandert und uͤbergetreten seien. Monu’s Gesetzbuch ( X, 43 — 45.) nennt uns eine ganze Reihe solcher verwilderter und barbarisch gewordner Kshetryastaͤmme, unter denen wir die Nahmen mehrer großen und beruͤhmten Nationen wieder finden; die Sakas , die Chinas und die Pahlavas ; dieses sind wohl die alten Pehlvans oder Meder, von deren Sprache das Pehlvi ein obgleich entstelltes Ueberbleibsel sein mag; zu welchem Volksstamme dem Nahmen nach auch die Paphlagoner gerechnet werden koͤnnten. Ferner die Yavaner ; wenn diese, wie behaup- wird Nach Stellen bei Wilford , der in eignen Vermuthungen oft sehr gewagt, wo er aber bloß citirt und übersetzt, bei seiner Kenntniß der Sprache zuverlässig ist. , in den Puranas mehr als eine dem sinnlichen Naturdienst ergebne Secte geschildert werden, die auch der Religion wegen Kriege ge- fuͤhrt haben, so streitet dieß doch damit, daß sie hier unter den uͤbrigen verwilderten Kshetryas aufgefuͤhrt werden, eigentlich nicht, da beides mit einander bestehen kann. Wir muͤßten freilich erst mehr Urkunden haben, um zu pruͤfen was in den indischen Buͤ- chern von Religionskriegen aus uralten Zeiten vorkoͤmmt. An sich aber ist nicht unwahrschein- lich, daß schon sehr fruͤhe, was spaͤter bei Gele- genheit der Buddhisten, geschehen sein mag, da die Neuerung zu sehr auch die alte Verfassung beruͤhrte, als daß sie ohne Krieg haͤtte voruͤber- gehen koͤnnen. Stoff genug zu Unruhen und Zwiespalt enthielt die große Verschiedenheit der Secten und Denkarten, die in Indien ehedem geherrscht haben, von denen allen das heutige System, welches sie nur in eine ertraͤgliche Ver- einigung zu bringen suchte, noch Spuren ent- haͤlt. Der gegenseitige Religionshaß der Perser und Aegypter koͤnnte allein hinreichen, um die gewoͤhnliche Meinung, daß der Polytheismus der alten Welt durchaus tolerant sei, zu widerlegen. Wenn die Geringschaͤtzung der Anhaͤnger einer intellektuellen Religion, wie die persische war, gegen den polytheistischen Aberglauben oft in gewaltsame Bekehrungssucht uͤbergeht, wie beim Kambyses, so erzeugt der mythische Volksglaube gegen die, welche sich absondern und hoͤher er- leuchtet duͤnken, oft einen Haß voll Erbittrung, wie bei den syrischen Griechen gegen die Juden. In Indien waren beide streitende Elemente, deren Kampf von jeher so viele große Religions- kriege bis auf die neuesten Zeiten hervorgebracht hat, schon vor Alters beisammen; aber gewiß nicht immer so friedlich als jetzt, da alles lange geschwaͤcht und das ganz unvertraͤgliche so oft schon ausgestoßen worden ist, oder sich selbst freiwillig abgesondert hat. Wenn es gegruͤndet ist, daß unter den Yavanern der indischen Buͤcher mehre westlich gewanderte, dem sinnlichen Naturdienst ergebne, Voͤlker zu verstehen sind, so muͤssen wir vielleicht laͤngst dem Euphrat und Tigris herauf durch Phoͤnicien und Klein-Asien den Weg suchen, auf welchem altasiatische Staͤmme, und mit ihnen indische Sprache und Vorstellungen sich bis nach Griechenland und das mittlere und untere Ita- lien verbreitet haben. Gesetzt auch, was noch gar nicht erwiesen ist, daß Babylon und das umher liegende Hauptland in den aͤltesten Zeiten schon von einem syrisch redenden Volke bewohnt ward; so war doch gewiß so fruͤhe als hier ein großes Reich war, dieses eben wie auch spaͤter aus sehr verschiednen Voͤlkern zusammengesetzt. Phrygien, ein von Babylon abhaͤngiger Lehnstaat, giebt schon ein Mittelglied mehr, da wohl kein Geschichtskundiger mit den Alten, die sich so gern zu Autochthonen machten, die zahlreichen Hellenen in Klein-Asien erst aus Europa wird ableiten wollen. Zwar sind in spaͤtern Zeiten unstreitig viele dieses Weges wieder nach Asien gekommen, wie vielleicht bei jeder großen Wan- drung einzelne Helden und Kriegsheere oder auch friedliche Anpflanzer denselben bekannten Weg, den sie gekommen waren, auch wieder zuruͤck- wanderten. Denn die großen Wanderungen ge- schahen fast immer allmaͤlig, fast immer blieb noch Verkehr und gegenseitige Kundschaft zwi- schen denen in der Ferne und den Zuruͤckgeblie- benen, bis die weite Entlegenheit und noch mehr die Laͤnge der Zeit die allmaͤlig Entfremdeten fuͤr immer so ganz trennte, daß oft beide Theile bei einem spaͤtern Wiederbegegnen uͤber die un- laͤugbaren Beweise einer gemeinsamen Abkunft gleich sehr erstaunten. Wie manches Koͤnigs- und Heldengeschlecht in Hellas und Italien ward nicht aus Klein- Asien hergeleitet! Babylon, oder wie man sonst das große alte Reich am Euphrates und Tigris nennen will, das noch vor den Persern seine Herrschaft bis tief in Klein-Asien hinein erstreck- te, war, was es seiner ganzen Lage nach sein mußte, eine Seemacht Was über die Wasserbaukunst der Babylonier und andres dahin gehörige bei den Alten vorkommt, findet sich zusam- mengestellt in Heerens Ideen über den Handel der alten Welt u. s. w. ; und auch die Helle- nen waren schon in den aͤltesten Zeiten ein see- fahrendes Volk. Daß die italischen Voͤlkerschaf- ten des mittleren Landes, die mit den Lateinern von gleicher Abkunft waren, zur See gekommen seien, beweißt die ganze Lage der verschiedenar- tigen Voͤlkerschaften in Italien, denn wenn sie zu Lande etwa uͤber die carnischen Alpen durch Venetien ihren Weg genommen haͤtten, so muͤßten bei einer solchen Einwanderung mehr Spuren dieses Weges im noͤrdlichen Theile Italiens uͤbrig geblieben sein. Von der indischen Verfassung finden sich bei den aͤltesten Roͤmern vielleicht bei genauer Ansicht noch mehr Ueberbleibsel als man beim ersten Blick denken sollte. Die Patricier, die ausschliessend das Recht der Augurien hatten, waren wohl urspruͤnglich nichts anders als der erbliche Priesterstand; und nur dadurch, daß dieser auch den Krieg uͤbte und die Rechte des Krie- gesstandes mit an sich riß, ward der eigentliche Adel (die equites ) zuruͤckgedraͤngt, bis die Allein- herrschaft dieses uͤbermaͤchtigen kriegrischen Prie- steradels den Widerstand des Volks aufreizte und jener Kampf begann, der uns noch jetzt in den alten Geschichten so lebhaft anzieht. Wenn die Griechen Alexanders eigentliche Republiken bei den Indiern zu finden glaubten, so duͤrfen wir dieses doch wohl schwerlich nach der Weise der hellenischen, phoͤnicischen oder ita- lischen Freistaaten verstehen. Die Griechen hat- ten keinen Begriff von einer staͤndischen Verfas- sung, wie es die indische von Alters her war; noch von einem auf unverletzlich heilige staͤndi- sche Rechte gegruͤndeten, gesetzlichen und freien Koͤnigthum; sie werden also nach ihrer Weise fuͤr isolirte Freistaaten gehalten haben, was nur dem groͤßern Ganzen einverleibte selbststaͤndige Glieder desselben waren. Nur das eine ist in der Verwirrung der aͤltesten indischen Geschichte klar, daß es schon damals große Monarchien in Indien gab, obgleich staͤndische, durch die erblichen Rechte der Priester und des Adels vielfach be- schraͤnkte. Auch bei den von Indien abstammen- den Nationen und Kolonien duͤrfte die republi- kanische Verfassung erst spaͤter entstanden, die monarchische in den aͤltesten Zeiten die herr- schende gewesen sein, besonders wo der Kriegs- und Adelstand den groͤßten Antheil an der Bil- dung des Ganzen hatte, wie in Persien. Merk- wuͤrdig bleibt es immer, daß die geschichtlichen Urkunden des westlichen Asiens, wie die Dichter- sagen des an Asien graͤnzenden suͤdoͤstlichen Eu- ropas, beide mit Erzaͤhlungen von einer uralten Koͤnigs-Burg, einem herrlichen Reiche beginnen, dessen durch Ueppigkeit und Uebermuth erfolgte Zerstoͤrung, zur Zerstreuung der Staͤmme und Voͤlker, zu vielen Abentheuern und auch zur Stiftung mancher kleinern und neuern Staaten Gelegenheit gegeben habe. Hat die Sage vom trojanischen Kriege einen historischen Sinn, wie ihr altes Gepraͤge vermuthen laͤßt, so sind wir berechtigt, sie aus der hellenischen Beschraͤnktheit heraus zu ruͤcken, und an die groͤßere asiatische Ueberlieferung anzuknuͤpfen. Daß Namen von Orten, Bergen oder Staͤdten, die in der Sage eine große Stelle einnehmen, im Verlauf der Zeiten mit dem Fortruͤcken der Sage und des Volkes selbst, oft noch weiter, immer naͤher und mehr westlich geruͤckt worden sein, ist zu bekannt als daß es der Beispiele beduͤrfte. Es darf wohl kaum erinnert werden, daß alle diese Bemerkungen nichts weiter sollen, als nur ungefaͤhr die Aussicht eroͤffnen, wie frucht- bar das indische Studium auch an historischen Folgerungen sein duͤrfte. Manches Einzelne in der aͤltesten Voͤlkergeschichte Asiens wird sich erst ganz fest entscheiden, ein vollstaͤndiges Bild des Ganzen erst dann entwerfen lassen, wenn noch mehre Huͤlfsmittel gegeben sind; besonders eine kritische Bearbeitung der eigenthuͤmlichen indischen Erdkunde aus den Quellen, die vielleicht auch noch in anderer Ruͤcksicht sehr lehrreich sein wuͤrde, und eine vollstaͤndige Uebersetzung des Skondopurano , der fuͤr Geschichte unter allen Puranas am meisten enthalten soll. In- dessen laͤßt sich doch schon aus dem wenigen, was wir bis jetzt haben, vieles erklaͤren und aufhellen, und oft grade was das schwerste und befrein- dendste scheint. So kann z. B. wohl nichts so viel Zweifel erregen, als wie eine Voͤlkerschaft aus dem fruchtbarsten und gesegnetsten Erd- striche Asiens bis in den aͤussersten skandinavi- schen Norden hinauf habe wandern moͤgen; denn sie immer wieder durch andre Horden hinauf draͤngen zu lassen, duͤrfte besonders bei einem so zahlreichen Stamm, wie der der germanischen Voͤlker war, eine Erklaͤrung sein, wobei der Geschichtskundige sich wohl schwerlich befriedigen moͤchte. In der indischen Mythologie findet sich etwas, was diese Richtung nach Norden vollkommen erklaͤren kann; es ist die Sage von dem wunderbaren Berg Meru , wo Kuvero, der Gott des Reichthums, thront. Mag nun dieser Begriff aus einer misverstandenen Ueber- lieferung, oder aus was immer fuͤr einer dunklen Naturansicht und Naturaberglauben entstanden sein; genug, diese hohe Verehrung des Nordens, 13 und des heiligen Berges im Norden ist da, und sie ist nicht blos eine Nebensache in dem ganzen System der indischen Denkart, sondern ein uͤberall wiederkehrender allen ihren Dichtungen tief eingepraͤgter Lieblingsbegriff. Es waͤre nicht das erste und nicht das einzige Mal, daß dichte- rische Sagen und alte Gesaͤnge, tief im innigsten Gefuͤhl und Glauben mit Religion verwebt, auf die Zuͤge und Abentheuer der Helden mehr Ein- fluß gehabt haben, als diejenigen glauben moͤch- ten, die von der Geschichte nur die Politik kennen. Gesetzt also, nicht bloß der aͤussere Drang der Noth, sondern irgend ein wunderbarer Be- griff von der hohen Wuͤrde und Herrlichkeit des Nordens, wie wir ihn in den indischen Sagen uͤberall verbreitet finden, habe sie nordwaͤrts gefuͤhrt, so wuͤrde sich der Weg der Germani- schen Staͤmme von Turkhind laͤngst dem Gihon bis zur Nordseite des caspischen Meers und des Kaukasus leicht nachweisen lassen; ob sie aber von da aus vorzuͤglich mehr die Gebirge aufge- sucht und sich da angesiedelt, oder ob sie mehr den großen Stroͤmen nachgegangen seien, wie die alten asiatischen Nationen dasselbe Leben an einem weitherrschenden Flusse, wie am Ganges so auch am Nil und Euphrat, uͤberall wieder suchten; diese fuͤr unsre vaterlaͤndische Geschichte sehr wichtige Frage weiter zu verfolgen, ist hier der Ort nicht. Viertes Kapitel. Vom orientalischen und indischen Stu- dium uͤberhaupt, und dessen Werth und Zweck . N achdem wir die Fruchtbarkeit des indischen Studiums fuͤr Sprachforschung, Philosophie und alte Geschichte gezeigt und angedeutet haben, bliebe nichts mehr uͤbrig als noch das Verhaͤltniß der orientalischen Denkart uͤberhaupt zur euro- paͤischen zu bestimmen, und den Einfluß darzu- stellen, welchen die erste auf die letztere gehabt hat oder haben soll, um auch von dieser Seite die Wichtigkeit des indischen Studiums deutlich zu machen, welches der Zweck dieser ganzen Ab- handlung war. Da die heilige Schrift das eigentliche Band geworden ist, wodurch auch die europaͤische Denk- art und Bildung an das orientalische Alterthum sich anknuͤpft, so ist hier der schicklichste Ort, das Verhaͤltniß des indischen Alterthums zur mosai- schen Urkunde und uͤberhaupt zur Offenbarung zu beruͤhren; ein Gegenstand, den wir bei dem historischen Theil bis jetzt absichtlich vermieden haben, um den Leser nicht auf den unsichern Ocean so verschiedener Auslegungen und Hypo- thesen zu fuͤhren, die nur allein uͤber den Stamm- baum der Noachiden und die wahre Lage des Paradieses sich in fast zahlloser Menge, eine uͤber die andre waͤlzen. Die kritische Sichtung so vie- ler Meinungen wuͤrde eine eigne ausfuͤhrliche Be- handlung erfordert haben, die wir andern uͤber- lassen. Eins zwar, was fuͤr die Religion das wesent- lichste und allein zu wissen nothwendig ist, sagt uns die mosaische Urkunde in solcher Klarheit, daß noch keine Auslegung es hat verdunkeln moͤgen: daß der Mensch nach Gottes Bilde erschaffen sei, daß er aber die Seligkeit und das reine Licht, dessen er sich anfangs erfreute, durch eigne Schuld verlohren habe. Wenn die mosaische Urkunde in dem Verfolg ihres aͤltesten geschichtlichen Theils zwar nicht immer ausfuͤhrlich erzaͤhlt, (denn zur Befriedigung bloßer Wißbegier und zum histori- schen Unterricht ward sie nicht gegeben) aber doch bedeutend auf die Wege und Punkte hinweist, wie ein Strahl des urspruͤnglichen Lichtes, da die Nacht der Suͤnde und des Aberglaubens alle Welt umher bedeckte, dennoch durch goͤttliche Fuͤgung sei gerettet und erhalten worden; so zei- gen uns die indischen Urkunden die Entstehung des Irrthums, die ersten Ausgeburten, deren der Geist immer mehrere ergruͤbelte und erdichtete, nachdem er einmal die Einfalt der goͤttlichen Er- kenntniß verlassen und verlohren hatte, von der aber mitten in Aberglauben und Nacht noch so herrliche Lichtspuren uͤbrig geblieben sind. Der Gegensatz des Irrthums zeigt uns die Wahrheit in einem neuen noch hellern Lichte, und uͤberhaupt ist die Geschichte der aͤltesten Philoso- phie, d. h. der orientalischen Denkart, der schoͤnste und lehrreichste aͤussere Commentar fuͤr die heilige Schrift. So wird es z. B. denjenigen, der die Religionssysteme der aͤltesten Voͤlker Asiens kennt, nicht befremden, daß die Lehre von der Dreieinig- keit, besonders aber von der Unsterblichkeit der Seele im alten Testamente mehr angedeutet und nur beruͤhrt, als ausfuͤhrlich und ausdruͤcklich entwickelt, und als Grundsaͤulen der Lehre auf- gestellt werden. Der Meinung, daß Moses, er dem alle Weisheit der Aegypter bekannt war, von diesen bei den gebildetsten Voͤlker des alten Asiens allgemein verbreiteten Lehren nicht gewußt haben sollte, wird man wohl schwerlich irgend eine auch nur historische Wahrscheinlichkeit geben koͤnnen. Sehen wir aber, wie bei den Indiern z. B. grade an die hohe Wahrheit von der Unsterblichkeit der Seele der meiste und groͤbste Aberglauben sich fest und fast unabtrennlich angeschlossen hatte, so er- klaͤrt sich daraus das Verfahren des goͤttlichen Gesetzgebers auch in aͤusserer Ruͤcksicht. Mancher unbillige Vorwurf, da man es den Propheten Gottes bei den Hebraͤern als Be- schraͤnktheit auslegt, daß sie, alles andre streng verwerfend, ihre Lehre und ihr Volk so hart ab- sonderten, wuͤrde von selbst weggefallen sein, wenn man gewußt haͤtte, sich in den Zustand der orientalischen Voͤlker der damaligen Zeit zu ver- setzen. Man stelle es sich vor Augen, wie damals bei den gebildetsten und weisesten Voͤlkern uͤberall noch einzelne Spuren des goͤttlichen Lichtes vor- handen waren, aber alles entstellt und entartet, Herrliche Winke darüber finden sich in Herders ältester Urkunde des Menschengeschlechts . Nur daß ich jeden trüben Strom entarteter Mystik nicht so unmit- telbar aus dem reinen Quell göttlicher Offenbarung her- leiten möchte. Sonst aber weht die Fülle des orientali- schen Geistes in diesem Werke, wie in mehren der frühern theologischen Schriften Herders. — und oft grade das Edelste auch bei Persern und Indiern am uͤbelsten angewandt und misdeutet; und man wird es begreifen, wie nothwendig jene Strenge und Absonderung, wie natuͤrlich der Eifer jener Maͤnner nur auf das Eine, alles andre bei Seite setzend, gerichtet sein mußte, daß doch nur ja das kostbare Kleinod der goͤttlichen Wahrheit nicht vollends untergehe, daß es rein und unverderbt erhalten werde. Daß manchen einzelnen Israeliten Jehova nichts als ein bloßer Nationalgott war, mag sein; daß aber die Pro- pheten und goͤttlichen Lehrer selbst es so gemeint, wird man nirgend zeigen koͤnnen, man muͤßte denn die Lehre von dem unmittelbaren, naͤhern und besondern Verhaͤltniß mit der Vorsehung, in welches der Mensch durch den Glauben treten kann und in der Kirche wirklich tritt, die Haupt- lehre des Christenthums, so ganz verkennen, daß man sie mit jenem Irrthum verwechselte, der den Vorwurf der angeblichen juͤdischen Beschraͤnktheit des alten Testaments begruͤnden soll. Mit dem Christenthum hat die Religion des Fo in einigen Stuͤcken der Lehre und selbst der aͤussern Einrichtung eine auffallende, aber dennoch falsche Aehnlichkeit. Das Einzelne stimmt oft sonderbar uͤberein, aber es ist alles entstellt und verzerrt, alles hat ein andres Verhaͤltniß und einen andern Sinn; es ist die Aehn li chkeit des Affen mit dem Menschen. Von ganz andrer und hoͤhe- rer Art ist jene, gewiß auch dem Leser bei der Uebersicht der orientalischen Systeme im zweiten Buch bemerklich gewordne, Verwandtschaft und Aehnlichkeit, besonders der persischen Religion des Lichtes und der Lehre vom Kampf des Guten und Boͤsen, mit der heiligen Schrift sowohl des alten als des neuen Bundes. Eben daß man diesen Spuren zu ausschliessend folgte, die aͤchte oder gar unaͤchte Aehnlichkeit fuͤr voͤllige Gleichheit nahm, ist oftmals Ursache abweichender Irrthuͤ- mer, wie beim Manes und andern, geworden. Von dem, was bei den Persern jener Lehre irriges beigemischt war, findet sich in den heiligen Schrif- ten nichts; was sie lehren, ist nicht System, son- dern aus goͤttlicher Offenbarung, die durch innere Erleuchtung ergriffen und verstanden wird, leiten sie die Erkenntniß des Wahren her. Es koͤnnte aber doch die Vergleichung mit der theils wirklich, theils scheinbar so verwandten Denkart dazu dienen, es sogar historisch und ganz aͤusserlich zu zeigen, daß nur eine und dieselbe Ansicht, im alten Testamente wie im neuen, durch das Ganze hingehe und herrsche; nur das was dort blos angedeutet und vorgebildet wird, hier in vollem Glanze erscheint. Es duͤrfte daher die alte christliche Erklaͤrungsart des alten Testaments die einzige richtige sein, und als solche durch eine vollstaͤndige Kenntniß der Geschichte des orientali- schen Geistes auch von aussen bestaͤtigt werden. Es ist dieß sogar blos aus dem Gesichtspunkte der Kritik angesehen, ganz deutlich; es wuͤrde selbst dann gelten, wenn man die Lehre der Schrift fuͤr nichts mehr hielte, als fuͤr eine der orientali- schen Denkarten, gewiß in diesem Falle, von allen die erhabenste und tiefsinnigste. Denn wie laͤßt sich wohl ein Werk verstehen und erklaͤren, als nach der Denkart, die ihm zum Grunde liegt? und wo kann wohl diese Denkart selbst ergriffen werden, als da, wo sie ganz ausgesprochen wor- den, und in vollkommner Klarheit erscheint? Daß dieß im neuen Testamente geschehe, wird jeder zugeben, der es nur nach unbefangener Kritik, mit der unvollkommnen Andeutung des alten, oder mit dem zum Theil irrigen persischen System zusammenhalten will. Daher kann der Sinn des alten Testamentes durch keine bloße Exegese auf- geschlossen werden, wenn dieselbe auch an Sprach- und andrer Nebengelehrsamkeit alle Meister des Talmud uͤbertraͤfe, wo nicht das Licht des Evan- geliums hinzukommt, um das Dunkel zu erhel- len. Ein vortreffliches Beispiel dieser ältern Erklärungsart ist in der Geschichte der Religion Jesu von Fr. L. Gra- fen zu Stollberg aufgestellt; einem Werke, worin die ruhige Kraft, der immer gleiche Ernst und jene schöne Klarheit herrscht, die nur da hervortritt, wo die höchste Spuren der Wahrheit, einzelne Spuren goͤttlicher Wahrheit finden sich uͤberall, besonders in den aͤltesten orientalischen Systemen; den Zu- sammenhang des Ganzen aber und die sichre Ab- sonderung des beigemischten Irrthums wird wohl niemand finden, ausser durch das Christenthum, welches allein Aufschluß giebt uͤber die Wahrheit und Erkenntniß, die hoͤher ist, als alles Wissen und Waͤhnen der Vernunft. Wir betrachten nunmehr mit einigen Worten den Einfluß, welchen die orientalische Philosophie, von der wohl gewiß ein bedeutender und nicht der schlechteste Theil indischen Ursprungs ist, auf die europaͤische gehabt hat. Sehr groß war dieser Einfluß von jeher, obgleich vielleicht kein einziges orientalisches System ganz rein nach Europa ge- langt ist, und die Griechen eben so wohl als die Neuern alles, was sie von daher annahmen, sich selbstthaͤtig aneigneten, und auf mannichfache Art umgebildet und veraͤndert haben. Aber wir muͤssen einen Begriff von dem Gange und eigenthuͤmlichen Charakter der euro- Erkenntniß zugleich das tiefste und lauterste Gefühl und Seele des Lebens geworden ist. paͤischen Philosophie voranschicken, ehe wir den Einfluß der orientalischen Ideen auf dieselbe deut- lich machen koͤnnen. Beim ersten Aufschwunge der noch ungeschwaͤchten Geisteskraft ist die euro- paͤische Philosophie uͤberall Idealismus, worunter wir nicht blos die Lehre von der Ichheit oder von der Nichtigkeit des aͤussern Scheins verstehen, sondern jede Philosophie, die von dem Begriffe der selbstthaͤtigen Kraft und lebendiger Wirksam- keit ausgeht, also auch das System der Stoiker, des Aristoteles und mancher von den noch aͤltern Griechen. Wenn der Begriff des Unendlichen noch vorhanden, die Kunde der alten Offenbarung aber schon verlohren ist, was ist natuͤrlicher, als daß der Mensch alles aus sich selbst zu nehmen glaubt, alles auf eigne Kraft und Vernunft gruͤnden will? Alle die hoͤhern Begriffe, die ihn in Sprache und Religion, in alten Gedichten und Sagen von Kindheit an umgeben und un- bewußt angeregt haben, haͤlt er nun fuͤr sein Erzeugniß und sein Eigenthum; denn es waren nur einzelne Spuren des Goͤttlichen, deren Zu- sammenhang fuͤr ihn verlohren war. Freilich hat man noch nicht gefunden, daß eine solche Philo- sophie bei irgend einem Volke entstanden sei, das wirklich sich selbst uͤberlassen und von den Quellen und Stroͤmen der alten gemeinsamen Ueberliefe- rung ganz weit entfernt lag; und wenn diese Weis- heit wirklich so ganz aus sich selbst geschoͤpft waͤre, als sie es vorgiebt, so wuͤrde sie sich wohl auch selbst besser aus den unsaͤglichen Verirrungen helfen koͤnnen, in die sie sich auf diesem Wege jederzeit verwickelt hat. Diese haͤufen sich immer so sehr und so schnell, daß die Philosophie bald skeptisch wird, bis sie endlich, wenn die Verstan- deskraͤfte durch langes Zweifeln hinlaͤnglich ge- schwaͤcht worden, zu der blos empirischen Denkart herabsinkt, wo der Gedanke der Gottheit, wenn er auch dem Nahmen nach stehen bleibt, doch im Grunde vernichtet wird, uͤberhaupt die Idee ganz verschwindet, und der Mensch unter dem Vor- wand einer vernuͤnftigen Beschraͤnkung auf den allein nuͤtzlichen Erfahrungskreis, den hoͤheren Geist, der ihn doch allein wesentlich vom Thier unterscheidet, als ein falsches Streben aufgiebt. Das Trostlose dieses lezten Geisteszustandes pflegt einzelne Denker zu wecken, denen es unmoͤglich bleibt, darin zu verharren, und die also irgend einen Ruͤckweg zur aͤltern und bessern Philosophie suchen, und so es ihnen Ernst ist, gewiß auch finden. Dieses ist der einfache Gang aller europaͤischen Philosophie von den aͤltesten Griechen bis auf die neuesten Zeiten. Dieser Kreislauf von einer Philosophie, die wenigstens den Begriff des Un- endlichen und der selbstthaͤtigen Kraft noch nicht verlohren hat, zur Skepsis und endlich zur empi- rischen Denkart hat sich mehr als einmal wieder- hohlt; jede neue Wiederhohlung aber war von der vorigen verschieden, grade weil man mit dieser bekannt war und sie benutzte, das Neue zum Theil wenigstens sich an das Alte durch Umbil- dung oder durch den Gegensatz anschloß. Noch mehr Unregelmaͤßigkeit aber und noch mehr Schwankendes kommt in den Gang des euro- paͤischen Geistes, durch das immer von Zeit zu Zeit geschehene Eingreifen der orientalischen Philosophie als eines fremden Gaͤhrungsstoffs. Ohne die stets erneuerte Anregung dieses belebenden Princips wuͤrde der europaͤische Geist sich wohl nie so hoch erhoben haben, oder doch fruͤhe wieder gesunken sein. Auch die hoͤchste Philosophie der Europaͤer, der Idealismus der Vernunft, so wie ihn grie- chische Selbstdenker aufstellten, wuͤrde wohl, an die Fuͤlle der Kraft und des Lichts in dem orien- talischen Idealismus der Religion gehalten, nur als ein schwacher prometheischer Funke gegen die volle himmlische Gluth der Sonne erscheinen, nur geraubt und immer wieder zu erloͤschen dro- hend; aber je geringer der Gehalt, desto kuͤnstli- cher ward die Form ausgebildet. Freilich aber ist die orientalische Weisheit bei den Griechen wie bei den Neuern oft aus truͤben Quellen geflossen. Wie sehr in den Zeiten der Neu-Platoniker und Gnostiker alles schon in der spaͤtesten Entartung und Mischung der Systeme, in den Kreis der europaͤischen Bildung gelangt sei, ist zu allgemein bekannt, als daß es weiter angefuͤhrt werden duͤrfte. In dem, was man orientalische Philosophie nennt, ist dem alten Sy- stem der Emanation mehr oder weniger Panthei- stisches und Dualistisches, aus der orientalischen Zahlenphilosophie oder aus der Lehre von den zwei Principien hergenommenes, beigemischt. Es ist dieß auch wohl nicht bloß in jenen spaͤten Zeiten der Fall, sondern es duͤrfte schon beim Pythagoras so sein, wenn wir anders den Nachrichten von ihm, die uns fuͤr die aͤltesten und besten gelten, irgend trauen duͤrfen. We- nigstens gehoͤrt die Zahlenlehre der Pythagoraͤer, von der nicht so leicht auszumachen, ob sie eigne Erfindung oder auch orientalischen Ursprungs war, durchaus nicht zu dem System, aus dem sie die Lehre von der Seelenwanderung annah- men, so wenig als ihre Entgegensetzung zwie- facher Grundwesen und Grundbegriffe. Ja wir haben gesehen, daß in Asien selbst schon in fruͤhen Zeiten, die spaͤtere Lehre an die aͤltere sich durch Mischung oder Umdeutung angeschlos- sen habe; hat man aber jede der abgesonderten Denkarten erst fuͤr sich rein aufgefaßt, so wird man wenig Schwierigkeit finden, sich auch die zusammengesetzten und verwickelteren Erscheinun- gen zu erklaͤren. Die Kenntniß der Philosophie ist wie zur Erforschung des orientalischen Alterthums uͤber- haupt, so insbesondre fuͤr das indische Studium sehr wesentlich und kaum zu entbehren. Wohl verstehen wir unter der Kenntniß der Philosophie etwas mehr als einige dialektische Uebung, nach 14 irgend einem eben umlaufenden System, was denen neu scheint welche die alten nicht kennen, alles construiren zu koͤnnen; vor allem eine ver- traute Bekanntschaft mit dem Geist jener großen alten Systeme, die auch auf das aͤussere Schicksal der Menschheit einen so maͤchtigen Einfluß gehabt haben. Diesen Geist aber wird freilich niemand begreifen, dem nicht die Bedeutung spekulativer Gedanken durch eignes Forschen klar geworden ist. Welche große Stelle Philosophie in der in- dischen Litteratur einnehme, wird deutlich erhel- len, wenn man sich der Uebersicht des Ganzen nach den vier wichtigsten Epochen aus dem zwei- ten Buche erinnern will. In der ersten Epoche der Veda’s und alles aͤltesten, was sich zunaͤchst an diese anschließt, so wie in der dritten Epoche der Puranas und des Vyaso ist Philosophie mit allem unzertrennlich verflochten und kein Ver- staͤndniß ohne sie zu hoffen. In der mittlern zwischen jenen beiden, in der zweiten Epoche mag Philosophie und Poesie etwas mehr geson- dert erscheinen, aber wohl schwerlich so sehr als sie es bei den Griechen und uͤberhaupt den Eu- ropaͤern fast immer waren; und selbst die vierte und letzte Epoche des Kalidas und der andern Dichter unter Vikromadityo, wo die indische Poesie vorzuͤglich und mehr abgesondert bluͤhte, ist doch noch durchaus auf die aͤltern gegruͤndet und nicht von ihnen abzusondern moͤglich. Moͤchte doch uͤberhaupt das indische Stu- dium dazu beitragen, uns zu der groͤßern Art und Ansicht der vortrefflichen Maͤnner zuruͤck- zufuͤhren, welche im funfzehnten und sechszehnten Jahrhundert das griechische und das orientalische Studium zuerst gestiftet haben, da man noch nicht glaubte, daß bloße Sprachkenntniß Anspruch auf den Nahmen eines Gelehrten gebe und fast keiner unter jenen genannt werden kann, bei dem nicht seltne Sprachkenntniß mit der Fuͤlle historischer Kenntnisse und mit einem ernsten Studium der Philosophie waͤre vereint gewesen. Dann wuͤrden alle Theile der hoͤhern Er- kenntniß als ein untheilbares Ganzes vereint mit desto groͤßerer Kraft wirken und es wuͤrden die Herrlichkeiten des Alterthums auch in unsre Zeit lebendig eingreifen und sie zu neuen Her- vorbringungen befruchten. Denn niemals ent- stand noch ein wahrhaft Neues, das nicht durch das Alte zum Theil angeregt und hervorgerufen, durch seinen Geist belehrt, an seiner Kraft ge- naͤhrt und gebildet worden waͤre. Waͤhrend nun auf der einen Seite alle Vernuͤnftler und die, welche vorzuͤglich in der Gegenwart leben und von dem Geist derselben sich lenken und beherr- schen lassen, fast ohne Ausnahme dem verderb- lichen und zerstoͤrenden Grundsatze ergeben sind, alles durchaus neu und von vorn wie aus Nichts erschaffen zu wollen, ist auf der andern Seite wahre Kenntniß des Alterthums und der Sinn fuͤr dasselbe fast verschwunden, die Philologie zu einer in der That sehr schaalen und unfrucht- baren Buchstabengelehrsamkeit herabgesunken, und so bei manchen erwuͤnschten Fortschritten im Einzelnen, doch das Ganze zersplittert und weder Kraft noch lebendiger Geist darin sichtbar. Ein Vorurtheil, was in dieser Ruͤcksicht viel geschadet hat und noch schadet, ist die Trennung, die man sich zwischen dem orientalischen und dem griechischen Studium und Geist mehr selbst erdacht und willkuͤhrlich angenommen hat, als daß diese gaͤnzliche Verschiedenheit in der Wahr- heit gegruͤndet waͤre. In der Voͤlkergeschichte sind die Bewohner Asiens und die Europaͤer wie Glieder einer Familie zu betrachten, deren Ge- schichte durchaus nicht getrennt werden darf, wenn man das Ganze verstehen will. Aber auch was man in der Litteratur gewoͤhnlich den orientali- schen Styl und Geist nennt, ist nur von eini- gen asiatischen Voͤlkern hergenommen, besonders von den Arabern und Persern, und von einigen Schriften des alten Testaments, insofern sie bloß als Poesie beurtheilt werden; auf mehre andre Voͤlker paßt es gar nicht. Es besteht diese orien- talische Eigenthuͤmlichkeit nach der gewoͤhnlichen Vorstellungsart, in einer hohen Kuͤhnheit und verschwenderischen Fuͤlle und Pracht der Bilder nebst dem oft damit verbundenen Hange zur Allegorie. Das suͤdliche Klima kann nur als mitwirkende Ursache, nicht als Hauptgrund dieser Richtung der Fantasie gelten, da dieselbe bei so manchen sehr suͤdlichen und auch sehr dichte- rischen Nationen, wie die Indier, so gar nicht gefunden wird. Die eigentliche Ursache liegt vielmehr in der intellectuellen Religion. Ueber- all wo eine solche herrscht, sie sei n un philoso- phisch tief, und aus goͤttlicher Liebe hervorge- gangen, oder aber roh und wuͤst wie die Begei- sterung des Hochmuths in der Lehre des Maho- med; es wird uͤberall, so lange noch poetischer Geist vorhanden ist, die Fantasie, nachdem sie der alten Mythologie entbehren muß, keinen andern Ausweg finden, als den jener kuͤhnen allegorischen Bildlichkeit. Daher finden wir diesen sogenann- ten orientalischen Charakter eben so wohl in vielen Dichtern des Mittelalters (auch in ita- liaͤnischen und deutschen, nicht bloß in spanischen) als in den romantischen Dichtungen der Perser und Araber, ohne daß wir desfalls zu dem Ein- fluß der Kreuzzuͤge unsre Zuflucht zu nehmen brauchten, da die gleichen Umstaͤnde in Europa wie in Asien dieselben Folgen hervorrufen mußten. Wie paßt nun aber diese Farbengluth zu der prosaischen Trockenheit der Chinesischen Buͤcher, oder zu der schoͤnen Einfalt des indischen Styls? Zwar in der Sokuntola des Kalidas fehlt es auch nicht an Blumenschmuck und Bilderfuͤlle; doch auch hier ohne alle Ueberspannung. Die aͤltern indischen Gedichte vollends, sind noch bild- loser als selb st die einfachsten und strengsten Werke der Griechen; die tiefe Seele, die in allem lebt und athmet, die helle Klarheit, in der alles dasteht, bedarf nicht dieses wilden Feuers, und keiner unerwarteten Schlaͤge und Strahlen der gluͤhenden Fantasie. Eine andre Eigenschaft, die man auch als eine charakteristische Eigenthuͤmlichkeit orienta- lischer Werke ansieht, betrifft mehr den Gedan- kengang im Ganzen und selbst die Anordnung und Composition, die sich durch Dunkelheit oft von den Werken der Griechen unterscheidet. Auf die indischen Werke ist dieses wiederum gar nicht anwendbar, sondern vorzuͤglich auf die vor- hin genannten Nationen. Theils haͤngt dies wohl zusammen mit der eben geschilderten Uep- pigkeit bildlicher Fantasie, und dem Hange zur Allegorie; wo diese im Einzelnen vorwalten, da wird auch im Gliederbau und der Anordnung des Ganzen oft dieselbe bloß andeutende Kuͤhn- heit herrschen, und daher Dunkelheit entspringen. Zum Theil duͤrfte es sich aber auch aus denje- nigen Grundverschiedenheiten der Grammatik, die wir im ersten Buch entwickelt haben, erklaͤ- ren lassen. Ich halte dafuͤr, daß alle Werke der Rede dem Gesetz ihrer Sprache von Natur fol- gen, wenn nicht ein hoͤherer Geist es anders lenkt, oder da wo man durch Vernachlaͤssigung noch tiefer hinabsinkt. Wie nun in den Spra- chen, die ihre Grammatik durch Suffixa und Praͤfixa bilden, die Construction im Einzelnen schwer ist, so wird auch der Gedankengang leicht verworren oder dunkel sein. In den Sprachen, die sich ihr Geschaͤft durch Huͤlfsverba und Praͤ- positionen fuͤr den Gebrauch am bequemsten ab- kuͤrzen, wird die Composition zwar leicht und verstaͤndlich, gern aber auch nachlaͤssig und form- los sein; Sprachen aber, die durch innere Flexion der Wurzeln eine Fuͤlle von Nebenbestimmungen des urspruͤnglichen Sinns genau bezeichnen, wie die griechische und die indische, fuͤhren von selbst zur schoͤnen Form, wie im Einzelnen der gram- matischen Construction so auch im Ganzen der Anordnung und der Composition. Auch in dieser letzten Beziehung also hat was man orientalischen Geist und Styl nennt, nur eine sehr beschraͤnkte Anwendung auf einige wenige Voͤlker. Zudem giebts der Ausnahmen und Uebergaͤnge uͤberall genug. So hat die Dunkelheit in dem Gedankengange des Aeschylus besonders in den Choͤren, obwohl in einer ganz hellenischen Form, dennoch wirklich etwas Orien- talisches, was aber mehr von der leidenschaftlichen Aufregung, dem gewaltsamen Zustande der Fan- tasie uͤberhaupt herruͤhrt, als von einzelnen Bil- dern oder von irgend einer Unfaͤhigkeit zur Klar- heit. Auch dem Pindar giebt die lyrische Kuͤhn- heit der Gleichnisse und Anspielungen, und die Abgerissenheit der Uebergaͤnge einen orientalischen Anstrich; seine Milde und Weichheit bei der heroi- schen Groͤße des Inhalts und Gedankens hat etwas von dem Charakter der indischen Gedichte, so weit wir sie bis jetzt kennen. So wie die groͤßten Denker, die tiefsinnigsten Philosophen Europa’s sich fast immer durch eine entschiedne Vorliebe fuͤr das orientalische Alterthum auszeich- neten; so naͤherten sich mehre und zwar besonders große Dichter bei den Griechen, und um nur den einzigen Dante zu nennen, auch bei den Neuern, nur auf eine weniger bewußte Weise, der orienta- lischen Eigenthuͤmlichkeit und Groͤße. So wie nun in der Voͤlkergeschichte die Asia- ten und die Europaͤer nur eine große Familie, Asien und Europa ein unzertrennbares Ganzes bilden, so sollte man sich immer mehr bemuͤhen, auch die Literatur aller gebildeten Voͤlker als eine fortgehende Entwicklung und ein einziges innig verbundenes Gebaͤude und Gebilde, als Ein großes Ganzes zu betrachten, wo denn manche einseitige und beschraͤnkte Ansicht von selbst verschwinden, vieles im Zusammenhange erst verstaͤndlich, alles aber in diesem Lichte neu, erscheinen wuͤrde. Wenn es natuͤrlich ist, daß der tiefsinnige Geist des Mittelalters, auf den unsre ganze Ver- fassung und jetziges Leben sich gruͤnden, und noch lange gruͤnden werden, uns in der Geschichte, Dichtkunst und Sittenlehre vor allen am naͤchsten steht, und die Kenntniß desselben fuͤr das Leben am wichtigsten ist; wenn das griechische Studium die beste nicht nur, sondern eine durchaus noth- wendige Vorbereitung und Schule gruͤndlicher Gelehrsamkeit bleibt, weil nirgends sonst wo die Kritik als Kunst so vollstaͤndig ausgebildet wor- den; wenn endlich auch die Kunst, die Philoso- phie und Poesie der Griechen, falls wir nicht bloß bei der aͤussern Form stehen bleiben, wie die Buchstabengelehrten und gewoͤhnlichen Aesthetiker und Kunstkenner, theils an sich von hohem Werthe, theils aber auch ein unentbehrliches Mittelglied der europaͤischen Bildung und der orientalischen Ueberlieferung sind, so wie die roͤmische Literatur den Uebergang von den Griechen zum Mittelalter bildet; so duͤrfte doch das indische Studium allein dahin fuͤhren, die bis jetzt noch ganz unbekannten Gegenden des fruͤhsten Alterthums aufzuhellen, und dabei an dichterischen Schoͤnheiten und philo- sophischem Tiefsinn nicht minder reiche Schaͤtze darzubieten haben. Und wenn eine zu einseitige und bloß spielende Beschaͤftigung mit den Griechen den Geist in den letzten Jahrhunderten zu sehr von dem alten Ernst oder gar von der Quelle aller hoͤhern Wahrheit entfernt hat, so duͤrfte diese ganz neue Kenntniß und Anschauung des orientalischen Alterthums, je tiefer wir darin eindringen, um so mehr zu der Erkenntniß des Goͤttlichen und zu jener Kraft der Gesinnung wieder zuruͤckfuͤhren, die aller Kunst und allem Wissen erst Licht und Leben giebt. Indische Gedichte . I ch setze diesen Bruchstuͤcken indischer Dichtkunst einige Bemerkungen uͤber die Handschriften voran, nach denen die Uebersetzung gemacht worden, uͤber die Orthographie, das Sylbenmaaß und endlich uͤber die Auswahl der verschiednen Stuͤcke. Die Handschrift des Ramayon gehoͤrt zu den schoͤnsten, welche die Pariser Bibliothek be- sitzt. Sie ist in großen Devonagori-Charakteren auf Quartblaͤttern von Papier geschrieben. Die Handschrift des Manovodharmoshastron in bengalischen Charakteren auf laͤnglichten Papier- blaͤttern, in Form derer aus Baumrinde, gehoͤrt wohl weder in Ruͤcksicht der Schoͤnheit noch der Correctheit zu den vorzuͤglichen. Von dem Bhogovotgita giebts vier verschiedne Hand- schriften in kleinem Format, als Buͤcher gebun- den; sie sind saͤmtlich in Devonagori-Charakteren, einige mit Scholien, der Text ist sehr correct. Von dem Mohabharot ist ein gut geschriebenes Exemplar in bengalischen Charakteren auf Baum- rindenblaͤttern vorhanden. Was die Orthographie betrifft, so habe ich den kurzen Vokal, der ausgenommen am Anfang des Wortes nicht geschrieben wird, in dem gram- matischen System als ein kurzes a gilt, in der neuern Aussprache aber o lautet, o geschrieben; theils wegen der Autoritaͤt, welche der noch lebende Ton, so sehr auch die Sprache selbst entartet sein mag, immer behalten muß, wie man auch im Griechischen vielleicht besser gethan haͤtte, die Aussprache der Neu-Griechen nicht so ganz zu verlassen; theils aber ist es geschehen, um den Uebellaut zu vermeiden, der aus den zu sehr ge- haͤuften a entsteht, und damit die Quantitaͤt desto leichter beobachtet werde, da wir eher gewohnt sind, ein o besonders am Ende des Worts kurz zu sprechen als ein a. Das d der ersten Reihe, welches wie eine eigne Art von r lautet, und welches Jones durch einen Punkt, die Perser aber unter dem Nahmen des indischen Dal mit vier Punkten bezeichnen, habe ich dem Klange gemaͤß r geschrieben. Die zusammengesetzten Con- sonanten jño und ksho, welche ghyo und khyo gesprochen werden, habe ich aber ungeachtet der kleinen Haͤrte nicht nach der Aussprache, sondern nach der grammatischen Strenge geschrieben, da es in manchen Faͤllen selbst fuͤr die Etymologie wichtig ist. Die verschiednen Arten des nasalen n durch Zeichen zu unterscheiden, schien mir uͤber- fluͤssig, da dieser Unterschied doch fuͤr uns ganz verlohren geht, und wer indisch schreiben kann, ohnehin aus dem vorhergehenden Consonanten weiß, welches der verschiednen n er zu nehmen hat. Die Consonanten v, j, ch werden gespro- chen wie im Englischen. Das erste s, welches Jones durch einen Strich zur Unterscheidung be- zeichnet, wird von den Portugiesen (deren Ortho- graphie der Verfasser des Pariser Manuscriptes Nro. 283 befolgt) wie von den meisten andern so bezeichnet, daß man glauben muß, es laute wie sh; wenigstens muͤßte man, wenn man Shastra schreibt und spricht und nicht Sastra, auch Shivo und Shokuntola, nicht Sivo und 15 Sokuntola schreiben und sprechen, weil es der- selbe Buchstabe ist; doch habe ich mich hierin nicht von dem bisherigen Gebrauch entfernen wollen, da es nicht von großer Wichtigkeit ist. Die indische Sprache hat, obwohl das ganze System der Sylbenmaaße noch sehr verschieden sein mag, doch einige der wesentlichsten rhythmi- schen Grundgesetze mit der griechischen Sprache gemein. Die Vokale sind theils von Natur lang, theils kurz wie im Griechischen. Lang sind a, e, oi, au; kurz spreche man in den indischen Nahmen der folgenden Gedichte das o, u, i, ausser wo die Laͤnge ausdruͤcklich bezeichnet ist. Die Sylbe, deren Vokal kurz ist, kann durch Position lang werden, genau wie in den alten Sprachen. Jene Eigenheit der griechischen Metrik, da mit Beiseite- setzung der Sylbenzahl an gewissen Stellen fuͤr eine lange Sylbe zwei kurze gesetzt werden duͤr- fen, habe ich wohl in dem Gitogovindo des Joyo- devo bemerkt, wo statt des Daktyls —⏑⏑ auch vier kurze Sylben ⏑⏑⏑⏑ gebraucht werden. In demjenigen Sylbenmaaße aber, worin die nach- stehenden Bruchstuͤcke wie die meisten alten Werke der Indier abgefaßt sind, findet diese Freiheit nicht Statt, sondern die Sylbenzahl wird streng beobachtet. Es bestehen diese Schlōken oder indischen Distichen, aus zwei sechzehnsylbigen Versen, deren jeder in der Mitte einen Abschnitt hat, so daß das ganze Distichon aus vier glei- chen achtsylbigen Gliedern oder Fuͤßen nach der indischen Benennung besteht. Diese sechzehnsyl- higen Verse haben alle einen jambischen Ausgang ⏑—⏑—, selten ⏑—⏑⏑. Ausserdem kommen aber an jeder andern Stelle statt des Dijambus auch Antispasten, Choriamben, Dichoreen, Jonici, Epitriten, seltner Paeone aller Art vor. Doch ist auch in dem ersten und dritten Fuß oder Vers- gliede des Distichons die fuͤnfte Sylbe fast nie lang. In diesem Sylbenmaaße sind alle nachfolgen- den Bruchstuͤcke gedichtet; nur als seltne Ausnahme kommen zwischen jenen sechzehnsylbigen Versen einige laͤngere vor, meistens um einen hoͤhern lyri- schen Schwung zu bezeichnen. Auch diese sind in Distichen. In denen, die aus vier zwoͤlfsylbigen Gliedern oder Fuͤßen bestehn, ist das Schema meistens dieses ⏑—⏑——⏑⏑—⏑—⏑—. In denen, die aus vier eilfsylbigen bestehen, ⏑̅—⏑——⏑⏑—⏑—⏑̅. Doch habe ich dabei noch manche Abweichungen und Verschiedenheiten bemerkt. Ich hatte der Verse dieser Art nicht genug vor mir, um alle Verschiedenheiten des Schema’s daraus abnehmen zu koͤnnen. Ich glaubte, es wuͤrde dem Leser angenehm sein, einen Versuch zu sehen, in wiefern die Bild- samkeit unsrer Sprache, die mit der griechischen so gluͤcklich wetteifern konnte, sich auch dem Gange der ehrwuͤrdigen alten indischen Sprache anzu- schmiegen vermoͤchte; es versteht sich aber wohl von selbst, daß ein erster Versuch der Art nicht auf die Vollkommenheit Anspruch machen kann, die es vielleicht in der Folge zu erreichen moͤglich sein wird, wenn wir das metrische System der Indier aus einem prosodischen Werk seinem gan- zen Umfang nach kennen werden, wo sich denn auch die Frage wird entscheiden lassen, in wiefern es bei der Uebersetzung moͤglich sei, auch auf die dreifache Geltung der Sylben im Indischen (s. Monu’s Gesetzbuch II , 125.) Ruͤcksicht zu nehmen. Noch bemerke ich, daß wo der Inhalt lehrend ist, wie in Monu’s Gesetzbuch oder im Bhogo- votgita, jedes Distichon zugleich einen periodischen Abschnitt bildet; in den epischen Stuͤcken aber aus dem Ramayon und aus der Geschichte der Sokuntola geht der Sinn oft aus einem Distichon in das andre hinuͤber. Der Anfang des Ramayon erscheint hier zum erstenmal uͤbersetzt; daher habe ich selbst von der einleitenden Anrufung nichts weglassen wollen. Wo die Lesart oder die Auslegung mir zweifelhaft war, habe ich es in den Noten be- merkt. Aus dem Gesetzbuche Monu’s und dem Bhogovotgita, die durch Jones und Wilkins schon bekannt sind, habe ich aus ersterm alles zusammengestellt, was die Kosmogonie betrifft; aus dem andern aber mehre der merkwuͤrdigsten Stellen ausgewaͤhlt, welche die Lehre von der Einheit, die der Inhalt, Zweck und Geist des Ganzen ist, darstellen und entwickeln. Beides dient als Belege zu den Bemerkungen uͤber indi- sche Philosophie im zweiten Buche der Abhand- lung. Die Stuͤcke aus der Geschichte der Sokun- tola koͤnnen als ein Beispiel der aͤltern indischen Poesie dienen, wenn man die verschiedne Be- handlungsart der schoͤnen Geschichte in dem alten Heldengedichte und dem lieblichen Drama des Kalidas gegen einander haͤlt. I. Anfang des Ramayon . D ieses Buch faͤngt an, wie alle alten indischen Buͤcher, die wir bis jetzt kennen; mit einer Ge- schichte oder Dichtung von Entstehung des Buchs und von dem Verfasser desselben. Der Seher Valmīki, dem der Ramayon zugeschrieben wird, ist eben so wohl als Monu und Vyaso, eine zum Theil mythische Person. Diese Einleitung enthaͤlt die Erzaͤhlung, wie der Sehergott Narodo dem Valmīki die hohe Tugend und die Thaten des noch lebenden Ramo bekannt macht. Erfuͤllt von diesem Gegenstande, erfindet Valmīki, durch einen andern Zufall ver- anlaßt, die Verskunst; darauf erscheint ihm Brohma in seiner Einsiedlerhuͤtte, bestaͤtigt ihn in seinem Entschluß und ermuntert ihn, den Ramo zu besingen, indem er ihm die hohe Voll- kommenheit und die ewige Dauer seines Gedichts weissagend entdeckt. Es geht dieser Erzaͤhlung noch eine kurze einleitende Anrufung voran; zuerst an den Hel- den, sodann an den Dichter und sein ge- heiligtes Werk, an den wunderbaren Waffenbru- der des Helden, einen mit Verstand begabten Waldmenschen oder Affenfuͤrsten, und wieder an den Dichter. Seegen und Heil ! Dem goͤttlichen Ramo Preiß! E in Sieger ist des Stamms von Roghu Zier, Ramo, Sohn der Kausolya von dem Doshoroth, aus dem Geschlecht der Sonnenkinder. Der Getödtete unstreitig einer von den vielen Riesen und wilden Kriegern, die Ramo besiegt hat. Kausolya’s herzensgeliebtestes Kind, Ramo , Der dem Doshovodono den Tod gab, Doshoroths lotosgeaugter Sohn. Dem Fürsten Heil der Einsiedler, jenem Büßer in seelgem Glanz, Aller Weisheit Besitzherren, ihm, Valmīki dem Seher, Heil! Sie, die stets Ramo Ramo singt, süßes mit süßem Klange sagt, Geschwungen auf des Dichters Zweig, grüß ich Val- mīki’s Nachtigall! Wer dieses Einstedlerlöwen, der im Haine des Dichters wohnt, Valmīki’s Lied von Ramo hört, wohl erreicht der das höchste Glück. Valmīki’s Bergen entsprungen, hin sich stürzend in Ramo’s Meer, Verherrlicht herrlich das Weltall des Ramayons ge- waltger Strom. Welches von Flecken ganz rein ist, auch an Bächen und Blumen reich, Heil dem, der es hervorbrachte, des Ramayons er- habnes Lied! Wer immer trinkt, so lang er lebt, des Ramayono’s Göttertrank, Nimmer satt, der sei mir gegrüßt, als frommer Weiser, rein von Schuld! Den Held in Demuth erzogen, Anspielung auf die Verbannung des Ramo. ihn, der Janoki’s Janoki, d. i. die Tochter des Jonoko, Sita, Ramo’s ge- liebte Gemahlin. Schmerz vertilgt, Den Affenfürst, Honuman , der Kampfgenosse des gleich dem Bakchus von halbthierischen Naturen wunderbar umgebenen Ramo. Ein Bildniß des Honuman findet sich unter den Figuren zu Maiers mytholog. Wörterbuch B. 2. Taf. 4. deß Blick tödtet, grüß ich, der Lonka Schrecken gab! Siegreich ist des Stamms von Bhrigu Bhrigu, einer der zehn großen Rishis oder heiligen Alt- väter und Weisen der Urwelt, wird hier als Stammvater des Dichters Valmiki genannt. Zier, der Dichter Erster und Fürst der Priester, Valmīki , Der in reizende Verse gebunden, bildete des Rama- yonon’s Werk hier; Wo aller Pflichten Lehre, wo zu lesen Heldenfreundschaft, wo vollständig ganz des Lehrers Amt, Wo was Valmīki , der herrlichen Dichter herrlich- ster, in dem Ramayons Lied redete, welches Schöne ist da nicht? In den letzten Versen, so wie in dem ersten Distichon die- ser Anrufung folgte ich dem rhythmischen Gange der Ur- schrift so gut als es möglich war, da das Schema mir weiter nicht vorgekommen ist, einiges auch ganz unregel- mäßig scheint. Sprache und Styl ist in der vorstehenden Anrufung merklich juͤnger als in dem uͤbrigen. In dem nun folgenden Stuͤck aber ist kein bedeu- tender Unterschied in dieser Ruͤcksicht von der Sprache im Mohabharot oder den Puranas wahr- zunehmen, obwohl die Ueberlieferung dem Val- mīki ein ungleich hoͤheres Alter beilegt als dem Vyaso. Narodo’s Rede . Der Inhalt ist folgender: Valmīki fragt den Narodo, wo ein vollkommner Held zu finden sei. Narodo nennt den Ramo als einen solchen und ergießt sich in sein Lob. In Andacht Forschens sich freuend, kam, der fromm alle Kund umfaßt, Den Narodo zu befragen, Valmīki hoher Seher Fürst. Valmīki . Wer verdient in der Welt Lob hier, in den Tugen- den allen groß, 4. So die Pflicht wie die That kennend, wahr in Worten, im Glauben fest? Er selbst hoch wandelnd in Tugend, allen Wesen befreundet wer? Der beredt und zugleich thatvoll, wer der lieb- lichste auch zu sehn? Ob des Zorns Macht in sich siegend, würdereich wer und achtbar stets, 8. Daß der Glanz solchen Sohns strahlend selbst die Göttin verherrlichte? Wer hat groß Heldenkraft funden, drei Welten Drei Welten giebt es nach der indischen Lehre; eine der Wahrheit, eine des Glanzes oder des Scheins, und eine der Finsterniß. gar zur Rettung gut; Wer der gutes den Völkern thut, der Tugendhaf- ten Zuflucht wer? Und die allschön, wem naht Lokshmi Lokshmi, die schönste, lieblichste, seeligste der Göttinnen; sonst auch Sri genannt, Gemahlin des Vishnu. unter den Menschen sie allein, 12. Der dem in Feuer, Luft, Sonne waltenden Gott Upentro Upentro, nach dem Omorocoscha ein Beinahme des Vishnu. Es waren in der Mitte dieses Verses zwei Sylben unle- serlich. Ich habe nach der Wahrscheinlichkeit übersetzt, daß die erste Hälfte des Verses noch ein Prädikat von Upentro bildet. gleicht? — Salihes begehr’ ich zu hören in Wahrheit, Narodo , von dir! Gott und Weiser, wohl kannst du ja selbst be- lehren den kundgen Mann. Als dieß, der die drei Zeiten kennt, Narodo hört, Valmīki’s Wort, 16. „Merk’ auf!“ also ihn anrufend, spricht er dann zu dem Heiligen: Narodo . O wohl schwer mag man die finden, die dein Lob preißt, die Tugend all; Einmal auf dieser Erdwelt hier wird Vollkommen- heit schwer erlangt. Seh ich doch selbst bei den Göttern keinen, der solches Ziel erreicht; 20. Hör’ denn, wer solcher Tugend voll, wie ein Mond vor den Menschen strahlt. Ikshvaku’s Ikshvaku, einer der königlichen Ahuherren des Stamms der Sonnenkinder; Sohn des Vivosvan, der ein Sohn des Suryo, des Sonnengottes ist. Stamm hat ihn gezeugt, Ramo heißt er, der Tugend übt; Mit jenen und noch weit größern Gaben begabt, der herrlich glänzt. In sich selbst herrschend, großmüthig, würdevoll, strahlenreich und stark, 24. Weisheitsvoll, auch der Pflicht stets treu, siegreich, der jeden Feind bezwingt. Der großgliedrig und starkarmicht Konvugri- vo’n Die beiden genannten ohne Zweifel einige von den vielen Riesen und wilden Kriegern, die Ramo besiegt hat. getödtet hat, Der starkmuthig und mächtger Kraft Gudor- jonu Die beiden genannten ohne Zweifel einige von den vielen Riesen und wilden Kriegern, die Ramo besiegt hat. den Feind bezwang. Deß Arm zum Knie hängt, hoch von Haupt, er der stark, wahrer Tugend reich, 28. Gleichmüthig, schöngegliedert ist, herrlicher Farb’ und würdevoll, Deß Auge groß, von mächtger Brust, Günstling des Glücks und schön zu sehn, Wohl das Recht kennend, wahr strebend, seines Zorns Meister, Herr des Sinns. Der Weisheit tiefgedacht besitzt, rein, mit Hel- dengewalt begabt, 32. Schutz und Retter des Weltenalls, Gründer, Erhalter auch des Rechts; Alle Glieder der Schrift Alle Theile oder Glieder des Vedo. wissend, aller Bücher wohl kundig auch, Aller Schrift Deutung grundgelehrt, tugendreich, der im Glanze strahlt; Allen Menschen beliebt, bieder, von Geist heiter und hochgelehrt, 36. Stets die Guten sich nach ziehend, wie zum Meer eilt der Ströme Lauf. Er der wahr, gleich und gleichmüthig, der einzig und hold von Ansehn ist, Ramo stehend am Tugendziel, Kausolya’s Lieb’ und hohe Lust; Freigebig wie das Weltmeer ist, standhaft gleich wie der Himovan , Die indischen Alpen im Norden. 40. Vishnu’n ähnlich an Heldenkraft, standhaft so wie der Berge Herr; Beinahme des Sivo. Zornflammend wie das Weltfener und im Dulden der Erde gleich, Spendend wie der Reichthumsgott, Zufluchtsort dessen was wahr und recht. Ehe wir den Narodo, der nun zur Ge- schichte Ramo’s uͤbergeht, weiter anhoͤren, wollen wir erst in kurzem erwaͤhnen, was dem Zeit- punkt, wo Narodo’s Erzaͤhlung anhebt, voranging. Ramo’s Erscheinung wird nach der indi- schen Sage als die siebente Menschwerdung des Vishnu betrachtet. Sie ward durch die Klagen veranlaßt, welche vor dem Brohma kamen, uͤber die Unthaten des Riesen Ravono, Koͤnigs zu Lonka und seiner Genossen, die sogar den Indro bekriegten. Um ihn zu bekaͤmpfen, entschließt sich Vishnu, menschliche Gestalt anzunehmen, als Sohn des Doshorotho, Koͤnigs von Oyōdhya. Doshorotho hat von drei Gemahlinnen vier Soͤhne; von der Kausolya den Ramo, von der Koika den Bhoroto und von einer dritten, deren Nahme verschiedentlich angegeben wird, noch den Lokshmoño, den Freund und Begleiter des Ramo, und einen vierten, der Bhorots Begleiter war. Doshoroth will den erstgebohrnen Ramo feierlich zum Erben erklaͤren und einsetzen. Aber Koika, die ihrem Gemahl große Dienste erzeigt hatte, benutzt sein ihr deshalb gegebnes Ver- sprechen, jede Bitte zu erfuͤllen, die sie an ihn thun wuͤrde. Sie begehrt, daß Ramo auf zwoͤlf Jahre verbannt, Bhorot aber an seiner Stelle zum Erben erklaͤrt werde. Hier beginnt Narodo’s Erzaͤhlung, die zu- gleich eine gedraͤngte Inhaltsanzeige des ganzen Gedichts ist. Damit die Menge der Nahmen 16 und in engen Raum zusammengehaͤuften histo- rischen Anspielungen die Aufmerksamkeit nicht zu sehr verwirren, setzen wir den Hauptfaden der Geschichte voran, mit Weglassung aller Neben- umstaͤnde. Ramo geht in den Wald, wohin ihm sein treuer Bruder Lokshmoño und seine geliebte Sita folgt. Der alte Doshorotho stirbt vor Gram; nach seinem Tode wird Bhoroto der ein- mal gemachten Anordnung des Vaters gemaͤß zum Koͤnigthum berufen. Er will es aber nicht annehmen, sondern geht in den Wald zu Ramo und bietet diesem das Reich an. Ramo ver- weigert es und bewegt den Bhorot zuruͤckzukeh- ren, der dann die Regierung antritt und zu Nondigramo seinen Hof haͤlt. Ramo irrt ferner in der Wildniß umher und faͤngt nun an die Riesen zu bekaͤmpfen, wozu ihm Indro’s Waffen verliehen werden. Er toͤdtet viele derselben; Ravono, der Riesen- koͤnig zu Lonka, geraͤth daruͤber in Zorn und sinnt auf Rache. Durch List entfuͤhrt er die schoͤne Sita, Ramo’s Geliebte; wobei er den wunderbaren Geier, den Waͤchter in Ramo’s Behausung, toͤdtet. Als Ramo den Leichnam desselben bestattet und verbrennt, laͤßt sich eine weissagende Stimme aus der Flamme vernehmen, die dem Ramo angiebt, was er nun ferner zu thun habe. Er verbuͤndet sich jetzt mit den beiden wun- derbaren Waldmenschen oder Affenhelden, Honu- man und Sugrīvo. Er toͤdtet durch Sugrīvo’s Rath unterstuͤtzt einen der Hauptgegner und furchtbarsten Riesen, den Vali. Honuman schwimmt durchs Meer nach der Insel Lonka, befreit Sita, toͤdtet viele Riesen und verbrennt die Stadt Lonka. Dann geht er zum Ramo und bringt ihm die frohe Botschaft. Ramo geht an den Strand des Meeres; Somudro d. i. der Oceanus giebt ihm selbst die Mittel an, die bekannte wunderbare Bruͤcke nach der Insel Lonka uͤbers Meer zu schlagen. Er toͤdtet den Ravono und findet seine geliebte Sita wieder, hegt aber ein Mistrauen, ob sie ihm auch die Treue bewahrt habe. Sita beweißt ihre Un- schuld durch die Feuerprobe. Alle Goͤtter sind hoch erfreut darob und er eilt nun nach Non- digramo, wo die Bruͤder dann vereinigt herrschen, und ferner in Freude und Herrlichkeit leben. Es folgt eine kurze Schilderung von der goldenen Zeit, welche die Menschen unter Ramo’s Herrschaft jetzt verleben, und eine Weissagung wie lang dieselbe noch dauern wird. Was die vielen andern Nahmen von Helden betrifft, die ausserdem noch in der Erzaͤhlung vorkommen, so begnuͤge man sich zu wissen, ob es Freunde und Bundsgenossen des Ramo, oder Gegner und Feinde desselben sind, welches alle- mal aus dem Zusammenhange klar ist Ich habe überhaupt dieses Werk nicht durch Erklärung sol- cher Nahmen und Dinge anschwellen wollen, die schon in andern Büchern erklärt worden sind. Denen aber, welchen die indische Litteratur und Mythologie noch fremd ist, empfehle ich zum Nachschlagen Maiers mythologi- sches Wörterbuch , wo das bis jetzt bekannte mit Sorg- falt gesammelt und mit Klarheit dargestellt ist. . Narodo faͤhrt also in seiner Rede fort: Nun diesen tugendbegabten, Ramo , den wahrhaft wandelnden 44. Trefflichen Erstgebohrenen, Doshorotho’s ge- liebten Sohn, Seines Volks hochbegünstigten durch angebohrner Anmuth Kraft, Wollt’ als Erbherrn zum Königthum erhöhn der herrlich strahlende. Doch dieser Weihe Fest sehend, bat die dem Koiki -stamm entsproß, 48. Erster Bitte Geschenk nutzend, diese Bitte vom Könige: Daß Ramo gleich verbannt werde, Bhoroto dann erhoben sei. Der König um des Worts Wahrheit, von des Rechts Bande fest umstrickt, Verbannte selbst seinen Ramo, Doshoroth den geliebten Sohn. 52. Jener ging nun der Held waldwärts, die Gelo- bung erfüllend gleich, Was seines Vaters Befehlswort, wie es der Koika Haß bewirkt. Nach wandert da dem wandernden Lokshmoño , nach ihm eilet er, Aus Liebe, der bescheidnen Sinns wohl ein Freund, Freudengeber war; 56. Bruder war er des Bruders Lust, bewährend edlen Bruderbund. Auch das geliebte Weib Ramo’s , stets geachtet dem Leben gleich, Die von Jonoko’s Geschlecht stammt, Maya Die göttliche Täuschung, woraus die Welt der Erscheinung entspringt. Man könnte es auch ohne Personification geben: „einer Göttererscheinung gleich.“ der Göttin gleich an Werth; Jeglicher Zierde reichbegabt, der Fraun Erste an frommem Sinn, 60. Schön und jugendlich blühend sie, sittsam wan- delnd der Pflicht gemäß; Sita auch war gefolgt Ramo’n , wie Rohi- nī’s Gestirn Eine weibliche Sterngöttin, die der Mond liebt, in dessen Nähe sie immer weilt. dem Mond. Ihn begleitet des Volks Menge, auch Doshoroth der Vater weit; Bei Sringover am Rand Gonga’s trennt er von seinem Sohne sich. 64. Zu Guho geht der gerechte, Nishado’s Ob Nishado ein Volk oder einen Ort bezeichne, ist aus der Form des Wortes nishad’adhipotin nicht klar. werthem Könige. Mit Guho nun vereint Ramo , mit Lokshmo- ño , mit Sita auch, Nach Gonga’s Lauf, in Freud’ allstets, hin zum Walde da wandern sie. So von Walde zu Wald gelangt, den Strom durchschreitend mächtger Fluth 68. Folgend Bhorodvojo’s Einer der großen Rishi’s , oder heiligen Altväter der Urwelt. Geheiß, gehn sie auf Chittrokudo’s Berg. Frohe Sitze hier gleich gemacht vom frohsinnigen Lokshmoño , Wohnt da mit Sita zugleich dann Ramo , der hochgeliebte Mann; Göttlich nach der Gondhorven Die Gondhorven sind die guten und seeligen Luftgeister, Genien der Musik. Art siedeln die nun allda mit Lust. 72. Als die drei auf dem Chittrokud seelig vereinet, glänzt der so Wie erstiegen der Berg Meru vom Voisrivon und Shonkor Beinahme des Sivo. Die Ersteigung des Berges Meru ist eine seiner berühmtesten Thaten. einst. Da nun Ramo auf dem Berg war, Schmerzge- quält um den Sohn der Fürst Ging er auf, König Doshoroth , zum Himmel, klagend noch den Sohn. 76. Nach dessen Hingang Bhoroto , durch der Priester Vosishto’s Einer der großen Rishi’s, nach dieser Sage Haupt der Priester im Königreiche Oyodhya. Wahl Berufen gleich zum Königthum, will nicht König sein, groß gesinnt. Zu dem Wald ging er der Held fort, Ramo’s Fuß zu verehren wohl, Eilend ging er zum Ramo hin, zeigend wie er bescheidnen Sinns. 80. Als Bhoroto , der großmüthge, auch der Stadt schnell enteilt nun war Zum Bruder Ramo so bittend, offenbart er sein hohes Herz: „Ergreif das Reich, du Gerechter!“ — Dieß das Wort, so er Ramo sagt. Anflehend ihn, als ers bedacht, will er das Reich nicht, großgesinnt, 84. Zu deß Füßen Verzicht leistend D. h. ihm verehrend zu Füßen fiel, wie v. 78. Es kann aber in diesen Versen vielleicht auch eine Anspielung auf den sonderbaren Umstand der Geschichte enthalten sein, der bei Roger vorkommt, S. 261. der deutschen Ausg.; daß nämlich, da Ramo den Thron nicht annehmen wollte, Bhoroto seine Schuhe von ihm begehrt habe, damit er denen dienen möge, bis Ramo wieder käme. Dem gemäß wieder und wieder auf das Reich, So ließ den Bhoroto alsdann heimkehren er, der älter war. Der, als er nicht den Wunsch erreicht, des Ramo Fuß D. h. ihm verehrend zu Füßen fiel, wie v. 78. Es kann aber in diesen Versen vielleicht auch eine Anspielung auf den sonderbaren Umstand der Geschichte enthalten sein, der bei Roger vorkommt, S. 261. der deutschen Ausg.; daß nämlich, da Ramo den Thron nicht annehmen wollte, Bhoroto seine Schuhe von ihm begehrt habe, damit er denen dienen möge, bis Ramo wieder käme. Dem gemäß ergriffen hat, Zu Nondigramo dann Hof hielt, Ramo’s Rückkunft noch wünschend stets. 88. Als gegangen nun Bhoroto war und der seelig, der Sinne Herr, Ramo nochmals gesehn wieder von der Stadt und dem Volke war, Hat nach der Rückkunft alsbald er gen Don- doka sich hingewandt, Zum Wald dringend dem mächtgen, Ramo der lotosäugichte, 92. Erschlug den Riesen Viradho , kam Soro- bhongo’n dort zu sehn, Den Sutīkschno und Ogostyo , Ein Brahmin der Vorzeit, der als Heiliger verehrt wird. Ogostyo’s Bruder auch sodann. Nun des Ogostyo Wort folgt’ er, ergriff des Indro’s Indro, als König der guten Geister, ist in dieser so wie in allen Menschwerdungen des Vishnu dessen treuer Bundsgenosse und Freund. Auch die Rishis stehen auf seiner Seite. Pfeilgeschoß, wäre denn das paduke ( cas. 7.) im Verse 84. und 86. zu erklären. Paduka wird in meinem Exemplar des Omorocosha im Bhukando, crepida ex corio erklärt. Da ich der ganzen Stelle in Rücksicht der Lesart nicht völlig sicher war, so habe ich es in der Uebersetzung unbestimmt gelassen. Schwerdt auch der herrlich beliebte, die Brust und Herz durchbohrenden. 96. In dem Wald nun, wo Ramo war, vereint mit Waldbewohnenden, Kamen all zu ihm die Heiligen, Indro, als König der guten Geister, ist in dieser so wie in allen Menschwerdungen des Vishnu dessen treuer Bundsgenosse und Freund. Auch die Rishis stehen auf seiner Seite. auf Tod sin- nend der Riesenbrut, Als die herrlichen Altväter Dondoka’s Wald bewohneten. Ihrem Bruder allda vereint, wohnte in Jono- sthano auch 100. Misgestaltet Shmūryonoka , Riesin in Liebes- wuth entbrannt. Als auf Shmūryonoka’s Rathschlag all her- ankam das Riesenvolk, Hat den Khoro und Dūshono , den drei- köpfichten Riesen da, Wohl bezwungen im Kampf Ramo , er allein all das Riesenvolk; 104. Nächst jenen all ihr Kriegsherr auch, vierzehn- tausend wohl an der Zahl. Als der Riese die Schlacht vernahm, deß Lob drei Welten schon gehört, Hohen Ruhms, Ravono hieß er, schöngestaltet und mächtger Kraft, Riesenkönig und starker Held; Ravono , hohen Zorns entbrannt, 108. Berufte sich zum Kampfhelfer er den Riesen Marīcho dann. Oft gewarnt ward noch Ravono vom Marīcho , der zu ihm sprach: „O nicht Zorn wider den mächtgen, Geduld, Ravono , hege du!“ — Vernommen hat wohl die Nede Ravono , aber todbestimmt 112. So ging er mit Marīcho nun nach des Ramo Behausung hin. Als die Truglist Die List war folgende. Er verwandelte einen der Seini- gen in einen schönen goldnen Hirsch, und machte daß Sita ihn erblicken mußte. Sie ward lüstern danach und bat den Ramo, daß er ihn fangen möchte. Die Brüder jagten ihm nach, aber der Hirsch entfloh. Während sie entfernt waren, trat Ravono in der Gestalt eines büßen- den Sonnyosi zur Sita und begehrte Almosen von ihr, wo er sie dann mit Gewalt ergriff und nach Lonka führte. von dem weit erst des Königs Söhne hat entfernt, Ravono da hineindringend, ergriff die Götter- kindern gleicht, Ramo’s geliebtes Weib Sita , tödtend den Geier Joyoyush . 116. Als den Geier getödtet sah, das wohl treffliche Weib geraubt, Roghu’s Sohn, von dem Schmerz betäubt weinen begann er, Sinns beraubt; Hat verbrannt dann zu Kakutstho den Geier Joyoyusho drauf, Kobondho’n Unstreitig einer seiner Feinde, den er im Unmuth mit in die Flamme des Scheiterhaufens warf, der aus dürrem Kraut und Graß errichtet war. dann erblickt furchtbar, Do- nu’s Sohn, den gewaltigen. 120. Den im Grimm dieses Zorns wüthend, den Kobondho den schrecklichen Erschlug er, verbrannt ihn im Graß, Unstreitig einer seiner Feinde, den er im Unmuth mit in die Flamme des Scheiterhaufens warf, der aus dürrem Kraut und Graß errichtet war. da ward ein Wunderwesen draus, Und sprach also den Ramo an: „Zur Sho- vorī , Welchen Theil diese an der Geschichte habe, ist aus dem Zusammenhange nicht klar und mir auch sonst nicht bekannt. die tugendsam; „Zur Shovorī , der heiligen, dahin geh, du von Roghu’s Stamm!“ — 124. Deß Worten ist gefolgt Ramo ; schuldlos mit Lokshmoño zugleich Ging er hin, der so hoch strahlte, zur Shovorī , der Siegerheld. Und geehrt hoch von Shovorī, Ramo, Doshoroths eigner Sohn, Kam zusammen am Rand Gonga’s er mit dem Waldmann Honuman , 128. Kam des Honuman Rath folgend mit Su- grīvo zusammen auch. Dem Sugrīvo hat dieß alles Ramo’s Affe sodann erzählt, Wie von Anfang es war geschehn, auch Sita’s hohe Tugenden. Sugrīvo , da er dieß alles gehört, Ramo’s Geschick und Art, 132. Da macht er Freundschaft mit Ramo , hat beim Feuer gelobt den Bund. Ein heiliger Gebrauch, das Bündniß desto mehr zu bekräf- tigen. Darauf vom König der Affen ward im Gespräch, vom schrecklichen, Kund ganz all das gethan Ramo’n , mit Demuth und mit Trauer auch. Abrede mit dem Raghiden schloß er sodann zu Vali’s Tod. 136. Der Affe drauf verkündete Vali’s Kraft, des gewaltigen; Für den Ramo um Vali’s Kraft war Sugrīvo von Furcht erfüllt. Liebevoll für den Raghiden hat ihm Sugrīvo da gezeigt Dundubhi’s mächtigen Körper, der groß wie ein Gebirge war. Das folgende geschieht vom Sugrivo wohl, um den Ramo 140. Fußstoßend Dundubhi’s Körper warf er wohl hundert Meilen weit, Höhlt mit dem Pfeil der See’n sieben dann zu Onotoporvon aus. Der Berg Rosatolon wurde der Freundschaft Stätt’ und Heimath da. Und nun faßte zu deß Freundschaft ein Vertrauen der Affenfürst, 144. Sugrīvo , der herrliche Waldmensch, reicht an der höchsten Freude Ziel. Als mit dem Affenkönig nun Bündniß gemacht der starke Held, Da entstand Lieb’ und Neigung auch eines zum andern diesen zween. Als den Bundseid sodann vollbracht der Mannes- und der Affenfürst, 148. Ging mit dem Ramo er zugleich nach Kish- kindha der Heimath hin. Alsbald rief Hori , Beinahme des Vischnu, der um Beistand gegen den über- mächtigen Riesen herbeigerufen wird. den großen, Sugrīvo’s Donnerstimme an, Auf den Ruf, der so mächtig scholl, kam denn Hori , der König, gleich. zu prüfen, ob er auch stark genug sei, den Vali zu be- siegen. Wohl nachfolgend darauf dem Ruf, In diesem Vers war die Lesart ganz verworren; ich habe unbestimmt und nach dem Zusammenhange übersetzt. kam er zu dem Sugrīvo hin. 152. Und es tödtete Ramo jetzt Vali’n mit einem einzgen Pfeil. Als auf Sugrīvo’s Geheiß nun Vali erschlagen war im Kampf, Da gab dieß Königreich Ramo , übertrug es Sugrīvo’n ganz; Der dann die Affen all sammelnd, er der Herr- scher der Affen war, 156. Hat festgestellt des Reichs Ordnung, Jonoko’s Kind Sita. zu sehn gewillt. Des Geiers Rath befolgend nun, ging Honu- man der Aff’ hervor, Hundert Meilen wohl weit schwimmend, fuhr er kühn durch der Fische Reich. Darauf ankommend zu Lonka , der vom Ravon erbauten Stadt, 160. Erblickt er Sita trauervoll wandeln dort in Oshōko’s Hain, Machte kund ihr die Botschaft gleich, machte kund ihr die Rückkehr auch, Empfing die Gegenbotschaft dann, tödtend des Südens Riesenvolk. Fünf der Heersführer erschlug er, Trisuta’n dann zum siebenten, Vielleicht wird Oksho als der sechste gezählt, da Grohono nicht von ihm getödtet wird, sondern sich selbst umbringt. 164. Den jungen Okshon zerstückend, dann auf Grohono stürzt’ er hin, Der mit dem Schwerdt sich selbst frei macht, als er des Ahnen Mörder sah. Zürnend dem Riesenvolk der Held, hat ers voll- bracht nach seinem Wunsch. Nun anzündend die Stadt Lonka , wieder auch sah er Moithila , Auch dieser Nahme ist mir unbekannt. 168. Hat er da seines Leibs gepflegt, kehrte heim dann der Affen Fürst. Der nun kommend zum großmüthgen, hat den Ramo zuerst begrüßt, Verkündete gleich ihm sodann: „Gefunden hab’ ich Sita nun!“ — Sugrīvo’n nahm er mit sich drauf und ging hin zu des Meeres Strand, 172. Das Weltmeer höhlt’ er alsbald aus durch son- nengleicher Pfeile Kraft. Durch die That zeigend, daß selber das Weltmeer Ramo’n dienend sei Somudro’s Das personificirte Weltmeer, der Gott Oceanus. Rath sodann folgend, hat er dort Nolo’s Brück’ erbaut, Ging dann auf der zur Stadt Lonka , erschlug den Riesenkönig dort. 176. Ramo , als Sita gefunden, ward der höchsten Beschämung voll. Der nun sagte darauf Ramo vor den Menschen da Schmähungen; Darob dann unwillig Sita bestieg die Flamme treugesinnt. Sie reinigt sich von dem Verdacht der Untreue durch die Feuerprobe. Als durch des Feuers Zeugniß nun kund ward, daß Sita schuldlos war, 180. War erfreut ob der großen That das Weltall, was da geht und steht, Zusamt allen den Altvätern, Ramo des hochge- sinnten That. Der nun setzt denn zu Lonka ein jenen Riesen Vibhīshono . Ein Bruder des Ravono, der aber diesen gewarnt und ermahnt hatte, dem Ramo, der ein Gott sei, die entführte Gemahlm wiederzugeben, und der, als Ravono seiner Warnung kein Gehör gab, auf die Seite des Ramo über- trat. 17 Als dieß vollbracht, sodann Ramo , frei von Schmerzen erfreut er sich, 184. Durch die Götter Wunsches gewährt, fort nun sandt’ er die Affen all. Solcher That freuten die Götter sich, all die kamen zu Indro’s Burg, Auch die heiligen Altväter, die verehrt der Raghide nun, Ward von den hochzufriedenen, all den Gotthei- ten, hochgeehrt. 188. Da dieß vollbracht, sodann Ramo naht der Wonn’ und der Freude sich, Durch die Götter gewährt Wunsches, da er Sita gefunden hat, Schwang auf den Blumenwagen Pushpokon , nach dem Omorocosha ein wunderbarer Götterwagen des Kuvero; currus ex floribus. sich, nach Nondigramo kam er dann. Nondigramo , da wohnte nun mit den Brüdern des Roghu Sohn, 192. Ramo , der Sita gefunden, auch erlangt hat das Königthum, Opfert nach mannichfaltigem Brauch, erschlug den Lōkokondoko , Freuend der schönen Sita sich, Sitoya romoya — — reme ; eine von den vielen Stel- len, wo die Verwandtschaft der gebrauchten Worte mit seelig mit der Freundin vereint. Vatergleich sorgend führt er nun jener glücklichen Völker Schaar 196. Oyōdhya’s seeliger Herrscher, König Dosho- roths eigner Sohn. Freudig ist nun die Welt, seelig, zufrieden, stark, dem Rechte treu, In Lust und frei von Schmerz ruhend, so von Haß als von Sehnsucht fern. Des Sohnes Sterben sieht keiner dieser glückli- chen Menschen je, 200. Die Frauen, so im Wittwenstand, sind den Gemahl zu ehren froh. Kein Lufterzeugtes Schreckniß giebts, keine Fluth tilgt die Lebenden, Kein Feurerzeugtes Schreckniß giebts, wie in der goldnen Zeit so hier. Wittwen nicht giebts in seinem Reich, nichts herrenloses, Thoren nicht, 204. Unglücklich, elend ist keiner, noch durch Krankheit ein Mensch gequält. Rosse hundertmal opfert er, des Goldes Fülle noch dabei, Und Kühe hundert Tausende, unzählge wird er geben noch. dem Namen des Helden Ramo, der von derselben Wurzel stammt, einen neuen Reiz giebt. Viel Jahre wird sein Königreich Ramo ferner verwalten noch, 208. Die vier Stände der Erdwelt hier nach Recht fest gründen jeglichen. Wenn nach zehntausend Jahren einst, dazu zehn- hundert Jahre noch Ramo sein Reich verlassen hat, wird er aufgehn zu Vishnu’s Welt. Der ist der tugendvollkommne, Gesetzgeber, be- glückt im Sieg, 212. Nach dem Du fragtest, Valmīki! Ramo ist der vollkommne Mann. Als Narodo’n gehört hatte Valmīki , also sprach er da: Die Tugend Heilger! machst du klar, die der Sterbliche schwer ergreift. Der mit der Tugend all begabt, Ramo zu dem hinschreit’ ich gleich. In der ersten Hälfte des Verses 215. ist mir die Lesart dunkel. Der Sinn und Zusammenhang des Ganzen ist jedoch klar. Der 216te Vers gehört unstreitig noch zu dem, was Valmiki sagt. Der fernere Schluß ist wieder ein Spruch zum Lobe des Gedichtes selbst. 216. Ob der unsterblichen Kunde, die des Ruhms Heldenkraft vermehrt. Wer diese Thaten Ramo’s lies’t, der wird all seiner Sünden frei; Mit Sohn, Enkel, den Seinen all, wird der Mann frei von Unglück sein. Wer den Ramayon auch hörend nur bis zu Ende ganz vernahm, 220. Wer da lies’t bis zur Mitte nur mit Andacht glaubensvoll dieß Buch. Es fruchtet dem Wiedergebohrnen Dvijo , der zwiefach — einmal natürlich, das andremal geistig — gebohrne; gewöhnliche Bezeichnung des Brahmi- nen. Nach der Verschiedenheit der vier Stände ist auch der Lohn verschieden, der dem Leser des Ramayon ver- heißen wird. Weisheit, den Edlen mit herrlicher Herrschaft lohnend; Dem Kaufmann soll reinsten Gewinn es bringen, und hörts ein Knecht gar, wird auch der veredelt. Brohma’s Besuch . Der Inhalt dieses Stücks ist folgender. Valmīki bereitet sich durch fromme Reinigungen in der Einsamkeit des Waldes zu seinem großen Werke vor. Er sieht zwei Liebende; der Geliebte wird von einem wilden Krieger erschlagen. Die Trauer der Zurückgelassenen erregt Valmīki’s Mitgefühl, und da er in Nachdenken darüber versinkt, ist der Ausbruch seiner Klage ein metri- scher Spruch. Mit Erstaunen wird er es gewahr und theilt seinem geliebten Schüler die gemachte Entdeckung mit. Brohma erscheint ihm, freut sich über einen neuen Beweis, den Valmīki von der so eben entdeckten Verskunst ablegt, und fodert ihn abermals auf, das große Werk des Ramayon zu beginnen. Zum Schluß preisen die Lehrlinge noch die Erfindung des indischen Versmaaßes oder der Shlōken. Der Tod des Krauncho wird nur ganz im Vorbeigehn berührt, und ich habe auch weiter nichts darüber gefunden. Merkwürdig ist es, daß in diesem Mythus vom Ursprunge der Dichtkunst alle Wunder der riesenhaften Vorwelt als schon vorhanden und geschichtlich gegeben betrachtet, Metrum und Poesie aber aus der sanften Stim- mung des Mitgefühls hergeleitet werden. Als von Narodo die Rede gehört hatte, der herrlich sprach, Valmīki samt dem Lehrling auch, hohes Stau- nen ergriff sie da. In Gedanken nun bringt Ramo’n Ehre der hohe Seher dar. 4. Sodann zusamt dem Schüler auch gleicher Weise der Seher Fürst Ehre darbracht’ er frommdenkend Altvater Na- rodo’n darauf. Als von ihm war verehrt worden Altvater Na- rodo darauf, Deß Fragen gegenbelehrend, ging er auf zu der Himmelsburg 8. Jener, gleich als gegangen Narodo war zur Götterwelt, Nach Tomosa’s Gestad ging er, Valmīki aller Seher Haupt. Als das Gestad’ erreicht hatte der große Seher Tomosa’s , Sprach zum Schüler er neben sich, den Ort sehend von Flecken rein. 12. Frei von Flecken hier dieß Asyl, deß Stifter Bharodvajo war, Ganz rein ists, wohl gelegen auch, wie der Recht- schaffnen Urtheil ist; Dieß Heiligthum, das Gleichmuth wirkt, ist auch heilsamer Wasser reich. Hier will vollziehn das heilge Bad ich in Tomo- sa’s Fluthen nun. 16. Bring das Gewand von Baumrinde Die gewöhnliche Tracht der Einstedler. schnell hieher aus der Hütte mir. Daß nicht lang dauernd die Zeit sei, darauf denke, mein edler Freund! An Tomosa’s geweihtem Ort hier will vollziehn ich das heilge Bad. Dieses mein Wort vernehmend wollst du hingehn in schneller Eil! 20. Nach des Meisters Geheiß eilends kam zurück aus der Hütte der, Hertragend ihm das Baumgewand, seinem Mei- ster da zeigte ers. Als nun in der Hand darbrachte, hin der Schüler ihm reicht das Kleid, Er in der Fluth das Bad vollbracht, den Betkranz abgebetet fromm, 24. Nach dem Gebrauch versöhnt auch hat sprengend der heilgen Ahnen Geist, Da durchwandelt umherschauend er nun Tomo- sa’s ganzen Wald. Als am Gestade Tomosa’s solcher nun sorglos wandelte, Erblickt er dort der Kraunchiden liebend Paar, froh und hold zu sehn. 28. Von diesem Paare nun Einen, weil der andre es kommend sah, Erschlug unerbittlich mordend Nishado Nishado wird in meinem Exemplar des Omorocosha im Bhukando erklärt als ein Mensch von der verwildertsten und verachtetsten Gattung, die sich von Fleisch nähren u. s. w. homo ferox, carnis vorax; heißt also vielleicht nur ein Wilder überhaupt, ist kein Nahme, oder wenigstens ein durchaus bedeutender, wie so viele indische. vor dem Seher dort. Als wundenvoll im Blut wälzen den Geliebten am Boden sah Kraunchī , klagt, jammert voll Schreck sie und gebehrdet sich kläglich wohl. 32. Als nun den da erschlagen sah von Nishad’ in Ondojon’s Hain Samt dem Lehrling der Einsiedler, da ergriff ein Erbarmen ihn. Sodann darstellend sein Mitleid, begann er so und sprach dieß Wort: „O weh, daß von dem grausamen Nishado , der so arm an Geist, 36. Diese unrühmliche That hier, der Welt Abscheu, geschehn mußte!“ Mit Seufzen klagend die Kraunchī , die dort weinende, sang er dieß: „Wohl nicht lang lebst du, Nishado ! noch er- reichst hohe Jahre du, Weil aus dem Krauncho Paar Einen von Liebe trunken du erschlugst.“ 40. Als er gesagt hatte dieß Wort, ward tief denkend danach er gleich. „In dem Schmerz dieses Leidgefühls, was war dieß was mir da entfuhr?“ — Ein Weilchen nun daran denkend, laut dann sagend den Klagespruch, Spricht zum Schüler, der bei ihm stand, Bha- rodvajo’n er dieses Wort: 44. „Weil gegliedert in vier Füßen, den Spruch vollzählger Sylbenzahl, Ich im Leid klagend jetzt aussprach, drum wird Lied Das Wortspiel zwischen Shoko und Shloko habe ich durch das deutsche Leid und Lied auszudrücken gesucht. dieß von nun an sein. Als dieses Wort der Lehrling hört, des Einsiedlers vollkommnen Spruch, Da stimmt er bei, es annehmend und zeigt wie er den Meister liebt. 48. Zusammen dann im Gespräch redend, er und auch der sein Lehrling war, Dem Fall nachdenkend, heim kehrten zu der ein- samen Hütte sie. Dem noch folgte demüthgen Sinns, Bharod- vajo dem Seherhaupt, Den angefüllten Krug tragend, schritt er hinter dem Seherfürst. 52. Da nun ankam in der Hütte mit dem Lehrling der weise Mann, Stieg auf den Sessel er, sank dann tief in Nach- denken trauervoll. Aber ankam zu der Hütt’ itzt Brohma , Ahnherr der Welt und Haupt, Selbst lebend durch sich selbst, seelig, zu schaun den hohen Heiligen. 56. Valmīki als er den erblickt, schnell erhebt er sich ehrfurchtsvoll, Anzubeten sich hinstellend, stand er da hohen Staunens voll; Drauf mit dem Sitz ihn bedienend, mit Fußwa- schung und Sandelholz, Dem Brauch gemäß ihn anbetend, begrüßt er ihn mit ewgem Heil. 60. Als aufgestiegen nun der Gott war auf herrlichen Ehrenstuhl, Valmīki’n da hieß er alsbald, sich selbst auch nehmen einen Sitz; Der bestieg darauf solchen, der Welt Ahnherrn im Angesicht. Als dieß so ging, da ward im Geist Valmīki’s Denken hingewandt 64. Auf Kraunchī , die so schmerzvoll klagt, und er sang diesen Liedes Spruch Wieder, mitleiderfüllt im Geist, der wohl Hülle des Leides war: „Unthat that er, der schlimm gesinnt, grimmvoll, ganz ohne weisen Geist, Daß den lieblich schönen Krauncho er erschlug durch der Hölle Trieb!“ — 68. Ihm nun sagte darauf Brohma , lächelt den hohen Seher an: „Was war dieß was du, hochheilger! da sprachst klagend um Krauncho’s Tod? Einen Spruch hast zum Lied ordnend in dem Klag- worte du gesagt; Seher! durch des Gesangs Göttin entsprang dieß, durch Sorosvotī . 72. Ramo’s Leben und Thaten all mache du, hoher Heiliger! Der rechtgesinnt und tugendvoll, Ramo vor allen tief von Geist, Ramo’s Kunde der Ordnung nach, wie sie dir sagte Narodo ; Was verborgen, was offen auch vom Schicksal dieses hohen Geists, 76. Ramo’s selbst, der Gefährten dann, die Thaten all des Riesenvolks, Von Voidehya die Kunde dann, enthülle in des Tages Glanz! Dieß soll nun wohl bedacht alles, klar erkannt werden deinem Geist; Der Frau Kunde, des Reichs Schicksal, samt König Doshoroth zumal, 80. Was gethan, was gesagt worden, was Zweck war, was erfolgte drauf. Noch soll irgend da Fehlrede im Gedicht dir zu finden sein. Ramo’s göttlich Gedicht bilde, wo des Lieds Maaß das Herz erfreut! So lang stehn wird der Berge Haupt und auf Erden der Flüsse Lauf, 84. So lang wird der Ramayon auch weit hin- wandeln die Welten durch. So lang als des Ramayons Lied wird hin- wandeln die Welten durch, So lang sollen dir, hoch und tief, Sitz geben meine Welten all.“ Als dieß Brohma der Gott gesagt, da entzog er sich ihm und schwand; 38. Valmīki nun mit dem Lehrling wurde hohen Erstaunens voll. Dessen Lehrlinge denn allsamt, den Spruch san- gen, der also heißt, Mit lauter Stimme voll Freude riefen sie, oft erstaunend, aus: „Im Spruch, der gleichen Maaßes vier Füße faßt, den der hohe Geist 92. Sagte bebend dem Mordschreckniß, ward aus Leid Lied, entsprang das Maaß.“ — Dessen Kunst nun entstand damals durch Valmīki , den Denkenden: „Ganz will von Ramo das Lied ich bilden in solcher Gesanges-Art.“ — Recht, Lieb’ und Gutes einend Lied, das so reich wechselt, viel umfaßt 96. Dem Perlentragenden Meer gleich, den Saft haltend der Schriftenwelt. Alle Blüthe der heiligen Schriften in sich vereinigend. In Füßen kunstreicher Bedeutung, wonnevoll, das Lobgedicht bildete drauf von Ramo der, Die Füße des Spruchs wägend im Maaß vom Ruhmes Held ein Ruhmes Lied, dichtend der Seher Geistes voll. Dieses sind die beihen ersten Sorgos des Adikando oder ersten Buchs, deren der Ramayon sieben enthält. Die folgenden sechs sind: der Oyodhyakando , von dem Königreich dieses Nahmens; der Aronyokando von Aronyo der Wald, also vermuthlich die Begebenheiten während der Verbannung in der Wildniß; der Kish- kindhokando , von dem Ort, wo er mit den Affen zu- sammenkommt; der Sundorokando , von der Schönheit so benahmt, vielleicht wegen Sita; der Yuddhokando , von yuddho Krieg; und endlich der Uttorokando , oder das letzte Buch. II. Indische Kosmogonie aus dem ersten Buche der Gesetze des Monu . I n dem wunderbaren Buche der Gesetze des Monu, dem aͤltesten indischen, das wir bis jetzt vollstaͤndig kennen, koͤnnte man den Styl und Ton mehrer Werke des Alterthums vereinigt fin- den. Ueberall, wo der Inhalt auf die Sitten geht, wird man an die sinnreiche Einfalt und alter- thuͤmliche Seltsamkeit des Hesiodus erinnert; die kosmogonischen und philosophischen Stellen haben einen Schwung, aͤhnlich dem des Lucretius, oder dem seines Vorbildes, des Empedokles; und oft findet sich hier eine Erhabenheit von noch ernsterm und strengerm Charakter, der den Jones zur Vergleichung mit der mosaischen Urkunde veran- laßt. Auch in der Sprache ist die Alterthuͤmlich- keit und der Unterschied von der des Mohabharot sehr merklich. Wir erinnern zuvor, daß in Jones Ueber- setzung alles, was mit andern Lettern gedruckt ist, Scholien sind, die es wohl besser gewesen waͤre, nicht in den Text selbst aufzunehmen. Aber auch ausserdem ist Jones Uebersetzung zuweilen erklaͤrend und schaͤrfer bestimmt als die Urschrift. Denn so metaphysisch die Sprache derselben schon durchgehends ist, so ist doch oft eine kuͤhne Bild- lichkeit unter die abstraktesten Begriffe gemischt, und wenn in einigen Stellen die Entwicklung ganz deutlich und klar ist, so herrscht doch in an- dern wieder eine fast raͤthselhafte Kuͤrze und Abge- rissenheit. Ich habe mich bemuͤht, alles grade so unbestimmt ja so geheimnißvoll zu lassen, als es in der Urschrift war, um dem Leser den Eindruck derselben so rein als moͤglich wiederzugeben. Es sind nur diejenigen Stellen aus dem ersten Buche hier ausgehoben, welche die Kosmogonie betreffen. Der Gang der Gedanken ist folgender. Im Anfang war alles Finsterniß; der Unbegreif- 18 liche, Selbststaͤndige erschuf alles, es aus seinem eignen Wesen hervorziehend. Nun folgt das bekannte Bild vom Welt-Ei, das auch der aͤgyptischen My- thologie bekannt war. Dann folgt eine Dreiheit ganz geistiger Grundkraͤfte; aus dem unbegreifli- chen Grund des selbststaͤndigen Wesens ging zu- naͤchst der Geist hervor, aus diesem die Ichheit; Atmo, Mono, Ohonkaro . Alsdann folgen sieben Naturkraͤfte; die große Weltseele, die fuͤnf Sinnlichkeiten oder Elemente und die Ausfluͤsse — Matra — des urspruͤnglichen Selbst, des Atmo. Zuletzt kommt die ganze Mannichfaltigkeit einzelner Wesen und entgegengesetzter Naturen, alle einem unabwendbaren Schicksale nach uner- forschlicher Vorherbestimmung unterworfen. Monu spricht. Einst war dieß alles Finsterniß, unerkannt, unbezeichnet auch, Unenthüllt noch, unerkennbar, als wie noch ganz in Schlaf versenkt. Der seelig Selbständige drauf, der unenthüllt ent- hüllende, Der Wesen Anfang, so stets wächst, wars der wirksam die Nacht zerstreut; Der nie durch Sinne zu greifen, unsichtbar, unbe- greiflich stets, Ein Allwesen so undenkbar, der Er selber in Wahrheit ist. Der nachdenkend aus eignem Leib schaffen wollend der Wesen viel, Wasser erschuf er da zuerst, des Lichtes Saame ward erzeugt; Das Verhältniß des Wassers, des Lichtsaamens und des Ei’s ist nicht bestimmt angegeben. Man denke es sich etwa so: das Wasser ward zuerst hervorgebracht, in diesem erzeugte oder regte sich Lichtsaamen, der dann zu jenem glänzenden Ei zusammenschoß und sich gestaltete. Das Ei muß wohl als im Wasser schwimmend gedacht werden. Ein Ei war es wie Gold glänzend, leuchtend dem Tausendstrahler Ein Beinahme der Sonne. gleich. In dem lebte durch eigne Kraft Brohma , Ahnherr des Weltenalls. In dem Ei saß nun ein Jahr lang nichts thuend jener Göttliche, Selber dann durch des Geists Sinnen hat er das Ei entzwei getheilt. Aus den getheilten Stücken dann bildete Erd’ und Himmel er, Mitten Luft und die acht Länder, der Wasser Haus, das ewige. Drauf hervor zog aus dem Selbst er den Geist , der ist und nicht ist auch; monohsodosodatmokon . Jones übersetzt erklärend: mind existing substantially, though unperceived by sense. Da aber im Bhogovotgita jener selbe Ausdruck auch in dem Sinne vorkommt, daß das Höchste (wie nach der Neu- Platonischen Ansicht) ein über Sein und Nicht-Sein gleich erhabenes Wesen sei; so habe ich es in der ganz wörtlichen Uebersetzung unentschieden lassen wollen, ob dieser oder jener Sinn hier Statt finde. Aus dem Geist dann der Ichheit Kraft, Ohonkaro, die Ichheit hat in den indischen Schriften mei- stens eine üble Nebenbedeutung, als das der göttlichen Einheit und Gleichheit Entgegenstehende und Widerstre- bende. Hier ist dieß aber noch nicht der Fall, wie man aus den Prädikaten — „der ein Warner nnd König ist“ — ersieht. — Es ist wohl überhaupt das Princip der Indivi- dualität darunter zu verstehen, und es ist merkwürdig, daß Monu (nah verwandt mit Mono ) sich selbst nachher als zweiten und untergeordneten Weltschöpfer nennt, der die ganze Mannichfaltigkeit der einzelnen Wesen hervorge- bracht habe, nachdem Brohma zuvor die allgemeinen Grundkräfte der Natur erschaffen hatte. so ein Warner und König ist. Die große Seele zuförderst, dreifacher Art Alle Wesen, die nach den drei Gun ’s der Welt der Wahr- heit, des Scheins oder der Finsterniß angehöreu. die Wesen all, Die der Sinn faßt, die Eindrück’ all, die fünf Sinne Die fünf Sinnlichkeiten ; fowohl die Gegenstände un- Naturkräfte, welche die Eindrücke der Sinne hervorbrind gen und veranlassen, als diese Eindrücke selbst. allmählig auch. So nun dieser Gebild’ zarte, der sechs Wesen gewaltger Kraft, Mit des Selbsts Ausfluß Atmomotrosu . Ob die Matra als Atome zu verstehen seien, ist eine wichtige Frage, aber wenigstens in Monu’s Gesetzbuch nicht mit Gewißheit klar. S. die Abhandlung. durchdringend, bildet er alle Dinge dann. Nun regen drauf die Beweger, die mächtgen, sich im Wirken all, Wird aus zartem Gebild des Geists allen Seins Grund, der nie vergeht. Von diesen sieben Kräften nun männlichen Wirkens geht hervor, Durch sterblichen Gebilds Ausfluß, aus dem Ewgen Vergängliches. Stets hat an sich des Ersten Art, ihm nachfolgend, das andre stets; So wie jeglichen Dings Stelle, also wird seine Art gerühmt. All der Dinge Benennungen, Thaten auch, sondernd jegliches, Wie in des Vedo Wort allerst sie bestimmt, sondernd bildet’ er. Tugendübende Gottheiten schuf er, so der Lebendgen Haupt; Gerechter Geister reinen Stamm, auch das Opfer von Ewigkeit. Dann aus Luft, Feuer, Sonnenkraft, die Gottdreiheit, die ewige Milcht’ er, des Opfers Vollendung, Rig, Yoju und Sam Die Nahmen der drei ältesten Veda ’s. Der vierte wird in alten Schriften nicht genannt und deshalb für spätern Ursprungs gehalten. genannt. Die Zeiten, der Zeit Theilung, Sterne und Irrgestirne auch; Samt dem Meer Ströme, Berghöhen und Ebenen und der Thäler Schlucht. Andacht, Sprache und Lust schuf er, Liebe, des Zornes Wuth demnächst, Zum Dasein diese Geschlechter schaffen wollend und diese Welt. Um zu sondern die Thaten dann, hat er Unrecht von Recht getrennt; Unterwarf all die Geschlechter auch den Zweiheiten Den Gegensätzen, den streitenden Kräften und Eigenschaften. wie Freud’ und Leid. Welcher Thätigkeit jeden nun hat der Schöpfer zuerst vereint, Dieser trachtet von selbst er nach, immer wie oft er erschaffen wird. Heil und Unheil, Härt’ und Milde, Recht oder Unrecht, Wahr und Falsch, Was jedem er bestimmt schaffend, das wird jedem von selbst zu Theil. Gleich so wie stets des Jahrs Zeiten, wandelnd im festbestimmten Maaß, Selbst durchwandeln immer ihr Ziel, so auch die Thaten irdsche Kraft. Das folgende Stuͤck handelt von dem Ungluͤck des Daseins und von dem ewigen Kreislauf der Dinge, dem steten Wechsel der bald neu erwa- chenden bald wieder in Schlummer zuruͤcksinken- den Grundkraft. Monu redet. Von vielgestaltigem Dunkel umkleidet, ihrer Thaten Lohn, Alles Leiden, was nicht bloß dem Menschen, sondern jedem fühlenden Wesen in diesem Leben hier widerfährt, ist nach der indischen Lehre Strafe für die in einem vorigen Leben begangenen Verbrechen. Zieles bewußt Ontoh sonjna bhovonty ete . Jones übersetzt: have internal conscience. Die Zurückweisung in dem folgenden Verse: erodontastu gotoyo , — „diesem Ziel nun nach wandeln sie“ — mit Wiederhohlung desselben Wortes schien mir dafür zu sprechen, daß ontoh sonjna heiße: sich ihrer Schranken, ihres Zieles bewußt, im Gefühl der Endlichkeit, im Vorgefühl des Todes. sind diese all, mit Freud’ und Leid- gefühl begabt, Diesem Ziel nach nun wandeln sie, aus Gott kommend bis zur Pflanz’ herab, In des Seins schrecklicher Welt hier, die stets hin zum Verderben sinkt. Als dieß All nun und mich erzeugt, der sich undenkbar entwickelt stets, Sank zurück in sich selbst wieder, Zeit mit Zeit nun vertauschend er. Während der Gott nun wachend ist, da regt strebend sich hier die Welt, Doch wenn ruhigen Sinns er schläft, sodann schwin- dend vergeht es all. So lang seelig nun er schlummert, wankt der wirken- den Irdschen Schaar, Irrend von der bestimmten That, der Geist selber er- mattet dann. Wenn dann ganz sie verschlungen erst im Grund jenes Erhabnen sind, Weil der, so alles Seins Leben, wohl süß schlummert, der Kraft beraubt. Alsbald geht er zum Dunkel hin, weilt lang da samt der Sinne Kraft, Wohl nicht thuend, was seines Thuns, geht aus der irdschen Hüll’ heraus. Doch wenn aus eignem Stoff worden, den Keim deß, was da geht und steht, Er neu geschaffen durchdringet, alsdann nimmt irdsche Hüll’ er an. So mit Wachen und Schlaf wechselnd, dieß All, was sich bewegt was nicht, Bringt zum Leben er stets hervor, vertilgt es, selbst unwandelbar. Die folgende Stelle fuͤgen wir noch hinzu, weil die Folge der Elemente und ihr Charakter deutlicher darin entwickelt ist, als in der zuerst angefuͤhrten. Monu hat nun schon dem Bhrigu die weitere Darstellung seiner Lehre uͤbertragen. Bhrigu spricht. Nach des Tags und der Nacht Es ist von großen Weltzeiten die Rede. Ende besinnt wieder sich vom Schlaf, So besonnen erschafft er drauf den Geist , der ist und nicht ist auch. Siehe die Anmerk. 3. Der Geist dann bildet die Schöpfung, wirksam jetzt durch des Schaffens Trieb; Aus dem zeugt sich dann Himmels Luft , die als Quell wird des Schalls erkannt. Aus der Luft Akashon . Einige Europäer übersetzen dieses fünfte Ele- ment der Indier wohl durch Raum . Da ihm aber hier (wie im Bhogovotgita dem Khon ) die sinnliche Qualität des Schalls zugeeigner wird, so ist es, wie Jones über- setzt, subtil aether. nun Gestaltswandlung wird, der rein alle Düfte trägt, Dann erzeugt, mächtgen Windes Hauch, der Quell aller Berührung ist. Vayu , oder Windeskraft, der fühlbare Theil der Luft, dem die sinnliche Qualität des Gefühls zugeeignet wird. Aus des Windes Gestaltswandlung, geht hervor so die Nacht zerstreut Strahlend im Glanze die Lichtkraft , so der Quell der Gestalten heißt. Aus des Lichtes Gestaltswandlung Wasser , schmek- kender Säfte Quell, Erd ’ aus Wasser, des Geruchs Quell. So sind er- schaffen die zuerst. Zahllose Weltentwicklungen giebts, Schöpfungen, Zer- störungen; Spielend gleichsam wirket er dieß, der höchste Schöpfer für und für. III. Aus dem Bhogovotgita . D er Gegenstand des zweiten großen Helden- gedichts der Indier, des Mohabharot , ist der Buͤrgerkrieg zwischen den Fuͤrsten und Helden des Stamms der Mondskinder. Da die Ver- anlassung des Kriegs und die Geschichte dessel- ben auf das Verstaͤndniß der philosophischen Epi- sode, von der wir hier einige der wichtigsten Stuͤcke geben, weiter keinen Einfluß hat, so uͤbergehen wir dieß. Nur um durch die vorkom- menden Nahmen nicht verwirrt zu werden, be- merken wir einiges uͤber die Genealogie. Puru, der Sohn des Buddho und Enkel des Chondro, oder des Mondes, war der erste Ahnherr des ganzen Stamms. Kuru, der Koͤ- nig von Kurukshetron, sein Nachkomme, der zweite. Von ihm stammen beide Partheien her, zwischen denen der Krieg sich auf Veranlassung der Draupoti entspann. Auf der einen Seite Bhishmo, Dhritorashtro und all die ihrigen, welche hier wahrscheinlich als die aͤltere Linie vorzugsweise die Kuru ’s genannt werden. Auf der andern Seite sind die Soͤhne des Pan- du die Hauptfuͤhrer; einer derselben von der Kunti, ist Orjun , den Krishno, welcher der Gott Vishnu in seiner achten Menschwerdung ist, beschuͤtzt und begleitet. Beide ruͤcken auf einem Streitwagen zusam- men in die Schlacht; die Heere stehen geruͤstet gegen einander; da Orjun all die Freunde und Blutsverwandte zum Schlagen bereit sieht, uͤber- faͤllt ihn ein großes Mitleiden. Krishno troͤstet ihn durch die Lehre von der unwandelbaren ewi- gen Einheit, und der Nichtigkeit aller andern Erscheinungen. So beginnt das philosophische Gespraͤch, welches der Inhalt der beruͤhmten Episode des Mohabharot ist; der Bhogovot- gita , d. h. das Lied vom Bhogovan, mit wel- chem Beinahmen Krishno hier meistens genannt wird. Es ist dieses didaktische Gedicht ein beinah vollstaͤndiger kurzer Inbegriff des indischen Glau- bens, und steht als solcher in hohem Ansehn. Wir haben nur einige der fuͤr die Philosophie merkwuͤrdigsten Stuͤcke ausgehoben. Orjuns Klage . ( Aus dem ersten Odhyayo .) Als nun gerüstet da sahe all der Dhritorash- triden Schaar, Im Anfang des Schlachtgetümmels, greifet den Pfeil des Pandu Sohn, Sagend darauf zum Bhogovan dieses Wort: „O der Erde Herr! In mitten stell’ den Wagen mir der zwei Heere, so sagt er, hier, Daß ich die schaue, die dorten kampfbegierig ge- rüstet stehn, Auch mit welchen ich kämpfen soll, wenn diese Schlacht beginnen wird; Daß die kampflustgen ich schaun mag, die allhier nun vereinigt sind. Ruhm in furchtbarer Schlacht suchend, zu Dhri- torashtro ’s Sohnes Gunst.“ — Als dieses Wort dem Bhogovan nun von dem Schüler gesagt war, Da inmitten der zwei Heere stellt er der Wagen herrlichsten. — „ Bhishmo’n, Drono ’n im Antlitz uns, all die dorten die Könige, Schaue sie hier, o Fürst! sprach er, der Kurus wohl vereinigt Heer.“ — Und da sah er der Fürst, standen Väter, Groß- väter ferner da, Lehrer dann, Oheim’ und Brüder, Söhne und Enkel standen dort, Blutsverwandte, Befreundte auch, hier und dort in den Heeren zwein. — Als die nun sah der Kunti Sohn, all die Freunde gerüstet stehn, Ergriff ihn hohes Erbarmen, daß klagend diese Wort’ er sprach: „Seh ich die Freunde, Krishno ! all dort kampf- gierig gerüstet stehn, Schmelzen alsbald die Glieder mir, mein Antlitz verdorrend welkt, Schaudern durchfährt den Körper mir, während das Haar sich sträubend hebt. Gaudiv Gandiv, der Bogen des Orjun. auch sinkt aus der Hand mir, die Haut selber am Leibe dorrt, Nicht vermag ich zu stehn fürder, und es schwankt mir schwindend der Geist. Anzeichen seh’ ich, unseelge, um mich her hier, o Keshovo ! Keshovo, der Lockige, ein Beinahme des Krishno, welcher an ähnliche des Apollo erinnert. Und kein Heil mag ich erspähen nach der Bluts- freunde Mord im Kampf. Nicht begehr’ ich den Sieg Krishno ! keine Freuden noch Königthum. Was frommt König sein, Göttlicher! was wohl Reichthum, das Leben selbst, Wenn jene, um welche werth uns Königthum, Reichthum und Freuden sind, Dort zum Kampfe gerüstet stehn, Reichthum nicht achtend und Leben nicht. Lebrer und Väter und Söhne, selbst Großväter, dazwischen auch Oheim’ und Blutsfreund’ und Enkel, Schwäher und nah verbunden dann. Nicht begehr’ ich zu morden die, morden sie mich auch, Göttlicher! Für der drei Welten Herrschaft nicht, wie sollt’ ichs um die Erde thun? Wie möchten nach der Blutsfreunde Mord wir glücklich sein, Madhovo ! Madhoyo, Beinahme des Krishno. Wenn auch jene es nicht sehen, weil Habsucht ihren Geist ergriff; Da aber des Stammes Vertilgung uns als ein schwer Verbrechen, Freund! Wohl erkannt ist, wie sollten wir nicht ab von dieser Sünde stehn? O weh! ein großes Verbrechen sind zu vollbringen wir bereit, Daß wir aus Gier nach Herrscherlust morden wollen den Freundes-Stamm. Wenn unbewaffnet, ungerächt, selber bewaffnet mich im Kampf Erschlüge Dhritorashtro ’s Schaar, wär’ es leichter zu dulden mir. Also sprach Orjun am Kampfplatz, niedersetzend im Wagen sich, Legte dann Pfeil und Köcher hin, überwältigt im Geist von Schmerz. Zu dem von Mitleid durchdrungnen, dessen Augen von Thränen voll, Redete zu dem klagenden Modhu ’s Besieger dieses Wort. 19 Bhogovan . ( Aus dem Sankhyoyogo, dem zweiten Odhyayo .) Woher hat mitten im Kampfe diese Weichheit er- griffen dich, Die nicht rühmlich, nicht göttlich ist, Orjun ! die Schande nur bewirkt. Nicht der Schwäche ergieb du dich, Fürst! nicht also geziemt es dir. Kleingeherzte Unthätigkeit lass’, erhebe dich, Herr- licher! Orjun . O wie soll Bhishmo ’n im Kampf ich und Dhrono ’n, Modhu’s Sieger Modhn’s Sieger, Beinahme des Krishno. Du, In der Schlacht mit dem Pfeil treffen, die vor allen ich ehren muß? Almosen wärs besser zu essen mir wohl als diese ehr- würdigen Lehrer morden. Denn die, meine Lehrer, ermordend ja hier, mit Blut befleckt müßt’ ich mein Gut geniessen. Nicht wissen wir welches uns besser sein mag, ob jene wir oder sie uns besiegen, Die selber wir mordend nicht leben möchten, die stehen kampflustig im Angesicht uns. Besiegt ist mein Herz von des Mitleids Schwäche, dich fleh ich an, weiß nicht was Pflicht hier zu sehn! Was besser sei, sag es in Wahrheit du mir, dein Schüler ja bin ich, o lehr es jetzt mich! Und nichts erspähn kann ich, das mich befreite vom Schmerz, der mir zehrend die Sinne dorret; Und fänd’ ich auch weiten Gebiets Besitzthum, ja selbst im Reich himmlischer Helden herrschend. Bhogovan . Was nicht zu klagen ist, klagst du, redend doch nach der Weisen Spruch. Nicht die gehn, auch die bleiben nicht, beweint jemals, wer weise denkt. Nicht ich war irgend jemals nicht, noch du, noch jene Helden dort; Noch werden wiederum nicht sein irgend jemals wir allesamt. Wie im sterblichen Leibe hier Kindheit, Jugend und Alter sind, Wechselt des Lebens Hülle auch; wer dieß festhält, den irret nichts. Stoff und Eindruck, o Kunti ’s Sohn, machen heiß, kalt, und Freud’ und Leid, Kommen und schwinden stets wechselnd; standhaft trag’ sie, Bhorots Sohn! Orjun ist ein Abkömmling des Kuru, so wie dieser vom Welcher Mann nun, o Männer Haupt! durch dieß all nicht erschüttert wird, Gleich in Freud’ und in Leid, standhaft, der gedeiht der Unsterblichkeit. Nicht was unwahr, wird seiend je, noch was nicht ist, gefunden wahr; Wohl ist der beiden Gränz’ erkannt denen, welche das Wesen schaun. Unvernichtbar wohl ist, wisse, das wodurch dieses All besteht; Nicht mag vernichten irgend wer, was unsterblichen Wesens ist. Diese endlichen Leiber hier sind nur Hülle des Ewigen, Das keiner vernichtet noch mißt; auf denn! und kämpfe, Bhorots Sohn. Wer irgend wähnt, daß dieß tödte, und wer, daß es getödtet sei; Wohl nicht weise sind beide sie; nicht tödten kann’s und sterben nicht. Gebohren wird’s niemals und stirbt auch nimmer; nicht gilt, es war hier und es wird sein, ist jetzt; Denn unerzeugt ewig wohl ist’s das alte, und nicht er- stirbt’s, wird auch der Leib getödtet. Bhorot dem Sohn des Dushvonto und der Sokuntola ab- stammt. Daher jener Beinahme des Orjun. Wer dieses Ewge erkannt hat, das unerzeugt, unwandelbar, Wie mag ein solcher wohl jemands Tod bewirken, ihn tödten selbst? Gleich wie ein Mann Kleider, die alt geworden, abwirft und legt andre, die neu sind, ihm an; So läßt auch dieß Wesen den Leib, den alten, alsobald eingehend in andre neue. Nicht mögen Waffen es spalten, noch wirds etwa durch Gluth vertilgt, Nicht vom Wasser wird’s aufgelößt, nicht der trock- nende Wind verzehrt’s, Unverwundbar, verbrennlich nicht, nicht zu schmel- zen, zu trocknen nicht, Alldurchdringend und bleibend ist’s, auch unwan- delbar ewiglich. Unerklärlich, undenkbar wird’s, unvertilgbar mit Recht genannt; Drum so du solches erkannt hast, ziemt dir’s fürder zu klagen nicht, Wenn du dir’s ewig entstehend, oder auch ewig sterbend denkst, Wahrlich dann, o erhabner Held! ziemt dir es zu beweinen nicht. Gewiß ist des Gebohrnen Tod, wie die Geburt des Gestorbenen; Weil dieß nun unvermeidlich ist, ziemt dir es zu beweinen nicht. Der Wesen Ursprung ist dunkel, klar nur die Mitte, Bhorots Sohn, Dunkel der Untergang wieder, was ist da nun zu klagen noch? Als Wunder betrachtet der ein’ es staunend, als Wunder spricht lehrend davon ein andrer, Als Wunder hört Kunde von ihm ein andrer, und hat er’s vernommen, erkennt’s doch keiner. Ewig die Leiber durchwandert’s, doch zerstörbar in keinem Leib, Drum kein lebendes Wesen nicht darfst du bekla- gen, Bhorots Sohn! Was deine Pflicht, im Aug haltend, solltest du fürder zagen nicht; Nichts wird höher als Kampfes Pflicht für den Krieger gefunden wohl. Wo ganz nach Wunsch vor den Augen sich ja auf- thut des Himmels Thür; Seelig wohl sind die Krieger, Fürst! denen zu Theil wird solch ein Kampf. Wenn aber diesen Beruf du nicht, des Kriegers erfüllen wirst, Dann deine Pflicht, ja die Ehr’ auch setzest hintan du, fällst in Schuld. Es werden Schand’ auch, ewige, dir nachreden die Wesen all; Des einst Gepriesnen Unehre muß noch jenseit dem Tod bestehn. Du seist aus Furcht gewichen, glauben die Wagen- mächtigen; Beinahme der Helden. Denen so hoch du geehrt warst, wirst du leicht nun geachtet sein. Auch manches unwürdige Wort gesagt werden von Feinden dir, Schmach redend deiner Tapferkeit; was kann schmerzlicher sein als dieß? Fallend erlangst den Himmel du, siegreich freust du der Erde dich; Drum erhebe dich, Kunti ’s Sohn! auf zur Schlacht mit entschloßnem Muth. Beide gleich achtend, Freud’ und Leid, Gewinnst, Verlust, und Sieg und Tod; Rüste denn also zur Schlacht dich jetzt, so ladst auf dich du keine Schuld. Aus dem vierten Odhyayo, dem Yojnoyogo . Diese ewige Lehre nun offenbart’ ich dem Vivo- svan , Vivosvan, der Sohn des Sonnengottes; Ikshvaku, Sohn des Vivosvan und Ahnherr des ganzen Stamms der Son- nenkinder. Vivosvan machte sie Monu’n, Monu dem Ikshvaku Vivosvan, der Sohn des Sonnengottes; Ikshvaku, Sohn des Vivosvan und Ahnherr des ganzen Stamms der Son- nenkinder. kund. So erhielt einer vom andern lernend der Priester- fürsten sie; Durch der Zeit Länge aber ward zerstört die Lehre, Herrlicher! Eben die ist’s, die heut’ ich dir, die alte Lehre, offenbart. Mein Diener bist du ja, Freund, auch; das höchst’ ist’s der Geheimnisse. Orjun . Es ist deine Geburt später, früher ja Vivosvans Geburt; Sage wie soll ich begreifen nun, daß zuerst du es offenbart? Bhogovan . Viel sind meiner vergangnen Geburten, Orjun , deiner auch, Alle sie kenn’ ich wohl wissend, du kennst nicht sie, o Herrlicher! Ungebohren, unwandelbar bin ich, auch aller Wesen Herr; Mein eigen Wesen beherrschend, entsteh’ ich durch den eignen Schein. Das Entstehen und Vergehen ist nur eine Täuschung, Maya . Diese Maya aber, welche die Quelle der Welt der Erscheinungen ist, ist eine Wirkung der Kraft des Gottes. So oft als nun ein Verschwinden des Rechts sich zeigt, o Bhorots Sohn! Ein Emporsteigen des Unrechts, erschaff’ alsbald mich selber ich, Zu erretten die Rechtschaffnen, zu vernichten die übles thun, Fest das Recht wieder zu stellen, komm’ ich ins Sein von Zeit zu Zeit. Wer mein göttlich Entstehn und Thun wohl er- kennt nach der Wahrheit Grund, Den Leib lassend, zur Welt wiederkehrt der nicht, Orjun , kommt zu mir. Von Stolz, Furcht und von Zorn befreit, zu mir strebend durch mich, aus mir, Kommen der geistig Frommen viel in mein Wesen vereint Es ist oft schwer, für die metavhysischen Worte der indi- schen Sprache, ganz entsprechende zu finden. Yutko z. B. was hier in der Urschrift steht, ist der Wurzel und der Form nach ganz dasselbe wie das lateinische junctus . Oft heißt es nichts weiter als praeditus; wo es aber einen ganz geistigen Sinn hat, habe ich es bald durch vereint , bald durch vollendet übersetzt. zurück. Aus dem fünften Odhyayo, dem Sonnyasoyogo . Den erkenn’ als enthaltsam stets, der nicht klaget und nichts begehrt; Fern von Zwiespalt Dieses ist ganz metaphysisch zu verstehen: fern von aller Dualität; alles auf die Einheit beziehend, wie es in meh- ren Stellen des Gedichts zur Genüge auseinander gesetzt wird. , o Mächtiger! wird der seelig, der Bande frei. Erkenntniß trennen und Handeln thöricht redende Knaben nur; Wer an dem Einen stets festhält, findet der beiden Frucht zugleich. Hier schon gewinnen den Himmel, deren Geist in der Gleichheit steht; Ganz vollkommen und gleich ist Gott, darum ruhen in Gott sie stets. Nicht erfreue sich je des Glücks, und nicht klage im Unglück auch, Wer festgesinnt, von Thorheit frei, Gott erkennend in Gott beharrt. Wen nicht äußres Gefühl anzieht, findet in sich was seelig ist; Mit Gott die Einung vollendend, hat er ein unzerstör- bar Gut. Wer nun schon hier ertragen kann, noch eh’ frei er des Leibes ward, Der Begierd’ und des Zorns Gewalt, der ist seelig vollendet wohl. Wer innen innren Glücks sich freut, und wer innen erleuchtet ist, Der geht als Frommer Gotterfüllt wieder in Gottes Wesen ein. Das Wesen Gottes erreichen die Heiligen von Sünde rein, Frei im Geiste von Zweifeln ganz, in aller Wesen Lieb’ erfreut. Aus dem sechsten Odhyayo, dem Atmosonyomoyogo . Der wahrhaft Fromme steht ewig einsam in sich mit seinem Geist, Einheit-beseelt, des Sinns Sieger, sonder Begier, von nichts berührt. Wer vereinigt Siehe die Anmerkung 9. sein Innres stets, und als Frommer den Geist beherrscht, Die höchste geistige Ruhe erreicht der, die da wohnt in mir. Wenn fest geordnet das Denken in sich selber behar- rend ruht, Keine Begierd’ ihn je berührt, dann heißt ein Frommer das mit Recht. Wie am windlosen Ort ein Licht, nicht bewegend, dieß Gleichniß gilt Von dem Frommen der sich besiegt, nach Vollendung des Innern strebt. Da wo das Denken freudig wirkt, durch der Frömmig- keit Trieb bestimmt, Wo er den Geist im Geiste schaut, in sich selber be- glückt ist er. Wer das unendliche Gut, was übersinnlich der Geist ergreift, Dorten erkennt, mit nichten weicht standhaft der von der Wahrheit ab. Welches erreichend, er kein Gut höher noch achtet je als dieß; Worin durch Leiden noch so groß, standhaft er nicht erschüttert wird. Immer mehr freu’ er sich der Gesinnung, die standhaft ist. In sich selbst fest den Geist stellend, sinn’ er nichts anders fürder mehr. Wohin immer der Geist wandert, der leichte, unbe- ständige; Von da dieses zurückhaltend, stell’ er in sich die Ord- nung fest. Lener, der ruhig so gesinnt, des Frommen höchstes Gut und Glück Erreicht er, alles Scheins befreit; Gottes Wesen von Flecken rein. Immer vollendend sein Innres, wird der Fromme von Sünde frei, Berührt Gott in der Seeligkeit und genießt ein unend- lich Gut. In allen Wesen das Selbst Atmo heißt zugleich selbst und Geist , und ist oft schwer ganz genau auszudrücken. Ich und Ichheit darf man es nicht übersetzen, weil es dafür ein andres Wort giebt, Ohonkaro . , sieht wieder die Wesen all’ im Selbst, Welcher wiedervereinten Sinns, alles mit gleichem Muthe schaut. Wer nur mich überall erblickt, und wer alles erblickt in mir, Nimmer werd’ ich von dem fern sein, noch wird von mir er je getrennt. Wer den allgegenwärt’ gen, mich, verehrt, und fest an der Einheit hält, Wo er immer auch wandeln mag, wandelt der Fromme stets in mir. Aus dem siebenten Odhyayo, dem Inanovijnanoyogo . Bhogovan . Zu mir hin mit dem Geist strebend, Andacht übend, daheim in mir, Wie du mich frei von Zweifeln gleich wirst erkennen, vernimm o Fürst! Diese Weisheit und Kenntniß sei ohne Rückhalt dir kund gethan. Wenn dieß erkannt, ist nichts fürder hier des Erkennens würdig noch. Von tausend Menschen ist einer etwa, der nach der Tugend strebt, Von den nach Tugend strebenden einer, der mich in Wahrheit kennt. Erde, Wasser und Wind, Feuer, Luft Khon wird auch Aether übersetzt. Vayu ist der fühlbare Theil der Luft, welchem die Indier die Eindrücke der Be- rührung und den Sinn des Gefühls zuschreiben; khon ist der verborgnere Theil der Luft, in dem der Schall erzeugt wird. und Geist, der Verstand sodann, Ichheit; dieß sind die acht Stücke meiner getheilten Wesenkraft. Doch ein andres als dieß, höh’res Wesen an mir erkenne du, Was die ird’schen belebt, Orjun ! auch die Welt hier erhält und trägt, Dieß ist die Mutter der Dinge, aller zusamt, das glaube, Freund! Ich bin des ganzen Weltenalls Ursprung, so wie Ver- nichtung auch. Ausser mir giebt es ein andres höheres nirgends mehr, o Freund! An mir hängt dieses All vereint, wie an der Schnur der Perlen Zahl. Ich bin der Saft Dasjenige, was den verschiedenen Flüssigkeiten den Ge- schmack, die eigenthümliche Qualität giebt. im Flüssigen, bin der Sonn’ und des Mondes Licht, In heil’gen Schriften die Andacht, Schall in der Luft, im Mann der Geist. Der reine Duft von der Erdkraft, bin der Glanz auch des Strahlenquells, In allen Ird’schen das Leben, bin die Buße im Büßenden. Alles Lebendigen Saame bin ich, wisse, von Ewig- keit; Bin in den Weisen die Weisheit, ich der Glanz auch der Strahlenden. Dann die Stärke der Starken ich, die von Begier und Stolz befreit; In den Lebend’gen die Liebe bin ich, durchs Recht beschränkt, o Fürst! Welche Naturen nun wahrhaft, scheinbar nur oder finster sind, D. h. die drei Welten der alten indischen Lehre: die Welt der Wahrheit, die des Glanzes oder Scheins, und die der Finsterniß, entspringen gleichfalls aus mir. Eigent- lich aber ist diese ganze Ansicht nicht der Wahrheit gemäß, und jene Dreiheit eine Täuschung und bloße Erscheinung. Eine andere Stelle des Gedichts geht noch stärker gegen diese Lehre von drei Welten oder drei Eigenschaften, und zugleich gegen die Veda’s, worin diese Ansicht herrscht: Die Veda’s gehn auf drei Wesen, nicht von drei Wesen sei, o Freund! Nicht zwiefach, sondern wahrhaft stets, unbestrebt, dul- dend, geistig sei! Aus mir sind, wisse, auch diese; nicht ich in ihnen, sie in mir. Durch die Täuschung nun dieser drei Eigenschaften ist ganz bethört Alle Welt und verkennt mich, der über jenen, unwan- delbar. Göttlich ist sie, die Welten schafft, Siehe die Anmerkung 8. meine Täuschung, wird schwer besiegt; Aber die, welche mir folgen, schreiten über die Täu- schung hin. Nicht folgen die Verbrecher mir, noch die Thoren und Niedern nach, Welche vom Schein im Geist bethört, zu den Dämonen sich gewandt. Vier Arten sind’s, die mich ehren, der guten Menschen, o Bhorots Sohn! Wer arm ist, wer nach Weisheit strebt, wer Reichthum wünscht, der Weise dann. Von diesen ist’s der Weis’ allein, der stets vereint dem Einen dient; Wohl ein Freund bin ich des Weisen, sehr, so wie er der meine ist. Alle verdienen hohes Lob, der Weise gilt wie ich bei mir; Zu mir richtet den letzten Weg hin sein wiederverein- ter Geist. Am Ende vieler Geburthen schreitet der Weise hin zu mir; „Daß Vasudevo Vasudevo, Krishno der Sohn des Vosudevo. alles ist,“ wer so groß denkt, ist selten wohl. Von dem und dem Gelüst bethört, folgen sie andern Göttern nach, Errichten die und die Satzung, durch die eigne Natur bestimmt. Wer auch was für ein Bild dienend im Glauben zu verehren wählt, Den festen Glauben desselben, ich bin’s allein, der den entflammt. 20 Er, des Glaubens begabt also, ist nun bemüht um jenes Gunst, Und erreicht auch die Wünsche dann, von mir bestimmt, wie’s mir gefällt. Endlich doch ist die Belohnung dieser wenig erkennen- den; Zu ihnen kommt, wer den Geistern diente, die meinen dann zu mir. Sichtbar zu greifen wähnen sie mich, die Thoren, der unsichtbar, Kennen mein hohes Wesen nicht, das ew’ge, aller- habene. Nicht was sichtbar des Alls bin ich, in der Meinungen Schein verhüllt, Yogo heißt eine Glaubenslehre, wie denn die einzelnen Abschnitte des Bhogovotgita selbst Yogo’s genannt werden. Hier sind aber offenbar die falschen bloß sinnlichen Reli- gionen und Lehren der Vielgötterei und des Dämonen- Dienstes gemeint. Die Welt kennt nicht, die thörichte, mich den ew’gen, der unerzeugt. Ich kenne die vergangnen all, die jetzt seienden, Orjun ! auch, Und die zukünftigen Wesen; mich erkennt aber keiner je. Die aus Neigung und Haß entspringt, durch der Zwei- heit Verblendung, Fürst! Wandeln von Anfang zum Irrthum alle Irdischen, o Bhorots Sohn! Doch wenn die Schuld vertilgt endlich deren, die rei- nen Wandels sind, Von der Zweiheit Verblendung frei, ehren sie mich, im Glauben fest. Aus dem achten Odhyayo . Bhogovan . Es kehret nicht zur Sterblichkeit die vergänglich, der Leiden Haus, Wer mich erreichte noch zurück, hoch am Ziel der Vollkommenheit. Wiederkehrender Art, Hier wird dem Krishno ganz deutlich der Vorzug vor Brohma gegeben. Vom Brohma rühren die Welten der Erscheinung her, in denen Seelenwanderung Statt findet, und stets erneute Rückkehr ins Leben, die hier als ein Un- glück betrachtet wird. Krishno ist der Gott der ewigen Einheit und des wahrhaften Wesens. Orjun ! sind aus Brohma die Welten all; Wer mich erreicht hat, Kunti ’s Sohn, ist der fernern Geburth befreit. IV. Aus der Geschichte der Sokuntola nach dem Mohabharot . E s sind in der Episode des Mohabharot, welche die Geschichte der Sokuntola enthaͤlt, vorzuͤglich zwei Momente derselben ausfuͤhrlich behandelt, wovon der eine, die Geburth der Sokuntola, in dem Schauspiele des Kalidas nur im Vorbeigehn erwaͤhnt, der andre aber, die Scene der Ver- laͤugnung und der endlichen Wiedererkennung bei dem Koͤnig Dushvonto sehr verschieden behan- delt ist. Da wir diese beiden Stuͤcke vorzuͤglich nur als Beispiele der aͤltern indischen Poesie geben, so sind, wo es ohne Schaden des Zusammen- hanges geschehen konnte, einige Distichen ausge- lassen, deren Inhalt bloß dogmatisch oder voll historischer Anspielungen war, um nicht durch viele Anmerkungen den poetischen Eindruck stoͤren zu muͤssen. Geburth der Sokuntola . Die Scene beginnt da, wo König Dushvonto sich bei einer Jagd in den Wald vertieft, und den heiligen Büßer Konvo, der dort in der Einsamkeit lebte, aufsuchen will. Er trift die schöne Einsiedlerin, und ist sehr begierig, zu erfahren, wer sie sei. Denn wäre sie, wie er glaubt, Tochter eines Brahminen gewesen, so würde er sich nicht mit ihr haben verbinden dürfen. Allein ging der Fürst nun hin, ihm folgten seine Räthe nicht, Sah in der einsamen Wohnung nicht den andäch- tigen Heiligen. Als er den Heilgen nicht erblickt, leer des Ein- siedlers Hütte sah, Ließ er von seiner Stimme Schall wiederhallen umher den Wald. Aber sein Rufen vernahm jetzt, schön wie Sri von Gestalt die Magd, Trat hervor aus der Hütte dort in der Einsiedlerin- nen Tracht. Als Dushvonto , den König, nun die schwarz- äugigte Magd erblickt, Sagte sie schnell ihm Willkommen, bot ihm mit Ehrerbieten Gruß; Bediente dann mit dem Sessel ihn, mit Waschen der Füße auch, Fragte nach seinem Wohlsein dann, wünschte dem Kön’ge Glück und Heil. Als sie nun ihn bedient hatte, sein Wohlbefinden auch gesehn, Sagte sie lächelnd jetzt zu ihm: „Was ist weiter zu deinem Dienst?“ — Zu ihr sagte der König drauf, zum holdredenden Mädchen er, Da so schön die Gestalt er sah, nach den Ehren- bezeigungen: „Ich kam hierher um dem großen Heilgen, Konvo zu huldigen. Wo ging er hin der göttliche? Das, o du schöne! sage mir.“ — Sokuntola . Es ging mein göttlicher Vater, Früchte zu hohlen nur von hier; Nur einen Augenblick verzieh, so wirst du rückge- kehrt ihn sehn. Als er den Heilgen nicht erblickt, auch sodann dies gesprochen war, Er sie sahe so voll Anmuth, die süßlächelnde, liebliche, Die in der Reitze Glanz strahlte, wie in Andacht und Demuth auch, Der Tugend Schöne besitzend, sprach er also der Erde Fürst: „Wer bist du, Holde, und wessen? weshalb zogst in den Wald du hier? Mit so hoher Gestalt begabt, und wo kamest du Schöne her? Durch deiner Schöne Anschauen hast die Seele du mir geraubt; Dich zu kennen verlangt mich; sag es, liebliche, alles mir.“ — Als nun der König dieß gesagt, gab darauf in der Hütte dort Lächelnd das Mädchen die Rede wieder, sprach sie mit holdem Laut: Für des Konvo , des göttlichen, Tochter gelt ich, erhabner Fürst! Des festgesinnten Büßenden, des Weisen, der das Recht erkennt. Dushvonto . Erhaben denkend und göttlich, heilig ist er und allgeehrt; Dhormo Der Gott der Gerechtigkeit. selbst mag vom Pfad wanken, doch es wankt solch ein Frommer nicht. Wie kannst deß Tochter gebohren du also sein, liebliche! Diesen mächtigen Zweifel nun wollest du jetzo lösen mir. Sokuntola . Wie ich hieher gekommen bin, welches zu wissen du begehrst, Vernimm es Fürst der Wahrheit nach, wie ich des Heilgen Tochter bin. Es kam einst hier ein Frommer her, meinem Ur- sprunge fragt’ er nach; Dem erzählte der Göttliche folgendes, das ver- nimm nun, Fürst! Konvo sprach: „ Visvomitro , der Büßende, übte so großer Buße Werk, Daß der König der Geisterschaar, Indro , ge- waltig drob erschrak, Daß nicht des Helden Andachtsgluth ihn erschüttre von seinem Sitz. Diese Gefahr nun befürchtend sprach er also zur Menoka : Indro . Der Nymphen himmlische Reitze preis’t man, o Menoka , an dir; Einen Dienst thue mir, Mädchen; was ich dir sage, das vernimm! Der wie die Sonne im Glanz strahlt, Visvo- mitro , der Heilge dort Vollbringt so furchtbare Buße, daß mein Geist mir erzittert drob. Menoka ! dein Geschäft ist dieß: Visvomitro , der mich bedroht, Furchtbar zu schaun, von festem Geist, wandelt in grimmer Buß’ er stets, Daß vor dem nicht mein Thron falle; zu dem geh’ und gewinne ihn, Gehe hin wo er Buße übt, thue die höchste Liebe mir; Blühend in Schöne der Jugend, und mit lächeln- der Worte Laut, Feßl’ ihn auch mit der Freuden Reitz, wende von seinem Werk ihn ab. Menoka . Hochstrahlend ist der Göttliche und dazu auch er- haben fromm; Wie er geneigt zum Zorne sei, ist dem Gebieter auch bekannt. Den strahlenden nun, den frommen, zornigen, hochgesinnten Mann, Vor dem du selber dich fürchtest, wie sollt’ ich ihn nicht fürchten denn? Er, der den großen Vosishto Von mehren historischen Anspielungen der Art auf die großen Thaten des Visvomitro, haben wir des Uebergangs wegen diese eine beibehalten. der theuren Söhne einst beraubt, Zu dem du selbst, den Mond fürchtend, um Hülfe gingst, der Geister Herr! Ihn, der vollbracht die Thaten all, ja wohl sehr muß ich fürchten den; Wie sein Zorn nicht verzehre mich, dessen belehr’, Gebieter, mich! Deß Glanz die Welten entflammen, deß Fuß die Erd’ erschüttern mag, Der zerschmettern den Berg Meru , leicht verwir- ren die Räume Die Räume der Welt. kann, Der mit solcher Andacht begabt, in Gluth strah- lend dem Feuer gleich, Wie möcht’ ein Mädchen unsrer Art ihn berühren, der heilig ist; Deß Antlitz strahlt wie die Flamme, deß Blick leuchtet wie Sonn’ und Mond, Wie mag, Gebieter! Kalo ’s Der Gott der Zeit, und dann der Zerstörung, des Todes. Schlund eine von uns berühren wohl? — Weil aber der König mich angesprochen, wie sollt’ ich nicht gehn vor des Heilgen Antlitz! Ersinne Rettung denn für mich, Gebieter! daß ich für dich gehend errettet bleibe. Wenn du es willst, laß das Gewand den Marut , des Windes Gott, weg von mir wehn im Tanze, Begleiten muß Monmotho Der Gott der Liebe. auch dieß Geschäft, durch deine Gunst mir als Gehülf’ er beistehn. Laß aus dem Wald Düfte mir wehn den Vayu , zu jener Zeit, da ich den Seher feßle. Als dieß gesagt und von ihm war bestätigt, da ging sie zur Hütte des Einsiedlers hin. Als die liebreitzende nun sah, schuldgereinigt durch fromme Gluth Visvomitro , den Büßenden, in der einsamen Wohnung dort; Da begrüßte sie zuvor ihn, tanzt und scherzt vor dem Heilgen dann; Abwehte ihr Gewand Marut , das gleich dem Monde glänzende. Wie von ihr das Gewand nun sank hin zur Erde, da blickte sie Lächelnd, die lieblich reitzende, oft den beschämten Marut an; Während der Seher dort zuschaut, der wie die Flamme strahlende. Als Visvomitro nun jene, die fleckenlos da vor ihm stand, In ihr Gewand verwickelte, er der einsamen Seher Fürst, Und die der Wind enthüllt hatte, die vollblühen- den Reitze sah, Ihre hohe Gestalt erblickt’, er, der der Weisen König war, Da ergriff ihn der Neigung Gluth, fiel er in der Begierde Macht. Jene ladet er zu sich ein, willig folgte die himm- lische; So verlebten zusammen sie eine glückliche Zeit daselbst, Sich ihrer Liebe erfreuend, bis nach bestimmter Zeiten Lauf Der Seher von der Menoka die Sokuntola hat erzeugt. Dort in des Himovan Wildniß, am Ge- stade der Malinī Bracht’ ans Licht ihres Leibes Kind, an Mali- nī ’s Fluthen Menoka . Da ihr Geschäft sie nun vollbracht, ging alsbald sie zum Indro auf, Ließ in dem wüsten Wald die Frucht, wo der Tiger und Löwe haus’t. Da nun schlummernd die Sokunta ’s Eine Art Geier; vultures erklärt es Wilkins. sahen das Kind, umringten sie’s, Daß nicht tödten im Wald’ es dort möchte reis- sender Thiere Schaar. So ward der Menoka Tochter da beschützt von der Geier Schaar. Als ich zum Bade dorthin kam, sah ich im Schlummer ruhn das Kind, Dort im einsamen Waldesthal, rund umringt von der Geier Schaar; Ich nahm sie auf nun, und zu mir, hielt sie fürder an Tochter Statt. Weil ich in einsamer Wildniß sie von Sokun- ta ’s fand umringt, Ward der Nahme Sokuntola ihr gegeben so- dann von mir. Du weißt nun, wie Sokuntola , o Heilger, Man erinnere sich, daß Konvo zu dem frommen Pilger spricht, der nach Sokuntola’s Herkunft gefragt hatte. meine Tochter ward; Für ihren Vater auch hält mich Sokuntola , die Tadels frei.“ Also that meine Geburth er, sie dem Heilgen er- zählend, kund. Wie ich die Tochter des Konvo sei, weißt du also, erhabner Fürst. Als Vater acht’ ich den Konvo , kenne ja meinen Vater nicht; Diese Geschichte, o König! hörtest du, wie es sich begab. Rede der Sokuntola an den Dushvonto . In der Behandlung dieses Theils der Ge- schichte weicht das alte Heldengedicht sehr vom Kalidas ab. Auch im Mohabharot wird Sokun- tola von dem Dushvonto zuerst verlaͤugnet und verworfen, worauf denn endlich die Wiederer- kennung und Versoͤhnung folgt. Von der Zau- berei mit dem Ringe aber kommt hier nichts vor. Der Knabe ist schon sechs Jahre alt, als Sokuntola mit ihm an Hof zu dem Koͤnig geht, um diesen an das gegebene Versprechen, daß er ihren Sohn zum Erben des Reichs erklaͤren wolle, zu mahnen. Dushvonto verlaͤugnet die Sokuntola nur deswegen, weil er fuͤrchtet, wenn er so leicht ohne Beweis in die Anerkennung willige, moͤge Verdacht gegen die Aechtheit des Kindes bei den Großen des Reichs entstehen; vielleicht auch, um die Geliebte auf die Probe zu stellen. Sokuntola geraͤth uͤber seine Haͤrte in hohen Unwillen, und endlich bricht ihr Schmerz in fol- gende Rede aus, die den Untreuen an die Stimme des Gewissens und der allsehenden Gott- heit erinnert, ihm die Heiligkeit der Ehe und die Schoͤnheit der kindlichen Natur schildert, und mit einer sanften Klage uͤber ihr Ungluͤck endet. Wohl mich kennend, erhabner Fürst, warum redest du so zu mir; „Ich kenne dich nicht“, ganz furchtlos, wie ein niedrig gebohrener? Da dein Herz doch wohl wissend ist, was hier wahr und was falsches ist; Dieß Kind der Liebe verwerfend, schmähst du da- durch ja selber dich: „Ich bin’s allein“, also gedenkst in dir du, kennst nicht den im Herzen, den alten Seher Den im Herzen, den alten Seher, oder den alten Einsiedler hritsoyom munin puranon ; das Gewissen. ; Willst, dem bekannt alle des Schuld’ gen Thaten, im Angesicht dessen die Sünde begehn. Denkst, wenn vollbracht die Unthat ist: „Keiner weiß ja, daß ich es war;“ Doch es wissen’s die Götter all, selbst auch innen der inn’re Mensch. Sonn’ und der Mond, Feuer und Luft, die Himmel, die Erd’ und Fluth, innen das Herz, die Tief’ auch, Ja Tag und Nacht, samt den Zeiten beide, auch des Rechts Gott, sehen das Thun des Menschen. Dort im Abgrund des Todes Gott, verlöscht was übles der gethan, Mit dem zufrieden der Geist ist, so die That schauend in uns wohnt; Doch mit wem nicht er zufrieden, wer von übler Gesinnung ist, Den vernichtet des Todes Gott selbst, den schuld’gen, in übler That. Mich die selbst du gewählt hattest, o verschmäh die getreue nicht; Achtend nicht, die du achten sollst, mich dein eigen bestimmtes Weib. O warum blickst du verächtlich auf mich, wie eine niedrige? Nicht ja in einer Wüste hier klag’ ich, warum nicht hörst du mich? Aber wenn du der flehenden, nicht ein Wort mir gewähren willst, In hundert Stücke, Dushvonto ! wird zersprin- gen alsbald mein Haupt. So der Frau ihr Gemahl nahet, wird er wieder- gebohren selbst Von der, die Mutter durch ihn wird, wie alter Seher Zeugniß spricht. Das Geheimniß der Ehe nach der indischen Lehre beruht erstlich darauf, daß diese Verbindung auch in jenem Leben fortdauert, vorzüglich aber darauf, daß der Sohn, der der Vater selbst in einer neuen Verwandlung ist, allein das Vermögen besitzt, durch fromme Werke und Gebräuche der Andacht die Seele des Vaters von den Strafen, die er für seine Verschuldungen in jener Welt leiden muß, zu befreien. Daher wird er der Retter des Vaters genannt, und daher wird es für das größte Unglück geachtet, keinen Sohn zu haben. Wohl ist die Frau des Manns Hälfte, die Frau der Freunde innigster; Ist die Frau alles Heiles Quell, die Frau Wurzel des Retters auch. Das Geheimniß der Ehe nach der indischen Lehre beruht erstlich darauf, daß diese Verbindung auch in jenem Leben fortdauert, vorzüglich aber darauf, daß der Sohn, der der Vater selbst in einer neuen Verwandlung ist, allein das Vermögen besitzt, durch fromme Werke und Gebräuche der Andacht die Seele des Vaters von den Strafen, die er für seine Verschuldungen in jener Welt leiden muß, zu befreien. Daher wird er der Retter des Vaters genannt, und daher wird es für das größte Unglück geachtet, keinen Sohn zu haben. Frenndinnen sind dem Einsamen sie zum Trost mit süßem Gespräch; 21 Zu der Pflicht Uebung wie Väter, tröstend im Unglück Müttern gleich. Scheidet die Frau nun zuerst hin, schaut zum Ge- mahl sie, harrend sein; Doch starb zuvor der Geliebte, folget sie willig gleich ihm nach. Um solcher Ursach, o König, wird hoch begehrt der Ehe Bund; Weil der Mann sein Gemahl besitzt, in der Welt hier, in jener auch. Als er selbst, von ihm selbst gezeugt, ist nach der Weisen Sinn der Sohn; Drum soll der Mann sein Weib achten, die des Sohns Mutter, Mutter gleich. Den Sohn aus seinem Weib’ erzeugt, wie im Spiegel das Ebenbild, Ist dem Vater zu schaun freudig, wie dem Seel’- gen der Himmel ist. Wenn auch versengt vom Seelenschmerz, Krank- heit leidend die Menschen sind, Freuen sie doch ihrer Weiber sich, wie die Fluth labt die schmachtenden. Wenn sich das Kind zu ihm wendend, wie es am Boden hat gespielt, Fest um des Vaters Glieder schließt, was giebt’s höheres noch als dieß? Ihn, den du selbst eigen gebildet, diesen Sohn hier, der liebevoll Auf dich schauend zur Seite blickt, o warum denn verschmähst du ihn? Sorgen um ihre Eier doch, sie nicht brechend, die Vögel selbst; Wie geschieht’s denn, daß du verläßst, des Rechts kundig, den eignen Sohn? Nicht Gewänder und Frauen nicht, Wellen sind zu berühren nicht So sanft, als des umarmenden Kindes Berührung lieblich ist. So berühre umarmend dich hier der Knabe, der lieblich blickt; Holder als Kindes Berührung, hat die Welt kein Gefühl ja nicht. Aus deinem Leib’ erzeugt ward er, von dem Manne ein andrer Mann; Wie im Spiegel des klaren Quells, siehe den Sohn, ein zweites Selbst. Wie zur Flamme des Heiligthums Feuer vom Heerd genommen wird, So ist von dir erzeugt dieser, du selbst der Eine, ungetheilt. Ein Jäger wanderte umher, war zu jagen das Wild bedacht; Ich war’s, Fürst! die gefangen ward, ach ein Mädchen in Vaters Hain. Der himmlischen Gespielinnen erste, die Menoka genannt, Stieg vom Himmel zur Erd’ herab, empfing vom Visvomitro mich. An des Schneegebürgs Seite gebahr mich dann die himmlische, Und mich verlassend dort ging sie böse, wie einer andern Kind. Welch’ ein Verbrechen wohl hab’ ich im vor’gen Leben einst verübt, Daß von den Mein’gen verlassen ich als Kind ward, und jetzt von dir. Wie dir’s gefällt, verlassen denn will ich zu mei- ner Hütte gehn; Den Knaben aber verlassen darfst du nicht, der dein eigen ist.