Die Leute von Seldwyla. Erzählungen von Gottfried Keller. Braunschweig, Druck und Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn. 1856. Die Leute von Seldwyla. Inhalt. Pankraz, der Schmoller 9 Frau Regel Amrain und ihr Jüngster 113 Romeo und Julia auf dem Dorfe 209 Die drei gerechten Kammmacher 360 Spiegel, das Kätzchen 447 S eldwyla bedeutet nach der älteren Sprache einen wonnigen und sonnigen Ort, und so ist auch in der That das kleine Städtchen dieses Namens gelegen irgendwo in der Schweiz. Es steckt noch in den gleichen alten Ringmauern und Thürmen, wie vor dreihundert Jahren, und ist also immer das gleiche Nest; daß dies aber ein tiefer ursprünglicher Plan war, beweis't der Um¬ stand, daß die Gründer der Stadt dieselbe eine gute halbe Stunde von einem schiffbaren Flusse angelegt, zum deutlichen Zeichen, daß nichts dar¬ aus werden solle. Aber schön ist sie gelegen mit¬ ten in grünen Bergen, die nach der Mittagseite zu offen sind, so daß wohl die Sonne herein kann, aber kein rauhes Lüftchen. Deswegen ge¬ deiht auch ein ziemlich guter Wein rings um die alte Stadtmauer, während höher hinauf an den Bergen unabsehbare Waldungen sich hinziehen, Keller, die Leute von Seldwyla. I . 1 welche das Vermögen der Stadt ausmachen; denn dies ist das Wahrzeichen und sonderbare Schicksal derselben, daß die Gemeinde reich ist und die Bürgerschaft arm, und zwar so, daß kein Mensch zu Seldwyla etwas hat und niemand weiß, wo¬ von sie seit Jahrhunderten eigentlich leben. Und sie leben sehr lustig und guter Dinge, halten die Gemüthlichkeit für ihre besondere Kunst und wenn sie irgendwo hinkommen, wo man anderes Holz brennt, so kritisiren sie zuerst die dortige Ge¬ müthlichkeit und meinen, ihnen thue es doch nie¬ mand zuvor in dieser Handtierung. Der Kern und der Glanz des Volkes besteht aus den jungen Leuten von etwa zwanzig bis fünf, sechs und dreißig Jahren, und diese sind es, welche den Ton angeben, die Stange halten und die Herrlichkeit von Seldwyla darstellen. Denn während dieses Alters üben sie das Ge¬ schäft, das Handwerk, den Vortheil oder was sie sonst gelernt haben, d. h. sie lassen, so lange es geht, fremde Leute für sich arbeiten und benutzen ihre Profession zur Betreibung eines trefflichen Schuldenverkehres, der eben die Grundlage der Macht, Herrlichkeit und Gemüthlichkeit der Herren von Seldwyl bildet und mit einer ausgezeichneten Gegenseitigkeit und Verständnißinnigkeit gewahrt wird; aber wohlgemerkt, nur unter dieser Aristo¬ kratie der Jugend. Denn so wie Einer die Grenze der besagten blühenden Jahre erreicht, wo die Männer anderer Städtlein etwa anfangen erst recht in sich zu gehen und zu erstarken, so ist er in Seldwyla fertig; er muß fallen lassen und hält sich, wenn er ein ganz gewöhnlicher Seld¬ wyler ist, ferner am Orte auf als ein Entkräft¬ teter und aus dem Paradies des Credites Ver¬ stoßener, oder wenn noch etwas in ihm steckt, das noch nicht verbraucht ist, so geht er in fremde Kriegsdienste und lernt dort für einen fremden Tyrannen, was er für sich selbst zu üben ver¬ schmäht hat, sich einzuknöpfen und steif aufrecht zu halten. Diese kehren als tüchtige Kriegs¬ männer nach einer Reihe von Jahren zurück und gehören dann zu den besten Exerziermeistern der Schweiz, welche die junge Mannschaft zu erziehen wissen, daß es eine Lust ist. Andere ziehen noch anderwärts auf Abenteuer aus gegen das vier¬ zigste Jahr hin, und in den verschiedensten Welt¬ theilen kann man Seldwyler treffen, die sich alle 1 * dadurch auszeichnen, daß sie sehr geschickt Fische zu essen verstehen, in Australien, in Californien, in Texas, wie in Paris oder Konstantinopel. Was aber zurückbleibt und am Orte alt wird, das lernt dann nachträglich arbeiten, und zwar jene krabbelige Arbeit von tausend kleinen Din¬ gen, die man eigentlich nicht gelernt, für den täglichen Kreuzer, und die alternden verarmten Seldwyler mit ihren Weibern und Kindern sind die emsigsten Leutchen von der Welt, nachdem sie das erlernte Handwerk aufgegeben, und es ist rührend anzusehen, wie thätig sie dahinter her sind, sich die Mittelchen zu einem guten Stückchen Fleisch von ehedem zu erwerben. Holz haben alle Bürger die Fülle und die Gemeinde verkauft jährlich noch einen guten Theil, woraus die große Armuth unterstützt und genährt wird, und so steht das alte Städtchen in unveränderlichem Kreislauf der Dinge bis heute. Aber immer sind sie im Ganzen zufrieden und munter, und wenn je ein Schatten ihre Seele trübt, wenn etwa eine allzuhartnäckige Geldklemme über der Stadt weilt, so vertreiben sie sich die Zeit und ermuntern sich durch ihre große politische Beweg¬ lichkeit, welche ein weiterer Charakterzug der Seldwyler ist. Sie sind nämlich leidenschaftliche Parteileute, Verfassungsrevisoren und Antragstel¬ ler, und wenn sie eine recht verrückte Motion ausgeheckt haben und durch ihr Großrathsmitglied stellen lassen, oder wenn der Ruf nach Verfas¬ sungsänderung in Seldwyla ausgeht, so weiß man im Lande, daß im Augenblicke dort kein Geld zirkulirt. Dabei lieben sie die Abwechselung der Meinung und Grundsätze und sind stets den Tag darauf, nachdem eine Regierung gewählt ist, in der Opposition gegen dieselbe. Ist es ein radi¬ kales Regiment, so schaaren sie sich, um es zu ärgern, um den konservativen frömmlichen Stadt¬ pfarrer, den sie noch gestern gehänselt, und ma¬ chen ihm den Hof, indem sie sich mit verstellter Begeisterung in seine Kirche drängen, seine Pre¬ digten preisen und mit großem Geräusch seine gedruckten Tractätchen und Berichte der Baseler- Missionsgesellschaft umherbieten, natürlich ohne ihm einen Pfennig beizusteuern. Ist aber ein Regiment am Ruder, welches nur halbwegs kon¬ servativ aussieht, stracks drängen sie sich um die vier Volkslehrer des Städtchens und der Pfarrer hat genug an den Glaser zu zahlen für einge¬ worfene Scheiben. Besteht hingegen die Regie¬ rung aus liberalen Juristen, die viel auf die Form halten, und aus häcklichen Geldmännern, so laufen sie flugs dem nächst wohnenden So¬ zialisten zu und ärgern die Regierung, indem sie denselben in den Rath wählen mit dem Feld¬ geschrei: Es sei nun genug des politischen For¬ menwesens, und die materiellen Interessen seien es, welche allein das Volk noch kümmern könnten. Heute wollen sie das Veto haben und sogar die unmittelbarste Selbstregierung mit permanenter Volksversammlung, wozu freilich die Seldwyler am meisten Zeit hätten, morgen stellen sie sich übermüdet und blasirt in öffentlichen Dingen und lassen ein halbes Dutzend alte Stillständer, die vor dreißig Jahren fallirt und sich seither still¬ schweigend rehabilitirt haben, die Wahlen besorgen; alsdann sehen sie behaglich hinter den Wirths¬ hausfenstern hervor die Stillständer in die Kirche schleichen und lachen sich in die Faust, wie jener Knabe, welcher sagte: Es geschieht meinem Vater schon recht, wenn ich mir die Hände verfriere, warum kauft er mir keine Handschuhe! Gestern schwärmten sie allein für das eidgenössische Bun¬ desleben und waren höchlich empört, daß man Anno 48 nicht gänzliche Einheit hergestellt habe; heute sind sie ganz versessen auf die Kantonal¬ souveränetät und haben nicht mehr in den Na¬ tionalrath gewählt. Wenn aber eine ihrer Aufregungen und Mo¬ tionen der Landesmehrheit störend und unbequem wird, so schickt ihnen die Regierung gewöhn¬ lich als Beruhigungsmittel eine Untersuchungs¬ kommission auf den Hals, welche die Verwaltung des Seldwyler Gemeindegutes reguliren soll; dann haben sie vollauf mit sich selbst zu thun und die Gefahr ist abgeleitet. Alles dies macht ihnen tausend Spaß, der nur überboten wird, wenn sie allherbstlich ihren jungen Wein trinken, den gährenden Most, den sie Sauser nennen; wenn er gut ist, so ist man des Lebens nicht sicher unter ihnen, und sie ma¬ chen einen Höllenlärm; die ganze Stadt duftet nach jungem Wein und die Seldwyler taugen dann auch gar nichts. Je weniger aber ein Seldwyler zu Hause was taugt, um so besser hält er sich sonderbarer Weise, wenn er ausrückt, und ob sie einzeln oder in Kompagnie ausziehen, wie z. B. in früheren Kriegen, so haben sie sich doch immer gut gehalten. Auch als Spekulant und Geschäftsmann hat schon mancher sich rüstig umgethan, wenn er nur erst aus dem warmen sonnigen Thale herauskam, wo er nicht gedieh. In einer so lustigen und seltsamen Stadt kann es an allerhand seltsamen Geschichten und Lebensläufen nicht fehlen, da Müssiggang aller Laster Anfang ist. Doch nicht solche Geschichten, wie sie in dem beschriebenen Charakter von Seld¬ wyla liegen, will ich eigentlich in diesem Büchlein erzählen, sondern einige sonderbare Abfällsel, die so zwischen durch passirten, gewissermaßen aus¬ nahmsweise, und doch auch gerade nur zu Seld¬ wyla vor sich gehen konnten. Pankraz, der Schmoller. A uf einem stillen Seitenplätzchen, nahe an der Stadtmauer, lebte die Wittwe eines Seld¬ wylers, der schon lange fertig geworden und unter dem Boden war. Dieser war keiner von den schlimmsten gewesen, vielmehr fühlte er eine so starke Sehnsucht, ein ordentlicher und fester Mann zu sein, daß ihn der herrschende Ton, dem er als junger Mensch nicht entgehen konnte, angriff, und als seine Glanzzeit vorüber war und er der Sitte gemäß abtreten mußte von dem Schauplatze der Thaten, da kam ihm alles wie ein wüster Traum und wie ein Betrug um das Leben vor, und er bekam davon die Aus¬ zehrung und starb unverweilt. Er hinterließ seiner Wittwe ein kleines baufälliges Häuschen, einen Kartoffelacker vor dem Thore und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Mit dem Spinnrocken verdiente sie Milch und Butter, um die Kartoffeln zu kochen, die sie pflanzte, und ein kleiner Wittwen¬ gehalt, den der Armenpfleger jährlich auszahlte, nachdem er ihn jedesmal einige Wochen über den Termin hinaus in seinem Geschäfte benutzt, reichte gerade zu dem Kleiderbedarf und einigen anderen kleinen Ausgaben hin. Dieses Geld wurde immer mit Schmerzen erwartet, indem die ärmlichen Gewänder der Kinder gerade um jene verlängerten Wochen zu früh gänzlich schadhaft waren und der Buttertopf überall seinen Grund durchblicken ließ. Dieses Durchblicken des grünen Topfbodens war eine so regelmäßige jährliche Erscheinung, wie irgend eine am Himmel, und verwandelte eben so regelmäßig eine Zeit lang die kühle, kümmerlich-stille Zufriedenheit der Fa¬ milie in eine wirkliche Unzufriedenheit. Die Kinder plagten die Mutter um besseres und reichlicheres Essen; denn sie hielten sie in ihrem Unverstande für mächtig genug dazu, weil sie ihr Ein und Alles, ihr einziger Schutz und ihre einzige Oberbehörde war. Die Mutter war unzu¬ frieden, daß die Kinder nicht entweder mehr Verstand, oder mehr zu essen, oder beides zu¬ sammen erhielten. Besagte Kinder aber zeigten verschiedene Ei¬ genschaften. Der Sohn war ein unansehnlicher Knabe von vierzehn Jahren, mit grauen Augen und ernsthaften Gesichtszügen, welcher des Mor¬ gens lang im Bette lag, dann ein wenig in einem zerrissenen Geschichts- und Geographiebuche las, und alle Abend, Sommers wie Winters, auf den Berg lief, um dem Sonnenuntergang beizu¬ wohnen, welches die einzige glänzende und pomp¬ hafte Begebenheit war, welche sich für ihn zu¬ trug. Sie schien für ihn etwa das zu sein, was für die Kaufleute der Mittag auf der Börse; wenigstens kam er mit eben so abwech¬ selnder Stimmung von diesem Vorgang zurück, und wenn es recht rothes und gelbes Gewölk gegeben hatte, welches gleich großen Schlacht¬ heeren in Blut und Feuer gestanden und maje¬ stätisch manövrirte, so war er eigentlich vergnügt zu nennen. Dann und wann, jedoch nur selten, beschrieb er ein Blatt Papier mit seltsamen Listen und Zahlen, welches er dann zu einem kleinen Bün¬ del legte, das durch ein Endchen alte Goldtresse zusammengehalten wurde. In diesem Bündelchen stack hauptsächlich ein kleines Heft, aus einem zusammengefalteten Bogen Goldpapier gefertigt, dessen weiße Rückseiten mit allerlei Linien, Fi¬ guren und aufgereihten Punkten, dazwischen Rauch¬ wolken und fliegende Bomben, gefüllt und be¬ schrieben waren. Dies Büchlein betrachtete er oft mit großer Befriedigung und brachte neue Zeich¬ nungen darin an, meistens um die Zeit, wenn das Kartoffelfeld in voller Blüthe stand. Er lag dann im blühenden Kraut unter dem blauen Himmel, und wenn er eine weiße beschriebene Seite betrachtet hatte, so schaute er drei Mal so lange in das gegenüberstehende glänzende Goldblatt, in welchem sich die Sonne brach. Im Übrigen war es ein eigensinniger und zum Schmol¬ len geneigter Junge, welcher nie lachte und auf Gottes lieber Welt nichts that oder lernte. Seine Schwester war zwölf Jahre alt und ein bildschönes Kind mit langem und dickem braunen Haar, großen braunen Augen und der allerweißesten Hautfarbe. Dies Mädchen war sanft und still, ließ sich vieles gefallen und murrte weit seltener als sein Bruder. Es besaß eine helle Stimme und sang gleich einer Nach¬ tigall; doch obgleich es mit alle diesem freund¬ licher und lieblicher war, als der Knabe, so gab die Mutter doch diesem scheinbar den Vorzug und begünstigte ihn in seinem Wesen, weil sie Erbarmen mit ihm hatte, da er nichts lernen und es ihm wahrscheinlicher Weise einmal recht schlecht ergehen konnte, während nach ihrer An¬ sicht das Mädchen nicht viel brauchte und schon deshalb unterkommen würde. Dieses mußte daher unaufhörlich spinnen, damit das Söhnlein desto mehr zu essen bekäme und recht mit Muße sein einstiges Unheil erwar¬ ten könne. Der Junge nahm dies ohne Wei¬ teres an und geberdete sich wie ein kleiner In¬ dianer, der die Weiber arbeiten läßt, und auch seine Schwester empfand hiervon keinen Verdruß und glaubte das müsse so sein. Die einzige Entschädigung und Rache nahm sie sich durch eine allerdings arge Unzukömmlich¬ keit, welche sie sich beim Essen mit List oder Gewalt immer wieder erlaubte. Die Mutter kochte nämlich jeden Mittag einen dicken Kartof¬ felbrei, über welchen sie eine fette Milch oder eine Brühe von schöner brauner Butter goß. Diesen Kartoffelbrei aßen sie Alle zusammen aus der Schüssel mit ihren Blechlöffeln, indem Jeder vor sich eine Vertiefung in das feste Kartoffel¬ gebirge hinein grub. Das Söhnlein, welches bei aller Seltsamkeit in Eßangelegenheiten einen strengen Sinn für militairische Regelmäßigkeit beurkundete und streng darauf hielt, daß Jeder nicht mehr noch weniger nahm, als was ihm zukomme, sah stets darauf, daß die Milch oder die gelbe Butter, welche am Rande der Schüssel umherfloß, gleichmäßig in die abgetheilten Gru¬ ben laufe; das Schwesterchen hingegen, welches viel harmloser war, suchte, sobald ihre Quellen versiegt waren, durch allerhand künstliche Stollen und Abzugsgräben die wohlschmeckenden Bächlein auf ihre Seite zu leiten, und wie sehr sich auch der Bruder dem widersetzte und eben so künst¬ liche Dämme aufbaute und überall verstopfte, wo sich ein verdächtiges Loch zeigen wollte, so wußte sie doch immer wieder eine geheime Ader des Breies zu eröffnen oder langte kurzweg in offenem Friedensbruch mit ihrem Löffel und mit lachenden Augen in des Bruders gefüllte Grube. Alsdann warf er den Löffel weg, lamentirte und schmollte, bis die gute Mutter die Schüssel zur Seite neigte und ihre eigene Brühe voll in das Labyrinth der Kanäle und Dämme ihrer Kinder strömen ließ. So lebte die kleine Familie einen Tag wie den andern, und indem dies immer so blieb, während doch die Kinder sich auswuchsen, ohne daß sich eine günstige Gelegenheit zeigte, die Welt zu erfassen und irgend etwas zu werden, fühlten sich Alle immer unbehaglicher und küm¬ merlicher in ihrem Zusammensein. Pankraz, der Sohn, that und lernte fortwährend nichts, als eine sehr ausgebildete und künstliche Art zu schmollen, mit welcher er seine Mutter, seine Schwester und sich selbst quälte. Es ward dies eine ordentliche und interessante Beschäftigung für ihn, bei welcher er die müssigen Seelenkräfte fleißig übte im Erfinden von hundert kleinen häuslichen Trauerspielen, die er veranlaßte und in welchen er behende und meisterlich den steten Unrechtleider zu spielen wußte. Estherchen, die Schwester, wurde dadurch zu reichlichem Weinen gebracht, durch welches aber die Sonne ihrer Heiterkeit schnell wieder hervorstrahlte. Diese Oberflächlichkeit ärgerte und kränkte dann der Pankraz so, daß er immer längere Zeiträume hindurch schmollte und aus selbstgeschaffenem Ärger selbst heimlich weinte. Doch nahm er bei dieser Lebensart merklich zu an Gesundheit und Kräften und als er diese in seinen Gliedern anwachsen fühlte, erweiterte er seinen Wirkungskreis und strich mit einer tüchtigen Baumwurzel oder einem Besenstiel in der Hand durch Feld und Wald, um zu sehen, wie er irgendwo ein tüchtiges Unrecht auftreiben und erleiden könne. Sobald sich ein solches zur Noth dargestellt und entwickelt, prügelte er un¬ verweilt seine Widersacher auf das Jämmerlichste durch, und er erwarb sich und bewies in dieser seltsamen Thätigkeit eine solche Gewandtheit, Energie und feine Taktik, sowohl im Ausspüren und Aufbringen des Feindes, als im Kampfe, daß er sowohl einzelne ihm an Stärke weit überlegene Jünglinge und Bauern, als ganze Trupps derselben entweder besiegte, oder wenig¬ stens einen ungestraften Rückzug ausführte. War er von einem solchen wohlgelungenen Abenteuer zurückgekommen, so schmeckte ihm das Essen doppelt gut und die Seinigen erfreuten sich dann einer heitern Stimmung. Eines Tages aber war es ihm doch begegnet, daß er, statt welche auszutheilen, beträchtliche Schläge selbst geärntet hatte, und als er voll Scham, Ver¬ druß und Wuth nach Hause kam, hatte Esther¬ chen, welche den ganzen Tag gesponnen, dem Gelüste nicht widerstehen können und sich noch einmal über das für Pankraz aufgehobene Essen hergemacht und davon einen Theil gegessen, und zwar, wie es ihm vorkam, den besten. Traurig und wehmüthig, mit kaum verhaltenen Thränen in den Augen, besah er das unansehnliche kalt gewordene Restchen, während die schlimme Schwe¬ ster, welche schon wieder am Spinnrädchen saß, unmäßig lachte. Das war zu viel und nun mußte etwas Gründliches geschehen. Ohne zu essen ging Pan¬ kraz hungrig in seine Kammer, und als ihn am Morgen seine Mutter wecken wollte, daß er doch zum Frühstück käme, war er verschwunden und nirgends zu finden. Der Tag verging, ohne Keller, die Leute von Seldwyla. I . 2 daß er kam, und eben so der zweite und dritte Tag. Die Mutter und Estherchen geriethen in große Angst und Noth; sie sahen wohl, daß er vorsätzlich davon gegangen, indem er seine Hab¬ seligkeiten mitgenommen. Sie weinten und klag¬ ten unaufhörlich, wenn alle Bemühungen frucht¬ los blieben, eine Spur von ihm zu entdecken, und als nach Verlauf eines halben Jahrs Pan¬ krazius verschwunden war und blieb, ergaben sie sich mit trauriger Seele in ihr Schicksal, das ihnen nun doppelt einsam und arm erschien. Wie lang wird nicht eine Woche, ja nur ein Tag, wenn man nicht weiß, wo diejenigen, die man liebt, jetzt stehn und gehn, wenn eine solche Stille darüber durch die Welt herrscht, daß allnirgends auch nur der leiseste Hauch von ihrem Namen ergeht, und man weiß doch, sie sind da und athmen irgendwo. So erging es der Mutter und dem Esther¬ lein fünf Jahre, zehn Jahre und funfzehn Jahre, einen Tag wie den andern, und sie wußten nicht, ob ihr Pankrazius todt oder lebendig sei. Das war ein langes und gründliches Schmollen und Estherchen, welches eine schöne Jungfrau geworden, wurde darüber zu einer hübschen und feinen alten Jungfer, welche nicht nur aus Kin¬ destreue bei der alternden Mutter blieb, sondern eben sowohl aus Neugierde, um ja in dem Augenblicke da zu sein, wo der Bruder sich end¬ lich zeigen würde, und zu sehen, wie die Sache eigentlich verlaufe. Denn sie war guter Dinge und glaubte fest, daß er eines Tages wiederkäme und daß es dann etwas Rechtes auszulachen gäbe. Übrigens fiel es ihr nicht schwer, ledig zu bleiben, da sie klug war und wohl sah, wie bei den Seldwylern nicht viel dahintersteckte von dauerhaftem Lebensglücke, und sie dagegen mit ihrer Mutter unveränderlich in einem kleinen Wohlständchen lebte, ruhig und ohne Sorgen; denn sie hatten ja einen tüchtigen Esser weniger und brauchten für sich fast gar nichts. Da war es einst ein heller schöner Sommer¬ nachmittag, mitten in der Woche, wo man so an gar nichts denkt und die Leute in den kleinen Städten fleißig arbeiten. Der Glanz von Seld¬ wyla befand sich sämmtlich mit dem Sonnenschein auf den übergrünten Kegelbahnen vor dem Thore oder auch in kühlen Schenkstuben in der Stadt. Die Falliten und Alten aber hämmerten, nähe¬ ten, schusterten, klebten, schnitzelten und päschelten gar emsig darauf los, um den langen Tag zu benutzen und einen vergnügten Abend zu erwer¬ ben, den sie nunmehr zu würdigen verstanden. Auf dem kleinen Platze, wo die Wittwe wohnte, war nichts als die stille Sommersonne auf dem begrasten Pflaster zu sehen, an den offenen Fen¬ stern aber arbeiteten ringsum die alten Leute und spielten die Kinder. Hinter einem blühenden Rosmariengärtchen auf einem Brette saß die Wittwe und spann und ihr gegenüber Estherchen und nähete. Es waren schon einige Stunden seit dem Essen verflossen und noch hatte Nie¬ mand eine Zwiesprache gehalten von der ganzen Nachbarschaft. Da fand der Schuhmacher wahr¬ scheinlich, daß es Zeit sei, eine kleine Erholungs¬ pause zu eröffnen und nies'te so laut und muth¬ willig: Hupschi! daß alle Fenster zitterten und der Buchbinder gegenüber, der eigentlich kein Buchbinder war, sondern nur so aus dem Steg¬ reif allerhand Pappkästchen zusammenleimte und an der Thüre ein verwittertes Glaskästchen hängen hatte, in welchem eine Stange Siegellack an der Sonne krumm wurde, dieser Buchbinder rief: Zur Gesundheit! und alle Nachbarsleute lachten. Einer nach dem andern steckte den Kopf durch das Fenster, einige traten sogar vor die Thüre und gaben sich Prisen, und so war das Zeichen gegeben zu einer kleinen Nachmittagsunterhaltung und zu einem fröhlichen Gelächter während des Vesperkaffee's, der schon aus allen Häusern duf¬ tete und zichorirte. Diese hatten endlich gelernt, sich an wenigem einen Spaß zu machen. Da kam in dies Vergnügen herein ein fremder Leier¬ mann mit einem schön polirten Orgelkasten, was in der Schweiz eine ziemliche Seltenheit ist, da sie keine eingeborene Leiermänner besitzt. Er spielte ein sehnsüchtiges Lied von der Ferne und ihren Dingen, welches die Leute über die Maßen schön dünkte und besonders der Wittwe Thränen entlockte, da sie ihres Pankräzchens gedachte, das nun schon funfzehn Jahre verschwunden war. Der Schuhmacher gab dem Manne einen Kreuzer, er zog ab und das Plätzchen wurde wieder still. Aber nicht lange nachher kam ein anderer Her¬ umtreiber mit einem großen fremden Vogel in einem Käfig, den er unaufhörlich zwischen dem Gitter durch mit einem Stäbchen anstach und erklärte, so daß der traurige Vogel keine Ruhe hatte. Es war ein Adler aus Amerika; und die fernen blauesten Länder, über denen er in seiner Freiheit geschwebt, kamen der Wittwe in den Sinn und machten sie um so trauriger, als sie den Teufel wußte, was das für Länder wären, noch wo ihr Söhnchen sei. Um den Vogel zu sehen, hatten die Nachbaren auf das Plätzchen hinaustreten müssen, und als er nun fort war, bildeten sie eine Gruppe, steckten die Nasen in die Luft und lauerten auf noch mehr Merkwür¬ digkeiten, da sie nun doch die Lust ankam, den übrigen Tag zu vertrödeln. Diese Lust wurde denn auch erfüllt und es dauerte nicht lange bis das allergrößte Spek¬ takel sich mit großem Lärm näherte unter dem Zulauf aller Kinder des Städtchens. Denn ein mächtiges Kameel schwankte auf den Platz, von mehreren Affen bewohnt; ein großer Bär wurde an seinem Nasenringe herbeigeführt; zwei oder drei Männer waren dabei, kurz ein ganzer Bä¬ rentanz führte sich auf und der Bär tanzte und machte seine possierlichen Künste, indem er von Zeit zu Zeit unwirsch brummte, daß die friedlichen Leute sich fürchteten und in scheuer Entfernung dem wilden Wesen zuschauten. Estherchen lachte und freute sich unbändig über den Bären, wie er so zierlich umherwatschelte mit seinem Stecken, über das Kameel mit seinem selbstvergnügten Gesicht, und über die Affen. Die Mutter da¬ gegen mußte fortwährend weinen; denn der böse Bär erbarmte sie, und sie mußte wiederum ihres verschollenen Sohnes gedenken. Als endlich auch dieser Aufzug wieder ver¬ schwunden und es wieder still geworden, indem die aufgeregten Nachbaren sich mit seinem Gefolge ebenfalls aus dem Staube gemacht, um da oder dort zu einem Abendschöppchen unterzukommen, sagte Estherchen: »Mir ist es nun zu Muthe, als ob der Pankraz ganz gewiß heute noch kommen würde, da schon so viele unerwartete Dinge ge¬ schehen und solche Kameele, Affen und Bären dagewesen sind!« Die Mutter ward böse darüber, daß sie den armen Pankraz mit diesen Bestien sozusagen zusammenzählte und auslachte, und hieß sie schweigen, sich nicht inne werdend, daß sie ja selbst das gleiche gethan in ihren Gedanken. Dann sagte sie seufzend: »Ich werde es nicht erleben, daß er wiederkommt!« Indem sie dies sagte, begab sich die größte Merkwürdigkeit dieses Tages und ein offener Reisewagen mit einem Extrapostillon fuhr mit Macht auf das stille Plätzchen, das von der Abendsonne noch halb bestreift war. In dem Wagen saß ein Mann, der eine Mütze trug wie die französischen Officiere sie tragen, und eben so trug er einen Schnurr- und Kinnbart und ein gänzlich gebräuntes und ausgedörrtes Gesicht zur Schau, das überdies einige Spuren von Kugeln und Säbelhieben zeigte. Auch war er in einen Burnus gehüllt, alles dies, wie es französische Militairs aus Afrika mitzubringen pflegen, und die Füße stemmte er gegen eine kolossale Löwen¬ haut, welche auf dem Boden des Wagens lag; auf dem Rücksitze vor ihm lag ein Säbel und eine halblange arabische Pfeife neben andern fremdartigen Gegenständen. Dieser Mann sperrte ungeachtet des ernsten Gesichtes, das er machte, die Augen weit auf und suchte mit denselben rings auf dem Platze ein Haus, wie Einer der aus einem schweren Traume erwacht. Beinahe taumelnd sprang er aus dem Wagen, der von ungefähr auf der Mitte des Plätzchens still hielt; doch ergriff er die Löwenhaut und seinen Säbel und ging so¬ gleich sicheren Schrittes in das Häuschen der Wittwe, als ob er erst vor einer Stunde aus demselben gegangen wäre. Die Mutter und Estherchen sahen dies voll Verwunderung und Neugierde und horchten auf, ob der Fremde die Treppe herauf käme; denn obgleich sie kaum noch von Pankrazius gesprochen, hatten sie in diesem Augenblick keine Ahnung, daß er es sein könnte und ihre Gedanken waren von der über¬ raschten Neugierde himmelweit von ihm weg¬ geführt. Doch urplötzlich erkannten sie ihn an der Art, wie er die obersten Stufen übersprang und über den kurzen Flur weg fast gleichzeitig die Klinke der Stubenthüre ergriff, nachdem er wie der Blitz vorher den lose steckenden Stuben¬ schlüssel fester in's Schloß gestoßen, was sonst immer die Art des Verschwundenen gewesen, der in seinem Müssiggange eine seltsame Ordnungs¬ liebe bewährt hatte. Sie schrieen laut auf und standen festgebannt vor ihren Stühlen, mit offe¬ 2 * nem Munde nach der aufgehenden Thüre sehend. Unter dieser stand der fremde Pankrazius mit dem dürren und harten Ernste eines fremden Kriegsmannes, nur zuckte es ihm seltsam um die Augen, indessen die Mutter erzitterte bei sei¬ nem Anblick und sich nicht zu helfen wußte und selbst Estherchen zum ersten Mal gänzlich ver¬ blüfft war und sich nicht zu regen wagte. Doch alles dies dauerte nur einen Augenblick; der Herr Oberst, denn nichts Geringeres war der verlorne Sohn, nahm mit der Höflichkeit und Achtung, welche ihn die wilde Noth des Lebens gelehrt, sogleich die Mütze ab, was er nie ge¬ than, wenn er früher in die Stube getreten; eine unaussprechliche Freundlichkeit, wenigstens wie es den Frauen vorkam, die ihn nie freund¬ lich gesehen noch also denken konnten, verbreitete sich über das gefurchte und doch noch nicht alte Soldatengesicht und ließ schneeweiße Zähne sehen, als er auf sie zueilte und beide mit ausbrechen¬ dem Herzensweh in die Arme schloß. Hatte die Mutter erst vor dem martialischen und vermeintlich immer noch bösen Sohne son¬ derbar gezittert, so zitterte sie jetzt erst recht in scheuer Seligkeit, da sie sich in den Armen dieses wiedergekehrten Sohnes fühlte, dessen ach¬ tungsvolles Mützenabnehmen und dessen aufleuch¬ tende nie gesehene Anmuth, wie sie nur die Rührung und die Reue giebt, sie schon wie mit einem Zauberschlage berührt hatten. Denn noch ehe das Bürschchen sieben Jahre alt gewesen, hatte es schon angefangen sich ihren Liebkosungen zu entziehen und seither hatte Pankraz in bitte¬ rer Sprödigkeit und Verstockung sich gehütet, seine Mutter auch nur mit der Hand zu berüh¬ ren, abgesehen davon, daß er unzählige Male schmollend zu Bett gegangen war ohne Gute¬ nacht zu sagen. Daher bedünkte es sie nun ein unbegreiflicher und wundersamer Augenblick, in welchem ein ganzes Leben lag, als sie jetzt nach wohl dreißig Jahren sozusagen zum ersten Mal sich von dem Sohne umfangen sah. Aber auch Estherchen bedünkte dieses veränderte Wesen so ernsthaft und wichtig, daß sie, die den Schmol¬ lenden tausendmal ausgelacht hatte, jetzt nicht im mindesten den bekehrten Freundlichen anzu¬ lachen vermochte, sondern mit klaren Thränen in den Augen nach ihrem Sesselchen ging und den Bruder unverwandt anblickte. Pankraz war der Erste, der sich nach meh¬ reren Minuten wieder zusammen nahm und als ein guter Soldat einen Übergang und Ausweg dadurch bewerkstelligte, daß er sein Gepäck herauf beförderte. Die Mutter wollte mit Est¬ herchen helfen; aber er führte sie äußerst hold¬ selig zu ihrem Sitze zurück, und duldete nur, daß Estherchen zum Wagen herunterkam und sich mit einigen leichten Sachen belud. Den weite¬ ren Verlauf führte indessen Estherchen herbei, welche bald ihren guten Humor wiedergewann und nicht länger unterlassen konnte, die Löwen¬ haut an dem langen gewaltigen Schwanze zu packen und auf dem Boden herumzuziehen, in¬ dem sie sich krank lachen wollte und einmal über das andere rief: Was ist dies nur für ein Pelz? Was ist dies für ein Ungeheuer? »Dies ist, sagte Pankraz, seinen Fuß auf das Fell stoßend, vor drei Monaten noch ein lebendiger Löwe gewesen, den ich getödtet habe. Dieser Bursche war mein Lehrer und Bekehrer und hat mir zwölf Stunden lang so eindringlich gepredigt, daß ich armer Kerl endlich von allem Schmollen und Bössein für immer geheilt wurde. Zum Andenken soll seine Haut nicht mehr aus meiner Hand kommen. Das war eine schöne Geschichte!« setzte er mit einem Seufzer hinzu? In der Voraussicht, daß seine Leutchen, im Fall er sie noch lebendig anträfe, jedenfalls nicht viel Kostbares im Hause hätten, hatte er in der letzten größeren Stadt, wo er durchgereist, einen Korb guten Weines eingekauft, sowie einen Korb mit verschiedenen kalten Speisen, damit in Seld¬ wyla kein Gelaufe entstehen sollte und er in aller Stille mit der Mutter und der Schwester ein gutes Abendbrot einnehmen konnte. So brauchte die Mutter nur den Tisch zu decken, und Pan¬ kraz trug auf, einige gebratene Hühner, eine herrliche Sülzpastete und ein Packet feiner kleiner Kuchen; ja noch mehr! Auf dem Wege hatte er bedacht, wie dunkel einst das armselige Thran¬ lämpchen gebrannt und wie oft er sich über die kümmerliche Beleuchtung geärgert, wobei er kaum seine müssigen Siebensachen handtieren gekonnt, ungeachtet die Mutter, die doch ältere Augen hatte, ihm immer das Lämpchen vor die Nase geschoben, wiederum zum großen Ergötzen Esther¬ chens, die bei jeder Gelegenheit ihm die Leuchte wieder wegzupraktiziren verstanden. Ach, ein¬ mal hatte er sie zornig weinend ausgelöscht, und als die Mutter sie bekümmert wieder angezündet, blies sie Estherchen lachend wieder aus, worauf er zerrissenen Herzens in's Bett rannte. Dies und noch anderes war ihm auf dem Wege ein¬ gefallen, und indem er schmerzlich und bang kaum erleben mochte, ob er die Verlassenen wieder¬ sehen würde, kaufte er auch noch einige Wachs¬ kerzen ein, und zündete jetzo zwei derselben an, so daß die Frauensleute sich nicht zu lassen wußten vor Verwunderung ob all' der Herr¬ lichkeit. Dergestalt ging es wie auf einer kleinen Hoch¬ zeit in dem Häuschen der Wittwe, nur viel stiller, und Pankraz benutzte das helle Licht der Kerzen, die gealterten Gesichter seiner Mutter und Schwe¬ ster zu sehen und dies Sehen rührte ihn stärker, als alle Gefahren, denen er in's Gesicht ge¬ schaut. Er verfiel in ein tiefes trauriges Sin¬ nen über die menschliche Art und das mensch¬ liche Leben, und wie gerade unsere kleineren Eigenschaften, als wie eine freundliche oder herbe Gemüthsart, nicht nur unser Schicksal und Glück machen, sondern auch dasjenige der uns Umgebenden und uns zu diesen in ein stren¬ ges Schuldverhältniß zu bringen vermögen, ohne daß wir wissen wie es zugegangen, da wir uns ja unser Gemüth nicht selbst gegeben. In die¬ sen Betrachtungen ward er jedoch gestört durch die Nachbaren, welche jetzt ihre Neugierde nicht länger unterdrücken konnten und Einer nach dem Andern in die Stube drangen, um das Wun¬ derthier zu sehen, da sich schon in dem ganzen Städtchen das Gerücht verbreitet hatte, der ver¬ schollene Pankrazius sei erschienen, und zwar als ein französischer General in einem vierspännigen Wagen. Dies war nun ein höchst verwickelter Fall für die in ihren Vergnügungslokalen versammel¬ ten Seldwyler, sowol für die Jungen als wie für die Alten, und sie kratzten sich verdutzt hin¬ ter den Ohren. Denn dies war gänzlich wider die Ordnung und wider den Strich zu Seldwyl, daß da Einer wie vom Himmel geschneit als ein gemachter Mann und General herkommen sollte gerade in dem Alter, wo man zu Seldwyl sonst fertig war. Was wollte der denn nun beginnen? Wollte er wirklich am Orte bleiben, ohne ein Herabgekommener zu sein die übrige Zeit seines Lebens hindurch, besonders wenn er etwa alt würde? Und wie hatte er es an¬ gefangen? Was zum Teufel hatte der unbe¬ achtete und unscheinbare junge Mensch betrieben die lange Jugend hindurch, ohne sich aufzubrau¬ chen? Das war die Frage, die alle Gemüther bewegte, und sie fanden durchaus keinen Schlüs¬ sel, das Räthsel zu lösen, weil ihre Menschen- oder Seelenkunde zu klein war, um zu wissen, daß gerade die herbe und bittere Gemüthsart, welche ihm und seinen Angehörigen so bittere Schmerzen bereitet, sein Wesen im Übrigen wohl¬ konservirt, wie der scharfe Kampher einen Schmet¬ terling, und ihm über das gefährliche Seldwyler Glanzalter hinweggeholfen hatte. Um die Frage zu lösen, stellte man überhaupt die Wahrheit des Ereignisses in Frage und bestritt dessen Mög¬ lichkeit, und um diese Auffassung zu bestätigen, wurden verschiedene alte Falliten nach dem Plätz¬ chen abgesandt, so daß Pankraz, dessen schon versammelte Nachbaren ohnehin diesem Stande angehörten, sich von einer ganzen Versammlung neugieriger und gemüthlicher Falliten umgeben sah, wie ein alter Heros in der Unterwelt von den herbeieilenden Schatten. Er zündete nun seine türkische Pfeife an und erfüllte das Zimmer mit dem fremden Wohl¬ geruch des morgenländischen Tabacks; die Schat¬ ten oder Falliten witterten immer neugieriger in den blauen Duftwolken umher, und Estherchen und die Mutter bestaunten unaufhörlich die Leut¬ seligkeit und Geschicklichkeit des Pankraz, mit welcher er die Leute unterhielt, und zuletzt die freundliche, aber sichere Gewandtheit, mit welcher er die Versammlung endlich entließ, als es ihm Zeit dazu schien. Da aber die Freuden, welche auf dem Fa¬ milienglück und auf frohen Ereignissen unter Blutsverwandten beruhen, auch nach den läng¬ sten Leiden die Betheiligten plötzlich immer jung und munter machen, statt sie zu erschöpfen, wie die Aufregungen der weitern Welt es thun, so verspürte die alte Mutter noch nicht die ge¬ ringste Müdigkeit und Schlaflust, so wenig als Keller, die Leute von Seldwyla. I . 3 ihre Kinder, und von dem guten Weine erwärmt, den sie mit Zufriedenheit genossen, verlangte sie endlich mit ihrer noch viel unge¬ duldigeren Tochter etwas Näheres von Pankra¬ zens Schicksal zu wissen. »Ausführlich, erwiederte dieser, kann ich jetzt meine trübselige Geschichte nicht mehr beginnen und es findet sich wohl die Zeit, wo ich Euch nach und nach meine Erlebnisse im Einzelnen vorsagen werde. Für heute will ich Euch aber nur einige Umrisse angeben, so viel als nöthig ist, um auf den Schluß zu kommen, nämlich auf meine Wiederkehr und die Art, wie diese veranlaßt wurde, da sie eigentlich das rechte Seitenstück bildet zu meiner ehemaligen Flucht und aus dem gleichen Grundtone geht. Als ich damals auf so schnöde Weise entwich, war ich von einem unvertilgbaren Groll und Weh er¬ füllt; doch nicht gegen Euch, sondern gegen mich selbst, gegen diese Gegend hier, diese unnütze Stadt, gegen meine ganze Jugend. Dies ist mir seither erst deutlich geworden. Wenn ich hauptsächlich immer des Essens wegen bös wurde und schmollte, so war der geheime Grund hier¬ von das nagende Gefühl, daß ich mein Essen nicht verdiente, weil ich nichts lernte und nichts that, ja weil mich gar nichts reizte zu irgend einer Beschäftigung und also keine Hoffnung war, daß es je anders würde; denn Alles was ich Andere thun sah, kam mir erbärmlich und albern vor; selbst Euer ewiges Spinnen war mir unerträglich und machte mir Kopfweh, ob¬ gleich es mich Müssigen erhielt. So rannte ich davon in einer Nacht in der bittersten Herzens¬ qual und lief bis zum Morgen, wohl sieben Stun¬ den weit von hier. Wie die Sonne aufging, sah ich Leute, die auf einer großen Wiese Heu machten; ohne ein Wort zu sagen oder zu fragen, legte ich mein Bündel an den Rand, ergriff einen Rechen oder eine Heugabel und arbeitete wie ein Besessener mit den Leuten und mit der größten Geschicklichkeit; denn ich hatte mir wäh¬ rend meines Herumlungerns hier alle Handgriffe und Übungen derjenigen, welche arbeiteten, wohl gemerkt, sogar öfter dabei gedacht, wie sie dies und jenes ungeschickt in die Hand nähmen und wie man eigentlich die Hände ganz anders müßte 3 * fliegen lassen, wenn man erst einmal ein Arbeiter heißen wolle.« »Die Leute sahen mir erstaunt zu und Nie¬ mand hinderte mich an meiner Arbeit; als sie das Morgenbrot aßen, wurde ich dazu eingeladen; dieses hatte ich bezweckt und so arbeitete ich weiter, bis das Mittagsessen kam, welches ich ebenfalls mit großem Appetit einnahm. Doch nun erstaun¬ ten die Bauersleute noch vielmehr und sandten mir ein verdutztes Gelächter nach, als ich, anstatt die Heugabel wieder zu ergreifen, plötzlich den Mund wischte, mein Bündelchen wieder aufgriff und ohne ein Wort weiter zu verlieren, meines Weges weiter zog. In einem dichten kühlen Buchenwäldchen legte ich mich hin und schlief bis zur Abenddämmerung; dann sprang ich auf, ging aus dem Wäldchen hervor und guckte am Himmel hin und her, an welchem die Sterne hervorzu¬ treten begannen. Die Stellung der Sterne ge¬ hörte auch zu den wenigen Dingen, die ich wäh¬ rend meines Müssigganges gemerkt, und da ich darin eine große Ordnung und Pünktlichkeit ge¬ funden, so hatte sie mir immer wohlgefallen, und zwar um so mehr, als diese glänzenden Geschöpfe solche Pünktlichkeit nicht um Tagelohn und um eine Portion Kartoffelsuppe zu üben schienen, sondern damit nur thaten, was sie nicht lassen konnten, wie zu ihrem Vergnügen und dabei wohl bestan¬ den. Da ich nun durch das allmälige Auswendig¬ lernen unsres Geographiebuches, so einfach dieses war, auch auf dem Erdboden Bescheid wußte, so verstand ich meine Richtung wohl zu nehmen und beschloß in diesem Augenblick, nordwärts durch ganz Deutschland zu laufen, bis ich das Meer erreichte. Also lief ich die Nacht hindurch wieder acht gute Stunden und kam mit der Morgen¬ sonne an eine wilde und entlegene Stelle am Rhein, wo eben vor meinen Augen ein mit Korn¬ säcken beladenes Schiff an einer Untiefe aufstieß, indessen doch das Wasser über einen Theil der Ladung wegströmte. Da sich nur drei Männer bei dem Schiffe befanden und weit und breit in dieser Frühe und in dieser Wildniß Niemand zu ersehen war, so kam ich sehr willkommen, als ich sogleich Hand anlegte und den Schiffern die schwere Ladung an's Ufer bringen und das Fahrzeug wie¬ der flott machen half. Was von dem Korne naß geworden, schütteten wir auf Bretter, die wir an die Sonne legten, und wandten es fleißig um, und zuletzt beluden wir das Schiff wieder. Doch nahm dies alles den größten Theil des Tages weg, und ich fand dabei Gelegenheit, mit den Schiffsleuten unterschiedliche tüchtige Mahlzeiten zu theilen; ja, als wir fertig waren, gaben sie mir sogar noch etwas Geld und setzten mich auf mein Verlangen an das andere Ufer über mit¬ telst des kleinen Kähnchens, das sie hinter dem großen Kahne angebunden hatten.« »Drüben befand ich mich in einem großen Bergwald und schlief sofort bis es Nacht wurde, worauf ich mich abermals auf die Füße machte und bis zum Tagesanbruch lief. Mit wenig Worten zu sagen: auf diese nämliche Art ge¬ langte ich in wenig mehr als zwei Monaten nach Hamburg, indem ich, ohne je viel mit den Leu¬ ten zu sprechen, überall des Tages zugriff, wo sich eine Arbeit zeigte, und davon ging, sobald ich gesättigt war, um die Nacht hindurch wie¬ derum zu wandern. Meine Art überraschte die Leute immer, so daß ich niemals einen Wider¬ spruch fand, und bis sie sich etwa widerhaarig oder neugierig zeigen wollten, war ich schon wie¬ der weg. Da ich zugleich die Städte vermied und meinen Arbeitsverkehr immer im freien Felde, auf Bergen und in Wäldern betrieb, wo nur ursprüngliche und einfache Menschen waren, so reisete ich wirklich wie zu der Zeit der Patriar¬ chen. Ich sah nie eine Spur von dem Regiment der Staaten, über deren Boden ich hinlief, und mein einziges Denken war, über eben diesen Boden wegzukommen, ohne zu betteln oder für meine nöthige Leibesnahrung Jemandem verpflich¬ tet sein zu müssen, im Übrigen aber zu thun, was ich wollte, und insbesondere zu ruhen, wenn es mir gefiel, und zu wandern, wenn es mir beliebte. Später habe ich freilich auch gelernt, mich an eine feste außer mir liegende Ordnung und an eine regelmäßige Ausdauer zu halten, und wie ich erst urplötzlich arbeiten gelernt, lernte ich auch dies sogleich ohne weitere Anstrengung, sobald ich nur einmal eine erkleckliche Nothwen¬ digkeit einsah.« »Übrigens bekam mir dies Leben in der freien Luft, bei der steten Abwechslung von schwerer Arbeit, tüchtigem Essen und sorgloser Ruhe vor¬ trefflich und meine Glieder wurden so geübt, daß ich als ein wahrer Teufelskerl an Stärke und Rührigkeit in der Seestadt Hamburg anlangte, wo ich alsbald dem Wasser zulief und mich unter die Seeleute mischte, welche sich da umtrieben und mit dem Befrachten ihrer Schiffe beschäftigt waren. Da ich überall zugriff und ohne alber¬ nes Gaffen doch aufmerksam war, ohne ein Wort dabei zu sprechen, noch je den Mund zu ver¬ ziehen, so duldeten die einsilbigen derben Gesellen mich bald unter sich und ich brachte eine Woche unter ihnen zu, worauf sie mich auf einem engli¬ schen Kauffahrer einschmuggelten, dessen Kapitän mich aufnahm unter der Bedingung, daß ich ihm in seinem Privatgeschäfte helfe, das er während seiner Fahrten betrieb. Dieses bestand nämlich im Zusammensetzen und Herstellen von allerhand Feuerwaffen und Pistolen aus alten abgenutzten Bestandtheilen, die er in großer Menge zusam¬ menkaufte, wenn er in der alten Welt vor Anker ging. Es waren seltsame und fabelhafte Todes¬ werkzeuge, die er so mit schrecklicher Leidenschaft zusammenfügte und dann bei Gelegenheit an wil¬ den Küsten gegen werthvolle Friedensprodukte und sanfte Naturgegenstände austauschte. Ich hielt mich still zu der Arbeit, übte mich ein und war bald über und über mit Öl, Schmirgel und Fei¬ lenstaub beschmiert als ein wilder Büchsenmacher, und wenn ein solches Pistolengeschütz nothdürftig zusammenhielt, so wurde es mit einem starken Knall probirt; doch nie zum zweiten Mal, dieses wurde dem rothhäutigen oder schwarzen Käufer überlassen auf den entlegenen Eilanden. Diesmal fuhr er aber nur nach Neuyork und von da nach England zurück, wo ich, der Büchsenmacherei nun genugsam kundig, mich von ihm entfernte und sogleich in ein Regiment anwerben ließ, das nach Ostindien abgehen sollte.« »In Neuyork hatte ich zwar den Fuß an das Land gesetzt und auf einige Stunden dies amerikanische Leben besehen, welches mir eigentlich nun recht hätte zusagen müssen, da hier Jeder that, was er wollte, und sich gänzlich nach Be¬ dürfniß und Laune rührte, von einer Beschäfti¬ gung zur andern abspringend, wie es ihm eben besser schien, ohne sich irgend einer Arbeit zu schämen oder die eine für edler zu halten, als die andre. Doch weiß ich nicht wie es kam, daß ich mich schleunig wieder auf unser Schiff sputete und so, statt in der neuen Welt zu blei¬ ben, in den ältesten träumerischen Theil unsrer Welt gerieth, in das uralte heiße Indien, und zwar in einem rothen Rocke, als ein stiller eng¬ lischer Soldat. Und ich kann nicht sagen, daß mir das neue Leben mißfiel, das schon auf dem großen Linienschiffe begann, auf welchem das Re¬ giment sich befand. Schon der Umstand, daß wir Alle, so viel wir waren, mit der größten Pünktlichkeit und Abgemessenheit ernährt wurden, indem Jeder seine Ration so sicher bekam, wie die Sterne am Himmel gehen, keiner mehr noch minder, als der andre, und ohne daß einer den andern beeinträchtigen konnte, behagte mir außer¬ ordentlich und um so mehr, als keiner dafür zu danken brauchte und alles nur unserm bloßen wohlgeordneten Dasein gebührte. Wenn wir Re¬ kruten auch schon auf dem Schiffe eingeschult wurden und täglich exerziren mußten, so gefiel mir doch diese Beschäftigung über die Maßen, da wir nicht das Bajonet herumschwenken mußten, um etwa mit Gewandtheit eine Kartoffel daran zu spießen, sondern es war lediglich eine reine Übung, welche mit dem Essen zunächst gar nicht zusammenhing, und man brauchte nichts als pünktlich und aufmerksam beim einen und dem andern zu sein und sich um weiter nichts zu kümmern. Schon am zweiten Tage unsrer Fahrt sah ich einen Soldaten prügeln, der wider einen Vorgesetzten gemurrt, nachdem er schon verschie¬ dene Unregelmäßigkeiten begangen. Sogleich nahm ich mir vor, daß dies mir nie widerfahren solle, und nun kam mir mein Schmollwesen sehr gut zu statten, indem es mir eine vortreffliche laut¬ lose Pünktlichkeit und Aufmerksamkeit erleichterte und es mir fortwährend möglich machte, mir in keiner Weise etwas zu vergeben.« »So wurde ich ein ganz ordentlicher und brauchbarer Soldat; es machte mir Freude, alles recht zu begreifen und so zu thun, wie es als mustergültig vorgeschrieben war, und da es mir gelang, so fühlte ich mich endlich ziemlich zufrie¬ den, ohne jedoch mehr Worte zu verlieren als bisher. Nur selten wurde ich beinahe ein wenig lustig und beging etwa einen närrischen halben Spaß, was mir vollends den Anstrich eines Sol¬ daten gab, wie er sein soll, und zugleich verhin¬ derte, daß man mich nicht leiden konnte, und so war kaum ein Jahr vergangen in dem heißen seltsamen Lande, als ich anfing vorzurücken und zuletzt ein ansehnlicher Unteroffizier wurde. Nach einem Verlauf von Jahren war ich ein großes Thier in meiner Art, war meistentheils in den Büreaus des Regimentskommandeurs beschäftigt und hatte mich als ein guter Verwalter heraus¬ gestellt, indem ich die nothwendigen Künste, die Schreibereien und Rechnereien aus dem Gange der Dinge mir augenblicklich aneignete ohne wei¬ teres Kopfzerbrechen. Es ging mir jetzt alles nach der Schnur und ich schien mir selbst zufrie¬ den zu sein, da ich ohne Mühe und Sorgen da sein konnte unter dem warmen blauen Himmel; denn was ich zu verrichten hatte, geschah wie von selbst, und ich fühlte keinen Unterschied, ob ich in Geschäften oder müssig umherging. Das Essen war mir jetzt nichts Wichtiges mehr, und ich beachtete kaum, wann und was ich aß. Zweimal während dieser Zeit hatte ich Nachricht an Euch abgesandt nebst einigen ersparten Geld¬ mitteln; allein beide Schiffe gingen sonderbarer Weise mit Mann und Maus zu Grunde und ich gab die Sache auf, ärgerlich darüber, und nahm mir vor, sobald als thunlich selber heim¬ zukehren und meine erworbene Arbeitsfähigkeit und feste Lebensart in der Heimath zu verwenden. Denn ich gedachte damit etwas Besseres nach Seldwyla zu bringen, als wenn ich eine Million dahin brächte, und malte mir schon aus, wie ich die Haselanten und Fischesser da anfahren wollte, wenn sie mir über den Weg liefen.« »Doch damit hatte es noch gute Wege und ich sollte erst noch solche Dinge erfahren und so in meinem Wesen verändert und aufgerüttelt wer¬ den, daß mir die Lust verging, andere Leute anfah¬ ren zu wollen. Der Kommandeur hatte mich gänzlich zu seinem Factotum gemacht und ich mußte fast die ganze Zeit bei ihm zubringen. Es war ein seltsamer Mann von etwa fünfzig Jahren, dessen Gattin in Irland lebte auf einem alten Thurm, da sie wo möglich noch wunder¬ licher sein mußte, als er; so lange sie zusammen¬ gelebt, hatten sie sich fortwährend angeknurrt, wie zwei wilde Katzen, und sie litten Beide an der fixen Idee, daß sie sich gegenseitig in einander getäuscht hätten, obwohl Niemand besser für ein¬ ander geschaffen war. Auch waren sie gesund und munter und lebten behaglich in dieser Ein¬ bildung, ohne welche keines mehr hätte die Zeit verbringen können, und wenn sie weit aus ein¬ ander waren, so sorgte Eines für das Andere mit rührender Aufmerksamkeit. Die einzige Toch¬ ter, die sie hatten, und die Lydia heißt, lebte dagegen meistentheils bei dem Vater und war ihm ergeben und zugethan, da der Unterschied des Geschlechtes selbst zwischen Vater und Tochter diese mehr zärtliches Mitleid für den Vater em¬ pfinden ließ, als für die Mutter, obgleich diese eben so wenig oder so viel taugen mochte als jener in dem vermeintlich unglücklichen Ver¬ hältniß.« »Der Kommandeur hatte eine reizvolle luf¬ tige Wohnung bezogen, die außerhalb der Stadt in einem ganz mit Palmen, Cypressen, Syko¬ moren und anderen Bäumen angefüllten Thale lag. Unter diesen Bäumen, rings um das leichte weiße Haus herum, waren Gärten angelegt, in denen theils jederzeit frisches Gemüse, theils eine Menge Blumen gezogen wurden, welche zwar hier in allen Ecken wild wuchsen, die aber der Alte liebte beisammen zu haben in nächster Nähe und in möglichster Menge, so daß in dem grü¬ nen Schatten der Bäume es ordentlich leuchtete von großen purpurrothen und weißen Blumen. Wenn es nun im Dienste nichts mehr zu thun gab, so mußte ich als ein militärischer zuver¬ lässiger Vertrauensmann diese Gärten in Ordnung halten, oder um darüber nicht etwa zu verweich¬ lichen, mit dem Oberst auf die Jagd gehen, und ich wurde darüber zu einem gewandten Jäger; denn gleich hinter dem Thale begann eine wilde unfruchtbare Landschaft, welche zuletzt gänzlich in eine Gebirgswildniß verlief, die nicht nur Schwärme und Schaaren unschuldigeren Gewil¬ des, sondern auch von Zeit zu Zeit reißende Thiere, besonders große Tiger beherbergte. Wenn ein solcher sich spüren ließ, so gab es einen gro¬ ßen Auszug gegen ihn, und ich lernte bei diesen Gelegenheiten die Gefahr lange kennen, ehe ich in das Gefecht mit Menschen kam. War aber weiter gar nichts zu thun, so mußte ich mit dem alten Herrn Schach spielen und dadurch seine Tochter Lydia ersetzen, welche, da sie gar keinen Sinn und kein Geschick dazu besaß und ganz kindisch spielte, ihm zu wenig Vergnügen verschaffte. Ich hingegen hatte mich bald so weit eingeübt, daß ich ihm einigermaßen die Stange halten konnte, ohne ihn des öfteren Sieges zu berau¬ ben, und wenn mein Kopf nicht durch andere Dinge verwirrt worden wäre, so würde ich dem grimmigen Alten bald überlegen geworden sein.« »Dergestalt war ich nun das merkwürdigste Institut von der Welt; ich ging unter diesen Palmen einher gravitätisch und wortlos in mei¬ ner Scharlachuniform, ein leichtes Schilfstöckchen in der Hand und über dem Kopfe ein weißes Tuch zum Schutze gegen die heiße Sonne. Ich war Soldat, Verwaltungsmann, Gärtner, Jäger, Hausfreund und Zeitvertreiber, und zwar ein ganz sonderbarer, da ich nie ein Wort sprach; denn obgleich ich jetzt nicht mehr schmollte und leidlich zufrieden war, so hatte ich mir das Schweigen doch so angewöhnt, daß meine Zunge durch nichts zu bewegen war, als etwa durch ein Kommando¬ wort oder einen Fluch gegen unordentliche Sol¬ daten. Doch diente gerade diese Weise dem Kommandeur, ich blieb so an die fünf Jahre bei ihm einen Tag wie den andern und konnte, wenn ich freie Zeit hatte, im Übrigen thun, was mir beliebte. Diese Zeit benutzte ich dazu, das Dutzend Bücher, so der alte Herr besaß, immer wieder durchzulesen und aus denselben, da sie alle dick¬ leibig waren, ein sonderbares Stück von der Welt kennen zu lernen. Ich war so ein eifriger und stiller Leser, der sich eine Weisheit ausbildete, von der er nicht recht wußte, ob sie in der Welt galt oder nicht galt, wie ich bald erfahren sollte; denn obschon ich bereits vieles gesehen und erfahren, so war dies doch nur gewisser¬ maßen strichweise und das meiste, was es gab, lag zur Seite des Striches, den ich passirt.« »Mein Kommandeur wurde endlich zum Gou¬ verneur des ganzen Landstriches ernannt, wo wir bisher gestanden; er wünschte mich in seiner Nähe zu behalten und veranlaßte meine Ver¬ setzung aus dem Regiment, welches wieder nach England zurückging, in dasjenige, welches dafür ankam, und so fand sich wieder Gelegenheit, daß ich als Militairperson sowohl wie in allen übri¬ gen Eigenschaften um ihn sein konnte, was mir ganz recht war; denn so blieb ich ein auf mich selbst gestellter Mensch, der keinen andern Herrn, als seine Fahne über sich hatte.« Keller, die Leute von Seldwyla I . 4 »Um die gleiche Zeit kam auch die Tochter aus dem alten irländischen Thurme an, um von nun an bei ihrem Vater dem Gouverneur zu leben. Es war ein wohlgestaltetes Frauenzim¬ mer von großer Schönheit; doch war sie nicht nur eine Schönheit, sondern auch eine Person, die in ihren eigenen feinen Schuhen stand und ging und sogleich den Eindruck machte, daß es für den, der sich etwa in sie verliebte, nicht leicht hinter jedem Hag einen Ersatz oder einen Trost für diese gäbe, eben weil es eine ganze und selbstständige Person schien, die so nicht zum zweiten Male vorkommt. Und zwar schien diese edle Selbstständigkeit gepaart mit der einfachsten Kindlichkeit und Güte des Charakters und mit jener Lauterkeit und Rückhaltlosigkeit in dieser Güte, welche, wenn sie so mit Entschiedenheit und Bestimmtheit verbunden ist, eine wahre Über¬ legenheit verleiht und dem, was im Grunde nur ein unbefangenes ursprüngliches Gemüths¬ wesen ist, den Schein einer weihevollen und genialen Meisterschaft giebt. Indessen war sie sehr gebildet in allen schönen Dingen, da sie nach Art solcher Geschöpfe die Kindheit und bis¬ herige Jugend damit zugebracht, alles zu lernen, was irgend wohl ansteht, und sie kannte sogar fast alle neueren Sprachen, ohne daß man jedoch viel davon bemerkte, so daß unwissende Männer ihr gegenüber nicht leicht in jene schreckliche Ver¬ legenheit geriethen, weniger zu verstehen, als ein müssiges Ziergewächs von Jungfräulein. Überhaupt schien ein gesunder und wohldurchge¬ bildeter Sinn in ihr sich mehr dadurch zu zeigen, daß sie die vorkommenden kleineren oder größeren Dinge, Vorfälle oder Gegenstände durchaus zu¬ treffend beurtheilte und behandelte und dabei waren ihre Gedanken und Worte so einfach lieb¬ lich und bestimmt, wie der Ton ihrer Stimme und die Bewegungen ihres Körpers. Und über alles dies war sie, wie gesagt, so kindlich, so wenig durchtrieben, daß sie nicht im Stande war, eine überlegte Partie Schach spielen zu lernen und dennoch mit der fröhlichsten Geduld am Brette saß, um sich von ihrem Vater unaufhör¬ lich überrumpeln zu lassen. So ward es Einem sogleich heimathlich und wohl zu Muthe in ihrer Nähe; man dachte unverweilt, diese wäre der wahre Jakob unter den Weibern und keine Bes¬ 4* sere gäbe es in der Welt. Ihre schönen blon¬ den Locken und die dunkelblauen Augen, die fast immer ernst und frei in die Welt sahen, thaten freilich auch das ihrige dazu, ja um so mehr, als ihre Schönheit, so sehr sie imponirte, von echt weiblicher Bescheidenheit und Sittsamkeit durchdrungen war und dabei gänzlich den Ein¬ druck von etwas Einzigem und Persönlichem machte, es war eben kurz und abermals gesagt: eine Person. Das heißt, ich sage es schien so, oder eigentlich, weiß Gott, ob es am Ende doch so war und es nur an mir lag, daß es ein solcher trügerischer Schein schien, kurz — « Pankrazius vergaß hier weiter zu reden und verfiel in ein schwermüthiges Nachdenken, wozu er ein ziemlich unkriegerisches und beinahe ein¬ fältiges Gesicht machte. Die beiden Wachslichter waren über die Hälfte heruntergebrannt, die Mutter und die Schwester hatten die Köpfe ge¬ senkt und nickten, schon nichts mehr sehend noch hörend, schlaftrunken mit ihren Köpfen, denn schon seit Pankrazius die Schilderung seiner ver¬ muthlichen Geliebten begonnen, hatten sie ange¬ fangen schläfrig zu werden, ließen ihn jetzt gänz¬ lich im Stich und schliefen wirklich ein. Zum Glück für unsere Neugierde bemerkte der Oberst dies nicht, hatte überhaupt vergessen, vor wem er erzählte und fuhr ohne die niedergeschlagenen Augen zu erheben, fort, vor den schlafenden Frauen zu erzählen, wie Einer, der etwas lange Verschwiegenes endlich mitzutheilen sich nicht mehr enthalten kann. »Ich hatte, sagte er, bis zu dieser Zeit noch kein Weib näher angesehen und verstand oder wußte von ihnen ungefähr so viel, wie ein Nas¬ horn vom Zitherspiel. Nicht daß ich solche etwa nicht von jeher gern gesehen hätte, wenn ich unbemerkt und ohne Aufwand von Mühe nach ihnen schielen konnte; doch war es mir äußerst zuwider, mit irgend Einer mich in den geringsten Wortwechsel einzulassen, da es mir von jeher schien, als ob es sämmtlichen Weibern gar nicht um eine vernunftgemäße, klare und richtige Sache zu thun wäre, daß es ihnen unmöglich sei, nur sechs Worte lang in guter Ordnung bei der Stange zu bleiben, sondern daß sie einzig darauf ausgingen, wenn sie in diesem Augenblicke etwas Zweckmäßiges und Gutes gesagt haben, gleich darauf eine große Albernheit oder Verdrehtheit einzuwerfen, was sie dann als ihre weibliche Anmuth und Beweglichkeit ausgäben, im Grunde aber eine Unredlichkeit sei, und um so abscheu¬ licher, als sie halb und halb von bewußter Absicht begleitet sei, um hinter diesem Durchein¬ ander allen schlechten Instinkten und Querköpfig¬ keiten desto bequemer zu fröhnen. Deshalb schmollte und grollte ich von vornherein mit allem Weibervolk und würdigte keines eines offenkundigen Blickes. In Indien, als ich mehr zufrieden war und keinen Groll fürder hegte, gab es zwar viel Frauensleute, sowohl indi¬ schen Geblütes, als auch eine Menge englischer, da viele Kaufleute, Officiere und Soldaten ihre Familie bei sich hatten. Doch diese Indierinnen, die schön waren wie die Blumen und gut wie Zucker aussahen und sprachen, waren eben nichts weiter als dies und rührten mich nicht im min¬ desten, da Schönheit und Güte ohne Salz und Wehrbarkeit mir langweilig vorkamen, und es war mir peinlich zu denken, wie eine solche Frau, wenn sie mein wäre, sich auf keine Weise gegen meine etwanigen schlimmen Launen zu wehren vermöchte. Die europäischen Weiber dagegen, die ich sah, welche größtentheils aus Großbri¬ tannien herstammten, schienen schon eher wehr¬ haft zu sein, jedoch waren sie weniger gut und selbst wenn sie es waren, so betrieben sie die Güte und Ehrbarkeit wie ein abscheulich nüch¬ ternes und hausbackenes Handwerk, und selbst die edle Weiblichkeit, auf die sich diese selbstbe¬ wußten respektablen Weibchen so viel zu gut thaten, handhabten sie eher als Würzkrämer, denn als Weiber. Hier wird ein Quentchen ausgewogen und dort ein Quentchen, sorglich in die löschpapierne Düte der Philisterhaftigkeit ge¬ wickelt. Überdies war mir immer, als ob durch das Innerste aller dieser abendländischen Schönen und Unschönen ein tiefer Zug von Gemeinheit zöge, die Krankheit unserer Zeit, welche sie zwar nur von unserem Geschlechte, von uns Herren Europäern, überkommen konnten, aber die gerade bei den anderen wieder zu einem neuen verdoppelten Übel wird. Denn es sind üble Zeiten, wo die Geschlechter ihre Krankheiten aus¬ tauschen und eines dem anderen seine angeborenen Schwachheiten mittheilt. Dies waren so meine unwissenden hypochondrischen Gedanken über die Weiber, welche meinem Verhalten gegen sie zu Grunde lagen und mit welchen ich meiner Wege ging, ohne mich um Eine zu bekümmern.« »Als nun die schöne Lydia bei uns anlangte und ich mich täglich in ihrer Nähe befand, er¬ hielt meine ganze Weisheit einen Stoß und fiel zusammen. Es war mir gleich von Grund aus wohl zu Muthe, wenn sie zugegen war, und ich wußte nicht, was ich hieraus machen sollte. Höchlich verwundert war ich, weder Groll noch Verachtung gegen diese zu empfinden, weder Ge¬ ringschätzung, noch jene Lust, doch verstohlen nach ihr hinzuschielen; vielmehr freute ich mich ganz unbefangen über ihr Dasein und sah sie ohne Unbescheidenheit, aber frei und offen an, wenn ich in ihrer Nähe zu thun hatte. Dies fiel mir um so leichter, als ich in meiner Stellung als armer Soldat kein Wort an sie zu richten brauchte, ohne gefragt zu werden und also kein anderes Benehmen zu beobachten hatte, als das¬ jenige eines sich aufrecht haltenden ernsthaften Unterofficiers. Auch war mir das Schweigen, besonders gegenüber den Weibern, so zur andern Natur geworden durch das langjährige Kopfhän¬ gen, daß ich beim besten Willen jetzt nicht hätte eine Ausnahme machen können, auch wenn es sich geschickt hätte. Dennoch fühlte ich ein gro¬ ßes und ungewöhnliches Wohlwollen für diese Person, war in meinem Herzen sehr gut auf sie zu sprechen und ihr zu Gefallen veränderte ich meine schlechten Ansichten von den Frauen und dachte mir, es müßte doch nicht so übel mit ihnen stehen, wenigstens sollten sie um dieser Einen willen von nun an mehr Gnade finden bei mir. Ich war sehr froh, wenn Lydia zu¬ gegen war oder wenn ich Veranlassung fand, mich dahin zu verfügen, wo sie eben war; doch that ich deswegen nicht einen Schritt mehr, als im natürlichen Gange der Dinge lag; nicht ein¬ mal blickte oder ging ich, wenn ich mich im glei¬ chen Raume mit ihr befand, ohne einen bestimm¬ ten vernünftigen Grund nach ihr hin und fühlte überhaupt eine solche Ruhe in mir, wie das kühle Meerwasser, wenn kein Wind sich regt und die Sonne obenhin darauf scheint.« »Dies verhielt sich so ungefähr ein halbes Jahr, ein Jahr oder auch etwas darüber, ich weiß es nicht mehr genau; denn die ganze Zeit¬ rechnung von damals ist mir verloren gegangen, der ganze Zeitraum schwebt mir nur noch wie ein schwüler von Träumen durchzogener Som¬ mertag vor. Während dieses Anfanges nun, dessen längere oder kürzere Dauer ich nicht mehr weiß, ging so alles gut und ruhig von Statten. Die Dame, obgleich sie mich öfters sehen mußte, hatte nicht besonders viel mit mir zu verkehren oder zu sprechen, wenn sie es aber that, so war sie außerordentlich freundlich und that es nie, ohne mit einem kindlichen harmlosen Lachen ihres schönen Gesichtes, was ich dann dankbarst damit erwiederte, daß ich ein um so ehrbareres Gesicht machte und den Mund nicht verzog, indem ich sagte: Sehr wohl, mein Fräulein! oder auch unbefangen widersprach, wenn sie sich irrte, was indeß selten geschah. War sie aber nicht zugegen oder ich allein, so dachte ich wohl vielfältig an sie, aber nicht im mindesten wie ein Verliebter, sondern wie ein guter Freund oder Verwandter, welcher aufrichtig um sie bekümmert war, ihr alles Wohlergehen wünschte und allerlei gute Dinge für sie ausdachte. Kaum ging eine leise Veränderung dadurch mit mir vor, wenn ich mich recht entsinne, daß ich gegenüber dem Gouver¬ neur ein wenig mehr auf mich hielt, ein wenig mehr den Soldaten hervorkehrte, der nichts als seine Pflicht kennt, und in meinen übrigen Dienst¬ leistungen mehr den Schein der Unabhängigkeit wahrte, wie ich denn auch in keinerlei Lohnver¬ hältniß zu ihm stand und nachdem die eigentliche Arbeit auf seinem Büreau gethan, wofür ich besoldet war, alles übrige als ein guter Ver¬ trauter mitmachte und nur, da es die Gelegen¬ heit mit sich brachte, etwa mit ihm aß und trank. Und so war ich, wie schon gesagt, vollkommen ruhig und zufrieden, was sich freilich auf meine besondere Weise ausnehmen mochte.« »Da geschah es eines Tages, als ich unter den schattigen Bäumen mir zu thun machte, daß die Lydia innerhalb einer kurzen Stunde drei Mal herkam, ohne daß sie etwas da zu thun oder auszurichten hatte. Das erste Mal setzte sie sich auf einen umgestürzten Korb und aß ein kleines Körbchen voll rother Kirschen auf, indem sie fortwährend mit mir plauderte und mich zum Reden veranlaßte. Das andere Mal kam sie und rückte den Korb ganz nahe an das Rosen¬ bäumchen, das ich eben säuberte, setzte sich aber¬ mals darauf und nähete ein weißes seidenes Band auf ein zierliches Nachthäubchen oder was es war; denn genau konnte ich es nicht unter¬ scheiden, da ich diesmal kaum hinsah und ihr nur wenig Bescheid gab, indem ich etwas ver¬ legen wurde. Sie ging bald wieder fort und kam zum dritten Male mit einem feinen kunstvoll in Elfenbein gearbeiteten Geduldspiel aus China, packte den alten Korb und schleppte ihn wieder weg, indem sie sich in einiger Entfernung darauf setzte, mir den Rücken zuwendend, und ganz still das Spiel zu lösen versuchte. Ich blickte jetzt unverwandt nach ihr hin, bis sie, das Spielzeug in die Tasche steckend, unversehens sich erhob und einen seltsamen wohllautenden Triller singend davon ging, ohne sich wieder nach mir umzu¬ sehen. Dies alles wollte mir nicht klar sein noch einleuchten, und meine Seele rümpfte leise die Nase zu diesem Thun; aber von Stund an war ich verliebt in Lydia.« »In der wunderbarsten gelinden Aufregung ließ ich mein Bäumchen stehen, holte die Dop¬ pelbüchse und streifte in den Abend hinaus weit in die Wildniß. Viele Thiere sah ich wohl, aber alle vergaß ich zu schießen; denn wie ich auf eines anschlagen wollte, dachte ich wieder an das Benehmen dieser Dame und verlor so das Thier aus den Augen.« »Was will sie von dir, dachte ich, und was soll das heißen? Indem ich aber hierüber hin- und hersann, entstand und lohete schon eine große Dankbarkeit in mir für alles Mögliche und Unmögliche, was irgend in dem Vorfalle liegen mochte, wogegen mein Ordnungssinn und das Bewußtsein meiner geringen und wenig an¬ muthigen Person den widerwärtigsten Streit erhob. Als ich hieraus nicht klug wurde, verfielen meine Gedanken plötzlich auf den Ausweg, daß diese scheinbar so schöne und tüchtige Frau am Ende ganz einfach ein leichtfertiges und verbuhltes Wesen sei, das sich zu schaffen mache, mit wem es sei, und selbst mit einem armen Unterofficier eine schlechte Geschichte anzuheben nicht verschmähe. Diese verwünschte Ansicht that mir so weh und traf mich so unvermuthet, daß ich wuthentbrannt einen ungeheuren rauhen Eber niederschoß, der eben durch die hohen Bergkräuter hergegrunzt kam, und meine Kugel saß fast gleichzeitig und eben so unvermuthet und unwillkommen in seinem Gehirn, wie jener niederträchtige Gedanke in dem meinigen, und schon war mir zu Muthe, als ob das wilde Thier noch zu beneiden wäre um seine Errungenschaft im Vergleich zu der meinigen. Ich setzte mich auf die todte Bestie; vor meinen Gedanken ging die schöne Gestalt vorüber und ich sah sie deutlich, wie sie die drei Male gekommen war mit jeder ihrer Bewe¬ gungen und jedes Wort tönte noch nach. Aber merkwürdiger Weise ging dies gute Gedächtniß noch über diesen Tag hinaus und zurück über¬ haupt bis auf den ersten Tag, wo ich sie gese¬ hen, den ganzen Zeitraum hindurch, wo ich doch gänzlich ruhig gewesen. Wie man bei ganz durchsichtiger Luft, wenn es Regen geben will, an entfernten Bergen viele Einzelnheiten deutlich sieht, die man sonst nicht wahrnimmt, und in stiller Nacht die fernsten Glocken schlagen hört, so entdeckte ich jetzt mit Verwunderung, daß aus jenem ganzen Zeitraume jede Art und Wendung ihrer Erscheinung, jedes einzelne Auftreten sich ohne mein Wissen mir eingeprägt hatte, und fast jedes ihrer Worte, selbst das gleichgültigste und vorübergehendste, hörte ich mit klar vernehmlichem Ausdruck in der Stille dieser Wildniß wieder tönen. Diese sämmtliche Herrlichkeit hatte also gleichsam schlafend oder heimlicherweise sich in mir aufgehalten und der heutige Vorgang hatte nur den Riegel davor weggeschoben oder eine Fackel in ein Bund Stroh geworfen. Ich ver¬ gaß über diesen Dingen wieder meinen schlechten Zorn und beschäftigte mich rückhaltlos mit der Ausbeutung meines guten Gedächtnisses und schenkte demselben nicht den kleinsten Zug, den es mir von dem Bilde Lydias irgend liefern konnte. Auf diese Weise schlenderte ich denn auch wieder der Behausung zu und überließ mich allem diesen angenehmen Vorstellungen; jedoch vermochte ich nun nicht mehr so unbefangen und ruhig in ihrer Nähe zu sein, und da ich nichts anderes anzufangen wußte noch gesonnen war, so vermied ich möglichst jeden Verkehr mit ihr, um desto eifriger an sie zu denken. So ver¬ gingen drei oder vier Wochen, ohne daß etwas Weiteres vorfiel, als daß ich bemerkte, daß sie bei aller Zurückhaltung, die sie nun beobachtete, dennoch keine Gelegenheit versäumte, irgend etwas zu meinen Gunsten zu thun oder zu sagen, und sie fing an, mir völlig nach dem Munde oder zu Gefallen zu sprechen, da sie Ausdrücke brauchte, welche ich etwa gebraucht, und die Dinge so beurtheilte, wie ich es zu thun gewohnt war. Dies schien nun erst nichts besonderes, weil es mich eben von jeder angenehm dünkte, in ihr eben dieselben Ansichten vom Zweckmäßigen oder vom Verkehrten zu entdecken, deren ich mich selber befleißigte; auch lachte sie über dieselben Dinge, über welche ich lachen mußte, oder ärgerte sich über die nämlichen Unschicklichkeiten, so etwa vor¬ fielen. Aber zuletzt ward es so auffällig, daß sie mir, da ich kaum ein Wort mit ihr zu spre¬ chen hatte, zu Gefallen zu leben suchte und zwar nicht wie eine schelmische Kokette, sondern wie ein einfaches argloses Kind, daß ich in die größte Verwirrung gerieth und vollends nicht mehr wußte, wie ich mich stellen sollte. So fand ich denn, um mich zu salviren, unverfäng¬ lich mein Heil in meiner alten wohlhergestellten Schmollkunst und verhärtete mich vollkommen in derselben, zumal ich mich nichts weniger als glücklich fühlte in diesem sonderbaren Verhältniß. Nun schien sie wahrhaft bekümmert und nieder¬ geschlagen, kleinlaut und schüchtern zu werden, was zu ihrem sonstigen resoluten und tüchtigen Wesen eine verführerische Wirkung hervorbrachte, da man an den gewöhnlichen Weibern und je kleinlicher sie sind, desto weniger gewohnt ist, sie durch solche schüchterne Bescheidenheit glänzen und bestechen zu sehen. Vielmehr glauben sie, nichts stehe ihnen besser zu Gesicht, als eine schreckliche Sicherheit und Unverschämtheit. Da nun sogar noch der alte Gouverneur anfing, in einer mir unverständlichen und wenig delikaten Laune zu sticheln und zu scherzen und zehnmal des Tages sagte: Wahrhaftig, Lydia, Du bist verliebt in den Pankrazius! so ward mir das Ding zu bunt; denn ich hielt das für einen sehr schlechten Spaß, in Betreff auf seine Tochter für geschmacklos und vom ordinärsten Tone, in Be¬ zug auf mich aber für gewissenlos und roh, und ich war oft im Begriff, es ihm offen zu sagen und mich den Teufel um ihn weiter zu kümmern. Letzteres that ich auch in sofern, als ich mich Keller, die Leute von Seldwyla. l . 5 nun gänzlich zusammen nahm und in mich selber verschloß. Lydia wurde eintönig, ja sie schien nun sogar bleich und leidend zu werden, was mich tief bekümmerte, ohne daß ich daraus etwas Kluges zu machen wußte. Als sie aber trotz meines Verhaltens sogar wieder anfing, mir nachzugehen und sich fortwährend zu schaffen machte, wo ich mich aufhielt, gerieth ich in Ver¬ zweiflung und in der Verzweiflung begann ich, abgebrochene und ungeschickte Unterhaltungen mit ihr zu pflegen. Es war gar nichts, was wir sprachen, ganz unartikulirtes jämmerliches Zeug, als ob wir beide blödsinnig wären; allein beide schienen gar nicht hieran zu denken, sondern lachten uns an wie Kinder; denn auch ich ver¬ gaß darüber alles andere und war endlich froh, nur diese kurzen Reden mit ihr zu führen. Allein das Glück dauerte nie länger, als zwei Minuten, da wir den Faden aus Mangel an Ruhe und Besonnenheit sogleich wieder verloren und dann zwei Kindern glichen, die ein Perlenband aufge¬ zettelt haben und mit Betrübniß die schönen Perlen entgleiten sehen. Alsdann dauerte es wieder wochenlang, bis eine dieser großen Unter¬ nehmungen wieder gelang, und nie that ich den ersten Schritt dazu, da ich gleich darauf wieder nur bedacht war, mir nichts zu vergeben und keine Dummheiten zu begehen bei diesen etwas ungewöhnlichen Leuten. Hundertmal war ich entschlossen auf und davon zu gehen, allein die Zeit verging mir so eilig, daß ich die That im¬ mer wieder hinausschieben mußte. Denn meine Gedanken waren jetzt ausschließlich mit dieser Sache beschäftigt und es ging mir dabei äußerst seltsam.« »Mit den Büchern des Gouverneurs war ich endlich so ziemlich fertig geworden und wußte nichts mehr aus denselben zu lernen. Lydia, welche mich so oft lesen sah, benutzte diese Ge¬ legenheit und gab mir von den ihrigen. Dar¬ unter war ein dicker Band wie eine Handbibel und er sah auch ganz geistlich aus; denn er war in schwarzes Leder gebunden und vergoldet. Es waren aber lauter Schauspiele und Komödien darin mit der kleinsten englischen Schrift gedruckt. Dies Buch nannte man den Shakespeare, welches der Verfasser desselben und dessen Kopf auch vorne drin zu sehen war. Dieser verführerische falsche Prophet führte mich schön in die Patsche. Er schildert nämlich die Welt nach allen Seiten hin durchaus einzig und wahr wie sie ist, aber nur wie sie es in den ganzen Menschen ist, welche im Guten und im Schlechten das Metier ihres Daseins und ihrer Neigungen vollständig und charakteristisch betreiben und dabei durch¬ sichtig wie Krystall, jeder vom reinsten Wasser in seiner Art, so daß, wenn schlechte Skribenten die Welt der Mittelmäßigkeit und farblosen Halb¬ heit beherrschen und malen und dadurch Schwach¬ köpfe in die Irre führen und mit tausend unbedeutenden Täuschungen anfüllen, dieser hin¬ gegen eben die Welt des Ganzen und Gelun¬ genen in seiner Art, d. h. wie es sein soll, beherrscht und dadurch gute Köpfe in die Irre führt, wenn sie in der Welt dies wesentliche Leben zu sehen und wiederzufinden glauben. Ach es ist schon in der Welt, aber nur niemals da, wo wir eben sind oder dann, wann wir leben. Es giebt noch verwegene schlimme Weiber genug, aber ohne den schönen Nachtwandel der Lady Macbeth und das bange Reiben der kleinen Hand. Die Giftmischerinnen, die wir treffen, sind nur frech und reulos und schreiben gar noch ihre Geschichte oder legen einen Kramladen an, wenn sie ihre Strafe überstanden. Es giebt noch Leute genug, die wähnen Hamlet zu sein und sie rüh¬ men sich dessen, ohne eine Ahnung zu haben von den großen Herzensgründen eines wahren Hamlet. Hier ist ein Blutmensch ohne Macbeths dämo¬ nische und doch wieder so menschliche Mannhaf¬ tigkeit und dort ein Richard der Dritte ohne dessen Witz und Beredtsamkeit. Hier ist eine Porzia, die nicht schön, dort eine, die nicht geist¬ reich, dort wieder eine die geistreich aber nicht klug ist und wohl versteht, Leute unglücklich zu machen, nicht aber sich selbst zu beglücken. Un¬ sere Shyloks möchten uns wohl das Fleisch aus¬ schneiden, aber sie werden nun und nimmer eine Baarauslage zu diesem Behuf wagen, und unsere Kaufleute von Venedig gerathen nicht wegen eines lustigen Habenichts von Freund in Gefahr, sondern wegen einfältigen Actienschwindels und halten dann nicht im mindesten so schöne melan¬ cholische Reden, sondern machen ein ganz dummes Gesicht dazu. Doch eigentlich sind, wie gesagt, alle solche Leute wohl in der Welt, aber nicht so hübsch beisammen, wie in jenen Gedichten; nie trifft ein ganzer Schurke auf einen ganzen wehrbaren Mann, nie ein vollständiger Narr auf einen unbedingt klugen Fröhlichen, so daß es zu keinem rechten Trauerspiel und zu keiner guten Komödie kommen kann.« »Ich aber las nun die ganze Nacht in die¬ sem Buche und verfing mich ganz in demselben, da es mir gar so gründlich und sachgemäß ge¬ schrieben schien und mir außerdem eine solche Arbeit eben so neu als verdienstlich vorkam. Weil nun alles übrige so trefflich, wahr und ganz erschien und ich es für die eigentliche und richtige Welt hielt, so verließ ich mich insbeson¬ dere auch bei den Weibern, die es vorbrachte, ganz auf ihn, verlockt und geleitet von dem schönen Sterne Lydia, und ich glaubte, hier ginge mir ein Licht auf und sei die Lösung meiner zweifelvollen Verwirrung und Qual zu finden.« »Gut! dachte ich, wenn ich diese schönen Bilder der Desdemona, der Helena, der Imogen und anderer sah, die alle aus der hohen Selbst¬ herrlichkeit ihres Frauenthums heraus so selt¬ samen Käuzen nachgingen und anhingen, rück¬ haltlos wie unschuldige Kinder, edel, stark und treu wie Helden, unwandelbar und treu wie die Sterne des Himmels: gut! hier haben wir un¬ seren Fall! Denn nichts anderes als ein sol¬ ches festes, schöngebautes und gradausfahrendes Frauenfahrzeug ist diese Lydia, die ihren Anker nur einmal und dann in eine unergründliche Tiefe auswirft und wohl weiß was sie will. Diese Meinung ging gleich einer strahlenden heißen Sonne in mir auf und in deren Licht sah ich nun jede Bewegung und jede kleinste Handlung, jedes Wort des schönen Geschöpfes, und es dauerte nicht lange, so überbot sie in meinen Augen alles, was der gute Dichter mit seiner mächtigen Einbildungskraft erfunden, da dies lebendige Gedicht im Lichte der Sonne um¬ herging in Fleisch und Blut, mit wirklichen Herzschlägen und einem thatsächlichen Nacken voll goldener Locken.« »Das unheimliche Räthsel war nun gelöst und ich hatte nichts weiter zu thun, als mich in diese mit dem Shakespeare in die Wette zu¬ sammengedichtete Seligkeit zu finden und mit Mühe meine geringfügige und unliebliche Person für eine solche Laune des Schicksals oder des königlich großmüthigen Frauengemüthes einiger¬ maßen leidlich zurecht zu stutzen mittelst hundert¬ facher Pläne und Aussichten, welche sich an das große schöne Luftschloß anbaueten. Die unend¬ liche Dankbarkeit und Verehrung, welche ich sol¬ chergestalt gegen die Geliebte empfand, hatte allerdings zum guten Theil ihren Grund in meiner sich geschmeichelt fühlenden Eigenliebe; aber gewiß auch zum noch größeren Theil darin, daß diese Erklärungsweise die einzige war, welche mir möglich schien, ohne dies theuerste Wesen verachten und bemitleiden zu müssen; denn eine hohe Achtung, die ich für sie empfand, war mir zum Lebensbedürfniß geworden und mein Herz zitterte vor ihr, das noch vor keinem Menschen und vor keinem wilden Thiere gezittert hatte.« »So ging ich wohl ein halbes Jahr lang herum wie ein Nachtwandler, von Träumen so voll hängend, wie ein Baum voll Äpfel, alles, ohne mit Lydia um einen Schritt weiter zu kommen. Ich fürchtete mich vor dem kleinsten möglichen Ereigniß, etwa wie ein guter Christ vor dem Tode, den er zagend scheut, obgleich er durch selbigen in die ewige Seligkeit einzu¬ gehen gewiß ist. Desto bunter ging es in meinem Gehirn zu und die Ereignisse und auf¬ regendsten Geschichten, alles aufs schönste und unzweifelhafteste sich begebend, drängten und blüh¬ ten da durcheinander. Ich versäumte meine Ge¬ schäfte und war zu nichts zu brauchen. Das Ärgste war mir, wenn ich stundenlang mit dem Alten Schach spielen mußte, wo ich dann ge¬ zwungen war, meine Aufmerksamkeit an das Spiel zu fesseln, und die einzige Muße für meine schweren Liebesgedanken gewährte mir die kurze Zeit, wenn ein Spiel zu Ende war und die Figuren wieder aufgestellt wurden. Ich ließ mich daher sobald als immer möglich, ohne daß es zu sehr auffiel, matt machen und hielt mich so lange mit dem Aufstellen des Königs und der Königin, der Läufer, Springer und Bauern auf und rückte so lange an den Thürmen hin und her, daß der Gouverneur glaubte, ich sei kin¬ disch geworden und tändle mit den Figürchen zu meinem Vergnügen.« »Endlich aber drohete meine ganze Existenz 5 * sich in müssige Traumseligkeit aufzulösen und ich lief Gefahr ein Tollhäusler zu werden. Zudem war ich trotz aller dieser goldenen Luftschlösser unsäglich kleinmüthig und traurig, da, ehe das letzte Wort gesprochen ist, die solchen wuchernden Träumen gegenüber immer zurückstehende Wirk¬ lichkeit niederschlägt und die leibhafte Gegenwart etwas Abkühlendes und Abwehrendes behält. Es ist das gewissermaßen die schützende Dornenrüstung, womit sich die schöne Rose des körperlichen Le¬ bens umgiebt. Je freundlicher und zuthulicher Lydia war, desto ungewisser und zweifelhafter wurde ich, weil ich an mir selbst entnahm, wie schwer es Einem möglich wird, eine wirk¬ liche Liebe zu zeigen, ohne sie ganz bei ihrem Namen zu nennen. Nur wenn sie streng, traurig und leidend schien, schöpfte ich wieder einen halben Grund zu einer vernünftigen Hoffnung, aber dies quälte mich alsdann noch viel tiefer und ich hielt mich nicht werth, daß sie nur eine schlimme Minute um meinetwillen erleiden sollte, der ich gern den Kopf unter ihre Füße gelegt hätte. Dann ärgerte ich mich wieder, daß sie, um guter Dinge zu sein, verlangte, ich sollte etwa aussehen wie ein verliebter närrischer Schnei¬ der, da ich doch kein solcher war und ich auf meine Weise schon gedachte, beweglich zu werden zu ihrem Wohlgefallen. Kurz, ich ging einer gänzlichen Confusion entgegen, war nicht mehr im Stande ein einziges Geschäft ordnungsgemäß zu verrichten und lief Gefahr, als Militär rück¬ wärts zu kommen oder gar verabschiedet zu wer¬ den, wenn ich nicht als ein abhängiger dienstbarer Lückenbüßer, der zu weiter nichts zu brauchen, mich an das Haus des Gouverneurs hängen wollte.« »Als daher die Engländer in bedenkliche Feindseligkeiten mit indischen Völkern geriethen und ein Feldzug eröffnet wurde, der nachher ziemlich blutig für sie ausfiel, entschloß ich mich kurz und trat wieder in meine Compagnie als guter Combattant, vom Gouverneur meinen Ab¬ schied nehmend. Derselbe wollte zwar nichts davon wissen, sondern polterte, bat und schmei¬ chelte mir, daß ich bleiben möchte, wie alle solche Leute, die glauben, Alles stehe mit seinem Leib und Leben, mit seinem Wohl und Wehe nur zu ihrer Verfügung da, um ihnen die Zeit zu ver¬ treiben und zur Bequemlichkeit zu dienen. Lydia hingegen ließ sich während der drei oder vier Tage, während welcher von meinem Abzug die Rede war, kaum sehen. Geschah es aber, so sah sie mich nicht an oder warf einen kurzen Blick voll Zornes auf mich, wie es schien; aber nur das Auge schien zornig, ihr Gang und ihre übrigen Bewegungen waren dabei so still, edel und an sich haltend, daß dieser schöne Zorn mir das Herz zerriß. Auch hörte ich, daß sie des Morgens sehr spät zum Vorschein käme und daß man sich darüber den Kopf zerbräche; denn es deutete darauf, daß sie des Nachts nicht schlafe, und als ich sie am letzten Tage zufällig hinter ihrem Fenster sah, glaubte ich zu bemerken, daß sie ganz verweinte Augen hatte; auch zog sie sich schnell zurück, als ich vorüberging. Nichts¬ destominder schritt ich meinen steifen Feldwebels¬ gang ruhig fort und verrichtete noch alles, we¬ der rechts noch links sehend. So ging ich auch gegen Abend mit einem Burschen noch einmal durch die Pflanzungen, um ihm die Obhut der¬ selben einigermaßen zu zeigen und ihn so gut es ging zu einem provisorischen Gärtner zuzu¬ stutzen, bis sich ein tauglicheres Subjekt zeigen würde. Wir standen eben in einem schlanken hohen Rosenwäldchen, das ich gezogen hatte; die Bäumchen standen just in der Höhe des Gesich¬ tes eines Menschen, und so nahe, daß wenn man darin herum ging, die Rosen Einem an der Nase streiften, was sehr artig und bequem war und wozu der Gouverneur sehr gelacht hatte, da er sich nun nicht mehr zu bücken brauchte um an den Rosen zu riechen. Als ich den Bur¬ schen meine Anweisungen ertheilte, kam Lydia herbei und schickte ihn mit irgend einem Auftrage weg, und indem sie gleich mitzugehen Willens schien, zögerte sie doch eine kurze Zeit, einige Rosen brechend, bis der Diener weg war. Ich zerrte ebenfalls noch ein Weilchen an einem Zweige herum und wie ich mich umdrehte, um zu gehen, sah ich, daß ihr Thränen aus den Augen fielen. Ich hatte Mühe mich zu bezwin¬ gen; doch that ich als ob ich nichts gesehen, und eilte hinweg. Doch kaum war ich zehn Schritte gegangen, als ich hörte und fühlte, wie sie, bald laufend, bald stehen bleibend, hinter mir herkam, und so eine ganze Strecke weit. Ich hielt dies nicht mehr aus, wandte mich plötzlich um und sagte zu ihr, die kaum noch drei Schritte von mir entfernt war: »Warum gehen Sie mir nach, Fräulein?« »Sie stand still, wie von einer Schlange er¬ schreckt, und wurde, den Blick zur Erde gesenkt, glühendroth im Gesicht; dann wurde sie bleich und weiß und zitterte am ganzen Leibe, während sie die großen blauen Augen zu mir aufschlug und nicht ein Wort hervorbrachte. Endlich sagte sie mit einer Stimme, in welchen empör¬ ter Stolz mit gern ertragener Demüthigung rang: »Ich denke, ich kann in meinem Besitzthume herumgehen, wo ich will!« »Gewiß!« erwiederte ich kleinlaut und setzte meinen Weg fort. Sie war jetzt an meiner Seite und ging neben mir her. Ich ging aber in meiner heftigen Aufregung mit so langen und raschen Schritten, daß sie trotz ihrer kräftigen Bewegungen mir mit Mühe folgen konnte und doch that sie es. Ich sah sie mehrmals groß an von der Seite und sah, daß ihr die Augen wieder voll Wasser standen, indessen dieselben wie kummervoll und demüthig auf den Boden gerichtet waren. Mir brannte es ebenfalls sie¬ dendheiß im Gesicht und meine Augen wurden auch naß. Die Sache stand jetzt dergestalt auf der Spitze, daß ich entweder eine Dummheit oder eine Gewissenlosigkeit zu begehen im Begriff war, wovon ich weder das Eine noch das Andere zu thun gesonnen war. Doch dachte ich, indem ich so neben ihr herschritt, in meinen armen Gedan¬ ken: Wenn dies Weib dich liebt und du jemals mit Ehren an ihre Hand gelangest, so sollst du ihr auch dienen bis in den Tod, und wenn sie der Teufel selbst wäre! »Indem erreichten wir eine Stätte, wo ein oder zwei Dutzend Orangenbäume standen und die Luft mit Wohlgeruch erfüllten, während ein süßer frischer Lufthauch durch die reinlichen edel¬ geformten Stämmchen wehte. Ich glaube diesen bethörenden Hauch und Duft noch jetzt zu füh¬ len, wenn ich daran denke; wahrscheinlich übte er eine ähnliche Wirkung auf das Geschöpf, das neben mir ging, daß es seine wundersame Lei¬ denschaft, welche die Liebe zu sich selbst war, so auf's äußerste empfand und darstellte, als ob es eine wirkliche Liebe zu einem Manne wäre; denn sie ließ sich auf eine Bank unter den Orangen nieder und senkte das schöne Haupt auf die Hände; die goldenen Haare fielen darüber und reiche Thränen quollen durch ihre Finger. »Ich stand vor ihr still und sagte mit ver¬ sagender Stimme: »Was wollen Sie denn, was ist Ihnen, Fräulein Lydia?« »Was wollen Sie denn!« sagte sie »ist es je erhört, eine schöne und feine Dame so zu quälen und zu mißhandeln! Aus welchem bar¬ barischen Lande kommen Sie denn? Was tra¬ gen Sie für ein Stück Holz in der Brust?« »Wie quäle, wie mißhandle ich denn?« er¬ wiederte ich unschlüssig und betreten; denn ob¬ gleich sie einen guten Sinn haben konnte, schien mir diese Sprache dennoch nicht die rechte zu sein. »Sie sind ein grober und übermüthiger Mensch!« sagte sie, ohne aufzublicken. Nun konnte ich nicht mehr an mich halten und erwiederte: »Sie würden dies nicht sagen, mein Fräulein, wenn Sie wüßten, wie wenig grob und übermüthig ich in meinem Herzen gegen Sie gesinnt bin! Und es ist gerade meine große Höflichkeit und Demuth, welche —« »Sie blickte, als ich wieder verstummte, auf, und das Gesicht mit einem schmerzlichen, bitten¬ den Lächeln aufgehellt, sagte sie hastig: »Nun?« Wobei sie mir einen Blick zuwarf, der mich jetzt um den letzten Rest von Überlegung brachte. Ich, der ich es nie für möglich gehalten hätte, selbst dem geliebtesten Weibe zu Füßen zu fallen, da ich solches für eine Thorheit und Ziererei hielt, ich wußte jetzt nicht, wie ich dazu kam, plötzlich vor ihr zu liegen und meinen Kopf ganz hingegeben und zerknirscht in den Saum ihres Gewandes zu verbergen, den ich mit heißen Thränen benetzte. Sie stieß mich jedoch augen¬ blicklich zurück und hieß mich aufstehen; doch als ich dies that, hatte sich ihr Lächeln noch ver¬ mehrt und verschönert und ich rief nun: Ja — so will ich es Ihnen nur sagen und so weiter und erzählte ihr meine ganze Geschichte mit einer Beredtsamkeit, die ich mir kaum je zuge¬ traut. Sie horchte begierig auf, während ich ihr gar nichts verschwieg vom Anfang bis zu dieser Stunde und besonders ihr auch aus über¬ strömendem Herzen das Bild entwarf, das von ihr in meiner Seele lebte und wie ich es seit Keller, die Leute von Seldwyla. l . 6 einem halben Jahre oder mehr so emsig und treu ausgearbeitet und vollendet. Sie lachte, vor sich niedersehend und lauschend die Hand unter das Kinn stützend, voll Zufriedenheit und sah immer mehr einem seligen Kinde gleich, dem man ein gewünschtes Zuckerzeug gegeben, als sie hörte und vernahm, wie nicht einer ihrer Vor¬ züge und Reize, und nicht eines ihrer Worte bei mir verloren gegangen war. Dann reichte sie mir die Hand hin und sagte, freundlich er¬ röthend, doch mit zufriedener Sicherheit: »Ich danke Ihnen sehr, mein Freund, für Ihre herz¬ liche Zuneigung! Glauben Sie, es schmerzt mich, daß Sie um meinetwillen so lange besorgt und eingenommen waren; aber Sie sind ein ganzer Mann und ich muß Sie achten, da Sie einer so schönen und tiefen Neigung fähig sind!« Diese ruhige Rede fiel zwar wie ein Stück Eis in mein heißes Blut; doch dachte ich so¬ gleich, es ihr wohl und von Herzen zu gönnen, wenn sie jetzt die gefaßte und sich zierende Dame machen wollte und mich in alles zu ergeben, was sie auch vornehmen und welchen Ton sie auch anschlagen würde. Doch erwiederte ich bekümmert: »Wer spricht denn von mir, schöne, schöne Lydia! Was hat Alles, was ich leide oder nicht leide, erlitten habe oder noch erleiden werde, zu sagen, gegen¬ über auch nur Einer unmuthigen oder gequälten Minute, die Sie erleiden? Wie kann ich un¬ werther und ungefügiger Geselle eine solche je ersetzen oder vergüten?« »Nun,« sagte sie, immer vor sich nieder¬ bückend und immer noch lächelnd, doch schon in einer etwas veränderten Weise, »nun, ich muß allerdings gestehen, daß mich Ihr schroffes und ungeschicktes Benehmen sehr geärgert und sogar gequält hat; denn ich war an so etwas nicht gewöhnt, vielmehr daß ich überall, wo ich hin¬ kam, Artigkeit und Ergebenheit um mich ver¬ breitete. Ihre scheinbare grobe Fühllosigkeit hat mich ganz schändlich geärgert, sage ich Ihnen, und um so mehr, als mein Vater und ich viel auf Sie hielten. Um so lieber ist es mir nun, zu sehen, daß Sie doch auch ein bischen Gemüth haben, und besonders, daß ich an mei¬ nem eigenen Werthe nicht länger zu zweifeln brauche; denn was mich am meisten kränkte, 6 * war dieser Zweifel an mir selbst, an meinem persönlichen Wesen, der in mir sich zu regen begann. Übrigens, bester Freund, empfinde ich keine Neigung zu Ihnen, so wenig als zu je¬ mand Anderm, und hoffe, daß Sie sich mit aller Hingebung und Artigkeit, die Sie so eben beur¬ kundet, in das Unabänderliche fügen werden, ohne mir gram zu sein!« »Wenn sie geglaubt, daß ich nach dieser un¬ befangenen Eröffnung gänzlich rath- und wehrlos vor ihr darnieder liegen werde, so hatte sie sich getäuscht. Vor dem vermeintlich guten und liebe¬ vollen Weibe hatte mein Herz gezittert, vor dem wilden Thiere dieser falschen gefährlichen Selbst¬ sucht zitterte ich so wenig mehr, als ich es vor Tigern und Schlangen zu thun gewohnt war. Im Gegentheil, anstatt verwirrt und verzweifelt zu sein und die Täuschung nicht aufgeben zu wol¬ len, wie es sonst wohl geschieht in dergleichen Auftritten, war ich plötzlich so kalt und besonnen, wie nur ein Mann es sein kann, der auf das schmählichste beleidigt und beschimpft worden ist, oder wie ein Jäger es sein kann, der statt eines edlen scheuen Rehes urplötzlich eine wilde Sau vor sich sieht. Ein seltsam gemischtes, unheim¬ liches Gefühl von Kälte freilich, wenn ich bei alledem die Schönheit ansehen mußte, die da vor mir glänzte. Doch dieses ist das unheimliche Geheimniß der Schönheit.« »Indessen, wäre ich nicht von der Sonne ganz braun gebrannt gewesen, so würde ich jetzt den¬ noch so weiß ausgesehen haben, wie die Orange¬ blüthen über mir, als ich ihr nach einigem Schwei¬ gen erwiederte: »Und also um Ihren edlen Glau¬ ben an Ihre Persönlichkeit herzustellen war es Ihnen möglich, alle Zeichen der reinen und tiefen Liebe und Selbstentäußerung zu verwenden? Zu diesem Zwecke gingen Sie mir nach, wie ein un¬ schuldiges Kind, das seine Mutter sucht, redeten Sie mir fortwährend nach dem Munde, wurden Sie bleich und leidend, vergossen Sie Thränen und zeigten eine so goldene und rückhaltlose Freude, wenn ich mit Ihnen nur ein Wort sprach?« »Wenn es so ausgesehen hat, was ich that,« sagte sie noch immer selbstzufrieden, »so wird es wohl so sein. Sie sind wohl ein wenig böse, eitler Mann! daß Sie nun doch nicht der Ge¬ genstand einer gar so demuthvollen und gränzen¬ losen weiblichen Hingebung sind? daß ich Ärmste nicht das sehnlich blöckende Lämmlein bin, für das Sie mich in Ihrer Vergnügtheit gehalten?« »Ich war nicht vergnügt, Fräulein!« erwie¬ derte ich. »Indessen wenn die Götter, wenn Christus selbst einer unendlichen Liebe zu den Menschen vielfach sich hingaben, und wenn die Menschheit von jeher ihr höchstes Glück darin fand, dieser rückhaltlosen Liebe der Götter werth zu sein und ihr nachzugehen: warum sollte ich mich schämen, mich ähnlich geliebt gewähnt zu haben? Nein, Fräulein Lydia! ich rechne es mir sogar zur Ehre an, daß ich mich von Ihnen fan¬ gen ließ, daß ich eher an die einfache Liebe und Güte eines unbefangenen Gemüthes glaubte, bei so klaren und entschiedenen Zeichen, als daß ich verdorbener Weise nichts als eine einfältige Ko¬ mödie dahinter gefürchtet. Denn einfältig ist die Geschichte! Welche Garantie haben Sie denn nun für Ihren Glauben an sich selbst, da Sie solche Mittel angewendet, um nur den ärmsten und unansehnlichsten aller Feldwebel zu gewinnen, Sie, die schöne und vornehme englische Dame?« »Welche Garantie?« antwortete Lydia, die nun allmälig blaß und verlegen wurde, »ei! Ihre verliebte Neigung, zu deren Erklärung ich Sie endlich gezwungen habe! Sie werden mir doch nicht läugnen wollen, daß Sie hingerissen waren und mir so eben erzählten, wie ich Ihnen von jeher gefallen? Warum ließen Sie das in Ihrer Grobheit nicht ein klein Weniges merken, so wie es dem schlichtesten und anspruchlosesten Menschen wohl ansteht, und wenn er ein Schafhirt wäre, so würde uns diese ganze Komödie, wie Sie es nennen, erspart worden sein und ich hätte mich begnügt!« »Hätten Sie mich in meiner Ruhe gelassen, meine Schöne,« erwiederte ich, »so hätten Sie mehr gewonnen. Denn Sie scheinen zu vergessen, daß dies Wohlgefallen sich jetzt nothwendig in sein Gegentheil verkehren muß, zu meinen eigenen Schmerzen!« »Hilft Ihnen nichts,« sagte sie, »ich weiß einmal, daß ich Ihnen wohlgefallen habe und mithin im Blute stecke! Ich habe Ihr Ge¬ ständniß angehört und bin meiner Eroberung ver¬ sichert. Alles übrige ist gleichgültig; so geht es zu, bester Herr Pankrazius, und so werden die¬ jenigen bestraft, die sich vergehen im Reiche der Königin Schönheit!« »Das heißt,« sagte ich, »es scheint dies Reich eher einer Zigeunerbande zu gleichen. Wie kön¬ nen Sie eine Feder auf den Hut stecken, die Sie gestohlen haben, wie eine gemeine Ladendiebin? gegen den Willen des Eigenthümers?« Sie antwortete: »Auf diesem Felde, bester Herr Eigenthümer, gereicht der Diebstahl der Diebin zum Ruhm, und Ihr Zorn beweist nur auf's Neue, wie gut ich Sie getroffen habe!« So zankten wir noch eine gute halbe Stunde herum in dem süßen Orangenhaine, aber mit bittern harten Worten, und ich suchte vergeblich ihr begreiflich zu machen, wie diese abgestohlene und erschlichene Liebesgeschichte durchaus nicht den Werth für sie haben könnte, den sie ihr beilegte. Ich führte diesen Beweis wahrlich nicht aus phi¬ listerhafter Verletztheit und Grobheit, sondern um irgend einen Funken vom Gefühl ihres Unrechtes und der Unsittlichkeit ihrer Handlungsweise in ihr zu erwecken. Aber umsonst! Sie wollte nicht einsehen, daß eine rechte Gemüthsverfassung erst dann in der vollen und rückhaltlosen Liebe aufflammt, wenn sie Grund zur Hoffnung zu haben glaubt, und daß also diesen Grund zu geben, ohne etwas zu fühlen, immer ein grober und unsittlicher Betrug bleibt, und um so gewissenloser, als der Betrogene einfacher, ehrlicher und argloser Art ist. Immer kam sie auf das Faktum meiner Lie¬ beserklärung zurück, und zwar warf sie, die sonst ein so gesundes und schönes Urtheil hatte, die unsinnigsten, kleinlichsten und unanständigsten Re¬ den und Argumente durcheinander und that einen wahren Kindskopf kund. Während der ganzen Jahre unseres Zusammenseins hatte ich nicht so viel mit ihr gesprochen, wie in dieser letzten zän¬ kischen Stunde, und nun sah ich, o gerechter Gott! daß es ein Weib war von einem groß angelegten Wesen, mit den Manieren, Bewe¬ gungen und Kennzeichen eines wirklich noblen und seltenen Weibes, und bei alledem mit dem Ge¬ hirn — einer ganz gewöhnlichen Soubrette, wie ich sie nachmalen zu Dutzenden gesehen habe auf den Vaudevilletheatern zu Paris! Während die¬ ses Zankes aber verschlang ich sie dennoch fort¬ während mit den Augen und ihre unbegreifliche grundlose, so persönlich scheinende Schönheit quälte mein Herz in die Wette mit dem Wortwechsel, den wir führten. Als sie aber zuletzt ganz sinn¬ lose und unverschämte Dinge sagte, rief ich, in bittere Thränen ausbrechend: »O Fräulein! Sie sind ja der größte Esel, den ich je gesehen habe!« Sie schüttelte heftig die Wucht ihrer Locken und sah bleich und erstaunt zu mir auf, wobei ein wilder schiefer Zug um ihren sonst so schönen Mund schwebte. Es sollte wohl ein höhnisches Lächeln sein, ward aber zu einem Zeichen selt¬ samer Verlegenheit. »Ja,« sagte ich, mit den Fäusten meine Thrä¬ nen zerreibend, »nur wir Männer können sonst Esel sein, dies ist unser Vorrecht, und wenn ich Sie auch so nenne, so ist es noch eine Art Aus¬ zeichnung und Ehre für Sie. Wären Sie nur ein Bischen gewöhnlicher und geringer, so würde ich Sie einfach eine schlechte Gans schelten!« Mit diesen Worten wandte ich mich endlich von ihr ab und ging, ohne ferner nach ihr hin¬ zublicken, aber mit dem Gefühle, daß ich das, was mir jemals in meinem Leben von reinem Glück beschieden sein mochte, jetzt für immer hinter mir lasse, und daß es jetzt vorbei wäre mit mei¬ ner artigen Frömmigkeit in der Liebe. »Das hast du nun von deinem unglückseligen Schmollwesen!« sagte ich zu mir selbst, »hättest du von Anbeginn zuweilen nur halb so lange mit ihr freundlich gesprochen, so hätte es dir nicht verborgen bleiben können, weß Geistes Kind sie ist, und du hättest dich nicht so gröblich getäuscht! Fahr hin und zerfließe denn, du schönes Luft¬ schloß!« Als ich mich nun mit zerrissenen Gedanken vom Gouverneur verabschiedete, sah mich derselbe vergnüglich und verschmitzt an und blinzelte spöt¬ tisch mit den Augen. Ich merkte, daß er mir meine Affaire ansah, überhaupt dieselbe von jeher beobachtet hatte und eine Art von schadenfrohem Spaß daran empfand. Da er sonst ein ganz biederer und honetter Mann war, so konnte das nichts anderes sein, als die einfältige Freude aller Philister an grausamen und schlechten Bra¬ tenspäßen. Im vorigen Jahrhundert belustigten sich große Herren daran, ihre Narren, Zwerge und sonstigen Untergebenen betrunken zu machen und dann mit Wasser zu begießen oder körperlich zu mißhandeln. Heutzutage wird dies bei den Gebildeten nicht mehr beliebt; dagegen unterhält man sich mit Vorliebe damit, allerlei feine Ver¬ wirrungen anzuzetteln, und je weniger solche Phi¬ listerseelen selber einer flotten und gründlichen Leidenschaft fähig sind, desto mehr fühlen sie das Bedürfniß, dergleichen mit mehr oder weniger plumpen Mitteln in denen zu erwecken, die dazu tauglich sind, in solche herzlos aufgestellten Mäuse¬ fallen zu gerathen. Wenn nun der Gouverneur seinerseits es nicht verschmähte, seine eigene Toch¬ ter als solche Mäusefalle zu verwenden, so war hiegegen nichts weiter zu sagen, und ich nahm, obschon noch ein guter Gepäckwagen abfuhr, eigen¬ sinnig meinen schweren Tornister und die Mus¬ quete auf den Rücken und führte einen zurück¬ gebliebenen Trupp in die Nacht hinaus dem Re¬ gimente nach, das schon in der Frühe abmar¬ schirt war.« »Ich sah mich nach einem mühseligen und heißen Marsch nun in eine neue Welt versetzt, als die Kampagne eröffnet war und die Truppen der ostindischen Kompagnie sich mit den wilden Bergstämmen an der äußersten Grenze des indo¬ brittischen Reiches herumschlugen. Einzelne Kom¬ pagnieen unsers Regimentes waren fortwährend vorgeschoben; eines Tages aber wurde die mei¬ nige so mörderlich umzingelt, daß wir uns mit¬ ten in einem Knäuel von banditenähnlichen Rei¬ tern, Elephanten und sonderbaren bemalten und vergoldeten Wagen befanden, auf denen stille schöne hindostanische Scheinfürsten saßen, von den wilden Häuptlingen als Puppen mitgeführt. Un¬ sere sämmtlichen Offiziere fielen an diesem Tage und die Kompagnie schmolz auf ein Drittel zu¬ sammen. Da ich mich ordentlich hielt und einige Dienste leistete, so erlangte ich das Patent des ersten Lieutenants der Kompagnie und nach Be¬ endigung des Feldzuges war ich deren Kapitän.« »Als solcher hielt ich mit etwa hundert und funfzig Mann zwei Jahre lang einen kleinen Grenzbezirk besetzt, welcher zur Arrondirung un¬ sers Gebietes erobert worden, und war während dieser Zeit der oberste Machthaber in dieser heid¬ nischen Wildniß. Ich war nun so einsam, als ich je in meinem Leben gewesen, mißtrauisch gegen alle Welt und ziemlich streng in meinem Ge¬ schäftsverkehr, ohne gerade böse oder ungerecht zu sein. Meine Hauptthätigkeit bestand darin, christliche Polizei einzuführen und unsern Reli¬ gionsleuten nachdrücklichen Schutz zu gewähren, damit sie ungefährdet arbeiten konnten. Haupt¬ sächlich aber hatte ich das Verbrennen der indi¬ schen Weiber zu verhüten, wenn ihre Männer gestorben, und da die Leute eine förmliche Sucht hatten, unserm englischen Verbote zu kontraveni¬ ren und einander bei lebendigem Leibe zu braten zu Ehren der Gattentreue, so mußten wir stets auf den Beinen sein, um dergleichen zu verhüten. Sie waren dann eben so mürrisch und mißver¬ gnügt, wie wenn hierzulande die Polizei ein unerlaubtes Vergnügen stört. Einmal hatten sie in einem entfernten Dorfe die Sache ganz schlau und heimlich so weit gebracht, daß der Scheiter¬ haufen schon lichterloh brannte, als ich athemlos herzugeritten kam und das Völkchen auseinander jagte. Auf dem Feuer lag die Leiche eines ur¬ alten gänzlich vertrockneten Gockelhahns, welcher schon ein wenig brenzelte. Neben ihm aber lag ein bildschönes Weibchen von kaum sechszehn Jahren, welches mit lächelndem Munde und sil¬ berner Stimme seine Gebete sang. Glücklicher Weise hatte das Geschöpfchen noch nicht Feuer gefangen und ich fand gerade noch Zeit, vom Pferde zu springen und sie bei den zierlichen Fü߬ chen zu packen und vom Holzstoß zu ziehen. Sie geberdete sich aber wie besessen und wollte durch¬ aus verbrannt sein mit ihrem alten Stänker, so daß ich die größte Mühe hatte, sie zu bändigen und zu beschwichtigen. Freilich gewannen diese armen Wittwen nicht viel durch solche Rettung; denn sie fielen nach denselben unter den Ihrigen der äußersten Schande und Verlassenheit anheim, ohne daß das Gouvernement etwas dafür that, ihnen das gerettete Leben auch leicht zu machen. Diese Kleine gelang es mir indessen zu versor¬ gen, indem ich ihr eine Aussteuer verschaffte und an einen getauften Hindu verheirathete, der bei uns diente, dem sie auch mit reiner Treue und ganzem Blute anhing.« »Allein diese wunderlichen Vorfälle beschäf¬ tigten meine Gedanken und erweckten allmälig in mir den Wunsch nach dem Genusse solcher un¬ bedingten Treue, und da ich für diese Phantasie kein Weib zu meiner Verfügung hatte, verfiel ich einer ganz weibischen Sehnsucht, selber so treu zu sein, und damit zugleich einer heißen Sehnsucht nach Lydia. Da ich nun Rang und gute Aus¬ sichten besaß, schien es mir nicht unmöglich, bei einem klugen Benehmen die schöne Person, falls sie noch zu haben wäre, dennoch erlangen zu können, und in dieser tollen Idee bestärkte mich noch der Umstand, daß sie sich doch so viel auf¬ richtige und sorgenvolle Mühe gegeben, mir den Kopf zu verdrehen. Irgend einen Werth mußt du doch, dachte ich, in ihren Augen gehabt haben, sonst hätte sie gewiß nicht gar viel daran gesetzt. Also gedacht, gethan; nämlich ich gerieth jetzt auf die fixe Idee, die Lydia, wenn sie mich möchte, zu heirathen, wie sie eben wäre, und ihr um ihrer schönen Persönlichkeit willen, für die es nichts Ähnliches gab, treu und ergeben zu sein ohne Schranken noch Ziel, und ihre Verkehrtheit und schlimmen Eigenschaften als eine Tugend zu be¬ trachten und dieselben zu ertragen, als ob sie das süßeste Zuckerbrot wären. Ja, ich phantasirte mich wieder so hinein, daß mir ihre Fehler, selbst ihre theilweise Dummheit zum wünschbarsten aller irdischen Güter wurden, und in tausend erfun¬ denen Variationen wandte ich dieselben hin und her und malte mir ein Leben aus, wie ein kluger und geschickter Mann die Verkehrtheiten und Män¬ gel einer liebenswürdigen Frau täglich und stünd¬ lich in eben so viel artige und erfreuliche Aben¬ teuer zu wandeln und ihren Dummheiten mittelst einer von Liebe und Treue getränkten Einbildungs¬ kraft einen goldenen Werth zu verleihen weiß, so daß sie lachend auf dieselben sich noch etwas zu gut thun kann. Der Teufel weiß, wo ich diese geschäftige Einbildungskraft hernahm, wahr¬ scheinlich immer noch aus dem unglücklichen Shake¬ speare, den mir die Hexe gegeben, und womit sie mich doppelt vergiftet hatte. Es nimmt mich nur Wunder, ob sie auch selbst je mit Andacht darin gelesen hat!« »Kurz, als ich hinlänglich wieder berauscht war von meinen Träumen und von meinem ent¬ legenen Posten zugleich abgelöst wurde, nahm ich Urlaub und begab mich Hals über Kopf zu dem Gouverneur. Er lebte noch in den alten Verhältnissen und empfing mich ganz gut und auch die Tochter war noch bei ihm und empfing mich freundlicher, als ich erwartet. Kaum hatte Keller, die Leute von Seldwyla. I . 7 ich sie wieder gesehen und einige Worte sprechen gehört, so war ich wieder ganz in sie vernarrt und in meiner fixen Idee vollends bestärkt, und es schien mir unmöglich, ohne die Verwirklichung derselben je froh zu werden.« »Allein sie betrieb nun das Geschäft in krankhafter Überspannung ganz offen und großartig und fröhnte ihrer unglücklichen Selbstsucht ohne allen Rückhalt. Sie war nun umgeben von einer Schaar ziemlich roher und eitler Offiziere, die ihr auf ganz ordinäre Weise den Hof machten und sagten, was sie gern hören mochte, kam es auch heraus, wie es wollte. Es war eine voll¬ ständige Hetzjagd von Trivialitäten und hohlem Wesen und die derbsten Zudringlichkeiten wurden am liebsten angenommen, wenn sie nur aus gänz¬ licher Ergebenheit herzurühren schienen und die Unglückliche in ihrem Glauben an sich selbst auf¬ recht erhielten. Außerdem hatte sie zur Zeit einem armen Tambour mit einem einzigen Blicke den Kopf verdreht, der nun ganz aufgeblasen umher¬ ging und sich ihr überall in den Weg stellte; und einen Schuster, der für sie arbeitete, hatte sie dermaßen bethört, daß er jedesmal, wenn er ihr Schuhe brachte, auf dem Hausflur auf das sorg¬ fältigste sich seinen rothen Schnurrbart reinigte, da er zuverlässig erwartete, es würde diesmal etwas vorgehen und er geküßt werden! Wenn man ihn kommen sah, so begab sich die ganze Gesellschaft auf eine verdeckte Gallerie, um dem armen Teufel in seinem feierlichen Werke zuzu¬ sehen. Das sonderbarste war, daß Niemand an diesem Wesen ein Ärgerniß nahm, daß man also nichts besseres von Lydia zu erwarten schien, und ihre Aufführung ihrer würdig hielt, daß also ich der Einzige war, der so große Meinungen von ihr im Herzen trug, und mithin alle diese Hans¬ narren, die ich verachtete, die sie aber nahmen, wie sie war, klüger zu sein schienen, als ich in meiner tiefsinnigen Leidenschaft. Aber nein! rief ich, sie ist doch so, wie ich sie denke, und eben weil das alles Strohköpfe sind, sind sie so frech gegen sie und wissen nicht, was an ihr ist oder sein könnte! Und ich zitterte darnach, ihr noch ein Mal den Spiegel vorzuhalten, aus dem ihr besse¬ res Bild zurückstrahlte und alles Werthlose um sie her wegblendete. Allein der äußere Anstand und die Haltung, welche ich auch bei aller Anstrengung 7 * nicht aufgeben konnte, machten es mir unmöglich, mich unter diese Affenschwänze zu mischen und nur den kleinsten Schritt gegen Lydia zu thun. Ich ward abermals konfus, ungeduldig, nahm plötzlich meinen Abschied aus der indischen Armee und machte mich davon, um heimzukehren und die Unselige zu vergessen.« »So gelangte ich nach Paris und hielt mich daselbst einige Wochen auf. Da ich eine große Menge schöner und kluger Weiber sah, dachte ich, es wäre das beste Mittel, meine unglückliche Ge¬ schichte los zu werden, in recht viel hübsche Frauengesichter zu blicken, und ging daher von Theater zu Theater, und an alle Orte, wo der¬ gleichen beisammen waren, ließ mich auch in ver¬ schiedene gute Häuser und Gesellschaften einführen. Ich sah auch in der That viele tüchtige Gestalten von edlem Schwung und Zuschnitt und in deren Augen schöne Gedanken lagen, aber alles was ich sah, führte mich nur auf Lydia zurück und diente zu deren Gunsten. Sie war nicht zu vergessen und ich war und blieb aufs Neue elend verliebt in sie. Ich hatte das allerunheimlichste sonder¬ barste Gefühl, wenn ich an sie dachte. Es war mir zu Muthe, als ob nothwendiger Weise ein weibliches Wesen in der Welt sein müßte, wel¬ ches genau das Äußere und die Manieren dieser Lydia, kurz deren bessere Hälfte besäße, dazu aber auch die entsprechende andere Hälfte, und daß ich nur dann würde zur Ruhe kommen, wenn ich diese ganze Lydia fände; oder es war mir als ob ich verpflichtet wäre, die rechte Seele zu diesem schönen halben Gespenste zu suchen, mit einem Worte, ich wurde abermals krank vor Sehnsucht nach ihr, und da es doch nicht anging, zurückzukehren, suchte ich neue Sonnengluth, Ge¬ fahr und Thätigkeit und nahm Dienste in der französisch-afrikanischen Armee. Ich begab mich sogleich nach Algier und befand mich bald am äußersten Saume der afrikanischen Provinz, wo ich im Sonnenbrand und auf dem glühenden Sande mich herumtummelte und mit den Kabylen herumschlug.« Da in diesem Augenblick das schlafende Estherchen, das immer einen Unfug machen mußte, träumte, es falle eine Treppe hinunter und demgemäß auf seinem Stuhle ein erschrecktes Geräusch erhob, blickte der erzählende Pankrazius endlich auf und bemerkte, daß seine Zuhörerinnen schliefen. Zugleich entdeckte er erst jetzt, daß er denselben eigentlich nichts als eine Liebesgeschichte erzählt, schämte sich dessen und wünschte, daß sie gar nichts davon gehört haben möchten. Er weckte die Frauen auf und hieß sie ins Bett gehen, und er selbst suchte ebenfalls das Lager auf, wo er mit einem langen, aber gemüthlichen Seufzer einschlief. Er lag wohl so lange im Bette, wie einst, als er der faule und unnütze Pankräzlein gewesen, so daß ihn die Mutter wie ehedem wecken mußte. Als sie nun zusammen beim Frühstück saßen und Kaffee tranken, sagte er, mit seinem Bericht fortfahrend: »Wenn Ihr nicht geschlafen hättet, so würdet Ihr gehört haben, wie ich in Ostindien im Be¬ griffe war, aus einem Murrkopf ein äußerst zuthunlicher und wohlwollender Mensch zu werden um eines schönen Frauenzimmers willen, wie aber eben meine Schmollerei mir einen argen Streich gespielt hat, da sie mich verhinderte, besagtes Frauenzimmer näher zu kennen und mich blindlings in selbe verlieben ließ; wie ich dann betrogen wurde und als ein neugestählter Schmol¬ ler aus Indien nach Afrika ging zu den Fran¬ zosen, um dort den Burnußträgern die lächerlichen thurmartigen Strohhüte herunter zu schlagen und ihnen die Köpfe zu zerbläuen, was ich auch mit so grimmigem Eifer that, daß ich auch bei den Franzosen avancirte und Oberst ward, was ich geblieben bin bis jetzt.« »Ich war wieder so einsilbig und trübselig als je und kannte nur zwei Arten, mich zu ver¬ gnügen : die Erfüllung meiner Pflicht als Soldat und die Löwenjagd. Letztere betrieb ich ganz allein, indem ich mit nichts als mit einer guten Büchse bewaffnet zu Fuß ausging und das Thier aufsuchte, worauf es dann darauf ankam, das¬ selbe sicher zu treffen, sonst war ich verloren. Die stete Wiederholung dieser einen großen Ge¬ fahr und das mögliche Eintreffen eines endlichen Fehlschusses sagte meinem Wesen zu und nie war ich behaglicher, als wenn ich so seelenallein auf den heißen Höhen herumstreifte und einem starken wilden Burschen auf der Spur war, der mich gar wohl bemerkte und ein ähnliches schmol¬ lendes Spiel trieb mit mir, wie ich mit ihm. So war vor jetzt ungefähr vier Monaten ein ungewöhnlich großer Löwe in der Gegend erschienen, dieser, dessen Fell hier liegt, und lichtete den Be¬ duinen ihre Heerden, ohne daß man ihm bei¬ kommen konnte; denn er schien ein durchtriebener Geselle zu sein und machte täglich große Mär¬ sche kreuz und quer, so daß ich bei meiner Weise, zu Fuß zu jagen, lange Zeit brauchte, bis ich ihn nur von Ferne zu Gesicht bekam. Als ich ihn zwei oder dreimal gesehen, ohne zum Schuß zu kommen, kannte er mich schon und merkte, daß ich gegen ihn etwas im Schilde führe. Er fing gewaltig an zu brüllen und verzog sich, um mir an einer andern Stelle wieder zu begegnen, und wir gingen so um einander herum während mehrerer Tage wie zwei Kater, die sich zausen wollen, ich lautlos, wie das Grab, und er mit einem zeitweiligen wilden Geknurre.« »Eines Tages war ich vor Sonnenaufgang aufgebrochen und nach einer noch nie eingeschla¬ genen Richtung hingegangen; da der Löwe Tags vorher sich auf der entgegengesetzten Seite herum getrieben und einen vergeblichen Raubversuch ge¬ macht; da die dortigen Leute mit ihren Thieren abgezogen waren, so vermuthete ich, der hung¬ rige Herr werde vergangene Nacht wohl diesen Weg eingeschlagen haben, wie es sich denn auch erwies. Als die Sonne aufging, schlenderte ich gemächlich über ein hügeliges goldgelbes Gefilde, dessen Unebenheiten lange himmelblaue Schatten über den goldenen Boden hinstreckten. Der Himmel war so dunkelblau wie Lydia's Augen, woran ich unversehens dadurch erinnert wurde; in weiter Ferne zogen sich blaue Berge hin, woran das arabische Städtchen lag, das ich be¬ wohnte, und am andern Rande der Aussicht einige Wälder und grüne Fluren, auf denen man den Rauch und selbst die Zelte der Be¬ duinen wie schwarze Punkte sehen konnte. Es war todtenstill überall und kein lebendes Wesen zu erspähen. Da stieß ich an den Rand einer Schlucht, welche sich durch die ganze steinige Gegend hinzog und nicht zu sehen war, bis man dicht an ihr stand. Es floß ein kühler frischer Bach auf ihrem Grunde, und wo ich eben stand, war die Vertiefung ganz mit blühendem Olean¬ dergebüsch angefüllt. Nichts war schöner zu sehen, als das frische Grün dieser Sträucher und ihre tausendfältigen rosenrothen Blüthen und zu un¬ terst das fließende klare Wässerlein. Der An¬ blick ließ eine verjährte Sehnsucht in mir auf¬ steigen und ich vergaß, warum ich hier herum¬ strich. Ich wünschte, in den Oleander hinabzu¬ steigen und aus dem Bach zu trinken, und in diesen zerstreuten Gedanken legte ich mein Gewehr auf den Boden und kletterte eiligst in die Schlucht hinunter, wo ich mich zur Erde warf, aus dem Bache trank, mein Gesicht benetzte und dabei an die schöne Lydia dachte. Ich grübelte, wo sie wohl sein möchte, wo sie jetzt herumgehe und wie es ihr überhaupt gehen möchte? Da hörte ich ganz nah den Löwen ein kurzes Gebrüll ausstoßen, daß der Boden zitterte. Wie besessen sprang ich auf und schwang mich den Abhang hinauf, blieb aber wie angenagelt oben stehen, als ich sah, daß das große Thier, kaum zehn Schritte von mir, eben bei meinem Gewehr an¬ gekommen war. Und wie ich da stand, so blieb ich auch stehen, die Augen auf die Bestie ge¬ heftet. Denn als er mich erblickte kauerte er zum Sprunge nieder, gerade über meiner Dop¬ pelbüchse, daß sie quer unter seinem Bauche lag, und wenn ich mich nur gerührt hätte, so würde er gesprungen und mich unfehlbar zerrissen haben. Aber ich stand und stand so zwölf lange Stun¬ den, ohne ein Auge von ihm zu verwenden und ohne daß er eines von mir verwandte. Er legte sich gemächlich nieder und betrachtete mich. Die Sonne stieg höher, aber während die furcht¬ barste Hitze mich zu quälen anfing, verging die Zeit so langsam, wie die Ewigkeit der Hölle. Weiß Gott, was mir Alles durch den Kopf ging; ich verwünschte die Lydia, deren bloßes Andenken mich abermals in dies Unheil gebracht, da ich darüber meine Waffe vergessen hatte. Hundertmal war ich versucht, allem ein Ende zu machen und auf das wilde Thier loszuspringen mit bloßen Händen; allein die Liebe zum Leben behielt die Oberhand und ich stand und stand wie das versteinerte Weib des Loth, oder wie der Zeiger einer Sonnenuhr; denn mein Schat¬ ten ging mit den Stunden um mich herum, wurde ganz kurz und begann schon wieder sich zu verlängern. Das war die bitterste Schmol¬ lerei, die ich je verrichtet, und ich nahm mir vor und gelobte, wenn ich dieser Gefahr ent¬ ränne, so wolle ich umgänglich und freundlich werden, nach Hause gehen und mir und andern das Leben so angenehm als möglich machen. Der Schweiß lief an mir herunter, ich zitterte vor krampfhafter Anstrengung, mich auf selbem Fleck unbeweglich aufrecht zu halten, leise an allen Gliedern, und wenn ich nur die vertrock¬ neten Lippen bewegte, so richtete sich der Löwe halb auf, wackelte mit seinem Hintergestell, fun¬ kelte mit den Augen und brüllte, so daß ich den Mund schnell wieder schloß und die Zähne auf einander biß. Indem ich aber so eine lange Minute um die andere abwickeln und erleben mußte, verschwand der Zorn und die Bitterkeit in mir, selbst gegen den Löwen, und je schwächer ich wurde, desto geschickter ward ich in einer mich angenehm dünkenden, lieblichen Geduld, daß ich alle Pein aushielt und tapfer ertrug. Es würde aber, als endlich der Nachmittag schon vorgerückt war, doch nicht mehr lange gegangen sein, als eine unverhoffte Rettung sich aufthat. Das Thier und ich waren so in einander vernarrt, daß kei¬ ner von uns zwei Soldaten bemerkte, welche im Rücken des Löwen hermarschirt kamen, bis sie auf höchstens dreißig Schritte nahe waren. Es war eine Patrouille, die ausgesandt war mich zu suchen, da sich Geschäfte eingestellt hatten. Sie trugen ihre Ordonnanzgewehre auf der Schul¬ ter und ich sah gleichzeitig dieselben vor mir aufblitzen gleich einer himmlischen Gnadensonne, als auch mein Widersacher ihre Schritte hörte in der Stille der Landschaft; denn sie hatten schon von weitem etwas bemerkt und waren so leise als möglich gegangen. Plötzlich schrieen sie jetzt: Eh la canaille! quel drôle de canaille ! Der Löwe wandte sich um, sprang empor, sperrte wüthend den Rachen auf, erboßt wie ein Satan, und war einen Augenblick lang unschlüssig, auf wen er sich zuerst stürzen solle. Als aber die zwei Soldaten als brave lustige Franzosen ohne sich zu besinnen auf ihn zusprangen, that er einen Satz gegen sie. Im gleichen Augenblick lag auch der Eine unter seinen Tatzen und es wäre ihm schlecht ergangen, wenn nicht der an¬ dere im gleichen Augenblicke dem Thier das Ba¬ jonett ein halbes Dutzend mal in die Flanke gestoßen hätte. Aber auch diesem würde es schließlich schlimm ergangen sein, wenn ich nicht endlich auf meine Büchse zugesprungen, auf den Kampfplatz getaumelt wäre und dem Löwen, ohne weitere Vorsicht, beide Kugeln in das Ohr ge¬ schossen hätte. Er streckte sich aus und sprang wieder auf, es war noch ein Schuß aus einer der beiden Musketen nöthig, ihn abermals hin¬ zustrecken und endlich zerschlugen wir alle drei unsere Kolben an dem Teufel, so zäh und wild war sein Leben. Es hatte merkwürdiger Weise keiner Schaden genommen, selbst der nicht, der unter dem Löwen gelegen, ausgenommen seinen zerrissenen Rock und einige tüchtige Schrammen auf der Schulter. So war die Sache für das¬ mal glücklich abgelaufen und wir hatten obenein den lange gesuchten Löwen erlegt. Ein wenig Wein und Brod stellte meinen guten Muth vol¬ lends wieder her und ich lachte wie ein Narr mit den guten Soldaten, welche über die Freund¬ lichkeit und Gesprächigkeit ihres bösen Obersten sehr verwundert und erbaut waren.« »Noch in selber Woche aber führte ich mein Gelübde aus, kam um meine Entlassung ein, und so bin ich nun hier!« So lautete die Geschichte von Pankrazens Leben und Bekehrung, und seine Leutchen waren höchlich verwundert über seine Meinungen und Thaten. Er verließ mit ihnen das Städtchen Seldwyla und zog in den Hauptort des Kan¬ tons, wo er Gelegenheit fand, mit seinen Er¬ fahrungen und Kenntnissen ein dem Lande nütz¬ licher Mann zu sein und zu bleiben, und er ward sowohl dieser Tüchtigkeit, als seiner unver¬ wüstlichen ruhigen Freundlichkeit wegen geachtet und beliebt; denn nie mehr zeigte sich ein Rück¬ fall in das frühere Wesen. Nur ärgerten sich Estherchen und die Mutter, daß ihnen die Geschichte mit der Lydia entgan¬ gen war und wünschten unaufhörlich deren Wie¬ derholung. Allein Pankraz sagte, hätten sie da¬ mals nicht geschlafen, so hätten sie dieselbe erfah¬ ren; er habe sie ein Mal erzählt und werde es nie wieder thun, es sei das erste und letzte Mal, daß er überhaupt gegen Jemanden von diesem Liebeshandel gesprochen und damit Punk¬ tum. Nun wollten sie wenigstens den Namen jener Dame wissen, welcher ihnen wegen seiner Fremdartigkeit wieder entfallen war, und fragten unaufhörlich: Wie hieß sie denn nur? Aber Pankraz erwiederte eben so unaufhörlich: Hättet Ihr aufgemerkt! Ich nenne diesen Namen nicht mehr! Und er hielt Wort; Niemand hörte ihn jemals wieder das Wort aussprechen und er schien es endlich selbst vergessen zu haben. Frau Regel Amrain und ihr Jüngster. R egula Amrain war die Frau eines abwesenden Seldwylers; dieser hatte einen großen Stein¬ bruch hinter dem Städtchen besessen und seine Zeitlang ausgebeutet und zwar auf Seldwyler Art. Das ganze Nest war beinahe aus dem guten Sandstein gebaut, aus welchem der Berg bestand, aber das Schuldenwesen, das auf den Häusern ruhte, hatte von jeher recht eigentlich schon mit den Steinen begonnen, aus denen sie gebaut waren; denn nichts schien den Seldwy¬ lern so wohl geeignet als Stoff und Gegenstand eines muntern Verkehrs, als ein solcher Stein¬ bruch, und derselbe glich einer in Felsen gehauenen römischen Schaubühne, über welche die Besitzer emsig hinwegliefen, einer den andern jagend. Herr Amrain, ein ansehnlicher Mann, der eine ansehnliche Menge Fleisch, Fische und Wein Keller, die Leute von Seldwyla. I . 8 verzehren mußte und mächtige Stücke Seidenzeug zu seinen breiten schönen Westen brauchte, him¬ melblaue, kirschrothe und großartig gewürfelte, war ursprünglich ein Knopfmacher gewesen und hatte auch die eine und andere Stunde des Ta¬ ges Knöpfe besponnen. Als er aber mit den Jahren gar so fest und breit wurde, sagte ihm die sitzende Lebensart nicht mehr zu, und als er überhaupt den rechten Phäaken- oder Schwaben¬ aufschwung genommen: die rothe Sammetweste, die goldene Uhrkette und den Siegelring, liqui¬ dirte er die Knopfmacherei und übernahm in einer wichtigen Hauptsitzung der Seldwyler Spe¬ kulanten jenen Steinbruch. Nun hatte er die angemessene bewegliche Lebensweise gefunden, in¬ dem er mit einer rothen Brieftasche voll Papiere und einem eleganten Spazierstock, auf welchem mit silbernen Stiften ein Zollmaß angebracht war, etwa in den Steinbruch hinaus lustwan¬ delte wenn das Wetter lieblich war, und dort mit dem besagten Stocke an den verpfändeten Steinlagern herumstocherte, den Schweiß von der Stirn wischte, in die schöne Gegend hinaus¬ schaute und dann schleunigst in die Stadt zurück¬ kehrte, um den eigentlichen Geschäften nachzu¬ gehen, dem Umsatz der verschiedenen Papiere in der Brieftasche, was in den kühlen Gaststuben auf das Beste vor sich ging. Kurz er war ein vollkommener Seldwyler bis auf die politische Veränderlichkeit, welche aber die Ursache seines zu frühen Falles wurde. Denn ein konservativer Kapitalist aus der Hauptstadt, welcher keinen Spaß verstand, hatte auf den Steinbruch einiges Geld hergegeben und damit geglaubt, einem wackern Parteigenossen unter die Arme zu greifen. Als daher Herr Amrain in einem Anfall gänz¬ licher Gedankenlosigkeit eines Tages höchst ver¬ fängliche liberale Redensarten vernehmen ließ, welche ruchbar wurden, erzürnte sich jener Herr mit Recht; denn nirgends ist politische Gesin¬ nungslosigkeit widerwärtiger, als an einem gro¬ ßen dicken Manne, der eine bunte Sammetweste trägt! Der erbos'te Gönner zog daher jählings sein Geld zurück, als kein Mensch daran dachte, und trieb dadurch vor der Zeit den bestürzten Amrain vom Steinbruch und in die Welt hinaus. Man wird selten sehen, daß es großen schwe¬ ren Männern schlecht ergeht, weil sie eine durch¬ greifende und überzeugende Gabe besitzen, für ihren anspruchsvollen Körperbau zu sorgen, und die Nahrungsmittel können sich demselben nicht lange entziehen, sondern werden von dem Mag¬ netgebirge des Bauches mächtig angezogen. So fraß sich der landflüchtige Amrain auch glücklich durch die Fernen, und obgleich er nichts Großes mehr wurde, aß und trank er doch irgendwo in der Fremde so weidlich wie zu Hause. Doch den Seldwylern, welche jetzt rathschlag¬ ten, welcher von ihnen nun am tauglichsten wäre, eine Zeitlang die Honneurs am Steinbruch zu machen, wurde abermals ein Strich durch die Rechnung gezogen, als die zurückgebliebene Ehe¬ frau des Herrn Amrain unerwartet ihren Fuß auf den Sandstein setzte und kraft ihres herzu¬ gebrachten Weibergutes den Steinbruch an sich zog und erklärte, das Geschäft fortsetzen und möglicherweise die Gläubiger ihres Mannes be¬ friedigen zu wollen. Sie that dies erst, als derselbe schon jenseits des atlantischen Weltmeers war und nicht mehr zurückkommen konnte. Man suchte sie auf jede Weise von diesem Vorhaben abzubringen und zu hindern; allein sie zeigte eine solche Entschlossenheit, Rührigkeit und Be¬ sonnenheit, daß nichts gegen sie auszurichten war und sie wirklich die Besitzerin des Steinbruches wurde. Sie ließ fleißig und ordentlich darin arbeiten unter der Leitung eines guten fremden Werkführers und gründete zum ersten Mal die Unternehmung, statt auf den Scheinverkehr, auf wirkliche Produktion. Hieran wollte man sie nun erst recht behindern, allein es war nicht gegen sie aufzukommen, da sie als Frau und sparsame Mutter keine Ausgaben hatte im Ver¬ gleich zu den Herren von Seldwyla und daher auf die einfachste Weise im Stande war, alle Stürme abzuschlagen und alle begründeten For¬ derungen zu bezahlen. Aber dennoch hielt es schwer und sie mußte Tag und Nacht mit Muth, List und Kraft bei der Hand sein, sinnen und sorgen, um sich zu behaupten. Frau Regel hatte von auswärts in das Städtchen geheirathet und war eine sehr frische, große und handfeste Dame mit kräftigen schwar¬ zen Haarflechten und einem festen dunklen Blick. Von ihrem Manne hatte sie drei Buben von ungefähr zehn, acht und fünf Jahren, welche sie oftmals aufmerksam und ernsthaft betrachtete und darüber sann, ob dieselben auch werth seien, daß sie das Haus für sie aufrecht halte, da sie ja doch Seldwyler wären und bleiben würden. Doch weil die Bursche einmal ihre Kinder waren, so ließ die Eigenliebe und die Mut¬ terliebe sie immer wieder einen guten Muth fassen, und sie traute sich zu, auch in dieser Sache das Steuer am Ende anders zu lenken, als es zu Seldwyl Mode war. In solche Gedanken versunken saß sie einst nach dem Nachtessen am Tische und hatte das Geschäftsbuch und eine Menge Rechnungen vor sich liegen. Die Buben lagen im Bette und schliefen in der Kammer, deren Thüre offen stand, und sie hatte eben die drei schlafenden kleinen Gesellen mit der Lampe in der Hand betrachtet und besonders den kleinsten Kerl in's Auge ge¬ faßt, der ihr am wenigsten glich. Er war blond, hatte ein keckes Stumpfnäschen, während sie eine ernsthafte gerade lange Nase besaß, und statt ihres streng geschnittenen Mundes zeigte der kleine Fritz trotzig aufgeworfene Lippen, selbst wenn er schlief. Dies hatte er alles vom Vater und es war an diesem gewesen, was ihr eben so wohl gefallen hatte, als sie ihn heirathete, was ihr jetzt auch an dem kleinen Burschen so wohl gefiel und doch so schwere Sorgen machte. Wenn eine Gesichtsart Einem einmal wohlgefällt, so hilft hiegegen kein Kraut; deswegen war Frau Amrain froh, daß der Alte weg war und sie ihn nicht mehr sah; aber er hatte ihr in dem jüngsten Kinde ein treues Abbild seiner äußeren Art hinterlassen, welches sie nie genug ansehen konnte. Über diesen Sorgen traf sie der Werkführer oder oberste Arbeiter, der jetzt eintrat, um mit ihr die Angelegenheiten und den Bestand der Geschäfte durchzusehen und manche wichtige Dinge zu besprechen. Es war ein hübscher und unter¬ nehmender Bursche von schlankem kräftigem Kör¬ perbau, mäßig in seiner Lebensweise, fleißig und ausdauernd und dabei in seinen Gedanken von einer gewissen einfachen Schlauheit, welche zu¬ sammen mit den erklecklichen Eigenschaften seiner Meisterin eben das Geschäft in gutem Gange erhielt und die gedankenlosen Spitzfindigkeiten der Seldwyler zu Schanden werden ließ. In¬ zwischen war er aber ein Mensch und dachte daher vor Allem an sich selber und in diesem Denken hatte er es nicht übel gefunden, selber der Herr und Meister hier zu sein und sich eine blei¬ bende Stätte zu gründen, daher auch in aller Ehrerbietung der Frau Regula wiederholt nahe gelegt, eine gesetzliche Scheidung von ihrem ab¬ wesenden Manne herbeizuführen. Sie hatte ihn wohl verstanden; doch wider¬ strebte es ihrem Stolz, sich öffentlich und mit schimpflichen Beweisgründen von einem Manne zu trennen, der ihr einmal Wohlgefallen, mit dem sie gelebt und von dem sie drei Kinder hatte, und in der Sorge für diese Kinder wollte sie auch keinen fremden Mann über das Haus setzen und wenigstens die äußere Einheit des¬ selben bewahren, bis die Söhne herangewachsen und ein unzersplittertes Erbe aus ihrer Hand empfingen; denn ein solches gedachte sie trotz aller Schwierigkeiten zusammenzubringen und den Hiesigen zu zeigen, was da Brauch sei, wo sie hergekommen. Sie hielt daher den Werkführer knapp im Zügel und brachte sich dadurch nur in größere Verlegenheit; denn als derselbe ihren Widerstand und ihren festen Charakter ersah, verliebte er sich förmlich in sie und gedachte erst recht seine Wünsche zu erreichen. So veränderte sich sein Benehmen, daß er, statt wie bis anher ehrbar um ihre Hand als Meisterin sich zu be¬ werben, nun um ihre Person schmachtete, wo sie war, und sie stets mit verliebten Augen ansah, wo es immer thunlich war. Dies war für ihn eine zweckdienliche Veränderung, da die eigentliche Verliebtheit in die Person eines Menschen den¬ selben vielmehr besticht und bezwingt, als alle noch so ehrbaren Heirathsabsichten. Wenn nun Frau Regel auch nicht die Haltung verlor und sich in ihn wieder verliebte, so wurde es doch schwerer für sie, ihn abzuwehren, ohne mit ihm zu brechen und ihn zu verlieren, und es ist bekannt¬ lich eine Hauptliebhaberei der Frauen, sich nütz¬ liche Freunde und Parteigänger zu erhalten, wenn es immer geschehen kann ohne große Opfer. Als der Werkführer in die Stube trat, fun¬ kelten seine Augen mit ungewöhnlichem Glanze, denn er hatte im Verkehr mit einigen Geschäfts¬ leuten, mit denen er sich zum Vortheil der Frau 8 * wacker herumgeschlagen, eine Flasche kräftigen Wein getrunken. Während er ihr Bericht er¬ stattete und dann in den Papieren mit ihr rech¬ nete, blickte er sie oftmals unversehens an und wurde zerstreut und aufgeregt, wie Einer, der etwas vor hat. Sie rückte mit ihrem Sessel etwas zur Seite und begann sich in Acht zu nehmen, dabei kaum ein feines Lächeln unter¬ drückend, wie aus Spott über die plötzliche Un¬ ternehmungslust des jungen Mannes. Dieser aber faßte allerdings plötzlich ihre beiden Hände und suchte die hübsche Frau an sich zu ziehen, indem er zugleich im gleichen halblauten Tone, in welchem sie der schlafenden Kinder wegen die ganze Verhandlung geführt hatten, so heftig und feurig anfing zu schmeicheln und zuzureden, ihr Leben doch nicht so öde und unbenutzt entfliehen zu lassen, sondern klug zu sein und sich seiner treuen Ergebenheit zu erfreuen. Sie wagte keine rasche Bewegung und kein lautes Wort, aus Furcht, die Kinder zur Unzeit zu wecken; doch flüsterte sie voll Zorn, er solle ihre Hände frei lassen und augenblicklich hinausgehen. Er ließ sie aber nicht frei, sondern faßte sie nur um so fester und hielt ihr mit eindringlichen Worten ihre Jugend und schöne Gestalt vor und ihre Thorheit, so gute Dinge ungenossen vergehen zu lassen. Sie durchschaute ihren Feind, dessen Augen eben so stark von Schlauheit als von Lebenslust glänzten, wohl und merkte, daß er auf diesem leidenschaftlich-sinnlichen Wege nur beabsichtigte, sie sich zu unterwerfen und dienstbar zu machen, also daß ihre Selbstständigkeit ein schlimmes Ende nähme. Sie gab ihm dies auch mit höhnischen Blicken zu verstehen, während sie fortfuhr, so still als möglich sich von ihm los zu machen, was er nur mit vermehrter Kraft und Eindringlichkeit erwiederte. Auf diese Weise rang sie mit dem starken Gesellen eine gute Weile hin und her, ohne daß es dem einen oder andern Theile gelang, weiter zu kommen, während nur zuweilen der erschütterte Tisch oder ein unterdrückter zorniger Ausruf oder ein Seufzer ein Geräusch verursachte, und so schwebte die brave Frau peinvoll zwischen ihrer in der Kam¬ mer dreifach schlafenden Sorge und zwischen dem heißen Anstürmen des wachen Lebens. Sie war kaum dreißig Jahre alt und schon seit einigen Jahren von ihrem Manne verlassen und ihr Blut floß so rasch und warm, wie eines; was Wunder, daß sie daher endlich einen Augenblick inne hielt und tief aufseuzte, und daß ihr in diesem Augenblick der Zweifel durch den Kopf ging, ob es sich auch der Mühe lohne, so treu und ausdauernd in Entbehrung und Arbeit zu sein, und ob nicht das eigene Leben am Ende die Hauptsache und es klüger sei, zu thun wie die andern und, nicht dem verwegenen und fre¬ chen Andringling, sondern sich selbst zu gewähren, was ihr Lust und Erfrischung bieten könne; die Dinge gingen zu Seldwyla vielleicht so oder so ihren Weg! Indem sie einen Augenblick dies bedachte, zitterten ihre Hände in denjenigen des Werkführers und nicht sobald fühlte dieser solche liebliche Änderung des Wetters, als er seine Anstrengungen erneuerte und vielleicht trotz der erneueten Gegenwehr der tapfern Frau gesiegt haben würde, wenn nicht jetzt eine unerwartete Hülfe erschienen wäre. Denn mit dem bangen zornigen Ausruf: Mutter! Es ist ein Dieb da! sprang der jüngste Knabe, der kleine Fritzchen, in die Stube und glich vollständig einem kleinen Sankt Georg. Seine goldenen Ringellocken flogen um das vom Schlafe geröthete Gesicht, feurig blickten aber die blauen Augen in lieblichem Zorn und muthig warf sich der trotzige Mund auf. Das kurze schneeige Hemdchen flatterte wie die Tunika eines Kreuzfahrers und in den nackten Ärmchen schwang der kleine Rittersmann eine lange Gardinen¬ stange mit dickem vergoldetem Knopf, den er auch mit aller erdenklichen Kraft dem aufspringenden Werkmeister auf den Kopf schlug, daß sich dieser die entstehende Beule verlegen rieb und ihm ordentlich die Augen übergingen. Frau Amrain aber hielt den Knaben auf, tief erröthend und rief: »Was ist Dir denn Fritzchen? Es ist ja nur der Florian und thut uns nichts!« Der Knabe fing bitterlich an zu weinen, sich voll Verlegenheit an die Kniee der Mutter klammernd; diese hob ihn auf den Arm und das Kind an sich drückend entließ sie mit einem kaum verhal¬ tenen Lachen den verblüfften Florian, der, obgleich er den Kleinen gern geohrfeigt hätte, gute Miene zum bösen Spiel machte und sich verlegen zurück¬ zog. Sie riegelte die Thüre rasch hinter ihm zu; dann stand sie tief aufathmend und nach¬ denklich, mitten in der Stube, das tapfere Kind auf dem Arm, welches das linke Ärmchen um ihren Hals schlang und mit dem rechten Händ¬ chen die lange Stange mit dem glänzenden Knopf, die es noch immer umfaßt hielt, gegen den Bo¬ den stemmte. Dann sah sie aufmerksam in das nahe Gesicht des Kindes und bedeckte es mit Küssen, und endlich ergriff sie abermals die Lampe und ging in die Kammer, um nach den beiden ältesten Knaben zu sehen. Dieselben schliefen wie Murmelthiere und hatten von allem nichts gehört. Also schienen sie Nachtmützen zu sein, obschon sie ihr selbst glichen; der Jüngste aber, der dem Vater glich, hatte sich als wachsam, feinfühlend und muthvoll erwiesen und schien das werden zu wollen, was der Alte eigentlich sein sollte und was sie einst auch hinter ihm gesucht. Indem sie über dieses geheimnißvolle Spiel der Natur nachdachte und nicht wußte, ob sie froh sein sollte, daß das Abbild des einst geliebten Mannes besser schien, als ihre eigenen so träge daliegenden Bilder, legte sie das Kind in sein Bettchen zurück, deckte es zu und beschloß, von Stund an alle ihre Treue und Hoffnung auf den kleinen Sankt Georg zu setzen und ihm seine junge Ritterlichkeit zu vergelten. »Wenn die zwei Schlafkappen, dachte sie, welche nichts desto minder meine Kinder sind, dann auch mit¬ gehen wollen auf einem guten Wege, so mögen sie es thun.« Am nächsten Morgen schien Fritzchen den Vorfall schon vergessen zu haben, und so alt auch die Mutter und der Sohn wurden, so ward doch nie mehr mit einer Silbe desselben erwähnt zwischen ihnen. Der Sohn behielt ihn nichts desto weniger in deutlicher Erinnerung, obgleich er viel spätere Erlebnisse mit der Zeit gänzlich vergaß. Er erinnerte sich genau, schon bei dem Eintritte des Werkführers erwacht zu sein, da er trotz eines gesunden Schlafes alles hörte und ein wachsames Bürschchen war. Er hatte sodann jedes Wort der Unterredung, bis sie bedenklich wurde, gehört, und ohne etwas davon zu ver¬ stehen, doch etwas Gefährliches und Ungehöriges geahnt und war in eine heftige Angst um seine Mutter verfallen, so daß er, als er das leise Ringen mehr fühlte als hörte, aufsprang um ihr zu helfen. Und dann, wer verfolgt die geheimen Wege der Fähigkeiten, wie sie im Menschenkind sich verlieren? als er den Werkführer recht wohl erkannt: wer lehrte den kleinen Bold die unbewußte blitzschnelle Heuchelei des Zartgefühles, mit der er sich stellte, als ob er einen Dieb sähe und die ihn so unbefangen den Widersacher vor den Kopf schlagen ließ? Seine Mutter aber hielt ihr Wort und erzog ihn so, daß er ein braver Mann wurde in Seld¬ wyl und zu den wenigen gehörte, die aufrecht blieben, so lange sie lebten. Wie sie dies eigent¬ lich anfing und bewirkte, wäre schwer zu sagen; denn sie erzog eigentlich so wenig als möglich und das Werk bestand fast lediglich darin, daß das junge Bäumchen, so vom gleichen Holze mit ihr war, eben in ihrer Nähe wuchs und sich nach ihr richtete. Tüchtige und wohlgeartete Leute haben immer weit weniger Mühe, ihre Kinder ordentlich zu ziehen, so wie es einem Tölpel, der selbst nicht lesen kann, schwer fallen wird, ein Kind lesen zu lehren. Im Ganzen bestand das Geheimniß ihrer Erziehungskunst darin, daß sie das Söhnchen ohne Empfindsam¬ keit merken ließ, wie sehr sie es liebte und dadurch dessen Bedürfniß, ihr immer zu gefallen, erweckte und erreichte, daß es bei jeder Gele¬ genheit an sie dachte. Ohne dessen freie Bewe¬ gungen einzeln zu hindern, hatte sie den Kleinen viel um sich, so daß er ihre Manieren und ihre Denkungsart annahm und bald von selbst nichts that, was nicht im Geschmacke der Mutter lag. Sie hielt ihn stets einfach, aber gut und mit einem gewissen gewählten Geschmack in der Klei¬ dung; dadurch fühlte er sich sicher, bequem und zufrieden in seinem Anzuge und wurde nie ver¬ anlaßt, an denselben zu denken, wurde mithin nicht eitel und lernte gar nie die Sucht kennen, sich besser oder anders zu kleiden, als er eben war. Ähnlich hielt sie es mit dem Essen; sie erfüllte alle billigen und unschädlichen Wünsche aller drei Kinder und Niemand bekam in ihrem Hause etwas zu essen, wovon diese nicht auch ihren Theil erhielten; aber trotz aller Regelmä¬ ßigkeit und Ausgiebigkeit behandelte sie die Nah¬ rungsmittel mit solcher Leichtigkeit und Gering¬ schätzung, daß Fritzchen abermals von selbst lernte, kein besonderes Gewicht auf dieselben zu legen Keller, die Leute von Seldwyla. I . 9 und, wenn er satt war, nicht von Neuem an etwas unerhört Gutes zu denken. Nur die entsetzliche Wichtigthuerei und Breitspurigkeit, mit welcher die meisten guten Frauen die Lebens¬ mittel und deren Bereitung behandeln, erweckt gewöhnlich in den Kindern jene Gelüstigkeit und Tellerleckerei, die, wenn sie groß werden, zum Hang nach Wohlleben und zur Verschwendung wird. Sonderbarer Weise gilt durch den ganzen germanischen Völkerstrich diejenige für die beste und tugendhafteste Hausfrau, welche am meisten Geräusch macht mit ihren Schüsseln und Pfannen und nie zu sehen ist, ohne daß sie etwas Eßbares zwischen den Fingern herumzerrt; was Wunder, daß die Herren Germanen dabei die größten Esser werden, das ganze Lebensglück auf eine wohlbestellte Küche gegründet wird und man ganz vergißt, welche Nebensache eigentlich das Essen auf dieser schnellen Lebensfahrt sei. Ebenso verfuhr sie mit dem, was sonst von den Ältern mit einer schrecklich ungeschickten Heiligkeit be¬ handelt wird, mit dem Gelde. Sobald als thunlich ließ sie ihren Sohn ihren Vermögens¬ stand mitwissen, für sie Geldsummen zählen und in das Behältniß legen, und sobald er nur im Stande war, die Münzen zu unterscheiden, ließ sie ihm eine kleine Sparbüchse zu gänzlich freier Verfügung. Wenn er nun eine Dummheit machte oder eine arge Nascherei beging, so behandelte sie das nicht wie ein Criminalverbrechen, sondern wies ihm mit wenig Worten die Lächerlichkeit und Unzweckmäßigkeit nach. Wenn er etwas entwendete oder sich aneignete was ihm nicht zukam, oder einen jener heimlichen Ankäufe machte, welche die Eltern so sehr erschrecken, machte sie keine Katastrophe daraus, sondern beschämte ihn einfach und offen als einen thörichten und gedan¬ kenlosen Burschen. Desto strenger war sie gegen ihn, wenn er in Worten oder Geberden sich unedel und kleinlich betrug, was zwar nur selten vorkam; aber dann las sie ihm hart und scho¬ nungslos den Text und gab ihm so derbe Ohr¬ feigen, daß er die leidige Begebenheit nie vergaß. Dies Alles pflegt sonst entgegengesetzt behandelt zu werden. Wenn ein Kind mit Geld sich ver¬ geht oder gar etwas irgendwo wegnimmt, so befällt die Ältern und Lehrer eine ganz sonder¬ bare Furcht vor einer verbrecherischen Zukunft, 9 * als ob sie selbst wüßten, wie schwierig es sei, kein Dieb oder Betrüger zu werden! Was unter hundert Fällen in neun und neunzig nur die momentan unerklärlichen Einfälle und Gelüste des träumerisch wachsenden Kindes sind, ganz ähnlich den Launen schwangerer Frauen, das wird zum Gegenstande eines furchtbaren Straf¬ gerichtes gemacht und von nichts als Galgen und Zuchthaus gesprochen. Als ob alle diese lieben Pflänzchen bei erwachender Vernunft nicht von selbst durch die menschliche Selbstliebe, sogar bloß durch die Eitelkeit, davor gesichert würden, Diebe und Schelme sein zu wollen. Dagegen wie milde und freundschaftlich werden da tausend kleinere Züge und Zeichen des Neides, der Mi߬ gunst, der Eitelkeit, der Anmaßung, der mora¬ lischen Selbstsucht und Selbstgefälligkeit behandelt und gehätschelt! Wie schwer merken die wackern Erziehungsleute ein früh verlogenes und ver¬ blümtes inneres Wesen an einem Kinde, wäh¬ rend sie mit höllischem Zeter über ein anderes herfahren, das aus Übermuth oder Verlegenheit ganz naiv eine vereinzelte derbe Lüge gesagt hat. Denn hier haben sie eine greifliche bequeme Handhabe, um ihr donnerndes: Du sollst nicht lügen! dem kleinen erstaunten Erfindungsgenie in die Ohren zu schreien. Wenn Fritzchen eine solche derbe Lüge vorbrachte, so sagte Frau Regel einfach, indem sie ihn groß ansah: »Was soll denn das heißen, Du Affe? Warum lügst Du solche Dummheiten? Glaubst Du die großen Leute zum Narren halten zu können? Sei Du froh, wenn Dich Niemand anlügt und laß der¬ gleichen Späße!« Wenn er eine Nothlüge vor¬ brachte, um eine begangene Sünde zu vertuschen, zeigte sie ihm mit ernsten aber liebevollen Wor¬ ten, daß die Sache deswegen nicht ungeschehen sei und wußte ihm klar zu machen, daß er sich besser befinde, wenn er offen und ehrlich einen begangenen Fehler eingestehe; aber sie bauete keinen neuen Strafproceß auf die Lüge, sondern behandelte die Sache ganz abgesehen davon, ob er gelogen oder nicht gelogen habe, so daß er das Zwecklose und Kleinliche des Herauslügens bald fühlte und zu stolz wurde dazu. Wenn er dagegen nur die leiseste Neigung verrieth, sich irgend Eigenschaften beizulegen, die er nicht besaß, oder etwas zu übertreiben, was ihm gut zu stehen schien, oder sich mit etwas zu zieren, wozu er das Zeug nicht hatte, so tadelte sie ihn mit schneidenden harten Worten und versetzte ihm selbst einige Knüffe, wenn ihr die Sache zu arg und widerlich war. Ebenso, wenn sie be¬ merkte, daß er andere Kinder beim Spielen belog, um sich kleine Vortheile zu erwerben, strafte sie ihn härter, als wenn er ein erkleckliches Ver¬ gehen abgeläugnet hätte. Diese ganze Erzieherei kostete indessen kaum so viel Worte, als hier gebraucht wurden, um sie zu schildern, und sie beruhte allerdings mehr im Charakter der Frau Amrain, als in einem vorbedachten oder gar angelesenen System. Daher wird ein Theil ihres Verfahrens von Leuten, die nicht ihren Charakter besitzen, nicht befolgt werden können, während ein anderer Theil, wie z. B. ihr Verhalten mit den Kleidern, mit der Nahrung und mit dem Gelde, von ganz armen Leuten nicht kann angewendet werden. Denn wo z. B. gar nichts zu essen ist, da wird dieses natürlich jeden Augenblick zur nächsten Haupt¬ sache, und Kindern, unter solchen Umständen erzogen, wird man schwer die Gelüstigkeit abge¬ wöhnen können, da alles Sinnen und Trachten des Hauses nach dem Essen gerichtet ist. Besonders während der kleineren Jugend des Knaben war die Erziehungsmühe seiner Mutter sehr gering, da sie, wie gesagt, weniger mit der Zunge, als mit ihrer ganzen Person erzog, wie sie leibte und lebte und es also in Einem zu ging mit ihrem sonstigen Dasein. Sollte man fragen, worin denn bei dieser leichten Art und Mühelosigkeit ihre besondere Treue und ihr Vorsatz bestand? so wäre zu antworten: lediglich in der zugewandten Liebe, mit welcher sich das Wesen ihrer Person dem seinigen einprägte und sie ihre Instinkte die seinigen werden ließ. Doch blieb die Zeit nicht aus, wo sie aller¬ dings einige vorsätzliche und kräftige Erziehungs¬ maßregeln anwenden mußte, und das war die Zeit, wo der gute Fritz herangewachsen war und sich für allbereits erzogen hielt, wo aber die Mutter erst recht auf der Wacht stand, da es sich nun entscheiden mußte, ob er in das gute oder schlechte Fahrwasser einlaufen würde. Es waren nur wenige Momente, wo sie etwas Entscheidendes und Energisches gegen seine junge Selbstständigkeit unternahm, aber jedesmal zur rechten Zeit und so plötzlich, einleuchtend und bedeutsam, daß es nie seiner bleibenden Wirkung ermangelte. Als Fritz bald achtzehn Jahre zählte, war er ein schönes junges Bürschchen, fein anzusehen mit seinem blonden Haare und seinen blauen Augen, und von einer großen Selbstständigkeit und Sicherheit in allem was er that. Er hatte bereits die Leitung des Geschäftes übernommen, was die Arbeit im Freien betraf, nachdem er schon vom vierzehnten Jahre an im Steinbruch tüchtig gearbeitet. Er machte ein ernsthaftes und kluges Gesicht und war dennoch aufgeräumt und guter Dinge, und was seiner Mutter am besten gefiel, war seine Fähigkeit mit allen Leu¬ ten umzugehen, ohne ihre Art anzunehmen. Sie hielt ihn nicht ab, wenn es ihm langweilig war zu Hause, auszugehen und mit anderen jungen Burschen zu verkehren; aber die scharf Aufmer¬ kende sah mit Vergnügen, daß er an der Weise der jungen Seldwyler, mit denen er abwechselnd verkehrte, bald mit diesem, bald mit jenem, keinen sonderlichen Geschmack gewann, sie überschaute und nur etwas sich mit ihnen die Zeit vertrieb, wie und so lange er es für gut fand. Mit Vergnügen sah sie auch, daß er sich nicht lumpen ließ und bei Gelagen manche Flasche zum Besten gab, ohne je für sich selbst schlimme Folgen davon zu tragen, und daß er nicht in Einen schlimmen oder schimpflichen Handel verwickelt wurde, ob¬ gleich er überall sich zu schaffen machte und wußte, wie es zugegangen, ohne daß er im mindesten ein Duckmäuser und Aufpasser war. Auch hielt er was auf sich, ohne hochmüthig zu sein, und wußte sich zu wehren, wenn es galt. Frau Regula war daher guten Muthes und dachte, das wäre gerade die rechte Weise und ihr Söhnchen sei nicht auf den Kopf gefallen. Da bemerkte sie, daß er anfing zu erröthen, wenn schöne Mädchen ihm in den Weg kamen, daß er selbst häßliche Mädchen aufmerksam und kritisch betrachtete und daß er verlegen wurde, wenn eine hübsche runde und muntere Frau in der Stube war, während er dieselbe doch heim¬ licher Weise mit den Augen verschlang. Aus diesen drei Zeichen entnahm sie zwei Dinge: erstens, daß noch nichts an ihm verdorben sei, zweitens aber, daß wenn eine Gefahr für ihn vorhanden wäre, auf den breiten Weg der Stadt zu tölpeln, diese Gefahr nur von Seiten der Damen von Seldwyla herkommen könne, und sie sagte sogleich in ihrem Herzen: Also da willst Du hinaus, Du Schuft? Die Schönen dieser Stadt waren nicht schlim¬ mer gesinnt als ihre Männer und sie hielten, wenn sie erst zu Jahren kamen, noch manches zusammen, was diese lieber auch noch zerstreut hätten. Allein da die Männer sich gern lustig machten, so wollten sie, so lange es ihnen gut erging, auch nicht zurückbleiben, und bei dem schönen Geschlechte laufen bekanntlich alle Abir¬ rungen und Unzukömmlichkeiten zuletzt nur auf ein und dasselbe Ende hinaus, jene alte Ge¬ schichte, welche vielfältige Rückwirkungen auf das Wohl oder Weh der Herren Mitschuldigen mit sich führt. Sonach ging es auch in dieser Hin¬ sicht zu Seldwyla etwas lustiger zu, als an anderen Orten. Wie nun Frau Amrain ihre schwarzen Augen offen hielt und mit zorniger Bangigkeit auf¬ merkte, wann und wie man etwa ihr Kind ver¬ derben wolle, ergab sich bald eine Gelegenheit für ihr mütterliches Einschreiten. Es wurde eine große Hochzeit gefeiert auf dem Rathhause und das neu vermählte Paar gehörte den geräusch¬ vollsten und lustigsten Kreisen an, die gerade im Flor waren. Wie an anderen Orten der Schweiz, giebt es an den Hochzeiten zu Seldwyl, wenn Bankett und Ball am Abend Statt finden, zwei¬ erlei Gäste: die eigentlichen geladenen Hochzeitgäste und dann die Freunde oder Verwandten dieser, welche denselben scherzhafte Hochzeit- oder Tafel¬ geschenke überbringen mit allerlei Witzen, Ge¬ dichten und Anspielungen. Sie verkleiden sich zu diesem Ende hin in allerhand lustige Trachten, welche dem zu überbringenden Geschenke entsprechen und sind maskirt, indem jeder seinen Freund oder seine Verwandte aufsucht, sich hinter deren Stuhl stellt, seine Gabe überreicht und seine Rede hält. Fritz Amrain hatte sich schon vorgenommen, einem kleinen Bäschen einige Geschenke zu bringen und die Mutter nichts dagegen gehabt, da das Mädchen noch sehr jung und sonst wohlgeartet war. Allein weniger das Bäschen lockte ihn, als ein dunkles Verlangen, sich unter den lustigen Damen von Seldwyl einmal recht herumzutummeln, deren Fröhlichkeit, wenn Viele beisammen waren, ihm schon oft sehr anmuthig geschildert worden. Er war nur noch unschlüssig, welche Verkleidung er wählen sollte, um auf der Hochzeit zu erscheinen, und erst am Abend entschloß er sich auf den Rath einiger Bekannten, sich als Frauenzimmer zu kleiden. Seine Mutter war eben ausgegan¬ gen, als er mit diesem lustigen Vorsatz nach Hause gelaufen kam und denselben sogleich in's Werk setzte. Ohne Schlimmes zu ahnen, gerieth er über den Kleiderschrank seiner Mutter und warf da so lange Alles durcheinander, von einem lachenden Dienstmädchen unterstützt, bis er die besten und buntesten Toilettenstücke zusammen¬ gesucht und sich angeeignet hatte. Er zog das schönste und beste Kleid der Mutter an, das sie selbst nur bei feierlichen Gelegenheiten trug, und wühlte dazu aus den reichlichen Schachteln Krau¬ sen, Bänder und sonstigen Putz hervor. Zum Überfluß hing er sich noch die Halskette der Mutter um und zog so, aus dem Gröbsten ge¬ putzt, zu seinen Genossen, die sich inzwischen ebenfalls angekleidet. Dort vollendeten zwei muntere Schwestern seinen Anzug, indem sie vor¬ nehmlich seinen blonden Kopf auf das Zierlichste frisirten und seine Brust mit einem sachgemäßen Frauenbusen ausschmückten. Indem er so auf seinem Stuhle saß und diese Bemühungen der wenig schüchternen Mädchen um sich geschehen ließ, erröthete er ein Mal um das andere und das Herz klopfte ihm vor erwartungsvollem Ver¬ gnügen, während zugleich das böse Gewissen sich regte und ihm anfing zuzuflüstern, die Sache möchte doch nicht so recht in der Ordnung sein. Als er daher mit seiner Gesellschaft dem Rath¬ hause zuzog, ein Körbchen mit den Geschenken tragend, sah er so verschämt und verwirrt aus, wie ein wirkliches Mädchen und schlug die Augen nieder und als er so auf der Hochzeit erschien, erregte er den allgemeinen Beifall besonders der versammelten Frauen. Während der Zeit war aber seine Mutter nach Hause zurückgekehrt und sah ihren offen stehenden Kleiderschrank sowie die Verwüstung, die er in Schachteln und Kästchen angerichtet. Als sie vollends vernahm, zu welchem Ende hin dies geschehen und daß ihre Hoffnung in Weiber¬ kleidern, und dazu noch in ihren besten, ausge¬ zogen sei, überfiel sie erst ein großer Zorn, dann aber eine noch größere Unruhe; denn nichts schien ihr geeigneter einen jungen Menschen in das Lotterleben zu bringen, als wenn er in Weiberkleidern auf eine Seldwyler Hochzeit ging. Sie ließ daher ihr Abendessen ungenossen stehen und ging eine Stunde lang in der größten Un¬ ruhe umher, nicht wissend, wie sie ihren Sohn den drohenden Gefahren entreißen solle. Es widerstrebte ihr, ihn kurzweg abrufen zu lassen und dadurch zu beschämen; auch fürchtete sie nicht mit Unrecht, daß er würde zurückgehalten werden oder aus eigenem Willen nicht kommen dürfte. Und dennoch fühlte sie wohl, wie er durch diese einzige Nacht auf eine entscheidende Weise auf die schlechte Seite verschlagen werden könne. Sie entschloß sich endlich kurz, da es ihr nicht Ruhe ließ, ihren Sohn selbst wegzu¬ holen, und da sie mannichfacher Beziehungen wegen einen halben Vorwand hatte, selbst etwa ein Stündchen auf der Hochzeit zu erscheinen, kleidete sie sich rasch um und wählte einen Anzug, ein wenig besser als der alltägliche und doch nicht festlich genug, um etwa zu hohe Achtung vor der lustigen Versammlung zu verrathen. So begab sie sich also nach dem Rathhaus nur von dem Dienstmädchen begleitet, welches ihr eine Laterne voran trug. Sie betrat zuerst den Speisesaal; allein die erste Tafel und die Lust¬ barkeit mit den Geschenken war schon vorüber und die Überbringer derselben hatten ihre Mas¬ ken abgenommen und sich unter die übrigen Gäste gemischt. In dem Saale war nichts zu sehen als einige Herrengesellschaften, die theils Karten spielten, theils zechten, und so stieg sie die Treppe nach einer alterthümlichen Gallerie hinauf, von wo man den Saal übersehen konnte, in welchem getanzt wurde. Diese Gallerie war mit allerlei Volk angefüllt, das nicht im Flor war und hier dem Tanze zusehen durfte wie etwa die Ein¬ wohner einer Residenz einer Fürstenhochzeit. Frau Regula konnte daher unbemerkt den Ball über¬ sehen, der so ziemlich feierlich vor sich ging und die allgemeine Lüsternheit und Begehrlichkeit mit seinem steifen und lächerlichen Ceremoniell zur Noth verdeckte. Denn dies hätten die Seld¬ wyler nicht anders gethan; sie huldigten vielmehr dem Spruch: Alles zu seiner Zeit! und wenn sie mit wenig Mühe das Schauspiel eines nach ihren Begriffen noblen Balles geben und ge¬ nießen konnten, warum sollten sie es unterlassen? Fritzchen Amrain war aber unter den Tan¬ zenden nicht zu erblicken und je länger ihn seine Mutter mit den Augen suchte, desto weniger fand sie ihn. Je länger sie ihn aber nicht fand, desto mehr wünschte sie ihn zu sehen, nicht allein mehr aus Besorgniß, sondern auch um wirklich zu sehen, wie er sich eigentlich ausnähme und ob er in seiner Dummheit nicht noch die Lächer¬ lichkeit zum Leichtsinn hinzugefügt habe, indem er als eine ungeschickt angezogene schlottrige Weibs¬ person sich weiß Gott wo herumtreibe? In diesen Untersuchungen gerieth sie auf einen Sei¬ tengang der hohen Gallerie, welcher mit einem Fenster endigte, das mit einem Vorhang versehen und bestimmt war, Licht in eben diesen Gang einzulassen. Das Fenster aber ging in das klei¬ nere Rathszimmer, ein altes gothisches Gemach, und war hoch an dessen Wand zu sehen. Wie sie nun jenen Vorhang ein wenig lüftete und in das tiefe Gemach hinunter schaute, welches durch einen seltsamen Firlefanz von Kronleuchtern ziemlich schwach erleuchtet war, erblickte sie eine kleinere Gesellschaft, die da in aller Stille und Fröhlichkeit sich zu unterhalten schien. Als Frau Regel genauer hinsah, erkannte sie sieben bis acht verheirathete Frauen, deren Männer sie schon in dem Speisesaal hatte spielen sehen zu einem hohen und prahlerischen Satze. Diese Frauen saßen in einem engen Halbkreise und vor ihnen eben so viel junge Männer, die ihnen den Hof machten. Unter diesen war Fritz abermals nicht zu finden und seine Mutter hierüber sehr froh, da der Kreis dieser Damen nichts weniger als beruhigend anzusehen war. Denn als sie die¬ selben einzeln musterte, waren es lauter jüngere Frauen, welche jede auf ihre Weise für gefähr¬ lich galt und in der Stadt, wenn auch nicht eines schlimmen, doch eines geheimnißvollen Rufes genoß, was bei der herrschenden Duldsamkeit immer noch genug war. Da saß erstens die nicht häßliche Adele Anderau, welche üppig und verlockend anzusehen war, ohne daß man recht wußte, woran es lag, und welche alle jungen Leute jezuweilen mit halbgeschlossenen Augen so Keller, die Leute von Seldwyla. I . 10 anzublicken wußte in einem windstillen Augen¬ blicke, daß sie einen seltsamen Funken von hoff¬ nungsreichem Verlangen in ihr Herz schleuderte. Aber zehn derselben ließ sie schonungslos und mit Aufsehen abziehen, um desto regelmäßiger den elften in einer sichern Stunde zu beglücken. Da war ferner die leidenschaftliche Julie Hai¬ der, welche ihren Mann öffentlich und vor so vielen Zeugen als möglich stürmisch liebkos'te, die glühendste Eifersucht auf ihn an den Tag legte und fortwährend der Untreue anklagte, dies alles so lange bis irgend ein Dritter den fühl¬ losen Gatten beneidete und solcher Leidenschaft¬ lichkeit theilhaftig zu werden trachtete. Da trau¬ erte auch die sanfte Emmeline Ackerstein, welche eine Dulderin war und von ihrem Manne mi߬ handelt wurde, weil sie gar nichts gelernt hatte und das Hauswesen vernachlässigte; diese sah bleich und schmachtend aus und sank mit Thränen dem in die Arme, der sie trösten mochte. Auch die schlimme Lieschen Aufdermaur war da, welche so lange Klatschereien und Zänkereien anrichtete, bis irgend ein Aufgebrachter, den sie verläumdet, sie unter vier Augen in die Klemme brachte und sich an ihr rächte. Dann folgte, außer zwei oder drei aufgeweckten Wesen, welche ohne wei¬ tere Begründungen schlechtweg thaten was sie mochten, die stille Theresa Gut, welche äußerst theilnahmlos weder rechts noch links sah, Nie¬ mandem entgegen kam und kaum antwortete, wenn man sie anredete, welche aber, zufällig in ein Abenteuer verwickelt und angegriffen, uner¬ warteter Weise lachte wie eine Närrin und alles geschehen ließ. Endlich saß auch dort das leicht¬ sinnige Käthchen Amhag, welches immer eine Menge heimlicher Schulden zu tragen hatte. Als Frau Amrain die Beschaffenheit dieses weiblichen Kreises erkannte, wollte sie eben Gott danken, daß ihr Sohn wenigstens auch da nicht zu erblicken sei, als sie noch eine weibliche Ge¬ stalt zwischen ihnen entdeckte, die sie im ersten Augenblicke nicht kannte, obgleich sie dieselbe schon gesehen zu haben glaubte. Es war ein großes prächtig gewachsenes Wesen von amazo¬ nenhafter Haltung und mit einem kecken blonden Lockenkopfe, das aber hold verschämt und ver¬ liebt unter den lustigen Frauen saß und von ihnen sehr aufmerksam behandelt wurde. Beim 10 * zweiten Blick erkannte sie jedoch ihren Sohn und ihr violettes Seidenkleid zugleich und sah, wie trefflich ihm dasselbe saß und mußte sich auch gestehen, daß er ganz geschickt und reizend ausgeputzt sei. Aber im gleichen Augenblicke sah sie auch, wie ihn seine eine Nachbarin küßte, in Folge irgend eines Unterhaltungsspieles, das die fröhliche Gesellschaft eben beschäftigte, und wie er gleicherzeit die andere Nachbarin küßte, und nun hielt sie den Zeitpunkt für gekommen, wo sie ihrem Sohne den Dienst, welchen er ihr als fünfjähriges Knäblein geleistet, erwiedern konnte. Sie stieg ungesäumt die Treppe hinunter und trat in das Zimmer, die überraschte Gesell¬ schaft bescheiden und höflich begrüßend. Alles erhob sich verlegen, denn obgleich sie sattsam durchgehechelt wurde in der Stadt, so flößte sie doch Achtung ein, wo sie erschien. Die jungen Männer grüßten sie mit aufrichtig verlegener Ehrerbietung, und um so aufrichtiger je wilder sie sonst waren; von den Frauen aber wollte keine scheinen, als ob sie mit der achtbarsten Frau der Stadt etwa schlecht stände und nicht mit ihr umzugehen wüßte, weshalb sie sich mit großem Geräusch um sie drängten, als sie sich von ihrer Überraschung etwas erholt. Am verblüfftesten war jedoch Fritz, welcher nicht mehr wußte, wie er sich in dem Kleide seiner Mutter zu geber¬ den habe; denn dies war jetzt plötzlich sein erster Schrecken und er bezog den ernsten Blick, den sie einstweilen auf ihn geworfen, nur auf die gute Seide dieses Kleides. Andere Bedenken waren noch nicht ernstlich in ihm aufgestiegen, da in der allgemeinen Lust der Scherz zu gewöhnlich und erlaubt schien. Als Alle sich wieder gesetzt hatten und nachdem sich Frau Amrain ein Viertelstündchen freundlich mit den jungen Leuten unterhalten, winkte sie ihren Sohn zu sich und sagte ihm, er möchte sie nach Hause begleiten, da sie gehen wolle. Als er sich dazu ganz bereit erklärte, flüsterte sie ihm aber mit strengem Tone zu: Wenn ich von einem Weibe will begleitet sein, so konnte ich die Grete hier behalten, die mir hergeleuchtet hat! Du wirst so gut sein und erst heim laufen, um Kleider anzuziehen, die Dir besser stehen, als diese hier! Erst jetzt merkte er, daß die Sache nicht richtig sei; tief erröthend machte er sich fort, und als er über die Straße eilte und das rau¬ schende Kleid ihm so ungewohnt gegen die Füße schlug, während der Nachtwächter ihm verdächtig nachsah, merkte er erst recht, daß das eine unge¬ eignete Tracht wäre für einen jungen Republi¬ kaner, in der man Niemandem in's Gesicht sehen dürfe. Als er aber zu Hause angekommen sich hastig umkleidete, fiel es ihm ein, daß nun die Mutter allein unter dem Volke auf dem Rath¬ hause sitze, und dieser Gedanke machte ihn plötz¬ lich und sonderbarer Weise so zornig und besorgt um ihre Ehre, daß er sich beeilte nur wieder hinzukommen und sie abzuholen. Auch glaubte er ihr einen rechten Ritterdienst damit zu erwei¬ sen, daß er so pünktlich wieder erschien, und alle etwaigen Unebenheiten dadurch auf's Schönste ausgeglichen. Frau Amrain aber empfahl sich der Gesellschaft und ging ernst und schweigsam neben ihrem Sohne nach Hause. Dort setzte sie sich seufzend auf ihren gewohnten Sessel und schwieg eine Weile; dann aber stand sie auf, ergriff das daliegende Staatskleid und zerriß es in Stücken, indem sie sagte: das kann ich nun wegwerfen, denn tragen werde ich es nie mehr! »Warum denn?« sagte Fritz erstaunt und wieder kleinlaut. »Wie werde ich, erwiederte sie, ein Kleid ferner tragen, in welchem mein Sohn unter liederlichen Weibern gesessen hat, selber einem gleichsehend?« Und sie brach in Thränen aus und hieß ihn zu Bette gehen. »Hoho, sagte er, als er ging, das wird denn doch nicht so gefährlich sein.« Er konnte aber nicht einschlafen, da sein Kopf sowohl von der unterbrochenen Lustbarkeit als von den Worten der Mutter aufgeregt war, so fand er also Muße, über die Sache nachzudenken und fand, daß die Mutter einigermaßen Recht habe; aber er fand dies nur insofern, als er selbst die Leute verachtete, mit denen er sich eben vergnügt hatte. Auch fühlte er sich durch diese Auslegung eher geschmeichelt in seinem Stolze, und erst, als die Mutter am Morgen und die folgenden Tage ernst und traurig blieb, kam er dem Grunde der Sache näher. Es wurde kein Wort mehr dar¬ über gesprochen, aber Fritz war für einmal geret¬ tet, denn er schämte sich vor seiner Mutter mehr, als vor der ganzen übrigen Welt. Während einiger Monate fand sie keine Ur¬ sache neue Besorgnisse zu hegen, bis eines Ta¬ ges, als ein blühendes junges Landmädchen sich einfand, um den Dienst bei ihr nachzusuchen, Fritz dasselbe unverwandt betrachtete und endlich auf es zutrat und, alles andere vergessend, ihm die Wan¬ gen streichelte. Er erschrak sogleich selbst darüber und ging hinaus; die Mutter erschrak auch und das Mädchen wurde roth und zornig und wandte sich, ohne weitern Aufenthalt zu gehen. Als Frau Amrain dies sah, hielt sie es zurück und nahm es mit einiger Überredung in ihren Dienst. Nun muß es biegen oder brechen, dachte sie und fühlte gleichzeitig, daß auf dem bisherigen, blos verneinenden Wege dies Blut sich nicht länger meistern ließ. Sie näherte sich deshalb noch am selben Tage ihrem Sohne, als er mit seinem Vesperbrode sich unter ein schattiges Rebenspalier gesetzt hatte, hinter dem Hause, von wo man zum Thal hinaus in die Ferne sah nach blauen Höhenstrichen, wo andre Leute wohnten. Sie legte ihren Arm um seine Schultern, sah ihm freundlich in die Augen und sagte: »Lieber Fritz! Sei mir jetzt nur noch zwei oder drei Jährchen brav und gehorsam, und ich will Dir das schönste und beste Frauchen verschaffen aus meinem Ort, daß Du dir was darauf einbilden kannst!« Fritz schlug erröthend die Augen nieder, wurde ganz verlegen und erwiederte mürrisch: »Wer sagt denn, daß ich eine Frau haben wolle?« »Du sollst aber Eine haben!« ver¬ setzte sie, und, wie ich sage, eine von guter und schöner Art; aber nur wenn Du sie verdienst, denn ich werde mich vorsehen, eine rechtschaffene Tochter hierher in's Elend zu bringen!« Damit küßte sie ihren Sohn, wie sie seit undenklicher Zeit nicht gethan, und ging in's Haus zurück. Es ward ihm aber auf einmal ganz seltsam zu Muthe und von Stund an waren seine Ge¬ danken auf eine solche gute und schöne Frau gerichtet, und diese Gedanken schmeichelten ihm so sehr und beschäftigten ihn so anhaltend, daß er darüber keine Frauensperson in Seldwyla mehr ansah. Die Zärtlichkeit, mit welcher die Mutter ihm solche Ideen beigebracht, gab seinen Wünschen eine innigere und edlere Richtung und er fühlte sich wohlgeborgen, da man es so gut mit ihm meine. Er wartete aber die zwei Jahre und die Anstalten seiner Mutter nicht ab, son¬ dern fing schon in der nächsten Zeit an, an schönen Sonntagen in's Land hinaus zu gehen und insbesondere in der Heimath der Mutter herumzukreuzen. Er war bis jetzt kaum einmal dort gewesen und wurde von den Verwandten und Freunden seiner Mutter um so freundlicher aufgenommen, als sie großes Wohlgefallen an dem hübschen Jüngling fanden und er zudem eine Art Merkwürdigkeit war als ein wohlge¬ rathener, fester und nicht prahlerischer Seldwyler. Er machte sich ordentlich heimisch in jenen Ge¬ genden, was seine Mutter wohl merkte und geschehen ließ; aber sie ahnte nicht, daß er, ehe sie es vermuthete, schon in bester Form einen Schatz hatte, der ihm allen von der Mutter ihm gemachten Vorspiegelungen vollkommen zu ent¬ sprechen schien. Als sie davon erfuhr, machte sie sich dahinter her, voll Besorgniß, wer es sein möchte, und fand zu ihrer frohen Verwun¬ derung, daß er nun gänzlich auf einem guten Wege sei; denn sie mußte den Geschmack und das Urtheil des Sohnes nur loben und ebenso dessen ungetrübte Treue und Fröhlichkeit, mit welcher er dem erwählten Mädchen anhing, so daß sie sich aller weitern Zucht und aller Listen endlich enthoben sah. Diese Klippe war unterdessen kaum glücklich umschifft, als sich eine andere zeigte, welche noch gefährlicher zu werden drohte und der Frau Re¬ gula abermals Gelegenheit gab, ihre Klugheit zu erproben. Denn die Zeit war nun da, wo Fritz, der Sohn, anfing zu politisiren und damit mehr als durch alles Andere in die Gemeinschaft seiner Mitbürger gezogen wurde. Er war ein liberaler Gesell, wegen seiner Jugend, seines Verstandes, seines ruhigen Gewissens in Hinsicht seiner persönlichen Pflichterfüllung und aus aner¬ erbtem Mutterwitz. Obgleich man nach gewöhn¬ licher oberflächlicher Anschauungsweise etwa hätte meinen können, Frau Amrain wäre aristokrati¬ scher Gesinnung gewesen, weil sie die meisten Leute verachten mußte, unter denen sie lebte, so war dem doch nicht also; denn höher und feiner als die Verachtung ist die Achtung vor der Welt im Ganzen. Wer freisinnig ist, traut sich und der Welt etwas Gutes zu und weiß mannhaft von nichts Anderem, als daß man hiefür einzu¬ stehen vermöge, während der Unfreisinn oder der Konservatismus auf Zaghaftigkeit und Be¬ schränktheit gegründet ist. Diese lassen sich aber schwer mit wahrer Männlichkeit vereinigen. Vor tausend Jahren begann die Zeit, da nur derje¬ nige für einen vollkommenen Helden und Rit¬ tersmann galt, der zugleich ein frommer Christ war; denn im Christenthum lag damals die Menschlichkeit und Aufklärung. Heute kann man sagen: sei Einer so tapfer und resolut, als er wolle, wenn er nicht vermag freisinnig zu sein, so ist er kein ganzer Mann. Und die Frau Regula hatte, nachdem sie sich einmal an ihrem Eheherren so getäuscht, zu strenge Regeln in ihrem Geschmack betreffs der Mannestugend an¬ genommen, als daß sie eine feste und sichere Freisinnigkeit daran vermissen wollte. Übrigens, als ihr Mann um sie geworben, hatte er in allem Flor eines jugendlichen Radikalismus ge¬ glänzt, welchen er freilich mehr in der Weise handhabte, wie ein Lehrling die erste silberne Sackuhr. Außer diesen Geschmacksgründen aber war sie aus einem Orte gebürtig, wo seit unvor¬ denklichen Zeiten jedermann freisinnig war und der im Laufe der Zeit bei jeder Gelegenheit sich als ein entschlossenes, thatkräftiges und sich gleich bleibendes Bürgernest hervorgethan, so daß, wenn es hieß: die von So und So haben dies gesagt oder jenes gethan! sie gleich einen ganzen Land¬ strich mitnahmen und einen kräftigen Anstoß ga¬ ben. Wenn also Frau Amrain in den Fall kam, ihre Meinung über einen Streit festzustellen, so hörte sie nicht auf das, was die Seldwyler, son¬ dern auf das, was die Leute ihrer Jugendhei¬ math sagten und richtete ihre Gedanken dorthin. Alles das waren Gründe genug für Fritz, ein guter Liberaler zu sein, ohne absonderliche Studien gemacht zu haben. Was nun die nächste Gefahr anbelangt, welche da, wo das Wort und die rechtlichen Handlungen frei sind und die Leute sich das Wetter selbst machen, für einen politisch Aufgeregten entsteht, nämlich die Gefahr ein Müssiggänger und Schenkeläufer zu werden, so war dieselbe zu Seldwyla allerdings noch grö¬ ßer, als an andern Schweizerorten, welche mit der ganzen alten Welt noch an der gemüthlichen ostländischen Weise festhalten, das Wichtigste in breiter halbträumender Ruhe an den Quellen des Getränkes oder bei irgend einem Genusse zu verhandeln und immer wieder zu verhandeln. Und doch sollte das nicht so sein; denn ein gutes Glas in fröhlicher Ruhe zu trinken, ist ein Zweck, ein Lohn oder eine Frucht, und, wenn man das in einem tiefern Sinne nimmt, das Ausüben politischer Rechte blos ein Mittel dazu zu gelangen. Indessen war für Fritz diese Gefahr nicht beträcht¬ lich, weil er schon zu sehr an Ordnung und Arbeit gewöhnt war und es ihn grade zu Seld¬ wyla nicht reizte, den andern nachzufahren. Größer war schon die Gefahr für ihn, ein Schwätzer und Prahler zu werden, der immer das Gleiche sagt und sich selbst gern reden hört; denn in solcher Jugend verführt nichts so leicht dazu, als das lebendige Empfinden von Grund¬ sätzen und Meinungen, welche man zur Schau stellen darf ohne Rückhalt, da sie gemeinnützig sind und das Wohl Aller betreffen. Als er aber wirklich begann, Tag und Nacht von Politik zu sprechen, ein und dieselbe Sache ewig herumzerrte und jene kindische Manier an¬ nahm, durch blindes Behaupten sich selbst zu betäuben und zu thun, als ob es wirklich so gehen müsse, wie man wünscht und behauptet, da sagte seine Mutter ein einziges Mal, als er eben im schönsten Eifer war, ganz unerwartet: »Was ist denn das für ein ewiges Schwatzen und Kannegießern? Ich mag das nicht hören! Wenn Du es nicht lassen kannst, so geh' auf die Gasse oder in's Wirthshaus, hier in der Stube will ich den Lärm nicht haben!« Dies war ein Wort zur rechten Zeit gespro¬ chen; Fritz blieb mit seiner also durchschnittenen Rede ganz verblüfft stecken und wußte gar nichts zu sagen. Er ging hinaus und indem er über dies wunderliche Ereigniß nachgrübelte, fing er an sich zu schämen, so daß er erst eine gute halbe Stunde nachher roth wurde bis hinter die Ohren, von Stund an geheilt war und seine Politik mit weniger Worten und mehr Gedanken abzumachen sich gewöhnte. So gut traf ihn der einmalige Vorwurf aus Frauenmund, ein Schwä¬ tzer und Kannegießer zu sein. Um so größer erwies sich nun die dritte, entgegengesetzte Gefahr, an übel gewendeter That¬ kraft zu verderben. So wetterwendisch nämlich sonst die Seldwyler in ihren politischen Stimmun¬ gen waren, so beharrlich blieben sie in der Theil¬ nahme an allem Freischaaren- und Zuzügerwesen, und wenn irgendwo in der Nachbarschaft es galt, gewaltsam ein widerstehendes Regiment zu spren¬ gen, eine schwache Mehrheit einzuschüchtern oder einer trotzigen ungefügigen Minderheit bewaffnet beizuspringen, so zog jedesmal, mochte nun die herrschende Stimmung sein welche sie wollte, von Seldwyla ein Trupp bewaffneter Leute aus nach dem aufgeregten Punkte hin, bald bei Nacht und Nebel auf Seitenwegen, bald am hellen Tage auf offener Landstraße, je nachdem ihnen die Luft sicher schien. Denn nichts dünkte sie so ergötzlich, als bei schönem Wetter einige Tage im Lande herumzustreichen, zu sechzig oder siebenzig, wohlbe¬ waffnet mit feinen Zielgewehren, versehen mit gewichtigen drohenden Bleikugeln und silbernen Thalern, mittelst letzterer sich in den besetzten Wirthshäusern gütlich zu thun und mit tüchtigem Hallo, das Glas in der Hand, auf andere Zu¬ züge zu stoßen, denen es ebenfalls mehr oder minder Ernst war. Da nun das Gesetzliche und das Leidenschaftliche, das Vertragsmäßige und das ursprünglich Naturwüchsige, der Bestand und das Revolutionaire zusammen erst das Leben ausmachen und es vorwärts bringen, so war hie¬ gegen nichts zu sagen, als: seht euch vor, was ihr ausrichtet! Nun aber erfuhren die Seld¬ wyler den eigenen Unstern, daß sie bei ihren Auszügen immerdar entweder zu früh oder zu spät und am unrechten Orte eintrafen und gar nicht zum Schusse kamen, wenn sie nicht auf dem Heimwege, der dann nach mannigfachem Hin- und Herreden und genugsamem Trinken eingeschlagen wurde, zum Vergnügen wenigstens einige Patronen in die Luft schossen. Doch dies genügte ihnen, sie waren gewissermaßen dabei gewesen und es hieß im Lande, die Seldwyler seien auch ausgerückt in schöner Haltung, lauter Männer mit gezogenen Büchsen und goldenen Uhren in der Tasche. Als es das erste Mal begegnete, daß Fritz Amrain von einem solchen Ausrücken hörte und zugleich seines Alters halber fähig war mitzuge¬ hen, lief er, da es soweit eine gute Sache betraf, Keller, die Leute von Seldwyla. I . 11 sogleich nach Hause, denn es war eben die höchste Zeit und der Trupp im Begriff aufzubrechen. Zu Hause zog er seine besten Kleider an, steckte genugsam Geld zu sich, hing seine Patrontasche um und ergriff sein wohl im Stand gehaltenes Infanteriegewehr, denn da er bereits ein ordent¬ licher und handfester junger Flügelmann war, dachte er nicht daran, mit einer kostbaren Schüt¬ zenwaffe zu prahlen, die er nicht zu handhaben verstand, sondern aufrichtig und emsig sein leich¬ tes Gewehr zu laden und loszubrennen, sobald er irgend vor den Mann kommen würde; und er sah sehnsüchtig im Geiste schon nichts anderes mehr, als den letzten Hügel, die letzte Straßen¬ ecke, um welche herumbiegend man den verha߬ ten Gegner erblicken und es losgehen würde mit Puffen und Knallen. Er nahm nicht das geringste Gepäck mit und verabschiedete sich kaum bei der Mutter, die ihm aufgebracht und mit klopfendem Herzen aber schweigend zusah. »Adieu! sagte er, morgen oder übermorgen früh spätestens sind wir wieder hier!« und ging weg, ohne ihr nur die Hand zu geben, als ob er nur in den Steinbruch hin¬ ausginge, um die Arbeiter anzutreiben. So ließ sie ihn auch gehen ohne Einwendung, da es ihr widerstand, den hübschen jungen Burschen von solcher ersten Muthesäußerung abzuhalten, ehe die Zeit und die Erfahrung ihn selber belehrt. Vielmehr sah sie ihm durch das Fenster wohlge¬ fällig nach, als er so leicht und froh dahinschritt. Doch ging sie nicht einmal ganz an das Fenster, sondern blieb in der Mitte der Stube stehen und schaute von da aus hin. Übrigens war sie selbst muthigen Charakters und hegte nicht sonderliche Sorgen, zumal sie wohl wußte, wie diese Aus¬ züge von Seldwyla abzulaufen pflegten. Fritz kam denn auch richtig schon am andern Morgen ganz in der Frühe wieder an und stahl sich ziemlich verschämt in das Haus. Er war ermüdet, überwacht, von vielem Weintrinken ab¬ gespannt und schlechter Laune und hatte nicht das Mindeste erlebt oder ausgerichtet, außer daß er seinen feinen Rock verdorben durch das Her¬ umlungern und sein Geldbeutel geleert war. Als seine Mutter dies bemerkte und als sie überdies sah, daß er nicht wie die Andern, die inzwischen auch gruppenweise zurückgeschlendert kamen, nur die Kleider wechselte, neues Geld zu sich steckte und nach dem Wirthshause eilte, um da den mißlungenen Feldzug aus einander zu setzen und sich nach den ermüdenden Nicht¬ thaten zu stärken, sondern daß er eine Stunde lang schlief und dann schweigend an seine Ge¬ schäfte ging, da ward sie in ihrem Herzen froh und dachte, dieser merke von selber, was die Glocke geschlagen. Indessen dauerte es kaum ein halbes Jahr, als sich eine neue Gelegenheit zeigte, auszuzie¬ hen nach einer andern Seite hin, und die Seld¬ wyler auch wirklich wieder auszogen. Eine benachbarte Regierung sollte gestürzt werden, welche sich auf eine ganz kleine Mehrheit ei¬ nes andächtigen gutkatholischen Landvolkes stützte. Da aber dies Landvolk seine andächtige Gesin¬ nung und politische Meinung eben so handlich, munter und leidenschaftlich betrieb und bei den Wahlvorgängen eben so geschlossen und prügel¬ fertig zusammenhielt, wie die aufgeklärten Geg¬ ner, so empfanden diese einen heftigen und unge¬ duldigen Verdruß, und es wurde beschlossen, jenen vernagelten Dummköpfen durch einen muthigen Handstreich zu zeigen, wer Meister im Lande sei, und zahlreiche Parteigenossen umliegender Kantone hatten ihren Zuzug zugesagt, als ob ein Häring zu einem Lachs würde, wenn man ihm den Kopf abbeißt und sagt: dies soll ein Lachs sein! Aber in Zeiten des Umschwunges, wenn ein neuer Geist umgeht, hat die alte Schale des gewohnten Rechtes keinen Werth mehr, da der Kern heraus ist, und ein neues Rechtsbewußtsein muß erst erlernt und angewöhnt werden, damit »rechtlich am längsten währe«, das heißt, so lange der neue Geist lebt und währt, bis er wiederum veraltet ist und das Auslegen und Zanken um die Schale des Rech¬ tes von neuem angeht. Als gewohnter Weise wieder einige Dutzend Seldwyler beisammen wa¬ ren, um als ein tapferes Häuflein auszurücken und der verhaßten Nachbarregierung vom Amte zu helfen, war Frau Regel Amrain guter Laune, indem sie dachte, diese bewaffneten Kannegießer wären diesmal recht angeführt, wenn sie glaub¬ ten, daß ihr Sohn mitginge; denn nach ihren bisherigen Erfahrungen, laut welchen das wackere Blut stets durch eine einmalige Lehre sich ge¬ bessert, mußte es ihm jetzt nicht einfallen mit¬ zugehen. Aber siehe da! Fritz erschien unver¬ sehens, als sie ihn bei seinen Geschäften glaubte, im Hause, bürstete seine starken Werkeltagskleider wohl aus, und steckte die Bürste nebst anderen Ausrüstungsgegenständen und einiger Wäsche in eine Reisetasche, welche er umhing, kreuzweis mit der wohlgefüllten Patrontasche, und ergriff abermals sein Gewehr und senkte es zum Ge¬ hen, nachdem er mit dem Daumen einige Male den Hahn hin und hergezogen, um die Feder¬ kraft des Schlosses zu erproben. »Diesmal,« sagte er, »wollen wir die Sache anders angreifen, adieu!« und so zog er ab, ungehindert von der Mutter, welcher es aber¬ mals unmöglich war, ihn von seinem Thun ab¬ zuhalten, da sie wohl sah, daß es ihm Ernst war. Um so besorgter war sie jetzt plötzlich und sie erbleichte einen Augenblick lang, während sie abermals mit Wohlgefallen seine Entschlossen¬ heit bemerkte. Die Seldwyler Schaar kehrte am nächsten Tage ganz in der alten Weise zurück, ohne noch zu wissen, wie es auf dem Kampf¬ platze ergangen; denn da sie die Grenze ein Bischen überschritten hatten, fanden sie das dasige Ländchen sehr aufgeregt und die Bauern darüber erbos't, daß man solchergestalt auf ihrem Terri¬ torium erscheine, wie zu den Zeiten des Faust¬ rechtes. Sie stellten jedoch kein Hinderniß ent¬ gegen, sondern standen nur mit spöttischen Ge¬ sichtern an den Wegen, welche zu sagen schienen, daß sie die Eindringlinge einstweilen vorwärts¬ spazieren lassen aber auf dem Rückwege dann näher ansehen wollten. Dies kam den Seld¬ wylern gar nicht geheuer vor und sie beschlossen deshalb, das versprochene Eintreffen anderer Zu¬ züge abzuwarten, ehe sie weiter gingen. Als diese aber nicht kamen und ein Gerücht sich ver¬ breitete, der Putsch sei schon vorüber und günstig abgelaufen, machten sie sich endlich wieder auf den Rückweg mit Ausnahme des Fritz Amrain, welcher seelenallein und trotzig verwegen sich von ihnen trennte und mitten durch das gegne¬ rische Gebiet wegmarschirte auf dessen Hauptstadt zu. Denn er hatte, indem er seine Gefährten zechen und schwatzen ließ, sich erkundigt und ver¬ nommen, daß ein Häuflein Bursche aus dem Geburtsorte seiner Mutter einige Stunden von da eintreffen würde, und zu diesen gedachte er zu stoßen. Er erreichte sie auch ohne Gefährde, weil er rasch und unbekümmert seinen Weg ging, und drang mit ihnen ungesäumt vorwärts. Allein die Sache schlug fehl, jene schwankhafte Regie¬ rung behauptete sich für dies Mal wieder durch einige günstige Zufälle, und sobald diese sich deutlich entwickelt, that sich das Landvolk zusam¬ men, strömte der Hauptstadt zu in die Wette mit den Freizügern und versperrt diesen die Wege, so daß Fritz und seine Genossen, noch ehe sie die Stadt erreichten, zwischen zwei große Haufen bewaffneter Bauern geriethen, und, da sie sich mannlich durchzuschlagen gedachten, ein Gefecht sich unverweilt entspann. So sah sich denn Fritz angesichts fremder Dorfschaften und Kirchthürme ladend, schießend und wieder ladend, indessen die Glocken stürmten und heulten über den verwegenen Einbruch und den Verdruß des beleidigten Bodens auszuklagen schienen. Wo sich die kleine Schaar hinwandte, wichen die Landleute mit großem Lärm etwas zurück; denn ihre junge Mannschaft war im Soldatenrock schon nach der Stadt gezogen worden, und was sich hier den Angreifern entgegenstellte, bestand mehr aus alten und ganz jungen unerwachsenen Leuten, von Priestern, Küstern und selbst Weibern ange¬ feuert. Aber sie zogen sich dennoch immer dichter zusammen und nachdem erst einige unter ihnen verwundet waren, stellte gerade dieser dunkle Saum erschreckter alter Menschen, Weiber und Priester, die sich zusammen den Landsturm nann¬ ten, das aufgebrachte und beleidigte Gebiet vor und die Glocken schrieen den Zorn über alles Getöse hinweg weit in das Land hinaus. Aber der drohende Saum zog sich immer enger und enger um die fechtenden Parteigänger, einige entschlossene und erfahrene Alte gingen voran und es dauerte nicht mehr lange, so waren die Freischärler gefangen. Sie ergaben sich ohne Weiteres, als sie sahen, daß sie Alles gegen sich hatten, was hier wohnte. Wenn man im offenen Kriege vom Reichsfeind gefangen wird, so ist das ein Unstern wie ein anderer und kränkt den Mann nicht tiefer; aber von seinen Mitbürgern als ein gewaltthätiger politischer Widersacher ge¬ fangen zu werden, ist so demüthigend und krän¬ kend, als irgend etwas auf Erden sein kann. 11* Kaum waren sie entwaffnet und von dem Volke umringt, als alle möglichen Ehrentitel auf sie niederregneten: Landfriedenbrecher, Freischärler, Räuber, Buben waren noch die mildesten Aus¬ rufe, die sie zu hören bekamen. Zudem wurden sie von vorn und hinten betrachtet wie wilde Thiere und je solider sie in ihrer Tracht und Haltung aussahen, desto erboster schienen die Bauern darüber zu werden, daß solche Leute solche Streiche machten. So hatten sie nun nichts weiter zu thun, als zu stehen oder zu gehen, wo und wie man ihnen befahl, hierhin, dorthin, wie es dem viel¬ köpfigen Souverain beliebte, welchem sie sein Recht hatten nehmen wollen. Und er übte es jetzt in reichlichem Maße aus und es fehlte nicht an Knüffen und Püffen, wenn die Herren Ge¬ fangenen sich trotzig zeigten oder nicht gehorchen wollten. Jeder schrie ihnen eine gute Lehre zu: »Wäret Ihr zu Hause geblieben, so brauchtet Ihr uns nicht zu gehorchen! Wer hat Euch hergerufen? Da Ihr uns regieren wolltet, so wollen wir nun Euch auch regieren, Ihr Spitz¬ buben! Was bezieht Ihr für Gehalt für Euer Geschäft, was für Sold für Euer Kriegswesen? Wo habt Ihr Eure Kriegskasse und wo Euren General? Pflegt Ihr oft auszuziehen ohne Trompeter, so in der Stille? Oder habt Ihr den Trompeter heimgeschickt, um Euren Sieg zu verkünden? Glaubtet Ihr, die Luft in unserm Gebiet sei schlechter als Eure, da Ihr kamet, sie mit Bleikugeln zu peitschen? Habt Ihr schon gefrühstückt, Ihr Herren? Oder wollt Ihr in's Gras beißen? Verdienen würdet Ihr es wohl! Habt Ihr geglaubt, wir hätten hier keinen ordentlichen Staat, wir stellten gar nichts vor in unserm Ländchen, daß Ihr da rottenweise herumstreicht ohne Erlaubniß? Wolltet Ihr Füchse fangen oder Kaninchen? Schöne Bun¬ desgenossen, die uns mit dem Schießprügel in der Hand unser gutes Recht stehlen wollen! Ihr könnt Euch bei denen bedanken, die Euch herge¬ rufen; denn man wird Euch eine schöne Mahl¬ zeit anrichten! Ihr dürfet einstweilen unsere Zuchthauskost versuchen; es ist eine ganz ent¬ schiedene Majorität von gesunden Erbsen, ge¬ würzt mit dem Salze eines handlichen Straf¬ gesetzes gegen Hochverrath, und wenn Ihr Jahr und Tag gesessen habt, so wird man Euch er¬ lauben, zur Feier Eures glorreichen Einzuges auch eine kleine Minorität von Speck zu über¬ wältigen, aber beißt Euch alsdann die Zähne nicht daran aus! Es geht allerdings nichts über einen guten Spaziergang und ist zuträglich für die Gesundheit, insbesondere wenn man keine regelmäßige Arbeit und Bewegung zu haben scheint; aber man muß sich doch immer in Acht nehmen, wo man spazieren geht und es ist un¬ höflich, mit dem Hut auf dem Kopf in eine Kirche und mit dem Gewehr in der Hand in ein friedfertiges Staatswesen herein zu spazieren! Oder habt Ihr geglaubt, wir stellen keinen Staat vor, weil wir noch Religion haben und unsere Pfaffen zu ehren belieben? Dieses gefällt uns einmal so, und wir wohnen gerade so lang im Lande, als Ihr, Ihr Maulaffen, die Ihr nun dasteht und Euch nicht zu helfen wißt!« So tönte es unaufhörlich um sie her, und die Beredtsamkeit der Sieger war um so uner¬ schöpflicher, als sie das Gleiche, dessen sie ihre Gegner nun anklagten, entweder selbst schon ge¬ than oder es jeden Augenblick zu thun bereit waren, wenn die Umstände und die persönliche Rüstigkeit es erlaubten, gleich wie ein Dieb die beredteste Entrüstung verlauten läßt, wenn ein Kleinod, das er selbst gestohlen, ihm abermals entfremdet wird. Denn der Mensch trägt die unbefangene Schamlosigkeit des Thieres gerade¬ wegs in das moralische Gebiet hinüber und ge¬ berdet sich da im guten Glauben an das nütz¬ liche Recht seiner Willkür so naiv, wie die Hünd¬ lein auf den Gassen. Die gefangenen Frei¬ schärler mußten indessen alles über sich ergehen lassen und waren nur bedacht, durch keinerlei Herausforderung eine körperliche Mißhandlung zu veranlassen. Dies war das Einzige, was sie thun konnten, und die Älteren und Erfahrenern unter ihnen ertrugen das Übel mit möglichstem Humor, da sie voraussahen, daß die Sache nicht so gefährlich abliefe, als sie schien. Der Eine oder Andere merkte sich ein schimpfendes Bäuer¬ lein, das in seinem Laden etwa eine Sense oder ein Maß Kleesamen gekauft und schuldig geblie¬ ben war und gedachte, demselben seiner Zeit seine beißenden Anmerkungen mit Zinsen zurückzugeben, und wenn ein solches Bäuerlein solchen Blick bemerkte und den Absender erkannte, so hörte es darum nicht plötzlich auf zu schelten, aber richtete unvermerkt seine Augen und seine Worte anders¬ wohin in den Haufen und verzog sich allmälig hinter die Front; so gemüthlich und seltsamlich spielen die Menschlichkeiten durcheinander. Fritz Amrain aber war im höchsten Grade niederge¬ schlagen und trostlos. Zwei oder drei seiner Gefährten waren gefallen und lagen noch da, andere waren verwundet und er sah den Boden um sich her mit Blut gefärbt; sein Gewehr und seine Taschen waren ihm abgenommen, rings¬ um erblickte er drohende Gesichter, und so war er plötzlich aus seiner bedachtlosen und fieberhaf¬ ten Aufregung erwacht, der Sonnenschein des lustigen Kampftages war verwischt und verdun¬ kelt, das lustige Knallen der Schüsse und die angenehme Musik des kurzen Gefechtlärmens verklungen, und als nun gar endlich die Be¬ hörden oder Landesautoritäten sich hervorthaten aus dem Wirrsal und eine trockene geschäftliche Eintheilung und Abführung der Gefangenen be¬ gann, war es ihm zu Muthe, wie einem Schul¬ knaben, welcher aus einer muthwilligen Herrlich¬ keit, die ihm für die Ewigkeit gegründet und höchst rechtmäßig schien, unversehens von dem häßlichsten Schulmeister aufgerüttelt und beige¬ steckt wird, und der nun in seinem Gram alles verloren und das Ende der Welt herbeigekommen wähnt. Er schämte sich, ohne zu wissen vor wem, er verachtete seine Feinde und war doch in ihrer Hand. Er war begeistert gewesen, gegen sie auszuziehen, und doch waren sie jetzt in jeder Hinsicht in ihrem Rechte; denn selbst ihre Beschränktheit oder ihre Dummheit war ihr gutes rechtliches Eigenthum und es gab kein Mandat dagegen, als dasjenige des Erfolges, der nun leider ausgeblieben war. Die leiden¬ schaftlich erbos'ten Gesichter aller dieser bejahrten und gefurchten Landleute, welche auf ihren ge¬ fundenen Sieg trotzten, traten ihm in seiner helldunklen Trostlosigkeit mit einer seltsamen Deut¬ lichkeit vor die Augen; überall, wo er durchge¬ führt wurde, gab es neue Gesichter, die er nie gesehen, die er nicht einzeln und nicht mit Willen ansah, und die sich ihm dennoch scharf und treff¬ lich beleuchtet einprägten als eben so viele Vor¬ würfe, Beleidigungen und Strafgerichte. Je näher der Zug der Gefangenen der Stadt kam, desto lebendiger wurde es; die Stadt selbst war mit Soldaten und bewaffneten Landleuten ange¬ füllt, welche sich um die neu befestigte Regierung schaarten, und die Gefangenen wurden im Triumphe durchgeführt. Von der Opposition, welche gestern noch so mächtig gewesen, daß sie um die Herr¬ schaft ringen konnte und sich bewegte, wie es ihr gefiel, war nicht die leiseste Spur mehr zu er¬ blicken, es war eine ganz andere grobe und wider¬ stehende Welt, als sich Fritz gedacht hatte, welche sich für unzweifelhaft und auf's Beste begründet ausgab, und nur verwundert schien, wie man sie irgend habe in Frage stellen und angreifen kön¬ nen. Denn Jeder tanzt, wenn seine Geige ge¬ strichen wird, und wenn viele Menschen zusam¬ men sich was einbilden, so blähet sich eine Un¬ endlichkeit in dieser Einbildung. Endlich aber waren die Gefangenen in Thürmen und andern Baulichkeiten untergebracht, die alle schon besetzt waren mit ähnlichen Unternehmungslustigen, und so befand sich auch Fritz hinter Schloß und Rie¬ gel und war es erklärlich, daß er nicht mit den Seldwylern zurückgekehrt war. Diese rächten sich für ihren mißlungenen Zug dadurch, daß sie den sieghaften Gegnern auf der Stelle die abscheulichste und rücksichts¬ loseste Rachsucht zuschrieben und daß Jeder, der entkommen war, es als für gewiß annahm, die Gefangenen würden erschossen werden. Es gab Leute, die sonst nicht ganz unklug waren, welche allen Ernstes glaubten und wieder sagten, daß die fanatisirten Bauern gefangene Freischärler zwischen zwei Bretter gebunden und entzweige¬ sägt, oder auch etliche derselben gekreuziget hätten. Sobald Frau Regula diese Übertreibungen und dies unmäßige Mißtrauen vernahm, verlor sie die Hälfte des Schreckens, welchen sie zuerst empfunden, da die Thorheit der Leute ihren Ein¬ fluß auf die Wohlbestellten immer selbst regulirt und unschädlich macht. Denn hätten die Seld¬ wyler nur etwa die Befürchtung ausgesprochen, die Gefangenen könnten vielleicht wohl erschossen werden nach dem Standrecht, so wäre sie in tödtlicher Besorgniß geblieben; als man aber sagte, sie seien entzweigesägt und gekreuzigt, glaubte sie auch jenes nicht mehr. Dagegen erhielt sie bald einen kurzen Brief von ihrem Keller, die Leute von Seldwyla. 12 Sohne, laut welchem er wirklich eingethürmt war und sie um die sofortige Erlegung einer Geldbürgschaft bat, gegen welche er entlassen würde. Mehrere Kameraden seien schon auf diese Weise frei gegeben worden. Denn die sieghafte Regierung war in großen Geldnöthen und ver¬ schaffte sich auf diese Weise einige willkommene außerordentliche Einkünfte, da sie nachher nur die hinterlegten Summen in eben so viele Geld¬ bußen zu verwandeln brauchte. Frau Amrain steckte den Brief ganz vergnügt in ihren Busen und begann gemächlich und ohne sich zu über¬ eilen, die erforderlichen Geldmittel beizubringen und zurecht zu legen, so daß wohl acht Tage vergingen, ehe sie Anstalt machte, damit abzu¬ reisen. Da kam ein zweiter Brief, welchen der Sohn Gelegenheit gefunden heimlich abzuschicken und worin er sie beschwor, sich ja zu eilen, da es ganz unerträglich sei, seinen Leib dergestalt in der Gewalt verhaßter Menschen zu sehen. Sie wären eingesperrt wie wilde Thiere, ohne frische Luft und Bewegung und müßten Haber¬ muß und Erbsenkost aus einer hölzernen Bütte gemeinschaftlich essen mit hölzernen Löffeln. Da schob sie lächelnd ihre Abreise noch um einige Tage auf, und erst als der eingepferchte That¬ kräftige volle vierzehn Tage gesessen, nahm sie ein Gefährt, packte die Erlösungsgelder nebst frischer Wäsche und guten Kleidern ein und begab sich auf den Weg. Als sie aber ankam, ver¬ nahm sie, daß ehestens eine Amnestie ausgespro¬ chen würde über alle, die nicht ausgezeichnete Rädelsführer seien, und besonders über die Frem¬ den, da man diese nicht unnütz zu füttern ge¬ dachte und jetzt keine eingehenden Gelder mehr erwartete. Da wartete sie noch zwei oder drei Tage in einem Gasthofe, bereit ihren Sohn jeden Augenblick zu erlösen, der übrigens seiner Ju¬ gend wegen nicht sehr beachtet wurde. Die Amnestie wurde auch wirklich verkündet, da dies¬ mal die siegende Partei aus Sparsamkeit die wahre Weise befolgte: im Siege selbst, und nicht in der Rache oder Strafe, ihr Bewußtsein und ihre Genugthuung zu finden. So fand denn der verzweifelte Fritz seine Mutter an der Pforte des Gefängnisses seiner harrend. Sie speis'te und tränkte ihn, gab ihm neue Kleider und fuhr mit ihm nebst der geretteten Bürgschaft von dannen. 12 * Als er sich nun wohlgeborgen und gestärkt neben seiner Mutter sah, fragte er sie, warum sie ihn denn so lange habe sitzen lassen? Sie erwiederte kurz und ziemlich vergnügt, wie ihm schien, daß das Geld eben nicht früher wäre aufzutreiben gewesen. Er kannte aber den Stand ihrer Angelegenheiten nur zu wohl und wußte genau, wo die Mittel zu suchen und zu beziehen waren. Er ließ also diese Ausflucht nicht gelten und fragte abermals. Sie meinte, er möchte sich nur zufrieden geben, da er durch sein Sitzen in dem Thurme ein gutes Stück Geld verdient und überdies Gelegenheit erhalten, eine schöne Erfah¬ rung zu machen. Gewiß habe er diesen oder jenen vernünftigen Gedanken zu fassen die Muße gehabt. »Du hast mich am Ende absichtlich stecken lassen,« erwiederte er und sah sie groß an, »und hast mir in Deinem mütterlichen Sinne das Gefängniß förmlich zuerkannt?« Hierauf antwortete sie nichts, sondern lachte laut und lustig in dem rollenden Wagen, wie er sie noch nie lachen gesehen. Als er hierauf nicht wußte, welches Gesicht er machen sollte und seltsam die Nase rümpfte, umhals'te sie ihn noch lauter lachend und gab ihm einen Kuß. Er sagte aber kein Wort mehr, und es zeigte sich von nun an, daß er in dem Gefängniß in der That etwas gelernt habe. Denn er hielt sich in seinem Wesen jetzt viel ernster und geschlossener zusammen und ge¬ rieth nie wieder in Versuchung, durch eine unrechtmäßige oder leichtsinnige Thatlust eine Ge¬ walt herauszufordern und seine Person in ihre Hand zu geben zu seiner Schmach und niemand zum Nutzen. Er nahm sich nicht gerade vor, nie mehr auszuziehen, da die Ereignisse nicht zum Voraus gezählt werden können und Niemand seinem Blut gebieten kann, stille zu stehn, wenn es rascher fließt, aber er war nun sicher vor jeder nur äußerlichen und unbedachten Kampflust. Diese Erfahrung wirkte überhaupt dermaßen auf den jungen Mann, daß er mit verdoppeltem Fortschritt an Tüchtigkeit in allen Dingen zuzu¬ nehmen schien, und den Dingen schon mit voller Männlichkeit vorstand, als er kaum zwanzig Jahre alt war. Frau Amrain gab ihm desnahen nun die junge Frau, welche er wünschte, und nach Verlauf eines Jahres, als er bereits ein kleines hübsches Söhnchen besaß, war er zwar immer wohlgemuth, aber um so ernsthafter und gemes¬ sener in seinen fleißigen Geschäften, als seine Frau lustig, voll Gelächter und guter Dinge war; denn es gefiel ihr über die Maßen in diesem Hause und sie kam vortrefflich mit ihrer Schwiegermutter aus, obgleich sie von dieser ver¬ schieden und wieder eine andere Art von gutem Charakter war. So schien nun das Erziehungswerk der Frau Regula auf das beste gekrönt und der Zukunft mit Ruhe entgegen zu sehen; denn auch die beiden älteren Söhne, welche zwar trägen We¬ sens aber sonst gutartig waren, hatte sie hinter dem wackeren Fritz her leidlich durchgeschleppt und als dieselben herangewachsen, die Vorsicht gebraucht, sie in anderen Städten in die Lehre zu geben, wo sie denn auch blieben und ihr ferneres Leben begründeten als ziemlich bequem¬ liche aber sonst ordentliche Menschen, von denen nachher so wenig zu sagen war, wie vorher. Fritz aber, da er bereits ein würdiger Fa¬ milienvater war, mußte doch noch ein Mal in die Schule genommen werden von der Mutter, und zwar in einer Sache, um die sich manche Mutter vom gemeinen Schlage wenig bekümmert hätte. Der Sohn war ungefähr zwei Jahre schon ver¬ heirathet, als das Ländchen, welchem Seldwyla angehörte, seinen obersten maßgebenden Rath neu zu bestellen und deshalben die vierjährigen Wah¬ len vorzunehmen hatte, in Folge deren denn auch die verwaltenden und richterlichen Behörden bestellt wurden. Bei den letzten Hauptwahlen war Fritz noch nicht stimmfähig gewesen und es war jetzt das erste Mal, wo er dergleichen bei¬ wohnen sollte. Es war aber eine große Stille im Lande. Die Gegensätze hatten sich einiger¬ maßen ausgeglichen und die Parteien an einander abgeschliffen; es wurde in allen Ecken fleißig gearbeitet, man lichtete die alten Winkeleien in der Gesetzsammlung und machte fleißig neue, gute und schlechte, bauete öffentliche Werke, übte sich in einer geschickten Verwaltung ohne Unbe¬ sonnenheit, doch auch ohne Zopf, und ging dar¬ auf aus, Jeden an seiner Stelle zu verwenden, die er verstand und treulich versah, und endlich gegen Jedermann artig und gerecht zu sein, der es in seiner Weise gut meinte und selbst kein Zwinger und Hasser war. Dies alles war nun den Seldwylern höchst langweilig, da bei solcher stillgewordenen Entwickelung keine Aufregung Statt fand. Denn Wahlen ohne Aufregung, ohne Vorversammlungen, Zechgelage, Reden, Auf¬ rufe, ohne Umtriebe und heftige schwankende Kri¬ sen, waren ihnen so gut wie gar keine Wahlen, und so war es diesmal entschieden schlechter Ton zu Seldwyla, von den Wahlen nur zu sprechen, wogegen sie sehr beschäftigt thaten mit Errichtung einer großen Aktienbierbrauerei und Anlegung einer Aktienhopfenpflanzung, da sie plötzlich auf den Gedanken gekommen waren, eine solche statt¬ liche Bieranstalt mit weitläufigen guten Kelle¬ reien, Trinkhallen und Terrassen würde der Stadt einen neuen Aufschwung geben und dieselbe be¬ rühmt und vielbesucht machen. Fritz Amrain nahm an diesen Bestrebungen eben keinen An¬ theil, allein er kümmerte sich auch wenig um die Wahlen, so sehr er sich vor vier Jahren gesehnt hatte, daran Theil zu nehmen. Er dachte sich, da alles gut ginge im Lande, so sei kein Grund, den öffentlichen Dingen nachzugehen, und die Maschine würde deswegen nicht stille stehen, wenn er schon nicht wähle. Es war ihm unbequem, an dem schönen Tage in der Kirche zu sitzen mit einigen alten Leuten, und, wenn man es recht betrachtete, schien sogar ein Anflug von philister¬ hafter Lächerlichkeit zu kleben an den diesjährigen Wahlen, da sie eine gar so stille und regelmäßige Pflichterfüllung waren. Fritz scheuete die Pflicht nicht, wohl aber haßte er nach Art aller jungen Leute kleinere Pflichten, welche uns zwingen zu ungelegener Stunde den guten Rock anzuziehen, den besseren Hut zu nehmen und uns an einen höchst langweiligen oder trübseligen Ort hinzu¬ begeben, als wie ein Taufstein, ein Kirchhof oder ein Gerichtszimmer. Frau Amrain jedoch hielt gerade diese Weise der Seldwyler, die sie nun angenommen, für unerträglich und unverschämt, und eben weil Niemand hinging, so wünschte sie doppelt, daß ihr Sohn es thäte. Sie steckte es daher hinter seine Frau und trug dieser auf, ihn zu überreden, daß er am Wahltage ordent¬ lich in die Versammlung ginge und einem tüch¬ tigen Manne seine Stimme gäbe, und wenn er auch ganz allein stände mit derselben. Allein mochte nun das junge Weibchen nicht die nöthige Beredtsamkeit besitzen in einer Sache, die es sel¬ ber nicht viel kümmerte, oder mochte der junge Mann nicht gesonnen sein, sich in ihr eine neue Erzieherin zu nähren und groß zu ziehen, genug er ging an dem betreffenden Morgen in aller Frühe in seinen Steinbruch hinaus und schaffte dort in der warmen Maisonne so eifrig und ernsthaft herum, als ob an diesem einen Tage noch alle Arbeit der Welt abgethan werden müßte und nie wieder die Sonne aufginge hernach. Da ward seine Mutter ungehalten und setzte ihren Kopf darauf, daß er dennoch in die Kirche gehen müsse; und sie band ihre immer noch glänzend schwarzen Zöpfe auf, nahm einen brei¬ ten Strohhut darüber und Fritzens Rock und Hut an den Arm und wanderte rasch hinter das Städtchen hinaus, wo der weitläufige Steinbruch an der Höhe lag. Als sie den langen krummen Fahrweg hinan stieg, auf welchem die Steinlasten herabgebracht wurden, bemerkte sie, wie tief der Bruch seit zwanzig Jahren in den Berg hinein gegangen, und überschlug das unzweifelhafte gute Erbthum, das sie erworben und zusammengehal¬ ten. Auf verschiedenen Abstufungen hämmerten zahlreiche Arbeiter, welchen Fritz längst ohne Werkführer vorstand, und zu oberst, wo grünes Buchenholz die frischen weißen Brüche krönte, erkannte sie ihn jetzt selbst an seinem weißeren Hemde, da er Weste und Jacke weggeworfen, wie er mit einem Trüppchen Leute die Köpfe zusammensteckte über einem Punkte. Gleichzeitig aber sah man sie und rief ihr zu, sich in Acht zu nehmen. Sie duckte sich unter einen Felsen, worauf in der Höhe nach einer klei¬ nen Stille ein starker Schlag erfolgte und eine Menge kleiner Steine und Erde rings her¬ nieder regneten. »Da glaubt er nun, sagte sie zu sich selbst, was er für Heldenwerk verrichtet, wenn er hier Steine gen Himmel sprengt, statt seine Pflicht als Bürger zu thun!« Als sie oben ankam und verschnaufte, schien er, nachdem er flüchtig auf den Rock und Hut geschielt, den sie trug, sie nicht zu bemerken, sondern unter¬ suchte eifrig die Löcher, die er eben gesprengt, und fuhr mit dem Zollstock an den Steinen herum. Als er sie aber nicht mehr vermeiden konnte, sagte er: »Guten Tag, Mutter! Spa¬ zierest ein wenig? Schön ist das Wetter dazu!« und wollte sich wieder wegmachen. Sie ergriff ihn aber bei der Hand und führte ihn etwas zur Seite, indem sie sagte: »Hier habe ich Dir Rock und Hut gebracht, nun thu' mir den Ge¬ fallen und geh' zu den Wahlen! Es ist ein wahrer Skandal, wenn Niemand geht aus der Stadt!« »Das fehlte auch noch, erwiederte Fritz un¬ geduldig, jetzt abermals bei diesem Wetter, in der langweiligen Kirche zu sitzen und Stimm¬ zettel umherzubieten. Natürlich wirst Du dann für den Nachmittag schon irgend ein Leichenbe¬ gängniß in Bereitschaft haben, wo ich wieder mithumpeln soll, damit der Tag ja ganz ver¬ schleudert werde! Daß ihr Weibsleute Unser¬ einen immer an Begräbnisse und Kindertaufen hinspedirt, ist begreiflich; daß ihr euch aber so sehr um die Politik bekümmert, ist mir ganz etwas Neues!« »Schande genug, sagte sie, daß die Frauen euch vermahnen sollen, zu thun, was sich gebührt und was eine verschworne Pflicht und Schul¬ digkeit ist!« »Ei so thue doch nicht so, erwiederte Fritz, seit wann wird denn der Staat stille stehn, wenn Einer mehr oder weniger mitgeht, und seit wann ist es denn nöthig, daß ich gerade überall dabei bin? »Dies ist keine Bescheidenheit, die dies sagt, antwortete die Mutter, dies ist vielmehr ver¬ borgener Hochmuth! denn ihr glaubt wohl, daß ihr müßt dabei sein, wenn es irgend darauf ankäme, und nur weil ihr den gewohnten stillen Gang der Dinge verachtet, so haltet ihr euch für zu gut, dabei zu sein!« »Es ist aber in der That lächerlich, allein dahin zu gehen, sagte Fritz, jedermann sieht Ei¬ nen hingehen, wo dann niemand als die Kir¬ chenmaus zu sehen ist.« Frau Amrain ließ aber nicht nach und er¬ wiederte: »Es genügt nicht, daß Du unterlassest, was Du an den Seldwylern lächerlich findest! Du mußt außerdem noch thun grade, was sie für lächerlich halten; denn was diesen Eseln so vorkommt, ist gewiß etwas Gutes und Vernünf¬ tiges! Man kennt die Vögel an den Federn, so die Seldwyler an dem, was sie für lächerlich halten. Bei allen kleinen Angelegenheiten, bei allen schlechten Geschichten, eitlen Vergnügungen und Dummheiten, bei allem Gevatter- und Ge¬ schnatterwesen befleißigt man sich der größten Pünktlichkeit; aber alle vier Jahre ein Mal sich pünktlich und vollzählig zu einer Wahlhandlung einzufinden, welche die Grundlage unsers ganzen öffentlichen Wesens und Regimentes ist, das soll langweilig, unausstehlich und lächerlich sein! das soll in dem Belieben und in der Bequem¬ lichkeit jedes Einzelnen stehen, der immer nach seinem Rechte schreit, aber sobald dies Recht nur ein Bischen auch nach Pflicht riecht, sein Recht darin sucht, keines zu üben! Wie, ihr wollt einen freien Staat vorstellen und seid zu faul, alle vier Jahre einen halben Tag zu opfern, einige Aufmerksamkeit zu bezeigen und eure Zu¬ friedenheit oder Unzufriedenheit mit dem Regi¬ ment, das ihr vertragsmäßig eingesetzt, zu offen¬ baren? Sagt nicht, daß ihr immer da wäret, wenn es sein müßte! Wer nur da ist, wenn es ihn belustigt und seine Leidenschaft kitzelt, der wird einmal ausbleiben und sich eine Nase dre¬ hen lassen, grade wenn er am wenigsten daran denkt. »Jeder Arbeiter ist seines Lohnes werth, und so auch der, welcher für das Wohl des Landes arbeitet und dessen öffentliche Dinge be¬ sorgt, die in jedem Hause in Einrichtungen und Gesetzen auf das Tiefste eingreifen. Schon die alleräußerlichste Artigkeit und Höflichkeit gegen die betrauten Männer erforderte es, wenigstens an diesem Tage sich vollzählig einzufinden, damit sie sehen, daß sie nicht in der Luft stehen. Der Anstand vor den Nachbaren und das Beispiel für die Kinder verlangen es ebenfalls, daß diese Handlung mit Kraft und Würde begangen wird, und da finden es diese Helden unbequem und lächerlich, die gleichen, welche täglich die größte Pünktlichkeit inne halten, um einer Kegelpartie oder einer nichtssagenden aberwitzigen Geschichte beizuwohnen. »Wie, wenn nun die sämmtlichen Behörden, über solche Unhöflichkeit erbittert, euch den Sack vor die Thür würfen und auf einmal abtreten würden? Sag' nicht, daß dies nie geschehen werde! Es wäre doch immer möglich, und als¬ dann würde eure Selbstherrlichkeit dastehen, wie die Butter an der Sonne; denn nur durch gute Gewöhnung, Ordnung und regelrechte Ablösung oder kräftige Bestätigung ist in Friedenszeiten diese Selbstherrlichkeit zu brauchen und bemerk¬ lich zu machen. Wenigstens ist es die allerver¬ kehrteste Anwendung oder Offenbarung derselben, sich gar nicht zu zeigen, warum? weil es ihr so beliebt!« »Nimm mir nicht übel, das sind Kindesge¬ danken und Weibernücken; wenn ihr glaubt, daß solche Aufführung euch wohl anstehe, so seid ihr im Irrthum. Aber ihr beneidet euch selbst um die Ruhe und um den Frieden, und damit die Dinge, obgleich ihr nichts dagegen einzuwenden wißt, und nur auf alle Fälle hin, so in's Blaue hinein schlecht begründet erscheinen, so wählt ihr nicht oder überlaßt die Handlung den Nacht¬ wächtern, damit, wie gesagt, vorkommenden Falls von eurem Neste Seldwyl ausgeschrieen werden könne, die öffentliche Gewalt habe keinen festen Fuß im Volke. Bübisch ist aber dieses und es ist gut, daß eure Macht nicht weiter reicht, als eure lotterige Stadtmauer!« »Ihr und immer Ihr! sagte Fritz ungehal¬ ten, was hab' ich denn mit diesen Leuten zu schaffen? Wenn dieselben solche elende Launen und Beweggründe haben, was geht das mich an?« »Gut denn, rief Frau Regel, so benimm Dich auch anders als sie in dieser Sache und geh' zu den Wahlen!« »Damit, wandte ihr Sohn lächelnd ein, man außerhalb sage, der einzige Seldwyler, wel¬ cher denselben beigewohnt, sei noch von den Weibern hingeschickt worden?« Frau Amrain legte ihre Hand auf seine Schulter und sagte: »Wenn es heißt, daß Deine Mutter Dich hingeschickt habe, so bringt Dir dies keine Schande und mir bringt es Ehre, wenn ein solcher tüchtiger Gesell sich von seiner Mutter schicken läßt! Ich würde wahrhaftig stolz darauf sein und Du kannst mir am Ende den kleinen Gefallen zu meinem Vergnügen er¬ weisen, nicht so?« Fritz wußte hiergegen nichts mehr vorzubrin¬ gen und zog den Rock an und setzte den Bür¬ gerhut auf. Als er mit der trefflichen Frau den Berg hinunterging, sagte er: »Ich habe Dich in meinem Leben nie so viel politisiren Keller, die Leute von Seldwyla. 13 hören, wie so eben, Mutter! Ich habe Dir so lange Reden gar nicht zugetraut!« Sie lachte, erwiederte dann aber ernsthaft: Was ich gesagt, ist eigentlich weniger politisch ge¬ meint, als gut hausmütterlich. Wenn Du nicht be¬ reits Frau und Kind hättest, so würde es mir vielleicht nicht eingefallen sein, Dich zu überreden; so aber, da ich ein wohl erhaltenes Haus von meinem Geblüte in Aussicht sehe, so halte ich es für ein gutes Erbtheil solchen Hauses, wenn darin in allen Dingen das rechte Maß gehalten wird. Wenn die Söhne eines Hauses bei Zei¬ ten sehen und lernen, wie die öffentlichen Dinge auf rechte Weise zu ehren sind, so bewahrt sie vielleicht grade dies vor unrechten und unbeson¬ nenen Dingen. Ferner, wenn sie das Eine ehren und zuverlässig thun, so werden sie es auch mit dem Andern so halten, und so siehst Du, habe ich am Ende nur als fürsichtige häusliche Gro߬ mutter gehandelt, während man sagen wird, ich sei die ärgste alte Kannegießerin!« In der Kirche fand Fritz statt einer Zahl von sechs oder sieben hundert Männern kaum deren vier Dutzend, und diese waren beinahe ausschließlich Landleute aus umliegenden Gehöf¬ ten, welche mit den Seldwylern zu wählen hat¬ ten. Diese Landleute hätten zwar auch eine sechs mal stärkere Zahl zu stellen gehabt; aber da die Ausgebliebenen wirklich im Schweiße ihres Angesichts auf den Feldern arbeiteten, so war ihr Wegbleiben mehr eine harmlose Gedanken¬ losigkeit und ein bäuerlicher Geiz mit dem schö¬ nen Wetter, und da sie einen weiten Weg zu machen hatten, erschien das Dasein der Anwe¬ senden um so löblicher. Aus der Stadt selbst war Niemand da als der Gemeindepräsident, die Wahlen zu leiten, der Gemeindeschreiber, das Protokoll zu führen, dann der Nachtwächter und zwei oder drei arme Teufel, welche kein Geld hatten, um mit den lachenden Seldwylern den Frühschoppen zu trinken. Der Herr Präsident aber war ein Gastwirth, welcher vor Jahren schon fallirt hatte und seither die Wirthschaft auf Rechnung seiner Frau fortbetrieb. Hierin wurde er von seinen Mitbürgern reichlich unter¬ stützt, da er ganz ihr Mann war, das große Wort zu führen wußte und bei allen Händeln als ein erfahrner Wirth auf dem Posten war 13 * Daß er aber in Amt und Würden stand und hier den Wahlen präsidirte, gehörte zu jenen Sünden der Seldwyler, die sich zeitweise so lange anhäuften, bis ihnen die Regierung mit einer Untersuchung auf den Leib rückte. Die Landleute wußten theilweise wohl, daß es nicht ganz richtig war mit diesem Präsidenten, allein sie waren viel zu langsam und zu häcklich, als daß sie etwas gegen ihn unternommen hätten, und so hatte er sich bereits in einem Handum¬ drehen mit seinen drei oder vier Mitbürgern das Geschäft des Tages zugeeignet, als Fritz ankam. Dieser, als er das Häuflein rechtlicher Landleute sah, freute sich, wenigstens nicht ganz allein da zu sein, und es fuhr plötzlich ein un¬ ternehmender Geist in ihn, daß er unversehens das Wort verlangte und gegen den Präsidenten protestirte, da derselbe fallirt und bürgerlich todt sei. Dies war ein Donnerschlag aus heiterm Himmel. Der ansehnliche Gastwirth machte ein Gesicht, wie Einer der tausend Jahre begraben lag und wieder auferstanden ist; jedermann sah sich nach dem kühnen Redner um; aber die Sache war so kindlich einfach, daß auch nicht ein Laut dagegen ertönen konnte, in keiner Weise; nicht die leiseste Diskussion ließ sich eröffnen. Je unerhörter und unverhoffter das Ereigniß war, um so begreiflicher und natürlicher erschien es jetzt, und je begreiflicher es erschien, um so zor¬ niger und empörter waren die paar Seldwyler grade über diese Begreiflichkeit, über sich selbst, über den jungen Amrain, über die heimtückische Trivialität der Welt, welche das unscheinbarste und naheliegendste ergreift, um Große zu stür¬ zen und die Verhältnisse umzukehren. Der Herr Präsident Usurpator sagte nach einer minutenlan¬ gen Verblüffung, nach welcher er wieder so klug wie zu Anfang war, gar nichts, als: Wenn — wenn man gegen meine Person Einwendungen — allerdings, ich werde mich nicht aufdringen, so ersuche ich die geehrte Versammlung, zu einer neuen Wahl des Präsidenten zu schreiten und die Stimmenzähler, die betreffenden Stimmzettel auszutheilen. — »Ihr habt überhaupt weder etwas vorzu¬ schlagen hier, noch den Stimmenzählern etwas aufzutragen!« rief Fritz Amrain, und dem großen Magnaten und Gastwirth blieb nichts anders übrig, als das Unerhörte abermals so begreiflich zu finden, daß es an's Triviale gränzte, und ohne ein Wort weiter zu sagen verließ er die Kirche, gefolgt von dem bestürzten Nachtwächter und den andern Lumpen. Nur der Schreiber blieb, um das Protokoll weiter zu führen und Fritz Am¬ rain begab sich in dessen Nähe und sah ihm auf die Finger. Die Bauern aber erholten sich endlich aus ihrer Verwunderung und benutzten die Gelegenheit, das Wahlgeschäft rasch zu been¬ den und statt der bisherigen zwei Mitglieder zwei tüchtige Männer aus ihrer Gegend zu wählen, die sie schon lange gerne im Rathe gesehen, wenn die Seldwyler ihnen irgend Raum gegönnt hät¬ ten. Dies lag nun am wenigsten im Plane der nichterschienenen Seldwyler, denn sie hatten sich doch gedacht, daß ihr Präsident und der Nachtwächter unfehlbar die alten zwei Popanze wählen würden, wie es auch ausgemacht war in einer flüchtigen Viertelstunde in irgend einem Hinterstübchen. Wie erstaunten sie daher, als sie nun, durch den heimgeschickten falschen Präsi¬ denten aufgeschreckt, in hellen Haufen daher gerannt kamen und das Protokoll rechtskräftig geschlossen fanden sammt dessen Resultat. Ruhig lächelnd gingen die Landleute auseinander; Fritz Amrain aber, welcher nach seiner Behausung schritt, wurde von den Bürgern aufgebracht, verlegen und wild höhnisch betrachtet, mit hal¬ bem Blicke oder mit weit aufgesperrten Augen. Der Eine rief ein abgebrochenes Ha! der Andere ein Ho! Fritz fühlte, daß er jetzt zum ersten Male wirkliche Feinde habe, und zwar gefähr¬ licher als jene, gegen welche er einst mit Blei und Pulver ausgezogen. Auch wußte er, da er so unerbittlich über einen Mann gerichtet, der zwanzig Jahre älter war als er, daß er sich nun doppelt wehren müsse, selber nicht in die Grube zu fallen und so hatte das Leben nun wieder ein ganz anderes Gesicht für ihn, als es noch vor zwei Stunden gehabt. Mit ernsten Gedanken trat er in sein Haus und gedachte, um sich aufzuheitern, seine Mutter zu prüfen, ob ihr diese Wendung der Dinge auch genehm sei, da sie ihn allein veranlaßt hatte, sich in die Gefahr zu begeben. Allein da er den Hausflur betrat, kam ihm seine Mutter entgegen, fiel ihm weinend um den Hals und sagte nichts, als: Dein Vater ist wiedergekommen! Da sie aber sah, daß ihn die¬ ser Bericht noch verlegener und ungewisser machte, als sie selbst war, faßte sie sich, nachdem sie den Sohn an sich gedrückt, und sagte: Nun, er soll uns nichts anhaben! Sei nur freundlich gegen ihn, wie es einem Kinde zukommt! So hatten sich in der That die Dinge abermals verändert; noch vor wenig Augenblicken, da er auf der Straße ging, schien es ihm höchst bedenklich, sich eine ganze Stadt verfeindet zu wissen, und jetzt, was war dies Bedenken gegen die Lage, urplötz¬ lich sich einem Vater gegenüber zu sehen, den er nie gekannt, von dem er nur wußte, daß er ein eitler, wilder und leichtsinniger Mann war, der zudem die ganze Welt durchzogen während zwan¬ zig Jahren und nun weiß der Himmel welch' ein fremdartiger und erschrecklicher Cumpan sein mochte. »Wo kommt er denn her? was will er, wie sieht er denn aus, was will er denn? sagte Fritz, und die Mutter erwiederte: »Er scheint irgend ein Glück gemacht und was erschnappt zu haben und nun kommt er mit Geberden dahergefahren, als ob er uns in Gnaden auf¬ fressen wollte! Fremd und wild sieht er aus, aber er ist der Alte, das hab' ich gleich gesehen.« Fritz war aber jetzt doch neugierig und ging festen Schrittes die Treppe hinauf und auf die Wohnstube zu, während die Mutter in die Küche huschte und auf einem andern Wege fast gleich¬ zeitig in die Stube trat; denn das dünkte sie nun der beste Lohn und Triumph für alle Müh¬ sal, zu sehen, wie ihrem Manne der eigne Sohn, den sie erzogen, entgegentrat. Als Fritz die Thür öffnete und eintrat, sah er einen großen schweren Mann am Tische sitzen, der ihm wohl er selbst zu sein schien, wenn er zwanzig Jahre älter wäre. Der Fremde war fein aber unor¬ dentlich gekleidet, hatte etwas Ruhigtrotziges in seinem Wesen und doch etwas Unstätes in sei¬ nem Blicke, als er jetzt aufstand und ganz er¬ schrocken sein junges Ebenbild eintreten sah, hoch aufgerichtet und nicht um eine Linie kürzer, als er selbst. Aber um das Haupt des Jungen wehten starke goldne Locken, und während sein Angesicht eben so ruhig trotzig drein sah, wie das des Alten, erröthete er bei aller Kraft doch in Unschuld und Bescheidenheit. Als der Alte ihn mit der verlegenen Unverschämtheit der Zer¬ fahrenen ansah und sagte: So wirst Du also mein Sohn sein? schlug der Junge die Augen nieder und sagte: Ja, und Ihr seid also mein Vater? Es freut mich, Euch endlich zu sehen! Dann schaute er neugierig empor und betrachtete gutmüthig den Alten; als dieser aber ihm nun die Hand gab und die seinige mit einem prah¬ lerischen Druck schüttelte, um ihm seine große Kraft und Gewalt anzukünden, erwiederte der Sohn unverweilt diesen Druck, so daß die Ge¬ walt wie ein Blitz in den Arm des Alten zu¬ rückströmte und den ganzen Mann gelinde er¬ schütterte. Als aber vollends der Junge nun mit ruhigem Anstand den Alten zu seinem Stuhle zurückführte und ihn mit freundlicher Bestimmt¬ heit zu sitzen nöthigte, da ward es dem Zurück¬ gekehrten ganz wunderlich zu Muth, ein solch wohlgerathenes Ebenbild vor sich zu sehen, das er selbst und doch wieder ganz ein anderer war. Frau Regula sprach beinahe kein Wort und er¬ griff den klugen Ausweg, den Mann auf seine Weise zu ehren, indem sie ihn reichlich bewirthete und sich mit dem Vorweisen und Einschenken ihres besten Weines zu schaffen machte. Dadurch wurde seine Verlegenheit, als er so zwischen seiner Frau und seinem Sohne saß, etwas ge¬ mildert, und das Loben des guten Weines gab ihm Veranlassung, die Vermuthung auszusprechen, daß es also mit ihnen gut stehen müsse, wie er zu seiner Befriedigung ersehe, was denn den besten Übergang gab zu der Auseinandersetzung ihrer Verhältnisse Frau und Sohn suchten nun nicht ängstlich zurückzuhalten und heimlich zu thun, sondern sie legten ihm offen den Stand ihres Hauses und ihres Vermögens dar; Fritz holte die Bücher und Papiere herbei und wies ihm die Dinge mit solchem Verstand und Klar¬ heit nach, daß er erstaunt die Augen aufsperrte über die gute Geschäftsführung und über die Wohlhabenheit seiner Familie. Indessen reckte er sich empor und sprach: Da steht Ihr ja herrlich im Zeuge und habt Euch gut gehalten, was mir lieb ist. Ich komme aber auch nicht mit leeren Händen und habe mir einen Pfennig erworben, durch Fleiß und Rührigkeit! Und er zog einige Wechselbriefe hervor, so wie einen mit Gold angefüllten Gurt, was er alles auf den Tisch warf, und es waren allerdings einige tau¬ send Gulden oder Thaler. Allein er hatte sie nicht nach und nach erworben und verschwieg weislich, daß er diese Habe auf einmal durch irgend einen Glücksfall erwischt, nachdem er sich lange genug ärmlich herumgetrieben in allen nordamerikanischen Staaten. »Dies wollen wir, sagte er, nun sogleich in das Geschäft stecken und mit vereinten Kräften weiter schaffen; denn ich habe eine ordentliche Lust, hier, da es nun geht, wieder an's Zeug zu gehen und den Hun¬ den etwas vorzuspielen, die mich damals fortge¬ trieben.« Sein Sohn schenkte ihm aber ruhig ein anderes Glas Wein ein und sagte: Vater, ich wollte Euch rathen, daß Ihr vor der Hand Euch ausruhet und es Euch wohl sein lasset. Eure Schulden sind längst bezahlt und so könnet Ihr Euer Geldchen gebrauchen wie es Euch gut dünkt und ohne dies soll es Euch an nichts bei uns fehlen! Was aber das Geschäft betrifft, so habe ich selbiges von Jugend auf gelernt und weiß nun, woran es lag, daß es Euch damals mißlang. Ich muß aber freie Hand darin ha¬ ben, wenn es nicht abermals rückwärts gehen soll. Wenn es Euch Lust macht hie und da ein wenig mitzuhelfen und Euch die Sache anzusehen, so ist es zu Eurem Zeitvertreib hinreichend, daß Ihr es thut. Wenn Ihr aber nicht nur mein Vater, sondern sogar ein Engel vom Himmel wäret, so würde ich Euch nicht zum förmlichen Antheilhaber annehmen, weil Ihr das Werk nicht gelernt habt und, verzeiht mir meine Un¬ höflichkeit, nicht versteht!« Der Alte wurde durch diese Rede höchst verstimmt und verlegen, wußte aber nichts darauf zu erwiedern, da sie mit großer Bestimmtheit gesprochen war, und er sah, daß sein Sohn wußte was er wollte. Er packte seine Reichthümer zusammen und ging aus, sich in der Stadt umzusehen. Er ging in ver¬ schiedene Wirthshäuser, allein er fand da ein neues Geschlecht an der Tagesordnung und seine alten Genossen waren alle längst in die Dunkel¬ heit zurückgetreten. Zudem hatte er in Amerika doch etwas andere Manieren bekommen. Er hatte sich gewöhnen müssen, sein Gläschen ste¬ hend zu trinken, um unverweilt dem Drange und der einsilbigen Jagd des Lebens wieder nach¬ zugeben; er hatte ein tüchtiges rastloses Arbeiten wenigstens mit angesehen und sich unter den Amerikanern ein wenig abgerieben, so daß ihm diese ewige Sitzerei und Schwatzerei nun selbst nicht mehr zusagte. Er fühlte, daß er in sei¬ nem wohlbestellten Hause doch besser aufgehoben wäre, als in diesen Wirthshäusern und kehrte unwillkürlich dahin zurück, ohne zu wissen, ob er dort bleiben oder wieder fortgeben solle? So ging er in die Stube die man ihm einge¬ räumt ; dort warf der alternde Mann seine Baar¬ schaft unmuthig in einen Winkel, setzte sich ritt¬ lings auf einen Stuhl, senkte den großen be¬ trübten Kopf auf die Lehne und fing ganz bit¬ terlich an zu weinen. Da trat seine Frau her¬ ein, sah, daß er sich elend fühlte und mußte sein Elend achten. So wie sie aber wieder et¬ was an ihm achten konnte, kehrte ihre Liebe au¬ genblicklich zurück. Sie sprach nicht mit ihm, blieb aber den übrigen Theil des Tages in der Kammer, ordnete erst dies und jenes zu seiner Bequemlichkeit und setzte sich endlich mit ihrem Strickzeug schweigend an's Fenster, indem sich erst nach und nach ein Gespräch zwischen den lange getrennten Eheleuten entwickelte. Was sie gesprochen, wäre schwer zu schildern, aber es ward Beiden wohler zu Muth und der alte Herr ließ sich von da an von seinem wohlerzo¬ genen Sohne nachträglich noch ein Bischen er¬ ziehen und leiten ohne Widerrede und ohne daß der Sohn sich eine Unkindlichkeit zu Schulden kommen ließ. Aber der seltsame Kursus dauerte nicht einmal sehr lange, und der Alte ward doch noch ein gelassener und zuverlässiger Theilnehmer an der Arbeit, mit manchen Ruhepunkten und kleinen Abschweifungen, aber ohne dem blühenden Hausstande Nachtheile oder Unehre zu bringen. Sie lebten alle zufrieden und wohlbegütert und das Geblüt der Frau Regula Amrain wucherte so kräftig in diesem Hause, daß auch die zahl¬ reichen Kinder des Fritz vor dem Untergang ge¬ sichert blieben. Sie selbst streckte sich, als sie starb, im Tode noch stolz aus, und noch nie ward ein so langer Frauensarg in die Kirche getragen und der eine so edle Leiche barg zu Seldwyla. Das Beste an ihrem Charakter, von ihren Meinungen und Reden aber ist, daß die¬ selben durchaus nicht etwa erfuuden , sondern in einer wirklich lebendigen Frau begründet gewe¬ sen sind. Romeo und Julia auf dem Dorfe. A uch diese Geschichte zu erzählen, würde eine müssige Erfindung sein, wenn sie nicht auf einem wahren Vorfall beruhte, zum Beweise, wie tief im Menschenleben jede der schönen Fa¬ beln wurzelt, auf welche ein großes Dichterwerk gegründet ist. Die Zahl solcher Fabeln ist mäßig, gleich der Zahl der Metalle, aber sie ereignen sich immer wieder auf's Neue mit veränderten Umständen und in der wunderlichsten Verkleidung. An dem schönen Flusse, der eine halbe Stunde entfernt an Seldwyl vorüberzieht, erhebt sich eine weitgedehnte Erdwelle und verliert sich, selber wohlbebaut, in der fruchtbaren Ebene. Fern an ihrem Fuße liegt ein Dorf, welches manche große Bauernhöfe enthält und über die sanfte Anhöhe lagen vor Jahren drei prächtige Keller, die Leute von Seldwyla. 14 lange Äcker weithingestreckt, gleich drei riesigen Bändern nebeneinander. An einem sonnigen Sep¬ tembermorgen pflügten zwei Bauern auf zweien dieser Äcker, und zwar auf jedem der beiden äußersten; der mittlere schien seit langen Jahren brach und wüst zu liegen, denn er war mit Steinen und hohem Unkraut bedeckt und eine Welt von geflügelten Thierchen summte ungestört über ihm. Die Bauern aber, welche zu beiden Seiten hinter ihrem Pfluge gingen, waren lange knochige Männer von ungefähr vierzig Jahren und verkündeten auf den ersten Blick den sichern gutbesorgten Bauersmann. Sie trugen kurze Kniehosen von starkem Zwillich, an dem jede Falte ihre unveränderliche Lage hatte und wie in Stein gemeißelt aussah. Wenn sie, auf ein Hinderniß stoßend, den Pflug fester faßten, so zitterten die groben Hemdärmel von der leichten Erschütterung, indessen die wohlrasirten Gesichter ruhig und aufmerksam, aber ein wenig blinzelnd in den Sonnenschein vor sich hinschauten, die Furche bemaßen oder auch wohl zuweilen sich umsahen, wenn ein fernes Geräusch die Stille des Landes unterbrach. Langsam und mit einer gewissen natürlichen Zierlichkeit setzten sie einen Fuß um den andern vorwärts und keiner sprach ein Wort, außer wenn er etwa dem Knechte, der die vier stattlichen Pferde an¬ trieb, eine Anweisung gab. So glichen sie ein¬ ander vollkommen in einiger Entfernung, denn sie stellten die ursprüngliche Art dieser Gegend dar, und man hätte sie auf den ersten Blick nur daran unterscheiden können, daß der Eine den Zipfel seiner weißen Kappe nach vorn trug, der Andere aber hinten im Nacken hängen hatte. Aber das wechselte zwischen ihnen ab, indem sie in der entgegengesetzten Richtung pflügten; denn wenn sie oben auf der Höhe zusammentrafen und an einander vorüberkamen, so schlug dem, welcher gegen den frischen Ostwind ging, die Zipfelkappe nach hinten über, während sie bei dem Andern, der den Wind im Rücken hatte, sich nach vorne sträubte. Es gab auch jedesmal einen mittleren Augenblick, wo die schimmernden Mützen aufrecht in der Luft schwankten und wie zwei weiße Flammen gen Himmel züngelten. So pflügten Beide ruhevoll und es war schön anzu¬ sehen in der stillen goldenen Septembergegend, wenn sie so auf der Höhe an einander vorbei¬ zogen, still und langsam und sich mälig von einander entfernten, immer weiter auseinander, bis Beide wie zwei untergehende Gestirne hinter die Wölbung des Hügels hinabgingen und ver¬ schwanden, um eine gute Weile darauf wieder zu erscheinen. Wenn sie einen Stein in ihren Furchen fanden, so warfen sie denselben auf den wüsten Acker in der Mitte mit lässig kräftigem Schwunge, was aber nur selten geschah, da der¬ selbe schon fast mit allen Steinen belastet war, welche überhaupt auf den Nachbaräckern zu fin¬ den gewesen. So war der lange Morgen zum Theil vergangen, als von dem Dorfe her ein kleines artiges Fuhrwerklein sich näherte, welches kaum zu sehen war, als es begann, die gelinde Höhe heran zu kommen. Das war ein grün bemaltes Kinderwägelchen, in welchem die Kinder der beiden Pflüger, ein Knabe und ein kleines Ding von Mädchen, gemeinschaftlich den Vor¬ mittagsimbiß heranfuhren. Für jeden Theil lag ein schönes Brod, in eine Serviette gewickelt, eine Kanne Wein mit Gläsern und noch irgend ein Zuthätchen in dem Wagen, welches die zärt¬ liche Bäuerin für den fleißigen Meister mitge¬ sandt, und außerdem waren da noch verpackt allerlei seltsam gestaltete angebissene Äpfel und Birnen, welche die Kinder am Wege aufgelesen, und eine völlig nackte Puppe mit nur einem Bein und einem verschmierten Gesicht, welche wie ein Fräulein zwischen den Broden saß und sich behaglich fahren ließ. Dies Fuhrwerk hielt nach manchem Anstoß und Aufenthalt endlich auf der Höhe im Schatten eines jungen Lindenge¬ büsches, welches da am Rande des Feldes stand, und nun konnte man die beiden Fuhrleute näher betrachten. Es war ein Junge von sieben Jah¬ ren und ein Dirnchen von fünfen, beide gesund und munter und weiter war nichts Auffälliges an ihnen, als daß beide sehr hübsche Augen hatten und das Mädchen dazu noch eine bräun¬ liche Gesichtsfarbe und ganz krause dunkle Haare, welche ihm ein feuriges und treuherziges Anse¬ hen gaben. Die Pflüger waren jetzt auch wie¬ der oben angekommen, steckten den Pferden et¬ was Klee vor und ließen die Pflüge in der halb vollendeten Furche stehen, während sie als gute Nachbaren sich zu dem gemeinschaftlichen Imbiß begaben und sich da zuerst begrüßten; denn bis¬ lang hatten sie sich noch nicht gesprochen an die¬ sem Tage. Wie nun die Männer mit Behagen ihr Frühstück einnahmen und mit zufriedenem Wohl¬ wollen den Kindern mittheilten, die nicht von der Stelle wichen, so lange gegessen und getrun¬ ken wurde, ließen sie ihre Blicke in der Nähe und Ferne herumschweifen und sahen das Städt¬ chen räucherig glänzend in seinen Bergen liegen; denn das reichliche Mittagsmahl, welches die Seldwyler alle Tage bereiteten, pflegte ein weit¬ hin scheinendes Silbergewölk über ihre Dächer emporzutragen, welches lachend an ihren Bergen hinschwebte. »Die Lumpenhunde zu Seldwyl kochen wie¬ der gut!« sagte Manz, der eine der Bauern, und Marti, der andere erwiederte: »Gestern war Einer bei mir wegen des Ackers hier.« »Aus dem Bezirksrath? bei mir ist er auch ge¬ wesen!« sagte Manz. »So? und meinte wahr¬ scheinlich auch, du solltest das Land benutzen und den Herren die Pacht zahlen?« »Ja, bis es sich entschieden habe, wem der Acker gehöre und was mit ihm anzufangen sei. Ich habe mich aber bedankt, das verwilderte Wesen für einen Andern herzustellen und sagte, sie sollten den Acker nur verkaufen und den Ertrag aufheben, bis sich ein Eigenthümer herausgestellt, was wohl nie geschehen wird, denn was einmal auf der Kanzlei zu Seldwyl liegt, hat da gute Weile und überdem ist die Sache schwer zu entscheiden. Die Lumpen möchten indessen gar zu gern etwas zu naschen bekommen durch den Pachtzins, was sie freilich mit der Verkaufssumme auch thun könnten; allein wir würden uns hüten, dasselbe zu hoch hinauf zu treiben und wir wüßten dann doch was wir hätten und wem das Land ge¬ hört!« »Ganz so meine ich auch und habe dem Steckleinspringer eine ähnliche Antwort gegeben!« Sie schwiegen eine Weile, dann fing Manz wiederum an: »Schad' ist es aber doch, daß der gute Boden so daliegen muß, es ist nicht zum Ansehen, das geht nun schon in die zwan¬ zig Jahre so und keine Seele fragt darnach; denn hier im Dorf ist Niemand, der irgend ei¬ nen Anspruch auf den Acker hat, und Niemand weiß auch, wo die Kinder des verdorbenen Trom¬ peters hingekommen sind.« »Hm! sagte Marti, das wäre so eine Sache! Wenn ich den schwarzen Geiger ansehe, der sich bald bei den Heimatlosen aufhält, bald in den Dörfern zum Tanz aufspielt, so möchte ich dar¬ auf schwören, daß er ein Enkel des Trompeters ist, der freilich nicht weiß, daß er noch einen Acker hat. Was thäte er aber damit? Einen Monat lang sich besaufen und dann nach wie vor! Zudem, wer dürfte da einen Wink geben, da man es doch nicht sicher wissen kann!« »Da könnte man eine schöne Geschichte an¬ richten! antwortete Manz, wir haben so genug zu thun, diesem Geiger das Heimatsrecht in un¬ serer Gemeinde abzustreiten, da man uns den Fetzel fortwährend aufhalsen will. Haben sich seine Ältern einmal unter die Heimatlosen bege¬ ben, so mag er auch dableiben und dem Kessel¬ volk das Geigelein streichen. Wie in aller Welt können wir wissen, daß er des Trompeters Soh¬ nessohn ist? Was mich betrifft, wenn ich den Alten auch in dem dunklen Gesicht vollkommen zu erkennen glaube, so sage ich: irren ist mensch¬ lich, und das geringste Fetzchen Papier, ein Stücklein von einem Taufschein würde meinem Gewissen besser thun, als zehn sündhafte Men¬ schengesichter!« »Eia, sicherlich! sagte Marti, er sagt zwar, er sei nicht Schuld, daß man ihn nicht getauft habe! Aber sollen wir unsern Taufstein tragbar machen und in den Wäldern herumtragen? Nein, er steht fest in der Kirche und dafür ist die Todtenbahre tragbar, die draußen an der Mauer hängt. Wir sind schon übervölkert im Dorf und brauchen bald zwei Schulmeister!« Hiemit war die Mahlzeit und das Zwiege¬ spräch der Bauern geendet und sie erhoben sich, den Rest ihrer heutigen Vormittagsarbeit zu voll¬ bringen. Die beiden Kinder hingegen, welche schon den Plan entworfen hatten, mit den Vä¬ tern nach Hause zu ziehen, zogen ihr Fuhrwerk unter den Schutz der jungen Linden und begaben sich dann auf einen Streifzug in dem wilden Acker, da derselbe mit seinen Unkräutern, Stau¬ den und Steinhaufen eine ungewohnte und merk¬ würdige Wildniß darstellte. Nachdem sie in der Mitte dieser grünen Wildniß einige Zeit hinge¬ 14 * wandert, Hand in Hand, und sich daran be¬ lustigt, die verschlungenen Hände über die hohen Distelstauden zu schwingen, ließen sie sich endlich im Schatten einer solchen nieder und das Mäd¬ chen begann, seine Puppe mit den langen Blät¬ tern des Wegekrautes zu bekleiden, so daß sie einen schönen grünen und ausgezackten Rock be¬ kam; eine einsame rothe Mohnblume, die da noch blühte, wurde ihr als Haube über den Kopf gezogen und mit einem Grase festgebun¬ den, und nun sah die kleine Person aus wie eine Zauberfrau, besonders nachdem sie noch ein Halsband und einen Gürtel von kleinen rothen Beerchen erhalten. Dann wurde sie hoch in die Stengel der Distel gesetzt und eine Weile mit vereinten Blicken angeschaut, bis der Knabe sie genugsam besehen und mit einem Steine herun¬ terwarf. Dadurch gerieth aber ihr Putz in Un¬ ordnung und das Mädchen entkleidete sie schleu¬ nigst, um sie aufs Neue zu schmücken; doch als die Puppe eben wieder nackt und blos war und nur noch der rothen Haube sich erfreuete, entriß der wilde Junge seiner Gefährtin, das Spielzeug und warf es hoch in die Luft. Das Mädchen sprang klagend darnach, allein der Knabe fing die Puppe zuerst wieder auf, warf sie auf's Neue empor und indem das Mädchen sie ver¬ geblich zu haschen bemühte, neckte er es auf diese Weise eine gute Zeit. Unter seinen Händen aber nahm die fliegende Puppe Schaden und zwar am Knie ihres einzigen Beines, allwo ein kleines Loch einige Kleikörner durchsickern ließ. Kaum bemerkte der Peiniger dies Loch, so ver¬ hielt er sich mäuschenstill und war mit offenem Munde eifrig beflissen, das Loch mit seinen Nä¬ geln zu vergrößern und dem Ursprung der Kleie nachzuspüren. Seine Stille erschien dem armen Mädchen höchst verdächtig und es drängte sich herzu und mußte mit Schrecken sein böses Be¬ ginnen gewahren. »Sieh mal!« rief er und schlenkerte ihr das Bein vor der Nase herum, daß ihr die Kleie in's Gesicht flog, und wie sie danach langen wollte und schrie und flehte, sprang er wieder fort und ruhte nicht eher, bis das ganze Bein dürr und leer herabhing als eine traurige Hülse. Dann warf er das mißhandelte Spielzeug hin und stellte sich höchst frech und gleichgültig, als die Kleine sich weinend auf die Puppe warf und dieselbe in ihre Schürze hüllte. Sie nahm sie aber wieder hervor und betrachtete wehselig die Ärmste und als sie das Bein sah, fing sie abermals an laut zu weinen, denn das¬ selbe hing an dem Rumpfe nicht anders, denn das Schwänzchen an einem Molche. Als sie gar so unbändig weinte, ward es dem Übelthä¬ ter endlich etwas übel zu Muth und er stand in Angst und Reue vor der Klagenden, und als sie dies merkte, hörte sie plötzlich auf und schlug ihn einigemal mit der Puppe und er that als ob es ihm weh thäte und schrie au! so natür¬ lich, daß sie zufrieden war und nun mit ihm gemeinschaftlich die Zerstörung und Zerlegung fortsetzte. Sie bohrten Loch auf Loch in den Marterleib und ließen aller Enden die Kleie ent¬ strömen, welche sie sorgfältig auf einem flachen Steine zu einem Häufchen sammelten, umrührten und aufmerksam betrachteten. Das einzige Feste, was noch an der Puppe bestand, war der Kopf und mußte jetzt vorzüglich die Aufmerksamkeit der Kinder erregen; sie trennten ihn sorgfältig los von dem ausgequetschten Leichnam und guck¬ ten erstaunt in sein hohles Innere. Als sie die bedenkliche Höhlung sahen und auch die Kleie sahen, war es der nächste und natürlichste Ge¬ dankensprung, den Kopf mit der Kleie auszu¬ füllen, und so waren die Fingerchen der Kinder nun beschäftigt, um die Wette Kleie in den Kopf zu thun, so daß zum ersten Mal in seinem Le¬ ben etwas in ihm steckte. Der Knabe mochte es aber immer noch für ein todtes Wissen hal¬ ten, weil er plötzlich eine große blaue Fliege fing und, die summende zwischen beiden hohlen Händen haltend, dem Mädchen gebot, den Kopf von der Kleie zu entleeren. Hierauf wurde die Fliege hineingesperrt und das Loch mit Gras verstopft. Die Kinder hielten den Kopf an die Ohren und setzten ihn dann feierlich auf einen Stein; da er noch mit der rothen Mohnblume bedeckt war, so glich der Tönende jetzt einem weißsagenden Haupte und die Kinder lauschten in tiefer Stille seinen Kunden und Mährchen, indessen sie sich umschlungen hielten. Aber jeder Prophet erweckt Grauen und Undank, das we¬ nige Leben in dem dürftig geformten Bilde er¬ weckte die menschliche Grausamkeit in den Kin¬ dern und es wurde beschlossen, das Haupt zu begraben. So machten sie ein Grab und legten den Kopf, ohne die gefangene Fliege um ihre Meinung zu befragen, hinein, und errichteten über dem Grabe ein ansehnliches Denkmal von Feldsteinen. Dann empfanden sie einiges Grauen, da sie etwas Geformtes und Belebtes begraben hatten, und entfernten sich ein gutes Stück von der unheimlichen Stätte. Auf einem ganz mit grünen Kräutern bedeckten Plätzchen legte sich das Dirnchen auf den Rücken, da es müde war, und begann in eintöniger Weise einige Worte zu singen, immer die nämlichen, und der Junge kauerte daneben und half, indem er nicht wußte, ob er auch vollends umfallen solle, so lässig und müssig war er. Die Sonne schien dem singenden Mädchen in den geöffneten Mund, beleuchtete dessen blendendweiße Zähnchen und durchschimmerte die runden Purpurlippen. Der Knabe sah die Zähne und dem Mädchen den Kopf haltend und dessen Zähnchen neugierig untersuchend, rief er: Rathe, wie viele Zähne hat man? das Mädchen besann sich einen Augenblick, als ob es reiflich nachzählte, und sagte dann auf Gerathe¬ wohl: Hundert! »Nein, zwei und dreißig!« rief er, »wart, ich will einmal zählen!« da zählte er die Zähne des Kindes und weil er nicht zwei und dreißig herausbrachte, so fing er immer wie¬ der von Neuem an. Das Mädchen hielt lange still, als aber der eifrige Zähler nicht zu Ende kam, raffte es sich auf und rief: »nun will ich Deine zählen!« Nun legte sich der Bursche hin in's Kraut, das Mädchen über ihn, um¬ schlang seinen Kopf, er sperrte das Maul auf, und es zählte: Eins, zwei, sieben, fünf, zwei, eins; denn die kleine Schöne konnte noch nicht zählen. Der Junge verbesserte sie und gab ihr Anweisung, wie sie zählen solle, und so fing auch sie unzählige Mal von Neuem an und das Spiel schien ihnen am besten zu gefallen von allem, was sie heut unternommen. Endlich aber sank das Mädchen ganz auf den kleinen Rechen¬ meister nieder und die Kinder schliefen ein in der hellen Mittagssonne. Inzwischen hatten die Väter ihre Äcker fertig gepflügt und in frischduftende braune Fläche um¬ gewandelt. Als nun, mit der letzten Furche zu Ende gekommen, der Knecht des Einen halten wollte, rief sein Meister: Was hältst Du? Kehr' noch einmal um! »Wir sind ja fertig!« sagte der Knecht. »Halt's Maul und thu' wie ich dir sage!« der Meister. Und sie kehrten um und rissen eine tüchtige Furche in den mittleren her¬ renlosen Acker hinein, daß Kraut und Steine flogen. Der Bauer hielt sich aber nicht mit der Beseitigung derselben auf, er mochte denken, hiezu sei noch Zeit genug vorhanden, und er begnügte sich, für heute die Sache nur aus dem Gröbsten zu thun. So ging es rasch die Höhe empor in sanftem Bogen, und als man oben angelangt und das liebliche Windeswehen eben wieder den Kappenzipfel des Mannes zurück¬ warf, pflügte auf der anderen Seite der Nach¬ bar vorüber mit dem Zipfel nach vorn und schnitt ebenfalls eine ansehnliche Furche vom mittleren Acker, daß die Schollen nur so zur Seite flogen. Jeder sah wohl, was der andere that, aber keiner schien es zu sehen und sie ent¬ schwanden sich wieder, indem jedes Sternbild still am andern vorüberging und hinter diese runde Welt hinabtauchte. So gehen die Weber¬ schiffchen des Geschickes an einander vorbei und »was er webt, das weiß kein Weber!« Es kam eine Ernte um die andere und jede sah die Kinder größer und schöner und den herrenlosen Acker schmäler zwischen seinen breit¬ gewordenen Nachbaren. Mit jedem Pflügen wurde ihm hüben und drüben eine Furche abge¬ rissen, ohne daß ein Wort darüber gesprochen wurde und ohne daß ein Menschenauge den Fre¬ vel zu sehen schien. Die Steine wurden immer mehr zusammengedrängt und bildeten schon einen ordentlichen Grat der ganzen Länge des Ackers nach, und das wilde Gewächs darauf war schon so hoch, daß die Kinder, obgleich sie gewachsen waren, sich nicht mehr sehen konnten, wenn eines dies- und das andere jenseits ging. Denn sie gingen nun nicht mehr gemeinschaftlich auf das Feld, da der zehnjährige Salomon oder Sali, wie er genannt wurde, sich schon wacker auf Seite der größeren Burschen und der Männer hielt, und das braune Vrenchen, obgleich es ein feuriges Dirnchen war, mußte bereits unter der Obhut seines Geschlechts gehen, sonst wäre es von den andern als ein Bubenmädchen ausge¬ lacht worden. Dennoch nahmen sie während je¬ der Ernte, wenn alles auf den Äckern war, ein¬ Keller, die Leute von Seldwyla. 15 mal Gelegenheit, den wilden Steinkamm, der sie trennte, zu besteigen und sich gegenseitig von demselben herunterzustoßen. Wenn sie auch sonst keinen Verkehr mehr mit einander hatten, so schien diese jährliche Ceremonie um so sorglicher gewahrt zu werden, als sonst nirgends die Fel¬ der ihrer Väter zusammenstießen. Indessen sollte der Acker doch endlich ver¬ kauft und der Erlös einstweilen gerichtlich auf¬ gehoben werden. Die Versteigerung fand an Ort und Stelle statt, wo sich aber nur einige Gaffer einfanden außer den Bauern Manz und Marti, da Niemand Lust hatte, das seltsame Stückchen zu erstehen und zwischen den zwei Nachbaren zu bebauen. Denn obgleich diese zu den besten Bauern des Dorfes gehörten und nichts weiter gethan hatten, als was zwei Drit¬ tel der Übrigen unter diesen Umständen auch gethan haben würden, so sah man sie doch jetzt stillschweigend darum an und Niemand wollte zwischen ihnen eingeklemmt sein mit dem geschmä¬ lerten Waisenfelde. Die meisten Menschen sind fähig oder bereit, ein in den Lüften umgehendes Unrecht zu verüben, wenn sie mit der Nase dar¬ auf stoßen; so wie es aber von Einem began¬ gen ist, sind die Übrigen froh, daß sie es doch nicht gewesen sind, daß die Versuchung nicht sie betroffen hat, und sie machen nun den Auserwähl¬ ten zu dem Schlechtigkeitsmesser ihrer Eigenschaf¬ ten und behandeln ihn mit zarter Scheu als einen Ableiter des Übels, der von den Göttern gezeichnet ist, während ihnen zugleich noch der Mund wässert nach den Vortheilen, die er dabei genossen. Manz und Marti waren also die ein¬ zigen, welche ernstlich auf den Acker boten, und nach einem ziemlich hartnäckigen Überbieten erstand ihn Manz und er wurde ihm zugeschlagen. Die Beamten und die Gaffer verloren sich vom Felde, die beiden Bauern, welche sich auf ihren Äckern noch zu schaffen gemacht, trafen beim Weggehen wieder zusammen und Marti sagte: »Du wirst nun dein Land, das alte und das neue, wohl zusammenschlagen und in zwei gleiche Stücke theilen? Ich hätte es wenigstens so gemacht, wenn ich das Ding bekommen hätte.« »Ich werde es allerdings auch thun« antwortete Manz, »denn als Ein Acker würde mir das Stück zu groß sein. Doch was ich sagen wollte: Ich 15 * habe bemerkt, daß Du neulich noch am untern Ende dieses Ackers, der jetzt mir gehört, schräg hineingefahren bist und ein gutes Dreieck abge¬ schnitten hast. Du hast es vielleicht gethan in der Meinung, Du werdest das ganze Stück an Dich bringen und es sei dann so wie so Dein. Da es nun aber mir gehört, so wirst Du wohl einsehen, daß ich eine solche ungehörige Ein¬ krümmung nicht brauchen noch dulden kann, und wirst nichts dagegen haben, wenn ich den Strich wieder grad mache! Streit wird das nicht abgeben sollen!« Marti erwiederte eben so kaltblütig, als ihn Manz angeredet hatte: »Ich sehe auch nicht wo Streit herkommen soll! Ich denke, Du hast den Acker gekauft, wie er da ist, wir haben ihn alle gemeinschaftlich besehen und er hat sich seit einer Stunde nicht um ein Haar verändert!« »Larifari! sagte Manz, was früher gesche¬ hen wollen wir nicht aufrühren! Was aber zu viel ist, ist zu viel und alles muß zuletzt eine ordentliche grade Art haben; diese drei Äcker sind von jeher so grade neben einander gelegen, wie nach dem Richtscheit gezeichnet, es ist ein ganz absonderlicher Spaß von Dir, wenn Du nun einen solchen lächerlichen und unvernünftigen Schnörkel dazwischen bringen willst und wir beide würden einen Übernamen bekommen, wenn wir den krummen Zipfel da bestehen lassen. Er muß durchaus weg!« Marti lachte und sagte: »Du hast ja auf einmal eine merkwürdige Furcht vor dem Ge¬ spötte der Leute! das läßt sich aber ja wohl machen; mich genirt das Krumme gar nicht; genirt es Dich, gut, so machen wir es grad, aber nicht auf meiner Seite, das geb' ich Dir schriftlich, wenn Du willst!« »Rede doch nicht so spaßhaft, sagte Manz, es wird wohl grad gemacht, und zwar auf Dei¬ ner Seite, darauf kannst Du Gift nehmen!« »Das werden wir ja sehen und erleben!« sagte Marti, und beide Männer gingen ausein¬ ander, ohne sich weiter anzublicken, vielmehr starrten sie nach verschiedener Richtung in's Blaue hinaus, als ob sie da Wunder was für Merk¬ würdigkeiten im Auge hätten, die sie betrachten müßten mit Aufbietung aller ihrer Geisteskräfte. Schon am nächsten Tage schickte Manz einen Dienstbuben, ein Tagelöhnermädchen und sein eigenes Söhnchen Sali auf den Acker hin¬ aus, daß sie das wilde Unkraut und Gestrüpp auszögen und auf Haufen brächten, damit nach¬ her die Steine um so bequemer weggefahren werden könnten. Dies war eine Änderung in seinem Wesen, daß er den kaum eilfjährigen Jungen, der noch zu keiner Arbeit angehalten worden, nun mit hinaussandte, gegen die Ein¬ sprache der Mutter. Es schien, da er es mit ernsthaften und gesalbten Worten that, als ob er mit dieser Arbeitsstrenge gegen sein eigenes Blut das Unrecht betäuben wollte, in dem er lebte, und welches nun begann, seine Folgen ruhig zu entfalten. Das ausgesandte Völklein jätete inzwischen lustig an dem Unkraut und hackte mit Vergnügen an den wunderlichen Stau¬ den und Pflanzen aller Art, die da seit Jahren wucherten. Denn da es eine außerordentliche gleichsam wilde Arbeit war, bei der keine Regel und keine Sorgfalt erheischt wurde, so galt sie als eine Lust. Das wilde Zeug, an der Sonne gedörrt, wurde aufgehäuft und mit großem Ju¬ bel verbrannt, daß der Qualm weithin sich ver¬ breitete und die jungen Leutchen darin herum¬ sprangen, wie besessen. Dies war das letzte Freudenfest auf dem Unglücksfelde, und das junge Vrenchen, Martis Tochter, kam auch hinausgeschli¬ chen und half tapfer mit. Das Ungewöhnliche dieser Begebenheit und die lustige Aufregung gaben einen guten Anlaß, sich seinem kleinen Jugend¬ gespielen wieder einmal zu nähern, und die Kin¬ der waren recht glücklich und munter bei ihrem Feuer. Es kamen noch andere Kinder hinzu und es sammelte sich eine ganze vergnügte Ge¬ sellschaft; doch immer, sobald sie getrennt wur¬ den, suchte Sali alsobald wieder neben Vrenchen zu gelangen, und dieses wußte desgleichen immer vergnügt lächelnd zu ihm zu schlüpfen, und es war beiden Kreaturen, wie wenn dieser herrliche Tag nie enden müßte und könnte. Doch der alte Manz kam gegen Abend herbei, um zu sehen, was sie ausgerichtet, und obgleich sie fer¬ tig waren, so schalt er doch ob dieser Lustbar¬ keit, und scheuchte die Gesellschaft auseinander. Zugleich zeigte sich Marti auf seinem Grund und Boden und, seine Tochter gewahrend, pfiff er derselben schrill und gebieterisch durch den Finger, daß sie erschrocken hineilte, und er gab ihr, ohne zu wissen warum, einige Ohrfeigen, also daß beide Kinder in großer Traurigkeit und weinend nach Hause gingen, und sie wußten jetzt eigentlich so wenig warum sie so traurig waren, als warum sie vorhin so vergnügt gewesen; denn die Rauheit der Väter, an sich ziemlich neu, war von den arglosen Geschöpfen noch nicht begriffen und konnte sie nicht tiefer bewegen. Die nächsten Tage war es schon eine här¬ tere Arbeit, zu welcher Mannsleute gehörten, als Manz die Steine aufnehmen und wegfahren ließ. Es wollte kein Ende nehmen und alle Steine der Welt schienen da beisammen zu sein. Er ließ sie aber nicht ganz vom Felde weg¬ bringen, sondern jede Fuhre auf jenem streitigen Dreiecke abwerfen, welches Marti schon säuber¬ lich umgepflügt hatte. Er hatte vorher einen graden Strich gezogen als Grenzscheide und be¬ lastete nun dies Fleckchen Erde mit allen Stei¬ nen, welche beide Männer seit unvordenklichen Zeiten herübergeworfen, so daß eine gewaltige Pyramide entstand, welche wegzubringen Marti wohl bleiben lassen würde, dachte er. Marti hatte dies am wenigsten erwartet; er glaubte, sein Gegner werde nach alter Weise mit dem Pfluge zu Werke gehen wollen und hatte daher abgewartet, bis er ihn als Pflüger ausziehen sähe. Erst als die Sache schon beinahe fertig, hörte er von dem schönen Denkmal, welches Manz da errichtet, rannte voll Wuth hinaus, sah die Beschwerung , rannte zurück und holte den Gemeindeamman, um vorläufig gegen den Steinhaufen zu protestiren und den Fleck gericht¬ lich in Beschlag nehmen zu lassen, und von diesem Tage an lagen die zwei Bauern in Proceß mit einander und ruhten nicht eher, bis sie beide zu Grunde gerichtet waren. Die Gedanken der sonst so wohlweisen Män¬ ner waren nun so kurz geschnitten wie Häcksel; der beschränkteste Rechtssinn von der Welt er¬ füllte jeden von ihnen, indem keiner begreifen konnte noch wollte, wie der andere so offenbar unrechtmäßig und willkührlich den fraglichen un¬ bedeutenden Ackerzipfel an sich reißen könne. Bei Manz kam noch ein wunderbarer Sinn für Sym¬ metrie und parallele Linien hinzu und er fühlte sich wahrhaft gekränkt durch den aberwitzigen Eigensinn, mit welchem Marti auf dem Dasein des unsinnigsten und muthwilligsten Schnörkels beharrte. Beide aber trafen zusammen in der Überzeugung, daß der Andere, den Anderen so frech und plump übervortheilend, ihn nothwendig für einen verächtlichen Dummkopf halten müsse, da man dergleichen etwa einem armen haltlosen Teufel, nicht aber einem aufrechten, klugen und wehrhaften Manne gegenüber sich erlauben könne, und Jeder sah sich in seiner wunderlichen Ehre gekränkt und gab sich rückhaltlos der Leidenschaft des Streites und dem daraus erfolgenden Verfalle hin und ihr Leben glich fortan der träumerischen Qual zweier Verdammten, welche auf einem schma¬ len Brette einen dunkeln Strom hinabtreibend sich befehden, in die Luft hauen und sich selber an¬ packen und vernichten, in der Meinung, sie hät¬ ten den Feind gefaßt. Da sie eine faule Sache hatten, so geriethen beide in die allerschlimmsten Hände von Tausendkünstlern, welche ihre ver¬ dorbene Phantasie aufbliesen zu ungeheuren Bla¬ sen, die mit den nichtsnutzigsten Dingen ange¬ füllt wurden. Vorzüglich waren es die Speku¬ lanten aus der Stadt Seldwyla, welchen dieser Handel ein gefundenes Essen war, und bald hatte jeder der Streitenden einen Anhang von Unterhändlern, Zuträgern und Rathgebern hinter sich, welche alles baare Geld auf hundert We¬ gen abzuziehen wußten. Denn das Fleckchen Erde mit dem Steinhaufen darüber, auf welchem bereits wieder ein Wald von Nesseln und Di¬ steln blühte, war nur noch der erste Keim oder der Grundstein einer verworrenen Geschichte und Lebensweise, in welcher die zwei Fünfzigjährigen noch andere Gewohnheiten und Sitten, Grund¬ sätze und Hoffnungen annahmen, als sie bisher geübt. Je mehr Geld sie verloren, desto sehn¬ süchtiger wünschten sie welches zu haben, und je weniger sie hatten, desto hartnäckiger dachten sie reich zu werden und es dem andern zuvorzuthun. Sie ließen sich zu jedem Schwindel verleiten und setzten auch Jahr aus Jahr ein in alle deutschen Lotterien, deren Loose massenhaft in Seldwyla zirkulirten. Aber nie bekamen sie ei¬ nen Thaler Gewinnst zu Gesicht, sondern hörten nur immer vom Gewinnen anderer Leute und wie sie selbst beinahe gewonnen hätten, indessen diese Leidenschaft ein regelmäßiger Geldabfluß für sie war. Bisweilen machten sich die Seldwyler den Spaß, beide Bauern, ohne ihr Wissen, am gleichen Loose Theil nehmen zu lassen, so daß beide die Hoffnung auf Unterdrückung und Ver¬ nichtung des Andern auf ein und dasselbe Loos setzten. Sie brachten die Hälfte ihrer Zeit in der Stadt zu, wo jeder in einer Spelunke sein Hauptquartier hatte, sich den Kopf aufblasen und zu den lächerlichsten Ausgaben und einem elenden und ungeschickten Schlemmen verleiten ließ, bei welchem ihm heimlich doch selber das Herz blutete, also daß Beide, welche eigentlich nur in diesem Hader lebten, um für keine Dumm¬ köpfe zu gelten, nun solche von der besten Sorte darstellten und von Jedermann dafür angesehen wurden. Die andere Hälfte der Zeit lagen sie verdrossen zu Hause oder gingen ihrer Arbeit nach, wobei sie dann durch ein tolles böses Über¬ hasten und Antreiben das Versäumte einzuholen suchten und damit jeden ordentlichen und zuver¬ lässigen Arbeiter verscheuchten. So ging es ge¬ waltig rückwärts mit ihnen und ehe zehn Jahre vorüber, steckten sie Beide von Grund aus in Schulden und standen wie die Störche auf einem Beine auf der Schwelle ihrer Besitzthümer, von der jeder Lufthauch sie herunterwehte. Aber wie es ihnen auch erging, der Haß zwischen ihnen wurde täglich größer, da jeder den andern als den Urheber seines Unsterns betrachtete, als sei¬ nen Erbfeind und ganz unvernünftigen Wider¬ sacher, den der Teufel absichtlich in die Welt gesetzt habe, um ihn zu verderben. Sie spieen aus, wenn sie sich nur von weitem sahen, kein Glied ihres Hauses durfte mit Frau, Kind oder Gesinde des andern ein Wort sprechen, bei Ver¬ meidung der gröbsten Mißhandlung. Ihre Wei¬ ber verhielten sich verschieden bei dieser Verar¬ mung und Verschlechterung des ganzen Wesens. Die Frau des Marti, welche von guter Art war, hielt den Verfall nicht aus, härmte sich ab und starb, ehe ihre Tochter vierzehn Jahre alt war. Die Frau des Manz hingegen be¬ quemte sich der veränderten Lebensweise und um sich als eine schlechte Genossin zu entfalten, hatte sie nichts zu thun, als einigen weiblichen Feh¬ lern, die ihr von jeher angehaftet, den Zügel schießen zu lassen und dieselben zu Lastern aus¬ zubilden. Ihre Naschhaftigkeit wurde zu wilder Begehrlichkeit, ihre Zungenfertigkeit zu einem grundfalschen und verlogenen Schmeichel- und Verläumdungswesen, mit welchem sie jeden Au¬ genblick das Gegentheil von dem sagte, was sie dachte, alles hinter einander hetzte, und ihrem eigenen Manne ein X für ein U vormachte; ihre ursprüngliche Offenheit, mit der sie sich der un¬ schuldigeren Plauderei erfreut, ward nun zur abgehärteten Schamlosigkeit, mit der sie jenes falsche Wesen betrieb, und so, statt unter ihrem Manne zu leiden, drehte sie ihm eine Nase; wenn er es arg trieb, so machte sie es bunt, ließ sich nichts abgehen und gedieh zu der dick¬ sten Blüthe einer Vorsteherin des zerfallenden Hauses. So war es nun schlimm bestellt um die armen Kinder, welche weder eine gute Hoffnung für ihre Zukunft fassen konnten, noch sich auch nur einer lieblich frohen Jugend erfreuten, da überall nichts als Zank und Sorge war. Vren¬ chen hatte anscheinend einen schlimmeren Stand, als Sali, da seine Mutter todt und es einsam in einem wüsten Hause der Tyrannei eines ver¬ wilderten Vaters anheimgegeben war. Als es sechszehn Jahre zählte, war es schon ein schlank¬ gewachsenes ziervolles Mädchen; seine dunkel¬ braunen Haare ringelten sich unablässig fast bis über die blitzenden braunen Augen, dunkelrothes Blut durchschimmerte die Wangen des bräunlichen Gesichtes und glänzte als tiefer Purpur auf den frischen Lippen, wie man es selten sah und was dem dunklen Kinde ein eigenthümliches Ansehen und Kennzeichen gab. Feurige Lebenslust und Fröhlichkeit zitterte in jeder Fiber dieses Wesens; es lachte und war aufgelegt zu Scherz und Spiel, wenn das Wetter nur im mindesten lieb¬ lich war, d. h. wenn es nicht zu sehr gequält wurde und nicht zu viel Sorgen hatte. Diese plagten es aber häufig genug; denn nicht nur hatte es den Kummer und das wachsende Elend des Hauses mit zu tragen, sondern es mußte noch sich selber in Acht nehmen und mochte sich gern halbwegs ordentlich und reinlich kleiden, ohne daß der Vater ihm die geringsten Mittel dazu geben wollte. So hatte Vrenchen die größte Noth, seine anmuthige Person einigermaßen aus¬ zustaffiren, sich ein allerbescheidenstes Sonntags¬ kleid zu erobern und einige bunte, fast werth¬ lose Halstüchelchen zusammenzuhalten. Darum war das schöne wohlgemuthe junge Blut in jeder Weise gedemüthigt und gehemmt und konnte am wenigsten der Hoffahrt anheimfallen. Überdies hatte es bei schon erwachendem Verstande das Leiden und den Tod seiner Mutter gesehen und dies Andenken war ein weiterer Zügel, der sei¬ nem lustigen und feurigen Wesen angelegt war, so daß es nun höchst lieblich, unbedenklich und rührend sich ansah, wenn trotz alledem das gute Kind bei jedem Sonnenblick sich ermunterte und zum Lächeln bereit war. Sali erging es nicht so hart auf den ersten Anschein; denn er war nun ein hübscher und kräftiger junger Bursche, der sich zu wehren wußte und dessen äußere Haltung wenigstens eine schlechte Behandlung von selbst unzulässig machte. Er sah wohl die üble Wirthschaft seiner Ältern und glaubte sich erinnern zu können, daß es einst nicht so gewesen, ja er bewahrte noch das frühere Bild seines Vaters wohl in seinem Gedächtnisse als eines festen, klugen und ruhigen Bauers, desselben Mannes, den er jetzt als einen grauen Narren, Händelführer und Müssiggänger vor sich sah, der mit Toben und Prahlen auf hundert thörichten und verfänglichen Wegen wan¬ delte und mit jeder Stunde rückwärts ruderte wie ein Krebs. Wenn ihm nun dies mißfiel und ihn oft mit Scham und Kummer erfüllte, während es seiner Unerfahrenheit nicht klar war, wie die Dinge so gekommen, so wurden seine Sorgen wieder be¬ täubt durch die Schmeichelei, mit der ihn die Mutter behandelte. Denn um in ihrem Unwe¬ sen ungestörter zu sein und einen guten Partei¬ gänger zu haben, auch um ihrer Großthuerei zu genügen, ließ sie ihm zukommen was er wünschte, kleidete ihn sauber und prahlerisch und unterstützte ihn in allem, was er zu seinem Ver¬ gnügen vornahm. Er ließ sich dies gefallen ohne viel Dankbarkeit, da ihm die Mutter viel zu viel dazu schwatzte und log, und indem er so wenig Freude daran empfand, that er lässig und ge¬ dankenlos, was ihm gefiel, ohne daß dies je¬ doch etwas Übles war, weil er für jetzt noch unbeschädigt war von dem Beispiele der Alten und das jugendliche Bedürfniß fühlte, im Gan¬ zen einfach, ruhig und leidlich tüchtig zu sein. Er war ziemlich genau so, wie sein Vater in Keller, die Leute von Seldwyla. 16 diesem Alter gewesen war, und dieses flößte dem¬ selben eine unwillkürliche Achtung vor dem Sohne ein, in welchem er mit verwirrtem Gewissen und gepeinigter Erinnerung seine eigene Jugend achtete. Trotz dieser Freiheit, welche Sali ge¬ noß, ward er seines Lebens doch nicht froh und fühlte wohl, wie er nichts Rechtes vor sich hatte und eben so wenig etwas Rechtes lernte, da von einem zusammenhängenden und vernunftge¬ mäßen Arbeiten in Manzens Hause längst nicht mehr die Rede war. Sein einziger Trost war daher, stolz auf seine Unabhängigkeit und einst¬ weilige Unbescholtenheit zu sein, und in diesem Stolze ließ er die Tage trotzig verstreichen und wandte die Augen von der Zukunft ab. Der einzige Zwang, dem er unterworfen, war die Feindschaft seines Vaters gegen Alles, was Marti hieß und an diesen erinnerte. Doch wußte er nichts besseres, als daß Marti seinem Vater Schaden zugefügt und daß man in dessen Hause eben so feindlich gesinnt sei, und es fiel ihm daher nicht schwer, weder den Marti noch seine Tochter anzusehen und seinerseits auch einen angehenden ziemlich gleichgültigen Feind vorzu¬ stellen. Vrenchen hingegen, welches mehr erdul¬ den mußte, als Sali, und in seinem Hause viel verlassener war, fühlte sich weniger zu einer förmlichen Feindschaft aufgelegt und glaubte sich nur verachtet von dem wohlgekleideten und schein¬ bar glücklicheren Sali; deshalb verbarg sie sich vor ihm und wenn er irgendwo nur in der Nähe war, so entfernte sie sich eilig, ohne daß er sich die Mühe gab ihr nachzublicken. So kam es, daß er das Mädchen schon seit ein paar Jahren nicht mehr in der Nähe gesehen und gar nicht wußte, wie es aussah, seit es herange¬ wachsen. Und doch wunderte es ihn zuweilen ganz gewaltig und wenn überhaupt von den Martis gesprochen wurde, so dachte er unwill¬ kürlich nur an die Tochter, deren jetziges Aus¬ sehen ihm nicht deutlich und deren Andenken ihm gar nicht verhaßt war. Doch war sein Vater Manz nun der Erste von den beiden Feinden, der sich nicht mehr halten konnte und von Haus und Hof springen mußte. Dieser Vortritt rührte daher, daß er eine Frau besaß, die ihm geholfen und einen Sohn, der doch auch einiges mit brauchte, wäh¬ 16 * rend Marti der einzige Verzehrer war in seinem wackeligen Königreich, und seine Tochter durfte wohl arbeiten wie ein Hausthierchen, aber nichts gebrauchen. Manz aber wußte nichts anderes anzufangen, als auf den Rath seiner Seldwyler Gönner in die Stadt zu ziehen und da sich als Wirth aufzuthun. Dies ist immer ein Elend anzusehn, wenn ein ehemaliger Landmann, der auf dem Felde alt geworden ist, mit den Trüm¬ mern seiner Habe in eine Stadt zieht und da eine Schenke oder Kneipe aufthut, um als letzten Rettungsanker den freundlichen und gewandten Wirth zu machen, während es ihm nichts weni¬ ger als freundlich zu Muth ist. Als die Man¬ zen vom Hofe zogen, sah man erst, wie arm sie bereits waren; denn sie luden lauter alten und verfallenden Hausrath auf, dem man es ansah, daß seit vielen Jahren nichts erneuert und ange¬ schafft worden war. Die Frau legte aber nichts desto minder ihren besten Staat an, als sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte und machte ein Gesicht voller Hoffnungen, als künftige Stadt¬ frau schon mit Verachtung auf die Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor dem bedenklichen Zuge zusahen. Denn sie nahm sich vor, mit ihrer Liebenswürdigkeit und Klugheit die ganze Stadt zu bezaubern, und was ihr versimpelter Mann nicht machen könne, das wolle sie schon ausrichten, wenn sie nur erst einmal als Frau Wirthin in einem stattlichen Gasthofe säße. Dieser Gasthof bestand aber in einer trübseligen Winkelschenke in einem abgele¬ genen schmalen Gäßchen, auf der eben ein An¬ derer zu Grunde gegangen war und welche die Seldwyler dem Manz verpachteten, da er noch einige hundert Thaler einzuziehen hatte. Sie verkauften ihm auch ein paar Fäßchen säuerlichen Weines und das Wirthschaftsmobiliar, das aus einem Dutzend weißen geringen Flaschen, ebenso¬ viel Gläsern und einigen tannenen Tischen und Bänken bestand, welche einst blutroth angestrichen gewesen und jetzt vielfältig abgescheuert waren. Vor dem Fenster knarrte ein eiserner Reifen in einem Haken und in dem Reifen schenkte eine blecherne Hand Rothwein aus einem Schöppchen in ein Glas. Überdies hing ein verdorrter Busch von Stechpalme über der Hausthüre, was Manz alles mit in die Pacht bekam. Um deswillen war er nicht so wohlgemuth wie seine Frau, sondern trieb mit schlimmer Ahnung und voll Ingrimm die mageren Pferde an, welche er vom neuen Bau¬ ern geliehen. Das letzte schäbige Knechtchen, das er gehabt, hatte ihn schon seit einigen Wo¬ chen verlassen. Als er solcher Weise abfuhr, sah er wohl, wie Marti voll Hohn und Schaden¬ freude sich unfern der Straße zu schaffen machte, fluchte ihm und hielt denselben für den alleini¬ gen Urheber seines Unglückes. Sali aber, sobald das Fuhrwerk im Gange war, beschleunigte seine Schritte, eilte voraus und ging allein auf Sei¬ tenwegen nach der Stadt. »Da wären wir!« sagte Manz, als die Fuhre vor dem Spelunkelein anhielt. Die Frau erschrack darüber, denn das war in der That ein betrübter Gasthof. Die Leute traten eilfer¬ tig unter die Fenster und vor die Häuser, um sich den neuen Bauernwirth anzusehen und mach¬ ten mit ihrer Seldwyler Überlegenheit mitleidig spöttische Gesichter. Zornig und mit nassen Au¬ gen kletterte die Manzin vom Wagen herunter und lief, ihre Zunge vorläufig wetzend, in das Haus, um sich heute vornehm nicht wieder blicken zu lassen; denn sie schämte sich des schlechten Geräthes und der verdorbenen Betten, welche nun abgeladen wurden. Sali schämte sich auch, aber er mußte helfen und machte mit seinem Vater einen seltsamen Verlag in dem Gäßchen, auf welchem alsbald die Kinder der Falliten herumsprangen und sich über das verlumpete Bauernpack lustig machten. Im Hause aber sah es noch trübseliger aus und es glich einer voll¬ kommenen Räuberhöhle. Die Wände waren schlecht geweißtes feuchtes Mauerwerk, außer der dunklen unfreundlichen Gaststube mit ihren ehe¬ mals blutrothen Tischen waren nur noch ein paar schlechte Kämmerchen da, und überall hatte der ausgezogene Vorgänger den trostlosesten Schmutz und Kehricht zurückgelassen. So war der Anfang und so ging es auch fort. Während der ersten Woche kamen, beson¬ ders am Abend, wohl hin und wieder ein Tisch voll Leute aus Neugierde, den Bauernwirth zu sehen, und ob es da vielleicht einigen Spaß ab¬ setzte. Am Wirth hatten sie nicht viel zu sehen, denn Manz war ungelenk, starr, unfreundlich und melancholisch und wußte sich gar nicht zu benehmen, wollte es auch nicht wissen. Er füllte langsam und ungeschickt die Schöppchen, stellte sie mürrisch vor die Gäste und versuchte etwas zu sagen, brachte aber nichts heraus. Desto eifriger warf sich nun seine Frau in's Geschirr und hielt die Leute wirklich einige Tage zusam¬ men, aber in einem ganz andern Sinne, als sie meinte. Die ziemlich dicke Frau hatte sich eine eigene Haustracht zusammengesetzt, in der sie unwiderstehlich zu sein glaubte. Zu einem lei¬ nenen naturfarbenen Landrock trug sie einen alten grünseidenen Spenser, eine baumwollene Schürze und einen schlimmen weißen Halskragen. Von ihrem nicht mehr dichten Haar hatte sie an den Schläfen possierliche Schnecken gewickelt und in das Zöpfchen hinten einen hohen Kamm ge¬ steckt. So schwänzelte und tänzelte sie mit an¬ gestrengter Anmuth herum, spitzte lächerlich das Maul, daß es süß aussehen sollte, hüpfte elastisch an die Tische hin und, das Glas oder den Teller mit gesalzenem Käse hinsetzend, sagte sie lächelnd: »So so? so soli! herrlich herrlich, ihr Herren!« und solches dummes Zeug mehr; denn obwohl sie sonst eine geschliffene Zunge hatte, so wußte sie jetzt doch nichts Gescheidtes vorzubringen, da sie fremd war und die Leute nicht kannte. Die Seldwyler von der schlechtesten Sorte, die da hockten, hielten die Hand vor den Mund, woll¬ ten vor Lachen ersticken, stießen sich unter dem Tisch mit den Füßen und sagten: »Potz tausig! das ist ja eine Herrliche!« »Eine Himmlische!« sagte ein Anderer »beim ewigen Hagel! es ist der Mühe werth hieher zu kommen, so Eine haben wir lang nicht gesehen!« Ihr Mann bemerkte das wohl mit finsterem Blicke; er gab ihr einen Stoß in die Rippen und flüsterte: »Du alte Kuh! Was machst Du denn?« »Störe mich nicht, sagte sie unwillig, Du alter Tol¬ patsch! siehst Du nicht, wie ich mir Mühe gebe und mit den Leuten umzugehen weiß? Das sind aber nur Lumpen von Deinem Anhang! Laß mich nur machen, ich will bald fürnehmere Kundschaft hier haben!« Dies alles war be¬ leuchtet von einem oder zwei dünnen Talglich¬ ten; Sali, der Sohn, aber ging hinaus in die dunkle Küche, setzte sich auf den Herd und weinte über Vater und Mutter. Die Gäste hatten aber das Schauspiel bald satt, welches ihnen die gute Frau Manz ge¬ währte, und blieben wieder, wo es ihnen woh¬ ler war und sie über die wunderliche Wirth¬ schaft lachen konnten; nur dann und wann er¬ schien ein Einzelner, der ein Glas trank und die Wände angähnte, oder es kam ausnahmsweise eine ganze Bande, die armen Leute mit einem vorübergehenden Trubel und Lärm zu täuschen. Es ward ihnen angst und bange in dem engen Mauerwinkel, wo sie kaum die Sonne sahen, und Manz, welcher sonst gewohnt war, Tage lang in der Stadt zu liegen, fand es jetzt un¬ erträglich zwischen diesen Mauern. Wenn er an die freie Weite der Felder dachte, so stierte er finster brütend an die Decke oder auf den Bo¬ den, lief unter die enge Hausthüre und wieder zurück, da die Nachbaren den bösen Wirth, wie sie ihn schon nannten, angafften. Nun dauerte es aber nicht mehr lange und sie verarmten gänz¬ lich und hatten gar nichts mehr in der Hand; sie mußten, um etwas zu essen, warten bis Ei¬ ner kam und für wenig Geld etwas von dem noch vorhandenen Wein verzehrte, und wenn er eine Wurst oder dergleichen begehrte, so hatten sie oft die größte Angst und Sorge, dieselbe beizutreiben. Bald hatten sie auch den Wein nur noch in einer großen Flasche verborgen, die sie heimlich in einer andern Kneipe füllen ließen, und so sollten sie nun die Wirthe machen ohne Wein und Brod und freundlich sein, ohne or¬ dentlich gegessen zu haben. Sie waren beinahe froh, wenn nur Niemand kam, und hockten so in ihrem Kneipchen, ohne leben noch sterben zu können. Als die Frau diese traurigen Erfah¬ rungen machte, zog sie den grünen Spenser wie¬ der aus und nahm abermals eine Veränderung vor, indem sie nun, wie früher die Fehler, so nun einige weibliche Tugenden aufkommen ließ und mehr ausbildete, da Noth an den Mann ging. Sie übte Geduld und suchte den Alten aufrecht zu halten und den Jungen zum Guten anzuweisen; sie opferte sich vielfältig in allerlei Dingen, kurz sie übte in ihrer Weise eine Art von wohlthätigem Einfluß, der zwar nicht weit reichte und nicht viel besserte, aber immerhin besser war als gar nichts oder als das Gegen¬ theil und die Zeit wenigstens verbringen half, welche sonst viel früher hätte brechen müssen für diese Leute. Sie wußte manchen Rath zu ge¬ ben nunmehr in erbärmlichen Dingen, nach ih¬ rem Verstande, und wenn der Rath nichts zu taugen schien und fehl schlug, so ertrug sie willig den Grimm der Männer, kurzum, sie that jetzt alles, da sie alt war, was besser gedient hätte, wenn sie es früher geübt. Um wenigstens etwas Beißbares zu erwer¬ ben und die Zeit zu verbringen, verlegten sich Vater und Sohn auf die Fischerei, d. h. mit der Angelruthe, so weit es für jeden erlaubt war, sie in den Fluß zu hängen. Dies war auch eine Hauptbeschäftigung der Seldwyler, nach¬ dem sie fallirt hatten. Bei günstigem Wetter, wenn die Fische gern anbissen, sah man sie dutzendweise hinauswandern mit Ruthe und Kü¬ bel, und wenn man an den Ufern des Flusses wandelte, hockte alle Spanne lang Einer, der angelte, der Eine in einem langen braunen Bür¬ gerrock, die bloßen Füße im Wasser, der andere in einem spitzen blauen Frack auf einer alten Weide stehend, den alten Filz schief auf dem Ohre; weiterhin angelte gar Einer im zerrisse¬ nen großblumigen Schlafrock, da er keinen andern mehr besaß, die lange Pfeife in der einen, die Ruthe in der andern Hand, und wenn man um eine Krümmung des Flusses bog, stand ein alter kahlköpfiger Dickbauch faselnackt auf einem Stein und angelte; dieser hatte, trotz des Aufenthaltes am Wasser so schwarze Füße, daß man glaubte, er habe die Stiefel anbehalten. Jeder hatte ein Töpfchen oder ein Schächtelchen neben sich, in welchem Regenwürmer wimmelten, nach welchen sie zu anderen Stunden zu graben pflegten. Wenn der Himmel mit Wolken bezogen und es ein schwüles dämmeriges Wetter war, welches Regen verkündete, so standen diese Gestalten am zahlreichsten an dem ziehenden Strome, regungs¬ los gleich einer Gallerie von Heiligen- oder Prophetenbildern. Achtlos zogen die Landleute mit Vieh und Wagen an ihnen vorüber und die Schiffer auf dem Flusse sahen sie nicht an, wäh¬ rend sie leise murrten über die Fische verscheu¬ chenden Schiffe. Wenn man Manz vor zwölf Jahren, als er mit einem schönen Gespann pflügte auf dem Hügel über dem Ufer, damals gesagt hätte, er würde sich einst zu diesen wunderlichen Heiligen gesellen und gleich ihnen Fische fangen, so hätte er einem in's Gesicht gespieen. Auch eilte er jetzt hastig an ihnen vorüber hinter ihren Rücken und eilte stromaufwärts gleich einem eigensinnigen Schatten der Unterwelt, der sich zu seiner Ver¬ dammniß ein bequemes einsames Plätzchen sucht an den dunkeln Wässern. Mit der Angelruthe zu stehen hatten er und sein Sohn indessen keine Geduld und sie erinnerten sich der Art, wie die Bauern auf manche andere Weise etwa Fische fangen, wenn sie übermüthig sind, besonders mit den Händen in den Bächen; daher nahmen sie die Ruthen nur zum Schein mit und gingen an den Borden der Bäche hinauf, wo sie wußten, daß es theure und gute Forellen gab. Dem auf dem Lande zurückgebliebenen Marti ging es inzwischen auch immer schlimmer und es war ihm höchst langweilig dabei, so daß er, anstatt auf seinem vernachlässigten Felde zu ar¬ beiten, ebenfalls auf das Fischen verfiel und tagelang im Wasser herumflotschte. Vrenchen durfte nicht von seiner Seite und mußte ihm Eimer und Geräth nachtragen durch nasse Wie¬ sengründe, durch Bäche und Wassertümpel aller Art, bei Regen und Sonnenschein, indessen sie das Nothwendigste zu Hause liegen lassen mußte. Denn es war sonst keine Seele mehr da und wurde auch keine gebraucht, da Marti das meiste Land schon verloren hatte und nur noch wenige Äcker besaß, die er mit seiner Tochter liederlich genug oder gar nicht bebaute. So kam es, daß, als er eines Abends einen ziemlich tiefen und reißenden Bach entlang ging, in welchem die Forellen fleißig sprangen, da der Himmel voll Gewitterwolken hing, er unver¬ hofft auf seinen Feind Manz traf, der an dem andern Ufer daherkam. Sobald er ihn sah, stieg ein schrecklicher Groll und Hohn in ihm auf, sie waren sich seit Jahren nicht so nahe gewesen, ausgenommen vor den Gerichtsschran¬ ken, wo sie nicht schelten durften, und Marti rief jetzt voll Grimm: »Was thust Du hier, Du Hund? Kannst Du nicht in Deinem Lotter¬ neste bleiben, Du Seldwyler Lumpenhund?« »Wirst nächstens wohl auch ankommen, Du Schelm!« rief Manz. »Fische fängst Du ja auch schon und wirst deshalb nicht viel mehr zu ver¬ säumen haben!« »Schweig, Du Galgenhund!« schrie Marti, da hier die Wellen des Baches stärker rausch¬ ten, »Du hast mich in's Unglück gebracht!« Und da jetzt auch die Weiden am Bache gewal¬ tig zu rauschen anfingen im aufgehenden Wet¬ terwind, so mußte Manz noch lauter schreien: »Wenn dem nur so wäre, so wollte ich mich freuen, Du elender Tropf!« »O Du Hund!« schrie Marti herüber und Manz hinüber: »O Du Kalb, wie dumm thust Du!« Und jener sprang wie ein Tiger den Bach entlang und suchte herüber zu kommen. Der Grund, warum er der Wüthendere war, lag in seiner Meinung, daß Manz als Wirth wenigstens genug zu essen und zu trinken hätte und gewissermaßen ein kurzweiliges Leben führe, während es ungerechter Weise ihm so langweilig wäre auf seinem zer¬ trümmerten Hofe. Manz schritt indessen auch grimmig genug an der andern Seite hin; hinter ihm sein Sohn, welcher, statt auf den bösen Streit zu hören, neugierig und verwundert nach Vrenchen hinüber sah, welche hinter ihrem Vater ging, vor Scham in die Erde sehend, daß ihr die braunen krausen Haare in's Gesicht fielen. Sie trug einen hölzernen Fischeimer in der einen Hand, in der andern hatte sie Schuh und Strümpfe getragen und ihr Kleid der Nässe wegen aufgeschürzt. Seit aber Sali auf der andern Seite ging, hatte sie es schamhaft sinken lassen und war nun dreifach belästigt und ge¬ quält, da sie alle das Zeug tragen, den Rock zusammenhalten und des Streites wegen sich grämen mußte. Hätte sie aufgesehen und nach Sali geblickt, so würde sie entdeckt haben, daß er weder vornehm noch sehr stolz mehr aussah und selbst bekümmert genug war. Während Vrenchen so ganz beschämt und verwirrt auf die Erde sah und Sali nur diese in allem Elende schlanke und anmuthige Gestalt im Auge hatte, die so verlegen und demüthig dahin schritt, be¬ achteten sie dabei nicht, wie ihre Väter still geworden aber mit verstärkter Wuth einem höl¬ zernen Stege zueilten, der in kleiner Entfernung über den Bach führte und eben sichtbar wurde. Es fing an zu blitzen und erleuchtete seltsam die dunkle melancholische Wassergegend, es don¬ nerte auch in den grauschwarzen Wolken mit dumpfem Grolle und schwere Regentropfen fielen, Keller, die Leute von Seldwyla. 17 als die verwilderten Männer gleichzeitig auf die schmale, unter ihren Tritten schwankende Brücke stürzten, sich gegenseitig packten und die Fäuste in die vor Zorn und ausbrechendem Kummer bleichen zitternden Gesichter schlugen. Es ist nichts Anmuthiges und nichts weniger als artig, wenn sonst gesetzte Menschen noch in den Fall kommen, aus Übermuth, Unbedacht oder Noth¬ wehr unter allerhand Volk, das sie nicht näher berührt, Schläge auszutheilen oder welche zu be¬ kommen; allein dies ist eine harmlose Spielerei gegen das tiefe Elend, das zwei alte Menschen überwältigt, die sich wohl kennen und seit lange kennen, wenn diese aus innerster Feindschaft und aus dem Gange einer ganzen Lebensgeschichte heraus sich mit nackten Händen anfassen und mit Fäusten schlagen. So thaten jetzt diese bei¬ den ergrauten Männer; vor vierzig Jahren vielleicht hatten sie sich als Buben zum letzten Mal gerauft, dann aber vierzig lange Jahre mit keiner Hand mehr berührt, ausgenommen in ihrer guten Zeit, wo sie sich etwa zum Gruße die Hände geschüttelt und auch dies nur selten bei ihrem trockenen und sicheren Wesen. Nach¬ dem sie ein oder zweimal geschlagen, hielten sie inne und rangen still zitternd mit einander, nur zuweilen aufstöhnend und elendiglich knirschend, und Einer suchte den Andern über das knackende Geländer in's Wasser zu werfen. Jetzt waren aber auch ihre Kinder nachgekommen und sahen den erbärmlichen Auftritt. Sali sprang eines Satzes heran, um seinem Vater beizustehen und ihm zu helfen, dem gehaßten Feinde den Garaus zu machen, der ohnehin der Schwächere schien und eben zu unterliegen drohte. Aber auch Vrenchen sprang, alles wegwerfend, mit einem langen Aufschrei herzu und umklammerte ihren Vater um ihn zu schützen, während sie ihn da¬ durch nur hinderte und beschwerte. Thränen strömten aus ihren Augen und sie sah flehend den Sali an, der im Begriff war ihren Vater ebenfalls zu fassen und vollends zu überwältigen. Unwillkürlich legte er aber seine Hand an sei¬ nen eigenen Vater und suchte denselben mit festem Arm von dem Gegner loszubringen und zu beruhigen, so daß der Kampf eine kleine Weile ruhte oder vielmehr die ganze Gruppe unruhig hin und her drängte, ohne aus einander zu kommen. Darüber waren die jungen Leute, sich mehr zwischen die Alten schiebend, in dichte Berührung gekommen und in diesem Augenblicke erhellte ein Wolkenriß, der den grellen Abend¬ schein durchließ, das nahe Gesicht des Mädchens und Sali sah in dies ihm so wohlbekannte und doch so viel anders und schöner gewordene Ge¬ sicht. Vrenchen sah in diesem Augenblicke auch sein Erstaunen und es lächelte ganz kurz und geschwind mitten in seinem Schrecken und in seinen Thränen ihn an. Doch ermannte sich Sali, geweckt durch die Anstrengungen seines Vaters, ihn abzuschütteln, und brachte ihn mit eindringlich bittenden Worten und fester Haltung endlich ganz von seinem Feinde weg. Beide alte Gesellen athmeten hoch auf und begannen jetzt wieder zu schelten und zu schreien, sich von einander abwendend; ihre Kinder aber athmeten kaum und waren still wie der Tod, gaben sich aber im Wegwenden und Trennen, ungesehen von den Alten, schnell die Hände, welche vom Wasser und von den Fischen feucht und kühl waren. Als die grollenden Parteien ihrer Wege gin¬ gen, hatten die Wolken sich wieder geschlossen, es dunkelte mehr und mehr und der Regen goß nun in Bächen durch die Luft. Manz schlen¬ derte voraus auf den dunklen nassen Wegen, er duckte sich, beide Hände in den Taschen, unter den Regengüssen, zitterte noch in seinen Gesichts¬ zügen und mit den Zähnen und ungesehene Thränen rieselten ihm in den Stoppelbart, die er fließen ließ, um sie durch das Wegwischen nicht zu verrathen. Sein Sohn hatte aber nichts gesehen, weil er in glückseligen Bildern verloren daherging. Er merkte weder Regen noch Sturm, weder Dunkelheit noch Elend; son¬ dern leicht, hell und warm war es ihm innen und außen und er fühlte sich so reich und wohl¬ geborgen, wie ein Königssohn. Er sah fort¬ während das sekundenlange Lächeln des nahen schönen Gesichtes und erwiederte dasselbe erst jetzt, eine gute halbe Stunde nachher, indem er voll Liebe in Nacht und Wetter hineinlachte und das liebe Gesicht anlachte, das ihm allerwegen aus dem Dunkel entgegentrat, so daß er glaubte, Vrenchen müsse auf seinen Wegen dies Lachen nothwendig sehen und inne werden. Sein Vater war des andern Tags wie zer¬ schlagen und wollte nicht aus dem Hause. Der Handel und das ganze vieljährige Elend nahm heute eine neue deutlichere Gestalt an und nahm sich bequemlich Platz in der drückenden Luft der Spelunke, also daß Mann und Frau matt und scheu um das Gespenst herumschlichen, aus der Stube in die dunklen Kämmerchen, von da in die Küche und aus dieser wieder sich in die Stube schleppten, in welcher kein Gast sich sehen ließ. Zuletzt hockte jedes in einem Winkel und begann den Tag über ein müdes, halbtodtes Zanken und Vorhalten mit dem andern, wobei sie zeitweise einschliefen, von unruhigen Tag¬ träumen geplagt, welche aus dem Gewissen ka¬ men und sie wieder weckten. Nur Sali sah und hörte nichts davon, denn er dachte nur an Vrenchen. Es war ihm immer noch zu Muth, nicht nur als ob er unsäglich reich wäre, son¬ dern auch was Rechts gelernt hätte und unend¬ lich viel Schönes und Gutes wüßte, da er nun so deutlich und bestimmt um das wußte, was er gestern gesehen. Diese Wissenschaft war ihm wie vom Himmel gefallen und er war in einer unaufhörlichen glücklichen Verwunderung darüber; und doch war es ihm, als ob er es eigentlich von jeher gewußt und gekannt hätte, was ihn jetzt mit so wundersamer Süßigkeit erfüllte. Denn nichts gleicht dem Reichthum und der Unergründlichkeit eines Glückes, das an den Men¬ schen herantritt in einer so klaren und deutlichen Gestalt, vom Pfäfflein getauft und wohl verse¬ hen mit einem eigenen Namen, der nicht tönt wie andere Namen. Dieses ist eine feine Sache und in ihr ruht das Geheimniß oder die Offen¬ kunde von der Wohlfahrt des Lebens, von dem Aufbau der Familie und dessen, was viele Fa¬ milien zusammen sind. Es ist die Frühlings¬ blüthe, aus welcher die Frucht der guten Fa¬ milie erwächst; manche Gewächse müssen zwei bis drei oder gar vier Mal blühen, bis eine Frucht gerathen will, und alsdann hat die Weis¬ heit der Natur oder der Götter es so einge¬ richtet, daß den Blühenden die letzte Blume immer die feinste dünkt und sie meinen, es sei noch nie so schön gewesen. Und ob nun die Natur allein oder die Götter dies also geord¬ net, so ist es wirklich ein gutes und zweckmäßi¬ ges Ding. Viele blühen aber nur ein Mal und auch diese Blüthe zerschlägt der Sturm, tödtet der Frost oder ersäuft ein anhaltendes Regenwetter, und nie wird eine Frucht daraus; viele blühen in einer Wildniß oder in einem wüsten Sumpfe in der Einsamkeit und es wird auch nichts daraus, als zuweilen eine herbe verkrüppelte Holzfrucht; denn alle guten Früchte wachsen in großer Gesellschaft, die Ähre steht neben der Ähre und die Traube hängt neben der Traube tausendfältig. Aber Blumen sind es immer ge¬ wesen, ob etwas daraus geworden oder nicht und ob sie gesehen oder ungesehen verblühten, und der Frühling ist schön, was auch aus ihm wird. Sali fühlte sich an diesem Tage weder müs¬ sig, noch unglücklich, weder arm noch hoffnungs¬ los; vielmehr war er vollauf beschäftigt, sich Vrenchens Gesicht und Gestalt vorzustellen, un¬ aufhörlich, eine Stunde wie die andere; über dieser aufgeregten Thätigkeit aber verschwand ihm der Gegenstand derselben fast vollständig, das heißt er bildete sich endlich ein, nun doch nicht zu wissen, wie Vrenchen recht genau aussehe, er habe wohl ein allgemeines Bild von ihr im Gedächtniß, aber wenn er sie beschreiben sollte, so könnte er das nicht. Er sah fortwährend dies Bild, als ob es vor ihm stände und fühlte seinen angenehmen Einfluß, und doch sah er es nur, wie etwas, das man eben nur ein Mal gesehen, in dessen Gewalt man liegt und das man doch noch nicht kennt. Er erinnerte sich genau der Gesichtszüge, welche das kleine Dirn¬ chen einst gehabt mit großem Wohlgefallen, aber nicht eigentlich derjenigen, welche er gestern ge¬ sehen. Hätte er Vrenchen nie wieder zu sehen bekommen, so hätten sich seine Erinnerungskräfte schon behelfen müssen und das liebe Gesicht säu¬ berlich wieder zusammengetragen, daß nicht ein Zug daran fehlte. Jetzt aber versagten sie schlau und hartnäckig ihren Dienst, weil die Augen nach ihrem Recht und ihrer Lust verlangten, und als am Nachmittage die Sonne warm und hell die oberen Stockwerke der schwarzen Häuser be¬ schien, strich Sali aus dem Thore und seiner alten Heimath zu, welche ihm jetzt erst ein himmlisches Jerusalem zu sein schien mit zwölf 17 * glänzenden Pforten und die sein Herz klopfen machte, als er sich ihr näherte. Er stieß auf dem Wege auf Vrenchens Va¬ ter, welcher nach der Stadt zu gehen schien. Der sah sehr wild und liederlich aus, sein grau gewordener Bart war seit Wochen nicht geschoren und er sah aus wie ein recht böser verlorener Bauersmann, der sein Feld verscherzt hat und nun geht, um Andern Übles zuzufügen. Dennoch sah ihn Sali, als sie sich vorüber gingen, nicht mehr mit Haß, sondern voll Furcht und Scheu an, als ob sein Leben in dessen Hand stände und er es lieber von ihm erflehen als ertrotzen möchte. Marti aber maß ihn mit einem bösen Blicke von oben bis unten und ging seines We¬ ges. Das war indessen dem Sali recht, welchem es nun, da er den Alten das Dorf verlassen sah, deutlicher wurde, was er eigentlich da wolle, und er schlich sich auf alt bekannten Pfaden so lange um das Dorf herum und durch dessen verdeckte Gäßchen, bis er sich Martis Haus und Hof gegenüber befand. Seit mehreren Jahren hatte er diese Stätte nicht mehr so nah gesehen; denn auch als sie noch hier wohnten, hüteten sich die verfeindeten Leute gegenseitig, sich in's Ge¬ häge zu kommen. Deshalb war er nun erstaunt über das, was er doch an seinem eigenen Va¬ terhause erlebt, und starrte voll Verwunderung in die Wüstenei, die er vor sich sah. Dem Marti war ein Stück Ackerland um das andere abgepfändet worden, er besaß nichts mehr als das Haus und den Platz davor nebst etwas Garten und dem Acker auf der Höhe am Flusse, von welchem er hartnäckig am längsten nicht lassen wollte. Es war aber keine Rede mehr von einer ordentlichen Bebauung und auf dem Acker, der einst so schön im gleichmäßigen Korne gewogt, wenn die Erndte kam, waren jetzt allerhand ab¬ fällige Samenreste gesäet und aufgegangen, aus alten Schachteln und zerrissenen Düten zusam¬ mengekehrt, Rüben, Kraut und dergleichen und etwas Kartoffeln, so daß der Acker aussah, wie ein recht übel gepflegter Gemüseplatz und eine wunderliche Musterkarte war, dazu angelegt, um von der Hand in den Mund zu leben, hier eine Hand voll Rüben auszureißen, wenn man Hun¬ ger hatte und nichts besseres wußte, dort eine Tracht Kartoffeln oder Kraut, und das übrige fortwuchern oder verfaulen zu lassen, wie es mochte. Auch lief jedermann darin herum wie es ihm gefiel und das schöne breite Stück Feld sah beinahe so aus, wie einst der herrenlose Acker, von dem alles Unheil herkam. Desnahen war um das Haus nicht eine Spur von Acker¬ wirthschaft zu sehen. Der Stall war leer, die Thüre hing nur in einer Angel und unzählige Kreuzspinnen, den Sommer hindurch halb groß geworden, ließen ihre Fäden in der Sonne glän¬ zen vor dem dunklen Eingang. An dem offen stehenden Scheunenthor, wo einst die Früchte des festen Landes eingefahren, hing schlechtes Fischer¬ geräthe, zum Zeugniß der verkehrten Wasser¬ pfuscherei; auf dem Hofe war nicht ein Huhn und nicht eine Taube, weder Katze noch Hund zu sehen, nur der Brunnen war noch als etwas Lebendiges da, aber er floß nicht mehr durch die Röhre, sondern sprang durch einen Riß nahe am Boden über diesen hin und setzte überall kleine Tümpel an, so daß er das beste Sinn¬ bild der Faulheit abgab. Denn während mit wenig Mühe des Vaters das Loch zu verstopfen und die Röhre herzustellen gewesen wäre, mußte sich Vrenchen nun abquälen, selbst das lautere Wasser dieser Verkommenheit abzugewinnen und seine Wäscherei in den seichten Sammlungen am Boden vorzunehmen, statt in dem vertrockneten und zerspällten Troge. Das Haus selbst war ebenso kläglich anzusehen; die Fenster waren vielfältig zerbrochen und mit Papier verklebt, aber doch waren sie das Freundlichste an dem Verfall; denn sie waren, selbst die zerbrochenen Scheiben, klar und sauber gewaschen, ja förmlich polirt und glänzten so hell, wie Vrenchens Au¬ gen, welche ihm in seiner Armuth ja auch allen übrigen Staat ersetzen mußten. Und wie die krausen Haare und die rothgelben Kattunhals¬ tücher zu Vrenchens Augen, stand zu diesen blin¬ kenden Fenstern das wilde grüne Gewächs, was da durcheinander rankte um das Haus, flatternde Bohnenwäldchen und eine ganze duftende Wild¬ niß von rothgelbem Goldlack. Die Bohnen hiel¬ ten sich, so gut sie konnten, hier an einem Har¬ kenstiel oder an einem verkehrt in die Erde ge¬ steckten Stumpfbesen, dort an einer von Rost zerfressenen Helbarte oder Sponton, wie man es nannte, als Vrenchens Großvater das Ding als Wachtmeister getragen, welches es jetzt aus Noth in die Bohnen gepflanzt hatte; dort kletterten sie wieder lustig eine verwitterte Leiter empor, die am Hause lehnte seit undenklichen Zeiten, und hingen von da in die klaren Fensterchen hinunter wie Vrenchens Kräuselhaare in seine Augen. Dieser mehr malerische als wirthliche Hof lag etwas beiseit und hatte keine näheren Nachbarhäuser, auch ließ sich in diesem Augen¬ blicke nirgends eine lebendige Seele wahrneh¬ men; Sali lehnte daher in aller Sicherheit an einem alten Scheunchen, etwa dreißig Schritte entfernt und schaute unverwandt nach dem stillen wüsten Hause hinüber. Eine geraume Zeit lehnte und schaute er so, als Vrenchen unter die Hausthür kam und lange vor sich hinblickte, wie mit allen ihren Gedanken an einem Gegen¬ stande hängend. Sali rührte sich nicht und wandte kein Auge von ihr. Als sie endlich zu¬ fällig in dieser Richtung hinsah, fiel er ihr in die Augen. Sie sahen sich eine Weile an, her¬ über und hinüber, als ob sie eine Lufterschei¬ nung betrachteten, bis sich Sali endlich aufrich¬ tete und langsam über die Straße und über den Hof ging auf Vrenchen los. Als er dem Mädchen nahe war, streckte es seine Hände ge¬ gen ihn aus und sagte: Sali! Er ergriff die Hände und sah ihr immerfort in's Gesicht. Thränen stürzten aus ihren Augen, während sie unter seinen Blicken vollends dunkelroth wurde, und sie sagte: Was willst Du hier? »Nur Dich sehen!« erwiederte er, »wollen wir nicht wieder gute Freunde sein?« »Und unsere Äl¬ tern?« fragte Vrenchen, sein weinendes Gesicht zur Seite neigend, da es die Hände nicht frei hatte, um es zu bedecken. »Sind wir Schuld an dem, was sie gethan und geworden sind?« sagte Sali, »vielleicht können wir das Elend nur gut machen, wenn wir zwei zusammenhalten und uns recht lieb sind!« »Es wird nie gut kommen, antwortete Vrenchen mit einem tiefen Seufzer, »geh in Gottes Namen Deiner Wege, Sali!« »Bist Du allein?« fragte dieser, »kann ich einen Augenblick hineinkommen?« »Der Vater ist zur Stadt, wie er sagte, um Deinem Vater irgend etwas anzuhängen; aber herein¬ kommen kannst Du nicht, weil Du später viel¬ leicht nicht so ungesehen weggehen kannst wie jetzt! Noch ist alles still und Niemand um den Weg, ich bitte Dich, geh jetzt!« »Nein, so geh' ich nicht! ich mußte seit gestern immer an Dich denken, und ich geh' nicht so fort, wir müssen mit ein¬ ander reden, wenigstens eine halbe Stunde lang oder eine Stunde, das wird uns gut thun!« Vrenchen besann sich ein Weilchen und sagte dann: »Ich geh' gegen Abend auf unsern Acker hinaus, Du weißt welchen, wir haben nur noch den, und hole etwas Gemüse. Ich weiß, daß Niemand weiter dort sein wird, weil die Leute anderswo schneiden; wenn Du willst, so komm dort hin, aber jetzt geh' und nimm Dich in Acht, daß Dich Niemand sieht! Wenn auch kein Mensch hier mehr mit uns umgeht, so würden sie doch ein solches Gerede machen, daß es der Vater sogleich vernähme.« Sie ließen sich jetzt die Hände frei, ergriffen sie aber auf der Stelle wieder und beide sagten gleichzeitig: »Und wie geht es Dir auch?« Aber statt sich antworten fragten sie das Gleiche auf's Neue und die Ant¬ wort lag nur in den beredten Augen, da sie nach Art der Verliebten die Worte nicht mehr zu lenken wußten und ohne sich weiter etwas zu sagen, endlich halb selig und halb traurig aus einander huschten. »Ich komme recht bald hinaus, geh' nur gleich hin!« rief Vrenchen noch nach. Sali ging auch alsobald auf die stille schöne Anhöhe hinaus, über welche die drei Äcker sich erstreckten, und die prächtige stille Julisonne, die fahrenden weißen Wolken, welche über das reife wallende Kornfeld wegzogen, der glänzende weiße Fluß, der unten vorüberwallte, alles dies erfüllte ihn zum ersten Male seit langen Jahren wieder mit Glück und Zufriedenheit, statt mit Kummer, und er warf sich der Länge nach in den durchsichtigen Halbschatten des Kornes, wo dasselbe Martis wilden Acker begränzte, und guckte glückselig in den Himmel. Obgleich es kaum eine Viertelstunde währte, bis Vrenchen nachkam und er an nichts anderes dachte, als an sein Glück und dessen Namen, stand es doch plötzlich und unverhofft vor ihm, auf ihn niederlächelnd, und froh erschreckt sprang er auf. »Vreeli!« rief er, und dieses gab ihm still und lächelnd beide Hände, und Hand in Keller, die Leute von Seldwyla. 18 Hand gingen sie nun das flüsternde Korn ent¬ lang bis gegen den Fluß hinunter und wieder zurück, ohne viel zu reden; sie legten zwei und drei Mal den Hin- und Herweg zurück, still, glückselig und ruhig, so daß dieses einige Paar nun auch einem Sternbilde glich, welches über die sonnige Rundung der Anhöhe und hinter derselben niederging, wie einst die sicher gehen¬ den Pflugzüge ihrer Väter. Als sie aber eins¬ mals die Augen von den blauen Kornblumen aufschlugen, an denen sie gehaftet, sahen sie plötzlich einen andern dunklen Stern vor sich hergehen, einen schwärzlichen Kerl, von dem sie nicht wußten, woher er so unversehens gekom¬ men. Er mußte im Korne gelegen haben; Vrenchen zuckte zusammen und Sali sagte erschreckt: Der schwarze Geiger! In der That trug der Kerl, der vor ihnen herstrich, eine Geige mit dem Bogen unter dem Arm und sah übrigens schwarz genug aus; außer einem schwar¬ zen Filzhütchen und einem schwarzen rußigen Kittel, den er trug, war auch sein Haar pech¬ schwarz, so wie der ungeschorene Bart, das Ge¬ sicht und die Hände aber ebenfalls geschwärzt; denn er trieb allerlei Handwerk, meistens Kessel¬ flicken, half auch den Kohlenbrennern und Pech¬ siedern in den Wäldern, und ging mit der Geige nur auf einen guten Schick aus, wenn die Bau¬ ern irgendwo lustig waren und ein Fest feierten. Sali und Vrenchen gingen mäuschenstill hinter ihm drein und dachten, er würde vom Felde gehen und verschwinden, ohne sich umzusehen, und so schien es auch zu sein, denn er that, als ob er nichts von ihnen merkte. Dazu wa¬ ren sie in einem seltsamen Bann, daß sie nicht wagten den schmalen Pfad zu verlassen und dem unheimlichen Gesellen unwillkürlich folgten, bis an das Ende des Feldes, wo jener ungerechte Steinhaufen lag, der das immer noch streitige Ackerzipfelchen bedeckte. Eine zahllose Menge von Mohnblumen oder Klatschrosen hatte sich darauf angesiedelt, weshalb der kleine Berg feuerroth aussah zur Zeit. Plötzlich sprang der schwarze Geiger mit einem Satze auf die roth bekleidete Steinmasse hinauf, kehrte sich und sah ringsum. Das Pärchen blieb stehen und sah verlegen zu dem dunklen Burschen hinauf; denn vorbei konnten sie nicht gehen, weil der Weg in 18 * das Dorf führte und umkehren mochten sie auch nicht vor seinen Augen. Er sah sie scharf an und rief! »Ich kenne Euch, Ihr seid die Kin¬ der derer, die mir den Boden hier gestohlen haben! Es freut mich zu sehen, wie gut Ihr gefahren seid und werde gewiß noch erleben, daß Ihr vor mir den Weg alles Fleisches geht! Seht mich nur an, Ihr zwei Spatzen! Gefällt Euch meine Nase, wie?« In der That besaß er eine schreckbare Nase, welche wie ein großes Winkelmaß aus dem dürren schwarzen Gesicht ragte oder eigentlich mehr einem tüchtigen Kne¬ bel oder Prügel glich, welcher in dies Gesicht geworfen worden war, und unter dem ein klei¬ nes rundes Löchelchen von einem Munde sich seltsam stutzte und zusammenzog, aus dem er unaufhörlich pustete, pfiff und zischte. Dazu stand das kleine Filzhütchen ganz unheimlich, welches nicht rund und nicht eckig und so son¬ derlich geformt war, daß es alle Augenblicke seine Gestalt zu verändern schien, obgleich es unbe¬ weglich saß, und von den Augen des Kerls war fast nichts als das Weiße zu sehen, da die Sterne unaufhörlich auf einer blitzschnellen Wan¬ derung begriffen waren und wie zwei Hasen im Zickzack umhersprangen. »Seht mich nur an«, fuhr er fort, »Eure Väter kennen mich wohl und jedermann in diesem Dorfe weiß wer ich bin, wenn er nur meine Nase ansieht. Da ha¬ ben sie vor Jahren ausgeschrieben, daß ein Stück Geld für den Erben dieses Ackers bereit liege; ich habe mich zwangig Mal gemeldet, aber ich habe keinen Taufschein und keinen Heimathschein und meine Freunde, die Heimathlosen, die meine Geburt gesehen, haben kein gültiges Zeugniß, und so ist die Frist längst verlaufen und ich bin um den blutigen Pfennig gekommen mit dem ich hätte auswandern können! Ich habe Eure Vä¬ ter angefleht, daß sie mir bezeugen möchten, sie müßten mich nach ihrem Gewissen für den rech¬ ten Erben halten; aber sie haben mich von ihren Höfen gejagt und nun sind sie selbst zum Teufel gegangen! Item, das ist der Welt Lauf, mir kann's recht sein, ich will Euch doch geigen, wenn Ihr tanzen wollt!« Damit sprang er auf der andern Seite von den Steinen hinun¬ ter und machte sich dem Dorfe zu, wo gegen Abend der Erntesegen eingebracht wurde und die Leute guter Dinge waren. Als er verschwun¬ den, ließ sich das Paar ganz muthlos und be¬ trübt auf die Steine nieder; sie ließen ihre verschlungenen Hände fahren und stützten die traurigen Köpfe darauf; denn die Erscheinung des Geigers und seine Worte hatten sie aus der glücklichen Vergessenheit gerissen, in welcher sie wie zwei Kinder auf und abgewandelt, und wie sie nun auf dem harten Grund ihres Elen¬ des saßen, verdunkelte sich das heitere Lebens¬ licht und ihre Gemüther wurden so schwer wie Steine. Da erinnerte sich Vrenchen unversehens der wunderlichen Gestalt und der Nase des Gei¬ gers, es mußte plötzlich hell auflachen und rief: »Der arme Kerl sieht gar zu spaßhaft aus! Was für eine Nase!« und eine allerliebste son¬ nenhelle Lustigkeit verbreitete sich über des Mäd¬ chens Gesicht, als ob sie nur geharrt hätte, bis des Geigers Nase die trüben Wolken wegstieße. Sali sah Vrenchen an und sah diese Fröhlich¬ keit. Es hatte die Ursache aber schon wieder Vergessen und lachte nur noch auf eigene Rech¬ nung dem Sali in's Gesicht. Dieser, verblüfft und erstaunt, starrte unwillkürlich mit lachendem Munde auf die Augen, gleich einem Hungrigen, der ein süßes Weizenbrod erblickt, und rief: »Bei Gott, Vreeli! wie schön bist Du!« Vren¬ chen lachte ihn nur noch mehr an und hauchte dazu aus klangvoller Kehle einige kurze muth¬ willige Lachtöne, welche dem armen Sali nicht anders dünkten, als der Gesang einer Nachtigall. »O Du Hexe! rief er, wo hast Du das ge¬ lernt? welche Teufelskünste treibst Du da?« »Ach Du lieber Gott! sagte Vrenchen mit schmei¬ chelnder Stimme und nahm Sali's Hand, »das sind keine Teufelskünste! Wie lange hätte ich gern einmal gelacht! Ich habe wohl zuweilen, wenn ich ganz allein war, über irgend etwas lachen müssen, aber es war nichts Rechts dabei; jetzt aber möchte ich Dich immer und ewig anlachen, wenn ich Dich sehe, und ich möchte Dich wohl immer und ewig sehen! Bist Du mir auch ein bischen recht gut? »O Vreeli! sagte er und sah ihr ergeben und treuherzig in die Au¬ gen, ich habe noch nie ein Mädchen angesehen, es war mir immer, als ob ich Dich einst lieb haben müßte und ohne daß ich wollte oder wußte, hast Du mir doch immer im Sinn gelegen!« »Und Du mir auch, sagte Vrenchen, und das noch viel mehr; denn Du hast mich nie ange¬ sehen und wußtest nicht, wie ich geworden bin; ich aber habe dich zu Zeiten aus der Ferne und sogar heimlich aus der Nähe recht gut be¬ trachtet und wußte immer, wie Du aussiehst! Weißt Du noch, wie oft wir als Kinder hieher gekommen sind? denkst Du noch des kleinen Wagens? Wie kleine Leute sind wir damals gewesen und wie lang ist es her! Man sollte denken wir wären recht alt?« »Wie alt bist Du jetzt?« fragte Sali voll Vergnügen und Zufriedenheit, »Du mußt ungefähr siebzehn sein?« »Siebzehn und ein halbes Jahr bin ich alt!« erwiederte Vrenchen, »und wie alt bist Du? Ich weiß aber schon, Du bist bald zwanzig!« »Woher weißt Du das?« fragte Sali. »Gelt, wenn ich es sagen wollte!« »Du willst es nicht sagen?« »Nein!« »Gewiß nicht?« »Nein, nein!« »Du sollst es sagen!« »Willst Du mich etwa zwingen?« »Das wollen wir sehen!« Diese einfältigen Worte führte Sali, um seine Hände zu beschäftigen und mit unge¬ schickten Liebkosungen, welche wie eine Strafe aussehen sollten, das schöne Mädchen zu bedrän¬ gen. Sie führte auch, sich wehrend, mit vieler Langmuth den albernen Wortwechsel fort, der trotz seiner Leerheit beide witzig und süß genug dünkte, bis Sali erbost und kühn genug war, Vrenchens Hände zu bezwingen und es in die Mohnblumen zu drücken. Da lag es nun und zwinkerte in der Sonne mit den Augen, seine Wangen glühten wie Purpur und sein Mund war halb geöffnet und ließ zwei Reihen weiße Zähnchen durchschimmern. Fein und schön flos¬ sen die dunklen Augenbraunen in einander und die junge Brust hob und senkte sich muthwillig unter sämmtlichen vier Händen, welche sich kun¬ terbunt darauf streichelten und bekriegten. Sali wußte sich nicht zu lassen vor Freuden, das schlanke schöne Geschöpf vor sich zu sehen, es sein eigen zu wissen, und es dünkte ihm ein Königreich. »Alle Deine weißen Zähne hast Du noch! lachte er, weißt Du noch, wie oft wir sie einst gezählt haben? Kannst Du jetzt zäh¬ len?« »Das sind ja nicht die gleichen, Du Löhli! sagte Vrenchen, jene sind längst ausge¬ fallen!« Sali wollte nun in seiner Einfalt jenes Spiel wieder erneuern und die glänzenden Zahnperlen zählen; aber Vrenchen verschloß plötz¬ lich den rothen Mund, richtete sich auf und be¬ gann einen Kranz von Mohnrosen zu winden, den es sich auf den Kopf setzte. Der Kranz war voll und breit und gab der bräunlichen Dirne ein fabelhaftes reizendes Ansehen, und der arme Sali hielt in seinem Arm, was reiche Leute theuer bezahlt hätten, wenn sie es nur gemalt an ihren Wänden hätten sehen können. Jetzt sprang sie aber empor und rief: »Himmel, wie heiß ist es hier! Da sitzen wir wie die Narren und lassen uns versengen! Komm, mein Lieber! laß uns in's hohe Korn sitzen!« Sie schlüpften hinein so geschickt und sachte, daß sie kaum eine Spur zurückließen, und bauten sich einen engen Kerker in den goldenen Ähren, die ihnen hoch über den Kopf ragten, als sie drin saßen, so daß sie nur den tiefblauen Himmel über sich sahen und sonst nichts von der Welt. Sie umhalsten sich und küßten sich unverweilt und so lange bis sie einstweilen müde waren, oder wie man es nennen will, wenn das Küssen zweier Verliebter auf eine oder zwei Minuten sich selbst überlebt und die Vergänglichkeit alles Lebens mitten im Rausche der Blüthezeit ahnen läßt. Sie hörten die Lerchen singen hoch über sich und suchten dieselben mit ihren scharfen Au¬ gen, und wenn sie glaubten, flüchtig Eine in der Sonne aufblitzen zu sehen, gleich einem plötz¬ lich aufleuchtenden oder hinschießenden Stern am blauen Himmel, so küßten sie sich wieder zur Belohnung und suchten einander zu übervorthei¬ len und zu täuschen, so viel sie konnten. »Siehst Du, dort blitzt Eine!« flüsterte Sali und Vren¬ chen erwiederte eben so leise: »Ich höre sie wohl, aber ich sehe sie nicht!« »Doch, paß nur auf, dort wo das weiße Wölkchen steht ein we¬ nig rechts davon!« Und beide sahen eifrig hin und sperrten vorläufig ihre Schnäbel auf, wie die jungen Wachteln im Neste, um sie unver¬ züglich auf einander zu heften, wenn sie sich ein¬ bildeten, die Lerche gesehen zu haben. Auf ein¬ mal hielt Vrenchen inne und sagte: »Dies ist also eine ausgemachte Sache, daß Jedes von uns einen Schatz hat, dünkt es Dich nicht so?« »Ja, sagte Sali, es scheint mir fast auch!« »Wie gefällt Dir denn Dein Schätzchen, sagte Vrenchen, was ist es für ein Ding, was hast Du von ihm zu melden?« »Es ist ein gar feines Ding, sagte Sali, es hat zwei braune Au¬ gen, einen rothen Mund und läuft auf zwei Füßen; aber seinen Sinn kenn ich weniger als den Pabst zu Rom! und was kannst Du von Deinem Schatz berichten?« »Er hat zwei braune Augen, einen nichtsnutzigen Mund und braucht zwei verwegene starke Arme; aber seine Gedanken sind mir unbekannter, als der türkische Kaiser!« »Es ist eigentlich wahr, sagte Sali, daß wir uns weniger kennen, als wenn wir uns nie gesehen hätten, so fremd hat uns die lange Zeit gemacht, seit wir groß geworden sind! Was ist alles vorgegangen in Deinem Köpfchen, mein liebes Kind?« »Ach, nicht viel! tausend Narrenspossen haben sich wollen regen, aber es ist mir immer so trübselig ergangen, daß sie nicht aufkommen konnten!« »Du armes Schätz¬ chen! sagte Sali, ich glaube aber Du hast es hinter den Ohren, nicht?« »Das kannst Du ja nach und nach erfahren, wenn Du mich recht lieb hast!« »Wenn Du einst meine Frau bist?« Vrenchen zitterte leis bei diesem letzten Worte und schmiegte sich tiefer in Sali's Arme, ihn von Neuem lange und zärtlich küssend. Es tra¬ ten ihr dabei Thränen in die Augen und beide wurden auf einmal traurig, da ihnen ihre hoff¬ nungsarme Zukunft in den Sinn kam und die Feindschaft ihrer Ältern. Vrenchen seufzte und sagte: Komm, ich muß nun gehen! und so er¬ hoben sie sich und gingen Hand in Hand aus dem Kornfeld, als sie Vrenchens Vater spähend vor sich sahen. Mit dem kleinlichen Scharfsinn des müssigen Elendes hatte dieser, als er dem Sali begegnet, neugierig gegrübelt, was der wohl allein im Dorfe zu suchen ginge, und sich des gestrigen Vorfalles erinnernd, verfiel er, immer nach der Stadt zu schlendernd, endlich auf die richtige Spur, rein aus Groll und un¬ beschäftigter Bosheit, und nicht so bald gewann der Verdacht eine bestimmte Gestalt, so kehrte er mitten in den Gassen von Seldwyla um und trollte wieder in das Dorf hinaus, wo er seine Tochter in Haus und Hof und rings in den Hecken vergeblich suchte. Mit wachsender Neu¬ gier rannte er auf den Acker hinaus, und als er da Vrenchens Korb liegen sah, in welchem es die Früchte zu holen pflegte, das Mädchen selbst aber nirgends erblickte, spähte er eben am Korne des Nachbars herum, als die erschrockenen Kinder herauskamen. Sie standen wie versteinert und Marti stand erst auch da und beschaute sie mit bösen Blicken, bleich wie Blei; dann fing er fürchterlich an zu toben in Geberden und Schimpfworten und langte zugleich grimmig nach dem jungen Burschen, um ihn zu würgen; Sali wich aus und floh einige Schritte zurück, entsetzt über den wilden Mann, sprang aber sogleich wieder zu, als er sah, daß der Alte statt seiner nun das zitternde Mädchen faßte, ihm eine Ohrfeige gab, daß der rothe Kranz herunterflog, und seine Haare um die Hand wickelte, um es mit sich fort zu reißen und weiter zu mißhandeln. Ohne sich zu besin¬ nen, raffte er einen Stein auf und schlug mit demselben den Alten gegen den Kopf, halb in Angst um Vrenchen und halb im Jähzorn. Marti taumelte ein wenig und sank dann bewußt¬ los auf den Steinhaufen nieder und zog das erbärmlich aufschreiende Vrenchen mit. Sali befreite noch dessen Haare aus der Hand des Bewußtlosen und richtete es auf; dann stand er da wie eine Bildsäule, rathlos und gedankenlos. Das Mädchen, als es den wie todt daliegenden Vater sah, fuhr sich mit den Händen über das erbleichende Gesicht, schüttelte sich und sagte: Hast Du ihn erschlagen? Sali nickte lautlos und Vrenchen schrie: O Gott, Du lieber Gott! Es ist mein Vater! der arme Mann! und sinn¬ los warf es sich über ihn und hob seinen Kopf auf, an welchem indessen kein Blut floß. Es ließ ihn wieder sinken, Sali ließ sich auf der andern Seite des Mannes nieder und Beide schauten, still wie das Grab und mit erlahmten reglosen Händen in das leblose Gesicht. Um nur etwas anzufangen, sagte endlich Sali: »Er wird doch nicht gleich todt sein müssen? das ist gar nicht ausgemacht!« Vrenchen riß ein Blatt von einer Klatschrose ab und legte es auf die erblaßten Lippen und es bewegte sich schwach. »Er athmet noch, rief es, so lauf doch in's Dorf und hol' Hülfe!« Als Sali aufsprang und laufen wollte, streckte es ihm die Hand nach und rief ihn zurück: Komm aber nicht mit zurück und sage nichts, wie es zugegangen, ich werde auch schweigen, man soll nichts aus mir heraus¬ bringen! sagte es und sein Gesicht, das es dem armen rathlosen Burschen zuwandte, überfloß von schmerzlichen Thränen. »Komm, küß mich noch ein Mal! Nein, geh, mach Dich fort! Es ist aus, es ist ewig aus, wir können nicht zusammenkommen!« Es stieß ihn fort und er lief willenlos dem Dorfe zu. Er begegnete ei¬ nem Knäbchen, das ihn nicht kannte; diesem trug er auf, die nächsten Leute zu holen und beschrieb ihm genau, wo die Hülfe nöthig sei. Dann machte er sich verzweifelt fort und irrte die ganze Nacht im Gehölze herum. Am Mor¬ gen schlich er in die Felder, um zu erspähen, wie es gegangen sei, und hörte von frühen Leu¬ ten, welche mit einander sprachen, daß Marti noch lebe, aber nichts von sich wisse, und wie das eine seltsame Sache sei, da kein Mensch wisse, was ihm zugestoßen. Erst jetzt ging er in die Stadt zurück und verbarg sich in dem dunkeln Elend des Hauses. Vrenchen hielt ihm Wort; es war nichts aus ihm herauszufragen, als daß es selbst den Vater so gefunden habe, und da er am andern Tage sich wieder tüchtig regte und athmete, frei¬ lich ohne Bewußtsein, und überdies kein Kläger da war, so nahm man an, er sei betrunken gewesen und auf die Steine gefallen und ließ die Sache auf sich beruhen. Vrenchen pflegte ihn und ging nicht von seiner Seite, außer um die Arzneimittel zu holen beim Doktor und etwa für sich selbst eine schlechte Suppe zu kochen; denn es lebte beinahe von nichts, obgleich es Tag und Nacht auf sein mußte und Niemand ihm half. Es dauerte beinahe sechs Wochen, bis der Kranke allmälig zu seinem Bewußtsein kam, obgleich er vorher schon wieder aß und in seinem Bette ziemlich munter war. Aber es war nicht das alte Bewußtsein, das er jetzt erlangte, sondern es zeigte sich immer deutlicher, je mehr er sprach, daß er blödsinnig geworden, und zwar auf die wunderlichste Weise. Er erinnerte sich nur dunkel an das Geschehene und wie an etwas sehr lustiges, was ihn nicht weiter berühre, lachte immer wie ein Narr und war sehr guter Keller, die Leute von Seldwyla. 19 Dinge. Noch im Bette liegend brachte er hun¬ dert närrische, sinnlos muthwillige Redensarten und Einfälle zum Vorschein, schnitt Gesichter und zog sich die schwarzwollene Zipfelmütze in die Augen und über die Nase herunter, daß diese aussah, wie ein Sarg unter einem Bahrtuch. Das bleiche und abgehärmte Vrenchen hörte ihm geduldig zu, Thränen vergießend über das thö¬ richte Wesen, welches die arme Tochter noch mehr ängstigte, als die frühere Bosheit; aber wenn der Alte zuweilen etwas gar zu drolliges an¬ stellte, so mußte es mitten in seiner Qual laut auflachen, da sein unterdrücktes Wesen immer zur Lust aufzuspringen bereit war, wie ein ge¬ spannter Bogen, worauf aber eine um so tie¬ fere Betrübniß erfolgte. Als der Alte aber aufstehen konnte, war gar nichts mehr mit ihm anzustellen, er machte nichts als Dummheiten, lachte und stöberte um das Haus herum, setzte sich in die Sonne und streckte die Zunge heraus oder hielt lange Reden in die Bohnen hinein. Um die gleiche Zeit aber war es auch aus mit den letzten Überbleibseln seines ehemaligen Besitzes und die Unordnung so weit gediehen, daß auch sein Haus und der letzte Acker, seit geraumer Zeit verpfändet, nun gerichtlich ver¬ kauft wurden. Denn der Bauer, welcher die zwei Äcker des Manz gekauft, benutzte die gänz¬ liche Verkommenheit Martis und seine Krankheit und führte den alten Streit wegen des strittigen Steinfleckes kurz und entschlossen zu Ende und der verlorene Prozeß trieb Martis Faß vollends den Boden aus, indessen er in seinem Blödsinne nichts mehr von diesen Dingen wußte. Die Versteigerung fand statt; Marti wurde von der Gemeinde in einer Stiftung für dergleichen arme Tröpfe auf öffentliche Kosten untergebracht; diese Anstalt befand sich in der Hauptstadt des Länd¬ chens, der gesunde und eßbegierige Blödsinnige wurde noch gut gefüttert, dann auf ein mit Ochsen bespanntes Wägelchen geladen, das ein ärmlicher Bauersmann nach der Stadt führte, um zugleich einen oder zwei Säcke Kartoffeln zu verkaufen, und Vrenchen setzte sich zu dem Vater auf das Fuhrwerk, um ihn auf diesem letzten Gange zu dem lebendigen Begräbniß zu begleiten. Es war eine traurige und bittere Fahrt, aber Vrenchen wachte sorgfältig über sei¬ 19* nen Vater und ließ es ihm an nichts fehlen, und es sah sich nicht um und ward nicht unge¬ duldig, wenn durch die Capriolen des Unglück¬ lichen die Leute aufmerksam wurden und dem Wägelchen nachliefen, wo sie durchfuhren. End¬ lich erreichten sie das weitläufige Gebäude in der Stadt, wo die langen Gänge, die Höfe und ein freundlicher Garten von einer Menge ähn¬ licher Tröpfe belebt waren, die alle in weiße Kittel gekleidet waren und dauerhafte Lederkäpp¬ chen auf den harten Köpfen trugen. Auch Marti wurde noch vor Vrenchens Augen in diese Tracht gekleidet, und er freuete sich wie ein Kind darüber und tanzte singend umher. »Gott grüß euch, ihr geehrten Herren!« rief er seine neuen Genossen an, »ein schönes Haus habt ihr hier! Geh' heim, Vrenggel! und sag' der Mutter, ich komme nicht mehr nach Haus, hier gefällt's mir bei Gott! Juchhei! Es kreucht ein Igel über den Hag, ich hab' ihn hören bellen! O Meitli küß kein' alten Knab, küß nur die jun¬ gen Gesellen! Alle die Wässerlein laufen in Rhein, die mit dem Pflaumenaug', die muß es sein! Gehst Du schon, Vreeli? Du siehst ja aus wie der Tod im Häfelein und geht es mir doch so erfreulich! Die Füchsinn schreit im Felde: Halleo, halleo! das Herz thut ihr weho! hoho!« Ein Aufseher gebot ihm Ruhe und führte ihn zu einer leichten Arbeit, und Vrenchen ging das Fuhrwerk aufzusuchen. Es setzte sich auf den Wagen, zog ein Stückchen Brod hervor und aß dasselbe; dann schlief es, bis der Bauer kam und mit ihm nach dem Dorfe zurückfuhr. Sie kamen erst in der Nacht an. Vrenchen ging nach dem Hause, in dem es geboren und nur zwei Tage bleiben durfte, und es war jetzt zum ersten Mal in seinem Leben ganz allein darin. Es machte ein Feuer, um das letzte Restchen Kaffee zu kochen, das es noch besaß, und setzte sich auf den Heerd; denn es war ihm ganz elendiglich zu Muth. Es sehnte sich und härmte sich ab, den Sali nur ein einziges Mal zu sehen und dachte inbrünstig an ihn; aber die Sorgen und der Kummer verbitterten seine Sehnsucht und diese machte die Sorgen wieder viel schwe¬ rer. So saß es und stützte den Kopf in die Hände, als Jemand durch die offenstehende Thür hereinkam. »Sali!« rief Vrenchen, als es auf¬ sah, und fiel ihm um den Hals; dann sahen sich aber Beide erschrocken an und riefen: »Wie siehst Du elend aus!» Denn Sali sah nicht minder als Vrenchen bleich und abgezehrt aus. Alles vergessend zog es ihn zu sich auf den Heerd und sagte: »Bist Du krank gewesen, oder ist es Dir auch so schlimm gegangen?« Sali antwortete: »Nein, ich bin gerade nicht krank, außer vor Heimweh nach Dir! Bei uns geht es jetzt hoch und herrlich zu; der Vater hat einen Einzug und Unterschleif von auswärtigem Gesindel und ich glaube, so viel ich merke, ist er ein Diebshehler geworden. Deshalb ist jetzt einstweilen Hülle und Fülle in unserer Taverne, so lang es geht und bis es ein Ende mit Schre¬ cken nimmt. Die Mutter hilft dazu, aus bitter¬ licher Gier, nur etwas im Hause zu sehen, und glaubt den Unfug noch durch eine gewisse Auf¬ sicht und Ordnung annehmlich und nützlich zu machen! Mich fragt man nicht und ich konnte mich nicht viel darum kümmern; denn ich kann nur an Dich denken Tag und Nacht. Da aller¬ lei Landstreicher bei uns einkehren, so haben wir alle Tage gehört, was bei euch vorgeht, worüber mein Vater sich freut wie ein kleines Kind. Daß Dein Vater heute nach dem Spittel ge¬ bracht wurde, haben wir auch vernommen; ich habe gedacht, Du werdest jetzt allein sein und bin gekommen, um Dich zu sehen!« Vrenchen klagte ihm jetzt auch alles, was sie drückte und was sie erlitt, aber mit so leichter zutraulicher Zunge, als ob sie ein großes Glück beschriebe, weil sie glücklich war, Sali neben sich zu sehen. Sie brachte inzwischen nothdürftig ein Becken voll warmen Kaffee zusammen, welchen mit ihr zu theilen sie den Geliebten zwang. »Also über¬ morgen mußt Du hier weg?« sagte Sali, »was soll denn um's Himmelswillen werden?« »Das weiß ich nicht,« sagte Vrenchen, »ich werde die¬ nen müssen und in die Welt hinaus! Ich werde es aber nicht aushalten ohne Dich; und doch kann ich Dich nie bekommen, auch wenn alles andere nicht wäre, blos weil Du meinen Vater geschlagen und um den Verstand gebracht hast! Dies würde immer ein schlechter Grundstein un¬ serer Ehe sein und wir beide nie sorglos werden, nie!« Sali seufzte und sagte: »Ich wollte auch schon hundert Mal Soldat werden oder mich in einer fremden Gegend als Knecht verdingen, aber ich kann noch nicht fortgehen, so lange Du hier bist, und hernach wird es mich aufreiben. Ich glaube das Elend macht meine Liebe zu Dir stärker und schmerzhafter, so daß es um Leben und Tod geht! Ich habe von dergleichen keine Ahnung gehabt!« Vrenchen sah ihn liebevoll lächelnd an; sie lehnten sich an die Wand zu¬ rück und sprachen nichts mehr, sondern gaben sich schweigend der glückseligen Empfindung hin, die sich über allen Gram erhob, daß sie sich im größten Ernste gut wären und geliebt wüßten. Darüber schliefen sie friedlich ein auf dem unbe¬ quemen Heerde, ohne Kissen und Pfühl, und schliefen so sanft und ruhig wie zwei Kinder in einer Wiege. Schon graute der Morgen, als Sali zuerst erwachte; er weckte Vrenchen so sacht er konnte; aber es duckte sich immer wieder an ihn, schlaftrunken, und wollte sich nicht ermuntern. Da küßte er es heftig auf den Mund und Vren¬ chen fuhr empor, machte die Augen weit auf und als es Sali erblickte, rief es: »Herrgott! ich habe eben noch von Dir geträumt! Es träumte mir, wir tanzten mit einander auf unse¬ rer Hochzeit, lange, lange Stunden! und waren so glücklich, sauber geschmückt und es fehlte uns an nichts. Da wollten wir uns endlich küssen und dürsteten darnach, aber immer zog uns Et¬ was auseinander und nun bist Du es selbst ge¬ wesen, der uns gestört und gehindert hat! Aber wie gut, daß Du gleich da bist!« Gierig fiel es ihm um den Hals und küßte ihn, als ob es kein Ende nehmen sollte. »Und was hast Du denn geträumt?« fragte er und streichelte ihm Wangen und Kinn. »Mir träumte, ich ginge endlos auf einer langen Straße durch einen Wald und Du in der Ferne immer vor mir her; zuweilen sahest Du nach mir um, winktest mir und lachtest und dann war ich wie im Him¬ mel. Das ist Alles!« Sie traten unter die offengebliebene Küchenthüre, die unmittelbar in's Freie führte, und mußten lachen, als sie sich in's Gesicht sahen. Denn die rechte Backe Vrenchens und die linke Salis, welche im Schlafe anein¬ ander gelehnt hatten, waren von dem Drucke ganz roth gefärbt, während die Blässe der an¬ dern durch die kühle Nachtluft noch erhöht war. Sie rieben sich zärtlich die kalte bleiche Seite ihrer Gesichter, um sie auch roth zu machen; die frische Morgenluft, der thauige stille Frieden, der über der Gegend lag, das junge Morgenroth machten sie fröhlich und selbstvergessen und beson¬ ders in Vrenchen schien ein freundlicher Geist der Sorglosigkeit gefahren zu sein. »Morgen Abend muß ich also aus diesem Hause fort,« sagte es, »und ein anderes Obdach suchen. Vor¬ her aber möchte ich Ein Mal, nur Ein Mal recht lustig sein, und zwar mit Dir; ich möchte recht herzlich und fleißig mit Dir tanzen irgendwo, denn das Tanzen aus dem Traume steckt mir immerfort im Sinn!« »Jedenfalls will ich dabei sein und sehen, wo Du unterkommst,« sagte Sali, »und tanzen wollte ich auch gerne mit Dir, Du herziges Kind! aber wo?« »Es ist Morgen Kirchweih an zwei Orten nicht sehr weit von hier,« erwiederte Vrenchen, »da kennt und be¬ achtet man uns weniger; draußen am Wasser will ich auf Dich warten und dann können wir gehen, wohin es uns gefällt, um uns lustig zu machen, einmal, Ein Mal nur! Aber je, wir haben ja gar kein Geld!« setzte es traurig hinzu, »da kann nichts daraus werden!« »Laß nur, sagte Sali, ich will schon etwas mitbringen!« »Doch nicht von Deinem Vater, von — von dem Gestohlenen?« »Nein, sei nur ruhig! ich habe noch meine silberne Uhr bewahrt bis dahin, die will ich verkaufen.« »Ich will Dir nicht abrathen, sagte Vrenchen erröthend, denn ich glaube, ich müßte sterben, wenn ich nicht morgen mit Dir tanzen könnte.« »Es wäre das Beste, wir Beide könnten sterben!« sagte Sali, sie um¬ armten sich wehmüthig und schmerzlich zum Ab¬ schied, und als sie von einander ließen, lachten sie sich doch freundlich an in der sichern Hoff¬ nung auf den nächsten Tag. »Aber wann willst Du denn kommen?« rief Vrenchen noch; »spä¬ testens um eilf Uhr Mittags, erwiederte er, wir wollen recht ordentlich zusammen Mittag essen!« »Gut, gut! komm lieber um halb eilf schon!« Doch als Sali schon im Gehen war, rief sie ihn noch einmal zurück und zeigte ein plötzlich verändertes verzweiflungsvolles Gesicht. »Es wird doch nichts daraus, sagte sie bitterlich wei¬ nend, ich habe keine Sonntagsschuhe mehr! Schon gestern habe ich diese groben hier anziehen müs¬ sen, um nach der Stadt zu kommen! Ich weiß keine Schuhe aufzubringen!« Sali stand rathlos und verblüfft. »Keine Schuhe! sagte er, da mußt Du halt in diesen kommen!« »Nein, nein, in denen kann ich nicht tanzen!« »Nun, so müssen wir welche kaufen?» »Wo, mit was?« »Ei, in Seldwyl da giebt es Schuh¬ läden genug! Geld werde ich in minder als zwei Stunden haben.« »Aber ich kann doch nicht mit Dir in Seldwyl herumgehen, und dann wird das Geld nicht langen, auch noch Schuhe zu kaufen!« »Es muß! und ich will die Schuhe kaufen und morgen mitbringen!« »O Du Närr¬ chen, sie werden ja nicht passen, die Du kaufst!« »So gieb mir einen alten Schuh mit, oder halt, noch besser, ich will Dir das Maß nehmen, das wird doch kein Hexenwerk sein!« »Das Maß nehmen? Wahrhaftig, daran hab' ich nicht ge¬ dacht! Komm, komm, ich will Dir ein Schnürchen suchen!« Sie setzte sich wieder auf den Heerd, zog den Rock etwas zurück und streifte den Schuh vom Fuße, der noch von der gestrigen Reise her mit einem weißen Strumpfe bekleidet war. Sali kniete nieder und nahm so gut er es verstand, das Maß, indem er den zierlichen Fuß der Länge und Breite nach umspannte mit dem Schnürchen und sorgfältig Knoten in das¬ selbe knüpfte. »Du Schuhmacher!« sagte Vren¬ chen und lachte erröthend und freundschaftlich zu ihm nieder. Sali wurde aber auch roth und hielt den Fuß fest in seinen Händen, länger als nöthig war, so daß Vrenchen ihn noch tiefer erröthend zurückzog, den verwirrten Sali aber noch einmal stürmisch umhalste und küßte, dann aber fortschickte. Sobald er in der Stadt war, trug er seine Uhr zu einem Uhrmacher, der ihm sechs oder sieben Gulden dafür gab, für die silberne Kette bekam er auch einige Gulden, und er dünkte sich nun reich genug; denn er hatte, seit er groß war, nie so viel Geld besessen auf einmal. Wenn nur erst der Tag vorüber und der Sonn¬ tag angebrochen wäre, um das Glück damit zu erkaufen, das er sich von dem Tage versprach, dachte er; denn wenn das Übermorgen auch um so dunkler und unbekannter hereinragte, so ge¬ wann die ersehnte Lustbarkeit von Morgen nur einen seltsamern erhöhten Glanz und Schein. Indessen brachte er die Zeit noch leidlich hin, indem er ein Paar Schuhe für Vrenchen suchte, und dies war ihm das vergnügteste Geschäft, das er je betrieben. Er ging von einem Schuh¬ macher zum andern, ließ sich alle Weiberschuhe zeigen, die vorhanden waren, und endlich han¬ delte er ein leichtes und feines Paar ein, so hübsch, wie sie Vrenchen noch nie getragen. Er verbarg die Schuhe unter seiner Weste und that sie die übrige Zeit des Tages nicht mehr von sich; er nahm sie sogar mit in's Bett und legte sie unter das Kopfkissen. Da er das Mädchen heute früh noch gesehen und morgen wieder sehen sollte, so schlief er fest und ruhig, war aber in aller Frühe munter und begann seinen dürftigen Sonntagsstaat zurecht zu machen und auszuputzen, so gut es gelingen wollte. Es fiel seiner Mutter auf und sie fragte verwundert, was er vor habe, da er sich schon lange nicht mehr so sorglich angezogen. Er wolle einmal über Land gehen und sich ein wenig umthun, erwiederte er, er werde sonst krank in diesem Hause. »Das ist mir die Zeit her ein merk¬ würdiges Leben, murrte der Vater, und ein Herumschleichen!« »Laß ihn nur gehen, sagte aber die Mutter, es thut ihm vielleicht gut, es ist ja ein Elend, wie er aussieht!« »Hast Du Geld zum Spazierengehen? woher hast Du es?« sagte der Alte. »Ich brauche keines!« sagte Sali. »Da hast Du einen Gulden!« versetzte der Alte und warf ihm denselben hin. »Du kannst im Dorf in's Wirthshaus gehen und ihn dort verzehren, damit sie nicht glauben, wir seien hier so übel dran.« »Ich will nicht in's Dorf und brauche den Gulden nicht, behaltet ihn nur!« »So hast Du ihn gehabt, es wäre Schad, wenn Du ihn haben müßtest, Du Steck¬ kopf!« rief Manz und schob seinen Gulden wieder in die Tasche. Seine Frau aber, welche nicht wußte, warum sie heute ihres Sohnes wegen so wehmüthig und gerührt war, brachte ihm ein großes schwarzes Mailänder Halstuch mit rothem Rande, das sie nur selten getragen und er schon früher gern gehabt hätte. Er schlang es um den Hals und ließ die langen Zipfel fliegen, auch stellte er zum ersten Mal den Hemdkragen, den er sonst immer umgeschla¬ gen, ehrbar und männlich in die Höhe, bis über die Ohren hinauf, in einer Anwandlung länd¬ lichen Stolzes, und machte sich dann, seine Schuhe in der Brusttasche des Rockes, schon nach sieben Uhr auf den Weg. Als er die Stube verließ, drängte ihn ein seltsames Gefühl, Vater und Mutter die Hand zu geben und auf der Straße sah er sich noch einmal nach dem Hause um. »Ich glaube am Ende, sagte Manz, der Bursche streicht irgend einem Weibsbild nach, das hätten wir gerade noch nöthig!« Die Frau sagte: »O wollte Gott! daß er vielleicht ein Glück machte! das thäte dem armen Buben gut!« »Richtig! sagte der Mann, das fehlt nicht! das wird ein himmlisches Glück geben, wenn er nur erst an eine solche Maultasche zu gerathen das Unglück hat! das thäte dem armen Bübeli gut! natürlich!« Sali richtete seinen Schritt erst nach dem Flusse zu, wo er Vrenchen erwarten wollte; aber unterweges ward er anderen Sinnes und ging gradezu in's Dorf, um Vrenchen im Hause selbst abzuholen, weil es ihm zu lang währte bis halb elf. »Was kümmern uns die Leute!« dachte er. »Niemand hilft uns und ich bin ehrlich und fürchte niemand!« So trat er un¬ erwartet in Vrenchens Stube und eben so uner¬ wartet fand er es schon vollkommen angekleidet und geschmückt dasitzen und der Zeit harren, wo es gehen könne, nur die Schuhe fehlten ihm noch. Aber Sali stand mit offenem Munde still in der Mitte der Stube, als er das Mädchen erblickte, so schön sah es aus. Es hatte nur ein einfaches Kleid an von blaugefärbter Lein¬ wand, aber dasselbe war frisch und sauber und saß ihm sehr gut um den schlanken Leib. Dar¬ über trug es ein schneeweißes Mousselinehalstuch und dies war der ganze Anzug. Das braune gekräuselte Haar hatte es wohl geordnet und die sonst so wilden Löckchen lagen nun fein und lieblich um den Kopf; da Vrenchen seit vielen Wochen fast nicht aus dem Hause gekommen, so war seine Farbe zarter und durchsichtiger ge¬ worden, so wie auch vom Kummer; aber in diese Durchsichtigkeit goß jetzt die Liebe und die Freude ein Roth um das andere, und an der Brust trug es einen schönen Blumenstrauß von Rosmarin, Rosen und prächtigen Astern. Es saß am offenen Fenster und athmete still und hold die frisch durchsonnte Morgenluft; wie es Keller, die Leute von Seldwyla. 20 aber Sali erscheinen sah, streckte es ihm beide hübsche Arme entgegen, welche vom Ellbogen an bloß waren, und rief: »Wie Recht hast Du, daß Du schon jetzt und hieher kommst! Aber hast Du mir Schuhe gebracht? Gewiß? Nun steh' ich nicht auf, bis ich sie an habe!« Er zog die Ersehnten aus der Tasche und gab sie dem begierigen schönen Mädchen; es schleuderte die alten von sich, schlüpfte in die neuen und sie paßten sehr gut. Erst jetzt erhob es sich vom Stuhl, wiegte sich in den neuen Schuhen und ging eifrig einige Mal auf und nieder. Es zog das lange blaue Kleid etwas zurück und beschaute wohlgefällig die rothen wollenen Schleifen, welche die Schuhe zierten, während Sali unaufhörlich die feine reizende Gestalt be¬ trachtete, welche da in lieblicher Aufregung vor ihm sich regte und freute. »Du beschaust meinen Strauß? sagte Vrenchen, hab' ich nicht einen schönen zusammengebracht? Du mußt wissen, dies sind die letzten Blumen, die ich noch auf¬ gefunden in dieser Wüstenei. Hier war noch ein Röschen, dort eine Aster, und wie sie nun gebunden sind, würde man es ihnen nicht anse¬ hen, daß sie aus einem Untergange zusammen¬ gesucht sind! Nun ist es aber Zeit, daß ich fortkomme, nicht ein Blümchen mehr im Garten und das Haus auch leer!« Sali sah sich um und bemerkte erst jetzt, daß alle Fahrhabe, die noch da gewesen, weggebracht war. »Du armes Vreeli!« sagte er, »haben sie Dir schon Alles genommen?« »Gestern,« erwiederte es, »haben sie's weggeholt, was sich von der Stelle bewegen ließ und mir kaum mehr mein Bett gelassen. Ich hab's aber auch gleich verkauft und hab' jetzt auch Geld, sieh!« Es holte einige neu glänzende Thalerstücke aus der Tasche seines Kleides und zeigte sie ihm. »Damit,« fuhr es fort, »sagte der Waisenvogt, der auch hier war, solle ich mir einen Dienst suchen in einer Stadt und ich solle mich heute gleich auf den Weg machen!« »Da ist aber auch gar nichts mehr vorhanden,« sagte Sali, nachdem er in die Küche geguckt hatte, »ich sehe kein Hölzchen, kein Pfänn¬ chen, kein Messer! Hast Du denn auch nicht zu Morgen gegessen?« »Nichts!« sagte Vrenchen, »ich hätte mir etwas holen können, aber ich dachte, ich wolle lieber hungrig bleiben, damit ich recht viel essen könne mit Dir zusammen, denn ich freue mich so sehr darauf, Du glaubst nicht, wie ich mich freue!« »Wenn ich Dich nur anrühren dürfte,« sagte Sali, »so wollte ich Dir zeigen, wie es mir ist, Du schönes, schönes Ding!« »Du hast Recht, Du würdest meinen ganzen Staat verderben, und wenn wir die Blumen ein bischen schonen, so kommt es zugleich meinem armen Kopf zu gut, den Du mir übel zuzurichten pflegst!« »So komm, jetzt wollen wir ausrücken!« »Noch müssen wir warten, bis das Bett abgeholt wird; denn nach¬ her schließe ich das leere Haus zu und gehe nicht mehr hieher zurück! Mein Bündelchen gebe ich der Frau aufzuheben, die das Bett gekauft hat.« Sie setzten sich daher einander gegenüber und warteten; die Bäuerin kam bald, eine vier¬ schrötige Frau mit lautem Mundwerk, und hatte einen Burschen bei sich, welcher die Bettstelle tragen sollte. Als diese Frau Vrenchens Lieb¬ haber erblickte und das geputzte Mädchen selbst, sperrte sie Maul und Augen auf, stemmte die Arme unter, und schrie: »Ei sieh da, Vreeli! Du treibst es ja schon gut! Hast einen Besucher und bist gerüstet wie eine Prinzeß?« «Gelt aber!« sagte Vrenchen freundlich lachend, »wißt ihr auch, wer das ist?« »Ei ich denke, das ist wohl der Sali Manz? Berg und Thal kom¬ men nicht zusammen, sagt man, aber die Leute! Aber nimm Dich doch in Acht, Kind, und denk' wie es euren Ältern ergangen ist!« »Ei, das hat sich jetzt gewendet und alles ist gut gewor¬ den« erwiederte Vrenchen lächelnd und freundlich mittheilsam, ja beinahe herablassend »seht, Sali ist mein Hochzeiter!« »Dein Hochzeiter! was Du sagst!» »Ja und er ist ein reicher Herr, er hat hunderttausend Gulden in der Lotterie gewonnen! Denket einmal, Frau!« Diese that einen Sprung, schlug ganz erschrocken die Hände zusammen und schrie: »Hund — hunderttausend Gulden!« »Hunderttausend Gulden!« versicherte Vrenchen ernsthaft. »Herr Du meines Lebens! Es ist aber nicht wahr, Du lügst mich an, Kind!« »Nun, glaubt was ihr wollt!» »Aber wenn es wahr ist und Du heirathest ihn, was wollt ihr denn machen mit dem Gelde? Willst Du wirklich eine vornehme Frau werden?« »Versteht sich, in drei Wochen halten wir die Hochzeit!« »Geh' mir weg, Du bist eine hä߬ liche Lügnerin!« »Das schönste Haus hat er schon gekauft in Seldwyl mit einem großen Garten und Weinberg; ihr müßt mich auch be¬ suchen, wenn wir eingerichtet sind, ich zähle dar¬ auf!« »Allweg, Du Teufelshexlein, was Du bist!« »Ihr werdet sehen, wie schön es da ist! einen herrlichen Kaffee werde ich machen und euch mit feinem Eierbrod aufwarten, mit Butter und Honig!« »Du Ketzerslösli! zähl' drauf, daß ich komme!« rief die Frau mit lüsternem Gesicht und der Mund wässerte ihr; »kommt ihr aber um die Mittagszeit und seit ermüdet vom Markt, so soll euch eine kräftige Fleischbrühe und ein Glas Wein immer parat stehen!» »Das wird mir baß thun!« »Und an etwas Zuckerwerk oder weißen Wecken für die lieben Kinder zu Hause soll es euch auch nicht fehlen!« »Es wird mir ganz schmachtend!« »Ein artiges Halstüchelchen oder ein Restchen Seidenzeug oder ein hübsches altes Band für euere Röcke, oder ein Stück Zeug zu einer neuen Schürze wird gewiß auch zu finden sein, wenn wir meine Kisten und Ka¬ sten durchmustern in einer vertrauten Stunde!« Die Frau drehte sich auf den Hacken herum und schüttelte jauchzend ihre Röcke. »Und wenn euer Mann ein vortheilhaftes Geschäft machen könnte mit einem Land- oder Viehhandel, und er mangelt des Geldes, so wißt ihr, wo ihr anklopfen sollt. Mein lieber Sali wird froh sein, jederzeit ein Stück Baares sicher und er¬ freulich anzulegen! Ich selbst werde auch etwa einen Spaarpfennig haben, einer vertrauten Freundin auszuhelfen!« Jetzt war der Frau nicht mehr zu helfen, sie sagte gerührt: »Ich habe immer gesagt, Du seist ein braves und gutes und schönes Kind! Der Herr wolle es Dir wohl ergehen lassen immer und ewiglich und es Dir gesegnen, was Du an mir thust!« »Dagegen verlange ich aber auch, daß ihr es gut mit mir meint!« »Allweg kannst Du das verlangen!« »Und daß ihr jederzeit eure Waa¬ ren, sei es Obst, seien es Kartoffeln, sei es Ge¬ müse, erst zu mir bringet und mir anbietet, ehe ihr auf den Markt gehet, damit ich sicher sei, eine rechte Bäuerin an der Hand zu haben, auf die ich mich verlassen kann! Was irgend Einer giebt für die Waare, werde ich gewiß auch geben mit tausend Freuden, ihr kennt mich ja! Ach, es ist nichts Schöneres, als wenn eine wohlha¬ bende Stadtfrau, die so rathlos in ihren Mauern sitzt und doch so vieler Dinge benöthigt ist, und eine rechtschaffene ehrliche Landfrau, erfahren in allem Wichtigen und Nützlichen, eine gute und dauerhafte Freundschaft zusammen haben! Es kommt Einem zu gut in hundert Fällen, in Freud und Leid, bei Gevatterschaften und Hochzeiten, wenn die Kinder unterrichtet werden, und konfir¬ mirt, wenn sie in die Lehre kommen und wenn sie in die Fremde sollen! Bei Mißwachs und Überschwemmungen, bei Feuersbrünsten und Hagel¬ schlag, wofür uns Gott behüte!« »Wofür uns Gott behüte! sagte die gute Frau schluchzend und trocknete mit ihrer Schürze die Augen; »welch' ein verständiges und tiefsinniges Bräut¬ lein bist Du, ja, Dir wird es gut gehen, da müßte keine Gerechtigkeit in der Welt sein! Schön, sauber, klug und weise bist Du, arbeit¬ sam und geschickt zu allen Dingen! Keine ist feiner und besser als Du, in und außer dem Dorfe, und wer Dich hat, der muß meinen, er sei im Himmelreich, oder er ist ein Schelm und hat es mit mir zu thun. Hör' Sali! daß Du nur recht artlich bist mit meinem Vreeli, oder ich will Dir den Meister zeigen, Du Glückskind, das Du bist, ein solches Röslein zu brechen!« »So nehmt jetzt auch hier noch mein Bündel mit, wie ihr mir versprochen habt, bis ich es abholen lassen werde! Vielleicht komme ich aber selbst in der Kutsche und hole es ab, wenn ihr nichts dagegen habt! Ein Töpfchen Milch werdet ihr mir nicht abschlagen alsdann, und etwa eine schöne Mandeltorte dazu werde ich schon selbst mitbringen!« »Tausendskind! Gieb' her den Bündel!« Vrenchen lud ihr auf das zusammenge¬ bundene Bett, das sie schon auf dem Kopfe trug, einen langen Sack, in welchen es sein Plunder und Habseliges gestopft, so daß die arme Frau mit einem schwankenden Thurme auf dem Haupte dastand. »Es wird mir doch fast zu schwer auf einmal, sagte sie, könnte ich nicht zwei mal dran machen?« »Nein nein! wir müssen jetzt augenblicklich gehen, denn wir haben einen weiten Weg, um vornehme Verwandte zu besuchen, die sich jetzt gezeigt haben, seit wir reich sind! Ihr wißt ja, wie es geht!« »Weiß wohl! so behüt 20 * Dich Gott und denk' an mich in Deiner Herr¬ lichkeit!« Die Bäuerin zog ab mit ihrem Bündelthurme, mit Mühe das Gleichgewicht behauptend, und hinter ihr drein ging ihr Knechtchen, das sich in Vrenchens einst buntbemalte Bettstatt hineinstellte, den Kopf gegen den mit verblichenen Sternen bedeckten Himmel derselben stemmte und, ein zweiter Simson, die zwei vorderen zierlich ge¬ schnitzten Säulen faßte, welche diesen Himmel trugen. Als Vrenchen, an Sali gelehnt, dem Zuge nachschaute und den wandelnden Tempel zwischen den Gärten sah, sagte es: »Das gäbe noch ein artiges Gartenhäuschen oder eine Laube, wenn man's in einen Garten pflanzte, ein Tisch¬ chen und ein Bänklein drein stellte und Winden drum herumsäete! Wolltest Du mit darin sitzen, Sali?« »Ja, Vreeli! besonders wenn die Winden aufgewachsen wären!« — »Was stehen wir noch? sagte Vrenchen, nichts hält uns mehr zurück!« »So komm und schließ das Haus zu!« »Wem willst Du denn den Schlüssel übergeben?« Vrenchen sah sich um. »Hier an die Helbart wollen wir ihn hängen; sie ist über hundert Jahr in diesem Hause gewesen, habe ich den Vater oft sagen hören, nun steht sie da als der letzte Wächter!« Sie hingen den rostigen Hausschlüssel an einen rostigen Schnörkel der alten Waffe, an welcher die Bohnen rankten, und gingen davon. Vrenchen wurde aber bleicher und verhüllte ein Weilchen die Augen, daß Sali es führen mußte, bis sie ein Dutzend Schritte entfernt waren. Es sah aber nicht zurück. »Wo gehen wir nun zuerst hin?« fragte es. »Wir wollen ordentlich über Land gehen, erwiederte Sali, wo es uns freut den ganzen Tag, uns nicht übereilen, und ge¬ gen Abend werden wir dann schon einen Tanz¬ platz finden!« »Gut!« sagte Vrenchen, »den ganzen Tag werden wir beisammen sein und gehn wo wir Lust haben. Jetzt ist mir aber elend, wir wollen gleich im andern Dorf einen Kaffee trinken!« »Versteht sich!« sagte Sali, »mach nur, daß wir aus diesem Dorf weg¬ kommen !« Bald waren sie auch im freien Felde und gingen still neben einander durch die Fluren; es war ein schöner Sonntagmorgen im September, keine Wolke stand am Himmel, die Höhen und die Wälder waren mit einem zarten Duftgewebe bekleidet, welches die Gegend geheimnißvoller und feierlicher machte, und von allen Seiten tönten die Kirchenglocken herüber, hier das har¬ monische tiefe Geläute einer reichen Ortschaft, dort die geschwätzigen zwei Bimmelglöcklein eines kleinen armen Dörfchens. Das liebende Paar vergaß, was am Ende dieses Tages werden sollte, und gab sich einzig der hoch aufathmen¬ den wortlosen Freude hin, sauber gekleidet und frei, wie zwei Glückliche, die sich von Rechts¬ wegen angehören, in den Sonntag hineinzuwan¬ deln. Jeder in der Sonntagsstille verhallende Ton oder ferne Ruf klang ihnen erschütternd durch die Seele; denn die Liebe ist eine Glocke, welche das Entlegenste und Gleichgültigste wieder tönen läßt und in eine besondere Musik verwan¬ delt. Obgleich sie hungrig waren, dünkte sie die halbe Stunde Weges bis zum nächsten Dorfe nur ein Katzensprung lang zu sein und sie be¬ traten zögernd das Wirthshaus am Eingang des Ortes. Sali bestellte ein gutes Frühstück und während es bereitet wurde, sahen sie mäuschen¬ still der sichern und freundlichen Wirthschaft in der großen reinlichen Gaststube zu. Der Wirth war zugleich ein Bäcker, das eben Gebackene durchduftete angenehm das ganze Haus und Brod aller Art wurde in gehäuften Körben herbeigetra¬ gen, da nach der Kirche die Leute hier ihr Wei߬ brod holten oder ihren Frühschoppen tranken. Die Wirthin, eine artige und saubere Frau, putzte gelassen und freundlich ihre Kinder heraus, und so wie eines entlassen war, kam es zutrau¬ lich zu Vrenchen gelaufen, zeigte ihm seine Herr¬ lichkeiten und erzählte von allem, dessen es sich erfreute und rühmte. Wie nun der wohlduftende starke Kaffee kam, setzten sich die zwei Leutchen schüchtern an den Tisch, als ob sie da zu Gast gebeten wären. Sie ermunterten sich jedoch bald und flüsterten bescheiden, aber glückselig mit ein¬ ander; ach wie schmeckte dem aufblühenden Vren¬ chen der gute Kaffee, der fette Rahm, die fri¬ schen noch warmen Brödchen, die schöne Butter und der Honig, der Eierkuchen und was alles noch für Leckerbissen da waren! sie schmeckten ihm, weil es den Sali dazu ansah, und es aß so vergnügt, als ob es ein Jahr lang gefastet hätte. Dazu freute es sich über das feine Ge¬ schirr, über die silbernen Kaffeelöffelchen, denn die Wirthin schien sie für rechtliche junge Leut¬ chen zu halten, die man anständig bedienen müsse und setzte sich auch ab und zu plaudernd zu ih¬ nen, und die Beiden gaben ihr verständigen Bescheid, welches ihr gefiel. Es ward dem gu¬ ten Vrenchen so wählig zu Muth, daß es nicht wußte, mochte es lieber wieder ins Freie, um allein mit seinem Schatz herumzuschweifen durch Auen und Wälder, oder mochte es lieber in der gastlichen Stube bleiben, um wenigstens auf Stunden sich an einem stattlichen Orte zu Hause zu träumen. Doch Sali erleichterte die Wahl, indem er ehrbar und geschäftig zum Aufbruch mahnte, als ob sie einen bestimmten und wich¬ tigen Weg zu machen hätten. Die Wirthin und der Wirth begleiteten sie bis vor das Haus und entließen sie auf das Wohlwollendste wegen ihres guten Benehmens trotz der durchscheinenden Dürf¬ tigkeit, und das arme junge Blut verabschiedete sich mit den besten Manieren von der Welt und wandelte sittig und ehrbar von hinnen. Aber auch als sie schon wieder im Freien waren und einen stundenlangen Eichwald betraten, gingen sie noch in dieser Weise neben einander her, in angenehme Träume vertieft, als ob sie nicht aus zank- und elenderfüllten vernichteten Häusern herkämen, sondern guter Leute Kinder wären, welche in lieblicher Hoffnung wandelten. Vren¬ chen senkte das Köpfchen tiefsinnig gegen seine blumengeschmückte Brust und ging, die Hände sorglich an das Gewand gelegt, einher auf dem glatten feuchten Waldboden, Sali dagegen schritt schlank aufgerichtet, rasch und nachdenklich, die Augen auf die festen Eichenstämme geheftet wie ein Bauer, der überlegt, welche Bäume er am vortheilhaftesten fällen soll. Endlich erwachten sie aus diesen vergeblichen Träumen, sahen sich an und entdeckten, daß sie immer noch in der Haltung gingen, in welcher sie das Gasthaus verlassen, errötheten und ließen traurig die Köpfe hängen. Aber Jugend hat keine Tugend, der Wald war grün, der Himmel blau und sie allein in der weiten Welt, und sie überließen sich als¬ bald wieder diesem Gefühle. Doch blieben sie nicht lange mehr allein, da die schöne Waldstraße sich belebte mit lustwandelnden Gruppen von jun¬ gen Leuten sowie mit einzelnen Paaren, welche schäkernd und singend die Zeit nach der Kirche verbrachten. Denn die Landleute haben so gut ihre ausgesuchten Promenaden und Lustwälder, wie die Städter, nur mit dem Unterschied, daß dieselben keine Unterhaltung kosten und noch schö¬ ner sind; sie spazieren nicht nur mit einem be¬ sondern Sinn des Sonntags durch ihre blühenden und reifenden Felder, sondern sie machen sehr gewählte Gänge durch Gehölze und an grünen Halden entlang, setzen sich hier auf eine anmu¬ thige fernsichtige Höhe, dort an einen Waldrand, lassen ihre Lieder ertönen und die schöne Wild¬ niß ganz behaglich auf sich einwirken; und da sie dies offenbar nicht zu ihrer Pönitenz thun, sondern zu ihrem Vergnügen, so ist wohl anzu¬ nehmen, daß sie Sinn für die Natur haben, auch abgesehen von ihrer Nützlichkeit. Immer brechen sie was Grünes ab, junge Bursche wie alte Mütterchen, welche die alten Wege ihrer Jugend aufsuchen, und selbst steife Landmänner in den besten Geschäftsjahren, wenn sie über Land gehen, schneiden sich gern eine schlanke Gerte, sobald sie durch einen Wald gehen, und schälen die Blätter ab, von denen sie nur oben ein grünes Büschel stehen lassen. Solche Ruthe tra¬ gen sie wie ein Scepter vor sich hin; wenn sie in eine Amtsstube oder Kanzlei treten, so stellen sie die Gerte ehrerbietig in einen Winkel, ver¬ gessen aber auch nach den ernstesten Verhandlun¬ gen nie, dieselbe säuberlich wieder mitzunehmen und unversehrt nach Hause zu tragen, wo es erst dem kleinsten Söhnchen gestattet ist, sie zu Grunde zu richten. Warum thun sie dies? — Als Sali und Vrenchen die vielen Spaziergänger sahen, lachten sie in's Fäustchen und freuten sich, auch gepaart zu sein, schlüpften aber seitwärts auf engere Waldpfade, wo sie sich in tiefen Ein¬ samkeiten verloren. Sie hielten sich auf, wo es sie freute, eilten vorwärts und ruhten wieder, und wie keine Wolke am reinen Himmel stand, trübte auch keine Sorge in diesen Stunden ihr Gemüth, sie vergaßen woher sie kamen und wo¬ hin sie gingen und benahmen sich so fein und ordentlich dabei, daß trotz aller frohen Erregung und Bewegung Vrenchens niedlicher einfacher Aufputz so frisch und unversehrt blieb, wie er am Anfang gewesen war. Sali betrug sich auf diesem Wege nicht wie ein beinahe zwanzigjähri¬ Keller, die Leute von Seldwyla. 21 ger Landbursche oder der Sohn eines verkomme¬ nen Schenkwirthes, sondern wie wenn er einige Jahre jünger und sehr wohl erzogen wäre und es war beinahe komisch, wie er nur immer sein feines lustiges Vrenchen ansah, voll Zärtlichkeit, Sorgfalt und Achtung. Denn die armen Leutchen mußten an diesem einen Tage, der ihnen ver¬ gönnt war, alle Manieren und Stimmungen der Liebe durchleben und sowohl die verlorenen Tage der zarteren Zeit nachholen als das leidenschaft¬ liche Ende vorausnehmen mit der Hingabe ihres Lebens. So liefen sie sich wieder hungrig und wa¬ ren erfreut, von der Höhe eines schattenreichen Berges ein glänzendes Dorf vor sich zu sehen, wo sie Mittag halten wollten. Sie stiegen rasch hinunter, betraten dann aber ebenso sittsam die¬ sen Ort, wie sie den vorigen verlassen. Es war Niemand um den Weg, der sie erkannt hätte; denn besonders Vrenchen war die letzten Jahre hindurch gar nicht unter die Leute und noch we¬ niger in andere Dörfer gekommen. Deshalb stellten sie ein wohlgefälliges ehrsames Pärchen vor, das irgend einen angelegentlichen Gang thut. Sie gingen in's erste Wirthshaus des Dorfes, wo Sali ein erkleckliches Mahl bestellte; ein eigener Tisch wurde ihnen sonntäglich gedeckt und sie saßen wieder still und bescheiden daran und beguckten die schön getäfelten Wände von gebohntem Nußbaumholz, das ländliche aber glän¬ zende und wohlhabende Büffet von gleichem Holze, und die klaren weißen Fenstervorhänge. Die Wirthin trat zuthulich herzu und setzte ein Ge¬ schirr voll frischer Blumen auf den Tisch. »Bis die Suppe kommt, sagte sie, könnt ihr, wenn es euch gefällig ist, einstweilen die Augen sättigen an dem Strauße. Allem Anschein nach, wenn es erlaubt ist zu fragen, seid ihr ein jun¬ ges Brautpaar, das gewiß nach der Stadt geht, um sich morgen kopuliren zu lassen?« Vrenchen wurde roth und wagte nicht aufzusehen, Sali sagte auch nichts und die Wirthin fuhr fort: »Nun, ihr seid freilich noch wohl jung beide, aber jung geheirathet lebt lang, sagt man zu¬ weilen, und ihr seht wenigstens hübsch und brav aus und braucht euch nicht zu verbergen. Or¬ dentliche Leute können etwas zuwege bringen, wenn sie so jung zusammen kommen und fleißig 21 * und treu sind. Aber das muß man freilich sein, denn die Zeit ist kurz und doch lang und es kommen viele Tage, viele Tage! Je nun, schön genug sind sie und amüsant dazu, wenn man gut Haus hält damit! Nichts für ungut, aber es freut mich, euch anzusehen, so ein schmuckes Pärchen seid ihr!« Die Kellnerin brachte die Suppe, und da sie einen Theil dieser Worte noch gehört und lieber selbst geheirathet hätte, so sah sie Vrenchen mit scheelen Augen an, welches nach ihrer Meinung so gedeihliche Wege ging. In der Nebenstube ließ die unliebliche Person ihren Unmuth frei und sagte zur Wirthin, welche dort zu schaffen hatte, so laut, daß man es hö¬ ren konnte: »Das ist wieder ein rechtes Hu¬ delvölkchen, das wie es geht und steht nach der Stadt läuft und sich kopuliren läßt, ohne einen Pfennig, ohne Freunde, ohne Aussteuer und ohne Aussicht, als auf Armuth und Bettelei! Wo soll das noch hinaus, wenn solche Dinger hei¬ rathen, die die Jüppe noch nicht allein anziehen und keine Suppe kochen können? Ach der hüb¬ sche junge Mensch kann mich nur dauern, der ist schön petschirt mit seiner jungen Gungeline!« »Bscht! willst Du wohl schweigen, Du hässiges Ding! sagte die Wirthin, denen lasse ich nichts geschehen! Das sind gewiß zwei recht ordentliche Leutlein aus den Bergen, wo die Fabriken sind; dürftig sind sie gekleidet, aber sauber, und wenn sie sich nur gern haben und arbeitsam sind, so werden sie weiter kommen als Du mit Deinem bösen Maul! Du kannst freilich noch lang war¬ ten, bis Dich Einer abholt, wenn Du nicht freundlicher bist, Du Essighafen!« So genoß Vrenchen alle Wonnen einer Braut, die zur Hochzeit reiset: die wohlwollende An¬ sprache und Aufmunterung einer sehr vernünfti¬ gen Frau, den Neid einer heirathslustigen bösen Person, welche aus Ärger den Geliebten lobte und bedauerte, und ein leckeres Mittagsmahl an der Seite eben dieses Geliebten. Es glühte im Gesicht, wie eine rothe Nelke, das Herz klopfte ihm, aber es aß und trank nichts desto minder mit gutem Appetit und war mit der aufwarten¬ den Kellnerin nur um so artiger, konnte aber nicht unterlassen, dabei den Sali zärtlich anzu¬ sehen und mit ihm zu lispeln, so daß es diesem auch ganz kraus im Gemüth wurde. Sie saßen indessen lang und gemächlich am Tische, wie wenn sie zögerten und sich scheuten, aus der holden Täuschung herauszugehen. Die Wirthin brachte zum Nachtisch süßes Backwerk und Sali bestellte feineren und stärkeren Wein dazu, welcher Vren¬ chen feurig durch die Adern rollte, als es ein wenig davon trank; aber es nahm sich in Acht, nippte blos zuweilen und saß so züchtig und verschämt da, wie eine wirkliche Braut. Halb spielte es aus Schalkheit diese Rolle und aus Lust, zu versuchen, wie es thue, halb war es ihm in der That so zu Muth und vor Bangig¬ keit und heißer Liebe wollte ihm das Herz bre¬ chen, so daß es ihm zu eng ward innerhalb der vier Wände und es zu gehen begehrte. Es war als ob sie sich scheuten, auf dem Wege wieder so abseits und allein zu sein, denn sie gingen unverabredet auf der Hauptstraße weiter, mitten durch die Leute und sahen weder rechts noch links. Als sie aber aus dem Dorfe waren und auf das nächstgelegene zugingen, wo Kirchweih war, hing sich Vrenchen an Sali's Arm und flüsterte mit zitternden Worten: »Sali! warum sollen wir uns nicht haben und glücklich sein!« »Ich weiß auch nicht warum!« erwiederte er und heftete seine Augen an den milden Herbst¬ sonnenschein, der auf den Auen webte und er mußte sich bezwingen und das Gesicht ganz son¬ derbar verziehen. Sie standen still, um sich zu küssen; aber es zeigten sich Leute und sie unter¬ ließen es und zogen weiter. Das große Kirch¬ dorf, in welchem Kirchweih war, war schon be¬ lebt von der Lust des Volkes; aus dem statt¬ lichen Gasthofe tönte eine pomphafte Tanzmusik, da die jungen Dörfler schon um Mittag den Tanz angehoben, und auf dem Platz vor dem Wirthshause war ein kleiner Markt aufgeschla¬ gen, bestehend aus einigen Tischen mit Süßig¬ keiten und Backwerk und ein paar Buden mit Flitterstaat, um welche sich die Kinder und das¬ jenige Volk drängten, welches sich einstweilen mehr mit Zusehen begnügte. Sali und Vrenchen traten auch zu den Herrlichkeiten und ließen ihre Augen darüber fliegen; denn beide hatten zugleich die Hand in der Tasche und jedes wünschte dem andern etwas zu schenken, da sie zum ersten und einzigen Male mit einander zu Markt wa¬ ren; Sali kaufte ein Haus von Lebkuchen, wel¬ ches mit Zuckerguß freundlich geweißt war, mit einem grünen Dach, auf welchem weiße Tauben saßen und aus dessen Schornstein ein Amörchen guckte als Kaminfeger; an den offenen Fenstern umarmten sich pausbäckige Leutchen mit winzig kleinen rothen Mündchen, die sich recht eigentlich küßten, da der flüchtige praktische Maler mit einem Kleckschen gleich zwei Mündchen gemacht, die so in einander verflossen. Schwarze Pünkt¬ chen stellten muntere Äuglein vor. Auf der rosenrothen Hausthür aber waren diese Verse zu lesen: Tritt in mein Haus, o Liebste! Doch sei Dir unverhehlt: Drin wird allein nach Küssen Gerechnet und gezählt. Die Liebste sprach: O Liebster, »Mich schrecket nichts zurück!« »Hab' Alles wohl erwogen:« »In Dir nur lebt mein Glück!« »Und wenn ich's recht bedenke,« »Kam ich deswegen auch!« Nun denn, spazier' mit Segen Herein und üb' den Brauch! Ein Herr in einem blauen Frack und eine Dame mit einem sehr hohen Busen komplimen¬ tirten sich diesen Versen gemäß in das Haus hinein, links und rechts an die Mauer gemalt. Vrenchen schenkte Sali dagegen ein Herz, auf dessen einer Seite ein Zettelchen klebte mit den Worten: Ein süßer Mandelkern steckt in dem Herze hier, Doch süßer als der Mandelkern ist meine Lieb' zu Dir. Und auf der andern Seite: Wenn Du dies Herz gegessen vergiß dies Sprüchlein nicht: Viel eh'r als meine Liebe mein braunes Auge bricht! Sie lasen eifrig die Sprüche und nie ist etwas Gereimtes und Gedrucktes schöner befun¬ den und tiefer empfunden worden, als diese Pfefferkuchensprüche; sie hielten, was sie lasen, in besonderer Absicht auf sich gemacht, so gut schien es ihnen zu passen. »Ach, seufzte Vren¬ chen, Du schenkst mir ein Haus! Ich habe Dir auch eines und erst das wahre geschenkt; denn unser Herz ist jetzt unser Haus, darin wir wohnen, und wir tragen so unsere Wohnung mit uns, wie die Schnecken! Andere haben wir nicht!« »Dann sind wir aber zwei Schnecken, von denen jede das Häuschen der andern trägt!« sagte Sali, und Vrenchen erwiederte: »Desto weniger dürfen wir von einander gehen, damit jedes seiner Wohnung nah bleibt!« Doch wu߬ ten sie nicht, daß sie in ihren Reden eben so artige Witze machten, als auf den vielfach ge¬ formten Lebkuchen zu lesen waren, und fuhren fort, diese süße einfache Liebesliteratur zu studi¬ ren, die da ausgebreitet lag und besonders auf vielfach verzierte kleine und große Herzen ge¬ klebt war. Alles dünkte sie schön und einzig zutreffend; als Vrenchen auf einem vergoldeten Herzen, das wie eine Lyra mit Saiten bespannt war, las: Mein Herz ist wie ein Zitherspiel, rührt man es viel, so tönt es viel! ward ihm so musikalisch zu Muth, daß es glaubte, sein eigenes Herz klingen zu hören. Ein Napoleons¬ bild war da, welches aber auch der Träger eines verliebten Spruches sein mußte, denn es stand darunter geschrieben: Groß war der Held Napoleon, sein Schwert von Stahl, sein Herz von Thon; meine Liebe trägt ein Röslein frei, doch ist ihr Herz wie Stahl so treu! — Wäh¬ rend sie aber beiderseitig in das Lesen vertieft schienen, nahm jedes die Gelegenheit wahr, einen heimlichen Einkauf zu machen. Sali kaufte für Vrenchen ein vergoldetes Ringelchen mit einem grünen Glassteinchen, und Vrenchen einen Ring von schwarzem Gemshorn, auf welchem ein gol¬ denes Vergißmeinnicht eingelegt war. Wahr¬ scheinlich hatten sie den gleichen Gedanken, sich diese armen Zeichen bei der Trennung zu geben. Während sie in diese Dinge sich versenkten, waren sie so vergessen, daß sie nicht bemerkten, wie nach und nach ein weiter Ring sich um sie gebildet hatte von Leuten, die sie aufmerksam und neugierig betrachteten. Denn da viele junge Bursche und Mädchen aus ihrem Dorfe hier waren, so waren sie erkannt worden, und Alles stand jetzt in einiger Entfernung um sie herum und sah mit Verwunderung auf das wohlge¬ putzte Paar, welches in andächtiger Innigkeit die Welt um sich her zu vergessen schien. »Ei seht! hieß es, das ist ja wahrhaftig das Vren¬ chen Marti und der Sali aus der Stadt! Die haben sich ja säuberlich gefunden und verbunden! Und welche Zärtlichkeit und Freundschaft, seht doch, seht! Wo die wohl hinaus wollen?« Die Verwunderung dieser Zuschauer war ganz seltsam gemischt aus Mitleid mit dem Unglück, aus Ver¬ achtung der Verkommenheit und Schlechtigkeit der Ältern und aus Neid gegen das Glück und die Einigkeit des Paares, welches auf eine ganz ungewöhnliche und fast vornehme Weise verliebt und aufgeregt schien und in dieser rückhaltlosen Hingebung und Selbstvergessenheit dem rohen Völkchen eben so fremd erschien, wie in seiner Verlassenheit und Armuth. Als sie daher endlich aufwachten und um sich sahen, erschauten sie nichts als gaffende Gesichter von allen Seiten, Niemand grüßte sie und sie wußten nicht, sollten sie Jemand grüßen und diese Verfremdung und Unfreundlichkeit war von beiden Seiten mehr Verlegenheit als Absicht. Es wurde Vrenchen bang und heiß, es wurde bleich und roth, Sali nahm es aber bei der Hand und führte das arme Wesen hinweg, das ihm mit seinem Haus in der Hand willig folgte, obgleich die Trompe¬ ten im Wirthshause lustig schmetterten und Vrenchen so gern tanzen wollte. »Hier können wir nicht tanzen! sagte Sali, als sie sich etwas entfernt hatten, wir würden hier wenig Freude haben, wie es scheint!« »Jedenfalls« sagte Vrenchen traurig, »es wird auch am besten sein, wir lassen es ganz bleiben und ich sehe, wo ich ein Unterkommen finde!« »Nein,« rief Sali, »Du sollst einmal tanzen, ich habe Dir darum Schuhe gebracht! Wir wollen gehen, wo das arme Volk sich lustig macht, zu dem wir jetzt auch gehören, da werden sie uns nicht verachten; im Paradiesgärtchen wird jedesmal auch getanzt, wenn hier Kirchweih ist, da es in die Kirchge¬ meinde gehört, und dorthin wollen wir gehen, dort kannst Du zur Noth auch übernachten.« Vrenchen schauerte zusammen bei dem Gedanken, nun zum ersten Mal an einem unbekannten Ort zu schlafen, doch folgte es willenlos seinem Füh¬ rer, der jetzt alles war, was es in der Welt hatte. Das Paradiesgärtlein war ein schön¬ gelegenes Wirthshaus an einer einsamen Berg¬ halde, das weit über das Land weg sah, in welchem aber an solchen Vergnügungstagen nur das ärmere Volk, die Kinder der ganz kleinen Bauern und Tagelöhner und sogar mancherlei fahrendes Gesinde verkehrte. Vor hundert Jah¬ ren war es als ein kleines Landhaus von einem reichen Sonderling gebaut worden, nach welchem Niemand mehr da wohnen mochte, und da der Platz sonst zu nichts zu gebrauchen war, so ge¬ rieth der wunderliche Landsitz in Verfall und zuletzt in die Hände eines Wirthes, der da sein Wesen trieb. Der Name und die demselben entsprechende Bauart waren aber dem Hause geblieben. Es bestand nur aus einem Erdge¬ schoß, über welchem ein offener Estrich gebaut war, dessen Dach an den vier Ecken von Bil¬ dern aus Sandstein getragen wurde, so die vier Erzengel vorstellten und gänzlich verwittert wa¬ ren. Auf dem Gesimse des Daches saßen rings herum kleine musizirende Engel mit dicken Kö¬ pfen und Bäuchen, den Triangel, die Geige, die Flöte, Cimbel und Tamburin spielend, ebenfalls aus Sandstein, und die Instrumente waren ur¬ sprünglich vergoldet gewesen. Die Decke inwen¬ dig, sowie die Brustwehr des Estrichs und das übrige Gemäuer des Hauses waren mit ver¬ waschenen Freskomalereien bedeckt, welche lustige Engelscharen, sowie singende und tanzende Heilige darstellten. Aber alles war verwischt und un¬ deutlich wie ein Traum und überdies reichlich mit Weinreben übersponnen, und blaue reifende Trauben hingen überall in dem Laube. Um das Haus herum standen verwilderte Kastanienbäume, und knorrige starke Rosenbüsche, auf eigene Hand fortlebend, standen da und dort so wild herum, wie anderswo die Hollunderbäume. Der Estrich diente zum Tanzsaal; als Sali mit Vrenchen daher kam, sahen sie schon von weitem die Paare unter dem offenen Dache sich drehen, und rund um das Haus zechten und lärmten eine Menge lustiger Gäste. Vrenchen, welches andächtig und wehmüthig sein Liebeshaus trug, glich einer hei¬ ligen Kirchenpatronin auf alten Bildern, welche das Modell eines Domes oder Klosters auf der Hand hält, so sie gestiftet; aber aus der from¬ men Stiftung, die ihm im Sinne lag, konnte nichts werden. Als es aber die wilde Musik hörte, welche vom Estrich ertönte, vergaß es sein Leid und verlangte endlich nichts, als mit Sali zu tanzen. Sie drängten sich durch die Gäste, die vor dem Hause saßen und in der Stube, verlumpte Leute aus Seldwyla, die eine billige Landpartie machten, armes Volk von allen En¬ den, und stiegen die Treppe hinauf und sogleich drehten sie sich im Walzer herum, keinen Blick von einander abwendend. Erst als der Walzer zu Ende, sahen sie sich um; Vrenchen hatte sein Haus zerdrückt und zerbrochen und wollte eben betrübt darüber werden, als es noch mehr er¬ schrak über den schwarzen Geiger, in dessen Nähe sie standen. Er saß auf einer Bank, die auf einem Tische stand und sah so schwarz aus wie gewöhnlich; nur hatte er heute einen grünen Tannenbusch auf sein Hütchen gesteckt, zu seinen Füßen hatte er eine Flasche Rothwein und ein Glas stehen, welche er nie umstieß, obgleich er fortwährend mit den Beinen strampelte, wenn er geigte, und so eine Art von Eiertanz damit vollbrachte. Neben ihm saß noch ein schöner aber trauriger junger Mensch mit einem Wald¬ horn und ein Bucklicher stand an einer Baßgeige. Sali erschrak auch, als er den Geiger erblickte; dieser grüßte sie aber auf das Freundlichste und rief: »Ich habe doch gewußt, daß ich euch noch einmal aufspielen werde! So macht euch nur recht lustig, ihr Schätzchen und thut mir Be¬ scheid!« Er bot Sali das volle Glas und Sali trank und that ihm Bescheid. Als der Geiger sah, wie erschrocken Vrenchen war, suchte er ihm freundlich zuzureden und machte einige fast anmuthige Scherze, die es zum Lachen brach¬ ten. Es ermunterte sich wieder und nun waren sie froh, hier einen Bekannten zu haben und gewissermaßen unter dem besonderen Schutze des Geigers zu stehen. Sie tanzten nun ohne Un¬ terlaß, sich und die Welt vergessend in dem Drehen, Singen und Lärmen, welches in und außer dem Hause rumorte und vom Berge weit in die Gegend hinausschallte, welche sich allmälig in den silbernen Duft des Herbstabends hüllte. Sie tanzten bis es dunkelte und der größere Theil der lustigen Gäste sich schwankend und johlend nach allen Seiten entfernte. Was noch zurückblieb, war das eigentliche Hudelvölkchen, welches nirgends zu Hause war und sich zum gu¬ ten Tag auch noch eine gute Nacht machen wollte. Unter diesen waren einige, welche mit dem Gei¬ ger gut bekannt schienen und fremdartig aussahen in ihrer zusammengewürfelten Tracht. Besonders ein junger Bursche fiel auf, der eine grüne Manchesterjacke trug und einen zerknitterten Keller, die Leute von Seldwyla. 22 Strohhut, um den er einen Kranz von Eber¬ eschen oder Vogelbeerbüscheln gebunden hatte. Dieser führte eine wilde Person mit sich, die einen Rock von kirschrothem weiß getüpfeltem Kattun trug und sich einen Reifen von Reben¬ schoßen um den Kopf gebunden, so daß an jeder Schläfe eine blaue Traube hing. Dies Paar war das ausgelassenste von allen, tanzte und sang unermüdlich und war in allen Ecken zu¬ gleich. Dann war noch ein schlankes hübsches Mädchen da, welches ein schwarzseidenes abge¬ schossenes Kleid trug und ein weißes Tuch um den Kopf, daß der Zipfel über den Rücken fiel. Das Tuch zeigte rothe, eingewobene Streifen, und war eine gute leinene Handzwehle oder Ser¬ viette. Darunter leuchteten aber ein paar veil¬ chenblaue Augen hervor. Um den Hals und auf der Brust hing eine sechsfache Kette von Vogelbeeren auf einen Faden gezogen und ersetzte die schönste Korallenschnur. Diese Gestalt tanzte fortwährend allein mit sich selbst und verweigerte hartnäckig mit einem der Gesellen zu tanzen. Nichts desto minder bewegte sie sich anmuthig und leicht herum und lächelte jedesmal, wenn sie sich an dem traurigen Waldhornbläser vor¬ überdrehte, wozu dieser immer den Kopf ab¬ wandte. Noch einige andere vergnügte Frau¬ ensleute waren da mit ihren Beschützern, alle von dürftigem Aussehen, aber sie waren um so lustiger und in bester Eintracht unter einander. Als es gänzlich dunkel war, wollte der Wirth keine Lichter anzünden, da er behauptete, der Wind lösche sie aus, auch ginge der Vollmond sogleich auf und für das, was ihm diese Herr¬ schaften einbrächten, sei das Mondlicht gut genug. Diese Eröffnung wurde mit großem Wohlgefallen aufgenommen; die ganze Gesellschaft stellte sich an die Brüstung des lustigen Saales und sah dem Aufgange des Gestirnes entgegen, dessen Röthe schon am Horizonte stand, und sobald der Mond aufging und sein Licht quer durch den Estrich des Paradiesgärtels warf, tanzten sie im Mondschein weiter, und zwar so still, artig und seelenvergnügt, als ob sie im Glanze von hun¬ dert Wachskerzen tanzten. Das seltsame Licht machte Alle vertrauter und so konnten Sali und Vrenchen nicht umhin, sich unter die gemeinsame Lustbarkeit zu mischen und auch mit andern zu 22 * tanzen. Aber jedesmal, wenn sie ein Weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und fei¬ erten ein Wiedersehen, als ob sie sich Jahre lang gesucht und endlich gefunden. Sali machte ein trauriges und unmuthiges Gesicht wenn er mit einer Andern tanzte und drehte fortwährend das Gesicht nach Vrenchen hin, welches ihn nicht ansah, wenn es vorüberdrehte, glühte wie eine Purpurrose und überglücklich schien, mit wem es auch tanzte. »Bist Du eifersüchtig, Sali?« fragte es ihn, als die Musikanten müde waren und aufhörten. »Gott bewahre!« sagte er, »ich wüßte nicht, wie ich es anfangen sollte!« »Warum bist Du denn so bös, wenn ich mit Andern tanze?« »Ich bin nicht darüber bös, sondern weil ich mit Andern tanzen muß! Ich kann kein anderes Mädchen ausstehen, es ist mir, als wenn ich ein Stück Holz im Arm habe, wenn Du es nicht bist!« »Und Du? wie geht es Dir?« »O, ich bin immer wie im Himmel, wenn ich nur tanze und weiß, daß Du zugegen bist! Aber ich glaube, ich würde so¬ gleich todt umfallen, wenn Du weggingest und mich da ließest!« Sie waren hinabgegangen und standen vor dem Hause; Vrenchen umschloß ihn mit beiden Armen, schmiegte seinen heißen zitternden Leib an ihn, drückte seine glühende Wange, die von heißen Thränen feucht war, an sein Gesicht und sagte schluchzend: »Wir können nicht zusammen sein und doch kann ich nicht von Dir lassen, nicht einen Augenblick mehr, nicht eine Minute!« Sali umarmte und drückte das Mädchen heftig an sich und bedeckte es mit Küs¬ sen. Seine verwirrten Gedanken rangen nach einem Ausweg, aber er sah keinen. Wenn auch das Elend und die Hoffnungslosigkeit seiner Her¬ kunft zu überwinden gewesen wären, so war seine Jugend und unerfahrene Leidenschaft nicht be¬ schaffen, eine lange Zeit der Prüfung und Ent¬ sagung vorzunehmen und zu übersehen, und dann wäre erst noch Vrenchens Vater da gewesen, welchen er zeitlebens elend gemacht. Das Ge¬ fühl, in der bürgerlichen Welt nur in einer ganz ehrlichen und gewissenfreien Ehe glücklich sein zu können, war in ihm eben so lebendig wie in Vrenchen und in beiden verlassenen Wesen war es die letzte Flamme der Ehre, die in früheren Zeiten in ihren Häusern geherrscht hatte und welche die sich sicher fühlenden Väter durch einen unscheinbaren Mißgriff über den Haufen gewor¬ fen, als sie, eben diese Ehre zu äufnen wähnend durch Vermehrung ihres Eigenthums, so gedan¬ kenlos sich das Gut eines Verschollenen aneig¬ neten, ganz gefahrlos, wie sie meinten. Das geschieht nun freilich alle Tage; aber zuweilen stellt das Schicksal ein Exempel auf und läßt zwei solche Äufner ihrer Hausehre und ihres Gutes zusammentreffen, die sich dann unfehlbar aufreiben und auffressen wie zwei wilde Thiere. Denn die Mehrer des Reiches verrechnen sich nicht nur auf den Thronen, sondern zuweilen auch in den niedersten Hütten und langen ganz am entgegengesetzten Ende an, als wohin sie zu kommen trachteten und der Schild der Ehre ist im Umsehen eine Tafel der Schande. Sali und Vrenchen hatten aber noch die Ehre ihres Hau¬ ses gesehen in zarten Kinderjahren und erinner¬ ten sich, wie wohlgepflegte Kinderchen sie gewe¬ sen und wie ihre Väter ausgesehen wie andere Männer, geachtet und sicher. Dann waren sie auf lange getrennt worden und als sie sich wie¬ derfanden, sahen sie in sich zugleich das ver¬ schwundene Glück des Hauses und beider Nei¬ gung klammerte sich nur um so heftiger in ein¬ ander. Sie mochten so gern fröhlich und glück¬ lich sein, aber nur auf einem guten Grund und Boden, und dieser schien ihnen unerreichbar, während ihr wallendes Blut am liebsten gleich zusammengeströmt wäre. »Nun ist es Nacht, rief Vrenchen, und wir sollen uns trennen!« »Ich soll nach Hause gehen und Dich allein lassen?« rief Sali, »nein, das kann ich nicht!« »Dann wird es Tag werden und nicht besser um uns stehen!« »Ich will euch einen Rath geben, ihr när¬ rischen Dinger!« tönte eine schrille Stimme hin¬ ter ihnen und der Geiger trat vor sie hin. »Da steht ihr, sagte er, und wißt nicht wo aus und hättet euch gern. Ich rathe euch, nehmt euch, wie ihr seid und säumet nicht. Kommt mit mir und meinen guten Freunden in die Berge, da brauchet ihr keinen Pfarrer, kein Geld, keine Schriften, keine Ehre, kein Bett, nichts als eueren guten Willen! Es ist gar nicht so übel bei uns, gesunde Luft und genug zu essen, wenn man thätig ist; die grünen Wälder sind unser Haus, wo wir uns lieb haben, wie es uns ge¬ fällt, und im Winter machen wir uns die wärm¬ sten Schlupfwinkel oder kriechen den Bauern in's warme Heu. Also kurz entschlossen, haltet gleich hier Hochzeit und kommt mit uns, dann seid ihr aller Sorgen los und habt euch für immer und ewiglich, so lang es euch gefällt wenigstens; denn alt werdet ihr bei unserem freien Leben, das könnt ihr glauben! Denkt nicht etwa, daß ich euch nachtragen will, was eure Alten an mir gethan! Nein! es macht mir zwar Vergnügen, euch da angekommen zu sehen, wo ihr seid; allein damit bin ich zufrieden, und werde euch behülf¬ lich und dienstfertig sein, wenn ihr mir folgt.« Er sagte das wirklich in einem aufrichtigen und gemüthlichen Tone. »Nun, besinnt euch ein bis¬ chen, aber folget mir, wenn ich euch gut zum Rath bin! Laßt fahren die Welt und nehmet euch und fraget Niemandem was nach! Denkt an das luftige Hochzeitbett im tiefen Wald oder auf einem Heustock, wenn es euch zu kalt ist!« Damit ging er in's Haus. Vrenchen zitterte in Salis Armen und dieser sagte: »Was meinst Du dazu? Mich dünkt, es wäre nicht übel, die ganze Welt in den Wind zu schlagen und uns dafür zu lieben ohne Hinderniß und Schran¬ ken!« Er sagte es aber mehr als einen ver¬ zweifelten Scherz, denn im Ernst. Vrenchen aber erwiederte ganz treuherzig und küßte ihn: »Nein, dahin möchte ich nicht gehen, denn da geht es auch nicht nach meinem Sinne zu. Der junge Mensch mit dem Waldhorn und das Mädchen in dem seidenen Rock gehören auch so zu einan¬ der und sollen sehr verliebt gewesen sein. Nun sei letzte Woche die Person ihm zum ersten Mal untreu geworden, was ihm nicht in den Kopf wolle und deshalb sei er so traurig und schmolle mit ihr und mit den Andern, die ihn auslachen. Sie aber thut eine muthwillige Buße, indem sie allein tanzt und mit Niemand spricht, und lacht ihn auch nur aus damit. Dem armen Musi¬ kanten sieht man es jedoch an, daß er sich noch heute mit ihr versöhnen wird. Wo es aber so hergeht, möchte ich nicht sein, denn nie möcht' ich Dir untreu werden, wenn ich auch sonst noch alles ertragen würde, um Dich zu besitzen!« Indessen aber fieberte das arme Vrenchen immer heftiger an Salis Brust; denn schon seit dem Mittag, wo jene Wirthin es für eine Braut gehalten und es eine solche ohne Widerrede vor¬ gestellt, lohte ihm das Brautwesen im Blute und je hoffnungsloser es war, um so wilder und unbezwinglicher. Dem Sali erging es eben so schlimm, da die Reden des Geigers, so we¬ nig er ihnen folgen mochte, dennoch seinen Kopf verwirrten und er sagte mit rathlos stockender Stimme: »Komm herein, wir müssen wenig¬ stens noch was essen und trinken. Sie gingen in die Gaststube, wo Niemand mehr war, als die kleine Gesellschaft der Heimathlosen, welche bereits um einen Tisch saß und eine spärliche Mahlzeit hielt. »Da kommt unser Hochzeit¬ paar!« rief der Geiger, »jetzt seid lustig und fröhlich und laßt euch zusammengeben!« Sie wurden an den Tisch genöthigt und flüchteten sich vor sich selbst an denselben hin; sie waren froh, nur für den Augenblick unter Leuten zu sein. Sali bestellte Wein und reichlichere Spei¬ sen, und es begann eine große Fröhlichkeit. Der Schmollende hatte sich mit der Untreuen ver¬ söhnt und das Paar liebkoste sich in begieriger Seligkeit; das andere wilde Paar sang und trank und ließ es ebenfalls nicht an Liebesbe¬ zeugungen fehlen, und der Geiger nebst dem buckligen Baßgeiger lärmten in's Blaue hinein. Sali und Vrenchen waren still und hielten sich umschlungen; auf einmal gebot der Geiger Stille und führte eine spaßhafte Ceremonie auf, welche eine Trauung vorstellen sollte. Sie mußten sich die Hände geben und die Gesellschaft stand auf und trat der Reihe nach zu ihnen, um sie zu beglückwünschen und in ihrer Verbrüderung will¬ kommen zu heißen. Sie ließen es geschehen, ohne ein Wort zu sagen, und betrachteten es als einen Spaß, während es sie doch kalt und heiß durchschauerte. Die kleine Versammlung wurde jetzt immer lauter und aufgeregter, angefeuert durch den stärkeren Wein, bis plötzlich der Geiger zum Aufbruch mahnte. »Wir haben weit, rief er, und Mitternacht ist vorüber! Auf! wir wollen dem Brautpaar das Geleit geben und ich will vorausgeigen, daß es eine Art hat!« Da die rathlosen Verlassenen nichts besseres wußten und überhaupt ganz verwirrt waren, ließen sie aber¬ mals geschehen, daß man sie voranstellte und die übrigen zwei Paare einen Zug hinter ihnen formirten, welchen der Bucklige beschloß mit sei¬ ner Baßgeige auf dem Rücken. Der Schwarze zog voran und spielte auf seiner Geige wie be¬ sessen den Berg hinunter, und die anderen lach¬ ten, sangen und sprangen hintendrein. So strich der tolle nächtliche Zug durch die stillen Felder und durch das Heimathdorf Salis und Vrenchens, dessen Bewohner längst schliefen. Als sie durch die stillen Gassen kamen und an ihren verlorenen Vaterhäusern vorüber, er¬ griff sie eine schmerzhaft wilde Laune und sie tanzten mit den Andern um die Wette hinter dem Geiger her, küßten sich, lachten und wein¬ ten. Sie tanzten auch den Hügel hinauf, über welchen der Geiger sie anführte, wo die drei Äcker lagen, und oben strich der schwärzliche Kerl die Geige noch einmal so wild, sprang und hüpfte wie ein Gespenst, und seine Gefährten blieben nicht zurück in der Ausgelassenheit, so daß es ein wahrer Blocksberg war auf der stil¬ len Höhe; selbst der Bucklige sprang keuchend mit seiner Last herum und keines schien mehr das andere zu sehen. Sali faßte Vrenchen fester in den Arm und zwang es still zu stehen; denn er war zuerst zu sich gekommen. Er küßte es, damit es schweige, heftig auf den Mund, da es sich ganz vergessen hatte und laut sang. Es verstand ihn endlich und sie standen still und lauschend, bis ihr tobendes Hochzeitgeleite das Feld entlang gerast war und, ohne sie zu ver¬ missen, am Ufer des Stromes hinauf sich verzog. Die Geige, das Gelächter der Mädchen und die Jauchzer der Bursche tönten aber noch eine gute Zeit durch die Nacht, bis zuletzt alles verklang und still wurde. »Diesen sind wir entflohen, sagte Sali, aber wie entfliehen wir uns selbst? Wie meiden wir uns?« Vrenchen war nicht im Stande zu antworten und lag hochaufathmend an seinem Halse. »Soll ich Dich nicht lieber ins Dorf zurückbringen und Leute wecken, daß sie Dich aufnehmen? Mor¬ gen kannst Du ja dann Deines Weges ziehen und gewiß wird es Dir wohl gehen, Du kommst überall fort!« »Fortkommen, ohne Dich!« »Du mußt mich vergessen!« »Das werde ich nie!« Könntest denn Du es thun! »Darauf kommt's nicht an, mein Herz! sagte Sali und streichelte ihm die heißen Wangen, je nachdem es sie leidenschaftlich an seiner Brust herumwarf,« es handelt sich jetzt nur um Dich; Du bist noch so ganz jung und es kann Dir noch auf allen Wegen gut gehen!« »Und Dir nicht auch, Du alter Mann?« »Komm!« sagte Sali und zog es fort. Aber sie gingen nur einige Schritte und standen wie¬ der still, um sich bequemer zu umschlingen und zu herzen. Die Stille der Welt sang und mu¬ sizirte ihnen durch die Seelen, man hörte nur den Fluß unten sacht und lieblich rauschen im langsamen Ziehen. »Wie schön ist es da rings herum! Hörst Du nicht etwas tönen, wie ein schöner Gesang oder ein Geläute!« »Es ist das Wasser das rauscht! Sonst ist alles still.« Nein, es ist noch etwas anderes, hier, dort hinaus, überall tönt's!« »Ich glaube, wir hören unser eigenes Blut in unsern Ohren rauschen!« Sie horchten ein Weilchen auf diese ein¬ gebildeten oder wirklichen Töne, welche von der großen Stille herrührten oder welche sie mit den magischen Wirkungen des Mondlichtes ver¬ wechselten, welches nah und fern über die grauen Herbstnebel wallte, welche tief auf den Gründen lagen. Plötzlich fiel Vrenchen etwas ein; es suchte in seinem Brustgewand und sagte: »Ich habe Dir noch ein Andenken gekauft, das ich Dir geben wollte!« Und es gab ihm den einfachen Ring und steckte ihm denselben selbst an den Finger. Sali nahm sein Ringlein auch hervor und steckte ihn an Vrenchens Hand, indem er sagte: So haben wir die gleichen Ge¬ danken gehabt! Vrenchen hielt seine Hand in das bleiche Silberlicht und betrachtete den Ring. »Ei, wie ein feiner Ring!« sagte es lachend; »nun sind wir aber doch verlobt und versprochen, Du bist mein Mann und ich Deine Frau, wir wollen es einmal einen Augenblick lang denken, nur bis jener Nebelstreif am Mond vorüber ist oder bis wir zwölf gezählt haben! Küsse mich zwölfmal!« Sali liebte gewiß eben so stark als Vren¬ chen, aber die Heirathsfrage war in ihm doch nicht so leidenschaftlich lebendig als ein bestimm¬ tes Entweder — oder, als ein unmittelbares Sein oder Nichtsein, wie in Vrenchen, welches nur das Eine zu fühlen fähig war und mit lei¬ denschaftlicher Entschiedenheit unmittelbar Tod oder Leben darin sah. Aber jetzt ging ihm end¬ lich ein Licht auf und das weibliche Gefühl des jungen Mädchens ward in ihm auf der Stelle zu einem wilden und heißen Verlangen und eine glühende Klarheit erhellte ihm die Sinne. So heftig er Vrenchen schon umarmt und liebkos't hatte, that er es jetzt doch ganz anders und stürmischer und übersäete es mit Küssen. Vren¬ chen fühlte trotz aller eigenen Leidenschaft auf der Stelle diesen Wechsel und ein heftiges Zit¬ tern durchfuhr sein ganzes Wesen, aber ehe jener Nebelstreif am Monde vorüber war, war es auch davon ergriffen. Im heftigen Schmeicheln und Ringen begegneten sich ihre ringgeschmückten Hände und faßten sich fest, wie von selbst eine Trauung vollziehend, ohne den Befehl eines Willens. Sa¬ lis Herz klopfte bald wie mit Hämmern, bald stand es still, er athmete schwer und sagte leise: Es giebt Eines für uns, Vrenchen, wir halten Hochzeit zu dieser Stunde und gehen dann aus der Welt — dort ist das tiefe Wasser — dort scheidet uns Niemand mehr und wir sind zusam¬ men gewesen — ob kurz oder lang, das kann uns dann gleich sein. — Vrenchen sagte sogleich: »Sali — was Du da sagst, habe ich schon lang bei mir gedacht und ausgemacht, nämlich daß wir sterben könn¬ ten und dann Alles vorbei wäre — so schwör' mir es, daß Du es mit mir thun willst!« »Es ist schon so gut wie gethan, es nimmt Dich Niemand mehr aus meiner Hand, als der Tod!« rief Sali außer sich. Vrenchen aber athmete hoch auf, Thränen der Freude entström¬ ten seinen Augen; es raffte sich auf und sprang leicht wie ein Vogel über das Feld gegen den Fluß hinunter. Sali eilte ihm nach; denn er glaubte, es wolle ihm entfliehen, und Vrenchen glaubte er wolle es zurückhalten, so sprangen sie einander nach uud Vrenchen lachte wie ein Keller, die Leute von Seldwyla. 23 Kind, welches sich nicht will fangen lassen. »Reut es Dich schon?« rief Eines zum Andern, als sie am Flusse angekommen waren und sich ergriffen; »nein! es freut mich immer mehr!« erwiederte ein Jedes. Aller Sorgen ledig gingen sie am Ufer hinunter und überholten die eilenden Wasser, so hastig suchten sie eine Stätte, um sich nieder¬ zulassen; denn ihre Leidenschaft sah jetzt nur den Rausch der Seligkeit, der in ihrer Vereinigung lag, und der ganze Werth und Inhalt des übri¬ gen Lebens drängte sich in diesem zusammen; was danach kam, Tod und Untergang, war ih¬ nen ein Hauch, ein Nichts, und sie dachten we¬ niger daran, als ein Leichtsinniger denkt, wie er den andern Tag leben will, wenn er seine letzte Habe verzehrt. »Meine Blumen gehen mir voraus, rief Vrenchen, sieh, sie sind ganz dahin und ver¬ welkt!« Es nahm sie von der Brust, warf sie ins Wasser und sang laut dazu: »Doch süßer als ein Mandelkern ist meine Lieb' zu Dir!« »Halt! rief Sali, hier ist Dein Brautbett!« Sie waren an einen Fahrweg gekommen, der vom Dorfe her an den Fluß führte, und hier war eine Landungsstelle, wo ein großes Schiff, hoch mit Heu beladen, angebunden lag. In wilder Laune begann er unverweilt die star¬ ken Seile loszubinden, Vrenchen fiel ihm lachend in den Arm und rief: »Was willst Du thun? Wollen wir den Bauern ihr Heuschiff stehlen zu guter Letzt?« »Das soll die Aussteuer sein, die sie uns geben, eine schwimmende Bettstelle und ein Bett, wie noch keine Braut gehabt! Sie werden überdies ihr Eigenthum unten wieder fin¬ den, wo es ja doch hin soll und werden es nicht wissen, was damit geschehen ist. Sieh, schon schwankt es und will hinaus!« Das Schiff lag einige Schritte vom Ufer entfernt im tieferen Wasser. Sali hob Vrenchen mit seinen Armen hoch empor und schritt durch das Wasser gegen das Schiff; aber es liebkos'te ihn so heftig ungeberdig und zappelte wie ein Fisch, daß er im ziehenden Wasser keinen Stand halten konnte. Es strebte Gesicht und Hände ins Wasser zu tauchen und rief: »Ich will auch das kühle Wasser versuchen! Weißt Du noch, wie kalt und naß unsere Hände waren, als wir sie uns zum ersten Mal gaben? Fische fingen wir damals, jetzt werden wir selber Fische sein und zwei schöne große!« »Sei ruhig, Du lieber Teufel!« sagte Sali, der Mühe hatte zwischen dem tobenden Liebchen und den Wellen sich auf¬ recht zu halten, »es zieht mich sonst fort!« Er hob seine Last in das Schiff und schwang sich nach; er hob sie auf die hochgebettete weiche und duftende Ladung und schwang sich auch hinauf, und als sie oben saßen, trieb das Schiff allmälig in die Mitte des Stromes hinaus und schwamm dann, sich langsam drehend, zu Thal. Der Fluß zog bald durch hohe dunkle Wäl¬ der, die ihn überschatteten, bald durch offenes Land; bald an stillen Dörfern vorbei, bald an einzelnen Hütten; hier gerieth er in eine Stille, daß er einem ruhigen See glich und das Schiff beinah still hielt, dort strömte er um Wäl¬ der und ließ die schlafenden Ufer schnell hin¬ ter sich; und als die Morgenröthe aufstieg, tauchte zugleich eine Stadt mit ihren Thürmen aus dem silbergrauen Strome. Der untergehende Mond, roth wie Gold, legte eine glänzende Bahn den Strom hinauf und auf dieser kam das Schiff langsam überquer gefahren. Als es sich der Stadt näherte, glitten im Froste des Herbstmor¬ gens zwei bleiche Gestalten, die sich fest umwan¬ den, von der dunklen Masse herunter in die kalten Fluthen. Das Schiff legte sich eine Weile nachher unbeschädigt an eine Brücke und blieb da stehen. Als man später unterhalb der Stadt die Leichen fand und ihre Herkunft ausgemittelt hatte, war in den Zeitungen zu lesen, zwei junge Leute, die Kinder zweier blutarmen zu Grunde gegangenen Familien, welche in unversöhnlicher Feindschaft lebten, hätten im Wasser den Tod gesucht, nach¬ dem sie einen ganzen Nachmittag herzlich mit einander getanzt und sich belustigt auf einer Kirch¬ weih. Es sei dies Ereigniß vermuthlich in Ver¬ bindung zu bringen mit einem Heuschiff aus je¬ ner Gegend, welches ohne Schiffleute in der Stadt gelandet sei, und man nehme an, die jungen Leute haben das Schiff entwendet, um darauf ihre verzweifelte und gottverlassene Hoch¬ zeit zu halten, abermals ein Zeichen von der um sich greifenden Entsittlichung und Verwilde¬ rung der Leidenschaften. Was die Sittlichkeit betrifft, so bezweckt diese Erzählung keineswegs, die That zu beschönigen und zu verherrlichen; denn höher als diese ver¬ zweifelte Hingebung wäre jedenfalls ein entsa¬ gendes Zusammenraffen und ein stilles Leben voll treuer Mühe und Arbeit gewesen, und da diese die mächtigsten Zauberer sind in Verbindung mit der Zeit, so hätten sie vielleicht noch alles möglich ge¬ macht; denn sie verändern mit ihrem unmerklichen Einflusse die Dinge, vernichten die Vorurtheile, stellen die Ehre her und erneuen das Gewissen, so daß die wahre Treue nie ohne Hoffnung ist. Was aber die Verwilderung der Leidenschaf¬ ten angeht, so betrachten wir diesen und ähnliche Vorfälle, welche alle Tage im niederen Volke vorkommen, nur als ein weiteres Zeugniß, daß dieses allein es ist, welches die Flamme der kräf¬ tigen Empfindung und Leidenschaft nährt und wenigstens die Fähigkeit des Sterbens für eine Herzenssache aufbewahrt, daß sie zum Troste der Romanzendichter nicht aus der Welt verschwindet. Das gleichgültige Eingehen und Lösen von »Ver¬ hältnissen« unter den gebildeten Ständen von heute, das selbstsüchtige frivole Spiel mit den¬ selben, die große Leichtigkeit, mit welcher heut¬ zutage junge Leutchen zu trennen und auseinan¬ der zu bringen sind, wenn ihre Neigung irgend außer der Berechnung liegt, sind zehnmal wider¬ wärtiger, als jene Unglücksfälle, welche jetzt die Protokolle der Polizeibehörden füllen und ehedem die Schreibtafeln der Balladensänger füllten. Wir sehen alle Tage etwa einen wohlgekleideten Herrn, der seine Frau oder Braut mitten auf der Straße plötzlich stehen läßt und auf die Seite springt, weil irgend einem Schlächter eine alte Kuh entsprungen ist und bedrohlich dahergerannt kommt. Höchstens aus der Ferne, hinter einer Hausthür hervor, schwingt er sein Stöckchen und macht: Bscht! Bscht! Solche Leute werden sich allerdings nicht aus Eigensinn und Leidenschaft um's Leben bringen, wenn man sie trennen will. Ebensowenig diejenigen, welche in allen Zeitun¬ gen ihre »stattgefundene« Verlobung anzeigen und vierzehn Tage darauf einen Inseratenkrieg führen, wo jeder Part sich rühmt und behaup¬ tet, das »Verhältniß« zuerst abgebrochen zu haben. Die drei gerechten Kammmacher. D ie Leute von Seldwyla haben bewiesen, daß eine ganze Stadt von Ungerechten oder Leicht¬ sinnigen zur Noth fortbestehen kann im Wechsel der Zeiten und des Verkehrs; die drei Kamm¬ macher aber, daß nicht drei Gerechte lang unter einem Dache leben können, ohne sich in die Haare zu gerathen. Es ist hier aber nicht die himm¬ lische Gerechtigkeit gemeint oder die natürliche Gerechtigkeit des menschlichen Gewissens, sondern jene blutlose Gerechtigkeit, welche aus dem Va¬ terunser die Bitte gestrichen hat: Und vergieb uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldnern! weil sie keine Schulden macht und auch keine »ausstehen« hat; welche Nie¬ mandem zu Leid lebt, aber auch Niemandem zu Gefallen, wohl arbeiten und erwerben, aber nichts ausgeben will und an der Arbeitstreue nur einen Nutzen, aber keine Freude findet. Solche Ge¬ rechte werfen keine Laternen ein, aber sie zünden auch keine an und kein Licht geht von ihnen aus; sie treiben allerlei Hanthierung und eine ist ih¬ nen so gut wie die andere, wenn sie nur mit keiner Fährlichkeit verbunden ist; am liebsten sie¬ deln sie sich dort an, wo recht viele Ungerechte in ihrem Sinne sind; denn sie unter einander, wenn keine solche zwischen ihnen wären, würden sich bald abreiben, wie Mühlsteine, zwischen de¬ nen kein Korn liegt. Wenn diese ein Unglück betrifft, so sind sie höchst verwundert und jam¬ mern, als ob sie am Spieße stäcken, da sie doch Niemandem was zu Leid gethan haben; denn sie betrachten die Welt als eine große wohlge¬ sicherte Polizeianstalt, wo keiner eine Kontra¬ ventionsbuße zu fürchten braucht, wenn er vor seiner Thüre fleißig kehrt, keine Blumentöpfe unverwahrt vor das Fenster stellt und kein Wasser aus demselben gießt. Zu Seldwyl bestand ein Kammmachergeschäft, dessen Inhaber gewohnterweise alle fünf bis sechs Jahre wechselten, obgleich es ein gutes Geschäft 23 * war, wenn es fleißig betrieben wurde; denn die Krämer, welche die umliegenden Jahrmärkte besuchten, holten da ihre Kammwaaren. Außer den nothwendigen Hornstriegeln aller Art wurden auch die wunderbarsten Schmuckkämme für die Dorfschönen und Dienstmägde verfertigt aus schö¬ nem durchsichtigen Ochsenhorn, in welches die Kunst der Gesellen (denn die Meister arbeiteten nie) ein tüchtiges braunrothes Schildpattgewölke beizte, je nach ihrer Phantasie, so daß, wenn man die Kämme gegen das Licht hielt, man die herrlichsten Sonnenauf- und Niedergänge zu se¬ hen glaubte, rothe Schäfchenhimmel, Gewitter¬ stürme und andere gesprenkelte Naturerscheinun¬ gen. Im Sommer, wenn die Gesellen gerne wanderten und rar waren, wurden sie mit Höf¬ lichkeit behandelt und bekamen guten Lohn und gutes Essen; im Winter aber, wenn sie ein Un¬ terkommen suchten und häufig zu haben waren, mußten sie sich ducken, Kämme machen, was das Zeug halten wollte, für geringen Lohn, die Meisterin stellte einen Tag wie den andern eine Schüssel Sauerkraut auf den Tisch und der Mei¬ ster sagte: das sind Fische! Wenn dann ein Ge¬ selle zu sagen wagte: bitt' um Verzeihung, es ist Sauerkraut! so bekam er auf der Stelle den Abschied und mußte wandern in den Winter hin¬ aus. Sobald aber die Wiesen grün wurden und die Wege gangbar, sagten sie: Es ist doch Sauerkraut! und schnürten ihr Bündel. Denn wenn dann auch die Meisterin auf der Stelle einen Schinken auf das Kraut warf und der Meister sagte: Meiner Seel! ich glaubte es wären Fische! Nun, dieses ist doch gewiß ein Schinken! so sehnten sie sich doch hinaus, da alle drei Gesellen in einem zweischläfigen Bett schla¬ fen mußten und sich den Winter durch herzlich satt bekamen wegen der Rippenstöße und erfro¬ renen Seiten. Einsmals kam aber ein ordentlicher und sanf¬ ter Geselle angereist aus irgend einem der sächsischen Lande, der fügte sich in Alles, arbei¬ tete wie ein Thierlein und war nicht zu ver¬ treiben, so daß er zuletzt ein bleibender Haus¬ rath wurde in dem Geschäft und mehrmals den Meister wechseln sah, da es die Jahre her gerade etwas stürmischer herging als sonst. Jobst streckte sich in dem Bette so steif er konnte und be¬ hauptete seinen Platz zunächst der Wand Winter und Sommer; er nahm das Sauerkraut willig für Fische und im Frühjahr mit bescheidenem Dank ein Stückchen von dem Schinken. Den kleineren Lohn legte er so gut zur Seite, wie den größeren, denn er gab nichts aus, sondern sparte sich alles auf. Er lebte nicht, wie an¬ dere Handwerksgesellen, trank nie einen Schop¬ pen, verkehrte mit keinem Landsmann noch mit anderen jungen Gesellen, sondern stellte sich des Abends unter die Hausthüre und schäkerte mit den alten Weibern, hob ihnen die Wassereimer auf den Kopf, wenn er besonders freigebiger Laune war, und ging mit den Hühnern zu Bett, wenn nicht reichliche Arbeit da war, daß er für besondere Rechnung die Nacht durcharbeiten konnte. Am Sonntag arbeitete er ebenfalls bis in den Nachmittag hinein, und wenn es das herrlichste Wetter war; man denke aber nicht, daß er dies mit Frohsinn und Vergnügen that, wie Johann der muntere Seifensieder; vielmehr war er bei dieser freiwilligen Mühe niedergeschlagen, und be¬ klagte sich fortwährend über die Mühseligkeit des Lebens. War dann der Sonntagnachmittag ge¬ kommen, so ging er in seinem Arbeitsschmutz und in den klappernden Pantoffeln über die Gasse und holte sich bei der Wäscherin das frische Hemd und das geglättete Vorhemdchen, den Vatermör¬ der oder das bessere Schnupftuch und trug diese Herrlichkeiten auf der flachen Hand mit elegantem Gesellenschritt vor sich her nach Hause. Denn im Arbeitsschurz und in den Schlappschuhen be¬ obachten manche Gesellen immer einen eigenthüm¬ lich gezierten Gang, als ob sie in höheren Sphä¬ ren schwebten, besonders die gebildeten Buchbin¬ der, die lustigen Schuhmacher und die seltenen sonderbaren Kammmacher. In seiner Kammer bedachte sich Jobst aber noch wohl, ob er das Hemd oder das Vorhemdchen auch wirklich an¬ ziehen wolle, denn er war bei aller Sanftmuth und Gerechtigkeit ein kleiner Schweinigel, oder ob es die alte Wäsche noch für eine Woche thun müsse und er bei Hause bleiben und noch ein Bischen arbeiten wolle. In diesem Falle setzte er sich mit einem Seufzer über die Schwierigkeit und Mühsal der Welt von neuem dahinter und schnitt verdrossen seine Zähne in die Kämme oder er wandelte das Horn in Schildkrötschalen um, wobei er aber so nüchtern und phantasielos verfuhr, daß er immer die gleichen drei trostlosen Kleckse darauf schmierte, denn wenn es nicht unzweifelhaft vorgeschrieben war, so wandte er nicht die kleinste Mühe an eine Sache. Ent¬ schloß er sich aber zu einem Spaziergang, so putzte er sich eine oder zwei Stunden lang pein¬ lich heraus, nahm sein Spazierstöckchen und wandelte steif ein wenig vor's Thor, wo er de¬ müthig und langweilig herumstand und langwei¬ lige Gespräche führte mit andern Herumständern, die auch nichts besseres zu thun wußten, etwa alte arme Seldwyler, welche nicht mehr in's Wirthshaus gehen konnten. Mit solchen stellte er sich dann gern vor ein im Bau begriffenes Haus, vor ein Saatfeld, vor einen wetterbeschä¬ digten Apfelbaum oder vor eine neue Zwirn¬ fabrik und düftelte auf das Angelegentlichste über diese Dinge, deren Zweckmäßigkeit und den Kostenpunkt, über die Jahrshoffnungen und den Stand der Feldfrüchte, von was allem er nicht den Teufel verstand. Es war ihm auch nicht darum zu thun; aber die Zeit verging ihm so auf die billigste und kurzweiligste Weise nach seiner Art und die alten Leute nannten ihn nur den artigen und vernünftigen Sachsen, denn sie verstanden auch nichts. Als die Seldwyler eine große Aktienbrauerei anlegten, von der sie sich ein gewaltiges Leben versprachen, und die weit¬ läufigen Fundamente aus dem Boden ragten, stöckerte er manchen Sonntag Abend darin herum, mit Kennerblicken und mit dem scheinbar leben¬ digsten Interesse die Fortschritte des Baues un¬ tersuchend, wie wenn er ein alter Bauverstän¬ diger und der größte Biertrinker wäre. »Aber nein! rief er ein Mal um das andere, des is ein fameses Wergg! des giebt eine großartigte Anstalt! Aber Geld kosten duhts, na das Geld! Aber Schade, hier mißte mir des Gewehlbe doch en Bisgen diefer sein und die Mauer um eine Idee stärger!« Bei alle dem dachte er sich gar nichts, als daß er noch recht zeitig zum Abendessen wolle, eh' es dunkel werde; denn dieses war der einzige Tort, den er seiner Frau Meisterin anthat, daß er nie das Abendbrot ver¬ säumte am Sonntag, wie etwa die anderen Ge¬ sellen, sondern daß sie seinetwegen allein zu Hause bleiben oder sonst wie Bedacht auf ihn nehmen mußte. Hatte er sein Stückchen Braten oder Wurst versorgt, so wurmisirte er noch ein Weil¬ chen in der Kammer herum und ging dann zu Bett, dies war dann ein vergnügter Sonntag für ihn gewesen. Bei all' diesem anspruchlosen, sanften und ehrbaren Wesen ging ihm aber nicht ein leiser Zug von innerlicher Ironie ab, wie wenn er sich heimlich über die Leichtsinnigkeit und Eitel¬ keit der Welt lustig machte und er schien die Größe und Erheblichkeit der Dinge nicht undeut¬ lich zu bezweifeln und sich eines viel tieferen Gedankenplanes bewußt zu sein. In der That machte er auch zuweilen ein so kluges Gesicht, besonders wenn er die sachverständigen sonntägli¬ chen Reden führte, daß man ihm wohl ansah, wie er heimlich viel wichtigere Dinge im Sinne trage, wogegen alles, was andere unternahmen, bauten und aufrichteten, nur ein Kinderspiel wäre. Der große Plan, welchen er Tag und Nacht mit sich herumtrug und welcher sein stiller Leitstern war die ganzen Jahre lang, während er in Seldwyl Geselle war, bestand darin, sich so lange seinen Verdienst aufzusparen, bis er hinreiche, eines schönen Morgens das Geschäft, wenn es gerade vakant würde, anzukaufen und ihn selbst zum Inhaber und Meister zu machen. Dies lag all' seinem Thun und Trachten zu Grunde, da er wohl bemerkt hatte, wie ein fleißiger und spar¬ samer Mann allhier wohl gedeihen müßte, ein Mann, welcher seinen eigenen stillen Weg ginge und von der Sorglosigkeit der Andern nur den Nutzen aber nicht die Nachtheile zu ziehen wüßte. Wenn er aber erst Meister wäre, dann wollte er bald so viel erworben haben, um sich auch einzubürgern, und dann erst gedachte er so klug und zweckmäßig zu leben, wie noch nie ein Bür¬ ger in Seldwyl, sich um gar nichts zu kümmern, was nicht seinen Wohlstand mehre, nicht einen Deut auszugeben, aber deren so viele als möglich an sich zu ziehen in dem leichtsinnigen Strudel dieser Stadt. Dieser Plan war eben so einfach als richtig und begreiflich, besonders da er ihn auch ganz gut und ausdauernd durchführte; denn er hatte schon ein hübsches Sümmchen zurückge¬ legt, welches er sorgfältig verwahrte und sicherer Berechnung nach mit der Zeit groß genug wer¬ den mußte zur Erreichung dieses Zieles. Aber Keller, die Leute von Seldwyla. 24 das Unmenschliche an diesem so stillen und fried¬ fertigen Plane war nur, daß Jobst ihn überhaupt gefaßt hatte; denn nichts in seinem Herzen zwang ihn, gerade in Seldwyla zu bleiben, weder eine Vorliebe für die Gegend, noch für die Leute, weder für die politische Verfassung dieses Landes, noch für seine Sitten. Dies alles war ihm so gleichgültig, wie seine eigene Heimath, nach wel¬ cher er sich gar nicht zurücksehnte; an hundert Orten in der Welt konnte er sich mit seinem Fleiß und mit seiner Gerechtigkeit eben so wohl festhalten, wie hier; aber er hatte keine freie Wahl und ergriff in seinem öden Sinne die erste zufällige Hoffnungsfaser, die sich ihm bot, um sich daran zu hängen und sich daran groß zu saugen. Wo es mir wohl geht, da ist mein Vaterland! heißt es sonst und dieses Sprichwort soll unangetastet bleiben für diejenigen, welche auch wirklich eine bessere und nothwendige Ur¬ sache ihres Wohlergehens im neuen Vaterlande aufzuweisen haben, welche in freiem Entschlusse in die Welt hinausgegangen, um sich rüstig einen Vortheil zu erringen und als geborgene Leute zurückzukehren, oder welche einem unwohnlichen Zustande in Schaaren entfliehen und dem Zuge der Zeit gehorchend, die neue Völkerwanderung über die Meere mit wandern; oder welche ir¬ gendwo treuere Freunde gefunden haben, als da¬ heim, oder ihren eigensten Neigungen mehr ent¬ sprechende Verhältnisse oder durch irgend ein schöneres menschliches Band festgebunden wurden. Aber auch das neue Land ihres Wohlergehens werden alle diese wenigstens lieben müssen, wo sie eigentlich sind und auch da zur Noth einen Menschen vorstellen. Aber Jobst wußte kaum wo er war; die Einrichtungen und Gebräuche der Schweizer waren ihm unverständlich, und er sagte blos zuweilen: »Ja, ja, die Schweizer sind politische Leute! Es ist gewißlich, wie ich glaube, eine schöne Sache um die Politik, wenn man Liebhaber davon ist! Ich für meinen Theil bin kein Kenner davon, wo ich zu Haus bin, da ist es nicht der Brauch gewesen.« Die Sitten der Seldwyler waren ihm zuwider und machten ihn ängstlich, und wenn sie einen Tumult oder Zug vorhatten, hockte er zitternd zuhinterst in der Werkstatt und fürchtete Mord und Todtschlag. Und dennoch war es sein einziges Denken und 24 * sein großes Geheimniß, hier zu bleiben bis an das Ende seiner Tage. Auf alle Punkte der Erde sind solche Gerechte hingestreut, die aus keinem anderen Grunde sich dahin verkrümmelten, als weil sie zufällig an ein Saugeröhrchen des guten Auskommens geriethen, und sie saugen still daran ohne Heimweh nach dem alten, ohne Liebe zu dem neuen Lande, ohne einen Blick in die Weite und ohne einen für die Nähe, und glei¬ chen daher weniger dem freien Menschen, als je¬ nen niederen Organismen, wunderlichen Thierchen und Pflanzensaamen, die durch Luft und Wasser an die zufällige Stätte ihres Gedeihens getragen worden. So lebte er ein Jährchen um das andere in Seldwyla und äufnete seinen heimlichen Schatz, welchen er unter einer Fliese seines Kammer¬ bodens vergraben hielt. Noch konnte sich kein Schneider rühmen, einen Batzen an ihm verdient zu haben, denn noch war der Sonntagsrock, mit dem er angereis't, im gleichen Zustande wie da¬ mals. Noch hatte kein Schuster einen Pfennig von ihm gelöst, denn noch waren nicht einmal die Stiefelsohlen durchgelaufen, die bei seiner Ankunft das Äußere seines Felleisens geziert; denn das Jahr hat nur zwei und funfzig Sonn¬ tage, und von diesen wurde nur die Hälfte zu einem kleinen Spaziergange verwandt. Niemand konnte sich rühmen, je ein kleines oder großes Stück Geld in seiner Hand gesehen zu haben; denn wenn er seinen Lohn empfing, verschwand dieser auf der Stelle auf die geheimnißvollste Weise, und selbst wenn er vor das Thor ging, steckte er nicht einen Deut zu sich, so daß es ihm gar nicht möglich war, etwas auszugeben. Wenn Weiber mit Kirschen, Pflaumen oder Bir¬ nen in die Werkstatt kamen und die anderen Arbeiter ihre Gelüste befriedigten, hatte er auch tausend und ein Gelüste, welche er dadurch zu beruhigen wußte, daß er mit der größten Auf¬ merksamkeit die Verhandlung mit führte, die hübschen Kirschen und Pflaumen streichelte und betastete und zuletzt die Weiber, welche ihn für den eifrigsten Käufer genommen, verblüfft abziehen ließ, sich seiner Enthaltsamkeit freuend, und mit zufriedenem Vergnügen, mit tausend kleinen Rath¬ schlägen, wie sie die gekauften Äpfel braten oder schälen sollten, sah er seine Mitgesellen essen. Aber so wenig Jemand eine Münze von ihm zu besehen kriegte, eben so wenig erhielt Jemand von ihm je ein barsches Wort, eine unbillige Zumuthung oder ein schiefes Gesicht; er wich vielmehr allen Händeln auf das sorgfältigste aus und nahm keinen Scherz übel, den man sich mit ihm erlaubte; und so neugierig er war, den Verlauf von allerlei Klatschereien und Streitig¬ keiten zu betrachten und zu beurtheilen, da solche jederzeit einen kostenfreien Zeitvertreib gewährten, während andere Gesellen ihren rohen Gelagen nachgingen, so hütete er sich wohl, sich in etwas zu mischen und über einer Unvorsichtigkeit betref¬ fen zu lassen. Kurz er war die merkwürdigste Mischung von wahrhaft heroischer Weisheit und Ausdauer und von sanfter schnöder Herz- und Gefühllosigkeit. Einst war er schon seit vielen Wochen der einzige Geselle in dem Geschäft und es war ihm so wohl in dieser Ungestörtheit wie einem Fisch im Wasser. Besonders des Nachts freute er sich des breiten Raumes im Bette und benutzte sehr ökonomisch diese schöne Zeit, sich für die kommenden Tage zu entschädigen und seine Per¬ son gleichsam zu verdreifachen, indem er unauf¬ hörlich die Lage wechselte und sich vorstellte, als ob drei zumal im Bette lägen, von denen zwei den dritten ersuchten, sich doch nicht zu geniren und es sich bequem zu machen. Dieser Dritte war er selbst und er wickelte sich auf die Ein¬ ladung hin wollüstig in die ganze Decke oder spreizte die Beine weit auseinander, legte sich quer über das Bett oder schlug in harmloser Lust Purzelbäume darin. Eines Tages aber, als er noch beim Abendscheine schon im Bette lag, kam unverhofft noch ein fremder Geselle zugesprochen und wurde von der Meisterin in die Schlafkammer gewiesen. Jobst lag eben in wähligem Behagen mit dem Kopfe am Fußende und mit den Füßen auf den Pfülmen, als der Fremde eintrat, sein schweres Felleisen abstellte und unverweilt anfing, sich auszuziehen, da er müde war. Jobst schnellte blitzschnell herum und streckte sich steif an seinen ursprünglichen Platz an der Wand, und er dachte: »Der wird bald wieder ausreißen, da es Sommer ist und lieblich zu wandern!« In dieser Hoffnung ergab er sich mit stillen Seufzern in sein Schicksal und war der nächtlichen Rippenstöße und des Streites um die Decke gewärtig, die es nun absetzen würde. Aber wie erstaunt war er, als der Neuangekommene, obgleich es ein Baier war, sich mit höflichem Gruße zu ihm ins Bett legte, sich eben so friedlich und manierlich, wie er selbst, am andern Ende des Bettes verhielt und ihn während der ganzen Nacht nicht im mindesten belästigte. Dies unerhörte Abenteuer brachte ihn so um alle Ruhe, daß er, während der Baier wohlgemuth schlief, diese Nacht kein Auge zuthat. Am Morgen betrachtete er den wundersamen Schlafgefährten mit äußerst aufmerksamen Mienen und sah, daß es ein ebenfalls nicht mehr junger Geselle war, der sich mit anständigen Worten nach den Umständen und dem Leben hier erkundigte, ganz in der Weise, wie er es etwa selbst gethan haben würde. Sobald er dies nur bemerkte, hielt er an sich und verschwieg die einfachsten Dinge, wie ein großes Geheimniß, trachtete aber dagegen das Geheimniß des Baiers zu ergrün¬ den; denn daß derselbe ebenfalls eines besaß, war ihm von weitem anzusehen; wozu sollte er sonst ein so verständiger, sanftmüthiger und ge¬ wiegter Mensch sein, wenn er nicht irgend etwas heimliches, sehr vortheilhaftes vorhatte? Nun suchten sie sich gegenseitig die Würmer aus der Nase zu ziehen, mit der größten Vorsicht und Friedfertigkeit, in halben Worten und auf an¬ muthigen Umwegen. Keiner gab eine vernünftige klare Antwort und doch wußte nach Verlauf einiger Stunden jeder, daß der Andere nichts mehr oder minder, als sein vollkommner Doppel¬ gänger sei. Als im Lauf des Tages Fridolin der Baier mehrmals nach der Kammer lief und sich dort zu schaffen machte, nahm Jobst die Gelegenheit wahr, auch einmal hinzuschleichen, als jener bei der Arbeit saß, und durchmusterte im Fluge die Habseligkeiten Fridolins; er ent¬ deckte aber nichts weiter, als fast die gleichen Siebensächelchen, die er selbst besaß, bis auf die hölzerne Nadelbüchse, welche aber hier einen Fisch vorstellte, während Jobst scherzhafter Weise ein kleines Wickelkindchen besaß, und statt einer zer¬ rissenen französischen Sprachlehre für das Volk, welche Jobst bisweilen durchblätterte, war bei dem Baier ein gut gebundenes Büchlein zu fin¬ den, betitelt: Die kalte und warme Küpe, ein unentbehrliches Handbuch für Blaufärber. Darin war aber mit Bleistift geschrieben: Unterfand für die 3 Kreizer, welche ich dem Nassauer geborgt. Hieraus schloß er, daß es ein Mann war, der das Seinige zusammenhielt, und spähete unwill¬ kührlich am Boden herum, und bald entdeckte er eine Fliese, die ihm gerade so vorkam, als ob sie kürzlich herausgenommen wäre und unter der¬ selben lag auch richtig ein Schatz in ein altes halbes Schnupftuch und mit Zwirn umwickelt, fast ganz so schwer wie der seinige, welcher zum Unterschied in einem zugebundenen Socken steckte. Zitternd drückte er die Backsteinplatte wieder zurecht, zitternd aus Aufregung und Bewunderung der fremden Größe und aus tiefer Sorge um sein Geheimniß. Stracks lief er hinunter in die Werk¬ statt und arbeitete, als ob es gälte, die Welt mit Kämmen zu versehen, und der Baier arbeitete, als ob der Himmel noch dazu gekämmt werden müßte. Die nächsten acht Tage bestätigten durch¬ aus diese erste gegenseitige Auffassung; denn war Jobst fleißig und genügsam, so war Fridolin thätig und enthaltsam mit den gleichen bedenkli¬ chen Seufzern über das Schwierige solcher Tu¬ gend; war aber Jobst heiter und weise, so zeigte sich Fridolin spaßhaft und klug; war jener be¬ scheiden, so war dieser demüthig, jener schlau und ironisch, dieser durchtrieben und beinahe satyrisch, und machte Jobst ein friedlich einfältiges Gesicht zu einer Sache, die ihn ängstigte, so sah Frido¬ lin unübertrefflich wie ein Esel aus. Es war nicht sowohl ein Wettkampf, als die Übung wohl¬ bewußter Meisterschaft, die sie beseelte, wobei keiner verschmähte, sich den andern zum Vorbild zu nehmen und ihm die feinsten Züge eines voll¬ kommenen Lebenswandels, die ihm etwa noch fehlten, nachzuahmen. Sie sahen sogar so ein¬ trächtig und verständnißinnig aus, daß sie eine gemeinsame Sache zu machen schienen, und glichen so zwei tüchtigen Helden, die sich ritterlich ver¬ tragen und gegenseitig stählen, ehe sie sich befeh¬ den. Aber nach kaum acht Tagen kam abermals einer zugereis't, ein Schwabe, Namens Dietrich, worüber die Beiden eine stillschweigende Freude empfanden, wie über einen lustigen Maßstab, an welchem ihre stille Größe sich messen konnte, und sie gedachten das arme Schwäbchen, welches ge¬ wiß ein rechter Taugenichts war, in die Mitte zwischen ihre Tugenden zu nehmen, wie zwei Löwen ein Äffchen, mit dem sie spielen. Aber wer beschreibt ihr Erstaunen, als der Schwabe sich gerade so benahm, wie sie selbst, und sich die Erkennung, die zwischen ihnen vor¬ gegangen, noch einmal wiederholte zu Dritt, wodurch sie nicht nur dem Dritten gegenüber in eine unverhoffte Stellung geriethen, sondern sie selbst unter sich in eine ganz veränderte Lage kamen. Schon als sie ihn im Bette zwischen sich nahmen, zeigte sich der Schwabe als vollkommen ebenbürtig und lag wie ein Schwefelholz so strack und ruhig, so daß immer noch ein bischen Raum zwischen jedem der Gesellen blieb und das Deck¬ bett auf ihnen lag, wie ein Papier auf drei Häringen. Die Lage wurde nun ernster und indem alle drei gleichmäßig sich gegenüberstanden, wie die Winkel eines gleichseitigen Dreieckes, und kein vertrauliches Verhältniß mehr zwischen zweien möglich war, kein Waffenstillstand oder anmuthi¬ ger Wettstreit, waren sie allen Ernstes beflissen, einander aus dem Bett und dem Haus hinaus zu dulden. Als der Meister sah, daß diese drei Käuze sich alles gefallen ließen, um nur da zu bleiben, brach er ihnen an Lohn ab und gab ihnen geringere Kost; aber desto fleißiger arbei¬ teten sie und setzten ihn in den Stand, große Vorräthe von billigen Waaren in Umlauf zu bringen und vermehrten Bestellungen zu genügen, also daß er ein Heidengeld durch die stillen Ge¬ sellen verdiente und eine wahre Goldgrube an ihnen besaß. Er schnallte sich den Gurt um einige Löcher weiter und spielte eine große Rolle in der Stadt, während die thörichten Arbeiter in der dunklen Werkstatt Tag und Nacht sich abmühten und sich gegenseitig hinausarbeiten woll¬ ten. Dietrich, der Schwabe, welcher der jüngste war, erwies sich als ganz vom gleichen Holze geschnitten, wie die zwei andern, nur besaß er noch keine Ersparniß, denn er war noch zu wenig gereist. Dies wäre ein bedenklicher Umstand für ihn gewesen, da Jobst und Fridolin einen zu großen Vorsprung gewannen, wenn er nicht als ein erfindungsreiches Schwäblein eine neue Zaubermacht heraufbeschworen hätte, um den Vortheil der andern aufzuwiegen. Da sein Ge¬ müth nämlich von jeglicher Leidenschaft frei war, so frei wie dasjenige seiner Nebengesellen, außer von der Leidenschaft, gerade hier und nirgends anders sich anzusiedeln und den Vortheil wahr¬ zunehmen, so erfand er den Gedanken, sich zu verlieben und um die Hand einer Person zu werben, welche ungefähr so viel besaß, als der Sachse und der Baier unter den Fliesen liegen hatten. Es gehörte zu den besseren Eigenthüm¬ lichkeiten der Seldwyler, daß sie um einiger Mittel willen keine häßlichen oder unliebenswür¬ digen Frauen nahmen; in große Versuchung geriethen sie ohnehin nicht, da es in ihrer Stadt keine reichen Erbinnen gab, weder schöne noch unschöne, und so behaupteten sie wenigstens die Tapferkeit, auch die kleineren Brocken zu verschmä¬ hen und sich lieber mit lustigen und hübschen Wesen zu verbinden, mit welchen sie einige Jahre Staat machen konnten. Daher wurde es dem ausspähenden Schwaben nicht schwer, sich den Weg zu einer tugendhaften Jungfrau zu bahnen, welche in derselben Straße wohnte und von der er, im klugen Gespräche mit alten Weibern, in Erfahrung gebracht, daß sie einen Gültbrief von siebenhundert Gulden ihr Eigenthum nenne. Dies war Züs Bünzlin, eine Tochter von acht und zwanzig Jahren, welche mit ihrer Mutter, der Wäscherin, zusammen lebte, aber über jenes väterliche Erbtheil unbeschränkt herrschte. Sie hatte den Brief in einer kleinen lackirten Lade liegen, wo sie auch die Zinsen davon, ihren Taufzettel, ihren Confirmationsschein und ein bemaltes und vergoldetes Osterei bewahrte; fer¬ ner ein halbes Dutzend silberne Theelöffel, ein Vaterunser mit Gold auf einen rothen durchsich¬ tigen Glasstoff gedruckt, den sie Menschenhaut nannte, einen Kirschkern, in welchen das Leiden Christi geschnitten war und eine Büchse aus durchbrochenem und mit rothem Tafft unterlegten Elfenbein, in welcher ein Spiegelchen war und ein silberner Fingerhut; ferner war darin ein anderer Kirschkern, in welchem ein winziges Ke¬ gelspiel klapperte, eine Nuß, worin eine kleine Muttergottes hinter Glas lag, wenn man sie öffnete, ein silbernes Herz, worin ein Riech¬ schwämmchen steckte, und eine Bonbonbüchse aus Zitronenschaale, auf deren Deckel eine Erdbeere gemalt war, und in welcher eine goldene Steck¬ nadel auf Baumwolle lag, die ein Vergißmein¬ nicht vorstellte, und ein Medaillon mit einem Monument von Haaren; ferner ein Bündel ver¬ gilbter Papiere mit Recepten und Geheimnissen, ein Fläschchen mit Hoffmannstropfen, ein ande¬ res mit kölnischem Wasser und eine Büchse mit Moschus; eine andere, worin ein Endchen Mar¬ derdreck lag, und ein Körbchen aus wohlriechen¬ den Halmen geflochten, so wie eines, aus Glas¬ perlen und Gewürznägelein zusammengesetzt; end¬ lich ein kleines Buch, in himmelblaues geripptes Papier gebunden mit silbernem Schnitt, betitelt: Goldene Lebensregeln für die Jungfrau als Braut, Gattin und Mutter; und ein Traum¬ büchlein, ein Briefsteller, fünf oder sechs Liebes¬ briefe und ein Schnepper zum Aderlassen; denn einst hatte sie ein Verhältniß mit einem Bar¬ biergesellen oder Chirurgiegehülfen gepflogen, welchen sie zu ehelichen gedachte, und da sie eine geschickte und überaus verständige Person war, so hatte sie von ihrem Liebhaber gelernt, die Ader zu schlagen, Blutigel und Schröpfköpfe anzusetzen und dergleichen mehr und konnte ihn selbst sogar schon rasiren. Allein er hatte sich als ein unwürdiger Mensch gezeigt, bei welchem leichtlich ihr ganzes Lebensglück auf's Spiel gesetzt war, und so hatte sie mit trauriger aber weiser Entschlossenheit das Verhältniß gelös't. Die Geschenke wurden von beiden Seiten zurück¬ gegeben mit Ausnahme des Schneppers; diesen vorenthielt sie als ein Unterpfand für einen Gul¬ den und acht und vierzig Kreuzer, welche sie ihm einst baar geliehen; der Unwürdige behauptete aber, solche nicht schuldig zu sein, da sie das Geld ihm bei Gelegenheit eines Balles in die Hand gegeben, um die Auslagen zu bestrei¬ ten, und sie hätte zweimal so viel verzehrt, als er. So behielt er den Gulden und die acht und vierzig Kreuzer und sie den Schnepper, mit welchem sie unter der Hand allen Frauen ihrer Bekanntschaft Ader ließ und manchen schönen Batzen verdiente. Aber jedesmal, wenn sie das Instrument gebrauchte, mußte sie, mit Schmerzen der niedrigen Gesinnungsart dessen gedenken, der ihr so nahe gestanden und beinahe ihr Gemahl geworden wäre! Dies Alles war in der lackirten Lade ent¬ halten, wohl verschlossen, und diese war wiederum in einem alten Nußbaumschrank aufgehoben, dessen Keller, die Leute von Seldwyla. 25 Schlüssel die Züs Bünzlin allfort in der Tasche trug. Die Person selbst hatte dünne röthliche Haare und wasserblaue Augen, welche nicht ohne Reiz waren und zuweilen sanft und weise zu blicken wußten; sie besaß eine große Menge Kleider, von denen sie nur wenige und stets die ältesten trug, aber immer war sie sorgsam und reinlich angezogen, und eben so sauber und auf¬ geräumt sah es in der Stube aus. Sie war sehr fleißig und half ihrer Mutter bei ihrer Wäscherei, indem sie die feineren Sachen plättete und die Hauben und Manschetten der Seldwy¬ lerinnen wusch, womit sie einen schönen Pfennig gewann; von dieser Thätigkeit mochte es auch kommen, daß sie allwöchentlich die Tage hindurch, wo gewaschen wurde, jene strenge und gemessene Stimmung inne hielt, welche die Weiber immer während einer Wäsche befällt, und daß diese Stimmung sich in ihr festsetzte ein für allemal an diesen Tagen; erst wenn das Glätten anging, griff eine größere Heiterkeit Platz, welche bei Züsi aber jederzeit mit Weisheit gewürzt war. Den gemessenen Geist beurkundete auch die Hauptzierde der Wohnung, ein Kranz von vier¬ eckigen, genau abgezirkelten Seifenstücken, welche rings auf das Gesimse des Tannengetäfels gelegt waren zum Hartwerden, behufs besserer Nutznie¬ ßung. Diese Stücke zirkelte ab und schnitt aus den frischen Tafeln mittelst eines Messingdrahtes jederzeit Züs selbst. Der Draht hatte zwei Queerhölzchen an den Enden zum bequemen Anfassen und Durchschneiden der weichen Seife, einen schönen Zirkel aber zum Eintheilen hatte ihr ein Zeugschmidtgesell verfertigt und geschenkt, mit welchem sie einst so gut wie versprochen war. Von demselben rührte auch ein blanker kleiner Gewürzmörser her, welcher das Gesimse ihres Schrankes zierte zwischen der blauen Thee¬ kanne und dem bemalten Blumenglas; schon lange war ein solches artiges Mörserchen ihr Wunsch gewesen, und der aufmerksame Zeug¬ schmied kam daher wie gerufen, als er an ihrem Namenstage damit erschien und auch was zum Stoßen mitbrachte: eine Schachtel voll Zimmet, Zucker, Nägelein und Pfeffer. Den Mörser hing er dazumal vor der Stubenthüre, ehe er eintrat, mit dem einen Henkel an den kleinen Finger, und hub mit dem Stößel ein schönes Geläute 25 * an, wie mit einer Glocke, so daß es ein fröhlicher Morgen ward. Aber kurz darauf entfloh der falsche Mensch aus der Gegend und ließ nie wieder von sich hören. Sein Meister verlangte obenein noch den Mörser zurück, da der Entflo¬ hene ihn seinem Laden entnommen aber nicht bezahlt habe. Aber Züs Bünzlin gab das werthe Andenken nicht heraus, sondern führte einen tapfern und heftigen kleinen Proceß darum, den sie selbst vor Gericht vertheidigte auf Grund¬ lage einer Rechnung für gewaschene Vorhemden des Entwichenen. Dies waren, als sie den Streit um den Mörser führen mußte, die bedeut¬ samsten und schmerzhaftesten Tage ihres Lebens, da sie mit ihrem tiefen Verstande die Dinge und besonders das Erscheinen vor Gericht um solch' zarter Sache willen viel lebendiger begriff und empfand, als andere leichtere Leute. Doch erstritt sie den Sieg und behielt den Mörser. Wenn aber die zierliche Seifengallerie ihre Werkthätigkeit und ihren exacten Sinn verkün¬ dete, so pries nicht minder ihren erbaulichen und geschulten Geist ein Häufchen unterschiedlicher Bücher, welches am Fenster ordentlich aufgeschich¬ tet lag und in denen sie des Sonntags fleißig las. Sie besaß noch alle ihre Schulbücher seit vielen Jahren her und hatte auch nicht Eines verloren, sowie sie auch noch die ganze kleine Gelehrsamkeit im Gedächtniß trug, und sie wußte noch den Katechismus auswendig, wie das De¬ klinirbuch, das Rechenbuch, wie das Geographie¬ buch, die biblische Geschichte und die weltlichen Lesebücher; auch besaß sie einige der hübschen Geschichten von Christoph Schmid und dessen kleine Erzählungen mit den artigen Spruchversen am Ende, wenigstens ein halbes Dutzend ver¬ schiedene Schatzkästlein und Rosengärtchen zum Aufschlagen, eine Sammlung Kalender voll be¬ währter mannigfacher Erfahrung und Weisheit, einige merkwürdige Prophezeiungen, eine Anlei¬ tung zum Kartenschlagen, ein Erbauungsbuch auf alle Tage des Jahres für denkende Jungfrauen und ein altes Exemplar von Schillers Räubern, welches sie so oft las, als sie glaubte es ge¬ nugsam vergessen zu haben, und jedesmal wurde sie von Neuem gerührt, hielt aber sehr verstän¬ dige und sichtende Reden darüber. Alles, was in diesen Büchern stand, hatte sie auch im Kopfe und wußte auf das Schönste darüber und über noch viel mehr zu sprechen. Wenn sie zufrieden und nicht zu sehr beschäftigt war, so ertönten unaufhörliche Reden aus ihrem Munde und alle Dinge wußte sie heimzuweisen und zu beurtheilen und Jung und Alt, Hoch und Niedrig, Gelehrt und Ungelehrt mußte von ihr lernen und sich ihrem Urtheile unterziehen, wenn sie lächelnd oder sinnig erst ein Weilchen aufgemerkt hatte, worum es sich handle; sie sprach zuweilen so viel und so salbungsvoll, wie eine gebildete Blinde, die nichts von der Welt sieht und deren einziger Genuß ist, sich selbst reden zu hören. Von der Stadtschule her und aus dem Konfir¬ mationsunterrichte hatte sie die Übung ununter¬ brochen beibehalten, Aufsätze und geistliche Me¬ morirungen und allerhand spruchweise Schemata zu schreiben, und so verfertigte sie zuweilen an stillen Sonntagen die wunderbarsten Aufsätze, in¬ dem sie an irgend einen wohlklingenden Titel, den sie gehört oder gelesen, die sonderbarsten und unsinnigsten Sätze anreihte, ganze Bogen voll, wie sie ihrem seltsamen Gehirn entsprangen, wie z. B. Über das Nutzbringende eines Krankenbet¬ tes, über den Tod, über die Heilsamkeit des Entsagens, über die Größe der sichtbaren Welt und das Geheimnißvolle der unsichtbaren, über das Landleben und dessen Freuden, über die Na¬ tur, über die Träume, über die Liebe, Einiges über das Erlösungswerk Christi, drei Punkte über die Selbstgerechtigkeit, Gedanken über die Un¬ sterblichkeit. Sie las ihren Freunden und An¬ betern diese Arbeiten laut vor und wem sie recht wohlwollte, dem schenkte sie einen oder zwei solcher Aufsätze und der mußte sie in die Bibel legen, wenn er eine hatte. Diese ihre geistige Seite hatte ihr einst die tiefe und aufrichtige Neigung eines jungen Buchbindergesellen zuge¬ zogen, welcher alle Bücher las, die er einband, und ein strebsamer, gefühlvoller und unerfahre¬ ner Mensch war. Wenn er sein Waschbündel zu Züsis Mutter brachte, dünkte er im Himmel zu sein, so wohl gefiel es ihm, solche herrliche Reden zu hören, die er sich selbst schon so oft idealisch gedacht aber nicht auszustoßen getraut hatte. Schüchtern und ehrerbietig näherte er sich der abwechselnd strengen und beredten Jung¬ frau, und sie gewährte ihm ihren Umgang und band ihn an sich während eines Jahres, aber nicht ohne ihn ganz in den Schranken klarer Hoffnungslosigkeit zu halten, die sie mit sanfter, aber unerbittlicher Hand vorzeichnete. Denn da er neun Jahre jünger war als sie, arm wie eine Maus und ungeschickt zum Erwerb, der für einen Buchbinder in Seldwyla ohnehin nicht er¬ heblich war, weil die Leute da nicht lasen und wenig Bücher binden ließen, so verbarg sie sich keinen Augenblick die Unmöglichkeit einer Vereini¬ gung und suchte nur seinen Geist auf alle Weise an ihrer eigenen Entsagungsfähigkeit heranzubil¬ den und in einer Wolke von buntscheckigen Phra¬ sen einzubalsamiren. Er hörte ihr andächtig zu und wagte zuweilen selbst einen schönen Ausspruch, den sie ihm aber, kaum geboren, todtmachte mit einem noch schöneren; dies war das geistigste und edelste ihrer Jahre, durch keinen gröberen Hauch getrübt, und der junge Mensch band ihr während derselben alle ihre Bücher neu ein, und bauete überdies während vieler Nächte und vieler Feiertage ein kunstreiches und kostbares Denkmal seiner Verehrung. Es war ein großer chinesischer Tempel aus Papparbeit mit unzähligen Behältern und geheimen Fächern, den man in vielen Stücken auseinander nehmen konnte. Mit den feinsten farbigen und gepreßten Papieren war er beklebt und überall mit Goldbördchen geziert. Spiegel¬ wände und Säulen wechselten ab und hob man ein Stück ab oder öffnete ein Gelaß, so erblickte man neue Spiegel und verborgene Bilderchen, Blumenbouquets und liebende Pärchen; an den ausgeschweiften Spitzen der Dächer hingen all¬ wärts kleine Glöcklein. Auch ein Uhrgehäuse für eine Damenuhr war angebracht mit schönen Häckchen an den Säulen, um die goldene Kette daran zu henken und an dem Gebäude hin und herzuschlängeln; aber bisjetzt hatte sich noch kein Uhrenmacher genähert, welcher eine Uhr, und kein Goldschmied, welcher eine Kette auf diesen Altar gelegt hätte. Eine unendliche Mühe und Kunst¬ fertigkeit war an diesem sinnreichen Tempel ver¬ schwendet und der geometrische Plan nicht min¬ der mühevoll, als die saubere genaue Arbeit. Als das Denkmal eines schön verlebten Jahrs fertig war, ermunterte Züs Bünzlin den guten Buchbinder, mit Bezwingung ihrer selbst, sich nun loszureißen und seinen Stab weiter zu setzen, da ihm die Welt offen stehe und ihm, nachdem er in ihrem Umgange, in ihrer Schule so sehr sein Herz veredelt habe, gewiß noch das schönste Glück lachen werde, während sie ihn nie ver¬ gessen und sich der Einsamkeit ergeben wolle. Er weinte wahrhaftige Thränen, als er sich so schicken ließ und aus dem Städtlein zog. Sein Werk dagegen thronte seitdem auf Züsis altvä¬ terischer Komode, von einem meergrünen Gaze¬ schleier bedeckt, dem Staub und allen unwürdigen Blicken entzogen. Sie hielt es so heilig, daß sie es ungebraucht und neu erhielt und gar nichts in die Behältnisse steckte, auch nannte sie den Urheber desselben in der Erinnerung Emanuel, während er Veit geheißen, und sagte Jedermann, nur Emanuel habe sie verstanden und ihr Wesen erfaßt. Nur ihm selber hatte sie das selten zu¬ gestanden, sondern ihn in ihrem strengen Sinne kurz gehalten und zur höheren Anspornung ihm häufig gezeigt, daß er sie am wenigsten verstehe, wenn er sich am meisten einbilde, es zu thun. Dagegen spielte er ihr auch einen Streich, und legte in einem doppelten Boden, auf dem inner¬ sten Grunde des Tempels, den allerschönsten Brief, von Thränen benetzt, worin er eine un¬ sägliche Betrübniß, Liebe, Verehrung und ewige Treue aussprach, und in so hübschen und unbe¬ fangenen Worten, wie sie nur das wahre Ge¬ fühl findet, welches sich in eine Vexirgasse ver¬ rannt hat. So schöne Dinge hatte er gar nie ausgesprochen, weil sie ihn niemals zu Worte kommen ließ. Da sie aber keine Ahnung hatte von dem verborgenen Schatze, so geschah es hier, daß das Schicksal gerecht war und eine falsche Schöne das nicht zu Gesicht bekam, was sie nicht zu sehen verdiente. Auch war es ein Symbol, daß sie es war, welche das thörichte, aber in¬ nige und aufrichtig gemeinte Wesen des Buch¬ binders nicht verstanden. Schon lange hatte sie das Leben der drei Kammmacher gelobt und dieselben drei gerechte und verständige Männer genannt; denn sie hatte sie wohl beobachtet. Als daher Dietrich der Schwabe begann, sich länger bei ihr aufzuhalten, wenn er sein Hemde brachte oder holte, und ihr den Hof zu machen, benahm sie sich freundschaft¬ lich gegen ihn und hielt ihn mit trefflichen Ge¬ sprächen stundenlang bei sich fest, und Dietrich redete ihr voll Bewunderung nach dem Munde, so stark er konnte; und sie vermochte ein tüch¬ tiges Lob zu ertragen, ja sie liebte den Pfeffer desselben um so mehr, je stärker er war, und wenn man ihre Weisheit pries, hielt sie sich möglichst still, bis man das Herz geleert, wor¬ auf sie mit erhöhter Salbung den Faden auf¬ nahm und das Gemälde da und dort ergänzte, das man von ihr entworfen. Nicht lange war Dietrich bei Züs aus und eingegangen, so hatte sie ihm auch schon den Gültbrief gezeigt, und er war voll guter Dinge und that gegen seine Gefährten so heimlich, wie Einer, der das Per¬ petuum mobile erfunden hat. Jobst und Frido¬ lin kamen ihm jedoch bald auf die Spur und erstaunten über seinen tiefen Geist und über seine Gewandtheit. Jobst besonders schlug sich förm¬ lich vor den Kopf; denn schon seit Jahren ging er ja auch in das Haus und noch nie war ihm eingefallen, etwas anderes da zu suchen, als seine Wäsche; er haßte vielmehr die Leute beinahe, weil sie die einzigen waren, bei welchen er ei¬ nige baare Pfennige herausklauben mußte all¬ wöchentlich. An eine eheliche Verbindung pflegte er nie zu denken, weil er unter einer Frau nichts anderes denken konnte, als ein Wesen, das et¬ was von ihm wollte, was er nicht schuldig sei, und etwas von Einer selbst zu wollen, was ihm nützlich sein könnte, fiel ihm auch nicht ein, da er nur sich selbst vertraute und seine kurzen Ge¬ danken nicht über den nächsten und allerengsten Kreis seines Geheimnisses hinausgingen. Aber jetzt galt es, dem Schwäbchen den Rang abzu¬ laufen, denn dieses konnte mit den siebenhun¬ dert Gulden der Jungfer Züs schlimme Geschich¬ ten aufstellen, wenn es sie erhielt, und die sie¬ benhundert Gulden selbst bekamen auf einmal einen verklärten Glanz und Schimmer in den Augen des Sachsen wie des Baiers. So hatte Dietrich, der erfindungsreiche, nur ein Land ent¬ deckt, welches alsobald Gemeingut wurde und theilte das herbe Schicksal aller Entdecker; denn die zwei andern folgten sogleich seiner Fährte und stellten sich ebenfalls bei Züs Bünzlin auf, und diese sah sich von einem ganzen Hof ver¬ ständiger und ehrbarer Kammmacher umgeben. Das gefiel ihr ausnehmend wohl; noch nie hatte sie mehrere Verehrer auf einmal besessen, wes¬ halb es eine neue Geistesübung für sie ward, diese drei mit der größten Klugheit und Unpar¬ teilichkeit zu behandeln und im Zaume zu halten und sie so lange mit wunderbaren Reden zur Entsagung und Uneigennützigkeit aufzumuntern, bis der Himmel über das Unabänderliche etwas entschiede. Denn da Jeder von ihnen ihr ins¬ besondere sein Geheimniß und seinen Plan ver¬ traut hatte, so entschloß sie sich auf der Stelle, denjenigen zu beglücken, welcher sein Ziel er¬ reiche und Inhaber des Geschäftes würde. Den Schwaben, welcher es nur durch sie werden konnte, schloß sie aber davon aus und nahm sich vor, diesen jedenfalls nicht zu heirathen; weil er aber der jüngste, klügste und liebens¬ würdigste der Gesellen war, so gab sie ihm durch manche stille Zeichen noch am ehesten einige Hoff¬ nung und spornte durch die Freundlichkeit, mit welcher sie ihn besonders zu beaufsichtigen und zu regieren schien, die anderen zu größerem Eifer an, so daß dieser arme Columbus, der das schöne Land erfunden hatte, vollständig der Narr im Spiele ward. Alle drei wetteiferten mit ein¬ ander in der Ergebenheit, Bescheidenheit und Verständigkeit und in der anmuthigen Kunst, sich von der gestrengen Jungfrau im Zaume halten zu lassen und sie ohne Eigennutz zu bewundern, und wenn die ganze Gesellschaft bei einander war, glich sie einem seltsamen Konventikel, in welchem die sonderbarsten Reden geführt wurden. Trotz aller Frömmigkeit und Demuth geschah es doch alle Augenblicke, daß Einer oder der An¬ dere, vom Lobpreisen der gemeinsamen Herrin plötzlich abspringend, sich selbst zu loben und herauszustreichen versuchte und sich, sanft von ihr zurechtgewiesen, beschämt unterbrochen sah oder anhören mußte, wie sie ihm die Tugenden der Übrigen entgegenhielt, die er eiligst anerkannte und hervorhob. Aber dies war ein strenges Leben für die armen Kammmacher; so kühl sie von Gemüth waren, gab es doch, seit einmal ein Weib im Spiele, ganz ungewohnte Erregungen der Eifer¬ sucht, der Besorgniß, der Furcht und der Hoff¬ nung; sie rieben sich in Arbeit und Sparsamkeit beinahe auf und magerten sichtlich ab; sie wur¬ den schwermüthig und während sie vor den Leu¬ ten und besonders bei Züs sich der friedlichsten Beredtsamkeit beflissen, sprachen sie, wenn sie zusammen bei der Arbeit oder in ihrer Schlaf¬ kammer saßen, kaum ein Wort mit einander und legten sich seufzend in ihr gemeinschaft¬ liches Bett, noch immer so still und verträglich wie drei Bleistifte. Ein und derselbe Traum schwebte allnächtlich über dem Kleblatt, bis er einst so lebendig wurde, daß Jobst an der Wand sich herumwarf und den Dietrich anstieß; Die¬ trich fuhr zurück und stieß den Fridolin, und nun brach in den schlummertrunkenen Gesellen ein wilder Groll aus und in dem Bette der schreck¬ barste Kampf, indem sie während drei Minuten sich so heftig mit den Füßen stießen, traten und ausschlugen, daß alle sechs Beine sich in einan¬ der verwickelten und der ganze Knäuel unter furchtbarem Geschrei aus dem Bette purzelte. Sie glaubten, völlig erwachend, der Teufel wolle sie holen, oder es seien Räuber in die Kammer gebrochen; sie sprangen schreiend auf, Jobst stellte sich auf seinen Stein, Fridolin eiligst auf seinen und Dietrich auf denjenigen, unter welchem sich bereits auch seine kleine Ersparniß angesetzt hatte, und indem sie so in einem Dreieck standen, zit¬ terten und mit den Armen vor sich hin in die Luft schlugen, schrien sie Zeter Mordio und rie¬ fen: Geh' fort! Geh' fort! bis der erschreckte Meister in die Kammer drang und die tollen Gesellen beruhigte. Zitternd vor Furcht, Groll und Scham zugleich krochen sie endlich wieder ins Bett und lagen lautlos neben einander bis zum Morgen. Aber der nächtliche Spuck war nur ein Vorspiel gewesen eines größeren Schreckens, der sie jetzt erwartete, als der Meister ihnen beim Frühstück eröffnete, daß er nicht mehr drei Arbeiter brauchen könne und daher zwei von ih¬ nen wandern müßten. Sie hatten nämlich des Guten zu viel gethan und so viel Waare zu¬ weg gebracht, daß ein Theil davon liegen blieb, indeß der Meister den vermehrten Erwerb dazu verwendet hatte, das Geschäft, als es auf dem Gipfelpunkt stand, um so rascher rückwärts zu bringen und ein solch lustiges Leben führte, daß er bald doppelt so viel Schulden hatte, als er einnahm. Daher waren ihm die Gesellen, so fleißig und enthaltsam sie auch waren, plötz¬ lich eine überflüssige Last. Er sagte ihnen zum Trost, daß sie ihm alle drei gleich lieb und werth Keller, die Leute von Seldwyla. 26 wären und es ihnen überließe, unter sich aus¬ zumachen, welcher dableiben und welche wandern sollten. Aber sie machten nichts aus, sondern standen da bleich wie der Tod und lächelten ei¬ ner den andern an; dann geriethen sie in eine furchtbare Aufregung, da dies die verhängni߬ vollste Stunde war; denn die Ankündigung des Meisters war ein sicheres Zeichen, daß er es nicht lange mehr treiben und das Kammfabrikchen endlich wieder käuflich würde. Also war das Ziel, nachdem sie Alle gestrebt, nahe und glänzte wie ein himmlisches Jerusalem, und zwei sollten vor den Thoren desselben umkehren und ihm den Rücken wenden. Ohne alle fürdere Rücksicht erklärte Jeder, da bleiben zu wollen, und wenn er ganz umsonst arbeiten müsse. Der Meister konnte aber auch dies nicht brauchen und ver¬ sicherte sie, daß zwei von ihnen jedenfalls gehen müßten; sie fielen ihm zu Füßen, sie rangen die Hände, sie beschworen ihn und Jeder bat insbesondere für sich, daß er ihn behalten möchte, nur noch zwei Monate, nur noch vier Wochen. Allein er wußte wohl, worauf sie spekulirten, ärgerte sich darüber und machte sich mit ihnen lustig, indem er plötzlich einen spaßhaften Aus¬ weg vorschlug, wie sie die Sache entscheiden sollten. »Wenn ihr euch durchaus nicht einigen wollt, sagte er, welche von euch den Abschied wollen, so will ich euch die Weise angeben, wie ihr die Sache entscheidet, und so soll es dann sein und bleiben! Morgen ist Sonntag, da zahle ich euch aus, ihr packt euer Felleisen, ergreift euren Stab und wandert alle drei einträchtiglich zum Thore hinaus, eine gute halbe Stunde weit, auf welche Seite ihr wollt. Alsdann ruhet ihr euch aus und könnt auch einen Schoppen trin¬ ken, wenn ihr mögt, und habt ihr das gethan, so wandert ihr wieder in die Stadt herein und welcher dann der Erste sein wird, der mich von Neuem um Arbeit anspricht, den werde ich be¬ halten; die anderen aber werden unausbleiblich gehen, wo es ihnen beliebt!« Sie fielen ihm abermals zu Füßen und baten ihn, von diesem grausamen Vorhaben abzustehen, aber umsonst; er blieb fest und unerbittlich. Unversehens sprang der Schwabe auf und rannte wie besessen zum Hause hinaus und zu Züs Bünzlin hinüber; kaum gewahrten dies Jobst und der Baier, so unterbrachen sie ihr Lamentiren und rannten ihm nach, und die verzweifelte Szene war alsobald in die Wohnung der erschrockenen Jungfrau ver¬ legt. Diese war sehr betroffen und bewegt durch das unerwartete Abenteuer; doch faßte sie sich zuerst, und die Lage der Dinge überschauend, beschloß sie, ihr eigenes Schicksal an des Mei¬ sters wunderlichen Einfall zu knüpfen und be¬ trachtete diesen als eine höhere Eingebung; sie holte gerührt ein Schätzkästlein hervor und stach mit einer Nadel zwischen die Blätter, und der Spruch, welchen sie aufschlug, handelte vom un¬ entwegten Verfolgen eines guten Zieles. Dar¬ auf ließ sie die aufgeregten Gesellen aufschlagen, und alles, was diese aufschlugen, handelte vom eifrigen Wandel auf dem schmalen Wege, vom Vorwärtsgehen ohne Rückschauen, von einer Lauf¬ bahn, kurz vom Laufen und Rennen aller Art, so daß der morgende Wettlauf deutlich vom Him¬ mel vorgeschrieben schien. Da sie aber befürchtete, daß Dietrich als der Jüngste leicht am besten springen und die Palme erringen könnte, beschloß sie, selbst mit den drei Liebhabern auszuziehen und zu sehen, was etwa zu ihrem Vortheil zu machen wäre; denn sie wünschte, daß nur einer der zwei ältern Sieger würde, und es war ihr ganz gleichgültig, welcher. Sie befahl daher den Wehklagenden und sich Bezankenden Ruhe und Ergebung und sagte: »Wisset, meine Freunde, daß Nichts ohne Bedeutung geschieht, und so merkwürdig und ungewöhnlich die Zumuthung eures Meisters ist, so müssen wir sie doch als eine Fügung ansehen und uns mit einer höheren Weisheit, von welcher der muthwillige Mann nichts ahnt, dieser jähen Entscheidung unterwer¬ fen. Unser friedliches und verständiges Zusam¬ menleben ist zu schön gewesen, als daß es noch lange so erbaulich statt finden könnte; denn ach! alles Schöne und Ersprießliche ist ja so vergäng¬ lich und vorübergehend, und nichts besteht in die Länge, als das Übel, das Hartnäckige und die Einsamkeit der Seele, die wir alsdann mit unserer frommen Vernünftigkeit betrachten und beobachten. Daher wollen wir, ehe sich etwa ein böser Dämon des Zwiespaltes unter uns er¬ hebt, uns lieber vorher freiwillig trennen und auseinander scheiden, wie die lieben Frühlings¬ lüftlein, wenn sie ihren eilenden Lauf am Him¬ mel nehmen, ehe wir auseinander fahren wie der Sturmwind des Herbstes. Ich selbst will euch hinausbegleiten auf dem schweren Wege und zugegen sein, wenn ihr den Prüfungslauf an¬ tretet, damit ihr einen fröhlichen Muth fasset und einen schönen Antrieb hinter euch habt, wäh¬ rend vor euch das Ziel des Sieges winkt. Aber so wie der Sieger sich seines Glückes nicht über¬ heben wird, so sollen die, welche unterliegen, nicht verzagen und keinen Gram oder Groll von dannen nehmen, sondern unsers liebevollen An¬ denkens gewärtig sein und als vergnügte Wan¬ derjünglinge in die weite Welt ziehen; denn die Menschen haben viele Städte gebauet, welche so schön oder noch schöner sind, wie Seldwyla; Rom ist eine große merkwürdige Stadt, allwo der heilige Vater wohnt, und Paris ist eine gar mächtige Stadt mit vielen Seelen und herr¬ lichen Pallästen, und in Constantinopel herrscht der Sultan, von türkischem Glauben, und Lissa¬ bon, welches einst durch ein Erdbeben verschüttet ward, ist desto schöner wieder aufgebaut worden. Wien ist die Hauptstadt von Österreich und die Kaiserstadt genannt, und London ist die reichste Stadt der Welt, in Engelland gelegen, an ei¬ nem Fluß, der die Themse benannt wird. Zwei Millionen Menschen wohnen da! Petersburg aber ist die Haupt- und Residenzstadt von Rußland, so wie Neapel die Hauptstadt des Königreiches gleichen Namens, mit dem feuerspeienden Berg Vesuvius, auf welchem einst einem englischen Schiffshauptmann eine verdammte Seele erschie¬ nen ist, wie ich in einer merkwürdigen Reise¬ beschreibung gelesen habe, welche Seele einem gewissen John Smidt angehöret, der vor hun¬ dertundfunfzig Jahren ein gottloser Mann ge¬ wesen und nun besagtem Hauptmann einen Auf¬ trag ertheilte an seine Nachkommen in England, damit er erlöst würde; denn der ganze Feuerberg ist ein Aufenthalt der Verdammten, wie auch in des gelehrten Peter Haslers Traktatus über die muthmaßliche Gelegenheit der Hölle zu lesen ist. Noch viele andere Städte giebt es, wovon ich nur noch Mailand, Venedig, das ganz im Wasser gebaut ist, Lyon, Marseilingen, Stra߬ burg, Köllen und Amsterdam nennen will; Pa¬ ris hab' ich schon gesagt, aber noch nicht Nürn¬ berg, Augsburg und Frankfurt, Basel, Bern und Genf, alles schöne Städte, so wie das schöne Zürich, und weiterhin noch eine Menge, mit deren Aufzählung ich nicht fertig würde. Denn Alles hat seine Grenzen, nur nicht die Erfindungsgabe der Menschen, welche sich all¬ wärts ausbreiten und alles unternehmen, was ihnen nützlich scheint. Wenn sie gerecht sind, so wird es ihnen gelingen, aber der Ungerechte ver¬ gehet wie das Gras der Felder und wie ein Rauch. Viele sind erwählt, aber wenige sind berufen. Aus allen diesen Gründen, und in noch manch' anderer Hinsicht, die uns die Pflicht und die Tugend unseres reinen Gewissens auferlegen, wollen wir uns dem Schicksalsrufe unterziehen. Darum gehet und bereitet euch zur Wanderschaft, aber als gerechte und sanftmüthige Männer, die ihren Werth in sich tragen, wo sie auch hinge¬ hen, und deren Stab überall Wurzel schlägt, welche, was sie auch ergreifen mögen, sich sagen können: ich habe das bessere Theil erwählt!« Die Kammmacher wollten aber von Allem nichts hören, sondern bestürmten die kluge Züs, daß sie Einen von ihnen auserwählen und da¬ bleiben heißen solle, und Jeder meinte damit sich selbst. Aber sie hütete sich, eine Wahl zu treffen und kündigte ihnen ernsthaft und gebie¬ terisch an, daß sie ihr gehorchen müßten, an¬ sonst sie ihnen ihre Freundschaft auf immer ent¬ ziehen würde. Jetzt rannte Jobst, der älteste, wieder davon und in das Haus des Meisters hinüber, und spornstreichs rannten die anderen hinter ihm her, befürchtend, daß er dort etwas gegen sie unternähme, und so schossen sie den ganzen Tag umher, wie Sternschnuppen und wurden sich untereinander so zuwider wie drei Spinnen in einem Netz. Die halbe Stadt sah dies seltsame Schauspiel der verstörten Kamm¬ macher, die bislang so still und ruhig gewesen, und die alten Leute wurden darüber ängstlich und hielten die Erscheinung für ein unnatürliches Vorzeichen schwerer Begebenheiten. Gegen Abend wurden sie matt und erschöpft, ohne daß sie sich eines Besseren besonnen und zu etwas entschieden hatten, und legten sich zähneklappernd in das alte Bett; Einer nach dem Anderen kroch unter die Decke und lag da, wie vom Tode hingestreckt, in verwirrten Gedanken, bis ein heilsamer Schlaf 26* ihn umfing. Jobst war der erste, welcher in aller Frühe erwachte und sah, daß ein heiterer Frühlingsmorgen in die Kammer schien, in wel¬ cher er nun schon seit sechs Jahren geschlafen. So dürftig das Gemach aussah, so erschien es ihm doch wie ein Paradies, welches er verlassen sollte und zwar so ungerechter Weise. Er ließ seine Augen umhergehen an den Wänden und zählte alle die vertrauten Spuren von den vielen Gesellen, die hier schon gewohnt kürzere oder längere Zeit; hier hatte der seinen Kopf zu rei¬ ben gepflegt und einen dunklen Fleck verfertigt, dort hatte jener einen Nagel eingeschlagen, um seine Pfeife daran zu hängen, und das rothe Schnürchen hing noch daran. Welche gute Men¬ schen waren das gewesen, daß sie so harmlos wieder davon gegangen, während diese, welche neben ihm lagen, durchaus nicht weichen wollten. Dann heftete er sein Auge auf die Gegend zu¬ nächst seinem Gesichte, und betrachtete da die kleineren Gegenstände, welche er schon tausend Mal betrachtet, wenn er des Morgens oder am Abend noch bei Tageshelle im Bette lag und sich eines seligen, kostenfreien Daseins erfreute. Da war eine beschädigte Stelle in dem Bewurf, welche wie ein Land aussah mit Seen und Städten, und ein Häufchen von groben Sandkörnern stellte eine glückselige Inselgruppe vor; weiterhin er¬ streckte sich eine lange Schweinsborste, welche aus dem Pinsel gefallen und in der blauen Tünche stecken geblieben war; denn Jobst hatte im letzten Herbst einmal ein kleines Restchen solcher Tünche gefunden und damit es nicht umkommen sollte, eine Viertelswandseite damit angestrichen, so weit es reichen wollte, und zwar hatte er die Stelle bemalt, wo er zunächst im Bette lag. Jenseits der Schweinsborste aber ragte eine ganz geringe Erhöhung, wie ein kleines blaues Gebirge, wel¬ ches einen zarten Schlagschatten über die Borste weg nach den glückseligen Inseln hinüber warf. Über dies Gebirge hatte er schon den ganzen Winter gegrübelt, da es ihm dünkte, als ob es früher nicht dagewesen wäre. Wie er nun mit seinem traurigen, duselnden Auge dasselbe suchte und plötzlich vermißte, traute er seinen Sinnen kaum, als er statt desselben einen kleinen kahlen Fleck an der Mauer fand, dagegen sah, wie der winzige blaue Berg nicht weit davon sich bewegte und zu wandeln schien. Erstaunt fuhr Jobst in die Höhe, als ob er ein blaues Wunder sähe, und sah, daß es eine Wanze war, welche er also im vorigen Herbst achtlos mit der Farbe überstrichen, als sie schon in Erstar¬ rung dagesessen hatte. Jetzt aber war sie von der Frühlingswärme neu belebt, hatte sich auf¬ gemacht und stieg eben in diesem Augenblicke mit ihrem blauen Rücken unverdrossen die Wand hinan. Er blickte ihr gerührt und voll Verwun¬ derung nach; so lange sie im Blauen ging, war sie kaum von der Wand zu unterscheiden; als sie aber aus dem gestrichenen Bereich hinaus trat und die letzten vereinzelten Spritze hinter sich hatte, wandelte das gute himmelblaue Thier¬ chen weithin sichtbar seine Bahn durch die dunk¬ leren Bezirke. Wehmüthig sank Jobst in den Pfülmen zurück; so wenig er sich sonst aus der¬ gleichen machte, rührte diese Erscheinung doch jetzt ein Gefühl in ihm auf, als ob er doch auch endlich wieder wandern müßte, und es bedünkte ihm ein gutes Zeichen zu sein, daß er sich in das Unabänderliche ergeben und sich wenigstens mit gutem Willen auf den Weg machen solle. Durch diese ruhigeren Gedanken kehrte seine na¬ türliche Besonnenheit und Weisheit zurück, und indem er die Sache näher überlegte, fand er, daß wenn er sich ergebungsvoll und bescheiden anstelle, sich dem schwierigen Werke unterziehe und dabei sich zusammennehme und klug verhalte, er noch am ehesten über seine Nebenbuhler ob¬ siegen könne. Sachte stieg er aus dem Bette und begann, seine Sachen zu ordnen und vor allem seinen Schatz zu heben und zu unterst in das alte Felleisen zu verpacken. Darüber er¬ wachten sogleich seine Gefährten; wie diese sa¬ hen, daß er so gelassen sein Bündel schnürte, verwunderten sie sich sehr und noch mehr, als Jobst sie mit versöhnlichen Worten anredete und ihnen einen guten Morgen wünschte. Weiter ließ er sich aber nicht aus, sondern fuhr in sei¬ nem Geschäfte still und friedfertig fort. Sogleich, obschon sie nicht wußten, was er im Schilde führe, witterten sie eine Kriegslist in seinem Benehmen und ahmten es auf der Stelle nach, höchst aufmerksam auf Alles, was er ferner be¬ ginnen würde. Hierbei war es seltsam, wie sie alle drei zum ersten Mal offen ihre Schätze un¬ ter den Fliesen hervorholten und dieselben ohne sie zu zählen, in die Ranzen versorgten. Denn sie wußten schon lange, daß Jeder das Geheim¬ niß der übrigen kannte, und nach alter ehrlicher Weise mißtrauten sie sich nicht in der Weise, daß sie eine Verletzung des Eigenthums befürchteten und jeder wußte wohl, daß ihn die anderen nicht berauben würden, wie denn in den Schlafkam¬ mern der Handwerksgesellen, Soldaten und der¬ gleichen kein Verschluß und kein Mißtrauen be¬ steht. So waren sie unversehens zum Aufbruch ge¬ rüstet, der Meister zahlte ihnen den Lohn aus und gab ihnen ihre Wanderbücher, in welche von der Stadt und vom Meister die allerschönsten Zeugnisse geschrieben waren über ihre gute an¬ dauernde Führung und Vortrefflichkeit, und sie standen wehmuthsvoll vor der Hausthüre der Züs Bünzlin, in lange braune Röcke gekleidet mit alten verwaschenen Staubhemden darüber, und die Hüte, obgleich sie verjährt und abge¬ bürstet genug waren, sorglich mit Wachsleinwand überzogen. Hinten auf dem Felleisen hatte jeder ein kleines Wägelchen befestigt, um das Gepäck darauf zu ziehen, wenn es in's Weite ginge; sie dachten aber die Räder nicht zu brauchen, und deßwegen ragten dieselben hoch über ihrem Rücken. Jobst stützte sich auf einen ehrbaren Rohrstock, Fridolin auf einen roth und schwarz geflammten und gemalten Eschenstab, und Die¬ trich auf ein abenteuerliches Stockungeheuer, um welches sich ein wildes Geflecht von Zweigen wand. Er schämte sich aber beinahe dieses prah¬ lerischen Dinges, da es noch aus der ersten Wanderzeit herstammte, wo er bei weitem noch nicht so gesetzt und vernünftig gewesen wie jetzt. Viele Nachbaren und deren Kinder umstanden die ernsten drei Männer und wünschten ihnen Glück auf den Weg. Da erschien Züs unter der Thüre, mit feierlicher Miene, und zog an der Spitze der Gesellen gefaßten Muthes aus dem Thore. Sie hatte ihnen zu Ehren einen ungewöhnlichen Staat angelegt, trug einen großen Hut mit mächtigen gelben Bändern, ein rosa¬ farbenes Indiennekleid mit verschollenen Ausla¬ dungen und Verzierungen, eine schwarze Sam¬ metschärpe mit einer Tombackschnalle und rothe Saffianschuhe mit Fransen besetzt. Dazu trug sie einen grün seidenen großen Ritikül, welchen sie mit gedörrten Birnen und Pflaumen gefüllt hatte, und hielt ein Sonnenschirmchen ausge¬ spannt, auf welchem oben eine große Lyra aus Elfenbein stand. Sie hatte auch ihr Medaillon mit dem blonden Haardenkmal umgehängt und das goldene Vergißmeinnicht vorgesteckt und trug weiße gestrickte Handschuhe. Sie sah freundlich und zart aus in all' diesem Schmuck, ihr Ant¬ litz war leicht geröthet und ihr Busen schien sich höher als sonst zu heben, und die ausziehenden Nebenbuhler wußten sich nicht zu lassen vor Weh¬ muth und Betrübniß, denn die äußerste Lage der Dinge, der schöne Frühlingstag, der ihren Auszug beschien und Züsis Putz mischten in ihre gespannten Empfindungen fast etwas von dem, was man wirklich Liebe nennt. Vor dem Thore ermahnte aber die freundliche Jungfrau ihre Lieb¬ haber, die Felleisen auf die Räderchen zu stellen und zu ziehen, damit sie sich nicht unnöthiger Weise ermüdeten. Sie thaten es und als sie hinter dem Städtlein hinaus die Berge hinan fuhren, war es fast wie ein Artilleriewesen, das da hinauffuhrwerkte, um oben eine Batterie zu besetzen. Als sie eine gute halbe Stunde dahin gezogen, machten sie Halt auf einer anmuthigen Anhöhe, über welche ein Kreuzweg ging, und setzten sich unter eine Linde in einen Halbkreis, wo man eine weite Aussicht genoß und über Wälder, Seen und Ortschaften wegsah. Züs öffnete ihren Beutel und gab Jedem eine Hand¬ voll Birnen und Pflaumen, um sich zu erfrischen, und sie saßen so eine geraume Weile schweigend und ernst, nur mit den schnalzenden Zungen, wenn sie die süßen Früchte damit zerdrückten, ein sanftes Geräusch erregend. Dann begann Züs indem sie einen Pflau¬ menkern fortwarf und die davon gefärbten Fin¬ gerspitzen am jungen Grase abwischte, zu sprechen: »Lieben Freunde! Sehet, wie schön und weitläufig die Welt ist, rings herum voll herrlicher Sachen und voll Wohnungen der Menschen! Und dennoch wollte ich wetten, daß in dieser feierlichen Stunde nirgends in dieser weiten Welt vier so rechtfer¬ tige und gutartige Seelen bei einander versammelt sitzen, wie wir hier sind, so sinnreich und be¬ dachtsam von Gemüth, so zugethan allen arbeit¬ samen Übungen und Tugenden, der Eingezogenheit, Keller, die Leute von Seldwyla. 27 der Sparsamkeit, der Friedfertigkeit und der in¬ nigen Freundschaft. Wie viele Blumen stehen hier um uns herum, von allen Arten, die der Frühling hervorbringt, besonders die gelben Schlüs¬ selblumen, welche einen wohlschmeckenden und gesunden Thee geben; aber sind sie gerecht oder arbeitsam? sparsam, vorsichtig und geschickt zu klugen und lehrreichen Gedanken? Nein, es sind unwissende und geistlose Geschöpfe, unbeseelt und vernunftlos vergeuden sie ihre Zeit, und so schön sie sind, wird ein todtes Heu daraus, während wir in unserer Tugend ihnen so weit überlegen sind und ihnen wahrlich an Zier der Gestalt nichts nachgeben; denn Gott hat uns nach seinem Bilde geschaffen und uns seinen göttlichen Odem eingeblasen. O, könnten wir doch ewig hier so sitzen in diesem Paradiese und in solcher Unschuld; ja, meine Freunde, es ist mir so, als wären wir sämmtlich im Stande der Unschuld, aber durch eine sündenlose Erkenntniß veredelt; denn wir alle können, Gott sei Dank, lesen und schreiben und haben alle eine geschickte Handtierung gelernt. Zu vielem hätte ich Geschick und Anlagen und getraute mir wohl, Dinge zu verrichten, wie sie das gelehrteste Fräulein nicht kann, wenn ich über meinen Stand hinausgehen wollte; aber die Bescheidenheit und die Demuth sind die vor¬ nehmste Tugend eines rechtschaffenen Frauenzim¬ mers und es genügt mir zu wissen, daß mein Geist nicht werthlos und verachtet ist vor einer höheren Einsicht. Schon Viele haben mein be¬ gehrt, die meiner nicht werth waren, und nun auf einmal sehe ich drei würdige Junggesellen um mich versammelt, von denen ein Jeder gleich werth wäre, mich zu besitzen! Bemesset darnach, wie mein Herz in diesem wunderbaren Überflusse schmachten muß, und nehmet euch Jeder ein Bei¬ spiel an mir und denket euch, Jeder wäre von drei gleich werthen Jungfrauen umblühet, die sein begehrten, und er könnte sich um deswillen zu keiner hinneigen und gar keine bekommen! Stellt euch doch recht lebhaft vor, um Jeden von euch buhleten drei Jungfern Bünzlin, und säßen so um euch her, gekleidet wie ich und von gleichem Ansehen, so daß ich gleichsam verneun¬ facht hier vorhanden wäre und euch von allen Seiten anblickte und nach euch schmachtete! Thut ihr dies?« 27 * Die wackeren Gesellen hörten verwundert auf zu kauen und studierten mit einfältigen Ge¬ sichtern, die seltsame Aufgabe zu lösen. Das Schwäblein kam zuerst damit zu Stande und rief mit lüsternem Gesicht: »Ja, wertheste Jung¬ fer Züs! wenn Sie es denn gütigst erlauben, so sehe ich Sie nicht nur dreifach, sondern ver¬ hundertfacht um mich herumschweben und mich mit huldreichen Äuglein anblicken und mir tausend Küßlein anbieten!« »Nicht doch!« sagte Züs unwillig verwei¬ send, »nicht in so ungehöriger und übertriebener Weise! Was fällt Ihnen denn ein, unbescheidener Dietrich? Nicht hundertfach und nicht Küßlein anbietend habe ich es erlaubt, sondern nur drei¬ fach für Jeden und in züchtiger und ehrbarer Manier, daß mir nicht zu nahe geschieht!« »Ja,« rief jetzt endlich Jobst und zeigte mit einem abgenagten Birnenstiel um sich her, »nur dreifach aber in größter Ehrbarkeit sehe ich die liebste Jungfer Bünzli um mich her spazieren und mir wohlwollend zuwinken, indem sie die Hand auf's Herz legt! Ich danke sehr, danke, danke ergebenst!« sagte er schmunzelnd, sich nach drei Seiten verneigend, als ob er wirklich die Erscheinungen sähe. »So ist's recht,« sagte Züs lächelnd, »wenn irgend ein Unterschied zwischen euch besteht, so seid Ihr doch der Begabteste, lieber Jobst, wenigstens der Verständigste!« Der Baier Fridolin war immer noch nicht fertig mit seiner Vorstellung, da er aber den Jobst so loben hörte, wurde es ihm angst und er rief eilig: »Ich sehe auch die liebste Jungfrau Bünzli dreifach um mich her spazieren in größter Ehrbar¬ keit und mir wollüstig zuwinken, indem sie die Hand auf — »Pfui, Baier!« schrie Züs und wandte das Gesicht ab, »nicht ein Wort weiter! Woher neh¬ men Sie den Muth, von mir in so wüsten Worten zu reden und sich solche Sauereien ein¬ zubilden? Pfui, pfui!« Der arme Baier war wie vom Donner gerührt und wurde glühend roth, ohne zu wissen wofür; denn er hatte sich gar nichts eingebildet und nur ungefähr dem Klänge nach gesagt, was er von Jobsten gehört, da er gesehen, wie dieser für seine Rede belobt worden. Züs wandte sich wieder zu Dietrich und sagte: »Nun, lieber Dietrich, haben Sie's noch nicht auf eine etwas bescheidenere Art zu¬ wege gebracht?« »Ja, mit Ihrer Erlaubniß,« erwiederte er, froh wieder angeredet zu werden, »ich erblicke Sie jetzt nur dreimal um mich her, freundlich aber anständig mich anschauend und mir drei weiße Hände bietend, welche ich küsse!« »Gut denn!« sagte Züs »und Sie Frido¬ lin? sind Sie noch nicht von Ihrer Abirrung zurückgekehrt? Kann sich Ihr ungestümes Blut noch nicht zu einer wohlanständigen Vorstellung beruhigen?« »Um Vergebung!« sagte Fridolin kleinlaut, »ich glaube jetzt drei Jungfern zu sehen, die mir gedörrte Birnen anbieten und mir nicht abgeneigt scheinen. Es ist keine schöner, als die andere, und die Wahl unter ihnen scheint mir ein bitteres Kraut zu sein!« »Nun also,« sprach Züs, »da ihr in euerer Einbildungskraft von neun solchen ganz gleich werthen Personen umgeben seid und in diesem liebreizenden Überflusse dennoch Mangel in euerem Herzen leidet, ermesset danach meinen eigenen Zustand; und wie ihr an mir sahet, daß ich mich weisen und bescheidenen Herzens zu fassen weiß, so nehmet doch ein Beispiel an meiner Stärke und gelobet mir und euch untereinander, euch ferner zu vertragen und, wie ich liebevoll von euch scheide, euch eben so liebevoll von ein¬ ander zu trennen, wie auch das Schicksal, das eurer wartet, entscheiden möge! So leget denn alle eure Hände zusammen in meine Hand und gelobt es!« »Ja, wahrhaftig,« rief Jobst, »ich will es wenigstens thun, an mir soll's nicht fehlen!« und die andern zwei riefen eiligst: »An mir auch nicht, an mir auch nicht!« und sie legten alle die Hände zusammen, wobei sich jedoch Je¬ der vornahm, auf alle Fälle zu springen, so gut er vermöchte. »An mir soll es wahrhaftig nicht fehlen!« wiederholte Jobst, »denn ich bin von Jugend auf barmherziger und einträchtiger Natur gewesen. Noch nie habe ich einen Streit gehabt und konnte nie ein Thierlein leiden sehen; wo ich noch gewesen bin, habe ich mich gut vertragen und das beste Lob geerntet ob meines geruhsamen Betragens; denn obgleich ich gar manche Dinge auch ein bischen verstehe und ein verständiger junger Mann bin, so hat man nie gesehen, daß ich mich in etwas mischte, was mich nichts an¬ ging, und habe stets meine Pflicht auf eine ein¬ sichtsvolle Weise gethan. Ich kann arbeiten, so viel ich will, und es schadet mir nichts, da ich gesund und wohlauf bin und in den besten Jah¬ ren! Alle meine Meisterinnen haben noch gesagt, ich sei ein Tausendsmensch, ein Ausbund, und mit mir sei gut auskommen! Ach! ich glaube wirklich selbst, ich könnte leben wie im Himmel mit Ihnen, allerliebste Jungfer Züs!« »Ei!« sagte der Baier eifrig, »das glaub' ich wohl, das wäre auch keine Kunst, mit der Jungfer wie im Himmel zu leben! Das wollt' ich mir auch zutrauen, denn ich bin nicht auf den Kopf gefallen! Mein Handwerk versteh' ich aus dem Grund und weiß die Dinge in Ord¬ nung zu halten, ohne ein Unwort zu verlieren. Nirgends habe ich Händel bekommen, obgleich ich in den größten Städten gearbeitet habe, und niemals habe ich eine Katze geschlagen oder eine Spinne getödtet. Ich bin mäßig und enthaltsam und mit jeder Nahrung zufrieden, und ich weiß mich am Geringfügigsten zu vergnügen und da¬ mit zufrieden zu sein. Aber ich bin auch gesund und munter und kann etwas aushalten, ein gutes Gewissen ist das beste Lebenselixir, alle Thiere lieben mich und laufen mir nach, weil sie mein gutes Gewissen wittern, denn bei einem unge¬ rechten Menschen wollen sie nicht bleiben. Ein Pudelhund ist mir einst drei Tage lang nachge¬ folgt, als ich aus der Stadt Ulm verreis'te, und ich mußte ihn endlich einem Bauersmann in Gewahrsam geben, da ich als ein demüthiger Handwerksgesell kein solches Thier ernähren konnte, und als ich durch den Böhmerwald reis'te, sind die Hirsche und Rehe auf zwanzig Schritt noch stehen geblieben und haben sich nicht vor mir gefürchtet. Es ist wunderbar, wie selbst die wilden Thiere sich bei den Menschen auskennen und wissen, welche guten Herzens sind!« »Ja, das muß wahr sein!« rief der Schwabe, »seht ihr nicht, wie dieser Fink schon die ganze Zeit da vor mir herumfliegt und sich mir zu nähern sucht? Und jenes Eichhörnchen auf der Tanne sieht sich immerfort nach mir um, und hier kriecht ein kleiner Käfer allfort an meinem Beine und will sich durchaus nicht vertreiben lassen! Dem muß es gewiß recht wohl sein bei mir, dem lieben guten Thierchen!« Jetzt wurde aber Züs eifersüchtig und sagte etwas heftig: »Bei mir wollen alle Thiere gern bleiben! Einen Vogel hab' ich acht Jahre ge¬ habt und er ist sehr ungern von mir wegge¬ storben; unsere Katze streicht mir nach, wo ich geh' und stehe, und des Nachbars Tauben drän¬ gen und zanken sich vor meinem Fenster, wenn ich ihnen Brosamen streue! Wunderbare Eigen¬ schaften haben die Thiere je nach ihrer Art! Der Löwe folgt gern den Königen nach und den Helden, und der Elephant begleitet den Fürsten und den tapfern Krieger; das Kameel trägt den Kaufmann durch die Wüste und bewahrt ihm frisches Wasser in seinem Bauch, und der Hund begleitet seinen Herrn durch alle Gefahren und stürzt sich für ihn in das Meer! Der Delphin liebet die Musik und folgt den Schiffen, und der Adler den Kriegsheeren. Der Affe ist ein menschenähnliches Wesen und thut Alles, was er die Menschen thun sieht, und der Papagey versteht unsere Sprache und plaudert mit uns, wie ein Alter! Selbst die Schlangen lassen sich zähmen und tanzen auf der Spitze ihres Schwan¬ zes; das Krokodill weint menschliche Thränen und wird von den Bürgern dort geachtet und verschont; der Strauß läßt sich satteln und rei¬ ten wie ein Roß; der wilde Büffel ziehet den Wagen des Menschen und das gehörnte Rennthier seinen Schlitten. Das Einhorn liefert ihm das schneeweiße Elfenbein und die Schildkröte ihre durchsichtigen Knochen« — »Mit Verlaub,« sagten alle drei Kammmacher zugleich, »hierin irren Sie sich gewißlich, das Elfenbein wird aus den Elephantenzähnen ge¬ wonnen und die Schildpattkämme macht man aus der Schaale und nicht aus den Knochen der Schildkröte!« Züs wurde feuerroth und sagte: »Das ist noch die Frage, denn ihr habt gewiß nicht ge¬ sehen, wo man es hernimmt, sondern verarbeitet nur die Stücke; ich irre mich sonst selten, doch sei dem wie ihm wolle, so lasset mich ausreden: nicht nur die Thiere haben ihre merkwürdigen von Gott eingepflanzten Besonderheiten, sondern selbst das todte Gestein, so aus den Bergen gegraben wird. Der Kristall ist durchsichtig wie Glas, der Marmor aber hart und geädert, bald weiß und bald schwarz; der Bernstein hat elec¬ trische Eigenschaften und ziehet den Blitz an; aber dann verbrennt er und riecht wie Weih¬ rauch. Der Magnet zieht Eisen an, auf die Schiefertafeln kann man schreiben, aber nicht auf den Diamant, denn dieser ist hart wie Stahl; auch gebraucht ihn der Glaser zum Glasschneiden, weil er klein und spitzig ist. Ihr sehet, liebe Freunde, daß ich auch ein Weniges von den Thieren zu sagen weiß! Was aber mein Ver¬ hältniß zu ihnen betrifft, so ist dies zu bemerken: Die Katze ist ein schlaues und listiges Thier und ist daher nur schlauen und listigen Menschen anhänglich; die Taube aber ist ein Sinnbild der Unschuld und Einfalt und kann sich nur von einfältigen, schuldlosen Seelen angezogen fühlen. Da mir nun Katzen und Tauben anhänglich sind, so folgt hieraus, daß ich klug und einfältig, schlau und unschuldig zugleich bin, wie es denn auch heißt: Seid klug wie die Schlangen und einfäl¬ tig wie die Tauben! Auf diese Weise können wir allerdings die Thiere und ihr Verhältniß zu uns würdigen und manches daraus lernen, wenn wir die Sache recht zu betrachten wissen.« Die armen Gesellen wagten nicht ein Wort weiter zu sagen; Züs hatte sie gut zugedeckt und sprach noch viele hochtrabende Dinge durch¬ einander, daß ihnen Hören und Sehen verging. Sie bewunderten aber Züsis Geist und Bered¬ samkeit, und in dieser Bewunderung dünkte sich keiner zu schlecht, dieses Kleinod zu besitzen, be¬ sonders da diese Zierde eines Hauses so wohlfeil war und nur in einer rastlosen Zunge bestand. Ob sie selbst dessen, was sie so hoch stellen, auch werth seien und etwas damit anzufangen wüßten, fragen sich solche Schwachköpfe zu allerletzt oder auch gar nicht, sondern sie sind wie die Kinder, welche nach Allem greifen, was ihnen in die Augen glänzt, von allen bunten Dingen die Farben abschlecken und ein Schellenspiel ganz in den Mund stecken wollen, statt es blos an die Ohren zu halten. So erhitzten sie sich immer mehr in der Begierde und Einbildung, diese aus¬ gezeichnete Person zu erwerben, und je schnöder, herzloser und eitler Züs unsinnige Phrasen wur¬ den, desto gerührter und jämmerlicher waren die Kammmacher zuweg. Zugleich fühlten sie einen heftigen Durst von dem trockenen Obste, welches sie inzwischen aufgegessen; Jobst und der Baier suchten im Gehölz nach Wasser, fanden eine Quelle und tranken sich voll kaltes Wasser. Der Schwabe hingegen hatte listiger Weise ein Fläsch¬ chen mitgenommen, in welchem er Kirschgeist mit Wasser und Zucker gemischt, welches liebliche Getränk ihn stärken und ihm einen Vorschub gewähren sollte beim Laufen; denn er wußte, daß die Andern zu sparsam waren, um etwas mitzunehmen oder eine Einkehr zu halten. Dies Fläschchen zog er jetzt eilig hervor, während jene sich mit Wasser füllten, und bot es der Jungfer Züs an; sie trank es halb aus, es schmeckte ihr vortrefflich und erquickte sie und sie sah den Dietrich dabei überquer ganz holdselig an, daß ihm der Rest, welchen er selber trank, so lieblich schmeckte wie Cyperwein und ihn gewaltig stärkte. Er konnte sich nicht enthalten, Züsis Hand zu ergreifen und ihr zierlich die Fingerspitzen zu küssen; sie tippte ihm leicht mit dem Zeigefinger auf die Lippen und er that, als ob er darnach schnappen wollte und machte dazu ein Maul, wie ein lächelnder Karpfen; Züs schmunzelte falsch und freundlich, Dietrich schmunzelte schlau und süßlich; sie saßen auf der Erde sich gegen¬ über und tätschelten zuweilen mit den Schuhsoh¬ len gegeneinander, wie wenn sie sich mit den Füßen die Hände geben wollten. Züs beugte sich ein wenig vornüber und legte die Hand auf seine Schulter, und Dietrich wollte eben dies holde Spiel erwiedern und fortsetzen, als der Sachse und der Baier zurückkamen und bleich und stöhnend zuschauten. Denn es war ihnen von dem vielen Wasser, welches sie an die ge¬ nossenen Backbirnen geschüttet, plötzlich elend ge¬ worden und das Herzeleid, welches sie bei dem Anblicke des spielenden Paares empfanden, ver¬ einigte sich mit dem öden Gefühle des Bauches, so daß ihnen der kalte Schweiß auf der Stirne stand. Züs verlor aber die Fassung nicht, son¬ dern winkte ihnen überaus freundlich zu und rief: »Kommet, ihr Lieben, und setzet euch doch auch noch ein bischen zu mir her; daß wir noch ein Weilchen und zum letzten Mal unsere Eintracht und Freundschaft genießen!« Jobst und Fridolin drängten sich hastig herbei und streckten ihre Beine aus; Züs ließ dem Schwaben die eine Hand, gab Jobsten die andere und berührte mit den Füßen Fridolins Stiefelsohlen, während sie mit dem Angesicht Einen nach dem Andern der Reihe nach anlächelte. So giebt es Virtuosen, welche viele Instrumente zugleich spielen, auf dem Kopfe ein Glockenspiel schütteln, mit dem Munde die Panspfeife blasen, mit den Händen die Guitarre spielen, mit den Knieen die Cymbel schlagen, mit dem Fuß den Dreiangel und mit den Ellbogen eine Trommel, die ihnen auf dem Rücken hängt. Dann aber erhob sie sich von der Erde, strich ihr Kleid, welches sie sorgfältig aufgeschürzt hatte, zurecht und sagte: »Nun ist es wohl Zeit, liebe Freunde! daß wir uns aufmachen und daß ihr euch zu jenem ernsthaften Gange rüstet, welchen euch der Meister in seiner Thorheit auferlegt, wir aber als die Anordnung eines höheren Geschickes ansehen! Tretet diesen Weg an voll schönen Eifers aber ohne Feindschaft noch Neid gegen einander und überlasset dem Sieger willig die Krone!« Wie von einer Wespe gestochen sprangen die Gesellen auf und stellten sich auf die Beine. Da standen sie nun und sollten mit denselben einander den Rang ablaufen, mit denselben guten Beinen, welche bislang nur in bedachtem ehr¬ barem Schritt gewandelt! Keiner wußte sich mehr zu entsinnen, daß er je einmal gesprungen oder gelaufen wäre; am ehesten schien sich noch der Schwabe zu trauen und mit den Füßen so¬ gar leise zu scharren und dieselben ungeduldig zu heben. Sie sahen sich ganz sonderbar und verdächtig an, waren bleich und schwitzten dabei, als ob sie schon im heftigsten Laufen begriffen wären. »Gebet euch, sagte Züs, noch einmal die Hand!« Sie thaten es, aber so willenlos und lässig, daß die drei Hände kalt von einander abglitten und abfielen wie Bleihände. »Sollen wir denn wirklich das Thorenwerk beginnen?« sagte Jobst und wischte sich die Augen, welche anfingen zu träufeln. »Ja, versetzte der Baier, sollen wir wirklich laufen und springen?« und begann zu weinen. »Und Sie, allerliebste Jungfer Bünzlin?« sagte Jobst heulend, »wie werden Sie sich denn verhalten?« »Mir geziemt,« antwortete sie und hielt sich das Schnupftuch vor die Augen, »mir geziemt zu schweigen, zu leiden und zuzusehen!« Der Schwabe sagte Keller, die Leute von Seldwyla 28 freundlich und listig: »Aber dann nachher, Jungfer Bäbi?« »O Dietrich! erwiederte sie sanft, wissen Sie nicht, daß es heißt, der Zug des Schicksals ist des Herzens Stimme?« Und da¬ bei sah sie ihn von der Seite so verblümt an, daß er abermals die Beine hob und Lust ver¬ spürte, sogleich in Trab zu gerathen. Während die zwei Nebenbuhler ihre kleinen Felleisenfuhr¬ werke in Ordnung brachten und Dietrich das Gleiche that, streifte sie mehrmals mit Nachdruck seinen Elbogen oder trat ihm auf den Fuß; auch wischte sie ihm den Staub von dem Hute, lächelte aber gleichzeitig den Andern zu, wie wenn sie den Schwaben auslachte, doch so, daß es dieser nicht sehen konnte. Alle drei bliesen jetzt mächtig die Backen auf und bliesen große Seufzer in die Luft. Sie sahen sich um nach allen Seiten, nahmen die Hüte ab, wischten sich den Schweiß von der Stirn, strichen die steif geklebten Haare und setzten die Hüte wieder auf. Nochmals schauten sie nach allen Winden und schnappten nach Luft. Züs erbarmte sich ihrer und war so gerührt, daß sie selbst weinte. »Hier sind noch drei dürre Pflaumen, sagte sie, nehmt Jeder eine in den Mund und behaltet sie darin, das wird euch erquicken! So ziehet denn dahin und kehret die Thorheit der Schlechten um in Weisheit der Gerechten! Was sie zum Muthwillen ausgesonnen, das verwandelt in ein erbauliches Werk der Prüfung und der Selbst¬ beherrschung, in eine sinnreiche Schlußhandlung eines langjährigen Wohlverhaltens und Wett¬ laufes in der Tugend!« Jedem steckte sie die Pflaume in den Mund, und er sog daran. Jobst drückte die Hand auf seinen Magen und rief: »Wenn es denn sein muß, so sei es in's Himmels Namen!« und plötzlich fing er, indem er den Stock erhob, mit stark gebogenen Knieen mächtig an auszuschreiten und zog sein Felleisen an sich. Kaum sah dies Fridolin, so folgte er ihm nach mit langen Schritten, und ohne sich ferner umzusehen, eilten sie schon ziemlich hastig die Straße hinab. Der Schwabe war der letzte, der sich aufmachte, und ging mit listig vergnügtem Gesicht und scheinbar ganz gemäch¬ lich neben Züs her, wie wenn er seiner Sache sicher und edelmüthig seinen Gefährten einen Vorsprung gönnen wollte. Züs belobte seine 28 * freundliche Gelassenheit und hing sich ver¬ traulich an seinen Arm. »Ach, es ist doch schön, sagte sie mit einem Seufzer, eine feste Stütze zu haben im Leben! Selbst wenn man hinläng¬ lich begabt ist mit Klugheit und Einsicht und einen tugendhaften Weg wandelt, so geht es sich auf diesem Wege doch viel gemüthlicher am vertrauten Freundesarme!« »Der Tausend, ei ja wohl, das wollte ich wirklich meinen!« erwiederte Dietrich und stieß ihr den Elbogen tüchtig in die Seite, indem er zugleich nach seinen Nebenbuhlern spähte, ob der Vorsprung auch nicht zu groß würde, »sehen Sie wohl, wertheste Jungfer! Kommt es Ihnen allendlich? Merken Sie, wo Barthel den Most holt?« »O Dietrich, lieber Dietrich! sagte sie mit einem noch viel stärkeren Seufzer, »ich fühle mich oft recht einsam!« »Hopsele, so muß es kommen!« rief er und sein Herz hüpfte wie ein Häschen im Weißkohl. »O Dietrich!« rief sie und drückte sich fester an ihn; es ward ihm schwül und sein Herz wollte zerspringen vor pfiffigem Vergnügen; aber zugleich entdeckte er, daß seine Vorläufer nicht mehr sichtbar, sondern um eine Ecke herum verschwunden waren. Sogleich wollte er sich losreißen von Züsis Arm und jenen nachspringen; aber sie hielt ihn so fest, daß es ihm nicht gelang, und klammerte sich an, wie wenn sie schwach würde. »Dietrich! flü¬ sterte sie, die Augen verdrehend, lassen Sie mich jetzt nicht allein, ich vertraue auf Sie, stützen Sie mich!« »Den Teufel noch einmal, lassen Sie mich los Jungfer! rief er ängstlich, »oder ich komm' zu spät und dann ade Zipfelmütze!« »Nein, nein! sie dürfen mich nicht verlassen, ich fühle, mir wird übel!« jammerte sie. »Übel oder nicht übel!« schrie er und riß sich gewalt¬ sam los; er sprang auf eine Erhöhung und sah sich um und sah die Läufer schon im vollen Rennen weit den Berg hinunter. Nun setzte er zum Sprung an, schaute sich aber im selben Augenblick noch ein Mal nach Züs um. Da sah er sie, wie sie am Eingange eines engen schattigen Waldpfades saß und lieblich lockend ihm mit den Händen winkte. Diesem Anblicke konnte er nicht widerstehen, sondern eilte, statt den Berg hinunter, wieder zu ihr hin. Als sie ihn kommen sah, stand sie auf und ging tiefer in das Holz hinein, sich nach ihm um¬ sehend; denn sie dachte ihn auf alle Weise vom Laufen abzuhalten und so lange zu veriren, bis er zu spät käme und nicht in Seldwyl bleiben könne. Allein der erfindungsreiche Schwabe änderte zu selber Zeit seine Gedanken und nahm sich vor, sein Heil hier oben zu erkämpfen, und so ge¬ schah es, daß es ganz anders kam, als die listige Person es hoffte. Sobald er sie erreicht und an einem verborgenen Plätzchen mit ihr allein war, fiel er ihr zu Füßen und bestürmte sie mit den feurigsten Liebeserklärungen, welche ein Kammmacher je gemacht hat. Erst suchte sie ihm Ruhe zu gebieten und, ohne ihn fortzu¬ scheuchen, auf gute Manier hinzuhalten, indem sie alle ihre Weisheiten und Anmuthungen spie¬ len ließ. Als er ihr aber Himmel und Hölle vorstellte, wozu ihm sein aufgeregter und ge¬ spannter Unternehmungsgeist herrliche Zauber¬ worte lieh, als er sie mit Zärtlichkeiten jeder Art überhäufte und bald ihrer Hände, bald ihrer Füße sich zu bemächtigen suchte und ihren Leib und ihren Geist, alles was an ihr war, lobte und rühmte, daß der Himmel hätte grün wer¬ den mögen, als dazu die Witterung und der Wald so still und lieblich waren, verlor Züs endlich den Compaß, als ein Wesen, dessen Ge¬ danken am Ende doch so kurz sind als seine Sinne, ihr Herz krabbelte so ängstlich und wehr¬ los, wie ein Käfer, der auf dem Rücken liegt, und Dietrich besiegte es in jeder Weise. Sie hatte ihn in dies Dickicht verlockt, um ihn zu verrathen und war im Handumdrehen von dem Schwäbchen erobert; dies geschah nicht, weil sie etwa eine besonders verliebte Person war, son¬ dern weil sie als eine kurze Natur trotz aller eingebildeten Weisheit doch nicht über ihre eigene Nase weg sah. Sie blieben wohl eine Stunde in dieser kurzweiligen Einsamkeit, umarmten sich immer auf's Neue und gaben sich tausend Kü߬ chen. Sie schwuren sich ewige Treue und in aller Aufrichtigkeit und wurden einig, sich zu heirathen auf alle Fälle. Unterdessen hatte sich in der Stadt die Kunde von dem seltsamen Unternehmen der drei Gesellen verbreitet und der Meister selbst zu seiner Belustigung die Sache bekannt gemacht, deshalb freuten sich die Seldwyler auf das unver¬ hoffte Schauspiel und waren begierig, die gerechten und ehrbaren Kammmacher zu ihrem Spaße laufen und ankommen zu sehen. Eine große Menschenmenge zog vor das Thor und lagerte sich zu beiden Seiten der Straße, wie wenn man einen Schnellläufer erwartet. Die Knaben kletterten auf die Bäume, die Alten und Rück¬ gesetzten saßen im Grase und rauchten ihr Pfeifchen, vergnügt, daß sich ihnen ein so wohlfeiles Ver¬ gnügen aufgethan. Selbst die Herren waren ausgerückt, um den Hauptspaß mit anzusehen, saßen fröhlich diskurirend in den Gärten und Lauben der Wirthshäuser und bereiteten eine Menge Wetten vor. In den Straßen, durch welche die Läufer kommen mußten, waren alle Fenster geöffnet, die Frauen hatten in den Vi¬ sitenstuben rothe und weiße Kissen ausgelegt, die Arme darauf zu legen, und zahlreichen Damen¬ besuch empfangen, so daß fröhliche Kaffeegesell¬ schaften aus dem Stegreif entstanden und die Mägde genug zu laufen hatten, um Kuchen und Zwieback zu holen. Vor dem Thore aber sahen jetzt die Buben auf den höchsten Bäumen eine kleine Staubwolke sich nähern und begannen zu rufen: Sie kommen, sie kommen! Und nicht lange dauerte es, so kamen Fridolin und Jobst wirklich wie ein Sturmwind herangesaus't, mitten auf der Straße, eine dicke Wolke Staubes auf¬ rührend. Mit der einen Hand zogen sie die Felleisen, welche wie toll über die Steine flogen, mit der andern hielten sie die Hüte fest, welche ihnen im Nacken saßen, und ihre langen Röcke flogen und wehten um die Wette. Beide waren von Schweiß und Staub bedeckt, sie sperrten den Mund auf und lechzten nach Athem, sahen und hörten nichts, was um sie her vorging und dicke Thränen rollten den armen Männern über die Gesichter, welche sie nicht abzuwischen Zeit hatten. Sie liefen sich dicht auf den Fersen, doch war der Baier voraus um eine Spanne. Ein entsetzliches Geschrei und Gelächter erhob sich und dröhnte, so weit das Ohr reichte. Alles raffte sich auf und drängte sich dicht an den Weg, von allen Seiten rief es: So recht, so recht! Lauft, wehr' Dich Sachs! halt Dich brav, Baier! Einer ist schon abgefallen, es sind nur noch zwei! Die Herren in den Gärten standen auf den Tischen und wollten sich ausschütten vor Lachen. Ihr Gelächter dröhnte aber donnernd und fest über den haltlosen Lärm der Menge weg, die auf der Straße lagerte und gab das Signal zu einem unerhörten Freudentage. Die Buben und das Gesindel strömten hinter den zwei armen Gesellen zusammen und ein wilder Haufen, eine furchtbare Wolke erregend, wälzte sich mit ihnen dem Thore zu; selbst Weiber und junge Gassenmädchen liefen mit und mischten ihre hellen quiekenden Stimmen in das Geschrei der Burschen. Schon waren sie dem Thore nah, dessen Thürme von Neugierigen besetzt wa¬ ren, die ihre Mützen schwenkten, die zwei rann¬ ten wie scheu gewordene Pferde, das Herz voll Qual und Angst; da knieete ein Gassenjunge wie ein Kobold auf Jobstens fahrendes Felleisen und ließ sich unter dem Beifallsgeschrei der Menge mitfahren. Jobst wandte sich und flehte ihn an, loszulassen, auch schlug er mit dem Stocke nach ihm; aber der Junge duckte sich und grinste ihn an. Darüber gewann Fridolin einen grö¬ ßeren Vorsprung und wie Jobst es merkte, warf er ihm den Stock zwischen die Füße, daß er hinstürzte. Wie aber Jobst über ihn wegsprin¬ gen wollte, erwischte ihn der Baier am Rock¬ schoß und zog sich daran in die Höhe; Jobst schlug ihm auf die Hände und schrie: Laß los, laß los! Fridolin ließ nicht los, Jobst packte dafür seinen Rockschoß und nun hielten sie sich gegenseitig fest und drehten sich langsam zum Thore hinein, nur zuweilen einen Sprung ver¬ suchend, um einer dem andern zu entrinnen. Sie weinten, schluchzten und heulten wie Kinder und schrieen in unsäglicher Beklemmung: O Gott! laß los! Du lieber Heiland, laß los Jobst! laß los Fridolin! laß los Du Satan! dazwischen schlugen sie sich fleißig auf die Hände, kamen aber immer um ein Weniges vorwärts. Hut und Stock hatten sie verloren, zwei Buben trugen dieselben, die Hüte auf die Stöcke gesteckt, voran und hinter ihnen her wälzte sich der tobende Haufen; alle Fenster waren von der Damenwelt besetzt, welche ihr silbernes Gelächter in die unten tosende Brandung warf, und seit langer Zeit war man nicht mehr so fröhlich gestimmt ge¬ wesen in dieser Stadt. Das rauschende Ver¬ gnügen schmeckte den Bewohnern so gut, daß kein Mensch den zwei Ringenden ihr Ziel zeigte, des Meisters Haus, an welchem sie endlich ange¬ langt. Sie selber sahen es nicht, sie sahen überhaupt nichts, und so wälzte sich der tolle Zug durch das ganze Städtchen und zum andern Thore wieder hinaus. Der Meister hatte lachend unter dem Fenster gelegen, und nachdem er noch ein Stündchen auf den endlichen Sieger gewartet, wollte er eben weggehen, um die Früchte seines Schwankes zu genießen, als Dietrich und Züs still und unversehens bei ihm eintraten. Diese hatten nämlich unterdessen ihre Ge¬ danken zusammen gethan und berathen, daß der Kammmachermeister wohl geneigt sein dürfte, da er doch nicht lang mehr machen würde, sein Geschäft gegen eine baare Summe zu verkaufen. Züs wollte ihren Gültbrief dazu hergeben und der Schwabe sein Geldchen auch dazuthun, und dann wären sie die Herren der Sachlage und könnten die andern zwei auslachen. Sie trugen ihre Vereinigung dem überraschten Meister vor; die¬ sem leuchtete es sogleich ein, hinter dem Rücken seiner Gläubiger, ehe es zum Bruch kam, noch schnell den Handel abzuschließen und unverhofft des baaren Kaufpreises habhaft zu werden. Rasch wurde Alles festgestellt und ehe die Sonne un¬ terging, war Jungfer Bünzlin die rechtmäßige Besitzerin des Kammmachergeschäfts und ihr Bräu¬ tigam der Miether des Hauses, in welchem das¬ selbe lag, und so war Züs, ohne es am Mor¬ gen geahnt zu haben, endlich erobert und ge¬ bunden durch die Handlichkeit des Schwäbchens. Halb todt vor Scham, Mattigkeit und Ärger lagen Jobst und Fridolin in der Herberge, wo¬ hin man sie geführt hatte, nachdem sie auf dem freien Felde endlich umgefallen waren, ganz in einander verbissen. Die ganze Stadt, da sie einmal aufgeregt war, hatte die Ursache schon vergessen und feierte eine lustige Nacht. In vielen Häusern wurde getanzt und in den Schenken wurde gezecht und gesungen, wie an den grö߬ ten Seldwylertagen; denn die Seldwyler brauch¬ ten nicht viel Zeug, um mit Meisterhand eine Lustbarkeit daraus zu formen. Als die beiden armen Teufel sahen, wie ihre Tapferkeit, mit welcher sie gedacht hatten, die Thorheit der Welt zu benutzen, nur dazu gedient hatte, dieselbe triumphiren zu lassen und sich selbst zum allge¬ meinen Gespött zu machen, wollte ihnen das Herz brechen; denn sie hatten nicht nur den weisen Plan mancher Jahre verfehlt und ver¬ nichtet, sondern auch den Ruhm besonnener und rechtlich ruhiger Leute eingebüßt. Jobst, der der älteste war und sieben Jahre hier gewesen, war ganz verloren und konnte sich nicht zurecht finden. Ganz schwermüthig zog er vor Tag wieder aus der Stadt, und hing sich an der Stelle, wo sie Alle gestern gesessen, an einen Baum. Als der Baier eine Stunde später da vorüber kam und ihn erblickte, faßte ihn ein solches Entsetzen, daß er wie wahnsinnig davon rannte, sein ganzes Wesen veränderte und, wie man nachher hörte, ein liederlicher Mensch und alter Handwerksbursch wurde, der keines Menschen Freund war. Dietrich der Schwabe allein blieb ein Ge¬ rechter und hielt sich oben in dem Städtchen; aber er hatte nicht viel Freude daran; denn Züs ließ ihm gar nicht den Ruhm davon, re¬ gierte und unterdrückte ihn und betrachtete sich selbst als die alleinige Quelle alles Guten. Spiegel, das Kätzchen. Ein Mährchen. W enn ein Seldwyler einen schlechten Handel gemacht hat oder angeführt worden ist, so sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmeer abgekauft! Dies Sprichwort ist zwar auch ander¬ wärts gebräuchlich, aber nirgends hört man es so oft wie dort, was vielleicht daher rühren mag, daß es in dieser Stadt eine alte Sage giebt über den Ursprung und die Bedeutung die¬ ses Sprichwortes. Vor mehreren hundert Jahren, heißt es, wohnte zu Seldwyla eine ältliche Person allein mit einem schönen, grau und schwarzen Kätzchen, welches in aller Vergnügtheit und Klugheit mit ihr lebte und Niemandem, der es ruhig ließ, etwas zu Leide that. Seine einzige Leidenschaft war die Jagd, welche es jedoch mit Vernunft und Mäßigung befriedigte, ohne sich durch den Umstand, daß diese Leidenschaft zugleich einen nützlichen Zweck hatte und seiner Herrin wohl¬ gefiel, beschönigen zu wollen und allzusehr zur Grausamkeit hinreißen zu lassen. Es fing und tödtete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse, welche sich in einem gewissen Umkreise des Hauses betreten ließen, aber diese dann mit zuverlässiger Geschicklichkeit; nur selten verfolgte es eine besonders pfiffige Maus, welche seinen Zorn gereizt hatte, über diesen Umkreis hinaus und erbat sich in diesem Falle mit vieler Höf¬ lichkeit von den Herren Nachbaren die Erlaub¬ niß, in ihren Häusern ein wenig mausen zu dürfen, was ihm gerne gewährt wurde, da es die Milchtöpfe stehen ließ, nicht an die Schinken hinaufsprang, welche etwa an den Wänden hin¬ gen, sondern seinem Geschäfte still und aufmerk¬ sam oblag und, nachdem es dieses verrichtet, sich mit dem Mäuslein im Maule anständig entfernte. Auch war das Kätzchen gar nicht scheu und unartig, sondern zutraulich gegen Jeder¬ mann und floh nicht vor vernünftigen Leuten; vielmehr ließ es sich von solchen einen guten Spaß gefallen und selbst ein bischen an den Ohren zupfen, ohne zu kratzen; dagegen ließ es sich von einer Art dummer Menschen, von wel¬ chen es behauptete, daß die Dummheit aus einem unreifen und nichtsnutzigen Herzen käme, nicht das Mindeste gefallen und ging ihnen ent¬ weder aus dem Wege, oder versetzte ihnen einen ausreichenden Hieb über die Hand, wenn sie es mit einer Plumpheit molestirten. Spiegel, so war der Name des Kätzchens wegen seines glatten und glänzenden Pelzes, lebte so seine Tage heiter, zierlich und beschau¬ lich dahin, in anständiger Wohlhabenheit und ohne Überhebung. Er saß nicht zu oft auf der Schulter seiner freundlichen Gebieterin, um ihr die Bissen von der Gabel wegzufangen, sondern nur, wenn er merkte, daß ihr dieser Spaß an¬ genehm war; auch lag und schlief er den Tag über selten auf seinem warmen Kissen hinter dem Ofen, sondern hielt sich munter und liebte es eher, auf einem schmalen Treppengeländer oder in der Dachrinne zu liegen und sich philo¬ sophischen Betrachtungen und der Beobachtung Keller, die Leute von Seldwyla. 29 der Welt zu überlassen. Nur jeden Frühling und Herbst einmal wurde dies ruhige Leben eine Woche lang unterbrochen, wenn die Veilchen blühten oder die milde Wärme des Alteweiber¬ sommers die Veilchenzeit nachäffte. Alsdann ging Spiegel seine eigenen Wege, streifte in verliebter Begeisterung über die fernsten Dächer und sang die allerschönsten Lieder. Als ein rechter Don Juan bestand er bei Tag und Nacht die bedenklichsten Abenteuer, und wenn er sich zur Seltenheit einmal im Hause sehen ließ, so erschien er mit einem so verwegenen, burschikosen, ja liederlichen und zerzaus'ten Aussehen, daß die stille Person, seine Gebieterin, fast unwillig ausrief: »Aber Spiegel! Schämst Du Dich denn nicht, ein solches Leben zu führen?« Wer sich aber nicht schämte, war Spiegel; als ein Mann von Grundsätzen, der wohl wußte, was er sich zur wohlthätigen Abwechslung erlauben durfte, beschäftigte er sich ganz ruhig damit, die Glätte seines Pelzes und die unschuldige Mun¬ terkeit seines Aussehens wieder herzustellen, und er fuhr sich so unbefangen mit dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen wäre. Allein dies gleichmäßige Leben nahm plötz¬ lich ein trauriges Ende. Als das Kätzchen Spiegel eben in der Blüthe seiner Jahre stand, starb die Herrin unversehens an Altersschwäche und ließ das schöne Kätzchen herrenlos und ver¬ wais’t zurück. Es war das erste Unglück, wel¬ ches ihm widerfuhr, und mit jenen Klagetönen, welche so schneidend den bangen Zweifel an der wirklichen und rechtmäßigen Ursache eines großen Schmerzes ausdrücken, begleitete es die Leiche bis auf die Straße und strich den ganzen übri¬ gen Tag rathlos im Hause und rings um das¬ selbe her. Doch seine gute Natur, seine Ver¬ nunft und Philosophie geboten ihm bald, sich zu fassen, das Unabänderliche zu tragen und seine dankbare Anhänglichkeit an das Haus seiner todten Gebieterin dadurch zu beweisen, daß er ihren lachenden Erben seine Dienste anbot und sich bereit machte, denselben mit Rath und That beizustehen, die Mäuse ferner im Zaume zu halten und überdies ihnen manche gute Mit¬ theilung zu machen, welche die Thörichten nicht verschmäht hätten, wenn sie eben nicht unver¬ nünftige Menschen gewesen wären. Aber diese Leute ließen Spiegel gar nicht zu Worte kommen, sondern warfen ihm die Pantoffeln und das artige Fu߬ schemelchen der Seligen an den Kopf, so oft er sich blicken ließ, zankten sich acht Tage lang unter einander, begannen endlich einen Prozeß und schlossen das Haus bis auf Weiteres zu, so daß nun gar Niemand darin wohnte. Da saß nun der arme Spiegel traurig und verlassen auf der steinernen Stufe vor der Haus¬ thüre und hatte Niemand, der ihn hinein ließ. Des Nachts begab er sich wohl auf Umwegen unter das Dach des Hauses, und im Anfang hielt er sich einen großen Theil des Tages dort verborgen und suchte seinen Kummer zu ver¬ schlafen; doch der Hunger trieb ihn bald an das Licht und nöthigte ihn, an der warmen Sonne und unter den Leuten zu erscheinen, um bei der Hand zu sein und zu gewärtigen, wo sich etwa ein Maul voll geringer Nahrung zei¬ gen möchte. Je seltener dies geschah, desto auf¬ merksamer wurde der gute Spiegel, und alle seine moralischen Eigenschaften gingen in dieser Aufmerksamkeit auf, so daß er sehr bald sich selber nicht mehr gleich sah. Er machte zahlreiche Ausflüge von seiner Hausthüre aus und stahl sich scheu und flüchtig über die Straße, um manch¬ mal mit einem schlechten unappetitlichen Bissen, dergleichen er früher nie angesehen, manchmal mit gar Nichts zurückzukehren. Er wurde von Tag zu Tag magerer und zerzaus'ter, dabei gierig, kriechend und feig; all' sein Muth, seine zierliche Katzenwürde, seine Vernunft und Philo¬ sophie waren dahin. Wenn die Buben aus der Schule kamen, so kroch er in einen verborgenen Winkel, sobald er sie kommen hörte, und guckte nur hervor, um aufzupassen, welcher von ihnen etwa eine Brodrinde wegwürfe und merkte sich den Ort, wo sie hinfiel. Wenn der schlechteste Köter von Weitem ankam, so sprang er hastig fort, während er früher gelassen der Gefahr in's Auge geschaut und böse Hunde oft tapfer ge¬ züchtigt hatte. Nur wenn ein grober und ein¬ fältiger Mensch daher kam, dergleichen er sonst klüglich gemieden, blieb er sitzen, obgleich das arme Kätzchen mit dem Reste seiner Menschen¬ kenntniß den Lümmel recht gut erkannte; allein die Noth zwang Spiegelchen, sich zu täuschen und zu hoffen, daß der Schlimme ausnahmsweise einmal es freundlich streicheln und ihm einen Bissen darreichen werde. Und selbst wenn er statt dessen nun doch geschlagen oder in den Schwanz gekneift wurde, so kratzte er nicht, sondern duckte sich lautlos zur Seite und sah dann noch verlangend nach der Hand, die es geschlagen und gekneift, und welche nach Wurst oder Häring roch. Als der edle und kluge Spiegel so herunter¬ gekommen war, saß er eines Tages ganz mager und traurig auf seinem Steine und blinzelte in der Sonne. Da kam der Stadthexenmeister Pineiß des Weges, sah das Kätzchen und stand vor ihm still. Etwas Gutes hoffend, obgleich es den Unheimlichen wohl kannte, saß Spiegelchen demüthig auf dem Stein und erwartete, was der Herr Pineiß etwa thun oder sagen würde. Als dieser aber begann und sagte: »Na, Katze! Soll ich Dir Deinen Schmeer abkaufen?« da verlor es die Hoffnung; denn es glaubte, der Stadthexenmeister wolle es seiner Magerkeit wegen verhöhnen. Doch erwiederte er bescheiden und lächelnd, um es mit Niemand zu verderben: »Ach, der Herr Pineiß belieben zu scherzen!« »Mit Nichten! rief Pineiß,« es ist mir voller Ernst! Ich brauche Katzenschmeer vorzüglich zur Hexerei; aber er muß mir vertragsmäßig und freiwillig von den werthen Herren Katzen abge¬ treten werden, sonst ist er unwirksam. Ich denke, wenn je ein wackeres Kätzlein in der Lage war, einen vortheilhaften Handel abzu¬ schließen, so bist es Du! Begieb Dich in meinen Dienst; ich füttere Dich herrlich heraus, mache Dich fett und kugelrund mit Würstchen und ge¬ bratenen Wachteln. Auf dem ungeheuer hohen alten Dache meines Hauses, welches nebenbei gesagt das köstlichste Dach von der Welt ist für eine Katze, voll interessanter Gegenden und Winkel, wächst auf den sonnigsten Höhen treff¬ liches Spitzgras, grün wie Smaragd, schlank und fein in den Lüften schwankend, Dich ein¬ ladend, die zartesten Spitzen abzubeißen und zu genießen, wenn Du Dir an meinen Leckerbissen eine leichte Unverdaulichkeit zugezogen hast. So wirst Du bei trefflicher Gesundheit bleiben und mir der¬ einst einen kräftigen brauchbaren Schmeer liefern!« Spiegel hatte schon längst die Ohren ge¬ spitzt und mit wässerndem Mäulchen gelauscht; doch war seinem geschwächten Verstande die Sache noch nicht klar, und er versetzte daher: »das ist soweit nicht übel, Herr Pineiß! Wenn ich nur wüßte, wie ich alsdann, wenn ich doch, um Euch meinen Schmeer abzutreten, mein Leben lassen muß, des verabredeten Preises hab¬ haft werden und ihn genießen soll, da ich nicht mehr bin?« »Des Preises habhaft werden?« sagte der Hexenmeister verwundert, »den Preis genießest Du ja eben in den reichlichen und üppigen Speisen, womit ich Dich fett mache, das versteht sich von selber! doch will ich Dich zu dem Handel nicht zwingen!« Und er machte Miene, sich von dannen begeben zu wollen. Aber Spiegel sagte hastig und ängstlich: »Ihr müßt mir wenigstens eine mäßige Frist gewähren über die Zeit meiner höchsten erreichten Rund¬ heit und Fettigkeit hinaus, daß ich nicht so jäh¬ lings von hinnen gehen muß, wenn jener an¬ genehme und ach! so traurige Zeitpunkt heran¬ gekommen und entdeckt ist!« »Es sei!« sagte Herr Pineiß mit anschei¬ nender Gutmüthigkeit,»bis zum nächsten Voll¬ mond sollst Du Dich alsdann Deines angeneh¬ men Zustandes erfreuen dürfen, aber nicht län¬ ger! denn in den abnehmenden Mond hinein darf es nicht gehen, weil dieser einen vermin¬ dernden Einfluß auf mein wohlerworbenes Ei¬ genthum ausüben würde.« Das Kätzchen beeilte sich zuzuschlagen und unterzeichnete einen Vertrag, welchen der Hexen¬ meister im Vorrath bei sich führte, mit seiner scharfen Handschrift, welche sein letztes Besitzthum und Zeichen besserer Tage war. »Du kannst Dich nun zum Mittagessen bei mir einfinden, Kater!« sagte der Hexer, »Punkt zwölf Uhr wird gegessen!« »Ich werde so frei sein, wenn Ihr's erlaubt!« sagte Spiegel und fand sich pünktlich um die Mittagsstunde bei Herrn Pineiß ein. Dort begann nun während einiger Monate ein höchst angenehmes Leben für das Kätzchen; denn es hatte auf der Welt wei¬ ter nichts zu thun, als die guten Dinge zu ver¬ zehren, die man ihm vorsetzte, dem Meister bei der Hexerei zuzuschauen, wenn es mochte, und auf dem Dache spazieren zu gehen. Dies Dach 29 * glich einem ungeheuren schwarzen Nebelspalter oder Dreiröhrenhut, wie man die großen Hüte der schwäbischen Bauern nennt, und wie ein solcher Hut ein Gehirn voller Nücken und Fin¬ ten überschattet, so bedeckte dies Dach ein gro¬ ßes, dunkles und winkliges Haus voll Hexenwerk und Tausendsgeschichten. Herr Pineiß war ein Kann-Alles, welcher hundert Ämtchen versah, Leute kurirte, Wanzen vertilgte, Zähne auszog und Geld auf Zinsen lieh; er war der Vor¬ münder aller Waisen und Wittwen, schnitt in seinen Mußestunden Federn, das Dutzend für einen Pfennig, und machte schöne schwarze Dinte; er handelte mit Ingwer und Pfeffer, mit Wa¬ genschmiere und Rosoli, mit Heftlein und Schuh¬ nägeln, er renovirte die Thurmuhr und machte jährlich den Kalender mit der Witterung, den Bauernregeln, und dem Aderlaßmännchen; er ver¬ richtete zehntausend rechtliche Dinge am hellen Tag um mäßigen Lohn, und einige unrechtliche nur in der Finsterniß und aus Privatleidenschaft, oder hing auch den rechtlichen, ehe er sie aus seiner Hand entließ, schnell noch ein unrecht¬ liches Schwänzchen an, so klein wie die Schwänz¬ chen der jungen Frösche, gleichsam nur der Pos¬ sierlichkeit wegen. Überdies machte er das Wet¬ ter in schwierigen Zeiten, überwachte mit seiner Kunst die Hexen, und wenn sie reif waren, ließ er sie verbrennen; für sich trieb er die Hexerei nur als wissenschaftlichen Versuch und zum Haus¬ gebrauch, sowie er auch die Stadtgesetze, die er redigirte und ins Reine schrieb, unter der Hand probirte und verdrehte, um ihre Dauerhaftigkeit zu ergründen. Da die Seldwyler stets einen solchen Bürger brauchten, der alle unlustigen kleinen und großen Dinge für sie that, so war er zum Stadthexenmeister ernannt worden und bekleidete dies Amt schon seit vielen Jahren mit unermüdlicher Hingebung und Geschicklichkeit, früh und spät. Daher war sein Haus von unten bis oben vollgestopft mit allen erdenklichen Din¬ gen, und Spiegel hatte viel Kurzweil, Alles zu besehen und zu beriechen. Doch im Anfang gewann er keine Aufmerk¬ samkeit für andere Dinge, als für das Essen. Er schlang gierig alles hinunter, was Pineiß ihm darreichte, und mochte kaum von einer Zeit zur andern warten. Dabei überlud er sich den Magen und mußte wirklich auf das Dach ge¬ hen, um dort von den grünen Gräsern abzu¬ beißen und sich von allerhand Unwohlsein zu kuriren. Als der Meister diesen Heißhunger bemerkte, freute er sich und dachte, das Kätzchen würde solcherweise recht bald fett werden, und je besser er daran wende, desto klüger verfahre und spare er im Ganzen. Er baute daher für Spiegel eine ordentliche Landschaft in seiner Stube, indem er ein Wäldchen von Tannen¬ bäumchen aufstellte, kleine Hügel von Steinen und Moos errichtete und einen kleinen See an¬ legte. Auf die Bäumchen setzte er duftig ge¬ bratene Lerchen, Finken, Meisen und Sperlinge, je nach der Jahrszeit, so daß da Spiegel im¬ mer etwas herunter zu holen und zu knabbern vorfand. In die kleinen Berge versteckte er in künstlichen Mauslöchern herrliche Mäuse, welche er sorgfältig mit Waizenmehl gemästet, dann ausgeweidet, mit zarten Speckriemchen gespickt und gebraten hatte. Einige dieser Mäuse konnte Spiegel mit der Hand hervorholen, andere wa¬ ren zur Erhöhung des Vergnügens tiefer ver¬ borgen, aber an einen Faden gebunden, an wel¬ chem Spiegel sie behutsam hervorziehen mußte, wenn er diese Lustbarkeit einer nachgeahmten Jagd genießen wollte. Das Becken des See's aber füllte Pineiß alle Tage mit frischer Milch, damit Spiegel in der süßen seinen Durst lösche, und ließ gebratene Gründlinge darin schwimmen, da er wußte, daß Katzen zuweilen auch die Fi¬ scherei lieben. Aber da nun Spiegel ein so herrliches Leben führte, thun und lassen, essen und trinken konnte, was ihm beliebte und wann es ihm einfiel, so gedieh er allerdings zusehens an seinem Leibe; sein Pelz wurde wieder glatt und glänzend und sein Auge munter; aber zu¬ gleich nahm er, da sich seine Geisteskräfte in gleichem Maße wieder ansammelten, bessere Sit¬ ten an, die wilde Gier legte sich, und weil er jetzt eine traurige Erfahrung hinter sich hatte, so wurde er nun klüger als zuvor. Er mäßigte sich in seinen Gelüsten und fraß nicht mehr, als ihm zuträglich war, indem er zugleich wieder vernünftigen und tiefsinnigen Betrachtungen nach¬ ging und die Dinge wieder durchschaute. So holte er eines Tages einen hübschen Kramets¬ vogel von den Ästen herunter, und als er den¬ selben nachdenklich zerlegte, fand er dessen kleinen Magen ganz kugelrund angefüllt mit frischer un¬ versehrter Speise. Grüne Kräutchen, artig zu¬ sammengerollt, schwarze und weiße Samenkörner und eine glänzend rothe Beere waren da so niedlich und dicht in einander gepfropft, als ob ein Mütterchen für ihren Sohn das Ränzchen zur Reise gepackt hätte. Als Spiegel den Vo¬ gel langsam verzehrt und das so vergnüglich gefüllte Mäglein an seine Klaue hing und phi¬ losophisch betrachtete, rührte ihn das Schicksal des armen Vogels, welcher nach so friedlich ver¬ brachtem Geschäft so schnell sein Leben lassen mußte, daß er nicht einmal die eingepackten Sa¬ chen verdauen konnte. »Was hat er nun davon gehabt, der arme Kerl, sagte Spiegel, daß er sich so fleißig und eifrig genährt hat, daß dies kleine Säckchen aussieht, wie ein wohl vollbrach¬ tes Tagewerk? Diese rothe Beere ist es, die ihn aus dem freien Walde in die Schliuge des Vogelstellers gelockt hat. Aber er dachte doch, seine Sache noch besser zu machen und sein Le¬ ben an solchen Beeren zu fristen, während ich, der ich so eben den unglücklichen Vogel gegessen, daran mich nur um einen Schritt näher zum Tode gegessen habe! Kann man einen elenderen und feigeren Vertrag abschließen, als sein Leben noch ein Weilchen fristen zu lassen, um es dann um diesen Preis doch zu verlieren? Wäre nicht ein freiwilliger und schneller Tod vorzuziehen gewesen für einen entschlossenen Kater? Aber ich habe keine Gedanken gehabt, und nun da ich wieder solche habe, sehe ich nichts vor mir, als das Schicksal dieses Krametsvogels; wenn ich rund genug bin, so muß ich von hinnen, aus keinem andern Grunde, als weil ich rund bin. Ein schöner Grund für einen lebenslustigen und gedankenreichen Katzmann! Ach, könnte ich aus dieser Schlinge kommen!« Er vertiefte sich nun in vielfältige Grübe¬ leien, wie das gelingen möchte; aber da die Zeit der Gefahr noch nicht da war, so wurde es ihm nicht klar und er fand keinen Ausweg; aber als ein kluger Mann ergab er sich bis dahin der Tugend und der Selbstbeherrschung, welches immer die beste Vorschule und Zeitver¬ wendung ist, bis sich etwas entscheiden soll. Er verschmähte das weiche Kissen, welches ihm Pi¬ neiß zurechtgelegt hatte, damit er fleißig darauf schlafen und fett werden sollte, und zog es vor, wieder auf schmalen Gesimsen und hohen ge¬ fährlichen Stellen zu liegen, wenn er ruhen wollte. Ebenso verschmähte er die gebratenen Vögel und die gespickten Mäuse und fing sich lieber auf den Dächern, da er nun wieder ei¬ nen rechtmäßigen Jagdgrund hatte, mit List und Gewandtheit einen schlichten lebendigen Sper¬ ling, oder auf den Speichern eine flinke Maus, und solche Beute schmeckte ihm vortrefflicher, als das gebratene Wild in Pineißens künstlichem Gehäge, während sie ihn nicht zu fett machte; auch die Bewegung und Tapferkeit, sowie der wiedererlangte Gebrauch der Tugend und Phi¬ losophie verhinderten ein zu schnelles Fettwerden, so daß Spiegel zwar gesund und glänzend aus¬ sah, aber zu Pineißens Verwunderung auf einer gewissen Stufe der Beleibtheit stehen blieb, welche lange nicht das erreichte, was der Hexenmeister mit seiner freundlichen Mästung bezweckte; denn dieser stellte sich darunter ein kugelrundes, schwer¬ fälliges Thier vor, welches sich nicht vom Ruhe¬ kissen bewegte und aus eitel Schmeer bestand. Aber hierin hatte sich seine Hexerei eben geirrt und er wußte bei aller Schlauheit nicht, daß wenn man einen Esel füttert, derselbe ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchsen speiset, derselbe nichts anders wird, als ein Fuchs; denn jede Creatur wächst sich nach ihrer Weise aus. Als Herr Pineiß entdeckte, wie Spiegel immer auf demselben Punkte einer wohlgenährten, aber geschmeidigen und rüstigen Schlankheit stehen blieb, ohne eine erkleckliche Fettigkeit anzusetzen, stellte er ihn eines Abends plötzlich zur Rede und sagte barsch: »Was ist das, Spiegel? Wa¬ rum frissest Du die guten Speisen nicht, die ich Dir mit so viel Sorgfalt und Kunst präparire und herstelle? Warum fängst Du die gebrate¬ nen Vögel nicht auf den Bäumen, warum suchst Du die leckeren Mäuschen nicht in den Berghöhlen? Warum fischest Du nicht mehr in dem See? Warum pflegst Du Dich nicht? Warum schläfst Du nicht auf dem Kissen? Warum strapazirst Du Dich und wirst mir nicht fett?« »Ei, Herr Pineiß! sagte Spiegel, weil es mir wohler ist auf diese Weise! Soll ich meine kurze Frist nicht auf die Art verbringen, die mir am an¬ Keller, die Leute von Seldwyla. 30 genehmsten ist?« »Wie! rief Pineiß, Du sollst so leben, daß Du dick und rund wirst und nicht Dich abjagen! Ich merke aber wohl, wo Du hinauswillst! Du denkst mich zu äffen und hin¬ zuhalten, daß ich Dich in Ewigkeit in diesem Mittelzustande herumlaufen lasse? Mit nichten soll Dir das gelingen! Es ist Deine Pflicht, zu essen und zu trinken und Dich zu pflegen, auf daß Du dick werdest und Schmeer bekommst! Auf der Stelle entsage daher dieser hinterlistigen und kontraktwidrigen Mäßigkeit, oder ich werde ein Wörtlein mit Dir sprechen!« Spiegel unterbrach sein behagliches Spinnen, das er angefangen, um seine Fassung zu be¬ haupten, und sagte: »Ich weiß kein Sterbens¬ wörtchen davon, daß in dem Contrakt steht, ich solle der Mäßigkeit und einem gesunden Lebens¬ wandel entsagen! Wenn der Herr Stadthexenmeister darauf gerechnet hat, daß ich ein fauler Schlem¬ mer sei, so ist das nicht meine Schuld! Ihr thut tausend rechtliche Dinge des Tages, so lasset dieses auch noch hinzukommen und uns beide hübsch in der Ordnung bleiben; denn Ihr wißt ja wohl, daß Euch mein Schmeer nur nützlich ist, wenn er auf rechtliche Weise er¬ wachsen!« »Ei du Schwätzer! rief Pineiß er¬ bos't, willst Du mich belehren? Zeig' her, wie weit bist Du denn eigentlich gediehen, Du Müs¬ siggänger? Vielleicht kann man Dich doch bald abthun!« Er griff dem Kätzchen an den Bauch; allein dieses fühlte sich dadurch unangenehm ge¬ kitzelt und hieb dem Hexenmeister einen scharfen Kratz über die Hand. Diesen betrachtete Pi¬ neiß aufmerksam, dann sprach er: »Stehen wir so miteinander, du Bestie? Wohlan, so erkläre ich Dich hiermit feierlich, kraft des Vertrages, für fett genug! Ich begnüge mich mit dem Er¬ gebniß und werde mich desselben zu versichern wissen! In fünf Tagen ist der Mond voll, und bis dahin magst Du Dich noch Deines Lebens erfreuen, wie es geschrieben steht, und nicht eine Minute länger!« Damit kehrte er ihm den Rücken und überließ ihn seinen Gedanken. Diese waren jetzt sehr bedenklich und düster; so war denn die Stunde doch nahe, wo der gute Spiegel seine Haut lassen sollte? Und war mit aller Klugheit gar nichts mehr zu machen? Seufzend stieg er auf das hohe Dach, dessen 30 * Firste dunkel in den schönen Herbstabendhimmel emporragten. Da ging der Mond über der Stadt auf und warf seinen Schein auf die schwarzen bemoosten Hohlziegel des alten Da¬ ches, ein lieblicher Gesang tönte in Spiegels Ohren und eine schneeweiße Kätzin wandelte glänzend über einen benachbarten First weg. Sogleich vergaß Spiegel die Todesaussichten, in welchen er lebte, und erwiederte mit seinem schön¬ sten Katerliede den Lobgesang der Schönen. Er eilte ihr entgegen und war bald im hitzigen Gefecht mit drei fremden Katern begriffen, die er muthig und wild in die Flucht schlug. Dann machte er der Dame feurig und ergeben den Hof und brachte Tag und Nacht bei ihr zu, ohne an den Pineiß zu denken oder im Hause sich sehen zu lassen. Er sang wie eine Nach¬ tigall die schönen Mondnächte hindurch, jagte hinter der weißen Geliebten her über die Dä¬ cher, durch die Gärten, und rollte mehr als einmal im heftigen Minnespiel oder im Kampfe mit den Rivalen über hohe Dächer hinunter und fiel auf die Straße; aber nur um sich aufzu¬ raffen, das Fell zu schütteln und die wilde Jagd seiner Leidenschaften von Neuem anzuheben. Stille und laute Stunden, süße Gefühle und zorniger Streit, anmuthiges Zwiegespräch, witziger Ge¬ dankenaustausch, Ränke und Schwänke der Liebe und Eifersucht, Liebkosungen und Raufereien, die Gewalt des Glückes und die Leiden des Un¬ sterns ließen den verliebten Spiegel nicht zu sich selbst kommen, und als die Scheibe des Mondes voll ward, war er von allen diesen Aufregungen und Leidenschaften so heruntergekommen, daß er jämmerlicher, magerer und zerzauster aussah, als je. Im selben Augenblicke rief ihm Pineiß aus einem Dachthürmchen: »Spiegelchen, Spie¬ gelchen! Wo bist Du? Komm doch ein Bischen nach Hause!« Da schied Spiegel von der weißen Freun¬ din, welche zufrieden und kühl miauend ihrer Wege ging und wandte sich stolz seinem Henker zu. Dieser stieg in die Küche hinunter, raschelte mit dem Contract und sagte: »Komm Spiegel¬ chen, komm Spiegelchen!« und Spiegel folgte ihm und setzte sich in der Hexenküche trotzig vor den Meister hin in all' seiner Magerkeit und Zer¬ zaus'theit. Als Herr Pineiß erblickte, wie er so schmählich um seinen Gewinn gebracht war, sprang er wie besessen in die Höhe und schrie wüthend: »Was seh' ich? Du Schelm, Du gewissenloser Spitzbube! Was hast Du mir gethan?« Außer sich vor Zorn griff er nach einem Besen und wollte Spiegelein schlagen; aber dieser krümmte den schwarzen Rücken, ließ die Haare empor starren, daß ein fahler Schein darüber knisterte, legte die Ohren zurück, prustete und funkelte den Alten so grimmig an, daß dieser voll Furcht und Entsetzen drei Schritt zurück sprang. Er begann zu fürchten, daß er einen Hexenmeister vor sich habe, welcher ihn foppe und mehr könne, als er selbst. Ungewiß und kleinlaut sagte er: »Ist der ehr¬ same Herr Spiegel vielleicht vom Handwerk? Sollte ein gelehrter Zaubermeister beliebt haben, sich in dero äußere Gestalt zu verkleiden, da er nach Gefallen über sein Leibliches gebieten und genau so beleibt werden kann, als es ihm an¬ genehm dünkt, nicht zu wenig und nicht zu viel, oder unversehens so mager wird, wie ein Ge¬ rippe, um dem Tode zu entschlüpfen?« Spiegel beruhigte sich wieder und sprach ehrlich: »Nein, ich bin kein Zauberer! Es ist allein die süße Gewalt der Leidenschaft, welche mich so heruntergebracht und zu meinem Ver¬ gnügen Euer Fett dahin genommen hat. Wenn wir übrigens jetzt unser Geschäft von Neuem beginnen wollen, so will ich tapfer dabei sein und drein beißen! Setzt mir nur eine recht schöne und große Bratwurst vor, denn ich bin ganz erschöpft und hungrig!« Da packte Pi¬ neiß den Spiegel wüthend am Kragen, sperrte ihn in den Gänsestall, der immer leer war, und schrie: »Da sieh zu, ob Dir Deine süße Ge¬ walt der Leidenschaft noch einmal heraushilft und ob sie stärker ist, als die Gewalt der Hexe¬ rei und meines rechtlichen Vertrages! Jetzt heißt's: Vogel friß und stirb!« Sogleich briet er eine lange Wurst, die so lecker duftete, daß er sich nicht enthalten konnte, selbst ein Bischen an beiden Zipfeln zu schlecken, ehe er sie durch das Gitter steckte. Spiegel fraß sie von vorn bis hinten auf, und indem er sich behaglich den Schnurrbart putzte und den Pelz leckte, sagte er zu sich selber: »Meiner Seel! es ist doch eine schöne Sache um die Liebe! Die hat mich für diesmal wieder aus der Schlinge gezogen. Jetzt will ich mich ein wenig ausruhen und trachten, daß ich durch Beschaulichkeit und gute Nahrung wieder zu vernünftigen Gedanken komme! Alles hat seine Zeit! Heute ein Bischen Leidenschaft, morgen ein wenig Besonnenheit und Ruhe, ist jedes in seiner Weise gut. Dies Gefängniß ist gar nicht so übel und es läßt sich gewiß etwas Ersprießliches darin ausdenken!« Pineiß aber nahm sich nun zusammen und bereitete alle Tage mit aller seiner Kunst solche Leckerbissen, und in solch reizender Abwechslung und Zuträg¬ lichkeit, daß der gefangene Spiegel denselben nicht widerstehen konnte; denn Pineißens Vor¬ rath an freiwilligem und rechtmäßigem Katzen¬ schmeer nahm alle Tage mehr ab und drohte nächstens ganz auszugehen, und dann war der Hexer ohne dies Hauptmittel ein geschlagener Mann. Aber der gute Hexenmeister nährte mit dem Leibe Spiegels dessen Geist immer wieder mit, und es war durchaus nicht von dieser un¬ bequemen Zuthat loszukommen, weshalb auch seine Hexerei sich hier als lückenhaft erwies. Als Spiegel in seinem Käfig ihm endlich fett genug dünkte, säumte er nicht länger, son¬ dern stellte vor den Augen des aufmerksamen Katers alle Geschirre zurecht und machte ein helles Feuer auf dem Heerd, um den lang er¬ sehnten Gewinn auszukochen. Dann wetzte er ein großes Messer, öffnete den Kerker, zog Spie¬ gelchen hervor, nachdem er die Küchenthüre wohl verschlossen, und sagte wohlgemuth: »Komm, Du Sapperlöter! wir wollen Dir den Kopf abschnei¬ den vor der Hand, und dann das Fell abzie¬ hen! Dieses wird eine warme Mütze für mich geben, woran ich Einfältiger noch gar nicht ge¬ dacht habe! Oder soll ich Dir erst das Fell ab¬ ziehen und dann den Kopf abschneiden?« »Nein, wenn es Euch gefällig ist, sagte Spiegel de¬ müthig, lieber zuerst den Kopf abschneiden!« »Hast Recht, Du armer Kerl!« sagte Herr Pi¬ neiß, »wir wollen Dich nicht unnütz quälen! Alles was Recht ist!« »Dies ist ein wahres Wort!« sagte Spiegel mit einem erbärmlichen Seufzer und legte das Haupt ergebungsvoll auf die Seite, »o hätt' ich doch jederzeit gethan, was Recht ist, und nicht eine so wichtige Sache leichtsinnig unterlassen, so könnte ich jetzt mit besserem Gewissen sterben, denn ich sterbe gern; aber ein Unrecht erschwert mir den sonst so will¬ kommenen Tod, denn was bietet mir das Le¬ ben? Nichts als Furcht, Sorge und Armuth und zur Abwechslung einen Sturm verzehrender Leidenschaft, die noch schlimmer ist, als die stille zitternde Furcht!« »Ei, welches Unrecht, welche wichtige Sache?« fragte Pineiß neugierig. »Ach, was hilft das Reden jetzt noch, seufzte Spiegel, geschehen ist geschehen und jetzt ist Reue zu spät!« »Siehst Du Sappermenter, was für ein Sünder Du bist?« sagte Pineiß, »und wie wohl Du Deinen Tod verdienst? Aber was Tausend hast Du denn angestellt? Hast Du mir vielleicht etwas entwendet, entfremdet, verdorben? Hast Du mir ein himmelschreiendes Unrecht gethan, von dem ich noch gar nichts weiß, ahne, vermuthe, Du Satan? Das sind mir schöne Geschichten! Gut, daß ich noch da¬ hinter komme! Auf der Stelle beichte mir, oder ich schinde und siede Dich lebendig aus? Wirst Du sprechen oder nicht?« »Ach nein!« sagte Spiegel, »wegen Euch habe ich mir nichts vor¬ zuwerfen. Es betrifft die zehntausend Goldgülden meiner seligen Gebieterin — aber was hilft Reden! — Zwar — wenn ich bedenke und Euch ansehe, so möchte es vielleicht doch nicht ganz zu spät sein — wenn ich Euch betrachte, so sehe ich, daß Ihr ein noch ganz schöner und rüstiger Mann seid, in den besten Jahren — sagt doch, Herr Pineiß! Habt Ihr noch nie etwa den Wunsch verspürt, Euch zu verehlichen, ehr¬ bar und vortheilhaft? Aber was schwatze ich! Wie wird ein so kluger und kunstreicher Mann auf dergleichen müssige Gedanken kommen! Wie wird ein so nützlich beschäftigter Meister an thö¬ richte Weiber denken! Zwar allerdings hat auch die Schlimmste noch irgend was an sich, was etwa nützlich für einen Mann ist, das ist nicht abzuleugnen! Und wenn sie nur halbwegs was taugt, so ist eine gute Hausfrau etwa weiß am Leibe, sorgfältig im Sinne, zuthulich von Sitten, treu von Herzen, sparsam im Verwalten, aber verschwenderisch in der Pflege ihres Mannes, kurzweilig in Worten und angenehm in ihren Thaten, einschmeichelnd in ihren Handlungen! Sie küßt den Mann mit ihrem Munde und streichelt ihm den Bart, sie umschließt ihn mit ihren Armen und kraut ihm hinter den Ohren, wie er es wünscht, kurz, sie thut tausend Dinge, die nicht zu verwerfen sind. Sie hält sich ihm ganz nah zu oder in bescheidener Entfernung, je nach seiner Stimmung, und wenn er seinen Ge¬ schäften nachgeht, so stört sie ihn nicht, sondern verbreitet unterdessen sein Lob in und außer dem Hause; denn sie läßt nichts an ihn kommen und rühmt Alles, was an ihm ist! Aber das Anmuthigste ist die wunderbare Beschaffenheit ihres zarten leiblichen Daseins, welches die Na¬ tur so verschieden gemacht hat von unserm We¬ sen bei anscheinender Menschenähnlichkeit, daß es ein fortwährendes Meerwunder in einer glück¬ haften Ehe bewirkt und eigentlich die allerdurch¬ triebenste Hexerei in sich birgt! Doch was schwatze ich da wie ein Thor an der Schwelle des To¬ des! Wie wird ein weiser Mann auf dergleichen Eitelkeiten sein Augenmerk richten! Verzeiht, Herr Pineiß, und schneidet mir den Kopf ab!« Pineiß aber rief heftig: »So halt doch end¬ lich inne, Du Schwätzer! und sage mir: Wo ist eine Solche und hat sie zehntausend Gold¬ gülden?« »Zehntausend Goldgülden?« sagte Spiegel. »Nun ja, rief Pineiß ungeduldig, sprachest Du nicht eben erst davon?« »Nein, antwortete Jener, das ist eine an¬ dere Sache! Die liegen vergraben an einem Orte!« »Und was thun sie da, wem gehören sie?« schrie Pineiß. »Niemand gehören sie, das ist eben meine Gewissensbürde, doch ich hätte sie unterbringen sollen! Eigentlich gehören sie Jenem, der eine solche Person heirathet, wie ich eben beschrieben habe. Aber wie soll man drei solche Dinge zu¬ sammenbringen in dieser gottlosen Stadt. Zehn¬ tausend Goldgülden, eine weiße, feine und gute Hausfrau, und einen weisen rechtschaffenen Mann? Daher ist eigentlich meine Sünde nicht allzugroß, denn der Auftrag war zu schwer für eine arme Katze!« »Wenn Du jetzt, rief Pineiß, nicht bei der Sache bleibst, und sie verständlich der Ordnung nach darthust, so schneide ich Dir vorläufig den Schwanz und beide Ohren ab! Jetzt fang an!« »Da Ihr es befehlt, so muß ich die Sache wohl erzählen,« sagte Spiegel und setzte sich ge¬ lassen auf seine Hinterfüße, »obgleich dieser Auf¬ schub meine Leiden nur vergrößert!« Pineiß steckte das scharfe Messer zwischen sich und Spie¬ gel in die Diele und setzte sich neugierig auf ein Fäßchen, um zuzuhören, und Spiegel fuhr fort: »Ihr wisset doch, Herr Pineiß, daß die brave Person, meine selige Meisterin, unverhei¬ rathet gestorben ist als eine alte Jungfer, die in aller Stille viel Gutes gethan und Nieman¬ den zuwider gelebt hat. Aber nicht immer war es um sie her so still und ruhig zugegangen, und obgleich sie niemals von bösem Gemüth gewesen, so hatte sie doch einst viel Leid und Schaden angerichtet; denn in ihrer Jugend war sie das schönste Fräulein weit und breit, und was von jungen Herren und kecken Gesellen in der Gegend war oder des Weges kam, verliebte sich in sie und wollte sie durchaus heirathen. Nun hatte sie wohl große Lust, zu heirathen, und einen hübschen, ehrenfesten und klugen Mann zu nehmen und sie hatte die Auswahl, da sich Einheimische und Fremde um sie stritten und einander mehr als ein Mal die Degen in den Leib rannten, um den Vorrang zu gewinnen. Es bewarben sich um sie und versammelten sich kühne und verzagte, listige und treuherzige, reiche und arme Freier, solche mit einem guten und anständigen Geschäft, und solche, welche als Ka¬ valiere zierlich von ihren Renten lebten; dieser mit diesen, jener mit jenen Vorzügen, beredt oder schweigsam, der Eine munter und liebens¬ würdig, und ein Anderer schien es mehr in sich zu haben, wenn er auch etwas einfältig aussah; kurz, das Fräulein hatte eine so vollkommene Auswahl, wie es ein mannbares Frauenzimmer sich nur wünschen kann. Allein sie besaß außer ihrer Schönheit ein schönes Vermögen von vie¬ len tausend Goldgülden und diese waren die Ursache, daß sie nie dazu kam, eine Wahl tref¬ fen und einen Mann nehmen zu können, denn sie verwaltete ihr Gut mit trefflicher Umsicht und Klugheit und legte einen großen Werth auf dasselbe, und da nun der Mensch immer von seinen eigenen Neigungen aus andere beurtheilt, so geschah es, daß sie, sobald sich ihr ein ach¬ tungswerther Freier genähert und ihr halbwegs gefiel, alsobald sich einbildete, derselbe begehre sie nur um ihres Gutes willen. War einer reich, so glaubte sie, er würde sie doch nicht be¬ gehren, wenn sie nicht auch reich wäre, und von den Unbemittelten nahm sie vollends als gewiß an, daß sie nur ihre Goldgülden im Auge hät¬ ten und sich daran gedächten gütlich zu thun, und das arme Fräulein, welches doch selbst so große Dinge auf den irdischen Besitz hielt, war nicht im Stande, diese Liebe zu Geld und Gut an ihren Freiern von der Liebe zu ihr selbst zu unterscheiden, oder, wenn sie wirklich etwa vorhanden war, dieselbe nachzusehen und zu verzeihen. Mehrere Male war sie schon so gut wie verlobt und ihr Herz klopfte endlich stärker; aber plötzlich glaubte sie aus irgend ei¬ nem Zuge zu entnehmen, daß sie verrathen sei und man einzig an ihr Vermögen denke, und sie brach unverweilt die Geschichte entzwei und zog sich voll Schmerzen, aber unerbittlich zurück. Sie prüfte Alle, welche ihr nicht mißfielen, auf hundert Arten, so daß eine große Gewandtheit dazu gehörte, nicht in die Falle zu gehen, und zuletzt Keiner mehr sich mit einiger Hoffnung nähern konnte, als wer ein durchaus geriebener und verstellter Mensch war, so daß schon aus diesen Gründen endlich die Wahl wirklich schwer wurde, weil solche Menschen dann zuletzt doch eine unheimliche Unruhe erwecken und die peinlichste Ungewißheit bei einer Schönen zurücklassen, je geriebener und geschickter sie sind. Das Haupt¬ mittel, ihre Anbeter zu prüfen, war, daß sie ihre Uneigennützigkeit auf die Probe stellte und sie alle Tage zu großen Ausgaben, zu reichen Geschenken und zu wohlthätigen Handlungen ver¬ anlaßte. Aber sie mochten es machen, wie sie wollten, so trafen sie doch nie das Rechte; denn zeigten sie sich freigebig und aufopfernd, gaben sie glänzende Feste, brachten sie ihr Geschenke dar, oder anvertrauten ihr beträchtliche Gelder für die Armen, so sagte sie plötzlich, dies Alles geschehe nur, um mit einem Würmchen den Lachs zu fangen, oder mit der Wurst nach der Speck¬ seite zu werfen, wie man zu sagen pflegt. Und sie vergabte die Geschenke sowohl wie das an¬ vertraute Geld an Klöster und milde Stiftungen und speisete die Armen; aber die betrogenen Freier wies sie unbarmherzig ab. Bezeigten sich dieselben aber zurückhaltend oder gar knauserig, Keller, die Leute von Seldwyla. 31 so war der Stab sogleich über sie gebrochen, da sie das noch viel übler nahm und daran eine schnöde und nackte Rücksichtslosigkeit und Ei¬ genliebe zu erkennen glaubte. So kam es, daß sie, welche ein reines und nur ihrer Person hingegebenes Herz suchte, zuletzt von lauter ver¬ stellten, listigen und eigensüchtigen Freiersleuten umgeben war, aus denen sie nie klug wurde und die ihr das Leben verbitterten. Eines Ta¬ ges fühlte sie sich so mißmuthig und trostlos, daß sie ihren ganzen Hof aus dem Hause wies, dasselbe zuschloß und nach Mailand verreis’te, wo sie eine Base hatte. Als sie über den St. Gotthard ritt auf einem Eselein, war ihre Ge¬ sinnung so schwarz und schaurig, wie das wilde Gestein, das sich aus den Abgründen empor thürmte, und sie fühlte die heftigste Versuchung, sich von der Teufelsbrücke in die tobenden Ge¬ wässer der Reuß hinabzustürzen. Nur mit der größten Mühe gelang es den zwei Mägden, die sie bei sich hatte, und die ich selbst noch gekannt habe, welche aber nun schon lange todt sind, und dem Führer, sie zu beruhigen und von der finstern Anwandlung abzubringen. Doch langte sie bleich und traurig in dem schönen Land Italien an, und so blau dort der Himmel war, wollten sich ihre dunklen Gedanken doch nicht aufhellen. Aber als sie einige Tage bei ihrer Base verweilt, sollte unverhofft eine andere Melodie ertönen und ein Frühlingsanfang in ihr aufgehen, von dem sie bis dato noch nicht viel gewußt. Denn es kam ein junger Landsmann in das Haus der Base, der ihr gleich beim er¬ sten Anblick so wohl gefiel, daß man wohl sagen kann, sie verliebte sich jetzt von selbst und zum ersten Mal. Es war ein schöner Jüngling, von guter Erziehung und edlem Benehmen, nicht arm und nicht reich zur Zeit, denn er hatte nichts als zehntausend Goldgulden, welche er von seinen verstorbenen Ältern ererbt und wo¬ mit er, da er die Kaufmannschaft erlernt hatte, in Mailand einen Handel mit Seide begründen wollte, denn er war unternehmend und klar von Gedanken und hatte eine glückliche Hand, wie es unbefangene und unschuldige Leute oft haben; denn auch dies war der junge Mann; er schien, so wohlgelehrt er war, doch so arglos und un¬ schuldig wie ein Kind. Und obgleich er ein 31* Kaufmann war und ein so unbefangenes Ge¬ müth, was schon zusammen eine köstliche Sel¬ tenheit ist, so war er doch fest und ritterlich in seiner Haltung und trug sein Schwert so keck zur Seite, wie nur ein geübter Kriegsmann es tragen kann. Dies Alles, sowie seine frische Schönheit und Jugend bezwängen das Herz des Fräuleins dermaßen, daß sie kaum an sich hal¬ ten konnte und ihn mit großer Freundlichkeit begegnete. Sie wurde wieder heiter und wenn sie dazwischen auch traurig war, so geschah dies in dem Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und angenehmeres Gefühl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl, welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie nur eine Mühe und Besorgniß, diejenige nämlich, dem schönen und guten Jüngling zu gefallen, und je schöner sie selbst war, desto demüthiger und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Male eine wahre Neigung gefaßt hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch nie eine solche Schönheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe gewesen und von ihr so freund¬ lich und artig behandelt worden. Da sie nun, wie gesagt, nicht nur schön, sondern auch gut von Herzen und fein von Sitten war, so ist es nicht zu verwundern, daß der offene und frische Jüngling, dessen Herz noch ganz frei und uner¬ fahren war, sich ebenfalls in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rückhaltlosigkeit, die in seiner ganzen Natur lag. Aber vielleicht hätte das nie Jemand erfahren, wenn er in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wäre durch des Fräuleins Zuthulichkeit, welche er mit heim¬ lichem Zittern und Zagen für eine Erwiederung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Ver¬ stellung kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu verheimlichen; aber Jeder sah ihm von Weitem an, daß er zum Sterben verliebt war, und wenn er irgend in die Nähe des Fräuleins gerieth oder sie nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller Heftigkeit seiner Jugend, so daß ihm das Fräulein das Höchste und Beste auf der Welt wurde, an welches er ein für allemal das Heil und den ganzen Werth seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr über die Maßen wohl; denn es war in allem, was er sagte oder that, eine andere Art, als sie bislang erfahren und dies bestärkte und rührte sie so tief, daß sie nun gleichermaßen der stärksten Liebe anheim fiel und nun nicht mehr von einer Wahl für sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte spielen und es wurde offen darüber gesprochen und vielfach gescherzt. Dem Fräulein war es höchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer Seite doch ein wenig verwickeln und ausspinnen, um ihn recht aus¬ zukosten und zu genießen. Denn der junge Mann beging in seiner Verwirrung so köstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals er¬ fahren, und für sie ein Mal schmeichelhafter und angenehmer waren, als das andere. Er aber in seiner Gradheit und Ehrlichkeit konnte es nicht lange so aushalten; da Jeder darauf anspielte und sich einen Scherz erlaubte, so schien es ihm eine Komödie zu werden, als deren Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr ausnehmend behagte, das machte ihn bekümmert, ungewiß und verlegen um sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hintergehen, wenn er da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrüge und unaufhörlich an sie denke, ohne daß sie eine Ahnung davon habe, was doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah man ihm eines Morgens von Weitem an, daß er etwas vor¬ hatte und er bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es Ein Mal und nie zum zweiten Mal zu sagen, wenn er nicht glücklich sein sollte. Denn er war nicht gewohnt zu denken, daß ein solches schönes und wohlbeschaffenes Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum ersten Mal ihr unwiderrufliches Ja oder Nein erwiedern sollte. Er war eben so zart gesinnt, als heftig verliebt, eben so spröde als kindlich und eben so stolz als unbe¬ fangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod und Leben, auf Ja oder Nein, Schlag um Schlag. In demselben Augenblicke aber, in welchem das Fräulein sein Geständniß anhörte, das sie so sehnlich erwartet, überfiel sie ihr altes Mißtrauen und es fiel ihr zur unglücklichen Stunde ein, daß ihr Liebhaber ein Kaufmann sei, welcher am Ende nur ihr Vermögen zu erlangen wün¬ sche, um seine Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre Person verliebt sein sollte, so wäre ja das bei ihrer Schönheit kein sonderliches Verdienst und nur um so empörender, wenn sie eine bloße wünsch¬ bare Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher ihre Gegenliebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, wie sie am liebsten gethan hätte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um seine Hingebung zu prüfen, und nahm eine ernste, fast traurige Miene an, in¬ dem sie ihm vertraute, wie sie bereits mit einem jungen Mann verlobt sei in ihrer Hei¬ mat, welchen sie auf das Allerherzlichste liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mittheilen wollen, da sie ihn, den Kaufmann nämlich, als Freund sehr lieb habe, wie er wohl habe sehen können aus ihrem Benehmen, und sie ver¬ traue ihm wie einem Bruder. Aber die unge¬ schickten Scherze, welche in der Gesellschaft auf¬ gekommen seien, hätten ihr eine vertrauliche Unterhaltung erschwert; da er nun aber selbst sie mit seinem braven und edlen Herzen über¬ rascht und dasselbe vor ihr aufgethan, so könne sie ihm für seine Neigung nicht besser danken, als in dem sie ihm eben so offen sich anvertraue. Ja, fuhr sie fort, nur demjenigen könne sie an¬ gehören, welchen sie einmal erwählt habe, und nie würde es ihr möglich sein, ihr Herz einem anderen Mannesbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem Feuer in ihrer Seele geschrieben und der liebe Mann wisse selbst nicht, wie lieb er ihr sei, so wohl er sie auch kenne! Aber ein trüber Unstern hätte sie betroffen; ihr Bräutigam sei ein Kaufmann, aber so arm wie eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaßt, daß er aus den Mitteln der Braut einen Handel begründen solle; der Anfang sei gemacht und Alles auf das Beste eingeleitet, die Hochzeit sollte in die¬ sen Tagen gefeiert werden, da wollte ein un¬ verhofftes Mißgeschick, daß ihr ganzes Vermögen plötzlich ihr angetastet und abgestritten wurde und vielleicht für immer verloren gehe, während der arme Bräutigam in nächster Zeit seine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailänder und Venetianischen Kaufleute, worauf sein ganzer Credit, sein Gedeihen und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und glücklichen Hochzeit! Sie sei in der Eile nach Mailand gekommen, wo sie begüterte Verwandte habe, um da Mittel und Auswege zu finden; aber zu einer schlimmen Stunde sei sie ge¬ kommen; denn nichts wolle sich fügen und schicken, während der Tag immer näher rücke, und wenn sie ihrem Geliebten nicht helfen könne, so müsse sie sterben vor Traurigkeit. Denn es sei der liebste und beste Mensch, den man sich denken könne, und würde sicherlich ein großer Kaufherr werden, wenn ihm geholfen würde, und sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden, als dann dessen Gemahlin zu sein! Als sie diese Erzählung beendet, hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange entfärbt und war bleich wie ein weißes Tuch. Aber er ließ keinen Laut der Klage vernehmen und sprach nicht ein Sterbenswörtchen mehr von sich selbst und von seiner Liebe, sondern fragte bloß traurig, auf wie viel sich denn die eingegangenen Ver¬ pflichtungen des glücklich unglücklichen Bräutigams beliefen? Auf zehn tausend Goldgulden! ant¬ wortete sie noch viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das Fräu¬ lein, guten Muthes zu sein, da sich gewiß ein Ausweg zeigen werde, und entfernte sich von ihr, ohne daß er sie anzusehen wagte, so sehr fühlte er sich betroffen und beschämt, daß er sein Auge auf eine Dame geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen Andern liebte. Denn der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Er¬ zählung wie ein Evangelium. Dann begab er sich ohne Säumniß zu seinen Handelsfreunden und brachte sie durch Bitten und Einbüßung einer gewissen Summe dahin, seine Bestellungen und Einkäufe wieder rückgängig zu machen, welche er selbst in diesen Tagen auch grad mit seinen zehntausend Goldgulden bezahlten sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete, und ehe sechs Stunden verflossen waren, erschien er wieder bei dem Fräulein mit seinem ganzen Besitzthum und bat sie um Gotteswillen diese Aushülfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor freudiger Überraschung und ihre Brust pochte wie ein Hammerwerk; sie fragte ihn, wo er denn dies Capital hergenommen, und er erwiederte, er habe es auf seinen guten Namen geliehen und würde es, da seine Geschäfte sich glücklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit zurückerstatten können. Sie sah ihm deutlich an, daß er log und daß es sein einziges Vermögen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glücke opferte; doch stellte sie sich, als glaubte sie seinen Worten. Sie ließ ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und that grausamer Weise, als ob diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Erwählten retten und heirathen zu dürfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Doch plötzlich besann sie sich und erklärte, nur unter Einer Bedingung die großmüthige That annehmen zu können, da sonst Alles Zureden unnütz wäre. Befragt, worin diese Bedingung bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, daß er an einem bestimmten Tage sich bei ihr einfinden wolle, um ihrer Hochzeit beizuwohnen und der beste Freund und Gönner ihres zu¬ künftigen Ehegemahls zu werden, sowie der treuste Freund, Schützer und Berather ihrer selbst. Erröthend bat er sie, von diesem Be¬ gehren abzustehen; aber umsonst wandte er alle Gründe an, um sie davon abzubringen, umsonst stellte er ihr vor, daß seine Angelegenheiten jetzt nicht erlaubten, nach der Schweiz zurück¬ zureisen, und daß er von einem solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden würde. Sie beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Gold wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. Endlich versprach er es, aber er mußte ihr die Hand darauf geben und es ihr bei seiner Ehre und Seligkeit beschwören. Sie bezeichnete ihm genau den Tag und die Stunde, wann er eintreffen solle und alles dies mußte er bei seinem Christenglauben und bei seiner Seligkeit beschwören. Erst dann nahm sie sein Opfer an und ließ den Schatz vergnügt in ihre Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhändig in ihrer Reisetruhe verschloß und den Schlüssel in den Busen steckte. Nun hielt sie sich nicht länger in Mailand auf, sondern reiste eben so fröhlich über den Sankt Gotthard zurück, als schwermüthig sie hergekom¬ men war. Auf der Teufelsbrücke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine Unkluge und warf mit hellem Jauchzen ihrer wohlklin¬ genden Stimme einen Granatblüthenstrauß in die Reuß, welchen sie vor der Brust trug, kurz ihre Lust war nicht zu bändigen, und es war die fröhlichste Reise, die je gethan wurde. Heim¬ gekehrt, öffnete und lüftete sie ihr Haus von oben bis unten und schmückte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber zu Häupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehn¬ tausend Goldgulden und legte des Nachts den Kopf so glückselig auf den harten Klumpen und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkissen gewesen wäre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie ihn sicher kommen sah, da sie wußte, daß er nicht das einfachste Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen würde, und wenn es ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte erschien nicht und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne daß er von sich hören ließ. Da fing sie an an allen Gliedern zu zittern und verfiel in die größte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über Briefe nach Mailand, aber Niemand wußte ihr zu sagen, wo er geblieben sei. Endlich aber stellte es sich durch einen Zufall heraus, daß der junge Kauf¬ herr aus einem blutrothen Stück Seidendamast, welches er von seinem Handelsanfang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte, sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schweizer gegangen war, welche damals eben im Solde des Königs Franz von Frankreich den Mailändischen Krieg mitstritten. Nach der Schlacht bei Pavia, in welcher so viele Schweizer das Leben verloren, wurde er auf einem Haufen er¬ schlagener Spaniolen liegend gefunden von vielen tödtlichen Wunden zerrissen und sein rothes Sei¬ dengewand von unten bis oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, sagte er einem neben ihm liegenden Seldwyler, der min¬ der übel zugerichtet war, folgende Botschaft in's Gedächtniß und bat ihn, dieselbe auszurichten, wenn er mit dem Leben davon käme! »Liebstes Fräulein! Obgleich ich Euch bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Se¬ ligkeit geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir dennoch nicht möglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen Andern des höchsten Glückes theilhaftig zu erblicken, das es für mich geben könnte. Dieses habe ich erst in Euerer Abwesenheit verspürt und habe vor¬ her nicht gewußt, welch' eine strenge und un¬ heimliche Sache es ist um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst würde ich mich zweifelsohne besser davor gehütet haben. Da es aber ein¬ mal so ist, so wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen Seligkeit verloren und in die ewige Verdammniß eingehen als ein Meineidiger, denn noch einmal in Euerer Nähe erscheinen mit einem Feuer in der Brust, wel¬ ches stärker und unauslöschlicher ist, als das Höllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspü¬ ren lassen. Betet nicht etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und werde nie selig werden ohne Euch, sei es hier oder dort, und somit lebt glücklich und seid gegrüßt!« So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König Franziskus sagte: »Alles verloren, außer der Ehre!« der unglückliche Liebhaber alles verloren, die Hoffnung, die Ehre, das Leben und die ewige Seligkeit, nur die Liebe nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwyler kam glücklich davon, und sobald er sich in etwas erholt und außer Gefahr sah, schrieb er die Worte des Umgekom¬ menen getreu auf seine Schreibtafel, um sie nicht zu vergessen, reis'te nach Hause, meldete sich bei dem unglücklichen Fräulein und las ihr die Botschaft so steif und kriegerisch vor, wie er zu thun gewohnt war, wenn er sonst die Mannschaft seines Fähnleins verlas; denn es war ein Feldlieutenant. Das Fräulein aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann so laut zu schreien und zu weinen, daß man es die Straße auf und nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umherrollenden Schatz zusammen zu raffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dem Golde und wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen; unaufhörlich liebkos'te und küßte sie das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand, den Schatz emsig hin Keller, die Leute von Seldwyla. 32 und her eilend nach dem Garten trug und dort unter bitteren Thränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch darüber aussprach, daß er niemals Jemand anderm angehören solle.« Als Spiegel soweit erzählt hatte, sagte Pineiß: »Und liegt das schöne Geld noch in dem Brunnen?« »Ja, wo sollte es sonst liegen?« antwortete Spiegel, »denn nur ich kann es herausbringen und habe es bis zur Stunde noch nicht gethan!« »Ei ja so, richtig! sagte Pineiß, »ich habe es ganz vergessen über Deiner Ge¬ schichte! Du kannst nicht übel erzählen, Du Sapperlöter! und es ist mir ganz gelüstig worden nach einem Weibchen, die so für mich eingenommen wäre; aber sehr schön müßte sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch, wie die Sache eigentlich zusammenhängt!« »Es dauerte manche Jahre, sagte Spiegel, bis das Fräulein aus bittern Seelenleiden so weit zu sich kam, daß sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich sie kennen lernte. Ich darf mich berühmen, daß ich ihr einziger Trost und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah, vergegen¬ wärtigte sie sich noch ein Mal die Zeit ihrer fernen Jugend und Schönheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst die süßen Erregungen und dann die bittern Leiden jener Zeit, und sie weinte still sieben Tage und Nächte hindurch über die Liebe des Jünglings, deren Genuß sie durch ihr Mißtrauen verloren hatte, so daß ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie den Fluch, wel¬ chen sie über jenen Schatz ausgesprochen und sagte zu mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: »Ich bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe Dir die Vollmacht, daß Du meine Verordnung vollziehest. Sieh' Dich um und suche, bis Du eine bildschöne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer Armuth wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verständiger, rechtlicher und hübscher Mann finden sollte, der sein gutes Auskommen hat, und die Jungfrau ungeachtet ihrer Armuth, nur allein von ihrer Schönheit be¬ wegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den stärksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher Liebster ge¬ wesen ist, und dieser Frau sein Leben lang in allen Dingen zu willfahren. Dann gieb der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im Brunnen liegen, zur Mitgift, daß sie ihren Bräutigam am Hochzeitmorgen damit überrasche! So sprach die Selige und ich habe meiner wi¬ drigen Geschicke wegen versäumt, dieser Sache nachzugehen und muß nun befürchten, daß die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was für mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!« Pineiß sah den Spiegel mißtrauisch an und sagte: »Wärst Du wohl im Stande, Bürschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und augenscheinlich zu machen?« »Zu jeder Stunde!« versetzte Spiegel, »aber Ihr müßt wissen, Herr Stadthexenmeister! daß Ihr das Gold nicht etwa so ohne Weiteres herausfischen dürftet. Man würde Euch unfehl¬ bar das Genick umdrehen; denn es ist nicht g anz geheuer in dem Brunnen, ich habe darüber bestimmte Inzichten, welche ich aus Rücksichten nicht näher berühren darf!« »Hei, wer spricht denn von Herausholen?« sagte Pineiß etwas furchtsam, »führe mich ein¬ mal hin und zeige mir den Schatz! Oder viel¬ mehr will ich Dich führen an einem guten Schnürlein, damit Du mir nicht entwischest!« »Wie Ihr wollt!« sagte Spiegel, »aber nehmt auch eine andere lange Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Ihr daran in den Brunnen hinablassen könnt; denn der ist sehr tief und dunkel!« Pineiß befolgte diesen Rath und führte das muntere Kätzchen nach dem Garten jener Verstorbenen. Sie überstiegen mit einander die Mauer und Spiegel zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter verwildertem Gebüsche verborgen war. Dort ließ Pineiß sein Laternchen hinunter, begierig nachblickend, während er den angebundenen Spiegel nicht von der Hand ließ. Aber richtig sah er in der Tiefe das Gold funkeln unter dem grünlichen Wasser und rief: »Wahrhaftig, ich seh's, es ist wahr! Spiegel Du bist ein Tausendskerl!« Dann guckte er wieder eifrig hinunter und sagte: »Mögen es auch zehntausend sein?« »Ja das ist nun nicht zu schwören! sagte Spiegel, ich bin nie da unten gewesen und hab's nicht gezählt! Ist auch möglich, daß die Dame dazumal einige Stücke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz hieher trug, da sie in einem sehr auf¬ geregten Zustande war.« »Nun, seien es auch ein Dutzend oder mehr weniger!« sagte Herr Pineiß, »es soll mir darauf nicht ankommen!« Er setzte sich auf den Rand des Brunnens, Spiegel setzte sich auch nieder und leckte sich das Pfötchen. »Da wäre nun der Schatz!« sagte Pineiß, indem er sich hinter den Ohren kratzte, »und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne Weib!« »Wie?« sagte Spiegel. »Ich meine, es fehlt nur noch die¬ jenige, welche die Zehntausend als Mitgift be¬ kommen soll um mich damit zu überraschen am Hochzeitmorgen, und welche alle jene angenehmen Tugenden hat, von denen Du gesprochen!« »Hm! versetzte Spiegel, die Sache verhält sich nicht ganz so, wie Ihr sagt! Der Schatz ist da, wie Ihr richtig einseht; das schöne Weib habe ich, um es aufrichtig zu gestehen, allbereits auch schon ausgespürt; aber mit dem Mann, der sie unter diesen schwierigen Umständen heirathen möchte, da hapert es eben; denn heutzutage muß die Schönheit obenein vergoldet sein, wie die Weihnachtsnüsse, und je hohler die Köpfe werden, desto mehr sind sie bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufüllen, damit sie die Zeit besser zu verbringen vermögen; da wird dann mit wichtigem Gesicht ein Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen eine gute Armbrust bestellt, und der Büchsenschmied kommt nicht aus dem Hause; da heißt es, ich muß meinen Wein einheimsen und meine Fässer putzen, meine Bäume putzen lassen und mein Dach decken! ich muß meine Frau in's Bad schicken, sie kränkelt und kostet mich viel Geld, und muß mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich habe einen schönen eiche¬ nen Ausziehtisch eingehandelt und meine große Nußbaumlade dran gegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten, meinen Gärtner fort¬ gejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gesäet, immer mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich habe meine Wäsche die nächste Woche, ich muß meine Bet¬ ten sonnen, ich muß eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten will ich abschaffen; ich habe ein allerliebstes Waffel¬ eisen erstanden, durch Zufall, und habe mein silbernes Zimmetbüchschen verkauft, es war mir so nichts nütze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der Frau, und so verbringt ein sol¬ cher Kerl die Zeit und stiehlt unserm Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzählt, ohne einen Streich zu thun. Wenn es hoch kommt und ein solcher Patron sich etwa ducken muß, so wird er vielleicht sagen: unsere Kühe und unsere Schweine, aber — « Pineiß riß den Spiegel an der Schnur, daß er miau! schrie, und rief: »Genug, Du Plappermaul! Sag' jetzt unverzüglich: wo ist sie, von der Du weißt?« Denn die Aufzählung aller dieser Herr¬ lichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden sind, hatte dem dürren Hexenmeister den Mund nur noch wässeriger gemacht. Spiegel sagte erstaunt: »Wollt Ihr denn wirklich das Ding unternehmen, Herr Pineiß?« »Versteht sich will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist Diejenige?« »Damit Ihr hingehen und sie freien könnt?« »Ohne Zweifel!« »So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit mir müßt Ihr sprechen, wenn Ihr Geld und Frau wollt!« sagte Spiegel kaltblütig und gleichgültig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig über die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bischen naß gemacht. Pineiß besann sich sorgfältig, stöhnte ein bischen und sagte: »Ich merke, Du willst unsern Kontrakt aufheben und Deinen Kopf salviren!« »Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?« »Du betrügst mich am Ende und belügst mich, wie ein Schelm!« »Dieß ist auch möglich!« sagte Spiegel. »Ich sage Dir: Betrüge mich nicht!« rief Pineiß gebieterisch. »Gut, so betrüge ich Euch nicht!« sagte Spiegel. »Wenn Du's thust!« 32 * »So thu' ich's.« »Quäle mich nicht, Spiegelchen!« sprach Pineiß beinahe weinerlich, und Spiegel erwiederte jetzt ernsthaft: »Ihr seid ein wunderbarer Mensch, Herr Pineiß! Da haltet Ihr mich an einer Schnur gefangen und zerrt daran, daß mir der Athem vergeht! Ihr lasset das Schwert des Todes über mir schweben seit länger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem halben Jahre! und nun sprecht Ihr: Quäle mich nicht, Spiegelchen! Wenn Ihr erlaubt, so sage ich Euch in Kürze: Es kann mir nur lieb sein, jene Liebes¬ pflicht gegen die Todte doch noch zu erfüllen und für das bewußte Frauenzimmer einen taug¬ lichen Mann zu finden und Ihr scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genügen; es ist keine Leichtig¬ keit, ein Weibstück wohl unterzubringen, so sehr dies auch scheint, und ich sage noch einmal: ich bin froh, daß Ihr euch hierzu bereit finden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter spreche, einen Schritt thue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier auf den Brun¬ nen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kopf ab, Eins von Beiden!« »Ei Du Tollhäusler und Obenhinaus! sagte Pineiß, Du Hitzkopf! so streng wird es nicht gemeint sein? Das will ordentlich besprochen sein und muß jedenfalls ein neuer Vertrag ge¬ schlossen werden!« Spiegel gab keine Antwort mehr und saß unbeweglich da, ein, zwei und drei Minuten. Da ward dem Meister bänglich, er zog seine Brieftasche hervor, klaubte seufzend den Schein heraus, las ihn noch einmal durch und legte ihn dann zögernd vor Spiegel hin. Kaum lag das Papier dort, so schnappte es Spiegel auf und verschlang es; und obgleich er heftig daran zu würgen hatte, so dünkte es ihn doch die beste und gedeihlichste Speise zu sein, die er je genossen, und er hoffte, daß sie ihm noch auf lange wohl bekommen und ihn rundlich und munter machen würde. Als er mit der angenehmen Mahlzeit fertig war, be¬ grüßte er den Hexenmeister höflich und sagte: »Ihr werdet unfehlbar von mir hören, Herr Pineiß, und Weib und Geld sollen Euch nicht entgehen. Dagegen macht Euch bereit, recht verliebt zu sein, damit Ihr jene Bedingungen einer unverbrüchlichen Hingebung an die Lieb¬ kosungen Euerer Frau, die schon so gut wie Euer ist, ja beschwören und erfüllen könnt! Und hiermit bedanke ich mich des Vorläufigen für genossene Pflege und Beköstigung und beur¬ laube mich!« Somit ging Spiegel seines Weges und freute sich über die Dummheit des Hexenmeisters, welcher glaubte sich selbst und alle Welt betrü¬ gen zu können, indem er ja die gehoffte Braut nicht uneigennützig, aus bloßer Liebe zur Schön¬ heit ehelichen wollte, sondern den Umstand mit den zehntausend Goldgulden vorher wußte. In¬ dessen hatte er schon eine Person im Auge, welche er dem thörichten Hexenmeister aufzuhalsen gedachte für seine gebratenen Krametsvögel, Mäuse und Würstchen. Dem Hause des Herrn Pineiß gegenüber war ein anderes Haus, dessen vordere Seite auf das sauberste geweißt war und dessen Fen¬ ster immer frisch gewaschen glänzten. Die be¬ scheidenen Fenstervorhänge waren immer schnee¬ weiß und wie so eben geplättet, und eben so weiß war der Habit und das Kopf- und Hals¬ tuch einer alten Beghine, welche in dem Hause wohnte, also daß ihr nonnenartiger Kopfputz, der ihre Brust bekleidete, immer wie aus Schreib¬ papier gefaltet aussah, so daß man gleich darauf hätte schreiben mögen; das hätte man wenig¬ stens auf der Brust bequem thun können, da sie so eben und so hart war wie ein Brett. So scharf die weißen Kanten und Ecken ihrer Klei¬ dung, so scharf war auch die lange Nase und das Kinn der Beghine, ihre Zunge und der böse Blick ihrer Augen; doch sprach sie nur we¬ nig mit der Zunge und blickte wenig mit den Augen, da sie die Verschwendung nicht liebte und Alles nur zur rechten Zeit und mit Be¬ dacht verwendete. Alle Tage ging sie drei Mal in die Kirche, und wenn sie in ihrem frischen, weißen und knitternden Zeuge und mit ihrer weißen spitzigen Nase über die Straße ging, liefen die Kinder furchtsam davon und selbst er¬ wachsene Leute traten gern hinter die Haus¬ thüre, wenn es noch Zeit war. Sie stand aber wegen ihrer strengen Frömmigkeit und Eingezo¬ genheit in großem Rufe und besonders bei der Geistlichkeit in hohem Ansehen, aber selbst die Pfaffen verkehrten lieber schriftlich mit ihr, als mündlich, und wenn sie beichtete, so schoß der Pfarrer jedesmal so schweißtriefend aus dem Beichtstuhl heraus, als ob er aus einem Back¬ ofen käme. So lebte die fromme Beghine, die keinen Spaß verstand, in tiefem Frieden und blieb ungeschoren. Sie machte sich auch mit Niemand zu schaffen und ließ die Leute gehen, vorausgesetzt, daß sie ihr aus dem Wege gin¬ gen; nur auf ihren Nachbar Pineiß schien sie einen besondern Haß geworfen zu haben; denn so oft er sich an seinem Fenster blicken ließ, warf sie ihm einen bösen Blick hinüber und zog augenblicklich ihre weißen Vorhänge vor, und Pineiß fürchtete sie wie das Feuer, und wagte nur zuhinterst in seinem Hause, wenn Alles gut verschlossen war, etwa einen Witz über sie zu machen. So weiß und hell aber das Haus der Beghine nach der Straße zu aussah, so schwarz und räucherig, unheimlich und seltsam sah es von hinten aus, wo es jedoch fast gar nicht gesehen werden konnte, als von den Vögeln des Himmels und den Katzen auf den Dächern, weil es in eine dunkle Winkelei von himmelhohen Brandmauern ohne Fenster hinein gebaut war, wo nirgends ein menschliches Gesicht sich sehen ließ. Unter dem Dache dort hingen alte zer¬ rissene Unterröcke, Körbe und Kräutersäcke, auf dem Dache wuchsen ordentliche Eibenbäumchen und Dornsträucher, und ein großer rußiger Schorn¬ stein ragte unheimlich in die Luft. Aus diesem Schornstein aber fuhr in der dunklen Nacht nicht selten eine Hexe auf ihrem Besen in die Höhe, jung und schön und splitternackt, wie Gott die Weiber geschaffen und der Teufel sie gern sieht. Wenn sie aus dem Schornstein fuhr, so schnupperte sie mit dem feinsten Näschen und mit lächelnden Kirschenlippen in der frischen Nacht¬ luft und fuhr in dem weißen Scheine ihres Lei¬ bes dahin, indeß ihr langes rabenschwarzes Haar wie eine Nachtfahne hinter ihr herflatterte. In einem Loch am Schornstein saß ein alter Eulen¬ vogel und zu diesem begab sich jetzt der befreite Spiegel, eine fette Maus im Maule, die er un¬ terwegs gefangen. »Wünsch' guten Abend, liebe Frau Eule! Eifrig auf der Wacht?« sagte er und die Eule erwiederte: »Muß wohl! Wünsch' gleichfalls gu¬ ten Abend! Ihr habt Euch lang nicht sehen lassen, Herr Spiegel!« »Hat seine Gründe gehabt, werde Euch das erzählen. Hier habe ich Euch ein Mäuschen gebracht, schlecht und recht, wie es die Jahrszeit giebt, wenn Ihr's nicht verschmähen wollt! Ist die Meisterin ausgeritten?« »Noch nicht, sie will erst gegen Morgen auf ein Stündchen hinaus. Habt Dank für die schöne Maus! Seid doch immer der höfliche Spiegel! Habe hier einen schlechten Sperling zur Seite gelegt, der mir heut zu nahe flog; wenn Euch beliebt, so kostet den Vogel! Und wie ist es Euch denn ergangen?« »Fast wunderlich, erwiederte Spiegel, sie wollten mir an den Kragen. Hört, wenn es Euch gefällig ist.« Während sie nun vergnüg¬ lich ihr Abendessen einnahmen, erzählte Spiegel der aufmerksamen Eule Alles, was ihn betroffen und wie er sich aus den Händen des Herrn Pineiß befreit habe. Die Eule sagte: »Da wünsch ich tausendmal Glück, nun seid Ihr wie¬ der ein gemachter Mann und könnt gehen, wo Ihr wollt, nachdem Ihr mancherlei erfahren!« »Damit sind wir noch nicht zu Ende, sagte Spiegel, der Mann muß seine Frau und seine Goldgulden haben!« »Seid Ihr von Sinnen, dem Schelm noch wohlzuthun, der Euch das Fell abziehen wollte?« »Ei, er hat es doch rechtlich und vertrags¬ mäßig thun können, und da ich ihn in gleicher Münze wieder bedienen kann, warum sollt' ich es unterlassen? Wer sagt denn, daß ich ihm wohl thun will? Jene Erzählung war eine reine Erfindung von mir, meine in Gott ruhende Meisterin war eine simple Person, welche in ih¬ rem Leben nie verliebt, noch von Anbetern um¬ ringt war, und jener Schatz ist ein ungerechtes Gut, das sie einst ererbt und in den Brunnen geworfen hat, damit sie kein Unglück daran er¬ lebe. »Verflucht sei, wer es da herausnimmt und verbraucht« sagte sie. »Es macht sich also in Betreff des Wohlthuns?« »Dann ist die Sache freilich anders! Aber nun, wo wollt Ihr die entsprechende Frau her¬ Keller, die Leute von Seldwyla. 33 nehmen?« »Hier aus diesem Schornstein! des¬ halb bin ich gekommen, um ein vernünftiges Wort mit Euch zu reden! Möchtet Ihr denn nicht einmal wieder frei werden aus den Ban¬ den dieser Hexe? Sinnt nach, wie wir sie fan¬ gen und mit dem alten Bösewicht verheirathen!« »Spiegel, Ihr braucht Euch nur zu nähern, so weckt Ihr mir ersprießliche Gedanken.« »Das wußt' ich wohl, daß Ihr klug seid! Ich habe das Meinige gethan und es ist besser, daß Ihr auch Euren Senf dazu gebt und neue Kräfte vorspannt, so kann es gewiß nicht fehlen!« »Da alle Dinge so schön zusammentreffen, so brauche ich nicht lang zu sinnen, mein Plan ist längst gemacht!« »Wie fangen wir sie?« »Mit einem neuen Schnepfengarn aus guten starken Hanfschnüren; geflochten muß es sein von einem zwanzigjährigen Jägerssohn, der noch kein Weib angesehen hat, und es muß schon drei¬ mal der Nachtthau darauf gefallen sein, ohne daß sich eine Schnepfe gefangen; der Grund aber hiervon muß dreimal eine gute Handlung sein. Ein solches Netz ist stark genug, die Hexe zu fangen.« »Nun bin ich neugierig, wo Ihr ein solches hernehmt, sagte Spiegel, denn ich weiß, daß Ihr keine vergeblichen Worte schwatzt!« »Es ist auch schon gefunden, wie für uns gemacht; in einem Walde nicht weit von hier sitzt ein zwanzigjähriger Jägerssohn, welcher noch kein Weib angesehen hat; denn er ist blind ge¬ boren. Deswegen ist er auch zu Nichts zu ge¬ brauchen, als zum Garnflechten und hat vor einigen Tagen ein neues, sehr schönes Schne¬ pfengarn zu Stande gebracht. Aber als der alte Jäger es zum ersten Male ausspannen wollte, kam ein Weib daher, welches ihn zur Sünde verlocken wollte; es war aber so häßlich, daß der alte Mann voll Schreckens davon lief und das Garn am Boden liegen ließ. Darum ist ein Thau darauf gefallen, ohne daß sich eine Schnepfe fing, und war also eine gute Hand¬ lung daran Schuld. Als er des andern Tages hinging, um das Garn abermals auszuspannen, kam eben ein Reiter daher, welcher einen schwe¬ ren Mantelsack hinter sich hatte; in diesem war ein Loch, aus welchem von Zeit zu Zeit ein Goldstück auf die Erde fiel. Da ließ der Jä¬ 33 * ger das Garn abermals liegen und lief eifrig hinter dem Reiter her und sammelte die Gold¬ stücke in seinen Hut, bis der Reiter sich um¬ kehrte, es sah und voll Grimm seine Lanze auf ihn richtete. Da bückte der Jäger sich erschrok¬ ken, reichte ihm den Hut dar und sagte: Er¬ laubt, gnädiger Herr, Ihr habt hier viel Gold verloren, das ich Euch sorgfältig aufgelesen! Dies war wiederum eine gute Handlung, indem das ehrliche Finden eine der schwierigsten und besten ist; er war aber so weit von dem Schne¬ pfengarn entfernt, daß er es die zweite Nacht im Walde liegen ließ und den nähern Weg nach Hause ging. Am dritten Tag endlich, welcher gestern war, als er eben wieder auf dem Wege war, traf er eine hübsche Gevattersfrau an, die dem Alten um den Bart zu gehen pflegte und der er schon manches Häslein geschenkt hat. Darüber vergaß er die Schnepfen gänzlich und sagte am Morgen: Ich habe den armen Schnepf¬ lein des Leben geschenkt; auch gegen Thiere muß man barmherzig sein! Und um dieser drei guten Handlungen willen fand er, daß er jetzt zu gut sei für diese Welt, und ist heute Vormittag bei Zeiten in ein Kloster gegangen. So liegt das Garn noch ungebraucht im Walde und ich darf es nur holen.« »Holt es geschwind! sagte Spiegel, es wird gut sein zu unserm Zweck!« »Ich will es holen, sagte die Eule, steht nur so lang Wache für mich in diesem Loch, und wenn etwa die Meisterin den Schornstein hin¬ auf rufen sollte, ob die Luft rein sei? so ant¬ wortet, indem Ihr meine Stimme nachahmt: Nein, es stinkt noch nicht in der Fechtschul'! Spiegel stellte sich in die Nische und die Eule flog still über die Stadt weg nach dem Wald. Bald kam sie mit dem Schnepfengarn zurück und fragte: Hat sie schon gerufen? »Noch nicht!« sagte Spiegel. Da spannten sie das Garn aus über den Schornstein und setzten sich daneben still und klug; die Luft war dunkel und es ging ein leichtes Morgenwindchen, in welchem ein paar Sternbilder flackerten. »Ihr sollt sehen, flüsterte die Eule, wie geschickt die durch den Schornstein heraufzusäuseln versteht, ohne sich die blanken Schultern schwarz zu machen!« »Ich hab sie noch nie so nah gesehen, erwiederte Spiegel leise, wenn sie uns nur nicht zu fassen kriegt!« Da rief die Hexe von unten: Ist die Luft rein? Die Eule rief: »Ganz rein, es stinkt herrlich in der Fechtschul'! und alsobald kam die Hexe heraufgefahren und wurde in dem Garne gefangen, welches die Katze und die Eule eiligst zusammenzogen und verbanden. »Halt fest!« sagte Spiegel, und »Binde gut!« die Eule. Die Hexe zappelte und tobte mäuschenstill, wie ein Fisch im Netz; aber es half ihr nichts und das Garn bewährte sich auf das Beste. Nur der Stiel ihres Besens ragte durch die Maschen. Spiegel wollte ihn sachte herausziehen, erhielt aber einen solchen Nasenstüber, daß er beinahe in Ohnmacht fiel und einsah, wie man auch ei¬ ner Löwin im Netz nicht zu nahe kommen dürfe. Endlich hielt sich die Hexe still und sagte: »Was wollt ihr denn von mir, ihr wunderlichen Thiere?« »Ihr sollt mich aus Eurem Dienste entlas¬ sen und meine Freiheit zurückgeben!« sagte die Eule. »So viel Geschrei und wenig Wolle!« sagte die Hexe, »Du bist frei, mach' dieß Gaxn auf!« »Noch nicht! sagte Spiegel, der immer noch seine Nase rieb, Ihr müßt Euch verpflich¬ ten, den Stadthexenmeister Pineiß, Euren Nach¬ bar, zu heirathen auf die Weise, wie wir Euch sagen werden, und ihn nicht mehr zu verlassen!« Da fing die Hexe wieder an zu zappeln und zu prusten wie der Teufel, und die Eule sagte: »Sie will nicht d'ran!« Spiegel aber sagte: »Wenn Ihr nicht ruhig seid und Alles thut, was wir wünschen, so hängen wir das Garn sammt seinem Inhalte da vorn an den Dra¬ chenkopf der Dachtraufe, nach der Straße zu, daß man Euch morgen sieht und die Hexe er¬ kennt! Sagt also: Wollt Ihr lieber unter dem Vorsitze des Herrn Pineiß gebraten werden, oder ihn braten, indem Ihr ihn heirathet?« Da sagte die Hexe mit einem Seufzer: »So sprecht, wie meint Ihr die Sache?« Und Spie¬ gel setzte ihr Alles zierlich auseinander, wie es gemeint sei und was sie zu thun hätte. »Das ist allenfalls noch auszuhalten, wenn es nicht anders sein kann!« sagte sie und ergab sich un¬ ter den stärksten Formeln, die eine Hexe binden können. Da thaten die Thiere das Gefängniß auf und ließen sie heraus. Sie bestieg sogleich den Besen, die Eule setzte sich hinter sie auf den Stiel und Spiegel zuhinterst auf das Reisig¬ bündel und hielt sich da fest, und so ritten sie nach dem Brunnen, in welchen die Hexe hinabfuhr, um den Schatz herauf zu holen. Am Morgen erschien Spiegel bei Herrn Pineiß und meldete ihm, daß er die bewußte Person ansehen und freien könne; sie sei aber allbereits so arm geworden, daß sie, gänzlich verlassen und verstoßen, vor dem Thore unter einem Baum sitze und bitterlich weine. Sogleich kleidete sich Herr Pineiß iu sein abgeschabtes gelbes Sammtwämschen, das er nur bei feier¬ lichen Gelegenheiten trug, setzte die bessere Pu¬ delmütze auf und umgürtete sich mit seinem De¬ gen; in die Hand nahm er einen alten grünen Handschuh, ein Balsamfläschchen, worin einst Bal¬ sam gewesen und das noch ein Bischen roch, und eine papierne Nelke, worauf er mit Spie¬ gel vor das Thor ging, um zu freien. Dort traf er ein weinendes Frauenzimmer sitzen unter einem Weidenbaum, von so großer Schönheit, wie er noch nie gesehen; aber ihr Gewand war so dürftig und zerrissen, daß, sie mochte sich auch schamhaft geberden wie sie wollte, immer da oder dort der schneeweiße Leib ein Bischen durch¬ schimmerte. Pineiß riß die Augen auf und konnte vor heftigem Entzücken kaum seine Be¬ werbung vorbringen. Da trocknete die Schöne ihre Thränen, gab ihm mit süßem Lächeln die Hand, dankte ihm mit einer himmlischen Glok¬ kenstimme für seine Großmuth und schwur, ihm ewig treu zu sein. Aber im selben Augenblicke erfüllte ihn eine solche Eifersucht und Neides¬ wuth auf seine Braut, daß er beschloß, sie vor keinem menschlichen Auge jemals sehen zu lassen. Er ließ sich bei einem uralten Einsiedler mit ihr trauen und feierte das Hochzeitmahl in seinem Hause, ohne andere Gäste, als Spiegel und die Eule, welche ersterer mitzubringen sich die Er¬ laubniß erbeten hatte. Die zehntausend Gold¬ gulden standen in einer Schüssel auf dem Tisch und Pineiß griff zuweilen hinein und wühlte in dem Golde; dann sah er wieder die schöne Frau an, welche in einem meerblauen Sammetkleide dasaß, das Haar mit einem goldenen Netze um¬ flochten und mit Blumen geschmückt, und den weißen Hals mit Perlen umgeben. Er wollte sie fortwährend küssen, aber sie wußte verschämt und züchtig ihn abzuhalten, mit einem verführe¬ rischen Lächeln, und schwur, daß sie dieses vor Zeugen und vor Anbruch der Nacht nicht thun würde. Dies machte ihn nur noch verliebter und glückseliger, und Spiegel würzte das Mahl mit lieblichen Gesprächen, welche die schöne Frau mit den angenehmsten, witzigsten und einschmei¬ chelndsten Worten fortführte, so daß der Hexen¬ meister nicht wußte, wie ihm geschah vor Zu¬ friedenheit. Als es aber dunkel geworden, be¬ urlaubten sich die Eule und die Katze und ent¬ fernten sich bescheiden; Herr Pineiß begleitete sie bis unter die Hausthüre mit einem Lichte und dankte dem Spiegel nochmals, indem er ihn ei¬ nen trefflichen und höflichen Mann nannte, und als er in die Stube zurückkehrte, saß die alte weiße Beghine, seine Nachbarin, am Tisch und sah ihn mit einem bösen Blick an. Entsetzt ließ Pineiß den Leuchter fallen und lehnte sich zit¬ ternd an die Wand. Er hing die Zunge her¬ aus und sein Gesicht war so fahl und spitzig geworden, wie das der Beghine. Diese aber stand auf, näherte sich ihm und trieb ihn vor sich her in die Hochzeitkammer, wo sie mit höl¬ lischen Künsten ihn auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt. So war er nun mit der Alten unauflöslich verehlicht, und in der Stadt hieß es, als es ruchbar wurde: Ei seht, wie stille Wasser tief sind! Wer hätte gedacht, daß die fromme Beghine und der Herr Stadt¬ hexenmeister sich noch verheirathen würden! Nun, es ist ein ehrbares und rechtliches Paar, wenn auch nicht sehr liebenswürdig! Herr Pineiß aber führte von nun an ein erbärmliches Leben; seine Gattin hatte sich so¬ gleich in den Besitz aller seiner Geheimnisse ge¬ setzt und beherrschte und unterdrückte ihn voll¬ ständig. Es war ihm nicht die geringste Frei¬ heit und Erholung gestattet, er mußte hexen vom Morgen bis zum Abend, was das Zeug halten wollte, und wenn Spiegel vorüberging und es sah, sagte er freundlich: »Immer fleißig, fleißig, Herr Pineiß?« Seit dieser Zeit sagt man zu Seldwyla: Er hat der Katze den Schmeer abgekauft! be¬ sonders wenn Einer eine böse und widerwärtige Frau erhandelt hat.