Pla s tik . Einige Wahrnehmungen uͤber Form und Ge s talt aus Pygmalions bildendem Traume. Τι καλλος; ερωτημα τυφλ . Riga , bey Johann Friedrich Hartknoch . 1778 . Geschrieben groͤßtentheils in den Jahren 1768-70. Der unvollkommene Anfang zu aͤhnlichen Versuchen einer Anaglyphik, Optik, Akustik u. f. — en! ille in nubibus arcus mille trahit varios aduerso sole colores. Virg. A 2 Erster Abschnitt. 1. J ener Blindgebohrne, den Diderot bemerk- te Lettre sur les aveugles etc. , stellte sich den Sinn des Gesichts wie ein Organ vor, auf das die Luft etwa den Eindruck mache, wie ihm ein Stab auf die fuͤhlende Hand. Ein Spiegel duͤnkte ihm eine Maschiene, Koͤrper im Relief außer sich zu wer- fen, wobei er nicht begriff, wie dies Relief sich nicht fuͤhlen lasse, und glaubte, daß ein Mittel, eine zweite Maschiene moͤglich seyn muͤsse, den Betrug der ersten zu zeigen. Sein seines rich- tiges Gefuͤhl ersetzte ihm, in seiner Meinung, das Gesicht voͤllig. Er unterschied bei der Haͤrte und Glaͤtte eines Koͤrpers nicht minder fein, als beim Ton einer Stimme oder wir Sehenden bei Far- ben. Er beneidete uns also auch unser Gesicht, von dem er keine Vorstellung hatte, nicht; wars ihm ja um eine Vermehrung seiner Sinne zu thun, so wuͤnschte er sich etwa laͤngere Arme, um in den Mond gewisser und sichrer zu fuͤhlen, als wir hinein saͤhen. A 3 So So romantisch und zu philosophisch dieser Be- richt scheint: so wird er doch im Grunde von An- dern bestaͤrkt, die nicht durch Diderots Auge sahen. Der blinde Saunderson wuste, Trotz seiner Ma- thematik, sich von Bildern auf der Flaͤche keinen Begriff zu machen, sie wurden ihm nur durch Maschienen begreiflich. Mit solchen rechnete er statt Zahlen: Linie und Figuren der Geometrie ersetzte er sich durch fuͤhlbare Koͤrper. Selbst die Sonnenstralen wurden in seiner Optik ihm feine fuͤhlbare Staͤbe; und bei dem Bilde, was sie machten, was durch sie auf einer Flaͤche sichtbar ward, dachte er nichts, er nahms als den Huͤlfs- begriff eines fremden Sinnes, einer andern Welt an. Das Schwerste der Geometrie, das Ganze der Koͤrper, ward ihm in der Demonstration leicht; was Sehenden das Leichteste und Anschaulichste ist, Figuren auf der Flaͤche, ward ihm das Muͤh- samste: er muste auf fremde ungefuͤhlte Begriffe bauen, muste zu Sehenden reden als waͤren sie Blinde. Sich den Wuͤrfel als sechs zusammen- schlagende Pyramiden zu denken, war ihm leicht; sich ein Achteck auf der Flaͤche vorzustellen, ward ihm nur durch ein koͤrperliches Achteck moͤglich. Am merkbarsten ward dieser Unterschied zwi- schen Gesicht und Gefuͤhl, Flaͤchen- und Koͤrper- begriffen an dem Blinden, dem Cheselden das Gesicht gab. Schon in seiner reifen Staarblind- heit heit hatte er Licht und Dunkel, und bei starkem Licht Schwarz, Weiß, Hellroth unterscheiden koͤn- nen; aber sein Gesicht war nur Gefuͤhl. Es waren Koͤrper, die sich auf sein geschlossenes Auge bewegten, nicht Eigenschaften der Flaͤche, nicht Farben. Nun ward ihm sein Auge geoͤfnet, und sein Gesicht erkannte nichts, was er voraus durchs Gefuͤhl gekannt hatte. Er sah keinen Raum, unterschied auch die verschiedensten Gegenstaͤnde nicht von einander; vor ihm stand, oder vielmehr auf ihm lag eine große Bildertafel. Man lehrte ihn unterscheiden, sein Gefuͤhl sichtlich erkennen, Figuren in Koͤrper, Koͤrper in Figuren verwan- deln; er lernte und vergaß. „Das ist Katze! „das ist Hund! sprach er, wohl, nun kenne ich „euch, und ihr sollt mir nicht mehr entwischen„! sie entwischten ihm noch oft, bis sein Auge Fertig- keit erhielt, Figuren des Raums als Buchstaben voriger Koͤrpergefuͤhle anzusehen, sie mit diesen schnell zusammen zu halten, und die Gegenstaͤnde um sich zu lesen . „Wir glaubten, er verstuͤnde „sogleich was die Gemaͤlde vorstellten, die wir „ihm zeigten; aber wir fanden, daß wir uns ge- „irret hatten, denn eben zwei Monathe, nachdem „der Staar ihm war gestochen worden, machte „er ploͤtzlich die Entdeckung, daß sie Koͤrper, Er- „hoͤhungen und Vertiefungen vorstellten. Er „hatte sie bisher nur als buntscheckige Flaͤchen A 4 „ange- „angesehen, aber auch alsdenn war er nicht wenig „erstaunt, daß sich die Gemaͤlde nicht anfuͤhlten, „wie sie aussahen, daß die Theile, welche durch „Licht und Schatten rauh und uneben aussahen, „sich glatt wie die uͤbrigen anfuͤhlen ließen. Er „fragte: welcher von beiden Sinnen der Betruͤger „sei, ob das Gesicht oder das Gefuͤhl? — Man „zeigte ihm seines Vaters Bild in einem Uhr- „gehaͤnge, und fragte ihn, was es sei? Er „erkannte eine Aehnlichkeit, wunderte sich aber „ungemein, daß sich ein großes Gesicht in einem „kleinen Raum vorstellen ließe, welches ihm so „unmoͤglich wuͤrde geschienen haben, als einen „Scheffel in eine Metze zu bringen. — Erst „konnte er gar nicht viel Licht vertragen, und hielt „Alles, was er sah, fuͤr sehr groß; als er aber „groͤßere Sachen sah, hielt er die vorhin gese- „henen fuͤr kleiner, und konnte sich keine Linien, „außer den Grenzen, die er sah, vorstellen. Er „sagte: daß das Zimmer, in dem er sich befinde, „ein Theil des Hauses sei, wisse er wohl; aber „er konnte nicht begreifen, daß das Haus groͤßer „aussehe, als das Zimmer. — Er kannte von „keiner Sache die Gestalt, er unterschled auch „keine Sache von der andern, sie mochte noch so „verschiedne Gestalt und Groͤße haben; sondern, „wenn man ihm sagte, was das fuͤr Sachen seyn, „die er zuvor durchs Gefuͤhl gekannt hatte: so „betrach- „betrachtete er sie sehr aufmerksam, um sie wie- „der zu kennen. Weil er aber auf einmal zu viel „neue Sachen lernen muste, vergaß er immer „wieder welche, und lernte, wie er sagte, in einem „Tage tausend Dinge kennen, die er wieder ver- „gaß u. f. Smiths Optik. „. 2. W as lehren diese sonderbaren Erfahrungen? Etwas, was wir taͤglich erfahren koͤnnten, wenn wir aufmerkten, daß das Gesicht uns nur Gestalten, das Gefuͤhl allein, Koͤrper zeige: daß Alles, was Form ist, nur durchs tastende Gefuͤhl, durchs Gesicht nur Flaͤche , und zwar nicht koͤrperliche, sondern nur sichtliche Lichtflaͤche erkannt werde . — Der Satz wird einigen pa- radox, andern gemein scheinen; wie er aber auch scheine, ist er wahr, und wird große Folgerun- gen geben. Was kann das Licht in unser Auge mahlen? Was sich mahlen laͤßt, Bilder . Wie auf der weißen Wand der dunklen Kammer, so faͤllt auf die Netzhaut des Auges ein Stralenpinsel von allem, was vor ihm stehet, und kann nichts, als A 5 was was da steht, eine Flaͤche, ein Nebeneinander aller und der verschiedensten sichtbaren Gegenstaͤnde zeichnen. Dinge hinter einander, oder solide, massive Dinge als solche dem Auge zu geben, ist so unmoͤglich, als den Liebhaber hinter der dicken Tapete, den Bauer innerhalb der Windmuͤhle singend zu mahlen. Die weite Gegend, die ich vor mir sehe, was ist sie mit allen ihren Erscheinungen, als Bild, Flaͤche? Jener sich herab senkende Himmel und jener Wald, der sich in ihn verliert, und jenes hingebreitete Feld, und dies naͤhere Wasser, und dieser Rahme von Ufer, die Handhabe des ganzen Bildes — sind Bild, Tafel , ein Continuum neben einander . Jeder Gegenstand zeigt mir gerade so viel von sich, als der Spiegel von mir selbst zeigt, das ist, Figur, Vorderseite ; daß ich mehr bin, muß ich durch andre Sinnen erken- nen, oder aus Jdeen schließen. Warum solls also Wunder seyn, daß Blinde, denen ihr Gesicht gegeben wurde, nichts als ein Bilderhaus, eine gefaͤrbte Flaͤche richt vor sich sahen? sehen wir doch alle nichts mehr, wenn wirs nicht auf andern Wegen faͤnden. Ein Kind sieht Himmel und Wiege, Mond und Amme neben einander, es greift nach dem Monde, wie nach der Amme, denn alles ist ihm Bild auf Einer Tafel. Tafel. Aus dem Schlafe fahrend, ehe wir unser Urtheil sammeln, ist uns in der Daͤmmerung der Nacht, Wald und Baum, Nah und Fernes auf Einem Grunde: nahe Riesen, oder entfernte Zwer- ge, und sich auf uns bewegende Gespenster, bis wir aufwachen und unser Urtheil sammeln. So- dann sehen wir erst, wie wir durch Gewohnheit , aus andern Sinnen, und insonderheit durchs tastende Gefuͤhl sehen lernten . Ein Koͤrper, den wir nie durchs Gefuͤhl als Koͤrper erkannt haͤtten, oder auf dessen Leibhaftigkeit wir nicht durch bloße Aehnlichkeit schließen, bliebe uns ewig eine Hand- habe Saturns, eine Binde Jupiters, d. i. Phaͤ- nomenon, Erscheinung . Der Ophthalmit mit tausend Augen, ohne Gefuͤhl, ohne tastende Hand, bliebe Zeitlebens in Platons Hoͤle, und haͤtte von keiner einzigen Koͤrpereigenschaft, als solcher, eigentlichen Begriff . Denn alle Eigenschaften der Koͤrper, was sind sie, als Beziehungen derselben auf unsern Koͤr- per, auf unser Gefuͤhl? Was Undurchdringlich- keit, Haͤrte, Weichheit, Glaͤtte, Form, Gestalt, Rundheit sei? davon kann mir so wenig mein Auge durchs Licht, als meine Seele durch selbst- staͤndig Denken einen leibhaften, lebendigen Be- griff geben. Der Vogel, das Pferd, der Fisch hat ihn nicht; der Mensch hat ihn, weil er nebst seiner Vernunft auch die umfassende, tastende Hand Hand hat. Und wo er sie nicht hat, wo kein Mit- tel war, daß er sich von einem Koͤrper durch koͤr- perliches Gefuͤhl uͤberzeugte: da muß er schließen und rathen und traͤumen und luͤgen, und weiß eigentlich nichts recht. Je mehr er Koͤrper, als Koͤr- per, nicht angaffte und betraͤumte, sondern erfaßte, hatte, besaß, desto lebendiger ist sein Gefuͤhl, es ist, wie auch das Wort sagt, Begriff der Sache. Kommt in die Spielkammer des Kindes, und sehet, wie der kleine Erfahrungsmensch fas- et, greift, nimmt, waͤgt, tastet, mißt mit Haͤn- den und Fuͤßen, um sich uͤberall die schweren, ersten und nothwendigsten Begriffe von Koͤrpern, Ge- stalten, Groͤße, Raum, Entfernung u. dgl. treu und sicher zu verschaffen. Worte und Lehren koͤn- nen sie ihm nicht geben; aber Erfahrung, Ver- such, Proben. Jn wenigen Augenblicken lernt er da mehr und alles lebendiger, wahrer, staͤrker, als ihm in zehntausend Jahren Angaffen und Wort- erklaͤren beibringen wuͤrde. Hier, indem er Ge- sicht und Gefuͤhl unaufhoͤrlich verbindet, eins durchs andre untersucht, erweitert, hebt, staͤrket — formt er sein erstes Urtheil . Durch Fehlgriffe und Fehlschluͤsse kommt er zur Wahrheit, und je solider er hier dachte und denken lernte, desto bes- sere Grundlage legt er vielleicht auf die complexe- sten Urtheile seines Lebens. Wahrlich das erste Museum der mathematisch-physischen Lehrart. Es Es ist erprobte Wahrheit, daß der tastende unzerstreute Blinde sich von den koͤrperlichen Ei- genschaften viel vollstaͤndigere Begriffe sammelt, als der Sehende, der mit einem Sonnenstral hin- uͤber gleitet. Mit seinem umfangenen, dunkeln, aber auch unendlich geuͤbtern Gefuͤhl, und mit der Methode, sich seine Begriffe langsam, treu und sicher zu ertasten, wird er uͤber Form und lebendige Gegenwart der Dinge viel feiner urtheilen koͤnnen, als dem Alles nur, wie ein Schatte, fliehet. Es hat blinde Wachsbildner gegeben, die die Sehen- den uͤbertrafen, und ich habe noch nie vom Bei- spiel Eines fehlenden Sinnes gehoͤrt, der sich nicht durch andre ersetzt haͤtte, Gesicht durchs Gefuͤhl , der Mangel an Lichtfarben durch tiefgepraͤgte dau- rende Gestalten . Es bleibt also wahr: „der „Koͤrper, den das Auge sieht, ist nur Flaͤche, die „Flaͤche, die die Hand tastet, Koͤrper„. Nur da wir von Kindheit auf unsre Sinne in Gemeinschaft und Verbindung brauchen: so ver- schlingen und gatten sich alle, insonderheit der gruͤndlichste und der deutlichste der Sinne, Gefuͤhl und Gesicht . Die schweren Begriffe , die wir uns langsam und mit Muͤhe ertappen, werden von Jdeen des Gesichts begleitet: dies klaͤrt uns auf, was wir dort nur dunkel faßten, und so wird uns endlich gelaͤufig, das mit einem Blick weg zu haben, was wir uns Anfangs langsam ertasten musten . musten . Als der Koͤrper unsrer Hand vorkam, ward zugleich das Bild desselben in unser Auge geworfen: die Seele verband beide, und die Jdee des schnellen Sehens laͤuft nachher dem Begriff des langsamen Tastens vor. Wir glauben zu sehen, wo wir nur fuͤhlen und fuͤhlen sollten; wir sehen endlich so viel und so schnell, daß wir nichts mehr fuͤhlen, und fuͤhlen koͤnnen, da doch dieser Sinn unaufhoͤrlich die Grundveste und der Ge- waͤhrsmann des vorigen seyn muß. Jn allen die- sen Faͤllen ist das Gesicht nur eine verkuͤrzte Formel des Gefuͤhls . Die volle Form ist Figur , die Bildsaͤule ein flacher Kupferstich worden. Jm Gesicht ist Traum , im Gefuͤhl Wahrheit . Daß dem so sei, sehen wir in Faͤllen, wo sich beide Sinne scheiden und ein neu Medium oder eine neue Formel eintritt, nach der sie sich gatten sollten. Wenn der Stab im Wasser gebro- chen scheint und man greift darnach an unrechter Stelle; so ist wohl hier von keinem Truge der Sinnen die Frage: denn nach einem Stralen- bilde , als solchem, muß ich nicht greifen . Was ich also sah, war wahr, wuͤrkliches Bild auf wuͤrk- licher Flaͤche; nur, wornach ich griff, war nicht wahr: denn wer wird nach einem Bilde auf einer Flaͤche fassen? — Weil nun aber unser Gesicht und Gefuͤhl, als Schwestern, zusammen erzogen wur- wurden, und von Jugend auf Eine der andern die Arbeit tragen half oder sie gar allein uͤbernahm: so geschahe es auch hier, und Schwester verfehlte die Schwester. Sie hatten sich sonst auf der Erde versucht; nun ist der Fall im Wasser, einem andern Element der Stralenbrechung, wo sie sich nicht gegen einander geuͤbt hatten. Ein Wasser- mann wuͤrds besser getroffen haben. Abermals ein Beispiel der vorigen Geschichte. „Cheseldens Blinder sah am Gemaͤhlde nur ein „Farbenbrett; da sich die Figuren lostrennten „und er sie erkannte, griff er darnach als nach Koͤrpern„. Es scheint sonderbar, ist aber sehr natuͤrlich, und der Fall geschieht oͤfters. Ein Kind, ein rohes Auge sieht am Gemaͤhlde das Farben- brett oͤfter, als man denket: es kann sich, so lange die Figur ihm am Brett klebt, jenen Schatten, diesen Streif nicht erklaͤren; es gaffet. Nun aber fangen die Figuren an, sich zu beleben; ists nicht, als ob sie hervorgingen und wuͤrden Gestalten ? Man sieht sie gegenwaͤrtig , man greift um sie , der Traum wird Wahrheit . Die hoͤchste Liebe und Entzuͤckung macht also gerade das, was dort die Unwissenheit that, und eben das ist der Triumph des Mahlers! Durch seinen Zaubertrug sollte Gesicht Gefuͤhl werden, so wie bei ihm das Gefuͤhl Gesicht ward. 3. Jch 3. J ch glaube wohl nicht mehr Exempel haͤufen zu doͤrfen, zum Erweise eines Satzes, der so augenscheinlich ist: daß „fuͤrs Gesicht eigentlich „nur Flaͤchen, Bilder, Figuren eines Plans ge- „hoͤren, Koͤrper aber und Formen der Koͤrper vom „Gefuͤhl abhangen„. Lasset uns sehen, warum wir der Spekulation so lange nachhiengen? und wozu denn endlich der ganze Unterschied hilft? Mich duͤnkt, zu manchem. Denn ein Grund- gesetz und abgeschiednes Reich der Wuͤrkung zweier verschiednen und sich verwirrenden Sinne kann nie leere Spekulation seyn. Waͤren alle un- sre Begriffe in Wissenschaften und Kuͤnsten auf ihren Ursprung zuruͤckgefuͤhrt, oder koͤnnten sie dahin zuruͤckgefuͤhrt werden; da wuͤrden sich Ver- bindungen sondern und Sonderungen binden, wie man sie in der großen Verwirrung aller Dinge, die wir Leben nennen, nicht ordnet. Da alle unsre Begriffe vom Menschen ausgehen oder auf ihn kommen: so muß nahe diesem Mittelpunkt und der Art, wie er spinnt und wuͤrkt, die Quelle der groͤsten Jrrthuͤmer und der sichtlichsten Wahr- heit aufgespuͤrt werden, oder sie ist nirgend. — Jch bleibe hier nur bei zwei Sinnen und bei Ei- nem Begriff derselben Schoͤnheit . Schoͤn- Schoͤnheit hat von Schauen , von Schein den Namen, und am leichtesten wird sie auch durchs Schauen , durch schoͤnen Schein erkannt und geschaͤtzet . Nichts ist schneller, klaͤrer, uͤber- leuchtender als Sonnenstral und unser Auge auf seinen Fluͤgeln: eine Welt außer und neben ein- ander wird ihm auf Einen Blick offenbar. Und da diese Welt nicht wie Schall voruͤbergeht, son- dern bleibt und gleichsam selbst zur Beschauung einladet, da der feine Sonnenstral so schoͤn faͤrbt und so deutlich zeiget; was Wunder, daß unsre Seelenlehre am liebsten von diesem Sinne Namen borget? Jhr Erkennen ist Sehen , ihr bestes Angenehme Schoͤnheit . Es ist nicht zu laͤugnen, daß von dieser Hoͤhe nicht Viel sollte uͤbersehen und Vieles des Vielen sehr klar, licht und deutlich gemacht werden koͤn- nen. Das Gesicht ist der kuͤnstlichste, philoso- phischte Sinn. Es wird durch die feinsten Ue- bungen, Schluͤsse, Vergleichungen gefeilt und be- richtigt, es schneidet mit einem Sonnenstrale. Haͤtten wir also auch nur aus diesem Sinne eine rechte Phaͤnomenologie des Schoͤnen und Wah- ren : so haͤtten wir viel. — Jndessen haͤtten wir mit ihr nicht alles, am wenigsten das Gruͤndlichste, Einfachste, Erste. Der Sinn des Gesichts wuͤrkt flach, er spielt und B glei- gleitet auf der Oberflaͤche mit Bild und Farbe um- her; uͤberdem hat er so Vieles und so Zusammen- gesetztes vor sich, daß man mit ihm wohl nie auf den Grund kommen wird. Er borgt von andern und baut auf andre Sinne: ihre Huͤlfsbegriffe muͤssen ihm Grundlage feyn, die er nur mit Licht umglaͤnzet. Dringe ich nun nicht in diese Be- griffe andrer Sinne, suche ich nicht Gestalt und Form, statt zu ersehen , urspruͤnglich zu erfassen, so schwebe ich mit meiner Theorie des Schoͤnen und Wahren aus dem Gesichte ewig in der Luft, und schwimme mit Seifenblasen. Eine Theorie schoͤner Formen aus Gesetzen der Optik ist so viel als eine Theorie der Musik aus dem Geschmacke . „Die rothe Farbe, sagte jener Blinde, nun be- „greife ich sie, sie ist wie der Schall einer Trom- „pete„; und gerade das sind viele Abhandlungen der Aesthetik aus andern in andre Sinne, daß man zuletzt nicht weiß, wo oder wie man dran ist? Man klassificirt die schoͤnen Kuͤnste ordent- lich unter zwei Hauptsinne, Gesicht und Gehoͤr ; und dem ersten Hauptmanne gibt man alles, was man will, aber er nicht fodert, Flaͤchen, For- men, Farben, Gestalten, Bildsaͤulen, Bret- ter, Spruͤnge, Kleider . Daß man Bildsaͤu- len sehen kann, daran hat niemand gezweifelt; ob aber aus dem Gesicht sich urspruͤnglich bestim- men lasse, was schoͤne Form ist? ob dieser Be- griff griff den Sinn des Gesichts fuͤr seinen Ursprung und Oberrichter erkenne? das laͤßt sich nicht blos bezweifeln, sondern gerade verneinen. Lasset ein Geschoͤpf ganz Auge, ja einen Argus mit hun- dert Augen hundert Jahr eine Bildsaͤule besehen und von allen Seiten betrachten: ist er nicht ein Geschoͤpf, das Hand hat, das einst tasten und wenigstens sich selbst betasten konnte; ein Vogel- auge, ganz Schnabel, ganz Blick, ganz Fit- tig und Klaue, wird nie von diesem Dinge als Vogelansicht haben. Raum, Winkel, Form, Rundung lerne ich als solche in leibhafter Wahr- heit nicht durchs Gesicht erkennen; geschweige das Wesen dieser Kunst, schoͤne Form, schoͤne Bil- dung, die nicht Farbe, nicht Spiel der Propor- tion, der Symmetrie, des Lichtes und Schattens, sondern dargestellte, tastbare Wahrheit ist. Die schoͤne Linie, die hier immer ihre Bahn ver- aͤndert, sie, die nie gewaltsam unterbrochen, nie widrig vertrieben sich mit Pracht und Schoͤne um den Koͤrper waͤlzet, und nimmer ruhend und im- mer fortschwebend in ihm den Guß, die Fuͤlle, das sanft verblasene entzuͤckende Leibhafte bildet, das nie von Flaͤche, nie von Ecke oder Winkel weiß; diese Linie kann so wenig Gesichtsflaͤche, so wenig Tafel und Kupferstich werden, daß gerade mit diesen Alles an ihr hin ist. Das Gesicht zer- stoͤrt die schoͤne Bildsaͤule, statt daß es sie schaffe: B 2 es es verwandelt sie in Ecken und Flaͤchen, bei denen es viel ist, wenn sie nicht das schoͤnste Wesen ihrer Jnnigkeit, Fuͤlle und Runde in lauter Spiegel- ecken verwandle; unmoͤglich kanns also Mutter dieser Kunst seyn. Seht jenen Liebhaber, der tiefgesenkt um die Bildsaͤule wanket. Was thut er nicht, um sein Gesicht zum Gefuͤhl zu machen, zu schauen als ob er im Dunkeln taste ? Er gleitet umher, sucht Ruhe und findet keine, hat keinen Gesichts- punkt, wie beim Gemaͤhlde, weil tausende ihm nicht gnug sind, weil, so bald es eingewurzelter Gesichtspunkt ist, das Lebendige Tafel wird, und die schoͤne runde Gestalt sich in ein erbaͤrm- liches Vieleck zerstuͤcket. Darum gleitet er: sein Auge ward Hand, der Lichtstral Finger, oder vielmehr seine Seele hat einen noch viel feinern Finger als Hand und Lichtstral ist, das Bild aus des Urhebers Arm und Seele in sich zu fassen . Sie hats! die Taͤuschung ist geschehn: es lebt, und sie fuͤhlt, daß es lebe; und nun spricht sie, nicht, als ob sie sehe, sondern taste, fuͤhle. Eine Bildsaͤule kalt beschrieben, gibt so wenig Jdeen als eine gemahlte Musik; lieber laß sie stehen und gehe voruͤber. Wenn ich Einem Menschen seine Begeiste- rung vergebe, so ists dem Liebhaber der Kunst, dem dem Kuͤnstler: denn ohne sie war kein Liebhaber, kein Kuͤnstler. Der elende Tropf, der vorm Mo- dell sitzt und alles platt und flach siehet, der Arme, der vor der lebenden Person steht und nur ein Far- benbrett an ihr gewahr wird, sind Klecker, nicht Kuͤnstler. Sollen die Figuren von der Leinwand vortreten, wachsen, sich beseelen, sprechen, han- deln; gewiß so musten sie dem Kuͤnstler auch so erscheinen und von ihm gefuͤhlt seyn. Phidias , der den Donnergott bildete, als er im Homer las und vom Haupte Jupiters, von seiner fallenden Locke ihm Kraft herabsank, dem Gotte naͤher zu treten und ihn zu umfangen in Majestaͤt und Liebe: Apollonius Nestorides , der den Herkules mach- te und den Riesenbezwinger in Brust, in Huͤften, in Armen, im ganzen Koͤrper fuͤhlte: Agasias , als er den Fechter schuf und in allen Sehnen ihn tastete und in allen Kraͤften ihn hingab; wenn diese nicht begeistert sprechen dorften, wer darfs denn? Sie sprachen durch ihr Werk und schwiegen: der Liebhaber fuͤhlt, schafft ihnen nach und stammlet im Umfang, im Meere von Leben, was ihn er- greifet. — Ueberhaupt, je naͤher wir einem Ge- genstande kommen, desto lebendiger wird unsre Sprache, und je lebendiger wir ihn von fern her fuͤhlen, desto beschwerlicher wird uns der trennen- de Raum, desto mehr wollen wir zu ihm. Wehe dem Liebhaber, der in behaglicher Ruhe seine Ge- B 3 liebte liebte von fern als ein flaches Bild ansieht und gnug hat! wehe dem Apollo- dem Herkulesbild- ner, der nie einen Wuchs Apollo’s umschlang, der eine Brust, einen Ruͤcken Herkules auch nie im Traume fuͤhlte. Aus Nichts kann wahr- lich nichts anders als Nichts , und aus dem unfuͤhlenden Sonnenstral nie warme schaffende Hand werden. 4. J sts einmal erlaubt, uͤber Werk zu reden und uͤber Kunst zu philosophiren : so muß die Philosophie wenigstens genau seyn, und wo moͤg- lich zu den ersten einfachsten Begriffen reichen. Als das Philosophiren uͤber schoͤne Kunst einmal noch Mode war, suchte ich lange uͤber dem eigent- lichen Begriff , der schoͤne Formen und Far- ben, Bildnerei und Mahlerei trenne , und — fand ihn nicht Falkonets Gedanken von der Bildhauerkunst, (uͤbers. N. Bibl. d. sch. W. B. 1. St. 1.) sind die trefliche Vorlefung eines Kuͤnstlers, dessen Zweck es gar nicht ist, die Grenzen zweener Kuͤnste phi- losophisch zu sondern. . Jmmer Mahlerei und Bild- hauerei in einander, unter Einem Sinne, also unter Einem Organ der Seele , das Schoͤne in beiden beiden zu schaffen und zu empfinden: also auch dies Schoͤne voͤllig auf Eine Art , durch Einerlei natuͤrliche Zeichen , in einem Raume neben ein- ander wuͤrkend , nur Eins in Formen, das andre auf der Flaͤche. Jch muß sagen, ich begriff da- bei wenig. Zwo Kuͤnste im Gebiet Eines Sin- nes muͤssen auch geradezu subjektiv Einerlei Ge- setze des Wahren und Schoͤnen haben, denn sie kommen zu Einer Pforte hinein, wie sie beide zu Einer heraus gingen, und ja nur fuͤr Einen Sinn da sind. Die Mahlerei muß also so sehr skulptu- riren, die Skulptur so viel mahlen koͤnnen, als sie will, und es muß schoͤn seyn: sie dienen ja Einem Sinne, regen Einen Punkt der Seele; und nichts ist doch unwahrer, als dies. Jch ver- folgte beide Kuͤnste und fand, daß kein einziges Gesetz, keine Bemerkung, keine Wuͤrkung der Einen, ohn Unterschied und Einschraͤnkung auf die andre passe. Jch fand, daß gerade je eigner Etwas Einer Kunst sei und gleichsam als einhei- misch derselben in ihr große Wuͤrkung thue, desto weniger lasse es sich platt anwenden und uͤbertra- gen, ohne die entsetzlichste Wuͤrkung. Jch fand arge Beispiele davon in der Ausfuͤhrung, aber noch ungleich aͤrgere in der Theorie und Philoso- phie dieser Kuͤnste, die oft von Unwissenden der Kunst und Wissenschaft geschrieben, alles seltsam durch einander gemischt, beide nicht als zwo Schwe- B 4 stern stern oder Halbschwestern, sondern meistens als ein doppelt Eins betrachtet und keinen Plunder an der Einen gefunden haben, der nicht auch der andern gebuͤhre. Daher nun jene erbaͤrmliche Kritiken, jene armselige, verbietende und ver- engernde Kunstregeln, jenes bittersuͤße Geschwaͤtz vom allgemeinen Schoͤnen, woran sich der Juͤn- ger verdirbt, das dem Meister ekelt und das doch der kennerische Poͤbel als Weisheitsspruͤche im Munde fuͤhret. Endlich kam ich auf meinen Begriff, der mir so wahr, der Natur unsrer Sinne, beider Kuͤnste und hundert sonderbaren Erfahrungen so gemaͤß schien, daß er, als der eigentliche subjektive Grenzstein , beide Kuͤnste und ihre Eindruͤcke und Regeln auf die lindeste Weise scheidet. Jch gewann einen Punkt, zu sehen, was jeder Kunst eigen oder fremde, Macht oder Beduͤrfniß, Traum oder Wahrheit sei, und es war, als ob mir ein Sinn wuͤrde, die Natur des Schoͤnen da furchtsam von ferne zu ahnden, wo — doch ich plaudre zu fruͤhe und zu viel. Hier ist der nackte Umriß, wie ich glaube, daß die Kuͤnste des Schoͤnen sich zu einander ver- halten: Einen Sinn haben wir, der Theile außer sich neben einander, einen andern, der sie nach ein- ander , einen dritten, der sie in einander erfasset. Gesicht, Gehoͤr und Gefuͤhl . Theile Theile neben einander geben eine Flaͤche : Theile nach einander am reinsten und einfachsten sind Toͤne . Theile auf einmal in- neben- bei einander, Koͤrper oder Formen . Es gibt also in uns einen Sinn fuͤr Flaͤchen, Toͤne, Formen, und wenns dabei aufs Schoͤne ankommt, drei Sinne fuͤr drei Gattungen der Schoͤnheit , die unterschieden seyn muͤssen, wie Flaͤche, Ton, Koͤrper . Und wenns Kuͤnste gibt, wo jede in Einer dieser Gattungen arbeitet, so kennen wir auch ihr Gebiet von außen und innen, Flaͤche, Ton, Koͤrper , wie Gesicht, Gehoͤr, Gefuͤhl . Dies sind sodann Grenzen, die ihnen die Natur anwies und keine Verabredung; die also auch keine Verabredung aͤndern kann, oder die Natur raͤchet. Eine Tonkunst, die mahlen, und eine Mahlerei die toͤnen, und eine Bildnerei die faͤrben, und eine Schilderei die in Stein hauen will, sind lauter Abarten, ohne oder mit falscher Wuͤrkung. Und alle Drei verhalten sich zu einander, als Flaͤche, Ton, Koͤrper , oder wie Raum, Zeit und Kraft , die drei groͤsten Medien der allweiten Schoͤpfung, mit denen sie alles fasset, alles umschraͤnket. Lasset uns sogleich Ein Zwei Folgerungen sehen, wie sich Bild- und Mahlerei im Ganzen verhalten. Jst diese die Kunst fuͤrs Auge, und ists wahr, daß das Auge nur Flaͤche , und Alles wie Flaͤche, B 5 wie wie Bild empfindet: so ist das Werk der Mahlerei tabula, tavola, tableau, eine Bildertafel , auf der die Schoͤpfung des Kuͤnstlers wie Traum da steht, in der Alles also auf dem Anschein , auf dem Nebeneinander beruhet. Hievon also muß Erfindung und Anordnung, Einheit und Mannich- faltigkeit (und wie die Litanei von Kunstnamen weiter heiße) ausgehen, darauf zuruͤckkommen, und ist, wie viele Kapitel und Baͤnde davon gefuͤllt werden, dem Kuͤnstler selbst aus einem sehr ein- fachen Grundsatze , der Natur seiner Kunst , mehr als sichtbar. Diese ist ihm das Eine Koͤ- nigsgesetz, außer dem er keines kennet, die Goͤt- tin, die er verehret. Jn der treuen Behandlung seines Werks muß ihm alle Philosophie daruͤber in Grund’ und Wurzel , und als etwas so Ein- faches erscheinen, dessen alle das vielfache Ge- schwaͤtz nicht werth ist. Die Bildnerei arbeitet in einander, Ein lebendes, Ein Werk voll Seele, das da sei und daure. Schatte und Morgenroth, Blitz und Don- ner, Bach und Flamme kann sie nicht bilden, so wenig das die tastende Hand greifen kann; aber warum soll dies deshalb auch der Mahlerei versagt seyn? Was hat diese fuͤr ein ander Gesetz, fuͤr andre Macht und Beruf, als die große Tafel der Natur mit allen ihren Erscheinungen , in ihrer großen schoͤnen Sichtbarkeit zu schildern? und mit mit welchem Zauber thut sies! Die sind nicht klug, die die Landschaftsmahlerei, die Naturstuͤcke des großen Zusammenhanges der Schoͤpfung verachten, herunter setzen, oder gar dem Kuͤnstler Affenernstlich untersagen. Ein Mahler, und soll kein Mahler seyn? Ein Schilderer, und soll nicht schildern? Bildsaͤulen drechseln soll er mit seinem Pinsel und mit seinen Farben geigen, wie’s ihrem aͤchten antiken Geschmacke behagt. Die Tafel der Schoͤpfung schildern, ist ihnen unedel; als ob nicht Himmel und Erde besser waͤre und mehr auf sich haͤtte, als ein Kruͤppel, der zwischen ihnen schleicht, und dessen Konterfeyung mit Gewalt einzige wuͤr- dige Mahlerei seyn soll. Bildnerei schafft schoͤne Formen , sie draͤngt in einander und stellt dar ; nothwendig muß sie also schaffen, was ihre Darstellung verdient, und was fuͤr sich da steht . Sie kann nicht durch das Nebeneinander gewinnen, daß Eins dem Andern aushelfe und doch also Alles so schlecht nicht sey: denn in ihr ist Eins Alles und Alles nur Eins . Jst dies unwuͤrdig, leblos, schlecht, nichts sagend; Schade um Meißel und Marmor! Kroͤte und Frosch, Fels und Matratze zu bilden, war der Rede nicht werth, wenn sie nicht etwa einem hoͤhern Werk als Beigehoͤrde dienen, und also nicht Hauptwerk seyn wollen . Wo Seele lebt und einen edlen Koͤr- per durchhaucht und die Kunst wetteifern kann. Seele Seele im Koͤrper darzustellen, Goͤtter, Menschen und edle Thiere, das bilde die Kunst und das hat sie gebildet. — Wer aber mit hoher idealischer Strenge dies Gesetz abermals den Schilderern, den Mahlern der großen Naturtafel aufbuͤrdet, der greife ja nach seinem Kopfe, wie Er etwa zu schildern waͤre. Endlich die Bildnerei ist Wahrheit, die Mah- lerei Traum: jene ganz Darstellung, diese er- zaͤhlender Zauber, welch ein Unterschied! und wie wenig stehen sie auf Einem Grunde! Eine Bild- saͤule kann mich umfassen, daß ich vor ihr knie, ihr Freund und Gespiele werde, sie ist gegenwaͤr- tig, sie ist da. Die schoͤnste Mahlerei ist Roman, Traum eines Traumes. Sie kann mich mit sich verschweben, Augenblicke gegenwaͤrtig werden und wie ein Engel in Licht gekleidet, mich mit sich fort- ziehn; aber der Eindruck ist anders als er dort war. Der Lichtstral weicht hin, es ist Glanz, Bild, Gedanke, Farbe. — Jch kann mir kei- nen Theoristen, der Mensch ist, vorstellen, und sich die zwo Sachen auf Einem Grunde denket. Lasset uns einige andere Fragen sehen, die als Alterkationen zwischen beiden Kuͤnsten oft aufge- worfen, zum Theil schlecht beantwortet sind und sich aus unserm Gesichtspunkt sonnenklar ergeben. Zwei- Zweiter Abschnitt. 1. Bildhauerkunst und Mahlerei, warum beklei- den sie nicht mit Einem Gluͤcke, nicht auf Einerlei Art? Antwort. Weil die Bildnerei eigentlich gar nicht bekleiden kann und die Mahlerei im- mer kleidet. D ie Bildnerei kann gar nicht bekleiden; denn offenbar verhuͤllet sie gleich unter dem Kleide, es ist nicht mehr ein menschlicher Koͤrper, sondern ein langgekleideter Block. Kleid als Kleid kann sie nicht bilden, denn dies ist kein Solidum, kein Voͤlliges, Rundes. Es ist nur Huͤlle unsres Koͤrpers der Nothwendigkeit wegen, eine Wolke gleichsam die uns umgibt, ein Schatte, ein Schleier. Je mehr es in der Natur selbst druͤckend wird und dem Koͤrper Wuchs, Gestalt, Gang, Kraft nimmt: desto mehr fuͤhlen wir die fremde, unwesentliche Last. Und nun in der Kunst ist ein Gewand von Stein, Erz, Holz ja im hoͤch- sten sten Grade druͤckend! Es ist kein Schatte, kein Schleier, gar kein Gewand mehr: es ist ein Fels voll Erhoͤhung und Vertiefung, ein herabhangen- der Klumpe. Thue die Augen zu und taste, so wirst du das Unding fuͤhlen. Jn keinem Lande konnte daher die Bildnerei gedeihen, wo solche Steinklumpen nothwendig waren, wo der Kuͤnstler, statt schoͤner und edler Koͤrper, Matratzen bilden muste. Jn Morgen- lande, wo man aus sehr guten Gruͤnden die Ver- huͤllung des Koͤrpers liebte, wo man ihn als Ge- heimniß betrachtete, von dem nur das Antlitz und seine Boten, Haͤnde und Fuͤße, sichtbar waͤren, in ihm war keine Bildnerei moͤglich, ja im juͤdischen Lande gar nicht erlaubt. Bei den Aegyptern ging sie daher, Trotz des hohen Mechanischen der Kunst, einen ganz andern Weg, seitwaͤrts ab vom Schoͤ- nen. Bei den Roͤmern konnte sie auch wegen der Toga und Tunica, Thorax und Paludament sich der Nation nie einverleiben, um hoͤher zu steigen: sie blieb Griechisch, oder ging zuruͤck. Jn der Geschichte der Moͤnche und Heiligen konnte sie keine Fortschritte thun, denn Moͤnch und Nonne waren verschleiert, der Kuͤnstler hatte statt Koͤr- per faltige Steindecken zu bilden. Sowohl der Spanischen als unsrer Tracht mag sich etwa die Mahlerei, aber wahrlich nicht die Bildsaͤule er- freuen. Wir haben die Spanische zur Ritter- Priester- Priester- und Narrentracht gemacht; die unsre, mit Lappen und Flicken, Spitzen und Ecken, Schnitten und Taschen muͤste in Marmor ein wah- res Goͤttergewand werden. Ein Held in seiner Uniform, allenfalls noch die Fahne in der Hand und den Hut auf ein Ohr gedruͤckt, so ganz in Stein gebildet, wahrlich das muͤste ein Held seyn! Der Kuͤnstler, der ihn machte, waͤre wenigstens ein schoͤner Kommißschneider. Betaste die Statue in dunkler Nacht, du wirst an Form und Schoͤn- heit Wunderdinge in ihr fuͤhlen. Wie anders die Griechen! Sie, die gebohr- nen Kuͤnstler des Schoͤnen. Erzhuͤllen und Stein- decken warfen sie ab, und bildeten, was gebildet werden konnte, schoͤne Koͤrper. Apollo, vom Siege Pythons Winkelmanns Gesch. der K. S. 392. , kam er unbekleidet? zerbrach der Kuͤnstler sich den Kopf, um doch hier einer Arm- seligkeit des Ueblichen treu zu bleiben? Nichts! er stellte den Gott, den Juͤngling, den Ueberwin- der mit seinen schoͤnen Schenkeln, freier Brust und jungen Baumeswuchse nackt dar; die Last des Kleides wurde zuruͤckgeschoben, wo sie am wenig- sten verbarg, wo sie den Gang des Edlen nicht hindert, wo sie vielmehr seinem hochmuͤthigen Stande wohl thut und auch nur als die leichte Beute des Ueberwinders schwebet. Laokoon, der der Mann, der Priester, der Koͤnigssohn, bei einem Opfer, vor dem versammleten Volke, war er nackt? stand er unbekleidet da, als ihn die Schlangen umfielen? Wer denkt daran, wenn er jetzt den Laokoon der Kunst siehet? wer soll dar- an denken? Wer an die vittas denken, sanie, atroque cruore madentes, da die hier nichts thaͤ- ten, als seine leidende Stirn voll Seufzen und Todtenkampfes zum priesterlichen Steinpflaster zu machen? wer an ein Opfergewand denken, das diese arbeitende Brust, diese giftgeschwollenen Adern, diese ringenden und schon ermattenden Vaterhaͤnde zu todtem Fels schuͤffe? O der Pe- danten des Ueblichen, des Wohlanstaͤndigen, des schoͤnbeschreibenden Virgils, die ja nur Priester- figuren im Holzmantel sehen moͤgen! — und im- mer nur solche sehen sollten! — Es war vom Griechen Spruͤchwort, daß er lieber Fuͤlle als Huͤlle gab, das ist, schoͤne Fuͤlle, denn sonst bekleidete er auch. Philosophen, Cybelen, hundertjaͤhrige Matronen konnten immer bekleidet da stehn; auch wo es Gottesdienst, und Zweck und Eindruck der Bildsaͤule foderte oder ertrug. Ein Philosoph ist ja nur immer Kopf- oder Brust- bild: wenn er also auch nur, wie Zeno, sein Haupt uͤber der Steinhuͤlle zeiget! er muß nicht, als Juͤngling oder Fechter da stehn. Eine Niobe, diese ungluͤckliche Mutter in Mitte ihrer ungluͤck- lichen lichen Kinder, die huͤlflos um sie jammern und alle in ihren Schoos fliehen moͤchten, wie es die Juͤngste thut — sie kniet weit- und reichbeklei- det da, denn sie ist Mutter, und ihr Todesstar- res, gen Himmel gewandtes Gesicht, sammt der Tochter in ihrem Schooße, ist Ausdruck genug, auf den der Kuͤnstler hier wuͤrkte und nicht auf kalte nackte Koͤrperschoͤnheit. Eine Juno Matro- na unbekleidet, waͤre dem entgegen, was sie ist, was sie selbst vor Paris war; Ehrfurcht soll sie einfloͤßen, nicht Liebe. Das Haupt der Nym- phen und Vestalinnen, die unsterblich schoͤne Diana, muß bekleidet seyn, wie es ihr Stand und Cha- rakter gebietet, und die Kunst es zulaͤßt. Aber eine Gestalt der Schoͤnheit, der Liebe, des Reizes, der Jugend, Bacchus und Apollo, Charis und Aphrodite, unter einem Mantel von Stein waͤre Alles, was sie sind, was sie hier durch den Kuͤnstler seyn sollten, verschleiert und verlohren. Und man kann uͤberhaupt den Grund- satz aunehmen, „daß wo der Griechische Kuͤnstler „auf Bildung und Darstellung eines schoͤnen Koͤr- „pers ausgieng, wo ihm nichts Religioͤses oder „Charakteristisches im Wege stand, wo feine Fi- „gur ein freies Geschoͤpf der Muse, ein sub- „stanzielles Kunstbild, kein Emblem, keine „historische Gruppe, sondern Bild der Schoͤn- „heit seyn sollte, da bekleidete er nie, da ent- C „huͤllte „huͤllte er, was er Trotz dem Ueblichen enthuͤl- „len konnte„. Wir betrachten hier nicht, was dies Nackte auf die Sitten der Griechen fuͤr Einfluß hatte, denn mit solchen Spruͤngen von einem Felde ins andere kommt man nicht weit. Nichts ist feinerer Natur, als Zucht und das Wohlanstaͤn- dige oder Aergerliche des Auges: es kommt da- bey so viel auf Himmelsstrich, Kleidungsart, Spiele, fruͤhe Gewohnheit und Erziehung, auf den Stand, den beyde Geschlechter gegen ein- ander haben, insonderheit auf den Abgrund von Sonderbarkeiten an, den man Charakter der Nation nennt, daß die Untersuchung dessen ein eigenes Buch werden duͤrfte. Es konnte den Gothen, die aus Norden kamen, die wuͤrklich zuͤchtiger und unter ihrem Himmelsstrich an dich- tere Kleider gewoͤhnt waren, bey denen das weib- liche Geschlecht zum maͤnnlichen uͤberhaupt an- ders stand als bei den Griechen, und die uͤberdem die Statuen unter einem verderbten Volke fan- den, das vielleicht seinen Untergang mit von ihnen herhatte; ich sage, diesen Gothen konnte (auch ihre neue Religion unbetrachtet,) der An- blick der Statuen mit Recht sehr widrig seyn, da- her die meisten auch so ein ungluͤckliches Ende nah- men, ohne daß man deshalb von Gothen auf Griechen geradezu schließen muͤste. Wenn un- ter ter uns dies nackte Reich der Statuen ploͤtzlich auf Weg und Steg gepflanzet wuͤrde, wie einige neuere Schoͤndenker nicht undeutlich angerathen haben: so muß man von dem Eindruck, den sie da und dem Poͤbel (dem Poͤbel von und ohne Stande) insonderheit zuerst, machen wuͤrden, nicht so fort auf ein fremdes Volk ganz andrer Sitten und Erziehung schließen. Ueberhaupt ist zuͤchtig seyn und geaͤrgert werden, Tugend ausbreiten und die Kunst hassen, schrecklich verschieden, wie die Folge noch mehr zeigen wird. Hier ist auch diese Ausschweifung schon zu lang; wir reden hier von Kunst und von Griechen, nicht von Sitten und Deutschen. Jch fahre fort. Wo auch der Grieche bekleiden muste, wo es ihm ein Gesetz auflegte, den schoͤnen Koͤrper, den er bilden wollte, und den die Kunst allein bilden kann und soll, hinter Lumpen zu ver- stecken; gabs kein Mittel, dem fremden Drucke zu entkommen, oder sich mit ihm abzufinden? zu bekleiden, daß doch nicht verhuͤllt wuͤrde? Gewand anzubringen, und der Koͤrper doch seinen Wuchs, seine schoͤne runde Fuͤlle behielte? Wie wenn er durchschiene? Jn der Bildnerei, bey einem Solido kann nichts durchscheinen: sie ar- beitet fuͤr die Hand und nicht fuͤrs Auge. Und siehe, eben fuͤr die Hand erfanden die feinen Grie- C 2 chen chen Auskunft. Jst nur der tastende Finger be- trogen, daß er Gewand und zugleich Koͤrper taste; der fremde Richter, das Auge, muß folgen. Kurz, es sind der Griechen nasse Gewaͤnder. Es ist uͤber sie so viel und so viel falsches ge- sagt, daß man sich fast mehr zu sagen scheuet. Jedermann wars auffallend, daß sie in der Bild- hauerei so viel, in der Mahlerei keine Wuͤrkung thun. Und zugleich schienen sie so unnatuͤrlich so unnatuͤrlich und doch so wirksam? so wahr und schoͤn in der Kunst, und in der Natur so haͤßlich? also schoͤn und haͤßlich, wahr und falsch — wer giebt Auskunft? — Winkel- mann sagt, daß sie nichts als Nachbildung der alten Griechischen Tracht in Leinwand seyn; ich weiß nicht, ob die Griechen je nasse, an der Haut klebende Leinwand getragen? und hier war eigentlich die Frage, warum sie der Kuͤnstler so kleben ließ und nicht trocknete? fuͤhren wir sein Werk, seine Kunst, auf ihren rechten Sinn zu- ruͤck, so antwortet die Sache. Es war nehm- lich einzige Auskunft, den tastenden Finger und das Auge, das jetzt nur als Finger tastet, zu betruͤgen: ihm ein Kleid zu geben, das doch nur gleichsam ein Kleid sei, Wolke, Schleier, Nebel — doch nein, nicht Wolke und Nebel, denn das Auge hat hier nichts zu nebeln; nasses Gewand Gewand gab er ihm, das der Finger durch- fuͤhle! Das Wesen seiner Kunst blieb der schlan- ke Leib, das runde Knie, die weiche Huͤfte, die Traube der jugendlichen Brust, und dem aͤußern Erfordernisse kam man doch auch nach. Es war gleichsam ein Kleid, wie die Goͤtter Homers gleichsam Blut haben; die Fuͤlle des Koͤrpers, die kein Gleichsam, die Wesen der Kunst ist, war und blieb Hauptwerk. Ganz anders verhaͤlt sichs mit der Mahle- rei, die, wie gesagt worden, nichts als Kleid ist, das ist, schoͤne Huͤlle, Zauberei mit Licht und Farben zur schoͤnen Ansicht. Sie wuͤrkt auf Flaͤche und kann nichts als Oberflaͤche ge- ben; zu der gehoͤren auch Kleider. Fuͤr unser Auge sind diese die taͤglichen Erscheinungen der Wahrheit, des Ueblichen, der Pracht, der Zierde. Eben der Farbe, des Putzes, des schoͤ- nen Anscheins wegen werden sie oft gewaͤhlt und gemustert, sind der schauenden schoͤnen Welt so viel mehr als Beduͤrfniß — warum sollten sies nicht auch der schauenden schoͤnen Kunst seyn? Mahlerei kann Kleid, als das edelste, was es ist, bearbeiten, als ein gebrochenes Licht, ein Zauberduft fuͤrs Auge, der alles erhoͤhet, als Nebel und schoͤne Farbe; warum sollte sies also C 3 nicht nicht thun? Warum muͤste sie den Vorzug ihres Sinnes dem Mangel eines fremden Sinnes auf- opfern, mit dem sie nichts gemein hat? Wuͤrde unter den Haͤnden des Bildners ein Kleid das, was es unter ihren Haͤnden, unter dem Zauber- finger des Lichts ist, so waͤre er Thor, wenn ers nicht brauchte. Es sind also ungemein feine Koͤpfe, die der Mahlerei die nackten Fleischmassen und wohl gar die nassen Gewaͤnder anrathen, weil sie damit ihrer aͤltern lieben Schwester, Bildhauerkunst, naͤher komme, und wohl gar antikisch wuͤrde. Nackt und steif und haͤßlich kann sie freilich damit werden, ohne ein Gutes zu erbeuten, was ihre aͤltere Schwester mit Naktheit und Naͤsse erreichet. Das Beduͤrfniß einer fremden Kunst zum Wesen der Seinigen zu machen und daruͤber die Vor- theile der Seinigen verlieren — so etwas kommt meistens aus dem lieben Modeln und Vergleichen. Juͤngste Gerichte voll Fleisch, wie Heu; und Dianenbaͤder wie Fleischmaͤrkte! Nichts ist laͤ- cherlicher, als Statuen aufs Brett zu kleben, und da Kleider gar zu netzen, wo alles bluͤhn und duften soll. „Aber die alten großen Mahler ahmten doch „Bildsaͤulen nach: von Raphael hat man ja so „manche Maͤhrchen, daß er„ — das ahmten sie sie aber nicht nach, was nicht aufs Brett gehoͤrt, ohne daß es dadurch dreimal Brett wurde. Eben jene alte große Mahler, welch großes Gefuͤhl hatten sie vom Wurf der Kleider! wie eben hier die Mahlerei in ihrem Zauberlande des schoͤ- nen Truges, in der Werkstaͤte ihrer Allmacht mit Licht und Farbe sei. Daß dieses Kleid rausche und jenes dufte und schwebe; daß man hier in die Falten des Gewandes greift und glaubt, da es doch nur Flaͤche ist, so tief zu greifen: daß diese Farbe, dieser Grund jene Figuren so himm- lisch mache, so hoͤhe und hebe; jener Wurf, je- ner Wechsel dem Ganzen Lieblichkeit, Anmuth, Mannichfaltigkeit gewaͤhre — was ich hier so allgemein, so unbestimmt sage, welcher Liebha- ber, welcher Meister hats nicht in tausend einzel- nen Faͤllen, mit tausend Kunstgriffen und Mei- sterzuͤgen erprobet? Mahlerei ist Repraͤsenta- tion, eine Zauberwelt mit Licht und Farben fuͤrs Auge; dem Sinne muß sie folgen, und was ihr der Sinn fuͤr Zauberstaͤbe gewaͤhrt, darf sie nicht wegwerfen. Selbst im Reizbaren zur Verfuͤhrung ist das Nackte in beiden Kuͤnsten gar nicht dasselbe. Eine Statue steht ganz da, unter freiem Himmel, gleichsam im Paradiese: Nachbild eines schoͤnen Geschoͤpfs Gottes und um sie ist Unschuld. Win- kelmann fagt recht, daß der Spanier ein Vieh C 4 gewe- gewesen seyn muß, den die Statue jener Tugend zu Rom luͤstete, die nun die Decke traͤgt; die reinen und schoͤnen Formen dieser Kunst koͤnnen wohl Freundschaft, Liebe, taͤgliche Sprache, nur beym Vieh aber Wollust stiften. — Mit dem Zauber der Mahlerei ists anders. Da sie nicht koͤrperliche Darstellung, sondern nur Schilde- rung, Phantasie, Repraͤsentation ist, so oͤfnet sie auch der Phantasie ein weites Feld und lockt sie in ihre gefaͤrbte, duftende Wollustgaͤrten. Die kranken Schlemmer aller Zeiten fuͤllten ihre Kabinette der Wollust immer lieber mit unzuͤch- tigen Gemaͤhlden als Bildsaͤulen: denn in diesen, selbst in schlummernden Hermaphroditen, ist ei- gentlich keine Unzucht. Die Chaͤreen alt und neu, erbauen sich lieber an Gemaͤhlden des Schwans mit der Leda, als an ganzen Vorstel- lungen desselben. Die Phantasie will nur Duft, Schein, lockende Farbe haben; mit der treuen Natur der ganzen Wahrheit sind ihr die Fluͤgel gebunden, es stehet zu wahr da. Die Bild- saͤule bleibt immer nackt stehen, aber die schoͤne Danae von Titian muß weislich ein Vorhaͤng- chen decken: es ist die Zaubertafel fuͤr einen ver- dorbenen Sinn, der, verlockt, gar keine Gren- zen kennet. Auch hieraus ergiebt sich, warum die Neuen den Alten in schoͤner Form weiter nachbleiben, als als im schoͤnen Anschein. Schoͤner Anschein kann manches werden, was gerade nicht schoͤne Form und die tiefgefuͤhlte, treue, nackte Wahr- heit ist: zu dieser zu gelangen sind unstreitig jetzo viel weniger Mittel als voraus. Winkelmann hats unverbesserlich gesagt, was unter dem schoͤnen Griechischen Himmel, in ihrer Frei- und Froͤhlichkeit von Jugend auf, bei ihren unver- huͤlleten Taͤnzen, Kampf- und Wettspielen das Auge des Kuͤnstlers gewann. Nur die Formen koͤnnen wir treu, ganz, wahr, lebendig geben, die sich uns also mittheilen, die durch den leben- digen Sinn in uns leben. Es ist bekannt, daß einige der groͤßten neuern Mahler nur immer ihre geliebte Tochter, oder ihr Weib schilderten, un- streitig, weil sie nichts anders in Seele und Sin- nen besaßen. Raphael war reich an lebendigen Gestalten, weil seine Neigung, sein warmes Herz ihn hinriß und alle diese, erfuͤhlt und genos- sen, sein eigen waren. Er gerieth dabei auf Abwege endete sich sein unersetzliches Leben — und manche Troͤdelkoͤpfe koͤnnen es gar nicht be- greifen, wie der himmlische Raphael irrdische Maͤdchen geliebt habe? bekam er von ihnen nicht seine Umrisse, seine warmen lebendigen Formen; vom Himmel und kalten Statuen allein wuͤrde er sie nicht bekommen haben. Und doch war Ra- phael noch kein Praxiteles, kein Lisyppus, der C 5 ohne ohne Zweifel diese Formen so urspruͤnglich erkennen muste, als Bildhauerei nicht schildert, sondern schafft und darstellt. So lange also nicht das Griechische Zeitalter der Knaben- und Maͤdchen- liebe in seiner offnen Jugendunschuld, als Spiel und Freude zuruͤckkehrt: so lange der Kuͤnstler steife Modelle von Fischbeinroͤcken und Schnuͤr- bruͤsten sieht, und ja nichts weiter; so ists nur Thorheit, Griechische Bildkunst erwarten oder hervorbringen zu wollen. Sein Sinn versagt ihm; soll er Engelsformen, Apollos- und Hou- risgestalten aus der Luft greifen? daher gegriffen sind sie Schaumblasen, die zergehen, ehe er sie der Hand, vielweniger dem Stein einverleibet. Mit einem großen Theil der Mahlerei, freilich nicht mit dem, der auch schoͤne Formen enthaͤlt und als lebendiger Traum zunaͤchst an jene wa- chende Wahrheit graͤnzet, ists anders Ein neuer, sehr denkender Kuͤnstler, Falconet, hat manches fuͤr die reiche und (kurz zu sagen) mahlerische Bekleidung der Bildsaͤulen gesagt, was in unsern Zeiten, da den meisten Anschauen- den die Bildnerkunst selbst nur Mahlerei ist, wahr seyn kann; mich duͤnkt indessen, es gelte nur als Ausnahme und Huͤlfe, weil wir zur nackten Fuͤlle der Alten nicht mehr kommen koͤnnen, und uns also diesen Mangel durch den Wurf der Klei- der ersetzen moͤgen, die in der Bildnerei doch nie mehr Kleider sind. . 2. Warum 2. Warum wird die Bildsaͤule durch Faͤrbung nach der Natur und aͤhnliche Anwuͤrfe nicht schoͤn, sondern haͤßlich? da doch in der Mahlerei Farbe so große Wuͤrkung thut. Antwort. Weil Farbe nicht Form ist, weil sie also dem verschloßnen Auge und tasten- den Sinne nicht merkbar wird, oder merk- bar sogleich die schoͤne Form hindert. Sie ist Sandkorn, Tuͤnche, fremder Anwuchs, worauf wir stoßen, und der uns vom rei- nen Gefuͤhl dessen, was die Natur seyn sollte, wegzeucht. D ie obengesetzte und oft aufgeworfene Frage ist bisher meistens anders beantwortet wor- den: „durch Farbe werde die Aehnlichkeit zu „groß, die Aehnlichkeit zu aͤhnlich, gar identisch „mit der Natur, das sie nicht seyn soll. Man „koͤnne die bemahlte Statue in der Entfernung gar „fuͤr einen lebendigen Menschen halten, darauf „zugehen, u. d. g.„. Wer von diesen Ursachen etwas versteht, oder sich mit ihnen befriedigen kann, dem beneide ich seine Zufriedenheit nicht. Man Man hat ebenmaͤßig gefraget: „ob Myrons „Kuh mehr gefallen wuͤrde, wenn man sie mit Haaren bekleidete„? und es scharfsinnig vernei- net, weil sie sodann einer Kuh zu aͤhnlich waͤre. Kuh einer Kuh zu aͤhnlich? das ist Kuh, aber zu sehr Kuh? ich antworte gerade hin, weil sie sodann fuͤr die Kunst gar nicht mehr Kuh, son- dern ein ausgestopfter Haarbalg waͤre. Schleuß das Auge und fuͤhle: da ist weder Form noch Ge- stalt mehr, geschweige schoͤne Form, schoͤne Ge- stalt. Wenn dort der Hirte, Myrons eherne Kuh wegtreiben wollte, so wird diese weder Hirte noch Kuͤnstler beruͤhren, denn sie ist „einer „Kuh gar zu aͤhnlich und doch nicht Kuh„, das ist, Popanz. Viel feinere Sachen, als Tuͤnche und Kuh- haut muͤssen von der Statue wegbleiben, weil sie dem Gefuͤhl widerstehen, weil sie dem tasten- den Sinn keine ununterbrochene schoͤne Form sind. Diese Adern an Haͤnden, diese Knorpel an Fingern, diese Knoͤchel an Knien muͤssen so geschont, und in Fuͤlle des Ganzen verkleidet werden; oder die Adern sind kriechende Wuͤrme, die Knorpel aufliegende Gewaͤchse dem stillen dun- keltastenden Gefuͤhl. Nicht ganze Fuͤlle Eines Koͤrpers mehr, sondern Abtrennungen, losge- loͤste Stuͤcke des Koͤrpers, die seine Zerstoͤrung weissagen, und sich eben daher schon selbst ent- fernten. fernten. Dem Auge sind die blauen Adern un- ter der Haut nur sichtbar: sie duften Leben, da wallet Blut; als Knorpel und Knochen sind sie uns fuͤhlbar und haben kein Blut und duften kein Leben mehr, in ihnen schleicht der lebendige Tod. — Ganz anders, wie sich die Adern der Bildsaͤule beleben, wenn sie unter den Haͤnden des Kuͤnstlers und Liebhabers weicher, lebendiger Thon wird. Es ist, als regten sie sich und wallen und leben, aber nicht in aufgelaufenen Stricken; ein himm- lischer Geist, sagt Winkelmann, der sich wie ein sanfter Strom ergossen, hat den Umfang der Gestalt erfuͤllet. Alles also lebet, und der ruhige Sinn in seiner dunkeln Umschraͤnktheit kann, je weniger er losgebunden und zertheilt fuͤhlet, so mehr im großen Ganzen ahnden. Die alten Kuͤnstler sind in Bildung der Haare sehr beruͤhmt und gepriesen; mehr aber von Kuͤnstlern und Literatoren gepriesen als von Theoristen verstanden. Wo und wie haben sie Haare gebildet? wo und wie sie sich bilden und auch vom Blinden als Zierde der schoͤnen Form tasten ließen. Das zierende Haupthaar der Goͤtter und Goͤttinnen (denn ein kahlkoͤpfiger Roͤmer ist immer ein duͤrftiges uͤberaltes Ge- schoͤpf) machten sie zum Koͤrper, ohne daß es Steinklumpe wuͤrde: es faͤllt in schoͤnen schweren Locken herab, oder ist bey Weibern, wo es zar- ter ter seyn muste, aufs Haupt gebunden und nicht um den Kopf fliegend. Keiner Bacchante flat- terts, denn es kann ja nicht flattern: dem schnell- gehenden zornigen Apollo ists „wie die zarten und „fluͤßigen Schlingen edler Weinreben, gleichsam „von einer sanften Luft bewegt, das Haupt um- „spielend„. Bey andern liegts wie eine schoͤne Decke (εξομσια) hinauf, bei andern in tiefen Fur- chen hinunter. Nie aber faͤhrts, wie einer ge- mahlten Eva, laͤngelang hinunter, der Gestalt den Ruͤcken zu rauben, und selbst bei einer Aphro- dite aus Muschel oder Bade, faͤllets, obwohl naß und Klettenweise, doch wohlgeordnet und nicht waldicht hinab: denn dem Gefuͤhl muͤssen die Haare nie Wald, sondern sanfte, nachge- bende Masse werden, die sich endlich selbst ver- liert. Der Mahlerei sind sie Farbe, Schatte, Schattierung, die kann sie schon freier ordnen. — Es ist bekannt, mit welcher Feinheit die Griechischen Kuͤnstler die Augenbranen ihrer Statuen angedeutet haben; angedeutet, in einem feinen, scharfen Faden, und nicht in abgetrenn- ten Haaren oder Haarkluͤmpgen gebildet. Win- kelmann haͤlt diese Andeutung fuͤr Augenbranen der Gratien und ich halte sie auch dafuͤr — in der Kunst nehmlich. Jn der Natur ist der nackte, scharfe Faden ganz etwas anders, und auch Griechische Natur war und ists nicht, wie kein kein Reisebeschreiber berichtet oder gesagt hat. Gnug, in der Kunst sind sie Augenbranen der Gratien, dem sanften stillen Gefuͤhl. Was sollten da die Buͤsche ( Stupori ) oder die sich straͤu- benden Bogen? Wer hat nicht gesehen, wie bey abgenommenen ersten Gipsabdruͤcken eines Ge- sichts jedes einzelne Haar so widrig und unsanft thut, als jede Pockengrube oder jede fatale Un- ebenheit und Lostrennung vom Antlitz. Die ein- zelnen Haͤrchen schauern uns durch, es ist wie eine Scharte im Messer, nur etwas was die Form hindert und nicht zu ihr gehoͤrt. Der Griechische Kuͤnstler deutet also nur an: er satzte fuͤrs Ge- fuͤhl die Grenze zwischen Stirn und Auge, wie eine sanfte Schneide hin, und ließ dem Sinn, der daruͤber gleitet, das Uebrige ahnden. Einige Statuen haben Augapfel. Wo es ertraͤglich seyn soll, muß er nur angedeutet seyn, und die meisten und besten haben keinen. Es war schlimmer Geschmack der letzten Jahrhun- derte, da man, statt schoͤn zu machen, reich machte und Glas oder Silber hineinsetzte. Eben so wars Jugend der Kunst, die noch aus hoͤl- zernen Denkmalen hervorging, da man die Sta- tuen faͤrbte. Jn den schoͤnsten Zeiten brauchten sie weder Roͤcke noch Farben, weder Augapfel noch Silber, die Kunst stand, wie Venus, nackt da und das war ihr Schmuck und Reichthum. Daß Daß fuͤr die Mahlerei dies alles anders sei, sieht jeder. Die ist fuͤrs Auge und spricht fuͤrs Auge: denn Farbe ist nur der getheilte Lichtstral, die Augensprache. Jn ihr kann das Haar schwe- ben und duften, und wie Seide spielen und schlin- gen und sich umwinden. Die Werke der Mah- lerei sind nicht blind, sie schauen und sprechen: das allgegenwaͤrtige Licht kann Einen hellen Punkt zum Auge, das in die Seele geht, bele- ben; es ist ja Farben-Zauber- und Licht- tafel. 3. Wie weit kann die Bildnerei Haͤßlichkeiten bilden? und die Mahlerei Haͤßlich- keiten mahlen? Antwort. So weit jeder Kunst es ihr Sinn erlaubet, das Gesicht dem Gemaͤhlde, dem Bilde das Gefuͤhl. Beide aber stehn mit nichten auf Einem Grunde. J ener Mahler, der einen verwesenden Leich- nam so hinzauberte, daß, nicht wie in Poußins Gemaͤhlde, der Zuschauer auf der Tafel, sondern jeder leibhafte Zuschauer selbst, sich sich die Nase zuhalten mußte, (wenn anders das Maͤhrchen wahr ist) war gewiß ein eckler Mahler. Der Bildner aber, der einen Leichnam, die ab- scheuliche Speise der Wuͤrmer, unserm Gefuͤhl also grausend vorbildete, daß dies in uns uͤber- gienge, uns zerrisse und mit Eiter und Abscheu salbte — ich weiß fuͤr den Henker unsres Ver- gnuͤgens keinen Namen. Dort kann ich mein Auge wegwenden und mich an andern Gegenstaͤn- den erholen; hier soll ich mich blind und langsam durchtasten, daß alle mein Fleisch und Gebein sich zernagt fuͤhlet, und der Tod durch meine Nerven schauert! — Aristoteles entschuldigt haͤßliche Vorstellun- gen in der Kunst durch „die Neigung unsrer „Seele sich Jdeen zu erwecken und an der Nach- „ahmung zu vergnuͤgen„; wo beydes geschehen kann, und wo das Vergnuͤgen dieser Jdeener- werbung das Gefuͤhl der Haͤßlichkeit uͤbergeht, mag die Entschuldigung gelten. Nun aber wis- sen wir alle, das Gefuͤhl ist zu dieser betrachten- den Contemplation und Jdeenweckung der dun- kelste, langsamste, traͤgste Sinn; da er doch im Empfinden der schoͤnen Form der Erste und Rich- ter seyn muß. Er, Jdeen und Nachahmung vergessend, fuͤhlt nur, was er fuͤhlt; dies regt seine innere Sympathie dunkel aber um so tiefer. Eine zerstoͤrte, haͤßliche, mißgebildete Gestalt, D der der zerfleischte Jtys, ein Hippolytus auf Eu- ripides Buͤhne, Medea in allen Verzerrungen ihrer Wuth, Philoktet in den aͤrgsten Zuckun- gen seiner Krankheit, gar ein Sterbender im Todeskampf, ein Verwesender im Kampf mit den Wuͤrmern — grausende Objecte fuͤr die langsame fuͤhlende Hand, die statt Jdeen Ab- scheu und statt Nachahmung dessen, was ist, schreckliche Zerruͤttung dessen, was nicht mehr ist, wahrnimmt. Grausame Kunst! gebildete Mißbildung! Wenn der heil. Bartholomaͤus da halbgeschunden, mit hangender Haut und zer- fleischtem Koͤrper vor mich tritt, und mir zuruft: non me Praxiteles, sed Marcus finxit Agrati! und ich soll seine schrecklich natuͤrliche Unnatur durchtasten, durchfuͤhlen; — grausamer Ge- genstand, schweig’ und weiche! Kein Praxiteles bildete dich, denn er wuͤrde dich nie haben bilden wollen. Dich, wie du bist, aus dem Steine hervorzufuͤhlen, hervorzuschinden, welcher Grie- che wuͤrde das vermocht haben? — Nur sieht jedweder, daß, was von der Bildhauerei gilt, nicht sofort von Mahlerei und von allen schoͤnen Kuͤnsten, selbst wenns nur Gem- men und Muͤnzen waͤren, statt habe. Einige neue eckle Herren haben uͤber diese so unterschie- dene Dinge aus einem Kopfe das Loos geschuͤttet, und zu Haͤßlichkeiten gezaͤhlt, was weder Gott noch noch Menschen dafuͤr erkennen, was ihnen in ihrer Vornehmheit nur diesmal so duͤnkte. Loͤwe und Tiger, Schlange und Eidere, Nilpferd und Crocodil, sind sie deswegen haͤßlich, weil sie schrecklich sind, weil sie uns Grausen oder Furcht erregen? der Loͤwe, welch ein schoͤnes Thier ist er, auch in der Kunst des Bildners! die Schlan- ge, wie sanft windet sie sich den Stab Aesculaps hinauf, und die Schildkroͤte, ist sie ein unwuͤrdiges Fußgestell fuͤr Gott oder Goͤttin, da ja selbst der Panzer der Minerva Furcht und Schrecken, Schlangen und Medusen darstellt? Niemand wirds in den Sinn kommen, solche Geschoͤpfe fuͤr das Hauptwerk der Kunst zu halten: der Mensch thront auf ihrem Altar, ihm ist die Bild- saͤule heilig. Aber nun, als Beigeraͤth, als Ne- benwerk, als Fußschemel, welcher Thor darf da verbieten und untersagen, weil das Geschoͤpf Gottes ihm haͤßlich duͤnkt und er sich fuͤr der Spin- ne fuͤrchtet? Wie manches edle Pferd hat mehr die Statue verdient, als sein Reuter! auch hat Pindar ihm oft und ja unser Herr Gott selbst ihm die praͤchtigste Ehrensaͤule gestellet Hiob 39, 19-25. . Aller- dings hat jedes Thier, von je schoͤnerer, unab- gebrochener Form es ist, je mehr es sich schlingt und windet, je naͤher es endlich Goͤttern und Menschen kommt, und zu ihren Fuͤßen dienet, D 2 auch auch so mehr Unrecht auf Bildung von mensch- lichen Haͤnden; aber das versteht sich von selbst, und ein treuer Hund, ein schoͤnes Pferd wird ohne Zweifel lieber und mehr gebildet werden, als ein gepanzertes Nilpferd oder der Knochen- berg vom Elephanten. Jhrer Natur nach und an ihrer Stelle ist aber die Eidexe so unhaͤßlich als Leda’s Schwan oder der Delphin, der sich um den Fuß der Meeresgoͤttin schmieget. — Auch hier unterschieden die Begriffe der Al- ten feiner und wahrer. Ein Centaur, ein Mi- notaur, warum sollte er nicht gebildet werden? Siehe, wie schoͤne Ueberschriften die Griechische Anthologie auf beide liefert, wie maͤchtig schoͤn ihr der Mensch aus dem Pferde hervorgeht und der Mensch sich mit dem Pferde baͤumet Anthol. l. IV. c. 7. ! Si- lenen, Faunen, Satyrs, — wir ecklen Neuern nennen sie haͤßliche Mißgeburten, weil sie keine Apollos sind; die Alten nicht also. Jhnen war hier das Schwaͤnzchen, dort der Bockfuß, hier das Hoͤrnchen nicht eckel, wenn das Bild nur da stand, wohin es gehoͤrte; uns Neuern soll alles Altarblatt im Tempel der heiligen Theoria werden. Selbst das Caledonische Schwein war gut und verdiente eine Jnschrift, wenn es war, was es seyn sollte. — Wo Wo die Alten Haͤßlichkeit vermieden, war, wo sie vermieden werden muß, in Menschlichen zumal Goͤttlichen Koͤrpern. Da haben Les- sing Laokoon: S. 9. u. f. und Winkelmann Gesch. d. Kunst S. 142. u. f. es gnug erwiesen wie sie auch in Affekt, im Leiden, im Mißtoné so viel moͤglich, die Mißform vermieden. Sé waͤhlten den besten Augenblick, stimmten das Hoͤchste zum Sanften hinunter, oder mischten ein Fremdes als Linderung in die Zuͤge. So Medea, Niobe, Laokoon. Philoktet hinkte, aber noch ein Held, der auch also gesehen zu werden verdiente. Alexanders schiefen Hals wandte Li- syppus, daß er nach dem Himmel sah und sich als Herren der Welt fuͤhlte. Die Nachahmung εις το χειρον war bei Strafe verboten. Der Sieger mußte dreymal gesiegt haben, wenn ihm die Jkonische Statue erlaubt war; eine veredelte war ihm erlaubt beym ersten Siege. Mich duͤnkt, dies waren die besten Wege und die besten Schran- ken, Haͤßlichkeit der Formen zu vermeiden: eine Haͤßlichkeit, die leicht vermieden werden kann, weil sie hervorzubringen, hervorzufuͤhlen Muͤhe kostet, die aber auch, wenn sie da ist, ewig bleibt, sich als Natur, als dargestellte Wahrheit unvermerkt eindruͤckt, und Geschlech- terhinab Unheil anrichtet. Was Haͤßlichkeit in D 3 For- Formen fuͤr Wuͤrkung thue und selbst lesend uns Nervenbau und Gehirn zerreiße, versuche man an der Beschreibung des angenehmsten Reise- beschreibers von Sicilien Brydone. , in der er den Zauberpallast des wahnsinnigsten menschlicher Daͤmone mittheilt. — Es waͤre hart, ein Gesetz, das sich offenbar nur und zuerst auf Form, ganze leibhafte Form beziehet, so fort auf jeden Anschein, Schatten und Farbenwinkel einer andern Kunst auszubrei- ten, die nichts von Form weiß. Mahlerei ist eine Zaubertafel, so groß, als die Welt und die Geschichte, in der gewiß nicht jede Figur eine Bildsaͤule seyn kann oder seyn soll. Auch ich liebe das Schoͤne mehr als das Haͤßliche, und mag Verzerrungen so wenig auf Tafel als in Gestalt taͤglich vor den Augen haben; indessen sehe ich doch ein, daß eine zu große Zaͤrtlichkeit, ein zu vornehmer Abscheu uns endlich die Welt so enge macht, als unser Zimmer und die neuesten, tief- sten Quellen der Wahrheit, der Rege, der Kraft, zuletzt zur elenden Pfuͤtze austrocknet. Jm Ge- maͤhlde ist keine einzelne Person Alles: sind sie nun alle gleich schoͤn, so ist keine mehr schoͤn. Es wird ein mattes Einerley langschenklichter, ge- radnaͤsiger, sogenannter Griechischen Figuren, die die alle dastehn und paradiren, an der Handlung so wenig Antheil nehmen als moͤglich, und uns in wenigen Tagen und Stunden so leer sind, daß man in Jahren keine Larven der Art sehen mag. Jch gebe es gern zu, daß es besser sei, wenn Gott die Hauptperson oder Hauptpersonen des Gemaͤhldes schoͤn, als wenn er sie haͤßlich gemacht hat; aber nun auch jede Nebenperson? jeden Engel, der im Winkel oder hinter der Thuͤr steckt? Und nun, wenn diese Luͤge von Schoͤnheit sogleich der ganzen Vorstellung, der Geschichte, dem Charakter der Handlung Hohn spricht, und diese jene offenbar als Luͤge zeihet? Da wird ein Miß- ton, ein Unleidliches vom Ganzen im Gemaͤhl- de, das zwar der Antikennarr nicht gewahr wird, aber der Freund der Antike um so weher fuͤhlet. Und endlich wird uns ja ganz unsre Zeit, die fruchtbarsten Sujets der Geschichte, die leben- digsten Charaktere, alles Gefuͤhl von einzelner Wahrheit und Bestimmtheit hinwegantikisiret. Die Nachwelt wird an solchen Schoͤngeistereien von Werk und Theorie stehen und staunen und wissen nicht, wie uns war? zu welcher Zeit wir lebten? und was uns denn auf den erbaͤrmlichen Wahn brachte, zu einer andern Zeit, unter ei- nem andern Volk und Himmelsstrich leben zu wol- len, und dabei die ganze Tafel der Natur und Geschichte aufzugeben oder jaͤmmerlich zu ver- D 4 der- derben. So viel vom großen Gesetz der haͤß- lichen Schoͤnheit in einer Kunst, die Phan- tasie des Augenscheins und eine Tafel der Welt ist. 4. Wie weit sind die Formen der Skulptur oder die Gestalten der Mahlerei einfoͤrmig und ewig, oder den Modebegriffen ver- schiedener Zeiten und Voͤlker un- terworfen und mit ihnen wandelnd? Antwort. Die Formen der Skulptur sind so einfoͤrmig und ewig, als die einfache reine Menschennatur; die Gestalten der Mahle- rei, die eine Tafel der Zeit sind, wechseln ab mit Geschichte, Menschenart und Zeiten. W enn ein ganzes Land gespitzte Schnuͤrleiber und kleine Sinesische Fuͤße fuͤr schoͤn hielt, vor ihnen auf Ruhebetten und Sopha’s, wie vor Altaͤren des Reizes kniete; setzet die Fuͤße als Bildsaͤule aufs Postement, und wenn ihr wollet, die engen Schuhe und Stelzenabsaͤtze drun- drunter, und es darf kein Wort mehr uͤber sie gesagt werden: sie sprechen selbst. Und die spitze Schnuͤrbrust und der heraufgezwaͤngte Busen und der thurmhohe Kopfputz und der breite Zel- tenrock desgleichen. Jm gemeinen Leben kann Einiges von diesen und wenn ihr wollt Alles, durch Nebenbegriffe, durch fruͤhe und alte oder neue Gewohnheit gewinnen. Das kleine Gesicht kann unter dem hohen Kopfputz, der Busen uͤber dem Trichter vom Leibe, der kleine Fuß unter dem breiten Zelt wohl thun, das ist, wie der große Montesquieu sagt, die Jmagination aufwecken, daß sie herab- oder herabschluͤpfe, was doch von allen sehr oft Zweck und Absicht allein ist. Nun stellet aber die ganze Figur mit Thurm, Zelt und umgekehrtem Kegel als Bildsaͤule dahin, und die Jmagination schluͤpft wahrlich nicht mehr. Es ist ein haͤßliches Unthier von Luͤsternheit und Gothischem Zwange, das den Leib verunstaltet und alle gute Formen vernichtet. Hat die Ge- stalt noch Rest von Gefuͤhl, wie wird sie sich die grobe Taille oder den plumpen Silberfuß einer Griechischen Ceres oder Thetis wuͤnschen! Die Bildsaͤule steht also als Muster der Wohlform da, und auch in diesem Betracht ist Polyklets Regel das bleibendste Gesetz eines menschlichen Gesetzgebers. So wie es einen Strich auf der Erde giebt, in dem die schoͤne D 5 regel- regelmaͤßige Bildung Natur ist: so gab Gott Einem Volk dieses Erdstrichs Raum und Zeit und Muße, in ihrer Jugend und Lebensfreude das Werk , das aus seiner Hand kam, ganz und rein und schoͤn sich zu ertasten und in daurenden Denkmahlen fuͤr alle Zeiten und Voͤlker zu bilden . Diese Denkmahle sind die klassischen Werke ihrer fuͤhlenden Hand, wie ihre Schriften des fein- fuͤhlenden menschlichen Geistes: im stuͤrmigen Meer der Zeiten stehn sie als Leuchtthuͤrme da und der Schiffer, der nach ihnen steuret, wird nie verschlagen. Es ist traurig und ewig uner- setzlich, aber vielleicht gut, daß die Barbaren viel von ihnen zerstoͤret haben. Die Menge koͤnnte uns irre machen und unterdruͤcken, so wie in der Stadt, die noch jetzt die meisten besitzt, es vielleicht den wenigsten Geist giebt, der, ihrer werth, sie umfange und verneue. Auch sollen sie nur Freunde seyn und nicht Gebieter: nicht unterjochen, sondern, was auch ihr Name sagt, Vorbild seyn, uns die Wahrheit alter Zeiten leibhaft darstellen und uns in Uebereinstimmung und Abweichung auf die Lebensgestalten der Un- sern weisen. Zu bewundern ist daher auch die große Ein- fachheit , mit der sie dastehn und selbst dem dun- kelsten Sinne zeugen. Nichts ist ungewiß fuͤr ihn gelassen, nichts verworren oder verstuͤmmelt. Keine Keine widrigen Attribute, keine Binde z. E. um den Mund, da der tastende Sinn statt Mundes ein Maultuch findet, keine Hunds- und Hirsch- koͤpfe, als Allegorien und Embleme, selbst die nothwendigsten Attribute so abgetrennet und abge- setzt, als moͤglich. Herkules Loͤwenhaut ist nicht um ihn, hoͤchstens um seinen Arm geschlun- gen, oder Er selbst statt Loͤwenfelles und Loͤwens. Die Goͤttin der Liebe ohne druͤckende Attribute: sie selbst ist Goͤttin der Liebe, in nackte Reize ge- kleidet. Den Laokoon haben die Drachen um- schlungen, aber nicht wie’s Virgil beschreibet, daß er um Hals und Brust und Bein dreimal umwunden, dem Gefuͤhl des Nichtsehenden mit ihnen zusammengewachsen, ein grauser Menschen- und Schlangenkoͤrper erscheine. Er strebt nur mit Fuͤßen und Haͤnden und auch von diesen ist sein linker Arm frei und fasset den Drachen. So Er und seine Kinder: Vater und Sie sind Ein Geschlecht, die Drachen sind ihre Feinde, die sie jetzt nur alle zu Einem bin- den. — Auch an kleinen Theilen des Koͤrpers (meistens verstuͤmmelt oder gar nicht zu uns ge- kommen), sind die Attribute abgesetzt, bestimmt und deutlich . Die Gestalt der Goͤtter und Goͤt- tinnen war den alten Kuͤnstlern so bestimmt, daß keine Attribute noͤthig waren, und außer ihnen war den Bildsaͤulen meistens nur die aͤlteste Hel- den- den- und Fabelgeschichte, insonderhelt nach Ho- mer, heilig; das Uebrige mußte Sage und Zu- schrift ausrichten. Kurz, sie gaben Umriß, Gestalt und Charakter so bestimmt und in so wenigen Zuͤgen an, daß es nur wie ein Stern- kreis von Goͤttern und Menschen seyn sollte, den die schreitende Sonne Jahrab Jahrein durchwan- dert. Heil euch, ihr Edeln, die diese Ruhestaͤ- ten und Herbergen an die Veste des Firmaments Menschlicher Formen setzten: eure Asche ruhe sanft und eure Werke bleiben! — Es waͤre uͤbel, wenn es sich mit der Mahlerei so einfoͤrmig verhielte, denn hier ist nichts zu fas- sen und zu halten, sie ist die ganze Zauberwelt Gottes auf der Lichttafel . Nichts als das Licht macht ihre Einheit, aber große, unaus- sprechliche Wundereinheit , bei allem Zauber des Neuen und Mannichfalten. Die Bildsaͤule hat kein Licht: sie steht sich unaufhoͤrlich selbst im Licht, sie ist fuͤr einen andern umfassenden Sinn gearbeitet. Von Einem Lichtpunkt der flachen Tafel ergießt sich ein Zaubermeer von allen Sei- ten, das jeden Gegenstand, wie in neuer, eigner Schoͤpfung bindet . Jch weiß nicht, wie man- che Theoristen so veraͤchtlich und zufaͤllig von dem, was Haltung, Lichtdunkel heißt, haben sprechen koͤnnen; es ist die Handhabe vom Genie eines jeden Schuͤlers und Meisters, das Auge , Auge , mit dem er sah, das Stralen- und See- lenmeer , mit dem er alles begoß, und von dem ja auch jeder Umriß, jedes gepriesene Angesicht abhaͤngt. Wer fuͤr dies geistige Lichtmeer der Gottheit durch eines Menschen Antlitz in Ge- maͤhlde oder Zeichnungen keinen Sinn hat, der lasse sein Kind sich Farben klecken und schaue. Dies Eine, das Lichtorgan Gottes, die Zauber- welt der Haltung ist in der Mahlerei, obwohl nach jedes neuen Meisters Sinne, bleibend ; das andre, sofern es nicht von der fixen Bild- hauerkunst und also von Todten borget, ist eine Zaubertafel auch in der Verwandlung , ein Meer von Wellen, Geschichten und Gestalten, wo Eine die Andre abloͤst. So muß es auch seyn und nur der Geist des Kuͤnstlers und das Organ des ewigen Schoͤpfers bleibe! — Dritter Dritter Abschnitt. E s ist ein angenommener Satz unter den Theoristen der schoͤnen Kuͤnste, daß nur die beiden feinern Sinne uns Jdeen des Schoͤnen gewaͤhren, daß es also auch nur fuͤr sie , fuͤr Auge und Ohr, schoͤne Kuͤnste gebe . Der Satz ist demonstrirt, folglich muß er wahr seyn, und da aus ihm so viel andre Saͤtze demonstrirt sind, und das Kartenhaͤuschen der Theorie aller schoͤnen Kuͤnste und Wissenschaft doch so wohlbe- stallt dasteht, „durch die Staͤbe der Schreiber ge- messen und geordnet“: Richt. 5, 14. 4 Mos. 21, 18. so soll mein Stab ihnen mindstens nicht naͤher kommen, als der Bildsaͤule, die ich betrachte, Raum zu stehen Noth ist. Mich duͤnkt, P. Kastells Farbenklavier hat gnug gezeigt, was eine schoͤne Kunst von Farben fuͤrs Gesicht sei und was sie fuͤr Wuͤrkung thue? Es sind viel falsche oder Halbgruͤnde angefuͤhrt, warum diese Kunst nicht gelang? der wahre, mindstens der natuͤrlichste ist der, daß das Ge- sicht ohne Beitrag wesentlicherer Sinne nur eine Licht- und Farbentafel , mithin das flachste Ge- danken- dankenloseste Vergnuͤgen gewaͤhre. Ein Schau- geschoͤpf ohne Haͤnde, ohne Gefuͤhl von Formen und was sich durch Formen aͤußert, kurz ein Vo- gelkopf kann sich daran erbauen; niemand anders. Auch in der Mahlerei muͤssen Formen der Dinge die Grundzuͤge , die Substanz der Kunst wer- den; nur wie sie das Licht zeigt, bindet und be- stralet. Da nun Formen aus einem andern Sinn sind, so muß ja dieser Sinn auch empfaͤngig seyn der Begriffe des Schoͤnen , weil ja selbst der hellste Sinn ohn ihn nichts vermag. Das Auge ist nur Wegweiser, nur die Vernunft der Hand; die Hand allein gibt Formen , Begriffe dessen, was sie bedeuten , was in ihnen wohnet . Der Blinde, selbst der blindgebohrne Bildner waͤre ein schlechter Mahler, aber im Bilden gibt er dem Sehenden nicht nach und muͤßte ihn, gleich gegen gleich gesetzt, wahrscheinlich gar uͤbertreffen — — „Aber Hogarths Linie der Schoͤnheit„? Diese Linie der Schoͤnheit mit Allem, was daraus ge- macht ist, fagt nichts, wenn sie nicht in Formen und also dem Gefuͤhl erscheinet. Kritzelt auf die Flaͤche zehntausend Reiz- und Schoͤnheitslinien hin, sind sie an keiner Form und also in keiner Bedeutung, so thun sie dem Auge um ein klein wenig mehr wohl, als jedes Kindergewirre. Und wenn sie auch nur an Schnuͤrbrust oder Topf er- schienen, schienen, so erscheinen sie doch an Etwas : also einem andern Sinne, also urspruͤnglich nicht dem Auge. Jch begreife es wohl, daß man die auf- schwebende Lichtflamme nicht tasten und das wal- lende Meer in jeder Welle nicht als Solidum um- fassen kann; daraus folgt aber nicht, daß unsre Seele sie nicht umfasse, nicht taste. Kurz, so wie Flaͤche nur ein Abstraktum vom Koͤrper und Linie das Abstrakt einer geendeten Flaͤche ist; so sind beide ohne Koͤrper nicht moͤglich. Es ist sonderbar, daß Hogarth , der die Reiz- und Schoͤnheitslinie, wie man sagt, erfand , so wenig Reiz und Schoͤnheit mahlte . Seine Formen sind meistens haͤßliche Carrikatur, aber voll Charakter, Leidenschaft, Leben, Wahrheit, weil diese auf ihn drang, weil die sein Genius le- bendig erfaßte . Er zeigte thaͤtlich, was die ge- sunde Theorie noch mehr bestaͤrkt, daß alle Um- risse und Linien der Mahlerei von Koͤrper und lebendigem Leben abhangen, und daß, wenn diese Kunst nur Anschein dessen in einer Flaͤchen- figur giebt, dies nur daher komme, weil sie nicht mehr geben kann. Jhr Sinn und ihr Medium, Gesicht und Licht verbieten, mehr zu geben; sie kaͤmpft aber, so viel sie kann, mit beiden, um die Figur vom Grunde zu reißen und der Phan- tasie Flug zu geben, daß sie nicht mehr sehe , sondern genieße, taste, fuͤhle . Folglich sind alle alle Reiz- und Schoͤnheitslinien nicht selbststaͤn- dig , sondern an lebendigen Koͤrpern , da sind sie her, da wollen sie hin. Jch mache nur Eine Anwendung. Was fuͤr ein Wagstuͤck also, eine flache Linie hin zu mah- len und auf sie Dinge zu bauen, die eigentlich nur aus dem treusten Genuß und Gefuͤhl und Jn- newerden des leibhaften Koͤrpers entfpringen koͤnnen? Vorausgesetzt, daß diese Linie treu ist (und wie schwer es sei, einen Koͤrper zur Flaͤche , ein ganzes Lebende in die Figur einer Linie zu bringen, weiß jeder, ders versucht hat) gehoͤrt nun nicht noch immer der plastische Sinn dazu, die Linie wieder in Koͤrper , die platte Figur in eine runde lebende Gestalt zu verwandeln ? und wie wenige das koͤnnen, mag Gott und die Phy- siognomik wissen! Es koͤnnte uͤber und gegen das, was Silhouette, Sbozzo , bloßer Umriß , gleich- sam ein gezeichnetes Nichts ist, nie so viel Al- bernes gesagt seyn, wenn allen Sehern Sinn bei- wohnte, dies Nichts erst in ein treues Etwas zu verwandeln, ihm gerade nie mehr zu ge- ben oder minder darinn zu vermuthen, als eben nur dieser Umriß, das umschraͤnkte Nichts zeigt. Denn eben dazu sagts so wenig , um, was es sa- gen soll, scharf, treu und ganz zu sagen. Und eben das ist das sicherste Kennzeichen, daß wir, was es sagt, verstehen, wenn wirs uns koͤrperlich E machen machen koͤnnen , daß die Silhouette als Buste da steht, daß sie lebe. Da dies aber so schwer ist, da die Silhouetten so schrecklich untreu, nachlaͤßig und unwissend gezeichnet werden, da nicht jedes Gesicht im Profil gleich redend ist, um eine gute Silhouette, d. i. gnug Glieder der Verhaͤltniß zu geben, aus denen die ganze lebende Form er- helle, da eine bestochene, fliegende oder feindselige Phantasie im schwarzen oder weißen Fleck eines Schattenbildes eben so viel Spielraum findet, al- les hinein zu schreiben, was ihr gefaͤllet; so ist wohl naͤchst Gott und dem Gelde im letzten Lu- strum unsers Jahrhunderts nichts, womit so viel Mißbrauch, Abgoͤtterei, Verlaͤumdung, Betrug und Thorheit gespielt wird, als mit den Schat- tenbildern Menschlicher Koͤpfe. Der erste Ver- such der Mahlerei, den ein liebendes Maͤdchen machte und der ewig nur liebhabenden Augen und Haͤnden uͤberlassen seyn sollte, die Silhouette ist jetzt den sieben Soͤhnen Sceva’s Preis gegeben, die alle den Teufel haben, und (wie sie sagen, Lavatern nach , das ist, ganz ohne seinen Blick, Geist und Herz) aus Silhouetten weissagen und richten Apostg. 19, 13-16. . — Gebt mir ein, auch nur leidlich treues leibhaftes Kopf- und Brustbild, so todt es uͤbrigens sei (denn es ist nur die Larve vom Todten), auch nur die merkbarsten Scherben davon, und meine lang- same same Einfalt mag euch eure glorificirte Jdeale und Anubisgestalten, ausgemahlte Silhouetten und silhouettische Gemaͤhlde noch eine Zeitlang gern schenken. — Doch gnug geredet. Wir treten an eine Bild- saͤule, wie in ein heiliges Dunkel, als ob wir jetzt erst den simpelsten Begriff und Bedeutung der Form und zwar der edelsten, schoͤnsten, reichsten Form, eines Menschlichen Koͤrpers , uns erta- sten muͤßten. Je einfacher wir dabei zu Werk gehen, und wie dort Hamlet sagt, alle Alltags- Kopien und das Gemahl und Gekritzel von Buch- staben und Zuͤgen aus unserm Gehirn wegwi- schen — all trivial fond records all saws of books, — : desto mehr wird das stumme Bild zu uns sprechen und die heilige Kraftvolle Form, die aus den Haͤnden des groͤßten Bildners kam und von seinem Hauch durchwehet dastand, sich unter der Hand, unter dem Finger unsers innern Geistes beleben. Der Hauch dessen, der schuf, wehe mich an, daß ich bei seinem Werk bleibe, treu fuͤhle und treu schreibe! — Was im Haupt , unter dem Schaͤdel eines Menschen wohne, welche Hand kann es fassen! E 2 welch welch ein Finger von Fleisch und Blut diesen Ab- grund inwendig gaͤhrender oder stiller Kraͤfte er- tappen an der aͤußern Rinde ! Die Gottheit selbst hat diese heilige Hoͤhe, den Olympus oder Libanon unsers Gewaͤchses, als den Aufenthalt und die Werkstaͤte ihrer geheimsten Wuͤrkung mit einem Haine Das Haar. bedeckt, mit dem sie sonst auch alle ihre Geheimnisse deckte. Man schauert, wenn man sich das Rund umfaßt denket, in dem eine Schoͤ- pfung wohnet, in dem Ein Blitz, der da aus dem Chaos leuchtet, eine Welt schmuͤcken und erleuch- ten, oder eine Welt zerschmettern und verwuͤsten kann. Die Nordischen Voͤlker nannten den Him- mel Ymers Haupt und traͤumten ihn aus seinem Schaͤdel entstanden; es ist wohl auch niemand, der, wenn die große und kleine Welt uͤbereinstim- men und der kleine Mensch Begrif und Auszug der großen Schoͤpfung seyn soll, die Aehnlichkeit dieses Gipfels, der Krone unsers Daseyns, an- derswo suchen werde, als dort, wo das unermaͤß- liche Blau uͤber Dunst und Wolken ein Abgrund wird, den nur Seine Hand umspannet und Sein Geist durchreget. Mich duͤnkt, hier ist Alles Tiefe und Geheimniß und ob es gleich scheint, daß bei anstrengender Arbeit wir die Kraͤfte der Sinne und Lebensgeister naͤher ihren Pforten und ihrer Tafel, dem Auge und der Stirn ; Stirn ; die ewigern Kraͤfte hingegen naͤher dem Mittelpunkt und endlich den Hintertheil des Haupts als die Wand fuͤhlten, die dem ganzen Spiel der Sinnen und Gedanken Ruͤckhalt ver- lieh und Mauer schaffte; obgleich Zufaͤlle und Krankheiten Vieles hievon zu bestaͤtigen scheinen, so ist doch offenbar dies innere Gewebe von zu ver- flochtner feiner Art, als daß man mit Huarte Exam. de ingenios. Cap. III. ein Conclave von Cardinalkraͤften zimmern, oder den innern Bau und Saft des Granatapfels nach seiner aͤußern Schale entwerfen koͤnnte. Ahnden laͤßt sich allerdings vieles, und bei einem mit dem Beil zugehauenen, oder zum waͤßrigen Kuͤrbis hinaufgeschossenen, oder zur leeren Dunstkugel ge- platteten, oder zu einem spitzigen Thersiteshoͤcker hinaufgeschrobnen Iliad. B. v. 219. , oder endlich gar zur brennen- den Vulkanushoͤle cyklopisirten Kopfe ahndet man mit Schauer. Mich duͤnkt indessen, das um- fassende Gefuͤhl fliehe die Linien . Die kleinste Wendung, das mindeste Weiterhinfuͤhlen kann uns (sehr entschiedne Faͤlle ausgenommen,) den blos sonderbaren Menschen oft zum Gott, oder den Engel zum Teufel machen. Welcher Mensch weiß, was im Menschen ist, ohne der Geist des Menschen, der in ihm ist ? Durch die kleine E 3 Hoͤle, Hoͤle, Ohr , und durch das, was nur Anschein ei- ner Pforte ist, Auge , kommen zwo Wunderwel- ten von Licht und Schall, von Wort und Bil- dern in unsern Himmel von Gedanken und Kraͤf- ten, die das wartende Meer desselben wunderbar durchweben, es erheben, scheiden und theilen, daß die aͤußere Huͤlle dieses Schatzes, und waͤre sie auch zart wie eine Seifenblase, nimmer statt eines sichern und ganzen Auslegers seyn kann. Wel- cher Pallast oder Kaste voll Geheimnisses hat auf- geschrieben, was in ihm wohne? und wo das Jn- nere von der Natur ist, daß es nicht aufgeschrie- ben und von außen bemerkt werden konnte ? Und was waͤre dies eher, als die Wohnung und Werk- statt der geheimsten Goͤttlichen Kraͤfte? Das Gesicht ist Tafel und spricht, was es sprechen soll: was tiefer liegt, was die Gottheit selbst mit Nacht bedeckte — scrutari, scire nefas. Wie bedeutend indeß selbst der Hain dieses Olymps, das Haupthaar , ist, moͤgen uns die alten Kuͤnstler in der so verschiedenen Bearbei- tung desselben an ihren Goͤttern und Helden zei- gen. Ueber Phidias kam Jupiters himmlischer Geist, als die Ambrosische Locke desselben im Ho- mer sank und Erd und Himmel sich bewegten. Wenn ein zornigschreitender Apollo , der von den Gipfeln des Olymps kommt, Χωομενος Χωομενος ϰηρ Τοξ̕ ωμοισιν εχων, αμφηρεφεα τε φαρετρην Εϰλαγξαν δ̛ αρ̕ οιςοι επ̕ ωμων χωομενοιο Αυτομ ϰινηϑεντος· unmoͤglich das Haar Alcides , selbst wenn dieser eben so zornig mit seiner Kaͤule schritte; und ei- ne Diana niemals das Haar der Venus oder Rhea haben kann; so wuͤrde, wenn uns nicht durch elende Kunst und Mode hier alle Natur und Ansicht derselben genommen waͤre, der taͤg- liche Augenschein diesen reichen Text der alten Kuͤnstler erklaͤren. So wie ich noch keinen har- ten Mann mit weichem Haar, und kein wolle- nes Schaaf mit Loͤwenmuthe gesehen habe, so wie beim jungen Hamlet , nach dem, was sein Name sagt, seine knotty soul bis in die Haare steigt und da die combined locks bildet, die nachher As the sleeping soldiers in th’ alarm His bedded hairs, like life in excrements Start up and stand on end — so ist auch ihr natuͤrlicher Wuchs , das Fallen oder Scheiteln oder Wirbeln der Haare von sonderbarer Bedeutung. Als Mahomed ins Paradies kam, sahe er den Moses mit Haaren wie Feuerflamme, den milden Jesus, als ob Milch und Wasser des Lebens ihm auf die Schultern floͤsse. Der Vater aller Goͤtter und E 4 Men- Menschen, mit krausem Kopfe, waͤre laͤcherlich, nicht ehrwuͤrdig: da koͤnnte die schwere trefliche Locke, die vom erhabnen Scheitel herabfaͤllt, nicht mehr den Olymp erschuͤttern. Wiederum gebe man einem Simson, wenn er die Philister- naͤgel ausreißt, weiches fließendes Haar und sie werden wohl stecken bleiben. Jch weiß nicht, welcher Philosoph es bemerkt hat, daß die Men- schen mit vielen Wirbeln auch krauser Gedanken sind, die sich nicht eher ordnen und zur Ruhe le- gen, bis das liebe Alter freilich auch ihr Haar, wie ihren Sinn, schlichtet. Das alte Spruͤch- wort, kurzer Sinn und langes Haar , ist be- kannt, und ist wahr, wie etwa ein Spruͤchwort wahr seyn kann. Was wiederum ein ausfal- lendes , ein fruͤhe bleichendes Haar fuͤr Ein- druck bei dem, der es hat und der es sieht, ma- che, mag die Erfahrung zeigen. Wenn der Mandelbaum fruͤhe bluͤhet und die Hoͤhe sich scheuet und kahl wird, so ists wohl Krone, aber eine nur durch Sorgen errungene Krone. Oft gluͤhet die Hitze das Haar weg und das Haupt steht, wie ein Berg in den Wolken, der hoͤchste und uͤber die andern wegsehend, aber nackt und traurig. Man sehe Swifts fuͤrchterlich glaͤn- zende Glatze. — Wie angenehm und bedeu- tend ist an Kindern ihr Haupthaar. Wie bei Plato Sokrates mit Phaͤdons , so spielt, duͤnkt mich, mich, im Messias ein Engel mit Benoni’s Lo- cke. Bei Weibern ist das Haar eine Decke der Zucht, die Schlingen und die Seidenbande der Amors, in deren jedem nach jenem alten orien- talischen Wahn, Myriaden der Engel wachen und wohnen. — Das Haupt steht auf dem Halse : das ist, der Olympus auf einer Hoͤhe, die Vestigkeit und Freiheit, oder Schwanensanftheit und Wei- che zeigt, wo sie ist, was sie seyn soll: ein elfenbeinener Thurm , fagt das aͤlteste und wahreste Lied der Liebe. Der Hals ists, der ei- gentlich exseriret , nicht was der Mensch in sei- nem Haupt ist, sondern wie er sein Haupt und Leben traͤget. Hier der freie, edle Stand, oder das geduldige Vorstrecken, ein Opferlamm zu werden, oder die starke Herkulesveste, oder seine Misgestalten, seine Kruͤmmen und Verbergun- gen zwischen den Schultern, sein Baͤrenfett, sammt dem Calekutischen Unterkinne, und wil- den Schweinsroͤcheln sind auch in Charakter, in That und Wahrheit unsaͤglich. Sowohl, was die Griechen den schoͤnen Nacken , als was die Ungriechen Gurgel und Adamsapfel nennen, ist aͤußerst bedeutend. Jch komme zum Antlitz des Menschen , zur Tafel Gottes und der Seele. Heilige Decke, ver- birg mir den Glanz und zeige mir Menschheit. E 5 Das Das Leuchten des Angesichts zeigt sich in- sonderheit auf der Stirn : da wohnet Licht, da wohnet Freude: da wohnt dunkler Kum- mer und Angst und Dummheit und Unwissen- heit und Bosheit. Kurz, wenn wir Gesin- nung des Menschen im reinsten Verstande, (so fein sie weder blos Sinn, noch schon Cha- rakter ist) meinen, so ist, glaube ich, dieses die leuchtende eherne Tafel. Jch bin zu einfaͤltig, um Philosophische und Dichterische, Politisch herrschende oder Politisch dienende Stirnen zu sondern oder ins Kabinet zu reihen; aber das weiß ich nicht, wie je ei- nem Anblickenden Eine Stirn gleichguͤltig seyn kann. Hinter dieser Spanischen Wand singen doch einmal alle Grazien oder hammern alle Cy- klopen, und sie ist von der Natur offenbar selbst gebildet, daß sie das Angesicht solle leuchten lassen oder verdunkeln. Jm obern Theile der Stirn zeigt sich unstreitig entweder jene Stiers- dummheit, die von Natur ein Brett hat und nachher so oft eherne Mauer genannt wird: jene Buckeln und Knoten, wie auf Cuchullins oder Achilles Schilde, nur daß er, vielleicht zwar ein geerbter Vaͤterschild, aber nicht mit der Fi- gurenwelt Vulkanus prangen moͤchte: oft ein biceps Parnassus, auf dem leicht zu schlummern ist, wenn man drauf ist. Oder jene flache Auf- dachung, dachung, die auf dem Schindeldach gen Him- mel steigt und der es nie an System mangelt. Oder endlich jene hohe Furchen Cronions oder Cronus, die Sorgenvoll uns oft zu Wolken heben, ohne zu wissen, was wir da thun und treiben sollen. Oder endlich jene υλη, jenes re- pertorium universale, das sich meistentheils selbst nicht findet. Jch liebe mir die jugendliche Grie- chische Stirn, die den Himmel niederdruͤckt und ihn nicht ins Unermaͤßliche woͤlber. So wie der lieben Kindheit der Schleier der Haare uͤber die Stirn faͤllt, daß dahinter der Saame des Le- bens in Zucht und Friede und seliger Dumpfheit wachse: so gehoͤrte ein Bernini dazu, die per- frictam frontem wieder hervorzubringen und auch den Statuen den Scheitel wegzureißen, der ja uns freilich minder als die seligen Goͤtter klei- det. Seit es den Klugen der Welt oft selbst an Licht fehlt, haben sie den Brettdurchbohren- den Blick noͤthig, es von der Stirn andrer zu lesen, die vielleicht gerade fuͤr sie kein Licht ha- ben, und so hat sich rechts und links die aufge- striegelte glatte Mode tief hinunter verbreitet. Wer in einer Jllumination nicht viel Licht hat, thut am besten, wenn er sein Stuͤmpchen vors Fenster stellet oder etwa gar sein Caminfeuer da- hin traͤgt: so gehts oft mit dem Licht unsrer Stirnen. Sie glaͤnzen, daß man sich daran weder weder freuen noch waͤrmen kann, und das Licht der Johannswuͤrmer lieber haͤtte. — Wo sich die Stirn heruntersenkt, scheint Sinn in den Willen uͤberzugehen. Als Juno den Herkules im Olymp sahe, mußte sie, duͤnkt mich, zuerst von dem Knoten seiner Stirn ver- soͤhnt werden, den sie ihm durch alle Sorgen und Gefahren und Kuͤmmernisse ihres weiblichen Verhaͤngnisses da aufgeballt hatte. Hier ists, wo sich die Seele zusammen zieht zum Wider- stande: das sind die cornua addita pauperi, mit denen er entweder in seliger Dumpfheit blind ge- het und trift, oder wie jener Jndianische Goͤtze, das versunkne Gesetz aus dem Schlamme des Abgrunds hinaufholet. Wenns auch nur Win- kelmanns Traum waͤre, daß der schoͤne Torso des Herkules sich da auf seine Keule senke und in die erheiterte Stirn den Traum des muͤhseligen Erdenlebens ruffe, — gewiß so ists ein schoͤner Traum, und ich habe noch keinen Ochsen am Pfluge oder einen Herkules am Ruder des Staats gesehn, dem diese Stuͤtzen seiner Ruhe und diese Waffen seines Streits gemangelt haͤt- ten. Oft sind sie schon an Saͤuglingen da und praͤgen ihr Schicksal, von dem denn freilich das aufgeschlagne Buch, die flache, lichte, runde, hellumgraͤnzte Stirn kein Wort weiß. — Unter Unter der Stirn steht ihre schoͤne Grenze, die Augenbrane : ein Regenbogen des Friedes, wenn sie sanft ist, und der aufgespannte Bogen der Zwietracht, wenn sie dem Himmel uͤber sich Zorn und Wolken sendet. Jn beidem Falle al- so Verkuͤndigerin der Gesinnung und Bote des Himmels zur Erde. Was vom Haar all- gemein gesagt wurde, gilt von diesem Faden der Haare, sie moͤgen Furie oder Grazie seyn, aus- zeichnend. Hier wohnen gewiß Engel in jedem friedlichen sanften Haͤrchen; oder Flammen stei- gen auf ihnen empor. Was an ihnen die Halb- kugeln, die Jgelborsten, die Wirbel, die Grecq- Figuren fuͤr Eindruck machen, kann wohl keine Feder schreiben. Und wie schwimmt Gegen- theils Auge und Hand so sanft die linde friedliche Augenbrane hinunter! sie gleitet hinab, wie der Kahn des Lebens in schoͤner Morgen- oder Abendroͤthe. Jch weiß nicht, was fuͤr ein Wink dem Verstaͤndigen angenehmer, anziehen- der seyn koͤnne, als hier ein scharfer, vester und doch sanfter Winkel zwischen Stirn und Auge. Er gibt dem Profil einen unaussprechlich interes- santen Zug und ist der Huͤgel, auf dem sich Ge- nien und Grazien sonnen, um sich in die Quel- le des Schattenumkraͤnzten lieblichen Auges zu tauchen. Das Das Griechische Profil ist so beruͤhmt, daß ich mich scheue, davon zu reden. Jeder Cou- noisseur weiß, daß es der gerade Schnitt von Stirn zu Nase sei, der, weil er Griechisch ist, wohl sehr schoͤn seyn muͤsse. Wenn er ihn nach- her an lebenden Personen sieht und da nicht so schoͤn findet, so schreibt er etwa, wie jener Schneider in den Kalender, es sich in seinen Volkmann oder Richardson an: „schoͤn; aber „nur an Griechischen Statuen, weil sie Stein „sind„; und damit hat seine Kennerschaft ein Ende. Nothwendig muß in der lebenden Na- tur eine Ursache der Schoͤnheit liegen oder sie ist auch nicht in der todten; und wer verkennete sie dort? Wer fuͤhlt nicht, daß eine Nase mit ihrer Wurzel tief unter die Stirn gebogen, gleichsam einen duͤrftigen Anfang habe, und daß der Lebens- othem, der zur Seele kommen soll, sich da wie durch Hoͤle und Abtritt winde? Wer fuͤhlt nicht Gegentheils die unzerstuͤckte Form, und daß so fort unter der Stirn das ganze uͤbrige Gesicht Erhabenheit, Runde, großen Blick und vestere Caͤlatur erhalte, wenn dieser Bug der Nase kein Grabensprung ist? endlich und ohn’ alle diese Kuͤnstelei, wer hat noch nie das Thronmaͤßige einer Junonischen Nase, oder das unendlich Freie, Vor sich sehende, Hinduftende einer Nase des Apollo gemerket? Wie vielleicht nur Ein Ein Himmelsstrich ist, der dies Profil in Menge bildet, und der Welschen Vorwurf nicht so ganz ohne Grund seyn mag, daß jenseit der Alpen die Schoͤnheit der Form erliege, ob ichs gleich, wenn die Sache selbst wahr waͤre, mehr auf Stammcharakter des Volks als auf Einwuͤr- kung des Landes und Clima gaͤbe: so halte ich doch dafuͤr, daß es bei dem Kuͤnstler nicht ohne Veredlung dieses Zuges abging, wieviel Anlage derselbe im Volk um sich her hatte. Die Nase gibt dem ganzen Gesicht Haltung , sie ist die Linie der Vestigkeit und gleichsam das Scheide- gebuͤrge an Thaͤlern zu beiden Seiten; die Kunst muste also bald gewahr werden, daß mit ihr fuͤr das Ganze Alles gewonnen oder verlohren sei. Und da erhub sich denn das Profil, das noch jetzt, nach jener Sprache des Hohenliedes, wie ein Lustbau stehet, der von der Hoͤhe Libanus nach den schoͤnen Gegenden Damaskus schauet. Nicht der mindeste Theil dieses unedlen Gliedes, das Wir kaum zu nennen wagen, ist unbedeu- tend. Die Wurzel der Nase, ihr Ruͤcken, ihre Spitze, ihr Knorpel, die Oeffnungen, dadurch sie Leben athmet, wie bedeutend fuͤr Geist und Charakter! Nur ist auch hier das Hinschreiben einzelner Zuͤge zu sehr dem Mißbrauch und Miß- verstande unterworfen; deute sich selbst, wer will und kann. Die Die Augen betrachte ich hier nur tastbar als Glaͤser der Seele und Brunnen des Lichts und Lebens. Sie liegen zwischen Buͤschen eingefaßt und geschlossen: und eben das blinde Gefuͤhl ent- deckts schon, daß ihre schoͤngeschliffene Form nebst Schnitt und Groͤße nicht gleichguͤltig sei. Eben so merkwuͤrdig ists, wie sich unten der Aug- knoche starr baͤume oder sanft verliere? und ob die Schlaͤfen eingefallene Grabhoͤlen oder zarte Ruhestaͤten sind, auf denen der Finger des Bluts und Lebens schlage? Ueberhaupt ist die Gegend, wie Augenbrane, Nase und Auge sich verhaͤlt, die Gegend des Winks der Seele in unserm Gesicht, d. i. des Willens und prakti- schen Lebens . Den edlen, tiefen, verborgenen Sinn des Gehoͤrs hat die Natur Seitwaͤrts gesetzt und halb verborgen; der Mensch sollte nicht mit dem Antlitz fuͤr andre, sondern mit dem Ohre fuͤr sich hoͤren. Auch blieb dieser Sinn, so wohlfoͤrmig er da steht, ungeziert : Zartheit, Ausarbeitung und Tiefe ist seine Zierde; weh ihm, dem große Lappen des Elephanten zu beiden Seiten herab- hangen, oder weise Midasbrabevmen zu beiden Seiten gethuͤrmt sind: der muß wohl hoͤren und urtheilen, denn seine Ohren sind groß. — Ue- brigens uͤberlasse ichs den Naturkundigen, ob dieser Sinn durchs Anpressen und Nichtuͤben nicht nicht so verlohren habe, wie das Gesicht durchs Stubenblinzeln und Brillenbrauchen. Jst dies; so kann, was schaͤdlich ist, niemals schoͤn seyn. Endlich komme ich zum Untertheil des Ge- sichts, den die Natur beim Maͤnnlichen Ge- schlecht abermal mit einer Wolke umgab, und mich duͤnkt nicht ohn Ursach. Hier sind die Zuͤ- ge zur Nothdurft , oder (welches mit jenem ei- gentlich Eins ist) die Buchstaben der Sinnlich- keit im Gesicht, die bei dem Manne bedeckt seyn sollten. Jedermann weiß, wie viel die Ober- lippe uͤber Geschmack, Neigung, Lust- und Liebesart eines Menschen entscheide: wie diese der Stolz und Zorn kruͤmme, die Feinheit spitze, die Gutmuͤthigkeit ruͤnde, die schlaffe Ueppigkeit welke: wie an ihr mit unbeschreiblichem Zuge Liebe und Verlangen, Kuß und Sehnen hange und die Unterlippe sie nur schließe und trage: ein Rosenkuͤssen, auf dem die Krone der Herr- schaft ruhet. Wenn man Etwas artikulirt nen- nen kann, so ists die Oberlippe eines Menschen, wo und wie sie den Mund schließt: und wenn dieser von Ambrosia der Liebe und von Nektar der Svade duftet, so ist jene gewiß das Zuͤng- lein der Waage, die ihm die Goͤtterspeise zu- waͤgt. Außerordentlich bedeutend ists bei einem Menschen, wie bei ihm die Zaͤhne fallen und F wie wie sich seine Backe schließt. Ob er ewig knir- sche und grinse? oder bei jeder Oefnung den ri- ctum leonis, das χασμ̕ οδοντων mache, das ei- ne unausstehlich freundliche Zerrung ist? oder alles schlaff hange, und statt einer vollen Lieb- und Ueberredungduftenden Rose, ein Mundlap- pe da sei? Ein reiner, zarter Mund ist vielleicht die schoͤnste Empfehlung des gemeinen Lebens: denn, wie die Pforte, so glaubt man sei auch der Gast, der heraus tritt, das Wort des Her- zens und der Seele. Der Ausdruck: an je- mandes Munde hangen ; die zwo Purpurfaͤ- den des Hohenliedes , die suͤßen Duft athmen: das Spruͤchwort vom verschloßnen und offnen Munde ist, duͤnkt mich, lauter Physisches Le- ben. Hier ist der Kelch der Wahrheit, der Be- cher der Liebe und zartesten Freundschaft. Die Unterlippe faͤngt schon an, das Kinn zu bilden, und der Kinnknochen , der von beiden Seiten herabkommt, beschließt es. Es zeigt viel, wenn ich figuͤrlich reden darf, von der Wurzel der Sinnlichkeit im Menschen, ob sie vest oder lose, rund oder schwammig sei? und mit welchen Fuͤßen er gleichsam im Erdreich ste- he? Da das Kinn die ganze Ellypse des Ange- sichts ruͤndet, so ists, wann es, wie bei den Griechen, nicht spitz, nicht gehoͤlt, sondern un- unterbrochen, ganz und leicht herabfließt, der aͤchte aͤchte Schlußstein des Gebaͤudes, und die Miß- bildung an ihm ist fuͤrchterlich anzuschauen. Wenns hier vorgebogen steht, als ob die Natur den Kopf an dieser Handhabe gebildet und nach- her zornig weggeworfen habe: wenn es hier nichts ist und sich verkriecht — doch gnug, und schon zu viel uͤber diese Theile gesprochen, die, da sie tiefe Sinnlichkeit reden, auch so wenig deutlicher Sprache faͤhig sind. Die Natur um- huͤllete sie beim Manne, und auch unsre Be- schreibung soll sie weiter umhuͤllet lassen. Wir sollten statt dessen beim Manne vom Bart reden, von dem wir jetzt aber nichts mehr reden koͤnnen, als etwa wie oft und sehr er das Messer stumpf macht? Die Juden, in ihrem alten Buche Sohar , haben viel Geheimnisse von ihm, von seinen Straßen, Wegen und Win- keln, hinter denen, wo es nicht mißdeuteter Buch- stabe der Schrift ist, manches Physische stecken mag, das wir jetzt nicht verstehen. Mode und Lebensart wollens, daß wir, wie die Weiber, am Kinn ewig Juͤnglinge und Kinder, nur mit einem Stoppelfelde maͤnnlicher Jahre und auf dem Haupt ewig gepuderte Greise oder kahle Grindkoͤpfe mit einer Haarmuͤtze seyn sollen. Als wenn uns die Natur nicht so etwas haͤtte geben oder nehmen koͤnnen, wenn sies gewollt haͤtte! — F 2 Bei Bei den uͤbrigen Theilen des Menschlichen Koͤrpers kann ich kuͤrzer seyn, denn das Gesicht war schon ihr Auszug . Wie auf der Stirn Gesinnung herrschte, so birgt die Brust die edlern Eingeweide und ist ihrer Zeuge. Ein Mensch von freier Brust wird in aller Welt fuͤr frei und edel gehalten: man traut ihm etwas zu, er kann doch athmen . Das pectus hirsu- tum, der eherne Panzer um die Seele ist allen Nationen und Sprachen Spruͤchwort; dagegen die eingebogne, zusammengeklemmte, keuchende, schon von Natur sich verbergende Thersitesbrust auch ein natuͤrliches Omen ist von eingeschlosse- nem, zusammengekruͤmmtem, kriechendem Mu- the. Oft hat der dennoch edle Mann vieles durch Grundsaͤtze uͤberwunden: Gott hat ihm, wie der Koran sagt, Raum in der Brust ge- macht und Luft verschafft vor seinen Draͤngern; noch oͤfter aber wird Muth simulirt und Politi- sche Klugheit soll ersetzen, was uns an ihm un- ersetzlich fehlet. Da bekannt ist, daß nichts hiezu so sehr beitraͤgt, als das liebe Sitzleben, das arbeitende Kriechen auf der Brust und nicht einmal auf dem Bauche: so habens auch alle Barbaren, d. i. alle Nationen, die noch in freier Natur lebten, erkannt, was dies Leben auf Koͤr- per und Geist wuͤrke. Es verdumpft die Stim- me und stumpft das Auge, noch mehr aber Sinn und und Seele. Zagend schwebt das Herz in seiner engen verdruͤckten Hoͤle, glaubt jeden Augenblick zertreten zu werden und kriecht nach Speise und Verlaͤumdung. Welcher Freund, der sein Haupt an diese Brust lehnen und sagen koͤnnte: du bist mein Fels! welcher Huͤlflose Unterdruͤck- te, der sich an ihr aufrichten koͤnnte und sagen: hier wohnt Zuflucht! Desto weiser aber sind wir im Haupt und geschaͤftig mit Mund und Fingern. — Dem Weibe gab die Natur nicht Brust son- dern Busen , schlang also, da hier Quellen der Nothdurft und Liebe fuͤr den zarten Saͤugling seyn sollten, den Guͤrtel des Liebreizes um sie und machte, wie’s ihre muͤtterliche Art ist, aus Nothdurft Wollust. Des Mannes Brust ist einfoͤrmiger, staͤrker, edler, vollkommen: der Busen des Weibes ward zarter, voͤlliger, ge- waschen mit Milch der Unschuld und gekroͤnt mit der Rose der Liebe. So lange diese ein Knoͤsp- chen bluͤhet und der unreife Huͤgel zur Ernte waͤchst, schlang die Grazie der Jungfrauschaft ihren Guͤrtel um dieselbe, in der, nach der Be- schreibung jenes Dichters Liebe und Verlangen wohnen. Wenn der Trank der Unschuld berei- tet ist und der Unmuͤndige an den Quellen der ersten Mutter- und Kindesfreude hanget, und seine kleine Hand sich an sie schmieget und tap- F 3 pet pet und gnug hat, und Mutter und Kind sich Eins fuͤhlen am Baume des suͤßen Lebens: wel- cher Unmensch, der hier nicht fuͤhle und ein ver- lohrnes Paradies der Unschuld ahnde! — Wenn schon Winkelmann es beklagte, daß er nicht fuͤr Griechen schreibe und also vieles muͤsse verschweigen: so habe ich diese Vorsich- tigkeit leider! noch mehr noͤthig, kann also auch nur mit wenigen Zuͤgen reden. Wie die Brust die edlern Theile barg und ausdruckte, so ist von den aͤltesten Zeiten und Philosophen an der Bauch als Sitz der Begierden betrachtet wor- den. Darauf beziehet sich jene edle Beschrei- bung Winkelmanns von dem, was Bauch des Baccchus heiße: die jugendliche Nuͤchternheit und Maͤßigkeit und sanfte, wie aus einem schoͤ- nen Traum erwachte Fuͤlle, deren Gegentheil eine Form und ein Zustand ist, der selbst in der Beschreibung widert. Es war dort Fluch der Ausschweifung und Folge des Wassers der Bit- terkeiten, daß der Bauch schwelle und die Len- den schwinden 4. Mos. 5, 21-27. ; fuͤrs untreue, wohlluͤstige Weib gewiß die groͤste Strafe! Es ist Beschrei- bung des aͤltesten Liedes der Unschuld und Liebe Hohelied 7, 2. : daß der Bauch sei ein schwebender Weizenhuͤgel, der Nabel ein runder Becher, dems nimmer an Getraͤnk mangelt, der nimmer verlechzt und nimmer nimmer uͤbersprudelt von Freude; ja die weise Maͤßigkeit und Furcht Gottes sollte, wie aber- mals das aͤlteste Sittenbuch Spruͤchw. 3, 8. sagt, selbst dem Nabel gesund seyn und erquicken die Gebeine. — Wir hoͤnen jetzt uͤber diese Beschreibungen der Einfalt, so wahr sie sind. Wir machen uns Schuͤrze von Feigenblaͤttern, wie jene Ersten, und meistens auch aus derselben Ursach. Jch schweige also und spreche nur noch Ein Wort von Ruͤcken, Hand und Fuß. Wie an allen, so haben die Griechen auch an diesen Theilen das Schoͤnste gekannt und gebil- det. Wenn der schoͤne Nacken bei Bacchus herabfleußt, und Venus aus dem Bade mit ih- rem gebognen Ruͤcken der Taube herauftritt, und der schoͤne Torso da sitzt und sinnet — doch wie kann ich beschreiben? und was hilft beschreiben, wenn man nicht selbst sieht und das schoͤne Ge- buͤrge hinabgleitet? Und wie uͤber der Huͤfte sich der Ruͤcken in Weiche verlieret! Prometheus und Pygmalion, konnten sie anders als umschlin- gend das schoͤne Gebilde, das zarte Verfließen auf jeglicher Stelle gebildet haben? Und die Huͤften, nach der Sprache jenes alten Buches der Unschuld, zwo Spangen von Meisterhand, und die Schenkel Apollo’s als Marmorsaͤulen, und das Knie ohne Todgeloͤsete Knoͤchel, als F 4 waͤre waͤre es aus weichem Ton geblasen, und die Wa- de des Fußes weder hangend und angeklebet noch duͤrftig; ein strebender Muskel voll Jugendtritt und Staͤrke. Der Fuß endlich, belebt bis zum kleinsten Gliede, nicht losgetrennt vom Ganzen und etwa als der Schuh eines Gewuͤrmes ange- zogen, sondern Eins mit Allem, das Ganze auf ihn hinabfließend und er das Ganze tragend. Und wie die Schenkel zu Marmorsaͤulen, so wand Mutter Natur, die Arme zu zarten Cy- lindern und umschlang sie mit dem ersten Braut- kranz der Liebe. Und schonte die Spitze des Bogens, und ließ am Weibe die Hand sanft hinabfließen, in kleine Cylinder. Und bepol- sterte sie von innen in jedem sammetnen Maͤus- chen und in jedem Blumenbusche der Fuͤhlbar- keit, der auf Gefuͤhl wartet, mit dem ersten Druck der Liebe. Und machte jedes Glied waͤch- sern und beweglich und regsam, den Finger fast zu einem Sonnenstral, und die Milchgewasche- ne Hoͤhe der Hand zum ungetheilten und Glie- dervollen Huͤgel voll Rege, voll umfassenden Le- bens. Und wie der Arm des Mannes strebet! Muskeln seine Siegskraͤnze und Nerven seine Bande der Liebe. — Maͤchtig und frey gehn sie von den Schultern hervor, die Werkzeuge der Kunst und Waffen der Tugend. Sie sind da die Brust zu schuͤtzen, Geliebte, Freund und Vater- Vaterland zu umschlingen, ans Herz zu druͤcken, und zu vertheidigen. Und die Hand ein Gebilde voll feinen Gefuͤhls und tausendfoͤrmiger Orga- nischer Uebung. Und wie edel der ganze Bau da steht: Angesicht, Stirn und Brust zeigend und mit seinen Schenkeln schreitend. Schauer- lich groß sind wir gebildet Ps. 139, 14. , Kunstreich unser Gebein gezaͤhlt und gefuͤget, und unsre Nerven geflochten, und unsre Adern als Lebensstroͤme geleitet. Aus Leim gemacht, und wie zarte Milch gemolken und wie Kaͤse sanft geronnen und mit Haut bekleidet und mit Othem Got- tes beseelet Hiob 10, 9-11. . Gebildet (πεπλασμενοι) um und an, und unser Gebilde (πλασμα) Form von regenden Lebenskraͤften des obersten Bild- ners Hiob 33, 4-6. : kurz die Wahrheit des aͤltesten Ora- kels uͤber unsern Ursprung 1. Mos. 2, 7. : Επλασεν ο Θεος τον ανϑρωπον, χομν απο της γης. κα ενεφυσησεν εις το προσωπον αυτομ πνοην ζωης, κα εγενετο ο ανϑρωπος εις ψυχην ζωσαν. F 5 Vier- Vierter Abschnitt. D ie Absicht des Vorigen ist wohl weder Lob- rede der Schoͤnheit, noch Beschreibung der Antike, am wenigsten Physiognomik gewesen, da ich weder Kuͤnstler, noch Antiquar noch Physiognom bin, und allgemeine unbe- stimmte Ausdruͤcke zu keinem von dreien etwas be- tragen. Der simple Satz war meine Absicht: „ daß jede Form der Erhabenheit und Schoͤn- „heit am menschlichen Koͤrper eigentlich nur „Form der Gesundheit, des Lebens, der „Kraft, des Wohlseyns in jedem Gliede die- „ses kunstvollen Geschoͤpfes, so wie hingegen „Alles Haͤßliche nur Kruͤppel, Druck des Gei- „stes, unvollkommene Form zu ihrem Endzweck „sei und bleibe„. Die Wohlgestalt des Men- schen ist also kein Abstraktum aus den Wolken, kei- ne Komposition gelehrter Regeln oder willkuͤhr- licher Einverstaͤndnisse; sie kann von jedem erfaßt und gefuͤhlt werden, der, was Form des Lebens, Ausdruck der Kraft im Gefaͤße der Menschheit ist, in sich oder im andern fuͤhlet. Nur die Bedeutung innerer Vollkommenheit ist Schoͤn- heit. Um Um Wiederholungen zu vermeiden, lasset uns die vorhergezeigte Menschengestalt in Hand- lung setzen, und wir werden gewahr, jedes Glied spreche und jemehr es seinem Zweck entspricht, um so vollkommener und schoͤner sei es. Bildet ei- nen Philosophen und gebet ihm eine Stirn, die nicht denkt, einen Herkules und senkt ihm keine Kraft zwischen die Augenbranen, noch in den Hals, noch in die Brust, noch in den ganzen Koͤrper: eine Venus, und mit abscheulichem Pro- fil, hangenden Bruͤsten und hangendem Mun- de: einen Bacchus der Alten, wie er auf unsern Weinfaͤssern sitzt; jedes gemeine Auge wird hier in Handlung fuͤhlen, was ein feiner Sinn in den Gestalten an sich, auch ohne Handlung, ge- fuͤhlt haͤtte, nehmlich, daß sie ihrem Zweck nicht entsprechen, daß eine Goͤttin der Liebe ohne Reiz, eine Diana ohne keusche Schnelle, ein Apollo ohne Jugendmuth und Stolz, ein Jupiter ohne Hoheit und Ehrfurcht abscheuliche Geschoͤpfe seyn. Was nun in einzelnen Charakteren und Hand- lungen zutrift, muß gesammlet auch allgemein wahr seyn: denn alles Allgemeine ist nur im Be- sondern, und nur aus allem Besondern wird das Allgemeine. Schoͤnheit ist also nur immer Durchschein, Form, sinnlicher Ausdruck der Vollkommenheit zum Zwecke, wallendes Leben, Menschliche Gesundheit. Je mehr ein Glied be- deu- deutet, was es bedeuten soll, desto schoͤner ists, und nur innere Sympathie, d. i. Gefuͤhl und Versetzung unseres ganzen menschlichen Jchs in die durchtastete Gestalt ist Lehrerin und Hand- habe der Schoͤnheit. Wir finden daher, daß jedesmal, wo Eine Form, Ein Glied vorzuͤglich bedeuten soll, da trete es natuͤrlich den andern etwas vor: es beut sich gleichsam selbst und zuerst und vorzuͤglich der tastenden Hand dar. Lasset eine Figur denkend, sinnend, da stehn; so gleich senkt sich das Haupt, das ist, die untern Theile des Ge- sichts ziehen sich, wie in den Schatten zuruͤck, und die Stirn wird Haupttheil. Auch ohne Fin- ger an der Nase sagt die Gestalt: ich denke. Laßt einen Jmperator vor sich sehen, daß sein Blick befehle; sofort wird dieser Blick das laute Wort des Gesichts, das Auge wird Haupttheil: da- her sind auch an der Juno die Augen so schoͤn und groß gebildet, denn es ist der Koͤnigliche Wink ihres Daseyns ast ego regina Deum — Laßt einen Apollo Zorn fuͤhlen und schreiten: so fort treten die Theile seines Koͤrpers hervor, die edles Selbstgefuͤhl und Gang zu seinem Zwecke andeuten: die Nase weht lebenden Othem und macht Raum vor sich her: die Brust, ein schoͤ- ner Panzer, woͤlbet sich edel: die muthigen, laͤn- laͤngern Schenkel schreiten: die andern Glieder ziehn sich gleichsam bescheiden zuruͤck, denn sie sind nicht in der Handlung. Eine Gestalt soll verlangen, bitten, wuͤnschen, flehen mit ihrem Munde; unvermerkt beugt dieser sich sanft vor, daß auf ihm Hauch, Gebet, Verlangen, Wunsch, Kuß schwebe. Selbst bis zum Ohre, wenn es horcht, erstreckt sich diese feine Bewegung und Andeutung. Die Form des handelnden Gliedes spricht immer: ich bin da, ich wuͤrke. Und ist dies im seinen zarten Gesicht, um so mehr ists im ganzen Koͤrper. Wie kann die Hand befehlen, ohne daß sie sich erhebe und ihr Amt andeute? wie kann die Brust sich darbieten und schuͤtzen, ohne daß sie unvermerkt vortrete und spreche: ich bin gewoͤlbet. Ein schoͤner Bauch blaͤhet sich nicht: aber natuͤrlich sinkt Bac- chus in eine ihm vortheilhafte Stellung: er lehnt sich sanft an mit dem Arme, daß seine schoͤne Weiblichkeit in Ruͤcken und Brust, in Bauch und Huͤften in ihrer bedeutenden Sprache rede. Und dies alles sind keine Kunstregeln, keine stu- dirte Uebereinkommnisse, es ist die natuͤrliche Sprache der Seele durch unsern ganzen Koͤrper, die Grundbuchstaben und das Alphabet alle dessen, was Stellung, Handlung, Cha- rakter ist und wodurch diese nur moͤglich wer- den. — — Also Also weiter. Hat die Natur unsre Mensch- heit nicht zum todten Meer, zum Stillstande ei- ner ewigen Unthaͤtigkeit und Gefuͤhllosen Goͤt- terruhe, sondern zu einem bewegten, ewig sich regenden Strome voll Kraft und Lebensgeistes machen wollen; so sehen wir, auch von außen konnte ihr Werk keine plastische Larve und Maske einer schoͤnen ewigen Unthaͤtigkeit seyn, sondern Lebenswind muste die Formen beleben. So- fort wird die Schoͤnheit Kraft, Bedeutung in jedem Gliede. Statt des Abstraks in Wolken, das kein Auge gesehn und kein Ohr gehoͤrt hat, wird sie auch bey Goͤttern und Goͤttinnen Con- cret d. i. Charakter dieses Gottes und keines andern. Jede schoͤne Form an ihm, wird von dem Lebensgeiste bestimmt, der sein Schif an- wehet und treibet: mithin wird jedes Glied im hoͤchsten Maasse individuell bedeutend. Und nur so fern es also bedeutet, und der Daͤmon, der Charakter, der Eine Goͤttliche Lebensgeist ganz und allein in diesem Bilde erscheint, so fern ists der schoͤne Apollo, die Glorreiche Juno und Aphrodite. Man darf hier abermals we- der in Buchstaben noch in Wolken studiren, son- dern nur seyn und fuͤhlen: Mensch seyn, blind empfinden, wie die Seele in jedem Charakter, in jeder Stellung und Leidenschaft in uns wuͤrke, und und denn tasten. Es ist die laute Natursprache, allen Voͤlkern, ja selbst blinden und Tauben hoͤrbar. Nireus, der schoͤnste aller Griechen vor Tro- ja, thut in der ganzen Jliade nichts und kommt nicht, als im Verzeichniß der Schiffe, zum Vor- schein: alle, die darinn handeln, stehn als einzel- ne Charaktere, mit vestbestimmten, nicht zer- fließenden, unwandelbaren Zuͤgen da und sind, die sie sind. So der Goͤttliche Agamemnon, „an Haupt und Blick dem Jupiter gleich, dem „Mars im Gurte, an Brust dem Neptun: er „stand, wie ein Stier da erhaben unter seiner „Heerde„; aber nur im ruhigsten praͤchtigsten Theil der Jliade vor dem ersten Anfalle stand er so, nachher hat Homer nicht Zeit seine Schoͤne zu schildern: Agamemnon handelt. Priamus kann vom Thurm ihn schauen und bewundern: Helena preisen, Homer preiset nicht mehr. Vom schoͤnen Achilles, um den sich das ganze Gedicht windet, hoͤren wir kein Lob der Schoͤnheit, wir sollen ihn nur in seinem Zorne sehen, auf die lieb- lichste Weise mit Freundschaft, Liebe, Vertrau- lichkeit und Saitenspiel vermaͤhlet. Der Goͤtt- liche Ulysses „mit seiner breiten Brust und Schul- „tern, als Agamemnon, der als ein dickwol- „liger Widder zwischen den Reihen der gelagerten „Heerde auf und abgeht: Menelaus, der, wenn „er „er stand, mit breiten Schultern dem Ulysses „vorragte, aber wenn beide sassen, schien Ulysses „der Ansehnlichere„ — in solchen zwei Zuͤgen, vom muͤssigen Thurm gezeichnet, stehen sie leib- haft da und zeigen nachher nur die bestimmte Form ihrer Glieder in bestimmter einzelner Handlung. So Homer: und daß nicht blos der Epische Dichter also schildert, weil ihn die Handlung fortreißt, sondern die Griechen sich nie Schoͤnheit als in bestimmter Form dachten, mag uns selbst Anakreons Bathyllus lehren. Ein Liedchen der Wohllust, denkt man, kann doch wohl am ersten ein gesammleter Duft, ein schwe- bendes Gewebe, eine Blumenlese seyn von man- cherlei Traumzuͤgen: es ists und ists nicht. Es saugt von vielen Blumen den Honig, aber zu einer sehr bestimmten Gestalt: der Juͤngling verwandelt sich ploͤtzlich in einen Apollo, oder vielmehr Apollo in den Juͤngling und die Statue steht da. Ohne Zweifel hat dies außerordentlich Be- stimmte, treu Erfaßte in der Form jeder Stel- lung, jeder Leidenschaft, jedes Charakters den Griechen zu der Hoͤhe der Kunst geholfen, die seit der Zeit nicht mehr auf der Erde erschienen ist. Sie sahen als Blinde und tasteten sehend: durch keine Brille des Systems oder Jdeals, das et- wa ein schwebend Spinnengewebe der Herbstluft zur zur Seelenform eines Menschlichen Koͤrpers haͤtte phantasiren wollen. Kein Glied von Einem ihrer Goͤtter kann einen andern Gott, keine Stellung ihrer Handlung einen andern Charakter bedeuten, als da steht. Ein Geist hat sich uͤber die Sta- tue ergoßen, hielt die Hand des Kuͤnstlers, daß auch das Werk hielt, und Eins ward. Wer (um so gleich ein Schwerstes anzufuͤhren) wer je am beruͤhmten Hermaphroditen stand und nicht fuͤhlte, wie in jeder Schwingung und Biegung des Koͤrpers, in allem, wo er beruͤhrt und nicht be- ruͤhrt, bacchischer Traum und Hermaphroditis- mus herrschet, wie er auf einer Folter suͤßer Ge- danken und Wollust schwebt, die ihm, wie ein gelindes Feuer, durch seinen ganzen Koͤrper drin- get — wer dies nicht fuͤhlte und in sich gleichsam unwillkuͤhrlich den Nach- oder Mitklang dessel- ben Saitenspiels wahrnahm; dem koͤnnen meine nicht und keine Worte es erklaͤren. Eben das ist das so ungemein Sichere und Veste bei einer Bildsaͤu- le, daß, weil sie Mensch und ganz durchlebter Koͤrper ist, sie als That, zu uns spricht, uns vesthaͤlt und durchdringend unser Wesen, das ganze Saitenspiel Menschlicher Mitempfindung wecket. Jch weiß nicht, ob ich ein Wort wagen und es Statik oder Dynamik nennen soll, was da von Menschlicher Seele in den Kunstkoͤrper ge- G gossen, gossen, jeder Biegung, Senkung, Weiche, Haͤrte, wie auf einer Waage zugewogen, in jeder lebt und beinahe die Gewalt hat, unsre Seele in die naͤhmliche sympathetische Stellung zu versetzen. Jedes Beugen und Heben der Brust und des Knies, und wie der Koͤrper ruht und wie in ihm die Seele sich darstellt, geht stumm und unbegreiflich in uns hinuͤber: wir werden mit der Natur gleichsam verkoͤrpert oder diese mit uns beseelet. Und daher fuͤhlen wir auch jede neue Ergaͤnzung doppelt widrig, die, so schoͤn sie auch seyn mag, wenn sie nicht vom Ganzen des Einen lebendigen Geistes beseelt wird, uns mit Recht als ein fremdes Flickwerk vor- kommt. Nichts muß blos ersehen und als Flaͤ- che behandelt, sondern vom zarten Finger des in- nern Sinnes und harmonischen Mitgefuͤhls durch- tastet seyn, als ob es aus den Haͤnden des Schoͤ- pfers kaͤme. — Nichts preisen daher die Zuschriften der Griechischen Anthologie an den Statuen so sehr, als diese ganze Haltung, dies Durch- und zu uns Leben, das aus ihnen gehet. Jch weiß nicht, ob es eine Zeichnung oder Schilderei erse- tze, die nur Schatten auf der Flaͤche gibt und vom lebendigen Koͤrper doch auch nur entspringen muste; aber das weiß ich, daß, je mehr wir alle Dinge als Schatten, als Gemaͤhlde und voruͤber- strei- streichende Gruppen ansehen, wir dieser koͤrper- lichen Wahrheit immer um so ferner bleiben. Auch hier komme uns geistig das Gefuͤhl und die dunkle Nacht zu Huͤlfe, die mit ihrem Schwam- me alle Farben der Dinge ausloͤscht und uns an das Haben und Halten Einer Sache heftet. Die Griechen wusten wenig, aber das Wenige ganz und gut: sie erfaßtens und konntens geben, daß es zu ewigen Zeiten lebe. So wie das Profil ihres Angesichts gebildet und nicht gemahlt ist, so sinds auch ihre Werke. Wie weit wir da hinter ihnen stehen, mag eine zukuͤnftige Zeit richten. Was ist seltner in unsern Tagen, als einen Menschlichen Charakter zu erfassen, wie er ist, ihn treu und ganz zu hal- ten und fortzufuͤhren? Da muß uns immer die liebe Vernunft und Moral, wie das Licht und die Farbe, zu Huͤlfe kommen, weil er auf seinen Fuͤßen nicht stehen will und sich von Seite zu Sei- te, wie ein Gespenst, veraͤndert. Das macht, wir sehen so viel, daß wir gar nichts sehen und wissen so viel, daß gar nichts mehr unser, d. i. etwas ist, was wir nicht gelernt haben konnten, was mit Tugenden und Fehlern aus unserm Jch entsprang. Heilige Nacht, Mutter der Goͤtter und Menschen, komme uͤber uns, uns zu er- quicken und zu sammeln. Non multa, sed mul- tum. Mit welchem tiefen Verstande und stillen G 2 Durch- Durchgefuͤhle arbeiteten Raphael und Dome- nichino an ihren ewigen Werken. Nicht Ge- maͤhlde; Daͤdalus Bildsaͤulen sind sie, und wan- deln und leben. Das wills also nicht thun, daß wir unsern Kindern etwa von Jugend auf, Wachs und Thon in die Hand geben, obgleich auch damit schon etwas gethan waͤre und vielleicht niemand zeichnen sollte, der nicht als Kind lange gebildet und gespielt hatte. Alle ersten Zeichnungen der Kinder sind Gebilde auch auf dem Papier: Nachaͤffungen des ganzen lebendigen Dinges, ohne Licht und Schatten, den sie vielmehr im An- fange gar nicht begreifen, noch einsehen koͤnnen, warum er da sei und ihr schoͤnes Bild verderbe? Er ist ihnen also in der Natur nicht: ihr Auge siehet, wie ihre Hand fuͤhlet. Die Natur geht noch immer mit jedem einzelnen Menschen, wie sie mit dem ganzen Geschlecht ging, vom Fuͤhlen zum Sehen, von der Plastik zur Piktur. Das waͤre etwas, aber nicht Alles: denn was soll nun gebildet werden? Baͤume, Pflanzen, Skor- pionen, unsre Komplimente, unsre Kleider? Die Natur ist von uns gegangen, und hat sich verborgen, Kunst und Staͤnde, und Mechanis- mus und Flickwerk sind da; die sind aber, duͤnkt mich, weder in Thon noch in Wachs zu bilden. Gehe Gehe man jetzt auf unsre Maͤrkte, in unsre Kirchen und Gerichtsstaͤten, Besuchzimmer und Haͤuser, und wolle bilden. Bilden? was? Stuͤhle oder Menschen? Reifroͤcke oder Hand- schuh? Federwische auf Koͤpfen oder Cerimo- nien? — Bilden? und wie? durch welchen Sinn? durchs Auge oder durch den Geruch? da ja kein Auge das Auge des Freundes, ge- schweige Wange die Wange, Mund den Mund, Hand die Hand kennet. Jn den Ritterzeiten verpanzerte man sich, um auf einander zu stechen; wozu thut mans jetzt? Griechische Spiele, Griechische Taͤnze, Griechische Feste, Griechische Offenheit, Ju- gend und Freude, wo sind sie? wo koͤnnen sie seyn? und wenn auch sogleich ein Serenissimus regens, etwa der Stifter eines neuen Griechen- landes, (so wie die fuͤnfte Loge oben Paradies heißt) durch Edikte, schwarz auf weiß, und gar bey Trommelschlag sie allergnaͤdigst anbefoͤh- len? Stellet Griechische Statuen hin, daß jeder Hund an sie pisset, und ihr koͤnnt dem Sklaven, der sie taͤglich vorbeigeht, dem Esel, der seine Buͤrde schleppt, kein Gefuͤhl geben, zu merken, daß sie da sei und er ihr gleich werde. So habt ihr also doch einen Zaunpfal hingesetzt, an den er sich lehne und etwa seinen geschundenen Ruͤcken reibe! An einem beruͤhmten Orte Deutschlands G 3 ist ist der Paradeplatz mit Statuen umgeben, Grie- chische Helden, mit neuem spitzen Knie und der Trummel; ich weiß nicht, warum die Ka- maschen und die Grenadiermuͤtze und das praͤsen- tirte Gewehr und der Kommißrock fehlen? Sonst halte ichs fuͤr treflich, jeder Schildwache Statuen vorzusetzen: das Geschoͤpf hat Zeit, an ihnen Apollo und Jupiter zu werden. O des erstickenden edlen Dampfs, den manche neue Griechenlaͤnder ihren kargen Besol- dern ums Taglohn darbringen! Als obs nicht mit Haͤnden zu fassen waͤre, daß in niemand der Geist des andern uͤbergehen kann, der mit ihm nichts gemeinschaftliches hat, so wenig als Le- ben in den Stein und Blut in die Pflanze? Je- der Juͤngling, der vor’m Griechischen Heroen stand, hatte in den schoͤnen Zeiten Griechenlands Weg und Hoffnung seine Statue zu erhalten. Goͤtter und Helden waren alle aus ihrem Ge- schlecht, ihre Vorfahren, ihres Gleichen. Ein Spiel, ein Kampf konnte den Juͤngling neben ihn stellen und der Kuͤnstler arbeitete so dann fuͤr seine Stadt, fuͤr sein Volk, fuͤr den ganzen Griechennamen. So sang Pindar und setzte sei- nen Gesang uͤber Statuenlob und Schoͤne. So sahen, so hoͤrten die Griechen den Kuͤnstler und den Dichter, und wie sehen, wie hoͤren wir? Es ist wundersam, wie selten uns nur ein Mensch erscheint, erscheint, und wie noch seltner Mensch einen Menschen umfasset, und ihn so lieb gewinnt, daß er ihn mit sich trage und ihn der Ewigkeit gebe. Jn einem beruͤhmten Garten sind die National- produkte, Alongeperuͤcken, ich glaube mit Pan- zern, in Toͤpferton gebildet — ohne Zweifel, das wahreste Gebilde des Landes. Doch wozu weiter die unnuͤtzen Klagen, die doch auch kein Griechenland schaffen werden? lie- ber zur lieben Schoͤnheitslinie zuruͤck, die ja ganz unter unsern fuͤhlbaren Formen zu verschwin- den schien. — Mit nichten verschwand sie, hier eben finden wir sie wahr und koͤrperlich wieder. Mathematik ist die wahrste Wissenschaft, nur durch Physik wird sie lebendig, so wie Zahl nur in Dingen, die gezaͤhlet werden, da ist. Und wenn es allerdings einen Mathematischen Grund geben muß, warum die Schoͤnheitslinie schoͤn ist, wie doppelt angenehm wird es seyn, den abstrak- ten Grund in jeder konkretesten Form bestaͤtigt zu sehen. Die gerade Linie naͤhmlich ist die Linie der Vestigkeit, das sagt uns Sinn und Auge. Ein Theil ruhet auf dem andern, haͤngt am andern, unterstuͤtzt und wird unterstuͤtzt: so wohl senk- als waagerecht hat die Natur daher, wo sie Vestig- G 4 keit keit noͤthig hatte, diese Linie gewaͤhlet. So waͤchst der Baum im Stamme, und ruhet ver- juͤngt auf sich selbst: das Vorbild der Vestigkeit und der schoͤnen Saͤule. So liegt, wo Base noͤ- thig war, Stein, Erde und selbst das Meer, in Gleiche. So ist auch beim Menschlichen Koͤr- per, wo Basis noͤthig war, Fußsole: wo erhab- ne Vestigkeit seyn sollte, gerader Stand an Fuß, Schenkel, Hals, Arm und Haͤnden. Nichts sieht uͤbler, als ein gebeugter Baum, oder eine krumme Saͤule: auch die Hand des Blinden will sie aufrichten: denn sie ist gefallen und kann zer- schmettern. So ist auch ein krummer Hals, krummer Ruͤcken und krumme Beine gerade das, was in der Menschlichen Gestalt den Eindruck des vesten Standes und der einfachen Erhabenheit am meisten mindert. Der Haupttheil unsers Gesichts, der vortritt und die ganze Form dessel- ben bildet, ist eine gerade Linie, die Nase, und die Schiefheit derselben macht einen laͤcherlichen Eindruck. Man kann zu einem Gesicht mit schiefer Nase fast nicht reden. — Die Linie der Vollkommenheit ist der Kreis, wo Alles aus Einem Mittelpunkt stralet und in ihn zuruͤckfaͤllt, wo kein Punkt dem andern gleich ist und doch Alles zu Einem Kreise wallet. Wo es anging, hat die Natur die Linie der Richtig- keit mit dem Kreise der Vollkommenheit um- wunden. wunden. So verjuͤngte sie Pflanzen und Baͤu- me: so stralt die vollkommene Sonne, und es woͤlbt sich der umfassende Himmel, und der Tropfe ruͤndet sich, wie die Erde u. f. — So hat sie auch am Koͤrper die Linie der Vestigkeit mit Rundheit umkleidet: Arm und Beine, Finger und Hals zusammt dem Himmel, den er traͤgt, sind geruͤndet: jeder Bruch, jede Ecke und Win- kel dieser Theile sind unertraͤglich. Da aber die Gefaͤße hienieden der Vollkom- menheit nicht faͤhig sind, und die Linie der rich- tigen Nothdurft sie immer uͤberwaͤltigend zu sich ziehet, siehe, so ward, wie im Weltgebaͤude durch den Streit zweier Kraͤfte die Ellypse ward, in der sich die Planeten, so hier die Linie der Schoͤnheit, in der sich die Formen der Koͤrper winden. Sie entstand, wie bei Plato die Liebe von Beduͤrfniß und Ueberfluß, aus der geraden Linie und Rundheit. Der Cirkel war fuͤr uns zu voll, nicht zu umschauen, nicht zu umfassen; die gerade Linie zu duͤrftig, um den vielseitigen Organismus zu geben, zu dem unser Koͤrper da seyn sollte. Sie schwebt also und neigt sich, damit dies oder jenes uͤberwiege. Jn der ve- sten Brust, im vesten Ruͤcken wenig Kruͤmme, nur Woͤlbung: dieser ist Mauer und Stuͤtze, jene Panzer. Der Unterleib, beim Weibe der Bu- sen, die Glieder der Schwachheit wurden mit G 5 Weiche Weiche und dem Anschein der Vollkommenheit bekleidet. Nur aber ists Anschein: denn ein Kugelbauch, wie ein Kugelkopf und Kugelwade, sind uͤberfuͤllte Auswuͤchse, in ihnen selbst der Keim der Zerstoͤrung. Woher dies Letzte? Jch wiederhole, weil das Menschliche Gefaͤß keiner Vollkommenheit und also auch keines Zeichens derselben faͤhig ist: denn Vollkommenheit ist Ruhe, sie aber soll wuͤrken, streben. Die Kugelbaͤuche und Kugelkoͤpfe moͤ- gen viel Behaglichkeit, Satte und Allgnugsam- keit in sich haben; zum Fortschwunge im Ganzen sind sie um so minder: sie tragen uͤber und vor sich ihren eignen Atlas. Wie das Licht empor- wallet in der Flamme und das Meer aus seiner Ruhe in Wellen laͤuft, und die Sonne selbst im Thierkreise den Erdkreis schlingend umwindet: so wird beim Menschlichen Geschoͤpf nur durch Be- wegung Reiz, und in Linien, Formen und Thaten ist Reiz nichts als Schoͤne in Bewegung. Sie entfernt sich von der Linie der Nothdurft, die ihr doch Basis bleiben muß, und wallet zur Vollkom- menheit hin, ohne sich in sie zu versenken. Zwi- schen diesen beiden Aeußersten schwebt das Men- schengeschlecht und seine beiden Geschlechte: der Mann auch in seinem Stande der Linie der ve- sten Richtigkeit naͤher, das Weib mit schweben- der Schoͤnheit, die Reiz ist, bekleidet. Jst Jst also kein Reiz ohne Bewegung; so zeigt diese, die Morgenroͤthe zur Handlung aber- mals und selbst dem dunkeltastenden Sinne: wo- her nur die anbrechende oder gemaͤßigte Leiden- schaft und Handlung Reiz verleihe? Jn diesem Schweben naͤhmlich allein ist sie zwischen den bei- den Aeußersten, Nacht und Sonne, zwischen Steife und uͤbergiessender Fuͤlle. Man beruͤhre jedes Glied in seinem hoͤchsten Tone, wie kurz ists zu ertragen! Die emporgezogne Stirn und das grinsende Lieblaͤcheln, das die Augen schließt und den Mund verzerret, ein sich zum Kropf senken- des Kinn und die sich zur Tonne bruͤstende Brust, und der uͤberstreckte spitze Arm und der zu scharf angestrengte oder verworfene Fuß — man taste alle diese Glieder, und man wird Mechanisch, wie geistig, das Abweichen von aller schoͤnen Form und Handlung fuͤhlen. Ein schreiender Mund ist der fuͤhlenden Hand eine Hoͤle: das La- chen der Wange eine Runzel. Die ewigen Ge- setze der menschlichen Schoͤnheit sind also Meta- physisch und Physisch, Moralisch und Plastisch voͤllig dieselbe. Ein Mensch im Morgen des Jahrs wie des Lebens, im Fruͤhlinge der Be- wegung wie der Handlung, ist immer Ein ana- loges Geschoͤpf, die schoͤne Mitte zweier Extre- me. Der Schwan, der sich um die Leda schlingt, und Leda, wie sie ihm zuwallet, Danae, wie sie den den Regen erwartet, nicht wie beide von beiden die Frucht zeigen, bilden Linien des Reizes. Fuͤr ihr theuerstes Beduͤrfniß sparte die Natur also ihre reichsten Schaͤtze auf, und wie jener heilige Schriftsteller sagt, die Glieder der Unehre schmuͤcket man am meisten. Jch habe noch Ein Wort uͤber das, was Stand oder Fall des Koͤrpers ist, zu sagen. Allen steht der Kopf auf Schultern; aber nicht allen steht er darauf gleich. Bei allen ist im Mittelpunkt der Schwerpunkt, aber gewiß faͤllt bei allen das Gliedergebaͤu nicht gleich auf denselben. Wir stehn alle auf den Fuͤßen; großer Unterschied aber, wie der Koͤrper auf sie faͤllt, auf ihnen ruhet, wie sich der Fuß- tritt druͤckt. Dieser ganze Stand und Fall des Koͤrpers ist ungemein bedeutend. Er zeigt ganz natuͤrlich, die Glieder, die hervortreten oder sich verbergen, die wie von Natur und unwillkuͤhr- lich gleichsam zuerst sprechen, oder die da schwei- gen, als waͤren sie gar nicht. Hiernach bestimmt sich der Gang des Menschen, der fuͤr Physiogno- misten und Antiphysiognomisten so karakteristisch ist: hiernach, wie ein Mensch auftritt und sich zeigt, oder sitzt und ruhet. An Goͤttern und Faunen, Helden und Satyren, bewiesen auch hierinn die alten Kuͤnstler unendlich feine Cha- rakterkenntniß, wie weitlaͤuftig gezeigt werden koͤnnte. Ueberhaupt ist nichts untruͤglicher, als was was vom ganzen Koͤrper spricht, wenn es sogar dem Gefuͤhl redet. An einzelnen Theilen kann man sich irren, aber die Stimme des Allgemei- nen ist auch hier Gottes Stimme. Sie wapnet uns gegen Traum und Deutelei, insonderheit ge- gen das partheiische Hangen an Einer Form, an Einem Zuge, das uns so weit wegbringen kann von Wahrheit. Das bescheidene Gefuͤhl ta- stet langsam, aber unpartheiisch: es findet viel- leicht wenig, aber was da ist. Es urtheilt nicht, bis es ganz erfaßt hat. Es ist wunderbar, welchen Blick hierinn, wie in Allem, die beiden Geschlechter gegen einander haben, wie tief der Mann das Weib und das Weib den Mann kennet. Jedes kann seinem Geschlechte Unrecht thun und thut ihm oft, nicht eben aus Neid, Unrecht; aber sein Urtheil uͤber das Andre ist, wo es nicht Leidenschaft verblendet, sondern Leidenschaft wapnet, wunderbar strenge. Die Liebe holt das wahre Jdeal, den Engel; Haß, den Teufel aus uns hervor, der in uns liegt, und den wir oft selbst nicht zu sehen oder zu finden vermoͤgen. Die Ursache ist klar. Zum allgemein Menschlichen Gefuͤhle kam noch ein Geschlechtsgefuͤhl hinzu, das wir ja auch bei den erhabensten Urtheilen uͤber das, was Mensch ist, nicht ganz verlaͤugnen. Der Mann muß im- mer, er mag dichten oder regieren, Menschen oder Statuen Statuen schaffen, als Mann, das Weib im- mer als Weib fuͤhlen. Endlich kann ich nicht umhin, noch mit Ei- nem Laute die Symmetrie zu preisen, die sich, auch selbst dem dunkelsten Sinne schon, am Menschlichen Koͤrper leicht und herrlich offenba- ret. Die Natur waͤhlte immer das leichteste Verhaͤltniß, Eins und Zwei: setzte sie uͤber und gegen einander und immer die Glieder zusammen und in vertrauliche Naͤhe, die gemeinschaftlich sprechen sollten. Das edle Eine Haupt steht auf dem freien festen Halse zwischen zwo Schultern, als den Balken des Gliedervollen Gebaͤudes, das es beherrscht und uͤbersiehet. Es hat die schoͤne Ovallinie zur Form und traͤgt das Angesicht vor sich. Wie das Haupt auf den Schultern, so ru- het im Angesichte die Stirn auf den beiden Bo- gen der Augenbrane, wie ein Gedankenhimmel allein und oben. Zwischen den Augenbranen tritt Seele und Stirn auf einen Punkt, und zu beiden Seiten woͤlbt sich der edelste Sinn, das Auge, abermals in der schoͤnsten Linie der Ellypse. So steht die Nase und der Mund abermal zwischen zwei Blumengelaͤndern, den Wangen, bis die Ellypse des Haupts sich mit dem vesten Kinne schließt — kurz, man kann sich mit den Sieben Buchstaben, die unser heiliges Antlitz bilden, kei- nen Stand und kein Verhaͤltniß denken, was leichter leichter zu fassen, zu sammlen, zu ordnen waͤre, und zugleich so viel Mannichfaltigkeit und Ver- schiedenheit darboͤte, als das schoͤne Zusammen- stralen und Abwechseln der Stirn und der Augen, der Nase und der Wangen, des Mundes endlich, der auf dem Kinne ruhet. Eins unter- stuͤtzt, hebt, traͤgt das andre, fast wirds dem ta- stenden Gefuͤhle schon, was es durchs Licht dem Auge so unendlich mehr ist, Antlitz. Offenbar nach eben dem Bau und den Gliedern derselben Verhaͤltniß ist der ganze Koͤrper gebildet: daher die Wilden sich abermals auf Brust und Knie ein Menschenantlitz mahlen. Die beiden War- zen der Brust uͤber dem Nabel, der Unterleib uͤber den Fuͤßen, wie die Brust unter den Fittigen der Arme, sind Ein Verhaͤltniß: jedes gehoͤrt zum andern, als Eins oder Paar, und spricht zu und mit ihm, was es sprechen soll. Die Anzahl und Bildung der Finger, die wir aus einem halben Kreise geschnitten, in einer Ordnung, die nicht vermehrt und vermindert, nicht versetzt noch ver- stuͤmmelt werden kann, dastehn, bestaͤtigt dasselbe; kurz, uͤberall eine einfache und harmonische Weis- heit, die in und fuͤr uns gefuͤhlt, gemessen, geord- net, net, Umfang und Fuͤlle beschraͤnkt hat. Sie goß die Seele in ein tausendfach organisirtes aber sehr einfach begraͤnztes, leicht zu umfassendes Maas, und machte Punkte der Vereinigung, wo und wie oft, und auf wie zarterer Stelle sie sie machen konnte. So findet Auge das Auge, so druͤckt sich Mund an Mund und Brust an Brust, und blickt und saugt in sich Othem der Liebe. Man verruͤcke die Zuͤge des Gesichts, man verpflanze und wechsle Glieder; mit und ohne Auge muß man grausen, wie immer die kleinste Mißbildung zeiget. Was wir in der Optik und in den anordnenden Kuͤnsten uͤberhaupt von feinen Ge- setzen des Wohlstandes und der Wohlgestalt des Eben- und Unebenmaaßes entdecken werden, findet sein groͤßtes Vorbild in dem edeln Werke, das uͤberall, wie es scheint, der großen Mutter Liebling und Augenmerk war, in der Menschen- gestalt und Menschenschoͤne. Fuͤnfter Fuͤnfter Abschnitt. J ch fragte eine Blindgebohrne Jm Jahr 1770. : „welcher „Tisch, welches Gefaͤß ihr lieber sei? „das eckige oder runde„? Sie antwor- tete: das Runde, den dies sei sanft und wohl zu fassen, und am runden Tisch stoße man sich nicht. Vielleicht ist dies Alles, was uͤber die Linie der Schoͤnheit so simpel gesagt werden kann. „Warum ein runder Arm, eine schlanke Taille „ihr wohlgefiele„? weil sie gesund, rege und leicht ist. Gespenst stellte sie sich als einen kalten Hauch vor, der sie verfolge, und Lieblichkeit suchte sie in schoͤner vester Stimme, Zuthulichkeit, gefaͤlligem Duft und sanfter Waͤrme: gerade wie Saunder- son und andre Beispiele. Jch reichte ihr eine Statue, sie kannte und nannte jeden Theil und fand ihn gut; als sie ans Kleid kam, stutzte sie und wußte nicht, was es sei: denn es war die erste Statue, die sie faßte. — Sonst machte sie mein Stand zu furchtsam, und die Entfernung ih- res Orts, versagte mir weitere Nachforschung. Sie hatte in ihrer Sprache alle Ausdruͤcke des H Sin- Sinnes, den sie nicht besaß, nur sie verstand kei- nen: es war aufgeschnapptes Papageienwesen, wie ein großer Theil der Sprache bei uns Men- schen mit fuͤnf Sinnen immer fort ist. Uebri- gens halte ich Maͤngel von dieser Art fuͤr die ein- zige sicherste Quelle, unsre Sprache und Begriffe der so verflochtnen Sinnlichkeit zu scheiden und jedem Sinne wiederzugeben, was sein ist. Wenn je eine praktische Vernunftlehre, ein philosophi- sches Lexicon der Sprache, Sinne und schoͤnen Kuͤnste geschrieben wird, wo jedes Wort, jeder Begriff seinen Ursprung finde, und wo den Gaͤn- gen nachgespuͤrt werde, wie er sich von Sinn zu Sinn, von Sinn zu Seele uͤbertrage? so, duͤnkt mich, muͤssen Versuche der Art Leitfaden seyn, oder alles bleibt Labyrinth und Vernunftgewaͤsche, wie es jetzt ist. Jn diesem Buche ist uͤber Einen Sinn, und aus Einer Kunst und Klasse von Begriffen eine kleine Anfangsprobe. Honny soit qui mal y pense, und der, was aufrichtiges Tappen nach Wahrheit, Richtigkeit, Einfalt war, was zuͤchti- ges Gefuͤhl bedeutungsvoller Formen der Schoͤ- pfung Gottes und nicht Unzuchtbegriffe wecken sollte, mit Anmerkungen eines Gecken, oder An- wendungen eines Buben entehret. Das Beste kann zuerst gemißbraucht werden, eben weil an ihm etwas zu mißbrauchen ist; ja die Wahrheit, die die nicht auf der Gasse liegt, muß sich eben vom Sprachgebrauch manchmal entfernen. Nur ists noch keinem Astronom eingefallen, seine Theorie vom Weltsystem deßhalb zu aͤndern, weil der Sprachgebrauch anders redet. Kann ers erklaͤ- ren, warum der so reden mußte? so ist Alles ge- than und seine Gruͤnde gelten. Jsts ein Meta- physisch- und Physisch erwiesener Satz, „daß nur „ koͤrperliches Gefuͤhl uns Formen gebe„, so muͤssen die Ableitungen desselben in jeder Kunst und Wissenschaft wahr seyn, gesetzt, daß sie auch nicht so manche neue Berichtigung und Erlaͤute- rung gaͤben, als, mich duͤnkt, diese der Bemer- kung erfahrnerer Forscher gewiß noch geben koͤn- nen. Versuche es der Schuͤler der Kunst, und wo seinem Gesicht in der Form etwas dunkel, wi- dersinnig und zweifelhaft scheinet, oder wo er zu flattern und uͤberhin zu gleiten befuͤrchtet: er ver- suche und lege den Finger seines innern Sinnes an, um nach Gestalt des Geistes in dieser Form zu tappen, wo er nicht erkennen konnte: ist seine Seele rein und still und sein Sinn zart, so wird er bald Aufschluß des untruͤglichen stummen Ora- kels hoͤren und seine Hand wird, wie von selbst, streben, nachzubilden, was er erfaßt hat. Jch koͤnnte meinen Satz durch die Geschich- te der Kunst fuͤhren und uͤber das Wort Plastik H 2 und und Torevtik, uͤber αγαλμα und signum, το- ρευμα und caelaturam, βαιτυλια, ξοανα, βρετη u. f. treflich metagrabolisiren. Jch koͤnnte zei- gen, daß die Bildhauerkunst uͤberall nur so habe entstehen koͤnnen, wie sie bei unsern Kindern ent- steht, in deren Haͤnden sich Wachs, Brot, Ton selbst bildet: zeigen, daß die Griechen in ihren Modellen dem Ursprunge der Kunst treu blieben, so fern sie ihm treu bleiben mußten, und daß die Methode zu modelliren, die Michael Angelo gebrauchte und Winkelmann so sehr ruͤhmet Gedanken uͤber die Nachahmung. S. 28. f. , nichts als das sei, wovon wir reden. Naͤmlich „das jeder Form und Beugung sich sanft an- „schleichende und anplaͤtschernde Wasser wird „dem Auge des bildenden Kuͤnstlers der zarteste „Finger„, der durch den Wiederschein gleich- sam an mehrerer Runde, schwebendem Zauber und Lieblichkeit viel gewinnet. Jch koͤnnte sa- gen, daß die so natuͤrliche Vielfoͤrmigkeit der Griechischen Bilde, da jeder Muskel schwebt, da nichts Tafel wird und keine Seite, keine Vier- theilseite des Gesichts, wie die andre, folglich auch nie durch Kupferstiche, Zeichnungen, Ge- maͤhlde darzustellen oder zu ersetzen ist, uns Zug fuͤr Zug und fast unwillkuͤhrlich auf jede weiche Stelle, jede zarte Form tastend ziehe u. dergl. Wozu Wozu aber Alles, was sich, wenn mein Satz wahr ist, jeder selbst sagen kann und wird. Jch schließe mit einigen allgemeinen Anmer- kungen uͤber mißverstandne, folglich scharfbestrit- tene Gegenden der Kunstgeschichte. 1. Die bildende Kunst, sobald sie Kunst wird und sich von signis, d. i. religioͤsen Zeichen und Denkmahlen, Kloͤtzen, Hoͤlzern, Steinhaufen, Pfeilern, Saͤulen entfernt, muß nothwendig zu- erst ins Große, Erhabene und Ueberspannte gehen, was Schauer und Ehrfurcht, nicht Liebe und Mitgefuͤhl erreget. Bei Kindern, Blin- den, und Sehendwerdenden ists noch also, und wird, was auch die Philosophie predige, immer also bleiben. Jener Blindgewesene sah Men- schen, als saͤhe er Baͤume: Cheseldens Blindem Lagen alle Figuren als eine ungeheure Bilderta- fel sich bewegend dicht vorm Auge: aller erste Anblick und Eindruck, den Kinder und Unerfahr- ne von einer Statue haben, ist gerade wie Daͤ- dals Saͤulen beschrieben werden. Ehrfurcht, die beinah Schrecken wird und Schauer, Ge- fuͤhl, als ob sie wandelten und lebten, so gera- de und viereckt sie dem Auge des Kuͤnstlers da- stehn moͤgen, sind die ersten Eindruͤcke der Kunst, zumal bei einem halbwilden, d. i. noch ganz le- H 3 bendi- bendigen, nur Bewegung und Gefuͤhl ahndenden Volke. Bei allen Wilden oder Halbwilden sind daher die Statuen belebt, Daͤmonisch , voll Gottheit und Geistes, zumal wenn sie in Stille, in heiliger Daͤmmerung angebetet werden, und man ihre Stimme und Antwort erwartet. Noch jetzt wandelt uns ein Gefuͤhl der Art an in jedem stillen Museum oder Coliseum voll Goͤtter und Helden: unvermerkt, wenn man unter ihnen al- lein ist und wie voll Andacht an sie gehet, bele- ben sie sich, und man ist auf ihrem Grunde in die Zeiten geruͤckt, da sie noch lebten und das Alles Wahrheit war, was jetzt als Mythologie und Statue dastehet. Der Gott Jsraels wußte sein sinnliches Volk vor Bildern und Statuen nicht gnug zu bewahren: war das Bild da, so war auch seinen Sinnen der Daͤmon da, ders belebte, und die Abgoͤtterei unvermeidlich. Wir Vernunftleute lesen jetzt die eifrigen und bewei- senden Stellen der Propheten gegen die Abgoͤtte- rei mit Verwunderung und fast mit Befremden; die Geschichte des Volks aber und aller Voͤlker beweisets, wie noͤthig sie waren. Nichts haͤlt die Sinnlichkeit staͤrker an sich, als ein Abgott, er sei lebendig oder todt, gnug, daß er da ist und man zu ihm gehen kann und von ihm Gluͤck und Ungluͤck erwarten. „Er hoͤrt ja unsre Gebete, er „nahm ja unsre Opfer an: warum sollts nicht sein „gewe- „gewesen seyn, was uns auf unser Gebet ward. „Es ward uns ja auf dasselbe, und ungezweifelt „hat Er, Baal, es uns gegeben„. Daher auch die uͤbeln Begegnungen der Heiden gegen die Bildsaͤulen ihrer Goͤtter, die uns jetzt nicht minder befremden. Kinder, Menschen in Wuth und Leidenschaft machens noch jetzt also, und die Sinnlichkeit machts nie anders. Sie schlagen die Puppe und behandeln sie als leben- dig-ungluͤcklich Liebende, zumal Weiber, zer- schlagen das Geschenk des Untreuen oder raͤchen sich an Papier, Boten, Stelle und Denkmahl. Wenn Nordlaͤnder die Bildsaͤulen Jtaliens zer- schlugen, so schimpfen wir sie Barbaren: als solche aber konnten sie auch nicht anders. Jhre Augen sahen den Daͤmon in ihnen, und also mu- sten sie anbeten oder zerschmettern. Haͤtten sie Jahrhunderte bei ihnen gewohnt, wuͤrde, wie es die Geschichte Jtaliens zeigt, ihr uͤberspann- tes hohes Gefuͤhl sich Zeit genung in Kunst, Kunst in Geschmack, Geschmack in Eckel und Vernachlaͤßigung aufgeloͤst haben. Dies ist auch die Geschichte der Kunst bei allen Voͤlkern. Vom Himmel entsprang sie: Ehrfurcht, Liebe, ein Funke der Goͤtter brach- te sie hinunter, schuf ihr irrdische Form an, und erhielt sie einige, wiewohl kurze Zeit lebend . Nun ward sie Abgoͤtterei , sodann Kunst , so- H 4 dann dann Handwerk , und endlich, die Grundsuppe von Allem, Kennerei, Troͤdelkram und Kunst- gewaͤsche . Die Daͤdalus und Phidias gehen vor, die Praxiteles, Myrons und Lisyppe folgen; sodann wirds Nachklang oder Nachschmack oder noch etwas Aergers. Niemals gelingts uns hier, die Zeiten umzukehren, und es ist thoͤ- richt, die Daͤdale in Lysippen umschaffen zu wol- len. Sind jene erst da, so werden diese kom- men, denn ohne jene konnten diese nicht wer- den . Die gerade Linie bleibt immer die er- ste und Hauptlinie, um die sich der Reiz nur schwinget. 2. Kolossalische Figuren sind der bildenden Kunst nicht fremde und unnatuͤrlich, sondern vielmehr gerade ihr eigen , ihres Ursprungs und Wesens . Die Bildsaͤule steht in keinem Lichte, sie gibt sich selbst Licht; in keinem Raume, sie gibt sich selbst Raum. Folglich sollte man sie hier mit der Mahlerei auch nur nicht verglei- chen , die ja auf der Flaͤche , auf einer gegeb- nen, uͤbersehbaren Lichttafel , und ja alles nur aus Einem Gesichtspunkt schildert. Die bil- dende Kunst hat keinen Gesichtspunkt: sie erta- stet sich Alles Glieder- und Formenweise im Dunkel; gleich viel also, ob sie etwas langsamer und laͤnger taste. Ja nicht blos gleich viel; son- dern der Eindruck von Groͤße, Ehrfurcht , und unuͤber- unuͤbersehbarer , nur von außen und gleichsam nie ganz zu ertastender Gestalt ist ja das ei- gentliche Bild ihrer Goͤtter und Herren, wie es sich nachher nicht die Hand, sondern der Geist, die erschuͤtterte, durchregte Einbildungskraft sammlet. Alles Unendliche duͤnkt uns erha- ben , und jedes Erhabne muß gewissermaaße Unendlichkeit , ein Nachbild jener Erscheinung gewaͤhren, „da der Geist vorbei ging, und die „Haare grauseten, ein Bild stand dem Schauen- „den vor Augen, und er kannte dessen Gestalt nicht „und hoͤrte eine Stimme„. Bramma verlang- te das Haupt des hoͤchsten Gottes Jxora zu se- hen, und flog so hoch er konnte. Da begegne- ten ihm drei Blumen von Jxoras Haupt und fragten ihn, wohin er wollte? Er sagte, daß er gehe, Jxoras Haupt zu sehen und die Blumen antworteten ihm: mache dir keine vergebliche Muͤhe, denn ob wir wohl noch dreimal so lang geflogen waͤren, von der Stunde an da wir von Jxoras Haupt niederfuhren, so wuͤrden wir nicht so weit seyn, daß wir seine Fuͤße sehen moͤchten. Und Bramma ließ ab und bat die Blumen, Jxora zu sagen, wie ihn schwindle, hoͤher zu fliegen. Vistnum begehrte seine Fuͤße zu sehen und grub so tief in die Erde, bis er zur großen Schlange des Abgrunds kam und Schreckenvoll zuruͤckkehren muste, und also bei- H 5 de de Goͤtter mit lauter Stimme bekannten, daß niemand sei, der sein Haupt und Fuͤße zu se- hen vermoͤge. — So erzaͤhlt Jndien, und konnte nun Griechenland seinen Jupiter anders als Kolossalisch bilden, wenn, so weit es die Form zuließ, er nur einigermaassen die Jdee des Unendlichen erwecken sollte? Als Phidias also hinaufgeruͤckt ward, Jupiter zu sehen, kam aus seiner Seele das Bild dessen, den, ob er wohl in Tempeln thront, kein Tempel umfas- set . Es war ein elender Spott, daß, wenn sein Jupiter aufstuͤnde, sein Haupt die Decke des Tempels aufheben muͤsse: eben das war Phidias Gefuͤhl und dunkler Gedanke. He above the rest, sagt Milton vom Helden seines Gedichts Jn shape and gesture proudly eminent Stand lixe a towr — und alle Homerische und alle aͤlteste Erzaͤhlungen von Goͤttern und Helden sind also. Der alte Kuͤnstler muste also das Gefuͤhl haben und aus- druͤcken, oder es waren nicht die Goͤtter mehr, und wenn es Lysippus selbst an seinem kleinen zierlichen Herkules, Einen Fuß hoch, ausdruͤck- te, daß der begeisterte Statius schreiet: — Deus, ille Deus, seseque videndum Jndulsit, Lysippe, tibi, parvusque videri Sentirique ingens, et cum mirabilis intra Stet mensura pedem, tamen exclamare licebit Si Si visus per membra feras: hoc pectora pressus Vastator Nemaees — und also Lysippus Fußlange Figur in Statius Seele oder Munde Kolossus ward, ja, um Her- kules zu seyn, es werden muste; welche Blume von Jrorens Haupt will es denn dem Kuͤnstler verbieten, statt Eines Einige Fuͤße zu nehmen, wenn er damit dem umfassenden tastenden Auge hoͤheres Gefuͤhl gibt? Ueberhaupt duͤnkt uns al- les groͤßer , was unsre Hand tastet , als was das Auge schnell , wie der Blitz, auf einmal und nach taͤglicher Weise siehet . Die Hand tastet nie ganz , kann keine Form auf einmal fassen, als die Form der Ruhe und zusammengesenkter Vollkommenheit, die Kugel. Auf der ruhet auch sie und die Kugel in ihr; sonst aber, bei artikulirten Formen und am meisten im Gefuͤhl eines Menschlichen Koͤrpers, selbst wenn er das kleinste Crucifix waͤre, ist sie nie ganz, nie zu Ende, sie tastet gewissermaasse immer unend- lich . Das Kolossalische ist also ihrem Gefuͤhl so nah und natuͤrlich, als es dem Farbenbrett aus Einem Lichtpunkt fremd ist. Dies muß, und gewissermaasse auf Einmal, uͤbersehen wer- den koͤnnen, oder es steht uͤberwaͤltigend vor uns, eine Gigantische, abscheulichgezerrte, uns er- druͤckende Larvenmauer. — Rechnen wir nun noch hinzu, daß unsrer tastenden Hand das Leb- lose lose groͤßer duͤnkt, als das Belebte , wo jede Durchregung des Hauches der Seele uns Glie- der und Unterschiede darstellt: (denn eine abge- hauenkalte Hand duͤnkt unserm Gefuͤhl und selbst unserm Auge groͤßer, als da sie Glied am Koͤr- per war und Leben sie durchwallte). Und neh- men wir hiezu noch Dunkelheit und Nacht , in der der Sinn tastet, die langsam erfuͤhlte Ein- heit und Unbezeichnung , die ein solches Bild verleihet, den Begrif von Macht und Fuͤlle , langsamem und starkem Willen , der in dem Ge- baͤu wohnet: so kann nicht blos, so muß gleich- sam jeder hohe und starke Gott, jede Goͤttin der Erhabenheit und Ehrfurcht, unsrer Einbildung Kolossalisch und wenigstens uͤbermenschlich wer- den uͤber unsre Zwergengroͤße. Die bildende Kunst tritt hier in die Mitte zwischen Dichter und Mahler. Jener kennt gar keine Grenzen, als die ihm der Flug seiner Phantasie und die Schoͤpfersmacht, die in ihm wohnet, zeichnen. Sein Auge wie der unendliche Shakespear sagt: Jn a fine frenzy rolling Doth glance from heav’n to earth, from earth to heav’n, And as imagination bodies forth The forms of things unknown, the poets pen Turns them to shape and gives to aiery nothing A local habitation and a name — ja, ja, was sonderbar ist, um die simpelste Kindes- erzaͤhlung, nach Morgenlaͤndischer Art, wo al- les ohne Beiwoͤrter und Schoͤnfaͤrbung, in un- endlicher Einfalt und schlichter Unbezeichnung dasteht, hat sie den meisten Spielraum. Der Mahler hat auch seine Unendlichkeit, aber nur Unendlichkeit eines Continuum , einer flachen Lichttafel . Er kann Himmel und Erde, Mei- lenweit hingeworfne Gegenden und Gebiete der Einbildung mahlen, aber keine Kolossalfiguren: denn Formen sind ihm aus einem fremden Sin- ne. Er muß sie darstellen, wie es der Rahm seines Bildes, die Gesetze der Lichtbrechung und Farbengabe, kurz sein Sinn und Medium fo- dern. Der Bildner steht im Dunkel der Nacht und ertastet sich Goͤttergestalten. Die Erzaͤh- lungen der Dichter sind vor und in ihm: er fuͤhlt Homers Minerva, die den gewaltigen Stein ergreift, an dem einst so viel Riesen der Vorzeit trugen: fuͤhlt ihr gewaltiges Haupt, dessen Helm so viel Krieger birgt, als hundert Staͤte ins Feld zu stellen vermoͤgen: fuͤhlt den Schritt Neptuns, die Brust Alcides, den Wink der Augenbranen Jupiters; kann, was in diesem Gefuͤhl aus seiner Hand kommt, klein oder klein- lich seyn? Jeder Raum ist ihm nun gleichguͤl- tig, wo er nur diese Formenschwangre Gefuͤhle hinlegen oder ausdruͤcken kann. Sei Jupiter Einer Einer Elle oder sechs Ellen hoch; umfasset ihn nur sein Sinn und der Sinn des Schauenden in Majestaͤt und Wuͤrde, das ist sein Raum und seine Grenze . Eben dies innere Gefuͤhl mißt ihm auch jede Spanne des Kolossus mit Weisheit des Ein- drucks und Standorts zu, auf den er sein Werk richtet. Der Juͤngling Apollo darf ein uͤber- menschlich stolzes Gewaͤchs seyn, aber kein Ko- lossus; denn er ist nicht Jupiter, und die Schlanke und Schnelligkeit seiner Glieder wuͤr- de in einer Thurmgestalt erliegen. Was von einer Juno, oder der Mutter aller Goͤtter gilt, gilt nicht von der lieblichen Aphrodite. — Un- saͤgliche Weisheit, die die Griechen auch bei der Groͤße bewiesen, die sie jedem ihrer Himmels- und Erdengewaͤchse zuwogen. Diese Weisheit spricht uns noch, da sie alle als kahle Mythologie und Akademische Wachparade dahin gepflanzt sind auf Einen Grund und Boden; und wie muß sie gesprochen haben, als jede Statue an ihrem Ort stand, in ihrer Hoͤhe und heiligen Entfernung! Unter den Roͤmern ging dies weise Gefuͤhl verlohren: Flora oder ein Consul und Jmperator konnte Kolossus werden, nachdem der Kuͤnstler Stein hatte oder der Jmperator Metall aufwenden wollte. Die Kunst war un- ter ihnen Griechenhandwerk. 3. Und 3. Und endlich. Was hat die Allegorie mit der bildenden Kunst zu schaffen? Wie weit kann diese allegorisiren? Die Frage ist sehr verwirret worden, weil man alle Kuͤnste, ja gar ( horribile dictu! ) alle Wissenschaften mit ihnen auf Einerlei Grunde betrachtet hat, ohne einzusehen, daß diese im Gebrauch keines Zwirnsfadens und keiner Nadel- spitze Eins sind. Ueber Winkelmanns Werk, das die Allegorie im weitlaͤuftigsten Sinne nimmt und, da es den ersten Anfang einer Ruͤst- kammer fuͤr alle Kuͤnste des Schoͤnen geben woll- te, nothwendig so allgemein seyn muste, uͤber dies Werk, sage ich, ist viel seltner und halb- wahrer Tadel vorgebracht worden, durch den weder dem Kuͤnstler noch Weisen Gnuͤge ge- schiehet. Die Hauptfrage bleibt: was ist Al- legorie? und was ist sie hier ? Durch welche Mittel wuͤrkt, auf welchem Boden steht sie? und da ergibt sich, jede Kunst muß voͤllig ihre eigne haben, oder es gibt gar keine. Jener weise Alte machte daher den Begriff der Allegorie so groß: sie bedeutet Eins durchs Andere , αλλο durch αλλο. Wie sie das be- deute? von welcher Art das αλλο und αλλο sei? das kann nicht die allgemeine Theorie, das muß Stand, Absicht, Kunst, kurz der einzel- ne , hier bestimmte Gebrauch lehren. Jch Jch kann sagen, daß bildende Kunst eine bestaͤndige Allegorie sei, denn sie bildet Seele durch Koͤrper , und zwei groͤßere αλλα kanns wohl nicht geben, insonderheit wenn man die Philosophen der Gelegenheit und der praͤstabi- lirten Harmonie um Rath fraͤgt. Der Kuͤnst- ler hat das Vorbild von Geist, Charakter, Seele in sich und schafft diesem Fleisch und Gebein : er allegorisirt also durch alle Glieder . Verhaͤltniß ist ihm nur das Nichtohne , die Bedingung, nie aber das Wesen seiner Kunst oder die Ursache ihrer Wuͤrkung. Dies ist Seele , die sich Form schafft, und wo beide, Form und Seele, vom Verhaͤltniß gelinde ab- zuweichen befehlen, kann er nicht blos, son- dern muß abweichen, wie bei Apollo’s laͤngern Schenkeln, bei Herkules dickerm Halse, u. f. Ueberhaupt Verhaͤltniß in der Kunst zum Haupt- werk machen, und fuͤr Antinous und Mars, Jupiter und den Faun Ein und dasselbe festse- tzen, heißt, jedem Perioden und Gliede einer Allegorie Ein Maas vorschreiben, oder aus der Algebra Musik komponiren. Leibhafte Form ist der Tempel und Geist die Gottheit, die ihn durchhauchet: da nun nicht jeder Gott und jeder Tempel gleicher Art ist, so koͤnnen bis auf jedes Winkelchen in ihm unmoͤglich dieselbe Ver- haͤltnisse gelten. — Und Und hier ists abermal besonders, daß, je we- niger ein Glied Antheil an Geist , insonderheit an Bewegung und Leben hat, desto mehr ist sein Verhaͤltniß bestimmt , und darf nicht ab- geaͤndert werden. So ists z. B. mit dem Un- terleibe: verlaͤngert oder verkuͤrzt ihn, er wird gleich unfoͤrmlich. Aber in den Gliedern, wo Rege, Leben, Bewegung spricht und jetzt dies Glied vorspricht , da muß der Geist, der uͤberm Kuͤnstler schwebt, ihm im feinsten Schwunge der Form allein Auskunft geben. Es ist ge- bildete Allegorie eines geistigen Sinnes , der sich hier in den Stein senkte. So kann man von der bildenden Allegorie sprechen; allein ich begreife sehr wohl, daß das nur uneigentlich gesprochen heißt, weil wir, die so wenig im Gefuͤhl der Plastik leben, dem Worte Allegorie gerade die Bedeutung gegeben haben, die nicht in ihr, sondern in andern, leichtern Kuͤnsten und Wissenschaften vorkommt. Und in deren Sinne kann jene freilich nicht alle- gorisiren . Bloßen Witz, eine feine Bezie- hung zwischen zweien Begriffen, oder das Ab- straktum eines fliegenden Dufts und eines ver- fliegenden Schmetterlings in den Stein zu sen- ken, und denselben daraus wiederum zu erta- sten; dazu ist der Stein zu schwer und die Hand zu grob, und die Arbeit lohnt nicht der Muͤhe. J Moͤgen Moͤgen andre Kuͤnste dies bemerken und inson- derheit der Hauch , die Rede , den fluͤchtigen Schmetterling von Witz und Abstraktion ha- schen; die Statue ist dazu zu Wahr , zu Ganz , zu sehr Eins , zu Heilig . Die bildende Natur hasset Abstracta: sie gab nie Einem Alles und jedem das Seinige auf die seineste Weise. Die bildende Kunst, die ihr nacheifert, muß es auch thun, oder sie ist ihres Namens nicht werth. Sie bildet nicht Abstrakta, sondern Personen ; jetzt die Per- son, in dem Charakter, und den Charakter in jedem Gliede und in Ort und Stellung als ob sie nur der Zauberstab beruͤhrt und lebend in Stein gesenkt haͤtte. Es ist nicht die abstrakte Liebe , die dasteht, sondern der Gott , die Goͤttin der Liebe: nicht die Frau Gottheit und die Jungfrau Tugend , sondern Minerva, Juno, Venus, Apollo und wie die hoͤchstbe- stimmten Namen, Gebilde und Personen fer- ner lauten. Dem muͤßigen Kopf, der den Red- ner, den Dichter, den Mahler allegorisirt, kann ichs vergeben; der mir aber hier bei der Bild- saͤule, wo im hoͤchsten Grad alles substanziell, wahr und bestimmt ist, Fledermaͤuse hascht, die nicht Kunst sind noch Dichtkunst, weder Seele noch Koͤrper; dem mags von den allego- risirten Goͤttern selbst vergeben werden. Wenn Wenn Eine Kunst uns bei Substanz und Wuͤrklichkeit vestzuhalten vermag, ists diese: und wird sie Gespenst, was sollte nicht Gespenst werden? Der alte Kuͤnstler konnte Verschiede- nes an Verschiednem studiren (und nur einem Neuern hats fremde geduͤnkt, wie er so etwas konnte und muste?). Aber wenn er nun schuf , so ward das Verschiedene ein Eins , mit Hal- tung und Seele aus seiner Seele. Er sprach zum Felsen: wandle, sei die Person, lebe. So sah alle Abgoͤtterei die Kunst an. Der einzelne bestimmte Gott war gegenwaͤrtig und hoͤrte. So nannten die Griechen die Statuen. Es war nicht mehr Apollo allgemein, geschwei- ge die liebe Sonne, oder die personificirte Dicht- kunst; es war der Apollo, Smintheus, De- lius, Pythius , Αγρευς, wie es Ort und Attribut sagte. Diese Attribute waren so we- nig Allegorie (wie wir nach der Poetik das Wort nehmen), als Herkules Kaͤule oder die Nase unsers Angesichts; historische, individuel- le Kennzeichen warens, diesen Gott und jetzt und hier zu bezeichnen. Sie bedeuteten , aber keine Abstraktion; ein Jndividuum deuteten sie an, wie’s ohne Schrift angedeutet werden konnte. Man gehe die Statuen der Goͤtter und die aus ihnen gesammleten Allegorien durch; man wird sie saͤmmtlich dieser Art finden. J 2 Es Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, ob und wie die Griechen ihre Bildnerei von ei- nem fremden Volk erhielten ? sondern was sie aus ihr machten und wozu sie, da sich die Kunst formte, dieselbe geschaffen glaubten? Jupiters drittes Auge vor der Stirn blieb in den Zeiten der Kunst weg, denn es war ein Allegorisches und kein natuͤrliches Auge. Die Gestalt selbst muste Jupiter seyn: das uͤbrige konnte Dichter, Priester oder jeder dazu sagen, ders wollte. Wenn also die Ausleger und Zeichendeuter mit Deutung der Attribute so fein und reich sind: so lasse ichs zwar als Witz und Poem gel- ten; zweifle aber, ob der Griechische Kuͤnstler oder Priester oder Anbeter das dabei dachten? Es war meistens ein historischer Umstand , der dem Gott einen eignen Namen gab und den nun dies eigne Attribut bezeichnen sollte. „Du bist „nicht Jupiter, du, sondern mein, unser Ju- „piter, der du da warst„! also eigentlich ein Abgott . Je feiner meistens die Auslegung der Allegorie, desto unwahrer. — Freilich war um einen Gott und Helden so leicht nichts, was nicht Gedanken erweckte, und bei den Griechen warens treffende, natuͤrliche Gedanken; nur nicht aus Abstrakten , nicht aus gedichteter Allegorie , sondern aus Um- staͤn- staͤnden der Geschichte . Der Charakter des Gottes und Helden (Allegorie genug) war dem Kuͤnstler gegeben : den druͤckte er aus, das uͤbri- ge war ihm Unterstuͤtzung und Aufklaͤrung dessel- ben, oder historische, Lokal- und Tempel- deutung . „So war denn den Griechen die Allegorie „zuwider„? Nichts minder, sie war nur nicht uͤberall ihr Hauptwerk . Der Grieche fuͤhlte es zu gut, daß, um Allegorische Personen tanzen zu lassen, man kein Theater bauen, kein Epos dich- ten und keinen Marmorfels aushoͤlen doͤrfe. Er fuͤhlte es zu gut, daß, wenn eine Allegorie schoͤn und lieb seyn soll, muͤste sie klein, simpel, schmal umruͤndet werden, ein Edelstein im Ringe — kurz nicht den Kolossus, sondern die Gemme , die Muͤnze , die Urne , das Bas-relief wid- mete man ihr, und da war sie an Stelle. Gibt mir die Goͤttin Tyche (denn es ist bil- lig, daß ich uͤber die Allegorie auch allegorisi- re) gibt sie mir Muße und Lust und Liebe, die mehr als Muße ist, meine Flicke hingeworfner Gedanken uͤber die Anaglyphik zu sammeln; ich freue mich, wenn ich an die Stunden denke, die mir die simpelste Gruppe der Welt, die Griechische Allegorie , einst verlieh. Da werden wir Griechengeist in der niedlichsten Bil- dersprache entdecken; hier, befuͤrchte ich, ists J 3 zu zu fruͤh. Ein Jupiter, Herkules und Apollo, ein Laokoon und Alexander sind zu große oder zu bestimmte Wesen als daß Allegorie sie um- flattern sollte. Was Hand und Geist an ih- nen erfasset, ist Allegorie gnug, d. i. Sinn und Geist eines gegenwaͤrtigen himmlischen Wesens. Sie waren auf bestimmte Tradition und Kin- desgeschichte gebauet; die zu bestimmen , wo sie wankte, sie auf Einem Punkt Persoͤnlichen Da- seyns vestzuhalten , war des Kuͤnstlers Werk; nicht sie mit Allegorie zu behaͤngen und in Luft zu verduften. Statt dessen trete man an eine in Stein gehauene Tugend , die Dame Gerechtigkeit etwa oder die Jungfrau Froͤmmigkeit, Liebe u. d. gl. was hat man an ihnen? Nichts! Eine in Stein gehauene Seifenblase. Was ich bei ihren Attributen denken soll, weiß ich etwa; aber bei ihnen selbst? daß sie liebe gute Damen sind, die ein Wort, eine abstrakte Redart her- vorbrachte, und die meistens deren auch werth sind. Wollen sie das Hoͤchste ausdruͤcken, was sie bedeuten, (und das sollen sie doch!) so werden sie unleidlich: denn die angestrengteste Gerechtig- keit die allergnaͤdigste Gnade, die allerzerflossen- ste Andacht, die weichste Barmherzigkeit, die lachendste Liebe kann weder Mensch noch Stein tragen. Und ewig ertragen? in dem unna- tuͤr- tuͤrlichen, krallen oder aufgeloͤsten Zustande steht sie immer da, und nichts kann ihr helfen? Hinweg, Grimasse von Stein, und verwandle dich zu dem, was du einst warest, ein Wort, eine Sylbe! Nun aber schwang sich auch meistens der Kuͤnstler nicht so hoch: er wollte seinen Block nicht anstrengen, den hoͤchsten Ton aller Gerechten d. i. die Gerechtigkeit, den Jnbe- grif aller Andaͤchtigen , die Andacht, ewig und unuͤberschwungen zu toͤnen; er blieb also in der seligen Mittelmaͤßigkeit, und so saget er gar nichts . Jst die Pietas hoͤchstens nur etwa eine pia, die Caritas etwa eine cara, beide unbestimmt und ohne Jndividualformen; Schade, lieber Kuͤnstler, um Marmor, und Meißel und Zeit und Muͤhe. Haͤttest du lieber eine bestimmte pia und cara genommen, so stuͤnde die doch leb- haft da, und dein heiliger Vater waͤre mindstens von einigen guten Weibern in Stein beweint und betrauert worden, statt deren jetzt nur ein geschaffenes Nichts , Allegorische Tugenden, um ihn trauren! Bei Grab- und Denkmahlen indeß lasse ich die Allegorie noch gelren: denn oft vertreten jene doch nur die Stelle der Bas-reliefs auf dem Monumente , und etwa der Gemmen und Muͤnzen, sie sind kein freies Kunstbild . Auch J 4 die die Griechen konnten wohl auf ein Grabmahl Psyche und Amor, halb als Allegorie (sie waren aber mehr als solche, sie waren Geschichte ) stellen und ließen das schoͤne Paar, jetzt in neuer Be- kanntschaft, sich schwesterlich kuͤssen und umar- men. Jst irgend ein Ort, da man einen her- abgesunknen Engel erwartet, so ists am Grabe, uͤber der lieben Asche unsrer Todten, wo Alles so still ist, wo kein Laut aus jener Welt hin- uͤbertoͤnet und wo wir doch so gern mehr als Asche faͤnden. Hier ist also auch wohl eine weinende oder troͤstende Tugend zu ertragen, wenn sie, ihres Namens werth, nur als ein weiblicher Engel dasteht. Kann der Verstorbne oder die Verstorbne selbst in oder neben ihr gebildet wer- den, wie wirs erwarten, so ists freilich um so besser. Koͤnnen wuͤrkliche Kinder, eine Ge- liebte, ein Weib daneben gebildet werden, so kehrt fuͤr Kunst und Denkmahl Wahrheit in die Zuͤge, und also besser. — Aber wehe, wenn diese Grabengel, die man der Menschlichkeit, als Denkmahl der Liebe und milde Gabe zuließ, nun Hauptwerk der Kunst werden sollen und gar gelehrte Abstraktionen und Allegorien, wie Gespenster, alles verscheuchen! Jsts sodenn nicht offenbares Zeichen der groͤßten Duͤrftig- keit und Armuth , daß man nichts als solche habe? oder nur solche zu bilden vermoͤge? Wie Wie weit ists mit der Kunst der leibhaften Wahrheit gekommen, wenn sie keine leibhafte Wahrheit mehr hat, wenn sie statt des großen Einen Seeledurchwebten Ganzen nach einem Schmetterlinge von Witz , von Bedeutung , hascht, der um , oder neben oder uͤber ihr schwebe! Und den sie doch auch, so klein der Preis waͤre, nicht einmal zu erreichen, nicht auszudruͤcken vermag, denn zu aller litterarischen und moralischen Allegorie gehoͤrt Gruppe , und im eigentlichsten Verstande hat die die Bildne- rei nicht. „Nicht? die Bildnerei keine Gruppe? „Und Laokoon, Niobe, die beiden Bruͤder„ — Jch weiß das Alles und mehr als das. Jch weiß, daß ein Franzose noch neulich hoch- geruͤhmt hat, „ seine Nation habe das Gruppi- „ren der Bildsaͤulen nagelneu erfunden, sie „habe zuerst Bildsaͤulen malerisch gruppiret, „wie nie ein Alter gruppirt hat„ — Die Bild- saͤulen malerisch gruppiren? siehe, da schnarrt schon das Pfeifchen, denn eigentlich geredt, ists Widerspruch: Bildsaͤulen malerisch gruppiren. Jede Bildsaͤule ist Eins und ein Ganzes: Jede steht fuͤr sich allein da. Was der Gedachte also an den Alten tadelt, war ihnen ausgesuchte Weis- heit , naͤhmlich nicht zu gruppiren, und wo J 5 Gruppe Gruppe seyn muste, sie selbst, so viel moͤglich zu zerstoͤren. Daher musten Laokoons Kinder so klein seyn, ob sie wohl Maͤnner waren: nicht, wie Hogarth meint, seiner Schoͤnheitslinie wegen, daß, wenn uͤber alle drei ein Transportkaste geschlagen wuͤr- de, er in Form der Pyramide oder Lichtflamme da stuͤnde; an solche Zimmerarbeit hat wahrlich der Kuͤnstler nicht gedacht. Woran er dachte und denken muste, war, daß die Jungen dem Alten, zu seiner Groͤße erhoben, auch bei dunkler Nacht im Licht stuͤnden, daß das Ganze sofort Drei und nicht Eins, mithin der Geist des erhabnen Vater- und Todesleidens weg- und scheußlich zertheilt waͤre, wenn alle drei da staͤnden und schrien und vergeblich mit den Schlangen raͤngen. Da er die zwei also nicht wegschaffen konnte, um sein herrliches Bild allein zu geben: so verkleinte er sie wenigstens und erniedrigte sie zu halben Nebenwerken , riß dem einen Jungen das Maul auf (wie jeder feine Kenner der Griechischen Kunst es mit Schrecken sehen kann) verflocht sie in das Gebiet der Schlangen und der Quaal, damit der erhabene Vater in ihrer Mitte allein stehe und als Held und Ringer sein Leiden dem Himmel klage. Die Gruppe Niobe , wo stand sie? und wie wenig ist sie Gruppe! wie fern und zerstreuet liegen die Jhrigen um sie her! und die Juͤngste in in ihren Schoos geflohen, beugt sich und verbirgt sich, damit eben durch sie nur die Mutter allein und erhaben und als Mutter solcher Kinder erschiene. Zwei bruͤderliche Freunde, die sich in der einfachsten Stellung auf einander lehnen; ein Paar, das sich in der einfachsten Stellung mit einem Kuß verschwistert, sind so wenig, Grup- pe zu nennen, als Leda und der Schwan, Ju- piter und sein Adler. Der Kuͤnstler fuͤhlte das ewige Gesetz, das Wesen seiner Kunst, die nur Eins gibt , und in dem Einen Alles ! die, je mehr sie zerstuͤcket, theilt, gruppirt, haͤufet, um so aͤrmer wird und zuletzt eine Taube noͤthig hat, die uͤber der ganzen Gruppe schwebe und mit einem Steinzettel im Schnabel sage: was der Stein- wald bedeute? denn weder dem sehenden Blick noch der tastenden Hand bedeutet jede einzelne Statue nun Etwas . Tretet einmal her an diese noble Gruppe: Arria und Paͤtus , nebst Kammerfrauen und Bedienten . Wo sollt ihr stehen? welcher Per- son im Ruͤcken? denn die Gruppe steht frei von allen Seiten mit mahlerischem Anstande. Und wenn ihr gar euer Gefuͤhl zu Huͤlfe nehmen woll- tet, wo anfangen? wo aufhoͤren? und wo ist nun der Geist? des Bildes Eine ganze Seele ? Alle in Schmerz, alle in Heldenmuth, alle das zaͤrt- zaͤrtliche Woͤrtlein noͤthig habend, der Arria aus dem Munde: non dolet Paete! das denn frei- lich die Hand weder ertappen kann noch mag. Wie simpel steht dagegen der Paͤtus der Alten, und Arria sinkt ihm zu Fuͤßen und er haͤlt sie und endet sein Lebtn. Also wiederum keine mah- lerische Gruppe. Kann nun eine Geschichte in der Bildhaue- rei nicht Gruppe werden, weil jedes fuͤr sich auf seinem Grunde , in seiner Welt stehet; liebe Allegorie, wie wirds mit dir seyn, wenn du, als Schmetterling oder Taube, aus vielen Per- sonen oder Figuren, jede fuͤr sich ganz gebildet, und doch nicht ganz gebildet, (nur fuͤr dich, Allegoria , gebildet!) hervorfliegen sollt? Jch fuͤrchte, du bleibst wo du bist, dem Kuͤnstler im muͤßigen Kopfe, denn in die arbeitende Hand war kein Weg, und aus ihr in den zertheilten Felsen, der nur in seinem Kopf Eins ist, noch minder. Endlich warum wollen wir der Natur wi- derstreben und nicht jede Kunst thun lassen, was sie allein und am besten thun kann? Wo Ein Grund ist, auf Gemme, Muͤnze, Tafel, da bindet die Natur schon durch das Continuum Einer Flaͤche . Gemme, Muͤnze, Bas-Relief, Denkmahl, kann nicht viel mehr als eine Allegorie geben, dazu sind sie da und die geben sie unnach- ahmlich ahmlich. Warum sie von da wegreißen? mit ihr die großen Bilder der Wahrheit, Goͤtter- und Heldengestalten , oder die Zaubertafel histo- rischer Wahrheit , das Gemaͤhlde , verwirren und zu Schatten verscheuchen? Eine Epopee, worinn Allegorien handeln, und ein Drama, worinn Abstraktionen agiren, und eine Geschich- te, worinn sie Pragmatisch tanzen, und ein Staat, worinn sie Jdealisch ordnen, sind herr- liche Meisterstuͤcke; kaum aber herrlicher, als eine bildende Kunst, die sie in Fels gehauen, hinstellt, damit sie doch ja nicht aus der Welt verschwinden. Leipzig , gedruckt in der Breitkopfischen Buchdruckerey. 1778 . Verbesserungen . S. 6. Z. 11. 12. was lies das. — 9. — 19. auf der l. auf die. — 17. — 16. nicht Viel l. Viel. — 32. — 9. Todtenkampfes l. Todeskampfes. — 37. — 2. blieb der l. blieb, der. — 41. — 21. endete sich l. endete fruͤh. — 54. — 1. und selbst l. und wie sie selbst. — 57. — 13. herab oder l. herauf oder. — 63. — 15. Blinde l. blinde. — 76. — 1. und das l. und oft das. — 94. — 11. Abstraks l. Abstrakts. — 95. — 2. blinden l. Blinden. — 102. — 9. edlen l. eklen. — 108. — 6. bei Jch habe, einen neuen Abschnitt. — 117. — 17. Lagen l. lagen. — 119. — 10. lebendig-ungluͤckliche l. lebendig. Ungluͤckliche. — 121. — 3. Herren l. Heroen.