D. Katzenbergers Badereise ; nebst einer Auswahl verbesserter Werkchen ; von Jean Paul . Erstes Bändchen . Heidelberg , bey Mohr und Zimmer . 1809 . Vorrede zum ersten und zweyten Bändchen . M it den Taschenkalendern und Zeitschriften muͤssen die kleinen vermischten Werkchen so zu- nehmen — weil die Schriftsteller jene mit den besten Beytraͤgen zu unterstuͤtzen haben — daß man am Ende kaum ein großes mehr schreibt. Selber der Verfasser dieses (obwohl noch manches großen Werks) ist in acht Zeitschriften und fuͤnf Kalendern ansaͤßig mit kleinen Niederlassungen und liegenden Gruͤnden. Dieß frischte im Jahre 1804 in Jena die Voigtische Buchhandlung an, „kleine Schriften von Jean Paul Friedrich Richter”, ohne mich und ihr Gewissen zu fragen, in den zweyten Druck zu geben. Sie frischt wieder mich an, ihre kleinen Schriften von J. P. gleichfalls ohne zu fragen, hier ans Licht zu stellen. Gelassen lass’ ich hier die Handlung uͤber Nachdruck des Nachdrucks, uͤber Nachverlag des Nachverlags schreien, und mache mit diesem Suͤnden-Bekenntniß gern das Publikum zum H. Stroppinus, welcher der Beichtvater Christi ist Kotzebues Reise nach Italien V. II. . Denn will Voigt klagen, daß ich ihm seinen Verlagsartikel un- brauchbar gemacht und verdorben haͤtte durch voͤl- lige Verbesserung und Umarbeitung desselben: so versetz’ ich, daß nur ein Sechstel dieses Buchs aus jenem genommen ist. Das zweyte Sechstel sammelte ich aus Zeitschriften, woraus er noch nichts von mir gesammelt. Das zweyte und das dritte Drittel dieses Buchs sind ganz neu, naͤmlich D. Katzenber- gers Badreise und Geschichte, so wie die Schluß-Polymeter; aber hieruͤber sey ein Beicht- wort an den Leser vergoͤnnt, wurd’ es ihm auch schwerer, zum zweytenmale der H. Stroppinus zu seyn. Und doch sind uͤber das folgende leich- ter vergebende Beichtvaͤter zu haben, als Beicht- muͤtter. Es betrifft den Zynismus des Doktors Katzenberger. Es gibt aber viererley Zynismen. Der erste ist der rohe in Betreff des Geschlechts , wie ihn Aristophanes, Rabelais, Fischart, uͤberhaupt die alten, obwol keuschen Deutschen und die Aerzte haben. Dieser ist nicht sowol gegen Sitt- lichkeit als gegen Geschmack und Zeit. Der zweyte Zynismus, den die Vernunftlehre an- nimmt, ist der subtile der Franzosen, der aͤhn- lich dem subtilen Todtschlag und Diebstahl der alten Gottesgelehrten einen zarten subtilen Ehe- bruch abgibt; dieser glatte nattergiftige Zynis- mus, der schwarze Laster zu glaͤnzenden Suͤn- den ausmalt und welcher, die Suͤnde verdeckend und erweckend, nicht als Satiriker die spani- schen Fliegen etwan zu Ableitungs-Schmerzen auflegt, sondern welcher als Verfuͤhrer die Kan- thariden zu Untergangs-Reitzen innerlich ein- gibt. Dieser zweyte Zynismus nimmt freylich wie Kupfer bey der Ausstellung ins Freye bloß die Farbe des Gruͤns an, das aber vergiftet, indeß der erste schwere gleich Blei zur schwar- zen verwittert. Von dem zweyten Zynismus unterscheidet sich uͤberhaupt der erste so vortheilhaft-sittlich; wie etwan (um undeutlicher zu sprechen) Epikurs Stall von der Sterkoranisten-Stuhl, worin das Gottgewordene nicht Mensch wird, oder auch wie bone de Paris (Lutetiae) oder caca du Dauphin von des griechischen Diogenes offi- zinellem album graecum. — Beynahe macht die Rechtfertigung sich selber noͤthig; ich eile daher zum Dritten Zynismus, welcher bloß uͤber na- tuͤrliche, aber geschlechtslose Dinge natuͤr- lich spricht, wie jeder Arzt ebenfalls. Was kann aber hier die jetzt-deutsche Prüderie und Phrasen-Kleinstaͤdterey erwiedern, wenn ich sage: daß ich bey den besten Franzosen (z. B. Voltaire) haͤufig den cû, derrière und das pisser, angetroffen, nicht zu gedenken der filles-à-douleur? In der That ein Franzose sagt manches, ein Englaͤnder gar noch mehr. Dennoch wollen wir Deutsche das an uns Deut- schen nicht leiden, was wir an solchen Britten verzeihen und genießen als hier hintereinander gehen: Buttler, Shakspeare, Swift, Pope, Sterne, Smollet, der kleinern wie Donne, Peter Pindars und anderer zu geschweigen. Aber nicht einmal noch hat ein Deutscher so viel gewagt als die sonst in Sitten, Sprachen, Ge- schlechts- und Gesellschafts-Punkten und in weis- ser Wäsche so zart bedenklichen Britten. Der reinliche so wie keusche Swift druͤckte eben aus Liebe fuͤr diese geistige und leibliche Reinheit die Pazienten recht tief in sein satirisches Schlamm- bad. Seine Zweydeutigkeiten gleichen unsern Kaffeebohnen, die nie aufgehen koͤnnen, weil wir nur halbe haben. Aber wir altjuͤngferlichen Deutschen bleiben die seltsamste Verschmelzung von Kleinstaͤdterey und Weltbuͤrgerschaft, die wir nur kennen. Man bessere uns! Nur ists schwer; wir vergeben leichter auslaͤndische Son- nenflecken als inlaͤndische Sonnenfackeln. Unser salvo titulo und unser salva venia halten wir stets als die zu- und abtreibenden Rede-Pole den Leuten entgegen. Der vierte (vielleicht der beste) Zynis- mus ist der meinige, zumal in der katzenberge- rischen Badgeschichte. Dieß schließe ich daraus, weil er in der reinlichsten Ferne sich in die ge- dachten brittischen Fußtapfen begiebt und sich wenig erlaubt oder nichts, sondern immer den Grundsatz festhaͤlt, daß das Komische jene An- naͤherung an die Zensur-Freiheiten der Arznei- kunde verstatte, verlange, verziere, welche hier wie natuͤrlich in der Badgeschichte eines Arztes nicht fehlen konnte. Schon Leßing hat in sei- nem Laokoon das Komisch-Ekle (das Ekel-Komi- sche ist freilich etwas anderes) in Schutz genom- men durch Gruͤnde und durch Beyspiele z. B. aus des feinen Lord Chesterfield Stall- und Kuͤ- chenstuͤck einer hottentottischen Toilette. Genug davon! Damit mir aber der gute Le- ser nicht so sehr glaube; so versichere ich aus- druͤcklich, daß ich ihn mit der ganzen Klassifika- zion von vier Zynismen gleichsam wie mit hei- lendem Vierraͤuberessig bloß vorausbesprenge, um viel groͤßere Befuͤrchtungen vor Katzenberger zu erregen als eintreffen, weil man damit am besten die eingetroffnen entschuldigt und verklei- nert. Gebe der Himmel, daß ich mit diesen zwey Bändchen das Publikum ermuntere, mich zu recht vielen zu ermuntern. Bayreuth den 28. May 1808. Jean Paul Fr. Richter . Druckfehler des ersten Baͤndchens . Man ersucht sehr den Buchbinder, das Verzeichniß der- selben hinter die Vorrede einzuheften; aber noch mehr fleht man den Bücherverleiher an, sämtliche Fehler zu verbessern, eh’ er sie ausleiht. Seite 6 Zeile 6 statt Schwächungen ließ Schmähungen — 15 — 14 st. wiederkommst l. niederkommst — 33 — 9 st. heben l. haben — 35 — 5 st. auch l. euch — 35 — 9 st. das l. des — 49 — 15 st. nichtig l. richtig — 52 — 10 st. denselben l. dasselbe — 57 — 9 st. Ganze l. ganze — 69 — 3 v. u. st. sie l. sich — 77 — 3 st. gib l. gibt — 83 — 4 v. u. st. gottlos l. gottlob — 86 — 6 v. u. st. ausbacken l. ausbatzen — 92 — 11 st. Gott l. Gold — 125 — 5 fehlt Bibliothek — 158 — 5 streiche des Auges weg. — 214 — 4 st. sich l. sie — 223 — 6 nach ordentlich fehlt als — 225 — 6 st. Rechenkenner l. Rechenkammer — 250 — 6 vor Antwort fehlt keine Druckfehler des zweyten Baͤndchens . Seite 9 Zeile 12 st. dieser l. dieses — 34 — 2 v. u. st. Thränenwag l. Thränenweg — 36 — 8 st. beliebte l. beleibte — 80 — 10 st. noch l. nach — 85 — 10 fehlt warum — 95 — 3 st. gibt l. gilt — 161 — 5 st. stecken l. sticken — 176 — 7 st. einer l. reiner — 195 — 11 st. hinreiche l. hinreicht — 210 — 11 st. dringende l. dingende — 211 — 5 v. u. st. Walkboden l. Welkboden . D. Katzenbergers Badegeschichte . Erste Abtheilung . Erster Theil. 1 1. Summula. Anstalten zur Badreise . ” E in Gelehrter, der den ersten July mit sei- ner Tochter in seinem Wagen mit eignen Pfer- den ins Bad Maulbronn abreiset, wuͤnscht einige oder mehrere Reisegesellschafter.” — Die- ses ließ der verwittibte ausuͤbende Arzt und ana- tomische Professor Katzenberger ins Wo- chenblatt setzen. Aber kein Mensch auf der gan- zen Universitaͤt Pira (im Fürstenthume Zaͤckin- gen) wollte mit ihm gern ein paar Tage unter einem Kutschenhimmel leben; jeder hatte seine Gruͤnde — und diese bestanden alle darinn, daß niemand mit ihm wohlfeil fuhr, als zuweilen ein hinten aufgesprungener Gassenjunge; gleich- sam, als waͤre der Doktor ein imparochierter Postraͤuber von innen, so sehr kelterte er mun- tere Reisegefaͤhrten durch Zu- und Vor- und Nachschüsse gewoͤhnlich so aus, daß sie nachher als lebhafte Koͤpfe schwuren, auf einem Eilboten- Pferde wollten sie wohlseiler angekommen seyn, und auf einer Krüppelfuhre geschwinder. Daß sich niemand, als Wagen-Mitbelehn- ter meldete, war ihm als wohlhabenden Manne herzlich einerley, da er mit der Anzeige schon genug dadurch erreichte, daß mit ihm kein Be- kannter von Rang umsonst mitfahren konnte. Er hatte naͤmlich eine besondere Kaͤlte gegen Leute von hoͤherem oder seinem Range, und lud sie deshalb ungern zu Dinnées, Soupées, Gou- tées, Thées ein, die er deswegen niemals gab — leichter besucht’ er selbst die ihrigen aus Feind- schaft und Ironnie; — denn er denke, (sagt’ er) wohl von nichts gleichguͤltiger, als von Ehren- Gastereien, und er wollte eben so gern à la Four- chette des Bajonets gespeiset seyn, als feurig wetteifern mit den Großen seiner Stadt im Gastieren, er lege das Tischtuch lieber auf den Katzentisch. Nur einmal — und dieß aus hal- bem Scherz — gab er ein Goutée oder Degou- tée, indem er um 5 Uhr einer Gesellschaft seiner Tochter seinen Thee einnöthigte, der Camillen- Thee war. Man gebe ihm aber, sagte er, Lum- penpack, Aschenbrödel, Kothsassen, Soldaten auf Stelzfuͤßen; so wißt’ er, wem er gern zu geben habe; denn die Niedrigkeit und Armuth sey eine hartnaͤckige Krankheit, zu deren Hei- lung Jahre gehören, vom Töpfer oder Topf-Ko- lik, ein nachlassender Puls, eine fallende und galoppierende Schwindsucht, ein taͤgliches Fie- ber; — venienti, aber sage man currite morbo, d. h. man gehe doch dem herkommenden Lumpen entgegen, und schenk’ ihm einen Heller, das treue- ste Geld, das kein Fuͤrst sehr devalvieren koͤnne. Der Zweck seiner Badreise war aber nicht, in Maulbronn sich zu baden — oder seine Toch- ter — oder da sich zu belustigen — oder diese — sondern es war der in der folgenden . 2. Summula. Reise-Zwecke . K atzenberger machte weniger eine Lust- als eine Geschaͤftsreise ins Bad, naͤmlich um da seinen Recensenten beträchtlich auszupruͤgeln, und da- bey mit Schwaͤchungen an der Ehre anzugreifen, naͤmlich den Brunnen-Arzt Strykius , der seine drey bekannten Meisterwerke — den The- saurus Haematologiae, die de monstris epi- stola, den fasciculus exercitationum in ra- biem caninam anatomico medico curio- sarum — nicht nur in sieben Zeitungen, sondern auch in sieben Antworten (Metakritiken) auf seine Antikritiken uͤberaus heruntergesetzt hatte. Nebenbey wollte er auch auf seinen vier Rädern einer Gevatterschaft entkommen, deren Verheißung ihm eine halbe Drohung war. Es stand die Niederkunft einer Freundin seiner Toch- ter vor der Thuͤre. Bisher hatte er hin und her versucht, sich mit dem Vater des Droh-Path- chens (einem gewissen Mehlhorn ) etwas zu uͤberwerfen und zu zerfallen, und daher ihm manches von dessen guten Namen abgeschnitten, eben um nicht den seinigen am Taufsteine herlei- hen zu müssen. Allein es hatte ihm das Erbit- tern des gutmuͤthigen Zollers und Umgelders So heißen in Pira, so wie in einigen Reichsstädten, Umgelds- und Zoll-Einnehmer. Mehlhorn nicht besonders glücken wollen, und er war jede Minute einer warmen Umhal- sung gewärtig; in welcher er die Gevatterarme nicht sehr von Strangulierstricken unterschied. „Bin ich und meine Tochter ( Theoda ) abge- flogen, sagte er, so ists doch etwas, die Frau mag kreisen, so oft sie will. 3. Summula. Ein Reisegefährte . W ider alle Erwartung meldete sich am Vor- abend der Abreise ein Fremder zur Mitbelehn- schaft des Wagens. Waͤhrend der Doktor in seinem Misgeburten- Kabinette einiges abstaͤubte von ausgestopften Thierleichen, durch Räuchern die Motten (die Teufel derselben) vertrieb, und den Embryonen in ihren Glaͤschen Spiritus zu trinken gab: trat ein fremder feingekleideter und feingesitteter Herr ein, nannte sich Herr von Nieß , und uͤber- reichte der Tochter des Doktors nach der Frage, ob Sie Theoda heiße, ein blaueingeschlagenes Briefchen an sie, es ist von meinem Freunde, dem Buͤhnen-Dichter Theudobach , sagte er. Das Maͤdchen entgluͤhte hochroth, und riß zit- ternd mit dem Umschlag in den Brief hinein (die Liebe und der Haß zerreißen den Brief, so- wie beyde den Menschen verschlingen wollen) und durchlas hastig die Buchstaben, ohne ein an- deres Wort daraus zu verstehen und zu behalten, als den Namen Theudobach. Hr. v. Nieß schauete unter ihrem Lesen scharf und ruhig auf ihrem geistreichen beweglichen Gesicht und in ihren braunen Feuer-Augen dem Entzuͤcken zu, das wie ein weinendes Laͤcheln aussah; einige Pocken- gruben legten dem beseelten und wie Frühlings- Buͤsche zart und glaͤnzend-durchsichtigen Ange- sicht noch einige Reize zu, um welche der Doktor Jenner die künftigen Schönen bringt. „Ich reise, sagte der Edelmann darauf, eben nach dem Badeorte, um da mit einer kleinen dekla- mierenden und musikalischen Akademie von einigen Schauspielen meines Freundes auf seine Ankunft selber vorzubereiten.” Sie blieb unter der schwe- ren Freude kaum aufrecht; den zarten, nur an leichte Blüten gewohnten Zweig, wollte fast das Fruchtgehaͤnge niederziehen. Sie zuckte mit ei- ner Bewegung nach Nießens Hand, als wollte sie die Ueberbringerinn solcher Schätze kuͤssen, streckte ihre aber — heiß und roth uͤber ihren, wie sie hoffte, unerrathenen Fehlgriff — schnell nach der entfernten Thuͤre des Mißgeburten-Ka- binettes aus: „da drinn ist mein Vater, der sich freuen wird.” Er fuhr fort: er wuͤnsche eben ihn mehr kennen zu lernen, da er dessen treffliche Werke, wie wohl als Laie, gelesen. Sie sprang nach der Thuͤre. „Sie hörten mich nicht aus — sagte er laͤchelnd —; Da ich nun im Wochenblatte die schöne Möglichkeit gelesen, zugleich mit einer Freundin meines Freundes, und mit einem gro- ßen Gelehrten zu reisen”: Hier aber setzte sie ins Kabinet hinein und zog den raͤuchernden Kat- zenberger mit einem ausgestopften Saͤbelschnaͤb- ler in der Hand ins Zimmer. Sie selber ent- lief ohne Schaul uͤber die Gasse, um ihrer schwangern Freundin Bona die schönste Neu- igkeit und Abschied zu sagen. Sie mußte aber jubeln und stuͤrmen. Denn sie hatte vor einiger Zeit an den großen Buͤh- nendichter Theudobach — der bekanntlich mit Schiller und Kotzebue die drey deutschen Hora- zier ausmacht, die wir den drey tragischen Ku- riaziern Frankreichs und Griechenlands entgegen- setzen — in der Kühnheit des langen geistigen Liebestrankes der Jugendzeit unter ihrem Na- men geschrieben, ohne Vater und Freundin zu fragen, und hatte ihm gleichsam in einem war- men Gewitterregen ihres Herzens alle Thraͤnen und Blitze gezeigt, die er wie ein Sonnengott in ihr geschaffen und gesammelt hatte. Seelig, wer bewundert, und den unbekannten Gott schon auf der Erde als bekannten antrift ! — Im Briefchen hatte sie noch uͤber ein umlaufendes Gericht seiner Badreise nach Maulbronn gefragt, und die seinige unter die Antriebe der ihrigen ge- setzt. Alle ihre schoͤnsten Wünsche hatte nun sein Blatt erfuͤllt. 4. Summula. Bona . B ona — die Frau des Umgelders Mehl- horn — und Theoda blieben zwey Milchschwe- stern der Freundschaft, welche Katzenberger nicht aus einander treiben konnte, er mochte an ihnen so viel scheidekuͤnsteln, als er wollte. Theoda nun trug ihr brausendes Saitenspiel der Freude in die Abschiedsstunde zur schwangern Freun- din; und reichte ihr Theudobachs Brief, zwang sie aber zu gleicher Zeit dessen Inhalt durchzuse- hen, und von ihr anzuhoͤren. Bona suchte es zu vereinigen, und blickte mehrmals zuhorchend zu ihr auf, sobald sie einige Zeilen gelesen: „so nimmst du gewiß einen recht frohen Abschied von hier?” sagte sie. Den frohesten versetzte Theoda. „Sey nur deine Ankunft auch so, du springfed- riges Wesen! Bringe uns besonders dein be- schnittenes aufgeworfnes Naͤschen wieder zurück und dein Backenroth! Aber dein deutsches Herz wird ewig französisches Blut umtreiben,” sagte Bona. Theoda hatte eine Elsasserin zur Mut- ter gehabt. — „Schneie noch dicker in mein We- senchen hinein!” sagte Theoda. „Ich thu’ es schon, denn ich kenne dich. „Schon ein Mann ist im Ganzen ein halber Schelm, ein abgefeiner- ter Mann vollends, ein Theaterschreiber aber ist gar ein fuͤnfviertels Dieb; dennoch wirst du, fürchte ich, in Maulbronn vor deinem theuern Dichter mit deinem ganzen Herzen herausbrau- sen, und platzen, und hundert ungestuͤme Dinge thun, nach denen freylich dein Vater nichts fragt, aber ich.” „Wie Bona, fürcht’ ich denn den großen Dichter nicht? Kaum ihn anzusehen, geschweige anzureden wag’ ich!” sagte sie. „Vor Kotzebue wolltest du dich auch scheuen; und thatest doch dann keck und maͤusig,” sagte Bona. — „Ach innerlich nicht,” versetzte sie. Allerdings naͤhern die Weiber sich großen Haͤuptern und großen Koͤpfen, — was oft un- ter Einer Krone verbunden seyn kann — mit einer weniger blöden Verworrenheit, als die Maͤnner, indeß ist hier Schein in allen Ecken; ihre Blödigkeit vor dem Gegenstande verkleidet sich in die gewöhnliche vor dem Geschlecht; — der Gegenstand der Verehrung findet selber etwas zu verehren vor sich — und muß sich zu zeigen suchen, wie die Frau sich zu decken; — und endlich bauet jede auf ihr Gesicht: „man küßt manchem heiligen Vater den Pantoffel, unter den man ihn zuletzt selber bekommt,” kann die jede denken. „Und was waͤre es denn? fuhr Theoda fort, wenn ein dichtertolles Maͤdchen einem Herder oder Göthe oͤffentlich auf einem Tanzsaale um den Hals fiele?” — „Thue es nur deinem Theudobach, sagte Bona, so weis man endlich, wen du heirathen willst!” Jeden — versprech ich dir — der nach- kommt; hab’ ich nur einmal meinen maͤnnlichen Gott gesehen, und ein wenig angebetet; dann spring’ ich gern nach Hause, und verlobe mich in der Kirche mit seinem ersten besten Küster oder Balgtreter, und behalte jenen im Herzen, diesen am Halse.” Bona rieth ihr, wenigstens den Hr. v. Nieß, wenn er mitfahre, unterwegs recht uͤber seinen Freund Theudobach auszuhorchen, und bat sie noch einmal um weibliche Schleichtritte. Sie versprachs ihr und deshalb noch einen taͤglichen Bericht ihrer Badreise dazu. Sie schien nach Hause zu trachten, um zu sehen, ob ihr Vater den Edelmann in seine Adoptionsloge der Kut- sche aufgenommen. Unter dem langen festen Kusse in welchen Thraͤnen aus den Augen bey- der Freundinnen drangen, fragte Bona: „wenn kommst du wieder?” — „Wenn du wieder- kommst. — Meine Kundschafter sind bestellt. — Dann laufe ich im Nothfalle meinem Vater zu Fuße davon, um dich zu pflegen und zu war- ten. O, wie wollt ich noch zehnmal froher rei- sen, waͤr’ alles mit dir vorbey.” — „Dieß ist leicht moͤglich,” dachte Bona im andern Sinne, und zwang sich sehr, die wehmuͤthigen Em- pfindungen einer Schwangern, die vielleicht zwey Todespforten entgegengeht, und die Ge- danken: dieß ist vielleicht der Abschied von al- len Abschieden, hinter weinende Wuͤnsche zu- rückzustecken, um ihr das schoͤne Abendroth ihrer Freude nicht zu verfinstern. 5. Summula. Herr von Nieß . W er war dieser ziemlich unbekannte Herr von Nieß? Ich habe vor, noch vor dem Ende dieses Perioden den Leser zu uͤberraschen durch die Nachricht, daß zwischen ihm und dem Dich- ter Theudobach, von welchem er das Briefchen mitgebracht, eine so innige Freundschaft bestand, daß sie beyde nicht bloß Eine Seele in zwey Koͤrpern, sondern gar nur in Einem Koͤrper ausmachten, kurz Eine Person. Naͤmlich Nieß hieß Nieß, hatte aber als auftretender Buͤhnen- Dichter um seinen duͤnnen Altagsnamen den Festnamen Theudobach, wie einen Koͤnigsman- tel umgeworfen, und war daher in vielen Ge- genden Deutschlands weit mehr unter dem adop- tierten Namen, als unter dem eignen bekannt, so wie von dem hier schreibenden Verfasser viel- leicht ganze Städte, wenn nicht Welttheile, es nicht wissen, daß er sich Richter schreibt, wie Erster Theil. 2 wohl es freilich auch andre giebt, die wieder sei- nen Parade-Namen nicht kennen. Gleichwohl gelangten alle Maͤdchenbriefe leicht unter der Aufschrift Theudobach an den Dichter Nieß — bloß durch die Oberzeremonienmeister oder Hof- marschaͤlle der Autoren; man macht naͤmlich einen Umschlag an die Verleger. Nun hatte Nieß als ein uͤberall beruͤhmter Buͤhnen-Dichter sich längst vorgesetzt, einen Ba- deort zu besuchen, als den schicklichsten Ort den ein Autor voll Lorbeeren, der gern ein lebendiges Pantheon um sich auffuͤhrte, zu erwaͤhlen hat, besonders wegen des vornehmen Morgen-Trink- gelags und der Maskenfreiheiten, und des Kon- gresses des Reichthums und der Bildung solcher Oerter. Er ertheilte Maulbronn, das seine Stuͤcke jeden Sommer spielte, den Preis jenes Besuches; nur aber wollt’ er um seine Aben- theuer pikanter und scherzhafter zu haben, allda inkognito unter seinem eignen Namen Nieß an- langen, den Badegaͤsten eine musikalische dekla- matorische Akademie von Theudobachs Stuͤcken geben; und dann gerade, wenn der saͤmmtliche Hoͤrzirkel am Angelhaken der Bewunderung zappelte und schnalzte, sich unversehens langsam in die Hoͤhe richten, und mit Ruͤhrung und Schamroͤthe sagen: endlich muß mein Herz uͤber- fließen und verrathen, um zu danken; denn ich bin selbst der weit uͤberschaͤtzte Theater-Dichter Theudobach, der es für unsittlich haͤlt, so auf- richtige Aeusserungen statt sie zu erwiedern, an der Thuͤre der Anonymität bloß zu behorchen. Dieß war sein leichter dramatischer Entwurf. In einigen Zeitungen veranlaßte er deshalb noch den Artikel: der bekannte Theater-Dichter Theudo- bach werde, wie man vernehme, dieses Jahr das Bad Maulbronn gebrauchen. Da es gegen meine Absicht waͤre, wenn ich durch das Vorige ein zweydeutiges Streiflicht auf den Dichter wuͤrfe: so verspreche ich heilig, weiter unten den Lauf der Geschichte aufzuhal- ten, um auseinander zu setzen, warum ein gro- ßer Theater-Dichter viel leichter und gerechter ein großer Narr wird, als ein andrer Autor von Gewicht; wozu schon meine Beweise seines groͤ- ßern Beyfalls, hoff’ ich, ausreichen sollen. Nieß wußte also recht gut, was er war, nämlich eine Bravour-Arie in der dichterischen Sphaͤrenmusik, ein geistiger Kaiserthee, wenn andere (z. B. viele unschuldige Leser dieses) nur braunen Thee vorstellen. Es ist uͤberhaupt ein eignes Gefuͤhl, ein großer Mann zu seyn — ich berufe mich auf der Leser eignes — und den gan- zen Tag in einem angebohrnen geistigen Cour- und Chur- und Kroͤnungszuge umherzulaufen; aber Nieß hatte dieses Gefuͤhl noch staͤrker und feiner als einer. — Er konnte sein Haar nicht auskaͤmmen, ohne daran zu denken, welchen feu- rigen Kopf der Kamm (seinen Anbeterinnen viel- leicht so kostbar als ein Gold-Kamm) regle, lichte, egge und beherrsche, und wie eben so manches Gold-Haar, um welches sich die Anbeterinnen für Haar-Ringe raufen würden, ganz gleichguͤl- tig dem Kamm in Zaͤhnen stecken bleibe, als sonst dem Mexiko das Gold. — Er konnte durch kein Stadtthor einfahren, ohne es heimlich zu einem Triumphthor seiner selbst, und der Ein- wohner unter dem Schwibbogen auszubauen, weil er aus eigner jugendlicher Erfahrung sehr gut wußte, wie sehr ein großer Mann labe — und sah daher zuweilen den Namen-Registrator des Thors stark ins Gesicht, wenn er gesagt: Theudobach, um zu merken, ob der Tropf jetzt außer sich komme, oder nicht. — Ja er konnte zuletzt in Hotels voll Gaͤste schwer auf einem ge- wissen einsitzigen Orte sitzen, ohne zu bedenken, welches Eden vielleicht mancher mit ihm zugleich im Gasthofe uͤbernachtenden Seele, die noch ju- gendlich die Autor-Achtung uͤbertreibt, zuzuwen- den waͤre, wenn sie sich darauf setzte, und er- fuͤhre, wer fruͤher da gethront. „O, so gern will ich jeden Winkel heiligen zum gelobten Lande fuͤr Seelen, die etwas aus meiner machen — und mit jedem Stiefelabsatze auf dem schlimmsten Wege wie ein Heiliger, verehrte Fußtapfen aus- praͤgen auf meiner Lebensbahn, sobald ich nur weis, daß ich Freude errege.” Sobald Nieß Theodas Brief erhalten — wo- rinn die zufaͤllige Hochzeit der Namen Theoda und Theudobach ihn auf beyden Fußsohlen kit- zelte — so nahm er ohne Weiteres mit einer Hand voll Extrapostgeld den Umweg uͤber Pira , um der Anbeterin, wie ein homerischer Gott, in der anonymen Wolke zu erscheinen; und sobald er vollends in der vorletzten Station im Piraner Wochenblatte die Anzeige des Doktors gelesen: so war er noch mehr entschieden; dazu naͤmlich, daß sein Bedienter reiten, und sein Wagen heim- lich nachkommen sollte. In diesen weniger geld- als kontribuzirens- reichen Zeiten, mag es vielleicht Nießen empfeh- len, wenn ich drucken lasse, daß er Geld hatte, und darnach nichts fragte, und daß er fuͤr seinen vermuͤnzten Kopf ein Herz suchte, das auf kei- nem Silber steht. Mit dem ersten Blick hatte er den ganzen Doktor ausgegründet, der mit schlauen grauen Blitz-Augen vor ihn trat, den Saͤbelschnaͤbler streichelnd; er legte — nach einer kurzen Anzeige seiner Person und seines Gesuchs — ein Roͤll- chen Gold auf den Naͤhtisch mit dem Schwure: „nur unter dieser Bedingung aller Auslagen nehm’ er das Gluͤck an, einem der größten Zergliederer gegenuͤber zu seyn.” — „ Fiat ! Es gefaͤllt mir ganz, daß Sie ruͤckwärts fahren, ohne zu vomiren; dazu bin ich verdorben durch die Jahre.” Der Doktor fuͤgte noch bey, daß er sich freue, mit dem Freunde eines berühmten Dichters zu fahren, da er von jeher Dichter flei- ßig gelesen, obwohl mehr fuͤr physiologische und anatomische Zwecke und oft fast bloß zum Spaße uͤber sie: „Es soll mir überhaupt lieb seyn, fuhr er fort, wenn wir uns gegenseitig fassen und wie Salze einander neutralisiren; leider hab’ ich das Ungluͤck, daß ich, wenn ich im Wagen oder sonst Jemand etwas sogenanntes Unangenehmes sage, fuͤr satirisch verschrien werde, als ob man nicht jedem ohne alle Satire das ins Gesicht sagen koͤnnte, was er aus Dummheit ist. In- deß gefaͤllt Ihnen der Vater nicht, so sitzt doch die Tochter da, naͤmlich meine, die nach keinem Manne fragt, nicht einmal nach dem Vater; mislingt der Winterbau, sagen die Wetterkundi- gen, so geraͤth der Sommerbau. Ich fand’s oft.” Dem Dichter Nieß gefiel dieses akademische Peterfakt ganz, und er wuͤnschte nur, der Mann trieb es noch aͤrger, damit er ihn gar studieren und vermauern koͤnnte in ein Possenspiel als komische Maske und Karyatide. „Vielleicht ist auch die Tochter zu verbrauchen, in einem Trau- erspiele,” dacht’ er, als Theoda eintrat, und die von nachweinender Liebe und vom Jugend- heil glaͤnzte, und durch die frohe Nachricht seiner Mitfahrt neue Strahlen bekam. Jetzt wollte er sich in ein interessantes Gespraͤch mit ihr ver- wickeln; aber der Doktor, dem die Aussicht auf einen Abendgast nicht heiter vorkam, schnitt es ab, durch den Befehl, sie solle sein Kaͤstchen mit Pockengift, Fleischbrühtafeln und Zergliederungs- zeuge packen. „Wir brechen mit dem Tage auf, sagte er, und ich lege mich nach wenigen Stun- den nieder. Sic Vale !” 6. Summula. Fortsetzung der Abreise . A m Morgen that oder war Theoda in der weib- lichen Weltgeschichte nicht nur das achte Wunder der Welt — sie war naͤmlich so fruͤh fertig als die Maͤnner — sondern auch das neunte, sie war noch eher fertig. Gleichwohl mußte man auf sie warten — wie auf jede. Es war ihr naͤmlich die ganze Nacht vorgekommen, daß sie gestern durch ihr Freude-Brausen bey einem Abschiede, und durch ihr Eilen sich an der schwangern Freun- din versuͤndiget habe; ihr Herz trieb sie gewalt- sam noch einmal in der Morgendaͤmmerung zu ihr. Sie fand das Haus offen, (Mehlhorn war fruͤh verreißt) und kam ungehindert in Bonas Schlafgemach. Bloß wie eine von der Nacht geschlossene Lilie, ruhte ihr stilles Gesicht im altvaͤterischen Stuhle umgesunken angelehnt Theoda kuͤßte eine Locke — dann leise die Stirn — dann, als sie zu schnarchen anfing, gar den Mund. Aber ploͤtzlich hob die verstellte die Arme auf und umschlang die Freundinn : du bist schon wieder zuruͤck, Liebe, sagte sie, weil dein Dich- ter nicht da war? „O, spotte viel staͤrker uͤber die Suͤnderin, thue mir recht innig weh, denn ich verdiene es wohl von gestern her!” antwortete sie, und nannte ihr alles, was ihr feuriges Herz druͤckte. Bona legte die Wange an ihre, und konnte, vom vor- fruͤhen Aufstehen ohnehin sehr aufgeloͤset, nichts sagen, bis Theoda sagte: „schilt oder vergieb!” und jener heiße Thraͤnen aus den Augen schossen, und nun beyde sich in einer Entzuͤckung verstan- den. „O jetzt moͤchte ich, sagte Theoda, mein Blut, wie dieses Morgenroth vertropfen lassen, fuͤr dich. Ach ich bin eigentlich so sanft; warum bin ich denn so wild, Bona?” — „Gegen mich bist du gerade recht, erwiederte sie; nur einmal das beste Wesen kann dein wildes verdienen. Bloß gegen andere sey anders!” — „Ich vergesse bloß immer alles, was ich sagen will, oder leider gesagt habe; nur ein Ding, wie ich, konnte es gestern zu sagen vergessen, daß ich mich am in- nigsten nach der erleuchteten Hoͤle in Maulbronn, wie nach dem Sternenhimmel meiner Kindheit sehne, meiner guten Mutter halber.” Ihr war nämlich ein unausloͤschliches Bild von der Stunde geblieben, wo ihre Mutter sie als Kind in einer großen mit Lampen erhellten Zauberhoͤle des Orts — aͤhnlich der Höle im Bade Liebenstein — umhergetragen hatte. Beyde waren nun Ein Herz. Bona hieß sie zum Vater eilen — wiederholte ihren Rath der Vorsicht mit aller ihr moͤglichen Ruhe (ist sie fort, dachte sie, so kann ich geruͤhrt seyn, wie ich will) vergaß sich aber selber, als Theoda weinend mit gesenktem Kopfe langsam von ihr ging, daß sie nachrief: „mein Herz: ich kann nur nicht auf stehen, vor besonderer Mattigkeit, und dich be- gleiten; aber kehre ja deshalb nicht wieder um zu mir!” Aber sie war schon umgekehrt, und nahm, obwohl stumm den dritten Abschieds- kuß; und so kam sie mit der Augenroͤthe des Ab- schiedes und der Wangen- und Morgenroͤthe der Zeit laufend bey den Abreisenden an. 7. Summula. Fortgesetzte Fortsetzung der Abreise. D a der Doktor neben dem Edelmanne auf ihre Ankunft wartete: so ließ er noch ein Werk der Liebe durch Flexen ausuͤben, seinen Bedienten. Er griff naͤmlich unter seine Weste hinein, und zog einen mit Brantwein getraͤnkten Pfefferkuchen hervor, den er bisher als ein Magen-Schild zum bessern Verdauen auf der Herzgrube getragen: „Flex, sagte er, hier bringe mein Staͤrkungs- mittel druͤben den untern Gerberskindern; sie sollen sich aber redlich darein theilen.” — Der Edelmann stutzte. „Meiner Tochter, Hr. v. Nieß, sagte er, duͤrfen Sie nichts sagen; — sie hat ordentlich Ekel vor dem Ekel — wiewohl ich fuͤr meine Person finde hierin weder einfachen noch doppel- ten noͤthig. Alles ist Haut am Menschen, und meine am Bauche ist nur die fortgesetzte von der an den Wangen, die ja alle Welt kuͤßte. Vor den Augen der Vernunft ist das Pflaster ein Pfefferkuchen, wie ein anderer im Herzogthume mir ein noch geistigerer.” „Ich gestehe — versetzte der sich leicht ekelnde Dichter schnell, um nur dem boͤsen Bilde zu ent- springen — daß mich Ihr Bedienter mit seinem langen Schlepp-Rocke fast komisch interessirt. Wie ich ihm nachsah, schien er mir ordentlich auf Knien zu gehen, wie ein Sieger zum Tempel des Jupiter capitolinus oder aus der Erde zu wachsen.” Freundlich antwortete Katzenberger: „Ich habe es gern, wenn meine Leute mir oder an- dern laͤcherlich vorkommen, weil man doch etwas hat alsdann. Mein Flex traͤgt nun von Geburt an gluͤcklicherweise kurze Dachs-Beine, und auch diese sogar aͤußerst zirkumflektiert, daß wenn sein Rock lang genug ist, sein Steiß und sein Weg, ohne daß er nur sitzt, halb beysammen bleiben. Diesen komischen Schein seiner Trauer- schleppe nutz’ ich oͤkonomisch. Ich habe nämlich einen und denselben laͤngsten Lakeienrock, den jeder tragen muß, Goliath wie David. Diese Freigebigkeit entzweiete mich oft mit dem Pira- ner Prosektor, sonst mein Herzensfreund, aber ein geiziger Hund, der Leute en robe courte — statt an longue robe — hat, denen er die Roͤcke zu kurzen neumodischen Westen (nicht zu altmo- dischen) einschnurren laͤßt. Setz’ ich seinem Geitze mein Muster entgegen: so verweiset er mich auf die anatomischen Tafeln, nach denen unter den Gegenmuskeln der Hand, der Muskel, der sie zuschließe , stets viel staͤrker sey, als der wel- cher sie aufmacht und zu jenem Muskel ge- hoͤre noch die Seele, wenn Geld damit zu hal- ten sey. Daher die Freunde auch die Hände leichter gegen einander ballen als ausstrecken. Etwas ist daran.” Als Theoda kam, hatte der Doktor, der im Vordersitz wartete, daß er durch einen Huͤften- Nachbar fester gepackt würde, den verdruͤßlichen Anblick, daß sich das Paar nach langer Seßions- Streitigkeit sich ihm gegenuͤber setzte. Die Toch- ter that es aus Hoͤflichkeit gegen Nieß, und aus Liebe gegen ihren Vater, um ihn anzusehen und seine Wuͤnsche aufzufangen. Zuletzt sagt’ er im halben Zorn: „Du lehnst dich an das Steißbein und Ruͤckgrad des Kutschers, und laͤßt ruhig deinen alten Vater, wie ein Weberschiffchen, von einem Kissen zum andern werfen, he?” Jetzt bekam er seinen Fuͤllstein zur Freude des Edelmannes, dessen Seele sich nun wie eine Fliege auf ihr Gesicht setzen konnte. 8. Summula. Beschluß der Abreise . S ie fuhren ab … . . . . Aber jetzt faͤngt fuͤr den Absender der Hauptpersonen, fuͤr den Verfasser, nicht die beste Zeit von Lesers Seite an; denn da dieser nun alle Verwickelungen weis, so wird er mit seiner gewoͤhnlichen Heftigkeit die saͤmmtlichen Entwickelungen in den nächsten Druckbogen he- ben wollen, und die Forderung machen, daß in den nächsten Summuln der Rezensent ausgepruͤ- gelt werde, dessen Namen er noch nicht einmal weis. — Daß Hr. v. Nieß seine Larve, als sey er bloß ein Freund Theudobachs, abwerfe, und dieser selber werde — und daß Theoda daruͤber erstaune, und kaum wisse, wo ihr der Kopf steht, geschweige das Herz. Thu’ ich nun dem Leser den Gefallen, und pruͤgele, entlarve und verliebe, was dazu gehoͤrt: so ist das Buch aus, und ich habe erbaͤrmlich in wenig Summuln ein Feuer- Erster Theil. 3 werk oder Luftfeuer abgebrannt, das ich nach so großen Vorruͤstungen zu einem langen Step- penfeuer von unzaͤhlichen Summuln haͤtte ent- zuͤnden koͤnnen. Ich will aber Katzenberger heißen, entzuͤnd ichs nicht zu einem. Von jetzt an, wird sich die Masse meiner Le- ser in zwey große Parteien spalten, die eine wird zugleich mich und die andere und diesen Druck- Bogen verlassen, um auf dem letzten nachzusehn, wie die Sachen ablaufen; es sind dies die Kehr- aus-Leser, die Valetschmauser, die Juͤngstentag- Waͤhler, welche an Geschichten wie an Froͤschen nur den Hintertheil verspeisen und, wenn sie es vermoͤchten, jedes treffliche Buch in zwey Kapi- tel einschmölzen, ins erste und ins letzte, und jedem Kopfe von Buch wie einem aufgetragnen Hechte den Schwanz ins Maul steckten, da eben dieser an Geschichten und Hechten die wenigsten Graͤten hat; Personen die nur so lange bey phi- losophierenden und scherzenden Autoren bleiben, als das Erzählen dauert, wie die Nordameri- kaner nur so lange dem Prediger der Heidenbe- kehrer zuhorchen, als sie Brantwein bekommen. Sie mögen denn reisen diese Epilogiker. Was hier bey mir bleibt — die zweyte Partie — dies sind eben meine Leute, Personen von einer ge- wissen Denkungsart, die ich am langen Seile der Liebe hinter mir nachziehe. Ich heiße auch alle wilkommen; wir wollen uns lange guͤtlich mit einander thun, und keine Summuln sparen — wir wollen auf der Bad- Reise die Einheit des Ortes beobachten, wie die das Interesse und uns vor Anker legen. Langen wir doch nach den längsten verzoͤgerlichen Einreden und Vexirzuͤ- gen endlich zu Hause und am Ende an, wo die Kehrausleser hausen: so haben wir unterwegs alles, jede Zoll- und Warnungstafel und jeden Gasthofsschild gelesen und jene nichts, und wir lachen herzlich uͤber sie. 9. Summula. Halbtagsfarth nach St. Wolfgang . T heoda konnte unmoͤglich eine Viertelstunde bey dem Edelmanne sitzen, ohne ihn uͤber Inner- und Aeußerlichkeiten seines Freundes Theudobach von dem Zopfe an, bis zu den Sporen auszu- fragen. Er schilderte mit wenigen Zuͤgen, wie einfach er lebe und nur fuͤr die Kunst, und wie er, ungeachtet seiner Lustspiele, ein gutmuͤthiges liebendes Kind sey, das eben so oft geliebt als be- trogen werde; und im Aeußern habe er so viel Aehnlichkeit mit ihm selber, daß er darum sich oft Theudobachs Koͤrper nenne. Himmel! mit welchem Feuer schauete die Begeisterte ihm ins Gesicht, um ihren Autor ein Paar Tage fruͤher zu sehen! „Ich habe doch in meinem Leben nicht zwey gleichaͤhnliche Menschen gesehen,” sagte The- oda, der einmal in einem glaͤnzenden Traume Theudobach ganz anders erschienen war, als sein vorgebliches Nachbild. Auf diese Weise bekam der Schleicher wie der Doppel-Adler zwey Kro- nen auf den Kopf, eine jetzige und eine kuͤnftige. Jetzt warf er die Frage hin, wie ihr sein be- ziehlich-bestes Stuͤck: „Der Ritter einer bessern Zeit” gefallen, mit welchem er eben in Maul- bronn die deklamatorische Akademie anfangen wolle. Da ein Autor bey einem Leser, der ihn wegen eines halben Dutzend Schriften anbetet, stets voraussetzt, er habe das Ganze gelesen: so erstaunte er ein wenig uͤber Theodas Freude, daß sie etwas noch Ungelesenes von ihm werde zu hoͤren bekommen. Sie mußte ihm nun — so wenig wurd’ er auf seinem Selbstfahrstuhl von Siegswagen des schoͤnen Aufzugs satt — sagen, was sie vorzuͤglich am Dichter liebe: „großer Gott, versetzte sie, was ist vorzuͤglich zu lieben, wenn man liebt? Am meisten aber gefaͤllt mir sein Witz — am meisten jedoch seine Erhabenheit — freilich am meisten sein zartes heißes Herz—und mehr als alles andere, was ich eben lese.” — „Was lesen Sie denn eben von ihm?” fragte Nieß. „Jetzt nichts,” sagte sie. Der Edelmann brauchte kaum die Haͤlfte sei- ner feinen Fuͤhlhoͤrner auszustrecken, um es den Doktor abzufuͤhlen, daß er mit seinem ver- schraͤnkten Gesichte eben so gut unter dem Bal- biermesser freundlich laͤcheln koͤnnte, als unter ei- nem fuͤr ihn so widerhaarigen Gespraͤche; er that daher — um allerley aus ihm heraus zu reitzen, woruͤber er bey der künftigen Erkennungsscene recht erroͤthen sollte — die Frage an ihn, was er seines Orts vom Dichter fuͤr das Schlechteste halte. „Alles, versetzte er, da ich die Schnur- ren noch nicht gelesen. Mich wunderts am mei- sten, daß er als Edelmann und Reicher etwas schreibt; sonst taugen in Papiermuͤhlen wohl die groben Lumpen zu Papier, aber nicht die seid- nen.” Nieß fragte: ob er nicht in der Jugend Verse gemacht? „Pope—gab er zur Antwort — entsann sich der Zeit nicht, wo er keine geschmie- det, ich erinnere mich derjenigen nicht, wo ich dergleichen geschaffen haͤtte. Nur einmal mag ich als verliebtet Geßners Schaͤfer und Prima- ner, so wie in Krankheiten sogar die Venen pul- sieren, in Poetasterei hineingerathen seyn, vor einem dummen Ding von Maͤdchen — Gott weis, wo die Goͤttin jetzt ihre Ziegen melkt. — Ich stellte ihr die schöne Natur vor, die schon dalag und warf die Frage auf: sieh, Suse, bluͤht nicht alles vor uns wie wir, der Wiesenstorch- schnabel, und die große Gaͤnseblume und das Rindsauge, und die Gichtrose und das Lungen- kraut, bis zu den Schlehengipfeln und Birnen- wipfeln hinauf? Und uͤberall bestaͤuben sich die Blumen zur Ehe, die jetzt dein Vieh frißt? — Sie antwortete geruͤhrt: wird Er immer so an mich denken, Amandus? Ich versetzte wild: Beym Henker an uns beyde; wohin ich kuͤnftig auch verschlagen und verfahren werde, und in welchen fernen Fluß und Bach ich auch einst schauen werde — es sey in die Schweine in Meiningen — oder in die Besau und die Gesau im Henneberg — oder in die wilde Sau in Boͤhmen — oder in die Wampfe in Luͤneburg — oder in den Lumpelbach in Salzburg — oder in die Starzel in Tyrol — oder in die Kratza oder in den Galgenbach in der Oberpfalz — in welchen Bach ich, schwoͤr’ ich Dir, kuͤnftig schauen werde, stets werd’ ich darin mein Gesicht erbli- cken, und dadurch auf Deines kommen, das so oft an meinem gewesen, Suse. — Jetzt frey- lich, Hr. v. Nieß, sprech’ ich prosaischer.” Nieß grif feurig nach des Doktors Hand, und sagte: „Das scherzhafte Gewand verberge ihm doch nicht das weiche Herz darunter.” „Ich muß auch durchaus fruͤherer Zeit zu weich und fluͤssig gewesen seyn — versetzte dieser — weil ich sonst nicht gehoͤrig hart und knoͤchern haͤtte werden koͤnnen, denn es ist geistig wie mit dem Leibe, in welchem bloß aus dem Fluͤssigen sich die Knochen und alles Harte erzeugt, und wenn ein Mann harte Eiszapfenworte ausstoͤßt, so sollte dies wohl der beste Beweis seyn, wie viel weiche Thraͤnen er sonst vergossen.” „Immer schoͤner!” rief Nieß, „o Gott nein!” rief The- oda im gereitzten Tone. Der Edelmann schob sogleich etwas Schmei- chelndes, naͤmlich einen neuen Zug von Theu- dobach ein, den er mit ihm theile, naͤmlich den Genuß der Natur. Also auch des Maies? fragte der Doktor; Nieß nickte. Hierauf erzaͤhlte die- ser: Daruͤber hab’ er seine erste Braut ver- loren; denn er habe, da sie an einem schoͤnen Morgen von ihren Maigenuͤssen gesprochen, versetzt, auch er habe nie so viele gehabt, als in diesem Mai, wegen der unzaͤhligen Maikaͤfer; als er darauf zum Beweise einige von den Blaͤt- tern abgepfluͤckt, und sie vor ihren Augen aus- gesogen und genossen: so sey er ihr seitdem mehr greuels- als liebenswuͤrdig vorgekommen, und er habe durch seine Roͤselsche Insektenbelustigun- gen Brautkuchen und Honigwochen verscherzt und vernascht. Nieß aber sich mehr zur Tochter schlagend, fuhr kuͤhn mit dem Ernste des Naturgenusses fort, und schilderte mehrere schoͤne Aussichten ab, die man sah, und von manchen erhabenen Wol- ken-Partien lieferte er gute Roͤthelzeichnun- gen: — als endlich die Partien zu regnen an- fingen und selbst herunter kamen. Sogleich rief der Doktor den langroͤckigen Flex in den Wagen herein als einen Fuͤllstein fuͤr Nieß. Diesem entfuhr der Ausruf: Dieß zarte Gefuͤhl hat auch unser Dichter fuͤr seine Leute, Theoda! — „Es ist, antwortete ihr Vater, zwar weniger der Mensch da, als sein langer Rock zu scho- nen; aber zartes Gefuͤhl aͤußert sich wohl bey jedem, den der Wagen verdammt stößt.” Bald darauf kamen sie in St. Wolfgang an. 10. Summula. Mittags Abentheuer . G ewoͤhnlich fand der Doktor in allen Wirths- haͤusern bessere Aufnahme als in denen, wo er schon einmal gewesen war. Nirgends traf er aber auf eine so verzogne Empfangs-Physiog- nomie als bey der verwittibten, nett gekleideten Wirthin in St. Wolfgang, bey der er jetzt zum zwoͤlftenmale ausstieg. Das zweytemal, wo sie in der Halbtrauer um ihre eheliche Haͤlfte, und in der halben Feiertags-Hoffnung auf eine neue ihrem medizinischen Gaste mit Klagen uͤber Hals- schmerzen sich genaͤhert, hatte dieser freundlich sie in seiner Amtssprache gebeten: sie moͤge nur erst den Unterkiefer niederlassen, er wolle ihr in den Rachen sehen. Sie ging wuͤthig-erhitzt, und mit vergroͤßerten Halsschmerzen davon, und sagte: „Sein Rachen mag selber einer seyn; denn kein Mensch im Hause frißt Ungeziefer, als Er.” Sie bezog sich auf sein erstes Dagewesenseyn. Er hatte naͤmlich zufolge allgemein-bestaͤtig- ter Erfahrungen und Beyspielen z. B. de la Lande’s und sogar der Dlle. Schurmann — welche nur naturhistorischen Laien Neuigkeiten seyn koͤnnen — im ganzen Wirthshause (dem Kellner schlich er deshalb in den Keller nach) umher gestoͤbert und gewittert, um fette runde Spinnen zu erjagen, die fuͤr ihn (wie fuͤr das obengedachte Paar) Landaustern und lebendige Bouillon-Kugeln waren, die er frisch aß. Ja er hatte sogar, um den allgemeinen Ekel des Wirthshauses, wo moͤglich, zurecht zu weisen — vor den Augen der Wirthin und der Auf- waͤrter reife Kanker auf Semmelschnitte gestri- chen und sie aufgegessen, indem er Stein und Bein dabey schwur — um mehr anzukoͤdern — sie schmeckten wie Haselnuͤsse. Gleichwohl hatte er dadurch weit mehr den Abscheu als den Appetit in Betreff der Spinnen und Seiner-Selbst vermehrt und zwar in solchem Grade, daß er selber der ganzen Wirthschaft als eine Kreutz-Spinne vorkam, und sie sich als seine Fliegen. Als er daher spaͤter einmal ver- suchte, dem Kellner nachzugehen, um un- ten aus den Kellerloͤchern seine mensa ambula- toria , sein Kanarienfutter zu ziehen; so blickte ihn der Pursche mit fremdem wie geliehenem Grimme an und sagte: Fress’ Er sich wo anders dick als im Keller! — Nichts bekümmerte ihn aber weniger als sauere Gesichter; der gesunde Sauerstoff, der den groͤ- ßeren Bestandtheil seines in Worte gebrachten Athems ausmachte, hatte ihn daran gewoͤhnt. Heute hatte er sogar das Gluͤck, unter einer Winkeltreppe ein niedliches Kaͤtzchen anzutreffen, nach welchem er sich lange gesehnt, weil er noch keins dieser Art unter dem Messer gehabt; er steckte daher diesen Privatdozenten der Zergliede- rung ein, nachdem er ihm vorher, um ihm alles Leiden und Kerkerfieber der Tasche zu er- sparen, den Kopf einigemale auf dem Hals um- hergedreht hatte. Die Wirthin gab sich alle Muͤhe, unter dem frohen Gastmahle ihn von Theoda und Nieß recht zu unterscheiden zu seinem Nachtheile; er, mit dem erwuͤrgten Dozenten in der Tasche, nahm die Unterscheidung sehr wohl auf, und zeigte große Lust, naͤmlich Eßlust; und ließ, um we- niger der Wirthin als seinen Leuten etwas zu schenken, diesen nichts geben, als seine Tafel- reste. Die Wirthin ließ er zusehen, wie er mit derselben Butter, zugleich seine Brodschei- ben und seine Stiefel-Glatzen bestrich, und wie er den Zuckeruͤberschuß zu sich steckte unter dem Vorwande, er hole aus guten Gruͤnden den Zucker erst hinter dem Kaffee nach im Wagen. Da das erste, was Nieß an jedem Orte und Oertchen that, war, nachzusehen, was von ihm da gelesen und gehalten wurde: so fand er zu seiner Freude nicht nur im elenden Leih- buͤcher-Verzeichniß seine Werke, sondern auch in der Wirthsstube einige geliehene wirkliche. Sich gar nicht zu finden, druͤckt beruͤhmte Maͤn- ner stärker, als sie sagen wollen. Nieß ertheilte seinen Leihwerken aus Liebe fuͤr den Wolfgang- ischen Leihbibliothekar auf der Stelle einen unbeschreiblichen Liebhaber-Werth ( pretium affectionis ) bloß dadurch, daß ers einem Vol- taire, Diderot und D’Alembert gleich that, in- dem er wie sie, Noten in die Werke machte mit Namensunterschrift; — die kuͤnftige Ent- zuͤckung daruͤber konnte er sich leicht denken. Waͤhrend Theoda zwischen dem Dichter und der Freundin hin und her träumte: kam auf einmal der Mann der letztern, der arme Mehl- horn matt herein, der nicht den Muth gehabt, seinen kuͤnftigen Gevatter um einen Kutschen- sitz anzusprechen. Der Zoller war zwar kein Mann von glaͤnzendem Verstande — er traute seiner Frau einen groͤßern zu — und seine Aus- gaben der Langenweile uͤberstiegen weit seine Einnahme derselben; aber wer Langmuth im Ertragen, Dienstfertigkeit und ein anspruchlo- ses redliches Leben liebte, der sah in sein im- mer freudiges und freundliches Gesicht, und fand dieß alles mit Lust darin. Theoda lief auf ihn entzuͤckt zu, und fragte selbstvergessen, wie es ihrer Freundin ergangen, als waͤre er spaͤter abgereiset. Er verzehrte ein duͤnnes Mittags- mahl, wozu er die Hälfte mitgebracht: „man muß wahrhaftig — sagt’ er sehr wahr — sich recht zusammennehmen, wenn man noch zwey Stunden nach Huhl hat, und doch Nachts wieder zu Hause seyn will, es ist aber kostbares Wetter fuͤr Fußgaͤnger.“ Theoda zog ihren Vater in ein Nebenzimmer und setzte alle weibliche Roͤst-, Schmelz- und Treibwerke in Gang, um ihn so weit fluͤßig zu schmelzen, daß er den Zoller bis nach Huhl mit ein- sitzen ließ. Er schuͤttelte kaltbluͤtig den Kopf, und sagte die Gevatterschaft fuͤrchtend: „auch nähm’ ers am Ende gar fuͤr eine Gefaͤlligkeit, die ich ihm etwa beweisen wollte.“ Sie rief den Edelmann zum Bereden zu Huͤlfe; dieser brach — mehr aus Liebe fuͤr die Fuͤrsprecherin — gar in thea- tralische Beredsamkeit aus, und ließ in seinem Feuer sich von Katzenberger ganz ohne eines ansehen. Dem Doktor war naͤmlich nichts lie- ber, als wenn ihn jemand von irgend einem Entschlusse mit tausend beweglichen Gruͤnden abzubringen anstrebte; seiner eignen Unbeweg- lichkeit versichert, sah er mit desto mehr Genuß zu, wie der andere jede Minute des Ja’s ge- waͤrtig, sich nutzlos abarbeitete. Ich versinn- liche mir dies sehr, wenn ich mir einen umher- reisenden Magnetiseur und unter dessen Haͤnden das Gesicht eines an menschlichen Magnetismus unglaͤubigen Autors z. B. Biesters vorstelle, wie jener diesen immer aͤngstlicher in den Schlaf hin- ein zu streichen sucht, und wie der Bibliothekar Biester ihm unaufhoͤrlich ein aufgewecktes Ge- sicht mit blickenden Augen still entgegenhaͤlt. „Gern macht’ ich selber, sagte Nieß, noch den kurzen Weg zu Fuß.” Und ich mit, sagte The- oda. „O! — sagte Nieß und druͤckte recht feu- rig die Katzenbergerische Hand — ja es bleibt dabey, Vaͤterchen, Nicht?” — „Natuͤrlich — ver- setzte letzteres —, aber Sie koͤnnen denken, wie nichtig meine Gruͤnde seyn muͤssen, wenn sie sogar von Ihnen nicht uͤberwogen werden.” Man schien auf Seiten des Paars etwas betroffen: „auch moͤcht’ ich den guten Umgelder ungern verspaͤten, setzte der Doktor hinzu, da wir erst nach dem Pferde-Fuͤttern aufbrechen, er aber sogleich.” Als sie saͤmmtlich zuruͤckkamen, stand der Mann schon freundlich da, mit seinem Abschiede Erster Theil. 4 reisefertig wartend. Theoda begleitete ihn hin- aus, und gab ihm hundert Gruͤße an die Freun- din mit und den Schwur, daß sie schon diesen Abend das Tagebuch an sie anfange: „könnt’ ich fuͤr Sie gehen, guter Mann!” sagte sie; und er schied mit einem langen Dankpsalm, ohne sie sonderlich zu verstehen. Bald darauf als die Pferde abgefuͤttert waren, und die Gewinn- und Verlustrechnung abge- than, gab Katzenberger das Zeichen des Abschieds; — es bestand darin, daß er heimlich die Koͤrke seiner bezahlten Flaschen einsteckte. Er fuͤhrte Gruͤnde fuͤr diese letzte Ziehung aus der Flasche an: es sey erstlich ein Mann in Paris blos da- durch ein Millionair geworden, daß er auf allen Kaffehaͤusern sich auf ein stilles Korkziehen mit den Fingern gelegt, wobey er freylich mehr ans Stehlen gedacht, als an erlaubtes Einstecken; zweytens sey jeder, der eine Flasche fodere, Herr uͤber den Inhalt derselben, wozu der Stoͤpsel als dessen Anfang am ersten gehoͤre, den er mit seinem eigenen Korkzieher zerbohren oder auch ganz lassen und mitnehmen koͤnne, als eine elende Kohle aus dem niedergebrannten Wein- feuer.” Daruͤber suchte Nieß zu laͤcheln ohne vielen Erfolg. 11. Summula. Wagen-Sieste . I m Ganzen sitzt ohnehin jeder Kutschenklub in den ersten Nachmittagsstunden sehr matt und dumm da; das junge Paar aber thats noch mehr, weil Katzenbergers Gesicht, seitdem er dem armen Schreckens-Gevatter die Wagenthuͤre vor der Nase zugeschlagen, kein sonderliches Rosen- thal und Paradies fuͤr jugendlich-gutmuͤthige Augen war, die in denselben hinein und auf den sandigen Weg hinaussahen. Er selber litt weniger; ihn verließ nie jene Heiterkeit, welche zeigen konnte, daß er sich den Stoikern beyge- sellte, welche verboten, etwas zu bereuen, nicht einmal das Boͤse. Indeß ist dieser hoͤhere Stoi- zismus, der den Verlust der unschaͤtzbaren hoͤ- heren Guͤter noch ruhiger ertraͤgt als den der kleinern, nicht so selten als man klagt. Nach einigen Minuten Sandfahrt senkte Katzenberger sein Haupt in Schlaf. Jetzt be- kraͤnzte Theoda ihren Vater mit allen moͤglichen Redeblumen, um dem Freund ihres Dichters ihre Tochter-Augen für ihn zu leihen. Beson- ders hob sie dessen reines Feuer fuͤr die Wissen- schaft heraus, fuͤr die er Leben und Geld ver- schwende, und beklagte sein Loos, ein gelehrter einsamer Riese zu seyn. Da der Edelmann ge- wiß voraussetzte, daß die Augen-Sperre des Riesen nichts sey, als ein Aufmachen von ein Paar Dionysius-Ohren, wie uͤberhaupt Blinde besser hoͤren : so fiel er ihr unbedingt bey, und erklaͤrte, er erstaune uͤber Katzenbergers Genie. Dieser hoͤrte dies wirklich, und hatte Muͤhe, nicht aus dem Schlafe heraus zu laͤcheln wie ein Kind, womit Engel spielen. Des blin- den optischen Schlafes bedient er sich bloß, um selber zu hoͤren, wie weit Nieß sein Verlieben in Theoda treibe; um dann etwa bey feurigen Welt- und Redetheilen rasch auf zu wachen, und mit Schnee und Scherz einzufallen. Jetzt ging Theoda, die den Schlummer glaubte, weil ihr Vater sich selten die Muͤhe der Verstellung gab, noch weiter und sagte dem Edelmanne frei: „sein Kopf lebt zwar dem Wissen, wie ein Herz dem Lieben, aber Sie springen zu ungestuͤm mit seiner Natur um. — In der That — Sie legen es ordentlich darauf an, daß er sich uͤber Ge- fuͤhle recht seltsam und ohne Gefuͤhle ausdruͤcke. Thaͤte dieß wohl Ihr Theudobach?” — „Gewiß — sagt’ er — aber in meinem Sinne. Denn Ihren Vater, liebreiche Tochter, nehm’ ich viel besser als der Haufe. Mich hindert seine satiri- sche Enkaustik nicht, darhinter ein warmes Herz zu sehn. Recht geschliffnes Eis ist ein Brenn- glas. Man ist ohnehin der alltaͤglichen Liebes- Floskeln der Buͤcher so satt!” O dieser sanfte Schlaͤfer vor uns, ist vielleicht waͤrmer als wir glauben und seiner Tochter werth!” Katzenber- ger jetzt warm und heiß vom nahen Nachmittags- schlummer, haͤtt etwas darum gegeben, wenn ihm sein Gesicht, wie das des Kaͤtzchens in der Tasche, waͤre gegen den Ruͤcken und das Kut- schen-Fensterchen gedreht gewesen, damit er un- gesehen haͤtte laͤcheln koͤnnen; wenigstens schnarchte er. Nieß ging von da auf die Weise uͤber, Lieben auszusprechen und legte sie an einem bekannten Theudobachischen Schauspiel: „Die zage scheue Liebe” zergliedernd aus einander. Ein Buͤh- nen-Dichter vieler Stuͤcke, oder ein Kunstrich- ter aller Stuͤcke wird ihm eine Schiff- und Esels- bruͤcke in ein Weiberherz. Daruͤber versank doch der Doktor vor Langerweile aus dem vorgetraͤum- ten Schlaf in einen aͤchten und zwar bald nach Nießens schoͤnen wahren Worten: „jungfraͤuliche Liebe schlummert wol, aber sie traͤumt doch.” Als er ganz spaͤt aufwachte: sagt’ er, halb im Schlafe: „natuͤrlich schlaͤft sie und traͤumt dar- auf.” Nur Nießen war dieser ihm zugehoͤrige Sinnspruch deutlich und erinnerlich, und er dachte leise: „seht den Dieb!” Eben watete ihnen im Sande ein Bekannter der Familie entgegen, der sogleich sich umkehrte, als er in die Taschen griff und den Wagen er- blickte. Es ist bekannt, daß es der Winkel- Schul-Direktor Wuͤrfel war, ein feines Maͤnnchen. Der Doktor ließ ihm schnell nach- fahren, um das Umwenden zu begreifen. Ein- geholt kehrte der Direktor sich wieder um und verbeugte sich stufenweise vor jedem. Der Dok- tor fragte, warum er immer so umkehre? „er sey so ungluͤcklich gewesen, sein Taschenbuch in Huhl zu vergessen; und jetzt so gluͤcklich gewor- den, indem er’s hole, eine solche Gesellschaft immer vor Augen, wenn auch von weitem zu haben.” „So nehmen Sie hier Ruͤcksitz und Stimme” sagte der Doktor zu Nießens Ver- wundrung. Der Winkel-Schul-Direktor war lange wohl zehnmal adlicher Haus- und Schloß-Leh- rer gewesen — hatte mehr als hundert Haus- baͤllen zugeschaut, und getraute sich jede adliche Schuͤlerin noch anzureden, wenn sie mannbar geworden — wie der alte Deutsche im Trunke keusch blieb, so war er stets mitten unter den feinsten Dessertweinen nicht nur keusch, sondern auch nuͤchtern geblieben, weil er den schlechtesten bekam — und war uͤberhaupt an den Tischen seiner Herrn tafelfaͤhig, wenn auch nicht stimm- faͤhig gewesen. Dieses Durchwaͤlzen durch die feine Welt hatt’ an ihm so viele elegante Sitten zuruͤckgelassen, als er zu oft an Spezial- ja an Generalsuperintendenten vermißte; so daß ihm oͤfters nichts zum vollstaͤndigsten feinsten Fat fehlte als der Muth; aber er glich dem Prediger, welcher auf der Kanzel mitten zwischen seinen heiligsten Erhebungen uͤber die Erde und deren Gaben von Zeit zu Zeit — schnupft. Dabey hatte er durch langes Erziehen fast alle Sprachen und Wissenschaften und die uͤbrige Kultur in den Kopf bekommen, die ihm wie einem armen Postknechte Reichthuͤmer und Prinzen zu nichts halfen, als daß er sie weiter zu schaffen hatte. Da er indeß kein Wort sagte, das nicht schon einen Verleger und Verfasser gehabt haͤtte: so hoͤrte man seine Schuͤler lieber als ihren Lehrer. Dieser Winkelschul-Direktor hatte nun einst mit Theoda Teudobachs Stuͤcke ins Englische, und sich dabey (da sie nur eine Buͤrgerliche war) in einen Liebhaber und in den Himmel uͤber- tragen. Eben deßhalb hatte ihm der Doktor, der in Herzenssachen Scherz verstand und suchte, einen Sitz neben den ersten Liebhaber Nieß ausgeleert: „ich sehe, sagte er, nichts lieber mit einander spielen als zwey Hasen, ausge- nommen den Fuchs mit dem Hasen.” Es ging anders. Theoda stellte vor allen Dingen den Vielwisser Wuͤrfel — dem sie freu- dig alles schenkte, sich ausgenommen — dem Freunde des ins Englische verdollmetschten Dich- ters vor; jetzt fing das lange Zergliedern des Dichters (Nieß war der Prosektor) an, jedes Glied wurde durch kritisches Zerschneiden ver- groͤßert und zum Ewigkeits-Praͤparat beseelt; nur Katzenberger hatte nichts als die Katze in der Tasche. Nieß zeigte dabey die leichte Weltmanns Waͤrme eines feurigen Juvels. Wuͤrfel zeigte eine Schmelzofengluth, als waͤren in seiner die poetischen Gestalten erst fertig zu gießen; Theoda zeigte eine Franzoͤsin, eine Deutsche, und eine Jungfrau und ein Sich. Indeß sah der helle Edelmann aus jedem Worte Wuͤrfels, wie dieser den Teudobachischen Sockus und Ko- thurn nur in ein Fahrzeug verkehrte, um auf einer von den schoͤnen Freundschafts-Inseln Theoda’s anzulanden; je mehr daher der Di- rektor den Dichter erhob, desto mehr erzuͤrnte sich der Edelmann. Doch blieben beyde, Nieß und Theudobach, so fest und fein und studirten die Menschen, und wollten weniger die Schuld- ner einer (dichterischen) Vergangenheit seyn, als einer (prosaischen) Gegenwart; Nieß wollte zugleich als Muͤnzer und als Muͤnze gelten. Vom Dichten kommt man leicht aufs Lieben, und indem man ideale Karaktere kritisirt, pro- duzirt man leicht den eigenen, und ein gedruck- ter Roman wird das Getriebe und Leitzeug eines lebendigen. Wuͤrfel stach hier mehr durch Fein- heit hervor, Nieß durch Keckheit. Jener zeigte einen Grad von romantischer Delikatesse, der seinen Stand verrieth, naͤmlich den mittlern. Ich kann hier aus eigner Erfahrung die Weiber der höhern Staͤnde versichern, daß, wenn sie eine romantischere zaͤrtere Liebe kennen wollen als die galante, höhnende, atheistische ihrer Weltleute, sie solche in meinem Stande finden koͤnnen, wo mehr Begeisterung, mehr Dichter- Liebe, und weniger Erfahrung herrscht; und diese Bemerkung sollte mich freuen, wenn ich durch sie zum Gluͤcke manches Hofmeisters und dessen hoher Prinzipalin etwas beygetragen haͤtte; meines waͤre mir denn Belohnung genug. Niemand war in der Kutsche zu bedau- ern, als der Blutzeuge Katzenberger, dem solche Diskurse so in die Ohren eingingen, wie einem Pferde der Schluck Arzeney, die man ihm durch die Nasenloͤcher einschuͤttet. Um aber mit ir- gend etwas seinem Ohre zu schmeicheln, brachte er einen feinen Iltispinsel heraus und steckte ihn in den rechten Gehörgang bis nahe ans Paukenfell und wirbelte ihn darin umher; er versicherte die Zuschauer, hierin sey er ganz der Mei- nung der Sineser, wovon er die Sitte entlehne, welche diesen Ohrenkitzel und Ohren-Schmaus fuͤr den Himmel auf Erden hielten. Da aber die Menschen immer noch links hoͤ- ren, wenn sie in Lust-Geschaͤften rechts taub sind: so vernahm er noch viel vom Gespraͤch. Er fiel daher in dieses mit ein und berichtete: „Auch er habe sonst als Unverheiratheter an Heirathen gedacht und nach der damaligen Mode angebe- tet — was damals Adoriren geheißen —; doch sey einem Manne, der ploͤtzlich aus dem stren- gen mathematisch-anatomischen Heerlager ins Kindergaͤrtchen des Verliebens hinein gemußt, damals zu Muthe gewesen, wie einem Lachse, der im Lenze aus seinem Salz-Ozean in suͤße Fluͤsse schwimmen muß, um zu leichen. Noch dazu wäre zu seiner Zeit eine bessere Zeit gewe- sen — damals habe man aus der brennenden Pfeife der Liebe polizeymaͤßig wie ohne Pfeifen- deckel geraucht. — Man habe von der sogenann- ten Liebe nirgends in Kutschen und Kellern ge- sprochen, sondern von Haushalten, von Sich- Einrichten, und Ansetzen. So gesteh’ er z. B. seiner Seits, daß er aus Scham nicht gewagt, seine Werbung bey seiner durch Maikaͤfer ent- fuͤhrten Braut anders einzukleiden, als in die wahrhaftige Wendung: naͤchstens gedenke er sich als Geburtshelfer zu setzen in Pira, wisse aber leider, daß junge Maͤnner selten gerufen wuͤr- den, und schwache Praxis haͤtten, so lange sie unverehlicht waͤren.” — „Freilich, setzte er hinzu, war ich damals hoͤlzern in der Liebe, und erst durch die Jahre wird man aus weichem Holze ein hartes, das nachhaͤlt.” „Bey der Trennung von Ihrer Geliebten mag Ihnen doch im Mondscheine das Herz schwer geworden seyn?” sagte der Edelmann. „Zwey Pfund — also halb so schwer als meine Haut — ist meines wie Ihres bey Mond- und bey Sonnenlichtschwer,” versetzte der Doktor. „Sie kamen so nach uͤber die empfindsame Epoche, wo alle junge Leute weinten, leichter hinweg?” fragte Nieß. „Ich hoffe, sagt er, ich bin noch darin, da ich scharf verdaue, und ich vergieße taͤglich so viele stille Thraͤnen als irgend eine edle Seele, naͤmlich vier Unzen den Tag; nur aber ungesehen (denn die Magenhaut ist mein Schnupftuch); unaufhoͤrlich fließen sie ja bey heilen guten Menschen in den knochigen Nasen- kanal und rinnen durch den Schlund in den Magen und erweichen dadrunten manches Herz, das man gekaͤuet, und das zum Verdauen und Nachkochen da liegt.” Da aber Nieß, um den seltenen Seefisch immer mehr fuͤr seine dichterische. Naturalien- kammer aufzutrocknen, eine neue Frage thun wollte: fuhr Theoda ordentlich auf und sagte: Hr. v. Nieß Sie sind im Innerlichen noch haͤrter und boshafter als mein Vater selber. — „So, sagte der Doktor, noch haͤrter als ich? Es ist wahr, die weibliche Sprache ist wie die Zunge weich und linde zu befuͤhlen, aber diese sanfte Zunge haͤlt sich hinter den Hundszaͤhnen auf, und schmeckt und spedirt gern, was diese zer- rissen haben.” Hier suchte der feine Wuͤrfel auf Etwas schoͤneres hin abzulenken, und bemerkte, was bisher Theoda nicht gesehen: „dort schreite schon lange Hr. Umgelder Mehlhorn so tapfer, daß ihn der Kutscher schwerlich auf dem hoͤcke- rigen Wege uͤberhole.” Als dies der Kutscher hoͤrte, dem schon laͤngst der nicht einzuholende Zoller eine bewegliche Schandsaͤule und Hoͤllen- maschine gewesen: so fuhr er gallopirend in die 12. Summula. — Die Avantuͤre . — H inein und warf an einem schiefgesunknen Graͤnzstein leicht, wie mit einer Wurfschaufel, den Wagen in einen nassen Graben hinab. Katzenberger fuhr als primo Ballerino zuerst aus der Schleudertasche des Kutschers, griff aber im Fluge in die Halsbinde des Schuldirektors, wie in einen Kutschen-Lakaien-Riemen ein, um sich an etwas zu halten; — Wuͤrfel seines Orts krallte nach Fleren hinaus und in dessen Fries- Aermel ein, und hatte unten im Graben den mitgebrachten Fries-Aufschlag in der Hand; — Nieß, das Gestirn erster Groͤße im Wagen, glaͤnzte unten im Drachenschwanze seiner Lauf- bahn, nahm aber mehr die Gestalt eines Haar- sterns an, weil er die Theoda’sche Peruͤcke nach sich gezogen, an die er sich laut wehklagend un- terwegs hatte schließen wollen; — Theoda war durch kleines Nachgeben gegen den Stoß und durch Erfassen des Kutschenschlages diagonal im Wagen geblieben; — Flex ruhte, den Kut- scher noch recht umhalsend, bloß mit der Stirn im Kothe, wie ein mit dem Gipfel vortheilhaft in die Erde eingesetzter Baum. Erst unten im Graben und als jedermann angekommen war — konnte man wie in einem Unterhause auf Herauskommen stimmen und an Einhelligkeit denken. Katzenberger votierte zu- erst, indem er die Hand aus Wuͤrfels Halsbinde nahm, und dann auf dem Ruͤckgrade des Schul- direktors wie auf einer fluͤchtigen Schiffbruͤcke wegging, um nachher auf Flechsen aufzufußen und sich von da, wie auf einem Gaukler- Schwungbret leicht ans Ufer zu schwingen. Es gelang ihm ganz gut, und er stand droben und sah hernieder. Hier konnte er nicht ohne wahre Ruhe und Lust so leicht bemerken, wie die andern Hechte im Graben Wasser schnalzten, aus Verlegen- heit. Flexens Ruͤckgrats-Wirbel wurden ein all- gemeines aber gutes Trottoir und der Schul- direktor schlug gern diesen Weg ein. Am Ufer Erster Theil. 5 zog der Doktor ihn an der Halsbinde nach kur- zem Erwuͤrgen ans Ufer, wo er unaufhoͤrlich sich und seinen Kleider-Bewurf besah und zu- ruͤckdachte. Auch der untergepfluͤgte Dichter bekroch Flechsen, und bot dem Doktor die Hand, an deren Ohrfinger dieser ihn mit kleiner Ver- renkung dadurch aufs Trockne zog, daß er selber sich ruͤckwaͤrts bog und umfiel, als jener auf- stand. Was noch sonst aus dem Nilschlamme halb lebendig aufwuchs, waren nur Leute; aber diese waren am noͤthigsten zum Aufhelfen, sie waren die Fluͤgel, die Maschinen-Goͤtter, die Schutzheiligen, die Korkwesten des Wagens im Wasser. Mehlhorn fuͤr seine Person war herbeyge- sprungen, und stand auf dem umgelegten Kut- schenschlage fest, in welchen er unaufhoͤrlich sei- nen Huͤlf-Engels Arm umsonst Theoda’n hin- ein reichte um sie um den Schlag herum und aufzuziehen — bis ihm der Kutscher von seinem Standort wegfluchte, um den Wagen aufzu- stellen. Delikate Gesellschafts-Knoten werden wol nie zaͤrter aufgeloͤset als von dem Wurfe in ei- nen Graben, gleichsam in ein verlaͤngertes Grab, wobey das allgemeine Interesse wenig verliert, wenn noch dazu Glieder der Mitglieder verrenkt oder verstaucht sind, oder beschmutzt. Die Freude gieng allgemein wie eine Luna auf; das Städt- chen Huhl lag vor der Nase und jeder mußte sich abtrocknen und abstäuben und deshalb vor- her uͤbernachten. Nur Wuͤrfel, der aus dem Oertchen sein Taschenbuch zuruͤck zu holen hatte, mußt’ verdruͤslich daraus heimeilen mit der nassen Borke am besten Vorderwestchen; eine halbe Nacht und einen ganzen Weg voll Nachtluft mußt’ er dazu nehmen, um so trocken anzu- langen, als er abgegangen. Katzenberger machte weniger aus dem Koth, von welchem er seine eigne Meinung hegte, welche diese war, daß er ihn bloß als reine Adams-Erde mit heiligem Himmels-Wasser getauft darstellte, und dann die Leute fragte: was mangelt dem Dreck? Bloß den dachsbeinigen Flex schalt er uͤber dessen schwe- res Schleppkleid so: „fauler Hund, haͤttest du dich nicht stracks aufrichten können, so bald ich von dir aufgesprungen war? Warum ließest du dich von allen immer tiefer eintreten? Und warum gabst du dem unbedachten Wuͤrfel nicht nach, und ließest dich vom Bocke herunterreissen, an- statt meines Livrei-Aufschlags? He, Mensch?” Das weiß ich nicht, versetzte Flex, das fragen Sie einen andern. 13. Summula. Theoda’s ersten Tages Buch . D ie Destillation hinabwaͤrts ( dest. per de- scens. ) wie der Doktor den Grabenfall nannte, brachte manches Leben in den Abend. Er selber behielt alles an, und war sein Selbst-Trockenseil. Nieß konnte die Einsamkeit der abwaschen- den Wiedergeburt zum Nachschuͤren von neu- em Brennstoff fuͤr Theoda verwenden. Er sann nemlich lange auf treffliche Sentenzen uͤber die Liebe, und grub endlich folgende in die Fenster- tafel seines Zimmers: „Das liebende Seufzen ist das Athmen des Herzens. — Ohne Liebe ist das Leben eine Nacht in einer Mondsverfinste- rung; wird aber diese Luna von keiner Erde mehr verdeckt, so verklaͤrt sich mild die Welt, die Nachtblumen des Lebens oͤffnen sie, die Nachti- gallen toͤnen, und uͤberall ist Himmel. Theu- dobach im Junius.” Theoda schrieb eiligst folgende Tagebuchs- blaͤtter, um sie den eiligen Mehlhorn noch mit zu geben. „Du theures Herz, wie lange bin ich schon von Dir weg gewesen, wenn ich Zeit und Weg nach Seufzern messe? Und wenn werd’ ich in Dein Haus springen oder schleichen? Gott ver- huͤte letzteres! Ein Zufall — eigentlich ein Fall in einen Graben — hält uns alle diese Nacht in Huhl fest; leider kommen wir dann erst morgen spaͤt in Maulbronn an; aber ich habe doch die Freude, Deinem guten Manne mein Geschreibsel aufzupacken. Der Gute! Ich weiß wohl, warum Du mir nichts von seiner gleichzeitigen Reise gesagt; aber Du hast nicht Recht gehabt. Mein Vater setzte auf eine Stunde den raffinirten Zuckerhut Wuͤrfel in den Wa- gen; seine Weste litt sehr beym Umwerfen. In so fern war mirs lieb, daß Dein Mann nicht mitgefahren; wer steht fuͤr die Wendungen des Zufalls? — Ich habe, Herzige, Deinen Rath — denn in der Ferne gehorcht man leichter als in der Naͤhe — treu befolgt, und heute fast nichts gethan als Fragen an den Edelmann uͤber den Dichter. Dieser ist selber — hoͤre — bloß die beste erste Ausgabe seiner Buͤcher, eine Prachtausgabe, wenn nicht besser; wenigstens milder, als seine Stachelkomoͤdien. Niemand hat sich vor seinem Auge oder Herzen zu scheuen. Er lief schon als Kind gern auf Berge, und in die Natur; und so war er auch schon als Kind vor seinem neunten Jahre unsterblich verliebt. Naͤrrisch ists doch, daß man dergleichen an gro- ßen Menschen als so etwas Großes nimmt, da man ja bey sich und andern nicht viel daraus macht. — Hr. v. Nieß erzaͤhlte mir eine koͤstliche laͤngst abgeschlossne Geschichte von seiner ersten Liebe, als eines Knaben voll Zaͤrte und Gluth und Froͤmmigkeit; sie soll Dir einmal wohlthun, wenn ich sie Dir in Dein Wochenbett hinein werfe. Nur machts der liebe Vater durch Mi- nen und Worte jedem gar zu schwer, dergleichen vorzutragen; — anzuhoͤren weniger, denn ich bin an ihn gewoͤhnt — er wirft oft, wie Du ja weißt, Eisspitzen ins schoͤnste Feuer, auf die niemand in ganz Pira gefallen waͤre, und bringt damit den Geruͤhrtesten zum Lachen. Er nennt unser ewiges Sprechen uͤber unsern Dichter ein hollaͤndisch-langes Glockenspiel. Freilich kennt ihn Hr. v. Nieß nicht oder will es nicht; so seltsam fragt er ihn an. Ich habe Dir ihn uͤber- haupt noch nicht gemalt, so mag er mir denn sitzen auf dem Kutschenkissen. Recht klug wird man nicht aus ihm; er wirft nicht sich, aber das Geld weg (fast zu sehr) — er schimmert und schneidet, wie der Demant in seinem Ringe; — und ist doch weich dabey, und stets auf der Jagd nach warmen Augenblicken — ein Held ist er auch nicht, ja nicht einmal eine Heldin, vor dem kleinsten Stachelchen faͤhrt er in die Bienen- kappe — wie ich Dir nachher meine eigne Peruͤcke als Beweis und Bienenkappe vorzeigen will — uͤbrigens hat er alle nachgiebige Bescheidenheit des Weltmannes, der sich auf die Voraussetzung seines Werths verlaͤßt — und dabey fein, fein und sonst mehr . — Dieß ist aber eben der Punkt; von sich spricht er fast kein Wort, un- aufhoͤrlich von seinem Jugendfreunde, dem Dich- ter, gleichsam als waͤre sein Leben nur die Grun- dierung fuͤr diese Hauptfigur. Auffallend’ ists, daß er nicht mit dem feurigen Gefuͤhl, wie et- wan ich, von ihm redet, sondern fast ohne Theilnahme (er berichtet bloß Thatsachen) so daß es scheint, er wolle nur meinem Geschmacke zu Gefallen reden, und dabey unter der Hand fuͤr jemand anders den Angelhaken auswerfen, als fuͤr unsern Theudobach. Zwischen diesem Na- men, und dem meinigen find’ er etymologisch, sagt’ er, nur den Unterschied des Geschlechts, woruͤber ich ordentlich zusammenfuhr, weil ich nie darauf gefallen war. Aber, warum sagt er mir solches angenehme Zeug, da er doch sieht, daß er mich nur durch ein ganz fernes Herz in Flamme setzt? Eilte Dein Mann nicht so fuͤrch- terlich; wahrlich, ich wollte vernuͤnftig schreiben. Ich sage Dir Donnerstags alles, wenn es auch der Freitag widerlegt. In der Fremde ist man gegen Fremde (ja gegen Einheimische) weniger fremd als zu Hause; ich fragte geradezu Hr. v. Nieß, wie der Dichter aussehe. „Wie stellen Sie sich ihn denn vor?” fragt’ er. „Wie die edleren Geschoͤpfe dieses Schoͤpfers selber (versetzt’ ich). Er soll und wird aussehen, wie ein nicht zu junger Ritter der alten Zeit — vorragend auch unter Maͤnnern. — Er muß Augen voll Dichter- und Kriegsfeuer haben, und doch da- bey solche Herzens-Lieblichkeit, daß er sein Pferd eben so gut streichelt als spornt, und ein gefall- nes Kindchen aufhebt, und abkuͤßt eh’ ers der Mutter reicht. — Auf seiner Stirn muͤssen oh- nehin alle Welten stehen, die er geschaffen, sammt den kuͤnftigen Welttheilen — Köstlich muß er aussehen — Der Bergruͤcken seiner Nase — (Hier, Bona, dacht’ ich an Deinen Rath.) Nun Sie haben ja die Nase selber gesehen, und ich gedenke das auch zu thun.” Hierauf versetzte Hr. v. Nieß: „vielleicht sollt’ er, Demoisselle, dieser Gestalt nach Maler- Ideal haben; aber leider sieht er fast so aus wie ich.” Gewiß hab’ ich darauf ein einfaͤltiges Staun- Gesicht gemacht und wol gar die Antwort gege- ben: „wie Sie?” — Ueberhaupt schien meine zu lebhafte Vorschilderei seines Freundes ihn nicht sonderlich zu ergoͤtzen. — „Theoda und Theudobach — fuhr er fort — behalten ihre Aehnlichkeit sogar in der Statur; denn Er ist so lang als ich.” — „Nein, unterfuhr ich, dann ist er kuͤrzer als ich; eine Frau, die so lang ist als ein Mann, ist laͤnger als ein Mann.” — Es schwollen beynahe Giftblasen mir auf, ge- steh’ ich gern. Es verdroß mich das ewige Prah- len mit der koͤrperlichen Aehnlichkeit Theudobachs bey so wenig geistiger. Ich denke an seine un- ritterliche Furcht und an meine Peruͤcke beym Wagen-Umwurf. Er wollte sich an meinen Kopf anhalten, um seinen zu retten. Raufen aber ist eine eigne Weise, einem Maͤdchen den Kopf zu verruͤcken. Mein Vater wird ihn mit dieser Perrücke, womit er in die Grube gefahren, noch oft fegen, wie die Bedienten in Irland da- mit die Treppen. Freilich wars an ihn eine dumme Maͤdchen- frage, die ich nachher gethan, wie ich Dir beich- ten will. Aber wer denn anders? Die Lese- rinnen eines Dichters sind alle seine heimlichen Liebhaberinnen — die Juͤnglinge werdens mit Dichterinnen auch nicht besser machen —; und wir denken bey einem Genie, der Ehre unseres Geschlechts wegen, zuerst an die Frau, die der große Mann uns allen vorgezogen und die wir als die Gesandtin unseres Geschlechts an ihn abgeschickt. Auf seine Frau sind wir sogar neu- gieriger als auf seine Kinder, die er ja nur be- kommen und selten erzieht. Ob ich mich gleich einmal tapfer gegen meinen Vater gewehrt, da er sagte, an einem Poeten zoͤgen wir den Knie- fall dem Sylbenfall vor, ein Paar Freiersfuͤsse sechs Versfuͤssen, Schaͤferstunden den Schaͤfer- liedern und wären gern die Hausehre einer Deutschlands Ehre: so hatt’ er halb und halb Recht. — Die dumme Maͤdchenfrage war naͤm- lich: ob der Dichter eine Braut habe. — „We- nigstens bey meiner Abreise noch nicht.” versetzte Nieß. — „O ich wuͤßte, sagt’ ich, nichts ruͤhrenderes, als eine Jungfrau mit dem am Traualtare stehen zu sehen, den sie im Namen einer Nachwelt belohnen soll; sie sollte mir meine heiligste Schwester seyn und ich wollte sie lieben wie mich.” — Wahrlich, Sie koͤnnten’s, sagt’ er mit unnuͤtz-feiner Mine. Schilt nicht, Clair-voyante, mein Laͤrv- chen (mehr eine komische als tragische Maske) gib mir keine Einbildungen, weil ich doch damit keinem Manne gefallen kann als einen halbblin- den, der, wie Du, nichts begehrt als ein Herz; aber der sollte dieses denn auch ganz haben mit allen Kammern und Herzohren und Flämmchen darin und mein kleines Leben hinterd’rein. Ich wollt’, es gaͤbe gar keine Maͤnner, son- dern die göttlichsten Sachen wuͤrden von Wei- bern geschrieben; warum muͤssen gerade jene einfältigen Geschoͤpfe so viel Genie haben und wir nichts? — Gute Nacht, meine Seele! So viel Him- mel als nur hineingeht, komme in Dein Herz- chen! Th . 14. Summula. Misgeburten-Geschichte . D er Wirth, der die Gesellschaft immer hin- ter Buͤchern und Schreibfedern sah, vermuthete, er koͤnne sie als Ziehbrunnen benutzen und sei- nen Eimer einsenken; er brachte ein Werk in Folio und eins in Oktav zum Verkaufe getra- gen. Das kleinere war ein zerlesener Band von Theudobachs Theater. Aber der Doktor sagte, es wäre kein Kauf fuͤr das Gewissen seiner Tochter, da das Buch vielleicht aus einer Leih- bibliothek unrechtmaͤßig versetzt sey. Auch fragt’ er sie, ob sie denn nicht glaube, daß in Maul- bronn der Dichter selber sie als seine so warme Anbeterin uud Goͤtzen-Dienerin mit einem schö- nen Freiexemplare uͤberraschen werde, das er wieder selber umsonst habe vom Verleger. Ich komme ihn zuvor, sagte Nieß, ich habe von ihm selber fuͤnf Prachtexemplare zum Geschenk und gebe gern eines davon um den Preis hin, den es mich kostet. Theoda hatte Zweifel uͤber das Annehmen, aber der Vater schlug alle nie- der und sagte zum Edelmanne mit naͤrrischen Grimmassen: „Hr. v. Nieß, ich nehme von so etwas Genießbaren Nießbrauch so wie von allen kostspieligen Auslagen, die Sie bisher auf der Reise vorschossen, weil Sie vielleicht wissen, daß ich ein schlechter Zahl- und Rechenmeister bin; aber am Ende der Reise, hoff’ ich, sollen Sie mich kennen lernen.” Nieß bat Theoda in sein Zimmer zu folgen, wo er ihr vom Dichter viel- leicht noch etwas Lieberes zu geben habe, als das Gedruckte. Er fuͤhrte sie vor die oben gedachte Fenster- scheiben-Inschrift. Als sie die Theudobachische Hand, und die schoͤnen Liebesworte erblickte, und nun gewiß wußte, daß sie den Boden und die Nachbarschaft mit ihren Helden theilend gleich- sam in dessen Atmosphaͤre gekommen, wie die Erde in die der Sonne Das Zodiakal-Licht wird für den in die Laufbahn der Erde hinein reichenden Dunstkreis der Sonne gehalten. ; so zitterte das Herz vor Lust, und die Prachtausgabe verlohr fast gegen die Fenster-Schrift. Nieß sah das feuchte Auge und hielt sich mit Gewalt, um nicht mit dem Bekenntniß seines zweyten Namens ihr ans Herz zu fallen, aber ihre Hand druͤckte er heftig und malte geruͤhrt den Theaterstreich am Fen- ster nicht weiter aus. Beyde gingen halb trunken zum Doktor zu- ruͤck. Dieser hatte eben theuer den Folioband vom Wirthe erhandelt, naͤmlich Soͤmmerings Abbildungen und Beschreibungen einiger Miß- geburten, die sich ehemals auf dem anatomischen Theater zu Kassel befanden. Fol. Mainz. 1791. Nicht nur das Paar, auch der Wirth sah, mit welchem Entzuͤcken er die Misgeburten verschlang. Da nun ein Wirth, wie jeder Handelsmann, bey jedem Kaͤufer ungern aufhoͤrt zu verkaufen, so sagte der Wirth: „Ich bin vielleicht im Stande einem Liebhaber mit einer der veritabelsten aus- gestopften Misgeburten aufzuwarten, die je auf acht Beinen herumgelaufen:” „Wie, wo, wenn, was?” rief der Doktor auf den Gastwirth ren- nend. „Gleich!” versetzte dieser und ent- schoß. „Gott gebe doch, fing Katzenberger an gegen den Edelmann sich wendend, daß er etwas wahr- haft Misgebornes bringt. Ich weiß nicht, haben Sie meine de monstris epistola gelesen oder nicht; inzwischen habe ich darin ohne Beden- ken die allgemeine Gleichguͤltigkeit gegen aͤchte Misgeburten geruͤgt, und es frey heraus gesagt, wie man Wesen vernachlaͤssigt, die uns am er- sten die organischen Baugesetze eben durch ihre Abweichungen gothischer Bauart lehren koͤnnen. Gerade wie die Natur zufaͤllige Durchkreuzun- gen und Aufgaben (z. B. zweyer Leiber mit ei- nem Kopfe) doch organisch aufzuloͤsen weiß, dieß belehrt. Sagen Sie mir nicht, daß Misgebur- ten nicht bestehen, als widernatuͤrlich; jede mußte einmal natuͤrlich seyn, sonst haͤtte sie nicht bis zum Leben und Erscheinen bestanden; und wissen wir denn, welche versteckte organische Mis- und Uebertheile eben auch Ihrem oder meinem Be- stehen zuletzt die Ewigkeit nehmen? Alles Le- ben, auch nur Einer Minute, hat ewige Ge- setze hinter sich; und ein Monstrum ist bloß ein Gesetzbuch mehrerer foͤderativen Staatskoͤrper- Erster Theil. 6 chen auf einmal; auch die unregelmaͤßigste Ge- stalt bildete sich nach den regelmaͤßigsten Gesetzen (unregelmaͤßige Regeln sind Unsinn). Eben darum könnte aber aus Misgeburten als den höhern Haruspizien oder passiven Blutzeugen bey geschickter Zergliederung mehr Einsicht ge- wonnen worden seyn, als durch alles Alltagsvieh, sobald man nur besser diese Sehroͤhre und Opern- gucker ins Lebensreich haͤtte zu richten verstan- den, und wenn man uͤberhaupt, Hr. v. Nieß, so seltene Cicerone und Zeichendeuter, die eben gerade, wie die Wandelsterne in ihren Verfin- sterungen am meisten geistig erleuchten, sorgfaͤl- tiger aufgehoben haͤtte? Wo ist aber — mein elendes ausgenommen — noch ein ordentliches Misgeburtenkabinet? Welcher Staat hat noch Preise auf Einliefern von monstris gesetzt, ge- schweige auf Erzeugung derselben, wie doch bey Blumen geschehen? Geht ein Monstrum als ein wahrer Solitaire der Wissenschaft unter, so ist man noch gleichguͤltiger, als waͤre ein Schock leicht zu zeugender Werkeltagsleiber an der Ruhr verschieden. Wer kann den aber eine Misgeburt, die sich so wenig als ein Genie fortpflanzt, — denn sie ist selber ein koͤrperliches, eine Einzig- perle — nicht einmal ein Sonntagskind, son- dern ein Schalttagskind — ersetzen, ich bitte jeden? Ich fuͤr meine Person koͤnnte fuͤr der- gleichen viel hingeben, ich koͤnnte z. B. mit einer weiblichen Misgeburt, wenn sie sonst durchaus nicht wohlfeiler zu haben waͤre, in den Stand der Ehe treten; und ich will Dirs nicht ver- stecken, Theoda, — da die Sache aus reiner Wissenschaftsliebe geschah, und ich gerade an der Epistel de monstris schrieb — daß ich an Dei- ner seel. Mutter waͤhrend ihrer guten Hoffnung eben nicht sehr darauf dachte, aufrechte Tanz- baͤren, Affen, oder kleine Schrecken und meine Kabinets-Preziosen fern von ihr zu halten, weil sie doch im schlimmsten Falle bloß mit einem mon- stroͤsen Eheseegen mein Kabinett um ein Stuͤck bereichert haͤtte; aber leider , haͤtt’ ich bey- nah’ gesagt, aber gottlos sie bescheerte mir Dich als eine Bestaͤtigung der Lavaterschen Bemer- kung, daß die Muͤtter, die sich in der Schwan- gerschaft vor Zerrgeburten am meisten gefuͤrchtet, gewöhnlich die schoͤnsten gebaͤren. Ein Mon- strum . . . . o, du guter Wirth kommst! Letzterer kam an, mit dem fast grimmig aus- sehenden Stadtapotheker, und dieser mit einem gut ausgestopften, achtbeinigen Doppel-Hasen, den er wie ein Wickelkind im Arme trug und an die Brust anlegte. Der Doktor sah den Hasen fast mit geifernden Augen an, und wollte wie ein Hasengeier auf ihn stoßen. „Ich bin — sagte jener und sprang stirn-runzelnd seitwaͤrts — Pharmazeutikus hiesiger Stadt, und habe dieses curiosum in Besitz. Besehen darf es werden, aber unmoͤglich begriffen vor dem Einkauf. Ich will es aber auf alle Seiten drehen, und wie es mir gut duͤnkt; denn es ist seines Gleichen nicht im Lande oder auf Erden.” Um Verzeihung, sagte der Doktor, im koͤniglichen Kabinet zu Chantilly, wurde schon ein solcher Doppel-Hase aufbewahrt Unterhaltungen aus der Naturgeschichte. Die Säuge- thiere 1 B. S. 34. , der sogar sich an sich selber, wie an einem Bratenwender, hat umdrehen und auf die vier Relais-Laͤufe werfen koͤnnen, um auf ihnen frisch weiter zu reisen, waͤhrend die vier ausgespannten in der Luft ausruhten und selber ritten.” — „Das konnte meiner bey Leb- zeiten auch, sagte der Apotheker, und Ihr an- deres einfaͤltiges Hasenstuͤck hab ich gar nicht ge- sehen, und gebe nicht einen Loͤffel von meinem darum.” Jetzt nannte er den Kaufschilling. Bekanntlich wurde unter dem minderjaͤhrigen Ludwig XV der Greisenkopf auf den alten Louis- d’or von Ludwig XIV bloß durch den Druck ei- nes Rades in den noch lebendigen Kinderkopf umgemuͤnzt; worauf sie 20 Livres statt 16 gal- ten. Fuͤr ein solches Geld-Kopfstuͤck, und zwar für ein vollwichtiges, wollte der Apotheker sei- nen Hasen mit 4 Loͤffeln, 2 Koͤpfen ff. herge- ben. Nun hatte der Doktor wirklich ein solches bey sich; nur aber wars um viele Asse zu leicht, nnd ihm gar nicht feil. Er bot halb so viel an Silbergeld — dann eben so viel — dann strei- chelte er den Pharmazeutikus am duͤrren Arme herab, um in seinen Heißhunger nur, wie der blinde Angelo den Torso, so den Pelz der Hasen zu befuͤhlen, die er wie ein Kalmucke goͤttlich verehrte. — Endlich zeigte er noch seinen langen Hakenstock vor, und zog aus dessen Scheide wie einen giftigen Bienenstachel, einen langen befie- derten amerikanischen Giftpfeil vor, und sagte, diesen Pfeil, womit der Pharmazeutikus jeden Feind auf der Stelle erlegen koͤnnte, woll’ er noch drein schenken. Bisher hatte dieser immer drey Schritte auf und abgethan, kopfschuͤttelnd und schweigend; jetzt trug er ohne weiteres sei- nen Hasenvielfuß zur Thuͤre hinaus, und sagte bloß: „bis morgen fruͤh steht viel feil ums Gold- stuͤck; aber mittags katz ab!” „Es ist mein Her- zens Gevatter, sagte der Wirth und ein obsti- nater Mann, aber dabey blitz wunderlich; ich sage Ihnen aber, Sie kriegen eben so wenig den Hasen einzupacken als den Rathhaus Thurm, wofern Sie kein solches Kopfstuͤck ausbacken; er hat seinen Kopf darauf gesetzt.” — Giebts denn, sagte der Doktor, einen groͤßern Spitzbuben? Ich habe freilich eins, aber es ist zu gut, zu vollloͤthig fuͤr ihn — doch werd’ ich sehen.” — „So thue, sagte der Wirth, doch unser Herr Gott sein Bestes und bringe zwey solche Herren zusammen!” Der Poet Nieß hatte aus dem Vorfalle eine ganze Theaterkasse voll Einfaͤlle und Situationen erhoben; und auf der Stelle den Plan zu einer komischen Oper entworfen, worin nichts als Misgeburten handeln und singen sollten. 15. Summula. Hasenkrieg . D er Doktor hatte eine unruhigere Nacht, als irgend einer seiner Heilkunden, weniger weil ein Goldstuͤck fuͤr das Natur-Kunstwerk zu zahlen war, als weil dasselbe sehr zu leicht war. End- lich fiel ihm gegen Mitternacht der Kunstgriff eines christlichen Kaufmanns bey, der zu leichten Goldstuͤcken nicht juͤdisch durch Beschneidung, sondern vielmehr mit etwas Ohrenschmalz, als Taufe und Oelung, das alte Gewicht zuruͤckgab. Er stand auf, und nahm seine Gehoͤrwerkzeuge und gab dem Louis XIV et XV d’or , ohne alle Rheims-Flaͤschchen, so viele Salbung bis er sein Gewicht hatte. Fruͤhmorgens schickte er durch den Wirth die Nachricht in die Apo- theke: er gehe den Kauf ein, und werde bald vor ihr mit seinen Wagen hatten. Man ant- wortete darauf zuruͤck: „gestern waͤr’ es zwar eben so gut abzumachen gewesen; aber meint- wegen!” Der Doktor sann sich viele List- und Gewalt- Mittel — d. h. Friedens-Unterhandlungen, und Kriegslisten — aus, um die Foͤderativ-Hasen zu bekommen; und er war, im Falle gute Worte, naͤmlich falsche, nichts verfingen, zum Aeußer- sten, zu Mord und Todtschlag entschlossen; weßhalb er seinen Arm mit dem giftigen Gems- hornstock armirte. Vor der Apotheke befahl er, aus dem Wa- gen springend, die Thuͤre offen zu lassen, und so bald er gelaufen kaͤme, fliegend mit ihm ab- zurennen. Er hatte sich vorgenommen, an- fangs dem Fuchse zu gleichen, der so lange sich einem Hasen naͤher tanzt, bis der Hase selber in den Tanz einfaͤllt, worauf der Fuchs ihn leicht in Todtentaͤnze hineinzieht Der Verfasser weiß nicht gewiß, ob er diese naturhi- storische Bemerkung aus Bechsteins Werken, oder aus dessen Munde hat. . Er stieg dann aus — hielt ein zweykoͤpfiges Goldstuͤck bloß zwischen Mittelfinger und Daumen am Rande, um es mehr zu zeigen, und um nichts vom Fe- lien-Golde weg zu reiben — und war jedes Wortes gewiß, das er sagen wollte. Er konnte sich aber beym Eintritte nicht viel Vortheil fuͤr seine Anrede oder Benevolenz-Kaptanz von dem Umstande versprechen, daß gerade das Subject Bekanntlich der Name eines pharmazeutischen Beyge- hülsen und Gesellen. und der Provisor giftigen Bilsensamen in Moͤr- ser stampften; da nach allen Giftlehrern dieses Giftkraut unter dem Stoßen und Kochen den Arbeiter unter der Hand in ein toll-erboßtes, bissiges Wesen umsetzt. Indeß fing er — mit dem Goldstuͤck in der Hand, wie ein venedi- scher Sbirre mit einem auf der Muͤtze — sein freundschaftliches Anreden mit Vergnuͤgen an, weil er wußte, daß er stets mit der sanften Hir- tenfloͤte den, dem er sie vor tauben Ohren bließ, leicht hinter dieselben schlagen konnte. „Herr Amtsbruder, sagt’ er, meine de mon- stris epistola (Sendschreiben uͤber Misgebur- ten) kennen Sie wahrscheinlich fruͤher, als ir- gend ein Protomedikus und Obersanitätsrath in ganz groͤßern Staͤdten; sonst hätten Sie sich vielleicht weniger auf Misgeburten gelegt. Ihr Monstrum, gesteh’ ich Ihnen gern — denn es ist zu sehr gegen meine Sinnes-Art, etwas her- ab zu setzen, bloß weil ich es erhandeln will — ist, wie Sie selber trefflich sagten, ein curiosum; in der That ist Ihr Dioskuren-Hase (Sie ver- stehen mich leicht,) wie ein Doppel-Adler gleich- sam eine lebendige Sozietaͤts-Insel, ein zusam- mengewachsenes Hasen tête-à-tête. Sie wis- sen alles, wenn nicht mehr. Sie sehen aus meinem Goldstuͤck in der Hand, ich gebe alles dafuͤr; waͤr’ es nur deshalb, um neben meiner Wißbegierde noch die des Fuͤrsten im Maulbron- ner-Bad, meines intimen dicken Freundes, zu befriedigen; ich weiß zwar nicht, ob Sie bey ihm dabey verlieren, daß Sie den Doppel-Hasen fruͤher aufgetrieben und besessen als ich; aber ich weiß, daß Sie dabey gewinnen, und daß ich ihm sagen werde, wie Sie sich schreiben, und daß nur Sie mir die Hasen abgelassen.” „Ich will jetzt das Goldstuͤck waͤgen,” versetzte der Apotheker, und gab das Hasenpaar dem Pro- visor hin, der es mit vorfechtenden Blicken als Schutzheiliger auf- und abtrug. — Das Sub- ject stieß feurig fort und sott ohne Noth in eig- nen Augenhoͤlen seine Eiweiß-Augen krebs- roth. — Der Prinzipal stand im feuernden Krebs als Sonne, und zitterte vor Hast, als er die Goldwage hielt. — Die ganze Apotheke war die Sakristey zu einer streitenden Kirche. — Katzenberger aber zeigte sich mild und schien als kalte Sonne im Steinbock. „Mein Gott, sagt’ er, da es etwas in die Hoͤhe ging — ist wohl uͤberwichtig; denn Sie halten nicht fest genug und so fliegts auf und ab.” — — „Wenn nicht Harn d’ran ist, der’s schwer macht”, sagte der Apotheker und beroch’s; wor- auf er das Goldstuͤck Versuchsweise ein wenig am Oberrocks-Futter zu scheuern begann. Aber der Doktor fing seine Hand, damit er nicht die auf die Goldmuͤnze aufgetragne Schaumuͤnze wegfeile, und sagte ihm frey heraus: „er halte ihn zwar fuͤr den ehrlichsten Mann in der gan- zen Apotheke, aber er koͤnne deßhalb doch nicht vergessen, daß in verschiedenen Leipziger und Frankfurter Messen, Juden gestanden, welche ein feines Reibeisen im Unterfutter eingenaͤht getragen, womit sie unter dem Vorwande der Reinigung von den besten Fuͤrsten d’or Goldstaub abgekratzt, und dann mitgenommen.“ „Fremder Herr! Mordieu! Ihr Geld (sagte der Mann) wird ja immer leichter, je laͤnger ich wiege. — Ein Aß um’s andre fehlt.“ „Wir wollen beyde nichts daraus machen, Hr. Amtsbruder — sagte der Doktor, und klopfte auf dessen spitze Achsel — sondern als aͤchte Freunde scheiden, zumal da man hinter uns Bilsensamen stampft; Sie kennen dessen Einfluß auf Schlaͤ- gereien, in denen ohnehin jeder Karakter, wie eine Sommerkrankheit, leicht einen gewissen bilioͤsen oder gallichten Karakter annimmt. Wir beide nicht also!“ „Sacker, zehnmal zu leicht! (rief der Apo- theker die Goldwage hoch uͤber den Kopf haltend) An keinen Hasen zu denken!“ Aber der Doktor hatte schon daran gedacht; denn er hatte den aufs Gespraͤch horchenden Provisor mit dem Schnabelstocke, den er als ein Kammrad in dessen Zopf eingreifen lassen, ruͤck- waͤrts auf den Boden wie in einen Sarg nieder- gelegt, und ihm im Umwerfen die Misgeburt aus der Hand gezogen. Wie ein Krebs trat er den Ruͤckzug an, um mit den Gemshornstock vorwaͤrts in die Apotheke hinein zu fechten. Der Landsturm darin orga- nisierte sich bald. Wuͤthig warf sich der Provi- sor herum, und empor und feuerte (er konnte nicht wählen) mit Kraͤutersaͤckchen, Kirschkern- steinen, die erst zu extrahiren waren, mit alten Ostereyern voll angemahlter Vergißmeinicht dem Doktor auf die Backenknochen. — Der Apothe- ker hatte erstaunt das Goldstuͤck fallen lassen und sucht’ es unten mit Grimm. — Das Subjekt stocherte mit dem Stoͤßel bloß auf dem Moͤrser- rand und drehte sich selber fast den Kopf ab, um mehr zu sehen. — Unten schrie der gebuͤckte Apotheker: „greift den Hasen, greift den Hund!“ „Nur auf ein ruhiges Wort, meine Herren! rief Katzenber- ger ausparierend. Das Bilsenkraut erhitzt uns alle, und am Ende muͤßte ich hier gar als Artzt verfahren und dagegen rezeptiren und geben, es sey nun, daß ich dem Pazienten, der zu mir kaͤme, entweder das Gemsenhorn meines aͤskulapi- schen Stabs als einen kuͤhlenden Blutigel auf die Nasenfluͤgel wuͤrfe, oder diese selber damit aufschlitzte, um ihm Luft zu machen, oder das Horn als einen fluͤchtigen Gehirnbohrer in seine Kopfnath einsetzte. — — Aber den Hasen be- halt’ ich, Geliebte! Nun stieg die Kriegslohe gen Himmel. Der Apotheker ging auf ihn mit einer langen Pa- pierscheere los, sie, wie ein Hummer die seinigen, aufsperrend; — Katzenberger indeß hob ihm bloß mit dem Skalpier-Stock leicht eine Vor- stecklocke aus, — Der Provisor schnellte eine der feinsten chirurchischen Splitterscheeren ab, die zum Gluͤck nur in den langen Aermel weit hin- terfuhr. — Katzenberger aber ließ auf ihn durch den Druck einer Springfeder sein Gemsenhorn, woran noch die Vorstecklocke des Vorgesetzten hing, abfahren, und schoß damit die ganze linke Brustwarze des Provisors zusammen, wiewol die Welt, da er mit ihr nichts saͤugte, dabey weniger verlor, als er selber. — Das Subjekt hielt im Nachtrabe den Stoͤßel in die Luͤfte auf- gehoben und drohte nach Vermoͤgen. — — Aber jetzt ersah der Pharmazeutikus den langen amerikanischen Giftpfeil nakt vorstechend, und wollte hinter den Subjekts-Hintergrund zuruͤck. „Um Gottes Willen, Leute, rief der Doktor, rettet euch — springt insgesammt zuruͤck — auf wen ich diesen Giftpfeil zu werfe, der faͤllt auf der Stelle todt nieder, eh’ er nur mei- nen Steiß erblickt.“ Da der Mensch stets neue Waffen und Ge- fahren mehr scheut als die gefaͤhrlichsten be- kannten: so ging die ganze pharmazeutische Fecht- schule ruͤckwaͤrts; und der Doktor ohnehin, bis er auf diese Weise mit seinem Hasen, und dem zielenden Wurfspieß und seinem Ruͤcken an den Fußtritt seines Wagen gelangte. Darauf fiel zwar die erhitzte Apotheke wieder von Ferne aus. — Der Apotheker begleitete den Siegs- wagen wie einen roͤmischen mit Schimpfworten, der Provisor schleuderte praͤparirte Glaͤser voll Kuͤhltraͤnke dem Hasendiebe nach und zerrte vor Wuth, um die Brustwarze und Splitterscheere gebracht zu seyn, mit beyden Zeigefingern die beyden Mundwinkel bis an den Backenbart aus- einander, um allgemeines Grausen auszubrei- ten — und das Subject hieb in der Weite mit der Moͤrserkeule heftig in das Stein-Pflaster und kegelte noch mit den Fuͤßen Steine nach; inzwischen Katzenberger und die Hasen fuhren ab, und er lachte munter zuruͤck. So aber, ihr Menschen, schnappen öfters Kriegs- Troubeln passabel ab, und am Friedensfeste sagt der eine: ich bin noch der Alte und wie neuge- boren — und der zweyte: verflucht! wir leben ja ordentlich wieder auf — und der dritte: ich haͤtte mehr wissen sollen, ich haͤtte mich weniger gefuͤrchtet; denn mein Herz sitzt wol auf dem rechten Fleck — und der vierte: aber die Hasen haben wir doch in diesem Kriege verloren. Erster Theil. 7 16. Summula. Ankunfts-Sitzung . N iemand fuhr wol jemals froher mit Hasen als Katzenberger mit seinem. Es war ihm ein Leichtes und ein Spaß, mit seiner Misgeburt im Arm jedes Wort auszudauern, das Nieß von erster Jugendliebe, dem Fruͤhgottesdienst gegen weibliche Goͤttinnen, und von Theudobachs see- ligmachendem Glauben an diese ihm an die Oh- ren warf; denn er wußte, was er hatte. Suͤß- lich durchtastete er den Hasen-Zwilling, und weidete ihn geistig aus. Seinem Kutscher be- fahl er, jetzt am wenigsten umzuwerfen, weil er sonst die Hasen bezahlen muͤßte, und nachher aus dem Dienst gejagt wuͤrde ohne Livrei. Nun schlug er der Gesellschaft, eigentlich dem Edelmanne die Frage zur Abstimmung vor, ob man schon die naͤchste Nacht sehr spaͤt in Maul- bronn anlangen wolle, oder lieber in Fug- nitz verbleiben, der Zaͤckinger Grenzstadt we- nige Stunden von Maulbronn. Theoda bestand auf schnelle Ankunft; sie wollte wenigstens mit dem schlafenden Dichter in demselben gelobten Lande und unter Einer Wolke seyn. Der Edel- mann sagte; er habe den eigennuͤtzigen Wunsch, erst morgen anzukommen, weil ein Wagen enger vereinige als ein Baddorf. Die heimli- chern Gruͤnde seines Wunsches waren, am Tage vom Thurm herab mit dem Bade-Staͤndchen angeblasen zu werden — ferner sich den Genuß des Inkognito’s und das Hineinfuͤhlen in Theo- das wachsende Herzens-Spannung zu verlaͤn- gern — und endlich um mit ihr Abends durch das gewachsene Mondlicht spatzieren zu wa- ten. Der Doktor schlug sich mit Freuden zu ihm; Nieß trug mit dichterischer Großmuth die Frachtkosten fuͤr ihn und kuͤrzte aus dichterischer Weichlichkeit alles Reise-Gezaͤnk durch Doppel- Gaben ab, um auch die kleinsten Himmelsstuͤr- mer von seinen Freuden-Himmel fern zu halten. „Ohnehin — sagte der Doktor — muͤss’ er in Fugnitz eine neue Scheide fuͤr seinen gefaͤhrli- chen Giftpfeil machen lassen; und er reise ja uͤberhaupt nur nach dem Bad-Neste, um da einen unreifen Rezensenten, den er nicht eher nenne, bis er ihn injurirt habe, auf die Weise zu versuͤßen, wie man nach D. Darwin unreife Aepfel suß mache, naͤmlich durch Zerstampfen; wiewol er sich beym Manne nur auf Pruͤgel eine schraͤnke. 17. Summula. Station . I hr Wirthshaus war ein Posthaus, und zwar gluͤcklicherweise fuͤr den Doktor. Denn waͤh- rend der Posthalter sich mit der Misgeburt ab- gab: fand jener Gelegenheit einen dicken un- frankirten Briefwuͤrfel, an sich uͤberschrieben, ungesehen einzustecken als Selbst-Brieftraͤger. „Warum, sagt’ er sich, das wichtige Paquet einen gefaͤhrlichen Umweg zu mir hin und her machen soll, dieß seh’ ich nicht recht. Noch dazu will ich den unschuldigen Posthalter nicht im Ge- ringsten zur Rede stellen, wenn er mir den Brief nicht schickt.” Im Ganzen bewahrte er sich durch einen ge- wissen Egoismus vor allem Nepotismus. Eigent- lich ist jede Menschenliebe, sobald sie auf beson- deres Begluͤcken, nicht auf ruhiges Liebhaben anderer ausgeht, vom Nepotismus wenig un- terschieden, da alle Menschen ja, von Adam her, Verwandte sind. Daher auch Maͤnner in ho- hen Posten den Schein eines solchen Nepotis- mus gegen adamitische Verwandte so sehr fliehen. Uebrigens laͤsset gerade diese Verwandschaft von Jahr zu Jahr, mehr ruhige kalte Behand- lung der Menschen hoffen; denn mit jedem Jahr- hundert, das uns weiter von Adam entfernt, werden die Menschen weitlaͤuftigere Anverwandte von einander, und am Ende nur kahle Namens- vettern. 18. Summula. Maͤnnike’s Seegefecht . U m den Leser nicht durch zu viel Ernst und Staats-Geschichte zu uͤberspannen, moͤge ein un- bedeutendes Seegefecht, im Staͤdtchen Hoͤf- lein , wo die Pferde Vesperbrod und Vesper- wasser bekamen, hier eine kurze Unterbrechung gewaͤhren duͤrfen, ohne dadurch den Ton des Ganzen zu stoͤren. Der Wasserspringer Maͤnnike hatte naͤm- lich den ganzen Höfleiner Adel und Poͤbel auf die Bruͤcke des Orts zusammengeladen, damit beyde saͤhen, ob er auf dem Wasser so viel ver- möchte und gewaͤnne, als die Britten-Insel, diese Untiefe und Klippe des strandenden Euro- pas. Der Springer, der so wol bemitleidet als bewundert zu werden wuͤnschte, und der un- ten im Nassen recht in seinem Elemente seyn wollte, hatte dem Staͤdtchen versprochen, im Wasser Taback zu rauchen, mit einem Schiebe- karren zu fahren, anderthalb Klafter hoch Freu- denwasser wie Freudenfeuer zu speien wie ein Flußgott von Stein, und dann im Strome noch groͤßere Kunststuͤcke fuͤr morgen der erstaunten Bruͤcke zu versprechen. Die Reisegesellschaft, die Pferde ausgenom- men, begab sich gleichfalls auf die Bruͤcke und machte gern einer herfliegenden gebratenen Taube den Mund auf. Der Wasserspringer that in der That, so weit Nachrichten reichen, das Seinige und den Rittersprung vom Gelaͤnder ins Wasser zu erst und stahl sich in viele Herzen. Inzwischen stand auf der Bruͤcken-Bruͤstung ein laͤngst in Hoͤf- lein angesessener Hallore aus Halle, der mehr- mals murmelte: die Pestilenz uͤber den Hall- pursch! Er wollte sich wahrscheinlich in seiner Sprache ausdruͤcken und sich so Luft verschaffen, da er durch den Nebenbuhler unten im Wasser, so lange auf dem Gelaͤnder gelitten. Katzen- berger neben ihm zeigte mit dem Finger wech- selnd auf Maͤnnike und den Halloren, als woll’ er sagen: Pavian, so spring nach! Endlich hielt er es auch nicht mehr aus — sondern warf seinen halben Habit hinter sich, die Leder-Kappe — fuhr wie ein Stechfinke auf das Finken- Maͤnnchen in seinem Wassergehege — und machte den Sprung auf Maͤnnike’ns Schienbeine her- unter, als dieser eben zuruͤckliegend sein Freu- denwasser aufwaͤrts spie, und den offnen Him- mel im Auge, anfangs gar nicht wußte, was er von der Sache halten sollte, vom Kerl auf sei- nen Beinen. Aber sein Nebenmann und Bad- gast zuͤndete eilig Licht in seinem Kopf an, in- dem er letztern bey den Haaren nahm und so — die Faust sollte den Raufdegen oder Raufer spielen — geschickt genug das Lusttreffen einlei- tete. Denn da diese neue Seemacht die Knie als Anker auf Maͤnnike’ns Bauchfell auswarf und zufoͤrderst die Zitadelle der Festung, naͤm- lich den Kommandanten d. h. dessen Kopf besetzt und genommen hatte: so mußte sich fuͤr jedes Herz auf der Bruͤcke ein anmuthiges Vesper- turnier anfangen, oder eine fluͤchtige republi- kanische Hochzeit, folglich deren Scheidung auf dem nassen Wege. In der That pruͤgelte jeder von beyden den andern genug — keiner konnte im lauten Wasser sein eignes Wort hoͤren, ge- schweige Vernunft, nicht nur nach Lebensluft des Lebens, sogar nach Ehren-Wind der Fama mußten beyde schnappen — die schoͤnsten Tha- ten und Stoͤße entwischten der Geschichte. Gluͤck- licher Weise stieß der Hallore und Fluß-Mi- neur unten auf den Schiebkarren, womit Män- nike als auf einem Triumphkarren vor wenigen Minuten, wie ein glaͤnzender Wassermann oder waͤssriges Meteor gefahren war, und sich von der Bruͤcke hatte mit Lob beregnen lassen. — Der Hallore faßte den Vorspringer, und stuͤlpte ihn so abgemessen auf den Karrn, daß dessen Gesicht aufs Rad hinaussah, und die beyden Beine mit den Zaͤhen auf die Karren-Gabel fest geheftet lagen. So schob er den verdienten Artisten ans Ufer hinaus, wo er erwartete, was die Welt zu seiner Fischgerechtigkeit, Fischer zu fangen, sagen wuͤrde. Die Freude war allgemein, Hr. Männike wuͤnschte waͤhrend derselben auf dem terminiren- den Teller Bruͤckenzoll im schoͤnern Sinne ein- zufodern; aber die Hoͤfleiner wollten wenig ge- ben. Der Doktor nahm sich der Menge an, und sagte: „Mit Recht! Jeder habe wie Er bloß dem guten eingepfarrten ansaͤßigen Hallo- ren, der’s umsonst gethan, zugesehen, weiter keinem; am wenigsten Herrn Männike, dem spätern Nebenregenbogen des Hallensers. Ich selber, beschloß er, gebe am wenigsten, ich bin Fremder.“ Da nuu das Wenigste Nichts ist; so gab er nichts und ging davon; — und der Ketzer-Glaube, gratis zugesehen zu haben, fraß auf der Bruͤcke auffallend um sich. 19. Summula. Monds-Belustigungen . A uf der kurzen Fahrt nach Fugnitz wurde sehr geschwiegen. Der Edelmann sah den nahen Lu- nens Abend mitten im Sonnenlichte schimmern und der Mondscheiu mattete sich aus dieser Seelen-Ferne geschauet, zu einem zweyten zaͤrtern ab. Theoda sah die niedergehende Sonne an und ihr Vater den Hasen. Die stille Gesellschaft hatte den Schein einer verstimmten; gleichwol bluͤhte hinter allen äußern Knochen- Gittern ein voller haͤngender Garten. Woher kommts, daß der Mensch — sogar der selber, der in solchen Dunkel uͤberwoͤlbter Herzens- Paradiesen schwelgt und schweigt — gleichwol so schwer Verstummen fuͤr Entzuͤcken hält, als fehle nur dem Schmerz die Zunge, als thue blos die Nonne das Geluͤbde des Schweigens, nicht auch die Braut, und als geb’ es nicht eben so gut stumme Engel wie stumme Teufel? Im Nachtquartiere trafs sichs fuͤr den Edel- mann sehr gluͤcklich, daß in die Fenster der nahe Gottesacker mit getuͤnchten und vergoldeten Grabmaͤhlern glaͤnzte, von Obstbaͤumen mit Zauberschatten und vom Mond mit Zauberlich- tern geschmuͤckt. Es wurd’ ihm bisher neben Theoda immer wohler und voller ums Herz; gerade ihr Scherz und ihr Ungestuͤm, womit ihre Gefuͤhle wie noch mit einer Puppen-Huͤlse aus- flogen, uͤberraschten den Ueberfeinerten und Verwoͤhnten; und die Naͤhe eines entgegengesetz- ten Vaters hob mit Schlagschatten ihre Lichter; denn er mußte denken: wem hat sie ihr Herz zu danken, als allein ihrem Herzen? — Haͤtte er die Erfahrung der Soldaten und Dichter nicht gehabt, zu siegen wie Caͤsar, wenn er kaͤme, und — gesehen wuͤrde, oder gar gehoͤrt, — wie denn schon am Himmel der Liebesstern sich nie so weit vom dichterischen Sonnen- gott verliert, daß er in Gegenschein oder Ent- gegensetzung mit ihm geriethe —; waͤre dies nicht gewesen, Nieß wuͤrde anders prangen in dieser Geschichte. Im Fugnitzer Wirthshaus gerieth er mit sich in folgendes Selbstgespraͤch: „Ja, ich wag’ es heute, und sag’ Ihr alles, mein Herz und mein Gluͤck. — Blickt sie neben mir allein in den stillen Mond und auf die Graͤber, und in die Bluͤten: so wird sie das Wort meiner Liebe besser verstehen; o dann soll das reine Gemuͤth den Lohn empfangen und der geliebte Dichter sich ihm nennen. Wenn sie aber Nein sagte? Kann sie es denn? Geb’ ich ihr nicht meinen Stand und alles und mein Herz? Und bist du denn unwerth, du armes Herz? Schlaͤgst du nicht fuͤr fremde Freuden und Leiden stark? Und noch niemand hab’ ich ungluͤcklich machen wollen. Nicht stark genug ist mein unschuldiges Herz, aber ich hasse doch jede Schwaͤche und liebe jede Kraft. O waͤren uur meine Ver- hältnisse anders und haͤtt’ ich meine See- lenzwecke erreicht; ich wollte leicht trotzen und sterben. Woraus schoͤpft ich denn meinen „Rit- ter groͤßerer Zeit“ als aus meiner Brust? Mei- netwegen! sagt sie doch Nein und verkennt mich und liebt nur den Autor, nicht den Menschen: so bestraf’ ich sie im Badort und nenne mich — und dann verzeih’ ich ihr doch herzlich.“ Er schlug daher, als das Glück die Gabe ver- doppelt, naͤmlich den Doktor ausgeschickt hatte, Theoda’n den Nachtgang ins rechte Nachtquar- tier der Menschen, in den Gottesacker vor. Sie nahm es ohne Umstände und Ausfluͤchte an; so gern sie lieber ihre heutige Herzens-Enge nur einsam ins Weite getragen haͤtte; Furcht vor bösen Maͤnnern vorher und vor boͤsen Zungen nachher war ihr ungewohnt. Als nun beyde im Monds-Helldunkel und im Kirchhofe waren, und Theoda heute beklommener als je fortschritt, und sie vor ihm mit dem neuen Ernste (einem neuen Reitze) dem alten Scherze den weichen Krantz aufsetzte und als er den Mond als eine Leuchtkugel in ihre Seelen-Veste warf, um zu ersehen und zu erobern: so hoͤrt er deutlich, daß hinter ihm mit etwas andern geworfen wurde. Ee schauete sich um, und sah gerade bey dem Gitter-Pfoͤrtchen einige Todtenkoͤpfe sitzen und gaffen, die er gar nicht beym Eintritte gesehen zu haben sich entsinnen konnte. Inzwischen je oͤfter er sich umkehrte, desto mehr erhob sich die Schaͤdelstaͤtte empor. Sehr gleichguͤltige und verdruͤßliche Gespenster-Gedanken wie diese, bringen um den halben Flug, und Nieß senk- te sich. Katzenberger — von dem kam alles — hatte sich naͤmlich laͤngst in unschuldiger Absicht auf den Gottesacker geschlichen, weniger um Ge- fuͤhle als um Knochen einzusammeln, das einzige, was der Menschenfresser, der Tod, ihm zuwarf un- ter den Tisch. Zufaͤllig war das Beinhaͤuschen, worin er aus einem Knochen-Florilegium ein kompletes Gerippe auszuheben arbeitete, am Eingangs-Gitterpfoͤrtchen gelegen und hatte mehr den Schein eines großen Mausoleums als eines kleinen Gebeinhauses. Katzenberger hörte das dichterische Eingehen und bekannte Stimmen, und er sah durchs Gitter alles und erhorchte noch mehr. Die Natur und die Tod- ten schwiegen, nur die Liebe sprach, obwohl keine Liebe zur andern. Fuͤr den wissenschaft- lichen Katzenberger, der eben mitten unter der scharfen Einkleidung des Lebens wirthschaftete, war daher der Blick auf Nießen, der, wie der Doktor sich in einem bekannten Briefe aus- druͤckte, „seinen Kopf, wie ein reitender Jaͤger den Flintenlauf, immer gen Himmel gerichtet an- haͤngen hatte,“ kein sympathetischer Anblick, ob- wohl ein antipathetischer. Bey ihm wollte das Wenige, das Nieß uͤber Todte und vermählte Herzens-Paradiese auf dem Wege hatte fallen las- sen, sich wenig empfehlen. Vor allem Warmen uͤber- lief gewoͤhnlich des Doktors innern Menschen eine Gaͤnsehaut; kalte Stichworte hingegen rie- ben wie Schnee seine Brust und Glieder warm und roth. Uebrigens verschlang sich seine Seele ziemlich mit der Nießischen, so wie der Werboffi- zier bey dem Rekruten schlaͤft, und immer einen Schenkel oder Arm auf ihn legt, um ihn zu be- halten im Schlafe. Er nun hatte die Koͤpfe und Ellenbogen am Pfoͤrtchen angehaͤuft. — Endlich ließ er gar ein rundes Kinderkoͤpfchen nach dem Dichter laufen als nach seinem Kegel- koͤnig. Aber hier nahm Nieß aus uͤbermaͤßiger Phantasie Reißaus, und schwang sich auf einen nahen Birnbaum, an der niedern Gottesacker- Erster Theil. 8 mauer um allda — weil das Knochenwerk als Floßrechen und gestachelter Herisson die Pforte versperrte — ins Freie zu sehen und zu springen. Umsonst rief die uͤber seinen Schrecken erschrokne Theoda bange nach, was ihn jage, ihr Vater sammle nur Skelette. Nun trat der Doktor sel- ber aus seinen Schießscharten heraus, ein wohl- erhaltenes Kindergerippe wie eine Bienenkappe auf den Kopf gestuͤlpt, und begab sich unter den Birnbaum, und sagte hinauf: „am Ende sind Sie es, die selber droben sitzen, und wollen den Gottesacker und die Landschaft besser uͤbersehen?“ Aber Nieß laͤngst verstaͤndigt — war während des Perorierens des Doktors schon um die Mauer herum, und durch das Pfoͤrtchen zuruͤckgerannt und erfaßte jetzt, mit zwey aufgerafften Arm- knochen in Haͤnden, hinten den Doktor an den Achselknochen, woruͤber er die bleichen ragen ließ, mit den Worten: „ich bin der Tod, Spoͤtter!“ Katzenberger drehte sich selber ruhig um; da lachte der Poet ungemein, mit den Worten: „nun so haben wir beyde unsern lustigen Zweck einer kleinen Schreckens-Zeit verfehlt; nur aber Sie zu erst!“ — „Ich fuͤr meine Person fahre gern zusammen — versetzte der Doktor — weil Schrecken stärkt, indeß Furcht nur schwaͤcht. In Hallers Physiologie im 5ten Bande. und uͤberall koͤnnen Sie die Beyspiele zusammen finden, wie durch bloßen starken Schrecken — weil er dem Zorne aͤhnlich wirkt — Laͤhmung, Durchfall, Fieber gehoben worden, ja wie Sterbende durch auffliegende Pulverhaͤuser vom Aufflug nach dem Himmel ge- rettet worden und wieder auf die Beine ge- bracht —; und ganze matte Staaten waren oft nur zu staͤrken durch Erschrecken. Furcht hin- gegen, Hr. v. Nieß, ist wie ihre Leibeserbin und Verwandte, die Traurigkeit , nach demselben Haller und den naͤmlichen andern, wahres Laͤhmungs-Gift fuͤr Muskeln und Haut, Hemmkette des umlaufenden Bluts, macht Wun- den, die man sich durch eigne Tapferkeit oder von fremder geholt, erst unheilbar, und uͤber- haupt leicht toll, blind und stumm. Es sollte mir daher leid thun, wenn ich Sie mit meinen Versuchen in Furcht anstatt in Schrecken und Zusammenschaudern mit Haarenbergan, gesetzt haͤtte; und Sie werden mich belohnen, wenn Sie mir sagen, ob Sie gefuͤrchtet haben oder nur geschaudert?“ — „Ich bin ein Dichter und Sie ein Wissen- schafts-Weiser; dies erklaͤrt unsern Unterschied“ versetzte Nieß. Theoda aber, die ihren eignen Muth bey Maͤnnern verdoppelt voraussetzte, glaubte ihn gern. Aber ihr Vater hatte seine Gedanken, naͤmlich satyrische. — Uebrigens gieng er seelig mit doppelten Gliedern (wie ein Englisch-Kranker), mit mehrern Koͤpfen und Ruͤckgraden behangen, die er aus der Troͤdelbude und Rumpelkammer des Todes geholet, nach Hause. 20. Summula. Zweyten Tages Buch. I n der Nacht schrieb Theoda an ihre Freundin: „Vor Verdruß mag ich Dir vom dummen Heute gar nichts erzaͤhlen, das ohne Menschenverstand bleibt bis morgen fruͤh, wenn wir in Maul- bronn einfahren. Denke, wir nachtlagern noch drey Stunden davon. Himmel, wie koͤnnt’ ich morgen dort aufwachen, und meinem Kopf aus dem Fenster stecken in die Aurora und in Alles hinein! Aber dieses Feindschafts-Stuͤckchen hab’ ich bloß dem Freundschafts-Stuͤckchen zu dan- ken, daß Hr. v. Nieß nach mir etwas fragt, ob ich ihm gleich meine Person und Seele so komisch geschildert habe, daß er selber lachen mußte. Aber sieh’, so kann eine Maͤdchenseele dem Maͤn- ner-Poltergeist auch nicht unter einem Kutschen- himmel nahe kommen, ohne wund gezwickt zu werden. Gib dem Teufel ein Haar, so bist Du sein, gib einem Manne eines, so zerrt er Dich daran so lange, bis er das Haar oder den Kopf hat. Der Bienenstich wird sonst mit Honig ge- heilt; aber diese Wespen geben Dir erst die Ho- nigblase und dann die Giftblase. Ich wollt’, ich waͤr’ ein Mann, so duellirte ich mich so lange, bis keiner mehr uͤbrig waͤre, und legte einer Frau den Degen mit der Bitte zu Fuͤßen, mich zu erstechen. Aber wir Weiber sind alle schon ein paar Jahre vor der Geburt verwahrloset, und verbraten, und eh’ wir nur noch ein halbes Na- delkoͤpfchen von Koͤrper umhaben, sind wir schon voraus verliebt in die kuͤnftige Raͤuberbande, und liebaͤugeln mit dem Taufpastor und Tauf- pathen. Wie viel weißt Du so? — Es ist aber uͤber- haupt nicht viel. Naͤmlich den ganzen Reisetag hindurch hatt’ es Theudobachs angeblicher Freund (merke, ich unterstreich’ es) darauf ange- legt, mein Gehirnchen und Herzchen in allen acht Kaͤmmerchen ordentlich gluͤhend zu heitzen durch Anekdoten von ihm, durch Ausmahlerey unserer dreyfachen Zusammenkunft, und sogar durch das Versprechen noch Abends vor dem stillen Monde, der besser dazu passe, als das laute Naͤderwerk, mich naͤher mit seinem Freunde bekannt zu machen. Ich dachte dabey wahrlich, er wuͤrde mich Nachts auf dem Gottesacker dem Dichter auf einmal vorstellen. Dazu kam Mit- tags noch etwas Naͤrrisches. Er brachte mir meinen Schaul mit unlesbarer Kreideschrift be- druckt; da er sie aber gegen den Spiegel hielt, so war zu lesen: Dein Namensvetter, schoͤne Th — da, wird Dir bald fuͤr Deinen Brief zum zweytenmale danken; worauf er mich hinab zu einer Birke fuͤhrte, von deren Rinde wirklich er diese Zeile von des Dichters Hand am Tuche ab- gefaͤrbt hatte. Am Ende mußt’ ich gar noch oben in seinem Zimmer auf den Fensterscheiben eine herrliche Sentenz vom Dichter finden, die ich Dir auf der Ruͤckreise abschreiben will. Selt- sam genug! Aber Abends wars doch nichts; und mein Vater brach gar mit einem Spaße darein. Du Klare, erriethest nun wohl am fruͤhesten, was Hr. v. N. bisher gewollt — nicht mich, sondern (was auch leichter zu haben ist) sich. Er kokettirt. — Wahrlich die Maͤnner sollten niemals kokettiren, da unter 99 Weibern im- mer 100 Gaͤnse sind, die ihnen zuflattern; in- deß weibliche Koketterie weniger schadet, da die Maͤnner als kaͤltere und gleichsam kosmopoliti- sche Spitzbuben selten damit gefangen werden, wenn sie nicht gar zu jung und unfluͤgge im Neste sitzen. — Warlich, ein Mädchen, das ein Herz hat, ist schon halb dumm, und wie gekoͤpft. Der Zärtling steckt seinen Freund als Köder an die Angel, um damit eine verduzte Grun- del zu fangen; er, der wenn auch kein Narr, doch ein Naͤrrchen ist, und welcher schreit, wenn ein Wagen umfaͤllt. Gott gehab Dich wohl! Vergib mein Aus- toben. Ich bin doch allen Leuten gut, und habe selber mit dem Teufel Mitleid, so lang er in der Hoͤlle sitzt, und nicht auf der Erde streift. Der weichste Engel bringe Dich uͤber Deine Huͤgel hinüber!“ Th . 21. Summula. Ankunft im Badorte. — D. Strykius. A m Morgen, nachdem der Doktor seine Flaschen- Stoͤpsel (worunter zufaͤllig ein glaͤserner) einge- steckt hatte, fuhr man heiter auf den breiten beschatteten, sich durchkreuzenden Chausseen dem Badorte zu, das bekanntlich im unmittelbaren Fuͤrstenthuͤmchen Großpolei , (jetzt aber me- diatisirt) liegt. Als sie den letzten Berg hinab- fuhren ins Maulbronn, das ein Staͤdtchen aus Landhäusern schien; und als man ihnen vom Thurme gleichsam wie zum Essen bließ, so mußte den drey Ankoͤmmlingen, wovon jede Person sich bloß nach ihrer Ziel-Palme scharf umsah, naͤmlich: Die erste, um angebetet zu werden. Die zweyte, um anzubeten. Die dritte, um aus zu pruͤgeln. ganz natuͤrlicherweise die praͤludierende Bad- Ouvertuͤre dem ersten, Nießen, als eine Famas- trompete erklingen; der zweyten, Theoda, als ein Verwandel- oder Meßgloͤckchen zum Nieder- fallen, und dem dritten, Katzenberger, als eine Jagd- oder auch Spitzbubenpfeife zum Anfallen. Wenn sie freilich Flexen mehr als ein Vogel- schwanzpfeifchen vorkam, weil sein Herz nur sein Vor-Magen war, und er erst alles von hinten anfing, so ist dieser Einleg-Riese, wie man Einlegmesser hat, viel zu klein, um hier ange- schlagen zu werden. Indeß zeigt dieses widertoͤnige Quartett, wie verschieden dieselbe Musik in Verschiedene einwirke. Da sie aber dieß mit allem in der Welt, und mit dieser selber gemein hat: so mag fuͤr sie besonders der Wink gegeben werden, daß ihr weites Aetherreich mit demselben Blau, dersel- ben Melodie einen Jammer und einen Jubel trage und hebe. Der Doktor bezog zwey Kammern in der sogenannten großen Badewirthschaft, und Nieß ihm gegenuͤber eins der niedlichsten gruͤnen Haͤu- serchen. Aber der rechte Musik-Text fehlt vor der Hand der begeisterten Theoda; auf der Badeliste, wornach sie zu erst fragte, erschien noch kein an- gelangter Theudobach. Doch hatte sie die Freude in der großpoleischen Zeitung angekuͤndigt zu le- sen: „Der durch mehrere Werke bekannte Theu- dobach, habe man aus sicherer Hand, werde dieses Jahr das Maulbronner Bad gebrauchen.“ Die Hand war sicher genug, denn es war seine eigne. Der Doktor fragte, ob der Brunnenarzt Strykius da sey; und gieng, als man ihm ein feines um das Brunnen-Gelaͤnder flatterndes Maͤnnchen zeigte, sogleich hinab. Dieser Strykius, ein gerader Abkoͤmmling vom beruͤhmten Juristen Strykius — dem er ab- sichtlich die lateinische Namens Schleppe nachtrug, um dem deutschen Strick zu entgehen — war be- kanntlich eben der Rezensent der Katzenberger- schen Werke gewesen, den ihr Verfasser auszu- staͤupen sich vorgesetzt. Auf Musensitzen — wie in Pira — die zugleich rezenfirende Musenvaͤter- sitze sind, ists sehr leicht, da alle diese Kollegien unter einander kommunizieren, den Namen des apokalpptischen Thiers oder Unthiers zu er- fahren; bloß in Marktflecken und Kleinstaͤdten wissen die Schulkollegen von nichts, sondern er- staunen. Mehr als durch alle Strykischen Re- zensionen in der allg. deutschen, oberdeutschen Literaturzeitung u. s. w. war der milde Katzen- berger erbittert geworden, durch lange grobe haͤmische und spaͤte Antworten auf seine gelehr- ten Antikritiken. Denn den Doktor wars schon im Leben bloß um die Wissenschaft zu thun, ge- schweige in der Wissenschaft selber. Da er in- deß eine unglaubliche Kraft zu passen besaß: so sagte er ein akademisches Semester hindurch bloß freundlich: „ich koch’s“ und troͤstete sich mit der Hoffnung, den Brunnenarzt persoͤnlich in der Badzeit kennen zu lernen. Diese sehnsuͤchtige Hoffnung sollte ihm heute erfuͤllt werden. Er traf unten an dem Brun- nenhause — dem Industriekomptoir und Markt- platze eines Brunnenarztes — den verlangten. Der Brunnenarzt lief, da er mit der gewoͤhnli- chen Neugier dieses kuͤrzesten Amtes, schon Kat- zenbergers Namen erjagt hatte, ihm entgegen, und konnte, wie er sagte, die Freude nicht aus- druͤcken, dem Verfasser einer haematologia und einer epistola de monstris und de rabie canina persoͤnlich zu hoͤren, und zu benuͤtzen, und ihm, wo möglich, irgend einen Dienst zu leisten. „Der groͤßte, versetzte der Doktor, sey dessen Gegenwart, er habe laͤngst seine Bekannt- schaft gewuͤnscht.“ — Strykius fragte: „wahr- scheinlich hab er seine schoͤne Tochter, als ihr be- ster Brunnenmedikus hierher begleitet, wenn sie das Bad gebrauche.“ „Nicht eines zu gebrauchen, antwortete er, sondern einem Badegaste eines zu zubereiten, und zu gesegnen, sey er angelangt.“ — „Also auch im Umgange der scherzhafte Mann, als den ich Sie laͤngst aus ihren epistolis kenne?“ Doch Scherz bey Seite“, sagte Strykius, und wollte fortfahren. „Nein, dieß hieße Pruͤgel bey Seite, sagte der Doktor. Ich bin wirklich ge- sonnen einen kritischen Anonymus von wenig Gewicht, den ich hier finden soll, aus Gruͤnden so lange wir beyde, naͤmlich er und ich, es aushalten, was man sagt zu pruͤgeln, zu dre- schen, zu walken. Indeß will ich als ein Mann, der sich beherrscht, nur stufenweise verfahren, und fruͤher seine Ehre angreifen als seinen Koͤrper.“ „Nun diesen Scherz-Ernst abgethan — sagte der Brunnenarzt sich todtlachen wollend — so versprech’ ich Ihnen hier wenigstens fuͤnf Freunde des Verfassers der Haͤmotologie, Maͤn- ner vom Handwerk.“ „Es soll mich freuen, sagte der Doktor, wenn einer darunter mich rezensirt hat, weils eben das Subjekt ist, dem ich, wie ich Ihnen schon anvertrauet, so viel Hirn ausschlagen will, als ein Mensch ohne Lebensgefahr entbehren kann, welches, wie Sie wissen, bis auf zwey Unzen steigt, es muͤßte denn seyn, daß ich aus Liebe mich auf bloßes Einschlagen der Hirnschale einzoͤge. — Wenn schon jener Festungs-Kom- mandant jeder davonlaufenden Schildwache fuͤnf und zwanzig aufzaͤhlen ließ, die einen Geist ge- sehen: wie viel mehr ich einer kritischen, die kei- nen Geist in meinen Werken gesehen! Wie?“ „Thun Sie, was Sie wollen, Humorist; nur seyn Sie heute mit Ihrer bluͤhenden Toch- ter mein Gast im großen Brunnensaale,“ sagte Strykius; er fand seine Bitte gern gewaͤhrt, und schied mit einem eiligen Handdruck, um einen verdruͤßlichen Grafen zu antworten, der eben gesagt: Franchement, Mr. Medecin, ich habe bisher von dem detestabeln Gesoͤff nur die Hälfte Ihrer vorgeschriebenen Glaͤser ver- schluckt; ich verlange nun durchaus nur diese Haͤlfte verordnet.“ „Gut, versetzte er, von morgen an, duͤr- fen Sie keck mit der bisherigen Haͤlfte fort- fahren.“ Diese Antwort vernahm noch der Doktor mit unsaͤglichem Ingrimm; er, der sich von keinem Fuͤrsten nur eine einzige von 1000 verordneten Merkurialpillen haͤtte abdingen lassen. Stry- kius milde Hoͤflichkeit verdroß ihn mehr als die groͤßte Grobheit gethan haͤtte, auf die er zu- folge der anonymen in den Rezensionen so ge- wiß gezaͤhlet hatte; einen rauhen, wiederhaari- gen, staͤmmigen Mann hatte er zu finden ge- hoͤfft, dem der Kopf kaum anders zu waschen ist, als durch Abreißen oder Abhaaren desselben, wenigstens einen Mann, der wie ein Teich un- ter seine weißen Wasser-Bluͤten gezaͤhnte Hechte verbaͤrge — — aber er, ein so gebognes, wan- genfettes, gehorsamstes, unterthaͤnigstes Zier- Maͤnnchen, das noch niemand ein hartes Wort gesagt, als Frau und Kindern, und gegen nie- mand ein Elephant, als gegen Elephanten-Kaͤ- fer und Elephant-Ameisen! … Nichts er- bittert mehr als anonyme Grobheit eines abge- suͤßten Schwaͤchlings! Allerdings gibt es ein oder das andere We- sen in der Welt, das Gott selber kaum staͤrken kann ohne den Tod — das sich als ewiger Bet- telbrief gern auf- und zubrechen, als ewiges Friedensinstrumment gern brechen laͤßt. — Das eine Ohrfeige empfaͤngt, und zornig heraus- fährt, es erwarte jetzt, daß man sich bestimm- Erster Theil. 9 ter ausdruͤcke — das nicht so wohl zu einem ar- men Hunde und Teufel als zu einem niesenden, fuͤrstlichen mit Silberhalsband sagt: Gott helf, oder contentement — dessen Zunge der ewig gelaͤutete Kloͤppel in einer Leichenglocke ist, wel- che ansagt: ein Mann ist gestorben aber schon ungeboren — Das erst halb, ja dreyviertels erschlagen seyn will, bevor er es dem Thaͤter geradezu heraussagt auf dem Todtenbette im Kodizill, es sey dessen erklaͤrter Todfeind — das jeder so oft zu luͤgen zwingen kann, als er eben will, weil es sich gern widerspricht, sobald man ihm widerspricht — und dem nur der Feind gern begegnet und nur der Freund un- gern. — — Indem ich ein solches Wesen mir selber durch den Pinsel und das Gemaͤlde naͤher vor das Auge bringe: erwehr’ ich mir doch nicht eines gewissen Mitleidens mit solchen tausendfach ein- geknickten Seelen, die nun Gott einmal so duͤnn- halmig in die Erde gesaͤet hat; und welchen, obwohl am wenigsten durch schnelles Aufschrau- ben, doch auch nicht durch schweres Niederdruͤk- ken aufzuhelfen ist, sondern vielleicht durch all- maͤhliges Ermuntern und Aufwinden und durch Abwenden der Versuchung. Aber an das Letzte, war bey Katzenberger nicht zu denken. Des Brunnenarztes Sprech- und That-Marklosigkeit neben seiner harten, heißen Schreib- und Richt-Strengfluͤssigkeit setzten in ihm nun den Vorsatz fest, den Badarzt auf eine ausgedehnte Folterleiter von Aengsten und Ehren-Giften zu setzen und ihn erst auf der obersten Stufe zu empfan- gen mit dem Pruͤgel. Strykius war der er- ste Patient, den er durch Heilmittel nicht heilen wollte, so sehr war er ergrimmt; und er war entschlossen, ihm durch zuvor- kommende Unhoͤflichkeiten wo moͤglich zu ei- ner zu zwingen, und als umrollender We- berbaum, das hin und her fliegende We- berschiffchen zubearbeiten. Es ist indeß oft eben so schwer, manche grob zu machen, als andere hoͤflich. Zu Hause setzte er in Strykius Namen einen oͤffentlichen Widerruf seiner Rezensio- nen auf, den er ihn zu unterschreiben und herauszugeben in der Pruͤgelstunde zwingen wollte. 22. Summula. Unwichtigkeiten . H . v. Nieß lud auf Abends gegen ein unbedeu- des Einlaßgeld die Badegesellschaft zu seinem musikalischen Deklamatorium des besten Theudo- bachischen Stuͤckes betitelt: „Der Ritter einer groͤßern Zeit” auf Zetteln ein, die er schon fer- tig gedruckt mitgebracht hatte, bis auf einige leere Vakanz-Rahmen oder Logen, welche er mit Inhalt von eigner Hand besetzen wollte. Funfzig solcher Zettel ließ er austheilen, und sagte mit inniger Liebe gegen jeden und sich: „warum wollt’ ich so vielen Menschen aus entge- gengesetzten Winkeln Deutschlands, denen ein Buchstabenblaͤttchen von mir vielleicht eine ewige Reliquie ist, und zwey geschriebene Worte viel- leicht mehr als tausend gedruckte von mir, war- um sollt’ ich ihnen diese Freude nicht mit nach Hause geben?” Aber aus Liebe gegen Theoda, die dem Dich- ter als einem Sonnengott wie eine Memnon’s Statue zutoͤnte mit heitern Nachtmusiken und Staͤndchen, setzte er sich nieder und schrieb, um ihr den Aufschub seiner Goͤtter-Erscheinung oder seines Aufgangs zu verfuͤßen, eigenhändig in Theudobachs Namen ein Briefchen an Hr. v. Nieß, worin er sich selber als Freund berich- tete: „er komme erst Abends in Maulbronn an, doch aber, hoff’ er, nicht zu spaͤt fuͤr den Be- such des Deklamatorium, und nicht zu fruͤh, wuͤnsch’ er fuͤr unsre Dame.” Er steckte dies Blaͤttchen in einem mit der Bad-Post angelang- ten Briefumschlag und ging zu Theoda mit ent- zuͤcktem Gesichte. Daß er nicht log, war er sich bewußt, da er eben vorhatte unter dem Vorlesen (um das Loben ins Gesicht zu hemmen) auf zu stehen und zu sagen: ach nur ich bin selber dieser Theudobach. Ehe der Edelmann kam, hatte sie eben folgendes ins Tagebuch ge- schrieben: „Endlich bin ich da, Bona, aber nie- mand anders (außer einige Schocke Badegaͤste) sogar auf der Badeliste fehlt Er. Bloß in der Großpoleischen Zeitung wird er gewiß ange- kuͤndigt. Ich wollte, ich hätte nichts worhin- ter ich mich kratzen könnte; aber die Ohren muͤssen mir lang auf der Fahrt gewachsen seyn, weil ich so fest voraussetzte, der Erste, auf den man vor der Wagenthuͤre stieße, sey bloß der Poet. Wohin ich nur vom Fenster herabblicke auf die schoͤnən Badgaͤnge: so seh’ ich doch nichts als den leeren Stickrahmen, worauf ihn meine Phantasie zeichnet, nichts als den Paradeplatz seiner Gestalt, und sein Throngeruͤste. Wahr- lich so wird einem Maͤdchen doch so ein Mensch, den man liebt, es mag nun ein Braͤutigam oder ein Dichter seyn, zu jedem Gestirn und Gebirg gleichsam zum Augengehenk und hinter allen steckt der Mensch, daß es ordentlich langweilig wird. Man sollte weniger nach einem Schrei- ber sragen , da man ja an unseren Herrgott ge- nug haͤtte, der doch das ganze Schreiber-Volk selber geschaffen. Ich merke wohl, ich werde allmaͤhlig eher toller als kluͤger; am besten schreib ich Dir nichts mehr uͤber mein Aufpassen, als bis der Messias erschienen ist; d enn ausstreichen, was ich ein- mal an Dich geschrieben, kann ich aus Ehrlich- keit unmoͤglich; ich sage Dir ja alles, und nehme mir kein Blatt vors Maul, warum ein Blatt vors Blatt…” Da erschien Nieß und wollte seine eben er- haltene Nachricht uͤbergeben. Sie empfing ihn, in der vaterlosen Einsamkeit, mit keinem groͤ- ßern Feuer, wie er doch gedacht, sondern mit einigem Maireif, der aus dem Tagebuche auf das Gesicht gefallen war. Sofort behielt er seine Selbstbriefwechsel in der Tasche, und beschenkte sie und ihren abwesenden Vater bloß mit der Einladung, Mittags seine Gaͤste, und Abends seine Zuhörer zu seyn. Auch wunderte er sich innerlich sehr, warum er nicht sogleich darauf gefallen, ihr das Blaͤttchen erst an der Tafel zu geben, und dadurch der Tafel zugleich; „ein Briefwechsel mit dem Dichter selber, (dacht’ er), muͤßte, sollt ich denken, dem Deklamator dessel- ben, vorlaͤufige Ehre, und nachlaufende Zuhoͤ- rer eintragen.” Eben versprach Theoda seinem Tische sich und ihren Vater, als dieser eintrat, und das Nein vorschuͤttelte und sagte: er habe sich dem Handwerksgesellen Strykius versprochen, um das Band der Freundschaft immer enger zusammen zu ziehen bis zum Ersticken. Das Maͤdchen koͤnne aber thun, was es wolle. Dieß that sie denn auch, und blieb ihrem Wort, und Nießen getreu. Sie saß naͤm- lich, damit ich alles erklaͤre, an oͤffentlichen Orten gern so weit als thunlich, von ihrem Vater ab, als Tochter und als Mädchen; sie kannte seine Luthers-Tischreden. Der Edelmann wendete diese Wendung ganz an- ders: „o! sie hat schon Recht, die Zarte, dacht’ er; jetzt in Gegenwart eines Fremden, naͤmlich des Vaters, verbirgt sie ihre Waͤrme weniger; neben dem einsamen Geliebten scheuet die einsame Liebende jedes Wort zu sehr, und wartet auf fremde kuͤhlende Nach- barschaft; o Gott, wie errath’ ich dieß so sehr, und doch leider mich kein Hund!” Endlich, hoff’ ich, ist Hoffnung da, daß Mittags gegessen wird in Maulbronn in der 23ten Summel. 23. Summula. Ein Brief . H err v. Nieß fuͤhrte seine schoͤne Tischgenossin in die glänzenden Eßzirkel an eine Stelle, wo- hin das vaͤterliche Ohr nicht langte. Der Eßsaal war die gruͤne Erde mit einem von Laubzwei- gen durchbrochnen Stuͤckchen Himmel dazu. Lustbeklommen uͤberflog Theoda mit dem scheuen Auge die wallende Menge, in der weiblichen Hoffnung, ob doch nicht zufaͤllig daraus der Ge- hoffte auffliege. Ihre Seele quaͤlte, sehnte sich immer heftiger, und immer unverstaͤndiger, ihr war, als muͤsse er uͤberall gehen und sitzen. In diesen Frauen-Rausch hinein, reichte nun der Edelmann den Brief, den Theudobach an ihn geschrieben. Mehr bedurfte ihre Seele nicht um den Tisch-Trompeten leise nach zu schmet- tern, um das Erden-Leben fuͤr Sonnenstern- Leben zu halten, und um außer sich zu seyn. Jetzt standen alle Rosenknospen als gluͤhende Rosen aufgebrochen da. Sie druͤckte Nießens Hand im Feuer, und er freuete sich daß er kei- nen andern Nebenbuhler hatte, als sich selber. Die Neuigkeit lispelte sich bald von seiner zwey- ten Nachbarin die Tafel hinab. Nieß brachte deswegen, da er schon als Freund eines Groß- Autors Aufmerksamkeit gewann, mehrere Sen- tenzen, theils laut, theils gut gedreht hervor, weil leicht auszurechnen war, wie sie vollends umlaufen wuͤrden, wenn er mit dem Dichter in Eins zusammengeschmolzen. Die Tischlustbar- keit stieg zusehends. Das Brunnen-Essen ist ungleich dem Brunnen-Trinken, die beste Brun- nen-Belustigung und ohnehin froher als jedes andere; außer der Freyheit wirkt noch darin, daß man da keinen andern Arbeitstisch kennt als den Eßtisch, und keine Schmollwinkel als die Badwanne. 42. Summula. Mittags-Tischreden . A ber unten am entgegengesetzten Tafel-Aus- schnitt, wo Katzenberger neben seinen gastfreien Rezensenten saß, nahm man von Zeit zu Zeit auf den Damengesichtern von weitem verschiedene Queerpfeifer-Muskel-Bewegungen und Mie- nen-Vielecke wahr. Der Doktor hatte naͤmlich bey der Suppe seinen Wirth gebeten, ihn mit den verschiedenen Krankheiten bekannt zu ma- chen, welche gerade jetzt hier vertrunken, und ver- badet wuͤrden. Strykius wußte, als ein leise auftretender Mann durchaus nicht, wie er auf Deutsch (zumal da außer dem Namen, wenig Latinitaͤt in ihm war) zugleich die Ohren seines Gastes bewirthen, und die der Nachbarinnen beschirmen sollte. „Beym Essen, sagte eine aͤlt- liche Landjunkerin hoͤrte sich dergleichen sonst nicht gut.” — „Wenn Sie es des Ekels wegen meinen, versetzte der Doktor, so biet’ ich mich an, Ihnen noch ehe wir vom Tisch aufstehen, ins Gesicht zu beweisen, daß es rein genommen gar keine ekelhaften Gegenstaͤnde gebe; ich will mit Ihnen Scherzes halber, bloß einige der ekelhaften durchgehen, und dann Ihre Empfin- duug fragen.” Nach einem allgemeinen mit weib- lichen Flachhaͤnden unternommenen Niederschla- gen dieser Untersuchung stand er ab davon. „Gut, sagt’ er, aber dieß sey mir erlaubt zu sagen, daß unser Geist sehr groß ist, und sehr geistig und unsterblich und immateriell. Denn wäre dieser Umstand nicht, so waltete die Ma- terie vor, und es waͤre nicht denklich; denn wo ist nur die geringste Nothwendigkeit, daß bey Traurigkeit sich gerade die Thränendruͤse, bey Zorn die Gallendruͤse ergießen? Wo ist das absolute Band zwischen geistigen Schaͤmen und den Adernklappen, die dazu das Blut auf den Wangen eindaͤmmen? Und so alle Abson- derungen hindurch, die den unsterblichen Geist in seinen Thaten hienieden theils spornen, theils zaͤumen? In meiner Jugend, wo noch der Dichtergeist mich besaß, und nach seiner Pfeife tanzen ließ, da erinner’ ich mich noch wohl, daß ich einmal eine ideale Welt gebauet, wo die Na- tur den Koͤrper ganz entgegengesetzt mit der Seele verbunden hatte. Es war nach der Auferste- hung (so dichtete ich); ich stieg in groͤßter Freude aus dem Grabe, aber die Freude, statt daß sie jetzt die Haut gelinde öffnet, druͤckte sich bey mir, und bey meinen Freunden, durch Erbrechen aus. Da ich mich schaͤmte wegen meiner Bloͤße, so wurde ich nicht roth, sondern sogenannt preu- ßisch Gruͤn, wie ein Gruͤnspecht. — Beym Zorn sonderten saͤmtliche Auferstandne bloß album graecum ab. — Bey den zaͤrtern Empfindun- gen der Liebe, bekam man eine Gaͤnsehaut, und die Farbe von Gaͤnse-Schwarz, was aber die Sachsen Gaͤnse-Sauer nennen. — Jedes freund- liche Wort war mit Gallergießungen verknuͤpft, jedes scharfe Nachdenken mit Schlucken und Nie- sen, geringe Freude mit Gaͤhnen. — Bey ei- nem ruͤhrendem Abschied floß statt der Thränen viel Speichel. — Betruͤbnis wirkte nicht wie bey uns auf verminderten Pulsschlag, sondern auf Wolfs- und Ochsen Hunger und Fieber- Durst, und ich sah viele Betruͤbte Leichentrunk und Leichenessen zugleich einschlucken. — Die Furcht schmuͤckte mit feinem Wangenroth. — Und feurige aber zarte Zuneigung der Ehegat- ten verrieth sich, wie jetzt unser Grausen, mit Haarbergan, mit kaltem Schweiß und Laͤhmung der Arme. — Ja, als.…” Aber hier lenkte der vorsorgende Brunnenarzt den ungetreuen Dichterstrom durch die Frage seitwaͤrts: „Artig, sehr artig, und wie Haller, wahrer Dichter und Arzt zugleich! — Aber Sie haben sich gewiß vorhin in der Wirklichkeit schoͤ- ner gefuͤhlt, da Sie aufmerksam unsern schoͤ- nen Damenzirkel durchliefen?” — „Allerdings, versetzte er, und ich thue es auch in jeder neuen Gesellschaft in der Hoffnung, endlich einmal ein Monstrum darunter zu finden. Denn jetzt bin ich der bluͤhende schwaͤrmerische Juͤngling nicht mehr, der sonst vor jeder schoͤnen Ge- stalt oder Brust außer sich ausrief: „Rumpf ei- ner Goͤtrin! Brustkasten fuͤr einen Gott! Und das feine Hautwarzensystem, und das Malpi- phische Schleimnetz und die empfindsamen Ner- venstraͤnge darunter! O ihr Goͤtter!” — Auch Sie wie alle Schwaͤrmer haben sich gewiß sonst nicht schwaͤcher ausgesprochen; jetzt freylich wird der Ausdruck immer lahmer. Um aber auf die Misgeburten zuruͤck zu kommen, nach denen ich mich hier nach den ersten Komplimente vergeb- lich umgesehen: so sag’ ich dieß: Eine Misge- burt ist mir als Arzt eigentlich fuͤr die Wissen- schaft das einzige Wesen von Geburt, und Hoch- und Wolgeboren; denn ich lerne mehr von ihm, als vom wohlgeborensten Manne. Aus demsel- ben Grunde ist mir ein Foͤtus in Spiritus lieber, als ein langer Mann voll Spiritus; und Embryo- nengläser sind meine wahren Vergroͤßerungs- Glaͤser des Menschen. — Ach wohl in jedem von uns, fuhr er feuriger fort, sind einige An- saͤtze zu einem Monstrum, aber sie werden nicht reif; mit dem Rückgrads Ende, dem Steißbein, setzen wir z. B. zu einem Affenschwanz an, und auf dem neugebornen Kindskopfe erscheint nach Buffon eine hornartige Materie zu einem Ge- hörne, nicht Gehirne, die man leider sauber wegbuͤrstet; aber jeder will wahrlich nur seines Erster Theil. 10 Gleichen sehen, ohne nur im Geringsten, sich um die schon fuͤrs Auge koͤstliche Mannigfaltigkeit zu bekuͤmmern, welche z. B. an dieser Badtafel genossen wuͤrde, wenn jeder von uns etwas Ver- drehtes an sich hätte, und wenn z. B. der eine statt der Nase einen Fuchsschwanz truͤge, der andere einen Zopf unter dem Kinn, der dritte Adlerfaͤnge, der vierte ordentliche, nicht etwa abgenutzte mythologische Eselsohren. Ich fuͤr meine Person, darf ich wol bekennen, ginge mit Jauchzen vor einer misgebornen Knappschaft und Mannschaft an der Spitze als verzerrter Fluͤ- gelmann und monstroͤses Muster, und wuͤrde Gott danken, wenn ich (naͤmlich koͤrperlich) nicht waͤre wie andere Leute, sondern wenn auf mir etwa Kameel und Dromedar, also 3 Hoͤcker zu- gleich verkettet waͤren zur Gebirgskette, oder wenn die Natur mir hinten eine angeborne Frau aufgesetzt haͤtte, sammt 12 Fingern vorne, oder wenn ich sonst mit vielen Curiosis fuͤr mich und andere begabt waͤre, insofern mir naͤmlich bey diesem lebendigen Naturalienkabinet auf mir, mein gewoͤhnlicher medizinischer Verstand ge- lassen wuͤrde, der sich wie eine Biene auf alle Blumen-Monstrosen setzen muͤßte und koͤnnte. Was hat aber jetzt mein Geist davon, daß mein Leib wohlgestaltet ist und die gemeinsten Reitze fuͤr Volksaugen umher spreitet? — Nichts hat er, er sieht sich nach bessern um. Aber ich ent- sinne mich noch recht gut meiner Jugend, wo ich mehr idealisierte und weniger auf Erden als im Himmel wandelte, da weidete ich mich an getraͤumten hoͤhern Misgeburten, als an einem theuern schwachen Hasenpaar, das ich gestern gekauft; da war es mir ein Leichtes, ganze in einander hineingewachsene Sessionen geboren und zu Kauf zu denken, die ich dann nach dem Ableben leicht in einem Spiritus-Glas bewahrte und bewegte nach Lust — oder einen Knaben mit einem angebornen vollstaͤndigen fleischernen Kroͤnungshabit — oder einen tafelfaͤhigen Edel- mann mit 32 Steißen besetzt — und doch sind das nicht ganz arkadische Traͤume. Sonst wur- den ja wirklich Menschen mit lebendigen Pluder- hosen und Fontangen gebornen zum Abschrecken vor genaͤhten; warum koͤnnte nicht unsern Zeiten der Fang zufallen, daß ihnen das Gluͤck einen Incroyable mit pulsirenden Hutkrempen und Schnabelstiefeln, und fleischernen Crawatten- Zacken bescherte, frag’ ich?” Der Brunnenarzt schwitzte, waͤhrend er prieß, mehrere Schweiße von verschiedener Temperatur daruͤber, daß er einen Fluͤgel seiner Pazienten, zumal den weiblichen, eine Landjunkerin, eine Konsistorial-Raͤthin, eine halb bleich-, halb gelb- suͤchtige Zaͤrtlingin, und am Ende sich selber, in die Hoͤr- oder Stech-Weite eines solchen gei- stigen Raufdegens gebracht als Wirth. Gern haͤtte er verschiedene kaltsinnige Mienen dabey geschnitten, wenn er versichert gewesen waͤre, daß ihn der Doktor nicht als Rezensenten kenne, und darum schaͤrfer angreife. Doch that er das Seinige und sprang von den Misgeburten auf die Katzenbergerischen Geburten, um vorzuͤglich dessen Haͤmatologie zu huldigen, worin, sagt’ er, Paragraphen waͤren, ohne welche er manche gluͤckliche Bemerkungen gar nicht haͤtte machen koͤnnen. „Schoͤn, versetzte der Doktor, so denkt wohl nur ein äußerst parteiischer und guter Mann wie Sie; — denn außer Ihnen giebts nur noch einen Leser, der gern alles redlich thut, was ihm Buͤcher vorschreiben, naͤmlich den Buch- binder, der jedes Wort an den Buchbinder be- folgt — aber Sie sollten meinen Hund von Re- zensenten kennen, und dagegen halten. Him- mel, wie bellt der Zerberus, zwar nicht mit drey Koͤpfen, aber aus sieben Hundhuͤtten, und an sieben Ketten gegen mich! — — Ich wollt’, ich haͤtte ihn da; ich wollte jetzt alles thun, da ich eben getrunken, was ich ihm laͤngst geschworen, naͤmlich meine Blut-Machungslehre (die hae- matologia ) an ihm selber erproben. — Oder gibt es etwas suͤndlichers, als wenn ein Narr — bloß weil er sieben Zeitungen dazu frey hat, wie zu sieben Thuͤrme — die sieben Weisen spielt, und sieben Todsuͤnden begeht, um als einziger Zeuge vermittelst einer boͤsen literatischen Hep- tarchie seinen Ausspruch zu besiebnen? Ich kann von der boͤsen Sieben gar nicht los; aber ich werde, sollt’ ich denken, in jedem Falle den Mann auspruͤgeln, erwisch’ ich ihn. Hier fass’ ich zum Gluͤck den redlichen Stryk an der Hand, der denkt wie ich, wenn nicht zehnmal besser. Diesem Magen uͤbergeb’ ich mich — denn ich meyne Magus, nicht Stomachus — und er ent- scheide; fuͤr mich der große Thor (ich spreche zwar nach einem Glas Wein, aber ich weiß recht gut, daß Thor unser erster altdeutscher heilender Gott gewesen) — der sage hier.… was wollt ich denn sagen? Nun mir gilts sehr gleich, und die Sache ist ohnehin klar und fest genug. Kurz — — „Ich errathe unsern guten Autor, sagte Strykius; denn vielleicht kann ich, als alter Le- ser seiner witzreichen Werke, ihn wenigstens zum Theil wuͤrdigen. Man kennt diesen tiefen Mann, er verzeihe mir sein Lob ins Gesicht, nur wenig, wenn man nicht seine gelehrte und seine witzige Seite zugleich bewundert und unterscheidet, die er beyde so eng verschmilzt, aber er hat nun einmal, um spashaft-gemein zu sprechen, Haar im Mund.” „Aber ich habe sie jetzt zwischen den Zähnen (versetzte er, einen Truthahn-Hals an der Gabel aufhebend); ich wuͤnschte mancher haͤtte so viel Haarwuchs auf dem Kopfe als der Truthahn hier am Halse und solche herrliche Haarzwiebeln waͤren auf eine bessere Haut und Glatze gesaͤet als ich eben kaͤuen muß.” „Ich tadle aber doch die Sauce dabey — fiel ein aͤltlicher mehr bloͤd- und fuͤnfsinniger als scharfsinniger Posthalter ein — sie will mir fast wie abgeschmackt schmecken; aber jeder hat frey- lich seinen Geschmack.” — „Abgeschmackt, Herr Posthalter, (sagte der Doktor, und hielt lange innen,) nennen die Physiologen alles, was we- niger Salz enthaͤlt als ihr eigner Speichel; da- her sind Sie wegen des Ungesalzenen wahr- scheinlich ein Mann von Salz, ich meyne den Speichel.” — Eine schwergeputzte Landjunkerin, die ihren Kahlschaͤdel mit einem Prunk- und Titular-Haar gekroͤnt, merkte (aber nicht leise genug, weil sie es franzoͤsisch sagte), gegen ihre Tochtrr an: „Fi! Welch ein Mensch! Wer kann dabey essen?” — Der Posthalter, der ihn schlecht verstand und gut aufnahm, wollte es hoͤflich erwiedern, und fragte: Wie gefallen Sie sich hier, Herrrr … ich weiß Ihren werthen Karakter nicht? Ich mir selber? Sehr! versetzte der Doktor. Eben bekam er, und die Landjunkerin kleine etwas klumpige Pasteten auf den Teller. Er schob seinen weit in den Tisch hinein, bemer- kend: gerade in solchen Pasteten wuͤrden ge- woͤhnlich die Frauens-Peruͤcken ausgebacken, wie hier mehrere an der Tafel saͤßen; indeß find’ er darum noch kein Haar aus Eckel darin, ja er ziehe in Ruͤcksicht des letztern Pasteten den Peruͤcken vor. Die Edeldame brach mit Abscheu auf, um es zu keinen staͤrkern Ausbruͤchen kommen zu lassen. Endlich thaten es auch die Uebrigen. Wohlgemuthet druͤckte Katzenberger dem Re- zensenten die Hand und prophezeiete sich die Freuden, die ihn erwarteten, koͤnn’ er oͤf- ters so mit ihm zusammenhausen, und machte die Herzens-Ergießung: „ich habe am Ende (und nur mit Gewalt verschieb’ ichs) sagen wollen zu Ihnen: Du!” 25. Summula. Musikalisches Deklamatorium . D ie Leser finden jetzt um 7 Uhr alle Maul- bronner von Bildung in Nießens Deklamier- saal. — Das musikalische Vorspiel hat schon ausgespielt — Nieß geht mit „dem Ritter einer groͤßern Zeit” in der Hand, ihn drittels dekla- mierend, drittels lesend, drittels tragierend lang- sam zwischen der weiblichen und maͤnnlichen Kom- pagniengasse auf und ab, und haͤlt bald bey diesem Maͤdchen still, bald bey jenem. Auch Katzenberger ging auf und ab, aber einsam im Vorsaal, theils um den reinen Musik-Wein ohne poetischen Bleizucker einzuschluͤrfen, theils weil es uͤberhaupt seine Sitte war, im Vor- zimmer eines Konzertsaales unter unaufhoͤrli- cher Erwartung des Billeteurs, daß er seine Ein- laßkarte nehme, so lange im musikalischen Ge- nusse gratis versunken hin und her zu spatzieren, bis alles vorbey war. — Der Vorleser steht schon bey den groͤßten lyrischen Katarakten seiner dichterischen Alpenwirthschaft, und die Musik faͤllt (auf kleine Finger-Winke) bald vor, bald nach, bald unter den Wasserfaͤllen ein, und alles harmonirt. — Der Karakter des Ritters einer groͤßern Zeit war endlich so weit vorgeruͤckt, daß viele Zuhoͤrerinnen seufzten, um nur zu athmen und daß Theoda gar ohne Scheu vor den scharf geschlif- fenen Frauen-Blicken daruͤber in jene Traual- tars- oder Brautthraͤnen (aͤhnlich den maͤnnli- chen Bewunderungsthraͤnen) zerschmolz, welche freudig nur uͤber Groͤße, nicht uͤber Ungluͤck flie- ßen. Der geschilderte bluͤhende Ritter des Ge- maͤldes, schamhaft wie eine Jungfrau, liebend wie eine Mutter, schlagend und schweigend wie ein Mann und ohne Worte vor der That, und von wenigen nach der That, stand im Gemaͤlde eben vor einem alten Fuͤrsten, um von ihm zu scheiden. Es war ein prunkloses Gemaͤlde, das ein jeder leicht haͤtte uͤbertreffen wollen. Der aͤltliche Fuͤrst war weder der Landesherr, noch Waffenbruder des Juͤnglings; er hatte sich bloß an ihn gewoͤhnt, aber jetzt mußt’ er ihn ziehen lassen und dieser mußte ziehen. Beyde sprachen nun in der letzten Stunde bloß wie Maͤnner, nämlich nicht uͤber die letzte Stunde, sondern wie sonst, weil nur Maͤnner der Nothwendig- keit schweigend gehorchen; und so gingen beyde, so sehe auch in jedem der innere Mensch schwere Thraͤnen in den Augen hatte, wortkarg, ernst, mit ihren Wunden und mit einem Gott befoh- len, aus einander. So weit war die Vorlesung einer groͤßern Zeit schon vorgeruͤckt, als noch die Thuͤre aufging, und wie ein fremder Geist ein Mann eintrat, der wie auferstanden aus dem Gottesacker der Ritterzeiten ganz dem Ritter an Blick und Hoͤhe glich und die Hoͤr-Gesellschaft fast eben so sehr erschreckte als erfreuete… 26. Summula. Neuer Gastrollenspieler . J etzt in den Monaten, wo ich die 26te Sum- mel fuͤr die Welt bereite und wuͤrtze, ist es frei- lich sogar der Welt bekannt, wer ankam; aber am beschriebenen Abende war noch Maulbronn selber daruͤber dumm. Der eintretende Mann schrieb sich Herr von Theudobach, Hauptmann in preuß. Diensten. Nach altdeutschen Lebens-Styl war er noch ein Juͤngling, das heißt 30 Jahr alt — und nach seinem blühenden Gesicht und Leben war ers noch mehr. Seine dunkeln Augen gluͤhten wie einer wolkigen Aurora nach, weil er sie bisher noch auf keine andere Figuren geworfen als auf mathematische in Euler und Bernouilli, und weil er bisher nichts schoͤneres zu erobern gesucht, als was Koehorn, Rimpler und Vauban ge- gen ihn befestigt hatten. Unter diesem mathe- matischen Schnee schlief und wuchs sein Fruͤh- lings-Herz ihm selber unbemerkt. Vielleicht gibt es keinen pikantern Gegenschein der Gestalt und des Geschaͤfts als der eines Juͤnglings ist, welcher mit seinen Rosenwangen und Augen-Blitzen des Auges und versteckten Donnermonaten der brausenden Brust, sich hinsetzt und eine Feder nimmt, und dann keine andere Aufloͤsung sucht und sieht, als eine — algebraische. „Gott! sa- gen dann die Weiber mit besonderem Feuer, er hat ja noch das ganze Herz, und jede will sei- nem gern so viel geben, als sie uͤbrig hat von ihrem. Dieser Hauptmann hatte nun auf seiner Reise durch das Fuͤrstenthum Großpolei zufaͤllig in der Zeitung gelesen: der durch seine Schrif- ten bekannte Theudobach werde das Maulbron- ner Bad besuchen. „Das ich doch nicht wuͤßte?” sagte der Hauptmann, weil er von sich gespro- chen glaubte, indem er mehrere kriegsmathema- tische Werkchen geschrieben. Von Nießens Namensvetterschaft und Dichtkunst wußt’ er kein Wort. Unter allen Wissenschaften bauet keine ihre Priester so sehr gegen andere Wissenschaften ein, als die sich selber genuͤgsame Meßkunst, in- deß die meisten andern die Meßruthe selber als eine bluͤhende Aarons Ruthe entlehnen, die ih- nen bey Pristerwahlen rathen helfen soll. Ich kann mir Mathematiker gedenken, die gar nicht gehöret haben, daß ich in der Welt bin, und die also nie diese Zeile zu Gesicht bekommen. „Es sind folglich, schloß der Hauptmann, nur zwey Faͤlle denkbar, entweder irgend ein litera- rischer Ehrenraͤuber gibt sich fuͤr mich aus, und dann will ich ihm öffentlich die Meßruthe geben — oder es treibt wirklich noch ein Wasserast und Nebensprößling meines Stammbaums, was mir aber unglaublich — in jedem Falle sind fuͤnf Mei- len Umweg so viel als keiner fuͤr einen solchen Pruͤfungs-Zweck.” Sein Erstaunen, aber auch sein Zuͤrnen — denn das Zornfeuer der Ehre hatte bisher ganz allein in ihm neben dem wissenschaftlichen Feuer und Lichte gebrannt — erstieg einen hohen Grad, da er in Maulbronn von seinem entzuͤckten Wir- the hoͤrte: ein Hr. v. Nieß habe schon heute nach einem Brief, den er von Hr. v. Theudobach er- halten, dessen Ankunft angesagt; und alles werde sich im Deklamatorium uͤber seinen Eintritt ent- zuͤcken, zumal da eben etwas von ihm vorgelesen werde. Der Wirth trug sogar Vorsorge, ihm unter dem Deckmantel eines Wegweisers seinen Sohn mitzugeben, der der Wirthstochter, weil sie belesen, und mit darin war, sogleich das ganze Signalement des neuen Zuhoͤrers durch drey Worte ins Ohr zustecken sollte. Als der Hauptmann eintrat, blickten ihn die uͤbrigen weiblichen Augen an, ausgenommen nur ein Paar; Theoda sah unter dem Vorlesen keine Gesichter, als — ihre innern, und zu den poetischen Hoͤhen hinauf. Noch ehe die Wirths- tochter die Nachricht von Theudobachs Ankunft wie einen elektrischen Funken hatte durch die Weiber-Ohrenkette laufen lassen: hatten sich schon alle Augen an den Hauptmann festge- schraubt. Denn immerhin halte Christus auf einem Berge seine Predigt, oder auf dem Rich- terstuhle sein juͤngstes Gericht: es ist unmoͤglich, daß die Ftauen, die davon erbauet oder geruͤhrt werden, nicht mehrere Minuten den Heiland vergessen, und sich alle an den ersten Kirchen- gaͤnger und Verdammten heften, der eben die Gesellschaft verstaͤrkt; sie muͤssen sich umdrehen und schauen und einander etwas sagen, und wieder nachschauen. Ich will setzen, mein zweyter Satz waͤre wahr, daß fuͤr das Weiberherz ein Federbusch auf dem Mannskopfe mehr wiege als ein ganzer Bund gelehrter Federn hinter dem Ohre, weil mein er- ster richtig waͤre, daß interna non curat Prae- tor , oder woͤrtlich uͤbersetzt, daß eine Frau vor allen Dingen gern wissen will, wie ein Mann von außen aussieht: so haͤtt’ ich ziemlich erklaͤrt, war- um der junge Mann mit seinem Federbusch-Hut in der Hand, mit seinem Juͤnglingsblicke und seiner Manneskraft, und selber mit einigen Kriegs- und Blatternarben, ja sogar mit dem duͤstern Feuer, womit er dem Vorleser nachsah und nachhoͤrte, den ganzen weiblichen Hoͤr- und Sitz-Kreis wie in Einem Hamen gefangen und schnalzend aus dem Wasser emporhob. Jetzt schlug vollends die Nachricht der Wirthstochter von einem beringten Ohre zum andern: der sey’s, der Dichter. Erster Theil. 11 Theoda hoͤrte es, sah auch hin — und sie, und ihr Leben wurden wie von einem ausgebrei teten Abendrothe uͤberzogen. Wie ein stiller Riese, wie eine stille Alpe stand er da; und ihr Herz war seine Alpenrose. — Irgend einmal findet auch der geringste Mensch seinen Gott- mensch, und in irgend einer Zeit findet er ein wenig Ewigkeit; Theoda fands. Der Vorleser, den die fremde Bewundrung seines Lesestuͤcks hinriß in eigne, und der unter allen Empfindungen diese am innigsten mit dem Hoͤr-Kreis theilte, hatte jetzt, wo die eigent- liche Hoͤhe und Bergstraße seiner Schöpfung erst recht anging, gar nicht Zeit, die Ankunft, ge- schweige die Gestalt, und die Einwirkuag des Kriegers wahrzunehmen. Jetzt stand er eben an der zweyten Hauptstelle seines Gesangs, (der Anfang war die erste) am Schwanengesange, am Ende-Triller; denn wie im Leben die Ge- burt und der Tod, im Gesellschaftszimmer der Eintritt und der Austritt die beyden Fluͤgel sind, womit man steigt oder faͤllt, so im Gedichte — Nieß konnte also nicht unaufhaltsam genug stuͤr- men, und laufen und deklamieren, und sich be- gleiten lassen von Musik, um wie ein Gewitter, gerade den staͤrksten und entzuͤndensten Schlag beym Abzuge zu thun. Indeß hoͤren mitten in diesem Gerassel von poetischen Streit- und Siegswagen Vorleser eigner Sachen gleichwohl manches leise Wort, das daruͤber ausfliegt. Nieß vernahm mitten im Dichter-Sturm sehr gut Theoda’s Wort: ja er ists, und hat sich selber kopirt im Ritter.” — „Und thut doch immer, sagte die Nachbarin, als ginge ihm das ganze Gedicht nichts an.” Es war Nießen auf keine Weise moͤglich bey solchen Ausspruͤchen, daß er da sey, und sich im alten Ritter selber getroffen habe, und bey dem allge- meinen Klatschen und Anblicken und Anfragen der Bewunderung, sich etwa in den Kopf zu set- zen, er sey gar nicht gemeynt, nur der neue Soldat. Sondern eine wärmere Minute und hoͤhere Stelle um sich zu enthuͤllen und zu ent- woͤlken, dieß sah er wol ein — koͤnnte kein Stern- seher fuͤr ihn errechnen, als der Kulminazions- und Scheitelpunkt war, den er jetzt vor sich hatte, um die Wolke des Inkognito seinem Phoͤbus auszuziehen. Zum Gluͤck war er fruͤher darauf geruͤstet, und hatte daher — da er laͤngst wußte, daß die Menschen die ersten Worte eines großen Mannes, sogar die kahlsten, laͤnger behalten, und umtragen als die besten nach einem Umgange von Jahren — schon auf der Chaussee zehn Mei- len vom Lesesaal, folgende improvisierende An- rede ausgearbeitet. „Ehrwuͤrdige Versammlung, faͤnd’ ich nur die ersten Worte! Auf eine solche Sympathie einer so gebildeten Gesellschaft mit mir, durft’ ich ohne Eigenliebe nicht rechnen. Aber eine Herzens-Ergießung verdient die andere, und ich gebe mich willig dem Ungestuͤm des Augen- blicks Preis. Moͤge, Ihr Herrlichen, euch je- der Schleier des Lebens so abgehoben werden als jetzt, und nie decke sich euch ein Leichen- schleier statt eines Brautschleiers auf. — Ich war naͤmlich mein eigner Vorläufer; denn ich bin wirklich der Theudobach, dessen Ankunft ich auf heute in Briefen ansagte.” „Der sind Sie nicht, mein Herr — sagte der Hauptmann — ich heiße von Theudobach — Sie aber, wie ich hoͤre, Hr. von Nieß. — Was Sie fuͤr Ihre Werke ausgeben, sind ganz andere, und die meinigen.” Nieß blickte ihn ganz erstarrt ins Gesicht. — Besonnener springt der Mensch plötzlich zu hoch, als zu tief — Theudobach stand fast gebietend mit seinem Macht-Gesicht, Krieger-Auge, ho- hem Wuchs, neben dem zu kurzen Dichter, von welchem nun jedes Weiber-Auge abfiel; aber er ermannte sich, und sagte: „ich kenne Sie nicht, aber Deutschland mich.” — — „Hr. v. Nieß, dasselbe ist gerade mein Fall.” Unversehends trat Theoda, welche laͤngst vor Begeisterung unbewußt aufgestanden war, aus der verbluͤften Schwester-Gemeine heraus vor Theudobach, und sagte zu ihm im hohen Zuͤr- nen gegen den vieldeutigen Nieß: „Sie sind der Mann, den wir alle achten, oder aller Glaube luͤgt.” Der Hauptmann sah das kuͤhne Feuer- Maͤdchen verwundert an, und wollte erwiedern; aber Nieß rief zornig dazwischen: „An mich ha- ben Sie geschrieben, nicht an diesen Herrn, meld’ ich jetzt, und ich an Sie.” — „O Gott ich? sagte Theoda.” „Mein Name Theudobach, Hr. v. Nieß, ist kein angenommener, ich habe nur Einen; und es gibt nur meinen noch in der Welt; Sie fuͤhren eingestanden Zwey, wovon ich nur den meinigen reklamire, und Ihnen den Ihrigen billig lasse. In der allgemeinen deutschen Bib- liothek können Sie meinen Namen Theudobach neben meinen rezensirten Werke finden. Jede andere Erklaͤrung koͤnnen wir uns an andern Orten geben,” setzte er mit einigen Blicken hinzu, die sehr gut als Funken auf das Zuͤndpulver ei- ner Pistole fallen konnten. „Sehr gern!” versetzte Nieß, um nur zuerst auf der Adels-Probe zu bestehen, aber auf das Vorhergehende konnte er kein Wort zuruͤck- geben vor Ueberfuͤlle von Antworten. Wer zu viel zu sagen hat, sagt meistens zu wenig. Nieß noch weniger. Noch habe ich in der allgemeinen Welt-Ge- schichte von Essig und Zopf — die ohnehin mein Fach nicht ist, weil ich vielmehr selber eines in ihm fuͤllen und fodern will — kein rechtes Bey- spiel (unter so vielen abgesetzten Guͤnstlingen und Koͤnigen) aufgetrieben, das einigermaßen dazu taugen koͤnnte, Nießens Falle und Verfalle die gehoͤrige Beleuchtung zu geben, wenn jemand sehen wollte, wie einem Manne zu Muthe ge- wesen, den man auf einmal vom Musenberge auf die Quartanerbank, vom Throne eines Sonnen- Gottes auf den Altar seiner Opferthiere, die er vermehren soll, oder von Allem zu Nichts her- unterwirft — — Gehenkte auf den Zergliede- rungstischen erwachend unter dem Messer anstatt im Himmel, sind nichts dagegen. „O, ich bin stolz!” sagte Nieß und ging davon. (Beschluß im zweyten Bändchen.) II. Huldigungspredigt vor und unter dem Re- gierungsantritt der Sonne Der Kalenderanhang nimmt unter die Heptarchie der sieben regierenden Planeten auch die Sonne auf, und gibt ihr gerade auf das Valetjahr des Sekulums den Zepter — 1801 regiert der Morgenstern , der 1900 wieder regiert, aber als Abendstern, und 1799 den Mars. — Ich nenne solche sonderbare Zusammen- treffungen den Witz des Schicksals. So haben nach Gibbons Bemerkung die Auguren prophezeiet: Das romische Reich werde so viele Jahrhunderte dauern, als Romulus Geier zur Rechten gesehen; und es traf ein. gehalten am Neujahrsmorgen 1800 vom Fruͤhprediger dahier. D a unsere Zaarin, liebe Mit-Unterthanen und Erdsassen, sich erst um 8 Uhr 15 Minuten 2 Sekunden zu uns erhebt: so kann ich vorher ein vernuͤnftiges Wort mit Euch reden. — Nach diesem Exordium schreit’ ich zu den Theilen; denn ein Laͤngeres oder gar Doppeltes ist nicht moͤglich, da ich genug werde zu thun haben, wenn ich von 7 ¾ bis 8 Uhr den ersten Theil und in der zweyten Viertel- stunde den zweyten so durchtreiben will, daß ich bey dem ersten Strahle unserer Regentin vor der Nutzanwendung halte. Der erste Theil soll diese loben, der zweyte Euch, liebe Zuhoͤrer, her- untersetzen, indeß maͤßig. I. Viertelstunde und Pars. Wenn das po- litische und das Schachspiel von 2 Meistern ge- spielet werden, so bleiben zuletzt die Bauern auf dem Brett. Ich beweise dieses so gern als ein anderer: aber warum ist das 18te Jahr- hundert so sehr auf die Fuͤrsten erboßet, die stets ein wenig besser sind, als ihre Hofleute, indeß wieder diese nichts schlimmer als Welt- leute, die wieder nichts anders sind, als eben die Elementarmeister und Oberlogenmeister des Jahrhunderts selber? Das Einzige was das Sekulum fuͤr seine Angriffe auf Fuͤrsten anfuͤh- ren kann, sind die Engländer, die im Seegefecht zuerst das Admiralsschiff berennen, um die Sig- nale und das Kommando zu verwirren. Eben so sind die meisten Kalendermacher ge- gen die mutschierende Regierung der sieben Kron- Planeten aufgestanden, und haben viele Kalen- der hinten revoluzionirt. Natuͤrlich setzten sie auch die heutige Landesmutter Im eigentlichen Sinn, wenn nach Buffon die Erde ein Kind der mit einem Kometen zusammengekommnen Sonne ist. ab; aber der Huldigungs Prediger dieses lacht uͤber den Aktus, weil er weiß, daß diese Louise XVIII. doch fort- regieren und Anziehungskraͤfte zeigen werde, sie mag im astronomischen Staatskalender stehen oder nicht. Die morgenlaͤndischen Fuͤrsten er- kennen sie noch an, und nennen sich ihre Vet- tern; ja, ein tartarischer zeigt der Base den Fuͤrstenweg, den s ie taͤglich nehmen muß. Gelehrten ist wol nichts an einem Regenten wichtiger, als daß er sie beschuͤtzt und pensionirt; und falls ein gekroͤnter Broddieb des Landes nur ein guter Nutritor der Akademieen und Akade- misten ist, so weiß jeder Dekan, daß ein Fuͤrst ein Mensch ist, und mutzt ihm nicht alles auf. Einmuͤthig wird nun von den Gelehrten hienie- den unsere neue Regentin erhoben. In ihrer Jugend privatisierte sie als Amazone verkleidet lange in Griechenland; und noch fuͤhrt sie den Namen, Apollo . Viele Laͤnder wurden uͤber das Geschlecht dieser Ritterin d’Eon irre, wie- wol man aus dem jungfraͤulichen Gefolge der neun Musen oder filles d’honneur und aus der schoͤnen jugendlichen unbaͤrtigen Gestalt die- ses Apollo leicht haͤrte merken können, wie viel Uhr es sey. Sie machte uͤbrigens in Griechen- land, wie mehrere ihres hohen Standes, nicht die besten Verse (weil in den Orakeln der Stoff uͤber die Form vorsprang), aber doch die besten Versmacher. Da erfand sie den Lorbeer, um uns etwas, wenn auch nicht in die Arme, doch auf den Kopf zu geben, und uns auf diese Weise fuͤrstlich zu belohnen. Manchen armen Teufel von Gelehrten haͤlt sie noch ein ganzes halbes Jahr Licht- und Holzfrey. Dieselben Verse, wofuͤr der neidische Nero den Lukan umbrachte und Alexander den Choͤrilus , hatte sie beyden in die Feder gesagt; — wie ganz an- ders als beyde Regenten fuͤhrte sich diese Frau auf, oder als der Mischling aus beyden, Lud- wig XIV. , der seine Uebersetzung des Caͤsars, so wie seine Feldzuͤge durch andere machen ließ! Und schickt unsere Zaarin nicht eben die Kalen- der, die ihr nach der Krone streben, ihren Va- sallen zu, wie die sinesische den seinigen? — Bode in Berlin soll reden! Als Apollo nahm sie laͤngst den medizinischen Doktorgrad an; die gallischen und englischen Koͤnige legten sich nur auf die Kur des Stam- melns und des Kropfes: aber sie hielt als Mag- netiseur fast alles von weitem durch Ansehen und ist in der Pest der einzige Pestilenziarius. Ich koͤnnte noch ruͤhmen, daß sie die Medizin-Kiste auf dem Erdenschiffe selber fuͤllt, welches wenig Aerzte thun. Ich kenne keine Fuͤrsten, die mit ihr, dieser Himmelskoͤnigin, zu vergleichen waͤren. Die asia- tischen und mexikanischen koͤnnen in Gnadensa- chen der Witterung, um welche das Land bey ihnen nachsucht, nicht eher resolvieren, als bis sie solche selber erst von der Landesherrin ihrer Sonnenlehne erhalten haben. Sie macht sich alles selber, so wohl die Ro- sen, welche der Pabst den Erden-Vicekoͤnigen weiht und schickt, als ihre Kammermohren faͤrbt sie eigenhaͤndig — sie macht sich ihr Prinzessin- Waschwasser — ihren glaͤnzenden Sonnenhof — die donnernden Ehren-Salven und bunte Ehrenpforten Abends nach ihren Arbeiten — ja sogar die in den Weg gestreuten Blumen, wozu die Landleute noch ihre Koller und Roben un- terbreiten. Es ist mir so gut wie einem bekannt, daß Koͤnig Ninus sagte, er habe nie die Sterne gesehen; aber dasselbe kann unsere Neugekroͤnte von sich ruͤhmen, ja sie löschet sogar alle die am Himmel (wie ein reisender Koͤnig die an Roͤcken) aus, auf welche sie stoͤßet Bekanntlich werden auf einen Monat die in ihrer Lauf- bahn liegenden Gestirne unsichtbar. . Was ihren fuͤrstlichen Kabinetsfleiß anlangt: so weiß man allgemein von Josua-Koper- nikus , daß sie ihre Session nie abbricht, son- dern stets die Welt laufen laͤsset um sich. — Karl XII. von Schweden sagte einmal, er wollte seinen Stiefel als Subdelegaten und Vice- Karl XII. senden; mich duͤnkt, ein Stiefel re- praͤsentire leichter den Unterthan, der ihn oͤfter anziehen und darin waten muß. Man schreibt Fuͤrsten sehr die Gabe das Feuer zu besprechen zu; beym Himmel! sie be- spricht das Ofenfeuer auf das Sommerhalbjahr; nur leider, das groͤßte Schadenfeuer, das Ka- nonenfeuer schuͤrrt sie freylich, wie jener staͤr- ker an. Ueber ihre Hofhaltung koͤnnt’ ich wenig sa- gen, gesetzt auch, es schluͤge jetzt nicht schon 8 Uhr. Man suche auf ihr, wie an andern Hoͤ- fen, weder ein Paradies noch eine Hoͤlle Nach Verg ist auf ihr jenes, nach Swinden diese. ; was Glanz und Fackeln scheint, schreibe man mit Herschel (wie bey uns) dem Dunstkreis zu, der sie umzieht und ihre breiten Flecken sind na- tuͤrliche Stellen ohne diesen. — Nach Newton verhaͤlt sich bey ihr die Zentripetalkraft oder das Anziehen zum Weglassen wie bey allen kameralistischen Höfen, naͤmlich 47000 zu I. — Die Winde streichen auf ihr wie in jedem Staats- koͤrper, naͤmlich nicht wagrecht, sondern hinauf, hinab. II. Wir haben nun den zweyten Theil der Huldigungspredigt zu betrachten, naͤmlich uns selber, die Reichs- und Sonnenkinder. Be- kanntlich stehen wir saͤmmtlich um das Sterbe- bette unsers 99jaͤhrigen Redakteurs, des kritisie- renden Jahrhunderts. Dieses ist gleichsam die allgemeine deutsche Bibliothek der Zeit und be- urtheilt, sich ausgenommen, alles. Wir war- fen darin alle Fesseln ab, und ließen uns gern die Fuͤße zugleich mit den Ketten abnehmen, und gingen ledig davon; gleich roͤmischen Skla- ven und Kindern wurden wir öffentlich emanzi- pirt durch Ohrfeigen. Gelinde abfuͤhrende Mit- tel sind jetzt unser Essen und Manna ; und die politische und kritische Revoluzion ist ein Erbre- chen, das noch fortfuͤhrt, wenn nichts mehr da ist; — daher kann es uns am Ende (fatal fuͤr jeden) an den noͤthigsten Dingen gebrechen, die abzufuͤhren sind. Das Wenige, was gegen das Ende des Sekuls geschaffen wurde, ist dem nicht ganz ungleich, was am letzten Schoͤpfungs- tage, am Freytag, nachgeschaffen wurde, wel- ches das Maul der bileamitischen Eselin war, die Buchstaben, eine Zange, Abrahams Widder, der Regenbogen und der Teufel Pirkė Asoth. 5 K. Mischn. 6. . Zum Gluͤck beherrscht uns noch einmal un- sere Bienenkoͤnigin, die Sonne. Sie ist durch ihre Scheidungen auf dem trocknen Wege in mehreren Welttheilen bekannt genug. Unter dem angenommenen Namen Apollo rezensierte sie den Pfeifer Marsyas vom Skalp bis zur Ferse — mit einem Federmesser. Daher wurden die Wappenthiere der Rezensenten der Wolf, der Habicht, der Rabe, zu apollinarischen. Ja sie setzte die Rezensenten in ihr Wappenschild und fuͤhrte sie in ihrem Titel fort; wenigstens hoͤrt sie sich gern Apollo culciarius nennen; ja als Apollo Smintheus nicht nur betiteln sondern auch als eine Maus abbilden Nach Herrmanns Bemerkung. (wie Jupiter muscarius sich als eine Fliege) ein Nagethier, das den eigentlichen Buͤcherwurm und Biblio- theken-Lumpenhecker vorstellt, wenn es durstig ist. Ich vermuthe im kuͤnftigen Jahrhundert, in dessen erstem Jahre schon der milde Hesperus re- giert und troͤstet, werde der schaffende Brahma auf unsre duͤrren, von Welttheil zu Welttheil brennenden Steppen voll uͤberstaͤndigem Gras wieder Saamenkoͤrner werfen. Wir haben also nur noch ein Sonnenjahr zum Sengen uͤbrig. Und hier ist nichts zu versaͤumen. In diesem Jahre muß noch alles gar untersucht werden, sogar das Untersuchen — alles rezensiert, sogar die Rezensenten — bloß auf filtrirendes Loͤsch- papier muß geschrieben — und jede Kornmuͤhle in eine Fegemuͤhle umgebauet werden. — — — Ich glaube, dadurch kommt Enthusias- mus in die Welt; naͤmlich jener allgemeine En- thusiasmus gegen den Enthusiasmus, jene bessere Tollheit, die nicht aus Hitze entsteht, sondern aus Frost. — Erster Theil. 12 Das jetzige so viel Laͤrm machende Jahrhun- dert schlaͤgt mit schwarzen Knallsilber gefuͤllt, nur bey dem Beruͤhren kalter Koͤrper los. Man kann noch die Aehnlichkeit beyfuͤgen, daß die, die es entzuͤnden, wie bey anderem Knallsilber (der Gefahr wegen) Masken vorthun. Ich gestehe, es weht selber am ersten Tage der Sonnenregierung eben nicht die wärmste Luft um unsere Kirche; aber gute Kronprinzen fangen strenge an wie Titus, nicht mild wie Nero; es geht daher, zumal da sie so nahe und kalt ist Im Winter ist die Sonne in der Erdnähe; und die Erde läuft schneller. alles schneller, die Geschaͤfte, die Men- schen und die Erde, sogar die — Predigten. Meine schneid’ ich durch die Schnelle der Kaͤlte — wie ich an der Kanzeluhr und am Him- mel sehe — gerade so richtig fuͤr dreysig Minu- ten zu, als staͤnd’ ich in einer englischen Kanzel. Blickt nach Morgen — die Direktrice unsers Welttheaters kann nicht uͤber drey Wolken weit von uns seyn. — Die alte Frau Eine that es in London am Krönungstage des Königs. , die Aurora, streuet ihre gelben Sonnenblumen immer dicker — ich sehe schon neugepraͤgte Kroͤnungsflittern, goldne und silberne, auf der Erde ausgeworfen — hoͤret das Rauschen des Zugs — jetzt wird eine Fackel vor- ausgetragen — sie brennt die Wolken an — die Fuͤrstin soll uͤber Feuer einziehen. — — Da steigt sie herauf, die Koͤnigin unsers Tags und unsers Jahrs. Sey gegruͤßet, Mutter der Erden und Bluͤ- then und Fruͤchte! Wie blickst Du so mild und weich das scheidende Jahrhundert an! — O, seine Schlachtfelder sind jetzt nur unter unschuldigen Schnee versteckt. — Zieh dem Jahrhundert, diesem wilden Titan Apollo stand dem Jupiter gegen die Titanen bey. , wie sonst, das Schwert aus der Hand, und gib ihm deinen geheiligten Oelzweig ins Grab! — Wie, war nicht seine letzte Bahn, wie die einer Koͤ- nigsleiche, mit Trauertuch belegt, und wird es nicht wie diese unter Kanonen eingesenkt? — Gib uns Liebe und Friede, Mutter des Lebens und der Wärme! Schick uns den weißen sanf- ten Schwan, der dir heilig ist, und baue mit deiner reinen Leier die Menschheit wieder auf, welche Mißtoͤne zertrümmert haben! — Gib uns Liebe und Friede, das bleibe unser letztes Ge- bet! — Ach der Daͤdalus der Menschheit, die Zeit, schloß uns Statuen die Augen auf, hob unsre Haͤnde empor, und band die Fuͤße los; — aber siehe, ploͤtzlich zerschlagen die Statuen wie emporwachsende Drachenzaͤhne einander selber, und stuͤrzen, wie jene Rosenkreuzerische Sta- tue, die ewige Lampe um, die sie gehuͤtet haben. Aber wenn du uͤber den letzten Tag des Jahr- hunderts gezogen bist, und uͤber schoͤnere Saa- ten unter dem Winter, als jetzt vermodern — und wenn der letzten Nacht des Saͤkulums dein lieblicher verklaͤrter Friedensengel, der Mond, ins erblassende Antliz schauet: Ach! wirst du dann noch, segnendes Gestirn, unter unsern Fuͤßen auf eine ganz neue Welt voll geraub- ter mit Narben und Schweiß bedeckter Men- schen scheinen, welche dein heiliges Licht nur quaͤlen kann? — O gib Liebe der alten Welt und Freyheit der neuen! — — III. Ueber Hebels allemannische Gedichte. An den Herausgeber der Zeitung fuͤr die ele- gante Welt. 1803. E ben habe ich zum fuͤnften oder sechsten Male eine Sammlung Volkslieder von Einem Dichter gelesen, welche in der Herderschen stehen koͤnnte, wenn man in einen Blumenstraus wieder einen binden duͤrfte. Sie betitelt sich: „allemannische Gedichte. Fuͤr Freunde laͤndlicher Natur und Sitten.” Groͤßere Kunstrichter werden den Titel beurtheilen, und gegen den Sprachfehler „laͤnd- licher Natur und Sitten” (entweder statt Sitte, oder Naturen) ins Feld ruͤcken mit Klammern und Fragzeichen, ich als Liebhaber schraͤnke mich bloß auf die Gedichte ein, und lobe sie fruͤher oͤffentlich als irgend ein Nachfolger. Ich wuͤnschte, lieber Spazier, es waͤre in der eleganten Welt, an die ich hier zugleich, wie aus dem Konzept- papier zu sehen, mit geschrieben haben will, das Schwaͤbische nur halb so einheimisch, als das Franzoͤsische. Denn nur die Mundart jenes Landes, das sonst das Mutterland einer un- vergleichlichen Dichtkunst war, und jetzt das Vaterland einiger großen Dichter ist, spricht das zarte spielende Musenkind; und mit der schwaͤbischen Mundart entzöge man ihm seine halbe Kindlichkeit und Anmuth. Manchem Dich- ter wären die wohllauten schwaͤbischen Zusam- menziehungen — z. B. Sagi’ m, statt: sage ich ihm, zu goͤnnen und das Ausmustern unserer engen n; das Eintauschen des i gegen das ewige deutsche e Da nach Fulda e der Vokal der Liebe und der Fami- lie ist — daher das Wort für beyde mit seinen beyden e, Ehe — und da nach Wenzel (in seinen Entdeckun- gen über die Sprache der Thiere 1800) eh der Schmer- ; und die Verwandlung des harten Verkleinerungs chen in das suͤße li; und am meisten der Reichthum an Diminutiven den mit den Schwaben noch Schweizer, Oestreicher und Letten theilen. In allen Sprachen verkleinert die Liebe ihr Geliebtes, gleichsam um es zu ver- juͤngen und zum Kinde zu machen, das ja der Amor selber ist. Und das Kleine, gleichsam als das Liebere, verkleinert man wieder, daher man öfter Laͤmmchen, Taͤubchen, Kindlein, Buͤchel chen, (letzteres ist nach Voß dreymal verkleinert) sagt als Elephantchen, Fuͤrstchen, Tyrannchen, Walfischchen. Manche Voͤlker reden die ganze Natur mit diesen Liebeswoͤrtern an, und ziehen sie sich, wie mit Zauberformeln, naͤher an die Brust; aber in solchen Laͤndern wohnet gern der Dichter. Daher kommen in den altdeutschen Dichtern die zahlreichen Verkleinerungswoͤrter; daher unsere guten Voreltern, welche statt der Philanthropie und des Kosmopolitismus Bruder- liebe und Christenliebe besaßen und aus den Ro- sen der Liebe noch nicht den feinen Rosenessig zenslaut aller Thiere ist: so malt unsere E-Sprache uns fast als ein familienliebe- volles, und etwas mar- tervolles Volk zugleich. der Selbstsucht zogen, sogar in ihrer Prosa die lebendigen Wesen gern mit Verkleinerungswoͤr- tern nennten z. B. das Soͤhnlein und die Kind- lein Luthers, bis zum Jesulein und Christkind- chen. Was wir etwa noch jetzt verkleinern moͤch- ten in Zirkeln, dieß suchen wir doch weniger zu vergroͤßern und zu lieben, als fast zu hassen. Noch ist jetzt der falschen Ironie, als einer spoͤttischen Nachaͤffung der Liebe, das Verklei- nerungswort gewoͤhnlich. In meiner Vorschule der Aesthetik finden Sie Beyspiele, und vorher uͤberall. Unser allemannische Dichter — denn ich sehe nicht ein, warum ich ihn uͤber ihn vergesse — hat fuͤr alles Leben und alles Seyn das offne Herz, die offnen Arme der Liebe, und jeder Stern und jede Blume wird ihm ein Mensch. Durch alle seine Gedichte greift dieses schöne Zu- eignen der Natur, der allegorisierende Personifi- kazion, die er oft bis zur Kuͤhnheit der Laune steigert Z. B. im ganzen ersten Gedichte: „die Wiese.” . Die Dichtkunst ist nur ein anderes Wort fuͤr hoͤhere weitere Liebe; sie scheidet und erloͤset die Natur vom dienstbaren Tode, und beseelt wie ein Gott, um nur zu lieben, und schmuͤckt wie eine Mutter, um noch mehr zu lie- ben. Freilich koͤnnen wir den Bergen, Baͤu- men und Sternen, worin sonst die Griechen Goͤtter zauberten, jetzt nur Seelen einblasen und was jene vergoͤtterten, nur beleben. — Ich komme aber sehr aus den einkleiden- den Brieftone heraus, lieber Sp., vielleicht weil ich zu lebhaft an die Zeitung denke, deren Welt ich das Meinige von dem allemannischen Dichter sagen wollte. Ich will also alles ohne weitere Muͤhe folgender Gestalt herauswerfen: er ist naiv — er ist von alter Kunst erhellt und von neuer erwärmt — er ist meistens christlich- elegisch — zuweilen romantisch schauerlich Z. B. in der hohen Erzählung: „Der Karfunkel.” — er ist ohne Phrasen-Triller — er ist zu lesen, wenn nicht Einmal, doch Zehnmal, wie alles Einfache. Mit andern noch bessern Worten: Das Abendroth einer schoͤnen friedlichen Seele liegt auf allen Hoͤhen, die er vor uns sich hin- ziehen laͤßt — poetische Blumen ersetzt er durch die Poesie. — Das Schweizer Alpenhorn der jugendlichen Sehnsucht und Freude hat er am Munde, indeß er mit der andern Hand auf das Abendbluͤhen der hohen Gletscher zeigt, und zu beten anfaͤngt, wenn auf den Bergen die Bet- glocken schoͤn heruͤberrufen — gleich Griechen und einigen Mahlern umschließet er seine Gemaͤlde, aus Verachtung der Pointe, zuweilen mit Bil- dern, die sich in den Rahmen verlieren Fast überall z. B. S. 50 und 60 — S. 81 u. s. w. und so ist der Mann. Wahrlich eine liebliche Er- scheinung, aber keine außer der Jahreszeit! Denn auf dem deutschen Musenberg, der jetzt unter einer stechenden Fruͤhlingssonne zugleich bluͤht und dampft , kann jetzt Alles auffah- ren: Gleicher-Blumen und nordisches Gestrippe und Gift und Duft. Ich haͤtte gern meine Freude mit einigen Proben entschuldigt, wenn Schoͤnheiten, die immer ein Ganzes bilden, so leicht einen Aus- zug vertruͤgen als Maͤngel, die eben darum ei- nes stoͤren. Auch gaͤb’ ich am liebsten das laͤngste Gedicht zur Probe, indeß der Zeitungsraum das kleinste vorzieht; und es bleibe Ihren Ruͤck- und Einsichten uͤberlassen, ob Sie eines als Post- skript fuͤr den zweyten Druck hier waͤhlen und ge- ben wollen. Doch bescheide ich mich gern, daß es immer Gedichte geben kann (worunter vielleicht die alle- mannischen zu rechnen), welche jedem Leser mis- fallen, der gar keinen Sinn fuͤr Dichtkunst be- sitzt. Einen solchen wuͤrd’ ich freylich statt dieser allemannischen Drossel aus dem Schwarzwalde lieber eine da geschnitzte Guck Gucks-Uhr oder irgend einen da gedrechselten Viehstand im Klei- nen, in die Hand zu geben rathen. — P. P. Postponendis postpositis. IV. Rath zu urdeutschen Taufnamen Zuerst gedruckt in der Zeitung für die elegante Welt 1804. . I ch ruͤcke hier in Briefform in die Zeitung f. d. e. W. fuͤr Leser, welche sie mithalten — worun- ter Sie gewiß auch gehoͤren, lieber Spazier — in so fern einer davon an mich etwas zu schrei- ben hat, vorher die Nachricht ein, daß ich von Koburg nach Baireuth gezogen bin. Die Ursa- chen des Zugs gehören nicht in Ihre Zeitung, sondern in die Flegeljahre, naͤmlich in den vier- ten Theil. Was diesen Brief selber anlangt, so versprach ich Ihnen leider fuͤr solchen in einem fruͤheren Auszuͤge und Sentenzen aus meiner Aesthetik, welche zu Michaelis erscheint. Aber ich muß um die Erlaubniß bitten, gelogen zu haben. Einem Autor wird es eben so schwer, mit seinen Ge- danken das jeu de bateaux Dieses war einmal in Paris eine moralische Spiel-Frage, welche unter gleich lieben Personen in einem untersin- kenden Kahne man opfern müsse und welche retten. zu spielen als ei- ner Mutter mit ihren Kindern. Gnomen, sagt er, die er in alter Bedeutung als Denkspruͤche gebe, koͤnnen andern leicht in neues als Zwerge erscheinen. Zoͤgen Sie aber, lieber Spatzier, statt meiner aus: so waͤr’ es zehn Mal besser, leichter und vernuͤnftiger. Lieber haͤtt’ ich fuͤr diesen Brief aus Tiecks ächt poetischen Oktavian die Geburt der Rose und die Geburt der Lilie ausziehen moͤgen — zwey Dichtungen, welche ihm die Blumengoͤttin selber wie reife Fruͤhlingsbluͤthen zugeworfen. Auch waͤr’ es in der ersten Entzuͤckung über sein Buch — und in der ersten Entruͤstung uͤber ein scham- und sinnloses Geschwaͤtz uͤber dasselbe, verzeihlich gewesen, viel Worte uͤber diesen ita- lienischen wortreichen Dichter zu machen. Wenn er indeß, wie die Feuerwerker seine poetischen Feuerwerke zu gern auf dem Wasser gibt, und die Wiederscheine zu sehr sucht: so ist we- nigstens dieses leichte Nachglaͤnzen eines wahren Feuers poetischer und lieblicher als das schwere Feuerwerksgeruͤste von Statuen und Ge- baͤuden, das uns manche beruͤhmte Dichter fuͤr das Feuerwerk selber verkaufen. Waͤr’ ich die elegante Welt, Spazier, so wuͤrd’ ich ein from- mes poetisches Kind; dann koͤnnte Tieck, der eines ist, leichter mit mir spielen. Auch diesen Auszug aus Oktavian wird ein Anderer besser geben als ich. Wichtiger als jeder aus Gedichten und Aesthetiken schien mir fuͤr die elegante Welt einer aus Wiarda , der uͤber deutsche Namen geschrieben. Wir leben jetzt wenn nicht in , doch vor ein er boͤsen Zeit, und wer die Ohren nahe an die deutsche Erde legen will, kann leicht darunter die Mineurs arbeiten und hoͤlen und mit Pulvertonnen und Leitfeuern ge- hen hoͤren. Sollte nun einmal Deutschland zum ersten Male erobert werden, wiewohl nicht wie Amerika aus Mangel an zahmen Thieren, sondern aus Ueberfluß daran: so war’ es ja um die deutschen Namen geschehen, wenn vorher Niemand einen mehr fuͤhrte. Leider bitten wir gegenwaͤrtig lieber alle Propheten, Apostel, Hei- lige und Voͤlker zu Gevattern, als einen alten Deutschen. Wer am Hofe einen deutschen Tauf- namen hat, sucht ihn wenigstens franzoͤsisch aus- zuschreiben, und zu unterschreiben — ausge- nommen Friedrich der Einzige, der sich sogar an Voltaire Frederic unterschrieb, welches (wie Godaric, Ardoric etc. ) nur deutsch ist; denn ric heißt reich und Fried Schirm. Wenn man wenige Thiere ausnimmt, welche sich Hans nen- nen, wie Rehe, Pferde, Schwanen: so gibts nicht viele deutsche Menschen und Moͤbeln, die nicht ein Franzose, sobald er sie entdeckt, wie ein Seefahrer die Inseln behandelte; er benennt, besetzt und besitzt sie. Schon bey den Weinhaͤnd- lern bedeutet Taufen und Heirathen des Weins dieselbe Verduͤnnung. Ein zweyter Grund fuͤr urdeutsche Namen ist ihr Wohlklang. Der Ausländer verstuͤmmelt nicht schoͤne Namen am meisten, sondern schlechte. Nur bey unsern Kunstwerken kehrt ers um. Hätte z. B. Montesquieu einen klingendern Namen gehabt; so waͤr’ er nicht in Rom ange- meldet worden im ersten Zimmer als Mont- dieu — im zweyten als Montieu — im drit- ten als Mordieu — bis er endlich im letzten als Hr. von Forbii eintrat. Chamfort erzaͤhlt, daß der Wuͤstling Richelieu nie im Stande ge- wesen, den Namen eines Buͤrgerlichen auszu- sprechen, ohne ihn zu verstuͤmmeln. Da wir Deutsche gegen die Franzosen — denn diesen muͤssen wir uns taͤglich mehr zu- und entgegen- bilden, damit sie kuͤnftig mit uns besser vorlieb nehmen — als geborne Buͤrgerliche erscheinen: so werden sie einst neben der geoͤfneten Mine jeden Namen, wenn er nicht halbitalienisch, wie etwa Bonaparte, toͤnt, entweder erbaͤrm- lich verrenken, oder uns gar als neuen Mitglie- dern ihrer großen Akademie der Arkadier neue arkadische Namen geben, z. B. Pépé, Huleu, Bexou, Baïf, Ouffle, Grez. Erster Theil. 13 Der Eindruck eines wollautenden Namen, so wie eines mistoͤnigen, wird oft kaum von Jahre langer Gegenwirkung uͤberwunden; und er wird gar verdoppelt, wenn der Mensch so handelt, wie er heißt; so sehr ist unser Schick- sal, wie nach Bonnet der Baum, eben so wohl in die Luft als in die Erde gepflanzt. Waͤr’ ich z. B. Rapinat gewesen, so haͤtt’ ich mich, in der Schweitz Fenelon, oder Jean Jaques, oder Tell getauft, um wie die Muͤhle schoͤn zu klin- geln nach dem Zermahlen. Ich schlage daher noch, da es fuͤr Deutsche Zeit ist, aus Wiarda und Fischart zur Probe einige urdeutsche köstliche Namen vor; erstlich weibliche: Amala (von amal , unbefleckt) Amalo- berga — Theoda (von theod , vornehm) Theo- delinda, Theudogotha, Theuberga — Liuba (von lieb) — Witta (die Weise) — Hilda (Hel- din) — Torilda (von toro kuͤhn) — Festrada (von fest) — Egwia (die Treue) — Diotwina (Siegerin) — Liota (von lud beruͤhmt) — Lieb- warta — Adelinda — Aethelwina — Gisa (die Maͤchtige) — Folka (die Vollkommene) — Oda (von od gluͤcklich). Der schoͤnen männlichen Namen sind weit mehrere: Totilar ( theod ) — Theudobach (von theut ; Volk) — Theodulph ( ulf , Helfer) — Likolf — Adalmar (der große Edle) — Ewald (der Maͤchtige) — Walland — Torwald — Fa- stulf — Toro, Torald, Thorismund, Thurstan — Hariobaud — Osmund (von Mund, Mann und Beschuͤtzer) — Gummunder, Hildemund — Britomar, Wisimar, Marobod, Theodomir (von mar beruͤhmt und mehrend) — Eoric, Ar- daric (von hear geehrt) — Ollo, Almot, Allo- rico (von al groß) — Odo, Athulf, Eodric (von od gluͤcklich) — Adelfried, Adalland (von ethel ) — Clodic (von lud ) — Degenwerd — Manrich etc. etc. Das Herz erhebt sich froh vor unsern edeln Urvaͤtern und Urmuͤttern, deren bloße Namen so grossinnig zu uns sprechen; und das Ohr fin- det sich von spanischen und italienischen Aehnlich- keiten geschmeichelt. Gerade fuͤr die zwey groͤß- ten Welttheile der eleganten Welt, sind urdeut- sche Namen Geschenke. Erstlich fuͤr die Weiber. — Ein schoͤner Taufname z. B. (Amala oder unbe- fleckt) ist die einzige Schönheit, die ihnen Maͤn- ner und Jahre nicht rauben. Zweytens fuͤr Fuͤrsten. — Bekanntlich haben sie keine andere als Taufnamen, aber deren viele (Kaiser Jo- seph hieß noch: Benedikt August Johann Anton Michael Adam) und sie regieren mit einem da- von (wie man aus dem Unterschreiben sieht) die Laͤnder. Ein wohllautender Taufname aber, z. B. Theodulph (Volks- oder erhabener Helfer), koͤnnte gewiß uͤber der Unterschrift des Ministers, dessen angeborner Name selten so lieblich klingen kann, als ein gewaͤhlter, die schoͤnsten Kon- traste machen. Auch Vaͤtern uͤberhaupt sollten Taufnamen mehr anliegen, da sie bey diesen das Verdienst, sie gegeben zu haben, herrlicher außer Zweifel setzen koͤnnen, als bey irgend einem vorneh- men Geschlechts-Namen, den sie den Kindern geben. — — Ob ich gleich hier der Welt unbezahl- bare Namen, wozu sie wie zu Tugenden nichts zu erfinden braucht als die Traͤger, mit einer gewissen Verschwendung anbiete — da ich in meinen kuͤnftigen Biographien Helden und Heldinnen genug habe, welche ohne die koͤst- lichsten Namen gar nicht existiren koͤnnen: — so bin ich doch, oder eben darum, nicht im geringsten gesonnen, auch nur einen davon an die zeitigen Romanschreiber abzustehen, sondern ich erklaͤre hiermit oͤffentlich jeden fuͤr einen Namendieb, der irgend einen in diesem Briefe oder auch im Wiarda fuͤr seine er- bärmliche Helden abborgt und ihn dadurch na- tuͤrlich so abnutzt, daß ihn nachher die meini- gen so wenig tragen wollen, als einen durch- schossenen Troͤdel-Mantel. Gedachter Schreib- troß besitzt ja Italien; in diesen Namen-Bruch und Schacht fahr’ er ein. Ich habe kaum den Muth zu sagen: le- ben Sie wohl, lieber Sp., so wenig brieflich ist dieser Brief geschrieben. Jean Paul . Nachschrift. Was ein bloßer Name vermag, sieht man an meinem; sonst könnt’ ich ihn leicht vertauschen, um mir nicht zu widersprechen. V. D. Fenks Leichenrede auf den hoͤchstseeligen Magen des Fuͤrsten von Scheerau. D. Fenk hielt die Predigt im Kloster Hopf an die Patres, da sie aßen. Schon vor 8 Jah- ren hab’ ich jedermann in der unsichtbaren Loge Erster Band. S. 114. berichtet, daß er vorher in der Klo- sterkirche die Disposition dazu entworfen, waͤh- rend daß man den Magen beysetzte. Seitdem las ich in Mosers Archiv, daß aus Leichenpre- digten fuͤr Fuͤrsten vieles von ihrer Geschichte zu schoͤpfen sey; ich vertheile daher mit Freuden einige Exemplare vom Sermone an die Welt, zumal da man mich fast versichert, daß selber der Konsistorial-Direktor Fromman; der (nach Mo ser) siebentausend fuͤrstliche Leichenpredigten auf- gespeichert, die D. Fenkische noch nicht hat erwischen koͤnnen. Die Paters im Kloster Hopf verdienen hier meinen öffentlichen Dank und Preis, daß sie den Spaß, der den ernsten Mann oft mitten in der Trauerrede auf den hohen Magen uͤberfiel, ganz gut verstanden und vergeben haben. Die- ses vermag die katholische Kirche leichter als un- sere. Gerade in die andaͤchtigsten Zeiten fielen die Narren- und Eselsfeste, die Mysterienspiele, und die Spaßpredigten am ersten Ostertage, bloß weil damals das Ehrwuͤrdige noch seinen weite- sten Abstand von diesen Travestirungen behaup- tete, wie der Xenophontische Sokrates vom Ari- stophanischen. Spaͤterhin vertraͤgt die Zweydeu- tigkeit des Ernstes nicht mehr die Annaͤherung des Scherzes, so wie nur Verwandte und Freunde, aber nicht Feinde einander vor den komischen Hohlspiegel fuͤhren duͤrfen. D. Fenk machte schon vor dem Essen die Patres dadurch aufmerksam, daß er anmerkte, er wuͤrde nie, wenn er auf dem Throne saͤße und davon todt heruntersaͤnke, sich in so großen breiten Bruchstuͤcken begraben lassen, wie die Oestreichischen Erzherzoͤge naͤmlich nie, wie diese, bloß Herz und Zunge in die Lorettokapelle bey der Hofkirche zu den Augustinern, Eingeweide und Augen in die heil. Stephanskirche, und den Torso in die Gruft bey den Kapuzinern: — sondern jeder Stummel, schwur er, und jede Subsubdivision seines Gemaͤchs muͤßte wie vom Osiris, in ihren eigenen Gottesacker einlaufen. Denn — fragt’ er die Vaͤter — warum soll ein Regent nicht nach dem Tode eben so gut uͤber- all in seinem Lande seyn, wie vorher, und zwar durch Repraͤsentanten, wozu seine Glieder so gut wie Staatsglieder passen? Und wenn das gelte, fuhr er fort, so koͤnn’ er ja recht gut das geheime Kabinet zur Begraͤbnißkapelle fuͤr seine Schreib- finger erlesen, die Antichambre fuͤr Milz und Leber, den Audienz- und Landtagssaal fuͤr die Ohren, die Kammer fuͤr die Haͤnde, den Regensburger Re- und Korrelazionssaal als Familiengruft fuͤr die Zunge; — ja er koͤnne die Koͤnigswege zur geweiheten Erde seiner ersten Wege ausheben und den fernen Fuhrleuten die letzten geben, und die Landstaͤnde koͤnnen sich (die Residenz be- sitze sein Herz) in seine einsaugenden Gefaͤße theilen. „Mich duͤnkt — sagt’ er etwas stolz, da er auf einmal die ganze schoͤne Idee uͤber- schauete — gegen ein solches topographisches Universalbegraͤbniß kommt wol wenig das elende kleine Parzialbegraͤbniß auf, wozu es einer und der andere gekroͤnte Stammhalter dadurch treibt daß er noch bey Lebzeiten aus eignen Gruͤnden nach dem Chirurgus schickt.” — Die Eßkongregation fand den Doktor so ora- torisch, daß sie ihn bat, statt des Novizen, der eine Predigt uͤber die Speisetafel hinlesen wollte, selber eine eigne zu halten. Er zog eine Schreib- tafel heraus, und sagte, diese setz’ ihn in Stand, dem eingesargten Magen eine kleine ruͤhrende Tisch- und Trauerrede zu halten; er bitte sich bloß vom Hörsaale die Gefaͤlligkeit aus, — weil er im Redefeuer etwas vor sich sehen muͤsse zum Ansehen und Anreden — daß es ei- nen im Zimmer zum Knaul aufgewickelten Ret- ter und Schirmer (oder war’s ein anderer Jagd- hund) fuͤr den Leichenmagen halte, und sich saͤmmtliche fuͤr das Trauerkondukt des Schtrmers. Dann trat er nach dem ersten Tischgebet ganz bewegt als Parentator vor das Thier, besah es lange und hob an. Betruͤbte Trauerversammlung ! Nun haben wir unsern Landes-Magen ver- loren, hier liegt sein kalter Rest auf die Bahre hingestreckt. Er, der sonst fuͤr uns arbeitete, wenn wir schliefen, ruht endlich aus von seiner Bewegung, welche so peristaltisch war. Wir wollen uͤber das Staatsglied, das wir hier zur Ruhe bestatten, zugleich die allgemeinsten und besondersten Betrachtungen durch einander werfen. Ein Fuͤrst repraͤsentirt das Volk, aber nicht bloß mit dem Herzen den allgemeinen Willen, sondern auch in mehrern Laͤndern mit dem Ma- gen den allgemeinen Appetit; in Spanien setzen die Reichsgesetze dem Koͤnige taͤglich eine Schuͤs- sel-Zenturie vor; und in Frankreich ließen sie fuͤr ihn nach dem Tode — denn der Koͤnig stirbt da nie, nach der Fikzion — gerade so viele Tage lang kochen, als Christus hungerte, naͤmlich 40 Erst 40 Tage nach dem Tode wurde ein gallischer Kö- nig begraben; und so lange speißt er auf der Serviette. Ein Prälat oder Kardinal verrichtet das Tischgebet nut ihm. , ja die Bienen weisen auf etwas Aehnliches; ihre Dogaressa oder Fürstin wird durch zwey Umstaͤnde groß und thronfaͤhig, durch eine groͤ- ßere Zelle — ein Bienen-Louvre und Esku- rial — und durch fettern Fraß aus zerdruͤckten Bienenjungen bereitet. Im letzten haͤlt sich der Koͤnig von Makoko ganz woͤrtlich an die Natur; er laͤßt sich taͤglich (nach Dapper) 200 gesottene und gekochte Landskinder serviren. Wie hart! Waͤre es nicht genug und etwas Aehnliches, wenn er entweder wie ein durchpassirender auf- schmausender Pascha Zahngeld fuͤr das Abnu- tzen seiner Hundszaͤhne eintriebe, oder fuͤr die Vakanz derselben außerordentliche Steuern ein- foderte? — Daher wird sogleich nach der Kroͤnung der Thron als ein Sessel an den Eßtisch geruͤckt, und speisen ist der erste öffentliche Aktus des Neugekroͤnten; daher muß der Erbherr auf Bardolf, der die Gruͤtze auf die brittische Königs- tafel traͤgt, der Herr von Lyston, der das Gebaͤck aufsetzt, der Erbherr auf Skoulton, welcher Oberspeckverwalter ist, sammt andern Erbland- kuͤchenmeistern und Erblandvorschneidern, fruͤher ihren Posten vorstehen als andere Staatsbedien- ten von weniger Wichtigkeit, z. B. der Lord- Major oder der Sprecher des Unterhauses. Darum wird in bessern Laͤndern darauf ge- sehen, daß der Mundkoch nicht mit dem Regie- rungsrathe, den man sogern uͤber jenen heben moͤchte Im Köllnischen aber erhielt (S. Magazin zur geist- und weltlichen Statistik 1 Jahrg. VIII. 2.) der Mund- koch 602 Thaler Salar und ein Regierungsrath 250; so daß jeder nach Verhältniß das bekam, was er for- dern konnte. in Eine Klasse geworfen werde, da jener doch am Ende fuͤr die laͤngere Sessions- tafel arbeitet. Daher speißte der verewigte Magen, den wir hier versenken, so oft öffentlich vor seinem ganzen Fuͤrstenthume, wie der Groß- Sultan eben deswegen jeden Freytag in die Kirche geht. Der Dalai Lama haͤlt es fuͤr hin- laͤnglich, wenn er die Folgen von der Sache sehen laͤßt. Der Negerkoͤnig ist so despotisch, daß er stets hinter der Decke ißt. Das Gesandtenpersonale glaubt seinem repraͤ- sentirenden Charakter durch Gastmahle genug zu thun, die es theils gibt, theils besucht. Auch geringern Staatsdienern darf er nicht ganz feh- len. Es verdient bewundert zu werden, wie ich sonst in der Fleischscharre einer Provinz stand, und mehrmals aus einem Rind, das eben aus- gehauen wurde, den Adreßkalender der Hono- razioren so komplet herstellte, wie die Passions- historie aus einem Hechtskopf; ich theilte die Maͤnner bloß, wie Frisch die Voͤgel, nach dem Futter ein. Dem regierenden Konsul, der am meisten zu sagen hatte, starb vom Thier die Zunge an — fette Kollegen erhielten Fettstuͤcke — in- nere Rathsglieder hintere Rindsglieder — äu- ßere nur vordere — der magern Kanaille, die nichts an sich hat, als Haut und Knochen und einen leeren Magen, gehoͤrte vom Maststuͤck auch nichts Besseres. Von den Opferschalen, welche die Kuͤnstler den alten roͤmischen Kaisern, wie den Dorischen Fries, anbilden und anmah- len, behauptete ich stets, daß sie nicht das Aus- gießen , sondern das Einschoͤpfen vorstell- ten: In der Natur fließt zwar von den Bergen den Thaͤlern fette Erde zu, aber im Staate mästen besser die Tiefen die Hoͤhen. So ist der paͤbstliche Thron zwar ein Hungerthurm, aber nicht fuͤr den Bischof Hatto droben, sondern fuͤr die zappelnden Kirchenmaͤuse unten, die nicht hinauf koͤnnen. Betruͤbtes Trauer- und Eßgelag! Du seufzest unter dem Genuß des Leichenmaals, womit du das Abscheiden unsers Magen feierst, und die Bissen treiben dir Thraͤnen aus. Wi- sche sie ab, setzte deine Trauer darein, daß du in den Fußtapfen des hingegangenen Gliedes wan- delst. Ihr wisset, Leidtraͤger, daß ihr im Kir- chenschiff, eurem Proviantschiff, nicht umsonst fahret, sondern daß euer Leben ein langes Nach- tischgebet seyn soll, hingebracht nicht in gelehr- ter Zerstreuung, sondern in genossener. Da der Klerus-Magen in den Kloster-Prytaneen der erweichende Vogelkropf am Staats-Phoͤnix seyn soll; da die Kirche auch bloß darum, wie den Epikur und andere Alte so oft fasten laͤßt, um den Hunger zu reitzen, und sie euch sogar das Geluͤbde des Schweigens unter dem Essen auf- legt, damit euch alles besser zuschlage, so seyd ihr verbunden, der großen Welt voranzugehen, die so schwache Eßlust und doch soviel zu essen hat; weil sie das Brokardikon Marcians nicht bloß auf Dokumente einschraͤnkt: non solent, quae abundant, vitiare scripturas d. h. es thut nichts, was zuviel dasteht. — Ritter Michaelis bewies, daß die Priester des alten Bundes bloße Schlaͤchter waͤren; und dieß spreche fuͤr euch. Muntern euch keine Staatsglieder auf, die in ihren Pflichten starben? — Hier liegt ein betruͤbtes, aber großes Beyspiel vor uns; der hier unten seinem Erwachen entgegenschlafende Magen kam durch Arbeitsamkeit an den Ort, wo wir ihn betrauern. Er wollte zuviel auf sich nehmen und in Saft und Blut verwan- deln — er wollte, gleich dem Wasser der Nep- tunisten, ganze ausgeleerte Austernbänke fuͤr die Nachwelt absetzen — er wollte eine europaͤische Niederlassung wichtiger Konsumtibilien werden und alles einfuͤhren in sich: — jetzt schlaͤft er. Wird er aber wieder erwachen, unser hoher Magen, zum Lohne seiner Arbeiten? Hoch — Hochwohl — Wohl — Hochedel- geborne Trauerversammlung! Das ist ausge- macht! Nicht zwar der irrdische schwere Ma- gen ersteht, aber der verklaͤrte. Bonnet und Platner kundschafteten im jetzigen Koͤr- per und Seelenorgan einen zweyten Koͤrper aus mit seinem zweyten Seelenorgan, und fuͤhren Gruͤnde an, die es glauben lassen, daß sich das zweyte konservire und letzlich aufschwinge. Ist das, und fuͤttert in der That ein feiner Unter- ziehmensch den aͤußern groben aus: so muß sich auch in dem ersten Magen ein praͤformirter aͤthe- rischer aufhalten, wie beym Krebs der alte im neuen. Schon Van Helmont wickelt die sensitive Seele in die Magenhaut, und Par- menides gar den ganzen Geist. — — Wie, Erster Theil. 14 sollte keine gluͤckliche Erfahrung die Hypothese eines Aethermagens stuͤtzen? — Woher kommt es denn, daß die vornehme Welt, wenn sie den Erdenmagen ausgefuͤllt hat, sich doch immer nach feinerer Zehrung fuͤr den Himmelsmagen umsieht? — Himmel! was sind denn Schau- gerichte ? — Sind diese nicht eben die vollen Schuͤsseln fuͤr den ewigen Magen, der sie daher bloß mit den feinsten Freßspitzen, mit den Seh- nerven aufzehrt? Das Phaͤnomen der Schau- gerichte wurde bisher noch schlecht erklaͤrt; und wenige Leute in Schulen wußten, warum sie den Namen Schau- Essen, Materien und For- men lassen sollten, die hoͤchstens nur fuͤr den Vogel Strauß brauchbar und nahrhaft waͤren. Allein es fuͤhret Licht in die Sachen, wenn man erkennt, daß eine speisende Hoftafel ja nicht bloß die untern Seelenkraͤfte des Unterleibs, die nur materiellere Trebern fodern, sondern auch die obern Seelen- und Magenkraͤfte, die, wie bey den Krebsen, im Kopfe, und zwar im Auge sitzen, entwickeln will an optischem Manna. Veredelte, uͤbersinnliche Seelen dieser Art, wel- che dem Volke des Ktesias so ungleich , das sich nur vom Geruch der Fruͤchte erhaͤlt, viel feiner von der Physiognomie derselben le- ben, diese haben in ihrem eignen Bewußtseyn den gewissern hoͤhern Beweis einer schoͤnern hoͤ- hern Natur, gleichsam des Magens eines neuen Adams; und bloß darauf koͤnnen sie die Hoff- nung ihrer Dauer bauen. Die Völker, welche Todten Speise vorsetzen und mitgeben, die er mit dem gestorbenen Magen nicht verdauen konnte, scheinen etwas von einem fortlebenden, vorausgesetzt zu haben. Indeß, so wie ein La- sterhafter im ganzen Himmel kein Vergnuͤgen faͤnde, so wuͤrde ein Hungerleider — voll gro- ber Begierden — in einer ganzen Garkuͤche voll Schaugerichte, keine Saͤttigung gewinnen; er muß erst veredelt (oder gesaͤttigt) seyn. Gebil- dete Damen haben meist den irrdischen Magen dermaßen ertödtet, daß sie — so wie Christus, nach dem Clemens von Alexandrien, Essen genoß, nicht weil ers brauchte, (eine himmlische Kraft macht’ ihn satt) sondern um sich nicht das An- sehn eines Scheinkoͤrpers zu geben — daß, sag ich, die Damen gleicherweise grobe Sachen essen, nicht um satt zu werden (Schaugerichte bekoͤstigen sie genug) sondern um zu zeigen, daß sie selber keine Schau- oder Schein- Koͤrper sind, um so mehr, da ihre Pariser Schau- oder Schein- Wangen-Schein-, Adern- und Haare: so leicht diesen Irrthum weiter saͤen. Und so wird denn der seelige Magen vor uns einst die irrdischen Schlacken abschütteln und geläutert erwachen, und im Anschauen ewiger Kuͤchenstuͤcke leben.” — — Soweit war D. Fenk als der Pater Kuͤ- chenmeister aus Bosheit den Schirmer mit einem Tritt auf dem Schwanze erweckte, und ihm ein leeres Markbein zuwarf, so daß der Hund an- fing, mit dem Bein im Maul herumzugehen. Inzwischen da der Leichenredner nur noch fuͤnf bis sechs Kadenzperioden nachzutragen hatte: so ging er lieber fortfahrend hinter dem Thiere her und sagte: „Und wir, wenn wir Landes-Wei- sen einst unserm hohen Magen wieder begeg- nen und ihm danken wollen fuͤr” — — Da aber der Hund voll Verdruß uͤber das Nachsetzen, vielleicht praͤsumierend, der Redner woll’ ihm den Knochen nehmen, zu murren anfing, und sich wehren wollte, so fiel jetzt die Sache ins Komische und selber der Parentator mußte mit- ten im Jammer lachen und brach ab.... VI. Die Kunst einzuschlafen . F uͤr die jetzigen langen Naͤchte und fuͤr die ele- gante Welt zugleich, die sich noch länger macht, ist eine Kunst einzuschlafen, vielleicht erwuͤnscht, ja fuͤr jeden, der nur einigermaßen ausgebildet ist. Es gibt jetzt wenige Personen von Stand und Jahren, die, das Gluͤck ihrer hoͤhern Feinde ausgenommen, irgend ein anderes so sehr be- neideten, als das einer Haselmaus, oder auch eines nordischen Baͤrs, dessen Nachtschlummer bekanntlich gerade so lange als seine Nordnacht waͤhrt, naͤmlich fuͤnf Monate. Unsere Zeit bildet uns in Kleidern und Sitten immer mehr den waͤrmern Zonen an und zu, und folglich auch darin, daß man wenig und nur in Mor- gen- und Mittagsstunden schlaͤft; so daß wir uns von den Negern, welche die Nacht kurzwei- lig vertanzen, in nichts unterscheiden, als in der Länge unserer Weile und unserer Nacht. Hoch oben wird immer mehr die eigne Menschheit — nicht wie von Alexander aus dem Schlafe — umgekehrt aus dem Mangel desselben errathen. Gibt es nicht in allen Residenzen Juͤnglinge von Welt und Geburt, welche (besonders wenn die Glaͤubiger erwachen) gern so lange schliefen bis sie stuͤrben, oder doch ihre Vaͤter? Und was hilfts manchem jungen Menschen, daß er Frank- lins Wink, Nachts zum bessern Schlafe die Bet- ten zu wechseln, so gut er weiß, befolgt? Aus dem Gegengift wird in die Laͤnge ein Gift. Kurz, wer jetzt noch am festesten schlaͤft — die Gluͤcklichen in den Wachstuben auf der Prit- sche ausgenommen — ist einer oder der andere Homer, und die sogenannten zehn thoͤrigten Jungfrauen, welche in der Bibel den Braͤutigam verschlafen. Wenn ich gleichwol mehrere geistige Mittel, einzuschlafen, freygebig anbiete, noch dazu in einem kurzen Aufsatze — nicht in langen dicken Baͤnden: — so sind sie in der That nicht jenen Wuͤstlingen gegoͤnnt und geschrieben, welche — durch lauter maitres de plaisirs zu esclaves de plaisirs gemacht; — in der Nachtzeit, in welche sonst die alte Jurisprudenz die Folter ver- legte, bloß darum die ihrige ausstehen, weil sie sonst ihre Freuden und Rachtviolen darin pfluͤck- ten. Sie mögen wachen und leiden, diese Sab- bathsschaͤnder des taͤglichen Sabbaths der Natur. Gibt es hingegen einen Minister, der an ei- nem Volke — oder einen Autor, der an einem Werke arbeitet, und beyde so feurig, daß sie eben soviel Schlaf verlieren, als entziehen — oder irgend einen weiblichen Kopf, der das Naͤh- und Fang-Gewebe seiner oder fremder Zukunft, wie die Spinnen die ihrigen gern um Betten , und immer in der Nacht abweben, eben so im Finstern ausspinnt, und der folglich kein Auge zuthut — oder gibt es irgend einen andern von Idee zu Idee fortgetriebenen Kopf — z. B. meinen eignen, den bisher der Gedanke, die Kunst einzuschlafen fuͤr die Zeitung fuͤr die ele- gante Welt zu bearbeiten, an der Kunst selber hinderte: — so sey allen diesen so geplagten und geschaͤtzten Koͤpfen mit Vergnuͤgen der Schatz von Mitteln einzuschlafen mitgetheilt, worunter so manche oft nichts helfen dem einen, doch aber dem andern und den uͤbrigen. Nicht Einschlafen, sondern Wiedereinschlafen ist schwer. Nach dem ersten schlummernden Ermatten faͤhrt der obige Staatsmann wieder auf, und irgend eine Finanz-Idee, die ihm zu- fliegt, hält er sich abarbeitend fest, wie der Ha- bicht eine in der Nacht erpackte Taube bis an den Morgen in den Faͤngen aufbewahrt; dasselbe gilt ganz vom Buͤcherschreiber, dessen Innres im Bette, wie Nachts ein Fischmarkt in See- staͤdten, von Schuppen phosphoreszirt und nach- glaͤnzt, bis es so licht in ihm wird, daß er alle Gegenstaͤnde in seinen Gehirnkammern unter- scheiden kann, und an seinem Tagwerke wieder zu schreiben anfängt unter der Bettdecke. Dieß ist ungemein verdruͤßlich, besonders wenn man keine Mittel dagegen weiß. Ich weiß und gebe sie aber; saͤmmtlich lau- fen sie in der Kunst zusammen, sich selber Lang- weile zu machen, eine Kunst, die bey gedachten logischen Koͤpfen auf die unlogische Kunst, nicht zu denken, hinaus kommt. Wir wollen indeß einen weitern Anlauf zur Sache nehmen. Es wird allgemein von Philo- sophen und Festungskommendanten angenommen, daß ein Mensch, z. B. eine Schildwache, im Stande sey, schlaͤfrig und wach zu bleiben. Ja ein Philosoph kann sich zu Bette legen, Augen und Ohren verschließen, und doch die Wette aus- bieten und gewinnen, die ganze Nacht zu ver- wachen bloß durch ein geistiges Mittel, durch Denken; — folglich, setzt diese Willkuͤhr die an- dere voraus, einzuschlafen, sobald man das Mittel der Wette nicht anwendet, wie wir Abends ja an ganzen Voͤlkern sehen, wenn sie zu Bette gehen. Der Schlaf ist, wie ich im Hesperus bewei- sen, das staͤrkende Ausruhen nicht so wohl des ganzen Koͤrpers, oder der Muskeln u. s. w. als des Denkorgans, des Gehirns, daher durch lange Entziehung desselben nichts am Koͤrper er- krankt als das Gehirn, nemlich zum Wahnwitz. Wird es bey dem Thiere durch kein Empfinden, beym Menschen durch kein Denken mehr gereizt: so zittert dieses willkuͤhrliche Bewegungsorgan endlich aus. So bald der Mensch sagt: ich will keine einzige Vorstellung, die mir aufstößt, mehr verfolgen, sondern kommen und laufen lassen, was will: so faͤllt er in Schlaf; nachdem vor- her noch einzelne Bilder ohne Band und Reihe, wie aus einer Bilderuhr, vor ihm aufgesprun- gen waren, bloße Nachzuckungen des gereizten Denkorgans, denen der Muskelfasern eines ge- toͤdteten Thieres aͤhnlich. Das Erwachen dage- gen beginnt das gestaͤrkte und nun reitzende Or- gan, wie das Einschlafen der nachlassende Geist. Die goͤttliche Herrschaft des Menschen uͤber sein inneres Thier- und Pflanzenreich wird zu wenig anerkannt, und eingeuͤbt, zumal von Frauen; ohne sie schleppt uns die Kette des er- sten besten Einfalls fort. „Tritt aber nicht, kann eine Frau sagen, das Leichenbild meines Schmerzes uͤberall ungerufen mitten im Fruͤh- ling und im Garten desselben wie ein Geist, aus der Luft, bald hier, bald da, und kann ich der Geistererscheinung wehren?“ Wende das Auge von ihr, sag’ ich, so ver- schwindet sie und kommt zwar wieder, aber im- mer kleiner; siehst du ihn hingegen lange an, so vergroͤßert sie sich, und uͤberdeckt dir Him- mel und Erde. — Nicht die Entstehung, son- dern die Fortsetzung unserer Ideen unterschei- det das Wahre vom Traume; im Wachen erzie- hen wir den Fuͤndling eines ersten Gedankens, oder lassen ihn liegen, im Traume erzieht der Fuͤndling die Mutter, und zuͤgelt sie an seinem Laufzaume. Um zum nahen Einschlafen wieder zu kom- men, so bekenn’ ich indeß, daß jenes gewaltsame Abbestellen und Einstellen alles Denkens ohne philosophische Uebung wohl wenigen gelingen wird; nur der Philosoph kann sagen: ich will jetzt bloß mein Gehirn walten lassen ohne Ich. Dieses Vermoͤgen, nicht zu denken, kann also nicht uͤberall bey der eleganten und denkenden Welt vorausgesetzt werden. Die Juden haben unter ihren hundert Danksagungen an jedem Tage, auch eine bey dem Kraͤhen des Hahns, worin sie Gott preisen, daß er den Menschen hohl erschaffen, desgleichen löcherig. Jeder elegante Welt-Mensch wird bis zu einem gewis- sen Grade — bis zum Kopfe — in das Dank- gebet einfallen, weil er in der That keine Luͤcken in der Welt lieber auszufuͤllen sucht als seine eignen. Allein nicht jeder hat Abends das Gluͤck, hohl zu seyn, und also, da die Leerheit des Ma- gens nicht halb so sehr als die des Kopfes das Einschlafen beguͤnstigt, letzteres zu erringen. Es muͤssen folglich brauchbarere Anleitungen, den Kopf wie einen Barometer luftleer zu machen, damit darin das zarte elektrische Licht der Traͤume in seinem Aether schimmere, von mir angege- ben werden. Wenn alle Einschlafs-Mittel, nach den vori- gen Absaͤtzen, d. h. Grundsaͤtzen in solchen be- stehen muͤssen, die den Geist vom Gehirne schei- den, und dieses seiner eignen Schwere über- lassen: so muß man, da doch die wenigsten Men- schen verstehen, nicht zu denken, solche Mittel waͤhlen, die zwar etwas, aber immer dasselbe etwas zu denken zwingen. Da ich wol ein guter Einschläfer und Schläfer, aber einer der mittelmaͤßigsten Wiedereinschlaͤfer, bin: so geben mir meine Naͤchte- und Bett-Luku- brazionen vielleicht ein Recht uͤber die Selbstein- schlaͤferungskunst hier der Welt nach eignen Dik- taten zu lesen. Ich muͤßte von mir selber sprechen, und mich über mich ausbreiten, wenn ich die Leser an mein Bett fuͤhren wollte, um sie von diesem Hei- denvorhof aus, weiter zu geleiten zum Kathe- der. Nur dieß kann ich vielleicht sagen, daß ich ganz andere Anstalten als die meisten Leser treffe, nicht aufzuwachen. Wenn z. B. so man- cher Leser bey dem Einschlafen eine Hand aus Unvorsicht auf die Stirn oder an den Leib, oder nur ein Bein aufs andere legt: so kann das ge- ringste dem Schlafe gewoͤhnliche Zucken der vier Glieder saͤmmtlichen Rumpf aufwecken und auf- kratzen; — und dann ist die Nacht ruinirt und er mag zusehen. Dagegen man sehe mich im Bett! — Nie beruͤhre doch jemand im Schlaf ein lebendiges Wesen, welches ja er selber ist. Der kleinlichern Vorsichtsregeln gedenk’ ich gar nicht, z. B. gegen den Hund, der auf der Stu- bendiele mit dem Ellenbogen haͤmmert, oder auf einem wankenden Stuhl mit zwey Stuhl- beinen auf- und abklappert, wenn er sich kratzt. Und doch leidet der unvorsichtige Leser so viel im Bette als ich, weil wir beyde nie schaͤrfer denken und reicher empfinden als in der Nacht, diese Mutter der Goͤtter und mithin Großmut- ter der Musen; und ginge am Morgen nicht der Koͤrper mit Nachwehen herum, es gaͤbe kein besseres Braut- und Kindbett geistiger Sonn- tagsgeburten als das Bett, ordentlich wenn die Schlaffedern zu Schreibfedern auswuͤchsen. Eh’ ich endlich meine eilf Mittel, einzuschla- fen, folgen lasse, merk’ ich ganz kurz an, daß sie sämmtlich nichts helfen; — denn man strengt sich sehr dabey an, und mich hat jedes Schlaf genug gekostet; — aber dieß gilt nur fuͤr das erstemal. — Eben hat mir mein scharfsinniger Freund E. noch ein zwoͤlftes entdeckt, naͤmlich gar nicht einschlafen zu wollen. Das Erste aber ist: Leibnitz schlug es als ein gutes vor, nehmlich Zaͤhlen . — Denn die ganze Philosophie, ja die Mathematik hat keine abstrackte Groͤße, die uns so wenig intereßirt, als die Zahl — wer nichts zaͤhlt, als Zahlen, hat nichts Neues und nichts Altes, indessen doch eine geistige Thaͤtigkeit, obwohl die leichte der Gewohnheit, so wie ein Virtuose ohne große gei- stige Anstrengung nach dem Generalbasse phan- tasirt, den er doch mit großer erlernte; Bur- ton, der eine Zahl von 39 Ziffern im Kopfe mit ihr selber multiplizierte, sank nach tiefen Rech- nungen in tiefen Schlaf. Die Alten hatten an den Bettstellen das Bildnis Merkurs, dieses Rechners und Kaufmanns, und thaten an ihn das letzte Gebet. Es laͤßet sich wetten, daß nie- mand leichter einschlaͤft als ein Mathematiker, so wie niemand schlechter als ein Verse- und Staatsmann. Allein dieses Leibnitzische Zaͤhlen wird an schwachen Schlaͤfern unsers Jahrhunderts nur mittelmaͤßige Wunder thun, wenn man ent- weder schnell, oder uͤber 100 (wodurch es schwe- rer wird) oder mit einiger Aufmerksamkeit zaͤhlt. Eben so muß man, wie hoͤhere Rechenkenner, nichts darnach fragen, daß man sich verzaͤhlt. Unglaublichen Verschub thut aber dem Schlafe ein kleiner, meines Wissens noch unbekannter Handgriff, naͤmlich der, daß man im Kopfe die Zahlen, welche andere Schlaͤfer schon fertig aus- geschrieben anschauen, selber erst groß und lang- sam hinschreibt, auf was man will. Verfasser dieses, nahm dazu haͤufig eine lange Wetter- oder auch Stoͤhrstange und zeichnete, indem er sie am kurzen Hebelsarme hielt, mit dem lan- gen oben an das Zifferblatt einer Thurmuhr (indeß ist Schnee eben so gut) die gedachten Zahlen an, so lang und so dick, daß er sie un- ten lesen konnte. Diese so unendlich einfoͤrmige Langsamkeit der Operazion ist eben ihr punc- tum saliens oder Huͤpfpunkt und schlaͤfert so ein; und was das Laͤcherliche dabey anlangt, so geht Erster Theil. 15 wohl jeder im Bette daruͤber hinweg. Jedem Langsam- und Stangenschreiber rathe man aber unsere arabischen Ziffern ab, deren jede einen neuen Zickzack fodert, sondern er schreibe roͤmi- sche an seinen Thurm (wie alle Thurmuhrblaͤt- ter haben), welche bis 99 nichts machen, als lau- ter herrliche, recht herpassende Linien, naͤmlich gerade. — Will ein Einschlaͤfer Thurm und Stange nicht: so kann man ihn rathen, recht lange und zwar wie Trochaͤen auszusprechende Zahlen sich vorzuzählen: ein und zwanzig Billio- nen, 22, 23, ꝛc. Billionen. 2) Toͤne, sagt Bako, schlaͤfern mehr ein, als ungegliederte Schaͤlle. Auch Töne zaͤhlen, und werden gezaͤhlt. Da aber hier nicht von fremden, sondern von Selbstentladungen — das Einschlaͤfern ist der einzige schöne Selbstmord — die Rede ist: so gehoͤren nur Töne her, die man in sich selber hoͤrt, und macht. Es gibt kein suͤßres Wiegenlied als dieses innere Hoͤren des Hoͤrens. Wer nicht musikalisch phantasiren kann, der hoͤre sich wenigstens irgend ein Lieb- lingslied oder eine Trauermusik in seinem Kopfe ab; der Schlaf wird kommen, und vielleicht den Traum mitbringen, dessen Saiten in keiner Luft mehr zittern sondern im Aether. 3) Vom zweyten Mittel ist das dritte nicht sehr verschieden, sich naͤmlich in gleichem Sylben- Dreschen, leere Schilderungen langsam innen vorzusagen; wie ich z. B. mir: wenn die Wol- ken fliegen, wenn die Nebel fliehen, wenn die Baͤume bluͤhen ꝛc. Darauf lass ich auf’s Wenn kein So folgen, sondern nichts, naͤmlich Ent- schlafen; denn die kleinste Ruͤcksicht auf Sinn oder Zusammenhang oder Sylbenzahl wuͤrde alles wieder, wie ein Nachtwaͤchter-Gesang, ein- reißen, was das poetische Selbstwiegenlied auf- gebauet Man kann sich auf eine lange Handlung z. V. das Säen des Korns bis zu dessen Dreschen und Becken in freien Trochäen oder Jamben ohne Schmuck, vor- sagen wie ich. . Da aber nicht jeder Talent zum Dichter hat — zumal so spaͤt im Bette: — so kommen ja dem Nicht-Dichter zu tausenden Bett-Lieder mit diesem poetischen faulen Trom- melbaß entgegen, wovon er nur eines auswen- dig zu lernen braucht, um fuͤr alle Naͤchte damit sein Gluͤck zu machen. Unschaͤtzbar ist hier un- ser Schatz von Sonnetten, an denen wie an Raupen-Puppen nichts sich lebendig regt, als das Hintertheil, der Reim; man weiß es nur noch nicht genug, wie sicher das Reim-Glocken- spiel uns in einen kuͤrzern Schlaf einlaͤute, als der laͤngste ist. — Ich wuͤrde hiezu auch aus- wendig gelernte Abendsegen vorschlagen, da sich durch sie wahrscheinlich sonst Tausende eingewiegt, wenn ich nicht besorgte, daß sie ungewohnten Betern durch den Reitz der Neuheit mehr Scha- den und Wachen braͤchten als Nutzen. 4) Ein gutes Mittel einzuschlafen nicht so- wohl als wieder einzuschlafen ist, falls man aus einem Traum erwacht, sich in diesen mit den schlaͤfrigen Augen, indem man ihm unaufhoͤrlich nachschauet, wieder einzusenken; bald wird die Welle eines neuen Traumes wieder anfallen, und dich in ihr Meer fortspuͤhlen und eintauchen. Der Traum sucht den Traum. Im großen Schatten der Nacht spielt jeder Schatten mit uns Sterblichen, und haͤlt uns fuͤr seines Gleichen. 5) Hefte dein inneres Nachtauge lange auf einen optischen Gegenstand, z. B. auf eine Mor- genaue, auf einen Berggipfel, es wird sich schlie- ßen. Ueberhaupt sind Landschaften — weil sie unserem innern Menschen, der mehr Augen hat als Ohren, leicht zu erschaffen werden, und weil sie uns in keine mit Menschen bevoͤl- kerte und erweckende Zukunft ziehen, — die beste Schaukel und Wiege des unruhigen Geistes. 6) Das sechste Mittel half mir mehrere Nachmitternaͤchte durch, aber es fodert Uebung; man schauet naͤmlich bloß unverruͤckt in den lee- ren schwarzen Raum hinein, der sich vor den zugeschloßnen Augen ausstreckt. 7) Wer seine Augen schließen will, mache an seinem innern Januskopfe zuerst das Paar, das nach der Zukunft blicket, zu; das zweyte, nach der Vorzeit gerichtet, lasse er immer offen. Am Tage vor einer Reise oder Haupt- that schlaͤft man so schwer als am Tage nach- her so leicht; die Zukunft ergreift uns (so wie den Traum) mehr, als die Gegenwart und Ver- gangenheit. Im Hause eines Todten, aber nicht eines Sterbenden kann man schlafen. Daß Kato in der Nacht vor seinem Entleiben schlief — wie die Seitenraupe vor der Einpuppung — ja schnarchte, ist schwerer, als was er nachher that. Daß Papst Klemens XIIII So, aber nicht xiv , und so viiii , nicht aber ix u. s. muß vor jedem obigen Einschlafen geschrieben werden, wenn man nicht vom Denken erwachen will. am Mor- gen vor seiner Kroͤnung geschlafen, merkt die Weltgeschichte mit Recht an; denn am Abende darauf, da er auf dem Stuhle saß, war es ganz leicht; auf dem Wege zum Throne und auf des- sen Stufen wird uͤberall weniger geschlafen und das Auge zugemacht, als eben in den weichsten Betten der Ehren und lits de justice . Euere Vergangenheit könnt ihr daher — zu große Tie- fen und Hoͤhen darin ausgenommen — mit Vor- theil durchlaufen; aber nicht an den kleinsten Plan und Brief und Aufsatz des naͤchsten Mor- gens denken. 8) Fuͤr manche geuͤbte gewandte Geister im Kopfe mag das wildeste Springen von Gegen- zu Gegenstand — aber ohne Vergleichungs- zweck — mit welcher der Verfasser sich sonst ein- schlaͤferte, von einiger Brauchbarkeit seyn. Ei- gentlich ist dieses Springenlassen nichts andres, wenn es gut seyn will, als das obige Gehenlas- sen des Gehirns; der Geist laͤßt das Organ auszucken in Bildern. 9) Seelenlehrer und deren Seelenschuͤler schläfern sich ein — falls sie wollen, — wenn sie geradezu jede Gedankenreihe ganz vorn ab- brechen, die neue wieder und so fort: indem sie sich fragen, bey jedem Maͤchtigen was sie aus- denken und vollenden moͤchten: „kann ich denn nicht morgen eine Stunde laͤnger wach liegen, und meine Kopfarbeit auf dem Kopfkissen verrich- ten? Und warum denn nicht? — Wer aber so wenig Denkkraft hat, daß er sie damit nicht einmal hemmen kann, wo er will, der hoͤrt hier wieder ein Ausmittel; naͤmlich, er horche sich innen zu, wie ihm ohne sein Schaffen ein Substantivum nach dem andern zutoͤnt, und zufliegt, z. B. mir gestern: „Kaiser — Roth- mantel — Purpurschnecke — Stadtrecht — Don- nersteine — Hunde — Blutscheu — atque — uhinus — Fontenelle — caetera — et — u. s. w. 10) Das neunte Seelen- und Bett- Lau- danum kann jeder gebrauchen, er habe so viele Ideen als er will, oder so wenige, oder keine. Ich schaͤme mich es aber anzugeben, da es in nichts Geistigerem besteht, als darin, daß man die fuͤnf Finger, einen nach dem andern, lang- sam auf oder unter dem Deckbette auf- und nie- der bewegt, und fortfaͤhrt und daran so lange denkt, bis man, ohne daran zu denken, an kein Aufheben oder Achtgeben mehr denkt, son- dern schnarcht. Es ist erbärmlich, daß unser Geist so oft der Mitbelehnte des Leibes ist, und besonders hier das Faustrecht der todten Hand, und deren Fingersetzung hat, und daß sein gei- stiger oder geistlicher Arm in der Armroͤhre des weltlichen steckt. Schlafdurstige, also Schlaf- trunkene, z. B. Soldaten, Postillions, schlum- mern im Reiten und marschiren halb ein, bloß weil gleiche Bewegungen des Koͤrpers dieselben langweilig-geistigen, die das Gehirn wenig mehr reitzen, in sich schließen. Laͤßt man aber den schlafenden Postillion dir Pferde abspannen, ein- ziehen, abschirren und fuͤttern: so wird und bleibt der Mann ganz wach; bloß weil seine (koͤrperliche und geistigen) Bewegungen jetzt im- mer etwas anderes anzufangen und abzusetzen haben. Der Grund ist, die Einfoͤrmigkeit fehlt. Wenn man in Tangotaboo (nach Forster) die Großen dadurch einschlaͤfert, daß man lange und linde auf ihrem Leibe trommelt: so ist der Grund gar nicht von diesem vorletzten Mittel verschie- den. Denn das 11) ist das letzte. Da die Kunst einzuschla- fen nichts ist, als die Kunst sich selber auf die angenehmste Weise Langeweile zu machen — denn im Bette oder Leibe findet man doch keinen andern Gesellschafter als sich — so taugt alles dazu, was nicht aufhoͤrt, und ohne Absaͤtze wie- derkehrt. Der eine stellt sich auf einen Stern, und wirft aus einem Korbe voll Blumen eine nach der andern in den Weltabgrund, um ihn (hoft er) zu fuͤllen; er entschlaͤft aber vorher. Ein anderer stellt sich an eine Kirchenthuͤre und zaͤhlt und sucht die Menge ohne Ende, die her- auszieht. Ein Dritter, z. B. ich selber, reitet um die Erde, eigentlich auf der Wolkenberg- straße des Dunstkreises, auf der wahren um uns haͤngenden Bergkette von Riesengebirgen und reitet (indem er unaufhoͤrlich selber das Roß be- wegt) von Wolke zu Wolke und zu Pol-Schei- nen und Nebelfeldern, und dann schwimmt er durch langes Blau und durch Aequator Guͤsse und endlich sprengte er zum andern Pole wie- der zu uns herauf. — Ein vierter Schlaflusti- ger setzt irgend einen Genius bis an den halben Leib in eine lichte Wolke, und will ihn mit Ro- sen rund umlegen und uͤberdecken, die aber alle in die weiche Wolke untersinken; der Mann läßt indeß nicht ab, und umbluͤmet weiter — in die Runde — und immer fort — und die Blumen weichen — und der Genius ragt — wahrhaftig ich schliefe hier, hielte mich nicht das Schreiben munter, unter demselben selber ein. So wird uns nun der Schlaf — dieses schöne Stillleben des Lebens — von allem zuge- fuͤhrt, was einfoͤrmig so fortgeht. So schlafen Menschen uͤber dem Leben selber ein, wenn es kaum acht oder neun Jahrzehnde gedauert hat. So koͤnnte sogar dieser muntere Aufsatz den Le- sern die Kunst einzuschlafen mittheilen, wenn er ganz und gar nicht aufhoͤrte. VII. Ueber den Tod nach dem Tode; oder der Geburtstag. D as Schloß des Juͤnglings, dessen Taufname Ernst uns genuͤgen mag, ruhte einem großen englischen Garten im Schooß, und der Gar- ten wieder einer stolzen Ebene voll Berghaͤupter. Darin sollte sein Geburtstag von seiner Mutter, von mir und — wenn sie noch morgends kaͤme — von seiner Verlobten schoͤn gefeyert werden; auch niemand hatte etwas darwider, ausgenommen der Festheilige selber. Ich nenn ihn so, weil er oft sagte: er wuͤnschte um keinen Preis irgend ein Schutzheiliger oder gar die Maria zu seyn, wenn er an seinem Namenstage das widrige Preisen und Posaunen der Menschen im Him- mel hoͤren müßte; wiewol es mit dem Allerheilig- sten — oder richtiger mit dem Alleinheiligen noch schlimmer stehe. Ordentlich mit der Haͤrte des Egoismus gegen Feindseeligkeiten, koͤnnte er Freundseeligkeiten anfallen, und berennen; ein Geburtstag, sagt’ er, wenn es nicht ein frem- der waͤre, sey vollends dumm. Lasset den Juͤng- ling! Eine rechte Jungfrau ist auch eine Heilige, warum nicht der rechte Juͤngling ein Heiliger? — Beyde sind unschuldig hoͤhere Kinder, denen nur nach der Laubknospe auch die Bluͤtenknospe zerspringt. Ein Juͤngling ist ein Lebens-Trun- kener, und darum gluͤht er — wie einer, der sich durch physische Trunkenheit, die jugendliche zuruͤckholt — zugleich vom Wangen- und Her- zensfeuer des Muthes und der weichsten Liebe. Die menschliche Natur muß tiefgegruͤndete Guͤte haben, da sie gerade in den beyden Zuständen des Rausches, die sie verdoppeln und vor den Vergroͤßerungsspiegel bringen, statt vergroͤßer- ter Mängel nichts enthuͤllt, als das Schoͤnste und Beste gereift, naͤmlich Blume und Frucht, Liebe und Muth. Der schoͤn-widerspenstige Juͤngling, der wie meistens Juͤnglinge, nichts von seinem morgend- lichen Geburtstage wußte, sollte am Morgen von der Ankunft seiner Verlobten und seines Festes zugleich uͤberrascht werden mit einer neuen hellen Welt; wir sprachen zusammen tief in die Nacht, aber Gespraͤche, an dem Vigilien- und heiligen Abende einer geschlossnen Lebensfrist werden leicht ernst. Unversehends hatten wir uns wieder in den Staub unsers alten Kampf- platzes verlaufen; er behauptete: man werde in der zweyten Welt wieder sterben, und in der dritten, u. s. w. Ich replicirte: man muͤßte gar nicht sagen zweyte , sondern andere Welt; — nach dem Zerbroͤckeln unseres körper- lichen Rindenhauses sey ja die sinnliche Laufbahn abgeschlossen, die Erwartung einer neuen sinnli- chen, gleichsam ihrer Wiederholung in einer hoͤ- hern Oktave, werde bloß von der Phantasie untergeschoben, die ihre Welten nur mit den Ar- men der fuͤnf Sinne baue und halte — und wir daͤchten wie die sinesischen Tataren, die ihre Todten mit goldpapierenen Haͤusern und Geraͤth- schaften, im Vertrauen deren Verwirklichung droben, aussteuern, und besonders sey die See- lenwanderung außerhalb der Erde durch die Lei- ber auf andern Sternen ganz unstatthaft, schon nach Seite 106 im Kampanerthal. Ernst warf mir den ganzen rein-blauen Sternenhimmel vor uns ein, dessen Welten ja ein solcher juͤngste Tag unseres Todes alle so ein- schmelze, daß aus dessen ganzer versperrter Un- endlichkeit uns bloß das einzige Erd-Sternchen waͤre offen geblieben. Ich duplizierte: dieß folge zwar nicht — da wir nicht alle Wege der Er- kenntnis neben unsern fünfen kennen, und da wir Blindgeborne die Sonne durch den Tod der Gefuͤhlsnerven verlieren und doch durch das Erwecken der Sehnerven wieder bekommen kön- nen — aber gesetzt, so sey es, so waͤren wir dann nur eben so von den Welten wie jetzt von den zahllosen Jahrtausenden vor uns geschie- den. — Hingen die Sterne naͤher und als Erdmassen vor uns, oder saͤhen wir außer denen droben zugleich die drunten : so wäre man schwerlich auf die Hoffnung dieser himmlischen Völkerwanderungen verfallen, und haͤtten un- serer heiligsten Sehnsucht nicht die Richtung nach einer bloß methaphorischen Hoͤhe gegeben — Der Zeltische Himmel aus Wolken, und der jetzige aus Welten wären uns nur in der Groͤ- ße verschieden, ja der griechische sey besser, der die schattige traͤumerische Unterwelt einnehme. Ernst versetzte mystisch, es gäbe ein absolutes Oben , welches im Siege uͤber die Schwerkraft, in der Freyheit bestehe, und das die Flammen und die Wurzelkeime auf dem Avers und Reversuuserer Kugel suchen. — Gegen meinen Unglauben an eine zweyte Verkoͤrperung und Menschwer- dung fragt’ er: ob das Erkennen und das sittliche Handeln ohne irgend eine moͤglich sey —— „bey endlichen Wesen meynen Sie ohnehin, setzt’ ich darzu: denn vom unendlichen ists gewiß,” — und wenn das kuͤnftig seyn koͤnnte, warum man denn uͤberhaupt die erste hiesige umbekommen? — Aber das voͤllige Ausscheiden aus unserer Koͤrper- welt sey undenkbar, insofern der Tod es voll- fuͤhren solle, der sie ja, wie der Schlaf und die Ohnmacht nicht dadurch fuͤr den Geist aufhebe , daß er sie veraͤndere ; und wenn einmal das Gehirn eine Testatur des Geistes war, so behalte er doch nach dessen Zersetzung noch die Koͤrper uͤbrig, wodurch und worin dasselbe zer- setzt geworden: zumal da keine Kraft im Uni- versum zu verlieren sey. — Das Universum ist der Koͤrper unsers Körpers, fuhr er fort, aber kann nicht unser Koͤrper wieder die Huͤlle einer Huͤlle seyn und so fort? Fuͤr die Phantasie wird es faßlicher, wenn man ihr es auszumah- len gibt, daß, da jede mikroskopische Vergroͤ- ßerung eine wahre , nur aber zu kleine ist Dieses ist mathematisch wahr. Die Vergrößerung — die nichts ist als eine nähere Annäherung — erschafft und organisirt ja z. B. nicht den Flaum der Schmetter- lings-Flügel, den sie aus der relativen Ferne herüber- zieht, (so wie nicht die nahe Größe , sondern die ferne Kleinheit einer Gegend scheinbar ist) mithin da jede Mücke unter dem Mikroskop die enthüllten Aederchen u. s. w. und deren Verhältnisse wirklich hat, die jenes zeigt: so wird sie ja darunter nicht vergrößert, sondern nur weniger verkleinert gezeigt; weil die Vergrößerung im umgekehrten Verhältniß der Fokus-Ferne besteht, und diese am Ende so klein gedacht werden kann, daß nur noch , Erster Theil. 16 unser Leib ein wandelnder organischer Kolossus und Weltbau ist; ein Weltgebaͤude voll rinnen- der Blutkugeln, voll elektrischer, magnetischer, und galvanischer Stroͤme, ein Universum, des- sen Universalgeist und Gott das Ich ist. Aber wie die Schmetterlingspsyche eine Haut nach der andern absprengt, die Ey-Haut, die vielen Raupen-Häute, die Puppenhaut, und end- lich doch mit dem schoͤn bemalten Pappillonkoͤr- per vorbricht, so kann ja unsere Psyche den muskuloͤsen, dann den nervoͤsen Ueberzug durch- reißen, und doch mit aͤtherischem glaͤnzenden Ge- fieder steigen. Schon hier bereiten ihr oft Berg- luft, Getraͤnke, Krankheit ein duͤnneres Ele- ment, worin sie leichter und mit den aufgeho- benen Fluͤgeln halb außer der Welle flatternd schwimmt; wie muß sie nicht erst im hohen Ae- ther, im leichten weißen Brautkleide des zwey- ten Lebens, fliegen und eilen?” — die der Krystallinse von der Retina übrig bliebe, und man das Objekt in, nicht vor dem Auge haben müßte. — Die absolute Größe ergäbe sich aus dem Zusammen- fallen des Gegenstandes, des Fokus und der Retina, Es gibt also auf der Erde gar keine Vergrößerung, sondern nichts als Verkleinerungen. Aus der Wirklichkeit war freylich gegen diese Möglichkeit, den goldnen Wiederschein dersel- ben, nichts zu schließen. Dabey hatte der feurige Juͤngling nach Landesart der Schwärmer Ein- wuͤrfe verschiedener Gattung wie auslaͤndische Truppen in eine Linie gestellt. Ich macht’ es nachher nicht besser, als ich triplicierte. Aber er ließ mich noch nicht dazukommen; sondern trug erst diese Moͤglichkeit gar nach: „Wir ken- nen nur die äußersten Ueberzieh-Kleider der Seele, aber nicht ihr letztes und nächstes, ihr Hemde. Unter allen Erscheinungen von Ver- storbenen sind z. B. die von eben Verstorbenen, oder von Sterbenden am schwersten rein abzu- laͤugnen; die unzaͤhlichen Todten der Jahrtau- sende verhuͤllen sich uns, aber der Todte der Stunde traͤgt gleichsam noch Erdenstaub genug an sich, um damit noch einmal im Sonnenstrahl des Lebens vor einem geliebten Auge zu spielen.” Ich wollte beynahe entgegensetzen, warum uns keine verstorbne Thierseelen erschienen und daß die Erscheinung bloß verwandter Ster- benden und Gestorbenen, je deutlich ihre Ur- sache und Erklaͤrung, naͤmlich die Taͤuschung der Liebe und Furcht ansage; aber ich unterließ den Zweifel; uͤber Geistererscheinungen wurde ohne- hin bisher noch nicht mit rechter Religion und Freyheit zugleich geurtheilt, und am we- nigsten koͤnnen gegen sie, so wie gegen den thie- rischen Magnetismus, negative Erfahrungen entscheiden, die eben darum gar keine sind. Mich besticht jeder Gebildete, der Geistererschei- nungen glaubt, weil er mich an die religioͤsere deutsche Zeit erinnert, wo man sie eben so fest glaubte , als aushielt . Ich triplizirte aber nun auf alles Vorige: man nehme das Koͤrper- kleid so fein gewoben an, als man wolle, so verhalte sichs doch zum Ich wie der unorganisierte Rock zum organischen Leibe; ein einziger irrdi- scher Nerve sey aber schon der Sperrstrick vor der andern Welt, und ein einziges Erdstaͤubchen ziehe die ganze Erde, unser ganzes irrdisches Treiben nach sich; das Leben nach dem Tode sey dann eines vor demselben, und der Gestorbene vom Lebenden nur dadurch verschieden, daß er hinter dem Alter alt, und aus dem Neunziger ein Millionaͤr werde; wir hiesige Nacht-Rau- pen verwandeln uns dann nicht in Schmetter- linge, sondern in Tag-Raupen, und fressen und kriechen dann bloß im Sonnenschein. Aber, fuhr ich im Enthusiasmus fort, was wir begeh- ren, und was allein zu beweisen ist, das muß etwas anderes seyn; die Welt des moralischen Herzens klingt wie ein Ton unsichtbar und zum Wehen unwirksam, in der groben der Sinnen; — will denn unsere Liebe, unsere Freude, un- sere Gottes-Ahnung etwas, was auf einer har- ten Koͤrper-Welt, sey es auch die schoͤnste, er- scheinen kann? Die schoͤnste, die ich in dieser Art kenne, ist die von der Phantasie, dieser rechten Weltschoͤpferin; und doch muß eben diese allgewaltige Weltseele, alle ihre Weltgloben, damit sie Zauberlicht gewinnen, mit der Mor- genroͤthe und Milchstraße der kuͤnftigen Unend- lichkeit ahnend umziehen. Wie die Geister-Furcht sich vor wahnsinnigen neuen Schmerzen ent- setzt, die nicht vor dem Einflusse, sondern vor der bloßen Gegenwart des Gegenstandes beben und die uns gar keine Gestalt dieses Mit- tagslebens machen oder heilen koͤnnte: so gibt es auch eine Geister-Hoffnung und Geister-Liebe, die nicht Wirkungen sondern Daseyn der Wesen begehrt, und welche keiner irrdischen Freude abborgt, sondern hoͤchstens den besten heimlich darleiht. Unser armes, wundes-volles Herz habe sich auch nach allen Seiten noch so oft wieder geschlossen, so bleibt doch daran eine angeborne Wunde offen, die nur in einem andern Elemente des Daseyns zufaͤllt, wie sich am ungebornen Kinderherzen die eyförmige Oeffnung erst verschließet, wenn es ein leichteres Leben athmet. Darum wendet sich ja unsere obere Blatseite, wie bey Blumen, so oft man sie auch gegen den irrdischen Boden umdrehe, immer wieder gegen ihre Himmelsseite herum.” „Angeborne Wunde!” wiederholte der Juͤng- ling mit einem Seufzer: unsere Wunde oder un- ser Himmel ist offen, sagt’ ich angefeuert, daß ist eins und kein Wortspiel. Oder soll der Tod auch in jener Welt uns wie sklavische Krieger immer wieder von neuem einquartiren? — Wir, jetzt der Libellen-Nymphe gleich, deren vier Fluͤgel sichtbar in den Scheiden kleben, sollen einmal nur neue Scheiden aus alten ziehen, und dieses Ausscheiden Fliegen heißen? Und wenn wir vor der Suͤndfluth des Irrdischen uns ret- tend zu heiligern Bergen geflohen, sollen wir auf jedem wie auf dem Pilatusberge wieder einem See begegnen? Und die Ewigkeit waͤre bloß ein ewiger Vorhalt auf der Dissonanz?” Jetzt kam der Juͤngling durch mich zu sich, und er fragte mich kalt: „Demnach muͤßte ich doch irgend eine Original-Vorstellung vom an- dern Leben geben koͤnnen; weil nur dieses Ur- bild jedes Urtheil uͤber ein Nachbild rechtfertigen koͤnne.” — Ich quadruplizierte: Koͤnnt’ ich das kuͤnftige Leben beschreiben, so haͤtt’ ich es und der, der mich verstaͤnde; der neugeborne Saͤugling aber draͤngte sich durstend nach einer Kost, die er nicht chemisch prophezeien koͤnne, und die doch der Instinkt verbuͤrge und treffe. Von der an- dern Welt sprechen wir jetzt wie Blinde vor der Operation von der sichtbaren — alle Malereyen ihres Morgenroths wuͤrden wie bey jenem Blin- den, auf Definitionen vom Trompetenton hinaus- laufen. Hier spraͤche aber — versetzte der Juͤngling — der Blinde doch nur zum Blinden, und Aehn- liches orientirte sich durch Aehnliches. Aber eben darum, da kein Sinn durch die vier an- dern — und hier sollen sie gar uͤber Nicht- und Ueber-Sinne richten, gegeben sey, und das so wenig z. B. durch alle Farbenebenen ein Ton, daß wir diesen fuͤr ein Ich unter den sprachlosen Flächen halten wuͤrden, wenn sich nicht Geruch, Geschmack, Gefuͤhl eben so schneidend und selbst- staͤndig wie der Ton, von den Farben schieden; und da doch diese fuͤnf unaͤhnliche Welttheile sich zusammenknuͤpften und unterstuͤtzten; so sey aus ihrer irrdischen Entfernung von einem kuͤnf- tigen sechsten, siebenten u. s. w. gar nichts gegen das Daseyn und Verhaͤltniß eines aͤhnlich- un- aͤhnlichen eben besagten sechsten, siebenten u. s. w. zu folgern: umgekehrt vielmehr alles dafuͤr. Das war etwas und doch nur einseitig und halbseitig. „Das Herz septuplizierte ich, braucht aber etwas anderes als Sinnen, man geb’ uns tausend neue; der Lebensfaden bleibt doch auf dieselbe Weise leer-verglimmend, der leichte Punkt des Augenblicks lodert an ihm hinauf, und der lebendige Funke laͤuft zwischen duͤnner Asche und leerer weißer Zukunft. Die Zeit ist ein Augenblick, unser Erden-Seyn wie unser Erden-Gang ein Fall durch Augenblick in Au- genblick. Unser Sehnen wird uns fuͤr dessen Gegenstand, so wie der wirkliche Durst im Traum fuͤr sein wirkliches Loͤschen im Wachen Buͤrge, so oft auch der Traum mit ge- träumtem Trinken hinhalte. Ja diese Aehn- lichkeit wird Gleichheit; denn gerade dann, wann dieses Leben am reichsten austheilt z. B. in der Jugend und wie eine Sonne uns mit Morgenroth und Mittagslichtern und Mond- schein blendet, gerade dann, wenn das Leben unsere hoͤchsten Wuͤnsche ausfuͤllt, da erscheint das fremde Sehnen am staͤrksten, und nur um ein ebenes Paradies des Erdbodens woͤlbt sich der tiefe gestirnte Himmel der Sehnsucht am groͤßten. Woher das sogar bey den geistigsten Seeligkeiten? Eher sollte man das Sehnen er- warten von der Leere.” — „Die Sehnsucht konnte ja ihr eigener Gegenstand seyn” — versetzte Ernst. „Ich begehre, (antwortete ich gleichsam zur Parodie) Antwort auf meine Frage, ob man nach Duͤrsten duͤrsten wuͤrde, ohne getrunkenes oder zu trinkendes Wasser: sondern Sie fahren fort:” „Ich antwortete eben — versetzte er — daß wenn wir nach Ihren Behauptungen mit der ganzen sogenannten andern Welt schon in der hiesigen leben und ausdauern, und jene als einen himmlischen Regenbogen des Friedens schon uͤber diese spannen: so koͤnnte sich dieß ja so fort vererben von Erde zu Erde; (wir braͤch- ten immer die andere Welt dahin mit:)” „Dann, versetzt’ ich, waͤrs einerley, wo man lebte und kein Weiser koͤnnte etwas Hoͤheres verlangen vom Leben, als es fort zu erleben d. h. neue Ge- hurtstage.” „Sehen wir uns den wieder, wenn wir aus der Zeit in die Ewigkeit gehen?” fiel die liebe Mutter ein; denn das liebende Herz der Weiber sucht in der Zukunft zuerst das Geliebte; daher hoͤrt man diese sorgende Frage nach Wiedersehen zuerst von ihnen. „Was goͤttlich ist an der Liebe, das kann nie untergehen, sagt’ ich, oder sonst, da das Irrdische ohnehin vermodert, bliebe gar Nichts. Aber der altchristliche Ausdruck aus der Zeitlichkeit in die Ewigkeit , das ist der rechte; hinter dem Leben gibts keine Zeit, so wenig wie vor dem Leben; uͤber das andere Leben laͤsset sich so wenig etwas daruͤber hinaus denken, als uͤber den Urgrund alles Seyns.” Ernst wandte noch schnell ein: „und doch spreche man von Fortdauer und wolle mit diesem Zeitpleonasmus alle Zeit vernichten; aber gesetzt warum wolle man denn vor der Ewig- keit vorher, fuͤr welche Millionen Jahre nicht mehr waͤren als achtzig, uns nur letztere, nicht auch die Millionen zugestehen?” Ich mußte dieß einräumen und sogar noch fester machen, indem ich versetzte: „dieß komme denn und Trilli- onen dahinter; denn so gut der Schöpfer hier unsere Spiel- und Laufbahn über Eine Erde ge- hen ließ, so kann er sie noch uͤber tausend Er- den ziehen, nur muß der Weg ein Sonnenziel haben, oder wir jagen ewig einem ruͤckenden Regenbogen nach.” Wir waren nun einander freundlich, wie vor- her feindlich, näher geruͤckt, und hoͤrten auf mit Recht; ein solcher Streit kann nur abgebrochen, nicht abgeschlossen werden, er laͤsset, wie die ganze Philosophie, nur Waffenstillstaͤnde, nicht Friedensschluͤsse zu. Alle Untersuchungen sollten daher, wie die platonischen und lessingischen poe- tisch, naͤmlich dramatisch seyn, damit sich hinter dem Reichthum der Ansichten die Ansicht des Autors versteckt erhielte, weil der blinde Glaͤu- bige so gern und zuerst diese als eine Autoritaͤt aufsucht und annimmt, um sich dann in ruhi- gem Besitze aller uͤbrigen nur zu deren Defensoren und Geschaͤftstraͤgern, statt zu Richtern zumachen. Ich wende mich wieder zur Geschichte, die freylich in so vielen Schlußketten kaum drey Schritte thut. Ich und die alte fromme Mut- ter hatten uns beredet, den Juͤngling zum Ge- burtstag, wie den Montaigne, mit Musik zu wecken, womit sich andere einschlaͤfern. Bloß mit einer Floͤte wollt’ ich ihn herausblasen aus dem dunklen Reich. Am Morgen da ich diese in die Hand genommen, kam schon seine verlobte Ernestine angerollt, welche deßhalb die ganze Nacht gefahren war. Es stand noch nichts wei- ter vom Morgen am Himmel — nicht drey Au- roras-Sonnenblnmen — als der kuͤhle weiße Morgenstern. Aber der Fest-Schlaͤfer, den ich ins Leben blasen wollte, war gar noch nicht daraus gekommen, sondern hatte die Nachmitter- nacht, und den Vormorgen im Freien verwacht. Wir hatten aus der Ernestinischen Ueberraschung eine noch schoͤnere fuͤr ihn bilden wollen, und glaubten uns durch eine schlimmere um jede an- dere gebracht. Ich sucht’ ihn im Park, und fand ihn end- lich doch im — Schlafe; er hatte sich auf der anmuthigsten Moosbank gesetzt, wahrscheinlich um der Nachtigall und der Kaskade hinter sei- nem Nuͤcken zuzuhoͤren, und den Strom und den Morgen vor sich zu sehen, aber der Abend- krieg und die Morgenkuͤhle und Sonnennaͤhe hatten wieder die Sinnenthore langsam zugezo- gen. Das Morgenroth gluͤhte auf seinem ge- sundrothen Gesicht, und Traͤume zitterten durch die zartern Fibern. Ernestine allein stellte sich mit Augen voll Freudentropfen vor die ruhige Gestalt. Ich fing von ferne leise Floͤtentoͤne an, die noch wie Mattgold in seine Traumau- rora zu verweben waren. Die Sonne brannte immer heller ins Morgengewoͤlk herauf. Auf einmal regt er bange die Arme — seine Lippe zuckte — sein Augenrand quoll weinend uͤber — die Floͤtentoͤne bebten auf seinen Zuͤgen nach. — Da fuͤrchtete Ernestine, ihn quaͤle ein harter Traum; sie winkte mir, ihn mit Toͤnen zu erloͤ- sen, und legte, seine Haͤnde nehmend, ihre schoͤne Wange leise an seine Brust. Er fuhr aus dem Traum — er sah Ernestine groß an, und kam als gehoͤre sie in den Traum Wahnsinn, durch ihr freundliches liebes Antlitz wieder in denselben zuruͤck — bis ihn endlich das Wort und das Licht zu allen Freuden wach und leben- dig machte. Hoͤrt nun seinen Traum. Der Tod in der letzten zweyten Welt . Endlich sind wir im Vorhofe der Ewigkeit und sterben nur noch einmal, sagten die See- len, und dann sind wir bey Gott. Aber wie rinnend und flatternd ist das Land der Seelen! Im ganzen Himmel waren Sonnen, die ein Menschenantliz hatten, umhergelegt, sie sahen uns bloß mit einem Mondlicht an, eine nach der andern ging bloß in der Hoͤhe unbegreiflich unter, aber an keinem Erdenrand, und wurde vorher ihre eigne Abendroͤthe. Jetzt sind nur noch tausend Mondsonnen lebendig, sagten wir, wenn die letzte im Zenith einsinkt, so geht Gott auf und tagt. Nach jeder versiegten Sonne wurden unsere Gestalten verkleinert. Wir sind doch keine Traͤumer mehr, wie auf der Erde, sondern schon Nachtwandler, und wir muͤssen bald erwachen, sagte ich; ja, wenn wir aber erst kleine Kinder sind, sagten die andern. Die Koͤrperwelt wurde immer fluͤssiger und rann leicht. Mit bloßen Gedanken bogen wir goldne Baͤume nieder, und ruͤckten Gartenberge von thauigen Auen weg. Ein Montblanc aus dichtem Mond- licht gegossen, stand mitten unter Rosen, ich nahm meine Gedanken und loͤste ihn auf, und goß ihn gleißend uͤber die breite Rosenflur. Ich stand vor einem glatten blauen Pallast ohne Thore, und mein Herz klopfte sehnsuͤchtig davor; siehe wie vor dem Erdbeben Thuͤren aufsprin- gen, und Uhren schlagen, so that sich vor mei- nem Herzklopfen der Tempel aus einander; siehe mein Erdenleben bluͤhte darin an seinen Waͤn- den in Bilderchen angemalt, kleine Harmonika- glöckchen schlugen meine Jugendstunden nach; und ich weinte, und ein alter Erden-Garten war an der Wand und ich rief; schon darin, in jenen grauen Zeiten drunten, sehnt sich dein armes Herz wie jetzt, ach, das wird lange! — Da segelte die weißschuppige endlose Schlange durch die hohen Blumen an mich heran, um sich unaufhoͤrlich um mich zu guͤrten, aber ich nahm unter ihrem Aufsprunge meine Gedanken, und wand sie unausgesetzt als Perlenschnur um meinen Leib; da vertropften wieder diese Perlen als Thraͤnen: gut, sagt ich, ich weinte ja schon vorhin, eh’ sie kam, und noch viel laͤnger. „Es ist schon Ewigkeit, sagten einige, denn die Körper gehorchen dem Sehnen; die Rau- pen auf Blumen fliegen als Schmetterlinge auf, wenn wirs denken — der dicke Schlaf kommt, sogleich wird er ein durchsichtiger Traum — wir blicken ins dunkle Grab, und schlagen es durch mit dem Augenfunken und unten sieht aus dem zweyten Himmel ein mildes Sonnengesicht her- auf.” — „Nein, es ist erst Zeit , sagten die andern, seht nach dem Zifferblatt.” — Auf einer weißen hohen Gesetztafel flogen noch die wimmelnden Kugelschatten umlaufender Welten durcheinander. Nur die Toͤne allein konnten wir nicht ver- ändern’, denn sie sind selber Seelen, sagten wir. Sie waren schon auf der alten tiefen Erde bey uns gewesen, und waren uns nachgegangen durch die Sonne, durch den Sirius und den unendlichen Sternen-Weg, sie waren die En- gel Gottes, die uns von seinen Himmelshoͤhen Erster Theil. 17 erzaͤhlten, daß das Herz vor lauter Sehnsucht in seinen eignen Thraͤnen starb. Jetzt zog die Ewigkeit naͤher. Die Sonnen rings am Himmel-Rand waren alle eingegan- gen und nur noch einige sanfte blickten mit ein- ander an der dunkeln Höhe zusammen. Wir waren alle Kinder geworden, und der eine sagte zum andern: Du kennst mich, und ich dich sehr gut, aber wir haben keine Namen. Helle ge- spannte Farben erklangen; hohe Töne blitzten oben im Flug, und die tiefern ließen am Boden Blumen fallen. Es donnerte; jetzt bricht das Welten-Eis, sagten wir, es wird schmelzen, und rinnen und verrinnen. Wo bleibt aber mein kleines auf der Erde verstorbenes Kind, sagte selber eines. Es schwimmt in seiner Wiege auf dem Weltenmeer daher, antwortete das andere. Jetzt stand nur noch eine Sonne mild und blaß am gewoͤlbten Blau. — Der rollende Eisdonner verlief sich zu tiefen Toͤnen, und end- lich zu fernen Melodieen. — In Abend stiegen goldne Wolken aus dem Boden gen Himmel, und Sternbilder schlichen sich hinter ihnen auf den Boden nieder. — — In Morgen stand die Ewigkeit hinter den letzten vergehenden Wol- ken, es war eine große verhuͤllte Gluth hinter einer im Sturme umgetriebnen Regenwolke. Aber die Kinder sahen nur noch hinauf zur letz- ten Sonne, die oben untergehen wollte. — Da kamen die Toͤne, in denen ihre letzten Welten sprachen und starben; und die Kinder weinten alle, weil sie ihre lieben alten Erden- Melodieen hoͤrten, und sie beteten kindisch so zu Gott: „Wir sind ja Deine Kinder, Vater, wir sind in allen Welten gestorben, und wir weinen immer noch fort, weil wir ja nicht zu Dir, zu der ewigen Liebe und Freude kommen. — O wurde nicht der Himmel so tausendmal oft höher uͤber uns, und so tausendmal tiefer, und unser liebes Erdelein verschwand bald rechts, bald links, und wir blieben immer allein? Hoͤre, wie die guten Toͤne fuͤr uns beten!” — Ploͤtzlich glomm hoch in der fernen Unendlich- keit die goldne Fluͤgelspitze eines unsichtbaren Engels an — die schmachtend-bebenden Kin- der wurden unsichtbarer, wie Saiten, wenn sie zittern und tönen, und verklangen im Gebete… Da fing die letzte Sonne oben zu lächeln an, und schlug blaue Augen auf. — Der Engel mit rothen ausgebreiteten Feuerfluͤgeln rauschte herunter, um mit ihnen die Welten-Aurora weg zu streifen, die um Gott hing… Und siehe die letzte Sonne stand als Gott unten bey mir, die Welten waren verschwunden, und ich sah nichts weiter — und erwachte… Aber er erwachte, mit seiner Geliebten an der Brust und sie laͤchelte angeschmiegt in sein Auge empor. Gegenuͤber fuhr die Morgenroͤthe auseinander, die Erden-Sonne trat zwischen ihre Goldberge, und warf schnell einen Flam- menschleier uͤber die entzuͤckten Augen, und die laͤchelnde Mutter kam zur Seeligkeit; der Strom floß schneller, der Wasserfall sprang lauter, und die Nachtigallen sagten alles inbruͤnstiger, was ich hier sage. „O Freunde — sagte Ernst vom Traume und allem begeistert, und wollte gleichsam durch das Aufopfern des Gestern und durch das Einstimmen in den muͤtterlichen Glau- ben an eine Ewigkeit ohne Tod, dankbar die lie- bende Ruͤcksicht auf sein Gluͤck abwenden und belohnen — o Freunde, wie licht ist das Leben! Das Wachen ist nicht bloß ein hellerer Traum; dieser Affe unsers heiligen Bewußtseyns stirbt vor den Fuͤßen des wachen innern Menschen, das getraͤumte Erwachen wird vom wahren vernich- tet. — Und so werden einmal von der Ewigkeit alle unsere Traͤume uͤber sie vertilgt.” — Und hier endige der endlose Streit! Eine Braut weint seelig uͤber den ersten Geburtstag des Herzens, das nun dem ihrigen bleibt; aber das wiedergeborne weint seelig uͤber die sympa- thetische Seeligkeit des fremden; so muß es seyn und so gehoͤren wir der Liebe an. Erne- stine fragte in sanfter Ruͤhrung: kann es denn droben etwas Höheres geben, als die Liebe? — Wahr, Ernestine! Nur in ihr — und in ei- nigen andern seltenen Blitzen des Lebens — reicht die Wirklichkeit bluͤhend in unser innres Land der Seelen herein, und die aͤußere Welt faͤllt in eins zusammen mit der kuͤnftigen; die Liebe ist unser hiesiges Seegesicht Die Erhebung oder das Seegesicht ist die optische Täu- schung, daß ferne, noch unter dem Gesichtskreise liegende Küsten sich schon heraufgehoben zeigen. und die tiefen Kuͤsten unserer Welt erheben sich vor der alten. Mit dieser Gesinnung wurde das schoͤne Fest froher gefeiert. Unser ganzes Leben ist ein nie wiederkommender Geburtstag der Ewigkeit, den wir darum heiliger und freudiger begehen sollten. Dem ganzen Tage hing der fruͤhe Thauglanz an — der Abend fand den Morgen noch im Schimmer, und der Mond spiegelte sich im Sonnenthau — die Sterne zogen in das Herz herab und erleuchteten die schoͤnsten Nachtstuͤcke darinn — und was wollen wir Menschen denn weiter? — — Ende des ersten Bändchens .