Das Buch der Zeit. Alle Rechte vorbehalten . Druck von J. Schabelitz in Zürich. Das Buch der Zeit . Lieder eines Modernen. Von Arno Holz. Zürich 1886. Verlags-Magazin (J. Schabelitz). Vivos voco! Johannes Scherr der Verfasser. Wissen Sie, gnädige Frau, was schrecklich ist? Daß die Möpse ausgestorben sind? Nein. Daß kein Mensch je wieder ein Buch wie Immermanns „Oberhof“ wird schreiben können? Nein. Daß es keine Originale mehr giebt, — daß man bei Regenwetter naß werden kann? Nein. Das Alles ist philosophisch zu ertragen und viel tausend Dutzend Dinge dazu, — nein, schrecklich ist es, daß man eigentlich in Deutschland nur ein glücklicher Mensch sein kann, wenn man ein Philister ist. Hermann Heiberg. Widmungs-Brief. P rosit! Alter vom Zürichberg, Nimm's mir nicht krumm und verzeihe, Wenn ich, ein winziger lyrischer Zwerg, Dir dieses Liederbuch weihe! 'S ist nur ein spätnachhinkender Dank Eines gealterten Jungen, Der als Pennäler einst unter der Bank Deine Dämonen verschlungen! Unterm Diarium ganz heimlich der „Scherr“! Ach, und auf dem Katheder Gerbte ein alter, vertrockneter Herr Altlateinisches Leder! Ehrlichen, eisernen Haß der Dressur, Flammen, die nimmer erkalten — Damals war's, daß ich's heilig mir schwur, Gelt, und ich hab es gehalten! Ergo , Alter vom Zürichberg, Schreib mir „All right!“ und verzeihe, Daß ich, ein winziger lyrischer Zwerg, Dir dieses Liederbuch weihe! Berlin , Frühjahr 1885. A. H. Inhaltsverzeichniß. Druckfehler. Lies S. 11, Z. 14: Und lenkt das Schicksal der Geschlechter, 〃 29, 〃 14: Grün übers Dach ihr junges Laubpanier 〃 43, 〃 2: Und schritten flüsternd durch die Buchengänge! 〃 57, 〃 5: Kein Lied, das die rothe Rache preist , 〃 61, 〃 18: Ein farblos Nichts, das bunt lackirt , 〃 73, 〃 10 u. s. w.: Honni soit, qui mal y pense ! 〃 88, 〃 3: Ji hewt doch gesehn dem Klabautermann? 〃 104, 〃 5: Vom Thurm nur läuteten die Glocken 〃 111, 〃 10: Eine Handvoll Erde 〃 120, 〃 5: Die junge Sonne 〃 120, 〃 8: Dem wogenden Fluthmeer 〃 120, 〃 12: Flackernden Lichtern 〃 133, 〃 21: O stillverschwiegne Kemenate , 〃 146, 〃 4: Heil dir und mir , Germania! 〃158, 〃 3: Ein Prachtjuwel blieb unsre Erde doch 〃 263, 〃 21: Die die kalte Berechnung 〃 335, 〃 4: Der ewig frißt und nie verdaut! 〃 412, 〃 13: Das ist die Zuflucht der Verklärten , Inhaltsverzeichniß. Seite Widmungsbrief VII Zum Eingang 5 Ein Bild 19 Ein Andres 23 Frühling 1. 2. 27 Samstagsidyll 39 Literarische Liebenswürdigkeiten . 1. Ballade 49 2. Stoßseufzer! 52 3. Anathema sit ! 54 4. Einem Glaceedemokraten 56 5. Pro Domo 58 6. F. v. B 60 7. So ist's! 63 8. Die deutschen Denker an die deutschen Dichter 66 Den Franzosenfressern 73 Noch Eins! 79 Seite Arme Lieder. 1. Meine Nachbarschaft 85 2. „Een Boot is noch buten!“ 88 3. „So Einer war auch Er!“ 90 4. „Ein Herz, das zersprungen!“ 92 5. Nachtstück 94 6. „Weder Glück noch Stern!“ 96 Emanuel Geibel 1. 2. 101 Ein Heroldsruf! 123 Weltgeschichte 149 Von Ewigkeit zu Ewigkeit 155 Ecce homo ! 163 Tagebuchblätter 1–31 183 ΓΝΩΘΙ ΣΑϒΤΟΝ ! 261 Berliner Schnitzel. Initiale 307 Programm 308 Leider! 308 Philologenpoesie 309 Stubenpoesie 309 Chorus der Lyriker 310 Donner und Doria! 311 An unsre Modedichter 312 Traurig aber wahr 312 Suum cuique ! 313 Recept 313 Stoßgebet! 314 Offener Brief 315 An Neunundneunzig von Hundert! 316 Als Wegzehrung 317 Bibelbiereifrig! 318 Seite An meine Freunde 319 An die Conventionellen 320 En passant 321 An die Autoritätsklauber 322 An gewisse Quidams 323 Die achte Todsünde 324 Pro Domo 325 Dito 326 Selbstporträt 327 Verschiedenen Collegen 328 Dreierlei! 329 ! 330 Einem Kritiker 331 Collega Collegae 331 Kritiksucht 332 An meine Kritiker 332 Einem „Freunde“ 333 Einem Pseudonym 333 Unser Wortschatz 334 Einem Fortschrittsleugner 335 Sansara 336 Abfertigung 336 Trotzalledem! 337 Stimmt! 337 Einem „Tondichter“ 338 Richard Wagner als „Dichter“ 339 An Gottfried Keller 340 An die Wölfflinge 341 An Albert Träger 342 An Max Kretzer 342 An Joseph Victor von Scheffel 343 Felix Dahn 344 Einem Gartenlaubendichter 345 An Rudolf Baumbach 346 An Adolf Friedrich Graf von Schack 347 An Friedrich Rückert 348 Unsere Zeit 349 Ein „garstig“ Lied! 350 Einstweilen! 351 An den's gerichtet ist! 352 Amerika 353 In memoriam ! 354 Lehrfreiheit! 355 An gewisse „Naturforscher“ 356 Freilich! 356 Schauderhaft! 357 Einem Pietisten 357 Schließlich! 358 Einem Orthodoxen 359 Variatio delectat 359 Schwarz in Schwarz 360 Al Fresco 361 „Καϑ’ ὅλην τὴν γὴν!“ 362 W ie's g emacht wird! 363 Hm ! 364 Geisterduo 364 Russisch 365 Pfui Deibel! 365 „Pyramidal!“ 366 Für kleine Kinder 367 Ein dunkles Blatt 368 Frühlingszauber 369 Lied 370 Ausgepfiffen! 371 Strophen 372 Nicht wahr? 373 Seite Kusch dich! 373 Weltzeitungs-Inserat 374 „Ἔσσεται ἧμαϱ!“ 374 Reimspiel 375 An die Opportunisten 375 Der Dichter 376 Videant consules ...! 377 Das Volk an die Fürsten 378 An die „Obern Zehntausend“ 379 Chanson 380 Noch ein Stoßseufzer! 381 „Sanft ruhe seine Asche!“ 382 Tres faciunt Collegium 383 Fragezeichen 384 Auf alle Fälle 385 Frommer Wunsch 386 Zum Dessert 387 Die Kritik als Epilog 387 Phantasus 1–13 391 Zum Ausgang 423 Fürwahr, sie irrten, die gesagt, die deutsche Poesie sei todt; Nein, wenn ein Abend wirklich naht, so dämmert bald das Morgenroth. Schon seh ich fern am Horizont des neuen Tages goldnen Schein, O laßt in seiner Frühe mich der ersten Lerchen eine sein! Emanuel Geibel. 1 Zum Eingang . Die Zeit ist die Madonna der Poeten, Die Mater dolorosa , die gebären Den Heiland soll; drum halt die Zeit in Ehren, Du kannst nichts Höheres denn sie vertreten. Georg Herwegh. Zum Eingang. N och sproßt der Bart mir nicht ums Kinn, Auch weiß ich, hört mich, ihr Teutonen, Daß unter allen Epigonen Just ich der allerletzte bin! Doch laßt's mich trotzdem euch gestehn: Ihr jammert mich, ihr armen Dichter, Ihr Groschen- und ihr Dreierlichter, Von denen zwölf aufs Dutzend gehn. Ihr stöhnt verzweifelt: Der Bien muß! Und ampelt krampfhaft an der Leiter, Doch ach, ihr kommt und kommt nicht weiter, Wie weiland Fausti Famulus! Seht, das ist eure Quintessenz, Ihr fliedersüßen Lenzrhapsoden: Ihr macht mit Hymnen und mit Oden Den Nachtigallen Concurrenz! Ihr glaubt verblendet, Poesie Sei Lenznacht nur und Blüthenschimmer, Ihr glaubt's verblendet und singt immer Ein und dieselbe Melodie! Ihr dichtet jeden dritten Tag Ein hohes Lied auf eure Liebe, Reimt selbstverständlich darauf „Triebe“ Und gebt's dann schleunigst in Verlag. Zwar, seid ihr noch kein „großes Thier“, Müßt ihr auf alle Fälle „zahlen“, Doch dann wird's auch mit Initialen Gedruckt auf fein Velinpapier. Und wird's dann gratis noch versandt An so und so viel Kritikaster, Dann lobt man euern schlechten Knaster Und schimpft den Kieselstein Demant. Und wenn ihr fleißig schmiert und salbt, Sorgt auch die Clique für Verbreitung, — Denn wozu hat man sonst die Zeitung? — Herr X hat wieder mal gekalbt! Ein Liederbuch ist's dieses Mal In rothem Maroquin gebunden Und überdies sehr warm empfunden Und wunderbar original! Und kauft man sich dann das Idol, Dann sind's die alten tauben Nüsse, Die längst genossenen Genüsse, Der aufgewärmte Sauerkohl: Von Wein und Wandern, Stern und Mond, Vom „Rauschebächlein“, vom „Blauveilchen“, Von „Küßmichmal“ und „Warteinweilchen“, Von „Liebe, die auf Wolken thront“! Und will der Dichter hoch hinaus, Dann streicht er die Rubrik: „Erotisch!“ Und hängt die Tafel: „Patriotisch!“ Als Firmenzeichen vor sein Haus. Doch Blech bleibt Blech, und ob es auch Der Jude oft als Gold verschachert ... Der Ruhm, den ihr zusammenprachert, Ist eitel Moder, Dunst und Rauch! Denn kräht auch dreist zu eurem Wisch Die heutige Kritik ihr Amen, Und legt man ihn auch jungen Damen Alljährlich auf den Weihnachtstisch: Und labt sich auch aus euerm Quell Der Leutnant und der Ladenschwengel, Und nippt aus ihm auch jeder Engel, Die Gräfin und die Nähmamsell: Laßt über euch und euer Wort Ein einzig Menschenalter rollen, Und was ihr singt ist längst verschollen, Und was ihr pflanzt ist längst verdorrt! Das aber macht, ihr habt noch nie Das Sphinxbild eurer Zeit entschleiert, Drum gähnt in allem, was ihr leiert, Derselbe horror vacui . Ich aber mag nicht, laß wie ihr, Das Pfund, das Gott mir gab, verwalten, Ich will hoch über mir entfalten Der Neuzeit junges Lenzpanier. Ich lache, wollt ihr blöden Blicks Verjährten Tand modern staffiren Und himmelbläulich phantasiren Vom Waldgnom und vom Wassernix. Ich lache, zählt ihr eins, zwei, drei Die Kugeln, die ihr nie verschossen, Die Thränen, die ihr nie vergossen, Ein jeder Zoll ein Papagei. Ich lache, doch mein Zorn hält Wacht, Denn der St. Veitstanz wird zur Mode; Ich weiß, ihr tanzt nur aus Methode, Weil ein Narr viele Narren macht. Doch tollt nur euern tollen Schwank, Nur zu, je toller, desto besser: Ich biet euch Kampf, Kampf bis aufs Messer, Und gehe meinen eignen Gang! Den Gang, den lichtumstrahlt die Kunst Sieghaft zu wandeln mir geboten; Und Herz an Herz mit ihren Todten, Veracht ich euch und eure Gunst! Denn mir schlägt nicht das Wort den Takt Zum Reigen selbstischer Gedanken, Ein Löwe, hat es seine Pranken Tief in mein Herzfleisch eingehackt. Nur, daß es mich nicht jäh zerfleischt, Such ich's mit Liedern zu beschwören, Doch nicht beim Rauschen alter Föhren, Die Nachts ein schwarzer Aar umkreischt. Auch nicht ins Grab der Lorelei Verirrt sich mehr mein schwankes Steuer; Die Zeit verliebter Abenteuer, Für mich ist sie schon längst vorbei. Nein, mitten nur im Volksgewühl, Beim Ausblick auf die großen Städte, Beim Klang der Telegraphendrähte Ergießt ins Wort sich mein Gefühl. Dann glaubt mein Ohr, es hört den Tritt Von vorwärts rückenden Kolonnen, Und eine Schlacht seh ich gewonnen, Wie sie kein Feldherr noch erstritt. Doch gilt sie keiner Dynastie, Auch kämpft sie nicht mit Schwert und Keule — Galvanis Draht und Voltas Säule Lenkt funkensprühend das Genie. Und um sich sammelt es ein Heer Von himmelstürmenden Ideen, Gedanken blitzen und verwehen Unzählig, wie der Sand am Meer. Doch mehr als einer wird zur That Und lenkt die Zukunft der Geschlechter, Und als des Ideals Verfechter Streut er der Zukunft goldne Saat. Und auf flammt dann ein neues Licht, Ein neuer Welttag für die Erde, Denn auch die Menschheit hat ihr „Werde!“ Und sinnlos ist kein Traumgesicht. Der ewge Friede baut sein Zelt Und ob die Zeit sie auch verdamme, Der Freiheit goldne Oriflamme Weht leuchtend über alle Welt. Und wenn dann Lied auf Lied sich ringt In immer höhere Regionen Und alle Völker, alle Zonen Ein einzig großer Bund umschlingt: Dann ist's mir oft, als ob die Zeit, Verlästert viel und viel bewundert, Als ob das kommende Jahrhundert Zu seinem Täufer mich geweiht. Als müßt ich stoßen in die Brust, Ein Winkelried, mir eure Speere: Hie Wahrheit, Freiheit und hie Ehre! — O Kampf der Liebe, Kampf der Lust!! — Drum dir, die schmerzvoll mich gebar, Dir, junge Zeit aus Blut und Eisen, Leg ich mein Herz und seine Weisen Nun stumm auf deinen Hochaltar! Schaust du doch auch in's Morgenroth Und träumst von unentdeckten Welten; Wirst du die Liebe mir vergelten, Die tief für dich mein Herz durchloht? Doch ob auch Dampf und Kohlendunst Die Züge dieser Schrift verwaschen; Kein flüchtig Glück will ich erhaschen, Ich liebe dich, nicht deine Gunst! Mir schwillt die Brust, mir schlägt das Herz Und mir ins Auge schießt der Tropfen, Hör ich dein Hämmern und dein Klopfen Auf Stahl und Eisen, Stein und Erz. Denn süß klingt mir die Melodie Aus diesen zukunftsschwangern Tönen; Die Hämmer senken sich und dröhnen: Schau her, auch dies ist Poesie! Sie kehrt nicht nur auf ihrem Gang In Wälder ein und Wirthshausstuben, Sie steigt auch in die Kohlengruben Und setzt sich auf die Hobelbank. Auch harft sie nicht als Abendwind Nur in zerbröckelten Ruinen, Sie treibt auch singend die Maschinen Und pocht und hämmert, näht und spinnt. Sie schaukelt sich als schwanker Kahn Im blauen schilfumkränzten Weiher, Sie schlingt den Dampf ums Haupt als Schleier Und saust dahin als Eisenbahn. Von nie geahnter Kraft geschwellt, Verwarf sie ihre alten Krücken, Sie mauert Tunnel, zimmert Brücken Und pfeift als Dampfschiff um die Welt. Ja, Wunder thut sie sonder Zahl, Sie lindert jegliches Verhängniß, Sie setzt den Fuß selbst ins Gefängniß Und speist die Armuth im Spital. Wohl war's der Himmel , der sie schuf , Doch heimisch ward sie längst auf Erden ; Drauf immer heimischer zu werden , Ist ihr ureigenster Beruf ! So klingt das Lied, das hohe Lied, Das dumpfauf mir die Hämmer dröhnen; Euch aber, euch, die es verhöhnen, Euch fordr' ich kühn in Reih und Glied! Rückt an; mit offenem Visir Und harter Faust will ich euch weisen: Ich und mein Lied, wir sind von Eisen — Ihr oder ich , ich oder ihr ! Denn nicht soll einst in später Zeit Mit selbstgefälligem Behagen Ein später Enkel von uns sagen, Was roth wie Blut zum Himmel schreit: „Poeten ohne Poesie, Und keiner rief das Wörtchen: „Rette!“ Sie blökten allsammt um die Wette, Wie eine Heerde Hammelvieh!“ Nein, nein und nein und aber nein! Ein Schuft sein will ich, wenn's so endet! Das Blatt hat endlich sich gewendet! Dies Buch soll deß ein Zeichen sein! Soll sagen, was ihr nie gewollt: Der Singsang hat sich ausgetutet — Auch durch das junge Lied noch fluthet Das alte Nibelungengold ! Drum ihr, ihr Männer, die ihr's seid, Zertrümmert euere Trugidole Und gebt sie weiter, die Parole: „ Glückauf , glückauf , du junge Zeit !“ Ein Bild. 2 Zwei Racen giebt's; die eine wird mit Sporen, ... Ein Bild. A us Sandstein ist das gelbliche Portal, Die rothen Säulen aus Granit gehauen, Und seitwärts in ein weißes Piedestal Vergräbt ein Löwe seine Marmorklauen. Doch schwarz verhängt sind alle Fenster heut Und Lichter brennen nur im Erdgeschosse, Der Straßendamm ist hoch mit Stroh bestreut Und lautlos drüberhin rollt die Karosse. Das Treppenhaus vertheidigt der Portier Und schüttelt grimmig seine graue Mähne, Und naht gar Einer aus der Haute volee, Dann fletscht er cerberusgleich seine Zähne. Im Prunksaal trauern hinter Flor und Tafft Die bunten Inderstoffe aus Lahore, Auch schleicht die goldbetreßte Dienerschaft Nur auf Spitzzehen durch die Corridore. Der hochgeborne Hausherr, Excellenz, Schwankt wie ein Rohr umher auf bleicher Düne, Die erste Redekraft des Parlaments Fehlt heute abermals auf der Tribüne. Zwar trat man gestern erst in den Etat, Doch hat sein Fehlen diesmal gute Gründe: Schon viermal war der greise Hausarzt da Und meinte, daß es sehr bedenklich stünde. Nach Eis und Himbeer wird gar oft geschellt, Doch mäuschenstill ist es im Krankenzimmer, Und seine düstre Teppichpracht erhellt Nur einer Ampel röthliches Geflimmer. Weit offen steht die Thür zum Vestibul Und wie im Traum nur plätschert die Fontäne, Die Luft umher ist wie gewitterschwül, Denn ach, die „gnä'ge Fraa“ hat heut — Migräne! Ein Andres. ... Mit Sätteln wird die andere geboren! Karl Kösting. Ein Andres. F ünf wurmzernagte Stiegen geht's hinauf Ins letzte Stockwerk einer Miethskaserne; Hier hält der Nordwind sich am liebsten auf Und durch das Dachwerk schaun des Himmels Sterne. Was sie erspähn, o, es ist grad genug, Um mit dem Elend brüderlich zu weinen: Ein Stückchen Schwarzbrod und ein Wasserkrug, Ein Werktisch und ein Schemel mit drei Beinen. Das Fenster ist vernagelt durch ein Brett Und doch durchpfeift der Wind es hin und wieder Und dort auf jenem strohgestopften Bett Liegt fieberkrank ein junges Weib darnieder. Drei kleine Kinder stehn um sie herum, Die stieren Blicks an ihren Zügen hangen, Vor vielem Weinen ward ihr Mündlein stumm Und keine Thräne mehr netzt ihre Wangen. Ein Stümpfchen Talglicht giebt nur trüben Schein, Doch horch, es klopft, was mag das nur bedeuten? Es klopft und durch die Thür tritt nun herein Ein junger Herr, geführt von Nachbarsleuten. Der Armenhilfsarzt ist's aus dem Revier, Den sie geholt aus Mitleid mit der Kranken, Indeß ihr Mann bei Branntwein oder Bier Sich selbst betäubt und seine Wuthgedanken. Der junge Doctor aber nimmt das Licht Und tritt mit ihm ans Bett des armen Weibes, Doch gelb wie Wachs und spitz ist ihr Gesicht Und kalt und starr die Glieder ihres Leibes. Da schluchzt sein Herz, indeß das Licht verkohlt, Von nie gekannter Wehmuth überschlichen: Weint, Kinder, weint! ich bin zu spät geholt, Denn eure Mutter ist bereits — verblichen! Frühling. Empfangt mich, heilige Schatten, ihr Wohnungen süßer Entzückung, Ihr hohen Gewölbe voll Laub und Dunkel schlafender Lüste, Die ihr oft einsamen Dichtern der Zukunft Vorhang zerrissen, Oft ihnen des heitern Olymps azurne Thore geöffnet. — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — — Gestreckt im Schatten will ich in goldne Saiten die Freude, Die in euch wohnet, besingen! — Reizt und begeistert die Sinnen! Daß meine Töne die Gegend wie Zephyrs Lispeln erfüllen, Der jetzt durchs Veilchenthal fleucht, und wie die rieselnden Bäche! Ewald Chr. v. Kleist. Frühling. 1. W ohl haben sie dich alle schon besungen Und singen dich noch immer an, o Lenz, Doch da dein Zauber nun auch mich bezwungen, Meld ich mich auch zur großen Concurrenz. Doch fürcht ich fast, ich bin dir zu prosaisch, Aus meinen Versen sprüht kein Fünkchen Geist; Und denk ich gar an deinen Dichter Kleist, Klingt meine Sprache mir fast wie Havaïsch. Kein Veilchenduft versetzt mich in Extase Denn ach, ich bin ein Epigone nur; Nie trank ich Wein aus einem Wasserglase Und nüchtern bin ich bis zur Unnatur. Der Tonfall meiner lyrischen Collegen Ist mir ein unverstandner Dialect, Denn meinen Reim hat die Kultur beleckt Und meine Muse wallt auf andern Wegen. Ins Waldversteck verirrt sie sich nur selten, Die blaue Blume ist ihr längst verblüht; Doch zieht die Ahnung neugeborner Welten Ihr süßer als ein Märchen durchs Gemüth. Zur Armuth tritt sie hin und zählt die Groschen, Ihr rothes Banner pflanzt sie in den Streit, An ihr Herz schlägt das große Herz der Zeit Und aller Weltschmerz scheint ihr abgedroschen. Doch heute singt sie, was ihr längst verboten, Mir scheint, dein Lächeln hat sie mir behext, Und unter deine altbekannten Noten Schreibt sie begeistert einen neuen Text. Die Flur ergrünt und bläulich blüht der Flieder, Ich aber leire meine Lenzmusik Und lachend schon vernehm ich die Kritik: Das denkt und singt ja wie ein Seifensieder! 2. Schon blökt ins Feld die erste Hammelheerde, Der Hof hielt seine letzte Soiree, Und grasgrün überdeckt die alte Erde Coquett ihr weißes Winternegligee. Der Wald rauscht wieder seine Lenzgeschichten Und mir im Schädel rasselt kreuz und quer Ein ganzer Rattenkönig von Gedichten, Ein Reim- und Rythmenungethüm umher. Wie Gold in meine ärmliche Mansarde Durchs offne Fenster fällt der Sonnenschein Und graubefrackt lärmt eine Spatzengarde: Ich schnitt es gern in alle Rinden ein! Die Luft weht lau und eine Linde spreitet Grün über ihr junges Laubpanier Und vor mir auf dem Tisch liegt ausgebreitet Fein säuberlich ein Bogen Schreibpapier. O lang ist's her, daß mir's im Hirne blitzte! Im Winterschnee erfror die Phantasie; Erst heute war's, daß ich den Bleistift spitzte, Erst heut in dieser Frühlingsscenerie. Weh, mein Talent versickert schon im Sande, Des eitlen Nichtsthuns bin ich endlich satt; Drum da ich ihn noch nie sah auf dem Lande, Besing ich nun den Frühling in der Stadt. Denn nicht am Waldrand bin ich aufgewachsen Und kein Naturkind gab mir das Geleit, Ich seh die Welt sich drehn um ihre Achsen Als Kind der Großstadt und der neuen Zeit. Tagaus, tagein umrollt vom Qualm der Essen, War's oft mein Herz, das lautauf schlug und schrie, Und dennoch, dennoch hab ich nie vergessen Das goldne Wort: Auch dies ist Poesie! O wie so anders, als die Herren singen, Stellt sich der Lenz hier in der Großstadt ein, Er weiß sich auch noch anders zu verdingen, Als nur als Vogelsang und Vollmondschein. Er heult als Südwind um die morschen Dächer Und wimmert wie ein kranker Komödiant, Bis licht die Sonne ihren goldnen Fächer Durch Wolken lächelnd auseinanderspannt. Und Frühling! Frühling! schallt's aus allen Kehlen, Der Bettler hört's und weint des Nachts am Quai; Ein süßer Schauer rinnt durch alle Seelen Und durch die Straßen der geschmolzne Schnee. Die Damen tragen wieder lange Schleppen, Zum Schneider eilt nun, wer sich's „leisten“ kann, Die Kinder spielen lärmend auf den Treppen Und auf den Höfen — singt der Leiermann. Schon legt der Bäcker sich auf Osterkringel Und seine Fenster putzt der Photograph, Der blaue Milchmann mit der gelben Klingel Stört uns tagtäglich nun den Morgenschlaf. Mit Kupfern illustrirt die Frauenzeitung Die neusten Frühjahrsmoden aus Paris, Ihr Feuilleton bringt zur Geschmacksverbreitung Den neusten Schundroman von Dumas fils . Es tritt der Strohhut und der Sonnenknicker Nun wieder in sein angestammtes Recht Und coquettirend mit dem Nasenzwicker Durchstreift den Park der Promenadenhecht. Das ist so recht die Schmachtzeit für Blondinen Und ach, so mancher wird das Herzlein schwer, Ein Duft von Veilchen und von Apfelsinen Schwingt wie ein Traum sich übers Häusermeer. Am Arm das Körbchen mit den weißen Glöckchen, Das blonde Haar zerweht vom Frühlingswind, Lehnt bleich und zitternd im verschossnen Röckchen Am Prunkpalast das Proletarierkind. Geschminkte Dämchen und gezierte Stutzer, Doch niemand, der ihm schenkt ein freundlich Wort; Und naht sich Abends der Laternenputzer, Dann schleicht es weinend sich ins Dunkel fort. Verfolgt vom blutgen Schwarm der Manichäer, Umirrt nun Bruder Studio wie gehetzt, Bis er sich endlich rettet zum Hebräer Und seinen Winterpaletot versetzt. Der Hypochonder sinnt auf Frühjahrskuren Und wettert auf die Stickluft der Salons, Der Italiano formt sich Gypsfiguren Und zieht vors Thor mit seinen Luftballons. Nun geht die Welt kopfüber und kopfunter, Auf Sommerwohnung zieht schon der Rentier, Die Anschlagssäulen werden immer bunter Und nächtlich wimmert oft das Portemonnaie. Der Schornsteinfeger klettert auf die Leiter Und grinst uns an als Vogelperspecteur, Vor Klingeln kommt die Pferdebahn nicht weiter Und Alles brüllt: He, schneller, Conducteur! Das Militär wirft sich in Drillichhosen Und übt sich schwitzend im Paradeschritt, Als ging's kopfüber gegen die Franzosen, Und krampfhaft schleppt es die Tornister mit. Und blitzt der Exercirplatz dann exotisch Wie ein gemaltes Farbenmosaik, Dann wird die Schusterjugend patriotisch Und lautauf spielt die Regimentsmusik. Schon dampft der Kaffee hie und da im Garten, Der Schooßhund bellt, es kreischt der Papagei, Papa studirt die kolorirten Karten Von Zoppot, Häringsdorf und Norderney. In den geschlossenen Theatern trauern Die weichen Polstersitze des Parquetts Und rothe Zettel predgen an den Mauern Die goldne Aera der Retourbilletts. An eine Spritztour denkt manch armer Schlucker, Doch dreht sie leider sich ums Wörtchen „wenn“; Am gelben Gurt den schwarzen Operngucker, Stelzt durchs Museum nun der Englishman. Die Provinzialen aber schneiden Fratzen, Dank ihrer anerzognen Prüderie, Und unbemerkt nur schleichen sie wie Katzen Um unsre liebe Frau von Medici. 3 Doch drauß vorm Stadtthor rauscht es in den Bäumen, Dort tummelt sich die fashionable Welt, Und junge Dichter wandeln dort und träumen Von ewgem Ruhm, Unsterblichkeit — und Geld. Rings um die wiederweißen Marmormäler Spielt laut ein Kinderschwarm nun Blindekuh Und heimlich gibt der Backfisch dem Pennäler Am Goldfischteich das erste Rendezvous. Und macht die Nacht dann ihre stille Runde Und blitzt es licht durchs dunkle Firmament, Dann ist's dieselbe Lenznacht, die zur Stunde Sich lagert um den Busen von Sorrent! Dann ist's derselbe Mond, der rings das Pflaster Sacht überdeckt mit seinem goldnen Vließ, Den vor Jahrtausenden schon Zoroaster Als ewgen Herold aller Lenze pries! O Frühling! Frühling, dem die Welt entlodert, Du führst im Schild ein Röslein ohne Dorn; Daß uns das Herz nicht ganz vermorscht und modert, Stößt du noch immer in dein Wunderhorn. Noch immer läßt du deine Nachtigallen Ins Frühroth schlagen, wie zur Zeit Homers, Und hebst empor die Engel, die gefallen, Die kranken Söhne Fausts und Ahasvers. Ob du vor Zeiten einst als junge Sonne Glorreich emporstiegst über Salamis, Indeß Diogenes in seiner Tonne Sich philosophisch in die Nägel biß; Und ob dir heute noch im fernsten Norden Ein Opfer bringt der fromme Eskimo, Wie weiland an des Südmeers blauen Borden Der alte Mythenkönig Pharao: Du bist und bleibst der einzig wahre Heiland, Dein schöner Wahlspruch jauchzt: „Empor! Empor!“ Was soll uns noch ein waldumrauschtes Eiland? Du wandelst um den Stadtwall auch durchs Thor! Du bist nicht scheu wie deine Waldgespenster, Du setzst auch in die Großstadt deinen Fuß Und wehst tagtäglich durch das offne Fenster Mir in das Stübchen deinen Morgengruß. Und jetzt, wo schon der Abend seine Lichter Rothgolden über alle Dächer strahlt, Krönst du mich lächelnd nun zu deinem Dichter Und hast mir rythmisch das Papier bemalt. Ich aber gebe dieses Blatt den Winden, Die Fangball spielen um den Kirchthurmknauf, Und wenn's noch heut die Straßenkehrer finden, Was kümmert's mich? Flieg auf, mein Lied, flieg auf! Doch fällst du einem schönen Kind zu Füßen, Das dich erröthend in den Busen steckt, Dann sprich zu ihm: „Der Frühling läßt dich grüßen!“ Bis sie mit Küssen das Papier bedeckt. Doch hascht ein Graukopf dich auf deinen Bahnen, So ein vergilbter Langohr-Recensent, Dann sprich zu ihm: „Respect vor meinen Ahnen! Mein Urtext steht im Sanskrit und im Zend !“ Samstagsidyll . „Laßt uns auch so ein Schauspiel geben! Greift nur hinein ins volle Menschenleben! Ein jeder lebt's, nicht vielen ist's bekannt.“ Goethe. Samstagsidyll. E s war ein Tag wie's ihrer viele giebt, Wenn falb der Sommer in den Herbst zerstiebt; Verstummt schon schien der Vögel buntes Völkchen Und grau am Himmel standen kleine Wölkchen. Nur ab und zu schwamm's fernher durch die Luft Noch weich wie ein verirrter Rosenduft Und wie ein Lenzlockruf, nur herbstlich stiller, Klang hie und da ein später Vogeltriller. Auf lauen Windes Flügeln kam's und schwand Und reichte wiederkehrend sich die Hand, Wie wenn zwei Herzen durch ein letztes Grüßen Sich noch des Scheidens bittres Weh versüßen Doch also war's nur draußen fern im Hag, Durch die Fabrikstadt schlich der Werkeltag. Das schwarzberußte Schurzfell um die Lenden, War er bemüht die Woche zu beenden; Er ließ das Eisen wie ein Licht erglühn Und mehr als hundert Essen Funken sprühn Und, unbekümmert um den eignen Jammer, Schwang er den centnerschweren Schmiedehammer Hier war's ein Eisenwagen, dort ein Schiff, Der Schornstein rauchte und der Dampfhahn pfiff, Die Räder rollten ewig um die Kreise Und alles drehte sich im alten Gleise. Nur du und ich, wir beide waren frei Und wußten nichts von Werktagssclaverei; Wir jauchzten auf, die Noth in uns begrabend, Und machten schon Nachmittags Feierabend. Denn hatte jeder nicht mit Lust und Kraft Die Woche über pflichtgetreu geschafft? Die Nähmaschine hattest du getrieben Und ich gedacht, gedichtet und geschrieben. Doch nun war ich des „trocknen Tones satt“ Und schrieb energisch: „Punkt!“ aufs letzte Blatt Und stieg dann flink, mir selber zur Belohnung, In deine zierliche Mansardenwohnung. Ich klopfte an — ein neckisches: Herein! Und durch das Fenster brach der Sonnenschein; Ein Lichtmeer war's, drin Welle schwamm auf Welle, Ich aber stand geblendet auf der Schwelle. O immer, trat ich in dein trautes Heim, Schrieb's mir ins Herz sich wie ein neuer Reim; Doch war's mit seinen farbigen Gardinen So hell und freundlich mir noch nie erschienen. Zum Schmaus gedeckt war schon dein kleiner Tisch, Grau hinterm Spiegel stak ein Flederwisch Doch unbekümmert um die neuste Mode Stand dicht dabei die ältliche Kommode Und unter einem Kreuz von Elfenbein Das Bild von deinem todten Mütterlein. Wie tief im Traum sah lächelnd es hernieder Auf ein zerlesnes Buch: „das Buch der Lieder“! Vom Blumenbrett, das sich ums Fenster bog, Um alles das ein süßes Duften flog. Und dort ja hingen auch die beiden Schilder, Verzeih! ich meine deine Landschaftsbilder! Denn du hast recht: die reine Phantasie Und farbenschillernd wie ein Kolibri! Rechts hing der Watzmann, links der Gamsgarkogel Und zwischen beiden ein Kanarienvogel. Du selber aber, häubchenüberdeckt, Ein weißes Schürzchen vor die Brust gesteckt, Du schobst nun grad mit hausfraulicher Miene Den Spiritus in deine Kochmaschine. Ein kurzer Aufblick dann, ein leiser Schrei, Und eins und eins, wie immer, waren zwei! Drauf, wie ich mich schon oft ließ unterjochen, Sollt ich auch heute mit dir Kaffe kochen. Ich lärmte; doch was half mir mein Protest? Ein kußersticktes Lachen war der Rest! Und als ein vielgewandter junger Dichter Hielt ich galant dir nun den Kaffetrichter. Natürlich ging das „noch einmal so gut“, — Sieh hier das Lied: „Was man aus Liebe thut!“ Wir schmeckten, wechselnd prüfend, mit den Zungen Und endlich war der große Wurf gelungen. Zwar war das Tischzeug nur von grobem Zwilch, Doch fehlte weder Zucker drauf noch Milch Und dampfend füllten nun die braunen Massen Die goldumränderten Geburtstagstassen. Des Tränkleins Wirkung aber kommt und geht, Bis sich das Zünglein wie ein Mühlrad dreht: Was Stift und Tinte, Häkelzeug und Maschen! Wir waren heut zwei rechte Plaudertaschen! Du schwärmtest von dem neusten Ausverkauf, Ich aber schlug ein kleines Büchlein auf Und las dir Lieder vor von Lingg und Keller Und übersah auch nicht den Kuchenteller. So saßen wir, zwei große Kinder, da, Bis roth der Abend durch die Scheiben sah Und tappten dann hinab die dunklen Stiegen, Um noch ein Stündlein vor das Thor zu fliegen. Dort, wo das Wasser sich am Stadtwall bricht, Lag bunt der Park im letzten Abendlicht Und ließ die Wipfel sich in Purpur tränken Und Kinder spielten auf den Rasenbänken. Vom nahen Thorthurm kam das Spätgeläut, Mir schien's, es klang noch nie so schön wie heut; Wir lugten lauschend durch die Laubverhänge Und schritten flüstern durch die Buchengänge! Zu Füßen knirschte uns der gelbe Kies Und alles schien uns wie im Paradies; Doch als die Glocken dann gemach verklangen, Kam leisen Schritts die Dämmrung angegangen. Da hieltst du still und hauchtest mir ins Ohr: „O, weißt du noch, dort drüben vor dem Thor?“ Ob ich es weiß! Wie Lenz will's mich umwehen; Dort war's ja, wo wir uns zuerst gesehen! Und hier, wo waldversteckt das Wasser rauscht, Hier haben wir den ersten Kuß getauscht! O Maitag, Sonnenschein und Blüthenregnen, Noch heut muß ich euch tausendfältig segnen! Es war doch eine schöne, schöne Zeit, Und denk ich dran, so wird das Herz mir weit! Man fühlt's, auch ohne daß man's gleich bedichtet: Der liebe Gott hat's doch gut eingerichtet! Doch still! Was braucht's schon der Erinnerung? Wir sind ja beide noch so jung, so jung! Es lacht das Glück aus deinem rothen Munde; „Uns winkt ja noch so manche goldne Stunde!“ „Gewiß!“ fielst du hier lächelnd ein, „und wie? Zum Beispiel morgen eine Landpartie! Erinnerst du dich noch, wie du vor Wochen Mir einen Ausflug ins Gebirg versprochen? Mein Onkel dort, der Wirth zum weißen Schwan, Wohnt ja ganz nahe an der Eisenbahn! Ich weiß, er freut sich, wenn wir ihn besuchen, Und Tantchen gar backt einen Extrakuchen! Und dann — o Gott — die wunderschöne Luft, Wald, Wiese, Sonnenschein und Kräuterduft, Und über sich nichts, nichts als Himmelsbläue — Nein, nein! du weißt nicht, wie ich mich schon freue!“ Da sprach ich: „Topp, du kleiner Niegenug! Wir fahren morgen mit dem ersten Zug. Als Musikant mach ich eins gern mal Pause ... Doch es wird kühl hier, komm, wir gehn nach Hause!“ Und wieder thorwärts wandten wir uns um Und wurden still und wußten nicht warum. Im Fluß das Wasser rann nur noch von ferne Und durch das Laubdach blitzten schon die Sterne. Ein feuchter Nachtwind durch die Wipfel strich, Du aber schmiegtest fester dich an mich, Und wie das Schlußwort einer schönen Dichtung That sich nun wieder vor uns auf die Lichtung. Dort hub die Stadt sich schwarz und ungewiß Vom Horizont ab wie ein Schattenriß, Nur hie und da warf fernher aus dem Dunkel Ein Fenster noch sein rothes Lichtgefunkel. Es war so schön, so wunderschön zu sehn, Und schweigend blieben wir noch einmal stehn, Denn nun trat auch der Mond aus seinen Hallen Und ließ sein Silber auf die Dächer fallen Und drüben von der Vorstadt her erklang Noch windverweht ein frommer Nachtgesang. Du sahst mich an und wußtest nichts zu sagen, Doch fühlt ich dein Herz warm an mein Herz schlagen Und sprach zu dir und war bewegt wie nie: „Nun weißt auch du, mein Herz, was Poesie! Sie speist die Armen und sie stärkt die Schwachen, Sie kann die Erde uns zum Himmel machen, Sie kost im Zephyr und sie harft im Föhn: Nicht wahr, mein Herz, das Leben ist doch schön?“ Literarische Liebenswürdigkeiten. Judenjungen, deren Bildung im Schweinefleischessen besteht, spreitzen sich auf den kritischen Richterstühlen, und erheben nicht nur Armseeligkeitskrämer zu den Sternen, sondern injuriiren sogar ehrenwerthe Männer mit ihren Lobsprüchen, — Reimschmiede, die so dumm sind, daß jedesmal, wenn ein Blatt von ihnen ins Publikum kommt die Esel im Preise aufschlagen, heißen ausgezeichnete Dichter, — Schauspieler, die so langweilig sind, daß natürlich alles vor Freuden klatscht, wenn sie endlich einmal abgehn, heißen denkende Künstler, — Vetteln, deren Stimmen so scharf sind, daß man ein Stück Brod damit abschneiden könnte, titulirt man ächt dramatische Sängerinnen! — Die Muse der Tragödie ist zur Gassenhure geworden, denn jeder deutsche Schlingel nothzüchtigt sie und zeugt mit ihr fünfbeinige Mondkälber, welche so abscheulich sind, daß ich den Hund bedaure, der sie anpißt! Die Wörter: „genial, sinnig, gemüthlich, trefflich“ werden so ungeheuer gemißbraucht, daß ich schon die Zeit sehe, wo man, um einen entsprungenen, über jeden Begriff erbärmlichen Zuchthaus¬ kandidaten vor dem ganzen Lande auf das unauslöschlichste zu infamiren, an den Galgen schlägt: N. N. ist sinnig, gemüthlich, trefflich und genial! — O stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf, der, mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuß ge¬ panzert, sich des deutschen Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe, aus welchen es hervorgekrochen ist! Christian Dietrich Grabbe. 1. Ballade. K ennt ihr das Lied, das alte Lied Vom heilgen Hain zu Singapur? Dort sitzt ein alter Eremit Und kaut an seiner Nabelschnur. Er kaut tagaus, er kaut tagein Und nährt sich kärglich nur und knapp, Denn ach, er ist ein großes Schwein Und nie fault ihm sein Luder ab. Rings um ihn wie das liebe Vieh Wälzt sich zerknirscht ganz Singapur Und „Gott erhalte“ singen sie „Noch lange seine Nabelschnur!“ 4 Denn also geht im Volk die Mähr Und also lehrt auch dies Gedicht: Wenn jene Nabelschnur nicht wär, Dann wär auch manches Andre nicht. Dann hätte beispielsweise Lingg Nie völkerwandernd sich verrannt Und Wagners Nibelungenring Läg noch vergnügt im Pfefferland. Uns hätte nie Professor Dahn Urdeutsch dozirt von A bis Z Und kein aegyptischer Roman Verzierte unser Bücherbrett. Wolffs Heijerleispoeterei, Kein Baumbach wär ihr nachgetatscht, Und Mirzas Reimklangklingelei Summa cum laude ausgeklatscht. Dann schlüge endlich unsrer Zeit Das Herz ans Herz der Poesie, Das Rütli schwüre seinen Eid Und unser Tell wär das Genie. So aber so — frei, fromm und frisch Kaut weiter jener Nimmersatt; Sein eigner Schmeerbauch ist sein Tisch, Sein — wisch ein Bananenblatt. Und um ihn wie das liebe Vieh Wälzt sich zerknirscht ganz Singapur Und „Gott erhalte“ singen sie „Noch lange seine Nabelschnur!“ 2. Stoßseufzer! H eut mißt man die Bücher mit Ellen — Ein wahrer Papier-Ocean! Tagtäglich drei neue Novellen, Tagtäglich ein neuer Roman! In süßlicher Selbstpanegyrik Entwässert in jedes Journal Die unvermeidliche Lyrik Ihre Thränenkübelmoral. Die Welt ist nimmer die alte, Sie stinkt wie ein Limburger Käs Und bringt in jeder Spalte Sechs Tohuwabohuessays. Der Zeitgeist diktirt seinem Kater Eine gallige Selbstparodie Und krank liegt das deutsche Theater An chronischer Selbstmordmanie. Die Kunst war einst unwiderstehlich, Wie die Lurlei hoch über dem Rhein, Doch heute denkt jeder: „O selig, Ein Wiederkäuer zu sein!“ Dort liegen Herrn Hartmanns Schriften, Weiß Teufel, der Kerl hat Recht — Ich möchte die Welt vergiften Mit meinem Stiefelknecht! 3. Anathema sit! V iele Wörter sind auf is Masculini generis, Viele stehn im Daniel Sanders, Viele stehn auch noch wo anders, Doch verhaßt vor allen sind Diese mir, mein liebes Kind: Weihrauchfässer und Crucifixe, Tinte, Schwefel und Stiefelwichse, Englische Peers und russische Knuten, Türkische Paschahs und deutsche Rekruten, Throne, Kasernen und Schweinekofen, Parvenüs und Naturphilosophen, Enten, Seeschlangen, Juden und Zwiebeln, Alte Jungfern und enge Stiebeln, Weiße Handschuh und schwarze Fräcke, Krinolinen und Chapeau cläque, Hämorrhoiden, Milben und Maden, Gardeleutnants und Wachtparaden, Filsläuse, Flöhe, Motten und Wanzen, Hofräthe, Kammerherren und Schranzen, Ballerinen und Syphiliten, Schwiegermütter und Jesuiten, Unterröcke, Corsetts und Matratzen, Vipern, Kokotten und Kammerkatzen, Toaste, Kloaken und Vitriole, Panzerfregatten und Staatsmonopole, Kriegervereine und Schwadroneure, Luccagagen und Operntenöre, Wagnerianer und Patrioten, Schneider, Kastraten und Idioten, Falsche Zöpfe und echte Biere, Nähmaschinen und Klimperklaviere, Schnupfstabackdosen und Mädchen für Alles Und — last not least — ein unsterblicher Dalles! Sympathisch zwar und angenehm Ist meiner Treu mir keins von dem, Doch bei vernünftiger Beschauung Stört mir auch keines die Verdauung. So leb ich lustig comme il faut Wie jener Mops im Paletot. Nur Eins macht stets mich tapfer weichen Und läßt mich kreideweiß erbleichen .... O Gott, mir wird das Herz so schwer: Nachbarin, euer Fläschchen her! Das Wort bleibt mir im Halse stecken, So oft ich auch daran gedacht — Das ist der schrecklichste der Schrecken: Ein Schöngeist , der in Versen „ macht “! 4. Einem Glaceedemokraten. K omm, Freund, daß ich die Hand dir fasse, Du bist wie ich ein jeune garçon Und führst das Elend aus der Gasse Durch deine Lieder in den Salon. Du hüllst sie in Gold und Purpur ein, Nun wird die Armuth unsterblich sein. Ich weiß, du liebst es hoch zu Rosse Zu schütteln den Speer deiner Poesie, Drum duftet sie auch nie nach der Gosse Und stinkt beträchtlich nach Patschuli. Famos! schon wird vor Bewundrung stumm Das höhere Töchterpublikum. Vergnüglich hockst du hinterm Ofen, Des Fortschritts Ziel hast du entdeckt Und so zu sagen mit deinen Strophen Den weißen Mohren schwarz geleckt — Kein Lied, das die rothe Rache preißt, Kein Aufschrei, der uns das Herz zerreißt! Ich würde dir gern ein Krönchen kleistern, Du weißt, ich bin kein Nihilist; Doch kann ich mich nicht recht begeistern, Dieweil es mir mitunter ist: Als lachte durch jedes Hungergedicht Dein wohlgenährtes Prostmahlzeitsgesicht! 5. Pro Domo. T agtäglich wispert die Kritik: „O wirf ihn fort den Hungerknochen! Es hat die leidge Politik Schon Manchem hier den Hals gebrochen. Auch meine Galle schwimmt in Groll, Doch wozu ihn versificiren? Die Welt ist heute prosatoll Und wird ihn schwerlich honoriren. Such lieber hohe Protegees, Dein Sozialismus ist uns schnuppe, Denn schließlich wärmst du nur, gesteh's, Die achtundvierzger Bettelsupe. Drum still, du Sturm im Wasserglas, Und reime fortab nur auf „Triebe“ — Du säst wie Lucifer nur Haß, Das Herz der Kunst heißt aber Liebe!“ Ich hör's und fluche: Sapprement! Zwar lieblich locken die Moneten, Doch fehlt mir leider das Talent Zum schwarzweißrothen Hofpoeten. Ich pfeif auf euern Fahneneid , Ich pfeif auf eure feigen Possen ! Ins schwarze Schuldbuch unsrer Zeit Sind meine Verse rothe Glossen ! Drum bitte, mir drei Schritt vom Leib Mit euern Tombackpoesieen Und zischt nicht wie ein feiles Weib: Tritt ein in unsre Koterieen! Thät ich's, ich wär ein Halb-Poet, So aber ruf ich durch die Gassen: Die Welt , die sich um Liebe dreht , Weiß auch das Hungertuch zu hassen ! 6. F. v. B. E in Quentchen Herz, ein Quentchen Hirn, Die schlanke Nase kühn gekurvt Und die gedankenhohle Stirn Gedankenvoll „gefaltenwurft“: So seh ich ihn, verblichnen Airs, Den alten goldbebrillten Knaben — O, F. v. B., das Beste wär's, Du ließest endlich Dich begraben! Begnadge Feder und Papier Und ziehe endlich die Moral, Du siehst, ich mein es gut mit Dir Und bin wie immer radikal. Was hast Du um die Zeit der Noth Auch heut in dieser Welt zu suchen? Wir Dichter schrein nur noch nach Brot Und nicht wie Du nach Kaffeekuchen! Kein Mensch ist mehr zuleikatoll, Dein Bülbülschwindel ist verkracht, Und ein entsetzlich tiefer Groll Ist jählings mit uns aufgewacht. Drum gecke weiter, alter Geck, Und schwärme vom Medschidscheorden, Wir — schreiten über Dich hinweg, Denn anders ist die Welt geworden! Sie schwelgt nicht mehr „an Baches Strand“ Und sucht verzückt das Blümlein „Blau“, Sie hat sich endlich selbst erkannt Und plant den großen Zukunftsbau. Zum Factum macht sie die Idee Und lacht der Schwärmer hinterm Ofen — Was sollen ihr nun, F. v. B., Was sollen ihr nun Deine Strophen? Ein Musterstück für Versdressur, Ein farblos Nichts, das bunt lakirt, Vergleichbar einer Kinderuhr, Die „fingerdick mit Gold beschmiert“ — So ungefähr als Mann von Fach Würd ich den Mischmasch kritisiren; Doch nein, auch das ist noch zu schwach, Dein Witz ist ledern zum Crepiren! Drum noch einmal: Streu Sand aufs Blatt Und schreibe endlich „Punktum“ drauf! Wir sind den alten Krimskrams satt Und athmen täglich freier auf. Wir wünschen Dir, weil Du ergraut, Auch schließlich noch ein langes Leben; Nur darfst Du nie, was Du verdaut, In Versen wieder von Dir geben!!! Denn traurig ist's mit anzuschaun, Wenn ein zerbrochner Hampelmann Noch immer thun will wie ein Faun Und doch nicht kann, o Gott, nicht kann! Dann zuckt's mir durch das Herz: Er weint! Gespenstisch däucht mir seine Glatze, Und wenn die Sonne drüber scheint, Verklärt sie golden — eine Fratze! 7. So ist's! Auf diesem schönsten der Planeten Erheben furchtbar ihr Geschrei Die theegepäppelten Poeten Der Höhern-Töchterclerisei: „Schon wieder Einer, der revoltert, Schon wieder Einer, der nur schreit: Der Menschheit Herz habt ihr gefoltert, Ich bin der Geist der neuen Zeit! Was will der Lump? Was? Räsonniren? Der Kerl, scheint's, hat den großen Floh! So jung noch und schon kritisiren! O tempora! sagt Cicero. Hm! Jedenfalls sitzt er im Dalles, Doch, Teufel ja, wie dem auch sei! Wir dulden alles, alles, alles, Nur nicht Tendenzenreiterei! Die Poesie ist keine Pfütze, Sie brennt nicht wie ein Lampendocht, Und nichts gilt uns ein Kopf voll Grütze, Wenn sie das Herz nicht weich gekocht!“ — So hört doch auf mit euerm Schelten Und schlagt mir nicht die Fenster ein! Gewiß, ihr Herrn, ich laß es gelten: Der Mensch lebt nicht von Brot allein! Die Lerchen jubeln noch und klettern An ihren Liedern in die Luft Und dunkle Hochgewitter wettern Noch nächtlich über Wald und Kluft. Noch immer blüht im Lenz der Flieder, Im Sommer duftet der Jasmin, Die Nachtigall singt ihre Lieder Und jeder Ton ist ein Blutrubin. Und macht der Herbst dann seine Runde, Umkreist das Adlerweib den Horst, Dann wandert um die Mittagsstunde Die Sonne golden durch den Forst. Dann lieg ich träumerisch im Grase Und freu mich, daß die Erde rund, Und oft versetzt mich in Extase Ein heißer, rother Frauenmund. Und doch — o heilige Hippokrene! — Wenn ihr das Ding so süß bereimt, In Goldschnitt „gb.“ Notabene Und roth mit Callico beleimt: Fällt mir der Nürenberger Trichter Und Geibels schöner Wahrspruch ein: „Man kann ein guter lyrischer Dichter Und doch ein dummer Teufel sein!“ 5 8. Die deutschen Denker an Die deutschen Dichter. Wohl reiht ihr Reim an Reime Und fügt zum Wort das Wort, Doch eurer Saaten Keime Uns dünken sie verdorrt — Verdorrt, noch eh die Sichel Der Zeit sie jäh durchkracht Und so dem deutschen Michel Die Arbeit leichter macht. Denn ach, euch ging verloren Der Dinge Gang und Grund, Ihr hört mit tauben Ohren Und sprecht mit stummem Mund. Doch wehe eurer Scheitel Am Tage des Gerichts, Denn was ihr singt ist eitel, Und was ihr sagt ist nichts! Und doch, ging je vor Zeiten Der Sänger mit dem Sieg, Dann gilt es heut zu streiten In einem heilgen Krieg. Denn nicht um Hof und Heerde Schlägt unser Herz und schwillt: Heut ist's die ganze Erde, Der unser Sterben gilt! Seit Urbeginn schon gährte Es tief im Schooß der Zeit Und jede Stunde nährte Den grausen Widerstreit, Doch heute erst entrauchte Die Lohe ihrem Schacht Und blutig überhauchte Sie das Gewölk der Nacht. Und weh, das Glück zerschellte, Was ganz war, brach entzwei, Und durch die Lande gellte Ein einzig lauter Schrei. Mit Mehlthau übernetzte Das Feld sich weit und breit Und es begann der letzte, Der Bürgerkrieg der Zeit. Nun rast er durch die Auen Und spielt sein wildes Spiel Und uns durchrinnt ein Grauen, Bedenken wir sein Ziel. Die Tafel der Gesetze Zerbarst wie sprödes Glas, Die Tugend ward zur Metze, Die Liebe ward zum Haß. Die Wahrheit liegt im Staube, Die Hoffnung sitzt und weint, Gestorben ist der Glaube Und ach, das Herz versteint! Des Wahnsinns Schlangen zischen Und Alp thürmt sich auf Alp Und wüst erschallt dazwischen Der Tanz ums goldne Kalb. Doch nahn schon Gottes Boten Und ihre Stimme spricht: „Lebendig sind die Todten Und nahe das Gericht!“ Der Erdball wankt und zittert, Des Himmels Wolken drohn Und durch die Lande wittert Der Hauch des Todes schon. Ihr aber, die zu Wächtern Des Heiligthums bestellt, Ihr habt euch den Verächtern Des Himmels zugesellt; Denn wenn der Donner rollte, Verschloßt ihr euer Ohr, Und wenn die Brandung grollte, Wer war's der sie beschwor? Ihr stammelt wie die Kinder, Daß niemand euch versteht, Und jeder Reimverbinder Ist heute ein: Poet! Sich selbst singt er im Liede Und macht es sich bequem, Als wäre der ewige Friede Schon mehr als — ein Problem! Doch nun genug der Schande, Auf, auf! und greift zur Wehr Und wandert durch die Lande Und rudert über's Meer! Streift ab die blumigen Ketten Und folgt uns in den Krieg, Denn noch sind sie zu retten Die Ehre und der Sieg! Und dräut auch manche Wolke Euch schwarz am Horizont, O haltet treu zum Volke Ihr habt's noch nie gekonnt! Nach ihm streckt seine Krallen Siebenfach die Noth; Der schrecklichste von allen Ist doch der Kampf ums Brot! Zerknechtet und zerknetet, Es kennt sich selber nicht; Drum singt und wacht und betet: „Mehr Licht, o Gott, mehr Licht!“ Und kehrt der Friede wieder Dereinst nach Kampf und Streit, Dann singt: „ Das Lied der Lieder , Das ist das Lied der Zeit !“ Den Franzosenfressern. O Land der blauäugigen Menschen, . . . . . . . . . . . . . Der Rhein bot dir Gold, Bernstein das baltische Meer! Musik ist dein Odem, Deine Seele Harmonie und Weihrauch; Sie läßt in mächtigen Hymnen Den Schrei des Adlers Mit dem Gesange Der Lerche wechseln! . . . . . . . . . . . . . Keine Nation ist gerechter als du! Zur Zeit, als die ganze Erde Noch ein Ort des Schreckens war, Warst du unter den starken Völkern Das gerechte Volk! . . . . . . . . . . . . . So lange, wie die Eiche Dem Epheu ihre Arme bietet, Warst du die Kämpferin Für das alte Recht der Besiegten! Viktor Hugo. Den Franzosenfressern. I ch bin ein deutscher Patriot Und schwarz-weiß-roth sind meine Verse, Denn treu dem Volk bis in den Tod Schwör ich auf Werther, Faust und Lerse. Manch goldbeschlagnes Auerhorn Hab ich aufs Deutschthum schon getrunken Und bin als Kerl von Schrot und Korn Noch niemals untern Tisch gesunken. Doch trotzdem ruf ich: Vive la France! Hony soit, qui mal y pense! O, nicht stets für sich selbst geschwärmt! Aus tausend Schriften läßt sich's lesen: Die Gluth, die mir das Herz durchwärmt, Sie loht auch jenseits der Vogesen. Das Volk der Rousseaus und St. Pierres, Man mag's begeifern, mag's beneiden: Mir ist's so lieb, wie das Homers, Und kein Phantast soll's mir verleiden! Drum ruf ich lautauf: Vive la France! Hony soit, qui mal y pense! O wer, als einst wie nie zuvor Die Welt ein Haupt voll Blut und Wunden, Sang ihr das „Lied im höhern Chor“, Daran wir heute noch gesunden? Rouget de L'Isle war's, der Franzos, Die Seine rauscht's und die Garonne, Und aus der Knechtschaft dunklem Schooß Rang sich die Freiheit in die Sonne. Drum juble, Seele: Vive la France! Hony soit, qui mal pense! Wohl weiß ich's, kraß war jene Zeit Und ward von Tag zu Tag noch krasser, Doch jede große Wahrheit schreit Nach Blut und nicht nach Zuckerwasser! Wem sie ihr Herz geoffenbart, Der schrickt zusammen und bewundert's; O, jener Schwur im Ballhaus ward Zur ersten Großthat des Jahrhunderts! Drum juble Seele: Vive la France! Hony soit, qui mal y pense! Wohl steht noch heut, Gewehr bei Fuß, Ein Cerberus an jeder Grenze, Doch schon umweht's mich wie ein Gruß Aus ferner Zukunft fernem Lenze. Dann schlägt kein Tambour mehr Allarm, Dann steht die Welt voll goldner Halme Und Frankreich ringt dann Arm in Arm Mit Deutschland um dieselbe Palme. Drum juble, juble: Vive la France ! Hony soit, qui mal y pense ! Doch ihr ... verhöhnt mich immer nur, Ihr biedern Knopflochpatrioten; Ich weiß, ihr schwärmt nur für Dressur, Für Kalbsfilet und Schweinepoten. Ihr sammelt Lumpen, sammelt Geld Und träumt von längst verschollnen Tagen: Was kümmert's euch, wenn durch die Welt Der Zukunft Nachtigallen schlagen? Ich aber rufe: Vive la France! Hony soit, qui mal y pense! Noch Eins! Mit dem Volke soll der Dichter gehen, Also les' ich meinen Schiller heut! Ferdinand Freiligrath. Noch Eins! B eim Leibe des Brots und beim Blute des Weins! Merkt auf, ihr Herren im Frack! Ihr hohen Herrn! denn ich pfeif euch noch Eins, Noch Eins auf dem Dudelsack! Und ob ihr auch flucht und mich niederschreit, Mir Alles einerlei! Die Porzellan- und Reifrockzeit Ist Gottseidank vorbei! Vor dem Drei-Stern, den unsere Zeit gebar, Verschließt St. Peter die Thür: Garibaldi heißt er und Bolivar Und Toussaint L'Ouvertüre. Es wandelt der neue Jesus Christ Still durch die Völker schon: O glaubt mir, unser Jahrhundert ist Das Jahrhundert der Revolution! Schaut hin, schon hat's an den Nagel gehängt Purpur und Hermelin Und sitzt am Studirtisch tief versenkt In die heilige Schrift des Darwin. Ja die biblische Spottgeburt aus Lehm Besann sich auf ihre Kraft Und die Wahrheit entschleiert ihr Weltsystem Vor der Köngin der Wissenschaft! Ihr aber thut, als wäre die Welt Noch die Welt, die sie ehmals war; Ihr bucht eure Titel und zählt euer Geld Und faselt von Thron und Altar! Ihr faselt im Wachen, ihr faselt im Traum Und im Frühling genirt euch der Wind Und keiner merkt, wie im Freiheitsbaum Schon die Knospen gesprungen sind! Ihr spreizt euch und bläht euch und nörgelt und mault Trotz Hunger und Dynamit Und seid doch an Körper und Geist verfault, Verfault bis ins hundertste Glied! Ihr haßt das Licht wie die Pestilenz, Und der Schuftigste brüllt: Ich riskir's! Und schneuzt sich und schwört auf die Intelligenz Der hinterpommerschen Peers! Doch ein braver Fluch ist auch ein Gebet Und die Marseillaise ein Lied, Drum wenn das noch lange so weitergeht, Dann weiß ich, was geschieht! Dann ruft das Volk: Vermaledeit! He Pulver her und Blei! Die Porzellan- und Reifrockzeit Ist Gottseidank vorbei! 6 Arme Lieder. O daß er käme, jener Fürst der Liebe, Der von dem Haupt die goldne Krone legt Und, daß kein Herz verarmt und dürftig bliebe, Den goldnen Reif zu frommen Münzen prägt, Der seinen Purpurmantel voll Erbarmen Zu Windeln theilte für die Brut der Armen! – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – Ein schöner Traum! Er wird sich nicht erfüllen, Doch blickt er schön aus rothem Dämmerlicht. Es taugt, die Noth der Erde zu verhüllen, Die Blumenpracht von hundert Lenzen nicht, Allein so lang noch ird'sche Lenze dauern, Wird der Poet mit dem Enterbten trauern. Alfred Meißner. 1. Meine Nachbarschaft. M ein Fenster schaut auf einen düstern Hof, Auf schmutzge Dächer und auf rußge Mauern, Doch wer wie ich ein Stückchen Philosoph, Läßt darum sich noch lange nicht bedauern. Ein wenig Luft, ein wenig Sonnenlicht Dringt schließlich auch durch seine trüben Scheiben, Zu hungern und zu frieren brauch ich nicht Und all mein Thun ist nur ein wenig Schreiben. Ein wenig Schreiben, wenn ich stundenlang Mich einlas in die Wunderwelt der Alten, Bis endlich, endlich es auch mir gelang, Was ich gefühlt, zum Wohllaut zu gestalten. Dann fließt es um mich wie ein Heilgenschein Und mir im Herzen bauen sich Altäre; So könnt' ich glücklich und zufrieden sein, Wenn ach, nur meine Nachbarschaft nicht wäre! Kein Schwärmer ist es, der die Flöte liebt Und auf ihr nur „des Sommers letzte Rose“, Kein Tanzgenie, das ewig Stunden gibt, Auch kein klavierverrückter Virtuose: Ein armer Schuster nur, der nächtens flickt, Wenn längst aufs Dach herab die Sterne scheinen, Indeß sein Weib daneben sitzt und strickt Und seine Kinderchen vor Hunger weinen! O Gott, wie oft nicht schon hat dieser Laut Mich mitten aus dem tiefsten Schlaf gerüttelt! Und wenn ich halbwach dann mich umgeschaut, Hat wild es wie ein Fieber mich geschüttelt. Des Mädchens Schluchzen und des Knaben Schrei Und ganz zuletzt des Säuglings leises Wimmern — Mir war's, als hörte ich dann nebenbei Drei kleine, kleine schwarze Bettlein zimmern. Mir war's, als rollte dumpf dann vor das Haus Der nur zu wohlbekannte Armenwagen Und jene Bettlein trugen sie hinaus Und luden sie in seinen düstern Schragen. Der Kutscher aber nahm noch einen Schluck Und peitschte fluchend seine magren Schinder Und übers Pflaster dann ging's Ruck auf Ruck, Doch ach, noch immer wimmerten die Kinder! Und immer, immer noch klang's mir im Ohr, Wenn schon der Morgen durch das Fenster blickte, Und mir ums Auge hing ein Thränenflor, Wenn ich dann stumm mein Tagewerk beschickte. Was half mir nun mein „Stückchen Philosoph“? In Trümmer fiel, was ich so luftig baute! Doch that's das Haus nicht, nicht der düstre Hof, Nein, nur die abgebrochnen Kindeslaute! — Die Armuth bettelt um ein Stückchen Brot, Doch herzlos läßt der Reichthum sie verhungern; Millionen tritt die Goldgier in den Koth, Und Einen einzigen nur läßt sie lungern. In seidne Betten wühlt sie ihn hinein, Wenn er beim Sect sich endlich ausgeplappert, Indeß beim flackernden Laternenschein Das bleiche Elend mit den Zähnen klappert. O Gott, warum dies alles, o warum? Wie Centnerlast drückt mich die Frage nieder! In meinen Reimen geht sie heimlich um Und ächzt und stöhnt durch meine armen Lieder. Was bleibt mir noch auf diesem Erdenball? Denn auch die Kunst, längst stieg sie vom Kothurne! Einst schlug mein Herz wie eine Nachtigall , Doch ach , nun gleicht es einer Thränenurne ! 2. „Een Boot is noch buten!“ „ A hoi! Klaas Nielsen und Peter Jehann! Kiekt nach, ob wi noch nich to Mus sind! Ji hewt doch gesehn den Klabautermann? Gott Lob, dat wi wedder to Hus sind!“ Die Fischer riefen's und stießen ans Land Und zogen die Kiele bis hoch auf den Strand, Denn dumpf an rollten die Fluthen; Han Jochen aber rechnete nach Und schüttelte finster sein Haupt und sprach: „Een Boot is noch buten!“ Und ernster keuchte die braune Schaar Dem Dorf zu über die Dünen, Schon grüßten von fern mit zerwehtem Haar Die Frau'n an den Gräbern der Hünen. Und „Korl!“ hieß es und „Leiw Marie!“ „'T is doch man schön, dat ji wedder hie!“ Dumpf an rollten die Fluthen — „Un Hinrich, min Hinrich? Wo is denn dee?!“ Und Jochen wies in die brüllende See: „Een Boot is noch buten!“ Am Ufer dräute der Möwenstein, Drauf stand ein verrufnes Gemäuer, Dort schleppten sie Werg und Strandholz hinein Und gossen Oel in das Feuer. Das leuchtete weit in die Nacht hinaus Und sollte rufen: O komm nach Haus! Dumpf an rollen die Fluthen — Hier steht Dein Weib in Nacht und Wind Und jammert laut auf und küßt Dein Kind: „Een Boot is noch buten!“ Doch die Nacht verrann und die See ward still Und die Sonne schien in die Flammen, Da schluchzte die Aermste: „As Gott will!“ Und bewußtlos brach sie zusammen! Sie trugen sie heim auf schmalem Brett, Dort liegt sie nun fiebernd im Krankenbett Und draußen plätschern die Fluthen; Dort spielt ihr Kind, ihr „lütting Jehann“, Und lallt wie träumend dann und wann: „Een Boot is noch buten!“ — 3. „So Einer war auch Er!“ Liegt ein Dörflein mitten im Walde, Ueberdeckt vom Sonnenschein, Und vor dem letzten Haus an der Halde Sitzt ein steinalt Mütterlein. Sie läßt den Faden gleiten Und Spinnrad Spinnrad sein Und denkt an die alten Zeiten Und nickt und schlummert ein. Heimlich schleicht sich die Mittagsstille Durch das flimmernde, grüne Revier. Alles schläft; selbst Drossel und Grille Und vorm Pflug der müde Stier. Da plötzlich kommt es gezogen Blitzend den Wald entlang Und vor ihm hergeflogen Wie Trommel und Pfeifenklang. Und in das Lied vom alten Blücher Jauchzen die Dörfler: „Sie sind da!“ Und die Mädels schwenken die Tücher Und die Jungens rufen: „Hurrah!“ Gott schütze die goldnen Saaten, Dazu die weite Welt; Des Kaisers junge Soldaten Ziehn wieder ins grüne Feld! Sieh, schon schwenken sie um die Halde, Wo das letzte der Häuschen lacht! Schon verschwinden die ersten im Walde Und das Mütterchen ist erwacht. Versunken in tiefes Sinnen, Wird ihr das Herz so schwer Und ihre Thränen rinnen: „ So Einer war auch Er !“ 4. „Ein Herz, das zersprungen!“ D en Menschen fernab In Sammt und in Trauer Liegt einsam ein Grab, Ein Grab an der Mauer. Kein Marmorstein deckt Den sinkenden Hügel, Doch drüberhin reckt Ein Baum seine Flügel. Ein Christuskreuz sieht Aus blühendem Flieder Und manchmal auch kniet Ein Weib davor nieder. Und gestern, als sacht Ich vorübergegangen, Da gab ich drauf Acht, Was die Vögel dort sangen. Ich lauschte und sieh, Da war es die alte, Die Schmerzmelodie, Die noch niemals verhallte: Ein Baum, der verblüht, Ein Ton, der verklungen, Ein Stern, der verglüht, Ein Herz, das zersprungen! 5. Nachtstück. L ängst fiel von den Bäumen Das letzte Blatt, In Schlaf und Träumen Liegt nun die Stadt; Die Fenster verdunkeln Sich Haus an Haus Und drüberhin funkeln Die Sterne sich aus; Kalt weht es vom Strom her, Der Eisgang kracht, Und drüben vom Dom her Dröhnt's Mitternacht. Ich aber schleppe mich zitternd nach Haus — Der Nordwind bläst die Laternen aus! Was half's, daß ich klagend Die Gassen durchlief Und mitleidverzagend „Hier Rosen!“ ausrief? „Hier Rosen, o Rosen! Wer kauft einen Strauß?“ Doch die Herren Studiosen Lachten mich aus! Und keiner, keiner .... Daß Gott erbarm! O unsereiner Ist gar zu arm! Mir wanken die Kniee, mein Herzblut gerinnt — O Gott, mein Kind, mein armes Kind! In stockdunkler Kammer, Verhungert, verthiert! Schon packt mich der Jammer: „Ach Muttchen, mich friert! Ach bitte, bitte Ein Stückchen Brot!“ Mir ist es, als litte Ich gleich den Tod! Mir ist es, als müßte Ich schreien: „Fluch!“ — O daß ich dich küßte Durchs Leichentuch! Dann wär es vorbei und sie scharrten dich ein Und ich trüg es allein, o Gott, allein ....! 6. „Weder Glück noch Stern!“ E r war ein Narr! sprach mitleidslos die Welt, Ein Träumer! milderte die Nachbarschaft Und nur sein Herzfreund sprach: Er war ein Dichter! Vor seinem Krankenlager aber saß Die bleiche Schwester der Barmherzigkeit Und blickte sinnend auf ein Blatt Papier, Das gestern erst der flinke Telegraph, Mit seinen krausen Zeichen überdeckt, Und nur mit Mühe konnte sie entziffern: „Ihr erstes Stück! Ein Sensationserfolg! Berühmt mit einem Schlag! Wir gratuliren!“ Er aber, dem dies kleine Blatt Papier Die heißersehnte Botschaft künden sollte: Glück auf, nun hast du nicht umsonst gelebt — Er schlief und sah es nicht, denn er war todt. Der dunkle Winterabend warf sein Licht Kalt durch die zugefrornen Fensterscheiben Und spielte zitternd um ein Frauenbild, Das auf die bleiche Stirn des todten Dulders Unsäglich schön und mitleidsvoll herabsah. Darunter aber wand ein welker Kranz Sich grün um ein vergilbtes Atlasband; Drauf stand, voreinst von Freundeshand geschrieben, Das Sprüchlein: Lorbeerbaum und Bettelstab! 7 Emanuel Geibel. Und eine Krone ist gefallen von dem Haupte eines Königs! Und ein Schwert ist gebrochen in der Hand eines Feldherrn! Und ein Hoherpriester ist gestorben! Ludwig Börne. Emanuel Geibel. 1. „ D ir ward das Köstlichste verliehen In dieser Tage Sturm und Drang: Ein Sinn für ewge Harmonieen Und eine Seele voll Gesang. Dem Jüngling lauscht, es lauscht dem Greise Das deutsche Volk allüberall, Und lieblich klingt die süße Weise: Dein Herz ist seine Nachtigall! Denn wer verstand wie du das Wesen Der deutschen Sehnsucht und ihr Leid? Zu ihrem Herold auserlesen, Warst du das Echo deiner Zeit! In dämmerschwülen Tagen sangst du Dein: Wache auf! dem deutschen Reich Und nach dem Sieg von Sedan schlangst du Das Oelblatt in den Lorbeerzweig. Doch nicht die Zeit nur und ihr Wüthen Hat dir das Harfenspiel bewegt, Die duftigsten der Liederblüthen Dein eignes Herz hat sie gehegt. Doch was es immer auch erfahren, Stets blieb dir heilig deine Kunst, Und eingedenk des Ewig-Wahren, Verschmähtest du des Pöbels Gunst! Dem Herrn befahlst du deine Wege Und übtest fromm dein frommes Amt, Dem Lenz gleich, der das Dorngehege Mit rothen Rosen überflammt. Denn alles, was mit seiner Schöne Das Herz erquickt in Wald und Flur, Du gabst ihm Worte, gabst ihm Töne, Ein Hoherpriester der Natur! Und jetzt in einer Zeit der Gährung, Der schon das Blut zu Eis gerinnt, Weil sie in eitler Selbstverklärung Den Thurmbau Babels neu beginnt: Wer schickt sie aus, die Friedenstaube, Wer bricht das Brot und trinkt den Wein? Du bist es, du, du und dein Glaube, Dein Glaube an ein Gottessein! Wohl tanzt noch immer die Verblendung Wie ehmals um das goldne Kalb, Doch naht die Zeit schon der Vollendung Und weichen wird von uns der Alp. Denn nicht umsonst hast du gerungen, Wie du gekämpft, hast du gesiegt: Von Sphärenharmonie umklungen, Ein Aar, der in die Sonne fliegt. Schon steht die Kunst nicht mehr am Pranger, Schon winkt aufs Neu ihr Bahn auf Bahn, Und unsre Zeit sieht zukunftsschwanger Das kommende Jahrhundert nahn. Drin werden tausend Blüthen blinken In neuer Glorie neuem Schein, Und mag die Frucht auch andern winken, Die Saat, die goldne Saat ist dein!“ O alte Zeit, o altes Lieben, Euch schleift kein Stahl, kein Diamant! Was so vor Jahren ich geschrieben, Heut nahm ich's wiederum zur Hand. Und wieder sprang mit jedem Schlage Mein Herzblut an zu schnellerm Lauf, Und eingedenk verschollner Tage, Schlug ich die Juniuslieder auf. Ferndraußen schwebte durch die Lüfte Der erste Sonntag im April, Durchs Zimmer flog's wie Veilchendüfte Und heimlich war's und kirchenstill. Vom Thurm nur läuteten die Gocken Den Winter in sein Wittwerbett, Und frühverwehte Blüthenflocken Warf mir der Lenz aufs Fensterbrett. Ich aber saß und las sie wieder — O Gott, mir war das Herz so schwer! Ich las die alten goldnen Lieder: Das Heimweh und die Nacht am Meer. Im Mondschein schritt ich weltvergessen Hinunter und hinauf den Strand, Und sacht umrauschten die Cypressen Das Inselmeer von Griechenland. Des Südens Sterne sah ich scheinen, Doch fühlt ich nicht des Südens Lust, Der Liebe langverhaltnes Weinen Rang schluchzend sich aus meiner Brust. Als müßt' es wonnig sich verbluten, Vor Sehnsucht ward das Herz mir weit, Und durch mein Sinnen ließ ich fluthen Das Heimweh nach der Ewigkeit. Und wieder dacht ich dann begeistert Des Sängers, der dies Lied einst sang, Der eine Welt mit ihm bemeistert Und Zeit und Raum mit ihm bezwang. Saß er jetzt auch in sich versunken, Ein Liederbuch auf seinen Knien, Und lauschte lenz- und wohllautstrunken Dem Glockenspiel von St. Marien? Er, der Brundhilde, die Walkyre, Aus Island rief an unsern Rhein ... Da horch, ein Klopfen an der Thüre Und laut erschallte mein Herein! Und eilvoll trat zu mir ins Zimmer Mein Freund, der mir die Rechte bot; Schon seines Auges feuchter Schimmer Sprach, eh's sein Mund sprach: Er ist todt! Er starb, noch eh die Morgenröthe, Eh sich die Nacht ins Auge sahn; Mit Uhland, Schiller und mit Goethe Wallt nun auch Geibel seine Bahn. Die Stirn vom Lorbeer sanft umfächelt, Mit seinem Herrn ist er vereint; Sein bleiches Antlitz liegt und lächelt, Die ewge Liebe aber weint. — O wehmuthweiche Trauerkunde, Wie schlugst du schmerzlich an mein Ohr; Mir war's, als ob ich jäh zur Stunde Ein Stück von meinem Selbst verlor! Der Tod, der bleiche Allvernichter, Blies mir ins Herz die Melodie: O, nun ist todt der letzte Dichter Und mit ihm auch die Poesie! Kein armes Wörtchen konnt ich stammeln, Ein Schauer war's, der mich beschlich, Erst mählig wußt ich mich zu sammeln, Der Bann, der mich umfangen, wich. Der Muse Flügel hört ich schlagen Und all mein Wesen war entstammt: Halt ein, rief ich, mein Freund, mit Klagen, Nun feiern wir sein Todtenamt! Und sacht hieß ich ihn niedersitzen, Ich aber wandte mich geschwind, Der blanken Lederbände Blitzen Zog magisch mich ans Bücherspind. Durchs Fenster fielen Sonnenstäubchen Und bauten einen goldnen Steig Und draußen wiegte sich ein Täubchen Auf windbewegtem Fliederzweig. Ich aber las schnell längs den Brettern Die bunten Titel Band für Band, Bis endlich mit vergilbten Lettern Ich ein verstaubtes Büchlein fand. Gepreßt lag eine Schlehdornblüthe Drin als ein Pfand verjährter Lust; Ich schlug es auf, mein Antlitz glühte, Und klangvoll brach's aus meiner Brust: „Es ist ein hoher Baum gefallen, Ein Baum im deutschen Dichterwald, Ein Sänger schied, getreu vor allen, Von denen deutsches Lied erschallt. Wie stand mit seinem keuschen Psalter Im jüngern Schwarm er stolz und schlicht; Ein Meister und ein Held wie Walther Und rein sein Schild, wie sein Gedicht!“ Ein gluthgeborstner Feuerofen, In lohen Flammen stand mein Herz; Rollt doch ein Klang durch diese Strophen, Ein Klang wie von korinthisch Erz! Und weiter, immer weiter las ich Des todten Dichters eignes Lied; Daß er's einst Uhland sang, vergaß ich Und wußte Eins nur noch: Er schied! „Er schied, es bleibt sein Mund geschlossen Im Wort so karg, im Lied so klar: Der Mund, draus nie ein Wort geflossen, Das seines Volks nicht würdig war. Er schied: doch waltet sein Gedächtniß Unsterblich fruchtend um uns her, Das ist an uns sein groß Vermächtniß: So treu und deutsch zu sein, wie er!“ Ich schwieg, der Lenz hielt draußen Feier Und unsre Herzen schlugen drein, Und leuchtend über Wald und Weiher Sein Goldnetz wob der Sonnenschein. Verwehte Frühlingsdüfte kamen Von fernher über Fluß und Ried Und wie ein feierliches Amen Klang hoch im Blau ein Lerchenlied. 2. U nd wieder hieb, Taub für den Wahnwunsch, Den tausendfältigen Ihres Geschlechts, Unbarmherzig Mit eherner Schneide Die Zeit in ihr Kerbholz: Wieder ein Tag! Und wieder nun wandelt, Fröhlich wie immer, Singend der Abend Durch das Goldthor des Westens Den hängenden Gärten Der sinkenden Sonne zu Und leis verhauchen, Vor Wehmuth zitternd, Ihr tönendes Leben Ins Spätroth die Glocken, Die Trauerglocken Zu Lübeck, der Stadt. Und immer stiller Wird es und stiller — Und immer dunkler! Längst ist zerstoben In alle vier Winde Des todten Dichters Letztes Geleit. Nur hie und da noch Am Brunn auf dem Marktplatz, Oder im Winkel Der dämmrigen Gasse, Mit verschränkten Armen Gelehnt an die Hausthür, Erzählt vertraulich Der Nachbar dem Nachbarn, Aus braunem Meerschaum Bläuliche Wölkchen Ins Zwielicht blasend: Wie auch er, Schon am frühen Morgen, Den wuchtigen Hammer Bei Seite gelegt Und staubüberdeckt Den blauen Werkeltagskittel Vertauscht mit dem schwarzen, Wohlgebürsteten Sonntagsrock. Wie er, begleitet Von seinem Vetter, Dem Fabrikanten, Drauf gravitätisch In modischem Aufputz Dem Zuge gefolgt sei; Und wie auch er dann Von seinem Gönner, Dem Herrn Senator, Die Gunst sich erwirkt Und dem großen Todten, Dem Ehrenbürger Der freien Vaterstadt, Feuchten Blicks Eine handvoll Erde Ins Grab geworfen. Und immer dunkler Wird es und dunkler — Und immer stiller! Das bleiche Antlitz Von Schleiern umhangen, Von Haus zu Haus Wandelt die Nacht. In Erkern und Giebeln Blitzt es von Lichtern auf Und leuchtende Streifen Fallen wie Gold Durch die Scheiben der Fenster Weit auf die Gasse. Kaum, daß ein Wandrer, Der nachtverspätet Den Heimweg sucht, Sie quer durchschneidet. Aber droben im traulichen Zimmer Am warmen Kamin, Umringt von den Kindern, Sitzt die Hausfrau; Und auf den Schooß Hebt sie ihr jüngstes Blondes Töchterchen, Die kleine Ada. Und hochaufhorchend Vernehmen die Mäuschen, Daß der alte Mann Mit dem weißen Schneebart, Den sie erst gestern noch, Umduftet von bunten Zaubrischen Blumen, In einem schmalen, Glasüberdeckten, Schwarzen Kasten Bleich und reglos Liegen gesehn, Ein König gewesen, Dessen Reich So schrecklich groß war, Daß drin die Sonne Nie untergegangen. Und wie die Mutter Den kauernden Kindern Dann weiter erzählt, Daß der todte König Auch noch ein Zaubrer war, Der die Sprache der Vögel verstand Und das Duften der Blumen, Das Wehen der Winde, Das Funkeln der Sterne, Das Rauschen der Wälder, Ja, selbst den Herzschlag der Menschen, In wunderselige, Geheimnißsüße Zauberlieder zu bannen gewußt: Da nickt auch der Vater, Der seitab im Lehnstuhl Ueber die Zeitung gebückt Mit halbem Ohr Der Erzählerin lauscht, Und still überdenkt er Das Leben des Dichters, Des todten Dichters Und siehe auch ihm, Dem Skeptiker, däucht's nun Fast wie ein Märchen! 8 Und weiter draußen, Immer weiter, Von Haus zu Haus, Wandelt die Nacht. Immer stiller Wird's auf den Gassen, Immer dunkler Werden die Fenster Und ein Licht lischt nach dem andern aus. Wo aber einsam, Die schlaflosen Züge Vom Goldlicht der Lampe Sanft überhaucht, Noch ein Menschenkind wacht, Da wühlt es sich nicht mehr In düstre Probleme, Da fragt es sich nicht mehr Um Sein oder Nichtsein, Wie weiland Hamlet Oder Faust: Ein kleines Büchlein Mit blankem Goldschnitt Hält es entzückt In seiner Hand, Und golden träufelt Aus jedem Liede, Das lustberauscht Sein bebendes Lippenpaar Klangvoll ausströmt, Bezaubernder Wohllaut Ihm in's Ohr. Er aber, er, Der einst vor Jahren, Vor langen Jahren, Mit seinem warmen, Rothen Herzblut Die Blätter beschrieben, Daß nach Jahrhunderten noch Der spätgeborene Enkel — Zieht er sie prüfend Aus seinem Erbschrein Wieder ans Licht — Von ihrer Räthselkraft Magisch durchzuckt wird Und die Blätter, Die unscheinbaren Blätter, Nicht hergeben will, Nicht um Gold und Gesteine: Er schlummert die Nacht nun, Die erste Nacht auf dem Friedhof! Silbern stiehlt sich der Mond Durch das grüne Gezweig Und spiegelt sich wieder In den tausend blanken Blättern, Die trauernd der Lorbeer Seinem Liebling Aufs Grab gestreut; Und weinend breitet Die ewige Liebe Ihre schirmenden Fittige Drüber aus. Noch hat der Lenz Aus seinem Füllhorn Die schönsten Blumen, Die lieblichsten Düfte Nicht über die Erde gestreut, Denn noch weilt die Nachtigall „Fern im Süd“ Und klang- und duftlos nur Grünt der Flieder. Aber die Liebe, Die allurewige, Glaubend und hoffend Hebt sie ihr Antlitz, Ihr thränenumflortes, Hoch empor Zu den ewigen Sternen; Und mitleidsvoll Leiht der Allgütige Ihrer Klage sein Ohr. Mit dunklen Schleiern Die Gräber um sie Rings überdeckend, Zeigt er der Lächelnden Ein farbenschillerndes Bild der Zukunft. Da wird es licht um sie, Ihr von den Augen Fällt es wie Schuppen Und durch ihr Sinnen Zuckt's wie ein Traumgesicht: Hochauf recken Die Thürme von Lübeck, Die sieben Thürme, Die vielbesungnen, Sich blitzend ins Morgenroth Und aus den Gärten, Den vollerblühten, Am Ufer der Trave, Schluchzt nun die Nachtigall Ihr erstes Lied! Aber durchs Stadtthor Auf staubiger Straße Am schwarzen Gitter Des Friedhofs vorbei Ziehen zwei Bursche, Zwei junge Bursche Mit Ränzel und Knotenstock, In die weitweite Welt, Und jubelnd ringt sich Aus ihren Kehlen, Aus ihren Herzen Das alte Lied: Der Mai ist gekommen ! Der Mai ist gekommen! Nicht sie allein nur Sind's, die es singen: Ein ganzes Volk, Eine ganze Welt singt's! Und auch er selber, Der Schwan von Lübeck, Freudig nun stimmt er Mit in sein Lied ein; Ist doch auch ihm nur Nach irdischem Winterleid Himmlische Lenzlust Herrlich erblüht. Auf schönerem Stern Der dunklen Schatten Der dunklen Erde Eingedenk, Webt eine Glorie Ihm um das Haupt nun Das kleine Wörtchen: Unsterblichkeit! Also sinnend Und in das Göttliche Tief sich versenkend, Vergißt die Liebe, Die ewige Liebe, Rund um sich her Tod und Verwesung Und durch das Herz ihr Zittert das Echo, Das wundertröstliche: „Hoffe du nur!“ Aber die Stunden, Die lachenden Dirnen, Goldsohlig wandeln sie Ueber das Grab. Und wie allmälig Korn auf Korn Durch die Sanduhr rinnt, Blitzt es röthlich Am Horizont auf. Flammend entsteigt Die jüngere Sonne, Die Morgensonne Des ersten Ostertags, Dem wogenden Fluthenmeer Der blauen Ostsee Und lächelnd grüßt sie, Mit tausend goldnen Flunkernden Lichtern Es blitzend umspielend, Zum ersten Mal — Das Grab ihres Dichters. Ein Heroldsruf! Daß der exclusiv nationale Standpunkt, welchen dieses Gedicht vertritt, nur ein Durchgangsstadium auf dem Wege seiner Entwickelung war, braucht der Verfasser nach dem Vorhergegangenen wohl nicht erst zu betonen? Im Uebrigen muß er den¬ jenigen Kritikern, die Anmerkungen zu Gedichten nicht leiden mögen, beistimmen. Was Du ererbt von Deinen Vätern hast, Erwirb es, um es zu besitzen! Goethe. Ein Heroldsruf! I ch stand als Kaisers Ehrenhold Voreinst in Friedrich Rothbarts Sold Und schaute noch die Herrlichkeit Der goldnen Hohenstaufenzeit. Herr Du mein Gott! das war ein Leben, Wenn hoch ihr Schlachtpanier gerauscht Und wir den kargen Kranz der Reben Um einen Lorbeer eingetauscht! Da schien die ganze weite Welt Nur aufs Germanenthum gestellt, Und deutsche That und deutsches Wort Gebot im Süd und galt im Nord; Gesühnt war Tribur und Kanossa, Denn unser Held hieß Barbarossa! O, wie doch dieses Namens Hauch Noch immer mir das Herz erfreut, Als ob ein blühender Rosenstrauch Mir alle seine Düfte streut! Wir dienten ihm im Heeresbann So an die hunderttausend Mann, Doch hätte Jeder wohl sein Leben Mit Freuden für ihn hingegeben! Ich bin so manches liebe Mal Ins Welschland vor ihm hergeritten, Wenn über uns ins Alpenthal Vom Felsgrat die Lawinen glitten. Der Pfad war eng, von rechts und links Umzischten uns die welschen Speere, Doch mitten durch die Feinde gings Zu seiner und zu unsrer Ehre. Dann sprengte er wohl siegbewußt Dicht neben mir auf seinem Rappen, Ich aber jauchzte auf vor Lust Und hoch hielt ich das Kaiserwappen. So kämpften wir uns wacker durch Und stürmten manche Felsenburg, Bis endlich wir in welschen Landen Die köstlichste Belohnung fanden. Wohl sind sie schön, Germaniens Gauen Und sagenraunend rauscht der Rhein Und lieblich ist's, in ihn zu schauen Beim Sonnen- wie beim Mondenschein; Denn rückgespiegelt siehst Du blinken In ihm der Burgen schlanken Bau Und tausend goldne Sterne sinken Des Nachts in seinen Wellenthau: Doch wem des Südlands Wunderdüfte Nur einmal Haupt umspielt und Brust, Dem dünken rauh die deutschen Lüfte Und sehnend lockt ihn seine Lust, Dahin zu ziehn auf schnellen Füßen, Wo hoch der Alpen Firne glühn, Und wandernd mit Gesang zu grüßen Das Land, wo die Orangen blühn. Italiens sonnige Gefilde Sind ihm der Sel'gen sel'ges Land, Darüber sich in sanfter Milde Ein ewig blauer Himmel spannt. Vergessen mit dem deutschen Harme Hat er das Lied der Lorelei Und wirft sich jauchzend in die Arme Der sonnbeglänzten Lombardei! So ist es Jedem noch ergangen, Der einst mit Kaiser Rothbart stritt; Auch ich hab mich nach Südlands Prangen Gesehnt, wenn ich ins Nordland ritt. Doch wenn dann nach den sieben Hügeln Sich wieder unser Troß gewandt, Dann war's, als schwebten wir auf Flügeln, So schnell durchflogen wir das Land. Venetiens schimmernde Paläste Verschwammen kaum im Morgenduft, Da grüßte schon die deutschen Gäste Der Thurm Bolognas durch die Luft. Doch weiter ging's; und immer milder Umfloß uns Luft und Licht und Lenz, Bis wir das schönste aller Bilder Erschaut, das göttliche Florenz. Doch ach, so schnell wie es erschienen, So schnell war es auch schon versunken, Und weiter zogen schönheitstrunken Wir längs des Hangs der Apenninen. Durch alter Tempel Säulenreste Ging lachend unser Siegeslauf Und mehr als eine welsche Veste Nahm uns in ihre Mauern auf. Im Pinien- und Olivenhain, In manches Klosters stiller Zelle, Siener- und Orvietowein, Wir probten ihn an seiner Quelle. Durch Ufergrün und Blüthenschnee Ging's rund um den Bolsenersee Und weiter mit Triumphgesang Dem gelben Tiberstrom entlang, Bis endlich auf den sieben Hügeln Die Stadt der Städte sich erhob, Und jauchzend, mit verhängten Zügeln, Ging's thalwärts, daß es Funken stob! O Wonne, wenn nach langem Ritt Durch Säulensturz und Tempelbogen Als Sieger wir in Schritt und Tritt Durch Roms bekränzte Gassen zogen! Quartier nahm Jeder, wo er wollte, Der Becher klang, der Würfel rollte, Und ans Gesims hing sein Gewaffen Beim Fürsten der und der beim Pfaffen. Dann ging erst unser Leben an, Trotz Weh und Ach, trotz Papst und Bann. Juchhei, das war ein flottes Schreiten, Den langen Flammberg an der Seiten, Die Straßen auf, die Straßen ab; Und oft, den Schmucksten zu belohnen, Fiel hoch von marmornen Balkonen Ein rother Rosenstrauß herab. Und überall, wohin wir schauten, Noch nie von uns erblickte Bauten; Das war ein Blinken, Glitzern, Gleißen: Statüen, Obelisken, Hermen, Theater, Circusse und Thermen Und wie die Wunder alle heißen! Ja, es ist schön das ewge Rom Mit seinen Kirchen, Tempeln, Brücken; Ein farbenschillerndes Phantom Wird es dir Herz und Sinn berücken. Doch schöner noch dünkt mich Byzanz, Die goldne Stadt am goldnen Horn; Ein nie erschöpfter Wunderborn, Strahlt sie in märchenhaftem Glanz. Denn dort, auch dorthin kamen wir Auf unsern vielverschlungnen Wegen Und trugen kühn das Kreuzpanier Dem Sultan Saladin entgegen. Das war ein Kampf! Oft gell und schrill, Mit Durst und Hunger, Pest und Seuchen, Und oft auch wieder todtenstill, Man hörte nur die Pferde keuchen. Wir aber wankten wie im Traum, Die Zunge klebte uns am Gaum, Der Sand stieg schier bis übers Knie Und seufzend klang's: Hilf, Sanct Marie! Nur Einer, Einer für uns wachte. Er sprach uns Muth und Hoffnung ein, Bis wieder uns das Kriegsglück lachte Im Palmenthal beim Cyperwein. Der Rothbart war's, der greise Held, Dem silbern schon die Locke wallte, Der stets als Erster trat vors Zelt, So oft das All il Allah hallte. Und wenn das Sarazenenheer Dann rund um unser Lager sauste, Dann war es wieder er, nur er, Vor dem's den wilden Heiden grauste. Er war ein Schild uns, war der Stern, Der ins gelobte Land uns wies, Und den das Heer als seinen Herrn, Als seinen Hort und Hirten pries. Und wär zum Glück der gelben Horden Er uns nicht jäh entrissen worden, Es hätte binnen wenig Wochen, Anstatt vom Wüstenhauch umweht, Des Kaisers Pater sein Gebet Am heilgen Grabe selbst gesprochen. Doch als des Salephs falsche Wogen Ins feuchte Nixengrab ihn zogen, Da war es aus mit unserm Hoffen, Und jäh vom Todespfeil getroffen Zerfiel sein schwarzes Flügelpaar Germaniens nie bezwungner Aar. Schwer war der Schlag und groß das Leid Und an brach eine trübe Zeit, Die Sonne stach, die Wunde rann Und hingerafft ward Mann um Mann. Und wem die Sarazenenklinge, Wem Durst und Hunger gnädig waren, Den schlug die schlimmste der Gefahren, Den fing die Pest in ihrer Schlinge. 9 Da war's denn wohl kein großes Wunder, Wenn Jeder, der noch aufwärts blickte, Den ganzen Sarazenenplunder Ergrimmt zu allen Teufeln schickte! Zu weit war uns der Weg, zu krumm, Und ach, noch fern lag Christi Grab; Da kehrte mehr als Einer um — Auch ich nahm mir das Kreuzlein ab! Auf einer griechischen Triere, Vorbei der Insel der Cythere, Fuhr ich meerüber nach Korinth; Ein Leben, voll von Aventiuren, Ein Wanderleben, wollt ich führen, Unstät und frei, frei wie der Wind. In Korfu, wo San Markos Fahnen Von Thürmen wehten und Altanen, Trat ich ins Heer der Republik; Ich kämpfte auf Venedigs Meeren Und purpurn schwammen die Galeeren Beim Klang der maurischen Musik. Auf dunkelblauem Meerespfade, Entlang die schimmernden Gestade, Ging pfeilschnell unser Siegeslauf; Auf Capri pflückten wir uns Myrthen Und lauerten im Schutz der Syrten Den lybischen Korsaren auf. Beim Sterngeflimmer der Plejaden Durchruderten wir die Cycladen Und Gold, nur Gold war unsre Fracht; Und wieder von der Insel Paros Ging's südwärts, wo der Leuchtthurm Pharos Die Ptolemäerstadt bewacht. Das Wunderland der Pyramiden, Die Zauberwelt der Abbassiden, Selbst sie, sie schlossen sich uns auf: So, ewig wechselnd, manches Jährchen Schwamm ich, mir selbst ein buntes Märchen, Das Mittelmeer hinab, hinauf! Doch ob auch noch so blau die Wogen, Nach Deutschland fühlt ich mich gezogen, Nach Deutschland kehrt ich auch zurück; Ich fuhr den Rhein hinab bei Bingen Und tief im Herzen fühlt ich's klingen: Nur in der Heimat wohnt das Glück! Und westwärts dann im Morgengrauen Zog ich durch Frankens goldne Auen, Vorbei an Dörfern, Weilern, Seen; Und oft sang ich auf grüner Haide, Wie Walther von der Vogelweide: Der Lande hab ich viel gesehn! Doch was gilt Frankreich mir, was Spanien, Was Gräcien gegen dich, Germanien, O du mein liebes Vaterland! Auf Jahre warst du mir verloren, Doch heut fühl ich mich neu geboren: Heil mir, daß ich dich wiederfand! So, über Thäler, über Hügel, Ward mir gemach die Ferne nah, Und meine Sehnsucht lieh mir Flügel, Bis endlich ich die Wartburg sah. Ich sah sie hoch vom Berg mir winken, Den steilen Pfad klomm ich hinauf, Und mir im Auge fühlt ich's blinken, Und mir im Herzen klang's: Glückauf! Ja, alles war noch wie vor Zeiten, Die Brücke dort und dort der Thurm, Drin ich beim Loh'n von eichnen Scheiten So oft verträumt den Wintersturm. Umkrächzt von Dohlen und von Raben, Hat er, vom nahen Wald umrauscht, Des alten Burgwarts jungen Knaben Gar oft bei seinem Spiel belauscht. In dieses Gras bin ich gesunken, Von diesem Baum sang ich mein Lied, Aus jenem Born hab ich getrunken, Vor jenem Kreuz hab ich gekniet. Ich hab mir unter dieser Rüster Die ersten Sporen umgeschnallt Und dort steht auch noch grau und düster Die alte Steinwand aus Basalt! Ach, jene weinumrankte Mauer War oftmals meiner Sehnsucht Ziel, Wenn Nachts ein dunkler Regenschauer Lautplätschernd auf die Dächer fiel! Blauschwärzlich um die blanke Rüstung Den Reitermantel, den ich trug, Lehnt ich mich träumend an die Brüstung Und fühlte, wie das Herz mir schlug. Denn über mir schwang sich ein Gaden Phantastisch in die Wetternacht Und golden hinterm Fensterladen War noch ein Lichtlein angefacht. Dort saß sie fleißig hinterm Rocken Und spann und sang und sang und spann, Indeß das Seidenweich der Locken Ihr golden um die Schläfen rann. Ich hörte, wie die Spindel surrend Sich rythmisch um sich selber schwang Und, felldurchwärmt, schlich leise schnurrend Ihr Kätzlein um die Ofenbank. O stillverschwiegne Kemmenate, Noch heute schwellt sich mir die Brust, Noch heute pocht's in ihr: „Renate!“ — Ob sie's gewußt? Ob sie's gewußt? Ich weiß, ich hab dich nie vergessen, Und oft hab ich an dich gedacht, Wenn ich am Lagersaum gesessen In Syriens blauer Sommernacht; Wenn ich mich wild im Tanz geschwungen Auf Maltas braunem Felsenriff Und übers Enterbrett gesprungen Aufjauchzend ins Piratenschiff! Du bist als Traum zu mir gekommen Ums Morgen- und ums Abendroth — Und schluchzend hab ich einst vernommen, Daß du schon lange, lange todt! Daß sich im Schatten jener Linde Um dich ein schwarzes Kreuz erhub, Aus jenem Holz, in dessen Rinde Ich einst vielleicht „Renate!“ grub! ..... O Gott, wie lang, wie bitterlange, Hab ich die Heimat nicht gesehn! Doch still, mein Herz, nun sei nicht bange, Nun sollst du wieder auferstehn! Zwar hegt dich keines Sängers Busen, Doch hold sind ja auch mir die Musen, Und Landgraf Hermann ist bekannt Als edler Fürst im ganzen Land! Und ein trat ich durchs Bogenthor, Ich traf ihn grad bei seiner Linde Und trug umringt vom Burggesinde, Bescheiden meine Bitte vor. Und siehe da, er war mir hold Und nahm mich auf in seinen Sold! Und nun ging mir ein Leben an In holder Frauen holdem Bann, In edler Sänger edlem Kreis, Daß ich es kaum zu schildern weiß. Von Falknern und von Bogenspannern, Von Kranzgewinden und von Bannern War das ein farbenprächtig Wogen, Und allenthalben kam gezogen Durch Winterschnee und Sommerstaub, Durch Herbstblattfall und Frühlingslaub Ein Heer von ritterlichen Sängern, Von Fahrenden und Herzensfängern. Von Harfenklang und Speerwurf klang's Im Burgpallas tagaus, tagein Und edle Herzen werbend drang's Bis weit ins deutsche Land hinein; Denn nichts stand höher in der Gunst Des Burgherrn als die Sangeskunst. Und wahrlich, nicht vergebens hielt, Vom Hauch der Poesie umspielt, Der Landgraf Hermann für und für Den Sängern offen Thor und Thür. Denn prächtig war die Tafelrunde In seinem goldnen Prunkgemach Und wohl der Edelste im Bunde War Wolferam von Eschinbach; Auch Walther von der Vogelweide, „Wer deß vergäß, der thät mir leide,“ Herr Hartmann von der güldnen Aue, Der Waidmann Biterolf, der Schlaue, Und auch der Schreck der alten Weiber, „Heinrich, der tugendhafte Schreiber!“ Und wenn Turnier und Sangesfehden Den edlen Herrn Ergötzung schufen, Dann war's mein Amt, mit Heroldsreden Im Prunksaal und im grünen Gras Des Tages Sieger auszurufen, Und hei! wie gerne that ich das! Denn klingen Wort und That wie Erz, Dann freut's ein braves Reiterherz. Nur einmal schlug es Weh und Ach, Als Wolferam von Eschinbach Nach wildverzweiflungsvollem Ringen Den armen Heinz von Osterdingen Durch seiner Lieder Kraft bezwungen Und schmählich in den Staub gerungen. Noch heute lebt im Volk die Sage Von jenem alten Sängerkrieg Und preisen wird man Wolframs Sieg Bis an das Ende aller Tage! Denn als schon grinsend Meister Hans Sein Richtschwert prüfte mit dem Finger, Nahm Wolfram seinen goldnen Kranz Und reichte ihn — dem Osterdinger! Hei, wie da Männerherzen klopften Und blaue Frauenaugen tropften, Als nun versöhnlich die Genossen Sich stumm in ihre Arme schlossen! Dann aber bogen sie ihr Knie, Der Fürst stieg von des Thrones Stufen Und lieber hab ich wohl noch nie, Was meines Amtes, ausgerufen! Die ganze Wartburg schwamm in Jubel, Der Becher nur, kein Schwert erklang, Zum Reigentanz ward bald der Trubel, Das Leid zur Lust, die Lust Gesang. So schwanden wechselnd mir die Tage, Ein Jahr ums andre sacht verrann, Und schon blies mich des Alters Plage, Des Alters schleichend Siechthum an. Nun ward Erinnrung mein Genosse, Erinnrung sang mir Tag und Nacht Von jener Zeit, da ich zu Rosse Dem Kaiser vorritt in die Schlacht. Doch todt der Held! Nur sein Gedächtniß Klang noch im Volke rings umher, Doch seine Krone, sein Vermächtniß, Mit jedem Tag zerfiel sie mehr. Geschändet war die deutsche Ehre Durch Fürstenmord und Pfaffentrug Und nicht wie sonst von Meer zu Meere Hielt Deutschlands Aar mehr seinen Flug. Doch sank das Reich auch ins Verderben, Noch einmal, eh ich ging zu sterben, Wollt ich mir seine sieben Gauen Im Glanz der Frühlingspracht beschauen. Drum wieder, als der Schnee geschmolzen, Gab ich mein Amt dem Burgherrn ab Und ritt mit Armbrust, Schwert und Bolzen Getrost durchs Thor ins Thal hinab. Durch Wäldergrün um Dorf und Weiler Ritt ich fürbaß beim Blättersäuseln Und oft sah ich den Rauch der Meiler Still träumend in die Luft sich kräuseln. Durch mancher Burg zerfallne Häuser Ging's weiter dann ins Land hinein Und einst kam ich im Abendschein Auch an den alten Berg Kyffhäuser. Der Herr war müd, sein Rößlein auch, Ich band es los und ließ es grasen Und lagerte mich in den Rasen Tief unter einem Hollerstrauch. Dem Schicksal Deutschlands sann ich nach, Dem Schicksal meines Vaterlands, Bis mir vom Abendsonnenglanz Das Salz durch beide Wimpern brach. Des Reiches Herrlichkeit verhandelt! Und wann, wann wird sie auferstehn? O Zeit, wie hast du dich verwandelt! O Herz, nun darfst du sterben gehn! Wie Kaiser Rothbart möcht ich nun Tief, tief im Schooß der Erde ruhn! Und wie ich also saß und sann, Da that sich auf des Berges Thor Und schimmernd trat ein Rittersmann In goldner Rüstung draus hervor. Er war von königlicher Art, Wie Silber wallten seine Locken, Doch roth wie Feuer war sein Bart — Und nieder kniet ich froh erschrocken; Ein Zauber war's, der mich nun bannte, Denn Rothbart war's, den ich erkannte. „Hab Dank,“ so hub er an zu sprechen, „Für deine Treue, Ehrenhold; Ich weiß, es will das Herz dir brechen, Weil es mit seinem Volke grollt. Doch sei getrost; denn meine Krone, Nicht spurlos soll sie untergehn; Einst wird auf neuerstandnem Throne Ein neuer Herrscher auferstehn,“ Ein neuer Kaiser, der gewaltig Des Reiches goldnes Scepter schwingt, Indeß der Purpurmantel faltig Die eherne Gestalt umschlingt. Dann wird das deutsche Banner prächtig Gen Himmel wehn im Morgenschein Und wieder dann Alldeutschland mächtig Ein einig Volk von Brüdern sein! Indessen bis auf deutschem Herde Die Aschenglut aufs neu erglommen, Will tief ich hier im Schooß der Erde Der Zeiten harren, die da kommen. Gewappnet und im Kreis der Ritter Will helfen ich das Reich erstreiten, Und eines Sängers goldne Zither Soll meine That im Lied begleiten. Doch dich, den treusten meiner Knappen, Dich nehm ich wiederum in Sold; Da, hier mein Schild und hier mein Wappen, Nimm's hin und sei mein Ehrenhold; Nimm's hin und halt im Bergesschacht Für unser Volk die heilge Wacht!“ Er schwieg und bot mir seine Hand Und freudebebend schlug ich ein Und dann — noch einen Blick ins Land Und dann — ging's in den Berg hinein! Ein goldig grüner Schimmer blinkte Auf uns herab aus dem Gestein Und tief im Hintergrunde winkte Uns fernher rother Ampeln Schein. Dann that, umrauscht vom Tropfenfalle, Sich prächtig eine weite Halle Vor den erstaunten Augen auf; Und horch, ein Sänger schlug die Zither Und um ihn drängten sich die Ritter, Am Gurt das Schwert, die Hand am Knauf. Die Panzer schmückten Eichenreiser Und nieder setzte sich der Kaiser An seinen Tisch von Marmelstein, Die Häupter sah man rings sich neigen, Und plötzlich dann ein großes Schweigen Und wach blieb nur der Schlaf allein. Da stand ich mit gelähmten Händen, Das Wasser tropfte von den Wänden Und dunkel brach die Nacht herein, Und über uns auf grüner Erde Schlug wild die Zeit auf ihre Pferde, Die rollenden Jahrzehnte, ein. Die „kaiserlose“ Zeit vertollte Und auf Neapels Marktplatz rollte Das blonde Haupt des Konradin; Die Hansa baute ihre Flotten, Die Frau Scholastik fing sich Motten Und Straßburgs Münster schuf Erwin. Dann aus des Mittelalters Wettern Schoß seine Blitze, seine Lettern, Der brave Hans von Guttenberg Und Dr . Martin griff zum Besen Und prügelte mit seinen Thesen Den Papst durch, Romas Riesenzwerg. Drauf Kaiser Max, „der letzte Ritter“, Und weiter jenes Hochgewitter, Der wilde dreißigjährge Krieg; Zuerst ein wüstes Hälsebrechen, Dann Pudern und Französischsprechen Und endlich wieder mal ein Sieg! Der alte Fritz nahm seine Krücke Und schlug die Reichsarmee in Stücke Und straffer zog sich jedes Glied; Die Schlacht von Roßbach war geschlagen, Ein neuer Morgen schien zu tagen Und Goethe sang sein erstes Lied! Wir aber, tief im Schooß der Erde, Lauschten vergeblich auf das: „Werde!“ Denn knöchern schlich um uns der Tod, Und leis nur klirrten die Schwerterspitzen: Wann wirst du endlich uns umblitzen, O Morgenroth! o Morgenroth! Doch sprecht, was soll ich euch in Bildern Hier unsre Leidensnacht noch schildern, Ihr kennt die alten Sagen ja; Ihr wißt, wie je nach hundert Jahren Der Kaiser aus dem Schlaf gefahren Und ich die Raben fliegen sah; Bis endlich ich mit Horngeschmetter Nach sechs Jahrhunderten den Retter, Den Retter Deutschlands, froh begrüßt, Indeß den Erbfeind zu bekriegen, Sein Heer von Siegen flog zu Siegen, Bis Frankreich seine Schuld gebüßt! Und wieder nun von Fels zu Meer Reicht Deutschlands Wacht, reicht Deutschlands Wehr, Und leuchtender als je vordem Erglänzt des Kaisers Diadem. Und fragt ein Sänger noch im Liede: „Wo wohnt auf Erden wohl der Friede?“ Dann heißt's: Er wohnt auf Deutschlands Flur: Gelöst hat Rothbart seinen Schwur! Ach, heimgekehrt zu seinen Ahnen Schläft er den ewgen Schlummer nun, Indeß die Völker der Germanen Im Schatten ihrer Lorbeern ruhn. Nur ich darf nicht mein Theil ergreifen, Da mich die Ewigkeit verstößt, Und durch die Lande muß ich schweifen Und suchen den, der mich erlöst. Denn wohl erstand uns jener Ritter, Der kühn des Reiches Banner schwingt, Doch fehlt der Sänger mit der Zither, Der würdig seine Thaten singt! Und eh'r nicht, eh'r nicht darf ich sterben, Nicht eh'r bricht dieser Leib in Scherben, Eh ich ins Aug ihm nicht gesehn; Erst, wenn sein hohes Lied erklungen, Dann, dann erst hab ich ausgerungen, Dann, dann erst kann ich sterben gehn! Drum hört mich ihr, ihr deutschen Sänger, Ihr Sänger süßer Harmonien, O sprecht, sprecht, soll ich denn noch länger Ruhlos das deutsche Land durchziehn? Jetzt, wo des deutschen Volks Geschichte Zum welterschütternden Gedichte Schon selbst sich aneinanderreiht, Will Keiner, Keiner denn es wagen, Sein goldnes Harfenspiel zu schlagen Zum ewgen Ruhme seiner Zeit? O denkt zurück, woher wir kamen, Denkt an die Teutoburger Schlacht, Und zählt die Thaten, zählt die Namen — Sie sind gestorben, ruft: Erwacht! Ja, denkt zurück an all die Hohen Und laßt den Tand, der blinkt und gleißt: Nicht nur die griechischen Heroen Sind werth, daß sie der Dichter preist! Nicht mehr exotische Gedichte Ersinne heute das Genie, Denn unsre herrliche Geschichte Ist auch ein gut Stück Poesie! O, ist denn deutsch zu sein so schwer? Und lebt nur einmal ein Homer? Schaut her! die ich in Händen wiege, Die kranzverzierte Harfe hier, Wer ist so kühn und nimmt sie mir Und singt von unserm heilgen Kriege? O schaut nur, wie der Sonne Gold Ihr glitzernd durch die Saiten rollt! Sie schlug mit kunstgeübtem Finger Herr Heinrich einst, der Ofterdinger, Der schneidig uns wie Schwertesschwang Das Lied der Nibelungen sang. Glück auf! Wer will sein Epigone, Nein, wer sein Herr, sein Meister sein? Da, hier die Harfe, hier die Krone, Und meine Hand hier ... wer schlägt ein? Schon grollt's von fernen Klanggewittern, Schon durch die Saiten fühl ich's zittern 10 Und mein Erlösungstag ist nah! O haltet eure Herzen offen Und laßt mich nicht vergeblich hoffen — Heil mir und dir, Germania! Weltgeschichte. Sicherlich die bedeutsamste Errungenschaft jener neuen Anschauung der Dinge, die auch das Leben und seine Entwickelung unter der Herrschaft der allgemeinen Naturgesetze betrachtet, bildet die Reklamation des Menschen als unzertrennlichen Bestandtheil der Natur und als Gegenstand der Forschung in seinen Beziehungen zu derselben. Wie einst die Erde durch Copernikus aus dem geträumten Mittel¬ punkte der Welt hinausgeschleudert wurde, so fand sich nunmehr der Mensch selbst, der bisher außerhalb und über der Natur zu stehen schien, mitten in dieselbe hineingezogen, als ein Glied der großen Kette der Wesen anerkannt, und da¬ mit seiner Ausnahmsstellung mit einem Schlage enthoben. Aber wir dürfen behaup¬ ten, daß ihm mit dieser endlichen Anerkennung seiner Erdenbürgerschaft auch nicht ein Titelchen seiner Würden, nicht der kleinste Strahl seines Glorienscheins geraubt worden ist. Im Gegentheil, erst jetzt, nachdem er erkennen konnte, aus wie tiefen Anfängen sich sein Geschlecht emporringen mußte, wird er seine Würde mit dem vollen Bewußtsein, wirklich das oberste Glied und die Krone der Schöpfung darzustellen, tragen. Carus Sterne. Weltgeschichte. H eimlich durchwandert die Nacht den Tann, Duftend im Vollmond schwanken die Gräser; Alles schläft! Nur ein steinalter Mann Putzt sich geschäftig die Brillengläser. Nimmt sich ein Prieschen und sagt: Hätschi! Ich bin der achte der sieben Weisen! Ach, und er merkt es nicht einmal, wie Ueber ihm leuchtend die Sterne kreisen! Sehnsüchtig harft durch die Zweige der Wind, Blüthen erschließen sich, Knospen schwellen; Alles still! Nur der Nachtthau rinnt Und von den Bergen her rauschen die Quellen. Raune nur traumhaft, du dunkle Natur, Raune das Räthsel der Elemente, Hat doch der alte Graukopf nur Sinn für Bücher und Pergamente! Wenn er nur schnüffeln und büffeln kann, Mag dreist dies Sonnensystem erkalten; Ihm ist's schon recht, denn was geht es ihn an, Daß sich die Welten wie Blumen entfalten? Festgeleimt an den Stuhl das Gesäß, Fängt er sich Grillen und mästet sich Motten, Hüstelt und schreibt gelehrte Essays Ueber Assyrer und Hottentotten. Tintenfässer bilden Spalier, Goldstreusand und Radiermesser blinken, Ganze Ballen von Schreibpapier Liegen bekritzelt ihm schon zur Linken. Säuberlich hat er drin aufnotirt Jede Schlacht und jedes Gemetzel, Neben Napoleon figurirt Kaiser Tiber und der Hunnenchan Etzel. Ekelerregend mit jedem Band Schwillt das Gemengsel von Blut, Fleisch und Knochen; Leute wie Sokrates, Shakesspeare und Kant Werden nur so nebenbei besprochen. Weltharmonie und Sphärenmusik Können ihm vollends gestohlen bleiben; Interessanter ist schon die Rubrik, Wie sich die Kaiser von China entleiben! Also sitzt er und schmiert und schmiert Todte Zahlen und trockne Berichte, Bis er dann endlich „Schluß“ drunter kliert Und auf das Titelblatt: „Weltgeschichte“. Weltgeschichte! O blutiger Hohn! Uralter Hymnus auf die Bornirtheit! Wann, o wann kommt des Menschen Sohn, Der dich erlöst aus deiner Verthiertheit? Immer noch brütet die alte Nacht Grauenvoll über den Völkern der Erde, Aber schon seh ich rothlodernd entfacht Flammen des Geistes auf ewigem Herde. Freiheit und Gleichheit und Brüderlichkeit Jubelt die neugeborene Trias! Freu dich, mein Herz, denn die goldene Zeit Dämmert und predigen wird der Messias: Lebt in Frieden und baut euer Zelt, Viel ach, müßt ihr noch lehren und lernen; Ein Herz schlägt durch die ganze Welt, Ein Geist fluthet von Sternen zu Sternen. Ruft drum als Loosung von Land zu Land: Eins sei die Menschheit von Zone zu Zone! Erst wenn sie staunend sich selbst erkannt, Dann erst ist sie der Schöpfung Krone! Von Ewigkeit zu Ewigkeit . Nimm hin mich, Leben, ich bin dein! Wie hoch die Fluth auch gehe, Ich zage nicht vor deinen Mühn und nicht vor deinem Wehe; Du führst die Menschheit an ihr Ziel durch alle Wandelungen, Und dem nur winkt der Siegespreis, der tapfer mitgerungen; Doch eine Stunde jedes Tags dem drängenden Gewühle, Das rastlos um uns tobt und braust, wie eine Riesenmühle, Ja, eine will ich ihm entfliehn, daß ich in stiller Weihe Der großen Hymne der Natur das Ohr voll Andacht leihe! Adolf Friedrich Graf von Schack. Von Ewigkeit zu Ewigkeit. D er Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken Und doch ist ihre goldne Blüthezeit Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken. Denn jene Welt der Sagenpoesie Ist nicht nur Traum, ist Wirklichkeit gewesen, Und wem das Schicksal Seherkraft verlieh, Kann das noch heute aus den Sternen lesen. Wer zählt die Sprossen, die zertrümmert sind Aus jener gotterbauten Himmelsleiter? Die Sonne glüht und kühlend weht der Wind Und unaufhaltsam rollt das Rad sich weiter. Die leuchtend kreisen durch das dunkle All, Erhaben groß ist noch die Zahl der Welten; Und kommt allnächtlich eine auch zum Fall, Was kann dem Meere wohl ein Tropfen gelten? Doch wem sich das Geheimniß der Natur Nicht unterm Sternenzelt mag offenbaren, Der wandle mit mir durch die Erdenflur, So wie sie war vor hunderttausend Jahren. Noch stritt kein Jason um das goldne Vließ, Die Menschheit knechtete kein Triumphator, Doch endlos dehnte sich ein Paradies Vom Nordpol bis hinunter zum Aequator. Wo heute sich durch eisumstarrten Belt Die Walfischfahrer ihre Straße bahnen, Erhub sich ehmals eine Inselwelt, Beblüht von üppig wuchernden Bananen. Und lächelnd kränzte sich die Meeresfee Mit bunten Perlenmuscheln und Korallen, Wo längst verweht vom Wüstenkörnerschnee Die Isistempel in sich selbst zerfallen. Nicht trübte schon den funkelnden Azur Der Riesenschlote schmutzigfeuchter Brodem, Denn unentweiht noch träumte die Natur Und jeder Windhauch war ein Gottesodem. Kein Erdgeborner fühlte sich entbrannt Nach fremden Wundern einer fremden Zone Und brach mit seiner frevlen Menschenhand Sich Stein auf Stein aus Gottes Schöpfungskrone. Doch jede Zeit singt sich ihr eignes Lied Und jenes Lied ist lange schon verklungen; Die Melodie, die heut die Welt durchzieht, Verhöhnt die alten Ueberlieferungen. Die Menschheit hat sich zum Titanenkampf Mit ihrer Mutter, der Natur, gerüstet Und denkt nur noch mit Eisen, Blut und Dampf, Weil sie's dem Schöpfer gleich zu thun gelüstet. Erloschen ist der kindlichfromme Zug Aus ihres Angesichts versteinten Mienen, Und unbekümmert um den alten Fluch, Zwingt sie die Elemente ihr zu dienen . Im Bergschooß gräbt nach Schätzen sie umher Und macht den Feuergeist sich zum Vertrauten, Die Weltumsegler schickt sie übers Meer Und in die Luft die kühnen Aeronauten. Ja, bis gen Himmel, den der Herr sich schuf, Auf daß er würdig seine Schöpfung kröne, Erhebt sich schon der schicksalsschwangre Ruf Der staubentsprossenen Gigantensöhne. Denn hier auf diesem engen Erdenkreis Ist kaum ein Fels noch für sie zu verschieben, Der Steppensand nur und das Gletschereis Ist unentweiht vor ihrer Wuth geblieben. Doch drückt sie auch das auferlegte Joch Und seufzt sie auch um Tage, die verwehten, Ein Prachtjuwel ist unsre Erde doch Im Kronendiademe der Planeten! Denn un bekümmert um die Weltenuhr Läßt sie die tausendfältgen Kräfte sprühen Und nach dem heilgen Rathschluß der Natur Die Quellen springen und die Blumen blühen. Wie herrlich steigt der erste Frühlingstag Doch immer noch vom Himmel zu ihr nieder! Und schreitet erst der Sommer durch den Haag, Dann fühlt sie ihre ganze Jugend wieder. Und stehst du dann, umwallt von all dem Duft, Dann lacht die Flur und ihre Ströme blitzen Und fernher schimmern durch die blaue Luft Die ewig eisgezackten Gletscherspitzen. Da horch! Ein leiser Hauch im Blätterdach, Und durch die Wipfel geht ein seltsam Rauschen; Wie Stimmen flüstert's durch das Laubgemach Und andachtsvoll mußt du den Tönen lauschen. Das ist der Wind, der ruhlos durch die Welt Dahinrollt auf den nie erschauten Gleisen, Der nun im Bergwald seinen Einzug hält Und dir erzählt von seinen weiten Reisen. Erst ist, vergleichbar einem wilden Schwan, Er majestätisch durch die Luft gezogen Und stieg dann nieder in den Ocean Und spielte mit den grüngewellten Wogen. Doch bald verlockte ihn der nahe Strand Und hinter sich ließ er das Meergebrause Und ging mit Riesenschritten übers Land Und hielt dann Rast in einer Felsenklause. Da lag denn nun tief unter ihm die Welt Idyllisch da im Sommersonnengolde Und athmete gen Himmel, duftgeschwellt, Wie eine farbenprächtge Blüthendolde. Und Meereswellenschaum und Gottesluft, Dazu die paradiesischen Gefilde, Verwoben lieblich sich im Sonnenduft Zu einem nie geschauten Wunderbilde. Dir aber schwillt das Herz vor hoher Lust Bei solcher windgetragnen Himmelskunde, Und das Gefühl der übervollen Brust Gestaltet sich zum Wort in deinem Munde. Du preist Natur und ihre Herrlichkeit, Die Gott in seinen eignen Werken loben, Und lächelst über den Pygmäenstreit, Den wider ihn die Sterblichen erhoben. Die eitle Selbstsucht menschlicher Kultur Vermag nur eben das, was ihr von Nöthen, Sie weiß die Herrlichkeit der Gottnatur Zu untergraben wohl, doch nie zu tödten. Und ist auch ihre goldne Blüthezeit Schon längst ins Grab der Ewigkeit gesunken, Der Schöpfung nie begriffne Herrlichkeit Entfacht noch stündlich den Prometheusfunken! Ecce homo! 11 An das klopfende Herz ihres Volkes Legen die Dichter Ihr lauschendes Ohr Und hören sie rauschen Von Ferne Die Taufbronnen des neuen Heils, Die Jordansströme Der neuen Zeit Nicht an die Weisen Und Schriftgelehrten, An die Männer Von Weihwasser und Weihrauch, Wendet um Rath sich Die neue Menschheit; Es lehrt als Priester Der neuen Zeit Der Sohn des Volkes Im schlichten Gewande. Alfred Meißner. Ecce homo! I ch seh ihn Tag für Tag, Als wäre nichts geschehn, Still mit dem Glockenschlag An seine Arbeit gehn; Das Halstuch roth wie Blut, Von Locken wirr umflogen, Den Kalabreserhut Tief in die Stirn gezogen. Ein jeder Zoll Genie, Ein Volksmann, ein Poet, Scheint er mir öfters, wie Ein biblischer Prophet. Das ganze Viertel kennt Und ehrt in ihm den Führer, Der oft im Parlament Auftrat, ein wilder Schürer. Weh, jeder Tyrannei, Wenn er bis Mitternacht Am Pult der Druckerei Geschrieben und gedacht! Wem seine Blitze sprühn, Vergißt das Athemholen, Denn seine Worte glühn Im Hirn wie rothe Kohlen. Ein rechter Proletar! Ein wahres Zorngedicht! Wer seine Mutter war? Er weiß es selber nicht! Vielleicht ein Kind der Lust, Das, weil die Noth es taufte, Das Herz aus seiner Brust Um schnödes Gold verkaufte. Vielleicht auch nur, ja nur , Ein Weib in Goldbrokat, Das trotz Moraldressur In eine Pfütze trat. Vielleicht liegt sie schon todt In einer eklen Gosse, Vielleicht bespritzt mit Koth Ihn ihre Staatskarosse. Ein armes Findelkind, Im ersten Morgengrau, Umweht vom Winterwind, Fand ihn die Zeitungsfrau. Er that's ihr lächelnd an, Der rosige Rebeller, Und auf nahm ihn ihr Mann In seinen Schusterkeller. Hier wuchs er in die Welt, Ein Bursch mit blondem Haar, Sein einzig Tummelfeld Das Großstadt-Trottoir. Wohl schwoll der Stiefelkram, Doch auch das Taufregister, Und nach und nach bekam Er sieben Milchgeschwister. Und knapper ward das Brot, Der Junge mußte „ran“! Und bleich im Dienst der Noth Hub nun sein Elend an. Er stand im Setzersaal, Die Hand am Letternkasten, Und half das Volksjournal Des Nachts zusammenhasten. Die Uhr vom Thurm her klang Wie tief in eine Gruft, Ein fetter Oelgestank Schwamm ranzig durch die Luft. Man hörte wie im Traum Die Winkelhaken klirren Und im Maschinenraum Die Lederriemen schwirren. Um ging von Hand zu Hand Ein Bräu aus Schnaps und Bier, Als Etiquett drauf stand: Gesundheits-Elixir! In schmutzgen Zoten sprach Frech das Maschinenmädel, Das Gaslicht aber stach Ihm grell auf seinen Schädel. Er aber: Griff auf Griff That er mit düsterm Blick, Durchs offne Fenster pfiff Der Wind ihm ins Genick. Er strich um ihn herum Und blies ihm in die Ohren: „So recht! So recht! Warum Bist du nicht „hoch“ geboren? Warum beim Stümpfchen Talg Hat dich das Glück geheckt Und nicht als Wechselbalg In Eiderdun gesteckt? Dann stündest du nicht hier, Behängt mit schmutzgen Lappen, Dann wärst du auch kein Thier Und pochtest auf dein Wappen. Du wärst auch nicht wie nun An Leib und Seele krank, Du brauchtest nichts zu thun Und sagtest: Gottseidank! Auch hättest du dann Geld, Wie Rothschild ganze Frachten, Und könntest diese Welt Noch mehr als jetzt verachten!“ So stand er düster da Und rang mit seinem Groll Und sein College sah, Wie ihm die Ader schwoll. Zu tief saß es, zu tief, Er grollte, sann und dachte, Bis sie, die in ihm schlief, Die Urkraft, jäh erwachte. Und heiß ins Hirn empor Kam ihm das Blut gespritzt, Wie wenn ein Meteor Nachts durch den Himmel blitzt. Denn plötzlich riesengroß Sah er ein Schreckbild thronen — Es war sein eigen Loos, Das Loos von Millionen! Da, deutlich, schwarz auf weiß, Stand's da und sah ihn an, Daß ihm das Blut wie Eis Kalt durch die Adern rann. Es war nur ein Fragment, Ein abgerissner Fetzen, Ein neustes Testament, Und er, er sollt es setzen! „Ein armer Bettler kroch Vor seines Bruders Haus Und bat, o reich mir doch Ein Stückchen Brot heraus! Vor meinen Augen flirrt's, Ich habe nichts zu essen, Der liebe Herrgott wird's Dir sicher nicht vergessen! Sein Bruder aber schrie Und strich sein Doppelkinn: Was willst du, tolles Vieh? Scheer dich wo anders hin! Das sauft nur immer Wein Und ekelt sich vor Wasser — Da hier, friß diesen Stein ... Doch, sag ‚Schöndank!‘ du Prasser! Da schrie der Aermste auf, Zu teuflisch war der Hohn, Und eine Stunde drauf Lag er im Wasser schon. Derweil nach dem Diner Hielt lammfromm vor dem Städtchen Sein Bruder, Herr P . P ., Sein Mittagspromenädchen!“ O, nun zum ersten Mal Verstand er Wort für Wort, Fürs Volk war das Journal Und dies war ja ein Mord! Es war ein Mord und mehr, Es war die alte Fabel, Wie einst — o lang ist's her — Der Kain schlug den Abel! Mit Augen, thränenroth, Verschlang er, was er las, Bis knöchern ihm der Tod Im weichen Herzen saß. Den Otternkranz im Haar, Umtanzten ihn die Furien, So sinnverwirrend war Kein Zerrbild aus Lemurien! Und tage- wochenlang Lief er umher wie wild, In seine Träume schlang Sich jenes wüste Bild. Er sah es riesengroß In jedem Winkel thronen, War's doch sein eigen Loos, Das Loos von Millionen! In Stoppeln stand sein Bart, Sein Herz war wie verdorrt, Er — lachte nur und ward Ein Anderer hinfort! Sein Weichmuth biß ins Gras, Ihn kniff's wie eine Zange Und hochauf schwoll sein Haß Wie eine Tigerschlange. Da winkte wie ein Ziel Ihm fern ein goldner Schein Und mehr als einmal fiel Ihm der Messias ein. Er grübelte und sah: Noch wird das Volk geknutet, Das Herz von Golgatha Hat sich umsonst verblutet! Nun sprach das Ideal Ihm tief zu Herz und Hirn, Sein blutig Kainsmal Stand roth auf seiner Stirn. Er floh das Volksgewühl Und schlief nur wenig Stunden Und ließ dann sein Gefühl Sich zu Gedanken runden: „Ein Fluch auf diese Zeit! Was grad wuchs, biegt sie krumm! Mein Herzblut aber schreit: Warum, o Gott, warum? Wozu denn Herr und Knecht? Was arm, was reich auf Erden? Für das zertretne Recht Will ich der Anwalt werden! Drum her, o her zu mir, Die ihr beladen seid! Mein Reich ist ja von hier! Mein Reich ist diese Zeit! Ihr, die hier wild in sich Den Schrei der Wuth ersticken, Kommt alle her, denn ich, Ja ich will euch erquicken! Ich will ins Morgenroth Der nahen Zukunft sehn Und euer Schrei nach Brot Wird in Erfüllung gehn. Der Knechtschaft Dorngesträuch, Mein Schwert soll es zerkrachen, Ich will aus Sklaven euch Zu freien Menschen machen! Ihr aber, die ihr faul Auf euerm Geldsack sitzt, Indeß das Volk, der Gaul, Vor euerm Karren schwitzt: Laßt euern Wanst gedeihn, Laßt eure Hunde bellen, Ich werde „Feuer!“ schrein, Bis euch die Ohren gellen! Ich stoße von dem Thron Das Wörtchen „mein und dein“, Das brave Volk wird schon Auf seinem Posten sein. Drum tanzt nur! Der Vulkan Wird bald in Feuer kreißen, Dann wird es Zahn um Zahn Und Aug um Auge heißen!“ Was er nur halb durchdacht, Er rief es wildverstört, Und manche stille Nacht Hat seinen Fluch gehört. Die Furcht vor Gold und Rang Verschwur er hoch und theuer, Ein wilder Wissensdrang Rann ihm durchs Hirn wie Feuer. Wohl stand er hart in Frohn, Ein armer Proletar, Doch blieb sein halber Lohn Beim Bücher-Antiquar. An jedem Wahltag strich Er ruhlos um die Thüren Und haschte Zettel sich, Flugblätter und Broschüren. O , wenn er las und schrieb, Schlug ihm das Herz so warm, Und unverstanden blieb Ihm sein Collegenschwarm. Wenn der in Saus und Braus Sich Sonntags amüsirte, Dann saß er still zu Haus Am Werktisch und studirte. Die Schusterkugel warf Aufs Buch ihr Licht herab Und seitlich hub sich scharf Sein schwarzer Schatten ab. Man sah ihn, wenn er kroch, Bis an die Decke schwanken, Doch höher reichten noch Des Schwärmers Traumgedanken. Er träumte, seine Saat Ging auf im Zeitverlauf Und schon schloß ein Mandat Ihm auch den Reichstag auf. Sein Wort flog wie ein Ball, Er stand auf der Tribüne, Halb Rousseau, halb Lassalle, Und sprach von Schuld und Sühne. Er sprach, und wenn er schwieg, Klang's linksher wie Hurrah, Denn hüben war's ein Sieg Und drüben ein Eclat. Und flog's dann durch das Land, Wo heiße Stirnen tropften, Dann gab man sich die Hand Und tausend Herzen klopften. Und wieder schlugs ihm dann Vertrauter ans Gehör, Er war ein schlichter Mann, Ein Zeitungsredakteur. Er saß am Pult und schrieb, Es waren große Züge Und jeder Satz ein Hieb, Ein Hieb ins Herz der Lüge. Er schrieb, und lag das Blatt Dann auf dem Tisch der Noth, Dann war die Armuth satt Und schrie nicht mehr nach Brot. Ein Balsam war sein Wort, Es stand ein Held auf Wache Und war ein rechter Hort Für jede gute Sache. Die Hände vorm Gesicht, So saß er träumend da, Bis bleich das Morgenlicht Durchs Kellerfenster sah. Dann, müd und überwacht, Ging's in die neue Woche — O, er war Tag und Nacht Ein Pegasus im Joche! So rollte abgrundwärts Von dannen Jahr um Jahr Und heller ward sein Herz Und dunkler ward sein Haar. Wie Chopins Melodien, Es war nicht zu verkennen, In seinen Augen schien Ein blauer Stern zu brennen. Er stand nicht mehr bestaubt Am Werktisch um Gewinnst, Das Glück wob ihm ums Haupt Sein lichtes Goldgespinnst. Erschallen ließ er frank, Ein Herold, seine Rufe Und jubelte und schwang Von Stufe sich zu Stufe. Er flehte: Herz, sei hart Und rühr's nicht an, das Gold! Bis er es endlich ward, Was er so heiß gewollt. O, nur ein Mann, ein Wort, Ein Volkssoldat auf Wache, Ein echter, rechter Hort Für jede gute Sache! Sein Bild hängt nun bekränzt Die Noth an ihre Wand, Auf seinem Haupt erglänzt Des Freimuths Krondemant. Sein Wort klirrt wie von Erz Und nennst du seinen Namen, Dann schlägt dem Volk das Herz Und heimlich spricht es: Amen! An seinen Werken schweißt Das ringende Geschlecht, Sein Wahlspruch aber heißt: Die Freiheit und das Recht! So kämpft als Paladin Der Schusterssohn von weiland Und alles schaut auf ihn, Wie auf den neuen Heiland. 12 Doch stößt ein Volkstribun Allorts auf einen Stein, Kein Wunder drum, wenn nun Auch viele „Kreuzigt!“ schrein. Dies Wort war ja von je Ein gute Wehr und Waffen — So lehrt's das Abc Der Junker und der Pfaffen! Das Volk, hat's ein Idol, Dann will's zum Brot auch Salz; Die Herren wissen wohl, Es geht an ihren Hals! Drum zetern sie: Er ist Ein Teufelsflammenschürer, Ein wilder Antichrist, Ein schlauer Volksverführer! Er aber lacht sie aus, Er weiß, der Sieg ist sein; Und treiben sie's zu kraus, Dann donnert er darein: „Ja, tanzt nur! Der Vulkan Wird bald in Feuer kreißen, Dann wird es Zahn um Zahn Und Aug um Auge heißen!“ So klingt — bald Moll, bald Dur — Sein großes Tongedicht; Ob er ein Schwärmer nur? Je nun, ich glaub es nicht! Ein rechter Demokrat Grollt auch im Festungsgraben, Zu einem Mann der That Scheint er das Zeug zu haben. Einstweilen stürzt sein Zorn Ihn noch nicht in den Streit; Er freut sich, wie das Korn, Das er gesät, gedeiht. Schon kann er's hoch und dicht Mit beiden Händen greifen, Doch noch ist's Austtag nicht, Er läßt es reifen, reifen .... Ich seh ihn Tag für Tag, Als wäre nichts geschehn, Still mit dem Glockenschlag An seine Arbeit gehn; Das Halstuch roth wie Blut, Von Locken wirr umflogen, Den Kalabreserhut Tief in die Stirn gezogen. Tagebuchblätter. Urewig ist des großen Welterhalters Güte, Urewig wechselt Herbstblattfall und Frühlingsblüthe, Urewig rollt der Klangstrom lyrischer Gedichte, Denn jedes Herz hat seine eigne Weltgeschichte. A. H. 1. V om Thurme klangen die Osterglocken Ueber des Kirchhofs trauernde Gruft, Und gleich verwehten Blüthenflocken Verschwamm ihr Klang in der Morgenluft. Mich aber riefen sie in die Weite Und ließen mich nicht im dumpfen Haus, Und unter der Osterlieder Geleite Zog ich die Straßen zum Thore hinaus. Weit hinter mir im Morgendämmer Sich das Gemäuer der Stadt verlor, Und selbst das Pochen der Eisenhämmer Traf nur gedämpft noch an mein Ohr. Doch dehnte sich immer weiter und weiter Vor meinen Blicken der sonnige Gau, Und jauchzend auf tönender Himmelsleiter Schwang sich die Lerche ins Aetherblau. Da stand ich denn nun am Waldesrande Mit meinen Gedanken so ganz allein Und sah tief unter mir die Lande Liegen im flimmernden Sonnenschein. Und als dann den letzten Zweifel zu rauben, Ein Schäfer noch blies auf seiner Schalmei, Da wollte ich es selbst nicht glauben, Daß Tod die Lösung des Räthsels sei. Da schien mir alles verweht und vergangen, Was ich betrauerte winterlang; Und alle Saiten des Herzens klangen Zusammen im Auferstehungsgesang. O, solche Seelenklänge dringen Weit höher noch in die Himmel empor, Als je auf seinen Flatterschwingen Ein Vogel sich in der Luft verlor! Ja, Fest der Ostern, nun warst du gezogen Auch endlich in diese verödete Brust; Und dies Herz, das so oft schon das Leben betrogen, Erzitterte wieder von süßer Lust Und schlägt nun der hohen Feier entgegen, Die über die Erde zu gießen verheißt Den herrlichsten aller himmlischen Segen, Den welterlösenden, heiligen Geist. Der heilige Geist ist die ewige Liebe, Die Gott in die Herzen der Menschen gesenkt, Und die mit jedem Ostertriebe Von neuem sich zum Lichte drängt. Sie schwebt herab vom Himmelssaale Zu Jedem, der an sie noch glaubt — O neige, neige die goldene Schaale Auch hier auf dieses Beterhaupt! 2. D ie süßen Klänge der Liebe Ringeln wie Opferduft Sich aus dem Erdengetriebe Empor in die Gottesluft Und tragen auf ihren Schwingen, Dem Alltagsleben entflohn, Die Seele mit Singen und Klingen Bis hinauf zu des Vaters Thron. Und wenn dann die Zeit erfüllet, Flattert sie erdenwärts, Und was ihr der Himmel enthüllet, Flüstert sie dir in das Herz. Und dieses stimmt dann wieder Die Saiten zum höheren Chor, Und jubelnd steigen die Lieder Von neuem zum Himmel empor. Und so in stetem Kreisen, Tönend durch Raum und Zeit, Verhallen nie die Weisen, Die einmal der Himmel geweiht. Sie schweben und flattern voll Wonne Den leuchtenden Wolken zu — Mein Himmel und meine Sonne Bist immer und ewig du! 3. O , wie so oft hab ich gesessen Auf moos'ger Bank am Buchenhag Und sann beglückt und selbstvergessen Dem Räthsel deines Wesens nach! Dann sang am waldverschwiegnen Orte Ihr hohes Lied die Maienfee, Und jedes ihrer süßen Worte Fiel mir ins Herz wie Blüthenschnee; Und jedes ihrer süßen Worte Klang mir wie Deutung deines Seins Und golden that sich auf die Pforte Und ich und du, wir waren Eins! Und doch; wenn du dann kamst und lächelnd Die Anmuth dir zur Seite ging, Und süßer als der Maiwind fächelnd Dein weicher Odem mich umfing: Dann war dahin, was kaum gewesen Und was nur dunkel mir geschwant, In deinen Augen konnt ich's lesen, Von Wundern, die ich nie geahnt; In deinen Augen konnt ich's lesen, Was ich gewann, was ich verlor, Und süßerschreckt schien mir dein Wesen Nur räthselhafter als zuvor! 4. N un ist es so still hier im dämmernden Hain, Nur der Nachtwind spielt in den Bäumen, Und heimlich vermahnt mich der Mondenschein: Nun ist es Zeit zum Träumen. Ja, träumen will ich, das Haupt in der Hand, Von dir, die den Frieden mir brachte; Es ging ja noch nimmer ein Stündlein ins Land, Darin ich nicht deiner gedachte. Du Leid meines Leides, du Lust meiner Lust, Schlägst du doch als Herz mir hier tief in der Brust! Dein Augenspiel grüßt mich im Funkeln des Thaus, Der rings auf die Gräser gefallen, Und dein Athem weht drüben ums Gartenhaus, Das die Düfte der Maien umwallen. Und was nun im Flieder die Nachtigall singt, Sind ach, meine eignen Gedanken, Die blüthenumflüstert und silberumblinkt Um meine Liebe sich ranken. Ach, was ich nur jemals gefühlt und gedacht, Nun klingt es hinaus in das Schweigen der Nacht! Nur Eins hat sich nie und nimmer gewußt In schmelzende Töne zu kleiden, Und das ist die aller höchste Lust Und das aller tiefste Leiden. Doch wo ein Herz ein Herz versteht, Da öffnen sich golden die Pforten Und flüsternd vor Andacht, wie ein Gebet, Erklingt's in den heiligen Worten: Dich liebt ich immer, dich lieb ich noch heut Und werde dich lieben in Ewigkeit! 5. D ie Dächer da drunten röthet Der Abendstrahl, Und droben im Flieder flötet Die Nachtigall. O, wie die Klänge mir schlagen So süß ans Ohr, Als wollten auch sie beklagen, Was ich verlor! Das ist das Lied der Lieder, Das dort erklingt Und mit silbernem Klanggefieder Ins Herz mir dringt: „Nun hast auch Du empfunden Der Liebe Leid Und kannst nun nie gesunden Zu keiner Zeit! Denn eine Sonne nur grüßet Vom Himmelszelt, Nur eine Liebe versüßet Das Weh der Welt. O daß am Himmel die Sonne Nicht ewig steht, Und daß der Liebe Wonne So bald verweht!“ ..... Durch dämmernde Abendhülle Tönt so der Sang, Und eine Lieder fülle Ist jeder Klang. Schon senkte sich zitternden Fluges Aufs Thal die Nacht, Da ist dem Tage des Truges Ein End gemacht. Doch ob auch die Sterne nun blinken Am Himmelsdom, Und ihre Lichter mir winken Aus jedem Strom, Und ob auch der Mond mir ins Zimmer Gießt all den Schein: Das wiegt doch nie und nimmer Das Herz mir ein! — 13 Du aber, o Traum, o umfächle Das süße Kind, Daß es im Schlafe noch lächle So wunderlind! O schwebe im Glorienschimmer Von Gottes Thron Und laß es vergessen auf immer Den Liedersohn! — — 6. E rst jetzt, da du dich von mir wendest, Fühl ich, wie tief ich dich geliebt, Und daß, wenn du sie mir nicht spendest, Es keine Lust mehr für mich giebt. Was soll mir noch des Maien Blüthe, Da ich so krank bin im Gemüthe, Und was des Sommers Duft und Pracht? Ich mag nicht mehr den Schmelz der Auen, Ich will hinfort nur Eins noch schauen: Das wüste Nebelgrau der Nacht! Mich lockte auf dem hohen Firne Der Lebenskrone goldner Glanz, Du aber preßtest in die Stirne Mir ach, nur einen Dornenkranz! Verflucht durch dieses Kainszeichen, Werd ich nun durch das Leben schleichen, Das keine Freuden für mich hat; Denn immer muß ich dein gedenken, Und nimmer will sich auf mich senken Die Taube mit dem Friedensblatt! Und kommt denn keiner, mir zu sagen, Wie ich vergessen mag die Zeit, Da dir mein armes Herz geschlagen So himmelhoch, so weltenweit? Und soll sie denn auf ewig rinnen, Die Wunde tief im Busen drinnen, Die einst dein stolzer Sinn mir schlug? O Herz, mein Herz, hör auf zu gluthen! Hör auf zu zucken, auf zu bluten! Es ist genug! Es ist genug! 7. E r that mir leid, der arme Mann, Wie er so traurig saß und sann. Es schaute ihn der Abend nur Und die ersterbende Natur. Von Zeit zu Zeit fuhr aus dem Strauch Ihm übers Haar Novemberhauch, Und Blatt im Baum und Rohr im Ried Sang ihm ins Ohr ihr Schlummerlied. Er aber lauschte statt auf sie Und ihre süße Melodie Nur in sein eigen Herz hinein Und war ganz mutterseelallein. Da trat zu ihm die dunkle Nacht Und sprach es aus, was er gedacht. Das klang so ahnungsvoll bewegt, Wie wenn im Lenz die Drossel schlägt: „Horchst du noch immer, Menschenkind, Wie deine Wunde blutend rinnt? Und willst du nie nach Todeswehn Zu neuem Leben auferstehn? Sieh, dunkel schweigt um dich die Flur, Und mit dem Tod ringt die Natur. Doch eh der Thau zum Zweiten fällt, Erglänzte abermals die Welt; Und schon nach wenig Monden hebt Ihr Haupt die Erde neubelebt. Darum bescheide du dich still Und harre deß, was kommen will. Denn deines Lebens goldne Zeit Ruht noch im Schooß der Ewigkeit. Und naht sich einstmals ihre Stund, Und küßt dich leise auf den Mund, O, dann kehrt auch ins Herz zurück Dir deiner Liebe todtes Glück!“ — So sprach die Nacht und schwieg darauf Und schaute zu den Sternen auf. Er aber sah sie traurig an, Denn ach, er glaubte nicht daran. Er glaubte nur in seiner Noth An seines Seelenlebens Tod. Da winkte sie mit weißer Hand Ihm einen Gruß noch und verschwand. Nun war es wieder still um ihn; Die weißen Nebel sah ich ziehn, Und droben aus dem Wolkenflor Trat wunderbar der Mond hervor. Er sandte golden Strahl auf Strahl Herab auf Berg und Wald und Thal Und löste sanft in seinem Lauf Des Fremdlings Weh in Wehmuth auf. Doch wie ich ihn nun weinen sah, Da ging mir's in der Seele nah! Ich wäre gern mit Rath und That Dem weltverlornen Mann genaht Und hätte gern mit ihm getheilt Und ihm das kranke Herz geheilt. Doch leider Gottes ging's nicht an, Denn ich war selbst der arme Mann! 8. O wie weit, wie weit, Liegt die goldne Zeit, Wo mein Herz von tausend Liedern schwoll! Nun ist stumm mein Mund Und mein Herz so wund Ist von Thränen, nur von Thränen voll! O was gäb ich drum, Wär ich nicht so stumm, Und die Thräne fände ihren Lauf! Aber Lied wie Schmerz, Hütet stumm das Herz, Und wer kommt und schiebt den Riegel auf? Junger Liebe Glück, Kehrst du nie zurück? Ach, das Herz mir noch das Herz zerbricht! Wie ein Funkelstern, O so ewig fern, Glänzt die goldne Zeit im goldnen Licht! 9. O daß doch aus dem Klanggewinde Mir Blatt auf Blatt von dannen stiebt Und ich nicht mehr die Worte finde, Wie sie das Herz dem Herzen giebt! Denn ach, die Lust singt immer leiser Und immer lauter schreit das Weh, Und längst sind alle Hoffnungsreiser Begraben unterm Winterschnee. Ich bin so stumm und still geworden Und sing nur manchmal noch im Traum, Doch in den klagenden Akkorden Tönt meiner Schmerzen Echo kaum. Und will mir auch die Brust zerspringen, Es trägt kein Lied ihr Weh hinaus: Und so muß denn auch dies verklingen Und ist doch lange noch nicht aus! 10. S chweigt, ihr Gedanken, und tönt, ihr Gefühle, Die ihr so oft schon im Erdengewühle Mir dieses Herz mit sich selber versöhnt! Schwingt euch gen Himmel auf goldnem Gefieder, Wandelt euch klingend in tröstende Lieder, Daß ich vergesse, warum ihr ertönt! O, sagt es niemand, daß längst eurem Dichter Alle die sonnendurchfunkelten Lichter, Die euch umflimmern, erloschen sind! Tänzelt und gaukelt wie Falter um Rosen, Laßt euch von schmeichelnden Lüften umkosen, Selber so flüchtig wie Wetter und Wind! Braucht doch die Welt nicht schon heute zu wissen, Daß sie erst gestern das Herz dir zerrissen, Weil es zu rein und zu heilig erglüht! Opfre dein Herzblut, o laß, laß es fluthen, Siehe, schon strömen die feurigen Gluthen, Freier und reiner nun wird dein Gemüth! Höher und höher in lieblicher Feier Schwebt deine Seele, es fallen die Schleier, Und dir erscheint ein erhaben Gesicht. Unter dir siehst du der Erde Gebilde, Ueber dir schaust du des Himmels Gefilde, Um dich und in dir ein göttliches Licht. Juble nun, daß du der Erde entronnen, Wenn du auch noch nicht den Himmel gewonnen, Schwebst du doch über der Welt und dem Schein! Aber zu bald nur erlahmen die Flügel, Nahe und näher schon winken die Hügel, Klaffend bedroht dich das spitze Gestein! Ach, und schon fällst du, und wehe, da liegst du! Aber was willst du und warum auch fliegst du? Bleibe dahier, denn der Himmel ist hoch! Wandle auf Erden und krieche im Staube, Denn dich bethört nun dein hoffender Glaube, Wie dich dein Herz und die Liebe betrog! — 11. N ur einmal möchte ich noch singen Ein Lied, das dir mein Alles klagt; Dann mag die Harfe mir zerspringen, Dann hat mein Herz genug gesagt. Doch woher nehme ich die Worte, Wie finde ich die Melodie? Die Blume meiner Lust verdorrte Und mit ihr starb die Poesie! Ich fühl's, eh mir der Tod begegnet, Hat sich mein Lied nicht ausgeweint — Denn was verflucht zugleich und segnet, Kein Wort noch hat's in sich vereint. 12. M it den Wolken, mit den Winden, Steur' ich nach dem goldnen Vließ — Das verlorne Paradies, O, wann werd ich's wiederfinden? Tag und Nacht, in Schlaf und Wachen, Wogt um mich die dunkle Fluth, Und die Sehnsucht, die nicht ruht, Ja, die Sehnsucht ist mein Nachen! Und so gehn denn Mond und Sterne Immer wieder meerempor; Doch wie sie, winkt Edens Thor Mir ach, immer nur von Ferne. Aber laß das Rad nur rollen, Wie's das schon seit je gethan, Denn auch deine irre Bahn Wird sich ja vollenden wollen. Wind und Wellen werden schlafen Und sein Ziel erreicht dein Boot, Denn sein Steuermann heißt Tod Und der Himmel ist sein Hafen! 13. U nd immer weiter Dreht sich die Welt, Ihr Pfad wird breiter, Ihr Triebrad schnellt; Die Stunden rollen, Die Sonne scheint, Ich bin verschollen Und niemand weint! In Kraut und Kressen Auf hohem Stein Lieg ich vergessen Und ganz allein; Nur eine Linde Schwingt über mir Im Abendwinde Ihr grün Panier, Und leis nur zittert Mir ums Gesicht, Goldrothumwittert, Das Abendlicht. Die Welt ging unter, Die Gott erschuf, Nur noch mitunter Ein Vogelruf; Nur noch zuweilen Ein irrer Schrei — Die Wolken eilen Vorbei, vorbei! Was wie ein Stern mir Die Brust durchzieht, Singt nun von fern mir Sein Alphornlied. Erinnrung hält mich In ihrem Bann Und plötzlich fällt mich Die Sehnsucht an. O Lust von weiland, Wie liegst du weit! O selig Eiland Der Jugendzeit! Die Blumen blühten, Die Quelle sprang, Die Sterne glühten, Die Amsel sang 14 Und mir gab Küsse Zu jeder Stund, Als ob er's müsse, Ein Mädchenmund! Noch stockt der Schmerz mir In seinem Lauf — Wie ging das Herz mir In Liedern auf! Doch wer beschriebe Die goldne Zeit, Die erste Liebe, Das erste Leid? Wie dort die Sonne Versinkt in Nacht, Stirbt Weh und Wonne, Eh wir's gedacht. Schon deckt ihr Schleier Den Fluß, das Ried — Die alte Leier, Das alte Lied! 14. I ns Meer versank des Abends letzte Röthe, Du gabst mir scheidend das Geleit, Im nahen Wald blies eine Hirtenflöte Ein altes Lied aus alter Zeit. Nicht Küsse waren's, die wir heimlich tauschten, — Es war die Zeit des Blätterfalls — Doch als am Kreuzweg die drei Linden rauschten, Fielst du mir weinend um den Hals! Und deiner Liebe langverhaltnes Leiden, Aus deinem Herzen brach's hervor, Als ahntest du's, daß Jedes von uns Beiden Im Andern auch sich selbst verlor! Und Worte sprachst du, die ich nie vergessen, Doch ach, uns gönnte das Geschick Nur noch ein letztes Aneinanderpressen ... Es war ein dunkler Augenblick! Doch nicht entweihen will ich jene Stunde, Drum still, o still, Erinnerung! Denn nie schließt sich ein Herz um seine Wunde, Ein echtes Leid bleibt ewig jung. Noch immer, wenn des Abends letzte Röthe Ins Meer taucht, wird das Herz mir weit, Und mich umklingt wie eine Hirtenflöte Ein altes Lied aus alter Zeit. 15. J a, ich geb's zu, und du hast Recht, mein Freund: Der Sommer ist's, der meine Wange bräunt, Und meine Lenzsaat steht noch ungeschnitten. Und doch, der erste Frühschmelz ist dahin, Mein Herz ward dunkel, düster ward mein Sinn, Denn ach, wer viel geliebt, hat viel gelitten! Ich weiß, du glaubst und hoffst noch. Nun es sei! In mir ruft's faustisch schon: Vorbei! Vorbei! Nur wenig noch will meinem Herzen taugen: Ein Blumenduft, ein ferner Glockenklang, Ein Vogelruf, ein Sonnenuntergang Und dann und wann ein Blick in Kinderaugen. 16. I ch rauchte nicht und trank kein Bier, Ein junger Mensch von achtzehn Jahren, Und dieses Buch der Welt schien mir Wie eines Engels Memoiren. Schon sah ich mich im Frührothschein Vor lauter Glück die Hände falten, Doch heut gesteh ich's traurig ein: Mein Herz hat mir nicht Wort gehalten! Auch schrieb ich manchen Liebesbrief Und schwärmte à la Heinrich Heine, Doch das war kindisch und naiv, Denn statt der Herzen fand ich Steine. Nun hängt am Galgen mein Humor Und macht mein warmes Blut erkalten, Denn traurig klingt es mir im Ohr: Mein Herz hat mir nicht Wort gehalten! Zwar meiner Kunst ersehnten Kranz, Schon streift ihn hie und da mein Scheitel, Doch denk ich schon wie Meister Hans Und deklamire: Alles eitel! Mir kreist das Hirn, mir wankt das Knie, Ein Andrer mag mein Amt verwalten! Zu traurig klingt die Melodie: Mein Herz hat mir nicht Wort gehalten! 17. W ohl glüht wie ein rother Karfunkel Der Wein mir im zinnernen Krug, Und fern in des Kellers Gedunkel Da stehn noch der Fässer genug. Doch will es mir heute nicht glücken So fröhlich wie gestern zu sein, Und die zitternden Hände drücken Sich tief in die Schläfen hinein. Des Rathswächters Pfeifen und Rufen Zeigt draußen die Mitternacht an, Und längst stieg die steinernen Stufen Der letzte der Gäste hinan. Daheim am flackernden Herde Genießt er nun traulich sein Glück, Und ich blieb hier unter der Erde Ach, nur mit mir selber zurück! Und wie es so einsam geworden Und rings um mich still wie im Grab, Da klingt es in weichen Akkorden Bis tief in mein Grübeln herab. Erst stiehlt es sich lieb und verlockend Hinein in das lauschende Ohr, Und dann schwillt es froh und frohlockend Zum jubelnden Hochzeitschor. Und die schmeichelnden Weisen erzählen Der Luft und dem flackernden Licht, Wie droben in schimmernden Sälen Mein Glück in Scherben zerbricht. Ich aber sitze und sinne, Verloren in Gram und in Schmerz, Und das Lied von der sterbenden Minne Durchzuckt mir das blutende Herz. Verworrene, wilde Gedanken Entsteigen dem fiebernden Hirn Und klammern wie dornige Ranken Sich fest um die faltige Stirn: Nun wiegt sie wohl droben im Tanze, Von luftigen Schleiern umwallt, Geschmückt mit dem bräutlichen Kranze Die liebliche schlanke Gestalt. Doch ein Andrer fühlt jetzt erwarmen Das Herz, das einst klopfte für mich, Und ein Andrer darf sie umarmen Und ein Andrer sie küssen als ich! Und lauter kreischen die Geigen Und wilder bäumt sich mein Leid, Und toller verschlingt sich der Reigen Von Traum und Wirklichkeit. Es knistern die seidenen Schleppen, Es funkelt der goldne Pokal, Und mir ist es, als stieg ich die Treppen Hinauf in den Marmorsaal. Dort ruht unter Myrthen und Rosen Ein Brautpaar auf schwellendem Thron, Doch sein heimliches Küssen und Kosen Mich trifft es wie schneidender Hohn. Gedenk der gebrochenen Eide, Empört sich mein siedendes Blut — Nun nehme mich und euch Beide Der Himmel in seine Hut! Doch eh ich noch über die Schwelle Den Weg in das Blumenmeer fand, Hat wieder die blendende Helle Sich gähnend ins Dunkel gewandt. Und wieder sitz ich und sinne Hier unten im düstern Gelaß, Und das Lied von der sterbenden Minne Verkehrt sich in glühenden Haß. Und mir ist es, als müßte nun suchen Mein Herz sich die ewige Ruh, Als müßt ich mich selber verfluchen Und dich und den Himmel dazu! 18. O du, der nie aus jenem Becher trank, Den einst die Sehnsucht schmeichelnd dir kredenzt, Sieh, ich bin elend, und dies Herz ist krank, Drin Haß und Liebe aneinander grenzt! Das aber macht, ich trank von jenem Saft, Gemischt aus Himmels lust und Höllen leid , Zu viel für diese kurze Erdenhast Und ach, zu wenig für die Ewigkeit! Und doch; wie du auch lachst zu Spiel und Scherz, Nicht gäb ich meinen gramverstörten Sinn Für deine Lust und für dein leichtes Herz, Um das Bewußtsein meines Elends hin! Denn Werke des Gedankens und der That, Wie sie dein Geist noch niemals in sich trug, Sollst du vollbracht sehn, wenn die Zeit sich naht, Durch meiner Seele letzten Athemzug! 19. E ndlich durchfährt nun mit Sang und Klang Der Frühling wieder die harrende Welt; Und wo er sich zeigt, da singt es, Und wo er nur wandert, da klingt es, Jauchzend zum Himmelszelt. Das hören wohl tausend Blaublümelein, Die da schlummerten unter dem glitzernden Gras, Und heben die Köpfchen und schauen, Wie grün schon die Wiesen und Auen Und blühen ohn Unterlaß. Nun hebt sich ein Ahnen in jeglicher Brust Und ein sehnendes Hoffen allüberall; Was draußen zum Lichte sich windet, In jeglichem Herzen findet Es klingenden Widerhall. Und wen nur der Frühling zum Feste sich lud, Der mag nun nimmermehr traurig sein; Doch mich hat er nicht geladen, Ich kann ja die Seele nicht baden In dem goldigen Sonnenschein! Ich kann ja nicht steigen zu schwindelnden Höhn, Wo das Adlerweib brütet im luftigen Horst! Ich kann ja nicht liegen und lauschen, Wie die Wälder so einsam rauschen Und die Amseln pfeifen im Forst! Muß bleiben daheim, ob mit Ungestüm Auch das Herz in die lockende Ferne mich zieht; Muß hören das Klatschen der Basen, Statt zu ruhen im blumigen Rasen Und zu lauschen dem Lerchenlied! Vor dem schwärzlichen, städtischen Bogenthor, Da schauert der lustige Frühling zurück — Ach, zwischen den Giebeln und Mauern Muß ich nun einsam vertrauern Meinen Jugendtraum und mein Glück! O du Stadt und du kleinliches Krämervolk, Wie bin ich doch euer so übersatt! Tagtäglich dieselbe Reise, Tagtäglich dasselbe Gleise, Tagtäglich dasselbe Rad! Und dazu noch dies Weh, o dies innerste Weh, Das die Brust mir zerreißt und die Sinne zerwühlt! O sende nur einen Tropfen Auf dieses Herz und sein Klopfen, Der die lechzende Seele mir kühlt! — — Wo das Meer erbraust dumpfdonnernden Schlags Und die weißlichen Möven flattern und schrein Und die dunkelnden Meereswellen Sich bäumen und fluthend schwellen Zum Leuchtthurm am Klippenstein: Da möcht ich wohl stehn, ha du wilde Lust! Wenn die rasenden Fittige schüttelt der Sturm, Wenn die schnellenden Wogen rollen Und die gellenden Donner grollen Und das Feuer verlischt auf dem Thurm! Und macht dann des Sturmwinds Orgelmusik Dich, du wildaufschlagendes Herz, nicht gesund: Dann kommt, o ihr Wogen, ihr kühlen, Von dem Fels mich hinunter zu spülen In den gähnenden Meeresschlund! 15 20. D er Sonne letzter Schein Umspielt das schwanke Ried, Der Thürmer bläst sein Lied Ins Abendroth hinein. Von fernher weht ein Duft Berauschend mir ums Haar, Ein weißes Taubenpaar Durchflattert noch die Luft. Nun taucht mein Geist ins Bad Und stärkt sich im Gebet, Ein Engel Gottes geht Stillsegnend durch die Stadt. Für Jeden, der ihn sieht, Hat er im Herzen Raum: Dir gab er einen Traum, Und mir gab er dies Lied! 21. J üngst sah ich den Wind, Das himmlische Kind, Als ich träumend im Walde gelegen, Und hinter ihm schritt Mit trippelndem Tritt Sein Bruder, der Sommerregen. In den Wipfeln da ging's Nach rechts und nach links, Als wiegte der Wind sich im Bettchen, Und sein Brüderchen sang: Di Binke di Bank, Und schlüpfte von Blättchen zu Blättchen. Weiß selbst nicht, wie's kam, Gar zu wundersam Es regnete, tropfte und rauschte, Daß ich selber ein Kind, Wie Regen und Wind, Das Spielen der beiden belauschte. Dann wurde es Nacht, Und eh ich's gedacht, Waren fort, die das Märchen mir schufen. Ihr Mütterlein Hatte sie fein Hinauf in den Himmel gerufen! 22. O du lieber, linder Sommerabend, Bist so süß wie zarte Frauenhuld, Wenn dein tiefgeheimer Zauber labend Mich in wunderholde Träume lullt. Bin ich singend über Land gezogen Wohl den ganzen Tag im Sonnenschein Und nun schreit ich durch den Thoresbogen In die altersgraue Stadt hinein. Von den holzgeschnitzten Giebelspitzen Sich schon längst der letzte Schimmer stahl, Nur die hohen Kirchenkreuze blitzen Golden noch im späten Abendstrahl. Kinder auf den Treppensteinen hocken, Spielen Haschen oder Blindekuh, Und dazwischen läuten fromm die Glocken Von den Thürmen Feierabendruh. Wer sich abgemüht in Tagesschwüle, Ruht im Schooße seiner Lieben aus; Herzerquickend duftet ihm die Kühle, Wie ein frischgepflückter Blumenstrauß. Rollt kein Wagen mehr, es schlägt kein Hammer, Denn der Werkeltag ist längst verrauscht; Lämpchen knistert schon in stiller Kammer, Drin der Nestling Mutters Märchen lauscht. Immer stiller wird es auf den Gassen, Immer heimlicher die Dämmrung winkt, Bis das Giebeldach die silberblassen, Mondgewebten Flimmerstrahlen trinkt. Wo in marktumpflanzten Lindenbäumen Funkenwürmchen hin und wieder fliegt, Wandeln Liebende in süßen Träumen, Hand in Hand und Arm in Arm geschmiegt. Mit den alten, halbverwaschnen Runnen Und dem steingehaunen Reckenbild Steht am Rathhauseck der Rolandsbrunnen, Der aus hundert Röhren tönend quillt. Auf bemoostem Rande sitz' ich nieder, Und ich schaue in die Fluthenpracht, Und ich lausche auf die Wiegenlieder, Bis mein Herz zur guten Ruh gebracht. Und da hör ich, wie auf leisen Sohlen Blonde Engel durch die Gassen gehn, Und ich blinzle ab und zu verstohlen, Um die blonden Engel auch zu sehn. O du lieber, linder Sommerabend, Bist so süß wie zarte Frauenhuld, Wenn dein tiefgeheimer Zauber labend Mich in wunderholde Träume lullt! 23. N un pfeift der Herbstwind ums Gemäuer, Und grau in grau verschwimmt die Luft, Und um den Herd und um sein Feuer Webt Winterduft. Das ist die Zeit, wo sich die Seele Stilleinsam auf sich selbst besinnt Und wie im Lenz einst Philomele Auf Lieder sinnt. Willkommen drum zur guten Stunde, O Muse, unter meinem Dach; Ist auch dies Stübchen hier im Grunde Kein Prunkgemach! Vier Wände nur und was darinnen, Ein Tisch, zwei Stühle und ein Schrein; So sitzen wir vergnügt und sinnen Beim Lampenschein. Doch draußen, welch ein grauses Wetter Durchrast gespensterhaft die Nacht? Mir däucht, so klingt das Horngeschmetter Der wilden Jagd! Der Regen peitscht in jähem Grimme Ans Fenster, daß der Laden wankt, Und durch die Luft heult eine Stimme Und ächzt und bangt. Ein Kreischen wie von Wetterhähnen Umkreist der Kirche nahen Thurm, Denn ihn bedräut mit giftgen Zähnen Der Drache Sturm. Von Menschen scheint die Stadt verlassen, Kein Licht mehr, das nicht längst verblich, Und wer hinabblickt auf die Gassen, Bekreuzigt sich. Fürwahr, ist da nicht unsre Zelle Ein irdisch Stücklein Seligkeit, Und predigt nicht des Lämpchens Helle Gemüthlichkeit? Und näher rücken wir zusammen Und was ich frage, thust du kund; Dein Auge spielt in blauen Flammen, Es lacht dein Mund. Aus Ost und Westen, Süd und Norden, Von Steinen, Blumen und Gethier, Warum und wie sie so geworden, Erzählst du mir: Und was einst vor so manchem Jährchen Die Welt erlebt in Lust und Leid, Und wenn ich bitte, auch ein Märchen Aus alter Zeit. Wie Siegfried einst die Maid Brunhilde Durch seinen Kuß vom Schlaf erweckt, Und wie sich hinter diesem Bilde Ein Sinn versteckt. Wie jährlich noch die Mutter Erde Sich einspinnt in die Winternacht, Bis sie im Lenz durch Gottes Werde Aufs Neu erwacht. Drum laß den Tod nur draußen dräuen, Wir zwei sind gegen ihn gefeit; Das Leben wird sich schon erneuen Zu seiner Zeit. Als Lenz wird es uns Veilchen bringen, Und tändeln wird's als Blüthenfall, Und Nachts im Flieder wird es singen Als Nachtigall! 24. D as alte Jahr hat seine Sterbeglocken Verklingen hören über Raum und Zeit Und schimmernd eingesargt von weißen Flocken Versinkt es in die Ewigkeit. Doch leuchtend aus dem Schooß der Winternacht Ringt schon das neue seine jungen Glieder Und träumt, die Erde sei mit ihm erwacht, Geweckt vom süßen Klang der Frühlingslieder. Doch schau, wie fröstelnd es die weiße Decke Schon wieder über seine Glieder zieht, Weil es von Eis umglitzert Hag und Hecke Und ach, kein einzig Veilchen sieht! Doch fasse neue Hoffnung, neues Jahr, Denn so wie dir ist's jedem noch ergangen Aus deiner ewigen Geschwisterschaar; Und doch, der Lenz kam immer noch gegangen! Noch herrscht der Tod; doch wenig Wochen später Und hoch im Winde schwankt das junge Ried, Dann singt ein Lerchenchor im blauen Aether Des Frühlings Auferstehungslied. Und wonniger, als du dir je erträumt, Wird die Natur dir noch ihr Herz erschließen, Wenn von des Sommers Aehrengold umsäumt, Des Lebens Quellen rauschend dich umfließen. Doch was in dieser Welt dich auch entzückte, Vergilt es uns auf deiner Tage Flucht Und jede Blüthe, die im Lenz dich schmückte, Gieb uns im Herbst als reife Frucht! Und schlägt dereinst die Stunde deines Seins, Dann sei dein Segen für das Wunschgedeihen, Wenn wir statt eines todten Marmorsteins, Dir ein lebendiges Gedächtniß weihen! 25. D ie Schöpfung ist ein ew'ges Werden, Ein ew'ger Wechsel ist die Welt; Der kleinste Stein lehrt's dich auf Erden, Er wächst, er dauert und zerschellt. Und dennoch willst du sie verklagen, Die Parze, die den Faden spinnt, Und meinst du könntest es nicht tragen, Wenn dir ein Traum in Nichts zerrinnt? O sieh, wie hoch sich dir zu Häupten Die Sterne drehn im Sphärentanz; Wer weiß, ob sie nicht längst zerstäubten, Und dennoch blendet dich ihr Glanz. So läßt Erinnrung auch im Busen Dich dein versunknes Eden sehn Und durch die goldne Gunst der Musen In Liedern wieder auferstehn. 26. O Herz, du fühlst dich wie von Gott geweiht, Und hoch schlägst du empor in deinen Träumen, Wenn dir die Sehnsucht ihre Flügel leiht Und mit dir wandelt unter Blüthenbäumen. Kein Wölkchen segelt durch das Blau der Luft, Die Knospen brechen und die Früchte schwellen, Und fernhin schaukelt sich's wie Rosenduft Sanft über sanft bewegten Meereswellen. Doch dringt auch Erd und Himmel auf dich ein, Es läßt dich nie an einem Orte rasten; Denn ach, dich lockt ein ferner Zauberschein Und ruhlos mußt du nun die Welt durchhasten. Wie oft nicht glaubtest du den stillen Strand Der selgen Inseln schon erspäht zu haben, Doch tratest du dann zögernd an ihr Land, So war's nur, drin die Hoffnung zu begraben. Doch die du scheidend schon so oft beweint, Stets ist sie noch erwacht aus ihrem Tode Und hat sich schmeichelnd wieder dir vereint Und trank mit dir und brach von deinem Brode. Du aber fügtest dann in Klang und Wort Von neuem deine ewigen Gefühle Und spähtest nach dem heißersehnten Port, Der dich errettet aus dem Weltgewühle. Denn wen sein wilder Strudel erst erfaßt, Der ist für alle Ewigkeit verloren; Kein Götterbote lädt ihn mehr zu Gast Und besser wär's, er wäre nie geboren. Drum harre aus, wie du bisher gethan, Und halte fest an allem, was dir theuer; Zwar nur gebrechlich ist dein schwanker Kahn, Doch sitzt die Liebe ja an seinem Steuer. 16 27. A page, blonder Satan, laß mich los! Ich weiß, dies ist das Haus „Zu den drei Nymphen“, Doch setze dich nicht gleich mir auf den Schooß Und kokettire nicht mit deinen Strümpfen! Dein Wort ist wie ein tönendes Geschell, Du wirst dies junge Herz mir nicht beschwatzen; Du bist ja doch nur eine Biermamsell Und feil und falsch wie alle diese Katzen. Durch dein Gelächter zischt die rothe Lust, Die Goldgier grub sich tief in deine Züge Und luftgepolstert thront auf deiner Brust Die gummifabricirte Doppellüge. Was dir an Locken baumelt um die Stirn, Ist mühsam nur gestutzt mit Papilloten Und dein vertracktes kleines Weibsgehirn Ist bis zum Platzen vollgepfropft mit Zoten. Du machst die Augen zu und schnalzst: Wie schön! Und nippst beim Nachbargast vom Blut der Reben Und denkst dabei nur an das Lustgestöhn, Als du dich gestern Nacht ihm preisgegeben. Dein Element ist recht die Völlerei, Das Austernfressen und Champagnersaufen .... Doch Teufel! schlägt die Stutzuhr dort schon Zwei? Da, nimm mein Portemonnaie — und laß mich laufen! 28. M ein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit: Ein blutiger Frevel ist diese Zeit! Am hölzernen Kreuz verröchelt der Gott, Kindern und Thoren ein seichter Spott; Verlöscht ist am Himmel das letzte Roth, Ueber die Welt hin schreitet der Tod, Und trunken durch die Gewitternacht klingt Das sündige Lied, das die Nachtigall singt. Die Menschheit weint um ihr Paradies, Draus sie ihr eigener Dämon verstieß, Und heimlich zischt ihr die rothe Wuth Ihre Parole zu: Gold und Blut! Gold und Blut, Blut und Gold! Hei wie das klappert, hei wie das rollt! Und wüst dazwischen kräht der Hahn: Volksohnmacht und Cäsarenwahn! Und immer dunkler wird die Nacht, Die Liebe schläft ein und der Haß erwacht Und immer üppiger dehnt sich die Lust Und immer angstvoller schwillt die Brust; Kein Stern, der blau durch die Wolken bricht, Kein Lied, das süß von Erlösung spricht — Mein Herz schlägt laut, mein Gewissen schreit: Ein blutiger Frevel ist diese Zeit! 29. O , sieh mich nicht an, Du blasser Dämon! Wir sind allein .... O, hab Erbarmen! Nur ein einziges Weib Ist so schön, wie du: Die Teufelin Lilith, Die Mutter des Kain! Runzle die Braunen Und nenne mich „Narr“, Lache mich aus Und tritt mich mit Füßen — Nur, sieh mich nicht an! Sieh mich nicht an Und laß deine weißen, Runden Brüste Nicht so sehnsüchtig wogen! Denn deine rothen Lippen sind Für meine Seele Viel zu süß! Ach! diese Hand hier, Die sich jetzt zitternd Mir auf das Herz preßt, Soll dereinst ja Im Männerkampf Lanzen brechen Und Speere schütteln; Und über dies Haupt hier, Das sich jetzt Vor dir, du Vampyr, Du schöner Vampyr, So tief erniedrigt, Soll einst messianisch Das goldne Banner Der Zukunft wehn! O, sieh mich nicht an, Du blasser Dämon! Wir sind allein .... O, hab Erbarmen! Ich weiß es! Ich weiß!! Und wenn ich auch einmal nur, Wollustächzend, In deinem brünstigen Schooße geschwelgt, Ich müßte sclavisch Auf dein Geheiß Thun, was du willst, Und ich würde der Wurm sein, Den du zertrittst! Dann wäre zertrümmert Auf ewig mir Die schöne Welt Der Ideale Und meine Seele Gehörte dir! Ich würde der Wahrheit Ins Antlitz spein Und meine Brüder Müßten verbluten !! Drum sieh mich nicht an, Du blasser Dämon, Und laß deine weißen, Runden Brüste Nicht so sehnsüchtig wogen, Denn deine rothen Lippen sind Für meine Seele Viel zu süß! O goldene Venus, Große Göttin! Wir sind allein .... O, hab Erbarmen!! 30. W ohl jauchz ich, wenn der Tag sein Werk bestellt, Und helf ihm mit, die alte Zeit zerhämmern, Doch soll noch manchmal mich umdämmern Die alte, goldne Heidenwelt! Denn stets beleidigt meine Phantasie Ein Marmorchristus mit verrenkten Knochen, Doch oft hat mir ins Herz gesprochen Ein Jupiter Otricoli! O schöne Zeit, als am Hymettoshang Ein heilig Volk sein heilig Feuer schürte, Als Phidias seinen Meißel führte Und Pindar seine Hymnen sang! Ihr Wallfahrtsweltort hieß Olympia Und nicht von Holz war'n ihre Rosenkränze, Wenn sie die priesterlichen Tänze Sich seelenvoll verschlingen sah! Die Erde, nicht der Himmel, war ihr Traum, Erst später lernte sie das dumme Knieen; Sie spann nicht graue Theorieen, Ihr Leben war ein grüner Baum. Doch das ist lange, o schon lange her, Die Opferschalen fielen und zerklirrten, Und heut tönt nur das Lied der Hirten Noch nächtlich übers Mittelmeer. Das Volk des Perikles gab sich den Rest, Doch wächst und blüht der Stammbaum des Eumäus — Heut ist die Weltstadt am Pyräus Ein elendes Barackennest! Zwar ist der Himmel noch wie ehmals blau, Der Urwald harft noch und das Weltmeer psaltert, Doch ach, die Menschheit hat gealtert Und pinselt nur noch grau in grau! Der Schönheit goldner Springquell ist versiegt, Fürwahr, wir leben in der Zeit des Spottes, Da selbst die heilge Mutter Gottes Auf Pflaumenbäume kriecht! Drum zupft den Dichter nicht an seinem Kranz Und titulirt ihn nicht gleich einen Narren, Denkt er umqualmt mal von Cigarren Der Götterwelt Altgriechenlands. 31. W ie lang ist's her? Erst sieben Jahre! Und doch klingt's schon: „Es war einmal!“ Der Wiege näher als der Bahre, Stieg ich tagtäglich ins Pennal. Ich war ein träumerischer Junge, Las Cicero und Wilhelm Hauff Und trug das Herz auf meiner Zunge Und spießte Schmetterlinge auf. Auch lief ich, Katzengold zu suchen, Oft Tage lang im Wald umher Und schwärmte unter hohen Buchen Von einstger Nimmerwiederkehr. Betäubend dufteten die Kressen, Grüngolden floß das Licht herein; Es war ein seliges Vergessen, Vergessen und Vergessensein! Der Lenzwind ließ die Aeste knarren, Vom Dorf herüber klang die Uhr, Ich lag begraben unter Farren Und stammelte: „Natur! Natur! In alten Büchern steht geschrieben, Du bist ein Weib, ein schönes Weib; Ich bin ein Mensch und muß dich lieben, Denn diese Erde ist dein Leib! Weh, jenem bleichen Nazarener! Er stieß dich kalt von deinem Thron! Ich aber bin so gut wie jener Der Gottheit eingeborner Sohn! Ich will nicht mönchisch dich zergeißeln — Her, deinen Freudenthränenwein! Ich will dein Bild in Feuer meißeln Und Vollmensch wie ein Grieche sein! Doch du, um die in ewgem Schwunge Die Welt sich dreht, o Poesie, O, lege Gold auf meine Zunge Und in mein Herz gieß Melodie! In ewge Lieder laß mich weben, Wie du das Herz mir süß erhellt, Und wie so köstlich doch das Leben Und wie so wunderschön die Welt! Noch gährt's von Blinden und von Tauben Und mehr als ein Herz ward zum Stein, Ich aber lehre sie wieder glauben, Ich will der neue Johannes sein! In deine Wunder will ich wiegen Die Sehnsucht ihres kranken Seins, In deine Arme will ich sie schmiegen, Denn ich, du, sie ... o, wir alle sind Eins!“ So lag ich träumend einst im Walde, Wenn tiefblau rings der Himmel hing, Bis draußen hinter grüner Halde Die Sonne blutroth unterging. Dann schritt ich heimwärts, und mit Singen Begrüßt ich meines Vaters Haus Und schaute, wenn die Sterne gingen, Noch lange in die Nacht hinaus. Und jetzt? — Die heimatlichen Thäler, Die seine Jugend grün umrauscht, Hat längst der lyrische Pennäler Für eine Weltstadt eingetauscht. Er sieht mit Schauder, wie das Laster Sich dort juwelenfunkelnd bläht, Das Elend aber tritt das Pflaster Von Morgens früh bis Abends spät! Er hört, wie nachts in den Fabriken Der Proletar nach Freiheit schreit, Indeß ein Volk von Domestiken Dem nackten Recht ins Antlitz speit! Er fühlt, wie wilde, wilde Flammen Ihm heiß und roth das Hirn durchlohn, Und beißt die Zähne fest zusammen Und murmelt: Hohn, Hohn, dreimal Hohn! Er sieht, er hört, er fühlt den Jammer Und wandelt tags von Haus zu Haus Und grollt dann nachts in seiner Kammer Sein Herz in wilde Lieder aus. Er hat es längst, schon längst vergessen, Wie wohl im Lenz die Sonne thut, Und wie's im Wald, umblüht von Kressen, Sich einst so schön, so schön geruht! Nur manchmal, manchmal noch durchziehen Sein Herz, das nach Erlösung schreit, Die grünen Waldhornmelodieen Der längst verrauschten Kinderzeit. Dann stöhnt er auf, und seine Hände Preßt er verzweifelt vors Gesicht Und rings die weißgetünchten Wände Erzittern, wenn er schluchzend spricht: „O Poesie, du Heiligschöne, Von Thränen ist mein Herz durchnäßt, Weil du den treusten deiner Söhne In Nacht und Noth verkümmern läßt. Ich war ein Kind und sprach: „„O, schütte Dein Füllhorn golden in mein Lied Und laß mich knien in einer Hütte, Auf die der Stern der Liebe sieht. Ja, laß auf einem weißen Zelter Mich fliegen in den Sonnenschein, Laß aus des Lebens Freudenkelter Mein Herzblut sprühn als Liederwein!““ Du schwebtest segnend durch die Lüfte, Ich hab dir selig nachgeblickt, Und Lenzgoldlicht und Blüthendüfte Hast du mir lächelnd zugenickt. Und doch, und doch! Du hast gelogen! Dein Lächeln war ein schönes Gift! Du hast mich um mich selbst betrogen! Dein Herz ist schwarz wie deine Schrift! Du gabst mir einen wilden Rappen, Umschnürtest meine Brust mit Erz Und unter Thränen in mein Wappen Hast du gestickt ein blutend Herz!“ 17 ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ! Da steh ich nun, ich armer Thor, Und bin so klug, als wie zuvor! Faust. ΓΝΩΘΙ ΣΑΥΤΟΝ ! M itternacht war's. Auf den glitschrigen Asphalt Plätscherte der Novemberregen Und, windgepeitscht, flackerte rothgelb Durch den Nebeldunst das Licht der Laternen. Nur hie und da noch humpelte schwerfällig Durch die dunklen Gassen der träumenden Weltstadt Ein schläfriger Droschkengaul Und vor der Hausthür, hart unter meinem Fenster, Stand, wie immer um diese Stunde, So auch heute, mein Stubennachbar, Der neugebackene Referendar, Und deklamirte höchst gefühlvoll, Mit seinem Stöckchen die Luft durchfuchtelnd Und das Schlüsselloch immer vergeblich suchend, Den Monolog der Schillerschen Jungfrau. Von drüben über die Straße her Blitzten die Spiegelscheiben des Wiener Caf é s, Und hinter den zierlichen Marmortischchen, Auf die rothen Sammetpolster Coquettirend hingegossen, Bot sich den alten und jungen Rou é s Schamlos feil die geschminkte Sünde, Theelöffelklappernd! Ach, und draußen fuhr pflichtgetreu Ein bärtiger Schutzmann ein kleines Mädchen an, Das seine Händchen, vor Kälte zitternd, In sein zerrissenes Schürzchen gerollt hielt Und bitterlich weinend Zündhölzchen ausbot!! Mitternacht war's. In Büchern vergraben Saß ich am Schreibtisch und schrieb. Zu meiner Linken, dem Herzen am nächsten, Gähnte lauernd der lahme Papierkorb Und rechts, neben Byron und Victor Hugo Dampfte die Wasserpfeife. Vom Ofen her, warm und gemüthlich, Zog durch das Zimmer ein brauner Kaffeeduft Und an den weißen Kalk der Decke Malte die Lampe ihr zitterndes Goldlicht. Alles still — mäuschenstill! Nur die Schwarzwälder Wanduhr nickte ihr Tiktak Und eilig kratzte meine Feder Ueber das gelbliche Manuscript. Rhythmisch reihte sich Vers an Vers an Und schneller rollte mein Blut Von Strophe zu Strophe, Ungestüm wie ein Katarakt, Der sich durch die Gewitternacht Wild übers Wehr stürzt; Denn um mich webte, Gestaltlos und dunkel, Ein faustisches Etwas Und blies mir ins Ohr Wort auf Wort. Und neue Gedanken, nie gedachte, Wuchsen gigantisch aus meinem Gehirn auf. In nie erforschte Zeiten und Zonen Tauchten sie wahrheitssuchend hinab, Wie die farbigen Taucher ins indische Meer Perlenfischend; Mit Erden und Sonnen spielten sie Fangball Und Völkern und Königen raubten sie Hohnlachend die goldenen Kronen, Die die kalte Berechung Einer herzverkrüppelten Selbstsucht Der armen, blutiggegeißelten Menschheit, Der göttlichen Dulderin, schlangenklug Als Fetische neben den Brotkorb gehangen, Jahrhundertelang! Und die also Entthronten, Aus ihrer wahnwitzigen Selbstherrlichkeit Jählings aufgeschreckt, bäumten sich auf Und aus den Kehlen Der Wehgefolterten, Qualverzerrten, Rang sich, schauerlich gurgelnd, Der wilde Angstruf: „Das jüngste Gericht“, Millionenfach! Auf der rauchenden Brandstatt Verkohlter, sündiger Paläste Schlang sich fluchend Um seinen pestgeschwollenen Leichnam Der letzte Bettler den letzten Purpur, Blutgefärbt; Und von dem braunen, Gluthgeborstenen Stein von Golgatha Warf sich vernichtungstoll Kopfüber hinab Ins bodenlose, gähnende Nichts Das wurmzerfressene, hölzerne Kreuz, Dornenumwunden. Und niemand kannte den Rabbi von Nazareth! Der Mond verdunkelte sich, Durch den schwarzen Abgrund des Raums, Hin und her wie ein Windlicht, Flackerte entseelt der Polarstern Und durch den wehenden Schweif der Kometen Blitzten farbig die Meteore. Sündfluth und Weltbrand brachen zugleich herein Und Nacht und Licht, Ormuzd und Ahriman, Kämpften noch einmal Mit alter Kraft den alten Kampf Um die endliche, ewige Herrschaft. Aber die Menschheit, die ringende Menschheit, Athmete auf — zum ersten Mal! Denn auch sie, ja auch sie, rüstete endlich Den letzten, großen, den heiligen Krieg, Den sie schon Jahrtausende lang So heiß ersehnt hatte! Oben, hoch oben, Auf den lichten, sagenumwobenen, Heiligen Bergen, Das Haupt gen Westen, Knieten ihre Führer, Die Weisen des Abendlands, Und rangen qualvoll In heißen, brünstigen Gebeten, Wie weiland Israel in der Wüste, Oben, hoch oben! Und unten, tief unten, Durch die dunklen, wipfelverschatteten, Grünen Thäler Wälzte sich stromgleich die heilige Phalanx Der gottentflammten, ölgesalbten, Todgeweihten Streiter, Stumm und erwartungsbleich, Eine neue Völkerwandrung. Ihr blutrothes Banner, Umblitzt von tausend nackten Schwertern, Spiegelte die aufgehende Sonne wieder, Noch einmal küßte sich Mutter und Kind, Vater und Sohn Und feierlich fluthete durch alle Himmel Ihr heiliger Hymnus: „Excelsior!“ Herzerschütternd, seelenergreifend, Unten, tief unten! Aber droben im siebenten Himmel Thronte noch immer auf seinem goldnen, Bluttriefenden Stuhl Der gealterte Judengott, kalt wie ein Steinbild, Und all der Jammer, der unsägliche Jammer, Der aus dem armen, wehgemarterten Herzen der Menschheit, äonenlang Blut gesaugt wie ein Vampyr: O, der war spurlos an ihm vorübergegangen, Denn der alte Mann war kindisch geworden Und ließ sich selbstgefällig Von seinen sogenannten Engeln — Kleinen, abgeschnittenen Kinderköpfchen Mit Flügeln hinter den Ohren — Lügengeschwollene Phrasen drehn, Bis er, hohl wie ein kleiner, menschlicher Geck, Heimlich mit dem Spiegel coquettirte Und sich schließlich einbildete: Er wäre wirklich allgütig! Ach, und er ahnte nicht, Wie sein kahlglatziger Generalstab, Die allmählig Aus Erdenpriestern zu Himmelspfaffen Avancirten Nachfolger Petri, Feiste Silengesichter, Hinter seinem Rücken Schadenfroh sich ins Fäustchen lachten Und wie ungezogene Schulbuben Ihm Nasen drehten und Männchen machten! Und so war denn nun der einst so allmächtige Schöpfer des Himmels und der Erde Ein närrischer Popanz geworden, Eine lächerliche, nichtswürdige Karrikatur Auf den altmexikanischen Vitzliputzli! O, es war fürchterlich! Unten auf Erden, Aufgewühlt bis in die innersten Tiefen ihrer Seele, Die ringende Menschheit, eine tragische Heldin, Die endlich nach jahrmyriadenlangem, Wildem Ringen Von ihrem eigenen, dunklen Sein Den geheimnißvollen Isisschleier heben sollte; Und hier oben im Himmel Ein fühlloser Selbstling, dem der Weihrauch Eines kleinen Häufleins Alter, verrückter Betschwestern Das Hirn umnebelt hatte! Aber die Liebe, die ewige Liebe, Die Allerbarmerin, Sah es und weinte laut auf Und an ihr großes, feuriges Sonnenherz Preßte sie wild ihre schöne, süße Tochter, Das Mitleid, Und beide traten, hochaufathmend, Vor den Thron des Alten, Der so alt war, daß er sich selbst nicht mehr kannte, Und die Mutter sprach: „Soll dich denn nichts Aus deinem wüsten, häßlichen Halbschlaf Aufrütteln, du alter Mann? Hat dich die einstige siebentägige Schöpfungsarbeit Denn wirklich schon erschlafft? Und willst du nun ewig Auf deinem Faulbett thatlos herumlungern? Geh in dich, Alter, geh in dich und laß dir Das brünstige, äonenaltrige, Nie erschlaffte Ringen der Menschheit, Deines verstoßenen Stiefkindes, Nach Licht und Wahrheit Das Roth der Scham ins Gesicht treiben! — O, schau hinab! Dort unten auf deiner altgewordenen Erde Ringt nun die Herrliche Im letzten Kampfe, im Todeskampfe; Und glaube mir, Vater, sie verröchelt Und Millionen Weltmeere Voll bitterer, blutiger Thränen Sind umsonst geweint, Wenn du ihr nicht hilfst! .... Doch du wirst ihr helfen! Denn einmal schon Warst du taub für mein Flehn Und ließest es zu, Daß ein thörichtes Volk von Pharisäern Den bleichen Zimmermann aus Nazareth, Deinen eigenen Sohn! ans Kreuz nagelte. Ich aber saß, dich heimlich verfluchend, Nachts auf dem Oelberg; In meinen Thränen spiegelten sich, Wehmüthig zitternd, Die tausend Sterne der syrischen Mondnacht Und die frommen Dichter des Evangeliums Nannten mich später: Maria Magdalena! Nein, Vater, nein! Du darfst es nicht wagen, Du wirst es nicht wagen, Mir wieder zu trotzen Und so nicht nur meinen Fluch, Nein, auch den der Menschheit, Einer ganzen Welt, Dir aufs Haupt zu lasten, Kalt und gefühllos! Und so wirf ihn denn von dir Den bunten, lächerlichen Flitterkram, Mit dem Jahrmarktsnarren und Brotkorbschurken Dich schlau behängt: Sei wieder du Und schleudre noch einmal Aus der herrlichen Fülle deiner Allmacht Durch deine sieben mal siebenzig Himmel Dein erstes, großes, Heiliges Schöpfungswort!“ So sprach die Liebe, die ewige Liebe, Die Allerbarmerin, Und warf sich nieder in den Staub des Himmels Vor die Füße ihres großen Vaters Und das Mitleid, ihre schöne, süße Tochter, Faltete flehend ihre zarten, weißen Hände Und stammelte schluchzend: Erbarmen, Erbarmen! Da fuhr's wie ein Blitz durch das blutlose Steinbild Und die frömmelnd gefaltete Riesenfaust, Die einst in nebelgrauer Vorzeit Die Hand des Prometheus gelenkt Und aus Thon Menschen geformt, Ballte sich wieder und schlug An die immer noch weltenschwangere Stirn Und der alte, zornige Jude Wurde weich wie ein Kind! Denn er fühlte, wie sein Herz Tief in pochender Brust, Wieder wonnig zu schlagen anhub Und eine wilde, verzehrende Sehnsucht Fiel ihn an, Eine Sehnsucht nach jener alten, schönen Zeit, Als er selber noch jung war Und die Welt, die träumende Welt, In das bläuliche Dämmerlicht der Urzeit Süß hineinduftete, Zitternd und thaufrisch, Wie eine jungerblühte, rothe Maienrose! Und zornentbrannt Riß er die weihrauchduftende Schellenkappe, Die der hirnvernagelte Aberwitz Der letzten dunklen Jahrhunderte Ihm frech übers Ohr gestülpt, Aus seinen silberfluthenden Locken Und warf sie nieder und trat sie mit Füßen! Die blauen Kinderaugen Der ängstlich den Raum durchflatternden Engel Verglasten und brachen; Die himmlische Parasitengarde Der Heiligen und Kirchenväter Flüchtete watschelnd, Laut aufheulend und sich bekreuzigend, Von Wolke zu Wolke; Ein Fußtritt schleuderte Petrus, Den feist gewordenen Himmelspförtner, Auf die Erde hinab, ins todte Meer Und millionenzüngig, wonnetriefend, Von Stern zu Stern, von Welt zu Welt, Rollte wieder das alte, uralte, Heilige Evangelium: „Gott ist Gott!“ Er aber legte lächelnd der Liebe, Der ewigen Liebe, Segnend die Hand aufs Haupt Und aus dem wehenden, Schwarz verkohlten Lügenschutt Längst gewogener, wüster Jahrhunderte, Umflattert von den letzten, phantastischen Fetzen Seines eingestürzten, christlichen Thronhimmels, Zuckte sein Wort, roth wie ein Blitz: „Es werde Licht!“ Weinend tauschte tiefunten auf Erden Beim ersten Aufblitz des ewigen Frühlichts Die versöhnte Menschheit Herz an Herz Den ersten heiligen Bruderkuß Und lächelnd entrang sich dem dunklen Chaos, Vor ihrer eigenen, wonnigen Schönheit Süß erschreckt, eine neue Welt, Die Welt der Verheißung ! O, wie das Herz mir schlug! In zorndurchloderten, wilden Rhythmen, Kraftvoll gegliedert, Standen sie da meine feurigen Strophen, Glorreich und todverachtend, Wie weiland das Häuflein der dreihundert Sparter In den Schluchten der Thermopylen. Und ich las es noch einmal, Was ich niedergeschrieben mit meinem Herzblut ! Und wieder dann dacht ich, lautauf grollend, Wie noch immer Auf dieser ruhlos wandernden Erde Das Elend, unser ältestes Hausthier, 18 Augenrollend und zähnefletschend, Um Paläste und Hütten schleicht, Tag und Nacht! Und wie die Menschheit, dies arme Findelkind, Das die Mutter nicht kennt und den Vater verflucht, Trotz Zerduscht und Buddha, Christus und Muhamed, Noch so weit vom Ziel, Noch so weit, o so weit! Müssen nicht immer noch tausend Fäuste, Harte, schwielenbedeckte Fäuste, Sich vom Munde das Brot abdarben, Das schwarze Brot, Um einem einzigen dummfaulen Tagedieb Den gefräßigen Schmeerbauch zu mästen, „Standesgemäß“ Mit Krebshirn und Nachtigallzungen? Zwingt nicht das Gold, Dieser herzloseste aller Teufel, Die Schönheit, die arme, rührende Schönheit, Noch immer in das dumpfe, Seuchenverpestete Lustbett der Sünde? Leckt nicht das Volk, Die gezähmte, schweifwedelnde Bestie, Noch immer die bluttriefende Hand Ihres gekrönten Peinigers? Und muß sich die Wahrheit, die bleiche Dulderin, Nicht immer noch Aus dem hölzernen Betstuhl der Kirche Querhin über den pfennigfeilschenden Markt Durch Seitengäßchen und Hinterpförtchen Nachts in das lampenerhellte Stübchen Der Dichter und Denker flüchten, Flüchten vor dem lauernden Schlangenblick Der kahlgeschorenen, glattrasirten Priester der Liebe? Und doch! Und doch! Durchblättre das große, heilige Buch der Geschichte, Und du speist dir selbst in dein Lügengesicht, Wenn du, Schwächling, die Lästrung wagst: „Alles ist eitel! Die Welt dreht sich rückwärts!“ Zwar die Bronceschwerter der Urzeit Sind nur die Ahnen ihrer Enkel gewesen, Der schlanken, stählernen Klingen der Neuzeit, Denn Ares, der Kriegsgott, Schüttelt sein schlangenlockiges Haupt Heut noch so wild wie zur Zeit des Homer: Doch wo sperrt noch heut Der assyrische Moloch der heidnischen Vorzeit Seinen feuerspeienden Rachen Hungrig nach Menschenfleisch auf? Wer schnürt wohl heut noch ein triefäugiges Weib, Blos weil es triefäugig ist, An den mittelalterlichen Brandpfahl? Und hat nicht erst gestern, Drüben über dem großen Weltmeer, Der schwarze Mann die Kette zerbrochen, Die ihm jahrtausendelang um den Knöchel geklirrt? Und haben ihm seine weißen Brüder Nicht treulich geholfen? Ist es von jenem ausgehöhlten Baumstamm, Der einst vor grauen Jahren Längs der felsigen Küste Phöniciens Ueber das Mittelmeer schwamm, Bis zum Great Eastern, Dem eisengeschuppten Riesendelphin, Denn nicht mehr als ein Schritt? Sind die sonnigen, griechischen Märchen Des Blinden von Chios etwa göttlicher Als das dunkle, deutsche Mysterium Von Dr . Faust? Und haben die Weisen der neuen Zeit, Keppler und Humboldt, Newton und Darwin, Der Welt denn nicht tiefer ins Herz geschaut, Als der griechische Aristoteles, Oder sein Schüler, der römische Plinius? So saß ich und sann ich. Wild schlug mein Puls, Meine Wangen glühten Und heiß wie im Fieber Pochten und hämmerten meine Schläfen. Mein Hirn war der Aetna Und seine Gedanken die Cyclopen! An den weißen Kalk der Decke Malte noch immer die grüne Lampe Kreisrund ihr zitterndes Goldlicht, Und die alte Schwarzwälder Wanduhr Nickte ihr Tiktak, wie vordem. Draußen in der dunklen, stillen Straße Warf der Regen Seine letzten, schweren Tropfen Plätschernd aufs Trottoir, Um die ausgedrehten Laternen Hatte der Nebel sich dichter gelagert Und durch den feinen, weißen Schleier Glotzte das stiller gewordne Caf é Mit seinen großen Fensteraugen Phantastisch herüber, Ein Rembrandtsches Halbdunkel. Ich aber achtet' es nicht Und sprang auf vom Schreibtisch Und durchmaß, verschränkten Arms, Mit großen, schweren Schritten Hastig das Zimmer. Der blonde Kopf der sixtinischen Göttin Schaute aus seinem wurmstichigen Rahmen Verwundert auf mich herab Und lächelnd schüttelte Auf seinem gelblichen Postament Das Miniaturbild der Venus von Milo Sein schönes, gipsverkittetes Haupt. Ich aber stellte mich fest Vor das wackelnde Bücherbrett hin Und lehnte den Kopf an das weiße Thürgerüst Und fühlte, wie mir das Herz bis hoch an den Hals schlug, Und sprach: „Nicht bleich und neidvoll Schau ich Nachgeborner empor Zu euch, ihr unsterblichen Kinder des Lichts, Die ihr den Staub der Erbärmlichkeit Verächtlich von den Füßen geschüttelt Und auf Alpengipfel entrückt, Von Wettern umblitzt Und umrauscht von den Flügen der jungen Adler, Aus euern großen, goldenen Herzen Jene erhabenen Werke geschöpft, Die Millionen und Abermillionen Lachen und Weinen, Lieben und Hoffen gelehrt; Jene Werke, die nun — nach Jahrhunderten! — In Bücher gedruckt und in Leder gebunden Von jenen weißen, tannenen Brettern Eure großen, goldgedruckten, Dreimal heiligen Namen Mir mystisch ins Herz blitzen! Ob ihr im Dämmergrau der Geschichte, Getaucht in die weichen Bläulichen Schatten des Himalaya, An den Ufern des heiligen Ganges, Vedenentziffernd, Unter den Palmen Indiens gewandelt; Ob ihr, die Herzen von Hymnen geschwellt, Auf die Nachtigallen von Hellas gelauscht Und sinnend Veilchen gepflückt am Ilyssos; Ob ihr, umweht von dem Odem des Weltgeists, Brütend durch euer Hirn gewälzt: Himmel und Hölle, Sein oder Nichtsein, Mahom und Faust — Am italischen Arno, Am englischen Avon, Am deutschen Ilm; Stolz sprech ich's aus: Ich beneid euch nicht! Rauscht nicht noch immer das blaue Weltmeer, Länderumrollend und inselgebärend, Seinen alten, heiligen Psalm? Träumt nicht noch immer der grüne Urwald, Föhndurchharft und sternübersät, Von den Wundern des ersten Schöpfungstags? Und schlägt denn das große Herz der Menschheit Heute nicht feuriger denn je? Ist der gewaltige Tempelbau, Zu dem einst der Schüler des Wiswamitra Und der Sohn der Jungfrau Maria Den Grund gelegt, Denn schon vollendet? Muß sich die Armuth, die ehrliche Armuth, Nicht immer noch bücken, Wenn ihr der Hochmuth, der reiche Hochmuth, Mit der Peitsche über den Rücken knallt? Lechzen nicht um mich noch tausend und abertausend Dürstende Seelen hungernder Völker Nach Licht und Freiheit? Und braucht denn die Wahrheit, die ewige Wahrheit, Nicht immer noch Zeugen, Zeugen, die gesteinigt bluten Und brechenden Herzens noch triumphiren können?? Und so heb ich denn hier Vor euch, ihr unsterblichen, Heiligen Märtyrer, Hoch meine Hand empor Und gelobe feierlich: Die Armen zu trösten, Die Schwachen zu stärken, Die Gefangenen zu lösen, Die Geschlagenen zu rächen, Die Wahrheit zu lieben, Die Lüge zu hassen Und meiner Kunst Ein Priester zu sein Mein Leben lang — Und alles das: Aus ganzem Herzen, Aus ganzer Seele Und aus ganzem Gemüthe! Und ob sich mein Pfad auch durch Wüsten windet Und unter dornenumkrochnem Gestein Giftige Schlangen nach meiner Ferse züngeln, Indeß die Versuchung, die alte, graue Sünderin, Mir dreifach ins Ohr raunt: „Thor, der du bist! Denk nicht an Andre! Denk an dich selber und schlage dich seitwärts! Besser als Nachts auf freiem Feld, Steingebettet und windbedeckt, Ruht es sich unter dem schirmenden Dach Der ragenden Burg, der hallenden Kirche Und des schimmernden Palasts!“...., Mein Weg sei gradaus ! Kein Gold soll mich blenden, Kein Kreuz mich verdummen, Kein Schwert mich erschrecken! Ja! Ein will ich stehn Für Licht und Wahrheit, Recht und Freiheit, Opferfreudig und unentwegt Mit Herz und mit Hand, in Wort und in That! Und will nur ein mal eine Fiber meines Herzens Untreu werden, untreu sich selbst: Dann sei die Lippe verflucht, die mich küßt, Das Herz, das mich lieb hat, breche in Stücke, Und die Hand, die schurkisch den Schwur gebrochen, Recke dereinst sich um Mitternacht Aus meinem Grab ins Mondlicht empor Und melde so stumm dem verstörten Wandrer: „Hier ruht der Verfluchte!“ Bebend rollten die dumpfen Worte von meinen Lippen, Auf meinen Lidern lag es wie Blei Und ich schleppte mich schwindelnden Kopfs an den Schreibtisch Und warf mich dort Erschöpft auf den Stuhl. Da — plötzlich — legte sich riesenschwer Auf meine müde, zitternde Schulter Eine große, knochige Faust Und vor mir stand, Bleich und düster, Eine markige, hochgegliederte Mannsgestalt Und sah mich mit großen, schwarzen Augen, Die abgrundtief unter der hohen, weißen Stirn Wie feurige Kohlen glühten, Durchbohrend an. Von den faltigen, malerischen Gewändern Längst verschollner Jahrhunderte Phantastisch behangen, Schien er mir eins jener dunklen, Räthselhaften Wesen, Die, wie das Volk sich heimlich ins Ohr raunt, Schon im Urbeginn der Zeiten Mit ihrem Schöpfer vermessen gehadert; Die beim flackernden Blutlicht menschlicher Brandfackeln Die Grabkammern der ägyptischen Pyramiden Zaubrisch mit Hieroglyphen bedeckt, Und die fluchgepeitscht, Ueberdauernd die gewaltigen Geschicke Aller Völker und aller Zeiten, Noch leben und athmen werden, Wenn der letzte Mensch, Müde des Seins und des goldenen Lichts, Schon jahrhundertelang ins Grab gestiegen Und die dunkle, todtenstarre Erde Ihre wüste, ausgebrannte Schlacke Eiskalt durchs Nichts wälzt. Und schaudernd sah ich, Wie das wachsbleiche Antlitz des mystischen Fremdlings, Wechselnden Mienenspiels, Mich grauenvoll anstarrte, Bald wie Christus, bald wie Mephisto Und bald — o Gott! — wie mein eignes Spiegelbild! Da gerann mir das Blut in den Adern zu Eis Und an die wilder pochende Stirn Tastete meine Hand wie im Fieber Und zitternd frug ich: „Was willst du?? Wer bist du??“ „Was willst du? Wer bist du? Windiges Püpplein!“ lachte der Schreckliche, „Ist da das Küchlein kaum aus dem Ei geschlüpft Und klatscht schon verwegen Mit seinen ärmlichen, Schalenumschlotterten Federchen, Flügelstolz, wie der alte, Braungesprenkelte Weih, Der über ihm hoch in blauer Luft Beutelüsterne Kreise zieht! Wer bist du!! Was willst du!! Thor, der so fragt! Beherbergt dein winziges Menschengehirnchen Etwa noch mehr solcher ungezogenen, Täppischen Schulbubenwitze? Schleudre erst von dir, weit, weit von dir, Dein florumflattertes, schellenumklingeltes, Kleinliches Selbst; Entziffre Nachts unterm Sternenhimmel Das große Räthselbuch der Natur; Begreife mit deinem Zwergverstand, Wie die Blume blüht und die Sonne scheint; Frage dich selber, woher und wohin; Und hat sich dein Fürwitz, Dein kleiner, menschlicher Fürwitz, Dann noch nicht erschöpft: Dann fasse dir — wenn du es kannst — Noch einmal ein Herz, Dann tritt noch einmal hier vor mich hin Und frage noch einmal: Was willst du? Wer bist du? Und ich werde dir — wenn du es willst — Das Urbild der Wahrheit zeigen, Schleierlos, wie ein nacktes Weib, Und auch du wirst dann sein wie der alte Gott, Der einst in sein herrliches Paradies — Dem Teufel zu Liebe! — Eigenhändig einen Apfelbaum pflanzte, Und wissen, was böse, doch nicht, was gut ist!! Doch à propos ich werde pathetisch! Und graue Haare und Gelbschnabelphrasen Sind immer komisch! Verflucht! Ich glaube, dein Monolog, Den du dir erst — Dort am Thürgerüst! — „Nicht bleich und neidvoll“ Vordeklamirtest, Ist Schuld an dem Unsinn, den ich geschwatzt! Doch setzen wir uns! Nicht wahr, du erlaubst doch?“ Sprach's und ließ sich, ironisch lächelnd, Mir gegenüber in den alten, Großgeblümten Lehnstuhl fallen, Der sich der hohen Ehre bewußt, Bedenklich nach vorn bog und: Knickknack! sagte, Legte phlegmatisch ein Bein übers andre, Nieste, rief: „Prosit!“ Zupfte sich etwas am Kragen zurecht Und fuhr dann in seiner Rede fort: „Mensch und Poet, Sieh mal nach, was die Uhr ist! Was, eine goldne? Meine war silbern nur Und blieb mir leider schon treulos stehn, Als Cäsar über den Rubikon ging. Dreiviertel zwei? Dann hab ich noch Zeit! Der nächste Schnellzug nach Buxtehude Geht ja bekanntlich erst 7 Uhr 50! Doch wenn ich nicht irre, riecht's hier nach Kaffee! Wie wär's denn, mein Freund, Wenn du mir, deinem Gast, Einen Löffel voll anbötest? Seit Muhameds Hedschra War ich in Mokka nur zwei- oder dreimal Und — ländlich schändlich! — Seit Sir Francis Drake trink ich nur Schnaps! Ausnahmen mach ich nur manchmal in China, Wo ich mich zopfgerecht Mandarin titulire Und Thee wie Wasser saufe, Und — last not least , wie wir Engländer sagen — Mein Freundchen, bei dir! Und warum denn auch nicht? Variatio delectat! Für Zucker dank ich! Milch nur ein wenig! So, das genügt! — Variatio delectat! O du mein Cicero, Göttlichster unter den Göttlichen! Deine Nase war krumm, Aber das Gold, das Gold deiner Rede Blitzte und floß — Um ein verbrauchtes Bild Gelegentlich wieder aufzuputzen — Von deinen Lippen wie Honigseim! Wie? Du lächelst? Wurm, der du bist! Du kennst ihn ja nur Aus der Unter-Sekunda her, Als du noch weisheitochsend die Bänke drücktest Und schon nach dem ersten, Weltberühmten: „Quousque tandem!“ Trotz Eselsbrücken und Präparation Schmählich stecken bliebst! Ich aber habe mit ihm, Einst als mein Bart, mein langer Judenbart, Noch nicht ganz so grau war wie heute, In den hängenden Gärten Seines Tusculums Bei einem Henkelkruge Goldnen Falerners Brüderschaft getrunken! Durch die zitternden Pinien brach silbern das Mondlicht, Fern von den Bergen her, triefend von Wohllaut Tönte das Lied der römischen Hirten Und aus dem bläulichen Dunkel der Grotten Leuchteten weiß und verführerisch Die nackten Glieder gemietheter Nymphen. Wir aber sprachen, falernerseelig, Ueber die platosche Philosophie Und schimpften weidlich auf Catilina, Den Carbonari! Und zwar in den schönsten classischen Formen Und gebrauchten nie ut mit dem Indicativ. Und verstummten erst lange nach Mitternacht, Wohlig eingewiegt von weißen, Schwellenden Frauenarmen! .... Ja, Homo Homunculus, Das waren noch Zeiten! Zeiten, von denen sich, Frei nach Shakespeare, Eure tintentrunkene Schulweisheit Heut nichts mehr träumen läßt! Doch Scherz bei Seite! Nicht um ein Stündlein mit dir zu verplaudern, Malträtir ich hier deinen Lehnstuhl! Dein Schutzgeist, ein kleiner, niedlicher Blondkopf, Hat oft meiner Großmutter, Der alten Hekate, An dunklen Winterabenden, Wenn wir gemüthlich ums Höllenfeuer hockten Und Sünder wie Bratäpfel schmorten, Lange Geschichten von dir erzählt: Wie du schon in der Wiege, Als kleiner Schreihals, Dich in den schwierigsten Rhythmen geübt Und später als fünfzehnjähriger Dandy Krampfhaft höhere Töchter besungen Und pralineenaschend hyperplatonisch Für Zuckerwasser und Mondschein geschwärmt, 19 Bis du nun endlich — mit 20 Jahren! — Eine Reimfabrik etablirt Und selbstzufrieden mit goldnen Lettern Ueber die Thür gemalt: „Weltverbesserungsoffizin!“ Natürlich brüllte die ganze Gesellschaft Dann dreimal: „Hurrah!“, Der „Chor der Verdammten“ erging sich johlend In den polizeiwidrigsten Verbalinjurien Und Beelzebub gar Biß sich vor Lachen in seinen Schwanz! Ich aber dachte an Karl Moor Und sprach mit Schiller, deinem Collegen: „Dem Mann kann geholfen werden!“ Denn seit man auf Erden hier Neben die Kirchen, Kasernen und Zellengefängnisse Auch Irr'nhäuser, Sparkassen und Volksküchen baut, Folg ich der Mode und mache in Mitleid! Und so sitz ich denn nun Hier in deinem Museo Und predige also: Mensch! Kind dieses „aufgeklärten“ Jahrhunderts, Bist du denn wirklich naiv genug Und glaubst, wie ein Kindlein, Die Ritzen des Weltbaus Mit Versleim verstopfen zu können? Gibst du dich wirklich dem Köhlerwahn hin Und bildest dir ein, Dein schädelgeborener Mikrokosmos Würde den fadenscheinigen Groschenseelen Deiner lieben, unsterblichen Mitwürmer Auch nur einen Pfifferling werth sein? Ich aber sage dir: Und wenn Camoens, der Portugiese, Noch einmal lebte Und noch einmal seine Lusiaden sänge, Die Welt stieß ihn noch einmal kalt ins Spital Und noch einmal müßte der „Stern von Lisboa“ Auf faulem Stroh elend verrecken, Angespieen wie ein toller Hund!! Glaube mir, Freund, Die Menschheit, Diese concentrirte Bestie, Die mit der Zeit, Gelehriger noch als ihr äffischer Urahn, Der erste Pavian, Scepter und Kronen apportiren gelernt, Hat immer nur hündisch Ihrem Bändiger die Hand geleckt Und kothbespritzt Sich behaglich ihrer Verdauung gefreut, Indeß die großen, herrlichen Dulder — Ihre Wohlthäter! — Weltverlassen am Kreuz verblutet, Oder im Kerker elend verschmachtet! Denk an Christus, denk an Columbus! Auch ich war einst jung, Auch mir ging der Kopf oft Schwärmerisch mit dem Herzen durch; Und wenn ich dann singend und lustberauscht Durch den Frühlingsgarten der Schöpfung gewandelt, Dann hab ich beseligt geglaubt wie du An die goldene Zeit und den ewigen Frieden, An das verheißene Eldorado! Doch der Schleier zerriß Und unter dem Lenzgrün der sündigen Erde, Neben die Schuppenthiere der Urwelt Grauenvoll hingelagert, Sah ich die höhnisch grinsenden Schädel Ganzer Geschlechter, Die vor mir gelebt und gelitten wie ich, Würmerdurchkrochen! Und über die Gräber Wälzte sich wüst Durch den lachenden Sonnenschein Ein gräßlicher Pestknäul Von Noth und Sünde, Gold und Blut, Schlangenumzischt! Und die liebliche Freundin meiner Seele, „Die edle Trösterin, Treiberin Hoffnung,“ Weinte sterbend Ihre letzten Thränen! Und so stand ich denn nun, Zweifelnd, verzweifelt, Auf diesem wüsten, Entsetzlichen Trümmerball, An dem einst ein Gott Sieben Tage Sieben lange, verlorene Tage Nutzlos herumgemodelt, Und lauschte begierig den weisen Sprüchen Der alten indischen Evangelisten. Und sie raunten mir zu: „Was lebst du noch, Thor? Tauch dich hinab, Tief hinab In das selige Urnichts! Millionen Sonnen Sind schon verblutet Und aber Millionen noch Werden verbluten Und du ? Fliehst den Tod? Dies elende Sein Ist des Seins ja nicht werth! Was lebst du noch, Thor? Tauch dich hinab, Tief hinab In das selige Urnichts!“ Ich aber habe, Prometheus zum Trotz, Gerungen wie Faust und gelitten wie Hiob, Bis ich mich endlich, blutenden Herzens, In das eherne Schicksal gefügt. Doch glaube mir, Freund, Hamlet hat Unrecht: Der Rest ist nicht Schweigen, Der Rest ist Verachtung! Und so wandl' ich denn nun, Wie mein Bruder, der ewige Jude, Auf dieser „besten aller Welten“ Ruhlos umher, ein lebendiger Leichnam, Und denke mit Salomo: „Alles ist eitel!“ Nur manchmal noch, manchmal, Wenn sich die Sonne purpurn ins Meer taucht, Oder der Frühling hoch auf die Berge steigt, Oder „auf ewig“ im ersten Kuß Zwei Herzen sich finden, Zwei arme thörichte, Wankelmüthige Menschenherzen: Klingt's durch die Weihnachtsglocken der Kindheit Mir süß wie die Stimme meiner Mutter, Meiner schönen, todten Mutter, Und ich denke zurück an die alte Zeit, Als ich im Volk noch des Menschen Sohn hieß! Damals war ja mein Herz, Mein armes Herz, Noch kein todtes Uhrwerk; Lieblich grünten die Thäler von Hebron, Mir zu Füßen rauschte der Jordan Und blutroth blühte die Rose von Saron! Ich liebte, liebte und wurde geliebt Und freudig trug ich die „frohe Botschaft“, Die goldne Legende, Unter die Fischer am See Genezareth. Doch Teufel! was red ich! Nickt denn nicht grinsend von meinem Käppi Die fuchsrothe Hahnenfeder Mephistos? Und bin ich nicht oft mit Marte Schwertlein Schäkernd im Mondschein, Hart an der Stadtmauer, Arm in Arm durchs „Wurzgärtlin“ gestelzt? Indeß mein Blutsfreund, der junge Magister, Unterm blühenden Rosengebüsch Seinem blonden, schnippischen „Grasaffen“ Zärtlich die Cour schnitt? — Mensch! Stier mich nicht an! Glaubst du, ich kram hier im Fieberwahn Tollhausentsprungene Märchen dir aus? Seh ich denn aus, wie ein Charlatan? Sieh mich doch recht an! Hat dich nicht schließlich alles getäuscht Und bin ich nicht du? Und dennoch verkriecht sich dein furchtsames Ich Scheu in sich selbst? Graut dir vor mir? Papperlapapp! Ich heiße nicht Heinrich! Schlag ein neutraleres Thema vor Und ich rede so dumm, wie der ehrlichste Spitzbub! Ah voilà — dein Manuscript! Mal her das Geschreibsel! Was? Verse? Schon wieder mal Verse? Natürlich für Prosa Hält sich der gnädige Herr ja zu schade! Schlag da der Teufel drein! Gut, daß mein Schwager, der alte Weltgeist, Dich nicht zum Hausarzt hat! Hättest ihm längst schon mit deinen verfluchten Lyrischen Universaltinkturen Homöopathisch den Magen verdorben! Kenne die Verse! Habe dir oft, wenn du Nachts bei der Lampe Brütend am Federhalter gekaut, Ueber die Schulter geguckt. Zwar Recht muß Recht bleiben, Die allerfadesten, die ich gelesen, Sind's grade nicht — Elise Polko gibt schlechtre heraus! Zum mindesten scheinen sie Fein ciselirt und bunt wie Perlmutter! Und doch, Ben Akiba hat wieder mal Recht: „ Alles schon dagewesen!“ Du aber dünkst dich das Urgenie selbst, Wirfst lukullisch Mit neuen Reimen und alten Gedanken Wie mit Aepfelschalen umher, „Dichtest und denkst“, Schreibst dann dein Machwerk In ein kleines, schwindsüchtiges Heftlein Säuberlich ein Und nennst es pomphaft: Das Buch deiner Zeit! — Eins gegen Hundert! Ich wette, auch du, Freund, denkst nun bereits Materiell wie alle Poeten: „Süß, o süß schmeckt der erste Kuß, Aber noch süßer, weit, weit süßer Schmeckt das erste, heißersehnte Goldig klimpernde Honorar!“ Hoffentlich Mensch, „Krone der Schöpfung“, Hat dir dein Gönner Ben Machol Noch nichts drauf gepumpt? Wäre doch schad um sein koscheres Geld! Oder hast du schon — So unter der Hand — Nach einer Villa dich umgesehn? Im Winter Berlin, im Frühjahr Florenz, Im Herbst Paris, und im Sommer Ostende! Famoses Leben das! Pyramidal!! Fasanenhaft!!! Und Lorbeeren? Ganze Viehwagen voll! Nicht wahr, mon cher , ich hab es errathen? Nicht? Na, denn nicht! Nur nicht die Miene gekränkter Unschuld! Bist doch kein Mädel, das nur geküßt sein will Und sagt nicht ein altes Volkslied schon: Ein braver Kerl und ein braver Knuff, Die passen halt immer zusammen? Item! Wie Doctor Martin sagt, Schießen wir endlich den Vogel ab! Mensch! Zeitgenosse von Emile Zola! Weltverbesserer par excellence ! Bist du denn ganz und gar vernagelt Und siehst du nicht ein, wie das Publikum, Das Massenpublikum deiner Zeit, Hundertmal lieber Wiener Schnitzel als Verse verdaut? Wer liest denn heut welche? Junge Mädchen am Einsegnungstage, Oder, wenn's hoch kommt, verliebte Primaner! Und — was das Schlimmste — Wer macht denn heut welche? Läßt dich dein sterblicher Galgenhumor Nicht schmählich im Stich, Dann mustre doch einmal Das elende Phrasendreschergezücht Der Kathederpoeten und Sonntagsdichter! Alles nur Blaustrümpfe, männliche Blaustrümpfe! Ach und kein einziger ehrlicher Kerl, So ein Kerl, was man Kerl nennt! Hinc illæ lacrimæ ! Du aber streichst dir, tief in Gedanken, Schon martialisch den Schnurrbart in spe Und regierst die Feder, als wär sie ein Wurfspeer, Und rufst wie Hutten: „Ich hab's gewagt!“ Laß doch, mein Freundchen; laß doch, wozu denn? Wozu denn dich opfern, opfern für nichts? Wozu denn verhungern wie Doktor Tanner? Macht heut bei Licht besehn keinen Effekt mehr! Die goldne Zeit des heilgen Antonius Ist gottlob vorüber! Wärst du noch Jungfer, ich proponirte dir: „Geh in ein Kloster!“ So aber rath ich dir dringend und ernsthaft: „Werde Professor in Königsberg Und schreibe die Memoiren Odhins — Selbstverständlich in Stabreimprosa! Pump dir das Schreibrohr Des Herrn Mirza von Schaffy Und schlage das Tamtam und predige Weisheit! Kauf dir ein Landgut und handle mit Possen, Meinethalb auch mit alten Hosen! Und wenn dir das Geld fehlt, Kauf dir den Toussaint und übersetze Englische Gouvernantenromane! Thu, was du willst! Gieß dir ins Wasserglas Cognac hinein Und verkünde befrackt „popolär“ vom Katheder, Wie der erste Mensch und der letzte Papu Sich so verteufelt ähnlich gesehn! Fasle das Blaue vom Himmel herunter! Tanz auf dem Seil! Schneide Gesichter! Werde Schuster! Werde Weinreisender! Leg dich auf Flohdressur Und fertige Patente, Fertige Zöpfe und falsche Waden! Mache Reklame, Guano und Caviar! Mach, was du Lust hast, Nur keine Verse! Dixi , Poetlein! Dixi! Dixi !“ Also sprach er, der grobe Poltron, Der „Schwager des Weltgeists“, Der „Enkel der Hekate“, Und frug noch einmal, ob es schon Zeit sei, Und drückte mir dann „ Au revoir !“ wie er lächelnd meinte, Die tintenbeklexten Poetenfinger So echt deutsch und hausknechtsch, Daß ich lautauf wie ein wunder, Homerischer Held „Ὦ μοῖ ἐγώ ! “ schrie und — Erwachte! ..... Natürlich!!! Vor mir, Auf dem wachsüberzogenen Schreibtisch, Lagen die Bücher und Manuscripte Wüst durcheinander, Das „Goldlicht der Lampe“ war längst erloschen Und statt des „braunen Kaffeedufts“ Zog sich stickig der Brenzelgeruch Des schwarzverkohlten Dochts durch das Zimmer. Sonst aber stand, lag und hing Alles noch an seinem alten, Gewohnten Platz. Hüben die gelbsüchtge Venus von Gyps Drüben der Raphaelische Kupferstich, Links der Papierkorb und rechts die Wasserpfeife! Nur draußen hatte sich unterdeß Das Bild geändert. Weiß und kalt Stahl sich durchs Fenster das Morgenlicht, Linkshin hatte das Wiener Caf é Schamhaft seine Spiegelscheiben verhängt Und über den Asphalt wälzte sich dumpf Das wieder erwachte Geräusch der Straße. War das dieselbe Welt, Die Welt von gestern? Und sollten die Bilder, Die tollen Bilder der letzten Nacht, Nur Traumbilder gewesen sein, Traumbilder einer erhitzten Phantasie? Doch still! es klopfte und lächelnd trat Mein Stubennachbar zu mir herein, Der neugebackene Referendar, Sagte: Morgen!“ und ließ sich dann, Leger wie immer, In meinen alten, Wackligen Lehnstuhl fallen, Drehte sich zärtlich seinen blonden Wohlgekräuselten Henri Quatre Und schoß dann los: „Hoffentlich stör ich hier nicht! Wollte Sie nur im Vorbeigehn fragen, Haben Sie heute Vormittag Zeit? Hat da ein ehmal'ger Leibfuchs von mir Gestern den Doctor gemacht, „ Utriusque “ natürlich! Fidele Kneipe gewesen, saufidel! Natürlich etwas spät nach Hause geklettert! Famoser Frühschoppen heut! Erlanger Bier! Patentes Gesöff! Sie kommen doch mit? — Nicht?! Ei verflucht! Na dann sei'n Sie mal Großkooz Und bleichrödern mir So Stück zehn, zwanzig Mark! Wissen doch! Kurz vor dem Ersten! Momentane Verlegenheit! Handschuh bezahlt! Na, und so weiter! In circa acht Tagen Schickt mir der Alte ja wieder Moos! Bis dahin, Herr Nachbar, Setzen wir uns Auf den Probirstuhl Und leben einmal A la commune In Gütergemeinschaft! Natürlich, nur Bismarck zum Aerger! Famoser Witz das? Nicht wahr, Herr College? Doch à propos , ich sag da „College“! Ist doch gestattet? Nicht wahr? Sie machen doch auch Verse?“ Berliner Schnitzel. 20 Ich bin ein wilder Reiter, Auch beißt und schlägt mein Gaul, Ich bin ein grober Streiter Und führ ein grobes Maul. Gottfried Keller. Initiale. D ie deutsche Sprache war einst in alter Zeit Ein blondes Vollweib, das durch die Wälder strich; Doch heut ist längst ihr schlotternder Busen Platt wie ein Plättbrett! Das gute Frauchen hat zu viel Thee geschluckt Und leidet nun an Husten und Heiserkeit; Ich aber frage, wann wird sie wieder Saugrob wie Luther? Programm. K ein rückwärts schauender Prophet, Geblendet durch unfaßliche Idole, Modern sei der Poet, Modern vom Scheitel bis zur Sohle! Leider! D ie deutsche Dichtkunst schrieb notorisch Sich selber den Uriasbrief, Seit das Gefühl ihr obligatorisch Und der Verstand nur facultativ. Philologenpoesie. W ie, wann, warum, wodurch und wie? Zum Teufel, die so schreiben! Die Philologenpoesie Kann mir gestohlen bleiben! Stubenpoesie. D ie Simpeldichter hör ich ewig flennen, Sie tuten alle in dasselbe Horn Und nie packt sie der dreimal heilge Zorn, Weil sie das Elend nur aus Büchern kennen. Chorus der Lyriker. O Mainacht, Mond und Mandoline! Wer schwärmte früher für Lassalle? Heut gellt der Pfiff der Dampfmaschine Ins Hohelied der Nachtigall! Man schimpft uns „ewge Sekundaner“, Doch falsch ist ihre Strategie: Wir sind die letzten Mohikaner Der deutschen Stimmungspoesie. Wir klopfen an die leere Tonne Und rufen: Wein her, rothen Wein! Auch uns erfreut das Licht der Sonne, Nur darf es nicht elektrisch sein. Laßt uns die Henkelkrüge schwingen: Ju Evoë, Anakreon! Was geht die Zeit uns an? Wir singen Vom Mammuth und vom Mastodon! Donner und Doria! D as ist so heute der Herren Manier: Man setzt sich ans Schreibpult wie an ein Klavier; Vor sich drei Bogen gelbes Concept Und kommt sich vor wie ein alter Adept. Dann taucht man ins schwarze Gallelement Sein Selbstberäucherungsinstrument, Träumt sich nach Memphis, Korinth und Walhall Und gebiert einen mächtigen Phrasenschwall. Daneben spuckt man nach Recht und Pflicht Der neuen Zeit in ihr Prosagesicht; Und hat man sich dick mit Gefühlen beschwert, Wird drüber der Thränenkübel geleert. Dann druckt es der Drucker auf fein Velin, Der Buchbinder bindet's in Maroquin Und schließlich schimpft's die Kritik: „Poesie“ — Blasphemie!!! An unsre Modedichter. N och ehe die Zukunft euch richtet, Verfallt ihr der ewigen Nacht, Weil ihr zu viel gedichtet Und weil ihr zu wenig gedacht! Traurig aber wahr. D ie deutsche Muse — hört's, ihr Patrioten! — Warf ihre Flinte lachend längst ins Korn; Mit Heinrich Heine riß sie freche Zoten Und rülpst nun Verse à la Klapperhorn. Suum cuique! I ch weiß, ich bin euch zu polemisch; Doch die Dichteritis ist heut epidemisch. Und kann ich ihr nicht das Maul verriegeln, So will ich ihr doch den Hintern striegeln! Recept. N icht wahr, du bist ein großes Thier? So sprich, was ist zum Dichten nütze? Eine Perryfeder, ein Bogen Papier, Ein Tintenfaß — und ein Schädel voll Grütze! Stoßgebet! E ins ist Noth, ach Herr, dies Eine Lehre mich vollbringen hier, Und mein Schutzpatron, der Heine, Schärfe meine Klingen mir; Gürt mein Herz mit Siegfriedsleder, Gieß ins Hirn mir tausend Lichter Und befiehl in meine Feder Unsre sogenannten Dichter; Dichter, deren ganzer Codex Essen, Trinken, Trinken, Essen, Dichter, die sich in den Podex, Hämorrhoiden eingesessen! Grüß Gott, ihr Folianten, Hurrah in den Tod! Spielt auf, Musikanten, Das Eine thut Noth! Offener Brief. L aßt euch begraben, ihr Philologen, Bei mir habt ihr den Kürzern gezogen! Drei winzige Jährchen erst ist es her, Da habt ihr geflucht die Kreuz und Quer: Der Kerl, der hat zu lange Ohren, An dem ist Hopfen und Malz verloren! Und heute? Donner und Doria! Grenzt das nicht schamlos an einen Eclat? Zwar, was er weiß, ist nur autodidaktisch, Aber das Factum ist eben faktisch: Er capirte die deutsche Poesie Auch ohne die griechischen Verba auf mi! An Neunundneunzig von Hundert! I hr schwatzt befrackt hoch vom Katheder Von alter und von neuer Kunst, Von Fleischgenuß und Sinnenbrunst, Und gerbt nur Leder, altes Leder! Ihr laßt um jede Attitüde Ein weißgewaschnes Hemdchen wehn, Denn um die Schönheit nackt zu sehn, Sind eure Seelen viel zu prüde! Als Wegzehrung. G ott weiß, du bist ein braver Junge, Noch neune solcher machen zehn, Dein Herz ist rein wie deine Zunge Und schwerlich wirst du untergehn. Du wogst noch niemals eine Lanze Und singst von Liebe nur und Lenz — So geh denn hin, mein Freund, und tanze Den Eiertanz der Convenienz! Bibelbiereifrig! H ier Genie und dort Talent! Jeder Mensch hat sein Pläsirchen — So ein armer Recensent Ist das ärmste aller Thierchen. Wenn es pfaucht und wenn es zischt, Laß es, laß es sich nur schinden, Denn dem Ochsen, der da drischt, Sollst du nicht das Maul verbinden! An meine Freunde. N och immer, ihr Freunde, florirt der Leim, An dem die Dummen sich leimen; Die Dichter reimen und reimen Und noch immer erscheint das „Dichterheim“! Drum schaart euch zusammen nun Mann an Mann Und wetzt eure Schwerter und sagt mir an: Wann werden wir endlich zu Boden treten Das lyrische Kruppzeug der Afterpoeten? An die Conventionellen. I hr habt genug mein armes Hirn gebüttelt, Ich käu nicht wieder wie das liebe Vieh; Längst hab ich von den Schuhen ihn geschüttelt, Den grauen Schulstaub eurer Poesie! Ich hab mich umgesehn in meinem Volke Und meiner Zeit bis tief ins Herz geschaut Und nächtlich ist aus dunkler Wetterwolke Ein heilig Feuer in mein Lied gethaut. Nun ruf ich zu des Himmels goldnen Kronen: Dreimal verflucht sei jegliche Dressur! Zum Teufel eure kindischen Schablonen! Ich bin ein Mensch , ich bin ein Stück Natur ! En passant. W as soll uns heut lyrisches Mondscheingewimmer? So seid doch endlich still davon! Ihr ändert's ja doch nicht, die Zeit ist noch immer Die alte Hure von Babylon! Das Eisen der Kraft hat sie spielend zerbrochen, Sie schnitzt sich Heroen aus jedem Wicht Und saugt uns das Mark aus unsern Knochen Mit ihrem weißen Sirenengesicht. Die Flammen der Freiheit sind lange vergluthet, Die Herzen schlagen, die Herzen schrein — Eh der neue Messias sich verblutet, O heilige Sintfluth, brich herein! 21 An die Autoritätsklauber. S chon immer hat uns der Magen gebellt, Auch ohne den modischen Materialismus, So alt wie diese alte Welt Ist ergo auch Zolas Zolaismus. Drum poltert nur, poltert: Bezuckerter Mist! Er fürchtet nicht eure kritischen Besen, Ist doch der erste „Naturalist“ Schon der alte Vater Homer gewesen! An gewisse Quidams. I ch weiß, ihr wünscht mir die Pest an den Hals, Ihr geberdet euch täglich entzückter; Drum flucht nur, er ist uns nichts weiter, als Ein verrückt gewordner Verrückter! Doch verlästert mich nicht, denn dann seid ihr verratzt Und der Teufel kommt gleich, euch zu holen, Denn ich habe noch nie eine Jungfer beschwatzt Und silberne Löffel gestohlen! Die achte Todsünde. E in Dichter darf mit seinen Sachen Uns wüthend, darf uns rasend machen, Wir stecken's schließlich ruhig ein, Wer wird denn immer: „Kreuzigt!“ schrein? Nur Eins wird man ihm nie verknusen, Und gäb's statt neun selbst neunzig Musen: Wenn er in Reimen wässrig thränt, Indeß sein armer Leser gähnt! Drum, wer uns langweilt oder ledert, Verdient, daß man ihn theert und federt! Pro Domo. W eh, unser Zeitgeist liegt noch in den Windeln: Die Juden schachern und die Pfaffen schwindeln! Den Freund erschießt man im Duell Und sucht die Liebe im Bordell. Die deutsche Sprache wird gefälscht, Gekauder- und solongewälscht Und wässrig thront auf dem Parnaß Die aurea mediocritas . Drum schimpft nur weidlich: „Pamphletist“, Ich bin nur Stimmungspessimist! Dito. I ch bin mein eigner Kritikus, Drum spart euch eure klugen Reden, Sagt doch ein alter Pfiffikus: Nicht jede Formel paßt auf Jeden. Mir hätt es so, mir so behagt, Schon gut, schon gut, ihr lieben Leute; Ihr wißt ja, was das Sprichwort sagt, Der Jäger pfeift, es bellt die Meute! Doch daß ihr auch der Weisheit Schluß, Der Wahrheit Wahrheit mögt erfahren, Sagt jener selbe Pfiffikus: Die Thorheit wächst oft mit den Jahren! Selbstporträt. N ur Wenigen bin ich sympathisch, Denn ach, mein Blut rollt demokratisch Und meine Flagge wallt und weht: Ich bin nur ein Tendenzpoet! Auf Reime bin ich wie versessen — Drum lob ich plötzlich die Tscherkessen — Und wüst durch mein Gehirn scherwenzen Verrückt gewordene Sentenzen. Mein Blut rollt schwarz, mein Herz schlägt matt, Mein Hirn hat noch nicht ausgegoren, Denn meine gute Mutter hat Mich hundert Jahr zu früh geboren! Verschiedenen Collegen. I hr armen Dichter, die ihr „Philomele“ In jedem Lenz noch rhythmisch angeschwärmt, O, wenn ihr wüßtet, wie sich meine Seele Um ihre gottverlassnen Schwestern härmt! Dreht ihr auch noch so ernsthaft eure Phrase, Der Teufel setzt sie lustig in Musik, Denn eine ungeheuer lange Nase Hat seine Großmama, die Frau Kritik. Dreierlei! I ch bin ein Dichter und kein Papagei Und lieb es drum, in unsre Zeit zu schauen, Und doch mißfällt an ihr mir Dreierlei, Und dieses Factum kann ich nicht verdauen: Die jungen Damen werden nie mehr „blind“, Die jungen Herrn sind meistens eitle Schöpse Und — last not least — die echten Thränen sind Noch seltner heute als die echten Möpse! ! V erfluchtes Epigonenthum, Aegypter- und Teutonenthum, Daß dich der Teufel brate! Schon längst sind wir fascikelsatt, Grinst doch durch jedes Titelblatt Das Dante'sche „ Lasciate !“ Einem Kritiker. D as größte Maul und das kleinste Hirn Wohnen meist unter derselben Stirn. Collega Collegæ. D ein Lied ist ein schreiendes Transparent, Dahinter dein Hirn wie ein Talglicht brennt. Kritiksucht. W enn die Kritiksucht unsre Kunst En masse schablonenhaft verhunzt, Fällt mir der Vers ein, der famose: „Du stinkst, sprach einst das Schwein zur Rose.“ An meine Kritiker. N och niemals hab ich mich geduckt, So oft ihr auch gegen mich aufgemuckt; Das macht, ihr seid total entnervt: Ihr donnert, eh ihr Blitze werft! Einem „Freunde“. N ur selten hab ich mich ereifert, Wenn du mich hinterrücks begeifert; Dein Grund ist jedenfalls sehr triftig, Auch kleine Kröten sind ja giftig! Einem Pseudonym. Z war deine Reime sind nur selten weibliche, Doch was sie meinen ist das Ewig-Leibliche; Laß ab, du lockst uns doch nicht in den Sumpf. Durch deine Phrasen lugt der blaue Strumpf! Unser Wortschatz. D ie Philologen, die sich stritten, Rechneten Wort für Wort zurück Und sahn: der Schatz des großen Britten Umfaßte 15,000 Stück! Doch heut im neunzehnten Jahrhundert Die Dinger wie der Wind verwehn: Ein Droschkenkutscher braucht fünfhundert, Ein lyrischer Dichter nur circa zehn! Einem Fortschrittsleugner. D ein Hypothesenungeheuer Hat mich noch niemals recht erbaut. Der Weltgeist ist ein Wiederkäuer, Der ewig frißt und nie verdaut? Still, still, mein Lieber; also spricht Nur Einer, den der Haber sticht, Denn könnt' ich, hoch im Himmel hausend, Nur um ein lumpiges Zehnjahrtausend Dein Hirn nach rückwärtshin verrenken, Du würdest anders drüber denken! Sansara. D as Nichts, das nie und nirgendwo, Suchst du vergeblich zu beweisen; Es ist und bleibt nun einmal so: Du grübelst und die Sterne kreisen! Abfertigung. W ohl machst du mir für mein Talent Ein ungeheures Compliment, Doch schone, Freundchen, deine Lunge, Denn wo das Herz spricht, schweigt die Zunge. Trotzalledem! D ie sieben Farben und die sieben Töne, Der Welt Gestaltung und der Menschheit Treiben, Das Ewigwahre und das Ewigschöne Wird ewigwahr und ewigschön verbleiben. Stimmt! D as Einmaleins und das Abc Ist nichts, als die Weisheit im Negligee. 22 Einem „Tondichter“. D u bist, ein Jeder nimmt drauf Gift, Das Theekind aller alten Vetteln Und auch, was deine Kunst betrifft, Gerecht in allen Modesätteln. Uns fascinirt nicht nur dein Name, Du spielst wahrhaftig mit Talent — Zumal dein Lieblingsinstrument, Das goldne Kalbfell der Reclame! Richard Wagner als „Dichter“. D as urigste Poetastergenie, Das unser Jahrhundert geboren; Schon beim Anhören seiner Hotthüpoesie Verlängern sich unsre Ohren! Der deutschen Sprache spie dreist ins Gesicht Seines Stabreims Eiapopeia — Ein demokratischer Krebs, der Verse verbricht: Wigala Wagala Weia! An Gottfried Keller. D ie Weisheit lieh dir ihre Huld, Die Schönheit steht in deiner Schuld. Durch deine Verse blitzt und rollt Goethe'sches Gold! Ich möchte dich bis in den Himmel heben, Doch ach, du glaubst ja nicht an ihn, Denn nur die Erde trägt dir Reben, Rothe Rosen und weißen Jasmin. Du bist mir auf hundert von Meilen entrückt, Doch hab ich dir oft schon die Hand gedrückt Und jauchz dir nun zu durch Nebel und Dunst Das alte Sprüchlein: „Gott grüß die Kunst!“ An die Wölfflinge. N och immer währt die Aventiurenplage — Allwöchentlich ein Buch von zwanzig Bogen! Wir aber thun stets unsre alte Frage: Habt ihr euch immer noch nicht ausgelogen? Seht, eure Herzen wickelt ihr in Watte Und malt drauf zierlich: Vorsicht! Porzellan! Und ist auch manches „Vater, Mensch und Gatte“, Sein Lumpenpack ist jedenfalls im Thran. O, werft ins Feuer euer Flickenkleid, Am nächsten Stein zertrümmert euern Psalter, Denn uns „Modernen“ liegt die Bronzezeit Wahrhaftig näher als das Mittelalter! An Albert Träger. D u überschwemmst das ganze Land Als Mutterliederfabrikant Und bist, soviel du auch geschrieben, Immer ein kleines Kind geblieben. An Max Kretzer. D u bist das wahre Urgenie Der Hintertreppenpoesie; Damit sie wirkt, versetzst du deine Schrift Mit Brausepulver und mit Rattengift! An Joseph Victor von Scheffel. D u schwankst als Urbild hin und her Eines süffelnden Philosophen, Im Magen liegen uns centnerschwer Deine vorsintfluthlichen Strophen. Jahrzehntelang lagen sie uns zur Last, Deine altdeutsch jodelnden Leute, Doch daß du den Ekkhart geschrieben hast , Das danken wir dir noch heute ! Felix Dahn. L yrisch hat er geasathort Schon als ein Jüngling mit lockigen Haaren; Achtung, in seinem Schädel rumort Ledern die Weisheit von tausend Jahren! Aber, verbrach er auch manchen Quark, Unser Volk wird ihn ewig lieben, Hat er doch einst, die Knochen voll Mark, Herrlich den „Kampf um Rom“ beschrieben! Einem Gartenlaubendichter. A ch, lieber Emil, hab Erbarmen, Pust aus dein kleines Dreierlicht! Denn die schwarzweißrothen Gelegenheitscarmen Haben wir endlich dick gekriegt. Du bist und bleibst ein bloßer Reimer, Kein echter Sohn des Vater Rhein, Und schenkst deinen Lesern, statt Rüdesheimer, Nur versificirten Dreimännerwein. An Rudolf Baumbach. „ M ondschein, Zuckerwasser und Flieder“ Waren dir schon von je zuwider; „Besser blinkender Sonnenschein, Rauschende Tannen und alter Wein!“ Ja, das ist deine ganze Devise, Du unter Zwergen der einzige Riese! Bist uns so plötzlich hereingeschneit, Du und die alte Zigeunerzeit! Zwar unsre Sphinx wirst du schwerlich errathen, Aber ein Wort von dir gilt uns Dukaten; Und deine Weltweisheit lacht uns ins Herz, Wie ein Shakespearscher Fallstaffscherz: Pfeif auf die Weisen, pfeif auf die Thoren, Schlage die Welt dir forsch um die Ohren, Habe das Herz auf dem rechten Fleck, Alles andre — ist ein Dreck! An Adolf Friedrich Graf von Schack. O Gott, wie ledern respective blechern Ist doch der Quark von all den Versverbrechern, Die heut mit selbstgefälligem Behagen Das Tretrad schwingen und das Tamtam schlagen! Nur du schwingst nicht das Weihrauchfaß der Mode Und beugst vor deinem Publikum das Knie, Du weihst dich als begeisterter Rhapsode Dem Hohenpriesterdienst der Poesie! Die Zeit ist eisern, eisern ihr Beruf, O, daß sie endlich ihres Sohns gedächte, Des Sohns, der ihr die „Weihgesänge“ schuf, Sie und des Orients wundervolle „Nächte“! Seit mir die Muse lächelnd zugenickt, Hab ich mit Staunen zu dir aufgeblickt Und winde dir nun in dein Kranzgeflecht: „Ich danke dir!“ Das kommende Geschlecht. An Friedrich Rückert. D u warst im Leben Unterthan und Christ Und mehr als einmal auch ein Erzphilister, Drum trauern, daß du schon gestorben bist, Noch heute alle Unterrichtsminister. Denn lebtest du noch, dich ernannten sie, Ich schwör's bei allen abgehaunen Zöpfen, Zum Mandarin der deutschen Poesie, Zum Mandarin mit dreizehn Knöpfen! Unsre Zeit. J a, unsre Zeit ist eine Dirne, Die sich als „Mistreß“ produzirt, Mit Simpelfransen vor der Stirne Und schauderhaft decolletirt. Sie raubt uns alle Illusionen, Sie turnt Trapez und paukt Klavier Und macht aus Fensterglas Kanonen Und Kronjuwelen aus Papier! Ein „garstig“ Lied! „ E in garstig Lied, pfui ein politisch Lied!“ So schrieb einst der Geheimrath, Herr von Goethe, Und wenn mein Grips nicht um die Ecke sieht, Tanzt auch die Welt noch heut nach dieser Flöte. Ich aber denke, heilige Dressur! Und folgre daraus dieses Eine nur: Daß Prügel für gewisse Kreise Auch heut noch eine Lieblingsspeise! Einstweilen! D ie alte Welt ist ein altes Haus Und furchtbar ungemüthlich, Der Nordwind pustet die Lichter aus — Ich wollte, wir lägen mehr südlich! Ich wollte .... Puh Teufel, wie das zieht! Der Hagel prallt an die Scheiben! Drum singt nur einstweilen das tröstliche Lied: „Es kann ja nicht immer so bleiben!“ An den's gerichtet ist! D u bist ein Held, wie der König Saul, Und hätt' ich bei Hofe Credit, Ich gäbe dir für dein großes Maul Den Orden Pour le mérite ! Und doch; vergeblich dein Ringen nach Ruhm, Zum Nebel verbleicht dein Glanz Vor dem Sigl'schen Mauldreckschleuderthum Des „Bairischen Vaterlands.“ Amerika. O ft frag ich lachend mich, weswegen Mit Lanzen, Schwertern, Spießen, Keulen Dies todesfrohe Kämpfen gegen Concessionirte Eiterbeulen? Wie lang noch, und das Dunkel frißt Europas letzte Gaslaternen, Denn das Panier der Zukunft ist Das Streifenbanner mit den dreizehn Sternen. 23 In memoriam! A lte Burschenherrlichkeit, Weh, man hat dich längst begraben, Denn nur noch an Soll und Haben Denkt die Menschheit dieser Zeit! Ihre Räder wühlen Schaum, Funken sprühen ihre Essen; Ach, und längst hat sie vergessen Ihrer Jugend goldnen Traum! Ausgebrannt ist jede Brust, Die Altäre stehn verlassen, Horch, und draußen auf den Gassen Predigt die entmenschte Lust! Um das Haupt des Helicon Schwirren tausend irre Fragen Und den Zeitgeist hört man klagen An den Wassern von Babylon! Lehrfreiheit! „ P st! Pst! sonst wackeln die Kronen, Ihr Herrn Professoren, seid still! Schon lauschen euch vierzig Millionen, Wahrhaftig, ihr schreit zu schrill.“ So lispeln sie heute von „Oben“ Und drohn auch mitunter: Ei! Ei! Und die fettigen Spießbürger loben Die brave Polizei. Sie üben sich tapfer im Beten Und bilden der Dummheit Spalier, Nur wir, eine Handvoll Poeten, Umjubeln ein ander Panier! „Die Wissenschaft ist nicht zünftig, Sie ist wie das Licht allgemein!“ Dies Wörtlein soll heut und auch künftig Unser „Ceterum censeo“ sein. An gewisse „Naturforscher“. D as Licht wird leuchten, weil es leuchten muß, Drum knurrt nur immer: Ignorabimus ! Transcendental ist nichts in der Natur, Transcendental ist eure Dummheit nur! Freilich! D aß sich die Gegensätze stets berühren, Ist manchmal auch noch heute zu verspüren, Denn diese Zeit der Culs und der Pomaden Ist auch die goldne Zeit der Hiobsiaden. Schauderhaft! U ns lehrt das Christenthum en gros : „Hier Erdenkloß, dort Himmelspächter!“ Doch unsrer Weisheit A und O Ist ein unsterbliches Gelächter! Einem Pietisten. D ein Heil, versuch es anderwärts, Wenn frömmelnd dich der Teufel laust; Mein Katechismus ist mein Herz Und meine Bibel ist der Faust! Schließlich! J awohl, das Ding ist ärgerlich! Das Volk hat lange, graue Ohren, Und seine Treiber nennen sich Rabbiner, Pfarrer und Pastoren. Verhaßt ist mir der Schwindelbau Der jesuitelnden Sophisten, Und überleg ich's mir genau, Hab ich Talent zum Atheisten. Tagtäglich schürt in mir den Spott Das fade Weihrauchduftgeträufel, Denn schließlich ist der liebe Gott Doch nur ein dummer Antiteufel! Einem Orthodoxen. F amos steht dir dein bunter Kittel, Doch was beschmierst du ihn mit Dreck? Die Religion ist nur ein Mittel Und du — erniedrigst sie zum Zweck! Variatio delectat. H immel, das halte ein Anderer aus! Die Welt ist wirklich ein Narrenhaus. Ewig sich selbst bleibt ihr uralter Schwindel, Manchmal nur wechselt sie schlau seine Windel; Den Teufel verlacht sie und wirft sich ins Knie Vor der Mutter Gottes von Medici! Schwarz in Schwarz. B eim Dulderherzen des Don Quixote! Jetzt streich ich's dick mit Rothstift an: Der bibelgeborne Christengott Ist nie und nimmermehr mein Mann! Die Schöpfung war einst sein erster Witz Und dieser Witz war herzlich schlecht, Denn oft schon traf es mich wie ein Blitz: Die Despotie hat leider Recht! Ein Volk, das heut nicht auf Prügel hört, Und eine Unschuld beim Ballett, Ein solches Erz-Phänomen gehört Ins Naturalienkabinett! Al Fresco. D ie Menschheit flucht in ihr ewiges Licht, Stündlich dräut ihr das Weltgericht Und sie schaudert bleich, im Herzen den Tod, Ins blutig verlodernde Abendroth. Die Zeit ist morsch wie ein Todtenbein — So ist es gewesen und so wird's sein: Roth vom Weltbaum taumelt das Laub, Völker und Kronen zerfallen zu Staub Und über das christliche JNRJ -Schild Hintaumelt ein nacktes Venusbild. „ Καϑ' ὅλην τὴν γῆν !“ B elustigt euch nur in grandiosen Metaphern Ueber die Papus und Zulukaffern, Die liebe Fetischdienerei Legt auch bei uns ihr faules Ei! Immer noch brennen in unsern Herzen Blutig die Aschermittwochskerzen Und nächtlich durchwittern die stille Luft Orgelhymnen und Weihrauchduft! Wie's gemacht wird! U nd als sich der Pfaff einen Juden briet, Da schrieen die Junker Hurrah Und sangen das alte hochherrliche Lied: Hepphepp Juvivallerala! Doch das Volk stand auf und schrie Zeter und Mord! Hie Hecker und Robert Blum! Da erfand man schleunigst das Kautschukwort: Praktisches Christenthum! Hm! D a meinen Einige vermessen, Das Leben habe keinen Zweck; Man sieht's, sie haben nie gegessen Fasanenstiz und Schnepfendreck. Geisterduo. D er Zeitgeist brennt wie trocknes Stroh Und singt: „In dulci jubilo!“ Der Weltgeist brummt dazu im Baß: „O vanitatum vanitas!“ Russisch. S ei doch kein Tropf, mein süßes Söhnchen! Steck ein das lumpige Milliönchen! Du kennst ja die Moral der Zeit: „Der Himmel ist hoch und der Czar ist weit!“ Pfui Deibel! I hr wißt, ich bin kein „von“-Verehrer, Ich bin des Zeitgeists Straßenkehrer; Doch protzgere Kerle sah ich noch nie, Als die Schlotbarone der Plutokratie! „Pyramidal!“ M ein Gott, wozu die Grillenplage? Noch blüht ja unsre haute volée ! Noch heilt der Zeit gewaltge Frage Ein Titel und ein Portemonnaie. Noch wachsen täglich unsre Zöpfe, Der „Glaube“ ist des Pudels Kern, Das Militär putzt seine Knöpfe Und das Antike wird modern. Noch scharr'n vor meinem Cap vier Pferde, Zu Fuß zu gehn ist ja gemein — „O wunderschön ist Gottes Erde Und werth, darauf vergnügt zu sein!“ Für kleine Kinder. D er alte Flötenspieler Pan, Der lehrte mich das Dichten: Ein Volk und ein Stückchen Marzipan Bestehn aus zweierlei Schichten. Die eine schlürft Austern und baut sich Kohl Und macht in Vaterlandstreue Und fühlt sich kannibalisch wohl Wie Goethes fünfhundert Säue. Die andere spielt tagtäglich Va banque Und kleidet sich in Lappen Und führt ihr ganzes Lebenlang Einen Hungerknochen im Wappen! Ein dunkles Blatt. L isch aus, du Gluth auf meinem Herd! In Nacht und Frost will ich verenden — Oft scheint das Leben mir nicht werth, Nur einen Vers dran zu verschwenden. Ihr aber fragt mich nicht, warum? Nicht Liebe mehr ist's, die ich suche! Ich weiß, die Welt dreht sich rundum, Auch wenn ich lachend sie verfluche! Frühlingszauber. N un muß sich wieder alles wenden, Ich fühl's an meines Herzens Schlag, Und schöner wird's an allen Enden Und lieblicher mit jedem Tag. Die Liebe schnürt ihr rothes Mieder, Der Armuth schmeckt ihr trocknes Brod Und süß klingt's nächtlich aus dem Flieder: Im Frühling lächelt selbst der Tod! 24 Lied. N un stimmt sie wieder mir den Psalter Die liedervolle Maienzeit Und gaukelnd schwebt um mich der Falter, Das Sinnbild der Unsterblichkeit. Drum lebt mir wohl, ihr Pergamente Der winterlichen Hirntortur, Mich lockt ins Reich der Elemente Die neuerstandne Lenznatur. Umspielt von silberbleichem Lichte, Ein Grabfeld nach verlorner Schlacht, Ein Todtentanz ist die Geschichte, Ein Todtentanz um Mitternacht. Es bleibt der Ruhm, wie er auch glänze, Ein Blendwerk nur, ein eitler Schein; Mehr gilt als tausend welke Kränze Mir dieses Lebens goldnes Sein! Ausgepfiffen! D as Leben ist eine Komödie Und geht oft über den Spaß Und gleicht dann jener Tragödie, In der Einer den Andern fraß. Und wenn wir's auch nicht wollen, Wir kommen doch alle drin vor Und spielen die nöthigen Rollen Vom Jean bis zum Heldentenor. Und wer mit seiner Visage Am besten zu gaunern gelernt, Erhält die nobelste Gage Und wird auch mitunter besternt. Ich studirte mir manche Falte Und trat vor das volle Haus, Doch blieb ich immer der Alte — Drum pfiff mich das Publikum aus! Strophen. V ita nostra brevis est! War der Vorzeit weise Lehre — Doch man haßt das Miserere, Heut ist sie schon längst verwest! Rollt die Zeit, rollt auch das Blut, Heute leben wir wie morgen; Unsre Teufel heißen Sorgen, Unsre Götter Geld und Gut! Jede Blüthe wird umkreist, Jede Blume wird gebrochen Und nach Monden schon und Wochen Weiß man, was Blasirtheit heißt! Stahl und Eisen, Blut und Dampf Rollen, donnern, sieden, zischen Und ein Wehruf gellt dazwischen: Dieses Leben ist ein Kampf! Nicht wahr? D ie Völker sind wie große Kinder Und ihre Könige sind's nicht minder, Lachen und weinen im selben Nu, Spielen mitunter auch Blindekuh Und ihre Fibel Benennt sich Bibel! Kusch dich! W illst du wohl fort mit deinen Pfötchen Von meinem lieben Kaviarbrödchen! Für dich den Schweiß, für mich das Gold! Der liebe Gott hat's so gewollt! Drum begnüge dich, Kerl, denn sonst bist du ein Flaps, Mit Kartoffeln und Schnaps! Weltzeitungs-Inserat. „ G esucht wird für sofort ein tüchtger Mäher. Adressen sub Bureau zum großen Pan, Denn dreigekrönt sitzt noch ein Pharisäer Auf seinem Sündenstuhl im Vatikan.“ „Ἔσσεται ἣμαϱ!“ O Glaube, Liebe, Hoffnung, heilge Dreiheit, Wir dienen dir und du belohnst uns nie, Denn auch noch heut ist unsre deutsche Freiheit Nur eine schwarzrothgoldne Phantasie! Reimspiel. W as ist das beste Futter, sprich, Für hungernde Nationen? „Halt's Maul, Hallunk, was kümmert's dich ?“ Der Reim lacht: Blaue Bohnen! An die Opportunisten. D ie sieben Weisen waren eure Väter Und euer Ohm ist Judas, der Verräther, Denn wie der Wind weht, macht ihr tapfer Front, Und euer Bauch ist euer Horizont. Der Dichter. W as Hermelin und Diademe! Ich bin ein Dichter und kein Hund! Ich bin ein freier Mann und nehme Kein Feigenblatt vor meinen Mund. Ich seh die Welt im Dunkeln tappen, Ich weise golden ihr ein Ziel, Und erst am letzten morschen Wappen Zerschmettre ich jubelnd mein Saitenspiel! Videant consules ... ! „ D ie Zeit der Juden, Römer und der Kelten Kam, Gottseidank, schon längst aus der Balance! Wie unsre Welt die beste aller Welten, Ist unsre Zeit, die Zeit par excellence .“ Wohl hör ich's, doch mit jedem meiner Lieder Heb ich den düstern Kehrreim auf den Thron: Die Zeiten der Cäsaren kehren wieder Und ihre Beile schärft die Reaction! Das Volk an die Fürsten. E inmal schon verhalf ich euch zum Siege, Denkt, o denkt an die Befreiungskriege! Und auch heut noch muß ich, wie befohlen, Die Kastanien aus dem Feuer holen. Einmal auch schon hab ich, selbst verschuldet, Euren königlichen Dank erduldet: Erst mir lächelnd ins Gesicht geheuchelt, Dann mich hinterrücks ins Knie gemeuchelt! Glaubt mir, auch die Liebe weiß zu hassen; Eure Sonnen werden nicht verblassen! Sink ich heute auch verblutend nieder: „Bei Philippi sehen wir uns wieder!“ An die „Obern Zehntausend“. U nd wieder rollt nun sterbend ein Jahrhundert Dem Abgrund zu, drin uns die Zeit verschlingt, Und ihr seid immer noch nicht abgeplundert, Nicht hinter die Coulissen abgehinkt? Wollt euch nicht länger freventlich vermessen, Denn euer Lebensnerv ist abgestumpft, Denn eure Kronen sind von Rost zerfressen Und eure Stammbaumwälder sind versumpft! Ein neu Geschlecht, schon wetzt es seine Schwerter, Schon webt die Sonne ihm den Glorienschein, Und glaubt: Es wird kein veilchenblauer Werther, Es wird ein blutiger Messias sein! Chanson. N och immer baumelt der alte Zopf Der alten Welt ins Genick, Noch immer schmort ihr kein Huhn im Topf, Drum: Vive la République! Drum: Vive la République, blique, blique, Das Herz schlägt uns im Bauch, Das Knutenthum haben wir dick, dick, dick, Und Kartoffel und Häring auch! Noch ein Stoßseufzer! O hieß es endlich doch: „All right!“ Die Welt ist blaß, blaß wie Louise, Das Grundgesetz der neuen Zeit Sei drum das Buch von Adam Riese. Denn wenn die Völker nicht mehr fackeln Und über ihm die Throne wackeln, Dann lupft der Weltwitz sein Visir Und donnert: „Zwei mal zwei macht vier!“ „Sanft ruhe seine Asche!“ H ier ruht der Hofpoet Hans Hänschen, Gottlob, daß endlich er verreckt! Er hat sich nie ein Lorbeerkränzchen, Doch oft ein Piepmätzchen erleckt. Das Höchste war für dieses Püppchen Ein „A“llerhöchstes Bettelsüppchen. Er schwitzte dafür zum Erbarmen Alljährlich ein Geburtstagscarmen; Drin hieß er die Quadrate rund — Zugleich ein Dichter und ein Hund! Tres faciunt Collegium. W eh, ein Morast ist unsre Zeit! Drin machen sich ekelerregend breit Kröte, Basilisk und Unke; Und wöchentlich schon — juchheideldidum — Predgen vor ihrem Publikum Herr Most, Herr Stöcker und Herr Majunke! Fragezeichen. D er Peter spricht zum Bruder Paul: „Der Zeitgeist ist ein alter Sünder Und stopfen können ihm sein Maul Nur Krupp'sche Vierundzwanzigpfünder!“ Doch Paul kann Peter nicht besehn, Weil er sein Lebtag nur gelungert Und meint, als wäre nichts geschehn: „Du Peter, hast du mal gehungert?“ Auf alle Fälle. D er große Kanzler Otto spricht, Ob's wahr, je nun, das weiß ich nicht: „Der vielgesuchte Stein der Weisen Ist ein Gemisch aus Blut und Eisen.“ Zwar Standrecht giebt's und Festungswälle, Doch Eins bleibt wahr auf alle Fälle: Und ob der Kanzler zehnmal spricht, Ein braver Kerl, der forcht sich nicht! 25 Frommer Wunsch. I mmer noch halten die uralten Fragen Nächtlich an unserm Lager Wacht, Denn das griechische Herz hat vergeblich geschlagen Und der griechische Geist hat umsonst gedacht. Die p. p. weltvernagelnden Bretter Versperren die Aussicht uns weit und breit — O, schlüge doch endlich ein heiliges Wetter In diese verfaulte Hallunkenzeit! Zum Dessert. N icht jeder, der hinkt, Hat heut eine Chaise; Nicht alles, was stinkt, Ist Limburger Käse. Die Kritik als Epilog. D ies schrieb ein Antihofpoet, Halb Kakerlake, halb Prophet. Er sang zu wenig mir piano Und roch verteufelt nach Guano. Zwar Mancher wird ihm Beifall hageln, Doch darf's mir nicht das Hirn vernageln, Denn seht, sein ganzer Singsang hinkte: Er appellirte an die häßlichen Instinkte ! Phantasus! Ihm mit Staunen blickt' ich nach; Doch, wenn mir die Kraft gebrach, Um ihm nachzuringen, Dacht' ich bang: genug! genug! Brechen müssen bei dem Flug Endlich seine Schwingen. Und es kam, wie ich gedacht; Um sein frühes Grab bei Nacht Flattert die Phaläne; Wo so oft er bei mir saß, Blieb ich einsam, und ins Glas Rieselt eine Thräne. Adolf Friedrich Graf von Schack. Have anima candida! A rmer Freund! Nicht hinter jedem Tempelvorhang verbirgt sich eine nackte Venus: dein Herz war mehr als groß, dein Herz war rein! O, daß jetzt der Todtenwurm um dein leuchtendes Locken¬ haupt sein widriges Netz spinnt! Du starbst! Doch du starbst im Frühling und über dein frisch¬ geschaufeltes Grab hin klagte die Nachtigall der Rose ihre ewige Sehnsucht ..... Nein, der Frühling ist kein Kind! Die frommen Maler, die ihm zärtliche Schmetterlings¬ flügel an die Schultern logen, haben ihn nie auf seinem feuer¬ schnaubenden Sturmroß nachts durch die Lüfte taumeln gesehn! Hat er nicht oft schon droben im Bergwald trotzige Wetter¬ tannen entwurzelt? Und schleudert der Thau, der vom Mantel ihm tropft, nicht Felsblöcke zu Thal? Felsblöcke, so groß wie Kirchthürme? Nein, der Frühling ist kein Kind! Ein Gigant ist der Frühling und seine Thaten sind Legion! Aber seine größte war's doch, daß er dir das Herz brach! Denn ich weiß, du bist sein Liebling gewesen; sein Liebling, wie Siegfried, den Hagen erschlug! Doch ich klage nicht! Was solltest du auch hier auf dieser närrischen Kugel? Das goldne Elend deiner Mitwürmer machte dich me¬ lancholisch und wenn ein Hammer auf seinen Ambos sauste, fuhr's dir durchs Herz wie ein Stich, denn die Zeit des dritten Testaments ist noch fern. Armer Freund! Wäre deine Seele, deine unsterbliche Seele, nicht von Krystall gewesen, sie wäre nicht zersprungen. Sie wäre nicht zersprungen und du selbst wärst jetzt glücklich. Glücklich, wie wir brutalen Kieselsteinseelen es eben sein können. Doch ich will nicht glücklich sein! Ich will nicht wie ein Thier sein und das Schwein zum Schwager haben! Ich pfeife auf ihre spießbürgerliche Verdauungsmoral! Mein stilles Leben wird fortab ein Kampf sein. Und mein Lied ein Racheschrei. Ein wilder, blutrünstiger Aufschrei um dich und deine todten Hoffnungen, die hingemordeten Kinder deines Herzens! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . O, wie dunkel es ist! Lang, lang ist dem Schlaflosen die Nacht und Träume umgaukeln nur Kinder und Thoren! . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wann, o ihr Brüder, wird uns das Frühroth, das ewige Frühroth, Erlösung ins Herz blitzen? Liegen wir knirschend und staubbesät nicht schmählich am Boden? Knir¬ schend und staubbesät, wie gefesselte Titanen? Doch verzagen laßt uns nicht inmitten dieser blöden Bestien und falschen Schlangen! Wenn der Gebetriemen reißt, thut der Fluch seine Pflicht. Löwen weinen nicht, Löwen brüllen! Und der Weg zur Wahrheit führt durch den Kerker! Drum schaart euch zusammen, ihr Söhne des Ormuzd, laßt eure Banner sich mit Herzblut bespritzen und taucht sie golden ins Licht der Zukunft! Tod der Lüge! Mich aber laßt euer Winkelried sein, denn der Tod ist mein Freund und ich habe mehr zu rechten und zu richten, als ihr! Seht ihr sie dort heranschleichen, die Enkel des Ahri¬ man, die Priester des Moloch — vipernzüngig und katzen¬ äugig? Wacht auf, ihr Götter in goldener Hochburg, denn euer Mord ist ihre Parole und ihr Feldgeschrei der Verrath! Ihre Waffen sind nicht assyrische Sichelwagen und indische Elephanten. Ihre Waffen sind vergiftete Pfeile und nur Wenige beseelt der Muth des Nahkampfs. Erst, wenn ihr Speerwald die Brust mir durchbohrt, wird mir wohl sein! Und so brech ich denn los: Tod der Lüge! Den Stahl in der Faust und im Herzen — eine Thräne! Armer Freund! 1. I hr Dach stieß fast bis an die Sterne, Vom Hof her stampfte die Fabrik, Es war die richtge Miethskaserne Mit Flur- und Leiermannsmusik! Im Keller nistete die Ratte, Parterre gab's Branntwein, Grogk und Bier, Und bis ins fünfte Stockwerk hatte Das Vorstadtelend sein Quartier. Dort saß er nachts vor seinem Lichte — Duck nieder, nieder, wilder Hohn! — Und fieberte und schrieb Gedichte, Ein Träumer, ein verlorner Sohn! Sein Stübchen konnte grade fassen Ein Tischchen und ein schmales Bett; Er war so arm und so verlassen, Wie jener Gott aus Nazareth! Doch pfiff auch dreist die feile Dirne, Die Welt, ihn aus: „Er ist verrückt!“ Ihm hatte leuchtend auf die Stirne Der Genius seinen Kuß gedrückt. Und wenn vom holden Wahnsinn trunken, Er zitternd Vers an Vers gereiht, Dann schien auf ewig ihm versunken Die Welt und ihre Nüchternheit. In Fetzen hing ihm seine Blouse, Sein Nachbar lieh ihm trocknes Brod, Er aber stammelte: „O Muse!“ Und wußte nichts von seiner Noth. Er saß nur still vor seinem Lichte Allnächtlich, wenn der Tag entflohn, Und fieberte und schrieb Gedichte, Ein Träumer, ein verlorner Sohn! 2. „ D urch eine unverdiente Gnade Die Sinne wunderbar erhellt, So wandl' ich sinnend diese Pfade: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Kein Erdenweib, vor dem ich kniete, Nein, schöner ist mein Herz entbrannt: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! Die goldne Traumwelt der Hellenen, In mir ward sie zur Melodie; Die ewge Schönheit ist mein Sehnen, Mein Flügelroß die Phantasie. Kein Sänger drum, vor dem ich kniete, Mein Lied, es blitzt wie ein Demant: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! Seit unvordenklichen Aeonen War sie's schon, die das Scepter schwang, Und dienstbar sind ihr die Nationen Vom Aufgang bis zum Niedergang. Kein König drum, vor dem ich kniete, Denn purpurn wallt auch mein Gewand: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland! Der Inder nennt die Gottheit Brahma, Doch ach, schon anders der Buddhist; Ich bin mein eigner Dalai Lama, Ich bin mein eigner Jesus Christ! Kein Tempel drum, in dem ich kniete, Die ganze Welt ist mir ein Tand: Mich liebt die Göttin Aphrodite, Die Königin von Griechenland!“ 3. D ie Nacht verrinnt, der Morgen dämmert, Vom Hof her poltert die Fabrik Und walkt und stampft und pocht und hämmert, Ein hirnzermarterndes Gequik! Die Nacht verrinnt, der Traumgott ruht nun, Die Welt geht wieder ihren Lauf, Zum Himmel spritzt der Tag sein Blut nun, Die Nacht verrinnt und seufzend thut nun Das Elend seine Augen auf! Die Schläfen zittern mir und zucken, Denk ich, o Volk, an deine Noth, Wie du dich winden mußt und ducken, Dich ducken um ein Stückchen Brod! Du wälzst verthiert dich in der Gosse Und baust dir selbst dein Blutgerüst, Indeß in goldener Karosse Vor seinem sandsteingelben Schlosse Der Dandy seine Dirne küßt! Die Ritter von der engen Taille, Das sind die schlimmsten aus dem Chor, Sie schimpfen hündisch dich „Kanaille“! Und haun dich schamlos übers Ohr. Was kümmert sie's, wenn Millionen Verreckt sind hinterm Hungerzaun? Noch giebt's ja lachende Dublonen, Kasernen, Kirchen und Kanonen Und .... köstlich mundet ein Kapaun! O, sprich, wie lang noch soll es dauern, Das alte Reich der Barbarei! Noch stützen tausend dunkle Mauern Die feste Burg der Tyrannei. Doch ach, dein Herz ward zur Ruine, Du lächelst nur und nickst dazu! Denn auch der Mensch wird zur Maschine, Wenn er mit hungerbleicher Miene Das alte Tretrad schwingt wie du! 4. „ A n seiner Kettenkugel schleppe, Wen nie sein Sclaventhum verdroß, Doch mich trägt wiehernd durch die Steppe Arabiens weißgestirntes Roß. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! Das Land, das ewig norddurchwehte, Ich sprach mich grollend von ihm los, Ein Perser bin ich nun und bete Allah il Allah, Gott ist groß. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! Im Schatten einer Tamariske Winkt gastlich mir ein weißes Zelt Und drin die schönste Odaliske, Die allerschönste von der Welt. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand! Beim Nektar der verbotnen Rebe Fällt mir wohl manch ein Skolion ein, Doch da ich Lieder eben lebe, Laß ich sie ungesungen sein. Ein grüner Turban schmückt das Haupt mir, Von Seide knittert mein Gewand, Und jeder Muselmensch hier glaubt mir, Ich wär der Fürst von Samarkand!“ 26 5. U nd wieder hat das Rad der Stunde Sich zwölfmal um sich selbst gedreht, Und wieder fühlst du deine Wunde Und ächzst und stöhnst wie Philoktet! Denn dir, auch dir rollt's durch die Adern Und durchs Gehirn wie heißes Blei; Gigantisch thürmst du deine Quadern, Mit Gott im Himmel willst du hadern Und deine Seele ringt im Schrei! Dein Herz steht wie die Welt in Blüthe, Gehüllt in silbergrauen Dunst, Und mächtig fühlst du's im Gemüthe: Du bist ein Priester deiner Kunst! Des Lebens goldne Kronen winken, Die Rosen stehen weiß und roth; Du fühlst sie duften, siehst sie blinken, Doch scheu mußt du vorüberhinken, Denn ach, dir fehlt dein täglich Brod! Beneidenswerth in Forst und Fluren Das Schwein um seine Eichelmast! Die ärmste aller Kreaturen Ist doch ein dichtender Phantast! Der Bettler dort an seiner Krücke, Er ist nicht halb so arm wie du... Dir brach dein Himmel wüst in Stücke, Er aber träumt von seinem Glücke — O Gott, nur zu, nur immer zu! Du Licht, das mir ins Hirn gelodert, Wozu die alte Litanei? Ist doch so viel hier schon vermodert, O, wärst auch du, auch du vorbei! Dann wär der alte, blinde Lärmer Ein dunkelbraunes Klümpchen Lehm; Dann wär die Welt um einen Schwärmer, Um einen Hirnverrückten ärmer Und rollte weiter, wie vordem! 6. „ E in Königreich für eine Leier! Zwar eine Krone trug ich nie, Doch ihren bunten Majaschleier Wand mir ums Haupt die Poesie. Die dunkle Nacht, die mich geboren, Hat sie als Sternbild süß erhellt; Sie sprach: Sei du der Thor der Thoren, Denn dein Herz ist das Herz der Welt! Wer träumt so straflos unter Palmen, Wie wir, mein Liebling, ich und du? Der Urwald rauscht mir seine Psalmen, Das Weltmeer seine Hymnen zu. Ich höre nachts, wenn fern im Fernen Ein Schakal in das Mondlicht bellt, Und spiele Fangball mit den Sternen, Denn mein Herz ist das Herz der Welt! Als Tod mit Stundenglas und Hippe Schlich ich um manchen morschen Thurm, Der Aar gehört in meine Sippe Und Bruder nenn ich jeden Wurm! Selbst jene Sonne, die seit Newton Sich rhythmisch um sich selber schnellt, Mit meinem Hirn muß sie verbluten, Denn mein Herz ist das Herz der Welt! Von Capland, Mexiko bis Medien — Gefunden ist der Weisheit Stein! — Von allen Bergen will ich's predgen, In alle Herzen will ich's schrein! Und ist das All auch nur ein Plunder, Der lachend einst in nichts zerfällt: Ich bin das Wunder aller Wunder, Denn mein Herz ist das Herz das Welt!“ 7. D ie Nacht liegt in den letzten Zügen, Der Regen tropft, der Nebel spinnt ... O, daß die Märchen immer lügen, Die Märchen, die die Jugend sinnt! Wie lieblich hat sich einst getrunken Der Hoffnung goldner Feuerwein! Und jetzt? Erbarmungslos versunken In dieses Elend der Spelunken — O Sonnenschein! O Sonnenschein! Nur einmal, einmal noch im Traume Laßt mich hinaus, o Gott, hinaus! Denn süß rauscht's nachts im Lindenbaume Vor meines Vaters Försterhaus. Der Mond lugt golden um den Giebel, Der Vater träumt von Mars la Tour, Lieb Mütterchen studirt die Bibel, Ihr Nestling colorirt die Fibel Und leise, leise tickt die Uhr! O goldne Lenznacht der Jasminen, O, wär ich niemals dir entrückt! Das ewge Rädern der Maschinen Hat mir das Hirn zerpflückt, zerstückt! Einst schlich ich aus dem Haus der Väter Nachts in die Welt mich wie ein Dieb Und heut — drei kurze Jährchen später! — Wie ein geschlagner Missethäter, Schluchz ich: Vergieb, o Gott, vergieb! Wozu dein armes Hirn zerwühlen? Du grübelst und die Weltlust lacht! Denn von Gedanken, von Gefühlen, Hat noch kein Mensch sich satt gemacht! Ja, Recht hat, o du süße Mutter, Dein Spruch, vor dem's mir stets gegraust: Was soll uns Shakespeare, Kant und Luther? Dem Elend dünkt ein Stückchen Butter Erhabner als der ganze Faust! 8. „ O , laßt mir meine Himmelsleiter! Und fragt mich nicht: Woher — wohin? Nur weiter, weiter, immer weiter... Ihr wißt ja doch nicht, wer ich bin! Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Noch grub kein leuchtender Gedanke Sich tief in eines Denkers Stirn, Der nicht schon, stolz auf seine Schranke, Gelodert hier durch dies Gehirn! Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Die Länder mein und mein die Meere, So weit die Sonne sie bescheint, Und ich bin's, dem die Bajadere Im Tanz noch blutge Thränen weint. Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland! Wohl fraß die Zeit mit ihren Zähnen Schon manchen goldnen Heilgenschein, Ich aber schüttle meine Mähnen Und war und bin und werde sein. Ich bin ein Adler und ich fliege, Die Ewigkeit ist mein Gewand, Das Herz der Welt ist meine Wiege, Die Menschheit ist mein Vaterland!“ 9. D er Mond blitzt durch die Fensterscherben, Ums dunkle Dachwerk pfeift der Wind Und Nachbars Lieschen liegt im Sterben Und ihre Mutter weint sich blind. Das Haar gebleicht von tausend Sorgen, Im dünnen Kleidchen von Kattun, Erwartet sehnlich sie den Morgen — Der Apotheker will nicht borgen, Der Doctor hat „zu viel zu thun“! ... Der Märznacht goldne Sterne scheinen, Ihr Himmel deckt uns alle zu: Hör auf, du Mütterchen, mit Weinen, Dein Kind ist besser dran, als du! Es braucht nicht nähend mehr zu sputen Sich spät bis in die Nacht hinein, Und wenn die Lüfte sie umfluthen Und roth die Rosen wieder bluten, Spielt um sein Grab der Sonnenschein! Die Noth im löchrigen Gewande Zertritt die Perle der Moral; Das Loos der Armuth ist die Schande, Das Loos der Schande der Spital! Ja, jede Großstadt ist ein Zwinger, Der roth von Blut und Thränen dampft; Drum hütet euch, ihr armen Dinger, Denn diese Welt hat schmutzge Finger — Weh, wem sie sie ins Herzfleisch krampft! Da horch! ein langgezognes Stöhnen Und jetzt ein wilder, geller Schrei! Was thut's? Man muß sich dran gewöhnen! Hier hieß es wieder mal: „Vorbei!“ Schon übermorgen karrt der Racker Das arme Mädel vor die Stadt Und niemand kennt den Todtenacker, Darauf beim öden Sterngeflacker Ein Herz sein Glück gefunden hat! 10. „ I ch schwamm auf purpurner Galeere Durchs dunkelblaue Griechenmeer, Da auf der Insel der Cythere Traf ich den Juden Ahasver. Und weiter fuhren die Gefährten, Er aber ward mein Weggenoß Und sprach: „Nun zeig ich dir die Gärten, Die Gärten des Okeanos! Die Welt, ich habe sie durchmessen, Doch farblos schien mir Luft und Land; Nur ein Bild hab ich nie vergessen, Nur eins ist werth, daß es entstand: Das ist die Zuflucht der Verkärten, Das ist des Meergotts grünes Schloß, Das sind die wunderbaren Gärten, Die Gärten des Okeanos! Ich weiß, du bist ein deutscher Dichter, Und ewig ruhlos bist du auch, Wir sind zwei ähnliche Gesichter Und um uns weht der gleiche Hauch. Doch komm, der Kummer, den wir nährten, Wankt wie ein thönerner Koloß, Wenn wir uns tummeln durch die Gärten, Die Gärten des Okeanos!“ Er sprach's, wir thaten's und die Jahre Sie rollten tönend drüber her, Doch immer ist mir's noch, ich fahre Durchs dunkelblaue Griechenmeer. O, daß die Götter mir gewährten, Dereinst, wenn sich mein Leben schloß, Ein selig Ende in den Gärten, Den Gärten des Okeanos!“ 11. N un hat der Morgen seine Thore Phantastisch wieder aufgethan Und seine goldne Tricolore Weht hoch aus jedem Wolkenkahn. Nur hier in diesen dumpfen Mauern Zum Fluch wird er dem Proletar — In allen Ecken seh ich lauern, In allen Winkeln seh ich kauern Dämonen, die die Nacht gebar! Mein letztes Licht ist längst erloschen Und fahl durchs Fenster lugt die Noth, Denn dies hier ist der letzte Groschen Und dies das letzte Stückchen Brod! Verlacht, verludert und verloren, Das alte „Weder Glück noch Stern!“ Fürwahr, ich bin der Thor der Thoren! O Mutter, wär ich nie geboren! O schöne Zeit, wie liegst du fern! Auf wilder, meerverschlagner Planke, Ein Schiffer bin ich, der versinkt; Mein letzter Stern ist ein Gedanke, Der leuchtend mir vom Himmel blinkt. Ein fernes Eiland seh ich ragen, Doch wirft die Fluth mich stets zurück; O, will's denn immer noch nicht tagen? Noch gilt's zu wetten und zu wagen, Denn jenes Eiland wiegt mein Glück! Schon thut mir, wie wenn Glocken klingen, Die Zukunft ihre Wunder kund — Ein Stammeln nur ist jetzt mein Singen, Ein Stammeln wie aus Kindermund! Du Schöpfer aller Harmonieen, O, gieb mir Luft, o gieb mir Licht! Im Staube sieh mich vor dir knieen, Denn eine Welt von Melodieen Geht unter, wenn dies Herz zerbricht! 12. „ S chlag zu, mein Herz, die Flocken treiben Nicht wie im Winter mehr ums Dach! Der Frühling pocht an meine Scheiben Und tausend Wunder werden wach! Das Licht führt seine goldnen Funken Tagtäglich wieder nun ins Feld Und mir im Herzen jubelt's trunken: O Gott, wie schön ist deine Welt! Wie lieblich nur durchs offne Fenster Der Maiwind mir die Schläfen kühlt! Lebt wohl, ihr grübelnden Gespenster, Die winterlang mein Hirn durchwühlt! Als wär ich gestern erst genesen, Das Herz ist mir so süß erhellt — So wohl ist mir noch nie gewesen: O Gott, wie schön ist deine Welt! Hervor, hervor aus deiner Hülle, Du liebes Bildchen meiner Fee! O, dieser Locken goldne Fülle! O, dieses Busens weißer Schnee! Und wölbt sich über deiner Krone Auch purpurroth ein Throngezelt, Dein Herz schlägt doch dem Liedersohne — O Gott, wie schön ist deine Welt! Doch still, mein Herz, was soll dein Pochen? O Tod, du kommst zur rechten Zeit! Das Schwert der Trübsal liegt zerbrochen ... Sei mir gegrüßt, o Ewigkeit! Beim Frühling hab ich tausendkehlig Ein Lerchengrablied mir bestellt: So sterb ich jubelnd, sterb ich selig — O Gott, wie schön war deine Welt!“ 27 13. U nd als der Morgen um die Dächer Sein silbergraues Zwielicht spann, Da war der arme, bleiche Schächer Ein stummer und ein stiller Mann. In seines Mantels grauen Falten, So lag er da, kalt und entstellt — Fürwahr, er hatte Recht behalten, Sein Reich war nicht von dieser Welt! Ein goldnes Sonnenstäubchen tippte Ihm auf die Stirn von ungefähr Und seine lieben Manuscripte Verschloß der Armencommissär. Sein Freund, der Doctor, aber zierte Brutal sich durch das Kämmerlein Und schneuzte sich und constatirte „Verhungert!“ auf dem Todtenschein. Drei Frühlingstage später karrten Ihn Armenklepper vor das Thor! Ich sah's noch, wie sie ihn verscharrten — Die Sonne lachte, doch mich fror! Mich fror und meine Hände suchten Umsonst zu würgen meinen Schmerz Und meine bleichen Lippen fluchten ... O Gott, mein Herz! mein armes Herz! So stand ich und vermaledeite Die Welt bis in ihr Nichts hinab; Der goldne Frühling aber schneite Ihm lächelnd Rosen übers Grab. Schon nahten unsichtbaren Zuges Die großen Geister alter Zeit, Und drüber schwebte leisen Fluges Der Genius der Unsterblichkeit! Zum Ausgang. O bleicher Tod, o wolle mir nicht nahn, Eh ich für mein Geschlecht etwas gethan, Ich bete auf zu meinem Gott und Herrn: Für eine schöne Sache stürb ich gern. Fürs Recht der Menschheit und der neuen Zeit, Wie wär es schön, zu fallen in dem Streit; Bei dem gebrochnen Erz der Tyrannei, Wie stürb es sich im Felde froh und frei! O, läg ich dann wie heut in selger Pein Auf einem grünen Bühl im Abendschein Und dürfte sprechen, auf der Brust die Hand: Du kennst dein Kind, mein schönes Vaterland! Alfred Meißner. Zum Ausgang. E in Stück von meinem Selbst ist dieses Buch Und roth von meinem Herzblut jedes Lied, Mit ihm stell ich mich kühn in Reih und Glied — Der Dichtkunst Segen ward in mir zum Fluch! Doch sei's, ich trag's. Nicht wär ich ein Poet, Wollt ich mich anders geben, als ich bin; Auch liegt ein Wort, ein altes, mir im Sinn: Oft hilft ein Fluch uns mehr als ein Gebet! Und wahrlich, diese Zeit gleicht jener nicht, Die uns das Alterthum als goldne pries, Denn jeder Lüge lacht ein Paradies Und jeder Wahrheit droht ein Hochgericht! Schon küßt die Welt ein bleiches Abendroth, Die alte Griechensonne des Homer Hat sich ertränkt ins teifundunkle Meer, Und seine Sense schärft der schwarze Tod. Kein Stern, der farbig durch die Wolken bricht, Kein Traum, der kühlend um die Schläfen weht, Kein Lied, das Wunder thut wie ein Gebet, Kein Herz, das heimlich mit sich selber spricht! Doch tappt sich hüstelnd durch die dunkle Nacht Ein böses Ding und pocht an deine Thür Und zischt wie eine Viper: „Komm herfür, Ich bin das Herz, womit die Sünde lacht! Ich weiß, auch du bist mir ein Kind der Zeit, Das mit der Welt und mit sich selber grollt; Ich aber wate bis ans Knie in Gold Und höre, wie dein Herz nach Wollust schreit. Komm mit, in meinem Lusthaus wohnt das Glück: Du trittst hinein, und singend drehn um dich Vielhundert weiße Dirnenleiber sich Und schlank wirft sie mein Spiegel dir zurück. In dunkler Nische küßt es sich so schön! Und folgst du, süßer Junge, mir, dann klingt, Wenn einst dein Herzschlag müde wird und hinkt, Dein Todesröcheln noch wie Lustgestöhn!“ So bläst es frech dir nachts durchs Schlüsselloch, Der Regen rinnt, ums Dachwerk heult der Sturm, Dir aber war's, als ob ein feister Wurm Dir todtkalt übers warme Herz hin kroch. Und zornig springst du auf und schlägst dir Licht Und prallst zurück, geekelt und entsetzt, Denn vor dir steht, triefäugig und zerfetzt, Ein altes Weib und grinst dir ins Gesicht. Dann schreist du auf, denn dumpf hast du gefühlt, Wie dir ein Etwas kalt die Kehle preßt: „Heb dich hinweg von mir, du bist die Pest! Du bist die Pest, die sich in Leichen wühlt!“ Sie aber höhnt: „Pardon, Herr Optimist! Das ist die Frau von meinem Schwiegersohn! Nein, ich bin mehr, ich bin die Corruption! Die Corruption, die dich lebendig frißt! Was hat man doch nicht alles schon verdaut! Recht! Wahrheit! Ehre! Freiheit und so fort! Doch ist gesetzlich mein Metier, der Mord, Denn jeder König nennt mich „süße Braut“! Doch bist du klug, dann geize nach Applaus Und gieb's nicht weiter, was ich dir entdeckt, Sonst wirst du sans façon ins Loch gesteckt Und deine liebe Mitwelt lacht dich aus. Im härenen Gewand seh ich dich stehn, Dein Wappen ist ein weißes Todtenbein — Du Thor, willst du denn einzig Büßer sein, Indeß die Andern sich im Taumel drehn? Zerbrich den Fetisch, den du selbst geschnitzt! Die Welt ist eine große Illusion, Drum küsse lachend dich auf ihren Thron, Auf dem das Glück, die goldne Metze, sitzt! Das bunte Traumbild deiner Phantasie, Ich will ihm Fleisch und Blut und Leben leihn, Nur stammle einmal: Mutter, ich bin dein! Und wirf dich betend vor mir auf dein Knie!“ So wälzt von deiner Brust sie Stein um Stein, Sie schnitzt sich Pfeile und sie weiß, sie trifft, Und immer tiefer tropft sie dir ihr Gift Durchs offne Ohr ins offne Herz hinein. Du aber stehst und brütest vor dich hin Und fühlst, wie dir das Blut zu Eis gefriert, Und ehe noch der Hahn kräht, triumphirt Die dreimal zischelnde Versucherin. Vergessen hast du nun den alten Schwur, Den deine Jugend einst zum Himmel that, Durch deine Adern wühlt der Selbstverrath Und dir im Herzen thront die Unnatur. Todt ist es, todt! Dein Bauch ist dein Idol Und dein Gewissen wie dein Goldgelb rund, Du liegst im Staub und wedelst wie ein Hund Und Lüge, Lüge lacht dein Weltsymbol. Du streichst dein Kinn und zupfst an deinem Bart Und siehst im Spiegel lächelnd dein Gesicht Und räusperst dich und merkst es selber nicht, Daß jeder Zoll an dir zum Schurken ward. Du bist ein Schuft, den nicht sein Handwerk reut, Ein Schuft, der's gut meint mit der „bösen“ Welt, Ein Schuft, der sich für furchtbar ehrlich hält, Und so wie du, sind's Millionen heut!! .... Ihr lebt ja alle, alle nur vom Schein Und heult und winselt: Recht hat nur die Macht! Und Euch soll dieses Buch ein Anker sein, Ein Hoffnungsanker, der den Sturm verlacht?? Ich Thor! daß ich, gerührt vom Schrei der Noth, Mein warmes Herzblut in mein Lied verspritzt! Daß ich nicht donnerte, daß ich geblitzt! Daß ich euch Kampf bot, Kampf bis in den Tod! Nun wird dies Buch, verlästert und verkannt, Von Herz zu Herz um Liebe betteln gehn, Vor vielen Thüren wird es trauernd stehn, Nur hie und da drückt's eine Freundeshand. Und doch, was fasl' ich da? Ihr habt ja Recht! Es ist zu wenig à la mode -kost, Es ist kein nachgemachter Talmimost, Und seine Thränen sind mitunter echt! Ich weiß, daß heut Begeistrung schnell verdampft, Vielleicht ist's schon mit diesem Ding vorbei, Ist's doch kein alter Mythologenbrei, Scenifizirt und in Musik gestampft! Und doch : wenn diese Blätter auch verwehn , Die Frühlingsthatkraft , die sie werden ließ , Die Gottidee , die sie erstarken hieß , Sie kann und darf und wird nicht untergehn ! Schon wirft sie leuchtend durch den Zeitengraus Fern in die Zukunft ihren Feuerschein — Ihr will ich jubelnd mich zum Priester weihn , Ihr gieß ich trunken dieses Opfer aus ! . . . . . . . . . . . . . . . O, laß sie träumen noch eine Nacht! Dann wetzen wir aus die Scharte, Dann werden Fidibusse gemacht Aus der europäischen Karte. . . . . . . . . . . . . . . . Die Glocken schweigen, die Pfaffen schrein In ihren zertrümmerten Hallen; Den Heiligen wird der goldne Schein Vom zitternden Haupte fallen. . . . . . . . . . . . . . . . Das Alles, das Alles wird geschehn In kommenden Frühlingstagen — Herrgott, laß die Welt nicht untergehn, Eh die Nachtigallen schlagen! Georg Herwegh. Von demselben Verfasser werden erscheinen: Die Nacht von Golgatha. Eine Vision. Anno Domini! Ein Zukunftslied in 12 Capiteln. Von demselben Verfasser sind erschienen: Im Verlage von Hermann Arendt in Berlin O : Klinginsherz! Ein Liederbuch. Elegant broschirt 1 Mk. Dieses Erstlingswerkchen des Dichters wurde im November 1883 von der Augsburger Schillerstiftung preisgekrönt. Im Verlage von Oscar Paristus in Berlin SW .: Deutsche Weisen von Arno Holz und Oscar Jerschke . In elegantem festen Deckel gebd. (Volksausgabe) 3 Mk. In Golddruck und Goldschn. gebd. 4 Mk. Dieser neuen Gedichtsammlung, die allseitig ungetheiltes Lob gefunden, hat namentlich Otto v. Leixner in seinen „Keimen der Zukunftsdichtung“ ein schönes, ehrendes Zeugniß ausgestellt. Emanuel Geibel. Ein Gedenkbuch unter Mitwirkung von Victor Blüthgen — Fr. Bodenstedt — Felix Dahn — J. G. Fischer — Claus Groth — Paul Hense — Wilhelm Jensen Oscar Jerschke — Max Ralbeck — Hermann Lingg — Emil Rittershaus — Max Schneider — Fr. Xaver Seidl — Max Trippenbach — Hauptpastor Trummer — Fr. Vischer — Robert Waldmüller — Ernst Wichert — Karl Zettel u. v. m. herausgegeben von Arno Holz. In elegantem Originalband mit Goldschnitt 4 Mk. Dieses Buch, dessen Reinertrag dem Fonds eines Geibel-Denkmals überwiesen werden soll, enthält Alles, was dem Verehrer des verewigten Dichters über diesen wissenswerth sein kann. „Es ist,“ schreibt die „Staatsbürger-Zeitung“ am 4. Sep¬ tember 1884, „ein echtes , rechtes Gedenkbuch , was hier geschaffen; eine weihevolle Gabe, würdig des unsterblichen Dichters, dessen Andenken es gewidmet ist.“ — „Jeder,“ schreibt die „National-Zeitung“ vom 13. September 1884, „der den Dichter verehrt und dem Emanuel Geibel's Dichtungen nur einmal das Herz gerührt haben, wird dieses Buch als eine Ergänzung den Werken des Verstor¬ benen beigesellen und aus ihm ersehen, wie sich die Gestalt unseres großen Dichters in dem Geiste seiner Zeitgenossen wiedergespiegelt hat.“ — Die „Lübecker Eisenb.-Zeitung“ schreibt: „Das Buch ist prachtvoll ausgestattet und eignet sich vorzüglich für den Büchertisch im Salon .“