Die deutschen Kleinstaͤdter. Ein Lustspiel in vier Akten . von August von Kotzebue . Leipzig , bey Paul Gotthelf Kummer . 1803 . Die deutschen Kleinstaͤdter . Ein Lustspiel in vier Akten . A 2 Personen: Herr Nicolaus Staar , Buͤrgermeister, auch Oberaͤltester zu Kraͤhwinkel. Frau Unter-Seuer-Einnehmerin Staar , seine Mutter. Sabine , seine Tochter. Herr Vice-Kirchen-Vorsteher Staar , sein Bru- der, ein Gewuͤrzkraͤmer. Frau Ober-Floß- und Fisch-Mei- sterin Brendel , Frau Stadt-Accise-Cassa-Schrei- berin Morgenroth , zwey Muhmen Herr Bau-Verg- und Weg-Inspectors-Substi- tut Sperling . Olmers . Ein Nachtwaͤchter . Klaus , der Rathsdiener. Eine Magd . Ein Bauer . Ein paar Kinder . (Die Scene ist in der kleinen Stadt Kraͤhwin- kel. In den ersten drey Acten ein Zimmer in des Buͤrgermeisters Hause. Im letzten Act, die Straße vor dem Hause.) Erster Akt . Erste Scene . allein. (Sie steht am Fenster, schlaͤgt es hastig zu, laͤuft an die Thuͤr und ruft hinaus.) M argarethe! Margarethe! (draußen) Mamsellgen! Die Post ist gekommen. Geschwind hinuͤber! sieh, ob ein Brief an mich da ist. — (sie tritt hervor) Schon seit fuͤnf Wochen bin ich aus der Residenz zuruͤck, und noch keine Zeile. Wenn ich heute wieder vergebens hof- fe, so — so — ja was denn? — so werd’ ich boͤse und heirathe Sperling. — Gemach! gemach! gemach! ich kann ja auch wohl boͤse werden, ohne Sperling zu heirathen. Wer waͤre sonst am meisten gestraft? Zweyte Scene . Die Magd. Sabine . Da ist ein Brief Mamsellgen. (reißt ihr den Brief hastig aus der Hand) Endlich! endlich! (sie besieht die Aufschrift) von meiner Cousine. Da sind auch die Zeitungen. (sie legt sie auf den Tisch) Es ist heute ein star- ker Posttag. Sechzehn Briefe sind ange- kommen, Alle nach Kraͤhwinkel! Der Herr Postmeister wußte nicht, wo ihm der Kopf stand. Geh nur, geh nur. (ab.) Dritte Dritte Scene . (allein.) (Sie liest fluͤchtig) „Neues Schauspiel —“ — was kuͤmmerts mich? — „Die Schlep- pen werden jetzt sehr lang getragen“ — wer will das wissen? — „englische Strohhuͤte“ — wer hat darnach gefragt? — Wie? — schon zu Ende? — Keine Sylbe von ihm ? — Freylich hab’ ich ihm verboten, mir selbst zu schreiben, das schickt sich nicht. Aber er ver- sprach doch durch die Cousine — und auch die Cousine versprach — warum hat denn keines Wort gehalten? — bin ich schon ver- gessen? — er wollte ja selber kommen, mit Empfehlungsschreiben vom Minister? und nun koͤmmt er nicht, und schreibt auch nicht. Er weiß doch, daß ich den Sperling heirathen soll. Der Vater quaͤlt mich, die Großmutter quaͤlt quaͤlt mich, und nun werd’ ich auch noch von ihm gequaͤlt! — (sie zerreibt den Brief zwischen den Haͤnden) Es geschieht dir schon recht. Man hat dich geuug vor den jungen Herren aus der Residenz gewarnt. Sie verlieben sich in Einem Tage dreymal, und wenn sie Abends in die Komoͤdie gehn, wissen sie schon nichts mehr davon. — Aber Karl! Karl! auch du ein Alltagsmensch? auch du nur ein Schoͤn- schwaͤtzer? (sie zieht ein Portrait aus der Tasche) Koͤnnen diese edlen Zuͤge taͤuschen? — mit diesem Blicke schwur er mir, in wenig Wo- chen selbst zu kommen, und meinen Vater zu gewinnen. Sind fuͤnf Wochen wenig? muß ich ihm vorrechnen, daß sie aus 35 ewig lan- gen Tagen bestehn? — O Karl! eile! sonst bin ich fuͤr dich verloren! (Sie betrachtet weh- muͤthig das Bild.) Vierte Vierte Scene . Frau Staar und Sabine . Sabingen, die Kuchen sind schon aus dem Ofen, koͤstliche Kuchen! sie ma- chen dir Ehre. Nun wollen wir sie mit Blu- men bestecken, und auch mit Myrthenreis, du weißt schon warum. Das wird Morgen ein Fest werden! ein gewaltiges Fest! — Aber du stehst ja da wie ein kranker Kanarienvo- gel? — hoͤrst du mich nicht? — was hast du denn da? (erschrickt, und will das Portrait weg- stecken) Nichts, liebe Großmutter. Ey ja doch. Das war ja ein Ding wie ein Brillenfutteral? gieb nur her! gieb her! ich will es haben. (giebt es) Es ist ein Portrait. Fr . Ein Portrait? ein Manns- bild? — Gott steh mir bey! — Kind, ich will nicht hoffen — Was denn? Ich mache Laͤrm im Hau- se! ich schreye Feuer! Ums Himmelswillen nicht, liebe Großmutter! (schalkhaft) Gesetzt, es brennt, was kann Ihr Schreyen helfen? Was? ein fremdes Manns- bild in deiner Tasche? wohl gar in deinem Herzen? Es ist ja nur ein Mann in Glas und Rahmen. Ey, lehre du mich die Maͤn- ner kenuen , sie springen aus dem Rahmen heraus, ehe man sichs versieht. — Nun da haben wirs! ich bin immer dagegen gewesen, dich in die Residenz zu schicken. War ich doch auch zu meiner Zeit eine wohlerzogene Jung- frau, aber von der Residenz hab’ ich nichts weiter gewußt, als daß Se. Majestaͤt der Koͤ- nig nig dort wohnen. — Nun haben wir die Bescheerung! Bildergen hat sie mitgebracht! Mannsbildergen! du gottlose Dirne! weißt du, was so ein Ding zu bedeuten hat? Zu mei- ner Zeit ließ sich keiner mahlen, der nicht in Amt und Wuͤrden stand, oder wenigstens 10 Jahr verheirathet war. Dann geschah es aber auch mit der gehoͤrigen Gravitaͤt in Le- bensgroͤße, einer Spitzenhalskrause, und einem Blumenstrauße in der Hand. So haͤngt dein Großvater draußen hinter dem Kuͤchenschran- ke, der wohledle Herr Untersteuereinnehmer, Gott hab’ ihn selig! aber heut zu Tage, das Gott erbarm! die Kinder lassen sich mahlen mit struppigten Haaren und offener Brust! und klein, winzig klein, daß man es in eine Nadeldose legen kann. Daher koͤmmt eben der Unfug. Große Bilder stehen frey und ehrbar vor der ganzen Welt; aber die kleinen Spitzbuben schleichen sich in alle Taschen, und Gott verzeih mir die Suͤnde! haͤngen wohl gar an Baͤndergen und Kettgen in den Busen hinab! hinab! — Wer ist den Mensch? heraus mit der Sprache! (verlegen) Liebe Großmutter, Sie ereifern sich ohne Noth — Nun? wer ists? Es ist — (fuͤr sich) was soll ich ihr sagen? (laut) es ist das Bild unsers Kbnigs . Unsers Koͤnigs? Die Cousine schickte es mir, weil sie weiß, daß wir ihn Alle lieben. Ah! ja so! das ist ein Anders. Sieh, sieh doch, ist das unser Koͤ- nig? hab’ ich doch laͤngst gewuͤnscht ihn ein- mal zu betrachten. Aber er hat ja keinen Stern? Den braucht er nicht um zu glaͤnzen. Ey! ey! uun das war ein gescheuter Einfall von deiner Cousine. Hoͤre Sabingen, das Bild mußt du mir schenken. Ich will es an eine Zitternadel befestigen, und auf meine Haube stecken. Sab . (bey Seite) O weh! An deinem Ehrentage leih’ ich es dir. Oder auch schon morgen am Ver- lobungstage. (sie steckt es zu sich.) Nein, nein, lieber will ich es nie tragen, nur keine Verlobung. So recht Sabingen, ziere dich, wein’ ein Thraͤngen, verstecke dich, das ist fein sittsam, ich hab’ es auch so gemacht. Heutzutage sehen die Maͤdgen ihren Liebha- bern starr in die Augen, und sprechen von ei- ner Verlobung als wie von einem Recept zu einer Mandeltorte. Hoͤchstens bey der Trauung fallen sie noch ein bisgen in Ohnmacht. Aber bey mir. liebe Großmutter, ist es keine Ziererey. Ich kann den Herrn Sperling nicht ausstehn. Er haͤngt sich an wie eine Klette, und schwatzt wie eine Elster, — und kurz, er ist ein Narr. Ey ey, Kind, was redest du da? wahre deine Zunge! Ich habe schon manche Dirne spotten hoͤren, die hinterdrein froh froh war, wenn der Verspottete sie heim fuͤhrte. Lieber bleib’ ich ledig. Ey du mein Gott! was kannst du denn gegen ihn einwenden? hat er nicht einen feinen Titel? ist er nicht Bau- Berg- und Weginspectors-Substitut? Das gilt mir gleich. Waren seine Eltern nicht honette Leute? sein Großvater hat sogar mit im Rathe gesessen. Immerhin. Du koͤmmst da gleich in ei- ne große Verwandtschaft. Desto schlimmer. Eine Menge Vettern und Muhmen; der Eine hilft hier, der Andere dort. O ja, alle Woche ein Familien- schmauß. Auch gut. Dabey wirst du nicht zuruͤck bleiben. Herrliche Waͤsche be- koͤmmst koͤmmst du mit, Gedecke zu 18 Personen. Herr Sperling hat huͤbsches Silberzeug; er ist auch sonst nicht arm; ein Krautland vor dem Thore und ein Erbbegraͤbniß in der Kirche — Ich wollte er laͤge schon darin. Gottloses Kind! da koͤmmt dein Oheim, der wird dir sagen, was der Herr Bau-Berg- und Weginspectors-Substi- tut fuͤr ein feines Maͤnngen ist. Fuͤnfte Scene . Der Vicekirchenvorsteher Staar . Die Vorigen . Gott zum Gruß, mein Sohn Andreas. Komm doch naͤher. Du bist Vi- cekirchenvorsteher, du weißt deine Worte zu setzen; bedeute doch das alberne Maͤdgen. Sie will nichts von der Verlobung hoͤren, sie macht sich lustig uͤber den Braͤutigam. Hr. St . Ey, ey, ich will nicht hoffen — Mein Oheim wird mir beystehn. Er hat eine Lesebibliothek und folglich kennt er die Welt. Ja ja die kenn ich. Die neuen Romane hat er Alle gelesen, und folglich kennt er das menschliche Herz. Ja ja das kenn’ ich. Er wird Ihnen gleich sagen, wie manches arme Maͤdgen, das zu einer Heirath gezwungen wurde, an der Schwindsucht ster- ben mußte. Nein, Bingen, nein, derglei- chen fuͤhr’ ich nicht. Die weinerlichen Roma- ne sind aus der Mode, ich brauche sie nur noch in meiner Gewuͤrzbude. Raͤuber muͤssen es seyn, Banditen! Gott steh uns bey! Schade nur, daß unsere Dich- ter so wenig Patrioten sind, und immer nur Italiaͤner verewigen. Wir haben doch auch einen einen Kaͤsebier! einen Schinderhannes und wie die großen deutschen Maͤnner Alle heißen. Da war ja auch vor zehn Jah- ren der Lorenz Schmeckebein, der an unsern eigenen Galgen gehangen wurde. Recht Frau Mutter. Im Ver- trauen, ich bin jetzt dabey, sein Leben zu dra- matisiren. Sperling macht die Romanzen da- zu. Er ist kein uͤbler Dichter. Besonders weiß er mit den Sonnetten umzuspringen; da muͤssen die Reime herbey, und sollt’ er ih- nen alle Haare ausraufen. Hoͤrst du, Bingen? hoͤrst du? Es ist ein ganzes Kerlgen, der Sperling, hat die neuere Aesthetik studiert, koͤnnte Collegia daruͤber lesen. Hoͤrst du Kind? hoͤrst du? Sentenzen sprudelt er von sich, und Fragmente wuͤrgt er heraus; den will ich sehen, der sie toller macht als Er. Nun Bingen? nun? B Hr. St . Kurz, Maͤdgen, er wird dein Mann, mein Neffe, mein Erbe, mein Gehuͤl- fe bey der Lesebibliothek; und damit Punc- tum. Sechste Scene . Der Buͤrgermeister . Die Vorigen . Sabine, hole mir die Perucke, ich muß aufs Rathhaus. Gleich lieber Vater. (ab.) Sein Diener Herr Bruder. Ein saurer Tag! ich muß arbeiten wie ein Acker- gaul. Was giebt es denn? Liegt denn nicht Alles auf mir? das Wohl der ganzen Stadt? — der Pro- ceß, den Meister Barsch mit dem Nachtwaͤch- ter fuͤhrt, wegen der zerbrochnen Laterne, wird heute entschieden. Wer hat gewonnen? Buͤrg Der Nachtwaͤchter muß die La- terne repariren lassen, und Meister Barsch bezahlt die Gerichtskosten, 4 Thaler 8 Gro- schen. Das ist billig. Der Schuster Korb und der Schneider Luͤmmel werden heute auch vorge- nommen, wegen der Pruͤgeley im Bierhause. Was giebts denn da? Beyde behalten ihre Pruͤgel und zahlen Strafe. Von Rechtswegen. Dann ist noch die wichtige Sa- che mir der ganzen Buͤrgerschaft. Wegen des Straßenfegens? Ganz recht. Der Hochloͤbliche Magistrat will nun einmal nicht die Stras- sen fegen. Es ist ein Onus der Buͤrgerschaft, sie hat sich von jeher mit dem Straßenkothe befaßt, und der Hochloͤbliche Magistrat wird sich drein legen so lange, bis die Widerspensti- gen ihre Pflicht thun. B 2 Fr. St . Ein jeder fege vor seiner Thuͤr, das ist ein altes Spruͤchwort. Nein Frau Mutter, ich bin Buͤr- germeister, auch Oberaͤltester, und fege nicht vor meiner Thuͤr. Sie moͤgen nur appelliren, der Koth bleibt liegen. Und sollte der Pro- ceß 20 Jahre dauern, der Koth ruͤhrt sich nicht von der Stelle. Auf Recht muß man halten. Wohlgesprochen Herr Bruder. Aber am Ende koͤnnen wir nicht mehr vor die Hausthuͤr. Thut nichts, wir bleiben daheim, dann moͤgen sie sehen, wie sie auf dem Rath- hause fertig werden. Standhaft bin ich wie die babylonische Mauer. Was waͤre auch schon laͤngst aus unsern Privilegien geworden, wenn ich nicht gewesen waͤre? — wer hat es so weit gebracht, daß wir Morgen das hohe Fest feyern koͤnnen? ich! ich bin durchgedrungen, ich habe die Ehre der Stadt gerettet! Sieben- Siebente Scene . Sabine (mit der Peruͤcke.) Vorige . Da ist die Peruͤcke. Es bleibt doch dabey, mein Sohn, daß morgen zugleich Sabingens Ver- lobung gefeyert wird? Allerdings. Es ist ein merkwuͤr- diger Tag. Das Maͤdgen macht Einwen- dungen. Was? ich bin Buͤrgermeister, auch Oberaͤltester, mir macht man keine Einwen- dungen. Lieber Vater! Erst die Pflicht, dann die Liebe. Ich gehoͤre dem Staate. Mir gebuͤhrt es, ein Fest zu verherrlichen, das noch unsern Ur- enkeln Segen bringen wird. (indem er die Pe- ruͤcke ruͤcke aufsetzt) Die Jurisdiction zwischen unserer guten Stadt Kraͤhwinkel, und dem benachbar- ten Amte Rummelsburg war strittig — eine Diebin wurde eingefangen — wir wollten sie an den Pranger stellen, die Rummelsburger gleichfalls — wir wollten sie mir Ruthen strei- chen, die Rummelsburger gleichfalls — Neun Jahre lang haben wir processirt — die De- linquentin ist indessen wohl verwahrt worden — Gott sey Dank! sie lebt noch — wir sie- gen, und morgen steht sie am Pranger. Lieber Vater, der Delinquentin kann fast nicht schlimmer zu Muthe seyn, als mir. Wie so? Wenn sie ihre Strafe uͤberstanden hat, so ist sie frey. Ich habe nichts verbro- chen, und soll Morgen auf ewig in Ketten geschmiedet werden. Sey ruhig mein Kind. Der heydnische Gott Amor oder Hymenaͤus schmie- det nur Blumenfesseln. Sab . Ach! die nicht selten das Herz wund druͤcken. Der Herr Bau-Berg- und Weg- inspektors-Substitut Sperling ist ein Mann bey der Stadt. Das hab’ ich auch gesagt. Es fehlt ihm keinesweges am Judicio. Das hab’ ich auch gesagt. Er hat Vermoͤgen. Meine Worte. Schreibt allerley poetische Exer- citia. Mir aus der Seele gesprochen. Kurz, ich habe denselben zu mei- nem Schwiegersohn erkieset, wogegen keine weitere dilatorische Einrede statt findet. (bey Seite) Weh mir! Alles hat sich gegen mich verschworen! Achte Achte Scene . Die Magd . Die Vorigen . Da bringt eben ein Bauer einen Brief. Der Herr, der ihn schickt, liegt draus- sen im Steinbruch und flucht. Er hat den Wagen zerbrochen, und ich glaube auch ein Bein. Seit ich Buͤrgermeister auch Oberaͤltester bin, ist, Gott sey Dank, noch in jeder Woche auf unserer Straße ein Reisen- der umgeworfen worden. Warum laͤßt denn aber ein Hochedler Rath die Wege nicht repariren? Was soll denn aus unsern Schmie- den und Sattlern werden, die vom Umwer- fen leben muͤssen? Aber, lieber Vater, die Reisenden klagen gewaltig. Sie muͤssen noch obendrein Chausseegeld bezahlen. Buͤrg . Laß sie klagen und zahlen. Was wollen die Reisenden reden, wenn wir uns sogar gefallen lassen, daß das Pflaster unserer guten Stadt Kraͤhwinkel noch weit schlechter ist als die Landstraße? Trotz des Pflastergeldes. Eben deswegen. Wir brechen hier auch die Beine, und murren nicht. Also, wo ist der Brief? (oͤffnet die Thuͤr) Nur herein gu- ter Freund. (sie geht ab.) Neunte Scene . Ein Bauer . Die Vorigen . Ew. Gestrengen halten zu Gna- den. Draußen im Steinbruch liegt ein Herr, muß wohl ein vornehmer Herr seyn, denn er hat auch Laternen am Wagen, sie sind alle zerbrochen. Buͤrg . Und Arm und Beine? Die sind fuͤr diesmal noch ganz geblieben. Nur die Nase ein wenig ge- schunden. Aber der Wagen. Der s i eht jaͤmmerlich aus. Ein Rad liegt oben, gerade neben der Tafel, wo das Chausseegeld darauf steht. Da kann er lesen zum Zeit- vertreib. O Buͤcher hat er die Menge! aber alle beschmutzt, so wie seine Kleider. Drum getraut er sich auch noch nicht, vor Ew. Gestrengen Gnaden zu erscheinen. Was will er bey mir? Er hat mir einen halben Gul- den gegeben, daß ich den Brief hertragen und ihn anmelden soll. Vielleicht kommt er zu dem morgenden Feste. (bey Seite) Oder vielleicht — o wie klopft mein Herz! Buͤrg . (oͤffnet den Brief) Wie? was? von Sr. Excellenz dem dirigirenden Herrn Mini- ster? dem hohen Goͤnner und Patron dieser Stadt? — man schweige — man verwundre sich — man hoͤre — (er liest) „Mein lieber Herr Buͤrgermeister“ — O ja! Se. Excel- lenz haben mich immer geliebt. — „Ueber- bringer dieses, mein alter Schul- und Uni- versitaͤtsfreund, Herr Olmers — (bey Seite) Er ists! Herr Olmers schlechtweg? ein Freund des Ministers? Stille! (er liest) „hat viel Gu- tes von Ihnen und Ihrer Stadt gehoͤrt, und wuͤnscht einige Wochen da zuzubringen“ — Hoͤrt ihr Kinder? in der Residenz sprechen sie von nichts, als von mir und unserer Stadt. — „Da ich ihn nun sehr liebe und hoch- schaͤtze, so wuͤnsche ich, Sie moͤgten die Ge- faͤlligkeit fuͤr mich haben“ — unterthaͤnigster Diener! — „ihn in Ihrem Hause aufzuneh- men“ — Ew. Excellenz haben zu befehlen! — „sein „sein etwaniges Anliegen bestmoͤglichst zu be- foͤrdern“ — soll geschehn. — (bey Seite) Gottlob! (liest) „und ihn als Ihren ei- genen Sohn zu betrachten“ — fiat ! — „Mit Vergnuͤgen werde ich jede Gelegenheit ergrei- fen, Ihnen wiederum gefaͤllig zu seyn“ — Zu viel Gnade! — „Ich verbleibe mit Hoch- achtung meines Herrn Buͤrgermeisters dienst- williger Graf von Hochberg.“ — Alles ma- nu propria. Habt ihrs gehoͤrt? Se. Excel- lenz der Herr Graf von Hochberg — Er ist dein Dienstwilliger. Er verbleibt mit Hochach- tung. Er ergreift jede Gelegenheit! — Das ist ein Mann! Kinder, das ist ein Mann! der koͤnnte alle Tage Buͤrgermeister in Kraͤh- winkel werden! Aber er soll auch an mir seinen Mann gefunden haben. (zu dem Bauer) Marsch! fort! hinaus! Ich lasse dem frem- den Herrn meinen unterthaͤnigsten Respect vermel- vermelden, und den Augenblick solle mein eig- ner Wagen ihm zu Diensten stehn. Wo denkst du hin? unsere Pfer- de sind auss Feld, Kartoffeln zu holen. Ja so! ein verdammter Streich! man springe hin zu dem Wirth in der golde- nen Katze, er soll vorspannen, soll seine Schuͤtzenuni fo rm anziehn, soll sich selber auf den Bock setzen, hinausfahren, aufladen, herein fuͤhren, fort! fort! (ab.) (bey Seite) Er hat doch Wort ge- halten. Aber das gefaͤllt mir nicht, mein Sohn, daß du dem Fremden deinen un- terthaͤnigsten Respect hast vermelden lassen. Das ist zu viel. Zu viel? ist er nicht der Freund des Herrn Grafen? und ist der Herr Graf nicht mein Dienstwilliger? Alles gut, aber er ist doch nun einmal gar nichts, hat weder Titel noch Am t , Herr Herr Olmers schlechtweg. Du bist Buͤrger- meister, auch Oberaͤltester. Freylich, freylich. Was ist zu thun? Der Bauer ist mit dem unterthaͤnigsten Respect nun einmal davon gelaufen. Ich denke, Frau Mutter, da- hinter stecken noch ganz andere Dinge. Wenn der Herr Olmers schlechtweg Herr Olmers waͤre, so wuͤrde der Minister den Henker nach ihm fragen. Schulfreund? Universitaͤtsfreund? Du lieber Gott! die vornehmen Herrn ver- gessen wohl wen sie gestern gesehn haben, das find’ ich in allen Romanen; wie viel mehr Leute, mit denen sie vor 20 Jahren einmal den Cornelius Nepos exponirten. Nein, nein, ich bleibe dabey, der Herr Olmers reist incog- nito, und ist ein wichtiger Mann im Staate. Da hat der Herr Bruder aller- dings einen klugen Einfall. Gebt Acht, der Fremde ist nicht viel weniger als Minister. Ehe ihrs euch verseht, knoͤpft er den Oberrock auf — da habt ihr den Stern. Fr. St . Ein Stern! ich bekomme meinen Schwindel. (bey Seite) Er traͤgt allerdings et- was Kostbares auf dieser Stelle. Aber sagt mir nur, was kann er denn bey uns suchen? Fehlt es uns etwa an Merkwuͤr- digkeiten? Das alte Rathhaus! 1430 ist es erbaut worden. Auf dem großen Saale hat ein Hussitengeneral dem damaligen Buͤrger- meister eine Ohrfeige gegeben. Und die Wallfischrippe an der Decke — Und die Stadtuhr, wo der Hahn kraͤht, und der Apostel Petrus mit dem Kop- fe nickt. Und unsere Leinewandbleiche — Und das große Hirschgeweih — Ein Pommerscher Herzog hat den Hirsch hoͤchst eigenhaͤndig erlegt. Vielleicht koͤmmt er auch wegen der Tuchfabriken? Buͤrg . Possen! ein solcher Herr hat in seinem Leben Tuch genug gesehn. Meinen Cichoriencaffee soll er bewundern. Ein gutes Buch dabey aus meiner Lesebibliothek. Oder die merkwuͤrdigsten Akten, welche vor einem Hochloͤblichen Rathe verhan- delt worden. Was wird das vor Aufsehn in der Stadt machen, daß ein solcher Herr bey uns logirt. Wir muͤssen ihn nur auch nach Wuͤrden empfangen. Sabingen, laß die Kinder weiß anziehn. Ich will den Sperling herschicken, der soll sie lehren Blumen streun, das ist jetzt Mode. Und ich will sogleich den Thuͤrmer bestellen. Er kann ein wenig die Trompete blasen. Wenn der Fremde zum Thore herein faͤhrt, faͤhrt, so soll er blasen, was die Lunge nur halten will. Find’ ich nur den Sperling, er ist capabel noch Verse zu machen. Suche der Herr Bruder ihn auf; und die Frau Mutter, nebst Jungfer Tochter, verfuͤgen sich in die Kuͤche, backen, kochen, sieden, braten. Heute wird nicht von Zinn gespeist, sondern von Fayance. Was von Silber im Hause ist, muß auf den Tisch. Meine silberne Tabaksdose kann als Salzfaß gebraucht werden. — Das große Deckelglas mit meinem verzogenen Namen wird vor den Fremden gestellt. Kein schwarzes Brod, lau- ter Semmeln. Zwey Flaschen von meinem koͤstlichen Naumburger. Ein Kalbskopf mit einem verguldeten Lorbeerblatt im Maule. Eine Pastete mit Morcheln, und eine gebra- tene Gans mit Borstdorferaͤpfeln. O Se. Excellenz sollen wissen, daß wir auch verstehn, was dazu gehoͤrt. C Fr. St . Und was das Noͤthigen betrifft, da verlaß dich auf mich. Ich will ihn noͤthi- gen, so lange noch ein Bissen hinein geht. Er soll einen Knopf nach dem andern von der Weste springen lassen. Das thue die Frau Mutter. Komm der Herr Bruder. Jeder verrichte das Seine, zu Ehr’ und Ruhm unserer guten Stadt Kraͤhwinkel. (ab mit Herrn Staar.) Zehnte Scene . Frau Staat. Sabine . Nun Sabingen, jetzt ruͤhre dich. Die Garnitur von Damast muß auf den T isch. Sie sollte zwar erst Morgen an dei- n em Verlobungstage prangen — Je nun, liebe Großmutter, wer weiß was heute geschieht. Wie? ziehst du andre Saiten auf? der Fremde, nicht wahr? Sab . Freylich, der Fremde. Wir bitten ihn zur Hochzeit? Das versteht sich. Er sitzt oben an. Er soll neben mir sitzen. Nein, Kind, das geht nicht, da sitzt der Braͤutigam. Recht liebe Großmutter. Und an der andern Seite Brautvater, und gegenuͤber sitz’ ich , und ne- ben mir, da mag er sitzen. Ich will ihm schon ein Plaͤtzgen anweisen, mit dem er zufrieden seyn soll. Vielleicht kann er auch deinem kuͤnftigen Manne weiter forthelfen. Das denk’ ich. Es ist schon lange im Werk mit dem Sperling, daß er Runkelruͤbencon. missionsassessor werden soll. Das waͤre denn doch ein feiner Titel. Ein recht suͤßer Titel. — Also die Garnitur von Damast? C 2 Fr. St . Ja Bingen. Ich habe sie noch als Braut gesponnen. Dein Großvater hat oft dabey gesessen. Da ist der Faden wohl manchmal abgerissen? Schalk! nun freylich — Ich hole sie, und denke dabey an die treue Liebe. (ab.) Eilfte Scene . Frau Staar . Bald darauf die Magd . (allein) Sieh, sieh, das Bin- chen ist auf einmal ganz lebendig geworden. Aber sie hat Recht, wir muͤssen uns tum- meln. — Ach du mein Gott! da faͤllt mir eben bey, es muͤssen ja auch noch Gaͤste ge- beten werden; der Fremde kann doch nicht ganz allein mit uns essen. — Aber wen soll man einladen? — Da sind sie nun Alle fort! — Mit wem soll man dergleichen wich- tige tige Dinge berathschlagen? — Margarethe! Margarethe! Die Magd (koͤmmt) Lauft dach geschwind hin zu meiner Muhme, der Frau Oberfloß- und Fisch- meisterin Brendel, und zu meiner Muhme, der Frau Stadtaccisecasseschreiberin Morgen- roth, und sprecht: die Frau Untersteuerein- nehmerin lasse sich der Frau Oberfloß, und Fischmeisterin und der Frau Stadtaccisecasse- schreiberin ganz gehorsamst empfehlen, und wenn die Frau Oberfloß- und Fischmeisterin und die Frau Stadtaccisecasseschreiberin die Guͤte haben wollten, die Frau Untersteuerein- nehmerin auf einen Augenblick zu besuchen, so wuͤrde die Frau Untersteuereinnehmerin solches mit großem Dank erkennen, sintemal etwas sehr Wichtiges vorgefallen sey. Die Magd . (ab.) (allein) Nun muß ich auch noch meine gebluͤmte Contusche anziehn — und eine andere Haube aufsetzen — aber der Perucken- macher! macher! — daß Gott erbarm! — der koͤmmt nur an Sonn- und Feyertagen — in der Woche geht er auf dem Lande umher und frisirt den Pastoren ihre Peruͤcken. — Was ist anzufangen? — ich koͤnnte mich freylich von der Sabine — aber die jetzigen Moden sind so luͤderlich, so pudelmaͤsig — da ist nichts Geklebtes, nichts Geschniegeltes — we- der Pommade noch Kammstrich! — Mein Sohn Niclas denkt auch an gar nichts. Haͤt- te er den vornehmen Herrn noch ein Paar Stunden im Steinbruch zappeln lassen, so koͤnnte man ihn mit der gehoͤrigen Gravitaͤt empfangen. Zwoͤlfte Zwoͤlfte Scene . Frau Staar und Frau Brendel . Da bin ich, liebwertheste Frau Muhme. Ich bin gelaufen, ich habe keinen Athem mehr — ich war eben erst bey meiner siebenten Tasse Caffe, aber ich habe Alles stehn und liegen lassen — Sehr verbunden, hochgeschaͤtzte Frau Muhme. Wissen sie schon — Ach ich weiß Alles! Meine Magd war im Fleischscharren, da hat der Fleischer er zaͤhlt, sein Nachbar, der Leinewe- ber, habe gehoͤrt, wie der Rathsbote zu sei- ner Tochter gesagt hat: Mieke, hat er ge- sagt, draußen im Steinbruche liegen ein paar Grafen, die haben Arme und Beine gebro- chen und werden gleich hier seyn. Der Thuͤr- mer wird blasen, die Kinder werden Blumen streuen, streuen, der Magistrat in corpore wird ihnen entgegen ziehn, und die Glocken werden ge- laͤutet. Es ist nur Einer, Frau Muh- me, nur Einer liegt draußen im Steinbruch, vermuthlich ein vornehmer Herr. Bey uns wird er logiren. Der Minister hat selber ge- schrieben, und hat meinen Sohn um Gottes- willen gebeten. Nun koͤnnen Sie denken, Frau Muhme, was fuͤr ein Rumor hier im Hause ist. Und Alles liegt auf mir! Alles auf mir! Dreyzehnte Scene . Frau Morgenroth . Die Vorigen . Gehorsame Diene- rin, meine theuerste Frau Muhme! sehn Sie nur wie ich schoffirt bin. Ich komme doch nicht zu spaͤt? Mit Erlaubniß zu reden, ich war fast noch im Hemde, singe mein Mor- genlied genlied und kaͤmme den Mops. Beym drit- ten Verse stuͤrzt Ihre Magd herein, je du mein Gott! ich denke, das Haus brennt. Da hin ich aufgesprungen, der Mops ist mir vom Schoose gefallen, das Gesangbuch in die Kohlpfanne, wo ich meinen Caffee waͤrmte, der Caffee ist in die Kohlen geflossen, und von dem Liede, Wach auf mein Herz und singe! sind zwey Verse verbrannt. Ich bedaure unendlich, werth- geschaͤtzte Frau Muhme — Hat nichts zu bedeuten. Ich weiß schon Alles. Draußen im Steinbruche liegen drey oder vier Prinzen, der Eine ist todt, der Andere schnappt nur noch ein Bis- chen. Der Kutscher hat den Hals gebrochen, und die Pferde strecken alle Viere von sich. Der Herr Amtsadvocat Balg ist mir auf der Straße begegnet, der hat es von seiner Koͤ- chin, die weiß es von der Frau Lotteriein- spectorin, der hat ihres Mannes Balbier al- les umstaͤndlich erzaͤhlt. Fr. St . Nun, nun, so gar gefaͤhrlich ist es doch nicht. Vor einer kleinen Weile kam ein Bauer von Rabendorf — Ich weiß, der hat einen harten Thaler zum Trinkgelde bekommen. Nicht doch, Frau Gevatterin, ein Louisdor soll es gewesen seyn. Der war gelaufen was er konnte — Er soll das Milzstechen bekom- men haben. Auch Nasenbluten. Ein vornehmer Herr hat den Wagen gebrochen. Ein Graf — Etliche Prinzen. Das wissen wir noch nicht. Vornehm muß er seyn, denn er logirt nicht in der goldenen Katze, sondern bey uns, auf ausdruͤckliches hohes Begehren. Nun, da mein Sohn, der Buͤrgermeister auch Oberaͤlteste, die Erste Person in der Stadt gleichsam repraͤ- sentirt, sentirt, so begreifen Sie wohl, liebwertheste Frau Muhme, daß er seinem Range Ehre machen muß. Ein Schmauß auf dem Rath- hause — Ein Tanz auf der Schuͤtzen- gilde. Morgen ist das große Fest wie Sie wissen. Ach ja das Weib, das vor 9 Jahren die Kuh stahl — Morgen stehn sie am Pranger. Ich freue mich ungemein darauf. Ich habe mir eine ganz neue Roberonde dazu machen lassen. Da ist nun ohnehin schon Al- lerley zu dieser Feyerlichkeit veranstaltet. Aber heute ruht die Ehre der Stadt auf uns allein; heute muͤssen wir tractiren, und das wollen wir denn auch mit Gottes Huͤlfe. Die Tische sollen sich biegen unter Gottes Segen. Meine Meine werthgeschaͤtzten Frau Muhmen sind auch dazu eingeladen. Ist mir eine große Ehre — Werde nicht ermangeln. Nun wuͤnscht’ ich aber doch den fremden Herrn mit den Honoratioren unserer Stadt bekannt zu machen. Da hab’ ich mir denn nun Ihren guten Rath erbitten wollen, wer etwa noch einzuladen waͤre? (nachdenkend) Je nun, ich daͤchte — Sie koͤnnten etwa — Den Herrn Geleits- und Land- acciscommissatius Kropf — Nein, Frau Muhme, der hat neulich an seiner Mutter Geburtstage einen Schmauß gegeben, und hat uns nicht dazu gebeten. Ah so! Etwa den Herrn Supernumme- rarius-Rentkammerschreiber Wittmann? Nein, Frau Muhme, mein seliger Mann hatte einen Proceß mit seinem seinem Schwiegervater wegen einer Dach- rinne. Ah das ist ein Andres. Ich denke den Herrn General- Postguͤterbeschauer Holbein? Um Gotteswillen nicht Frau Muhme! der hat eine unausstehliche Frau! fast alle Sonntage ein neues Kleid. Das rauscht an den Kirchenstuͤhlen voruͤber — Das traͤgt die Nase so hoch — Und man kennt sie doch noch recht gut — Ja wohl, wie sie das graue Leibgen mit der gruͤnen Schuͤrze trug. Man munkelt auch Allerley, wo- her sie es nimmt. Nein, da moͤgt’ ich lieber den Herrn Kreis-Trank-Schock- und Quatem- bersteuer- auch Imposteinnehmer Runkel vor- schlagen. Mit dem bleiben Sie mir vom Leibe, Frau Muhme; der ist ein Grobian! Glauben Glauben Sie wohl, daß er uns ordentlich be- sucht hat? Der Naseweiß! eine Karte hat er abgegeben, eine Visitenkarte. — Eher koͤnnte man den Herrn Floßstrafbefehlshaber Weidenbaum bitten. Ja nicht, Frau Muhme, ums Himmelswillen nicht! Sie wissen doch, daß der boͤse Mensch dreymal mit meines Schwa- gers Stieftochter gesprochen hat, und daß er sie folglich heirathen wollte? Nun ist er weggeblieben, und hat das arme Maͤdgen ins Gerede gebracht. Ja du lieber Gott! wen sollen wir denn aber bitten? Da koͤmmt der Herr Vetter Sperling. Vier- Vierzehnte Scene . Sperling . (mit einem großen Blumenstrauß) Die Vorigen . Frau Untersteuereinnehmerin — Frau Oberfloß- und Fischmeisterin — Frau Stadtaccisecasseschreiberin — allerseits gehor- samster Diener! Ich war in meinem Gar- ten — der Herr Vicekirchenvorsteher hat den Rathsboten nach mir geschickt — ich bin ge- laufen wie ein Sonnenstrahl! Kaum hab’ ich mir so viel Zeit genommen, diese Kinder des Fruͤhlings zu pfluͤcken. Wissen Sie schon? Alles weiß ich. Ein beruͤhmter Gelehrter — umgeworfen — das Nasenbein gequetscht — Empfehlungsschreiben vom Mi- nister — Ein Gelehrter, sagen Sie? Nur ein Gelehrter? Fr . M. Ey du mein schoͤner Caffe! der in die Kohlen lief. Glauben Sies nicht, Frau Muhme. Ich habe alle mein Lebstage gehoͤrt, daß die Minister sich wenig um Ge- lehrte bekuͤmmern. Nein, nein, es hat eine andere Bewandniß. Und ich bleibe dabey, der Mann mit der gequetschten Nase ist ein Gelehrter, koͤmmt aus Egypten oder aus Weimar; hat die Saͤule des Pompejus gemessen, oder doch Wieland aus dem Fenster gucken sehn. Kurz, wir haben keine Zeit zu verlieren. Hier sind die Blumen, schaffen Sie mir nur geschwind die Kinder herbey. Kinder muß ich haben! dann mag er kommen und sehn was in Kraͤh- winkel geschieht! Nun, nun, sie sollen gleich hier seyn. (ab.) (steht seitwaͤrts und probirt pantomi- misch den Empfang) Fr . M. Haben die Frau Gevatterin wohl bemerkt, wie laͤcherlich die alte Frau Muhme sich geberdet? Ja wohl, Frau Gevatterin, sie blaͤht sich wie ein Teig am Ofen. Lieber Gott! ihr Mann war doch nur Unter steuereinnehmer. Wie er starb blieb er einen Rest in die Kasse schuldig. Und was wird das fuͤr ein Trac- tament werden? wissen Sie noch vor 8 Wo- chen den Braten? er war ja ganz verbrannt. Und wie sie aussieht! was wird sie anziehn? Sie hat ja nur drey Kleider. Ganz recht, das braune — Und das weisse — Und das stoffene — Das hat sie machen lassen, wie der Buͤrgermeister zum Erstenmale taufen ließ. D Fr. Br . Um Vergebung, Frau Gevatte- rin, das wurde gemacht, als der Vicekirchen- vorsteher seine zweyte Frau heirathete. Die auch eine Naͤrrin war. Ja wohl, ja wohl. Funfzehnte Scene . Frau Staar mit zwey Kindern , die große Butterbroͤdte essen. Die Vorigen . Da sind die Kinder. Her damit! Verneigt euch erst vor den lie- ben Frau Muhmen. So! — Nun gebt eine Patschhand. So! (indem sie sich die Butter von den Fingern wischt) Allerliebste Puͤppgen! Gott behuͤte sie! (eben so) Der lieben Frau Muh- me wie aus den Augen geschnitten. Fr. Br . Haben doch die Pocken schon gehabt? Noch nicht. Mein Sohn woll- te sie immer inoculiren lassen, aber das leid ich nicht. Man muß dem lieben Gott nicht vorgreifen. Jetzt will man die Kinder gar unter das Vieh stecken. Man nimmt die Materie von den Bestien. Es ist ein gottloses bestialisches Wesen. (der sich indessen mit den Kindern be- schaͤftigte) Kinder, legt die Butterbrodte bey Seite. Ne, ne. So nehmt wenigstens die Blu- men in die Eine Hand. D 2 Sech- Sechzehnte Scene . Herr Staar . Der Buͤrgermeister. Sabine . Einer nach dem Andern. Die Vo- rigen . (eilig) Eben faͤhrt er zum Thore herein. Die ganze Straße ist voll Jungen. Sie laufen neben dem Wagen her, und gaffen ihm ins Gesicht. (eilig) Er koͤmmt! er koͤmmt! Der Thuͤrmer steht auch schon unten mit sei- ner Trompete. Du lieber Gott! die Kinder sind noch so dumm — Streut nur Blumen, und werft sie ihm ins Gesicht. (eilig) Olmers! Olmers! er ist da! (Ein verstimmter Trompetenstoß.) Buͤrg . Allons! ihm entgegen! Die Kinder voraus! (reißt ihnen die Butterbroͤdte aus den Haͤnden und wirft sie auf den Tisch) Laßt die But- terbroͤdte so lange hier. (schiebt die Kinder zur Thuͤr hinaus) Fort! fort. (schreien) Mein Butter- brodt! mein Butterbrodt! (ihnen folgend) Wollt ihr die Maͤu- ler halten! Sperling und Herr Staar folgen. Sabine . (steht am Fenster und wirft Kuͤsse hinab) Frau Oberfloß- und Fischmei- sterin, Sie werden die Guͤte haben voran zu spazieren. Das wird nimmermehr geschehn. Frau Stadtaccisecasseschreiberin, ich bitte ge- horsamst — Frau Untersteuereinnehmerin, Ihnen gebuͤhrt die Ehre. Fr. St . Bewahre der Himmel! ich bin in meinem eigenen Hause. Ich kenne meine Schuldigkeit — Ich gehe nicht von der Stelle. Alle Drey . (fangen ploͤtzlich an zu reden und zu complimentiren.) (Der Vorhang faͤllt.) Ende des ersten Akts . Zweyter Zweyter Akt . Erste Scene . (Die drey Frauen stehen noch immer an der Thuͤr und complimentiren. Sabine seitwaͤrts.) Sie werden excusiren. Ich muß depriciren — Bitte mich nicht in Versuchung zu fuͤhren. Ah! da hoͤr’ ich sie schon auf der Treppe. (Alle drey prallen zuruͤck.) Zweyte Zweyte Scene . Olmers . Der Buͤrgermeister. Herr Staar. Sperling . Die Vorigen . Heil ist meinem Hause wieder- fahren! Heil der guten Stadt Kraͤhwinkel! Nicht doch, Herr Buͤrgermeister, ich bin schon zufrieden, wenn auch nur eine einzige Person (mit einem Buck auf Sabinen) sich uͤber meine Ankunft freut. Bewahre der Himmel! ich wollt’ es keinem gehorsamen Buͤrger rathen, sich nicht unterthaͤnigst zu freuen. Dafuͤr haben wir Mittel. Diese Damen gehoͤren vermuthlich zu Ihrer Familie? Meine wertheste Frau Muhme, die Frau Oberfloß- und Fischmeisterin Bren- del, desgleichen meine wertheste Frau Muh- me, me, die Frau Stadtaccisecasseschreiberin Mor- genroth. (mit gewaltigen Knixen) Wir freuen uns unendlich die Ehre zu ha- ben — Hier ist meine Mutter, die Frau Untersteuereinnehmerin Staar. Bitte nur tausendmal um Ver- gebung, daß die Vorhaͤnge noch nicht gewa- schen sind. Es geschieht sonst immer vor Pfingsten und Weihnachten. Madam, ich wuͤrde untroͤstlich seyn, wenn Sie durch mich in Ihrer alten Ord- nung sich stoͤren ließen. (bey Seite mit geruͤmpfter Nase) Madam? (zum Buͤrgermeister) Dies junge Frauenzimmer ist vermuthlich Ihre Mademoi- sell Tochter? Jedermann erkennt sie doch gleich an der Aehnlichkeit mit mir. Olm . Mademoisell, ich schmeichle mir mit der Hofnung, daß meine Gegenwart kei- nen unangenehmen Eindruck auf Sie machen werde. Im Gegentheil, der Eindruck ist so angenehm, daß ich ihn nur fruͤher ge- wuͤnscht haͤtte. Man hoͤrt doch gleich, daß das Maͤdgen ein Jahr in der Residenz gewe- sen ist. Vermuthlich haben Sie dort in- teressante Bekanntschaften gemacht? Wenn auch nicht viele , doch Eine . Die sich um so gluͤcklicher schaͤtzen wird. Wer weiß. Man findet in der Residenz so ziemlich Alles, ausgenommen Ge- daͤchtniß. Huͤten Sie sich, daß Sie kein Un- recht abzubitten bekommen. Dabey wuͤrde ich gewinnen. Olm . Wer einmal so gluͤcklich war Sie zu sehn — Sie schmeicheln einem armen Land- maͤdgen. Nun, nun, Sabingen, ein Land- maͤdgen bist du doch gerade auch nicht. Wir bewohnen, Gott sey Dank! eine ganz feine Stadt. Die beyden Hauptstraßen sind gepflastert. 5000 Einwohner, worunter auch einige Dichter. Drey schoͤne Kirchen. Eine anmuthige Promenade bis zum Galgen. Ich habe eine liebliche Anhoͤhe be- merkt. O die ist ganz vortreflich zum Waͤschetrocknen. Und das Thal so mahlerisch mit Gebuͤschen bestreut. Fr. Br . Die schoͤnsten Erdbeere wach- sen dort. (mit einem Blick auf Sabinen) Ge- wuͤrzig und Purpur roth wie gewisse Lippen. In der Tiefe schlaͤngelt sich ein Fluß. Mit Forellen und Karauschen. Ein schattenreicher Wald beher- bergt ein Heer von Nachtigallen. Der Wald ist dick genug, aber das Holz wird doch alle Jahr theurer. Treibt das Staͤdtgen einen starken Handel? O ja, mit Meerrettig. Auch giebt es Niederlagen von oft- und westindischen Gewuͤrzen, sammt ei- ner Lesebibliothek. Von unserm Scheibenschießen haben Sie wohl schon gehoͤrt? Leider nein. Es ist auch ein Hanswurst dabey. Fr. St . Und einen Nachmittagspredi- ger haben wir an der Aegidienkirche, das ist ein Mann wie ein Apostel! O der ist Ihnen sicher schon bekannt? In der That, ich muß mich schaͤ- men — Was sagen sie denn in der Re- sidenz von unserm Liebhabertheater? ich spie- le den Peter in Menschenhaß und Reue. Und recht natuͤrlich. Nicht wahr, Frau Muhme? Vor allen Dingen werd’ ich dem Herrn unser Rathhaus zeigen. Ein Bau- meister aus Gotha hat es vor 300 Jahren erbaut. Es ist im aͤcht Gothischen Ge- schmack. So bald ich mich ein wenig von der Reise erholt habe. Sabingen, fuͤhre doch den Herrn auf sein Zimmer. Herzlich gern. Buͤrg . Ich werde die Ehre haben zu begleiten. Auch ich. Auch ich. Bemuͤhen Sie sich nicht meine Herren, ich bin vollkommen mit meinem Fuͤh- rer zufrieden. Mit nichten. Se. Excellenz, der Herr Minister, haben mir Hochdieselben em- pfohlen, und ich werde nicht ermangeln, Sie wie Dero Schatten zu umgeben. Dann werden Sie mir oft in die Sonne treten. Sonne genug. Dero Fenster liegen gegen Mittag. Uebrigens sehr bequem. Nur drey Stufen hinab in die Kammer, und wiederum zwey Stufen hinauf in den Al- coven. (reicht Sabinen die Hand) Mademoi- sell, an Ihrer Hand hoffe ich die Stufen leicht zu erklimmen. Sab . Es waͤre doch besser, wenn wir uns schon am Ziele befaͤnden. (ab mit Olmers.) Der Buͤrgermeister folgt. (zu Staar) Was meinen Sie, wenn ich ihm gleich die Ode vorlaͤse? die an die braunschweiger Mumme? Jetzt nicht. Ich zeig’ ihm erst meine Nuͤrnberger Kupferstiche. (Beyde ab.) Dritte Scene . Frau Staar. Frau Brendel. Frau Morgenroth . Nun! was sagen Sie, lieb- wertheste Frau Muhmen? Mich hat er kaum angesehn. Mit mir hat er kein Wort ge- sprochen. Und mich hat er gar eine Ma- dam genannt! Seht doch! Madam! ich bin mit mit Gott und Ehren Frau Untersteuereinnehme- rin und keine Madam. Er haͤtte doch fragen koͤnnen, ob mein Mann schon lange todt waͤre? oder so etwas dergleichen. Wenn er sich doch nur nach mei- nen Kindern erkundigt haͤtte. Mein Sohn hat ihm deutlich genug gesagt: Frau Untersteuereinneh- merin ; und dennoch hat er mich recht un- verschaͤmterweise zur Madam gemacht. Was Lebensart heißt, muß er erst in Kraͤhwinkel lernen. Ein huͤbscher Mann ist er. Ja, aber gar nicht ein bischen steif. That er nicht als ob er hier zu Hause waͤre? Recht, Frau Muhme, es man- gelte ihm ganz die volle Verlegenheit. Feine Waͤsche traͤgt er. Aber keine Manschetten. Fr . M. Das Haar mag auch wohl vor 8 Tagen zum Leztenmal gepudert worden seyn. Der Mensch koͤmmt mir so bekannt vor. Es ist mir immer als haͤtte ich ihn schon irgendwo gesehn. — (sich ploͤtzlich be- sinnend, und sehr heftig erschrocken) Ah! Ah! mein Schwindel! ich falle in Ohnmacht! (eilen ihr zu Huͤlfo) Was ists Frau Muhme? Da, in meiner Tasche — Das Riechflaͤschgen? Nein — nein — ein Bild — ein Bild — (bat unterdessen in ihrer Tasche ge- sucht) Nun ja, da ist Eins. Ey seht doch, das ist wahrhaftig der Fremde. Zeigen Sie her. — So wahr ich eine arme Suͤnderin bin! er ists! ich bin des Todes! Wer denn? Ich will nicht hoffen — E Fr. St . Ich kann nicht zu Athem kom- men — Doch kein entsprungener De- linquent? Wohl moͤglich. Man wird das Bild zu dem Steckbriefe gelegt haben. Es ist der Koͤnig! es ist der Koͤnig! (schreyen laut auf) Der Koͤnig! Se. allerglorreichste Majestaͤt! Frau Gevatterin, mir wird schlimm — (sie sinkt auf einen andern Stuhl) (eben so) Auch mir, theuerste Frau Gevatterin. (Alle drey stoͤhnen.) Nein, das uͤberleb’ ich nicht — die hohe Ehre — die hohe Gnade — und die Vorhaͤnge nicht gewaschen — Weiß es denn noch Niemand in der Stadt? Keine Christenseele. Ah! da muß ich ja eilen! Kom- men Sie, Frau Gevatterin! Fr. M . Ja doch, ja! es ist mir zwar wie Bley in die Fuͤße gesunken — aber der Koͤnig — die Vaterlandsliebe — kommen Sie! kommen Sie! (beyde ab.) Vierte Scene . (allein.) Ich bin ganz weg — thut nichts — Nun mag mein Stuͤndlein schlagen wann es dem Himmel gefaͤllt! Ja, nun will ich auch in Gottes Namen eine Madam seyn! der Koͤnig mag mich Madam nennen so viel er will! — Horch! da oben geht er auf und nieder — man hoͤrt es doch gleich, es ist ein koͤniglicher Schritt! — Wenn ich nur von der Stelle koͤnnte — wenn nur mein Sohn erst wuͤßte — daß er nicht gegen den Respect manquirt — E 2 Fuͤnfte Fuͤnfte Scene . Buͤrgermeister. Herr Staar. Sper- ling. Frau Staar . Kommt ihr endlich? seht, da sitz’ ich, und wer weiß, ob ich in meinem Le- ben wieder aufstehe. Was ist der Frau Mutter wie- derfahren? Ich will es kurz machen — ich will reden — ich will das große Geheimniß von mir geben — und dann in mein Kaͤm- merlein gehn, und mit lauter Stimme einen Lobpsalm singen! Was schwazt die Frau Mut- ter? Wo ist Euer Gast? Er wird gleich herunter kommen. Niemand bey ihm? Buͤrg . Keine Seele. Die Sabine woll- te bey ihm bleiben, aber ich jagte sie in die Kuͤche. Nun so lauft! rutscht auf Eu- ren Knien die Treppe hinauf! — Niclas! Niclas! der Koͤnig ist in deinem Hause! Wie? was? Der Koͤnig? Mache mich die Frau Mutter nicht confus. Ja, nun wird die Confusion erst recht angehn. Ganz Kraͤhwinkel muß confus werden! Er ist da! sag’ ich, er ist da! Gleich dem großen Weltkoͤnig, der auf einem Eselein ritt, hat er dich erwaͤhlt, mein Sohn Niclas! in dein Haus ist er eingezo- gen, du gluͤcklicher Buͤrgermeister auch Ober- Aeltester! Frau Mutter, ich bitte sich zu expliciren, denn ich weiß schon nicht mehr, ob ich einen Kopf oder eine Windmuͤhle auf dem Rumpfe trage. Fr. St . Da! da ist unsers gnaͤdigsten Koͤnigs Portrait! nun, da seht selbst! ist ers? oder ist ers nicht? Der Fremde, wie er leibt und lebt. Richtig. Aber woher weiß die Frau Mutter —? Hab’ ich vor 40 Jahren nicht des Koͤnigs Großvater gesehn? und ist ihm der Enkel nicht wie aus den Augen geschnit- ten? Ich sage dir, das ist sein Portrait, und die geheiligte Person wandelt uͤber un- sern Koͤpfen. Da haben wirs! er reist in- cognito. Der Landesvater im Stein- bruche! Ach mein Gott! was ist nun anzufangen? Da muß ja die Buͤrgerwache mit der alten Trommel aufziehn. Sperl . Und die Schuͤtzencompagnie mit der Fahne. Und der Magistrat mit den Waisenkindern. Ach! wenn das mein seliger Herr noch erlebt haͤtte! Aber ist es denn auch so recht gewiß? Wie kann der Herr Bruder noch zweifeln? die Frau Mutter hat ja den Großvater selbst gesehn. Und das Portrait laͤßt sich doch auch nicht ganz weg demonstriren. Es ist der Koͤnig, sag ich dir! So muß mit allen Glocken gelaͤu- tet werden, daß die Buͤrger zusammen laufen. Die Frau Muhmen sind schon hinaus. So brauchen wir keine Glocken. Aber eine Ehrenwache muß gleich vor das Haus. Fr. St . Vor unser Haus! Wenn ich die Ehrenwache sehe, so ruͤhrt mich der Schlag. Da ist er. (zwingt sich aufzustehn) Ach Gott! Ach Gott! Ein Herz gefaßt. Sechste Scene . Olmers. Vorige . Ein recht bequemes Haus, lieber Herr Buͤrgermeister, und eine vortrefliche Aussicht. Ich hoffe, sehr frohe Stunden hier zu verleben. Allergnaͤdigster Koͤnig — Wie? Ew. Koͤnigl. Majestaͤt — Was? Glorreichster Monarch — Scherzen Sie mit mir? Gesalbter des Herrn — Olm . Wir haben doch heute nicht den sechsten Januar? Verbergen Sie sich nicht laͤnger Ihren getreuen Unterthanen! Unsere Herzen brennen — Und lodern — Und zerfließen — Was haben Sie mit mir vor? Dero Premierminister hat bereits halb und halb verrathen — Mein Premierminister? (fuͤr sich) ich werde doch nicht ins Tollhaus gerathen seyn? Siebente Siebente Scene . Die Magd. Vorige . Draußen stehn zwey Maͤnner. Sie sprechen, sie waͤren Deputirte von der Schuͤtzengilde, und wollten den Koͤnig bewill- kommen. Wollen Ew. Majestaͤt allergnaͤ- digst erlauben? Ey zum Henker! was faͤllt Ih- nen ein? ich bin ja eben so wenig eine Ma- jestaͤt als Ihr Nachtwaͤchter. Ach großer Gott! was wollen Allerhoͤchstdieselben laͤnger leugnen? wir be- sitzen ja Dero unschaͤtzbares Portrait. Mein Portrait? Hier ist es, großer Koͤnig (sie uͤberreicht es.) Ja, es ist allerdings mein Portrait — Buͤrg . Endlich! (zu der Magd) Die De- putation soll herein kommen, soll die Gnade ha- ben vorgelassen zu werden. Ums Himmels willen nicht! Sie machen mich zum Gespoͤtt; ich heiße Karl Olmers, und damit holla. Lasse der Herr Bruder es gut seyn; Se. Majestaͤt wollen nun einmal durch- aus incognito bleiben. Aber die Ehrenwache werden Allerhoͤchstdieselben doch nicht verschmaͤhen? Wenn Sie nicht bald aufhoͤren, so brauch’ ich allerdings eine Wache, denn ich werde verruͤckt. (zu Sabinen, welche eben hereintritt) Ah Mademoisell! gut daß Sie kommen. Man will mich hier mit Gewalt zum Koͤnig ma- chen. Wie das zugeht, mag Gott wissen. Koͤnig bin ich wahrlich nicht! zu herrschen be- gehr’ ich nirgends, als nur in Einem Her- zen. Erlang ich aber diesen Wunsch, so beneid’ ich keinen Koͤnig. (ab) Achte Achte Scene . Frau Staar . Der Buͤrgermeister. Hr. Staar. Sperling. Sabine . Man muß Se. Majestaͤt beglei- ten. (er will nach.) (haͤlt ihn auf) Lieber Vater, was soll das heißen? wie kommen Sie auf den Einfall? Naseweiß! es ist unser Koͤnig. Gott bewahre! wer hat Ihnen das weiß gemacht? Weiß gemacht? Hat die Frau Mutter nicht den Großvater gesehn? Hat sie nicht das Portrait? Von ihr selbst hab’ ich es em- pfangen. Ah! nun versteh’ ich — ja lieber Gott, das war nur ein Scherz. Alle Ein Scherz? Verzeihen Sie liebe Großmutter — Ich drehe dir den Hals um! Konnt’ ich das vermuthen — Gottloses Kind! du wußtest al- so, wen das Portrait eigentlich vorstellt? (sich etwas verlegen heraushelfend) Nein — das wußte ich nicht — Wie kamst du dazu? Ich — ich hab’ es gefunden. Gefunden? wo? wie? Als ich noch in der Residenz war — auf einem Spaziergange — im hohen Grase — ich steckt’ es in die Tasche, und hab’ es vergessen bis auf den heutigen Tag. Ey! woher denn aber die Zaͤrt- lichkeit, mit der du das Bild angafftest, als ich diesen Morgen herein trat? Zaͤrtlichkeit? Ja ja, Mamsell, dir war Hoͤ- ren und Sehen vergangen. Ey, ey, Mademoisell. Sab . Ah das kann ich Ihnen leicht er- klaͤren. Aufmerksamkeit war es. In den Zeitungen wurde ein verlornes Bild angezeigt. Da fiel mir das Meinige wieder bey. Schnell zog ich es aus der Tasche, um es mit der Angabe zu vergleichen. Ich habe ja keine Zeitungen ge- sehn? Dort liegen sie noch auf dem Tische. (zieht die Brille heraus) Gieb doch her, ich will den Artikel selber lesen. (erschrocken) O ja — warum nicht — hier sind sie — ach verwuͤnscht! da haben die Kinder das Butterbrod darauf gelegt. Es ist Alles durchgeweicht, Alles unleserlich. Verschmitzte Kreatur! wenn ich nun das Bild an einer Zitternadel auf meine Haube gesteckt haͤtte? Die ganze Stadt haͤtte mit Fingern auf mich gewiesen. — Fort da- mit! Laß es mir nie wieder vor die Augen kommen. Buͤrg . Gieb es dem Fremden zuruͤck. Ey freylich, er koͤnnte ja sonst wunder glauben — Der Ersatz sey meine Sorge. Ich selber lasse mich mahlen. (bey Seite) Lieber ausstopfen. Die Jungfer Nichte ist eine Naͤrrin! Daß doch so eine leichtfertige Dirne eine ganze reputirliche Stadt wie ihren Strick- beutel umkehrt. Ich muß nur gehen, und die Buͤrgerschaft beruhigen. (ab) Und ich will die Schuͤtzendepu- tation abfertigen. Das sag’ ich dir! bringst du mir noch Einmal einen solchen Koͤnig ins Haus, so schick’ ich dich auf die Spinnstube. (ab.) Alle Freude umsonst! ich sah schon die Ehrenwache vor unserer Thuͤr; ich erzaͤhlte es schon meinem seligen Herrn im Grabe — und indessen sind meine Braten zu Kohlen verbrannt, du Rabenkind! (ab.) Neunte Neunte Scene . Sperling und Sabine . Herr Bau-Berg- und Wegin- spectorssubstitut, Sie werden vermuthlich vor dem Essen auch noch Geschaͤfte haben? Wertheste Mademoisell, vor dem Essen und nach dem Essen hab’ ich kein an- dres Geschaͤft, als mein treues Herz vor Ih- nen auszubreiten. Ausbreiten? es ist ja kein Mantel. Poetischerweise allerdings ein Mantel, aber ohne Falten, ohne alle Falten. Schoͤnste Sabina! versuchen Sie es! wickeln Sie sich darein bey Sturm und Frost. Ich bin noch jung, mein Herr, und bedarf keiner geborgten Waͤrme. Will ich denn dies treue Herz nur borgen ? nein, schenken will ich es! (er kniet nieder) Hier zu ihren Fuͤßen empfan- gen gen Sie Ihr Eigenthum! schalten Sie damit nach Gefallen. Der Koͤnig ist verschwunden, aber die Koͤnigin steht vor mir! Meine Koͤ- nigin! mein Goͤtterkind! Zehnte Scene . Olmers. Vorige . (stutzt als er herein tritt) Ich bitt’ um Vergebung, eine so schoͤne Unterhaltung muß man nicht stoͤren. (steht auf) Es hat nichts zu bedeuten. Kom- men Sie nur naͤher. (bitter) Nichts zu bedeuten? Es moͤgte doch wohl Leute geben, denen ein sol- cher Anblick sehr bedeutend vorkaͤme. Ey freylich! Sie sollen wissen, mein Herr, daß nach einer Ewigkeit von zwey Jahren die treue Liebe endlich siegt. F Olm . Wirklich? ich wuͤnsche Ihnen Gluͤck. Wenn Sie einige Wochen bey uns verweilen, so werden Sie einem Feste beywohnen, an welchem Amor und Hymen sich bruͤderlich umarmen. In der That? Ja mein Herr, das hoff’ ich von ganzem Herzen. Ey, welche liebenswuͤrdige Offen- heit! Natuͤrlich werde ich so lange hier blei- ben, denn ich muß fuͤr meinen zerbrochenen Wagen doch durch etwas entschaͤdigt werden. Noch bin ich zwar nicht Braut, aber ich hoffe es bald zu werden. Sie waͤren es noch nicht? Sie belieben zu scherzen. Purer klarer Scherz im Gefol- ge der Grazien. Mein Herr, verstehen Sie mich recht. Schon seit fuͤnf Wochen hab’ ich ge- hofft, hofft, daß mein Geliebter sich erklaͤren wuͤrde, aber er schwieg. Er schwieg? Schalkhafte! ha- ben meine Augen denn nicht gesprochen? (der zu begreifen anfaͤngt) Er schwieg vielleicht nur, um Alles vorzubereiten. Ganz recht, mein Herr. In meiner kuͤnftigen Wohnung wird noch gebaut. Jetzt logir’ ich im Dachstuͤbgen bey dem Herrn Vicekirchenvorsteher. Er haͤtte mir doch durch die dritte Hand eine schriftliche Nachricht koͤnnen zukommen lassen. Lag ich denn nicht taͤglich selber zu Ihren Fuͤßen? Vielleicht hat er ein strenges Ver- bot, welches die Sittsamkeit ihm auflegte, zu gewissenhaft erfuͤllt. Errathen, mein Herr. Als die Mamsell nach der Residenz gieng, verbot sie mir ausdruͤcklich, meine Seufzer durch die Post zu spediren. F 2 Sab . Einer dienstfertigen Muhme haͤtte man sich immer vertrauen moͤgen. Schoͤnste Mademoisell, alle un- sere Muhmen sind Klatschmaͤuler. Vielleicht glaubte man auch, von Liebe und Treue bereits so viele Proben ab- gelegt zu haben, daß man auf edles Vertrauen rechnen duͤrfe. Getroffen, mein Herr. Ich bin ja so treu als der Hund des Melai in Meiß- ners Skizzen. Sie glauben also wirklich. Herr Olmers, daß mein Geliebter noch eben so warm fuͤr mich empfinde, als vormals? Nur warm? — siedend heiß! — Ja, Mademoisell! haͤtte Archimedes solche Liebe empfunden, er haͤtte seine Spiegel nicht gebraucht, um die feindliche Flotte in Brand zu stecken. Ich wage zu behaupten, daß seine Empfindungen durch die Abwesenheit nur noch heftiger geworden. Sperl . Freylich, freylich. Als sie in der Stadt war, wollt’ ich rasend werden. Nun so bin ich beruhigt. Endlich! Auch ich. Sie sind ein scharmanter Mann, daß Sie um meinetwillen sich so beunruhigt haben. Ich bitte mir Ihre Freundschaft aus. Gehorsamer Diener. Wer mich aufrichtig liebt, wird es aber nicht blos mir sagen. Wem sonst? Vermuthlich wird er sich Ihrem Herrn Vater entdecken. Ist ja schon geschehn. Was noch zu thun waͤre, muß bald geschehn, da meine Verlobung bereits auf Morgen festgesetzt worden. Eben deswegen ist nichts mehr vonnoͤthen. Und waͤre noch etwas vonnoͤthen, so wird es sicher diesen Abend geschehn. Sperl . Natuͤrlich. Ich schwebe zwischen Furcht und Hoffnung. Werfen Sie sich der Hoffnung getrost in die Arme. Maͤchtige Fuͤrsprache kann Gutes bewirken. Wozu? die Familie ist einig. Der Schmetterling vermaͤhlt sich mit der Rose. Und trinkt entzuͤckt den Thau aus ihrem Schoose. Wohlan! in Gegenwart dieses Herrn schwoͤr’ ich nochmals ewige Liebe! Ich empfange den Schwur im Na- men des Geliebten. Ach wie ruͤhrend! Keine Gewalt soll mich von ihm trennen! Er ist auf ewig mit Ihnen ver- bunden. Meine Thraͤnen fließen. Sab . Zum Pfand des Schwurs reich’ ich die Hand. Dankbar druͤcke ich sie an die Lippen. Na, ich bin recht seelenver- gnuͤgt. Eilfte Scene . Frau Staar. Vorige . Das Essen ist aufgetragen. Die Gaͤste sind bereits in der großen Stube. Wenn ich gehorsamst bitten darf — Zu Befehl. (Er reicht Sabinen hin- ter Sperlings Ruͤcken die Hand und entschluͤpft mit ihr.) (indem er weisse Handschuh anzieht) So will ich denn im Triumph an der Hand der Liebe — (er wendet sich galant, um Sabinen die Hand zu reichen, steht aber vor der Großmutter.) (verneigt sich) Herr Bau-Berg- und Weginspectorssubstitut — Sperl . (stotternd) Frau Untersteuerein- nehmerin — (Sie reicht ihm ihre Fingerspitzen, welche er mit seinen Fingerspitzen faßt, und mit einem suͤßsauren Gesichte sie fortfuͤhrt.) Ende des zweyten Akts . Dritter Dritter Akt. Erste Scene . allein. N ein, so etwas dergleichen von Ungezogen- heit ist mir noch nicht vorgekommen. Sind das die feinen Sitten in der Residenz? Gott behuͤte und bewahre! — Von der Madam will ich gar nichts mehr reden, denn die liegt mir schon tief im Magen. Aber — ich wei- se ihm den Ehrenplatz an zwischen zwey re- spectablen alten Frauen, was thut er? er laͤßt sie sitzen, wie ein paar Wachsbilder in ei- ner Jahrmarktsbude, und pflanzt sich mitten unter das junge Volk! — Ey! ey! ey! — Nein, Nein, da lob ich mir den Herrn Bau- Berg- und Weginspectors-Substituten! das ist noch ein Maͤnngen! galant und scharmant, gebiegelt und geschniegelt. Zweyte Scene . Frau Staar. Frau Brendel. Frau Morgenroth . (Beyde nach ihrer Art geputzt.) Nun Frau Muhme? der liebe bescheidene Gast! Der scheint mir ein lockerer Zeisig. Haben Sie bemerkt, wie er das Brod zu Kugeln drehte, und die Jungfer Muhme damit warf? Der boͤse Mensch! die edle Gottesgabe! Den rothen Wein hat er aufs Tischtuch verspritzt. Fr . M. Was wollen Sie sagen! beym Lichtputzen hat er sogar einen Funken darauf fallen lassen. J du Boͤsewicht! mein damast- nes Tischtuch. Das Essen schien ihm auch nicht recht zu schmecken. Er ließ manche Schuͤssel ganz voruͤbergehn. Schickt sich das? Ich habe ihm doch genug ge- sagt, wie gut jede Schuͤssel zubereitet sey, und aus welchen Ingredienzien sie bestehe. Ich denke, am Noͤthigen haben wir es Alle nicht fehlen lassen. Er war ja so unverschaͤmt, sich das Noͤthigen ganz zu verbitten. Man sieht, daß er noch wenig gute Gesellschaft frequentirt hat. Nicht einmal den Kuchen hat er gelobt, und der war doch vortreflich. Außerordentlich muͤrbe. Er zergieng auf der Zunge. Fr . M. Vermuthlich selbst gebacken? Zu dienen. O das merkt man gleich. Allzuguͤtig. Der Teig ist wie Schaum. Sie beschaͤmen mich. Darf ich fragen, wie viel Eyer die Frau Muhme dazu nehmen? Ich werde die Ehre haben, das ganze Recept mitzutheilen. Man nimmt Er- stens — Dritte Scene . Herr Staar . Die Vorigen . Bleibt mir vom Halse mit Eu- rem vornehmen Gaste! Der kann sich erst aus meiner Lesebibliothek das Sittenbuͤchlein holen, und solches fleißig studieren. Ja wohl, Herr Vicekirchenvor- steher, der ist gar sehr in der Erziehung ver- wahrlost. Hr. St. Erst hat er nicht einmal or- dentlich sein Tischgebet verrichtet. Und noch obendrein uͤber die ar- men Kinder gelacht, die doch ihr „Komm Herr Jesu sey unser Gast“ recht ordentlich herunter beteten. Als ich, nach alter scherzhafter Weise, die Gesundheit: Was wir lieben , ausbrachte, gleich rief er: was uns wieder liebt und seinem Nachbar einen Kuß giebt. (sich verschaͤmt mit dem Faͤcher wedelnd) Ich hatte das Ungluͤck ihm an der lin k en Hand zu sitzen. Die huͤbsche Mamsell Morgen- roth, die ihm zur Rechten saß, wurde feuer- roth. Die Sabine warf ihm einen grimmigen Blick zu. Am Ende wollte er ja gar ein heydnisches Lied singen: Freude schoͤner Goͤt- terfunken! nein, so verrucht geht es bey uns nicht zu. Hr. St. Weil er selbst e inen Titel hat, so giebt er auch keinem M en schen seine ge- buͤhrende Ehre. Wenn mein Sohn, der Buͤr- germeister, auch Oberaͤlteste, die wichtigsten Processe abhandelte, so saß er und kritzelte mit der Gabel auf dem Teller. Und Zucker hat er in den Kaf- fe geworfen, eine ganze Hand voll! Und statt nach Tische zur ge- segneten Mahlzeit die Hand zu kuͤssen, hat er sich ein Einzigesmal rings herum verbeugt. Ich moͤchte nur wissen, wie der Herr Minister solche Leute empfehlen kann. Vierte Vierte Scene . Sperling. Vorige . Hochgeehrteste Frau Muhmen, ich wollte, der Fremde laͤge noch im Stein- bruche, denn unter uns gesagt, er hat keine Conduite. Daruͤber sind wir einig. Haben Sie wohl das spoͤttische Laͤcheln bemerkt, als ich den loͤblichen alten Leberreim vorschlug? Von Ihrer schoͤnen Ode auf die braunschweiger Mumme, hat er nicht drey Worte gehoͤrt. Da zwinkert’ er immer mit der Jungfer Muhme, die ihm gegenuͤber saß. Fuͤr die schoͤne Literatur scheint er wenig Sinn zu haben. Hr. St. Er hat ja nicht einmal den Rinaldo Rinaldini gelesen. Er ist zu bedauern. Es mag ihm nicht an Anlage fehlen, aber keine Aus- bildung. Keine Sitten. Keine Moral. Keine Lebensart. Keinen Titel. Wenn der bey dem morgenden großen Feste erscheint, geben Sie Acht, der wird zum Kinderspott. Danken wir dem Himmel, daß in unserer guten Stadt Kraͤhwinkel die liebe Jugend feiner erzogen wird. Fuͤnfte Fuͤnfte Scene . Sabine. Vorige . Gut Bingen, daß du koͤmmst. Sag’ uns doch ein wenig, gleichen die jungen Herrn in der Residenz Alle diesem Musje Olmers? Alle, die Anspruch auf seine Bil- dung machen. So? scharmant. Er ist ja ein Grobian. Dreht Brodkugeln. Befleckt die Tischtuͤcher. Titulirt keinen Menschen. Verhoͤhnt die Poesie. Lobt keinen Kuchen. Laͤßt die Haͤlfte auf dem Teller liegen. Weiß von keinem Tischgebet. G Fr. St. Will heydnische Lieder singen. Kuͤßt die Nachbarin. Hat weder deinem Vater noch dem Herrn Pastor loci geduldig zuge- hoͤrt. O weh! o weh! der arme Olmers! — Liebe Großmutter, in der Residenz ver- bannt man so viel moͤglich allen Zwang. Komplimente sind dem, der sie macht, im Grunde eben so laͤstig, als dem, der sie em- pfaͤngt. Man laͤßt die Leute essen wovon sie Lust haben, und so viel sie moͤgen, man noͤ- thigt nie. Das Tischgebet ist nicht mehr ge- braͤuchlich, weil die Kinder nur plappern, und die Erwachsenen nichts dabey denken. Ein anstaͤndiger Scherz, ein frohes Lied, wuͤrzen das Mahl. Der Titel bedient man sich blos im Amte, im geselligen Leben wuͤrden sie nur die Freude verscheuchen. Kurz, ein guter Wirth sucht Alles zu entfernen, was die Be- haglichkeit seiner Gaͤste stoͤren koͤnnte. Man koͤmmt, man setzt sich, man steht, Alles nach Belieben. Belieben. Man geht wieder ohne Abschied zu nehmen. Hoͤr’ auf! ich bekomme meine Schwindel. Ohne Abschied! ist das moͤglich? Sich nicht einmal zu bedanken fuͤr genossene Ehre! Wenn die Gaͤste vergnuͤgt sind, so haͤlt der Wirth das fuͤr den besten Dank. Ach du mein Gott! ist denn die Residenz zu einer Dorfschenke geworden? Sechste Scene . Der Buͤrgermeister. Olmers. Vorige . Wie ich Ihnen sage, Herr Ol- mers, die Stadtheerde hat seit 100 Jahren das Privilegium auf den Rummelsburger Stoppeln zu weiden — So? G 2 Buͤrg . Nun aber hat der Amtmann da- selbst noch neuerlich einen Hammel gepfaͤn- det — (zu Sabinen) Meine schoͤne junge Wirthin ist mir entschluͤpft. Einen Hammel, sag’ ich, hat er gepfaͤndet — Zwar kleidet die haͤusliche Sorge Sie uͤberaus wohl — Einen fetten Hammel sage ich — (halb leise) So hoͤren Sie doch auf den Hammel! Lassen Sie es gut seyn, Herr Buͤrgermeister. Ich bin von den Privilegien Ihrer Stadtheerde sattsam uͤberzeugt. Der Amtmann muß den Hammel herausgeben, das versteht sich. Ey damit ists noch nicht gethan. Und Strafe dazu, so viel Sie wollen. (zu Frau Staar) Nicht wahr Ma- dam? — Sie haben uns so schoͤn bewirthet, daß wir in diesem Augenblicke selbst fuͤr den fettesten fettesten Hammel uns nicht zu interessiren vermoͤgen. Es scheint uͤberhaupt, mein Herr, daß vernuͤnftige Gespraͤche nicht Je- dermann interessiren. Zu meiner Zeit wurde das Alter in hohen Ehren gehalten. Beti- telte Personen von gesetzten Jahren fuͤhrten das Wort, die unbetitelte Jugend hoͤrte und lernte. Sintemalen nun aber diese ehrbare Sitte nicht mehr gebraͤuchlich, so thun aͤltere Personen wohl, sich der Gesellschaft zu entzie- hen, und uͤber den Sittenverfall in christli- cher Einsamkeit zu seufzen. (Sie verneigt sich und geht ab.) Ich will nicht hoffen, daß Madam auf mich zuͤrnt? Meine Frau Mutter, die Frau Untersteuereinnehmerin, wird in ganz Kraͤh- winkel so hoch respectirt, daß sie auch dann nicht einmal zornig wird, wenn Dieser oder Jener ihr die gebuͤhrende Titulatur versagt. (ab.) Olm . Mein Gott! die Titel sind hier in der Provinz so lang, und das Studium der- selben so beschwerlich — Besonders wenn man selbst kei- nen Titel hat. (ab) Aus einer frohen Gesellschaft soll- te jeder Zwang verbannt seyn. Da man aber bey einer Gaste- rey nicht zusammenkoͤmmt, um froh zu seyn, sonderu um die Gaben Gottes reichlich und mit Anstand zu genießen, so sollte man doch billig auf die respective Wuͤrde der Gesell- schaft einige Ruͤcksicht nehmen. (verbeugt sich und geht) Zumal, da die guten Sitten nur durch ein ehrbares Ceremoniel in ihrer Rei- nigkeit erhalten werden. (verbeugt sich und geht.) Bewahre der Himmel! (bey Seite, indem er sich die Peruͤcke zurechte zupft) Wenn nur der Minister nicht waͤre, ich wollte es ihm auch schon sagen. Sab . (leise) Sie sind auf dem besten Wege, es mit der ganzen Familie zu verder- ben. Reden Sie mit meinem Vater, ehe es zu spaͤt wird. (ab) Siebente Scene . Olmers und der Buͤrgermeister . Wiederum auf besagten Hammel zu kommen — O Herr Buͤrgermeister! und wenn Sie mir alle Hammel von ganz Tibet ver- spraͤchen, jetzt hab’ ich einen Wunsch, der mir naͤher am Herzen liegt. So? so? Ich liebe Ihre Mademoisell Toch- ter. Ey, ey. Ich wuͤnschte sie zu heirathen. Viel Ehre. Olm . Ich habe Vermoͤgen, und durch das Wohlwollen des Ministers hoffe ich auch bald ein anstaͤndiges Amt zu erhalten. Gratulire. Nur Ihre Einwilligung fehlt noch zu meinem Gluͤcke. Darf ich mir schmeicheln? Gehorsamer Diener! Als ein ehrlicher Mann hab’ ich meine Anwerbung in wenig Worten ohne Schminke vorgetragen. Antworten Sie mir eben so. O ja — Sie erlauben nur — ich bin pater familias — meine Pflicht erheischt, die saͤmmtlichen Vettern und Muhmen zu- sammen zu berufen, und selbigen Dero Anlie- gen in geziemenden terminis vorzutragen. Thun Sie das. Ich gehe indessen in den Garten, und erwarte mit Ungeduld die Entscheidung. (ab) Achte Achte Scene . allein. Ey seht doch! der Mensch faͤllt mit der Thuͤr ins Haus. Ist das eine Manier zu heirathen? weiß er denn nicht einmal, daß man vorher ein halbes Jahr in einem Hause ab und zu, aus und eingehen muß, bis die ganze Stadt davon spricht, ehe man zu sol- chen Extremitaͤten schreitet. — Gott verzeih mir die Suͤnde! das saͤhe ja aus, als muͤßte die Hochzeit uͤber Hals und Kopf aus gewis- sen Ursachen beschleunigt werden. (er geht an die Thuͤr und ruft hinaus) Margarethe! Bittet geschwind die Frau Mutter, und den Herrn Bruder, und auch die Frau Muhmen heruͤ- ber; ich haͤtte etwas importantes mit ihnen zu uͤberlegen. (koͤmmt zuruͤck) Ja, wenn nur der Minister nicht waͤre, auf der Stelle haͤtte ich ihn abgefertigt. Aber ich wollte denn doch, doch, daß er das morgende Fest Sr. Excellenz getreulich referirte; drum muß ich ihn scho- nen. Neunte Scene . Buͤrgermeister. Frau Staar. Herr Staar. Frau Brendel. Frau Mor- genroth . Da sind wir auf des Herrn Buͤrgermeisters Verlangen. Was begehrst du, mein Sohn? Was will der Herr Bruder? Es ist eine Familienangelegen- heit zu berathschlagen; da hab’ ich denn die lieben Angehoͤrigen versammeln wollen. Ey was denn? Herr Vetter, was denn? Etwas Nagelneues. Doch nicht wegen der neuen Frau Steuereinnehmerin, die der alten wuͤr- digen digen Frau Muhme beym heiligen Liebesmahl durchaus vortreten will? Sie soll sich nur unterstehen — Nein, das ist es nicht. Oder wegen Feldscheers Christian, der ihren Gottlieb einen Strohkopf geschimpft hat? Auch nicht. Die Sache ist jetzt vor einem Hochedeln Rath und kann unter zwey Jahren nicht beendigt werden. Nun so explicire dich, mein Sohn. Nehmen wir zuvor Platz, um in gehoͤriger Ordnung zu procediren. Die Frau Mutter, als Familienpraͤses, in der Mitte; die Stammhalter zu beyden Seiten. Die Frau Muhmen auf dem rechten und linken Fluͤgel. So. (indem sie sich setzt) Ich sterbe vor Verlangen. (eben so) Ich platze vor Neu- begier. Buͤrg . (raͤuspert sich) Es ist ihnen aller- seits wohl bewußt, welchergestalt meine aͤlteste Eheleibliche Tochter Sabina nunmehro die mannbaren Jahre erreicht hat. Freylich, sie soll ja heirathen. Etwas zu jung moͤgte sie aller- dings noch seyn. Wenn sie nicht meine liebe Muh- me waͤre, so wuͤrde ich sagen, sie sey noch ein wenig naseweiß. Getroffen Die Buͤcher aus meiner Lesebibliothek sind ihr Alle nicht gut genug. Ein ziemliches Weltkind, das die neusten Moden aus der Residenz bekoͤmmt. Neulich spottete sie gar uͤber unsere Manier uns zu verneigen. Unser alter Tanzmeister war zu seiner Zeit doch ein beruͤhmter Mann. Freylich wußte er nichts von dem neumodischen Hopsasa! Fr. Br . Und litt auch nicht, daß man auf der Straße die Schleppe um sich wickelte wie einen nassen Lappen. Nun, nun, liebwertheste Frau Muhmen, der Jugend muß man etwas zu gute halten. Mein Sabingen hat doch ein ehrliches Gemuͤth. Fahre fort, mein Sohn Niclas. Obbesagte, meine Tochter Sabi- na gedenket nunmehro der Herr Bau-Berg- und Weginspectors-Substitut Sperling als sein eheliches Gemahl heim zu fuͤhren. Ist zur Gnuͤge bekannt. Nur weiter. Es findet sich aber, daß, ehe noch die sponsalia vollzogen worden, ein Mitbe- werber auftritt, welcher gleichfalls christliche Absichten heget. Wer? wer? Es ist solches der mir von Sr. Excellenz dem hoͤchst zu verehrenden Herrn Minister Minister auf das dringlichste empfohlene Herr Olmers. Der? Hm! Ey! Seht doch! Wirklich? Curios. In der That. Unvermuthet. Was meinen nun die lieben An- gehoͤrigen nach reiflicher der Sache Erwaͤ- gung? Je nun — Ich meine — Was mich betrifft — Ich habe so meine eigenen Ge- danken. Die Heirathen nach der Resi- denz gedeihen nicht allzuwohl. Man hat Beyspiele. Fr. St . Ganz recht Frau Muhme, die Stadtsecretairs Tochter. Das war ein Juchhe und eine Herrlichkeit, wie sie den Journalenschreiber heirathete. Drey neue Kleider auf Einmal wurden angeschafft. Aber es dauerte kein Jahr, so kam sie mit einem Wuͤrmgen zuruͤck. Sitzt nun da und nagt am Hungertuche. Die seidenen Faͤhngen sind ver- kauft. Natuͤrlich, wo soll es herkom- men! Das Leben wird alle Tage theurer. Ja wohl, Frau Muhme, die Butter hat auf dem lezten Markttage wieder einen Groschen mehr gekostet. Wo will das hinaus! Fr. Br . Die Frau Rentkammerschreibe- rin Wittmann tractirt doch alle Tage. Ich hoͤre ja, sie hat gestern wie- der Kuchen gebacken? Was Sie sagen! Ihr Mann ist doch nur Su- pernumerarius. Wo nehmen nur die Leute das Geld her? Ja, wenn ich reden wollte — O reden Sie, liebe Frau Muhme, reden Sie. Ein Andresmal, wenn ich un- masgeblich bitten darf. Wiederum auf meine Sabina zu kommen — Wo denkt der Herr Bruder hin? Der Mensch hat ja gar keine Familie. Man weiß ja nicht einmal, wie er geboren ist? Ob man Hoch- oder Wohledel an ihn schreibt? Fr. Br . Sie wissen, daß die Honora- tioren unserer Stadt seit undenklichen Zeiten Alle untereinander verwandt sind. Der Familie wegen werden ja eben die Heirathen gestiftet. Das hilft sich einander in den Hochweisen Rath. Der Herr Vetter wissen das selber am besten. Ein Fremder ist eine Raubbiene in unserm netten Bienenkorbe. Weiß nichts von unsern alten ehrwuͤrdigen Gebraͤuchen — Macht sich lustig uͤber unsere ehrbaren Sitten — Vergiftet die liebe Jugend, die ohnehin taͤglich schlimmer wird — Ja wohl Frau Muhme! zu un- serer Zeit — Ey ja wohl! ja wohl! Ich wundre mich nur, wie sie die Hauptsache vergessen koͤnnen! Der Mensch H ist ist ja gar nichts, nicht einmal ein Supernu- merarius, oder so etwas dergleichen. — Seht doch! das gefaͤllt mir nicht uͤbel. Die Toch- ter eines Buͤrgermeisters auch Oberaͤltesten! Die Enkelin eines Untersteuereinnehmers! Die Nase steht ihm hoch. Das Conclusum dieser Berath- schlagung fiele also dahin aus — Nein, er bekoͤmmt sie nicht. Er bekoͤmmt sie nicht. Bene! optime! Das ist auch meine Meinung. Nur stehet annoch zu eroͤr- tern, wie man auf eine glimpfliche Weise ihm solches insinuiren moͤge? Denn aus schuldi- gem Respect vor Sr. Excellenz dem Herrn Minister muß Solches mit besonderer Scho- nung tractiret werden. Wenn er alle Tage zu Gaste geladen wird, so kann er schon zufrieden seyn. Das waͤre etwas. Der Herr Vetter koͤnnen ihm ja von Rathswegen den Ehrenwein schenken. Buͤrg . Nein, Frau Muhme, das waͤre zu viel. Oder bey der naͤchsten Kindtau- fe, welche in der Familie vorfaͤllt, koͤnnte man ihn zu Gevatter bitten. Das laͤßt sich hoͤren. Wie waͤr’ es — da es ihm doch hauptsaͤchlich darauf ankoͤmmt, sich hier in Kraͤhwinkel zu etabliren — wenn man ihm eine andre Frau proponirte? Da hat der Herr Bruder einen gesunden Einfall. Ja, aber wen? Deine Ursula. Sie geht ins neunte Jahr. Er kann warten; kann unter- dessen mit Huͤlfe des Ministers ein ordentli- cher, honnetter Mensch werden; kann in un- sern Gesellschaften Lebensart lernen; durch meine Lesebibliothek sich ausbilden, und dann wieder zufragen. Recht. Man bliebe dann noch immer Herr zu thun oder zu lassen. H 2 Buͤrg . Wenn er aber nicht so lange warten will? Denn ich kenne die jungen Herrn, wenn sie einmal das Heirathen an- wandelt, so geht es uͤber Hals und Kopf. J nu, ich wollt’ ihm auch wohl eine reife Schoͤnheit vorschlagen. Wen denn? Da, unsere Frau Muhme, die Frau Oberfloß- und Fischmeisterin. (verschaͤmt) Ah! Sie spaßen. Sie ist schon acht Monat Wittwe. Bald neun Monat, Herr Vi- cekirchenvorsteher, bald neun Monat. Sie hat Vermoͤgen, kann ihm irgend einen Titel kaufen, sie sind wohlfeil zu haben. Ein huͤbscher Mensch ist er doch nun Einmal. Ja, huͤbsch ist er, das muß man gestehn. So kaͤm’ er denn doch in die Familie. Fr. St . Und darum scheint es ihm be- sonders zu thun. Ja wie waͤr’ es, Frau Muhme? (sich hinter dem Faͤcher versteckend) Ach lassen Sie doch den lieben Gott walten. Zehnte Scene . Olmers. Vorige . Verzeihen Sie der Ungeduld der Liebe, die mich rastlos umher treibt. Ich se- he Sie versammelt. Vielleicht ist mein Schick- sal schon entschieden. Darf ich mir schmei- cheln bald mit in diesen Kreis zu gehoͤren? (verwirrt und umstaͤndlich) Ja — ja — Se. Excellenz der Herr Minister haben dieselben Allerdings so dringend empfohlen — wenn auch gewisse Wuͤnsche nicht gerade angebrachtermaßen — So gaͤb’ es denn doch noch Mittel — Hr. St . Mit einigen Modificationen — Ach ich bitte! schweigen Sie. Die Familie ist, dem Himmel sey Dank, groß — Sie machen, daß ich gluͤhe. Was soll ich aus diesen abgebro- chenen Saͤtzen schließen? Ich bitte, Herr Buͤrgermeister, erklaͤren Sie sich deutlich. Meine Frau Mutter ist das Haupt der Familie, ihr koͤmmt es zu das Wort zu fuͤhren. (ab) Von Ihren Lippen, Madam, er- wart’ ich also den Ausspruch. (nießt) (außer Olmers) Zur Gesundheit! Gott staͤrke Sie! (bey Seite) Nicht einmal Pro- sit sagt der Unmensch. (laut) Nein, mein Herr, die Madam hat hier nichts auszuspre- chen. Rede du mein Sohn, du kennst meine Gedanken. (ab) Olm . O geschwind, mein Herr, lassen Sie mich nicht laͤnger in dieser marternden Ungewißheit. Eine delicate Sache. Heira- then und Naͤhnadeln muͤssen die Frauenzim- mer einfaͤdeln. Bitte daher, sich an die Frau Muhme zu halten. (ab) Sie also melne Damen? Das Herz eines Juͤnglings, mein Herr, weiß nicht immer was es wuͤnscht. Oft waͤhnt es sich fern vom Ziele, indessen Amor durch einen gluͤcklichen Tausch, es zu beseligen im Begriff steht. Was soll das heißen? Fragen Sie nur die Frau Ge- vatterin. (ab) Werden Sie mir endlich diese Raͤthsel loͤsen? (minaudirend) Die Familie hat Absichten — Sie glaubt Ihnen Ersatz schul- dig zu seyn — man thut Vorschlaͤge — man entwirft Plaͤne — aber Sie fuͤhlen wohl, mein mein Herr, daß es unschicklich waͤre, wenn eine junge Frau sich auf etwas einlassen woll- te, die erst seit zehn Monaten Wittwe ist. ab) Eilfte Scene . allein. Was Teufel soll das bedeuten? — Man ist doch wahrhaftig uͤbel daran, wenn man sein ganzes Leben in einer großen Residenz zugebracht hat. Fuͤhrt Einen der Zufall dann in eine kleine Stadt, so steht er da wie eine Eule auf der Stange; die Kraͤhen flattern rings umher und aͤrgern sich uͤber den Fremdling. Zwoͤlfte Zwoͤlfte Scene . Sabine und Olmers . Sind Sie endlich allein? Ja wohl, aber nicht in der besten Laune. Ich habe Ihnen tausenderley zu sagen. Ich Ihnen nur Einerley. Daß Sie mich lieben? nicht wahr? Getroffen. Dazu ist jetzt nicht Zeit. Der verdammte Sperling sitzt mir uͤberall auf der Ferse. — Ach mein Gott! da ist er schon wieder! Drey- Dreyzehnte Scene . Sperling. Vorige . (leise) Soll ich ihn zur Thuͤr hinauswerfen? (leise) Ums Himmelswillen ! ver- derben Sie nicht Alles. Da bin ich, da bin ich, mein reizendes Sabingen, treu und folgsam wie die Schleppe an ihrem Kleide. Da stehen Sie in Gefahr getre- ten zu werden. Ach! aber ach! das Maͤdgen kam, Und nicht in Acht das Veilgen nahm, Zertrat das arme Veilgen — Die Grausame! Hat nichts zu bedeuten. Nicht wahr mein Bienchen? Wir wissen schon, wie wir mit einander stehen. Olm . Nur nicht vor dem Altare. Bald! bald! Die Myrtenkron’ im blonden Haar Fuͤhr’ ich die Holde zum Altar. (der nur mit Muͤhe noch an sich haͤlt) Wie aber, mein Herr Bau- Berg- und Weginspectors-Substitut, wenn Sie sich vorher noch mit einem Nebenbuhler den Hals brechen muͤßten? Ey, ey, wie das? (ruͤckt ihm naͤher) Wenn man Ih- nen kurz und rund heraus sagte — (retirirt) Ey was denn? was denn? (tritt zwischen sie) Ja, Herr Ol- mers, Sie haben Recht, es wird am besten seyn, diesen Herrn um Rath zu fragen. Worin denn? (Olmers winkend) Er versteht sich darauf, daß duͤrfen sie mir sicher glauben. Worauf denn, mein Engel? Sab . (zu Sperling) Sehn Sie nur, die- ser Herr hier steht im Begriff einen Roman zu vollenden. Ich einen Roman? (leise) Ey so schweigen Sie doch. Einen Ritterroman? Ja ja, es ist so eine Art von Rit- terroman. Um nun die Katastrophe vorzube- reiten, ist es durchaus nothwendig, daß der Ritter mit seinem Maͤdgen eine geheime Un- terredung habe. Ja, mein Herr, das ist durchaus nothwendig. Wohl, wohl, ich begreife das. Nun ist aber das arme Maͤdgen den ganzen Tag von laͤstigen Augen bewacht. Bald der Vater, bald die Mutter, bald der Nebenbuhler — Aha! ist auch ein Nebenbuhler dabey? vermuthlich eine widerliche Kreatur? Ja wohl, mein Herr, ein uner- traͤglicher Narr! Sperl . Ich verstehe, haͤ! haͤ! haͤ! haͤ! haͤ! Es muß also eine List ersonnen werden, um der Dirne Gelegenheit zu ver- schaffen, unbemerkt mit ihrem Ritter zu schwatzen, denn (mit Beziehung) sie hat ihm hoͤchst wichtige Dinge zu sagen. Die der Nebenbuhler nicht hoͤ- ren darf? Nun freylich. Ich verstehe. Und nun ist der Herr da in Verlegenheit, wie er das Ding einfaͤdeln soll? Allerdings. Wenn Sie die Guͤte haben wollten, mir mit gutem Rath beyzu- stehn — Herzlich gern. Nichts leichter auf der Welt. (er sinnt nach) Sehen Sie — zum Exempel — am Tage darf die Zusam- menkunft schon nicht geschehn, denn da geht der abgeschmackte Nebenbuhler dem Maͤdgen nicht von der Seite. Olm . So ists mein Herr. Also bey Nacht! und zwar in der Geisterstunde! um Mitternacht! Das moͤgte bedenklich seyn, weil das Maͤdgen zwar munter und muthwillig, aber doch sehr sittsam geschildert worden. Das haͤtte doch so viel nicht zu bedeuten, da der Ritter ohnehin schon halb und halb ihr Braͤutigam ist. Nein, Herr Olmers, die Ehre Ihrer Heldin ist mir zu lieb. Um Mitter- nacht wird nichts daraus. Allenfalls den Abend. Wohl, wohl, den Abend. Ver- muthlich ist der Nebenbuhler eine Schlaf- muͤtze, die fruͤh zu Bett geht? Getroffen. Nun, so bleiben wir bey dem Abend. Da ist denn ein langer, einsamer Gang in der Burg, von einem Laͤmpgen schwach erleuchtet — Sab . Nein, nein, das Local ist bereits sehr umstaͤndlich geschildert. Da ist kein sol- cher Gang. Oder ein Garten, wo zwischen duͤstern Taxushecken — Sie vergessen, Herr Sperling, das sittsame Maͤdgen geht nicht zwischen die duͤstern Taxushecken. Mich duͤnkt doch, dahin koͤnnte man sie immer gehen lassen. Ey bewahre! das thut sie nicht. So koͤnnte der Ritter sich kurz und gut in ihr Schlafzimmer schleichen? Behuͤte der Himmel! das thut sie noch weniger. Es scheint fast, sie hat kein Ver- trauen zu ihrem Geliebten. Das wohl. Aber was wuͤrden die Recensenten von der Moralitaͤt sagen? nein, auf solche Dinge laͤßt sie sich durchaus nicht ein. Sperl . Ja, dann sind wir doch wirklich in einiger Verlegenheit. Ich wollte, weiß Gott! herzlich gern die Sache befoͤrdern. — Schade, mein Herr, daß Sie den Character des Maͤdgens fast ein wenig zu streng und sittsam angelegt haben. Sie haben Recht. Ich sehe wohl, sie wird am Ende doch noch dem albernen Nebenbuhler zu Theil werden. Nein, nein, nein! das muß nicht geschehn. Nein durchaus nicht! das wollen wir zu verhuͤten suchen. (nachsinnend) Wie — wenn — das Einzige, wozu das Maͤdgen sich allenfalls verstehen koͤnnte, waͤre etwa, vor Schlafengehn, eine kurze Unterredung vor der Hausthuͤr. Da waͤre denn noch Alles rings umher wach — es giengen Leute voruͤber, der Nachtwaͤchter und dergleichen. — Was mei- nen Sie dazu? Ein herrlicher Einfall. Recht schicklich koͤmmt es mir frey- lich auch nicht vor — Sperl . Seyn Sie ganz ruhig, das nehm’ ich auf mich. (zu Olmers) Veranstal- ten sie in Gottes Namen die Zusammenkunft auf diese Weise; dagegen kann niemand et- was einwenden. Nun ja, Herr Olmers, wenn es Ihnen so gefaͤllt — (zu Sperling) Ich befolge Ihren Rath mit Freuden. (reibt sich sehr zufrieden die Haͤnde) Na, so haͤtten wir denn doch dem armen sitt- samen Maͤdgen aus der Klemme geholfen. (macht einen Knix) Dafuͤr muß sie sich bey Ihnen bedanken. Ist gern geschehn. Vielleicht koͤnnte man es auch so einrichten, daß der Nebenbuhler dabey auf eine laͤcherliche Weise hinter das Licht gefuͤhrt wuͤrde? Allerdings. Wenn er nemlich dumm genug dazu ist? O ja, dafuͤr steh’ ich Ihnen. J Sab . Wie wenn das Maͤdgen in Ge- genwart des Nebenbuhlers ihr Rendezvous mit dem Geliebten veranstaltete? Bravo! bravo! Da giebt es etwas zu lachen. Man koͤnnte ihn sogar selbst mit lachen lassen. Immer besser! immer besser! (er lacht von ganzem Herzen.) Horch! die Gaͤste brechen auf. Gute Nacht, meine Herren! morgen wollen wir mehr daruͤber lachen, denn vermuthlich wird Herr Olmers noch diesen Abend alles in Richtigkeit bringen. Ganz gewiß. Nun dann, auf Wiedersehn! (ab.) Sie wollen noch heute daran arbeiten? Ja, das erste Feuer muß man nutzen. Sie haben — Recht. — Hoͤ- ren Sie — wenn Ihr Roman fertig ist — darf darf ich mir wohl ein Exemplar davon aus- bitten? Er soll Ihnen dedicirt werden. (ab.) Vierzehnte Scene . allein. Zu viel Ehre, mein Herr! allzuviel Ehre! — Kam es mir doch beynahe vor, als ob er sich lustig uͤber mich machte? — der Herr Romanenschreiber! — Er blaͤht sich auf gleich Superintenden- ten! Hofft Ehr’ und Geld — nun nun, der Himmel gebs! Daß sein Roman von zwanzig Recen- senten Gelaͤstert wird, gebt Achtung. ich er- lebs. J 2 Zwar Zwar half ich ihm mit eigenen Talenten; Er ohne mich — gieng ruͤckwaͤrts wie ein Krebs: Das Maͤgdelein hinunter auf die Stras- sen — Dies große Wort hab’ ich ihm zuge- blasen! (ab) Ende des dritten Akts . Vierter Vierter Akt . (Die Straße vor dem Hause des Buͤrgermeisters. Dem gegenuͤber das Haus seines Bruders, von mehrern Stockwerken; in der Dachstube Sperlings Wohnung. Vor diesem letztern Hause steht ein Laternenpfahl mit einer Laterne, die aber nicht brennt. Es ist Nacht, doch sieht man noch Licht in beyden Haͤusern.) Erste Scene . allein. (Er koͤmmt aus dem Hause.) D em Himmel sey Dank, daß die Menschen in kleinen Staͤdten wenigstens fruͤh schlafen gehn. Anmerkung . Die Haͤuser muͤssen herauswaͤrts, gleich an die erste oder zweyte Coulisse gebaut seyn, so, daß die Buͤhne dadurch etwas verengt wird, und die aus den Fenstern Schauenden von dem Zuschauer en face gesehen werden. Der Laternenpfahl kann sodann etwas mehr zuruͤck stehn. gehn. Bin ich doch den ganzen Tag nicht Herr einer Minute gewesen. Das fragt, das complimentirt, das schnattert unaufhoͤrlich; will Alles wissen und weiß doch alles schon besser. Keinen Augenblick lassen sie den lie- ben Gast allein; auf jedem Schritt und Tritt schleichen sie ihm nach. Er muß essen ohne Hunger, trinken ohne Durst, sich setzen ohne Muͤdigkeit; ihre Wunderwerke sehen, ihre Stadtklatschereyen hoͤren, und Alles loben und preisen. Gern wollt’ ichs ertragen um den Besitz der Geliebten! aber noch laͤchelt mir keine Hoffnung, und nicht einmal ein Gespraͤch unter vier Augen hat mir bis jetzt den langweiligen Zwang versuͤßt. Hieher wollte sie kommen, wenn Alles still im Hause waͤre. Sie wird doch Wort halten? Zweyte Zweyte Scene . Sabine und Olmers . (die aus dem Hause schlich, klopft ihm auf die Schulter. Ja lieber Zweifler, sie haͤlt Wort. Endlich, bestes Maͤdgen! endlich sind wir allein! und ich darf Ihnen einmal wieder recht herzlich sagen — Was denn? Alles was Sie mir zu sagen haben, weiß ich schon laͤngst. Aber ich muß ja die Augenblicke stehlen — So seyd ihr Alle. Der Liebhaber findet’ nie Zeit genug, das tausendmal Gesag- te tausendmal zu wiederholen. Der Ehemann hingegen duͤrfte plaudern den ganzen Tag, aber der geht im Zimmer auf und nieder, und brummt. Ich will nicht hoffen — Sab . Daß Sie es auch so machen wer- den? nein das hoff’ ich auch nicht. Aber wahr bleibt es doch immer: Liebhaber und Lerchen singen nur im Fruͤhling, und man muß noch froh seyn, wenn sie im Herbst nicht gar davon ziehn. Ich schwoͤre Ihnen — Schwoͤren Sie nur nicht zu laut. Wir sind hier von ein paar Duzend Ohren umringt. Dort ist meines Vaters Schlaf- zimmer, er hat noch Licht. Hier wohnt die Großmutter, die singt gewiß noch ihr Abend- lied. Da gegenuͤber der Oheim, der blaͤttert noch in seinen Romanen; und oben im Dach- stuͤbchen Herr Sperling, macht wohl gar noch ein Sonnet auf mich. Ferner wird es nicht lange waͤhren, so koͤmmt der Nachtwaͤchter mit dem Horn und der Feuerwaͤchter mit der Schnarre. Allerliebst. Vermuthlich wird auch die Laterne da bald angesteckt? Sab . Nein, das nicht. Wir haben Mondschein. Erst gegen Morgen. Thut nichts. Er steht doch im Kalender, und da befleißigen wir uns einer weisen Sparsamkeit. Freylich, bey dem herrlichen Stein- pflaster — Spotten Sie nicht, und seyn Sie froh, daß Sie mit einer geschundnen Nase davon gekommen sind. Aber, liebes Maͤdgen, auf meinem Zimmer waͤren wir ja weit ruhiger, weit un- gestoͤrter gewesen? Meinen Sie? o ja. Schade nur, daß es in Kraͤhwinkel nicht Sitte ist, daß die jungen Maͤdgen zu ihren Liebhabern auf die Stube gehn. Hier auf der Straße befinde ich mich gleichsam in der Obhut aller meiner Verwandten. Und koͤnnen im Nothfall den Nachtwaͤchter zu Huͤlfe rufen. Sab . Allerdings mein Herr. Ich haͤtte geglaubt als meine Braut — Das bin ich noch nicht, und wenn Sie fortfahren sich so albern aufzufuͤhren, so duͤrfte ichs auch wohl schwerlich jemals wer- den. Albern? wie so? Welcher Satan hat Ihnen einge- geben, meine Großmutter Madam zu nen- nen? Sie ist Frau Untersteuereinnehmerin, merken Sie sich das. Nun ja, morgen soll sie es wenig- stens dreyhundertmal hoͤren. Je mehr je besser. Und warum aßen sie denn diesen Abend keinen Bissen? Weil ich satt war. Gleichviel. Das ist ein schlechter Liebhaber, der seinem Maͤdgen zu Liebe nicht einmal einer Indigestion Trotz bietet. Gut, ich will essen, wie der be- ruͤhmte Paul Butterbrod. Sab . Und warum gaͤhnten Sie immer als mein Vater den langen Proceß erzaͤhlte? Eben weil er so lang war. Hilft nichts. Muß ruhig und aufmerksam angehoͤrt werden. Aufmerksam? wenn Sie mir ge- geuuͤber sitzen? Konnten Sie doch, mir gegenuͤber, recht stattlich gaͤhnen. Und waren Sie denn ganz rasend, als mein Oheim seine Lesebiblio- thek auskramte, zu sagen, es sey lauter Schofel? Ja, es ist ja lauter Schofel, nichts als Raͤuber, Banditen, romantische Dichtun- gen und fromme Almanache. Was geht das Sie an! Wir glauben nun einmal Geschmack zu besitzen. Wir sind erhaben uͤber die gemeine Menschen- natur. Wir lesen Wieland und Engel nicht mehr. Nun wohl, morgen will ich die Kraftgenies loben, noch aͤrger als sie sich selbst. Sab . Das moͤgte Ihnen schwer werden, aber versuchen Sie es. Um Ihren Besitz wag’ ich das Schwerste. Mit alle dem werden Sie doch noch nicht zum Ziele gelangen. Es fehlt Ih- nen noch ein Haupterforderniß. Das waͤre? Ein Titel, lieber Freund, ein Ti- tel! Ohne Titel kommen Sie in Kraͤhwinkel nicht fort. Ein Stuͤck gepraͤgtes Leder gilt hier mehr als ungepraͤgtes Gold. Ein Titel ist hier die Handhabe des Menschen, ohne Titel weiß man gar nicht, wie man ihn an- fassen soll. Hier wird nicht gefragt: hat er Kenntnisse? Verdienste? sondern, wie titulirt man ihn? Wer nicht 12 bis 15 Sylben vor seinen Namen setzen kann, der darf nicht mit reden, wenn er es auch zehnmal besser verstuͤnde. Die Titel nehmen wir mit zu Bette und zu Grabe, ja, wir naͤhren eine leise Hoffnung, daß einst an jenem Tage noch manches manches Titelgen aus der lezten Posaune er- schallen werde. Kurz, mein schoͤner Herr, ohne Titel bekommen Sie mich nicht. Meine Großmutter wird es nimmermehr zugeben, daß der Prediger beym feyerlichen Aufgebot nichts weiter zu sagen haben solle, als: der Braͤutigam ist Herr Karl Olmers. Wie aber, wenn ich mir schon ein ganz feines Titelgen verschafft haͤtte? Haben Sie? nun dann sind wir ja uͤber alle Berge. Warum sagten Sie das nicht gleich? Ich wußte ja nicht — Ey das haͤtten Sie wissen sollen und muͤssen. Glauben Sie denn, die Titel- pest grassire nur hier zu Lande? C’est par tout comme chez nous . — Stille! ich hoͤ- re ein Geraͤusch. Es ist Sperlings Dachfen- sterlein. Er wird uns doch nicht belauscht haben? Dritte Dritte Scene . Sperling am Fenster. Vorige . Holla! Holla! thu auf mein Kind! Schlaͤfst Liebgen, oder wachst du? Wie bist noch gegen mich gesinnt? Und weinest oder lachst du? (leise) Das ist wohl gar eine Apostrophe an mich? Dort sind die lieben Fensterlein, hinter welchen die Holde weilt. Alles dunkel und finster. Vielleicht haben die sieghaften Aeuglein sich bereits geschlossen. Hoͤren Sie mein Herr? sieghaft. Er sagt mir nichts neues. Zarte Melodien sollen der Keu- schen Schlummer umgaukeln. (er stimmt eine Violine.) Sab . O weh! das ist wohl gar auf eine Serenade angesehn. Der Mensch ist im Stande, die ganze Nachbarschaft aus dem Schlafe zu kratzen. Hohl’ ihn der Teufel! (spielt und singt) Trallyrum larum hoͤre mich, Trallyrum larum Leyer — (Die sich umgesehen hat, spricht waͤhrend des Gesanges) Nun ja, das fehlte noch. Da koͤmmt der Nachtwaͤchter. Geschwind hinter den Laternenpfahl. (sie verbergen sich beyde so gut sie koͤnnen.) Vierte Vierte Scene . Der Nachtwaͤchter . Die Vorigen . (stoͤßt ins Horn) Hoͤrt ihr Herren — (herunter schreyend) Unverschaͤmter Mensch! hoͤrt er nicht daß ich musicire? Ey was kuͤmmert das mich! wenn der Herr die Stunden selber absingen will, so komm’ er herunter. (Er singt) Hoͤrt ihr Herren und laßt euch sagen — (zugleich spielt und singt) Trallyrum larum das bin ich — Fuͤnfte Fuͤnfte Scene . Frau Staar am Fenster. Vorige . (singt zugleich) Nun ruhen — (ruft) Mein Gott! welch ein Laͤrm! (singt) alle Waͤlder! (zugleich) Die Glocke hat Neu- ne geschlagen! (zugleich) Herzliebchen dein Ge- treuer! Man kann ja sein eignes Wort nicht hoͤren! Der verfluchte Nachtwaͤchter! Na, na, ich bin schon fertig. (ab.) K Sechste Sechste Scene . Herr Staar am Fenster. Vorige . (uͤber sich schauend) Herr Nach- bar da oben, krakeelen Sie nicht so. Das liebe Vieh wird sogar unruhig im Stalle. Und die Menschen werden in der Andacht gestoͤrt. Ich wollte nur meiner Braut ein Staͤndgen bringen. Ey die schlaͤft schon lange. (Sie macht das Fenster zu, indem man noch in der Ferne die lezten Toͤne ihres Abendlieds verhallen hoͤrt.) Wir haben heute einmal recht geschwaͤrmt. Die Uhr ist gleich Zehne. Wer ist Schuld daran, als der Arantuͤrier aus der Residenz? (zu Olmers) Das sind Sie. Hr. St. Und die Jungfer Naseweiß, der sonst immer schon um 8 Uhr die Augen zu- fallen. (zu Sab.) Das sind Sie. Fast kam es mir vor, als haͤtte sie kein Auge von dem Landstreicher ver- wandt. (zu Olm.) Das sind Sie. Leider! prahlen koͤnnen wir wohl mit Sittsamkeit — Das geht auf Sie. Und doch ertragen wir fremde Unverschaͤmtheit. Das geht auf Sie. Die Jungfer Nichte bildet sich viel auf ihr Laͤrvgen ein. Merken Sie sich das. Und der Herr Olmers auf seine philosophischen Floskeln. Schreiben Sie das in Ihr Ge- daͤchtniß. K 2 Hr. St. Morgen muß das Ding ein Ende nehmen. Mit Gottes Huͤlfe. Morgen ist Verlobung. Zwischen uns. Schlafen Sie wohl Herr Bau- Berg- und Weginspectors-Substitut. Angenehme Ruh Herr Vicekir- chenvorsteher. (Beyde hinein.) Siebente Scene . Olmers und Sabine . Endlich sind sie fort! Aber nun muͤssen auch wir hinein. Nicht doch, der Abend ist so schoͤn, so lau. Noch ein Spaziergang vor das Thor. Sind Sie toll? warum nicht lie- ber gar in Ihren Steinbruch? Oder doch durch die Straßen. Sab . Eben so wenig. Da sieht man was ein Maͤdgen wagt, wenn es nur einen Finger breit vom Wohlstande weicht. Weil ich vor die Hausthuͤr mich locken ließ. so meint der Herr nun gleich, er duͤrfe mit mir lustwandeln in die weite Welt. Ein harmloser Spaziergang — Ein froͤhlicher Gang durchs Leben an Ihrer Hand, aber kein solcher Spazier- gang vor der Hochzeit. Drum gute Nacht. Morgen ruͤcken Sie nur fein fruͤh mit dem Titel heraus, und befolgen meine uͤbrigen Vorschriften puͤnctlich. Gute Nacht, treffliches Maͤdgen! Ein Kuß wird mir doch nicht verweigert? Ein Haͤndedruck ist schon mehr als zu viel. Gute Nacht. — O weh! da sehe ich eine Laterne eilig auf uns zukommen. Es ist der blinde Rathsdiener, wo ich nicht irre. Geschwind noch Einmal Versteckens gespielt. (Sie treten wieder hinter den Laternenpfahl.) Achte Achte Scene . Klaus der Rathsdiener, mit einer Blendlaterne. Vorige . (außer Athem) Uf! ich armer, ich geschlagener Mann! das bringt mich um das Leben! o weh! o weh! wenn es mich nur nicht gar um den Dienst bringt. Aber was hilfts? der Buͤrgermeister muß es wissen — noch in dieser Nacht — vielleicht laͤßt er Sturm laͤuten. (er klopft an das Haus) He! holla! he! (inwendig) Wer klopft denn noch so spaͤt? Aufgemacht! der Staat ist in Ge- fahr! (am Fenster) Klaus? seyd ihr es? was wollt ihr? Ach gestrenger Herr Buͤrgermeister! ich bin des Todes! Buͤrg . Was geht denn vor? Die Delinquentin — Nun? Sie ist zum Teufel! Was? Fort ist sie uͤber alle Berge! Das wolle Gott verhuͤten! Meine Ehre! meine Reputation! meine Sporteln! ich stuͤrze mich in den Teich! Stille nur Klaus! stille! die Sache muß verschwiegen tractrirt werden. Wart’ er ein wenig, ich komme hinunter. (er macht das Fenster zu) Ich armselige miserable Kreatur! Wer soll nun morgen am Pranger stehn? Kein Christenkind in der ganzen Stadt wird mir aus der Noth helfen. Neunte Neunte Scene . Buͤrgermeister im brocatnen Schlafrock. Vo- rige . Nun Klaus? man referire den Zusammenhang der sch r ecklichen Begebenheit. Ew. Gestrengen wissen doch, daß ich der Delinquentin alle Abend ein halbes Pfund Brod, und einen Krug Wasser aus dem Stadtgraben bringen mußte? nun, das ge- schah auch heute. Sie war lustig und guter Dinge Die Handschellen saßen fest. Ihr gutes Bett von altem weichen Stroh war aufgeschuͤttelt. Ich wuͤnsche ihr Gluͤck zu ih- rem morgenden Ehrentage, schließe zu, ver- riegle, gehe zu Bett. Vor einer Stunde stoͤßt mich meine Frau mit dem spitzen Ellenbogen in die Seite, und spricht: hoͤr’ einmal wie oben die Katzen laͤrmen. Was Katzen! ruf’ ich ich bedenklich: denen ist laͤngst verboten auf dem Rathhaufe zu erscheinen, seitdem, zur hoͤchsten Ungebuͤhr, einst eine Katze den Stuhl des Herrn Buͤrgermeisters zum Wochenbette erkohren. Nur weiter. Ich horche — ich lausche — ich muthmaße — ich verwundre mich — das mag wohl so eine halbe Stunde gedauert haben — Viel zu lange! Endlich sammle ich meine Lebensgei- ster. Ich stehe auf, zuͤnde mein Laterngen an, schleiche hinauf, riegle los, stecke den Kopf hinein — ruͤhrt mich der Schlag auf der Stelle! das Nest leer — der Vogel ausge- flogen! Mit Satans Huͤlse? Wie sonst? Die Handschellen hat sie abgestreift, die Wand durchbrochen, ist in meine Schinkenkammer gestiegen, hat einen Schin- Schinken und drey Wuͤrste aufgepackt, und fort ist sie! Eine Hexe! sie muß verbrannt werden! ich mache einen Bericht an die Kammer — der Oberfoͤrster muß herrschaftli- ches Holz zum Scheiterhaufen liefern. Ja wenn wir sie nur erst wieder haͤtten! Verdammter Streich ! Neun Jahre lang hab’ ich es mir sauer werden las- sen, zu der Hoͤhe eines Stockwerks sind die Acten angewachsen, (mit Pathos) morgen er- schien endlich der große Tag, an dem ich die Fruͤchte meines Fleißes erndten sollte — schon harrt ganz Kraͤhwinkel der feyerlichen Stunde entgegen — schon winkt der Pranger zu Ehr’ und Ruhm des Hochweisen Stadtrathes — und siehe, zerplatzt sind meine stolzen Hoff- nungen wie die Seifenblasen der Gassen- buben! Meine Reputation! meine Sporteln! mein Schinken! Buͤrg . Ist denn keine Spur zu entdek- ken, ob vielleicht eine verruchte Hand zu der Flucht befoͤrderlich gewesen? Der Satan, sonst keine Chri- stenseele. Das Weib ist im letzten Kriege als Marketenderin mit in Lothringen gewesen, da hat sie den Teufel kennen lernen. Eine abgefeimte Kreatur! Die Worte wußte sie zu setzen wie eine Edelfrau, und lesen that sie den ganzen Tag. Ein paar Buͤcher lagen auch noch auf dem Tische, und ein schmutzi- ger Zettel. Ich kann nicht lesen. Her mit dem Zettel! (er liest beym Licht der Laterne) „Ein Hochweiser Rath wird verzeihen, daß ich ihm den morgenden Spaß verderbe —“ Spaß? es war nichts weniger als Spaß. Haͤtten wir dich nur wieder! wir wollten dich bespaßen. (liest) „Die Zeit wurde mir end- lich gar zu lang. Ich hatte Lust frische Luft zu zu schoͤpfen —“ Haͤtte sie denn nicht war- ten koͤnnen, bis sie am Pranger stand? Undankbares Mensch! Neun Jahr ist sie gefuͤttert worden. (liest) „Dem Herrn Vicekirchen- vorsteher verdank’ ich meine Befreyung“ — Wie! was! mein Bruder? ist er raseud ? Gott sey Dank, so halten wir uns an den. (liesi) „Er hat die Guͤte gehabt, mir manch schoͤnes Buch aus seiner Lesebiblio- thek zu leihen“ — Das hat ihm der Teufel geheißen! — (liesi) „unter andern Trenks Leben und Flucht aus dem Gefaͤngnisse.“ — ich wollte er saͤße selbst darin! — (liest) „Aus diesem Buche hab’ ich gelernt, durch Muth, Geduld und Geschicklichkeit meine Flucht vorzubereiten. Der Augenblick ist ge- kommen — ich fliehe! —“ Das ist nicht wahr, sie ist schon fort. Buͤrg . (liest) „Dem gestrengen Herrn Buͤrgermeister danke ich fuͤr sein verschimmel- tes Brod —“ — Dummer Schnack! ich soll ihr wohl Kuchen schicken? — (liest) „dem Herrn Rathsdiener Klaus fuͤr seln schlammig- tes Wasser —“ Es ist erlogen! der Stadtgraben hat unterirdische Quellen. (liest) „Saͤmtlichen Einwohnern von Kraͤhwinkel empfehle ich mein Andenken. Ich bereue von Herzen, vor 9 Jahren die Kuh gestohlen zu haben, denn sie war sehr mager.“ Der Umstand ist richtig. (liest) „Der Himmel segne da- fuͤr den Herrn Buͤrgermeister mit Fett, und lasse ihm auch den morgenden Festbraten ge- deihen. Eva Schnurrwinkel.“ — O du ver- maledeyte Eva! Du Schlange! Du Basilisk! Wie werden nun die Rummelsburger frohlocken! meine Ehre! der der Ruhm der Stadt Kraͤhwinkel! Alles ver- lohren! — Hoͤrt Klaus! wißt ihr keinen un- ter unserer getreuen Buͤrgerschaft, der aus Patriotismus, und um der Ehre willen — man koͤnnt’ ihm ja eine Larve vorbinden. Es thuts keiner, gestrenger Herr Buͤrgermeister. Zusehen wollen sie Alle; aber wenn Einer selber hintreten soll, zum Wohl des Staats, ja, da ist Niemand zu Hause. Wehe! wehe! — und — mein Bruder! mein verdammter Bruder! der schlaͤft quasi re bene gesta. (Er trommelt an des Bru- ders Haus) He da da! holla! he da! (am Fenster) Tausend Sapper- ment! wer klopft so spaͤt? Packt euch fort! ich verkaufe nach 10 Uhr keinen Kaffee mehr. (schlaͤgt das Fenster zu.) Nun hoͤre mir Einer den Maul- affen! ich, Buͤrgermeister auch Oberaͤltester, komme zum Gewuͤrzkraͤmer um ein Loth Kaf- fee, (klopft wieder) he da! holla! Hr. St. (am Fenster) Wenn ihr nicht bald geht, so lass’ ich die Polizey aus dem Ersten Schlafe wecken. Sey der Herr Bruder nur sel- ber froh, wenn sie fortschlaͤft. Sieh da! ists der Herr Bru- der? was bringt denn der so spaͤt? Eine Hiobspost. Komme der Herr Bruder nur herunter. Ey, ey, es brennt doch nicht? Wollte Gott die halbe Stadt waͤre lieber abgebrannt, und des Herrn Bru- ders Haus vor allen. Behuͤte der Himmel! Ich komme schon. (Er macht das Fenster zu.) Komm nur, komm nur. Eine ehrsame Buͤrgerschaft hat sich auf den mor- genden Tag so gefreut; haben sich neue Roͤcke machen lassen und fette Schweine geschlach- tet. Wenn sie hoͤren, daß durch seine Schuld nichts passirt, so sind sie capabel ihm das Haus Haus zu stuͤrmen, und seine ganze Lesebiblio- thek an den P r anger zu nageln. Desto besser. Sie besteht so aus lauter Raubgesindel. Zehnte Scene . Herr Staar im Nachthabit. Vorige . Nun? was giebt es denn? Schoͤne Dinge hat der Herr Bruder angerichtet, kostbare Dinge. Wer? ich? Mit seinen verdammten Buͤ- chern! Verdammt? sie haben Alle die Censur passirt. Wer hat dem Herrn Bruder von Obrigkeitswegen erlaubt, einer Delin- quentin die Zeit zu vertreiben? Du lieber Gott! es will ja doch heutzutage Alles lesen. Delinquenten haben haben so gut Langeweile als vornehme Leute. Aus Barmherzigkeit hab’ ich ihr dann und wann einen Banditen oder so ein Ungethuͤm zugesteckt. Vortrefflich! Auch wohl ein neues geistliches Lied nach Jacob Boͤhm, da hat sie sich er- baut. Eine herrliche Erbauung! Zum Teufel ist sie gegangen. Was? Durch die Mauer hat sie ge- brochen. Meine Schinken hat sie gestohlen. Und bedankt sich bey dem Herrn Bruder. Bey mir? Da! da! nehme der Herr Bru- der die Laterne und lese. (thut es) (am Fenster) Was murmelt? was fluͤstert? was brummt? was zischelt? L Buͤrg . (der Sperling gewahr wird) Da ha- ben wirs! Alle Narren in ganz Kraͤhwinkel werden noch aufwachen. Was seh’ ich? was hoͤr’ ich? was vermuth’ ich? Ist der Herr flink auf den Bei- nen, so komm’ Er herunter, und setze ihr nach. Ist meine Braut davon gelau- fen? ich komme auf den Fluͤgeln des Sturm- winds. (er schlaͤgt das Fenster zu) (zu Staar) Nun? wie schmeckt es? Der Herr Bruder sieht mich voller Erstaunen — Was hilft mich das? ich kann sein Erstaunen nicht an den Pranger stellen. Eilfte Eilfte Scene . Sperling im Nachthabit. Vorige . Da bin ich! da bin ich! wer hat sie entfuͤhrt? Der Satan! Ich merke schon, weiß schon, verstehe schon; der Satan heißt Olmers. Ist der Herr verruͤckt? wer redt denn von meiner Tochter? Die Delinquen- tin ist fort. Die Delinquentin?! Sammt Schinken und Wuͤrsten. Der Herr Bruder hat ihr durch- geholfen. Sie hat den Trenk gelesen. All’ ihr himmlischen Maͤchte! was hoͤr’ ich! was vernehm’ ich! Morgen kein Fest! kein Pranger! keine Verlobung! — L 2 Was Was soll nun werden aus meinen Kunstwer- ken?! ein Sonnett hab’ ich gedichtet auf die Delinquentin! ein Triolett auf den Galgen, den dreybeinigten! — Ich wollte, daß ihr Alle daran hienget. Was ist anzufangen? Ja da stehn wir nun wie eine Heerde Ochsen am Berge. So ein unterbrochenes Opferfest! Die Rummelsburger lachen sich tod. Das ist das wenigste. Aber was wird man in der Residenz dazu sagen? Keine Ordnung wird es heißen. Keine Vorsicht, keine Wachsam- keit. Der Minister wird außer sich seyn. Der Koͤnig in Zorn gerathen. Der Herr Bruder wird ab- gesetzt. Buͤrg . Und der Herr Bruder koͤmmt ins Zuchthaus. O weh! o weh! Dreymal weh! Man muß Sturm laͤuten! ihr nachsetzen! Es ist ja stockfinstre Nacht. Befehle der Herr Bruder, daß die Laternen angezuͤndet werden, gleich auf der Stelle. Es steht ja Mondschein im Ka- lender. Wenn gleich! es gilt des Staa- tes Wohlfahrt! ich liefre das Oel. Herr Klaus hieher! hier vor meinem Hause mach’ er den Anfang. Herzlich gern, wenn ich nur meine Schinken dadurch zu sehen bekaͤme. (indem er die Laterne anzuͤnden will, erblickt er die Versteckten, und schreyt) Ah! die Delinquentin! da steht sie leibhaftig! Wie! was! Kl. Und der Satan neben ihr! Hervor! hervor! du gottlose Kreatur! (Sabinen beym Arm fassend) Wo sind meine Wuͤrste? (knieend) Ach mein Vater! Was? Sabine? Die Jnngfer Braut? Ein satanisches Blendwerk. (hervortretend) Herr Buͤrgermei- ster — Und unser Gast? Hab’ ichs nicht gesagt? Wie koͤmmst du hieher? Was machen Sie hier? Morgen, mein Vater, sollen Sie Alles wissen. Der Zufall hat uns uͤberrascht. Ich liebe Olmers. Ich verabscheue Sperling. Barbarin! Olmers hat Vermoͤgen, hat einen Titel, ist ein Schulfreund des Ministers — Und wuͤrde sich gluͤcklich schaͤtzen, die unangenehme Begebenheit, von der er so eben Zeuge gewesen, bey Hofe zu vermitteln. Denn es ist nicht zu leugnen, die Sache ist sehr schlimm und bedenklich. (aͤngstlich) Meinen Sie in der That? (eben so) Was stuͤnde zu er- warten? Sie, Herr Buͤrgermeister, wuͤrden cassirt. (sehr erschrocken) Wirklich? Und Sie, Herr Vicekirchenvorste- her, wuͤrden eingesperrt. Ohne Gnade? Aber ich nehme Alles auf mich, und stehe fuͤr den guten Erfolg. Wenn Sie das koͤnnten — Der Herr Bruder muß auch bedenken, daß das Maͤdgen in unsrer Stadt ohnehin zum Gespoͤtte werden wird. Mitten in in der Nacht, auf offner Straße, mit einem jungen Burschen — es nimmt sie keiner mehr. Ich wenigstens nehme sie nicht. Ja wenn ich auch wollte, von wegen der bedenklichen Aspecten — aber die Großmutter — Er hat einen Titel. Hat er wirklich? (am Fenster) Sind denn die boͤ- sen Geister diese Nacht Alle los? was wird da unten vor Spuck getrieben? Eben recht. Komme doch die Frau Mutter ein wenig herunter. Wir wol- len Verlobung feyern. Auf der Straße? unter freyem Himmel? bey Nacht und Nebel? Das waͤre mir eben recht. (schlaͤgt das Fenstee zu) (zu Olmers) Das sage ich dem Herrn, die Sache mit der Delinquentin muß beygelegt beygelegt werden, ehe ist an keine Hochzeit zu denken. Ich stehe fuͤr Alles. Zwoͤlfte Scene . Frau Staar im Nachthabit. Vorige . Nun? Herr Bau- Berg- und Weginspectors-Substitut, was sind das ein- mal wieder fuͤr Romanstreiche? Ey von mir ist gar nicht die Rede. Herr Olmers will Sabingen heirathen, und Sabingen will ihn. Und deshalb verirt man mich aus dem Bette? Hab ich denn nicht meine Meinung schon rund und deutlich an den Tag gelegt? nein, daraus wird nichts. Aber es hat sich allerley zuge- tragen — Fr. St. Was kuͤmmerts mich? Der Herr kann uns aus einer großen Verlegenheit helfen. Gleichviel. Das Maͤdgen hat mit ihm hinter dem Laternenpfahl gesteckt. Desto schlimmer. Sie bekoͤmmt nun doch keinen Mann. So mag Sie als eine ehrsame Jungfrau sterben. Der Herr hat Geld — Ist Nummero 2. Und Verdienste — Ist Nummero 3. Er hat auch einen seinen Titel. Einen Titel? wie? was hat er denn fuͤr einen Titel? (zieht sein Taschenbuch hervor) Wenn die Frau Untersteuereinnehmerin die Guͤte haben haben wollen, einen Blick auf dieses Papier zu werfen, so schmeichle ich mir, die Frau Untersteuereinnehmerin werden, nach den be- kannten edlen Gesinnungen, welche die ganze Welt an der Frau Untersteuereinnehmerin ruͤhmt — (besaͤnftigt) Nun, nun, der Herr ist ein hoͤflicher Herr, das muß man ihm lassen. Was ist es denn fuͤr ein Ti- telgen? Geheimde-Commissionsrath. (erstaunt) Rath! (eben so) Commissionsrath! (eben so) Geheimde-Commis- ßonsrath! Ey ey, das veraͤndert allerdings die Sache. Etwas Geheimes haben wir in unserer Familie noch nicht gehabt. Ja wenn dem so ist, und der Herr Geheimde- Commissionsrath unserm Hause die Ehre er- zeigen wollen — Olm . Mein Gluͤck ruht ganz in den Haͤnden der Frau Untersteuereinnehmerin. Der Herr Geheimde-Commis- sionsrath duͤrfen auf mich zaͤhlen. Die Frau Untersteuereinnehmerin sind die Guͤte selbst. Und der Herr Geheimde-Com- missionsrath ein Muster von guter Lebens- art. Nun wohlan, Kinder, kommt herein, daß wir sogleich einen Contract und einen Steckbrief aufsetzen. Topp! wir wollen Punsch ma- chen. Ich hol’ euch Citronen. (ab in sein Haus.) Darf ich die Ehre haben, der Frau Untersteuereinnehmerin die Hand zu bieten? Der Herr Geheimde-Commis- sionsrath finden jederzeit an mir eine bereit- willige Dienerin. (Olmers fuͤhrt sie in das Haus.) Buͤrg . (zu Sperling) Nehme mirs der Herr nicht uͤbel. Wenn das Vaterland in der Klemme ist, da muß ein guter Patriot allen- falls seine Tochter dem Moloch opfern. (ab.) Gehorsamer Diener! (zu Sperling) Herr Bau-Berg- und Weginspectors-Substitut, ich bitte um ein Hochzeitgedicht. (sie verneigt sich tief, und geht in das Haus.) Warte nur! eine Ehrenpforte will ich dir schreiben! ein Kunstwerk! Wer weiß hinter welchem Zau- ne das Weib jetzt sitzt und an meinen Wuͤr- sten schmaußt. Herr Klaus, komm’ er hinauf zu mir. Ich will ihm mein Triolett auf den Galgen vorlesen. Ey, ich habe den Teufel von Ihrem Trio! schaffen Sie mir meine Schin- ken! (er geht fort.) Sperl . (allein) Ganz umsonst kann ich es doch nicht geschrieben haben. — Wenn nur der Nachtwaͤchter kaͤme. — (Zu dem Pu- blikum mit suͤßer Hoͤflichkeit) Ist denn keiner, der sich herauf bemuͤhen moͤgte, mein Triolett zu hoͤren? (Der Vorhang faͤllt.) Ende .