Problematische Naturen. Problematische Naturen. Roman von F. Spielhagen. Erster Band. Berlin. Verlag von Otto Janke. 1861. Erstes Kapitel. „Es giebt problematische Naturen, die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und und denen keine genug thut. Daraus entsteht der ungeheure Widerstreit, der das Leben ohne Genuß verzehrt.“ Goethe's Dichtung und Wahrheit. Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 184., als ein mit zwei schwerfälligen Braunen be¬ spannter Stuhlwagen mühsam in dem tiefen Sand¬ wege eines Tannenforstes dahinfuhr. „Wird dieser Wald denn nie ein Ende nehmen!“ rief der junge Mann, der allein in dem Hintersitze des Fuhrwerks saß, und richtete sich ungeduldig in die Höhe. Der schweigsame Kutscher vor ihm klatschte statt aller Antwort mit der Peitsche. Die schwerfälligen Braunen machten einen verzweifelten Versuch, in Trab zu fallen, standen aber alsbald von einem Vorsatze ab, F. Spielhagen, Problematische Naturen. I . 1 den ihr Temperament und der tiefe Sand so wenig begünstigten. Der junge Mann lehnte sich mit einem Seufzer wieder in seine Ecke zurück, und fing wieder an, auf die einförmige Musik des mühsam gleisenden Fuhrwerks zu horchen, und ließ wieder die dunklen Stämme der Tannen an sich vorübergleiten, auf die hier und da ein Streifen von dem Licht des Mondes fiel, der so eben über den Forst heraufstieg, Er be¬ gann von neuem, sich den Empfang, der seiner auf dem Schlosse harrte, und die so neue Situation, in die er treten sollte, auszumalen; aber die überdies verschwommenen Bilder einer unbekannten Zukunft wurden dunkler und dunkler; die schlummermüden Augen schlossen sich, und der erste Ton, den sein Ohr wieder vernahm, war der dumpfe Hufschlag der Pferde auf einer hölzernen Brücke, die zu einem mächtigen steinernen Thorweg führte. „Endlich,“ rief der junge Mann, sich emporrichtend und neugierig um sich schauend, als der Wagen rascher hurch eine dunkle Allee riesiger Bäume fuhr, auf einem mit Kies bestreuten offenen Platze einen halben Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schlosses hielt, auf dessen dunklen Fen¬ stern die Mondesstrahlen glitzerten. Der schweigsame Kutscher klatschte zum Zeichen der Ankunft mit der Peische. Die einzige Antwort war der helle Ton einer Glocke in der Nähe, die langsam elf Uhr schlug. Als der letzte Ton verklungen war, that sich die Hausthür auf, ein Diener trat heraus an den Wagen und hinter ihm wurde die Ge¬ stalt eines alten Herrn sichtbar, dessen runzliches Ge¬ sicht von dem Schein der Kerze, die er mit der einen Hand gegen den Luftzug zu schützen suchte, hell be¬ leuchtet wurde. Der junge Mann sprang rasch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu, der ihm die Rechte entgegen¬ streckte und mit einer Stimme, deren Freundlichkeit das Zittern des Alters und ein etwas ausländischer Accent nicht verhüllten, sagte: „Seien der Herr Doctor bestens willkommen!“ Der junge Mann erwiederte herzlich den Druck der darge¬ botenen welken Hand: „Im komme zwar etwas spät, Herr Baron,“ sagte er, „aber“ — „Das thut nichts, das thut nichs,“ unterbrach ihn der alte Herr. Frau von Grenwitz ist noch auf. Johann, tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn Doctor! Wollen Sie hier hereintreten!“ Oswald hatte auf dem mit Steinfliesen ausgelegten Vorsaal seinen Anzug flüchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes, schönes Zimmer. Als er eintrat, erhoben sich zwei Damen, die an 1* dem Tisch vor dem Sopha, wie es schien mit Lesen, beschäftigt gewesen waren. „Meine Frau,“ sagte der Baron, Oswald der älteren von den beiden Damen vorstellend, einer hohen, schlanken Frau von etwa vierzig Jahren, die dem An¬ kömmling ein paar Schritte entgegengegangen war und jetzt mit einiger Förmlichkeit seine Begrüßung erwie¬ derte, und dann verbeugte er sich auch vor der jün¬ geren, einer zierlichen kleinen Gestalt mit einem etwas scharfen, echt franzöfischen, von langen englischen Locken eingerahmten Gesicht, da er in dem Umstande, daß sie ihm nicht besonders vorgestellt wurde, keinen zwingen¬ den Grund sah, diese Höflichkeit zu unterlassen. „Sie kommen spät, Herr Doctor Stein‚“ sagte die Baronin mit einer tiefen, wohllautende Stimme, die mit dem kalten Licht ihrer großen grauen Augen nicht ganz harmonirte. „So früh, gnädige Frau,“ antwortete der junge Mann heiter, „als es der widrige Wind, der heute Morgen das Fährboot um mehre Stunden aufhielt, und der Kutscher des Herrn Baron, dessen Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich Gelegenheit hatte, erlaubten.“ „Geduld ist eine schöne Tugend,“ sagte die Ba¬ ronin, nachdem sie ihren Platz auf dem Sopha wieder eingenommen, und die Uebrigen sich auf Stühlen um den Tisch gereiht hatten; „eine Tugend, die Sie vor Allen schätzen müssen, da Sie dieselbe in Ihrem Be¬ rufe so nöthig haben. Ich fürchte, die beiden Knaben werden Ihnen nur zu oft Veranlassung geben, diese Tugend im vollsten Umfange zu üben.“ „Ich verspreche mir alles Gute von meinen zu¬ künftige Zöglingen, und bin zum voraus überzeugt, daß die Probe, auf die sie meine Geduld stellen wer¬ den, keine Feuerprobe sein wird.“ „Ich will es wünschen,“ sagte die Baronin, eine Arbeit, die sie beim Eintritt des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte, wieder ergreifend; „indessen werden Sie die Knaben gerade jetzt etwas verwildert finden, da sich Ihre Ankunft leider um einige Tage verzögert hat, und Ihr Vorgänger uns nicht den Ge¬ fallen thun konnte — oder wollte, seine Abreise so lange aufzuschieben.“ „Es hieße gering von der guten Natur der Knaben denken,“ erwiederte Oswald, „und nicht besonders groß von dem Erziehertalente des Herrn Bauer, das mir sehr gerühmt wurde, wenn ich wirklich fürchtete, sein Einfluß auf dieselbe sollte ihn nicht einmal eine Woche überlebt haben.“ „Nun, Herr Bauer hatte seine Tugenden und auch seine Schwächen,“ sagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zählend. „Das ist so Menschenloos, gnädige Frau,“ erwie¬ derte Oswald. „Will der Herr Doctor nicht eine Erfrischung zu sich nehmen, liebe Anna-Maria?“ sagte hier der alte Herr; Oswald konnte nicht unterscheiden, ob aus gast¬ freundlicher Fürsorge, oder um dem Gespräch, das, er wußte selbst nicht wie, einen etwas lebhaften Charakter angenommen hatte, eine andere Wendung zu geben. „Ich danke;“ sagte Oswald trocken. „Sie haben,“ fuhr die Baronin, ohne diese Unter¬ brechung zu beachten, fort, „wenn ich den Professor Berger, der uns an Sie wies, recht verstanden habe, sich bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beschäftigt, Herr Doctor?“ „Nein.“ „Sie werden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir gelegentlich Ihre Grundsätze in dieser Be¬ ziehung ausführlicher darlegen wollten. Ich bin zum voraus überzeugt, daß wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung sein werden. Auf einige Differenzen in den Nebensachen müssen wir uns wohl Beide gefaßt machen. Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünsche und An¬ sichten stets unverhohlen äußern, und bitte Sie, gegen mich dieselbe Rückhaltlosigkeit zu beobachten. Was den Umfang der Kenntnisse der Knaben anbelangt, so wer¬ den Sie sich darüber bald selbst ein Urtheil bilden. Auch Ihrem Urtheil über den Charakter der Kinder wünsche ich nicht vorzugreifen; nur das glaube ich Ihnen sagen zu müssen, daß Sie in Malte, unserm Sohn, einen etwas verzogenen Knaben, und in Bruno — Sie wissen, daß Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes ist, den wir nach dem Tode seiner Eltern zu uns genommen haben — einen Knaben finden werden, der eben gar nicht erzogen und in Folge dessen auch zum Theil sehr ungezogen ist.“ „Liebe Anna-Maria,“ sagte der „Ich weiß, was Du sagen willst, lieber Grenwitz,“ unterbrach ihn die Baronin, „Bruno ist nun einmal Dein erklärter Liebling, und unsere Ansicht über ihn wird wol noch lange verschieden bleiben. Uebrigens magst Du auch wol Recht haben, wenn Du behauptest, daß ich ihn nicht zu beurtheilen vermag, was übrigens weniger meine, als des Knaben Schuld ist, dessen dü¬ steres verschlossenes Wesen alle Annäherung von un¬ serer, wollte sagen, von meiner Seite beharrlich zurück weist.“ „Aber, liebe Anna Maria,“ — „Nun, laß es gut sein, lieber Grenwitz, wir wollen Herrn Doctor Stein nicht gleich an dem ersten Abend, den er unter unserm Dache ist, das Schauspiel der Uneinigkeit zweier Ehegatten geben. Ueberdies wird Herr Doctor Stein der Ruhe bedürfen. Mademoiselle, wollen Sie die Güte haben, zu klingeln.“ Diese letzten Worte wurden in französischer Sprache an die junge Dame gerichtet, welche während dieser ganzen Unterredung unbeweglich, ohne auch nur die Augen nach dem Ankömmling aufzuschlagen, das Buch, aus dem sie vorgelesen haben mochte, noch immer in der Hand haltend, an dem Tische gesessen hatte. Jetzt erhob sie sich und schritt nach der Thür, neben der sich der Klingelzug befand. Oswald kam ihr mit einem: „Erlauben Sie, mein Fräulein,“ zuvor. Das Mädchen sah ihn aus großen braunen Augen mit einem halb verwunderten und halb erschrockenen Blicke an, der deutlich genug verrieth, wie wenig sie an dergleichen Aufmerksamkeiten gewöhnt war, und ging dann, die langen Wimpern schnell wieder senkend, zu ihrem Platz am Tische zurück, Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag, Os¬ wald nach dem für ihn bestimmten Zimmer zu bringen. „Ich hoffe, daß Sie vorläufig Alles nach Wunsch finden werden,“ sagte die Baronin, als Oswald sich mit einer stummen Verbeugung verabschiedete; „wenn Eines oder das Andere vergessen, oder weniger nach Ihrem Geschmacke sein sollte, so haben Sie ja die Güte, dies auszusprechen; ich wünsche dringend in un¬ serm eignen Interesse, daß Sie sich in unserm Hause behaglich fühlen. Oswald verbeugte sich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache. Dieser führte ihn über den Hausflur, an dessen Wänden Oswald flüchtig im Schein der Kerze dunkle Portraits von alterthümlich gekleideten Herren und Damen in Lebensgröße bemerkte, eine steinerne Wen¬ deltreppe hinauf, durch lange Corridors in eine Flucht von kleinen Zimmern in ein größere? Gemach. „Dies ist das Zimmer des Herrn Doctor,“ sagte der Mann, die beiden Kerzen, die auf dem mit einem grünen Teppich bedeckten großen runden Tisch in der Mitte des Gemaches standen, anzündend. „Die Thür dort führt in das Schlafgemach des Herrn Doctor,“ „Und wo schlafen die Knaben?“ fragte Oswald. „Der Herr Doctor gelangen aus Ihrem Schlafge¬ mach in das der Herren Junker. Haben der Herr Doctor noch sonst etwas zu befehlen?“ „Nein, ich danke.“ „Ich wünsche dem Herrn Doctor eine wohlschlafende Nacht.“ „Gute Nacht.“ Oswald war allein. Er war, eine Hand auf den Tisch gestützt, nachdenklich stehen geblieben, und hörte mechanisch zu, wie die Schritte des Dieners allmälig auf dem Corridor verhallten. Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen, ging durch sein Schlafgemach nach der Thür, von der ihm der Diener gesagt, daß sie in das Gemach der Knaben führe, öffnete sie behutsam und trat, das Licht mit der Hand schirmend, leise ein. Die Betten der Knaben standen dicht nebeneinander. Vor dem einen Bette lag ein Teppich, vor dem andern nicht. Ueber dem Bette ohne Teppich hing an der Wand eine kleine silberne, über dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr. In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren, mit blondem, schlichtem Haar, und einem schmalen, feinen Gesicht, das in diesem Augenblicke durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte; in dem Bette unter der silbernen Uhr ein Knabe, der wohl nur ein Jahr älter sein mochte, als der erste, aber mindestens um drei Jahre älter aussah, und überhaupt mit jenem den sonderbarsten Contrast bildete. Während die Arme jenes schlaff auf der Decke lagen, hatte dieser die seinen über der Brust verschränkt. Der fest geschlossene Mund, und die in diesem Augen¬ blick, wo ihn ein Traumbild herausfordern mochte, leise zusammengezogenen dunklen Brauen, gaben dem blassen Gesicht mit den unregelmäßigen, aber nicht un¬ schönen Zügen einen Ausdruck von finsterem Trotz und Stolz, der einem gefangenen Königssohn wohl ange¬ standen haben würde. „Armer Knabe,“ sagte Oswald bei sich, als er mit unendlichem Interesse in das räthselhafte junge Antlitz sah, „dir hat der Lenz des Lebens auch schon Thränen ge¬ bracht, wenn du überhaupt von einem Lenze sprechen kannst.“ Er fühlte sich seltsam ergriffen, er wußte selbst kaum weshalb; aber er beugte sich über den Schlum¬ mernden und küßte ihn auf die Stirn. Da regte sich der Knabe im Schlaf, die Arme lösten sich, er schlug die großen, tiefblauen Augen auf, und sah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor. Und da zuckte es wie ein sonniger Strahl über sein Gesicht; alles Düstre war verschwunden, und ein warmes, hinreißend freundliches Lächeln spielte in den lebensvollen Zügen. „Ich habe Dich lieb,“ sagte der Knabe. „Und ich Dich,“ antwortete Oswald. Da wandte sich Bruno auf die Seite und Oswald hörte an den tiefen regelmäßigen Athemzügen, daß er wieder fest entschlafen sei. „Hat er Dich wirklich ge¬ sehen, oder bist du ihm nur als Traumbild erschienen?“ fragte sich der junge Mann, als er, voll von dem Ein¬ druck dieser kleinen Scene, in sein Zimmer zurückschritt. Er stellte das Licht wieder auf den Tisch, trat an's Fenster, öffnete es und lehnte sich hinaus. Der Himmel hatte sich mit Wolkendunst bedeckt, durch den der volle Mond, der schon tief am Himmel stand, nur als dunkelrothe Feuerkugel schien. Im Osten wetterleuchtete es. Die Luft war schwül und drückend. In dem Schloßgarten tief unter dem Fenster schimmerten die weißen Blüthenbäume. Tiefer finstrer Schatten lag auf den Buchen und Eichen, die von dem hohen Wall, der den Garten umgab, riesig in den Himmel wuchsen. Nachtigallen schlugen in vollen langgezogenen Tönen; ein Brunnen plätscherte leise, wie im Schlaf. Oswald fühlte sich seltsam bewegt. Seine Vergangen¬ heit ging in dämmernden Bildern an seinem Geiste vorüber, wie die Wolkenschleier an dem Monde vor¬ über wallten; Ahnungen der Zukunft zuckten dazwischen, wie das Wetterleuchten gegen Aufgang. Da rauschte es lauter in den Bäumen, die helle Glocke, die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatte, schlug langsam zwölf. Er fuhr empor. „Du wolltest dir ja das Träumen abgewöhnen.“ sprach er lächelnd zu sich selbst. „So schlafe denn, da du, ohne zu träumen, nicht mehr wachen kannst.“ Zweites Kapitel. Oswald war jetzt eine Woche auf Schloß Grenwitz, und die Woche war ihm vergangen wie ein Tag. Es lag in seiner Natur, alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen, selbst das Alltägliche, so lange es neu war, und hier hatte er Neues vollauf: eine neue Situation, neue Umgebung, neue Menschen. Das Alles versetzte ihn, wie es bei sanguinischen Temperamenten ge¬ schehen pflegt, auf eine Zeit lang in die heiterste Stimmung, in welcher es ihm ein Leichtes war, Dinge und Menschen, und Alles und Jedes, womit er in Berührung kam, selbst die Baronin mit ihren strengen, kalten Zügen, selbst den schweigsamen Kutscher, gegen den er gleich am ersten Abend einen Haß gefaßt hatte, selbst den kriechenden, zuthunlichen Bedienten mit seinem ewigen: Befehlen der Herr Doctor — ganz liebens¬ würdig, zum mindesten interessant zu finden. Von dieser heiteren, versöhnlichen Stimmung geben auch die Briefe Zeugniß, die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb: „Da wäre ich denn nun,“ heißt es in dem einen, „auf dieser neuen Station meines wunderlichen Lebens angelangt, und wahrlich, ich glaube es hier, bis Schwager Kronos die Pferde gewechselt hat und wie¬ der in sein ewiges Horn stößt, trotz meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld, wohl aushalten zu können. Ja, wenn ich nicht fürchten müßte, durch voreiligen Enthusiasmus Ihren Spott herauszufordern, so hätte ich nicht übel Lust, dem guten Stern, der mich hierher geführt, ein Danklied zu singen. Ich bin durchaus in der dazu nöthigen lyrischen Stimmung. Ich habe in diesen Tagen schon so viel Wald- und Seeluft geathmet, daß mein armes, vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn schier trunken ist. Wahrlich, wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthalts nicht ganz unwürdig sind, so öffnet sich mir für die nächsten Jahre eine schöne Zukunft. Verzeihen Sie mir, mein Freund, daß ich zu dem großen Schritte, der mich hierher geführt, nicht Ihre specielle Erlaubniß eingeholt habe, wie Sie nach dem blinden Gehorsam, mit dem ich Ihrer höheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt bin, wohl erwarten konnten. Ich war einmal entschlossen, ihn zu thun. Sie, das wußte ich, würden mir Ihre Einwilligung versagen: so wollte ich denn Ihren geharnischten Gründen ein eben so geharnischtes fait accompli entgegenstellen und Ihrem guten Rath das uralte Vorrecht, zu spät zu kommen, nicht rauben. Ueberdies kam mir die Sache so plötzlich, und ich mußte meinen Entschluß so schnell fassen, daß ich eben nur Zeit hatte, Ihnen den¬ selben mit wenigen Worten anzukündigen; und endlich ist es auch eigentlich der Professor Berger, der die ganze Schuld trägt, wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann, und auf dessen Schultern ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze. Wir haben uns, seitdem wir uns nun fast vor einem Jahre in der Residenz trennten, sehr selten und immer nur sehr flüchtig geschrieben. So werde ich auch wohl des Professors Berger kaum ein paar Mal Erwähnung gethan haben, und es ist daher die höchste Zeit, daß ich Sie mit diesem originellen Manne endlich bekannt mache, der in meiner jüngsten Vergangenheit eine so große Rolle gespielt hat, und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe, daß ich in der Haupt- und Staatsaction der Tragi-Komödie — Examen ge¬ nannt — keine kläglichere Rolle spielte. Als ich damals von B. nach Grünwald zog, in der vagen Hoffnung, ich werde in dieser stillen Musen¬ stadt, in der, wie ich mir hatte sagen lassen, das Gras in idyllischer Ruhe auf den Straßen wachse, die nöthige Sammlung finden, an der es mir in den lite¬ rarischen Cirkeln, ästhetischen Thees und singenden Butterbroden der Residenz so gänzlich gebrach, erschien mir unter den fürchterlichen Männern, die mich selig machen oder verdammen konnten, der Professor Berger bald als der fürchterlichste. Ich hörte von den paar Commilitonen, deren dreimal bedenkliche Bekanntschaft zu machen ich nicht umhin konnte, wahrhaft unheim¬ liche Dinge von seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und allerlei Beunruhigendes über sein excentrisches Wesen, seine tolle Launenhaftigkeit und seinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungscommission, denen er durch sein Wissen, mehr aber noch durch seinen Witz, mit dessen beißender Lauge er Jeden ohne Ansehen der Person überschüttete, gründlich imponire. Leibhaftig hatte ich den Entsetzlichen noch nicht gesehen. Er hatte einen seiner hypochondrischen Anfälle, in welchen er sich, wie man mir sagte, bei Tage in seiner Stube einschlösse und des Nachts in den Wäldern der Nachbarschaft umherschweife. Da werde ich eines Tages von einer reichen Fa¬ milie, an die ich empfohlen war, zu Mittag geladen. Die Gesellschaft war sehr zahlreich, ich führte eine der jungen Damen vom Hause zu Tische, ein hübsches blondes Mädchen, dessen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend fesselte. Als aber die gewöhnlichen Themata, die man mit jungen Damen, die seit einem Jahre aus der Schule sind, abzuhandeln pflegt, durchgesprochen waren, wurde ich auf einen Herrn aufmerksam, der mir gegenübersaß. Es war ein untersetzter, schon ältlicher Mann, mit einer massiven, wie aus Granit gehauenen Stirn, unter der ein paar kluge Augen hervorblitzten. Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben, die sich denn auch in dem Eifer, mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zusprach, deutlich genug zu erkennen gab. Die Züge um den großen, breiten Mund waren geradezu räthselhaft: Sinnlichkeit, Witz, Schalkheit und Melancholie — Dämonen und Genien — schienen dort zu spielen. Das Gespräch wurde an diesem Theile der Tafel bald ein allgemeines, und ich konnte mich, ohne auf¬ dringlich zu erscheinen, hineinmischen. Man sprach über Kunst, Literatur, Politik. Ueberall schien der merkwürdige Mann zu Hause, überall überraschte er uns durch die geistvollsten Aperçüs, durch blendende Antithesen und wunderliche Paradoxen. Ja, er schien seine Freude daran zu haben, wenn er so ein Tröpf¬ F. Spielhagen, Problematische Naturen. I . 2 chen Fegefeuer hineingesprengt hatte und die höllischen Flämmchen den guten Leuten auf der Nase kitzelten. So stellte er denn auch gelegentlich die Behauptung auf, daß Revolutionen der Menschheit nie etwas ge¬ nützt hätten, nie und nimmer etwas nützen würden. Sie kennen meine Ansichten über diesen Punkt, der oft der Gegenstand unserer Gespräche war. Ich nahm den Fehdehandschuh auf; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema, um so wärmer, als der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz- und Quersprünge irrlich¬ tergleich zu verwirren suchte. Ich vergaß Alles um mich her, ich wurde pathetisch, satyrisch — ich fühlte, daß ich gut sprach, wenigstens in meinem Leben nicht besser gesprochen hatte. Der Mann hatte zuletzt das Gefecht, das, wie ich später zu meiner Beschämung er¬ fuhr, das lustigste Scheingefecht von der Welt für ihn war, aufgegeben und hörte mir, den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt und mich unter den buschigen Brauen mit seinen kleinen klugen Augen anblinzelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem anderen schlürfend, behaglich zu. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Als ich meine Dame in das Theezimmer führe, frage ich sie: „Und wer war denn der Herr, mit dem ich mich in ein, für Sie ohne Zweifel sehr langweiliges Gespräch verwickeln ließ?“ „Wie, Sie kennen Professor Berger nicht?“ ant¬ wortet mir die Kleine verwundert. „Das war Professor Berger?“ „Nun freilich, soll ich Sie ihm vorstellen?“ „Um Himmelswillen nicht,“ rief ich mit wahrhaftem Entsetzen; „o, ich Kind des Unglücks!“ „Was ist Ihnen?“ fragte die hübsche Blondine, „was haben Sie?“ Ich aber hatte schon ihren Arm aus dem meinen gleiten lassen und suchte das entfernteste Zimmer. Dort warf ich mich in einer einsamen Ecke auf einen niedrigen Divan, um über das Unglück, das ich angerichtet hatte, melancholische Betrachtungen anzustellen. Ich hatte mich also, während ich mit einem gutmüthigen Pudel zu spielen glaubte, mit einem grimmigen Bären gebalgt! Dieser Mann war mir als eben so tückisch geschildert, wie er gelehrt und witzig war. Würde er sich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener schlimmen Stunde erinnern, wo ich hülflos auf dem Secirtisch des Examinationssaales vor ihm lag. Es war ein verzweifelter Fall. Da hebe ich vor einem Geräusch neben mir den Kopf, den ich nachdenklich in die Hand gestützt hatte, in die Höhe — vor mir steht der Professor Berger. Ich erhebe mich von meinem Sitze. 2* „Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen setze,“ sagt der seltsame Mann, indem er auf dem Divan Platz nimmt, und mich an seine Seite winkt. „Sie gefallen mir und ich wünsche Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich bin der Professor Berger; mit wem habe ich die Ehre?“ „Mein Name ist Stein.“ „Sie studiren, oder vielmehr, was haben Sie studirt?“ „Ich wollte, Herr Professor, ich könnte auf diese Frage einfach „Philologie“ antworten, da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre, so kann ich nur sagen: ich wünsche, ich hätte Philologie studirt.“ „Wie so?“ „Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Be¬ kanntschaft weniger bedenklich erscheinen möchte.“ Ein Lächeln spielte um den Mund des Professors die Wange hinauf und verlor sich in dem Winkel des rechten Auges. „Sie stehen vor dem Examen?“ „Ja, wie Sie kennen ja das Sprichwort, Herr Professor.“ Das Lächeln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde. „Und da erschrecken Sie vor mir wie Hamlet vor seines Vaters Geist?“ „Wenigstens erscheinen Sie mir in sehr fragwür¬ diger Gestalt.“ „Nun wohl, da sehen Sie selbst, daß wir eben des¬ halb näher mit einander bekannt werden müssen. Wollen Sie morgen Abend, oder wenn Sie sonst Zeit und Lust haben, ein Glas Theepunsch mit mir trinken?“ Ich sagte natürlich nicht nein. Und dies war der Anfang meiner Bekanntschaft, ja ich darf wohl sagen Freundschaft mit diesem außeror¬ dentlichen Manne. Wir sind von dieser Zeit an, so lange ich in Grünwald war, täglich zusammen gekom¬ men, und ich schlage die praktischen Vortheile, die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten sich er¬ gaben, lange nicht so hoch an, als die tiefen Blicke, die ich in dem vertraulichen Umgange mit dem Menschen in einen der räthselhaftesten Charaktere thun durfte, die mir vorgekommen sind. Es muß, fürchte ich, eine Wahlverwandtschaft zwischen seinem und meinem Wesen existiren, oder wir hätten uns nicht so schnell finden, so rückhaltslos gegen einander aussprechen, so auf Wort und Wink verstehen können. Ich fürchte, sage ich; denn Berger ist ein sehr unglücklicher Mann. Die Lichter seines glänzenden Humors spielen auf einem gewitterschweren Hintergrunde. Er steht allein in der Welt, verkannt von Allen, gefürchtet von den Meisten, geliebt von Niemanden. Warum dem so ist, darüber könnte ich mich selbst Ihnen gegenüber nicht auslassen, denn jede Freundschaft ist ein Tempel, zu dem jedem Dritten der Zutritt versagt bleiben muß. Aber ich schaudere, so oft ich das Dunkel heraufbeschwöre, das über ihn hereinbrechen muß, wenn einst das Alter die strahlende Fackel seines Genius, die jetzt einzig und allein die schauerliche Oede seiner Seele erhellt, düstrer und düstrer brennen macht. Vielleicht — wer weiß es? — mag das auch ein Glück für ihn sein. Viel¬ leicht mag dann das Wort, das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb voll wehmüthen Glaubens im Munde führt, das alte Wort: „Selig sind die Einfältigen,“ an ihm zur Wahrheit werden. Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller Andern in einen Nimbus gehüllt, in welchem ich, wie die homerischen Helden die Gefahren der Schlacht, die Schrecknisse des Exa¬ mens ungefährdet durchwandeln konnte. Am Morgen des entscheidenden Tages sagte Berger zu mir: „Wissen Sie, lieber Oswald, daß ich große Lust habe, Sie durchfallen zu lassen?“ „Warum?“ „Weil ich Sie zu verlieren fürchte; doppelt zu ver¬ lieren. Du lieber Himmel, welche Wandlungen können nicht mit einem Menschen vorgehen, dem man den Großvaterstuhl eines Amtes giebt, und die Schlaf¬ mütze einer Würde aufsetzt! Vielleicht kommen auch Sie noch dahin, den Horaz für einen großen Dichter zu halten, und den Cicero für einen eminenten Philo¬ sophen; vielleicht werden Sie gar in dieser engbrüstigen Zeit aus lieber langer Weile ein gelehrter Professor, wie ich.“ Das Examen war vorüber; ich hatte, wie Berger sagte, die Erlaubniß erhalten, das Stroh dreschen zu dürfen. Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der Hand zu mir und fragt: „Haben Sie Lust, in einer adligen Familie Erzieher zu werden?“ „Das könnte ich eben nicht behaupten.“ „Glaub's wohl; aber die Bedingungen sind so vor¬ theilhaft, daß es sich mindestens der Mühe verlohnt, die Sache in Ueberlegung zu ziehen. Sie müssen sich auf vier Jahre verbindlich machen.“ „Und das nennen Sie vortheilhafte Bedingungen. Vier Jahre! nicht vier Wochen!“ „Hören Sie nur! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hause zuzubringen, die übrige Zeit reisen Sie mit Ihrem Zögling. Sie wollen die Welt sehen, und Sie müssen die Welt sehen, und wäre es auch nur, um sich zu überzeugen, daß die Men¬ schen überall mit Recht die Hunde so lieben. Sie haben kein Vermögen, zum Vagabunden sind Sie zu civilisirt. Eh bien ! hier haben Sie die schönste Ge¬ legenheit, die Ihnen so vielleicht nicht zum zweiten Male im Leben geboten wird.“ „Und wer ist der Alexander, dessen Aristoteles ich werden soll?“ Ein junger Majoratsherr, wie der macedonische Pferdebändiger. Ich habe die noble Sippschaft im vorigen Jahr in Ostende kennen gelernt. Der Mann, ein Baron Grenwitz, ist eine Null, die Frau Baronin ein X., das ich noch nicht habe herausrechnen können. Jedenfalls ist sie eine gescheidte Frau. Ich weiß, daß dies für Sie keine geringe Empfehlung ist. Sie spricht drei oder vier lebende Sprachen gut, ihre Muttersprache nicht ausgenommen. Ich habe sie sogar in Verdacht, daß sie mit ihrem jetzigen Hauslehrer, einem gewissen Bauer, der hier studirt hat, und ein grundgelehrter — Jüngling war, in aller Stille Latein und Griechisch treibt.“ „Und Sie, der Sie mir selber sagten, daß Sie ein Buch über den Adel und gegen den Adel geschrie¬ ben haben, das leider in Deutschland, für das es be¬ rechnet ist, nirgends gedruckt werden kann, — Sie rathen mir, der ich über die Braminenkaste dieselben Pariasideen habe, mich in das Lager unserer Erbfeinde zu begeben?“ „Das ist ja eben der Humor davon,“ lachte Ber¬ ger; „Sie sollen hingehen wie ein Mohikaner in das Lager der Irokesen: und ich freue mich schon im voraus auf die prächtigen Zöpfe, die Sie zurückbringen werden. Die hängen wir dann als Trophäen in unserm Wig¬ wam auf, und haben unsere Freude daran.“ „Und wenn man mich selbst dort scalpirt, wie dann?“ „Dann bin ich der letzte Mohikaner und rauche meine Friedenspfeife einsam und melancholisch auf dem Grabe meines Unkas.“ Er stützte den Kopf in die Hand und starrte düster vor sich nieder. „Ja, ja, ich weiß es,“ murmelte er, „die große Schlange, wenn sie es endlich müde ist, die Menschen anzuzischen, wird in einen Sumpf kriechen und da einsam verrecken.“ Ich ergriff seine Hand. „Das wird nicht geschehen, wenigstens nicht, so lange ich lebe.“ Er schaute mich wehmüthig an. „Aber Du wirst vor mir sterben,“ sagte er: „die große Schlange hat ein zähes Leben, und Du bist weich. viel zu weich für diese harte Welt. Doch das bei Seite. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag?“ „Daß er mir nur halb, und weniger als halb ge¬ fällt.“ „So muß ich denn doch den letzten Trumpf aus¬ spielen,“ rief Berger aufspringend. „So hören Sie denn, Sie Ungläubiger, daß jenes Haus, in das ich Sie senden will, einen Engel in sich schließt, in Gestalt eines wunderlieblichen Mägdeleins. Sie ist die Schwester Ihres Alexander und Gott sei Dank, vor¬ läufig noch in Hamburg in Pension. Ich hasse sie, denn sie hat mir viel Qual bereitet. Alle wahnsinnigen Träume meiner Jugend lebten in mir auf bei ihrem Anblick und ängstigten mich wie schöne Gespenster. Zuletzt lief ich davon, so oft ich sie unter ihrem leichten Strohhute über den glatten Sand des Strandes heran¬ kommen sah. Ja, ich will es nur gestehen, ich habe die Sonette, die ich Ihnen neulich vorlas, die Sie freundlich genug waren, liebedurchglüht und Gott weiß, was noch sonst, zu finden, und die ich in der seligen Jugendzeit vor dreißig Jahren auf Helgoland gedichtet zu haben vorgab, im vorigen Jahre in Ostende, vom Anblick der schönen Teufelin berauscht, mit meinem Herzblut geschrieben. Das sagen Sie aber Niemanden wieder.“ „Weshalb nicht? Es würde mir ja doch keine Menschenseele glauben.“ „Da haben Sie freilich Recht; und nun?“ „Nun habe ich noch weniger Lust, als vorhin. Ich wünsche nicht, die alberne Geschichte der Liebschaft eines Hauslehrers mit der Tochter des hochadligen Hauses, eine Geschichte, die ich mir schon in so und so vielen Romanen zum Ekel gelesen habe, an mir selbst zu wiederholen. Und wenn das Mädchen wirk¬ lich so schön und liebenswürdig ist, daß —“ „Daß selbst das dürre Holz frische Blätter treibt, was da am grünen geschehen soll?“ unterbrach mich lachend Berger. „Nun wohl! verlieben Sie sich! weshalb nicht! Lieber Freund, das Buch des Lebens für Leute unseres Schlages führt denselben Titel, wie einer der Romane Balzac’s: Illusions perdues . Jeder Tag schreibt nur ein neues Kapitel hinein, und je kürzer das Buch, desto besser und interessanter ist es. Aber da es nun einmal geschrieben werden muß und nicht anders geschrieben werden kann, so ist es auch im Grunde gleichgültig, ob wir nach Westen gehen oder nach Osten. Wir machen dieselben Erfahrungen hier wie dort. Darum sage ich noch einmal: gehen Sie nach Grenwitz!“ Was sollte ich thun. Es erschien mir als eine Pflicht, den Wunsch meines Freundes, dem ich so viel verdanke, zu erfüllen. Und dann, hatte Berger nicht recht, daß es gleichgültig sei, ob ich nach Osten gehe oder nach Westen? Genug, ich packte meine Sachen, sagte meinem Mentor Lebewohl und fuhr hinüber nach diesem Eiland.“ — — — Drittes Kapitel. Oswald hatte bis jetzt nur in Städten gelebt. Seine Sitten, seine Anschauungen, seine Neigungen waren die eines Städters. So kam es denn, daß, als er sich jetzt plötzlich wie mit einem Zauberschlage auf das Land versetzt sah, der unsägliche Reiz der ersten leuch¬ tenden Sommertage in einem schönen ländlichen Auf¬ enthalte für ihn mehr als für die meisten Menschen etwas unsäglich Anziehendes, ja Hinreißendes und Be¬ rauschendes hatte. Es war ihm Alles so neu und doch wieder so seltsam bekannt, wie wenn Jemand in eine Gegend kommt, die er schon lange vorher in sei¬ nen Träumen gesehen. War dieser blaue Dom, der sich immer tiefer und tiefer wölbte, derselbe Himmel, der sich so trostlos bleiern über dem Häusermeer der Residenzstadt spannte; waren diese funkelnden Lichter dieselben öden Sterne, zu denen er, aus dem Theater oder einer Gesellschaft kommend, kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte? Konnte ein Sommermorgen so reich an Glanz und Pracht, ein Sommerabend so weich und wollüstig sein? Hatte er denn den Gesang der Vögel nie vernommen, daß er sich jetzt an ihren ein¬ fachen Liedern nicht satt hören konnte? Hatte er denn nie Blumen gesehen, daß er jetzt nicht müde wurde, ihre schönen Farben und wundersamen Gestalten zu betrachten? Es war ihm zu Muthe, wie Einem, der aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht. Die jüngste Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier, aber weit Entferntes, im Meer der Ver¬ gessenheit seit langen Jahren Versunkenes tauchte wie eine glänzende, zauberische Spiegelung wieder über den Horizont der Erinnerung empor. „Ei, da ist ja auch Rittersporn,“ rief er einst in diesen ersten Tagen freudig überrascht, als er, träumend im Garten auf und ab wandelnd, diese Blume häufig auf den Beeten blühen sah. „Nun freilich,“ sagte Bruno, der bei ihm war, „haben Sie denn noch nie welchen gesehen?“ „Es ist lange her,“ murmelte der junge Mann, sich niederbeugend und die phantastische Blume mit Rührung betrachtend. In seines Geistes Aug' sah er sich wieder in einem kleinen lauschigen Garten an der Stadtmauer herumspielen und Steinchen, Blumen und andere Seltenheiten, die er auf seinen Entdeckungsreisen fand, auf den Schooß einer schönen, jungen, blassen Frau sammeln, die ihm jedes Mal, wenn er zu ihr kam, das lockige Haupt streichelte und mit jener Ge¬ duld, die nur eine Mutter hat, nicht müde wurde, seine unzähligen Fragen zu beantworten. Und da hatte er ihr auch diese Blumen gebracht und die schöne Frau hatte gesagt: das ist Rittersporn. Und dann hatte sie die Blume lange sinnend angesehen, bis ihr von dem langen Hinstarren die Thränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schooß genommen und sein Haupt stürmisch an ihre Brust gedrückt, und da mochte er denn wohl, von dem vielen Spielen müde, einge¬ schlafen sein, denn in diesem Augenblicke zerflatterte das Bild. — Die junge, schöne Frau, das wußte er, war seine Mutter; sie war gestorben, als er noch nicht fünf Jahre alt war. Wer hat nicht an sich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht, daß wir in dem Gewirre des Lebens, wo eine Erscheinung die andere verdrängt, und wir stets unter der tyrannischen Gewalt des Augenblickes stehen, Alles, selbst das Theuerste, selbst die Eltern, die uns das Leben gaben, vergessen lernen. So hatte auch Oswald fast schon vergessen, daß er je eine liebe Mutter gehabt; jetzt rief eine ein¬ fache Blume die Erinnerung an die früh Verstorbene mächtig in ihm wach. Die erste Zeit, die er in der Einsamkeit des Landlebens verbrachte, verknüpfte sich eng mit der ersten Zeit seines Lebens, denn er hatte seitdem nicht wieder der Natur so unbefangen und so tief in das holde, bezaubernde Antlitz geschaut. Auch seines Vaters, der nun gerade vor zwei Jahren, ein¬ sam, wie er gelebt hatte, gestorben war, gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe, die leider immer erst dann in voller Blüthe steht, wenn diejenigen, denen sie gebührt, sich nicht mehr an ihrem Dufte laben kön¬ nen; seines Vaters, der wunderlichen Pygmäengestalt, die der Sohn schon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte; des menschenscheuen Sonderlings, der in der ganzen Stadt der „alte Candidat“ genannt wurde, und dessen schwarzen abgeschabten Frack, in dem er Sommer und Winter einherging, jedes Kind auf der Straße kannte; des räthselhaften Mannes, der den reichen Schatz seines Wissens und seiner Güte gegen alle Welt verschloß, nur nicht gegen den Sohn, an dem er mit unsäglicher Liebe hing, den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte, und für den ihm, dem als Geizhals Verschrieenen, nichts zu kostbar gewesen war. Diese lieben und doch auch wieder so schmerzlichen Erinnerungen zogen durch Oswalds Seele, während er in seinen Freistunden allein, oder mit seinen Zög¬ lingen in Garten, Feld und Wald umherstreifte, sich von Tage zu Tage mehr für das Landleben begeisterte, und wenn er des Morgens, ehe die Unterrichtsstunden begannen, noch schnell einmal in den Schloßgarten ge¬ eilt, in die thaufrischen Kelche der Blumen geschaut und sich am Gesang der Vögel entzückt hatte, schlech¬ terdings nicht mehr begreifen konnte, wie es die Menschen in den Städten, wie er selbst es nur jemals in der Stadt habe aushalten können. Und in der That hätte Schloß Grenwitz und seine Umgebung auch wohl einem durch landschaftliche Schön¬ heiten verwöhnteren Auge das lebhafteste Interesse ab¬ gewinnen müssen, obgleich es von den Touristen, die alljährlich die Insel durchschwärmten, niemals aufge¬ sucht, höchstens von Einem oder dem Anderen zufällig aufgefunden wurde, der sich denn nicht genug wundern konnte, wie ein so lieblicher und in vieler Hinsicht so merkwürdiger Punkt in seinem Reisehandbuche, in wel¬ chem doch sonst jeder nichtsnutzige Gasthof verzeichnet stand, übergangen sein konnte, blos weil er eine Meile von der großen Landstraße entfernt lag. Das Schloß trägt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichthum und der Macht des F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 3 alten ritterlichen Geschlechts derer von Grenwitz, das seit undenklichen Zeiten hier begütert gewesen ist, und die Burg zu seinem Schutz und den benachbarten Ba¬ ronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahr¬ hunderts erbaute. Das untere Stockwerk des einen Flügels mit seinen riesigen Quadersteinen stammt noch aus dieser Zeit, ebenso wie der gewaltige runde Thurm, in welchem jetzt das alte und das neue Schloß zusam¬ menstoßen. Das neue Schloß wurde gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts in dem zopfigen Styl jener Zeit gebaut und nimmt sich mit seinen verschnör¬ kelten Säulen und wunderlichen Ornamenten neben dem alten schmucklosen Thurm, mit welchem es jetzt in einer Front liegt, aus, wie ein zierlicher Herr aus Louis quatorze Zeit neben einem eisengeharnischten Kämpen aus den Zeiten von Crech und Poitiers. Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall, der in ein noch weit ehrwürdigeres Alter hinaufragt, als selbst der alte Thurm, umgiebt das Schloß in einem so weiten Kreise, daß es sammt den Nebengebäuden von dem eingeschlossenen Raume nur den kleinsten Theil einnimmt. Der Wall ist jetzt längst schon in eine fried¬ liche Promenade umgewandelt, über der hohe Buchen, Nußbäume und Linden ein dichtes Laubdach bilden. Der breite Graben, der ihn seiner ganzen Ausdehnung umzieht, ist jetzt zum Theil versumpft, mit dichtem Röhricht angefüllt, und wo das Wasser sich noch einen Raum offen gehalten, mit einem grünen Teppich von Wasserpflanzen bedeckt, in welchem halbwilde Enten lustig schnattern. Offenbar hatte dieser Wall den Zweck gehabt, im Fall einer Fehde nicht nur die Hö¬ rigen der fehdelustigen Barone mit ihren Weibern und Kindern, sondern auch die Heerden und die Vorräthe zu schirmen; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die Wirthschaftsgebäude, die jetzt ziemlich entfernt vom Schlosse außerhalb des Walles lagen, innerhalb desselben gelegen. Damals hatte der Wall nur einen Durch¬ gang gehabt, ein festes, mit einem Thurm versehenes Thor, aus dem eine Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte. Jetzt war der Thurm ab¬ getragen, die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden und aus dem Brückenkopfe hatte man längst Backöfen und andere nützliche Dinge gebaut. Von diesem Hauptthor führte eine Allee vielhundertjähriger prachtvoller Linden auf das Portal des Schlosses zu. Rechts von der Allee und vor der Front des Schlosses war ein großer Rasenplatz, in dessen Mitte ein steinernes Becken mit einer Najade als Schutzpatronin stand, die, wahrscheinlich aus Schmerz, daß ihrem Brunnen schon 3* seit einem halben Jahrhundert das Wasser fehlte, den Kopf verloren hatte. Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefüllt, die aus der Zeit des Neubaus herrührten und mit ihren geraden Gängen, kunstvoll verschnittenen Taxushecken, Buchsbaumpyra¬ miden und ihren Sandsteingöttern, die allen Regeln der Aesthetik und allen Gesetzen der Anatomie so naiv Hohn sprechen, den Charakter dieser Zeit deutlich genug documentirten. Hier und da freilich war ein Geist der Neuerung in die Anlagen gefahren. Der Buchs hatte seine verkrüppelten Glieder, so gut es gehen wollte, in eine naturgemäße Baumgestalt auszurecken versucht; die beiden Zeiten eines Heckenganges hatten gemeinschaftliche Sache gemacht und sich zu einem un¬ durchdringlichen Gestrüpp vereinigt; ein Gärtner, der für die stumme Sprache von Taxuspyramiden kein Ver¬ ständniß mehr besaß, und eine praktischere Richtung verfolgte, hatte, unbekümmert um den ästhetischen Ein¬ druck, Aepfel-, Birnen-, Kirschen- und Pflaumenbäume gepflanzt, wo er gerade Platz fand, und hier und da seinen Gemüsebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert. So war die Schwester der Najade im Hof von Himbeer- und Stachelbeersträuchern fast über¬ wuchert, aber sie hatte sich in ihr Schicksal zu finden gewußt, ihren Kopf behalten, und plauderte in stiller Nacht geschwätzig von der guten alten Zeit. So hatte von dem Riesenwalle, der aus der grauen Heidenzeit stammte, bis zu den Spargelbeeten, die gestern angelegt waren, seit einem Jahrtausend jede Generation etwas zur Befestigung, Verschönerung oder Verbesserung dieses Wohnsitzes beigetragen. Vieles war spurlos verschwunden, Vieles hatte sich erhalten; Altes hatte der Zeit gespottet, Neues war mit der Zeit alt geworden; aber da selbst das Aelteste die Spuren des Lebens, der fortdauernden Nutzbarkeit trug, so war nirgends ein Sprung, ein Riß bemerkbar, und das Ganze machte den wohlthuenden Eindruck, als ob es eben nicht anders sein könnte. Zwar seinen primi¬ tiven Charakter hatte Schloß Grenwitz gänzlich einge¬ büßt, und wenn Oswald des Abends, von einem Spa¬ ziergange mit seinen Zöglingen zurückkommend, auf einer Stelle des Walles stehen blieb, von der er den schattigen, grasbewachsenen Hof, den blumenreichen Garten und das Schloß überblicken konnte, um dessen graue Mauern das Zwielicht wogte und die schnellen Schwalben zwitschernd kreis'ten, da glaubte er nicht die alte Stammburg fehdelustiger Barone, sondern das stille Klosterasyl beschaulicher Mönche vor sich zu sehen. Viertes Kapitel. Und ein stilles, klösterlich stilles Leben war es denn auch — das Leben auf dem Schlosse Grenwitz. Alle Unruhe, aller Lärm waren aus dem Bereich verbannt, den der alte Wall wie eine epheuberankte Kirchhofs¬ mauer umgab. Hier ertönte kein Hundegebell, kein Pferdewiehern; still glitten die Stunden dahin, wie die Schatten des Zeigers der Sonnenuhr über dem Por¬ tale; still, wie die Blumen im Garten dufteten und blühten. Hier schien selbst der Wind leiser in den Wipfeln zu rauschen, die Vögel leiser in den Zweigen zu singen; und was die Bewohner selbst betraf, so konnte die Wanduhr auf dem Vorsaal in ihrem Eichen¬ schrank nicht freier von aller Neuerungssucht sein und ihr Tagewerk pünktlicher und systematischer vollbringen. Die Dienstboten thaten ihre Obliegenheiten mit der Regelmäßigkeit von Automaten. Ja in die Möbel selbst schien dieser strenge Geist der Ordnung gefahren, so daß Oswald sich des Gedankens nicht erwehren konnte, sie rückten sich in aller Stille von selber zurecht, falls einmal eines von seiner ihm angewiesenen Stelle abgekommen sein sollte. So wenig nun Oswald in seinem bisherigen Leben an eine so peinliche Ordnung gewöhnt war, und so sehr sich auch im Grunde seine Natur dagegen sträubte, so leicht wurde es ihm doch bei der Geschmeidigkeit seines Wesens und bei der ver¬ söhnlichen, milden Stimmung, in die ihn der tiefe Frieden rings umher verseßte, sich dieselbe zu finden. Er that, was er die Leute um sich her thun sah, und erwiderte die förmlichen Verbeugungen, mit denen man sich hier begegnete, mit demselben Grad von Ernsthaf¬ tigkeit, den er auf einer Maskerade in einer Menuet zur Schau getragen haben würde. Er hatte es in den ersten Tagen mit den Lehr¬ stunden nicht allzu genau genommen, und sich desto eifriger mit seinen beiden Zöglingen draußen umher getummelt. Sie hatten den Buchwald, der sich von Schloß Grenwitz eine halbe Stunde bis hart an das Meer erstreckte, nach allen Richtungen durchstreift, hatten ein Hünengrab und eine Höhle entdeckt, und waren oft schon von den hohen Kreideufern zum Strand hinabgeklettert, hatten dort, auf einem der mächtigen Röllsteine stehend, die Fluth heranbrausen sehen und gejubelt, wenn der Donner der Brandung ihre Stimme übertönte. Auf diesen Streifzügen, die Oswald scherzend ihre Vorstudien zum Homer nannte, hatte er vielfach Ge¬ legenheit, die Naturen seiner beiden Zöglinge zu beob¬ achten. Ein größerer Gegensatz war kaum denkbar. Bruno war groß für seine Jahre, dabei schlank und geschmeidig und schnell wie ein Hirsch. Malte, der junge Majoratsherr, sah neben seinem stolzen Gefähr¬ ten zurückgeblieben und verkümmert aus. Seine Schul¬ tern waren schmal, seine Brust eingesunken, und seine eckigen und unschönen Bewegungen stachen seltsam gegen die hinreißende wilde Anmuth ab, mit der Bruno ging, lief und sprang. Malte scheute vor jeder Gefahr, ja vor jeder Anstrengung, im Gefühl seiner Körperschwäche und aus angeborner oder anerzogener Feigheit zurück; für Bruno war kein Baum zu hoch, kein Felsen zu steil, kein Graben zu breit, ja es schien, als ob er ge¬ flissentlich die Glut seiner Seele durch körperliche Er¬ müdung dämpfen wollte. Oswald flocht eine Krone aus Buchenlaub und drückte sie dem Knaben auf die bläulich-schwarzen Locken, um ihn einem jungen Bacchan¬ ten noch ähnlicher zu machen. Aber wie in seinem Heimathlande Schweden aus eisiger Winternacht ur¬ plötzlich der duftende, lächelnde Frühlingsmorgen her¬ vorblüht, so wechselten Sonnenschein und Sturm in seinem Gemüthe — übermüthige Lust und an Schwermuth grenzende Niedergeschlagenheit, herzliches, fast kindliches Sichhingeben und düstrer, mehr als knabenhafter Trotz — schnell und unvermittelt, wie Lichter und Schatten auf den Hängen eines Gebirges an einem Tage, wo der Wind die Wolken pfeilschnell an der Sonne vorüberjagt. So fand Oswald den Knaben, einen Fremdling im Hause seiner Verwandten, von den Einen gehaßt, von den Andern gefürchtet, ein unergründliches Räthsel für Alle, selbst für den alten guten Baron, der dem Knaben, oft mehr aus ange¬ borner Großmuth, als aus Ueberzeugung, stets das Wort redete. Aber für Oswald hatte ein Blick in das traumumflorte dunkle Auge des Knaben genügt, den verwandten Dämon zu erkennen, und der mystische Bund, den sie in jenem Augenblick geschlossen, hatte jede Stunde ihres Zusammenlebens nur gefestigt. Bruno hatte ihm an dem ersten Tage den düstern Trotz entgegengebracht, den er gegen Alle zu zeigen gewohnt war. Er hatte ihn mit scheuem, durchdrin¬ gendem Blick zwei, drei weitere Tage beobachtet, und dann war vor Oswalds liebevollem, freundlichem Wesen der Argwohn von ihm gewichen, wie die Nebel vor den Strahlen der Sonne, sein dunkles Auge war größer und glänzender geworden, als ob das unverhoffte Glück, einen Menschen zu finden, der ihn liebte und den er wieder lieben dürfe, ihn blende und verwirre; und dann war all die stürmische Zärtlichkeit seiner Seele, die er so lange und so sorgsam hatte verschließen müssen, hervorgebrochen, mächtig — unwiderstehlich, wie ein Bergstrom, der die Felsenschranken gesprengt hat und jauchzend in das Thal hinunterstürmt. „Wissen Sie,“ sagte der Knabe da zu Oswald, „daß ich schon im voraus entschlossen war, Sie zu hassen?“ „Warum, Bruno? ist der Haß für Dich so süß?“ „Ach nein! aber ich glaubte, es seien alle Erzieher wie unser erster, und da dachte ich, was dem Einen recht ist, ist dem Andern billig.“ „Und wie war denn Herr Bauer?“ „Nun, er machte seinem Namen Ehre,“ sagte der Knabe spöttisch. „Ei, ei, mein stolzer Junker, willst Du mir den Bauer verachten?“ „Gewiß nicht!“ rief der Knabe eifrig, „mein Vater war selbst ein Bauer, trotzdem daß er ein Edelmann war; ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge herge¬ hen sehen — aber dieser Mann war roh und plump wie ein Bauer, und feig dazu. Einmal, nach Tische — ich weiß nicht, was ich wieder verbrochen hatte, — schlug er mich in's Gesicht, weil Tante zugegen war und er glaubte, er thue ihr einen Gefallen. Ja, er schlug mich“ — und das Auge des Knaben blitzte auf bei der Erinnerung an diese Schmach und die Zornes¬ ader auf seiner bleichen Stirn schwoll. „Und da, Bruno?“ „Da nahm ich das Messer, das vor mir auf dem Tische lag und sprang auf ihn ein, und der Elende lief vor mir, um Hülfe schreiend, zur Thür hinaus. Und als ich das sah und die bleichen Gesichter um mich her, mußte ich lachen und ging unbelästigt aus dem Saale. Und ich wäre am liebsten gleich in die weite Welt gerannt, aber Onkel kam hinter mir her und versprach mir, der Mensch solle nun und nimmer wieder Hand an mich legen dürfen. Onkel ist gut; Sie glauben nicht, wie gut er ist; aber er fürchtet sich vor der Tante; Alle fürchten sich vor ihr; aber ich habe sie doch lieb, denn sie hat Muth wie ein Mann und ich hasse nur die Feigen. Malte ist ein Feigling.“ „Malte ist schwach und kränklich, und Du mußt Nachsicht mit ihm haben; aber, wenn Du die Tante wirklich lieb hast, warum bist Du so unfreundlich gegen sie?“ „Bin ich unfreundlich?“ Der Knabe schwieg. Eine Wolke zog über seine Stirn, seine Nasenflügel zuckten und sein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitter¬ wolke, als er jetzt, hastig aufblickend, sagte: „Ich bin unfreundlich, ich weiß es. Aber wie soll ich anders sein? Ich esse hier im Hause Gnadenbrod, soll ich noch dafür danken? Ich kann es nicht, ich will es nicht, und wenn sie mich aus dem Hause jagten. Sehen Sie, Oswald, ich habe oft gewünscht, man jagte mich fort, ja, ich habe es darauf angelegt, daß sie es doch ja thäten; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein tägliches Brod, wie tausend und tausend andere Knaben, die nicht so stark und so muthig sind, wie ich. Heute noch, als wir am Strande gingen, und der Dreimaster am Horizonte auftauchte und wieder verschwand, da wünschte ich so heiß, so heiß, ich hätte mitsegeln können, als Schiffs¬ junge, als Matrose — nur fort, fort von hier, gleich¬ viel wohin.“ Wenn so der Knabe die geheimsten Wünsche seines Herzens rückhaltlos seinem Freunde und Lehrer offen¬ barte, da geschah es denn wohl, daß diesen ein Zweifel beschlich, ob er, der selbst den Weg, den er zu gehen hatte, so wenig deutlich sah, der rechte Mann sei, den wilden, leidenschaftlichen Knaben zu leiten. Aber je weniger er sich im Stande fühlte, ausschweifende Wünsche, chimärische Hoffnungen zu bekämpfen, die er selbst im Stillen theilte, desto mehr verschwand die Kluft zwischen Lehrer und Schüler — desto brüder¬ licher wurde nur ihr Verhältniß. Noch hatte kein menschliches Wesen einen so tiefen Eindruck auf Oswald gemacht, als dieser wundersame Knabe. Er liebte ihn, wie ein Künstler das Werk, an dem er schafft, wie ein Vater den Sohn, in welchem er zu verwirklichen hofft, was ihm selbst zu erreichen versagt war, wie eine Mutter das Kind, für das sie wachen, sorgen und schaffen muß. Allnächtlich, wenn er sich müde gelesen und gearbeitet, ging er, ehe er selbst sein Lager suchte, in das Gemach des Knaben — er hätte nicht schlafen können, ohne seinen Liebling noch einmal gesehen zu haben. Jenes Schamgefühl, das edleren Naturen ver¬ bietet, die ganze Fülle ihrer Zärtlichkeit zu zeigen, machte ihn den Tag über karg mit Liebkosungen; aber jetzt nahm er des Schlafenden Hände, und streichelte sie, und küßte den Knaben zärtlich auf die Stirn. „Dich nennen sie lieblos. Dich, meinen Liebling, dessen Herz nur nach Liebe und abermals nach Liebe hungert. Und wenn sie alle Dich verkennen und hassen, ich verstehe Dich und will Dich lieben.“ Fünftes Kapitel. Die Wirthschaftsgebäude und Häuslerwohnungen, die zu dem Gute gehörten, lagen, wie wir sahen, außer¬ halb des Walles, den man, um die Verbindung zwischen dem Schlosse und dem Hofe zu erleichtern, nach dieser Seite durchbrochen hatte. Ein hölzernes Gitterthor, das nicht einmal verschlossen, und eine Brücke, die nicht aufgezogen werden konnte, sprachen für den fried¬ lichen Sinn der Nachkommen jener kriegerischen Barone, welche das massive Thor auf der andern Seite mit seiner in schweren Eisenketten hängenden Zugbrücke er¬ baut hatten. Der Verkehr zwischen dem Schlosse und dem Hofe beschränkte sich so ziemlich auf den Aus¬ tausch oft höchst energischer diplomatischer Noten zwischen der Wirthschafterin und dem Verwalter, die über das Quantum und die Qualität der Naturalien, welche dieser jener zu liefern hatte, stets wesentlich verschiedener Meinung waren. Das Gut war, wie die übrigen Besitzungen der Familie, verpachtet; der Pächter, ein Herr Bader, wohnte auf einem der Nebengüter, das er ebenfalls in Pacht hatte, und kam selten nach Grenwitz, dessen Bewirthschaftung er seinem Inspector überließ. Oswald, für den die Landwirthschaft eben so neu war, wie das Leben auf dem Lande, lenkte seine Schritte bald häufig nach dem Hofe, um sich von dem Inspec¬ tor durch die Ställe und Scheunen führen und sich von demselben etwas in die Mysterien des Ackerbaus und der Viehzucht einweihen zu lassen. Der Inspector, Namens Wrempe, war ein riesiger Mann, der stets in gewaltigen Stulpenstiefeln einherging und dem Aber¬ glauben zu huldigen schien, er werde seine ungeheure Körperkraft verlieren, wenn er seinen struppigen schwarzen Bart schöre, oder dem Regenwasser das ausschließliche Privilegium, sein sonnverbranntes Gesicht zu waschen, entzöge. Das breite Platt jener Gegend war seine Mutter- und Vatersprache, das Hochdeutsche haßte er und hielt Alle, die es sprachen, in seinem Herzen für Schelme; seine Stimme glich, aus der Ferne gehört, wesentlich dem Gebrüll eines etwas heiseren Löwen. Seine Feinde sagten ihm nach, daß er eine üble Ge¬ wohnheit habe, sich von Zeit zu Zeit zu betrinken; da er dies aber alle Monat höchstens einmal und dann immer gleich auf mehrere Tage that, um die übrige Zeit desto energischer zu sein, so drückten seine Freunde und zumal sein Brodherr über diese kleine Schwäche freundlich die Augen zu. Oswald unterhielt sich gern mit dem Manne, der in seiner täppischen Gutmüthig¬ keit, seinem derben, oftmals freilich auch rohen Wesen, seiner mit Sprichwörtern reichlich untermischten Rede ein nicht schlechter Repräsentant der Landleute jener Gegend war. So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang nach dem Hofe gemacht. Sie fanden ihn fast ausgestorben. Die Leute und die Thiere waren auf dem Felde. In dem Pferdestall standen nur die vier schwerfälligen Braunen des Barons, die vor lieber langer Weile mit den eisernen Ketten ihrer Halfter ein melancholisches Quartett ausführten. Vor der Thür des Stalles saß der schweigsame Kutscher und starrte in den blauen Himmel, da er, wenn er seine Pferde gefüttert, auf Erden weiter nichts zu thun hatte. Um seine Füße strich spinnend ein großer schwarzer Kater, der ihn, als sein spiritus familiaris , überall hin begleitete und selbst auf dem Bocke zwischen seinen Füßen unter dem Schurzfell saß. In dem Kuh¬ stall fanden sie nur eine Kuh, die ihr heute geborenes Kälbchen durch fleißiges Lecken in eine Verfassung zu bringen suchte, wie sie dem Ehrgeize einer respectablen Kuhmutter, die etwas auf sich und die Ihrigen hält, wünschenswerth scheinen mag. Auf dem Dünger vor dem Stalle scharrten die Hühner, unbekümmert um den Streit zweier junger Hähne, die über einen un¬ glücklichen kleinen Käfer, der auf dem Rücken liegend in ruhiger Ergebung sein Schicksal erwartete, in Un¬ frieden gerathen waren. Ein alter Hahn, welcher der Vater der beiden feindlichen Brüder sein mochte, war auf eine Wagendeichsel geflogen und krähte einmal über das andere, entweder aus Freude über den ritterlichen Sinn seiner Sprossen, oder um eine Wolke zu signa¬ lisiren, die eben über das Scheunendach heraufkam. Auf dem einen Ende des Daches saß eine Störchin auf ihrem Nest. Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die Beute seiner Jagd, eine kleine Schlange, mit nach Hause. Die Störchin klapperte bei diesem Anblick vor Vergnügen, der Storch, im Bewußtsein erfüllter Pflicht, blieb ihr die Antwort nicht schuldig. Von dem kleinen Teiche neben dem Pferdestalle hatten die Enten unter dem Vortritt eines vielerfahrenen Enterichs einen Reihenmarsch quer über den Hof be¬ gonnen, da sich ein ziemlich gut verbürgtes Gerücht F. Spielhagen, Problematische I 4 unter ihnen verbreitet hatte, es sei hinter der einen Scheune ein Sack Korn aufgegangen. Oswald hatte mit vielem Vergnügen das Still¬ leben eines ländlichen Hofes an einem warmen Som¬ mernachmittag betrachtet; Bruno den schweigsamen Kutscher über die beiden einzigen Themata, bei denen man es mit einiger Aussicht auf Erfolg konnte, über seine Pferde und seinen Kater, in eine Unterhaltung zu verwickeln gesucht; Malte sich unterdessen gelang¬ weilt, da er überhaupt nur sehr wenigen Dingen Ge¬ schmack abgewinnen konnte, und zu diesen Dingen Enten und Hühner, wenigstens so lange sie im Licht der Sonne wandelten, sicherlich nicht gehörten. Er drang deshalb darauf, den Spaziergang fortzusetzen, und so gingen sie denn von dem Hofe durch das Dörfchen jämmerlicher kleiner Kathen, um auf das Feld zu ge¬ langen, In einiger Entfernung vor ihnen auf dem mit Weiden besetzten Wege schien ein Knecht seinen Wagen im Graben umgeworfen oder festgefahren zu haben. Die Pferde standen quer über den Weg und er zerrte an ihnen herum und fluchte und schimpfte, wie das Leute seines Schlages bei solchen Gelegenhei¬ ten zu thun pflegen. Zuletzt schien dem Manne die geringe Geduld, die ihm die Natur verliehen und der wahrscheinlich reichlich genossene Schnaps noch übrig gelassen hatte, vollends auszugehen. Er faßte das eine der Vorderpferde in den Zügel und trat und stieß es unbarmherzig mit seinen plumpen, in plumpen Stiefeln steckenden Füßen. Oswald wurde auf das Alles eigent¬ lich erst aufmerksam, als Bruno mit dem Ausrufe: der Barbar, der Unmensch! wie ein Pfeil von ihm fort auf den Wagen zueilte. Im Nu hatte er denselben erreicht und befahl dem Knecht mit einer mehr vor Zorn, als von der An¬ strengung des eiligen Laufes bebenden Stimme, seine Mißhandlungen einzustellen. „Ich weiß, was ich zu thun habe!“ rief der Kerl, und trat das Pferd, das sich vor Angst immer mehr in den Strängen verwickelte, von neuem. „Im Augenblick läßt Du das Thier, oder“ — „Oho!“ rief der Knecht, „oder was“ — „Oder ich stoße Dir mein Messer in den Leib“ — Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück und starrte Bruno voller Entsetzen an. Es war nicht Furcht vor dem Messer, das der Knabe in seiner er¬ hobenen Rechten hielt — denn der Knecht war ein großer, starker Mann, der seinen Gegner mit einem Schlage seiner schweren Faust hätte zu Boden schmet¬ tern können und er war überdies betrunken — es war Furcht vor dem Dämon, der aus Bruno's dunkeln 4* Augen blitzte, Furcht vor der gewaltigen Leidenschaft, die dem Knaben das Blut aus den Wangen zum Herzen trieb und seine Nasenflügel und die seinen Lip¬ pen zucken machte. „Das Thier ist immer so tückisch“ — stammelte der Mann, wie zur Entschuldigung. Aber Bruno würdigte ihn keiner Antwort. Mit hastigen Händen und geschickt, als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wäre, löste er die Stränge, in denen sich das Thier verwickelt hatte, wobei ihm Oswald, der jetzt herbeigekommen war, eine mehr durch ihre gute Absicht löbliche, als durch praktischen Erfolg ausgezeichnete Hülfe leistete. Dann sprang der Knabe nach dem Graben, schöpfte seinen mit Wachsleinen über¬ zogenen Strohhut voll Wasser und wusch dem Pferde die Wunden an den mißhandelten Beinen. In diesem Augenblicke setzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite über den Graben auf den Weg. Es war der Inspector Wrempe, der die Scene von fern gesehen hatte und im Galopp über die Felder herbeigeritten war. „Nun komm' ich, sagte der Dachdecker, und fiel vom Dach! Was ist denn das für 'ne Wirthschaft! Warum fährst Du durch den Graben, wenn Du zehn Schritte davon über die Brücke fahren kannst. Und die braune Lise maltraitirt“ — er sagte aber: mal¬ traisirt — „ich will Dir Deine Faulheit eintränken, Du Himmeltausendsappermenter!“ Diese energische Rede halten, vom Pferde springen, in die Hand speien, um den Griff seiner schweren Reit¬ peitsche fester fassen zu können, und anfangen, damit den breiten Rücken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten, war für den diensteifrigen Inspector das Werk eines Augenblicks. „Ich lasse mich nicht schlagen, Herr Inspector,“ remonstrirte der Mensch. „Du läßt Dich nicht schlagen, Du Lümmel,“ ant¬ wortete der, unverdrossen weiter arbeitend, „glaub's wohl, aber Deine Schläge kriegst Du doch.“ Oswald, dem diese Scene peinlich wurde, so reich¬ lich der Mensch seine Züchtigung verdient hatte, bat Herrn Wrempe, es nun gut sein zu lassen. Der ver¬ stattete seinem Zorn noch einen letzten kräftigen Hieb, und sagte dann, wie zum Schluß einer vernünftigen Auseinandersetzung: „Na, nu komm, Jochen! wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen.“ Dann stemmte er seine mächtigen Schultern gegen das Fuhrwerk, hob und schob es zurecht, als ob es ein Kinderwägelchen gewesen wäre. Die Pferde, die jetzt wieder ruhig geworden waren, zogen an, und der Knecht konnte jetzt seinen Weg fortsetzen. „Fahr' langsam nach Hause und vergiß nicht, was ich Dir gesagt habe!“ rief ihm der Inspector nach. „Aber Sie haben ja nur durch Schläge zu ihm gesprochen!“ sagte Oswald lächelnd. „Ja, verstehen es die Kerle denn, wenn man ver¬ nünftig mit ihnen spricht!“ „Haben Sie denn je den Versuch gemacht?“ Herr Wrempe schien durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt. Er sagte zur Antwort: „Das hat mich warm gemacht!“ Dann zog er eine Branntweinflasche, die mindestens ein halbes Quart hielt, aus der Tasche, setzte den Daumen an die Stelle, bis zu welcher er den Inhalt zu leeren gedachte, trank, hielt die Flasche abermals gegen das Licht und that, da er zu finden schien, daß er seine Aufgabe nicht vollständig gelöst hatte, noch einen herzhaften Schluck. Dann bestieg er sein Pferd, das, an dergleichen Scenen gewöhnt, ruhig dagestanden hatte, wünschte freundlich guten Abend, setzte wieder über den Graben und ritt im Galopp davon. — Bei Bruno wurde Alles zur Leidenschaft. Die Glut seiner Einbildungskraft verdichtete die Schemen der Poesie zu Menschen von Fleisch und Blut. Der Tod Hektor's entlockte ihm Thränen des Mitleids und des Zornes, und der moralische Unwille, der ihn er¬ faßte, wenn er vor seinen Augen eine Ungerechtigkeit, eine Grausamkeit verüben sah, war so groß, daß er in ihm ein physisches Unwohlsein zu Wege brachte. So fand Oswald, als er in der Nacht nach diesem Vorfall an Bruno's Bett trat, daß sein Liebling gegen seine Gewohnheit noch wach war. Das mehr als sonst blasse Gesicht des Knaben und der kalte Schweiß auf seiner Stirn machten ihn besorgt, und der Knabe gestand denn auch nach einigem Zögern, daß er, nur um seinen Freund nicht zu ängstigen, sein Unwohlsein verheimlicht habe, und jetzt große Schmerzen leide. Oswald wollte sogleich die Leute wecken und nach dem Doctor schicken, aber Bruno bat ihn, davon abzustehen, da dergleichen in dem Schlosse immer sogleich zu einer Haupt- und Staatsaction gemacht werde, und ihn die Umständlichkeit, die man bei solchen Gelegenheiten be¬ wiese, nur beängstige und noch kränker mache. „Uebrigens,“ sagte er, „bin ich an diese Anfälle schon gewöhnt und wenn Sie die Güte haben wollen, nur etwas Thee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der Essenz zu geben, die der Doctor neulich für mich verschrieben hat — das Fläschchen steht auf mei¬ nem Pult — so sollen Sie sehen, geht es bald vorüber.“ Oswald beeilte sich, das Gewünschte herbeizuschaffen. Er gab dem Knaben von der Medicin, er ließ ihn den Thee trinken, er rückte ihm das Kopfkissen zurecht, er holte noch eine Decke herbei, er that Alles mit jener Umsicht und Gewandtheit, mit der feinfühlende Men¬ schen, auch wenn sie nicht daran gewöhnt sind, mit Kranken umzugehen, die professionirten Krankenwärter beschämen. „Mit Ihnen als Pfleger ist es beinahe ein Ver¬ gnügen, krank zu sein,“ sagte Bruno, dankbar die Hand seines Freundes drückend. „Still, still!“ sagte der, „thue mir nur den Ge¬ fallen und habe keine Schmerzen mehr.“ „Ich will mein Möglichstes thun,“ sagte der Knabe lächelnd. Wirklich ging Oswalds Wunsch bald in Erfüllung. Die kalten Tropfen auf der Stirn des Kranken wur¬ den zu warmen, und alsbald umhüllte ihn die gütige Natur mit tiefem Schlaf, um still und heimlich das gestörte Gleichgewicht des Organismus wieder herzu¬ stellen. Manchmal nur noch zuckte die feine, schmale Hand, die Oswald in der seinen hielt; dann ließ auch das nach, und der Arzt aus dem Stegreife gratulirte sich im Stillen zu dem guten Erfolge seiner Kur. Aber er mußte doch wohl noch einige Besorgniß vor einem Rückfalle haben, denn er entzog leise seine Hand der des Knaben, holte aus seinem Zimmer einen Lehnstuhl und setzte sich zu Häupten des Bettes. Die Lampe hatte er ausgelöscht, damit die ungewohnte Helle den Schläfer nicht belästige, und so saß er denn im Dunkeln und sah das Mondlicht, das durch eine Spalte des Vorhanges fiel, langsam an der Wand hingleiten und horchte auf die regelmäßigen Athemzüge des Knaben, bis ihn selbst die Müdigkeit überwältigte. Sechstes Kapitel. Es war in den Abendstunden eines der nächsten Tage, daß in dem Gartensaale des Schlosses zwei Damen saßen, von denen die eine die Baronin Gren¬ witz, die andere eine junge Frau, die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten Gute auf Besuch gekommen war. Die Fensterthür, die aus dem Gemache in den Garten und zunächst auf einen großen, von hohen Bäumen umgebenen Rasenplatz führte, in dessen Mitte eine Flora aus Sandstein schon seit an¬ derthalb Jahrhunderten steinerne Blumen aus ihrem Horne schüttete, war weit geöffnet. In dem Zimmer, welches nach Norden lag, war es schon dämmerig, draußen aber lag noch der Abendschein warm auf dem Rasen und den prächtigen Buchen und Eichen, und die Gestalten der beiden Damen, die an einem Tische saßen, den man in die Thür geschoben hatte, zeichneten sich scharf auf dem hellen Hintergrunde ab. Ein größerer Gegensatz war nicht leicht denkbar. Die Baronin von Grenwitz war kaum vierzig Jahre alt, aber die Strenge ihrer männlich festen Züge, die großen, kalten grauen Augen, die sie so forschend und so lange auf den Sprecher richtete, die Gemessenheit ihrer Bewegungen, ihre hohe, weit über das gewöhn¬ liche Frauenmaaß hinausreichende Gestalt, vorzüglich aber ihre eigenthümliche Art sich zu kleiden, ließen sie manchmal fast um zehn Jahre älter erscheinen. Sei es übergroße Einfachheit, sei es, wie Andere wollten, eine an Geiz grenzende Sparsamkeit, sie bevorzugte Stoffe, die sich, wie das Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield, mehr durch Dauerbarkeit, als durch irgend glänzende Eigenschaften empfahlen, und sie liebte einen Schnitt der Kleidung, von dem man deshalb nicht behaupten konnte, er sei nicht mehr mo¬ disch, weil er es eigentlich niemals gewesen war. Wie die Erscheinung der Baronin für den ersten Augenblick auf Jeden den Eindruck der Würde machte, so be¬ merkte auch der aufmerksame Beobachter in ihrer in jedem Momente musterhaften Haltung und vor allem an dem stets ruhigen, gleichmäßigen Ton ihrer etwas tiefen, wohllautenden Stimme und ihrer immer ge¬ wählten Sprache, die jeden vulgären Ausdruck sorg¬ fältig vermied, daß sie sich dieses Eindrucks wohl be¬ wußt war und ihn auf jede Weise zu erhalten suchte. Ob die Dame, welche sich bei der Baronin befand, sich durch die stattliche Erscheinung derselben imponiren ließ, oder es für passend hielt, wenigstens den Anschein davon anzunehmen, lassen wir dahingestellt; so viel ist sicher, daß sie sich in diesem Momente einer Haltung befleißigte, die mit dem Ausdruck ihres Gesichts, ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinzustimmen schien. Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet, das hinreichend in die Höhe gesteckt ist, um die Ama¬ zone nicht beim Gehen zu hindern und ihre schmalen Füße, die in eleganten Stiefelchen stecken, zu verhüllen. Das enganschließende Gewand hebt die schönen Formen des jugendlich-vollen Körpers vortheilhaft hervor, und der kleine runde Hut, der nebst Handschuhen und Reit¬ peitsche auf einem kleinen Tische in ihrer Nähe liegt, muß diesem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen, braunen Haaren, die, einfach in der Mitte gescheitelt, in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden sind, vortrefflich stehen. Sie sitzt der streng wirthschaftlichen und mu¬ sterhaft fleißigen Baronin, die an einem Stück Lein¬ wand, das möglicherweise eine Serviette ist, eifrig näht, gegenüber und scheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer schon gesäumten Serviette be¬ schäftigt. Dies nimmt sich nun freilich bei ihrem An¬ zuge wunderlich genug aus, auch scheint diese Arbeit der Amazone nicht eben zuzusagen, wenigstens hebt sie, als jetzt die Baronin aufsteht, um im Hintergrunde des Zimmers etwas zu suchen, schnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübsches Gesicht mit kindlich-weichen Zügen und großen braunen, in feuchtem Schimmer glänzenden Augen, und dies Gesicht hat jetzt genau den Ausdruck eines übermüthigen Schulmädchens, dessen strenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet. „Was sagten Sie, liebe Anna-Maria,“ fragte die Amazone, indem sie sich, als die Baronin sich um¬ wandte, wieder über ihre Arbeit beugte. „Ich fragte Sie, liebe Melitta, ob Sie noch genug rothes Garn hätten?“ Melitta machte eine Miene, als ob sie sagen wollte, mehr wie zu viel; sie begnügte sich indeß zu sagen: „ich denke, es wird reichen.“ Die Baronin hatte sich auf ihren Platz gesetzt und nahm die für einen Augenblick unterbrochene Conver¬ sation wieder auf. „So scheint doch wenig Hoffnung auf eine voll¬ kommene Genesung?“ sagte sie. „Wenig oder keine,“ antwortete Melitta; „besonders in der jüngsten Zeit, wo die Anfälle von Tobsucht gänzlich aufgehört haben. Doctor Birkenhain schreibt mir, daß nur ein Wunder Carlo'n vom Blödsinn retten könnte; das heißt wohl so viel, als: er ist unrettbar verloren." „Es ist ein hartes Loos, das der Allmächtige über Sie verhängt hat, meine arme Melitta,“ sagte die Baronin. Melitta zuckte die Achseln, antwortete aber nicht. „Es war in diesen selben Räumen,“ fuhr die Ba¬ ronin, die nicht anzunehmen schien, daß das angeschla¬ gene Thema Melitta irgendwie peinlich sein könnte, ruhig fort, „daß ich Berkow zum letzten Mal gesehen habe. Ich gestehe, daß ich schon an jenem Abend, als er den so ärgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing — Baron Oldenburg suchte vergeb¬ lich, die wirklich fatale Scene abzukürzen — mich eines leisen Verdachtes nicht erwehren konnte.“ Melitta von Berkow schienen diese Proben von dem vortrefflichen Gedächtniß der Baronin nicht eben zu entzücken; sie wurde unruhig und warf, augenschein¬ lich ohne recht zu wissen, was sie sagte, die Frage hin: „Haben Sie nichts von Oldenburg gehört?“ „Der Baron ist seit acht Tagen zurück.“ „O!“ rief Melitta mit einem Ausdruck, der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit aufsehen machte. „Was haben Sie, Melitta?“ „Ich bin so ungeschickt,“ sagte diese, und preßte ein Tröpfchen Blut aus dem Daumen der linken Hand; „also Oldenburg ist zurück? Was bringt ihn denn auf einmal wieder her? Hat er sich in Egypten eben so gelangweilt, wie hier?“ „Die Contracte mit seinen Pächtern laufen nächsten Martini ab, eben so wie auf einigen unserer Güter. Ich vermuthe, daß ihn dies zur Rückkehr bewogen hat. Er scheint noch menschenscheuer geworden zu sein, als er es schon damals war. Griebenow, unser Förster, ist ihm im Walde begegnet; bei uns hat er sich noch nicht sehen lassen.“ „Nun, diese Unaufmerksamkeit des Barons werden Sie ja leicht verschmerzen, liebe Anna-Maria; Sie waren ja nie besonders gut auf ihn zu sprechen.“ „Ich wüßte auch nicht, daß Oldenburg mir je Veranlassung gegeben hätte, das zu thun; mir so wenig wie irgend Einem von uns. Ein Mann, welcher der Religion, ich möchte beinahe sagen, offen Hohn spricht, der die Würde seines Standes, die Interessen seiner Standesgenossen so weit vergißt, auf den Kreistagen, auf den Landtagen, bei jeder Gelegenheit die Partei der Neuerer zu ergreifen; der unsere Societät nur auf¬ zusuchen scheint, um sich über uns lustig zu machen — ein solcher Mann hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir unser Interesse und unsere Theilnahme Anderen zuwenden, die es besser verdienen.“ „Ei, an Interesse von Seiten der Anderen hat es, däucht mir, Oldenburg schon damals nicht gefehlt, und wird es, glaube ich, ihm auch jetzt wieder nicht fehlen. Ich weiß eigentlich nicht, weshalb sich alle Welt so viel um einen Mann bekümmert, der sich an die Welt im Großen und Kleinen so sehr wenig kehrt.“ „Das ist wohl sehr erklärlich, liebe Melitta. Die Oldenburgs gehören zu unseren ältesten Familien, es kann uns nicht gleichgültig sein, ob der letzte Sprosse einer solchen Familie ein Plebejer wird, oder nicht.“ „Oldenburg wird nie ein Plebejer werden,“ sagte die jüngere Dame mit einiger Wärme. „Ei, ei, liebe Melitta! Sie nehmen sich ja des Barons recht lebhaft an. Wollen Sie auch etwa seinen unmoralischen Lebenswandel vertheidigen, seine Liebes¬ affairen, mit denen er die chronique scandaleuse nicht nur unserer Gegend bereichert hat?“ „Ich habe nie, so viel ich weiß, etwas Unmora¬ lisches gethan oder gut geheißen,“ sagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor. „Und was Herrn von Oldenburg's Privatleben betrifft, so erlaube ich mir darüber gar kein Urtheil, da es mir vollkommen fremd ist. — Uebrigens,“ fuhr sie nach einer Pause und mit wieder ruhiger Stimme fort, „sollte es mich doch wirklich wundern, wenn Oldenburg in der That der Don Juan wäre, zu dem man ihn durchaus machen will. Sie werden mir zugeben, liebe Anna-Maria, daß er weder die Schönheit noch die Gewandtheit be¬ sitzt, welche die nothwendigen Eigenschaften der Reprä¬ sentanten dieser Rolle sind.“ „Darüber erlaube nun wieder ich mir kein Urtheil,“ sagte die Baronin, nicht ohne merkliche Ironie, „das müßt Ihr jungen Frauen unter Euch abmachen.“ „Junge Frauen,“ rief Melitta lachend. Sie ließ die Arbeit in den Schooß sinken und lehnte sich bequem in den Stuhl zurück, die Baronin, die unverdrossen weiter nähte, mit einem Blick betrachtend, in welchem sich ein gut Theil Schalkheit mit einem ganz kleinen Theil Böswilligkeit mischte, „junge Frauen! Wissen Sie, liebe Anna-Maria, daß ich noch in diesem Jahre dreißig werde? Mein Julius wird im nächsten Monat zwölf — nur vier Jahre jünger wie Ihre Helene. Apropos, wie geht es denn dem lieben Kinde? Soll sie denn ewig in dem Hamburger Pensionat bleiben? Wie lange ist sie denn nun schon da? zwei, nein es F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 5 sind ja schon drei Jahre! Und nicht ein einziges Mal hier gewesen in der ganzen Zeit! Sie werden Ihr eigenes Kind nicht wieder erkennen, liebe Grenwitz!“ „Das Hamburger Pensionat ist so ausgezeichnet, wird von Allen so gerühmt, daß ich mir ein Gewissen daraus machen würde, das Mädchen nicht so lange wie möglich dort zu lassen. Uebrigens haben Sie wohl vergessen, liebe Berkow, daß wir mit Helenen im vorigen Sommer in Ostende waren, und da Sie so große Sehnsucht nach der jungen Dame zu empfinden scheinen, will ich Ihnen auch in allem Vertrauen mittheilen, daß Sie dieselbe noch in diesem Sommer auf Grenwitz werden begrüßen können.“ „Noch in diesem Sommer! ei, sieh! das hängt doch wohl nicht etwa mit Oldenburg's Rückkehr zusammen? Verzeihen Sie meine Indiscretion! aber ich erinnere mich, daß Sie vor einigen Jahren, als der Baron von seiner ersten großen Reise zurückkehrte, einmal äußerten, wie Ihnen eine Verbindung mit Oldenburg wohl conveniren würde.“ „Damals kannte ich den Baron nicht, wie ich ihn leider seitdem kennen gelernt habe. Auch würde das Grenwitz' Wünschen nicht entsprechen, der Helenen, glaube ich, nach einer andern Seite halb und halb versprochen hat.“ „Nach einer anderen Seite? doch nicht etwa an Ihren vortrefflichen Cousin Felix?“ „Wie gesagt, ich weiß nichts Bestimmtes darüber; Grenwitz ist so verschlossen; aber ich vermuthe es fast daraus, daß er Felix bestimmt hat, auf ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieses Jahr bei uns zuzubringen. Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein.“ „Hoffentlich nicht so angegriffen wie sein Vermögen,“ sagte Melitta trocken. „Sein Vermögen? Was wissen Sie denn von Felix Privatverhältnissen?“ „Ich sage nur, was alle Welt sagt. Sie werden mir zugeben, Liebe, daß, wenn schon über Oldenburg die chronique scandaleuse nicht stumm ist, sie über Felix sehr viel zu sagen weiß, und an Stoff hat es ihr der Herr Lieutenant doch wahrlich nicht fehlen lassen.“ „Felix ist noch jung.“ „Nicht jünger als Oldenburg.“ „Fünf Jahre.“ „Das sieht man ihm wahrlich nicht an; freilich, er hat etwas schnell gelebt, der gute Felix.“ „Man sollte wahrlich glauben, liebe Melitta, daß Felix Ihnen näher stände, als es der Fall ist. Auf¬ richtig, ich möchte gern wissen, was Sie von dieser 5* Heirath denken, im Falle Grenwitz das Project nicht aufgeben sollte.“ „Nun denn, aufrichtig: ich würde sie für ein Un¬ glück, für ein um so größeres Unglück halten, je schöner und unschuldiger Helene ist. Was, um Alles in der Welt, kann den Baron zu dieser Heirath bestimmen? Denn daß eine Mutter zu solch einer Verbindung, die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müßte, Ja sagen sollte, kann ich mir nimmermehr denken.“ Melitta war aufgesprungen, hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit sausend durch die Luft, als wollte sie sagen: das verdient der, welcher zu diesem Bubenstück die Hand bietet. In der schlanken, hoch aufgerichteten Frauengestalt hätte man kaum dieselbe wieder erkannt, die sich vorhin schüchtern über ihre Arbeit beugte, oder sich lässig in die Kissen des Stuhles schmiegte. Selbst die Züge des Gesichtes schienen anders zu werden, schärfer, älter; das Feuer in den großen Augen loderte düster auf. Offenbar hatte die Er¬ wähnung dieser Heirath eine Saite in ihr angeschlagen, die häßlich durch ihre Seele schrillte. Sie fuhr in demselben aufgeregten Tone fort: „Felix ist ein notorischer Wüstling. Wie kann ein Wüstling Liebe fühlen? Und gesetzt, Helenens Schön¬ heit, Unschuld und Jugend trügen für eine Zeit über seine Blasirtheit den Sieg davon, so kann dies nicht von Dauer sein. Ein gründlich Blasirter wird niemals wieder ein ganzer Mann; und kann Helene einen solchen halben Mann lieben? und ist das Leben ohne Liebe werth, daß man es lebt? und können Sie das Unheil verantworten, das aus so einer lieblosen Ehe wie Un¬ kraut aufschießt? Ich weiß“ — Die junge Frau schwieg plötzlich und ging mit schnellen Schritten in dem Gemache auf und ab. Dann nach einer kleinen Pause: „Und welch' äußere Vortheile könnte diese Ehe ge¬ währen? Felix hat seiner ungemessenen Eitelkeit sein Vermögen, wie seine Gesundheit zum Opfer gebracht. Seine Güter sind verschuldet, über und über; und Aus¬ sichten hat er, so viel ich weiß, auch nicht“ — „Nur daß er, wenn mein Malte stirbt, was Gott verhüten wolle, das Grenwitz'sche Majorat erbt,“ sagte die Baronin. „Ja so!“ sagte Melitta gedehnt. Die letzte Be¬ merkung der Baronin hatte der edelmüthigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt; dem unheimlichen Lichte vergleichbar, das aus der Blendlaterne eines Diebes auf das Schatzkästlein fällt, das er stehlen will. Sie hütete sich indessen wohl, die Baronin, was in ihr vorging, merken zu lassen, sondern fuhr, sich wieder in ihren Schaukelstuhl wer¬ fend, in unbefangenem Tone fort: „Ich hoffe. Malte wird Felix' Gläubigern nicht den Gefallen thun, vor der Zeit zu sterben, er wird ja zusehends kräftiger, und wenn Sie dem Jungen nur mehr Freiheit lassen wollten“ — „Freiheit!“ sagte die Baronin; „muß ich das Wort schon wieder hören! Ich lasse ihm so viel Freiheit, als ich mit einer vernünftigen Erziehung für verträg¬ lich halte. Ich meine, daß, wer wie Malte einst über ein bedeutendes Vermögen gebieten wird, nicht zeitig genug gehorchen, sich einschränken, sich Unnöthiges, Ueberflüssiges versagen lernen kann. Wir haben ja an unserem Neffen Felix das lebendigste Beispiel, wo¬ hin die allzugroße Nachsicht führt.“ „Das ist Alles wahr,“ sagte Melitta, „aber“ — „Wir haben uns ja wohl über das Thema der Erziehung unserer Kinder ein für alle Mal des Streites begeben,“ sagte die Baronin mit dem Lächeln der Ueber¬ legenheit. „Ich weiß, was ich will, und das werde ich mit Gottes Hülfe durchführen.“ „Apropos, habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich meinen Julius in diesen Tagen nach Grünwald auf's Gymnasium schicken will?“ warf Melitta hinein. „Wieder so ein Wagestück!“ antwortete die Baronin. „Baron Oldenburg hat auch so eine öffentliche Er¬ ziehung, wie sie es nennen, genossen, und ich denke, die Resultate sind danach. Freilich hat man mit den Hauslehrern auch seine liebe Noth.“ „Sie haben ja jetzt einen neuen, nicht wahr?“ sagte Melitta, die aufgestanden war und sich in die Thür lehnte; „wie ist er denn?“ Die Baronin zuckte die Achseln. „Aber wie kann man das auch fragen,“ sagte Me¬ litta lachend. „Er wird sein, wie alle Andern: ent¬ setzlich gelehrt, eckig, pedantisch, langweilig. Bemper¬ lein, Bauer — das ist Alles ein Genre. Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt erkennen. Ah! wer ist der junge Mann, der da mit Bruno über die Wiese kommt?“ Die Frage blieb unbeantwortet, da in diesem Augen¬ blick Mademoiselle Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin aufgestanden war, ihr einige Auf¬ träge wegen der Abendmahlzeit zu geben. Melitta wandte sich um, aber die Baronin hatte mit einem: Entschuldigen Sie mich! das Zimmer verlassen. Melitta blieb allein, und mußte selbst die Antwort auf ihre Frage zu finden suchen. Sie zog sich ein wenig aus der Thür zurück und musterte mit ihren scharfen Augen die Erscheinung des unbekannten jungen Mannes. Siebentes Kapitel. Oswald war mit Bruno aus den Bäumen, die den Rasenplatz umsäumten, dem Schlosse gegenüber heraus¬ getreten. Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter, der wiederum seinen Arm um Oswalds Hüften geschlungen hatte und lächelnd in das Gesicht des jungen Mannes aufschaute, während dieser ange¬ legentlich zu ihm sprach. Als sie ein paar Schritte auf die Wiese gemacht hatten, blieben sie stehen. Os¬ wald deutete mit der Hand nach der Richtung, aus der sie gekommen waren, und Bruno sprang in das Gehölz zurück. Der junge Mann stand, die Rückkehr seines Freundes erwartend, und köpfte mit dem Stäb¬ chen, das er in der Hand trug, zum Zeitvertreib einige Gräser, die allzu lang emporgeschossen waren. Er hatte keine Ahnung davon, daß fünfzig Schritte von ihm ein Paar eben so schöner, wie scharfer Augen jeden seiner Züge musterte, jede seiner Bewegungen sorgfältig beobachtete. „Wenn das der neue Hauslehrer ist, so ist er ein Beweis mehr für den alten Satz, daß es zu jeder Regel Ausnahmen giebt. Der sieht wahrlich nicht aus, als ob er zu der Familie der Bemperleins gehörte. Diesen eleganten Sommeranzug haben Sie wohl mit aus der Residenz gebracht. Sehr nett, in der That, für einen Hauslehrer fast zu nett. Sie scheinen etwas eitel zu sein, mein Herr, und lange Conferenzen mit Ihrem Schneider zu halten. Aber Sie sind hübsch gewachsen, das muß man Ihnen lassen, und der kleine Schnurrbart steht Ihnen ausnehmend gut. Wollen Sie nicht gefälligst einmal den Kopf in die Höhe heben; ich wünschte, Ihre Augen zu sehen. So — sauve qui peut !“ Melitta trat, als Oswald jetzt zufällig die Augen aufschlug, schnell zurück, so daß sie hinter der Thür verborgen war. Sie warf einen flüchtigen Blick in einen Spiegel, der sich in der Nähe befand, und glät¬ tete rasch ihr üppiges Haar. Dann näherte sie sich verstohlen wieder der Thür. Bruno kam aus den Bäumen herbeigesprungen, und zeigte Oswald ein Büchelchen: „Hier ist es,“ rief er, „aber Sie bekommen es nicht.“ Oswald wollte den muthwilligen Knaben haschen, der ihn immer mehr herankommen ließ, um ihm dann jedesmal durch eine blitzschnelle Wendung, oder einen Satz, dessen sich ein Unkas nicht hätte zu schämen brauchen, zu entgehen. Melitta war, durch das hübsche Schauspiel ange¬ lockt, aus ihrem Versteck getreten. Sobald Bruno ihrer ansichtig wurde, rannte er auf sie zu, und Os¬ wald, der, über die unerwartete Erscheinung der Ama¬ zone verwundert, stehen geblieben war, sah, wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit stürmischer Zärt¬ lichkeit an seine Lippen drückte. „Da bist Du ja, mein Wilder!" sagte die Dame und streichelte die dunkeln Locken des Knaben, „wo hast Du denn den ganzen Nachmittag gesteckt?“ „Ich bin spazieren gewesen — mit Oswald, wollte sagen, mit Herrn Doctor Stein;“ rief Bruno, und dann zu Oswald sich wendend, der grüßend näher ge¬ treten war, „dies ist Frau von Berkow, Oswald, von der ich Ihnen nur noch heute Morgen erzählte; dies ist Herr Stein, Tante Berkow, den ich sehr, sehr lieb habe, und den Sie auch ein wenig lieb haben sollen.“ „Man darf seine Waare nicht zu sehr anpreisen, Bruno,“ sagte Oswald, sich lächelnd vor der jungen Frau verbeugend, „oder der Käufer wird stutzig.“ „Nicht, wenn der Verkäufer so gut accreditirt ist, wie dieser Wildfang bei mir,“ sagte Melitta, leicht erröthend. „Wie lange sind Sie schon auf Grenwitz, Herr Doctor?“ „Seit vierzehn Tagen etwa, gnädige Frau.“ „Sagte mir die Baronin nicht, daß Sie aus der Residenz kämen?“ log Melitta, die neugierig war, zu erfahren, ob sich ihre Vermuthung wegen Oswalds Anzug bestätigte. „Nicht direct, gnädige Frau; ich lebte zuletzt in Grünwald.“ „In Grünwald? das interessirt mich. Da könnten Sie mir ja gleich die beste Auskunft geben. Die Sache ist nämlich die — aber ich langweile Sie gewiß mit meinen indiscreten Fragen!“ „Bitte, gnädige Frau; ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen irgendwie dienen zu können.“ „Sehr gütig. Die Sache ist die. Ich will meinen Sohn — er ist ungefähr in Bruno's Alter“ — „Oho, Tante, drei Jahre jüuger!“ rief Bruno, der sich jetzt in einiger Entfernung auf einer Schaukel¬ bank wiegte. „Welch' scharfes Ohr der Junge hat,“ sagte Me¬ litta, ihre Stimme senkend. „Also, ich will meinen Julius nach Grünwald auf's Gymnasium schicken. Oder viel¬ mehr, ich muß, denn sein Lehrer, ein Herr Bemper¬ lein, der schon sechs Jahre bei ihm ist, hat eine Pre¬ digerstelle bekommen und wird uns in diesen Tagen verlassen. Nun weiß ich nicht — aber da kommt die Baronin — ich muß meine tausend und eine Frage über tausend und ein verschiedene Dinge, die mir so voll¬ kommen fremd sind wie meinem guten Bemperlein, der längst verlernt hat, wie es in der Stadt aussieht, wenn er es überhaupt jemals wußte, auf eine gelege¬ nere Zeit versparen. Hier kommt man ja doch nicht dazu. Wie wär’s, Herr Doctor, wenn Sie mich in diesen Tagen mit Ihrem Besuche beehrten; morgen Nachmittag etwa?‟ Oswald verbeugte sich. „Ich habe den Herrn Doctor gebeten, mir morgen seinen Besuch zu schenken,‟ sagte Melitta, zur Baronin gewandt, die in diesem Augenblick mit Mademoiselle Marguerite wieder in's Zimmer trat. „Es ist wegen der Grünwalder Angelegenheit. Ihr habt doch nicht morgen Nachmittag etwas Besonderes vor, denn ich möchte nicht, daß der Herr Doctor mir ein allzugroßes Opfer bringt.‟ „Wir etwas vorhaben?" sagte die Baronin; „Sie kennen ja unser stilles Leben, liebe Melitta; im Gegen¬ theil, ich denke, eine kleine Zerstreuung der Art wird Herrn Doctor Stein, der die Einförmigkeit eines länd¬ lichen Aufenthalts sicher schon empfunden hat, recht willkommen sein. Ich selbst wollte Sie für morgen schon zu einem Besuche zu bestimmen suchen, Herr Stein; bei unserm Pastor, der schon empfindlich sein wird, daß Sie sich ihm noch nicht vorgestellt haben.“ „Nun, das läßt sich ja ganz gut vereinigen,“ sagte Melitta; „morgen ist Sonntag, der Pastor Jäger wird entzückt sein, wenn Sie die nicht allzu große Schaar seiner Zuhörer durch Ihre Person vermehren. Berkow ist von Faschwitz durch den Wald nur ein halbes Stündchen entfernt. Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen, aber ich weiß, daß die Frau Pastorin Sie nicht sobald wieder fortlassen wird. Nun, was sagen Sie, Herr Doctor?“ „Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank aussprechen, daß Sie die Güte haben wollen, über meine Zeit besser zu disponiren, als ich es auf jeden Fall im Stande wäre,“ antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung. „Das heißt: der Weise schickt sich in das Unver¬ meidliche,“ sagte Melitta lachend. „Und hier kommt der Baron mit Malte, und wir können zu Tische gehen, wonach ich, offen gestanden, großes Verlangen trage.“ Die Tafel war auf dem niedrigen Perron, der nach dem Garten zu dem Schlosse in seiner ganzen Länge angebaut war, unter einem Zeltdache gedeckt. Der Abend war herrlich. Die Sonne war im Untergehen. Rosige Lichter spielten in den Wipfeln der hohen Buchen, die den schattigen Rasenplatz umgaben. Schwalben schossen zwitschernd und zirpend durch die klare Luft. Ein Pfau kam, durch das wohlbekannte Klappern der Teller herbeigelockt aus dem Gebüsch eilig über die Wiese geschritten, und sammelte die Brocken auf, die der alte Baron ihm über das Steingeländer des Per¬ rons zuwarf. Die Unterhaltung war heute um Vieles lebhafter, als es wohl sonst der Fall war. Die Baronin konnte, wenn sie wollte, eine sehr angenehme Wirthin machen, und sie war, trotz ihrer zur Schau getragenen Abnei¬ gung gegen weltlichen Sinn, durchaus nicht so frei von Eitelkeit, daß es ihr gleichgültig gewesen wäre, neben Melitta übersehen zu werden. Melitta aber war in der liebenswürdigsten Laune; sie scherzte und lachte, neckte und ließ sich necken, unbefangen, harmlos, wie ein Kind. Es fiel Oswald, während er sich dem Zauber von Melitta's reizender Erscheinung willig überließ, nicht ein, zu glauben, seine Gegenwart könne etwas zur Erhöhung ihrer Stimmung beitragen, und doch war dies in einem hohen Grade der Fall. Es giebt wenige Frauen, die vollkommen indifferent dagegegen sind, welchen Eindruck sie auf ihre Umgebung hervorbringen, und Melitta gehörte durchaus nicht zu diesen wenigen Frauen, wohl aber zu jenen Naturen von leicht erreg¬ licher Sinnlichkeit, die sich durch gefällige und schöne Formen in einer Weise bestechen lassen, die kälteren Temperamenten unbegreiflich ist. Nun war Oswald, ohne das zu sein, was man einen schönen Mann nennt, von der Mutter Natur nichts weniger als stiefmütter¬ lich ausgestattet, und die gute Gesellschaft, in der er sich stets bewegt, hatte die natürliche Grazie seiner Manieren noch erhöht. Das Alles überraschte Me¬ litta um so angenehmer, als sie es bei einem Manne von einer nach ihren Begriffen so untergeordneten Stellung am wenigsten erwartet hatte. Oswald er¬ schien ihr mit jedem Augenblick bedeutender; sie fing an, ihre brüske Einladung von vorhin doch recht un¬ passend zu finden, und zugleich entzückte sie der Ge¬ danke, den liebenswürdigen jungen Mann so bald bei sich zu sehen. Es schmeichelte ihr, wenn, was über Tische mehr als einmal geschah, Oswalds Blicke den ihren begegneten, und doch senkte sie jedesmal die Wimpern vor einem Augenpaar, das bei aller Unbe¬ fangenheit so beredt und forschend blicken konnte. Nach Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin, da Melitta erklärte, noch ein Stündchen bleiben zu können, ein Reifspiel in Vorschlag, Bruno sprang fort, die Reifen zu holen, die weder verlegt noch außer Stande waren, ein Umstand, der gewiß für die muster¬ hafte Ordnung, die in dem Schlosse Grenwitz herrschte, beredt genug spricht; und bald hatte sich die Gesell¬ schaft auf dem Rasen in einem weiten Kreise aufge¬ stellt und die bunten Reifen flogen lustig durch die weiche, warme Abendluft von Einem zum Anderen. Alle, selbst der alte Baron, legten eine größere oder geringere Geschicklichkeit an den Tag, mit Ausnahme von Malte, der seinen Reif in den meisten Fällen, wo er ihm nicht unmittelbar auf den Stock geflogen kam, fallen ließ, eine Gelegenheit, die Melitta, seine Nach¬ barin, zum großen Aerger Bruno's, der die Spiel¬ regeln eingehalten wissen wollte, jedesmal benutzte, ihren Reif aus der Reihe einem der Mitspieler blitz¬ schnell über den Kopf zu schleudern, wobei Oswald nicht umhin konnte, zu bemerken, daß Melitta ihn häufiger wie die Uebrigen auf diese Weise auszeichnete. Unterdessen war der Abend tiefer herabgesunken; der alte Baron hatte eine schwache Spur von Thau auf dem Rasen bemerkt; Abendthau aber war nach seiner Meinung reines Gift für Malte, der als kleines Kind eine Zeit lang viel an der Bräune gelitten hatte, und er mahnte deshalb dringend, das Spiel einzustellen. Melitta fand, daß es hohe Zeit für sie sei, aufzubrechen, und bat, ihrem Reitknecht Befehl zu geben, die Pferde zu satteln. Bruno war fortgesprungen, den Auftrag auszurichten; die Baronin mit Mademoiselle in das Zimmer getreten; der Baron beschäftigt, Malte, der sich durchaus erkältet haben sollte, ein dickes Shawl¬ tuch um den Hals zu wickeln; Oswald und Melitta waren zum ersten Male seit ihrer unterbrochenen Con¬ versation von vorhin allein geblieben. Melitta hatte von einem Rosenstrauch, der zu den Füßen der Flora wuchs, eine Rose gepflückt und betrachtete sinnend die köstliche Blume. „Verzeihen Sie, mein Herr,“ sagte sie plötzlich, leise und rasch, aber ohne die Augen aufzuschlagen, „daß ich vorhin die Unschicklichkeit beging, Sie ohne weiteres um einen Besuch zu bitten, der Ihnen am Ende beschwerlich fällt, aber“ — „Kein Aber, gnädige Frau; ich wiederhole im Ernst, was ich vorhin aus bloßer Höflichkeit sagte, daß ich mich glücklich schätzen würde, Ihnen irgendwie dienen zu können.“ „Sie kommen also morgen?“ „Wie Sie befehlen.“ „Nein: wie ich wünsche. — Sehen Sie nur, wie F. Spielhagen, Problematische Naturen. I . 6 wundervoll diese Rose ist! Lieben Sie auch die Rosen so?“ „Ich liebe Alles, was schön ist,“ sagte Oswald, nicht auf die Rose, sondern auf Melitta blickend. Sie hob die langen Wimpern und schaute dem jungen Mann tief und voll in die leuchtenden Augen. „Da!“ sagte sie plötzlich und hielt ihm die Rose entgegen, als ob er ihren Duft einathmen sollte; er aber fühlte nur, wie sich die schlanken Finger der Dame leicht wie ein Hauch auf seine Lippen legten. „Die Pferde sind da, Tante!“ rief Bruno. „Ich komme!“ antwortete Melitta und eilte von Oswald fort. Die Rose lag zu seinen Füßen; er bückte sich schnell, hob sie auf und verbarg sie an seiner Brust. Mademoiselle Marguerite brachte Melitta Federhut, Reitpeitsche und Handschuh. „Ist die Baronin im Zimmer?“ „Ja.“ „So will ich gehen, ihr Adieu zu sagen.“ Der alte Baron, Oswald und die Knaben gingen durch die Gitterthür des Parks nach dem Schloßhofe, wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zügel führte. Oswald bewunderte die Schönheit der Thiere, besonders das mit dem Damensattel, ein herrliches Vollblut, Melit¬ ta's Lieblingspferd. Bella. Melitta trat, von der Baronin und Mademoiselle gefolgt, aus dem Portale rasch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron hob sie in den Sattel. „Adieu, adieu!“ rief sie herunter.„Allez! Bella!“ und so sprengte sie aus dem Schloßhof hinein in den dämmrigen Abend. Die Anderen waren wieder in's Haus getreten. Oswald stand, die Augen nach dem Thor gerichtet, durch das Melitta verschwunden war, in sich versunken da. „Wollen wir nicht hineingehen, Oswald?“ sagte Bruno, seine Hand ergreifend; „es ist dunkel geworden.“ „Es ist dunkel geworden,“ wiederholte der junge Mann und folgte träumend dem Knaben. 6* Achtes Kapitel. Der Baron hatte Oswald angeboten, ihn nach der Kirche fahren zu lassen; der junge Mann aber, der die schwerfälligen Braunen noch von dem Abend seiner Ankunft her in bösem Angedenken hielt, es abgelehnt. Bruno und Malte erwarteten heute die Knaben eines benachbarten Edelmanns zum Besuch. Bruno wäre am liebsten mit Oswald gegangen, da dieser aber selbst ihn zu bleiben bat, sagte er: „Sie sind recht froh, daß Sie mich auf ein paar Stunden los sind, aber ich weiß, was ich thue. Ich gehe in den Wald und komme vor Abend nicht wieder nach Hause.“ „Das wirst Du nicht thun, Bruno!“ „Und weshalb nicht?“ fragte der Knabe trotzig. „Weil Du mich lieb hast.“ „Nun denn, so will ich Ihnen zu Liebe hier bleiben, den albernen Hans von Plüggen nicht prügeln und mich überhaupt so musterhaft benehmen, daß selbst Tante zufrieden sein soll.“ „Thue das, lieber Junge. Leb' wohl!“ „Leb' wohl, Lieber, Bester!“ rief der Knabe und warf sich stürmisch an die Brust seines einzigen Freun¬ des, und eilte von ihm fort, in den Garten, dort mit seinem wilden Herzen allein zu sein. Oswald ging aus dem Schloßhofe den Weg, von dem er wußte, daß er nach dem Pfarrdorfe führte. Die Sonne schien hell aus dem blauen Himmel, an welchem weiße Wolkenballen unbeweglich standen. Es war nicht heiß, denn der Athem des nahen Meeres hauchte Kühlung durch die Sommerluft. Lerchen ju¬ belten hoch droben „im blauen Raum verloren.” An dem Rande des nahen Waldes, von dem eine Ecke, Oswald zur Rechten, weit in das bebaute Land hinein¬ schoß, zog ein Gabelweih seine Kreise. Auf den Fel¬ dern sah man keine Arbeiter; die Ackergeräthe lagen müßig. In einer Koppel, an welcher der Weg vor¬ überführte, lagen in satter Ruhe Kühe und Kälber; ein paar muntre Füllen kamen an den Zaun, und sahen neugierig nach dem Wanderer. Oswald hatte schon den Hof des Gutes hinter sich. Er kam auf dem mit Weiden an beiden Seiten besetzten Wege an der Stelle vorüber, wo der Streit zwischen Bruno und dem Knecht stattgefunden hatte. Unwillkürlich blieb er stehen; die ganze Scene wurde wieder lebendig vor seinem Auge; er sah den schönen Knaben, zürnend und drohend, wie ein jugendlicher Gott; und den feigen zurücktaumelnden Knecht. Schon that es ihm leid, daß er seinen Liebling zum Zurück¬ bleiben vermocht hatte. Er fühlte sich so leicht, so froh an diesem schönen Morgen, und es war ihm schon zur lieben Gewohnheit geworden, wenn seine Seele ein Fest feierte, den Knaben zu Gast zu haben. „Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler!“ sprach er bei sich, „was willst Du in dieser Welt von weibischen Männern! Fürchten sie sich doch jetzt schon vor Dir, da Du ein Knabe bist, was werden sie thun, wenn Du ein Mann geworden! Ein Mann thut uns noth, schreien die Gelehrten aller Arten. Wie wollt ihr Männer haben, wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig unterstützen, die stolze Kraft im Keim zu brechen! Da schnitzeln sie an dem Bogen und schnitzeln immerfort, und wundern sich, wenn das feine Ding hernach zerbricht. Pygmäengeschlecht, das den Riesen, den ein glücklicher Zufall an ihren öden Strand geworfen, mit tausend und aber tausend Fäden regungs¬ los an die platte Erde fesselt!“ Oswald war in dem besten Zuge, sich in eine mi¬ santhropische Stimmung hineinzureden, aber der helle, leuchtende Morgen duldete die Nachtgedanken nicht. Ein Bild, das Bild einer schönen Frau, das gestern Abend, bevor der Schlummer seine Augen schloß, noch zuletzt vor seiner Seele gestanden hatte, das als ein lieber Schatten durch seine Träume geglitten war und, wie der Nachklang einer köstlichen Musik, ihn schon den ganzen Morgen umschwebt hatte, trat wieder vor seine Seele. Aber vergebens suchte er es zu bannen. Wer hätte nicht schon die Bemerkung gemacht, daß unsere Erinnerung die Gestalten ganz unbedeutender, uns voll¬ kommen gleichgültiger Menschen oft mit der kleinlichsten Genauigkeit, ohne daß wir es wollen oder wünschen, uns vorführt, und sich weigert, uns denselben Dienst, der jetzt wirklich ein Liebesdienst wäre, bei den bedeu¬ tendsten und von uns am meisten geliebten Menschen zu leisten? Ist es, daß wir so selten vermögen, diese mit unbefangenem Auge zu betrachten? ist es, daß, wo das Herz zum Herzen spricht und die Seelen in einander fließen, die Gestalt, wie ein Kleid von dem Blitz verzehrt wird? daß es des Gleichnisses, welches alles Vergängliche ist, nicht bedarf für den Geist, der das Unvergängliche, die Idee, zu erfassen versteht? — Während Oswald nur an Melitta dachte, nur an sie denken wollte, sah er die Baronin, Mademoiselle Mar¬ guerite, diese oder jene Dame seiner Bekanntschaft, aber die Amazone im grünen Reitkleide zerflatterte ihm immer wie neckischer Nebel. „So flattre fort, Du schöner Spuk!“ rief der junge Mann, und suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Das Terrain war bis dahin wellenförmig gewesen, jetzt wurde es eben, wie die Fläche des Meeres in der Windstille. Eine weite Haide lag vor ihm, jenseits derselben das Kirchdorf, welches das Ziel seiner Wan¬ derung war. Andere Gehöfte bekränzten in weiter Ferne die Fläche. Die Weiden, die bis dahin den Weg begleitet hatten, wurden spärlicher und verschwan¬ den zuletzt ganz. Hier und da hatte man auf der Haide die Rasendecke entfernt, um den Torf zu ge¬ winnen, der nun in langen schwarzen Reihen zum Trocknen aufgeschichtet da lag. In den so entstande¬ nen tiefen Gräben blinkte das Wasser. Kiebitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wieder. In der weiten, öden Runde sah Oswald keinen Menschen, außer einer Frau, die ein paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenzsteine saß. Als er näher kam, fand er, daß es eine alte, sehr alte Frau, in einem armseligen, aber äußerst reinlichen Anzuge war. Sie mußte wohl, von dem Wege ermüdet, auf dem Steine eingenickt sein; denn sie richtete den tief gesenkten Kopf schnell in die Höhe, als Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann. „Guten Morgen, Mütterchen!“ sagte dieser stehen bleibend; „ist das Dorf dort gerade vor uns Faschwitz?“ „Ja!“ sagte die Frau mit für ihr Alter auffallen¬ der Lebhaftigkeit, „der junge Herr will wohl auch in die Kirche?“ „Ja, Mütterchen! wann fängt die Predigt an?“ Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und sagte: „Ich hab' zu lang geschlafen; für mich ist es nun schon zu spät; meine alten Beine tragen mich nicht mehr so schnell; aber Sie sind ein junger Mensch, Sie kommen schon noch zur rechten Zeit. Nicht für ungut, wie ist Ihr Name, junger Herr?“ „Stein — Oswald Stein.“ „Stein? den Namen muß ich schon gehört haben.“ „Wohl möglich, er ist nicht eben sehr selten.“ „Stein — hm, hm; nicht für ungut, wo sind Sie her, Herr Stein?“ Oswald, dem es Vergnügen machte, sich so harm¬ los ausgefragt zu sehen, und dem die Art der alten Frau wohl gefiel, setzte sich, da es ihn eben nicht drängte, in die Kirche zu kommen, der Matrone gegen¬ über, die ihn, die runzligen Hände auf die Knie ge¬ stemmt, aus ihren tief gesunkenen, immer aber noch ausdrucksvollen Augen forschend ansah, auf den Stamm einer umgefallenen Weide und sagte: „Aus Grenwitz, Mütterchen.“ „Aus Grenwitz? Sieh einmal! Da bin ich auch her. Mit Verlaub, Sie sind wohl zum Besuch auf dem Schlosse?“ „Nicht so eigentlich; ich bin der Hauslehrer der Knaben.“ „Das ist wohl nicht möglich?“ „Warum?“ „Nu, die Herren Candidaten sehen sonst ganz an¬ ders aus.“ Oswald lachte. „Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein, Mütterchen?“ „Ich hab' keinen Menschen, der mit mir gehen könnte. Mein Mann ist längst todt, und meine Jun¬ gens sind todt und meine Dirnens sind todt — Alles todt.“ Die alte Frau strich sich die Falten ihres Rockes über den Knieen glatt, als wollte sie sagen: Alle ein¬ gescharrt, und die Erde glatt drüber gedeckt, keine Spur mehr von ihnen. Oswald jammerte das einsame, hülflose Alter der Frau. Er sagte, um doch etwas zu sagen, wovon er glaubt, daß es der einfältigen Seele tröstlich sein könnte: „Nun, in jenem Leben werden Sie ja alle Ihre Lieben wiederfinden.“ „In jenem Leben?“ sagte die Alte und blickte zum blauen Himmel hinauf, „daran glaube ich nicht.“ „Wie? daran glauben Sie nicht?“ fragte Oswald verwundert. Die Alte schüttelte den Kopf. „Sie sind noch jung, Herr — wie war Ihr Name? Stein — ja — Sie sind noch jung, Herr Stein; wenn Sie erst so viele Menschen haben sterben sehen, wie ich, glauben Sie auch nicht mehr daran. Wenn ein Mensch gestorben ist, dann ist er richtig todt — richtig todt. Und dann, wo sollten wohl all' die Menschen hin bei der Auferstehung, wie sie es nennen? In unserem Dorfe lebt kein Einziger mehr von Allen, mit denen ich jung gewesen bin. Und die Anderen, die nach mir geboren sind, sind alt geworden und auch gestorben. Und so kommen immer Neue und immer Neue. Nein, auf der ganzen weiten Erde wäre kein Platz für all' die Menschen!“ „Aber vielleicht auf anderen Sternen?“ warf Os¬ wald ein. „Wie sollen sie dort hinkommen? Nein, von der Erde kommt Keiner, aber unter die Erde kommen sie Alle — Alle“ — und die alte Frau strich die Falten ihres Rockes wieder über den Knieen glatt. „Die Körper wohl, aber die Seelen“ — „Na, ich weiß nicht,“ sagte die Matrone, den Kopf schüttelnd, „aber das weiß ich, daß wenn einer gestor¬ ben ist, er richtig todt ist, und wir sagen: nun hat die liebe Seele Ruhe. Und etwas Besseres als Ruhe kann sich auch Keiner nicht wünschen, er mag ein Edel¬ mann oder ein Bauersmann sein, jung oder alt.“ „Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche, wenn Sie an nichts mehr glauben?“ fragte Oswald. „Wer sagt das?“ sagte die Matrone fast entrüstet; „ich glaube an Gott, wie jeder Christenmensch; und rechtschaffen und fromm muß man sein, das hat mit der Auferstehung nichts zu schaffen; und seine Pflicht muß man thun, das versteht sich von selbst. Und nun, junger Herr, machen Sie, daß Sie fortkommen, es wird sonst gar zu spät. Ich will nur wieder um¬ kehren. Adjes!“ Damit stand sie auf, ergriff einen Eichenstock, der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte, streckte Oswald die welke, zitternde Hand hin, die dieser nicht ohne ein Gefühl der Ehrfurcht drückte, und begann den Weg, den sie gekommen war, langsam, langsam zurückzuwandern. „Das ist eine merkwürdige Frau;“ sprach der junge Mann bei sich, während er rascher weiter schritt; „ich muß mich näher nach ihr erkundigen. Wer hätte ge¬ glaubt, daß die Sätze der Philosophen vom neuesten Schlage, Sätze, die freilich nur uralte Münzen mit etwas anderem Gepräge sind, selbst in diesen Schichten des Volkes cursiren. Nun, nun, wenn selbst die Ein¬ fältigen und Friedfertigen anfangen, sich darauf zu be¬ sinnen, daß sie Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben, so ist ja wohl der letzte Tag der Dun¬ kelmänner gekommen.“ Neuntes Kapitel. Das Dorf Faschwitz ist ein Experiment der Re¬ gierung. Das Gut, eins der größten der Gegend, war wie fast alle in diesem Theil des Landes ursprüng¬ lich im Besitz einer adligen Familie gewesen, und beim Aussterben derselben als erledigtes Lehen an die Krone zurückgefallen. Diese hatte, um sich einen Stamm kleinerer Grundbesitzer oder freier Bauern zu schaffen, an denen es hier fast ganz gebricht, hier und an an¬ deren Orten förmliche Bauerncolonieen gegründet, in¬ dem sie große Lehengüter parcellirte und die einzelnen Parcellen zu Spottpreisen an Liebhaber verkaufte. Der Faschwitzer Gemeinde hatte sie eine Kirche gebaut, einen Prediger in den Ort geschickt; es war nicht Schuld der Regierung, wenn die Faschwitzer nicht ge¬ diehen. Indessen stand zu wünschen, daß sie von den übri¬ gen ihnen gewährten Vortheilen und Vorzügen einen besseren Gebrauch machten, als von der Gelegenheit, sich allsonntäglich geistige Nahrung zu verschaffen, denn Oswald fand, als er sich durch eine Seitenthür — die Hauptthür war verschlossen — Eingang verschafft hatte, daß die „andächtigen Zuhörer“ aus einigen Kin¬ dern, die wohl zum Confirmandenunterricht gingen und also ex officio da waren, einigen alten Frauen, die der langen Gewohnheit bis an's Ende treu bleiben, und aus einigen Gutsbesitzerfamilien der Nachbarschaft, die ihren Hörigen ein gutes Beispiel geben wollten, bestand. Das Innere der Kirche bildete einen mäßig großen, wohl erhellten, nicht gewölbten Saal, in welchem Kanzel, Altar und Bänke schicklich vertheilt waren — Alles sehr neu, sehr zweckmäßig — und sehr nüchtern. Da gab es keine kleinen buntbemalten Fensterscheiben, kein Altarbild, keine pausbäckigen Engel in Bronce oder Holz, keine Votivtafeln, keine halbverwelkten Kränze, und wodurch noch sonst der Katholik seinen gemüthlichen Beziehungen zu der überirdischen Welt, zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle ist, einen Aus¬ druck zu verschaffen sucht. Das einzig Poetische in der Kirche waren die Schatten der Linden vor den Fenstern, die auf der hellen gegenüberstehenden Wand hin und her wogten, und die breiten Lichtstreifen, die schräg durch den Raum fielen und der Phantasie eine goldene Brücke bauten, aus dieser nüchternen Atmo¬ sphäre zu entrinnen in den Sommermorgen, der drau¬ ßen warm und duftig auf Wiesen, Feldern und Wäl¬ dern lag. Von der Zuhörerschaft schien indessen Nie¬ mand dieses Weges zu bedürfen, oder ihn praktikabel zu finden, mit Ausnahme etwa eines hübschen zehn¬ jährigen Mädchens mit langen blonden Locken, die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weißen Schmetterlingen im Garten ihres Vaters, eines dicken Gutsbesitzers, der neben ihr andächtig nickte, em¬ pfinden mochte, und deswegen von der hageren Gou¬ vernante oft zur Ruhe ermahnt werden mußte. Im Uebrigen trugen die Gesichter aller Anwesenden ganz entschieden das Gepräge von Leuten, die ihre Gedanken zu Hause gelassen haben, und im besten Falle von Menschen, die sich mit Anstand langweilen. Und in der That, es wäre ein Wunder gewesen, wenn diese Gemeinde sich von dieser Predigt hätte er¬ bauen lassen und von diesem Prediger. Oswald, der der Kanzel gegenüber hinter der Gutsbesitzerfamilie zu sitzen gekommen war, erkannte auf den ersten Blick, den er auf den Prediger richtete, und nach den ersten Worten, die er aus des Mannes Munde vernahm, daß hier zwischen Geistlichem und Gemeinde ungefähr so viel Sympathie bestehe, wie zwischen einem schrift¬ gelehrten Missionär und einem Stamme gutmüthiger wilder Menschen. Auch schien der Prediger selbst, ein kleiner, schmächtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch trockene Studien ausgetrockneten Ge¬ sicht, dies recht wohl zu empfinden; denn er war Os¬ walds, in welchem er natürlich sofort den vielbespro¬ chenen neuen Hauslehrer von Grenwitz erkannte, kaum ansichtig geworden, als er seinen Vortrag hauptsächlich an ihn zu richten begann, als an den Einzigen, der im Stande sei, den Werth der gelehrten Perlen zu würdigen, die ihn hier, vor ungebildetes Rüsselvieh zu werfen, ein unverständiges Consistorium nöthigte. „O, meine andächtigen Zuhörer,“ rief er, die be¬ brillten Augen auf Oswald richtend, der sich, so gut es gehen wollte, hinter dem blonden Lockenkopf ver¬ steckte, „o meine andächtigen Zuhörer, ihr sehet, ein wie schwaches Ding diesen ungeheuren Fragen gegen¬ über die menschliche Vernunft ist. Und dennoch, den¬ noch‚ Vielgeliebte, giebt es irrende Brüder und Schwe¬ stern, die noch immer dem Nachtlicht ihrer eitlen Ver¬ nunft vertrauen, nachdem schon längst auch für sie die Sonne aufgegangen ist. O ja! dieses Stümpfchen ihrer Unschlittkerze mag ihnen hell genug erscheinen in den Tagen der gedankenlosen Jugend, den Tagen des Festes, der Herrlichkeit und der Freude; aber nicht also in F. Spielhagen, Problematische Naturen. I . 7 den Tagen des kummervollen und gedankenschweren Alters. Darum gebet auf das stolze Vertrauen auf die Vernunft, und haltet fest an dem Glauben! Gebet auf die thörichte Zuversicht auf euren gesunden Men¬ schenverstand, wie ihr ihn nennt! O, meine andäch¬ tigen Zuhörer, dieser gesunde Menschenverstand ist ein kranker, ein sehr kranker Menschenverstand, ist ein Teufelsspuk und ein Irrlicht, das Euch unaufhaltsam in den Sündenpfuhl der Verderbniß lockt!“ Oswald wurde durch diese Rede, die sich, mit Ci¬ taten aus der heiligen Schrift reichlich untermischt, noch über eine halbe Stunde fortspann, auf eine eigen¬ thümliche, aber keineswegs angenehme Weise berührt. Der Gegensatz zwischen der stillen, demüthigen Unter¬ werfung unter die großen, ewigen Gesetze der Natur, die aus den Worten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernsten, bescheidenen Wesen gesprochen hatte, und der anmaßlichen Zuversicht, mit welcher der Mann auf der Kanzel über so tief verborgene Dinge sprach, und jedes gesunde Gefühl und jede natürliche Regung der Menschenbrust als eitel Lug und Trug und Sünde verdammte, war doch gar zu groß. Die schmucklose Weisheit der Matrone war frisch und duftig, wie ein Blümchen auf der Haide, die prunkende Klugheit des Predigers wie eine Pflanze, in der dumpfigen, schwülen Luft eines Zimmers üppig emporgeschossen in Stiel und Blätter, aber ohne Saft und Kraft und Blüthen. Oswald war froh, als endlich der gelehrte Herr, nach¬ dem er noch ein letztes kräftiges Anathema gegen alle Andersdenkende geschleudert und ihre Moralität gehörig verdächtigt hatte, bis zu dem Amen kam. „Es ist gewißlich nicht wahr!“ sagte der junge Mann bei sich, als er auf den Fußspitzen nach der kleinen Seitenthür schlich, durch die er eingetreten war. Und als draußen der blaue Himmel sich wieder über ihm wölbte, und der Duft der Linden ihn umwehte, da athmete er tief auf, wie Jemand, der aus der heißen, erstickenden Atmosphäre eines Krankenzimmers in die balsamische Luft eines Gartens kommt. „Ich werde die Bekanntschaft dieses Mannes nicht machen, wenn ich es vermeiden kann,“ monologisirte er weiter, während er den kleinen Hügel, auf dem die Kirche lag, hinunter, an mehren herrschaftlichen Wagen, die unterdessen vorgefahren waren, vorüber, in's Dorf hineinging; „was habe ich mit ihm zu schaffen! Seine Gedanken sind nicht meine Gedanken und seine Sprache ist nicht meine Sprache! wir würden uns in Ewigkeit nicht verstehen. Ich halte nichts von jener ver¬ waschenen Humanität, die mit Jedermann gut Freund ist, und Niemanden zurückweist, weil es doch vielleicht 7* ein fester Punkt ist, um den sich möglicherweise etwas krystallisiren könnte; nichts von jener Käferphilosophie, die jeden Fremden höflich umsummt, in der Hoffnung, die verborgene Blüthe zu finden, aus der sich eine Nahrung saugen ließe. Der kluge Kaufmann schifft der Küste vorüber, die zu arm zum Tauschhandel ist; und kommen doch die Worte: wer nicht für mich ist, der ist wider mich — aus dem erhabenen Munde, der die Liebe gepredigt hat.“ Oswald war, Dies und Aehnliches bei sich überden¬ kend, auf's Gerathewohl, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte, in dem ihm un¬ bekannten Dorfe, wo Häuser und Scheunen und Ställe, Mauern und Gärten, dem Fremden unentwirrbar, durcheinander lagen, umhergewandert, und wollte eben aus einem schmalen Gange an der Seite eines statt¬ lichen Hauses auf eine breitere Straße einbiegen, als ihm der Pfarrer, der aus der Kirche kam, gegenüber¬ stand. An ein Ausweichen war nicht zu denken, und Oswalds Versuch, höflich grüßend vorbeizukommen, mißlang gänzlich, denn der Pfarrer hatte ihn kaum er¬ blickt, als er ihm im eigentlichsten Sinne den Weg vertrat, und ihn, als ein geschworner Anhänger der Käferphilosophie, sofort also anredete: „Ach! ich habe gewiß die Ehre und das Vergnügen Herrn Doctor Stein vor mir zu sehen! Wie freund¬ lich von Ihnen, daß Sie mich zu besuchen kommen. Aufrichtig, ich habe Sie schon seit einigen Tagen bei mir erwartet. Als ich neulich in Grenwitz war, der gnädigen Baronin meine Aufwartung zu machen, erfuhr ich leider, daß Sie mit Ihren Zöglingen einen längeren Spaziergang unternommen hätten, sonst würde ich mir die Freude nicht versagt haben, Sie auf Ihrem Zim¬ mer aufzusuchen. Meine Frau wird sich glücklich schätzen, Sie unter unserem bescheidenen Dache zu begrüßen. Wollen Sie gefälligst näher treten? Bitte, bitte, keine Umstände!“ „Hier ist kein Entrinnen möglich,“ dachte Oswald, und der Höflichkeit, diesem Affen der Humanität, zu Liebe, ließ er sich unter dem bescheidenen Dache, das nebenbei ein ganz stattliches Haus bedeckte, eine Gast¬ freundschaft aufnöthigen, der auszuweichen er noch eine Minute vorher entschlossen gewesen war. „Gustava! Gustave! Gustchen!“ rief der Pfarrer auf der Hausflur; öffnete aber, da die Gerufene die sichere Position hinter dem mit einem Vorhang ver¬ sehenen Guckfensterchen der Küchenthür nicht aufgeben mochte, bevor sie über den Charakter des Fremden und den Zweck seines Besuches genauer unterrichtet sein würde, sein Studirzimmer, und bat Oswald einzutre¬ ten, bis er sich seiner Amtstracht entledigt und seine „Gustava“ von dem werthen Besuch benachrichtigt hätte. Das Studirzimmer des geistlichen Herrn war ein großes, zweifenstriges Gemach, in welchem einige Bücher¬ schränke, einige Heiligenbilder an der Wand, ein hartes, mit schwarzem, glänzendem Zeuge überzogenes Sopha, ein runder, mit Büchern bedeckter Tisch in der Mitte, ein Stehpult mit einem Drehsessel davor in einem der Fenster, und eine mit Tabaksduft reichlich geschwängerte Atmosphäre, das dem Eintretenden zuerst in die Sinne Fallende war. Die letztgenannte Eigenthümlichkeit war so ausgesprochen, daß Oswald einen Fensterflügel öffnen mußte, wobei er eine starke Anwandlung verspürte, über die niedrige Brüstung auf die sonnebeschienene Dorfgasse zu springen und das Weite zu suchen. Dieser Fluchtversuch wurde indessen durch die Zu¬ rückkunft des Pfarrers vereitelt. Der geistliche Herr präsentirte sich jetzt in einem Anzuge aus schwarzem, wie Fett glänzenden Sommerzeuge. Er bat Oswald einige Augenblicke in seiner „Klause“ verziehen zu wollen, da „Gustava“ noch „in den Küchenräumen schalte.“ Oswald, der alle Hoffnung zu entrinnen aufgegeben hatte, machte jetzt nicht einmal den Versuch, die Einladung des Pfarrers, zum Mittagessen dazu¬ bleiben, auszuschlagen. „Sie werden freilich nur paternum mensa tenui salinum finden, Urväter Hausrath auf dürftigem Tische,“ sagte der Pastor, der seinem Gaste zeigen wollte, daß er sein Latein noch nicht vergessen habe; „aber Sie wissen: vivitur parvo bene; auch mit Wenigem lebt sich's gut. Darf ich Ihnen, bis die Mahlzeit angerichtet ist, eine Cigarre offeriren?“ Oswald dankte, da er kein Raucher sei. „O, eine vortreffliche Eigenschaft das! eine klassische Eigenschaft,“ sagte der Pastor, seinen eigenen Witz be¬ lächelnd; „die Alten rauchten nicht, und Goethe, den ein frivoler, aber witziger Schriftsteller „den großen Heiden“ nennt, war ein abgesagter Feind der Pfeife und Cigarre. Sie erlauben, daß ich meiner Gewohn¬ heit, nach der Predigt ein leichtes Cigarrchen zu rauchen, getreu bleibe?“ „Bitte dringend, Herr Pastor!“ „Finden Sie nicht — paff, paff! — daß das Rauchen — paff, paff! — so recht eigentlich ein ger¬ manisches, ja, um mich so auszudrücken, ein christlich- germanisches Element ist?“ sagte der Pfarrer, der heute auf alle Fälle geistreich sein wollte. „Sie würden durch diese Bemerkung den Spöttern der Religion eine Waffe in die Hände geben,“ ant¬ wortete Oswald trocken. „Wie das, Werthgeschätztester?“ „Besagte Spötter könnten behaupten, daß, sich selbst und Anderen einen romantischen blauen Dunst vorzumachen, allerdings ein wesentlicher Zug germani¬ scher, besonders christlich-germanischer Natur sei.“ Der Pfarrer sah Oswald mit einem schnellen, lauernden Blick halb über die Brillengläser hinweg an, als hätte er gern auf einmal herausgebracht, wie weit er seinem Gaste trauen dürfe. Da er es aber für einen Mann von klassischer Bildung unschicklich fand, auf einen Scherz, auch wenn derselbe an's Frivole streifte, nicht einzugehen, so antwortete er mit sauer¬ süßem Lächeln: „Nicht übel, nicht übel! Aber was wäre vor den Spöttern sicher? Freilich, wir könnten antworten: ex fumo lucem! ex fumo lucem! Licht aus dem Rauche! — Aber setzen wir uns, lieber Freund, setzen wir uns! Wie befindet sich denn der gute, liebe Baron und die gnädige Baronin? Ach! Sie können sich glücklich schätzen, lieber Freund, in solchem Hause leben zu dürfen unter so vortrefflichen Menschen, die mit dem Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden — vor Allem die gnädige Baroneß, eine fromme und sehr gebildete Dame, die Alles ex fundamento kennen lernen will. Sie liest jetzt Schleier¬ machers Reden über die Religion —“ „Sollte sie wohl im Stande sein, die zu verstehen?“ bemerkte Oswald. Der Pfarrer sah Oswald wieder mit jenem eigen¬ thümlichen Blick über die Brillengläser an, als müsse er sich den Mann genauer betrachten, der den Muth hatte, eine Ansicht, welcher er im Stillen vollkommen beipflichtete, so ungenirt laut werden zu lassen. Er benügte sich indessen damit, die Mundwinkel herunter und die Schultern und Augenbrauen in die Höhe zu ziehen, eine Gebehrdensprache, die sich sein Besuch nach Belieben in: „Alles Schwindel, lieber Freund!“ oder: „die Fähigkeiten dieser Frau sind incommensurabel“ übersetzen konnte. „Freilich,“ fuhr er fort, „Grünwald werden Sie vermissen; zumal den Umgang eines Mannes von einer so umfassenden Gelehrsamkeit, wie der Professor Berger. Aber geht es mir denn anders? Auch ich kann sagen: Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli . Ich gelte hier für einen Sonderling, weil Niemand mich versteht. Unsre Gutsbesitzer sind ohne Zweifel treffliche, würdige, gottesfürchtige und treu-königlich ge¬ sinnte Männer; aber, im Vertrauen, die Bildung, ich meine natürlich nur die gelehrte, ist arg vernachlässigt. Ja, wenn die Herren sich in ihrer Jugend des un¬ schätzbaren Glückes einer wahrhaft rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt hätten, wie Junker Malte —“ „Sehr gütig, Herr Pastor, obgleich von diesem Compliment nur ein verzweifelt kleiner Theil auf meine Rechnung kommen dürfte. Ich wünsche nur, bei Malte käme die ratio nächstens mehr zum Durchbruch, denn bis jetzt ist er wahrlich eine höchst irrationale kleine Größe.“ „Sie sollten Ursache haben, mit dem jungen Baron unzufrieden zu sein?“ sagte der Pastor im Tone Je¬ mandes, der etwas ganz Unerhörtes, Unglaubliches vernommen hat. „Ach, verstehe, verstehe! Freilich der junge Bruno ist vielleicht in mancher Hinsicht die begabtere Natur, obgleich er, wie ich in dem Confir¬ mationsunterricht, welchen ich den Junkern zu ertheilen die Ehre hatte, wohl bemerkte, für die Wahrheiten der christlichen Religion nicht eben sehr zugänglich ist; in¬ dessen non omnes possunt omnia — omnia ,“ wie¬ derholte der Pfarrer, der nicht wußte, wie er fort¬ fahren sollte. „Ja, was ich sagen wollte, dafür ist aber auch Malte wieder der Erbe eines so großen Vermögens!“ „Um so mehr scheint es mir wünschenswerth, daß er dereinst ein ganzer Mann wird. Ist denn übrigens das Grenwitz’sche Vermögen wirklich so bedeutend?“ „Ei, mein lieber Freund,“ rief der Pastor im Tone sanften Vorwurfs, daß Oswald eine so beklagenswerthe Unwissenheit in Betreff so hochwichtiger Dinge an den Tag legen konnte; ob es bedeutend ist! Da sind in dieser Nachbarschaft allein fünf, nein — mit Stantow und Bärwalde, die allerdings nicht zum Majorat ge¬ hören, sind es sieben Güter. Und in den andern Theilen der Insel — lassen Sie mich sehen — liegen noch ein, zwei, drei Güter. Das ist ein Kapital von min¬ destens anderthalb Millionen. Anderthalb Millionen!“ wiederholte er, als könne sich sein Geist von einer so erhabenen Vorstellung nicht gleich wieder losmachen. „Und das Vermögen ist ein Majorat?“ „Ei gewiß! Mit Ausnahme, wie gesagt, von zwei der schönsten Güter, welche dem verstorbenen Baron, dem Vetter des jetzigen, durch Erbschaft von der Mutter Seite zufielen, und in dem Testamente auf eine gar besondere Weise verclausulirt sind. Denken Sie sich nur, lieber Freund, daß der verstorbene Baron, der, ganz unter uns gesagt, eine überaus wüste, unbändige Natur war, diese Güter dem Sohne einer seiner Mai¬ tressen vermacht hat.“ „Aber Sie rechneten doch vorhin die beiden Güter mit zu dem Vermögen der Familie,“ sagte Oswald. „Nun, unter uns kann man es immerhin,“ sagte der Pfarrer, Oswald näher rückend, in leiserem Ton. „Denn kein Mensch weiß, wo dieser Knabe lebt, ja ob er überhaupt lebt, ja nicht einmal, ob es wirklich ein Knabe oder ein Mädchen ist.“ „Das ist ja eine curiose Geschichte,“ sagte Oswald lachend. „Eine äußerst curiose Geschichte,“ sagte der geist¬ liche Herr; „eine lächerliche Geschichte, wenn Sie wollen. Denken Sie nur: der Baron Harald — sie haben alle sonderbare Namen in der Familie — jener un¬ bändige Mann, der zur Zeit der heiligen Behme hätte leben müssen, entbrennt in heißer Liebe zu einem armen Bürgermädchen — ein Fall, der in seinem Leben frei¬ lich oft vorgekommen sein mag, aber niemals solche üblen Folgen hatte. Er entführt sie, halb mit Gewalt, hierher auf sein Schloß. Nach einem halben Jahre entflieht sie bei Nacht und Nebel. Ob sie ihre Schande auf dem Grunde eines unserer tiefen Moore verborgen hat, ob sie wirklich nur entflohen ist, Niemand weiß es. Der Baron ist außer sich, rasend. Er durchsucht vergebens die ganze Insel. Um seinen Gram und seine Gewissensbisse zu betäuben, trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie gewöhnlich, so daß er denn ein Paar Wochen später im Delirium stirbt. Als man das Testament eröffnet, findet man nun, daß er in einer Anwandlung von Reue, oder aus Caprice, wie Sie wollen, dem Kinde jener seiner Geliebten, gleich¬ viel ob Knabe oder Mädchen, falls es nur bis zu dem und dem bestimmten Datum geboren ist, die beiden herrlichen Güter, der Dirne selbst aber den Nießbrauch des Vermögens auf Lebenszeit vermacht hatte. Wie finden Sie das?“ „Jedenfalls eignet sich die Geschichte mehr zu einer Tragödie, als zu einer Komödie,“ sagte Oswald. „Und hat man nie eine Spur von Mutter und Kind entdeckt?“ „Nie! obgleich testamentarisch — es ist wahrhaftig ein wahrer Scandal, und ich bedaure die gnädige Ba¬ ronin von ganzem Herzen — alljährlich die Verschollene dreimal in sämmtlichen Blättern der Provinz aufge¬ fordert wird, ihre Ansprüche geltend zu machen.“ „Wie lange spielt diese Geschichte nun?“ „So ein zwanzig Jahre und darüber.“ „Da ist doch wohl kaum denkbar, daß die Arme noch am Leben ist.“ „Es denkt auch Niemand mehr daran,“ lachte der Pastor, „Grenwitzen's würden auch nicht wenig ver¬ wundert sein, wenn plötzlich so ein junger Landstreicher sich als ergebenster Neffe vorstellte und die beiden Güter und die Zinsen seit zwanzig Jahren für sich beanspruchte, um so mehr, als die gnädige Baronin, die von Hause aus — ganz unter uns gesagt — keinen rothen Pfennig Vermögen hat, nach dem Tode des Barons, da die Grenwitz’schen Besitzungen, Gott sei Dank, Majorat sind, sammt ihrer Tochter so arm sein würde, als sie vor ihrer Vermählung war.“ „Sie sind ein großer Freund der Majorate?“ „Ei gewiß! Ich halte es für ein Glück, daß so bedeutende Vermögen nicht durch Erbtheilung zersplit¬ tert werden können, und so eine Aristokratie reicher Grundbesitzer möglich wird, die gleichsam ein Ballast sein kann für das Staatsschiff in Zeiten der Gefahr, die Gott noch lange abwenden möge von unserm theuern Vaterlande.“ „Nun,“ sagte Oswald, „das Ding hat, wie alle andern, seine zwei Seiten.“ „Wer wollte sich das verhehlen,“ sagte der ge¬ schmeidige Pastor. „Aber ich für mein Theil habe zu lange die Ehre und das Glück gehabt, mit reichen, und in der schönsten Bedeutung des Wortes adligen Fa¬ milien zu verkehren, als daß ich nicht gewissermaßen ein Anhänger der Aristokratie sein sollte; und über¬ dies habe ich neuerdings nur zu trübe Erfahrungen darüber gemacht, wie sehr der Besitz in den Händen des Plebejers, um mich dieses historischen Ausdruckes zu bedienen, Eitelkeit, Hoffahrt und weltlichen Sinn hervorruft oder begünstigt.“ „Es thut mir leid, von meinen Freunden so etwas hören zu müssen,“ sagte Oswald. „Von Ihren Freunden?“ fragte der Pastor ver¬ wundert. „Von meinen Freunden, allerdings. Denn ich fand mich stets, ohne es zu wollen und manchmal ohne es zu wissen, wo immer in der Geschichte der große Ge¬ gensatz zwischen Aristokraten und Plebejern hervortrat, auf Seite der letzteren. Ich war ein geschworner An¬ hänger der Grachen und anderer römischer Demagogen; ich schlug mich mit den Independenten gegen die Ca¬ valiere, und ich gestehe, daß ich selbst in den Bauer¬ kriegen viel mehr Sympathie gehabt habe für die armen, unterdrückten, gehudelten, geknechteten und in Folge dieser brutalen Behandlung meinetwegen auch brutalen Bauern, als für die hochmögenden, reichsfreiherrlichen und trotz oder vielmehr wegen all' der Freiheit und Herrlichkeit oft nicht minder brutalen Grafen und Barone.“ Der Pfarrer hörte diese Tirade mit jenem ungläu¬ bigen Lächeln an, mit dem man dem Bramarbasiren junger Gelbschnäbel zuhört, die sich gern den Anstrich von vollendeten Wüstlingen geben möchten. „Sehr gut, sehr gut!“ sagte er. „Ja, ja, wir geistreichen Leute gefallen uns in Paradoxen. Das klebt uns noch von den ästhetischen Thee's der Resi¬ denz an, und da wollen wir hübsch in der Uebung bleiben, wenn uns zur Zeit auch nur ein armer Land¬ pfarrer hört.“ „Ich versichere Sie, Herr Pastor“ — „Weiß schon, weiß schon! Aber leben Sie erst einmal, wie ich, fünf Jahre lang unter Bauern! Glau¬ ben Sie, daß ich in der ganzen Zeit die Leute habe bewegen können, eine Glocke für unser Gotteshaus zu kaufen, die anzuschaffen sie noch dazu verpflichtet sind? Aber, wenn es darauf ankommt, einen Schmaus her¬ zurichten und andere weltliche Zwecke in's Werk zu setzen, fehlt es nie an Geld.“ „Nun,“ sagte Oswald, „der Adel hiesiger Gegend ist auch nicht eben wegen seiner Nüchternheit und Ehr¬ barkeit berühmt.“ „Der Adel, lieber Freund! das ist etwas ganz Anderes. Seine Devise ist und muß sein: leben und leben lassen. Aber, Sie wissen, Eines schickt sich nicht für Alle.“ „Und Manches schickt sich für Keinen,“ fügte Os¬ wald hinzu. „Ach, hier kommt meine Gustava,“ rief der Pfarrer, froh, ein Gespräch abbrechen zu können, das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel. Die Frau Pastorin, welche so eben in das Zimmer trat, war eine Dame in dem Anfang der vierziger Jahre, mit semmelblonden Haaren, sehr hellblauen Augen und einem Gesicht, das in diesem Augenblick von dem Küchenfeuer und der Eile, mit welcher sie ihre Toilette gemacht hatte, noch von etwas lebhafter Farbe war, sonst aber kränklich, bleich, verwelkt und altjüngferlich aussah. Sie trug ein Kleid von gelber ungefärbter Seide, an dessen Gürtel eine goldene Uhr hing, und eine Haube mit gelben Bändern, so daß sie Alles in Allem auf Oswald den Eindruck eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz gesunden Kanarien¬ vogels machte, dessen Besitzer nach Norden wohnt. Auch sie konnte kaum Worte (an denen es ihr übri¬ gens nicht gebrach) finden, welche ihre Freude aus¬ drückten, den Freund eines so hochmögenden Hauses unter ihrem niedrigen Dache (diese Phrase schien bei beiden Gatten stereotyp) zu erblicken, um so mehr, als es ihrem armen Jäger (das war der Name des Pastors) ganz und gar an einem wissenschaftlichen und gebildeten Umgange gebrach, ein Mangel, dem durch Oswalds Ankunft in hiesiger Gegend auf die erfreu¬ lichste Weise (davon sei sie überzeugt) abgeholfen wäre. F. Spielhagen, Problematische Naturen. 1. 8 „Mein armer Jäger wird mir hier noch zum Hy¬ pochonder werden,“ rief sie, ihre wasserblauen Augen zärtlich auf den Gegenstand ihrer Besorgniß richtend; „ich thue, was in meinen schwachen Kräften steht, daß er die Gesellschaft geistreicher und gelehrter Männer so wenig wie möglich vermißt, aber was kann eine arme, unwissende Frau denn in dieser Hinsicht Großes thun!“ „Sie werden mich zwingen, Ihnen zu widersprechen,“ sagte Oswald, bei welchem der Humor über den Un¬ muth, mit dem ihn bisher die Heuchelei und Glei߬ nerei der würdigen Gatten erfüllt hatte, endlich den Sieg davon trug. „Ich möchte behaupten, daß Un¬ wissenheit und Frau Pastor Jäger niemals Freundinnen gewesen sind, und jetzt schon seit Jahren auch nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft zwischen ihnen existirt.“ „Sie sind zu gütig, wahrlich zu gütig,“ sagte die hocherfreute Pastorin. „Ich will nicht leugnen, daß ich mich von jeher bemühte, den Vorwurf der Unfähig¬ keit für die Sphären höherer Bildung, welchen man uns armen Frauen —“ „Es ist angerichtet!“ rief das Dienstmädchen zur Thür herein. „Sehen Sie, so macht das irdische Leben immer seine Rechte geltend, so oft wir versuchen, einen küh¬ neren Flug zu nehmen,“ rief die Bewohnerin der Sphären höherer Bildung, während ihr Oswald ga¬ lant den Arm bot und der Pastor das Ende seiner Cigarre so legte, daß er es nach Tische wiederfinden konnte. 8 * Zehntes Kapitel. Die Unterhaltung an der Mittagstafel, die in einem kühlen, schattigen Zimmer, das auf einen etwas kahlen und sehr sonnigen Garten sah, angerichtet war, wurde bald sehr lebhaft. Oswalds längerer Aufenthalt in Grünwald erwies sich als ein unerschöpfliches Thema. Die Pastorin war selbst eine Grünwalderin, eine der vielen Töchter des dort vor einigen Jahren verstor¬ benen Superintendenten Gabriel Dunkelmann, der ge¬ rade noch lange genug lebte, seinem Schwiegersohn die einträgliche Pfarre von Faschwitz zu verschaffen und dann das Zeitliche segnete. Oswald machte im Stillen die Bemerkung, daß die Frau Doctor — denn der Pastor hatte sich diese akademische Würde durch eine grundgelehrte Dissertation über die möglicherweise vor¬ handen gewesenen Schriften eines bis auf den Namen verschollenen Kirchenvaters erworben — schon damals durch Jugendreiz sich nicht eben ausgezeichnet haben könne, und wunderte sich auch nun nicht länger darüber daß der Tisch so klein und das Haus so still war. Die Frau Doctor kannte den Professor Berger, sie kannte mehre Familien, in denen Oswald eingeführt war. Das gab denn überreichen Stoff zu dem landes¬ üblichen Familienklatsch, bei welchem einige Damen, die ihrer Zeit der verblühten Superintendententochter zu nahe getreten sein mochten, erfahren konnten, welche zweischneidige Waffe die Zunge einer Landpastorin unter Umständen ist. Unterdessen war der Nachtisch aufgetragen, und der Pastor hatte, nicht ohne einige Feierlichkeit eine zweite Flasche entkorkt, die Pastorin aber den Tisch verlassen, um anzuordnen, daß der Kaffee heute in der Garten¬ laube servirt werde. Der Pastor hatte sich eine Ci¬ garre angezündet, einen Knopf an seiner schwarzen Weste aufgemacht, augenscheinlich nur in der Absicht, sich in der Illusion, ein sybaritisches Mahl eingenom¬ men zu haben, zu bestärken — denn die Weste saß schon schlotterig genug auf seinem hagern Leibe. Er forderte Oswald auf, mit ihm „auf das Wohl der hoch¬ mögenden Familie, in welcher er sich zu befinden das Glück habe,“ anzustoßen, eine Höflichkeit, die Oswald mit einem Toast auf die „liebenswürdige, ebenso ge¬ lehrte wie bescheidene Wirthin“ erwiderte. „Danke, danke, lieber junger Freund,“ sagte der geschmeichelte Pastor, Oswalds Hand zu wiederholten Malen drückend. „Ja, Sie haben Recht, eine gelehrte, bescheidene Frau! Haben Sie ihr angemerkt, daß sie mit mehr als einer literarischen Größe im lebhaftesten Briefwechsel steht, ja unter dem Pseudonym „Primula“ eine der eifrigsten Mitarbeiterinnen der *** Zeitung ist?“ „Unmöglich!“ rief Oswald. „Ich versichere Sie, lieber Freund; und Sie kön¬ nen nicht glauben, welche Freude es mir gewährt, wenn ich wieder und immer wieder im Briefkasten lese: Faschwitz und P. B., Primula Beris, Gustava's Chiffre: Tausend Dank für Ihre liebenswürdige Sen¬ dung, oder: Sie haben uns durch Ihr reizendes Ge¬ dicht hoch erfreut, es wird schon in der nächsten Num¬ mer zum Abdruck kommen ꝛc.“ „Ich kann es mir denken,“ sagte Oswald zerstreut. „Aber wollen wir nicht der liebenswürdigen Dichterin in den Garten folgen?“ „Festina lente!“ rief der Pfarrer, dem der Wein schon zu Kopfe stieg. „Wir kommen so jung nicht wieder zusammen. Ein gutes Glas Wein ist ein ge¬ selliges Ding, und Gustava ist zu liberal gesinnt, uns die Freuden des Mahles zu verkürzen. Aller guten Dinge sind drei, lassen Sie uns noch eine Flasche“ — „Aber Jäger, der Kaffee wird ja kalt!“ tönte die scharfe Stimme der Primula Beris aus dem Garten durch das offene Fenster. „Wir kommen, wir kommen, Gustchen!“ rief der gehorsame Gatte. „Gesegnete Mahlzeit, mein lieber junger Freund! (bei diesen Worten umarmte er Os¬ wald) ; mein theurer Freund! (abermalige Umarmung)—“ „Aber wir vergessen, daß der Kaffee auf uns war¬ tet,“ rief Oswald, mit Mühe einer dritten Umarmung entgehend, und den Weg nach dem Garten einschlagend, während der Pastor, ehe er seinem Gaste folgte, noch schnell den letzten Rest aus der Flasche in sein Glas schenkte, und dasselbe eiligst (diesmal wahrscheinlich auf sein eigenes Wohl) austrank. Der Garten gewährte um diese Tageszeit gerade nicht den angenehmsten Aufenthalt. Denn die Anlagen waren noch sehr jung; die Bäumchen meistens erst in Mannshöhe, und in Folge dessen das Ganze eine schattenlose, prosaische, nüchterne Stätte, die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte, auch insofern, als hier wie dort das Nützlichkeitsprincip das oberste zu sein schien. Die Gemüsebeete waren sorg¬ sam gepflegt, Blumen aber sah man wenig, nur einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flüchtig an die Erscheinung der Primula Beris und durch ihre Eigenschaft, sich der Sonne zuzuwenden, aus welchem Theile des Himmels sie auch strahlen mochte, an die Lebensphilosophie ihres ausgezeichneten Gatten. In der Laube, die glücklicherweise, von Jasmin dicht bedeckt, gegen die Sonne, welche jetzt heiß genug brannte, einen erträglichen Schutz gewährte, fanden sie die Frau Pastorin. Sie hatte neben sich auf der Bank ein Arbeitskörbchen stehen, in welchem zwischen bunten Läppchen, Seide u. s. w. ein zierliches Büchelchen lag, dessen Vorhandensein Oswald einigermaßen beunruhigte. „Weh' dir, dachte er, wenn dieses Buch eine Samm¬ lung von Primula's in der *** Zeitung und sonst er¬ schienenen Gedichten ist!“ Er suchte den Pastor bei dem Capitel über die Gemüsebeete festzuhalten; er mußte sich mit eigenen Augen überzeugen, wie die vom Pastor selbst erfundene Verbesserung an den Bienenkörben denn eigentlich be¬ schaffen sei; er sprach endlich von der Nothwendigkeit, sich baldigst verabschieden zu müssen — kurz, er that, was ein Mann in seiner kritischen Lage thun kann — vergebens! „Wir sollen Sie fortlassen, bei der Hitze!“ rief Primula und ließ ihre Hand (von Oswald nicht un¬ bemerkt) auf das Arbeitskörbchen gleiten. „Wir sitzen hier zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weißen Pappel, aber doch im Schatten; und den wollten Sie vertauschen mit der Hitze und dem Staub der Landstraße? Unmöglich! noch eine Tasse, werther Gast! Es ist kein Falerner, wie ihn der glückliche Römer in der eben citirten Ode trinkt, aber doch ein Getränk, das einigen Anspruch auf Classicität machen darf, seitdem unser lieber Boß in seiner „Louise“ es so verherrlicht hat. Sagen Sie, lieber Gastfreund, hat Ihnen nicht der Aufenthalt unter unserm niedrigen Dache manche Reminiscenzen an die liebliche Idylle erweckt? Haben Sie nicht empfunden, daß in diesen, von dem Treiben der Menschen weit entfernten Stät¬ ten die sanfte Stimme der Poesie, die auf dem lauten Markte des Lebens ungehört verhallt, deutlich zu uns spricht?“ „Jetzt geschieht das Entsetzliche!“ dachte Oswald. „Ich bewundere,“ sagte er, „wie Sie so sinnig Altes und Neues, Wirklichkeit und Poesie zu einem duftigen Kranze zu flechten verstehen. Mir selbst ist leider in jüngster Zeit die Prosa des Alltagslebens nah und näher getreten; ja, aufrichtig gestanden, ich habe mich, was ich früher für unmöglich hielt, mehr und mehr mit ihr ausgesöhnt, obgleich ich sehr wohl weiß, daß ich dabei die Empfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst vollständig eingebüßt habe.“ „O, glauben Sie doch das nicht!“ rief Primula. „Der Quell der Poesie in uns kann wohl zu Zeiten weniger voll strömen, aber gänzlich versiegt er nie. Sie klagen sich der Unempfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst an. Das sollte mich eigentlich von meinem Vorhaben (hier legte sie die Hand offen an das Büchelchen in schwarzem Einband mit Goldschnitt) abbringen, Ihnen eine kleine Probe der Gedichte mit¬ zutheilen, die ich, wie Ihnen wohl nicht bekannt sein wird, unter dem Pseudonym „Primula“ in der*** Zeitung veröffentlicht habe. Aber mein Glaube an die Macht der Poesie, vor Allem der latenten Poesie in Ihrem Herzen, ist zu groß, als daß mich Ihre Sebstverleum¬ dung vom Gegentheil überzeugen könnte. Darf ich einen Versuch wagen, die Nichtigkeit meiner Ansicht auf die Probe zu stellen?“ „Wodurch habe ich so viel Güte verdient?“ mur¬ melte Oswald, sich voll Resignation in die Ecke seiner Bank zurücklehnend und die Augen bis zu dem Winkel schließend, der glücklicherweise den Augen halb schlum¬ mernder und verzückter Zuhörer gemeinsam ist. „Ich habe mein Büchelchen „Kornblumen“ betitelt,“ sagte Primula, hold beschämt in dem Buche blätternd, „weil die meisten dieser Poesien auf meinen Spazier¬ gängen durch die Kornfelder, auf alle Fälle in einer ländlichen Umgebung erblüht sind.“ „Wie sinnig,“ hauchte Oswald. „Nach den Regeln der besten Aesthetiker, und nach dem Beispiele der Griechen, welche die Tragödie der Komödie voranschickten, oder richtiger die Komödie auf die Tragödie folgen ließen, werde ich mir erlauben, Ihnen erst ein ernstes —“ „Gewiß, gewiß, das wird den Reiz der einzelnen Gedichte erhöhen,“ sagte Oswald, dem vor dieser end¬ losen Perspective schauderte. „Willst Du nicht, liebe Gustava —“ sagte der Pastor. „Laß mich meine eigene Wahl treffen, Jäger,“ sagte die Dichterin in einem sanften, aber entschiedenen Tone, und dann sich räuspernd: „ Auf einen todten Maulwurf —“ „Auf was?“ rief Oswald, erschrocken in die Höhe fahrend. „Nun sehen Sie, werther Freund,“ sagte Primula, „wie schon die Ueberschrift allein Sie elektrisirt!“ „Freilich, freilich!“ murmelte Oswald, in seine Ecke zurücksinkend. „ Auf einen todten Maulwurf ,“ wiederholte die Dichterin, „ den ich am Wege fand :“ Wie liegst Du jetzt so ruhig da Mit Deinem glatten Fell! Dein Schicksal, ach, es geht mir nah, Du schwärzlicher Gesell! Sie schmähten Dich, sie höhnten Dich, Sie sagten: Du bist blind! Das waren solche sicherlich, Die selber Blinde sind. Am Tage zeigtest Du Dich nicht, Gleich eitler Thoren Schaar, Doch war's in Deiner Zelle licht, In Deinem Busen klar. Und zu der Sterne hohem Lauf Am nächt'gen Himmelsdom, Sahst Du von Deinem Hügel auf, Du kleiner Astronom! Wie lebtest still und harmlos Du, Ein dunkler Ehrenmann! Bei Tag nicht Rast, bei Nacht nicht Ruh, Wer sieht Dir das nun an? Nun liegst Du, ach, so ruhig da Mit Deinem glatten Fell. Dein Schicksal, o! es geht mir nah, Du schwärzlicher Gesell! „Das ist schön,“ sagte Oswald. „Das ist die echte Lyrik, wie wir sie heute leider nur zu selten finden. Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter, die mit An¬ klängen an Heine beginnen, in der Mitte einige Le¬ nau'sche Accorde anschlagen und mit einer Freiligrath'¬ schen Fanfare schließen. Welch' ein wahres, inniges Gefühl erwärmt diese Verse; und dabei diese kernige Kraft der Sprache: Ein dunkler Ehrenmann! das ist einfach, aber schön; das haben Sie Ihrem Göthe ab¬ gelauscht.“ „Sie sind wahrlich zu gütig, lieber Gastfreund!“ sagte Primula hocherfreut. „In der That, Sie be¬ schämen mich durch Ihr freigebiges Lob. Aber, seien Sie ehrlich, finden Sie nicht, daß, wenigstens für den modernen Geschmack, das Ganze doch ein wenig zu ideal gehalten ist?“ „Vielleicht für unsere Realisten, die allerdings in ihren Anforderungen etwas weit gehen, und in ihrem Bestreben, Alles recht natürlich zu machen, im Faust nächstens den Pudel auf die Bühne bringen und durch Kneifen in den Schwanz zum Bellen und Heulen ver¬ anlassen werden. Aber ich bin überzeugt, daß, wenn Sie nur wollen, Sie auch diesen Herren gerecht werden können.“ „Was halten Sie von diesem Gedichte?“ fragte die Dichterin: „ An meinen Haushahn .“ Os¬ wald lehnte sich wieder in seine Ecke. Gleich Richard von der Normandie, Fürcht' sich mein Held im Leben nie, Wem bangte nicht, sobald er schrie: Kikriki! „Das ist naiv!“ sagte Oswald. „Nicht wahr?“ sagte Primula. Am späten Abend schwärmt er nie, Doch munter ist er Morgens früh, Drum haßt ihn auch das faule Vieh. Kikriki! Für's Liebchen scheut er keine Müh', Bald kratzt er dort, bald kratz er hie, Und fand er was, so ruft er sie: Kikriki! Und ist mein Held auch kein Genie, Und sein Gesang nicht Poesie, So stimmt mich doch, ich weiß nicht wie, Sein kikriki! „Nun was sagen Sie, lieber Freund?“ „Was soll ich sagen,“ erwiderte Oswald, „als daß Sie Ihre Absicht vollkommen erreicht haben. Der Hörer glaubt sich auf den Hühnerhof versetzt. Die Töne, die Sie hier anschlagen, sind wahre Naturtöne, aus dem Herzen der Dinge heraus. Das Gedicht ist ein kleines Meisterstück im modern realistischen Ge¬ schmack. Aber jetzt, verehrte Frau, eine Bitte: Wie sehr es den Werth der Gedichte auch erhöht, sie aus dem wohllautenden Munde der Dichterin zu hören — ich möchte mir den Eindruck dieses letzten Gedichtes nicht gern verwischen lassen. Was auch noch kommen mag, dies war die Grenze des Erreichbaren.“ „Nur dieses Eine müssen Sie mir noch erlauben. Es bildet mit den beiden andern gleichsam eine Tri¬ logie, ein Summarium dessen, was ich den Thieren abgelauscht. Darf ich beginnen?“ „Bitte!“ „ An einen Maikäfer , der auf dem Rücken lag .“ O Du Bacchant der lust’gen Maiennacht! Hast Du geschwelget in den Blüthendüften, Hast Du gebadet in den weichen Lüften, Vom Abend bis der neue Tag erwacht? Und hast des Lebens Kürze nicht bedacht? Nicht: wie so bald in dunklen Grabesgrüften Ruhn zarte Knöchel, ach! und üpp'ge Hüften, Und Lippen, die nur eben keck gelacht? Jetzt liegst Du matt auf Deinem Flügelschild. Ich lese stumm in Deinen ernsten Zügen, Und dunkle Runen seh’ ich dort geschrieben. Ach! nur ein Taumel war Dein bestes Lieben! Drum, die Du liebtest, mußten Dich betrügen, Des Maies Käfer, falscher Liebe Bild. Die schöne Vorleserin war zu Ende. Da tönte in das entzückte Schweigen, in welches Oswald versunken schien, und Primula jedenfalls versunken war, das Rollen eines Wagens, der denn auch alsbald vor dem Hause still hielt. „Frau Pastorin, Frau Pastorin!“ schrie das Dienst¬ mädchen mit ängstlichen Tönen in den Garten hinein. Oswald athmete auf. Hier kam Besuch, und mit dem Vorlesen war es auf alle Fälle vorbei. Vielleicht konnte er auch seinem Besuch bei dieser Gelegenheit ein Ende machen. „Es sind Plüggens, liebe Gustava,“ sagte der Pastor, der durch die Gartenhecke den Wagen recognoscirt hatte. „Die gnädige Frau und zwei Fräulein Töchter. Willst Du nicht eilen —“ „Entschuldigen Sie mich, werther Gastfreund,“ sagte die Dichterin, eiligst das Buch schließend; „aber Sie wissen: so oft wir versuchen, einen kühneren Flug zu nehmen —“ „Frau Pastorin, Frau Pastorin!“ schrie es immer ängstlicher von der Gartenthür her. „Ich komme!“ rief die verstörte Primula, und eilte den sonnebeschienenen Gartenweg entlang dem Hause zu. „Wollen wir nicht ebenfalls —“ sagte der Pastor. „Entschuldigen Sie mich, wenn ich bitte, mich jetzt entfernen zu dürfen,“ unterbrach ihn Oswald. „Aber weshalb, lieber Freund? Frau von Plüggen ist eine höchst vortreffliche Dame und die Töchter, wenn auch nicht schön — Und wären sie schön wie die Engelein, ich müßte auf das Vergnügen verzichten, sie jetzt zu sehen. Adieu, adieu! Entschuldigen Sie mich bei Ihrer Frau Ge¬ mahlin! Nicht wahr, die Pforte dort ist nicht ver¬ schlossen? Au revoir !“ Und damit eilte Oswald von dem Pfarrer, der viel zu gut von sich und seiner Primula dachte, als daß er den eiligen Rückzug des „Gastfreundes“ nicht einzig aus dessen Scheu, mit der unbekannten hoch¬ adligen Familie zusammenzutreffen, hätte erklären sollen, fort aus dem Garten durch die Pforte auf die Dorf¬ straße, von der Dorfstraße hinaus auf die Felder; und gönnte sich nicht eher Rast, als bis die Bäume des Waldes, hinter welchem, wie er wußte, das Gut Melitta's lag, über seinem Haupte sich wölbten. F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 9 Elftes Kapitel. Der Waldweg, auf dem Oswald jetzt leicht und fröhlich dahinschritt, schien wenig betreten und noch weniger befahren. Im Winter mochte es ein ver zweifelter Weg sein, desto schöner und poetischer war er nun im Sommer. Hier und da wucherten Gras und Lattig von einem der schlecht gehaltenen Gräben bis zum andern quer drüber hin; an manchen Stellen überwölbten ihn die hohen Buchen und Eichen mit ihren breiten Kronen. Je tiefer Oswald in die grüne Wildniß drang, desto heimlicher und stiller wurde es um ihn her — so heimlich und still, daß er in dem Liede, welches er vorhin lustig angestimmt hatte, plötz¬ lich abbrach, als fürchtete er, den Wald im Schlaf zu stören. Denn in dieser heißen Nachmittagsstunde schläft der Wald. Das grüne Blättermeer rauscht nicht in schwellenden Wogen; still und unbeweglich trinkt es die Gluth der Sonne. Kaum daß es hier oder dort leise, ganz leise in einem der Bäume raschelt. Das erweckt dann wohl einen oder den andern der schlafenden Nach¬ barn, aber sie raunen nur dem Störenfried zu, daß jetzt keine Zeit zum Plaudern sei, und träumen weiter. Die Vögel harren, im dichtesten Laube versteckt, der Abendkühle. Das Weibchen schlummert auf dem Nest über den halbflüggen Jungen; das Männchen sitzt auf dem Zweige daneben, hat das Köpfchen unter den Flügel gesteckt und schlummert, müde von dem frühen Aufstehen, dem jubelnden Gesang den lieben langen Morgen hindurch und der eifrigen Jagd auf Mücken und Würmchen. Die wissen, daß es jetzt gute Zeit für sie ist, und tanzen lustig in den rothen Sonnen¬ strahlen, die heimlich durch die Zweige schlüpfen, und kriechen und krabbeln und hasten sich durch das warme, weiche Moos. Tiefe Ruhe! da tönt ein sonderbarer heiserer Schrei in kurzen, wie in Aerger schnell hinter¬ einander ausgestoßenen Tönen. Das ist der Falk, des Waldes Förster. Er ist ein schlimmer Gesell, den sein böses Gewissen nicht schlafen läßt, und deshalb klingt auch sein Ruf so grell und schrill, wie er jetzt stolz und einsam hoch droben in der blauen Luft über dem 9* stillen Blättermeer, seinem Revier, die wunderlichen, mystischen Kreise zieht. Ein blondköpfiger Junge, der am Rande des Wal¬ des ein paar Gänse hütete, hatte Oswald gesagt, daß der Weg nach Berkow durch das Holz kaum eine halbe Stunde und nicht zu verfehlen sei. Daß er dabei die schweigende Voraussetzung gemacht hatte, der Wanderer werde auf dem Wege bleiben und des Weges achten, war natürlich. Da Oswald aber, wie es seine Ge¬ wohnheit war, weder das Eine noch das Andere ge¬ than hatte, alle Augenblicke über den Graben gesprun¬ gen und in den Wald hineingelaufen war, wo das Unterholz weniger dicht wucherte, und die hohen Hallen zwischen den mächtigen Stämmen gar zu verführerisch lockten, und auf Alles geachtet hatte, nur nicht auf den Weg — so mochte er es sich denn auch nun selbst zu¬ schreiben, als er aus dem Dickicht heraus, statt auf den Weg, den er bisher gegangen war, zu gelangen, auf einen schmalen Waldpfad kam, und, denselben in falscher Richtung weiter gehend, immer tiefer und tiefer in den Forst gerieth. Oswald stand still und lauschte, ob er nicht die Stimme eines Menschen‚ das Pochen einer Axt ver¬ nehmen werde, aber er hörte nichts als den Schrei des Falken und das Klopfen seines eigenen Herzens. Lustig rief er in den Wald hinein: „Wo geht der Weg nach Berkow, Falk?“ Falk — hallte das Echo zurück. Endlich wurde es lichter zwischen den Bäumen. Schon glaubte er den Saum des Holzes erreicht zu haben. Statt dessen trat er auf eine Lichtung heraus, die fast ganz von einem kleinen, zum Theil mit hohen Binsen bedeckten See eingenommen wurde. An dem Rande entlang schreitend, scheuchte er ein Sommer- Entenpaar auf, das aus dem Röhricht hervorbrach und mit wunderbarer Hast über den Sumpf fort in den Wald flog. Dann wieder lautlose Stille. „Kommt Zeit kommt Rath,“ sagte Oswald bei sich. „Vorläufig will ich mich aber ein wenig ausruhen, denn ich finde, daß ich nachgerade müde werde.“ Er hing seinen Strohhut an einen Zweig, breitete sein Taschentuch über eine der mit dichtem Moos be¬ wachsenen Wurzeln einer vielhundertjährigem Buche und streckte sich behaglich in das Haidekraut. „Der Platz ist wie zum Schlafen gemacht,“ sprach er bei sich, träumerisch den Libellen zuschauend, die über dem dunklen Wasser des Sumpfes bald stillstehend, bald pfeilschnell fortschießend, ihr wunderliches Wesen trieben. „Wer weiß? Vielleicht ist dies ein Zauber¬ wald, so ein von der Cultur übersehenes Stück Ro¬ mantik, ein kleiner stehen gebliebener Rest von den großen, großen Wäldern, die in Musäus' Märchen rauschen; von dem Walde etwa, drin der Graf wohnte, der seine Töchter verkaufte, wenn er die Wechsel am Verfalltage nicht einlösen konnte, — eine Manier, seine Schulden zu bezahlen, die selbst noch heutzutage im Schwang sein soll. Und wer nun in diesem Walde einschläft, wozu ich große Lust verspüre, schläft so ein paar hundert Jährchen, ehe er's sich versieht, und wenn er aufwacht, wallt ihm ein schneeweißer Bart bis zum Gürtel. Darob geräth er denn in gerechtes Erstaunen, und er fragt den ersten Bauer, der ihm begegnet, ob er ihm nicht den Weg nach Berkow zeigen könne? „Berkow?“ antwortet der Angeredete höflich. „Habe nie von einem solchen Ort gehört.“ Ich meine das Schloß im Walde, wo Melitta wohnt? „Melitta? aber, guter Herr, das ist ja nur ein altes Märchen.“ Ein Märchen? „Nun gewiß! meine alte Großmutter hat es mir, wer weiß wie oft, erzählt. — Vor vielen, vielen hundert Jahren stand in dieser Gegend ein großer Wald; und in dem Walde hauste eine Fee, die hieß Melitta. Sie hatte so wunderschöne, lichtgraue Augen, wie sie ein Menschenkind gar nicht haben kann, und eine honigsüße Stimme, und deswegen nannten die Leute sie Melitta. Sie war die beste und schönste Fee von der Welt, und hatte nur die eine kleine Schwäche, von Zeit zu Zeit Jemand in ihren Wald zu locken, damit er sich unter den hohen Buchen und Eichen, von denen die eine immer aussah wie die an¬ dere, verirrte. Darüber hatte sie dann ihre Freude. Wenn sie aber so einen armen Schelm verlocken wollte, setzte sie sich auf ihr Pferd Bella (denn an dieser Fee war Alles schön, selbst ihr Pferd), ritt in's Land hin¬ ein und suchte unter den jungen Männern, bis sie den dümmsten fand. Die hatte sie am liebsten. Den be¬ zauberte sie dann mit ihrer Schönheit, ihrem lieben, holden, neckischen Wesen und ihrer honigsüßen Stimme; und um den Zauber fest zu machen, schenkte sie ihm etwas — eine Rose etwa. Nahm er die nun in seiner Dummheit, so mußte er am nächsten Tage in den Wald, er mochte wollen oder nicht. Da kommt er denn natürlich bald vom Wege ab und läuft die Kreuz und Quer herum, bis er sich endlich am Fuße einer uralten Buche schlafen legt. Und wenn er nun so da¬ liegt und sieht, wie die rothen Sonnenstrahlen in den grünen Zweigen Versteckens spielen und die blauen Li¬ bellen Haschens auf dem schwarzen Wasser, und hört, wie es in dem Röhricht flüstert und droben in den Wipfeln der Bäume rauscht, und weht und rauscht — — — „Melitta, kommst Du endlich. Steige herab von Deiner Bella! Du siehst ja, daß ich hier fest¬ gewachsen bin. O Du Liebe, Holde, Angebetete! Melitta, Süße! einen Kuß, einen einzigen Kuß! Und Du willst fort, jetzt fort — aber was ist das? was will die braune Hexe? Nein, nein — Du bist nicht Melitta!“ Oswald stützte sich auf den Ellbogen und starrte schlaftrunken in das braune Gesicht, das sich über ihn beugte: „Was willst Du von mir?“ „Nichts Schlimmes, schmucker, junger Herr! Sah den jungen Herrn liegen, wußte nicht, ob schlafend oder todt; ist gefährlich, zu schlafen im Wald am Sumpfes¬ rand, wenn man's nicht gewohnt ist von Kindesbeinen.“ Oswald, der sich wieder vollkommen zurechtgefun¬ den hatte, betrachtete jetzt das Weib, das vor ihm stand, genauer und erkannte dann alsbald in ihr eine jener Zigeunerinnen, wie sie hier zu Lande nicht selten, wahrsagend, hausirend, musicirend, bettelnd, gelegentlich auch stehlend, von Dorf zu Dorf und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. Diese hier mochte nach dem Feuer ihrer dunklen Augen, den runden halbnackten Armen und der straffen Haltung des schlanken hohen Leibes zu schließen, zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre zählen; aber Wind und Wetter, Hunger und Kummer, vielleicht auch schlimme Leidenschaften, hatten arge Verwüstungen in dem einstmals schönen Gesichte angerichtet, den Zügen eine unangenehme Schärfe gege¬ ben, die Augenhöhlen übermäßig vertieft, ja schon hier und da einzelne graue Streifchen in das üppige, blau¬ schwarze Haar gestreut, das mit seinen dicken Flechten ein besserer Schutz für den edelgeformten Kopf war, als der Lappen rothen Zeuges, den sie turbanartig herumgewunden hatte. Ihre Kleidung war sehr ärm¬ lich und vielfach geflickt, ihre Füße nackt. Oswald sah jetzt auch, daß an einem der nächsten Bäume ein wunderlich geformtes Instrument hing und allerlei Geräth umherlag. Ein mit einem rothen Federbusch und einer bunten Decke geschmückter Esel strich langsam durch die Stämme und ließ sich das harte Waldgras vortrefflich schmecken. „Sind Sie ganz allein, gute Frau?“ fragte Oswald. „Nein, mein Bub ist bei mir, der Cziko; er ist in den Wald gangen, Wasser zu holen; dies taugt nur für Frösch' und Kröten.“ „Und wie kommen Sie hierher an diesen abgelegenen Ort?“ „Kenne den Platz schon seit vielen Jahren. Mache stets hier Rast, wenn ich in diese Gegend komme. Schläft sich billiger im Walde, als in der Dorfschenke, guter Herr.“ „Da können Sie mir gewiß auch den Weg nach Berkow zeigen. Ist es noch weit von hier?“ „Gar nit weit, der Bub', der Cziko, soll Sie führen.“ Das Weib legte die Hände an den Mund und ahmte den Ruf der Holztaube auf das täuschendste nach. Alsbald antwortete aus dem Walde ein heller Falkenschrei, und nicht lange darauf kam ein Knabe herbeigesprungen, der, wie er den Fremden erblickte, scheu und mißtrauisch unter den Bäumen stehen blieb. Einige Worte indessen, ihm von seiner Mutter in einer Oswald unbekannten Sprache zugerufen, machten ihm Muth. Er trat, Oswald das Blechgefäß mit Wasser, das er in der Hand trug, hinhaltend, furchtlos heran und sagte: „Willst Du trinken, Herr?“ Das Gefäß war nicht besonders reinlich, aber der es anbot, viel zu schön, als daß Oswald es hätte zu¬ rückweisen können, selbst wenn er weniger durstig ge¬ wesen wäre, wie er es war. Cziko war vielleicht zehn Jahre alt, aber auch er sah älter aus. Der feuchte Nebelwind, der über die herbstlichen Felder fegt, und der Schneesturm, der durch den Hagedorn saust, hatten alle Jugendfrische von des Knaben wunderbar schönem Gesicht gewischt und den tiefdunklen Gazellenaugen einen Ausdruck halb des Kummers und halb des Trotzes gegeben, daß man nicht ohne Wehmuth hineinschauen konnte. Mit dem doppelt scharfen Blick der Bettlerin und der Mutter sah das Weib wohl, welch tiefen Eindruck ihr Kind auf den Fremden machte. „Ja, er ist ein braver Bub', der Cziko,“ sagte sie, „flink wie ein Eichhorn und tapfer wie eine wilde Katz, und das Cymbal schlägt er wie Keiner.“ „Ist das ein Cymbal, was dort am Baume hängt?“ fragte Oswald, einigermaßen erstaunt, daß dies In¬ strument noch anderswo, als in Lenau'schen Gedichten existire. „Geh, Cziko, zeig' dem Herrn, was Du kannst,“ sagte die Frau. Der Knabe nahm das Instrument herab, legte es auf einen Baumstumpf zurecht und die Klöpfel ergrei¬ fend, begann er, erst langsam, dann schneller und immer schneller hämmernd, eine wunderliche Musik. Sein Herz schien voll von Musik; seine mageren braunen Wangen rötheten sich, die dunklen Augen, die er manch¬ mal träumend zu den Wipfeln erbob, leuchteten. Dann fiel er in ein anderes Tempo und eine andere Melodie, und nach den ersten Takten begann die Frau, die wäh¬ rend dessen unter einem Kessel ein Reisigfeuer entfacht hatte, in tiefer, wohllautender Stimme, an dem Kessel schaffend und ab- und zugehend, eines jener slavischen Volkslieder, deren süß-melodische Klage uns Wehmuth in's Herz und Thränen in die Augen lockt. Oswald saß da, den Kopf in die Hand gestützt und hörte und schaute zu, wie im Traum. Es war, als ob die nie zuvor gehörten, melancholischen Töne ganz neue Ge¬ fühle in ihm wach riefen, ein tiefes Mitleid mit seiner, mit aller Wesen Existenz und doch auch ein Sehnen und Schmachten nach einem unendlichen, namenlosen Glück. Das Lied war zu Ende. Oswald fuhr empor. Er sah auf seine Uhr. Schon drei Stunden waren vergangen, seitdem er den Wald betreten; er durfte, wollte er noch heute Melitta sehen, keinen Augenblick länger zögern. „Kann mich der Cziko den Weg nach Berkow führen?“ sagte er, auf die Frau zutretend und ihr ein paar Geldstücke bietend. Die Zigeunerin strich das Geld aus der flachen Hand, als ob es ihr nur darauf an¬ komme, die Linien derselben genauer zu sehen, und sie an den Fingerspitzen fest haltend, schien sie eifrig darin zu lesen. „Nun,“ sagte Oswald lächelnd, „da steht wohl nicht viel Gutes?“ „Viel Gutes, viel Schlimmes,“ sagte die Zigeunerin, den Kopf schüttelnd. „Das ist meistens so im Leben,“ sagte Oswald; „und worin bestände denn das Gute?“ „Viel Gutes, viel Schlimmes,“ wiederholte die Zigeunerin. „Jede gute Linie von einer schlimmen durchkreuzt; kann das Gute nicht nennen, ohne das Schlimme.“ „Nun so nenne es, wie es kommt,“ sagte Oswald, der anfing, ungeduldig zu werden. „Viel zum Glück, und doch nicht glücklich,“ mur¬ melte die Zigeunerin. „Männern Feind und Frauen Freund; rasch im Hassen, rasch im Lieben; buntes Leben, früher Tod.“ „Nun,“ sagte Oswald, „das läßt sich ja noch hören. Aber wie war das mit den Frauen? das interessirt mich.“ „Viel Gutes, viel Schlimmes,“ wiederholte das Weib, den Kopf noch tiefer beugend, als sollte ihr auch die feinste Linie nicht entgehen; „viel, sehr viel Liebe und doch wenig, ach! so wenig Glück!“ „Liebe ich jetzt?“ „Ja.“ „Und wen?“ „Eine sehr vornehme, sehr schöne und sehr reiche Dame.“ „Hm! und liebt sie mich auch?“ „Mehr, viel mehr, wie Du sie!“ „Und wo steckt denn da das Schlimme?“ „Viel, viel Schlimmes; denn Du kannst nicht treu sein.“ „Woher weißt Du das?“ Die Wahrsagerin zuckte mit den Achseln. Hier steht noch eine Dame, und hier noch eine — Du liebst sie alle; das sollte nicht sein; bringt Dir kein Glück.“ „Aber mit dem bunten Leben und dem frühen Tode hat es doch seine Richtigkeit? Nun denn, so kann ja auch das Unglück so groß nicht sein. Und hier hast Du noch etwas zum Lohn für die gute Kunde.“ „Danke, nehme nur für das Glück, das ich ver¬ künde, nichts für das Unglück.“ „Da wundert es mich freilich nicht, daß Sie so arm sind, gute Frau! So nehmen Sie's als Boten¬ lohn für den Cziko.“ Die Zigeunerin nahm mit wirklichem oder nur ge¬ machtem Widerstreben das Geld und rief dem Knaben, der während dieser Zeit fortwährend, in sich versunken, auf seinem Instrumente leise phantasirt hatte, in ihrer Sprache ein paar Worte zu. Das Kind sprang auf, trat vor Oswald und sagte: „Willst Du kommen, Herr?“ „Adieu, liebe Frau!“ sagte Oswald, nicht ohne Theilnahme dem Zigeunerweib in die dunklen, glän¬ zenden Augen schauend; „wenn Sie nach Grenwitz kommen, vergessen Sie nicht, nach dem Doctor Stein zu fragen.“ Die Frau kreuzte die Arme über dem vollen Busen und neigte sich tief. Oswald ergriff seinen Hut und folgte dem Cziko, der schon hinter den Bäumen fast verschwunden war. Zwölftes Kapitel. „Nicht so schnell, Cziko!“ rief Oswald, den Schooß seines Rockes von den Dornen eines Busches los machend; „nimm Rücksicht auf meinen civilisirten Zu¬ stand.“ Der Knabe ging langsamer, hielt sich aber immer in scheuer Entfernung von dem Fremden. Vergebens suchte ihn Oswald in ein Gespräch zu verwickeln, wäh¬ rend er mühsam die Büsche auseinander drückte, durch die der Knabe wie eine wilde Katze schlüpfte. So waren sie vielleicht eine Viertelstunde gegangen, als sie plötzlich aus dem dichten Wald in ein Gehölz gelang¬ ten, das schon zu dem Parke von Berkow gehören mußte. Reinlich gehaltene Wege, hier und da eine grüne Bank oder eine verwitterte Hermensäule. Ueberall die Spuren ordnender Menschenhand. Dann traten sie auf einen breiteren Fahrweg, der wohl die Fort¬ setzung desselben Weges sein mochte, von welchem Os¬ wald abgekommen war, und der mit einem eisernen Gitterthor endigte, das unmittelbar auf den Hof des Gutes führte. Cziko blieb stehen, deutete stumm auf das Thor; dann sich vor Oswald mit verschränkten Armen verneigend, sprang er in die Büsche zurück und war im nächsten Augenblicke verschwunden. „Ein geheimnißvoller Anfang,” sprach der junge Mann bei sich, während er langsam, fast zögernd auf das Thor zuschritt. „Ist es die Nachwirkung der selt¬ samen Zigeunerwirthschaft, oder die Vorahnung dessen, was mir hier in diesem Schloß der Zauberin begegnen soll, aber mir ist wunderlich zu Muthe. Ich hätte am Ende doch besser gethan, den Wagen, welchen mir gestern der alte Baron anbot, nicht auszuschlagen. Ich wäre dann vielleicht dem Pastor und seiner Primula entgangen, und auf jeden Fall käme ich jetzt, in statt¬ licher Würde, von den schwerfälligen Braunen gezogen, angefahren, und nicht zu Fuß in bedeutend derangirter Toilette wie ein reisender Handwerksbursch. Ei nun! Kleider machen wohl Leute, aber keine Männer, und Melitta, wenn mich nicht Alles trügt, verkehrt mit Männern lieber, als mit — Leuten.“ Er klinkte das unverschlossene Gitterthor auf, und trat in den Hof. Ein mächtiger Neufundländer Hund, F. Spielhagen, Problematische Naturen. I . 10 der im Grase gelegen hatte, richtete sich langsam empor, als er die Thür in den Angeln kreischen hörte und kam Oswald wedelnd entgegen. „Nun, das ist wenig¬ stens ein freundlicher Willkomm!“ sprach der junge Mann bei sich, während er, das prachtvolle Thier streichelnd, weiter schritt. Rechts blickte er über ein niedriges Stacket in einen blühenden Garten. Mit dem Stacket in einer Linie war die Front des Herren¬ hauses, ein zweistöckiges, schmuckloses Gebäude, das sich indessen mit seiner altersgrauen Farbe, dem großen steinernen Balkon über der Thür und den zwei gewal¬ tigen Linden davor, recht stattlich ausnahm. Die drei anderen Seiten des geräumigen Hofes waren von den Wirthschaftsgebäuden eingenommen. Ein Stacket und eine Reihe junger Obstbäume war parallel mit dem Wohnhause quer über den Hof gezogen, als Schranke zwischen diesem und dem Rasenplatz vor dem Hause. Oswald blickte, an der Front desselben hinschreitend, durch die offenen Fenster in schöne Zimmer. Es war Niemand darin. Er blickte durch die ebenfalls offen¬ stehende Hausthür auf den mit Steinfließen ausgelegten Flur. Eine große Wanduhr schwatzte in der lautlosen Stille. Auch auf dem Hofe regte sich nichts. Der ganze Platz war wie ausgestorben, nur die Spatzen zwitscherten und lärmten in den Linden, und die Schwalben schossen an der Mauer hin zu ihren Ne¬ stern unter dem Dache, die Jungen zu füttern, und ebenso eilig wieder davon. „Es wird Niemand zu Hause sein,“ dachte Oswald. „Du hast den langen Weg vergebens gemacht. Oder kannst Du mir sagen, wo Deine Herrin ist, Neufund¬ länder? Sollen wir einmal im Garten nachsehen?‟ Der Hund, als ob er verstanden, was man von ihm wolle, trabte von Oswald fort nach einer Thür, die rechts neben dem Hause in den Garten führte; und blickte, dort stehend, sich nach dem Fremden um. „Also wirklich im Garten?“ Oswald drückte die Thür auf. Der Hund lief vor ihm her an Blumenbeeten vorüber in einen schmalen Heckengang bis zu ein paar Stufen, die rechts durch die Hecke auf eine Art Terrasse führten. Dort sah er sich noch einmal nach Oswald um. Dann sprang er die Stufen hinauf. Oswald folgte. Zwischen hohen blühenden Sträuchern war das Thier verschwunden. Indessen hatte der junge Mann kaum einige Schritte gethan, als sich seinen Blicken ein Bild zeigte, das ihn regungslos an seine Stelle bannte. Er sah auf einen kleinen offenen Platz, der auf zwei Seiten von den hohen Hecken, welche die ganze Terrasse umschlossen, eingerahmt war. In der 10* Mitte schoß ein hochstämmiger, breitästiger Tannen¬ baum wie eine Lanze machtvoll in vie Höhe. An dem Fuße des Baumes auf dem Teppich brauner Nadeln stand ein runder Gartentisch und ein paar Stühle. In einem der Stühle, umflossen von dem weichen, träumerischen Licht des Sommernachmittags, saß Me¬ litta, den Kopf in die eine Hand gestützt, während die andere mechanisch die treue Dogge streichelte, die sich dicht an die Herrin drängte. Sie trug ein weißes Kleid, das in anmuthigen Linien den schlanken Leib umfloß und Busen und Schultern nur zu verhüllen schien, um die schönen Formen desto reizender zu um¬ schreiben. Auf dem Tisch lagen Handschuh, ein breit¬ rändiger Strohhut und ein aufgeschlagenes Buch. Sie saß so in sich versunken da, daß sie den leich¬ ten Schritt Oswalds nicht vernahm, bis er vor ihr stand. Da hob sie schnell den Kopf empor und unter¬ drückte nur mit Mühe einen Ruf freudigster Ueber¬ raschung, den Mann leibhaftig vor sich zu sehen, mit dem ihre Gedanken so eben beschäftigt gewesen waren. Für einen Augenblick stockte ihr das Blut im Herzen, und dann mit Macht hervorbrechend, übergoß es die bleichen Wangen mit hoher Purpurgluth. „Sieh da!“ sagte sie, sich rasch erhebend, und Os¬ wald die Hand entgegenstreckend. „Verzeihen Sie, gnädige Frau,“ sagte der junge Mann, die schöne zitternde Hand, die jetzt in der seinen ruhte, ehrfurchtsvoll an die Lippen führend, „wenn ich unangemeldet —“ „Aber nicht unerwartet Ihr dolce far niente störe — und so weiter, und so weiter —“ unterbrach ihn Melitta. „Kommen Sie, von Ihnen will ich keine Redensarten hören. Ueberlassen Sie das unsern hohlköpfigen Junkern. Setzen Sie sich und bedanken Sie sich zuvörderst, daß Sie mich überhaupt noch fin¬ den. Bemperlein und Julius sind, an Ihrem Kommen verzweifelnd, vor einer halben Stunde auf Besuch in die Nachbarschaft gefahren. So müssen Sie denn mit mir allein vorlieb nehmen. Das ist Ihre gerechte Strafe.“ „Wenn die Strafe gerecht ist, so ist sie auf alle Fälle sehr mild,“ antwortete Oswald heiter, „und ich unterwerfe mich ihr mit der Demuth, die dem reuigen Sünder ziemt.“ „Sie sehen auch wahrhaftig wie ein reuiger Sün¬ der aus! Aber im Ernst, warum kommen Sie so spät, und —“ „Und in so derangirter Toilette? Im Ernst, gnä¬ dige Frau, ich konnte nicht früher und nicht anders erscheinen. Wenn man, wie ich, den weiten, unbekannten Weg zu Fuß zurücklegt.“ „Wie kommen Sie aber auch auf den närrischen Einfall?“ „Ich leide sehr an närrischen Einfällen, gnädige Frau.“ „Da theilen Sie mit mir dasselbe Schicksal. Weiter!“ „Und wenn man sich unterwegs von einer alten Frau eine Vorlesung über Unsterblichkeit, von einem Landpastor eine Predigt über dasselbe Thema und von dessen geistreicher Gemahlin erzählen lassen soll: was sie den Thieren abgelauscht —“ „Ach Sie Unglücklicher,“ rief Melitta, die Hände zusammenschlagend. „Wenn man sich darauf im Walde verirren, am Rand eines Sumpfes einschlafen, bei der Gelegenheit allerlei süßes, närrisches Zeug träumen, beim Erwachen sich von einer Zigeunerin wahrsagen, sich von deren Buben auf den rechten Weg bringen, und bei der An¬ kunft in diesem verzauberten Schloß Niemanden finden soll, der den Fremden zur Chatelaine führt, als diesen liebenswürdigen Hund, der so aufmerksam zuhört, daß man glauben sollte, er verstünde unsre ganze Unter¬ haltung, so werden Sie mir zugeben müssen, daß man mindestens eben so viel Zeit braucht, dies Alles zu thun, als zu erzählen.“ Die Dogge legte vertraulich den ungeheuren Kopf auf der Herrin Schooß und blinzelte zu ihr empor. „Bist mein braver Boncoeur,“ sagte sie, den Lieblings¬ hund tätschelnd, „machst Deinem Namen Ehre. Siehst im Haus und Hof hübsch nach dem Rechten; weißt wohl, daß es außer Dir und dem Baumann doch Nie¬ mand thut. — Wissen Sie, daß mich Ihr Zusammen¬ treffen mit der braunen Gräfin, ich meine der Zigeu¬ nerin, und der Czika, denn es ist ein Mädchen, wie ich Ihnen zum Ruhme Ihres Scharfsinnes nur sagen muß, sehr interessirt.“ „Ein Mädchen, der Cziko?“ „Die Czika, ein Mädchen — verlassen Sie sich darauf; aber wo trafen Sie die Beiden?“ „Eine Viertelstunde von hier im Walde, bei dem¬ selben Zaubersee, an dessen Rande ich eingeschlafen war.“ „Also doch auf Berkower Gebiet — das freut mich.“ „Sie scheinen sich in der That für die schöne Mutter und die schönere Tochter — ich finde jetzt allerdings, daß das Kind für einen Knaben viel zu schön war — sehr zu interessiren, gnädige Frau. Wie kommt die Zigeunerin zu dem Namen: „die braune Gräfin?“ „Ach!“ lachte Melitta, „das ist eine lange Ge¬ schichte und ein Beispiel von den närrischen Einfällen, von denen ich, wie Sie, heimgesucht werde, und die freilich bei mir meistens an das Gebiet der dummen Einfälle streifen. Vor sechs Jahren kam die Isabel zum ersten Male in unsere Gegend. Sie war damals vielleicht zwanzig Jahre — vielleicht, denn genau weiß sie es selbst nicht. Ihr Kind, die Ezika, war vier Jahre alt; das wußte sie, denn es war wirklich ihr eigenes Kind und keine gestohlene Prinzessin oder der¬ gleichen.“ „Woher wissen Sie das?“ „Aus der frappanten Aehnlichkeit zwischen Mutter und Kind, die Ihnen doch auch aufgefallen sein muß. Beide waren damals bildschön, so schön, wie ich nie wieder etwas gesehen habe. Ich glaube kein Mensch hätte ungerührt bleiben können bei dem Anblick dieser so jugendlichen Mutter mit ihrem prächtigen Kinde, das in seiner wunderlichen Tracht und seinen üppigen dunklen Locken so gut für einen Knaben wie für ein Mädchen gelten konnte. Ich habe nur auf Murillo's Sonne-getränkten, Leidenschaft-durchglühten Bildern später etwas Aehnliches gesehen. Ich, die ich die Schwäche habe, mich auf malerische Schönheit ver¬ stehen zu wollen, und selbst ein wenig in dieser herr¬ lichen Kunst pfusche, zeichnete und malte damals vom Morgen bis in den Abend Zigeunerköpfe. Ich vergaß nämlich zu sagen, daß ich die Beiden ein paar Tage lang hier in Berkow festhielt. Zufällig mußte ich da¬ mals eine große Gesellschaft geben. Und — jetzt kommt der dumme Einfall — um unserer albernen Sippe einen Possen zu spielen, denn das war doch der eigent¬ liche Grund, kleide ich die Isabel in das prächtigste Kleid, das ich in meiner Garderobe auffinden kann, lasse die Czika von meiner Kammerfrau herausputzen und präsentire sie der Gesellschaft als Isabella Gräfin von Kryvan mit ihrem Töchterchen Czika, die ich im vorigen Jahre in Marienbad kennen gelernt hätte und die so eben aus dem fernen Ungarland mich zu be¬ suchen gekommen sei.“ „Und was sagte die Gesellschaft?“ „Sie war entzückt. Ich hatte ihr vorher angekün¬ digt, daß Isabella von dem streng nationalen ungari¬ schen Adel sei, der sich das Wort gegeben habe, nie etwas Anderes, wie die Nationalsprache und außerdem nur noch Lateinisch zu sprechen.“ „Glaubte die Gesellschaft denn das? und versuchten die Herren nicht, eine lateinische Conversation zu be¬ ginnen?“ „Unserer Gesellschaft kann man Alles aufbinden, und was unsere Herren betrifft, so ist lateinisch ihnen spanisch. Isabella, das muß man ihr lassen, füllte ihren Platz auf dem Sopha mit wahrhaft königlichem Anstande aus, und die Griebens, die Trantows, die Cülows überschütteten die Standesgenossin mit Auf¬ merksamkeiten und bedauerten einmal über das andere ihre Unkenntniß der lateinischen Sprache, die es ihnen unmöglich mache, sich mit der fremden Dame in eine, jedenfalls höchst geistreiche und interessante Conversa¬ tion einzulassen. Die kleine Czika wanderte von einem Schooß auf den andern, und wurde mit Leckerbissen und Küssen fast erstickt. — Kurz, die Comödie spielte zu meiner größten Zufriedenheit bis zu Ende, und in den nächsten Tagen war die ganze Nachbarschaft voll von „der braunen Gräfin,“ wie man die Freundin Melitta's von Berkow kurzweg zu nennen beliebte. Nun wie gefällt Ihnen die Geschichte?“ „Offen gestanden nur halb, gnädige Frau. Ihrer vornehmen Gesellschaft gönne ich die Mystification von ganzem Herzen, aber es thut mir weh, wenn ich sehe, wie der Arme und Hülflose, eben weil er arm und hülflos ist, sich zum Spielding des Reichen und Mäch¬ tigen hergeben muß.“ Melitta sah Oswald voll in die Augen und ant¬ wortete ohne die mindeste Spur von Empfindlichkeit: „Sehen Sie, das ist hübsch, daß Sie so denken; und noch hübscher finde ich es, daß Sie es mir so geradezu sagen. Aber ich habe Ihnen ja von vorn¬ herein zugestanden: es war ein dummer Streich, den ich nachher aufrichtig bereute und dessen böse Folgen ich, soweit ich vermochte, wieder gut zu machen mich bemühte. Denn, hören Sie nur, wie die Sache weiter verlief. Der braunen Gräfin hatte ich natürlich die Sachen geschenkt, die sie und die Czika bei der Co¬ mödie getragen. Das arme Weib, das mit dem Plunder nichts anfangen konnte, wollte sie in der nächsten Stadt verkaufen. Man glaubte, sie habe die Sachen gestohlen, und verlangte, sie solle sich über den ehrlichen Erwerb derselben ausweisen. Sie vermochte es nicht, denn sie hatte meinen Namen und den Namen meines Gutes vergessen, und überdies konnte kein Mensch aus ihrem Kauderwelsch klug werden. Die Herren vom Gericht beschlossen deshalb in ihrer Weis¬ heit, die braune Gräfin als Landstreicherin und Diebin einzusperren, bis sich die Sache auf eine oder die an¬ dere Weise aufklären würde. Unglücklicherweise war ich ein paar Tage zuvor in ein benachbartes Bad ge¬ reist, und während ich dort die frische Seeluft in vollen Zügen einsog, mußte die Aermste wochenlang in dem dumpfen Gefängnisse schmachten. Ach! und diesen Leuten ist die Freiheit Alles! Sehen Sie, das werde ich mir nie vergeben! — Erst nach meiner Rückkehr erfuhr ich durch einen Zufall das Unglück, welches ich angerichtet hatte. Natürlich that ich sofort die nöthigen Schritte. Ich fuhr selbst nach B. und öffnete den Kerker meiner armen braunen Gräfin. Aber, wie fand ich sie wieder! Bleich, abgemagert, verhärmt, um so viele Jahre gealtert, als sie Wochen gefangen gesessen hatte. Die kleine Czika sah wo möglich noch schlimmer aus. Ich nahm sie mit hierher nach Berkow; ich pflegte sie, ich tröstete sie, ich beschenkte sie, ich that, was ich konnte. Aber die Reue kam hier wie überall zu spät. Der kleinen Czika war die Kerkerluft bis in's Herz gedrungen. Sie verfiel, kaum hier ange¬ kommen, in ein hitziges Fieber, und ich danke Gott noch heute, daß sie mit dem Leben davon kam. Was hätte ich anfangen sollen, wenn sie gestorben wäre!“ Melitta schwieg und in ihrem Auge glänzte etwas, wie eine Thräne. Aber im nächsten Momente lachte sie schon wieder und sagte: „Nun, sie starb ja nicht, sondern wurde wieder munter und frisch wie vorher, und spielte sich mit meinem Julius hier wieder helle Augen und rothe Backen. Die Kinder hatten sich sehr lieb gewonnen, und ich hätte die Kleine gar zu gern hier behalten, sie mit Julius zusammen erziehen zu lassen. Das Kind zeigte die köstlichsten Anlagen, besonders ein über¬ raschendes Talent für Musik. Die braune Gräfin wollte ich zu meiner Kammerfrau machen, oder wozu sie wollte. Ich stellte ihr frei, ihr Leben nach ihrem Belieben einzurichten, und bat sie nur, zu bleiben. Aber es war die alte Geschichte von dem Frosch und dem goldenen Stuhl. Ein paar Wochen hielt sie das zahme Leben aus; und eines schönen Morgens war sie verschwunden — sie und die Czika. Später sind sie wiederholt in diese Gegend gekommen, aber hierher zu mir kommen sie nicht mehr. Die Isabel grollt mir entweder noch, oder sie ist eifersüchtig auf mich und fürchtet, ich werde ihr die Czika stehlen. Und doch muß sie einsehen, daß ich es gut mit ihr meine. Die Leute im Dorf haben Befehl, ihr, wenn sie vorspricht, jede Gefälligkeit zu erweisen, der Förster hat den Auftrag, sie unbelästigt im Walde zu lassen; und ich versage mir das Vergnügen, sie aufzusuchen, weil ich fürchte, sie ganz zu verscheuchen. Das ist meine Geschichte von der braunen Gräfin. Sind Sie mir noch bös?“ „Welches Recht hätte ich dazu?“ „Nun, Sie machten vorher ein so finsteres Gesicht, daß ich mich ganz als arme Sünderin fühlte.“ „Sie belieben zu scherzen. Was kann Ihnen an meinem Urtheil gelegen sein?“ „Mehr, als Ihre jedenfalls halb erkünstelte Be¬ scheidenheit zu glauben vorgiebt. Eine Frau hält stets große Stücke auf eines Mannes Urtheil, weil sie in¬ stinctiv fühlt, daß des Mannes Kopf besser, das heißt nicht schneller, aber gründlicher, sicherer denkt, als ihr leichtsinniges Frauengehirn. Und vor euch gelehrten Herren haben wir noch einen ganz besonderen Respect. Ihr habt Alle um die Augen und um die Mundwinkel herum so etwas Mystisches, Unergründliches, so etwas Oswald mußte laut auflachen. „Ja, lachen Sie nur. Ihnen mag das nicht so erscheinen; aber wir fürchten uns vor eurem Wissen, auch wenn wir Einen oder den Andern unter euch, der gut¬ müthig genug ist, sich dazu herzugeben, zur Zielscheibe unseres Spottes machen. Da ist mein Bemperlein, mein guter, treuer Bemperlein. Nun, er ist wahr¬ haftig kein Genie, und kennt die Welt gerade so gut, wie ich das Griechische; und dennoch ziehe ich, wenn wir uns streiten, jedesmal den Kürzeren. Das ist doch ärgerlich. Nehme ich dagegen unsere Landjunker. Es sind hübsche, sehr hübsche Männer darunter, die in Landwehrlieutenants-Uniform sich mit ihren blonden Schnurrbärten, sonnegebräunten Gesichtern und hellen blauen Augen prächtig ausnehmen; aber in Civil sehen sie dumm aus. Sie haben das Stupide, Leblose von schönen Pferde- und Hundegesichtern. Der Einzige von ihnen, der studirt hat, sieht aus, als wäre er aus einer anderen Welt.“ „Wer ist dieser Phönix?“ „Baron von Oldenburg.“ Ein Schatten fuhr über Melitta's lebensvolles Antlitz, wie wenn eine Wolke über eine sonnenhelle Landschaft jagt. Sie starrte auf ein paar Augenblicke vor sich hin, wie wenn sie den Faden des Gesprächs verloren hätte. Dann wie aus einem Traum erwachend: „Ja, was ich sagen wollte — und darum will ich, daß mein Julius studirt. Aber ich schwatze und schwatze und frage nicht einmal, ob Sie nicht hungrig und durstig und müde sind, wozu Sie doch nach Ihren Kreuz- und Querfahrten das vollkommenste Recht haben. Kommen Sie, wir wollen hineingehen und sehen, ob wir nicht Jemand auftreiben können, der uns einige Erfrischungen besorgt. Mich verlangt ebenfalls darnach, denn es fällt mir ein, daß ich eigentlich nichts zu Mittag gegessen habe. Sind Sie noch gar nicht in dem Hause gewesen?“ „Doch, wenigstens auf dem Hausflur. Ich fragte eine große Wanduhr, ob ich Frau von Berkow meine Aufwartung machen könne, aber sie antwortete: Schnick- Schnack, Schnick-Schnack! Da ging ich wieder fort.“ Melitta hatte sich erhoben und ihren Strohhut aufgesetzt, ohne sich weiter um die langen Bänder zu kümmern, von denen das eine über den Busen, das andere über den Rücken lief, und sagte lächelnd, wäh¬ rend Oswald im Aufstehen das Buch ergriffen und nach dem Titel gesehen hatte: „Für Sie spricht auch wohl jedes Ding seine Sprache ?“ „So ziemlich. Dies Buch zum Beispiel sagt mir: Frau von Berkow könnte mich auch ungelesen lassen, da es so viel bessere Bücher zu lesen giebt.“ „Ja, du lieber Himmel, wir auf dem Lande lesen, was uns die Leihbibliothekare und die Buchhändler zu schicken belieben. Aber, was haben Sie gegen diese „Erstens ärgert es mich, daß ich auf das Buch stoße, wo ich gehe und stehe. In Grünwald lag es auf jedem Tisch; kaum war ich zwei Tage in Gren¬ witz, verfolgte es mich auch dahin, und nun muß ich es auch noch gar bei Ihnen finden. Ich habe es nicht bis über den zweiten Band hinaus bringen kön¬ nen, und Sie sind zu meinem Erstaunen schon im vierten. Wie können Sie sich für diesen Chourineur, diesen Maitre d'école , diese Chouette, und wie das Gesindel sonst noch heißt, interessiren? Wahrlich, doch kaum so viel, wie für Bestien in der Menagerie. Denn diese sind doch wenigstens Gottes Geschöpfe, während jene nur die Ausgeburten der wüsten Phan¬ tasie eines verbrannten Dichtergehirnes sind." „Sie mögen Recht haben,“ sagte Melitta, während sie jetzt von der Terrasse in den Garten hinabstiegen. „Es ist vielleicht ein Unglück, daß solche Bücher ge¬ schrieben werden, und ein noch größeres Unglück, daß wir, und besonders wir Frauen, in unserer Erziehung und Bildung so verwahrlost sind, um an diesen Büchern doch eine Art von Geschmack zu finden. Uebrigens nehme ich Alles, was Sue von jenem Gesindel erzählt, auf Treu und Glauben hin, wie die Berichte eines überseeischen Reisenden von den Wundern, die er zu Wasser und zu Lande erlebte, um so mehr, als er die Sphären der Gesellschaft, die ich kenne, zum Theil sehr wahr, sehr treu schildert.“ „Ist etwa Rudolphe, Grand Duc Régant de Gerolstein auch nach dem Leben?“ „Das weiß ich nicht, aber so viel weiß ich, daß Geschichten, wie die des Marquis d' Harville und seiner Frau so oder ähnlich alle Tage im Leben vorkommen.“ Oswald antwortete nicht; es fiel ihm ein, was er über das Verhältniß Melitta's zu ihrem Gemahl ge¬ hört hatte, wie Herr von Berkow nun schon seit sieben Jahren in unheilbarem Wahnsinn lag. Eine Ahnung der trauervollen Scenen bis zum Hereinbrechen der F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 11 furchtbaren Katastrophe überkam ihn; es that ihm weh, daß er unversehens an den Vorhang eines so dunkeln Familiendrama's gerührt hatte. Aber zugleich erfaßte ihn eine unendliche Theilnahme für die reizende Frau, die hier in dieser grünen Wildniß die schönsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauern sollte. Was hilft ihr Jugend, Schönheit und Reichthum ohne Liebe! und wird sie wohl so geliebt, wie sie geliebt zu werden ver¬ dient, wie sie geliebt zu werden wünscht, sie, durch deren weiche, schmachtende Augen man in unergründ¬ liche Tiefen von Zärtlichkeit und Leidenschaft blickt?“ Mitleid ist der erstgeborene Bruder der holden Schwester Liebe. — Während Oswald das Schicksal der schönen Frau beklagte, fühlte er, wie ein Quell schmerzlich süßer Gefühle warm aus seinem Herzen hervorbrach, und es bald bis zum Zerspringen füllte. Und wenn die kalte klassische Liebe im Wellenschaum geboren wird — für die romantische moderne Liebe ist die weiche, blumenduftgetränkte, warme Luft eines üppig blühenden Gartens eine günstigere Atmosphäre. — Wollüstige Schatten erfüllten die lauschigen Bos¬ kets, träumerisch lag der Nachmittagssonnenschein auf den grünen Rasenplätzen, in den dichten Kronen der Bäume jubelten die Vögel, Schmetterlinge wiegten sich über den sonnetrunkenen Blumenwäldern der Beete.... Langsam wandelten die schlanken Gestalten durch das grüne Revier; oft still stehend, hier einen Rosen¬ busch zu bewundern, der in noch üppigerem Schmucke prangte als seine Nachbarn, dort einem Eichhörnchen zuzuschauen, das sich lustig von Ast zu Ast und von Zweig zu Zweig schwang. Immer mehr überkam Os¬ wald das Gefühl, als wandle er in einem herrlichen Traum; als träume er nur diesen Sonnenschein, diesen Blumenduft, diesen Vogelgesang; als träume er nur Melitta's süße Stimme, Melitta's liebestiefe Augen — und auch Melitta war es, als ob sie heute mit ganz anderen Augen sehe, mit ganz anderen Ohren höre. Der fremde Mann, den sie durch ihre Besitzung führte, war ihr so vertraut, als kenne sie ihn schon seit vielen, vielen Jahren, als habe sie ihn immer gekannt; und was sie seit Jahren tagtäglich gesehen, erschien ihr jetzt beinahe fremd. So wahr ist es, daß der Mensch dem Menschen ewig nicht nur das Interessanteste, son¬ dern auch das einzig Verständliche im ganzen Umfang des Daseins ist. Für eine Menschenseele, die mit unserer Seele harmonisch zusammenklingt, werfen wir freudig all' den Plunder fort, mit dem wir, in Er¬ mangelung dieses höchsten Glücks, das Einerlei der Stunden auszufüllen suchten. Und wenn dies schon für den Mann gilt, so gilt es doppelt und dreifach 11* für die Frau. Für sie giebt es nur eine Seligkeit auf Erden: zu lieben, und nur ein Glück: geliebt zu sein; und Melitta's seit Jahren nur mit oberflächlichen Nei¬ gungen, mit leeren Coquetterien hingehaltenes Herz schmachtete nach einer wahren tiefen Leidenschaft; und Melitta fand die halb ehrfurchtsvollen, halb kühnen, aber immer aufrichtig bewundernden, zärtlich liebkosen¬ den Blicke, mit denen der junge Mann an ihr hing und sie wie mit einem unsichtbaren Zaubernetz, dessen Maschen sich dichter und immer dichter woben, um¬ spann, viel zu süß, als daß sie dem, der ihr dies süße Glück gewährte, nicht von Herzen hätte dankbar sein sollen. Sie fühlte sich unsäglich glücklich, und dennoch ernster gestimmt, als es wohl sonst ihre Gewohnheit war. Der Sturm der Leidenschaft, der in ihrer Seele langsam heraufzog, warf schon seine dunkeln Schatten über ihr sonnenhelles Gemüth, und sein erster Anhauch zerriß den leichten Schleier, den die Zeit mühsam über so manches heitere Bild vergangener Tage gewebt hatte. Während Oswald den Bildungsgang, den er für Julius am geeignetsten hielt, entwarf, dabei auf sein eigenes Leben zu sprechen kam, und die schöne Frau, gleichsam als ein Zeichen seiner Liebe und Ver¬ ehrung, so manchen Blick in das tiefgeheimste Leben seiner Seele thun ließ, fühlte sie sich mehr wie einmal auf das sonderbarste ergriffen. Manche Gedanken, die der junge Mann in seiner lebhaften Weise mit gefäl¬ liger Beredtsamkeit vortrug, hatte sie, oft fast in den¬ selben Worten, schon früher einmal gehört von einem Manne, der ihr sehr theuer gewesen war, dessen dä¬ monische Natur ihren regen Geist angelockt und gefes¬ selt, und dessen rauhe Schroffheit ihren weichen Sinn abgestoßen und beleidigt hatte. Hier fand sie die Rosen wieder, an deren üppigen Duft sie sich damals berauscht, aber ohne die Dornen; hier fand sie, was sie dort so schmerzlich vermißt hatte: Schönheit der Formen, Grazie der Bewegung und Anmuth der Rede. Dreizehntes Kapitel. Im eifrigen Gespräch in den Gängen zwischen den Beeten auf und abwandelnd, wurden sie an ihre Ab¬ sicht, in das Haus zu gehen, erst erinnert, als sie sich demselben zum zweiten Male näherten. Sie traten durch die offene Thür in einen Saal, dessen harmonische Verhältnisse und einfache, geschmackvolle Decoration auf Oswald sofort den angenehmsten Eindruck machten. Die hohen Kastanienbäume, unmitelbar vor den Fen¬ stern, hielten den Raum kühl und schattig. Das ge¬ dämpfte Licht that dem Auge wohl nach dem verschwen¬ derischen Sonnenschein draußen im Garten. Bequeme Sessel in mancherlei Formen und Größen, amerikanische Rocking-chairs, französische Causeusen, ein großer Flügel, Tische mit Büchern und Bildwerken bedeckt, hier und da in dem weiten Gemache schicklich vertheilt, gaben demselben bei allem Reichthum etwas ungemein Wohn¬ liches, das auf das liebenswürdigste mit der steifstelligen Ordnung, die in dem Innern des Schlosses Grenwitz herrschte, contrastirte. „Ich bin doch neugierig, ob Jemand auf mein Klingeln kommen wird,“ sagte Melitta, ihren Hut auf den Tisch werfend und nach der Klingelschnur gehend. „Unmöglich ist es gar nicht, daß wir uns höchstselbst in die Speisekammer werden verfügen müssen, notabene, wenn wir den Schlüssel auftreiben können.“ Sie klingelte und wandte sich wieder zu Oswald, der eine der Marmorbüsten, welche die Wände des Saales schmückten, betrachtete. „Wie finden Sie diese Maske?“ „Sehr schön; es ist die Rhodontinische Meduse.“ „Ah! ich sehe, Sie sind ein Kenner.“ „Höchstens ein Liebhaber. Ich habe in der Resi¬ denz und sonst manches gesehen; meistens freilich nur Gypse. Seit meinen Knabenjahren war es mein sehn¬ lichster Wunsch, einmal in das gelobte Land Italien zu wallfahren, um dem hohen Gott Apollo von Bel¬ vedere persönlich meine Huldigung darbringen zu können.“ „Nun das ist doch kein so unbescheidener Wunsch.“ „Wenn es unbescheiden ist, zu wünschen, was uns nicht beschieden — doch.“ „So wäre es unbescheiden, daß wir etwas zu ves¬ pern wünschen, denn das scheint uns auch nicht be¬ schieden;“ sagte Melitta mit komisch-klagendem Ton. „Aber wird uns nicht oft gerade etwas beschieden, weil wir es lebhaft, heiß, unbescheiden wünschen? Das Schicksal gewährt uns unsern Wunsch, wie eine Mutter dem bettelnden Kinde das Stückchen Kuchen, nur um uns los zu werden.“ „Das Schicksal ist kein launisches Weib, sondern ein harter felsenherziger Gott, und wenn wir etwas von ihm haben wollen, müssen wir es ihm abtrotzen.“ „Das ist er für euch Männer, und vielleicht ist es gut, daß dem so ist — ihr würdet sonst zu über¬ müthig. Wir Frauen aber — du lieber Himmel, was sollte aus uns werden, wenn wir uns das bischen Glück ertrotzen sollten. Wir legen uns lieber auf's Bitten und Betteln, und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen und ganz am Glück verzweifeln — dann, gerade dann — sehen Sie, da kommt der Bau¬ mann und mit ihm die Aussicht auf unser Vesperbrot.“ Die Thür öffnete sich und die Gestalt eines langen, hageren Mannes, dessen altes, runzliges Gesicht mit den buschigen Augenbraunen, eine tiefe Narbe, die über die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief, und ein langer eisgrauer Schnurrbart etwas un¬ gemein Martialisches gaben, erschien auf der Schwelle. „Gnädige Frau?“ sagte er mit einer Stimme, die aus einer tiefen Höhle zu kommen schien. „Ach Baumann, es sind wohl außer Ihm Alle ausgegangen?“ „Zu Befehl.“ „Das habe ich aber gar nicht befohlen. Wo ist Mamsell?“ „Drüben in Faschwitz.“ „Und der Johann?“ „Bei Försters.“ „Und die Mädchen?“ „Im Dorf.“ „Bester Baumann, wir möchten gern etwas Abend¬ brot haben.“ „Zu Befehl.“ „Kann Er uns denn etwas verschaffen?“ „Schwerlich.“ „Oder wenigstens den Speisekammerschlüssel auf¬ treiben?“ „Wird sich kaum bewerkstelligen lassen.“ „Lieber guter Baumann, seh' Er doch einmal zu, was sich thun läßt.“ „Zu Befehl.“ Damit machte die seltsame Gestalt Kehrt und mar¬ schirte wieder zur Thür hinaus. „Nun was sagen Sie zu meinem maître d'hôtel ?“ „Daß der Mann auf jeden Fall ein Original ist; aber weshalb hat er mich so unverwandt mit seinen alten klugen Augen angesehen?“ Melitta lachte. „Sie müssen wissen, daß der alte Baumann schon Diener bei meinem Vater war, in dessen Regiment er die Feldzüge gegen Napoleon mitmachte. Er hat mich, als ich ein Kind war, auf seinen Knieen geschaukelt, mich nimmer seitdem verlassen und wird mich nicht verlassen, bis ich sterbe oder er stirbt. Zweimal hat er mir das Leben gerettet, und, ohne daß ich es wollte oder wußte, im Stillen jeden Schmerz mit mir ge¬ theilt, ich möchte sagen, auch jede Freude. Wenn ich zu ihm spräche: Baumann, Er muß morgen für mich nach Australien reisen, so würde er sagen: zu Befehl! über Nacht seine Sachen packen, und vor Sonnenauf¬ gang schon unterwegs sein; und wenn ich sagte: es ist nicht anders, Baumann, Er muß für mich sterben, so und so — er würde sagen: zu Befehl! und nicht mit den grauen Wimpern zucken; aber wenn ich zu ihm sagte: hören Sie, Baumann, statt: höre Er, Baumann — so würde er das für eine Aufkündigung unserer Freundschaft halten. Jetzt ist er böse, daß ich ihm nicht gesagt habe, wer Sie sind. Weiß er das, und weiß er, daß ich Sie gern bei mir sehe, dann ist er zufrieden. Nun passen Sie auf, was geschieht. Er kommt zurück und sagt uns, daß er schlechterdings nichts für uns thun könne. Darauf gebe ich ihm die gewünschte Auskunft, und mache Miene selber zu gehen. Dann wird Frieden geschlossen. Sie müssen ihn aber gütig ansehen, wenn ich von Ihnen zu ihm spreche.“ „Keine Sorge, gnädige Frau: ich will so freundlich und mild lächeln, wie ein Engel von Guido Reni.“ Abermals öffnete sich die Thür. Der alte Diener erschien; marschirte in das Gemach, blieb genau auf demselben Platze wie das erste Mal stehen und sagte, wiederum Oswald fixirend: „Keine Menschenmöglichkeit nicht, gnädige Frau.“ „Aber Baumann, das ist ja jammerschade. Der Herr Doctor Stein ist eigens aus Grenwitz, und noch dazu zu Fuß herübergekommen, um mit Herrn Bem¬ perlein über Julius zu sprechen. Und nun sind die Beiden fortgefahren, und wir können ihm nicht einen Bissen, nicht ein Glas Wein vorsetzen; und ich selbst habe heute Mittag, wie Er selbst gesehen hat, gar nichts gegessen und komme nun fast um vor Hunger.“ Oswald mußte sich sehr zusammennehmen, daß sich das ihm anbefohlene Lächeln nicht in ein schallendes Gelächter verwandelte, als er sah, wie die Miene des alten Mannes bei jedem Worte, das Melitta sprach, heller und heller wurde, wie er den vorher auf den Gast fixirten Blick von diesem zu jener, von jener zu diesem wandte, als wollte er sagen: Na, seht ihr, junges Volk, daß ihr ohne den alten Baumann nicht fertig werden könnt! und zuletzt sagte: „Nun, was den Kellerschlüssel betrifft, so habe ich selbigen wie immer in meiner Tasche, gnädige Frau.“ „Ja, das ist ja auch wahr, und wie ist es mit dem Speisekammerschlüssel?“ „Eine Menschenmöglichkeit ist noch, daß Mamsell ihn wieder unter den Abstreicher gelegt hat, trotzdem ich sie schon oft dieserhalb verwarnet habe.“ „Will er denn einmal nachsehen, Baumann?“ „Zu Befehl.“ Sobald sich die Thür hinter dem alten Manne geschlossen hatte, warf sich Melitta lachend in einen Schaukelstuhl. „Habe ich es nicht gesagt?“ rief sie, sich hin- und herwiegend, lustig wie ein Kind, das seinen Willen durchgesetzt hat; „habe ich es nicht gesagt?“ Oswald hatte sich ihr gegenüber an den großen runden Tisch gesetzt, auf dem ein aufgeschlagenes Album und allerlei Zeichenmaterialien lagen. Seine Hand spielte mit einer Bleifeder, während er Melitta, in Ge¬ danken verloren, anschaute. „Wollen Sie mich zeichnen?“ rief Melitta. „Ich wollte, ich könnte.“ „Warum nicht, da liegt mein Album.“ „Das hilft mir nichts. Lehren Sie mich erst die Kunst, unmittelbar mit den Augen malen zu können.“ „Sehen Sie, das ist es gerade, was ich immer wünsche. Wie oft, wenn mich eine Landschaft, eine Gestalt, ein Gesicht interessiren, denke ich: jetzt mußt du's treffen; und will ich nun auf das Papier bannen, was mir so klar vor den Augen steht, wird's eine Stümperei.“ „Ich bin überzeugt, Ihr Album wird das Gegen¬ theil beweisen; darf man es besehen?“ „Nein, man darf es nicht; aber Sie dürfen es. Im Grunde hat es nur Werth für mich; denn für mich steht nicht nur das darin, was ich gezeichnet habe, sondern auch, was ich habe zeichnen wollen. Ueber¬ dies ist mir mein Album eine Art von Tagebuch. Dieses hier werde ich kurz vor meiner italienischen Reise angefangen haben.“ „So waren Sie in Italien?“ „Vor zwei Jahren mit meinem Vetter Barnewitz und seiner Frau. Ich wollte, Sie wären auch von der Parthie gewesen; einmal Ihrethalben, denn Sie sind es werth, Italien zu sehen, und sodann meinet¬ halben, die ich dann hoffentlich nicht allein, oder in Begleitung von Wachspuppen durch die herrlichsten Gegenden und die reichsten Gallerien hätte wandern müssen. Damals, wie stets, war es das Album, dessen geduldigem Papier ich Alles sagte, was sonst Niemand hören wollte.“ Melitta hatte sich erhoben und sich neben Oswald gestellt, der aufstehen wollte, ihr einen Stuhl heran¬ zurücken. Sie aber, ihn daran zu verhindern, legte die Hand leicht auf seinen Arm und ließ sie dort ein paar Augenblicke ruhen, — ein paar Augenblicke, und doch lange genug, daß Oswald's Hand zitterte und seine Stimme bebte, als er jetzt, die ersten Blätter umwendend, sagte: „Diese Skizzen sind noch vor der italienischen Reise gezeichnet. Hier ist der geheimnißvolle Teich, an dessen Rand ich heute Nachmittag geschlafen und geträumt habe.“ „Sie haben mir noch nicht erzählt, was Sie ge¬ träumt haben.“ „Doch, ich sagte Ihnen ja: süßes, närrisches Zeug.“ „Von einer Dame natürlich?“ „Ja.“ „So wäre es indiscret, mehr wissen zu wollen.“ „Ach, wie reizend!“ rief Oswald, als er das nächste Blatt umschlug. „Wie heimlich versteckt liegt dieses Häuschen im Walde! Gleich treuen Riesenwächtern umstehen es die alten Fichten. Wie eine schützende Gottheit breitet die Buche ihr mächtigen Aeste darüber hin. Als wollten sie sagen: Du bist unser! klettern die Schlingpflanzen daran hinauf und schaukeln sich vor den niedrigen Fenster. Und wie träumerisch schleicht der Bach zwischen hohen Binsen und Farren¬ kräutern hier durch die saftige Wiese im Vordergrund! — das ist wunderhübsch gedacht,“ sagte Oswald, von dem Blatt zu Melitta emporblickend. „Und weil Sie Alles so hübsch nachempfunden haben, so will ich Sie noch heute an Ort und Stelle führen.“ „Wie? so ist dies keine Phantasie?“ „Bewahre! höchstens die Enten hier, die sich vor dem Habicht in die Binsen ducken. Das Bächlein ist der Abfluß Ihres geheimnißvollen Sees im Walde.“ „Also nur eine Fortsetzung meines Traumes,“ sagte Oswald weiter blätternd. Ein loses Blatt kam ihm zunächst in die Hände. Der Kopf eines Mannes im Profil war in schönen, kühnen Linien darauf gezeichnet. In einer Ecke stan¬ den die Buchstaben A. v. O. und ein Datum. „Das Blatt wird verloren gehen,“ sagte Oswald. „Mag es!“ antwortete Melitta. Der Ton, in welchem sie diese beiden Worte sprach, war so eigenthümlich, so ganz ohne die gewöhnliche Süßigkeit ihrer Stimme, daß Oswald unwillkürlich zu ihr aufschaute. Er sah, daß ihre schönen Brauen wie im Schmerz zusammengezogen waren, und ihre Lippen zuckten. Er senkte sogleich seinen Blick und wollte das Blatt umschlagen. Melitta legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise: „Wie finden Sie den Kopf?“ Ein Sturm brauste durch Oswald's Seele. Er hätte sich von dem Sessel zu Melitta's Füßen werfen und ausrufen mögen: ich liebe Dich ja, Melitta! Wie kannst Du mein Urtheil hören wollen über den Mann, den Du geliebt hast, vielleicht noch liebst. . . Aber er bezwang sich und sagte mit scheinbarer Ruhe: „Es ist der Kopf eines Mannes, auf den mir Tasso's Worte zu passen scheinen: Und haben alle Götter sich vereinigt, An seiner Wiege Gaben darzubringen, Die Grazien sind leider ausgeblieben — Dieser Mann wird niemals glücklich sein, weil er nie¬ mals wird glücklich sein wollen.“ „Und darum,“ sagte Melitta, „ist dieser Mann aus meinem Leben losgelöst, wie dies Blatt aus dem Album. Wenn man die Erinnerung tödten könnte, wie man ein Blatt vernichten kann, so läge es nicht mehr hier. Da das aber nicht geht, so mag es bleiben, wo es ist. Weiter!“ Der Sturm in Oswald's Seele war vorüber¬ gebraust. Wie lindes Wehen des Frühlings überkam ihn der Gedanke: Sie könnte und würde dir das nicht sagen, wenn sie dich nicht ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft für würdig erachtete. Und ein Gefühl unsäglichen Glücks durchbebte ihn bei diesem Gedanken. Es war für ihn jener hochherrliche, feierliche Augen¬ blick, der einmal oder das anderemal jedem Menschen in der Nacht seines Lebens strahlt — jener Augenblick, wo die Himmel sich uns aufthun, und die Engelschaaren herniedersteigen, und Friede, Friede, Friede! in unser gläubiges Herz singen. In dieser seligen Stimmung durchmusterte er die folgenden Blätter, die Melitta auf ihrer italienischen Reise gezeichnet hatte: Landschaften mit heitern, klaren Linien, Skizzen aus Städten: Paläste, Straßen, Ruinen, zwischendurch ein keckes Lazaronigesicht oder ein träu¬ merisches Mädchenantlitz. Dann folgten Studien nach der Antike, zum Theil sehr fleißige Studien, denn Manches war wieder und wieder gezeichnet, bevor es F. Spielhagen, Problematische Naturen I. 12 dem regen Schönheitssinn Melitta's genügt hatte. Besonders schön war der Kopf der Venus von Milo. Auf einem der nächsten Blätter war die ganze Gestalt. Wo haben Sie das gezeichnet?“ fragte Oswald; doch unmöglich nach einer Copie?“ „Nein, nach dem Original selbst. Ich war damals in Italien eine halbe Katholikin geworden, und als ich in Paris im Louvre die hohe Gestalt sah, da sagte ich zu mir: diese oder keine ist deine Heilige. O, Sie glauben nicht, wie schön sie ist, wie schön und wie gut! und dieser Ausdruck himmlischer Güte, den die Milo¬ nische Venus nicht nur vor allen andern Venusbildern, sondern auch vor sämmtlichen antiken Köpfen voraus hat, rührte mich fast noch mehr wie ihre göttliche Schönheit. Vor der Milonischen Venus habe ich es zum ersten Male begriffen, wie es möglich sei, vor einem Bilde, das Menschenhand geschaffen, zn beten, aufrichtig, inbrünstig zu beten. Warum stützen Sie den Kopf so nachdenklich in die Hand? Hier, nehmen Sie diesen Bleistift und schreiben Sie mir unter das Bild, was Sie eben gedichtet haben; denn ich habe es Ihnen angesehen, daß Sie Verse machten.“ Oswald nahm den Griffel, den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernst bot, und schrieb, wäh¬ rend die schöne Frau ihm über die Schulter blickte, mit zitternder Hand: Fern zu Paris, im hohen Louvresaale, Inmitten all' der göttlichen Gestalten, Der marmorschönen ach! und marmorkalten, Da thronet sie hoch auf dem Piedestale; Sie, die im stillverschwieg'nen Bergesthale, Als träumerisch die duft'gen Nebel wallten, Anchises einst in seinem Arm gehalten, Bis sie entschwand im ersten Morgenstrahle. Die Göttin starb. Man fand die schöne Leiche, Und trug sie still in heil'ge Tempelhallen. So herrscht die Todte noch in ihrem Reiche. Ach, aber Keinem von den Gläub'gen allen Neigt gütig sie das Angesicht, das bleiche; Taub bleibt ihr Ohr für frommer Beter Lallen. Oswald legte den Griffel aus der Hand und schaute zu Melitta empor. Sein Blick begegnete dem ihrigen. Für ein paar Momente ruhten ihre Augen ineinander, als ob sie Einer in des Andern Seele lesen wollten. Da erschien in der Thür zum Nebenzimmer, aus dem man schon seit einiger Zeit das Klappern von Tellern gehört hatte, der alte Baumann mit einer Serviette unter dem Arm und sagte feierlich, wie der Comthur im Don Juan: „Gnädige Frau, es ist angerichtet.“ 12* „Schnell, kommen Sie, ehe unser Habermus kalt wird,“ rief Melitta. „Nur noch die paar Blätter erlauben Sie,“ sagte Oswald; „ich sehe, es ist gleich zu Ende.“ „Es ist nichts von Bedeutung mehr darin,“ sagte Melitta fast ungeduldig. „Ei, das ist ja der Park von Grenwitz,“ rief Os¬ wald, indem er, vom Sessel sich erhebend, das letzte Blatt aufschlug. „Der Rasenplatz hinter dem Schlosse. Hier die Flora, dort Bruno im vollen Lauf —“ „Und hier sind Sie!“ „Wo?“ „Dort.“ „Dieser Nebelstreif?“ sagte Oswald, auf eine Stelle rechts neben der Flora deutend, wo man von einer Figur, die mit Gummi wieder weggewischt war, noch eben die Umrisse erkennen konnte. „Dieser Nebelstreif!“ antwortete lachend Melitta. „Ich wollte Sie erst in Ihrer wirklichen Gestalt zeich¬ nen, konnte aber nicht damit zu Stande kommen. Jetzt sollen Sie als Erlkönig figuriren, der den Knaben Bruno hascht; das heißt Bruno's Leib, denn seine Seele gehört Ihnen schon. Wie haben Sie es nur angefangen, den jungen Leoparden in den paar Tagen vollständig zu zähmen?“ „Durch ein Bischen aufrichtige Liebe. Shakespeare nennt als untrügliches Mittel, die Menschen zu fangen, die Schmeichelei; ich finde, daß die Liebe ein noch viel sichereres und dabei viel edleres ist.“ „Und ist nicht die Liebe die größte Schmeichelei?“ So sprachen Oswald und Melitta, während sie in das Nebenzimmer gingen, ein hohes, schönes, mit alter¬ thümlichen Möbeln ausgestattetes Gemach, in dessen Mitte auf einem runden Tischchen allerlei Erfrischungen gar einladend servirt waren. Hinter dem einen der beiden reichgeschnitzten, hochlehnigen Stühle stand kerzen¬ gerade, die Serviette unter dem Arm, der alte Bau¬ mann, einer Anerkennung seiner ausgezeichneten Ver¬ dienste und fernerer Befehle gewärtig. „Nun was bietet uns denn unser Tischlein-decke-dich?“ sagte Melitta, sich setzend und Oswald mit einer Hand¬ bewegung einladend, ihrem Beispiele zu folgen. „Kalten Braten — Eingemachtes — ganz char¬ mant, Baumann! Mamsell wird sich ärgern, daß wir ohne sie fertig geworden sind.“ „Mamsell ist vor einigen Minuten von Faschwitz retournirt,“ sagte Baumann, der an einem Nebentische eine Flasche entkorkte. „Ich wette, sie ist gar nicht fortgewesen,“ flüsterte Melitta lächelnd Oswald zu. „Was haben wir denn für unsern Gast zum Trinken, Baumann?“ „Steineberger Cabinet, zweiundzwanziger,“ sagte Baumann, Oswald's Glas mit dem goldigen Weine füllend. „Und für mich?“ „Frisches Brunnenwasser, etwa mit Himbeersaft,“ antwortete Baumann kaltblütig, die Flasche mit dem Stöpsel darauf vor Oswald hinstellend. „Damit bin ich heute schlechterdings nicht zufrieden, Baumann! Wie steht es denn mit unserm Champagner?“ „Reine alle, gnädige Frau.“ „Aber wir haben ja doch neulich erst eine Kiste bekommen?“ „Steht noch nietennagelfest im Keller.“ „Ach, das ist ja jammerschade,“ klagte Melitta. „Und ich komme fast um vor Durst, und muß nun gerade heute ein solches Verlangen nach Champagner haben.“ „Nu, nu,“ tröstete Baumann, „wird sich ja noch verwerkstelligen lassen.“ Damit schritt er zur Thür hinaus. „Sehen Sie, so muß ich mir in meinem eigenen Hause Alles zusammenbetteln,“ sagte Melitta, „aber Sie essen ja nicht! Und was für ein Stück Sie sich da genommen haben! Das schlechteste auf dem ganzen Teller. Gott, was seid ihr Männer doch für hülflose, unpraktische Geschöpfe! Ich merke schon, daß ich für Sie sorgen muß.“ Und sie begann, trotz Oswald's Versicherung, daß er gar keinen Hunger habe, seinen Teller mit dem Besten, was sie auf dem Tisch entdecken konnte, zu füllen. Es schmeckt Ihnen nicht,“ sagte sie endlich fast traurig, als sie sah, daß der junge Mann selbst jetzt die Speisen kaum berührte. „Sind sie krank?“ „Ich befand mich im Leben nicht wohler. Aber sind Sie nie in der Stimmung gewesen, wo man Essen und Trinken für das Ueberflüssigste von der Welt, und die himmlischen Götter selbst, die doch noch des Nektars und des Ambrosia bedurften, für sehr arm¬ selige Götter hält?“ „O gewiß kenne ich solche Stimmungen,“ antwortete Melitta; „genau so war mir zu Muthe, als ich von meiner Tante zum ersten Mal auf den Ball geführt wurde. Aber das ist lange, undenkbar lange her; seitdem hat meine Stimmung, so viel ich weiß, mit meinem Appetit nie wieder etwas zu thun gehabt.“ Trotz dieser Prahlerei indessen blieb auch für Me¬ litta außer ein paar eingemachten Früchten alles auf der Tafel Schaugericht. Das süße Feuer, das ihren Busen höher wallen und ihre schönen Augen in noch zärtlicherem Lichte strahlen machte, bedurfte zu seiner Nahrung nicht der Gaben der Ceres. Zum ersten Male an diesem Nachmittage gerieth das Gespräch in's Stocken. Von dem, was ihre Herzen bis zum Zerspringen füllte, wagte Keiner zu sprechen; und Alles sonst erschien so gleichgültig, so nüchtern! Eine Verlegenheit, die sie vergebens hinter dem Anschein der Unbefangenheit zu verbergen sich bemühten, über¬ kam sie. Beide fühlten, wie eine starke, unsichtbare Hand ihnen die Masken, mit denen wir auf dem Car¬ neval des Lebens unsere wahren Gesichter vor einander verhüllen, langsam abstreifte. Wenn wir die Stimme des Gottes der Liebe hören in dem Garten des Pa¬ radieses, so verstecken wir uns vor ihm, und wenn er spricht: wo bist Du? wagen wir nicht zu antworten... Aus dieser wunderlichen Lage erlöste sie der alte Baumann, der jetzt das närrische Kind der Champagne in seiner silbernen, mit Eis gefüllten Wiege herbei¬ brachte, und vor Oswald auf den Tisch stellte. Wie er es in den wenigen Minuten bewerkstelligen konnte, aus dem tiefen Keller und der „nietennagelfesten“ Kiste das Gewünschte herbeizuschaffen, war eines der Räthsel, in die sich der gute alte Mann zu hüllen liebte, und die er für jedes sterbliche Auge undurchdringlich hielt. Mit kunstgerechter Hand die Flasche entkorkend, füllte er den perlenden Wein in die langen zierlichen Kelche, die er vom Büffet genommen, und schaute wohlgefällig lächelnd zu, wie seine Herrin fast gierig den süßen Trank schlürfte und ihm das geleerte Glas hinhaltend rief: „Encore , Baumann! und schenke Er sich auch ein Glas ein, und trinke Er es auf das Wohl unseres Gastes!“ Der alte Diener that, wie ihm geheißen; füllte sich am Büffet ein Glas, und dann, auf zwei Schritt an den Tisch herantretend, rief er: „Zuerst auf Ihr Wohl, gnädige Frau! denn das geht mir doch über Alles. Und möge der liebe Gott Ihre Augen allzeit so fröhlich blicken lassen, wie zu dieser Stunde! Und sodann auf Ihr Wohl, junger Herr! und möge der Himmel Ihren Eingang in dieses Haus gesegnen, daß nichts als Frieden und Freude daraus komme. Und das wünscht Ihnen der alte Baumann!“ So sprach er und leerte langsam das Glas, den Kopf zurückbiegend, bis sein Auge auf den pausbackigen Engelskopf in der Stuckatur der Decke gerade über seinem Scheitel traf; und das geleerte Glas dann wieder auf das Buffet setzend, trat er an's Fenster, dem Paar am Tisch den Rücken zukehrend, wie um ihre Unterhaltung nicht weiter zu stören. Die Gegenwart des alten Dieners und der bele¬ bende Wein hatten ihre Zungen wieder gelöst und ihre Blicke kühner gemacht. Sie schwatzten, scheinbar unbefangen, über allerlei gleichgültige Dinge, bis Os¬ wald Melitta an ihr Versprechen, ihn noch heute nach dem Häuschen im Walde zu führen erinnerte. „Habe ich Ihnen das versprochen?“ sagte Melitta. „Nun so muß ich es auch wohl thun, obgleich es mir jetzt beinahe leid ist, denn Sie glauben nicht an meine Heilige, und sind deshalb nicht würdig ihre Kapelle zu betreten.“ „Ihre Heilige?“ „Die hohe Frau von Milo. Ich muß Ihnen jetzt auch nur erzählen, wie weit meine Schwärmerei für die Göttliche ging. Nach meiner Rückkehr ver¬ folgte mich die Erinnerung an das schöne Bild im Louvre so, daß ich nicht ruhte, bis ich mir von Paris mit nicht geringen Kosten eine ausgezeichnete Gyps¬ copie verschafft hatte. Weil ich aber nicht wagte, meine Heilige hier im Hause aufzustellen, brachte ich sie nach dem Häuschen im Walde, das so eine Wald¬ kapelle wurde, zu der ich jedes Mal, wenn Besuch in Berkow ist, den Schlüssel verloren habe; und wo ich oft ganze Tage und Nächte zubringe, wenn die dummen Menschen mich einmal mehr als gewöhnlich geärgert haben, und ich, da ich keine Gesellschaft haben kann, wie ich sie wünsche, wenigstens ganz einsam sein will.“ „Und da machen Sie dann mit dem Harfner im Wilhelm Meister die traurige Erfahrung, daß „wer sich der Einsamkeit ergiebt, bald allein ist;“ aber Ihnen hätte ich solche hypochondrische Grillen am wenigsten zugetraut.“ „Warum nicht mir?“ „Weil Sie so gut und so heiter blicken — blicken können.“ „Und wissen Sie nicht, daß gerade die heitern Augen am leichtesten weinen?“ „Ich möchte Sie um Alles in der Welt nicht weinen sehen; ich glaube, das könnte mir das Lachen auf immerdar verleiden.“ Und wieder ruhten ihre Blicke ineinander, und ihre Seelen küßten sich. „Nun denn, so kommen Sie!“ sagte Melitta. „Es zieht ein Gewitter herauf,“ bemerkte der alte Baumann vom Fenster her, ohne sich umzuwenden. „Bis es herauf ist, sind wir längst drüben;“ sagte Melitta, die sich schon erhoben hatte. „Und wenn Sie sich vor einem Gewitter nicht mehr fürchten, wie ich — oder fürchten Sie sich vor einem Gewitter?“ — Oswald lächelte. „So soll uns das wahrlich nicht abhalten. Uebri¬ gens sehe ich vom Gewitter keine Spur;“ sagte sie schon in der Thür des Gartensaales. In diesem Augenblick zog ein blauer Schatten über den Garten, und eine Schaar Schwalben schoß zirpend und schreiend, dicht über die Erde streifend, an der Thür vorbei. „Wollen wir doch lieber bleiben?“ sagte Melitta, die schon den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, zu Oswald zurückgewandt. „Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter,“ ant¬ wortete Oswald, nicht nach dem Himmel, sondern in ihre Augen blickend. „Und im Walde ist es gerade am schönsten im Sturm und Gewitter!“ rief Melitta. „Adieu, Bau¬ mann! Wenn der Wagen von Grenwitz kommt, schicke Er ihn nach der Försterei. Der Kutscher soll sich im Waldhäuschen melden.“ Baumann schaute den Enteilenden nach, bis Melitta's weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden war. Wer ihn so auf der Schwelle des Hauses stehen sah, den alten, hohen Mann, mit dem weißen Bart und dem narbenvollen Gesicht, die noch immer starken Arme über der treuen Brust verschränkt und die klugen, treuen Augen nachdenklich in die Ferne gerichtet — der mochte wohl denken, daß ein besserer Wächter nicht könnte gefunden werden. Aber ach! das Haus war leer; die geliebte Herrin war davon geeilt, hinein in den gewitterschwülen Abend mit dem Fremden, dem Manne, den sie seit gestern kannte. Und er, der treue Diener, seufzte tief, während er mit gesenktem Haupte durch den Saal in das Eßzimmer zurückschritt und langsam den Tisch abzuräumen begann. „Die guten Gottesgaben kaum berührt,“ murmelte er, „das ge¬ fällt mir nicht. Wenn junges Volk keinen Hunger im Magen hat, hat es Narrenspoffen im Kopf. Und an dem Wein haben sie auch nur genippt. Da steht die Flasche noch halb voll — und morgen ist er nicht mehr zu trinken ... morgen ...“ Der alte Mann setzte sich an den Tisch und stützte sein sorgenvolles, graues Haupt auf die runzlige Hand. „Aber an Morgen denkt das junge Volk nicht. Morgen ist der junge Herr mit seiner weichen Stimme und seinen großen blauen Augen wieder drüben in Grenwitz, und wer weiß, wo er übermorgen ist. Aber der alte Bau¬ mann ist hier — morgen und übermorgen; und wenn die Gäste fort sind, sieht das Haus ganz anders aus, und beim Auskehren, da findet es sich ... Ja, ja, der alte Baumann sieht, was die Andern nicht sehen, und hört, was die Andern nicht hören. — Ach, Bau¬ mann, ich wollte ich wäre todt! ach, Baumann, warum hat er mich damals aus dem Feuer getragen! — Jetzt sagt sie: ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter und: schicke er uns uur den Wagen nach, Baumann! Hm, hm! ich hätte es eigentlich nicht zugeben sollen; ich hätte sie bei Seite nehmen sollen und zu ihr sagen: Höre Kind, so und so! denke an das und das! ... Aber wenn ich die Kleine so glücklich sehe, so fröhlich, wie damals, als ich sie zuerst auf dem Pony reiten lehrte, ein zwölfjähriges Ding, und sie sagte: bitte, bitte, lieber Baumann, nun laß er uns einmal ordent¬ lich jagen, da konnte ich auch nicht nein sagen, und fort ging es, was die Thiere laufen wollten. Gerade so große, strahlende Augen hatte sie heute Abend wieder, und gerade so rosig und frisch sah sie wieder aus. Das arme, arme Kind! ... Ja so, du wolltest ja nachsehen, ob oben die Fenster alle ordentlich schließen, es ist von wegen des Gewitters." Vierzehntes Kapitel. Fröhlich wie Kinder aus der Schule eilten Oswald und Melitta aus dem Hause durch die grünen Laub¬ gänge des Gartens nach der Pforte, die aus diesem heraus auf die Wiesen führte. Hinter der allmälig aufsteigenden Wiese ragte der Wald. Gleich neben der Pforte und ein Stück am Garten hin lag ein halb versumpfter, hie und da am Rande mit Weiden be¬ setzter Teich, da sich das Wasser des Waldbaches an dieser tiefer gelegenen Stelle abermals staute, um dann an dem Gutshof vorüber und hernach durch das Dorf lustig hinabzuplätschern. Auch die Wiese war schon zum Theil versumpft, mochte auch wohl im Frühjahr ganz unter Wasser stehen; jetzt dienten große Steine als rohe Brücken über gar zu nasse Stellen. „Der Weg ist für Stadtherren ein wenig sehr ländlich, nicht wahr, Herr Doctor?“ sagte Melitta, leicht wie eine Gazelle von Stein zu Stein hüpfend: „wir Naturkinder freilich sind an dergleichen gewöhnt. Ich hätte sie auch den längern Weg durch den Park und den Wald führen können; aber sie müssen Berkow auch von seiner Schattenseite kennen lernen.“ „Nun wahrlich, gnädige Frau, wenn dies eine Schattenseite von Berkow ist, so verlangt mich nicht nach den Sonnenseiten,“ sagte Oswald lächelnd, in¬ dem er auf einem der Blöcke stehen blieb und seinen Hut abnahm, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Denn die Luft war schwül, der blaue Schatten war vorübergezogen, die am Rande des Holzes stehende Sonne schoß glühende Strahlen, und sie waren schnell gegangen. „Schon müde?“ sagte Melitta, ebenfalls stehen bleibend und sich den Hut abnehmend, um ihr reiches, braunes Haar nach hinten zu schütteln; „kommen Sie, je schneller wir laufen, desto früher kommen wir in den schattigen Wald. Ich zähle eins, zwei, drei — und wer zuerst ankommt —“ „Nun?“ „Das wird sich finden, Eins, zwei, drei — oh!“ Melitta war von dem Stein, auf welchem sie stand, auf einen andern, niedrigeren gesprungen, und sank mit einem Ausruf des Schmerzes in die Knie. Im Nu war Oswald an ihrer Seite. „Mein Gott, was ist Ihnen, gnädige Frau?“ „O, nichts, nichts! Ich habe mir im Springen den Fuß etwas vertreten, es wird gleich wieder besser sein.“ Sie stützte sich auf Oswalds Arm; blaß und vor Schmerz die Unterlippe zwischen den Zähnen pressend. Aber die Farbe kam ihr wieder, als sie zu Oswald aufschaute. „Sein Sie unbesorgt,“ sagte sie — und ihre Stimme klang süßer wie je — „Ihre Wette haben Sie doch gewonnen. So! jetzt wird es schon wieder gehen.“ Sie wollte ihren Arm aus Oswalds Arme ziehen; er aber mochte die schöne Beute nicht so bald wieder fahren lassen. „Sie können, ohne sich zu stützen, noch nicht gehen, und misgönnen Sie mir die Freude, Ihnen diesen ge¬ ringen Dienst leisten zu dürfen?“ „Ich fürchte nur, der Weg ist bei der Sonnengluth für Sie selbst beschwerlich genug. Oh!“ Ein falscher Tritt ließ Melitta abermals zusammen¬ sinken. „Wir werden stehen bleiben müssen,“ sagte sie. „Ich will Sie die paar Schritte bis an den Wald F. Spielhagen, Problematische Naturen I. 13 hinauftragen; Sie können sich da wenigstens im Schatten ausruhen.“ Melitta lächelte. „Ich bin nicht so leicht wie eine Puppe.“ „Und nicht so schwach wie ein zehnjähriges Mäd¬ chen,“ rief Oswald, umfaßte Melittas schlanken Leib und sie emporhebend, trug er sie sicher, wie die Mutter ihr Kind, über die letzten Steine hinauf bis an den Waldrand, wo die breiten Kronen der Buchen Schatten und Kühlung spendeten. Dort ließ er sie sanft aus seinen Armen auf das dichte Moos gleiten, indem er selbst vor ihr stehen blieb. Melitta hatte sich von dem Augenblicke an, wo der kühne junge Mann sie empor¬ hob, nicht weiter gesträubt; sie fühlte alsbald, daß er stark genug sei, sie zu tragen; aber sie hielt es für thörigt, ihm die Last nicht so viel wie möglich zu er¬ leichtern, und hatte sich dicht in seine Arme geschmiegt. „Wie stark Sie sind!“ sagte sie jetzt, bewundernd zu ihm aufschauend. „Oswalds Herz hämmerte und seine Brust wogte, mehr vor innerer Erregung, als in Folge der An¬ strengung. Er fühlte noch immer die elastischen Glieder, die er in seine Arme gepreßt, das weiche Haar, das sein Gesicht umspielt, den süßen Athem, der seine Stirn umweht hatte. „Unter solchen Umständen wäre es eine Kunst, nicht stark zu sein,“ antwortete er. „Aber angegriffen hat es Sie doch, gestehen Sie es nur. Kommen Sie und setzen Sie sich zu mir; auf diesem Moossopha ist Platz für mehr als zwei.“ Oswald ließ sich neben Melitta, die sich an den Stamm der Buche lehnte, in das weiche Moos sinken, stützte den Kopf auf den Arm und schaute sinnend em¬ por in ihr heiteres Antlitz. — Nahte sich der Traum am Sumpfesrand der Erfüllung? wird sich das liebe, holde Gesicht zu ihm niederbeugen und ihn küssen, wie die Traumgestalt? Oder ist dies wieder nur ein Traum? . . . Es überkam Oswald das wunderliche Gefühl, als habe er dies Alles schon einmal erlebt; als kennte er diesen Platz: hier den dunkeln Hochwald, aus dem das Klopfen eines Spechtes ertönte, — vor ihm die Wiese, über deren langes Gras rothe Abendlichter wogten, — drüben den stillen Garten, aus dessen grünem Revier Melittas graues Schloß hervorragte — seit vielen, vielen Jahren; — als habe er Melitta selbst in seinem früheren Leben oft gesehen, als Knabe schon, wenn er sich recht tief in ein schönes, lauschiges Mährchen hin¬ eingelesen hatte, so daß zuletzt die holde Prinzessin or¬ dentlich leibhaftig vor ihm stand . . . und auch Melitta mußte Aehnliches empfinden, denn vollkommen unbe¬ 13* fangen, als wäre er ihr Bruder oder Gatte, nahm sie ihm den Hut vom Haupt und drückte ihm ihr feines, duftendes Taschentuch wiederholt auf die perlende Stirn und die blauen, träumerischen Augen. Oswald ergriff die liebe Hand und preßte sie an seine Lippen. „Die Hand muß ich Ihnen freilich lassen,“ sagte er; „aber das Tuch kann ich Ihnen wahrlich nicht wiedergeben.“ „So behalten Sie es als Andenken an diese Stunde. Aber jetzt wollen wir weiter. Wir haben bis zur Waldkapelle doch noch eine ziemliche Strecke und der Himmel sieht in der That drohend aus.“ Melitta lehnte sich auf Oswalds Arm, als sie jetzt den schmalen Pfad einschlugen, der erst durch Buchen, dann zwischen einer Schonung jungen Laubholzes auf der einen und hochstämmigen Nadelholzes auf der andern Seite tiefer in den Wald führte. Die Sonne goß über die niedrigen Büsche fort ihre letzten Strahlen purpurn über die Wipfel der Tannen; ein Vöglein strömte in weichen, klagenden Tönen, als wenn es Abschied nähme von der Sonne und vom Leben, seine süßen Abendlieder aus. — Dann erlosch die Purpurgluth droben, das Vöglein verstummte und Schatten nur Stille umfing die Liebenden. Aber der Schatten wurde düsterer und drohender, und die Stille wurde seltsam unterbrochen von dem Knarren und Stöhnen der Tannenriesen, die ihre starken Glieder reckten und dehnten, als wollten sie prüfen, ob ihre Kraft noch ausreiche, dem Gewitter¬ sturm, der über den Wald heraufzog, zu trotzen. Und jetzt begann es in den Büschen unheimlich zu zischeln und zu flüstern, dürres Laub flog, wie in toller Angst, her vor der Windesbraut, die sausend in das Blätter¬ meer schlug, die Kronen der Buchen wie wahnsinnig durch einander peitschte, die hohen Wipfel der Tannen mächtig bog und den Wald bis in die tiefsten Gründe aus seiner Ruhe schreckte. Das fahle Licht eines Blitzes zuckte auf; schon fielen große warme Tropfen durch die Blätter. Melitta hatte sich dicht an Oswald geschmiegt, dessen Herz mit dem Sturm aufjauchzte. Die Geliebte mit dem einen Arm an sich drückend, streckte er wie zum Kampf den andern zum gewitterschwarzen Himmel auf. „Nur zu, nur zu!“ murmelte er durch die zu¬ sammengepreßten Zähne; „ich fürchte Dich nicht! . . . Wie, gnädige Frau, ist Ihr Muth schon zu Ende? O, es ist schön im stürmenden, donnernden Walde.“ Melitta sprach kein Wort; die Augen nicht vom Boden erhebend, eilte sie weiter, schneller und immer schneller, bis der Wald sich zu einer weiten Lichtung öffnete; und da lag vor ihnen, in diesem Augenblick von dem röthlichen Lichte eines Blitzes hell erleuchtet, die Waldkapelle. Nur ein paar Schritte noch und sie langten unter dem weit vorspringenden Dache des im Schweizerstyl allerliebst ausgeführten Häuschens an. Rasch erstieg Melitta die Stufen, die zu der niedrigen Veranda hinaufführten; sie nahm einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihres Kleides, drehte das Schloß auf, aber, anstatt die Thür zu öffnen, lehnte sie sich zitternd gegen den Pfosten. Sie war bleich; ihre Kraft schien gänzlich erschöpft; sie drückte die Hand auf das po¬ chende Herz. So sah sie Oswald, als er den Blick von der im Regen dampfenden Wiese — ein Anblick, der ihn stets mit einer eigenthümlichen Lust erfüllte — zu ihr wendete. „Mein Gott, gnädige Frau, was ist Ihnen? was haben Sie?“ „O, nichts, nichts!“ sagte sie, „beim ersten Ton seiner Stimme sich aufraffend; „es ist nur der schnelle Lauf; jetzt ist es schon wieder besser; kommen Sie!“ Sie öffnete die Thür und trat ein; Oswald folgte. Aber er fuhr entsetzt zurück, als er in dem mystischen Halbdunkel, das in dem Gemache herrschte, eine hohe weiße Gestalt erblickte, die aus der Wand hervorzu¬ schweben schien. „Was ist das!“ rief er im ersten Schrecken. „Was?“ sagte Melitta, welche die Fenster öffnete, um die frische Luft in das heiße, blumendufterfüllte Gemach strömen zu lassen. „Die Venus von Milo!“ rief Oswald, und ein wollüstiger Schauder durchrieselte ihn. „Meine Heilige! ich sagte es Ihnen ja. Nun, wie finden Sie die Kapelle?“ Es war ein nicht sehr großes, aber verhältni߬ mäßig hohes Gemach; rechts und links je ein Fenster, das auf die Veranda führte; der Thür gegenüber stand in einer Nische auf einem niedrigen Piedestale das Bild der Göttin. Bequeme Gartenstühle, eine Chaise longue, ein Tisch, auf dem Bücher, Papiere, Zeichen¬ materialien, eine angefangene Stickerei, Reitpeitsche und Handschuhe in malerischer Unordnung durcheinander lagen — waren die einfache, schickliche Ausstattung. „Sind Sie sehr naß geworden?“ fragte Melitta, ihren Hut auf den Tisch werfend, ohne die Antwort auf ihre vorige Frage abzuwarten. Und dann: „Gehen Sie da vom Fenster fort, Sie werden sich erkälten. Kommen Sie hierher, oder nein! setzen Sie sich auf die Chaise longue und erholen Sie sich!“ Und wieder: „Wenn ich nur etwas für Sie herbeischaffen könnte! — Aber, es ist wahr, ich kann ja Thee bereiten. Wo sind nur gleich die Sachen? Hier — nein dort in dem Schrank.“ Das Alles sagte sie hastig, wie gedrängt von einer in ihr wühlenden Unruhe, mit raschen, ungleichen Schritten im Gemache hin und her schreitend. Oswald ergriff ihre Hand. „Sorgen Sie nur erst für sich selbst, liebe, gnä¬ dige Frau; mir schadet das bischen Regen wahrlich nichts. Ihr Kleid ist feucht und Ihre dünnen Stiefel sind auch keine Fußbekleidung für das nasse Gras der Wiese.“ „O, für mich ist leicht Rath geschafft. Ich habe nebenan Alles, was ich brauche.“ „Nebenan?“ „Sagte ich Ihnen nicht, daß ich hier oft selbst die Nächte zubringe? Die Thür dort führt in meine Garderobe.“ „So gehen Sie sogleich hinein und kleiden Sie sich um!“ Melitta zog ihre Hand aus der des jungen Man¬ nes, und ging, ohne ein Wort zu erwidern, von ihm fort, und verschwand durch eine Thür, die sich neben der Statue befand, und die Oswald jetzt zum ersten Male bemerkte. Er warf sich in einen der Lehnstühle und stützte den Kopf in die Hand; dann sprang er wieder auf, lehnte sich in's Fenster und starrte mit düstern Augen hinein in den Sturm und Regen; dann ging er mit hastigen Schritten in dem Gemache auf und ab; end¬ lich warf er sich vor dem Piedestale der Göttin nieder und legte seine heiße Stirn auf ihre Marmorfüße. Das Rauschen eines Gewandes dicht neben ihm schreckte ihn aus seinem Fiebertraum. „Melitta,“ rief er, ihre Hände ergreifend, noch auf den Knieen, „Melitta!” Sie ließ ihm ihre Hand, die er mit Küssen bedeckte, mit der andern streichelte sie sanft sein Haar. „Melitta!“ rief er mit Thränen der Wonne im Auge zu ihr aufschauend, „Melitta!“ Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn zärt¬ lich auf die Stirn; dann aber eilte sie von ihm fort, warf sich in einen der Lehnstühle und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Oswald fiel vor ihr nieder; er umfaßte ihre Knie; er drückte sein glühendes Gesicht in ihren Schooß; er küßte ihr Gewand, ihre Hände. „Melitta! süße, holde, weine nicht! Wie kannst Du weinen, daß Du mich so namenlos glücklich machst! Melitta, liebe, liebe Melitta! Deine Thränen tödten mich. Nimm lieber mein Herzblut Tropfen für Tropfen. Mein Blut, mein Leben, meine Seele sind ja Dein! Me¬ litta, für diesen Augenblick will ich Dir ewig danken; hörst Du, Melitta, ewig —“ „Um Gotteswillen, schwöre nicht!“ rief Melitta, auffahrend und ihm die Hand auf den Mund legend. Dann ergriff sie seinen Kopf und küßte ihn leiden¬ schaftlich auf Stirn und Augen und Mund. Und wieder sprang sie empor und eilte, wie von Dämonen verfolgt, in dem Gemache auf und ab. „O, mein Gott, mein Gott!“ rief sie, die Hände ringend. Sie eilte auf die Thür zu, als wollte sie entfliehen, aber, ehe sie dieselbe erreichte, brach sie zusammen. Oswald fing sie in seinen Armen auf; er trug sie nach dem Sopha; er bedeckte ihre kalten Hände, ihre bebenden Lippen mit glühenden Küssen; ein Freuden¬ schrei entrang sich seiner gepreßten Brust, als die starre Gestalt sich endlich wieder zu regen begann. Sie richtete sich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck unendlicher Liebe auf ihn heftend, sagte sie leise — leise und fest, wie ein Kranker, der seinen Arzt fragt, ob Leben oder Tod das Ende sein wird — „Oswald, höre mich an! liebst Du mich jetzt, in diesem Augenblicke, so, wie Du glaubst, daß Du ein Weib auf Erden lieben kannst?“ „Ja, Melitta!“ „Nun denn, Oswald, so liebe ich Dich — jetzt und immerdar!“ . . . . . . . . . . . . Das Gewitter war vorübergebraust; schweigend ruhte der regenerquickte, duftende Wald; und über dem Wald erglänzte aus dem purpurnen Abendhimmel der Venus leuchtender Stern. Funfzehntes Kapitel. Wem ist es nicht schon auf der Reise begegnet, daß er in der ersten Morgenfrühe durch die Straßen einer Stadt fuhr. — Die Sonne vergoldet schon die Kirch¬ thurmspitze, die Luft ist kühl und erquickend, die Vögel singen in den alten Linden vor den Giebelhäusern des Marktes — die Natur wacht und prangt in Morgen¬ schöne — und die Menschen liegen noch alle in den Banden des Schlafes, drinnen in den schwülen, dum¬ pfigen Kammern. Der Reisende kann es kaum be¬ greifen, daß sich kein Fensterladen öffnet, kein lächelndes Gesicht herausschaut, sich mit ihm des wonnigen Morgens zu freuen . . . So fühlt der Liebende, der sich eben der Gegenliebe versichert, mit leuchtenden Augen um sich schaut und Blumen und Menschen an sein über¬ strömendes Herz drücken möchte. Aber die Blumen kümmerten sich nicht um ihn, und die Menschen haben dieselben verschlafenen oder von Sorgen — den bösen Träumen — verdüsterten Alltagsgesichter. Die Sonne seiner Liebe, die ihn zu neuem Leben erweckte, für die Andern in der schwülen, dumpfigen Kammer ihres liebe- und freudelosen Daseins hat sie kein Licht und keine Wärme. Das fühlte Oswald, als er am nächsten Morgen nach einem kurzen, unruhigen Schlaf, der sich wie ein trüber Lethestrom über die Erinnerungen des vergan¬ genen Tages gewälzt hatte, erwachte. Aber die Seele empfängt Eindrücke, die fürder kein Schlaf — es wäre denn der letzte, ewige — wieder verwischen kann; und so hatte er denn kaum die Augen aufgeschlagen, als das Bild jener herrlichen Frau mit leuchtender Klarheit vor seiner Seele stand. Was sich ereignet hatte bis zu dem Augenblicke, wo ihm das Venusbild in der dämmerigen Waldkapelle entgegenschwebte — er hatte es vergessen; was nachher geschehen war, als er Me¬ litta, die ihm bis in die Nähe des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben, zum letzten Male in seine Arme gepreßt hatte, — er wußte es nicht mehr. Aber die Küsse, die er gegeben und empfangen, brannten noch auf seinen Lippen; aber der süße Athem, der sich mit dem seinen vermischt, umkoste ihn noch; aber die liebetiefen Augen, die in den seinigen geruht, sie strahlten ihm noch immer. O, diese Augen, diese zärtlich-lieb¬ kosenden, leidenschaftlichblitzenden Augen! wie zwei helle Sterne, die selbst das Frühroth nicht verlöschen kann, schimmerten sie und leuchteten sie, und verfolgten ihn allüberall. Er sah sie, wenn er die eigenen Augen schloß: er sah sie, wenn er aus dem Fenster, in dem er lehnte, in den hellen Morgenhimmel schaute; er sah sie, wenn er den Blick in die blauen Schatten senkte, die zwischen den hohen Bäumen lagen, unten in dem stillen, thaufrischen Garten. Es war ihm, als ob er sich todt weinen könnte, als ob er laut aufjauchzen müßte vor seligem Schmerz und schmerzlicher Seligkeit, als ob sein ganzes Wesen sich auflösen, wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen müßte . . . Es giebt Momente, wo uns der Körper wie ein Hohn erscheint. Wir möchten fliegen und kleben an dem Boden; wir möchten das Meer von Empfindungen, das in unserer Brust wogt, in Worten ausströmen, und unsere Zunge stammelt; wir möchten ganz der Andere sein, und sind doch immer nur wir selbst. O, dies ist eine Qual, der zu vergleichen, welche der Scheintodte empfinden mag, wenn sie ihm den Sarg schmücken, und er nicht einen Finger regen, nicht die Lippen bewegen kann, um ihnen zu sagen: ich lebe ja! . . . Oswald schlich sich auf den Fußspitzen in die Kammer der Knaben; er wollte we¬ nigstens ein liebes Antlitz, Brunos Antlitz sehen. Das erste Frühroth drang durch die geschlossenen Gardinen: im Zimmer war es auffallend kühl. Bruno hatte wieder einmal nach seiner Gewohnheit das Fenster die ganze Nacht hindurch offen gelassen. Oswald schloß es, denn die Morgenluft wehte herein und Brunos Gesicht war von einem unruhigen Traum erhitzt. — Wieder lag er da, wie in jener Nacht, als Oswald ihn zum ersten Mal erblickte — mit über der Brust verschränkten Armen, düstern Trotz auf dem dämonischschönen An¬ gesicht. Aber als Oswald ihn heute auf die Stirn küßte, öffnete er nicht, wie damals, die Augen, ihn voll Traumesseligkeit anzulächeln; öffnete er nicht, wie da¬ mals, die Lippen, ihm das rührende Wort zuzuflüstern: ich habe Dich lieb! die dunkeln Brauen zogen sich nur noch finsterer zusammen, und schmerzlich zuckte es um den stolzen Mund. — Zu jeder andern Zeit würde Oswald dies für einen Zufall angesehen haben; aber jetzt in seiner augenblicklichen weichen Stimmung schmerzte es ihn innig. — „Zürnt er dir noch,“ dachte er, „daß du ihn gestern zu Hause ließest? Ahnt er, daß seit gestern ihm nicht mehr all deine Liebe gehört? Und doch! liebe ich ihn jetzt nicht nur noch mehr?“ Er streichelte dem Knaben sanft das dunkle Haar aus der finstern Stirn; er hüllte die leichte Decke fester um den schlanken Leib und schlich wieder aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen, als er es betreten hatte. Eine bange Ahnung von schwerem Leid, das ihm selbst und Bruno und auch ihr! aus all' der Himmelslust erwachsen werde, durchbebte ihn. Er eilte in den Garten hinab, um im Freien freier athmen zu können, und schweifte umher in den dunkeln Laubgängen und zwischen den Beeten, und schüttelte den Thau von den Zweigen in sein heißes Gesicht und schaute mit den düstern verwachten Augen in die frommen Kinderaugen der Blumen. — An den Gemüsebeeten fand er den Gärtner beschäftigt. Es war doch wenigstens ein Mensch; Os¬ wald sehnte sich darnach, die Stimme eines Menschen zu hören. Er redete den Mann an; er erkundigte sich, was er nie zuvor gethan, nach seinen Verhältnissen: ob er verheirathet sei? ob er Kinder habe? ob er die Kinder liebe? Der Mann gab ihm die schiefen, halben Antworten, die man gewöhnlich auf derartige Fragen von Leuten erhält, die, wenn sie auch nicht weniger tief empfinden, wie der Gebildete, doch durch ihre Unge¬ wohnheit, sich ihre Gefühle klar zu machen und in Worte zu bringen, oft den Anschein stumpfer Gefühl¬ losigkeit haben. Redseliger wurde er, als er auf seine Pflanzungen zu sprechen kam, die bei dem köstlichen Wetter, wo herrlichster Sonnenschein mit warmen Ge¬ witteregen abwechselte, gar üppig gediehen. Aber Os¬ wald hörte nur noch mit halbem Ohre hin und ver¬ ließ plötzlich mit einem flüchtigen Gruße den Alten, der, sich die Mütze aus der Stirn rückend, ihm ver¬ wundert nachschaute, mit dem Kopfe schüttelte, und wieder zum Spaten griff. — Oswald setzte seine rast¬ lose Wanderung durch den Garten fort, dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem von dem hohen Walle rings eingeschlossenen Raum. Er eilte aus dem Garten über den Hof in das Feld, aus dem Felde in den Wald, weiter und weiter, dem Brausen entgegen, das zuerst dumpf, dann lauter und lauter an sein Ohr drang. Da trat er heraus aus den Buchen, deren breite Kronen sich über seinem Haupte wölbten, auf das hohe Kreideufer, und weit, unermeßlich weit lag es vor ihm da das heilige, ewige Meer. Dort in der Ferne blitzten die weißen Kämme der Wogen auf, die, sich unaufhaltsam heranwälzend, tief unter seinen Füßen zwischen den gewaltigen Steinen des schmalen Stran¬ des mit unaufhörlichem Donner brandeten — Woge auf Woge, immer neue und immer neue, unzählig, sinnverwirrend, wunderbar. Kein Segel war zu sehen in der ungeheuren Runde; nur ganz am Horizont zog eine Rauchsäule von Osten nach Westen. Sie kam F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 14 aus dem Schlot eines Dampfers, der seine einsame Bahn, wer weiß woher? und wohin? rastlos verfolgte. — Ueber der schäumenden Brandung unter ihm flat¬ terten weiße Möven und stürzten sich kreischend in die Salzfluth und schwangen sich wieder auf und flatterten wieder hierhin und dorthin. Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler seine majestätischen Kreise, höher und immer höher, bis er Oswalds Blicken nur noch als ein schwarzer beweglicher Punkt erschien. — Aber selbst das erhabene Schauspiel des Meeres vermochte heute nicht seine Seele auszufüllen. Der Ocean ist nicht so groß und so tief wie das menschliche Herz, und wie köstlich sie auch Oswald sonst dünkte, die Musik der Wogen, er hatte vor wenigen Stunden eine köstlichere Musik gehört. Nur den Adler droben be¬ neidete er. „Ein Schlag deiner mächtigen Schwingen, und du schwebst über Wälder und Felder fort bis zu Melitta's Haus!“ Er sprang empor, er eilte zurück in's Schloß, hinauf auf die Zinne des Thurmes; vielleicht konnte er von dort Melitta's Wohnung sehen; und er jauchzte laut auf vor freudiger Ueberraschung, als er wirklick, den spähenden Blick nach jener Seite richtend, den obersten Giebel ihres Hauses eben noch über den Rand des Waldes emporragen sah. Ein wonnevoller Schauer durchrieselte ihn; es war ihm, als hätte er den Saum ihres Gewandes berührt. — In der Liebe, wie in der Religion, ist Alles mystisch. Warum erquickt es den Gläubigen, wenn er beim Gebet das Antlitz nach Osten wendet? warum ist es ein Trost für den Lie¬ benden, nur mit der Hand nach der Gegend zu deuten, wo die Geliebte wohnt? Die Zeit, in der Oswald seine Unterrichtsstunden zu beginnen pflegte, war herbeigekommen; er ging in sein Zimmer; er fand die Knaben nicht, die gegen die Gewohnheit noch unten beim Frühstück waren. Sein eigenes Frühstück stand auf dem Tische. Da klopfte es leise an die Thür und herein trat der alte Baron, mit einem Bündel Papiere in der Hand. Nach den ersten Begrüßungen und nachdem er sich wegen seines ungewöhnlichen Besuches (es war in der That das erste Mal) eutschuldigt hatte, sprach er: „Sie könnten uns (er sagte niemals: ich, da er sich ohne seine Gemahlin nicht denken konnte) einen rechten Gefallen erweisen, Herr Doctor.“ „Ich vermuthe, Herr Baron, daß es sich um die Papiere handelt, die Sie dort in der Hand haben.“ „Ja, ja. Sie wissen, daß Grenwitz und Stantow zu Martini aus der Pacht kommen. Nun möchten wir gern, daß die Güter neu vermessen würden, da die 14* Flurkarten, die vor fünfundzwanzig Jahren angefertigt wurden, sehr schlecht sind. Der erste Brief also, den wir Sie zu schreiben bitten würden, wäre an unsern Feldmesser. Er heißt Albert Timm und wohnt in Grünwald. Sie würden ihn bitten, zu einer vorläu¬ figen Besprechung sofort herüberzukommen. Der zweite Brief ist an unsern Advocaten, ebenfalls in Grünwald. Anna-Maria wünscht eine Revision der Pachtcontracte. Hier ist eine Abschrift der jetzigen. Anna-Maria hat am Rande verzeichnet, was wir in dem neuen Entwurf aufgenommen wünschen. Wenn Sie auch dieses Schrift¬ stück mundiren wollten — es ist freilich etwas viel —“ „Geben Sie nur, Herr Baron. Zu wann wünschen Sie die Sachen geschrieben?“ „Wenn es Ihnen bis Mittag möglich wäre? Wir haben den Knaben schon vorläufig angekündigt, daß sie mich auf einer Fahrt nach Stantow begleiten sollen. Sie haben doch nichts dagegen?“ „Ich denke, es wird wohl so das Beste sein.“ „Nun, dann leben Sie wohl, lieber Herr Doctor, und entschuldigen Sie, daß wir Sie mit diesen Sachen belästigen. Aber Sie wissen, Anna-Maria —“ „Keine Entschuldigung, Herr Baron —“ Wer je in einer ähnlichen Stimmung war, wie die, in welcher sich Oswald an diesem Morgen befand, und wem dann eine möglichst prosaische Arbeit zuge¬ muthet wurde, wird begreifen, daß der junge Mann, sobald der Baron das Zimmer verlassen hatte, das ganze Packet verächtlich in eine Ecke schleuderte. Er warf sich auf das Sopha und schloß die Augen, um von Melitta zu träumen. Aber je eifriger er sich ihr geliebtes Bild vorzustellen suchte, desto eigensinniger steckte sich das runzlige Gesicht des alten Barons da¬ zwischen. Das verwandelte sich dann wieder in das der braunen Gräfin, dann zog ihm der Pastor Jäger eine Fratze, und plötzlich stand Bruno im Zimmer, gehüllt in lange, wallende weiße Gewänder. Oswald wollte lachen über die tolle Maskerade, aber als er einen Blick in das Gesicht des Knaben warf, erstarb das Lachen auf seinen Lippen. Ein Schauer durch¬ rieselte ihn, seine Haare bäumten sich — die wachs¬ bleiche Farbe, die so seltsam von den blauschwarzen Haaren abstach, die weiten starren Augen, ein namen¬ loses Etwas in dem Ausdruck dieser glanzlosen, ge¬ brochenen und doch so wunderbar beredten Augen — das war nicht Bruno, das war der Tod, der leib¬ haftige Tod in Bruno's vielgeliebter Gestalt... Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Höhe. Das schreckliche Bild war verschwunden, aber es bedurfte mehrer Minuten, bis der junge Mann sich überzeugen konnte, daß es wirklich nur ein Bild gewesen. So deutlich hatte er mit geschlossenen Augen jedes Möbel im Zimmer, den Sonnenstrahl, der durch das Fenster fiel, die Staubatome, die in dem Strahle tanzten — Alles, Alles gesehen. Da hörte er das Knallen einer Peitsche, und das Knirschen von Rädern in dem Sande vor dem Portal des Schlosses. Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort. Oswald ging mit hastigen Schritten in seinem Ge¬ mache auf und ab. „Warum heute, gerade heute das fürchterliche Bild! Muß Bruno sterben, und zuvor mir sterben, damit ich Melitta lieben kann! Ist es nicht möglich, einen Bruder und eine Geliebte zu lieben zu gleicher Zeit mit gleicher Gluth der Seele? Ist das Menschenherz so klein, daß eine Empfindung, um darin wohnen zu können, die andere verdrängen muß? und ist die Treu¬ losigkeit Naturgesetz?“ Der junge Mann war wieder ruhiger geworden, aber die ambrosische Schönheit des Sommermorgens war verschwunden. Die Sonne hatte keinen Glanz mehr für ihn, der Gesang der Vögel keine Süßigkeit, der übermüthig sprudelnde Quell der Lust in seinem Busen war versiegt. Du bist jetzt in der rechten Stimmung für die trockene Arbeit, sagte er bitter und holte das Packet wieder aus der Ecke hervor, in die er es vorhin ge¬ schleudert hatte. Er setzte sich an den Tisch und be¬ gann zu schreiben. Zuerst den Brief an den Geometer — das ging noch; auch der Brief an den Advocaten kam, obgleich nicht ohne einige heimliche Verwünschun¬ gen, glücklich zu Ende; aber die Abschrift der beiden Contracte zu fertigen, mußte er seine ganze Geduld zu¬ sammennehmen. Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit selbst, ärgerten ihn die von der Hand der Ba¬ ronin eingestreuten Bemerkungen, in welcher sie die in den Contracten von ihr beliebten Veränderungen in den Augen des Advocaten, vielleicht auch in ihren eig¬ nen, zu motiviren suchte. Die Höhe der Pacht war in beiden Fällen fast um das Doppelte gesteigert, was Oswald um so mehr Wunder nahm, als er den In¬ spector Wrampe wiederholt hatte sagen hören: Herr Pathe, der Pächter der beiden Güter, ein außeror¬ deutlich fleißiger, strebsamer und ökonomischer Mann, sei so gestellt, daß ihn eine einzige Misernte ruiniren müßte, In einer Notiz der Baronin hieß es: „Herr P. ist ein nachlässiger Monsieur und sein sauberer In¬ spector W. ist nicht besser. Je humaner man gegen dergleichen Menschen ist, desto fauler werden sie.“ In einer andern: „Die dem Schlosse von dem Gute Gren¬ witz zu leistenden Naturallieferungen müssen auf jeden Fall doublirt werden, denn daß wir doch nur die Hälfte von dem bekommen, was uns zusteht, und diese Hälfte unter den langen Fingern unserer Leute noch mehr zu¬ sammenschrumpft, steht von vornherein anzunehmen.“ Durchstrichen, aber nicht so, daß man sie nicht noch hätte lesen können, waren die folgenden Worte: Sollte ja etwas übrig bleiben, so können wir ja den Rest alle Sonnabende in B. (dem nächsten Landstädtchen) auf dem Wochenmarkte verkaufen.“ An einer andern Stelle: „Kann nicht contractlich ausgemacht werden, daß die Verwalter, Statthalter (Großknechte), Ausgeberinnen u. s. w. der Pächter jedesmal von dem Baron bestätigt werden müssen? Man wüßte dann doch, mit was für Subjecten man es zu thun hat, und behielte den Griff fester in der Hand.“ „Und das Vermögen dieser Menschen beträgt Mil¬ lionen!“ rief Oswald und warf die Feder zornig auf den Tisch. „Schreibe ein Anderer das Gewäsch! Soll ich mich zum ergebensten Werkzeug dieser egoistischen, hochmüthigen, herzlosen Aristokratenbrut hergeben?“ Und trüber und trüber wurde es in des jungen Mannes Seele. Nicht zum ersten Male wurde er heute daran gemahnt, wie schief, wie unhaltbar doch seine ganze Stellung sei. Und was hatte ihn in diese Stellung getrieben, wenn nicht seine Freundschaft zu dem Professor Berger, dessen Rath er gegen seine bessere Ueberzeugung gefolgt war? Es fiel ihm ein, daß er den letzten Brief seines wunderlichen Freundes noch nicht beantwortet hatte. So setzte er sich denn wieder hin und schrieb: „Es giebt kein Unrecht als den Widerspruch“ — das ist, wenn ich mich recht erinnere, eine Ihrer Lieb¬ lingsmaximen, und die Cardinalregel, nach der Sie das Thun und Lassen der Menschen beurtheilen. Nun denn! So hatten Sie doppelt und dreifach Unrecht, mich in diese Situation hineinzureden und hineinzulachen, denn sie ist, wie ich sie auch betrachten mag, aus Wider¬ sprüchen zusammengesetzt. Ich ein Erzieher Anderer, der ich mich selbst noch zu erziehen habe! Ich, der Aristokratenfeind, der Adelshasser in dem Schooße einer aristokratischen Familie — halb der Freund und halb der Diener der hochadligen Sippe! Und was mich noch abscheulicher dünkt, ist, daß ich an den Genüssen dieses aristokratischen Lebens so harmlos Antheil nehmen kann, als hätte mich nie ein Schauer der Ehrfurcht erfaßt, wenn ich in der Schrift an die Stelle kam: „Der Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege!“ Sind diese Worte denn nicht auch für mich geschrieben, für mich, dem kein Kissen zu wollüstig, kein Teppich zu weich, keine Speise zu lecker, kein Wein zu kostbar dünkt? für mich, der ich, weit entfernt, mich von diesem Luxus angeeckelt zu finden, ihn nicht hastig und gierig, wie der Sklave seine kurzen Augen¬ blicke der Freiheit, sondern ruhig und bedächtig, durch¬ koste und genieße, ihn hinnehme, wie etwas, das sich eben von selbst versteht, wie etwas, zu dem man ge¬ boren und erzogen ist. Soll die gnädige Frau Baronin Recht haben, die neulich hochmüthig behauptete, von allen sogenannten Volksfreunden früher und jetzt habe nur noch jeder seinen persönlichen Vortheil im Auge gehabt. Der Eine verkaufe seine Grundsätze ein wenig theurer als der Andere — der Eine lasse sich seine Apostasie mit Geld, ein Zweiter mit Ehrenstellen, ein Anderer wieder anders bezahlen — das sei aber auch der ganze Unterschied. Damals widersprach ich natürlich lebhaft — es war gleich zu Anfang meines hiesigen Aufenthalts — ich weiß nicht, ob ich heute noch dazu den Muth hätte. Denn, mein Freund, ich denke an Marie Antoinette, und denke, wenn eine andere Frau, so schön und so geistreich, wie die unglückliche Königin, eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der Stimme und dem Liebreiz, wie — nun wie mein Ideal, die Frau, die ich lieben könnte, lieben müßte — zu mir spräche: Die Abschwörung Deiner Grundsätze ist der Preis meiner Gunst! — Gott, sie wird es nicht sagen, sie kann es nicht sagen, denn ich will glauben, daß in dem schönsten Körper die schönste Seele wohne; aber, wenn sie dennoch in den Berurtheilen ihres Standes so befangen wäre — wie dann? O, ich fühle, nein, ich weiß, daß ich ihren Worten, ihren Thränen nicht widerstehen könnte; daß vor der Gluth ihrer Küsse, dem Feuer ihrer Blicke die stolze Kraft hinschmelzen würde wie Wachs: daß, wenn sie ihre weichen Arme um mich schlänge, ich nicht im Stande wäre, mich los¬ zureißen; daß aus der gepreßten Brust kein Wort des Zornes, kein Wort des Hohnes sich losringen würde, nein! nur das eine Wort: ich liebe Dich! Sie lächeln, o mein Freund, daß mich eine bloße Hypothese, ein bloßes Problema so in Aufregung ver¬ setzen kann. Sie denken, in der kühlen Luft der Wirk¬ lichkeit gedeihen dergleichen phantastische Treibhaus¬ pflanzen nicht. Nun wohl, das Ganze ist mir ein Problema, und wollte Gott, es bliebe problematisch!“ ... Sechszehntes Kapitel. „Gott zum Gruß, lieber Herr Collega! Viele Em¬ pfehlungen von Frau von Berkow, und hier schickt sie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur gefälligen Ansicht, aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurück¬ genommen.“ So sprach lächelnd ein kleiner, blasser, schwarz¬ haariger, Brille tragender, etwas unmodisch, aber sehr sauber und nett gekleideter Herr von etwa dreißig Jahren, der am Nachmittag desselben Tages, einen Knaben an der Hand führend in Oswalds Zimmer trat. „Seien Sie bestens willkommen!“ sprach dieser, sich hastig aus der Sophaecke erhebend, in welcher er, in Sinnen und Brüten versunken, gesessen hatte, und reichte den Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand. Mit nnendlichem Interesse blieb sein Blick auf dem Knaben haften, dem Sohn der Frau, die er liebte. Julius von Berkow war eine reizende Er¬ scheinung. Die Blouse von dunkelgrünem Sammet, die er mit einem breiten Riemen um den schlanken Leib gegürtet trug, gab ihm das Ansehen eines allerliebsten kleinen Pagen. Dunkle Locken wallten in weichen Ringeln von dem edelgeformten Kopf; sein Ge¬ sicht war märchenhaft schön und zart, und Oswald zuckte zusammen, als er seine warme, weiche Hand für einen Augenblick in der seinen hielt, und in die großen lichtbraunen, träumerischen Augen schaute. Es war ihm, als hätte er Melitta's Hand berührt, als hätte er in Melitta's Augen geschaut. „Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Bem¬ perlein,“ sagte er, seine Verwirrung bemeisternd, „daß Sie noch die Zeit gefunden haben, herüber zu kommen. Aufrichtig, ich habe Sie heut halb und halb erwartet, um so mehr, als Bruno es für eine Unmöglichkeit hielt, Julius könne abreisen, ohne vorher von ihm förmlichen Abschied genommen zu haben.“ Da sprang die Thür auf, und herein stürzte Bruno, ein mächtiges Butterbrot in der Hand. „Hurra, Julius, Zuckerpuppe!“ schrie er, „Dein Glück, daß Du gekommen bist! Ich wäre Dir sonst nach Grünewald nachgelaufen, Dich auf offener Straße durchzuprügeln. Hier, beiß ab! Das letzte Butterbrot, das wir für lange Zeit mit einander theilen! Und nun komm! wir wollen noch ein¬ mal durch den Garten und den Wald laufen. Sie bleiben doch zu Abend hier, Herr Bemperlein?“ „ Non, Monseigneur !“ erwiederte dieser, der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und sich den Schweiß von der Stirn trocknete; „unsere Augenblicke sind gezählt. Sie würden mich daher verbinden, wenn Sie Ihre Excur¬ sionen nicht über den Garten ausdehnten und vor allem, wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben würfen, wie das letzte Mal.“ „Julius, habe ich Dich in den Graben geworfen?“ „Nein, aber herausgezogen, nachdem ich hinein ge¬ fallen war.“ „Nun, so komm, mein Zuckerpüppchen!“ rief Bruno, hob den schmächtigen Knaben in seinen Armen empor und trug ihn zur Stube hinaus. „Ist das ein Junge!“ sagte Herr Bemperlein; „Herr meines Lebens, ist das ein Junge! Wahrlich, Herr College, ich bewundere Sie?“ „Weshalb?“ „Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet sehe, und nicht umhüllt mit dreifachem Erz, wie der erste Schiffer des Horaz, und wie, meiner Meinung nach, der Mann gepanzert sein muß, der es mit solch' einem Seeungeheuer, so einem Haifisch, so einem stach¬ ligen Rogen — ich meine Bruno — zu thun hat.“ „Um Himmelswillen, Herr Bemperlein, sagen Sie mir nicht, wenn wir Freunde werden wollen, daß Sie Bruno nicht leiden können.“ „Ich ihn nicht leiden können! Ich liebe ihn wie einen Sturm auf der See, den ich vom Ufer aus be¬ obachten kann, wie ein wildes Pferd, das mit einem Andern durchgeht, wie ein Gewitter, das eine Meile vor mir einschlägt. — Apropos! das war gestern ein entsetzliches Gewitter. Wir sind erst um elf Uhr nach Hause gekommen. Frau von Berkow sagte mir, Sie seien vollständig eingeregnet gewesen in dem Wald¬ häuschen.“ „Wollen Sie in der That schon morgen abreisen?“ sagte Oswald, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. „Ob ich will?“ sagte Herr Bemperlein in weiner¬ lichem Tone; ob ich will? durchaus nicht, Werthge¬ schätzter; aber muß! Das ist es ja eben. Ach, wenn ich könnte, wie ich wollte, ich ginge im Leben nicht weg von Berkow; und auch im Tode nicht, denn ich würde mir als letzte Gunst erbitten, dort begraben werden zu dürfen.— Und wie es mit mir werden soll, wenn ich nun doch weggehe, daran, lieber College, mag ich gar nicht denken. Leben Sie einmal, wie ich, sieben Jahre an ein und demselben Ort, und lassen Sie diesen Ort Berkow sein, und wachsen Sie fest an diesem Orte mit allen Wurzeln ihres Wesens, daß Sie jeden Spatz, der über Ihrem Fenster nistet, persönlich kennen, und mit jedem Pferde in dem Stalle auf Du und Du stehen; und dann versuchen Sie sich loßzureißen — und Sie werden empfinden, wie weh das thut.“ Der gute Mann griff wieder nach seinem Taschen¬ tuch und fuhr sich unter dem Vorwande, den Schweiß von der Stirn abtrocknen zu wollen, ein paar Mal über die nassen Augen. „Ich begreife das vollkommen,“ sagte Oswald mit ungeheuchelter Theilnahme. „Sie können das nicht begreifen, lieber Collega! Sehen Sie, da habe ich im vorigen Frühjahr ange¬ fangen, mir einen Epheu vor meinem Fenster zu ziehen, und mich den ganzen Sommer und Winter darauf ge¬ freut, wie hübsch es in diesem Herbst sich ausnehmen würde, wenn das Fenster von unten bis oben berankt wäre, und wir, das heißt ich, mein Kanarienvogel und mein Laubfrosch, uns hinter den breiten Blättern ver¬ stecken könnten — denn Sie glauben nicht, wie breite Blätter ich gezogen habe — so groß, wie Weinblätter — und in diesem Herbst wird mein Fenster mit grünen Ranken ganz vergittert sein; aber meine Stube wird leer stehen, nur die Sonnenstrahlen werden durch die Blätter schimmern und die Regentropfen daran hin¬ unterrinnen, und keine Menschen und keine Thierseele wird sich darüber freuen.“ „Ich glaube, ich kann Ihnen das nachfühlen,“ sagte Oswald. „Unmöglich, lieber Collega, unmöglich!“ seufzte der Andere. Ich sage Ihnen, so ein Fenster giebt es auf der weiten Welt nicht mehr. — In der tiefen Nische steht ein Lehnstuhl, mit schwarzem Leder überzogen, den mir Frau von Berkow vor zwei Jahren zu meinem Geburtstage geschenkt hat; — eine Schlummerwalze, die Sie mir zu meinem letzten Geburtstag selbst ge¬ häkelt hat, hänkt an der Lehne — na, das läßt sich eben nicht beschreiben. Aber da so zu sitzen an einem Sommerabend, wenn die Stimmen von Frau von Ber¬ kow und Julius aus dem Garten zu mir herauf tönen und der Rauch meiner Cigarre in blauen Streifen durch die Blätter herauszieht —“ Bei diesen Worten blies Herr Bemperlein zwei mächtige Rauchwolken aus seiner Cigarre durch das geöffnete Fenster, an dem er saß, und schüttelte weh¬ müthig den Kopf, als wollte er sagen: das bringt hier .Spielhagen, Naturen I 15 nicht die mindeste Wirkung hervor; das sollten Sie einmal hinter meinem Epheu sehen. „Ja, ja“ — schaltete Oswald ein. „Nein, lieber Collega, Sie können sich unmöglich in meine Stimmung versetzen. Sie wissen nicht, welch ein liebenswürdiger Knabe Julius ist. Sieben Jahre bin ich nun bei ihm, aber wenn er mir in allen diesen Jahren auch nur eine böse Stunde, ja nur Minute ge¬ macht hat, so will ich nicht Anastasius Bemperlein heißen. Und nun die Frau von Berkow — Sie kennen Sie nicht, lieber Collega —“ Oswald wandte sich ab, denn er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß — „Sie haben keine Ahnung, welch ein Engel von Güte diese Frau ist. Was verdanke ich ihr nicht! Bevor ich nach Berkow kam, wußte ich von Luft und Sonnen¬ schein, und allem Schönen auf der Welt gerade so viel, wie ein Maulwurf — ich war ein richtiger Bär, ein vollständiges Nilpferd, und daß ich jetzt einigermaßen einem Menschen ähnlich sehe, verdanke ich nur ihr. Und wie hat sie sich meiner in jeder andern Beziehung an¬ genommen. Einmal, erinnere ich mich, lag ich viele Wochen lang am Typhus darnieder. Die ersten Wesen, die ich deutlich erkannte, als ich aus meinem Torpor erwachte, waren die gnädige Frau und der alte Bau¬ mann. Es war ein Sommernachmittag, wie heute. Meine Bettvorhänge waren halb zugezogen, Baumann und die gnädige Frau standen ein paar Schritt entfernt am Tisch. Wenn ich nicht selbst krank werden will, so muß ich heute Nachmittag eine halbe Stunde spazieren reiten, Baumann,“ sagte Frau von Berkow, „daß er mir den Bemperlein unterdessen nicht sterben läßt.“ „Zu Befehl,“ sagte der alte Baumann. „Aber damit Sie nicht etwa glauben, lieber Herr Collega, daß ich in dieser Behandlung von Seiten der gnädigen Frau eine Bevorzugung erblicke, die meinen ganz besonderen Verdiensten zu Theil würde, so setze ich hinzu, daß ich Frau von Berkow dieselbe Huld nur Gnade an viele Andere, zum Theil ganz gleichgültige Personen habe verschwenden sehen, so daß ich wahrlich glaube, das Herz dieser Frau ist aus durchaus edlerem Stoffe, als sonst die Menschenherzen sind, und daß sie Gutes thun und Andere beglücken muß, gerade wie ein Kanarien¬ vogel singt und ein Eichhörnchen springt, weil's eben so ihre schöne Natur ist, und sie nicht anders kann. Verzeihen Sie, lieber Collega, daß ich mit diesen Dingen, die Sie nicht interessiren und nicht interessiren können, Ihre Zeit in Anspruch nehme, aber mein Herz ist wirklich zu voll, als daß es nicht überfließen sollte, und ich habe das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie mich 15* deshalb nicht für einen sentimentalen Gesellen halten werden.“ „Ich kann Sie nur versichern, daß Sie Ihr Ver¬ trauen keinem Unwürdigen schenken, Herr Bemperlein, auch wenn Sie mir nicht erlauben wollen, mit Ihnen ganz zu sympathisiren.“ „Ich Ihnen das nicht erlauben? Es ist mein innig¬ ster Wunsch, daß Sie das nicht vermöchten, um so mehr, als ich, offen gestanden, hauptsächlich in der ganz egoistischen Absicht herübergekommen bin, Sie in einer für mich hochwichtigen Angelegenheit um Rath zu fragen.“ „Mich?“ „Ja, Sie! Ich will Ihnen auch ganz offen sagen, wie Sie dazu kommen, bei mir die Stelle des weisen Einsiedlers im Walde, zu dem sich die vom Zweifel ge¬ plagte Creatur flüchtet, einzunehmen. Sie sind zu diesem verantwortlichen Amte durch eine Stimme er¬ hoben, gegen die für mich kein Appel existirt; ich meine durch die Stimme der Frau von Berkow. Ich ver¬ suchte ihr heute Morgen auseinanderzusetzen, was ich Ihnen alsbald mit Ihrer gütigen Erlaubniß mittheilen will; sie hörte mich mit himmlischer Geduld von An¬ fang bis zu Ende an und sagte dann, ihre Hand für einen Augenblick auf die meinige legend: „Lieber Bem¬ perlein, sagte sie, wollen Sie meinen Rath hören? „Natürlich, gnädige Frau!“ sagte ich. „Nun denn,“ sagte sie, lieber Bemperlein, gehen Sie hinüber nach Grenwitz, bringen Sie Herrn Doctor Stein eine Empfeh¬ lung von mir, und erzählen Sie ihm ganz ausführlich, was Sie mir eben gesagt haben; und was er Ihnen dann antwortet, das nehmen Sie für meine Antwort.“ Auf Oswalds Lippen schwebte ein stolzes Lächeln. Er sah in dieser Demuth Melitta's eine ihm darge¬ brachte Huldigung; er fühlte, daß sie ihrer Liebe keinen reineren Ausdruck geben konnte, als durch dieses Geständ¬ niß, wie fortan ihre Existenz in der ihres Geliebten aufgehe. „Wie Sie sich aus dieser Verlegenheit ziehen wer¬ den,“ fuhr Herr Bemperlein fort, „ist Ihre Sache; die Stelle des Vertrauten ist Ihnen einmal zugetheilt, und Sie müssen dieselbe herunterspielen, so gut Sie können. Die Sache ist nämlich einfach die, oder viel¬ mehr gar nicht einfach, sondern sehr complicirter Weise, auf alle Fälle indessen ist die Sache die: Ich bin näm¬ lich — ich habe nämlich — Aber hier kann ich Ihnen das nicht erzählen, ich muß dazu den Himmel über mir haben, denn unter dem Himmel sind mir die Ge¬ danken gekommen, die eine solche Revolution in meinem Innern hervorbrachten. Sie thäten mir also einen Gefallen, Herr Collega, wenn Sie mir nach Berkow das Geleit geben wollten. Unterwegs lege ich Ihnen meine Beichte ab. Jetzt will ich gehen, Julius zu rufen, und mich bei den Herrschaften zu empfehlen. Machen Sie sich unterdessen zurecht: aber lassen Sie mich um Himmelswillen nicht lange warten. Zehn Minuten reichen vollkommen zu, und länger halte ich auch ein tête-á-tête mit Ihrer Baronin gar nicht aus. Also à revoir in zehn Minuten, es schadet nichts, wenn es auch nur neun sind.“ — Als Oswald nach unten kam, complimentirte sich gerade Herr Bemperlein vor dem alten Baron zur Thür der Wohnstube hinaus. „Keinen Schritt weiter, Herr Baron! Uff! — Nun lassen Sie uns machen, daß wir wegkommen, Herr Collega. Wo ist mein Julius?“ Auf dem Hofe fanden sie die Knaben. Bruno saß auf dem Rand des Brunnens der kopflosen Rajade, und schlichtete Julius, der zwischen seinen Knieen stand, das lange lockige Haar. „Wie willst Du denn ohne den Pony fertig werden, Julius?“ „Ja, ich will sehen; vielleicht lasse ich mir ihn nachschicken.“ „Du Glücklicher, ich glaube, Du läßt Dir auch Deine Mama und Herrn Bemperlein nachschicken, wenn’s ohne sie nicht geht. — Ich wollte, ich könnte mit Dir nach Grünwald, und ich sähe dies verdammte Rest im Leben nicht wieder.“ „Mama sagte mir. Du hättest Herrn Stein so lieb, ist das wahr?“ „Ich ihn lieb!“ sagte Bruno, den Kopf trotzig in die Höhe werfend; „weshalb sollte ich ihn lieb haben? er ist mir ganz gleichgültig. Er bekümmert sich viel um mich! Er! Gestern ist er den ganzen Tag ohne mich umhergelaufen, und heute hatte er mich noch keines Blickes gewürdigt er ist mir ganz gleichgültig; hörst Du? sag' das nur Deiner Mama, ganz gleichgültig!“ — Und damit verbarg er sein Gesicht in Julius Locken und schluchzte. „Was ist Dir, Bruno?“ „Mir? nichts! was sollte mir sein!“ „Bruno, ich begleite Herrn Bemperlein!“ rief Os¬ wald herüber. Herr Doctor, ich begleite Julius!“ rief Bruno zurück. „Wo ist Malte?“ „Soll ich Maltes Hüter sein?“ „Malte ist auf dem Zimmer des Barons,“ sagte Herr Bemperlein; „er ist von der Fahrt sehr ange¬ griffen; die Baronin meint, er fiebere etwas, und der Baron hat ihm auf dem Sopha ein Lager zurecht ge¬ macht, wie einer jungen Katze. Welchen Weg nehmen wir?“ „Ich denke, wir gehen durch den Wald,“ sagte Oswald. Sie gingen über die Zugbrücke, die seit zwei Jahr¬ hunderten nicht mehr aufgezogen werden konnte, durch die Lindenallee in den Wald, Herr Bemperlein und Oswald voran, Bruno und Julius folgten in einiger Entfernung. Bruno hatte den Arm um Julius' Nacken geschlungen, er hatte heute, oder wollte heute für nichts Interesse haben, als für seinen Freund, den er immer sehr geliebt und auf dessen braune Augen er mehr als ein Gedicht gemacht hatte, und den er jetzt in der Tren¬ nungsstunde mit stürmischen Zärtlichkeiten überhäufte. „Du wirst fortreisen, Julius,“ klagte er, „und wenn Du drei Tage fort bist, wirst Du mich vergessen haben.“ „Ich werde Dich nie vergessen, Bruno.“ „So? weißt Du das gewiß? Da hast Du ein besseres Gedächtniß, wie Oswald, — ich meine Herrn Doctor Stein. Der hat mir auch gesagt, daß er mich lieb hätte wie einen Bruder, und seit vorgestern Abend weiß er nicht mehr, daß ich auf der Welt bin. Jetzt erzählt er wahrscheinlich Herrn Bemperlein, daß er ihn wie seinen Bruder liebt; sieh nur, wie er ihm vertraulich den Arm giebt! Nach mir sieht er sich nicht eimal um. O, ich hasse ihn, ich hasse Alle, Alle — nur Dich nicht, Julius! Während so der unglückliche Knabe seine Liebe und seinen Kummer in den Busen seines Freundes schüttete und wohl fühlte, daß auch der ihn nicht verstände, und daß er allein, ganz allein sei auf dieser für ihn so freudelosen Erde, sprach Herr Bemperlein also zu Oswald: Siebenzehntes Kapitel. „Wie gesagt, lieber Collega, mein Vater war ein Pastor, mein Großvater, ja was sage ich: meine beiden Großväter waren Pastoren, denn meine Mutter war eine Pfarrerstochter; mein Urgroßvater väterlicher Seits war wenigstens ein Küster, der die Tochter eines Schä¬ fers, also auch eines Pastors, heirathete. Weiter habe ich meinen Stammbaum nicht verfolgen können — aber ex ungue leonem ! Sie sehen, daß bis auf mich herab das eigentliche Geschäft meiner Vorfahren das Weiden von Herden, — Menschen- oder Schaafherden — ge¬ wesen ist. Auch auf mir schien der Geist meiner Ahnen zu ruhen. Thiere auf die Weide bringen, war von jeher meine Leidenschaft, und noch jetzt kann ich Stunden lang an das Gatter einer Koppel gelehnt stehen und den Kälbern und Füllen zusehen, — es ist ohne Zweifel etwas Paradiesisches in diesem Zustand behaglichen Ge¬ nusses, der uns an die Urzeit der Menschen, mich zum wenigsten sehr lebhaft an meine Jugendzeit erinnert. Denn mein erster Freund war ein Gänsejunge, später war ein kleiner Schweinehirt mein Pylades, und der vertraute Umgang mit diesem Eumaeus posthumus hat mich aus der Lectüre gewisser Gesänge der Odyssee einen Genuß schöpfen lassen, der Anderen, welche ohne meine gründliche Vorbildung daran gehen, ganz uner¬ klärlich sein muß. Als mein Pylades zum Rinder¬ hirten avancirte, verließ ich weinend mein Heimaths¬ dorf, um nach Grünwald auf 's Gymnasium zu gehen, wo ich sogleich in die Tertia eintrat und von Lehrern und Schülern als ein kleines Ungeheuer angestaunt wurde, von Letzteren in Anbetracht meiner fabelhaften Toilette, in welcher ein paar Hosen, die bis zum Knie hinauf von gutem Rindsleder bestanden, noch nicht das merkwürdigste Stück war, — von Ersteren wegen meiner nicht weniger fabelhaften Gelehrsamkeit. Ich wußte den halben Virgil auswendig, las das neue Testa¬ ment in der Ursprache so fließend, wie meine Mit¬ schüler Luther's Uebersetzung — und das Alles mit dreizehn Jahren! Mir graut jetzt selbst, wenn ich daran denke. Damals indessen kam mir das Alles sehr zu statten; denn mein Vater, der eine zahlreiche Fa¬ milie zu ernähren hatte, und so arm war, wie die Mäuse in seiner Kirche, konnte mir außer seinem Segen und sechs Empfehlungsbriefen an eben so viel mitlei¬ dige Familien, die sich jede zu einem Freitisch wöchent¬ lich verstanden, — den siebenten Tag, an welchem ich keinen Freitisch hatte, setzte ich nothgedrungen zum Fasttage ein für alle Mal ein — so gut, wie nichts mit in die Stadt geben. Ich war also gänzlich auf mich angewiesen; aber ich hatte duraus keine kostbaren Gewohnheiten, statt dessen aber das Talent, von einem Butterbrode satt zu werden, bei einem Thranlämpchen lesen und mit zugespitzten Schwefelhölzern schreiben, meine sechs Schulstunden absitzen und noch eben so viele Privatstunden geben zu können, so daß ich nicht nur die Miethe für mein Dachstübchen und Alles un¬ umgänglich Nothwendige pünktlich bezahlte, sondern auch schon nach zwei Monaten meine ledernen Hosen mit einem Paar von städtischerem Stoff und Schnitt vertauschen durfte. Den Spitznamen „Lederstrumpf“ indessen, den meine Mitschüler mir gegeben hatten, und den bei dieser Gelegenheit los werden, meine stille Hoffnung und die eigentliche Veranlassung meines Luxus gewesen war, behielt ich nach wie vor; und das war meine gerechte Strafe. Daß mir es im Uebrigen in der Schule gut ging, verdankte ich besonders einer nicht ungeschickten Politik, die ich unausgesetzt verfolgte. Ich hatte nämlich bald herausgefunden, daß die Stärksten und Größten in der Klasse auch zugleich immer die Dümmsten und Faulsten waren. Ich verfehlte also niemals mit ihnen ein Schutz- und Trutzbündniß ab¬ zuschließen, das hauptsächlich auf folgende zwei Be¬ dingungen basirt war: ich mache Dir Deine Arbeiten und dafür prügelst Du mich weder selbst, noch giebst Du zu, daß mich ein Anderer prügelt; und ich muß gestehen, daß dieser Vertrag stets unverbrüchlich ge¬ halten wurde. Als ich siebenzehn Jahre alt war, fand mein Lehrer, daß ich schon seit einem Jahre zur Uni¬ versität reif sei, wenn darunter nämlich verstanden wird, daß man mit Schulkenntnissen allerdings ange¬ füllt ist, wie ein Ei voll Dotter, im übrigen aber so unwissend und hülflos, wie ein Küchlein, das eben aus der Schale kroch. Daß ich Theologie studirte, stand natürlich für mich so fest, als daß ich einmal sterben müßte. Söhne von pensionirten Hauptleuten werden in's Cadettencorps gesteckt, und Söhne von armen Landpastoren in's theologische Seminar geschickt: das ist so selbstredend wie irgend ein anderes Stück der Naturgeschichte. — Wohl; ich studirte also Theologie, das heißt, ich ging fleißig in's Colleg, und schrieb ganze Wagenladungen voll der abstrusesten Gelehrsam¬ keit. Im Uebrigen setzte ich so ziemlich mein Leben so fort, wie ich es von der Schule gewohnt war, selbst mein Dachstübchen hatte ich behalten, und Privat¬ stundengeben war mein Erwerbsquell nach wie vor, um so mehr, als jetzt einer meiner jüngeren Brüder bei mir lebte, dem ich das kleine Stipendium, das ich von der Universität erhielt — Sie wissen, daß in Grünwald ein Student ohne Stipendium eine rara avis ist — überließ; so wie die Freitische, die ich jetzt ent¬ behren konnte, da die Caravanserei des Convicts mir ihre gastlichen Thore geöffnet hatte. So verging das Triennium in etwas monotoner, aber nicht unbehag¬ licher Weise. Ein Tag sah so ziemlich aus wie der andere; nur der Mittwoch hatte für mich eine etwas düstere Physiognomie, weil es an demselben Erbsen mit Schweinefleisch im Convict gab, ein Gericht, an das ich mich, trotz meiner liberalen Grundsätze in dieser Beziehung, niemals habe gewöhnen können. Ich mußte jedesmal, wenn die Schüssel zu mir kam, an die schönen Sommermorgen denken, die ich im Eichwalde zugebracht hatte, wenn mein Eumaeus pothumus seine Heerde weidete, und ich die Eclogen des Virgil dazu las; und dann blieb mir der Bissen im Munde stecken. Sie werden das wahrscheinlich sehr sentimental finden, aber es hat ja Jeder seine Schwächen. — Vom Leben sah ich während dieser Zeit ungefähr so viel, wie ein Ka¬ meel in der Menagerie von der Wüste. Mein Um¬ gang war äußerst beschränkt, er richtete sich wesentlich nach meinen Mitteln; wie ich denn überhaupt glaube, daß zwischen diesen Beiden eine Art Wechselverhältniß stattfindet; wenigstens bemerkte ich, daß die wohlhaben¬ deren Studenten immer heerdeweise angetroffen wurden, während die ärmeren einzeln durch die Gassen schlichen! Ich weiß nicht, ob das sonst im Leben auch so ist. Vor diesen wohlhabenderen Studenten — denn es giebt deren selbst in Grünwald, und in meinen Augen war jeder, der einen sicheren Wechsel von funfzig Tha¬ lern jährlich hatte, ein Krösus — empfand ich übrigens allen möglichen Respect. Diese schnurrbärtigen, gestie¬ felten Kater erschienen mir als sehr absonderliche Ge¬ schöpfe Gottes, und ich konnte nie recht begreifen, wie eine, doch sonst auf die Ruhe ihrer Unterthanen so eifersüchtige Regierung, sie in ihrer ganzen uncivilisirten Freiheit umher laufen lassen könne. Ich muß gestehen, daß ich die drei Jahre hindurch in einer beständigen Furcht vor einer Herausforderung lebte. Nicht als ob es mir an persönlichem Muth gebräche! Ich habe glücklicherweise hernach ein paar Mal im Leben Ge¬ legenheit gehabt, mich vom Gegentheil zu überzeugen: ich fürchtete mir die Schiefheit der Lage, in die ich mich bei einer solchen Eventualität versetzt sehen würde. Den ganzen sogenannten Comment hielt ich nämlich von jeher für den abominabelsten Unsinn, verderblich für die Gesundheit, viel verderblicher aber noch für die Moral, denn er zwingt die jungen Gemüther ihr eigenes Denken und Fühlen heroisch dem Moloch eines barbarischen Ehrbegriffs, der lächerlichsten Carricatur eines Codex der Moral, die je erfunden ist, zu opfern, und gewöhnt sie auf diese Weise systematisch an jenes blinde, katholische Gehorchen, welches mir die eigent¬ liche Sünde gegen den heiligen Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, ob wir hierin einer Ansicht sind, Herr College.“ „Vollkommen,“ antwortete Oswald. „Und nun rechnen Sie zu den Uebelständen dieses modern-mittelalterlichen Studentenlebens, daß die Jüng¬ linge gerade in der Zeit, wo der Mensch am empfäng¬ lichsten ist für die Eindrücke der Außenwelt, sich her¬ metisch in ihrer leidigen Kneipe abschließen, anstatt die gute Gesellschaft aufzusuchen, die ihnen den Schliff geben könnte, der ihnen wahrlich so sehr fehlt, daß sie in den Jahren, wo selbst später sehr bornirte Aristo¬ kraten für Freiheit schwärmen, sich der exclusivesten Exclusivität befleißigen, und in dem Glanz ihrer bunten Kappen und kindischen Troddeln noch verächtlicher auf den Philister herabsehen, als der Gardelieutenant auf den Civilisten; daß sie in der Periode, wo sie anfangen sollten, sich als Mitglieder eines großen Ganzen, als angehende Bürger zu fühlen, anfangen, einen Staat im Staate zu errichten: so haben Sie wahrlich bei¬ sammen, was einem mir halbwegs verständigen Jüng¬ ling den Geschmack an solchem albernen Studenten¬ treiben gründlich verleiden könnte.“ „Ja,“ sagte Bemperlein,“ und es ist ganz auf¬ fallend, wie lange der Rausch, den sich die jungen Leute während ihrer glorreichen Studentenzeit trinken, anhält. Da ist hier in der Nähe unser Landrath — ein Herr von Sylow, ein Mann von vierzig Jahren — der seit mindestens zehn Jahren verheirathet ist. Gestern nun, als ich mit Julius dort meinen Ab¬ schiedsbesuch machte — die Kinder sind von jeher sehr viel zusammen gewesen — kam der Landrath nach dem Abendessen auf seine Universitätszeit zu sprechen, und gab uns, das heißt seinem Hauslehrer und mir, einen Abriß seiner studentischen Heldenthaten. Glücklicher¬ weise war mein College seiner Zeit ein flotter Bursch in Halle gewesen, und konnte dem Landrath auf seine Fragen über den heutigen Stand des Comments die nöthige Auskunft geben. Und nun hätten Sie den edlen Herrn sich sollen ereifern hören über die Ver¬ sunkenheit des heutigen Studentenlebens, über die ge¬ F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 16 ringe Zahl der Paukereien, die unwürdig kleine Quan¬ tität Biers, so in einem Abend vertilgt würde, und so weiter und so weiter. Dabei glänzten seine Augen bei der bloßen Erinnerung an all die versunkene Herr¬ lichkeit, und er sprach sich in eine solche Rührung hinein, daß er schließlich den sentimentalen Wunsch äußerte, all die rheinischen Demokraten, wie er sie nennt, die auf dem letzten Provinzial-Landtage wiederum die alten gotteslästerlichen Petitionen um Preßfreiheit, Freizügigkeit u. eingebracht hätten, möchten nur einen Hals haben, damit — er machte eine bezeichnende Hand¬ bewegung — des Geschreies endlich einmal ein Ende würde.“ „Natürlich,“ sagte Oswald, „wenn die Herren jung sind, singen sie: „Freiheit, die ich meine,“ das klingt sehr poetisch, wenn man es von fern hört, und sie selbst singen sich dabei in eine gelinde Rührung hinein, in welcher sie halb und halb glauben, sie hätten in der That eine Meinung. Das ist aber eine reine Hallu¬ cination, oder im Falle ja einmal einer wirklich etwas meint, so ist es die Freiheit: den Philister verhöhnen, Fenster einwerfen, die öffentlichen Locale unsicher machen, und andere Heldenthaten ungestraft verrichten zu können; und dann die spätere Freiheit, als ganz gehorsamster Endesunterzeichneter in tiefunterthänigster Demuth zu ersterben, wenn man es nur bis zum Subalternbeamten, und die Subalternbeamten und die ganze übrige Mensch¬ heit en canaille behandeln zu können, wenn man es bis zum Verwaltungschef gebracht hat. Aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Die böse Alter¬ native, entweder gegen ihre persönliche Ehre, oder gegen die Standesehre verstoßen zu müssen, wurde Ihnen hoffentlich erspart?“ „Ja, Dank der Vorsicht, die ich anwandte, vor den gestiefelten Katern meine Mauseexistenz möglichst geheim zu halten. Als das Triennium vorbei war, und ich mein erstes theologisches Examen bestanden hatte, war es mit meiner Besorgniß ohnedies vorbei, denn einem ehrsamen Candidaten des Predigeramts verdenkt es schon Niemand, wenn er nichts von Terzen und Quarten wissen will. Ich hätte liebsten sogleich auf dem Lande eine Stelle als Hauslehrer angenommen, aber mein Bruder war eben erst nach Prima gekommen, und ich wollte ihn die zwei Jahre, die er noch auf dem Gymnasium bleiben mußte, nicht allein lassen, da ich ihn in der Kunst, mit Schwefel¬ hölzern zu schreiben und in den übrigen Geheimnissen des Lebens eines Dorfpfarrersohnes in der Stadt nicht so perfect sah, wie es im Interesse der Familie wün¬ schenswerth schien. Denn dieser zweite Bruder sollte 16* an seinem jüngeren Bruder die Stelle vertreten, die ich an ihm vertreten hatte, und dieser jüngere Bruder mußte um dieselbe Zeit auf die Tertia des Gymna¬ siums kommen, wenn jener die Universität bezog; ebenso wie ich anfing zu studiren, als er nach Tertia kam.“ „Aber wie ist denn das möglich,“ sagte Oswald erstaunt. „Ja, sehen Sie, Werthgeschätzter,“ antwortete Herr Bemperlein, „wie es möglich ist, kann ich Ihnen nicht sagen, daß es aber der Fall ist, kann ich beschwören. Ich bin der Aelteste meiner Geschwister, und am zwei¬ undzwanzigsten März geboren; dann kommt eine Schwe¬ ster, genau zwei Jahre jünger, denn sie ist am einund¬ zwanzigsten März geboren, darauf ein Bruder, darauf wieder eine Schwester, darauf wieder ein Bruder, und wieder eine Schwester. Wie viel sind das?“ „Ein halbes Dutzend, sollte ich meinen,“ sagte Oswald lächelnd. „Ganz richtig, ein halbes Dutzend, alle zwei Jahre auseinander und alle im März geboren, mit Ausnahme meiner jüngsten Schwester, die am ersten April zur Welt kam. Sie ist aber auch eine kometenhafte Er¬ scheinung in unserem Planetensystem und so zu sagen: das Wunderkind der Familie. Denken Sie sich, sie ist erst achtzehn Jahre und schon verlobt.“ „Ich sehe bei der ohne Zweifel großen Liebens¬ würdigkeit Ihrer Fräulein Schwester nichts Außeror¬ dentliches darin,“ bemerkte Oswald. „Nichts Außerordentliches?“ rief Herr Bemperlein! „nichts Außerordentliches? Ein solches Kind? Hei¬ rathen! mit achtzehn Jahren! Ich weiß wirklich nicht einmal, ob das überhaupt psychologisch und physiologisch zulässig ist; — Sie lachen? Mag sein: ich habe mich auf die Weiber nie verstanden, und wüßte auch nicht, wie ich zu dieser Kenntniß gelangt sein sollte, der Herr müßte sie mir denn, von wegen meiner absonderlichen Einfalt, im Traum geschenkt haben. Also ich blieb noch fast zwei Jahre in Grünwald, gab Privatstunden, hielt Repetitorien mit jungen Studenten, die vor dem Examen standen, und im Commersbuche besser Bescheid wußten, als in den Kirchenvätern, und verdiente so viel, daß ich nicht nur selbst sehr gut leben konnte — den Fast¬ tag hatte ich aus reiner Gewohnheit beibehalten — sondern auch meinen Bruder pflichtschuldig unterstützte. Dieser Bruder machte mir damals einigermaßen Sorge — die sich hernach als unnöthig erwiesen hat, denn er ist jetzt in seinem vierundzwanzigsten Jahre schon wohlbestallter Hülfsprediger, aber er lernte etwas schwer, hatte schwache Augen, und war gegen Hunger und Kälte auf eine mir unbegreifliche Weise empfindlich. Ich sah deshalb ein, daß es eine Barbarei sein würde, ihm die Sorge für meinen jüngsten Bruder, der jetzt auf die Schule kam, zuzumuthen, zumal dieser ein sehr schwächlicher Knabe war — er ist jetzt ein kräftiger Bursche von zwanzig Jahren, ein braver, fleißiger Junge, der nächstens sein erstes theologisches Examen machen wird — ja, wollte ich sagen? richtig: er war damals ein schwächlicher, kränklicher Knabe, und be¬ durfte größerer Pflege. Für Beide aber das Nöthige herbeizuschaffen —“ „Und für Sie selber,“ schaltete Oswald ein. „Nun, das war das wenigste; aber ich sah ein, daß es so nicht länger ging, und da kam mir denn die Hauslehrerstelle in Berkow, die mir zu der Zeit angeboten wurde, gerade recht. Vollkommen freie Station, ein fabelhafter Gehalt — ich war überglück¬ lich. Jetzt hatte ich beide Arme frei, und konnte end¬ lich wirklich einmal etwas für die Familie thun.“ „Ich dächte, Sie hätten das stets nach Kräften, oder über ihre Kräfte gethan,“ sagte Oswald. „Ach, Spaß,“ sagte der Andere; „die Luft war groß, aber die Kraft gering, und jetzt war die Unter¬ stützung nöthiger, wie je. Meine gute Mutter hatte schon lange gekränkelt, jetzt verfiel auch mein Vater in eine schwere Krankheit, die seine eiserne Natur so untergrub, daß er sich nie wieder ganz vollständig er¬ holte, so daß das Schlimmste zu befürchten stand. Dabei waren meine drei Schwestern noch unversorgt. Welches Glück also, daß ich jetzt das prinzliche Ein¬ kommen von Zweihundert Thalern Gold hatte! Ich gab die eine Hälfte meinen Brüdern, —“ „Und die andere Hälfte meinen Schwestern,“ schal¬ tete Oswald ein. „Und die andere Hälfte meinen Schwestern —“ fuhr Bemperlein fort, und rieb sich vergnügt die Hände. „Aber was behielten Sie denn für sich?“ „Für mich? erwiderte Bemperlein erstaunt. „Sagte ich Ihnen nicht, daß ich vollkommen freie Station hatte? Und nun hören Sie nur! Ich war ein Jahr auf Berkow gewesen, da läßt mich eines Tages die gnädige Frau zu sich rufen, und nachdem wir über Dies und Jenes gesprochen, sagte sie:“ „Sie sind nun ein Jahr bei uns, lieber Bemper¬ lein, nun sagen Sie mir einmal aufrichtig, ob es Ihnen bei uns gefällt.“ „Das bedarf wohl keiner Frage, gnädige Frau,“ antwortete ich. „Nun, das freut mich,“ sagte sie, „aber haben Sie nicht noch irgend einen speciellen Wunsch?“ „Daß ich nicht wüßte,“ sagte ich. „Aber ihr Gehalt ist doch, offenbar zu gering,“ sagte sie mit dem freundlichsten Lächeln. Ich war so er¬ staunt über diese Worte, daß ich keine Antwort zu finden wußte. „Ich will Ihnen nur gestehen,“ fuhr sie mit himm¬ lischer Güte fort, „das ich die Zeit, die Sie jetzt hier sind, nur als Probezeit angesehen, und Ihren Gehalt darnach berechnet habe. Es ist mir niemals eingefallen, zu glauben, daß ein Mann, dem ich die Erziehung meines Kindes mit vollkommener Sicherheit anvertrauen kann, überhaupt mit Geld zu bezahlen sei; und wenn ich Sie jetzt bitte, mir zu erlauben, das geringe Ge¬ halt, das Sie bis jetzt bezogen haben, zu verdoppeln, so bemerke ich dabei ausdrücklich, daß ich mich nach wie vor als ihre Schuldnerin fühle.“ War ich vorher noch nicht erstaunt gewesen, so war ich es jetzt; oder vielmehr, ich war so gerührt — weniger durch das großmüthige Geschenk selbst, — als über die unbeschreibliche Liebenswürdigkeit, mit dem es mir von der edlen Frau geboten wurde, daß mir die Thränen über die Backen liefen. Ich stammelte etwas von unmöglich annehmen können und dergleichen, da aber wurde sie ordentlich zornig, daß ich nur schnell einlenkte und sagte: ich nähme das Geschenk nicht für mich, was unverantwortlich wäre, sondern nur, weil ich für Andere sorgen müßte, die für sich selber noch nicht sorgen könnten.“ „Machen Sie damit, was Sie wollen,“ sagte sie schon in der Thür, „aber bedenken Sie auch, daß Sie gegen sich selbst Verpflichtungen haben.“ Damit war die Sache zu Ende, aber noch nicht Frau von Berkow's Güte, die grenzenlos ist. Doch ich wollte Ihnen eigentlich ganz etwas Anderes erzählen; nämlich, wie ich dazu kam, den Fehler zu entdecken, der sich in die Rechnung meines Lebens ein¬ geschlichen hat, und welches dieser Fehler ist. Achtzehntes Kapitel. In diesem Augenblicke kam ein Reiter, der vor einigen Minuten aus einem Seitenwege auf den Haupt¬ weg gebogen war, im Galopp an ihnen vorüber. Ein großer Neufundländer, den Oswald zuerst für Melitta’s Dogge hielt, galoppirte in langen Sprüngen neben dem Pferde her, einem herrlichen rabenschwarzen Vollblut, dessen Brust mit weißen Schaumflocken benetzt war. Der Reiter war, soweit man es in der Eile bemerken konnte, ein Mann von vielleicht dreißig Jahren, lang und dürr, gegen die Gewohnheit der Gutsbesitzer hier zu Lande in langen Beinkleidern statt in Stulpen¬ stiefeln; seine Haltung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren, welche man lateinische Reiter zu nennen pflegt. Aber es war das wohl mehr Nachlässigkeit und die Gewohnheit, sich gehen zu lassen, als wirkliche Ungeschicklichkeit, denn, als er fast unmittelbar vor den ihm Entgegenkommenden war, die er, in Nachdenken oder Träumereien verloren, jetzt erst bemerkte, warf er seinen Renner mit einer Kraft und Gewandtheit auf die Seite, die den tüchtigen Reiter bekundeten. „ Ex ¬ cusez messieurs !“ rief er, flüchtig an den Hut grei¬ fend und weiter galoppirend. „Kennen Sie den Herrn?“ sagte Oswald stehen bleibend und dem Manne nachschauend, dessen Züge ihm fremd und bekannt zu gleicher Zeit erschienen waren. „ Tiens !“ sagte Herr Bemperlein, ebenfalls stehen bleibend, „das muß der Baron Oldenburg gewesen sein. Ja gewiß ist's der Baron!“ rief er, als der Reiter jetzt bei den Knaben, die in der Entfernung von ein paar hundert Schritten folgten, angekommen, still hielt, und ihnen vom Pferde herab die Hand reichte. Ich hätte ihn kaum wieder erkannt mit seinem schwarzen Bart und seinem gelben Gesicht. Er sieht ja aus, wie ein wahrer Kabyle. Seit wann mag er denn wieder im Lande sein?“ „Ist er auf Reisen gewesen?“ fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit. „Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reisen,“ erwiederte Herr Bemperlein: „vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Bernewitz und dessen Gemahlin in Rom, und sie sind dann mit ihm durch Süd-Italien gereist. In Sicilien haben sie sich getrennt. Die Herrschaften traten die Rückkehr an, und der Baron ging weiter nach Aegypten, Nubien, und Gott weiß wohin ihn sein unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag. Aber wir sind schon wieder von unserm Thema abgekommen.“ Herr Bemperlein fing mit der ihm eigenthümlichen Redseligkeit abermals zu erzählen an, aber wenn Os¬ wald schon vorher nur mit halbem Ohre zugehört hatte, so schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab .... Das war also der Mann, der einst in Me¬ litta's Leben eine so große Rolle gespielt hatte! Eine so große Rolle! Eine wie große Rolle? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt — vielleicht, — gewiß nie wahr¬ haft geliebt — aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis der höchsten Gunst einer Frau? Giebt es nicht so dergleichen, wie Begierde ohne Liebe? oder auch Liebe ohne Begierde, oder der Wunsch, den Ge¬ liebten auf jede Weise an sich zu fesseln, auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust — — Und so hätte Sie doch an der Seite des Mannes, an dessen Wiege die Grazien ausgeblieben waren, geruht; wohl ohne Ruhe, ohne die tiefe Seligkeit zu finden, die sie hoffte, — aber doch geruht? O, in dem Gedanken war Höllenqual . . . So raunte und flüsterte ihm der Dämon der Eifer¬ sucht wilde, schlimme Gedanken ins Ohr, die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die Stirn trieben — was Wunder, wenn er so Herrn Bem¬ perlein's Erzählung nur wie im Traume hörte. Nur so viel begriff er, daß der wunderliche, brave Mann erst jetzt, nachdem die Noth des Lebens für ihn vorbei war und er in der grünen Einsamkeit von Berkow frei von aller Sorge aufathmen durfte, zum ersten Mal über seine sogenannte Wissenschaft, die zu prüfen, ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte, nachzudenken begann; daß er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren Literatur, vor allem mit Shakespeare, Be¬ kanntschaft machte, daß er von den Dichtern auf die Philosophen kam, und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt aufging, von der er, der Zögling theolo¬ gischer Scholastik, keine Ahnung hatte; daß er von Spinoza, später von Schopenhauer angeregt, sich auf das Studium der Natur, auf Botanik, Mineralogie, Physik geworfen, sich mit Hülfe des alten Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig expe¬ rimentirt habe, und daß auf seinen Retorten und Ti¬ geln der Glaube an die alleinseligmachende Kraft der Professoren-Religion, den ihm die Lectüre der Philo¬ sophen noch etwa gelassen hatte, vollkommen ver¬ dampft sei. „Das ging nun so, so lang es ging,“ sagte Herr Bemperlein, „allein es kam nicht zum Sterben, aber doch zu dem Augenblick, wo ich mich entschließen mußte, ob ich meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte, oder nicht. Eine sehr einträgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend, von der ein Onkel der Frau von Berkow, der ältere Herr von Bernewitz Patron ist, wurde durch den Tod des In¬ habers erledigt. Herr von Bernewitz glaubte seiner Nichte einen Gefallen zu erweisen, wenn er mir diese Stelle anbot, ich hatte weiter nichts zu thun, als am nächsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten, und die Sache war abgemacht. Nun müssen Sie wissen, daß ich, als mir Herr von Bernewitz die Sache vorstellte, im ersten Schrecken, halb aus Ueber¬ raschung, halb um den guten Mann nicht zu kränken, und dann auch, weil wir (das heißt Frau von Berkow und ich) Julius' Uebersiedlung nach Grünwald be¬ schlossen hatten, und so meines Bleibens in Berkow doch nicht länger sein konnte: „Ja“ gesagt und mich wirklich hingesetzt habe, eine Predigt auszuarbeiten. Ich hatte mich seit ein paar Jahren glücklich um jede Ge¬ legenheit, wo mein theologisch-declamatorisches Talent sich hätte zeigen können, herumzudrücken gewußt, und jetzt fühlte ich zu meinem Schrecken, daß ich die Kanzel¬ sprache, und mehr noch als die Sprache, die Kanzel¬ logik vollständig verlernt hatte. Drei Abende hinter einander setzte ich mich zu der Sisyphusarbeit hin; aber nie kam ich auch nur über: „meine andächtigen Zuhörer“ hinaus. Die contradictio in adjecto pei¬ nigte mich, ich wußte aus eigener Erfahrung, wie es mit der Andacht der Zuhörer bestellt ist. Andächtig kommt von Denken! Da, in der dritten Nacht, als ich mich voller Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war, erwägend, was wohl mein guter Vater und mein würdiger Großvater, den ich auch noch gekannt hatte, sagen würden, wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen Grundsätzen er¬ zogenen Sohnes und Enkels sähen, hatte ich folgenden curiosen Traum, zu dessen Erklärung ich vorher be¬ merken muß, daß Frau von Berkow mir an jenem Tage viel von den Museen des Louvre erzählt hatte. „Mir träumte also, ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal, an dessen Wänden Sculp¬ turen und Gemälde standen und hingen. Da saß Gott Vater selbst, ein schöner bärtiger alter Mann, und reckte die Hand aus und schuf Himmel und Erde, dann kamen Adam und Eva, in weißem Marmor: Eva, ziemlich wohl erhalten — Adam aber hatte den Kopf ver¬ loren; darauf „Kain's Brudermord,“ ein großes Oel¬ gemälde, ebenso wie ein darauf folgendes: „Adam und Eva finden die Leiche des ermorderten Abel;“ auf welchem die Gestalt des todesblassen Jünglings, der wie eine gebrochene Lilie anzuschauen war, mich fast zu Thränen rührte. So ging es weiter und weiter: Statue an Statue, Gemälde an Gemälde. Ich war nicht allein im Saale, im Gegentheil, viele Menschen bewegten sich an den Wänden und durch den Wald von Statuen hin. Vor einzelnen besonders hervor¬ ragenden Werken, zum Beispiel dem Durchzug der Kinder Israel durch das rothe Meer — einer riesen¬ großen Freske — standen ganze Gruppen — auch vor anderen, die sich weniger durch historische Bedeutung, als durch das Pikante der dargestellten Situation aus¬ zeichneten. So mußte ich mich über das Betragen einer Schaar junger Mädchen ärgern, die vor einem Gemälde, darstellend: „Lot, von seinen Töchtern trunken gemacht,“ die Köpfe zusammensteckten und kicherten. Ueberhaupt erschien mir das Benehmen der Gesell¬ schaft im hohen Grade anstößig. Die Frauen lachten und schwatzten und kokettirten, die Herren schwatzten, plauderten und lorgnettirten, und einige mit langen Beinen und langen Zähnen — wahrscheinlich Eng¬ länder — hatten gar den Hut auf dem Kopf. Fast Alle hielten ein Buch in der Hand, in welches die Ge¬ wissenhafteren von Zeit zu Zeit hineinsahen, wenn sie sich über eins der Kunstwerke Auskunft holen wollten. Dies Buch schien mir der Katalog des Museums zu sein, und da ich einen solchen ebenfalls zu haben wünschte, weil ich die Reihenfolge der Propheten ver¬ gessen hatte, und nun nicht wußte, ob der alte bär¬ tige Mann, No. 8, Habakuk, und der Jüngling N. 9, Zephanga, oder umgekehrt sei, so wandte ich mich an einen alten Herrn, den ich mit einem Fliegenwedel an den Statuen beschäftigt gesehen hatte, und den ich in Folge dessen für einen der Custoden hielt. Als ich näher trat, wandte sich der Mann um, und ich erschrak nicht wenig, als ich meinen eignen Großvater erkannte. „Was wünschen Sie, junger Mann? sagte er in stren¬ gem Ton. Ich wiederholte schüchtern meine Frage. „Hier haben Sie einen Katalog,“ sagte er, von einem Tische, auf welchem eine große Menge jener Bücher lag, eins nehmend und mir reichend, kostet fünfzehn Silbergroschen.“ — Ich schlug das Buch auf; „ich wünschte einen Katalog,“ sagte ich, „Sie haben mir“ — „Ganz richtig,“ sagte der alte Mann mit melan¬ cholischer Stimme; „dies ist der Katalog für das alte Museum; der Eingang in das neue Museum, in welchem F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 17 die Kunstwerke von dem Jahre Eins christlicher Zeit¬ rechnung bis zum Jahre 1793, wo die christliche Re¬ ligion abgeschafft, und die Göttin der Vernunft auf den Thron gesetzt wurde, aufgestellt sind — ist dort!“ Er wies auf eine schöne breite Treppe, die aus dem Saale hinaufführte in andere Räume. „Sie werden gut thun, sich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen. Er kostet zehn Silbergroschen und Sie haben sich des¬ halb an Ihren Vater zu wenden, welcher in jenem Theile des Gebäudes dasselbe Amt versieht, welches ich hier versehe.“ Und damit wandte mir der alte Mann den Rücken, und fing wieder an, mit seinem langen Wedel die Statuen und Bilder abzustauben. „Entschuldigen Sie, lieber Großvater,“ sagte ich. — „Ich bin Ihr Großvater nicht,“ antwortete der alte Mann, ruhig in seiner Beschäftigung fortfahrend. „Nun, Herr Custos?“ fragte ich. „Ja wohl, Custos, nichts weiter, nichts weiter;“ murmelte der Greis. „Wo haben denn, Herr Custos,“ fuhr ich fort, „die Kunstwerke, die seit jener Zeit entstanden sind, ihre Stelle gefunden?“ „Seit jenem denkwürdigen Jahre,“ sagte der Alte, „hat nichts Gescheidtes mehr zu Stande kommen wollen. Zwar haben sich noch einige Künstler¬ schulen gebildet, aber es hat Alles kein rechtes Leben, und ihre Productionen können auf eigentlichen Kunst¬ werth keinen Anspruch machen. Den Künstlern selbst fehlt der rechte Glaube, und ohne den läßt sich nun einmal nichts Ordentliches malen oder meißeln, oder schreiben“ — bei diesem letzten Worte maß er mich mit einem strengen Blicke, — „Oder schreiben;“ wie¬ derholte ich kleinlaut, an meine ungeschriebene Probe¬ predigt denkend — „Oder schreiben,“ fuhr er fort — „und dann ist das Publikum selbst in neuester Zeit sehr gleichgültig geworden, und die Kritik sitzt den Künstlern zu unbarmherzig auf dem Nacken, und das verdirbt ihnen die naive Unbefangenheit und nacht¬ wandlerische Sicherheit, ohne welche nun ein für alle Mal, — aber jetzt muß ich Sie ersuchen, sich zu ent¬ fernen, die Glocke hat schon lange geläutet, Sie sind der Allerletzte.“ Er begleitete mich bis zum Ausgange des Saales, öffnete mir die Thür und lud mich mit einer steifen Verbeugung ein, hinauszuspazieren. Ich that es — die Thür fiel donnernd hinter mir zu, und — ich erwachte.“ „Seit jenem Traum,“ fuhr Herr Bemperlein fort; „machte ich keinen neuen Versuch mehr. Ohne Glauben läßt sich keine Predigt schreiben, sagte ich zu mir, und wenn sich auch noch zur Noth eine schreiben läßt, so läßt sie sich doch nicht halten, wenigstens nicht von einem Manne, der, wie Du, ein Stück Gewissen und 17* weder Kind noch Kegel hat, die manchen ehrlichen Kerl schon Dinge haben schreiben und sagen machen, die er nur so und auch kaum so vor Gott und der Welt verantworten kann. Daß ich also nicht mehr Pastor werden könnte, stand bei mir fest, und ich schrieb also heute Morgen an Herrn von Barnewitz, mich für die mir zugedachte Ehre zu bedanken, von der ich keinen Gebrauch machen könne, da — ich mich entschlossen hätte, Julius nach Grünwald zu begleiten. Der Ein¬ fall kam mir nämlich, wie ich die Phrase schrieb, und ich lief sogleich zu Frau von Berkow, und theilte ihr meinen Entschluß mit, worüber sie ihre ungeheuchelte Freude zu erkennen gab. — Nun sagen Sie mir, mein vortrefflicher Freund, der Sie die Güte gehabt haben, diese lange Geschichte anzuhören, was würden Sie thun, wenn Sie in meiner Lage wären? Bedenken Sie dabei, daß ich bereits achtundzwanzig Jahre alt bin, aber noch meine sämmtlichen achtundzwanzig Zähne habe. — Die Weisheitszähne sind ausgeblieben, sei es aus einer Vergeßlichkeit der Natur, sei es aus einer weisen Vorsicht des Schicksals, das daran dachte, wie ich so manchmal im Leben wenig genug zu beißen haben würde.“ „Was ich thun würde, wenn ich an Ihrer Stelle wäre?“ sagte Oswald; „wenn ich, wie Sie, ein wackrer, gewissenhafter, fleißiger —“ „Bitte, bitte, Herr Collega;“ sagte Bemperlein über und über roth werdend. „Ich sage, gewissenhafter, fleißiger Mann wäre? Nun die Frage ist sehr leicht zu beantworten. Ich würde thun, was Sie bereits gethan haben; ich würde dem Paradies naiver Gedankenlosigkeit und harmlosen Glaubens wohlgemuth den Rücken kehren, nachdem ich einmal vom Baum der Erkenntniß gekostet, und mich, so wenig wie Sie, in den Stall sperren lassen, in welchem die Heuchler, die schnöden Hunde im Schafs¬ pelze der Demuth, so ohrenzerreißend und markerschüt¬ ternd winseln und heulen.“ „Ganz wohl, ganz wohl!“ sagte Herr Bemperlein, sich vergnügt die Hände reibend, „und was würden Sie dann thun, Werthgeschätztester?“ „Dann,“ sagte Oswald, „wenn ich Sie wäre, würde ich mich erinnern, welche Mühsal ich schon als schwacher Knabe erduldet, und welchen Fleiß und welche Ausdauer ich bewiesen habe, blos um mir einen Wust von Kenntnissen anzueignen, den ich jetzt froh bin, wieder vergessen zu können — dessen, sage ich, würde ich mich erinnern, und dann meinen Ehrgeiz darein setzen, mir nun eine Wissenschaft zu eigen zu machen, die ich nicht wieder vergessen möchte, weil ich ihr Jünger sein darf, ohne vorher die freie Vernunft zu knebeln, und weil diese Wissenschaft fruchtbar für mich und fruchtbar für meine Mitbrüder ist.“ „Vortrefflich, vortrefflich,“ sagte Herr Bemperlein, „weiter, weiter!“ „Ich würde also mit einem Wort,“ fuhr Oswald fort, „mich mit aller Macht auf die Naturwissenschaften werfen, in denen Sie sich ja schon versucht haben, und würde mich, sobald als möglich, nochmals in Grün¬ wald inscribiren lassen, diesmal aber nicht, um Theo¬ logie, sondern etwa um Medicin zu studiren.“ „Die medicinische Facultät in Grünwald ist aus¬ gezeichnet,“ sagte Herr Bemperlein. „Sie ist anerkanntermaßen eine der besten in Deutschland," fuhr Oswald fort. „Dann würde ich noch ein paar andere Universitäten besuchen, wenn das Geld reicht —“ „Geld wie Heu, Geld wie Heu,“ rief Herr Bem¬ perlein, „sechs Jahre lang ein prinzliches Einkommen und freie Station, ich bitte Sie, Theuerster, ich habe für ein halbes Jahrhundert zu leben.“ „Dann würde ich ein berühmter Arzt —“ „Wissen Sie,“ sagte Bemperlein, stehen bleibend und sich nach den Knaben umsehend, im Flüsterton: Ich habe schon ein Paar von Julius Kaninchen heimlich mit Blausäure vergiftet und hernach secirt, und die Frösche in dem Sumpfe hinter unserm Park haben keine Ursache, meine Freunde zu sein.“ „Bravo!“ lachte Oswald, „und dann heirathete ich.“ „Wirklich?“ fragte Bemperlein. „Nun natürlich, und erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins, die in der Folge alle große Bem¬ perleins und Alles Leuchten und Fackeln der modernen Wissenschaft würden.“ „Auch die Mädchen?“ sagte Bemperlein lachend. „Die Mädchen heirathen wieder tüchtige wahrheits¬ liebende Männer, und so hülfe ich theoretisch und prak¬ tisch die Zeit herbeiführen, wo die Freiheit erscheinen wird, „die wir meinen.“ “ „Ja, ja,“ rief Herr Bemperlein, „so gehts, so gehts. Dank, tausend Dank, mein trefflicher Freund, daß Sie die letzten Wolken des Zweifels durch Ihre muthigen Worte zerstreut haben. Morgen reise ich mit Julius nach Grünwald.“ „Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Pro¬ fessor Berger mitgeben,“ sagte Oswald; „er ist mit allen naturwissenschaftlichen Größen eng liirt.“ Er riß ein Blatt aus seiner Brieftasche, schrieb ein paar Worte an Berger darauf und übergab es Bemperlein. „Dank, besten Dank!“ sagte dieser, das Blatt ein¬ steckend. „Die Bekanntschaft dieses Mannes kann mir sehr nützlich werden.“ „Auf jeden Fall. Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn, ohne allen und jeden Rückhalt, dann dürfen Sie aber auch versichert sein, daß er mit seiner Herzens¬ meinung nicht hinter dem Berge halten wird. Viel¬ leicht empfiehlt er Ihnen, sogleich auf eine größere Universität, etwa nach der Residenz zu gehen. Folgen Sie dann seinem Rath.“ „Nous verrons, nous verrons!“ rief Her Bem¬ perlein. „Aber da sind wir bei unserm Parkthor an¬ gekommen. Sie treten doch näher!“ „Nein, nein!“ sagte Oswald hastig, ich möchte nicht gern so spät nach Grenwitz zurückkommen.“ „Nun denn, leben Sie wohl! In ein paar Tagen, wenn ich Julius in Grünwald installirt, und mich über mich selbst bei Berger ordentlich informirt habe, bin ich wieder hier, um definitiv Abschied zu nehmen. Leben Sie wohl so lange, mein werthgeschätzter Freund!“ „Adieu, adieu!“ sagte Oswald, hastig Bemperlein und Julius die Hand drückend, und Bruno mit sich zurück in den Wald ziehend, als hielte ein Engel mit dem flammenden Schwerte Wache über dem Parkthore von Berkow. Neunzehntes Kapitel. Der Knabe und er gingen eine Zeit lang schwei¬ gend nebeneinander durch den Wald. Bruno war zu stolz, als daß er eine Unterhaltung mit dem hätte be¬ ginnen sollen, der ihn ganz vergessen zu haben schien, und Oswald war mit seinen eignen Gedanken vollauf beschäftigt . . . Jeder Mensch, mit dem wir in nähere Beziehung treten, ist ein Glas, das unser eigen Bild so oder so zurückwirft, und in dem krystallhellen Spiegel von jenes Mannes kindlich reiner Seele, hatte Oswald sein eignes Gesicht erblickt, — aber wie erblickt? von Leidenschaft zerrissen, von Zweifel verdüstert, so daß er vor sich selbst erschrak. „Und dieser Mann, sprach er bei sich, kommt zu Dir, sich von Dir Rath zu holen; der Sehende zu dem Blinden, der Gesunde zu dem Kranken! Er entdeckt einen Fehler in der Rechnung seines Lebens, und er setzt sich hin und rechnet und rechnet und ruht nicht, bis das Facit stimmt, und Alles wieder schier und glatt ist, und Du taumelst durch's Leben, wie ein leichtsinniger Kaufmann, Schuld auf Schuld häufend, von einer tollen Speculation in die andere rennend, unbekümmert darum, wie es am Zah¬ lungstage werden soll. Jener Mann würde sich eher die Hand abhauen, als sie nach etwas ausstrecken, das er nicht verdient hätte im Schweiße seines Angesichts — Du nimmst die Gaben der goldigen Aphrodite und was Dir sonst ein günstiges Geschick gewährt, hin, wie Dein gutes Recht und murrest nur, daß es nicht mehr ist. Jetzt bist Du schon nicht mehr zufrieden mit Melitta's Liebe, für die Du ihr auf den Knieen danken müßtest, jetzt verlangst Du, sie sollte Dich geliebt haben, ehe sie Dich kannte, sie sollte wenigstens mit ihrer Liebe auch die Erinnerung an diesen Mann verloren haben. „Wenn ich die Erinnernug tödten könnte,“ sagte sie. Nun, was uns gleichgültig ist, vergißt man gar leicht, und was man nicht vergißt und nicht vergessen kann — das ist uns nicht gleichgültig. Also haßt sie diesen Mann? Aber der Haß ist der wilde Bruder der holden Schwester Liebe! Vielleicht liebt sie ihn noch! — Und woher kam er eben? Von ihr! ohne Zweifel. — Bruno führt dieser Seitenweg noch sonst wohin, außer nach Berkow?“ „Nein, und ich finde den Weg wirklich nicht inter¬ essant genug, um ihn zweimal an einem Tage zu gehen. Hier ist ein anderer, der uns aus dem Walde herausführt und dann immer am Rande hin bis bei¬ nahe nach Hause; wollen wir den nicht einschlagen?“ „Meinethalben,“ sagte Oswald, sogleich wieder in seinen bösen Traum zurückfallend. „Also wirklich von ihr! Doch das ist ja nicht möglich! Warum nicht mög¬ lich? „„Ein rollend Rad des Weibes Brust hat ge¬ drechselt; die Lilienhöhen decken, was wankt und wechselt““ — das kann der Baron so gut wie Du in der Fritjofssage gelesen haben. Er ist ja auch ein Schriftgelehrter und dabei Baron und reich. — Dem Manne kann es ja gar nicht fehlen; aber Melitta soll mir Rede stehen; sie soll mir sagen, daß ich Ursache habe, den Mann zu hassen, wie ich ihn hasse.“ Bruno war, durch die Breite des Weges von ihm getrennt, schweigend neben Oswald hergegangen. Er bemerkte wohl dessen Aufregung; er sah, wie sein Ge¬ sicht sich immer mehr verdüsterte, wie schmerzlich seine Lippen zuckten, wie seine Hand sich krampfig ballte; er sah, daß sein Freund nicht glücklich war. Mehr bedurfte es bei dem großmüthigen Knaben nicht, um alle seine persönliche Empfindlichkeit, seine eignen Klagen zu vergessen; er kam leise an Oswald heran und seine Hand ergreifend, sagte er: „Was fehlt Dir, Oswald? Warum sprichst Du nicht? Zürnst Du mir?“ „Ich Dir!“ mehr antwortete der junge Mann nicht; aber der Ton, mit dem er diese Worte sprach, und der Blick, mit dem er sie begleitete, waren genug, um Bruno von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu überzeugen, und die so lange zurückgestaute Fluth seiner Liebe in wildem Ungestüm hervorbrechen zu machen. Er umschlang Oswald und drückte und herzte ihn unter Thränen und Schluchzen. „Bruno, Bruno, was ist Dir?“ rief Oswald durch die stürmische Zärtlichkeit des Knaben erschreckt. „Ich glaubte, Du liebtest mich nicht mehr,“ schluchzte Bruno, „und sieh, Oswald, wenn auch Du mich nicht mehr lieben willst, dann muß ich sterben.“ Das bleiche Todtenbild, das Oswald heute Morgen in seinem fieberhaft erregten Zustande so entsetzlich deutlich geträumt hatte, trat wieder vor seine Seele und gab dem leidenschaftlichen Worte des Knaben eine fürchterliche Bedeutung. Sprachlos vor Rührung zog er den Weinenden an sein Herz, und wiederholte sich im Stillen das Gelöbniß, diesem armen, verlassenen Knaben ein Bruder zu sein. — — So standen sie, sich eng umschlungen haltend. . . Rothe Abendlichter spielten in den Wipfeln der Tannen, — aus dem Walde tönte der sanfte klagende Gesang eines Vögleins, — ein süßer, feierlicher Augenblick. . . Da schlugen aus geringer Entfernung wüste, hä߬ liche Töne an ihr Ohr — laute drohende Stimmen von Männern, die in einem heftigen Wortwechsel be¬ griffen schienen — Schelten, Fluchen — dann auf einen Augenblick tiefe Stille und plötzlich der laute Ruf: Herr Gott! Hülfe! ist denn Niemand da! Hierher! Oswald und Bruno, die einen Augenblick, athem¬ los gelauscht hatten, eilten jetzt in vollem Lauf der Stelle zu, von wo der Hülferuf ertönte. Sie kamen auf einen Platz, hart am Rande des Waldes, wo Holz gefällt wurde, und zwischen den einzelnen noch stehen¬ den Bäumen hier und da Klafter aufgeschichtet waren. Neben einem halb beladenen, mit vier Pferden bespann¬ ten Wagen lag ein Mann auf der Erde, mit Händen und Füßen um sich schlagend, ein anderer hatte sich über ihn gebeugt, ihn mißhandelnd, oder beschwichtigend — man konnte es nicht unterscheiden. Als die Beiden herankamen, erhob sich dieser Letztere — es war der Inspector Wrampe — und schrie ihnen entgegen: „Schnell, Herr Doctor, um Gotteswillen! Der Kerl stirbt mir unter den Händen.“ In der That, das Aussehen des Mannes auf der Erde war entsetzlich genug. Das Gesicht verzerrt, die Augen verdreht, daß man nur das Weiße sah, Schaum vor dem Munde, die Fäuste geballt, der Körper in Krämpfen zuckend — kaum, daß Oswald den riesigen Knecht wieder erkannte, der damals durch seine Grau¬ samkeit gegen seine Pferde den Zorn Bruno's heraus¬ gefordert hatte. Oswald war an der Seite des Menschen nieder¬ gekniet, er wischte ihm den Schaum vom Munde, er band ihm die steife Binde ab, er suchte ihm eine bessere Lage zu verschaffen. „Haben Sie nichts, ihm unter den Kopf zu legen,“ rief er dem Inspector zu, dessen rohes, bärtiges Ge¬ sicht die hülflose Angst, die er empfand, unaussprechlich albern machte. „Unter den Kopf? unter den Kopf? hier!“ und dabei zog er seinen Rock aus und stopfte ihn als Kissen unter den Kopf des Mannes. Ist kein Wasser in der Nähe?“ rief Oswald weiter. „Wasser in der Nähe? Nein — aber in dem Rock steckt eine Flasche — da — das mag auch wohl helfen — Herr Jesus.“ — — Oswald wusch mit dem Branntwein die Stirn des Kranken, der allmälig etwas ruhiger wurde. „Wie ist denn dies gekommen?“ fragte er. „Ja ich weiß es nicht;“ rief der Inspector mit kläglicher Stimme. „Ich komme hierher geritten, weil der Kerl mir zu lange im Holz trödelt, um ihm ein bischen den Marsch zu machen. Da sitzt er bei seinem Wagen hier auf dem Baumstamm und regt sich nicht. Was hast Du hier zu sitzen, sage ich. Warum soll ich hier nicht sitzen? sagte er. Bist Du wieder be¬ soffen, Jochen? sagte ich, denn ich sah, daß er ganz wäss'rige Augen hatte, und seine Schnapsflasche leer neben ihm lag. Selber besoffen, sagte er. Du bist ein ganz infamer Schlingel, sagte ich. Selber Schlingel, sagte er. Na, Herr Doctor, so was kann man sich doch nicht gefallen lassen. So ich runter vom Pferde und meinem Kerl ein paar aufgezählt. Er in der größten Wuth auf mich los — mit ein Mal fällt er, wie ein Ochs, auf die Erde — und fängt an — ach, Herr Jesus, da geht es wieder los. So was hab' ich mein Lebtag nicht gesehen.“ Der Knecht bekam wieder einen Krampfanfall; Oswald selbst befürchtete das Schlimmste. „Schnell, schnell,“ rief er, „das Holz vom Wagen herunter, wir müssen ihn langsam nach Hause fahren. Unterdessen reitet einer nach dem Arzt.“ „Ja, ja, ich will nach dem Doctor reiten,“ rief der Inspector froh fortzukommen, und schon mit einem Fuß im Bügel. „Hier geblieben,“ herrschte ihn Oswald an; „wie kann ich ohne Sie den Mann fortschaffen? Schämen Sie sich nicht, Herr Wrampe, daß Sie ein solcher Hasenfuß sind? Nehmen Sie sich ein Beispiel an Bruno.“ Bruno hatte Oswald nach Kräften unterstützt, jetzt stand er auf dem Wagen und warf mit vollen Armen das schon aufgeladene Holz herab. „Ich will zu dem Doctor reiten, Oswald!“ rief er herabspringend. „Es wird wohl das Beste sein, Bruno,“ sagte dieser. „Du kennst den Weg und ich kann hier nicht fort. Schnallen Sie ihm die Bügel kürzer, Herr Inspector.“ „Gleich, gleich,“ sagte dieser, aber schon hatte Bruno es selbst gethan; mit einem Satze, ohne den Bügel zu berühren, saß er im Sattel und hatte die Zügel ergriffen. Das feurige Thier, die ungewohnte leichte Last fühlend, bäumte sich. „Es wird Sie abwerfen, Junker!“ sagte der In¬ spector. „Keine Furcht," rief der Knabe. Ihre Peitsche her! Hop, allez !“ und damit hieb er das Pferd über den Hals und sprengte im Galopp davon. Oswald sah nur noch, wie er, an dem Rande des Waldes an¬ gekommen, über den breiten Graben setzte auf den Weg, von dem Weg über den andern Graben auf eine Wiese, um, über diese weggaloppirend, schneller die Landstraße zu gewinnen, die nach Faschwitz und von dort weiter nach dem Städtchen führte, in welchem der Doctor wohnte. F. Spielhagen, Problematische Naturen. I 18 Zwanzigstes Kapitel. Unterdessen hatten der Inspector und Oswald, nicht ohne einige Schwierigkeit — denn Herrn Wrampe's Riesenkraft schien durch den Schreck vollkommen para¬ lysirt zu sein — den Kranken auf den Wagen geladen, nachdem sie zuvor von dem Heu der nahen Wiese und einigen Kleidungsstücken eine Art von Lager darauf bereitet hatten. Oswald stieg mit hinauf, um den Kranken, der sich jetzt in einem ganz lethargischen Zu¬ stande befand, nöthigenfalls zu stützen, und der In¬ spector lenkte die Pferde. Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange, da die Häuslerwohnungen auf der ihnen zugekehrten Seite der Landstraße von Grenwitz nach Faschwitz, den Wirthschaftsgebäuden gegenüber, also bedeutend näher, als das Schloß selbst lagen. „Sie wissen doch, wo der Mann wohnt?“ fragte Oswald, als sie sich dem Dorfe näherten. „Gleich in dem ersten Hause,“ antwortete Herr Wrampe, sich in dem Sattel umdrehend und mit dem Peitschenstiel auf ein Häuschen zeigend, das eher einem großen Hundestall als einer kleinen Menschenwohnung glich. „Ist er verheirathet?“ „Gewesen,“ antwortete Herr Wrampe; „er hat das arme Weib“ — hier unterbrach er sich, einen scheuen Blick auf das blasse Gesicht des Mannes wer¬ fend, als wolle er sagen, von Todten und Todtkranken darf man nur das Beste sprechen. „Hat er Kinder?“ „Zwei, da sind sie vor der Thür mit Mutter Clausen. Mutter Clausen, he! der Jochen hat das böse Wesen gehabt, bringen Sie doch die Kinder in's Haus, daß sie sich nicht erschrecken.“ So rief der In¬ spector, den das Gefühl seines Unrechts außerordent¬ lich zartfühlend gemacht hatte, einer alten Frau zu, die im letzten Abendsonnenschein vor der Thür der Hütte saß, während zwei kleine Kinder zu ihren Füßen im Sande spielten. Als die alte Frau aufblickte, erkannte Oswald die¬ selbe Alte, mit welcher er auf dem Wege zur Kirche gestern Morgen auf dem Moor die sonderbare Unter¬ redung über Unsterblichkeit gehabt hatte. Die Alte 18 * warf einen Blick nach dem herankommenden Fuhrwerk, ergriff die Kinder, führte sie in's Haus und kam wieder heraus, als der Wagen eben vor der Thür still hielt. „Ist er todt?“ fragte sie, an den Wagen tretend. „Nein, Mütterchen!“ sagte Oswald. „Ah, sieh, der junge Herr von gestern! Na, das gefällt mir von Ihnen, daß Sie Mitleid haben mit den armen Menschen.— Tragt ihn nur hier herein, ich habe die Kinder in meine Kammer gebracht.“ Der Inspector und Oswald hoben den Mann, der vollkommen regungslos war, vom Wagen, trugen ihn, nicht ohne sich zu bücken, durch die Hausthür über den kleinen Flur in die niedrige Stube, und legten ihn dort auf ein breites, mit blauem Kattun überzogenes Bett. Die Alte folgte, hieß den Inspector, ihr den Mann entkleiden helfen und sagte ihm dann: „So, Sie können nun gehen; der Herr Stein und ich wollen schon mit dem Jochen fertig werden.“ Der Inspector ließ sich diese Erlaubniß nicht zwei¬ mal sagen; mit einigen unverständlichen Worten drückte er sich aus der Stube, und Oswald sah nur durch das Fenster, wie er draußen, ehe er das Sattelpferd bestieg, einen langen, langen Schluck aus seiner Flasche that, als ob er nach solcher geistigen und körperlichen Anstrengung einer Erquickung ganz besonders bedürfe. Oswald hatte sich am niedrigen, offenen Fenster auf einen Schemel gesetzt, und schaute sich in dem Zimmerchen um. Man erkannte auf den ersten Blick, daß hier in diesem Häuschen ein guter Geist waltete, der aber sicherlich nicht in dem rohen Trunkenbolde dort auf dem Bett seine Wohnung aufgeschlagen hatte. Das Bett war frisch überzogen, die Zimmerdecke, die Wände waren sorgfältig gereinigt, der Fußboden mit Sand bestreut. Die Luft im Zimmer war frisch, die kleinen Fensterscheiben so klar, wie es ihre grünliche Farbe und das Alter eben zuließen. Mutter Clausen hatte am Bett gesessen, und wie Oswald aus einigen wunderlichen Manipulationen schloß, irgend eine mag¬ netische Kur mit dem Kranken vorgenommen, der jetzt in einen erquickenderen Schlaf zu fallen schien. Sie stand auf und sagte: „Ich will die Kinder zu Bett bringen, Sie bleiben doch so lange hier?“ Auf Oswalds bejahende Antwort trippelte sie da¬ von, kam nach einer Viertelstunde wieder und setzte sich zu dem jungen Mann an das Fenster. Sie hatte ein Strickzeug in der Hand und strickte mit einer für ihr Alter unbegreiflichen Schnelligkeit an einem Kinder¬ strümpfchen. So saß sie da, bald nach dem Kranken horchend, bald die Maschen an ihrem Strumpfe zäh¬ lend, bald Oswald aus ihren grauen, tiefliegenden Augen forschend und freundlich ansehend. „Ich weiß nicht, was das ist,“ sagte sie plötzlich, als ein rother Streifen der untergehenden Sonne durch das Fenster auf Oswald's Gesicht fiel, „ich muß Sie schon mal gesehen haben.“ „Nun ja,“ sagte Oswald, „gestern Morgen auf der Haide.“ „Nein, nein — nicht gestern, vor einigen Jahren, so vor vierzig — fünfzig etwa und darüber.“ „Wie alt sind Sie denn, Mütterchen?“ fragte Os¬ wald, verwundert fünfzig Jahre und darüber als einige Jahre bezeichnen zu hören. „Nächstes Christfest werde ich zwei und achtig Jahr, antwortete die Alte, wieder emsig strickend, als erin¬ nere sie diese Frage, daß sie keine Zeit mehr zu ver¬ lieren habe. „Zwei und achtzig Jahre!” rief Oswald erstaunt; „und haben Sie während der Zeit hier stets im Dorfe gelebt?“ „Ja, immer hier; hier und auf dem Schlosse. Dort bin ich geboren, am heiligen Christabend im Jahre Eintausend Siebenhundert Vierundsechzig, an demselben Tage und zur selbigen Stunde, wie der Vater von dem verstorbenen Baron —“ „Wie lange ist der nun todt?„ „Nun, es ist jetzt so ein vierzig Jahr her, er wäre jetzt ebenso alt wie ich, zweiundachtzig Jahr, hm, hm, zweiundachtzig Jahr — wie der wohl aussähe, — auch so verschrumpft? und war ein schmucker Bursch — ei, das war ein schmucker Bursch!“ Die Erinnerung an den drittletzten, längst verstor¬ benen Baron von Grenwitz, schien der Alten eine be¬ sonders merkwürdige zu sein; sie ließ die magern, braunen Hände mit dem Strickzeug in den Schooß sinken, und starrte gedankenvoll vor sich hin. „Ein schmucker Bursch,“ murmelte sie noch einmal, und die verschrumpften Züge erhellte ein freundliches Lächeln; dann traten zwei große Thränen aus den gesenkten Wimpern und rollten langsam über die runzligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände... Was mochte sie in diesem Augenblicke erschauen, die alte Frau? Sah sie sich wieder, wie sie vor fünfund¬ sechzig Jahren war, ein schlankes bildhübsches Ding mit großen grauen, blitzenden Augen und prächtigen reichen, dunkelblondem Haar, so wie sie damals war, als sie sich des Nachts heruntergestohlen hatte, in den Schloßgarten, um dem Junker ein Stelldichein zu geben, dem wilden Junker, mit dem sie zusammen auf¬ gewachsen war, wie eine Schwester, und den sie wie einen Bruder liebte und wie ihren Herzallerliebsten, der ihr schwur, er wollte sie zur gnädigen Frau machen, so bald er einmal der Herr sei in Grenwitz. Damals war sie jung gewesen und er war jung gewesen; und die Sonne hatte in jener alten Zeit so warm und mild geschienen in ihr junges, morgenfrisches Herz, und die Lerchen hatten so lieblich ihr Triliri gesungen und der Mondschein war auf so leisen Füßen im Park herumgeschlichen, daß er nicht einmal die Nachtigall störte, die in dem Gebüsche so klagte und schluchzte, als ob ihr das kleine volle Herz brechen wolle vor Liebessehnsucht und Liebespein — denn ach! der Junker war dann fortgereist, weit, weit fort — übers Meer, von seinen Eltern nach Schweden geschickt zu seinen Verwandten, damit die dumme Geschichte mit der Liese ein Ende nehme; und er sandte ihr kein Wort, keinen Gruß ein, zwei, drei Jahre lang, und als er wieder kam von Schweden — da, heiliger Gott! war er nicht allein — eine schöne junge Frau saß bei ihm im Wagen, und die alten Herrschaften waren glücklich, und die Dienerschaft schrie Hurrah — und sie tanzten und jubelten. — Aber in dem dichtesten Gebüsch des Schloßgartens hatte sich ein Mädchen versteckt, die hübscheste von allen Dirnen weit und breit, und die schluchzte leise, leise vor sich hin, wie Thräne auf Thräne über ihre Wangen rollte, und von den vielen Thränen waren ihr die schönen Augen tief in den Kopf gesunken, und die blonden Haare waren grau geworden, und — da saß sie nun eine alte, steinalte Frau — und noch immer flossen ihr die Thränen über die runz¬ ligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände. „Ein schmucker Bursch,“ sagte sie, „wie ich mein Lebtage keinen wieder so schmuck gesehen habe, bis gestern Morgen, als Sie plötzlich auf der Haide vor mir standen. Da kamen Sie mir gleich so bekannt vor, und nun weiß ich auch, warum. Mit Verlaub, Junker, wie alt sind Sie jetzt?“ „Dreiundzwanzig Jahr.“ „Dreiundzwanzig Jahre, ja, ja, ich wußte es wohl, dreiundzwanzig Jahre — Du bist jung geblieben und bist noch immer so gut und schön.“ Wieder sah sie Oswald an, aber nicht mit dem spürenden, suchenden Blick, wie vorher, sondern klar und freudig, wie eine Ahne blickt, die einen Enkel an ihrem Lehnstuhl spielen sieht. Auf einmal stand sie auf, trat an Oswald heran, und ihm die welken, zitternden Hände auf's Haupt legend, sagte sie langsam und feierlich mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehören, die aus einer andern Welt herüberzuschallen schien: „Der Herr segne und behüte Dich, Oskar!“ Dann setzte sie sich wieder auf ihren niedrigen Schemel und strickte wieder emsig, emsig, daß die Nadeln klapperten und dazu nickte sie mit dem grauen Haupte, und lächelte selig vor sich hin, als erzählte ihr eine Stimme, die nur sie allein hörte, ein altes längst verschollenes, wunderherrliches Mährchen von Jugend und Liebe und Nachtigallengesang. Einundzwanzigstes Kapitel. In dem niedrigen Zimmer begann es zu dunkeln; die Nadeln der Alten klapperten immer hastiger, die Schwarzwälder Uhr in der Ecke pickte lauter und lauter in der tiefen Stille, und Oswald saß noch immer am offenen Fenster, den Kopf in die Hand ge¬ stützt, wie im Traum. Das Geräusch eines Wagens, der die Dorfstraße hergefahren kam, erweckte ihn. Ein mit zwei Pferden bespannter leichter Holsteinerwagen hielt vor der Hütte still, ein Mann stieg rasch hinab und trat alsbald in die Stube. „Guten Abend,“ sagte eine klare, etwas scharfe Stimme. „Herr Doctor Stein? — freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. — Mein Name ist Braun. Bruno hat mir schon erzählt, daß ich hier einen barm¬ herzigen Samariter finden würde — wo ist denn unser Patient — ach! dort im Bett — wie wär's liebe Alte, wenn Sie uns etwas Licht verschafften, unterdessen ist Herr Doctor Stein so gut, und erzählt mir, was er von dem Falle weiß, nicht wahr?“ Oswald gab, so gut er es vermochte, eine Schil¬ derung dessen, was er gesehen hatte. „Ich dachte es mir schon,“ sagte Doctor Braun; es ist ein Anfall von Epilepsie. Hat Ihr Sohn sonst schon an diesen Zufällen gelitten?“ fragte er die Alte, die jetzt, ein dünnes Talglicht mit der Hand schützend, so daß nur ein schwacher Schimmer desselben auf ihr runzliges Gesicht fiel, wieder in das Stübchen trat. „Es ist nicht mein Sohn, auch war seine Frau nicht meine Tochter,“ sagte Mutter Clausen, das Licht auf einen Schemel vor das Bett setzend; aber seine Kinder sind meine lieben Enkelchen.“ Der Doctor warf einen forschenden Blick in das Antlitz der alten Frau — und dann schweifte sein Auge fragend zu Oswald hinüber — aber er hielt die Be¬ merkung, die er auf den Lippen hatte, zurück, nahm das Licht und leuchtete in das Gesicht des Kranken. Oswald nahm es ihm aus der Hand; „erlauben Sie, daß ich Ihnen leuchte.“ „Danke,“ sagte der Doctor, den Kranken unter¬ suchend. Während dessen betrachtete Oswald sich den An¬ kömmling genauer. Es war ein Mann, zwischen fünf¬ undzwanzig und dreißig Jahren, schlank und etwas dürr, in einen einfachen, bequemen, aber eleganten Sommeranzug gekleidet. Der Kopf war außeror¬ dentlich wohlgeformt, und mit sehr dunklem Haar be¬ deckt, das zu dicht zu sein schien, um sich locken zu können und jetzt in einer eigenthümlichen, nicht un¬ schönen Weise wie ein niedriges Barret um die feste, über die Augen etwas vorspringende Stirn stand. Die Nase war in keine bestimmte Kategorie zu bringen, aber fein und ausdrucksvoll, ebenso wie der Mund, dessen Lippen, wie man es bei antiken Köpfen, beson¬ ders Hermesköpfen findet, scharf und zart zugleich ge¬ formt waren, als ob sie sich zu einem hübschen, geist¬ reichen Wort vollends öffnen wollten. Kinn und Wangen umzog ein dichter glänzender Bart, der mit dem Haupt¬ haar harmonirte, und den männlich-schönen Ausdruck des Gesichts vollendete. Auch bemerkte Oswald, wäh¬ rend der Doctor die Augenlider des Kranken hob, daß seine Hände von einer fast frauenhaften Zartheit und Schönheit waren. „Es ist, wie ich dachte,“ sagte Doctor Braun, sich emporrichtend, „ein epileptischer Anfall. Ich kann nichts verschreiben, da die Natur sich hier selber hilft. Für den Augenblick ist nur Ruhe nöthig. Morgen wird der Mann noch etwas schwach, sonst aber wieder ganz gesund sein.“ „So sind dergleichen Zufälle nicht gefährlich?“ fragte Oswald. „Sie können letal werden,“ antwortete der Doctor, „zumal wenn, wie ich stark vermuthe, der Kranke ein Potator ist. An eine radicale Heilung ist nicht zu denken, wenigstens nicht unter diesen Verhältnissen, da die Kur eine sehr langwierige ist.“ „Ich hatte mich schon darauf gefaßt gemacht, einen Theil der Nacht hier bleiben zu müssen,“ sagte Os¬ wald, „das ist denn also wohl nicht nöthig?“ „Gott bewahre. Ruhe, wie gesagt, ist das einzige Erforderniß. Der Mann ist Witwer?“ sagte er, sich in der Stube umsehend. „Die Anne ist todt,“ sagte Mutter Clausen. „Aber ich will schon wachen über den Jochen. Alte Leute, wie ich, brauchen nicht viel Schlaf; wir werden bald Zeit vollauf dazu haben. Gehen Sie nur ruhig nach Hause, Junker. Du bist brav, das hab' ich ja immer gesagt. Adjies, Herr Doctor, schönen Dank für den Jochen, da er sich selbst nicht bedanken kann, und sich vielleicht auch nicht einmal bedankte, selbst wenn er könnte. Adjies Junker.“ Damit leuchtete sie den Beiden zur Thür und zum Hause hinaus. „Wollen Sie mich nicht noch eine Strecke begleiten?“ sagte der Doctor, als sie vor der Thür standen. „Ich fahre von hier über Berkow, wo ich noch im Dorfe einen Besuch machen muß, nach Hause, und Sie kön¬ nen ja absteigen, wo Sie wollen. Der Abend ist wahrhaft ambrosisch, und in Grenwitz kommen Sie zum Abendbrod doch schon zu spät, wie ich Ihnen aus bester Quelle berichten kann, da ich selber dort zu Abend gegessen habe.“ „Sie dort zu Abend gegessen?“ sagte Oswald, sich zu dem Doctor in den Wagen setzend; „hat Sie denn Bruno nicht von B. geholt?“ „Der arme Junge hat den Weg vergeblich gemacht: denn während er ventre à terre dorthin jagte, saß ich schon ruhig in Grenwitz.“ „Und was führte Sie denn nach Grenwitz? wenn man fragen darf.“ Der Doctor lachte. „ O tempora, o mores — da sieht man es! Der Mentor beschützt und hütet anderer Leute Kinder, und weiß nicht, daß sein lieber Telemach todtkrank zu Hause liegt.“ „Sie belieben zu scherzen.“ „Allerdings scherze ich; Malte ist so gesund, wie ein Junge, der morgen die Schule schwänzen will, nur sein kann. Aber da der Baron und die Baronin in der Erschöpfung, welche bei einem solchen Zucker¬ püppchen nach einer längeren Promenade sehr natürlich ist, die Anzeichen eines heraufziehenden Typhus zu er¬ kennen glaubten, und keine Stimme im hohen Rathe sich dagegen erhob, so mußte denn natürlich schleunigst zu dem Unglücklichen geschickt werden, der das wenig beneidenswerthe Vorrecht hat, allen Unsinn, der den Leuten durch den Kopf geht, ausbaden zu müssen. Ich meine, zum Arzt. Und während ich nun nach dem Abendbrod — welches, wie Sie wissen, oder wie die Baronin sagt, wenigstens wissen müßten — in Gren¬ witz stets pünklich um acht Uhr servirt wird, eben in den Wagen steigen wollte, kommt der Prachtjunge, der Bruno, wie der Georg in Götz von Berlichingen in voller Carri è re auf den Schloßhof gesprengt. — Sie hätten das Entsetzen des Barons und der Baro¬ nin sehen sollen! — Die guten Leute hätten nicht mehr erschrecken können, wenn der Raugraf aus der Bürger¬ schen Ballade mit Holla und Hussasa über den Hof geritten wäre — und verkündete in athemloser Hast, der Jochen läge auf den Tod und Doctor Stein wäre bei ihm, und er bäte mich, doch so schnell wie möglich zu kommen. — Aber Apropos, wie ist das? Die Alte nannte Sie „Junker,“ ich vermuthe daraus, daß ich in Zukunft Herr von Stein werde sagen müssen.“ „Weshalb nicht gar Freiherr!“ lachte Oswald, dem die Weise seines neuen Bekannten sehr gefiel. „Nein, ich bin eben so wenig adlig, als Mutter Clausen, die, ich weiß nicht weshalb? möglicherweise durch Re¬ miniscenzen ihrer Jugend verleitet, mich durchaus zu ihrem Junker haben will, eine Königin ist.“ „Das ist eine sonderbare alte Frau,“ sagte der Doctor. „Sehen Sie, wie schön der Mond sich dort über dem Waldrand erhebt, und wie duftig der Nebel über den Wiesen liegt! — eine sonderbare Frau. Ich erinnere mich jetzt, daß sie mir auch sonst schon auf¬ gefallen ist, sie sieht aus wie — nun, wie nur gleich?“ „Wie eine alte, alte Frau aus irgend einem Grimm’¬ schen Märchen, die sich gelegentlich in die allerschönste Prinzeß von der Welt verwandelt.“ „Ja, ganz recht — sie hat ein wunderbares Feuer in ihren alten Augen. Es ist einem, als ob das alte Gesicht nur eine Maske für eine noch immer jugend¬ liche Psyche sei.“ „So ist es auch,“ sagte Oswald, und er erzählte dem Doctor die sonderbare Unterhaltung, die er mit Mutter Clausen gestern Morgen auf der Haide ge¬ habt, und wie ihm die Rede der alten Frau so natür¬ F. Spielhagen, Problematische Naturen. I. 19 lich und wahr erschienen sei, wie der Gesang der Haide¬ lerche, und welchen widerwärtigen Eindruck hernach die Predigt des eitlen Pastors auf ihn gemacht habe. „Ja, ja,“ sagte der Doctor, „Göthe's Wort bleibt ewig wahr: Es ärgert die Menschen, daß die Wahr¬ heit so einfach ist. Um den Leuten weiß zu machen, es sei ein, Wunder wie, großes Wunder, behängen sie dieselbe mit allerlei bunten Fetzen und Lappen, und führen sie dann in Prozession umher. Solche Men¬ schen aber, wie unsere Alte da, lesen nur ein Capitel in dem großen Buche des Alls, aber sie lesen es wieder und immer wieder, sechszig, siebzig Jahre lang, bis sie es auswendig wissen. Und da das Ganze ja doch aus einem Geiste geschrieben ist, so kommen sie schließlich weiter, wie die große Heerde der Halb-, Viertel und Achtel-Gebildeten, die in unruhiger Hast das Buch von vorn bis hinten und wieder zurück durchblättern, überall etwas heraus schnüffeln und am Ende denn doch so klug oder so dumm bleiben, wie sie im Anfang waren.“ „Ja wohl,“ sagte Oswald, „ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit Ihrer Bemerkung ist zum Beispiel die Baronin von Grenwitz. Was hat diese Frau nicht alles gelesen: deutsch, französisch, englisch, schwedisch; Heiliges und Profanes, die besten und die dümmsten Bücher. Einmal treffe ich sie über Rousseau's Con¬ fessions, das andere Mal über einem Romane von Van der Velde; heute liest sie Schleiermacher's Reden über Religion und morgen die letzte Schauergeschichte von Dumas oder Eugen Sue — sie urtheilt in ein¬ zelnen Dingen vollkommen richtig; aber so wie die Rede auf die summa arcana , die höchsten Geheim¬ nisse des menschlichen Denkens kommt, oder so wie sie auch nur die Menge einzelner richtiger Beobachtungen in einem allgemeinen Satze formuliren soll, beginnt sie zu faseln und bringt so alberne, abgedroschene, ari¬ stokratische Gemeinplätze zu Tage, daß einem Hören und Sehen vergeht.“ „Diese Disposition der gnädigen Frau kann, deucht mir, gerade nicht zur Erhöhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen,“ bemerkte der Doctor. „Allerdings,“ sagte Oswald leichthin; „ich suche in¬ dessen diesen Zusatz von Wermuth dadurch abzuschwächen, daß ich den philosophischen Expectorationen der Dame so viel wie möglich ausweiche, und mich überhaupt in meinem Verhältnisse zu der übrigen Familie auf das Nothwendige beschränke.“ „Sollten Sie die Grenzen, die Sie sich dabei im Interesse Ihrer Zeit und Ihrer guten Laune ziehen 19* zu müssen glaubten, nicht etwas zu eng gesteckt haben?“ sagte der Doctor, die Asche seiner Cigarre an der Lehne des Wagens abklopfend. „Wie das?“ fragte Oswald nicht ohne einige Ver¬ wunderung. „Sie verzeihen meine Indiscretion,“ sagte der An¬ dere, sich noch etwas mehr zu Oswald herüber wen¬ dend, und ihn mit seinen hellen, klugen Augen voll ansehend. „Sie wissen, daß wir Aerzte, wir mögen wollen oder nicht, zu der leidigen Rolle des Vertrau¬ ten in allen Familien, wo wir ein- und ausgehen ver¬ dammt werden. Auf einem oder dem andern Punkte hängt schließlich alles mit der physischen Natur, die wir zu controliren haben, zusammen, und so kommt denn nach und nach auch alles vor unser Forum, selbst solche Dinge, die vor jedes andere eher zu gehören scheinen, als vor das ärztliche. Und wenn die Sache schließlich in gar keinem Zuammenhange mit der Diä¬ tetik des Leibes und der Seele steht, so denken die Leute: hast du ihm so viel gesagt, kannst du ihm das auch noch sagen. So konnte denn auch heute die Ba¬ ronin die Bemerkung nicht unterdrücken, daß Sie (ich bin hier weder darauf aus, Ihnen Schmeichelhaftes noch Unangenehmes zu sagen, sondern einen Wink zu geben, den Sie beachten oder unbeachtet lassen mögen, wie es Ihnen gut erscheint), daß also Sie, der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung (ich brauche hier die Worte der Baronin) in einem so hohen Grade besäßen, und sich in den Formen des Umganges mit solcher Leichtigkeit bewegten, es verschmähten, von diesen Gaben den rechten Gebrauch zu machen, was um so mehr zu bedauern wäre, als durch diese Zurückhaltung (ich spreche immer noch in den Worten der Baronin) Malte, der nun einmal ein häuslicher Knabe sei und sich im Schooße der Familie am wohlsten fühle, um einen Theil der Vortheile käme, die er aus Ihrer Gesellschaft, und aus dem intimen Verhältnisse mit Ihnen ziehen könnte und ziehen würde.“ „Es ist doch sonderbar,“ sagte Oswald nach einer kleinen Pause, „welch' Noli-me-tangere -Naturen wir Adamskinder sind. Das, was Sie mir da sagen, habe ich mir selbst schon mehr als einmal gesagt; habe mir gesagt, daß, nachdem ich mich einmal dazu verstanden habe, dem Wohle einer Familie meine Zeit und meine Kraft zu verkaufen, ich mich auch wohl zu andern Con¬ cessionen würde verstehen müssen — und jetzt, da ich dasselbe von Ihnen höre, berührt es mich doch unan¬ genehm . . . Aber sein Sie versichert, daß ich wahr¬ lich nicht Ihnen, daß ich einzig und allein mir zürne, und zwar deshalb zürne, weil mich ein in so freund¬ licher Absicht ertheilter Wink auch nur einen Augen¬ blick stutzig machen konnte." „Ich war gewiß,“ sagte der Doctor, „daß ich es mit einem Manne zu thun hatte, der die Spreu vom Weizen zu sondern weiß; wäre ich das nicht gewesen, seien Sie überzeugt, ich hätte geschwiegen.“ Wiederum trat ein Pause in dem Gespräch der jungen Männer ein; der Doctor bereute vielleicht im Stillen, daß ihm seine Gutmüthigkeit, wie schon so oft, das undankbare Geschäft des ungebetenen Rathgebers aufgenöthigt hatte; Oswald verfolgte den in ihm an¬ geregten Gedanken und schien ganz vergessen zu haben, daß die hohen Stämme der Tannen sehr schnell an ihm vorüberglitten und die raschen Pferde des Doctors den Weg zwischen Grenwitz und Berkow fast schon zurückgelegt hatten. Er fuhr erschrocken in der Höhe, als er rechts vom Wege durch die Zweige ein Licht schimmern sah. Er wußte, es kam aus dem Fenster der Försterwohnung von Berkow. Auf der entgegen¬ gesetzten Seite führte ein schmaler Pfad zu der Lich¬ tung im Walde, auf der Melitta's Eremitage stand. An derselben Stelle des Weges, an der sie eben jetzt anlangten, hatte ihn gestern der Wagen des Barons erwartet. „Bitte, lassen Sie hier halten,“ sagte er hastig zum Doctor. „Ich sehe zu meinem Schrecken, daß wir schon beinahe bis Berkow gekommen sind. Es ist die höchste Zeit, daß ich zurückkehre.“ Der Wagen hielt; Oswald stieg herab. „Ich hoffe,“ sagte er, dem Doctor die Hand reichend, „daß dies nicht die einzige und nicht die längste Strecke gewesen ist, die wir auf unserem Lebenswege zusammen fahren oder gehen werden.“ „Ich hoffe und wünsche dasselbe,“ antwortete der Andere, „es scheint mir, als ob wir in unserem Denken und Fühlen manches Gemeinsame haben, und einer wahlverwandten Natur zu begegnen, ist ein viel zu kostbares Glück, als daß man es leichtsinnig verscherzen dürfte. Jedenfalls komme ich bald wieder in diese Gegend. Leben Sie wohl indessen.“ Der Wagen rollte davon, bald verhallte der Huf¬ schlag in der Ferne; das Licht in der Försterwohnung erlosch, Oswald war allein mit der Nacht und dem Schweigen. Und alsbald trat das Bild Melitta's vor seine Seele und glitt vor ihm her den schmalen Waldpfad entlang, auf dem er jetzt so heimlich und leise, wie ein Wilddieb, hinschritt. Da trat er hinaus auf die Lich¬ tung, und blieb erschrocken, wie wenn ein Blitz an seiner Seite eingeschlagen hätte, stehen — aus dem Fenster der Eremitage schimmerte Licht! Melitta, die er auf dem Schlosse glaubte, war hier, hier — funf¬ zig Schritte von ihm entfernt — er brauchte nur über den Wiesenteppich zu gehen und die paar Stufen der Treppe zu ersteigen — die Thür zu öffnen. — Os¬ wald lehnte an den Stamm der Buche, sein wild schlagendes Herz ein wenig zu beruhigen. Und wenn ihn hier jemand sähe, wenn er Melitta's Ruf leicht¬ sinnig auf's Spiel setzte!... Athemlos horchte er in die Nacht hinein. . . Nichts vernahm er, als die wunderlichen, geheimnißvollen Stimmen, die man am Tage niemals hört, und die mit der Nacht geboren werden: ein Raunen und Flüstern oben in den Zweigen, ein Rascheln und Knistern in dem trockenen Laub am Boden — das dumpfe Gebell eines Hundes drüben aus dem Dorfe... Ein Nachtaar kam auf seinem wirren Fluge bis dicht an sein Gesicht geflattert und schoß dann wieder davon. Sonst rings umher tiefe Stille... Da schlug ein dumpfer, drohender Laut an sein Ohr. Er kam aus der breiten Brust von Melitta's Dogge, die vor dem Eingange der Eremi¬ tage Wache hielt. Der treue Wächter mußte die Nähe eines Fremden gespürt haben, denn er erhob sich, sprang die Treppe hinab und umkreiste das Haus, wie ein Schäferhund seine Hürde. „Boncoeur,“ rief Oswald leise, als das Thier in seine Nähe kam, „ici!“ Das kluge Thier stutzte bei dem wohlbekannten Ruf, den es so oft aus seiner Herrin Munde vernommen, und kam, Oswald erkennend, in raschen Sprüngen auf ihn zu, und legte ihm als Willkommen die mächtigen Tatzen auf Brust und Schulter. „So,“ sagte Oswald, das schöne Thier streichelnd; „so, Boncoeur, Du erlaubst also daß ich zu Deiner Herrin gehe? Komm!“ Den Hund an den zottigen, langen Haaren fest¬ haltend, schritt Oswald über die Wiese. Auf der Treppe übertönten die Tatzen Boncoeurs den leichten Schritt Oswalds; so schlich er sich auf der Gallerie, die sich um das Häuschen zog, hin, bis er an das Fenster kam. Das Fenster stand auf, durch den vene¬ tianischen Epheu hindurch, mit dem es dicht berankt war, sah Oswald hinein in das Zimmer. Auf dem Tisch brannte eine Lampe, deren Glocke mit einem rothen Schleier bedeckt war, so daß der Venus heili¬ ges Bild in dem warmen Licht wie lebend erschien. Zu den Füßen des Bildes saß Melitta, Oswald halb das Gesicht zukehrend, an dem Tische. Sie hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen, aber offenbar las sie nicht; die feine Hand, auf die sie den Kopf stützte, in dem dunklen, reichen Haar begraben, schien sie in tiefe Träumereien versunken. Ein unaussprechlich rührender Ausdruck, halb von thränenreicher Schwermuth, und halb von unaussprechlicher Seligkeit lag auf ihren reinen, kindlich weichen Zügen. Oswald vermochte es kaum über sich, das einzig schöne Bild, daß sich ihm in dem Rahmen des kleinen Fensters zeigte, zu zer¬ stören. Endlich nannte er leise ihren Namen. Melitta hob den Kopf in die Höhe und die großen Augen auf das Fenster heftend, lauschte sie einen Mo¬ ment. Aber dann lächelte sie wehmüthig, als wollte sie sagen: es war nur ein Traum, und stützte das Haupt wieder in die Hand. „Melitta, ich bin's.“ — Diesmal hatte sie es nicht geträumt. Mit einem Freudenschrei fuhr sie empor, nach der Thür, Oswald entgegen — sie schlang ihren Arm um seinen Hals, preßte ihre glühenden Lippen wieder und wieder auf seinen Mund, sie legte ihren Kopf an seine Brust — sie schaute durch Thränen lächelnd zu ihm auf: „Sieh Oswald, ich dachte nur eben an Dich! ich dachte: wenn er Dich liebt, so wird, so muß er heute kommen, und kommt er nicht, liebt er Dich nicht. Oswald, nicht wahr, Du liebst mich? nicht, wie ich Dich liebe, aber doch ein wenig, nicht wahr, mein Oswald?“ Sprachlos vor Rührung und Seligkeit umschlang Oswald das geliebte Weib. „Melitta, Du bist so grenzenlos gut und schön, daß wer Dich liebt, Dich grenzenlos lieben muß!“ Vor der Thür der Eremitage, auf einer Stroh¬ decke, den riesigen Kopf zwischen den Vordertatzen liegt Boncoeur. Die schnelle Bewegung seiner Ohren, so¬ bald ein Geräusch aus dem Walde herübertönt, zeigt, daß er gute Wache hält. Er würde den Ersten, der es wagte, in dies Heiligthum der Liebe zu dringen, zerreißen. Ende des ersten Bandes.