Meister Floh. Ein Maͤhrchen in sieben Abentheuern zweier Freunde . Von E. T. A. Hoffmann . Frankfurt am Mayn bei Friedrich Wilmans . 1822 . Druck und Papier von C. L. Brede in Offenbach. Meister Floh. Ein Maͤrchen, in sieben Abentheuern zweier Freunde. 1 Erstes Abentheuer. Einleitung. Worin der geneigte Leser so viel aus dem Leben des Herrn Peregrinus Tyß erfährt, als ihm zu wissen nöthig. — Die Weihnachtsbescheerung bei dem Buchbinder Lämmerhirt in der Kalbächer Gasse und Beginn des ersten Abentheuers. Die beiden Alinen. E s war einmal — welcher Autor darf es jetzt wohl noch wagen, sein Geschichtlein also zu beginnen. — Veraltet! — Langweilig! — so ruft der geneigte oder vielmehr ungeneigte Leser, der nach des alten römi¬ schen Dichters weisen Rath, gleich medias in res versetzt seyn will. Es wird ihm dabei zu Muthe, als nehme irgend ein weitschweifiger Schwätzer von Gast, der eben eingetreten, breiten Platz und räuspre sich aus, um seinen endlosen Sermon zu beginnen und er klappt unwillig das Buch zu, das er kaum aufgeschlagen. Gegenwärtiger Herausgeber des wunderbaren Mär¬ chens von Meister Floh, meint nun zwar, daß jener Anfang sehr gut und eigentlich der beste jeder Geschichte 1 * sey, weshalb auch die vortrefflichsten Märchenerzähler, als da sind, Ammen, alte Weiber u. a. sich desselben jederzeit bedient haben, da aber jeder Autor vorzugs¬ weise schreibt, um gelesen zu werden, so will er (be¬ sagter Herausgeber nämlich) dem günstigen Leser durch¬ aus nicht die Lust benehmen, wirklich sein Leser zu seyn. Er sagt demselben daher gleich ohne alle weitere Umschweife, daß demselben Peregrinus Tyß, von des¬ sen seltsamen Schicksalen diese Geschichte handeln wird, an keinem Weihnachtsabende das Herz so geklopft hatte vor banger freudiger Erwartung, als gerade an dem¬ jenigen, mit welchem die Erzählung seiner Abentheuer beginnt. Peregrinus befand sich in einer dunklen Kam¬ mer, die neben dem Prunkzimmer belegen, wo ihm der heilige Christ einbescheert zu werden pflegte. Dort schlich er bald leise auf und ab, lauschte auch wohl ein wenig an der Thüre, bald setzte er sich still hin in den Winkel und zog mit geschlossenen Augen die mystischen Düfte des Marzipans, der Pfefferkuchen, ein, die aus dem Zimmer strömten. Dann durch¬ bebten ihn süße heimliche Schauer, wenn, indem er schnell wieder die Augen öffnete, ihn die hellen Licht¬ stralen blendeten, die, durch die Ritzen der Thüre hin¬ einfallend, an der Wand hin und her hüpften. Endlich erklang das silberne Glöcklein, die Thüre des Zimmers wurde geöffnet und hinein stürzte Pere¬ grinus in ein ganzes Feuermeer von bunt flackernden Weihnachtslichtern. — Ganz erstarrt blieb Peregri¬ nus vor dem Tische stehen, auf dem die schönsten Ga¬ ben in gar hübscher zierlicher Ordnung aufgestellt wa¬ ren, nur ein lautes — Ach! drängte sich aus seiner Brust hervor. Noch nie hatte der Weihnachts-Baum solche reiche Früchte getragen, denn alles Zuckerwerk, wie es nur Namen haben mag und dazwischen man¬ che goldne Nuß, mancher goldne Apfel aus den Gär¬ ten der Hesperiden, hing an den Aesten, die sich beugten unter der süßen Last. Der Vorrath von dem auserlesensten Spielzeug, schönem bleiernen Mi¬ litair, eben solcher Jägerei, aufgeschlagenen Bilder¬ büchern u. s. w. ist gar nicht zu beschreiben. Noch wagte er es nicht, irgend etwas von dem ihm bescheerten Reich¬ thum zu berühren, er konnte sich nur mühen sein Staunen zu besiegen, den Gedanken des Glücks zu erfassen, daß das alles nun wirklich sein sey. »O meine lieben Eltern! — o meine gute Aline!» So rief Peregrinus im Gefühl des höchsten Entzük¬ kens. »Nun,» erwiederte Aline, »hab ich's so recht »gemacht Peregrinchen? — Freuest du dich auch »recht von Herzen mein Kind? — Willst du nicht »all die schöne Waare näher betrachten, willst du nicht »das neue Reitpferd, den hübschen Fuchs hier ver¬ »suchen?» »Ein herrliches Pferd,» sprach Peregrinus, das aufgezäumte Steckenpferd mit Freudenthränen in den Augen betrachtend, »ein herrliches Pferd, ächt ara¬ »bische Race.» Er bestieg denn auch sogleich das edle stolze Roß; mochte Peregrinus aber sonst auch ein vortrefflicher Reuter seyn, er mußte es diesmal in irgend etwas verfehlt haben, denn der wilde Pon¬ tifex (so war das Pferd geheißen) bäumte sich schnau¬ bend und warf ihn ab, daß er kläglich die Beine in die Höhe streckte. Noch ehe indessen die zum Tode erschrockene Aline ihm zu Hülfe springen konnte, hatte Peregrinus sich schon emporgerafft und den Zügel des Pferdes ergriffen, das eben hinten ausschlagend, durch¬ gehen wollte. Aufs neue schwang sich Peregrinus nun auf und brachte, alle Reiterkünste aufbietend und mit Kraft und Geschick anwendend, den wilden Hengst so zur Vernunft, daß er zitterte, keuchte, stöhnte, in Peregrinus seinen mächtigen Zwangherrn erkannte. — Aline führte, als Peregrinus abgesessen, den Gebeug¬ ten in den Stall. Die etwas stürmische Reiterei, die im Zimmer, vielleicht im ganzen Hause einen unbilligen Lärm ver¬ ursacht, war nun vorüber und Peregrinus setzte sich an den Tisch, um ruhig die andern glänzenden Ga¬ ben in näheren Augenschein zu nehmen. Mit Wohl¬ behagen verzehrte Peregrinus einigen Marzipan, in¬ dem er diese, jene Gliederpuppe ihre Künste machen ließ, in dieses, jenes Bilderbuch kuckte, dann Heer¬ schau hielt über seine Armee, die er sehr zweckmäßig uniformirt und mit Recht deshalb unüberwindlich fand, weil kein einziger Soldat einen Magen im Leibe, zu¬ letzt aber fortschritt zum Jagdwesen. Mit Verdruß gewahrte er jetzt, daß nur eine Hasen- und Fuchs¬ jagd vorhanden, die Hirschjagd so wie die wilde Schweins¬ jagd aber durchaus fehlte. Auch diese Jagd mußte ja da seyn, keiner konnte das besser wissen als Peregri¬ nus, der alles selbst mit unsäglicher Mühe und Sorg¬ falt eingekauft. — Doch! — höchst nöthig scheint es, den günstigen Leser vor den ärgsten Mißverständnissen zu bewahren, in die er gerathen könnte, wenn der Autor ins Gelag hinein weiter erzählte, ohne daran zu denken, daß er wohl weiß, was es mit der ganzen Weihnachts-Aus¬ stellung, von der gesprochen wird, für ein Bewand¬ niß hat, nicht aber der gütige Leser, der eben erfah¬ ren will, was er nicht weiß. Sehr irren würde jeder, welcher glauben sollte, daß Peregrinus Tyß ein Kind sey, dem die gütige Mutter oder sonst ein ihm zugewandtes weibliches We¬ sen, romantischer Weise, Aline geheißen, den heili¬ gen Christ bescheert. — Nichts weniger als das! — Herr Peregrinus Tyß hatte sechs und dreyßig Jahre erreicht und daher beinahe die besten. Sechs Jahre früher hieß es von ihm, er sey ein recht hüb¬ scher Mensch, jetzt nannte man ihn mit Recht einen Mann von feinem Ansehen, immer, damals und jetzt wurde aber von allen getadelt, daß Peregrinus zu sehr sich zurückziehe, daß er das Leben nicht kenne und daß er offenbar an einem krankhaften Trübsinn leide. Väter, deren Töchter eben mannbar, meinten, daß der gute Tyß, um sich von seinem Trübsinn zu heilen, nichts besseres thun könne, als heirathen, er habe ja freie Wahl und einen Korb nicht so leicht zu fürchten. Der Väter Meinung war wenigstens Hinsichts des letztern Punkts in so fern richtig, als Herr Peregri¬ nus Tyß außerdem, daß er, wie gesagt, ein Mann von feinem Ansehen war, ein sehr beträchtliches Ver¬ mögen besaß, das ihm sein Vater, Herr Balthasar Tyß, ein sehr angesehener Kaufherr hinterlassen. Sol¬ chen hochbegabten Männern pflegt ein Mädchen, das, was Liebe betrifft, über die Ueberschwenglichkeit hin¬ aus, das heißt wenigstens drei bis vier und zwanzig Jahre alt geworden ist, auf die unschuldige Frage: Wollen Sie mich mit Ihrer Hand beglücken o Theure? selten anders, als mit rothen Wangen und niederge¬ schlagenen Augen zu antworten: Sprechen Sie mit meinen lieben Eltern, ihrem Befehl gehorche ich allein, ich habe keinen Willen! Die Eltern falten aber die Hände und sprechen: Wenn es Gottes Wille ist, wir haben nichts dagegen, Herr Sohn! — Zu nichts weniger schien aber Herr Peregrinus Tyß aufgelegt, als zum Heirathen. Denn außerdem, daß er überhaupt im Allgemeinen menschenscheu war, so bewies er insbesondere eine seltsame Idiosynkrasie gegen das weibliche Geschlecht. Die Nähe eines Frauenzimmers trieb ihm Schweißtropfen auf die Stirne und wurde er vollends von einem jungen ge¬ nugsam hübschen Mädchen angeredet, so gerieth er in eine Angst, die ihm die Zunge band und ein krampf¬ haftes Zittern durch alle Glieder verursachte. Eben daher mocht' es auch kommen, daß seine alte Aufwär¬ terin von solch' seltener Häßlichkeit war, daß sie in dem Revier, wo Herr Peregrinus Tyß wohnte, vie¬ len für eine naturhistorische Merkwürdigkeit galt. Sehr gut stand das schwarze struppige halb ergraute Haar zu den rothen triefenden Augen, sehr gut die dicke Kupfer¬ nase zu den bleichblauen Lippen um das Bild einer Blocksbergs-Aspirantin zu vollenden, so daß sie ein paar Jahrhunderte früher schwerlich dem Scheiter¬ haufen entgangen seyn würde, statt daß sie jetzt von Herrn Peregrinus Tyß und wohl auch noch von an¬ dern für eine sehr gutmüthige Person gehalten wurde. Dieß war sie auch in der That und ihr daher wohl nachzusehen, daß sie zu ihres Leibes Nahrung und Nothdurft in die Stundenreihe des Tages so manches Schnäpschen einflocht, und vielleicht auch zu oft eine ungeheure schwarzlackirte Dose aus dem Brusttuch her¬ vorzog und die ansehnliche Nase reichlich mit ächtem Offenbacher fütterte. Der geneigte Leser hat bereits bemerkt, daß diese merkwürdige Person eben dieselbe Aline ist, die die Weihnachtsbescheerung veranstaltet. Der Himmel weiß, wie sie zu dem berühmten Namen der Königin von Golkonda gekommen. — Verlangten aber nun Väter, daß der reiche, an¬ genehme Herr Peregrinus Tyß seiner Weiberscheu ent¬ sage und sich ohne weiteres verehliche, so sprachen da¬ gegen wieder alte Hagestolze, daß Herr Peregrinus ganz Recht thue, nicht zu heirathen, da seine Ge¬ müthsart nicht dazu tauge. Schlimm war es aber, daß viele bei dem Worte »Gemüthsart,» ein sehr geheimnißvolles Gesicht mach¬ ten und auf näheres Befragen nicht undeutlich zu ver¬ stehen gaben, daß Hr. Peregrinus Tyß leider zuwei¬ len was weniges überschnappe, ein Fehler der ihm schon von früher Jugend her anklebe. — Die vielen Leute die den armen Peregrinus für übergeschnappt hielten, gehörten vorzüglich zu denjenigen, welche fest überzeugt sind, daß auf der großen Landstraße des Le¬ bens, die man der Vernunft, der Klugheit gemäß einhalten müsse, die Nase der beste Führer und Weg¬ weiser sey und die lieber Scheuklappen anlegen, als sich verlocken lassen, von manchem duftenden Gebüsch, von manchem blumigten Wiesenplätzlein, das nebenher liegt. Wahr ist es freilich, daß Herr Peregrinus man¬ ches seltsame in und an sich trug, in das sich die Leute nicht finden konnten. Es ist schon gesagt worden, daß der Vater des Herrn Peregrinus Tyß ein sehr reicher angesehener Kaufmann war und wenn noch hinzugefügt wird, daß derselbe ein sehr schönes Haus auf dem freundlichen Roßmarkt besaß, und daß in diesem Hause und zwar in demselben Zimmer wo dem kleinen Peregrinus stets der heilige Christ einbescheert wurde, auch diesmal der erwachsene Peregrinus die Weihnachts-Gaben in Em¬ pfang nahm, so ist gar nicht daran zu zweifeln, daß der Ort, wo sich die wundersamen Abentheuer zutru¬ gen, die in dieser Geschichte erzählt werden sollen, kein anderer ist, als die berühmte schöne Stadt Frankfurt am Mayn. — Von den Eltern des Herrn Peregrinus ist eben nichts besonderes zu sagen, als daß es rechtliche stille Leute waren, denen niemand etwas anders als Gutes nachsagen konnte. Die unbegränzte Hochachtung welche Herr Tyß auf der Börse genoß, verdankte er dem Um¬ stande, daß er stets richtig und sicher spekulirte, daß er eine große Summe nach der andern gewann, dabei aber nie vorlaut wurde, sondern bescheiden blieb, wie er gewesen und niemals mit seinem Reichthum prahlte, sondern ihn nur dadurch bewies, daß er weder um Geringes noch um Vieles knickerte und die Nachsicht selbst war gegen insolvente Schuldner, die ins Unglück gerathen, sey es auch verdienter Weise. — Sehr lange Zeit war die Ehe des Herrn Tyß un¬ fruchtbar geblieben, bis endlich nach beinahe zwanzig Jahren die Frau Tyß ihren Eheherrn mit einem tüch¬ tigen hübschen Knaben erfreute, welches eben unser Herr Peregrinus Tyß war. Man kann denken wie gränzenlos die Freude der Eltern war, und noch jetzt sprechen alle Leute in Frank¬ furt von dem herrlichen Tauffeste, das der alte Tyß gegeben und an welchem der edelste urälteste Rhein¬ wein kredenzt worden, als gelt' es ein Krönungsmahl. Was aber dem alten Herrn Tyß noch mehr nachge¬ rühmt wird, ist, daß er zu jenem Tauffeste ein Paar Leute geladen, die in feindseliger Gesinnung ihm gar öfters wehe gethan hatten, dann aber andere, denen er weh gethan zu haben glaubte, so daß der Schmaus ein wirkliches Friedens- und Versöhnungsfest wurde. Ach! — der gute Herr Tyß wußte, ahnte nicht, daß dasselbe Knäblein, dessen Geburt ihn so erfreute, ihm so bald Kummer und Noth verursachen würde. Schon in der frühsten Zeit zeigte der Knabe Pe¬ regrinus eine ganz besondere Gemüthsart. Denn nach¬ dem er einige Wochen hindurch Tag und Nacht un¬ unterbrochen geschrieen, ohne daß irgend ein körperli¬ ches Uebel zu entdecken, wurde er plötzlich still, und erstarrte zur regungslosen Unempfindlichkeit. Nicht des mindesten Eindrucks schien er fähig, nicht zum Lä¬ cheln, nicht zum Weinen verzog sich das kleine Antlitz, das einer leblosen Puppe anzugehören schien. Die Mutter behauptete, daß sie sich versehen an dem al¬ ten Buchhalter, der schon seit zwanzig Jahren stumm und starr mit demselben leblosen Gesicht im Comtoir vor dem Hauptbuch säße, und vergoß viele heiße Thrä¬ nen über das kleine Automat. Endlich gerieth eine Frau Pathe auf den glück¬ lichen Gedanken, dem kleinen Peregrinus einen sehr bunten und im Grunde genommen, häßlichen Har¬ lekin mitzubringen. Des Kindes Augen belebten sich auf wunderbare Art, der Mund verzog sich zum sanf¬ ten Lächeln, es griff nach der Puppe, und drückte sie zärtlich an sich, als man sie ihm gab. Dann schaute der Knabe wieder das bunte Männlein an, mit sol¬ chen klugen beredten Blicken, daß es schien, als sey plötzlich Empfindung und Verstand in ihm erwacht, und zwar zu höherer Lebendigkeit, als es wohl bei Kindern des Alters gewöhnlich. »Der ist zu klug,» sprach die Frau Pathe, »den werdet ihr nicht erhal¬ »ten! — Betrachtet doch nur einmal seine Augen, »der denkt schon viel mehr, als er soll!» Dieser Ausspruch tröstete gar sehr den alten Herrn Tyß, der sich schon einigermaßen darin gefunden, daß er nach vielen Jahren vergeblicher Hoffnung, einen Einfaltspinsel erzielt, doch bald kam er in neue Sorge. Längst war nämlich die Zeit vorüber, in der die Kinder gewöhnlich zu sprechen beginnen, und noch hatte Peregrinus keinen Laut von sich gegeben. Man würde ihn für taubstumm gehalten haben, hätte er nicht manchmal den, der zu ihm sprach, mit solchem aufmerksamen Blick angeschaut, ja durch freudige durch traurige Mienen seinen Antheil zu erkennen gegeben, daß gar nicht daran zu zweifeln, wie er nicht allein hörte, sondern auch alles verstand. — In nicht gerin¬ ges Erstaunen gerieth indessen die Mutter, als sie be¬ stätigt fand was ihr die Wärterin gesagt. — Zur Nachtzeit, wenn der Knabe im Bette lag und sich un¬ behorcht glaubte, sprach er für sich einzelne Wörter, ja ganze Redensarten und zwar so wenig Kauderwelsch, daß man schon eine lange Uebung voraussetzen konnte. Der Himmel hat den Frauen einen ganz besondern sichern Tackt verliehen, die menschliche Natur, wie sie sich im Aufkeimen bald auf diese, bald auf jene Weise entwickelt, richtig aufzufassen, weshalb sie auch we¬ nigstens für die ersten Jahre des Kindes in der Regel bei weitem die besten Erzieherinnen sind. Diesem Tackt gemäß war auch Frau Tyß weit entfernt, dem Knaben ihre Beobachtung merken zu lassen und ihn zum Sprechen zwingen zu wollen, vielmehr wußte sie es auf andere geschickte Weise dahin zu bringen, daß er von selbst das schöne Talent des Sprechens nicht mehr verborgen hielt, sondern leuchten ließ vor der Welt und zu Aller Verwunderung, zwar langsam aber deutlich sich vernehmen ließ. Doch zeigte er gegen das Sprechen stets einigen Widerwillen und hatte es am liebsten, wenn man ihn still für sich allein ließ. — Auch dieser Sorge wegen des Mangels der Spra¬ che, war daher Herr Tyß überhoben, doch nur, um später in noch viel größere zu gerathen. Als nämlich das Kind Peregrinus zum Knaben herangewachsen, tüchtig lernen sollte, schien es, als ob ihm nur mit der größten Mühe etwas beizubringen. Wunderbar ging es mit dem Lesen und Schreiben wie mit dem Sprechen; erst wollte es durchaus nicht gelingen und dann konnt' er es mit einem Mal ganz vortrefflich und über alle Erwartung. Später verließ indessen ein Hof¬ meister nach dem andern das Haus, nicht, weil der Knabe ihnen mißbehagte, sondern weil sie sich in seine Natur nicht finden konnten. Peregrinus war still, sittig, fleißig und doch war an ein eigentliches syste¬ matisches Lernen, wie es die Hofmeister haben woll¬ ten, gar nicht zu denken, da er nur dafür Sinn hatte, nur dem sich mit ganzer Seele hingab, was gerade sein inneres Gemüth in Anspruch nahm, und alles übrige spurlos bei sich vorübergehen ließ. Das, was sein Gemüth ansprach, war nun aber alles Wun¬ derbare, alles was seine Fantasie erregte, in dem er dann lebte und webte. — So hatte er z. B. einst einen Aufriß der Stadt Pecking mit allen Straßen, Häusern u. s. w. der die ganze Wand seines Zimmers ein¬ nahm, zum Geschenk erhalten. Bei dem Anblick der mährchenhaften Stadt, des wunderlichen Volks, das sich durch die Straßen zu drängen schien, fühlte Pere¬ grinus sich wie durch einen Zauberschlag in eine andre Welt versetzt, in der er heimisch werden mußte. Mit heißer Begierde fiel er über alles her, was er über China, über die Chinesen, über Pecking habhaft wer¬ den konnte, mühte sich die Chinesischen Laute, die er irgendwo aufgezeichnet fand, mit feiner singender Stim¬ me der Beschreibung gemäß nachzusprechen, ja er suchte mittelst der Papierscheere seinem Schlafröcklein, von dem schönsten Kalmank, möglichst einen Chinesischen Zuschnitt zu geben, um der Sitte gemäß mit Entzük¬ ken in den Straßen von Pecking umherwandeln zu können. Alles übrige konnte durchaus nicht seine Auf¬ merksamkeit reizen, zum großen Verdruß des Hofmei¬ sters, der eben ihm die Geschichte des Bundes der Hansa beibringen wollte, wie es der alte Herr Tyß ausdrücklich gewünscht, der nun zu seinem Leidwesen erfahren mußte, daß Peregrinus nicht aus Pecking fortzubringen, weshalb er denn Pecking selbst fortbrin¬ gen ließ aus dem Zimmer des Knaben. — Für ein schlimmes Omen hatte es der alte Herr Tyß schon gehalten, daß als kleines Kind, Peregri¬ nus Rechenpfennige lieber hatte als Dukaten, dann aber gegen große Geldsäcke und Hauptbücher und Straz¬ 2 zen einen entschiedenen Abscheu bewieß. Was aber am seltsamsten schien, war, daß er das Wort: Wechsel, nicht aussprechen hören konnte, ohne krampfhaft zu erbeben, indem er versicherte, es sey ihm dabei so, als kratze man mit der Spitze des Messers auf einer Glasscheibe hin und her. Zum Kaufmanne, das mußte Herr Tyß einsehen, war daher Peregrinus von Haus aus verdorben, und so gern er es gesehen, daß der Sohn in seine Fußtapfen getreten, so stand er doch gern ab von diesem Wunsch, in der Voraussetzung, daß Peregrinus sich einem bestimmten Fach widmen werde. Herr Tyß hatte den Grundsatz, daß der reichste Mann ein Geschäft und durch dasselbe einen bestimm¬ ten Standpunkt im Leben haben müsse; geschäftslose Leute waren ihm ein Gräuel und eben zu dieser Ge¬ schäftslosigkeit neigte sich Peregrinus, bei allen Kennt¬ nissen die er nach seiner eigenen Weise erwarb, und die chaotisch durcheinander lagen, gänzlich hin. Das war nun des alten Tyß größte und drückendste Sorge. — Peregrinus wollte von der wirklichen Welt nichts wis¬ sen, der Alte lebte nur in ihr und nicht anders konnt' es geschehen, als daß sich daraus, je älter Peregrinus wurde, ein desto ärgerer Zwiespalt entspann zwischen Vater und Sohn, zu nicht geringem Leidwesen der Mutter, die dem Peregrinus, der sonst gutmüthig, fromm, der beste Sohn, sein, ihr freilich unver¬ ständliches Treiben, in lauter Einbildungen und Träu¬ men herzlich gönnte und nicht begreifen konnte, warum ihm der Vater durchaus ein bestimmtes Geschäft auf¬ bürden wollte. Auf den Rath bewährter Freunde schickte der alte Tyß den Sohn nach der Universität Jena, aber als er nach drei Jahren wiederkehrte, da rief der alte Herr voller Aerger und Grimm: »Hab ich's nicht gedacht! Hans der Träumer ging hin, Hans der Träumer kehrt zurück!» — Herr Tyß hatte in so fern ganz Recht, als Peregrinus in seinem ganzen Wesen sich ganz und gar nicht verändert hatte, son¬ dern völlig derselbe geblieben. — Doch gab Herr Tyß die Hoffnung noch nicht auf, den ausgearteten Pere¬ grinus zur Vernunft zu bringen, indem er meinte, daß, würde er erst mit Gewalt hineingestoßen in das Geschäft, er vielleicht doch am Ende Gefallen daran finden und anderes Sinnes werden könne. — Er schickte ihn mit Aufträgen nach Hamburg, die eben nicht sonderliche Handelskenntnisse erforderten, und empfahl ihn überdies einem dortigen Freunde, der ihm in Allem treulich beistehen sollte. Peregrinus kam nach Hamburg, gab nicht allein den Empfehlungsbrief sondern auch alle Papiere, die 2 * seine Aufträge betrafen dem Handelsfreunde seines Va¬ ters in die Hände, und verschwand darauf, niemand wußte wohin. Der Handelsfreund schrieb darauf an Herrn Tyß: Ich habe Dero Geehrtes vom — durch Ihren Herrn Sohn richtig erhalten. Derselbe hat sich aber nicht weiter blicken lassen, sondern ist schnell von Hamburg abgereiset ohne Auftrag zu hin¬ terlassen. — In Pfeffern geht hier wenig um, Baumwolle ist flau, in Kaffee nur nach Mittel¬ sorte Frage, dagegen erhält sich der Melis ange¬ nehm und auch im Indigo zeigt sich fortwährend divers gute Meinung. Ich habe die Ehre ꝛc. Dieser Brief hätte Herrn Tyß und seine Ehegat¬ tin nicht wenig in Bestürzung gesetzt, wäre nicht mit derselben Post ein Brief von dem verlornen Sohne selbst angelangt, in dem er sich mit den wehmüthig¬ sten Ausdrücken entschuldigte, daß es ihm ganz un¬ möglich gewesen, die erhaltenen Aufträge nach dem Wunsche des Vaters auszurichten, und daß er sich unwiderstehlich hingezogen gefühlt habe, nach fernen Gegenden, aus denen er nach Jahresfrist glücklicher und froher in die Heimath zurückzukehren hoffe. »Es ist gut,» sprach der alte Herr, »daß der Junge sich umsieht in der Welt, da werden sie ihn wohl herausrütteln aus seinen Träumereien.» Auf die von der Mutter geäußerte Besorgniß, daß es dem Sohn doch an Geld fehlen könne zur großen Reise, und daß daher sein Leichtsinn, nicht geschrieben zu ha¬ ben, wohin er sich begebe, sehr zu tadeln, erwiederte aber der Alte lachend: »Fehlt es dem Jungen an Gelde, so wird er sich desto eher mit der wirklichen Welt befreunden, und hat er uns nicht geschrieben, wohin er reisen will, so weiß er doch, wo uns seine Briefe treffen.» — Es ist unbekannt geblieben, wohin Peregrinus eigentlich seine Reise hingerichtet; manche wollen be¬ haupten, er sey in dem fernen Indien gewesen, an¬ dere meinen dagegen, er habe sich das nur eingebildet; so viel ist gewiß, daß er weit weg gewesen seyn muß, denn nicht so, wie er den Eltern versprochen, nach Jahresfrist, sondern erst nach Verlauf voller dreier Jahre kehrte Peregrinus zurück nach Frankfurt und zwar zu Fuß, in ziemlich ärmlicher Gestalt. Er fand das elterliche Haus fest verschlossen und niemand rührte sich darin, er mochte klingeln und klopfen so viel er wollte. Da kam endlich der Nachbar von der Börse, den Peregrinus augenblicklich fragte, ob Herr Tyß vielleicht verreiset. Der Nachbar prallte aber ganz erschrocken zurück und rief: »Herr Peregrinus Tyß! — sind Sie es? kommen Sie endlich? — wissen Sie denn nicht?» — Genug, Peregrinus erfuhr, daß während seiner Abwesenheit beide Eltern hintereinander gestorben, daß die Gerichte den Nachlaß in Beschlag genommen und ihn, dessen Aufenthalt gänzlich unbekannt gewesen, öffentlich aufgefordert nach Frankfurt zurückzukehren und die Erbschaft des Vaters in Empfang zu nehmen. Sprachlos blieb Peregrinus vor dem Nachbar stehen, zum erstenmal durchschnitt der Schmerz des Lebens seine Brust, zertrümmert sah er die schöne glän¬ zende Welt, in der er sonst lustig gehauset. Der Nachbar gewahrte wohl wie Peregrinus gänzlich unfähig, auch nur das Kleinste, was jetzt nöthig, zu beginnen. Er nahm ihn daher in sein Haus und besorgte selbst in möglicher Schnelle alles, so daß noch denselben Abend Peregrinus sich in dem elterlichen Hause befand. Ganz erschöpft, ganz vernichtet von einer Trost¬ losigkeit, die er noch nicht gekannt, sank er in den großen Lehnstuhl des Vaters, der noch an derselben Stelle stand, wo er sonst gestanden; da sprach eine Stimme: »Es ist nur gut, daß Sie wieder da sind, lieber Herr Peregrinus. — Ach wären Sie nur frü¬ her gekommen!» Peregrinus schaute auf und gewahrte dicht vor sich die Alte, die sein Vater vorzüglich deshalb, weil sie wegen ihrer furchtbaren Häßlichkeit, schwer einen Dienst finden konnte, in seiner frühen Kindheit als Wärterin angenommen, und die das Haus nicht wieder verlassen hatte. Lange starrte Peregrinus das Weib an, endlich begann er, seltsam lächelnd: »Bist du es Aline? — Nicht wahr, die Eltern leben noch?» Damit stand er auf, ging durch alle Zimmer, betrachtete jeden Stuhl, jeden Tisch, jedes Bild u. s. w. Dann sprach er ruhig: »Ja, es ist noch alles so wie ich es verlassen, und so soll es auch bleiben!» Von diesem Augenblick begann Peregrinus das selt¬ same Leben, wie es gleich Anfangs angedeutet. Zu¬ rückgezogen von aller Gesellschaft, lebte er mit seiner alten Aufwärterin in dem großen geräumigen Hause, in tiefster Einsamkeit, erst ganz allein, bis er später ein Paar Zimmer einem alten Mann, der des Vaters Freund gewesen, miethweise abtrat. Dieser Mann schien eben so menschenscheu wie Peregrinus. Grund genug, warum sich beide, Peregrinus und der Alte sehr gut vertrugen, da sie sich niemals sahen. Es gab nur vier Familienfeste, die Peregrinus sehr feierlich beging, und das waren die beiden Ge¬ burtstage des Vaters und der Mutter, der erste Oster¬ feiertag und sein eignes Tauffest. An diesen Tagen mußte Aline einen Tisch für so viele Personen, als der Vater sonst eingeladen und dieselbe Schüsseln, die gewöhnlich aufgetragen worden, bereiten, so wie den¬ selben Wein aufsetzen lassen, wie ihn der Vater gege¬ ben. Es versteht sich, daß dasselbe Silber, dieselben Teller, dieselben Gläser, wie alles damals gebraucht worden und wie es sich noch unversehrt im Nachlasse befand, auch jetzt nach der so viele Jahre hindurch üblichen Weise gebraucht werden mußte. Peregrinus hielt strenge darauf. War die Tafel fertig, so setzte sich Peregrinus ganz allein hinan, aß und trank nur wenig, horchte auf die Gespräche der Eltern, der ein¬ gebildeten Gäste und antwortete nur bescheiden auf diese, jene Frage, die jemand aus der Gesellschaft an ihn richtete. Hatte die Mutter den Stuhl gerückt, so stand er mit den übrigen auf und empfahl sich jedem auf die höflichste Weise. — Er ging dann in ein ab¬ gelegenes Zimmer und überließ seiner Aline die Ver¬ theilung der vielen nicht angerührten Schüsseln und des Weins an Hausarme, welches Gebot des Herrn die treue Seele gar gewissenhaft auszuführen pflegte. Die Feier der Geburtstage des Vaters und der Mut¬ ter, begann Peregrinus schon am frühen Morgen, damit, daß er, wie es sonst zu seiner Knabenzeit ge¬ schehen, einen schönen Blumenkranz in das Zimmer trug, wo die Eltern zu frühstücken pflegten und aus¬ wendig gelernte Verse hersagte. — An seinem eignen Tauffeste konnte er sich natürlicherweise nicht an die Tafel setzen, da er nicht längst geboren, Aline mußte daher alles allein besorgen, d. h. die Gäste zum Trin¬ ken nöthigen, überhaupt wie man zu sagen pflegt, die Honneurs der Tafel machen; sonst geschah alles wie bei den übrigen Festen. — Außer denselben gab es aber noch für Peregrinus einen besondern Freudentag oder vielmehr Freudenabend im Jahre, und das war die Weihnachts-Bescheerung, die mehr als jede andere Lust, sein junges Gemüth in süßem frommen Ent¬ zücken aufgeregt hatte. Selbst kaufte er sorgsam bunte Weihnachtslich¬ ter, Spielsachen, Naschwerk, ganz in dem Sinn ein, wie es die Eltern ihm in seinen Knabenjahren bescheert hatten, und dann ging die Bescheerung vor sich, wie es der geneigte Leser bereits erfahren. — — »Sehr unlieb,» sprach Peregrinus, nachdem er noch einige Zeit gespielt, »sehr unlieb ist es mir doch, »daß die Hirsch- und wilde Schweinsjagd abhanden »gekommen. Wo sie nur geblieben seyn mag! — »Ach! — da!» Er gewahrte in dem Augenblick eine noch ungeöffnete Schachtel, nach welcher er schnell griff, die vermißte Jagd darin vermuthend; als er sie indessen öffnete, fand er sie leer, und fuhr zurück als durchbebe ihn ein jäher Schreck. — »Seltsam,» sprach er dann leise vor sich hin, »seltsam! was ist es mit dieser Schachtel? war es mir doch als spränge mir daraus etwas Bedrohliches entgegen, das mit dem Blick zu erfassen, mein Auge zu stumpf war!» Aline versicherte auf Befragen, daß sie die Schach¬ tel unter den Spielsachen gefunden, indessen alle Mühe vergeblich angewandt hätte, sie zu öffnen; ge¬ glaubt habe sie daher, daß darin etwas besonderes enthalten und der Deckel nur der kunstverständigen Hand des Herrn weichen werde. »Seltsam,» wie¬ derholte Peregrinus, »sehr seltsam! — Und auf diese »Jagd hatte ich mich ganz besonders gefreut; ich »hoffe nicht, daß das etwas Böses bedeuten dürfte! — »Doch wer wird am Weihnachts-Abende solchen Gril¬ »len nachhängen die doch eigentlich gar keinen Grund »haben! — Aline, bringe sie Korb!» — Aline brachte alsbald einen großen weißen Henkelkorb herbei, in den Peregrinus mit vieler Sorglichkeit die Spielsachen, das Zuckerwerk, die Lichter einpackte, dann den Korb unter den Arm, den großen Weihnachtsbaum aber auf die Schulter nahm und so seinen Weg antrat. — Herr Peregrinus Tyß hatte die löbliche, gemüth¬ liche Gewohnheit, mit seiner ganzen Bescheerung wie er sie sich selbst bereitet hatte, um sich ein Paar Stun¬ den hinüberzuträumen in die schöne vergnügliche Kna¬ benzeit, hineinzufallen in irgend eine bedürftige Fa¬ milie, von der ihm bekannt war, daß muntre Kinder vorhanden, wie der heilige Christ selbst mit blanken, bunten Gaben. Wenn dann die Kinder in der hell¬ sten, lebendigsten Freude, schlich er leise davon, und lief oft die halbe Nacht über durch die Straßen, weil er sich vor tiefer, die Brust beengender Rührung gar nicht zu lassen wußte, und sein eignes Haus ihm vor¬ kam wie ein düstres Grabmal, in dem er selbst mit allen seinen Freuden begraben. Diesmal war die Be¬ scheerung den Kindern eines armen Buchbinders be¬ stimmt, Namens Lämmerhirt, der, ein geschickter fleißiger Mann, für Herrn Peregrinus seit einiger Zeit arbeitete, und dessen drei muntre Knaben von fünf bis neun Jahren, Herr Peregrinus kannte. Der Buchbinder Lämmerhirt wohnte in dem höchsten Stock eines engen Hauses in der Kalbächer Gasse, und pfiff und tobte nun der Wintersturm, reg¬ nete und schneite es wild durcheinander, so kann man denken, daß Herr Peregrinus nicht ohne große Be¬ schwerde zu seinem Ziel gelangte. Aus Lämmerhirts Fenstern blinkten ein paar ärmliche Lichterchen herab, mühsam erkletterte Peregrinus die steile Treppe. »Auf¬ gemacht,» rief er, indem er an die Stubenthüre pochte, »aufgemacht, aufgemacht, der heilige Christ schickt frommen Kindern seine Gaben!» — Der Buchbinder öffnete ganz erschrocken und er¬ kannte den ganz eingeschneiten Peregrinus erst, nach¬ dem er ihn lange genug betrachtet. »Hochgeehrtester Herr Tyß,» rief Lämmerhirt voll Erstaunen, »Hochgeehrtester Herr Tyß, wie »komm ich um des Herrn willen am heiligen Christ¬ »abend zu der besondern Ehre» — Herr Peregrinus ließ ihn aber gar nicht ausreden‚ sondern bemächtigte sich, laut rufend: »Kinder — Kinder! aufgepaßt, der heilige Christ schickt seine Gaben!» des großen Klapp¬ tisches, der in der Mitte des Stübchens befindlich, und begann sofort die wohlverdeckten Weihnachtsgaben aus dem Korbe zu holen. Den ganz nassen tropfen¬ den Weihnachtsbaum hatte er freilich vor der Thüre stehen lassen müssen. Der Buchbinder konnte noch immer nicht begreifen, was das werden sollte; die Frau sah es besser ein, denn sie lachte den Peregri¬ nus an mit Thränen in den Augen, aber die Knaben standen von ferne und verschlangen schweigend mit den Augen jede Gabe, wie sie aus der Hülle hervorkam, und konnten sich oft eines lauten Ausrufs der Freude und der Verwundrung nicht erwehren! — Als Pe¬ regrinus nun endlich die Gaben nach dem Alter jedes Kindes geschickt getrennt und geordnet, alle Lichter angezündet hatte, als er rief: »Heran — heran ihr Kinder! — das sind die Gaben die der heilige Christ Euch geschickt!» da jauchzten sie, die den Gedanken, daß das alles ihnen gehören solle, noch gar nicht fest gefaßt hatten, laut auf und sprangen und jubelten, während die Eltern Anstalten machten sich bei dem Wohlthäter zu bedanken. Den Dank der Eltern und auch der Kinder, das war es nun eben, was Herr Peregrinus jedesmal zu vermeiden suchte, er wollte sich daher wie gewöhnlich ganz still davon machen. Schon war er an der Thü¬ re, als diese plötzlich aufging und in dem hellen Schim¬ mer der Weihnachtslichter ein junges glänzend geklei¬ detes Frauenzimmer vor ihm stand. Es thut selten gut, wenn der Autor sich unter¬ fängt, dem geneigten Leser genau zu beschreiben, wie diese oder jene sehr schöne Person die in seiner Geschichte vorkommt, ausgesehen, was Wuchs, Größe, Stel¬ lung, Farbe der Augen, der Haare betrifft, und scheint es dagegen viel besser, denselben ohne diesen Detailhandel die ganze Person in den Kauf zu geben. Genügen würde es auch hier vollkommen, zu versichern, daß das Frauenzimmer, welches dem zum Tode er¬ schrockenen Peregrinus entgegentrat, über die Maaßen hübsch und anmuthig war, käme es nicht durchaus darauf an, gewisser Eigenthümlichkeiten zu erwähnen, die die kleine Person an sich trug. Klein und zwar etwas kleiner, als gerade recht, war nämlich das Frauenzimmer in der That, dabei aber sehr fein und zierlich gebaut. Ihr Antlitz, sonst schön geformt und voller Ausdruck, erhielt aber da¬ durch etwas fremdes und seltsames, daß die Augäpfel stärker waren und die schwarzen feingezeichneten Au¬ genbraunen höher standen, als gewöhnlich. Gekleidet oder vielmehr geputzt war das Dämchen, als käme es so eben vom Ball. Ein prächtiges Diadem blitzte in den schwarzen Haaren, reiche Kanten bedeckten nur halb den vollen Busen, das lila und gelb gegatterte Kleid von schwerer Seide, schmiegte sich um den schlan¬ ken Leib und fiel nur in Falten so weit herab, daß man die niedlichsten weißbeschuhten Füßchen erblicken konnte, so wie die Spitzenärmel kurz genug waren, und die weißen Glacé-Handschuhe aber nur so weit hinaufgingen, um den schönsten Theil des blendenden Arms sehen zu lassen. Ein reiches Halsband, brillantne Ohrgehenke vollendeten den Anzug. Es konnte nicht fehlen, daß der Buchbinder eben so bestürzt war, als Herr Peregrinus, daß die Kin¬ der von ihren Spielsachen abließen, und die fremde Dame angafften mit offnem Munde; wie aber die Weiber am wenigsten über irgend etwas seltsames, un¬ gewöhnliches zu erstaunen pflegen und sich überhaupt am geschwindesten fassen, so kam denn auch des Buch¬ binders Frau zuerst zu Worten, und fragte: was der schönen fremden Dame zu Diensten stehe? Die Dame trat nun vollends in das Zimmer, und diesen Augenblick wollte der beängstete Peregrinus benutzen, um sich schnell davon zu machen, die Dame faßte ihn aber bei beiden Händen, indem sie mit ei¬ nem süßen Stimmchen lispelte: »So ist das Glück mir doch günstig, so habe ich Sie doch ereilt! — O Peregrin, mein theurer Peregrin, was für ein schö¬ nes heilbringendes Wiedersehen!» — Damit erhob sie die rechte Hand so, daß sie Pe¬ regrins Lippen berührte und er genöthigt war, sie zu küssen, unerachtet ihm dabei die kalten Schweißtro¬ pfen auf der Stirne standen. — Die Dame ließ nun zwar seine Hände los und er hätte entfliehen können, aber gebannt fühlte er sich, nicht von der Stelle konnte er weichen, wie ein armes Thierlein, das der Blick der Klapperschlange festgezaubert. — »Lassen Sie,» sprach jetzt die Dame, »lassen Sie mich, bester Pe¬ regrin, an dem schönen Fest Theil nehmen, das Sie mit edlem Sinn, mit zartem innigem Gemüth, from¬ men Kindern bereitet, lassen Sie mich auch etwas dazu beitragen.» Aus einem zierlichen Körbchen, das ihr am Arme hing und das man jetzt erst bemerkte, zog sie nun al¬ lerlei artige Spielsachen hervor, ordnete sie mit an¬ muthiger Geschäftigkeit auf dem Tische, führte die Knaben heran, wies jedem, was sie ihm zugedacht und wußte dabei mit den Kindern so schön zu thun, daß man nichts lieblicheres sehen konnte. Der Buch¬ binder glaubte, er läge im Traum, die Frau lächelte aber schalkisch, weil sie überzeugt war, daß es mit dem Herrn Peregrin und der fremden Dame, wohl eine besondere Bewandniß haben müsse. Während nun die Eltern sich wunderten und die Kinder sich freuten, nahm die fremde Dame Platz auf einem alten gebrechlichen Kanapee, und zog den Herrn Peregrinus Tyß, der in der That beinahe selbst nicht mehr wußte, ob er diese Person wirklich sey, neben sich nieder. »Mein theurer,» begann sie dann leise ihm ins Ohr lispelnd, »mein theurer lieber Freund, wie froh, wie seelig fühle ich mich an deiner Seite.» — »Aber,» stotterte Peregrinus, »aber mein verehrtestes Fräulein» — doch plötzlich kamen, der Himmel weiß wie, die Lippen der fremden Dame den seinigen so nahe, daß, ehe er daran denken konnte, sie zu küssen, sie schon geküßt hatte, und daß er dar¬ über die Sprache aufs neue und gänzlich verlor, ist zu denken. »Mein süßer Freund,» sprach nun die fremde Dame weiter, indem sie dem Peregrinus so nahe auf den Leib rückte, daß nicht viel daran gefehlt, sie hätte sich auf seinen Schooß gesetzt, »mein süßer Freund! ich weiß was dich bekümmert, ich weiß was heute Abend dein frommes kindliches Gemüth schmerzlich berührt hat. Doch! — sey getrost! — Was du verloren, was du jemals wieder zu erlangen kaum hoffen durf¬ test, das bring' ich dir.» 3 Damit holte die fremde Dame aus demselben Körbchen, in dem sich die Spielsachen befunden hat¬ ten, eine hölzerne Schachtel hervor und gab sie dem Peregrin in die Hände. Es war die Hirsch- und wilde Schweinsjagd, die er auf dem Weihnachtstische vermißt. Schwer möcht' es fallen, die seltsamen Ge¬ fühle zu beschreiben, die in Peregrins Innerm sich durchkreuzten. Hatte die ganze Erscheinung der fremden Dame, aller Anmuth und Lieblichkeit unerachtet, dennoch etwas spukhaftes, das auch andern, die die Nähe eines Frauenzimmers nicht so gescheut, als Peregrin, recht durch alle Glieder fröstelnd empfunden haben würden, so mußte ja dem armen, schon genug ge¬ ängsteten Peregrin ein tiefes Grauen anwandeln, als er gewahrte, daß die Dame von all' dem, was er in der tiefsten Einsamkeit begonnen, auf das genaueste unterrichtet war. Und mitten in diesem Grauen wollte sich, wenn er die Augen aufschlug und der siegende Blick der schönsten schwarzen Augen, unter den langen seidenen Wimpern hervorleuchtete, wenn er des holden Wesens süßen Athem, die elektrische Wärme ihres Kör¬ pers fühlte — doch wollte sich dann in wunderbaren Schauern das namenlose Weh eines unaussprechlichen Verlangens regen, das er noch nicht gekannt! Dann kam ihm zum erstenmal seine ganze Lebensweise, das Spiel mit der Weihnachtsbescheerung kindisch und ab¬ geschmackt vor, und er fühlte sich beschämt, daß die Dame darum wußte und nun war es ihm wieder, als sey das Geschenk der Dame der lebendige Beweis, daß sie ihn verstanden, wie niemand sonst auf Erden und daß das innigste tiefste Zartgefühl sie gelenkt, als sie ihn auf diese Weise erfreuen wollen. Er beschloß die theure Gabe ewig aufzubewahren, nie aus den Hän¬ den zu lassen und drückte, fortgerissen von einem Ge¬ fühl, das ihn ganz übermannt, die Schachtel worin die Hirsch- und wilde Schweinsjagd befindlich, mit Heftigkeit an die Brust. — »O,» lispelte das Däm¬ chen, »o des Entzückens! — Dich erfreut meine Gabe! o mein herziger Peregrin, so haben mich meine Träume, meine Ahnungen nicht getäuscht!» — Herr Peregrinus Tyß kam etwas zu sich selbst, so, daß er im Stande war, sehr deutlich und ver¬ nehmlich zu sprechen: »Aber mein bestes hochverehr¬ tes Fräulein, wenn ich nur in aller Welt wüßte, wem ich die Ehre hätte» — »Schalkischer Mann,» unterbrach ihn die Da¬ me, indem sie ihm leise die Wange klopfte, »schal¬ kischer Mann, du stellst dich gar, als ob du deine treue Aline nicht kenntest! — Doch es ist Zeit, daß 3 * wir hier den guten Leuten, freien Spielraum lassen. Begleiten Sie mich Herr Tyß!» — Als Peregrinus den Namen Aline hörte, mußte er natürlicherweise an seine alte Aufwärterin denken, und es war ihm nun vollends, als drehe sich in sei¬ nem Kopfe eine Windmühle. Der Buchbinder vermochte, als nun die fremde Dame von ihm, seiner Frau und den Kindern auf das freudigste, anmuthigste, Abschied nahm, vor lau¬ ter Verwunderung und Ehrfurcht nur unverständliches Zeug zu stammeln, die Kinder thaten, als seyen sie mit der Fremden lange bekannt gewesen; die Frau sprach aber: »Ein solcher schmucker gütiger Herr, wie Sie, Herr Tyß, verdient wohl eine so schöne, herzensgute Braut zu haben, die ihm noch in der Nacht Werke der Wohlthätigkeit vollbringen hilft. Nun ich gratulire von ganzem Herzen!» — Die fremde Dame dankte gerührt, versicherte, daß ihr Hoch¬ zeitstag auch ihnen ein Festtag seyn solle, verbot dann ernsthaft jede Begleitung, und nahm selbst eine kleine Kerze vom Weihnachtstisch, um sich die Treppe hin¬ abzuleuchten. Man kann denken, wie dem Herrn Tyß, in dessen Arm sich nun die fremde Dame hängte, bei allem dem zu Muthe war! — »Begleiten Sie mich Herr Tyß,» dachte er bei sich, das heißt, die Treppe hinab bis an den Wagen, der vor der Thüre hält und wo der Diener oder vielleicht eine ganze Dienerschaft war¬ tet, denn am Ende ist es irgend eine wahnsinnige Prin¬ zessin, die hier — der Himmel erlöse mich nur bald aus dieser seltsamen Quaal und erhalte mir mein bis¬ chen Verstand! — Herr Tyß ahnte nicht, daß alles, was bis jetzt ge¬ schehen, nur das Vorspiel des wunderlichsten Aben¬ theuers gewesen, und that eben deshalb unbewußt, sehr wohl daran, den Himmel im Voraus um die Erhal¬ tung seines Verstandes zu bitten. Als das Paar die Treppe herabgekommen, wurde die Hausthüre von unsichtbaren Händen auf und, als Peregrinus mit der Dame hinausgetreten, eben so wieder zugeschlossen. Peregrinus merkte gar nicht darauf, denn viel zu sehr erstaunte er, als sich vor dem Hause auch nicht die mindeste Spur eines Wa¬ gens oder eines wartenden Dieners fand. »Um des Himmelswillen,» rief Peregrinus, »wo ist Ihr Wagen, Gnädigste?» — »Wagen,» erwiderte die Dame, »Wagen? — was für ein Wa¬ gen? Glauben Sie, lieber Peregrinus, daß meine Ungeduld, meine Angst Sie zu finden, es mir erlaubt haben sollte, mich ganz ruhig hierher fahren zu las¬ sen? Durch Sturm und Wetter ich getrieben von Sehnsucht und Hoffnung umhergelaufen, bis ich Sie fand. Dem Himmel Dank, daß mir dies gelungen. Führen Sie mich nur jetzt nach Hause, lieber Pere¬ grinus, meine Wohnung ist nicht sehr weit entlegen.» Herr Peregrinus entschlug sich mit aller Gewalt des Gedankens, wie es ja ganz unmöglich, daß die Dame, geputzt wie sie war, in weißseidnen Schuhen, auch nur wenige Schritte hatte gehen können, ohne den ganzen Anzug im Sturm, Regen und Schnee zu verderben, statt daß man jetzt auch keine Spur irgend einer Zerrüttung der sorgsamsten Toilette wahrnahm; fand sich darin, die Dame noch weiter zu begleiten, und war nur froh, daß die Witterung sich geändert. Vor¬ über war das tolle Unwetter, kein Wölkchen am Him¬ mel, der Vollmond schien freundlich herab, und nur die schneidend scharfe Luft ließ die Winternacht fühlen. Kaum war Peregrinus aber einige Schritte ge¬ gangen, als die Dame leise zu wimmern begann, dann aber in laute Klagen ausbrach, daß sie vor Kälte er¬ starren müsse. Peregrinus, dem das Blut glühend¬ heiß durch die Adern strömte, der deshalb nichts von der Kälte empfunden und nicht daran gedacht, daß die Dame so leicht gekleidet und nicht einmal einen Shawl oder ein Tuch umgeworfen hatte, sah plötzlich seine Tölpelei ein und wollte die Dame in seinen Man¬ tel hüllen. Die Dame wehrte dies indessen ab, in¬ dem sie jammerte: »Nein, mein lieber Peregrin! das hilft mir nichts! — Meine Füße — ach meine Füße, umkommen muß ich vor fürchterlichem Schmerz.» — Halb ohnmächtig wollte die Dame zusammensin¬ ken, indem sie mit ersterbender Stimme rief: »Trage mich, trage mich, mein holder Freund!» — Da nahm ohne Weiteres Peregrinus das feder¬ leichte Dämchen auf den Arm, wie ein Kind und wik¬ kelte sie sorglich ein in den weiten Mantel. Kaum war er aber eine kleine Strecke mit der süßen Last fort¬ geschritten; als ihn stärker und stärker der wilde Tau¬ mel brünstiger Lust erfaßte. Er bedeckte Nacken, Bu¬ sen des holden Wesens, das sich fest an seine Brust geschmiegt hatte, mit glühenden Küßen, indem er halb sinnlos fortrannte durch die Straßen. Endlich war es ihm, als erwache er mit einem Ruck aus dem Traum; er befand sich dicht vor einer Hausthüre und aufschauend erkannte er sein Haus auf dem Roßmarkt. Nun erst fiel ihm ein, daß er die Dame ja gar nicht nach ihrer Wohnung gefragt, mit Gewalt nahm er sich zusammen, und fragte: »Fräulein! — himmli¬ sches göttliches Wesen, wo wohnen Sie?» »Ey,» erwiederte die Dame, indem sie das Köpfchen empor¬ streckte, »ey lieber Peregrin, hier, hier in diesem Hause, ich bin ja deine Aline, ich wohne ja bei dir! Laß nur schnell das Haus öffnen. »Nein! nimmermehr,» schrie Peregrinus ent¬ setzt, indem er die Dame hinabsinken ließ. »Wie,» rief diese, »wie Peregrin, du willst mich verstoßen, und kennst doch mein fürchterliches Verhängniß und weißt doch daß ich Kind des Unglücks kein Obdach habe, daß ich elendiglich hier umkommen muß, wenn du mich nicht aufnimmst bei dir wie sonst! — Doch du willst vielleicht, daß ich sterbe — so geschehe es denn! — Trage mich wenigstens an den Springbrun¬ nen, damit man meine Leiche nicht vor deinem Hause finde — ha — jene steinernen Delphine haben viel¬ leicht mehr Erbarmen als du. — Weh mir — weh mir — die Kälte.» — Die Dame sank ohnmächtig nieder, da faßte Herzensangst und Verzweiflung wie eine Eiszange Peregrins Brust und quetschte sie zu¬ sammen. Wild schrie er: »Mag es nun werden wie es will, ich kann nicht anders!» hob die Leblose auf, nahm sie in seine Arme und zog stark an der Glocke. Schnell rannte Peregrin bei dem Hausknecht vorüber, der die Thüre geöffnet und rief schon auf der Treppe, statt daß er sonst erst oben ganz leise anzupochen pflegte: »Aline — Aline — Licht, Licht!» und zwar so laut, daß der ganze weite Flur wiederhallte. »Wie? — was? — was ist das? — was soll das heißen?» So sprach die alte Aline, indem sie die Augen weit aufriß, als Peregrinus die ohnmächtige Dame aus dem Mantel loswickelte, und mit zärtli¬ cher Sorgfalt auf den Sopha legte. »Geschwind,» rief er dann, »geschwind Aline, Feuer in den Kamin — die Wunderessenz her — Thee — Punsch! — Betten herbei!» Aline rührte sich aber nicht von der Stelle, son¬ dern blieb, die Dame anstarrend, bei ihrem: Wie? was? was ist das? was soll das heißen? Da sprach Peregrinus von einer Gräfin, vielleicht gar Prinzessin, die er bei dem Buchbinder Lämmerhirt angetroffen, die auf der Straße ohnmächtig geworden, die er nach Hause tragen müssen, und schrie dann, als Aline noch immer unbeweglich blieb, indem er mit dem Fuße stampfte: »Ins Teufels Namen, Feuer sag' ich, Thee — Wunderessenz!» Da flimmerte es aber wie lauter Katzengold in den Augen des alten Weibes, und es war als leuchte die Nase höher auf in phosphorischem Glanz. Sie holte die große schwarze Dose hervor, schlug auf den Deckel, daß es schallte und nahm eine mächtige Priese. Dann stemmte sie beide Arme in die Seite und sprach mit höhnischem Ton: »Ey seht doch, eine Gräfin, eine Prinzessin! die findet man beim armen Buchbinder in der Kalbächer Gasse, die wird ohnmächtig auf der Straße! Ho ho, ich weiß wohl, wo man solche ge¬ putzte Dämchen zur Nachtzeit herholt! — Das sind mir schöne Streiche, das ist mir eine saubere Auffüh¬ rung! — Eine lockere Dirne ins ehrliche Haus brin¬ gen und damit das Maaß der Sünden noch voll werde, den Teufel anrufen in der heiligen Christnacht. — Und da soll ich auf meine alten Tage noch die Hand dazu bieten? Nein mein Herr Tyß, da suchen Sie sich eine andere; mit mir ist es nichts, morgen verlaß ich den Dienst.» Und damit ging die Alte hinaus, und schlug die Thüre so heftig hinter sich zu, das alles klapperte und klirrte. Peregrinus rang die Hände vor Angst und Ver¬ zweiflung, keine Spur des Lebens zeigte sich bei der Dame. Doch in dem Augenblick, als Peregrinus in der entsetzlichen Noth eine Flasche Kölnisches Wasser gefunden, und die Schläfe der Dame geschickt damit einreiben wollte, sprang sie ganz frisch und munter von dem Sopha auf und rief: »Endlich — endlich sind wir allein! Endlich, o mein Peregrinus! darf ich es Ihnen sagen, warum ich Sie verfolgte bis in die Wohnung des Buchbinders Lämmerhirt, warum ich Sie nicht lassen konnte in der heutigen Nacht. — Peregrinus! geben Sie mir den Gefangenen heraus, den Sie verschlossen haben bei Sich im Zimmer. Ich weiß, daß Sie dazu keinesweges verpflichtet sind, daß das nur von ihrer Gutmüthigkeit abhängt, aber eben so kenne ich auch Ihr gutes treues Herz, darum o mein guter liebster Peregrin! geben Sie ihn heraus, den Gefangenen!» — »Was,» fragte Peregrinus im tiefsten Stau¬ nen, »was für einen Gefangenen? — wer sollte bei mir gefangen seyn?» »Ja,» sprach die Dame weiter, indem sie Pe¬ regrins Hand ergriff und zärtlich an ihre Brust drück¬ te, »ja, ich muß es bekennen, nur ein großes edles Gemüth gibt Vortheile auf, die ein günstiges Geschick ihm zuführte, und wahr ist es, daß Sie auf man¬ ches verzichten, was zu erlangen Ihnen leicht gewor¬ den seyn würde, wenn Sie den Gefangenen nicht her¬ ausgegeben hätten — aber! — bedenken Sie, Pere¬ grin, daß Alinens ganzes Schicksal, ganzes Leben ab¬ hängt von dem Besitz dieses Gefangenen, daß» — »Wollen Sie,» unterbrach Peregrinus die Da¬ me, »wollen Sie nicht, englisches Fräulein! daß ich alles für einen Fiebertraum halten, daß ich vielleicht selbst auf der Stelle überschnappen soll, so sagen Sie mir nur, von wem Sie reden, von was für einem Ge¬ fangenen.» — »Wie,» erwiderte die Dame, ich verstehe Sie nicht, wollen Sie vielleicht gar läug¬ nen, daß er wirklich in Ihre Gefangenschaft gerieth? — War ich denn nicht dabei, als er, da Sie die Jagd kauften» — »Wer,» schrie Peregrin ganz außer sich, wer ist der Er ? — Zum erstenmal in meinem Leben sehe ich Sie mein Fräulein, wer sind Sie, wer ist der Er ?» Da fiel aber die Dame ganz aufgelöst in Schmerz dem Peregrin zu Füßen und rief, indem ihr die Thrä¬ nen reichlich aus den Augen strömten: »Peregrin, sey menschlich, sey barmherzig, gib ihn mir wieder! — gib ihn mir wieder!» Und dazwischen schrie Herr Pe¬ regrinus: »Ich werde wahnsinnig — ich werde toll!» — Plötzlich raffte sich die Dame auf. Sie erschien viel größer als vorher, ihre Augen sprühten Feuer, ihre Lippen bebten, sie rief mit wilder Gebehrde: »Ha Barbar! — in dir wohnt kein menschliches Herz — du bist unerbittlich — du willst meinen Tod, mein Verderben — du gibst ihn mir nicht wieder! — Nein — nimmer — nimmer — ha ich Unglückse¬ lige — verloren — verloren.» — Und damit stürzte die Dame zum Zimmer hinaus, und Peregrin ver¬ nahm wie sie die Treppe hinablief, und ihr kreischen¬ der Jammer das ganze Haus erfüllte, bis unten eine Thüre heftig zugeschlagen wurde. Dann war alles todtenstill wie im Grabe. — Zweites Abentheuer. Der Flohbändiger. Trauriges Schicksal der Prinzessin Ga¬ maheh in Famagusta. Ungeschicklichkeit des Genius Thetel und merkwürdige mikroskopische Versuche und Belustigungen. Die schöne Holländerin und seltsames Abentheuer des jungen Herrn George Pepusch, eines gewesenen Jenensers. E s befand sich zu der Zeit ein Mann in Frankfurt, der die seltsamste Kunst trieb. Man nannte ihn den Flohbändiger und das darum, weil es ihm, gewiß nicht ohne die größeste Mühe und Anstrengung gelun¬ gen, Cultur in diese kleinen Thierchen zu bringen und sie zu allerlei artigen Kunststücken abzurichten. Zum größten Erstaunen sah man auf einer Tischplatte von dem schönsten weißen, glänzendpolir¬ ten Marmor Flöhe, welche kleine Kanonen, Pulver¬ karren, Rüstwagen zogen, andre sprangen daneben her mit Flinten im Arm, Patrontaschen auf dem Rücken, Säbeln an der Seite. Auf das Commando¬ wort des Künstlers, führten sie die schwierigsten Evo¬ lutionen aus, und alles schien lustiger und lebendiger, wie bei wirklichen großen Soldaten, weil das Mar¬ schiren in den zierlichsten Entrechats und Luftspringen, das Linksum und Rechtsum aber in anmuthigen Pi¬ rouetten bestand. Die ganze Mannschaft hatte ein er¬ staunliches A Plomb und der Feldherr schien zugleich ein tüchtiger Ballettmeister. Noch beinahe hübscher und wunderbarer waren aber die kleinen goldnen Kut¬ schen, die von vier, sechs, acht Flöhen gezogen wur¬ den. Kutscher und Diener waren Goldkäferlein, der kleinsten kaum sichtbaren Art, was aber drin saß, war nicht recht zu erkennen. Unwillkührlich wurde man an die Equipage der Fee Mab erinnert, die der wackre Merkutio in Sha¬ kespear's Romeo und Julie so schön beschreibt, daß man wohl merkt, wie oft sie ihm selbst über die Nase gefahren. Erst, wenn man den ganzen Tisch mit einem gu¬ ten Vergrößerungsglase überschaute, entwickelte sich aber die Kunst des Flohbändigers in vollem Maaße. Denn nun erst zeigte sich die Pracht, die Zierlichkeit der Geschirre, die feine Arbeit der Waffen, der Glanz, die Nettigkeit der Uniformen, und erregte die tiefste Bewunderung. Gar nicht zu begreifen schien es, wel¬ cher Instrumente sich der Flohbändiger bedient haben mußte, um gewisse kleine Nebensachen, z. B. Sporn, Rockknöpfe u. s. w. sauber und proportionirlich an¬ zufertigen, und jene Arbeit, die sonst für das Mei¬ sterstück des Schneiders galt und die in nichts geringe¬ rem bestand, als einem Floh ein Paar völlig anschlies¬ sende Reithosen zu liefern, wobei freilich das Anmes¬ sen das schwierigste, schien dagegen als etwas ganz Leichtes und Geringes. Der Flohbändiger hatte unendlichen Zuspruch. Den ganzen Tag wurde der Saal nicht leer von Neu¬ gierigen, die den hohen Eintrittspreis nicht scheuten. Auch zur Abendzeit war der Besuch zahlreich, ja beinahe noch zahlreicher, da alsdann auch solche Personen ka¬ men, denen an derlei poßierlichen Künsteleien eben nicht viel gelegen, um ein Werk zu bewundern, das dem Flohbändiger ein ganz anderes Ansehen und die wahre Achtung der Naturforscher erwarb. Dies Werk war ein Nachtmikroskop, das wie das Sonnenmikroskop am Tage, einer magischen Laterne ähnlich, den Ge¬ genstand hell erleuchtet mit einer Schärfe und Deut¬ lichkeit auf die weiße Wand warf, die nichts zu wün¬ schen übrig ließ. Dabei trieb der Flohbändiger auch noch Handel mit den schönsten Mikroskopen, die man nur finden konnte und die man gern sehr theuer be¬ zahlte. — Es begab sich, daß ein junger Mensch, George Pepusch geheißen — der geneigte Leser wird ihn bald näher kennen lernen — Verlangen trug, noch am späten Abend den Flohbändiger zu besuchen. Schon auf der Treppe vernahm er Gezänk, das immer hefti¬ ger und heftiger wurde und endlich überging in tolles Schreien und Toben. So wie nun Pepusch eintre¬ ten wollte, sprang die Thüre des Saals auf mit Un¬ gestüm, und in wildem Gedränge stürzten die Men¬ schen ihm entgegen, todtenbleiches Entsetzen in den Gesichtern. »Der verfluchte Hexenmeister! der Satanskerl! beim hohen Rath will ich ihn angeben! aus der Stadt soll er, der betrügerische Taschenspieler!» — So schrieen die Leute durch einander und suchten von Furcht und Angst gehetzt, so schnell als möglich aus dem Hause zu kommen. Ein Blick in den Saal verrieth dem jungen Pe¬ pusch sogleich die Ursache des fürchterlichen Entsetzens, das die Leute fortgetrieben. Alles lebte darin, ein ekelhaftes Gewirr der scheußlichsten Creaturen erfüllte den ganzen Raum. Das Geschlecht der Pucerons, der Käfer, der Spinnen, der Schlammthiere bis zum Uebermaaß vergrößert, streckte seine Rüssel aus, schritt daher auf hohen haarigten Beinen, und die gräulichen 4 Ameisenräuber faßten, zerquetschten mit ihren zackig¬ ten Zangen die Schnacken, die sich wehrten und um sich schlugen mit den langen Flügeln, und dazwischen wanden sich Essigschlangen, Kleisteraale, hundertar¬ migte Polypen durch einander und aus allen Zwischen¬ räumen kuckten Infusions-Thiere mit verzerrten menschlichen Gesichtern. Abscheulicheres hatte Pepusch nie geschaut. Er wollte eben ein tiefes Grauen ver¬ spüren, als ihm etwas Rauhes ins Gesicht flog und er sich eingehüllt sah in eine Wolke dicken Mehlstaubs. Darüber verging ihm aber das Grauen, denn er wußte sogleich, daß das rauhe Ding nichts anders seyn konnte als die runde gepuderte Perücke des Flohbändi¬ gers, und das war es auch in der That. Als Pepusch sich den Puder aus den Augen ge¬ wischt, war das tolle widrige Insektenvolk verschwun¬ den. Der Flohbändiger saß ganz erschöpft im Lehn¬ stuhl. »Leuwenhöck,» so rief ihm Pepusch entgegen, »Leuwenhöck, seht Ihr nun wohl, was bei Euerm Treiben herauskommt? — Da habt Ihr wieder zu Euern Vasallen Zuflucht nehmen müssen, um Euch die Leute vom Leibe zu halten! — Ist's nicht so?» »Seyd Ihr's,» sprach der Flohbändiger mit matter Stimme, »seyd Ihr's guter Pepusch? — Ach! mit mir ist es aus, rein aus, ich bin ein verlorner Mann! Pepusch, ich fange an zu glauben, daß ihr es wirklich gut mit mir gemeint habt und daß ich nicht gut gethan auf Eure Warnungen nichts zu geben.» Als nun Pepusch ruhig fragte, was sich denn bege¬ ben, drehte sich der Flohbändiger mit seinem Lehn¬ stuhl nach der Wand, hielt beide Hände vors Gesicht und rief weinerlich dem Pepusch zu, er möge nur eine Lupe zur Hand nehmen und die Marmortafel des Ti¬ sches anschauen. Schon mit unbewaffnetem Auge ge¬ wahrte Pepusch, daß die kleinen Kutschen, die Sol¬ daten u. s. w. todt da standen und lagen, daß sich nichts mehr regte und bewegte. Die kunstfertigen Flöhe schienen auch eine ganz andre Gestalt angenommen zu haben. Mittelst der Lupe entdeckte nun aber Pepusch sehr bald, daß kein einziger Floh mehr vorhanden, son¬ dern daß das, was er dafür gehalten, schwarze Pfef¬ ferkörner und Obstkerne waren, die in den Geschirren, in den Uniformen steckten. »Ich weiß,» begann nun der Flohbändiger ganz wehmüthig und zerknirscht, »ich weiß gar nicht, wel¬ »cher böse Geist mich mit Blindheit schlug, daß ich »die Desertion meiner Mannschaft nicht eher bemerk¬ »te, als bis alle Leute an den Tisch getreten waren »und sich gerüstet hatten zum Schauen. — Ihr kön¬ »net denken Pepusch! wie die Leute, als sie sich ge¬ 4 * »täuscht sahen, erst murrten und dann ausbrachen in »lichterlohen Zorn. Sie beschuldigten mich des schnö¬ »desten Betruges, und wollten mir, da sie sich im¬ »mer mehr erhitzten und keine Entschuldigung mehr »hörten, zu Leibe, um selbst Rache zu nehmen. »Was konnt' ich, um einer Tracht Schläge zu ent¬ »gehen, besseres thun, als sogleich das große Mi¬ »kroskop in Bewegung setzen und die Leute ganz ein¬ »hüllen in Creaturen, vor denen sie sich entsetzten, »wie das dem Pöbel eigen.» — »Aber,» fragte Pepusch, »aber sagt mir nur »Leuwenhöck, wie es geschehen konnte, daß Euch Eure »wohlexerzirte Mannschaft, die so viel Treue bewie¬ »sen, plötzlich auf und davon gehen konnte, ohne »daß Ihr es sogleich gewahr wurdet?» »O,» jammerte der Flohbändiger, »o Pepusch! » er hat mich verlassen, er , durch den allein ich »Herrscher war und er ist es, dessen bösem Verrath »ich meine Blindheit, all mein Unglück zuschreibe!» »Hab' ich,» erwiederte Pepusch, »hab' ich Euch »nicht schon längst gewarnt, Eure Sache nicht auf »Künsteleien zu stellen, die Ihr, ich weiß es, ohne »den Besitz des Meisters nicht vollbringen könnet und »wie dieser Besitz aller Mühe unerachtet doch auf dem »Spiele steht, habt Ihr eben jetzt erfahren.» — Pepusch gab nun ferner dem Flohbändiger zu erken¬ nen, wie er ganz und gar nicht begreife, daß, müsse er jene Künsteleien aufgeben, dieß sein Leben so ver¬ stören könne, da die Erfindung des Nachtmikroskop's so wie überhaupt seine Geschicklichkeit im Verfertigen mikroskopischer Gläser ihn längstens festgestellt. Der Flohbändiger versicherte aber dagegen, daß ganz andre Dinge in jenen Künsteleien lägen, und daß er sie nicht aufgeben könne, ohne sich selbst, seine ganze Existenz aufzugeben. »Wo ist aber Dörtje Elverdink?» — So fragte Pepusch den Flohbändiger unterbrechend. »Wo sie »ist,» kreischte der Flohbändiger, indem er die Hände rang, »wo Dörtje Elverdink ist? — Fort ist sie, »fort in alle Welt — verschwunden. — Schlagt mich »nur gleich todt, Pepusch, denn ich sehe schon, wie »Euch immer mehr der Zorn kommt und die Wuth. — »Macht es kurz mit mir!» — »Da seht,» sprach Pepusch mit finsterm Blick, »da seht Ihr nun, was aus Eurer Thorheit, aus Eu¬ erm albernen Treiben herauskommt. — Wer gab Euch das Recht die arme Dörtje einzusperren wie eine Skla¬ vin und dann wieder, um nur Leute anzulocken, sie im Prunk auszustellen, wie ein naturhistorisches Wun¬ der? — Warum thatet Ihr Gewalt an ihrer Nei¬ gung und ließet es nicht zu, daß sie mir die Hand gab, da Ihr doch bemerken mußtet, wie innig wir uns liebten? — Entflohen ist sie? — Nun gut, so ist sie wenigstens nicht mehr in Eurer Gewalt, und weiß ich auch in diesem Augenblick nicht, wo ich sie suchen soll, so bin ich doch überzeugt, daß ich sie fin¬ den werde. Da, Leuwenhöck, setzt die Perücke auf und ergebt Euch in Euer Geschick; das ist das beste und gerathenste, was Ihr jetzt thun könnet. Der Flohbändiger stutzte mit der linken Hand die Perücke auf das kahle Haupt, während er mit der rechten Pepusch beim Arm ergriff. »Pepusch,» sprach er, »Pepusch, Ihr seyd mein wahrer Freund; »denn Ihr seyd der einzige Mensch in der ganzen »Stadt Frankfurt, welcher weiß, daß ich begraben »liege in der alten Kirche zu Delft, seit dem Jahre »Eintausend siebenhundert und fünf und zwanzig und »habt es doch noch niemanden verrathen, selbst wenn »Ihr auf mich zürntet wegen der Dörtje Elverdink. »— Will es mir auch zuweilen nicht recht in den Kopf, »daß ich wirklich jener Anton van Leuwenhöck bin, »den man in Delft begraben, so muß ich denn doch, »betrachte ich meine Arbeiten und bedenke ich mein Le¬ »ben, wiederum glauben und es ist mir deshalb sehr »angenehm, daß man davon überhaupt gar nicht »spricht. — Ich sehe jetzt ein, liebster Pepusch, daß »ich, was die Dörtje Elverdink betrifft, nicht recht »gehandelt habe, wiewohl auf ganz andere Weise als »ihr wohl meinen möget. Recht that ich nämlich »daran, daß ich Eure Bewerbungen für ein thörigtes »zweckloses Streben erklärte, Unrecht aber, daß ich »nicht ganz offenherzig gegen Euch war, daß ich Euch »nicht sagte, was es mit der Dörtje Elverdink eigent¬ »lich für eine Bewandniß hat. Eingesehen hättet »Ihr dann, wie löblich es war, Euch Wünsche aus »dem Sinn zu reden, deren Erfüllung nicht anders »als verderblich seyn konnte. — Pepusch! setzt Euch »zu mir und vernehmt eine wunderbare Historie!» »Das kann ich wohl thun,» erwiederte Pepusch mit giftigem Blick, indem er Platz nahm auf einem gepolsterten Lehnstuhl, dem Flohbändiger gegenüber. »Da,» begann Flohbändiger, »da Ihr, mein »lieber Freund Pepusch, in der Geschichte wohl be¬ »wandert seyd, so wißt Ihr ohne Zweifel, daß der »König Sekakis viele Jahre hindurch mit der Blu¬ »menkönigin im vertraulichen Verhältniß lebte und »daß die schöne anmuthige Prinzessin Gamaheh, die »Frucht dieser Liebe war. Weniger bekannt dürft' es »seyn, und auch ich kann es Euch nicht sagen, auf welche »Weise Prinzessin Gamaheh nach Famagusta kam. »Manche behaupten und nicht ohne Grund, daß die »Prinzessin in Famagusta sich verbergen sollte, vor »dem widerlichen Egelprinzen, dem geschwornen Feinde »der Blumenkönigin.» »Genug! — in Famagusta begab es sich, daß »die Prinzessin einst in der erfrischenden Kühle des »Abends lustwandelte und in ein dunkles anmuthiges »Cypressen-Wäldchen gerieth. Verlockt von dem »lieblichen Säuseln des Abendwindes, dem Mur¬ »meln des Bachs, dem melodischen Gezwitscher der »Vögel, streckte die Prinzessin sich hin in das weiche »duftige Moos und fiel bald in tiefen Schlaf. Gerade » der Feind, dem sie hatte entgehen wollen, der »häßliche Egelprinz streckte aber sein Haupt empor »aus dem Schlammwasser, erblickte die Prinzessin, »und verliebte sich in die schöne Schläferin dermaßen, »daß er dem Verlangen sie zu küssen, nicht widerste¬ »hen konnte. Leise kroch er heran, und küßte sie hin¬ »ter das linke Ohr. Nun wißt Ihr aber wohl Freund »Pepusch, daß die Dame, die der Egelprinz zu küs¬ »sen sich unterfängt, verloren, denn er ist der ärgste »Blutsauger von der Welt. So geschah es denn auch, »daß der Egelprinz die arme Prinzessin so lange küßte, »bis alles Leben aus ihr geflohen war. Da fiel er »ganz übersättigt und trunken ins Moos und mußte »von seinen Dienern, die sich schnell aus dem Schlamm »hinanwälzten, nach Hause gebracht werden. — »Vergebens arbeitete sich die Wurzel Mandragora aus »der Erde hervor, legte sich auf die Wunde, die der »heimtückische Egelprinz der Prinzessin geküßt, verge¬ »bens erhoben sich auf das Wehgeschrei der Wurzel »alle Blumen und stimmten ein in die trostlose Klage! »Da geschah es, daß der Genius Thetel gerade des »Weges kam; auch er wurde tief gerührt von Gama¬ »heh's Schönheit und ihrem unglücklichen Tode. Er »nahm die Prinzessin in die Arme, drückte sie an seine »Brust, mühte sich, ihr Leben einzuhauchen mit sei¬ »nem Athem, aber sie erwachte nicht aus dem To¬ »desschlaf. Da erblickte der Genius Thetel den ab¬ »scheulichen Egelprinzen den (so schwerfällig und trun¬ »ken war er) die Diener nicht hatten hinunterschaffen »können in den Palast, entbrannte in Zorn und »warf eine ganze Faust voll Krystallsalz dem häßlichen »Feinde auf den Leib, so daß er sogleich allen pur¬ »purnen Ichor, den er der Prinzessin Gamaheh aus¬ »gesogen, ausströmte und dann seinen Geist aufgab »unter vielen Zuckungen und Grimassen, auf elen¬ »digliche Weise. Alle Blumen, die ringsum stan¬ »den, tauchten aber ihre Kleider in diesen Ichor und »färbten sie zum ewigen Andenken der ermordeten »Prinzessin in ein solches herrliches Roth, wie es »kein Maler auf Erden herauszubringen vermag. — »Ihr wißt, Pepusch! daß die schönsten dunkelrothen »Nelken, Amaryllen und Cheiranthen eben aus jenem »Cypressenwäldchen, wo der Egelprinz die schöne Ga¬ »maheh todtküßte, herstammen. Der Genius Thetel »wollte forteilen, da er noch vor Einbruch der Nacht »in Samarkand viel zu thun hatte, noch einen Blick »warf er aber auf die Prinzessin, blieb fest gezaubert »stehen und betrachtete sie mit der innigsten Wehmuth. »Da kam ihm plötzlich ein Gedanke. Statt weiter »zu gehen, nahm er die Prinzessin in die Arme und »schwang sich mit ihr hoch auf in die Lüfte. — Zu »derselben Zeit beobachteten zwei weise Männer, von »denen einer, nicht verschwiegen sey es, ich selbst »war, auf der Gallerie eines hohen Thurmes, den »Lauf der Gestirne. Diese gewahrten hoch über sich »den Genius Thetel mit der Prinzessin Gamaheh und »in demselben Augenblick fiel auch dem einen — doch! »das gehört für jetzt nicht zur Sache! — Beide Ma¬ »gier hatten zwar den Genius Thetel erkannt, nicht »aber die Prinzessin, und erschöpften sich in allerlei »Vermuthungen, was die Erscheinung wohl zu be¬ »deuten, ohne irgend etwas gewisses oder auch nur »wahrscheinliches ergrübeln zu können. Bald darauf »wurde aber das unglückliche Schicksal der Prinzessin »Gamaheh in Famagusta allgemein bekannt und nun »wußten auch die Magier sich die Erscheinung des Ge¬ »nius Thetel mit dem Mädchen im Arm zu erklären.» »Beide vermutheten, daß der Genius Thetel »gewiß noch ein Mittel gefunden haben müsse, die »Prinzessin ins Leben zurückzurufen, und beschlossen »in Samarkand Nachfrage zu halten, wohin er ihrer »Beobachtung nach, offenbar seinen Flug gerichtet »hatte. In Samarkand war aber von der Prinzes¬ »sin alles stille, niemand wußte ein Wort.» »Viele Jahre waren vergangen, die beiden Ma¬ »gier hatten sich entzweit, wie es wohl unter gelehr¬ »ten Männern desto öfter zu geschehen pflegt, je ge¬ »lehrter sie sind, und nur noch die wichtigsten Ent¬ »deckungen theilten sie sich aus alter eiserner Gewohn¬ »heit einander mit. — Ihr habt nicht vergessen, Pe¬ »pusch, daß ich selbst einer dieser Magier bin. — »Also, nicht wenig erstaunte ich über eine Mitthei¬ »lung meines Collegen, die über die Prinzessin Ga¬ »maheh das Wunderbarste und zugleich Glückseligste »enthielt, was man nur hätte ahnen können. Die »Sache verhielt sich folgender Gestalt: Mein College »hatte durch einen wissenschaftlichen Freund aus Sa¬ »markand die schönsten und seltensten Tulpen und so »vollkommen frisch erhalten, als seyen sie eben vom »Stengel geschnitten. Es war ihm vorzüglich um die »mikroskopische Untersuchung der innern Theile und »zwar des Blumenstaubes zu thun. Er zergliederte »deshalb eine schöne lila und gelbgefärbte Tulpe, und »entdeckte mitten in dem Kelch ein kleines fremdarti¬ »ges Körnlein, welches ihm auffiel in ganz besonde¬ »rer Weise. Wie groß war aber seine Verwunde¬ »rung, als er mittelst Anwendung des Suchglases, »deutlich gewahrte, daß das kleine Körnlein nichts »anders als die Prinzessin Gamaheh, die in den Blu¬ »menstaub des Tulpenkelchs gebettet, ruhig und süß »zu schlummern schien.» »Solch' eine weite Strecke mich auch von mei¬ »nem Collegen trennen mochte, dennoch setzte ich »mich augenblicklich auf und eilte zu ihm hin. Er »hatte indessen alle Operationen bei Seite gestellt, »um mir das Vergnügen des ersten Anblicks zu gön¬ »nen, wohl auch aus Furcht ganz nach eignem Kopf »handelnd, etwas zu verderben. Ich überzeugte mich »bald von der vollkommnen Richtigkeit der Beobach¬ »tung meines Collegen und war auch eben so wie er »des festen Glaubens, daß es möglich seyn müsse, die »Prinzessin dem Schlummer zu entreißen und ihr die »vorige Gestalt wieder zu geben. Der uns innwoh¬ »nende sublime Geist ließ uns bald die richtigen Mit¬ »tel finden. — Da Ihr, Freund Pepusch, sehr we¬ »nig, eigentlich gar nichts von unserer Kunst verste¬ »het, so würde es höchst überflüssig seyn, Euch die »verschiedenen Operationen zu beschreiben, die wir »nun vornahmen, um zu unserm Zweck zu gelan¬ »gen. Es genügt, wenn ich Euch sage, daß es uns »mittelst des geschickten Gebrauchs verschiedener Glä¬ »ser, die ich meistentheils selbst präparirte, glückte, »nicht allein die Prinzessin unversehrt aus dem Blu¬ »menstaub hervorzuziehen, sondern auch ihr Wachs¬ »thum in der Art zu befördern, daß sie bald zu ihrer »natürlichen Größe gelangt war. — Nun fehlte frei¬ »lich noch das Leben und ob ihr dieses zu verschaffen »möglich, das hing von der letzten und schwürigsten »Operation ab. — Wir reflektirten ihr Bild mittelst »eines herrlichen Kuffischen Sonnenmikroskops, und »lösten dieses Bild geschickt los von der weißen Wand, »welches ohne allen Schaden von Statten ging. So »wie das Bild frei schwebte, fuhr es wie ein Blitz in »das Glas hinein, welches in tausend Stücken zer¬ »splitterte. Die Prinzessin stand frisch und lebendig »vor uns. Wir jauchzten auf vor Freude, aber auch »um so größer war unser Entsetzen, als wir bemerk¬ »ten, daß der Umlauf des Bluts gerade da stockte, »wo der Egelprinz sich angeküßt hatte. Schon wollte »sie ohnmächtig hinsinken, als wir eben an der Stelle »hinter dem linken Ohr einen kleinen schwarzen »Punkt erscheinen und eben so schnell wieder verschwin¬ »den sahen. Die Stockung des Bluts hörte sogleich »auf, die Prinzessin erholte sich wieder, und unser »Werk war gelungen.» »Jeder von uns, ich und mein Herr College, »wußte recht gut, welch' unschätzbaren Werth der Be¬ »sitz der Prinzessin für ihn haben mußte, und jeder »strebte darnach, indem er größeres Recht zu haben »glaubte, als der andere. Mein College führte an, »daß die Tulpe, in deren Kelch er die Prinzessin ge¬ »funden, sein Eigenthum gewesen, und daß er die »erste Entdeckung gemacht, die er mir mitgetheilt, so, »daß ich nur als Hülfeleistender zu betrachten, der »das Werk selbst bei dem er geholfen, nicht als Lohn »der Arbeit verlangen könne. Ich dagegen berief mich »darauf, daß ich die letzte schwürigste Operation, wo¬ »durch die Prinzessin zum Leben gelangt, erfunden »und bei der Ausführung mein College nur geholfen, »weshalb, habe er auch Eigenthums-Ansprüche auf »den Embryo im Blumenstaub gehabt, mir doch die »lebendige Person gehöre. Wir zankten uns mehrere »Stunden bis endlich, als wir uns die Kehlen heiser »geschrieen hatten, ein Vergleich zu Stande kam. »Der College überließ mir die Prinzessin, wogegen »ich ihm ein sehr wichtiges geheimnißvolles Glas ein¬ »händigte. Eben dieses Glas ist aber die Ursache un¬ »serer jetzigen gänzlichen Verfeindung. Mein College »behauptet nämlich, ich habe das Glas betrügerischer »Weise unterschlagen; dieß ist aber eine grobe unver¬ »schämte Lüge, und wenn ich auch wirklich weiß, daß »ihm das Glas bei der Aushändigung abhanden ge¬ »kommen ist, so kann ich doch auf Ehre und Gewis¬ »sen betheuern, daß ich nicht Schuld daran bin, auch »durchaus nicht begreife, wie das hat geschehen kön¬ »nen. Das Glas ist nämlich gar nicht so klein, da »ein Pulverkorn nur höchstens acht Mal größer seyn »mag. — Seht, Freund Pepusch, nun habe ich Euch »mein ganzes Vertrauen geschenkt, nun wißt Ihr, »daß Dörtje Elverdink keine andere ist, als eben die »ins Leben zurückgerufene Prinzessin Gamaheh, nun »seht Ihr ein, daß ein schlichter junger Mann wie »Ihr wohl auf solch eine hohe mystische Verbin¬ »dung keinen» — »Halt,» unterbrach George Pepusch den Flohbän¬ diger, indem er ihn etwas satanisch anlächelte, »halt, »ein Vertrauen ist des andern werth, und so will ich »Euch meiner Seits denn vertrauen, daß ich das Al¬ »les, was Ihr mir da erzählt habt, schon viel früher »und besser wußte als Ihr. Nicht genug kann ich »mich über Eure Beschränktheit, über Eure alberne An¬ »maßung verwundern. — Vernehmt, was Ihr längst »erkennen müßtet, wäre es, außerdem was die Glas¬ »schleiferei betrifft, mit Eurer Wissenschaft nicht so »schlecht bestellt, vernehmt, daß ich selbst die Distel »Zeherit bin, welche dort stand wo die Prinzessin Ga¬ »maheh ihr Haupt niedergelegt hatte, und von der »Ihr gänzlich zu schweigen für gut gefunden habt.» »Pepusch, rief der Flohbändiger, seyd ihr bei »Sinnen? Die Distel Zeherit blüht im fernen In¬ »dien und zwar in dem schönen von hohen Bergen »umschlossenen Thale, wo sich zuweilen die weisesten »Magier der Erde zu versammeln pflegen. Der Ar¬ »chivarius Lindhorst kann Euch darüber am besten be¬ »lehren. Und Ihr, den ich hier im Polröckchen zum »Schulmeister laufen gesehen, den ich als vor lauter »Studiren und Hungern vermagerten, vergelbten Je¬ »nenser gekannt, ihr wollt die Distel Zeherit seyn? — »Das macht einem Andern weiß, aber mich laßt da¬ »mit in Ruhe.» »Was Ihr, sprach Pepusch lachend, was Ihr »doch für ein weiser Mann seyd, Leurenhöck. Nun! »haltet von meiner Person was Ihr wollt, aber seyd »nicht albern genug zu läugnen, daß die Distel Ze¬ »herit in dem Augenblick, da sie Gamaheh's süßer »Athem traf, in glühender Liebe und Sehnsucht er¬ »blühte und daß, als sie die Schläfe der holden Prin¬ »zessin berührte, diese auch süß träumend in Liebe »kam. Zu spät gewahrte die Distel den Egelprinzen, »den sie sonst mit ihren Stacheln augenblicklich ge¬ »tödtet hätte. Doch wär' es ihr mit Hülfe der Wur¬ »zel Mandragora gelungen, die Prinzessin wieder in »das Leben zurückzubringen, kam nicht der tölpische »Genius Thetel dazwischen mit seinen ungeschickten »Rettungsversuchen. — Wahr ist es, daß Thetel im »Zorn in die Salzmeste griff, die er auf Reisen ge¬ »wöhnlich am Gürtel zu tragenpflegt, wie Pantagruel »seine Gewürzbarke, und eine tüchtige Hand voll »Salz nach dem Egelprinzen warf, ganz falsch aber, »daß er ihn dadurch getödtet haben sollte. Alles Salz »fiel in den Schlamm, nicht ein einziges Körnlein »traf den Egelprinzen, den die Distel Zeherit mit »ihren Stacheln tödtete, so den Tod der Prinzessin »rächte und sich dann selbst dem Tode weihte. Bloß »der Genius Thetel, der sich in Dinge mischte, die »ihn nichts angingen, ist daran Schuld, daß die »Prinzessin so lange im Blumenschlaf liegen mußte; »die Distel Zeherit erwachte viel früher. Denn beider 5 »Tod war nur die Betäubung des Blumenschlafs, aus »der sie ins Leben zurückkehren durften, wiewohl in »anderer Gestalt. Das Maaß Eures gröblichen Irr¬ »thums würdet Ihr nämlich voll machen, wenn Ihr »glauben solltet, daß die Prinzessin Gamaheh völlig »so gestaltet war, als es jetzt Dörtje Elverdink ist, »und daß Ihr es waret, der ihr das Leben wiedergab. »Es ging Euch so, mein guter Leuwenhöck wie dem »ungeschickten Diener in der wahrhaft merkwürdigen »Geschichte von den drei Pomeranzen, der zwei Jung¬ »frauen aus den Pomeranzen befreite, ohne sich vor¬ »her des Mittels versichert zu haben, sie am Leben »zu erhalten und die dann vor seinen Augen elendig¬ »lich umkamen. — Nicht Ihr, nein jener, der Euch »entlaufen, dessen Verlust Ihr so hart fühlt und be¬ »jammert, der war es, der das Werk vollendete, wel¬ »ches ihr ungeschickt genug begonnen.» »Ha,» schrie der Flohbändiger ganz außer sich, ha meine Ahnung! — Aber Ihr, Pepusch, Ihr, dem ich so viel Gutes erzeigt, Ihr seyd mein ärg¬ ster, schlimmster Feind, das sehe ich nun wohl ein. Statt mir zu rathen, statt mir beizustehen in meinem Unglück, tischt Ihr mir allerlei unziemliche Narrens¬ possen auf.» — Die Narrenspossen auf Euern Kopf, schrie Pepusch ganz erbost, zu spät werdet Ihr Eure Thorheit bereuen, einbildischer Charlatan! — Ich gehe Dörtje Elverdink aufzusuchen. — Doch damit Ihr nicht mehr ehrliche Leute vexirt» — Pepusch faßte nach der Schraube, die das ganze mikroskopische Maschinenwerk in Bewegung setzte. »Bringt mich nur gleich ums Leben!» kreischte der Flohbändiger; doch in dem Augenblick krachte auch alles zusammen und ohnmächtig stürzte der Flohbän¬ diger zu Boden. — »Wie mag es,» sprach George Pepusch zu sich selbst, als er auf der Straße war, »wie mag es ge¬ schehen, daß einer, der über ein hübsches warmes Zim¬ mer, über ein wohlaufgeklopftes Bette gebietet, sich zur Nachtzeit in dem ärgsten Sturm und Regen auf den Straßen herumtreibt? — Wenn er den Haus¬ schlüssel vergessen, und wenn überdem Liebe, thörigtes Verlangen ihn jagt. So mußte er sich selbst antwor¬ ten. — Thörigt kam ihm nämlich jetzt sein ganzes Be¬ ginnen vor. — Er erinnerte sich des Augenblicks, als er Dörtje Elverdink zum erstenmal gesehen. — Vor mehreren Jahren zeigte nämlich der Flohbändi¬ ger seine Kunststückchen in Berlin und hatte nicht ge¬ ringen Zuspruch, so lange die Sache neu blieb. Bald hatte man sich aber an den kultivirten und exerzirten Flöhen satt gesehen, man hielt nun nicht einmal die 5 * Schneider-, Riemer-, Sattler-, Waffenarbeit zum Gebrauch der kleinen Personen für so gar bewund¬ rungswürdig, unerachtet man erst von Unbegreiflich¬ keit, zauberischem Wesen gesprochen, und der Floh¬ bändiger schien ganz in Vergessenheit zu gerathen. Bald hieß es aber, daß eine Nichte des Flohbändigers, die sonst noch gar nicht zum Vorschein gekommen, jetzt den Vorstellungen beiwohne. Diese Nichte sey aber solch ein schönes, anmuthiges Mädchen und dabei so aller¬ liebst geputzt, daß es gar nicht zu sagen. Die be¬ wegliche Welt der jungen modernen Herren, welche als tüchtige Conzertmeister in der Sozietät Ton und Tackt anzugeben pflegen, strömte hin, und weil in dieser Welt nur die Extreme gelten, so weckte des Flohbän¬ digers Nichte ein niegesehenes Wunder. — Bald war es Ton, den Flohbändiger zu besuchen, wer seine Nichte nicht gesehen, durfte nicht mitsprechen, und so war dem Manne geholfen. Kein Mensch konnte sich übri¬ gens in den Vornamen »Dörtje» finden und da ge¬ rade zu der Zeit die herrliche Bethmann in der Rolle der Königin von Golkonda, alle hohe Liebenswürdig¬ keit, alle hinreißende Anmuth, alle weibliche Zart¬ heit entwickelte, die dem Geschlecht nur eigen und ein Ideal des unnennbaren Zaubers schien, mit dem ein weibliches Wesen alles zu entzücken vermag, so nannte man die Holländerin »Aline.» Zu der Zeit kam George Pepusch nach Berlin, Leu¬ wenhöcks schöne Nichte war das Gespräch des Tages, und so wurde auch an der Wirthstafel des Hotels, in dem Pepusch sich einlogiert, beinahe von nichts anderm ge¬ sprochen als von dem kleinen reizenden Wunder, das alle Männer, jung und alt, ja selbst die Weiber ent¬ zücke. Man drang in Pepusch, sich nur gleich auf die höchste Spitze alles jetzigen Treibens in Berlin zu stel¬ len und die schöne Holländerin zu sehen. — Pepusch hatte ein reizbares melancholisches Temperament; in jedem Genuß spürte er zu sehr den bittern Beige¬ schmack, der freilich aus dem schwarzen stygischen Bäch¬ lein kommt, das durch unser ganzes Leben rinnt und das machte ihn finster, in sich gekehrt, ja oft unge¬ recht gegen Alles, was ihn umgab. Man kann den¬ ken, daß auf diese Weise Pepusch wenig aufgelegt war, hübschen Mädchen nachzulaufen, er ging aber dennoch zu dem Flohbändiger, mehr um seine vorge¬ faßte Meinung, daß auch hier, wie so oft im Leben, nur ein seltsamer Wahn spuke, bewährt zu sehen, als des gefährlichen Wunders halber. Er fand die Hol¬ länderin gar hübsch, anmuthig, angenehm, indem er sie aber betrachtete, mußte er selbstgefällig seine Sagazität belächeln, vermöge der er schon errathen, daß die Köpfe, welche die Kleine vollends verdreht hatte, schon von Haus aus ziemlich wackeligt gewesen seyn mußten. Die Schöne hatte den leichten ungezwungenen Ton, der von der feinsten sozialen Bildung zeugt, ganz in ihrer Gewalt; mit jener liebenswürdigen Coquet¬ terie, die dem, dem sie vertraulich die Fingerspitze hinreicht, zugleich den Muth benimmt, sie zu erfassen, wußte das kleine holde Ding, die sie von allen Sei¬ ten Bestürmenden ebenso anzuziehen, als in den Grän¬ zen des zartesten Anstandes zu erhalten. Niemand kümmerte sich um den fremden Pepusch, der Muße genug fand, die Schöne in ihrem ganzen Thun und Wesen zu beobachten. Indem er aber län¬ ger und länger ihr in das holde Gesichtchen kuckte, regte sich in dem tiefsten Hintergrunde des innern Sin¬ nes eine dumpfe Erinnerung, als habe er die Hollän¬ derin irgendwo einmal gesehen, wiewohl in ganz an¬ dern Umgebungen und anders gekleidet, so wie es ihm war, als sey er auch damals ganz anders gestaltet ge¬ wesen. Vergebens quälte er sich ab, diese Erinnerun¬ gen zu irgend einer Deutlichkeit zu bringen; wiewohl der Gedanke, daß er die Kleine wirklich schon gesehen, immer mehr an Festigkeit gewann. Das Blut stieg ihm ins Gesicht, als ihn endlich jemand leise anstieß und ihm ins Ohr lispelte: »Nicht wahr, Herr Phi¬ losoph, auch sie hat der Blitzstrahl getroffen?» Es war sein Nachbar von der Wirthstafel her dem er ge¬ äußert hatte, daß er die Extase, in die alles versetzt sey, für einen seltsamen Wahnsinn halte, der eben so schnell dahin schwinde als er entstehe. — Pepusch be¬ merkte, daß, während er die Kleine unverwandten Auges angestarrt, der Saal leer geworden, so daß eben die letzten Personen davon schritten. Erst jetzt schien die Holländerin ihn zu gewahren; sie grüßte ihn mit anmuthiger Freundlichkeit. — Pepusch wurde die Holländerin nicht los; er marterte sich ab in der schlaflosen Nacht, um nur auf die Spur jener Erinnerung zu kommen, indessen ver¬ gebens. Der Anblick der Schönen konnte allein ihn auf jene Spur bringen, so dachte er ganz richtig und unterließ nicht, gleich andern Tages und dann alle fol¬ gende Tage zum Flohbändiger zu wandern, und zwey — drei Stunden die hübsche Dörtje Elverdink anzustar¬ ren. — Kann der Mann den Gedanken an ein liebens¬ würdiges Frauenzimmer, das seine Aufmerksamkeit er¬ regte auf diese, jene Weise, nicht los werden, so ist das für ihn der erste Schritt zur Liebe, und so kam es denn auch, daß Pepusch in dem Augenblick, als er bloß jener dunklen Erinnerung nachzugrübeln glaubte, in die schöne Holländerin schon ganz verliebt war. Wer wollte sich jetzt noch um die Flöhe kümmern, über die die Holländerin alles an sich ziehend den glän¬ zendsten Sieg davon getragen hatte. Der Flohbändi¬ ger fühlte selbst, daß er mit seinen Flöhen eine etwas alberne Rolle spiele, er sperrte daher seine Mannschaft bis auf andere Zeiten ein, und gab mit vielem Ge¬ schick seinem Schauspiel eine andere Gestalt, der schö¬ nen Nichte aber die Hauptrolle. Der Flohbändiger hatte nämlich den glücklichen Gedanken gefaßt, Abendunterhaltungen anzuordnen, auf die man sich mit einer ziemlich hohen Summe abonnirte und in denen, nachdem er einige artige op¬ tische Kunststücke gezeigt, die fernere Unterhaltung der Gesellschaft seiner Nichte oblag. — In vollem Maaß ließ die Schöne ihr soziales Talent glänzen, dann nützte sie aber die kleinste Stockung um durch Gesang, den sie selbst auf der Guitarre begleitete, der Gesell¬ schaft einen neuen Schwung zu geben. Ihre Stimme war nicht stark, ihre Methode nicht grandios, oft wider die Regel, aber der süße Ton, die Klarheit, Nettigkeit ihres Gesanges entsprach ganz ihrem holden Wesen und vollends, wenn sie unter den schwarzen seidnen Wimpern den schmachtenden Blick wie feuch¬ ten Mondesstral hineinleuchten ließ unter die Zuhö¬ rer, da wurde jedem die Brust enge, und selbst der Tadel des eigensinnigsten Pedanten mußte verstum¬ men. — Pepusch setzte in diesen Abendunterhaltungen sein Studium eifrig fort, das heißt, er starrte zwei Stun¬ den lang die Holländerin an, und verließ dann mit den übrigen den Saal. Einmal stand er der Holländerin näher als ge¬ wöhnlich und hörte deutlich, wie sie zu einem jungen Manne sprach: »Sagen Sie mir, wer ist dieses leb¬ lose Gespenst, das mich jeden Abend Stunden lang anstarrt und dann lautlos verschwindet?» Pepusch fühlte sich tief verletzt, tobte und lärmte auf seinem Zimmer, stellte sich so ungebehrdig, daß kein Freund ihn in diesem tollen Wesen wieder erkannt haben würde. Er schwur hoch und theuer, die bos¬ hafte Holländerin niemals wieder zu sehen, unterließ aber nicht, gleich am andern Abend sich zur gewöhnlichen Stunde bei Leuwenhöck einzufinden und wo möglich die schöne Dörtje mit noch erstarrterem Blick anzugaffen. Schon auf der Treppe war er freilich darüber sehr er¬ schrocken, daß er eben die Treppe hinaufstieg und hatte in aller Schnelligkeit den weisen Vorsatz gefaßt, sich wenig¬ stens von dem verführerischen Wesen ganz entfernt zu halten. Diesen Vorsatz führte er auch wirklich aus, indem er sich in einen Winkel des Saals verkroch; der Versuch die Augen niederzuschlagen, mißglückte aber durchaus, und wie gesagt, noch starrer als sonst schaute er der Holländerin in die Augen. Selbst wußte er nicht wie es geschah, daß Dörtje Elverdink plötzlich in seinem Winkel dicht neben ihm stand. Mit einem Stimmlein, das süßlispelnde Melodie war, sprach die Holde: »Ich erinnere mich nicht mein Herr, Sie schon anderwärts gesehen zu haben als hier in Berlin, und doch finde ich in den Zügen Ihres Antlitzes, in Ihrem ganzen Wesen so viel Bekanntes. Ja es ist mir als wären wir vor gar langer Zeit ein¬ ander ganz befreundet gewesen, jedoch in einem sehr fernen Lande und unter ganz andern seltsamen Um¬ ständen. Ich bitte Sie, mein Herr, reissen Sie mich aus der Ungewißheit, und täuscht mich nicht vielleicht eine Aehnlichkeit, so lassen Sie uns das freundschaft¬ liche Verhältniß erneuern, das in dunkler Erinnerung ruht, wie ein schöner Traum. Dem Herrn George Pepusch wurde bei diesen an¬ muthigen Worten der schönen Holländerin gar sonder¬ bar zu Muthe. Die Brust war enge, und indem ihm die Stirn brannte, fröstelte es ihm durch alle Glie¬ der, als läg' er im stärksten Fieber. Wollte das nun auch nichts anders bedeuten, als daß Herr Pe¬ pusch in die Holländerin bis über den Kopf verliebt war, so gab es doch noch eine andere Ursache des durch¬ aus verwirrten Zustandes, der ihm alle Sprache, ja beinahe alle Besinnung raubte. So wie nämlich Dörtje Elverdink davon sprach, daß sie glaube, vor langer Zeit ihn schon gekannt zu haben, war es ihm, als würde in seinem Innern wie in einer Laterna ma¬ gica plötzlich ein anderes Bild vorgeschoben und er er¬ blickte ein weit entferntes Sonst, das lange zurückliege hinter der Zeit als er zum ersten Mal Muttermilch gekostet, und in dem er selbst doch eben so gut als Dörtje Elverdink sich rege und bewege. Genug! — der Gedanke, der sich eben durch vieles Denken erst recht klar und fest gestaltete, blitzte in diesem Augen¬ blick auf und dieser Gedanke war nichts geringeres als daß Dörtje Elverdink die Prinzessin Gamaheh, Toch¬ ter des Königs Sekakis sey, die er schon in der grü¬ nen Zeit geliebt, da er noch die Distel Zeherit gewe¬ sen. Gut war es, daß er diesen Gedanken andern Leuten nicht sonderlich mittheilte; man hätte ihn sonst vielleicht für wahnsinnig gehalten und eingesperrt, wie¬ wohl die fixe Idee eines Partiell-Wahnsinnigen oft nichts anders seyn mag, als die Ironie eines Seyns, welches dem jetzigen vorausging. »Aber mein Himmel, Sie scheinen ja stumm, mein Herr!» So sprach die Kleine indem sie mit den niedlichsten Fingerchen Georgs Brust berührte. Doch aus den Spitzen dieser Finger fuhr ein elektrischer Stral dem Georg bis ins Herz hinein, und er er¬ wachte aus seiner Betäubung. In voller Exstase er¬ griff er die Hand der Kleinen, bedeckte sie mit glühen¬ den Küßen und rief: »Himmlisches, göttliches We¬ sen» — u. s. w. Der geneigte Leser wird wohl sich denken können, was Herr Georg Pepusch in diesem Augenblick noch alles gerufen. — Es genügt zu sagen, daß die Kleine Georgs Lie¬ besbetheurungen so aufnahm, wie er es nur wünschen konnte, und daß die verhängnißvolle Minute im Win¬ kel des Leuwenhöck'schen Saals ein Liebesverhältniß gebahr, das den guten Herrn Georg Pepusch erst in den Himmel, dann aber der Abwechselung wegen in die Hölle versetzte. War nämlich Pepusch melancho¬ lischen Temperaments und dabei mürrisch und argwöh¬ nisch, so konnt' es nicht fehlen, daß Dörtje's Betra¬ gen ihm Anlaß gab zu mancher Eifersüchtelei. Gerade diese Eifersüchtelei reizte aber Dörtje's etwas schalki¬ schen Humor und es war ihre Lust, den armen Herrn Georg Pepusch auf die sinnreichste Weise zu quälen. Da nun aber jedes Ding nur bis zu einer gewissen Spitze getrieben werden kann, so kam es denn auch zuletzt bei Pepusch zum Ausbruch des lang verhalte¬ nen Ingrimms. Er sprach nämlich einmal gerade von jener wunderbaren Zeit, da er als Distel Zeherit die schöne Holländerin, die damals die Tochter des Kö¬ nigs Sekakis gewesen, so innig geliebt und gedachte mit aller Begeisterung der innigsten Liebe, daß eben jenes Verhältniß, der Kampf mit dem Egelkönig ihm schon das unbestrittendste Recht auf Dörtjes Hand ge¬ geben. Dörtje Elverdink versicherte, wie sie sich jener Zeit, jenes Verhältnisses gar wohl erinnere, und die Ahnung davon zuerst wieder in ihre Seele gekommen, als Pepusch sie mit dem Distelblick angeschaut. Die Kleine wußte so anmuthig von diesen wunderbaren Dingen zu reden, sie that so begeistert von der Liebe zu der Distel Zeherit, die dazu bestimmt gewesen in Jena zu studiren und dann in Berlin die Prinzessin Gamaheh wieder zu finden, daß Herr Georg Pepusch im Eldorado alles Entzückens zu seyn glaubte. — Das Liebespaar stand am Fenster und die Kleine litt es, daß der verliebte George den Arm um sie schlug. In dieser ver¬ traulichen Stellung kosten sie mit einander, denn zum Gekose wurde das träumerische Reden von den Wun¬ dern in Famagusta. Da begab es sich, daß ein sehr hübscher Offizier von den Garde-Husaren, in funkel¬ nagelneuer Uniform vorüberging und die Kleine, die er aus den Abendgesellschaften kannte, sehr freundlich grüßte. Dörtje hatte die Augen halb geschlossen und das Köpfchen abgewendet von der Straße; man hätte denken sollen, daß es ihr unmöglich seyn müßte, den Offizier zu gewahren, aber mächtig ist der Zauber einer neuen glänzenden Uniform! Die Kleine, viel¬ leicht schon erregt durch das bedeutungsvolle Klappern des Säbels auf dem Steinpflaster, öffnete die Aeuge¬ lein hell und klar, wand sich aus Georgs Arm, riß das Fenster auf, warf dem Offizier ein Kußhändchen zu, und schaute ihm nach bis er um die Ecke ver¬ schwunden. »Gamaheh,» schrie die Distel Zeherit ganz außer sich, »Gamaheh, was ist das? — spottest du mei¬ ner? Ist das die Treue die du deiner Distel ange¬ lobt?» — Die Kleine drehte sich auf dem Absatz herum, schlug ein helles Gelächter auf und rief: »Geht, geht, George! Bin ich die Tochter des wür¬ digen alten Königs Sekakis, seyd Ihr die Distel Ze¬ herit, so ist jener allerliebste Offizier der Genius The¬ tel der mir eigentlich viel besser gefällt, wie die traurige stachligte Distel. — Damit sprang die Holländerin fort durch die Thüre, Georg Pepusch gerieth aber wie man denken kann, sofort in Wuth und Verzweiflung und rannte wild die Treppe hinab, zum Hause hin¬ aus, als hetzten ihn tausend Teufel. Das Geschick wollt' es, daß Georg einem Freunde begegnete der in einer Postkalesche saß und fort wollte. »Halt, ich reise mit Euch!» So rief die Distel Zeherit, flog schnell nach Hause, zog einen Ueberrock an, steckte Geld ein, gab den Stubenschlüssel der Wirthin, setzte sich in die Kalesche hinein und fuhr mit dem Freunde von dannen. Unerachtet dieser feindseligen Trennung war aber die Liebe zur schönen Holländerin in Georgs Brust ganz und gar nicht erloschen, und eben so wenig konnte er sich entschließen, die gerechten Ansprüche aufzugeben, die er als Distel Zeherit auf Gamahehs Hand und Herz zu haben glaubte. Er erneuerte daher diese An¬ sprüche als er nach etlichen Jahren wiederum im Haag mit Leuwenhöck zusammentraf und wie eifrig er sie auch in Frankfurt verfolgte, hat der geneigte Leser bereits erfahren. — — Ganz trostlos rannte Herr George Pepusch in der Nacht durch die Gassen, als der flackernde unge¬ wöhnlich helle Schein eines Lichts, der durch die Spalte eines Fensterladen im untern Stock eines an¬ sehnlichen Hauses auf die Straße fiel, seine Aufmerk¬ samkeit erregte. Er glaubte, es müsse in der Stube brennen und schwang sich daher am Gitterwerk hinauf, um in die Stube zu schauen. Gränzenlos war aber sein Erstaunen, über das, was er erblickte. Ein helles lustiges Feuer loderte in dem Kamin, der dem Fenster gerade über gelegen; vor diesem Ka¬ min saß oder lag vielmehr in einem breiten altväteri¬ schen Lehnstuhl die kleine Holländerin, geputzt wie ein Engel. Sie schien zu schlummern, während ein sehr alter ausgetrockneter Mann vor dem Feuer kniete und Brill auf der Nase in einen Topf kuckte, in dem wahrscheinlich irgend ein Getränk kochte. Pepusch wollte sich noch höher hinaufschwingen, um besser die Gruppe ins Auge zu fassen, fühlte sich indessen bei den Beinen gepackt und mit Gewalt heruntergezogen. Eine barsche Stimme rief: »Seht' mal den Spitz¬ buben, das wäre mir recht. — Fort Patron ins Hundeloch!» — Es war der Nachtwächter, der Ge¬ orgen bemerkt hatte, wie er an das Fenster hinan¬ klimmte und nichts anders vermuthen konnte, als daß er einbrechen wolle ins Haus. Aller Protestationen unerachtet wurde Herr George Pepusch von dem Wächter, dem die herbeieilende Patrouille zu Hülfe geeilt war, fortgeschleppt, und auf diese Weise en¬ dete seine nächtliche Wanderung fröhlich in der Wacht¬ stube. — 6 Drittes Abentheuer. Erscheinung eines kleinen Ungeheuers. Fernere Erläuterungen über die Schicksale der Prinzessin Gamaheh. Merkwürdiges Freundschaftsbündniß, welches Herr Peregrinus Tyß eingeht und Aufschluß, wer der alte Herr ist, der in seinem Hause zur Miethe wohnt. Sehr wunderbare Wirkung eines ziemlich kleinen mikroskopischen Glases. Unvermuthete Verhaftung des Helden der Geschichte. W er solche Dinge an einem Abende erfahren hat, wie Herr Peregrinus Tyß, ja, wer sich in solcher Stimmung befindet als er, kann ganz unmöglich gut schlafen. Unruhig wälzte Herr Peregrinus sich auf seinem Lager, und wenn er in das Deliriren gerieth, das dem Schlaf vorherzugehen pflegt, so hatte er wie¬ der das kleine holde Wesen in den Armen und fühlte heiße glühende Küße auf seinen Lippen. — Dann fuhr er auf und glaubte noch wachend Alinens liebliche Stimme zu hören. In brünstiger Sehnsucht wünschte er, sie möge nicht entflohen seyn und doch fürchtete er wieder, sie werde gleich hineintreten und ihn ver¬ stricken in ein unauflösliches Netz. Dieser Kampf widersprechender Gefühle beklemmte seine Brust und erfüllte sie zugleich mit süßer nie gekannter Angst. »Schlaft nicht Peregrinus, schlaft nicht edler Mann, ich muß augenblicklich mit Euch reden!» So lispelte es dicht vor Peregrinus und immerfort, »schlaft nicht! schlaft nicht!» bis er endlich die Au¬ gen aufschlug die er geschlossen, nur um die holde Aline deutlicher zu sehen. In dem Schimmer der Nachtlampe gewahrte er ein kleines, kaum spannlanges Ungeheuer, das auf seiner weißen Bettdecke saß und vor dem er sich im ersten Augenblick entsetzte, dann griff er aber mu¬ thig mit der Hand darnach, um sich zu überzeugen, ob seine Fantasie ihn nicht täusche. Doch sogleich war das kleine Ungeheuer spurlos verschwunden. Konnte die genaue Portraitirung der schönen Aline, Dörtje Elverdink oder Prinzessin Gamaheh — denn daß eine und dieselbe Person sich nur scheinbar in drei Personen zerspaltet, weiß der geneigte Leser schon längst — füglich unterbleiben, so ist dagegen es durchaus nöthig, ganz genau das kleine Ungeheuer zu beschreiben, das auf der Bettdecke saß und dem Herrn Peregrinus einiges Entsetzen verursachte. Wie schon erwähnt, war die Kreatur kaum eine Spanne lang; in dem Vogelkopf stacken ein Paar 6 * runde glänzende Augen und aus dem Sperlingsschna¬ bel starrte noch ein langes spitzes Ding, wie ein dün¬ nes Rappier hervor, dicht über dem Schnabel streckten sich zwei Hörner aus der Stirne. Der Hals begann dicht unter dem Kopf auch vogelartig, wurde aber im¬ mer dicker, so daß er ohne Unterbrechung der Form zum unförmlichen Leibe wuchs, der beinahe die Gestalt einer Haselnuß hatte, und mit dunkelbraunen Schup¬ pen bedeckt schien, wie der Armadillo. Das wunder¬ lichste und seltsamste war aber wohl die Gestaltung der Arme und Beine. Die ersteren hatten zwei Gelenke und wurzelten in den beiden Backen der Kreatur dicht bei dem Schnabel. Gleich unter diesen Armen befand sich ein Paar Füße und denn weiterhin noch ein Paar, beide zweigelenkig, wie die Arme. Diese letzten Füße schienen aber diejenigen zu seyn, auf deren Tüchtig¬ keit die Kreatur sich eigentlich verließ, denn außerdem daß diese Füße merklich länger und stärker waren als die andern, so trug die Kreatur auch an denselben sehr schöne goldne Stiefel mit diamantnen Sporen. War nun, wiegesagt, das kleine Ungeheuer spur¬ los verschwunden, so wie Peregrinus darnach faßte, so hätte er gewiß alles für Täuschung seiner aufgereg¬ ten Sinne gehalten, wäre nicht gleich unten in der Ecke des Bettes eine leise Stimme hörbar geworden, die sich also vernehmen ließ: Mein Himmel Peregrinus Tyß, sollte ich mich in Euch geirrt haben? Ihr han¬ »deltet gestern an mir so edel, und jetzt, da ich Euch »meine Dankbarkeit beweisen will, greift Ihr nach mir »mit mörderischer Hand? — Doch vielleicht misfiel »Euch meine Gestalt, und ich that verkehrtes, mich »Euch mikroskopisch zu zeigen, damit Ihr mich nur »gewiß bemerken solltet, welches nicht so leicht ist, »als Ihr wohl denken möchtet. Eben so wie vorher »sitze ich jetzt auf Eurer weißen Bettdecke, und Ihr »seht mich doch ganz und gar nicht. Nehmt's nicht »übel, Peregrinus, aber Eure Sehnerven sind wahr¬ »lich ein wenig zu grob für meine schlanke Taille. »Doch versprecht mir nur, daß ich bei Euch sicher bin »und daß Ihr nichts feindseliges gegen mich unterneh¬ »men wollt, so werde ich Euch näher kommen und »manches erzählen, was zu erfahren Euch eben nicht »Unrecht seyn wird. »Sagt mir,» erwiederte Peregrinus Tyß der Stimme, »sagt mir nur erst wer Ihr seyd, guter »unbekannter Freund, das übrige wird sich denn wohl »finden. Versichern kann ich Euch indessen zum Vor¬ »aus, daß irgend feindseliges gar nicht in meiner Na¬ »tur ist und daß ich fortfahren werde gegen Euch edel »zu handeln, wiewohl ich zur Zeit gar nicht begreifen »kann, auf welche Weise ich schon jetzt Euch meinen »Edelmuth bewiesen haben sollte. Bewahrt aber doch »nur immer Euer Inkognito, denn Euer Anblick ist »eben nicht anmuthig. »Ihr seyd,» sprach die Stimme weiter, nachdem sie sich ein wenig ausgeräuspert, »Ihr seyd, ich wie¬ »derhole es mit Vergnügen, ein edler Mann, Herr »Peregrinus, aber nicht sonderlich tief eingedrungen »in die Wissenschaft und überhaupt ein wenig uner¬ »fahren, sonst hättet Ihr mich erkannt auf den ersten »Blick. — Ich könnte ein wenig prahlerisch reden, ich »könnte sagen, daß ich einer der mächtigsten Könige »sey und über viele, viele Millionen herrsche. Aus »angeborner Bescheidenheit und weil auch am Ende »der Ausdruck: König! nicht recht paßlich, will ich es »aber unterlassen. — In dem Volk, an dessen Spitze »zu stehen ich die Ehre habe, herrscht nämlich eine »republikanische Verfassung. Ein Senat, der höch¬ »stens aus Fünf und vierzig tausend neun hundert »und neun und neunzig Mitgliedern bestehen darf, »der leichteren Uebersicht beim Votiren halber, vertritt »die Stelle des Regenten, wer aber an der Spitze »dieses Senats steht, führt, weil er in allen Din¬ »gen des Lebens zur Meisterschaft gelangt seyn muß, »wirklich den Namen: Meister! — Ohne weitere »Umschweife will ich es Euch denn nun entdecken, »daß ich, der ich hier mit Euch spreche, ohne daß »Ihr mich gewahrt, kein anderer bin, als der Mei¬ »ster Floh. — Daß Ihr mein Volk kennet, daran »will ich nicht im mindesten zweifeln, denn gewiß »habt Ihr, würdiger Herr! schon so manchen von »meinem Volk mit Euerm eignen Blut erfrischt und »gestärkt. Bekannt muß es darum Euch wenigstens »wohl seyn, daß mein Volk von einem beinahe un¬ »zähmbaren Freiheitssinn beseelt ist und recht eigentlich »aus lauter leichtsinnigen Springinsfelden besteht, die »geneigt sind, sich jeder soliden Gestaltung zu entzie¬ »hen durch fortwährendes Hüpfen. Was für ein Ta¬ »lent dazu gehört, von einem solchen Volk Meister »zu seyn, werdet Ihr einsehen, Herr Peregrinus, »und schon deßhalb die gehörige Ehrfurcht vor mir »haben. Versichert mir das, Herr Peregrinus, ehe »ich weiter rede.» — Einige Augenblicke hindurch war es dem Herrn Peregrinus Tyß, als drehe sich in seinem Kopf ein großes Mühlrad von brausenden Wellen getrieben. Dann wurde er aber ruhiger und es wollte ihn bedün¬ ken, daß die Erscheinung der fremden Dame bei dem Buchbinder Lämmerhirt eben so wunderbar, als das was sich jetzt begebe, und dieß vielleicht eben nur die richtige Fortsetzung der seltsamsten Geschichte sey, in die er verflochten. Herr Peregrinus erklärte dem Meister Floh, daß er ihn schon jetzt seiner seltenen Gaben halber ganz ungemein verehre, und daß er um so begieriger sey, mehr von ihm zu erfahren, als seine Stimme sehr wohlklinge und eine gewisse Zartheit in der Rede sei¬ nen feinen, zierlichen Körperbau verrathe. »Sehr,» fuhr Meister Floh fort, »sehr danke »ich Euch, bester Herr Tyß, für Eure gute Gesin¬ »nung und hoffe Euch bald zu überzeugen, daß Ihr »Euch in mir nicht geirrt habt. — Damit Ihr er¬ »fahrt, bester Mann! welchen Dienst Ihr mir er¬ »wiesen habt, ist es indessen nöthig, Euch meine »vollständige Biographie mitzutheilen. — Vernehmt »also! — Mein Vater war der berühmte — doch! »eben fällt mir ein, daß Lesern und Hörern die schöne »Gabe der Geduld merklich ausgegangen ist, und daß »ausführliche Lebensbeschreibungen, sonst am mehrsten »geliebt, jetzt verabscheut werden. Ich will daher »stets gründlich zu seyn nur flüchtig und episodisch »dasjenige berühren, was auf meinen Aufenthalt bei »Euch sich zunächst bezieht. Schon weil ich wirklich Mei¬ »ster Floh bin, müßt Ihr, theurer Herr Peregrinus »in mir einen Mann von der umfangreichsten Erudi¬ »tion, von der tiefsten Erfahrung in allen Zweigen »des Wissens erkennen. Doch! — nicht messen könnt »Ihr den Grad meiner Wissenschaft nach Euerm »Maaßstabe, da Euch die wunderbare Welt unbekannt »ist in der ich mit meinem Volk lebe. In welches »Erstaunen würdet Ihr gerathen, wenn Euer Sinn »erschlossen werden sollte für diese Welt, die Euch das »seltsamste unbegreiflichste Zauberreich dünken würde. »Eben daher möget Ihr es auch gar nicht befremdlich »finden, wenn alles, was aus jener Welt herstammt, »Euch vorkommen wird, wie ein verwirrtes Mär¬ »chen, das ein müßiges Gehirrn ausgebrütet. Laßt »Euch aber dadurch nicht irre machen, sondern traut »meinen Worten. — Seht, mein Volk ist Euch »Menschen in manchen Dingen weit überlegen z. B. »was Durchschauen der Geheimnisse der Natur, »Stärke, Gewandheit, geistige und körperliche Ge¬ »wandheit betrifft. Doch auch wir haben Leidenschaf¬ »ten und diese sind, so wie bei Euch, gar oft die »Quelle vieles Ungemachs, ja gänzlichen Verderbens. »So war auch ich von meinem Volk geliebt, ja an¬ »gebetet, mein Meisterthum hätte mich auf die höchste »Stufe des Glücks bringen können, verblendete mich »nicht eine unglückliche Leidenschaft zu einer Person, »die mich ganz und gar beherrschte ohne jemals meine »Gattin werden zu können. Man wirft überhaupt »unserm Geschlecht eine ganz besondere, die Schran¬ »ken des Anstandes überschreitende Vorliebe für das »schöne Geschlecht vor. Mag dieser Vorwurf auch »gegründet seyn, so weiß auf der andern Seite je¬ »der — Doch! — ohne weitere Umschweife! — »Ich sah des Königs Sekakis Tochter, die schöne Ga¬ »maheh und wurde augenblicklich so entsetzlich verliebt »in sie, daß ich mein Volk, mich selbst vergaß und »nur in der Wonne lebte, auf dem schönsten Hal¬ »se, auf dem schönsten Busen umherzuhüpfen und »die Holde mit süßen Küßen zu kitzeln. Oft haschte »sie mit den Rosenfingern nach mir, ohne mich je¬ »mals fangen zu können. Dieß dünkte mir anmu¬ »thiges Kosen, liebliche Tändelei beglückter Liebe! — »Wie thörigt ist der Sinn eines Verliebten, ist die¬ »ser auch selbst der Meister Floh. — Es genügt zu sa¬ »gen, daß die arme Gamaheh von dem häßlichen »Egelprinzen überfallen wurde, der sie zu Tode küßte; »mir wär' es aber gelungen die Geliebte zu retten, »hätte sich nicht ein einfältiger Prahlhans und ein »ungeschickter Tölpel ohne Beruf in die Sache ge¬ »mischt und alles verdorben. Der Prahlhans war »aber die Distel Zeherit und der Tölpel der Genius »Thetel. — Als sich der Genius Thetel mit der ent¬ »schlummerten Prinzessin in die Lüfte erhob, klam¬ »merte ich mich fest an die Brüßler Kanten, die sie »gerade um den Hals trug und war so Gamaheh's »treuer Reisegefährte ohne von dem Genius bemerkt »zu werden. Es geschah, daß wir über zwei Ma¬ »gier wegflogen, die auf einem hohen Thurm gerade »den Lauf der Gestirne beobachteten. Da richtete der »eine dieser Magier sein Glas so scharf auf mich, daß »ich schier von dem Schein des magischen Instru¬ »ments geblendet wurde. Mich überfiel ein starker »Schwindel, vergebens suchte ich mich festzuhalten, »ich stürzte rettungslos hinab aus der entsetzlichen »Höhe, fiel dem beobachtenden Magier gerade auf »die Nase, nur meine Leichtigkeit, meine außeror¬ »dentliche Gewandheit erhielt mich am Leben.» »Noch war ich zu betäubt um von des Magiers »Nase herabzuhüpfen und mich ganz in Sicherheit zu »setzen, als der Unhold, der verrätherische Leuwen¬ »höck (der war der Magier) mich geschickt mit den »Fingern erhaschte und sogleich in ein Rußwurmsches »Universal-Mikroskop setzte. Unerachtet es Nacht »war und er daher die Lampe anzünden mußte, war »er doch ein viel zu geübter Beobachter und viel zu »tief eingedrungen in die Wissenschaft, um nicht so¬ »gleich mich als den Meister Floh zu erkennen. Hoch »erfreut, daß ein glücklicher Zufall ihm diesen vor¬ »nehmen Gefangenen in die Hände gespielt, entschlos¬ »sen, allen Vortheil daraus zu ziehen, der nur mög¬ »lich, schlug er mich Aermsten in Ketten und so be¬ »gann eine quaalvolle Gefangenschaft, aus der ich »durch Euch, Herr Peregrinus Tyß, erst gestern Vor¬ »mittags befreit wurde. — Mein Besitz gab dem fa¬ »talen Leuwenhöck volle Macht über meine Vasallen, »die er bald schaarenweise um sich her versammelte »und mit barbarischer Härte eine sogenannte Cultur »einführte, die uns bald um alle Freiheit, um allen »Genuß des Lebens brachte. Was die Schulstudien »und überhaupt die Wissenschaften und Künste be¬ »trifft, so fand Leuwenhöck gar bald zu seinem Er¬ »staunen und Aerger, daß wir beinahe gelehrter wa¬ »ren, als er selbst; die höhere Cultur die er uns »aufzwang, bestand aber vorzüglich darin, daß wir »durchaus was werden, wenigstens was vorstellen »mußten. Eben dieses Was werden, dieses Was vor¬ »stellen, führte eine Menge Bedürfnisse herbei, die »wir sonst gar nicht gekannt hatten und die wir nun »im Schweiß unseres Angesichts erringen mußten. »Zu Staatsmännern, Kriegsleuten, Professoren und »was weiß ich Alles, schuf uns der grausame Leu¬ »wenhöck um. Diese mußten einhertreten in der »Tracht des verschiedenen Standes, mußten Waffen »tragen u. s. w. So entstanden aber unter uns »Schneider, Schuster, Friseurs, Sticker, Knopf¬ »macher, Waffenschmiede, Gürtler, Schwerdtfeger, »Stellmacher und eine Menge anderer Professionisten, »die nur arbeiteten um einen unnöthigen, verderblichen »Luxus zu befördern. Am allerschlimmsten war es, »daß Leuwenhöck nichts im Auge hatte, als seinen »eignen Vortheil, daß er uns cultivirte Leute den »Menschen zeigte und sich Geld dafür bezahlen ließ. »Ueberdieß aber kam unsere Cultur ganz auf seine »Rechnung und er erhielt die Lobsprüche, die uns »allein gebührten. Recht gut wußte Leuwenhöck, »daß mit meinem Verlust auch seine Herrschaft über »mein Volk ein Ende hatte, um so fester verschlang er »daher den Zauber, der mich an ihn bannte und um »so quälender war meine unglückliche Gefangen¬ »schaft. — Mit heißer Sehnsucht dachte ich an die »holde Gamaheh und sann auf Mittel, Nachricht von »ihrem Schicksal zu erhalten. — Was aber der »schärfste Verstand nicht zu ersinnen vermochte, das »führte die Gunst des Zufalls von selbst herbei. — »Meines Magiers Freund und Bundesgenosse, der »alte Swammerdamm hatte die Prinzessin Gama¬ »heh in dem Blumenstaube einer Tulpe entdeckt und »diese Entdeckung dem Freunde mitgetheilt. Durch »Mittel, die ich Euch, guter Herr Peregrinus Tyß »weiter zu entwickeln unterlasse, da ihr nicht sonder¬ »lich viel davon verstehen würdet, gelang es dem Herrn, »der Prinzessin natürliche Gestalt wieder herzustellen »und sie ins Leben zurückzurufen. Am Ende waren »aber doch beide hochweise Herren eben so ungeschickte »Tölpel als der Genius Thetel und die Distel Zeherit. »Sie hatten nämlich im Eifer die Hauptsache ver¬ »gessen und so kam es, daß die Prinzessin in dem¬ »selben Augenblick, als sie zum Leben erwacht, wie¬ »derum todt niedersinken wollte. Ich allein wußte »woran es lag, die Liebe zur schönen Gamaheh, die »in meiner Brust emporgelodert stärker als jemals, »gab mir Riesenkraft; ich zerriß meine Ketten, ich »sprang mit einem mächtigen Satz der Holden auf »die Schulter — nur ein einziger kleiner Stich gnügte »das stockende Blut in Wallung zu setzen. Sie leb¬ »te! — Nun muß ich Euch aber sagen, Herr Pere¬ »grinus Tyß, daß dieser Stich wiederholt werden »muß, wenn die Prinzessin in Schönheit und Jugend »fortblühen soll; sie würde entgegengesetzten Falls in »wenigen Monaten zusammenschrumpfen zum alten »abgelebten Mütterlein. Deshalb bin ich ihr, das »werdet Ihr einsehen, ganz unentbehrlich und nur »aus der Furcht, mich zu verlieren, läßt sich der schwarze »Undank erklären, mit dem Gamaheh meine Liebe »lohnte. Sie lieferte mich nämlich ohne Weiteres »dem abscheulichen Quälgeist, dem Leuwenhöck aus, »der mich in stärkere Feßeln schlug, als ich sie je ge¬ »tragen, jedoch zu seinem eignen Verderben. — Trotz »aller Vorsicht des alten Leuwenhöck und der schönen »Gamaheh gelang es mir endlich dennoch, in einer »unbewachten Stunde aus meinem Kerker zu ent¬ »springen. Hinderten mich auch die schweren Rei¬ »terstiefel, die ich nicht Zeit hatte von den Füßen »abzustreifen, sehr an der Flucht, so kam ich doch »glücklich bis in die Bude des Spielsachenkrämers bei »dem Ihr Waaren einkauftet. Nicht lange dauerte »es, so trat, zu meinem nicht geringen Schreck, »auch Gamaheh in den Laden. Ich hielt mich für »verloren, Ihr allein konntet mich retten, edler Herr »Peregrinus; ich klagte Euch leise meine Noth und »Ihr wart gütig genug, mir eine Schachtel zu öffnen, »in die ich schnell hineinhüpfte und die Ihr dann eben »so schnell mit Euch nahmet; Gamaheh suchte mich »vergebens und erfuhr erst viel später, wie und »wohin ich geflüchtet. So wie ich in Freiheit war, »hatte Leuwenhöck auch die Macht über mein Völk¬ »lein verloren. Alle befreiten sich, entschlüpften und »ließen dem Tyrannen zum Hohn Pfefferkörner, »Obstkerne u. d. m. in den Kleidern stecken. Noch¬ »mals meinen herzlichen Dank, guter edler Herr »Peregrinus, für die große Wohlthat, die Ihr »mir erzeigt habt und die ich zu schätzen weiß wie »keiner. Erlaubt, daß ich mich als ein freier Mann »wenige Zeit bei Euch aufhalte; ich kann Euch in »manchen recht wichtigen Angelegenheiten Eures Le¬ »bens so nützlich seyn, als Ihr es kaum denken möget. »Zwar könnte es für gefährlich zu achten seyn, daß »Ihr in heftiger Liebe entbrannt seyd zu dem holden »Wesen —» »Was sagt Ihr,» unterbrach Peregrinus den kleinen Unsichtbaren, »was sagt Ihr Meister, ich — » ich entbrannt in Liebe?» »Es ist nicht anders, fuhr Meister Floh fort, »denkt Euch mein Entsetzen, meine Angst, als Ihr »gestern eintratet mit der Prinzessin in den Armen, »ganz erhitzt von wilder Leidenschaft; als sie alle Ver¬ »führungskünste anwandte, die ihr leider nur zu sehr »zu Gebote stehen, um Euch zu meiner Auslieferung »zu bewegen! — Doch! erst da erkannte ich Eure »Großmuth in ganzem Umfange, als Ihr standhaft »bliebt, als Ihr geschickt so thatet, als wüßtet Ihr »gar nichts von meinem Aufenthalt bei Euch, als »verständet Ihr gar nicht, was die Prinzessin eigent¬ »lich von Euch verlange.» — »Das,» unterbrach Peregrinus den Meister Floh aufs neue, »das war ja aber auch in der That »der Fall. Ihr rechnet mir, lieber Meister Floh, »Dinge als Verdienst an, die ich gar nicht geahnt »habe. Weder Euch, noch das hübsche Frauenzim¬ »mer das mich aufsuchte bei dem Buchbinder Läm¬ »merhirt und das Ihr seltsamer Weise Prinzessin Ga¬ »maheh zu nennen beliebt, habe ich in der Bude ge¬ »wahrt, wo ich Spielsachen einkaufte. Ganz unbe¬ »kannt war es mir, daß unter den Schachteln die »ich mitnahm und in welchen ich bleierne Soldaten »und eben solche Jagden vermuthete, sich eine leere »befand, in der Ihr saßet, und wie in aller Welt »hätte ich es errathen können, daß Ihr der Gefan¬ »gene wart, den das anmuthige Kind so stürmisch »verlangte. Seyd nicht wunderlich, Meister Floh, und »laßt Euch Dinge träumen, von denen keine Ah¬ »nung in meiner Seele liegt. »Ihr wollt,» erwiederte Meister Floh, »meinen »Danksagungen ausweichen auf geschickte Weise, gu¬ »ter Herr Peregrinus! und dieß gibt mir zu großem »Trost auf's neue den lebhaften Beweis Eurer un¬ »eigennützigen Denkungsart. — Wißt, edler Mann! 7 »daß Leuwenhöcks, Gamaheh's Bemühungen, mich »wieder zu erhaschen ganz vergeblich bleiben, so lange »Ihr mir Euern Schutz gewährt. Freiwillig müßt »Ihr mich meinen Peinigern übergeben, alle andere »Mittel sind fruchtlos. Herr Peregrinus Tyß! Ihr »seyd verliebt. —» »O sprecht, »fiel Peregrinus dem Meister ins Wort, »o sprecht doch nur nicht so! — Nennt Liebe »nicht eine augenblickliche thörichte Aufwallung, die »schon jetzt vorüber ist! —» Herr Peregrinus fühlte, daß Glutröthe ihm ins Antlitz stieg und ihn Lügen strafte. Er kroch unters Deckbette. »Es ist,» fuhr Meister Floh fort, »es ist gar »nicht zu verwundern, daß auch Ihr dem wunderba¬ »ren Liebreiz der Prinzessin Gamaheh nicht widerstehen »konntet, zumal sie manche gefährliche Kunst an¬ »wandte Euch zu fangen. Der Sturm ist noch nicht »vorüber. Manches Zaubermittel, wie es auch wohl »andern anmuthigen Weibern, die nicht gerade die »Prinzessin Gamaheh sind, zu Gebote steht, wird »die kleine Boshafte noch aufbieten, um Euch in ihr »Liebesnetz zu verstricken. Sie wird sich Eurer so »ganz zu bemächtigen suchen, daß Ihr nur für sie, »für ihre Wünsche leben sollt, und dann — weh »mir! — Es wird darauf ankommen, ob Euer Edel¬ »muth stark genug ist, Eure Leidenschaft zu besiegen, »ob Ihr es vorziehen werdet, Gamaheh's Wünschen »nachzugeben und nicht allein Euern Schützling, son¬ »dern das arme Völklein, welches Ihr niedriger »Knechtschaft entrissen, aufs neue ins Elend zu stürzen, »oder der bösen falschen Verlockung eines verführeri¬ »schen Wesens zu widerstehen und so mein und mei¬ »nes Volkes Glück zu begründen. — O daß Ihr mir »das Letztere versprechen wolltet — könntet! —» »Meister,» antwortete Herr Peregrinus, indem er die Bettdecke vom Gesichte wegzog, »lieber Mei¬ »ster, Ihr habt Recht, nichts ist gefährlicher als »die Verlockung der Weiber; sie sind alle falsch, bos¬ »haft, sie spielen mit uns wie die Katze mit der »Maus und für unsere zärtlichsten Bemühungen ernd¬ »ten wir nichts ein als Spott und Hohn. Deshalb »stand mir auch sonst der kalte Todesschweiß auf der »Stirne, so wie sich nur ein weibliches Wesen nahte »und ich glaube selbst, daß mit der schönen Aline oder »wie Ihr wollt, mit der Prinzessin Gamaheh es eine »besondere Bewandniß haben muß, unerachtet ich »Alles was Ihr mir erzählt habt, mit meinem schlich¬ »ten gesunden Menschenverstande gar nicht begreifen »kann und es mir vielmehr zu Muthe ist, als läge 7 * »ich in wirren Träumen oder läse in Tausend und »Einer Nacht. — Doch, mag dem seyn wie ihm »wolle, Ihr habt Euch einmal in meinen Schutz »begeben, lieber Meister, und nichts soll mich vermögen, »Euch Euern Feinden auszuliefern, die verführerische »Dirne will ich gar nicht wiedersehen. Ich verspreche »das feierlich und würde Euch die Hand darauf rei¬ »chen, hättet Ihr eine dergleichen, die meine zu er¬ »fassen und meinen ehrlichen Druck zu erwiedern.» — Damit streckte Herr Peregrinus seinen Arm weit aus über die Bettdecke. »Nun,» sprach der kleine Unsichtbare, »nun bin »ich ganz getröstet, ganz beruhigt. Habe ich auch »keine Hand Euch darzureichen, so erlaubt wenigstens, »daß ich Euch in den rechten Daumen steche, theils »um Euch meine innige Freude zu bezeugen, theils »um unser Freundschaftsbündniß noch fester zu be¬ »siegeln.» Herr Peregrinus fühlte auch in dem Augenblick an dem Daumen der rechten Hand einen Stich, der so empfindlich schmerzte, daß er nur von dem ersten Meister aller Flöhe herrühren konnte. »Ihr stecht,» rief Peregrinus, »ihr stecht ja wie »ein kleiner Teufel. Nehmt das,» erwiederte Meister Floh, »für ein lebhaftes Zeichen meiner biedern gu¬ »ten Gesinnung. Doch billig ist es, daß ich als »Pfand meiner Dankbarkeit Euch eine Gabe zukommen »lasse, die zu den außerordentlichsten gehört, was »die Kunst jemals hervorgebracht hat. Es ist nichts »anders als ein Mikroskop, welches ein sehr geschick¬ »ter, kunstvoller Optiker aus meinem Volk verfer¬ »tigte, als er noch in Leuwenhöcks Dienste war. »Euch wird das Instrument etwas subtil vorkommen, »denn in der That ist es wohl an einhundert zwan¬ »zigmal kleiner als ein Sandkorn, aber der Gebrauch »läßt keine sonderliche Größe zu. Ich setze das Glas »nämlich in die Pupille Eures linken Auges und die¬ »ses Auge wird dann mikroskopisch. — Die Wir¬ »kung soll Euch überraschen, ich will daher für jetzt dar¬ »über schweigen und Euch nur bitten, daß Ihr mir er¬ »laubt, die Operation vorzunehmen, dann, wenn »ich überzeugt bin, daß Euch das mikroskopische Au¬ »ge große Dienste leisten muß. Und nun schlaft »wohl, Herr Peregrinus, Euch ist noch einige Ruhe »vonnöthen.» Peregrinus schlief nun wirklich ein und erwachte erst am hellen Morgen. Er vernahm das wohlbekannte Kratzen des Be¬ sens der alten Aline, die das Nebenzimmer auskehrte. Ein kleines Kind, das sich irgend einer Unart be¬ wußt, kann sich nicht so vor der Ruthe der Mutter fürchten, als Herr Peregrinus sich fürchtete vor den Vorwürfen des alten Weibes. Leise trat die Alte end¬ lich hinein mit dem Kaffee. Herr Peregrinus schielte durch die Bettgardinen, die er zugezogen, und war nicht wenig über den hellen Sonnenschein verwundert, der auf dem Gesicht der Alten ausgebreitet lag. »Schlafen Sie noch, lieber Herr Tyß?» so fragte die Alte mit dem süßesten Ton, der in ihrer Kehle liegen mochte. Peregrinus erwiederte ganz ermuthigt eben so liebreich: »Nein, liebe Aline; setze sie nur das Früh¬ stück auf den Tisch, ich steige gleich aus dem Bette.» Als Peregrinus nun aber wirklich aufstand; war es ihm als wehe der süße Athem des lieblichen Ge¬ schöpfs, das in seinen Armen lag, durch das Zim¬ mer; es wurde ihm so heimisch und dabei so ängstlich zu Muthe; er hätte um alles in der Welt wissen mö¬ gen, was aus dem Geheimniß seiner Liebe geworden; denn wie dieß Geheimniß selbst, war ja das aller¬ liebste Wesen erschienen und verschwunden. Während Herr Peregrinus vergeblich versuchte Kaffee zu trinken und Weisbrod zu genießen, da ihm jeder Bissen im Munde quoll, trat die Alte hinein und machte sich dieß und das zu schaffen, während sie vor sich hin murmelte: Wundersam! — Unglaub¬ lich! — Was man nicht alles erlebt! — Wer hätte das gedacht! — Peregrinus, der es vor Herzklopfen nicht länger aushalten konnte, fragte: »Was ist denn wunder¬ sam, liebe Aline?» »Allerlei, allerlei!» erwiederte die Alte schal¬ kisch lächelnd, indem sie in ihrem Geschäft, das Zim¬ mer aufzuräumen, fortfuhr. — Die Brust wollte dem armen Peregrinus zerspringen und unwillkührlich rief er mit dem Tone der schmerzlichsten Sehnsucht: Ach Aline! »Ja Herr Tyß, hier bin ich, was befehlen Sie? — »So sprach die Alte und stellte sich breit hin vor Peregrinus, als erwarte sie seine Befehle. Peregrinus starrte in das kupfrige abscheulich verzerrte Gesicht der Alten, und alle Scheu brach sich an dem tiefen Unwillen, der ihn plötzlich erfüllte. »Was ist,» so fragte er mit ziemlich barschem Tone, »was ist aus der fremden Dame geworden, »die sich gestern Abend hier befand? — Hat sie ihr »die Hausthüre aufgeschlossen, hat sie, wie ich be¬ »fohlen, für einen Wagen gesorgt? ist die Dame »nach ihrer Wohnung gebracht worden? — »Thüre »aufgeschlossen?» sprach die Alte mit einem fatalen »Grinsen, welches aussehen sollte wie schlaues Lächeln, »Wagen geholt? — Nach Hause gebracht? — War »alles nicht vonnöthen! Die schöne Dame, das aller¬ »liebste Ding, ist im Hause geblieben, befindet sich »noch hier und wird das Haus auch wohl nicht vor »der Hand verlassen.» Peregrinus fuhr auf im freudigen Schreck; die Alte erzählte ihm nun, wie, als die Dame die Treppe auf eine Art herabgesprungen, daß ihr Hören und Sehen vergangen, unten der alte Herr Swam¬ mer in der Thüre seines Zimmers gestanden mit ei¬ nem mächtigen Armleuchter in der Hand. Der alte Herr habe unter vielen Verbeugungen, wie es sonst gar nicht seine Art sey, die Dame in sein Zimmer einge¬ laden, diese sey auch gleich ohne Anstand hineinge¬ schlüpft und Herr Swammer habe dann die Thüre fest verschlossen und verriegelt. Viel zu sonderbar sey ihr doch des menschen¬ scheuen Herrn Swammers Beginnen vorgekommen, um nicht ein wenig an der Thüre zu lauschen und durch das Schlüsselloch zu kucken. Da habe dann Herr Swammer mitten im Zimmer gestanden und so beweglich und klüglich zu der Dame gesprochen, daß ihr, der Alten, die Thränen in die Augen ge¬ kommen, unerachtet sie kein einziges Wort ver¬ stehen können, da Herr Swammers Sprache aus¬ ländisch gewesen. Nichts anders habe sie glauben können, als daß der Herr Swammer sich gemüht, die Dame auf den Weg der Tugend und Gottesfurcht zurückzubringen, denn er sey immer mehr in Eifer gerathen, bis die Dame auf die Knie gesunken und gar demüthig seine Hand geküßt, auch dabei etwas geweint. Sehr freundlich habe aber nun Herr Swam¬ mer die Dame aufgehoben, sie auf die Stirne geküßt, wobei er sich sehr bücken müssen und sie dann zu einem Lehnstuhl geführt. Sehr geschäftig habe Herr Swam¬ mer ein Feuer im Kamin gemacht, ein Gewürz her¬ beigetragen und so viel sie wahrnehmen können einen Glühwein zu kochen begonnen. Unglücklicherweise habe sie, die Alte, jetzt etwas Taback genommen und stark genießt. Da sey es ihr denn durch alle Glieder gefahren und sie wie vernichtet gewesen, als der Herr Swammer den Arm ausgestreckt nach der Thüre und mit einer furchtbaren Stimme, die Mark und Bein durchdrungen, gerufen: hebe dich hinweg, horchender Satan! — Sie wisse gar nicht, wie sie herauf und ins Bett gekommen. Am Morgen als sie die Augen aufgeschlossen, habe sie geglaubt ein Gespenst zu sehen. Denn Herrn Swammer habe sie erblickt vor ihrem Bette in einem schönen Zobelpelz mit gold¬ nen Schnüren und Troddeln, Hut auf dem Kopfe, Stock in der Hand. »Gute Frau Aline, habe Herr Swammer zu »ihr gesprochen, ich muß in wichtigen Geschäften »ausgehen und werde vielleicht erst nach mehreren »Stunden wiederkehren. Sorgen Sie dafür, daß »auf dem Flur des Hauses vor meinem Zimmer kein »Geräusch entstehe oder gar jemand es wage in mein »Gemach eindringen zu wollen. — Eine vornehme »Dame und daß Sie es nur wissen, eine fremde, »reiche, wunderbar schöne Prinzessin hat sich zu mir »geflüchtet. Ich war in früherer Zeit, am Hofe ihres »königlichen Vaters, ihr Informator, deshalb hat »sie Zutrauen zu mir und ich werde und muß sie »schützen wider alle böse Angriffe. Ich sage Ihnen »das Frau Aline, damit Sie der Dame die Ehrfurcht »beweisen, die ihrem Range gebührt. Sie wird, »erlaubt es Herr Tyß, Ihre Bedienung in Anspruch »nehmen und Sie sollen, gute Frau Aline, dafür »königlich belohnt werden, in so fern Sie nehmlich »schweigen können und niemanden den Aufenthalt »der Prinzessin verrathen.» Damit sey Herr Swammer dann schnell fort¬ gegangen. Herr Peregrinus Tyß fragte die Alte, ob es ihr denn nicht gar seltsam vorkomme, daß die Dame, die er, wie er nochmals betheuern könne, bei dem Buchbinder Lämmerhirt in der Kalbächer Straße ge¬ troffen, eine Prinzessin seyn und zu dem alten Herrn Swammer geflüchtet seyn solle. Die Alte meinte indessen, sie traue Herrn Swammers Worten mehr noch, als ihren eignen Augen und glaube daher, daß alles, was sich bei dem Buchbinder Lämmerhirt und hier im Zimmer zugetragen, entweder nur zauberisches Blendwerk gewesen oder daß die Angst, die Verwir¬ rung auf der Flucht, die Prinzessin zu solchem aben¬ theuerlichen Beginnen vermocht. Uebrigens werde sie ja wohl bald alles von der Prinzessin selbst er¬ fahren. »Aber,» sprach Herr Peregrinus weiter, eigent¬ lich nur um das Gespräch über die Dame fortzusetzen, »aber wo ist Ihr Verdacht, die böse Meinung geblie¬ »ben, die Sie gestern von der fremden Dame hegte?» »Ach,» erwiederte die Alte schmunzelnd, »ach das »ist alles vorbei. Man darf ja nur die liebe Dame »recht ansehen, um zu wissen, daß es eine vornehme »Prinzessin ist und dabei so engelsschön, wie nur ei¬ »ne Prinzessin gefunden werden kann. Ich mußte, »als Herr Swammer fortgegangen war, ein wenig »nachsehen, was die gute Dame macht und kuckte durch »das Schlüsselloch. Da lag die Dame ausgestreckt auf »dem Sopha und hatte das Engelsköpfchen auf die »Hand gestützt, so daß die schwarzen Locken durch die »lilienweißen Fingerchen quollen, welches ganz hübsch »aussah. Und gekleidet war die Dame in lauter Sil¬ »berzindel, der den niedlichen Busen, die rundlichen »Aermchen durchschimmern ließ. An den Füßchen trug »sie goldne Pantoffeln. Einer war herabgefallen so »daß man gewahrte wie sie keine Strümpfe angezogen; »das bloße Füßchen kuckte unter dem Kleide hervor und »sie spielte mit den Zehen, welches artig anzusehen »war. — Doch gewiß liegt die Dame unten noch eben »so wie vorher auf dem Sopha und wenn es Ihnen »gefällig ist, lieber Herr Tyß, sich an das Schlüssel¬ »loch zu bemühen, so —» »Was sprichst du,» unterbrach Peregrinus die Alte mit Heftigkeit, »was sprichst du! — soll ich mich hingeben dem verführerischen Anblick, der mich viel¬ leicht hinreißen könnte zu allerlei Thorheiten?» »Muth Peregrinus, widerstehe der Verlok¬ »kung!» so lispelte es dicht bei Peregrinus, der die Stimme des Meister Floh erkannte. Die Alte lächelte geheimnißvoll und sprach, nach¬ dem sie einige Augenblicke geschwiegen: »Ich will »Ihnen nur alles sagen, lieber Herr Tyß, wie mir »die ganze Sache vorkommt. — Mag nun die frem¬ »de Dame eine Prinzessin seyn oder nicht, so viel »bleibt gewiß, daß sie sehr vornehm ist und reich »und daß Herr Swammer sich ihrer lebhaft an¬ »nimmt, mithin lange mit ihr bekannt seyn muß. »Und warum ist die Dame Ihnen nachgelaufen, lieber »Herr Tyß? Ich sage, weil sie sich sterblich verliebt »hat in sie, und die Liebe macht ja wohl einen ganz »blind und toll, und verführt auch wohl Prinzessin¬ »nen zu den seltsamsten, unüberlegtesten Streichen. — »Eine Zigeunerin hat Ihrer seligen Frau Mutter pro¬ »phezeiht, daß Sie einmal glücklich werden sollten durch »eine Heirath, gerade wann Sie am wenigsten daran »dächten. Das soll nun wahr werden! —» Und damit begann die Alte aufs neue zu schil¬ dern, wie allerliebst die Dame aussähe. Man kann denken, wie sich Peregrinus bestürmt fühlte. »Schweige,» brach er endlich los, »schweige Sie doch nur, Frau Aline, von solchen Dingen.» Verliebt in mich sollte die Dame seyn! — wie albern, wie abgeschmackt! »Hm,» sprach Alte, »wäre das nicht der Fall, »so würde die Dame nicht so gar jämmerlich geseufzt, »so würde sie nicht so gar kläglich gerufen haben: Nein, »mein lieber Peregrinus, mein süßer Freund, du wirst, »du kannst nicht grausam gegen mich seyn! — Ich »werde dich wiedersehen und alles Glück des Himmels »genießen! — Und unsern alten Herrn Swammer, »den hat die fremde Dame ganz umgekehrt. Habe »ich sonst außer dem Kronenthaler zu Weihnachten »auch nur einen einzigen Kreuzer von ihm erhalten? »Und diesen schönen blanken Carolin, den gab er »mir heute Morgen mit solcher freundlicher Miene, »wie er sie sonst gar nicht im Antlitz hat, als Douceur »im Voraus für die Dienste die ich der Dame leisten »werde. Da steckt was dahinter. Was gilts, Herr »Swammer spielt am Ende den Freiwerber bei Ihnen, »Herr Tyß! —» Wiederum sprach die Alte von der Liebenswürdigkeit und Anmuth der Dame mit be¬ geisterten Worten, die in dem Munde eines abgeleb¬ ten Weibes seltsam genug klangen, bis Peregrinus, ganz Feuer und Flamme, aufsprang und wie ra¬ send ausrief: Mag es gehen wie es will — hinab, hinab, an's Schlüsselloch! — Vergebens warnte Meister Floh, der in das Halstuch des verliebten Pe¬ regrinus gesprungen war und sich dort in den Schlupf¬ winkel einer Falte versteckt hatte. Peregrinus ver¬ nahm nicht seine Stimme und Meister Floh erfuhr, was er längst hätte wissen sollen, nämlich daß mit dem störrigsten Menschen etwas anzufangen ist, nur nicht mit einem Verliebten. Die Dame lag in der That noch eben so auf dem Sopha, wie die Alte es beschrieben hatte, und Pe¬ regrinus fand, daß keine menschliche Sprache hinreiche, den himmlischen Zauber in Worten auszudrücken, der über der ganzen holden Gestalt ausgebreitet lag. Ihr Anzug, wirklich Silberzindel mit seltsamer bunter Stickerei, war ganz fantastisch und konnte sehr füglich für das Negligee der Prinzessin Gamaheh gelten, das sie in Famagusta vielleicht in dem Augenblick getra¬ gen, als der boshafte Egelprinz sie todt küßte. We¬ nigstens war der Anzug so reizend und dabei so über alle Maaßen seltsam, daß die Idee dazu weder in dem Kopfe des genialsten Theater-Schneiders entsprossen noch in dem Geiste der sublimsten Putzhändlerin em¬ pfangen zu seyn schien. »Ja sie ist es, es ist Prin¬ zessin Gamaheh!» So murmelte Peregrinus, indem er bebte vor süßer Wonne und dürstendem Verlangen. Als nun aber die Holde aufseufzte: »Peregrinus, mein Peregrinus!» Da erfaßte den Herrn Peregri¬ nus Tyß der volle Wahnsinn der Leidenschaft und nur eine unnennbare Angst, die ihm alle Kraft des Ent¬ schlusses raubte, hielt ihn zurück, nicht die Thüre mit Gewalt einzustoßen und sich dem Engelsbilde zu Füßen zu werfen. Der geneigte Leser weiß bereits, was es mit den zauberischen Reizen, mit der überirdischen Schönheit der kleinen Dörtje Elverdink für eine Bewandniß hat. Der Herausgeber kann versichern, daß, nachdem er ebenfalls durch das Schlüsselloch gekuckt und die Kleine in ihrem fantastischem Kleidchen von Silberzindel er¬ blickt hatte, er weiter nichts sagen konnte, als daß Dörtje Elverdink ein ganz liebenswürdiges, anmuthiges Püppchen sey. Da aber kein junger Mann sich zum erstenmal in ein anderes Wesen verliebt hat, als in ein über¬ irdisches, in einen Engel dem nichts gleich kommt auf Erden, so sey es dem Herrn Peregrinus auch erlaubt, Dörtje Elverdink für ein dergleichen zauberisches über¬ irdisches Wesen zu halten. — »Nehmt Euch zusammen, denkt an Euer Ver¬ »sprechen, werther Herr Peregrinus Tyß. — Nie¬ »mals wolltet Ihr die verführerische Gamaheh wieder »sehen, und nun! — Ich könnte Euch das Mikros¬ »kop ins Auge werfen, aber Ihr müßt ja auch ohne »dasselbe gewahren, daß die boshafte Kleine Euch »längst bemerkt hat, und daß alles was sie beginnt, »trügerische Kunst ist, Euch zu verlocken. Glaubt »mir doch nur, ich meine es gut mit Euch!» — So lispelte Meister Floh in der Falte des Halstuchs; solch bange Zweifel aber auch in Peregrinus Innerm aufstiegen, doch konnte er sich nicht losreißen von dem bezaubernden Anblick der Kleinen, die den Vor¬ theil, sich unbemerkt glauben zu dürfen, gut zu benuz¬ zen und mit verführerischen Stellungen wechselnd den armen Peregrinus ganz außer sich selbst zu setzen ver¬ stand. Herr Peregrinus Tyß stünde vielleicht noch an der Thüre des verhängnißvollen Gemachs, hätte es nicht stark geläutet und hätte die Alte ihm nicht zu¬ gerufen, daß der alte Herr Swammer zurückkehre. Peregrinus flog die Treppe hinauf, in sein Zimmer. — Hier überließ er sich ganz seinen Liebesgedanken, mit eben diesen Gedanken kamen aber jene Zweifel zurück, die Meister Floh's Mahnungen in ihm erregt hatten. Es hatte sich recht eigentlich ein Floh in sein Ohr gesetzt und er gerieth in allerlei beunruhigende Be¬ trachtungen. »Muß ich,» dachte er, »muß ich nicht wirklich »daran glauben, daß das holde Wesen, die Prinzes¬ »sin Gamaheh, die Tochter eines mächtigen Königs »ist? Bleibt dieß aber der Fall, so muß ich es für »Thorheit, für Wahnsinn halten, nach dem Besitz ei¬ 8 »ner so erhabenen Person zu streben. Dann aber »hat sie auch ja selbst die Auslieferung eines Gefan¬ »genen verlangt, von dem ihr Leben abhinge und »stimmt dieß genau mit dem überein, was mir Mei¬ »ster Floh gesagt, so kann ich auch beinahe nicht »daran zweifeln, daß alles was ich auf Liebe zu mir »deuten dürfte, vielleicht nur ein Mittel ist, mich »ihrem Willen ganz zu unterwerfen. Und doch! — »sie verlassen — sie verlieren, das ist Hölle, das ist »Tod!» — Herr Peregrinus Tyß wurde in diesen schmerz¬ lichen Betrachtungen durch ein leises bescheidenes Klo¬ pfen an der Thüre gestört. Wer hereintrat war niemand anders, als der Miethsmann des Herrn Peregrinus. — Der alte Herr Swammer, sonst ein zusammengeschrumpfter menschenscheuer mürrischer Mann, schien plötzlich um zwanzig Jahre jünger geworden zu seyn. Die Stirne war glatt, das Auge belebt, der Mund freundlich; er trug statt der häßlichen schwarzen Peruque, na¬ türliches weißes Haar und statt des dunkelgrauen Ober¬ rocks einen schönen Zobelpelz, wie ihn Frau Aline be¬ schrieben. Mit einer heitern ja freudigen Miene, die ihm sonst ganz und gar nicht eigen, trat Herr Swammer dem Peregrinus entgegen. Er wünsche nicht, sprach Herr Swammer, seinen lieben Herrn Wirth in ir¬ gend einem Geschäft zu stören; seine Pflicht als Mie¬ ther erfordere es aber, gleich am Morgen dem Haus¬ wirth anzuzeigen, daß er in der Nacht genöthigt wor¬ den, ein hülfloses Frauenzimmer bei sich aufzuneh¬ men, das sich der Tiranney eines bösen Oheims ent¬ ziehen wolle und daher wohl einige Zeit in dem Hause zubringen werde, wozu es indessen der Erlaubniß des gütigen Wirths bedürfe, um die er hiemit ansuche. Unwillkührlich fragte Peregrinus, wer denn das hülflose Frauenzimmer sey, ohne daran zu denken, daß dieß in der That die zweckmäßigste Frage war, die er thun konnte um die Spur des seltsamen Geheim¬ nisses zu verfolgen. »Es ist,» erwiederte Herr Swammer, »es ist recht und billig, daß der Hauswirth wisse, wen er in seinem Hause beherbergt. Erfahren Sie also, ver¬ ehrter Herr Tyß! daß das Mädchen das sich zu mir geflüchtet, niemand anders ist, als die hübsche Hol¬ länderin Dörtje Elverdink, Nichte des berühmten Leu¬ wenhöck, der, wie Sie wissen, hier die wunderbaren mikroskopischen Kunststücke zeigt. Leuwenhöck ist sonst mein Intimus, aber ich muß bekennen, daß er ein harter Mann ist und die arme Dörtje, die noch dazu 8 * mein Pathchen, mißhandelt auf arge Weise. Ein stürmischer Auftritt, der sich gestern Abend ereignete, zwang das Mädchen zur Flucht, und daß sie bei mir Trost und Hülfe suchte, scheint natürlich.» »Dörtje Elverdink,» sprach Peregrinus halb träumend, »Leuwenhöck! — vielleicht ein Abkömm¬ ling des Naturforschers Anton von Leuwenhöck, der die berühmten Mikroskope verfertigte?» »Daß unser Leuwenhöck,» erwiederte Herr Swammer lächelnd, »ein Abkömmling jenes berühm¬ »ten Mannes sey, kann man so eigentlich nicht sagen, »da er der berühmte Mann selbst und es nur eine Fa¬ »bel ist, daß er vor beinahe hundert Jahren in Delft »begraben worden. Glauben Sie das, bester Herr »Tyß, sonst könnten Sie wohl noch gar daran zwei¬ »feln, daß ich, unerachtet ich mich der Kürze halber »und um nicht über Gegenstände meiner Wissenschaft »jedem neugierigen Thoren Rede stehen zu müssen, »jetzt Swammer nenne, der berühmte Swammer¬ »dam bin. Alle Leute behaupten, ich sey im Jahr »1680 gestorben, aber sie bemerken, würdiger Herr »Tyß, daß ich lebendig und gesund vor Ihnen stehe, »und daß ich wirklich ich bin, kann ich jedem, auch »dem Einfältigsten aus meiner Biblia naturae de¬ »monstriren. Sie glauben mir doch, werther Herr »Tyß?» »Mir ist,» sprach Peregrinus mit einem Ton, der von seiner innern Verwirrung zeugte, »mir ist »seit ganz kurzer Zeit, so viel Wunderbares geschehen, »daß ich, wäre nicht alles deutliche Sinneswahrneh¬ »mung, ewig daran zweifeln würde. Aber nun glaube »ich an Alles, sey es auch noch so toll und unge¬ »reimt! — Es kann seyn, daß sie der verstorbene Herr »Johann Swammerdam sind, und daher als Reve¬ »nant mehr wissen als andere gewöhnliche Menschen; »was aber die Flucht der Dörtje Elverdink oder der »Prinzessin Gamaheh, oder wie die Dame sonst heis¬ »sen mag, betrifft, so sind Sie im gewaltigen Irr¬ »thum. — Erfahren Sie, wie es damit herging.» Peregrinus erzählte nun ganz ruhig das Aben¬ theuer das er mit der Dame bestanden, von ihrem Eintritt in Lämmerhirts Stube an, bis zu ihrer Auf¬ nahme in Herrn Swammers Zimmer. »Mir scheint,» sprach Herr Swammer, als Peregrinus geendigt, »mir scheint, als wenn das Al¬ »les was Sie mir zu erzählen beliebt haben, nichts sey »als ein merkwürdiger jedoch ganz angenehmer Traum. »Ich will das aber dahin gestellt seyn lassen und Sie »um Ihre Freundschaft bitten, deren ich vielleicht »gar sehr bedürfen werde. Vergessen Sie mein mür¬ »risches Betragen und lassen Sie uns einander näher »treten. Ihr Vater war ein einsichtsvoller Mann »und mein herzlichster Freund, aber was Wissenschaft, »tiefen Verstand, reife Urtheilskraft, geübten rich¬ »tigen Lebensblick betrifft, so thut es der Sohn dem » Vater zuvor. Sie glauben gar nicht wie ich Sie »hochschätze, mein bester würdigster Herr Tyß.» — »Jetzt ist es Zeit,» lispelte Meister Floh, und in dem Augenblick fühlte Peregrinus in der Pupille des linken Auges einen geringen schnell vorübergehen¬ den Schmerz. Er wußte, daß Meister Floh ihm das mikroskopische Glas ins Auge gesetzt, doch fürwahr, diese Wirkung des Glases hatte er nicht ahnen kön¬ nen. Hinter der Hornhaut von Herrn Swammers Augen gewahrte er seltsame Nerven und Aeste, de¬ ren wunderlich verkreuzten Gang er bis tief ins Ge¬ hirn zu verfolgen und zu erkennen vermochte, daß es Swammers Gedanken waren. Die lauteten aber un¬ gefähr : Hätte ich doch nicht geglaubt daß ich hier so wohlfeilen Kaufs davon komme, daß ich nicht besser ausgefragt werden würde. War aber der Herr Papa ein beschränkter Mensch, auf den ich niemals etwas gab, so ist der Sohn noch verwirrteren Sinnes, dem ein großer Besitz kindischer Albernheit zugegeben. Er¬ zählt mir der Einfaltspinsel die ganze Begebenheit mit der Prinzessin und setzt nicht voraus, daß sie mir schon selbst alles erzählt hat, da mein Beginnen mit ihr ein früheres vertrauliches Verhältniß nothwendig voraussetzte. — Aber was hilfts, ich muß schön mit ihm thun, weil ich seiner Hülfe bedarf. Er ist unbe¬ fangen genug mir Alles zu glauben, ja wohl in ein¬ fältiger Gutmüthigkeit meinem Interesse manches Opfer zu bringen, wofür er keinen andern Dank erndten wird, als daß ich ihn, wenn alles gut abge¬ laufen und Gamaheh wieder mein ist, hinterm Rücken derb auslache. — »War es,» sprach Herr Swammer, indem er dicht herantrat an Herrn Peregrinus, »war es mir doch, als säße ein Floh auf Ihrer Halsbinde, werther Herr Tyß!» — Die Gedanken lauteten: Alle Wetter, das war doch wirklich Meister Floh! — das wäre ja ein verfluchter Queerstreich, wenn Gama¬ heh sich nicht geirrt hätte. Schnell trat Peregrinus zurück, indem er ver¬ sicherte, daß er den Flöhen gar nicht gram sey. »So,» sprach Herr Swammer, sich tief ver¬ beugend weiter, »so empfehle ich mich dann fürs erste ganz ergebenst, mein lieber werthester Herr Tyß.» Die Gedanken lauteten: Ich wollte daß dich der schwarzgefiederte Satan verschlinge, du verdammter Kerl! — Meister Floh nahm dem ganz in Erstaunen ver¬ sunkenen Peregrinus das mikroskopische Glas aus der Pupille und sprach dann: »Ihr habt nun, lieber Herr »Peregrinus, die wunderbare Wirkung des Instru¬ »ments, das wohl in der ganzen Welt seines Glei¬ »chen nicht findet, erkannt, und werdet einsehen, »welche Uebermacht es Euch über die Menschen gibt, »wenn Euch ihre innersten Gedanken offen vor Augen »liegen. Trüget Ihr aber beständig dieß Glas im »Auge, so würde Euch die stete Erkenntniß der Ge¬ »danken zuletzt zu Boden drücken, denn nur zu oft »wiederholte sich die bittre Kränkung, die Ihr so eben »erfahren habt. Stets werde ich, wenn Ihr Euer »Haus verlasset, bei Euch seyn, entweder in der Hals¬ »binde, im Jabbot, oder sonst an einem schicklichen »bequemen Orte sitzen. Wollt Ihr nun die Gedan¬ »ken dessen wissen, der mit Euch spricht, so dürft »Ihr nur mit dem Daumen schnippen und augen¬ »blicklich habt Ihr das Glas im Auge.» Herr Peregrinus Tyß, den unübersehbaren Nuz¬ zen dieser Gabe begreifend, wollte sich eben in die heißesten Danksagungen ergießen, als zwei Abgeord¬ nete des hohen Raths eintraten und ihm ankündig¬ ten, daß er eines schweren Vergehens angeklagt sey, und daß diese Anklage vorlaufige Haft und Beschlag¬ nahme seiner Papiere zur Folge haben müsse. Herr Peregrinus schwur hoch und theuer, daß er sich auch nicht des geringsten Verbrechens bewußt sey. Einer der Abgeordneten meinte aber lächelnd, daß viel¬ leicht in wenigen Stunden seine völlige Unschuld auf¬ geklärt seyn werde, bis dahin müße er sich aber den Befehlen der Obrigkeit fügen. Was blieb dem Herrn Peregrinus Tyß übrig, als in den Wagen zu steigen und sich nach dem Ge¬ fängniß transportiren zu lassen. Man kann denken, mit welchen Empfindungen er an Herrn Swammers Zimmer vorüberging. Meister Floh saß in der Halsbinde des Gefan¬ genen. Viertes Abentheuer. Unerwartetes Zusammentreffen zweier Freunde. Liebesverzweif¬ lung der Distel Zeherit. Optischer Zweikampf zweier Magier. Somnambuler Zustand der Prinzessin Gamaheh. Die Gedan¬ ken des Traums. Wie Dörtie Elverdink beinahe die Wahr¬ heit spricht und die Distel Zeherit mit der Prinzessin Gamaheh von dannen rennt. S ehr bald war der Fehlgriff des Wächters ausge¬ mittelt, der den Herrn Pepusch als einen nächtlichen Dieb, welcher einzubrechen versucht, zur Haft ge¬ bracht hatte. Man wollte indessen einige Unrichtig¬ keiten in seinen Pässen bemerkt haben, und dieß war die Ursache, warum man ihn ersuchte, irgend einen angesessenen Bürger in Frankfurt als Gewährsmann aufzustellen, bis dahin sich aber den Aufenthalt auf dem Bürgermeister-Amt gefallen zu lassen. Da saß nun Herr George Pepusch in einem ganz artigen Zimmer und sann hin und her, wen er wohl in Frankfurt als seinen Gewährsmann aufstellen könne. So lange war er abwesend gewesen, daß er befürchten mußte, selbst von denen vergessen worden zu seyn, die ihn vormals recht gut gekannt hatten, und an son¬ stigen Adressen fehlte es ihm gänzlich. Ganz mißmuthig sah er zum Fenster hinaus und begann laut sein Schicksal zu verwünschen. Da wurde dicht neben ihm ein anderes Fenster geöffnet und eine Stimme rief: »Wie? sehe ich recht? Bist du es, George?» — Herr Pepusch war nicht wenig erstaunt, als er den Freund erblickte, mit dem er während sei¬ nes Aufenthalts in Madras den vertrautesten Umgang gepflogen. »Wetter,» sprach Herr Pepusch, »Wetter, »wie man so vergeßlich, ja so ganz vor den Kopf ge¬ »schlagen seyn kann! Ich wußt' es ja, daß du glück¬ »lich in den heimathlichen Stapel eingelaufen bist. »Wunderdinge habe ich in Hamburg von deiner selt¬ »samen Lebensweise gehört, und nun ich hier ange¬ »kommen, denke ich nicht daran, dich aufzusuchen. »Doch wer solche Dinge im Kopfe hat, als ich — »Nun, es ist gut, daß der Zufall mir dich zugeführt. »Du siehst, ich bin verhaftet, du kannst mich aber »augenblicklich in Freiheit setzen, wenn du Gewähr »leistest, daß ich wirklich der George Pepusch bin, »den du seit langen Jahren kennest, und kein Spitz¬ »bube, kein Räuber!» »Ich bin,» rief Herr Pe¬ regrinus Tyß, »in der That jetzt ein herrlicher ta¬ »delsfreier Gewährsmann, da ich selbst verhaftet bin.» Peregrinus hatte dem Freunde ausführlich er¬ zählt, wie er bei seiner Rückkehr nach Frankfurt sich verwaist gefunden und seitdem in völliger Abgeschieden¬ heit nur in der Erinnerung an die früheren Tage mit¬ ten in der geräuschvollen Stadt ein einsames freuden¬ leeres Leben führe. »O ja,» erwiederte Pepusch mürrisch, »ich »habe davon gehört, mir sind die Narrenspossen er¬ »zählt worden, die du treibst, um das Leben zu ver¬ »bringen in kindischer Träumerei. Du willst ein Held »der Gemüthlichkeit, der Kindlichkeit seyn, nur dar¬ »rum verhöhnst du die gerechten Ansprüche, die »das Leben, die menschliche Gesellschaft an dich »macht. Du gibst eingebildete Familienschmäuse »und spendest die köstlichen Speisen, die theuern »Weine, die du für Todte auftischen ließest, den Ar¬ »men. Du bescheerst dir selbst den heiligen Christum »und thust, als seyst du noch ein Kind, dann schenkst »du aber die Gaben, welche von der Art sind, wie »sie wohl verwöhnten Kindern in reicher Eltern Hause »gespendet zu werden pflegen, armen Kindern. Aber »du bedenkst nicht, daß es den Armen eine schlechte »Wohlthat ist, wenn du einmal ihren Gaumen kiz¬ »zelst und sie nachher ihr Elend doppelt fühlen, wenn »sie aus nagendem Hunger kaum genießbare Speise, »die mancher leckerer Schooßhund verwirft, kauen »müssen — ha, wie mir diese Armenabfütterungen »aneckeln, wenn ich bedenke, daß das, was an »einem Tage verspendet wird, hinreichen würde, sie »Monate hindurch zu ernähren auf mäßige Weise! — »Du überhäufst die Kinder armer Leute mit glän¬ »zenden Spielsachen und bedenkst nicht, daß ein höl¬ »zerner buntgemalter Säbel, ein Lumpenpüppchen, »ein Kukuk, ein geringes Naschwerk von Vater und »Mutter einbescheert, sie eben so, ja vielleicht noch »mehr erfreut. Aber sie fressen sich überdem an dei¬ »nem verdammten Marzipan matt und krank und »mit der Kenntniß glänzenderer Gaben, die ihnen in »der Folge versagt bleiben, ist der Keim der Unzu¬ »friedenheit, des Mißmuths in ihre Seele gepflanzt. »Du bist reich, du bist lebenskräftig, und doch ent¬ »ziehst du dich jeder Mittheilung und vereitelst so »jedes freundliche Annähern dir wohlwollender Gemü¬ »ther. Ich will es glauben, daß der Tod deiner El¬ »tern dich erschüttert hat, aber wenn jeder, der einen »empfindlichen Verlust erlitten hat, in sein Schnek¬ »kenhaus kriechen sollte, so würde, beim Teufel, die »Welt einem Leichenhause gleichen und ich wollte nicht »darin leben. Aber, Patron! weißt du wohl, daß »dich die störrigste Selbstsucht regiert, die sich hinter »einer albernen Menschenscheue versteckt? — Geh, »geh, Peregrinus, ich kann dich nicht mehr achten, »nicht mehr dein Freund seyn, wenn du dein Leben nicht »änderst, die fatale Wirthschaft in deinem Hause nicht aufgibst.» Peregrinus schnippte mit dem Daumen und so¬ gleich warf ihm Meister Floh das mikroskopische Glas ins Auge. Die Gedanken des zürnenden Pepusch lauteten: Ist es nicht ein Jammer, daß ein solcher gemüthlicher verständiger Mensch auf solche bedrohliche Abwege ge¬ rathen konnte, die ihn zuletzt zu völliger Abgespannt¬ heit aller bessern Kräfte bringen können? Aber es ist gewiß, daß sein weiches, zum Trübsinn geneigtes Gemüth den Stoß nicht ertragen konnte, den ihm der Tod der Eltern versetzte und daß er Trost in einem Treiben suchte, das an Wahnsinn grenzt. Er ist ver¬ loren, wenn ich ihn nicht rette. Ich will ihm desto härter zusetzen, mit desto grelleren Farben ihm das Bild seiner Thorheit aufstellen, je mehr ich ihn hoch¬ schätze, sein wahrer Freund bin und bleibe. Peregrinus erkannte an diesen Gedanken, daß er in dem mürrischen Pepusch seinen alten wahrhaf¬ ten Freund unverändert wiedergefunden. »George,» sprach Herr Peregrinus, nachdem ihm Meister Floh wieder das mikroskopische Glas aus der Pupille genommen, »George, ich mag mit dir »gar nicht darüber rechten, was du über das Tadelns¬ »werthe meiner Lebensweise sagst, denn ich weiß, daß »du es sehr gut mit mir meinst; doch muß ich dir »sagen, daß es meine Brust hoch erhebt, wenn ich »den Armen einen Freudentag bereiten kann und ist »dieß, unerachtet ich dabei an niemanden weniger »denke, als an mich selbst, gehässige Selbstsucht, so »fehle ich wenigstens unbewußt. Das sind die Blu¬ »men in meinem Leben, das mir sonst vorkommt, »wie ein trauriges unwirthbares Feld voll Disteln.» »Was,» fuhr George Pepusch heftig auf, »was sprichst du von Disteln? warum verachtest du »Disteln und setzest sie den Blumen entgegen? Bist »du so wenig erfahren in der Naturkunde, um nicht »zu wissen, daß die wunderherrlichste Blume, die es »nur geben mag, nichts anders ist, als die Blüthe »einer Distel? Ich meine den Cactus grandiflorus . »Und ist die Distel Zeherit nicht eben wieder der schönste » Cactus unter der Sonne? Peregrinus, ich habe »dir es so lange verschwiegen, oder vielmehr ver¬ »schweigen müssen, weil ich selbst die klare Erkennt¬ »niß davon nicht hatte, aber jetzt erfahre es, daß ich »selbst die Distel Zeherit bin, und meine Ansprüche »auf die Hand der Tochter des würdigen Königs Se¬ »kakis, der holden, himmlischen Prinzessin Gamaheh »durchaus nicht aufgeben will und werde. — Ich »habe sie gefunden, aber in demselben Augenblick er¬ faßten mich dämonische Wächter und Bürgerwachen »und schleppten mich ins Gefängniß.» »Wie,» rief Peregrinus halb erstarrt vor Er¬ staunen, »auch du, George bist verflochten in die »seltsamste aller Geschichten?» »Was für eine Geschichte?» fragte Pepusch. Peregrinus nahm gar keinen Anstand, auch seinem Freunde, wie Herrn Swammer alles zu erzäh¬ len, was sich bei dem Buchbinder Lämmerhirt und darauf in seinem Hause begeben. Er verschwieg auch nicht die Erscheinung des Meisters Floh, wiewohl, man mag es wohl denken, den Besitz des geheimni߬ vollen Glases. Georgs Augen brannten, er biß sich in die Lip¬ pen, er schlug sich vor die Stirn, er rief, als Pere¬ grinus geendet, in voller Wuth: »Die Verruchte! »die Treulose! die Verrätherin!» — Um in der Selbstqual verzweifelnder Liebe jeden Tropfen aus dem Giftbecher, den ihm Peregrinus ohne es zu ah¬ nen gereicht, gierig auszukosten, ließ er sich jeden kleinen Zug von Dörtjens Beginnen wiederholen. Da¬ zwischen murmelte er: »In den Armen — an der Brust — glühende Küße.» — Dann sprang er vom Fenster zurück, lief in der Stube umher und gebehr¬ dete sich, wie ein Rasender. Vergebens rief Peregrinus ihm zu, er möge ihn doch nur weiter hören, er habe ihm noch viel Tröstli¬ ches zu sagen; Pepusch ließ nicht nach mit Toben. Das Zimmer wurde aufgeschlossen und ein Ab¬ geordneter des Raths kündigte dem Herrn Peregrinus Tyß an, daß kein gesetzlicher Grund zu seiner längeren Haft gefunden worden und er zurückkehren könne in seine Wohnung. Den ersten Gebrauch den Peregrinus von seiner wieder erlangten Freiheit machte, war, daß er sich als Ge¬ währsmann für den verhafteten George Pepusch stell¬ te, dem er bezeugte, daß er wirklich der George Pe¬ pusch sey, mit dem er in innigster Freundschaft ver¬ bunden zu Madras gelebt, und der ihm als ein ver¬ mögender ganz unbescholtener Mann bekannt sey. Meister Floh ergoß sich in sehr philosophischen lehrreichen Betrachtungen, die darauf hinausliefen, 9 daß die Distel Zeherit, trotz der rauhen störrigen Aus¬ senseite, sehr human und verständig sey, jedoch sich stets ein wenig zu anmaßend zeige. Im Grunde ge¬ nommen, habe die Distel mit vollem Rechte die Le¬ bensweise des Herrn Peregrinus getadelt, sey auch dieß in etwas zu harten Ausdrücken geschehen. Er seiner Seits, wolle wirklich dem Herrn Peregrinus rathen, sich von nun an in die Welt zu begeben. »Glaubt mir,» so sprach Meister Floh, »glaubt mir, Herr Peregrinus, es wird Euch gar manchen Nutzen bringen, wenn Ihr Eure Einsamkeit verlaßt. Für's Erste dürft Ihr nicht mehr fürchten, scheu und verlegen zu erscheinen, da Ihr, das geheimni߬ volle Glas im Auge, die Gedanken der Menschen beherrschet, es daher ganz unmöglich ist, daß Ihr nicht überall den richtigen Takt behaupten solltet. Wie fest, wie ruhig könnt Ihr vor den höchsten Häup¬ tern auftreten, da ihr Innerstes klar vor Euren Au¬ gen liegt. Bewegt Ihr Euch frei in der Welt, so wird Euer Blut leichter fließen, jedes trübsinnige Brüten aufhören und, was das Beste ist, bunte Ideen und Gedanken werden aufgehen in Euerm Gehirn, das Bild der schönen Gamaheh wird von seinem Glanz verlieren und bald seyd Ihr dann besser im Stande, mir Wort zu halten.» Herr Peregrinus fühlte, daß beide, George Pe¬ pusch und Meister Floh es sehr gut mit ihm meinten und er nahm sich vor, ihren weisen Rath zu befol¬ gen. Doch so wie er die süße Stimme der holden Geliebten vernahm, welche öfters sang und spielte, so glaubte er nicht, wie es möglich seyn werde, das Haus zu verlassen, das ihm zum Paradiese geworden. Endlich gewann er es doch über sich, einen öf¬ fentlichen Spaziergang zu besuchen. Meister Floh hatte ihm das Glas ins Auge gesetzt und Platz ge¬ nommen im Jabot, wo er sich sanft hin und her zu schaukeln wußte. »Habe ich endlich das seltene Vergnügen, mei¬ »nen guten lieben Herrn Tyß wieder zu sehen? Sie »machen sich rar, bester Freund, und alles schmach¬ »tet doch nach Ihnen. Lassen Sie uns irgendwo »eintreten, eine Flasche Wein leeren auf Ihr Wohl, »mein Herzensfreund. — Wie ich mich freue, Sie »zu sehen!» So rief ihm ein junger Mann entgegen, den er kaum zwei, dreimal gesehen. Die Gedanken lauteten: Kömmt der alberne Misantrop auch ein¬ mal zum Vorschein? — Aber ich muß ihm schmei¬ cheln, weil ich nächstens Geld von ihm borgen will. Er wird doch nicht des Teufels seyn, und meine Ein¬ 9 * ladung annehmen? Ich habe keinen Groschen Geld und kein Wirth borgt mir mehr. Zwei sehr zierlich gekleidete junge Mädchen tra¬ ten dem Peregrinus geradezu in den Weg. Es waren Schwestern, weitläuftig mit ihm verwandt. Ey, rief die Eine lachend, ey, Vetterchen, trifft man Sie einmal? Es ist gar nicht hübsch von Ihnen, daß Sie sich so einsperren, daß Sie sich nicht sehen lassen. Sie glauben nicht, wie Mutterchen Ihnen gut ist, weil Sie solch ein verständiger Mensch sind. Versprechen Sie mir, bald zu kommen. Da! Küssen Sie mir die Hand. — Die Gedanken lauteten: Wie, was ist das? Was ist mit dem Vetter vorgegangen? Ich wollte ihn recht in Furcht und Angst setzen. Sonst lief er vor mir, vor jedem Frauenzimmer, und jetzt bleibt er stehen und guckt mir so ganz sonderbar ins Auge und küßt mir die Hand ohne alle Scheu! Sollte er in mich verliebt seyn? Das fehlte noch! Die Mutter sagt, er sey etwas dämisch. Was thut's, ich nehme ihn; ein dämischer Mann ist, wenn er reich ist, wie der Vetter, eben der Beste. Die Schwester hatte mit niedergeschlagenen Augen und hochrothen Wangen blos gelispelt: Besuchen Sie uns recht bald, lieber Vetter! — Die Gedanken lauteten: Der Vetter ist ein recht hübscher Mensch und ich be¬ greife nicht, warum ihn die Mutter albern und ab¬ geschmackt nennt und ihn nicht leiden mag. Wenn er in unser Haus kommt, verliebt er sich in mich, denn ich bin das schönste Mädchen in ganz Frankfurt. Ich nehme ihn, weil ich einen reichen Menschen hei¬ rathen will, damit ich bis eilf Uhr schlafen und theurere Shawls tragen darf, als die Frau von Cars¬ ner. — Ein vorüberfahrender Arzt ließ, als er den Peregrinus erblickte, den Wagen halten und schrie zum Schlage heraus: Guten Morgen, bester Tyß! Sie sehen aus, wie das Leben! der Himmel erhalte Sie bei guter Gesundheit! Aber wenn Ihnen was zustoßen sollte, so denken Sie an mich, an den al¬ ten Freund Ihres seeligen Herrn Vaters. — Solchen kräftigen Naturen helfe ich auf die Beine in weniger Zeit! Adieu! Die Gedanken lauteten: Ich glaube, der Mensch ist aus purem Geitz beständig gesund? Aber er sieht mir so blaß, so verstört aus, er scheint mir endlich was am Halse zu haben. Nun! kommt er mir unter die Hände, so soll er nicht wieder so bald vom Lager aufstehen, er soll tüchtig büßen für seine hartnäckige Gesundheit. Seyn Sie schönstens gegrüßt, Wohledler! rief ihm gleich darauf ein alter Kaufmann entgegen; sehen Sie, wie ich laufe und renne, wie ich mich plagen muß der Geschäfte halber. Wie weise ist es, daß Sie sich den Geschäften entzogen; unerachtet es bei Ihren Einsichten Ihnen gar nicht fehlen könnte, den Reichthum Ihres Herrn Vaters zu verdoppeln. Die Gedanken lauteten: Wenn der Mensch nur Geschäfte machen wollte, der verwirrte Einfaltspinsel würde in kurzer Zeit seinen ganzen Reichthum ver¬ speculiren und das wäre dann ein Gaudium. Der alte Herr Papa, der seine Freude daran hatte, an¬ dere ehrliche Leute, die sich durch ein klein Bankerott¬ chen aufhelfen wollten, schonungslos zu ruiniren, würde sich im Grabe umdrehen. — Noch viel mehr solche schneidende Widersprüche zwischen Worten und Gedanken, liefen dem Pere¬ grinus in den Weg. Stets richtete er seine Antwor¬ ten mehr nach dem ein, was die Leute gedacht, als nach dem, was sie gesprochen, und so konnt' es nicht fehlen, daß, da Peregrinus in der Leute Gedanken eingedrungen, sie selbst gar nicht wußten, was sie von dem Peregrinus denken sollten. Zuletzt fühlte sich Herr Peregrinus ermüdet und betäubt. Er schnippte mit dem Daumen und sogleich verschwand das Glas aus der Pupille des linken Auges. Als Peregrinus in sein Haus trat, wurde er durch ein seltsames Schauspiel überrascht. Ein Mann stand in der Mitte des Flurs und sah durch ein selt¬ sam geformtes Glas unverwandten Blickes nach Herrn Swammers Stubenthür. Auf dieser Thüre spielten aber sonnenhelle Kreise in Regenbogenfarben, fuhren zusammen in einen feurigglühenden Punkt, der durch die Thüre zu dringen schien. So wie dieß geschehen, vernahm man ein dumpfes Aechzen, von Schmerzens¬ lauten unterbrochen, das aus dem Zimmer zu kom¬ men schien. Zu seinem Entsetzen glaubte Herr Peregrinus Gamahehs Stimme zu erkennen. »Was wollen Sie? Was treiben Sie hier?» So fuhr Peregrinus auf den Mann los, der wirklich Teufelskünste zu treiben schien, indem stets rascher, stets feuriger die Regenbogenkreise spielten, stets glü¬ hender der Punkt hineinfuhr, stets schmerzlicher die Jammerlaute aus dem Zimmer ertönten. Ach! sprach der Mann, indem er seine Gläser zusammenschob und schnell einsteckte, ach sieh da, der Herr Wirth! Verzeihen Sie, bester Herr Tyß, daß ich hier ohne Ihre gütige Erlaubniß operire. Aber ich war bei Ihnen, um mir diese Erlaubniß zu erbit¬ ten. Da sagte mir aber die gute freundliche Aline, daß Sie ausgegangen wären, und die Sache hier unten litt keinen Aufschub. »Welche Sache?» fragte Peregrinus ziemlich barsch, »welche Sache hier unten ist's, die keinen »Aufschub leidet?» »Sollten Sie,» fuhr der Mann mit widrigem Lächeln fort, »sollten Sie, werthester Herr Tyß, »denn nicht wissen, daß mir meine ungerathene Nichte »Dörtje Elverdink entlaufen ist? Sie sind ja, wie¬ »wohl mit großem Unrecht, als ihr Entführer ver¬ »haftet worden, weshalb ich denn auch, sollte es dar¬ »auf ankommen, mit vielem Vergnügen Ihre völlige »Unschuld bezeugen werde. Nicht zu Ihnen, nein »zu dem Herrn Swammerdamm, der sonst mein Freund »war, sich aber jetzt in meinen Feind verkehrt hat, »ist die treulose Dörtje geflüchtet. Sie sitzt hier im »Zimmer, ich weiß es, und zwar allein, da Herr »Swammerdamm ausgegangen. Eindringen kann »ich nicht, da die Thür fest verschlossen und verrie¬ »gelt ist, ich aber viel zu gutmüthig bin, um Ge¬ »walt anzuwenden. Deshalb nehme ich mir aber die »Freiheit, die Kleine mit meinem optischen Marter¬ »Instrument etwas zu quälen, damit sie erkenne, »daß ich, trotz ihres eingebildeten Prinzessinthums, »ihr Herr und Meister bin!» »Der Teufel,» schrie Peregrinus im höchsten Grimme, »der Teufel sind Sie, Herr! aber nicht »Herr und Meister der holden himmlischen Gamaheh. »Fort aus dem Hause, treiben Sie Ihre Satans¬ »künste, wo Sie wollen, aber hier scheitern Sie da¬ »mit, dafür werde ich sorgen!» — »Ereifern,» sprach Leuwenhöck, »ereifern Sie »sich nur nicht, bester Herr Tyß, ich bin ein unschul¬ »diger Mann, der nichts will, als alles Gute. Sie »wissen nicht, wessen Sie sich annehmen. Es ist ein »kleiner Unhold, ein kleiner Basilisk, der dort im »Zimmer sitzt, in der Gestalt des holdesten Weib¬ »leins. Möchte sie, wenn ihr der Aufenthalt bei »meiner Wenigkeit durchaus mißfiel, doch geflohen »seyn, aber durfte die treulose Verrätherin mir mein »schönstes Kleinod, den besten Freund meiner Seele, »ohne den ich nicht leben, nicht bestehen kann, rau¬ »ben? Durfte sie mir den Meister Floh entfüh¬ »ren? — Sie werden, Verehrtester, nicht verstehen, »was ich meine, aber» — Hier konnte Meister Floh, der von dem Jabot des Herrn Peregrinus hinaufgesprungen war und den sicherern und bequemern Platz in der Halsbinde ein¬ genommen hatte, nicht enthalten, ein feines höhni¬ sches Gelächter aufzuschlagen. »Ha,» rief Leuwenhöck, wie vom jähen Schreck getroffen, »ha! was war das! — sollte es möglich »seyn? — ja hier an diesem Orte! — erlauben Sie »doch, verehrtester Herr Peregrinus!» Damit streckte Leuwenhöck den Arm aus, trat dicht heran an Herrn Peregrinus und wollte nach sei¬ ner Halsbinde greifen. Peregrinus wich ihm aber geschickt aus, faßte ihn mit starker Faust und schleppte ihn nach der Haus¬ thüre, um ihn ohne Weiteres hinauszuwerfen. Eben als Peregrinus sich mit Leuwenhöck, der sich in ohn¬ mächtigen Protestationen erschöpfte, dicht an der Thüre befand, wurde diese von außen geöffnet und hin¬ ein stürmte George Pepusch, hinter ihm aber Herr Swammerdamm. So wie Leuwenhöck seinen Feind Swammerdamm erblickte, riß er sich los mit der höchsten Anstrengung seiner letzten Kräfte, sprang zurück und stemmte sich mit dem Rücken gegen die Thüre des verhängnißvol¬ len Zimmers, wo die Schöne gefangen saß. Swammerdamm zog, dieß gewahrend, ein klei¬ nes Fernglas aus der Tasche, schob es lang aus, und ging dem Feinde zu Leibe, indem er laut rief: Zieh, Verdammter, wenn du Courage hast! Schnell hatte Leuwenhöck ein ähnliches Instru¬ ment in der Hand, schob es ebenfalls auseinander, und schrie: Nur heran, ich stehe dir, bald sollst du meine Macht fühlen! — Beide setzten nun die Fern¬ gläser an's Auge und fielen grimmig gegen einander aus, mit scharfen mörderischen, indem sie ihre Waf¬ fen durch Aus- und Einschieben bald verlängerten, bald verkürzten. Da gab es Finten, Paraden, Vol¬ ten, kurz alle nur mögliche Fechterkünste, und im¬ mer mehr schienen sich die Gemüther zu erhitzen. Wurde Einer getroffen, so schrie er laut auf, sprang in die Höhe, machte die wunderlichsten Kapriolen, die schönsten Entrechats, Pirouetten, wie der beste Solotänzer von der Pariser Bühne, bis der Andere ihn mit dem verkürzten Fernglase fast fixirte. Geschah diesem nun gleiches, so machte er es eben so. So wechselten sie mit den ausgelassendsten Sprüngen, mit den tollsten Gebehrden, mit dem wüthendsten Ge¬ schrei; der Schweiß tropfte ihnen von der Stirn her¬ ab, die blutrothen Augen traten ihnen zum Kopfe heraus, und da man nur ihr wechselseitiges Anblik¬ ken durch die Ferngläser, sonst aber keine Ursache ih¬ res Veitstanzes gewahrte, so mußte man sie für Ra¬ sende halten, die dem Irrenhause entsprungen. — Die Sache war übrigens ganz artig anzusehen. — Herrn Swammerdamm gelang es endlich, den bösen Leuwenhöck aus seiner Stellung an der Thüre, die er mit hartnäckiger Tapferkeit behauptet, zu ver¬ treiben und den Kampf in den Hintergrund des Flurs zu spielen. George Pepusch nahm den Augenblick wahr, drückte die frei gewordene Thüre, die weder verschlos¬ sen noch verriegelt war, auf und schlüpfte in's Zim¬ mer hinein. Sogleich stürzte er aber auch wieder her¬ aus, schrie: Sie ist fort — fort! und eilte mit Blitzesschnelle aus dem Hause von dannen. — Beide, Leuwenhöck und Swammerdamm, hatten sich schwer getroffen, denn beide hüpften, tanzten auf ganz tolle Weise und machten dazu mit Heulen und Schreien eine Musik, die dem Wehgeschrei der Verdammten in der Hölle zu gleichen schien. Peregrinus wußte in der That nicht recht, was er beginnen sollte, die Wüthenden auseinander zu bringen und so einen Auftritt zu endigen, der eben so lächerlich als entsetzlich war. Endlich gewahrten beide, daß die Thüre des Zimmers weit offen stand, vergaßen Kampf und Schmerz, steckten die verderblichen Waf¬ fen ein und stürzten sich in's Zimmer. Schwer fiel es nun erst dem Herrn Peregrinus Tyß auf's Herz, daß die Schönste aus dem Hause entflohen, er verwünschte den abscheulichen Leuwen¬ höck in die Hölle. Da ließ sich auf der Treppe Ali¬ nens Stimme vernehmen. Sie lachte laut und rief wiederum dazwischen: Was man nicht alles erlebt! Wundersam — unglaublich — wer hätte sich das träumen lassen! — Was ist, fragte Peregrinus kleinlaut, was ist denn schon wieder Unglaubliches vorgefallen? O lieber Herr Tyß, rief ihm die Alte entgegen, kommen Sie doch nur schnell herauf, gehen Sie doch nur in Ihr Zimmer. Die Alte öffnete ihm schalkisch kichernd die Thüre seines Gemachs. Als er hineintrat, da, o Wunder! o Wonne! hüpfte ihm die holde Dörtje Elverdink ent¬ gegen, gekleidet in das verführerische Gewand von Silberzindel, wie er sie bei dem Herrn Swammer er¬ blickt. »Endlich sehe ich Sie wieder, mein süßer Freund,» lispelte die Kleine, und wußte sich dem Peregrinus so anzuschmiegen, daß er nicht umhin konnte, sie, aller guten Vorsätze ungeachtet, auf das zärtlichste zu umarmen. Die Sinne wollten ihm ver¬ gehen vor Entzücken und Liebeslust. — Wohl oft hat es sich aber begeben, daß Jemand gerade im höchsten Rausch der überschwenglichsten Wonne, sich recht derb die Nase stieß und plötzlich geweckt durch den irdischen Schmerz aus dem seligen Jenseits hinabfiel in das ordinaire Diesseits. Gerade so ging es Herrn Peregrinus. Als er sich nämlich hinabbückte, um Dörtjes süßen Mund zu küssen, stieß er sich ganz entsetzlich die nicht unansehnliche Nase an dem Diadem von funkelnden Brillanten, das die Kleine in den schwarzen Locken trug. Der empfind¬ liche Schmerz des Stoßes an den eckigt geschliffenen Steinen, brachte ihn hinlänglich zu sich selbst, um das Diadem zu gewahren. Das Diadem mahnte ihn aber an die Prinzessin Gamaheh, und dabei mußte ihm wieder Alles einfallen, was ihm Meister Floh von dem verführerischen Wesen gesagt hatte. Er be¬ dachte, daß einer Prinzessin, der Tochter eines mäch¬ tigen Königs, unmöglich an seiner Liebe etwas gele¬ gen seyn könne, und daß ihr ganzes liebeathmendes Betragen wohl als gleißnerischer Trug gelten dürfe, durch den die Verrätherin sich den zauberischen Floh wieder verschaffen wolle. — Dieß betrachtend, glitt ein Eisstrom durch sein Inneres, der die Liebesflam¬ men, wenn auch nicht gänzlich auslöschte, so doch wenigstens dämpfte. Peregrinus wand sich sanft aus den Armen der Kleinen, die ihn liebend umfaßt hatte und sprach leise mit niedergeschlagenen Augen: Ach du lieber Himmel! Sie sind ja doch die Tochter des mächtigen Königs Sekakis, die schöne, hohe, herrliche Prinzessin Ga¬ maheh! — Verzeihung Prinzessin, wenn mich ein Gefühl, dem ich nicht widerstehen konnte, hinriß zur Thorheit, zum Wahnsinn. Aber Sie selbst, Durch¬ lauchtige — »Was,» unterbrach Dörtje Elverdink den Pe¬ regrinus, »was sprichst du, mein holder Freund? »Ich eines mächtigen Königs Tochter? ich eine Prin¬ »zessin? Ich bin ja deine Aline, die dich lieben wird »bis zum Wahnsinn, wenn du — doch, wie ist mir »denn? Aline, die Königin von Golkonda? die ist »ja schon bei dir; ich habe mit ihr gesprochen. Eine »gute, liebe Frau, doch alt ist sie geworden, und »lange nicht mehr so hübsch, als zur Zeit ihrer Ver¬ »heirathung mit einem französischen General! — »Weh mir! ich bin wohl nicht die rechte, ich habe »wohl nie in Golkonda geherrscht? — Weh mir!» Die Kleine hatte die Augen geschlossen und be¬ gann zu wanken. Peregrinus brachte sie auf den Sopha. »Gamaheh,» fuhr sie wie somnambul sprechend fort, »Gamaheh sagst du? — Gamaheh, die Toch¬ »ter des Königs Sekakis? Ja, ich erinnere mich, in »Famagusta! — ich war eigentlich eine schöne Tul¬ »pe — doch nein, schon damals fühlte ich Sehnsucht »und Liebe in der Brust. — Still, still davon!» Die Kleine schwieg, sie schien ganz einschlummern zu wollen. Peregrinus übernahm das gefährliche Wa¬ gestück, sie in eine bequemere Stellung zu bringen. Doch so wie er die Holde sanft umschlang, stach ihn eine versteckte Nadel recht derb in den Finger. Seiner Gewohnheit nach, schnippte er mit dem Daumen. Meister Floh hielt das aber für das verabredete Zei¬ chen und setzte ihm augenblicklich das mikroskopische Glas in die Pupille. So wie immer erblickte Peregrinus hinter der Hornhaut der Augen, das seltsame Geflecht der Ner¬ ven und Adern, die bis in das tiefe Gehirn hinein¬ gingen. Aber durch dieß Geflecht schlangen sich hell¬ blinkende Silberfaden, wohl hundertmal dünner als die Faden des dünnesten Spinngewebes und eben diese Faden, die endlos zu seyn schienen, da sie sich hin¬ ausrankten aus dem Gehirn in ein, selbst dem mi¬ kroskopischen Auge unentdeckbares Etwas, verwirrten, vielleicht Gedanken sublimerer Art, die andern von leichter zu erfassender Gattung. Peregrinus gewahrte bunt durcheinander Blumen, die sich zu Menschen ge¬ stalteten, dann wieder Menschen, die in die Erde zerflossen und dann als Steine, Metalle, hervor¬ blickten. Und dazwischen bewegten sich allerlei selt¬ same Thiere, die sich unzählige Mal verwandelten und wunderbare Sprachen redeten. Keine Erscheinung paßte zu der andern und in der bangen Klage brust¬ zerreissender Wehmuth, die durch die Luft ertönte, schien sich die Dissonanz der Erscheinungen auszusprechen. Doch eben diese Dissonanz verherrlichte nur noch mehr die tiefe Grundharmonie, die siegend hervorbrach, und alles, was entzweit geschienen, vereinigte zu ewiger namenloser Lust. »Verwirrt,» zischelte Meister Floh, »verwirrt »Euch nicht, guter Herr Peregrinus, das sind Ge¬ »danken des Traumes, die Ihr da schaut. Sollte »auch vielleicht noch etwas mehr dahinter stecken, so »ist es wohl jetzt nicht an der Zeit, das weiter zu »untersuchen. Ruft nur die verführerische Kleine bei »ihrem rechten Namen und fragt sie dann aus, wie »Ihr Lust habt.» Da die Kleine verschiedene Namen führte, so hätte es, wie man denken sollte, dem Peregrinus schwer fallen müssen, den rechten zu treffen. Peregri¬ nus rief aber, ohne sich im mindesten zu besinnen: Dörtje Elverdink! Holdes liebes Mädchen! wäre es kein Trug? wäre es möglich, daß du mich wirklich lieben könntest? Sogleich erwachte die Kleine aus ihrem träumerischen Zustande, schlug die Aeuglein auf, und sprach mit leuchtendem Blick: »Welche 10 »Zweifel, mein Peregrinus? Kann ein Mädchen »wohl das beginnen, was ich begann, wenn nicht die »glühendste Liebe ihre Brust erfüllt? Peregrinus, »ich liebe dich, wie keinen Andern, und willst du »mein seyn, so bin ich dein mit ganzer Seele und »bleibe bei dir, weil ich nicht von dir lassen kann und »nicht etwa bloß um der Tyrannei des Onkels zu ent¬ »fliehen.» Die Silberfaden waren verschwunden und die gehörig geordneten Gedanken lauteten: »Wie ist das »zugegangen? Erst heuchelte ich ihm Liebe, bloß um »den Meister Floh mir und dem Leuwenhöck wieder »zu gewinnen und jetzt bin ich ihm in der That gut »geworden. Ich habe mich in meinen eigenen Fall¬ »stricken gefangen. Ich denke kaum mehr an den »Meister Floh, ich möchte ewig dem Mann angehö¬ »ren, der mir liebenswürdiger vorkömmt, als alle, »die ich bis jetzt gesehen.» Man kann sich vorstellen, wie diese Gedanken alles selige Entzücken in Peregrinus Brust entflamm¬ ten. Er fiel vor der Holden nieder, bedeckte ihre Händchen mit tausend glühenden Küssen, nannte sie seine Wonne, seinen Himmel, sein ganzes Glück. — »Nun,» lispelte die Kleine, indem sie ihn sanft an ihre Seite zog, »nun, mein Theurer, wirst »du gewiß einen Wunsch nicht zurückweisen, von des¬ »sen Erfüllung die Ruhe, ja das ganze Daseyn dei¬ »ner Geliebten abhängt.» — »Verlange,» erwiederte Peregrinus, indem er die Kleine zärtlich umschlang, »verlange alles, mein »süßes Leben, alles, was du willst, dein leisester »Wunsch ist mir Gebot. Nichts in der Welt ist mir »so theuer, daß ich es nicht dir, nicht deiner Liebe »mit Freuden opfern sollte.» Weh mir, zischelte Meister Floh. Wer hätte das gedacht, daß die Treulose siegen sollte. Ich bin verloren! »So höre denn,» fuhr die Kleine fort, nach¬ dem sie die glühenden Küsse, die Peregrinus auf ihre Lippen gedrückt, feurig erwiedert hatte, »so höre denn, ich weiß, auf welche Art der» — Die Thür sprang auf und hinein trat Herr Ge¬ orge Pepusch. »Zeherit!» schrie wie in Verzweif¬ lung die Kleine auf und sank leblos in den Sopha zurück. Die Distel Zeherit flog aber auf die Prinzessin Gamaheh los, nahm sie in den Arm und rannte mit ihr blitzschnell von dannen. Meister Floh war für dießmal gerettet. — 10 * Fuͤnftes Abentheuer. Gedanken junger dichterischer Enthusiasten und schriftstelleri¬ scher Damen. Peregrinus Betrachtungen über sein Leben und Meister Flohs Gelehrsamkeit und Verstand. Seltene Tugend und Standhaftigkeit des Herrn Tyß. Unerwarteter Aus¬ gang eines bedrohlichen tragischen Auftritts. M it Blitzesschnelle hatte, wie es der geneigte Leser am Schlusse des vierten Abentheuers erfahren hat, Georg Pepusch die Kleine aus des verliebten Pere¬ grinus Armen entführt und diesen zurückgelassen, starr vor Erstaunen und Schreck. Als Peregrinus endlich zur Besinnung gekom¬ men, aufsprang und dem räuberischen Freunde nach¬ setzte, war alles öde und still im Hause. Auf wie¬ derholtes starkes Rufen pantoffelte die alte Aline aus dem entferntesten Zimmer heran und versicherte, von dem ganzen Vorfall auch nicht das mindeste bemerkt zu haben. Peregrinus wollte über Dörtjes Verlust beinahe außer sich gerathen. Meister Floh ließ sich aber ver¬ nehmen mit tröstenden Worten: »Ihr wißt,» sprach er mit einem Ton, der dem Hoffnungslosesten Zu¬ trauen einflößen mußte, »Ihr wißt ja noch gar nicht, »theurer Herr Peregrinus Tyß, ob die schöne Dörtje »Elverdink Euer Haus wirklich verlassen hat. So »viel ich mich auf solche Dinge verstehe, ist sie gar »nicht weit; mir ist's als wittere ich ihre Nähe. »Doch, wollt Ihr meinem freundschaftlichen Rath ver¬ »trauen und ihn befolgen, so überlaßt die schöne Dörtje »ihrem Schicksal. Glaubt mir, die Kleine ist ein »wetterwendisches Ding; mag es seyn, daß sie, wie »Ihr mir gesagt habt, Euch jetzt wirklich gut gewor¬ »den ist, wie lange wird es dauern und sie versetzt »Euch in solch Trübsal und Leid, daß Ihr Gefahr »lauft, darüber den Verstand zu verlieren, wie die »Distel Zeherit. Noch einmal sage ich es Euch, gebt »Euer einsames Leben auf. Ihr werdet Euch besser »dabei befinden. Was für Mädchen habt Ihr denn »schon kennen gelernt, daß Ihr die Dörtje für die »schönste achtet; welchem Weibe habt Ihr Euch denn »schon genähert mit freundlichen Liebesworten, daß »Ihr glaubt, nur Dörtje könne Euch lieben. Geht, »geht, Peregrinus, die Erfahrung wird Euch eines »bessern überzeugen. Ihr seyd ein ganz hübscher statt¬ »licher Mann und ich müßte nicht so verständig und »scharfsichtig seyn, als es der Meister Floh wirklich »ist, wenn ich nicht voraussehen sollte, daß Euch das »Glück der Liebe noch lachen wird auf ganz andere »Weise, als Ihr es wohl jetzt vermuthet.» — Peregrinus hatte dadurch, daß er an öffentliche Oerter ging, bereits die Bahn gebrochen und es wurde ihm nun weniger schwer, Gesellschaften zu besuchen, denen er sich sonst entzogen. Meister Floh that ihm dabei mit dem mikroskopischen Glase vortreffliche Dien¬ ste, und Peregrinus soll während der Zeit ein Tage¬ buch gehalten und die wunderlichsten ergötzlichsten Con¬ traste zwischen Worten und Gedanken, wie sie ihm täglich aufstießen, aufgezeichnet haben. Vielleicht findet der Herausgeber des seltsamen Märchens, Mei¬ ster Floh geheißen, künftig Gelegenheit, manches weiterer Mittheilung würdige aus diesem Tagebuch ans Licht zu fördern; hier würde es nur die Geschichte aufhalten und darum dem geneigten Leser eben nicht willkommen seyn. So viel kann gesagt werden, daß manche Redensarten mit den dazu gehörenden Gedan¬ ken stereotipisch wurden, wie z. B. »Ich erbitte mir Ihren gütigen Rath,» lautet in Gedanken: Er ist albern genug, zu glauben, daß ich wirklich in einer Sache, die längst beschlossen, seinen Rath verlange, und das kitzelt ihn! — »Ich vertraue Ihnen ganz!» — Ich weiß ja längst, daß er ein Spitzbube ist u. s. w. Endlich darf auch noch bemerkt werden, daß manche Leute doch den Peregrinus mit seinen mikroskopischen Betrachtungen in große Verlegenheit setzten. Das waren nämlich die jungen Männer, die über alles in den höchsten Enthusiasmus gerathen und sich in einen brausenden Strom der prächtigsten Redensarten ergießen konnten. Unter diesen schienen am tiefsten und herrlichsten junge Dichter zu sprechen, die von lauter Fantasie und Genialität strotzten und vorzüglich von Damen viel Anbetung erleiden mußten. Ihnen reihten sich schriftstellerische Frauen an, die alle Tie¬ fen des Seyns hienieden, so wie alle ächtphilosophi¬ sche, das Innerste durchdringende Ansichten der Ver¬ hältnisse des sozialen Lebens, wie man zu sagen pflegt, recht am Schnürchen hatten und mit prächtigen Wor¬ ten herzusagen wußten, wie eine Festtagspredigt. — Kam es dem Peregrinus wunderbar vor, daß die Sil¬ berfaden aus Gamahehs Gehirn herausrankten in ein unentdeckbares Etwas, so erstaunte er nicht weniger darüber, was er im Gehirn der erwähnten Leute wahrnahm. Er sah zwar das seltsame Geflecht von Adern und Nerven, bemerkte aber zugleich, daß diese gerade, wenn die Leute über Kunst und Wissenschaft, über die Tendenzen des höhern Lebens überhaupt ganz ausnehmend herrlich sprachen, gar nicht eindrangen in die Tiefe des Gehirns, sondern wieder zurückwuch¬ sen, so daß von deutlicher Erkennung der Gedanken, gar nicht die Rede seyn konnte. Er theilte seine Be¬ merkung dem Meister Floh mit, der gewöhnlich in ei¬ ner Falte des Halstuchs saß. Meister Floh meinte, daß das, was Peregrinus für Gedanken halte, gar keine wären, sondern nur Worte, die sich vergeblich mühten, Gedanken zu werden. Erlustigte sich nun Herr Peregrinus Tyß in der Gesellschaft auf mannigfache Weise, so ließ auch sein treuer Begleiter, Meister Floh, viel von seinem Ernste nach, und bewies sich als ein kleiner schalkischer Lüst¬ ling, als ein aimable roué . Keinen schönen Hals, keinen weißen Nacken eines Frauenzimmers konnte er nämlich sehen, ohne bei der ersten besten Gelegen¬ heit aus seinem Schlupfwinkel hervor und auf den einladenden Sitz zu springen, wo er jeder Nach¬ stellung gespitzter Finger geschickt zu entgehen wußte. Dieß Manoeuvre umfaßte ein doppeltes Interesse. Einmal fand er selbst seine Lust daran, dann wollte er aber auch des Peregrinus Blicke auf Schönheiten ziehn, die Dörtjes Bild verdunkeln sollten. Dieß schien aber ganz vergebliche Mühe zu seyn, denn keine einzige der Damen, denen sich Peregrinus ohne alle Scheu mit voller Unbefangenheit näherte, kam ihm so gar hübsch und anmuthig vor, als seine kleine Prin¬ zessin. Weshalb aber auch nun vollends seine Liebe zur Kleinen festhielt, war, daß bei keiner er Worte und Gedanken so zu seinen Gunsten übereinstimmend fand, als bei ihr. Er glaubte sie nimmermehr lassen zu können und erklärte dieß unverholen. Meister Floh ängstigte sich nicht wenig. Peregrinus bemerkte eines Tages, daß die alte Aline schalkisch vor sich hinlächelte, öfter als sonst Taback schnupfte, sich räusperte, undeutliches Zeug murmelte, kurz in ihrem ganzen Wesen that, wie Jemand, der etwas auf dem Herzen hat und es gern los seyn möchte. Dabei erwiederte sie auf Alles: Ja! — man kann das nicht wissen, man muß das abwarten! — mochten nun diese Redensarten passen oder nicht. »Sage,» rief Peregrinus endlich voll Un¬ geduld, »sage Sie es nur lieber gleich heraus, Aline, »was es wieder gibt, ohne so um mich herumzuschlei¬ »chen mit geheimnißvollen Mienen.» »Ach,» rief die Alte, indem sie die dürren Fäu¬ ste zusammenschlug, »ach, das herzige allerliebste »Zuckerpüppchen, das zarte liebe Ding!» »Wen meint sie denn?» unterbrach Peregri¬ nus die Alte verdrießlich. »Ey,» sprach diese schmunzelnd weiter, »ey, »wen sollte ich denn anders meinen, als unsere liebe »Prinzeß hier unten bei Herrn Swammer, Ihre »liebe Braut, Herr Tyß.» »Weib,» fuhr Peregrinus auf, »unglückliches »Weib, sie ist hier, hier im Hause, und das sagst »du mir erst jetzt?» »Wo sollte,» erwiederte die Alte, ohne im min¬ desten aus ihrer behaglichen Ruhe zu kommen, »wo »sollte die Prinzeß auch wohl anders seyn, als hier, »wo sie ihre Mutter gefunden hat.» »Wie,» rief Peregrinus, »was sagt sie, »Aline?» »Ja,» sprach die Alte, indem sie den Kopf er¬ hob, »ja, Aline, das ist mein rechter Name und »wer weiß, was in kurzer Zeit, vor ihrer Hochzeit, »noch alles an das Tageslicht kommen wird.» Ohne sich an Peregrinus Ungeduld, der sie bei allen Engeln und Teufeln beschwor, doch nur zu re¬ den, zu erzählen, sich auch nur im mindesten zu keh¬ ren, nahm die Alte gemächlich Platz in einem Lehn¬ stuhl, zog die Dose hervor, nahm eine große Priese und bewies dann dem Peregrinus sehr umständlich mit vielen Worten, daß es keinen größeren schädli¬ chern Fehler gäbe, als die Ungeduld. »Ruhe,» so sprach sie, »Ruhe, mein Söhn¬ »chen ist dir vor allen Dingen nöthig, denn sonst »läufst du Gefahr, alles zu verlieren, in dem Augen¬ »blick, als du es gewonnen zu haben glaubst. Ehe »du ein Wörtchen von mir hörst, mußt du dich dort »still hinsetzen wie ein artiges Kind und mich beileibe »nicht in meiner Erzählung unterbrechen.» Was blieb dem Peregrinus übrig, als der Alten zu gehorchen, die, so wie Peregrinus Platz genom¬ men, Dinge vorbrachte, die wunderlich und seltsam genug anzuhören waren. So wie die Alte erzählte, hatten die beiden Herren, nämlich Swammerdamm und Leuwenhöck, sich in dem Zimmer noch recht tüchtig herumgebalgt und dabei entsetzlich gelärmt und getobt. Dann war es zwar stille geworden, ein dumpfes Aechzen hatte indessen die Alte befürchten lassen, daß einer von bei¬ den auf den Tod verwundet. Als nun aber die Alte neugierig durch das Schlüsselloch kuckte, gewahrte sie ganz etwas anderes, als sie geglaubt. Swammer¬ damm und Leuwenhöck hatten den Georg Pepusch er¬ faßt und strichen und drückten ihn mit ihren Fäusten so, daß er immer dünner und dünner wurde, worüber er denn so ächzte, wie es die Alte vernommen. Zu¬ letzt, als Pepusch so dünn geworden wie ein Distel¬ stengel, versuchten sie ihn durch das Schlüsselloch zu drücken. Der arme Pepusch hing schon mit dem hal¬ ben Leibe heraus auf den Flur, als die Alte entsetzt von dannen floh. Bald darauf vernahm die Alte ein lautes schallendes Gelächter und gewahrte, wie Pe¬ pusch in seiner natürlichen Gestalt, von den beiden Magiern ganz friedlich zum Hause hinausgeführt wurde. In der Thüre des Zimmers stand die schöne Dörtje und winkte die Alte hinein. Sie wollte sich putzen und hatte dabei die Hülfe der Alten nöthig. Die Alte konnte gar nicht genug von der großen Menge Kleider reden, die die Kleine aus allerlei al¬ ten Schränken herbeigeholt und ihr gezeigt und von denen eins immer reicher und prächtiger gewesen als das andere. Dann versicherte die Alte auch, daß wohl nur eine Indische Prinzessin solch Geschmeide besitzen könne, als die Kleine, die Augen thäten ihr noch weh von dem blendenden Gefunkel. Die Alte erzählte weiter, wie sie mit dem lieben Zuckerkinde, während des Ankleidens dieß und jenes gesprochen, wie sie an den seligen Herrn Tyß, an das schöne Leben, das sonst im Hause geführt wor¬ den, gedacht und wie sie zuletzt auf ihre verstorbene Verwandten gekommen. »Sie wissen,» so sprach die Alte, »Sie wissen, »lieber Herr Tyß, daß mir nichts über meine selige »Frau Muhme, die Katundruckerfrau geht. Sie »war in Mainz und ich glaube gar, auch in Indien »gewesen und konnte französisch beten und singen. »Habe ich dieser Frau Muhme den unchristlichen Na¬ »men Aline zu verdanken, so will ich ihr das gern im »Grabe verzeihen, da ich, was die feine Lebensart, »die Manierlichkeit, den Verstand die Worte hübsch »zu setzen, allein von ihr profitirt habe. Als ich »nun recht viel von der Frau Muhme erzählte, fragte »die kleine Prinzessin nach meinen Eltern, Großeltern »und immer so weiter und weiter in die Familie hin¬ »ein. Ich schüttete mein Herz aus, ich sprach ganz »ohne Rückhalt davon, daß meine Mutter beinahe »eben so schön gewesen sey, als ich, wiewohl ich sie, »in Ansehung der Nase übertreffe die vom Vater ab¬ »stamme und überhaupt nach der Form in der Fa¬ »milie gebräuchlich sey, schon seit Menschengedenken. »Da kam ich denn auch auf die Kirchweihe zu reden, »als ich den Deutschen tanzte mit dem Sergeanten »Häberpiep und die himmelblauen Strümpfe angezo¬ »gen hatte mit den rothen Zwickeln. — Nun! lieber »Gott, wir sind alle schwache, sündige Menschen. — »Doch Herr Tyß, Sie sollten nun selbst gesehen ha¬ »ben, wie die kleine Prinzeß, die erst gekickert und »gelacht hatte, daß es eine Lust war, immer stiller »und stiller wurde und mich anstarrte mit solchen selt¬ »samen Blicken, daß mir in der That ganz graulich »zu Muthe wurde. — Und, denken Sie sich, Herr »Tyß, plötzlich, ehe ich mirs versehen, liegt die kleine »Prinzeß vor mir auf den Knien und will mir durch¬ »aus die Hand küssen, und ruft: Ja, du bist es, »nun erst erkenne ich dich, ja du bist es selbst! — »Und als ich nun ganz erstaunt frage, was das heis¬ »sen soll» — Die Alte stockte, und als Peregrinus in sie drang, doch nur weiter zu reden, nahm sie ganz ernst und bedächtig eine große Prise und sprach: Wirst es zeitig genug erfahren, mein Söhnchen, was sich nun wei¬ ter begab. Jedes Ding hat seine Zeit und seine Stunde! Peregrinus wollte eben noch schärfer in die Alte dringen, ihm mehr zu sagen, als diese in ein gellen¬ des Gelächter ausbrach. Peregrinus mahnte sie mit finstrem Gesicht daran, daß sein Zimmer eben nicht der Ort sey, wo sie mit ihm Narrenspossen treiben dürfe. Doch die Alte schien, beide Fäuste in die Seiten stemmend, ersticken zu wollen. Die brennend rothe Farbe des Antlitzes ging über in ein angeneh¬ mes Kirschbraun, und Peregrinus stand im Begriff der Alten ein volles Glas Wasser ins Gesicht zu gies¬ sen, als sie zu Athem kam und die Sprache wieder gewann. »Soll,» sprach sie, »soll man nicht la¬ chen über das kleine närrische Ding. — Nein, solche Liebe gibt es gar nicht mehr auf Erden! — Denken Sie sich Herr Tyß» — die Alte lachte aufs neue, dem Peregrinus wollte die Geduld ausgehen. Endlich brachte er dann mit Mühe heraus, daß die kleine Prin¬ zeß in dem Wahn stehe, daß er, Herr Peregrinus Tyß, durchaus die Alte heirathen wolle, und daß sie, die Alte, ihr aufs feierlichste versprechen müssen, seine Hand auszuschlagen. — Dem Peregrinus war es, als sey er in ein böses Hexenwesen verflochten und es wurde ihm so unheim¬ lich zu Muthe, daß ihm selbst die alte ehrliche Aline ein gespenstiges Wesen bedünken wollte, dem er nicht schnell genug entfliehen könne. Die Alte ließ ihn nicht fort, weil sie ihm noch ganz geschwind etwas vertrauen müsse, was die kleine Prinzeß angehe. »Es ist,» sprach die Alte vertraulich, »es ist »nun gewiß, daß Ihnen, lieber Herr Peregrinus, »der schöne leuchtende Glücksstern aufgegangen, aber »es bleibt nun Ihre Sache, sich den Stern günstig »zu erhalten. Als ich der Kleinen betheuerte, daß »Sie ganz erstaunlich in sie verliebt und weit entfernt »wären, mich heirathen zu wollen, meinte sie, daß sie »sich nicht eher davon überzeugen und Ihnen ihre »schöne Hand reichen könne, bis Sie ihr einen Wunsch »gewährt, den sie schon lange im tiefsten Herzen trage. »Die Kleine behauptet, Sie hätten einen kleinen aller¬ »liebsten Negerknaben bei sich aufgenommen, der aus »ihrem Dienste entlaufen; ich habe dem zwar wider¬ »sprochen, sie behauptet aber der Bube sey so win¬ »zig klein, daß er in einer Nußschaale wohnen könne. »Diesen Knaben nun» — »Daraus wird nichts, »fuhr Peregrinus, der längst wußte, wo die Alte hinauswollte, heftig auf und verließ stürmisch Zimmer und Haus. Es ist eine alte hergebrachte Sitte, daß der Held der Geschichte, ist er von heftiger Gemüthsbewegung ergriffen, hinausläuft in den Wald oder wenigstens in das einsam gelegene Gebüsch. Die Sitte ist darum gut, weil sie im Leben wirklich herrscht. Hiernach konnt es sich aber mit Herrn Peregrinus Tyß nicht anders begeben, als daß er von seinem Hause auf dem Roßmarkt aus so lange in einem Strich fortrannte, bis er die Stadt hinter sich und ein nahegelegenes Ge¬ büsch erreicht hatte. Da es ferner in einer roman¬ haften Historie keinem Gebüsch an rauschenden Blät¬ tern, seufzenden, lispelnden Abendlüften, murmelnden Quellen, geschwätzigen Bächen u. s. w. fehlen darf, so ist zu denken, daß Peregrinus das alles an seinem Zufluchtsorte fand. Auf einen bemoosten Stein, der zur Hälfte im spiegelhellen Bache lag, dessen Wellen kräuselnd um ihn her plätscherten, ließ sich Peregri¬ nus nieder, mit dem festen Vorsatz, die seltsamen Abentheuer des Augenblicks überdenkend, den Ariad¬ nen Faden zu suchen und zu finden, der ihm den Rückweg aus dem Labyrinth der wunderlichsten Räth¬ sel zeigen sollte. Es mag wohl seyn, daß das in abgemessenen Pau¬ sen wiederkehrende Geflüster der Büsche, das eintö¬ nige Rauschen der Gewässer, das gleichmäßige Klap¬ pern einer entfernten Mühle bald sich als Grund¬ ton gestaltet, nach dem sich die Gedanken zügeln und formen, so, daß sie nicht mehr ohne Rythmus und Takt durcheinander brausen, sondern zu deutlicher Me¬ lodie werden. So kam denn auch Peregrinus, nach¬ dem er einige Zeit sich an dem anmuthigen Orte be¬ funden, zu ruhiger Betrachtung. 11 »In der That,» sprach Peregrinus zu sich selbst, »ein fantastischer Mährchenschreiber könnte nicht tol¬ »lere, verwirrtere Begebenheiten ersinnen, als ich »sie in dem geringen Zeitraum von wenigen Tagen »wirklich erlebt habe. — Die Anmuth, das Entzük¬ »ken, die Liebe selbst kommt dem einsiedlerischen My¬ »sogin entgegen und ein Blick, ein Wort reicht hin, »Flammen in seiner Brust anzufachen, deren Mar¬ »ter er scheute, ohne sie zu kennen! Aber Ort, Zeit, »die ganze Erscheinung des fremden verführerischen »Wesens ist so geheimnißvoll, daß ein seltsamer Zau¬ »ber sichtbarlich einzugreifen scheint und nicht lange »dauert es, so zeigt ein kleines, winziges, sonst ver¬ »achtetes Thier, Wissenschaft, Verstand ja eine wun¬ »derbare magische Kraft. Und dieses Thier spricht »von Dingen, die allen gewöhnlichen Begriffen un¬ »erfaßlich sind, auf eine Weise, als sey das Alles nur »das tausendmal wiederholte Gestern und Heute des »gemeinen Lebens hinter der Bratenschüssel und der »Weinflasche. »Bin ich dem Schwungrad zu nahe gekommen, »das finstre unbekannte Mächte treiben, und hat »es mich erfaßt in seinen Schwingungen? Sollte »man nicht glauben, man müsse über derlei Dinge, »wenn sie das Leben durchschneiden, den Verstand »verlieren? — Und doch befinde ich mich ganz wohl »dabei; ja es fällt mir gar nicht sonderlich mehr »auf, daß ein Flohkönig sich in meinen Schutz be¬ »geben und dafür ein Geheimniß anvertraut hat, das »mir das Geheimniß der innern Gedanken erschließt »und so mich über allen Trug des Lebens erhebt. — »Wohin wird, kann aber das Alles führen? Wie, »wenn hinter dieser wunderlichen Maske eines Flohs »ein böser Dämon stäcke, der mich verlocken wollte »ins Verderben, der darauf ausginge, mir alles Lie¬ »besglück, das in Dörtjes Besitz mir erblühen könn¬ »te, zu rauben auf schnöde Weise? — Wär' es »nicht besser sich des kleinen Ungethüms gleich zu »entledigen?» »Das war,» unterbrach Meister Floh das Selbst¬ »gespräch des Peregrinus, »das war ein sehr unfeiner »Gedanke, Herr Peregrinus Tyß! Glaubt Ihr, daß »das Geheimniß, welches ich Euch anvertraute, ein »geringes ist? Kann Euch dieß Geschenk nicht als »das entscheidendste Kennzeichen meiner aufrichtigen »Freundschaft gelten? Schämt Euch, daß Ihr so »mißtrauisch seyd! Ihr verwundert Euch über den »Verstand, über die Geisteskraft eines winzigen sonst »verachteten Thierchens, und das zeugt, nehmt es »mir nicht übel, wenigstens von der Beschränktheit 11 * »Eurer wissenschaftlichen Bildung. Ich wollte, Ihr »hättet, was die denkende, sich willkührlich bestim¬ »mende Seele der Thiere betrifft, den griechischen »Philo oder wenigstens des Hieronimi Rorarii Ab¬ »handlung: quod animalia bruta ratione utantur » melius homine oder dessen oratio pro muribus »gelesen. Oder Ihr wüßtet was Lipsius und der große »Leibnitz über das geistige Vermögen der Thiere ge¬ »dacht haben, oder Euch wäre bekannt, was der ge¬ »lehrte tiefsinnige Rabbi Maimonides über die Seele »der Thiere gesagt hat. Schwerlich würdet Ihr dann »mich meines Verstandes halber für einen bösen Dä¬ »mon halten, oder gar die geistige Vernunftmasse nach »der körperlichen Extension abmessen wollen. Ich »glaube, am Ende habt Ihr Euch zur scharfsinnigen »Meinung des spanischen Arztes Gomez Pereira hin¬ »geneigt, der in den Thieren nichts weiter findet, als »künstliche Maschinen ohne Denkkraft, ohne Willens¬ »freiheit, die sich willkührlos, automatisch bewegen. »Doch nein, für so abgeschmackt will ich Euch nicht »halten, guter Herr Peregrinus Tyß und fest daran »glauben, daß Ihr längst durch meine geringe Per¬ »son eines bessern belehrt seyd. — Ich weiß ferner »nicht recht was Ihr Wunder nennt, schätzbarster Herr »Peregrinus, oder auf welche Weise Ihr es vermöget, »die Erscheinungen unseres Seyns, die wir eigentlich »wieder nur selbst sind, da sie uns und wir sie wech¬ »selseitig bedingen, in wunderbare und nicht wunder¬ »bare zu theilen. Verwundert Ihr Euch über etwas »deshalb, weil es Euch noch nicht geschehen ist, oder »weil Ihr den Zusammenhang von Ursache und Wir¬ »kung nicht einzusehen wähnt, so zeugt das nur von »der natürlichen oder angekränkelten Stumpfheit Eu¬ »res Blicks, der Eurem Erkenntnißvermögen schadet. »Doch — nehmt es nicht übel, Herr Tyß — das »Drolligste bei der Sache ist, daß Ihr Euch selbst »spalten wollt in zwei Theile, von denen einer die »sogenannten Wunder erkennt und willig glaubt, der »andere dagegen, sich über diese Erkenntniß, über »diesen Glauben gar höchlich verwundert. Ist es »Euch wohl jemals aufgefallen, daß Ihr an die Bil¬ »der des Traums glaubt? »Ich,» unterbrach Peregrinus den kleinen Red¬ ner, »ich bitt Euch, bester Mann! wie möget Ihr »doch vom Traume reden, der nur als Resultat irgend »einer Anordnung in unserm körperlichen oder geisti¬ »gen Organismus herrührt.» Meister Floh schlug bei diesen Worten des Herrn Peregrinus Tyß ein eben so feines als höhnisches Ge¬ lächter auf. »Armer,» sprach er hierauf zu dem etwas be¬ stürzten Peregrinus, »armer Herr Tyß, so wenig er¬ »leuchtet ist Euer Verstand, daß Ihr nicht das Al¬ »berne solcher Meinungen einsehet? Seit der Zeit, »daß das Chaos zum bildsamen Stoff zusammenge¬ »flossen — es mag etwas lange her seyn — formt der »Weltgeist alle Gestaltungen aus diesem vorhandenen »Stoff und aus diesem geht auch der Traum mit sei¬ »nen Gebilden hervor. Skizzen von dem was war »oder vielleicht noch seyn wird, sind diese Gebilde, die »der Geist schnell hinwirft zu seiner Lust, wenn ihn »der Tyrann, Körper genannt, seines Sklavendienstes »entlassen. Doch es ist hier weder Ort noch Zeit, Euch »zu widerlegen und eines bessern überzeugen zu wol¬ »len; es würde vielleicht auch von gar keinem Nutzen »seyn. Nur eine einzige Sache möcht' ich Euch noch »entdecken.» »Sprecht,» rief Peregrinus, »sprecht oder »schweigt, lieber Meister, thut das was Euch am ge¬ »rathensten dünkt; denn ich sehe genugsam ein, daß »Ihr, seyd Ihr auch noch so klein, doch unendlich »mehr Verstand und tiefe Kenntniß habt. Ihr »zwingt mich zum unbedingten Vertrauen, unerach¬ »tet ich Eure verblümten Redensarten nicht ganz ver¬ »stehe.» »So vernehmt,» nahm Meister Floh wieder das Wort, »so vernehmt denn, daß Ihr in die Ge¬ »schichte der Prinzessin Gamaheh verflochten seyd, auf »ganz besondere Weise. Swammerdamm und Leu¬ »wenhöck, die Distel Zeherit und der Egelprinz, über¬ »dem aber noch der Genius Thetel, alle streben nach »dem Besitz der schönen Prinzessin und ich selbst muß »gestehen, daß leider meine alte Liebe erwacht und »ich Thor genug seyn konnte, meine Herrschaft mit »der holden Treulosen zu theilen. Doch Ihr, Ihr, »Herr Peregrinus, seyd die Hauptperson, ohne Eure »Einwilligung kann die schöne Gamaheh niemanden »angehören. Wollt Ihr den eigentlichen tiefern Zu¬ »sammenhang der Sache, den ich selbst nicht weiß, »erfahren, so müßt Ihr mit Leuwenhöck darüber spre¬ »chen, der alles herausgebracht hat und gewiß man¬ »ches Wort fallen lassen wird, wenn Ihr Euch die »Mühe nehmen wollt und es versteht, ihn gehörig »auszuforschen.» Meister Floh wollte in seiner Rede fortfahren, als ein Mensch in voller Furie aus dem Gebüsch her¬ vor und auf den Peregrinus losstürzte. »Ha!» schrie Georg Pepusch — das war der Mensch — mit wilden Gebehrden; »ha, treuloser ver¬ »rätherischer Freund! — Treffe ich dich? — treffe ich »dich in der verhängnißvollen Stunde? — Auf denn, »durchbohre diese Brust, oder falle von meiner Hand!» Damit riß Pepusch ein Paar Pistolen aus der Tasche, gab ein Pistol dem Peregrinus in die Hand, und stellte sich mit dem andern in Positur, indem er rief: schieße, feige Memme! Peregrinus stellte sich, versicherte aber, daß nichts ihn zu dem heillosen Wahnsinn bringen würde, sich mit seinem einzigen Freunde in einen Zweikampf ein¬ zulassen ohne die Ursache auch nur zu ahnen. We¬ nigstens würde er in keinem Fall den Freund zuerst mörderisch angreifen. Da schlug aber Pepusch ein wildes Gelächter auf und in dem Augenblick schlug auch die Kugel aus dem Pistol, das Pepusch abgedrückt, durch den Hut des Peregrinus. Dieser starrte, ohne den Hut, der zur Erde gefallen, aufzuheben, den Freund an in tiefem Schweigen. Pepusch näherte sich dem Peregrinus bis auf wenige Schritte und murmelte dann dumpf: Schieße! Da drückte Peregrinus das Pistol schnell ab in die Luft. Laut aufheulend wie ein Rasender, stürzte Ge¬ orge Pepusch nun an die Brust des Freundes und schrie mit herzzerschneidendem Ton: Sie stirbt — sie stirbt aus Liebe zu dir, Unglücklicher! — Eile — rette sie — du kannst es! — rette sie für dich, und mich laß untergehen in wilder Verzweiflung! — Pepusch rannte so schnell von dannen, daß Pe¬ regrinus ihn sogleich aus dem Gesicht verloren hatte. Schwer fiel es aber nun dem Peregrinus aufs Herz, daß des Freundes rasendes Beginnen durch ir¬ gend etwas Entsetzliches veranlaßt seyn müsse, das sich mit der holden Kleinen begeben. Schnell eilte er nach der Stadt zurück. Als er in sein Haus trat, kam ihm die Alte entgegen und jammerte laut, daß die arme schöne Prinzeß plötzlich auf das heftigste erkrankt sey und wohl sterben werde; der alte Herr Swammer sey eben selbst nach dem berühmtesten Arzt gegangen, den es in Frankfurt gebe. Den Tod im Herzen, schlich Peregrinus in Herrn Swammers Zimmer, das ihm die Alte geöff¬ net. Da lag die Kleine, blaß, erstarrt wie eine Leiche auf dem Sopha, und Peregrinus spürte erst dann ihren leisen Athem, als er niedergekniet sich über sie hinbeugte. So wie Peregrinus die eiskalte Hand der Armen faßte, spielte ein schmerzliches Lächeln um ihre bleichen Lippen und sie lispelte: Bist du es, mein süßer Freund? — Kommst du her, noch einmal die zu sehen, die dich so unaussprechlich liebt? — Ach! die eben deshalb stirbt, weil sie ohne dich nicht zu athmen vermag! Peregrinus, ganz aufgelöst im herbsten Weh, er¬ goß sich in Betheurungen seiner zärtlichsten Liebe und wiederholte, daß nichts in der Welt ihm so theuer sey, um es nicht der Holden zu opfern. Aus den Wor¬ ten wurden Küsse, aber in diesen Küßen wurden wie¬ derum wie Liebeshauch Worte vernehmbar. »Du weißt,» so mochten diese Worte lauten, »du weißt, mein Peregrinus, wie sehr ich dich liebe. »Ich kann dein seyn, du mein, ich kann gesunden »auf der Stelle, erblüht wirst du mich sehen in fri¬ »schem jugendlichem Glanz wie eine Blume, die der »Morgenthau erquickt und die nun freudig das ge¬ »senkte Haupt emporhebt — aber — gib mir den Ge¬ »fangenen heraus, mein theurer, geliebter Peregri¬ »nus, sonst siehst du mich vor deinen Augen verge¬ »hen in namenloser Todesquaal! — Peregrinus — »ich kann nicht mehr — es ist aus» — Damit sank die Kleine, die sich halb aufgerich¬ tet hatte, in die Kissen zurück, ihr Busen wallte wie im Todeskampf stürmisch auf und nieder, blauer wur¬ den die Lippen, die Augen schienen zu brechen. — In wilder Angst griff Peregrinus nach der Halsbinde, doch von selbst sprang Meister Floh auf den weißen Hals der Kleinen, indem er mit dem Ton des tief¬ sten Schmerzes rief: Ich bin verloren! Peregrinus streckte die Hand aus, den Meister zu fassen; plötzlich war es aber, als hielte eine un¬ sichtbare Macht seinen Arm zurück und ganz andere Gedanken als die, welche ihn bis jetzt erfüllt, gingen ihm durch den Kopf. »Wie,» dachte er, weil du ein schwacher Mensch »bist, der sich hingibt in toller Leidenschaft, der im »Wahnsinn aufgeregter Begier das für Wahrheit »nimmt, was doch nur lügnerischer Trug seyn kann, »darum willst du den treulos verrathen, dem du dei¬ »nen Schutz zugesagt? Darum willst du ein freies »harmloses Völklein in Fesseln ewiger Sklaverei schmie¬ »den, darum den Freund, den du als den einzigen »befunden, dessen Worte mit den Gedanken stimmen, »rettungslos verderben? — Nein— nein, ermanne »dich, Peregrinus! —lieber den Tod leiden als treu¬ »los seyn!» — »Gib — den — Gefangenen — ich sterbe!» — So stammelte die Kleine mit verlöschender Stimme. »Nein,» rief Peregrinus, indem er in heller Verzweiflung die Kleine in die Arme faßte, »nein — nimmermehr, aber laß mich mit dir sterben! In dem Augenblick ließ sich ein durchdringender harmonischer Laut hören, als würden kleine Silber¬ glöckchen angeschlagen; Dörtje plötzlich frischen Rosen¬ schimmer auf Lipp' und Wangen, sprang auf vom Sopha und hüpfte, in ein konvulsivisches Gelächter ausbrechend, im Zimmer umher. Sie schien vom Ta¬ rantelstich getroffen. Entsetzt betrachtete Peregrinus das unheimliche Schauspiel und ein Gleiches that der Arzt, der ganz versteinert in der Thüre stehen blieb und dem Herrn Swammer, der ihm folgen wollte, den Eingang versperrte. Sechstes Abentheuer. Seltsames Beginnen reisender Gaukler in einem Weinhause nebst hinlänglichen Prügeln. Tragische Geschichte eines Schnei¬ derleins zu Sachsenhausen. Wie George Pepusch ehrsame Leute in Staunen setzt. Das Horoskop. Vergnüglicher Kampf bekannter Leute im Zimmer Leuwenhöcks. A lle Vorübergehende blieben stehen, reckten die Hälse lang aus und kuckten durch die Fenster in die Wein¬ stube hinein. Immer dichter wälzte sich der Haufe heran, immer ärger stieß und drängte sich alles durch¬ einander, immer toller wurde das Gewirre, das Ge¬ lächter, das Toben, das Jauchzen. Diesen Rumor verursachten zwei Fremde, die sich in der Weinstube eingefunden, und die, außerdem, daß ihre Gestalt, ihr Anzug, ihr ganzes Wesen etwas ganz fremdarti¬ ges in sich trug, das widerwärtig war und lächerlich zu gleicher Zeit, solche wunderliche Künste trieben, wie man sie noch niemals gesehen hatte. Der eine, ein alter Mensch von abscheulichem schmutzigem Ansehen, war in einen langen sehr engen Ueberrock von fahl¬ schwarzem glänzendem Zeuge gekleidet. Er wußte sich bald lang und dünn zu machen, bald schrumpfte er zu einem kurzen dicken Kerl zusammen und es war seltsam, daß er sich dabei ringelte wie ein glatter Wurm. Der andere hochfrisirt, im bunten seidnen Rock, eben solchen Unterkleidern, großen silbernen Schnallen, einem Petit Maitre aus der letzten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gleichend, flog dagegen ein¬ mal über das andere hoch hinauf an die Stubendecke und ließ sich sanft wieder herab, indem er mit heiterer Stimme mißtönende Lieder in gänzlich unbekannter Sprache trällerte. Nach der Aussage des Wirths waren beide, ei¬ ner kurz auf den andern als ganz vernünftige beschei¬ dene Leute in die Stube hineingetreten und hatten Wein gefordert. Dann blickten sie sich schärfer und schärfer ins Antlitz und fingen an zu discuriren. Un¬ erachtet ihre Sprache allen Gästen unverständlich war, so zeigte doch Ton und Gebehrde, daß sie in einen Zank begriffen, der immer heftiger wurde. Plötzlich standen sie in ihre jetzige Gestalt ver¬ wandelt da und begannen das tolle Wesen zu treiben, das immer mehr Zuschauer herbeilockte. »Der Mensch,» rief einer von den Zuschauern, »der Mensch, der so schön auf und nieder fliegt, das »ist ja wohl der Uhrmacher Degen aus Wien, der »die Flugmaschine erfunden hat und damit einmal »übers andre aus der Luft hinabpurzelt auf Nase? — »Ach nein,» erwiederte ein anderer, das ist nicht der »Vogel Degen. Eher würd' ich glauben, es wäre »das Schneiderlein aus Sachsenhausen, wüßt' ich »nicht, daß das arme Ding verbrannt ist.» — Ich weiß nicht, ob der geneigte Leser die merk¬ würdige Geschichte von dem Schneiderlein aus Sach¬ senhausen kennt? — Hier ist sie: Geschichte des Schneiderleins aus Sachsenhausen. Es begab sich, daß ein zartes frommes Schnei¬ derlein zu Sachsenhausen, an einem Sonntage gar schön geputzt mit seiner Frau Liebsten aus der Kirche kam. Die Luft war rauh, das Schneiderlein hatte zu Nacht nichts genossen, als ein halbes weichgesot¬ tenes Ey und eine Pfeffergurke, Morgens aber ein kleines Schälchen Kaffee. Wollte ihm daher flau und erbärmlich zu Muthe werden, weil er überdem in der Kirche gar heftig gesungen, und ihm nach einem Ma¬ genschnäpschen gelüsten. War die Woche über fleißig gewesen und auch artig gegen die Frau Liebste, der er von den Stücken Zeug die beim Zuschneiden unter die Bank gefallen, einen propren Unterrock gefertigt. Frau Liebste bewilligte also freundlich, daß das Schnei¬ derlein in die Apotheke treten und ein erwärmendes Schnäpschen genießen möge. Trat auch wirklich in die Apotheke und forderte dergleichen. Der ungeschickte Lehrbursche, der allein in der Apotheke zurückgeblie¬ ben, da der Rezeptarius, das Subjekt, kurz alle übrigen klügeren Leute fortgegangen, vergriff sich und holte eine verschlossene Flasche vom Repositorio herab, in der kein Magenelixir befindlich, wohl aber brenn¬ bare Luft, womit die Luftbälle gefüllt werden. Da¬ von schenkte der Lehrbursche ein Gläschen voll; das setzte das Schneiderlein stracks an den Mund und schlürfte die Luft begierig hinunter, als ein angeneh¬ mes Labsal. Wurde ihm aber alsbald gar poßierlich zu Muthe, war ihm als hätte er ein Paar Flügel an den Achseln oder als spiele jemand mit ihm Fang¬ ball. Denn ellenhoch und immer höher mußte er in der Apotheke aufsteigen und niedersinken. »Ey Jemine, Jemine, rief er, wie bin ich doch solch ein flinker Tänzer geworden! — Aber dem Lehrburschen stand das Maul offen vor lauter Verwunderung. Ge¬ schah nun, daß jemand die Thüre rasch aufriß, so daß das Fenster gegen über aufsprang. Strömte als¬ bald ein starker Luftzug durch die Apotheke, erfaßte das Schneiderlein und schnell wie der Wind war es fort durch das offne Fenster in alle Lüfte; niemand hat es wieder gesehen. Begab sich nach mehrerer Zeit, daß die Sachsenhäuser zur Abendzeit hoch in den Lüf¬ ten eine Feuerkugel erblickten, die mit blendendem Glanz die ganze Gegend erleuchtete und dann verlö¬ schend zur Erde hinabfiel. Wollten alle wissen, was zur Erde gefallen, liefen hin an den Ort, fanden aber nichts als ein kleines Klümpchen Asche; dabei aber den Dorn einer Schuhschnalle, ein Stückchen eiergelben Atlas mit bunten Blumen und ein schwar¬ zes Ding, das beinahe anzusehen war, wie ein Stock¬ knopf von schwarzem Horn. Haben alle darüber nach¬ gedacht, wie solche Sachen in einer Feuerkugel aus dem Himmel fallen mögen. Da ist aber die Frau Liebste des entfahrnen Schneiderleins dazu gekommen und als diese die gefundenen Sachen erblickt, hat sie die Hände gerungen, gar erbärmlich gethan und ge¬ schrien: Ach Jammer, das ist meines Liebsten Schnal¬ lendorn, ach Jammer, das ist meines Liebsten Sonn¬ tagsweste, ach Jammer, das ist meines Liebsten Stock¬ knopf! Hat aber ein großer Gelehrter erklärt, der Stockknopf sey kein Stockknopf, sondern ein Meteor¬ 12 stein oder ein mißrathener Weltkörper. Ist nun aber auf diese Weise den Sachsenhäusern und aller Welt kund worden, daß das arme Schneiderlein, dem der Apothekerbursche brennbare Luft gegeben statt Magen¬ schnaps, in den hohen Lüften verbrannt und herun¬ tergesunken ist zur Erde als Meteorstein oder mißrath¬ ner Weltkörper. Ende der Geschichte von dem Schneiderlein aus Sachsenhausen. Der Kellner wurde endlich ungeduldig, daß der wunderliche Fremde nicht aufhörte sich groß und klein zu machen, ohne auf ihn zu achten und hielt ihm die Flasche Burgunder, die er bestellt hatte, dicht unter die Nase. Sogleich sog sich der Fremde an der Fla¬ sche fest und ließ nicht nach, bis der letzte Trop¬ fen eingeschlürft war. Dann fiel er wie ohnmächtig in den Lehnsessel und konnte sich nur ganz schwach regen. Die Gäste hatten mit Erstaunen gesehen, wie er während des Trinkens immer mehr aufgeschwollen und nun ganz dick und unförmlich erschien. Des Andern Flugwerk schien nun auch zu stocken, er wollte sich keuchend und ganz außer Athem niederlassen; als er aber gewahrte, daß sein Gegner halb todt da lag, sprang er schnell auf ihn zu und begann ihn mit geballter Faust derb abzubläuen. Da riß ihn aber der Hauswirth zurück und erklärte, daß er ihn gleich zum Hause hinauswerfen werde, wenn er nicht Ruhe halte. Wollten sie beide ihre Taschenspielerkünste zeigen, so möchten sie das thun, jedoch ohne sich zu zanken und zu prügeln, wie gemeines Volk. — Den Fluchbegabten schien es etwas zu verschnup¬ fen, daß der Wirth ihn für einen Taschenspieler hielt. Er versicherte, daß er nichts weniger sey, als ein schnöder Gaukler, der lose Künste treibe. Sonst habe er die Ballettmeisterstelle bei dem Theater eines berühmten Königs bekleidet, jetzt privatisire er als schöner Geist und heiße wie es sein Metier erfordere, nämlich Leg é nie. Habe er im gerechten Zorn über den fatalen Men¬ schen dort etwas höher gesprungen, als gebührlich, so sey das seine Sache und gehe niemanden etwas an. Der Wirth meinte, daß das alles noch keine Prügelei rechtfertige; der schöne Geist erwiederte in¬ dessen, daß der Wirth den boshaften hinterlistigen Menschen nur nicht kenne, da er ihm sonst einen zer¬ bläuten Rücken recht herzlich gönnen würde. Der Mensch sey nämlich ehemals französischer Douanier gewesen, nähre sich jetzt vom Aderlassen, Schröpfen 12 * und Barbieren und heiße Monsieur Egel. Unge¬ schickt, tölpisch, gefräßig, sey er jedem zur Last. Nicht genug daß der Taugenichts überall wo er mit ihm zusammentreffe, so wie es eben jetzt geschehen, ihm den Wein vor dem Maule wegsaufe, so führe er auch, der Verruchte, jetzt nichts Geringeres im Schilde als ihm die schöne Braut wegzukapern, die er aus Frankfurt heimzuführen gedenke. Der Douanier hatte alles gehört, was der schöne Geist vorgebracht; er blitzte ihn an mit den kleinen, giftiges Feuer sprühenden Augen und sprach dann zum Wirth: Glaubt doch, Herr Wirth! nichts von dem Allem, was der Galgenschwengel, der unnütze Ha¬ selant dort hergeplappert. »Fürwahr ein schöner Ballettmeister, der mit »seinen Elephantenfüßen den zarten Tänzerinnen die »Beine zerquetscht und bei der Pirouette dem Maitre »des Spektakels an der Kulisse einen Backzahn aus »dem Kinnbacken, und den Opernkucker vom Auge »wegschlägt! — Und seine Verse, die haben eben »solche plumpe Füße wie er selbst und taumeln hin »und her wie Betrunkene und treten die Gedanken zu »Brei. Und da denkt der einbildische Faselhans, »weil er zuweilen schwerfällig durch die Lüfte flattert, »wie ein verdroßener Gänsericht, müßte die Schönste »seine Braut seyn.» Der schöne Geist schrie: Du tückischer Satans¬ wurm, sollst den Schnabel des Gänserichts fühlen! und wollte von neuem in voller Furie auf den Doua¬ nier los; der Wirth erfaßte ihn aber von hinten mit starken Armen und warf ihn unter dem unaussprech¬ lichsten Jubel des versammelten Haufens, zum Fen¬ ster hinaus. So wie nun der schöne Geist von hinnen war, hatte Monsieur Egel sogleich wieder, die solide schlichte Gestalt angenommen, in der er hereingetreten war. Die Leute draußen hielten ihn für einen ganz an¬ dern, als den, der sich so auseinander zu schrauben gewußt hatte und zerstreuten sich. Der Douanier dankte dem Wirth in den verbindlichsten Ausdrücken für die Hülfe, die er ihm gegen den schönen Geist ge¬ leistet, und erbot sich, um diese dankbare Gesinnung recht an den Tag zu legen, den Wirth, ohne irgend eine Gratifikation, auf eine solche leichte angenehme Weise zu rasiren, wie er es in seinem Leben noch nicht empfunden. Der Wirth faßte sich an den Bart und da es in dem Augenblick ihm vorkam, als wüchsen ihm die Haare lang und stachelicht heraus, so ließ er sich Monsieur Egels Vorschlag gefallen. Der Douanier begann auch das Geschäft mit geschickter leichter Hand zu besorgen, doch plötzlich schnitt er dem Wirth so derb in die Nase, daß die hellen Blutstropfen her¬ vorquollen. Der Wirth, dieß für tückische Bosheit haltend, sprang wüthend auf, packte den Douanier und er flog eben so schnell und behende zur Thüre hin¬ aus, als der schöne Geist durchs Fenster. Bald dar¬ auf entstand auf dem Hausflur ein unziemlicher Lärm, der Wirth nahm sich kaum Zeit, die wunde Nase sattsam mit Feuerschwamm zu mappiren und rannte hinaus, um nachzusehen, welch ein Satan den neuen Rumor errege. Da erblickte er zu seiner nicht geringen Verwun¬ derung einen jungen Menschen, der mit einer Faust den schönen Geist, mit der andern aber den Douanier bei der Brust gepackt hatte, und indem seine glühen¬ den Augen wild rollten, wüthend schrie: Ha, sata¬ nische Brut, du sollst mir nicht in den Weg treten, du sollst mir meine Gamaheh nicht rauben! Dazwi¬ schen kreischten der schöne Geist und der Douanier: Ein wahnsinniger Mensch — rettet — rettet uns Herr Wirth! — Er will uns ermorden — er mi߬ kennt uns! — Ey, rief der Wirth, ey lieber Herr Pepusch, was fangen Sie denn an? Sind sie von diesen wunderlichen Leuten beleidigt worden? Irren Sie sich vielleicht in den Personen? Dieß ist der Bal¬ lettmeister Herr Leg é nie und dieser der Douanier, Mon¬ sieur Egel. Balletmeister Leg é nie? — Douanier Egel? wiederholte Pepusch mit dumpfer Stimme. Er schien aus einem Traum erwachend, sich auf sich selbst be¬ sinnen zu müssen. Indessen waren auch zwei ehrsame Bürgersleute aus der Stube getreten, die den Herrn George Pepusch ebenfalls kannten und die ihm auch zuredeten, ruhig zu bleiben und die schnakischen frem¬ den Leute gehen zu lassen. Noch einmal wiederholte Pepusch: Ballettmeister Leg é nie? — Douanier Egel? und ließ die Arme kraft¬ los herabsinken. Mit Windesschnelle waren die Frei¬ gelassenen fort und manchem auf der Straße wollt' es auffallen, daß der schöne Geist über das Dach des ge¬ genüberstehenden Hauses hinwegflog, der Bartscheerer sich aber in dem Schlammwasser verlor, das gerade vor der Thüre zwischen den Steinen sich gesammelt hatte. Die Bürgersleute nöthigten den ganz verstörten Pepusch in die Stube zu treten und mit ihnen eine Flasche ächten Nierensteiner zu trinken. Pepusch ließ sich das gefallen und schien auch den edlen Wein mit Lust und Appetit hinunter zu schlürfen, wiewohl er ganz stumm und starr da saß und auf alles Zureden kein Wörtchen erwiederte. Endlich erheiterten sich seine Züge und er sprach ganz leutselig: Ihr thatet gut, ihr lieben Leute und freundlichen Kumpane, daß ihr mich abhieltet, diese Elenden, die sich in meiner Ge¬ walt befanden, auf der Stelle zu tödten. Aber ihr wißt nicht, was für bedrohliche Geschöpfe sich hinter diesen wunderlichen Masken versteckt hatten. — Pepusch hielt inne und man kann denken, mit welcher gespannten Neugier die Bürgersleute aufhorch¬ ten, was nun Pepusch entdecken würde. Auch der Wirth hatte sich genähert und alle drei, die Bürgers¬ leute und der Wirth steckten nun, indem sie sich mit übereinandergeschlagenen Armen über den Tisch lehnten, die Köpfe dicht zusammen, und hielten den Athem an, daß ja kein Laut aus Pepuschens Munde verloren gehen möge. Seht, sprach Herr George Pepusch weiter, ganz leise und feierlich, seht ihr guten Männer, der, den ihr den Ballettmeister Legénie nennt, ist kein anderer, als der böse, ungeschickte Genius Thetel, der , den ihr für den Douanier Egel haltet ist aber der abscheu¬ liche Blutsauger, der häßliche Egelprinz. Beide sind in die Prinzessin Gamaheh, die wie es Euch bekannt seyn wird, die schöne herrliche Tochter des mächtigen Königs Sekakis ist, verliebt und sind hier, um sie der Distel Zeherit abspenstig zu machen. Das ist nun die albernste Thorheit, die nur in einem dummen Ge¬ hirn hausen kann, denn außer der Distel Zeherit, gibt es in der ganzen Welt nur noch ein einziges Wesen, dem die schöne Gamaheh angehören darf, und dieses Wesen wird vielleicht auch ganz vergeblich in den Kampf treten, mit der Distel Zeherit. Denn bald blühet die Distel um Mitternacht auf, in voller Pracht und Kraft und in dem Liebestod dämmert die Morgen¬ röthe des höhern Lebens. — Ich selbst bin aber die Distel Zeherit und eben daher könnet ihr mirs nicht verdenken, ihr guten Leute, wenn ich ergrimmt bin auf jene Verräther und mir überhaupt die ganze Ge¬ schichte gar sehr zu Herzen nehme. Die Leute rissen die Augen weit auf und glotz¬ ten den Pepusch sprachlos an mit offnem Munde. Sie waren, wie man zu sagen pflegt, aus den Wol¬ ken gefallen und der Kopf dröhnte ihnen, vom jähen Sturz. Pepusch stürzte einen großen Römer Wein hin¬ unter, und sprach dann, sich zum Wirth wendend: Ja ja, Herr Wirth, bald werdet Ihr's erleben, bald blühe ich als Cactus grandiflorus und in der ganzen Gegend wird es unmenschlich nach der schönsten Va¬ nille riechen; ihr könnet mir das glauben. Der Wirth konnte nichts herausbringen, als ein dummes: Ey das wäre der Tausend! Die andern bei¬ den Männer warfen sich aber bedenkliche Blicke zu, und einer sprach, indem er Georgs Hand faßte, mit zweideutigem Lächeln: Sie scheinen etwas in Unruhe gerathen zu seyn, lieber Herr Pepusch, wie wär' es wenn Sie ein Gläschen Wasser — Keinen Tropfen, unterbrach Pepusch den gut¬ gemeinten Rath, keinen Tropfen; hat man jemals Wasser in siedendes Oel gegossen, ohne die Wuth der Flammen zu reizen? — In Unruhe sey ich, meint Ihr, gerathen? In der That, das mag der Fall seyn und der Teufel ruhig bleiben, wenn er sich, so wie ich es eben gethan, mit dem Herzensfreunde her¬ umgeschossen und dann sich selbst eine Kugel durch's Gehirn gejagt! — Hier! — in Eure Hände liefere ich die Mordwaffen, da nun alles vorbei ist. Pepusch riß ein Paar Pistolen aus der Tasche, der Wirth prallte zurück, die beiden Bürgersleute grif¬ fen darnach und brachen, so wie sie die Mordwaffe in Händen hatten, aus in ein unmäßiges Gelächter. — Die Pistolen waren von Holz, ein Kinderspielzeug vom Christmarkt her. Pepusch schien gar nicht zu bemerken was um ihn her vorging; er saß da in tiefen Gedanken und rief dann einmal übers andre: Wenn ich ihn nur fin¬ den könnte, wenn ich ihn nur finden könnte! — Der Wirth faßte Herz und fragte bescheiden: Wen meinen Sie eigentlich, bester Herr Pepusch, wen können Sie nicht finden? Kennt Ihr, sprach Pepusch feierlich, indem er den Wirth scharf ins Auge faßte, kennt Ihr einen, der dem Könige Sekakis zu vergleichen an Macht und wunderbarer Kraft, so nennt seinen Namen und ich küsse Euch die Füße! — Doch wollt ich übrigens Euch fragen, ob Ihr jemanden wißt, der den Herrn Peregri¬ nus Tyß kennt, und mir sagen kann, wo ich ihn in diesem Augenblick treffen werde? — Da, erwiederte freundlich schmunzelnd der Wirth, da kann ich dienen, verehrtester Herr Pepusch und Ihnen berichten, daß der gute Herr Tyß sich erst vor einer Stunde hier befand und ein Schöppchen Würz¬ burger zu sich nahm. Er war sehr in Gedanken, und rief plötzlich, als ich bloß erwähnte, was die Börsen¬ halle Neues gebracht: Ja süße Gamaheh! — ich habe dir entsagt! — Sey glücklich in meines Georgs Ar¬ men! — Dann sprach eine feine kuriose Stimme: Laßt uns jetzt zum Leuwenhöck gehen und ins Horos¬ kop kucken! — Sogleich leerte Herr Tyß eiligst das Glas und machte sich sammt der Stimme ohne Kör¬ per von dannen; wahrscheinlich sind beide, die Stim¬ me und Herr Tyß, zum Leuwenhöck gegangen, der sich im Lamento befindet, weil ihm sämmtliche abge¬ richtete Flöhe krepirt sind. Da sprang George in voller Furie auf, packte den Wirth bei der Kehle, und schrie: Hallunkischer Egelsbote, was sprichst du? — Entsagt? — ihr entsagt — Gamaheh — Peregrinus — Sekakis? — — — Des Wirths Erzählung war ganz der Wahr¬ heit gemäß; den Meister Floh hatte er vernommen, der den Herrn Peregrinus Tyß mit feiner Silber¬ stimme aufforderte, zum Mikroskopisten Leuwenhöck zu gehen, der geneigte Leser, weiß bereits, zu wel¬ chem Zweck. Peregrinus begab sich auch wirklich auf den Weg dahin. Leuwenhöck empfing den Peregrinus mit süßli¬ cher widerwärtiger Freundlichkeit und mit jenem de¬ müthigen Complimentenwesen, in dem sich das lästige, erzwungene Anerkenntniß der Superiorität ausspricht. Da aber Peregrinus das mikroskopische Glas in der Pupille hatte, so half dem Herrn Anton von Leu¬ wenhöck alle Freundlichkeit, alle Demuth ganz und gar nichts, vielmehr erkannte Peregrinus alsbald den Mißmuth, ja den Haß, der des Mikroskopisten Seele erfüllte. Während er versicherte, wie sehr ihn des Herrn Tyß Besuch ehre und erfreue, lauteten die Gedanken: »Ich wollte, daß dich der schwarzgefiederte Satan »zehntausend Klafter tief in den Abgrund schleudere, »aber ich muß freundlich und unterwürfig gegen dich »thun, da die verfluchte Constellation mich unter »deine Herrschaft gestellt hat und mein ganzes Seyn »in gewisser Art von dir abhängig ist. — Doch werde »ich dich vielleicht überlisten können, denn trotz deiner »vornehmen Abkunft, bist du doch ein einfältiger »Tropf. — Du glaubst, daß die schöne Dörtje El¬ »verdink dich liebt und willst sie vielleicht gar heira¬ »then? — Wende dich nur deshalb an mich, denn »fällst du doch trotz der Macht, die dir innwohnt, »ohne daß du es weißt, in meine Hand und ich werde »alles anwenden, dich zu verderben und der Dörtje »so wie des Meisters Floh habhaft zu werden.» Natürlicherweise richtete Peregrinus sein Betra¬ gen nach diesen Gedanken ein und hütete sich wohl der schönen Dörtje Elverdink auch nur mit einem Worte zu erwähnen, vielmehr gab er vor, gekommen zu seyn, Herrn von Leuwenhöcks gesammelte natur¬ historische Merkwürdigkeiten in Augenschein zu nehmen. Während nun Leuwenhöck die großen Schränke öffnete, sagte Meister Floh dem Peregrinus ganz leise ins Ohr, daß auf dem Tische am Fenster, sein (des Peregrinus) Horoskop liege. Peregrinus näherte sich behutsam und blickte scharf hin. Da sah er nun zwar allerlei Linien, die sich mystisch durchkreuzten und an¬ dere wunderbare Zeichen; da es ihm indessen an astro¬ logischer Kenntniß gänzlich mangelte, so konnte er so scharf hinblicken, als er nur wollte, alles blieb ihm doch undeutlich und verworren. Seltsam schien es ihm nur, daß er den rothen glänzenden Punkt in der Mitte der Tafel, auf der das Horoskop entworfen, ganz deutlich für sein Selbst anerkennen mußte. Je länger er den Punkt anschaute, desto mehr gewann er die Gestalt eines Herzens, desto brennender röthete er sich; doch funkelte er nur wie durch Gespinnst, womit er umzogen. Peregrinus merkte wohl, wie Leuwenhöck sich mühte, ihn von dem Horoskop abzuziehen und beschloß ganz vernünftig, seinen freundlichen Feind, ohne alle weitere Umschweife geradezu um die Bedeutung der geheimnißvollen Tafel zu befragen, da er nicht Gefahr laufe, belogen zu werden. Leuwenhöck versicherte, hämisch lächelnd, daß ihm nichts größere Freude verursachen könne, als sei¬ nem hochverehrtesten Freunde die Zeichen auf der Ta¬ fel, die er selbst nach seiner geringen Kenntniß von solchen Sachen entworfen, zu erklären. Die Gedanken lauteten: »Hoho! willst du da »hinaus mein kluger Patron? Fürwahr, Meister »Floh hat dir gar nicht übel gerathen! Ich selbst soll »die geheimnißvolle Tafel erklärend, dir vielleicht auf »die Sprünge helfen, Rücksichts der magischen Macht »deiner werthen Person? — könnte dir was vor¬ »lügen, doch was könnte das nützen, da du, wenn »ich dir auch die Wahrheit sage, doch kein Jota von »Allem verstehst, sondern dumm bleibst, wie vorher. »Aus purer Bequemlichkeit und um mich nicht mit »neuer Erfindung in Unkosten zu setzen, will ich da¬ »her von den Zeichen der Tafel so viel sagen, als »mir gerade gut dünkt.» Peregrinus wußte nun, daß er zwar nicht alles erfahren, jedoch wenigstens nicht belogen werden würde. Leuwenhöck brachte die Tafel auf das einer Staf¬ felei ähnliche Gestell, welches er aus einem Winkel in die Mitte des Zimmers hervorgerückt hatte. Beide, Leuwenhöck und Peregrinus setzten sich vor die Tafel hin und betrachteten sie stillschweigend. »Ihr ahnet,» begann endlich Leuwenhöck mit einiger Feierlichkeit, »ihr ahnet vielleicht nicht, Pe¬ »regrinus Tyß, daß jene Züge, jene Zeichen auf der »Tafel, die Ihr so aufmerksam betrachtet, Euer eig¬ »nes Horoskop sind, das ich mit geheimnißvoller »astrologischer Kunst, unter günstigem Einfluß der »Gestirne, entworfen. — Wie kommt Ihr zu sol¬ »cher Anmaßung, wie mögt Ihr eindringen in die »Verschlingungen meines Lebens, wie mein Geschick »enthüllen wollen? So könntet Ihr mich fragen, »Peregrinus und hättet vollkommenes Recht dazu, »wenn ich Euch nicht sogleich meinen innern Beruf »dazu nachzuweisen im Stande wäre. Ich weiß nicht »ob Ihr vielleicht den berühmten Rabbi, Isaac Ben »Harravad gekannt, oder wenigstens von ihm gehört »habt. Der Rabbi Isaac Ben Harravad lebte zu Ende des zwölften Jahrhunderts. S. Bartolorri , Bib¬ lioth . rabbinica . Tom . III . p. 888. Unter andern tiefen Kenntnissen, besaß »Rabbi Harravad die seltene Gabe, den Menschen »es am Gesicht anzusehen, ob ihre Seele schon früher »einen andern Körper bewohnt oder ob solcher für »gänzlich frisch und neu zu achten. Ich war noch »sehr jung, als der alte Rabbi starb an einer Unver¬ »daulichkeit, die er sich durch ein schmackhaftes Knob¬ »lauch-Gericht zugezogen. Die Juden liefen mit der »Leiche so schnell von dannen, daß der Selige nicht »Zeit hatte, alle seine Kenntniße und Gaben, die »die Krankheit auseinander gestreut, zusammen zu »raffen und mitzunehmen. Lachende Erben theilten »sich darin, ich aber hatte jene wunderbare Seher¬ »gabe in dem Augenblick weggefischt, als sie auf der »Spitze des Schwerdts schwebte, das der Todesengel »auf die Brust des alten Rabbi setzte. So ist aber »jene wunderbare Gabe auf mich übergegangen, und »auch ich erschaue, wie Rabbi Isaac Ben Harravad »aus dem Gesicht des Menschen, ob seine Seele schon »einen andern Körper bewohnt hat oder nicht. Euer »Antlitz, Peregrinus Tyß, erregte mir, als ich es »zum erstenmale sah, die seltsamsten Bedenken und »Zweifel. Gewiß wurde mir die lange Vorexistenz »Eurer Seele und doch blieb jede, Euerm jetzigen Le¬ »ben vorausgegangene Gestaltung völlig dunkel. Ich »mußte meine Zuflucht zu den Gestirnen nehmen, »und Euer Horoskop stellen, um das Geheimniß zu »lösen.» Und, unterbrach Peregrinus den Flohbändiger, und habt Ihr etwas herausgebracht, Herr Leuwen¬ höck? Allerdings, erwiederte Leuwenhöck, indem er noch einen feierlichern Ton annahm, allerdings! Ich habe erkannt, daß das physische Prinzip, welches jetzt 13 den angenehmen Körper meines werthen Freundes, des Herrn Peregrinus Tyß belebt, schon lange vorher existir¬ te, wiewohl nur als Gedanke ohne Bewußtseyn der Ge¬ staltung. Schaut hin, Herr Peregrinus, betrachtet aufmerksam den rothen Punkt in der Mitte der Ta¬ fel. Das seyd Ihr nicht allein selbst, sondern der Punkt ist auch die Gestalt, deren sich Euer physisches Prinzip einst nicht bewußt werden konnte. Als stra¬ lender Karfunkel, lagt Ihr damals im tiefen Schacht der Erde, aber über Euch hingestreckt, auf die grüne Fläche des Bodens, schlummerte die holde Gamaheh und nur in jener Bewußtlosigkeit zerrann auch ihre Gestaltung. Seltsame Linien, fremde Constellatio¬ nen durchschneiden nun Euer Leben von dem Zeit¬ punkt an, als der Gedanke sich gestaltete und zum Herrn Peregrinus Tyß wurde. Ihr seyd im Besitz eines Talismans, ohne es zu wissen. Dieser Ta¬ lisman ist eben der rothe Karfunkel; es kann seyn, daß der König Sekakis ihn als Edelstein in der Krone trug oder daß er gewissermaßen selbst der Karfunkel war; genug — Ihr besitzt ihn jetzt, aber ein gewis¬ ses Ereigniß muß hinzutreten, wenn seine schlum¬ mernde Kraft erweckt werden soll und mit diesem Er¬ wachen der Kraft Eures Talismans entscheidet sich das Schicksal einer Unglücklichen, die bis jetzt zwi¬ schen Furcht und schwankender Hoffnung, ein mühse¬ liges Scheinleben geführt hat. — Ach! nur ein Schein¬ leben konnte die süße Gamaheh durch die tiefste magische Kunst gewinnen, da der wirkende Talisman uns ge¬ raubt war! Ihr allein habt sie getödtet, ihr allein könnet ihr Leben einhauchen, wenn der Karfunkel auf¬ geglüht ist in Eurer Brust! — Und, unterbrach Peregrinus den Flohbändiger aufs neue, und jenes Ereigniß, wodurch die Kraft des Talismans geweckt werden soll, wißt ihr mir das zu deuten, Herr Leuwenhöck? Der Flohbändiger glotzte den Peregrinus an mit weit aufgerissenen Augen, und sah gerade so aus, wie einer, den plötzlich große Verlegenheit überrascht und der nicht weiß, was er sagen soll. Die Gedan¬ ken lauteten: »Wetter, wie ist es gekommen, daß »ich viel mehr gesagt habe, als ich eigentlich sagen »wollte? Hätte ich wenigstens nicht von dem Talis¬ »man das Maul halten sollen, den der glückselige »Schlingel im Leibe trägt, und der ihm so viel Macht »geben kann über uns, daß wir alle nach seiner Pfeife »tanzen müssen? — Und nun soll ich ihm das Er¬ »eigniß sagen, von dem das Erwachen der Kraft sei¬ »nes Talismans abhängt! — Darf ich ihm denn »gestehen, daß ich es selbst nicht weiß, daß alle meine 13 * »Kunst daran scheitert, den Knoten zu lösen, in den »sich alle Linien verschlingen, ja, daß wenn ich die¬ »ses siderische Hauptzeichen des Horoskops betrachte, »es mir ganz jämmerlich zu Muthe wird, und mein »ehrwürdiges Haupt mir selbst vorkommt, wie ein »bunt bemalter Haubenstock, aus schnöder Pappe ge¬ »fertigt? — Fern sey von mir solch ein Geständniß, »das mich ja herabwürdigen und ihm Waffen gegen »mich in die Hände geben würde. Ich will dem Pin¬ »sel, der sich so klug dünkt, etwas aufheften, das »ihm durch alle Glieder fahren und ihm alle Lust be¬ »nehmen soll, weiter in mich zu dringen.» — »Allerliebster,» sprach nun der Flohbändiger, indem er ein sehr bedenkliches Gesicht zog, »allerlieb¬ »ster Herr Tyß, verlangt nicht, daß ich von diesem »Ereigniß sprechen soll. Ihr wißt, daß das Ho¬ »roskop uns zwar über das Eintreten gewisser Um¬ »stände klar und vollständig belehrt, daß aber, so will »es die Weisheit der ewigen Macht, der Ausgang »bedrohlicher Gefahr stets dunkel bleibt und hierüber »nur zweifelhafte Deutungen möglich und zuläßig »sind. Viel zu lieb hab' ich Euch als einen guten »vortrefflichen Herzensmann, bester Herr Tyß, um »Euch vor der Zeit in Unruhe und Angst zu setzen; »sonst würde ich Euch wenigstens so viel sagen, daß »das Ereigniß, welches Euch das Bewußtseyn Eurer »Macht geben dürfte, auch in demselben Augenblick »die jetzige Gestaltung Eures Seyns unter den ent¬ »setzlichsten Qualen der Hölle zerstören könnte. — »Doch nein! — Auch das will ich Euch verschwei¬ »gen und nun kein Wort weiter von dem Horoskop. — »Aengstigt Euch nur ja nicht, bester Herr Tyß, un¬ »erachtet die Sache sehr schlimm steht und ich, nach »aller meiner Wissenschaft, kaum einen guten Aus¬ »gang des Abentheuers herausdeuten kann. Vielleicht »rettet Euch doch eine ganz unvermuthete Constella¬ »tion, die noch jetzt außer dem Bereich der Beobach¬ »tung liegt, aus der bösen Gefahr.» — Peregrinus erstaunte über Leuwenhöcks tückische Falschheit, indessen kam ihm die ganze Lage der Sa¬ che, die Stellung, in der Leuwenhöck, ohne es zu wissen, zu ahnen, ihm gegenüber stand, so ungemein ergötzlich vor, daß er sich nicht enthalten konnte in ein schallendes Gelächter auszubrechen. »Worüber,» fragte der Flohbändiger etwas be¬ treten, »worüber lacht Ihr so sehr, mein werthester »Herr Tyß?» »Ihr thut,» erwiederte Peregrinus noch im¬ mer lachend, »Ihr thut sehr klug, Herr Leuwen¬ »höck, daß Ihr mir das bedrohliche Ereigniß aus »purer Schonung verschweigt. Denn außerdem, daß »Ihr viel zu sehr mein Freund seyd, um mich in »Angst und Schrecken zu setzen, so habt Ihr noch »einen andern triftigen Grund dazu, der in nichts »anderem besteht, als daß Ihr selbst nicht das min¬ »deste von jenem Ereignisse wißt. Vergebens blieb ja »all' Euer Mühen, jenen verschlungenen Knoten zu lö¬ »sen; mit Eurer ganzen Astrologie ist es ja nicht »weit her, und wäre Euch Meister Floh nicht ohn¬ »mächtig auf die Nase gefallen, so stünde es mit all »Euren Künsten herzlich schlecht.» Wuth entflammte Leuwenhöcks Antlitz, er ballte die Fäuste, er knirschte mit den Zähnen, er zitterte und schwankte so sehr, daß er vom Stuhle gefallen, hätte ihn nicht Peregrinus beim Arm so fest gepackt, als George Pepusch den unglücklichen Weinwirth bei der Kehle. Diesem Wirth gelang es, sich durch ei¬ nen geschickten Seitensprung zu retten. Alsbald flog Pepusch zur Thüre hinaus und trat in Leuwenhöcks Zimmer, gerade in dem Augenblick, als Peregrinus ihn auf dem Stuhle festhielt und er grimmig zwi¬ schen den Zähnen murmelte: Verruchter Swammer¬ damm, hättest du mir das gethan! So wie Peregrinus seinen Freund Pepusch er¬ blickte, ließ er den Flohbändiger los, trat dem Freunde entgegen und fragte ängstlich, ob denn die entsetzliche Stimmung vorüber, die ihn mit solcher verderblichen Gewalt ergriffen. Pepusch schien beinahe bis zu Thränen erweicht, er versicherte, daß er Zeit seines Lebens nicht so viel abgeschmackte Thorheiten begangen, als eben heute, wozu er vorzüglich rechne, daß er, nachdem er sich im Walde eine Kugel durch den Kopf geschoßen, in einem Weinhause, selbst wisse er nicht mehr, wo es gewesen, ob bei Protzler, im Schwan, im Weiden¬ hof oder sonst irgendwo, zu gutmüthigen Leuten von überschwenglichen Dingen gesprochen und den Wirth meuchelmörderischer Weise erwürgen wollen, bloß weil er aus seinen abgebrochenen Reden zu entnehmen ge¬ glaubt, daß das Glückseligste geschehen, was ihm (dem Pepusch) nur widerfahren könne. Alle seine Un¬ fälle würden nun bald die höchste Spitze erreichen, denn nur zu gewiß hätten die Leute seine Reden, sein gan¬ zes Beginnen, für den stärksten Ausbruch des Wahn¬ sinnes gehalten und er müßte fürchten, statt die Früchte des frohsten Ereignisses zu genießen, in das Irren¬ haus gesperrt zu werden. — Pepusch deutete hierauf an, was der Weinwirth über Peregrinus Betragen und Aeußerungen fallen lassen, und fragte hocherrö¬ thend mit niedergeschlagenen Augen, ob ein solches Opfer, eine solche Entsagung zu Gunsten eines un¬ glücklichen Freundes, wie er es ahnen wolle, in der jetzigen Zeit, in der der Heroismus von der Erde ver¬ schwunden, wohl noch möglich, wohl noch denkbar seyn könne. Peregrinus lebte im Innern ganz auf bei den Aeußerungen seines Freundes; er versicherte feurig, daß er seiner Seits weit entfernt sey, den bewährten Freund nur im mindesten zu kränken, daß er al¬ len Ansprüchen auf Herz und Hand der schönen Dörtje Elverdink feierlichst entsage und gern auf ein Para¬ dies verzichte, das ihm freilich in glänzendem verfüh¬ rerischem Schimmer entgegen gelacht. »Und dich,» rief Pepusch, indem er an die Brust des Freundes stürzte, »und dich wollte ich er¬ »morden, und weil ich nicht an dich glaubte, darum »erschoß ich mich selbst! — O der Raserei, o des »wüsten Treibens eines verstörten Gemüths!» — »Ich,» unterbrach Peregrinus den Freund, »ich »bitte dich, George, komme zur Besinnung. Du »sprichst von Todtschießen und stehest frisch und ge¬ »sund vor mir! — Wie reimt sich das zusammen.» »Du hast Recht,» erwiederte Pepusch, »es »scheint als ob ich nicht mit dir so vernünftig reden »könnte, wie es wirklich geschieht, wenn ich mir in »der That eine Kugel durch's Gehirn gejagt hätte. »Die Leute behaupteten auch, meine Pistolen wären »keine sonderlich ernste Mordwaffen, auch gar nicht »von Eisen sondern von Holz, mithin nur Kinder¬ »spielzeug und so könnte vielleicht der Zweikampf, so »wie der Selbstmord nichts gewesen seyn, als eine »vergnügliche Ironie. Hätten wir denn nicht unsere »Rollen getauscht und ich begänne mit der Selbstmy¬ »stifikation und handthierte mit dummen Kindereien »in dem Augenblick, da du aus deiner kindischen Fa¬ »belwelt heraustrittst in das wirkliche rege Leben. — »Doch dem sey wie ihm wolle, es ist nöthig, daß »ich deines Edelmuths und meines Glücks gewiß wer¬ »de, dann zerstreuen sich wohl bald alle Nebel, die »meinen Blick trüben oder die mich vielleicht täu¬ »schen mit Morganischen Truggebilden. Komm mein »Peregrinus, begleite mich hin zu der holden Dörtje »Elverdink, aus deiner Hand empfange ich die süße »Braut. Pepusch faßte den Freund unter den Arm und wollte mit ihm schnell davon eilen, doch der Gang, den sie zu thun gedachten, sollte ihnen erspart wer¬ den. Die Thüre öffnete sich nämlich, und hinein trat Dörtje Elverdink, schön und anmuthig wie ein Engelskind, hinter ihr her aber der alte Herr Swam¬ mer. Leuwenhöck, der so lange stumm und starr da¬ gestanden und nur, bald dem Pepusch, bald dem Pe¬ regrinus zornfunkelnde Blicke zugeworfen hatte, schien, als er den alten Swammerdamm erblickte, wie von einem elektrischen Schlage getroffen. Er streckte ihm die geballten Fäuste entgegen und schrie mit vor Wuth gellender Stimme: »Ha! kommt du mich zu verhöh¬ »nen, alter betrügerischer Unhold? — Aber es soll »dir nicht gelingen. Vertheidige dich, deine letzte »Stunde hat geschlagen.» Swammerdamm prallte einige Schritte zurück und zog, da Leuwenhöck mit dem Fernglas bereits gegen ihn ausfiel, die gleiche Waffe zu seiner Verthei¬ digung. Der Zweikampf, der im Hause des Herrn Peregrinus Tyß sich entzündet, schien aufs neue be¬ ginnen zu wollen. George Pepusch warf sich zwischen die Kämpfen¬ den und indem er einen mörderischen Blick Leuwen¬ höcks, der den Gegner zu Boden gestreckt haben würde, geschickt mit der linken Faust wegschlug, drückte er mit der rechten die Waffe, womit der Swammerdamm sich eben blickfertig ausgelegt hatte, hinab, so daß sie den Leuwenhöck nicht verwunden konnte. Pepusch erklärte dann laut, daß er irgend einen Streit, irgend einen gefährlichen Kampf zwischen Leuwenhöck und Swammerdamm nicht eher zulassen werde bis er die Ursache ihres Zwists von Grund aus erfahren. Peregrinus fand das Beginnen seines Freundes so vernünftig, daß er gar keinen Anstand nahm, ebenfalls zwischen die Kämpfer zu treten und sich eben so zu erklären wie Pepusch. Beide, Leuwenhöck und Swammerdamm, waren genöthigt, den Fremden nachzugeben. Swammerdamm versicherte überdem, daß er durchaus nicht in feindlicher Absicht, sondern nur deshalb gekommen sey, um Rück¬ sichts der Dörtje Elverdink mit Leuwenhöck in gütli¬ chen Vergleich zu treten und so eine Fehde zu enden, die zwei für einander geschaffene Prinzipe, deren ge¬ meinschaftliches Forschen nur den tiefsten Born der Wissenschaft erschöpfen könne, feindlich entzweit und nur zu lange gedauert habe. Er blickte dabei den Herrn Peregrinus Tyß lächelnd an und meinte, Pe¬ regrinus werde, wie er zu hoffen sich unterstehe, da Dörtje doch eigentlich in seine Arme geflohen, den Vermittler machen. Leuwenhöck versicherte dagegen, daß Dörtjes Be¬ sitz freilich der Zankapfel sey, indessen habe er so eben eine neue Tücke seines unwürdigen Collegen entdeckt. Nicht allein, daß er den Besitz eines gewissen Mi¬ kroskops läugne, das er bei einer gewissen Gelegen¬ heit als Abfindung erhalten, um seine unrechtmäßige Ansprüche auf Dörtjes Besitz zu erneuern, so habe er noch überdem jenes Mikroskop einem Andern über¬ lassen, um ihn, den Leuwenhöck, noch mehr zu quä¬ len und zu ängstigen. Swammerdamm schwur dage¬ gen hoch und theuer, daß er das Mikroskop niemals empfangen und große Ursache habe zu glauben, daß es von Leuwenhöck boshafter Weise unterschlagen worden. »Die Narren,» lispelte Meister Floh dem Pe¬ regrinus leise zu, »die Narren, sie sprechen von dem »Mikroskop, das Euch im Auge sitzt. Ihr wißt, »daß ich bei dem Friedenstraktat, den Swammer¬ »damm und Leuwenhöck über den Besitz der Prinzessin »Gamaheh abschlossen, zugegen war. Als nun Swam¬ »merdamm das mikroskopische Glas, das er in der »That von Leuwenhöck erhalten, in die Pupille des »linken Auges werfen wollte, schnappte ich es weg, »weil es nicht Leuwenhöcks sondern mein rechtmäs¬ »siges Eigenthum war. Sagt nur gerade heraus, »Herr Peregrinus, daß Ihr das Kleinod habt.» Peregrinus nahm auch gar keinen Anstand, so¬ gleich zu verkündigen, daß er das mikroskopische Glas besitze, welches Swammerdamm von Leuwenhöck er¬ halten sollen aber nicht erhalten; mithin sey jener Verein noch gar nicht ausgeführt worden und keiner, weder Leuwenhöck noch Swammerdamm habe zur Zeit das unbedingte Recht, die Dörtje Elverdink für seine Pflegetochter anzusehen. Nach vielem Hin- und Herreden, kamen die beiden Streitenden dahin überein, daß Herr Pere¬ grinus Tyß, die Dörtje Elverdink, welche ihn auf das zärtlichste liebe, zu seiner Frau Gemahlin erkiesen und dann nach sieben Monaten selbst entscheiden solle, wer von beiden Mikroskopisten als wünschenswerther Pflege- und Schwiegervater anzusehen. So anmuthig und allerliebst auch Dörtje Elver¬ dink in dem zierlichsten Anzuge, den Amoretten ge¬ schneidert zu haben schienen, aussehen, solche süße, schmachtende Liebesblicke sie auch dem Herrn Peregri¬ nus Tyß zuwerfen mochte, doch gedachte Peregrinus seines Schützlings so wie seines Freundes und blieb dem gegebenen Worte getreu, und erklärte von neuem, daß er auf Dörtjes Hand verzichte. Die Mikroskopisten waren nicht wenig betreten, als Peregrinus den George Pepusch für denjenigen er¬ klärte, der die mehrsten und gerechtesten Ansprüche auf Dörtjes Hand habe und meinten, daß er wenigstens zur Zeit gar keine Macht habe, ihren Willen zu be¬ stimmen. Dörtje Elverdink wankte, indem ein Thränen¬ strom ihr aus den Augen stürzte, auf Peregrinus zu, der sie in seinen Armen auffing, als sie eben halb ohnmächtig zu Boden sinken wollte. »Undankbarer,» seufzte sie, »du brichst mir das Herz, indem du mich von dir stößest! — Doch du willst es! — nimm noch diesen Abschiedskuß und laß mich sterben.» Peregrinus bückte sich hinab, als aber sein Mund den Mund der Kleinen berührte, biß sie ihn so heftig in die Lippen, daß das Blut hervorsprang. »Unart,» rief sie dabei ganz lustig, »so muß man dich züchti¬ »gen! — Komm zu Verstande, sey artig und nimm »mich, mag auch der Andere schreien wie er will.» — Die beiden Mikroskopisten waren indessen wieder, der Himmel weiß, worüber, in heftigen Zank gerathen. George Pepusch warf sich aber ganz trostlos der schö¬ nen Dörtje zu Füßen, und rief mit einer Stimme, die jämmerlich genug klang, um aus der heiseren Kehle des unglücklichsten Liebhabers zu kommen: Gamaheh! so ist denn die Flamme in deinem Innern ganz er¬ loschen, so gedenkst du nicht mehr der herrlichen Vor¬ zeit in Famagusta, nicht mehr der schönen Tage in Berlin, nicht mehr — »Du bist,» fiel die Kleine dem Unglücklichen la¬ chend ins Wort, »du bist ein Hasenfuß, George, mit »deiner Gamaheh, mit deiner Distel Zeherit und all »dem andern tollen Zeuge, das dir einmal geträumt »hat. Ich war dir gut, mein Freund und bin es noch »und nehme dich, unerachtet mir der Große dort bes¬ »ser gefällt, wenn du mir heilig versprichst, ja feier¬ »lich schwörst, daß du alle deine Kräfte anwenden »willst» — Die Kleine lispelte dem Pepusch etwas ganz leise ins Ohr; Peregrinus glaubte aber zu vernehmen, daß von Meister Floh die Rede. Immer heftiger war indessen der Zank zwischen den beiden Mikroskopisten geworden, sie hatten aufs neue zu den Waffen gegriffen und Peregrinus mühte sich eben, die erhitzten Gemüther zu besänftigen, als die Gesellschaft sich wiederum vermehrte. Unter widerwärtigem Kreischen und häßlichem Geschrei wurde die Thüre aufgestoßen und hinein stürzten der schöne Geist, Monsieur Leg é nie und der Bartscheerer Egel. Mit wilder entsetzlicher Gebehrde sprangen sie los auf die Kleine und der Bartscheerer hatte sie schon bei der Schulter gepackt, als Pepusch den häßlichen Feind mit unwiderstehlicher Gewalt weg¬ drängte, ihn gleichsam mit dem ganzen biegsamen Körper umwand und dermaßen zusammendrückte, daß er ganz lang und spitz in die Höhe schoß, indem er vor Schmerz laut brüllte. Während dieß dem Bartscheerer geschah, hatten die beiden Mikroskopisten bei der Erscheinung der Feinde sich augenblicklich mit einander versöhnt, und den schönen Geist gemeinschaftlich bekämpft mit vie¬ lem Glück. Nichts half es nämlich dem schönen Geist, daß er sich, als er unten gehörig abgebläut worden, sich zur Stubendecke erhob. Denn beide, Leuwen¬ höck und Swammerdamm, hatten kurze dicke Knittel ergriffen und trieben den schönen Geist, so wie er her¬ abschweben wollte, durch demjenigen Theil des Körpers, der es am besten vertragen kann, geschickt applizirte Schläge immer wieder in die Höhe. Es war ein zier¬ liches Ballonspiel, bei dem freilich der schöne Geist nothgedrungen, die ermüdendste und zugleich die un¬ dankbarste Rolle übernommen, nämlich die des Bal¬ lons. Der Krieg mit den dämonischen Fremden, schien der Kleinen großes Entsetzen einzujagen; sie schmiegte sich fest an Peregrinus und flehte ihn an, sie fortzu¬ schaffen aus diesem bedrohlichen Getümmel. Peregri¬ nus konnte das um so weniger ablehnen, als er über¬ zeugt seyn mußte, daß es auf dem Kampfplatz seiner Hülfe nicht bedurfte; er brachte daher die Kleine in ihre Wohnung, das heißt, in die Zimmer seines Miethsmanns. Es genügt zu sagen, daß die Kleine, als sie sich mit Herrn Peregrinus allein befand, aufs neue alle Künste der feinsten Koketterie anwandte, um ihn in ihr Netz zu verlocken. Mocht er es auch noch so fest im Sinn behalten, daß das alles Falschheit sey und nur dahin ziele, seinen Schützling in Sklaverei zu bringen, so ergriff ihn doch eine solche Verwirrung, daß er sogar nicht an das mikroskopische Glas dachte, welches ihm zum wirksamen Gegengift gedient haben würde. Meister Floh gerieth aufs neue in Gefahr, er wurde jedoch auch dießmal durch Herrn Swammer gerettet, der mit George Pepusch eintrat. Herr Swammer schien ausnehmend vergnügt, Pepusch hatte dagegen Wuth und Eifersucht im glü¬ henden Blick. Peregrinus verließ das Zimmer. Den tiefsten bittersten Unmuth im wunden Her¬ zen, durchstrich er düster und in sich gekehrt, die Stras¬ sen von Frankfurt, er ging zum Thore hinaus und weiter, bis er endlich zu dem anmuthigen Plätzchen kam, wo das seltsame Abentheuer mit seinem Freunde Pepusch sich zugetragen. 14 Er bedachte aufs neue sein wunderbares Verhäng¬ niß, anmuthiger, holder, im höhern Liebreiz als je¬ mals ging ihm das Bild der Kleinen auf, sein Blut wallte stärker in den Adern, heftiger schlugen die Pulse, die Brust wollte ihm zerspringen vor brünsti¬ ger Sehnsucht. Nur zu schmerzlich fühlte er die Größe des Opfers, das er gebracht und mit dem er alles Glück des Lebens verloren zu haben glaubte. Die Nacht war eingebrochen, als er zurückkehrte nach der Stadt. Ohne es zu gewahren, vielleicht aus unbewußter Scheu in sein Haus zurückzukehren, war er in mancherlei Nebenstraßen und zuletzt in die Kalbächer Gasse gerathen. Ein Mensch, der ein Felleisen auf dem Rücken trug, fragte ihn, ob hier nicht der Buchbinder Lämmerhirt wohne. Peregrinus schaute auf und gewahrte daß er wirklich vor dem schmalen hohen Hause stand, in welchem der Buch¬ binder Lämmerhirt wohnte; er erblickte in luftiger Höhe die hellerleuchteten Fenster des fleißigen Man¬ nes, der die Nacht hindurch arbeitete. Dem Men¬ schen mit dem Felleisen wurde die Thüre geöffnet und er ging ins Haus. Schwer fiel es dem Peregrinus aufs Herz, daß er in der Verwirrung der letzten Zeit vergessen hatte, dem Buchbinder Lämmerhirt verschiedene Arbeiten zu bezahlen die er für ihn gefertigt hatte; er be¬ schloß gleich am folgenden Morgen hinzugehen und seine Schuld zu tilgen. 14 * Siebentes Abentheuer. Feindliche Nachstellungen der verbündeten Mikroskopisten nebst ihrer fortwährenden Dummheit. Neue Prüfungen des Herrn Peregrinus Tyß und neue Gefahren des Meisters Floh. Röschen Lämmerhirt. Der entscheidende Traum und Schluß des Mährchens. F ehlt es auch über den eigentlichen Ausgang des Kampfs in Leuwenhöcks Zimmer gänzlich an be¬ stimmten Nachrichten, so steht doch nichts anders zu vermuthen, als daß die beiden Mikroskopisten mit Hülfe des jungen Herrn George Pepusch, einen voll¬ ständigen Sieg über die bösen feindlichen Gesellen er¬ fochten haben mußten. Unmöglich hätte sonst der alte Swammer bei seiner Rückkehr so freundlich, so vergnügt seyn können, als er es wirklich war. — Mit derselben frohen freudigen Miene, trat Swam¬ mer oder vielmehr Herr Johannes Swammerdamm, am andern Morgen hinein zu Herrn Peregrinus, der noch im Bette lag und mit seinem Schützling, dem Meister Floh, in tiefem Gespräch begriffen war. Peregrinus unterließ nicht, sogleich, als er den Herrn Swammerdamm erblickte, sich das mikrosko¬ pische Glas in die Pupille werfen zu lassen. Nach vielen langen und eben so langweiligen Entschuldigungen seines zu frühzeitigen Besuchs, nahm endlich Swammerdamm Platz dicht an Peregrinus Bett. Durchaus wollte der Alte nicht zugeben, daß Peregrinus aufstehe und den Schlafrock umwerfe. In den wunderlichsten Redensarten dankte der Alte dem Peregrinus für die großen Gefälligkeiten, die er ihm erwiesen und die darin bestehen sollten, daß er ihn nicht allein als Miethsmann in sein Haus auf¬ genommen, sondern auch erlaubt, daß der Hausstand durch ein junges bisweilen etwas zu lebhaftes und zu lautes Frauenzimmer vermehrt worden. Ferner aber müsse er die größte Gefälligkeit darin finden, daß Pe¬ regrinus nicht ohne selbst Opfer zu bringen, seine (des Alten) Versöhnung mit dem alten Freunde und Kunst- Collegen Anton von Leuwenhöck bewirkt habe. So wie Swammerdamm erzählte, hatten sich beider Her¬ zen in dem Augenblick zu einander hingeneigt, als sie von dem schönen Geist und dem Bartscheerer überfal¬ len wurden und die schöne Dörtje Elverdink retten mußten, vor den bösen Unholden. Die förmliche ernstliche Versöhnung der Entzweiten, war dann bald darauf erfolgt. Leuwenhöck hatte den günstigen Einfluß, den Peregrinus auf beide gehabt, eben so gut erkannt, als Swammerdamm und den ersten Gebrauch, den sie von dem wiederhergestellten Freundschaftsbunde machten, bestand darin, daß sie gemeinschaftlich das seltsam und wunderbar verschlungene Horoskop des Herrn Peregrinus Tyß betrachteten und so viel als möglich zu deuten suchten. »Was,» so sprach Herr Johannes Swammer¬ damm, »was meinem Freunde Anton von Leuwen¬ »höck allein nicht gelang, das brachten unsre gemein¬ »schaftlichen Kräfte zu Stande und so war dieses »Experiment das zweite, welches wir trotz aller Hin¬ »dernisse, die sich uns entgegenstemmten, mit dem »glänzendsten Erfolg unternahmen. »Der alberne kurzsichtige Thor,» lispelte Mei¬ ster Floh, der dicht neben Peregrinus Ohr auf dem Kopfkissen saß, »noch immer glaubt er, daß durch »ihn Prinzessin Gamaheh belebt worden ist. Für¬ »wahr ein schönes Leben ist das, zu dem die Unge¬ »schicklichkeit der blöden Mikroskopisten die Aermste »gezwungen!» — »Mein bester,» fuhr Swammerdamm fort, der den Meister Floh um so weniger vernommen, als er gerade stark zu niesen genöthigt, »mein bester vor¬ »trefflichster Herr Peregrinus Tyß, Sie sind ein von »dem Weltgeist ganz besonders Erkohrner, ein Schoo߬ »kind der Natur; denn Sie besitzen den wunderbar¬ »sten, mächtigsten Talisman oder um richtiger und »wissenschaftlicher zu sprechen, das herrlichste Tsil¬ »menaja oder Tilsemoht, das jemals getränkt von »dem Thau des Himmels, aus dem Schooß der Erde »hervorgegangen. Es macht meiner Kunst Ehre, »daß ich, und nicht Leuwenhöck es herausgebracht, »daß dieses glückliche Tsilmenaja von dem Könige »Nacrao abstammt, der lange vor der Sündfluth in »Egypten herrschte. — Doch die Kraft des Talis¬ »mans ruht zur Zeit bis eine gewisse Constellation »eintritt, die ihren Mittelpunkt in Ihrer werthen »Person findet. Mit Ihnen selbst, bester Herr Tyß, »muß und wird sich etwas ereignen, das Ihnen in »demselben Augenblick, als die Kraft des Talismans »erwacht ist, auch dieses Erwachen erkennen läßt. »Mag Ihnen Leuwenhöck über diesen schwürigsten »Punkt des Horoskops gesagt haben, was er will, »alles ist erlogen, denn er wußte über jenen Punkt »so lange nicht das mindeste, bis ich ihm die Augen »geöffnet. — Vielleicht hat Ihnen, bester Herr Tyß, »mein lieber Herzensfreund sogar bange machen wol¬ »len, vor irgend einer bedrohlichen Katastrophe, denn »ich weiß, er liebt es, Leute unnützer Weise Schrek¬ »ken einzujagen; doch — trauen Sie Ihrem, Sie »verehrenden Miethsmann, der, Hand aufs Herz, »Ihnen schwört, daß Sie durchaus nichts zu befürch¬ »ten haben. — Gern möchte ich aber denn doch wis¬ »sen, ob Sie zur Zeit den Besitz des Talismans gar »nicht verspüren und was Sie über die ganze Sache »überhaupt zu denken belieben?» Swammerdamm sah bei den letzten Worten mit giftigem Lächeln dem Herrn Peregrinus so scharf ins Auge, als wolle er seine tiefsten Gedanken durch¬ schauen; das konnte ihm aber freilich nicht so gelin¬ gen, als dem Peregrinus mit seinem mikroskopischen Glase. Mittelst dieses Glases erfuhr Peregrinus, daß nicht sowohl die gemeinschaftliche Bekämpfung des schönen Geistes und des Bartscheerers, als eben jenes geheimnißvolle Horoskop, die Versöhnung der beiden Mikroskopisten herbeigeführt. Der Besitz des mäch¬ tigen Talismans, das war es nun, wornach beide strebten. Swammerdamm war, was den gewissen geheimnißvoll verschlungenen Knoten im Horoskop des Herrn Peregrinus betrifft, eben so in verdrießlicher Dummheit verblieben, als Leuwenhöck, doch meinte er, daß in Peregrinus Innerm durchaus die Spur lie¬ gen müsse, die zur Entdeckung jenes Geheimnisses führe. Diese Spur wollte er nun geschickt aus dem Unwissenden herauslocken und ihn dann mit Leuwen¬ höcks Hülfe, um den Besitz des unschätzbaren Klei¬ nods bringen, noch ehe er dessen Werth erkannt. Swammerdamm war überzeugt, daß der Talisman des Herrn Peregrinus Tyß ganz dem Reiche des wei¬ sen Salomo gleich zu achten, da er, wie dieser, dem, der ihn besitze, die vollkommene Herrschaft über das Geisterreich verleihe. Peregrinus vergalt Gleiches mit Gleichem; in¬ dem er den alten Herrn Swammerdamm, der ihn zu mystifiziren sich mühte, selbst mystifizirte. Geschickt wußte er in solchen verblümten Redensarten zu ant¬ worten, daß Swammerdamm befürchten mußte, die Weihe habe bereits begonnen, und ihm werde sich bald das Geheimniß erschließen, das zu enthüllen keiner von beiden, weder er noch Leuwenhöck vermocht. — Swammerdamm schlug die Augen nieder, räusper¬ te sich, und stotterte unverständliche Worte heraus; der Mann befand sich wirklich in gar übler Lage, seine Gedanken schnurrten beständig durcheinander: Teu¬ fel — was ist denn das, ist das der Peregrinus, der zu mir spricht? — Bin ich der gelehrte weise Swam¬ merdamm oder ein Esel! — Ganz verzweifelt raffte er sich endlich zusammen und begann: »Doch von etwas anderm, verehrtester »Herr Tyß, von etwas anderm und wie es mir vor¬ »kommen will, von etwas schönem und erfreuli¬ »chem!» — So wie Swammerdamm nun weiter sprach, hatte er, sowohl als Leuwenhöck mit großer Freude die in¬ nige Zuneigung der schönen Dörtje Elverdink zu dem Herrn Peregrinus Tyß entdeckt. War nun auch sonst jeder anderer Meinung gewesen, indem jeder geglaubt, Dörtje müsse bei ihm bleiben und an Liebe und Hei¬ rath sey gar nicht zu denken, so hatten sie sich doch jetzt eines bessern überzeugt. In Peregrinus Horos¬ kop meinten sie nämlich zu lesen, daß er durchaus die schöne anmuthige Dörtje Elverdink zu seiner Ge¬ mahlin erkiesen müsse, um das für alle Conjunkturen seines ganzen Lebens ersprießlichste zu thun. Beide zweifelten nicht einen Augenblick, daß Peregrinus nicht in gleicher glühenden Liebe zur holden Kleinen befangen seyn solle und hielten daher die Angelegen¬ heit für völlig abgeschlossen. Swammerdamm meinte noch, daß Herr Peregrinus Tyß überdem der einzige sey, der seine Nebenbuhler ohne alle Mühe aus dem Felde schlagen könne und daß selbst die bedrohlichsten Gegner w. z. B. der schöne Geist und der Bartscheerer, gar nichts gegen ihn ausrichten würden. Peregrinus erkannte aus Swammerdamms Ge¬ danken, daß die Mikroskopisten wirklich in seinem Horoskop die unabänderliche Nothwendigkeit seiner Vermählung mit der kleinen Dörtje Elverdink gefun¬ den zu haben glaubten. Nur dieser Nothwendigkeit wollten sie nachgeben, und selbst aus Dörtjes schein¬ barem Verlust den größten Gewinn ziehen, nämlich den Herrn Peregrinus Tyß selbst einfangen mit sammt seinem Talisman. Man kann denken wie wenig Vertrauen Pe¬ regrinus zu der Weisheit und Wissenschaft der beiden Mikroskopisten haben mußte, da beide den Haupt¬ punkt des Horoskops nicht zu enträthseln vermochten. Gar nichts gab er daher auf jene angebliche Conjunk¬ tur, die die Nothwendigkeit seiner Vermählung mit der schönen Dörtje bedingen sollte, und es wurde ihm nicht im mindesten schwer, ganz bestimmt und fest zu erklären, daß er auf Dörtjes Hand verzichtet, um seinen besten innigsten Freund, den jungen George Pepusch, der ältere und bessere Ansprüche auf den Be¬ sitz des holden Wesens habe, nicht zu kränken und daß er unter keiner Bedingung der Welt, sein gege¬ benes Wort brechen werde. Herr Swammerdamm schlug die graugrünen Katzenaugen, die er so lange zu Boden gesenkt, auf, glotzte den Peregrinus mächtig an und lächelte wie die Fuchsschlauheit selbst. Sey, meinte er dann, der Freundschaftsbund mit George Pepusch der einzige Skrupel, der den Pe¬ regrinus abhalte, seinen Gefühlen freien Raum zu gönnen, so sey derselbe in diesem Augenblick gehoben; denn eingesehen habe Pepusch, unerachtet er an eini¬ gem Wahnsinn leide, daß seiner Vermählung mit Dörtje Elverdink die Constellation der Gestirne entge¬ gen sey und daß daraus nichts entstehen könne, als nur Unglück und Verderben; deshalb habe Pepusch allen Ansprüchen auf Dörtjes Hand entsagt und nur erklärt, daß er mit seinem Leben die Schönste die niemanden angehören könne, als seinem Herzens¬ freunde Tyß, vertheidigen wolle, gegen den unge¬ schickten Tölpel von schönem Geist und gegen den blutgierigen Bartkratzer. Den Peregrinus durchfuhren eiskalte Schauer, als er aus Swammerdamms Gedanken erkannte, daß alles wahr, was er gesprochen. Uebermannt von den seltsamsten widersprechendsten Gefühlen, sank er zu¬ rück in die Kissen und schloß die Augen. Herr Swammerdamm lud den Peregrinus drin¬ gendst ein, sich herabzubegeben und selbst aus Dörtjes, aus Georgs Munde die jetzige Lage der Dinge zu vernehmen. Dann empfahl sich derselbe auf eben so weitläuftige und ceremoniöse Weise, wie er gekom¬ men. Meister Floh, der die ganze Zeit über ruhig auf dem Kopfkissen gesessen, sprang plötzlich hinauf bis zum Zipfel der Nachtmütze des Herrn Peregrinus. Da erhob er sich hoch auf den langen Hinterbeinen, rang die Hände, streckte sie flehend zum Himmel empor und rief, mit von bittern Thränen halberstickter Stimme: Weh mir Aermsten! Schon glaubte ich ge¬ borgen zu seyn und erst jetzt kommt die gefährlichste Prüfung! — Was hilft aller Muth, alle Stand¬ haftigkeit meines edlen Beschützers, wenn sich alles, alles gegen mich auflehnt! — Ich gebe mich! — es ist Alles aus. »Was,» sprach Herr Peregrinus mit matter Stimme, »was lamentirt Ihr so auf meiner Nacht¬ »mütze, lieber Meister? Glaubt Ihr denn, daß Ihr »allein zu klagen habt, daß ich mich selbst nicht auch »in dem miserabelsten Zustande von der Welt befinde, »da ich in meinem ganzem Wesen ganz zerrüttet und »verstört bin und nicht weiß, was ich anfangen, ja »wohin ich meine Gedanken wenden soll. Glaubt »aber nicht, lieber Meister Floh, daß ich thörigt genug »seyn werde, mich in die Nähe der Klippe zu wagen, »an der ich mit all meinen schönen Vorsätzen und »Entschlüssen scheitern kann. Ich werde mich hüten »Swammerdamms Einladung zu folgen und die ver¬ »führerische Dörtje Elverdink wieder zu sehen.» »In der That,» erwiederte Meister Floh, nachdem er wieder den alten Platz auf dem Kopfkissen neben dem Ohr des Herrn Peregrinus Tyß eingenom¬ men, »in der That, ich weiß nicht, ob ich, so sehr »es mir verderblich scheint, Euch doch nicht gerade »rathen sollte, sogleich zu Swammerdamm hinunter zu »gehen. Es ist mir, als wenn die Linien Eures Ho¬ »roskops jetzt immer schneller und schneller zusammen¬ »liefen und ihr selbst im Begriff stündet in den rothen »Punkt zu treten. — Mag nun das dunkle Ver¬ »hängniß beschlossen haben was es will, ich sehe ein, »daß selbst ein Meister Floh solchem Beschluß nicht »zu entgehen vermag und daß es eben so albern als »unnütz seyn würde, von Euch meine Rettung zu »verlangen. — Geht hin, seht sie, nehmt ihre Hand, »überliefert mich der Sklaverei und damit alles ge¬ »schehe, wie es die Sterne wollen, ohne daß frem¬ »des sich einmische, so macht auch keinen Gebrauch »von dem mikroskopischen Glase.» — »Scheint,» sprach Peregrinus, »scheint doch »sonst, Meister Floh, Euer Herz stark, Euer Geist »fest und doch seyd Ihr jetzt so kleinmüthig, so ver¬ »zagt! Aber möget Ihr sonst auch so weise seyn wie Ihr »wollt, ja mag Clemens des siebenten hochberühmter »Nuntius Rorar, Euern Verstand weit über den »unsrigen setzen, so habt Ihr doch keinen sonderli¬ »chen Begriff von dem festen Willen des Menschen »und schlagt ihn wenigstens viel zu geringe an. Noch »einmal! — ich breche nicht mein Euch gegebenes »Wort, und damit Ihr sehet, wie es mein fester »Entschluß ist, die Kleine nicht wieder zu sehen, »werde ich jetzt aufstehen, und mich, wie ich es mir »schon gestern vorgenommen, zum Buchbinder Läm¬ »merhirt begeben.» »O Peregrinus,» rief Meister Floh, »des »Menschen Wille ist ein gebrechliches Ding, oft knickt »ihn ein daher ziehendes Lüftchen. Welch eine Kluft »liegt zwischen dem was man will und dem das ge¬ »schieht! — Manches Leben ist nur ein stetes Wol¬ »len und mancher weiß vor lauter Wollen am Ende »selbst nicht was er will. — Ihr wollt Dörtje El¬ »verdink nicht wiedersehen, und wer steht Euch dafür, »daß es geschieht, in dem nächsten Augenblick, da »ihr diesen Entschluß ausgesprochen?» Seltsam genug war es wohl, daß wirklich sich begab, was Meister Floh mit prophetischem Geiste vorausgesagt. Peregrinus stand nämlich auf, kleidete sich an und wollte, seinem Vorsatz getreu, zum Buchbinder Lämmerhirt gehen; als er indessen bei Swammer¬ damms Zimmer vorbeikam, wurde die Thüre weit geöffnet und Peregrinus wußte selbst gar nicht, wie es geschah, daß er plötzlich an Swammerdamms Arm mitten im Zimmer dicht vor Dörtje Elverdink stand, die ganz fröhlich und unbefangen ihm hundert Küsse zuwarf und mit ihrem silbernen Glockenstimmlein freu¬ dig rief: Guten Morgen, mein herzlieber Peregri¬ nus! Wer sich aber noch in dem Zimmer befand, das war Herr George Pepusch, der zum offnen Fenster hinauskuckte und ein Liedchen pfiff. Jetzt warf er das Fenster heftig zu und drehte sich um. »Ach sieh »da,» rief er, als gewahre er jetzt erst den Freund Peregrinus, »ach sieh da! — Du besuchst deine »Braut, das ist in der Ordnung und jeder dritte da¬ »bei nur lästig. Ich werde mich darum auch gleich »fortpacken, doch zuvor laß es dir sagen, mein guter »Freund Peregrinus, daß George Pepusch jede Gabe »verschmäht, die der barmherzige Freund ihm gleich »dem armen Sünder hinwirft, wie ein Almosen! — »Verwünscht sey deine Aufopferung, ich will dir nichts »zu verdanken haben. Nimm sie hin, die schöne Ga¬ »maheh, die dich so innig liebt, aber hüte dich, daß »die Distel Zeherit nicht Wurzel faßt und die Mauern »deines Hauses zersprengt. Georgs Ton und ganzes Betragen gränzte an renomistische Brutalität, und Peregrinus wurde von dem tiefsten Unmuth erfüllt, als er gewahrte, wie sehr ihn Pepusch in seinem ganzen Beginnen mißver¬ standen. »Nie,» sprach er, ohne jenen Unmuth zu bergen, »nie ist es mir in den Sinn gekommen, dir in den Weg zu treten; der Wahnsinn eifersüchtiger Verliebtheit spricht aus dir, sonst würdest du beden¬ ken wie schuldlos ich an allem bin, was du in deiner eignen Seele ausgebrütet. Verlange nicht, daß ich die Schlange tödten soll, die du zu deiner Selbstqual nährst in deiner Brust! Und daß du es nur weißt, dir warf ich keine Gabe hin, dir brachte ich kein Opfer, als ich der Schönsten, vielleicht dem höchsten Glück meines Lebens entsagte. Andere höhere Pflich¬ ten, ein unwiderrufliches Wort zwangen mich dazu!» — 15 Pepusch ballte in wildem Zorn die Faust und erhob sie gegen den Freund. Da sprang aber die Kleine zwischen die Freunde und faßte die Hand des Peregrinus, indem sie lachend rief: Laß doch nur die geckische Distel laufen, sie hat nichts als wirres Zeug im Kopfe und ist, wie es Distel Art ist, starr und störrisch ohne zu wissen was sie eigentlich will; du bist mein und bleibst es auch, mein süßer herzlieber Peregri¬ nus! — Damit zog die Kleine den Peregrinus auf das Kanapee und setzte sich ohne weitere Umstände auf sei¬ nen Schooß. Pepusch rannte, nachdem er sich die Nägel sattsam zerkaut, wild zur Thüre hinaus. Die Kleine, wiederum in das fabelhafte verfüh¬ rerische Gewand von Silberzindel gekleidet, war eben so anmuthig, eben so ganz Liebreiz als sonst; Pere¬ grinus fühlte sich durchströmt von der elektrischen Wärme ihres Leibes und doch wehten ihn dazwischen eiskalte unheimliche Schauer an, wie Todeshauch. Zum erstenmal glaubte er tief in den Augen der Klei¬ nen etwas seltsam lebloses, starres zu gewahren und der Ton ihrer Stimme, ja selbst das Rauschen des wunderlichen Silberzindels, schien ein fremdartiges Wesen zu verrathen, dem nimmermehr zu trauen. Es fiel ihm schwer aufs Herz, daß damals, als Dörtje gerade so gesprochen, wie sie gedacht, auch in Zindel gekleidet gewesen; warum er gerade den Zindel bedrohlich fand, wußte er selbst nicht, aber die Ge¬ danken von Zindel und unheimlicher Wirthschaft ver¬ banden sich von selbst miteinander, so wie ein Traum das Heterogenste vereint, und man alles für aberwiz¬ zig erklärt, dessen tiefern Zusammenhang man nicht einzusehen vermag. Peregrinus, weit entfernt, das kleine süße Ding zu kränken mit etwa falschem Verdacht, unterdrückte mit Gewalt seine Gefühle und wartete nur auf einen günstigen Moment, sich loszuwickeln und der Schlange des Paradieses zu entfliehen. »Aber,» sprach Dörtje endlich, »aber wie kommst »du mir heute vor, mein süßer Freund, so frostig, »so unempfindlich! Was liegt dir im Sinn, mein »Leben.» «Kopfschmerz,» erwiederte Peregrinus so gleich¬ müthig als er es nur vermochte, »Kopfschmerz — Gril¬ »len — einfältige Gedanken — nichts anders ist es, »das mich etwas verstört, mein holdes Kind. Laß »mich ins Freie, und alles ist vorüber in weni¬ »gen Minuten; mich ruft ohnedieß noch ein Ge¬ »schäft.» — 15 * »Es ist,» rief die Kleine, indem sie rasch auf¬ sprang, »es ist alles gelogen, aber du bist ein böser »Affe, der erst gezähmt werden muß!» — Peregrinus war froh, als er sich auf der Straße befand, doch ganz ausgelassen freudig gebehrdete sich Meister Floh, der in Peregrinus Halsbinde unauf¬ hörlich kicherte und lachte und die Vorderhände zusam¬ menschlug, daß es hell klatschte. Dem Peregrinus war diese Fröhlichkeit seines klei¬ nen Schützlings etwas lästig, da sie ihn in seinen Gedanken störte. Er bat den Meister Floh ruhig zu seyn, denn schon hätten ihn ernsthafte Leute mit Blicken voll Vorwurfs betrachtet, glaubend, er sey es, der so kickere und lache und närrische Streiche treibe auf öffentlicher Straße. »O ich Thor,» rief aber Meister Floh, in den Ausbrüchen seiner unmäßigen Freude beharrend, »o »ich blödsinniger Thor, daß ich da an dem Siege zwei¬ »feln konnte, wo gar kein Kampf mehr vonnöthen. »Ja, Peregrinus, es ist nicht anders, gesiegt hat¬ »tet ihr in dem Augenblick, als selbst der Tod der »Geliebten Euern Entschluß nicht zu erschüttern ver¬ »mochte. Laßt mich jauchzen, laßt mich jubeln, denn »alles müßte mich trügen, wenn nicht bald das helle »Sonnenlicht aufgehen sollte, das alle Geheimnisse »aufklärt.» Als Peregrinus an Lämmerhirts Thüre pochte, rief eine fanfte weibliche Stimme: Herein! Er öff¬ nete die Thüre, ein Mädchen, die sich allein in der Stube befand, trat ihm entgegen und fragte ihn freundlich, was ihm zu Diensten stehe? — Mag es dem geneigten Leser genügen, wenn gesagt wird, daß das Mädchen ungefähr achtzehn Jahre alt seyn mochte, daß sie mehr groß als klein und schlank im reinsten Ebenmaaß der Glieder gewach¬ sen war, daß sie hellbraunes Haar und dunkelblaue Augen und eine Haut hatte, die das zarte Flockenge¬ webe schien von Lilien und Rosen. Mehr als alles dieß wollte aber gelten, daß des Mädchens Antlitz jenes zarte Geheimniß jungfräulicher Reinheit, ho¬ hen himmlischen Liebreizes aussprach, wie es man¬ cher alte deutsche Maler in seinen Gebilden erfaßt. — So wie Peregrinus der holden Jungfrau ins Auge blickte, war es ihm, als habe er in schwerla¬ stenden Banden gelegen, die eine wohlthätige Macht gelöst und der Engel des Lichts stehe vor ihm, an des¬ sen Hand er eingehen werde in das Reich namenlo¬ ser Liebeswonne und Sehnsucht. — Das Mädchen wiederholte, indem sie vor Peregrinus starrem Blick erröthend, sittsam die Augen niederschlug, die Frage, was dem Herrn beliebe? Mühsam stotterte Peregri¬ nus heraus: ob der Buchbinder Lämmerhirt hier wohne? Als nun das Mädchen erwiederte, daß Läm¬ merhirt allerdings hier wohne, daß er aber in Ge¬ schäften ausgegangen, da sprach Peregrinus wirr durch¬ einander von Einbänden die er bestellt, von Büchern die Lämmerhirt ihm verschaffen sollen; zuletzt kam er etwas ins Geleise und gedachte der Prachtausgabe des Ariost, die Lämmerhirt in rothen Maroquin binden sollen, mit reicher goldner Verzierung. Da war es aber, als durchführe die holde Jungfrau ein elektri¬ scher Funke; sie schlug die Hände zusammen und rief, Thränen in den Augen: Ach Gott! — Sie sind Herr Tyß! — Sie machte eine Bewegung, als wolle sie Peregrinus Hand ergreifen, trat aber schnell zu¬ rück und ein tiefer Seufzer schien die volle Brust zu entlasten. Dann überstralte ein anmuthiges Lächeln der Jungfrau Antlitz wie liebliches Morgenroth und sie ergoß sich nun in Dank und Segenswünsche da¬ für, daß Peregrinus des Vaters, der Mutter Wohl¬ thäter sey, daß nicht dieß allein — nein! — seine Milde, seine Freundlichkeit, die Art wie er noch zu vorigen Weihnachten die Kinder beschenkt und Freude und Fröhlichkeit verbreitet, ihnen den Frieden, die Heiterkeit des Himmels gebracht. Sie räumte schnell des Vaters Lehnstuhl ab, der mit Büchern, Scrip¬ turen, Heften, ungebundenen Drucken bepackt war, rückte ihn heran und lud mit anmuthiger Gastlichkeit den Peregrinus ein, sich niederzulassen. Dann holte sie den sauber gebundenen Ariost hervor, fuhr mit ei¬ nem leinenen Tuch leise über die Maroquinbände und überreichte das Meisterwerk der Buchbinderkunst dem Peregrinus mit leuchtenden Blicken, wohl wissend, daß Peregrinus der schönen Arbeit des Vaters seinen Beifall nicht versagen werde. — Peregrinus nahm einige Goldstücke aus der Ta¬ sche, die Holde dieß gewahrend, versicherte schnell, daß sie den Preis der Arbeit nicht wisse und daher keine Bezahlung annehmen könne, Herr Peregrinus möge es sich aber gefallen lassen, einige Augenblicke zu verweilen, da der Vater gleich zurückkommen müsse. Dem Peregrinus war es, als schmölze das nichtswür¬ dige Metall in seiner Hand in einen Klumpen zusam¬ men, er steckte die Goldstücke schneller wieder ein, als er sie hervorgeholt. Das Mädchen griff jetzt, als Peregrinus sich mechanisch in Lämmerhirts breiten Lehnsessel niedergelassen, nach ihrem Stuhl, aus in¬ stinktmäßiger Höflichkeit sprang Herr Peregrinus auf und wollte den Stuhl heranrücken, da geschah es aber, daß er statt der Stuhllehne des Mädchens Hand er¬ faßte und er glaubte, als er das Kleinod leise zu drük¬ ken wagte, einen kaum merkbaren Gegendruck zu fühlen. — »Kätzchen, Kätzchen, was machst du!» Mit diesen Worten wandte sich das Mädchen und hob ein Zwirnknäuel von dem Fußboden auf, das die Katze zwischen den Vorderpfoten hielt, ein mystisches Ge¬ webe beginnend. Dann faßte sie mit kindlicher Un¬ befangenheit den Arm des in Himmelsentzücken ver¬ sunkenen Peregrinus, führte ihn zum Lehnsessel und bat ihn nochmals, sich niederzulassen, indem sie selbst sich ihm gegenüber setzte und irgend eine weibliche Ar¬ beit zur Hand nahm. Peregrinus schwankte im Sturm auf einem wo¬ genden Meer. »O Prinzessin!» Das Wort ent¬ schlüpfte ihm, selbst wußte er nicht, wie es geschah. Das Mädchen schaute ihn ganz erschrocken an, da war es ihm, als habe er gegen die Holde gefrevelt und er rief mit dem weichsten, wehmüthigsten Ton: meine liebste theuerste Mademoiselle! Das Mädchen erröthete und sprach mit holder jungfräulicher Verschämtheit: die Eltern nennen mich Röschen, nennen Sie mich auch so, lieber Herr Tyß, denn ich gehöre ja auch zu den Kindern, denen Sie so viel Gutes erzeigt, und von denen Sie so hoch verehrt werden. Röschen! rief Peregrinus ganz außer sich; er hätte der holden Jungfrau zu Füßen stürzen mögen, kaum hielt er sich zurück. Röschen erzählte nun, indem sie ruhig fortar¬ beitete, wie seit der Zeit, als die Eltern durch den Krieg in die bitterste Dürftigkeit gerathen, sie von einer Base in einem benachbarten kleinen Städtchen aufgenommen, wie diese Base vor wenigen Wochen gestorben und wie sie dann zu den Eltern zurückge¬ kehrt. Peregrinus hörte nur Röschens süße Stimme ohne viel von den Worten zu verstehen, und er über¬ zeugte sich erst, daß er nicht selig träume, als Läm¬ merhirt ins Zimmer trat und ihn mit dem herzlich¬ sten Willkommen begrüßte. Nicht lange dauerte es, so folgte auch die Frau mit den Kindern und wie denn in des Menschen unergründlichem Gemüth, Gedan¬ ken, Regungen, Gefühle, in seltsamen bunten Ge¬ wirr durcheinander laufen, so geschah es, daß Pe¬ regrinus selbst in der Exstase, die ihn einen niege¬ ahnten Himmel schauen ließ, plötzlich daran dachte, wie der murrköpfische Pepusch sein Beschenken der Läm¬ merhirtschen Kinder getadelt. Es war ihm sehr lieb, auf Befragen zu vernehmen, daß keins von den Kin¬ dern sich den Magen am Naschwerk verdorben und die freundlich feierliche Art ja der gewisse Stolz, womit sie nach dem hohen Glasschrank, der das glänzende Spielzeug enthielt, heraufblickten, zeigte, daß sie die letzte Bescheerung für etwas außerordentliches hielten, das wohl niemals wiederkehren dürfte. — Die übel gelaunte Distel hatte also ganz Un¬ recht. O Pepusch, sprach Peregrinus zu sich selbst, dein verstörtes zerrissenes Gemüth durchdringt kein reiner Lichtstral der wahrhaften Liebe! — Damit meinte Pe¬ regrinus nun wieder wohl mehr, als ein bescheertes Naschwerk und Spielzeug. — Lämmerhirt, ein sanf¬ ter, stiller, frommer Mann, sah mit sichtlicher Freude auf Röschen, die geschäftig aus- und einge¬ gangen, Butter und Brot herbeigebracht und nun an einem kleinen Tischchen in der entfernten Ecke des Zimmers dem Geschwister stattliche Butterstollen be¬ reitete. Die muntern Jungen drängten sich dicht an die liebe Schwester und wenn sie in verzeihlicher kin¬ discher Begier das Maul etwas weiter aufsperrten, als gerade nöthig, so that das der häuslichen Idylle doch keinen sonderlichen Eintrag. Den Peregrinus entzückte des holden Mädchens Beginnen, ohne daß ihm dabei Werthers Lotte und ihre Butterbrote in den Sinn kamen. Lämmerhirt näherte sich dem Peregrinus und begann halb leise von Röschen zu reden, was sie für ein frommes gutes liebes Kind sey, der der Himmel auch die Gabe äußerer Schönheit verliehen, und wie er nur Freude an dem holden Kinde zu erleben hoffe. Was, setzte er hinzu, indem sein Gesicht sich in Wonne verklärte, was ihm aber so recht im innersten Herzen wohl thue, sey, daß Röschen sich auch zur edlen Buchbinderkunst hinneige und seit den wenigen Wochen, während sie sich bei ihm befinde, in feiner zierlicher Arbeit ungemein viel profitirt habe, so, daß sie bereits viel geschickter sey, als mancher Lümmel von Lehrbursche, der Jahre hindurch Maroquin und Gold vergeude und die Buchstaben schief und krumm stelle, daß sie aussähen wie betrunkene Bauern, die aus der Schenke torkeln. Ganz zutraulich flüsterte der entzückte Vater dem Peregrinus ins Ohr: Es muß heraus, Herr Tyß, es drückt mir sonst das Herz ab, ich kann mir nicht helfen. — Wissen Sie wohl, daß mein Röschen den Schnitt des Ariosto vergoldet hat? So wie Peregrinus dieß vernahm, griff er ha¬ stig nach den saubern Maroquinbänden, als müsse er sich des Heiligthums bemächtigen, ehe ein feindlicher Zufall es ihm raube. Lämmerhirt hielt das für ein Zeichen, daß Peregrinus fort wolle und bat ihn, es sich noch einige Augenblicke in der Familie gefallen zu lassen. Eben dieß erinnerte aber den Peregrinus, daß er doch endlich sich losreißen müsse. Er zahlte schnell die Rechnung und Lämmerhirt reichte ihm wie gewöhnlich die Hand zum Abschiede, die Frau that dasselbe und auch Röschen! — Die Jungen standen in der offnen Thüre und damit der Liebesthorheit ihr Recht geschehe, riß Peregrinus im Hinausschreiten dem Jüngsten das Restchen Butterstolle aus der Hand, an dem er eben kaute und rannte wie gehetzt die Treppe hinab. »Nun nun,» sprach der Kleine ganz verdutzt, »was ist denn das? Hätt' es mir ja sagen können, »der Herr Tyß, wenn er hungrig war, hätt' ihm »ja gern meine ganze Stolle gegeben!» — Schritt vor Schritt ging Herr Peregrinus Tyß nach Hause, die schweren Quartanten mühsam unter dem Arm fortschleppend und mit verklärtem Blick ei¬ nen Bissen des Butterstollen Restes nach dem andern auf die Lippe nehmend, als genöße er himmlisches Manna. »Der ist nunmehro auch übergeschnappt!» sagte ein vorübergehender Bürger. Es war dem Mann nicht zu verdenken, daß er dergleichen von Peregrinus dachte. — Als Herr Peregrinus Tyß ins Haus trat, kam ihm die alte Aline entgegen und winkte mit Gebehr¬ den, die Angst und Besorgniß ausdrückten, nach dem Zimmer des Herrn Swammerdamm. Die Thüre stand offen und Peregrinus gewahrte Dörtje Elver¬ dink, die erstarrt auf einem Lehnstuhl saß und deren zusammengeschrumpftes Gesicht einer Leiche zu gehö¬ ren schien, die bereits im Grabe gelegen. Eben so erstarrt, eben so leichenähnlich saßen vor ihr auf Lehn¬ stühlen, Pepusch, Swammerdamm und Leuwenhöck. »Ist das,» sprach die Alte, »ist das eine tolle ge¬ spenstische Wirthschaft hier unten! So sitzen die drei unseligen Menschen schon den ganzen lieben Tag über, und essen nichts und trinken nichts und reden nichts und holen kaum Athem!» — Dem Peregrinus wollte zwar, ob des in der That etwas schauerlichen Anblicks halber, einiges Ent¬ setzen, anwandeln, indessen wurde, indem er die Treppe hinaufstieg, das gespenstische Bild von dem wogenden Meer der Himmelsträume verschlungen, in dem der entzückte Peregrinus schwamm, seit dem Augenblick, als er Röschen gesehen. — Wünsche, Träume, se¬ lige Hoffnungen strömen gern über in das befreundete Gemüth; aber gab es für den armen Peregrinus jetzt ein anderes, als das ehrliche des guten Meisters Floh? — Dem wollte er nun sein ganzes Herz aus¬ schütten, dem wollte er von Röschen alles erzählen, was sich eigentlich gar nicht so recht erzählen ließ. Doch er mochte so viel rufen, so viel locken, als er wollte, kein Meister Floh ließ sich sehen, er war auf und davon. In der Falte der Halsbinde, wo sonst Meister Floh bei Ausgängen sich beherbergt, fand Peregrinus bei sorgfältigerem Nachsuchen ein kleines Schächtelchen, worauf die Worte standen: »Hierin befindet sich das mikroskopische Gedan¬ »kenglas. Seht ihr mit dem linken Auge scharf »in die Schachtel hinein, so sitzt Euch das Glas »augenblicklich in der Pupille; wollt Ihr es »wieder heraus haben, so dürft Ihr nur das »Auge in die Schachtel hineinhaltend, die Pu¬ »pille sanft drücken und das Glas fällt auf den »Boden der Schachtel. — Ich arbeite in Euern »Geschäften, und wage viel dabei, doch für »meinen lieben Schutzherrn thue ich alles, als Euer dienstwilligster Meister Floh. — Hier gäb' es nun für einen tüchtigen hand¬ festen Romanschreiber, der mit starker, kielbewaffne¬ ter Hand alles menschliche Thun und Treiben zusam¬ menarbeitet nach Herzens Lust, die erwünschteste Ge¬ legenheit, den heillosen Unterschied zwischen Verliebt¬ seyn und Lieben, nachdem solcher theoretisch genugsam abgehandelt, praktisch darzuthun durch Peregrinus Beispiel. Viel ließe sich da sagen vom sinnlichen Triebe, von dem Fluch der Erbsünde und von dem himmlischen Prometheusfunken, der in der Liebe die wahrhafte Geistergemeinschaft des diversen Geschlechts entzündet, die den eigentlichen nothwendigen Dualis¬ mus der Natur bildet. Sollte nun auch besagter Prometheusfunken nebenher die Fackel des Ehegottes anstecken, wie ein tüchtiges hellbrennendes Wirth¬ schaftslicht, bei dem es sich gut lesen, schreiben, strik¬ ken, nähen läßt, sollte auch eine fröhliche Nachkom¬ menschaft sich eben so gut die Mäulchen gelegentlich mit Kirschmuß beschmieren, als jede andere, so ist das hienieden nun einmal nicht anders. Ueberdem nimmt sich eine solche himmlische Liebe als erhabene Poesie sehr gut aus, und als das Beste darf in der That gerühmt werden, daß diese Liebe kein leeres Hirn¬ gespinnst, sondern daß wirklich etwas daran ist, wie viele Leute bezeugen können, denen es mit dieser Liebe bald gut, bald schlimm ergangen. — Der geneigte Leser hat es aber längst errathen, daß Herr Peregrinus Tyß in die kleine Dörtje sich bloß beträchtlich verliebt hatte, daß aber erst in dem Augenblick, da er Lämmerhirts Röschen, das holde liebe Engelsbild erblickte, die wahre himmlische Liebe hell aufloderte in seiner Brust. Wenigen Dank würde aber gegenwärtiger Refe¬ rent des tollsten, wunderlichsten aller Mährchen ein¬ ärndten, wenn er, sich steif und fest an den Para¬ deschritt der daher stolzirenden Romanisten haltend, nicht unterlassen könnte, hier, die jedem regelrechten Roman höchst nöthige Langeweile sattsam zu erregen. Nämlich dadurch, daß er bei jedem Studium , das das Liebespaar, nach gewöhnlicher Weise, zu über¬ stehen hat, sich gemächliche Ruh und Rast gönnte. Nein! laß uns geliebter Leser, wie wackre, rüstige Reiter auf muthigen Rennern daher brausend, und alles was links und rechts liegt nicht achtend, dem Ziel entgegen eilen. — Wir sind da! — Seufzer, Lie¬ besklagen, Schmerz, Entzücken, Seligkeit, alles einigt sich in dem Brennpunkt des Augenblicks, da das holde Röschen, das reizende Inkarnat holder Jungfräulichkeit auf den Wangen, dem überglückli¬ chen Peregrinus Tyß gesteht, daß sie ihn liebe, ja, daß sie es gar nicht sagen könne, wie so sehr, wie so über alle Maaßen sie ihn liebe, wie sie nur in ihm lebe, wie er allein ihr einziger Gedanke, ihr einziges Glück sey. Der finstere arglistige Dämon pflegt in die hell¬ sten Sonnenblicke des Lebens hineinzugreifen mit sei¬ nen schwarzen Krallen; ja! durch den finstern Schat¬ ten seines unheilbringenden Wesens jenen Sonnen¬ schein zu verdunkeln ganz und gar. So geschah' es, daß in Peregrinus böse Zweifel aufstiegen, ja, daß ein gar böser Argwohn sich regte in seiner Brust. Wie? schien eine Stimme ihm zuzuflüstern, wie? auch jene Dörtje Elverdink gestand dir ihre Liebe und doch war es schnöder Eigennutz, von dem beseelt, sie dich verlocken wollte, die Treue zu brechen und Ver¬ räther zu werden an dem besten Freunde, an dem armen Meister Floh? Ich bin reich, man sagt, daß ein gewisses, gut¬ müthiges Betragen, eine gewisse Offenheit, von man¬ chem Einfalt genannt, mir die zweideutige Gunst der 16 Menschen und auch wohl gar der Weiber verschaffen könne; und diese, die dir nun ihre Liebe gesteht — Schnell griff er nach dem verhängnißvollen Ge¬ schenk des Meister Floh, er brachte das Schächtel¬ chen hervor und war im Begriff, es zu öffnen, um sich das mikroskopische Glas in die Pupille des rechten Auges zu setzen, und so Röschens Gedanken zu durch¬ schauen. Er blickte auf, und das reine Himmelsazur der schönsten Augen leuchtete in seine Seele hinein. Rös¬ chen, seine innere Bewegung wohl bemerkend, sah ihn ganz verwundert und beinahe besorglich an. Da war es ihm, als durchzucke ihn ein jäher Blitz, und das vernichtende Gefühl der Verderbtheit seines Sinnes zermalmte sein ganzes Wesen. Wie? sprach er zu sich selbst, in das himmel¬ reine Heiligthum dieses Engels willst du eindringen, in sündhaftem Frevel? Gedanken willst du erspähen, die nichts gemein haben können mit dem verworfenen Treiben gemeiner im Irdischen befangener Seelen? Verhöhnen willst du den Geist der Liebe selbst, ihn mit den verruchten Künsten bedrohlicher unheimlicher Mächte versuchend? Er hatte mit Hast das Schächtelchen in sei¬ ne Tasche verborgen, es war ihm, als habe er eine Sünde begangen, die er nie, nie werde abbüßen können. Ganz aufgelößt in Wehmuth und Schmerz, stürzte er dem erschrockenen Röschen zu Füßen, rief: er sey ein Frevler, ein sündiger Mensch, der der Liebe eines engelreinen Wesens, wie Röschen, nicht werth sey, badete sich in Thränen. Röschen, die nicht begreifen konnte, welcher finstere Geist über Peregrinus gekommen, sank zu ihm nieder, umfaßte ihn, indem sie weinend lis¬ pelte: »Um Gott, mein geliebter Peregrinus, was ist dir! was ist dir geschehen? welcher schlimme Feind stellt sich zwischen uns; o komm, o komm, setze dich ruhig zu mir nieder!» Peregrinus ließ sich schweigend, keiner willkühr¬ lichen Bewegung fähig, von Röschen sanft in die Höhe ziehen. Es war gut, daß das alte etwas zerbrechliche Ka¬ napee wie gewöhnlich, mit brochirten Büchern, fertigen Einbänden und einem nicht geringen Vorrath von aller¬ lei Buchbinderutensilien bepackt war; so daß Rös¬ chen manches wegräumen mußte, um Platz für sich und den zerknirschten Herrn Peregrinus Tyß zu ge¬ winnen. Er bekam dadurch Zeit, sich zu erholen und sein großer Schmerz, seine herzzerreißende Wehmuth 16 * lößte sich auf in das mildere Gefühl verübter, jedoch wohl zu sühnender Unbill. War er zuvor, was seine Gesichtszüge betrifft, dem trostlosen Sünder zu vergleichen, über den das Verdammungsurtheil unwiderruflich ausgesprochen, so sah er jetzt nur noch ein wenig einfältig aus. Sol¬ ches Aussehen ist aber bei derlei Umständen jedesmal ein gutes Prognostikon. Als nun beide, Röschen und Herr Peregrinus Tyß, zusammen, auf besagtem gebrechlichem Kanapee des ehrsamen Buchbindermeisters Lämmerhirt saßen, begann Röschen mit niedergeschlagenen Augen und halb verschämtem Lächeln: ich mag wohl errathen, mein Geliebter, was dein Gemüth so plötzlich be¬ stürmt. Gestehen will ich es dir, man hat mir al¬ lerlei Wunderliches von den seltsamen Bewohnern dei¬ nes Hauses erzählt. Die Nachbarinnen, — nun du weißt, wie Nachbarinnen sind, die schwatzen und schwatzen gar gern, und wissen oft nicht selbst einmal was; — ja diese bösen Nachbarinnen haben mir er¬ zählt, in deinem Hause sey ein gar wunderbares Frauenzimmer, die manche gar für eine Prinzessin hielten, und die du selbst, in der Christnacht, in dein Haus getragen. Der alte Herr Swammer habe sie freilich als seine entflohene Nichte bei sich aufgenom¬ men, aber die Person stelle dir nach mit seltsamen Verlockungen. Doch das ist beileibe noch nicht das Schlimmste, denke dir mein geliebter Peregrinus, die alte Muhme gerade über, — du kennst sie wohl, die alte Frau mit der spitzen Nase, die so freundlich hin¬ über grüßt, wenn sie dich sieht, und von der du ein¬ mal sagtest, als du sie Sonntags in ihrem bunten stoffenen Ehrenkleide nach der Kirche ziehen sahst, — ich muß noch lachen, wenn ich daran denke, — es wolle dich gemahnen, als wandle ein Feuerlilien- Strauch über die Straße, diese mißtrauische Muhme hat mir allerlei Böses in den Kopf setzen wollen. So freundlich sie dich auch grüßt, so hat sie mich doch stets vor dir gewarnt und nichts geringeres behauptet, als daß in deinem Hause Satanskünste getrieben würden, und daß die kleine Dörtje gar nichts anders sey, als ein kleines verkapptes Teufelchen, wel¬ ches, um dich zu verlocken, in Menschengestalt umher¬ wandle, und zwar in gar anmuthiger und verfüh¬ rerischer. Peregrinus! mein holder, geliebter Peregrinus, sich mir ins Auge, du wirst keine Spur des leisesten Argwohns finden, ich habe dein reines Gemüth er¬ kannt, niemals hat dein Wort, dein Blick, nur ei¬ nen verfinsternden Hauch auf den hellen klaren Spie¬ gel meiner Seele geworfen. Ich vertraue dir, ich vertraue dem Gedanken der Seligkeit, die über uns kommen wird, wann ein festes Band uns verknüpft und die mir süße Träume voll Liebe und Sehnsucht verkündet! Pere¬ grinus! mögen auch finstre Geister über dich beschlos¬ sen haben, was sie wollen, ihre Macht scheitert ge¬ brochen an deinem frommen Wesen, das fest und stark ist in Liebe und unwandelbarer Treue. Was soll, was kann eine Liebe verstören wie die unsrige; verbanne jeden Zweifel, unsre Liebe ist der Talisman, vor dem die nächtigen Gestalten flie¬ hen. — Dem Peregrinus kam Röschen in diesem Au¬ genblick vor, wie ein höheres Wesen, jedes ihrer Worte wie Trost des Himmels. Ein unbeschreiblich Gefühl der reinsten Wonne durchströmte sein Innres, wie milder süßer Frühlingshauch. Er war nicht mehr der Sünder, der vermeßne Frevler, für den er sich gehalten, er glaubte mit Entzücken zu erkennen, daß er werth sey der Liebe, der holdesten, engelreinsten Jungfrau. Der Buchbindermeister Lämmerhirt, kehrte mit seiner Familie von einem Spaziergange zurück. Dem Peregrinus, so wie dem süßen Röschen, strömte das Herz über, und Herr Peregrinus verließ beim Einbruch der Nacht die enge Wohnung des himmelhoch erfreuten Buchbinders und seiner guten Alten, die vor lauter Wonne und Freude ein wenig mehr schluchzten als gerade nöthig, als glücklicher, seliger Bräutigam. Alle glaubwürdige und sehr authentische Noti¬ zen, aus denen diese wundersame Geschichte entnom¬ men, stimmen darin überein, und der hundertjährige Kalender bestätiget es, daß gerade in der Nacht, da Herr Peregrinus Tyß, als glücklicher Bräutigam nach Hause kam, der Vollmond sehr hell und freundlich schien, so daß der ganze Roßmarkt sich in seinem Silberglanz gar anmuthig geputzt hatte. Natürlich scheint es, daß Herr Peregrinus Tyß, statt die Ruhe zu suchen, sich ins offene Fenster legte, um, wie es Liebenden ziemlich ist und wohl ansteht, in den Mond kuckend, noch ein wenig den Gedanken an seine holde Geliebte nachzuhängen. Mag es nun aber auch bei dem geneigten Leser, vorzüglich aber bei den geneigten Leserinnen, dem Herrn Peregrinus Tyß zum offenbaren Nachtheil gereichen, der Wahrheit muß ihr Recht geschehen, und es darf nicht verschwiegen bleiben, daß Herr Peregrinus, trotz seiner Seligkeit, zweimal so übermäßig und so laut gähnte, daß ein etwas angetrunkener Markthel¬ fer, der gerade über die Straße taumelte, ihm laut zurief: »Na! er da oben mit der weißen Nachtmütze, »freß' er mich nur nicht auf!» Dieß war nun die genügende Ursache, warum Herr Peregrinus Tyß ganz unwillig das Fenster zuwarf, so daß die Scheiben klirrten. Man will sogar behaupten, daß er wäh¬ rend dieses Acts laut genug gerufen: Grober Schlin¬ gel!! Doch kann dieß durchaus nicht verbürgt wer¬ den; da solches mit seiner sanften Gemüthsart und Seelenstimmung ganz unverträglich scheint. Genug! Herr Peregrinus Tyß warf das Fenster zu und be¬ gab sich zur Ruhe. Das Bedürfniß des Schlafes schien indessen durch jenes unmäßige Gähnen beseitigt zu seyn. Gedanken und Gedanken durchkreuzten sein Gehirn und vorzüglich lebhaft trat ihm die überstan¬ dene Gefahr vor Augen, da eine finstere Macht ihn zu einem verruchten Gebrauch des mikroskopischen Gla¬ ses verlocken wollen, doch nun erst ging es ihm auch deutlich auf, daß Meister Floh's verhängnißvolles Geschenk, habe er es selbst auch gut damit gemeint, doch in jedem Betracht ein Geschenk sey, das der Hölle angehöre. Wie? sprach er zu sich selbst, ein Mensch der die geheimsten Gedanken seiner Brüder erforscht, bringt über den diese verhängnißvolle Gabe nicht jenes ent¬ setzliche Verhängniß, welches den ewigen Juden traf, der durch das bunteste Gewühl der Welt, ohne Freu¬ de, ohne Hoffnung, ohne Schmerz, in dumpfer Gleichgültigkeit, die das Caput mortuum der Ver¬ zweiflung ist, wie durch eine unwirthbare trostlose Einöde wandelte? Immer aufs neue hoffend, immer aufs neue vertrauend und immer wieder bitter getäuscht, wie kann es anders möglich seyn, als daß Mißtrauen, böser Argwohn, Haß, Rachsucht in der Seele sich fest nisten und jede Spur des wahrhaft menschlichen Prinzips, das sich ausspricht in mildem Vertrauen, in frommer Gutmüthigkeit, wegzehren muß? Nein! dein freundliches Gesicht, deine glatten Worte sollen mich nicht täuschen, du, in dessen tiefem Innern vielleicht unverdienter Haß gegen mich verborgen; ich will dich für meinen Freund halten, ich will dir Gu¬ tes erzeigen, wie ich nur kann, ich will dir meine Seele erschließen, weil es mir wohl thut, und das bittre Gefühl des Augenblicks, wenn du mich ent¬ täuschest, ist gering zu achten gegen die Freuden ei¬ nes schönen vergangenen Traumes. Und selbst die wahrhaften Freunde, die es wirklich gut meinen — wie wandelbar ist des Menschen Gemüth! — Kann nicht selbst ein böses Zusammentreffen widerwärtiger Umstände, eine Mißstimmung von der Unbill des launischen Zufalls erzeugt, in der Seele dieser Freunde einen vorübergehenden feindseligen Gedanken hervor¬ bringen? Und diesen Gedanken, — er faßt das unglück¬ selige Glas, finsteres Mißtrauen erfüllt das Gemüth, und im ungerechtesten Zorn, in wahnsinniger Be¬ thörtheit, stoß' ich auch den wahren Freund von der Brust und immer tiefer und tiefer bis in die Wurzel des Lebens frißt das tödtende Gift des bösen Grolls, der mich mit allem Seyn hienieden entzweit, mich mir selbst entfremdet. Nein! Frevel, ruchloser Frevel ist es, sich wie jenem gefallenen Engel des Lichts, der die Sünde über die Welt brachte, gleich stellen zu wollen, der ewigen Macht, die das Innere des Menschen durch¬ schaut, weil sie es beherrscht. Fort, fort, mit der unseligen Gabe! Herr Peregrinus Tyß hatte das kleine Schäch¬ telchen, worin das mikroskopische Glas befindlich, ergriffen, und war im Begriff, es mit aller Gewalt gegen die Stubendecke zu schleudern. Plötzlich saß Meister Floh in seiner mikroskopi¬ schen Gestalt, gar hübsch und anmuthig anzuschauen, mit gleißendem Schuppenpanzer und den schönsten polirten goldenen Stiefeln, dicht vor dem Herrn Pe¬ regrinus Tyß auf der Bettdecke. Halt! rief er, halt Verehrtester! beginnt kein unnützes Zeug! Eher würdet ihr ein Sonnenstäubchen vernichten, als die¬ ses kleine unvertilgbare Glas auch nur einen Fuß breit fortschaffen, so lange ich in der Nähe bin. Uebrigens hatte ich mich, ohne daß ihr es merktet, schon beim ehrlichen Buchbindermeister Lämmerhirt, wie gewöhnlich, in die Falte eurer Halsbinde ver¬ steckt, und war daher Zeuge alles dessen, was sich begeben. Eben so habe ich euer jetziges erbauliches Selbstgespräch mit angehört und manche Lehre daraus gezogen. Zuvörderst habt ihr jetzt erst euer, von der wahrhaften Liebe rein beseeltes Gemüth, in der glän¬ zendsten Glorie, wie einen mächtigen Strahl aus euerm Innern hervorblitzen lassen, so daß, wie ich glaube, der höchste entscheidende Moment sich naht. Dann habe ich auch eingesehen, daß, in Rück¬ sicht des mikroskopischen Glases, ich in großem Irr¬ thum befangen war. Glaubt es mir, Verehrtester, geprüftester Freund, ohnerachtet ich nicht das Ver¬ gnügen habe, ein Mensch zu seyn wie Ihr, sondern nur ein Floh, wiewohl kein simpler, sondern ein graduirter, meiner glorreichen Meisterschaft halber, so verstehe ich mich dennoch sehr gut auf das mensch¬ liche Gemüth und auf das Thun und Treiben der Menschen, unter denen ich ja beständig hausire. Man¬ chesmal kommt mir dieß Treiben sehr poßierlich, bei¬ nahe albern vor; nehmt das nicht übel, Verehrtester, ich sage das nur als Meister Floh. Ihr habt recht mein Freund, es wäre ein garstiges Ding, und könnte unmöglich zu Gutem führen, wenn ein Mensch dem andern so mir nichts dir nichts durch das Ge¬ hirn schaute; dem unbefangenen heitern Floh ist in¬ dessen diese Gabe des mikroskopischen Glases durchaus nicht im mindesten bedrohlich. Ihr wißt es, Verehrtester, und bald will es das Geschick, glückseligster Herr Peregrinus, meine Nation ist leichten, ja leichtfertigen, muthigen Sin¬ nes und man könnte sagen, sie bestehe aus lauter jugendlich kecken Springinsfelden. Dabei kann ich meines Theils mich aber einer gar besondern Lebens¬ klugheit berühmen, die Euch weisen Menschenkin¬ dern gemeinhin abzugehen pflegt. Das heißt, ich habe nie etwas gethan im unschicklichen Moment. Stechen ist nun einmal das Hauptbedingniß meines Seyns; aber stets habe ich zu rechter Zeit und an rechter Stelle gestochen. Laßt Euch das zu Herzen gehen, ehrlicher treuer Freund! Ich empfange nun das Euch zugedachte Geschenk, welches weder das Präparat von Menschen, Swam¬ merdamm genannt, noch der sich selbst in kleinlicher Mißgunst verzehrende Leuwenhöck, besitzen konnte, aus Euren Händen zurück, und werde es getreu be¬ wahren. Jetzt mein verehrtester Herr Tyß überlaßt Euch dem Schlummer. Bald werdet Ihr in ein träumerisches Delirium verfallen, in welchem der große Moment sich kund thut. Zu rechter Zeit bin ich wie¬ der bei Euch. Meister Floh verschwand, und der Glanz den er verbreitet, verlöschte in der tiefen finstren Nacht des Zimmers, dessen Vorhänge fest zugezogen. Es geschah, wie Meister Floh gesagt hatte. Herr Peregrinus Tyß wähnte bald, er liege an dem Ufer eines rauschenden Waldbachs und vernehme das Säuseln des Windes, das Flüstern der Gebüsche, das Summsen von tausend Insecten, die ihn umschwirr¬ ten. Dann war es, als würden seltsame Stimmen vernehmbar, und deutlicher und immer deutlicher, so daß Peregrinus zuletzt Worte zu verstehen glaubte. Doch nur ein verwirrtes sinnebethörendes Ge¬ schwätz drang in sein Ohr. Endlich begann eine dumpfe feierliche Stimme, die jedoch immer heller und heller erklang, folgende Worte: »Unglücklicher König Sekakis, der du das Ver¬ ständniß der Natur verschmähtest, der du, verblendet von dem bösen Zauber des arglistigen Dämons, den falschen Teraphim erschautest, statt des wahrhaften Geistes. An jenem verhängnißvollen Orte, auf Fama¬ gusta, in tiefem Schacht der Erde verborgen, lag der Talisman, doch da du dich selbst vernichtet, gab es kein Prinzip, seine erstarrte Kraft zu entzünden. Ver¬ gebens opfertest du deine Tochter, die schöne Gama¬ heh, vergebens war die Liebesverzweiflung der Distel Zeherit; doch auch ohnmächtig und wirkungslos blieb der Blutdurst des Egelprinzen. Gezwungen wurde selbst der tölpische Genius Thetel, die süße Beute fahren zu lassen, denn so mächtig war noch, o Kö¬ nig Sekakis, dein halberloschener Gedanke, daß du die Verlorne wiedergeben konntest dem Urelement, dem sie entsprossen. Wahnsinnige Detailhändler der Natur, daß euch die Arme in die Hände fallen mußte, da ihr sie, in dem Blumenstaub jener verhängnißvollen Harlemer Tulpe entdecktet! Daß ihr sie quälen mußtet mit eu¬ ren abscheulichen Versuchen, in kindischem Uebermuth wähnend, ihr vermöchtet durch eure schnöden Künste das zu bewirken, was nur durch die Kraft jenes schlummernden Talismans geschehen kann! Und auch dir Meister Floh, mocht' es nicht vergönnt seyn, das Geheimniß zu durchschauen, da deinem klaren Blick doch nicht die Kraft inne wohnte, einzudringen in die Tiefe der Erde und den erstarrten Karfunkel zu erspähen. Die Gestirne zogen daher, durchkreuzten sich auf ihrer Bahn in wunderbaren Schwingungen und furchtbare Constellationen erzeugten das Staunens¬ werthe, das dem blöden Auge des Menschen Uner¬ forschliche. Doch kein siderischer Conflickt weckte den Karfunkel; denn nicht geboren wurde das menschliche Gemüth, das den Karfunkel hegen und pflegen mü߬ te, damit er in der Erkenntniß des Höchsten in der menschlichen Natur erwache zu freudigem Leben — doch endlich! — Das Wunder ist erfüllt, der Augenblick ist ge¬ kommen. — Ein heller flackernder Schein fuhr bei Peregri¬ nus Augen vorüber. Er erwachte halb aus der Be¬ 17 täubung und — gewahrte zu seinem nicht geringen Erstaunen den Meister Floh, der in seiner mikrosko¬ pischen Gestalt, jedoch in den schönsten faltenreichen Talar gehüllt, eine hochauflodernde Fackel in den Vor¬ derpfötchen haltend, emsig und geschäftig in dem Zim¬ mer auf und niederhüpfte und dabei seine gellende Töne ausstieß. Herr Peregrinus wollte sich ganz aus dem Schlafe ermuntern, doch plötzlich zuckten tausend feurige Blitze durch das Gemach, das bald von einem einzigen glü¬ henden Feuerballe erfüllt schien. Da durchzog aber ein milder aromatischer Duft das wilde Feuer, das bald wegloderte und zum sanf¬ ten Mondesschimmer wurde. Peregrinus fand sich wieder auf einem prächti¬ gen Throne stehend, in den reichen Gewändern eines indischen Königs, das funkelnde Diadem auf dem Haupte, die bedeutungsvolle Lotosblume statt des Scepters in der Hand. Der Thron stand in einem unabsehbaren Saal errichtet, dessen tausend Säulen schlanke, himmelhohe Cedern waren. Dazwischen erhoben aus dunklem Gesträuch die schönsten Rosen, so wie wundervolle süßduftende Blu¬ men jeder Art, ihre Häupter empor, wie in dürsten¬ der Sehnsucht nach dem reinen Azur, das durch die verschlungenen Zweige der Cedern glänzend, wie mit liebenden Augen hinabblickte. Peregrinus erkannte sich selbst, er fühlte, daß der zum Leben entzündete Karfunkel glühe in seiner eigenen Brust. Im fernsten Hintergrunde bemühete sich der Ge¬ nius Thetel in die Lüfte zu steigen, doch erreichte er nicht die halbe Höhe der Cedernstämme, sondern plumpte schmachvoll zur Erde nieder. Hier kroch aber der garstige Egelprinz in wider¬ wärtigen Krümmungen hin und her, und suchte sich auf ekelhafte Weise bald dick aufzublasen, bald sich lang zu ziehen, und dabei stöhnte er: Gamaheh — doch mein! In der Mitte des Saals saßen auf colossalen Mikroskopen, Leuwenhöck und Swammerdamm und schnitten gar klägliche, jämmerliche Gesichter, indem sie sich vorwurfsvoll wechselsweise zuriefen: Seht ihr, das war der Punkt im Horoskop, dessen Bedeu¬ tung ihr nicht herausbringen konntet. Auf ewig ist uns der Talisman verloren! Dicht an den Stufen des Thrones schienen aber Dörtje Elverdink und George Pepusch nicht sowohl zu schlummern, als in tiefe Ohnmacht versunken. 17 * Peregrinus — oder wir können ihn jetzt allen¬ falls so nennen — König Sekakis, schlug den Kö¬ nigsmantel, dessen Falten seine Brust bedeckten, zu¬ rück, und aus seinem Innern schoß der Karfunkel, wie Himmelsfeuer, blendende Strahlen durch den weiten Saal. Mit einem dumpfen Geächze zerstäubte der Ge¬ nius Thetel, indem er sich eben aufs neue in die Höhe schwingen wollte, in unzählige farblose Flocken, die, wie vom Sturme gejagt, sich im Gebüsche verloren. Mit dem entsetzlichen Tone des herzzerschnei¬ dendsten Jammers krümmte sich der Egelprinz zu¬ sammen, verschwand in der Erde und man vernahm ein unwilliges Brausen, als nehme sie den häßlichen unwillkommenen Flüchtling nur ungern auf in ihren Schooß. Leuwenhöck und Swammerdamm waren von den Mikroskopen herab in sich selbst zusammen gesunken und man vernahm aus ihrem angstvollen Stöhnen und Aechzen, aus ihren bangen Todesseuf¬ zern, daß eine harte Quaal sie erfaßt. Aber Dörtje Elverdink und George Pepusch oder wie sie hier besser zu benennen, die Prinzessin Gama¬ heh und die Distel Zeherit, waren aus ihrer Ohn¬ macht erwacht und hingekniet vor dem Könige, zu dem sie in sehnsüchtigen Seufzern zu flehen schienen. Doch senkten sie den Blick zur Erde, als vermöchten sie nicht den Glanz des strahlenden Karfunkels zu er¬ tragen. Sehr feierlich sprach nun Peregrinus: Aus schnödem Thon und den Federflocken, die ein einfältiger, schwerfälliger Strauß verloren, hatte dich der böse Dämon zusammengeknetet, dich, der du die Menschen täuschen solltest als Genius Thetel, deshalb vernichtete dich der Strahl der Liebe, dich leeres, wirres Fantom, und du mußtest zerstäuben in das gehaltlose Nichts. Und auch du, blutdürstiges Ungethüm der Nacht, verhaßter Egelprinz, mußtest vor dem Strahl des glühenden Karfunkels entfliehen in den Schooß der Erde. Aber ihr arme Bethörten, unglücklicher Swam¬ merdamm, beklagenswerther Leuwenhöck, Euer gan¬ zes Leben war ein unaufhörlicher ununterbrochener Irrthum. Ihr trachtetet die Natur zu erforschen, ohne die Bedeutung ihres innersten Wesens zu ahnen. Ihr wagtet es, einzudringen in ihre Werkstatt und ihre geheimnißvolle Arbeit belauschen zu wollen, wähnend, daß es euch gelingen werde, ungestraft die furchtbaren Geheimnisse jener Untiefen, die dem menschlichen Auge unerforschlich, zu erschauen. Euer Herz blieb todt und starr, niemals hat die wahrhafte Liebe euer Wesen entzündet, niemals haben die Blu¬ men, die bunten leichtgeflügelten Insekten, zu Euch gesprochen mit süßen Worten. Ihr glaubtet die ho¬ hen heiligen Wunder der Natur in frommer Bewun¬ derung und Andacht anzuschauen, aber indem ihr in freveligem Beginnen die Bedingnisse jener Wunder bis in den innersten Keim zu erforschen Euch abmüh¬ tet, vernichtetet ihr selbst jene Andacht, und die Er¬ kenntniß, nach der ihr strebtet, war nur ein Fan¬ tom, von dem ihr getäuscht wurdet, wie neugierige, vorwitzige Kinder. Thoren! euch gibt der Strahl des Karfunkels keinen Trost, keine Hoffnung mehr. »Ha, ha! noch ist wohl Trost, noch ist wohl Hoffnung, die Alte begibt sich zu den Alten, das ist 'ne Liebe, das ist 'ne Treue, das ist 'ne Zärtlich¬ keit. Und die Alte ist nun wirklich eine Königin und führt ihr Swammerdämmchen, ihr Leuwenhöckchen in ihr Reich und da sind sie schöne Prinzen und zup¬ fen Silberfaden und Goldfaden und Seidenstickchen aus, und verrichten andere gescheute und sehr nützliche Dinge.» So sprach die alte Aline, die plötzlich in wunder¬ lichen Kleidern angethan, welche beinahe dem Anzuge der Königin von Golkonda in der Oper glichen, zwi¬ schen beiden Mikroskopisten stand. Diese waren aber auf solche Weise zusammengeschrumpft, daß sie kaum noch eine Spanne hoch zu seyn schienen. Die Köni¬ gin von Golkonda nahm die Kleinen, welche merklich ächzten und stöhnten, an ihre Brust, und liebkoste und hätschelte sie wie kleine Bübchen, indem sie ihnen mit tändelnden Worten freundlich zusprach. Darauf legte die Königin von Golkonda ihre niedlichen Püpp¬ chen in zwei kleine sehr zierlich, aus dem schönsten Elfenbein geschnitzte Wiegen, und wiegte sie, indem sie dabei sang: Schlaf mein Kindchen schlaf Im Garten gehn zwei Schaaf Ein schwarzes und ein weißes u. s. w. Während dieß geschah, knieten die Prinzessin Gamaheh und die Distel Zeherit noch immer auf den Stufen des Throns. Da sprach Peregrinus: Nein! Verstoben ist der Irrthum, der dein Leben verstörte, du geliebtes Paar. Kommt an meine Brust, Geliebte! »Der »Strahl des Karfunkels wird euer Herz durchdringen, »und ihr werdet die Seligkeit des Himmels genies¬ »sen.» Mit einem Laut freudiger Hoffnung erho¬ ben sich Beide, die Prinzessin Gamaheh und die Di¬ stel Zeherit, und Peregrinus drückte sie fest an sein flammendes Herz. So wie er sie ließ, fielen sie sich in hohem Ent¬ zücken in die Arme; — verschwunden war die Lei¬ chenbläße von ihrem Antlitz und frisches jugendliches Leben blühte auf ihren Wangen, leuchtete aus ihren Augen. Meister Floh, der so lange wie ein zierlicher Trabant an der Seite des Thrones gestanden, nahm plötzlich seine natürliche Gestalt an, und sprang, in¬ dem er laut gellend rief: »Alte Liebe rostet nicht!» mit einem tüchtigen Satz hinein in Dörtjens Nacken. Doch o Wunder, in demselben Augenblick lag auch Röschen in hoher unbeschreiblicher Anmuth hol¬ der Jungfräulichkeit prangend, überstrahlt von dem Glanz der reinsten Liebe, wie ein Cherub des Him¬ mels, an Peregrinus Busen. Da rauschten die Zweige der Cedern, und hö¬ her und freudiger erhoben die Blumen ihre Häupter und gleißende Paradiesvögel schwangen sich durch den Saal, und süße Melodien strömten aus den dunklen Büschen, und wie aus weiter Ferne hallte jauchzen¬ der Jubel, und ein tausendstimmiger Hymnus der überschwenglichsten Lust erfüllte die Lüfte, und in der heiligen Weihe der Liebe regten sich die höchsten Wonnen des Lebens und sprühten und loderten empor, reines Aetherfeuer des Himmels! — Herr Peregrinus Tyß hatte in der Nähe der Stadt ein gar schönes Landhaus gekauft, und hier sollte an Einem Tage seine, so wie die Hochzeit seines Freundes George Pepusch mit der kleinen Dörtje El¬ verdink, gefeiert werden. Der geneigte Leser erläßt es mir wohl, den Hoch¬ zeitschmaus zu beschreiben, so wie genau zu sagen, wie sich übrigens alles an dem festlichen Tage begeben. Gerne überlasse ich es auch den schönen Leserin¬ nen, den Anzug der beiden Bräute so zu ordnen, wie das Bild davon ihrer Fantasie gerade vorschwebt. Zu bemerken ist nur, daß Peregrinus und sein holdes Röschen die heitre kindliche Unbefangenheit selbst, Ge¬ orge und Dörtje dagegen tief in sich gekehrt waren und Blick in Blick gesenkt, nur sich zu schauen, zu fühlen, zu denken schienen. Es war Mitternacht, als plötzlich der balsami¬ sche Geruch der großblumigen Fackel-Distel den gan¬ zen weiten Garten, das ganze Landhaus durchdrang. Peregrinus erwachte aus dem Schlaf, er glaubte tief klagende Melodieen einer hoffnungslosen Sehn¬ sucht zu vernehmen und ein seltsames ahnendes Ge¬ fühl bemeisterte sich seiner. Es war ihm, als reiße sich ein Freund gewalt¬ sam von seinem Busen. Am andern Morgen wurde das zweite Braut¬ paar, nämlich George Pepusch und Dörtje Elver¬ dink vermißt, und man erstaunte nicht wenig, als man wahrnahm, daß sie das Brautgemach gar nicht betreten. Der Gärtner kam in diesem Augenblick ganz außer sich herbei und rief: er wisse gar nicht, was er davon denken solle, aber ein seltsames Wunder sey im Garten aufgegangen. Die ganze Nacht habe er vom blühenden Cactus grandiflorus geträumt und nun erst die Ursache da¬ von erfahren. Man solle nur kommen und schauen. Peregrinus und Röschen gingen herab in den Garten. In der Mitte eines schönen Boskets war eine hohe Fackeldistel emporgeschossen, die ihre, im Morgenstrahl verwelkte Blüthe hinabsenkte, und um diese Blüthe schlang sich liebend eine lila- und gelbge¬ streifte Tulpe, die auch den Pflanzentod gestorben. — O meine Ahnung, rief Peregrinus, indem ihm die Stimme vor tiefer Wehmuth bebte, o meine Ah¬ nung, sie hat mich nicht getäuscht! Der Strahl des Karfunkels, der mich zum höchsten Leben entzündete, gab dir den Tod, du durch seltsame Verschlingungen eines geheimnißvollen Zwiespalts dunkler Mächte verbundenes Paar. Das Mysterium ist erschlossen, der höchste Au¬ genblick alles erfüllten Sehnens war auch der Augen¬ blick deines Todes. Auch Röschen schien die Bedeutung des Wun¬ ders zu ahnen, sie bückte sich zu der armen gestorbenen Tulpe herab, und vergoß häufige Thränen. »Ihr habt ganz recht,» sprach Meister Floh, (der plötzlich in seiner anmuthigen mikroskopischen Gestalt auf der Fackel-Distel saß) »ja, ihr habt ganz »recht, werthester Herr Peregrinus; es verhält sich »alles so, wie ihr da eben gesprochen habt, und ich »verlor nun meine Geliebte auf immer.» Röschen hatte sich beinahe über das kleine Un¬ gethüm entsetzt, da Meister Floh sie aber mit solchen klugen freundlichen Augen anblickte, und Herr Pe¬ regrinus so vertraulich mit ihm that, so faßte sie ein Herz, schaute ihm dreist ins kleine niedliche Antlitz, und gewann um so mehr Zutrauen zu der kleinen sonderbaren Creatur, als Peregrinus ihr zuflüsterte: das ist mein guter lieber Meister Floh. »Mein bester Peregrinus,» sprach nun Meister Floh sehr zärtlich: »meine holde liebe Frau, ich muß euch jetzt verlassen und zurückkehren zu meinem Volk, doch werde ich euch treu und freundlich gewogen blei¬ ben immerdar und ihr sollt meine Gegenwart auf euch ergötzliche Weise verspüren. Lebt wohl, lebt beide herzlich wohl! Alles Glück mit Euch!» Meister Floh hatte während dieser Zeit seine na¬ türliche Gestalt angenommen und war spurlos ver¬ schwunden. — Wirklich soll sich auch Meister Floh in der Fa¬ milie des Herrn Peregrinus Tyß stets als ein guter Hausgeist bewiesen haben, und vorzüglich thätig ge¬ wesen seyn, als nach Jahresfrist ein kleiner Peregri¬ nus das holde Paar erfreute. Da hat Meister Floh am Bette der holden Frau gesessen und der Wärterin in die Nase gestochen, wenn sie eingeschlafen, ist in die mißrathene Krankensuppe hinein und wieder her¬ ausgesprungen u. s. w. Gar hübsch war es aber von dem Meister Floh, daß er der Tyßischen Nachkommenschaft am Christ¬ tage es nie an den zierlichsten, von den geschicktesten Künstlern seines Volks ausgearbeiteten Spielsächelchen fehlen ließ, so aber den Herrn Peregrinus Tyß auf gar angenehme Weise an jene verhängnißvolle Weih¬ nachtsbescheerung erinnerte, die gleichsam das Nest der wunderbarsten, tollsten Ereignisse zu nennen. Hier brachen plötzlich alle weitere Notizen ab, und die wundersame Geschichte von dem Meister Floh nimmt ein fröhliches und erwünschtes Ende. Bei Friedrich Wilmans in Frankfurt am Mayn, sind folgende Werke erschienen und in allen Buchhandlungen zu haben. A nsichten von Frankfurt a. M. , der umliegenden Gegend und den nahen Heilquellen. Von Anton Kirchner, 2 Theile, mit 25 Kupf. und einem Plan von Frankfurt, gr. 8. 1818. Auf Velinpap, mit den ersten Kupferabdrücken. Rthl. 18 oder fl. 33. Dasselbe Werk auf Schreibpapier mit 25 Kupf. ohne Plan Rthl. 15. oder fl. 27. Die 25 Kupfer allein auf grösseres Papier abgedruckt, zu Zimmerverzierungen geeignet Rthl. 12. od. fl. 22. Einzelne Blätter à 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Ansichten der freien Hansestadt Lübeck und ihrer Umgebungen. Von H. Chr. Zietz, mit 16 Kupf. gr. 8. 1822. Auf Velinpap. mit den ersten Kupfer¬ abdrücken Rthl. 11. oder fl. 19. 48 kr. Dasselbe Werk auf Schreibpapier mit 16 Kupfern Rthl. 9. oder fl. 16. 12 kr. Die 16 Kupfer allein auf grösserem Papier abgedruckt, zu Zimmerverzierungen geeignet Rthl. 8. oder fl. 14. 24 kr. Einzelne Blätter 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Ansichten, malerische, des Reins, von Mainz bis Düsseldorf. Mit 32, nach der Natur von Schütz aufgenommenen, und von Günther gestochenen Kupf. gr. 8. 1807. Auf geglättetem Velinpap. mit den besten Kupferabdrücken und einer Karte, geb. Rthl. 22. 12 gr. oder fl. 40. 30 kr. Dasselbe Werk auf Schreibpapier, geb. Rthl. 18. oder fl. 33. Die 32 Kupfer allein auf grösseres Papier abgedruckt, zu Zimmerverzierungen geeignet Rth. 15. od. fl. 27. Itinéraire de poche de l'Allemagne et de la Suisse, avec les Routes de Paris et de St. Petersbourg. Ré¬ digé sur l'original allemand de Mr. Reichard, avec une carte de Poste, 8. 1809. geb. Rthl. 2. oder fl. 3. 36 kr. Manuel du Voyageur en Allemagne et dans les pays limitrophes, par M. M. Engelmann et Reichard. 2te Edition; revue, corrigée et enrichie d'un grand nombre d'additions récentes. Avec une nouvelle Carte de poste. Traduit de l'Allemand par M. du Frênes. 8. 1821. rélié. Rthl. 3. oder fl. 5. 24 kr. Zwölf Pferdearten. Nach der Natur gezeichnet von J. G. Pforr. 17½ Zoll breit und 12½ Zoll hoch. 1) Deutsche Pferde, Ostfriesländer und Holsteiner. 2) Englische, verschiedener Art. 3) Arabische, verschiedener Art. 4) Barben von Tunis. 5) Dä¬ nische. 6) Spanische, verschiedener Art. 7) Fran¬ zösische Pferde aus Burgund. 8) Ungarische. 9) Neapolitanische. 10) Polnische. 11) Russi¬ sche. 12) Türkische. In Sepie gemalt Rthl. 48. oder fl. 88. — und in Farben Rthl. 66. od. fl. 121. Neueste Postkarte durch ganz Deutschland, Helvetien, Oberitalien, Oestreich, Ungarn, Polen, Preussen, Dänemark, Holland und Frankreich bis Paris. Nach offiziellen Notizen über die neueste Organisation der Postrouten in diesen Ländern, ganz neu entworfen und gezeichnet von C. F. Ulrich. In 2 Blättern. gr. fol. 1821. auf Leinwand gezogen in Futteral Rthl. 2. oder fl. 3. 36 kr. Post-Routen durch Deutschland und die angränzen¬ den Länder. Nebst gemeinnützigen Notizen für Reisende. 8. 1821. geb. 16 gr. oder fl. 12 kr. Primavesi, G., der Rheinlauf, von den verschiede¬ nen Quellen bis zu seinem Ausflusse. Nach der Natur gezeichnet und geätzt. Nebst einer Lei¬ tung bei dieser Reise, kurzen Erklärungen einzel¬ ner Darstellungen, in deutscher und französiseher Sprache. Mit 24 Kupfern und 4 Karten. gr. quer 4. geh. Rthl. 7. oder fl. 12. 36 kr. Rheinlandschaften. Nach der Natur von Schütz auf¬ genommen, und von Radl in aqua tinta geätzt. 24 Zoll lang und 18 Zoll hoch. 1te Ansicht von St. Goar und Rheinfels, 2te — — Welmich, 3te — — Coblenz und Ehrenbreitstein vor der Zerstörung, 4te — — Caub und der Pfalz, 5te — des Lurley-Felsens und des Salmenfangs, 6te — von Kester und Hirzenach, 7te — Asmanshausen mit den Schlössern Bautz¬ berg und Falkenberg, 8te — — Bingen mit dem Mäuseturm und dem Bingerloch, 9te — — Nonnenwerth, 10te — — Oberwesel, 11te — — Braubach, 12te u. letzte von Bornhofen. Ein complettes Exempl. kostet schwarz Rthl. 90. oder fl. 165. — schön illum. Rthl. 162. od. fl. 298. Routes de postes par l'Allemagne et dans les pays limitrophes. Avec des notices utiles aux Voyageurs. 8. cartonné 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Taschenbuch für Reisende durch Deutschland und die angränzenden Länder, mit Beiträgen von Reichard, herausgegeben von J. B. Engelmann, 2te sehr ver¬ mehrte und verbesserte Auflage mit einer neuen Post¬ karte. 8. 1821. geb. Rthlr. 3. oder fl. 5. 24 kr. Voyage pittoresque sur le Rhin; d'après l'allemand par M. l'Abbé Libert, avec 32 gravures et une carte, pap. velin, rélié. Rthl. 22. 12 gr. od. fl. 40. 30 kr. Le même ouvrage sur papier collé, rélié Rthl. 15. oder fl. 27.